Lurhrhrurhrarturhrararararar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch1 Kr. 5„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ———— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. ⸗ Kr. 1 fl. 12 Kr. „„„ 30„—„ 45„ 36„„ ahn urhnr hahhh r r arhrarararar rrrr — —— 2—* — 3„ Enugen Sue's erk e. *— ſämmtliche W — 9 Die Enecaracha. Erſter Band. Zweite, eorreete und wohlfeilſte Ausgabe. — Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. Die Cucaraſch a. Von Eugen Sue. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Erſter Band. Zweite, correcte und wohlfeilſte Ausgabe. —— Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand⸗ Die Curaracha). 7 Ai que me piqua, Ai que me arana Con sus palilas, La Cucaràcha! Spaniſches Volkslied. Gegen das Ende des letzten ſpaniſchen Krieges befand ich mich in Chiclana, einem reizenden Dorfe in der Nähe von Cadix, das durch ſeine heilkräftigen Mineralguellen berühmt iſt. Man hatte mir den Gebrauch derſelben zur Heilung einer ziem⸗ lich gefährlichen Wunde angerathen und mein vortrefflicher Wirth, Don Andres d'Arhan, der mich wie ein zärtlich beſorg⸗ ter Freund pflegte, machte mich faſt der Undankbarkeit gegen mein Vaterland ſchuldig, denn ich ſchämte mich beinahe, daß ich mich in Andaluſien ſoſglücklich fühlte. Ein Urtheil übet den Geiſt und das Herz des Don An⸗ dres wird man ſich bilden können, wenn man weiß, daß ich ihn eines Tages im Gefühle meiner Dankbarkeit für ſeine ohl⸗ wollende und väterliche Sorgfalt fragte, was mir die denn eigentlich gewonnen habe. Er antwortete darauf nichts als: „mein Sohn, der in Ihrem Alter iſt, reiſet eben jetzt in Frank⸗ i* Gewiß verzeiht man mir dieſe ganz perſönlichen Details, wenn man bedenkt, daß das einzige reine und wahre Glück, welches der Schriftſteller vielleicht empfindet, das Vergnügen iſt, den Namen eines Freundes, eine ſeinem Herzen werthe Zeit, eine liebliche Erinnerung in der freilich faſt immer thörichten Hoffnung aufzuzeichnen, daß dieſer Name, dieſe Zeit, dieſe Erin⸗ nerung ihn ſelbſt überleben werden. ¹) Sprich: Cucaratſcha. P An einem ſchönen Sommerabende alſo ſaßen wir, Don Andres, ich und einige Freunde, unter einer herrlichen Orangen⸗ laube, rauchten ächte Cigarren, tranken Eiswaſſer dazu und erfreuten uns in ſchweigendem Entzücken an der Kühle des Abends, an dem Dufte der Orangenblüten und an jenem in den heißen Ländern ſo unſchätzbaren Zuſtande der Erſchlaffung. Mit einem Male ließen ſich Caſtagnetten hören; eine Gui⸗ tarre präludirte und eine jugendliche, liebliche, wenn auch etwas dehnende Stimme ſang einen Bolero, zwei, drei.. Eine Art muſikaliſchen Wahnſinnes ſchien den unſichtbaren Orpheus ergriffen zu haben; die Melodien, die Worte jagten, folgten einander mit wunderbarer Schnelligkeit und wurden endlich faſt unverſtändlich. „Gott ſteh' mir bei, es iſt die Juana!“ rief Don An⸗ dres aus. Die Juana war ein Landmädchen und der Vater derſelben der Pachter des Don Andres,— ein ſchönes brünettes, großes, ſchlankes, junges Mädchen, eine ächte Andalufierin. „Heda! Juana!“ rief Don Andres. Auf den Ruf ihres Herrn ſchwieg Juana und bald darauf ſahen wir ſie mit ihren beiden Schweſtern erſcheinen, die eben⸗ falls ſehr hübſch waren, natürliche Blumen in ihr Haar gefloch⸗ ten hatten und Atlasſchuhe trugen,— denn in Spanien tragen alle Mädchen Atlasſchuhe. „Heda! Juana!“ fragte der Herr;„welche Fliege hat Dich denn geſtochen?“ Die Cucaracha,“ antwortete das ausgelaſſene Mädchen, die das Lachen kaum unterdrücken konnte. „Die Cucaracha,“ beſtätigten die beiden Schweſtern. „Wenn es die Cucaracha war,— iſt es freilich etwas anderes,“ entgegnete Don Andres ganz ernſthaft.„Dann tanzt und ſingt nur immer, Mädchen!— Was ſagen Sie dazu?“ fragte er mich. „Ich ſage: bravo! Was iſt es aber mit der Cucaracha?“ „Nun,“ fuhr der Herr fort, indem er in die Hände klatſchte, ohne mir zu antworten,„anda.. anda salero..“ 5 Und Juana fing wieder an mit heller, aber etwas eintöni⸗ ger Stimme zu ſingen. Eine ihrer Schweſtern begleitete ſie auf drei Saiten der Guitarre, während die andere die Caſtagnetten klingen ließ und eine graziöſe, ziemlich üppige Segendilla tanzte. * Dieſe drei ſchönen Mädchen, die in ſanftem Mondlichte unter Orangen zu den ſeltſamen Worten, zu den Tönen der Guitarre und dem Klappern der Caſtagnetten tanzten, bildeten wirklich eine reizende Gruppe. Ich ſah ihnen zu, auf weichem Raſen hingeſtreckt, den bläulichen Rauch einer vortrefflichen Cigarre vor mich hinbla⸗ ſend unter dem ſpaniſchen Himmel, bei Sternenglanz und Nach⸗ tigallenſchlag.. O, die Wonne war vollſtändig, denn der Rah⸗ men ſtand dem Bilde in nichts nach. Nach einer Stunde etwa ſchwieg Juana und der Geſang hörte auf. „Iſt die Cucaracha ſchon fortgeflogen, Juana?“ Her „So geht, Mädchen, und ſagt der Chriſtina, wir wollten ſogleich ſpeiſen und ſie möchte auf den Gaspacho achten..“ Und ſie verſchwanden wie ein orientaliſches Traumbild. Da erſt fiel es mir wieder ein, Don Andres um die Erklärung zu bitten, was die Cucaracha ſei. Nach den Vorſtellungen und Sagen der Spanier oder vielmehr nach ihrer Gewohnheit, Alles zu perſonifiziren, Alles in ein poetiſches Gewand zu kleiden, iſt die Cucaracha die— Plauderfliege.— Wenn ſie einen unwiderſtehlichen Drang zum Singen oder zum Sprechen fühlen, ſo ſagen ſie: die Fliege habe ſie berührt, und manche wirken, wie man e geſehen hat, eine gute Stunde lang. Es giebt ſelbſt ein Volks⸗ liedchen auf die Cucaracha, das ich zwar nicht vollſtändig aus⸗ wendig weiß, das aber anfängt: „Höret, höret, In dem Flug Hat die Cucaracha mich berührt. — Da iſt ſie. O wie ſticht mich, O wie juckt mich Die Cucaracha! Höret! — Ich muß ſingen, Ja ich muß. „Sie ſehen, das will nicht viel ſagen;— aber ich ſehe da Maſſaredo, das Abendeſſen wird bereit und der Gaspacho gut in Wir ſpeiſeten und der Gaspacho war wirklich vortrefflich. Paris be Ich erzähle dies nur, um das Wort Cucaracha zu er⸗ klären, das auf dem Titel dieſer Erzählungen ſteht. Fragt man mich, warum ich dieſe Sammlung von Erzäh⸗ lungen Cucaracha und nicht einfach„Erzählungen“ genannt habe, ſo weiß ich keine beſſere Antwort, als daß dieſes naive ſpaniſche Mährchen jenen unabweislichen Drang zu erzählen und zu ſchreiben, den man bisweilen empfindet, vollkommen zu bezeichnen ſcheint; denn wie jene Fliege mit den bunten Flügeln in dem unruhigen Fluge ſich bald auf die reine Stirn eines jungen Mädchens, bald auf die Reſilla einer häßlichen Zigeu⸗ nerin ſetzt, ſo kann auch die Phantaſie in ihrer fieberhaften Auf⸗ regung ſich bald auf eine reizende Illuſion, bald auf eine düſtere Wirklichkeit niederlaſſen. Crao. Erſtes Kapitel. — Geh, Buckelicher! — Ich bin ſo geboren, Mutter. Lord Bhron. war dieſen Abend Ball bei dem Grafen von Luſſan, ehr ſchönes Haus in der Straße St. Dominique in wohnte. In den anſtoßenden Straßen hielt eine lange Wagenreihe und eine Menge Diener in den bekannteſten Livréen drängte ſich in dem Vorhauſe des glänzend erleuchteten, mit Blumen und Geſträuchen geſchmückten Hauſes. Auf eine ſchmale, niedrige, braune Berline mit zwei ſehr großen, prächtigen Schimmeln, die einen Augenblick vor einer großen Glasthür hielt, folgte ein gelbes Coupé, deſſen Inneres durch die beiden großen Wagenlaternen vorn ſo ecrhellt war, daß man die Züge einer reizenden jungen Dame, die allein darin ſaß, genau erkennen konnte. In dem Augenblicke, als die Diener den Tritt herunter⸗ ſchlugen und den Schlag öffneten, bot ein junger Mann, der 9 aus dem nächſtfolgenden Wagen geſprungen war, ſeinen Arm der jungen Dame, die ſich leicht darauf ſtützte, die Falten ihres Purpurmantels über ihre ſchönen Schultern zog und mit leiſer Stimme ſagte:„O wie dankbar bin ich Ihnen für das Opfer, das Sie mir brachten, Georg, indem Sie mich allein in mei⸗ nem Wagen ließen und mit Herrn von Cerigny in dem Ihrigen fuhren! Ohne Ihre aufmerkſame Vorſicht würde es um meine Toilette geſchehen ſein!“ „Und ich habe ſo wichtiger Intereſſen wegen das Glück eingebüßt, einige Augenblicke länger bei Ihnen zu ſein, Hor⸗ tenſe,“ antwortete Georg lächelnd. „Schmücke ich mich nicht blos Ihretwegen, Georg, und ſind meine Triumphe nicht auch die Ihrigen?“ entgegnete Hor⸗ tenſe mit einem zauberiſchen Lächeln. Der undankbare Georg wollte vielleicht dieſe naive Logik der Koketterie bekämpfen, welche die Ehemänner und noch mehr die Liebhaber zur Verzweiflung bringt; zum Glück hatte er aber keine Zeit dazu, denn ein zwar bejahrter, aber ſehr eleganter Mann ſtörte ihn mit den Worten: „Georg, wollen Sie der Frau von Cerigny den Arm geben? Ich habe ein Paar Worte mit Herrn von Merſac zu ſprechen, der nach ſeinen Leuten fragt.“ Dieſer etwas bejahrte Mann war der Gemahl Hortenſe's, der Marguis von Cerigny, und Georg von Verneuil, welcher. der Marguiſe den Arm gab, ein entfernter Verwandter des Herrn und leidenſchaftlicher Liebhaber der Frau von Cerigny. Während Hortenſe vor einem Spiegel die langen Bänder ordnete, die von ihren Aermeln herabfielen, und Herr von Vernenil ihr den Mantel abnahm, hörte man deutlich lachen, und ndem⸗ ſelben Augenblicke traten zwei junge Herren nebſt einer andern ſchönen Dame in das Vorzimmer. Sie lachte und ſagte: „es iſt wirklich Quaſimodo.“1) Dann ſetzte die eben Ange⸗ kommene, als ſie die Marquiſe bemerkte, vertraulich hinzu: „Guten Abend, liebe Hortenſe.. Wir haben ſo eben, denken Sie ſich, die ſeltſamſte Figur von der Welt geſehen, ein wahres Ungethüm.. Da geht es unter dem Geziſchel und Geſpötte der Dienerſchaft eben durch das Vorhaus.“ Es ſchritt wirklich ein Buckelicher, der hßlchß Buckeliche, ²) Bekanntlich der häßliche Zwerg in Victor Hugo's„Notre Pamet. 10 den man ſich denken kann, der eine Art Carrick, einen unge⸗ heuern Regenſchirm und eine Laterne ohne Licht trug, auch ganz durchnäßt war, durch die Halle, um die kleine Thür zu ſuchen, welche zu der großen Treppe der obern Etage führte. Da aber dieſe unſelige Thür durch die Blumen und Sträucher verſteckt und verſetzt war, ſo fand ſie der unglückliche Buckeliche nicht, den die Diener mit Lachen und Spottreden verfolgten. Im Salon hieß er Quaſimodo, im Vorzimmer Mayeur. Endlich verlor der Arme, der wie ein wildes Thier gehetzt wurde, die Geduld, ſchlug einen andern Weg ein, ſtieg die Stu⸗ fen zu dem Erdgeſchoſſe empor, in welchem der Ball gehalten wurde, und ſtand plötzlich den beiden ſchönen Frauen und den drei jungen Herren gegenüber. Das gab wirklich einen ſeltſamen Contraſt. Auf der einen Seite die blühenden reizenden Frauen mit entblößten Schultern, mit zur Hälfte unbedeckten, zur Hälfte mit weißen langen Handſchuhen verhüllten Armen, die von Dia⸗ manten blitzenden, mit Blumen geſchmückten Frauen in Atlas⸗ ſchuhen auf den prachtvollen Teppichen; die ſchönen eleganten, geputzten, gut gewachſenen Herren; die Diener, welche die ſei⸗ denen Mäntel hielten, die Jäger in Grün mit Gold mit den wehenden Federbüſchen, dieſe ganze von Licht überſtrahlte, von Grün und Blumen umgebene Gruppe, welche den Reichthum, die Freude, die Jugend, hohen Rang, die Schönheit, den guten Geſchmack, kurz das Leben perſonifizirte;— auf der andern Seite dagegen ein einziges häßliches, grauen⸗ haft anzuſehendes, durchnäßtes, ſchmutziges, groteskes, wider⸗ wärtiges Weſen, das durch ſeinen Unſtern in dieſe Atmoſphäre von Lurus und Freude getrieben worden war, wie ein Uhu unter ein ländliches Feſt am hellen Tage, bei Jubelgeſchrei und Geigengetön,— ein mißgeſtaltetes Weſen, die perſonificirte Häßlichkeit und Armuth, der perſonifizirte Neid und Haß,— ein Weſen, das alle menſchliche Noth vertrat, wie die glänzende Gruppe alles Glück dieſer Welt repräſentirte. Ich wiederhole es, dieſer Contraſt war ſo in die Augen ſpringend, daß die jungen Herren und die beiden Damen nicht mehr zu lachen wagten; denn ſie beſaßen jene Scham des ie ſich immer ſo viel als möglich vor der Armuth verhüllt. Der Buckeliche, der anfangs durch den Anblick ſo großer ——— 11 Schönheit ganz überraſcht war, wie es die Andern durch den Anblick ſeiner Häßlichkeit waren, wurde endlich durch den Aus⸗ ruf eines der jungen Herren wieder zu ſich gebracht, der ſagte: „es iſt ja Crao, der Secretair des Herrn von Luſſan.“ Der Buckeliche wendete ſich von neuem um, verließ das Vorzimmer, fand endlich die geſuchte Thür, die unterdeß ein Diener des Hauſes aus Mitleiden geöffnet hatte, ſchritt über einen Kübel mit einem Granatbaume hinweg und verſchwand, aber nicht ohne den Glücklichen einen Blick zuzuwerfen, der ſie faſt erſchreckte, ſo viel unverſöhnlicher Haß, ſo viel verzweif⸗ lungsvoller Neid lag in dieſem Viperblicke. Nachdem der Buckeliche ſich entfernt hatte, verſchwand auch ſofort der Eindruck, den ſein Erſcheinen hervorgebracht hatte; die Thüren des Salons öffneten ſich, adelige Namen wurden angemeldet, und Herr von Luſſan nahm den Arm der Frau von Cerigny und der Freundin derſelben, um ſie in die pracht⸗ vollſten Gemächer zu führen, in welchen die Elite von Paris verſammelt war. Zweites Kapitel. Aber denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich bei meiner Ankunft ſah, daß die arme liebe Mrrs. Hornem die Arme halb um die Lenden eines großen huſarenhaften Mannes geſchlungen hatte, der mir noch niemals vor die Augen gekommen war, und der ſeine Arme wahrhaftig ebenfalls mehr als zur Hälfte um ihren Leib gelegt hatte. So dreheten ſie ſich mit einander herum und herum und immer herum nach einer verfluchten Hopsmelodie, die aber ziemlich„affetuoso“ war, bis mich ſchwindelte aus Verwunderung darüber, daß ſie nicht ſchwin⸗ delig wurden. Lord Byron:„Der Walzer.“ Einander zu verſtehen, iſt die Hauptſache. Der Ball. Hortenſe von Cerigny hatte zu Georg geſagt:„meine Triumphe ſind Ihre Triumphe,“ ſo daß dieſer Engel ſeiner Mei⸗ nung nach nicht ſeinetwegen, ſondern nur für Georg kokett war, nur damit Georg(teilich in der Perſon ſeiner Geliebten) die 6 enſen Bewunderer um ſich ſehe. So ahneten nun diejenigen, welche der ſchönen Hortenſe die größte Aufmerkſamkeit erzeigten, durchaus nicht, daß ſie für Georg ſo zuvorkommend waren. Gleichwohl war es nicht anders; man ſchmeichelte Hortenſen nicht, ſondern Georg; man bewunderte den Schmuck, die Ele⸗ ganz, den Geſchmack Georges; Georg flüſterte man jene lieb⸗ lichen Worte zu, welche eine Dame zu vergeſſen verſteht, ſobald ſie dieſelben vernommen hat, um das Vergnügen zu haben, ſie mehrere Male zu hören; kurz Georg war, immer in der Perſon Hortenſe's, unbeſtritten derjenige, mit welchen man ſich dieſen Abend am meiſten beſchäftigte,— und doch gab es viele ſchöne Frauen bei dem Balle. Georg müßte nun aber auch ein ganz erbärmlicher Menſch geweſen ſein, wenn er nicht die innigſte Dankbarkeit für alles das empfunden hätte, was Hortenſe für ihn that, denn ſie opferte ſich wahrhaft auf. In dieſem Augenblicke war ſie eben bemüht, immer für den vortrefflichen Georg, die Huldigungen eines blühenden, gelockten blonden Herrn durch allerlei züchtige Anmuthigkeiten zu gewinnen, welche denſelben als Sclaven an ihren Triumphwagen feſſeln ſollten. Mit feuchten, glänzenden Augen, mit dem lieblichſten Lächeln auf den ſchönen Lippen ſchien ſie Georg ſagen zu wollen:„Siehſt Du? Das geſchieht Deinet⸗ wegen.“ Glücklicherweiſe war Georg nicht undankbar; nein, im Ge⸗ gentheil das, was die Frau von Cerigny für ihn that, rührte ihn faſt zu Thränen und er wünſchte lebhaft, ſich ihrer würdig zu zeigen.„Meine Triumphe werden Ihre Triumphe ſein, hat ſie zu mir geſagt,“ dachte der würdige junge Mannz„nun, Hortenſe, ich werde nicht undankbar ſein,— meine Triumphe werden die Deinigen ſein und ich werde mich beſtreben, an Edelmuth Dich noch zu übertreffen.“ Darauf ſetzte ſich der gute, der dankbare Georg neben eine Dame von wunderbarer Schönheit, und zwar hauptſächlich, weil Hortenſe, ich weiß nicht aus welchem unklaren Gefühle, dieſelbe recht gründlich haßte. Er beſchäftigte ſich den ganzen Abend mit ihr, bot in der Unterhaltung allen ſeinen Geiſt und ſeine ganze Anmuth auf, und da Georg ein Mann war, deſſen Huldigungen überall hoch im Preis gehalten wurden, ſo be⸗ merkte die Frau von Cerigny ſehr bald, daß ſie ihrerſeits— in der Perſon Georg's— einen tiefen Eindruck auf die Frau von.. — E 15 gemacht habe, denn der gutmüthige Georg beſtrebte ſich, ſeiner Geliebten zu vergelten, was ſie für ihn that. Aber welchen Schatz von Liebe und Aufopferung umſchließt ein weibliches Herz! In erhabener Selbſtverleugnung dachte Hortenſe ſogleich bei ſich:„Ja, ich will mich für Georg auf⸗ opfern, ich will aus allen Blumen, die ich auf meinem Pfade pflücke, einen Keanz für ihn winden; aber ſo ſelbſtſüchtig bin ich nicht, daß ich verlangen ſollte, er müſſe daſſelbe für mich thun; nein, nein, der Reiz der Aufopferung liegt ja eben darin, daß man ſich allein opfert, daß man teine Gegenſeitigkeit dul⸗ det.. Ich will geben, aber nicht wiederempfangen,“ dachte die Frau in der rührenden Uneigennützigkeit ihrer ſchönen Seele. Auch benutzte die Frau von Cerigny ſofort den Tumult eines Contretanzes, um ſich neben die Frau von zu ſetzen, derjenigen, welche ſie mit dem ganzen Haſſe eines Weibes haßte, die liebenswürdigſten und ſchmeichelhafteſten Dinge zu ſagen, und dadurch— ein Téte⸗à⸗Tete zu unterbrechen, das ſie ſo ſehr beunruhigte. Ich weiß nicht, welcher große Moraliſt— es iſt weder Plato, noch Seneca, noch Pascal, noch Plutarch, noch Locke, noch Baco, noch Boſſuet, noch..(kurz ich habe den Namen vergeſſen),— ich weiß alſo nicht, welcher große Moraliſt geſagt hat, ein kluger Mann müſſe immer zwei Geliebte haben und dieſelben, wie die Pferde an einem Tandem, halten, die eine näher an ſich, die andere weiter von ſich. Georg fühlte jetzt die ganze Wahrheit dieſes Ausſpruches, denn als er mit Hortenſen den Galopp tanzte, verſprach ſie ihm, ſich nicht weiter zu bemühen, die Liebe des großen blonden Lockenkopfes zu erlangen, während er ihr ſein Ehrenwort gab, von nun an eiskalt gegen die Frau von zu ſein. Da Hor⸗ tenſe allen ihren Betheuerungen und allen ihren Forderungen ſogar hinzuſetzte, ſie würde ſterben, wenn er das Erſtere nicht glaube und das Letztere nicht erfülle, ſo glaubte und bewilligte er natürlich Alles, weil er den Tod einer ſo reizenden Frau nicht auf dem Gewiſſen haben mochte. Herr von Cerigny ſeinerſeits tanzte nicht und ſpielte nicht,⸗ dagegen machte er der Frau von Luſſan eifrig den Hof und ſie widmete ihm auch alle Augenblicke, welche ihr die läſtige Pflicht, ihre Gäſte zu empfangen, freiließ. So tanzte und fteute man 14⁴ ſich denn allgemein bis an den Morgen bei den Tönen einer berauſchenden Muſik und vor blitzenden Spiegeln, welche den Schönen ſagten: Sie ſind ſchön, und für die Häßlichen ſtumm blieben, weil ſie von den Häßlichen nicht befragt wurden. Alles ging mit der größten Ordnung ab: die Ehemänner ſprachen über Politik und Whiſt, die anerkannten Liebhaber tanzten pflichtgemäß— denn noch giebt es Gerechtigkeit im Himmel—, und die, welche ſie zu verdrängen wünſchten, tanz⸗ ten gar nicht, ſondern zogen vor, während eines Contretanzes, den man ausgeſchlagen hatte, den Arm zu bieten und in trau⸗ licher geheimnißvoller Stille in den langen Gängen eines Treib⸗ hauſes umherzuwandeln, das an den Tanzſaal ſtieß und mitten im Winter einen reizenden Garten bildete. Unterdeß ordnet der anerkannte Liebhaber ſein Haar wie⸗ der, trocknet die Stirn ab, ſucht ſich für den nächſten Tag eine Tänzerin oder ein„Vis⸗à⸗Vis“, wie man ſich, glaube ich, aus⸗ drückt, und winkt, da ihm in dem eifrigen Tanze der Hals ganz trocken geworden war, die Diener mit den ſilbernen Prä⸗ ſentirtellern herbei, wie ein unglücklicher Reiſender, der in einer glühendheißen Sandwüſte verzweifelnd nach einer wohlthätigen Oaſe ſich umſchaut. Während dies geſchieht, ſeufzt der nicht anerkannte Lieb⸗ haber, ſpricht im ſüßeſten Tone ſeiner Stimme, ſchmeichelt, lügt, bittet, ſchwört und redet von ſeinem Nebenbuhler mit ſo grau⸗ ſamer Uneigennützigkeit, mit ſo perfidem Wohlwollen, daß die Dame das nächſte Mal auf den erſten Blick an dem armen Anerkannten eine abſcheuliche Eigenſchaft entdeckt, und glück⸗ licherweiſe gehört nicht mehr dazu, um einen Bruch herbeizu⸗ führen. Kurz, Alles ging vortrefflich und der Tag begann zu grauen, als in dem erſten Salon des Hoͤtel Luſſan ſich noch immer ſchöne Damen befanden, die nur etwas blaß geworden waren, ſich in ihre Mäntel gehüllt und ſeidene Tücher um den Kopf gewunden hatten, während die Stimme der Diener des Herrn von Luſſan gleich jener Stimme— der Vergleich iſt allerdings ein gewagter— welche an dem jüngſten Tage jeden Menſchen bei ſeinem Namen rufen wird, jeder ſchönen Harrenden meldete, daß ihre Leute auf ſie warteten. Es hatte ſechs Uhr geſchlagen, als die letzten Wagen da⸗ vonrollten, und zwar das Coupé des Marquis und der Mar⸗ — * 15 quiſe von Cerigny und der Wagen Georgs, der allein fuhr. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Herr von Cerigny zu ſeiner Frau:„ich habe Dich wahrhaftig nie ſchöner geſehen als dieſen Abend, liebe Frau; Deine Toilette war höchſt geſchmackvoll,— die Frau von Luſſan machte mich darauf aufmerkſam.“ „Weißt Du, Cerigny, daß dies ein großes Lob iſt? Die Frau von Luſſan hat ein Recht, ſtreng zu ſein, da ſie ſich ſelbſt immer vortrefflich kleidet.“ „Nicht wahr, Hortenſe?— Apropos, ich habe ihr eigen⸗ mächtig verſprochen, Dich dieſen Sommer einmal nach Luſſan zu bringen; that ich Unrecht?“ „Wie kannſt Du das glauben? Du weißt ja, daß ich die gute Frau von Herzen liebe.“ „Wie gut Du biſt, Hortenſe! Du wirſt übrigens in Luſ⸗ ſan viele Bekannte finden; Merſacs werden dort ſein, d'Albys, die Frau von Verneuil und vielleicht begleitet auch Georg ſeine Tante; ich habe vergeſſen, ihn darnach zu fragen, aber Albys werden gewiß dort ſein.“ „Daß Herr von Verneuil nach Luſſan kommen könne, glaube ich nicht; er hat uns, wenn ich mich nicht irre, erzählt, daß er Herrn von Hermilly zu beſuchen verſprochen habe.“ „Das thut mir leid, ſehr leid, denn ich liebe ihn nicht blos als Verwandten, ſondern auch als Freund, trotz der Verſchie⸗ denheit unſeres Alters.“ „Ach, Cerigny,“ antwortete Hortenſe mit der Miene des liebenswürdigſten Vorwurfes,„ſpiele doch den Alten nicht; es ſteht Dir noch nicht, verlaß Dich drauf.“ „Hortenſe, Du verwöhnſt mich,“ entgegnete der Marquis, indem er ſeiner Frau die Hand küßte. „Gewiß nicht, Victor; Du biſt ganz allerliebſt, wenn Du willſt und— Du willſt immer.“ „Biſt Du aber auch nicht ganz liebevoll gegen mich, Hor⸗ tenſe! Warum bänden ſich auch zwei Menſchen auf ewig an⸗ einander, wenn ſie einander das Leben nicht ſo erträglich als möglich machen wollten? Das iſt der wahre Sinn und Geiſt der Ehe.“ Der Wagen hielt vor dem Hötel Cerigny. Der Marquis begleitete ſeine Frau bis an den Eingang der Gallerie, welche zu ihren Gemächern führte, und begab ſich in die ſeinigen. Drittes Kapitel. Er war in Verzweiflung und entſchloſſen, bei dieſem Aben⸗ teuer weder ſeine Hand noch ſeine Kenntniſſe zu ſchonen. Hamilton. Verlegenheit. Ich begreife den Haß, wenn er zur Rache führen kann, aber ein verheimlichter, hoffnungsloſer Haß, der nicht einmal laut ſagen kann: ich haſſe, ein Haß, der nur von ſich ſelbſt lebt— bittere Nahrung!— iſt eine ſehr trübſelige Leidenſchaft. Man denke ſich einen Tiger mit einem Maulkorbe, einen Tiger, der in einem dunkeln Käfige an der Kette liegt, und außer dem Bereiche ſeiner Klauen ſchöne glänzende Gazellen im Sonnenſcheine auf dem Graſe, unter blühendem Fliedergebüſch hüpfen und ſpringen und ruhig Roſenblätter faſt an dem Kä⸗ fige des reißenden Thieres abnagen ſieht, deſſen Daſein ſie gar nicht ahnen und das ihre unſchuldigen Spiele und Freuden nicht einmal durch ſein Brüllen ſtören kann. So ziemlich in dieſer Lage befand ſich Crao, der Buckeliche, in dem Hötel Luſſan. Der Unſelige haßte Alles, was jung, glücklich und ſchön war, denn der Neid iſt bei dem Menſchen mehr als eine Leidenſchaft, die entſteht und ſtirbt, mehr als ein Sinn, der abſtumpft, er iſt ein Inſtinkt und dieſen organiſchen Inſtinkt beſitzt der Menſch ſchon in der Wiege, wie er ihn erſt deim Tode verliert. Bei den Menſchen, die eine Zukunft be⸗ ſitzen, wird der Neid Ehrgeiz und nicht Haß,— weil man das nicht offen und frei haſſen kann, was man erhalten kann; bei denen dagegen, welche eine eherne Mauer zwiſchen ihrem Neide und ihren Beſtrebungen ſehen, wird der Neid Haß, ein dumpf⸗ brütender oder unrühigtobender, aber immer unverſönlicher Haß. Deshalb ſollte auch jedes politiſche oder ſociale Geſetz nur dieſe eine Frage zu löſen ſuchen: Wie, da die phyſiſche Un⸗ möglichkeit eines gleichen und gemeinſamen Beſitzes nicht zu bezweifeln iſt, die Beſitzenden vor den Wirkungen des Neides der Richtbeſitzenden zu ſchützen ſein möchten. Geld oder Geiſt, — Adel oder Genie,— Amt oder Erbe, Hütte oder König⸗ reich,— darauf kommt wenig an; der Arme, welcher einen Sou beſitzt, wird von dem beneidet, der gar nichts hat. . 17 So faßte der häßliche, buckelige, gemeine Crao, weil er die feſte Ueberzeugung hatte, nie ſchön, gut gewachſen und ele⸗ gant erſcheinen zu können, alle ſeine Contraſte in einen gründlichen Fluch zuſammen, namentlich in den Stunden nach ſeiner ſeltſamen Erſcheinung in der Vorhalle des Palaſtes. Er hatte nie die Schrecken ſeiner Lage bitterer empfunden als jetzt. Der Graf von Luſſan hatte Crav aus Mitleiden erziehen aſſen. Er war der Sohn eines ſeiner Piqueurs, der durch einen Unfall auf der Jagd das Leben verloren hatte. Da nun dieſes mißgeſtaltete und ſchwächlich geborne Kind zu keiner Dienſtlei⸗ ſtung verwendet werden konnte, ſo hatte der Graf von Luſſan dafür geſorgt, daß der Knabe mit der Zeit gewiſſermaßen ſein Secretair werde, indem er ihm eine leidliche Erziehung geben ließ. Gewöhnlich begab ſich Crao auf einer Seitentreppe in das Dachſtübchen hinauf, das er bewohnte; da aber der Ein⸗ gang zu dieſer Treppe durch die Zurüſtung zu dem Feſte ver⸗ deckt worden war, ſo hatte er ſich genöthiget geſehen, einen an⸗ dern Eingang in der Vorhalle des Palaſtes zu fuchen und hier war ihm das bekannte Abenteuer begegnet. Er hatte den Herrn von Cerigny, deſſen Gemahlin und Georg ſchon oftmals in das Haus kommen ſehen und da die Dienſtboten von den Liebesabenteuern immer zuerſt unterrichtet ſind, ſo kannte auch Crao die Verhältniſſe recht wohl, welche alle dieſe glücklichen Perſonen eng aneinander feſſelten, wie er auf der andern Seite auch die gegenſeitige Duldſamkeit kannte, welche ein Zerreißen dieſer Verbindung ſo ſchwer machte. Das oben erregte den Ingrimm Crao's; denn da Georg und Hortenſe in ſeinen Augen das Muſterbild der Schönheit und des Glückes waren, ſo hätte der boshafte Buckelige tau⸗ ſendmal ſein elenbes Leben hingegeben, wenn er dadurch jenes Glück hätte in Qual verwandeln können. Man wird ſich die Verlegenheit Crao's vorftellen können, wenn man das Nachſte⸗ hende lieſet. Die Cucaracha. I. 2 . Viertes Kapitel. Da ſie nicht einmal die Langweiligkeit eines Brubers kannte, ſo war ſie die Freieſte von Allen, die ſich jemals in einem Spie⸗ gel betrachtet haben. Byron. Don Juan. Als in der Folge Callias, ein reicher Athenienſer, ſich in die Frau Cimon's verliebte, trat Cimon ſie ihm ab. Auch in ſeinem ganzen übrigen Verhalten gab Cimon Beweiſe von einer bewundernswürdigen Seelengröße und man verglich ihn deshalb öffentlich mit Miltiades. Plutarch. Das Leben Cimon's. Vollkommenes Quadrat. Der Marquis von Cerigny hatte ſeine Frau, ob er gleich ſelbſt ſehr reich war, nur wegen ihres großen Vermögens und aus Hofconvenienz geheirathet. Hortenſe war brünett und Herr von Cerigny liebte nur die Blondinen; Hortenſe beſaß einen leichten, ſorgloſen Sinn und Herr von Cerigny, der bereits über die ſchönſten Jahre hinaus war, ſuchte bei einer Frau feſt⸗ begründete Ideen und eine mannichfaltige Unterhaltung. Da nun alle dieſe Eigenſchaften in hohem Grade ſich bei der Frau von Luſſan fanden, die überdies ſchön blond war, ſo hatte er ſich ſchon lange vor ſeiner Verheirathung an dieſe Dame ange⸗ ſchloſſen. Die Ehe änderte in dem Leben des Herrn von Cerignh nur wenig, ausgenommen, daß er ſich in den erſten Monaten mit ſeiner Frau wie mit einer ſchönen Geliebten beſchäftigte, weil ſeine Vorliebe für die Blondinen keineswegs ſo ausſchließ⸗ lich war, daß ſie ihn hätte hindern können, die reizende Schön⸗ heit der ſo blühenden brünetten Hortenſe ſo zu würdigen, wie ſie es verdiente. Da indeß weder ſein Herz noch ſein Geiſt bei dieſer flüchtigen Liebſchaft mit ſeiner Frau betheiliget war, ſo kehrte Herr von Cerigny, nachdem er ſeine Wünſche befriediget hatte, zu der Frau von Luſſan zurück, ließ ſeiner Frau jede mögliche Freiheit und lebte ſo mit ihr mit allerbeſtem Ver⸗ nehmen. Hortenſe, eine ſehr reiche Waiſe, hatte ebenfalls Herrn von Cerigny nur wegen deſſen glänzender Stellung geheirathet, ließ ſich aber die Aufmerkſamkeiten ihtes Mannes in den erſten Monaten nach ihrer Verbindung freundlich gefallen. Da er viel in der großen Welt gelebt hatte, aufmerkſam, zuvorkom⸗ 19 mend, geiſtreich und, trotz ſeinen funfzig Jahren, noch ziemlich graziös war, ſo mußte er einer jungen Frau, deren Herz noch ſchlummerte, wohl angenehm erſcheinen. Dann hatte er auch für die prachtvollſte Einrichtung geſorgt und ſeine und ſeiner Frau Verwandtſchaften und Bekanntſchaften machten es ihnen möglich, ihren Umgang in den feinſten, höchſten Kreiſen zu ſu⸗ chen. Sie beſaßen ferner eine faſt königliche Beſitzung vierzig Stunden von Paris, ein ungeheueres, ſicheres Vermögen und ließen einander gegenſeitig vollkommene Freiheit. Was konn⸗ ten ſie ſonſt noch wünſchen? Allerdings wurde das Glück des Marauis von Cerigny durch ſein Verhältniß zu der Frau von Luſſan vervollſtändiget, während Hortenſe, die ihre Lage recht wohl erkannte, unent⸗ ſchieden zwiſchen den tauſend Huldigungen ſchwankte, die man ihr darbrachte; aber der Zufall oder vielmehr der Abſchied, den Georg von Verneuil als Geſandtſchaftsſecretair nahm, brachte dieſen jungen Mann nach Paris. Er wurde, als entfernter Verwandter des Marquis, von dieſem ſehr freundlich aufgenom⸗ men, beſuchte das Haus deſſelben ſehr fleißig und beſchäftigte ſich bald ausſchließlich mit Hortenſen. Georg von Verneuil war dreißig Jahre alt, ſehr gebildet, ſehr reich und aͤußerſt liebenswürdig. Ehe er nach Petersburg abreiſete, gehörte er zu den beliebteſten und gefeierteſten glück⸗ lichſten jungen Männern, und die Frau von P., die in der gan⸗ zen Stadt wegen ihres Geiſtes und ihrer Grazie berühmt war, hatte ihn bereits in ſeinem zwanzigſten Jahre in die große Welt eingeführt. Hortenſe entſchied ſich für Georg weniger wegen der vor⸗ trefflichen Eigenſchaften, die wir eben erwähnt haben, als we⸗ gen ſeiner Nachſicht und Duldſamkeit, die ſie entzückten, denn Georg ſprach mit ihr nie von jener tiefen, unwiderſtehli⸗ chen, wahnſinnigen Liebe, welche eine Frau von dem Cha⸗ rakter Hortenſe's immer erſchreckt; er drohete ihr auch nicht mit jenen ewigen Gefühlen, welche eine Frau ſtets bei dem bloßen Gedanken an die entſetzliche Bedingung der Ewigkeit zurück⸗ weiſen muß. Nein, Georg ſprach mit ihr von der Liebe wie von einem angenehmen Zeitvertreibe, unter welchem die Ball⸗ ober Theater⸗ ſtunden ſchneller herankommen,— wie von einer anmuthigen ſchö⸗ nen Nichtigkeit zur Vervollſtändigung eines eleganten Lebens,— * 8 3 8 20 wie von einer Unterhaltung, zu der man greift, wenn man das Bedürfniß darnach fühlt, und die überdies tauſend ſonſt blaße lebloſe Dinge, ein Bouquet, ein Bild, einen Brief mit einem pvetiſchen Zauber umgiebt, nicht mit düſterer und ſchrecklicher, ſondern mit heiterer, lachender Poeſie. Er ſprach weder von der Eiferſucht, noch von deren Un⸗ geſtüm.„Sehen Sie, Hortenſe,“ ſagte er in jenen flüchtigen, glücklichen Momenten, in denen man bereits mehr iſt als Freund, aber noch nicht Geliebter,„ſehen Sie, Hortenſe, ich habe die Eiferſucht in dem gewöhnlichen Sinne nie begreifen können, da es ein unveräußerliches Recht iſt, das jede Frau erlangt, wenn ſie ihren erſten Liebhaber wählt, in ihrer Liebe zu wechſeln. Diejenigen, welche von dieſem Rechte keinen allzu häufigen Ge⸗ brauch machen, haben, meiner Anſicht nach, im Intereſſe ihres Rufes Recht, denn der Ruf, Hortenſe, iſt wie die zerbrechlichen niedlichen Sächelchen, deren Werth ausſchließlich in ihrem Glanze und ihrer Zierlichkeit liegt. Nur iſt der Ruf koſtbar, Hortenſe. Die ſtrengen Moraliſten haben vollkommen Recht, wenn ſie den Frauen immer davon vorpredigen, denn er giebt dem Siege über ſie einen um ſo höhern Werth. Weil ſie viel gewähren, dürfen ſie viel fordern. Eine verheirathete Frau muß deshalb, um dieſen unſchätzbaren Ruf unangetaſtet zu erhalten, die Klug⸗ heit oder, was gleichbedeutend iſt, das Geheimniß zu Hilfe rufen; aber, unter uns, Hortenſe, ich halte die Klugheit für leichter(bei einem Liebhaber verſteht ſich), als das Geheimniß bei mehrern. Das dürfte denn doch Beachtung verdienen. „Jene Frauen, welche einen häufigen Gebrauch von dem Rechte machen, von dem wir ſprechen, und die viele Liebhaber haben, ſind ebenfalls in ihrem Rechte, erſtens weil es ihnen ſo gefällt, und ſodann, weil ſie es können, da nun einmal nichts in der Welt ſie daran zu hindern vermag, ſobald ſie wollen. Was kann nun, Ihrer Meinung nach, Hortenſe, ein armer Liebhaber zwei ſo ſchlagenden Gründen gegenüber thun? Was nützt ihm die Eiferſucht? Nichts, als daß es ihn verhaßt macht. Es iſt viel beſſer, blind zu glauben, ſich dem Glücke hinzugeben, ſolange es uns wiegt, und bei der ge⸗ ringſten Erkaltung, oder ſelbſt vorher, was noch ſicherer iſt, zärtlicher zu werden, als man je vorher war.. und ſeine Hul⸗ digungen einer andern darzubringen. „Und Alles dies, Hortenſe, ohne Schmerz, ohne Erbitte⸗ 24 rung, ohne Gram, weil die Liebe nicht tief eingedrungen iſt, denn was nützt es, aus einer entzückenden Wonne eine gehäſſige Pein zu machen? Die ſogenannte tiefgefühlte Liebe führt immer dazu, und es iſt ein großes Glück, daß eine ſolche ſelten vörkommt, denn außerdem würde das Leben unerträglich ſein. „Wir wollen demnach ſorglos und glücklich ſein und weder tief in das Leben hineinblicken, noch die Liebe tief eindringen laſſen. Wir wollen die Gegenwart, den Tag, die Stunde, die Minute genießen und in der Zukunft nur ein neues Vergnügen erwarten.“ Dieſe ſorgloſe und leichtfertige Lebensphiloſophie gefiel Hor⸗ tenſen ſehr, welche die Liebe ebenfalls nicht anders verſtand. Die wahrhaft liebenden Frauen berechnen die Macht der Liebe nach den Thränen, die ſie ihnen auspreßt; Hortenſe wollte ſie nach den Freuden berechnen, die ſie von ihr erwartete. Georg war alſo glücklich— weil er aufrichtig war. Andere, die eben ſo leicht⸗ ſinnig waren als er, hatten die ſtürmiſcheſte Liebe zu erregen geglaubt, wenn ſie von und mit Leidenſchaft ſprächen; aber ſie erregten nur Furcht. Er verſtand es beſſer, denn er unterhielt. Da Hortenſe ihre Stellung gewonnen, hatte ſie ihren Mann um nichts mehr zu beneiden. Im erſten Sommer erſuchte Herr von Cerigny ſeine Frau, die Frau von Luſſan zu einem Beſuche auf ihrem Landgute einzuladen. Da Herr von Luſſan ſelbſt Paris niemals verließ, weil er ohne die Oper nicht leben konnte, ſo war Hortenſe in der Freude darüber, daß ſie ihrem Manne, der Georg nicht ent⸗ behren konnte, eine Gefälligkeit zu erweiſen im Stande ſei, äußerſt liebenswürdig gegen die Frau von Luſſan und Alles ging demnach ganz gut. Im Sommer kam man auf der Beſitzung Luſſan's oder Cerigny's zuſammen, und im Winter bewegte man ſich in demſelben Kreiſe, und beſuchte an gleichen Tagen die italieniſche oder die große Oper, und Georg erſchien mit ſeiner Tante, der Baronin von Verneuil, in der Loge der Frau von Cerigny. Dieſe ehebrecheriſche, wie man ſich ausdrückt, ſo geordnete, ſo berechnete, ſo ruhige Liebe, dieſes heitere, ungetrübte Glück, das man den Familienmüttern als Muſter vorhalten könnte, wenn es erlaubt wäre, darf nicht überraſchen. Wer will be⸗ haupten, daß die meiſten dieſer außerehelichen Verbindungen entſetzliche Gewiſſenspein, Folterqualen und Jammer nach ſich ziehen? Leider giebt es einige Dramen, einige unſelige Häuſer, in welchen ſo etwas vorkommt, aber es geſchieht ſehr ſelten. Gewöhnlich fügt ſich Alles ganz gut und ohne Störung in das Leben ein. Und da wir einmal von dem Ehebruche ſprechen,— warum ihn ſchildern mit hohlen Augen, mit eingefallenen Wangen, mit ſtruppigem Haar, warum ihn vom Tode und von glühen⸗ den Kohlen ſprechen und bei Blut und Dolch ſchwören laſſen? Ich habe ihn faſt immer gelockt, heiter, vergnügt und elegant geſehen. Wenn er einmal vom Tode ſprach, ſo geſchah es in den ſeligen Augenblicken, in denen die Feurigſten ausrufen: Ich ſterbe! Er hatte nur ſinnliche und wollüſtige Worte auf den Lippen: bald ſeufzte er, ein bewundernswürdiger Proteus, mit ſüßer, zärtlicher Stimme, bald ſprühete er den Geiſt in glitzern⸗ den, blitzenden Funken von ſich. Er wurde, wenn auch nicht von den Müttern oder den Männern, aber doch, was weit beſſer iſt, von den Weibern und Mädchen freundlich aufgenom⸗ men und geliebkoſet und lebte lange, ſehr lange ſo, und als er endlich alt wurde, beſchäftigte er ſich, ſtatt mit der Praxis, mit der Theorie, theilte ſeine Erfahrungen den jungen Männern mit, lächelte ſeinen Zöglingen zu und wurde, ein ächter Phönir, in ihnen wieder jung. Ich will nicht behaupten, daß dies moraliſch ſei; ich be⸗ haupte aber, daß es wahr iſt. Die Wahrheit liegt mir mehr am Herzen, als die falſche Furcht jener Moral. Es iſt wahr, weil es ſelten vorkommt, daß eine Frau ſich hingiebt in tiefer, unwiderſtehlicher Leidenſchaft, die man ihr mit Rückſicht auf die Ueberlegenheit deſſen, der ſie hervorrief, ver⸗ zeihen würde, und weil jene glühende und keuſche, obgleich ver⸗ brecheriſche Liebe, die dem, welcher ſie zu wecken verſtand, Alles 3 opfert, ebenfalls ſelten iſt. O ſie iſt ſelten jene erhabene Liebe, die mit gefaltenen Händen Thränen der Wonne und der Reue weint, die der Convenienz, den Pflichten, der Familie, der Welt Trotz bietet und durch ihre Größe, durch ihre Stärke die Ach⸗ tung und Bewunderung der Menſchen erzwingt!— Nein, nein, in dieſer Weiſe giebt ſich eine Frau nicht hin, oder doch nur in ſehr ſeltenen Ausnahmen. Und geprieſen ſei eine ſolche Aus⸗ nahme, denn eine ſolche Geliebte muß den andaluſiſchen Dolch in ihrem Kniebande tragen. Nein, nein, nicht ein ſolches unwiderſtehliches Verhängniß 25 treibt viele Frauen in die Atme, die ſich verlangend ihnen ent⸗ gegenſtrecken, ſondern— ſondern— ich weiß nicht was— die Lectüre eines Romans, der Müßiggang, die Einſamkeit, die Langeweile, eine ſchöne Haltung zu Pferde, und um die Augen, die ſie doch einmal haben, zu zärtlichen Blicken zu benutzen, zu ſüßen Blicken, die wiederum nutzlos ſein würden, wenn ſie nicht auch ſagen könnten: ich liebe Dich! Und Alle wiſſen, daß ſie nie ſchöner ſind, als in ſolchen Augenblicken. Ferner werden dieſe ſchönen Engel, die unglücklicherweiſe etwas gefallen ſind, durch eine Schmeichelei und noch mehr durch die Kälte ver⸗ führt, die man gegen ſie äußert.— Sie fallen ferner, weil ſie ihren Freundinnen nicht nachſtehen wollen,— indem ſie durch einen Rauſch, durch einen Walzer, aus Furcht, ſich lächerlich zu machen, noch einmal, ich weiß es nicht, was ſie verleitet, es iſt oft weniger als nichts, weniger als ein Traum. Ihr erſter Liebestraum iſt immer ſo ſchön, ſo wonnevoll! Wie ſoll auch eine gewaltige, ſchrankenloſe Leidenſchaft aus den zierlichen, niedlichen, beflitterten Gefühlen hervorgehen, welche den Balllleidern gleichen, die ihre vergängliche glänzende Friſche auch nur einen Tag behalten? Um einer ſolchen Liebe willen verläßt man weder den Vater, noch den Mann, noch die Welt. Dieſe Liebe iſt ſo wenig läſtig, ſo verſchwiegen, ſo be⸗ quem, ſie nimmt einen ſo kleinen, kleinen Raum ein, daß nur ein großer Neid, oder große Thorheit ihr entgegentreten könnte. So war die Liebe Georgs und Hortenſens, und man wird nach dieſer topographiſchen Angabe des Gemüthszuſtandes unſerer Liebenden recht wohl einſehen, daß es Crao, der ver⸗ wünſchte Crao, für unmöglich halten mußte, die ſo ſorgſam ge⸗ flochtenen Fäden zu zerreißen, welche zwei ſo wohl verſtandene Leben aneinander banden. Auch verbrachte der boshafte Buckelige in ſeiner Dachſtube die gräßlichſte Nacht, welche ſich denken läßt, und am andern Morgen fürchtete er ſich vor ſich ſelbſt, ſo häßlich kam er ſich vor. „ Fuͤnftes Kapitel. Ich hab's; es iſt erzeugt; die Hölle und die Nacht werden die grauenvolle Frucht zur Welt bringen. Shakeſpeare:„Othellv.“ Das Schloß Luſſan. Nach einigen Monaten war unſere ganze Geſellſchaft von Liebenden und Eheleuten von neuem in dem Schloſſe Luſſan beiſammen. Herr von Luſſan war, ſeiner Gewohnheit gemäß, der Oper wegen, in Paris geblieben und ſeine Frau machte vor Herrn und Frau v. Cerigny, vor Georg v. Verneuil, deſſen Tante, dem Herrn und der Frau v. Marſac und deren Sohne, vor Herrn und Frau v. Alby die Honneurs. Um ſich bei noch größerer Geſellſchaft noch mehr Freiheit zu verſchaffen, hatte die Frau von Luſſan ferner einige ſehr unbedeutende Gutsnach⸗ barn eingeladen, vor denen ſich weder die Liebhaber, noch die Frauen zu ſcheuen nöthig hatten. Ich weiß nicht, wie es gekommen war, daß Crao die Frau von Luſſan begleitet hatte. Er hatte, glaube ich, von ſeinem Herrn den Auftrag erhalten, einige Angelegenheiten mit ſeinen Wirthſchaftern in Ordnung zu bringen. Genug, der Buckeliche da und lauerte in ſeinem Haſſe, wie eine Spinne in ihrem Netze. Luſſan, mitten in Burgund gelegen, war eines der pracht⸗ vollſten Schlöſſer Frankreichs, und große, ſorgſam gehegte Wal⸗ dungen verſprachen eine vortreffliche Jagd. Auch unterhielt Herr von Luſſan dort eine vollkommene Einrichtung nach eng⸗ liſcher Art, um zwei oder drei Monate im Winter jagen zu können. Es war zu Ende Auguſts; die Sonne ging kaum auf und ſchon blieſen die Piqueurs Reveille; die Pferde ſcharrten vor den Stufen des Schloſſes, die Hunde ſchlugen in ihrer Unge⸗ duld an und der Wald war ſo nahe, daß man faſt gleich vom Parke aus die Jagd beginnen konnte. Endlich kamen die Frauen von Cerigny, von Luſſan und die andern Damen die Stufen vor dem Schloſſe in Begleitung Georgs, der Herrn von Cerigny, Marſac ꝛc. herunter. Die Damen ſtiegen in offene Wagen, um der Jagd zu 25 folgen, und die Herren ſchwangen ſich auf die Pferde. Obgleich an die Lobſprüche über ihren Vebhaber längſt gewöhnt, mußte Hortenſe doch freundlich läͤcheln, als ſie die Haltung Georgs von den andern Damen rühmen hörte. Und er konnte allerdings kaum beſſer ausſehen.— Sein rother Rock hob ſeine zierliche Taille heraus, die durch den Gurt des Hirſchfängers zuſammengepreßt wurde. Auf dem Kopfe trug er eine kleine Jockeymütze von ſchwarzem Sammet und an den Füßen Stolpenſtiefeln von dem berühmten Crobbey ſin Lon⸗ don. Seine kurzen engen weißen wildledernen Beinkleider laſſen ſich gar nicht beſchreiben. Das Jagdroß, das Georg mit vollendeter Kühnheit und Gewandtheit tummelte, war natürlich ein achter feuriger Voll⸗ blutrenner. Herr von Cerigny, der wie Georg gekleidet war und ſelbſt noch beſſer ausſah als gewöhnlich, ritt, wie die andern Jäger, Pferde von Halbblut, die kräftiger und ſtärker waren, ächte hunters. Die Wagen ſetzten ſich in Bewegung und die Herren be⸗ gleiteten ſie bis in den Wald. Der Wagen der Frau von Luſſan war mit vier Rappen beſpannt, die von zwei kleinen Kutſchern in grauen Hüten und weiß und blau geſtreiften Jacken gelenkt wurden. Eine tiefe Stille folgte plötzlich dem lärmenden Tumulte, welcher ſo früh in den Höfen des Schloſſes ertönt war, denn es war außer den Dienſtleuten Niemand da geblieben als Crao, der gleich den Andern geweckt worden war und von dem Fen⸗ ſter eines Thürmchens, in welchem er wohnte, herab dem Trei⸗ ben zuſah. Der Buckelige war mit grimmigen Blicken der glänzenden, heiteren Geſellſchaft gefolgt; er hatte im Scheine der aufgehenden Sonne das Kupfer der Jagdhörner, das Geſchirr der Pferde, die Treſſen der Livreen glänzen und in Staubwolken dieſen gan⸗ zen Lurus ſich bewegen und ſich entfernen ſehen; er hatte ge⸗ ſehen, wie die Langfhawls der Damen ſich gleich kleinen bunten Segeln im friſchen Morgenwinde aufbläheten, er hatte die ro⸗ then Röcke der Herren auf dem Grün der Wieſen glänzen ſehenz er hatte geſehen, wie dieſe eleganten Reiter ſich nach den Wa⸗ gen neigten und ihre Pferde anſpringen ließen, während die 26 Damen die geſtickten Taſchentücher ſchwenkten und den Jägern aus Liebe und zum Abſchiede zuwinkten. Und die glücklichen jungen Männer hatten ſich, durch das Lächeln der Frauen, durch die hellen Hörnertöne und durch das Bellen der Hunde mehr und mehr aufgeregt, in ein berauſchen⸗ des Vergnügen hineingeſtürzt, während er, Crao, allein, ver⸗ geſſen, ärmlich, häßlich, mißgeſtaltet, zurückgewieſen zurückblei⸗ ben mußte, und nie Pferde, Frauen, Vergnügen haben ſollte. Und es iſt dies, dachte der Buckelige, nur erſt ein kleiner Theil ihres köſtlichen Lebens!— Wenn ſie von der Jagd zu⸗ rückkommen, folgt die Toilette, eine ausgeſuchte Tafel und dann vielleicht eine Luſtfahrt auf dem Teiche um den Pavillon herum, in welchem das Concert gehalten wird, deſſen Klänge das Echo wiederholt. Nach dem Concert kommt der Ball und Abends, in den dunkeln Alleen, giebt es heiße— verbotene Küſſe, ſchmachtende Seufzer, Verheißungen— für die Nacht, und in der Nacht berauſchende Wonnen, Alles ohne Scheu, ohne Ge⸗ wiſſenspein, denn vor ihnen iſt die Moral, ſind die Geſetze ſtumm. Und ich, ich ſoll niemals ein gleiches Glück, nicht einmal die Hoffnung auf ein ſolches Glück haben! Ich werde nicht einmal dem Kammerdiener oder dem Hunde gleichſtehen, die von dem Lurus des Herrn doch etwas erhalten. O der Gedanke daran iſt entſetzlich— gräßlich! Dann ſah er ſich im Spiegel an, lachte mit grimmigem Lachen und ſagte:„wie ich aber auch geſchaffen bin! Sieh Bich an, Unmenſch, ſieh Dich an, ohne Dich zu entſetzen! Vergleiche Dich mit dieſem ſchlankgewachſenen Georg mit dem Mäbchen⸗ geſichte! Beſteige einmal wie er ein feuriges Roßl Geh, Buckeliger, verſuch' es und drehe Dich in einem Walzer und drücke mit Deinen großen dürren Händen den von Liebe beben⸗ den Körper ſeiner Geliebten, der Frau von Cerigny! Geh— warum denn nicht?— man würde Dich wahrhaftig eben ſo betrachten, vielleicht mehr noch als dieſen Georg, denn— es wäre etwas Neues, es gewährte Unterhaltung neben dem— Ekel. Ah!— ah!“ In dem Lachen Crao's lag faſt Wahnſinn. Dann fuhr er gelaſſener fort:„Ah, dieſer Georg! dieſe Hortenſe! Wie haſſe ich ſie!— Sie ſind ja ſo glücklich! Aber wer könnte mich rä⸗ chen für dieſes Glück, das für die, welche es nicht theilen, ſo peinigend iſt?“ 27 In dieſem Augenblicke wurde an die Thüre des Buckeligen geklopft. „Wer da?“ fragte er unwirſch und ungeduldig. „Ich bin's,“ antwortete eine ſtarke männliche Stimme. Die grünlichen Augen des Buckeligen funkelten plötzlich und er öffnete. Sechſtes Kapitel. Ach, daß ich nicht frühzeitig einen Engel in meinem Leben hatte! Sainte⸗Beuve. Der Baron Marcel von Launay. Der Eintretende war ein ſonnengebräunter junger Mann von rieſenhaftem, maſſivem Wuchs, von linkiſcher, ſteifer Hal⸗ tung, ohne irgend eine Auszeichnung. Seine Geſichtszüge ſa⸗ hen roh und gemein aus und ſeine ſchwarzen Augen wurden von dichten Brauen beſchattet. Er war für ſein Alter unge⸗ wöhnlich entwickelt und man mußte ihn deshalb wenigſtens für einen Dreißiger halten, ob er gleich erſt im zwanzigſten Jahre ſtand. Ein langer, breiter und dichter röthlichſchwarzer Backen⸗ bart umgab ſein viereckiges Geſicht, ſein ſtarres Haar fiel auf die breite vorſtehende Stirn,— mit einem Worte, er war häßlich. Sein Anzug war ebenſo vernachläſſiget wie ſeine Perſon. Er trug lange alte Gamaſchen von gelbem Leder, kurze lederne Beinkleider, eine alte grüne abgenutzte Sammetjacke, über welcher ſich die Schnur ſeines Pulverhornes, der Riemen ſeiner Jagdtaſche, das Kettchen ſeiner Gabel und eine Menge anderer Geräthſchaften kreuzten. Auf dem Kopfe hatte er eine ſehr große blutrothe baskiſche Mütze und ſeine beiden großen braunen und behaarten Hände ruheten auf dem kurzen Rohr einer einfachen Jagdflinte. Dieſer Mann war der Baron Marcel von Launay, der Sohn des Grafen von Launay und ſehr naher Verwandter des Herrn von Luſſan. Der Vater Marcel's verbrachte ſein Leben auf einer ſehr 23 ſchönen Beſitzung in den Pyrenäen. Er war ein muthiger Jä⸗ ger und hatte jene abgelegene Beſitzung ſeit zwanzig Jahren nicht verlaſſen. Seinen Sohn aber, der gute Lebensart und feine Sitte lernen ſollte, ſchickte er ſeit vier Jahren regelmäßig auf einige Monate nach Luſſan, weil er wußte, daß die Frau von Luſſan die beſte Geſellſchaft bei ſich ſehe. Leider haßte Marcel die Menſchen. Er war in ſeinen Ber⸗ gen aufgewachſen, jähzornig, gewöhnt, ſeinen Zorn an ſeinen Jagddienern, ſeinen Pächtern und Bauern auszulaſſen, welche in dieſem Theile Frankreichs das ehemalige Feudalleben noch miht vergeſſen haben, und fühlte ſich in der eleganten Geſell⸗ ſchaſt im Schloſſe Luſſan ſehr unbehaglich und gehemmt. Anfangs amüſirte ſeine kindiſche Blödigkeit. Bisweilen gelang es der Frau von Luſſan und deren Freundinnen, ihn in dem Geſellſchaftszimmer zurückzuhalten und dann umringte und neckte man ihn, ließ ihn tanzen und ſpielte ihm tauſend neckiſche Streiche. Marcel benahm ſich bei dieſen zierlichen Scherzen, wie ſich etwa ein Bär in einer ſolchen Geſellſchaft benehmen würde. Wurde es ihm zu arg und er konnte nicht durch die Thüre ent⸗ kommen, ſo ſprang er ohne Umſtände durch das Fenſter hinaus. Als er groͤßer wurde, war man ſeines ſcheuen, rohen We⸗ ſens überdrüſſig, was aber ihn ſelbſt wenig betrübte; im Gegen⸗ theil, er freute ſich, allein im Walde umherwandern und jagen zu können, denn von der Jagd, wie ſie die Gäſte in Luſſan be⸗ handelten, verſtand er nichts; er verachtete ſie tief und nannte ſie eine Kinderjagd. Der Vater Marcel's hatte ihr unter ſei⸗ nen eigenen Augen erziehen wollen. Der Pfarrer auf ſeinem Gute wurde deshalb mit dieſer Erziehung beauftragt, es hatte ihm aber unſägliche Mühe gekoſtet, dem jungen Baron wenig⸗ ſtens die Mutterſprache einigermaßen regelrecht beizubringen. Der Charakter, die Neigungen, Gefühle und Wünſche des jun⸗ gen Mannes beſaßen alſo noch ihre ganze unverkünſtelte Na⸗ türlichteit und Stärke. Die Lectüre hatte die urſprüngliche gei⸗ ſtige Organiſation Marcel's nicht einmal modifizirt. Er war ein reiner Naturmenſch mit ungetrübten, nicht abgeſtumpften Sinnen, einem beſchränkten, aber richtigen Verſtande, einem eiſernen Willen und der glühenden, ziemlich poetiſchen Phan⸗ taſie der Menſchen, die in der Einſamkeit der wilden Berge leben; er war mit einem Worte eine ganz unverdorbene Natur 29 mit allen ihren Rauhheiten, da die Berührung mit der Welt dieſelben noch nicht abgeſchliffen hatte. Bei einem ſolchen Manne konnten die Leidenſchaften weder frühreif, noch erheuchelt, noch berechnet ſein; ſie mußten, ſobald ſie gereift, natürlich, inſtinktmäßig und unbändig ungeſtüm ſein. Die natürliche Vervollſtändigung dieſes Charaktes bildete eine außerordentliche Schüchternheit und unbegrenztes Mißtrauen, welche beide in einer ſeltſamen Miſchung von Beſcheidenheit und Stolz wurzelten. Wenn Marcel ſeinen linkiſchen, ſteifen, verlegenen Körper mit den zierlichen, ſchlanken Formen der andern jungen Herren im Schloſſe verglich, die ſo gewandt beim Tanze, ſo zierlich zu Pferde, ſo liebenswürdig waren, ſo war es ihm, als ſei er ge⸗ ringer, als ſtehe er ihnen ungemein nach. Ließ er dann aber in Gedanken dieſe ſo hübſchen, aber ſchwächlichen Herrchen un⸗ ter ſeinen hohen düſtern Phrenäen, in ihren bodenloſen Abgrün⸗ den, in ihren ſchauerlichen dunkeln Eichenwäldern ſich verirren, einem Bären gegenübertreten, mit dem ſie ringen oder unterge⸗ hen müßten, ſo wurde er in ſeinen eigenen Augen größer und gewaltiger, er lächelte wohlgefällig, indem er ſich ſeiner ganzen Länge nach aufrichtete, bei der Erinnerung an manche ähnliche Kämpfe, aus denen er ſiegreich hervorgegangen war, und ver⸗ achtete die weichlichen Herrchen, denn hier war er ihnen unend⸗ lich überlegen. Da aber außer ihm dieſen Unterſchied vielleicht Niemand gewürdiget hätte, ſo ſonderte er ſich ſo viel als möglich ab, blieb allein und wartete mit unbegreiflicher Ungeduld auf den Ablauf ſeines für ihn ſo unangenehmen Aufenthaltes in Luſſan. Seit einiger Zeit ſchien ſeine Vorliebe für die Einſamkeit noch zugenommen zu haben. Es war der erſte Sommer, den Hortenſe in Luſſan verbrachte, und ich weiß nicht, ob dieſe ſchöne leichtſinnige Frau die erſten Regungen der Liebe in Marcel geweckt hatte. War dies der Fall, ſo äußerte ſich dieſe Leidenſchaft bei ihm wie bei den wilden Thieren; denn ſeit der Ankunft der Frau von Cerigny war er jähzorniger, ſchweigſa⸗ mer und ſcheuer geweſen als je. Die einzige Perſon im Schloſſe, bei welcher Marcel ſich wohl fühlte, war Crav. Ueber den Buckeligen hatte er eine offenbare Ueberlegenheit und dann vermuthete er bei demſelben 50 ähnliche Gründe für Menſchenhaß, wie er ſie fühlte; er hatte ich ihm deshalb angeſchloſſen und jetzt trat er in das Zimmer deſſelben. Siebentes Kapitel. Wir wollen ein wenig plaubern. Goethe. Ein Geſpräch. Der Geſichtsausdruck Marcel's war, wie erwähnt, düſte⸗ rer und mürriſcher als gewöhnlich. Er legte ſeine Jagdflinte auf das Bett Crao's und ſetzte ſich auf einen Stuhl. „Guten Tag, Herr Marcel. Sind Sie nicht mit den An⸗ dern Jagd gegangen?“ fragte der Buckelige. „Nein.“ „Sie lieben aber doch die Jagd, Herr Marcel.“ „Ja, aber nicht in Geſellſchaft gewiſſer Leute.“ „Die Frau von Luſſan iſt doch ſehr gütig gegen Sie, Herr Marcel.“ „Ich weiß es.“ „Herr von Cerigny.. und die andern Herren auch, Herr Georg von Verneuil auch,“ fuhr der Buckelige fort, der beſon⸗ ders die letzten Worte ſtark betonte. Marcel machte eine Bewegung und antwortete dann leb⸗ haft:„gerade den kann ich nicht ausſtehen.“ „Ich auch nicht, Herr Marcel.“ „Warum, Crao?“ „Weil, ich weiß nicht,. ich.. er ſieht ſo ſtutzerhaft, ſo impertinent.. ſo eitel aus.“ 6 „Das iſt wahr, Crao, ein weiberhaftes Weſen.. Er iſt kein Mann,“ ſprach Marcel ſelbſtgefällig, indem er auf ſeine nervigen Hände ſah, die er in Gedanken mit den zierlichen wei⸗ ßen Händchen Georg's verglich. „Ich glaube, er trägt eine Schnürbruſt, Marcel.“ „Nicht möglich!“ rief Marcel aus, und als der Buckelige ſeine Behauptung betheuert hatte, lachte er laut auf. Nach einer langen Pauſe fuhr Crao mit geheimnißvoller Miene fort:„Sehen Sie, Herr Marcel, alle dieſe Albernheiten machen keinen Eindruck auf die Frauen; ſie lieben nur einen Mann, der wirklich ein Mann iſt und— wie ein Mann aus⸗ ſieht,“ fuhr er ſcharfbetonend fort. „Du irrſt Dich, Crao, ſie ſind vernarrt in ein weibiſches Weſen und ſolch albernen Putz.“ „Nicht alle, Herr Marcel.“ „Wahrhaftig die meiſten.“ „Wenn ich eine Frau wäre, ich würde nur einen Mann heirathen oder lieben, der..“— er hielt inne und fuhr dann fort—„der, wie geſagt, wie ein Mann ausſieht, Herr Marcel, einen kräftigen, ſonnengebräunten Mann mit braunem Haar..“ „Einen Mann, der einen Arm beſitzt, mit dem er ſie tra⸗ gen oder vertheidigen kann, Crao..“ „Einen Mann, der nicht jagt, wie zarte Mädchen, ſon⸗ dern wie Sie, Herr Marcel, der einen Eber im Laufe ermüden könnte..“ „Du ſchmeichelſt mir, Crao.“ „Nein, Herr Marcel, wenn ich ein Weib wäre, wünſchte ich mir einen Geliebten wie Sie..“ „Du,— das glaube ich wohl; aber mich ſoll der Teufel holen, wenn ich eine Frau möchte wie Dich..“ In den Augen Crao's zuckte ein unbemerklicher Blitz, aber er fuhr fort, ohne mit den Wimpern zu zucken: „Ach, Herr Marcel, wenn ich ſage: ich, ſo meine ich mein geiſtiges Ich, denn ich weiß wohl, daß ich körperlich häßlich und abſtoßend bin,“ ſetzte er traurig und demüthig hinzu. „Ich that Unrecht,“ ſagte Marecel,„ich that Unrecht, nimm mir's nicht übel;. aber ich bin ſo übellaunig..“ „Sie, Herr Marcel?“ „Ich will Dir ſagen, warum.. Ich möchte lieber eine 6 in jenen rothen Rock jagen, als in den Leib eines Hir⸗ 66 „Und ich ſagé Ihnen, daß das ſehr unrecht iſt und daß er weit mehr Urſache hätte, ſo über Sie zu denken..“ „Warum? Iſt er nicht glücklich? Iſt er nicht...“ Marcel ſchwieg. „Er iſt, er iſt.., denn ich errathe Ihre Gedanken und ich kann es Ihnen unter uns ſagen, er iſt der Liebhaber einer 52 Frau, die Sie lieben,— das iſt aber nicht wahr. Er iſt es nicht, ich ſchwöre es Ihnen zu..“ „Schweig, Crao, ſchweig,“ fiel Marcel heftig ein. „Noch mehr, ich ſage Ihnen ſogar, ich, daß es blos auf Sie ankommen würde..“ „Crao, ſpotte nicht,“ fuhr Marcel zornig auf. „Ich habe Beweiſe,“ fiel Crao ſchnell ein. „Beweiſe? Beweiſe?“ wiederholte Marcel, indem er ſich ſeiner ganzen Länge nach aufrichtete, den Zwerg an ſich zog und ihm gerade in das Geſicht ſah.„Beweiſe, Crao? Wieder⸗ hole ein ſolches Wort nicht, ohne Deine Beweiſe vorzulegen, oder ich ermorde Dich..“ „Zeigen kann ich ſie Ihnen nicht, aber nennen will ich ſie, Herr Marcel.. Laſſen Sie mich nur los.“ „Lügen!“ rief der Rieſe aus, der Crao von ſich ſtieß. „Lügen!“ wiederholte der Buckelige mit der Miene inniger Ueberzeugung;„Lügen! als wenn ich in den erſten Tagen Ihres Aufenthaltes im Schloſſe nicht zwanzigmal bemerkt hätte, wie ſie Ihnen nachſah; als wenn ſie Sie nicht immer gegen die Andern vertheidiget hätte, wenn dieſe über Sie ſpotteten; wenn ſie Sie nicht immer zuerſt in das Zimmer hineingerufen hätte!“ „Allerdings, Crao, im Anfange, aber nur um mich zu peinigen und auf meine Koſten zu lachen.“ „Sie lacht ohne Zweifel über Sie, Herr Marcel, jetzt viel⸗ leicht, weil ſie von Ihnen nicht verſtanden wurde. Sie lacht über Sie, weil Sie nicht begreifen, daß ein Mann wie Sie immer gefällt, und wäre es nur der Seltſamkeit wegen... Sie lacht über Sie, weil Sie nicht merken, daß ihr Georg ſie mit ſeinen Artigkeiten und Aufmerkſamkeiten langweilt. Was hat er auch, das gefallen könnte? Ein Mädchengeſicht, gelocktes Haar, fade, ſüßliche Redensarten, während Sie, Herr Mar⸗ cel, jene männliche kräftige Schönheit beſitzen, von welcher wir ſprachen. Wenn Sie ihr von Ihren Jagden in den Pyrenäen erzählten, wie Sie mir davon erzählen, würde ſie nicht müde werden, Sie anzuhören. Mir können Sie wohl glauben, denn was habe ich davon, der ich immer allein bin, gemieden, ver⸗ achtet, häßlich, abſtoßend, ſo weit entfernt von der Schönheit Georg's wie von der Ihrigen? Ich habe kein Intereſſe dabei, 33 Ihnen den Vorzug zu geben,— ich ſagte blos, was ich fühlte und was ich weiß..“ „Was Du weißt, Crao?“ wiederholte Marcel, diesmal blos mit zweifelnder Miene. „Bedenken Sie doch nur, Herr Marcel! Iſt es nicht wahr, daß ſie im Anfange Sie aufſuchte und aufforderte, in das Zim⸗ mer zu kommen, ſtatt im Walde zu bleiben?“ „Es iſt wahr.“ „Iſt es nicht auch wahr, daß ſie nachher kalt und zurück⸗ haltend gegen Sie wurde und nur ſelten mit Ihnen ſprach?“ „Auch das iſt wahr.“ „Und endlich, daß ſie jetzt ausſieht, als könnte ſie Sie nicht ausſtehen, da ſie Sie ſo viel als möglich vermeidet?“ „Auch das iſt wahr,“ ſagte Marcel mit einem Seußzer. „Nun, ſo iſt es klar, daß Sie ihr gefallen haben, daß ſie es Ihnen merken ließ, daß Sie es nicht merken wollten und daß ſie darüber aufgebracht iſt. Sie war ſo für Sie eingenommen, daß eines Tages.. Aber ich ſchweige,. Sie würden es wie⸗ der eine Lüge nennen.“ „Nein, nein, ſprich, Crao.“ „Nein, Sie glauben mir nicht.“ „Crao!“ „Nun, eines Tages erinnerte mich die Frau von Cerigny an die Furcht, in welche ich ſie eines Abends verſetzt habe, als ſie zum Balle gekommen ſei, und ſie ſagte zu mir— ich höre ſie noch—„armer Crao, es thut mir leid, Du wirſt Dich durch mein Benehmen verletzt gefühlt haben; aber Du weißt es ſelbſt, daß Du nicht ſchön biſt, daß Du den Wuchs des Herrn Mar⸗ cel nicht beſitzeſt..“ „Das hat ſie geſagt? Wirklich, Crao?“ „Noch viel mehr.“ „Schweig, denn Du wuürdeſt mich wahnſinnig machen!“ fiel Marcel ein, der ſofort hinausſtürzte. Crao ſah ihm wohlgefällig nach und rief blos aus:„Ach! ach!“ aber in ſo tiefem, rauhem Kehltone, daß man es für das Lachen einer Hyäne hätte halten können. Dann rieb er ſich die dürren gelblichen Hände und ſetzte hinzu:„Der buckelige Rigaudin in der Poſſe gefällt mir.. Ich werde es machen wie er und wo möglich noch beſſer.“ Die Cugaracha. I. Achtes Kapitel. Ich ſehe Dich wohl, Dich mit der rothen Mütze. Burke. Betrachtungen. M* lief in einem Striche bis in das dichteſte Dickicht. tte er ſich nieder, um nachzudenkenzüber das, was Crao ihm geſagt⸗hatte. Da er es aber in der Stellung nicht aus⸗ halten konnte, ſtand er auf und ging mit großen Schritten auf und ab, denn ſein Geiſt war gewaltig aufgeregt. Der Unglückliche dachte an alle Gelegenheiten, in denen er bei Hortenſen geweſen war, ſeine Erinnerung hielt ſie ihm mit wunderbarer Klarheit vor. Er erinnerte ſich des kleinſten Wortes, der geringfügigſten Geberden, des unbedeutendſten Blickes, und er überließ ſich bald einer thörichten Freude, bald verſank er in tiefe Trauer und ließ den Kopf hängen. Das Benehmen Hortenſe's gegen ihn war gleichwohl ganz natürlich geweſen. In dem Schloſſe Luſſan, wo man Marcel wie ein Kind behandelte, war es wegen ſeines Alters und Charakters ohne alle Bedeutung. Hortenſe hatte, wie Alle, die ihn nicht kannten, ihren Spaß mit ihm gehabt,— von weitem, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, wie etwa ein jun⸗ ges Mädchen ihren Spaß mit einem an der Kette liegenden Wolfe haben würde; bald aber war der Neugierde die Gleich⸗ giltigkeit, und dieſer beinahe Verachtung gefolgt, denn Hor⸗ tenſe, welche an das artigſte Benehmen und an die ſorgfältigſte Toilette der Herren gewöhnt war, mußte größern Widerwillen als irgend Jemand gegen einen rohen und groben jungen Mann fühlen. Eine minder leichtſinnige und frivole Frau hätte vielleicht den Wunſch gehegt, in einem ſo jugendlichen, ſo unerfahrenen Herzen zu leſen und ſtarke, unverſtellte Gefühle in demſelben erwachen zu ſehen; aber die Frauen dieſer Art ſind ſelten und Liebhaber, wie Marcel, das läßt ſich nicht läugnen, gewähren wenig Reiz; kurz Hortenſe war vielleicht gerade die Dame, welche die ſtärkſte Abneigung gegen Marcel fühlen mußte. Gleichwohl hatte Crao ihr Benehmen mit teufliſcher Bos⸗ heit ausgelegt, den Anflug von Reugierde, welche der unge⸗ 58 wöhnliche Charakter Marcel's einen Augenblick in Hortenſen her⸗ vorgerufen, als zärtliches Gefühl gedeutet und dem Unglück⸗ lichen bewieſen, daß die Gieichgiltigkeit und der Widerwille, die ſich ſpäter eingeſtellt, eigentlich nur Verdruß über die Verken⸗ nung ihres Entgegenkommens ſei. Die erſte Hoffnung geliebt zu werden, brachte Marcel völlig außer ſich; denn wenn er auch nicht geradezu glaubte, was der Buckelige ihm geſagt hatte, ſo konnte er doch die Thatſache nicht geradezu wegläugnen. Der boshafte Bucke⸗ lige hatte auch den größtmöglichen Vortheil aus der Schönheit Marcel's gezogen, als er eine Schilderung deſſelben entwarf. Die Eitelkeit, die Unkenntniß der Welt, die Wünſche, das unklare Gefühl der Ueberlegenheit, das er bisweilen empfand, brachten denn auch Marecel endlich, wenn auch nicht zu der Ueberzeugung, daß die Frau von Cerignyh ſich mit ihm beſchäf⸗ tige, ſo doch dahin, daß er eine ſolche Liebe für nicht unmög⸗ lich hielt. Bei einem Charakter wie der Marcel's war dies ſchon ein großer Schritt. Da er indeß noch immer mißtrauiſch war, ſo nahm er ſich vor zu warten und ein Geheimniß nicht eher mitzutheilen, bis er neue Beweiſe erlangt habe. Neuntes Kapitel.„ Der Menſch iſt nun einmal ſo, daß er endlich glaubt, er ſei ein Dumkopf, wie man es ihm immer ſagt. Pascal. Das Theater. Am Tage nach der Jagdpartie waren die Gäſte Luſſan's in einem reizenden Pavillon mitten in einem großen Teiche verſammelt und der majeſtätiſche grüne Vorhang, den die Baͤume des Parks bildeten, ſchnitt ſich ſchwarz auf dem Him⸗ mel ab, der noch von dem letzten Scheine der eben untergegan⸗ genen Sonne golden glühete. Es war lieblich, friſch und kühl. Die Jäger des Herrn von Luſſan blieſen in Walde auf Jagdhörnern und die herr⸗ lichen Töne wurden durch die Echos endlos wiederholt. 3* 56 „Wie reizend klingt ſo dieſes Stück aus Roſſini's Tell!“ ſagte Georg, indem er ſein Eis hinſtellte, um aufmerkſamer zu⸗ zuhoren. „Wir verdanken dieſen herrlichen Einfall, alle Abend im Walde Muſik erſchallen zu laſſen, den Herrn von Cerigny,“ ſagte die Frau von Lufſan. „Er hat immer ſo ſchöne J teen, Pe Hortenſe ein. „Ich habe auch eine Idee,“ ſprach Georg dazwiſchen,„die ſo ſchön ſein dürfte, wie die des Herrn von Cerigny.“ „Das iſt Anmaßung, Herr von Verneuil!“ ſagte Hor⸗ tenſe. „Laſſen Sie hören,“ ſprach Herr von Cerigny;„laſſen Sie Ihre Idee hören; ich weiche nicht ohne Kampf.“ „Sie haben hier, gnädige Frau,“ ſagte Georg zu der Frau von Luſſan,„ein vortreffliches Theater, und es iſt entſetzlich, daß es noch Niemanden, nicht einmal dem Herrn von Cerigny, eingefallen iſt, Comödie zu ſpielen. 4 „Bravo! Bravo! Ein prächtiger Einfall!“ wiederholte man im Chor;„köſtlich, viel beſſer als die Waldhörner Cerigny's.— Wann ſpielen wir? Was ſpielen wir? Eine Oper? Ein ernſtes Stück? Ein Luſtſpiel?— Aber die Anzüge!?“ So ſprach man auf allen Seiten zuſtimmend und fragend. „Es ſteht feſt, daß wir ein Stück aufführen,“ ſagte die Frau von Luſſan.„Crao ſchreibt die Rollen aus und macht den Suufleur, meine Geſellſchafterin ſetzt ſich an das Piano, der Verwalter ſpielt Violine, der Haushofmeiſter Flöte und einer unſerer Leute, der das Waldhorn gut bläſet, vervollſtän⸗ diget das Orcheſter. Es wird allerliebſt!“ „Aber was führen wir auf?“ fragte Herr von Merſac. „Hernani!“ „Ja, das iſt etwas Romantiſches.“ „Hoc turpissimum est,“ fiel der Sohn des Herrn von Merſac ein, ein Gymnaſiaſt von ſechszehn Jahren, der nicht zehn Worte ſagen konnte, ohne lateiniſche Brocken einzumi⸗ ſchen— d. h. in den Ferien. In der Schule war ihm das Latein verhaßt. „Wie, Sie ſprechen ſchon wieder Ihr abſcheuliches Latein, Julius!“ unterbrach ihn die Frau von Alby, welche der Mut⸗ ter des jungen Mannes verſprochen hatte, ihm keine Unart un⸗ geahndet hingehen zu laſſen. „Wir werden nicht zahlreich genug ſein,“ warf Herr von Albh ein. „Morgen kommen ja die Nachbarn zum Beſuche! Beden⸗ ken Sie, welche Verſtärkung wir da bekommen!“ fiel die Frau von Luſſan ein.„Indeſſen Hernani dürfte, für den Anfang wenigſtens, nicht leichk ſein.“ „Und dann iſt das Stück wirklich romantiſch,“ entgegnete die Frau von Alby, welche die Anſichten des Gymnaſiaſten zu theilen ſchien. „Warum nicht lieber gleich den Goethe'ſchen Fauſt!“ meinte Herr von Merſac. „Sie wollen ſpotten,“ ſagte Herr von Cerigny,„ich habe wirklich daran gedacht.“ „Nun, pikant wäre es allerdings,“ erwiederte die Frau von Luſſan.„Wollen wir einen Verſuch machen?“ „Langweilig würde es doch ſein,“ meinte Einer. „Vielleicht lieber„Athalie“?“ ſchlug ein Anderer vor. „Das würde ich vorziehen. „Aber welche Verſe!“ „Gvethe iſt ein Narr.“ „Und Racine ſo kalt!“ Der unſelige literariſche Streit würde noch weiter fortge⸗ ſetzt worden ſein, wenn die Frau von Luſſan nicht die Bemer⸗ kung dazwiſchen geworfen hätte, daß es doch ſehr kühl zu wer⸗ den anfange. Die Beſprechung wurde freilich nicht ganz ab⸗ gebrochen. Man beſtieg das Boot und kam in dem Salon des Schloſſes an, ohne daß man ſich für etwas entſchieden hatte. Beſchloſſen war nur, daß man etwas aufführen wolle. Aber was? „Haben wir vor allen Dingen Theaterſtücke hier?“ fragte Herr von Cerigny die Frau von Luſſan. „Ich glaube es.. Wir wollen Crao fragen laſſen, wel⸗ cher die Bibliothek unter ſich hat.“ „Wenn Stücke da ſind, würde es ſehr gut ſein; wir brauch⸗ ten dann nicht erſt nach Paris zu ſchreiben und auf die Ant⸗ wort zu warten. Wir gewönnen wenigſtens acht Tage. Die Anfertigung der Anzüge, das Einſtudiren der Rollen wird Zeit koſten.“ „Allerdings,“ wiederholten Alle mit der Ungeduld glü 58 cher Menſchen, die, ſobald ſie über ein Vergnügen einig gewor⸗ den ſind, Alles in der Welt darum gäben, wenn ſie es augen⸗ blicklich genießen könnten. „Die Sache iſt ſehr einfach,“ ſagte Georg,„ich werde Crao in die Bibliothek rufen und mir genau angeben laſſen, Als Georg in der Bibliothek erſchien, fand er Crao da, der ihn ehrerbietig begrüßte und ſagte: „Ich ſtehe dem Herrn Grafen zu Befehl.“ „Sagen Sie mir, Crao, wir wollen Comödie ſpielen, ha⸗ ben Sie Theaterſtücke hier?“ „Ich glaube nicht, Herr Graf, doch will ich in dem Cata⸗ log nachſehen.“ Er blätterte darin und ſagte dann:„Herr Graf, wir haben nur ein Bühnenſtück, und zwar eine Ueber⸗ ſetzung Shakeſpeares.“ „Das iſt Alles?“ „Alles, Herr Graf.. Doch ich vergaß, ich ſelbſt beſitze ein Luſtſpiel, mein Lieblingsſtück..“ „Welches iſt dies?“ „Das Haus in der Loterie“, Herr Graf.“(Im Deutſchen „Nr. 777.0). „Nun, Sie verrathen da wenigſtens keine Eitelkeit.“ „Die Rolle Rigaudin's(Pfeffer) hat mir immer ſehr ge⸗ fallen.“ „Es iſt eine häßliche Rolle.“ „Aber ſpaßhaft, Herr Graf; für einen Beobachter..“ „Und was beobachtet Herr Crao?“ fragte Georg, dem die Unterhaltung Spaß machte. „O vielerlei, eines z. B., was den Herrn Grafen auch amüſiren würde, wenn er es wüßte.“ „So laſſen Sie hören.“ „Aber ich empfehle Ihnen Schweigen an, Herr Graf.“ „Sprechen Sie, Crav.“ „Herr Marcel von Launay iſt ſeit einiger Zeit ſeltſam zer⸗ ſtreut und...“ „Wer? Unſer Nimrod? Unſer Bär? Was thut er? Hält er einen Eber für einen Wolf?“ „Das wäre er wohl im Stande, Herr Grafz denn bei den Verliebten iſt nichts unmöglich.“ „Mareel iſt verliebt! Wenn Sie mir dies beweiſen kön⸗ 59 nen, Herr Crao, ſollte es Ihr Schade nicht ſein. Das würde uns Unterhaltung geben! Laſſen Sie hören, ſprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Ich wage es nicht, Herr Graf.“ „Crao, ich verlange es.“ „Der Herr Graf werden ſich entſetzen.“ 3„Keinesweges! Was geht es mich an? Reden Sie! Reden Si „Nun, wenn der Herr Graf es verlangt, ſo kann ich ver⸗ ſichern, daß Marcel verliebt iſt, verliebt in..“ „Nun, in wen?“ „In die Frau Marquiſe von Cerigny.“ Georg brach in ein ſo tolles, ſo lautes, ſo langes Geläch⸗ ter aus, daß Crao darüber erſchrak, und ohne weiter nach Theaterſtücken zu fragen, eilte der junge Herr wie beſeſſen zu der Geſellſchaft im Salon zurück. „Er lacht.. ſehr gut..,“ dachte Crao bei ſich. Dann ſtellte er den Catalog wieder an ſeinen Platz, löſchte das Licht aus, ſchlich im Finſtern fort und horchte an einer kleinen Thüre, welche mit dem Saale in Verbindung ſtand, in welchem die Geſellſchaft verſammelt war. Er legte das Ohr an die Thüre, hielt den Athem an ſich und horchte. „Nicht möglich!“ ſagte Hortenſe laut lachend. „Doch iſt es ſo,“ entgegnete Georg. „Liebe Frau, dieſe Eroberung könnte mich eiferſüchtig ma⸗ chen,“ ſetzte Cerigny mit erzwungenem Ernſt hinzu. „Der arme Marcel wird ſehr ſpaßhaft werden,“ meinte die Frau von Luſſan,„und wir könnten vielen Spaß haben, wenn Hortenſe ihn ein wenig ermuthigen wollte.“ „Nein, er iſt zu häßlich, er ſieht ſo roh aus, und ich fürchte mich vor ihm.“ „Närrin!“ entgegnete die Frau von Luſſan.„Marcel iſt ein Verwandter von mir, faſt noch ein Knabe, ein unbedeu⸗ tender junger Menſch.. Sie könnten ihn uns herbringen und durch Ihren Einfluß ihn vermögen, die närriſcheſten Dinge zu machen.. Die Abende fangen an lang zu werden, Hortenſe; wenn er mich mit ſeinem Geſchmack beehrt hätte, ich würde mit gutem Beiſpiele vorangehen.“ „„Nun, Sie wünſchen es, es macht Ihnen vielleicht Spaß— 40 ſo ſei es denn, aber ich opfere mich auf,“ ſagte die Frau von Cerigny, die ſo dringenden Bitten nicht widerſtehen konnte. Als Crao darauf ein leichtes Geräuſch hörte, entfernte er ſich ſchnell und auf dem Wege nach ſeinem Thurme ſagte er bei ſich:„es nimmt einen vortrefflichen Gang.. Es wird viel zu lachen geben.“ Zehntes Kapitel. Gedenkſt Du nicht des Tages, an welchem Du mir ſagteſt: ich werde Dir als Pfand meiner Liebe einen Ring ſenden?— Ich habe vergebens auf dieſen Ring gewartet und warte noch auf ihn. Vielleicht haſt Du mich vergeſſen und meinſt, für eine vergangene Liebe bedürfe es keines Pfandes! Jehan Pol. Die erſte Liebe. Acht Tage nach dieſer Verſchwörung war Marcel ſo ver⸗ ändert, daß man ihn kaum wieder ekennen konnte.— Früher war er häßlich geweſen, aber ſein ganzes Weſen hatte wenig⸗ ſtens von dieſer Häßlichkeit nicht abgeſtochen, ja es hatte ſogar in ihm etwas Rohes, Originelles gelegen, dem es wenigſtens nicht an Kraft und Charakter fehlte. Seit aber Hortenſe, den thörichten Wünſchen ihrer Freunde zufolge, Marcel einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken und ſeine Liebe zu begünſtigen ſſchien, hatte der Unglückliche, weil er glaubte, die Hoffnungen gingen in Erfüllung, welche Crao in ihm geweckt, und weil er auf den tückiſchen Rath des Bucke⸗ ligen hörte, ſeinen Jagdanzug, den er ſonſt nicht ablegte und in dem er ſich wenigſtens frei und zwanglos bewegte, Hortenſen zu Gefallen mit modiſchen Kleidungsſtücken vertauſcht, die ihn im höchſten Grade beengten; er hatte ſich friſiren laſſen und ſei⸗ nen Hals in eine große ſteife Cravate gezwängt, und man konnte nun nichts Seltſameres und Lächerliches ſehen als ihn⸗ Auch lachte man in dem Schloſſe mehr, als man ſeit langer Zeit gelacht hatte; ſelbſt Hortenſe fand Vergnügen daran und erfreute ſich ſo endlich an den Früchten ihrer Aufopferung, wie ſie es nannte. 41 Das war aber noch gar nichts. Man hätte Marcel bei den Spielen, Sprichwörtern u. dgl. hören und ſehen müſſen, welche ſoviel geiſtige Beweglichkeit als körperliche Gewandtheit erforderten; man hätte den ſchwerfälligen, linkiſchen, verlegenen Marcel ſehen ſollen, wie er ſich bemühte, liebenswürdig zu er⸗ ſcheinen und doch kein paſſendes Wort ſagen oder antworten konnte, wie er glücklich und entzückt war und doch von der An⸗ züglichkeit der Bemerkungen nichts verſtand, mit denen man ihn überſchüttete,— weil Hortenſe ihn bisweilen anſah und, mit unterdrücktem Lachen, zu ihm ſagte:„Sehen Sie, Herr Marcel, wie liebenswürdig Sie ſind. Fahren Sie nur fort..“ Wie hätte ſich Marcel nicht für ſchön, für ganz beſonders verführeriſch halten ſollen! Georg benahm ſich kalt und mür⸗ riſch gegen ihn, wie ein verdrängter Nebenbuhler. Die Frau von Luſſan machte ihm Complimente über ſeine Fortſchritte. Der Gymnaſiaſt conjugirte ihm amo vor und der Buckelige, der ihm boshaft jedes Lächeln Hortenſe's deutete, bemühte ſich vorzugsweiſe, den Unglücklichen in der Täuſchung zu erhalten. Armer Marcel! Wie glücklich war er, wie tief verachtete er den ehemaligen Marcel, den rohen Marcel, den wilden Jä⸗ ger, dem nichts gefiel als Flintenſchüſſe und die Waldeinſam⸗ keit!— Nur ein Gedanke beunruhigte ihn noch. Wie ſollte er in die Pyrenäen zurückkehren, die er ſonſt ſo ſehr liebte? in das alte Schloß, an welches ſich ſo viele Erinnerungen aus ſeiner Kindheit knüpften? Wie öde und traurig würden ihm nun jene Berge vorkommen, in denen er jeden Fußpfad kannte! Noch einmal, wie ſollte er es dort aushalten?— Indeß dieſer Ge⸗ danke regte ſich nicht oft in ihm; er dachte, wie Alle, welche ſich eben eines unverhofften Glückes erfreuen, nur an die Ge⸗ genwart, gab ſich ganz ſeiner Liebe hin und mied ſo viel als möglich jeden Gedanken, der ſeine Zukunft verdüſtern konnte. Für einen Beobachter mußte dieſer junge Mann mit dem tiefen Gefühle, mit ungeſchlachtem Körper und ſtolzem Cha⸗ rakter mitten in dieſer ſorgloſen und leichtſinnigen Geſellſchaft, die über ihn lachte, ein merkwürdiges Schauſpiel ſein. Die Geſellſchaft lachte über ihn, denn dieſe glücklichen, oberflächlichen Menſchen, die in ihrem Leben keine ſtarke Leidenſchaft empfun⸗ den hatten, konnten ſich auch keine Vorſtellung von einer ſolchen bei einem Andern machen. Sie dachten nicht an die ſchreckliche Zukunft, die ſie ſpielend über den thatträftigen Mann und die 42 ſo leichtſinnige, ſo lebensluſtige ſchöne Frau heraufführten; ſie bedachten nicht, daß das, was für ſie ein Poſſenſpiel bildete, für den Unglücklichen, den ſie täuſchten, wirkliches Leben war, denn der Unglückliche liebte mit aller Hingebung und allem Vertrauen eines beſchränkten Geiſtes. Hortenſe ſelbſt hatte keinen Augenblick daran gedacht, daß ſie ſich grauſam benehme. Der despotiſche Einfluß, den ſie auf den noch eben ſo ſcheuen Mann ausübte, ſchmeichelte ihrer weiblichen Eitelkeit; ſie dachte nicht daran, daß es einmal ein Ende nehmen müſſe, daß Marcel zum erſten Male, inſtinctmäßig, liebte, daß die Liebe, welche ſie in ſeinem Herzen geweckt, nun unverlöſchlich ſein mußte und daß ſie einſt, vielleicht in Entſetzen über die Entwickelung jener Liebe in einer ſo jugendlichen, ſo warmen Seele, zu ihm würde ſagen müſſenz es war nur Scherz, Mar⸗ cel, das Spiel einer muthwilligen Frau, die ſich einen Augen blick an einem gezähmten Bäre ergötzen wollte. Sie haben uns Spaß gemacht, Marcel, und wir wollen nun aufhören, damit der Scherz nicht Ernſt werde. Sie waren ſehr drollig, Marcel, und das kann nicht jeder ſein.“ 1 Und was wird Marcel dann thun?— der arme junge Mann, der die ihm ſo lieb gewordene Lebensweiſe, ſeine Nei⸗. gungen, ſeine einzige Leidenſchaft aufgegeben hatte, der, ſtatt eine entſtehende Neigung zu erſticken, dieſelbe groß wachſen ließ, weil man ihm zuflüſterte: hoffe!— der ſich an das wonnige Leben eines geliebten Liebenden gewöhnte, der nun zu wiſſen glaubt, was ein Blick, ein Lächeln bedeutet, wie heiß die Luft iſt, die man neben einer Geliebten athmet? Er wird alles dies vergeſſen müſſen, weil es nur Spott war— wie man ihm ſagen wird. Ein Spott! verſtehen Sie! Ein Spott! Man liebte ihn nicht nur nicht, man bediente ſich ſeiner als Spiel⸗ zeug, als Zeitvertreib. 3 Was wird er thun? Ein geiſtreicher Mann würde ſchwei⸗ gen oder mit teufliſcher Artigkeit, mit ausgeſuchter Grauſamkeit ſich rächen können, aber Marcel iſt kein geiſtreicher Mann.. Wenn er wüthend wird, wenn er ſich rächen will, werden ſeine Wuth und ſeine Rache ſein wie er, wild und roh. Ich weiß wirklich nicht, was aus Allem dem werden wird, aber Gott iſt groß und die Zukunft iſt verſchleiert, —— — ſprechen die Orientalen und ſo ſollten auch die Dichter, vor allem aber die Leſer, ſagen. Elftes Kapitel⸗ Wenn ich fern von Dir ſein werde, beruhige mich durch einen Brief, Julie.— — Was würdeſt Du meinen, Saint Preur, wenn ich Dir ſagte, ein Brief könnte mich in Verlegenheit bringen? — Du kannſt mir das nicht ſagen, Geliebte; dadurch, daß Du mich erwählteſt, haſt Du mich für Deiner würdig, für einen Mann von Ehre erklärt.— — Wenn ich aber dabei verharrte, Saint Preur? — Ich würde glauben, Du liebteſt mich nicht mehr, Zulie, wenn eine ſo unbedeutende Veſorgniß ſtärker wäre als Deine Liebe zu mir. — Nein, nein, ich werde Dir ſchreiben; was iſt ein Brief jetzt im Vergleich mit dem, was ich Dir gegeben habe? Rouſſeau,„Nenue Heloviſe.“ Die Unterredung. Der Plan, ein Stück aufzuführen, war nicht aufgegeben, denn, wie Georg nachwies, dieſes neue Vergnügen ſchien Marcel unter einem neuen Geſichtspunkte zeigen zu müſſen. Man hatte Shakespeare's Othello gewählt, in der Ab⸗ ſicht, Marcel zu vermögen, die Rolle des Mohren zu überneh⸗ men. Man wollte ganz ernſtliche Proben halten bis zum Tage der Aufführung und erſt an dieſem die Scherze hinzufü⸗ gen, welche das Spiel und das Geſicht Marcel's unfehlbar herbeiführen mußten, der bei dieſer improviſirten Poſſe allein der Gefoppte ſein ſollte. Wie gezähmt Marcel auch zu ſein ſchien, ſo hielt man es doch faſt für unmöglich, ihn zur Theilnahme an der Aufführung zu bewegen. Hortenſe übernahm es, die Unterhandlungen zu führen. Man reizte ihre Eitelkeit und ſie dachte an nichts it als wie ſie die wohlbekannte Hartnäckigkeit Marcel's eſiege. geines Abends nahm Hortenſe, nachdem ſie alle Minen der Koketterie gegen Marcel hatte ſpringen laſſen, plötzlich eine kalte Miene an und nöthigte dadurch den armen jungen 44 Mann, aus dem Zimmer hinauszugehen und in der Einſamkeit des Parks die Veränderlichkeit des weiblichen Herzens zu be⸗ klagen. Das wollte man. Georg ging Marcel von weitem nach und meldete nach einiger Zeit, er ſei mit ſeinem Menſchenhaß nach einem Akazien⸗ wäldchen hingegangen. Dahin begab ſich alſo die Frau von Cerigny mit ihrem Manne und der Frau von Luſſan.— „Verlaſſen Sie mich wenigſtens nicht,“ ſagte Hortenſe zu ihrer Freundin;„bleiben Sie in der Nähe.. Ich fürchte mich wirk⸗ lich, mit ihm allein zu ſein.“ „Wir werden Sie bewachen,“ antwortete man ihr und man ging nach dem Akazienwäldchen zu, wo ſie wirklich Marcel trafen, den die plötzliche Kälte Hortenſe's ganz traurig und unglücklich gemacht hatte. „Ach, Sie ſind es, Marcel!“ redete ihn die Frau von Luſſan an.„So ganz allein? Fliehen Sie die Geſellſchaft ſchon? Und Sie fingen an, ſich ſo hübſch zu beſſern! Kommen Sie, lieber Einſiedler, bieten Sie der Frau von Cerigny den Arm und machen Sie mit uns in der Abendkühle einen Spa⸗ ziergang durch den Park.“ „Es würde mir aber ſehr leid thun, wenn ich den Herrn von Launay in ſeinen Gedanken ſtörte,“ ſetzte Hortenſe hinzu. Marcel war ſogleich zu ihr getreten und hatte ihr ſeinen Arm geboten; aber er ſagte kein Wort; die Zunge war ihm an den Gaumen wie angeklebt. Man trat aus dem Wäldchen heraus und ging nach einer großen langen Lindenallee hin. Herr von Cetigny und Frau von Luſſan beſchleunigten ihre Schritte und Hortenſe blieb mit Marcel ziemlich weit hinter ihnen zurück. Das Herz Marcel's klopfte, als wollte es die Bruſt zer⸗ ſchlagen. Zum erſten Male ruhte der Arm Hortenſe's auf dem ſeinigen,— es war Abend— er war faſt allein mit ihr; er fühlte ſich des halb auch zu glücklich, als daß er hätte ſprechen können, und er ſeufzte nur bisweilen tief. „Ich bin wahrhaftig unartig geweſen, Herr von Launay,“ ſagte Hortenſe,„daß ich Ihren Arm annahm.“ „Ach nein,“ antwortete Marcel. „Mein Gott, wie dumm!“ dachte Hortenſe; da er aber nach den zwei Worten wieder ſchwieg, opferte ſie ſich nochmals auf und ſetzte hinzu: 1 „Warum fangen Sie von neuem an, Herr Marcel, die Einſamkeit aufzuſuchen? Seit einiger Zeit erſchienen Sie im Salon, man ſah Sie öfterer, Sie hatten ſich wie umgewandelt und man war Ihnen dankbar dafür..“ Marcel glaubte hier zu fühlen, daß die Hand Hortenſe's ſich mehr auf ſeinen Arm ſtütze. Er überwand ſeine Schuͤch⸗ ternheit und wagte zu ſagen: „O wie glucklich waͤre ich, wenn man es wirklich bemerkt hätte!“ „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß es bemerkt worden iſt, Herr Marcel, und daß man ſogar, wenn man es wagte, von Ihrer— Freundſchaft noch mehr verlangen würde.“ „O ſprechen Sie, gnädige Frau, ſprechen Sie!“ fiel Marcel raſch ein. „Sie werden es nicht wollen.“ „Ich verſpreche es Ihnen im Voraus.“ „Nein, nur wenn Sie es aus freiem Willen thun, ich ver⸗ lange es nicht, wenn ich es auch vielleicht— wünſche,“ ſetzte Hortenſe wie verſchämt hinzu. „Sprechen Sie es aus.“ „Nun, Herr Marcel, wenn Sie ganz liebenswürdig ſein wollten, möchte ich Sie wohl bitten..“ „Nein, ſagen Sie, würde ich verlangen,“ unterbrach ſie Marcel. „So würde ich wünſchen, daß Sie in dem Stücke, das wir aufführen wollen, eine Rolle übernähmen, die Rolle Othello's.“ „Ich! Ich! Sie ſcherzen, gnädige Frau,. Sie verlan⸗ gen. Wahrhaftig, was Sie da verlangen, iſt unmöglich.. Ich würde es nicht im Stande ſein, nicht wagen..“ „Ich verlange nichts,“ antwortete Hortenſe kalt.„Es thut mir leid, daß es Ihnen nicht zuſagt, weiter nichts.“ „Gnädige Frau..“ „Nein, Herr Marcel,.. Sie werden mich ſogar verpflich⸗ ten, wenn Sie Niemanden etwas davon ſagen wollten. Da ich ſelbſt die Desdemona ſpiele, die faſt immer zugleich mit Othello auf der Bühne iſt, ſo— war es ein Einfall von mir, den ich vielleicht nicht einmal rechtfertigen kann, dieſe Bitte an Sie zu richten. Noch einmal, Herr von Launay, ich würde 46 Ihnen ſehr dankbar ſein, wenn Sie Niemandem etwas davon ſagen wollten..“ Marcel ſchwieg einige Augenblicke.. Tauſend verſchiedene Gedanken ſchienen ihn zu beſtürmen. Endlich antwortete er der Frau von Cerigny:„Sie werden nie ermeſſen können, wie ſchwer mir das Verſprechen wird, das ich Ihnen gebe ich werde ſpielen.“ Es lag in dieſen Worten:„ich werde ſpielen“ ein ſo wah⸗ rer, ſo tief empfundener Ausdruck, eine ſo auftichtige Aufopfe⸗ rung und Selbſtverläugnung, daß Hortenſe einen Augenblick Mitleid fühlte mit dem Armen, den man ſo grauſam quälen wollte. Bald aber bedachte ſie, daß er doch eigentlich ſo un⸗ glücklich nicht ſei, wenn er ſich für geliebt halte und daß dieſe liebliche Täuſchung ihn für den Schmerz entſchädige, den er empfinden würde, wenn man ihm ſagte, daß es nur eine Lüge geweſen ſei. Sie fuhr alſo fort: „Wie liebenswürdig Sie ſind, Herr Marcel! Sie können nicht glauben, wie ſehr Sie mich erfreuen.. Es bleibt alſo da⸗ bei? Aber bedenken Sie, daß wir nach acht Tagen ſpielen müſſen und daß alle Tage Proben, vielleicht gar zwei gehalten werden und daß Sie dabei ſein müſſen.“ „Ich habe es Ihnen verſprochen, gnädige Frau.“ „Und ich danke Ihnen dafür, Marcel,“ entgegnete Hor⸗ tenſe, indem ſie ihm den Arm leicht drückte. Dann ging ſie ſchneller, um ihren Mann und die Frau von Luſſan einzu⸗ holen. „Liebe Emma,“ ſagte ſie zu der Letztern,„ich glaube, Herr von Launay würde den Othello ganz vortrefflich ſpielen. „Ohne Zweifel,— aber er iſt zu blöde, er wird es nicht thun wollen..“ Ich bitte um Entſchuldigung, liebe Couſine, ich ſtehe, ——— — Ihnen zu Befehl,“ erwiederte Marcel. „Wahrhaftig? Das iſt herrlich. Sie werden vortrefflich ſein,“ ſagte die Frau von Luſſan.„ „Das haſt Du bewirkt, liebe Frau,“ ſagte Cerignh leiſe zu Hortenſe, die, ſtolz auf ihren Sieg, entſchlüpfte, raſch die Stufen zu dem Salon hinaufging, in welchem die übrige Geſellſchaft verſammelt war, ſich in einen Stuhl warf und ſagte: ————— 47 „Er wird ſpielen.“ „So ſei uns Gott gnädig! Wir werden uns krank lachen,“ meinte Georg.. Risum teneatis!“ ſetzte der Gymnaſiaſt hinzu. Zwoͤlftes Kapitel. — O, Grimm, ſich für geliebt halten! — Sich geliebt ſehen, Diderot! — Das Gefühl— das Herz— die Seele! Was kann man dem vorziehen, Grimm? — Die Augen, den Mund, den Buſen, Diderot! — Materialiſt! — Spiritualiſt! Herr Diderot, Grimm hatte doch Recht, — Das wahrſte an der Liebe ſind die Liebesbeweiſe. Encyclopädiſche Geſprache. Der ehineſiſche Tempel. Es giebt ein Alter,— nicht ein Alter des Körpers, wenn man ſich ſo ausdrücken kann, ſondern ein Alter des Herzens, denn wenn der Körper dreißig Jahre zählt, zählt das Herz oft ſchon ſechzig—, es giebt ein Alter, in welchem der Angen⸗ blick des Alleinſeins mit der Geliebten unſer ganzes Weſen in Aufruhr bringt.. In dem Worte liegt ein unbeſchreibliches ſüßes, wonniges Bangen und die Seele entfaltet ſich, ſobald man die kommen ſieht, welche man erſehnt, leicht, verſtohlen, hoch erröthend, an allen Gliedern zitternd, und wenn ſie ſagt: „Ach Gott, wenn Du wüßteſt, wie ich mich geängſtiget habe! — Meine Mutter ging ganz dicht an mir vorüber,— zum Glück hat ſie mich nicht geſehen,— fühl' einmal, wie mir das Herz klopft vor Angſt.“—„Und fühle Du, mein Engel, wie das meine klopft von Hoffnung und Liebe.“ Dann ſüße Schauer,— endloſe Küſſe, entflammendes Glück, wonniges Erſchrecken denn man kann jeden Augen⸗ blick überraſcht werden. Dann ſcheidet man, um mit derſelben Seelentrunkenheit einander bald wiederzuſehen. O du glückliche Zeit!— Denn ſpäter iſt man unter denſelben Umſtänden kalt, man wird ungeduldig über ein längeres Ausbleiben; nur der 48 Blick auf die Uhr ſagt, daß die Zeit vergeht, denn das Herz klopft nicht mehr bei jeder Minute, die vergeht, mit bängern Schlägen. So lag denn auch Georg an dem Tage der Aufführung Othello's auf dem Divan in einem kleinen kühlen, dunkeln, traulichen, verſchwiegenen chineſiſchen Tempel am Ende des Parks, an der verſteckteſten Stelle,— ſchlief halb und dachte von Zeit zu Zeit:„aber warum läßt ſie mich ſo lange warten? Ich bin ſo ſchon eine halbe Stunde ſpäter gekommen.“ Endlich wurde die erſte Thüre des Tempels ſchüchtern ge⸗ öffnet und man hörte den Riegel ſchallen; dann wurde eine zweite, eine dritte Thüre verſchloſſen und— Hortenſe war bei Georg. Pieleicht war ſie nie ſchöner geweſen; der lange Gang hatte ihre immer etwas bleichen Wangen leicht geröthetz ihr Organdi-Kleid war blendend weiß und friſch, und der kleine mit Atlas gefütterte Strohhut umfaßte lieblich ihr ſchönes brau⸗ nes Haar. Nachdem ſie den Sonnenſchirm hingeſtellt und die langen Bänder ihres Hutes aufgebunden hatte, welchen Georg bedächtig auf einen Stuhl legte, zog die junge Frau die Hand⸗ ſchuhe ab, dann ſtrich ſie mit den kleinen fleiſchigen Händen über den glatten Scheitel ihres Haares und reichte endlich Georg die Hand, die er küßte. „Wie ſpät Du kommſt, Hortenſe!“ ſagte leiſe der junge Mann, indem er ſie auf das Sopha zog. „Ach Gott, Georg, es war nicht meine Schuld. Es war eben eine Sendung neuer Moden aus Paris angekommen und wenn Du nicht geweſen wäreſt..“ „Würdeſt Du ſie gemuſtert haben..“ „Das habe ich ſchon gethan, aber ich hätte gern einen Canezou und eine reizende Pelerine anverſucht.. Doch, was opferte ich Dir nicht auf, Du Undankbarer!. Ich eilte alſo raſch hierher und traf da auf dein Wege den Sohn des Hermn von Merſac, den unausſtehlichen Gymnaſiaſten.. Er iſt überall und ich konnte ihn erſt nach einer Viertelſtunde wieder loswer⸗ den. Aber da bin ich endlich,“ ſagte ſie, indem ſie den Kopf Georg's mit beiden Händen faßte und ſein Haar küßte. Georg chlang dann ſeine Arme um die zierliche Taille, die ein Arm⸗ 5 band hätte umfaſſen können, und zog ſie neben ſich. „O wie tühl— wie lieblich dunkel!“ ſagte ſie, indem ſie 49 ſich auf die eine Seite des Divans aufſtützte. Zugleich ſtreckte ſie ihre hübſchen Füße aus und legte ſie über einander.. Die Füßchen, klein wie Kinderfüßchen, waren mit niedlichen Stie⸗ felchen bekleidet, deren violetter Glanz von dem matten Weiß des ſeidenen Strumpfes abſtach. „Ach wie liebe ich dieſes trauliche Dunkel, meine Hortenſe! Es iſt als wäre man mehr allein, nicht wahr? Und das Allein⸗ ſein mit Dir— iſt das Glück,“ ſagte Georg, indem er den Arm Hortenſe's nahm und ſich denſelben um den Nacken legte. Da berührte ſeine Wange die Wange Hortenſe's und ſein Kinn ſtützte ſich auf die halbentblößte Schulter. Hortenſe drehete den Kopf ein wenig herum, ſtrich mit der Hand durch das Haar Georgs, ließ die braunen Locken zuſam⸗ menlaufen und ſcheitelte ſie auf der Stirn des Geliebten. „O wie liebe ich Dich ſo, Georg! Wie ſchön Dir das Haar ſo ſteht! Und wie weich es iſt! O, Dein Haar iſt meine Wonne!“ Und ſie küßte es feurig. „Meine Wonne,“ ſagte Georg, indem er die Küſſe mit Zinſen zurückgab,„meine Wonne iſt der ſchöne Mund da mit den Perlenzähnen, und das Grübchen im Kinn und der rei⸗ zende Buſen..“ Und er küßte alle dieſe Reize feueriger und immer feueri⸗ ger, ſo daß Hortenſe einen ſüßen Schauer über den ganzen Körper fühlte. „Georg...“ „Hortenſe!..“ „Ach Gott!— Georg!. Ich hörte Geräuſch! Horch!“ ſagte Hortenſe plötzlich. Georg horchte. Sie hörten nichts mehr. „Es war mir aber doch,“ ſagte Hortenſe,„als hätte ich da an der Thüre des unterirdiſchen Ganges etwas gehört.“ „Das iſt nicht möglich, Hortenſe; ich habe den Schlüſſel; hier iſt er.. Ich bin durch dieſen Gang gekommen.“ „Du beruhigſt mich, lieber Georg,“ ſagte Hortenſe. Der chineſiſche Tempel hatte zwei Eingänge, einen von dem Park aus und durch dieſen war Hortenſe gekommen, einen Die Cucaracha. I. 50 andern durch einen unterirdiſchen Gang, der zu einer ziemlich entfernten Grotte führte. Georg hatte wirklich den Schlüſſel zu der Thüre dieſes Ganges in den Tempel, aber der Eingang in der Grotte war offen geblieben, und Crao, der die beiden Liebenden ſchon längſt beobachtete, endlich dieſes Rendezvous ausgekundſchaftet hatte und Marcel enttäuſchen wollte, wie er ſich ausdrückte, hatte den Unglücklichen an dieſe Thüre geführt, damit er da lauſche und— vielleicht etwas für ſeine Liebe Intereſſantes höre. Während dieſer Scene war alſo Marcel an der Thüre und ſah vielleicht.. „Ich kann mich noch immer nicht von meinem Schrecken erholen,“ ſagte Hortenſe. „Du biſt ſehr furchtſam,“ entgegnete Georg, indem er mit den langen Ohrglocken Hortenſe's ſpielte,„ja, ſehr furchtſam,.. wahrſcheinlich haſt Du Beine Rolle als Desdemona noch nicht ganz vergeſſen; aber nein, Du ſtellſt Dich gewiß nur furchtſam, weil Du weißt, daß Du ſo noch viel reizender ausſiehſt,. aus Koketterie alſo!“ „Ach, immer das abſcheuliche Wort!“ „Es iſt freilich häßlich,— häßlich wie die Wahrheit, Hor⸗ tenſe.“ „Kannſt Du mir wirklich dieſen Vorwurf machen? Laß hören; wann bin ich kokett geweſen?“ „In den Proben des Othello.“ „Mit meinem Manne vielleicht? oder mit dem Herrn von Merſack oder mit dem eleganten Alby, dem ſeltſamſten Jago, den man ſehen kann?“ „Keineswegs,. Du wirſt kokett mit Othello,“ ſagte Georg mit affectirtem Ernſt. 3 „Mit Marcel? O der arme Junge! Herr von Verneuil,“ antwortete Hortenſe mit ebenfalls affectirter Wuürde,„wenn Sie mir einen ſolchen Geſchmack zutrauen, verläumden Sie mich auf das Grauſamſte.“ Und ſie lachte laut auf und ſetzte ſich auf die Knie Georgs. „Gott, welchen Spaß hat er mir geſtern Abend gemacht! Du weißt, daß ich zeitig in mein Zimmer ging.. Denke Dir, mein Othello hatte ſich meinem Fenſter gegenüber aufgeſtellt,— Fanny erzählte es.— Er ſaß, meinem Fenſter gegenüber, auf einer hohen Akazie und das Komiſche dabei war, daß der Sohn 31 des Herrn von Merſae ſich gerade auf die Bank unter dieſem Baume mit der Frau von Alby ſetzte.“ „Mit der Frau von Alby?“ „Mit der Frau von Alby.“ „Nun wahrhaftig, die Jugend hat doch gar keine Ehrfurcht mehr vor dem Alter, nicht einmal bei den Frauen Der junge Merſac wird ſich einen Kampf auf Leben und Tod mit den Enkeln dieſer Dame zuziehen, die in einer Claſſe mit ihm ſitzen, Fiün ſie ſehen, daß er ihre Großmutter in das Gerede bringen ann.“ Schweig, Läſterzunge,“ ſagte Hortenſe lächelnd,„und höre das Ende.“ „Das Teéte⸗à⸗Teéte dauerte, wie es ſcheint, lange, und Du kannſt Dir den Zuſtand des armen Othello auf dem Baume während dieſer Unterhaltung denken.“ In dieſem Augenblicke unterbrach die Liebenden ein lautes Lachen und ſie erkannten beſonders die kreiſchende Stimme Ce⸗ rigny's, ſowie die des Sohnes Merſac's. „Ach Gott— Dein Mann, Hortenſe!“ ſagte Georg, in⸗ dem er eilig den Hut und Sonnenſchirm der Frau von Cerigny nahm.„Schnell! Ich werde aufſchließen, geh durch die Thüre in den Gang hinein; ich folge Dir.“ „Aber bleibe nicht lange, Georg, denn ich fürchte mich in dieſem finſtern Gange.“ „Komm, geſchwind!“ und Georg nahm Hortenſe an der Hand und verſchwand mit ihr in dem Gange. Marcel war nicht da, oder war vielmehr nicht mehr da. Kaum war dieſe Thüre wieder verſchloſſen, als Cerigny auf der andern Treppe mit der Frau von Luſſan und dem Gym⸗ naſiaſten herankam, der ſie nicht verließ.. „Da ſind wir endlich in dem hübſchen Tempel,“ ſagte die Frau von Luſſan mit kaum verhehltem Verdruſſe.—„Gefällt er Ihnen, Julius?“ ſetzte ſie zu dem Schüler gewendet hinzu. „Das glaube ich, gnädige Frau. Mirabile visu.“ 2 ſi„Was ſagt er, Herr von Cerigny?“ fragte Frau von uſſan. „Ein bewundernswürbiger Anblick! Es iſt Latei⸗ niſch. Sie ſehen, gnädige Frau, daß er ſeine Zeit gut an⸗ wendet.“ „Ach Gott!“ ſagte Frau von Luſſan, indem ſie ängſtlich 32 in einem kleinen Binſenkörbchen ſuchte;„ich finde mein Alcali nicht.. Wenn ich von den ſchrecklichen Mücken am Teiche ge⸗ ſtochen würde!“ „Erlauben Sie mir, daß ich es hole,“ fiel Cerigny ein, und er ging nach der Thüre zu. „Nein, das kann ich nicht zugeben.. Julius, man muß galant ſein,.. gehen Sie, ich werde Ihnen dankbar ſein.. Wenn Sie uns nicht mehr hier finden, ſo ſind wir bei der Schaukel.“ „Ich gehe, gnädige Frau,“ ſagte Julius verdroſſen. Und auf jeder Stufe, die er hinabſtieg, ſprach er:„Fastidiosus, fas- tidiosa, fastidiosum.“ „Der läſtige Menſch!.. Er weicht nicht von der Stelle.“ „Gegen wen beklagen Sie ſich darüber, Victor?“ ſagte die Frau von Luſſan zärtlich. Nach der Toilette zur Tafel waren alle in dem Salon ver⸗ ſammelt; man erwartete mit Ungeduld den Beginn der Mahl⸗ zeit, denn an dieſem Abende ſollte„Othello“ aufgeführt werden, als Julius roth wie ein Krebs und athemlos ankam. Ah!“ ſagte er zu der Frau von Luſſan,„Sie haben mich ſchön herumlaufen laſſen.. Ich kam in den chineſiſchen Tem⸗ pel.. aber Niemand war da, nemo; ich ging zur Schaukel,— Niemand.. Da habe ich mich denn ſelbſt geſchaukelt und nun bin ich wieder da, ego ipse.“ „Ich hatte das Alcali gefunden, Julius, und wir gingen an den Teich,“ antwortete Frau von Luſſan, indem ſie Herrn von Cerigny anſah, während Georg und Hortenſe einander zu⸗ lächelten. „Gott! wie heiß!“ rief die vortreffliche Frau von Alby aus. „Frau Gräfin, es iſt ſervirt!“ wurde in dieſem Augen⸗ blicke gemeldet. Dreizehntes Kapitel. Wie ſoll meine Geliebte mich täuſchen können, Jehan Pol, da in dunkeler Nacht dieſelben Borhänge uns einhüllen? Heute. wohl möglich, Herr; aber geſtern? aber morgen? Träume! Was kümmert mich die Vergangenheit und die Zukunft, wenn die Gegenwart mein iſt? Ich ſuche Vergnügen, nicht Liebe, Jehan Pol.. Und hinter den Vorhängen meiner Geliebten werde ich nie Streit mit meinem Nebenbuhler ha⸗ ben.. Sie iſt zu tugendhaft, um Drei in ihrem Bett ſchlafen zu laſſen. — Sagen Sie das einmal der Frau des Burggrafen. Dummkopf! Die Eiferſucht iſt die Artigkeit in Liebesverhält⸗ niſſen, und ich denke nicht eher an Argwohn, als bis ich aus Artigkeit mit Carlinchen davon rede. — Wenn aber Carlinchen Sie verſchmähete? Glaubſt Du, ſie allein in München habe weiße Schul⸗ tern, eine weiche Haut und Perlenzähne? — Aber ihr Gemüth, Herr, ihr Gemüth! Einfaltspinſel! haben die Weiber veshalb weniger Gemüth? Jehan Pol. Der Zwiſchenact. Das kleine Theater im Schloſſe Luſſan war glänzend er⸗ leuchtet.. Man war zeitig von der Tafel aufgeſtanden.. Aus der benachbarten Stadt waren viele Perſonen eingeladen, und ſo blieb kein Platz mehr leer.. Es ſollte bekanntlich Othello von Shakeſpeare und das Haus in der Loterie aufgeführt werden. In dem letzten Stücke hatte Crao durchaus die Rolle des Buckeligen übernehmen wollen. Es war alſo während eines Zwiſchenactes, denn bereits hatte man die erſten vier Acte des bewunderungswürdigen Werkes Shakespeare's— freilich mit entſetzlicher Kälte— angehört. Die Zuſchauer aus der Provinz waren nicht im Stande, Dich zu begreifen, großer William! Sogar die Gäſte Luſſans wurden aus der Schläfrigkeit, die ſie bisweilen anwandelte, nur durch das burleske Spiel Marcels und durch die köſtliche Romanze von der Weide geweckt, welche Hortenſe mit hinreißendem Aus⸗ drucke ſang. Wie mußte Dein Schatten lächeln, großer William, wenn er die Reden jenes Burgunders hörte, der ſein Gähnen hinter der Hand verſteckte und bei ſich murmelte:„Gott ſei Dank, nur noch ein Aet: der ſoll unterhaltend ſein,.. die andern ſind ſchrecklich dumm!“ 54 So ſprach man an mehreren Orten, oder man unterhielt ſich von etwas ganz anderem, man lachte und dachte an den Ball, der das Ganze heiter beſchließen ſollte. Marcel hatte gleichwol, meiner Meinung nach, die all⸗ gemeine Erwartung übertroffen.. vorurtheilsfreiere Perſonen hätten vielleicht vortreffliche Momente bei ihm bemerkt, nament⸗ lich wenn er von ſeinem Argwohn, von ſeiner Eiferſucht, von ſeiner Rache ſprach; da zitterte ſeine Stimme, ſeine Züge ver⸗ änderten ſich, und es zeigte ſich ſelbſt in ſeinen Bewegungen das Plötzliche der Geberde, das unerwartete Zucken, welche mehr die Seele des Menſchen als die Kunſt des Schauſpielers ver⸗ rathen. Marcel hatte ſich während dieſes Zwiſchenactes, unter dem Vorwande, an ſeinem Anzuge etwas zu ordnen, in ein Thürm⸗ chen zurückgezogen, das ſich ganz in der Nähe der Bühne befand. Er ſaß auf dem Fenſterbrete. Sein an ſich ſchon braunes Geſicht, das durch die ſchwarze Schminke noch härter geworden war, ſtach von der blendenden Weiße ſeines Turbans ab. Ein ſehr ſchöner mauriſcher Anzug, Roth und Gold, verdeckte das Linkiſche und Schwerfällige ſeines Körpers. Sein muskulöſer entblößter Hals trug ſtolz den Kopf und die breiten Schultern erhielten einen gewiſſen Adel unter dem orientaliſchen Schmucke, kurz Marcel hatte mit dem ſtieren Auge, der finſtern Stirn und der gewaltigen Figur unter dem grandioſen Schnitt und dem prachtvollen Reichthume dieſes An⸗ zugs etwas Düſteres und Unheimliches, das von dem Geiſte ſeiner Rolle auf ihn übergegangen zu ſein ſchien. Er ſchien ich weiß nicht in welche Gedanken verſunken zu ſein; ſein Auge war ſtier und als Crao zweimal klopfte, um ihm zu melden, daß man wieder anfange, fuhr Marcel auf wie ein Mann, der plötzlich aus dem Schlafe geweckt wird. Der Buckelige trat ein. Er trug den ſchwarzen Anzug Rigaudins. Sein hageres, gewöhnlich bleiches Geſicht war an dieſem Abend wahrhaft leichenfarbig. „Hören Sie mich an, Herr Marcel,“ ſagte der Buckelige in geheimnißvoller Weiſe. „Geh, geh, Crao; Du biſt mein böſer Geiſt.“ „Still!“ antwortete der Buckelige, in dem er den Zeige⸗ finger erhob;„ſtill! Ich habe Ihnen heute früh den Beweis geliefert, daß man Sie hintergeht, daß Sie mit der Liebe ge⸗ 55 narrt werden, welche die eitele Frau für Sie zu fühlen ſchien; ich habe Ihnen geſagt, daß man ein Spiel mit Ihnen treibe, daß Sie durch ſie zum Gelächter der ganzen Geſellſchaft werden pollen; jetzt will ich..“ Marcel unterbrach ihn, indem er ihn mit Rieſenkraft an den Armen faßte:„ich ſollte Dich wegen aller der Lügen er⸗ morden, Crao, denn ich kann nicht daran glauben, Elender.. Es wäre zu ſchrecklich.. Was habe ich ihr gethan, daß ſie mich ſo unglücklich machen will? Noch einmal, es iſt unmög⸗ lich,— Du lügſt.. Laß mich.., geh!“ „Ich lüge? Nun, bei der Hölle! kommen Sie,— jene beiden ſind wieder da, ſage ich Ihnen,“ antwortete Crao im Tone feſter Ueberzeugung. Marcial erhob ſich, ſah aber Crao noch immer mit zwei⸗ felndem Blicke an. Der Buckelige, der wiederum durch Zeichen ihm andeutete, er möge ſchweigen, führte Marcel aus dem Thürmchen hinaus in einen ſchmalen dunkeln Gang, welcher mit der Thüre einer Art von ſchwach erleuchteten Galerie in Verbindung ſtand. Als ſie an die Thüre gekommen waren, welche dieſe Ga⸗ lerie von dem Gange trennte, ſchob Crao die Falten des Vor⸗ hanges etwas zurück und zeigte Marcel Hortenſe in ihrem weißen Desdemonaanzuge, die von Georg umſchlungen ge⸗ halten und geküßt wurde. „Nun ich log?“ murmelte der Buckelige. Marcel legte das Ohr an das vergoldete Gitter dieſer Art von Thüre und horchte. Er hörte, denn Hortenſe und Georg ſtanden in der Nähe, als ſie ſich ſo feurig küßten, daß Georg zärtlich ſagte: „Du biſt reizend geweſen, Hortenſe.“ „War ich ſo rührend, wie unſer Othello lächerlich?“ „Du warſt anbetungswürdig..“ „Ach, wie lächerlich war er!“ unterbrach ihn Hortenſe; „einmal namentlich, im dritten Acte, habe ich beinahe laut aufgelacht.. Nun, ich habe den Bär tanzen gelehrt und Ihr müßt zufrieden ſein. Wann werde ich von dem brutalen An⸗ beter erlöſet werden? Wenn es noch lange dauert, nimmt man vielleicht gar Alles für Ernſt⸗“ „Ach— ein unbedeutender junger Menſch! Und Jeder⸗ mann weiß ja, daß Du ihn blos zum Narren haſt.“ „Ich werde des Spieles überdrüßig, ja es wird mir wider⸗ 56 lich und man muß etwas Anderes erfinden, um mir die Zeit zu vertreiben. Vor allen Dingen iſt der Wilde in ſeine Berge zurückzuſchicken, denn bisweilen fürchte ich mich ordentlich vor ihm, ich weiß nicht warum.. Sein Geſicht iſt ſo..“ „Kind!“ unterbrach ſie Georg, indem er ſie auf die Schul⸗ ter küßte. „Gott, Georg, ich höre das Zeichen zum Anfange.. Ich muß fort. Leb wohl, mein Georg,— noch einen Kuß, denn Desdemona wird bald ſterben,“ ſagte ſie lächelnd. „So lebe wohl, meine Bald⸗Todte,“ antwortete Georg mit einem neuen Kuſſe.„Aber dieſe Nacht, um zwei Uhr, lebſt Du wieder auf, mein Engel, nicht wahr? Um zwei Uhr?“ „Ja, um zwei Uhr, lieber Georg; aber komm recht leiſe,“ ſagte Hortenſe. Und ſie verließen die Galerie. Marcel blieb an der Thüre, in kaltem Schweiß gebadet. „Ich log..!“ ſagte Crao wiederum. Aber Marcel hörte ihn nicht. Der ſo ſtarke jugendliche Mann war in dem über⸗ großen Schmerze einer Ohnmacht nahe. Er glaubte zu träu⸗ men und ſtrich unwillkührlich mit der Hand über den Vorhang, gleichſam um ſich zu überzeugen, ob es Wahrheit ſei. „Ich log..!“ ſagte der Buckelige nochmals in ſeiner krei⸗ ſchenden Stimme. „Nein! Nein!“ entgegnete Marcel, der jetzt zu ihm trat. „Nein,. aber es iſt ſchändlich, nicht wahr, Crao?“ Und die Thränen traten ihm in die Augen, denn er war ſeinem Gefühle und ſeinem Charakter nach noch halb Kind. Er hatte das blinde unbegrenzte Vertrauen eines Kindes ge⸗ habt, die unſchuldige Freude, ſich für geliebt zu halten, die Hingebung für die, welche ihn anlächelte. Aber als das Kind über ſein zerbrochenes Spielzeug geweint hatte, als ſeine Thrä⸗ nen getrocknet waren,.. wollte der Mann die empfangene Be⸗ leidigung rächen. Da zuckten Blitze eines verderblichen Feuers in den Augen Marcels, denn Haß und Eiferſucht zerriſſen ſeine Seele, die aus einem ſo ſchönen Himmel in dieſen entſetzlichen Abgrund von Elend und Verzweiflung geſtürzt war. Marcel ſah es ein, daß man mit ihm geſpielt, ſich über ihn luſtig gemacht hatte, daß er verachtet wurde; er gedachte an das halberſtickte Lachen, an die ſpöttiſchen Blicke, an die treuloſen Aufmerkſamkeiten, die er ſo falſch gedeutet hatte! „ 57 Glauben Sie nicht, daß in einem ſolchen Falle ein Mann, der außerhalb unſerer Salon-Civiliſation ſteht, der halb wild und allein iſt, ohne einen Freund, dem er ſeinen Haß anver⸗ trauen und den er um Rath fragen könnte, ein Mann, der nur der Stimme ſeiner verzweiflungsvollen Rachſucht folgen muß, irgend eine entſetzliche That begehen könnte? Denn rächen muß er ſich endlich. Aber wie ſich rächen? Marcel konnte nichts ausdenken; ſeine Gedanken wogten in ſeinem Kopfe wirr untereinander.. Er war wie verrückt, und als Crao ihn rief und ihm anzeigte, daß man nur noch auf Othello warte, ſah er um ſich, als wiſſe er nicht, was man von ihm wolle. „Othello? Welchen Othello?“ fragte er. „Man wartet nur auf Sie, um weiter zu ſpielen,“ ſprach Crao nochmals.„Kommen Sie doch herunter, Herr Marcel.“ „Um zu ſpielen? Was zu ſpielen? Ach ja.. ich erinnere mich, ich ſpiele mit ihr,.. ich habe es ihr verſprochen bei ihrer Liebe,“ ſetzte Marcel mit bitterem Lächeln hinzu.—„Ja, ich ſpiele den Othello,— den Othello, als welcher ich ſo ſpaß⸗ haft, ſo lächerlich bin.. Verflucht! Glauben ſie denn, ich könnte den Hohn und die Verachtung bis zuletzt ertragen?.. Es iſt wahrhaftig ein Spott, noch immer auch mich zu rechnen.. Ja, ich will das Feſt und ihre Freude vollſtändig machen,. ich will weiter ſpielen,.. ich will zu der Spötterin ſagen:„Haſt Du Dein Abendgebet verrichtet, Desdemona?“ Wie müſſen ſie über mich gelacht haben! Werde ich ſo mit Füßen getreten? Ach, Hortenſe! Ach, Georg!“ Dann hielt er einen Augenblick an, worauf er fortfuhr: „Ja, ich werde ihr ſagen:„Wenn Du noch eine Sünde auf dem Gewiſſen haſt, ſo bitte Gott auf der Stelle um Vergebung, Desdemona.“ Dann hielt er wieder inne.„Schickſal!“ rief er aus;„ich vergeſſe nichts von dieſer Rolle,.. ich könnte ſie ſpielen, wie ich wollte, wie ich könnte.“ Nach einer neuen Pauſe ſetzte er mit der Miene eines ſchrecklichen Entſchluſſes hinzu: „Ach. aber ja, ich werde ſpielen.. Ich werde ſpielen.“ Und er ging hinunter. Es war nicht zu verwundern, daß er von der Scene, die er ſpielen ſollte, nichts vergeſſen hatte. Shakeſpeare hat dieſe 53 gräßliche Eiferſucht und dieſen Durſt nach Rache, welche Othello guälen, zu gut geſchildert, als daß Marcel ſelbſt etwas Anderes hätte ſagen können; in der Seene, die er mit Hortenſen haben wird, wird nicht mehr Othello, ſondern Marcel ſprechen. Wo könnte ſeine Leidenſchaft andere Worte finden? Er hatte die Scene ſchon gelernt, aber von dieſem Augenblicke an ſteht ſie unvertilgbar in ſeinem Kopfe feſt, weil ſie das Weſen und die Form ſeines Gedankens iſt. Sein Gedächtniß verläßt ihn nicht, er vergißt nichts, er kann kein Wort aus dieſer Rolle vergeſſen, weil dieſe Rolle keine angelernte Rolle mehr für ihn iſt, ſondern eine Wirklichkeit, denn Marcel iſt der wahre Othello, Othello mit dem ſchneidenden Haſſe, Othello mit den ſchrecklichen Augen, welche funkeln wie die der Hyäne, die ihre Beute gefaßt hat. Letztes Kapitel. Nichts iſt ſchön als das Wahre und nur das Wahre iſt liebenswürdig. Ach, wenn ich an Deine Liebe glauben könnte, wür⸗ den mich dieſe Gedanken von Zweifel und Verachtung nicht beſtürmen. Sorge dafür, daß ich daran glauben kann; Du kennſt ja das Mittel.. Ein Wort, ein einzi⸗ ges Wort von Deiner Hand.. Jehan Pol. Die zweite Seene des fünften Aetes in Othellv. Die Gäſte Luſſans und die Freunde füllten von neuem den Saal wie in den frühern Acten. Die Lichter blitzten; durch die offenen Fenſter drang der Blumenduft herein; die Geſichter ſa⸗ hen heiter und lächelnd aus in der gewiſſen Erwartung, daß die Todestragödie endigen und die luſtige Comödie beginne würde. 5 Georg, Herr von Cerigny und Frau von Luſſan, welche keine Rollen übernommen hatten, ſaßen im erſten Range. Als Marcel auf der Bühne erſchien, lag in ſeinem Geſicht ein ſo ergreifender Ausdruck, daß ihn ſelbſt die kälteſten Zu⸗ ſchauer bewunderten. Hortenſe ſelbſt mußte unwillkürlich ſagen: „wie ſchön!“ 59 Er war wirklich großartig, denn ſobald die Verzweiflung ihren glühenden Stempel auf die Stirn eines Mannes gedrückt hat, wird dieſer Mann ſchön, entſetzlich ſchön, ſchön wie Cain. Obgleich man zum Lachen geneigt und gegen Marcel ein⸗ genommen war, ſo fühlte man ſich doch durch den Ausdruck der Trauer und der bittern Schwermuth überwältiget, mit wel⸗ cher Marcel ſeinen Monolog ſprach. Wir ſchreiben hier Shake⸗ ſpeare ab und ſagen nur Marcel und Hortenſe ſtatt Othello und Desdemona. Nach der Scene zwiſchen Jago und Emilie wird bekannt⸗ lich die Bühne verändert und ſtellt ein Schlafzimmer dar. Desdemona liegt im Bett, von den Vorhängen verborgen. Hortenſe, ſchlafend, Marcel. Marcel.„Das iſt der Grund, mein Herz, aber laßt ihn „mich vor Euch nicht nennen, keuſche Sterne! Das iſt der „Grund,— doch will ich nicht ihr Blut vergießen, nicht ihre „Haut zerreißen, die weißer iſt als Schnee und glatt wie Ala⸗ „baſter.— Gleichwohl muß ſie ſterben, ſonſt betrügt ſie noch „mehr Männer.. Sie erwacht.“ Hortenſe.„Wer iſt da? Othello?“ „Marcel.„Ja, Desdemona.— Haſt Du Dein Abend⸗ „gebet verrichtet heute, Desdemona?“ Hortenſe.„Ja, mein Gemahl.“ Marcel.„Kennſt Du noch eine Schuld, die noch nicht „verſöhnt mit Gott, ſo bitte ihn um ſeine Gnade.“ Hortenſe.„Ach, Herr, was meinſt Du damit?“ Marcel.„Thu' es und mach' es kurz.. Ich will bei treten.. Ich möchte Deine Seele nicht unvorbereitet „todten..“ Hortenſe.„Du ſprichſt von Tödten?“ Marcel.„Ja, das thu' ich.“ Hortenſe.„Dann ſei der Himmel mir gnädig.“ Marcel.„Amen.“ Hortenſe.„So hoffe ich, daß Du mich nicht tödteſt.“ In dieſem Augenblicke ſank Hortenſe, durch die kalten ſtie⸗ ren Blicke Marcel's faſt bezaubert, in hochſter Angſt auf ihre Knie und ſtreckte bleich, in ſchrecklicher Ahnung die Hände bit⸗ tend gegen Marcel aus, der in ſchrecklicher Ruhe, die Arme ge⸗ kreuzt, daſtand und ſie mit gräßlichem Lächeln anſah. 60 Man rief im ganzen Saale Bravo! Dieſes Geräuſch brachte Hortenſe wieder zur Beſinnung, aber doch ſprach ſie ſtammelnd: „Ich fürchte Dich; ich weiß, daß Du ſchrecklich biſt, wenn Deine Augen ſo rollen.. Warum ich Dich fürchte, weiß ich nicht, da ich mir keiner Schuld bewußt bin, und doch fühle ich daß ich mich fürchte.“ 3 Dann ſetzte Hortenſe, welche die Angſt nicht überwältigen — konnte, die ihr Marcel einflößte, in dem angſtvollſten Tone hinzu:„ja, ich fürchte mich, ich fürchte mich!“ Und ſie ſank wie vernichtet wiederum auf die Knie. Die Zuſchauer ſchienen die Angſt zu theilen. Unwillkür⸗ lich ſtanden einige Perſonen halb auf; Alle ahneten, daß ſie nicht mehr Othello und Desdemona, ſondern Hortenſe und Marcel vor ſich ſähen und daß es ſich zwiſchen Beiden um eine Frage von Blut und Rache handle. Alle fühlten ſich beengt, geängſtiget, aber Alle blieben ruhig, weil ſie das, was ſie em⸗ pfanden, der Bewunderung zuſchrieben. Selbſt Frau von Luſſan mußte unwillkürlich ſagen:„die⸗ ſer Auftritt macht einen ſchrecklichen Eindruck auf mich.. Könnte man nicht aufhören?“ „Keinesweges,— ſie ſpielen vortrefflich,“ ſagte Georg und man ſpielte weiter. Marcel.„Denke an Deine Sünden.“ Hortenſe.„Das iſt meine Liebe zu Dir.“ Marcel.„Ja, und darum eben ſtirbſt Du,— treuloſes, „leichtſinniges Weib,“ ſprach Marcel außer ſich, denn er war mit ſeiner Rolle wärmer geworden und wahre Leidenſchaft kochte in ſeinem Herzen. Er legte ſeine Hand auf Hortenſen, die an⸗ fing, ihre Ahnung ſich zu erklären und in den Blicken Marcel's zu leſen, daß ſie nicht mehr eine eingelernte Rolle ſpielten. WMarcel.„Nieder, Hure!“ Hortenſe, die einer Ohnmacht nahe war, hatte nur noch die Kraft zu ſchreien:„Zu Hilfe! Gnade! Herr Marcel!“ „Prächtig!.. Sie vergißt ganz, daß ſie ſpielen,“ ſagte man im Saale. Und da Hortenſe zitterte und zuckte, ohne etwas zu ſagen, ſo ſehr hatte die ſchreckliche Lage die arme junge Frau erſchüttert, fuhr Marcel laut fort:„es iſt zu ſpät!“ Und wie bei Shake⸗ ſpeare zog er ſie hinter die Vorhänge und zog dieſelben zu. — 61 In dieſem Augenblicke leuchtete plötzlich ein ſchrecklicher Gedanke in dieſer verzweifelten Seele, wie ein Blitz in einem Gewitter. Er bedachte, daß er ſich da, faſt vor den Augen aller derer tächen könnte, deren Spott er ertragen hatte, daß er ſich rächen und die Geſellſchaft nöthigen könnte, Bravo! zu rufen, wenn er die Ungetreue ermorde, ohne daß die Anweſenden bei dem Angſtgeſchrei der Unglücklichen wüßten, ob ſie für Desdemona oder für Hortenſe um Gnade zu bitten hätten. Die Vorhänge verhuͤllten ſie,— es war nur ein Augenblick, aber in dieſem Augenblicke mußte er mit ihr allein ſein wie in einer Wüſte.— Allein und Hortenſe lag da, mit aufgelöſetem Haar, bleich vor Angſt, in ſeine Hände gegeben. „Jetzt habe ich Dich endlich,“ ſagte er leiſe;„Du ſpotteſt nicht mehr, he? Ich weiß Alles,. ich war in dem chineſiſchen Tempel, ich war in der Galerie.. Du ſiehſt wohl ein, daß ich mich rächen muß und daß Du ſterben mußt.“ „Georg! Georg!“ flüſterte Hortenſe matt. Dieſer Name ſchien die Wuth Marcel's zu verdoppeln; er faßte mit ſeinen beiden Händen den Hals Hortenſens und ſprach dumpf und ſchäumend vor Wuth: „Ach ja, Dein Georg!.. Aber lache doch nun, da Du ſo oft über mich gelacht haſt, ohne mich zu kennen.. Lache doch,. lache!“ Und dabei erwürgte er ſie. Er erwürgte ſie, wie bei Shakeſpeare. Als er überzeugt war, daß ſie wirklich todt ſei, zog er einen Dolch und ſtieß ſich denſelben ins Herz, wie bei Shake⸗ ſpeare, und ſank am Bette nieder mit dem Ausrufe:„Georg!“ Während der ſchrecklichen Scene hinter den weißen Vor⸗ hängen konnten die Zuſchauer im Saale vor Herzbeklemmung kaum athmen. Jeder erwartete mit der ängſtlichſten Spannung, daß Othello wieder erſcheinen würde, jeder fürchtete, ohne zu wiſſen warum.. Als die röchelnde Stimme Marcel's Georg rief, als die Vorhänge ſich bewegten und den Körper ſehen ließen, der zu⸗ ſammenbrach und ſchwer niederfiel, erhob ſich ein allgemeiner Schrei des Entſetzens. Georg war mit einem Sprunge auf der Bühne, trat an das Bett, riß die Vorhänge auseinander, zog ſie aber auch in demſelben Augenblicke entſetzt wieder zu und rief, todten⸗ bleich, aus:„Kommen Sie nicht her, Cerigny, kommen Sie nicht her... Niemand komme her.“ Aber es war nicht mehr Zeit,— Cerigny hatte bereits die ſchreckliche Wahrheit erkannt. Man braucht nicht zu ſagen, welches Geſchrei, welche Angſt, welche Unruhe dieſem ſchrecklichen Ereigniſſe folgten.. Alles, was man an Hortenſe vornahm, blieb vergebens, und als man an Marcel dachte,— war er nicht mehr. Wir wol⸗ len auch nichts von dem Schmerze der Gäſte Luſſans ſagen; Crao aber dachte bei ſich, als er in ſein Thürmchen zurückging: „Ich hatte es wohl geſagt, ich würde es noch beſſer ma⸗ chen als Rigaudin.. Sie hatten an jenem Balle im Winter zu viel gelacht und das Lachen an einem Freitage bringt Un⸗ glück.. Der dumme Marcel aber hat ſich umgebracht.. Georg lebt ja noch.“ Sſchl u ß. Georg und Herr von Cerigny ſind untröſtlich. Nachdem ſie ein halbes Jahr lang in Deutſchland und Italien herumge⸗ reiſet waren, blieben ſie noch einige Zeit in Berlin.. Hier hatte Cerigny zur Zerſtreuung nur häufige Briefe von der Frau von Luſſan und— Georg— überließ ſich ſeinen ſchmerzlichen Er⸗ innerungen. Etwas nur habe ich vergeſſen; jeder hält ſich eine Tänze⸗ rin vom Theater. Die Berge von La Ronda. Zruchſtücke aus dem Tagebuche eines Unbekannten. —— — — —, I. ——— Ich war damals, glaube ich, ſechszehn Jahr alt, und als Seekadet am Bord der Fregatte*. Unſer Schiff kam in Cadir auf Station, und blieb daſelbſt acht Mo⸗ nate. Ich hatte von Paris eine Menge Empfehlungsſchreiben an die angeſehenſten Perſonen der Stadt mitgebracht, aber außer dem Briefe an einen Banquier, der darin angewieſen wurde, mir Geld zu zahlen, gab ich keine dieſer Zuſchriften ab. Da ich wußte, daß unſer Aufenthalt an dieſem Orte von ziemlich langer Dauer ſein würde, traf ich meine Anſtalten ſo, daß ich alle Zeit, welche mir der langweilige, unerträgliche Rhedendienſt übrig laſſen würde, am Lande zubringen könnte, und zwar ſo angenehm als möglich. Ich miethete deshalb auf dem Walle, in der Nähe des Artillerieviertels, eine hübſche Wohnung, und kaufte mir einen fünfjährigen andaluſiſchen Hengſt, einen Rothſchimmel mit ſchwarzen Mähnen. Ich that das Pferd auf die Weide, weil ich mir die Zeit damit vertreiben wollte, es ganz auf meine Weiſe zuzureiten, da ich nichts Beſſeres zu thun wußte, um die Stunden des verteufelt langweiligen Lebens zu tödten. Solange Frasco(ſo hieß mein Hengſt) unter dem wei⸗ chen und erfriſchenden Einfluſſe der Weide ſtand, zeigte er eine eben ſo ſanfte als liebenswürdige Natur; aber als ich ihn in meinem Stalle hatte, und, dem ſpaniſchen Gebrauche entgegen, den Hafer an die Stelle des Weizens treten ließ, war es ganz etwas anderes; Frasco wurde ein eingefleiſchter Teufel, und ſetzte ſich in den Zuſtand offener Rebellion. Da ich mit Pferden ſehr gut umzugehen verſtand, fand ich wenig Geſchmack an den Launen Frascos; wir begannen daher auch einen Kampf des Zornes und der Hartnäckigkeit. Bei dem geringſten Fehler bedeckte ich ihn mit Schlägen; dann machte er die fürchterlichſten Sätze und Sprünge. Er mochte ſich aber anſtrengen wie er wolite, ich preßte ihn ſo feſt zwi⸗ Die Cucaracha. I.* 5 „ 66 ſchen die Schenkel, daß ich wie angenagelt auf ſeinem Rücken ſaß. Da er ſah, daß er mich nicht aus dem Sattel bringen konnte, fing er an zu beißen, und als es auch damit nicht gehen wollte, ergriff er ein beſſeres Mittel, und warf ſich nie⸗ der, ſobald ich ihn beſtieg. Die Sachen kamen ſo weit, daß ich daran verzweifelte, ihn je fügſam zu machen, und ich gerieth darüber außer mir, denn es war das ſchönſte, edelſte, kräftigſte Thier, welches die Geſtüte von St. Marie je geliefert hatten. Ich war ſo ziemlich entſchloſſen, ihm bei der erſten Wider⸗ ſetzlichkeit den Kopf zu zerſchmettern, als einer meiner Freunde, der Herr Haſth'y, mich aus der Verlegenheit zog. Ich muß hier das Geſtändniß ablegen, daß ich nicht, wie ich gekonnt und geſollt hätte, meinen Umgang aus der beſten Geſellſchaft von Cadir wählte. Mein Freund Haſth'y war ein gewöhnlicher Zigeuner, ein großer Liebhaber von Hahnen⸗ und Hundekämpfen, ein unverſchämter Pferdemäkler, ein Spieler, wie die Karten ſelbſt, ſehr geſchickter Schütze und Fechter, be⸗ ſonders aber ein ausgezeichneter Reiter; übrigens lebte er ziem⸗ lich anſtändig und zurückgezogen, ohne unter der Sonne nur einen Real zu beſitzen. Haſth'y war ungefähr vierzig Jahr alt, klein, dürr, kräftig; ſeine Naſe war, wie bei Allen ſeiner Kaſte, fein und adlerartig gebogen; ſeine Augen ſchwarz und lebhaft; ſeine Haare fingen an grau zu werden, und er trug für gewöhnlich die ſpaniſche Nationaltracht, welche unter der Kleidung eines Majo bekannt iſt. Als ein kluger Menſch endlich, der an unvorhergeſehene Fälle denkt, trug Haſth'y be⸗ ſtändig ein großes, zweiſchneidiges, ſehr ſcharf geſchliffenes Meſſer bei ſich, deſſen Klinge in einer Scheide von Elfenbein ruhte. Die Art, wie ich mit Haſth'y bekannt wurde, iſt übrigens ziemlich merkwürdig. Eines Tages war ich auf der Landenge, welche von der Inſel Leon nach Cadir führt, und unterhielt mich damit, See⸗ möven mit der Kugel zu ſchießen. Ich bediente mich dazu einer vortrefflichen tiroler Büchſe, die wunderbar weit trug. Plötzlich ſah ich mit fürchterlicher Schnelligkeit einen Menſchen auf mich zugeſprengt kommen, deſſen Pferd mit ihm durchzuge⸗ hen ſchien. Um die Gefahr dieſes Menſchen zu begreifen, muß man wiſſen, daß der Damm, auf welchem er ſo dahinſprengte, ziem⸗ 67 lich ſchmal war, ohne Brüſtung und auf beiden Seiten wenig⸗ ſtens ſechszig Fuß über dem Meere; überdies jagte das Pferd mit unglaublicher Schnelligkeit einem Durchſtiche von ungefähr funfzehn Fuß Breite zu, der den ganzen Damm durchſchnitt, und über den ich ſelbſt nur mit Hülfe eines ſchmalen Bretes gekommen war, das von einem Rande zum andern lag, da die Zugbrücke ausgebeſſert wurde. Ich dachte, daß dieſer Menſch ſein Pferd nur deshalb ſo auslaufen ließ, um es zu ermüden und es dann deſto leichter zügeln zu können; aber da er von der Inſel Leon kam, glaubte ich auch, daß er nicht darauf ge⸗ faßt ſein würde, an der Stelle der Zugbrücke einen unüber⸗ ſpringbaren Graben zu finden. Ich ſtellte daher mit großer Richtigkeit folgende Betrachtung an: Dieſer Menſch iſt unrettbar verloren, ich will daher ver⸗ ſuchen, das Pferd zu erſchießen, ehe er an den Graben kömmt; wenn ich zufällig den Menſchen tödte, ſo thut das nichts, denn 3 er iſt doch ſchon ſo gut wie todt; treffe ich aber das Pferd, ſo rette ich den Menſchen.— Das Alles wurde mit Gedanken⸗ ſchnelligkeit beſchloſſen. Meine Büchſe war grade geladen, als der Menſch wie ein Pfeil an mir vorüberflog; ich berechnete meinen Schuß nach det Schnelligkeit des Pferdes, und zielte nach der Schulter, da ich es in die Hanken ſchießen wollte; ich gab Feuer, und meine Kugel zerſchmetterte ihm den Schenkelknochen wie einen Pfei⸗ fenſtiel. Das arme Thier richtete ſich mit der Vorderhand noch einmal empor, brach dann zuſammen, und fiel dann auf die Seite.— Ich erinnere mich deſſen noch ganz genau. Es waren von dem Orte, wo ich das Pferd niederſchoß, 1 bis zu dem Teufelsgraben, übrigens einem vortrefflichen Forti⸗ ficationswerke, nicht mehr ganz ſechs Fuß. Ich eilte auf den Reiter zu, der mit einer leichten Quet⸗ ſchung am Knie davongekommen war.— Der Reiter war Haſth'y, und ſo wurden wir mit einander bekannt. Von dieſer Zeit an wurden Haſth'y und ich unzertrenn⸗ lichz wir fochten mit einander, ſchoſſen nach der Scheibe, wichen nicht aus der Reitbahn und den Spielhäuſern; bei den Käm⸗ . pfen wetteten wir in Compagnie, und da er ein großer Kenner war, unterrichtete er mich in allen Vortheilen, und Dank ſeinem 5* 68* Beiſtande hatte ich bald in ganz Cadir die beſte Stange Gra⸗ nadaer Kampfhähne. Ich vergaß eine der Urſachen, welche auch noch dazu bei⸗ trugen, vich an Haſth'y zu feſſeln: daß ich nämlich der Ge⸗ liebte ſeiner Tochter Tintilla war, wie er ſagte, die Wittwe eines Contrebandirers. Zu beſtimmen, ob ſie Wittwe eines oder mehrerer Contre⸗ bandirer war, müßte ſehr kitzlich ſein, Wittwe aber war ſie, ſo viel blieb gewiß. Aber eine Wittwe von hoöchſtens zwanzig Jahren, eine echte Zigeunerin, gelb wie eine Zitrone, geſchmeidig wie eine Weide, üppig wie eine Nachtigal, mit Augen, größer wie ihr Mund, und ſo ſchwarz, wie ihre Zähne weiß, ihre Lippen roth, ihre Wangen blaß; dann mit Haaren, die bis an die Erde floſſen, und einem Fuße,— ſo klein,— ſo klein, daß ſie ihn in ihr zierliches Händchen ſchließen konnte. Was für einen Andern ſehr unangenehm hätte ſein kön⸗ nen, mir aber ganz gleich galt, war, daß meine Kameraden von der Fregatte fanden, Tintilla kleide ſich immer ſehr lächer⸗ lich und übertrieben. Sie trug in der That ſo kurze und ſo weit ausgeſchnittene Kleider, daß ein Geiſtlicher darüber ver⸗ dammt hätte werden können, grelle, ſcharf gegen einander ab⸗ ſtechende Farben, zum Beiſpiel einen rothen Monillo und einen blauen Rock, oder einen grünen Monillo und einen gelben Rock; dann flocht ſie ſehr viel Flittergold und Silber in ihr Haar, trug Ringe an allen Fingern, Ketten in Menge. Der Inzug Tintillas war in der That im höchſten Grade lächerlich, aber, ich weiß nicht, wie es kam, ich fand ſie grade ſo ganz allerliebſt. Und ihr Charakter?— Ach, welch ein Charakter!— Stätiſch wie mein Frasco vor ſeiner Beſſerung, unverſchämt, eitel, naſchhaft, heftig und eiferſüchtig!— ſo eiferſüchtig, daß ſie einſt, als ſie ſah, daß ich einer Schönen aus dem Viertel St. Juan ſüße Blicke zuwarf, ganz leiſe das kleine Meſſer zog, welches ſie in ihrem Buſen bei ſich trug, und mir, ohne meinen Arm loszulaſſen, eine derbe Wunde in der Seite beibrachte. Ich muß es nochmals geſtehen, daß Tintilla entſetzlich ſchlecht erzogen war, ausgelaſſen, ſchaamlos, aber, ich wieder⸗ hole es, ich fand ſie ſo ganz allerliebſt. 69 Uebrigens darf man auch nicht glauben, daß Tintilla nur Fehler gehabt hätte; ſie beſaß auch gute Eigenſchaften, ſehr ute. Zuerſt tanzte ſie die Tuanchega ganz ausgezeichnet;— ja, wahrhaftig, ſie tanzte ſie ſo, daß ſie die erloſchenen Augen eines Todten zum Funkeln gebracht hätte.— Und ich war erſt ſechszehn Jahr alt, alſo kann man ſich denken, welchen Ein⸗ druck es auf mich machte. Dann kannte Tintilla auch eine Menge komiſcher und verliebter Lieder, die ſie mit ihrer Guitarre oder mit den Ca⸗ ſtagnetten begleitete, ſo ausgelaſſen, ſo üppig, aber auch ſo niedlich, daß ich in die Zigeunerin Tintilla wahnſinnig verliebt war, aber zum Binden wahnſinnig. Und wie kuhn war ſie zu Pferde! Man mußte ſehen, wie ſie mit Piſtolen faſt eben ſo gut ſchoß, wie ihr Vater. Und dann, vor allen andern Dingen— aber von der⸗ gleichen darf man nicht ſprechen;— kurz, ich war wahnſinnig in ſie verliebt. So verliebt, daß ich eines Tages ihrer Laune nachgab, als ſie an einem ſchönen Sonntagsmorgen des Juni verlangte, daß ich ſie auf die Alameda, wo die ganze elegante Welt von Cadir verſammelt war, begleiten ſollte, ſie in ihrer grellen Zi⸗ geunertracht, ich in voller Uniform. Dieſe Gefälligkeit trug mir drei Tage Arreſt ein, die mir unſer altes Thier von Fre⸗ gattencapitain mit der größten, boshafteſten Freude auferlegte. Durch dieſe Verbindung gewann ich übrigens auch den Vortheil, daß ich einer der dienſteifrigſten Offiziere wurde; denn ich hatte eine ſolche Furcht vor dem Arreſt, eine ſolche Sucht, mich an das Land zu begeben, daß ich alle Welt durch meinen Eifer und meine Pünktlichkeit in Erſtaunen ſetzte. So lebte ich drei Monate, zum großen Aergerniß der geſetzten Leute und meines Banquiers, der mir beſtändig wiederholte: „Sie kommen von den Stiergefechten, den Hahnenkämpfen, den Fechtböden nicht fort; Sie haben ſich an eine öffentliche Dirne gehängt,— Peteihen Sie mir den Ausdruck,— ſo wie an den Herrn Vater derſelben, der auf Ihre Koſten zehrt, ſtatt die gute Geſellſchaft zu beſuchen, wo Sie eine beſſere Stellung hätten und anſtändige Vergnügungen fänden.“ Ich antwortete ihm darauf mit kindiſcher Unbefangenheit: „Ich liebe die anſtändigen Vergnügungen nicht; in Bezug auf 70 das Glück iſt Niemand ein beſſerer Richter, als Jeder ſelbſt; ich befinde mich auf dieſe Weiſe wohl, und bleibe ſo.“ Ich fühlte mich in der That außerordentlich glüͤcklich; in⸗ deß wurde ich ſichtlich mager, obgleich ich ſtark aß. Aber ich vergaß zu ſagen, auf welche Weiſe mein Freund Haſth'y mein Pferd Frasco bändigte. Kappzaum, ſcharfe Kan⸗ daren, Prügel,— nichts vermochte auf den wilden, hartnäcki⸗ gen Charakter zu wirken;— Haſthl rieth mir, ihm den Schlaf zu entziehen. Zu dieſem Zwecke ließ ich ihn mit einer ſtarken eiſernen Kette ganz kurz an der Krippe befeſtigen, und zwei Leute mußten einander ablöſen, ihn durch Trommelwirbel wach zu erhalten. Nachdem dies fünf Tage gewährt hatte, beſtieg ich meinen Frasco, und fand ihn fügſam wie einen Handſchuh. Man muß geſtehen, daß man dergleichen Dienſte nie ver⸗ gißt; meine Freundſchaft mit Haſth'y wurde daher auch immer inniger. Ich borgte ihm Geld; er gab es mir nicht wieder, und ich war darüber entzuckt, denn obgleich ich damals die Menſchen noch nicht ſehr kannte, ſah ich doch ein, daß Dienſte der Art ihn verpflichteten, gegen meine Verbindung mit ſeiner Tochter nachſichtiger zu ſein. Der ehrliche Menſch war uns übrigens keinesweges hin⸗ derlich; Tintillas Zimmer lag von dem ſeinigen weit entfernt, und die Fenſter deſſelben gingen auf den Wall; jeden Abend ging ich um zehn Uhr durch die Thür fort und kam durch das Fenſter wieder. Der äußere Schein war daher vollkommen gerettet, und der Ruf der Wittwe des Contrebandirers blieb unangetaſtet. Nur Eines war mir anfangs unangenehm, daß nämlich mein vortrefflicher Freund nie von Madame Haſth'y ſprach. Daraus ſchloß ich ſehr verſtändig, daß häuslicher Kummer das Herz von Tintillas Vater ſchwer verletzt hätte, welcher nun, von einer ſtrafbaren Gattin getrennt, ſeine ganze Freude, das ganze Gluͤck ſeiner Zukunft, in ſeine Tochter ſetzte. Oder daß Haſth'y eben ſo wenig ein Wittwer ſei, als ſeine Tochter eine Wittwe, und folglich Tintilla ein Baſtard. Was ging das mich übrigens an? Ich war weder Maire noch Pfarrer; ich that daher auch in dieſer Beziehung an mei⸗ nen Freund nie eine Frage, welche ihn hätte in Verlegenheit ſetzen können. —— — —— 71 Haſth'y war im Umgange ſehr unterhaltend, und wir brachten ſehr amüſante Abende zu, ſeine Tochter und ich, indem wir rauchten, gefrorne Agria tranken und der Erzählung ſeiner Abenteuer zuhörten; denn wie er ſagte, hatte er hier und dort mit den Guerillas etwas Krieg geführt, und mit ſeinem Herrn Schwiegerſohne etwas Contrebande getrieben. Solchem Par⸗ teigängerleben fehlt es aber weder an Poeſie noch an Sonder⸗ barkeit; Abgründe überſchreiten, indem man ſich an einem Seile feſthält, ſchien uns Beiden allerliebſt, und wir erſannen daher auch über dies Thema die ſchönſten Romane, die man ſich nur denken kann. Ich war alſo ſehr glücklich und durchaus nicht eiferſüchtig, beſonders ſeitdem Tintilla mir die Zuvorkommenheiten eines Coloſſes geopfert hatte, eines gewiſſen Matteo Torreados, die ſie mit ziemlicher Koketterie hinzunehmen ſchien; nichts konnte daher, wie ich glaubte, meine glückliche Exiſtenz trüben. Indeß traf ich eines Tages, als ich zu Haſth'y kam, auf der Haus⸗ flur einen großen Mann, der ſich ſorgfältig in ſeinen braunen Mantel hüllte, und eben von meinem Freunde kam. Obgleich er den Hut bis auf die Augen herabgedrückt und den Mantel bis zur Naſe in die Höhe gezogen hatte, ſah ich doch von ſeinem rauhen, braunen Geſichte genug, um überzeugt ſein, daß ich ihn noch nie bei Tintillas Vater getroffen atte. Der Mann im Mantel trat zur Seite, um mich vorüber⸗ zulaſſen, und ich trat mit einer grauſamen Ahnung ein, die, ich weiß ſelbſt nicht weshalb, durch den Beſuch dieſes Unbekannten in mir erweckt wurde. In der That fand ich Tintilla träume⸗ riſch und Haſth'y ſehr nachdenkend. „Wir verlaſſen Cadir für vierzehn Tage,“ ſagte der vor⸗ treffliche Menſch zu mir; Tintilla ſagte nichts, indeß ſah ſie mich auf eine gewiſſe Art an, die ich ſehr gut verſtand, ſo daß ich mir ſelbſt verſprach, Tintilla nicht zu verlaſſen, was auch für mich daraus entſtehen möchte. „Und wohin geht Ihr?“ fragte ich Haſth'y. „Sie ſind ſehr neugierig, Sennor Arthur,“ entgegnete er. „Ich darf wohl neugierig ſein, zu wiſſen, wohin Ihr geht,“ erwiderte ich,„da ich Euch begleiten will.“ „Uns begleiten!“ wiederholte er mit dem Ausdrucke des hochſten Staunens;„uns begleiten?— Tintilla!“— und da⸗ 72 bei blickte er ſeine Tochter ſo verdutzt an, daß es höchſt komiſch anzuſehen war. „Und weshalb nicht?“ fragte Tintilla. „Ja, weshalb nicht?“ wiederholte ich. „Weshalb nicht?— Geh, Du biſt verrückt, Kind.“ „Nein, das bin ich nicht,“ ſagte Tintilla,„und wenn er 1. will, kann er mitkommen.“ Dann flüſterte ſie ihrem Vater mehrere Worte in das Ohr, worauf dieſer antwortete:„Wenn Du das verſprichſt, mag es ſein.— Nun gut, Sennor Arthur, wir beſuchen— wir machen einen Beſuch bei einem Verwandten in dem Rondagebirge.“ „Und Ihr geht allein?“ „Allein mit Tintilla.“ „Auf vierzehn Tage?“ „Auf vierzehn Tage.“ „Ich gehe mit Euch!“ „Und Eure Fregatte?“ fragte Tintilla. „Meine Fregatte?— Je nun, die kann auf mich warten; — ich mache mich darüber luſtig, und der Dienſt des Königs langweilt mich. Stecken ſie mich bei meiner Rückkehr zu lange in Arreſt, ſo trete ich aus.“ Dieſe Entſchloſſenheit wurde mir von Tintilla durch einen glühenden Blick reichlich vergolten. Am Abend eben dieſes Tages ließ mich das Thier von Fregattencapitain, von dem ich ſchon geſprochen habe, rufen, als ich eben im Begriffe ſtand, an das Land zu gehen. „Sie wollen an das Land?“ fragte er mich. „Ja, Capitain!“. „Ich bewillige es; aber ſeien Sie vor dem Zapfenſtreich wieder hier.“ „Und weshalb vor dem Zapfenſtreich, Capitain? Kann ich nicht die Nacht am Lande bleiben? Ich komme erſt in zwei Tagen an die Wache.“ „Es iſt nicht nöthig, Ihnen Erklärungen zu geben. Man kennt Ihre Schritte, mein Herr, und da Sie durchaus Ihre Geſundheit und Ihr Vermögen zu Grunde richten wollen, iſt es die Pflicht Ihrer Vorgeſetzten, Ihren Ausſchweifungen ein Ziel zu ſetzen.“ „Das genügt, Capitain,“ ſagte ich mürriſch, lachte aber in mich hinein über das Geſicht, das er machen würde, wenn 75 er mich weder dieſen Abend, noch den nächſten, noch viele fol⸗ gende ſähe. Leicht wie ein Vogel langte ich bei Tintilla an, und da ich von Bord nichts mitgenommen hatte als Wäſche und Geld, wurde ich bei Haſth'y ſehr angenehm durch ein Geſchenk ſeiner Tochter überraſcht,— nämlich durch einen vollſtändigen, für mich paſſenden Majo⸗Anzug. Er war von braunem Zeuge, mit Stickereien und ſchwarzſeidenen Treſſen auf allen Näthen; nichts fehlte von dem Hute bis zu den großen Kamaſchen von Sevillaer Leder, mit Seide von verſchiedenen Farben geſtickt und mit glänzenden Stahlſporen beſetzt, welche ſehr an die Ritterſporen des Mittelalters erinnerten. Tintilla ordnete mir das Haar auf Zigeunerart; ſie band es, hinten aufgenommen, ſo daß es eine Art chineſiſcher Friſur wurde; dann wand ſie mir ein großes rothes ſeidenes Tuch um den Kopf, ſo daß die Zipfel auf beide Schultern herabfielen; hierüber ſetzte ſie einen flachen Hut mit ſehr breitem Rande. Meine braune Jacke war mit kirſchrothem Atlas gefüttert; die Schärpe war ebenfalls von kirſchrothem Atlas und mit ſchwarzen Seidenfranzen beſetzt. Die Weſte war von ſchwar⸗ zem Atlas, und eben ſo wie die Jacke mit einer großen Menge goldener Knöpfe beſetzt; die kurzen braunen Beinkleider von Tricot hatten längs der Näthe, bis herab auf die Kamaſchen, ebenfalls zwei Reihen ſolcher goldenen Knöpfe. Auf dieſe Weiſe gekleidet und auf meinem Frasco reitend, dem ich mauriſches Sattelzeug hatte auflegen laſſen, an der Seite eine Doppel⸗ büchſe, im Gürtel einen langen Dolch, war ich ganz unkenntlich. Tintilla trug männliche Kleider, den meinen ähnlich, und lenkte mit vielem Muthe einen kräftigen Rothſchimmel. Haſth'y endlich trug einen ähnlichen Anzug, aber von ſchwarzer Farbe, und ritt einen kleinen Schecken, der mir aus Tunis zu ſtammen ſchien. Bei ſchönem Mondſchein und dem köſtlichſten Wetter von der Welt verließen wir Cadir, Tintilla, ihr Vater und ich, wohl beritten, wohl bewaffnet, dicht in unſere Mäntel gehüllt und unſere Cigarren rauchend, denn auch Tintilla verſchmähte als echte Zigeunerin ihre Papiercigarre nicht. Der köſtliche Dampf des Tabaks vermiſchte ſich angenehm mit den kräftigen Wohlgerüchen, welche das Haidekraut in Spanien während der ſchönen Sommernächte aushaucht. 74 Unſer ganzes Gefolge beſtand aus einem alten Neger, der ein großes weißes Maulthier ritt, welches ſeine Glöckchen ſtolz ertönen ließ. Wir wollten die ganze Nacht reiſen, um die Hitze des Ta⸗ ges zu vermeiden, und nur in eres Halt machen, wo Haſth'y, wie er ſagte, Jemand beſuchen mußte. HI. In Zeres nahmen wir unſere Wohnung bei dem Sennor Juan Dulce, eben dem Herrn, den Haſth'y beſuchen mußte. Juan Dulce wohnte an dem äußerſten Ende der Stadt, nicht weit von der Karthauſe; ſein einzeln gelegenes Haus ſchien geräumig und bequem zu ſein. Er kam uns entgegen, und nie werde ich ſein ſchönes und ehrwürdiges Geſicht vergeſſen. Da ſein hoher Wuchs durch das Alter etwas gebeugt war, ſtützte er ſich auf einen Krück⸗ ſtock, cachiporra genannt; ſeine Haare, weiß und glänzend wie Silber, quollen unter einem ſchwarzen Netze hervor, und nie kann ein ſpaniſcher Edelmann ſich würdevoller in ſeinen Man⸗ tel gehüllt haben. Ohne ſich auch nur nach meinem Namen zu erkundigen, nahm der edle Greis mich mit einer ſo zutraulichen Herzlichkeit auf, daß ich dadurch bis zu Thränen gerührt worden wäre, hätte er mir nicht etwas betrunken geſchienen. Er begrüßte uns mit der Nachricht, daß das Eſſen unſerer warte,„ein Biſ⸗ ſen Brot,“ wie er mit erkünſtelter Beſcheidenheit ſagte. Tintilla verſchwand, und kehrte bald darauf in der Klei⸗ dung ihres Geſchlechtes zurück. Das Eſſen war vortrefflich. Die Ollapotrida, ſo gewürzt, daß ſie den Gaumen verbrannte; der Guspacho, ſo friſch, daß man das Frieren danach bekam; vom Fereswein ſage ich nichts; der cataloniſche Wein roch ſo ſtark nach dem Schlauche, daß man in einen Ziegenſtall zu treten glaubte;— mit einem Worte, Alles war köſtlich. Zum Deſſert brachte ein Neger einen Krug Muskateller, —————— ————— 75 Cigarren, ein Kohlenbecken, und entfernte ſich dann wieder. Hierauf ſagte Juan Dulce zu ſeinem Freunde Haſth'y: „Jetzt, da wir allein ſind, Gevatter, können wir von un⸗ ſeren Geſchäften ſprechen.“ Bei dieſen Worten gab Haſth'y ſeiner Tochter ein Zeichen, und Tintilla ſtand ohne weitere Umſtände vom Tiſche auf, zün⸗ dete eine Cigarre an, die ſie aus ihren Lippen mir in den Mund gab, nahm ſich ſelbſt auch eine Cigarre und ſagte zu mir: „Querido, willſt Du mit ſpazieren gehen?“ „Weshalb gehen ſie?“ fragte der redliche Alte, indem er ſein Glas Muskateller mit einem tüchtigen Zuge leerte.„Corpo de Christi, weshalb gehen ſie, Gevatter? Sind Deine Tochter und ihr Liebhaber nicht mit von der Eskorte?“ Che ich noch hören konnte, was Tintillas Vater für eine Antwort gab, zog Tintilla mich mit ſich fort, und zwar, wie ich geſtehe, ohne allen Widerſtand von meiner Seite. Ich ging mit ihr in den großen Garten, der an das Haus ſtieß, und der von dichten Rebengewinden beſchattet wurde, die ſich an Pal⸗ men und Orangenbäumen emporrankten. Unter dieſen den Sonnenſtrahlen faſt undurchdringlichen Lauben lag ein ſchöner Raſen, auf dem der vorſichtige Juan Dulce eine Menge vier⸗ eckiger Matten hätte ausbreiten laſſen, damit man ſich im Schat⸗ ten niederſetzen konnte, ohne von der Feuchtigkeit des Bodens, die durch das Waſſer eines Springbrunnens erhalten wurde, nachtheilige Folgen befürchten zu müſſen. Dieſer Ort war in der That ganz köſtlich, und die zahl⸗ reichen grünen Gewölbe ſchienen mir ganz beſonders dazu ge⸗ eignet, meinen Nachmittag daſelbſt zuzubringen, bequem hin⸗ geſtreckt, meine Cigarre rauchend, und von meiner Geliebten mir etwas vorſingen zu laſſen. Ich ſagte daher auch zu Tintilla: „Singe mir etwas, aber vorher erkläre mir, von was für einer Teufelseskorte der alte Herr ſpricht, der ſo guten Wein hat, und ſich ſelbſt deſſen Güte ſo eifrig beweiſt?“ „Eine Eskorte? Querido mio— ich will verdammt ſein, wenn ich weiß, was Du ſagen willſt.“ „Beim Himmel, ich weiß es, ich, denn ich habe wohl gehört, wie Juan Dulce zu Haſth'y ſagte: „Werden Deine Tochter und ihr Geliebter nicht mit von der Eskorte ſein?“— Die Tochter Haſthy's biſt aber Du, und Dein Geliebter, das bin ſo ungefähr ich, denke ich.“ 76 „Du biſt verrückt, Teufelsherz,“ ſagte Tintilla, indem ſie lachte und mich wie ausgelaſſen umarmte. Höre, Querido, laß mich Dir dieſen Teppich unter den Kopf legen, dieſen unter die Schulter, dieſen unter Deinen Arm;— ſtreck Dich aus, mein Sultan, und während Du rauchſt, werde ich Dir, um Dich ein⸗ zuſchläfern, die drei Küſſe der Zigeunerin vorſingen, Du weißt doch, Querido?— Da liegt zum Glück die Guitarte des alten n 5„Nein, nein, zum Teufel!— das ſinge nicht, wenn Du mich einſchläfern willſt, hörſt Du, Tintilla?“ rief ich, indem ich mich halb emporrichtete. Aber das verdammte Mädchen ſchlug ſchon die Saiten an, und präludirte durch perlenreine Cadencen, die ſie mit milder, ſilberheller Stimme ſang, welche in meinem Innern wiedertönte. „Noch ein Mal, das nicht, Tintilla,“ rief ich mit flehen⸗ dem Tone. „Du wirſt mich hören,“ ſagte die Eigenſinnige, und indem ſie ſich über mich beugte, gab ſie mir einen langen Kuß, der es mir unmöglich machte, ihr zu widerſprechen; und ſo ſank ich ergeben auf die Teppiche Juan Dulce's zurück. Meiner Treu, wenn ich tauſend Jahre lebte, würde ich mich ſtets des Geſichtes und der Haltung Tintallas, während ſie ſang, erinnern; ich würde weder den Ton, noch die Modulationen ihrer Stimme vergeſſen, noch den balſamiſchen Duft der Pal⸗ men, noch die eigenthümliche Beleuchtung, in welcher die Zi⸗ geunerin ſaß. Die im Untergehen begriffene Sonne ſendete ihre Strahlen ſchräg durch die Weinlauben, unter denen wir ſaßen, und auf einer dünneren Stelle des Laubwerkes ſich Bahn bre⸗ chend, fiel ein Strahl mit blendender Helle gerade auf das blaſſe, gelbe Geſicht Tintillas, einen hellen Schein darüber verbreitend. Wer ſie ſo malte, lieferte ein bewundernswürdiges Bild. Auf mauriſche Weiſe auß einem Teppich ſitzend, ein Bein unter ſich geſchlagen, das andere ausgeſtreckt, und dies andere, ge⸗ kleidet in einen rothen Strumpf mit gelben Zwickeln, den gelben Rock zurückſchiebend, der grell gegen ihr rothes, reich mit Gold geſticktes Mieder abſtach. Aber wer vermöchte es, ihre langen feinen Finger zu malen, wie ſie über die Saiten der Guitarre glitten, ihre ſchwarzen, mit ſcharlachrothem Bande durchflochtenen Haare? Wer vermöchte das bewegliche und lebensvolle Geſicht zu malen, welches durch —— —.—— —— —.— 77 den Sonnenſtrahl vergoldet zu werden ſchien, ſo daß es hell aus dem dunkeln Hintergrunde der Blätter hervortrat? Und ganz am Ende des Gartens der Springbrunnen, den das Licht der Sonne in funkelnden Criſtal zu verwandeln ſchien; und die entnervende Hitze, welche die Trägheit ſo wollüſtig macht;— wer vermöchte das zu malen?— Und das Schwei⸗ gen, nur durch den Geſang Tintillas unterbrochen, und das Gemurmel des Waſſerfalles, welcher die Stimme der Zigeunerin leicht verſchleierte und ihr den eigenthümlichen und unbeſchreib⸗ lichen Reiz verlieh, den eine Landſchaft durch den Nebel empfängt! — Noch einmal, wer vermöchte es, ein ſolches Gemälde treu wiederzugeben? Und ich ſah dies Alles, wahr, wirklich, mit einer feurigen Einbildungskraft; ich ſah das, ich hörte das, halb liegend, den Kopf von Hitze und Wein aufgeregt. Ich ſagte zu mir ſelbſt: „Ich bin ſechszehn Jahr alt, jung, frei, reich, kräftig;— dies Weib iſt mein,— nichts auf der Welt kann es hindern, daß ſie mein ſei!— Da empfand ich jenes vollkommene Glück und Wohlbehagen, eine jener Herzenserweiterungen, welche ſpäter machen, daß man die hohlen Träumereien des Ruhmes und der Größe geringſchätzt; denn es ſcheint mir, als könne und dürfe der Ruhm nie ein Gefühl tieferen, innigeren Glückes verleihen, als das, welches ich damals empfand. Um das entworfene Bild zu vollenden, theile ich hier das Lied mit, welches Tintilla mit einem Ausdrucke der Liebe und der aufregenden Wolluſt ſang, welcher ſich unmöglich wieder⸗ geben läßt, und einen neuen Reiz von der Freundlichkeit des Ortes, der Einſamkeit, der untergehenden Sonne gewann. Der Geſang, in andaluſiſcher Sprache, mit dem Gaumtone der Araber geſungen,— noch ein Mal, das ließe ſich unmöglich ſo malen. Hier der Bolero: Die drei Küſſe der Zigeunerin. Shispa'y iſt zwanzig Jahre alt, und mit zwanzig Jahren hat Shispa'y noch keinen Geliebten; wenn Shispa'y häßlich wäre, ſo würde ich ſagen: Beklagt Shispa'y. Aber Shispa'y iſt nicht häßlich, im Gegentheil, Shispa'y iſt ſchön, und ſo ſchön, daß, wenn ſie in dem Irmack mit ihren Gefährtinnen badet, Alle ſie mit dem Ausdrucke des Haſſes und Neides betrachten. Aber wozu nützt Dir Deine Schönheit, Shispa'y? Der Jude hat V 78 auch ſchöne glänzende Zechinen, die er verbirgt, die Niemandem nützen, und deren Werth er ſelbſt nicht kennt, weil er ſich alle Ge⸗ nüſſe verſagt, die man ſich durch den Reichthum verſchaffen kann. Der Jude iſt ſehr reich, Shispa'y, und dennoch, wenn ein armer, ſchmachtender Sklave, dem es an Allem mangelt, auf den Knieen liegend und mit gefaltenen Händen zu ihm ſagte: „Herr, gieb mir einen Piaſter!“ ſo würde der Jude ihm lieber einen Hieb mit der Peitſche geben, als einen Piaſter; Du han⸗ delſt ſo wie der Jude, Shispa'y, der Alles haben kann und ſich Alles verſagt, weil er nichts kennt.— Aber weißt Du, was ihm begegnet iſt, dem Juden?— Ich will es Dir ſagen, Shispa'y.⸗ Eines Nachts ſind Klephten, die ihm mehr wohl als übel wollten, in ſein Haus eingedrungen, während er ſchlief, und haben ihn mit ihren ſchöngearbeiteten ſeidenen Gürteln leiſe ge⸗ bunden. Und dann haben ſie angefangen, die Zechinen des Juden zu nehmen, nicht, um ſie zu ſtehlen, nein, bei Mahomed, ſon⸗ dern um ihm guten Wein von Chiraz und guten Honig von Eſchil dafür zu kaufen, und Fackeln von Olivenharz, die ſo gut riechen; und das Alles brachten ſie in das Haus des Juden.— Hörſt Du, Shispa'y? Und die Klephten ſprachen zu ihm unter großen Drohun⸗ gen:—„Du, der Du nie etwas Anderes getrunken haſt, als das kalte und ſchmackloſe Waſſer des Irmack, trinke dieſen Wein von Chiraz; „Du, der Du nie etwas Anderes gerochen haſt, als den ſchlechten Geruch Deiner alten Mauern, rieche jetzt den wür⸗ zigen Duft dieſes Harzes; „Du, der Du nie etwas Anderes unter Deine Zähne nahmſt, als den unter der Aſche geröſteten Mais, koſte dieſen Honig, der mit Ambra und Korinthen vermiſcht iſt!“ Und als der Jude das Alles gekoſtet hatte, gingen die gu⸗ ten Klephten von dannen, ohne nur einen Taleck mitzunehmen, Shispa'y. So daß der Jude, der den Chiraz beſſer fand, als das Waſſer, den Honig beſſer, als den Mais, den Duft des Oliven⸗ harzes beſſer, als den Geruch ſeiner alten Mauern, von da ab ſeine Zechinen dazu verwendete, ſich Chiraz, Honig und Oliven⸗ harz zu kaufen, und eben ſo verſchwenderiſch wurde, als er geizig geweſen war. —————— ———— 79 Das iſt, was dem Juden begegnete, Shispa'y. Höre jetzt, was Dir widerfahren wird. Shispa's höre, denn ich kenne die Zukunft;— ich bin eine Zigeunerin.— Und die Zigeunerin nahm die Hand Shispa'ys, und ſprach zu ihr:“ Aber meine Erinnerungen verlocken mich etwas zu weit, denn man darf das Ende dieſes Boleros nicht ſchildern, der in der That von etwas nackter Natürlichkeit iſt. Tintilla, die gegen mich nicht dieſelben Rückſichten zu neh⸗ men hatte, ſang ihn bis zu Ende, wenn auch nicht ganz, denn ich unterbrach ſie noch vor dem Ende, um— ſie zu fragen, ob die Erbſen im April blühten. Nach Beantwortung dieſer albernen und unpaſſenden Frage verſank ich in einen feſten Schlaf. Als ich erwachte, war es dunkle Nacht, und ich konnte die Sterne durch das dichte Rebenlaub ſchimmern ſehen, das ſich über meinem Haupte ſchaukelte, ich ſtreckte den Arm aus und bemerkte, daß eine barmherzige Hand mich ſorgſam mit meinem Mantel bedeckt hatte. In eben dem Augenblicke hörte ich in meiner Nähe gehen. „Wer da?“ rief ich. „Ich bin es, Querido!“ antwortete Tintilla.„Schnell, zu Pferde! Es iſt ſpät, und mein Vater iſt ſchon aufgebrochen.— Wir müſſen ihn einholen.“ „Zum Teufel, weshalb hat er nicht auf uns gewartet?“ fragte ich verwundert. „Weil er einem Escribano in der Ancha⸗Straße Geld ein⸗ zuhändigen hat und Dich nicht an der Thür dieſes Eſels im Gerichtsgewande warten laſſen will.“ Der Grund war nicht ganz ſchlecht, und ich begnügte mich alſo damit; dann ging ich mit Tintilla, die wieder männliche Kleidung angelegt halte, zu unſeren Pferden, welche der alte Neger am Zügel hielt. „Wo ſind denn die Leute Juan Dulees, daß ich ihnen Le⸗ bewohl ſagen kann?“ fragte ich Tintilla. „Zu Bett!— Fort! Fort!“— ſagte ſie ſehr lebhaft. „Und der Herr vom Hauſe?“ „Auch zu Bett.— Aber zu Pferde, zu Pferde!“ Das ſchien mir ziemlich ſonderbarz gleichwohl ſchwang ich 30 mich mit der Sorgloſigkeit, die damals meinem Charakter eigen⸗ thümlich war, in den Sattel. Tintilla mußte es ſehr eilig haben, das Haus des ach⸗ tungswerthen Juan Dulce zu verlaſſen, denn ſtatt dem Neger zu befehlen, eine kleine Gartenthür von ungefähr vier Fuß Höhe zu öffnen, überſprang ſie dieſelbe unerſchrocken mit ihrem Pferde; ich folgte, ohne mich zu beſinnen, ihrem Beiſpiele, denn Frasco ſprang wie ein Hirſch, und dadurch ermuthigt folgte uns auch das große weiße Maulthier, trotz der wider⸗ ſtrebenden Anſtrengungen des alten Negers, der dabei in ein heidniſches Gebrüll ausbrach. Wir ſchlugen ein kleines Seitengäßchen ein, welches uns auf die Straße brachte, wo wir Haſth'y finden ſollten. Tin⸗ tilla ſprach kein Wort, und da unſere Pferde in ſtarkem Galopp dahinſprengten, hörten wir nichts, als den eintönigen und re⸗ gelmäßigen Hufſchlag, der von dem feſten Boden wiedertönte, ſo wie weit hinter uns das Glöckchen des Maulthieres. Zum erſten Male,— was vielleicht auffallend ſcheinen wird,— fragte ich mich ſelbſt, wohin ich denn eigentlich auf dieſe Weiſe ritte. Ich begann, das Betragen Haſth'ys ziemlich geheimnißvoll zu finden, und die Frage Juan Dulces nach der Eskorte kam mir in den Sinn. „Jedenfalls,“ ſprach ich zu mir,„bin ich gut bewaffnet, gut beritten, und, ſelbſt den Teufel mit inbegriffen, fürchte ich ſo ziemlich nichts; ich will mir daher die Sache bis zum Ende anſehen.“ „Meiner Treu,“ ſagte ich zu Tintilla,„Dein Vater hatte, wie ich wohl ſehe, dem Schreiber nicht zehn tauſend Piaſter auszuzahlen, denn er hat einen verwünſchten Vorſprung vor uns gewonnen.“ „Ich bin überzeugt, daß er unſerer bei der Tienda am Fuße des Berges wartet,“ ſagte Tintilla;„wir haben ſie bald erreicht.“ In der That bemerkten wir zwei Minuten ſpäter bei dem hellen Mondlichte die weißen Mauern eines Gaſthauſes. Tin⸗ tilla ſetzte ihr Pferd in Schritt, und auch ich zog den Zügel Frascos an. „Höre, höre, Querido,“ ſagte plötzlich die Zigeunerin, in⸗ dem ſie ihr Pferd ganz anhielt, und auch dem meinigen in den Zügel fiel;„höre!“ ————— 31 Wir horchten und vernahmen das ferne Glockengeläute mehrerer Maulthiere, ſo wie das dumpfe Rollen eines Wagens. „Sie ſind es!“ rief Tintilla, und flog wie ein Pfeil dahin. „Tauſend Donnerwetter, endlich will ich wiſſen, wer dieſe „Sie“ ſind!“ ſchrie ich zornig, und ſprengte dicht hinter ihr her. Aber ſie hörte mich nicht, oder wollte mich nicht hören, und ich wollte eben mit Gewalt ihr Pferd anhalten, als wir bei einer Biegung, welche die Straße machte, zwanzig Schritte vor uns einen mit vier Maulthieren beſpannten Wagen er⸗ blickten. Neben der einen Thür ritt Haſth'y, der ſich einen Fandango pfiff; neben der andern bemerkte ich den Mann im braunen Mantel, den ich bei Haſth'y an jenem Tage getroffen hatte, an welchem er mich von ſeiner Abreiſe in Kenntniß ſetzte. Ich erkannte ihn ſogleich wieder. Der Kutſcher, welcher den Wagen fuhr, ſang ſich eine jener einförmigen Weiſen, welche den Maulthiertreibern Anda⸗ luſiens eigen ſind; der Wagen, deſſen Vorhänge herabgelaſſen waren, fuhr im Schritt, denn der Weg ging ſehr ſteil hinan. Ich war durch das Alles in Staunen geſetzt, und da ich wiſſen wollte, woran ich mich zu halten hätte, ritt ich zu Haſth'y heran, und ſagte in ſehr trockenem Tone: „Mein Lieber, das iſt alſo die Eskorte, von der der alte Trunkenbold Juan Dulce geſprochen hat?— Ich will wiſſen, und zwar auf der Stelle, was das bedeutet, oder ich kehre zurück.“ „Jeder hat ſeinen Geſchmack!“ erwiderte Haſth'y in einem kalten ſpöttiſchen Tone, den ich noch nicht an ihm kannte. Das Alter hat mich abgekühlt, aber damals war ich von furchtbarer Heftigkeit. Die Antwort brachte mich außer mir, ich faßte daher heftig ſeinen Arm und ſchrie:„Das heißt nicht antworten! Zum Henker, ich werde wiſſen, woran ich mich über die Rolle zu halten habe, die man mich hier ſpielen läßt, oder Ihr thut keinen Schritt weiter vorwärts!“ ſin Und mit dieſen Worten ſtellte ich mein Pferd quer vor das einige. Bei den erſten Worten unſeres Streites ſagte der Menſch im braunen Mantel ſehr ruhig zu Haſth'y, indem er dabei den Tabaksrauch in zwei großen Zügen vor ſich blies:„Herr, ſoll ich debarigare el mosu(äßt ſich ungefähr überſetzen: dem jungen Burſchen den Bauch aufſchlitzen), ſo bin ich da.“ 6 Die Curaracha. I. 32 Tintilla miſchte ihre gellende Stimme in unſern Streit, und zankte ihren Vater aus, deſſen Ruhe und Kaltblütigkeit mein Blut zum Sieden brachten, denn ſtatt mein Pferd zu wenden, und nach Keres zurückzukehren, wie ich hätte thun ſollen, wurde ich immer hitziger, und ſchrie ſo wüthend, daß ich ohne Zweifel die Leute aufweckte, welche im Wagen ſaßen, denn ich hörte eine weibliche Stimme einen Schrei des Schreckens ausſtoßen und in franzöſiſcher Sprache ausrufen:„Die Ban⸗ diten zanken ſich untereinander; ſie werden uns gewiß er⸗ morden!“ „Sie ſind eine Thörin,“ ſagte in derſelben Sprache die Stimme eines Oheims oder Ehemannes. Bei dieſem weiblichen Schrei waren Tintilla und ich gleich ſehr erſtaunt. „Bei den tauſend Wunden Chriſti, es iſt alſo ein Frauen⸗ zimmer da drinnen?“ rief die Zigeunerin mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdrucke des Zornes.—„Weshalb iſt mir das nicht geſagt worden?“ Und ſie ſah ihren Vater und mich mit einem faſt wilden Ausdrucke an. „Weil ich ſelbſt nichts davon wußte,“ erwiderte Haſth'y; „aber verdreht mir den Kopf nicht noch mehr durch die Ge⸗ ſchichte. Es giebt ein ſehr einfaches Mittel, das Alles abzu⸗ machen,— daß nämlich der Herr nach Keres zurücktehrt; mor⸗ gen gegen Abend kann er in Cadir ſein, und, bei meiner Seele, daran thut er beſſer, als uns zu folgen. Er folge meinem Rathe, denn es iſt ein Freund, der ihn ertheilt.“ „Und ich verbiete ihm, ſich zu entfernen,“ ſagte Tintilla in übermüthigem Tone. „Und ich bleibe!“ fügte ich hinzu, indem ich an die Ge⸗ fahren dachte, welchen die arme Franzöſin bei einer ſolchen Umgebung ausgeſetzt ſein konnte. Tintilla ſah in meiner Zuſtimmung eine Genehmigung ihres Willens, und wollte meine Hand ergreifen, um mir da⸗ für zu danken; ich ſtieß ſie zurück, denn von dieſem Augenblicke an war ſie mir, ich weiß ſelbſt nicht weshalb, widerlich und unerträglich. Die Ruhe kehrte allmählig wieder zurück, und ich ritt allein hinter dem Wagen her, dieſen mit neugierigem Blicke prüfend. Es war eine große Berline; auf der Thüre bemerkte —— ——— 35 ich eine Grafenkrone über einem Buchſtaben. Sonderbar kam es mir vor, keinen Bedienten auf den Sitzen zu ſehen, die doch für ſie beſtimmt zu ſein ſchienen. Ich war mit dieſen Gedanken beſchäftigt, als der Mann im braunen Mantel ſein Pferd in ſcharfen Trab ſetzte und hinter dem Gipfel eines vor uns lie⸗ genden Hügels verſchwand. Hierüber ſehr beunruhigt, machte ich meine Büchſe, die in einem Haken an meiner Seite hing, heimlich los, und ſpannte die Hähne, der kommenden Dinge wartend. Ungefähr zehn Minuten darauf kehrte der Mantelmann ruhig zurück und ſagte zu Haſth'y:„Los Ladrones!“(Die Räuber.) „Ich bin in eine Kehlabſchneideranſtalt gefallen,“ dachte ich bei mir ſelbſt,„aber ich will mein Leben und das der Frau da drinnen theuer verkaufen.— Meine erſte Kugel ſei für Tin⸗ tilla, die mich hierhergelockt hat.“ In der That kamen wie durch einen Zauberſchlag einige zwanzig Menſchen, von denen einige beritten waren, zwiſchen den Ritzen und Spalten der Felſen hervor, welche die Straße begrenzten, aber ohne Geſchrei, ohne Unordnung; Alle waren ſehr ruhig. Der Kutſcher hielt ſeine Maulthiere von ſelbſt an, und der Menſch, welcher die Bande zu commandiren ſchien, näherte ſich Haſth'y. Dieſer ritt ihm entgegen, und zeigte ihm ich weiß nicht was für einen Talisman, denn ſobald der Führer der Banditen denſelben erblickt hatte, reichte er Haſth'y ſeine unwürdige Hand hin, und ſagte:„Reiſet mit Gott, Gevatter!“ „Die Heiligen mögen Euch beſchützen, Ihr Herren,“ ent⸗ gegnete Haſth'y. Der Wagen fuhr hierauf im Trab weiter, und wir ließen die ſaubere Geſellſchaft, von der wir auf ſo wunderbare Weiſe befreit worden waren, hinter uns. HHH. Ich war über die ſonderbare und ruhige Entfernung der Räuber ſo verwundert, daß ich mich erſt nach einer Viertel⸗ ſtunde Tintilla näherte, um von ihr die Löſung dieſes Räthſels zu empfangen. 6* 34 Die Zigeunerin ſchien nachdenkend und träumeriſch, und ich war gezwungen, ſie ziemlich derb am Arme zu ſchütteln, um von ihr eine Antwort zu erlangen. „Tintilla,“ ſagte ich,„was bedeutet das Alles? Wer ſind dieſe Menſchen, und welchen teufliſchen Einfluß übt Dein Vater auf ſie aus, daß er ſie zwingt, uns ſo frei ziehen zu laſſen?“ „Was das bedeutet?“ entgegnete die Zigeunerin ſehr hef⸗ tig;—„was das bedeutet?— daß ich Dir ſo eben ſagte, Du ſollteſt bleiben, und daß ich jetzt will, Du ſollſt umkehren; hörſt † Du, ich will es?“ Dabei drückten ihre Finger mein Handgelenk ziemlich kräftig.. Wos das betrifft,“ erwiderte ich,„ſo geſchieht es nicht, † denn ich bleibe.— Ja, ich bleibe!— Nimm alſo Deine Hand; von meinem Arme, denn Du zerdrückſt Dir die Nägel und das iſt Alles!“ „Und ich ſage Dir, Du ſollſt gehen!“ rief die Zigeunerin, „und wenn es ſein muß, ſo werde ich ſelbſt, um Dich dazu zu beſtimmen, noch dieſe Nacht mit Dir zurückkehren. Wir gehen nach Cadir, wohin auch mein Vater ſpäter wieder kömmt; ſei⸗ ner Einwilligung bin ich gewiß.“ „Ich danke, meine Theure, für das Anerbieten, aber, noch ein Mal, ich bleibe!“— Das ſagte ich mit ſo feſtem Tone, daß ſie wohl ſah, mein Entſchluß ſei unerſchütterlich. „Aber, bei Mahomet, ſo weißt Du noch nicht, wer ich bin, wer mein Vater iſt, und was er für ein Gewerbe treibt?“ „Ich ahne es, und eben deshalb bleibe ich.“ „Ha, Du weißt es, bei den Wunden Chriſti, Du weißt, daß mein Vater einer von den Häuptern de los ladrones de contrato iſt 1), der Räuber⸗Aſſekuranz, welche die Reiſenden brandſchatzt, und ſie zuweilen, bei Mahomet, die Geleitsbriefe ——— 5 ¹ Es exiſtirte 1822 in Cadir und Keres eine ſonderbare Aſſekuranzkompagnie, welche, ſo zu ſagen, von der Polizei geduldet wurde;„die Räuber um feſten Preis“, wie man ſie nannte, gaben gegen eine ziemlich hohe Prämie Geleitsbriefe, Andaluſien bis nach Sevilla zu durchreiſen, und ſicherten auf dieſe Weiſe die Reiſenden ſo ziemlich gegen die Räubereien und Gewaltthaten von zwei oder drei Banden, die ohne Zweifel von der Compagnie ſelbſt organiſirt waren, und damals jene Straße außerorbentlich unſicher machten. Die Cortes ließen, 1823 glaube ich, die Verſicherer gefangen nehmen und richten; Einige wurden ge⸗ hangen, Andere auf die Galeeren geſchickt, aber die Lanbſtraßen deshalb nicht ſicherer, im Gegentheil, denn die Masregeln einer ungeſchickten Polizei gaben den Reiſenden nicht ein⸗ mal die Art von Sicherheit, welche ſie früher durch die Räuber⸗Aſſekuranz erhielten. 35 theuer genug bezahlen läßt, die ſie ihnen bewilligt.— Weißt Du auch, daß wir auf der Stelle getödtet werden, wenn die Sicherheitsronden uns überraſchen?— Weißt Du das— und zwar durch die Bande meines Vaters?— Es wäre ſchön, einen Offizier des Königs von Frankreich als Mitſchuldigen einer Zigeuner⸗, Räuber- und Mörderbande hängen zu ſehen! — Jetzt weißt Du Alles; verachte mich, jage mich wie eine Spitzbübin fort, und ich dulde es, wenn Du nur gehſt;— führe mich als Sklavin fort, und ich folge Dir;— gebiete mir, zu bleiben, und ich bleibe, aber, bei Mahomet, geh!— Aus Barmherzigkeit, geh!“ Dabei ließ die Zigeunerin die Zügel ihres Pferdes fallen, umfaßte meinen Arm mit beiden Händen, und bat mich auf das Dringendſte. Ich wußte jetzt vollkommen, woran ich war. Dieſe we⸗ nigen Worte erklärten mir hinlänglich das friedliche kar-niente Haſth'ys, ſo wie das Geheimniß von der Eskorte des ehrwür⸗ digen Juan Dulce, der wahrſcheinlich das ehrenwerthe Ober⸗ haupt der Aſſekuranzeompagnie von Keres war. Man wird leicht begreifen, daß die Natur dieſer Entdeckungen meinen Ent⸗ ſchluß nur noch befeſtigte, meine Landsmännin nicht der Gnade meiner vertrauten Freunde preiszugeben, denn ich geſtehe, daß ich in das beſchworene Verſprechen ihres Schutzes und Beiſtandes für die Reiſenden, die ſich ihnen anvertrauten, nicht den geringſten Glauben ſetzte, obgleich ich daran Unrecht that. Ich antwortete daher Tintilla, welche ohne Zweifel ſehr auf die Wirkung dieſer Erklärung gerechnet hatte: „Ich habe hier in meiner Büchſe zwei Kugeln, die Du in den Kopf zu bekommen verdienteſt, meine Vielgeliebte, um Dich zu lehren, einen jungen, vertrauensvollen Menſchen nicht wie⸗ der in eine ſolche Schlinge zu locken; aber Du biſt aufrichtig geweſen, und ich verzeihe Dir deshalb; nur ſieh Dich wohl vor, von hier bis Sevilla kein Wort an mich zu richten, denn es wäre verlorene Mühe;— dort wirſt Du und Dein würdiger Vater wahrſcheinlich dieſen Wagen verlaſſen.“ „Alſo bleibſt Du, Wehrwolfsſohn?“ „Du ſiehſt es ja!“ „Ha, jetzt bin ich überzeugt davon— Du bleibſt, um der Frau, die da drinnen ſitzt, den Hof zu machen,“ ſagte Tintilla mit zornbebender und erſtickter Stimme, indem ſie auf den Wagen 36 zeigte.—„Nun gut, bei meiner Mutter, wenn Du das Un⸗ glück haſt, ihr auch nur in die Augen zu ſehen, ſo bringe ich Euch alle Beide um.— Du hörſt mich, und Du weißt, ob die Tochter meines Vaters ſich vor Blut fürchtet!“ „Und ich, ich gebe Dir die Verſicherung, daß Du keinen der Reiſenden umbringen wirſt, Tochter meiner Seele, denn ich hafte dem Sennor Juan Dulce unter hoher Bürgſchaft für ihr Leben wie für ihr Eigenthum,“ ſagte eine tiefe Stimme. Es war die Haſth'ys, der ſich uns unbemerkt genähert hatte, und ſo, ohne daß wir es ahneten, jedes Wort unſeres ſehr heftig geführten Geſpräches hörte. „Ich ſage Euch, Vater, ich, daß ich ihn tödte, wenn er dies Weib anſieht!“ ſagte Tintilla mit wildem Ausdrucke. „Du verſtehſt mich ſchlecht, geliebte Tochter meines Her⸗ zens,“ entgegnete Haſth'y mit unwandelbarer Kaltblütigkeit, „ich habe dieſen Reiſenden ihr Leben, ihr Geld verbürgt, und man ſoll weder eines ihrer Haare noch einen ihrer Realen an⸗ taſten, ſolange ich oder der Gevatter dort im braunen Mantel noch einen Dolch oder eine Büchſe halten können. Was Dei⸗ nen Vorſatz betrifft, den Sennor Arthur zu tödten, ſo hätteſt Du Unrecht, Tochter meines Herzens, denn er rettete mir das Leben.— Ich machte ihm ſchon den Vorſchlag, ſich zu entfer⸗ nen;— er wollte es nicht,— deſto ſchlimmer für ihn.— Ich habe ſein Offizierswort, nichts von dem zu entdecken, was er während unſerer Reiſe ſehen wird;— wenn die Ronden uns treffen, deſto ſchlimmer für ihn.— Was nun den Umſtand be⸗ trifft, das Frauenzimmer da drinnen anzuſehen oder nicht, ſo iſt das ein Streit unter Liebesleuten, an dem ich als Vater keinen Theil nehmen darf,“ fügte Haſth'y mit jenem kalten, ſpöttiſchen Tone hinzu, mit dem er mich ſo ganz außer mich zu bringen verſtand. 3 „Nun gut,“ ſchrie Tintilla,„ſo ſollſt Du, der Du nicht verſichert biſt, für ſie bezahlen!“ Dabei griff ſie meinem Pferde ſo wüthend in den Zügel, daß es ſich bäumte, und mit mir in einen Abgrund überſchlug, an deſſen äußerſtem Rande ich ſeit einiger Zeit ritt, ohne dar⸗ auf zu achten. Alles, worauf ich mich von dieſem hölliſchen Ereigniſſe noch erinnere, iſt, daß ich mich vorwärts gebeugt hatte, als mein Pferd ſich bäumte; dadurch verſetzte mir die Schnalle des * 37 Kopfgeſtelles zu meinem Gluͤcke einen ſo heftigen Stoß gegen die Stirn, daß ich betäubt wurde, und noch vor meinem Pferde ſtürzte. Ich fühlte, wie ich mich zwei Mal umdrehte; dann dröhnte ein ſo furchtbarer Schlag durch meinen ganzen Körper, daß jeder einzelne Theil deſſelben heftig erſchüttert wurde, und ich darüber das Bewußtſein verlor. XV. Als ich zum Bewußtſein zurückkehrte, war es heller Tag, und ich befand mich auf dem Rſikſitze eines ſehr langſam fah⸗ renden Wagens; die Vorhänge waren herabgelaſſen. Mein Kopf war entſetzlich ſchwer; ich fuhr mit der Hand darnach, und fühlte, daß er mit Tüchern umhüllt, und mit Pau de Cologne getränkt ſei. Wir ſaßen unſerer Vier in dem Wagen. Mir gegenüber ſchlief ein Mann von etwa funfzig Jahren; ſein Geſicht war dürr und mager, ſeine ſpärlichen Haare grau, und alle ſeine Züge trugen den Stempel der Auszeichnung; in dem Knopf⸗ loche ſeines Reiſeoberrockes bemerkte ich das Band mehrerer Orden. Neben mir ſaß ein großer ſchöner junger Mann von höch⸗ ſtens dreißig Jahren, mit einem Geſichte voll Reiz und Adel, und mit ſo viel Sorgfalt und Friſche gekleidet, als ob er die Nacht nicht in einem Reiſewagen zugebracht hätte. Er be⸗ merkte die Bewegung nicht, die ich machte, indem ich erwachte, denn er heftete den feſten Blick voll der zärtlichſten Liebe auf eine ſchlafende junge Frau, die ihm gegenüber neben dem ältli⸗ chen Herrn ſaß. Ich geſtehe, daß ich bei dem Anblicke dieſes wunderlieb⸗ lichen Geſchöpfes meine Kopfwunde ſo wie die Schmerzen mei⸗ nes vielfach gequetſchten Körpers vergaß. Die Sonne, welche ſchon ſehr hoch ſtand, ſchien auf die karmoiſinrothen ſeidenen Fenſtergardinen des Wagens und ver⸗ breitete in dem Innern deſſelben ein purpurfarbiges Licht, wel⸗ ches die Gegenſtände ſehr vortheilhaft beleuchtete. 88 Die ſchöne Schläferin ſchien höchſtens zwanzig Jahr alt zu ſein und ihr liebliches Geſicht hatte einen ſo zarten, durch⸗ ſichtigen Teint, daß man das feine Netz blauer Adern unter der Haut erkannte; die Augenwimpern reichten weit über die ge⸗ ſchloſſenen Augen, und ihre ſchöne weiße Stirn, die aus polir⸗ tem Marmor geformt zu ſein ſchien, wurde dann und wann von langen, kaſtanienbraunen Haaren beſchattet. Eine Naſe, einer antiken griechiſchen Bildſäule würdig, und zwei ſchöngewölbte Augenbrauen, noch dunkler als das Haar, gaben der köſtlichen Phyſiognomie einen überaus lieb⸗ lichen Charakter. Ein ganz kleines Hütchen von blauem Moirè, inwendig mit einer Spitzenrüche beſetzt, bildete einen freundlichen Rah⸗ men zu dem entzückenden Geſichtchen. Obgleich die junge Frau eine lange und weite Reiſeblouſe von dunkler Farbe trug, konnte man doch den zierlichſten und ſchlankeſten Wuchs erkennen, indem ſie ſich in die Ecke des Wa⸗ gens lehnte. An einer Hand hatte ſie einen Handſchuh von feinem dä⸗ niſchen Leder, auf der andern, die bloß und von blendender Weiße war, konnte man ebenfalls das blaue Netz der Adern erkennen. Mein Nachbar hielt dies zierliche, ſchöngerundete Händ⸗ chen in den ſeinigen; ohne Zweifel hatte die junge Frau ſie beim Einſchlafen ſo vergeſſen, denn der junge Mann hielt ſie voll Achtung und Liebe, und wagte nicht, ſeine Stellung zu verändern, obgleich dieſe verzweifelt unbequem war, denn er mußte den Arm beinahe ganz ausgeſtreckt halten; aber er fürch⸗ tete ohne Zweifel, die ſchöne Schläferin durch die leiſeſte Be⸗ wegung zu erwecken. 52 Ich kann das grauſame Gefühl der Eiferſucht nicht be⸗ ſchreiben, von dem mein Herz bei dem Anblicke dieſer beiden ſchönen und ausgezeichneten jungen Leute zuſammengepreßt wurde. Ich erkannte inſtinktmäßig ihre zarte, innige Liebe, ſo voll Reiz und Poeſie. Ich ſah plötzlich mit verzweiflungsvoller Deutlichkeit ein, daß es auch noch eine andere Liebe gäbe, als die rohe und leidenſchaftliche, die ich für Tintilla gehegt hatte. Zu erklären, wie der Anblick dieſer ſchönen Frau auf meine Seele wie auf meinen Körper einen eben ſo raſchen als tiefen Eindruck machte, das wäre ich nicht im Stande, und noch 39 heute, wo ich die Erfahrung eines gereiften Alters für mich habe, iſt mir das kaum begreiflich, aber gewiß iſt, daß in dem glühenden Herzen eines Mannes nie eine heftigere und plötz⸗ lichere Leidenſchaft ausgebrochen iſt. Mit ſtarr auf ſie gehefteten Blicken erwartete ich mit einer Art verzehrender Angſt das Erwachen der jungen Frau, denn ich empfand das Bedürfniß, mir eine Wahrheit zu verhehlen, die ich wider Willen errathen hatte. Ich ſuchte mich nämlich zu überreden, daß der junge Mann der Bruder oder Gatte der jungen Frau ſei, was mich ſehr getröſtet und mir einige Hoff⸗ nung gegeben hätte. Endlich verrückte ein leichter Stoß des Wagens den Arm meines Nachbars etwas aus ſeiner Stellung, und das erweckte ohne Zweifel die ſchöne Schläferin, denn ſie zog zuerſt ihre Hand zurück, drückte ſie dann gegen die Stirn und öffnete hier⸗ auf ſchmachtend zwei der ſchönſten Augen, die ich in meinem Leben ſah. Ich hatte mich heftig in meine Ecke zurückgeworfen, und Dank der Kaputze meines Mantels, die mir über die Augen hing, konnte ich, indem ich mich ſchlafend ſtellte, Alles ſehen, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Ich glaube noch jetzt die grau⸗ ſame Angſt zu empfinden, die ich damals fühlte, als ich den langen, leidenſchaftlichen Blick gewahrte, den die junge Frau auf ihren Geliebten warf, denn nur einen Geliebten kann man ſo anſehen. Wie ſüß war er, dieſer liebliche, dieſer erſte Blick des Er⸗ wachens, der ſogleich, und wie inſtinktmäßig den Blick eines Freundes ſuchte! Dann öffnete das liebliche Geſchöpf den kleinen Mund voll der ſchönſten Zähne und ſchien durch ein leichtes und anmuthi⸗ ges Zuſammendrücken der Lippen ihrem Geliebten eine Menge Küſſe zuzuſenden. Man mußte auch ſehen, wie bei jeder ſol⸗ chen Bewegung der Lippen ihre ſchönen Augen ſich unmerklich ſchloſſen, ſo wie Alles, was in dem Ausdrucke von zärtlicher und inniger Leidenſchaft lag. Hölle!— Hölle!— Jeder dieſer Blicke, jeder dieſer Küſſe fuhr mir wie ein ſcharfer Stahl in das Herz; ich hatte in der That eine entſetzliche Regung der Wuth und Eiferſucht, und ſo weit, es zu beklagen, daß Tintilla das Weib nicht ödtete. X 90 Da fing ich aber an, die Zigeunerin ſo heftig zu haſſen, daß ich glaube, ich hätte ſie mit meinen Händen erwürgen kön⸗ nen, und den ſchönen jungen Mann auch. Meine Verdammniß begann, aber, Gottes Tod, ſie war noch nicht zu Ende. Bald ergriff der junge Mann die Hand, die man ihm ge⸗ gelaſſen hatte, und ungeachtet eines allerliebſten Schmollmäul⸗ chens und der drohenden Blicke der ſchönſten Augen, die ſeit⸗ wärts auf den ältlichen Herrn deuteten, führte er ſie zu ſeinen Lippen; er küßte ſie zärtlich von den Fingerſpitzen bis zu dem Handgelenke; dann drückte er ſie voll Trunkenheit an ſeine Au⸗ gen, ſeine Stirn, ſeine Haare, ſeine Wangen, und küßte ſie wieder voll Bewunderung, wie ein Geizhals, der nichts verlie⸗ ren, keinen roſigen, glänzenden Nagel übergehen wollte, ohne g ſeine Lippen verliebt darauf zu preſſen. Seine Geliebte lächelte ihm mit Vergötterung zu; ihre etwas blaſſen Wangen färbten ſich leicht, und ihre andere Hand preßte ſie auf den Buſen, der heftig zu wogen begann. Nein, hundert Mal nein, die ſtechendſten phyſiſchen Leiden ſind nichts gegen die moraliſche Marter, welche mir das Herz zerriß, während ich dieſen Liebenden durch ſo kleine Gunſtbezeugungen ſo unendlich glücklich ſah; ich machte daher mit abſichtlicher Grauſamkeit eine heftige Bewegung, welche zur Folge hatte, daß die ſchöne Hand ſich ſchnell unter den Falten eines Ka⸗ ſchemirs verbarg. „Sehen Sie ſich vor, Paul, der Menſch erwacht,“ ſagte ſie leiſe mit ſo lieblicher, friſcher Stimme, wie ihr Athem. „Nein, fürchten Sie nichts,“ erwiderte Paul, indem er eine Hand verlangte, die man ihm ernſthaft verweigerte. „O, Marie,“ ſagte Paul,„mögen Sie immerhin dieſe göttliche Hand verbergen; wenn Sie ſo viel Liebe für mich em⸗ pfinden, als ich für Sie, dann müſſen die ſtummen Küſſe, die ich ihr zuſende, die Falten Ihres Shawls durchdringen, und Sie die glühende Berührung derſelben fühlen.“ „Sie ſind verrückt, Paul, und dennoch, nein, Sie ſind es nicht,“ ſagte Marie,—„denn ich weiß es wohl, wenn Du mich ſo feſt anſiehſt, fühle ich wie einen elektriſchen Schlag, hier— in meinem Herzen. Weshalb ſollte mich alſo nicht auch ein ſtummer Kuß unter dem Kaſchemir berühren?“ — ———— — 9¹ „Ach, Marie, Marie,“ ſagte Paul,„wie groß iſt unſer Glück, und wie ſehr wird deſſen Reiz ſogar durch den Zwang erhöht, den die Verhältniſſe uns auferlegen. Glaubſt Du, ſag mein geliebter Engel, daß ein Blick, ein Händedruck uns in ſo unnennbares Entzücken verſetzen würde, wenn wir immer allein wären?“ Zu meiner großen Freude wurde hier das Geſpraͤch durch ein gewaltiges Gähnen des Herrn mit dem grauen Haar un⸗ terbrochen; er ſtreckte die Arme aus, drehte ſich um, und ſagte dann: „Guten Morgen, Marie!“— und hierauf:„Mirval, wie viel iſt die Uhr?“ „Ich glaube, bald Mittag, lieber Onkel!“ ſagte Marie. Hierauf, mit dem Finger nach mir deutend, ſagte der Oheim mit leiſer Stimme: „Schläft er noch immer?“ „Er hat ſeit dieſem Morgen nur eine einzige Bewegung gemacht!“ antwortete Mirval. „Es iſt gleichwohl ſehr wenig angenehm, eine ſolche Gat⸗ tung bei ſich im Wagen zu haben,“ ſagte der Oheim,„aber wenn Marie etwas will—“ „Herr Mirval,“ fiel Marie ein,„Sie ſollen Schiedsrichter ſein.— Wir ſind der Gnade dieſer abſcheulichen Begleiter preisgegeben; einer dieſer Menſchen ſtürzt dieſe Nacht mit dem Pferde; er wird ſchwer verwundet; konnten wir etwas An⸗ deres thun, als ihn in unſeren Wagen aufzunehmen, zunächſt aus Menſchlichkeit, und dann, um uns bei dieſen Leuten in Gunſt zu ſetzen, denen ich, wie ich offen geſtehe, durchaus nicht traue?“ „Und Sie haben Unrecht, Marie. Dieſe Kanaillen be⸗ ſitzen ein unbegreifliches Ehrgefühl; es iſt ſonderbar, aber es iſt einmal ſo, ich ſchlafe daher unter der Eskorte dieſer Spitz⸗ buben eben ſo ruhig, als ich unter Begleitung von Gendarmen in unſerem ſchönen Vaterlande ſchlafen würde.“ „In der That,“ ſagte Mirval,„abgeſehen von dem kleinen Zwange, den uns die Gegenwart dieſes Menſchen auferlegt, haben wir, wie ich glaube, eine ſehr politiſche Handlung began⸗ gen, indem wir ihn zu uns in den Wagen nahmen.“ „Weshalb ihn aber nicht auf den Sitz verweiſen, da er leer bleibt, indem wir unſere Leute erſt in Sevilla treffen?“ 92 „Bedenken Sie doch, auf einen ſo hohen Sitz!“ ſagte Marie.„Der arme Menſch war ohnmächtig, und überdies haben ſie, ich weiß nicht weshalb, einem andern der Ihrigen dieſen Platz angewieſen.“ „Nun gut, ich habe Unrecht, Marie; aber ſeht nur die Phyſiognomie unſeres Reiſegefährten,“ ſagte der Oheim, indem er die Kaputze meines Mantels etwas in die Höhe hob. Ich drückte die Augen feſt zu, und regte mich nicht. „Mein Gott, der Unglückliche kann noch nicht achtzehn Jahr alt ſein!“ rief der Onkel aus. „So jung noch, und ſchon ein Nichtswürdiger, des Gal⸗ gens oder der Galeere werth,“ ſagte Paul. „Es liegt in der That ein verhängnißvoller Ausdruck in dieſem Geſichte,“ bemerkte Marie mit Angſt.„Das iſt ſchade, denn ſeine Züge ſind recht hübſch.“ Dieſe letzte Bemerkung trieb mir das Blut in das Geſicht. „Seht, er erröthet,“ flüſterte der Oheim. „Das macht das Fieber,“ ſagte Mirval. „Und denken zu müſſen,“ fuhr der Oheim fort,„daß ein ſolches Ungeheuer vielleicht ſchon zehn Mordthaten auf dem Gewiſſen hat!“ Ich übergehe den Reſt der Unterhaltung mit Stillſchwei⸗ gen, und erwaͤhne nur ſo viel, daß ſie meiſtens aus Bemerkun⸗ gen beſtand, die für mich eben ſo wenig ſchmeichelhaft waren, und daß ich dabei die drei grauſamſten Stunden meines Lebens zubrachte. In Sibehra hielt der Wagen. Ich ſtellte mich noch immer ſchlafend und ließ die Reiſen⸗ den ausſteigen. Ich ſah Haſth'y ſich dem Wagen nähern und ſprang mit einem Satze hinaus. „Iſt mein Pferd todt oder verwundet?“ fragte ich ihn. „Weder das Eine, noch das Andere!“ „So laßt es ſatteln; ich will fort.“ „Wie Ihr wollt;— meine Tochter wird darüber entzückt ein.“ „Hört, Haſth'y, Eure Satanstochter hat mich umbringen wollen. Obgleich ſie ein Weib iſt, würde mich meine Heftigkeit des⸗ halb wahrſcheinlich über die Grenzen der Höflichkeit fortgeriſſen ha⸗ ben. Ich kehre nach Cadir zurück, und Ihr habt mein Wort: Keine —— 95 Silbe von dem, was ich geſehen habe, kömmt über meine Lip⸗ pen, aber ſchwört mir, wenn Ihr bei irgend etwas Heiligem zu ſchwören vermögt, treu über dem Wohl der Frau da drinnen zu wachen. Ihr wißt, ob ich freigebig bin: Beweiſt mir, wenn Ihr wieder nach Cadir kommt, daß ſie Sevilla glücklich erteichten, ſo ſind zehn Unzen Gold Euer.“ „Ich bedurfte dieſer Anfeuerung nicht, Sennor Arthur.— Ich laſſe Euer Pferd ſatteln.— Wollt Ihr Tintilla ſehen?“ „Nein, zum Teufel!— Mein Pferd! Mein Pferd!“ Indem ich auf Frasco wartete, warf ich noch einen letzten Blick der Liebe und des Bedauerns auf das Gaſthaus, in welchem ſich das weibliche Weſen befand, das in mir die erſte wahre Leidenſchaft erweckte. Frasco kamz ich ſchwang mich in den Sattel, und ſprengte im Galopp davon. Ich hatte damals eine eiſerne Natur; trotz meines Falles und meiner Verletzung ritt ich deshalb auch in einem Zuge bis Keres, wo ich mich eben nicht verſucht fühlte, Juan Dulce einen Beſuch abzuſtatten. Am zweiten Tage war ich in Cadir, den Tag darauf am Bord meines Schiffes, und wieder den Tag darauf in dem Fort St. Catharina, wo ich für einen Monat Arreſt bekam, weil ich mich längere Zeit ohne Erlaubniß vom Bord entfernt hatte. Während dieſes Monats der Gefangenſchaft machte ich mir meinen Fehler zwanzig Mal zum Vorwurfe. Ich ſagte mir:„Ich habe wie ein Thor gehandelt; ich mußte bleiben; vielleicht hätte mein eigenthümliches Abenteuer mir das In⸗ tereſſe meiner ſchönen Landsmännin gewonnen.“ Während der erſten acht Tage empfand ich das heftigſte Bedauern; dann dachte ich weniger an das Ereigniß, dann gar nicht mehr, und zuletzt vergaß ich es ganz. Als mein Arreſt zu Ende war, erhielt unſere Fregatte Befehl, nach Malta zu ſegeln, und wir brachen an eben dem Tage auf, an welchem ich durch die Zeitungen erfuhr, daß Haſth'y und deſſen Gefährten theils gehängt, theils auf die Galeeren geſchickt worden wären. Mein guter Freund gehörte, wie ich hoffte, zu den Letzteren. Ich geſtehe in der That, daß ich ihn bedauerte, denn es giebt Freundſchaften, die man nicht vergißt. 94⁴ V. Als ich mich ſpäter an das ſonderbare Abenteuer erin⸗ nerte, verſchwand durch eine ziemlich auffallende Eigenthüm⸗ lichkeit das Andenken an die junge, ſchöne, ausgezeichnete Fran⸗ zöſin immer mehr aus meinem Gedächtniſſe, während ich dage⸗ gen mit erneuter Sehnſucht an Tintilla, die Zigeunerin, dachte. Unwillkührlich ſah ich beſtändig ihre großen, lebhaften ſchwarzen Augen, ihr bleiches Geſicht, ihren ſchlanken und doch üppigen Wuchs vor mir. Dieſe Erinnerung und viele andere marterten mich. So ſind wir elenden Geſchöpfe. Ich ſage wir, denn wer von uns hätte nicht auch ſeine Zigeunerin, ſeine Manon, ſeine Tintilla geliebt? Ja, mit ſechszehn Jahren liebt man das Gute; man glaubt daran, man iſt voll Hoffnung und Liebe,— man ſucht die Schweſter ſeiner Seele, wie man dann ſagt,— und man findet ein leichtfertiges Frauenzimmer mit verderbter Ein⸗ bildungskraft, verknöchertem Herzen. Dann wird man zum Raſendwerden verliebt in dies Weib! Ihr gehört der ganze Traum der Liebe und Jugend, ihr alle die goldenen Illuſionen der ſechszehn Jahre, ihr, ihr allein das ſchöne und gute Herz, das ſo edel, ſo ergeben, ſo glühend iſt. So nutzt man an der trockenen, harten, kalten Seele die ganze reine und heilige Liebe der erſten Jugend ab. Wenn einem dann ſpäter der Zufall ein zärtliches und leidenſchaftliches Weib entgegenführt, von dem man mit Ver⸗ götterung geliebt wird,— beſitzt man nichts mehr, dieſer inni⸗ gen und wahren Liebe zu antworten, als ein welkes Herz, einen egoiſtiſchen Sinn, erſchöpfte Sinne, denn man hat auf immer für ein verächtliches Weib jene koſtbaren Schätze der⸗ Liebe und Jugend verſchwendet und erſchöpft, die ſich, was man auch davon ſagt, nie erneuern laſſen. Wir glauben daher auch feſt an den erhabenen Gemein⸗ platz:— Man liebt nur ein Mal in ſeinem Leben. Um zum Schluſſe dieſer Geſchichte zu gelangen, muß ich eine ziemlich lange Zeit mit Stillſchweigen übergehen, einige Jahre eines Lebens voller Reiſen oder Unthätigkeit, ausge⸗ laſſen oder trübe, eines Lebens der Widerſprüche und Contraſte, 3 85 wenn es je eines gab, und wenigſtens inſofern erträglich, als es ſtets unerwartet war. Nach einem ziemlich langen Feldzuge in der Levante, der auf meine Station in Cadix folgte, und beinahe drei Jahr währte, kehrte ich nach Frankreich zurück, um die Pyrenäenbä⸗ der zu gebrauchen, von den Folgen einer ſehr ſchmerzhaften Wunde hergeſtellt zu werden. Ich beſuchte einige Stunden von Perpignan einen meiner Freunde, der in köſtlicher Lage ein ſehr ſchönes Landgut beſaß, wo ich einige Zeit zu bleiben beſchloß. Eines Tages, als mein Freund einige Beſuche aus der Nachbarſchaft emfing, fiel mir das tiefbekümmerte Weſen eines jungen Mädchens auf, das eben nicht hübſch war, deſſen Ge⸗ ſicht aber einen entzückenden Ausdruck der Anmuth und Güte trug. Ich fragte die Gattin meines Freundes, wer dies junge Mädchen ſei. k „Guter Gott,“ ſagte ſie,„das arme Geſchöpf iſt ſehr zu beklagen. Vor ſechs Monaten ſollte ſie ſich mit einem unſerer Gutsnachbarn, dem Sohne eines ſehr reichen Mannes, verhei⸗ rathen. Obgleich der junge Mann ein Geck iſt, hatte ſich dieſer. Engel von Sanftmuth und Liebenswürdigkeit doch leidenſchaft⸗ lich in ihn verliebt, und zwar ohne alle ſtrafbaren Nebenge⸗ danken, denn ſie iſt ſelbſt reich, und hatte früher eine Partie ausgeſchlagen, die hinſichtlich des Vermögens ſehr glänzend war. Der Dummkopf hat ſich jetzt in eine Perſon verliebt, die dieſem vortrefflichen Mädchen tauſend Meilen nachſteht, die aber, wie man ſagt, von vornehmer Geburt ſein ſoll. Dieſer Rückſicht hat er die reinſte, uneigennützigſte Liebe geopſert. Seit der Zeit vergeht das arme Kind ganz ſichtlich, und beun⸗ ruhigt ihre Freunde ſehr. Wollen Sie übrigens den Narren kennen lernen, ſo kann mein Mann Sie zu ſeinem Vater brin⸗ gen, der ein Mal zu ſehen und zu hören recht amüſant iſt. Er iſt, man weiß nicht recht wie, durch Lieferungen reich gewor⸗ den, führt ein fürſtliches Leben, und ſpielt den Liberalen, daß es einem angſt und bange wird.— Die Gelegenheit iſt ſchön, denn in drei Tagen, glaube ich, ſoll die Hochzeit ſeines Soh⸗ nes ſein.“ Die Mittel, ſich zu zerſtreuen, ſind in der Provinz ziemlich ſelten, ich nahm daher den Vorſchlag an, und fuhr mit meinem 96 Freunde, um der Hochzeit beizuwohnen, bei welcher Gelegenheit die glänzendſte und freigebigſte Gaſtfreundſchaft gezeigt wurde. Wir langten auf dem Schloſſe des Herrn Bardou an. Mein Freund ſtellte mich vor, und ich bemerkte, daß mein Titel der ariſtokratiſchen Demokratie des Lieferanten ſchmeichelte. Er ſtellte uns ſeinen Sohn vor. Es war ein großer der⸗ ber Burſche, mattblond, roth, gemein zum Fürchten, hatte große, ſtiere Augen, und war eben ſo albern als unverſchämt. Dreiſtigkeit iſt mir nicht zuwider, dieſer Narr aber hatte die plumpe, grobe Dummdreiſtigkeit eines Lakaien. Alles wohlerwogen begriff ich gleichwohl die Leidenſchaft jenes jungen Mädchens für dieſen Menſchen, welcher nach den Provinzbegriffen für hübſch galt; der Beweis für meine Be⸗ hauptung iſt, daß man ihn den ſchönen Bardou nannte. Die Hochzeit ſollte den zweiten Tag darauf ſein. Wir gingen zu Tiſche. Nach dem Eſſen trommelte die eine Tochter des Hauſes auf dem Piano, die andere mißhan⸗ delte die Saiten einer Guitarre. Es war eine Muſik, daß ſich einem darnach die Haare auf dem Kopfe ſträubten. Der ſchöne Bardou war nach dem Eſſen verſchwunden, wie ſein Bater ſagte, um die Cour zu machen. Der Vater Bardou war ein großer, ziemlich korpulenter Menſch, mit dem Benehmen eines Stiefelputzers. Er näherte ſich uns, indem er mit meinem Freunde ſprach. „Nicht wahr, mein Mittagseſſen war gut?“ fragte er. „Alles iſt hier ausgezeichnet!“ erwiderte ich. Dieſe Antwort gewann mir ſein Vertrauen. „Und meine Töchter beſitzen ausgezeichnetes Talent, nicht wahr?— Ja, ſie haben aber auch eine vortreffliche Lehrerin. Was ſage ich, eine Lehrerin? Eine Freundin, und die bald ihre Schweſter ſein wird,— meine Tochter.— Aber ich muß Ihnen das erzählen, mein Herr,“ ſagte er, zu mir ſich wendend, „da Sie die Güte haben wollen, der Hochzeit beizuwohnen. Sie müſſen doch wiſſen, wie und weshalb mein Bardon ſich verheirathet,(ſo nannte er die Fleiſchmaſſe, deren Kopf einer eingeſetzten Abrikoſe glich).— Und nun ſetzte ſich der Kerl rittlings auf einen Stuhl, legte ſeine dicken, rothen Hände auf die Lehne, und begann: „Zunächſt, mein Herr, müſſen Sie wiſſen, daß ich der Gewalt trotze, und ganz laut ſage, daß ich ein Liberaler bin. 97 Ich habe mein Gluck ſelbſt begründet, und will mich nicht von Tyrannen geringſchätzen laſſen. Wir ſind nicht dazu geſchaf⸗ ſen, die Sklaven der Jeſuiten und der Kleriſei zu ſein; ich habe deshalb auch zwei tauſend Exemplare vom Voltaire Touquet und zehntauſend Tabaksdoſen à la Charte gekauft, um ſie unter meine Bauern zu vertheilen.“ „Für einen Feind der Regierung begünſtigen Sie die droits réunis ganz gewaltig,“ ſagte ich. „Ich will Ihnen ſagen,“ entgegnete er,„ich habe einigen Tabaksbau.— Aber um wieder auf die Heirath meines Soh⸗ nes zurückzukommen,— ſtellen Sie ſich vor, mein Herr, ich habe bei den Kanaillen von Miniſtern, ich, ein großer Grund⸗ beſitzer, um einen erbärmlichen Baronstitel angehalten; ſie haben ihn mir abgeſchlagen, wie ich es erwartete, denn es war nur eine Liſt von mir, denn ich hatte es nur verlangt, damit ſie Unrecht haben ſollten, und ich das Recht bekäme, eine um ſo hartnäckigere Oppoſition zu zeigen. Und das habe ich ge⸗ than, wie Sie ſehen werden. Bei dem ſpaniſchen Kriege habe ich eine Menge politiſcher Flüchtlinge in meinem Hauſe aufgenom⸗ men;— Alle, mein Herr, und auf meine eigene Koſten er⸗ halten.— Sie hätten das Geſicht des Gouverneurs während der Zeit ſehen ſollen.— Sie begreifen, ob er gedemüthigt war; ſo gedemüthigt, daß ein Mitglied des dirigirenden Comités mir ſagte, in Montrouge hätte man den Vorſchlag gemacht, mich zu ermorden. Aber man fuͤrchtete einen Aufſtand des Depar⸗ tements, und ſo wurde ich gerettet. Doch das iſt noch nicht Alles; Sie ſollen ſehen, wie weit die Demüthigung der Regie⸗ rung geht.— Die Flüchtlinge ſind größtentheils nach Spanien zurückgekehrt, aber Einer iſt noch geblieben, und dieſer Eine iſt ein großer Herr, ein Marquis, ein kommandirender General, Gouverneur einer Menge Provinzen, und dabei nicht ſtolzer als Sie und ich, ein würdiger Greis, welcher als Opfer der Cdeln und Prieſter ſeines Vaterlandes fiel, weil er für das Volk ſprach. Ach, mein Herr, welch ein Mann! Er zerriß mir das Herz, als er mir erzählte, wie man ſein Schloß ſchleifte, ſeine Pflanzungen niederſchlüg, ſeine Gärten verwüſtete, ſo daß er ſagt, wenn er jetzt nach Catalonien zurückkehrte, wo er ein Gut hatte, das ihm 20,000 Piaſter eintrug, würde er nicht einmal die Stelle wiedererkennen, wo es ſtand.— Sehen Sie, dahin wollen die Jeſuiten uns bringen.— Dann führte der Die Cucaracha. I. 93 heilige Greis mich auf die Berge, und jeder Schwalbe, die dort vorüberflog, ſagte er über ihr Glück, in ſein Vaterland zurück⸗ zukehren, ſo rührende Dinge, daß das Innerſte meiner Seele dadurch erſchüttert wurde.— Es giebt ſelbſt ein Lied Beran⸗ ger's, das in dieſem Sinne geſchrieben iſt.— Ich weinte wie ein Kind, indem ich ihm nur zuhörte. Aber das iſt nicht Al⸗ les.— Dieſer würdige Mann hatte ſeine Tochter bei ſich, eine herrliche Perſon, etwas braun, aber ſo gut erzogen, daß es ſeit den ſechs Monaten, ſeit welchen Sie in unſerem kleinen Parke wohnen, ein wahres Entzücken iſt.— Sie gab meinen Töch⸗ tern Unterricht auf der Guitarre, und welch ausgezeichnete Ma⸗ nier haben Sie.— Unter uns können wir ſchon eingeſtehen, daß nur die großen Familien ſo ausgezeichnet ſind.— Kurz, mein Sohn, mein Bardou, der mit einem kleinen, unbedeutenden Mädchen beinahe verlobt war, hat ſich in die Tochter des Marqui von la Ronda⸗Mayor keidenſchaftlich verliebt, und nach vieler Mühe hat er auch die Gegenliebe der ſchönen Spa⸗ nierin gewonnen. Ihr Vater will ſie ihm zur Gattin geben, und hat die große Güte, meinem Sohne ſeinen Titel zu über⸗ tragen. Uebermorgen wird nun mein Bardou der Marquis Bardou de la Ronda⸗Mayor, und der glücklichſte der Ehe⸗ männer.— Urtheilen Sie nun von der Beſchimpfung, welche die Regierung empfängt. Sie wollte mich nicht zum Baron machen, und nun wird mein Sohn Marquis; denn ich habe da die Titel und Patente des Marquis auf Pergament geſchrie⸗ ben liegen.— Jetzt wiſſen Sie Alles, mein Herr, und ich hoffe, daß Sie uns die Ehre erzeigen werden, den Ehecontract mit zu unterzeichnen.“ 6 Bis zu dem Augenblicke, wo der Dummkopf von Ronda⸗ Mayor ſprach, hatte ich keinen Verdacht gehabt; ich war tau⸗ ſend Meilen weit entfernt, an Tintilla und ihren würdigen Vater zu denken, den ich noch auf den Galeeren glaubte. Der Name Ronda erinnerte mich unwillkürlich an ſie, und ich weiß nicht, welche Ahnung mir ſagte, daß hier eine neue Schelmerei von Vater und Tochter im Werke ſei. Um mir Licht zu verſchaffen, machte ich am nächſten Mor⸗ gen einen Spaziergang nach dem kleinen Parke. Hier hörte ich eine wohlbekannte Stimme einen Bolero trällern. Es war Tintilla. Ich trat näher; ſie erkannte mich nicht. —— —— 99 Sie war auf franzöſiſche Weiſe ſehr einfach gekleidet; ihr üppiges Haar wurde von einem Schildkrotkamm gehalten; ihr weißes Kleid milderte ihren Teint, und hob ihren Wuchs, wel⸗ cher noch immer ſehr üppig war; denn, ich muß es geſtehen, ſie war noch ſo hübſch, daß ich wohl begreifen konnte, wie ein alberner Menſch wie dieſer Bardou ſich bis zum Heirathen in ſie verlieben konnte. „Tintilla de mi corazu— Citannissa mia!“ ſagte ich zu ihr. i wurde blaß wie der Tod: Sie hatte mich erkannt. In dieſem Augenblicke erſchien ihr Herr Bater, ſehr anmuthig mit fuͤnf bis ſechs Ordensbändern aller möglichen Farben ge⸗ ſchmückt, und in einen ganz neuen blauen Rock, ſeidene Bein⸗ kleider und ſeidene Strümpfe gekleidet. Der achtungswerthe Margquis von la Ronda⸗Mayor ſtützte ſich auf einen großen Stock, und hielt in der Hand einen großen dreieckigen Hut mit Federſtutz und mächtiger rother Kokarde. „Der Teufelsfranzoſe!“ ſagte Tintilla zu ihrem Vater. „Euch zu dienen, Gevatter!“ erwiderte ich, Haſth'y be⸗ grüßend. Der Elende machte eine Bewegung, als griffe er nach ſeinem Meſſer. „Narr,“ rief ich lachend,„Du haſt kein Meſſer in Deiner Jaſche; aber beruhige Dich.— Der Tölpel, den Ihr betrogen habt, Du und Deine Tochter, iſt ſo dumm und verächtlich, daß ich ihn Euch preisgebe, das heißt, unter einer Bedingung, Tintilla: Ich mache Anſpruch auf das jus primae noctis, ſonſt ſpreche ich, und wenn die Heirath auch ſchon geſchloſſen wäre, könnte ſie doch noch böſe Folgen für den Herrn Marquis haben.— Mein Schweigen um dieſen Preis.“ „Aber bedenkt doch,“ ſagte Haſth'y. „Mein letztes Wort!“ erwiderte ich, und drehte mich auf dem Abſatze herum. Abends unterzeichnete man unter großem Pomp den Ehe⸗ contract, und auch ich ſetzte meinen Namen mit wahrem Ver⸗ gnügen darunter. Um Mittag des nächſten Tages führte Herr Bardou, der vor Freuden weinte, Tintilla, mit dem ſchönen jungfräulichen Brautkranze geſchmückt, zum Altare. 76 400 Der Marquis von la Ronda⸗Mayor, der die große Gene⸗ ralsuniform trug, gab der Madame Bardou den Arm; Beide weinten ebenfalls. Der ſchöne Bardou folgte hinter ſeiner Mutter, die Augen noch glotzender als gewöhnlich; ſie ſchienen ihm aus dem Kopfe ſpringen zu wollen; er war carmviſinroth, und lächelte ſehr wohlgefällig. Das Mittagseſſen war ſehr glänzend; der Ball ſehr lärmend. Während der Pauſe eines Contre-danse näherte ich mich Tintilla, und flüſterte ihr in ſpaniſcher Sprache zu: „Ich erwarte Dich in der Wohnung Deines Vaters.— Denke Deines Verſprechens, oder ich ſpreche.“ Sie antwortete mit leiſer Stimme:„Der Teufel möge mir beiſtehen!“ Die jungen Eheleute wurden in das Brautgemach ge⸗ führt. Am nächſten Morgen ging ich ziemlich früh in dem Park ſpazieren, nahe bei dem Häuschen, welches der ehrwürdige Haſth'y bewohnte, da ſah ich eine Bande Muſiker daherziehen, und hinter ihnen den ganzen Hochzeitszug, geführt von dem ſchönen Bardou, dem das eine ſeiner großen Augen ganz gen 9 ſchwarz und verſchwollen war, der dabei aber ſehr freundlich lächelte. Mehrere Bediente trugen Aexte und Hebebäume. Alle waren ausgelaſſen luſtig. „Sie wiſſen alſo noch nicht,“ antwortete mir auf meine Frage Bardou der Vater, der ſich mit einem großen Holzſchlä⸗ gel bewaffnet hatte,„daß ſich dieſe Nacht ſchöne Dinge zuge⸗ tragen haben?— Denken Sie ſich, die kleine Spanierin iſt ſo außer ſich gerathen, daß ſie ſich gegen meinen Bardou wüthend zur Wehre geſetzt hat, und endlich aus dem Brautzimmer ent⸗ flohen iſt, um ſich wie eine Närrin bei ihrem Vater einzu⸗ ſchließen, wo ſie die ganze Nacht zugebracht hat.— Iſt das nicht eine übertriebene Tugend?— Was?“ „Ja, ſo ſind die Spanierinnen Alle;“ erwiderte ich ihm ſehr ernſthaft. „Wir belagern jetzt das Haus,“ fuhr er fort;„wir ſtürzen die Mauern nieder, wenn es ſein muß, aber unſer ſoll ſie wer⸗ 101 den.— Sehen Sie, da fängt mein Bardou ſchon an, die Wand zu ſprengen.“ Bei dem zehnten Stoße des Brecheiſens erſchien der Mar⸗ quis von la Ronda⸗Mayor auf der Schwelle der Thür; an der Hand hielt er Tintilla, die ganz verſchämt ihr niedliches Köpf⸗ chen an der Bruſt des ehrwürdigen Greiſes verbarg. „Sieg!— Sieg!“— ſchrie Bardou der Vater. Der ſchöne Bardou ſchrie nicht Sieg, aber da er ſtark war, wie ein Stier, nahm er Tintilla auf ſeine Arme, eilte mit ihr davon, und legte ſie zu den Füßen der verwittweten Ma⸗ dame Bardou, ſeiner Großmutter, nieder, welche voll inniger Rührung Beiden ihren Segen ertheilte. Haſth'y ſegnete ſie ebenfalls. Ich kehrte am nächſten Morgen zu meinem Freunde zu⸗ rück, und einige Zeit darauf erfuhr ich mit innigem Bedauern, daß das arme Geſchöpf, welches der alberne Menſch ſo un⸗ würdig verlaſſen hatte, vor Kummer geſtorben ſei. * 6 — 70 8⁰ — — — 8 — 5 * 22 8 — 8 I. Herr von Nvirville. Dieſer Herr bewohnte die erſte Etage eines ſehr ſchönen ganz neuen Hauſes auf der Chauſſée⸗d'Antin. Es war eine Reihenfolge von Zimmern, die mit dem blen⸗ dendſten Lurus möblirt waren; da ſah man eine Ueberfülle von Seidenzeug, Vergoldungen, Spiegeln, Bronzen von ſehr theu⸗ rem, aber ſehr gewöhnlichem Muſter; eine Maſſe jener koſtbar eingerahmten Kupferſtiche, die alle Welt haben kann, aber nicht ein Gemälde, nichts Heimiſches, nichts was einen Lieblingsge⸗ ſchmack verrathen konnte, kein Porträt, keines jener alterthüm⸗ lichen Möbel, an die ſich häufig ſo viele Familien- oder Ju⸗ genderinnerungen knüpfen. Mit einem Worte, Alles in dieſem Hauſe war reich, neu, prachtvoll, und dennoch ſchien es leer, öde, traurig zu ſein. In dem Vorzimmer ſah man Bediente in reicher Livrée, aber von ſchlechtem Geſchmack; in den Ställen ſtanden ſchöne Pferde, in den Remiſen prachtvolle Wagen, aber alle dem mangelte jene Einheit, jene Haltung, jenes ich weiß ſelbſt nicht, jenes Nichts, welches Alles iſt, denn ohne dieſes ſind die ſchön⸗ ſten Dinge oft ſehr nahe daran, lächerlich zu werden. An dieſem Tage, gegen Mittag, gähnte Herr von Noir⸗ ville, dehnte und reckte ſich, und legte ſich dann, in einen prachtvollen modernen Schlafrock gekleidet, an eines der Fenſter ſeines Salons, der nach der lärmendſten, betäubend lebhaften Straße dieſes Stadtviertels hinausging. Herr von Noirville wohnte nie anders, als nach der Straße hinaus, denn es war für ihn zugleich ein Vergnügen und eine Beſchäftigung, die Menſchen vorbeigehen zu ſehen. Nachdem er zwei Stunden ſo nützlich verwendet hatte, be⸗ ſtellte er ſeinen Wagen und machte eine Spazierfahrt im Bois 106 de Boulogne. Während deſſen wollen wir etwas von Herrn von Noirville ſagen. Herr von Noirville war ein ziemlich hübſcher Menſch, nur etwas zu korpulent und zu roth, obgleich er noch nicht dreißig Jahre alt war. Ehe er ſich von Noirville nannte, hieß er ganz einfach Corniquet; aber ſeine Freunde fanden, daß dieſer Name keinen geſunden Menſchenverſtand hätte und ſie im höchſten Grade de⸗ müthigte, wenn ſie ihn öffentlich ausſprächen; deshalb verän⸗ derte Corniquet ſeinen Namen in den von Noirville, den er unter fünf bis ſechs Namen prachtvoller Beſitzungen wählte, welche er von ſeinem Vater ererbte, dem ſeligen Herrn Gregoir Corniquet, der zuerſt Kupferſchmied war, dann Trödler, dann Wucherer und zuletzt Millionär. Ungeachtet ſeines ungeheuern Vermögens war Herr Cor⸗ niquet weit entfernt geweſen, ſeinem Sohne eine glänzende Er⸗ ziehung zu geben; er ſendete ihn als Koſtgänger, mit zehn Sous Taſchengeld wöchentlich, in ein Collegium nach Paris, und ſo über die geiſtige Zukunft ſeines theuern Sohnes vollkommen beruhigt, fuhr er fort, ſein Geld für hundert Procent Zinſen zu verleihen. So wurde dieſer theure Sohn, der von Natur ſchon ziem⸗ lich dumm war, was man in der Schulſprache eine Krabbe nennt: ſchmutzig, zerlumpt, albern, ſchwerfällig; von ſeinen Mitſchülern geprügelt, ſchleppte er ſeine Trägheit und Einfäl⸗ tigkeit über die Schulbänke aller Claſſen, bis er achtzehn Jahre alt war; da ſtarb Herr Corniquet der Vater, und Herr Corni⸗ quet der Sohn fand ſich im Beſitze eines Vermögens von 150,000 Fr. Einkünften. Der Vormund des jungen Erben war ein Freund ſeines verſtorbenen Vaters, ein Mann, der, nachdem er ſich ebenfalls durch die Geſchäfte bereichert hatte, eine wo nicht ſehr gute, doch wenigſtens ſehr zahlreiche Geſellſchaft ſah. Dieſer würdige Vormund nahm ſeinen Mündel zu ſich, ſcheuerte ihn ab, ſäuberte und polirte ihn ein wenig, und ſchleu⸗ derte ihn dann mitten in ſeine Geſellſchaft, die ihn eben ſo gut aufnahm, wie ſie jedes Weſen aufzunehmen pflegt, welches einen innern Werth von 150,000 Fr. Renten beſitzt. Nach Verlauf eines Jahres wurde Herr Corniquet eman⸗ cipirt; er war jetzt Herr ſeines Vermoögens und knüpfte mit 6 107 einigen jungen Leuten einen Umgang an, die ziemlich eben ſo reich und unbedeutend waren, wie er ſelbſt, und da war es, wo er ſeinen Namen änderte. Gleich ſeinen Freunden gab er einige tauſend Louisd'or für ziemlich grobe Vergnügungen aus; in Folge eines Inſtinktes der Erhaltung, den er von ſeinem Vater geerbt hatte, bemerkte er nach einiger Zeit, daß er mit einem Jahre ſeiner Einkünfte voraus ſei, und hielt plötzlich inne, berechnete ſehr verſtändig ſeine Ausgaben nach ſeinen Einnahmen und faßte, was für einen Menſchen von fünfundzwanzig Jahren etwas ſehr Selte⸗ nes iſt, den Entſchluß, ein Drittel ſeiner Einkünfte zu ſparen; von dem Uebrigen lebte er dann doch noch auf einem ſehr gro⸗ ßen Fuß. Er hatte in der That eine ſehr glänzende Equipage, er unterhielt eine Tänzerin, er hatte einen eigenen Haushalt, einen Koch, eine Meute, welche ihm den Titel eines Wolfsjägermei⸗ ſters ſeines Stadtviertels eintrug. Ungeachtet dieſes Ordnungsinſtinktes, welcher ihn bei der Verwaltung ſeines Vermögens leitete, war Herr von Noirville ein vollkommener Tropf, ohne einen Schatten von natürlichem Verſtande, der nichts wußte, nichts gelernt hatte, nichts that, nichts dachte, der nicht einmal mit jener müßigen Neugier be⸗ gabt war, welche macht, daß man in den Künſten einige Zer⸗ ſtreuung ſucht. Er lebte, wie die Auſter auf ihrer Bank, ohne Leidenſchaft, ohne Kummer, ohne Gedanken. Er beſaß nicht das geringſte Zartgefühl der Wahl oder des Geſchmackes, hielt Lurus für Eleganz, und Reichthum für Glück, denn er kannte kein anderes Glück, als ſolches, welches man mit Geld bezah⸗ len mn Sehr gleichgültig gegen das Andenken ſeines Vaters, der ihn bereichert hatte, wußte er ihm dies ungefähr eben ſo ſehr Dank, als einem Banquier, durch den man ein gutes Geſchäft machte. Obgleich von gemeiner Art, hatte Herr von Noirville eben keine zu ſchlechten Manieren; ſein Schneider kleidete ihn leiblich; ſeine Freunde ſagten, daß er ein recht guter Menſch ſei; ſein Vermögen gewährte ihm ziemlich viel Einfluß auf die Geſell⸗ ſchaft, mit der er verkehrte. Kurz, er fühlte ſich ganz glücklich, und ſo erreichte er ſein dreißigſtes Jahr, indem er ſich mit Allem 108 amüſirte, was einen Menſchen von verzweiflungsvoller Dumm⸗ heit amüſiren kann. Gleichwohl hatte dieſes Glück ein Ziel, und obſchon wir Herrn von Noirville ſahen, wie er, in ſeinen prachtvollen Schlaf⸗ rock gehüllt, damit beſchäftigt war, die Vorübergehenden mit dem innigſten Vergnügen zu betrachten, ſo war doch eine bit⸗ tere und peinliche Melancholie auf dem Punkte, ſich ſeiner zu bemächtigen. In der That ſchienen ſich die grauſamſten Umſtände zu vereinigen, um ihn niederzubeugen. Zehn ſeiner beſten Hunde waren auf einer Jagd aufgeriſſen; eine Tänzerin, die er ſehr theuer bezahlte, war mit ihrem Friſeur davongegangen, und er bemerkte ſeit einiger Zeit, daß ſein Haushofmeiſter ihn betrog. Auf ſeinem Spaziergange dachte Herr von Noirville ſehr ernſthaft über das Verhängniß nach, welches ihn überall ver⸗ folgte, und er fand, daß das einzige Mittel, für die Folge die⸗ ſen Unglücksfällen zu entgehen, ſein würde, ſich zu verheirathen. „Bin ich verheirathet,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo bedarf ich keiner Maitreſſe mehr(denn Herr von Noirville hatte ſehr ſtrenge Grundſätze); meine Frau bekümmert ſich um mein Haus⸗ weſen, und mein Haushofmeiſter kann mich nicht mehr beſteh⸗ len; dann iſt es auch ſehr wahrſcheinlich, daß ich mich genug amüſirt habe, denn ſeit zwei Monaten langweile ich mich ge⸗ waltig. Ich will mich aber lieber mit meiner Frau zuſammen langweilen, als ganz allein. Abgemacht alſo; morgen gehe ich zu meinem Notar, denn, bei Gott, ich muß mich ſobald als möglich verheirathen.“ Und am nächſten Tage ſagte ſein Notar zu ihm: „Da Sie großmüthig genug ſind, nicht auf das Vermögen einer Frau zu ſehen, mein lieber Herr, ſo habe ich, was Sie brauchen; ein Fräulein von Elmont, aus einer ſehr großen Fa⸗ milie, hübſch und ganz vorzüglich erzogen. Noch dieſen Abend werde ich mit dem Onkel des Mädchens reden, der im Himmel ſein wird, wenn er den Vorſchlag hört, denn eine ſolche Ver⸗ bindung iſt für ſeine Nichte eine Quinte in der Lotterie. Und nach der Welt Lauf, weil ein Dummkopf durch eine Tänzerin betrogen, von einem Diener beſtohlen worden war, und ſich über ſeine eigene Dummheit langweilte, wird die Zu⸗ kunft eines armen Mädchens an das Loos dieſes Mannes ge⸗ feſſelt, an den ſie bis dahin noch nie gedacht hatte. 109 HI. Fräulein von Elmont. Cecilie von Elmont war von ausgezeichneter Geburt; ihr Vater, der Marquis von Elmont, hatte in der Revolution ein Vermögen verloren, welches faſt ganz in Staatseffecten be⸗ ſtand, und fand in der Schadloshaltung nur einen geringen Erſatz für das, was er eingebüßt hatte. Um dieſe Zeit auf einer ſehr wichtigen diplomatiſchen Sen⸗ dung begriffen, dachte Herr von Elmont hauptſächlich daran, ſein Vaterland würdig zu repräſentiren, und gab auf dieſe Weiſe einen großen Theil deſſen hin, was er durch die Reſtau⸗ ration zurückerhalten hatte; die Schulden, die er während der Emigration zu machen gezwungen geweſen war, nahmen das Uebrige hin, und als er ſtarb, ſahen ſeine Frau und ſeine Toch⸗ ter ſich auf eine ſehr kleine Penſion beſchränkt. Die Marquiſe von Elmont überlebte den Verluſt ihres Gemahles nicht lange, und Cecilie wurde der Sorgfalt eines ihrer Oheime anvertraut, des Grafen von Elmont, eines vor⸗ trefflichen Menſchen, penſionirten Oberſten, der ſich mit dem Kaiſer ausgeſöhnt, alle Feldzüge deſſelben mitgemacht hatte, und nun, von Wunden und Rheumatismen niedergedrückt, ſehr beſcheiden von ſeiner Penſion lebte; denn ſein Theil der Schad⸗ loshaltung war meiſtens im Spiele daraufgegangen, was er ſchmerzlich bereute, da er die Sorge für die Zukunft ſeiner Nichte übernahm. Cecilie war nicht gerade ſchön, aber ſie beſaß eine jener Phyſiognomien voll Reiz, Anmuth und Auszeichnung, deren Anziehungskraft einen lebhaften Eindruck auf Menſchen von geläutertem Geſchmack machen muß, welche in dem Geſichte eines weiblichen Weſens etwas Anderes ſuchen, als eine kalte und ſymmetriſche Regelmäßigkeit. In Cecilie verrieth Alles eine edle, große Seele, und be⸗ ſonders einen Geiſt von ausgezeichnetem Zartgefühl. Sie hatte ſtets in der ausgewählteſten Geſellſchaft gelebt; ſie war von ihrem Vater und ihrer Mutter in den beſten Gewohnheiten er⸗ zogen worden; ſie beſaß einen ausgeſucht feinen Tact, eine zu⸗ gleich ſo werthvolle und ſo grauſame Gabe, daß ſie dadurch 110 Genüſſe und Leiden kennen lernte, die andern Organiſationen fremd ſind, und man konnte ihr nichts vorwerfen, als eine Art Leuteſcheu; dieſe läßt ſich vielleicht durch Ceciliens Furcht er⸗ klären, in der Welt auf Ideen zu ſtoßen, deren Proſaismus ſie ſchmerzlich aus ihrer Sphäre erhabener Begriffe geriſſen hätten, in denen ſie ſich zu iſoliren liebte. Die ſchmerzlichen Verluſte, die ſie erlitten hatte, erhöhten noch ihren Geſchmack an der Träumerei und der Einſamkeit; ſchwächlich und nervös, wie ſie war, empfand ſie alle Eindrücke lebhafter, weil der Kummer dann das Gefühlsvermögen ver⸗ doppelt; der Inſtinkt einer zurückſtoßenden Empfindung, den Cecilie gegen alles Gemeine empfand, ſprach ſich immer mehr und mehr aus, denn ſie hatte das Vermögen ſtets nur als ein Mittel betrachtet, das Materielle der Exiſtenz durch einen Lurus voll des feinſten Geſchmackes zu poetiſiren. Cecilie lebte gleichwohl ſeit dem Tode ihres Vaters und ihrer Mutter ſo glücklich, als ſie nach ihrer Art leben konnte; ihr gebildeter, tiefer und unſchuldiger Geiſt hatte einen troſt⸗ reichen Reiz darin gefunden, fromme Bücher und die Meiſter⸗ werke aller Nationen zu leſen. Dieſe erhabene Natur eignete ſich die edeln Gedanken, die herrliche Sprache, die impoſanten Charaktere an, welche allein im Stande waren, ihren erhabenen Gedanken und der Reinheit ihrer Seele zu entſprechen, und ſo brachte ſie ihr Leben damit hin, die glänzenden Viſionen der intellectuellen Welt anzu⸗ ſchauen, in denen ihre Exiſtenz lag. Auch die Künſte liebte ſie leidenſchaftlich, und beſonders die Muſik, welche für ſie die göttliche Sprache war, welche allein es vermochte, die trüben und erhabenen Träumereien auszudrücken, welche die Religion, die Erinnerung an ihre Mutter, oder die ätheriſche Liebe, die ſie zuweilen träumte, ihr einfloößten. Auch von den Künſten forderte Cecilie Troſt und Vergeſſenheit der Gegenwart. Sie blieb daher bis zu dem Augenblicke, wo man ihr den Antrag des Herrn von Noirville mittheilte, in der größten Zu⸗ rückgezogenheit. An dieſem Tage befand ſich die arme Cecilie, nichts ahnend, in dem Sprechzimmer, welches an ihr Schlafzimmer ſtieß. Dieſes Sprechzimmer war für Fräulein von Elmont der Gegenſtand eines religiöſen Cultus. 1¹¹ Als der Marguis von Elmont ſeinen Geſandtſchaftspoſten aufgab und ſich beinahe ganz ohne Vermögen erblickte, mußte er eine beſcheidene Wohnung wählen; der eigenthümlichſte Zu⸗ fall von der Welt wollte, daß er das, was er brauchte, in dem ehemaligen Hötel dElmont fand, ein Eigenthum, welches er vor der Revolution verkaufte, da er ſein Vermögen in baares Geld umſetzen wollte, um ſich in das Ausland zu begeben. In die Wohnung, welche er als Jüngling während ſeines Vaters Lebzeiten innegehabt hatte, zog ſich alſo der Marquis von Elmont mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter zurück. Es waren ſechs kleine Zimmer in der dritten Etage, mit der Aus⸗ ſicht auf den großen und herrlichen Garten des Hotels, welches in der Mitte der Faubourg St. Germain lag. Der übrige Theil des Gebäudes war an irgend eine Aſſe⸗ kuranzcompagnie vermiethet. Es gehört viel Muth dazu, auf eine ſolche Art einer Menge bitterer Erinnerungen zu trotzen, aber deſſen ungeachtet fand Herr von Elmont einen ſüßen, wenn auch zugleich trüben Reiz darin, ſeiner Familie von ſeiner Kindheit und Jugend an eben dem Orte erzählen zu können, wo beide ſo glücklich und ſorglos verfloſſen waren. Eben ſo fand er eine Freude darin, den Seinigen den Garten zu zeigen, in welchem er als ganz kleines Kind ſpielte, und die Marmorbank, auf welcher ſeine Großmutter ſo gern ſaß, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zu ge⸗ nießen. Die alten Bäume, welche unter ihrem Schatten ſo viele Generationen dieſer Familie geſehen hatten, waren für Herrn von Elmont eben ſo viele ſtumme Zeugen ſeines verſchwundenen Wohlſtandes. Dieſer Gedanke tröſtete ihn und er empfand da⸗ bei weniger Kummer, die Wiege ſeines Geſchlechtes in fremden Händen zu ſehen. Man kann ſich denken, mit welcher Ehrfurcht Cecilie eine ſolche Wohnung beibehielt; ihr Oheim bezog ſie nach der Eltern Jode mit ihr, und ſie hütete ſich wohl, irgend etwas daran zu ändern. Das Sprechzimmer, welches ſie vorzugsweiſe liebte, war das Gemach, welches ihre Mutter meiſtens bewohnte; eine Harfe, ein Piano, eine Staffelei, eine Handbibliothek bildeten den größten Schmuck deſſelben.* 112 Die Mauern wurden von alten, ehrwuͤrdigen Familienpor⸗ traits bedeckt, unter denen auch die ihres Vaters und ihrer Mutter waren; auf Etaperen ſah man eine Menge ſeltener und koſtbarer Gegenſtände, welche Herr von Elmont entweder von ſeinen Reiſen zurückgebracht oder von werthen Freunden als Andenken geſchenkt erhalten hatte. Hier und dort konnte man noch ein Gemälde aus der italieniſchen oder holländiſchen Schule bewundern, ein ſchönes Stück Bildhauerarbeit, oder eine herr⸗ liche Stizze, das Geſchenk eines jener großen Künſtler aller Länder, welche Ceciliens Vater mit ſo großer Freude in ſeine Geſellſchaft zog. Kaſten voller Blumen ſtanden vor den Fenſtern, welche von außen durch die Gipfel der hohen Linden beſchattet wurden, und eine ſchöne Camelie, oder irgend ein anderes Lieblingsge⸗ wächs, welches ſorgſam in eine Vaſe von altem Sevres⸗Por⸗ zellan, mit den Wappen ihrer Familie geſchmückt, geſtellt war, zierte den Arbeitstiſch Ceciliens, denn an dieſem beſcheidenen und doch eleganten Orte der Zurückgezogenheit rief Alles einen Freund, ein Andenken oder eine Erinnerung in das Gedächtniß. Ganz beſonders aber war von unſchätzbarem Werthe für Cecilie ein altes Schreibzeug, welches ihre Mutter während der Emigration benutzt hatte, und welches ſie nie betrachtete, ohne daß ihre Augen ſich mit Thränen netzten. An dem erwähnten Tage alſo war Fräulein von Elmont weit entfernt, die Forderung zu ahnen, von der ſie bedroht wurde. In dem Armſtuhle ihrer Mutter ſitzend, las ſie, ihre ſchöne Stirn in die weiße feine Hand geſtützt, welche von den langen Locken ihres glänzenden braunen Haares verhüllt, doch nicht verborgen wurde; ſie trug ein weißes Kleid, und der frühen Morgenſtunde ungeachtet wurde ihr zierliches Füßchen von einem ſchönen Atlasſchuh umhüllt. Eine alte engliſche Kammerfrau, welche die Marguiſe von Elmont ſeit der Fmigration beibehalten hatte, klopfte an die Thür des Sprechzimmers, trat ein und fragte, ob der Herr Marquis(der Oberſt hatte den Titel ſeines Bruders angenom⸗ men) das Fräulein ſprechen könnte. Cecilie antwortete bejahend. Frage und Antwort wurden in engliſcher Sprache gethan, 115 denn Fräulein von Elmont ſprach gleich fertig engliſch, italie⸗ niſch und deutſch. „Was kann mein Onkel ſo früh von mir wollen?“ fragte ecilie. Und ich nicht, welche grauſame Ahnung ſie zu be⸗ drücken begann. Ehe der vortreffliche Oberſt ſeiner Nichte die Abſichten mit⸗ theilte, die der Notar des Herrn von Noirville ihm eröffnete, hatte er die ſorgfältigſten Erkundigungen über den Bewerber eingezogen, und, das muß man geſtehen, überall waren ſie höchſt günſtig ausgefallen. Abgeſehen von ſeinem Urſprunge war Herr von Noirville ein ſehr achtungswerther Mann, der durch eine wohlverſtandene Sparſamkeit ſein Vermögen beinahe verdoppelt hatte. Von ſanftem Charakter, großmüthig, ohne Verſchwendung, bei den angeknüpften Liaiſons immer ſehr anſtändig, gefällig, von angenehmem Geſicht und wo nicht ausgezeichnetem, doch we⸗ nigſtens nicht unpaſſendem Benehmen, konnte Herr von Noir⸗ ville ſogar in den Augen derer, welche die ſtrengſten Anforde⸗ rungen machten, für das gelten, was man eine vortreffliche Partie nennt. Ich vergaß zu ien daß Herr von Noirville alle Ausſicht hatte, für ein Departement, in welchem er ſehr bedeu⸗ tende Beſitungen hatte, zum Deputirten ernannt zu werden. Seine poſitiven Vorzüge hatten den Marquis von Elmont beſtochen, der, wie wir geſtehen müſſen, von ſo wenig hellſe⸗ hender Natur war, daß er den Charakter Ceciliens durchaus nicht verſtand und daher das lebhafteſte Verlangen fühlte, die Verbindung geſchloſſen zu ſehen, als ein junger, ungeheuer reicher Menſch von angenehmem Aeußern und untadelhaftem Rufe um die Hand ſeiner Nichte warb. An dem erwähnten Morgen alſo trat er zu Fräulein von Elmont ein und ſagte ohne weitere Einleitung: „Mein liebes Kind, Sie müſſen wiſſen, was ſich zuge⸗ „tragen hat: Ein Herr von Noirville, ungeheuer reich, jung, „hübſch, achtungswerth, der bald Deputirter werden wird, wirbt „um Ihre Hand. Ich habe Erkundigungen über ihn einge⸗ „zogen, und ſie lauten ſehr günſtig, ausgenommen, daß ſein „Urſprung gering iſt, denn ſein Vater war ein Emporkömmling, „aber in unſerer jetzigen Zeit legt man veig Gewicht auf Die Cucaracha I. 8 — 114⁴ „Namen. Und übrigens hat der junge Mann, wie erwähnt, „die Hoffnung, Deputirter zu werden; iſt er dies einmal, ſo „kann er als großer Grundbeſitzer ſehr leicht Pair von Frank⸗ „reich werden, und obgleich die Pairie jetzt eigentlich nur eine „Dummheit iſt, ſo iſt ſie doch ein Titel, der immer noch mehr „gilt, als der eines Deputirten.— Welches ſind nun Ihre Ab⸗ „ſichten, mein liebes Kind?“ Dieſer ſo unerwartete und ſo ſonderbare Antrag betäubte Cecilie, welche, die Wahrheit zu ſagen, von dem Gedanken, ſich zu verheirathen, weit entfernt war. Sich ſo viel als mög⸗ lich iſolirend, hatte ſie ſich in ihrer Zurückgezogenheit eine Welt der Ideen gebildet, in der ſie ausſchließlich lebte; deshalb ant⸗ wortete ſie ihrem Oheim ſogleich, daß ſie gar nicht heirathen wolle. „Ganz gut, mein Kind,“ ſagte der Oberſt,„für jetzt mag „das gehen, aber wenn ich ſterbe, wem ſoll ich Sie dann an⸗ „vertrauen? Wollen Sie, daß ich die ſchmerzliche Ungewißheit „über Ihre Zukunft mit mir hinwegnehmen ſoll, die ich doch „ſo gern geſichert, und glücklich geſichert ſähe? Haben Sie „nicht Ihrer ſterbenden Mutter verſprochen, mir in Beziehung „auf die Sicherung Ihres Schickſals zu vertrauen?“ Auf dieſe Gründe entgegnete Cecilie, daß ſie doch wenig⸗ ſtens Herrn von Noirville erſt ſehen müßte. Am zweiten Tage darauf wurde er bei dem Marquis vor⸗ geſtellt. Auf den erſten Blick mißfiel Herr von Noirville Cecilien ganz unbedingt, und nach einer Unterhaltung von fünf Minu⸗ ten hatte ſie die unermeßliche Kluft erkannt, die ſie von ihm trennte; als daher der erſte Beſuch beendigt war, erklärte ſie ihrem Oheim ganz beſtimmt, daß ſie lieber ſterben, als Herrn von Noirville heirathen wollte. Dieſer Letztere fuhr gleichwohl fort, den Marquis zu be⸗ ſuchen, und Cecilie beharrte danach mehr als je auf ihrer Wei⸗ erung. der Oberſt die fortwährenden Weigerungen ſeiner Nichte hörte, gerieth er in Zorn, und betrübte ſich darüber zuletzt ſo ſehr, daß ſeine Geſundheit dadurch ſichtlich litt. In den Augen dieſes vortrefflichen Menſchen galt Cecilie für thöricht und überſpannt, und es bekümmerte ihn tief, ſie 118 heitern Sinnes eine ſo vortheilhafte Partie zurückzuweiſen und ſo ihre Zukunft verſcherzen zu ſehen. „Was hat er denn, um Ihnen zu mißfallen,“ fragte er Cecilien;„machen Sie einen Fehler, ein Laſter an ihm aus⸗ „findig, und ich gebe mich gefangen,“ ſagte der Oberſt.„Iſt „es etwa ſein Urſprung?“ „Jede Geburt iſt ehrenvoll, wenn ſie ehrlich iſt;“ erwiderte ecilie. „Aber was haben Sie ihm dann vorzuwerfen?“ „Nichts; Herr von Noirville iſt ſtreng rechtlich.“ „Und dennoch weiſen Sie ihn zurücks— Weshalb?“ Cecilie befand ſich in einer grauſamen Lage. Ihr Vater und ihre Mutter hätten nie eine ſolche Frage an ſie gerichtet, oder hätten vielmehr nie daran gedacht, ſie mit Herrn von Noirville zu verheirathen, wäre er auch noch zehn Mal mehr Millionär geweſen. Wie ſollte ſie aber dem Oberſten erklären, welcher Art das Gefühl des Widerwillens war, das ſie von dieſem Bewerber um ihre Hand entfernte? Das ging über die Kräfte Ceciliens, über das Faſſungsvermögen ihres Oheims. Fräulein von Elmont hätte ſich gern darein ergeben, in den Augen des Oberſten für thöricht und überſpannt zu gelten, hätte ſie nicht deſſen Geſundheit ſo unverkennbar abnehmen ſehen. Sie hatte daher auch nicht den Muth, dieſem tiefen Schmerze zu widerſtehen, ſondern opferte ſich. Dies war das Wort, welches ſie brauchte; der gute Oberſt mußte darüber herzlich lachen, und indem er ſich die Hände freudig rieb, rief er aus: „Sich einem Einkommen von 200,000 Fr. und einem „ehrlichen Menſchen opfern, den ſie leiten wird, wie ſie will!— „Peſt, ſolche Opfer bringt man freilich nicht alle Tage.“ III. Heirath. Herr von Noirville war noch im Schlafrocke und damit beſchäftigt, aus dem Fenſter zu ſehen, als ſein Notar ihm mel⸗ dete, daß er angenommen ſei. „Es iſt abgemacht; ſie willigt ein;“ ſagte der Mann des Rechtes.“ „Deſto beſſer,“ erwiderte ſein Client,„denn ich hatte zu mir ſelbſt geſagt: Wenn ſie, Tag für Tag gerechnet, einen Mo⸗ nat nach meiner Präſentation, ſich noch nicht beſtimmt erklärt hat, ſo ſuche ich anderwärts. Uebrigens bin ich ſehr zufrieden, denn wenn auch Mamſell d'Elmont gerade keine Schönheit iſt, ſo hat ſie doch ein recht nettes Geſicht, das mir gefällt; über⸗ dies ſcheint ſie ganz leidlich erzogen und auch ſonſt recht gut⸗ müthig zu ſein. Nur glaube ich, daß ſie nicht viel Geiſt hat, denn ſie iſt ganz verteufelt ſchweigſam, aber das iſt mir doch noch lieber als eine Frau, die ſo viel plappert, wie eine Elſter. — Noch etwas wäre freilich auszuſetzen: Daß ſie nämlich ge⸗ waltig mager iſt!“ „Meiner Treu, das finde ich nicht!“ entgegnete der Notar, welcher ſchon an den Ehecontract dachte. „Ei, was,“ fuhr ſein Client fort,„ihr erſtes Wochenbett wird ſie ſchon korpulenter machen, wie man behauptet. Von ihrer Geburt will ich gar nichts ſagen, denn das macht nichts aus. Der Beweis iſt, daß ich, der Sohn eines Kupferſchmieds, die Tochter eines Marquis heirathe.“ Die Heirath wurde mit vielem Glanze gefeiert, aber mit entſetzlich bürgerlichem Glanze. Die Ausſtattung und die Hochzeitsgeſchenke waren wenig⸗ ſtens 300,000 Fr. werth. Acht Tage lang ſprach daher auch ganz Paris davon, und folglich von dem großen Glücke des Fräuleins von Elmont, das gleichwohl ſehr rothe Augen hatte, als es zum Altar trat. Unter andern Dingen dachte ſie auch voll Verzweiflung daran, daß ſie ihre kleine Wohnung in dem Faubourg St. Ger⸗ main, an die ſich ſo viele Erinnerungen knüpften, verlaſſen 117 müßte, um das reiche Hötel zu bewohnen, welches Herr von Noirville in der rue de Londres gekauft hatte. Denn eine von den Gewohnheiten dieſer Art Menſchen iſt, ihre Wohnung mit entſetzlicher Leichtigkeit zu wechſeln; was haben ſie denn auch, das ſie an die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft knüpfen kann? Als Herr von Noirville aus der Kirche zurückkehrte, zeigte er ſeiner Frau ſeinen ganzen, groben Lurus, den ſie nur ſehr wenig bewunderte. In ihrem Boudvir, wie er es nannte, fand ſie ein goldenes, über und über mit Steinen beſetztes Schreibzeug. Indem Herr von Noirville ihr dies mit einer höchſt zu⸗ friedenen Miene zeigte, ſagte er zu Cecilien: „Ich hoffe, daß das etwas beſſer iſt, als das alterthuͤm⸗ liche Ding, welches ich bei Dir geſehen habe.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr,“ ſagte Cecilie, durch das unerwartete Du in hohem Grade verletzt. „Meiner Treu, das iſt doch ſehr leicht zu verſtehen. Ich ſage Dir, daß ich die alte Maſchine, die Du hierher geſchickt hatteſt, durch das elegante Schreibzeug erſetzt habe.“ „Mein Gott, was haben Sie mit meinem Schreibzeug angefangen?“ rief Cecilie, von unbeſchreiblicher Angſt bedrückt. „Wahrhaftig, davon weiß ich nichts; meinem Kammer⸗ diener fallen alle dieſe alten Geſchichten zu.“ „Ach, mein Herr,“ rief Cecilie weinend,„es war das Schreibzeug meiner verſtorbenen Mutter.“ „Tröſte Dich, denn Du haſt noch nicht Alles geſehen,“ entgegnete ihr Gatte mit freundlichem Lächeln, und öffnete den Schreibtiſch. „Da liegen 20,000 Fr.: Das iſt Dein Nadelgeld; Du ſiehſt, theure Freundin, daß ich meine Sache gut mache.“ „Um des Himmels willen, mein Herr,“ rief Cecilie, ohne ihm zu antworten,„ſchaffen Sie mir um jeden Preis das alte Schreibzeug meiner Mutter wieder.“ Herr von Noirville hielt dieſen Wunſch für eine Mäd⸗ chenlaune, und that alles Mögliche, das Schreibzeug wiederzu⸗ bekommen, aber vergebens, denn der Kammerdiener hatte es ſchon an einen Trödler verkauft, und dieſer war nicht aus⸗ findig zu machen. — 118 Wenn die flüchtige Schilderung dieſer beiden Charaktere von denſelben einen Begriff gegeben hat, ſo wird man auch einſehen, ob es eine ſchrecklichere Lage geben kann, als die Ce⸗ ciliens von Elmont, als ſie ſich in ihrem geräumigen Hötel allein ſah. Und was mangelte gleichwohl in den Augen der Ver⸗ nünftigen zu ihrem Glücke? IV. Noirville, der 13. April 18**. Herr von Noirville, an den Advokaten Herrn Dumont. „Ich danke Dir aufrichtig, mein lieber Dumont, für den Rath der Expropriation, den Du mir ertheilſt, denn ließe man dieſe Kanaillen gewähren, ſo würden die Pachthöfe bald die Gräber unſeres Geldes ſein. Ohne eben geizig zu ſein, halte ich doch auf das, was ich habe, denn hätte ich nichts mehr, ſo würde Niemand mir etwas geben. Ich danke Dir auch für das überſchickte Modell eines Pa⸗ ſtetenofens; mein Koch iſt davon entzückt, und folglich ich auch. — Noch ſage ich Dir meinen Dank für die Berathung rück⸗ ſichtlich meiner Frau; ſeit den ſechs Monaten, ſeit denen ich in das conjungo geſchleudert bin, wie man ſagt, iſt es das ſiebente oder achte, und höchſt wahrſcheinlich noch nicht das letzte Mal, daß ich zu den Aerzten meine Zuflucht nehmen muß. Die Geſundheit meiner Frau beſſert ſich durchaus nicht, im Gegentheil, und Niemand begreift etwas von ihrem Zu⸗ ſtande; ſie muß an einem Familienübel, ſo etwas wie eine Bruſtkrankheit, leiden, denn ſie wird ſichtlich magerer, was für mich eben nicht angenehm iſt, denn ſie war ohnehin ſchon nicht zu fett. Ich thue daher auch, was ich nur kann, um ſie zu bewegen, Fleiſch und Paſtetenwerk zu eſſen, damit ſie Körper bekömmt, aber umſonſt. Ich, ich eſſe noch immer tüchtig, und es bekömmt mir ſo gut, daß ich für Zweie zunehme, und habe ich etwas zu viel, ſo iſt es Geſundheit. Meine Frau hat ihren alten Onkel verloren; unter uns, ich bin darüber nicht böſe, denn er guälte mich beſtändig mit Fragen, weshalb ſeine Nichte ſo traurig ſei, wie eine Nacht⸗ mütze? Wußte ich davon etwas? Und was fehlt ihr denn in der That, um glücklich zu ſein? Eaquipage, Hötel in Paris, Diamanten, Loge in der großen und in der komiſchen Oper, ſchöne Landgüter, vortreffliche Tafel,— Alles hat ſie, deshalb bin ich auch vollkommen ruhig. Mein Gewiſſen iſt zufrieden⸗ geſtellt, denn ich verſaͤume nichts, um ſie glücklich zu machen, und ſie verdient es auch, mein lieber Dumont, denn ſie führt mein Hausweſen ſehr gut. Ich fürchte nicht mehr ſo, wie vor meiner Hochzeit, von meinem Haushofmeiſter beſtohlen zu werden, denn ſie ſorgt für Alles, und ich bekümmere mich um nichts mehr; ich ſchlafe auf beiden Ohren, wie das Sprichwort ſagt; ich werde lecker, wie ein Truthahn, und rund wie eine Tonne; ich habe ſchon einen ordentlichen Bauch, aber das iſt mir gleichguͤltig, denn ich habe, wie Du weißt, nie etwas dar⸗ auf gegeben, ein Seladon zu ſein, noch weniger alſo thue ich dies jetzt, wo ich verheirathet bin. Und ich bin in der That nicht böſe darüber, daß ich es bin. Daß ich es bin!— Höre, Spaßvogel Dumont, keinen Doppelſinn;— verheirathet zu ſein, meine ich, denn meine Frau iſt ein Engel. Uebrigens fürchtete ich, da ſie von Adel wäre, möchte ſie ſtolz ſein. Nun gut, keinesweges, im Gegen⸗ theil, denn ich habe ſie nie daran gewöhnen können, mich Du zu nennen, während ich ſie ſchon ſeit dem erſten Tage unſerer Verheirathung dutze. Zu Anfang unſerer Ehe ſahen wir wenig Geſellſchaft. Einige Bekannte ihrer Famile beſuchten ſie; allmählig aber ſind die ausgeblieben, und ich habe bei mir ſo wie anderwärts nur noch meine Geſellſchaft geſehen; meine Frau beſucht faſt gar keine Geſellſchaft, und, unter uns, ich begreife ihre Abnei⸗ gung, denn meinen Bekannten iſt ſie linkiſch, nicht hübſch und etwas dumm vorgekommen. Unter uns, Dumont, ein Ehe⸗ mann kann wohl über ſeine Frau urtheilen, nun, ich halte ſie nicht für ſehr ſtark, wie man ſagt; übrigens iſt es ja auch nicht aller Welt gegeben, Geiſt zu haben, nicht wahr, Dumont? — 120 Was meine Frau zuweilen ſo traurig macht, iſt auch noch vielleicht, daß ſie eiferſüchtig auf den Eindruck war, den die ſchöne Mademoiſelle Germon machte, die Tochter des Lieferan⸗ ten, die mit mir und meiner Frau zu gleicher Zeit heirathete, ein herrliches Geſchöpf, die geſundeſten Farben, volle Bruſt, königliche Haltung, und Geiſt— ah, welchen Geiſt! Alle An⸗ dern muntert ſie auf, lacht beſtändig, war auf dem Lande immer für allerhand Poſſen, und will blos zum Scherz ihre Kinder proteſtantiſch erziehen, um dadurch ihren Landgeiſtlichen zu ärgern. Du begreifſt wohl, daß neben einer ſo amüſanten Frau die meinige gewaltig in den Hintergrund treten mußte, mit ihrem blaſſen Geſichte, ihrer Taille, ſo dünn, daß man fürchtet ſie zu zerbrechen, wenn man nur dagegen bläſt, ihrem trauri⸗ gen, kopfhängeriſchen Weſen. Uebrigens glaube ich, Dumont, daß ſie traurig iſt, weil es ſo ihr Charakter iſt, traurig zu ſein; man wird ſo geboren, und iſt deshalb eben nicht unglücklicher; das liegt im Blute, wie man ſagt. Ich beunruhige mich des⸗ halb auch nicht mehr darüber. Was geht denn meiner Frau ab? Nicht wahr, Dumont? Was nun ihre Ziererei betrifft, ſo iſt daran ihre ſchlechte Erziehung Schuld.— Ach, à propos, Du kennſt doch Ber⸗ court, den Wechſelagenten, der ſo unterhaltend iſt, ſo geiſtreich, der durch den Bauch redet, den Baß ſo täuſchend nachmacht, und die Rollen Monniers ſo komiſch lieſt; Bercourt, der mit der kleinen Auguſte in wilder Ehe lebt? Nun gut, als er neu⸗ lich einmal über Prieſter und Nonnen etwas ſagte, was gleich⸗ wohl für eine verheirathete Frau gar nicht zu ſtark war, hat meine Frau ihn ſo derb zurechtgewieſen, daß der arme Menſch ſich ſeitdem nicht wieder zu uns gewagt hat. Höre nur, wie das kam. Während Bercourt in ſeinen Dummheiten fortfuhr, über die ich mir einen Buckel lachen mußte, klingelte meine Frau, und ſagte mit einem wahren Prin⸗ zeſſinnentone, den ich bis dahin noch gar nicht an ihr gekannt hatte, indem ſie auf Bercourt deutete: Der Herrfragt, ob ſein Wagen da iſt; er will nach Hauſe fahren. Du kannſt wohl denken, daß er ſogleich gegangen iſt, und daß er ſehr bös war, was mich recht verdroß, denn er iſt wirk⸗ lich ſehr unterhaltend. 121 Ich bin nun ſeit Anfang April in Noirville, mein lieber Dumont, denn meine Frau wollte Paris noch vor dem Ende des Winters verlaſſen. Ich jage, eſſe und ſchlafe; darin be⸗ ſteht mein Leben, und wie Du ſiehſt, iſt es eben nicht allzu ſchlecht; beſonders iſt mir das lieb, daß ich mich nicht um mein Hausweſen zu bekümmern brauche. Da meine Frau nicht viel ſpricht, bin ich auf ein Mittel gefallen, unſere Abende angenehmer hinzubringen: Ich habe eine Drehbank in meinen Salon ſchaffen laſſen, und da drehe ich denn, während ſie ihr Engliſch lieſt, oder Gott weiß über was träumt. Ich hätte es gern geſehen, daß ſie mir Muſik machte, um mich in Schlaf zu bringen, aber ſie wollte nicht, und zwar unter dem Vorwande, daß ſie nie muſizire, als wenn ſie allein ſei. Dadurch bin ich denn auf den Verdacht gekom⸗ men, daß ſie die Harfe ſehr ſchlecht ſpielt; ich wollte das bald wiſſen, wenn ich muſikaliſch wäre, aber ich habe nie eine Note lernen können; die Muſik iſt übrigens auch nur eine ſtolze Dummheit, nicht wahr, Dumont? Abends, wenn es zehn Uhr ſchlägt, gehen wir zu Bett.— Was das betrifft, muß ich Dir noch ſagen, daß meine Frau ſich eingebildet hatte, ihr eigenes Schlafzimmer zu bekommen; aber, nichts davon, Liſette, und wenn ich einmal etwas will, dann bin ich eigenſinnig wie ein Maulthier. So leben wir denn recht bürgerlich, wie man ſagt.— Ach, noch eins; Du weißt doch, daß Du der Pathe meines Erſtgebornen biſt,— wenn ich nämlich einen Erſtgebornen bekomme. Mein Brief iſt für bloßes Geſchwätz ſehr lang geworden, mein lieber Dumont; komm doch in Deinen Gerichtsferien nach Noirville; bringe dann auch die Gerichtszeitung mit, die Du ſo komiſch vorlieſt, indem Du die Stimmen der Angeklagten und der Richter nachmachſt. Was aber langweilig ſein wird, iſt, daß wir verſchleiern müſſen, wegen meiner Betſchweſter von Frau, denn ich vergaß Dir noch zu ſagen, daß ſie eine Betſchweſter iſt; aber ich überſehe ihr das, weil es wegen der Dienſtboten von guter Wirkung iſt. Lebe wohl, mein lieber Dumont; ich ſchicke Dir hierbei eine Vollmacht, meine Gelder von*** zu heben; kaufe mir dafür neapolitaniſche Rente, wenn ſie noch fortwährend fällt. Adolph von Noirville. V. Ungefähr ſechs Wochen ſpäter, als dieſer Brief geſchrie⸗ ben wurde, richtete Cecilie den folgenden Brief an die Baronin Clara von Erlman in Dresden. Noirville, den 20. Juni 18**. Ich habe lange gezögert, Ihnen zu antworten, Clara, aber meine Geſundheit iſt ſo ſchlecht, ich bin ſo ſchwach, daß ich meines lebhaften Wunſches ungeachtet erſt heute die phyſi⸗ ſche Kraft habe, Ihnen zu ſchreiben; denn an Sie denken thue ich ſehr häufig; auch leſe ich ſehr oft Ihre Briefe, die ſo herz⸗ lich ſind, obgleich etwas hart in Bezug auf das, was Sie meine Thorheiten nennen. Ja, meine Freundin, ich habe mit einer ſehr trüben Freude nochmals Ihren letzten Brief geleſen, in welchem Sie mich an unſeren Aufenthalt in Neapel erinnern. Das war eine ſchöne Zeit. Welch ein inniges Glück empfand ich, als ich zwiſchen unſeren beiden Familien eine herzliche Freundſchaft entſtehen ſah, mein Vater den erhabenen Charakter Ihrer Mutter erkannte und Ihre Mutter in dem Herzen der meinigen ein Echo für alle ihre hohen, frommen Gedanken fand. Und wie verſtanden wir uns gegenſeitig, ſobald wir uns das erſte Mal geſehen hatten. Ich erinnere mich noch ſehr gut daran; es war nach einem Spaziergange an dem Golf; wir kehrten Alle nach dem Geſandt⸗ ſchaftshotel zurück, da nahm ich Sie mit aufmein Zimmer und zeigte Ihnen alle meine kleinen Schätze: Meine Bücher, meine Muſikalien, meine angefangenen Zeichnungen; aber erinnern Sie ſich wohl noch beſonders an den merkwürdigen Umſtand, Clara, daß auf meinem Tiſche ein Band Lamartines aufge⸗ ſchlagen liegen geblieben war und Sie mir zeigten, daß Sie denſelben Schriftſteller auf Ihrer Promenade mitgenommen hatten? Doch das iſt noch nicht Alles; wie groß war erſt un⸗ ſere Freude, als wir aus dem Zeichen Ihres Buches ſahen, daß Sie, eben ſo wie ich, ſeine Betrachtung über das Gebet zuletzt geleſen hatten. Erinnern Sie ſich noch, wie freudig uns dieſe Entdeckung überraſchte, und welche beglückende Schlüſſe wir daraus für die Zukunft zogen? Denn die Freundſchaft ſcheint ſich eben ſo, wie alle zärtlichen und zarten Gefühle, ge⸗ 125 gen die Zukunft durch Vorherverkündigungen ſichern zu wollen, als ob der Zufall etwas gegen die Zukunft auszurichten ver⸗ möchte! Sie ſehen wohl, daß unſere jugendliche Einbildungskraft damals nicht reich, nicht fruchtbar, nicht lebendig genug war, um den Plänen des Glückes zu genügen, die wir entwarfen. Was für glänzende Träume improviſirten wir; wie weit wir uns aber auch dadurch fortreißen laſſen mochten, bezogen unſere Ideen ſich doch ſtets mit auf die Exiſtenz unſerer Eltern. Wir glichen den jungen Vögeln, die unter Laubwerk und Blumen ihre wachſenden Flügel verſuchen, ohne aber deshalb je das väterliche Neſt aus dem Blicke zu laſſen. Was iſt mir nun von allen dieſen leuchtenden Viſionen geworden? Ich habe alle Die verloren, durch welche mein Leben einen Zweck hatte; ich ſtehe allein, ach,— allein,— entſetzlich allein!— Und kaum ſind ſeit jener Zeit, in welcher die Zukunft uns ſo ſchön erſchien, zwei Jahre verfloſſen! Aber Sie verzeihen es mir, liebe Clara, nicht wahr, daß ich ſo viel von meinem Unglücke und ſo wenig von Ihrem Glücke ſpreche? Denn Sie ſind ja ſo glücklich, Sie werden von Allem, was Sie umgiebt, ſo geliebt und geſchätzt! Sie wußten das Glück durch hohen, ernſten Verſtand zu finden, Sie fühlen ſich in einem angebeteten Kinde neu erſtehen;— Ihnen ward die Hoffnung zur Wirklichkeit. Wiſſen Sie wohl, daß das Uuglück die Seele häßlich macht? Wiſſen Sie wohl, daß es Augenblicke giebt, in denen ich Sie mit Bitterkeit beneide, in denen ich Sie beinahe mit der ganzen Kraft Ihres Glückes haſſe? Doch Verzeihung, Verzeihung, meine Freundin; ach, ich bin ja ſo ſehr unglücklich! Denn ich muß Ihnen endlich meine ganze Seele aufſchließen, überzeugt, daß Sie dann Mitleid mit Ihrer armen Thörin haben werden, wie Sie mich nennen. Was ich leide, überſteigt alle Beſchreibung; Sie können ſich keine Borſtellung von der fürchterlichen Marter machen, die mir auferlegt iſt; Sie werden nie erfahren, was es heißt, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, mit einem Weſen leben zu müſſen, das uns eine furchtbare Antipathie einflößt, deſſen Gegenwart uns verdrießt oder bedruͤckt, und das ohne Mitleid iſt, weil es nicht weiß, weil es nicht wiſſen, nicht einmal be⸗ 124 greifen kann, welche entſetzliche Marter es mit ſo grauſamer Gutmüthigkeit erdulden läßt. Eine arme Frau aus dem Volke, die ihr Mann roh be⸗ handelt, die er prügelt, kann hoffen, darf doch noch hoffen, daß einſt die Bosheit dieſes Menſchen ein Ziel haben wird, wenn ſie weinend zu ihm ſpricht: Sieh, wie die Wunde blutet, die Du mir verſetzt haſt! Sie,— ich bin ganz zerſchlagen; um des Himmels willen, ſo habe doch Mitleid mit einer unglück⸗ lichen Frau, die nichts kann, als dulden. Sehen Sie, Clara, wenn dieſer Mann nun nicht ein Un⸗ heuer iſt, ſo wird er Mitleid haben, wird Reue empfinden, oder doch wenigſtens das Bewußtſein des Uebels haben, das er ſeiner Frau zufügt; und für das ergebungsvolle Opfer iſt das beinahe ein Troſt, ſich ſagen zu können: Mein Henker weiß wenigſtens, daß ich leide. Aber ich, meine Freundin, wie ſoll ich ihm die Bitterkeit der rein moraliſchen Martern begreiflich machen, die ich erdulde, ihm, der nicht einmal eine Ahnung davon hat, daß es morali⸗ ſche Schmerzen giebt?— Wie ſoll ich ihm ſagen, daß ſchon ſeine Gegenwart allein meine Seele furchtbar bedrückt, da er nicht einmal das unwillkührliche Zittern bemerkt, den unaus⸗ ſprechlichen Widerwillen, von dem ich ergriffen werde, wenn er meine Hand faßt oder mich dutzt. Ja, ich ſchäme mich, es zu geſtehen, dieſes Du, das feier⸗ liche und geheiligte Wort, welches die Ehrfurcht mich ſogar ge⸗ gen meine Mutter auszuſprechen hinderte, und das ſie und mein Vater nur ein Mal gegen mich brauchten,— als ſie mir ſterbend ihren Segen ertheilten;— dieſes Wort, welches mir die grauſamſte und impoſanteſte Erinnerung meines ganzen Lebens zurückruft,— ſpricht dieſer Menſch beſtändig und wegen der gemeinſten Veranlaſſungen gegen mich aus; er ſagt zu mir Du in Gegenwart der Geſellſchaft, die er ſieht,— Du im Beiſein der Dienſtboten. Ach, Clara, ihn ſo dies erhabene und myſteriöſe Wort profaniren zu hören, welches, von einer geliebten Stimme aus⸗ geſprochen, vielleicht allein hingereicht hätte, mir zu enthüllen, wie viel Leidenſchaft und Glück in einer erwiederten Liebe liegt, wie es mich ſchon belehrt hatte, wie viel Angſt und herzzer⸗ reißende Zärtlichkeit in dem letzten Lebewohl einer angebeteten Mutter liegt,— ach, meine Freundin, dies Wort ſo täglich, 125 ſtündlich herabwürdigen zu hören,— heißt das dulden?— Sagen Sie! Ach ja, das heißt dulden, ohne es irgend einer andern Seele zu ſagen als Ihnen; Sie aber verſtehen mich, nicht wahr? Denn jetzt, da Sie alle meine Schmerzen kennen, wer⸗ den Sie mich gewiß beklagen, davon bin ich überzeugt; und es wird meinen Kummer lindern, wenigſtens mit Ihnen weinen zu können. Denn habe ich in den Augen aller Andern das Recht, zu leiden? Worüber könnte ich mich beklagen? Bin ich nicht reich, jung? Iſt mein Mann nicht gut, treu, ſein Wandel vorwurfsfrei? Und dann ſehen Sie, welch ein Lurus, welche Pracht, welcher Glanz mich umgiebt! Deshalb ſagt auch die Welt: Wie glücklich ſie iſt!— Die Welt, dieſer kalte Egviſt, der uns glücklich macht, um uns nicht beklagen zu müſſen, der ſtets nur bei der Oberfläche ſtehen bleibt, weil ſelbſt die Un⸗ glücklichſten ſtets noch eine Blume haben, ihr Elend den Augen dieſes undankbaren und unerſättlichen Tyrannen zu verbergen. Und die Forſcher, Clara, die Philoſophen, die Ergründer des menſchlichen Herzens, würden meinen Schmerzen mit ſorg⸗ loſer Geringſchätzung antworten:„Sie leiden?— Ei, die Ur⸗ ſache Ihrer Leiden iſt ganz einfach; das kömmt daher, weil Sie jeden Wunſch, jede Laune befriedigen können, mit einem Worte, weil Sie zu glücklich ſind!“ Zu glücklich!— Meine Freundin, zu glücklich! Und dann ſagte ich vor dieſer verhängnißvollen Heirath zu mir ſelbſt: Wenigſtens wird mir die Einſamkeit geſtattet ſein und ich werde ſo ziemlich mein früheres Leben erneuern; wenn ich der trüben, farbloſen Exiſtenz, die mich umgiebt, nur wenige Stunden entziehen kann, werde ich Gott dafür danken.— Aber nein; will ich leſen, will ich in den Künſten ein augenblickliches Vergeſſen meiner Leiden ſuchen, ſo entreißt irgend eine dumme oder ärgerliche Bemerkung mich meiner Extaſe; denn er iſt be⸗ ſtändig da, ohne alle Unterbrechung; denn dieſer Menſch liebt mich, wie er lieben kann, und durch ſeine beſtändige, aufmerk⸗ ſame, bedrückende Gegenwart glaubt er mir dieſe Liebe zu be⸗ weiſen. Wenn ich leide, iſt er da, um mich zu fragen, was mir fehltz— ſage ich, daß ich nicht mehr leide, ſo iſt er wieder da, um mich zu zerſtreuen.— Und dann iſt er da, weil er das Recht dazu hat,— weil es ſeine Pflicht als rechtlicher Gatte iſt, da zu ſein. Denn er iſt ein redlicher Mann und auf 3 126 ſeine Weiſe auch gut, wie er mir auf ſeine Weiſe ergeben iſt. Ich kann ihn deshalb auch nicht haſſen, und gleichwohl bringt er mich um; er tödtet mich bei langſamem Feuer, es iſt eine langſame, aber entſetzliche Marter, eine abſcheuliche Todesqual, die ich erdulde. Aber er ahnet das nicht einmal, ſieht es lä⸗ chelnd, gelaſſen, zufrieden mit an, innig überzeugt, daß ich alles mögliche Glück genieße. Und mir ſagen zu müſſen, wenn ich funfzig Jahre zu leben hätte, würde ich auch funfzig Jahre dies Leben führen;— wiſſen Sie wohl, daß das gräßlich wäre?— Aber beruhigen Sie ſich, meine Freundin, denn ich hege eine Hoffnung.. Und dann iſt das noch nicht Alles;— es giebt noch eine andere Marter, die ich täglich ertragen muß,— nämlich die, über meinen Mann zu erröthen. Ich mußte deshalb den Um⸗ gang mit einigen Freunden meiner Familie abbrechen, denn hätten Sie ihn geſehen, hätten Sie ihn gehört, als er die Art von Zwanz abgeworfen hatte, den er ſich vor unſerer Verhei⸗ rathung auflegte;— es war, um vor Scham zu ſterben. Und ſelbſt in der Welt, in die er mich eingeführt hat, und die ich weder loben noch tadeln kann, weil ich ſie nicht ver⸗ ſtehe, weil man in ihr nicht dieſelbe Sprache redet, an die ich ſeit meiner Kindheit gewöhnt bin, ſelbſt in dieſer Welt bemerkte ich, daß man ihn verſpottete, für nichts achtete, da ſein Loos jetzt entſchieden iſt und die Familien ihn ſich nicht mehr für ihre Töchter ſtreitig zu machen haben. Und ich, meine Freundin, ich erſchien in dem Lichte, als wäre ich niedrig genug geweſen, mich dem Vermögen dieſes verſpotteten Menſchen zu verbinden. Sie aber wiſſen, welche Beſorgniſſe, welchen Widerwillen ich vor dieſer Heirath hegte; ich habe Ihnen meine trüben Ahnungen mitgetheilt. Sie nannten dieſe zwar Chimären, aber ſie werden ſich verwirklichen; Sie ſollen ſehen, ſie werden ſich verwirklichen. Ich theilte Ihnen mit, welchen Kummer meine Weigerung meinem armen Onkel bereitete, wie ſeine Ge⸗ ſundheit ſichtlich abnahm, wie mir dann meine Zuſtimmung beinahe gewaltſam durch einige Freunde meiner Familie ent⸗ riſſen wurde, die, wie ächte Weltkinder, vor allem Andern be⸗ ſonders nur das Eine ſahen, daß ich in eine ſehr glänzende Lage käme. Sie wiſſen, daß ich mich auch durch Sie beſtim⸗ men ließ; ſie ſahen richtiger oder vielmehr kälter, als ich,* 127 hielten mein Glück für gewiß, weil ich meinem Mann überlegen ſei und ihm daher, wie Sie ſagten, meine Neigungen und meine Lebensweiſe zu eigen machen könnte. Aber darin haben Sie ſich getäuſcht, meine Freundin. Es giebt Naturen, die man nicht umwandelt, nicht einmal ändert. Ich werde daher mein Geſchick bis an das Ende ertragen; da⸗ bei wird mich der Gedanke tröſten, daß ich dem Looſe, welches mich bedrückt, nicht Recht gab, indem ich mich des Namens meines Vaters unwürdig machte oder meine Pflichten, wie tödtend ſie auch ſein mögen, verletzte. Ja, tödtend iſt das richtige Wort, Clara,— es iſt zum Glück das richtige, denn Sie würden die Cecilie nicht mehr er⸗ kennen, der Sie mit eben ſo viel Herz als Geiſt ſchmeichelten, daß ſie an Ihre Schmeicheleien glaubte; meine Geſundheit iſt ſo ſchlecht geworden, daß ich beinahe gar nicht mehr ausgehe. — Ach, mit welcher Sehnſucht erwarte ich den Herbſt!— Aber vielleicht iſt es nicht einmal wahr, was man von dem Fall des Herbſtlaubes ſagt! Leben Sie wohl, meine einzige Freundin; laſſen Sie mich nicht zu lange ohne Antwort und antworten Sie mir ſtets, wie ich Ihnen ſchreibe: In engliſcher Sprache.— Sie errathen wohl, weshalb. Hören Sie, Clara, obgleich ich ſehr wenig beſitze, will ich doch ein Teſtament machen; das iſt eine Kinderei, aber Alles, was das Sprechzimmer meiner Mutter ſchmückte, habe ich mir bewahrt, ausgenommen das Schreibzeug; ich möchte, daß Sie das als ein Andenken an mich betrachteten. Mein Gott, wie ſchwach ich bin, und wie ich glühe!— Ich habe mir einen Spiegel geben laſſen. Anfangs erſchrak ich, dann aber,— ach, dann war es eine Freude,— eine himm⸗ ſche Freude: denn Sie wiſſen, wer meiner im Himmel wartet. Nochmals Lebewohl, meine Freundin, denn ich fühle meine Thränen rinnen und muß dieſen Brief ſchließen; laſſen Sie mich nicht zu lange ohne Antwort. Tauſend freundliche Grüße an Ihre Lieben; umarmen Sie Ihr Engelskind in meinem Namen, und falten Sie ſeine kleinen Händchen für mich. Nochmals Lebewohl. Cecilie von N. —— 7 VI. Ein Abend. An dieſem Tage war Cecilie noch trauriger, noch nach⸗ denkender, noch leidender, als gewöhnlich. Zufällig war ſie am Morgen vor dem ehemaligen Hötel d'Elmont vorbeigegan⸗ gen, und dieſer Umſtand hatte in ihrem Herzen eine ganze Welt von grauſamen und bittern Erinnerungen erweckt. In einem Armſtuhl ruhend, die Stirn in die weiße, abge⸗ magerte Hand geſtützt, ſaß Cecilie in ihrem Sprechzimmer. Lange ſchon war es dunkel, und nur das unbeſtimmte, flackernde Licht des Kaminfeuers beſchien das ſanfte, melancho⸗ liſche Geſicht der jungen Frau. Cecilie liebte dieſes zitternde Licht, welches erliſcht, ſich wieder belebt, um neu zu funkeln, und dann abermals erliſcht. Das Halbdunkel gefiel ihr, und mit einem Gefühl trüber Freude ließ ſie ihre Gedanken über die verſchwundenen Tage dahin⸗ ſchweifen.. Die Vergangenheit heraufbeſchwörend ſah ſie ihre Mutter, ihren Vater wieder, und die Concentration ihrer Gedanken auf dieſe Theuren nahm ſie ſo ganz ein, daß ſie dieſelben zu hören glaubte, ſo laut tönten deren geringſten Worte in ihrem Innern wieder. In dieſer trüben und bittern Stimmung befand ſich Frau von Noirville, als plötzlich die Thür lärmend aufgeriſſen wurde; ein Strom von Licht zerſtreute die Nebel des Gemaches, und Herr von Noirville warf ſich unter ſchallendem Gelächter auf ein Sopha, nachdem er den beiden Bedienten befohlen hatte, den Armleuchter auf den Kaminſims zu ſetzen. Unmöglich wäre es, die entſetzliche phyſiſche und morali⸗ ſche Qual zu beſchreiben, welche alle Nerven Ceciliens ſchmerz⸗ haft erſchütterte, als ſie ihren theuerſten und frommſten Gedan⸗ ken ſo rauh entriſſen wurde, als ſie ſo plötzlich das blendende Licht ſah, das dumme Gelächter hörte. Es war abſcheulich, und ſie mußte weinen. „Ach, mein Gott, über den köſtlichen Spaß!“ ſchrie Herr von Noirville, indem er die kirſchrothe Stirn gegen eines der Sophakiſſen ſtützte, um beſſer lachen zu können.—„Ueber den herrlichen Spaß!— Dumont wird ſchön darüber lachen!“ 429 Cecilie trocknete eine Thräne und blieb ſtumm. „Und auch Du wirſt tüchtig lachen,“ fuhr Noirville fort, der nichts bemerkte;„ja, ja, Du wirſt herzlich lachen;— trotz Deines Ausſehens wie das Kräutchen Rührmichnichtan mußt Du lachen.— Höre nur:— Unſere Stallleute— ach mein Gott, mein Gott, wie komiſch das iſt;— unſere Stallleute alſo, welche wußten, daß der Hausvoigt eine Perücke trägtz — nein, ich kann es Dir nicht erzählen, denn da faßt mich das Lachen ſchon wieder;— auf Ehre, ich muß zu ſehr lachen; — es wird mir noch Schaden thun, beſonders da ich bei Felir gefrühſtückt habe, daß ich platzen möchte..— Nein, über den herrlichen Spaß!— Ich muß Dumont ſchreiben, er ſoll gleich kommen, damit ich ihm die Geſchichte erzählen kann.“ Cecilie ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Aber Noirville, der ihre Abſicht errieth und ſehr luſtig ge⸗ ſtimmt war, ſprang zur Thüre, ſchloß zu, zog den Schlüſſel ab und fuhr unter lautem Gelächter fort: „Nein, durchaus nicht; Du ſollſt die Poſſe bis zu Ende hören, das wird Dich aufheitern, Frau Kopfhängerin,— und iſt Dir geſünder als die Anfälle von ſchwarzen Gedanken, die Du zuweilen haſt, wie ich wohl bemerkte.— Ich ſagte Dir alſo, daß unſere Stallleute, welche bemerkt hatten, daß der Hausvoigt eine Perücke trägt— nein, ich platze noch vor La⸗ chen;— na, warte, ich ſammle mich ſchon wieder.— Unſere Stallleute wußten alſo, daß der Hausvoigt eine Perücke trüge, und ſchmierten ihm deshalb Harz in den Hut.— Als ich nun vorhin in dem Tilbury nach Haus kam, was ſah ich da? wer grüßte mich da?— Unſer Voigt, deſſen Kopf nackt war, wie mein Knie: Die Perüͤcke war in dem Hute kleben geblieben.— Nun, iſt das nicht komiſch? Iſt das nicht ein hübſcher Spaß? — Wie Dumont darüber lachen wird!— Ich fragte ſogleich, wer den Streich erſonnen hätte. Peter! hieß es, und ich ſchenkte ihm zehn Francs, eine Flaſche Wein zu trinken.— Ei über den Poſſenreißer Peter!— Nein, wie das Dumont amüſiren wird!— Wahrhaftig, ich muß Herrn Boitou, der ein falſches Toupet trägt, denſelben Poſſen ſpielen; nicht wahr, liebe Frau?“ Wir wollen es nicht verſuchen, zu beſchreiben, was Cecilie empfand, ſolange der Luſtigkeitsanfall des Herrn von Noirville dauerte: als er ſeine Erzählung beendigt hatte, ſagte ſie nichts, als: Die Cucaracha. I. 9 „Wollen Sie die Güte haben, mir dieſe Thüre zu öffnen, mein Herr?“ „Keineswegs, Liſettchen;— oder, ja,— aber nur unter einer Bedingung, mein Kätzchen, unter einer Bedingung:— daß Du Deinem dicken Kerkermeiſter ein Küßchen giebſt,— Deinem Dodophe,— wie Dumont ſagt.“ „Ich ſage Ihnen, daß ich Athem ſchöpfen mußz ich erſticke hier;— ich möchte in das Gewächshaus gehen.— Oeffnen Sie mir;— noch ein Mal ſage ich Ihnen;— ich leide ſehr!“ In dieſem Augenblicke rief der Haushofmeiſter, der verge⸗ bens den Schlüſſel geſucht hatte, durch das Schlüſſelloch: „Gnädige Frau, es iſt angerichtet.“ „O Himmel, mein Herr,— und Ihre Leute finden mich mit Ihnen eingeſchloſſen!“ rief Cecilie, vor Unwillen dunkel erröthend. „Nun,— und was iſt das weiter?— Kann ein Ehe⸗ mann— nicht etwa—“ Ein Blick voll Stolz, Würde und niederſchmetternder Ge⸗ ringſchätzung verblüffte Herrn von Noirville ſo ſehr, daß er irgend eine rohe Aeußerung, die ihm wahrſcheinlich ſchon auf den Lippen ſchwebte, unterdrückte. Er öffnete die Thür, reichte ſeiner Gattin den Arm und führte ſie in das Speiſezimmer. Herr und Frau von Noirville ſetzten ſich zu Tiſche. Es war ein Freitag, und Cecilie, die wahrhaft fromm war, befolgte die Vorſchriften der Kirche genau. Herr von Noirville ſetzte ſeinen Stolz als Freigeiſt darin, ſeine Frau wegen der religiöſen Skrupel zu necken, die ſie ab⸗ hielten, ſeinem Beiſpiele zu folgen und am Freitag weder Fiſch noch Gemüſe zu eſſen, obgleich er beides eigentlich ſehr liebte, ſondern ſich ſtatt deſſen lieber mit Fleiſch vollzuſtopfen: um die Jeſuiten zu demüthigen, wie er ſagte. Cecilie, die wie ein Vogel aß, nahm einige Löffel von einer Suppe, die für ſie beſonders aufgetragen war, und ver⸗ ſank dann wieder in ihre Träumereien. Dieſen wurde ſie durch ein lautes Gelächter des Herrn von Noirville entriſſen, der dabei rief: „Rathe, was Du gegeſſen haſt?“ „Ich verſtehe Sie nicht!“ ſagte Cecilie. „Ha, ha,“ ſagte Noirville unter neuem, noch lauterem 131 Gelächter,„das beweiſt die Dummheit, zu faſten. Weißt Du, was ich gethan habe? Ich bin ſelbſt in die Küche gegangen und habe in Deine Faſtenſuppe einen tüchtigen Löffel voll Bouillon gethan.— Glaubſt Du jetzt noch, daß man faſten muß?— Na, da biſt Du gut angeführt,— oh, über den Spaß— Du haſt eine Sünde begangen, eine große Sündez — darüber wird Dumont auch hübſch lachen!“ Cecilie erröthete, antwortete kein Wort, ſtand vom Tiſche auf, und ſagte zu ihrem Manne: „Sie werden mich entſchuldigen, mein Herr; aber ich ziehe mich auf mein Zimmer zurück,— denn ich bin ſehr leidend.“ Und ſie verſchwand, trotz der Bitten Noirvilles, der mit vollem Munde rief: „Aber meine Frau— meine Frau— ſei nur nicht böſe; es iſt ja nur eine Poſſe. Man kann doch auch wohl ein biß⸗ chen lachen?“— dann ſetzte er hinzu:„Na, das bleibt ſich gleich; ſie hat Fleiſchſpeiſe gegeſſen; ihr Beichtvater wird ſchön ärgerlich ſein, wenn er das hört. Mir iſt der alte Jeſuit un⸗ ausſtehlich, und ich ſage meinen Bedienten immer, daß ſie la⸗ chen ſollen, wenn er vorbeigeht— der alte Tartüffe.“ Nachdem Herr von Noirville ſeinem Haſſe gegen die Je⸗ ſuiten und das Faſten noch gehörig Luft gemacht hatte, aß er vortrefflich, wie gewöhnlich, um dann im Ballet der großen Oper zu ſchlafen. Als Cecilie auf ihr Zimmer kam, fand ſie einen Brief aus Dresden: Es war die Antwort der Baronin von Erlmann auf traurigen, verzweiflungsvollen Brief, den ſie ihr geſchrieben hatte. „Nach alle dem, was ich heute gelitten habe,“ ſagte Ce⸗ cilie zu ſich ſelbſt,„war mir der Himmel dieſen Erſatz wohl ſchuldig. Was ſollte aus mir werden, o mein Gott, wenn ich nicht wenigſtens eine Freundin hätte, die all meinen Kummer verſtände!“ ſie tief ergriffen das Siegel gebrochen hatte, as ſie: 132 VIMI. Ein verſtändiger Brief. Die Heirath einer meiner Schwägerinnen mit einem Manne, den ſie ſchon ſeit fünf Jahren liebt, hielt mich ab, meine liebe Cecilie, Ihnen früher zu antworten, und zwar um ſo mehr, dr ich dies ausführlich thun wollte, um Ihnen Ihre ganze Thor⸗ heit, all Ihren böſen Willen zu beweiſen, eines wirklichen Glü⸗ ckes zu genießen, das Sie vielleicht nur deshalb geringſchätzen, weil Sie es beſitzen. Ja, meine gute Cecilie, ich erſcheine Ihnen vielleicht ſehr hart, aber Ihr letzter Brief iſt in der That ſo von Uebertrei⸗ bungen und chimäriſchen Ideen angefüllt, daß ich gezwungen bin, Sie diesmal recht tüchtig auszuſchelten. Ihre andern Briefe waren im Vergleiche zu dieſem noch gar nichts, und ich würde mich wirklich ſtrafbar halten, ließe ich Sie noch länger den Himmel anklagen, weil es ihm gefällt, Sie mit allen ſei⸗ nen Gaben zu überſchütten. Ueber was Wirkliches, Thatſächliches, Poſitives beklagen Sie ſich denn? Was mangelt Ihnen, um glücklich zu ſein; ja, was mangelt Ihnen? Sie ſehen, Cecilie, ich ſpreche eben wie jene Welt, die Sie des Egoismus und der Grauſamkeit ankla⸗ gen, aber mit Unrecht, denn man darf nicht ſo die Logik und Würdigung der Welt verwerfen, meine theure Freundin, weil ſie gewöhnlich den Stempel tiefer Wahrheit tragen. Hätten Sie nicht jene bewundernswerthe Reinheit der Grundſätze, die ich an Ihnen kenne,— müßte Ihr Gewiſſen Ihnen nur den leifeſten Vorwurf machen, ſo würde ich den tie⸗ fen, unbeſtimmten Kummer begreifen, den Sie zu empfinden glauben; aber Sie, von ſo aufrichtiger Frömmigkeit, von ſo engelgleicher Tugend,— weshalb quälen Sie ſich ſo, da Sie doch wiſſen, daß Sie ſich nichts vorzuwerfen haben? Das größte Ihrer Leiden, ſagen Sie, iſt, von Herrn von Noirville nicht verſtanden zu werden;— aber das iſt nur ein Wort, mein liebes Kind. Worin werden Sie nicht verſtanden? Ihr Mann verſteht Ihren Geſchmack, Ihren Willen, wenn Sie ihm Beides erklären. Ich bin überzeugt, wenn Sie ihm mor⸗ gen ſagten, Ihr Gut in der Normandie mißfiele Ihnen, und ———— 15⁵ Sie wollten ein anderes in Touraine haben, ſo würde er Sie vollkommen verſtehen, und nur Eines beklagen, daß er näm⸗ lich Ihren Wunſch nicht vorausgeſehen hätte. Noch ein Mal: Nicht verſtanden werden, iſt nur eine Romanäußerung, eine Chimäre, ein Vorwand zur Verzweif⸗ lung, und nichts anderes. Sie beklagen ſich, daß Ihr Mann Sie in Gegenwart Ihrer Leute Du nennt; ohne Zweifel man⸗ gelt es ihm an Lebensart, aber, meine liebe Freundin, die Männer ſind nicht vollkommen, und meiner Meinung nach iſt es beſſer, einen Mann wie den Ihrigen zu haben, der gut, treu, aufmerkſam iſt, wenn er auch, wie ich zugeben will, ein etwas gemeines Weſen hat, als einen Modemann, liebens⸗ würdig, voll Tact und Feinheit, der Sie aber mit dem größten Anſtande, mit aller möglichen Anmuth zur unglücklichſten Frau von der Welt machte. Wiſſen Sie, meine theure Freundin, daß Sie ſich unſerer Mädchenjahre zu ſehr erinnern? Mein Gott, Sie wiſſen, daß ich die Spaziergänge am Golf, die Abendträumereien, den Mondſchein eben ſo ſehr liebte, wie Sie; aber dazu gehört das Alter, wenn Seele und Geiſt noch nicht von ernſteren Sorgen in Anſpruch genommen werden, denn was beweiſt im Grunde all jene Poeſie für das wirkliche Glück? Das iſt ein Traum, und jeder Traum hat ſein Erwachen. Weshalb nun träumen, wenn man es entbehren fann? Das poſitive Leben hat ſeine Reize, und das begreife ich beſonders ſeit meiner Verheirathung; das Geheimniß beſteht nur darin, zu wiſſen, wie man glück⸗ lich wird, oder vielmehr: glücklich ſein zu wollen. Ahmen Sie alſo mir nach, liebe Thörin; ich habe mich glücklich ge⸗ macht, ſehr glücklich, weil ich mein Glück in das ſetzen wollte, worin es wirklich beſteht, nämlich in meine häuslichen Sorgen, meine Wirthſchaft, die Zuneigung meines Mannes, der mich eben ſo liebt, wie ich ihn. Aber vor allen Dingen müſſen Sie Ihre zweckloſen Träu⸗ mereien ablegen. Dann werden Ihre religiöſen Pflichten, Ihre Pflichten als Frau, und einſt Ihre Pflichten als Mutter Ihnen genügen, und Sie werden ſich nicht mehr über die unbegrün⸗ deten Leiden zu beklagen haben, welche Sie ermüden, und Sie eben ſo wie die Ihrigen quälen. Sie werden mih ſtrenge finden, mein liebes Kind, aber Sie verdienen es auch. Bisher hatte ich Ihre Briefe immer nur für den Ausdruck zu reizbaren Gefühles gehalten, das keinen Ausweg fände; ich begriff vollkommen, daß Sie einige Mühe haben mußten, ſich an das etwas gemeine Aeußere Ihres Mannes zu gewöhnen; ich nahm daher auch die Schilderung Ihrer fürchterlichen Martern mit Nachſicht auf, glaubte aber in der That, wenn dieſes Ueberbleibſel romanhafter Ge⸗ fühlvollheit verſchwunden ſei, würden Sie zur Vernunft zurück⸗ kehren, zum geſunden Menſchenverſtande, und wenn Ihr höhe⸗ rer Geiſt den Nebel des chimäriſchen Kummers zerſtreut hätte, der Ihnen das wirkliche Glück verbarg, würden Sie zu der Wahrheit gelangen, das heißt, zu der Ueberzeugung: daß Sie die glücklichſte der Frauen ſind. Statt deſſen ſehe ich, daß dieſe übertriebene Reizbarkeit von Tage zu Tage wächſt; Ihre Klagen verdoppeln ſich, Ihre vorgeblichen Leiden nehmen zu. Ich würde meine Pflicht als Freundin, und zwar als aufrichtige Freundin zu verletzen glauben, mein liebes Kind, wenn ich Ihnen nicht mit Strenge alles Das ſagte, was ich denke, was ich fühle, wenn ich über⸗ lege, daß Sie, im Beſitze aller Elemente zum vollkommenſten Glücke, ſich zuletzt noch für die unglücklichſte der Frauen halten. In der That, Cecilie, das Alles hat den Anſchein eines gefaßten Entſchluſſes, und wenn ich Sie nicht beſſer kennte, würde ich ſogar ſagen, einer Anforderung; doch nein, bei Ih⸗ nen, meine Freundin, iſt es eine Gewohnheit, denn, noch ein⸗ mal frage ich Sie, was fehlt Ihnen? Ich bin ſtrenge, grauſam, werden Sie ſagen; nein, meine Freundin, denn ich will weiter nichts, als daß Sie Ihr Glück richtig würdigen lernen ſollen. Sehen Sie ſich daher wohl vor, denn wenn ich in Ihrem nächſten Briefe wieder ſolche häßliche Klagen ohne Grund und Zweck finde, ſchicke ich ihn an Herrn von Noirville, der Sie dann tüchtig ausſchelten wird, und mit Recht. Ich hätte beinahe Luſt, Sie nicht zu umarmen, aber ich ſetze ſo viel Vertrauen in Ihren Charakter, daß ich Ihnen auch dies Mal noch in der Hoffnung verzeihe, Sie werden in Zu⸗ kunft vernünftiger ſein. Baronin Erlmann. VI. Nach Durchleſung dieſes Briefes, der mit ſo trockenen Vernunftgründen, ſo eiskaltem geſunden Sinne angefüllt war, empfand Cecilie jene Art betäubender Ruhe, die man fühlt, wenn man eine letzte Hoffnung zertrümmern ſieht. Der einzige Troſt Ceciliens war der Gedanke geweſen, daß doch wenigſtens eine Seele den Angſtſchrei der ihrigen verſtehen würde. Sie ſah, daß ſie ſich getäuſcht hatte, und ſchwieg, zu ſtolz, in Zukunft noch von einem Schmerze zu ſprechen, den man ihr wie eine Prätenſion verdächtigte. Sie vergrub ſich daher in einen ſtummen Schmerz und wartete.——— Einige Zeit darauf ſchrieb Cecilie ihrer Freundin einen langen Brief, in welchem ſie derſelben für ihre Lehren dankte, und ihr ſagte, ſie hätte ſich endlich zum Glücke bekehrt, und ſtände jetzt demſelben ſehr nahe. Die arme junge Frau fühlte ſich ſterbend, indem ſie dies ſchrieb. IX. Herr von Noirville an den Advokaten Dumont. Paris, den.. Sagte ich Dir nicht, mein lieber Dumont, daß die Ma⸗ gerkeit meiner armen Frau mir einen Streich ſpielen würde? Seit acht Tagen bin ich Wittwer! Ach ja, ich bin Wittwer, mein armer Dumont, und wahrlich, hätte ich den Ausgang ahnen können, ſo würde ich mich nicht verheirathet haben, um nach achtzehn Monaten von vorn anfangen zu müſſen; denn ich will nicht Wittwer bleiben, und es giebt auf der Welt nichts Unangenehmeres, als Heirathsverhandlungen. 156 Wie ich zu beklagen bin, Dumont! Ich glaubte, mit einem Male Alles abgemacht zu haben, und nun finde ich mich wie⸗ der unverheirathet, wie vor achtzehn Monaten; und noch dazu muß ich jetzt das Ende der Trauerzeit abwarten, welche ſechs Monate oder gar ein ganzes Jahr dauert;— nein, ich glaube, man braucht nur ſechs Monate zu trauern. Doch das iſt gleich, denn ſechs Monate ſind ſchon eine lange Zeit, beſonders für mich, der ſich ſo gut daran gewöhnt hatte, ſich um nichts zu bekümmern; denn abgeſehen von ihren Fehlern, ihrer Ziererei, ihrer Schweigſamkeit, ihrer Frömmelei, war meine Verſtorbene ein Engel für die Verwaltung eines großen Hausweſens wie das meinige; und jetzt fällt dieſe langweilige Laſt wieder auf mich zurück. Ach mein Gott, wie peinlich es doch iſt, Wittwer zu ſein! Das iſt aber die Schuld des albernen Notars, der mir über die vortreffliche Geſundheit meiner Frau eine Menge Lügen aufheftete. Weshalb habe ich denn nicht auf meine Ahnungen geachtet, welche mir ſagten, daß Cecilie für mich zu zart ſei; nein, da mußte ich dem Eſel von Notar trauen;— was küm⸗ mert das denn auch dergleichen Leute? Sie wollen weiter nichts, als den Contract machen, und meiner Treu, ſie würden uns an Sterbende verheirathen, nur um das Vergnügen zu haben, am nächſten Tage von vorn anzufangen. Nein, Du kannſt Dir keinen Begriff davon machen, wie traurig ich bin, Dumont, und doch habe ich einen kräftigen Entſchluß gefaßt. Zum Teufel,— habe ich zu mir ſelbſt ge⸗ ſagt, man muß ein Mann ſein, und ſich zu faſſen wiſſen, be⸗ ſonders wenn keine Hülfe mehr iſt, nicht wahr, Dumont? Denn wenn ich nun auch ſeufzen, klagen, verzweifeln wollte, ſo würde das meine Verſtorbene nicht wieder in das Leben rufen; alle Thränen der ganzen Welt machten ſie nicht wieder lebendig, denn ſie iſt todt, ganz todt! Das würde alſo nur noch meinen Kummer vergrößern, mich noch trauriger ſtimmen, und wozu das?— Was nützte es mir?— Nur, mich nutzlos zu bekümmern, ohne zu rechnen, daß die Anſtalten zur Beerdigung mich ſchon nicht zu heiter geſtimmt haben; und dennoch beküm⸗ merte ich mich um das Alles nur, um mich in den erſten Ta⸗ gen etwas zu zerſtreuen; denn, ſiehſt Du, Dumont, mit den häßlichen Leichenbeſorgern und Todtengräbern ſeine Geſchäfte beſprechen zu müſſen, das beſchäftigt den Schmerz; wäre ich ——— 157 dagegen ohne Beſchäftigung geblieben, ganz allein mit meinem Kummer, ſo würde ich mich zu unglücklich gefühlt haben. Aber ich habe es ſatt, wie eine Elſter zu ſchwatzen, ohne Dir zu ſagen, wie ich die arme Cecilie verloren habe, denn es ſind beinahe zwei Monate her, ſeit ich Dir nicht ſchrieb. Wie ich es Dir in meinem letzten Briefe ſagte, ging es mit der Ge⸗ ſundheit meiner armen Frau immer ſchlechter; woran ſie litt, das war eine große Schwäche, gänzlicher Mangel an Appetit, ein auffallendes Bedürfniß nach Einſamkeit, und beſonders nach Dunkelheit; denn das geringſte etwas grelle Licht verurſachte ihr fürchterliche Nervenübel, ſo daß ſie ſtundenlang in ihrem ſoge⸗ nannten Sprechzimmer ohne Licht in einem Armſtuhle ſaß; alle Vorhänge und die Jalouſien waren heruntergelaſſen, daß es war, um ſich den Hals zu brechen, wenn man hineintrat. Da blieb ſie nun, wie geſagt, ſtundenlang ganz allein ſitzen, den Kopf in die Hand geſtützt; womit ſie ſich die Zeit vertrieb, das mag der Himmel wiſſen. Zuweilen fand ich ſie weinend, aber da der Arzt ſagte, daß ihre Nerven ſehr angegriffen wären, beunruhigte ich mich über ihren Zuſtand nicht ſonderlich; denn da ich mir in Beziehung auf ſie nichts vorzuwerfen hatte, in⸗ dem ich wußte, daß ſie die glücklichſte der Frauen ſei, durfte mich das nicht erſchrecken; nicht wahr, Dumont? Es ging alſo weder ſchlechter noch beſſer, als ich eines Abends, nachdem ich mit Bercourt und Roubet ein Männer⸗ diner im Rocher du Cancale gehabt hatte, in das Zimmer mei⸗ ner Frau eintreten wollte, um zu Bett zu gehen; denn wie ich Dir ſchon ſagte, lebten wir ganz bürgerlich, trotz der Bitten meiner armen Frau, welche darüber ganz lächerliche Ideen hatte. Denn, unter uns, wenn man ſich verheirathet, ſo ge⸗ ſchieht es doch nicht, um noch ferner allein zu ſchlafen, nicht wahr, Dumont? An dieſem Abend nun fand ich die Kammerfrau meiner Frau, welche mir ſagte, daß dieſe ſehr leidend ſei, und befohlen hätte, mein Bett in einem andern Zimmer zu machen. Das gefiel mir nicht; ich war etwas erhitzt, und hatte vielleicht Un⸗ recht, aber es verdroß mich; ich wollte hinein, aber die Thür war von innen verſchloſſen; ich ſagte meiner armen Frau, wenn ſie nicht öffne, würde ich die Thür ſprengen; man ant⸗ wortete mir nicht: ich ſchickte meinen Kammerdiener nach einem Holzſchlägel, und mit zwei Schlägen war die ſchöne Thür ge⸗ 158 ſprengt. Ich nahm mir vor, zu lachen oder ärgerlich zu wer⸗ den, je nachdem meine Frau die Sache aufnehmen würde, aber als ich an ihr Bett trat, war ſie ohnmächtig; wir brachten ſie wieder zu ſich, aber nun bekam ſie fürchterliche Krämpfe,— die jedoch vorübergingen.— Ich legte mich in meiner Stube zu Bett, dumm wie ein Brett. Seit dieſem Tage,— gehorſamer Diener,— war das Zimmer meiner Frau fortwährend für mich verſchloſſen, trotz dem, daß ich es nicht leiden wollte; aber ſie ſagte mir, wenn ich auf meinem Willen beſtände, würde ſie ſich aus dem Fen⸗ ſter ſtürzen. Und das ſagte ſie mit einem Tone, daß ich er⸗ blaßte, denn ich ſah deutlich, daß ſie es wirklich gethan haben würde, weil ſie wirklich zuweilen eine verteufelte Entſchloſſen⸗ heit zeigte. Das Opfer war übrigens ſo ſehr groß nicht, denn ſeit dieſem Tage wurde ihre Geſundheit immer ſchwächer und ſchwä⸗ cher; ſie ſtand nur noch ſehr wenig auf, und ihre Augen ſanken furchtbar ein; früher war ſie ſchon ſehr mager geweſen, jetzt aber glich ſie nur noch einem Schatten, und eines Tages ver⸗ langte ſie endlich nach einem Geiſtlichen.— Höre, mach Dich nicht über mich luſtig, Dumont; ich habe keine Vorurtheile, wie Du weißt; ich verachte die Jeſuiten und bin Philoſoph;— aber den Wunſch einer Sterbenden darf man nicht zurückweiſen;— und dann, ſiehſt Du, es iſt eine Schwäche, ich geſtehe es ein, aber,— es iſt einmal geſchehen, alſo— ſprechen wir nicht mehr davon. So kamen denn alle die Kuttenträger in mein Haus; aber, verſtehſt Du, Dumont, ich befahl meinen Leuten, ſie nicht zu grüßen: das wird meinen Fehler in Deinen Augen vielleicht wieder gut machen.— Man gab alſo meiner armen Frau die letzte Selung; ſie ließ auf das Fußende ihres Bettes das Bild ihres Vaters und ihrer Mutter ſetzen, ergriff meine Hand, ſagte, daß ſie mir all das Böſe verziehe, was ich ihr zugefügt hätte, blickte die Bilder ihrer Eltern noch⸗ mals an;— machte eine Anſtrengung, als wollte ſie ihnen die Arme entgegenſtrecken, riß die Augen groß auf, und ſank auf das Kiſſen zurück.— Ich war Wittwer, mein armer Dumont. Du ſiehſt, daß wenigſtens ihr Tod ſanft war, wie ihr Leben, denn was das Uebel betraf, das ich ihr zuge⸗ fügt haben ſollte, und das ſie mir verzieh, ſo mußte 5 ————— — ₰ 159 ſie das gewiß nur im Fieberwahnſinn ausgeſprochen haben, denn ich fordere Jeden heraus, eine glücklichere Frau zu finden, als ſie war.— Aber, unter uns, jetzt, da ſie todt iſt, kann man das wohl ſagen, ſie hatte einen jener unglücklichen Cha⸗ raktere, die mit nichts zufrieden ſind, und dann war ſie auch von ihrer bigotten Familie ſehr ſchlecht erzogen worden, denn ſie war voller alberner Vorurtheile und lächerlichen Aberglau⸗ bens; aber ich will nur mit Dankbarkeit von ihr ſprechen, denn ſie führte mein Hausweſen ſehr gut, und gab mir keine Urſache zu einem Schatten von Eiferſucht. Es iſt freilich wahr, daß ich faſt Niemand bei mir ſah; aber das iſt doch immer gut, und deshalb werde ich auch beſtändig nur mit aller Liebe an meine arme Cecilie denken. So ſteht es nun jetzt mit mir, lieber Dumont; aber, wie geſagt, ich habe ſo viel Herrſchaft über mich gewonnen, daß ich mich nicht ſo ſehr niederbeugen ließ, ſo daß ich mich ſeit dem Unglücksfalle faſt gar nicht verändert habe; der Appetit erhält ſich, und trotz der Furcht, daß der Kummer mir den Magen verderben möchte, habe ich eine gute Partie von einem Sago⸗Conſommé gegeſſen, und es iſt mir ganz gut bekommen. Rurz, ich ertrage meine traurige Lage ziemlich gut. Nur die Abende kommen mir etwas lang vor, denn wegen meiner Trauer kann ich noch nicht in das Theater gehen; deshalb denke ich auch bis zum Ende der Trauerzeit zu reiſen, denn auf der Reiſe wiſſen doch die Leute nicht, um wen oder ſeit wie lange man trauert; der, um den man trauert, befindet ſich des⸗ halb weder beſſer, noch ſchlimmer, und dann liegt ja auch die Trauer im Herzen und nicht in der Kleidung, nicht wahr, mein lieber Dumont? So werde ich ſieben oder acht Monate reiſen, um die Zeit abzuwarten, wenn ich mich wieder verheirathen kannz denn ich bin feſt entſchloſſen, mein Junggeſellenleben nicht wieder zu be⸗ ginnen; übrigens iſt ja ſelbſt ein ganzes Jahr Wittwentrauer nicht ſo viel, als ein Meer austrinken, und ich will mich lieber nicht übereilen, damit ich eine gute Wahl treffe, und nicht ſo bald wieder auf dem alten Punkte ſtehe. Ich vergaß noch, Dir zu ſagen, daß ich in meinem De⸗ partement alle mögliche Ausſicht habe, und ſogar ſo gut wie gewiß bin, zum Deputirten ernannt zu werden. Dir, Dumont, brauche ich wohl nicht erſt zu ſagen, daß ich für die gegenwär⸗ 3 3 — 14⁴⁰ tige Ordnung der Dinge ſein werde, um ſo mehr, da ich zu Haus Commandant der Nationalgarde bin, und bei Hofe ſehr gut aufgenommen wurde, aber ſehr gut, ſage ich Dir. Du fühlſt auch wohl, Dumont, daß alle guten Franzoſen“ ſich gegen die Republik vereinigen müſſen. Einer der Herren auf dem Schloſſe, der in der Politik ſehr ſtark, und folglich mit allen Wegen und Schlichen der Republikaner genau bekannt iſt, ſagte zu mir: „Sie glauben wohl nicht, Herr von Noirville, „daß Sie der Neunte auf der Liſte derer ſind, welche „die Republik guillotiniren laſſen will, wenn ſie die „Oberhand bekömmt; denn die Proſeriptionsliſte ent⸗ „hält 17,344 Grundeigenthümer, deren Beſitzungen „dazu beſtimmt ſind, das Nationaleigenthum zu bil⸗ „den, welches unter die Proletare vertheilt werden ſo ² Du mußt mir geſtehen, daß einer ſolchen Grauſamkeit ge⸗ genüber kein Beſinnen gilt; denn der Herr vom Schloſſe iſt ſehr genau unterrichtet. Der Teufel! 17,344 Grundeigenthü⸗ mer!— Eine ſolche Anzahl erfindet man nicht; habe ich Recht, Dumont? Alle guten Franzoſen müſſen ſich daher auch hinter dem Julithrone verſammeln, wie der Herr vom Schloſſe ſagt, denn ſonſt möchten wir leicht aus der Schlla in die Charybdis fallen. Der Beweis, daß die zuste milien gut iſt, liegt auch noch darin, daß der Herr vom Schloſſe mir ebenfalls ſagte, pei den Carliſten wäre das etwas ganz Anderes. Denn ſollteſt Du wohl glauben, Dumont, daß ich auf den Fall, daß Hein⸗ rich V. zurückkäme, auch auf der Proſeriptionsliſte dieſer Elen⸗ den ſtehe, und darauf die Nr. 19 habe, denn dieſe Liſte enthält auch 16,235 Grundeigenthümer, deren Beſitzungen die Beute der nichtswürdigen Tartüffe unter dem Titel„geiſtliches Gut“ werden ſollen, um unter die Jeſuiten vertheilt zu werden. Du ſiehſt alſo, Dumont, daß auf der einen Seite die Re⸗ publikaner ſtehen, auf der andern die Jeſuiten, wie der vom Schloſſe ſagte. Es bleibt daher einem redlichen Manne, einem guten Franzoſen nichts übrig, als die Partei zu ergreifen, welche das Eigenthum ſchützt und die Privilegien ſichert, denn ſo wie eben jener Herr vom Schloſſe ſagte, iſt jetzt nur noch eine Ariſtokratie möglich, die, welcher Sie angehören, Herr von Noirville, mit einem Worte, die des Vermögens, welche 141 Sie jetzt auf den Gipfel des Gebäudes hebt, und Sie eben ſo hoch ſtellt, als die Großen und die Marſchälle es unter dem Kaiſerreiche waren. Du wirſt mir eingeſtehen, daß das ein politiſches Syſtem iſt, welches den Bedürfniſſen des Landes entſpricht, und Jedem ſeine Stelle anweiſt; ich bin ihm daher auch ſchon im Voraus ganz ergeben, und erwarte nur Deine Rückkehr nach Paris, daß Du den Glauben an mich bei den Wählern wieder auf⸗ friſcheſt. Iſt das geſchehen, dann reiſe ich, und komme erſt zu den Wahlen zurück, und um mich zu verheirathen. Adieu, mein lieber Dumont; beklage Deinen unglücklichen Freund Adolph von Noirville. XK. Beſchluß. Herr von Noirville hat ſich wieder verheirathet, und zwar mit einem ſehr reichen Mädchen. Er iſt Deputirter, ſitzt im Centrum, iſt glücklich, und wird täglich runder. Er lacht zuweilen über den Aberglauben und die Vorur⸗ theile ſeiner armen Verſtorbenen, wenn er von ihr mit ſeiner zweiten Frau ſpricht, welche, wie er ſagt, wenigſtens eine mun⸗ tere, luſtige Perſon iſt, die gewiß nicht an Melancholie ſterben wird. Ende des erſten Bandes. Druck von Bernh. Tauchnitz jun⸗ —————————— —— 6 * — S 1u vnencne