Eugen Sue's ſämmtliche Werke. 263. Theil. Die Propheieihung. Sechſtes Bändchen. —— Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. Die Prophezeihung. Von Eugen Sue. Sechſtes Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. — Zuerſt wiederhole ich Dir, daß man im Allgemeinen glaubt, Moraincourt ſei betrunken geweſen, oder er habe ſich durch eine große Aehn⸗ lichkeit täuſchen laſſen. Und dann weißt Du auch wohl, daß Frau von Beaupertuis durch ihre Ge⸗ burt, ihre Verwandtſchaften, ihren Rang und be⸗ ſonders durch ihren Geiſt zu den Frauen gehört, denen man ſtets etwas nachſehen muß. Die Unterredung der beiden Freunde wurde durch den Klang von Hörnern unterbrochen, wel⸗ che Jagdfanfaren bließen. — Man trifft Anſtalt, zur Jagd aufzubre⸗ chen, mein lieber Juviſy, ſagte Herr von Moſen⸗ val, indem er aufſtand und ſein Jagdmeſſer um⸗ ſchnallte. Du willſt alſo wirklich nicht mitkom⸗ men? fragte er. Das Wetter iſt köſtlich; der Sammelplatz iſt im Waldpavillon und es wird eine wahnſinnige Menge dort ſein; das ſchadet ohne Zweifel der Regelmäßigkeit der Jagd, doch der Anblick gewinnt dadurch an Leben und Man⸗ nigfaltigkeit. Sieh, und urtheile davon nur nach dem Aufbruche. Und Herr von Moſenval führte ſeinen Freund zu einem der Fenſter, welches ie Ausſicht auf einen von den Höfen des Badehotels hatte. Nachdem die letzte Fanfare ertönt war, ſchlu⸗ gen Piqueure den Weg nach dem Walde ein, ge⸗ folgt von der Meute, über welche Hundehüter die Aufſicht führten. Der Hof blieb von einer großen Menge Wagen erfüllt, die bald von jun⸗ gen Frauen in eleganten Morgentoiletten beſtie⸗ gen wurden; Grooms in Livree hieltg Hand⸗ pferde, während die Cavaliere Anſtalt trafen, den Piqueuren zu folgen. Plötzlich ſah man eine ſchoöne, mit Vieren be⸗ ſpannte Kaleſche auf den Hof fahren. Die Pferde verriethen ihr edles Blut; zwei Livreebediente nahmen den Sitz hinter dem Wagen ein, den ſein Herr ſelbſt mit langen Zügeln und einer An⸗ muth und Leichtigkeit fuhr, welche des Präſiden⸗ ten vom Four⸗in⸗Hands⸗Club würdig geweſen wäre. In der Kaleſche ſaß eine elegant gekleidete Dame, deren Züge durch einen halbheribgl nen Schleier verdeckt wurden. — Mein Lieber, ſagte Herr von Juviſy zu ſeinem Freunde, das iſt einer der eleganteſten Four⸗in⸗Hands/ die ich je in meinem Leben ge⸗ ſehen habe; es iſt unmöglich, ſich vier beſſer — — paſſende und geſchmachvoller geſchirrte Pferde zu denken.— Welches Blut! Was für Action! Ich bin überzeugt, daß man eine ſolche Equipage in London, bei Taterſall, nicht für zwei tauſend Louis hat. Das Alles iſt vom beſten Geſchmack! Wem gehört denn der Wagen? — Dem Grafen Ducormier, unſerem Ge⸗ ſchäftsträger, der ihn, wie Du ſiehſt, ſelbſt als geſchickter Kutſcher führt. Er wird ohne Zweifel ebenfalls der Jagd folgen. — Herr Ducormier, dieſer große junge Mann mit einer Roſe im Knopfloche? In der That, ich erinnere mich jetzt ſeines Geſichtes. Ich ſah ihn in dem Hotel Morſenne.— Doch, par- dieu, er nimmt ſich auf ſeinem Sitze ſehr gut aus.— Weißt Du wohl, Moſenval, daß dieſer Schelm einen ſchönen Traum gehabt hat? Vor fünfzehn Monaten noch Secretär des Prinzen von Morſenne, und jetzt franzöſiſcher Geſchäfts⸗ träger in Baden, fünfzig tauſend Thaler Rente, reich und Graf, oder etwas dergleichen noch in den Handel.— Nur, und das iſt die Kehrfeite der Medaille, iſt er gezwungen, in dieſem köſt⸗ lichen Wagen ſeine Frau ſpazieren zu fahren, die etwas zu reif iſt, um ſich noch der Sonne aus⸗ zuſetzen, denn ſie iſt es ohne Zweifel, die unter ihrem engliſchen Spitzenſchleier das ſchüchterne Veilchen macht. — Sie ſelbſt; doch zum Erſatze dafür wird Ducormier, darauf will ich wetten, zugleich auch die kleine polniſche Gräfin fahren, in die man hier ſo vernarrt iſt, und die ihn ſehr auszuzeich⸗ nen ſcheint. — So; und ſeine Frau? — Die Frau Gräfin Ducormier nimmt die Sache, ſagt man, wie eine Frau von Geiſt und Geſchmack; ſie macht ſehr würdig die Honneurs ihres Hauſes, und iſt, wie ich glaube, entzückt darüber, die Frau eines Miniſters zu ſein. Doch was ſagte ich? Da hält der Wagen vor dem Pavillon, in welchem die Gräfin Mimeska wohnt, und ſie läßt nicht auf ſich warten. — Was für eine allerliebſte kleine Blondine! Sie iſt zum Entzücken gekleidet. Welch hübſches Geſicht! ſagte Juviſy, indem er die Gräfin leicht in den Wagen ſteigen und ſich neben die Gräfin Ducormier ſetzen ſah, die ſie ſehr freundlich zu begrüßen ſchien, während Anatole, auf ſeinem Sitze zurückgelehnt, einige Worte an die beiden Frauen richtete. — Die arme Ducormier! ſagte Herr von Juviſh lächelnd. Verheirathet Euch doch mit hübſchen jungen Mänern, wenn Ihr vierzig Jahr alt ſeid! Gebet doch Euren Männern Equipagen, damit er hübſche Frauen fahren könne, deren Schönheit und Friſche Ihr zur Folie dient! — — trennten ſich. — Auf Wiederſehen, Juviſy, ſagte Herr von Moſenval, indem er ſeine Peitſche und ſein Käpp⸗ chen nahm; ich habe nur noch ſo viel Zeit, mein Pferd zu beſteigen. Doch eben fällt mir ein: heut Abend iſt Empfang bei Ducormier; durch Deinen Rang biſt Du ſo zu ſagen von ſelbſt bei unſerm Miniſter-Reſidenten eingeladen. Willſt Du, daß ich Dich dort vorſtellen ſoll? Du wirſt dann vielleicht dieſe verteufelte Gräfin Mimeska ſehen, und Du kannſt Dich, wenn Du das Herz dazu haſt, unter die Zahl ihrer Opfer einreihen laſſen. — Meiner Treu, ich wage es darauf, und nehme Dein Anerbieten an, mein Lieber. Auf dieſen Abend alſo. Du wirſt mir Neues von der Jagd erzählen. Und wenn Du darauf achteſt, ſo kannſt Du mir ſagen, wie die Promenade des Herrn Ducormier in Geſellſchaft ſeiner ehrwür⸗ digen Gemahlin und dieſer reizenden Gräfin aus⸗ gefallen iſt. — Ich werde Dir Alles ſagen, was ich ge⸗ ſehen habe, mein Lieber, und ſelbſt das, was ich nicht geſehen habe. Auf dieſen Abend alſo. Herr von Moſenval verließ das Gemach, um ſein Pferd zu beſteigen, die beiden Freunde — 0 XXXVIII. Gegen das Ende des Jagdtages, deſſen wir erwähnten, kehrte Anatole Ducormier, den ele⸗ ganten Wagen fahrend, in welchem jetzt ſeine Frau allein ſaß, in das franzöſiſche Geſandt⸗ ſchafts hotel zurück, ein elegantes und geſchmack⸗ volles Gebäude; Stallleute traten an die Köpfe der Pferde, und Frau von Ducormier ſtieg, auf den Arm ihres Mannes geſtützt, aus dem Wa⸗ gen. Mehrere Bediente in glänzender Livree, welche auf den Knöpfen das Wappen des Herrn Ducormier trug, über dem die Grafenkrone ſchwebte, bildeten bei dem Vorübergehen ihres Gebieters eine Hecke; ſchwarzgekleidete Kammer⸗ diener, die in dem Vorgemache ſaßen, erhoben ſich ehrerbietig bei dem Eintritte Anatole's, und dieſer ſagte, ſtehen bleibend, zu einem der Be⸗ dienten: — Wo iſt Robert? (Robert war der Haushofmeiſter des Herrn Geſchäftsträgers.) — H ſagte ihm: hard(Richard war der Küchenmeiſter eſchäftsträgers), 11 daß er mit der größten Sorgfalt über das Diner wachen und bereit ſein ſoll, Punkt ſieben Uhr auftragen zu laſſen; das iſt die gewöhnliche Stunde, zu welcher Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von P*s zu Tiſche gehen. Der Haushofmeiſter verbeugte ſich. — Vergeſſen Sie vor allen Dingen nicht, fuhr Ducormier fort, eine Zuckerſchaale neben die Carafe mit gefrorenem Waſſer für Se. Königliche Hoheit ſetzen zu laſſen, welche nichts als Zucker⸗ waſſer trinken. — Ich hatte die Befehle des Herrn Grafen nicht vergeſſen, entgegnetete der Haushofmeiſter. 35 ſelbſt ſtellte die Zuckerſchaale bereits an ihren latz. Als dieſe Weiſungen gegeben waren, trat Anatole mit ſeiner Frau in einen anſtoßenden Salon. Sobald Frau von Ducormier mit ihrem Manne allein war, ſagte ſie ihm: — Es iſt erſt halb ſechs Uhr; haben Sie die Güte, ſich ſo ſchnell als möglich zu dem Diner anzukleiden; Sie werden dann zu mir hierher in den Salon kommen; ich habe vor der An⸗ kunft des Prinzen lange und ernſt mit Ihnen zu ſprechen. — 12— ſeine Frau noch nie ſo mit ihm geredet. Er wollte ihr ſein Staunen bezeigen, doch ſie ließ ihm nicht die Zeit zu einer Antwort und verſchwand. Ungefähr eine Stunde nach dieſem Auftritte erwartete Frau von Ducormier, elegant und ein⸗ fach, beſonders aber ſehr paſſend für ihr Alter ge⸗ kleidet, ihren Mann. Sie war eine blaſſe, brü⸗ nette Frau von ungefähr vierzig Jahren, von ſchlanker Taille und ausgezeichneter Tournüre; ihre Züge bewahrten noch die Spuren früherer Schönheit; die Flechten ihres ſchmelzfarbigen ſchwarzen Haares bedeckten zur Hälfte ihre vor⸗ ſpringende Stirn; der Ausdruck ihrer Züge war in dieſem Augenblick trübe und bitter; das zu⸗ weilen ſehr ſchnelle Klopfen ihres kleinen Fußes gegen die Dielen verrieth eben ſo viel Ungeduld als unterdrückten Unwillen. Bald darauf trat Ducormier in den Salon; er hatte ſich für den Abend mit Geſchmack und Eleganz gekleidet; eine feine goldene Kette, aus einem Knopfloche ſeines Rockes in das andere ge⸗ zogen, trug die Zeichen mehrerer Orden; überdies hatte er um den Hals ein breites blaues Band mit weißer Einfaſſung, an welchem ein großes goldenes, roth emaillirtes Kreuz mit fünf Spitzen, und darüber mit einer Krone, hing. Anatole trat mit leichtem Weſen lächelnd auf S ſeine Frau zu, ergriff ihre Hand, um ſie zu küſſen, und ſagte: — Hier bin ich zu Ihren Befehlen, meine theure Joſepha. Doch die Gräfin zog raſch ihre Hand aus der Anatole's, deutete auf einen Armſeſſel und ſagte trocken: — Setzen Sie ſich, mein Herr, und laſſen Sie uns ſprechen. — Es ſei; ſprechen wir miteinander, ent⸗ gegnete Ducormier, indem er ſich mit erzwunge⸗ ner Gleichgültigkeit ſetzte, zugleich aber in dem Herzen ſeiner Frau zu leſen trachtete, welche, wie wir erwähnten, bisher noch nie in ſo gebieteri⸗ ſchen und aufgebrachtem Tone zu ihm geredet t — Mein Herr, ſagte Joſepha nach einigen Augenblicken des Schweigens, weder Sie noch ich haben, wie Sie wiſſen, eine Heirath aus Liebe geſchloſſen. — Gott ſei Dank, meine Liebe, iſt das eine Bürgſchaft mehr für die Ruhe und das Glück un⸗ ſeres Lebens.« — Ich hätte es geglaubt, mein Herr;— doch jetzt fürchte ich, mich getäuſcht zu haben. — Sich getäuſcht zu haben! Und wie das, meine Liebe? — Mein Herr, als ich Sie in Neapel kennen — 11— lernte, ſtand ich auf dem Punkte, mich mit einem Ihrer Landsleute, dem Herzoge von Villemur, zu verheirathen. — Eine Heirath des Stolzes. Ihr einziger Zweck dabei war, ſich Frau Herzogin nennen zu hören. — Das iſt die Wahrheit. Ich verhehlte ſie Ihnen nicht. Doch da Sie ſehr ſcharfſüchtig ſind, mein Herr, ließen Sie ſich fünf oder ſechs Tage ſpäter bei mir vorſtellen. Sie ſagten mir, erin⸗ nern Sie ſich gut daran: Madame, Sie werden von Ehrgeiz verzehrt; als Wittwe eines der reich⸗ ſten Banquiers von Neapel haben bisher die Eh⸗ ren des Hofes, der Eintritt in die Salons der Ariſtokratie für Sie die unwiderſtehliche Anzieh⸗ ungskraft der verbotenen Früchte gehabt. Ducormier, der über dieſen Aufruf an ſein Gedächtniß ſehr überraſcht war, und noch nicht ſah, wohin ſeine Frau zielte, entgegnete: — Erlauben Sie mir, meine theure Joſepha, Sie bei dieſer Ueberſicht der Vergangenheit zu. unterſtützen, denn dieſelbe ſcheint in dieſem Au⸗ genblicke für Sie einiges Intereſſe zu haben. Ja, ich ſagte Ihnen das, und fügte ſogar noch hinzu:„ Sie wollen den Herzog von Villemur heirathen, Madame, um Herzogin zu werden und ſich end⸗ lich in die Welt eingeführt zu ſehen, in welcher einen Platz zu erhalten Sie vor Verlangen brennen.. —2 Handeln Sie aus dem Geſichtspunkte Ihres Ehr⸗ geizes klug? Ich glaube nicht. Hier meine Gründe: Der Herzog von Villemur iſt dumm, das werden ſie zugeben; er hat ſich überdies auf die albernſte Weiſe von der Welt zu Grunde ge⸗ richtet; er kann Ihnen daher nichts bieten, als ſeinen Namen. Sie werden Herzogin ſein, ja, doch kann Ihnen vieſer Titel das mindeſte per⸗ ſönliche Gewicht verleihen? Nein. Die lebhaften Genüſſe des Stolzes, nach denen Sie ſeufzen, wird Ihnen dieſer Titel die verſchaffen? Eben ſo wenig. Weit davon entfernt werden Ihnen aus dieſer Heirath nur Demüthigungen und Täu⸗ ſchungen erwachſen; Demüthigungen, denn die vollſtändige Nullität Ihres Mannes wird ihn ſtets verhindern, Ihnen eine Aufnahme und Ach⸗ tung zu verſchaffen, wie ſie der Frau gebührten, die ſeinen Namen trägt. Täuſchungen, weil der Herzog von Villemur, der zu nichts tauglich und geſchickt iſt, wahrſcheinlich Ihr großes Vermögen auf eben ſo einfältige Weiſe verſchwenden würde, wie er ſein eigenes verſchwendet hat. So würden Sie alſo an ſekner Seite ſtatt der Befriedigung Ihres ungeheuren Ehrgeizes nichts finden, als Armuth, Lächerlichkeit und Mißachtung.— Habe ich ſo zu Ihnen geſprochen, ja oder nein, meine theure Joſepha? — Das ſind in der That Ihre Worte gewe⸗ ſen, mein Herr; aber es iſt für mich von Wich⸗ tigkeit, Ihnen auch zurückzurufen, daß Sie dann hinzufügten: Was Sie wollen, nicht wahr, Ma⸗ dame, das iſt eine Stellung, welche Ihnen den Zutritt bei Hofe ſichert, zu den Geſandtſchaften, in die große Welt, dieſes beneidete Paradies aller Bürgerinnen? Wollen Sie in die beſte und höchſte Geſellſchaft Zutritt erlangen, nicht aus Duldung oder Wohlwollen, ſondern was beſſer iſt, durch das Recht, welches Ihnen Ihre Heirath verleiht; wollen Sie, mit einem Worte, alle Genüſſe des Stolzes kennen lernen? Heirathen Sie mich; ja, Madame, heirathen Sie mich. Vereinigen wir meine Weltkenntniß und Ihr großes Vermögen, und ſobald wir verheirathet ſind ſtelle ich Sie, nach meinem Rechte als Geſandtſchaftsſecretär, dem Hofe von Neapel vor. Ehe ſechs Monate vergehen, ſind Sie Gräfin, Dank Ihrem Reich⸗ thume, meiner Geſchicklichkeit und der Protection meines verehrten Beſchützers, des Prinzen von Morſenne; vor einem Jahre die Frau eines fran⸗ zöſiſchen Geſchäftsträgers an einem Hofe von Deutſchland oder Italien, in zwei oder drei Jah⸗ ren die Frau eines Geſandten, und ſpäter, wer weiß, vielleicht die Frau eines Miniſters der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten und Präſident des Con⸗ ſeils. Das ſind Ihre Worte geweſen, mein Herr, fuhr Frau von Ducormier fort. Ihre kecke Zuver⸗ —— ſicht, Ihr unglaubliches Vertrauen zu ſich ſelbſt mußten mir unſinnig erſcheinen, doch das war nicht der Fall. Ich habe oft einen ſehr richtigen Inſtinkt in Beziehung auf Situationen und Cha⸗ raktere; ich glaubte Ihnen daher auch und brach die brabſichtigte Heirath ab. Sechs Wochen nach unſerer erſten Unterredung waren wir verheirathet. — Nun gut, meine theure Joſepha, haben Sie Unrecht gehabt, mir zu glauben? Sind Sie nicht Gräfin, Frau des Geſchäftsträgers am Hofe von Baden, und ſo geachtet, daß eben heute Seine Königliche Hoheit, der Kronprinz von P*** bei Ihnen ſpeiſen wird? Glauben Sie, offen geſprochen, daß Ihr Dummkopf von Ville⸗ mur Ihnen eine ſolche Stellung angewieſen ha⸗ ben würde? Gehe ich nicht außerdem ſo ſparſam mit unſerm Vermögen um, daß wir weit entfernt ſind, unſere Intereſſen zu verzehren, obgleich wir das beſte Haus in Baden machen? Wahrlich, meine Liebe, dieſe Berufung auf die Zukunft, de⸗ ren Zweck ich noch nicht einſehe, ſollte wenigſtens die Runzeln aus Ihrem Geſichte verbannen, denn ſie beweiſt Ihnen, daß ich alle meine Verſprechun⸗ gen gewiſſenhaft erfüllt habe. Ich bin daher auch ſehr überraſcht durch dieſen ſonderbaren Empfang, der für mich ſo neu iſt. — Nicht minder neu, nicht minder über⸗ raſchend iſt es für mich, mein Herr, daß ich mich Die Prophezeihung. VI. 2 herabgewürdigt, lächerlich gemacht ſehe, nachdem mir überall die gebührende Achtung bezeigt wor⸗ den war. — Herabgewürdigt! Lächerlich gemacht! Sie! entgegnete Ducormier. Ich will ſterben, wenn ich von alle dem ein Wort begreife. Frau von Ducormier lächelte voll Bitterkeit und fuhr mit eiſig kaltem Tone fort: Sie ſind ein Mann von ſo ſeltener Gewandt⸗ heit, mein Herr, daß Ihre diplomatiſchen Erfolge mich nicht in Erſtaunen ſetzen. Auch würde ein jeder Andere, wie Sie, beſonders ſo begabt, wie Sie, das heißt jung, geiſtreich, liebenswürdig und hübſch; jeder Andere, wie Sie, ſage ich, würde, indem er mich wegen meines Reichthums zu heirathen beabſichtigte, den unverbeſſerlichen Fehler begangen haben, mich dadurch zu verfüh⸗ ren zu ſuchen, daß er eine leidenſchaftliche Liebe für mich erheuchelt hätte, weil Frauen meines Alters ſich beinahe immer dadurch fangen laſſen, daß ſie den Schein für die Wahrheit halten. Sie waren zu bewundernswürdig fein, um durch eine ſolche Schule zu gehen; Ihr Scharfblick iſt groß, und Sie erkannten, daß das Geſtändniß Ihrer Liebe, der Liebe eines ſechsundzwanzigjährigen Mannes für eine Frau von vierzig Jahren, mir nur Mitleid eingeflößt und Sie für immer in meinen Augen herabgeſetzt haben würde. Mit — einer Kühnheit und Sicherheit des Urtheiles, die mir den Maßſtab für Ihren wahren Werth ga⸗ ben, ſagten Sie mir daher: Sie, Madame, ſind hoffärtig und reich, ich bin arm und ehrgeizig; verheirathen wir uns, und Sie werden reichlich Ihre Hoffart befriedigen können, wie ich meinen Ehrgeiz. — Nun, noch ein Mal frage ich, ſind Ihre Hoffart und mein Ehrgeiz nicht reichlich befrie⸗ digt worden? rief Ducormier aus. Wollen Sie mir jetzt nicht etwa zum Vorwurf machen, daß ich erkannte, Sie wären eine Frau von zu viel Geiſt, von zu richtigem Verſtande, um ſich durch verliebte Seufzer gewinnen zu laſſen?— Noch ein Mal, meine Liebe, wohin wollen Sie denn nur mit Ihren Rückerinnerungen an die Ver⸗ gangenheit? — Ich erinnere Sie an die Vergangenheit, mein Herr, weil ſie grauſam mit der Gegenwart contraſtirt. Ein letztes Citat, das wichtigſte von allen, wird Ihnen das beweiſen. — Laſſen Sie dieſes Citat hören, meine — Als wir von unſern Heirathsplänen ſpra⸗ chen, ſagten Sie mir da nicht: Ich will die deli⸗ ateſte von allen Fragen mit meiner gewöhnlichen Freimüthigkeit berühren.— Meine Jugend muß Ihnen Beſorgniſſe einflößen; Sie werden ſich — 56 2 ſagen: In ſeinem Alter wird mein Mann Mä⸗ treſſen haben; daraus wird Aergerniß entſtehen, und ich, die ich in dieſer Verbindung die Genüſſe der Eitelkeit und Eigenliebe ſuchte, ich werde darin nur Demüthigungen und Lächerlichkeit finden. — Gewiß, meine theure Joſepha, ſo habe ich geſprochen; doch fügte ich nicht hinzu, daß ich zwar noch jung wäre, aber ſchon ſehr früh und ſehr viel geliebt hätte, und dadurch im Punkte der Liebſchaften vollkommen blaſirt wäre? Daß ich für dergleichen Vergnügungen funfzig Jahre zählte, und in der Welt nur noch eine, uns beiden gemeinſchaftliche Leidenſchaft kennte: Einen hoch⸗ fahrenden Ehrgeiz! Mit einem Worte, hute ich Ihnen nicht zugeſchworen, daß Sie nie die pein⸗ liche Lage einer Frau kennen lernen ſollten, deren Mann durch ſeine Liebſchaften Aergerniß erregt? Nun, offen, habe ich mein Wort verletzt? Habe ich je die geringſte Leichtfertigkeit begangen? Dar⸗ in, meine Liebe, habe ich Ihnen, ich ſchwöre es bei Gott, nicht das kleinſte Opfer gebracht. Frau von Ducormier ſah Anatole feſt an und ſagte dann: — Und die Gräfin Mimeska? — Die Gräfin! rief Ducormier mit unver⸗ kennbarem Staunen. Sollten Sie auf die Gräfin eiferſüchtig ſein? — Ich glaube Ihnen bisher genug Beweiſe — von meinem geſunden Verſtande gegeben zu haben, mein Herr, um dem nicht ausgeſetzt zu ſein, mir ſagen zu laſſen, daß ich in meinem Alter auf eine junge, ſchöne Frau eiferſüchtig ſei.. — Erlauben Sie, Joſepha, ich— — Ich bin nur auf Eines eiferſüchtig, mein Herr: auf meine Würde, oder, wenn Sie lieber wollen, auf meine Eigenliebe, entgegnete Frau von Ducormier, Anatole unterbrechend. Mich kümmert es wenig, ob Sie heimlich Mätreſſen ha⸗ ben; doch ich werde nicht dulden, nein, ich werde niemals dulden, daß Sie mich eine lächerliche Rolle ſpielen laſſen. Beſonders werde ich nicht erlauben, daß Sie ſich compromittiren und viel⸗ leicht unſere Stellung durch beklagenswerthe Un⸗ ziemlichkeiten gefährden. Sie ſind Geſchäftsträ⸗ ger Frankreichs an dieſem etwas rigoriſtiſchen Hofe, und folglich zu einer großen Zurückhaltung gezwungen. Es iſt daher von ſchlechtem Ge⸗ ſchmack, und ich wiederhole es Ihnen, zugleich gefährlich für Ihre diplomatiſche Zukunft, ſo öf⸗ fentlich Ihre Bewerbungen um die Gunſt der Gräfin Mimeska zu zeigen, wie Sie dies heute gethan haben; ja, mein Herr, denn als wir zu dem Jagdfrühſtück bei dem Waldhauſe aus dem Wagen ſtiegen, haben Ihre Aufmerkſamkeiten für die Gräfin und Ihr fortwährendes Flüſtern mit derſelben ein beinahe ärgerliches Aufſehen gemacht. — Mit einem Worte, mein Herr, das Maß iſt voll, übervoll; es wird mir daher auch unmöglich, noch länger zu ſchweigen. Nachdem Ducormier vergebens verſucht hatte, ſeine Frau zu unterbrechen, ließ er ſie ruhig aus⸗ reden; dann ſagte er lächelnd und indem er Jo⸗ ſepha ſeine Hand reichte: — Meine theure Freundin, ich geſtehe, daß ich Unrecht gehabt habe. — Dieſes Geſtändniß macht nichts gut, mein Herr. — Crlauben Sie, meine Liebe, ich habe nicht in dem Unrecht gehabt, was Sie vermuthen, ſondern in einer Beziehung, die Sie nicht arg⸗ wöhnen. — So erklären Sie ſich. — Nicht wahr, meine theure Joſepha, wenn wir in unſeren Träumen des Ehrgeizes von mei⸗ nen Bemühungen ſprachen, das Wohlwollen des Kronprinzen zu gewinnen, haben wir öfter als ein Mal daran gedacht, daß es für uns ein un⸗ gehoffter Glückszug ſein würde, vielleicht ſchon bald den Geſandtſchaftspoſten in B*s zu er⸗ halten? — Das wäre in der That ein ſchöner Traum geweſen. Sie hatten mit Ihrer gewöhnlichen Umſicht um den Prinzen einzunehmen; es war Ihnen gelungen; er beweiſt Ihnen die lebhafteſte Theilnahme, und bei einer ſo günſtigen Zuſammenſtellung ſetzen Sie durch Ihre Ertra⸗ vaganzen die Zukunft auf das Spiel? Wiſſen Sie, mein Herr, ich hielt Sie längere Zeit für einen Mann von ungewöhnlichem Schlage, doch das war ein Irrthum. Sie verſtehen es beſſer, als irgend Jemand, Liſt anzuwenden, zu ſchmei⸗ cheln, zu verführen, doch es wird Ihnen ſtets an jener Unbeugſamkeit mangeln, die allein zu den großen Dingen führt. Ducormier lächelte mit dem Ausdruck des Zweifels und entgegnete: Ich habe Ihnen eingeſtanden, daß ich ein Unrecht gegen Sie beging; hier iſt es: Ich ver⸗ barg Ihnen den wahren Zweck meiner Aufmerk⸗ ſamkeiten für die Gräfin Mimeska. — Ich vin nicht ſehr leichtgläubig, mein Herr. Glauben Sie der Wahrheit, weiter ver⸗ lange ich nichts. Wiſſen Sie, meine Theure, wer ſeit langer Zeit der Anbeter der Gräfin Mimeska war, als ſie Wien vor einem Monate verließ? — Ich habe mich wenig um die Liebhaber der Gräfin gekümmert, mein Herr. — Zum Glück, meine Theure, war ich neu⸗ gieriger, wie Sie. Nun war aber der Geliebte der Gräfin Mimeska der Baron von Herder, — der Vertraute und oft ſogar der Rathgeber des Fürſten Metternich. 2 — Und was kümmert mich das, mein Herr? — Das kümmert Sie in ſofern, meine Theure, weil uns die Gräfin Mimeska, ohne es zu wiſſen, beide Flügel der Thür zu dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten in Bäsvöffnen kann. — Das iſt wahrſcheinlich ein Scherz? — Ich ſcherze nie mit dem Ehrgeiz, meine Theure. Hier in zwei Worten die Geſchichte: Das Kabinet von B*ss hat das größte Intereſſe dabei, die geheimen und wahren Abſichten Oeſter⸗ reichs hinſichtlich gewiſſer Eventualitäten der Herzogthümer Schleswig⸗Holſtein kennen zu ler⸗ nen. Mehr als ein Mal hat der Kronprinz mit mir davon geſprochen, und dabei ſehr bedauert, daß alle Bemühungen der Diplomatie ſeines Lan⸗ des vergeblich geweſen wären, die Gedanken des Fürſten Metternich darüber zu erforſchen. Unbe⸗ dingt ſind ſie dem Baron von Herder, ſeinem ge⸗ wöhnlichen Rathgeber, bekannt. Dieſer ſoll bin⸗ nen einigen Tagen in Baden eintreffen, um die Gräfin Mimeska zu ſehen, in die er wahnſinnig verliebt iſt, die er vergöttert, vor der er keine Ge⸗ heimniſſe hat, ſelbſt nicht die des Staates. Be⸗ greifen Sie jetzt? — Zugegeben, mein Herr, daß dies nicht blos eine Fabel iſt, beſtimmt, als Vorwand Ihrer 25— Aufmerkſamkeiten für die Gräfin Mimeska zu dienen, ſo finde ich doch nichts alberner, als die Gräfin ſo offenbar in eben dem Augenblicke zu compromittiren, wo der Herr von Herder in Ba⸗ den erwartet wird. Giebt es, mit einem Worte, etwas Ungeſchickteres, als die Eiferſucht, den Zorn der Aute zu erregen, wenn man ſeiner gan⸗ zen Herrſchaft über ſie bedarf, um ihnen ein wichtiges Geheimniß zu entlocken? Denn wenn Sie die Wahrheit ſagen, mein Herr, ſo iſt das, wie ich mir einbilde, die Rolle, welche die Gräfin Mimeska ſpielen ſoll, um Ihnen bei dem Baron von Herder zu dienen? — Ganz richtig; nur— wie man die — Barone— kennt, ſo ehrt man ſik. Die Gräfin kann ihren Herder an den Fingern herſagen; daher hat ſich Folgendes zugetragen: Von ihrer Liaiſon mit dem Herrn von Herder unterrichtet, und die Folgen erkennend, welche daraus für meine Pläne entſpringen könnten, habe ich die Gräfin aufgeſucht, indem ich Sie ſo⸗ gar bat, ihr mit beſonderer Aufmerkſamkeit zu begegnen. — Was ich naiv genug war, zu thun, mein Herr. — In dieſem Falle, meine Theure, war dieſe Naivität die höchſte Gewandtheit; Sie ſollen darüber urtheilen: Vor vierzehn Tagen verſuchte ich es, hier, in dieſem Salon, die Gräfin zu ge⸗ wiſſen vertraulichen Mittheilungen über Herrn von Herder zu bringen. Hören Sie, was ſie mir antwortete: Mein lieber Graf, Sie wollen von mir etwas über eine diplomatiſche Angelegenheit erfahren, die Sie intereſſirt; wenn ich kann, will ich es Ihnen ſagen, aber— Dienſt für Dienſt: Machen Sie mir den Hof und com⸗ promittiren Sie mich bis zu der Ankunft des Herrn von Herder ſo viel als möglich. — Und Sie halten mich für einfältig genug, mein Herr, einer ſolchen Fabel Glauben zu ſchen⸗ ken? rief Frau von Ducormier aus. — Ich traue Ihnen unendlich viel Geiſt zu, meine Liebe, und um Ihnen dies zu beweiſen, fahre ich fort: Ihres kecken und ſcheinbar unbe⸗ ſonnenen Wrſens ungeachtet iſt die Gräfin eine Frau von viel Kopf, von ſehr ſcharfem Verſtande, und fein wie Ambra. Hören Sie das Raiſonne⸗ ment, das ſie gegen mich machte, und Sie wer⸗ den die Richtigkeit, ja ſogar die Tiefe deſſelben erkennen; nur müſſen Sie mich entſchuldigen, meine Theure, daß ich Dinge zu wiederholen ge⸗ zwungen bin, die meine Beſcheidenheit beſchämen. — Laſſen Sie das tiefe Raiſonnement der Gräfin Mimeska hören, mein Herr, ſagte Frau von Ducormier, welche unwillkürlich von dem ₰ Klange der Aufrichtigkeit Anätole's ergriffen wurde. — Hier iſt es, meine Liebe: Herr von Her⸗ der liebt mich leidenſchaftlich, und ſeine Leiden⸗ ſchaft wächſt von Tage zu Tage, ſagte dieſe ſon⸗ derbare kleine Frau. Wiſſen Sie, weshalb, mein lieber Graf? Weil ich ſtets das Mittel gefunden habe, ihm ſcheinbar die für ſeine Eitelkeit ſchmei⸗ chelhafteſten Opfer zu bringen. Der Baron iſt einer jener blaſirten Männer, welche eine Frau nur im Verhältniß zu dem Eindrucke lieben, den ſie auf andere Männer macht. Mit einem Worte, ihre Eigenliebe ſteigert ſich und triumphirt um ſo mehr, als man ihrer Geliebten den Hof macht, ihr ſchmeichelt, ſie aufſucht, bewundert, je mehr ſie von gefährlichen, das heißt, liebenswürdigen Nebenbuhlern verfolgt wird, wohlverſtanden, daß ſie dieſe zurückweiſt und aufopfert. Nun aber, mein lieber Graf, ſehe ich hier Niemand, der lie⸗ benswürdiger, und folglich beſſer zu einem Holo⸗ cauſt für den lieben Baron bei ſeiner bevorſtehen⸗ den Ankunft geeignet iſt, als Sie. Machen Sie mir daher wüthend„auf compromittirende Weiſe den Hof; Herr von Herder wird davon unter⸗ richtet werden(es giebt überall gute Freunde), er wird ſeine Ankunft beſchleunigen, wird dann ſe⸗ hen, wie ich Sie ſeinetwegen aufgebe; ſeine Leidenſchaft wird bis zur Raſerei ſteigen, denn 8— unter uns, er wird ſich noch nie eines ſolchen Erfolges erfreut haben, weil die Geopferten Ihrer Art, mein lieber Graf, ſchwer zu finden ſind. Meine Herrſchaft über Herrn von Herder wird ſich dadurch verdoppeln, und nichts mir dann leichter ſein, als von ihm die vertrauliche Nittheilung zu erlangen, deren Sie bedürfen; denn ſchon mehr als ein Mal hat er mir aus ei⸗ genem Antriebe die wichtigſten politiſchen Angele⸗ genheiten anvertraut. Laſſen Sie hören, mein lieber Graf, ob dieſes Abkommen Ihnen zuſagt? I„ch nahm den Vorſchlag an, fügte Ducormier lächelnd hinzu, und die Gräfin iſt auf ihre Weiſe ſo gewiſſenhaft, daß ich von ihr ſchon einige wichtige Mittheilungen erhielt, indem ſie ſich ver⸗ ſchiedene Geſpräche mit Herrn von Herder ſorg⸗ fältig in das Gedächtniß zurückrief. Wenn nun die Gräfin, wie ich nicht bezweifele, nach der An⸗ kunft des Herrn von Herder ihr Wort hält, und von ihm geſchickt das Geheimniß herauslockt, deſſen ich bedarf, ſo liefere ich es augenblicklich dem Kronprinzen aus. Urtheilen Sie darüber, meine Theure, in welche vortreffliche Lage uns das bei Seiner Königlichen Hoheit bringen muß, welche Hoffnung wir auf die mehr als ein Mal wiederholten Worte des Prinzen ſtützen dürfen: Wir wollen hoffen, Herr Graf, daß wir uns eines Tages in B** wieder⸗ — ſehen. Ein Geſandter aber, der von dem Hofe, an welchem er accreditirt werden ſoll, ausdrück⸗ lich bezeichnet und gewünſcht wird, hat die größte Wahrſcheinlichkeit für ſich.— Nun, meine theure Joſepha, hatte ich Unrecht, Ihnen zu ſagen, daß die Gräfin vielleicht aus Ihnen eine Gefandtin machen würde? Brauche ich endlich noch hinzu⸗ zufügen, daß ich andererſeits zur Erlangung die⸗ ſer Geſandtſchaft auch zu dem allmächtigen Ein⸗ fluſſe meines verehrten Beſchützers„des Prinzen von Morſenne, meine Zuflucht nehmen würde, deſſen Unterſtützung mir noch nie gefehlt hat? Sagten Sie mir nicht ſchon mehrmals: Wahr⸗ lich, Anatole, man ſollte glauben, Sie beſäßen einen Talisman, um von dem Prinzen von Mor⸗ ſenne Alles zu erlangen?— Noch ein Wort, meine theure Joſepha, fuhr Ducormier fort, in⸗ dem er ſah, daß er ſeine Frau ſo ziemlich über⸗ zeugt hatte.— Offen geſprochen, glauben Sie, wenn ich die Gräfin Mimeska zur Geliebten hätte haben wollen, würde ich jung genug geweſen ſein, ihr ſo augenſcheinlich den Hof zu machen? Glauben Sie, daß ſie ſelbſt, eine feine Fliege, und welche aus tauſend Gründen viel auf ihren Baron Herder hält, ſich nicht mit mir darüber verſtändigt haben würde, unſere Liaiſon in das Geheimniß zu hüllen, eine ſehr leichte Sache für ſo erfahrene Leute, wie die Gräfin und ich? £ 3— Frau von Ducormier wollte ihrem Mann antworten, indem ſie ihm als Zeichen des Ver⸗ trauens die Hand reichte, als ein Kammerdiener beide Flügel der Salonthür öffnete, und meldete: — Der Herr Herzog und die Frau Herzogin von Spinola! Aus dem Blicke und dem Lächeln, welche Frau von Ducormier an ihren Mann richtete, indem dieſer ſeinen Gäſten entgegenging, war leicht zu erkennen, daß Anatole ſeine Frau voll⸗ kommen überzeugt und beruhigt hatte. In der That ſprach er die Wahrheit, wenigſtens in Be⸗ ziehung auf die politiſche Seite ſeines Vertrages mit der ſchönen Gräfin. Was die verliebte Frage betraf, ſo ſchien die Mätreſſe des Herrn von Her⸗ der ſo erfahren zu ſein, wie Ducormier ſagte, und er ſelbſt ein ſolches Muſter der Verſtellungs⸗ kunſt, der Lüge und Verderbtheit, daß minder Skeptiſche als Frau von Ducormier an der Rein⸗ heit der Verblendung eines ſolchen Paares hätten zweifeln können. Der Kammerdiener der Gräfin Ducormier meldete nach und nach: — Seine Excellenz, der Herr Va von Pallavicini! — Der HerrFürſt und die Frau Fürſtin von Löwenſtein! — 3 — Seiner Gnaden, ber Herr Admiral, Sir Karl Humphrey! — Der Herr Marquis und die Frau Mar⸗ quiſe von Monlaville! — Der Herr Herzog von Villa Rodrigo! — Der Herr Baron und die Frau Baronin von Lucenah! Der Herr Feldmarſchall, Fürſt von Rot⸗ tenburg! hre Herrlichkeiten, Lord und Lady Bumberg! Und zuletzt: — Seine Königliche Hoheit, der Kronprinz! XXXIX. Ein aufmerkſamer Beobachter hätte unter dem Aeußern der ausgezeichneten Höflichkeit, mit wel⸗ chem Ducormier ſeine edlen Gäſte empfing, leicht die Trunkenheit des Stolzes erkennen können. Ungeachtet ſeiner Keckheit, ungeachtet ſeiner unverſchämten Verachtung für alle Begriffe des Guten und Böſen, ungeachtet ſeines fanatiſchen Glaubens an den Ausſpruch ſeiner erſten Lehr⸗ meiſter in der Politik: der Erfolg rechtfer⸗ tigt Alles, die rechtſchaffenen Leute ſind die gewandten, die unredlichen ſind die ungeſchickten; ungeachtet ſeines energiſchen Charakters endlich, wich dieſer Menſch zuweilen vor der ungeheuren Größe ſeines Glückes zurück: er mußte, ſo zu ſagen, die Wirklichkeit betaſten, um ſich zu überzeugen, daß er nicht das Spielwerk eines Traumes ſei. — Ich, dachte Ducormier dieſen Abend, ich der Sohn eines Kleinbürgers; ich, noch kürzlich in einer ſo niedrigen Stellung, daß ſie an Dienſt⸗ barkeit grenzte, ich empfange heute in meinem Hauſe, an meiner Tafel, die Elite der Ariſtokra⸗ tie Europas und einen Prinzen von königlichem Geblüt; Alles lächelt mir zu, dient mir, ver⸗ größert mich; ich genieße die Güter der Erde: Reichthum, Ehre, Geſundheit, Jugend, und ſtehe erſt am Beginn meiner Laufbahn. Wo würde ich ſein, was würde ich ſein, was würde ich jetzt an⸗ fangen, wenn ich mich durch den tugendhaften Vogelleim der albernen Rathſchläge dieſes armen Bonaquet hätte fangen laſſen, ſtatt einen uner⸗ ſchrockenen Aufſchwung zu den blendenden Regiv⸗ nen zu verſuchen, in denen ich ſchwebe und mich noch höher zu erheben hoffe! Ducormier war einer jener dehnbaren Men⸗ ſchen voll Tact und Feinheit, welche mit bewun⸗ X dernswerther Leichtigkeit das Weſen, die Gewohn⸗ heiten, die Sprache der Perſonen annehmen, un⸗ ter denen ſie ſich befinden. Bei dem franzöſiſchen Geſandten in London, und in Paris, bei dem Prinzen von Morſenne war er in einer vortreff⸗ lichen Schule der Lebensart geweſen, und hatte darin das ausgezeichnete Benehmen angenommen und vervollkommnet, welches ihn zu einem Manne der beſten Geſellſchaft machte. Stets ſcharf beob⸗ achtend hatte er in dieſen vornehmen Häuſern die tauſend Nuancen bemerkt und ſtudirt, welche die ſo ſchwierige Kunſt des Empfangens aus⸗ machen; mit einem Worte, die Kunſt, angenehm für Alle zu ſein, und dabei doch für Jeden die Höflichkeit, den Eifer oder die Zuvorkommenheit abzumeſſen, welche ſeinem Range oder ſeiner Stel⸗ lung in der Welt angemeſſen ſind. Für Ducormier war beobachten und ſich an⸗ eignen gleichbedeutend. Er zeigte daher auch den beſten Geſchmack, indem er die Honneurs der Tafel machte, wobei ihn ſeine Frau vortrefflich unterſtützte, welche in dem Verlangen, die große Dame zu ſpielen, und mit beinahe ebenſo feinem Tact begabt, wie ihr Mann, die Rolle, von der ſie entzuckt war, vortrefflich ausfüllte. Anatole wandte ſeine ganze Verführungs⸗ kunſt, die ganze Anmuth ſeines Geiſtes und ſeiner gewandten Schmeichelei auf, um den Prinzen zu Die Prophezeihung. VI. 3 —— unterhalten, ohne deshalb die minder hohen Gäſte der Königlichen Hoheit aufzuopfern. Gegen das Ende der Mahlzeit ſagte daher auch der Prinz mit leiſer Stimme zu der Gräfin Ducormier, an deren rechter Seite er ſaß: — Wiſſen Sie wohl, Frau Gräfin, daß der Herr Miniſter noch etwas Beſſeres thut, als Frankreich vertreten? Er macht es lieben! Aus dieſem Worte des Prinzen entſpann ſich das folgende Geſpräch: Gräfin Ducormier.— Es iſt leicht, Liebe zu erwerben, Königliche Hoheit, wenn man das Glück hat, ſich an ſo wohlwollende und groß⸗ müthige Herzen zu wenden, wie das Ihrer Kö⸗ niglichen Hoheit. Der Kronprinz.— Großmüthig? O nein, Frau Gräfin. Ich bin im Gegentheil eben jetzt von einem ſehr großen Fehler befallen. Die Gräfin Ducormier.— Und was iſt das für einer, gnädigſter Herr? Der Kronprinz.— Ach, ich bin neidiſch. Die Gräfin Ducormier.— Neidiſch! Sie, Königliche Hoheit? Geſtatten Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Eurer Königlichen Hoheit das wirklich nicht erlaubt iſt. Der Kronprinz.— Gleichwohl iſt es die Wahrheit, Frau Gräfin. Was mich indeß viel⸗ leicht etwas weniger ſtrafbar macht, iſt, daß ich den Neid nicht für meine eigene Rechnung hege, ſondern für mein Vaterland. Die Gräfin Ducormier.— Und wen beneiden Eure Königliche Hoheit? Der Kronprinz.— Meinen vortrefflichen Vetter von Baden, bei welchem Ihr Herr Ge⸗ mahl acereditirt iſt.(Sich an Ducormier wen⸗ dend, der rechts neben ſich die Fürſtin Löwenſtein hatte, und links die junge und ſchöne Herzogin von Spinola und ſich wechſelsweiſe mit Beiden unterhielt.) Herr Graf, ich haite die Ehre, die Frau Gräfin von der Verlegenheit zu unterhal⸗ ten, in der ich mich befinde: Ich beneide meinem Vetter von Baden ein gewiſſes Glück, und da er mein Freund iſt, würde es mir gleichwohl ſehr leid thun, ihn das verlieren zu ſehen, was ich ihm beneide. Ducormier.(Lächelnd).— Ein Glück, gnädiger Herr? In einem ſolchen Falle iſt der, welcher glühend beneidet, ſehr nahe daran, den Gegenſtand des Neides zu beſitzen; denn für wahr⸗ haft ergriffene Herzen heißt wollen— können. Die Herzogin von Spinola. Lachend.) — ch bin überzeugt, Herr Graf, daß Se. Kö⸗ nigliche Hoheit gegen dieſe abſcheuliche Theorie proteſtiren. Wenn ſie wahr wäre, was ſollte dann aus der Tugend werden? Ducormier.(Zu der Herzogin und ſie 3* anſehend.)— Die Tugend würde bleiben, was ſie iſt, impoſant und reizend, Frau Huien nur werden Se. Königl. Hoheit mir verzeihen, ihre Antwort nicht abzuwarten und meine Ge⸗ danken zu vervollſtändigen. Er iſt der, Frau Herzogin: daß ich glaube, wenn man in der Libe oft nicht glücklich iſt, ſo kömmt dies daher weil man nicht aufrichtig genug liebt. Der Kronprinz.(Lächelnd).— Ich wage Ihnen nicht zu ſagen, Frau Herzogin, ob ich dieſe abſcheuliche Theorie theile oder nicht.(Sich heiter zu Ducormier wendend:) Aber Sie haben meine Meinung mißverſtanden, Herr Graf. Däs, was ich meinem Vetter von Baden beneide hai durchaus keine Beziehung auf die Galanterie, denn giebt es nicht alle Arten von Glück? Ducormier.— Ja, gnädigſter Herr. So zum Beiſpiel Ew. Königl. Hoheit Anweſenheit unter uns, ſo wie für die Gräfin Ducormier und mich die Ehre, die Perſonen zu empfangen, welche wir ſo glücklich ſind, hier verſammelt zu ſehen. Doch werden Ew. Königl. Hoheit mir geſtatten, Sie zu fragen, was Sie beneiden können? Der Kronprinz.— Ganz gewiß, Herr Graf. Mein Vetter von Baden hat das Glück, bei ſich als Repräſentanten einer großen Macht einen ausgezeichneten Mann acereditirt zu ſehen, für den ich eben ſo viel Achtung als Spmpathie — 37— empfinde,— den ich als Geſandten bei meiner Regierung ſehen möchte. Das heißt, Ihnen ge⸗ ſtehen, Herr Graf, daß ich, nach dem Verlangen urtheilend, welches ich empfinde, meinem Vetter von Baden dieſen ausgezeichneten Mann zu rau⸗ ben, mir den Schmerz denken kann, den es ihm verurſachen würde, ihn zu verlieren, und daß ich dadurch in großer Verlegenheit bin, wie ich ſo eben die Ehre hatte, der Frau Gräfin zu ſagen. Ducormier.— Es ſcheint mir, gnädigſter Herr, daß der Mann, von welchem Ew. Königl. Hoheit ſprechen, zugleich von der Güte Seiner Hoheit des Großherzogs von Baden überhäuft und mit Ew. Königl. Hoheit Vertrauen beehrt, ſeinerſeits nur zwiſchen Anhänglichkeit und Dank⸗ barkeit in Verlegenheit ſein muß, wenn von einer Zukunft die Rede iſt, die er kaum zu hoffen wa⸗ gen darf, und einer Gegenwart, die alle ſeine Wünſche überſteigt. Der Kronprinz.(Mit Wohlwollen.)— In der That, Herr Graf, ich glaube gleich Ih⸗ nen, daß die Perſon, von welcher wir ſprechen, Allen zu genügen, Allen angenehm zu ſein wiſſen wird. Doch Verzeihung, meine Damen, daß wir in ihrer Gegenwart in Räthſeln ſprechen,— ob⸗ gleich dieſes, wie ich denke, ſehr leicht zu löſen iſt. Die Herzogin von Spinola.(Ducor⸗ mier mit einem anmuthigen Lächeln anſehend.)— —— In der That, gnädigſter Herr. Und wenn ich mich nicht irre, ſo iſt die Löſung dieſes Räthſels — könnte es wenigſtens ſein— Verdienſt und Beſcheidenheit. Der Kronprinz.(Ducormier anſehend.) — Es iſt unmöglich, richtiger zu rathen, Frau Herzogin. Der Feldmarſchall, Fürſt von Rot⸗ temberg.— Die Beſcheidenheit!— Was für eine ſeltene Sache in unſern Tagen, wo der letzte Student unſerer deutſchen Univerſitäten ſich ſchon zum Staatsreformator aufwirft. Der Marquis Pallavicini.— Und in unſerm armen Italien, wo der niedrigſte, ſchwatz⸗ hafte Advokat ſich einbildet, den Politiker ſpielen zu können! Der Herzog von Villa⸗Rodrigo.— Ach, mein lieber Marquis, die ſpaniſchen Advo⸗ katen wiegen als Peſt wenigſtens die italieni⸗ ſchen auf. Der Marquis von Monlaville.— Verzeihung, meine Herren, doch in dieſer Bezie⸗ hung ſtehen unſere franzöſiſchen Radicalen gegen Niemand zurück. Ducormier.— In der That haben noch nie unerträglichere Schwätzer ſchlechteren Glauben und ſchlechtere Worte für den Dienſt ſchlechterer Leidenſchaften gehabt. Neidiſch und unvermögend, — heftig und ſchlecht erzogen, bilden ſie ſich ein, daß ſie ein Recht haben, was ſeit Jahrhunderten ver⸗ ehrt wurde, das Königthum, die Religion, die Familie, das Eigenthum, die Ariſtokratie anzu⸗ greifen und zu läſtern, weil ſie in Dachſtuben ſchlafen, für fünfzehn Sous zu Mittag eſſen, un⸗ geputzte Stiefel und ſchmutzige Hände haben (Verzeihung, meine Damen, wegen dieſer Natur⸗ geſchichte der Gattung)! Die Ariſtokratie, dieſe Elite-Claſſen, welche die Nationen in ihrem glän⸗ zendſten Weſen vertreten! Die Ariſtokratie, dieſe glorreiche lebendige Geſchichte der Verherrlichun⸗ gen großer Völker!— Die Religion, dieſen heil⸗ ſamen und allein hinlänglich mächtigen Zügel, den Pöbel zu bändigen und ihn gehorſam und unterwürfig, von der Wiege bis zum Grabe durch unvermeidliches Elend zu geleiten! Das König⸗ thum, dieſe prachtvolle Krone jeder dauerhaften Regierung; den bewundernswerthen Schlußſtein jeder civiliſirten Nation. Ja, meine Herren, Sie haben Recht; in Deutſchland, in Italien, in Spanien, in Frankreich regen ſich in den niedern Schichten der Geſellſchaft eine Menge Menſchen, die eiferſüchtig, neidiſch, rachſüchtig ſind, und ei⸗ nen dummen und rohen Pöbel gegen die Könige, gegen die Ariſtokratien, gegen die Prieſter aufzu⸗ ſtacheln ſtreben! Doch dieſe Weltläufer nach Po⸗ pularität flößen den geſetzten Männern des Landes nur Ekel und Mitleid ein. Nur wenn dieſe Schwätzer zu unverſchämt werden, ſperrt man ſie hinter Riegeln gehörig ein, und da können ſie mit Muße über die ſchöne Rolle als Revolutionäre nachdenken, dieſe intereſſante Claſſe der Betroge⸗ nen oder der Betrüger. Der Kronprinz.— Ach, Herr Graf, möchten die Regierer Ihres Landes, die großen Staatsmänner, deren Sympathie Sie mit ſolchem Rechte genießen, und deren feſte und geiſtreiche Sprache Sie ſo gut ſprechen, den Wagen Frank— reichs auf dem verhängnißvollen Abhange der Revolutionen anhalten können! Es handelt ſich dabei um das Heil Europas, der Könige und der glänzenden Ariſtokratie, die Sie ſo ſehr zu ſchätzen und welcher anzugehören Sie ſo würdig ind. Ducormier.— Ich gehöre ihr wenigſtens durch meine Bewunderung ihrer ſeltenen Tugen⸗ den, durch meine Ehrfurcht vor ihren geheiligten Rechten, durch meine Anhänglichkeit für ihre glorreiche Sache an, gnädigſter Herr. Doch wenn Ew. Königl. Hoheit mir geſtatten, es Ihnen zu ſagen, ſo muß ich geſtehen, daß ich Ihre Beſorg⸗ niſſe in Beziehung auf eine Hand voll eiferſüchti⸗ ger oder ausgehungerter Narren nicht theile. Dieſe Schwätzer ſind Gott ſei Dank nicht dazu geſchaf⸗ fen, Europa in Schrecken zu ſetzen. Das ſind — dergleichen ſchreiende doch ſehr feige Gattungen, die man mit tüchtigen Hieben der Steigbügelrie⸗ men leicht in ihre Bodenkammern hinauf oder in ihre ſchmutzigen Löcher hinabtreibt. Nein, nein, jeder Staat habe nur für die Städte eine thätige und unerbittliche Polizei, unterſtützt durch gute Bataillone und Schwadronen, und für den Pöbel auf dem Lande verſtändige, der Ariſtokratie ganz ergebene Prieſter, ſo fordere ich alle Agitatoren, alle Revolutionäre Europas heraus, ſich aus ih⸗ ren Löchern zu wagen, wenn ſie nicht kurz und hoch gehängt ſein wollen, wie in Gallizien. Un⸗ glücklicherweiſe waren nur die Galgen dort nicht hoch genug. Dieſe furchtbaren Planeten der Ordnung hätten in allen Ecken des revolutionä⸗ ren Europa ſichtbar ſein müſſen, denn in Erman⸗ gelung des Glaubens haben die Revolutionäre einen inſtinctmäßigen Abſcheu vor dem Galgen. Der Feldmarſchall, Fürſt von Rot⸗ temberg.(Laut lachend.)— Was der Herr Graf ſagt, iſt vollkommen richtig. Man kann ſich keinen Begriff davon machen, wie bei dem letzten Aufſtande in Gallizien dieſe Elenden bei dem bloßen Gedanken an den Galgen erſchraken. Ihrer Meinung nach hätte man ſie erſchießen müſſen; doch unſere braven Kroaten hoben ihr Blut für beſſere Gegenſtände auf! Der Fürſt von Löwenſtein.— Ich theile vollſtändig die hohen und vortrefflichen po⸗ litiſchen Anſichten des Herrn Grafen Ducormier. In ſeine Gedanken eingehend ſage ich daher auch, die berüchtigte Aeußerung des nichtswürdigen Danton parodirend:„Strenge, Strenge, und fortwährend Strenge! Der Herzog von Villa⸗Rodrigo!— Möchten Sie recht haben, theurer Fürſt, denn wir leben in ſehr ſchwierigen Zeiten! Der Marquis Pallavicini. Demoraliſation macht entſetzliche Fortſchritte. Lord Bumberg.— Die Zahl der Ver⸗ brechen ſteigt auf unglaubliche Weiſe, und meiner Meinung nach ſind die Criminalgerichtshöfe der wahre Thermometer für die Sitten eines Staates. Ducormier.— Was Eure Herrlichkeit da ſagen, iſt ſehr wahr. Ja, Mylorb, die Tri⸗ bunale ſind das eigentliche Criterium der Ge⸗ ſellſchaft. Die Fürſtin Löwenſtein.— 4 propos von Criminalgerichtshöfen! Haben Ew. Königl. Hoheit ſchon von einem fürchterlichen Prozeſſe gehört, der in dieſem Augenblicke ganz Paris be⸗ ſchäftigt? Der Kronprinz.— Nein, gnädige Frau. Es handelt ſich alſo ohne Zweifel um eines jener abſchenlichen Verbrechen, von denen ſo eben Lord Bumberg ſprach? Die — Die Fürſtin Löwenſtein.— Ja, gnä⸗ digſter Herr. Der Baron Spor, den ich dieſen Morgen ſah, und der von Paris kömmt, ſagte mir, das traurige Intereſſe, welches man früher für die Prozeſſe des Herrn von Laroncière und der Madame Lafarge empfunden hat, würde noch nichts im Vergleich zu der mit Furcht gemiſchten Neugier ſein, welche dieſer einflößt. Die Ver⸗ handlungen müſſen vorgeſtern begonnen haben, wie mir Herr von Spor mittheilte, und er hatte den vortrefflichen Einfall, unter meiner Adreſſe eine Gerichtszeitung mit dem Titel„Observateur des Tribuneaux“, welche täglich über den Prozeß Bericht erſtattet, hierher ſchicken zu laſſen. Ducormier.— Um was für Thatſachen handelt es ſich? Weiß man das, Euer Durch⸗ laucht? Die Fürſtin Löwenſtein.— Herr von Spor hat mich nur ſehr unvollſtändig davon un⸗ terrichtet, Herr Graf. Ich weiß nur ſo viel, daß das Opfer einem der erſten Häuſer Frankreichs angehört, und daß es eine junge Frau von ſelte⸗ ner Schönheit iſt. Der Kronprinz.— Das Opfer! Alſo iſt es ein Mord? Die Fürſtin Löwenſtein.— Ja, Cw. Königl. Hoheit, eine entſetzliche Vergiftung. Die Gräfin Ducormier.— Ach, das iſt gräßlich! Und dieſe unglückliche junge Frau iſt alſo geſtorben? Die Fürſtin Löwenſtein.— Nach dem, was mir Herr von Spor ſagte, befindet ſie ſich in einem hoffnungsloſen Zuſtande. Ducormier.— Und kennt man den Ur⸗ heber dieſes abſcheulichen Verbrechens? Die Fürſtin Löwenſtein. Man be⸗ ſchuldigt der Miſſethat zwei Frauen, zwei Unge⸗ heuer der Heuchelei und Nichtswürdigkeit. Der Kronprinz.— Frauen ein ſolches Verbrechen zu begehen! Das iſt wirklich doppelt entſetzlich. Das wird einer der traurig⸗berühmten Prozeſſe werden, welche zugleich Schrecken und Neugier einflößen. Und die Verhandlungen ha⸗ ben, wie Sie ſagen, gnädige Frau, vorgeſtern beginnen ſollen? Mit welcher Theilnahme wird man ihnen gefolgt ſein! Die Fürſtin Löwenſtein.— Wenn Ew. Königl. Hoheit es mir geſtatten wollen, ſo werde ich mich allzu glücklich ſchätzen, die Zeitung, welche morgen früh ankommt, und in welcher Sie die erſte Sitzung des Prozeſſes finden, zu Ihrer Dispoſition zu ſtellen, ſobald ich ſie erhalte. Der Kronprinz.— Tauſend Dank für Ihre Gefälligkeit, doch ich will ſie nicht mißbrau⸗ chen; allein da wir ſämmtliche Waſſertrin⸗ ker, die wir hier vereinigt ſind, uns gewöhnlich 3 jeden Morgen in dem Pavillon der Quelle ein⸗ finden, möchte ich Sie bitten, gnädigſte Frau, daß Sie ſich die Mühe nehmen, die Zeitung mit⸗ zubringen; Jemand könnte ſie dann laut vor⸗ leſen, und wir würden ſo gewiſſermaßen der er— ſten Sitzung des Prozeſſes beiwohnen, welche, wie ich glaube, deshalb immer beſonders intereſ⸗ ſant iſt, weil ſie die Anklageacte enthält, in welcher alle einzelnen Umſtände erzählt werden. Der Vorſchlag des Prinzen, welcher der leb⸗ haften Neugier aller Gäſte Ducormier's zuſagte, wurde freudig angenommen, und man verließ die Tafel, indem man ſich für den folgenden Morgen in dem Pavillon der Quelle, dem gewöhnlichen Sammelplatze aller Brunnengäſte, ein Rendez⸗ vous gab. XL. Am Morgen nach dem Tage, an welchem der Kronprinz in zahlreicher und glänzender Geſellſchaft bei Anatole Ducormier geſpeiſt hatte, fand ſich die⸗ ſelbe Geſellſchaft in dem Pavillon der Quelle ver⸗ ſammelt, wie man es am Tage zuvor verabredet hatte. Die Fürſtin Löwenſtein übergab die ſo un⸗ — 46— 5 geduldig erwartete Gerichtszeitung einem Adju⸗ tanten des Kronprinzen, den dieſer mit der Vor— leſung des intereſſanten Blattes beauftragt hatte. Anatole und ſeine Frau kamen zuletzt. Der Kron⸗ prinz empfing ſie, wie immer, mit beſonderer Auszeichnung, und forderte Ducormier auf, an ſeiner Seite zu bleiben. Die Damen ſetzten ſich im Kreiſe, die Herren ſtanden hinter ihnen; es entſtand tiefes Schwei⸗ gen. Der Obriſt Butler, Adjutant des Prinzen, ſetzte ſich vor einen kleinen Tiſch, auf welchem das nothwendige Glas Zuckerwaſſer ſtand, und begann die Vorleſung der Zeitung unter lebhafter Aufmerkſamkeit. Observateur des Tribuneaux. Aſſiſenhof der Seine. Präſident: Herr Maſſon. Sitzung vom 3. September 1840. „Paris und Frankreich ſind ſeit einem Mo⸗ nate in einer Erwartung erhalten worden, welche durch wenige Gerichtsdramen in ſo hohem Grade erweckt wurde. Wir bedürfen keiner langen Aus⸗ einanderſetzungen, um darzuthun, daß der Pro⸗ zeß, welcher heute beginnt, den erſten Plaß auf den intereſſanteſten Blättern einnimmt, welche der Juſtizpalaſt dem Observateur des Tribunenus jemals geboten hat. —— „Seit zwei Monaten geht im Stillen die Einleitung des Prozeſſes vor ſich, der durch ſeine Thatſachen unglaublich, durch ſeinen Zweck bei⸗ nahe räthſelhaft, voll Betrübniß aber für eine der größten und berühmteſten Familien Frank⸗ reichs iſt. Als vor wenigen Tagen einige Bruch⸗ ſtücke von der Anklageacte unter das Publikum gelangten, brach von einem Ende Frankreichs bis zu dem andern eine ungeheure Empörung' über das Abſcheuliche des Attentates in allen Klaſſen der Geſellſchaft aus. In Paris war der Einfluß der Anklageacte ſo groß, daß ſelbſt von den Nach⸗ ſichtigſten die Verurtheilung ſchon im Voraus ausgeſprochen wurde, obgleich der Verlauf nur unvollſtändig bekannt war. Man verſicherte ſo⸗ gar, daß das Corps der Advokaten, welches ge⸗ wöhnlich den Angeklagten von ſelbſt die Hand entgegenſtreckt, diesmal in Beziehung auf die erſte Angeklagte vor einer Vertheidigung zurückweichen würde, welche man doch als nutzlos betrachtete. „Dieſe Beſorgniſſe haben ſich verwirklicht. Die Monſtruoſität des Attentates war ſo groß, und die erſte Angeklagte brachte ſich durch ihre, mit Widerſprüchen gemiſchten Geſtändniſſe in eine ſolche Lage, daß kein Advokat ſich mit ihrer Ver⸗ theidung befaſſen wollte. Der Herr Präſident war daher genöthigt, der Angeklagten einen Ver⸗ theidiger ex oflicio zu bezeichnen.“ Der Kronprinz.(Die Vorleſung unter⸗ brechend.)— Das Verbrechen der Angeklagten muß in der That augenſcheinlich ſein, da ſie kei⸗ nen Vertheidiger findet. Was halten Sie davon, Herr Graf? Ducormier.— Ich glaube, Ew. Königl. Hoheit, das dergleichen Beiſpiele in unſerem Gerichtsverfahren außerordentlich ſelten ſind, denn das Sprichwort ſagt: Keine Sache iſt ſo ſchlecht, daß ſie nicht einen Advokaten fände. Die Herzogin von Spinola.— Ich geſtehe, gnädigſter Herr, daß der Anfang das In⸗ tereſſe im höchſten Grade erweckt. Der Kronprinz.— Deshalb, meine Da⸗ men, bitte ich auch um Verzeihung, die Lecture einen Augenblick unterbrochen zu haben.(Seinem Adjutanten ein Zeichen gebend:) Haben Sie die Güte, fortzufahren, Obriſt Butler. Der Adjutant las weiter: „Die Neugier, die Aufregung des Publikums haben ſich verdoppelt, als man erfuhr, daß das Opfer dieſes entſetzlichen Verbrechens, obgleich es noch gegen den Tod, den man als nahe bevor⸗ ſtehend bezeichnet, kämpft, vielleicht den Muth haben wird, ſich in eine der erſten Sitzungen bringen zu laſſen, um den Wünſchen des Ge⸗ richtshofes zu gehorchen, und dort, umgeben von den Mitgliedern ſeiner erhabenen Familie, zu er⸗ ſcheinen, die als Civilpartei auftritt. „Dieſen Morgen haben die Verhandlungen begonnen. Seit Menſchengedenken hat man kei⸗ nen ſolchen Zuſammenfluß in dem Juſtizpalaſte geſehen. Von ſechs Uhr an drängten ſich über hundert Perſonen, und unter dieſen an ſechzig Advokaten, welche keine Eintrittskarten auf be⸗ ſondere Plätze hatten erhalten können, in die Gänge, die zu dem Aſſiſenſaale führen. Um neun Uhr verlängerte ſich dieſe Menge bis zu dem Saale der verlorenen Schritte; ein ganzer Poſten von Municipalgardiſten genügte kaum, ſie zu zü⸗ geln. Um halb zehn Uhr wurden die Thüren des innern Saales den Perſonen geöffnet, welche mit Billets oder mit Wweiſungen von dem Herrn Präſidenten verſehen waren. Man ſagt, daß über vier tauſend Geſuche an ihn gerichtet wor⸗ den ſein ſollen.) Die Diplomatie, die Pairs⸗ kammer, die Deputirtenkammer, der Adel, die Robe und der Finanzſtand haben um dieſe Gunſt nachgeſucht; man verſichert, ſogar der erſte Herr Präſident ſei vor drei Tagen abgewieſen worden. „Alle Plätze waren beſetzt, man erſtickte, man zerdrückte ſich in den Gängen, und die verſchiede⸗ nen Treppen, die zu den Eingangsthüren führen, waren überfüllt. „Mehrere Bänke waren für das Corps der Die Prophezeihung. VI. 4 Advokaten reſervirt, und der nächſte Raum um den Gerichtshof für die Familie des Opfers und für deren Gatten. Hinter dem Gerichtshofe ſtan⸗ den Stühle für die Beamten; man bemerkte dar⸗ auf die Herren Rocher, Gilbert des Voyſins, Räthe an dem Caſſationshofe, von Herin, von Baſtard, Jacquinot-Gedard, Lefévre, Pécourt, Champanet, Naudin, Bouely, Nouguier, Dide⸗ lot u. ſ. w. „Auf den Stühlen hinter dem Gerichtshofe bemerkte man auch Herrn von S*ss, Pair von Frankreich, Se. Excellenz, den Herrn Geſandten Schwedens, den Herrn General G*ss, die Herren von J***, von la R***, von C**s, den Herren Grafen von As**, Director der Bank. Dieſer Letztere gelangte nur nach großen Schwierigkeiten auf ſeinen Platz. Länger als zehn Minuten mußte er unter den Zeugen zubrin⸗ gen, umgeben von zwei Stadtſergeanten und drei Municipalgardiſten. Man ſah ihn an der Thür der letzten Schranke mit einem Municipalgardi⸗ ſten ſtreiten, der ihn in ſeiner gegenwärtigen Würde nicht anerkennen wollte, und bei dem er ſich daher auf ſeine frühere bezog. Der Municipal⸗ gardiſt blieb unbeugſam und fuhr fort, dem Herrn Exrminiſter des Innern den Eintritt zu verwei⸗ gern. Ein Thürhüter zog endlich den Herrn Gra⸗ fen von A“*s aus der Verlegenheit, der dem .——— Herrn von Ss* lachend ſein kleines Abenteuer erzählte. „Eine große Menge von Damen beſetzte die Bänke, die ihnen in der innern Schranke ange⸗ wieſen waren. Unter ihnen bezeichnete man uns die Frau Herzogin von Valaincourt, die Frau Gräfin von Bravanne, die Frau Fürſtin Solti⸗ koff, die Frau Baronin von Roberſac, die Frau Vicomteſſe von Marneuil, und andere Damen der vornehmſten Welt. „Um zehn Uhr füllten ſich die Bänke, welche für die Familie der Civilpartei reſervirt waren. Der Herr Herzog von Beaupertuis, der Gemahl des Opfers trat zuerſt ein.“ In dieſem Augenblicke wurde die Vorleſung durch einen Ausruf der Ueberraſchung und des Schreckens unterbrochen, den Anatole Ducormier nicht zu unterdrücken vermochte. Er wurde lei— chenblaß und mußte ſich auf die Lehne von dem Seſſel der Herzogin von Spinola, der vor ihm ſtand, ſtützen. Einige der Damen erhoben ſich; Aller Blicke wendeten ſich auf Anatole, zu dem die Gräfin Ducormier ſogleich eilte. Der Kronprinz.(Voll Theilnahme zu Ducormier.)— Mein Gott, Herr Graf, Sie erblaſſen; Sie können ſich kaum aufrecht erhalten. Die Gräfin Ducormier.(Zu ihrem Manne eilend.)— Was iſt Ihnen, mein Freund? 4* — Ducormier.(Mit bebender Simme.)— Verzeihung, gnädigſter Herr, wegen dieſer unbe⸗ zwinglichen Aufregung. Sie werden ſie begreifen und entſchuldigen, wenn Sie erfahren, daß die Frau Herzogin von Beaupertuis die Tochter des Prinzen von Morſenne iſt, meines Beſchützers, des vortrefflichen Mannes, dem ich meine unge⸗ hoffte Carrière verdanke. Der Kronprinz.(Gerührt.)— Ach, jetzt beklage ich meine Neugier. Die Gräfin Ducormier.(Zu ihrem Manne.)— Kommen Sie, mein Freund. Se. Königl. Hoheit werden Sie entſchuldigen, wenn Sie einer Lecture nicht beiwohnen, die Ihnen in jeder Beziehung ſo peinlich ſein muß. Der Kronprinz.— Ich beſchwöre Sie, Frau Gräfin, führen Sie den theuren Grafen hinweg. Er muß grauſam leiden. Ich kenne ſein Herz. Ducormier.(Mit Anſtrengung.)— Gnä⸗ digſter Herr, ich werde jetzt den Muth haben, die Fortſetzung des Prozeſſes anzuhören. Der Kronprinz.— Mein lieber Graf, was fällt Ihnen ein? das iſt höchſt unbeſonnen; das heißt ſich ohne Grund der ſchmerzhafteſten Aufregung ausſetzen. Ducormier.— Ach, ich bin darauf ge⸗ faßt, Ew. Königl. Hoheit. Doch jetzt, wo ich — 33— weiß, daß es ſich um die Tochter meines Wohl⸗ thäters handelt, ſehne ich mich mehr als irgend einer der Anweſenden danach, alle näheren Um⸗ ſtände dieſes fürchterlichen, für mich ſo unerwar⸗ teten Ereigniſſes zu erfahren. Der Kronprinz.(Ducormier herzlich die Hand drückend.)— Ich begreife Ihr Verlangen; es iſt muthvoll. Doch Sie werden da eine grau⸗ ſame Prüfung zu ertragen haben, mein armer Graf.(Sich an ſeinen Adjutanten wendend:) Ich bitte, fahren Sie fort, Obriſt Butler. Anatole ſank erſchöpft auf einen Stuhl, der in ſeiner Nähe ſtand, verbarg das Geſicht in beide Hände, und unter der lebhaften Aufregung, wel⸗ che dies Ereigniß hervorgerufen hatte, wurde die Lecture fortgeſetzt. „Um zehn Uhr füllten ſich die Bänke, welche für die Familie der Civilpartei reſervirt waren. Der Herr Herzog von Beaupertuis, der Gemahl des Opfers, trat zuerſt ein. Neben ihm nahmen die Prinzeß von Morſenne, deren Schwiegerſohn er iſt, und die Frau Marquiſe von Beaudricourt Platz, der Herr Herzog und die Frau Hetzogin von Marainval, der Herr Marquis von Valpré, der Herr Marſchall, Prinz von Lugano, ſämmt⸗ lich Verwandte des Herrn Herzogs und der Frau Herzogin von Beaupertuis. „Ein kleines Ereigniß erregte einigen Tu⸗ * mult, der ſich indeß bald legte. Ein Herr von jugendlichem Benehmen, obgleich von einem ge⸗ wiſſen Alter, hatte der Frau Prinzeß von Mor⸗ ſenne, der Mutter des Opfers, den Arm gegeben, und wollte auch in den für die Verwandten be⸗ ſtimmten Raum mit eintreten, als der Huiſſier ihn nach ſeinem Namen fragte. „Wir hörten dieſen Herrn antworten: „Ich bin der Chevalier von Saint⸗Merry. „Verzeihen Sie, mein Herr, ſagte der Huiſ⸗ ſier, indem er ſeine Liſte zu Rathe zog, doch ich ſehe Ihren Namen nicht als Verwandten einge⸗ ſchrieben. „Wenn ich kein Verwandter bin, entgegnete Herr von Saint⸗Merry ſtolz und ungeduldig, ſo bin ich ein vertrauter Freund der Familie Beau⸗ pertuis. „Sie können in dieſe Schranke nicht eintre⸗ ten, mein Herr, erwiderte der Huiſſier, und ich bitte Sie daher, ſich zurückzuziehen. „Der Herr begleitet mich, ſagte hierauf die Prinzeß von Morſenne mit lauter Stimme zu dem Huiſſier. Dann gab ſie dem Chevalier ein Zeichen einzutreten, und ſagte: Kommen Sie! Kommen Sie! „Die Frau Prinzeß, welche die Gebräuche des Tribunals nicht zu kennen ſcheint, ergriff den Arm des Chevaliers und ließ ihn neben ſich nie⸗ — 535— derſetzen. Der Gerichtsdiener wagte nicht, ſich dieſer Verletzung der Form zu widerſetzen, ſei es aus Nachſicht gegen den Wunſch der vornehmen Dame, ſei es aus Achtung für den Schmerz der Mutter des Opfers, und der geringe Lärm, der durch dieſes Ereigniß erregt worden war, legte ſich bald wieder. „Im Mittelpunkte der Schranke für die Ver⸗ wandten des Opfers ſah man einen großen, lee— ren Armſeſſel für die Herzogin von Beaupertuis beſtimmt, wenn ihr Zuſtand, den man als hoff⸗ nungslos ſchildert, es geſtatten ſollte, ſie zu der Verhandlung zu tragen. „Die Advokaten der Civilpartei, die Herren Rouſſeau und Cornuel hatten zu ihren Beiſtänden in dieſer wichtigen Sache zwei junge Collegen ge⸗ wählt, die Herren Dubrnuil und Juſtin. „Die Vertheidiger der erſten Angeklagten und ihrer Mitſchuldigen, die Herren Dumont und Lou⸗ ville(der Erſtere von Amtswegen ernannt), ſaßen auf der Vertheidigungsbank. „Um zehn Uhr wurde der Gerichtshof eröff⸗ net und die Richter nahmen ihre Sitze ein. Die Herren Geſchworenen wurden hierauf eingeführt, und nahmen ihre gewöhnlichen Plätze ein⸗ „Der HerrPräſident.— Ich empfehle das tiefſte Stillſchweigen.— Laſſen Sie die An⸗ geklagten eintreten. „Eine Bewegung allgemeiner Neugier offen⸗ bart ſich in dem Auditorium. Nur mit der größ⸗ ten Mühe können die beiden Angeklagten, geführt von Municipalgardiſten, bis zu der Verbrecher⸗ bank gelangen. „Von allen Seiten hört man rufen: Nieder⸗ ſetzen! Auf die Plätze! Mehrere Damen, welche auf den letzten Bänken ſaßen, waren auf dieſe hinaufgeſtiegen, um die Angeklagten zu ſehen. „Durch die Schleier, welche die Geſichter der beiden Angeklagten zum größten Theile bedeckten, wurde dieſe Erwartung beinahe ganz getäuſcht. Beide hielten den Kopf geſenkt, und der untere Theil ihrer Geſichter wurde durch ihre Taſchen⸗ tücher verborgen. „Die erſte Angeklagte trug einen ziemlich fri⸗ ſchen Hut von weißem Krepp, ein Kleid von ko⸗ rinthenfarbiger Seide und einen blauen Palmen⸗ ſhawl; ihre Gefährtin trug Trauerkleider, welche lange Dienſte verriethen. „Herr Merville, Subſtitut des Herrn Generalprocurators.— In Erwartung der muthmaßlichen langen Dauer der Verhandlungen beantragen wir die Zulaſſung von zwei Erſatz⸗ Geſchworenen und von einem außerordentlichen Gerichtsbeiſitzer. „Der Herr Präſident.(Zu den Advo⸗ katen.)— Widerſpricht dem die Vertheidigung? — 8— „Herr Dumont.— Nein, Herr Prä⸗ ſident. „Der Herr Präſident.— Der Ge⸗ richtshof genehmigt die geſtellten Anträge.— Erſte Angeklagte, erheben Sie ſich. „Die Angeklagte ſtand raſch auf. „Der HerrPräſident.— Welches ſind Ihre Vor⸗ und Zunamen? „Die Angeklagte.(Mit kurzabgeſtoße⸗ nem Tone.)— Joſephine Marie Clermont, ver⸗ ehelichte Fauveau. „Der HerrPräſident.— Ihr Alter? „Die Angeklagte.— Fünfundzwanzig Jahr und zwei Monat. „Der Herr Präſident.— Ihr Ge⸗ burtsort? „Die Angeklagte.— Paris. „Der HerrPräſident.— Ihr Stand? „Die Angeklagte.— Ich handelte mit Handſchuhen und Parfümerieen. „Der Herr Präſident.— Wo wohn⸗ ten Sie bei Ihrer Verhaftung? „Die Angeklagte.— In dem Hotel Morſenne. „Der Herr Präſident.— Setzen Sie „Die Angeklagte Marie Fauveau, deren Züge wir bis dahin noch nicht deutlich zu erkennen ver⸗ —— mochten, antwortete auf alle die vorhergehenden Fragen kurz und abgeſtoßen. Mehrmals lächelte ſie ſpöttiſch, was einen übeln Eindruck auf das Auditorium zu machen ſchien, und beſonders auf die Bänke der Civilpartei. „Die Frau Prinzeß von Morſenne, die Mut⸗ ter des Opfers, führte während des Verhöres der Angeklagten ihr Taſchentuch an ihre Augen. Während der Herr Herzog von Beaupertuis ſeine Augen voll Abſcheu abwendete, ſchien einer ſeiner Verwandten ihm Troſt zuzuſprechen. „Der Herr Präſident.— Zweite An⸗ geklagte, ſtehen Sie auf. „Dieſe Angeklagte war ſo ſchwach, ſo zitternd, daß ſie ſich auf den Arm eines Municipalgardi⸗ ſten ſtützen mußte, um ſich von ihrer Bank zu er⸗ heben; ſie preßte ihr Taſchenbuch an ihre Augen, und man hörte ihr unterdrücktes Schluchſen. „Der Herr Präſident.— Welches ſind Ihre Vor- und Zunamen? „Die Angeklagte antwortete mit ſo ſchwacher Stimme, daß ihre Antwort nicht bis zu dem Tri⸗ bunale gelangte. „Der Herr Präſident.— Trachten Sie verſtändlicher zu ſprechen.— Welches ſind Ihre Vor- und Zunamen? „Die Angeklagte.(Mit unn — Eulalie Clémence Duval. „Der Herr Präſident.— Ihr Alter? „Die Angeklagte.— Einundzwanzig Jahr. „Der Herr Präſident.— Ihr Ge⸗ burtsort? „Die Angeklagte.(Mit immer bebende⸗ rer Stimme.)— Die Stadt Metz. „Der HerrPräſident.— Ihr Stand? „Die Angeklagte, deren Rührung den höchſten Gipfel erreicht hatte, konnte dies Verhör nicht länger ertragen; ſie ſank in einem ſolchen Zu⸗ ſtande der Schwäche auf ihre Bank zurück, daß ihr Advokat ihr flüchtiges Salz zu riechen geben mußte, mit dem er ſich im Voraus verſehen hatte. „Die Verhandlung blieb einige Augenblicke unterbrochen. Die erſte Angeklagte ſchien die lebhafteſte Theilnahme für ihre Gefährtin zu em⸗ pfinden, und bewies ihr die größte Sorgfalt. „Während der Dauer dieſes Ereigniſſes konn⸗ ten die beiden Angeklagten die Vorſicht nicht mehr beobachten, die ſie bis dahin angewandt hatten, ihre Züge der Neugier des Publikums zu entzie⸗ hen, und man ſah ſie nun ganz deutlich. „Die erſte Angeklagte, Marie Fauveau, iſt eine der hübſcheſten Frauen, die man ſehen kann, obgleich ihr Geſicht ſehr blaß und ihre Züge et⸗ was abgemattet waren. Herrliche ſchwarze Haare, in Flechten abgetheilt, umgaben ihre Stirn und ließen die blendende Weiße ihrer Haut hervortre⸗ ten; man konnte bemerken, daß ihre Taille eben ſo ſchlank als elegant war, denn in dem Eifer, mit welchem ſie ſich bemühte, ihrer Mitſchuldigen Beiſtand zu leiſten, fiel ihr der Shawl von den Schultern. Unglücklicherweiſe wird das hübſche Geſicht der Marie Fauveau ſo zu ſagen durch den Blick ihrer großen Augen entſtellt, der zuwei⸗ len etwas Irres hat. Ueberdies giebt eine Art krampfhafter Zuſammenziehung ihres Mundes der Angeklagten einen Ausdruck des Hohnes und der Bosheit, ſelbſt wenn ſie ihrer Mitſchuldigen ihre Sorgfalt zeigt. „Dieſe, die unverehelichte Clémence Duval, hat ungeachtet der übermäßigen Magerkeit ihrer Züge die Spuren einer ausgezeichneten Schönheit bewahrt. Indem man ihre großen, himmelblauen Augen, ihre langen blonden Haare, und den bei⸗ nahe engelgleichen Ausdruck dieſes ſanften und leidenden Geſichtes ſieht, iſt es daher auch pein⸗ lich, ſich der unwiderleglichen Thatſachen, der belaſtenden Vermuthungen zu erinnern, welche kaum daran zu zweifeln geſtatten, daß die ſchöne Clémence Duval eines abſcheulichen Verbrechens ſchuldig und wahrſcheinlich die Mitſchuldige der ſchändlichen Miſſethat ſei, wegen welcher die ver⸗ ehelichte Marie Fauveau vor den Aſſiſen ſteht. „Dank der ihr erwieſenen Sorgfalt. war die —— Clémence Duval nach einigen Augenblicken im Stande, auf die Fragen des Herrn Präſidenten zu antworten. „Die Ruhe wurde hergeſtellt und das Ver⸗ hör fortgeſetzt. „Der Herr Präſident.(Zu der Ange⸗ klagten.)— Ich habe Sie gefragt, welches bei Ihrer Arretirung Ihr Stand war. „Die Angeklagte.— Ich ſuchte von dem Ertrage meiner Arbeit zu leben. „Der Herr Präſident.— Wo wohn⸗ ten Sie bei Ihrer Verhaftung? „Die Angeklagte.— Rue de la Bien⸗ faiſance No. 3. Ich hatte dort ein möblirtes Cabinet. z.„Der Herr Präſident.— Setzen Sie ich. „Die Clémence Duval ſinkt auf ihre Bank zurück und verbirgt das Geſicht in ihr Taſchen⸗ tuch. „Der HerrPräſident.— Ich brauche die Vertheidiger der Angeklagten nicht erſt zu er⸗ mahnen, daß ſie nichts gegen ihr Gewiſſen oder gegen die den Geſetzen gebührende Achtung ſagen dürfen, ſowie daß ſie ſich mit Anſtand und Be⸗ ſcheidenheit auszudrücken haben. „Die beiden Vertheidiger verneigen ſich ach⸗ tungsvoll. = 66— „Der Herr Präſident ſteht auf und entblößt ſein Haupt; der Gerichtshof ahmt ſein Beiſpiel nach, ebenſo die Herren Geſchworenen, denen der Herr Präſident die folgende Formel vorlieſt: „Meine Herren, Sie ſchwören und geloben vor Gott und vor den Menſchen, mit der gewiſ⸗ ſenhafteſten Aufmerkſamkeit die Anklagen zu prü⸗ fen, welche gegen die verehelichte Marie Fauveau und gegen die unverehelichte Clémence Duval vorgebracht werden; weder die Intereſſen der Angeklagten, noch der ſie anklagenden Geſell⸗ ſchaft zu vernachläſſigen; mit Niemand bis zu der Abgabe Ihrer Erklärung zu verkehren, und weder dem Haſſe, noch der Bosheit, noch der Furcht, noch der Zuneigung Gehör zu geben; ſich in Folge der Anklage und der Vertheidigung nach Ihrem Gewiſſen und Ihrer innigſten Ueberzeu⸗ gung, mit der Unparteilichkeit und Feſtigkeit aus⸗ zuſprechen, welche einem freien und rechtlichen Menſchen zukommen. „Nach dieſer Anrede, die mit impoſantem und feierlichem Tone durch den Herrn Präſidenten ge⸗ halten wurde, ſchritt man zu dem namentlichen Aufrufe der Herren Geſchworenen. Einer nach dem andern erhob die Hand und leiſtete den Eid, indem er ſagte:„Ich ſchwöre.“ „Der Herr Präſident.(Zu den An⸗ geklagten.)— Seien Sie aufmerkſam auf die — 3— Anklageacte, die der Greffier Ihnen vorleſen wird.* „Verlängerte Bewegung in dem Saale. „Der Herr Präſident.— Ich empfehle dem Publikum das tiefſte Stillſchweigen, und mache außerdem darauf aufmerkſam, daß jedes Zeichen, ſei es des Beifalls, ſei es der Mißbilli⸗ gung ausdrücklich verboten iſt. Ich würde ge⸗ zwungen ſein, die Perſonen hinausbringen zu laſſen, welche die Ordnung ſtören. „Es tritt vollſtändige Ruhe ein. „Der Greffier lieſt den folgenden Spruch vor: „Der Generalprocuratur bei dem königlichen Gerichtshofe von Paris erklärt, daß nach Be⸗ ſchluß vom vergangenen 8. Juli der Gerichtshof anträgt, vor den Aſſiſenhof der Seine, um da⸗ ſelbſt nach den Geſetzen gerichtet zu werden, zu ſtellen: 1) Joſephine Marie Clermont, verehelichte Fauveau, alt fünfundzwanzig Jahr und zwei Monat, geboren zu Paris, welche das Geſchäft eines Handſchuh- und Parfümerie⸗Handels be⸗ trieben hat. 2) Eulalie Clémence Duval, ledigen Stan⸗ des, alt einundzwanzig Jahr, geboren zu Metz, ohne Geſchäft, und wohnhaft Rue de la Bien⸗ faiſance No. 3. „Erklärt der Herr Generalprocurator, daß aus der Unterſuchung die folgenden, in der An⸗ klageacte enthaltenen Thatſachen hervorgehen.“ XLI. Der Obriſt Butler fuhr in der Lecture des Observateur des Tribuneaux fort: „Der Herr Präſident.— In dem Augenblicke, wo man dem Publikum die Anklage⸗ acte bekannt machen wird, empfehle ich nochmals das tiefſte Stillſchweigen. „Die Aufmerkſamkeit verdoppelte ſich. „Der Greffier begann ſo die Anklageacte: „Gegen Ende des Monats April dieſes Jah⸗ res bedurfte die Frau Herzogin von Beaupertuis einer Kammerfrau an der Stelle der unverehelich⸗ ten Déſirée Buiſſon, welche ihr ſeit vielen Jahren“ diente, und ihren Abſchied verlangte, um in ihre Heimath zurückzukehren. Die Frau Herzogin ſetzte ſo viel Vertrauen in die genannte Deſirée Buiſſon, daß ſie auf deren dringende Empfehlung ihre Milchſchweſter, die Marie Fauveau, in Dienſt nahm. Nachdem dieſe mehrere Jahre lang einen Handel mit Handſchuhen und Parfümerien — 65— betrieben hatte, war ſie in Folge der ſchlechten Geſchäfte ihres Mannes, der ſpäter von Wahn⸗ ſinn befallen wurde, in eine dem Elend nahe Lage gekommen. Sie war niemals Kammerfrau ge⸗ weſen, doch ihre Milchſchweſter bürgte für ihre Moralität, ihre Rechtſchaffenheit und beſonders für ihren Eifer, die Pflichten eines Standes zu erfüllen, der ſie und ihre kleine, zehnjährige Toch⸗ ter der Noth entriß. Frau von Beaupertuis gab dem Mitleid ſowie dem Wunſche nach, ihrer ehe⸗ maligen Kammerfrau, die ſie nur zu loben gehabt hatte, gefällig zu ſein, und nahm die Marie Fau⸗ veau in ihren Dienſt. Die Frau Herzogin war bald ſo zufrieden mit dem Eifer, der Sanftmuth und der Thätigkeit ihrer neuen Kammerfrau, daß der Gehalt derſelben ſchon nach einem Monat verdoppelt wurde, und daß ſie noch außerdem mehrere Geſchenke von ihrer großmüthigen Ge⸗ bieterin erhielt. „Drei Monat nach dem Eintritte der Marie Fauveau in das Hotel Morſenne verſank die Her⸗ zogin von Beaupertuis, die ſich bisher einer vor⸗ trefflichen Geſundheit erfreut hatte, allmählig, und ohne eine bekannte Urſache in eine Art von Mattigkeit, die ſich bald in einen krankhaften, im⸗ mer beunruhigenderen Zuſtand verwandelte. Die erſten Aerzte der Facultät von Paris wurden zu der Frau Herzogin berufen, doch ungeachtet ihrer „ Die Prophezeihung. V. 5 ſeltenen Kenntniſſe vermochten ſie anfangs nicht, irgend eine beſtimmte Urſache für dieſe ſonderbare Krankheit aufzufinden, deren häufigſte Symptome folgende waren: „Tiefe Niedergeſchlagenheit, beinahe gar kein Puls, häufige Ohnmachten, Ekel vor allen Spei⸗ ſen, außerordentliche nervöſe Reizbarkeit, unbe⸗ dingtes Bedürfniß der Dunkelheit und des Schweigens, Gefühl der Kälte in den Extremi⸗ täten, beinahe fortwährende Schlafſucht, oft ge⸗ trübt durch auffallende Träume, übrigens ohne alle ſchmerzhafte Aeußerungen. Das Geſicht iſt von matter Weiße, wie die des Wachſes; die Augen, in fieberhaftem Glanze funkelnd, ſind in ihre Höhlen geſunken; die Magerkeit nimmt von Tag zu Tage zu; der Durſt iſt unlöſchbar. So oft die Kranke aus ihrem Zuſtande der Betäu⸗ bung erwacht, iſt ihr Geiſt vollkommen frei, ihre Gedanken ſind klar, ihre Sprache richtig und be⸗ ſtimmt. „So vergingen ſechs Wochen. Ungeachtet der Sorgfalt der Aerzte verſchlimmerte ſich der Zuſtand der Frau Herzogin, und das Vertrauen, welches ſie für Marie Fauveau empfand, ſchien ſich durch die aufmerkſame Pflege derſelben zu vergrößern. Die Frau Herzogin wollte, ſo zu ſagen, nichts nehmen, als aus den Händen ihrer — Kammerfrau, deren Eifer und Anhänglichkeit mit jedem Tage zu wachſen ſchienen. „Die Frau Prinzeß von Morſenne, Mutter der Frau Herzogin, ſo wie ihr Gemahl, der Her⸗ zog von Beaupertuis, wurden allein bei der Kran⸗ ken zugelaſſen. Der Herr Herzog, der zuweilen mit einer wahrhaft religiöſen Ergebenheit bei ihr wachte, umgab ſie mit der zärtlichſten Sorgfalt, ſo daß er beinahe gezwungen war, der Frau Herzogin ſeine Pflege aufzudringen und ihren Bitten zu widerſtehen, denn ſie fürchtete, daß die Geſundheit des Herrn Herzogs durch die vie⸗ len Nachtwachen leiden möchte. „Dieſe ſonderbare, unerklärliche Krankheit verſchlimmerte ſich immer mehr, und verurſachte wachſende Beſorgniſſe in dem erlauchten Hauſe, welches bis dahin der Sitz der reinen und heili⸗ gen Freuden geweſen war, die man nur bei der Ausübung der Familientugenden findet. „In einer Nacht wachte der Herr Herzog mit ſeinem gewohnten Eifer an dem Lager der Frau Herzogin; dieſe war betäubt; Marie Fau⸗ veau hatte die ganze vorhergehende Nacht bei ih⸗ rer Gebieterin zugebracht, und war, ohne Zweifel der Erſchöpfung nachgebend, auf einem Stuhle feſt eingeſchlafen. Ihr Schlaf ſchien unruhig zu ſein; einige unzuſammenhängende Worte ent⸗ ſchlüpften ihren Lippen. Der Herr Herzog, be⸗ 5* —— ſchäftigt mit den ſchmerzlichen Gedanken, welche der Zuſtand ſeiner Gemahlin in ihm hervorrief, achtete anfangs nicht auf die unzuſammenhängen⸗ den Ausrufungen der Marie Fauveau, doch bald hörte er ſie mit erſtickter Stimme und wachſender Unruhe die folgenden Worte ausſtoßen: „Das Blutgerüſt iſt mein Loos. Ich werde es beſteigen! „Bei dieſen Worten wurde die Vorleſung der Anklageacte durch eine längere Unruhe unter⸗ brochen. „Der Herr Präſident.— Ich rufe das Publikum zum Schweigen zurück. fort: „Der Herr Herzog, welcher durch dieſe, der Marie Fauveau im Schlafe entſchlüpften Worte überraſcht, beinahe entſetzt wurde, horchte ängſt⸗ lich, und bald entrangen ſich die folgenden Worte der gepreßten Bruſt der Angeklagten: „Meine Rache— die Herzogin— meine Rache— Ich, bei ihr— „Neue Bewegung, gemiſcht mit Murren und Unwillen in dem Auditorium. Die Angeklagte ließ einen theilnahmloſen Blick umherſchweifen, zuckte die Achſeln, und das ihr eigene ſarkaſtiſche Lächeln zog ihre Vppen noch ſichtlicher zuſammen. Die Art von Herausforderung, welche Marie „Der Greffier fuhr mit folgenden Worten 35 Fauveau dem Unwillen des Publikums zuwarf, erweckte heftiges Murren, doch auf die Stimme des Herrn Präſidenten wurde die Stille wieder hergeſtellt, und der Greffier fuhr fort: „Auf die ſchrecklichen, Marie Fauveau ent⸗ ſchlüpften Worte:„Das Blutgerüſt iſt mein Loos. Ich werde es beſteigen“,— und dann: „Meine Rache!— Ich bei ihr!“— wurde der Herr Herzog von Beaupertuis zuerſt von Stau⸗ nen ergriffen; er lauſchte noch länger, doch die folgenden Worte der Marie Fauveau wurden ganz unverſtändlich. Plötzlich ſtieg ein furcht⸗ barer Verdacht in dem Herrn Herzoge auf; er dachte an die unerklärliche Krankheit der Frau Herzogin; die Erinnerung an einen neueren und nur allzu berüchtigten Vergiftungsprozeß kam ihm plötzlich in den Sinn. Mehr geleitet durch den Inſtinct als durch die Ueberlegung, ſtand er leiſe auf, benutzte den tiefen Schlaf, in welchen Marie Fauveau verſunken war, nahm ein Licht und be⸗ gab ſich in ein großes Cabinet, welches an die Zimmer der Frau Herzogin ſtieß und zum Schlaf⸗ gemach der Marie Fauveau diente. Hier überließ ſich der Herr Herzog ſorgfältigen Nachſuchungen, und fand endlich im Hintergrunde einer Kom⸗ mode, hinter Taſchentüchern verborgen, ein klei⸗ nes, länglich⸗rundes Kryſtalffläſchchen, welches halb mit einem weißen Pulver angefüllt war, das ſpäter für eines der feinſten und gefährlich⸗ ſten Gifte erkannt wurde, nämlich für eſſigſaures Salz⸗Alkali, Werghine⸗Salz genannt. „Ausbruch von Murren des Unwillens und eues in dem Auditorium; die Angeklagte ſteht haſtig von ihrer Bank auf, macht eine hef⸗ tige Bewegung der Verneinung und ſcheint ſpre⸗ chen zu wollen. „DerHerr Präſident.(Sehr ſtrenge.) — Angeklagte, ſetzen Sie ſich; Sie müſſen die Anklageaecte ſchweigend anhören. „Marie Fauveau ſtößt ein ſpöttiſches Ge⸗ lächter aus, ſetzt ſich wieder und ſpricht leiſe mit ihrer Mitſchuldigen, die vernichtet zu ſein ſcheint. Ein neuer und noch heftigerer Ausbruch des Murrens folgt auf das verwegene Lachen der Marie Fauveau, und die Sitzung wird in Folge dieſes Ereigniſſes für einen Augenblick unter⸗ brochen. XLII. „Als die Ruhe auf die wiederholten Ermah⸗ nungen des Herrn Präſidenten in der Verſamm⸗ lung endlich wieder hergeſtellt war, fuhr der Greffier ſo in der Anklageacte fort: 7¹ „Bei der Entdeckung dieſes Giftes bei der Kammerfrau der Frau Herzogin wurde der Herr Herzog von Beaupertuis von Entſetzen ergriffen. Anfangs wußte er nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte, bald jedoch kehrte ſeine Kaltblütigkeitzu⸗ rück; er legte das Flacon wieder an die Stelle, wo er es gefunden hatte, eilte zu ſeinem Kam⸗ merdiener, der zum Gluck in der Nähe ſchlief, und ſchickte dieſen Diener augenblighlich ab, den Herren Polizeicommiſſär zu holen? Herr von Beaupertuis kehrte hierauf zu der Frau Herzogin zurück, die noch immer in ihrer Betäubung lag, während auch der Schlaf der Marie Fauveau fortdauerte. Die erſten Blicke des Herrn Herzogs ſielen auf eine Theekanne von Porzellan, die mit einem vielleicht ebenfalls vergifteten Getränk an⸗ gefüllt war, denn Marie Fauveau hatte es berei⸗ tet und auf einen kleinen Tiſch geſtellt, neben dem ſie eingeſchlafen war. „Der Herr Herzog zögerte. Sollte er Marie Fauveau augenblicklich ihres abſcheulichen Ver⸗ brechens überführen oder die Ankunft des Beam⸗ ten abwarten? Er beſtimmte ſich für den letztern Entſchluß. Bald darauf fuhr Marie Fauveau aus dem Schlafe empor, entſchuldigte ſich bei dem Herrn Herzoge, daß ſie ſich von dem Schlafe überwältigen laſſen, und ſo die Stunde verſäumt hatte, zu der ſie der Frau Herzogin ihren gewöhn⸗ lichen Trunk bieten mußte. Marie Fauveau traf Anſtalt, ihrer noch immer betäubten Gebieterin das Geiränt zu reichen. „Warten Sie noch einen Augenblick, ſagte der Herr Herzog, indem es ihm gelang, ſeinen Abſcheu zu bezwingen. Beinahe in demſel ben Augenblicke klopfte der Kammerdiener nach den von ſeinem Herrn empfangenen Befehle n, öff⸗ nete die Thür zur Hälfte und ſagte, langte Perſon da ſei. Der Herr H i Herrn Polizeicommiſſär einireten un ihm, um nicht ſogleich den Verdacht Faubeau zu erwecken:„Herr Doctor, meine Frau ſchläft, doch ich habe einige Rachſchläge von Ihnen zu erbitten.“— Hierauf ſich an Ma⸗ rie Fauveau wendend, fügte er hinzu:„Sie ha⸗ ben das Getränk in der Theekanne bereitet?“— „Ja, gnädiger Herr!“—„Wie oft haben Sie dieſe Nacht der Frau Herzogin davon zu trinken gegeben?“—„Drei Mal, gnädiger Herr.“— „Sie ſelbſt, Sie allein?“—„Ja, gnädiger Herr, denn die Frau Herzogin liebt es, daß nur ich allein ihr zu trinken gebe.“—„Herr Doctor, fügte der Herr Herzog hinzu, haben Sie die Gute, dieſe Theekanne zu nehmen, und mich zu begleiten. Kommen Sie auch mit, Madame Fauveau.“ „Als der Herr Herzog, der Beamte unb Marie Fauveau das Zimmer betreten hatten, welches die Letztere bewohnte, gab der Herr Herzog end⸗ lich dem Abſcheu nach, den er ſo lange und mit ſolcher Mühe bezwungen hatte. „Das unterdrückte Schluchſen des Herrn Herzogs von Beaupertuis unterbrach bei dieſer Stelle den Greffier, und machte einen ſchmerz⸗ haften Eindruck auf das Auditorium. Der Herr Herzog verbarg ſein in Thränen gebadetes Ge⸗ ſicht in ſeinem Taſchentuche. Die Frau Prinzeß von Morſenne und die andern Mitglieder der Familie umgaben den Herrn Herzog von Beau⸗ pertuis, deſſen Aufregung ſo groß war, daß er für einen Augenblick, geſtützt auf den Arm zweier Verwandten, die Sitzung verlaſſen mußte. Die Ruhe ſtellte ſich wieder her, und der Greffier fuhr ſo in ſeiner Vorlefung der Anklageacte fort: „Der Herr Herzog von Beaupertuis gab endlich dem Abſcheu nach, den er ſo lange und ſo ſchmerzlich unterdrückt hatte, theilte mit leiſer Stimme dem Beamten ſeinen Verdacht mit, und bat ihn, die mit dem Getränk angefüllte Thee⸗ kanne als Beweisſtück zu bewahren, und augen⸗ blicklich in dem Zimmer der Marie Fauveau Durchſuchung zu halten. „Zwei Sicherheitswächter, welche der Herr Polizeicommiſſär mitgebracht hatte, wurden über eine Seitentreppe in das Zimmer der Marie Fau⸗ —— veau eingelaſſen, um dieſe im Nothfall zu zwin⸗ gen; und in ſeiner eigenen Gegenwart begannen dann die Nachſuchungen. Das Fläſchchen mit Gift wurde an der von dem Herrn Herzoge be⸗ zeichneten Stelle gefunden, und als man Marie Fauveau, welche ſich ſehr überraſcht ſtellte, fragte, wie dieſes Flacon in ihren Beſitz gekommen wäre, behauptete ſie, nichts davon zu wiſſen, und als man ſie fragte, wer es dahin gelegt haben ſollte, wo nicht ſie ſelbſt, antwortete ſie, daß ſie ver⸗ ſichern könnte, es nicht hingelegt zu haben. Das Flacon und die Theekanne wurde hierauf ſogleich verſiegelt, und dann die Nachſuchungen fortge⸗ ſetzt, wobei man fand: 1) Ein Kinderporträt, welches Marie Fau⸗ veau als das ihrer Tochter bezeichnete. 2) Ein Medaillon, welches ſchwarze und blonde Haare enthielt, welche nach der Ausſage der Marie Fauveau von ihrem Manne und ihrer Tochter waren. 3) Mehrere Briefe, welche in keinem Zuſam⸗ menhange mit der Unterſuchung zu ſtehen ſchienen. 4) Ein Billet von der größten Wichtigkeit, da es eine flagrante Mitſchuld an dem Verbre⸗ chen darzuthun ſcheint, deſſen Marie Fauveau angeklagt iſt. Dieſes Billet, welches ihr durch die Poſt zukam, wie der Stempel beweiſt, lautet: Welch ein ſonderbarer und trauriger Zu⸗ fall hat Sie ſo in das Haus derer geführt, die all Ihr ünglück veranlaßt haben. Ich beſitze nicht Ihre Seelenſtärke; Ihre Pläne erſchrek⸗ ken mich Ihretwegen; doch zählen Sie ſtets auf meine Verſchwiegenheit, denn dieſe Rache gehört zu denen, die ich begreife. Wenn Sie mir ſchreiben wollen, ſo heben Sie meine Adreſſe auf; ich wohne Rue de la Bienfaiſance, No. 3. „Ueber die Bedeutung dieſes Billets befragt, welches der Anklage ein niederſchmetterndes Ge⸗ wicht verlieh, antwortete Marie Fauveau, welche in eine Art von Betäubung verſunken zu ſein ſchien, daß ſie ſich den Sinn dieſes Billets nicht zu erklären wüßte, daß ſie nicht begriffe, weshalb man ſie ſo befragte, und daß ſie ſogleich zu der Frau Herzogin zurückzukehren verlangte, um ih⸗ ren Dienſt zu verſehen. „Durch eine ſo abſcheuliche Verſtellung auf das Aeußerſte gebracht, vermochte der Herr Her⸗ zog von Beaupertuis ſeinen Zorn und ſeine Thrä⸗ nen nicht länger zurückzuhalten, und rief aus: „Unglückſelige! Zu meiner Gemahlin zu⸗ rückkehren, um ſie vollends zu vergiften, nicht wahr? — 6— „Dann verließ er das Zimmer, indem er den Beamten aufforderte, ſeine Pflicht zu thun. „Als die Durchſuchung beendigt war, ver⸗ kündete der Herr Polizeicommiſſär der Marie Fauveau, daß er ſie im Namen des Geſetzes ver⸗ hafte und daß ſie ihm zu folgen habe. Ungeachtet der fürchterlichen Anklage, die der Herr Herzog gegen ſie ausgeſprochen hatte, ſtellte ſie ſich, als begriffe ſie ihre Lage nicht, und fragte unver⸗ ſchämt, mit welchem Rechte man ſie verhafte, und wohin man ſie führen wolle. Ueber ſo viel Ver⸗ wegenheit empört antwortete der Beamte: „Man wird Sie dahin bringen, wohin man die Giftmiſcherinnen zu bringen pflegt. „Auf dieſe Worte war Marie Fauveau wie verſteinert; dann rief ſie aus, indem ſie eine vor⸗ übergehende Geiſteszerrüttung erheuchelte, was ſie auch ſpäter wiederholte: Die Giftmiſcherinnen, die bringt man auf das Blutgerüſt, nicht wahr? „Ja, entgegnete der Beamte, wenn ihr Ver⸗ brechen erwieſen iſt. „Marie Fauveau brach in ein höhniſches Lachen aus, und ſagte: „Das iſt— das Blutgerüſt— es war mein Loos. „Tiefe Senſation in dem Auditorium! „In dieſem Augenblicke verfiel die Angeklagte in einen ſo heftigen Nervenanfall, daß die beiden Sicherheitsdiener ſie in einen Fiacker tragen muß⸗ ten, der ſie nach der Polizeipräfectur fuhr, wo ſie in das Regiſter der Gefangenen eingetragen wurde. „Nachdem der Herr Polizeicommiſſär die bei⸗ den Thüren des Zimmers verſiegelt hatte, welches Marie Fauveau in dem Hotel Morſenne be⸗ wohnte, begab er ſich augenblicklich mit andern Dienern nach der Rue de ka Bienfäiſance No. 3, um zu verſuchen, dort den Schreiber des Billets zu entdecken, welches mit den Anfangsbuchſtaben C. D. unterzeichnet war. „Es mochte ungefähr vier Uhr Morgens ſein, als der Herr Polizeicommiſſär dort erſchien. Das Haus ſah erbärmlich aus. Nachdem der Herr Commiſſär ſich zu erkennen gegeben hatte, forderte er die Hauswirthin, welche möblirte Zimmer ver⸗ miethete, auf, ihm ihr Verzeichniß der Einwoh⸗ ner vorzulegen. Er erſah daraus, daß unter den Miethern zwei waren, deren Namen mit D. an⸗ fing. Der Eine, Namens Dermont, gab ſich für einen Beamten, augenblicklich ohne Anſtellung, aus; der Andere, die Frau Duval genannt, ſtillte ein kleines Kind, und befand ſich nach der Aus⸗ ſage der Wirthin in einer ſo elenden Lage, daß aus Mangel an hinreichender Nahrung ihre Milch ſeit einiger Zeit verſiegt war, und ſie am nächſten —— Tage aus dem von ihr bewohnten Cabinet ge⸗ worfen werden ſollte, weil die Wirthin den für zwei Monate rückſtändigen Miethzins nicht er⸗ halten konnte. „Peinlicher Eindruck bei dem Auditorium. Alle Blicke richten ſich voll Theilnahme auf die zweite Angeklagte, welche mit ihrem Taſchentuche ihre Züge der allgemeinen Neugier zu entziehen ucht. „Der Greffier fährt ſo fort: „Darüber befragt, ob die beiden Miether, deren Namen mit einem D. anfingen, ſich im Hauſe befänden, deſſen Ausgänge die Polizei⸗ diener beſetzt hielten, antwortete die Wirthin, Herr Dermont ſei dieſe Nacht nicht nach Hauſe gekommen, die Frau Duval aber ſei am Abend zuvor einen Augenblick ausgegangen, um aus WMitleid von einer Fruchthändlerin, die in dem⸗ ſelben Hauſe wohne, ein wenig Milch und etwas Brennmaterial zu erhalten, damit ihr Kind zu nähren, daß vor Hunger und Kälte ſtarb. Die Fruchthändlerin hätte der Frau Duval dies Al⸗ moſen gegeben, dieſe ſei wieder nach ihrem Cabi⸗ net hinaufgeſtiegen, und ſeitdem nicht mehr aus⸗ gegangen. „Ueber die Gewohnheiten des Dermont und der Duval befragt, antwortete die Wirthin, der erſte komme zu unpaſſenden Stunden und oft betrunken nach Hauſe, doch er bezahle regelmäßig ſeine vierzehntägige Miethe. Was die Frau Du⸗ val beträfe, die zuerſt beinahe jeden Tag ausge⸗ gangen wäre, um ihr Kind ſpazieren zu tragen, ſo verließe ſie ſeit einigen Wochen das Haus nicht mehr, da ihre Kleider zerriſſen und ihr Kind krank wären; übrigens ſaͤhe ſie Niemand bei ſich, ſchiene von ſanftem, ruhigem Charakter zu ſein, und hätte ſie, die Wirthin, gebeten, ihr einige Näharbeit zu verſchaffen, da ſie, wie ſie ſagte, keine andere Hülfsquelle mehr hätte, ſich und ihr Kind zu ernähren. Die Wirthin hatte ihres gu⸗ ten Willens ungeachtet der Frau Duval ſeit eini⸗ ger Zeit keine Arbeit verſchaffen können, und als ſie ſie den Tag vorher nahe daran geſehen, der Erſchöpfung zu erliegen, ihr für ſich und ihr klei⸗ 5 nes Kind eine Schaale Suppe gebracht. „Befragt, ob die Frau Duval in irgend ei⸗ nem Verkehr mit einer Perſon ſtehe, die in der Rue de Varennes, in dem Hotel Morſenne wohne, antwortete die Wirthin, daß ſie es nicht wiſſe. „Nachdem der Beamte gefragt hatte, in wel⸗ chem Stockwerke die Frau Duval wohne, und die Wirthin ihm antwortete, im fünften, die zweite Thür links, in einer Art von Gang, der durch das Schaalwerk des Bodens gebildet würde, — 80— begab ſich der Herr Commiſſär, begleitet von ſeinen Leuten, nach dem Gemach der Frau Duval „In dieſem Augenblicke wurde die Vorleſung der Anklageacte durch ein neues Ereigniß unter⸗ brochen. Die angeklagte Clémence Duval fiel, leichenblaß und außer ſich, vor ihrer Bank auf die Kniee nieder, und rief mit unterbrochenem Schluchſen, indem ſie die Hände flehend gegen das Tribunal erhob: „Gnade! Gnade, für ſo viel Schmach! Ach, um meines Vaters Namen willen, leſen Sie nicht weiter, vollenden Sie nicht! „Es iſt unmöglich, den Eindruck zu ſchildern, rzzerreißende Ton und die flehende Hal⸗ tung der zweiten Angeklagten hervorbrachten, de⸗ ren entſtellte Züge die grenzenloſeſte Verzweiflung rriethen. Mit großer Mühe machte ihr Ver⸗ eidiger ihr begreiflich, daß die Anklageacte bis u Ende geleſen werden müßte. Marie Fauveau bemühte ſich ebenfalls, die Angeklagte zu beruhi⸗ gen, welche jetzt mit einer heftigen Bewegung ihr Geſicht an dem Buſen ihrer Mitſchuldigen ver⸗ barg, um dadurch einen Schutz gegen die Blicke des Auditoriums zu finden, indem ſie mit erlö⸗ ſchender Stimme flüſterte: „Ach, laſſen Sie mich aus Barmherzigkeit ſo liegen, damit man mich nicht ſieht. „Die Rührung hatte den höchſten Gipfel ſier ein Zeichen, und dieſer fuhr in de erreicht; mehrere Damen führten ihre Taſchen⸗ tücher zu den Augen; einer der Munizipalgardi⸗ ſten, der für einen Augenblick ſeinen Platz zwi⸗ ſchen den beiden Angeklagten verlaſſen hatte, wollte ſie von einander trennen, um ſeinen ihm angewieſenen Poſten wieder einzunehmen, doch der Herr Präſident ſagte zu ihm mit einem Aus⸗ drucke des Mitleids, welcher in dem Auditorium zahlreiche Echos fand: „Laſſen Sie ſie! Laſſen Sie ſie! „Als dieſe neue Aufregung ſich gelegt hatte, ſagte der Hetr Präſident, ſich an das Auditorium wendend: 6 „So lebhaft auch die kums ſei, fordere ich es denn druck deſſelben zu unterdrücke Schweigen zu beobachten. „Der Herr Präſident gab hi der Anklageacte fort wie folgt: „Als der Herr Commiſſär zu der Thür der Frau Duval gelangt war, klopfte er mehrmals an, ohne eine Antwort zu erhalten; er ſah ſich dahet gezwungen, einen Schloſſer holen zu laſſen, der das Schloß öffnete. „Ein ſtarker Kohlendunſt drang plötzlich aus dem Cabinet, und ein abſcheuliches Schauſpiel Die Prophezeihung. VI. 6 — 38— bot ſich den Augen des Herrn Commiſſärs, wel⸗ cher ſo Zeuge eines neuen Verbrechens wurde. „Die Frau Duval, welche in einer ſo tiefen Ohnmacht lag, daß man ſie anfangs für todt hielt, war kaum mit einigen Lumpen bekleidet, und lag auf einem elenden Bett, den Leichnam eines Kindes von acht bis neun Monaten feſt in ihre Arme gepreßt. Ein halb ausgebranntes Kohlenbecken, ſo wie die ſorgfältige Verſtopfung aller Ritzen des Fenſters ließen keinen Zweifel über das hier verübte Verbrechen zu: Eine gott⸗ loſe und unnatürliche Mutter, nicht zufrieden, eſetz zu verletzen, indem ſie ihr ſtete, hatte die kalte Grauſam⸗ noch ihr Kind zu tödten! Denn bſtm durch dieſes unſchuldige Ge⸗ theilen laſſen, hieß das nicht, es ermorden? „Bewegung des Abſcheus in dem Audito⸗ rium; alle Blicke richten ſich auf Clémence Du⸗ val, welche noch immer ihr Geſicht an dem Bu⸗ ſen ihrer Mitſchuldigen verborgen hält, und nur mit großer Mühe ihr krampfhaftes Schluchſen unterdrückt. „Die erſte Sorge des Beamten, als er er⸗ kannte, daß die Frau Duval noch athmete— fuhr der Greffier fort— war, einen Arzt holen zu laſſen, um ſich zu überzeugen, ob keine Hoff⸗ nung bleibe, ſie zu retten. Das ungluckliche Kind —-— hatte aufgehört zu leben, doch Dank der Sorg⸗ falt des Arztes kehrte die Frau Duval allmählig zu dem Leben zurück, während der Herr Commiſ⸗ ſär eine Durchſuchung des Cabinets anſtellte. „Dieſe Nachſuchungen führten zu keinem an⸗ dern Reſultate, als zu der Entdeckung mehrerer Packete Briefe ohne Unterſchrift, von denen ſpäter die Rede ſein wird, ſo wie die grenzenloſeſte Noth der Frau Duval darzuthun, die wir von jetzt an die unverehelichte Duval nennen werden, da es ſich bald durch die Unterſuchung, ſo wie durch mehrere der vorgefundenen Briefe herausſtellte, daß die Angeklagte nicht verheirathet und das un⸗ glückliche Kind die Frucht der ſchmachvollen Ver⸗ bindung mit dem Schreiber der obenerwähnten Briefe war, ein Betragen, das von Seiten der Angeklagten um ſo bedauernswerther iſt, da ſie im Schooße einer der achtungswertheſten Familien erzogen wurde. Ihr Vater, der Artillerieobriſt Duval, hat ſich einen der glorreichſten Namen in unſerer tapfern aftikaniſchen Armee erworben, (Verlängerte Bewegung.) Man hatte ihn nach einem heldenmüthigen Kampfe für todt gehalten; er war nur gefangen von einem nomadiſchen Stamme, der ihn mit ſich herumſchleppte. Man verhandelte vor etwa füͤnfzehn Monaten über ſeine Auswechſelung, als die Unterhandlungen plötz⸗ lich durch einen Wiederausbruch der Feindſelig⸗ 6* —— keiten von Seiten der Kabylen unterbrochen wur⸗ den, und ſo iſt man jetzt in Ungewißheit über das Schickſal des Obriſten Duval. „Bei ſeiner Durchſuchung fand der Herr Commiſſär einen verſiegelten Brief, der auf einem Tiſche lag. Dieſer Brief war adreſſirt an Ma⸗ dame Fauveau, Hotel Morſenne, Rue de Va⸗ rennes, und enthielt auf dem Couvert die Worte: Augenblicklich zu überſenden. „Es blieb alſo kein Zweifel über die Identi⸗ tät der Clémence Duval und der Schreiberin der mit C. D. unterzeichneten Zeilen, welche bei der Frau Fauveau gefunden worden waren. So er⸗ hielt man einen neuen Beweis der Verbindung, welche zwiſchen den beiden Angeklagten Statt fand. „Der Brief der unverehelichten Duval lau⸗ tete „Lebewohl Ihnen, die Sie mir bei unſerem gemeinſchaftlichen Unglück Theilnahme gezeigt haben! „Ich ſterbe, beſiegt durch das Elend, durch den Mangel an Arbeit, durch die Schaam vor dem Betteln und durch den Anblick der grauſamen Leiden meines kleinen Mädchens. „Seit länger als einem Monat lebe ich ohne Feuer und Scht; dieſe langen Stunden der To⸗ desqual, in Finſterniß und Schlafloſigkeit zuge⸗ bracht, ſind entſetzlich; ſeit zwei Tagen haben weder mein Kind noch ich etwas gegeſſen; ſchon ſeit langer Zeit haben der Kummer und die här⸗ teſten Entbehrungen meine Bruſt ausgetrocknet, und ebenfalls ſeit langer Zeit habe ich mein letz⸗ tes Kleid, mein letztes Hemd auf das Verſatzamt gebracht. Ich kann nicht länger die Schande er⸗ tragen, das Mitleid meiner Nachbarn zu ermü⸗ den, die beinahe eben ſo elend ſind, wie ich, die aber haben, was mir mangelt: Die Gewohnheit der Noth. „Um mir Kohlen zu verſchaffen, ohne Ver⸗ dacht zu erregen, habe ich dieſen Abend zu einer Fruchthändlerin, die im Hauſe wohnt, geſagt— und ich log dabei nicht— daß mein Kind vor Hunger und Kälte ſtürbe, und daß ſie es retten würde, wenn ſie mir ein wenig Kohlen und Milch ſchenkte. Ich habe erhalten, was ich brauchte. „Mit Anbruch der Nacht bin ich zurückge⸗ kehrt. Mein armes kleines Mädchen, deſſen Hunger ich bisher dadurch zu täuſchen ſuchte, daß ich ſeinen Lippen einen mit Waſſer angefeuch⸗ teten Lappen näherte, hat die Milch mit wahrer Gier getrunken. Die Schmerzensſeufzer, welche das Bedürfniß der Nahrung der Kleinen erpreßt hatte, verſtummten für einen Augenblick; ſie lächelte mir zu, indem ſie mir ihre zarten, ab⸗ gemagerten Aermchen entgegenſtreckte, die vor Froſt zitterten, und die ich ſo oft vergebens durch meinen Hauch zu erwärmen verſucht hatte. „Indem ich meine kleine Tochter mir zu⸗ lächeln und einen Augenblick zu dem Leben zurück⸗ kehren ſah, zögerte ich, ſie mit mir ſterben zu machen. So blaß und erſchöpft ſie auch war, kam ſie mir doch noch ſo ſchön vor! Allein ich ſagte mir: Sie wird einſt ſchön, arm und ver⸗ laſſen ſein, und es iſt daher beſſer, daß ſie jetzt an dem Buſen ihrer Mutter ſtirbt, als einſt, wie ich, vor Elend, Schande und Kummer! Arm und eine Waiſe würde ihr Loos eben ſo elend ſein, wie das meinige. Und gleichwohl hatte ich einen Vater und eine Mutter, die ich anbetete. Meine Erziehung war glänzend; ich lebte immer, wenn auch nicht in Lurus, doch im Wohlſtande; mein Herz war gut, meine Seele rein. Sie wiſ⸗ ſen es, Marie, mein einziges Verbrechen war, daß ich an die Heiligkeit eines Eides glaubte, der an dem Lager meiner ſterbenden Mutter geſchwo⸗ ren wurde, als ihre ſchon erkaltenden Finger die Hand deſſen, den ich ſo ſehr geliebt habe, in die meinige legten.— Mein einziges Verbrechen war, zu glauben, daß ich von jenem Augenblicke an vor Gott und vor den Menſchen ihm angehöre; mein Vertrauen auf ſeine Ehre war mein Ver⸗ derben. Gott möge ihm verzeihen! — — — „Und ich ſollte denſelben Leiden, wie die meinigen, mein Kind ausgeſetzt laſſen, eine Waiſe, arm, ohne Schutz, dem öffentlichen oder Privat⸗ mitleid überwieſen? Nein, nein, wir werden Beide dieſe Welt verlaſſen, die das arme, theure kleine Geſchöpf nicht anders kennt, als durch die Leiden, die es ſeit ſeiner Geburt zu erdulden hatte. Nein, nein, dieſe Welt ſoll nicht aus ihr ein neues Opfer machen. Ich will es nicht! Ich will es nicht! Sie iſt ſchon allzu unglücklich geweſen! „Die Nacht bricht an; ich ſehe kaum noch genug, um dieſen Brief zu beendigen.— Sie haben auch eine Tochter, die Sie anbeten, Marie; Sie haben auch viel gelitten: Sie werden mei⸗ nen Entſchluß begreifen! „Eine letzte Gnade noch! Ich kenne Ihren Muth und Ihre Ergebenheit! Es wäre mir peinlich, mit dem Gedanken zu ſterben, daß mein Körper und der meiner kleinen Tochter roh durch fremde Hände in die Gruft verſenkt werden ſoll⸗ ten. Indem ich Sie bitte, bei uns eine traurige und letzte Pflicht zu erfüllen, ſterbe ich weniger unglücklich, denn ich bin überzeugt, daß Sie mir die Erfüllung dieſer Bitte nicht verweigern werden. 5 „Die Nacht bricht vollends herein. Leben ewohl; zum letzten Male, leben Sie wohl! Dieſer Brief wird Ihnen überbracht werden, ſo⸗ bald man meine Kammer betritt. „Beten Sie für mich und für mein Kind! 3. Clémence Duval. „Der Vorleſung dieſes Briefes folgten zahl⸗ reiche Zeichen der Ruͤhrung; viele Damen führ⸗ ten ihre Taſchentücher zu den Augen; die erſte Angeklagte ſagte leiſe einige Worte zu ihrer Mit⸗ ſchuldigen, und ſchien ihr den allgemeinen Ein⸗ druck mitzutheilen, den dieſer Brief hervorbrachte. 1 Doch Clémence Duval war in eine ſolche Nieder⸗ geſchlagenheit verſunken, daß ſie die Worte der Marie Fauveau kaum hörte.“ Ende des ſechſten Bändchens. Druck von Otto Wigand in Leipzig. —* 5 5———— —— 58 g[4 venne — 8 5