——————* Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Eduard Ottmann in Gießen, f Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. S S — — eih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I f . jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 5 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1M 50 Pf. 2 Mk. f „ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 16 Areuereil⸗ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N—— ———— —— Eugen Sue's 1 ſämmtliche Werke. 262. Theil. Die Prophezeihung. Fünftes Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wiganb., Von Eugen Sue. Fünftes Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand⸗ XXXIV. Hieronimus Bonaquet und deſſen Frau hatten mit ſchmerzlicher Aufmerkſamkeit den Bericht Jo⸗ ſeph Fauveaus angehört, und nur von Zeit zu Zeit einige Blicke des Einverſtändniſſes und Mit⸗ gefühls gewechſelt. Ueberzeugt, daß ſchnell gehandelt werden müſſe, ſagte der Doctor Bonaquet zu Joſeph, der noch immer in dumpfe Traurigkeit verſunfen war: — Muth, mein Freund! — Muth! wiederholte Joſeph, indem er ſeine Thränen trocknete und den Doctor mit finſterem Lächeln anſah. Schon ſeit langer Zeit hat der viehiſche Zuſtand, in den ich mich ſtürzte, mich feig gemacht; ſeit langer Zeit hätte ich den Prinzen, der die Urſache meines Unglücks iſt, umbringen ſollen. Der Muth fehlte mir dazu. Ich fand es bequemer, Anatole mich rächen zu Sfh Ich hatte nur Muth„um meine Frau zu quälen, ſo viel ich konnte. Nach einem Augenblick der Ueberlegung nahm Bonaquet das Wort. — Joſeph, die Minuten ſind koſtbar. Es iſt ſieben Uhr Abends.— Antworte ſchnell auf ei⸗ nige unerläßliche Fragen. — Wie, Du hoffſt? — Ob ich hoffe! Mein armer Joſeph, Du ſpotteſt üͤber mich. Ob ich hoffe? Ei, ich bin über⸗ zeugt, daß Du morgen zu den Füßen Deiner Ma⸗ rie, dieſes Engels der Ergebung, der Tugend, und des Muthes, liegen wirſt, und daß ſie Dir antwortet: Joſeph, ich verzeihe Dir. Und mor⸗ gen Abend wird ein Mahl, ähnlich dem vor drei Monaten, uns alle Vier vereinigen, um die Er⸗ neuerung Eures Glückes zu feiern, welches Euch nach dem Naturgeſetze um ſo ſüßer erſcheinen wird, nachdem es durch drei abſcheuliche Monate ge⸗ trübt wurde.— Doch Geduld, Du ſollſt durch das Warten nichts verlieren, und ich werde Dich ſchon vornehmen, wenn Du, heiter, glücklich und vertrauensvoll, wie ehedem, im Stande biſt, ſtren⸗ ge, doch gute Wahrheiten anzuhören und zu ver⸗ ſtehen. — Wie, Hieronimus, Du glaubſt— — Ich glaube, ich witß, daß die beiden be⸗ ſten Herzen der Erde morgen miteinander ausge⸗ ſöhnt und für immer zu gemeinſchaftlichem Glücke neu vereinigt ſein werden. Doch in meiner Ei⸗ genſchaft als Arzt weiß ich auch, daß es nicht ge⸗ nügt, das Leben der Menſchen zu retten und ſie auf den Weg der Geneſung zu bringen; denn die Rückfälle ſind gefährlich. Bis zu vollſtändiger und gänzlicher Heilung werden wir uns daher täglich ſehen. Den einen Tag wirſt Du mit Ma⸗ rie bei uns eſſen, und den nächſten kommen Helviſe und ich zu Euch. So werden wir alle unſere Abende vereint hinbringen, und der Teufel ſoll mich holen, wenn Du mirnicht, noch ehe ein Mo⸗ nat vergeht, eines Abends ſagſt: Mein guter Jo⸗ ſeph, ich möchte wenigſtens zwei oder drei Abende wöchentlich haben, um ſie ſo wie ehemals mit Marie allein zuzubringen.— Und da Deine Marie ein ſcharfes Ohr hat, wird ſie Deine Bitte hören; ich ſehe ſchon kommen, wie ſie mit ihrer hübſchen, heitern und offenen Miene ſagt: Ich bin es nicht, Herr Bonaquet, die meinen guten Joſeph gebeten hat, ſo zu Ihnen zu ſprechen; er hat das unter ſeiner eigenen Mütze gefunden, der ſchöne Grenadier; doch, unter uns, ich denke ſo wie er. — Höre, Hieronimus, ſagte Joſeph, ich kann Dir nicht ausdrücken, was in mir vorgeht. Es ſcheint mir, als ob Deine guten und hetzlichen Worte unwillkürlich in mir die Hoffnung erweck⸗ ten.— Ach, wenn ich Dich früher aufgeſucht hüte — Es handelt ſich nicht um die Vergangen⸗ heit; die iſt, Gott ſei Dank, begraben. Doch jetzt iſt genug geſprochen; es muß gehandelt werden. — Wo iſt Deine Marie? — Bei ihrer Mutter. Sie ſagte mir, daß ſie hingehen wollte, und muß dort ſein. — Gut. Wo wohnt ihre Mutter? — Madame Clermont wohnt Rue du Fau⸗ bourg⸗Saint⸗Martin, Nr. 17. — Liebe Heloiſe, ſei doch ſo gut, die Adreſſe aufzuſchreiben. Und nun höre, mein guter Joſeph, was ich, der Doctor Bonaquet, Dir alles Ernſtes verordne; denn ich kenne den Einfluß des Phy⸗ ſiſchen auf das Moraliſche. Du wirſt, um Dich zu beruhigen und abzuſpannen, ein Bad von zwei Stunden in dem Badehauſe des pont Neuf neh⸗ men, welches man von hier aus ſieht. Zugleich läßt Du den abſcheulichen Bart abſchneiden, der Dich entſtellt. Wenn Du aus dem Bade kömmſt, nimmſt Du eine Bouillon und ein Glas Waſſer, eben mit Wein geröthet, nicht wahr, und erwar⸗ teſt dann von mir ein Paar Zeilen, die Dich be⸗ nachrichtigen, ob Du nach Haus zurückkehren, oder die Nacht hier zubringen ſollſt. — Mein guter Joſeph, ich— S — Von zwei Dingen eines: Entweder iſt Deine Frau, ihrem erſten Gedanken folgend, zu ihrer Mutter gegangen, oder ſie iſt in dem Laden geblieben. Iſt ſie dort, wovon ich mich ſogleich überzeugen will, bringſt Du die Nacht hier zu; im entgegengeſetzten Falle, wenn Marie bei ihrer Mutter wäre, würdeſt Du zu Haus ſchlafen, und ehe Du zu Bett gehſt einen beruhigenden Trank nehmen, den ich Dir auf jeden Fall durch meinen Apotheker ſchicken werde. Du wirſt,— das ſage ich Dir voraus— gut und ſanſt ſchlafen. Mor⸗ gen wirſt Du Deinen Laden in Ordnung bringen, Dich ſchön hen wie zu einer Hochzeit, und r— Das iſt Alles, was ich verlange. Wirſt Du es h un? — Hieronimus, entgegnete Fauveau, beſiegt durch den Ton vertrauensvoller Hoffnung, mit welchem ſein Freund ſprach, ich verſpreche Dir, zu thun, was Du verlangſt. Du wirſt mir abet vielleicht nicht glauben, denn ſchon einmal habe ich mein Wort verletzt. — Willſt Du mich wohl mit der Vergangen⸗ heit in Ruhe laſſen?— Du verſprichſt mir alſo, meine Vorſchrift Punkt für Punkt zu befolgen? — Ja, ja, Hieronimus, entgegnete Fauveau mit thränenerfüllten Augen; denn jetzt ſchon fühle ich mich beruhigt, getröſtet. Ach, Du biſt der beſte der Menſchen! —— In ſeiner Dankbarkeit ergriff Joſeph die Hände ſeines Freundes, und küßte ſie herzlich. — Das ſind Aufregungen, die ich für jetzt verbiete, ſagte der Doctor, ſeine Thränen nur mit Mühe zurückhaltend. Ruhe,— vor allen Dingen Ruhe. Setze Dich da hin; ich habe mei⸗ er Frau zwei Worte zu ſagen, dann ſteige ich mit Dir in den Fiacker und ſetze Dich bei dem Bade ab. Joſeph ſetzte ſich, gewiſſermaßen niedergebeugt, durch den glüͤcklichen Eindruck, den er empfand; er glaubte zu träumen, und theilte beinahe die vertrauensvolle Hoffnung ſeines Freundes, der ſich einige Schritte mit Helviſen entfernte, und ihr leiſe ſagte: — Der arme Joſeph! Seine Heilung iſt in gutem Zuge; Marie werden wir leicht zurückfüh⸗ ren. — Ich glaube es, mein Freund, denn ſo unſinnig und grauſam auch die Gewaltthaten ſind, welche durch eine ungerechte Eiferſucht hervor⸗ gerufen werden, ſo verzeihen ſie doch beinah alle Frauen; doch ich habe auch Jemand vor einem vielleicht fürchterlichen Lvoſe zu bewahren. — Ich verſtehe Dich, meine Freundin— Frau von Beaupertuis? Der Racheplan dieſes unglückſeligen Anatole? — Ich will Diana aufklären oder benachrich⸗ tigen, wenn es noch Zeit iſt. — Ja, ja; geh ſogleich zu ihr, meine Freun⸗ din, während ich mich zu der armen Marie be⸗ gebe. Madame Bonaquet näherte ſich hierauf Fau⸗ veau und ſagte: — Herr Joſeph, ich theile vollkommen das Vertrauen meines Mannes; morgen wird ein ſchöner Tag für uns Alle ſein: Sie werden ein verloren geglaubtes Glück wiederfinden, und uns wird es glücklich machen, Zeugen Ihres Glückes zu ſein. Einige Minuten ſpäter beſtiegen Heloiſe und der Doctor Bonaquet, begleitet von Joſeph, Je⸗ des einen Fiacker. Heloiſe ließ ſich nach dem Hötel Morſenne fahren; Hieronimus ſetzte Joſeph bei dem Bade des pont Neuf ab, und fuhr dann nach dem Parfümeriegewölbe der Rue du Bac. Dieſer Laden, der ehedem ſo ſorgfältig aufge⸗ putzt war, ſo kokett, ſo gut verſorgt und geordnet, war jetzt in Unordnung und ſchien verlaſſen zu ſein. Dicker Staub bedeckte alle Gegenſtände; der Ladentiſch von Eichenholz ſpiegelte nicht mehr blankgewichſt, wie früher. So kleinlich dieſe Bemerkungen auch erſchei— nen mögen, bedrückten ſie doch das Herz Bona⸗ quets, als er den Laden betrat, der ſonſt durch — die fortwährende gute Laune des jungen und glück⸗ lichen Paares erheitert wurde. — Madame Fauveau iſt oben in ihrem Zim⸗ mer, nicht wahr? fragte Hieronimus die Magd, welche an dem Ladentiſche ſaß. — Nein, ſie iſt ausgegangen; antwortete ſie. — Sie kennen mich, nicht wahr? fragte Hieronimus weiter; Sie wiſſen, daß ich ein alter vertrauter Freund des Hauſes bin? — Ja wohl, Herr Doctor. — Gut, ſo führen Sie mich hinauf, damit ich mich überzeuge, ob Madame Fauveau zu Haus iſt. Sie haben vielleicht Befehl erhalten, zu ſa⸗ gen, ſie ſei nicht da, und ich komme in einer ſo wichtigen Angelegenheit, daß Ihre Herrin in Ver⸗ zweiflung gerathen würde, mich nicht empfangen zu haben. — Ach, Herr Doctor, wenn Sie hinauf⸗ gehen wollen, ſo werden Sie ſehen, daß Madame nicht dort iſt.— Sie hat mich erſt die Kleine zu ihrer Mutter bringen laſſen, wo Madame ſchla⸗ fen wird, und vor einer guten halben Stunde mußte ich einen Fiacker holen, in dem ſie wegge⸗ fahren iſt, denn ſie wollte nicht zu Abend eſſen. Ungeachtet der Verſicherungen des Mädchens beſtand der Doctor Bonaquet darauf, von der Dienerin begleitet in das Zwiſchengeſchoß hinauf⸗ — zugehen. So wie es ihm geſagt worden war, fand er Marie nicht daſelbſt. — Sie iſt zu ihrer Mutter gegangen, dachte Bonaquet, und ließ ſich zu Madame Clermont nach der Rue du Faubourg⸗Saint⸗Martin fahren. Da er die Familie Maria's nicht beläſtigen wollte, im Fall ſie noch nicht bei ihren Eltern angekom— men ſein ſollte, fragte er den Portier, ob Madame Fauveau im Laufe des Abends ihre Mutter be⸗ ſucht hätte. Der Portier antwortete verneinend. Bonaquet nahm ſich vor, ſpäter noch einen Beſuch zu machen, und kehrte zu Joſeph zurück, ſeine Ermahnungen zu wiederholen und ihn zu benachrichtigen, daß ſeine Frau zu ihrer Mutter gegangen ſei, daß er alſo nach ſeinem Laden zu⸗ rückkehren könne. Parae Bonaquet ihrerſeits hatte ſich nach dem Hotel Morſenne begeben, wo ſie ſeit dem Abend, von welchem wir ſprachen, nicht wieder geweſen war. Statt in der Loge des Schweizers anzufragen gin Helviſe grades Weges nach den Zimmern, welche von Frau von Beauper⸗ tuis bewohnt wurden. Einer der Bedienten ſagte ihr, daß die Herzogin ausgegangen ſei, und Heloiſe bat ihn, die erſte Kammerfrau der Frau von Beaupertuis kommen zu laſſen, Mademoi⸗ ſelle Déſirée, welche ſeit langer Zeit das vollſte Vertrauen ihrer Gebieterin genoß. Als Helviſe die Familie Morſenne noch oft beſuchte, hatte ſie bei der jungen Herzogin dieſe Kammerfrau häufig geſehen. Sie erſchien bald, und einer alten Gewohnheit nachgebend, ſagte ſie zu Madame Bonaquet: — Ich wußte nicht, daß es die Frau Mar⸗ quiſe ſei, welche mich rufen ließ; ich ſtche zu Be⸗ fehl. Die Frau Herzogin wird es ſehr bedauern, nicht zu Haus geweſen zu ſein, um die gnädige Frau empfangen zu können. — Ich weiß, Mademoiſelle, entgegnete He⸗ loiſe, daß Sie der Frau von Beaupertuis ſehr ergeben ſind. — Oh, was das betrifft, ganz gewiß, Frau Marquiſe. — Nun, ſo ſagen Sie mir aufrichtig, ob Frau von Beaupertuis zu Haus iſt, oder ob ſie ſich nur verleugnen läßt? Ich muß nothwendiger⸗ weiſe in einer ſehr wichtigen, ſehr dringenden An⸗ gelegenheit mit ihr ſprechen. Alſo verhehlen Sie mir im eigenen Intereſſe Ihrer Gebieterin die Wahrheit nicht. — Ich kann Ihnen zuſchwören, daß die Frau Herzogin unlängſt zu Fuß ausgegangen iſt. Sie ſagte mir, ſie würde erſt dieſen Abend zu⸗ rücktehren, und, wie dies ſehr häufig geſchieht, in der Abbahe⸗aur⸗Bois diniren, bei der Frau Grä⸗ — fin von Surval;— ſo daß ſie mir erlaubte, frei über meinen Abend zu verfügen. — Ich bedaure das aufrichtig, ſagte Heloiſe, welche mit Grund überzeugt war, daß Mademoi⸗ ſelle Déſirée die Wahrheit ſprach. Sagen Sie der Frau Herzogin, ich ließe ſie dringend bitten, mich morgen früh zu erwarten. — Ja, gnädige Frau. In dem Augenblicke, als Helviſe ſich entfer⸗ nen wollte, ſagte die Kammerfrau mit einer ge⸗ wiſſen Verlegenheit: — Ich weiß, wie gut die gnädige Frau ge⸗ gen alle Welt ſind, und wenn ich es wagte— — Sprechen Sie, Mademoiſelle. — Die gnädige Frau werden vielleicht meine Bitte unbeſcheiden finden. — Nun laſſen Sie hören, um was handelt es ſich? — Ich möchte Sie um hren Schutz und Ihr Wohlwollen bitten. — Für wen? — Für meine Milchſchweſter. Ich hatte ſie ſeit mehreren Jahren aus den Augen verloren, als ich mit meiner frühern Herrſchaft eine Reiſt machte. Durch den größten Bzuſu fand ich ſie vor ein Paar Tagen wieder. Sie iſt eine vor⸗ treffliche Perſon, und da ſie einen kleinen Laden mit Handſchuhen und Parfümeriewaaren hat, würde ich mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn die gnädige Frau ihr Ihre Kundſchaft zuwenden und ſie Ihren Bekannten empfehlen wollten. Das wäre eine gute Nachricht, die ich meiner Milchſchweſter gern noch heute bringen möchte, denn ich will meinen freien Abend benutzen, um — ünd wie iſt die Adreſſe Ihrer Milchſchwe⸗ ſter, Mademoiſelle? — Wie gütig die gnädige Frau ſind,— entgegnete Mademoiſelle Döſirée ſehr vergnügt. — Ihr Laden iſt in der Rue du Bac, mit dem Schilde: Au Gagne-Petit — Sollte dies Madame Fauveau ſein? fragte Heloviſe, ſehr verwundert über das Zuſammen⸗ treffen. — Alſo verſorgen ſich die gnädige Frau ſchon von ihr? — Ja, ich kenne ſie. Doch ſagen Sie mir, Mademoiſelle, haben Sie ſie kürzlich geſehen? — Nein, gnädige Frau; ſeit unſerem erſten Zuſammentreffen nicht wieder. Seitdem ſind einige Tage verfloſſen. Ich brauchte Handſchuh. Statt zu unſerem gewöhnlichen Lieferanten in der Rue de la Pair zu gehen, trat ich im Vorbeigehen in einen kleinen Laden, den ich in der Rue du Bac bemerkte. Und wen erkannte ich hinter dem Ladentiſche? Marie Fauveau, meine Milchſchwe⸗ 7 — ſter! Die gnädige Frau können ſich denken, wie erfreut wir waren, uns nach mehreren Jahren wiederzuſehen. Madame Fauvart hat noch immer ein vortreffliches Herz, denn obgleich ich nur eine Kammerfrau bin und ſie eine Kaufmanns⸗ frau iſt, ſo zeigte ſie ſich deshalb doch nicht ſtolz gegen mich. Ohne mit ihr davon zu ſprechen nahm ich mir daher auch vor, ſie den Freundin⸗ nen der Frau Herzogin zu empfehlen. — Das iſt ein ſehr glücklicher Gedanke, Mademoiſelle, entgegnete Helviſe; doch verſäu⸗ men Sie ja nicht Frau von Beaupertuis zu bit⸗ ten, daß ſie mich morgen früh erwartet. ſ Madame Bonaquet kehrte hierauf in ihre Wohnung zurück, grauſam getänſcht durch die Nutzloſigkeit ihres Beſuches. Ungefähr um dieſelbe Stunde, zu welcher die verſchiedenen Auftritte Statt fanden, die wir ge⸗ ſchildert haben, trugen ſich gleichzeitig auch andere zu. 8* Einige Vorbereitungen ſind erforde ich, um das Verſtändniß von der Fortſetzung dieſer Ge⸗ ſchichte zu vewollſtändigen. Man weiß, daß vor einigen Jahren die mei⸗ ſten Häuſer der Rue de la Lune, in dem Stadt⸗ viertel Bonne Nouvelle noch einen zweiten Ein⸗ gang auf dem Boulevard hatten; mehrere dieſer Häuſer hatten ſogar zwei Treppen, von denen Die Prophezeihung. V. eine zu der Straße führte, die andere zu dem Boulevard; daraus folgte dann, daß einige Quartiere ſich eines doppelten, gänzlich von ein⸗ andergetrennten Ausganges erfreuten. Beinahe zu derſelben Stunde, zu welcher Hieronimus Bonaquet und deſſen Frau die er⸗ wähnten Schritte machten, ſtanden der Prinz von Morſenne und ſein treuer Loiſeau, beide in lange Ueberröcke gekleidet und die Hüte tief über die Augen gedrückt, auf einem Beobachtungspo⸗ ſten, der durch eine dunkle Ecke von dem Vor⸗ ſprunge eines Hauſes in der Rue de la Lune ge⸗ bildet wurde, die von dem Lichte der Gaslaterne und eines nahen Gewölbes hell beleuchtet war. — Loiſeau, ſagte der Prinz zu ſeinem Ver⸗ trauten, wenn die Sache gelingt, ſo kann es mir vielleicht erwünſcht ſein, Beweiſe zu haben, de⸗ ren ich mich im Nothfall als einer Waffe bedie⸗ nen kann, nach meinem Belieben ein Verhältniß zu verlängern, das am Ende nur die Folge eines Ueberfalles ſein könnte. 6 — Ich verſtehe, gnädigſter Herr; doch dieſe Beweiſe— wie— — Sie wird ohne Zweifel im Fiacker kom⸗ men. Du wirſt dem Kutſcher einen Louisd'or ge⸗ ben, wirſt ihn in das Kabaret führen, und ihn dort fragen, zu welcher Stunde und an welchem Orte, die Frau, die er herfuhr, ſeinen Wagen N — 19— beſtieg, und eben ſo, wie ſie gekleidet war. Nach dieſen Angaben wirſt Du eine Schrift aufſetzen und dieſe von dem Kutſcher, wenn er ſchreiben kann, unterzeichnen laſſen. Jedenfalls merkſt Du Dir ſeine Nummer und läßt Dir die Adreſſe ſei⸗ nes Herrn geben. Verſtehſt Du? — Vollkommen, gnädiger Herr. So daß man im Fall der Noth zu der Schönen ſagen kann: Ihr Mann wird Alles erfahren, wenn— Hier unterbrach ſich der rechtſchaffene Diener plötzlich, indem er ausrief: — Gnädiger Herr, ein Fiacker— er hält vor der Thür an. — Ach Loiſeau, mir klopft das Herz, als wäre ich zwanzig Jahr alt.— Sie iſt es!— Dieſer Ducormier iſt ein unbezahlbarer Schelm! — Vergiß meine Vorſchriften nicht.— Schnell, gieb mir den Schmuck und die Brieftaſche. — Hier, gnädigſter Herr! Während des Endes von der. Unterhaltung wiſchen dem Prinzen von Morſenne und Loiſeau war ein Fiacker an dem Trottvir, in geringer Ent⸗ fernung von dem Verſtecke angefahren, in wel⸗ chem der Prinz und ſein Vertrauter ſich verbor⸗ gen hielten, und bald erkannten ſie bei dem hellen Gaslichte ganz deutlich die Züge der Marie Fau⸗ veau, welche, nachdem ſie aus dem Wagen ge⸗ ſtiegen war, in eines jener Häuſer hineinging, 2 die, wie wir erwähnten, einen Ausgang nach der Rue de la Lune und einen zweiten nach dem Bou⸗ levard hatten. 5 Als die junge Frau in der Dunkelheit der Hausthür verſchwunden war, die ſich hinter ihr wieder ſchloß, trat der Prinz von Morſenne aus ſeinem Hinterhalte, ſchritt ſchnell über die Straße, und blickte nach den Fenſtern des Hauſes empor, in welches Marie eingetreten war Er ſchien ein Zeichen zu erwarten. In der That glänzte auch nach einigen Minuten ein Licht an einem Fenſter des dritten Stockes, verſchwand und erſchien von Neuem. Sogleich trat der Prinz ſchnell in das Haus ein, aus welchem dieſes Signal kam. XXXV. Indem Herr von Morſenne dem empfange⸗ nen Signale folgte, ſtieg er ſchnell die drei Trep⸗ pen dieſes Hauſes mit doppeltem Ausgange hin⸗ auf. Durch das raſche Steigen etwas außer; Athem, machte der Prinz auf dem oberſten Trep⸗ penabſatze Halt, um wieder mehr Luft zu gewin⸗ nen. Dann klingelte er. Die Thür wurde durch Anatole Ducormier geöffnet, und hinter ihm ſogleich wieder ver⸗ ſchloſſen. Der folgende Auftritt findet in einem Vor⸗ zimmer ſtatt, welches durch eine einzige Kerze be⸗ leuchtet wird. Drei Thüren öffnen ſich in dieſes Vorgemach, die zu einem kleinen Salon, zu dem Schlafzim⸗ mer und zu dem Speiſeſaale führen. Kaum eingetreten rief Herr von Morſenne mit gebrochener Gtitie und den Iusüthte eits lichen im Geſichte: Sie iſt da— ich habe ſie eintreten ſehen! — Still, Prinz, entgegnete Ducormier leiſe; ja, ſie iſt da, doch gönnen Sie ihr die Zeit ſich zu ſammelnz“ ſie zittert noch über den gethanen Schritt. Ich ete übereilen Sie nichts; Sie könnten dadurch Alles gefährden. — Das iſt wahr, tete von Mor⸗ ſenne ebenfalls mit leiſer Stimme„und nur mit mühſam unterdrückter Gluth; doch nach drei Mo⸗ naten der Qual und einer verzehrenden Erwar⸗ tung.— Dann murmelte er, ſich unterbre⸗ chend: Ach, was ich in dieſem Augenblicke em⸗ pfinde, läßt mich Alles vergeſſen, was ich gelitten habe. Die Züge des Prinzen von Morſenne hatten — ſich in der That verändert, ſeitdem er die Herr⸗ ſchaft dieſer glühenden, zügelloſen Leidenſchaft empfand, die beinahe krankhaft war, wie Leiden⸗ ſchaften in ſeinem Alter ſo häufig; Schlafloſigkeit, Erwartung, ununterbrochenes Fieber, hatten Ver⸗ heerungen in dieſer gealterten Organiſation an⸗ gerichtet, welche durch zahlreiche Ausſchweifungen bereits angegriffen war. Der treffenden Bemerkung Ducormiers nach⸗ gebend wußte Herr von Morſenne ſeine Ungeduld noch während einiger Augenblicke zu zügeln; er zog aus der Taſche einen entſiegelten Brief, über⸗ gab ihn Anatole, und ſagte mit wohlwollendem Tone: — Leſen Sie, mein Lieber, und Sie werden ſehen, ob ich mein Verſprechen halte. Doch ſo⸗ bald Sie dieſen Brief geleſen haben, muß ich Ma⸗ rie zu Füßen fallen. Es muß ſein! Meine Zu⸗ rückhaltung und meine Kräfte ſind zu Ende; mir iſt zu Muthe, als ſollte mir das Herz im Buſen zerſpringen. — Prinz, noch einige Augenblicke des Fege⸗ feuers, entgegnete Anatole lächelnd; bald werden Sie im Paradieſe ſein. Ducormier nahm den Brief, den Herr von Morſenne ihm reichte. Auf dem Couvertſtand mit rothen Buchſtaben gedruckt:„Miniſterium des Innern. Geheime Correſpondenz.“ — Anatole las das Folgende ganz von des Mi⸗ niſters eigener Hand geſchrieben: Mein lieber College! (Der Miniſter war ebenfalls Pair von Frank⸗ reich.) Sie können nicht an meinem Verlangen zwei⸗ feln, Ihnen perſönlich gefällig zu ſein; ich be⸗ eile mich daher, zu Ihrer Dispoſition zwei Unterpräfecturen erſter Claſſe zu ſtellen, und unter denen Sie nach dem Gefallen Ihres Schützlings, des Herrn Ducormier, wählen können. Das, was Sie mir von ihm geſagt haben, ſo wie von den verſchiedenen Dienſten, die er der Regierung des Königs ſchon unter ſehr ſchwierigen Umſtänden geleiſtet hat, iſt mir eine hinlängliche Bürgſchaft für ſein künf⸗ tiges Benehmen. In dieſer Zeit, wo ſo viele ſchlimme Leiden⸗ ſchaften ſich regen, wo die Hydra der Anarchie fortwährend daran denkt, ihr ſcheußliches Haupt zu erheben, iſt es dringend nöthig, bei der po⸗ litiſchen Verwaltung Männer von großer Fe⸗ ſtigkeit und anerkannter Ergebenheit anzuſtellen, welche im Fall der Noth unerbittlich gegen die Verbreiter jener verderblichen Doctrinen ſein würden, die wir mit ſolcher Mühe zügeln, und die nach Ihrer Meinung, der ich vollkommen beiſtimme, nur durch herviſche Mittel voll⸗ ſtändig vernichtet werden können. Doch ein wenig Geduld; kömmet nur erſt unſere neue Majorität, ſo ſind wir im Stande, zu handeln, und zwar kräftig, die Verſicherung gebe ich Ihnen. Glauben Sie mir, mein theurer College, daß ich mich ſtets glücklich ſchätzen werde, mich zu Ihrer Dispoſition zu ſtellen, ſo wie zu der Ihrer Freunde, ſelbſt der nicht vereinigten. Sagen Sie ihnen, wenn wir für ihre Ideen nicht Alles thäten, was wir zu thun wünſch⸗ ten, ſo käme das daher, weil wir durch einige alte Reſte revolutionärer Vorurtheile gehindert würden, von denen die kleinliche Bürgerſchaft beſudell iſt, mit der wir unglücklicherweiſe noch abrechnen müſſen. Wir dürfen ſie in dieſem Augenblicke noch nicht offen vor den Kopf ſto⸗ ßen, doch wir werden allmählig auf eine oder die andere Weiſe Recht gegen ſie behalten. Geduld, Geduld! Der Clerus wird ſeinen Einfluß wieder gewinnen, die Ariſtokratie den ihrigen, und mit Hülfe guter Bataillone werden wir Bürgern und Vorſtädtlern das Maul verbinden, um endlich wieder auf den einzigen feſten und dauerhaften Grundlagen die Geſellſchaft aufzuführen, welche durch die revolutionären Stöße, die ſeit funfzig Jahren —— — 25— auf einander folgten, auf's Arußerſte erſchüt⸗ tert iſt. Leben Sie wohl, mein theurer College; ich wiederhole Ihnen die Verſicherung meiner ehr⸗ furchwollſten und unbedingteſten Ergebenheit. Graf d'Auberval. — Nun, mein Lieber, ſind Sie zufrieden? Bin ich ein Undankbarer? ſagte der Prinz, indem er die Hand gegen Ducormier ausſtreckte, um die⸗ ſen vertraulichen Brief wieder in Empfang zu nehmen. Doch Anatole ſteckte den Brief in die Taſche, und ſagte zu dem Prinzen von Morſenne, der ihn ganz verwundert anſah: — Sie erlauben mir, Prinz, dieſen Brief zu behalten— ich habe eine Liebhaberei für Auto⸗ graphe. — Ei, mein Lieber, Sie wollen ſich wohl über die Weltluſtig machen! ſagte Herr von Mor⸗ ſenne ängſtlich; ein vertraulicher Brief! — Eben deshalb, Prinz; das ſind die merk⸗ würdigſten und ich ſuche ſie am eifrigſten. Sie haben keinen Begriff davon, fügte Ducormier mit beſonderer Abſicht hinzu, wie intereſſant meine kleine Sammlung ſchon iſt; denn ich ſuche danach überall umher. S— x Herr von Morſenne ſagte nach kurzer Ueber⸗ legung und mit gezwungenem Lächeln: — Ich verſtehe, mein Lieber; Sie halten auf das Poſitive und wollen daher eine Bürgſchaft. Haben Sie Ihre Ernennung in der Taſche, dann geben Sie mir den Brief zurück, nicht wahr? — Ganz gewiß, Prinz. — So ſei es denn, ſagte Herr von Mor⸗ ſenne. — Dann fügte er mit einem Ausbruche glühender Leidenſchaft hinzu: — Wo iſt ſie? Wo iſt ſie? — Dort, entgegnete Anatole, indem er auf eine der drei Thüren deutete, ſie iſt in jenem Zim⸗ mer- Endlich! murmelte der Prinz, und dunkle Röthe überzog ſein Geſicht. Zugleich machte er einen Schritt gegen die Tchür, und ſtreckte ſeine fieberhaft zitternden Hände nach dem Schloſſe aus. — Einen Augenblick noch, Prinz, ſagte Ana⸗ tole mit leiſer Stimme, und indem er ihm den Weg vertrat; vorher muß— — Seien Sie doch ruhig, entgegnete eben ſo leiſe, und Ducormiers Worte mißverſtehend, der Prinz. Ich habe hier in meiner Taſche den Schmuck und die Rentenverſchreibung. — Und wieder machte er einen Schritt gegen die Thür des Schlafzimmers. Ducormier vertrat ihm abermals den Weg, indem er ſagte: — Einen Augenblick, Prinz. — Ei, mein Leber, was bedeutet denn das? — Still! gebot Anatole mit geheimnißvollem Weſen. Dann fügte er hinzu: — Prinz, bleiben Sie einen Augenblick hin⸗ ter dieſem Thürflügel verborgen, den ich öffnen werde, und hören Sie wohl auf. Herr von Morſenne gehorchte unwillkürlich. Anatole öffnete zur Hälfte die Thür, und ſagte: — Marie— mein Engel! — Weshalb ſchließen Sie mich in dem Au⸗ genblick, wo ich ankomme, ſo ein, und laſſen mich allein, Anatole? antwortete die junge Frau mit bebender Stimme. — Ein unerwartetes doch nicht ſehr beun⸗ ruhigendes Ereigniß zwingt mich, meine kleine Marie, unſer Rendez⸗vous auf morgen zu ver⸗ ſchieben. Geh ſchnell durch die Rue de la Lune fort. Auf morgenz fürchte nichts, meine Liebe. Ducormier verſchloß die Thür, die er geöffnet harte, und wandte ſich zu dem Prinzen von Mor⸗ ſenne um. Dieſer war blaß, verſteinert; ſeine Augen ſtierten vor ſich hin, ſeine Lippen zitterten und er glaubte zu träumen; er fand keine Worte; er hatte ein reiches Mahl genoſſen, das Blut ſtrömte ihm zum Kopfe und lähmte für den Augenblick ſeinen Geiſt, feſſelte ſeine Zunge: er war wie ſtumpfſinnig. Ducormier benutzte dieſe vorübergehende Be⸗ täubung, blies das einzige in dem Vorzimmer brennende Licht aus, und ſagte zu Herrn von Morſenne, der noch immer regungslos daſtand, und überdies in der Dunkelheit keinen Schritt zu thun wagte: — Prinz, hören Sie noch weiter, und kein Wort dazu: Ihre Tochter weiß nicht, daß Sie hier ſind! Dann öffnete Ducormier die Thür zu dem Speiſeſaale, ſchritt ſchnell durch denſelben, und kehrte bald darauf mit einer Perſon zurück, die er durch die Dunkelheit geleitete, indem er zu ihr ſagte: — Noch ein Mal, fürchte nichts, meine ge⸗ liebte Diana; es iſt nur eine Vorſichtsmaßregel. — Mein Gott, Anatole, ich bin weit mehr betrübt als erſchrocken, entgegnete die Herzogin von Beaupertuis. Ich dachte den heutigen Abend in Deiner Geſellſchaft zuzubringen, Du Theurer. — Es iſt unmöglich, es wäre Gefahr dabei; * ſagte Ducormier, indem er die äußere Thür öff⸗ nete. Morgen werde ich Dir Alles erklären, meine Angebetete. Geh durch die Thür des Boulevard. — Wenigſtens noch einen Kuß, mein Engel! flüſterte Frau von Beaupertuis. Und bald ſchloß ſich die Vorſaalthüre hinter ihr. Ducormier hörte jetzt den dumpfen Ton, den der Prinz von Morſenne hervorbrachte, indem er zuſammenſank. Dieſe doppelte Aufregung, zu ſtark für den Greis, hatte ihm eine ſchlagflußähnliche Betäu⸗ bung zugezogen. Ducormier ließ ein chemiſches Zündhölzchen blitzen, und brannte die Kerze wieder an. Herr von Morſenne war in der Ecke, in welche er ſich zuerſt gelehnt hatte, zu Boden geglitten; ſo lag er mit dem Rücken an der Mauer, den Kopf auf die Bruſt herabgeſunken. Anatole hob ihn auf, ſetzte ihn auf einen Stuhl neben dem Fenſter, das er öffnete, machte die hohe Cravatte los, die den Hals des Prinzen umſchloß, und wartete. Nach einigen Augenblicken tief die friſche, kühle Abendluft den Herrn von Morſenne zuin Bewußtſein zurück; er fuhr zuerſt wie um ſeine Erinnerung zu ſammeln, mit beiden Händen über ſeine Stirn, die im kalten Schweiß gebadet war;z — 56— dann ſtellte ſich ihm die Wirklichkeit mit all ihren Abſcheulichkeiten dar, er ſchöpfte aus ſeiner Wuth eine fieberhafte Kraft, ſprang von dem Stuhle auf, und ſtürzte auf Anatole zu, indem er ausrief: — Nichtswürdiger! Ducormier bemeiſterte mit leichter Mühe den Greis, entfernte ihn von ſich, und ſagte mit un⸗ verſchämtem und ſpottendem Tone: — Ruhig Blut, mein Lieber, und plaudern wir ein wenig mit einander.. — Elender Schuft! murmelte der Prinz. Meine Tochter!— in meiner Gegenwart zu wa⸗ gen— ha, welche Frechheit! — Ci, ei, mein Lieber, ſagte Ducormier, entſetzlich in dem Haſſe ſeines höl iſchen Triumphes; ei, mein Lieber, Sie haben mir den Schimpf in das Geſicht geworfen. Sie haben mir angeboten, Ihr Kuppler zu ſein. Sie und Ihres Gleichen haben nur Geringſchätzung und Beſchimpfungen für Ducormier gehabt, den Sohn des Kleinkrä⸗ mers. Ihr großen Herren, die Ihr ſeid, Ihr habt dieſen jungen Menſchen verderbt; was ſage ich, dieſes Kind ſchon, als es offen und demüthig zu Euch kam, nichts verlangend, als durch ſeine Ar⸗ beit rechtſchaffen ſein Brot verdienen zu können. Ohne Mitleid mit der Unſchuld des Jünglings, der eine arme Waiſe voll Vertrauen und ohne Führer war, habt Ihr ihn kalt in das Verderben geſtürzt, indem Ihr ihn zum Werkzeuge Eurer finſtern und ſchmutzigen Schliche machtet. Ha, Ihr ſtrengen Vertheidiger der Religion und des Vermögens, Ihr habt abſichtlich dieſen jungen Menſchen in die Atmosphäre Eurer Verderbtheit getaucht. Ihr habt ihn zu Eurem Nutzen zur Gemeinheit herangebildet, zur Verſtellung, zur Lüge, zum Verrath, zu allen Arten der Heuchelei und der feigen Betrügerei. Ihr habt ſo die Seele, die Gott treu und rein geſchaffen hatte, vom Krebs anfreſſen laſſen. Nun gut, meine Lehrmeiſter, ge⸗ nießet Eures Werkes; Ihr habt das Ungeheuer erzogen, gebildet! Hütet Euch vor dem Unge⸗ heuer! Hütet Euch vor dem Märtyrer, der zum Henker geworden iſt! — Ha, der Elende; er erfüllt mich mit Ent⸗ ſetzen! flüſterte der Prinz außer ſich. Ich will fort von hier, oder ich werde wahnſinnig!— Oeff⸗ nen Sie! Oeffnen Sie! — Die Thür iſt verſchloſſen, mein Lieber! antwortete Ducormier mit lautem Spottgelächter; Sie werden mich bis zu Ende hören. — Ja— ja— ſtammelte der Prinz, lei⸗ chenblaß vor Schrecken und Wuth,— triumphire einen Augenblick,— doch ich bin allmächtig— das ſollſt Du empfinden, Unglückſeliger! — Ganz gewiß, mein Lieber, ich rechne ſtark darauf, die Allmacht Ihres Einfluſſes kennen zu lernen.— Glauben Sie denn wirklich, daß ich ſo lange in der Schule Ihrer Freunde, der ſchaamloſen Politiker, geblieben bin, um mich mit einer unfruchtbaren Pauſe zu begnügen, in⸗ dem ich Ihnen ſage: Mein Prinz, ich habe Ihr Anerbieten, Ihr Kuppler bei Marie Fauveau zu ſein, angenommen, um Zutritt in Ihr Haus zu gewinnen und Ihre Tochter zu verführen, in⸗ dem ich zugleich zu meinem eigenen Nutzen der reizenden kleinen Bürgerin den Hof machte, in die Sie ſo wahnſinnig verliebt waren? — Ha! rief der Prinz vernichtet, ich halte es nicht aus! Der Schuft tödtet mich! — Was meinen Sie dazu, mein Lieber? He! Iſt das nicht für einen Spießbürger genug Roth⸗ houke, genug Richelieu, genug Regentſchaft, das doppelte Spiel, das ich mit Ihrer wüthen⸗ den Ueppigkeit und Ihrem Adelſtolze getrieben habe? Wie? Ihnen Marie wegzuſchnappen und mich von Ihrer Tochter lieben zu laſſen! Doch das iſt noch nicht Alles! Ihre Freunde, die Di⸗ plomaten und die Staatsmänner, meine geehrten Meiſter haben mich gelehrt, dieſe dürren Genüſſe des Stolzes und des Haſſes nur wenig zu ſchätzen; ich bedarf des Soliden. — Was ſagt er? rief der Prinz, und preßte raſch die Hände auf ſeine Taſchen, welche in Diamanten und Staatspapiere den Werth von mehr als funfzigtauſend Thalern enthielten.— Ich bin in einen Hinterhalt gefallen. Der Schurke will mich ausplündern! Ducormier lachte laut auf und entgegnete: — Beruhigen Sie ſich, mein Lieber; ich bin aus einer beſſeren Schule; ich überlaſſe dieſe Ge⸗ meinheiten den armen Teufeln, die durch das Elend zu Thieren herabgewürdigt ſind, oder den Dummköpfen, die nicht gleich mir in die fette Praris der Staatsdiebereien eingeweiht wur⸗ den.(Sagt man nicht auch Staatsgeheim⸗ niſſe? Staatsmännert) Sehen Sie, mein Lieber, würde etwa ein Deputirter, der ſeine Ehre und ſeine Stimme für eine Anſtellung mit 20,000 Fr. jährlichen Gehalt verkauft, einige tauſend Livres veruntreuen, und ſich dadurch den Aſſiſen ausſetzen? Würde ein Miniſter, der das Geheim⸗ niß vom Abſchluß einer Anleihe oder einer Eiſen⸗ bahn an die großen Geldmänner verkauft, um einen beträchtlichen Antheil an ihrem Gewinn zu haben, als nicht ſehr regierungsfähiger Mann etwa einige elende Summen unterſchlagen? Wür⸗ den ſo viele Diplomaten und Hofleute, die aus der Krippe der geheimen Fonds zehren, ſich ſo unverſtändig gegen die Süßigkeiten des con⸗ ſtitutionellen Monarchismus zeigen, daß ſie im Spiele betrögen oder in die Taſchen ihrer Nach⸗ Die Prophezeihung. V. 3 —— barn griffen? Ei, mein Theurer, ich habe aus dem meiner Lehrmeiſter beſſern Nutzen gezogen. — Deine Unverſchämtheit ſoll Dir theuer zu ſtehen kommen, Unglücklicher! rief der Prinz aus.— Ich werde mich rächen!— — Ach, mein Prinz,— fuhr Ducormier mit einem Anſcheine ſpöttiſcher Unterwürfigkeit fort,— hegen Sie doch eine beſſere Meinung von dem, welchen Sie mit ſo viel Unterſchei⸗ dungsgabe zu Ihrem Geheimſecretär wählten! In Ihrem Dienſte vervollkommnet, wird er Ihre Güte rechtfertigen, indem er Ihnen durch ſeine geringen Fähigkeiten beweiſt, daß er die mächtige Protection verdient, deren Sie ſo eben erwähn⸗ ten, und die ich brauchen, und wenn Sie erlau⸗ ben, ſogar mißbrauchen werde, um mir eine vor⸗ treffliche Stellung zu ermitteln.— Der Prinz that einen Satz; er konnte an ein ſolches Uebermaaß der Unverſchämtheit nicht glauben. Ducormier fuhr mit einer Verdoppelung ironiſcher Ehrfurcht fort: — Erlauben Sie mir, mein Prinz, Ihnen eine demüthige Bemerkung zu machen: Wenn ich Ihnen vor drei Monaten, als Sie mir eine Unterpräfectur zur Belohnung für das ehren⸗ werthe Handwerk, für das Sie mich beſtimmten, Seie — 56— verſprachen, nicht in das Geſicht lachte, ſo ge⸗ ſchah es, weil ich mich in den Stand ſetzen wollte, ſpäter von Ihnen verlangen zu können, was mir gefallen würde, mein ſehr ehrenwerther Herr.— — Das iſt nicht zu glauben!— ſagte der Prinz wie vernichtet;— nein, es iſt nicht zu glauben.— Offen geſprochen, mein Prinz, kann ſich ein Menſch meines Schlages in eine Unterpräfectur begraben, ſelbſt in eine Präfectur, nachdem er ein Hausgenoſſe des glänzenden Hotel Mor⸗ ſenne geweſen iſt? Ei, ich würde unter dieſen albernen Provinzlern vor Langerweile umkommen und dann habe ich auch einen heiligen Abſcheu vor den Bürgerinnen der kleinen Städte. Was wollen Sie, mein Prinz; das iſt nicht meine Schuld: die Frau Herzogin, Ihre Tochter, hat mich verwöhnt.— Es iſt entſetzlich!— rief Herr von Mor⸗ ſenne, indem er die Hände zuſammenſchlug;— welch ein Ungeheuer!— — Deshalb, mein Prinz, habe ich auch die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen: Hütet Euch vor dem Ungeheuer! entgegnete Ducormier geziert, und indem er mit dem Scheine der Schüch⸗ ternheit und Beſcheidenheit die Augen nieder⸗ ſchlug. Doch beruhigen Sie ſich; das Unge⸗ heuer iſt kein Menſchenfreſſer. Was verlangt es 6 denn? In eine glückliche Carrisre einzutreten, welche darin beſteht, ein großes und angenehmes Leben in der Mitte der feinen Blüthe der Ariſto⸗ kratien aller Länder zu führen; den hübſcheſten Frauen Europas kosmopolitiſch den Hof zu ma⸗ chen, und geſtickte, mit Kreuzen und Ordens⸗ bändern verzierte Kleider um ſich zu ſehen. Das heißt, glaube ich, meinem verehrten Protector andeuten, daß er ſeine Unterpräfectur für den Sohn irgend eines Deputirten, oder den Neffen eines Pair von Frankreich behalten, und für mich die eben jetzt erledigte Stelle des erſten Ge⸗ ſandtſchaftsſecretairs in Neapel ermitteln ſoll.— — Hat man wohl einen Begriff von der Unverſchämtheit dieſes elenden Schuftes?— rief Herr von Morſenne mit einem Ausbruche ſpöt⸗ tiſchen Gelächters.— Es iſt unerhört!— — Ich werde mir die Freiheit nehmen, mei⸗ nem verehrten Beſchützer zu bemerken, daß die Sache ſchwer, ſehr ſchwer, doch nicht unmöglich iſt. Ich war vier Jahre lang Privatſecretär des franzöſiſchen Geſandten in England; der Miniſter des Innern hat die ſchmeichelhafteſte Meinung von meinen kleinen Verdienſten, wie ſein Brief be⸗ weiſt(den ich ſorgfältig aufbewahre); er kann ſich daher mit meinem vortrefflichen Beſchützer vereinigen, um von dem neuen Miniſter des Auswärtigen die Gunſt zu erlangen, um die ich mich bewerbe.— Doch das iſt nicht Alles.— Der Prinz machte eine Bewegung des höch⸗ ſten Staunens. Ducormier fuhr ungezwungen fort: — Obgleich ich arm und von krämerhafter Abſtammung bin, habe ich die üble Eigenſchaft ſehr prunkliebend zu ſein, gern eine Rolle zu ſpie⸗ len, Aufwand machen zu wollen. Zur Ehre Frankreichs, zu deſſen Vertretung ich berufen wer⸗ den ſoll, rechne ich daher ganz beſonders auf die un⸗ erſchöpfliche Güte meines theuren Beſchützers, um gewiß zu ſein, daß er mir außer meiner Beſol⸗ dung einen Jahrgehalt von funfzehn Tauſend Franc auf die geheimen Fonds wird anweiſen laſſen.— — Zum Glück,— ſagte der Prinz, iſt er wahnſinnig!— — Wahnſinnig? Ich!— entgegnete Ducor⸗ mier mit einem melancholiſchen Tone ſanften Vorwurfs.— Wahnſinnig, weil ich mich, um eine mir zuſagende Stellung zu gewinnen, ganz unbefangen an meinen natürlichen Beſchützer wende?— — Ich, Elender, Dein natürlicher Beſchützer? — Ei,— fuhr Ducormier mit einem zu⸗ gleich rührenden und ungezwungenen Tone fort, — — bin ich denn nicht ein wenig Ihr Schwieger⸗ ſohn? Denn— — Ungeheuer,— rief der Prinz außer ſich, und ſprang von ſeinem Seſſel auf. Dann ſank er erſchöpft wieder zurück und ſagte: — Er tödtet mich langſam!— — Da ich nutzlos einen Aufruhr an Ihr Vaterherz ergehen ließ,— fuhr Ducormier mit einem Seufzer fort,— muß ich wohl einen mo⸗ raliſchen Zwang eintreten laſſen, mein armer Prinz. Ach, ja wohl! das Wort ſetzt Sie in Erſtaunen? Ich werde deutlich ſein. Ich habe Ihnen meine Leidenſchaft ſür autographiſche Briefe anvertraut, und erwähne nur zur Erin⸗ nerung des Schreibens vom Miniſter des Innern; ich behalte es, und im Fall der Noth wird es mir als rechtfertigendes Actenſtück dienen. Doch das iſt noch eine der geringſten Perlen meines Schmuck⸗ käſtchens; denn Sie werden jetzt, wo ich mich mit ſolcher Hingebung gegen Sie ausgeſprochen habe, mein armer Prinz, gewiß einſehen, daß ich nicht ungeſtraft drei Monate lang Ihr Ge⸗ heimſecretär bleiben konnte. Ich habe alle Ihre Papiere zu meiner Verfügung gehabt, oder— zu haben gewußt, auch die geheimſten, ſogar ein gewiſſes grünes Portefeuille.— Herr von Morſenne ſchien vernichtet zu ſein; er blieb einige Minuten ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, dann rief er voll Abſcheu aus: — Aber das iſt eine Natter, die ich in mein Haus zog! Er muß meine Schlöſſer geſprengt haben!— Ein ſolcher Mißbrauch des Ver⸗ trauens.— — Mißbrauch des Vertrauens! Die Aeu⸗ ßerung iſt allerliebſt,— entgegnete Ducormier lächelnd;— Sie erinnert mich daran, daß Ihr ehrenwerther Freund, der Herr Geſandte Frank⸗ reichs in London, mich zu den Mißbräuchen des Vertrauens zugeſtutzt hat, die er im Verein mit Ihnen practizirte, Sie wiſſen doch bei jener In⸗ trigue, deren Hauptagent ich war, und durch welche das Miniſterium geſtürzt wurde, das Ihnen ſo ſehr mißfiel?— Ich will Ihnen ſelbſt geſtehen, daß ich bei der Abrahmung Ihrer Papiere jenen Brief meines chemaligen Patrons gefunden habe, in welchem er Ihnen ſagte, daß Herr Ducormier, obgleich er gut und zu Allem bereit wäre, nie etwas Anderes werden könnte, als eine Art von Figaro der guten Geſelſſchaft, da er den Uebelſtand gegen ſich hätte, der Sohn eines Kleinkrämers zu ſein.— Mir liegt daran, Dank Ihnen, mein armer Prinz, dieſe Prophe⸗ zeihung zu widerlegen: Ich werde, wie ſo viele Andere ein offiziell geachteter, achtungswerther und beſonders, ein gut bezahlter Figaro ſein.— — Wenn Sie daher heute Abend, nachdem Sie zu Haus gekommen ſind, ein Verzeichniß Ihrer Papiere aufnehmen, werden Sie bemerken, welche Ihnen fehlen. Unter anderen bezeichne ich Ihrem Bedauern zwei zärtliche Briefe der Frau Ba⸗ ronie von Roberſac, in welchen dieſe tugend⸗ hafte Dame, die Ihrem Herzen ſo theuer iſt, zu Ihnen, wie von einer, durch Sie geduldeten Sache, von der öffentlichen Liaiſon zwiſchen Ihrer Frau und dem Chevalier von Saint⸗Merry ſpricht. Kurz, mein armer Prinz, nach der Wichtigkeit der Papiere, die ich beſitze, werden Sie die Beſcheidenheit meiner Anſprüche ermeſ⸗ ſ — Aber Du vergißt, Unglücklicher, daß es einen Criminalcoder giebt, Gerichte, Galee⸗ — Ei, ſprechen Sie doch nicht ſo unbeſon⸗ nen von Galeeren, mein armer Prinz. Sie aus⸗ gezeichneter Geſetzgeber. Eine Entwendung von Papieren ohne andern Werth als ihre moraliſche oder politiſche Wichtigkeit iſt einfach eine Ange⸗ legenheit der Zuchtpolizei; ei, zum Henker, ich 6 kenne auch meinen Coder! Doch ich gehe weiter. Sollte es ſich in der That um die Galeeren han⸗ deln, mein armer Prinz? Würden Sie Ihren Schwiegerſohn— nach der Mode Cy⸗ thernes auf die Galeeren ſchicken, ihn, der hun⸗ — dert Briefe von Ihrer Tochter beſitzt? Nein, mein Prinz, auf ſolche Weiſe flößt man mir keine Furcht ein. Alſo, Sie werden ſchnell und eif⸗ rigſt bemüht ſein, für mich zu erlangen, was ich will, wo nicht, ſo ſchneide ich meine Feder, die ziemlich ſpitz iſt, wie Sie wiſſen, und er⸗ zähle dem Publikum, mich auf eine Menge Ac⸗ tenſtücke ſtützend, in einer beißenden Flugſchrift, wie der Prinz von Morſenne, einer von den Vertheidigern der Religion und der Familie, nicht zufrieden damit, eine anerkannte Maitreſſe zu haben und den Liebhaber ſeiner Frau zu dulden, auch noch wahnſinnig in eine rechtſchaffene Bür⸗ gersfrau verliebt iſt; wie dieſer tugendhafte Staatsmann ſeinem Secretär den Antrag ſtellte, ſein Kuppler zu ſein, wofür dieſer Kuppler zum Unterpräfecten und ſpäter zum Präfecten ernannt werden ſollte; wie endlich der Secretär es pi⸗ kant fand, die kleine Bürgerin zu ſeinem Ver⸗ gnügen und die Herzogin von Beaupertuis aus Rache zu verführen. Nun, was meinen Sie dazu, mein Prinz? Werden Sie mir deshalb einen Prozeß wegen Ehrenkränkung machen? Sei es, doch die authentiſchen Papiere werden öffent⸗ lich im Facſimile bekannt gemacht ſein und einen ungeheuren Lärm geſchlagen haben. Ich for⸗ dere Sie aber heraus, ſich, Ihre Familie und Ihre Freunde in dem Sturme des Skandales, den ich erregen werde, vor dem Untergange zu bewahren.— — Mein Gott! Mein Gott!— rief der Prinz außer ſich.— Und das iſt kein Traum! — Ich und die Meinigen, wir ſollten der Gnade eines ſolchen Ungeheuers Preis gegeben ſein?— Nach kurzem Nachdenken nahm Herr von Morſenne mit dem erzwungenen Ausdrucke der Zuverſicht wieder das Wort: — Ich war ſehr ſchwach, dieſen Schurken zu fürchten. Ein Wort an den Polizeipräfecten, wenn ich dieſen Ort verlaſſe, wird genügen. Der Ducormier muß irgend einer geheimen Ge⸗ ſellſchaft angehören. Ein guter Verhaftsbefehl, vierzehn Tage bis drei Wochen ſtrenger Unter⸗ ſuchung, ſechs Monat Gefängniß auf Verdacht, und ſpäter wird man weiter ſehen. Du glaubteſt, mich entwaffnet zu haben, Ungeheuer! Du ſprachſt von meinem Einfluſſe! Du ſollſt den Beweis davon erhalten.— Ducormier zuckte die Achſeln und entgeg⸗ nete: — Ich weiß ſehr gut, mein würdiger Ge⸗ ſetzgeber, daß ſich die höhern Beamten unter einander im Nothfall einen Verhaftsbefehl nicht verweigern, auf welchen dann ſtrenge Unter⸗ ſuchung und Arreſt auf Verdacht folgen. Unter dem Vorwande der Verſchwörung oder einer — 43— politiſchen Maaßregel haben dieſe lettres de⸗ cachet unſerer Tage Cours in unſerem ſchönen Lande der Freiheit. Aber, o Patriarch alter⸗ thümlicher Sitten, meine Papiere,— verzeihen Sie dies anmaßende Wort— Ihre Papiere, wollte ich ſagen, ſind an ſicherem Orte, in zu⸗ verläſſigen Händen. Die geheime Haſft, in die Sie mich bringen ließen, müßte ein Ende er⸗ reichen, und dieſe Maaßregel der Willkür würde in meinem Pamphlet eine vortreffliche Wir⸗ kung thun. Und endlich, mein guter Mann, ver⸗ geſſen Sie immer, daß es Ihr Schwiegerſohn nach der Mode Cythernes iſt, den ſie einkaſteln laſſen wollen, und daß er ſprechen wird, ſo feſt auch der Kaſten ſein mag. Alſo, nichts von dieſen kindiſchen Vorwürfen; fügen Sie ſich im Guten meinen Bedingungen; mein Vortheil bürgt Ihnen für meine Verſchwiegenheit!— — Es iſt um wahnſinnig zu werden!— — In der That, mein armer Prinz, Sie ſcheinen mir nicht mit Ihrer gewöhnlichen Klar⸗ heit zu urtheilen; ich verlange deshalb auch nicht gleich jetzt von Ihnen eine beſtimmte Antwort. Morgen gegen zwei Uhr, werde ich kommen, um mit Ihnen zu plaudern; Sie werden dann ruhig ſein, werden geſehn haben, welche Papiere Ihnen fehlen, und wenn Sie dann Ihre Lage mit kal⸗ tem Blute prüfen, werden Sie die Sicherheit — *des Blickes, die Schnelligkeit der Entſcheidung wieder gewinnen, welche Sie characteriſiren. Sie werden beſonders erkennen, daß ich, Alles wohl⸗ erwogen, kein allzu ungeſchickter Menſch bin, und daß ich, wie ich glaube, das Zeug zu einem Di⸗ plomaten beſitze!— Wie? In dieſem Augenblicke ertönte ein ziemlich heftiger Klingelzug. Der Prinz ſtand auf, erblaßte, und rief bei⸗ nahe erſchrocken aus: — Man klingelt,— hier?— — Ich weiß, was es iſt,— antwortete Ducormier kalt. XXXVI. Nachdem Ducormier, den Klingelzug hörend, zu dem Prinzen von Morſenne geſagt hatte: Ich weiß, was es iſt! ging er auf die Thür zu; dann überlegte er, kehrte zu dem Prinzen zurück, und ſagte mit leiſer Stimme: — Ich bin ſparſam mit meinen Mitteln.— Sie kennen die Perſon, welche hier eintreten wird; ſie iſt keineswegs von dem unterrichtet, was hier vorging, und es liegt in Ihrem Intereſſe, ſie in dieſer Unwiſſenheit zu laſſen. Nur könnte —— ſie im Nothfalle Ihre Anweſenheit an dieſem* Orte bezeugen.— Doch Herr von Saint⸗Gé⸗ ran wird ungeduldig!— fügte Ducormier hinzu, als er einen zweiten Klingelzug hörte, und ging zur Thür. — Herr von Saint-Géran!— rief der Herr von Morſenne. Er ſelbſt, entgegnete Anatole.— Alſo, mein Prinz,— fügte er in rauhem, gebietendem Tone hinzu,— fünfzehn Tauſend Franc Jahrgehalt auf die geheimen Fonds und die Stelle des erſten Geſandtſchaftsſecretärs in Neapel, das iſt es, was ich will; dies zu erlangen, gebe ich Ihnen drei Tage. Sie kennen mich;— jetzt überlegen Sie ſich die Sache.— Ducormier ging, Herr von Saint⸗Göéran die Thür zu öffnen. Dieſer ſchien über den Anblick Anatoles und des Prinzen ſehr zu erſtaunen. Ducormier gab jetzt den Ton der Unver⸗ ſchämtheit und der ironiſchen Vertraulichkeit auf, deſſen er ſich bisher bedient hatte, und ſich ge⸗ gen den Prinzen von Morſenne verbeugend ſagte — Leben Sie wohl, Prinz; ich hoffe, daß die wichtigen Intereſſen, welche wir beſprochen haben, für uns Beide eine befriedigende Löſung finden.— — Prinz,— ſagte Hert von Saint⸗Géran, — ℳ— welcher immer mehr erſtaunte, ſich zu dem Herrn von Morſenne wendend,— ich glaubte nicht, daß ich die Ehre haben würde, Sie hier zu fin⸗ den.— Doch Herr von Morſenne, deſſen Kräfte er⸗ ſchöpft waren und deſſen Geiſt ſich durch ſo viele heftige Erſchütterungen zu verwirren begann, grüßte Herrn von Saint⸗Göran mit einer haſti⸗ gen Bewegung und entfernte ſich eiligſt. Ducormier wendete ſich hierauf zu Herrn von Saint-Géran, und ſagte: — Ich habe nicht die Ehre von Ihnen ge⸗ kannt zu ſein, mein Herr?— — Ihre Züge, mein Herr, ſind mir nicht ganz unbekannt, und es ſcheint mir, als ſei ich Ihnen in dem Hotel Morſenne begegnet.— — In der That, mein Herr.— Ich bin Geheimſeeretär des Prinzen.— — Kann ich erfahren, mein Herr, welcher Zuſammenhang zwiſchen der Anweſenheit Ihres Prinzen an dieſem Orte und einem anonymen Brieſe beſteht.— — In welchem man Ihnen ſagt: Da man das Intereſſt kenne, welches Sie an Allem neh⸗ men, was Fräulein Clémence Duval betrifft, lade man Sie ein, heut Abend in dies Haus. zu kommen, deſſen Adreſſe man Ihnen gab?— — — — Ja, mein Herr, und dieſen anonymen Brief— — Habe ich an Sie geſchrieben.— — In welcher Abſicht?— fragte Herr von Saint⸗Göran, immer überraſchter. — Ich werde Ihre Neugier in jeder Be⸗ ziehung befriedigen.— — Ich höre.— — Mein Herr,— nahm Ducormier wie⸗ der das Wort,— Sie ſind ein ſehr vornehmer Herr— das Alter Ihres Geſchlechtes verliert ſich in die Nacht der Zeiten.— Was ſoll das heißen? Iſt das ein Scherz?— — Erlauben Sie mir, fortzufahren.— Sie ſind nicht nur ein vornehmer Herr, ſondern auch ſehr reich— außerordentlich reich.— — Nun, und was ſchließen Sie daraus? — Ich ſchließe daraus, daß zwiſchen Ihnen und mir eine ungeheure Kluft beſteht, denn ich bin nichts als ein armer Teufel von Secretär, ohne Namen, ohne Vermögen.— — Es kömmt nichts darauf an, dieſe Un⸗ terſchiede der geſellſchaftlichen Stellung hervor⸗ zuheben.— — Es handelt ſich im Gegentheil eben dar⸗ um, mein Herr, und ich halte darauf. — Werden dieſe Räthſel bald aufhören?— — In einem Augenblicke werden Sie die Löſung kennen.— — So beeilen Sie ſich.— — In Ihrer doppelten Eigenſchaft als gro⸗ ßer Herr und außerordentlich reicher Mann haben Sie ſich eingebildet, Fräulein Clémence Duval zu heirathen.— — Genug!— rief Herr von Saint⸗Géran mit ſchmerzlichem und zornigem Tone;— kein Wort weiter.— — Es thut mir leid, Ihnen nicht gehorchen zu können, entgegnete Ducormier mit dem Tone ſpöttiſcher Unterwürfigkeit;— aber Sie müſſen gefälligſt erlauben, fortzufahren.— — Sehen Sie ſich vor, mein Herr; nehmen Sie ſich in Acht!— — Wovor?— fragte Ducormier entſchloſſen. Nachdem Herr von Saint-Geéran eine hef⸗ tige Bewegung unterdrückt hatte, ſagte er nach. einer kurzen Ueberlegung mit dumpfer Stimme: — Fahren Sie fort, mein Herr.— — Ich begreife vollkommen,— ſagte Du⸗ cormier,— daß Sie ſich leidenſchaftlich in Fräu⸗ lein Clémence Duval verliebten, und daß Sie den Gedanken hatten, ſie zu heirathen; ſie iſt ein Engel an Güte und Schönheit. Was ich weni⸗ ger begreife, iſt, daß Sie nach einer förmlichen Weigerung von Seiten des Fräulein Duval bei Ihren Werbungen beharrten; und was ich gar nicht begreife, iſt, daß Sie, ohne Zweifel ver⸗ blendet durch den Glanz Ihres Ranges und Ihres Reichthumes, durch die Wiederholung Ihrer Anträge Fräulein Duval mit jenen Mäd⸗ chen verwechſeln konnten, welche ihre Seele für einen Titel und für Geld verkaufen,— — Ich glaube, Gott verdamme mich,— rief Herr von Saint⸗Geran, verletzt durch dieſe Worte,— ich glaube, Sie wollen mir eine Lehre geben?— — Wenn es eine Lehre wäre, ſo wäre die Moral davon: Es iſt zuweilen gut, den Leuten, die ſo eitel auf ihren Reichthum, ſo ſtolz auf ihr Geſchlecht ſind, zu beweiſen, daß dieſe Vorzüge nicht genügen, um alle Herzen zu erobern, und daß da, wo reiche und große Herren nichts als Gleichgültigkeit oder Geringſchätzung finden, man oft eine Gattung triumphiren ſieht,— wie man uns gern in einer gewiſſen Welt nennt,— uns arme Teufel, Leute von wenig oder gar kei⸗ nem Vermögen, die wir, um Liebe zu gewinnen, nichts für uns haben, als Herz, unſern Geiſt und unſere Liebe.— Mordieu, mein Herr,— rief Herr von Saint⸗Géran,— dieſe Unverſchämtheit.— — Leiſer,— unterbrach ihn Ducormier halb⸗ laut, und indem er ſeine Hand ergriff.— Mor⸗ Die Prophezeihung. V. 4 — gen werde ich bereit ſein, Ihnen jede Genug⸗ thuung zu geben. Sie finden mich bei dem Prin⸗ zen von Morſenne, wo ich wohne.— — Aber, mein Herr— — Leiſer, mein Herr; Ihre Stimme möchte ſonſt das benachbarte Gemach durchdringen und das Ohr einer Dame erreichen, die Sie durch Ihre nutzloſe Ereiferung nicht werden erſchrecken wollen.— Eine Dame?— — Ja, eine Dame, die bald meinen Na⸗ men tragen wird, da Sie hier iſt, allein, zu die⸗ ſer Stunde, vertrauend auf meine Liebe, welche, wie Sie ſehen, ihr mehr Glauben einflößt, als die Ihrige; denn Clémence Duval hat Ihre Hand zurückgewieſen, um ohne Bedingung mein zu ſein. Hören Sie? Ohne Bedingung!— Bei dieſen Worten erbebte Herr von Saint⸗Gé⸗ ran, und rief mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ drucke des Schmerzes, der Eiferſucht und der Wuth: — Fräulein Duval liebt Sie? — Zärtlich!— — Sie iſt hier— allein— bei Ihnen?— — Sie lügen!— — Noch eine Beleidigung! Später werden wir unſere Rechnung ausgleichen,— entgegnete Anatole kalt.— Doch Sie fühlen wohl, mein Herr, daß wenn ich Sie hierher kommen ließ, es geſchah, um mir das Vergnügen zu machen, Ihnen eine Gewißheit zu bieten, die Ihnen das Herz zerreißt, Sie in Verzweiflung ſetzt; es hängt nur von Ihnen ab, ſie zu erlangen, und Sie werden das nicht unterlaſſen: Ich kenne die Verliebten. Sie werden daher früher hier fortgehen, als ich, Sie werden in einiger Entfernung von der Thür auf mich warten; der Boulevard iſt glänzend beleuchtet; Sie werden ſehen, ob die Dame, die an meinem Arme mit mir fortgeht, nicht Clémence Duval iſt. Ma⸗ chen Sie es noch beſſer; treiben Sie die Probe noch weiter. Reden Sie uns an; erzählen Sie meiner geliebten Clémence, was hier zwiſchen Ihnen und mir vorgefallen iſt; ſie wird, davon bin ich überzeugt, die Lehre billigen, die ich Ihnen ge⸗ geben habe, und ihre Liebe für mich nicht leug⸗ nen. Sie iſt frei, und wird meine Frau wer⸗ den.— Die Ueberraſchung, der Zorn, beſonders aber die Verzweiflung waren bei Herrn von Saint⸗ Geéran ſo groß, daß er Ducormier ſprechen ließ, ohne ihn zu unterbrechen. Dann konnte auch dieſer Mann mit dem ed⸗ len, großmüthigen Herzen nicht begreifen, wes⸗ halb Ducormier, der ihn gar nicht kannte, ihn 4* — durch ſeinen Triumph zu Boden ſchmetterte. Er rief daher aus: — Aber was iſt denn die Urſache Ihres Haſ⸗ ſes gegen mich, mein Herr? — Welches die Urſache iſt?— ſagte Ducor⸗ mier, fürchterlich durch ſeinen Ausdruck des Haſ⸗ ſes und Neides.— Welches die Urſache iſt? Das fragen Sie mich?— Doch zu klug, um ſich nicht zu beherrſchen, fuhr er mit ſpöttiſchem Lächeln fort: — Ich wünſchte die Ehre zu haben, Ihnen mündlich meine nah bevorſtehende Verheirathung mit Fräulein Clémence Duval mitzutheilen, weil es mir Geſchmack zu verrathen ſchien, Sie ſelbſt von einem Ereigniſſe in Kenntniß zu ſetzen, welches Sie ſo ſehr intereſſiren muß.— Dieſer neue Spott rief den ganzen Zorn des Hertn von Saint⸗Geéran zurück; doch als ein Mann von Muth und Anſtand blieb er ruhig, indem er entgegnete: — Sie hätten mir Ihren Sieg über mich bei Fräulein Duval auf eine minder beleidigende Weiſe darlegen können, und ich würde doch in Ihnen die Wahl einer Perſon geehrt haben, die mir ſtets heilig ſein wird, einer Perſon, für welche ich in dieſem Augenblicke ſogar ein verdop⸗ peltes Intereſſe hege, denn wenn Sie nicht ganz unverſchämt lügen, ſo eilt ſie ihrem Verderben entgegen, indem ſie ein blindes Vertrauen zu“ einem Manne hat, der ſo kalt boshaft iſt, wie Sie, mein Herr. Ich kenne Sie nicht; ich wußte nichts von ihren Anſprüchen auf die Hand des Fräulein Duval; ich konnte daher nicht die Ab⸗ ſicht haben, Sie zu verletzen, zu demüthigen.— — Dieſe Entſchuldigungen, mein Herr, ſind nicht— — Entſchuldigungen!— wiederholte Herr von Saint⸗Göéran, indem er Ducormier unter⸗ brach, den er geringſchätzend mit den Augen maß. — Sie dauern mich! Ich fahre fort.— Ich konnte daher nicht daran denken, Sie in irgend etwas zu verletzen, indem ich meine Hand einer Perſon antrug, die ich noch jetzt der Achtung und Liebe eines rechtſchaffenen, wahrhaft liebenden Mannes werth halte, der nichts gegen ſich hatte, als ſeinen Rang und ſeinen Reichthum. Sie ſind mir vorgezogen worden, mein Herr; ſtatt ſich, ich will nicht ſagen, großmüthig zu zei⸗ gen Es giebt eine Großmuth, die ich nicht an⸗ nehme), ſtatt ſich alſo gleichgültig gegen einen aus⸗ geſtochenen Nebenbuhler zu zeigen, locken Sie . mich durch einen anonymen Brief in eine Art von interhalt der verſchiedenſten Unverſchämtheiten, Und weshalb das? Um mir zu ſagen, daß ein Mann von nichts, wie Sie ſich ſo ſtolz nennen, über einen reichen und vornehmen Mann, wie — ich bin, den Sieg davontragen kann.— Sie ſe⸗ hen wohl ein, mein Herr, daß, 1 welches Recht man auch haben möge, gewiſſe Beleidigungen zu verachten, man ſich doch darein ergeben muß, ſiez zu beſtrafen; ich werde das verſuchen.— — Dieſe Beſcheidenheit gefällt mir.— — Als einen letzten Beweis der Rückſicht gegen Fräulein Duval, deren guter Ruf mir mehr am Herzen liegt, als Ihnen, will ich meinerſeits nicht, daß ihr Name in dieſer Angelegenheit aus⸗ gen werde.— — Das ſagt mir vollkommen zu. Ich er⸗ wartete nicht weniger von Ihrer Edelmann⸗ ſchaft. Wenn Sie wollen, ſagen wir unſern Zeugen, daß— Sie mich auf den Fuß getreten haben, daß daraus ein Streit entſtand und eine Ausgleichung unerläßlich wurde.— — So ſei es!— Können Sie den Degen führen?— — Hinlänglich, mein Herr. Ich hoffe, es Ihnen zu beweiſen.— — Wann?— 5 — Morgen früh.— — Zu welcher Stunde?— — Um neun Uhr, wenn es Ihnen — An welchem Orte?— — Wählen Sie.— — Im Gehölze von Vincennes.— — Im Gehölze von Vincennes alſo.— — Der Sammelplatz?— — Vor der Barriére Saint-Antoine. Der zu⸗ erſt ankommende Wagen wartet auf den an⸗ dern.— — Sehr gut.— Nachdem dieſe Worte gewechſelt waren, öffnete Ducormier die Thür und Saint-Göéran ging langſam die Treppe hinab. Dieſer Mann mit dem edlen Herzen litt un⸗ ausſprechlich. Die Schönheit Clémence Duvals hatte nicht nur auf ihn einen tiefen, und für lange Zeit un⸗ auslöſchlichen Eindruck gemacht, ſondern er fürch⸗ tete auch, ſo wie er es Ducormier geſagt, aufrich⸗ tig für ſie die Zukunft, welche ihre Wahl ihr zu bereiten ſchien. Anatole hatte Herrn von Saint⸗Göéran den Vorſchlag gemacht, ſich ſelbſt zu überzeugen, ob Clémence Duval in der That Abends und allein in der Wohnung geweſen ſei, die er verlaſſen hatte. Lange zögerte Herr von Saint⸗Göéran; das hieß ſich freiwillig einem nutzloſen und grau⸗ ſam ſchmerzlichen Schlage ausſetzen. Doch ſo, wie es beinahe immer zu gehen pflegt, gab er endlich dem verhängnißvollen Drange nach, der uns antreibt, freiwillig unſere Leiden zu vergrö⸗ ßern, ſtellte ſich in den Schatten, der durch den Vorſprung eines Hauſes gebildet wurde, und wartete. Kaum hatte er Ducormier ſeit einer Viertel⸗ ſtunde verlaſſen, als er ihn bei dem glänzenden Scheine der Gasſchnäbel mit Clémence Duval aus dem Hauſe treten, den Boulevard bis zu der Saint⸗Denis hinabgehen und mit dem jun⸗ gen Mädchen in einen der dort haltenden Fiacker ſteigen ſah. — Ja, ich werde dieſen Menſchen tödten! Er bereitet mir zu viele Leiden!— murmelte Herr von Saint⸗Göran mit dumpfer Stimme, indem er Thränen des Schmerzes und der Wuth trock⸗ nete. Rxxx⸗ Am Tage nach dem, an welchem die vorher⸗ gehenden Auftritte ſtattfanden, ſtieg Marie Fau⸗ veau gegen zwei Uhr Nachmittags blaß, mit ent⸗ ſtellten Zügen an der Thür des Doctor Bonaquet aus dem Fiacker, eilte zu der Loge des Portiers und fragte mit beinahe brechender Stimme: — Iſt der Doctor Bonaquet zu Hauſe?— — 35— — Nein, Madame,— entgegnete der Thür⸗ hüter;— er iſt ausgegangen.— Und Madame Bonaquet, iſt die zu Hauſe?— Nein, Madame.— Mein Gott! Mein Gott!— murmelte die junge Frau;— welch ein Mißgeſchick!— Dann wendete ſie ſich zu dem Portier, und ſagte: — Ich werde immer hinaufgehen, und war⸗ ten, bis Herr Bonaquet oder ſeine Frau zu⸗ rückkommen.— — Das kann nichts helfen, Madame, denn vor zwei Stunden ſind Herr und Madame Bo⸗ naquet mit Poſtpferden abgereiſt.— — Abgereiſt!— rief die junge Frau mit herzzerreißendem Tone.— Abgereiſt!— — Ja, Madame. Es ſcheint, daß eine Ver⸗ wandte der Madame Bonaquet, von der ſie erſt geſtern zurückgekehrt war, plötzlich in der Provinz gefährlich erkrankt iſt. Der Bevollmächtigte die⸗ ſer Dame kam im Reiſewagen, um den Herrn Doctor zu holen. Während man von der Poſt friſche Pferde beſorgte, trafen Herr und Madame Bonaquet in der Eile ihre Vorbereitungen, dann beſtiegen ſie den Wagen, in welchem der Ge⸗ ſchäftsführer ihrer Tante gekommen war, und fuhren mit verhängtem Zügel davon. — Doch, Madame, Sie erblaſſen; Sie wer⸗ den umfinken. Nehmen Sie ſich in Acht! Ach mein Gott, die arme kleine Dame, Frau, Frau, komm ſchnell!— rief der Portier, indem er Marie, die beinahe ohnmächtig wurde, in ſeine Arme auffing. Dank dem ſorgſamen Beiſtande der Frau des Portiers kam Madame Fauveau nach einem hef⸗ tigen Nervenanfalle wieder zur Beſinnung und empfing auf's Neue die verzweifelnde Ueberzeu⸗ gung von der Abreiſe des Herrn und der Ma⸗ dame Bonaquet. Daher verließ Marie das Haus, den Tod im Herzen, bezahlte ihren Fiacker, ging eine Strecke an dem Quai entlang und als ſie hier, dem pont Neuf beinahe gerade gegenüber ein beſcheidenes Hotel garni erblickte, trat ſie ein, ließ ſich ein kleines Zimmer, Papier, Dinte und Feder geben, und ſchrieb, oft von den Thränen unterbrochen, die über ihr blaſſes, trübes Geſicht floſſen, den folgenden Brief: — Mein guter Vater, meine gute Mut⸗ ster — Dieſen Morgen haben Sie mich wie eine Nichtswürdige fortgejagt, ohne mich hö⸗ ren zu wollen. Ich beklage mich nicht; der Schein iſt gegen mich. Sie müſſen mich ankla⸗ gen, doch ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, die ganze Wahrheit; in meinem Leben habe ich nie gelogen, das wiſſen Sie wohl. Entſchuldigen Sie mich, wenn mein Brief nicht viel Zuſam⸗ ———————— 8. —,—————— menhang hat; mein Kopf iſt verwirrt! Laſſen Sie mich Ihnen zuerſt zurückrufen, was ſich die⸗ ſen Morgen zugetragen hat. — Um zehn Uhr trat Joſeph in das Zimmer von Mama, wo wir waren. Obgleich er den Bart raſirt hatte, ſah er ſo ſchrecklich, ſo fürchter⸗ lich aus, daß wir alle Drei einen Schrei aus⸗ ſtießen. Darauf iſt er auf mich zugetreten, und ſagte zu mir mit dumpfer Stimme, die man kaum hörte: — Marie, geſtern Abend, um ſechs ein hal Uhr, hat das Mädchen in der Rue de Bourgogne einen Fiacker geholt, und Du biſt vor dem Laden in dieſen Wagen geſtiegen?— das iſt wahr.— Du trugſt einen gelben Shawl und einen weißen Hut?— Ja.— Dieſer Fiacker hat Dich zur Thür eines Hauſes in der Rue de la Lune gefah⸗ ren?— Ja.— Dort biſt Du in das zweite Stockwerk hinaufgegangen, und Anatole hat Dich empfangen?— Ja.— Nach einigen Augen⸗ blicken hat er Dich aus einem Zimmer, in wel⸗ chem Du warſt, fortgelaſſen, indem er zu Dir ſagte: Meine kleine Marie, wir müſſen unſer Rendez⸗vous auf morgen verſchieben?— Auch das iſt wahr. Jetzt, Joſeph, höre mich an.— Nichtswürdige! rief mein Mann aus, ſeine Knie brachen unter ihm, und er fiel, wie vom Blitz getroffen, nieder. Dann, während Du, arme £ 6— Mama, zu Joſeph eilteſt, um ihm beizuſtehen, ſtürzte Papa auf mich zu, faßte mich bei den Schul⸗ tern, und ſtieß mich, meiner Bitten ungeachtet, zur Thür hinaus, indem erſagte: Geh, Elende, undkehre nie zurück. Du biſt die Schande unſeres Alters!— Marie unterbrach ſich einen Augenblick, um ihre Thränen zu trocknen, und fuhr hierauf in ihrem Briefe fort: — Nicht wahr, Mama, ſo war es? denn an Dich wende ich mich. Papa wird meinen Brief weder leſen noch leſen hören wollen. Ich beklage mich darüber nicht; er muß mich für ſchuldig hal⸗ ten. Dennoch, ich ſchwöre es bei dem Leben mei⸗ ner armen kleinen Louiſe, bin ich unſchuldig. Du wirſt mir vielleicht glauben, Mama. Lies nur wenigſtens; was thut es Dir denn, wenn Du dieſen Brief lieſt? Das iſt die letzte Gnade, die ich von Dir erbitte, wenn ich Dich nie wieder⸗ ſehen ſoll. — Mein Gott, mein Gott, wie kann ich Dir die Gründe begreiflich machen, die mich zu einem Schritte getrieben haben, deſſen ganze Wichtigkeit ich jetzt erkenne! Nun, ich will es ver⸗ ſuchen; aber ich beſchwöre Dich, Mamachen, werde nicht ungeduldig; ich muß etwas weit zu⸗ rückgehen. — Du weißt, daß ich Dir vor etwa drei Monaten von unwürdigen Anträgen geſagt habe, ———— — — ach, damals lachte ich darüber,— welche der Vertraute eines Prinzen mir machte. Ich fragte Dich, ob ich davon mit Joſeph ſprechen ſollte, oder nicht; Du antworteteſt mir, ja. Der Zufall wollte, daß Herr Anatole, ein Freund meines Mannes, Privatſecretär dieſes Prinzen war. Die⸗ ſer wußte, daß Herr Anatole uns kannte, und war nichtswürdig genug, ihm zu ſagen:— Wenn es Ihnen gelingt, mir bei Madame Fauveau Ge⸗ hör zu verſchaffen, iſt Ihr Glück gemacht.— — Arme kleine Mama, Du wirſt mich nicht verſtehen! Das alles iſt ſo ſchlecht, ſo verwickelt, daß Du glauben wirſt, ich erfinde; und dann wirbelt mir auch der Kopf, als hätte ich jeden Augenblick den Schwindel. Doch ich will ver⸗ ſuchen daß das, was ich Dir erzähle, für Dich klar ſei. — Herr Anatole war empört über den An⸗ trag des Prinzen, ſtellte ſich indeß, als ob er ihn annähme, und kam dann zu uns, Joſeph und mir zu ſagen: Ich will mich und auch Euch an die⸗ ſem alten Wollüſtling rächen; er hat eine ſehr ſchöne Tochter; ich werde ſuchen, ſie zu verfüh⸗ ren, während ich im Intereſſe des Prinzen bei Ma⸗ dame Fauveau zu handeln ſcheine, ſo daß ich ihm eines ſchönen Tages ſagen kann: Prinz, Marie ewartet Sie. Er wird kommen, und in Deiner Gegenwart, Joſeph, und der Deiner Frau, werde ich dann zu ihm ſagen: Während Sie glaubten, daß ich damit beſchäftigt wäre, Madame Fauveau für Sie zu verführen, habe ich Ihre Tochter ver⸗ führt.— Das war die Rache, die Herr Anatole für ſich und für uns wollte. — Du erinnerſt Dich, Mamachen, daß ſeit jener Zeit Joſeph anfing, traurig, nachdenkend zu ſein. Gegen mich war er nicht mehr derſelbe. — Er ſprach oft barſch, zuweilen hart mit mir. Du weißt, Mama, daß ich Dir ſagte, wie mich dieſer Wechſel betrübte und überraſchte. Du ant⸗ worteteſt mir: Marie gedulde Dich, mein Kind; es giebt in der Ehe gute und ſchlechte Tage; Du haſt die guten gehabt; jetzt iſt die Reihe an den ſchlechten, die guten werden auch wieder kommen, doch gedulde Dich. — Ich habe mich geduldet, denn ich liebte Joſeph. Sein Charakter wurde immer finſterer, reizbarer. Er machte mir um ein Nichts Auf⸗ tritte. Ich verſuchte, ihn zu beruhigen, ſehr freundlich zu ſein, ihn aufzuheitern, ihn aus ſei⸗ nen finſtern Gedanken zu reißen. Es gelang mir beinahe niemals und heimlich weinte ich mir das Herz aus dem Leibe. Du wußteſt davon nichts, denn ich wollte Dich nicht immer durch meinen Schmerz betrüben, und wenn Du Sonntags, ge⸗ gen meinen Willen, meine Traurigkeit bemerkteſt, ſagteſt Du:. utdit — 65 25 Nun, die ſchlechten Tage dauern alſo noch ort?— — Ich antwortete Dir: Noch ein wenig, Mama, doch ich gedulde mich, und die guten Tage werden zurückkehren, wie ich hoffe!— Ach, es war grade das Gegentheil. Ich konnte es daher auch nicht mehr aushalten, und hatte eine Erklärung mit ihm, indem ich ihn anflehte, mir zu ſagen, was er gegen mich hätte. Da erfuhr ich, daß er eiferſüchtig ſei, doch nicht auf wen oder worüber, und er ſagte mir: — Daß der Prinz Dir Geld anbieten konnte, mußten ſchlechte Gerüchte über Dich in Umlauf ſein.— — Du ſagteſt: Gedulde Dich noch länger. Die Eiferſucht iſt ein Strohfeuer, das flammt auf und erliſcht eben ſo ſchnell wieder, als es entzün⸗ det wurde. Sei ſanft, ergebungsvoll, führe Dich immer wie eine rechtſchaffene Frau auf, und Dein Joſeph wird früher oder ſpäter ſehen, daß ſein Argwohn keinen geſunden Sinn und Menſchen⸗ verſtand hat. Endlich wird er zu Dir zurück⸗ kehren.— Ich hörte auf Deine Rathſchläge. Doch un⸗ glücklicherweiſe hat Joſeph ſich dann dem Trunke ergeben. Ach, Mamachen, ich habe, ohne es Dir zu ſagen, entſetzliche Tage verlebt! Es war noch nichts, wenn ich mich mit Joſeph allein befand; — doch in Gegenwart meiner kleinen Tochter, die ihren Vater betrunken ſah, beſchimpft, mißhan⸗ delt zu werden, das zerriß mir das Herz. Und weinend ſagte ich mir: — Mein Gott, wenn dieſer elende Prinz mir nicht die unwürdigen Anerbietungen gemacht hätte, würden mein Mann und ich noch ſo glück⸗ lich leben, wie ſonſt, denn Joſeph wiederholt mir bei jedem Auftritte beſtändig:— Wenn der Prinz Dir Geld geboten hat, ſo geſchah es, weil im Stadtviertel üble Gerüchte über Dich im Umlauf ſind. Wenn Du mich nicht mehr liebſt, ſo kommt das daher, weil Du einen Liebhaber haſt.— — Was ſoll ich Dir noch ſagen, Mama? Indem ich mir durch Joſeph immer dieſelbe Sache vorwerfen hörte, und ſeine ſchlechte Behandlung zu erdulden hatte, habe ich, die ich in meinem Le⸗ ben nie Jemand haßte, allmählig in mir einen Haß gegen dieſen verwünſchten Prinzen, den Ur⸗ heber all unſerer Leiden, entſtehen fühlen, und ſiehſt Du, arme liebe Mama, dieſer Haß iſt an Allem Schuld. Herr Anatole beſuchte uns von Zeit zu Zeit; nie hat er mir den Hof gemacht, oder nur ein einziges Wort geſagt, welches nach Liebe klang. Ich empfand gegen ihn eher Wider⸗ willen, als etwas anderes, obgleich er immer meine Partei gegen den armen Joſeph ergriff. Er zankte mit ihm, ſuchte ihn zur Vernunft zu bringen, und ſagte uns: — Bald werden wir Alle gerächt werden. — Dabei ſagte ich, ſtatt wie ſonſt die Tochter des Prinzen zu beklagen, zu Herrn Anatole:— Trachten Sie, daß dieſe ſchöne Herzogin Sie lei⸗ denſchaftlich liebe, und dann ſagen Sie ihr eines Tages, daß Sie ſich über ihre Liebe nur luſtig gemacht haben. Sie wird vor Kummer darüber ſterben; deſto beſſer, daß wird eine Betrübniß für die alten Tage ihres unwürdigen Vaters ſein.— — Siehſt Du, Mama, ſo hatte das Un⸗ glück mich ungerecht und boshaft gemacht. Vor⸗ geſtern endlich benahm ſich mein Mann in Ge⸗ genwart meiner kleinen Tochter ſo abſcheulich ge⸗ gen mich, daß ich ihm ſagte:— Joſeph, es iſt mir unmöglich, ein ſolches Leben zu ertragen; ich bin zu Ende. Ich würde vor Kummer ſterben; nur mein Kind bedarf meiner. Ich werde bei mei⸗ nen Eltern leben.— Ich kam dann zu Euch, Papa und Dir Alles zu erzählen, was ich zu leiden hatte, beſonders ſeit zwei Monaten, ohne daß ich mich je darüber beklagte. Ihr habt mich nicht für eine Lügnerin gehalten, denn Papa ant⸗ wortete mir:— Marie, ich will nicht, daß Dn noch länger eine Schmerzensleiderin ſein ſollſt; ich werde Deinen Mann aufſuchen, und ihm ſa⸗ Die Prophezeihung. V. 5 gen, daß wir Dich wieder zu uns nehmen, wenn er ſein Betragen nicht ändert.— — Ich bin mit Papa in den Laden zurück⸗ gekehrt. Er iſt in das kleine Zimmer hinaufge⸗ gangen, welches Joſeph im fünften Stock ge⸗ miethet hatte, um ſich ſeiner Neigung für den Trunk ungeſtörter hingeben zu können. Mein Mann lag auf ſeinem Bette und neben ihm ſtand eine Branntweinflaſche, die drei Viertel leer war. Der arme Unglückliche war auf den Tod betrun⸗ ken. Papa konnte kein Wort aus ihm heraus⸗ bringen. Da ſagte er zu mir: — Mein Kind, ich habe zu viel geſehen. Packe Deine Sachen; morgen wirſt Du mit Dei⸗ ner kleinen Tochter zu uns ziehen.— — Kaum war Papa fort, als ich zu Joſeph hinaufging. Ich warf mich vor ſeinem Bett auf die Knie. Er hörte nichts. Ich weinte über ihn, wie über einen Todten, dem man das letzte Lebe⸗ wohl ſagt. Es zerriß mir das Herz, meinen ar— men Joſeph ſo ohne Beſinnung zu ſehen, Haare und Bart in Unordnung, er, der ſonſt ſo ſchön, ſo ordentlich, ſo gut war; er, den ich noch ſo ſehr geliebt hätte, wenn er es nur wollte. Ich ſagte ihm Lebewohl für immer. Ach, ſagte es ihm nur mit den Lippen. Es ſchien mir unmög⸗ lich, den Vater meiner kleinen Tochter ſo ſich ſelbſt und ſeinem Unglück zu überlaſſen. Ich ver⸗ zieh ihm ſeine Ungerechtigkeiten, ſeine thörichte Eiferſucht, denn er hatte eben ſo viel gelitten, wie ich, und gleich mir hätte er nichts ſehnlicher gewünſcht, als glücklich und ruhig zu leben, Ich erinnerte mich, wie zärtlich er war, ſo lange ſein Kopf frei blieb. Ich dachte unſerer kleinen, hei⸗ tern, glücklichen Wirthſchaft, welche den Neid aller unſerer Nachbarn erweckte. Ich ſagte mir: — Ohne dieſen unwürdigen Prinzen, deſſen Anträge meinen armen Joſeph argwöhniſch und eiferſüchtig machten, würden wir noch eben ſo glücklich ſein, wie ſonſt. In dieſem Augenblick, ach, Mama, ich ſchwöre es bei Dir, bei meinem Vater, bei dem Leben meiner lieben kleinen Tochter, in dieſem Augenblick trat Herr Anatole ein. Unſer Mädchen hatte ihm geſagt, daß ich oben ſei. Bei ſeinem Anblick rief ich wie außer mir, und indem ich auf meinen armen Joſeph zeigte: — Das hat er gethan, Ihr Prinz!— — Wollen Sie Joſeph rächen?— fragte mich Herr Anatole augenblicklich.— Ja, wollen Sie Joſeph und ſich ſellſt auf eine fürchterliche Weiſe rächen?— — Ha, dafür würde ich, glaube ich, mein Leben geben!— antwortete ich ihm, denn ich war wahnſinnig und ſehe jetzt, daß die Wahr⸗ ſagerin mit ihrer Prophezeihung vielleicht nicht Unrecht hatte. 5* — — Es handelt ſich Gott ſei Dank nicht dar⸗ um, den Prinzen zu tödten, meine arme Ma⸗ dame Fauveau,— antwortete mir Herr Ana⸗ tole,— ſondern ihm einen Schmerz zu bereiten, der hundert Mal ſchlimmer iſt, als der Tod. Willigen Sie ein, dieſen Abend um ſieben Uhr in ein Haus zu kommen, das ich Ihnen bezeichnen werde; Sie ſollen dort nicht zehn Minuten bleiben; Sie haben mir, wenn ich Ihnen die Thür öffnen werde, durch die Sie eingetreten ſind, nur zu ſagen: Anatole, weshalb haſt Du mich allein gelaſſen? Sind dieſe Worte geſpro⸗ chen, ſo wird die Thür ſich hinter Ihnen ſchlie⸗ ßen; Sie verlaſſen das Haus, und der Prinz wird ſicherer in das Herz getroffen ſein, als ob er einen Dolchſtoß empfangen hätte, denn er iſt in Sie ſo heftig verliebt, wie alte Wolllüſtlinge es zu ſein pflegen, das heißt, bis zur Raſerei. Ur⸗ theilen Sie daher von ſeinem grauſamen Schmerze, von der Wuth ſeines Stolzes, wenn er nach Ihren Worten glauben muß, daß Sie mich lie⸗ ben und daß er nur mein Spielwerk war. Und das iſt noch nicht Alles: Ich werde zu derſelben Stunde und in dieſelbe Wohnung ſeine Tochter fommen laſſen, welche meine Geliebte iſt, und er ſoll dies erfahren, ſo daß das alte Ungeheuer Schlag auf Schlag empfangen wird. Sie haben durchaus keine Indiscretion zu befürchten; das Geheimniß bleibt zwiſchen Ihnen und mir be⸗ wahrt. Was den Prinzen betrifft, ſo wird die Schaam ihn abhalten, jemals davon zu ſpre⸗ chen.— — Was ſoll ich Dir noch ſagen, Mama. Mein Kopf war verwirrt. Aus Haß gegen den Prinzen, die Urſache all unſeres Unglücks, habe ich den ſchlechten Rath des Herrn Anatole be— folgt, indem ich dachte, daß wenigſtens mein ar⸗ mer Joſeph und ich gerächt werden würden. Ich nahm einen Fiacker, begab mich nach dem Hauſe, deſſen Adreſſe mir Herr Anatole gegeben hatte, und nach unſerer Verabredung ſagte ich zu ihm: weshalb haſt Du mich allein gelaſ⸗ en? — Weil eine Angelegenheit mich zwingt, unſer Rendez⸗ vous auf morgen zu verſchieben, meine kleine Marie; geh; fürchte nichts; geh die andere Treppe hinab.— Nach dieſen Worten machte Herr Anatole die Thür wieder zu. Ich folgte einem Gange, den er mir bezeichnet hatte, ſtieg hinab und verließ das Haus, in welchem ich nicht zehn Minuten geweſen war. Auf der Straße nahm ich meinen Fiacker wieder; er fuhr nich zu Dir; auf dem Wege überlegte ich, was ich ſo eben gethan hatte, und fühlte, daß ich ein Unrecht begangen; doch ich war an dem Prinzen, der Urſache all unſeres Kummers, gerächt. Gleich⸗ — wohl ſtand ich auf dem Punkte, Dir Alles zu bekennen, als ich zu Dir kam, doch ich zögerte wegen Papas, und wartete darauf, daß ich mit Dir allein wäre. Wir brachten den Abend damit zu von Joſeph zu ſprechen, und ich ſagte Dir: Ich füͤhle, daß ich nie den Muth haben werde, Joſeph zu verlaſſen; es wäre feig von mir; er würde vollends untergehen. Er iſt doch jeden⸗ falls der Vater meiner Tochter, und ich will lieber ſo viel und noch mehr leiden, als ich ge— litten habe, wie meinen Mann ſo bei ſeinem Un⸗ glück und ſeiner Verzweiflung allein laſſen.— Du mußt zuerſt ſehen, welche Wirkung die Tren⸗ nung von Dir bei ihm hervorbringen wird, ſagte Papa; es iſt möglich, daß es für ihn eine Lehre wird, aus der er Nutzen zieht, und dann, mein Kind, werden wir die Erſten ſein, Dir zu rathen, daß Du zu Deinem Mann zurückkehrſt.— — Nachdem ich ſo mit Dir und Papa ge⸗ plaudert hatte, bin ich mit meinem kleinen Mäd⸗ chen zu Bett gegangen; ich hatte entſetzliche Träume; ich ſah mich auf dem Blutgerüſt und die Wahrſagerin ſagte zu mir:— Erinnere Dich meiner Prophezeihungen!— Nach dieſer trau⸗ rigen Nacht bin ich aufgeſtanden; ich wollte in den Laden zurückkehren, ſo beſorgt war ich um meinen armen Joſeph; Du und Papa, Ihr ſag⸗ tet zu mir:— Warte noch, Marie. Wenn die — „— — Lehre fruchten ſoll, muß ſie vollſtändig ſein.— In dem Augenblick, als Ihr ſo ſprächt, iſt Jo⸗ ſeph eingetreten. Er hat mich befragt und ich ſagte die Wahrheit. Der arme Unglückliche ließ mich nicht ausreden; er mußte mich für ſchuldig halten und Ihr habt mich aus dem Hauſe geſtoßen. — Das, Mama, iſt die ganze Wahrheit. Mein erſter Gedanke war, zu Herrn und Ma— dame Bonaquet zu eilen; ſie hätten mir geglaubt, deſſen bin ich gewiß; ſie hätten mir geholfen, Dich zu überzeugen, Dich, Papa und meinen armen Joſeph, wenn er den Schlag überlebt, von dem er getroffen wurde; doch Herr Bonagquet iſt mit ſeiner Frau auf der Reiſe. Wie iſt mein Mann von dem unterrichtet worden, was geſtern Abend in dem Hauſe vorgefallen iſt? Er konnte es nur von Herrn Anatole erfahren, oder von dem Prin⸗ zen, in ſeiner Wuth darüber, getäuſcht worden zu ſein. Herr Anatole hatte kein Intereſſe dabei, Joſeph dieſen Streich zu verſetzen, es iſt alſo der Prinz geweſen. Wieder und immer der Prinz!— — Arme Mama, ich hatte ſo eben meinen Brief unterbrochen. Der Kopf wirbelte mir; ich glaubte wahnſinnig zu werden. Die Nacht iſt angebrochen; ich wage nicht, in den Laden zurück⸗ zukehren, wohin man vielleicht meinen armen Joſeph gebracht hat; er würde mich umbringen, ohne mich hören zu wollen. Aus Furcht vor dem Papa wage ich auch nicht, zu Euch zu kom⸗ men. Ich nahm für dieſe Nacht ein kleines Stübchen in dem Hotel Sublet, gegenüber dem pont Neuf, auf dem Quai Nr. 103. Von die⸗ ſem Stübchen aus ſchreibe ich Dir, Mama, und Du triffſt mich dort, wenn Du mit Deiner armen Marie Mitleid haben willſt. Ich mache mir bittre Vorwürfe über den Augenblick der Ver⸗ zweiflung und des Haſſes, der mich antrieb, den ſchlechten Rath des Herrn Anatole zu befolgen. Bis auf dieſen verhängnißvollen Schritt bin ich eine rechtſchaffene Frau geblieben. Weder Du, noch mein Vater, noch mein Mann, habt über mich zu erröthen. Wenn Du nicht kommen willſt, um mich zu ſehen, ſo ſchreib mir wenigſtens ein Wort durch den Ueberbringer dieſes Briefes. Gieb mir Nachricht von Joſeph, von Papa, von Dir und von meinem armen kleinen Mädchen. Was wird der liebe Engel denken, wenn er mich dieſen Abend nicht zurückkehren ſieht? Lebe wohl, gute theure Mama; meine Kräfte ſind zu Ende; ich ſehe nicht mehr deutlich, ſo viel habe ich ge⸗ weint. — Deine achtungsvolle Tochter, welche Dich verehrt. Marie Fauveau. Dieſer Brief war in allen Punkten der Aus⸗ — druck der Wahrheit. Anatole Ducormier hatte mit ſeinem gewöhnlichen Scharfſinne gefühlt, daß es ihm nit gelingen würde Marie zu verführen, welche durch ihre Liebe zu Joſeph, ihre natür⸗ liche Rechtſchaffenheit und die Sorgen der Haus⸗ wirthſchaft, der Familie und des Handels ge⸗ ſchützt wurde. Dann hätte auch, ungeachtet der entſetzlichen Verderbtheit Ducormiers ein Reſt von Freundſchaft für Joſeph ihn vor der Verfüh⸗ rung der jungen Frau zurückbeben laſſen, wäre ſie ſelbſt möglich geweſen. Endlich verführte die⸗ ſer würdige Zögling der politiſchen Roues nicht mehr wegen des bloßen Vergnügens an der Verführung, um die furchbare Rache, auf die er ſann, zu vervollſtändigen. Ihm genügte dazu der Schein einer Liaiſon mit Marie, und er be⸗ gnügte ſich mit dieſem Scheine. Seit langer Zeit ſchon auf den Schmerz der Madame Fauveau und auf ihren wachſenden Unwillen gegen Herrn von Morſenne ſpekulirend, einen Unwillen, den er noch anfachte, hielt er ſich überzeugt, nach einiger Zeit die junge Frau zu dem unklugen und gefährlichen Schritte beſtimmen zu können. Die Entdeckung von der Anweſenheit Maries in dem Hauſe der Rue de la Lune war an eben die⸗ ſem Morgen Joſeph Fauveau durch Loiſeau ge⸗ macht worden, der ſeinen Herrn für die erfahrne Täuſchung ſeiner Liebe rächen wollte; Herr von —— Morſenne, die Gerechtigkeit müſſen wir ihm wie⸗ derfahren laſſen, wußte nichts von dieſer neuen Unwürdigkeit. Der rechtſchaffene Diener hatte ſich nach dem Parfümerieladen begeben, wo Joſeph, nach einer ruhigen Nacht, und erfüllt von den freudigſten Hoffnungen, einen Brief des Doctor Bonaquet oder ihn ſelbſt erwartete. Herr Loiſeau, der mit der Erklärung des Fiackers verſehen war, die durch die Ausſagen des Mädchens, das den Wagen geholt hatte, ergänzt wurde, überzeugte Herrn Fauveau nur allzuleicht von der vorgeb⸗ lichen Untreue ſeiner Frau. Kaum hatte er, eine Beute wahnſinniger Wuth, den Laden verlaſſen, um ſich zu Maries Eltern zu begeben, als der folgende Brief von Hieronimus Bonaquet über⸗ bracht wurde: Mein guter Joſeph! — Ein eben ſo unerwartetes als ſchmerz⸗ liches Ereigniß zwingt mich, augenblicklich mit meiner Frau abzureiſen. Meine Reiſe wird höch⸗ ſtens fünf bis ſechs Tage dauern. Ich beſchwöre Dich, meine Rückkehr abzuwarten, ohne Deine arme thure Marie wiederzuſehen. Dieſe Tren⸗ nung wird Dir ohne Zweifel peinlich ſein, aber ſie wird für Dich eine heilſame Wirkung haben, wenn Du, wie ich überzeugt bin, nach meinen Rathſchlägen, und treu Deinen Verſprechungen, auf verhängnißvolle Betäubungen verzichteſt und — über den Kummer der Vergangenheit ſo wie über die Ausſichten auf das Glück der Zukunft nach⸗ denkſt. — Vertraue dem Inſtincte meiner alten Freundſchaft. Ich ſchreibe Dir dieſe Zeilen in Haſt und während der Vorbereitungen zu der unerwarteten Reiſe. Dieſen Abend, bei dem erſten Augenblicke der Ruhe während des Weges, werde ich Dir ausfuhrlich über den Plan des Betra⸗ gens ſchreiben, das Du zu beobachten haſt. Je⸗ den Tag wirſt Du ſo einen oder zwei Briefe von mir erhalten, welche bis zu meiner nahen Rück⸗ kehr, wie ich hoffe, meine Gegenwart erſetzen werden. Auf dieſen Abend alſo, mein guter theu⸗ rer Joſeph. Muth, Hoffnung, Vernunft, und ehe acht Tage vergehen bürge ich für Dein Glück und das Deiner Marie. Dein beſter Freund, Bonaquet. Dieſem Briefe waren die folgenden Zeilen von Heloiſe Bonaguet hinzugefügt: — Ich kann meine Ermahnungen nur denen meines Mannes hinzufügen, und Sie bitten, ein unbedingtes Vertrauen zu den Rathſchlägen zu hahen, die er Ihnen giebt. Erlauben Sie mir, Ihnen noch die Verſicherung unſerer lebhafteſten Achtung für Sie und Ihre reizende Frau zu wiederholen, die Ihrer Zuneigung und unſerer zärtlichen Theilnahme ſo würdig iſt. — Leben Sie wohl. Ich wuͤrde doppelt beklagen, daß der ſehr beunruhigende Geſund⸗ heitszuſtand einer Perſon meiner Familie die Ur⸗ ſache der plötzlichen Abreiſe Bonaquets iſt, wenn ich nicht das vollſte Vertrauen zu Ihren guten Vorſätzen hätte. Sie werden, wie ich nicht be⸗ zweifle, unſere kurze Abweſenheit zu keinem Uebel⸗ ſtande für Ihr künftiges Gluck machen, zu wel⸗ chem beigetragen zu haben wir es uns ſtets zur größ⸗ ten Freude rechnen werden. XXXVI. Die Herzogin Diana von Beaupertuis an Anatole Ducormier. Ich bin wahrlich verſucht, wie Beaumarchais zu ſagen:„Wen betrügt man hier?“ Nie ſind eine italieniſche Intrigue oder eine ſpaniſche Ver⸗ wickelung furchtbarer an Abenteuern geweſen, als die Ereigniſſe dieſer letzten Tage, mein theuerer Anatole. Das iſt ein wahres Intriguenſtück ge⸗ weſen! Ueberraſchungen, unerwartete Theater⸗ coups, ungreifbare Schlingen, nichts hat gefehlt. Urtheilen Sie: Seit drei Tagen ſah ich Sie nicht; Sie ſind nicht wieder in dem Hotel Morſenne erſchienen, ausgenommen vorgeſtern für einige Stunden, wie man mir ſagte, um eine lange Unterredung mit meinem Vater zu haben. Sie ſcheinen mir der Mittelpunkt aller Arten von Geheimniſſen zu ſein, eines immer ſonderbarer, als das andere. Das iſt ohne Zweifel ſehr romantiſch und ſehr unter⸗ haltend für Sie, aber keineswegs auch für mich. Ich kenne von keinem dieſer Räthſel die Löſung; meine Neugier iſt dadurch im höchſten Grade an⸗ geregt. Werden Sie mir die Gnade erzeigen, ſie vor Ihrer Abreiſe zu befriedigen? denn zufällig habe ich erfahren, daß Sie reiſen werden. Ohne mir die Anſprüche zu übertreiben, die ich habe, zu wiſſen, was Sie intereſſirt, wird es mir wohl erlaubt ſein, mit der Demuth, die mich characteriſirt, Sie um eine Erklärung der folgen⸗ den Geheimniſſe zu bitten.. Wir wollen, wenn es Ihnen gefällig iſt, der Reihe nach vorſchreiten; dieſe Ruhe und Klarheit bei der Beſprechung werden Ihnen, wie ich hoffe, beweiſen, mit welcher Kaltblütigkeit ich Ihnen ſchreibe; die Schläge meines Herzens ſind eben ſo langſam, eben ſo regelmäßig, als an dem Tage, an welchem Herr von Beaupertuis mich zu dem Altare führte; meine Hand iſt eben ſo feſt, wie die einer jungen Penſionärin, welche lächelnd ihr Glaubensbekenntniß aufſetzt. Das ſind die Geheimniſſe, auf deren Erklä⸗ rung ich ſehr neugierig bin. Erſtes Geheimniß. Vor drei Tagen hatte ich mich in die kleine Wohnung auf dem Boule⸗ vard Bonne Nouvelle begeben, in welcher wir ſo oft, und in voller Sicherheit, heitere und glückliche Augenblicke zubrachten, ohne Furcht, zu laut zu lachen oder uns zu ſehr zu lieben. Sie haben mich mit Ihrem gewöhnlichen Eifer empfangen, doch als Sie mich in das Schlafzimmer geführt hatten, baten Sie mich, dort einen Au⸗ genblick ohne Licht auf Sie zu warten. Das er⸗ ſchien mir eben ſo ſonderbar, wie der Augenblick lang. Dann habe ich an der zweiten Eingangs⸗ thür klingeln hören, dann, nach zehn tödtlich lan⸗ gen Minuten, haben Sie die Thür geöffnet, und mich gebeten, der Klugheit den Abend zu opfern, den wir zuſammen zuzubringen dachten; ich habe mich darein ergeben. Sie haben mich, ſtets im Dunkeln, durch den Speiſeſaal und das Vorzim⸗ mer geführt, dann hat die Thür ſich hinter mir geſchloſſen. Ich bin nicht furchtſam, indeß Ihre Worte und die unerwartete Störung unſeres Abends haben einige Beſorgniſſe in mir erweckt. Ich hoffte, die Löſung dieſes Räthſels am näch⸗ — ſten Morgen zu erhalten, vielleicht ſogar noch vor⸗ her. Dank dem Schlüſſel der kleinen geheimen Thür, glaubte ich von Ihnen einige Erklärungen erwarten zu dürfen. Ich habe nicht die Ehre ge⸗ habt, Sie jenen Abend noch zu ſehen. Zweites Geheimniß.— Am Tage nach unſerem geſtörten Abend kömmt, ſchon um acht Uhr Morgens, meine Couſine zu mir, die Mar⸗ quiſe von— Nein, ich irre mich„Madame Bo⸗ naquet. Sie war ſchon den Tag vorher da ge⸗ weſen, um mit mir von einer ſehr wichtigen Sache zu ſprechen, und hatte mich bitten laſſen, am näch⸗ ſten Morgen zu Haus zu bleiben. Ich habe Madame Bonaquet mit lebhaftem Vergnügen wieder geſehen. Ehe ich Sie kannte und liebte(Verzeihung wegen des Wortes„das vielleicht ein wenig platoniſch iſt)„betrachtete ich meine Couſine als Thörin, entehrend für unſer Haus. Hatte Sie nicht die unerhörte Kühnheit gehabt, in allen Ehren den ausgezeichneten Mann zu heirathen, den ſie anbetete? Ich weiß nicht, weshalb, doch ich fühle jetzt für ſie eine eigenthüm⸗ liche Verehrung. Ich nahm daher meine Couſine ſehr freund⸗ lich auf. Sie ſchien verlegen zu ſein, gerührt, doch ſehr wohlwollend; endlich, von dem Unter⸗ ſchiede des Alters Gebrauch machend, ſo wie von der beinahe mütterlichen Zärtlichkeit, welche ſie — mir ſtets bewieſen hat,(ſie kannte mich als kleines Mädchen) ſagte ſie mir mit ziemlich langem Zö⸗ gern: — Meine liebe Diana, Sie ſchweben, wie ich fürchte, in einer großen Gefahr. — Ich, Couſine? — Wenn meine Beſorgniſſe nicht begründet ſind, werden Sie von meinen Worten nichts ver⸗ ſtehen. Wenn ich im Gegentheil Grund habe, für Sie zu zittern, beſchwöre ich Sie, meine Rath⸗ ſchläge zu benutzen. Mit einem Worte, ich habe alle Urſache, zu glauben, daß Jemand— der in dieſem Hauſe wohnt— mit Ihnen ſein Spiel treibt und Sie auf unwürdige Art betrügt.— Hat er unglücklicher Weiſe das Recht, Sie zu täuſchen, ſo iſt er Ihnen nicht nur ungetreu, ſon⸗ dern will Sie auch zum Opfer einer hölliſchen Intrigue machen.— Vielleicht iſt es zu ſpät, um dieſe letztere Gefahr zu vermeiden, aber auf jeden Fall brechen Sie augenblicklich mit dieſem Men⸗ ſchen. Wenn er Briefe von Ihnen beſitzt, trach⸗ ten Sie, dieſelben zurück zu erhalten; kurz, thun Sie Alles, was Sie vermögen, um die Beweiſe eines Fehltrittes zu vernichten, deſſen Folgen für Sie verderblich werden können. Ich erinnerte mich an Ihren ſonderbaren Em⸗ pfang des vergangenen Abends, indem Sie Aufopferung unſeres Beiſammenſeins forderten⸗ —— Ich lege durchaus kein Gewicht auf die Untreue; ich theile in dieſer Hinſicht Ihre Philoſophie, mein theurer Lehrmeiſter. Was die Verkündung einer hölliſchen Machination betrifft, deren Opfer ich werden könnte, ſo machte mich das lüſtern. Man hat nicht täglich ſolche verteufelte Abenteuer. In meiner ungeduldigen Neugier war ich daher, um die Löſung dieſes hölliſchen Räthſels zu erfahren, ſchon auf dem Punkte, mich meiner Couſine zu offenbaren, deren Reinheit und Treue ich kenne. Doch indem ich im Begriff ſtand, ſie zur Vertrau⸗ ten unſerer Liaiſon zu machen, erinnerte ich mich noch zu rechter Zeit an Ihren Grundſatz:„Es iſt ſchon viel, ſein Geheimniß vor ſich ſelbſt bewahren zu müſſen; was wird es alſo erſt, wenn man es einem Andern anvertraut?“— Ich antwortete daher Madame Bonaquet, indem ich ihr herzlich für ihre Beſorgniß um mich dankte: — Gott ſei Dank iſt Ihre Angſt nicht be⸗ gründet, denn Ihre Worte haben für mich keinen Sinn; gleichwohl bin ich innig gerührt von dem Beweiſe der Theilnahme und Zuneigung, den Sie mir geben. — Glaubte mir meine Couſine? Ich bezweifle es, denn ſie fah mich trübe an und ſagte mit be⸗ bender Stimme: — Meine liebe Diana, glauben Sie mir, ich habe nicht einen Augenblick daran gedacht, für Die Prophezeihung. V. 6 den Dienſt, den ich Ihnen zu leiſten wünſchte, Ihr Vertrauen als Belohnung zu empfangen. Wie dem auch ſei, beſchwöre ich Sie, meine Rath⸗ ſchläge zu benutzen, wenn ſie paſſend ſind; jeden⸗ falls aber rechnen Sie auf mich und auf meinen Mann. Aus der Unterhaltung mit meiner Couſine, welche ſechs Stunden ſpäter verreiſte, ging hervor, daß man Verdacht auf unſere Verbindung hat. Das beunruhigte mich nicht, doch es verdroß mich. War unſere Klugheit nicht außerordentlich, unſere Geſchicklichkeit unvergleichlich geweſen? Mußte mein Anſchein geringſchätzender Gleichgültigkeit gegen Sie nicht ſelbſt die Hellſehendſten irre ma⸗ chen? Endlich hatte ich ungeachtet eines unbeding⸗ ten Vertrauens in die Zuverläſſigkeit meiner erſten Kammerfrau ſelbſt dieſe nichts ahnen laſſen; unſer einziger Vertrauter iſt der Schlüſſel zu der geheimen Thür. Die Wohnung auf dem Boulevard hat zwei Eingänge, den einen für mich, den andern für Sie. Wer hat alſo dieſe ſo gut getroffenen Vorſichtsmaßregeln ſtören können? Sie fühlen, mein theurer Meiſter, daß dies für mich keines⸗ wegs eine Frage des Gewiſſens, oder der Reue iſt; es iſt eine Frage der Eigenliebe, weiter nichts; denn wenn unſere Liaiſon wirklich entdeckt würde, gut, ſo bäte ich Herrn von Beaupertuis, bei ſei⸗ nen Inſecten zu bleiben. Meine Mitgift und das 2 —. Vermögen, welches ich von meinem Großoncle, dem Herrn Chiverny, geerbe habe, betragen fünf⸗ zig tauſend Thaler Renten; damit, bilde ich mir ein, und mit dem Manne ſeiner Wahl, kann man überall ehrenvoll leben. Dies waren meine Gedanken, nach der Ent⸗ fernung meiner Couſine, als ich erfuhr, daß Sie mit Anbruch des Tages ausgegangen, aber wieder zurückgekehrt und ſeit drei langen Stunden mit meinem Vater eingeſchloſſen wären. Die Gele⸗ genheit ſchien mir günſtig zu ſein, mit Ihnen zu⸗ ſammen zu treffen; ich ging daher zu meinem Va⸗ ter, doch ich kam zu ſpät, denn Sie hatten ihn ſchon verlaſſen. Drittes Geheimniß.— Ich fand den Prinzen blaß, beinahe leichenfarbig, das Geſicht entſtellt, ſein Ausſehen finſter und zornig. Ich hatte ihn ſeit dem vorhergehenden Tage nicht ge⸗ ſehen. Er ſchien um zehn Jahre gealtert zu ha⸗ ben. Ergriffen, beunruhigt durch dieſe Verände⸗ rung, rief ich aus: — Mein Gott, Vater, was iſt Ihnen? — Was mir iſt? entgegnete er. Und Sie haben die Keckheit, mich danach zu fragen, Ma⸗ dame? Dieſe Worte, der Ton der Härte, mit dem ſie n wurden, verletzten mich. Ich erwiederte alt: 6* — Ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.— — Ich will ſagen,— rief er außer ſich,— ich will ſagen, Madame, daß es Frauen giebt, welche jede Schaam unter die Füße treten, jede Würde. Ich will ſagen, Madame, welche, nicht zufrieden damit, keck der heiligſten Pflichten zu ſpotten, welche der Rang, die Che, die Familie und die Religion ihnen auferlegen, ſich mit dop⸗ pelter Schande bedecken, indem ſie Elende zu Mitſchuldigen ihrer unwürdigen Ausſchweifungen wählen! Ich will endlich ſagen, Madame, daß es Frauen giebt, welche ſchaamlos, welche ver⸗ ſunken genug ſind, um das väterliche Haus zum Schauplatze ihrer Ausſchweifungen zu machen, denn ſie ſcheuen ſich nicht, ſich ihren Zügelloſigkei⸗ ten beinahe unter den Augen ihres Gatten, ihrer Mutter und ihres Vaters zu überlaſſen.— Ich glaube, daß Sie mich jetzt verſtehen werden, Ma⸗ dame!— — Wiſſen Sie, mein Herr,— entgegnete ich dem Prinzen,— daß zu der heilſamen Wir⸗ kung Ihres tugendhaften Ausfalles noch etwas fehlt?— — Und was denn, Madame?— — Es fehlt die Anweſenheit meiner Mutter, die des Herrn von Saint⸗Merrh und der Frau von Roberſac; verſammeln Sie eines Tages nach der Meſſe unter Ihrem Vorſitze dieſes ſtrenge Concilium; laſſen Sie vor demſelben die ſchaam⸗ loſe Frau, von der ſie ſprechen, erſcheinen, und ich zweifle nicht, daß ſie ſich ehrfurchtsvoll vor dem Ausſpruche dieſes Tribunales von ſo hoher Mo⸗ ralität, ſo reizbarer Schaamhaftigkeit beugen wird.— — Sie wagen es, ſo zu mir zu ſprechen, Madame?— rief der Prinz wüthend aus.— Vergeſſen Sie, daß ich Ihr Vater bin?— — Dieſe Frage, mein Herr, iſt zu zarter Art,— entgegnete ich.— Erlauben Sie mir, darauf nicht zu antworten.— Und ich verließ den Prinzen außer ſich. Wäre dieſer Menſch mein Vater geweſen, ſo würde ich eine ganz andere Sprache geführt haben, aber ich weiß ſo ſicher, um nicht daran zweifeln zu können, daß ich die Tochter des Herrn von Saint⸗ Merry bin. Dieſer unverſchämte Contraſt des Cynismus der Handlung und der Prüderie der Sprache, dieſe alten Ehebrecher, die ſich mit geſenkten Augen, und fromm das Zeichen des Kreuzes machend, das Weihwaſſer reichen, em⸗ pörten mich daher auch ſchon ſeit längerer Zeit, und ich weiß es Ihnen Dank, mein theurer Ana⸗ tole, daß Sie mir die Gelegenheit geboten haben, mit dieſen lächerlichen Heucheleien, die das Herz mit Ekel erfüllen, zu Ende zu kommen. Bei dem Eſſen erſchien der Prinznicht; er gab ſich für unwohl aus. Offenbar kennt er un⸗ ſere Liaiſon. Seine mehr als durchſichtigen An⸗ ſpielungen beweiſen es mir. Mebrigens wiſſen Herr von Beaupertuis und meine Mutter nichts, denn ſie war gegen mich ganz wie gewöhnlich und mein Gemahl vertiefte ſich in eine Menge geiſtreicher Entwickelungen von den Verdauungs⸗ fähigkeiten der Inſecten. Da ich Ihr Couvert nicht ſah, dachte ich mir, unſere Leute wüßten, daß Sie nicht mit uns eſſen würden, und nach dem heftigen Ausfalle des Prinzen gegen gewiſſe ſchaamloſe Herzoginnen, die gemeine Menſchen zu Liebhabern nähmen, ſchloß ich, daß Sie das Hotel verlaſſen müßten. Viertes Geheimniß.— Nach dem Eſſen kam Herr von Saint⸗Merry nach ſeiner täglichen Gewohnheit in optima forma zu meiner Mutter. Als er eintrat, waren ſeine erſten Worte: Nun, theure Prinzeß, Sie wiſſen—? der Secretär des Prinzen— — Herr Ducormier?— fragte meine Mutter. — Was iſt mit ihm?— — Er hat ſich duellirt.— — Wann das? rief ich unwillkührlich aus, das Herz grauſam bedrückt. (Verzeihung wegen des Wortes Herz.) — Dieſen Morgen, um acht Uhr, im Ge⸗ — hölz von Vincennes;— entgegnete Herr von Saint⸗Merty. Ich athmete auf! Sie waren am Nachmittag drei Stunden mit meinem Vater eingeſchloſſen geweſen, und alſo nicht verwundet. — Und mit wem hat Herr Ducormier ſich geſchlagen?— fragte meine Mutter. — Mit Herrn von Saint-Geran,— ſagte der Chevalier.— der arme Graf hat in die Seite einen Degenſtoß bekommen, der, wie man ſagt, ſehr gefährlich ſein ſoll. Ich begreife in der That nicht, wie Saint⸗Geran ſich ſo weit vergeſ⸗ ſen konnte, weshalb er die unglaubliche und lächer⸗ liche Herablaſſung hatte— — Den Degenſtoß anzunehmen?— unter⸗ brach ich Herrn von Saint⸗Merry. — Nein, mein liebes Pathchen,— entgeg⸗ nete er.— Ich begreife nicht, wie Saint⸗Geran in ein Duell mit dieſem kleinen Herrn Ducormier willigen konnte, mit einem Sectetär, einem Men⸗ ſchen in Lohn!— — Sie haben tauſend Mal Recht, Chevalier; Herrn von Saint-Geran wurde nur, was er verdient;— ſagte meine Mutter.— Und kennt man die Urſache dieſes Duelles?— — Die unbedeutendſte Urſache von der Welt, — erwiderte Herr von Saint⸗Merry;— einige —— heftige Worte, die über ich weiß nicht welche Veranlaſſung gewechſelt wurden.— Ich ſchützte eine leichte Migraine vor und zog mich in meine Zimmer zurück. Ich hatte Sie für muthig gehalten, mein theurer Anatole, und war glücklich, zu erfahren, daß Sie eben ſo gewandt als muthig waren. Doch dieſes Duell mit Herrn von Saint⸗Geran, den Sie hier kaum einige Male geſehen haben, kam mir ſonderbar vor. Nach dem, was ich von ihm weiß, iſt Ihr Gegner nicht der Mann dazu, ſich leicht zu ſchlagen und Sie hatten, wie ich vermuthe, keinen triftigen Grund, ein Duell mit ihm zu ſuchen. So viele Geheimniſſe brachten mich außer mir vor Neugier. Um eilf Uhr entließ ich meine Frauen, und gegen ein Uhr Morgens wagte ich, in der Hoffnung, daß Sie zurückgekehrt wären, um eine letzte Nacht in dem Hotel zuzubringen, die geheime Treppe nach Ihrem Zimmer hinauf⸗ zuſteigen: Ich fand es leer. Am nächſten Tage(das war geſtern) ſagte ich zu meiner Kammerfrau: — Laſſen Sie fragen, ob Herr Ducormier zu Haus iſt; ich möchte ihn bitten, mir einige Bücher aus der Bibliothek zu holen.— — Die Frau Herzogin wiſſen alſo nicht?— — Und was, Mademoiſelle?— * — 856— — Daß Herr Ducormier, wie es ſcheint, verreiſt. Dieſen Morgen ſind ſeine Koffer abge⸗ holt worden. Er wird nicht mehr in das Hotel zurücktehren.— — Und wohin hat man ſeine Koffer ge⸗ bracht?— — Ich kann es nicht ſagen. Die Träger ſind ſchon lange damit fort.— Wie ſollte ich nun erfahren, wo Sie wohnen? Ich wußte es nicht. Ich erwartete, jedoch ver⸗ geblich, einen Brief von Ihnen, wie ich ihn ſchon am Tage zuvor erwartet hatte. Das Wet⸗ ter war herrlich. Ich hoffte, daß ein mehr als unwahrſcheinlicher Zufall mich Ihnen begegnen laſſen würde, ließ meinen Wagen vorfahren, fuhr in der zurückgeſchlagenen Chaiſe aus, und kaufte in zwanzig verſchiedenen Laden Gott weiß was, um nur die Gelegenheit zu haben, in den beleb⸗ teſten Theilen von Paris umherzufahren. Doch wie ich es erwarten mußte begegnete ich Ihnen nicht. Letztes und unbegreifliches Geheimniß. Heute, gegen drei Uhr, war ich bei meiner Mutter; ſie hatte mich rufen laſſen, um mit mir über die Geſundheit des Prinzen zu ſprechen, die ſehr verändert iſt, ohne gleichwohl zu ernſten Be⸗ ſorgniſſen Veranlaſſung zu geben. Man meldete den Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten; —— er iſt der einzige von dergleichen Leuten, den meine Mutter Morgens empfängt. — Frau Prinzeß,— ſagte er zu meiner Mutter,— ich erfahre, daß der Prinz nach einer ſehr ſchlechten Nacht jetzt eben ſchläft. Ich möchte durch nichts dieſe wohlthätige Ruhe ſtören, komme daher, um Sie, gnädigſte Frau, zu bitten, dem theuren Prinzen bei ſeinem Erwachen zu verkünden, daß durch ein glückliches Zuſammen⸗ treffen der Umſtände ſein Schützling dieſen Mor⸗ gen ernannt worden iſt; doch er muß noch dieſe Nacht abreiſen, denn er ſoll dringende Depeſchen für Turin mitnehmen, und an unſern dortigen Miniſter auf der Reiſe nach Neapel abgeben.— — Und wer iſt denn, wenn die Frage nicht zu unbeſcheiden iſt, dieſer Schützling des Herrn von Morſenne?— fragte meine Mutter. — Wie, gnädigſte Frau, das wiſſen Sie nicht?— Es iſt der Secretär des Prinzen.— — Herr Ducormier?— rief meine Mutter ſehr überraſcht.— Ich wußte nicht, daß er den Dienſt des Herrn von Morſenne verlaſſen ſollte.— — Alles, was ich Ihnen verſichern kann, Frau Prinzeß,— entgegnete der Miniſter lä⸗ chelnd,— iſt, daß mein unerſchütterlicher Wille dem theuren Prinzen gefällig zu ſein, vereint mit dem allmächtigen Einflufſe, deſſen er bei dem Könige genießt, erforderlich war, um die Ernennung des 3— Herrn Ducormier durchzuſetzen und mehrere ſehr ernſte Widerſprüche zu beſeitigen. Nicht, daß dieſer junge Mann nicht in jeder Beziehung ſehr verdienſtvoll wäre; die außerordentliche Theil⸗ nahme des Herrn von Morſenne für ihn verbürgt dies ſchon; doch man mußte die Hierarchie ver⸗ letzen, und Unzufriedene machen; ein äußerſter Schritt, zu dem man ſich gewöhnlich nur zu Gunſten von Perſonen der höchſten Geburt ent⸗ ſchließt. Der Prinz, der ſeit zwei Tagen zu lei⸗ dend iſt, um ſich perſönlich zu dem Könige be⸗ geben zu können, hat ihm einen ſo dringenden, ſo feurigen Brief zu Gunſten des Herrn Ducor⸗ mier geſchrieben, daß pieſer zum erſten Geſandt⸗ ſchaftsſecretär in Neapel ernannt worden iſt. — In der That, das iſt ungeheuer!— ſagte meine Mutter.— Es iſt gar nicht zu glau⸗ ben! Ohne Zweifel beſitzt dieſer Menſch Ver⸗ dienſte, weil Herr von Morſenne ihn ſo günſtig beurtheilt; er iſt überdies ein ſehr hübſcher Junge, und recht gut erzogen, allein am Ende iſt er doch ein Garnichts, und bei den Geſandtſchaften iſt vorzüglich eine gute Geburt erforderlich.— — In Ermanglung der Geburt,— ſagte der Miniſter lächelnd,— werden wir aus Herrn Ducormier, wenn er ſich, wie ich hoffe, dieſes ungehofften Glückes würdig zeigt, ſpäter einen Grafen Ducormier machen.— — 9 — Das wird menigſtens etwas präſentabler ſein,— erwiederte meine Mutter.— Zum Glück laſſen ſich die Ausländer durch dieſen Adel von falſchem Golde täuſchen, der nicht einmal un⸗ ſere Lakaien in den Vorzimmern irre macht.— Der Miniſter, der von dieſem Adel aus fal⸗ ſchem Golde war, huſtete ein wenig, ſtand auf, und ſagte zu meiner Mutter: — Ich muß fürchten, Ihre Zeit zu mißbrau⸗ chen, Madame. Sie werden deshalb ſo gütig ſein, meinen Dolmetſcher bei dem Herrn Prin⸗ zen zu machen, und ihm die Ernennung ſeines Schützlings zu verkünden. Ach, ich vergaß! Hätten Sie wohl die Güte, Herrn von Mor⸗ ſenne auch noch zu ſagen, daß ich dieſen Mor⸗ gen meinen Collegen vom Innern ſah, und daß die Angelegenheit mit dengeheimen Fonds geordnet iſt.— Der Prinz weiß ſchon, was das zu bedeuten hat. Verzeihung, daß ich mich nicht deutlicher über dieſe großen politiſchen Ge⸗ heimniſſe ausſpreche,— fügte der Miniſter la⸗ chend hinzu, und wollte ſich entfernen. — Erxcellenz,— ſagte ich ihm,— Herr Ducormier hatte mir als Modell ein merkwür⸗ diges Stück geborgt; er vergaß in dem Eifer für ſeine neuen Functionen, es zurückzufordern; er hält, wie ich weiß, viel darauf, doch er verließ dies Haus, ohne ſeine Adreſſe anzugeben. Wo⸗ — 93— hin könnte ich ihm wohl ſenden, was ich ihm zu ſchicken habe?— — Haben Sie die Güte, Frau Herzogin, es in das Miniſterium zu adreſſiren, und dieſen Abend, wenn ich Herrn Ducormier ſeine Depe⸗ ſchen übergebe, werde ich die Ehre haben, Ihre Commiſſion mit zu beſorgen.— Damit entfernte ſich der Miniſter. Ich habe Ihnen den Auftritt mit dem Mini⸗ ſter eben ſo wie die andern mit allen Nebenum⸗ ſtänden erzählt, zunächſt um Ihnen die volle Freiheit meines Geiſtes, meine große Seelen⸗ ruhe zu beweiſen, und dann auch, um Ihnen das unglaubliche Erſtaunen begreiflich zu ma⸗ chen, welches ich empfand, als ich erfuhr, wem Sie Ihr unerwartetes Glück verdanken. Wie! Ich finde den Prinzen erbittert, aufge⸗ bracht gegen Sie, und er iſt es, der Ihr Gläck mit ſolcher Wärme befördert! Er ſchreibt zu Ihren Gunſten an den König! Ich kenne die Angelegenheiten dieſer Art nur wenig, allein es iſt offenbar, daß Sie mit dem erſten Sprunge zu einer unerhörten Stellung gelangt ſind! Dank wem? Meinem Vater! Das iſt um den Verſtand zu verlieren! Hat er, indem er ſo handelte, Sie von mir entfernen wollen? Nein; dazu genügt es, Sie zu verabſchieden. Wie! Er glaubt, nein, er weiß, daß er durch Sie in der Ehre und —— dem Stolze ſeines Hauſes verletzt wurde, er zeigt mir ſeine Wuth darüber, und er giebt Ihnen einen unerhörten Beweis der Protection! Das iſt unerklärlich, wenn Sie nicht etwa der Böſe in eigener Perſon ſind, und ich fühle mich ſehr geneigt, dies zu glauben. Der böſe Engel, ein Geſchöpf, das unge⸗ heuer erhaben und ganz daran gewöhnt iſt, die Dinge aus der Höhe zu betrachten, würde ſehr über einen der gemeinen und bürgerlichen Gei⸗ ſter lachen, dem eine Stelle als Geſandtſchafts⸗ ſecretär, ſo unverhofft ſie ihm auch werden möchte, den Kopf verdrehte. Ernſthaft, Sie würden lächerlich aus Ihrer Rolle fallen, mein theurer Lehrmeiſter, wenn dies diplomatiſche Glück bei Ihnen einen ſolchen Schwindel er⸗ weckte, daß Sie daran dächten, abzureiſen, ohne mir Lebewohl zu ſagen, und beſonders, ohne mich von mehreren Umſtänden zu unterrichten, die Ihnen bekannt ſind, und die ich unerläßlich wiſ⸗ ſen muß, um danach mein künftiges Benehmen gegen meine Familie und Herrn von Beauper⸗ tuis einrichten zu können. Wir müſſen uns daher vor Ihrer Abreiſe noch ſehen, mein theurer Anatole, wenn Sie wirklich entſchloſſen ſind, abzureiſen. Hier das Mittel,„ auf welches ich dazu verfallen bin. Ich ſchließe dieſen Brief in ein Käſtchen mit einem Flacon, — welches ich bei unſerem erſten Zuſammentreffen auf dem Opernballe trug.(Es wird die Stelle des Gegenſtandes einnehmen, deſſen ich gegen den Miniſter erwähnte.) Meine Kammerfrau, auf die ich mich verlaſſen kann, wird dieſes Käſt⸗ chen zu dem Miniſter tragen; dieſer wird es Ih⸗ nen in meinem Namen übergeben. Ich hoffe, Sie werden Verſtand genug beſitzen, um zu errathen, daß es ſich um etwas anderes handelt, als um die Rückgabe einer Sache, die Sie mir nicht ge⸗ liehen haben. So wichtig auch die Depeſchen ſein mögen, mit denen man Sie beauftragt hat, wird eine Zöge⸗ rung von wenigen Stunden doch nichts dabei ausmachen. Wäre dieſe Zögerung auch ſehr wich⸗ tig, ſo würde ich an Ihrer Stelle ſie dennoch ein⸗ treten laſſen, indem ich es für galant fände, das Wohl der Staaten zu gefährden, um einige Stunden mit meiner Geliebten zuzubringen. In dieſer Hoffnung einer europäiſchen Umwälzung werden Sie mir alſo die Gnade erweiſen, ſich, wenn Sie Ihren Miniſter verlaſſen, nach dem Hauſe auf dem Boulevard zu begeben; ich werde Sie dort die ganze Nacht erwarten, indem ich mich dies Mal meiner Kammerfrau anvertraue, für welche ich bürge. Ich habe ein leichtes und ſicheres Rit⸗ tel, das Hotel zu verlaſſen und morgen vor Ta⸗ gesanbruch dahin zurückzukehren.. —— Ein letztes Wort, mein theurer Anatole. Nach der Ruhe dieſes Briefes, der tauſend Einzelnheiten, die er enthält, der Klarheit mei⸗ ner Erinnerungen aller Art ſehen Sie, daß es nicht eine weinende Ariadne iſt, die Sie mit lau⸗ tem Geſchrei zurückruft, und noch weniger eine eiferſüchtige Amante, welche die Aufopferung ihrer Nebenbuhlerei fordert, oder eine verführte Frau, die für ihre verlorene Tugend Rechenſchaſt verlangt, wie ein zu Grunde gerichteter Spieler, der dem Zufalle grollt. Beſaß ich jemals Tu⸗ gend, ſo mußte ſie ſchon in ihrer zarteſten Blüthe durch das nicht ſehr patriarchaliſche Beiſpiel ver⸗ dorrt werden, welches mir meine Familie ſeit der Zeit bietet, daß ich zu ſehen und zu ertheilen ver⸗ mag; was die Eiferſucht betrifft, ſo haben Sie mich zu der Vortrefflichkeit der Treuloſigkeiten be⸗ kehrt, welche nach Ihrer Behauptung, mein theu⸗ rer Meiſter, nichts ſind, als angeſtellte Verglei⸗ chungen. Ich weiß nicht mehr, mein lieber Anatole, wen ich es ſagen hörte: daß von hundert Frauen, die ſich in das Verderben ſtürzen oder herabſinken neun und neunzig durch ihren erſten Liebhaber verderbt werden. Dieſe ſehr richtige und tiefſinnige Bemerkung findet volle Anwendung auf meine Lage; denn wenn Sie mich auch nicht verderbt haben(eine —— — 97— Frau wie ich, wird dies nie,) ſo haben Sie mich doch wenigſtens in drei Monaten vollſtändig de⸗ moraliſirt, ſo das Werk vollendet, das Sie bei unſerem erſten Zuſammentreffen auf dem Opern⸗ balle entwarfen. Von jenem Abende an begann die unbegreifliche Herrſchaft Ihres Geiſtes über den Meinigen, mein theurer Lehrmeiſter. Sehen Sie in alle dem nicht den Schatten eines Vorwurfes, Anatole; weit entfernt; ich hatte nur einen Zügel, den Adelſtolz. Dieſen Zügel haben Sie zerriſſen, was Sie mir neue Horizonte des Glückes eröffnen nannten. Hori⸗ zonte! Es mag ſein. Ich hatte nur eine Tu⸗ gend; Die Kälte der Marmorſtatuen. Der Mar⸗ mor iſt durch den Hauch Pygmalions belebt wor⸗ den.(Verzeihung auch wegen dieſer abgeſchmack⸗ ten Mythologie.) Sie haben mir geſagt, Satan, der Sie ſind, daß mit Heimlichkeit, Verwegenheit und Kaltblütigkeit eine junge, ſchöne, reiche und freie Frau, gleich unſern Großmüttern der Regent⸗ ſchaft, Alles wagen könnte, ohne ſich jemals zu com⸗ promittiren. Ich habe Luſt, nach Ihrer Abreiſe dieſe abſcheuliche Moral zu verſuchen, mein theurer Lehr⸗ meiſter, und ich verſpreche Ihnen die unbedingteſte Freimüthigkeit. Was meinen Sie dazu? Ich habe zu hnen ein unbegrenztes Vertrauen Sie haben mich nie betrogen; Sie ſind der ſkeptiſcheſte, der verderb⸗ teſte Menſch, aber, ich geſtehe es, auch der ver⸗ Die Prophezeihung. V. 1 — führeriſcheſte und der unverſchämteſt aufrichtige, den es auf der Welt giebt. Sie haben zu mir geſagt: Verlangen Sie nichts von mir, als Hei⸗ terkeit, gute Laune und Verſchwiegenheit. Was das Herz betrifft, ſo habe ich keines und fordere auch keines. Sie haben Ihr Programm gewiſſenhaft ge⸗ halten, mein theurer Lehrmeiſter. Es iſt unmög⸗ lich, geiſtreicher, unterhaltender, entzückender zu ſein, wie Sie bei einem téte⸗A⸗téte, ſo ſehr es ſich auch verlängern möge. Ich habe Ihnen nicht das geringſte Wort von Herz oder die kleinſte platoniſche Anwandlung zum Vorwurf zu machen; ich habe endlich auch alle Urſache, an Ihre Zuver⸗ läſſigkeit zu glauben, denn ich kann den Verdacht, den man wegen unſerer Verbindung hegt, nicht Ihrem Mangel an Verſchwiegenheit zuſchreiben. Sie ſehen es, mein theurer Anatole, bei der Gemüthsſtimmung, in welcher ich mich befinde, iſt nichts weniger zu fürchten, als die letzte Zu⸗ ſammenkunft, die ich verlange. Noch ein Mal, es iſt nicht eine mehr oder minder eiferſüchtige oder weinende Geliebte, die Ihnen ſchreibt, eine beklagenswerthe Sorte, von der Sie mit Recht bis zu den Antipoden fliehen würden; ſondern es iſt ganz einfach ein Freund, ein guter und heiterer Genoſſe der Luſt, welcher ſich mit Ihnen über einen — 99— Gegenſtand zu unterhalten wünſcht, deſſen Wich⸗ tigkeit Sie erkennen, worauf dann die beiden Freunde ſich die Hand drücken und ſich Glck und Liebe wünſchen werden. Die Ihrige. D. Dieſer Brief war ſchon geſiegelt; ich öffne ihn nochmals.— Glaube ihm nicht; nein, nein, glaube nicht ein Wort von alle dieſen verabſcheuens⸗ werthen Grundſätzen: Sie waren ohne Zweifel nichts, als ein Spiel Deines Geiſtes und ich ver⸗ leugne ſie. Glaube beſonders nicht an dieſe Gleich⸗ gültigkeit, dieſen erheuchelten Spott. Ich log, ja, ich log aus Stolz. Ich litt und ich verbarg meine Leiden. Ach, Anatole, ich ſchwöre es Dir, das Herz blutete mir bei jedem Worte der Jronie. Anatole, mein Anatole, ich liebe Dich, hörſt Du? ich liebe Dich, ich bete Dich mit allen Kräften, mit aller Glut meiner Seele an! Ja, hörſt Du es, meiner Seele? Habe ich Dir nie die Auf⸗ richtigkeit, die Tiefe dieſer Liebe gezeigt, ſo waren es Deine Spöttereien auf die Leidenſchaften des Herzens, welche die Wahrheit auf meinen Lippen zurückhielten! Anatole, ich ſage Dir, daß ich Dich liebe wie eine Wahnſinnige. Ich will nur Dich. Wenn ich Dich dieſen Abend nicht ſche, wenn Du 7 — 100— morgen abreiſt, ſo folge ich Dir. Du kennſt mich, Du wirſt mir glauben; ich erwarte Dich. Dir mein Leben, Dir meine Seele! Diana. Clementine Duval an Anatole. Noch eine gute Nachricht, heute, mein Ana⸗ tole; noch ein Troſt für Deine Abweſenheit, die ich muthiger ertrage, als ich hoffte; doch Dein Andenken iſt ſo lebendig in mir, daß wir mora⸗ liſch nicht getrennt ſind. Wenn ich nicht fürchtete, Dir Urſache zum Tadel meiner Schwäche zu ge⸗ ben, ſo würde ich hinzufügen, daß die gute Nach⸗ richt, von der ich Dich unterhalten will, mir einen Augenblick lebhafter Unruhe verurſachte; denn ich erfuhr zugleich auch, daß Du einer großen Gefahr ausgeſetzt geweſen warſt. Gott ſei gelobt, dieſe Gefahr iſt ſchon längſt vorübergegangen. Wie genießt man dann doppelt der glücklichen Einig⸗ keit, die auf ein verhängnißvolles Mißverſtändniß folgte. Ich muß, um zu der guten Nachricht zu langen, zu der vorigen Woche zurückkehren, einer traurigen Woche, der Deiner Abreiſe: Du wirſt Dich erinnern, mein Freund, daß Du mich vor acht Tagen bateſt, Dich in die be⸗ ſcheidene Wohnung auf dem Boulevard Bonne⸗ Nouvelle zu begleiten, welche Du, wie Du mir; — 101— ſagteſt, gemiethet hatteſt, ſeitdem Du in Folge verſchiedener Anordnungen nicht mehr in dem Hotel Morſenne wohnteſt, wohin Du Dich nur des Morgens begabſt, und von wo Du Abends nach Beendigung der Arbeiten zurückkehrteſt, die Dich den ganzen Tag an die Seite des Prinzen feſſelten, Deines Wohlthäters, deſſen Namen ich täglich ſegne. Ehe Du dieſe Wohnung verließeſt, hatteſt Du gewünſcht, daß ich wenigſtens den Ort kennen lernen möchte, den Du lange Zeit bewohnteſt, allein mit Deiner Liebe, wie Du ſagteſt. Ich begriff dieſe Laune des Herzens, mein Anatole; auch ich hätte Dich gern mit alle den Orten bekannt gemacht, an denen ich ſo glücklich mit meiner zärtlichen, armen Mutter ge⸗ lebt hatte. Sollte man nicht ſagen, daß die Kenntniß der Orte, welche von den Gegenſtänden unſerer Zuneigung bewohnt wurden, uns noch vertrauter mit ihrer Vergangenheit machte, deren wir uns auch gern bemächtigten, als ob die Ge⸗ genwart und die Zukunft uns nicht genügten!“ Ich begleitete Dich alſo jenen Abend nach der Wohnung, wie ich Dich überall hin begleitet hätte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht Dein? Bin ich nicht Deine Frau, ja, Deine Frau, vor Gott, vor den geheiligten Wünſchen meiner Mut⸗ ter, welche in ihren letzten Augenblicken zu Dir ſagte:„Schwören Sie mir, der Gatte Clémences — 102— zu werden, und ich ſterbe beruhigt über ihr Schickſal!“ Ach, Du hatteſt Recht, mein Freund; ja, unſere Ehe, unſere heilige und wahre Ehe rührt von dem feierlichen Augenblicke her, als die ſchon erkaltende Hand meiner Mutter Deine Hand in die meinige legte, indem ſie mit erlöſchender Stimme ſagte:„Seid vereinigt! Ich ſegne Euch, meine Kinder!“ Ja, ja, Du hatteſt Recht, mein Anatole. Von da ab war ich Dein, und was iſt jetzt für unſere ſo heilig geſchloſſene Verbindung die menſchliche Weihe? Eine in den Augen der Welt unerläßliche Formalität, welche, eben auch in den Augen der Welt, bis nach Ablauf meiner Trauer hinausgeſchoben werden muß. Ach, wird für mich je die Trauer der Seele enden, die unvergängliche Erinnerung an eine angebetete Mutter? Ich habe Dir oft geſagt, mein Anatole, daß mein Schmerz nichts Bitteres hat. Haſt Du von dem Augenblicke an, als ich fromm die Augen der theuren Mutter zudrückte, die Dich ſchon wie einen Sohn liebte, je geſehen, daß ich mich jenen Anfällen von Verzweiflung überließ, die uns töd⸗ ten würden, wenn ſie ſich verlängerten? Nein, Du weißt, mein Freund, daß mein Schmerz, ſo wie jedes wahre Gefühl, ruhig, überlegt war. — 103— An meine Mutter denken und ſie betrauern iſt jetzt für mich eine von den Bedingungen meiner Eriſtenz, wie das Athmen, wie die Aebe zu Dir, mein Anatole! Da bin ich weit von der guten Nachricht ab⸗ gekommen, die ich Dir mittheilen wollte, mein Freund. Doch Du wirſt mir meine Abſchweifun⸗ gen verzeihen, nicht wahr? Ich erinnerte Dich alſo an den Beſuch, den ich vor acht Tagen mit Dir in der Wohnung machte, die Du verlaſſen ſollteſt, ein Beſuch, der ziemlich lange durch einen Läſtigen unterbrochen wurde, den Du empfangen mußteſt, während ich in Deinem Salon blieb. Und doch habe ich Un⸗ recht, daß ich dieſen armen Läſtigen anklage, denn an dem Orte, an welchem ich Dich erwartete, und der mit Erinnerungen an Dich erfüllt war hatte für mich Alles ein ſo lebhaftes Intereſſe, daß ich überraſcht war, als Du Dich wegen Deiner lan⸗ gen Abweſenheit bei mir entſchuldigteſt. Ich glaube Dir geſagt zu haben, daß wäh⸗ rend jenes Abends der Doctor Bonaquet zu mir gekommen war, und lebhaftes Bedauern darüber ausgeſprochen hatte, mich nicht zu treffen. Er hinterließ daher einige Zeilen, durch die er mich bat, ihn am nächſten Morgen in aller Frühe zu erwarten. Dein Vorurtheil gegen ihn war ſo groß, daß ich nicht auf ſeinen Brief anwiltee — 104— Ueberdies wirſt Du Dich erinnern, mein Freund, daß wir dieſen Tag und den folgenden beinahe ununterbrochen miteinander zubrachten. Ach, das war eine Ahnung unſerer nahe bevorſtehenden Trennung; denn Du ſollteſt mir bald darauf mit⸗ cheilen, daß Du, Dank dem Alles vermögenden Schutze des Prinzen von Morſenne, Deines wür⸗ digen Wohlthäters, zum erſten Geſandtſchafts⸗ ſecretär ernannt worden wäreſt und noch in der⸗ ſelben Nacht abreiſen müßteſt. Ich hatte nicht mehr von Herrn und Madame Bonaquet ſprechen hören, die wahrſcheinlich durch meine Hartnäckigkeit, ſie nicht zu empfangen, er⸗ müdet worden waren, als ich mich geſtern plötz⸗ lich dem Doctor Bonaquet gerade gegenüber er⸗ blickte, als ich ausging, um in dem Pflanzen⸗ garten den Spaziergang zu machen, zu welchem ich ſonſt meine gute Mutter immer zu begleiten pflegte. Ich wollte ihm ausweichen, doch es war unmöglich, und er ſagte mit ſanftem Lächeln, indem er mir die Hand reichte: „Fürchten Sie nichts; ich komme dies Mal nicht als Unglücksvogel; ſeit geſtern von meiner Reiſe zurückgekehrt überbringe ich Ihnen im Ge⸗ gentheil gute Nachrichten für Anatole; ich kam in dieſer Abſicht zu Ihnen, doch da ich beinahe 6 überzeugt ſein konnte, daß Sie mich nicht empfan⸗ 1 en würden, brachte ich dieſen Brief mit. Wollen — 105— Sie ihn lieber leſen, als mich anhören, ſo neh⸗ men Sie ihn, und ich werde Sie dann nicht län⸗ ger beläſtigen.“— Bei den Worten:„Ich bringe Ihnen gute Nachrichten über Anatole“— fiel mein Widerwillen gegen den Doctor wie auf ei⸗ nen Zauberſchlag, und Du wirſt mich verſtehen, mein Freund; ich fühlte in mir die Freundſchaft neu erwachen, die ich aus ſo vielen Gründen ſonſt für den Doctor hegte; ich verzichtete daher auf meinen Spaziergang, und der Doctor Bo⸗ naquet begleitete mich nach Hauſe. Hier meine Unterhaltung mit ihm Wort für Wort.— Die⸗ ſen Morgen, ſagte er, wurde ich von einer That⸗ ſache unterrichtet, welche Anatole ſehr ehrt, und in mir die lebhafte Hoffnung erweckt, daß durch ihn Ihre Zukunft ſo glücklich ſein wird, wie ſie zu ſein verdient.— Erklären Sie ſich deutlicher, Doctor, ich bitte Sie.— Hätten Sie Anatole nicht vor ſeiner Abreiſe vollkommen geſund ge⸗ ſehen, ſo würde ich viel Schonung zu beobachten haben, um Sie von der Gefahr zu benachrichti⸗ gen, der er ausgeſetzt war, und die Ihnen wahr⸗ ſcheinlich unbekannt blieb.— Welche Gefahr? — Er hat ſich muthig und ehrenhaft für Sie ge⸗ ſchlagen.— Er hat ſich für mich geſchlagen! rief ich aus; denn ich geſtehe Dir die Schwäche, mein Freund, daß ſelbſt der Gedanke an eine ſchon vorübergegangene Gefahr mich noch erſchreckte. Und mit wem hat er ſich geſchlagen? fragte ich den Doctor.— Mit Herrn von Saint-Geran. Er hat ihn ſchwer verwundet, doch, Gott ſei Dank, iſt Herr von Saint-Geran außer Gefahr. — Und welches iſt die Urſache dieſes unglückſeli⸗ gen Duelles?— Hier Alles, was ich weiß und wie ich es erfuhr. Als ich von der Reiſe zurück⸗ kehrte, empfing meine Frau, die mit Herrn von Saint⸗Geran verwandt iſt, von ihm einige Zei⸗ len; er theilte ihr ſeinen Wunſch mit, mich zu ſehen. Da weder meine Frau noch ich in der Ge⸗ ſellſchaft leben, in welcher ſich Herr von Saint⸗ Geran bewegt, hatten wir nicht von dem Duelle gehört, obgleich daſſelbe ein gewiſſes Aufſehen machte. Meine Ueberraſchung war daher groß, Herrn von Saint⸗Geran in der Geneſung von einer Wunde zu finden.—„Ich kenne Ihre An⸗ hänglichkeit für Fräulein Duval, Herr Doctor“, ſagte er zu mir.„Beſſer als ſonſt irgend Jemand kennen Sie die ehrfurchtsvolle Theilnahme, die ich ihr widmete, und die leider für immer erlo⸗ ſchenen Hoffnungen, die ich hegte. In Folge mehrerer Umſtände, die ich Ihnen nicht ausein⸗ ander ſetzen zu müſſen glaube, war ein Drell iſchen Herrn Ducormier und mir unvermeidlich Peworden. Aus Rückſicht auf Fräulein Duval waren wir übereingekommen, die wahre Urſache des Zweikampfes, unſere einander entgegenſtehen⸗ — 107— den Anſprüche auf die Hand des Fräuleins ge⸗ heim zu halten. Ich glaube indeß, doch nur ge⸗ gen Sie allein, Herr Doctor, das Schweigen brechen zu müſſen, welches Herr Ducormier und ich uns gegenſeitig verſprochen hatten, um Ihnen zu ſagen, daß mein Gegner, als er mich zu ſeinen Füßen niederſinken ſah, neben mir auf die Kniee fiel und mit Thränen im Auge ſagte:„Bei dem Blute, das vergoſſen zu haben ich mein ganzes Leben hindurch beweinen werde, ſchwöre ich Ih⸗ nen, daß meine Eriſtenz nur dem Glücke des Fräulein Duval gewidmet ſein ſoll.— Sie ſind es würdig, mich zu verſtehen.“— Ich war deſ⸗ ſen in der That würdig, denn dieſe Worte eines ſiegreichen Nebenbuhlers hätten für einen beſchim⸗ pfenden Spott gelten können, doch der Ton, die Rührung, die Thränen des Herrn Ducormier verliehen dieſen Worten einen ſolchen Charakter der Aufrichtigkeit, daß ich ſie in meiner Seele und in meinem Gewiſſen als eine heilige Verpflich⸗ tung betrachtete und noch betrachte, ſein Leben dem Glücke des Fräulein Duval zu widmen. Wenn ich Ihnen dieſe Mittheilung machen zu müſſen glaube, Herr Doctor“, fügte Herr von Saint⸗Geran hinzu, ſo geſchieht es, weil ich, ungeachtet des großen Unrechts des Herrn Du⸗ cormier gegen mich, in dem Augenblicke, als wir unſere Degen kreuzten, von ihm erfuhr, daß Sie — 108— ihm zuerſt Hoffnung auf die Hand des Fräulein Duval gemacht hätten, daß Sie aber dann die Anſprüche meines Nebenbuhlers in Ihrer Sorg⸗ falt um die Zukunft des Fräulein Duval den mei⸗ nigen opferten. Beruhigen Sie ſich daher, Herr Doctor; die Stimme eines Nebenbuhlers, der jede Hoffnung abſchwört, kann nicht verdächtig ſein; ſie mache, daß die Vorurtheile fallen, die Sie vielleicht noch gegen Herrn Ducormier he⸗ gen.“— Ich kann Ihnen nicht ſagen, fuhr Herr Bonaquet nach dieſer Erzählung fort, mit wel— chem Tone der Ueberzeugung und ritterlicher Red⸗ lichkeit Herr von Saint-Geran dieſe letztern Worte ausſprach; ſie ſind für mich ſo entſcheidend ge⸗ weſen, daß ſie mich von der Wahrheit der Liebe überzeugten, die Sie Anatole einflößten, und ich bedurfte ſehr der Beruhigung, da ich die Abreiſe Anatole's erfahren hatte, und beſonders—“ Der Doctor ſprach nicht aus, und fuhr fort, indem er einen Seufzer, der mich in Erſtaunen ſetzte, unterdrückte: „Ach, die menſchliche Seele iſt ein unerklär⸗ liches Räthſel! Doch— ſprechen wir nur von Ihnen, die Gewißheit Ihres Glückes allein kann mir den Muth geben, für einen Augenblick an⸗ dere, ſehr grauſame Leiden zu vergeſſen.“— Was wollen Sie ſagen? fragte ich Herrn Bonaquet, beinahe beſorgt durch den Ausdruck ſchmerzlicher — 109— Niedergeſchlagenheit, den ich in ſeinen Zügen er⸗ kannte. Er antwortete mir nicht, fuhr zuſam⸗ men, wie von einer peinlichen Erinnerung ergrif⸗ fen, und ſagte:„Noch ein Mal, ſprechen wir von Ihnen; ich zweifle nicht mehr an der un— wandelbaren Zuneigung Anatole's für Sie, ich will nicht mehr daran zweifeln; doch wie wer⸗ den Sie die lange Trennung ertragen? Ich habe erfahren, daß er Geſandtſchaftsſecretär in Neapel iſt!“— Dieſe Trennung ſoll nicht von langer Dauer ſein, ſagte ich dem Doctor; Anatole wird in einem Monat ſpäteſtens wieder hier ſein, und dann erſt nach unſerer Verheirathung wieder ab⸗ reiſen, um ſich ganz mit mir in Neapel niederzu⸗ laſſen; unſere Verbindung ſoll binnen drei Mo⸗ naten geſchloſſen werden. Anatole iſt mit dem Miniſter des Auswärtigen wegen ſeiner baldigen Rückkehr übereingekommen.— Wenn es ſo iſt, wird Alles auf das Beſte gehen. Ich wußte nicht, daß Anatole ſo bald wieder nach Paris kommen ſollte; doch da er es Ihnen geſagt hat, muß Ihnen dies genügen. Jetzt, fügte Herr Bo⸗ naguet mit einem rührenden Tone hinzu, geſtehen Sie mir offen die Urſache Ihrer Entfremdung ge⸗ gen mich und meine Frau. Weshalb haben Sie uns Ihre Pläne der Heirath mit Anatole ver⸗ hehlt? Weshalb hat er ſelbſt mich nicht davon unterrichtet? Weiß er nicht, daß ich, eben des⸗ — halb, weil ich ein ſehr ſtrenger Freund bin, auch ein ſehr treuer und aufrichtiger bin?“— Herr Bonaquet, antwortete ich dem Doctor, ich will nicht davon ſprechen, was für Anatole Grauſa⸗ mes darin lag, Sie zu ſeinem Nachtheile die Be⸗ werbungen des Herrn von Saint⸗Geran um mich unterſtützen zu ſehen; eben ſo wenig will ich da⸗ von ſprechen, was für mich ſelbſt in Ihrer Begün⸗ ſtigung des Herrn von Saint⸗Geran Verletzendes lag. Hieß es nicht, mich für fähig halten, mich durch die Anziehungskraft eines Titels und eines großen Vermögens beſtechen zu laſſen? Doch das Schmerzlichſte war es für Anatole, zu erfahren, daß Sie, ohne Rückſicht auf Ihre alte Freund⸗ ſchaft, und ohne Zweifel gereizt dadurch, daß er ſich der Art von Vormundſchaft, die Sie über ihn auszuüben fuchten, nicht fügen wollte, nicht nur allerhand nachtheilige Gerüchte über ihn in Um⸗ lauf ſetzten, ſondern daß Sie auch durch lügen⸗ hafte, aber geſchickt erfundene Inſinuationen ver⸗ ſucht hatten, ihn indirect bei dem Prinzen von Morſenne, ſeinem einzigen Beſchützer, zu verder⸗ ben. Sie können ſich denken, welchen Schmerz Anatole, der für Sie immer die lebhafteſte Freund⸗ ſchaft bewahrt hatte, empfinden mußte, als er durch eine glaubhafte Perſon dieſe Unwürdigkeiten erfuhr. Urtheilen Sie auch, was ich ſelbſt fühlte, die ich ſeine unwandelbare Anhänglichkeit für Sie — 111— kannte! Von dieſem Augenblicke an war ich weit entfernt, Ihnen meine Pläne und die Anatole's zu vertrauen, ſondern hielt mich zu einer eiſigen Zurückhaltung gegen Sie berechtigt, ſo wie dazu, endlich den frühern herzlichen Verkehr ganz ab⸗ zubrechen. Nachdem Herr Bonaquet mich angehört hatte, ohne mich zu unterbrechen, ſagte er mit einer ſo wahren, ſo ſchmerzhaften Rührung, daß ſie Dich eben ſo überzeugt haben würde, wie ſie mich überzeugte: 5. „Man hat mich bei Anatole auf eine nichts⸗ würdige Weiſe verleumdet. Nie habe ich, weder mittelbar noch unmittelbar ihm zu ſchaden ver⸗ ſucht. Stellen Sie mich dem Verleumder gegen⸗ über, der Anatole dieſe unwürdigen Lügen hinter⸗ bracht hat, und Sie werden ſehen, ob er ſie vor mir zu behaupten wagt. Doch das iſt wahr; ich hatte anfangs daran gedacht, Anatole Ihrer ar⸗ men Mutter vorzuſtellen, denn ich hielt ihn Ihrer würdig; doch ich ſtellte dabei die Bedingung, daß er auf ein Leben und eine Laufbahn verzichte, welche mir für ſeine Zukunft große Uebelſtände zu haben ſchienen; er verweigerte meine Bitte. Dieſe Weigerung, ſo wie andere Gründe, deren Mittheilung nutzlos wäre, haben mich ſehr ernſt⸗ haft fürchten laſſen, daß Anatole Ihnen nicht die zu Ihrem Glücke erforderlichen Bürgſchaften bie⸗ — 112— ten könne. Deshalb haben nach dem Tode Ihrer armen Mutter meine Frau und ich, die Sie als führerloſe Waiſe ſahen, bei Ihnen darauf beſtan⸗ den, ſich den Wünſchen des Herrn von Saint— Geran, eines vollkommenen Ehrenmannes, zu fügen. Was ich Ihnen ſo eben von ihm ſagte, beweiſt Ihnen dies Urtheil. Ja, mehrmals bin ich zu Ihnen gekommen, um Sie vor Anatole zu warnen. Was ſoll ich Ihnen jetzt noch ſagen? Alle meine Ahnungen, alle meine Beſorgniſſe ſind glücklicher Weiſe zum Theil beſeitigt oder vernich⸗ tet. Ein niederer Poſten, den ich mit Verdruß und Gefahren für Anatole verbunden glaubte, hat ihm im Gegentheil eine ehrenvolle Laufbahn geöffnet. Mit einem Sprunge, und mit einer Protection, die in meinen Augen unerklärlich iſt, erreichte er eine höhere Stellung, zu der ſo viele Andere nur nach langen Jahren kommen.— Kurz, Alles ließ mich fürchten, daß er nicht der Mann ſei, der für Sie paßt, während das, was Sie mir mittheilten und was mir Herr von Saint⸗ Geran ſagte, mir beweiſt, daß Anatole Ihrer würdig iſt und ſein wird. Ich muß mich dem Augenſcheine fügen, meinen Irrthum bekennen und Ihnen von Grund meines Herzens ſagen, daß Sie ſich glücklich ſchätzen dürfen. Ja, dop⸗ pelt glücklich, fügte Herr Bonaquet mit innig gerührter Stimme hinzu, denn Sie ſind vielleicht — 113— das einzige weibliche Weſen, hören Sie wohl, das einzige, welches fähig iſt, Anatole eine ſo tiefe, ſo wahre Neigung einzuflößen. Ach, glauben Sie mir, danken Sie dem Himmel; Ihr Glück iſt vielleicht noch größer, als Sie denken: Sie haben auf Anatole den überraſchendſten, den heilſamſten Einfluß ausgeübt, denn, ich wieder⸗ hole es Ihnen, das menſchliche Herz iſt ein Ab⸗ grund, in welchen nur das Auge Gottes allein mit Sicherheit zu dringen vermag.“ Ich frage Dich, mein Freund: konnte mir nach den Worten des Doctors noch der geringſte Zweifel an ſeiner Aufrichtigkeit bleiben? Er wies mit edlem Unwillen die Verleumdung zurück, de⸗ ren Gegenſtand er geweſen war, und geſtand ſei⸗ nen Irrthum in Beziehung auf Dich ein; ich habe nicht gezögert, ihm zu vertrauen: Es iſt ſo ſüß, an das Gute zu glauben! Wir haben uns da⸗ her auch als die innigen Freunde von ehedem ge⸗ trennt. Doch ich bemerke, mein Freund, daß mein Brief ſchon ſehr lang iſt; die Zeit zum Abgange des Couriers iſt da; nach meiner Berechnung wirſt Du dieſen Brief, ſo wie die letzten, bei Dei⸗ ner Ankunft in Turin finden. Ich habe die Dei⸗ nigen, datirt aus Orleans, Lyon, Marſeille und izza empfangen; Dank, mein Anatole, mein Freund, daß Du mit ſolchem Eifer meinem Wun⸗ Die Prophezeihung V. 8 ſche entgegenkömmſt, Nachrichten von Dir zu er⸗ halten. Was meinen Vater betrifft— ach, da endige ich dieſen Brief, wie alle andern— keine Nach⸗ richten; über ſein Schickſal herrſcht noch immer dieſelbe Ungewißheit. Dieſe, ſo ſchmerzlich ſie auch ſei, iſt indeß doch vielleicht noch beſſer, als eine Gewißheit, welche jede Hoffnung zertrüm⸗ mern würde. Lebe wohl, ein zärtliches Lebewohl, mein theurer Anatole, meine Liebe, mein Gatte! Deine Frau, Deine glückliche Frau, Clémence Duval. XXxvn. Ungefähr fünfzehn Monate waren verfloſſen, ſeitdem die Herzogin von Beaupertuis und Clé⸗ mence Duval die beiden von uns mitgetheilten Briefe geſchrieben hatten. Die folgenden Auſtritte fanden gegen die er⸗ ſten Tage des Septembers in Baden⸗Baden Statt, in dem Hotel des Princes, in dem Zimmer, wo ſich für gewöhnlich die Raucher zu verſammeln pflegten. In dieſem Augenblicke war in dem klei⸗ * — 115— nen Salon nur eine einzige Perſon, die Zeitun⸗ gen leſend und eine Cigarre rauchend. Es war ein Mann von dreißig Jahren, mit einem ange⸗ nehmen Geſicht von ausgezeichnetem Weſen; er trug einen eleganten Jagdanzug; ſein Jagdmeſſer, ſeine Peitſche und ſein Käppchen von ſchwarzem Sammet lagen neben ihm auf dem Tiſche; in der Aufmerkſamkeit, die er ſeiner Lecture widmete, wurde er durch den Eintritt einer zweiten Perſon geſtört. Bei dem Anblicke derſelben ſtand unſer Raucher auf, eilte dem Neuangekommenen ent⸗ gegen, ſtreckte ihm die Hand hin und rief: — Juviſh, welch ein glückliches Zuſammen⸗ treffen!— Du in Baden! — Und ſehr zufrieden, hier zu ſein, mein lieber Moſenval, da ich Dich hier treffe. Biſt Du ſchon lange hier? — Seit einem Monat. Ich habe den Win⸗ ter in Neapel zugebracht, den Frühling in Vene⸗ dig, den Sommer in Florenz, und begann den Herbſt in Baden, angezogen durch die Hetzjagden, welche wahrhaft königlich ſind. Willſt Du der heutigen beiwohnen? Ich habe ein Pferd zu Dei⸗ ner Dispoſition. — Ich danke Dir, mein lieber Juviſy. Bei der erſten Gelegenheit werde ich von Deinem An⸗ erbieten Gebrauch machen.— Doch, amüſirt man ſich hier, abgeſehen von der Jagd? 8* —— — Die Saiſon iſt ſehr belebt; es ſind aller⸗ liebſte Frauen hier, man ſpielt ein Höllenſpiel, und der Koch dieſes Hotels iſt vortrefflich. Mei⸗ ner Treu, dabei läßt es ſich leben. — Sehr gut!— Und Liebesſcandale? Es giebt deren, wie ich hoffe? — Nicht ſonderlich, Dank ſei es einer Teu⸗ felin von einer polniſchen Gräfin, die alle Köpfe verdreht. — Und inwiefern ſchadet das dem Scandal? Ich ſollte glauben, daß das im Gegentheil— — Keineswegs: die Männer beſchäftigen ſich nur mit der Gräfin, obgleich auch noch an⸗ dere ſehr angenehme Frauen hier ſind, ſo daß, wie Du begreifſt, dieſe verdammte Frau alle Scandal⸗ ſucher anzieht, abſorbirt, und es folglich ſehr we⸗ nig Abenteuer giebt. — Und iſt dieſe Gräfin denn ſehr ver⸗ führeriſch? — Allerliebſt, und Geiſt hat ſie, wie der Satan. Sie iſt die Mätreſſe des Baron von Her⸗ der geweſen, des Vertrauten vom Fürſten Metter⸗ nich. Sie hat ſich ſelbſt, wie man ſagt, ſehr ſtark in alle diplomatiſche Intriguen gemiſcht. — Und ihr Mann? — Mein Lieber, dieſe polniſchen Gräfinnen haben immer einen Mann— auf Reiſen; das iſt ihr Stand. — 117— — Hat ſie unter der Maſſe von Bewerbern wenigſtens einen Glücklichen gemacht? — Man glaubt, man hofft es. Denn, wenn es dem Einen glückt, ſo iſt kein Grund vorhan⸗ den, daß die Andern— — Das iſt in der Ordnung. Und wer iſt dieſer glückliche Vorgezogene? — Der franzöſiſche Miniſter⸗Reſident in Ba⸗ den, ein glühender Conſervativer, ein geſchwore⸗ ner Feind der Revolutionen und Revolutionäre, ein großer Anhänger des Thrones, des Altars und aller Legitimitäten. — Sehr gut;— ſo etwas wie ein Doctri⸗ när, das heißt, ein galliger Menſch, gelb oder grün, ſcharf und ſchneidend, ſteif und hochmüthig. — Dergleichen Menſchen ſind in der Politik ſehr nützlich, doch, wie Lagingnole ſagt, in der Geſell⸗ ſchaft nicht ſonderlich angenehm. — Du erräthſt es ganz und gar nicht. Unſer Geſchäftsträger iſt ein allerliebſter Junge; ein Mann von der beſten Geſellſchaft und geiſtreich genug, um nicht lächerlich zu ſein, obgleich er eine alte Frau geheirathet hat. Ich ſage alt, im Vergleich zu ihm, denn er iſt ſechs oder ſieben⸗ undzwanzig Jahr alt, und ſie vierzig. Uebrigens iſt ſie noch gar nicht übel, eine ſehr ſeltene Sache bei den Italienerinnen, die ſonſt ſchnell verblühen. — 118— — Und wie hat ein Menſch von dem Alter unſeres Geſchäftsträgers dieſe Matrone heirathen können? — Pardieu, mein Lieber, weil ein Menſch ſeines Alters es vor allen Dingen liebt, auf einen großen Fuß zu leben; deshalb macht auch unſer Diplomat, Dank den fünfzigtauſend Thaler Ren⸗ ten, die ihm Madame Urbino, die Wittwe eines reichen Banquiers in Neapel zubrachte, hier ein vortreffliches Haus, hat die ſchönſten Equipagen, kurz, die Einrichtung eines großen Herrn, ohne noch in Anſchlag zu bringen, daß das Vermögen dieſer Frau zu der Beförderung des liebenswür⸗ digen Jungen beigetragen hat, denn vom erſten Geſandtſchaftsſecretär in Neapel, wo er dieſe reiche Wittwe heirathete, wurde er vor ſechs Mo⸗ naten zum Geſchäftsträger an dem hieſigen Hofe ernannt. — Aber das iſt ein herrliches Avancement. — Herrlich, in der That, und ich bin über⸗ zeugt, daß er es noch weniger der Gunſt und dem Einfluſſe des Reichthums verdankte, als ſeiner Liebenswürdigkeit und ſeinem Geiſte; denn er iſt, auf mein Wort, einer der angenehmſten und ver⸗ führeriſcheſten Menſchen, die ich kenne. Alle Welt liebt ihn und ſucht ihn auf; der Großherzog be⸗ handelt ihn ſo freundlich, wie zuvor noch nie ei⸗ nen Geſandten; der Kronprinz von P'ss, der — 119— die hieſigen Bäder braucht, ſteht mit unſerem Diplomaten auf einem ſehr vertrauten Fuß; ſie reiten beinahe täglich miteinander aus, und der Prinz beſucht ihn häufig; kurz, was ſoll ich Dir ſagen? Er macht wahrhaft Furore! — Und wie heißt dieſer Zäuberer? — Graf Anatole Ducormier. — Wo Teufel nimmſt Du den Grafen her? — Es iſt ein Graf, wie ſo viele andere in dem Bureaur der auswärtigen Angelegenheiten fabricirt; ich gebe ihn Dir daher auch nicht für einen guten Edelmann, doch für einen voll⸗ kommenen Gentleman. — Warte einmal; es ſcheint mir, als kenne ich den Namen Ducormier.— Warte! Ducör⸗ mier?— Ja, ohne Zweifel, jetzt hab' ich's: Er war Secretär des Prinzen von Morſenne. — Seines erſten Beſchützers, von dem er noch immer mit eben ſo viel Verehrung als Dank⸗ barkeit ſpricht. — Richtig; vor etwa fünfzehn Monaten hat ſich dieſer Ducormier mit dem armen Saint⸗ Geran geſchlagen, den er ſogar gefährlich ver⸗ wundete. — Ich wußte nichts von dem Duell. Doch àpropos von Saint⸗Geran. Haſt Du den lange nicht geſehen? — Wie, Du weißt nicht? — 120— — Was denn? — Vor länger als einem Jahre iſt er Prie⸗ ſter geworden. — Ah bah! Und was Teufel warum denn? — Man weiß es nicht, vermuthet aber eine verliebte Verzweifelung. — Da verlohnte es, meiner Treu, auch wohl der Mühe, im Voraus die großen Güter zu erben, die ihm eigentlich erſt nach dem Tode der Frau von Blainville,— Madame Bonagquet wollte ich ſagen, zufallen ſollten. — 4 propos, erinnerſt Du Dich noch des famoſen Auftrittes in dem Hotel Morſenne, wo ſich der Doctor Bonaquet, der zuerſt ſo ſchlecht empfangen wurde, ſo voll Geiſtesgegenwart und Würde zeigte, wie man geſtehen muß? — Ich erinnere mich dieſes Abends ſehr gut. Es war äußerſt pikant! Doch, da wir von dem Hotel Morſenne ſprechen;— Du kommſt ohne Zweifel von Paris? — Nein, ich habe es vor ſechs Monaten verlaſſen, um meine Tante in Lothringen zu be⸗ ſuchen, und von dort komme ich jetzt. .— Was ſagte man bei Deiner Abreiſe über die Herzogin von Beaupertuis? Als ich Frank⸗ reich verließ, fuhr dieſe reizende Frau fort, die Verzweiflung aller Derer zu machen, die ſich mit ihr beſchäftigten, und, wenn ich es Dir geſtehen — 121— muß, ſo gehörte ich auch ein wenig zu dieſen Verzweifelnden. Ich war daher auch nicht bös, mich in Neapel von dieſem Anfang einer wahn⸗ ſinnigen Leidenſchaft zu zerſtreuen. — Ei, mein Lieber, während Deiner Reiſe hat ſich in dem Hotel Morſenne Neues zuge⸗ tragen. — Wie das? — Zuerſt iſt der Prinz von Morſenne ſo ge⸗ fährlich krank geweſen, daß er beinahe geſtorben wäre. Später verlangte er die Geſandtſchaft in Spanien, und dort iſt er, glaube ich, noch. — Und die Herzogin? — Ach, die Herzogin— die Hetzogin— — Nun? — Du biſt in die Frau von Beaupertuis ver⸗ liebt geweſen, biſt es vielleicht noch, und ich ſollte Dir daher wohl nicht ſagen— „— Was denn?— Daß ſie einen Lieb⸗ haber hat? — Wenn es weiter nichts wäre! — Sie hat alſo mehrere? — Wollte der Himmel! — Juviſy, ſprich ernſthaft. — Ungefähr um dieſelbe Zeit, wo der Prinz, ihr Vater, ſo krank war, ſchien auch Frau von Beaupertuis ſehr leidend zu ſein; doch ſie iſt aus dieſer Criſis reizender, anbetungswürdiger als je — 122— hervorgegangen— und dann— ach, mein ar⸗ mer Moſenval. — Ende! — Du kennſt doch Moraincourt? — Parbleu, er iſt mir von einer Wette bei dem Pferderennen noch hundert Louis ſchuldig, die er mir nie bezahlen wird. Doch wie! Sollte er mit ſeinem Benehmen eines Stallknechtes und ſeinen Gewohnheiten ſchlechter Orte es ſein, der— — Geduld doch!— Du weißt, daß Mo⸗ raincourt beinahe nie den Fuß in die Welt ſetzt, und daß er in der That vorzugsweiſe gern ſchlechte Orte, die Bälle vor den Barrièren und in den Schenken beſucht? — Ja; doch welchen Zuſammenhang hat das mit der Herzogin von Beaupertuis? — Einen ſehr großen, wie Du gleich ſehen ſollſt. Zu Anfang des vorigen Herbſt, ungefähr um die jetzige Zeit, befand ſich Moraincourt in Belleville auf einem Balle, der von Griſetten, Handlungscommis und anderer nicht ſehr goldener Jugend beſucht war. Gegen einen Baum gelehnt ſah Moraincourt dem Tanze zu, und beobachtete beſonders ein großes junges Frauenzimmer, deſ⸗ ſen Geſicht er noch nicht geſehen hatte, deren nymphenhafter Wuchs jedoch, ſchlank wie ein Rohr, unſern Moraincourt um ſo mehr ergriff, da das verführeriſche Geſchöpf ſeinen Tanz mit — 123— Bewegungen begleitete, welche dem Schamhaftig⸗ keitsgefühle der Municipalgardiſten nicht zuzuſa⸗ gen ſchienen. Moraincourt war ganz lüſtern ge⸗ macht nach dem Augenblicke, der es ihm geſtatteie, dieſer wollüſtigen Korhbante in das Geſicht zu ſe⸗ hen; und wen erkannte er?— die Herzogin von Beaupertuis, gekleidet wie eine Griſette, und tan⸗ zend— ärger wie eine Griſette. — Biſt Du verrückt? — Ich bin wahr; am Tage darauf hat Mo⸗ raincourt ſelbſt mir die Geſchichte erzählt. — Ach geh! Er war betrunken, wie ge⸗ wöhnlich! — Ich ſage nicht nein,— doch er iſt daran ſo gewöhnt, daß er ſeines Rauſches ungeachtet ſehr klar ſieht. — Ich wiederhole Dir, daß das unmöglich iſt;— Frau von Beaupertuis, ſo ſtolz, ſo ge⸗ ringſchätzend— ſie, die mehr große Dame iſt, als irgend eine Andere, ſich als Griſette verklei⸗ den!— In den Schenken umherziehen!— Mo⸗ raincourt war betrunken, oder er ließ ſich durch eine auffallende Aehnlichkeit täuſchen. — Unter uns, das iſt es, was man allge⸗ mein glaubt. Uebrigens iſt Moraincourt, als er ſich von dem Staunen über dieſe beinahe phan⸗ taſtiſche Erſcheinung erholt hatte, der Frau von Beaupertuis nachgegangen. — 124— — Der Frau, welche er für Frau von Beau⸗ pertuis hielt. — Sei es, Eiferſüchtiger. So viel iſt indeß gewiß, daß er nach Beendigung des Contretanzes die Herzogin oder ihre Soſia ſich mit ihrem Tänzer, einem ſehr jungen, ſehr friſchen und ſehr hübſchen Burſchen in ein Gebüſch verlieren ſah. Moraincourt eilte dem Paare nach, aber der Strom der Menge hinderte ſeine Verfolgung. Am nächſten Donnerſtag war Moraincourt der Erſte in der Schenke. Eitle Hoffnung! Weder an dieſem Tage noch an den folgenden ſah er die Herzogin wieder, oder, wenn Du willſt, das Frauenzimmer, das er für die Herzogin gehalten hatte. — Pardieu, das glaube ich gern. Die Trun⸗ kenbolde haben nicht zwei Mal dieſelbe Viſion. — Viſion— Viſion— — Wie, auch Du? — Ich kann nicht beſtätigen, was ich nicht geſehen habe. Doch das Leben der Frau von Beaupertuis war ſeit einiger Zeit ſo ſonderbar geworden! — Wie ſo das? — Man fand ſie beinahe nie zu Hauſe, und kaum zeigte ſie ſich in der Welt, die ſie ſonſt bei⸗ nahe jeden Abend beſuchte. — 125— — Alſo hatte die Herzogin auf die Bälle, die Feſte verzichtet? — Nein, nicht unbedingt, ſage ich Dir, do man ſah ſie dort ſehr ſelten. Das letzte Mal, als ich ihr begegnete, war es gegen das Ende des Winters, auf einem großen Balle des engliſchen Geſandten. Ich glaube, Frau von Beaupertuis war mir niemals ſo ausgezeichnet ſchön vorge⸗ kommen; ſie war blendend durch Diamanten und Schmuck. Ich tanzte mit ihr und ich wurde ver⸗ letzt, beinahe beleidigt durch das Spöttiſche ihrer Sprache über die Leute von Welt, unter denen ſie doch ſtets ſo zu ſagen als vergötterte Herrſcherin gelebt hatte. Das wundert mich keineswegs. Ich habe ſie ſtets ſehr geringſchätzig gefunden, ach, nur allzu geringſchätzig. — Noch etwas iſt ſehr ſonderbar. Du weißt, daß der Herzog von Beaupertuis ſeine Frau nie⸗ mals auf den Ball begleitete, da der gute Mann ausſchließlich mit der Betrachtung und dem Stu⸗ dium ſeiner Inſekten beſchäftigt war. — Ja, das weiß ich. — Nun gut; ſeit dem Anfang des vergan⸗ genen Winters folgte der Herzog von Beaupertuis ſeiner Frau jederzeit, wenn ſie in der Welt er⸗ ſchien, und ließ ſie ſo zu ſagen nicht aus den Augen. 126 — Er iſt alſo eiferſüchtig geworden? — Ich glaube; übrigens hatte er keine Ur⸗ ſache, es zu ſein, wenigſtens nicht wegen deſſen, was unter ſeinen Augen vorging; denn obgleich Frau von Beaupertuis, deren Schönheit durch ihr ſeltenes Erſcheinen noch erhöht zu werden ſchien, wie gewöhnlich umringt wurde, zeichnete ſie doch Niemand aus, und behandelte ihre An⸗ beter hochmüthiger, ſpöttiſcher, als je. Deſſen ungeachtet habe ich in den Zügen des Herzogs, der ſeiner Frau beinahe immer mit den Blicken folgte, häufig eine Aufregung bemerkt, die mir beinahe peinlich war. — Er intereſſant mit ſeinem lächerlichen Ge⸗ ſichte und ſeinem unbezahlbaren Weſen? Du machſt Dich luſtig! — Auf dem Balle, von dem ich Dir ſagte, hatte ich unter anderem die Neugier, den armen Herzog genauer zu beobachten. Er ſtand in der Vertiefung einer Thür, während ſeine Frau mit⸗ ten in dem Saale, ihr Bouquet in der Hand, mit einigen Elegants ſcherzte und plauderte, von de⸗ nen ſie während der Pauſe eines Contretanzes umringt wurde. Das wunderliche Geſicht Beau⸗ pertuis', das ich ſonſt nie betrachtet hatte, ohne Lachluſt zu verſpüren, rührte mich ſo ſehr, daß ich unwillkürlich Mitleid mit ihm empfand. Das iſt abgeſchmackt, da die Eiferſucht nichts Rührendes — 127— hat, beſonders nicht bei einem ſo närriſchen Kauz, wie Beaupertuis. Doch, was willſt Du; der Eindruck war ſtärker als ich. — Welche ſonderbare Neuigkeiten theilſt Du mir da mit, mein Lieber. Doch nein, nein, ich kann mich nicht darin fügen, zu glauben, daß dieſe ſchöne und reizende Herzogin für die Leute von Welt ihren Stolz und ihren Hohn bewahrt, während ſie ſich in den Kneipen verſorgt. Noch einmal, Juviſy, das iſt ein Roman, oder viel⸗ mehr eine Hallucination dieſes Trunkenboldes von Moraincourt! — Aufrichtig, ich bin geneigt, dies zu glau⸗ ben, wie Du; doch auf der andern Seite ſind dieſe Abenteuer einer vornehmen Dame, die ver⸗ kleidet umherzieht, nicht ohne frühere Beiſpiele. — Du ſcherzeſt! — Keineswegs. Haben wir nicht durch un⸗ ſere Großeltern von den Abenteuern der Prinzeß Egmont gehört, die in den Augen eines ſchönen Gardiſten und eines Handlungscommis, ihrer Liebhaber, für eine Griſette galt? Hat nicht Du⸗ pré, der berühmte Tänzer des vorigen Jahr⸗ hunderts,— haben nicht Molé und Baron, die ausgezeichneten Schauſpieler derſelben Zeit, die Gunſt vieler großen Damen genoſſen, und ſogar ſehr großer? — Einverſtanden; doch dieſe großen Damen — 128— lebten in einer andern Zeit, als die unſrige; auch hatten ſie nicht, wie Frau von Beaupertuis, ih⸗ ren Ruf bis zum zweiundzwanzigſten oder drei⸗ undzwanzigſten Jahre unangetaſtet bewahrt, um ſich dann erſt kopfüber in eine kecke Sittenloſigkeit zu ſtürzen. — Mein armer Moſenval, Du biſt, gleich ſo vielen Andern, in die Herzogin verliebt geweſen; Du biſt ebenfalls gleich ſo vielen Andern abge⸗ wieſen worden, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, giebſt Du nun einer Art von rückwärtsſchauenden Eiferſucht nach, die Dein Urtheil irre leitet. — Doch wie empfängt man, ſeitdem dieſe Gerüchte in Umlauf ſind, die Herzogin in der Geſellſchaft, wenn ſie ſich in derſelben zeigt? — Ganz vortrefflich, wie immer. — Siehſt Du alſo wohl? So würde man ſie nicht aufnehmen, wenn ihre Aufführung ſo abſcheulich wäre, wie Du ſagſt. Ende des fünften Bändchens. Druck von Otto Wigand in Leipzig.