Eugen Sue's ſänmtliche Werke. 261. Theil. Die prophezeihung. Viertes Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. Die Prophezeihung. Von Eugen Sue. Viertes Bändchen. Leipzig, 1851. *- Verlag von Otto Wigand. XXVII. Am Tage nach dem ſo würdigen Auftreten Bonaquet's und ſeiner Frau beim Fürſten von Morſenne wandelte Anatole Ducormier, nachdem er den Morgen hindurch mit dem Fürſten gearbei⸗ tet hatte, in dem großen und prächtigen Garten des Hotels gedankenvoll umher; die Kälte hatte S ſich gemildert, die Sonne ſtrahlte hell und warm wie in den ſchönſten Frühlingstagen. Anatole war eben in ein Labyrinth grüner, hundertjähriger, dichtbelaubter und ſchattiger Bäu⸗ megetreten, als er den Sandleiſe hinter ſich rauſchen hörte; er wandte ſich um und ſah ſich Frau von Beaupertuis gegenüber. Sie erſchien mit gewohn⸗ ter Anmuth in einer feinen Morgentoilette. Ana⸗ tole grüßte die junge Frauehrerbietig und war im Begriff eine Seitenallee einzuſchlagen, um ihren Spaziergang nicht zu ſtören, als ihm von Die Prophezeilung. IV. mit hochmüthigem und ſtrengem Tone agte: — Mein Herr, ein Wort. Ducormier ſtand ſtill, verneigte ſich und war⸗ tete. — Mein Herr, begann die Herzogin, ich wundere mich ſehr darüber, Sie im Hauſe meines Vaters angeſtellt zu ſehn.— Eine Sache, die mich nicht minder überraſcht hat, Frau Herzogin. — Seit Ihrer Ankunft hier, mein Herr, habe ich vergebens Gelegenheit geſucht, Sie einige Au⸗ genblicke ohne Zeugen zu ſprechen.— Ich ſtehe zu Befehl, gnädige Frau.— Was ich Ihnen zu ſagen habe, mein Herr, iſt übrigens ſehr kurz und ſehr einfach: Ich wünſche nicht, daß Sie hier wohnen, Sie werden alſo Ihre Stellung aufge⸗ bben.— Sobald mich der Fürſt verabſchiedet hat, gehorche ich, gnädige Frau.— Es iſt durchaus überflüſſig, mein Herr, meinen Vater mit dieſer Angelegenheit zu behelligen; es iſt undenkbar, daß ſich derſelbe ohne Weiteres in vierundzwanzig Stunden entſchieden habe, Sie zum Secretär zu nehmen; wichtige Gründe müſſen ihn dazu be⸗ ſtimmt haben; ich werde mich denn auch nicht an ihn wenden, um Ihre Entfernung aus dieſem Hauſe durchzuſetzen.— Und an wen dann?— An Sie, mein Herr.— Und in wie fern, gnä⸗ dige Frau, bin ich Ihnen hier in Wege?— Mein ———7— ———7— Herr, Sie wiſſen recht wohl, daß ich die Perſon bin, mit welcher Sie Sich auf dem Opernball von Donnerstag Nacht weitläufig unterhalten haben.— Und die mich mit einer Zuſammen⸗ kunft auf demſelben Ball für heute Nacht beehrt hatte?— Ja wohl, mein Herr; eben weil ich das erwähnte Geſpräch mit Ihnen hatte, eben weil ich Ihnen jene Zuſammenkunft zugeſagt, wünſche ich nicht, daß Sie hier wohnen.— Ich bin ſo unglücklich, Frau Herzogin, weder den Sinn noch die Abſicht Ihrer Worte zu verſtehen; entſchuldigen Sie mein geringes Faſſungsvermö⸗ gen— Ich bitte Sie, mein Herr, im In⸗ tereſſe Ihrer Selbſtliebe, und Sie beſitzen glaub' ich davon.— Einen bedeutenden Theil, gnä⸗ dige Frau.— Nun wohl, ich bitte Sie daher, mich nicht zu näherer Aufklärung zu nöthigen. — Ich vermag Alles zu hören, gnädige Frau. — Das iſt die Frage, mein Herr.— Verſuchen Sie es, gnädige Frau.— Nun wohl, mein Herr, ich wünſche Ihre Entfernung, weil es mir vorzüglich zuwider iſt, täglich einem Mann zu be⸗ gegnen, mit welchem ich mit der Freiheit geſpro⸗ chen habe, welche die Maske erlaubt, und der mir ebenſo geantwortet hat, da es ſich trifft, daß. dieſer Mann im Dienſte meines Vaters ſteht.— Der von Ihnen angeführte Grund, gnädige Frau, iſt wahrſcheinlich genug, antwortete Anatole kalt doch haben Sie noch einen anderen...— Herr erlaubt ſich meine Wortt in Zweifel zu ziehn?— Mein Gott, gnädige Fraul Herr Ducormier iſt von Natur ſcharfer und glück⸗ licher Beobachter; er ſieht, was er ſieht„ er weiß, was er weiß.— Und was weiß und ſieht Herr Ducormier denn?— Etwas ſehr Einfaches, gnädige Frau. Die verſchiedenen Ereigniſſe un⸗ ſeres Begegnens, unſer Geſpräch in jener Nacht, die freien Reden, welche daraus folgten, laſſen Sie befürchten, ſagen Sie, daß ich, da ich hier im Hauſe leben ſoll, mich auf die zufällige Ver⸗ traulichkeit weniger Augenblicke ſtützend Ihnen die demüthige Hochachtung verſagen möchte, welche der Secretär im Lohne Ihres Herrn Vaters Ih⸗ nen ſchuldig iſt. Dieſe Beſorgniß iſt unbegründet, gnädige Frau; Ihre Befürchtung iſtvielmehr dieſe: daß Ihre glänzende Schönheit, Ihr Geiſt, Ihre Anmuth mir gänzlich den Kopf verdrehen. In der That, gnädige Frau, giebt es nun nichts Un⸗ erträglicheres für eine Frau Ihres Standes, vor⸗ züglich aber Ihrer Geſinnungen, als täglich ei⸗ nem ſterblich verliebten Manne zu begegnen, wel⸗ her aber ſo tief ſteht, daß man ſich nicht einmal beluſtigen: indeß beruhigen Sie Sich, gnädige Frau.— Es bedarf wahrlich der Be⸗ herablaſſen kann, ſich, wäre es auch nur aus Ge⸗ fallſucht, mit dieſer lächerlichen Leidenſchaft zu ruhigung! entgegnete Diana mit verdoppeltem Hochmuth. Glauben Sie denn, mein Herr, daß ich Sie einer ſolchen Unverſchämtheit für fähig gehalten?— Ja, gnädige Frau, das glaub' ich. — Mein Herr!..— Sonſt, gnädige Frau, würden Sie mir nicht befehlen, dies Haus zu ver⸗ laſſen.— Dies iſt eine Dreiſtigkeit...— Nicht doch, gnädige Frau, es iſt ein einfacher Vernunft⸗ ſchluß. Sie haben ſterbliche Langeweile; keiner der Männer, welcher Sie umgiebt und aufſucht, gefällt Ihnen; Sie haben aber das dunkele Be⸗ dürfniß der Liebe; Ihr Stolz iſt Ihre Tugend; alles dies hab' ich bei Gelegenheit unſeres Ge⸗ ſpräches von neulich Nacht errathen. Nun iſt es ſehr natürlich, daß Sie, indem Sie mir ein we⸗ niger lebhaftes Bewußtſein meiner Niedrigkeit zu⸗ trauen, als ich wirklich beſitze, mich für fähig halten, meine Augen bis zu Ihnen zu erheben, und daß ich einfältig und kurzſichtig genug ſei, auf Ihre Vereinſamung, Ihre Langeweile und ſelbſt meine Stellung im Hauſe, welche die Be⸗ quemlichkeit und Sicherheit eines ſolchen Verhält⸗ niſſes im gleichen Maße unterſtützen würde, mit zurechnen; der bloße Gedanke einer ſolchen Fre heit meinerſeits empört Sie, gnädige Frau, und um dieſe läſtige Beſorgniß loszuwerden, befehlen Sie mir, das Haus zu verlaſſen. Ich wiederhol Ihnen aber, gnädige Frau, ich beſchwöre Sie, . beruhigen Sie Sich: mein Herz iſt jeder Leiden⸗ ſchaft, jeder Liebe abgeſtorben; ich gehöre nicht zu den unglückſeligen Narren, die ſich in die Ge⸗ ſtirne verlieben; mit einem Wort, in Ermangelung von Lebensart bin ich zu vernünftig, um nicht einzuſehen, daß der beſcheidene Secretär im Solde des Fürſten von Morſenne auf immer das Ge⸗ ſpräch des Opernballs vergeſſen muß. Haben Sie die Gnade, mir zu glauben, gnädige Frau; wenn es mir geſtattet iſt, ferner hier zu leben, ſo hab' ich nur noch ein Beſtreben: mich ſo einzu⸗ richten, daß Sie meine Gegenwart nicht bemerken ſollen.— Mein Herr! ſagte Diana, von dem betrübten und verzichtenden Ton gerührt, mit welchem Anatole die letzten Worte ſprach, es ſollte mir leid thun...— Geſtatten Sie mir gefälligſt, gnädige Frau, ein letztes Wort... Wenn Sie es verlangen, werde ich mich entfernen, werde ich, ich geſtehe, nicht ohne Bedauern die unver⸗ hoffte Stellung aufgeben, welche ich bei Ihrem Herrn Vater gefunden habe; ich bin ohne Ver⸗ mögen, ohne Gönner; das Wohlwollen des Für⸗ ſten, ſobald mein Eifer und Fleiß es rechtfertigte, könnte eines Tages meine Zukunft ſichern... Ich ſage Ihnen dies, ohne zu erröthen; ich ſchäme mich meiner Armuth nicht. noch des Geſtändniſ⸗ ſes, daß ich Unterſtützung bedarf. Darum wäre ich Ihnen unenvlich verpflichtet, gnädige Frau, fügte —,— —— Ducormier in traurigem und rührendem Ton hinzu, wenn Sie großmüthig genug wären, den Verſuch zu machen, den Widerwillen, welchen ich Ihnen einflöße, zu überwinden. indem Sie mich auf mein Ehrenwort, mein einziges Gut, ver⸗ pflichten, Ihre Verzeihung durch meine unetmüd⸗ liche Hochachtung und Hingebung zu verdienen. — Mein Herr, ich bedaure ohne Zweifel, Ihrem Fortkommen hindernd in den Weg zu treten, ant⸗ wortete Diana von Beaupertuis, indem ſie ihre wachſende Bewegung unterdrückte, ich habe es Ihnen aber bereits geſagt... Ihre Gegenwart... hier im Hauſe..„— Kein Wort weiter, gnä⸗ dige Frau, Sie werden Gehorſam finden; der Fürſt iſt zu Hauſe, ich werde ſogleich meinem Be⸗ ruf entſagen. Nach einer Verbeugung vor Frau von Beaupertuis verließ Anatole hierauf langſam die Allee des Labyrinths. Die junge Frau ſchien von einem heftigen in⸗ neren Kampferregt; endlich gab ſie einem anfangs lebhaft bekämpften Gedanken nach und rief in dem Augenblick, in welchem Anatole um die Ecke der Allee bog:*. — Herr Anatole! Anatole wandte ſich um; er ſah be⸗ trübt aus; er näherte ſich Frau von und ſagte derſelben traurig: — Was wünſchen Sie, gnädige Frau?— Es würde mir ſehr leid thun, wenn Sie mich für ſo ſelbſtſüchtig hielten, daß ich aus bloßer Laune Ihre Zukunft ſtörte.— Ich klage nicht, gnädige Frau, ich gehorche...— Indem Sie mir flu⸗ chen?...— Schon lange, gnädige Frau, fluche ich denen nicht mehr, die mir wehe thun.— Sie verachten dieſelben?— Ich bedauere ſie, gnädige Frau; ſie verlieren an mir einen zuverläſſigen und treuen Freund.— Und verwandeln ſich den⸗ ſelben in einen furchtbaren Feind?— Ich gehöre zu denen, gnädige Frau, welche man ohne Ge⸗ fahr unter die Füße treten kann. Die Uebung im Leiden hat mich milde gemacht.— Herr Du⸗ cormier, ſagte Frau von Beaupertuis nach au⸗ genblicklichem Stillſchweigen, kann man ſich auf Ihre Worte verlaſſen?— Dies fragen, gnädige Frau, heißt daran zweifeln.— Es iſt wahr, ich hatte Unrecht; nun wohl, dann verſprechen Sie mir, auf eine Frage aufrichtig zu antworten. — Ich verſpreche es, gnädige Frau.— Auf Ehre?— Auf Ehre.— Welches, glauben Sie, ſei der Grund, weshalb ich Ihre Emfernung von hier wünſche? Und während ſie ihn mit forſchendem Blick anſah, fügte die junge Frau hinzu: — Antworten Sie mir ganz offen, ohne alle Scheu. Ich verzeihe Kühnheit, nie aber Lüge. — Ich habe Ihnen geſagt, gnädige Frau, daß...— Ja, Sie haben mir geſagt, daß ich freche Zudringlichkeit oder alberne Anbetung von Ihnen fuͤrchtete; geſtehn Sie es aber, Sie haben eine andere Vermuthung über den Grund, wes⸗ halb ich Ihre Entfernung wünſche?— Darf ich eine Gegenfrage thun, gnädige Frau?— Es ſei! — Darf ich auch dieſelbe Aufrichtigkeit von Ihnen erwarten?— Auch das!— Hat nicht, gnädige Frau, der Vorfall von geſtern Abend zwiſchen Doctor Bonaquet und einigen Ihrer Angehörigen einen beſonderen Einfluß auf Ihren Wunſch aus⸗ geübt, mich dies Haus verlaſſen zu ſehn? Die junge Frau fuhr zuſammen, erröthete und antwortete von Ducormier's Scharfſinn in Verwirrung geſetzt: — Ja, es iſt an dem, mein Herr.— Ha⸗ ben Sie nicht auch, gnädige Frau, beim Anblick des beſonnenen, unerſchrockenen und würdigen Auftretens von Herrn Bonaquet und ſeiner Frau vielleicht zum erſtenmal in Ihrem Leben begriffen, wie eine hochgeborene Dame ſich durch die Liebe zu einem Manne ohne Namen nicht erniedrigt, ſondern ſogar zu erheben vermag, ſobald dieſer Mann nur einer ſolchen Liebe würdig iſt?— Es iſt wahr, mein Herr.— Jetzt könnte ich leichter Ihre letzte Frage beantworten, gnädige Frau wenn— Wenn?...— Wenn Sie im —— Stande wären, ohne Zorn und Verachtung eine Antwort anzuhören, welche Sie ſelbſt hervorge⸗ rufen haben.— Ich habe Ihnen bereits geſagt, mein Herr, ich verzeihe Kühnheit, niemals aber Lüge und Heuchelei. Ich habe die Wahrheit von Ihnen verlangt, ich werde Ihrer Aufrichtigkeit Dank wiſſen.— Es iſt möglich, gnädige Frau, daß meine Offenherzigkeit meine unausbleibliche Entfernung aus dieſem Hauſe zur Folge hat und meine Zukunft zerſtört; das ſoll mich aber nicht hindern; niemals verhehle ich meine Gedanken, wenn man mich zu einer offenherzigen Kundgebung derſelben auffordert.— Ich warte darauf, mein Herr.— Nun wohl, gnädige Frau! vorhin glaubte ich mich Ihnen verſtändlich zu machen, indem ich im Gegenſinne ſagte, daß Sie meine Entfernung aus der Beſorgniß wünſchten), ich möchte mich in Sie verlieben... Ich hätte ſa⸗ gen ſollen, daß Sie befürchteten, Langeweile, Einſamkeit, Gelegenheit, Zufall, Laune und vor Allem der tiefe Eindruck, welchen der Auftritt von geſtern Abend auf Sie gemacht hat, könnte Sie vielleicht eines Tages verleiten, Ihre Blicke bis zu mir hinabzurichten, ſo ſehr ich mich auch einer ſolchen Gunſt unwerth fühle; denn, ich wieder⸗ hole es Ihnen, gnädige Frau, mein Herz iſt der Liebe abgeſtorben. Kurz, Sie wünſchen meine Entfernung nicht in der Vorausſicht einer nahen — — — — und gewiſſen Gefahr, ſondern in der Ahnung eines entfernten, möglichen Uebels... In die⸗ ſem Augenblick aber, gnädige Frau, nach dieſen frevelhaft aufrichtigen Worten fühle ich die Un⸗ möglichkeit meines längeren Verweilens hier im Hauſe. Möge das Opfer meiner Entfernung mir Ihre Verzeihung erlangen für eine Aufrichtigkeit, welche mir nur Ihr dringendes Verlangen abzu⸗ nöthigen vermochte!— Diana, meine Liebe, wo ſind Sie? riefplötzlich eine helle, kreiſchende Stim⸗ me, welche ſich dem Labyrinth näherte.— Das iſt Herr von Beaupertuis, ſagte die junge Frau. Und als Anatole ſich anſchickte fortzugehen, fügte Diana hinzu: — Bleiben Sie, und folgen Sie mir. Während Sie ihrem Mann entgegenging, ſagte Frau von Beaupertuis zu Anatole ganz leiſe und ſehr ſchnell: — Um ein Uhr dieſe Nacht auf dem Opern⸗ ball im Gange der Zweitenranglogen. Legen Sie ein Domino an; an einem rothen und weißen Bande daran wollen wir uns erkennen. Kaum hatte Diana dieſe Worte geſprochen, als ſie ſich ihrem Mann gegenüberbefand. Der Herzog von Beaupertuis war ein ganz kleiner Mann, mager, blaß und ſchmächtig, mit großen bläulichen, flachen Augen; ſein unordent⸗ liches Haar drängte ſich unter einem ſchwarzen — 16— faltigen Sammetkäppchen hervor; aus ſeiner erd⸗ fahlen Haut ſproßte ein dichter zwei bis drei Tage alter gelblicher Bart; er trug einen ſehr unſaube⸗ ren Hausrock von grauem Flanell. — Ich wußte Sie im Garten, meine Liebe, redete Herr von Beaupertuis ſeine Frau an, unt kam. Als er aber Anatole erblickte, welcher aus Beſcheidenheit etwas abſeits getreten war, ſtutzte er und ſah Frau verwundert und fragend an. —————— Dieſe ſprach jetzt, indem Sie ihm Anatole vorſtellte:. — Herr Ducormier, der neue Secretär mei⸗ nes Vaters; und ſich an Anatole wendend fügte ſie hinzu:— Herr von Beaupertuis. Anatole grüßte den Herzog mit Ehrerbietung,„ und dieſer ſagte zu ſeiner Frau:* — Wie! Ihr Vater hat einen neuen Secre⸗ tär? Davon wußte ich noch gar nichts.— Ihre Unwiſſenheit überraſcht mich nicht, antwortete Diana lächelnd, da Sie ſeit drei Tagen, glaub' ich, Ihr Zimmet nicht verlaſſen haben, nicht ein⸗ mal geſtern Abend, obwohl es der Geſellſchafts⸗ 1 tag meiner Mutter war.— Ach, meine Liebe! wenn Sie aber auch wüßten, entgegnete der Her⸗ zog, indem er entzückt zum Himmel aufblickte, dieſe Pamphylorocromeſinum ſind himmliſch,„ —— göttlich, ſag' ich Ihnen!— Ich weiß weder, von wem, noch von was Sie reden, mein Herr.— Ich rede von den männlichen und weiblichen Käfern, welche ich von Algier geſchickt erhalten habe; es ſind Pamphylorocromeſinum von der ſelten⸗ ſten Art. Dann wandte er ſich an Anatole: — Beſitzen Sie einige naturwiſſenſchaftliche Kenntniſſe, mein Herr?— Sehr mangelhafte, Durchlaucht.— Sie beſitzen aber immer ſoviel, um ſich für die Wunder der Natur zu intereſſiren? — Gewiß, Durchlaucht! es giebt nichts Anſpre⸗ chenderes als derartige Studien ſelbſt für Unein⸗ geweihte meiner Art.— Vortrefflich! entgegnete der kleine Mann hocherfreut; daſſelbe ſage ich Frau von Beaupertuis immer; man kann, ohne Gelehrter zu ſein, ſich für die Naturerſcheinungen intereſſiren. Ja wohl, meine Liebe, und ich kam eben in der Abſicht, Ihnen eine der merkwürdig⸗ ſten Beobachtungen mitzutheilen, fügte Herr von Beaupertuis mit wichtiger und frohlockender Miene hinzu. Kennen Sie die Lebensart der lorocromeſinum? Ich habe dieſelben drei Tage lang beobachtet; um Ihnen die Sache aber recht anſchaulich zu machen, bedürfte ich eines ſtarken Baumſtammes, an welchen ich mich an⸗ klammern könnte, fügte Herr von Beaupertuis hinzu, indem er geſchäftig um ſich Pee um —— den Gegenſtand zur Vervollſtändigung ſeiner Mimik aufzufinden; Frau von Beaupertuis aber, welcher ſehr wenig an dieſer Belehrung gelegen war, ſagte zu ihrem Mann:— Sie entſchul⸗ digen, mein Herr, Sie wiſſen, ich habe keinen Sinn für die Naturgeſchichte. Ich zweifle nicht, daß Herr Ducormier Ihnen mit Vergnügen zu⸗ hören wird.— Aber, meine Liebe, geſtatten Sie mir wenigſtens Ihnen vorzuſtellen...— Ich bitte Sie, verſchonen Sie mich mit allen ſolchen Vor⸗ ſtellungen, ſagte Frau von Beaupertuis, indem ſie ſich entfernte und Anatole in den Händen des uner⸗ bittlichen Käferfreundes zurückließ, welcher demſel⸗ ben ſo ſonderbare und alberne Beobachtungen über das Leben der Käfer mitzutheilen begann, daß Anatole Diana's Abneigung gegen dieſe un⸗ begreiflichen naturhiſtoriſchen Aufklärungen voll⸗ kommen begriff. Glücklicherweiſe machte nach zehn Minuten die Ankunft Herrn von Morſenne's in Begleitung eines Freundes Anatole's geduldigem Märtyrex⸗ thum ein Ende. eir Ducormier, redete ihn der Fürſt an, ich gehe jetzt in die Pairskammer. Beſorgen Sie meine Correſpondenz, ich werde dieſelbe nach meiner Nachhauſekunft nachſehn. Dann fügte er mit beſonderer Betonung hinzu: Vergeſſen Sie auch das bekannte Geſchäft nicht.— Nein, — — Hoheit; ich bin im Begriff in dieſer Angelegen⸗ heit fortzugehn.— Sie werden mir alſo hernach, bei meiner Rückkunft aus der Pairskammer, Be⸗ ſcheid ſagen?— Ja wohl, Hoheit, antwortete Anatole mit einer Verbeugung; damit entfernte er ſich eilig, glücklich, auf dieſe Weiſe den wiſſen⸗ ſchaftlichen Vertraulichkeiten des Herrn von Beau⸗ pertuis zu entgehn. Als dieſer den Fürſten in Begleitung ſeines Freundes erblickte, ſagte er demſelben: — Mein lieber Schwiegervater, ich muß Ihnen eine äußerſt merkwürdige Beobachtung mit⸗ theilen, welche ich...— Mein lieber Herzog, antwortete ihm der Fürſt, indem er ſich mit Ent⸗ ſetzen davon machte, unglücklicherweiſe habe ich keinen Augenblick Zeit, ſonſt würde ich Ihnen bittere Vorwürfe über Ihre Menſchenſcheu ma⸗ chen. Seit drei Tagen laſſen Sie Sich nicht ſehn. Um Gotteswillen, werden Sie doch etwas ge⸗ ſelliger und verlaſſen Sie einmal Ihre Inſekten, um Menſchen aufzuſuchen. Mit dieſen Worten ließ Herr von Morſenne den Herzog von Beaupertuis ſtehn, welcher mit mitleidigem Achſelzucken zu ſeinen geliebten Käfern zurückkehrte, während ſich Anatole Ducormier nach dem Laden von Marie Fauveau begab, welche er am Tage vorher nicht getroffen hatte. — 20— 8 XXVIII. Als Ducormier in den Laden des Scheeren⸗ ſchleifers eintrat, war Joſeph Fauveau allein in demſelben; er erſchien beim Anblick ſeines Freundes ſo verlegen und unzufrieden, daß dieſen die Kälte des Empfangs überraſchte; indeß that er, als ob er nichts gewahre, reichte Joſeph freundlich die Hand und ſagte demſelben: — Guten Tag, mein Freund; wie geht es Deiner lieben Frau? Meine Frau iſt bei ihrer Mutter, antwortete Fauveau trocken, ohne die dargebotene Hand zu nehmen.. Anatole betrachtete Joſeph erſtaunt und ſagte: — Was haſt Du denn? Dieſer Empfang iſt befremdend!— Weil ich mich nicht verſtellen kann.— Dich verſtellen, wie ſo?— Höre, Ana⸗ tole, ich habe nicht Deinen Verſtand, ich beſitze nur meinen ſchlichten Sinn, dieſer ſchlichte Sinn ſagt mir aber, daß Du Dich nicht rechtſchaffen aufführſt, weder für Dich ſelbſt noch gegen Deine Freunde; ich liebe Dich aber noch genug, um zu fühlen, daß mir Deine Gegenwart ferner nicht mehr angenehm ſein kann.— Deine Worte ſetzen mich in Verwunderung... Woher dieſe Verän⸗ derung? Sei offen, Joſeph. Sollte ich Dich etwa wider Willen und Wiſſen beleidigt häben? — Oh! Du kränkſt Deine Freunde mit vollem Bewußtſein.— Wie? und wo das?— Vorge⸗ ſtern waren wir bei Bonaquet und ſeiner Frau zum Eſſen. Wir erwarteten Dich den ganzen Abend, indem wir uns über Deine Rückkehr zum Guten freuten, denn Jerome hatte uns von Dei⸗ nem Entſchluß und Verſprechen unterrichtet... Deinem gegebenen Ehrenwort, bei ihm wohnen zu wollen. Du haſt Dein Wort gebrochen. Du be⸗ harrſt bei einem Leben, welches einen üblen Ausgang für Dich haben wird. Du biſt freier Gebieter über Deine Handlungen, ebenſo ſteht es aber auch Deinen aufrichtigen Freunden frei, Dich zu meiden, nachdem ſie wie Jerome verge⸗ bens Alles verſucht haben Dich wieder auf gute Wege zu bringen.— Mein guter Joſeph, Deine Strenge iſt mir, weit entfernt mir wehe zu thun, ein Zeugniß Deiner Liebe; und dieſer Liebe bin ich nicht unwerth. Weißt Du, warum ich das Wort gebrochen habe, welches ich Jerome gege⸗ ben?— Was liegt am Grunde! Du haſt die Treue perletzt, und das iſt ſchlecht. Jerome war bis zum Weinen betrübt darüber.— Die Ur⸗ ſache meines Wortbruches iſt nicht gleichgültig, vor Allem für Dich, Joſeph; denn wenn ich, wie Die Prophezeihung IV. 2 — 22— Du ſagſt, die Treue verletzt habe, ſo geſchah es nur um Deinetwillen.— Um meinetwillen!— Ja, Loſeph, denn es handelt ſich um Dein koſt⸗ barſtes Gut.. hörſt Du wohl, Joſeph?... um Dein liebſtes Kleinod.— Anatole, ich ver⸗ ſtehe Dich nicht, antwortete Fauveau ganz ver⸗ wundert. Dann fügte er nachſinnend hinzu, indem er Anatole's Worte wiederholte: — Um mein koſtbarſtes, liebſtes Kleinod.. Mein Gott, das iſt Marie!— Du haſt Recht, mein guter Joſeph, ſo zu denken. Deine Frau iſt ein Schatz, Schätze aber..— Vollende!.. Schätze?— Erwecken Neider.— Neider? erwiderte Fauveau, ſeinen Freund mit wachſendem Erſtaunen anblickend. In wiefern Neider?— Mein Gott, ja, mein lieber Joſeph!— Sich, Anatole, ich weiß nicht, was Du meinſt. Wenn es aber ein Spaß ſein ſoll, ſo ſage ich Dir, daß ich einen ſolchen ſelbſt von Dir nicht dulde, denn meine Hochachtung für Marie iſt ebenſo groß als meine Liebe zu ihr*. und ſagteſt Du unglück⸗ licherweiſe...— Joſeph Du verſtehſt mich nicht„ Sehe ich ſpaßhaft aus?— Nein, es iſt wahr; ſo ekkläre Dich aber! Ich weiß nicht warum, ich fühle mich aber ſchon ganz be⸗ klommen..— Joſeph, ich werde Dir einen großen Dienſt leiſten; doch dieſen Dienſt.. . kann ich Dir nur unter einer Bedingung erweiſen — Eine Bedingung.. bei einem Dieuſt? Und Du nannteſt Dich meinen Freund?— Ich kann Dir ohne dieſe Bedingung nicht nützlich werden.— Nun, laß ſie hören.— Gieb mir Dein Verſprechen als Ehrenmann.. Bona⸗ quet nicht ein Wort von dem zu ſagen, was ich Dir anvertrauen werde. Fauveau ſah ſeinen Freund mißtrauiſch an und entgegnete: — Es handelt ſich um etwas Schlechtes, da Du es Jerome verbergen willſt.— Es handelt ſich vielleicht um die Abwendung großen Unglücks, antwortete Anatole mit ernſtem, feierlichem Ton. — Großen Unglücks? Und es betrifft Marie? — Ja. Um meine Befürchtungen aber abzuwen⸗ den, darf, ich wiederhole es Dir, Jerome von dem nichts wiſſen, was ich Dir mittheilen werde; er darf nicht einmal erfahren, daß wir uns wie⸗ dergeſehn haben.— Niemals werde ich meinen beſten Freund belügen; niemals werde ich vor ihm heucheln.— Dann lebwohl, Joſeph.— Anatole, Du gehſt nicht von der Stelle, ohne Dich erklärt zu haben, rief Fauveau in faſt dro⸗ hendem Tone aus; das geht nicht ſo, daß man Unruhe ins Herz flößt und dann fortgeht. Ich habe Dir geſagt, daß mein theuerſtes, koſtbar⸗ ſtes Kleinod Marie ſei; Du haſt mir erwidert, 2 — 3— ich hätte Recht, ſie ſei ein Schatz, Schätze aber erweckten Neider! Das ſind Deine eigenen Worte, das hat etwas zu bedeuten; ich bin auch nicht ge⸗ rade auf den Kopfgefallen!— Es hatzu bedeuten, daß ich Dir einen großen Dienſt erweiſen kann, Du mußt mir aber das Geheimniß gegen Jerome bewahren, welchen ich übrigens ſtets als den beſten, edelſten Mann hochſchätzen werde; mein Wortbruch hat ihn natürlich verletzt, doch wieder⸗ hole ich Dir, meine Freundſchaft zu Dir iſt der einzige Grund deſſelben.— Siehe Anatole, er⸗ widerte der arme Joſeph, deſſen Unruhe und ängſtliche Neugierde mit jedem Augenblickzunahm, Du ſiehſt es, bei dem bloßen Gedanken einer Marie bedrohenden Gefahr läuft mir der helle Schweiß von der Stirn. Sei gut; mißbrauche Deine geiſtige Ueberlegenheit nicht. Duweißt, daß ich an Klugheit und Gewandtheit im Vergleich mit Dir ein Gimpel bin. Anatole, wäreſt Du im Stande, mich muthwillig zu guälen, mich zu einem unrechten Schritt Jerome gegenüber zu ver⸗ leiten? Mein Gott! mein Gott! Du weißt, was Du von mir willſt, und ich weiß gar nichts; der ganze Vortheil iſt auf Deiner Seite. Was ſoll ich Dir noch ſagen? Du faßt mich bei der ſchwäch⸗ ſten Seite, indem Du mir Mariens wegen Be⸗ fürchtungen machſt; mit dieſem Mittel kannſt Du mich zu Allem bringen; nöthige mich alſo —— nicht, Dir im Voraus ein Verſprechen zu geben, welches ich hernach bereuen möchte; denn Du weißt es, mein gegebenes Wort iſt mir heilig cher ſterbe ich, ehe ich's breche.— Lie⸗ ber, guter Joſeph, entgegnete Anatole, indem er ſeines Freundes Hände mit Innigkeit drückte, wenn es Dich allein anginge, verlangte ich kein unbedingtes Schweigen Jerome gegenüber; aber ..— Sieh, Anatole, entgegnete Fauveau, in⸗ dem er mit beiden Händen an ſeine brennende Stirn fuhr, ich halte es nicht länger aus, ich verſpreche Dir Alles, was Du wrillſt, befreie mich nur von dieſer peinigenden Ungewißheit; ich ſchwöre Dir auf Ehre, Jerome nichts zu ſagen und ihm zu verſchweigen, daß wir uns wieder⸗ geſehn haben. Sprich aber! ums Himmelswil⸗ len! ſprich!— Nun wohl, mein guter Joſeph, höre mich an. Ich war in der That mit Jerome übereingekommen, meinen Geſandten zu verlaſſen und einer Geſellſchaft zu entſagen, in welcher ich nichts als Schmach und Erniedrigung gefunden hatte.— Aber Marie! Marie!— Ein wenig Geduld: Vorgeſtern Morgen verließ ich Jerome mit dem feſten Entſchluß, mich bei ihm niederzu⸗ laſſen und ſeinen Rathſchlägen zu folgen; ich wollte nur noch einen letzten Auftrag meines Ge⸗ ſandten beſorgen; ich begab mich deshalb zu einem großen Herrn, einem Fürſten, welchem ich Lon⸗ — doner Briefe einzuhändigen hatte.— Aber noch einmal, und Marie?— Gleich... Du erin⸗ nerſt Dich, daß auf dem Opernball.. ein Mann in Domino Dich und Deine Frau lange verfolgte?— Ja. Nun! weiter?— Du weißt nicht, daß, während Du Deinen Mantel holteſt, und ich bei Deiner Frau ſtand, derſelbe Domino, welcher mit uns zugleich herabgekommen war, lange Zeit uns beobachtete.— Weiter, weiter! — Dieſer Domino war der Fürſt, welchem ich vorgeſtern Morgen die Briefe meines Geſandten überbrachte.— Aber Marie! entgegnete Fau⸗ veau, deſſen Schlußvermögen ſchwach war, treu⸗ herzig, Du verſprachſt auf Marie zu kommen? — Ich bin ſchon da, mein guter Joſeph; denn ich wiederhole Dir, der Domino, welcher Euch auf dem Opernball ſo anhaltend verfolgte, war der Fürſt, deſſen ich eben gedachte, und jene an⸗ haltende Verfolgung beweiſt, daß...— Be⸗ weiſt, daß?...— Daß er in Deine Frau ver⸗ liebt iſt.— Wie! verliebt! während er ſie blos dieſe eine Nacht maskirt geſehn hat?— Ja, nach⸗ dem er ſie bereits hier in ihrem Laden geſehn, vor welchem der Fürſt faſt täglich vorübergeht und ſtehn bleibt.— Ei! er geht täglich vor dei La⸗ den vorüber und bleibt vor demſelben ſtehn? ſagte Joſeph beſtürzt. Woher weißt Du das?— Weil er es mir geſagt hat.— Der Fürſt?— Ja.— — Und warum hat er Dir dies geſagt?— Weil er mich als denjenigen wiedererkannte, welcher bei Deiner Frau ſtand, als Du Deinen Mantel holteſt. — Ei! er hat Dir das ſo ohne Weiteres und ohne Abſicht geſagt, daß er in Marie verliebt wäre?— Im Gegentheil mit einer ſehr beſtimm⸗ ten Abſicht.— Und welcher? Nach augenblicklichem Schweigen ſprach Ana⸗ tole: — Hat Dir Deine Frau nichts von gewiſſen Anträgen erzählt?— Von was für Anträgen? — Von Anträgen, welche man ihr an Dei⸗ nem Wachttage, als ich bei Euch aß, gemacht hat.— Vorgeſtern?— Ja.— Anträge! wie⸗ derholte Fauveau anfangs verdutzt; dann vor Zorn und Schmerz kreideweiß werdend, rief er aus: Anatole, bedenke, was Du ſprichſt! Darauf fiel er erſchöpft auf einen Stuhl, in⸗ dem er ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckte und murmelte: — Mein Gott! mein Gott! alles Blut tritt mir aus den Adern! Was hat dies Alles zu be⸗ deuten?— Das hat zu bedeuten, erwiderte Ana⸗ tole mit bewegter Stimme, daß Deine Frau das beſte, tugendhafteſte Weib iſt. Das hat zu be⸗ deuten, daß Du ihr mit erhöhter Hochachtung und Zärtlichkeit begegnen mußt, denn ſie hat Verſuchungen widerſtanden, welche jedes minder — erhabene Weſen verlockt hätten. Ach! Joſeph, Deine Marie iſt eine edle, würdige Frau; ſie liebt Dich mit einem treuen Herzen, und Du kannſt auf Dein Weib ſtolz ſein! Bei dieſen Worten, welche Ducormier im Tone warmer Ueberzeugung ſprach, blickte Fau⸗ veau plötzlich auf, ſah ſeinen Freund an und er⸗ widerte: — Es iſt um toll zu werden! Ich verſtehe Dich nicht mehr; Du haſt mir alſo keine böſe Nachricht mitzutheilen? Mein Gott! mein Gott! ſprich doch deutlich! Biſt Du denn ohne Erbar⸗ men!— Bitte! etwas kaltes Blut, mein guter Joſeph; höre mich ohne Unterbrechung an, dann wird Dir Alles klar werden: Um es kurz zu ſa⸗ gen, ſchon lange iſt der Fürſt in Deine Frau verliebt; er wußte, daß Du vorgeſtern auf Wache warſt, er ſchickte einen Vertrauten hierher, um Deiner Frau die großartigſten Verſprechungen zu machen.— Himmel und Hölle! rief Joſeph wü⸗ thend und außer ſich nach der Thür zuſtürzend aus; das wollen wir einmal ſehn!— Wohin willſt Du? fragte Anatole ſeinen Freund mit Ge⸗ walt zurückhaltend; was willſt Du beginnen?— Ihn zu Mus ſchlagen!— Wen?— Den Für⸗ ſten!— Du kennſt ihn ja nicht!— Seinen Namen! rief Fauveau in entſetzlicher Wuthz ſeine — Meinſt Du, daß ich ſie Dir in ee — Deinem gegenwärtigen Zuſtand ſagen werde?— Seinen Namen! rief Fauveau außer ſich, indem er mit ſeiner breiten kräftigen Hand Anatole's Arm erfaßte; und fügte mit drohender Geberde hinzu: Seinen Namen! oder... Ducormier ſah Fauveau 9 an und ſagte demſelben: — Mich, Dei Der Name dieſes Mannes?— Später.— Später! Aber glaubſt Du denn, ich habe Fiſch⸗ blut in den Adern?— Dieſe Ciſu begreife ich und theile ſie mit Dir. Ja, ich theile dieſelbe in dem Grade, daß ich Pich uihn werde, Jo⸗ ſeph.— Dazu bedarf ich Niemandes! antwor⸗ tete Fauveau mit finſterem, wildem Blick; das ſind Dinge, welche man ſelbſt abmacht.— Nein, denn man führt ſie nur ſchlecht oder gar nicht aus.— Sich erdreiſten, Marien, meiner Frau, Anträge zu machen! begann Joſeph von Neuem; dann ſchtug er mit beiden Fäuſten ſo heftig auf den Ladentiſch, daß derſelbe krachte und Hölle! Wahrlich! trotz ſeinem Fit ſoll er von mir aufzurathen bekomn ſeph, willſt Du, ja oder nein, mich anhören?— Nun, ſprich! Dann fü ſinnend und mit bitterem Schmerz Und Marie hat mir nichts geſagt, un gerade — 55 5— an dieſem Tage war ſie noch zärtlicher, heiterer und freundlicher gegen mich als gewöhnlich. Ach! das iſt das erſtemal, daß ſie nicht auf⸗ richtig gegen mich war und mir etwas ver⸗ ſchwieg.— Sei ſtill, Joſeph, ſagte ihm Anatole in ſtrengem Tone; Du biſt ungerecht, Du ver⸗ e Dir Anträge ver⸗ vernünfti äußerſten Gering⸗ ſchwieg, ſchätzung zu nichts iſt natürlicher: ſie war nicht ſtolz, aber glücklich, ihre Pflicht erfüllt zu haben. — Du kannſt Recht haben, erwiderte Fau⸗ veaumiedergeſchlagen, ſie hat mir wohl den Zorn und Schmerz darüber erſparen wollen, daß man es gewagt hat, meine Frau nur der Anhörung ſolcher Nichtswürdigkeiten fähig zu halten! Sie ſie! die das Zartgefühl ſelbſt iſt. Ach! nie⸗ mir träumen laſſen, daß Jemand dlichen Gedankens fähig ſein könnte! ich hätte Dir dieſen Kummer er⸗ guter Joſeph, wenn ich nicht wüßte, ürſt ſeine Verfolgungen noch weiter würde, und ſolche Rachſtellung ſtehſt das Frauenherz nicht; Deine Frau hat ſcht eſen hat. Wird eine recht⸗ ſchaffene Fras ihren Mann je mit der Erzählung ſolcher Nichtswürdigkeiten erzürnen und beunru⸗ higen? Du ſagſt, Deine Marie ſei an jenem Tage ungewöhnlich zärtlich gegen Dich geweſen; ⸗ gefährlich.— Wie! rief Fauveau aus, und Zorn und Entrüſtung rötheten abermals ſein Geſicht, ich ſoll ihn alſo noch umbringen!— . Willſt Du mich anhören, ja oder nein? Willſt Du ruhig bleiben?— Fahre fort.— Geſtern Morgen alſo ging ich zum Fürſten, um meinen Auftrag zu erfüllen. Nach Erledigung hen brachte er das Ge⸗ ſpräch ſehr geſchickt auf den Opernball der vorigen Nacht, wo er ſich, wie er ſagte, entſinne, mich mit einer ſehr hübſchen Frau ſprechen geſehn zu haben; er fragte mich, wer e Die Frau eines meiner Jugendfreunde, antwortete ich ihm. Kurz, Joſeph, es wäre unnütz, Dir weitläufig auseinanderzuſetzen, wie der Fürſt zuletzt dahin kam, mir.. rathe, welchen Vorſchlag zu ma⸗ chen?— Nun?— Er ſchlug mir vor, mit Dei⸗ ner Frau von ihm zu ſprechen, um.. Du ver⸗ ſtehſt wohl? Fauveau betrachtete Ducormier einen Augen⸗ blick mit Mißtrauen und unwillkürlichem Ekel und ſagte nach kurzem Schweigen: — In welchem Ruf ſtehſt Du man Dir von vornherein ſo ſchimp zu machen wagt? Wofür halten Dich denn?— Wofür ſie mich halten, Joſeph? entgegnete Anatole mit höhn Nun, meiner Treu, Sie halten mich für „ ² — — 325— das, was ich bin: einen armen Teufel von N⸗ eretär ohne Heller und Pfennig, eines Krämers Sohn. Ein armer Teufel wie ich kann ſich denn auch nach Anſicht dieſer Leute nur glücklich fühlen, der Vermittler eines großen Herrn zu ſein, wo⸗ für der große Herr dem Vetmittler ſeine Gönner⸗ ſchaft zuſichert: das verſteht ſich Alles von Ja, der Fürſt hat mir ſein Wort als Edelmann darauf gegeben, daß er, wenn ich die Verführung Deiner Frau durchſetzte, mein Glück machen werde und meinem Ehrgeize Dank ſeinem allmächtigen Einfluß volle Genüge geſchehn ſollte, denn noch niedriger ſtehende Menſchen als ich hätten derar⸗ tigen nichtswürdigen Dienſten gar oft ihre raſche Erhebung verdankt.— Anatole, ich würde Dich beleidigen, wenn ich es nicht als etwas Ausge⸗ machtes annähme, daß Du dieſe ſchimpflichen Anträge mit Entrüſtung von Dir gewieſen haſt. — Du irrſt Dich, mein guter Sh ich habe dieſelben nicht zurückgewieſen.— Was ſagſt Du?— Höre nur... Brauche ich Dir erſt zu ſagen, daß ich an mich halten mußte, um dieſem e nicht ins Geſicht zu ſpucken..— Him Hölle! ich hätte ihn unter die Füße Nein, es iſt ein Greis.— Was as an! Oh! er ſoll noch daran glau⸗ ben!— Beruhige Dich, Joſeph, Du wirſt ge⸗ rächt, furchtbar gerächt, wenn Du mir bei — 5— — Ich habe Dir ſchon geſagt, ich werde mir ſelbſt Genugthuung verſchaffen.— Unmöglich! — Unmöglich, ihn zu Mus zu ſchlagen?— Du haſt keine Beweiſe gegen den Fürſten, er wird Alles leugnen; er ſteht ſehr hoch, iſt ſehr mächtig. Auch wiederhole ich Dir, er iſt ein Greis; wenn Du ihn mißhandelteſt, ſetzteſt Du Dich einem Proceß und Gefängniß aus.— Weil er meine Frau hat verführen wollen!— Ja, es iſt em⸗ pörend, aber es iſt ſo, denk ein wenig nach, und Du wirſt einſehn, daß ich Recht habe.— Was aber dann beginnen?— Mich anhören und uns verabreden, dann ſollſt Du ſehn, wie furchtbar wir uns beide rächen werden; Du für die un⸗ würdigen Anſchläge dieſes Mannes auf Deine Frau, ich für den Schimpf, welchen er mir ange⸗ than hat, indem er mich der Annahme ſeiner nichtswürdigen Anerbietungen fähig hielt. In dieſem Augenblick ging die Ladenthür auf, Madame Fauveau trat ein und blieb ganz be⸗ ſtürzt, faſt zitternd beim Anblick Anatole's ſtehn. XXIX. Madame Fauveau kannte das gewöhnliche Ausſehn ihres Mannes zu wohl, als daß ihr —— das düſtere und aufgeregte Weſen deſſelben hätte entgehn können; ſie maß dieſe Aufregung ſeiner wahrſcheinlichen Auseinanderſetzung mit Ducor⸗ mier bei. Sie fühlte eine lebhafte Befriedigung bei dem Gedanken, daß Joſeph wahrſcheinlich in Beher⸗ zigung der wiederholten Rathſchläge des Doctor Bonaquet Anatole ſoeben angedeutet oder gera⸗ dezu erklärt hätte, daß ihre vertraulichen Bezie⸗ hungen für die Zukunft vollkommen aufhören müßten. Wie erſtaunte Madame Fauveau daher, als ihr Joſeph mit leicht bewegter Stimme ſagte: Marie, das Mädchen ſoll im Laden bleiben, während wir hinaufgehn; wir haben mit einander zu ſprechen, und hier würden wir von den Käu⸗ fern geſtört; komm. Mit dieſen Worten klingelte Joſeph dem jun⸗ gen Dienſtmädchen; dieſes kam aus dem Zwi⸗ ſchengeſchoß herab und erhielt den Auftrag von ſeinem Herrn, welcher mit Ducormier und Ma⸗ rie, die ihnen ganz betäubt folgte, in das kleine über dem Laden befindliche Gemach des Zwiſchen⸗ geſchoſſes hinaufſtieg. Joſeph machte die Thür des Schlafzimmers zu, in welchem folgender Auftritt ſtattfand. Marie, welche Anatole nicht anzuſehn wagte, 5 9 legte Hut und Tuch ab: ihr liebliches, gewöhnlich ſo blühendes, offenes, munteres Geſichtchen war ſchon etwas blaß geworden und verrieth in die⸗ ſem Augenblick eine Schwerinuth, welche ihm neuen Reiz gab; zuweilen blickte ſie mit ihren großen, trüben Augen ihren Mann unruhig an, in der Erwartung, daß er ſich erklären würde. Endlich begann derſelbe mit mürriſchem, zurück⸗ haltendem Ausſehn: — Marie, ich will Dir keine Vorwürfe ma⸗ chen, denn Du haſt nach Deiner Anſicht recht ge⸗ handelt; Du haſt mir aber verſchwiegen, daß ein Elender Dir einen Mann hergeſandt hatte, um Bei dem Gedanken an dieſen Schimpf er⸗ neuerte ſich Joſeph's Grimm, und auf die Erde ſtampfend rief er: So ein alter Taugenichts! Solche Nichtswürdigkeit! Marie errieth die Meinung ihres Mannes und ſagte im Tone des höchſten Staunens: — Wie, Joſeph, Du weißt„— Ja, Marie, ja, ich weiß„ich weiß Alles— Nun wohl! um deſſentwillen bin ich gerade die⸗ ſen Morgen ausgegangen.— Was ſoll das heißen?— Zuerſt, Joſeph, ſiehſt Du, wollte ich Dir gar nichts von dieſer einfältigen und häß⸗ lichen Geſchichte erzählen; denn Du kannſt Dir wohl denken, daß ich dieſen Menſchen abgefer⸗ tigt habe, wie es ſich gebührt.— Anatole hat es mir geſagt.— Herr Anatole! rief Marie über⸗ raſcht; aber wie weiß derſelbe denn?..— Ich 5 werde Dir das ſogleich erklären. Fahre fort.— Ich ſagte Dir alſo, mein lieber Joſeph, daß ich anfangs willens war, Dir nichts davon zu ſagen, denn obgleich ich Dir bisher ſtets die dummen Liebeserklärungen erzählte, welche mir einige un⸗ ſerer Kunden machten, um mit Dir darüber zu lachen, ſo handelte es ſich doch diesmal um Geld⸗ anerbietung und war ſo ſchimpflich, daß ich Dir wehzuthun fürchtete; weil man aber irren kann, erzählte ich geſtern Alles der Mutter, um ihre Mei⸗ nung darüber zu wiſſen; ſie ſagte mir, daß ich wohl thue, darüber zu ſchweigen; ſtatt Dir un⸗ nützen Kummer zu bereiten, folgt⸗ ich alſo ihrem Rath; dennoch, mein guter Joſeph, lag mir eine Laſt auf dem Herzen, ſeitdem ich Dir etwas ver⸗ ſchweigen mußte; es quälte mich wie Reue; da⸗ rum ging ich heute Morgen abermals zu Mut⸗ ter, um ſie noch einmal um Rath zu fragen.„Iſt es an dem, mein Kind, wird es Dir ſchwer, Dei⸗ nem Mann etwas zu verbergen, ſprach ſie zu mir, ſo erzähle ihm den ganzen Hergang.“ Dies, mein Freund, wollte ich denn auch bei meiner Nachhauſekunft thun.— Ich danke Dir für dein Vertrauen, antwortete Joſeph gezwungen. Uebri⸗ gens wiederhole ich Dir, hat mich Anatole be⸗ reits von dem Vorgefallenen unterrichtet.— Aber, lieber Freund, entgegnete Marie, welche Joſeph's Düſterheit ſchmerzlich ergriff, da ihn — der Anblick ſeiner Frau nicht zu erheitern ver⸗ mochte, wie hat denn Herr Anatole erfahren, was ich außer der Mutter Niemandem mitgetheilt habe? Joſeph erzählte ſeiner Frau in wenigen Wor⸗ ten wieder, was ihm Anatole ſoeben mitgetheilt hatte. Marie hörte dieſe Erzählung mit ebenſo großem Erſtaunen als Ekel an; dann hatte ſie denſelben Ge⸗ danken wie Joſeph zuvor und rief, indem ſie Ana⸗ tole halb mit Scheu, halb mit Widerwillen an⸗ blickte, unwillkürlich aus:— Ach! mein Herr, der Fürſt muß doch eine ſehr üble Meinung von Ihnen haben, daß er es wagte, Ihnen eine ſolche Nichtswürdigkeit anzutragen?— Ach! Madame, hat er denn Ihrer etwa mehr geſchont als mei⸗ ner? Mein Gott! Sie, die Rechtſchaffenheit, der Zartſinn, die Würde ſelbſt! ſagen Sie doch, Ma⸗ dame? Hat Sie Ihre herrliche zärkliche Liebe für Joſeph, Ihre fromme Anhänglichkeit an Ihre Mut⸗ ter, Ihre aufopfernde Hingebung für Ihr Kind, ha⸗ ben alle dieſe Tugenden, durch welche Sie Jo⸗ ſeph beglücken, Sie zu ſchützen vermocht? haben dieſelben einen Nichtswürdigen zurückhalten kön⸗ nen, Sie durch ſeine Anerbietungen in Verſuchung zu führen, kurz, Sie gerade wie mich fähig zu halten, auf einen ſchimpflichen Antrag einzugehn? — Das iſt wahr, Herr Anatole, antwortete Die Prophezeihung. 1V. 3 6 Marie Fauveau von dieſer Darſtellung der Sache betroffen. Es iſt nicht Schuld der Rechtſchaffe⸗ nen, wenn ſie von Schlechten übel beurtheilt werden.— Und was Anatole da ſagt, iſt ſo wahr, entgegnete Fauveau mit Bitterkeit, daß mein erſter Gedanke war:„Daß man es nur wagen konnte, Marie ſolche Anträge zu machen, muß doch irgend einen Grund haben.. ſchlechte Gerüchte müſſen über ſie im Viertel ver⸗ breitet ſein.“— Ach! Joſeph, entgegnete die junge Frau ſchmerzlich ergriffen, ohne ihre Thrä⸗ nen zurückhalten zu können, zum erſtenmale im Leben ſagſt Du mir ein Wort, welches mich im tiefſten Herzen verwundet! Dabei bedeckte ſie ihre Augen mit dem Ta⸗ ſchentuche. — Nun, weine nur nicht, Marie, entgeg⸗ nete Joſeph mit einer Stimme, die er freundlich zu machen ſich bemühte, die aber dennoch das ſchwer verhehlte Mißtrauen verrieth. Ich ſage ja nicht, was ich jetzt denke. ſondern was ich dachte.. Siehe, ſo etwas zwingt ſich nicht — Ach! Madame, nahm Anatole im Tone bitteren Schmerzes das Wort, da ſehn Sie die Folgen ſolcher ſchmachvollen Zumuthungen! man weiſt dieſelben mit dem ganzen Stolz der beleidigten Tugend oder Ehre zurück, und den⸗ noch können die aufrichtigſten Gemüther, pi — edelſten Herzen, kurz Joſeph und Sie ſich nicht enthalten zu ſagen:„Die Sache muß doch irgend einen Grund haben.“ Ach! Sie ſehn es, die Berührung der Verderbniß hat das Abſcheuliche, daß ihr Schmutz ſelbſt in den Augen der Vor⸗ urtheilsfreiſten dasjenige zu beflecken ſcheint, was ſtets rein geblieben iſt. Darum unverſöhn⸗ lichen Haß und Rache jenen Elenden, welche mit dem Heiligſten ein freches Spiel zu treiben wa⸗ gen der Ehre und Ruhe einer Frau!— Ja, Haß und Rache! wiederholte Fauveau, deſ⸗ ſen biedere Züge ſich häßlich verzerrten, und der wiederholt den Blicken Mariens auswich, welche immermehr überraſcht und beängſtigt wurde. Wenn Rache auch keine Ruhe gewährt, iſt ſie doch eine Genugthuung. Ich leide, aber dann doch nicht allein.— Warum aber litteſt Du denn, Joſeph? fragte Marie, welche ſich mit Mühe des Weinens enthielt. Weil mir ein ſchimpf⸗ licher Antrag gemacht iſt... Kann ich denn et⸗ was dafür?— Nein, nein, Du kannſt nichts dafür, entgegnete Fauveau mit fieberhafter Auf⸗ regung. Dann wandte er ſich an Anatole: Die Rache! die Rache!— Als Madame eintrat, entgegnete Ducormier, ſagte ich Dir, mein Freund, daß ich mit aller Gewalt an mich halten mußte, um bei dem Vorſchlage des Für⸗ „ ſten nicht loszubrechen. Ich habe noch mehr ge⸗ than, ich habe mich zu der Nichtswürdigkeit, welche er mir vorſchlug, bereit erklärt.— Sie, Herr Anatole! rief Marie aus, indem ſie mit Verwunderung die Hände zuſammenſchlug; Sie haben ſich bereit dazu erklärt?...— Ja, Ma⸗ dame, und ich habe noch Schwereres über mich vermocht, fügte Ducormier im Tone ſchmetzlicher Klage hinzu; auf die Siht hin, Jerome's Freund⸗ ſchaft einzubüßen. habe ich mein gegebenes Wort gebrochen.. Darum hält er mich denn auch augenblicklich für einen Mann ohne Treu und Glauben... Später wird er ohne Zweifel ſeinen Irrthum einſehn; für jetzt gi iſt ſeine Liebe gegen mich erkaltet, und obwohl nur vor⸗ übergehend iſt mir die Ent behrung der Achtung eines Mannes, den ich ſo ſehr liebe und hoch⸗ ſchätze.. ein bikterer Schmerz.— Was hat Sie denn aber bewogen, Herr Anatole, entgeg⸗ nete Marie, Herrn Bonaquet in dieſem Irr⸗ thum zu laſſen, welchem derſelbe nicht weniger ſchmetzl ich iſt als Ihnen?— Meine Sorge um Joſeph's und Ihr Wohl, Madame, antwortete Anatole im Tone ſanfter Vetzichtung, und auch, ich will es Ihnen nicht vethehlen, das eigene Bedürfniß der Rache. Ich nahm die ſchimpfliche Anerbietung des Fürſten alſo an;„aber, ſagte ich demſelben, um Ihnen — bei Madame Fauveau das Wort zu reden, ohne dieſelbe von vornherein zurückzuſchrecken, müßte ich durchaus eine vertraute Stellung bei Ihnen bekleiden... zum Beiſpiel Ihr Secretär ſein; dann könnte ich jedesmal, wenn ich meine Freunde beſuche, ohne Madame Fauveau's Ver⸗ dacht zu wecken, derſelben Ihre Großmuth, Ihren Geiſt und Ihre Macht rühmen, und vielleicht brächte ich dieſelbe auf dieſe Weiſe nach und nach dahin, Sie eines Tages zu erhören; es erfordert indeß Zeit, viel Zeit, Hoheit, und überhaupt kann ich für nichts gut ſagen, denn Madame Fauveau iſt die rechtſchaffenſte Frau von der Welt und betet ihren Mann an, welcher ihrer Liebe vollkommen würdig iſt.“— Zur Sache, Anatole, zur Sache! rief Fauveau ungeduldig, was ſoll dies Alles hier?— Du wirſt es gleich erfahren, mein Freund, antwortete Ducormier. Der Fürſt, welchen mein Gedanke entzückte, nahm mich ſogleich zum Secretär an; Du ſiehſt, Joſeph, wie dies mich zwang, Jerome mein Wort zu brechen.— Zugeſtanden, ſagte Joſeph, was nutzt es aber zu deiner Rache, die Anerbietungen * dieſes alten Schurken angenommen und Dich um die Secretärſtelle bei ihm beworben zu haben? — Zuerſt, mein guter Joſcph, verhütete ich durch die Annahme der Vorſchläge des Fürſten, daß er einen Andern mit denſelben beauftragte. — Eben haſt Du erfahren, welchen Kummer Euch ſchon der erſte Verſuch der Verführung trotz der herrlichen Reinheit Deiner Frau und der verächt⸗ lichen Zurückweiſung, mit weicher dieſelbe dieſen Anträgen begegnete, verurſachte. Dabei bleibt es aber nicht: der Fürſt iſt wie ein mächtiger, reicher und üppiger Herr, das heißt raſend ver⸗ liebt. Und unglückſeligerweiſe, meine Freunde, begnügt ſich ein mächtiger Herr wie er nicht mit Liebespein und Schmachten; geringen Leuten wie uns gegenüber glaubt er ſich zu Allem berech⸗ tigt, ſcheut keine Schändlichkeit und wagt das Aeuße rſte, ſo daß noch die gelindeſte Folge ſei⸗ ner wüthenden Nachſtellungen iſt, daß er früher oder ſpäter den Ruf der rechtſchaffenſten Frau dadurch zu Grunde richtet. Ach! mein Gott, ja, die Elenden, welche Rollen übernehmen wie die mir übertragene, greifen zu allen, ſelbſt zu den ſchändlichſten Mitteln. So werden ſie ſich be⸗ mühen mit ſcheußlichen Verläumdungen den Ruf einer Frau in ihrem Viertel zu untergraben, ent⸗ weder in der Hoffnung, ſich um ſo leichter ihrer zu bemächtigen oder aus Rache wegen ihres Widerſtandes, indem ſie dieſelbe ſo im Voraus entehren.— Genug, genug, Anatole, entgeg⸗ nete Fauveau, indem er mit beiden Händen ſein Geſicht bedeckte. Es wird mir wirre im Kopf „ mich ſchwindelt.. Dann rief er mit er⸗ — ,— „— ſtickter Stimme: Ich war ſo glücklich!— Jo⸗ ſeph, Du erſchreckſt mich, ſagte Marie mit thränenſchweren Augen. Ach! mein Gott, welche Gefahr bedroht denn unſer Glück? liebe ich Dich denn nicht zärtlich wie immer?— Ja, Marie . Du liebſt mich noch... Du ſagſt es, ich glaube es Dir.— Joſeph, muß ich es Dir erſt ſagen, damit Du es glaubſt? ſagte Marie, in⸗ dem ſie die Thränen nicht länger zurückhalten fonnte. Nie bisher haſt Du ſo mit mir ge⸗ ſprochen...— Nun, weine nur noch, weine nur noch, rief Fauveau heftig aus, das fehlte mir gerade noch...— Nein, nein, ich weine nicht mehr, Joſeph, ſagte Marie ihre Thränen trocknend, ich will nicht mehr weinen, da es Dir unangenehm iſt. Während ſeine Frau in ſchmerzliches Schwei⸗ gen verſenkt blieb, ſagte Fauveau zu Ducormier mit kurzabgebrochener eiliger Stimme: — Mein Freund.. nie werde ich vergeſſen, was Du für uns gethan haſt. Ich ſehe jetzt ein, welchen Dienſt Du uns erwieſen, indem Du die Vorſchläge dieſes alten Halunken annahmſt, damit er keinen Andern damit beauf⸗ tragte. Die Rache aber, die Rache! Wo nicht, Himmel und Hölle! ſo ſchlage ich ihn in Stücken trotz ſeines Alters, und mag geſchehn, was da will!...— Beruhige Dich, Joſeph, ſagte — Ducormier, ich komme auf unſere Rache. In⸗ dem ich vom Fürſten die Secretärſtelle verlangte, welche mir in ſeinem Hauſe zu leben erlaubte, hatte ich einen doppelten Zweck. Erinnerſt Du Dich wohl jenes ſchwarzen Domino, mit wel⸗ chem ich mich in einer Loge aufhielt, als Ihr mich auf dem Opernball neulich aufſuchtet?— Ja, ch entſinne mich deſſen.— Nun wohl! entgegnete Du⸗ cormier, der Zufall... nein, die Vorſehung, die göttliche Gerechtigkeit fügte es, daß dieſer Domino, welcher mich aus Langeweile, wie man zu ſagen pflegt, intriguirt hatte, die Tochter des Fürſten war, eine reizende junge Herzogin von bewunde⸗ rungswürdiger Schönheit, zugleich aber unver⸗ ſchämt und hochmüthig, wie alle Frauen ihres Stan⸗ des. Nach augenblicklichem Stillſchweigen fuhr Du⸗ cormier fort: Ja, ſie iſt eine dünkelhafte große Dame. Dennoch werde ich... eines Tages... viel⸗ leicht bald dem Fürſten ſagen:„Ich gab mir den Anſchein, Ihnen zu dienen, es geſchah aber nur, um meine Freunde gegen Ihre nichtswürdigen Anſchläge zu ſchützen; ich verlangte unter jenem Vorwande unter Ihrem Dach zu leben, es ge⸗ ſchah aber nur, um Ihre Tochter zu verführen. Ja, mein Fürſt. Sie wollten Schmach und Un⸗ ehre in das Haus geringer Leute, wie Sie die⸗ ſelben nennen, bringen; nun wohl, Fürſt, ich, ein ſolcher geringer Mann, ich habe Schmach und Unglück in Ihr Haus, das Haus eines großen Herrn gebracht.“ Und weißt Du, Jo⸗ ſeph, in weſſen Gegenwart ich dem Fürſten dieſe furchtbare Enthüllung machen werde?.. Vor Dir und Deiner Frau, denn er ſoll hierherkom⸗ men, um dieſen Schimpf zu erdulden. Ich habe meinen Plan.— Oh! rief Joſeph mit einem Ausbruch wilder Schadenfreude aus, ich geſtehe, das iſt noch beſſer, als dieſen alten Burſchen in Stücken zu ſchlagen! Nicht, Marie?— Mein Freund, entgegnete die junge Frau cern es ſcheint mir... Dieſe junge Dame, welche Herr Anatole ver⸗ führen und entehren will, iſt unſchuldig an den Unwürdigkeiten ihres Vaters...— Eil in der That? entgegnete Joſeph mit einem höhniſchen Lächeln. Du biſt ſehr gutherzig! haſt viel Mit⸗ leiden mit Leuten, die Deine und meine Unehre wollen!— Joſeph, erlaube mir meinen Ge⸗ danken Dir deutlich zu machen.— Genug, ent⸗ gegnete Fauveau hart, ich bedarf Deiner Erlaub⸗ niß nicht, um mich zu rächen, wie ich's für gut befinde. Das geht nur Anatole und mich an. Ich hätte geglaubt, Du wäreſt eiferſüchtiger 2 unſeren unbeſcholtenen Namen.— Mein Gott! mein Gott! flüſterte die a Frau, indem ſie ihr Geſicht im Taſchentuch ver⸗ barg, zum erſtenmale im Leben ſpricht er ſo hart — mit mir! Joſeph wandte ſich wieder an Anatole und ſagte: — Dieſe Rache iſt mir genehm bis auf Beſ⸗ ſeres.— Du begreifſt jetzt, mein guter Joſeph, fuhr Ducormier fort, warum ich Dir das Ver⸗ ſprechen abgenommen habe, von alle dem Jerome nichts zu ſagen: er hat ſeine Grundſätze, ich achte dieſelben, ich habe aber andere. Als ich mit ihm von der geringſchätzigen Behandlung ſprach, welche ich in dieſen vornehmen Kreiſen ſo lange erdulden mußte, ſagte er mir, Joſeph(und Du ſtimmteſt ihm bei): Warum ſetzteſt Du Dich dieſer Be⸗ handlung aus? verlaß jene Kreiſe und vergiß dieſe Beleidigungen!— Blitz! ſagte Fauveau, unter uns geſagt, ſcheint mir das auch einiger⸗ maßen richtig.— Ja, es iſt von Jerome's, von Deinem Geſichtspunkt aus richtig, und da iſt es ganz einfach; Ihr kennt die furchtbaren Qualen nicht, welche ich ausgeſtanden habe. In dieſem Augenblick aber, wo Du ſelbſt die Bitterkeit der⸗ artiger Kränkungen empfindeſt, kannſt Du es Dir da noch möglich denken ſie zu vergeſſen?— Sie vergeſſen? nie! rief Joſeph aus. Ja ehe ich ſelbſt ſolche Beleidigungen erfahren, dachte ich ie Bonagquet; jetzt aber, wo ich ſelbſt im tief⸗ ſten Herzen verletzt bin, begreife ich, daß man dem Haß Alles opfert. Jerome, dem nie ſolche S — Beleidigungen widerfahren, kann den Anberen leicht —, —, — ſagen, dieſelben zu verzeihn.— Ueberdem hat Jerome eine vornehme Dame geheirathet; dieſelbe iſt ſogar mit dem Fürſten und alſo auch mit deſ⸗ ſen Tochter, der Herzogin, verwandt. Da begreifſt Du wohl, Joſeph, daß, wenn Bonaquet unſere Pläne kennte, er dieſelben ſeiner Frau nicht ver⸗ ſchweigen würde, und natürlich würde die aus Rückſicht auf ihre Familie..— Nichts Eilige⸗ res zu thun haben, als dieſen Fürſten der Hölle davon zu benachrichtigen! unterbrach Fauveau ſeinen Freund. Und er würde Dich fortjagen.— Und einen Anderen an meiner Statt mit der Ver⸗ folgung Deiner Frau beauſtragen.. Du weißt aber, welches Unglück daraus entſpringen könnte. — Siehe, Anatole, ich laſſe mich eher in Stücken hauen, ehe ich unſere Pläne aufgebe. Nein, nein, Jerome ſoll nichts davon erfahren Du haſt mein Wort darauf, mein Freund. Darauf wandte er ſich mit gebieteriſchem Ton an Marie; horſt Du, von allem dieſem dürfen weder Jerome noch ſeine Frau irgend etwas er⸗ fahren, wenn wir ſie wiederſehn.— Aber, Jo⸗ ſeph...— Ei! Du hältſt es mit dem Fürſten! rief der Unglückliche aus, welchem die Eiferſucht das Herz mit Bitterkeit zu erfüllen und den Geiſt zu verdüſtern begann; ei! Du ſtellſt Dich auf die Seite dieſes alten Schurken, welcher mich ent⸗ ehren wollte? Gut, daß ich es weiß! — Herr Anatole, ſagte Marie ſchluchzend, Sie hören Joſeph, mein Gott, Sie hören ihn! Wie kann er zu behaupten wagen, daß ich die Partei des Fürſten gegen ihn ergreife!— Ver⸗ zeihen Sie ihm, Madame, der Schmerz verwirrt ihn; ich halte es aber wie Joſeph für unerläß⸗ lich nothwendig, daß unſere Entwürfe ſowohl Bonaquet als auch ſeiner Frau ein Geheimniß bleiben.— Marie, begann Fauveau wieder, verſprichſt Du mir, gegen Bonaquet und ſeine Frau zu ſchweigen?— Mein Freund...— Ant⸗ worte, verſprichſt Du es?. Himmel und Hölle! Du willſt mich wohl raſend machen! Stehe ich denn nicht ſchon genug Qual Deinet⸗ wegen aus?— Meinetwegen, mein Gott! — Höre, Marie, begann Fauveau mit furchtbar drohendem Ausſehn von Neuem, wenn Du mir nicht augenblicklich auf Ehre verſprichſt(und ich kenne Dich, Dein gegebenes Wort hältſt Du auch), wenn Du mir nicht augenblicklich ver⸗ ſprichſt, nicht ein Wort von unſeren Plänen Bonaguet und ſeiner Frau zu ſagen, ſo gehe ich hin zu dieſem Fürſten, den der Abgrund ver⸗ ſſchlingen möge, und bringe ihn um! Wähle zwriſchen dieſer Rache und der, die Anatole vor⸗ ſchlägt. Marie, von der furchtbaren Entſchloſſenheit, welche aus den Zügen ihres Mannes ſprach, * entſetzt, ſagte in der Hoffnung, großes Unheil abzu⸗ wenden, mit halb erſtickter Stimme:— Ich gebe Dir mein Wort, weder Bonaquet noch ſeiner Frau eine Sylbe von Deinen Plänen zu verrathen. In dieſem Augenblick trat das junge Dienſtmädchen, welches im Laden geblieben war, ein und ſagte zu Fauveau: — Herr, unten iſt eine Dame, welche nach Madame fragt. Es iſt die Frau von Herrn Bonaquet. — Sagen Sie, meine Frau wäre ausgegangen, erwiderte Fauveau ungeduldig. Es iſt gut!— Aber! Herr, ich habe bereits geantwortet, daß Madame hier oben bei Ihnen wäre.— Nun, ſagen Sie, Sie hätten ſich geirrt, wir wären beide nicht da.— Joſeph! rief Marie mit flehen⸗ der Stimme, Madame Bonaquet wird merken, daß dies eine Lüge iſt, und es übelnehmen. Be⸗ denke doch, mit welcher Freundlichkeit ſie uns entgegengekommen iſt.— Mag ſie es übel neh⸗ men oder nicht, das gilt mir gleich, antwortete Fau⸗ veau. Dann ſagte er dem Mädchen, indem er ihm die Thür wies: Und Sie gehorchen. Das Mädchen entfernte ſich. — Trotz ſeines ungeſtümen Weſens hat Jo⸗ ſeph Recht, Madame, ſagte Anatole zu Marie, welche in heftiges Weinen ausbrach. Sie haben ganz verweinte Augen... Madame Bonaquet hätte nach der Urſache Ihres Kummers gefragt, und ihre Fragen hätten Sie in Verlegenheit ge⸗ ſetzt. Nun, auf Wiederſehn, Joſeph. Muth Hoffnung.. unſere Rache iſt gewiß! Ducormier begab ſich, nachdem er Joſeph und ſeine Frau verlaſſen hatte, in Eile nach dem Marais zu Madame Duval. Während Anatole auf dem Wge nach Ma⸗ dame Duval's Wohnung war, fand bei dieſer Clientin des Doctor Bonaquet folgender Auftritt ſtatt. Die arme Kranke ſaß bleich und matt in ihrem Bett. Ruhig, faſt lächelnd horchte ſie mit Theil⸗ nahme auf das Vorleſen eines Briefes, welchen ihre Tochter, die am Kopfende des Bettes ſaß, laut vortrug. Dieſer Brief in Begleitung ſehr ſchöner Bücher war vor brei Tagen von Anatole Ducormier bei Madame Duval abgegeben, eine Beſorgung, mit welcher Emma Avaſſeur, Er⸗ zieherin bei Lord Wilmot und Jugendfreundin Clementine Duval's, denſelben beauftragt hatte. Letztere unterbrach ihr Leſen einen Augenblick und ſagte zu ihrer Mutter mit rührender Sorg⸗ falt: — —— ————————— — — Geliebte Mutter, ich fürchte, Deine Auf⸗ merkſamkeit zu ſehr anzuſtrengen und Deine Kopf⸗ ſchmerzen dadurch zu erneuern.— Nicht doch, mein Kind, ſorge nicht, ich bin gar nicht ange⸗ griffen; Emma's Brief iſt allerliebſt und gefällt mir ſehr; ich glaube, es iſt unmöglich, eine treuere Schilderung von der engliſchen Geſellſchaft zu liefern; zuweilen blitzt ein wenig unſchuldiger Muthwillen daraus hervor, welcher der Schil⸗ derung einen beſondern Reiz giebt.— Als ich den Brief neulich, vor Deinem unglückſeligen Rückfall für mich las, dachte ich ſogleich, daß er Dir gefallen würde. Gott ſei Dank, daß Du heute wieder ſowohl biſt, ihn anhören zu können. Sage mir aber aufrichtig, liebe Mutter, ſtrengt es Dich nicht zu ſehr an?— Nein, ich verſichere Dich— Brauchſt Du nichts? Fühlſt Du keine Schmerzen?— Nein, ich fühle mich ganz ſchmer⸗ zensfrei. Fahre alſo fort, ich bitte Dich, mein Kind; Emma's Gemälde ſind gewiß ganz tref⸗ fend.— Ihr richtiges, ſcharfes Urtheil wird ſel⸗ ten irren, entgegnete Clementine; auch beſitzt ſie viel zu viel Herzensgüte, um ſich von ungerech⸗ ten Vorurtheilen beherrſchen zu laſſen.— Auch habe ich ſtets gefunden, daß geiſtig zwiſchen Dir und Emma eine große Aehnlichkeit ſtatt findet. — Ach! Mütterchen, entgegnete Clementine lä⸗ chelnd, hätte ich dieſe Schmeichelei vorausgeſehn, ſo würde ich Emma nicht ſo gelobt haben, und da Du in dem angeſtimmten Tone leicht fortfah⸗ ren möchteſt, ſo leſe ich den Brief meiner gelieb⸗ ten Freundin weiter. Und Clementine las wie folgt: „Nachdem ich verſucht habe, meine liebe Cle⸗ mentine, Dir die hervorragendſten Perſönlichkei⸗ ten der Geſeliſchaft zu ſchilvern, in deren Mitte ich lebe, und deren etwas excentriſches Weſen, er⸗ laube ich mir ein Paar Worte der Dankbarkeit und Empfehlung. für Herrn Ducormier, welcher Dir vor ſeiner Rücktehr hierher, während ſeines kur⸗ zen Aufenthaltes in Paris dieſen Brief übergeben wird; auf dieſe Weiſe wird er mir als Augen⸗ zeuge von Deinem und Deiner vortuflichen Rut ter Veſn Bericht erſtatten. „Ich bin glücklicherweiſe ſo häßlich und ihor. ſtaltet, daß ich zum Erſatz dafür ohne Scheu ſchönen, jungen Leuten Empfehlungsbriefe geben kann. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich Herrn Ducormier nicht Dir, ſondern Deiner Mutter empfehle; ſie wird mir einen wahren Schatz zu verdanken haben. Ich ſehe, wie Du mich muthwillig auslachſt, und doch muß ich der Wahrheit die Ehre geben, indem ich frage: ob es nicht ein glücklicher und vor allen Dingen ſel⸗ tener Fund iſt, wenn man Beſcheidenheit und Einfachheit im Wi mit dem ausgezeichnet A Verdienſt antrifft, welches ſich halb unter einer niedrigen bürgerlichen Stellung verbirgt Cnein Schützling iſt Privatſecretär des franzöſiſchen Geſandten, deſſen Frau in freundſchaftlichen Ver⸗ hältniſſen zu Lady Wilmot, der Mutter meiner Zöglinge, ſteht). „Während eines längeren Aufenthaltes des franzöſiſchen Geſandten nebſt Frau im letzten Herbſte bei Lady Wilmot, auf dem Lande auf Wilmot⸗Caſtle, ſah ich Herrn Ducormier, welcher ſeinen Herrn begleitete, oft. Stets Dank meiner Häßlichkeit und vorſündfluthlichen Geſtalt, war es mir zwei Monate vergönnt, mit Herrn Pucor⸗ mier in einer Art freundſchaftlichen Vertraulich⸗ keit zu leben, ein unſchuldiges Vergnügen, wel⸗ ches mir vermehrt worden wäre, wenn ich un⸗ glücklicherweiſe wie Du, liebe Clementine, ſchön wi Das junge Mädchen hielt erröthend inne und ſagte zu ſeiner Mutter: — Ich übergehe das Ende des Satzes aus mitleidiger Rückſicht auf die Blindheit der armen Emma.— Uebergehe, ſoviel du willſt, ent⸗ gegnete Madame Duval ihrerſeits lächelnd; glück⸗ licherweiſe iſt Deine Shei noch anderwärts als in dem Brief Deiner Freundin zu leſen; doch fahre fort, mein Kind; ſie von ihrem Schüt⸗ ing ſagt, erregt ip hohem Grade meine Theil⸗ Die Prophezeihung. IV. 4 nahme, und ſicher werde ich Herrn Ducormier, ſobald ich mich wohler fühle, empfangen, ſei es auch nur, um ihm für die Zuvorkommenheit zu danken, mit welcher er Dir, wie Du mir er⸗ zählteſt, neulich Nachts ſeine Dienſte angeboten hat, als Du armes Kind Doctor Bonaquet im Opernhauſe aufſuchteſt.— In der That bewies Herr Ducormier bei dieſer traurigen Gelegenheit die größte Zuvorkommenheit.. Dann las das junge Mädchen weiter: „Eine gewiſſe Gleichheit unſerer untergeord⸗ neten Stellung, denn was bedeutet eine Erziehe⸗ rin oder ein Secretär? trug dazu bei, uns einan⸗ der zu nähern. Wir benutzten die Art von Ver⸗ einſamung, in welche uns das ausſchließliche Weſen der ariſtokratiſchen Geſellſchaft, in deren Mitte wir lebten, verwies, indem wir uns glück⸗ lich prieſen, auf dieſe Weiſe einem läſtigen Zwange zu entgehn; unter dieſen Verhältniſſen lernte ich die Herzensgüte, den Edelmuth und die erhabene Sinnesart von Herrn Ducormier ſchätzen: wie viele Andere hätte eine Stellung wie die ſeinige verbittert, wie viele Andere hätten durch dieſe Verſtoßung ſich veranlaßt gefühlt, über den albernen Hochmuth dieſer großen Herrn und adeligen Narren, deren einziges Verdienſt die Geburk iſt, herzuziehn und andere dergleichen Gehäſſigkeiten vorzubringen? Herr Ducormier, weit davon enifernt, nahm — gleich mir mit ſeiner beſcheidenen, aber ehrenvol⸗ len Stellung vorlieb: er gehört zu den Menſchen, welche ihr Zartſinn und Selbſtgefühl über alle kleinliche Eitelkeit erhebt. So ſagte er mir eines Tages mit jener würdevollen, ſanften Ergeben⸗ heit, welche ihm eigenthümlich iſt, dieſe Worte, welche ich nie vergeſſen habe: „Sehn Sie, Fräulein Emma, ich bin faſt in der unterſten Claſſe des Volkes geboren; mein armer Vater war ein Kleinkrämer; ich ſelbſt ver⸗ diene mein Brod mit meiner Hände Arbeit; den⸗ noch erlaubt mir das Bewußtſein der Rechtſchaf⸗ fenheit nicht, mich geringer zu achten, als die größ⸗ ten Herrſchaften, welche uns hier umgeben; ſteht man nur duf dieſem Standpunkt der Rechtſchaf⸗ ſenheit, dann erblickt man das Menſchenleben von einer ſolchen Höhe, daß die höchſte und be⸗ ſcheidenſte Stellung gleich erſcheinen; wiederholt ſich nicht dieſelbe Erſcheinung in der Körperwelt? Scheuen wir nur die Anſtrengung nicht, einen ſteilen Berg hinanzuſteigen, und blicken dann von ihm hinab, entdecken wir da in der Entfernung den geringſten Unterſchied zwiſchen jenem Atom, den man Palaſt nennt, und dieſem, der Hütte heißt? Nein, nein, für den Mann, welcher ſich innerlich erhebt, giebt es keine verletzenden Un⸗ gleichheiten..— Dies Bild iſt edel und rührend, ſagte Madame Duval ihre Tochter un⸗ terbrechend; ſo denken und nach ſolchen Grund⸗ ſätzen handeln zeugt von einem edlen Gemüth.. Meinſt Du nicht, mein Kind?— Gewiß, liebe Mutter, denn ſicherlich gehört ein hoher Sinn und hohe Kraft dazu, um in einer ſolchen Stel⸗ lung den Verſuchungen des Neides und der Ent⸗ muthigung zu widerſtehn, und Emma hat Recht, wie Du am Ende des Briefes ſehn wirſt, man kann einen Mann nach ſolchem Charakterzuge beurtheilen. In dem Augenblick, in welchem ſich Madame Duval mit ihrer Tochter auf dieſe Weiſe unter⸗ hielt, war Ducormier in ihrer Wohnung ange⸗ langt. Er klopfte. Das Dienſtmädchen öffnete ihm. Iſt Madame Duval zu ſprechen? fragte Anatole. — Madame Duval iſt krank und kann kei⸗ nen Beſuch annehmen, antwortete das Mäd⸗ chen. Dann betrachtete ſie Anatole aufmerkſamer und fügte hinzu: — Aber wenn ich nicht irre, mein Herr, waren Sie es, der neulich jene Bücher und einen Brief an Fräulein überbrachte?— Ich ſelbſt. Madame Duval befindet ſich alſo nicht beſſer? — Doch, mein Herr, das Uebel hat ſich heute — —— „ etwas vermindert.— Iſt ihr Arzt, der Doctor Bonaquet, heute Morgen bereits hier geweſen? — Ja, mein Herr.— Und wiſſen Sie, ob der⸗ ſelbe im Laufe des Tages wiederkommt?— Oh! nein, mein Herr, er hat zu Fräulein, die ihn an die Thür begleitete, geſagt, daß er erſt morgen wiederkomme.— Waren Sie beim Beſuch des Doctor Bonaguet bei Madame Duval heute Morgen zugegen? fragte Ducormier mit Abſicht. Dann fügte er hinzu: — Verzeihn Sie dieſe Frage, Mademoiſelle, meine Theilnahme an dem Wohlbefinden von Madame Duval muß mich entſchuldigen.— Oh! ich begreife das, mein Herr; ich war wie ge⸗ wöhnlich' bei dem Beſuch des Herrn Doctor ge⸗ genwärtig; er ſagte Madame, ſie möge ſich über den Zuſtand der Schwäche, in welchem ſie ſich befinde, beruhigen; er ſtehe jetzt für Alles, wenn Madame nur Aufregung vermiede.— Jerome hat noch nicht von Herrn von Saint-Geran ge⸗ ſprochen, dachte Ducormier, welcher ſo erfahren hatte, was er zu wiſſen wünſchte; dann ſagte er laut, indem er dem Dienſtmädchen eine Karte überreichte: Bitte, übergeben Sie dies Madame Duval, und fragen Sie dieſelbe, ob ſie mir in einer ſehr wichtigen Angelegenheit nicht einige wenige Augenblicke Gehör geben könnte, was mich die Dringlichkeit derſelben, wenn Madame Duval irgend im Stande iſt mich zu empfangen, ſehr wünſchen läßt.— Sehr wohl, mein Herr, antwortete das Mädchen, indem ſie Ducormier in ein kleines Vorzimmer führte; ich werde es Fräulein melden.— Und ich bitte Sie, ſagen Sie, daß es ſich um einen Gegenſtand der äußer⸗ ſten Dringlichkeit und Wichligkeit handelt.— Ja, mein Herr, antwortete das Mädchen und ließ Ducormier allein.— Sonderbar, ſprach derſelbe bei ſich, dieſe Lüge iſt nothwendig, um mir ſogleich Zutritt bei Madame Duval und ihrer Tochter zu verſchaffen, und doch empfinde ich wie eine Art Reue. Ich habe nie an Ahnungen geglaubt, dennoch iſt mir, als legte ſich eine eiſige Hand auf mein Herz. Doch was! Kinderei! Narrheit! Warum dieſe Unentſchloſſenheit? Weil ich einen Augenblick bei dieſen beiden Frauen eine thörichte Hoffnung erregen werde? Ich bin albern. Undnach augenblicklichem Nachſinnen fügte Anatole hinzu: Ah! wie wohl that ich, aus Gewohnheit ohne be⸗ ſondere Abſicht meine wahren Gefühle vor der Freundin Clementine Duval's zu verbergen! Wie nützlich kann mir das jetzt werden? denn die arme Lehrerin wird von mir wie von einem Engel ge— ſprochen haben! Verflucht ſei die unglückſelige Rührung, welche mich vorgeſtern verleitete, Je⸗ rome mein Herz aufzuſchließen! Solchen fieber⸗ haften Anfällen der Aufrichtigkeit nachgeben iſt — barer Unſinn; ſein Herz aufdecken, heißt den Küraß ablegen; ſo konnte ich mich einen Augen⸗ blick vor der eindringlichen Gewalt meines ſtren⸗ gen Freundes nicht ſchützen. Glücklicherweiſe bin ich bei ruhiger Ueberlegung wieder zur Beſinnung gekommen... Der Gedankengang Anatole's wurde durch die Rückkehr des Dienſtmädchens unterbrochen, welches ihm ſagte: — Mein Herr, wollen Sie gefälligſt in den Saal treten, Sie werden Fräulein dort finden. zald ſtund Anatole Clementinen gegenüber. Er hatte ſie bei der Begegnung in der Vor⸗ halle des Opernhauſes nur ganz flüchtig geſehn; er war einen Augenblick wie tetei von dieſer reizenden, jungfräulichen Schönheit. Mit richtigem Gefühl hatte das junge Mäd⸗ chen die Thür des Sihlugemache ihrer Mutter halb offen gelaſſen, indem ſie es für unangemeſ⸗ ſen hielt, mit einem Unbekannten allein ein Ge⸗ ſpräch zu haben, obgleich ſie in dem Brief ihrer Londoner Freundin das ſchmeichelhafteſte Lob des Charakters und Geiſtes von Herrn Ducormier gefunden hatte. Dieſer ſagte dem jungen Mädchen ſich ver⸗ hetati. Entſchuldigen Sie, mein Fräulein, die Dringlichteit, mit welcher ich auf dieſer Unterre⸗ dung beſtand; es handelt ſich aber um eine ſo 50 wichtige Angelegenheit, daß ich mir erlaubt habe, Sie um ein kurzes Gehör zu bitten. Mit Freu⸗ den habe ich übrigens vernommen, daß Ihre Frau Mutter ſich etwas beſſer befindet; was mich meine Zudringlichkeit weniger bedauern läßt.— In der That, mein Herr, hat ſich der Zuſtand meiner Mutter Dank der trefflichen Fürſorge Doe⸗ tor Bonaquet's, Ihres Freundes, gebeſſert; denn ich habe Ihre Freundlichkeit von neulich Nacht nicht vergeſſen. Ich benutze dieſe Gelegenheit zu⸗ gleich, Ihnen für die gütige Beſorgung der Bü⸗ cher von einer meiner beſten Freundinnen zu dan⸗ ken. Sie haben dieſelbe, wie ſie mir ſchreibt, wohl und mit ihrem Schickſale zufrieden verlaſ⸗ ſen? Doch verzeihn Sie, mein Herr, Sie ſag⸗ ten, Sie hätten uns Wichtiges zu berichten?— Ja, mein Fräulein, nur muß ich Sie im Voraus erſuchen, ſich nicht etwa einer Hoffnung hinzuge⸗ ben, welche vielleicht nicht in Erfüllung gehn möchte.— Was wollen Sie ſagen, mein Herr? — Die kindliche Liebe giebt ſich ebenſo leicht Beſorgniſſen als Hoffnungen hin.— Mein Gott! mein Herr, fragte Clementine, handelt es ſich um meine Mutter?— Nein, nein, mein Fräu⸗ lein.— Dann aber, mein Herr, begreife ich nicht. Dann fuhr Clementine zuſammen und wurde ſo gerührt und bewegt, daß ſie kaum ſprechen konnte, während ſie mit gefalteten Händen und mit der ſchmerzlichſten unausſprechlichſten Ban⸗ gigkeit in ihren ſchönen Zügen ſagte: — Mein Herr... kaum traue ich meinen Ohren. ich mich geirrt. oder han⸗ delt es ſich— Um Ihren Herrm Vater, mein Fräulein.— Meinen Vater! rief Clemen⸗ tine aus. Dieſer Ausruf war ſo lebhaft und ſo unwill— kürlich, daß der Ton der Stimme durch die halb offene Thür des Schlafgemachs Madame Duval zu Ohren drang; die Kranke rief daher mit ängſt⸗ licher Stimme: — Mein Gott! Clementine! was giebt es? Komm zu mir. Hierauf trat eine tiefe Stille ein, während welcher Anatole Clementine zuflüſterte: — Ich beſchwöre Sie, mein Fräulein, ſeien Sie vorſichtig! So unbeſtimmt und ungewiß die Nachricht iſt, welche ich Ihnen mitzutheilen habe, ſo darf man dieſelbe doch Ihrer Frau Mutter nur mit der größten Behutſamkeit ankündigen.— Clementine, begann Madame Duval lauter wie⸗ der, Du antworteſt mir nicht! Mein Gott, was iſt denn vorgefallen... Hörſt Du mich, mein Kind? Das junge Mädchen lief in die Kammer ſei⸗ ner Mutter; die beiden wechſelten einige Worte, dann, nach einigen Augenblicken trat Clementine blaß und aufgeregt wieder in den Saal und ſagte zu Anatole, indem ſie denſelben bittend anblickte, leiſe: — Mein Herr, im Namen deſſen, was mir das Theuerſte auf der Welt iſt, die Geſundheit meiner Mutter! beſchwöre ich Sie, ſagen Sie ihr mit der größten Schonung, was Sie vom Ge— ſchick meines Vaters vielleicht erfahren haben.. Ich habe der Mutter weiter nichts geſagt, als daß Sie uns eine ſehr wichtige Mittheilung zu machen hätten.— Fürchten Sie nichts, mein Fräulein; ich kenne die Bedeutung, um nicht zu ſagen die Gefahr, welche in dieſem Augenblick eine lebhafte Erſchütterung für Ihre Frau Mut⸗ ter haben müßte. Mit dieſen Worten folgte Anatole Ducormier Clementinen in das Zimmer der Kranken. XXXI. Als Ducormier bei Madame Duval eintrat, wies ihm dieſelbe einen Lehnſtuhl ihrem Bett ge⸗ guhe und ſagte ihm mit bewegter Stimme, wäh⸗ —————— v v 5 rend Clementine am Kopfende des Bettes ſtehn blieb: Haben Sie die Güte, mein Herr, Platz zu nehmen, und laſſen Sie uns wiſſen, welche wich⸗ tige Mittheilung Sie uns zu machen haben.— Meine Mittheilung, Madame, iſt in der That von der größten Wichtigkeit, entgegnete Ducor⸗ mier, und dennoch handelt es ſich um weiter nichts als ein Gerücht, ein einfaches Gerücht, welches, worauf ich Sie nicht nachdrücklich ge⸗ nug aufmerkſam machen kann, vielleicht aller Be⸗ gründung entbehrt... Dieſen Morgen empfing ich einen Brief von London... wohin derſelbe von einem Freund an mich adreſſirt war, welcher mich noch in jener Stadt glaubte... Dieſer Freund hat Frankreich ſeit längerer Zeit ver⸗ laſſen und.. Aber, Madame, fügte Du⸗ cormier ſich unterbrechend hinzu, erlauben Sie mir nochmals auf den Umſtand aufmerkſam zu machen, daß nichts ungewiſſer iſt als die Nachricht, welche mir mein Freund mittheilt. Er hat ſie auf der Reiſe aufgenommen und geht ſogar in keinerlei Einzelnheiten in Betreff derſelben ein... da er nicht ahnte, wie ſehr mich ſeine Mittheilung intereſſiren könnte. Da⸗ rum, Madame, hören Sie die folgenden Worte nur mit der größten Vorſicht an, denn es iſt un⸗ glücklicherweiſe nur allzuwahrſcheinlich, daß mein Freund nur der Wiederhall eines falſchen Ge⸗ rüchtes iſt. Und ich würde es ſtets beklagen, wenn ich eine eitele Hoffnung bei Ihnen erweckt hätte. Mit jedem Worte Ducormier's war Ma⸗ dame Duval's Aufmerkſamkeit gewachſen; bald ahnte ſie Dank den vielfachen Verwahrungen, mit welchen Ducormier die Einleitung ſeiner Rede begann, daß es ſich um eine Mittheilung handle, welche eine vergebliche Hoffnung in ihr erwecken könnte, wogegen man ſie ſchützen wolle; dann, nach kurzem Nachdenken gerieth ſie ganz natür⸗ lich auf die Vermuthung, daß dieſe zweifelhafte, während einer entfernten Reiſe aufgefangene Nachricht auf den Tod des Obriſten Duval Be⸗ zug haben möchte. Dank Anatole's großer Vor⸗ ſicht ſtellte ſich dieſer Gedanke alſo nur allmälich und ohne gefährliche Erſchütterung bei der Kran⸗ ken ein, ſo daß ſie Anatole mit ziemlich gefaß⸗ ter Stimme ſagte: — Mein Herr, beantworten Sie mir nur eine Frage; in welchem Lande reiſte Ihr Freund? Clementine, welche noch immer fürchtete, daß die Entdeckung zu plötzlich ſein möchte, ſagte Anatole mit beſorgter Stimme und Geberde: — Mein Herr, ſeien Sie vorſichtig! Und als Ducormier mit Clementinen einen Blick des Einverſtändniſſes wechſelnd mit der fort: Antwort zögerte, ſagte Madame Duval mit feſter Stimme: — Nicht wahr, mein Herr, Ihr Freund reiſte in Algier? Antworten Sie mir ohne Furcht. Dann fuhr ſie zu ihrer Tochter gewendet — Beruhige Dich, mein Kind; Herr Ducor⸗ mier hat dies Geſpräch mit ſoviel Umſicht und Vorſorge eingeleitet, daß ich, wie Du ſiehſt, ganz gefaßt bin. Verlaß Dich darum darauf, ich werde mich keinen thörichten Hoffnungen hinge⸗ ben; ich fühle zu wohl, daß deren Vereitelung mir einen furchtbaren Schlag verſetzen würde. Sie ſehn, mein Herr, Sie können jetzt ohne alle Be⸗ ſorgniſſe fortfahren.— Ich glaube es, ich ſehe es, Madame, antwortete Anatole, und Ihre Faſ⸗ ſung nimmt mir eine ſchwere Sorge vom Herzen. Nun, ja wohl, Madame, mein Freund reiſte in Algier; er erfuhr in einer entfernten Tribus, welche er auf der Grenze der Wuſte beſuchte, daß ein franzöſiſcher todtgeglaubter Obriſt ſeit längerer Zeit von umherſchweifenden Arabern gefangen ge⸗ halten würde, indem ihn dieſelben mit ſich umher⸗ ſchleppten. Madame Duval konnte trotz ihrer Entſchloſ⸗ ſenheit die Freudenthränen nicht zuruͤckhalten, ob⸗ gleich ſie ſich Mühe gab, die durch dieſe Mitthei⸗ lung neu belebte Hoffnung nicht allmächtig wer⸗ den zu laſſen. Clementine bemerkte die Rührung ihrer Mut⸗ ter und ſagte derſelben, ohne die eigene Bewe⸗ gung bewältigen zu können. — Geliebte Mutter... ich bitte Dich in⸗ ſtändigſt.. gieb Dich keinen unglückſeligen Täuſchungen hin... ich bedarf nicht weniger Muth wie Du, um dieſe Hoffnungen zu bekäm⸗ pfen, denn ach!.. wir haben ſie ja ſo oft ſchon gehegt!— Dies gerade muß Dich beru⸗ higen, mein Kind, wie auch Sie, mein Herrz denn oft ſchon haben wir, meine Tochter und ich, weil die thatſächlichen Beweiſe des Todes meines Mannes fehlten, dem Gedanken uns hingegeben, daß derſelbe vielleicht in der Gefangenſchaft noch leben könnte; ich geſtehe aber, unſere Annahme hatte nicht einmal den Anhalt, den Sie uns ge⸗ ben, und deſſen ganze Unſicherheit ich Ihnen al⸗ lerdings einräumen muß...— In der That, Madame, iſt nichts ungewiſſer; denn ich wieder⸗ hole es Ihnen, mein Freund giebt keinerlei Ein⸗ zelnheiten; er erzählt es mir nur als ein Gerücht; ich ſelbſt hätte der Sache keinerlei Bedeutung bei⸗ gelegt, wenn mir nicht mehre Mal Fräulein Emma Levaſſeur und vorgeſtern noch mein vot⸗ trefflicher Freund, der Doctor Bonaquet, von den leider ſehr wenig wahrſcheinlichen Zweifeln geſprochen hätte, welche über das Schickſal des Obriſten Duval noch obwalteten; darum, Ma⸗ dame, war mein erſter Gedanke heute Morgen nach Empfang dieſes Briefes, Sie mit aller Vor⸗ ſicht von dem zu benachrichtigen, was ich ſoeben erfahren, und dann meinem Freunde ſofort zu ſchreiben; wie er mir meldet, wird er ſich noch einige Zeit in Algier aufhalten; ich habe ihn da⸗ her gebeten, ſeine Erinnerungen ſorgfältig zu prü⸗ fen und vor allem Namen und geographiſche Lage des Wohnſitzes der Tribus, wo er jene Nachricht aufgefangen, genau zu ermitteln.— Ach! mein Herr, ſagte Madame Duval im Tone der innig⸗ ſten Dankbarkeit, mag der Erfolg ſein, welcher er will, und iſt meine Hoffnung auch noch ſo gering, ſo werde ich doch nie vergeſſen, wie gü⸗ tig und zuvorkommend Sie ſich bei dieſer Gele⸗ genheit gezeigt haben.— Mein Gott, Madame, entgegnete Anatole in beſcheidenem und gerührtem Tone, wer hätte nicht wie ich gehandelt! Ich bedauere nur, daß ich nicht mehr thun kann und mich in ſo abhängiger Lage befinde, daß ich nicht über mich ſelbſt verfügen kann, ſonſt... Sonſt? ſagte Madame Duval ihn verwundert und fra⸗ gend anſehend.— Ohne die Abhängigkeit meiner Lage, Madame, entgegnete Ducormier mit ver⸗ haltener Rührung, hätte ich Sie um die Erlaub⸗ niß gebeten, mich eine der größten Freuden genie⸗ — 68— ßen zu laſſen, deren der Menſch fähig iſt! Lei⸗ der iſt dieſer ſchöne Traum unmöglich! Ach! zum letztenmale in meinem Leben vermiſſe ich den Reichthum und die Freiheit, welche er giebt, ſchmerzlich!— In der That, mein Herr, ſagte Ma⸗ dame Duval mit wachſender Verwunderung, ich verſtehe Sie nicht mehr...— Iſt es nicht wahr, Madame, daß viele Perſonen, der Freund, von welchem ich Ihnen dieſe Mittheilung über⸗ brachte, gehört zum Beiſpiel unter ihre Zahl, Algier aus bloßer Neugierde oder als Künſtler beſuchen?— Ohne Zweifel, mein Herr...— Nun wohl, Madame, denken Sie Sich einen Mann, welcher unabhängig genug iſt eine ſolche Reiſe zu unternehmen, nicht in der Abſicht, ſeine Neigung als Künſtler oder ſeine Neugierde als Reiſender zu befriedigen, ſondern in der Hoff⸗ nung, vielleicht einen der vortrefflichſten Krieger Frankreichs ſeiner Frau und Tochter wiederzuge⸗ ben. Ach! Madame, fuhr Ducormier fort, deſ⸗ ſen ſchöne Züge von Begeiſterung zu leuchten ſchienen, welch' ein Glück, Mühen, Entbehrun⸗ gen und Gefahren auszuſtehn, um einem ſo hei⸗ ligen Unternehmen ſich zu weihen! Welchen edle⸗ ren Gebrauch könnte ein reicher, unabhängiger Mann von ſeiner Freiheit machen? Doch ach! das Geſchick theilt uns nicht im gleichen Maße ₰ das Wollen und Können zu. Glücklich, oh! un⸗ — endlich glücklich ſind diejenigen, denen es ver⸗ gönnt worden, alles Gute zu vollbringen, was ſie wünſchen! Unmöglich läßt ſich der wehmüthige, herzzer⸗ reißende Ton beſchreiben, mit welchem Anatole dieſe letzten Worte ausſprach; ſo daß Madame Duval, nichtweniger als ihre Tochter von Ducor⸗ mier's edler Denkungsart gerührt, ausrief: — Ach! mein Herr, bei jedem Anderen würde mich die Erhabenheit ſolcher Gefühle überraſchen; ich habe aber heute Morgen einen Brief von Fräu⸗ lein Emma Levaſſeur an meine Tochter geleſen und weiß, was man von Ihnen zu erwarten be⸗ rechtigt iſt. — Auch ich, Madame, verdanke meinen häu⸗ figen Geſprächen mit Fräulein Emma über Sie und Ihr Fräulein Tochter den lebhaften Antheil, welchen ich an Verhältniſſen nehme, die Sie ſo nah berühren; mein einziges Bedauern iſt, Ma⸗ dame, ich wiederhole es Ihnen, auf Wünſche be⸗ ſchränkt zu ſein, welche leider ebenſo unfruchtbar als aufrichtig ſind.— Wünſche, welche von ſo edlen Geſinnungen getragen werden, mein Herr, ſind Thaten werth, entgegnete Madame Duval, von Anatole's liebenswürdigem Weſen immermehr gefangen. Und erlaubt nicht bei aller Vorſicht vor übereilten Hoffnungen ſelbſt die ſtrengſte Beſon⸗ nenheit, die Winke zu benutzen, welche Ihnen zu Die Prophezeihung. 1V. 5 Theil geworden ſind? Meinen Sie nicht, mein Herr, daß es eine der dringendſten Angelegenheiten iſt, einen alten Freund meines Mannes, den Di⸗ viſionschef der algeriſchen Angelegenheiten im Kriegsminiſterium, davon zu benachrichtigen? Be⸗ reits mehrere Male hat er mir von den leider bis jetzt ſtets vergeblichen Nachforſchungen nach dem Geſchick des Obriſten Duval Nachricht gegeben. — Ich halte dies für unerläßlich, Madame. Ich werde Ihnen dieſen Abend die Abſchrift der Stelle aus dem Briefe meines Freundes zuſchicken, in welcher von dem franzöſiſchen Gefangenen die Rede iſt...— Machen Sie es noch beſſer, mein Herr, ſagte Madame Duval freundlich zu Ana⸗ tole, bringen Sie uns dieſe Abſchrift morgen ſelbſt. Sie werden Sich, wie uns Emma geſchrieben hat, nur kurze Zeit in Paris aufhalten; ſchenken Sie uns wenigſtens einige Ihrer Augenblicke, wenn Sie die Geſellſchaft einer armen Kranken und ihrer Tochter nicht zu ſehr erſchreckt; dann können wir Ihnen mindeſtens ruhiger unſere Dank— barkeit zu erkennen geben.— Es iſt möglich, Madame, daß die Umſtände meinen längeren Auf⸗ enthalt in Paris nothwendig machen; Odoch ſoll es mich freuen, daß Sie mir geſtatten, Ihnen zu⸗ weilen meine Hingebung verſichern zu dürfen und die Nachrichten zu überbringen, welche mir die nächſten Briefe meines Freundes geben werden. ————— — Ihre Gefälligkeit iſt ſo liebenswürdig, mein Herr, daß ſie mich bis zur Unbeſcheidenheit zutrau⸗ lich macht,.. ſo daß ich einen neuen Dienſt von Ihnen zu erbitten wage.— Bitte, Madame, reden Sie.— Für die erſte Zeit werde ich das Zimmer nicht verlaſſen können; es wäre mir ſehr unangenehm, meine arme Clementine in das Kriegs⸗ miniſterium zu ſchicken, obwohl ſie einen alten Freund meines Mannes aufſuchen würde. Briefe anderntheiis gehn oftverloren oder werden in den Büreaus lange aufgehalten. Wenn dies mit dem Brief, welchen ich morgen in dieſer Angelegenheit zu ſchreiben gedenke, der Fall wäre, ſo mögen Sie Sich meine Beſorgniſſe vorſtellen.— Es wäre in der That weit beſſer, Madame, daß ich den Herrn, von welchem Sie reden, perſönlich auf⸗ ſuchte; es würde Ihrem Fräulein Tochter einen Gang erſparen und ich dem Herrn den Brief mei⸗ nes Freundes mit der dringenden Bitte übergeben, ſo ſchnell als möglich neue Nachforſchungen zu veranlaſſen. Ich bitte Sie nur um eine kleine Be⸗ glaubigung, Madame; dann übernehme ich Alles und werde Ihnen von dem Erfolg unſerer Be⸗ mühungen getreulich Bericht erſtatten. Bei dieſem neuen Anerbieten ſahen ſich Ma⸗ dame Duval und ihre Tochter an, immermehr von Anatole's freundſchaftlicher Dienſtwilligkeit bezaubert; und nach kurzem Schweigen ſagte Cle⸗ 5* —— mentinens Mutter mit bewegter Stimme zu Du⸗ cormier: — Ich kann Ihnen, mein Herr, meine Dank⸗ barkeit nicht beſſer ausſprechen, als indem ich Sie verſichere, wie, abgeſehn von der augenblicklichen Beklommenheit, als das Geſpräch auf meinen Mann kam, Ihre Gegenwart, Ihre edlen Worte, Ihre Sorgſamkeit für Alles, was uns betrifft, mir unendlich wohlgethan hat. Heute Morgen fühlte ich einige Erleichterung, jetzt iſt mir um vieles wohler. Ohne Zweifel trägt die Hoffnung, welche ich, ſo ungewiß dieſelbe immer noch ſein mag, Ihnen ſei Dank wieder hegen darf, viel zu dieſer glücklichen Empfindung bei; doch ſind Sie ja immer, mein Herr, der Geber von dem Allem. Ihnen alſo gebührt auch mein und meiner Tochter Dank. Ein ausdrucksvoller Blick, welchen Clementine ſchüchtern auf Anatole warf, bewies demſelben, daß ſie die Gefühle ihrer Mutter theilte. — Ach! Madame, entgegnete Ducormier, gebe der Himmel, daß Ihre Hoffnungen nicht getäuſcht werden! Dann fehlt ja nichts mehr an dem Glück der Ihrigen, denn ich kann Ihnen, hrigen, h hnen, glaub' ich, meinen Glückwunſch zur nahen Ver⸗ heirathung Ihrer Fräulein Tochter darbringen. — Zur nahen Verheirathung meiner Tochter! S — rief Madame Duval aus, indem ſie ſich nach Cle⸗ mentinen umwandte. Dieſe ſchien nicht weniger überraſcht als Ihre Mutter, welche wiederholte: — Zur nahen Verheirathung meiner Toch⸗ ter, mein Herr?— Ja wohl, Madame, mit dem Herrn Grafen von Saint⸗Geran.— Mit dem Grafen von Saint-Geran! entgegnete Madame Duval, indem ſie mit ihrer Tochter einen neuen Blick des Staunens wechſelte; zum erſten Male hören wir dieſen Namen.— Dennoch kann ich Sie verſichern, Madame, daß geſtern Abend beim Fürſten von Morſenne, bei welchem ich augen⸗ blicklich die Stelle des Secretärs verſehe, die Hei⸗ rath von Herrn von Saint-Geran und Fräulein Duval als etwas Ausgemachtes beſprochen wurde. — Im Grunde, liebe Mutter, ſagte Clementine lächelnd, iſt die Sache nicht ſo wunderbar, unſer Name iſt ſehr allgemein. Daher rührt wahrſchein⸗ lich der Irrthum von Herrn Ducormier.— Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Fräulein, ich habe Herrn von Saint⸗Geran ſelbſt erklären hö⸗ ren, daß er Fräulein Duval, die Tochter des Ar⸗ tillerieobriſten, heirathen würde.— In Währ⸗ heit, mein Herr, ſagte Madame Duval im höch⸗ ſten Grade verwundert, ich begreife nichts von der Sache.— Und mir, Madame, iſt, ich geſtehe b 18 —————— es, Ihre Ueberraſchung nicht weniger unbegreif⸗ lich; denn einer unſerer gemeinſamen Freunde hatte mir bereits von dieſer Heirath geſagt... freilich nur andeutungsweiſe...— Einer unſerer gemeinſamen Freunde?— Ja, Madame. Der Doctor Bonaquet.— Herr Bonaquet! er kannte dieſe Gerüchte? fragte Madame Duval.— Na⸗ türlich, Madame, da Herr von Saint-Geran Neffe von Frau von Blainville, der jungen Frau des Doctor Bonaquet, iſt.— In der That hatuns Herr Bonaquet geſtern ſeine Verheirathung mit einer Dame dieſes Namens angezeigt, entgegnete Madame Duval, er hat aber Herrn von Saint⸗ Geran nicht einmal dem Namen nach erwähnt. — Ihre Worte, Madame, überraſchen mich im⸗ mermehr; denn es wird allgemein verſichert, daß Madame Blainville bei ihrer Verheirathung mit unſerem Freunde aus ſeltenem Zartgefühl auf ihr großes Vermögen aus erſter Ehe zu Gunſten Herrn von Saint⸗Geran's verzichtet hat unter der Be⸗ dingung(und Anatole ſprach dieſe Worte mit Nachdruck), daß derſelbe Fräulein Duval heira⸗ thete; und da ich die lebhafte Theilnahme unſeres Freundes für Sie kenne, Madame, war ich in dem Glauben, daß dieſe Verbindung eine verab⸗ redete Sache zwiſchen Ihnen und Doctor Bona⸗ quet ſei. Clementine wurde über und über roth und — ſagte zu Madame Duval im Tone ſchmerzlicher Beſchämung und Entrüſtung: — Ach! liebe Mutter... ſolche Kränkung habe ich nicht erwartet... Mich fähig zu halten, in eine Heirath zu willigen, bei welcher meine Perſon ſo zu ſagen aufgezwungen würde!.. Doch warum nicht? fügte das junge Mädchen mit bitterem Lächeln hinzu, die Begierde eines Namens und Reichthums verführt ſo oft zu Rie⸗ drigkeiten! Bei dieſen Worten traten dem jungen Mäd⸗ chen vor Entrüſtung Thränen in die Augen. — Mein Fräulein... ich bitte tauſend, tauſend Mal um Verzeihung, ſagte Anatole mit bewegter Stimme, ich beklage unendlich, Sie durch Wiederholung eines Gerüchts, welches in der Geſellſchaft verbreitet iſt, verletzt zu haben.— Dies Gerücht iſt aber abgeſchmackt, mein Herr, iſt durchaus lügenhaft, ſeien Sie deſſen verſichert, ich beſchwöre Sie darum! rief Madame Duval lebhaft aus. Gewiß werden wir nie die ärzt⸗ liche Hülfe Herrn Bonaquet's vergeſſen, in Wahr⸗ heit aber hat er eine ſonderbare Art, ſich für die bevor er den Namen meiner Tochter dem Geſpräch der Leute preis gab, war die, mich von ſeinen Plä⸗ nen zu unterrichten...— Wahrſcheinlich, Ma⸗ dame, hat der Zuſtand Ihrer Geſundheit Herrn Leutezu intereſſiren! Mir ſcheint, ſeine erſte Pflicht, — Bonaquet bisher abgehalten, mit Ihnen von ſei— nen Plänen zu ſprechen...— Dann, mein Herr, mußte er warten, und nicht, ohne uns zu— vor zu fragen, den Namen meiner Tochter ins Geſpräch bringen. Dieſe Handlungsweiſe zeugt von unverzeihlichem Leichtſinn!— Warum, liebe Mutter? ſagte Clementine mit verdoppelter bitte⸗ rer Ironie. Dieſe glänzende Heirath mußte uns ſo reich, ſo lockend, ſo unverhofft erſcheinen, daß Herr Bonaquet, unſerer eiligen Bereitwilligkeit, dieſelbe anzunehmen, gewiß, es nicht der Mühe werth hielt, uns zuvor um Rath zu fragen. Niedergeſchlagen ſprach Clementine weiter: — Undich hielt ihn für unſeren beſten Freund! . So verkannt, ſo übel beurtheilt zu werden, oh! das thut weh!— Ich bitte Sie, mein Fräu⸗ lein, entgegnete Anatole, in der Anklage unſeres Freundes nicht zu raſch zu ſein; welches immer ſeine Beweggründe geweſen ſein mögen, möchte ich doch darauf ſchwören, daß er nur einem edlen Gefühle gefolgt iſt.— Sie nehmen Ihren Freund in Schutz, mein Herr, antwortete Madame Du⸗ val, das beweiſt den Edelſinn Ihres Herzens; ich aber, die ich weiß, wie ſehr meine Tochter unter dieſer Beleidigung leiden muß, kann Ihre VNachſicht nicht theilen.— Glauben Sie mir, Madame, das einzige Unrecht unſeres armen Freundes wird darin beſtehn, daß er ſich durch — ſeine Theilnahme für Sie hat irre führen laſſen; doch mehr als irgend Jemand begreife ich die Empfindlichkeit Ihres Fräulein Tochter. Eine unter ſolchen Verhältniſſen abgeſchloſſene Heirath iſt ſelten glücklich. Sobald ſich ein Mann auf Bedingungen hin oder in der Meinung, ein Opfer zu bringen, mit einer Frau verbindet, wird er die⸗ ſelbe früher oder ſpäter, und ſollte ſie auch ſo ausgezeichnet begabt ſein wie Ihr Fräulein Toch⸗ ter, oft ohne es ſelbſt zu wiſſen, unglücklich machen. — Und warum ſollte man denn auch Mitleid mit derſelben haben, mein Herr? fragte Clementine lebhaft; verdient eine Frau, welche ſich um Be⸗ friedigung ihres Ehrgeizes oder ihrer Habſucht willen zu einer ſolchen Verbindung erniedrigt, nicht Abſcheu und Verachtung? Clementine wurde durch das eintretende Mäd⸗ chen unterbrochen, welches ihr einen Brief über⸗ gab, indem ſie ſagte; Fräulein, dieſen Brief hat ſoeben ein Küraſ⸗ ſier zu Pferde überbracht; ich mußte zum Thür⸗ hüter hinabgehn, um im Namen von Madame einen Empfangsſchein auszuſtellen. Er kommt aus dem Kriegsminiſterium. . Nachdem ſie Clementinen den Brief überge⸗ ben hatte, verließ das Mädchen das Zimmer wieder. — Ein Brief aus dem Kriegsminiſterium? — 78— ſagte Madame Duval ſehr überraſcht, indem ſie ihre Tochter anſah. Der kann nur von Herrn Dufernoy, demalten Freund Deines Vaters, kom⸗ men, von welchem ich vorhin mit Herrn Ducormier ſprach. Auf jeden Fall überzeuge Dich, mein Kind, was es iſt. Clementine öffnete den Brief und wurde bald ſo blaß und zitternd, daß ihre Mutter ausrief: — Was iſt's, Clementine? Du erſchreckſt mich! Das junge Mädchen fiel ſeiner Mutter aber außer ſich um den Hals, bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen und flüſterte in abgebrochenen Lauten: — Geliebte Mutter, Muth!— Was ſagſt Du?— Ja, Muth, wir bedürfen denſelben auch, um zu große Freuden zu ertragen.— Zu große Freuden! ſagte Madame Duval, indem ſie ihre Tochter an ihre Bruſt zog. Um's Himmelswillen, erkläre Dich! Clementine ſagte, nachdem ſie ſich aus den Armen ihrer Mutter losgemacht hatte, mit leuch⸗ tendem Geſicht, die hellen Thränen in den Au⸗ gen und mit dem Ausdruck unausſprechlicher Glück⸗ ſeligkeit zu Ducormier: — Ach! mein Herr, ſeien Sie geſegnet; Gott ſelbſt hat Sie uns zugeſchickt!— Clementine!, rief Madame Duval, was iſt's?— Liebe, liebe Mutter! wir können Alles hoffen!— Hoffen! wiederholte Madame Duval... Großer Gott! iſt dieſer Brief etwa?...— Geliebte Mutter, fuhr das junge Mädchen in unausſprechlichem Entzücken und mit zitternder Stimme fort, wir können mehr als hoffen!— Ach! mein Gott! mein Kind.. vollende!— Liebe Mutter, Herrn Ducormier's Freund warwohlberichtet.— Dein Vater!...— Er lebt, er iſt gerettet! Wir wer⸗ den ihn bald wiederſehn. Siehe, lies, lies! Clementine fiel ihrer Mutter von Neuem um den Hals und küßte ſie heftig ab; dann hielt ſie, während ſie ihren Kopf auf die Schulter der Kran⸗ ken ſtützte, derſelben das Billet dicht vor die Au⸗ gen und las es alſo vor: „Madame! „Meine Arbeiten mit dem Miniſter halten mich den ganzen Tag über hier zurück. Ich ſchreibe Ihnen in aller Eile dieſe wenigen Zeilen, um Ih⸗ nen eine unverhoffte Nachricht mitzutheilen, welche ich ſoeben erhalten habe: Der Herr Obriſt Du⸗ val iſt noch am Leben; er iſt Gefangener der Tri⸗ bus von Ben⸗Souli. Beim Abgange des Cou⸗ riers von Algier wurde über die Auslieferung des Obriſten unterhandelt; mit Sicherheit läßt ſich binnen vier Wochen ſeine Freiheit erwarten. „Dieſen Abend oder morgen werde ich die — — Ehre haben, Ihnen meine perſönliche Aufwartung zu machen, um Ihnen alle Einzelheiten dieſes Ereigniſſes mitzutheilen; es erfüllt mich mit einer Freude, welche ich Ihnen nichtzu ſchildern brauche. Ihr ergebener Diener Dufernoy.“ Ein Blitz aus heiterem Himmel hätte Ducor⸗ mier nicht mehr überraſchen und entſetzen können. Seine angeblichen Nachrichten über den Obri⸗ ſten Duval waren eine nichtswürdige Lüge, ver⸗ mittels welcher er ſich den ſofortigen Zutritt bei Madame Duval hatte verſchaffen wollen, in der Abſicht, ſich hierdurch den Vorwand für künftige Annäherungen und Beziehungen zu ſichern und vor Allem in der Hoffnung, im Voraus die Pläne des Doctor Bonaquet in Betreff der Verheira⸗ thung mit Herrn von Saint-Geran zu ſtören. Dieſe nichtswürdige Lüge verwandelte ein unerklärlicher Zufall, eine Fügung des Geſchicks in Wahrheit. Indem er ſich an die ſchweren Ah⸗ nungen erinnerte, welche ihn in dem Augenblick ergriffen hatten, in welchem er in Begriff ſtand, bei dieſen beiden Frauen eine unſinnige Hoffnung zu erwecken, ſagte ſich Anatole: — Meine Ahnung täuſchte mich nicht; es liegt etwas Verhängnißvolles in dieſen Umſtän⸗ den. Dieſer Mann, welcher aus ſeinem Grabe — hervorzugehn ſcheint, wird mir furchtbar wer⸗ Madame Duval und ihre Tochter waren nach dem Vorleſen des Billets in einer ſtummen Um⸗ armung verhartt. Ducormier gewann Zeit, ſich von ſeiner vor⸗ übergehenden Ueberraſchung zu erholen; dieſe un⸗ bezwingliche Natur ließ ſich nicht lange nieder⸗ beugen; daher drückten ſeine Züge, welche er mit ſolcher Meiſterſchaft zu ordnen wußte, ein ganz der augenblicklichen Situation angemeſſenes Ge⸗ miſch von Freude und Ueberraſchung aus, als Madame Duval ihre Thränen trocknend und ihm herzlich die Hand reichend ſagte: — Ach! mein Herx, meine Tochter hat Recht Sie ſind unſer guter Engel... Gott ſelbſt hat Sie zu uns geſandt. Die Hoffnung, welche Sie uns brachten, bereitete mich vor, vieſe Nach⸗ richt ohne Erſchütterung zu empfangen, welche mich dem Glück und Leben wiedergiebt; ja, denn ich kann Ihnen meine Empfindung nicht beſchrei⸗ ben es iſt mir, als ob die Gewißheit, meinen Mann bald wieder an meiner und meiner Tochter Seite zu ſehn, mein Daſein erneuerte, als ob ein fri⸗ ſches Blut in meinen Adern rollte. Kurz, ich fühle mich neugeboren... während ich zuvor ich kann Dir dies jetzt wohl geſtehn, mein liebes, theueres Kind, fügte Madame Duval hin⸗ zu, indem ſie Clementinen an ihre Bruſt drückte, während ich zuvor mich jeden Tag dem Grabe zu⸗ ſterben fühlte.— Sorge nicht, entgegnete das junge Mädchen im Tone unausſprechlichen Ver⸗ trauens, jetzt kann es Dir nicht mehr gelingen, mich Deinetwegen ängſtlich zu machen...— Madame, ſagte Anatole mit bewegter Stimme, indem er mit der Hand an die Augen fuhr, als wenn er Thränen zurückdrängen wollte, meine Bewegung wird Ihnen beſſer als meine Worte meine Empfindungen verrathen.— Ich glaube Ihnen, ſagte Madame Duval gerührt, ein Herz wie das Ihrige begreift und theilt die ſchönſten Entzückungen der Seele; auch bitten wir Sie recht herzlich, kommen Sie oft, recht oft zu uns, dann können Sie Sich wenigſtens an dem Anblick eines Glücks erfreuen, zu welchem Sie ſo großmüthig beigetragen haben; auch werden wir Ihres Raths und Ihrer Leitung in vielen Dingen bedürfen, denn bei dieſen erſten Aufregungen der Freude iſt man wie geblendet und berauſcht, bedenkt und überlegt aber nichts gehörig.— Ihr Vertrauen, Madame, ehrt mich zu ſehr, um mich nicht an⸗ zufeuern, mich nach beſten Kräften ſeiner würdig zu beweiſen, antwortete Anatole, indem er ſich erhob, um Madame Duval und ihre Tochter zu verlaſſen, da er ſie mit ihrer Freude ſich ſelbſt über⸗ laſſen wollte; und mit dem gutmüthigſten Lächeln — fügte er hinzu:— Nicht wahr, Madame, das Glück macht zur Nachſicht und Milde geneigt?— Oh! gewiß, mein Herr.— Nun wohl, im Na⸗ men dieſer Freude, welche Ihnen der Himmel ſo unverhofft geſandt hat, bitte ich Sie, unſerem Freunde die vielleicht übel angebrachte, aber ſicherlich gut gemeinte Abſicht zu verzeihen, welche ihn zu dem Entwurf der Heirath veranlaßte, von welcher wir vorhin ſprachen.— Oh! von Herzen gern, mein Herr, ſagte Clementine; und wenn uns Herr Bonagquet nur niemals von dieſem unglückſeligen Gedanken etwas ſagt, wollen wir gern vergeſſen, daß er denſelben je gehegt hat. Nicht wahr, theuere Mutter?— Gewiß, mein Kind.— Dennoch glaube ich, Madame, entgegnete Anatole, daß unſer Freund Ihnen dieſen Antrag noch machen wird. Ohne Zweifel werden Sie denſelben zu⸗ rückweiſen?— Oh! ſicher, ſagte Clementine, wir werden denſelben mit aller Macht zurückweiſen. — Die einzige Gunſt, Madame, um welche ich Sie für dieſen Fall bitte, iſt die, daß Sie unſe⸗ rem Freund verſchweigen, daß ich Sie von dieſem mir zu Ohren gekommenen Gerücht unterrichtet habe; ich fürchte, er möchte mir dann einen Theil der Kälte, welche Sie ihm vielleicht unwillkürlich zeigen werden, zuſchreiben, was mich ſehr un⸗ glücklich machen würde, da ich mit Bonaquet ſeit der früheſten Jugend befreundet bin und Ihnen verſichern kann, daß er das beſte Herz von der Welt iſt.— Immeredel und gut! ſagte Madame Duval, von der zärtlichen Zuneigung gerührt, welche er für Bonaquet zu erkennen gab. Nun wohl! wir wollen Ihrer nicht erwähnen; wir wollen die zarten Empfindungen Ihres Herzens achten. Wenn uns Herr Bonaquet ſeinen unbe⸗ greiflichen Antrag ſtellt, werden wir denſelben, wie ſich gebührt, zurückweiſen; wir wollen uns aber nicht merken laſſen, daß wir bereits unter⸗ richtet waren; und übrigens weiß ich nicht, ob mir meine frohe Stimmung eine andere Anſchau⸗ ung der Sache giebt, ich bin in dieſem Augenblick wenigſtens ganz Ihrer Meinung, Herr Ducor⸗ mier, daß ſich der arme Doctor durch den bloßen Gedanken an eine ſolche Verbindung hat blenden laſſen. Sein Irrthum beſtand darin, daß er meine Tochter und mich fähig hielt, dieſe Verblendung zu theilen; Sie haben aber Recht, wir ſind ſo glücklich, daß wir von Herzen gern verzeihen. Nicht wahr, mein Kiud?— Oh! ja wohl, liebe Mutter... Und dann, wenn wir gegen Herrn Bonaquet ſtreng ſein wollten, würden wir ja auch Herrn Ducormier betrüben.— Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, mein Fräulein, ſagte Anatole mit Innigkeit. Ach! Freunde wie Bonaguet ſind ſo ſelten... und Dank Ihnen wird unſer inni⸗ ges Verhältniß ungeſtört daſſelbe bleiben.— Auf baldiges Wiederſehn. auf morgen, nicht wahr, Herr Ducormier? ſagte Madame Duval. Sie werden uns dann verſtändiger und gefaßter finden. Auf morgen, Madame, ſagte Anatole, indem er ſich ehrfurchtsvoll verbeugte und verließ das Zimmer der Kranken. Er war kaum hinaus, als Madame Duval zu ihrer Tochter ſagte: — Was für ein edles und vortreffliches Herz! welches gefühlvolle und zarte Gemüth! Wie lieſt man alle dieſe ſchönen Eigenſchaften in ſeinen lieb⸗ lichen Zügen!— Emma irrte ſich alſo eben nicht, liebes Mütterchen, ſagte Clementine lächelnd, wenn ſie behauptete, daß ſie Dir einen wahren Schatz mit Herrn Ducormier zuſchickte.— Und iſt dieſer närriſche Doctor Bonaquet zu begreifen! fügte Madame Duval luſtig hinzu. Da er es ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte Dich zu ver⸗ heirathen, warum dachte er nicht wenigſtens an einen Mann wie Herrn Ducormier, nicht wahr, mein Kind? Clementine ſah ihre Mutter erröthend an, dann ſchlug ſie die Augen nieder und ſagte halb lächelnd: — Weil, glaube ich, Mütterchen, Männer von Herrn Dicormiers Auszeichnung zu den Sel⸗ tenheſten gehören. 3 Die Phee ung. w. 6 S Wir überlaſſen es dem Leſer ſich die entzücken⸗ den Geſpräche von Mutter und Tochter vorzuſtel⸗ len, mit welchen ſie in ihrer Einſamkeit die nahe ith des Obriſten Duval XXXII. Ungefähr ein Vierteljahr nach den ſoeben er⸗ zählten Ereigniſſen ging Doctor Bonaquet in ſeinem Arbeitszimmer unruhig auf und ab, in⸗ dem er von Zeit zu Zeit die Pendeluhr mit un⸗ geduldigem Blick prüfte, welche gerade fünf Uhr Abends wies. Bald ſetzte er ſich gedankenvoll nieder, bald trat er auf den Balcon hinaus und blickte den Quai weit hinab, als wenn er beſorgt auf die Ankunft jemandes wartete. Er hatte ſich nach neuer Umſchau außerhalb ſeit einigen Augenblicken wieder niedergeſetzt, als er einen Wagen raſſeln hörte, welcher vor dem Hauſe hielt: er lief ans Fenſter, erblickte einen Fiacker und auf dem Bock noben dem Kutſcher den alten Bedienten ſeiner Frau. Jerome verließ ſein Zimmer, ging eilig hinab und fand unter der Einfahrt Helviſe Bo⸗ naquet nebſt ihrem Kammermädchen, welches ſammt dem alten Diener mit einigem Gepäck be⸗ laden war. Heloiſe reichte ihrem Mann freundlich die Hand und ſagte ihm: — Sie waren in Sorgen, nicht wahr, mein Freund — In der That, ſagte der Arzt, wäh⸗ rend er mit er Sorgfalt die Züge ſeiner Frau prüfte, hoffte ich Sie bereits heute Mittag ankommen zu ſen en. Ich war auf das Fahramt gegangen, um Sie zu erwarten, und habe das⸗ ſelbe erſt um drei Uhr verlaſſen; ich fürchtete ein Unglück... Ihr Ausſehn beruhigt mich aber, Gott ſei Dant.— Fünfzehn Lieue von Paris brach der Eilwagen eine Achſe, mein Freuns das iſt eiſcch die Urſache unſerer Verſpätun g⸗ ſt die Reiſe glücklich abgelaufen, fragte Doctor Bonaquet ſeine Frau im Hinauſſteigen, war Ihnen das Fahren in dieſem Wagen nicht unangenehm und hat es Sie nicht zu ſehr ange⸗ griffen, da Sie ſonſt gewohnt waren in Ihrem eigenen Wagen und mit ſo vieler Bequemlichkeit zu reiſen?— Ich habe mich ganz wohl dabei befun⸗ den, mein Freund. Für mich und mein Kammer⸗ ädchen hatte ich das Coupe in Beſchlag genom⸗ men, während Louis auf dem Imperiale ſaß; und ich verſichere Sie, man reiſt ſe ganz bequem. Nach einem Austauſch jener zärtlichen Mit⸗ 6* — theilungen, welche ſtets einer längeren Trennung folgen, ſagte Jerome zu Heloiſe: — Ihre Briefe meldeten mir, daß Sie die Aufnahme bei Ihrer alten Verwandten entzückte. — Ja, mein lieber Jerome, ſie bezeigte ſich ſo dankbar für meinen Beſuch, den ſie dringend er⸗ beten hatte; wir haben ſo viel von meiner ſeligen Mutter geſprochen, welche Frau von Felmonts beſte Freundin war, daß die Zeit gar raſch ver⸗ ging! Sie bedauerte nur ſehr, daß ſie Sie nicht kennen lernte, ſah indeß ein, wie Sie Ihre Be⸗ ſchäftigung vorzüglich in dieſer Zeit in Paris feſſelte, nahm mir aber das beſtimmte Verſpre⸗ chen ab, Sie, ſobald Sie über einige Wochen verfügen könnten, nach Felmont zu bringen. „Denn ehe ich dieſe Welt verlaſſe, ſagte ſie mir, will ich den Mann, welchem Sie Ihr Lebens⸗ glück verdanken, kennen lernen und ihm danken. Dann, fügte ſie hinzu, iſt mein Wunſch, Ihren Mann kennen zu lernen, auch nicht ganz frei von Selbſtſucht; ſein Ruf als berühmter Arzt iſt ſeit langer Zeit bis zu mir gelangt, und ob⸗ wohl meine ſchlimmſte Krankheit mein hohes Al⸗ ter iſt, wünſchte ich doch ſehr Herrn Bonaquet zu Rathe zu ziehn.“ Ich habe mich daher förm⸗ lich verpflichtet, mein Freund, Sie, ſobald dieſe Reeiſe möglich wird, ihr zuzuführen; denn, ich verhehle es Ihnen nicht, ich habe dieſe vortreff⸗ — 89— liche Frau ſehr ſchwach gefunden, und während meines Aufenthalts bei ihr habe ich ſie in Nei⸗ venanfällen geſehn, welche mich anfangs ſehr ängſtigten. Glücklicherweiſe indeß hatten dieſel⸗ ben keinerlei üble Folgen.— Ach! meine liebe Freundin, alles iſt in dieſem Alter folgenſchwer. Darum verſpreche ich Ihnen denn auch, ſobald es mir möglich iſt, Madame Felmont mit Ihnen zu beſuchen. Habe ich ſie nur einmal geſehn und ihren Zuſtand erforſcht, dann hoffe ich, wird es mir leicht werden eine Diät und andere Vor⸗ ſichtsmaßregeln vorzuſchreiben, welche dies er⸗ mattete Leben ſo lange als möglich noch aufrecht erhalten.— Dank Ihnen, mein Freund, denn nächſt meiner Mutter war und iſt Frau von Fel⸗ mont, die Frau, welche ich am innigſten in der ganzen Welt liebe und hochſchätze.— Und wie erträgt ſie die große Einſamkeit, in welcher ſie lebt?— Sie richtet ſich vortrefflich damit ein.. Wie ich Ihnen geſchrieben habe, ſprach Heloiſe lächelnd, iſt ſie ſehr philoſophiſch; und ob⸗ wohl die Einkünfte ihres kleinen Gutes nur be⸗ ſcheiden ſind, lebt ſie dennoch ſehr anſtändig auf demſelben mitten unter einigen guten alten Die⸗ nern, welche mit ihr alt geworden ſind und ſie anbeten; Bücher, Stickerei, Blumen, Vögel, Kranken? und Mildthätigkeitsbeſuche und weite Spaziergänge in einer der maleriſchſten Gegen⸗ — 65 den Frankreichs füllen Frau von Felmont die Zeit ſo aus, daß ihr die Tage zu kurz erſcheinen.— Im ſiebzigſten Jahre iſt dieſe Fähigkeit des Al⸗ leinlebens eine Seltenheit und immer ein Zeichen von einem ausgezeichneten Geiſt.— Einen Be⸗ weis des edlen und kräftigen Geiſtes von Frau von Felmont, mein Freund, haben Sie in je⸗ nem rührenden und würdevollen Schreiben em⸗ pfangen, welches ſie uns mit den Gegenanzeigen der Morſenniſchen Familie in Betreff unſerer Verbindung zuſchickte. Was ich ihr damals von Ihnen ſchrieb und vor allem, was ich ihr in die⸗ ſer Zeit von Ihnen erzählt habe, fügte Helviſe lächelnd hinzu, hat ihr vollends den Kopf ver⸗ dreht: Sie haben eine Eroberung an ihr gemacht. Aber, mein Freund, ſagte Helviſe plötzlich nicht ohne Beſorgniß, ich finde Sie trübe und ge⸗ dankenvoll.— Es iſt wahr; es that mir doppelt Noth Sie wiederzuſehn.— Was fehlt Ihnen, mein Freund? Sie beunruhigen mich.— Aus Beſorgniß die Zufriedenheit Ihres Aufenthalts bei Frau von Felmont zu ſtören, verſchwieg ich Ihnen bisher meinen Kummer; und dann auch, was hätte ich Ihnen mittheilen können? Ich habe mehr die Ahnung als die Gewißheit des Un⸗ glücks, das ich beſorge; doch reicht dies hin, mir die Ruhe zu rauben. Geſegnet ſei darum Ihre Rückkunft, meine liebe Heloiſe! fuhr Jerome zärtlich fort. Ich habe meinen beſten Theil wieder gefunden; ſchon fühle ich mich weniger niederge⸗ beugt und weniger entmuthigt.— In der That, Jerome, erſchrecken Sie mich. Um was handelt es ſich denn?— Es handelt ſich um Fauveau und ſeine Frau und um dieſe unglückliche Waiſe! — Fräulein Clementine Duval?— Leider! ja. — Was iſt ihnen denn zugeſtoßen?— Ich habe nur Verdacht; aber ſchwere Befürchtungen.— Sie haben ſie alſo in dieſer letzten Zeit geſehn, mein Freund? Nach kurzem Schweigen entgegnete Jerome: — Sie erinnern ſich, liebe Heloiſe, wie vor bald einem Vierteljahre die arme Madame Du⸗ val, welche anfangs keinerlei üble Folgen von der Nachricht der wunderbaren Erhaltung ihres Mannes empfunden hatte, unglückſeligerweiſe bald einer Art zehrendem Fieber unterlag, wel⸗ ches die ſo lange vergebens gehegte und endlich erfüllte Hoffnung bei dieſer von langen Leiden bereits ſo ſehr erſchöpften Frau hervorrief.— Ja, mein Freund, ich entſinne mich auch der unbegreiflichen Kälte, mit welcher Fräulein Du⸗ val unſer Anerbieten nach dem Tode ihrer Mut⸗ ter zurückwies, bei uns bis zu ihrer Verheira⸗ thung mit Herrn voy Saint⸗Geran zu wohnen; eine Verbindung, welche ſie unerachtet unſerer eindringlichen Vorſtellungen wie einen faſt. ſchimpflichen Antrag ausſchlug. Sie wiſſen es aber, mein Freund, obwohl mir die mißtrauiſche Empfindlichkeit Fräulein Duvals wehe that, rührte mich dieſelbe doch mehr als ſie mich kränkte, da ſie ihren Grund in einem ehrenwerthen Bedenken hatte. Herr von Saint-Geran hat übrigens furchtbar gelitten, und leidet noch immer furchtbar wegen dieſer Zurückweiſung ſeiner Anträge; er ſchrieb mir nach Felmont einen herzzerreißenden Brief. Was er durch uns von dem Charakter und von den Vorzügen Fräulein Duvals erfah⸗ ren hatte und ihre ſeltene Schönheit hat einen ſo lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, daß es ihm däucht, ſchreibt er mir, daß mit der Vereitelung dieſer Heirath alle Hoffnungen ſeines Lebens ver⸗ nichtet ſind. Doch dabei fällt mir ein, mein Freund, was für Nachrichten hat man denn jetzt vom Obriſt Duval?— Keine ſeit denjenigen, welche berichteten, daß in dem Augenblick, in welchem über ſeine Auslieferung unterhandelt wurde, ein neuer Aufſtand der Kabylen die Un⸗ terhandlungen ſtörte. Gott weiß, was zur Zeit aus dem Obriſten geworden iſt! Doppelt be⸗ klagenswerthe Ungewißheit, denn mehr als je bedarf dies unglückſelige Kind in dieſem Augen⸗ blick des väterlichen Schutzes. Als uns Clemen⸗ tine Duval ihren Entſchluß ankündigte ferner al⸗ lein in der Wohnung leben zu wollen, welche ſie ſo lange mit ihrer Mutter bewohnt hatte, war mir, Sie wiſſen es, dieſer allerdings auffallende Entſchluß eines jungen, ſiebenzehnjährigen Mäd⸗ chens weder überraſchend noch beunruhigend. — Nein und was Sie mir von der Cha⸗ rakterfeſtigkeit von Fräulein Duval, von der Rechtſchaffenheit ihrer Grundſätze und von ihrer Liebe zur Einſamkeit erzählten, beruhigte mich gleichfalls; auch fühlte ich die kindliche Frömmig⸗ keit des Wunſches an einem Ort zu bleiben, wo alles dies arme Kind an ſeine Mutter erinnerte. Was iſt denn aber vorgefallen? Was läßt Sie jetzt vorzüglich beklagen, daß Clementine des väterlichen Schutzes entbehrt?— Bereits vor Ihrer Abreiſe hatte mich die Kälte, ich möchte faſt ſagen das Mißtrauen, mit welchem uns Clementine Duval immermehr begegnete, ſchmerz⸗ lich betroffen; nach mehrmaligen vergeblichen Be⸗ ſuchen fand ich ſie während Ihrer Abweſenheit endlich einmal zu Hauſe; weit entfernt mir mit der Freundlichkeit und dem Zutrauen von ehe⸗ mals entgegenzukommen, empfing ſie mich mit Zurückhaltung und Kälte. Zu aufrichtig, um ihr meine Verwunderung und Betrübniß über einen ſolchen Empfang zu verbergen, bat ich ſie dringend mir ohne Umſchweif die Urſache dieſer Veränderung zu ſagen, welche ich ſeit dem Tode ihrer Mutter bei ihr bemerkte. Ihre Antworten waren gezwungen und ausweichend, und es gelang mir nicht irgend einen befriedigenden Aufſchluß von ihrzuerhalten.— Das iſt befremdend, mein Freund. — Ich verließ ſie ſehr betrübt, da ich nicht zwei⸗ feln konnte, daß man ſie gegen mich eingenom⸗ men hatte, was bei ihrer argloſen Unerfahren⸗ heit nur allzuleicht iſt.— Aber, mein Freund, wem könnte denn darum zu thun ſein Fräulein Duval gegen Sie einzunehmen?— Ich ſelbſt legte mir dieſe Frage vor, meine liebe Heloiſe ohne anfangs eine Antwort darauf zu fin⸗ den; vor einigen Tagen aber ging ich noch ein⸗ mal zu Clementinen mit dem Vorſatz, einen letz⸗ ten Verſuch bei derſelben zu machen; ich wurde nicht angenommen, ich entfernte mich, als ich um die Ecke des Quai Saint⸗Louis biegend, Ana⸗ tole bemerkte.. Ich hatte ihn ſeit unſerem Beſuch im Hotel Morſenne nicht wiedergeſehn. Es dunkelte, er ſah mich nicht, oder wollte mich nicht ſehn. Seine Gegenwart in dieſer einſamen Straße, in welcher Clementine Duval wohnte, weckte in mir die Ahnung, daß er zu derſelben gehe.— Fräulein Duval hat aber doch im Ge⸗ ſpräch mit uns den Namen von Herrn Ducor⸗ mier nie erwähnt?— Dieſe Heimlichkeit gerade vermehrte meine Beſorgniß; ich folgte Anatole von weitem und ſah ihn in das Haus von Clementinen treten; leicht erfuhr ich vom Thür⸗ hüter, ohne mich irgend wie auszuſprechen, daß er zu Fräulein Duval hinaufgegangen ſei, die ihn alle Tage bei ſich ſähe.— Herrn Ducor⸗ mier? ſagte die junge Frau mit Beſorgniß, das arme Kind empfängt den täglichen Beſuch eines ſo gefährlichen Menſchen? Ach! jetzt begreife ich Ihre Befürchtungen.— Ich hatte die Geduld zu beobachten und auf die Rückkehr Anatoles zu warten, welcher mich Dank der Dunkelheit der Kacht nicht bemerkte; er war ungefähr drei Stun⸗ den bei ihr geblieben.— Dies arme Kind! ſo rechtſchaffen, ſo vertrauend, ſich ſelbſt überlaſſen ohne Stütze, ohne Rath, ohne Aufſicht! Ach! ſie iſt in Gefahr, mein Freund, in der größten Gefahr!— Noch denſelben Abend nach meiner Nachhauſekunft ſchrieb ich Clementinen einen ein— dringlichen Brief, berief mich auf meine Freund⸗ ſchaft zu ihrer Mutter und die Sorgfalt, welche ich derſelben gewidmet hatte, indem ich ſie um eine Unterredung für den nächſten Tag bat.— Und dieſer Brief?— Blieb unbeantwortet. Mehr und mehr erſchreckt, und da ich das unglückliche Kind durchaus ſprechen wollte, ging ich vor drei Tagen zu ihr; das Mädchen machte mir auf, und trotz ſeiner wiederholten Verſicherungen, daß ihr Fräulein ausgegangen ſei, drang ich in das Zimmer und fand Clementinen Duval in dem nal. Als ſie mich erblickte, ſtand ſie über 5 meine Beharrlichkeit verwundert und erzürnt mit entrüſtetem Ausſehn auf.„Unglückſeliges Kind, ſagte ich ihr, Sie gehen Ihrem Verderben ent⸗ gegen, denn ſie empfangen die täglichen Beſuche Anatole Ducormiers, eines der gefährlichſten Menſchen, die ich kenne. Mein Herr, antwortete ſie mir entſchloſſen, ich kann thun, was ich will. Gott allein bin ich über meine Handlungen Rechenſchaft ſchuldig: übrigens habe ich ſehr ernſte Gründe an der Aufrichtigkeit der Theil⸗ nahme zu zweifeln, welche Sie für mich zu he⸗ gen ſcheinen, darum vermeide ich Sie.“— Aber, mein armes Kind, entgegnete ich ihr, man hin⸗ tergeht Sie, man führt Sie zu Ihrem Verder⸗ ben; hören Sie mich doch an! Sie unterbrach mich und ſagte: — Sie ſind gewaltſam bei mir eingedrungen, mein Herr; ich räume Ihnen das Feld. Und ohne mich weiter anhören zu wollen, nahm ſie Hut und Shawl und ließ mich in Ver⸗ zweiflung zurück. Nach kurzer Ueberlegung ſagte Helviſe: — Wenn ich es recht bedenke, mein Freund, ſind unſere Befürchtungen doch vielleicht über⸗ trieben.— Wie ſo?— Ich weiß wohl, daß die häßlichen Vorfälle mit Herrn Ducormier, ſein Wortbruch gegen Sie und vor allen Dingen ſein feiges Betragen bei unſerem Beſuch it tel Morſenne zu keiner guten Meinung von ihm berechtigen; hat man aber nicht oft die verdor⸗ benſten Gemüther unter dem Einfluß einer edlen Frau zum Guten ſich zurückwenden geſehn? War⸗ um ſollte Herr Ducormier Fräulein Duval nicht aufrichtig und rechtſchaffen lieben? Bonaquet ſchüttelte traurig den Kopf und entgegnete: — Wenn Anatole ehrenwerthe Abſichten hätte, ſo würde er Clementinen uns nicht ent⸗ fremdet und mich bei derſelben angeſchwärzt ha⸗ ben; denn ich zweifele nicht mehr daran, daß er mich in den Augen dieſes unglücklichen Kindes herabgeſetzt hat, weil er meinen Scharfblick fürch⸗ tet.— Sie haben wohl Recht, mein Freund. — Mußte nicht mit dem Gedanken an eine ernſt⸗ liche Verbindung mit Clementinen nothwendig der Entſchluß bei Anatole entſtehn ſich zu erneuen und ſeinem vergangenen Leben zu entſagen? Was hätte ihn dann aber von uns zurückgehalten? Wußte er nicht, daß ich ihn trotz ſeines Undankes ſtets mit offnen Armen aufgenommen hätte? Hatte ich nicht zu allererſt den Gedanken an dieſe Verbindung, als ich an ſeine Beſſerung noch glaubte? Nein, nein, alles unterſtützt meine Be⸗ fürchtungen, daß er ſträfliche Abſichten hegt.— Dennoch kann ich mich nicht entſchließen, mein Freund, an ſo große Schändlichkeit zu glauben. Dieſer Menſch müßte ein Ungeheuer ſein! Die 98 Unſchuld dieſes Kindes mißbrauchen, ſie verfüh⸗ ren, ſie entehren! Noch einmal, mein Freund, mag Herr Ducormier noch ſo verderbt ſein, ich kann nicht glauben, daß er fähig iſt bei kalter Ueberlegung eine ſo nichtswürdige verruchte That zu begehn. Das Zwiegeſpräch zwiſchen Jerome Bona⸗ quet und ſeiner Frau wurde durch den alten Be⸗ dienten unterbrochen, welcher eintretend dem Doctor ſagte:— Herr Doctor, Jemand wünſcht Sie augenblicklich zu ſprechen.— Der Name? Herr Joſeph Fauveau.— Joſeph! rief Bona⸗ quet nicht weniger überraſcht als beſorgt aus; bitten Sie ihn herein zu kommen.— Ich will Sie allein laſſen, mein Freund.— Nein, nein, bitte, bleiben Sie, meine liebe Heloiſe, denn, wie ich Ihnen berelts geſagt habe, beſchränken ſich meine Beſorgniſſe nicht auf Clementine Du⸗ val allein; ich befürchte noch anderes Unglück. Doch ſtill! da iſt Joſeph, fügte der Doctor in dem Augenblick hinzu, in welchem Fauveau von dem alten Bedienten die Thür geöffnet wurde. XXXIII. Beim Anblick Fauveaus konnten Doctor Bo⸗ naquet und ſeine Frau ihre ſchmerzliche Ueber⸗ raſchung nicht verhehlen. Joſeph war ganz unkenntlich; ſein Geſicht, in welchem man früher nur Offenheit und frohe Laune las, war mager, blaß und düſter und halb in dem ſtarken braunen Bart verſteckt, wel⸗ chen er in unverkürzter Länge hatte wachſen laſſen; ſeine ſchmutzige, unordentliche Kleidung gab ihm vollends ein elendes und erbärmliches Ausſehn; ſeine kräftige, hohe Geſtalt ſr gebeugt, als wenn er in ſich ſelbſt zuſamtengeſunken wäre; in ſeinen Geſichtszügen lag ein ſonderbares Ge⸗ miſch von Bitterkeit und Stumpfſinn; ſein Gang war, wo nicht ſchwankend, doch ſchwerfällig und unſicher; und leider bemerkte der Doctor bei den erſten Worten, welche Joſeph an ihn richtete, daß ein ſtarker Branntweingeruch aus dem Munde ſeines Freundes hervorkam. Das ſchmerzliche Erſtaunen Jeromes ſprach ſich ſo deutlich in ſeinen Zügen aus, daß ihm Fauveau mit lang⸗ ſamer, hohltönender Stimme ſagte: — Du findeſt mich verändert, he! Jerome? Schwerer Kummer muß Dich heimgeſucht haben! rief Bonaquet im Tone zärtlichen Vorwurfs aus; und ich habe nichts erfahren, und Du biſt nicht zu uns gekommen!— Nein! Jerome; ich habe Dich ſeit beinah einem Vierteljahr gemieden; Marie und ich haben uns gegen Dich wie gegen Deine Dame, die uns ſo freundlich entgegenge⸗ kommen war, kalt bezeigt. Da werdet Ihr euch geſagt haben, nicht wahr: Laß uns dieſe Un⸗ dankbaren vergeſſen! Ihr habt Recht gehabt. — Nein, Herr Fauveau, entgegnete Heloiſe, wir haben Sie nicht ſo beurtheilt; ich geſtehe Ihnen, die Kälte, welche unſeren erſten freund⸗ ſchaftlichen Beziehungen nach und nach folgte, that uns weh; während wir jedoch dieſe Verände⸗ rung, deren Urſache wir nicht kannten, beklagten, ſprachen wir doch ſtets von Madame Fauveau und Ihnen wie von zwei Freunden, welche früher oder ſpäter zu uns zurückkehren würden.— Und Sie ſehen, Madame, antwortete Fauveau nie⸗ dergeſchlagen, Sie ſehen, daß einer bereits zurück⸗ kehrt; doch zu ſpät.— Zu ſpät, mein guter Joſeph, ſagte Bonaquet, warum dies?— Weil mein Leben vergiftet, verloren iſt, murmelte Jv ſeph muthlos.— Dein Leben verloren! rief Doctor Bonaquet mit wachſender Beſorgniß aus. Joſeph, ich beſchwöre Dich, erkläre Dich; gieb Dich nicht ſo der Verzweiflung hin; vertraue uns Deinen Kummer mit voller Offenheit an; viel⸗ leicht können wir Dir mit gutem Rath helfen.— Ich bin Deiner Freundſchaft nicht mehr werth, Jerome, antwortete Fauveau verwirrt; ich habe Dich belogen und betrogen.— Du? Du?— Und indem ich hierher komme, breche ich einen Schwur. Das iſt noch eine Schlechtigkeit; doch was liegt daran! hat man einmal den Anfang gemacht, was verſchlägt es dann noch?— Sie verläumden ſich, Herr Fauveau, ſagte Helviſe ſanft. Sie ſind unfähig eine Schlechtigkeit zu begehn; ein biederer Charakter wie der Ihrige kann ſich nicht ſo verändern.— Das ſetzt Sie ſo in Verwunderung, daß Sie es nicht glauben mögen, nicht wahr, Madame? entgegnete Fah⸗ veau; ich ſelbſt hätte es früher nicht geglaubt, dennoch iſt es ſo! Gerade ſo wenig als ich ge⸗ glaubt hätte, daß ich, der ich nur mit Waſſer verdünnten Wein trank, eines Tages dahin kommen würde, mich mit Branntwein zu betäu⸗ ben! Ich hätte gelacht.— Joſeph, Du er⸗ ſchreckſt mich! rief Doctor Bonaquet. Ums Him⸗ melswillen ſage, was iſt geſchehn?— Es iſt geſchehn, ſtotterte Fauveau mit erſtickter Stimme, es iſt geſchehn, daß ich Marie un⸗ glücklich gemacht habe. Du, mein tit Joſeph, Di a, ich Der Doctor und ſeine Frau wjel von Die Prophezeihung. IV. neuem einen Blick ſchmerzlicher Ueberraſchung, während Fauveau fortfuhr: — Ich will mich deutlicher erklären, Hieroni⸗ mus; es iſt meine Pflicht, weil ich meiner Thor⸗ heiten ungeachtet zu Dir komme. Was willſt Du! Ein Unglücklicher, der er⸗ trinkt, verſucht ſich anzuklammern, wo er kann, icht wahr? Aber— es wird zu ſpät ſein. Ich fühle, daß ich verloren bin. Ich komme daher auch mehr um Dir Lebewohl zu ſagen, als um Deinen Rath zu erbitten. Wenn Du mich ange⸗ hört haſt, wirſt Du ſehen, daß mir nichts— nein, nichts mehr im Leben bleibt. Wer weiß, Herr Fauveau, entgegnete He⸗ lojſe, es giebt in der Freundſchaft ſo viele Troſt⸗ gründe, ſo viele Hülfsquellen! Fauveau ſchien die Worte der jungen Frau nicht zu hörens er drückte zwei Mal ſeine breiten Hände gegen die Stirn, indem er mit einem herz⸗ zerreißenden Lächeln ſagte: — Du, der Du Arzt biſt, wirſt das begreifen? Seitdem ich ſoviel Branntewein trinke, wird es mir ſchwer, mich zu beſinnen.— Glücklicher⸗ weiſe, fügte er, wie in einer Art trauriger Pa⸗ rentheſe hinzu, ja, meine Gedanken werden ſchwer⸗ fällig, verwirren ſich, verlieren ſich ſogar ganz, wenn ich, wie jetzt beinahe noch nüchtern bin; ſo — 103— weiß ich auch in dieſem Augenblicke nicht mehr, wo ich anfangen ſoll. — Mein guter Joſeph, höre mich— ich— — Ach ja, ich hab's! rief Fauveau, ſeinen Freund unterbrechend. Du erinnerſt Dich, Hiero⸗ nimus, daß das letzte Mal, als Marie und ich hier zu Mittag aßen, verabredet wurde, daß wir Anatole nicht mehr bei uns ſehen wollten? — Ohne Zweifel. — Nun gut! Ungeachtet Deiner Rathſchläge fuhren wir fort, Anatole zu ſehen, ohne daß wir wagten, es Dir zu geſtehn. — Ich bedaure dieſen Mangel des Ver⸗ trauens von Deiner Seite, mein er entgegnete der Doctor, indem er mit ſeiner Flau einen Blick wechſelte. Doch aus welchem Grunde haſt Du Anatole wiedergeſehen? — Weil er mir helfen wollte, mich zu rä⸗ chen. 2 — An wem? — An einem Prinzen! — Weshalb dieſe Rache? — Weil er Marie verführen wollte. — Was ſagſt Du? — Ja, er hatte meiner Frau Geld, viel Geld anbieten laſſen. — Deiner Frau? rief Hieronimus, indem 7* — 104— er voll Unwillen die Hände zuſammenſchlug. Dei⸗ ner Frau? — Sie verachtete dieſe Anerbietungen. Spä⸗ ter wollte der Zufall, daß Anatole als Secretär in den Dienſt eben dieſes Prinzen trat. Dieſer er⸗ fuhr, daß Anatole uns kannte, und er ſagte ihm: — Helfen Sie mir Marie Fauveau ver⸗ führen, und meine Protection iſt Ihnen geſi⸗ chert. — Das iſt ja abſcheulich! rief Hieronimus, indem er mit ſeiner Frau einen Blick des Abſcheus wechſelte. — Anatole ſtellte ſich, als ginge er darauf ein, fuhr Joſeph Fauveau fort, denn der Prinz hatie eine Tochter, eine große Dame, eine Her⸗ zogin. Und Anatole ſagte uns: Ich werde thun, als wollte ich der Liebe des Prinzen zu Marie dienen, um bei ihm feſten Fuß zu faſſen, und ſeine Tochter zu verführen; und eines ſchönen Tages werden wir ihn kommen laſſen, und ich werde ihm in Deiner Frau und Deiner Gegenwart ſagen: Mein Prinz, Sie wollten Entehrung in das Haus meines Freundes bringen, und ich habe die Schande in das Ihrige gebracht; Ihre Toch⸗ ter iſt meine Maitreſſe geweſen, und ich ver⸗ ſchmähe ſie jetzt.— So wirſt Du gerächt wer⸗ den, Joſeph. — Dieſe Rache wäre abſcheulich! rief He⸗ — 105— loiſe aus; denn die Tochter des Prinzen iſt ohne Zweifel nicht die Mitſchuldige von den ſchmach⸗ vollen Abſichten ihres Vaters. — Deſto ſchlimmer für ſie, ſagte Joſeph mit finſterem Weſen; ihr Spitzbube von Vater hat uns genug Böſes zugefügt. Er iſt die Urſache all' meiner Unglücksfälle. Ja, denn als ich erfuhr, daß man Marie fähig gehalten hatte, ſich fuͤr Geld hinzugeben, war mein erſter Gedanke, und er hat mich ſeitdem nicht wieder verlaſſen: Wenn man wagt, ſo um meine Frau zu handeln, muß ſie dazu Veranlaſſung gegeben haben; kurz, man muß etwas von ihr zu ſagen gewußt haben. — Das iſt ein unſinniges Urtheil, Herr Fauveau, ſagte Heloiſe lebhaft. Iſt denn die rechtſchaffendſte Frau von der Welt gegen unwur⸗ dige Anträge geſchützt? — Ja, auf den erſten Blick ſcheint das ſo, Madame. Anatole ſprach eben ſo wie Sie. Ich glaubte ihm auch einen Augenblick; doch bald kam mir gegen meinen Willen der verwünſchte Ge⸗ danke nicht mehr aus dem Kopfe, und ſeitdem habe ich fortwährend Argwohn gegen Marie gehegt. Ich, der ich bis dahin der Erſte war, der mit ihr über die Liebeserklärungen lachte, die man ihr in dem Laden machte; ich, der ich in meinem Leben nicht eiferſüchtig war, wurde es jetzt wie ein Tiger. Anatole mochte mir immerhin die Tugend meiner Frau rühmen; ich ſagte mir doch: Er verbirgt mir ſeinen Verdacht, um mich nicht zu beunruhi⸗ gen, doch mein Unrecht war ganz gewiß, meine Frau bisher nicht genug zu überwachen, zu viel Vertrauen zu ihr zu haben. Von dieſem Augen⸗ blick an hat die Eiferſucht meinen ganzen Charac⸗ ter verwandelt; ſtatt wie ehedem ſanft und gut gegen Marie zu ſein, habe ich mich nach und nach hart, mürriſch, mißtrauiſch gegen ſie gezeigt; ich hatte weder den Muth, meine Eifer⸗ ſucht zu geſtehen, noch den, nicht auf Marie ei⸗ ferſüchtig zu ſein. Und gleichwohl erduldete ſie mit der Sanftmuth eines Engels meine Ungerech⸗ tigkeit, meine Härte, die ſie nicht begriff. Ich ſah ſie immer trauriger werden, und oft überraſchte ich ſie, wie ſie unter Thränen ihre kleine Tochter umarmte. Da ſagte ſie mir mit einem Lächeln, welches mir das Herz zerriß, weil es dem einer Wahnſinnigen glich: Die Zauberin hatte vielleicht nicht Unrecht, mir entſetzliche Unglücksfälle zu prophezeihen; ich weiß nicht, wie ſie mir zuſtoßen werden, aber ſchon beginnen ſie. — Die arme Frau! Doch wie haſt Du, Jo⸗ ſeph, mit Deinem guten Herzen, Deinem geſun⸗ den Verſtande, dieſe unſinnige Eiferſucht nicht zu beſiegen vermocht? — Hieronimus, bei der Eiferſucht urtheilt man nicht!— Endlich ſagte Marie eines Tages — 107— zu mir: Joſeph, ich habe Dich nie belogen, ich habe Dich ſo geliebt, wie man nur Jemand lieben kann. Täglich ſagſt Du mir verletzende Worte. Ich habe ſie ſo wenig verdient, daß ich ſie nicht begreife. Wir müſſen uns offen ausſprechen, denn wenn Du fortführeſt, Dich ſo boshaft, ſo ungerecht zu zeigen, während Du ſonſt ſo gut warſt, würde ich Dich vielleicht zuletzt, ſelbſt gegen mei⸗ nen Willen, nicht mehr lieben.— Wenn Du mich nicht mehr liebſt, rief ich aus, indem ich mich in das Herz getroffen fühlte, ſo haſt Du ei⸗ nen Liebhaber, Unglückſelige! Ich habe das nach den Anträgen des Prinzen ſtets geargwöhnt, doch jetzt zweifle ich nicht mehr daran,— ich bin von Deiner Unwürdigkeit überzeugt.— Dann bekam ich einen Schwindel der Verzweiflung— der Wuth. Und ich erhob die Hand gegen Marie. Ha! rief der Doctor und ſeine Frau er⸗ ſchrocken. — Es iſt unwürdig, es iſt feig, nicht wahr, eine arme Frau ſchlagen zu wollen? nahm Fau⸗ veau mit Bitterkeit wieder das Wort. Ich weiß es wohl; doch die Eiferſucht, Hieronimus, die macht einen verrückt, wüthend, toll. Deshalb fuhr ich auch fort, indem ich Marie am Arme ſchüt⸗ telte: Geſtehe, daß Du einen Liebhäber haſt, Unglückſelige!— Wenn ich einen Liebhaber hätte, Joſeph, antwortete ſie mir, ſo würde ich es Dir — 108— geſtehen, und tödteteſt Du mich dafür auch auf der Stelle, denn nie in meinem Leben habe ich gelogen. Ich ſagte Dir nicht, daß ich Dich nicht mehr liebe, denn Gott weiß, wie viel ich geweint habe, wie viel ich noch täglich weine, indem ich an unſere gute Zeit von ehedem denke, jene Zeit, die für uns Beide zurückzurufen nur von Dir ab⸗ hinge. Ich habe Dir nur geſagt, wenn Du fort⸗ fährſt, ſo ungerecht und boshaft zu ſein, würde ich vielleicht ſelbſt gegen meinen Willen aufhö⸗ ren, Dich zu lieben, und das wäre für mich fürch⸗ terlicher, als wenn mir der Kopf abgeſchlagen würde, wie es mir die Hexe prophezeiht hat. Du haſt mich beſchimpft, geſchlagen.— Du biſt Dei⸗ ner ſelbſt nicht mächtig, mein armer Joſeph;— ich verzeihe Dir!— Du verzeihſt mir? rief ich aus, und Du ſollteſt mich auf den Knieen um Verzeihung bitten, Unglückſelige!— Ich will es, ſagte ſie, denn um mich ſo zu mißhandeln, mußt Du grauſam leiden, und wenn ich davon auch nur die unwillkürliche Urſache bin, bitte ich Dich hier auf meinen Knieen um Verzeihung. Biſt Du zufrieden? Doch ſei wenigſtens gut und ge⸗ recht gegen mich. Glaube an meine Aufrichtigkeit, meine Zärtlichkeit, welche ſo viele Kränkungen überlebt haben! — Slie iſt ein Engel! ſagte Helviſe, die Au⸗ 5 gen mit Thränen erfüllt. Das unglückliche Kindl 3 — 109— Und dieſe Unterwerfung hat Dich nicht ge⸗ rührt? rief der Doctor aus, der nicht minder ge⸗ rührt war, wie ſeine Frau. Dieſe ſo aufrichtigen Worte haben Dich nicht überzeugt? — Wenn Marie, die ſo ſtolz iſt, vor mir niederkniete, entgegnete Fauveau, indem er finſter den Kopf ſchüttelte, ſo mußte ſie ſich etwas vor⸗ zuwerfen haben; und dann komme ich auch immer wieder daraufzurück: Man bietet keiner Frau Geld, die nie von ſich ſprechen machte. Es iſt daher auch das Anerbieten dieſes alten Ungeheuers von Prinzen, welches mir die Augen geöffnet hat. — Doch die Reſignation, die Du Deiner Frau zum Vorwurf machſt, zwangſt Du ihr durch Deine Gewaltthätigkeit auf; ſie hatte kein ande⸗ res Mittel Dich zu beſchwichtigen. — Mich beſchwichtigen? entgegnete Joſeph mit finſterem Lächeln. Dieſe Heuchelei hat meine Wuth verdoppelt, und ich habe ſie ſo unwürdig behandelt, daß ſie mir ſagte: Joſeph, ohne unſre kleine Tochter und den Kummer, den ich meinen Eltern dadurch zu machen fürchtete, würde ich Dich nach dem heutigen Auftritte für immer ver⸗ laſſen. — Dieſe Worte brachten mich außer mir. Zum Glück trat Anatole in dieſem Augenblick ein, ſonſt glaube ich, würde ich ſie ermordet haben; er entriß ſie meinen Händen, indem er mir meine — 110— Roheit zum Vorwurfe machte. Da enffloh ich wie ein Wahnſinniger dem Laden; ich lief vor⸗ wärts, ohne auf meinen Weg zu achten. Nach Verlauf, ich weiß nicht wie langer Zeit, kam ich zu mir. Ich war ſo weit gegangen, daß ich mich wie zerſchlagen fühlte. Ich trat in ein Kaffee⸗ haus, um mich auszuruhen; der Gargon fragte, ob ich ein Gläschen Branntwein wollte; ich nahm es unbewußt an. Die Aufregung, in der ich mich befand, und der Umſtand, daß ich an ein ſolches Getränke nicht gewöhnt war, haben ohne Zweifel die Wirkung verdoppelt, denn nach dem erſten Gläschen verwirrte ſich mein Kopf und ich erinnerte mich kaum noch auf das Vorgefallene. Ich fand dieſes Vergeſſen gut, und um vollends Alles zu vergeſſen, trank ich ein zweites, ein drit⸗ tes Gläschen, vielleicht auch noch mehr, denn ich wurde zuletzt ſo betrunken, daß der Herr des Kaffeehauſes Mitleid mit mir empfand. Er ließ in einem Hinterſtübchen ein Bett für mich machen, und dort brachte ich die Nacht zu. Als ich mit Tagesanbruch erwachte, glaubte ich zu träumenz doch bald beſann ich mich auf Alles. Da ſagte ich zu mir: Der Branntwein iſt eine ſchöne Er⸗ findung; er macht vergeſſen.— Von jenem Tage fing ich an zu trinken, um mich zu betäuben. Al⸗ les wurde mir gleichgültig; ich beſchäftigte mich eben ſo wenig mit meinen Angelegenheiten, wie mit — ———— —— — 111— mir ſelbſt; ich ließ den Bart wachſen und ftürzte mich kopfüber in den viehiſchen Zuſtand. Man zeigt daher auch in meinem Stadtviertel mit Fin⸗ gern auf mich, und wenn ich nicht auf den Tod betrunken bin, mache ich Marien abſcheuliche Sce⸗ *nen. Sie hat auch das mit ihrer Engelsgeduld ertragen. Doch geſtern, nach einem Auftritte, bei welchem ich ſie in Gegenwart ihrer Tochter miß⸗ handelte, erklärte ſie mir, daß ſie nicht mehr er⸗ dulden könnte, daß unſer Verkehr immer ſchlechter würde, und daß ſie entſchloſſen ſei, ſich mit unſe⸗ rer Tochter zu ihrer Mutter zurückzuziehen. Sie fügte in Thränen ausbrechend hinzu: In dem Augenblick, wo ich Dich für immer verlaſſe, zürne ich Dir nicht, ſo boshaft Du auch geworden biſt, und verzeihe Dir, Joſeph. Der Urheber all un⸗ ſeres Kummers iſt der verwünſchte Prinz, weil er durch ſeine ſchmachvollen Anerbietungen Deine Eiferſucht erweckt hat. Ohne dieſe Eiferſucht wür⸗ deſt Du gut und gerecht geblieben ſein, wie ſonſt. Doch Geduld.— Das letzte Mal, als Herr Ana⸗ tole hier war, ſagte er mir, daß der Tag der Rache nahe. Das Unglück hat mich boshaft ge⸗ macht, und ich freue mich über Alles, was dieſem unwürdigen Prinzen Grauſames begegnen kann. — Das hindert zwar nicht, daß unſer Glück für immer vernichtet ſei,— mein armer Joſeph— doch tröſte Dich, wie ich mich tröſte, indem ich — 112— denke, daß die Wahrſagerin ſich nur in der To⸗ desart getäuſcht hat, indem ſie mir prophezeihte, ich würde jung ſterben— auf dem Blutgerüſte. Wenn die Frau nur den Irrthum begangen hat, ſo würde ich ihr von ganzem Herzen danken, denn ich wäre jetzt ſehr glucklich, wenn ich bald ſtürbe. — Du glaubſt doch nicht, rief Hieronimus aus, daß nach ſo vielen Erſchütterungen, nach ſo mannigfachem Kummer, die Einbildungskraft Dei⸗ ner armen Frau von dieſer lächerlichen doch fin⸗ ſteren Prophezeihung ergriffen werden, ihr Ver⸗ ſtand ſich verwirren könnte? — Doch, denn ich erſchrack, als Marie ge⸗ ſtern die letzten Worte ſagte; es durchzuckte mich wie ein Blitz, und einen Augenblick dachte ich, daß ich vielleicht Unrecht gehabt hätte, eiferſüchtig zu ſein. Auf dem Punkte, auf dem ich mit mei⸗ ner Frau ſtand, hätte es mir gleichgültig ſein ſol⸗ len, mich von ihr zu trennen. Doch nein; dieſer letzte Schlag hat mich erſchüttert. So wenig ich auch Marie ſah, war es doch immer das.— Und wenn ich meiner Beſinnung mächtig war, betrachtete ich meine Frau, indem ich mich wie an einen längſt verſchwundenen Traum an unſere freundliche Wirthſchaft von ehedem erinnerte, on unſere Liebe, unſere ſchönen Pläne, uns noch jung auf das Land zurückzuziehen. Ich weiß wohl, 1 daß das eben ſo viele Dolchſtöße waren, die ich — n— mir ſelbſt verſetzte, indem ich daran dachte. Doch gleichviel; ich ſagte mir dennoch: Ich bin glück⸗ lich geweſen! Hieronimus und ſeiner Frau traten Thränen in die Augen; Fauveau bemerkte es nicht, und fuhr fort: — Als Marie mir ſagte, daß wir uns tren⸗ nen müßten, war das mein Todesſtoß, wie ich Dir mittheilte, Hieronimus. Statt in Wuth zu gerathen oder ſie zu beſchwören, mich nicht zu verlaſſen, ſaß ich wie ein Stumpfſinniger da, weinte und ging dann hinauf zu dem kleinen Stüb⸗ chen, welches ich im vierten Stockwerk gemiethet habe. Ich warf mich auf mein Bett und trank Branntwein, um das Gedächtniß zu verlieren. — Ich wollte wieder von vorne beginnen, indem ich hoffte, daran vielleicht zu ſterben, als ich plötzlich, ich weiß ſelbſt nicht, wie, an Dich bachte, Hiero⸗ nimus. Ich war wie ein Ertrinkender, der nach einem letzten Zweige faßt. Ich ſagte zu mir: Ich will Hieronimus aufſuchen, ihm auf jeden Fall Lebewohl ſagen, und ihn um Verzeihung bitten, daß ich ihn getäuſcht habe; denn, ſiehſt Du, mit der erſten Lüge, die wir wegen Anatole gegen Dich vorbringen mußten, hat bei Marie und mir das angefangen, was Duunſere Kälte nannteſt. Gleich⸗ wohl war es nichts als Verlegenheit, als Scham. Denn Marie und ich fühlten Reue über unſern n— Mangel an Vertrauen gegen Dich. Du Deiner⸗ ſeits, und Deine Frau, die Ihr glaubtet, daß wir kälter gegen Euch wären, Ihr waret immer zurückhaltender gegen uns geworden. Siehſt Du, Hieronimus, ohne mein Unglück würdeſt Du mich daher auch nicht hier ſehen. Jetzt haſt Du mich angehört; hatte ich nun nicht Recht, zu ſagen, daß alle Rathſchläge der Welt an mei⸗ ner Lage nichts ändern könnten? Marie haßt mich, ſie iſt auf immer für mich verloren, ja, auf immer, auf immer! Der unglückiche bedeckte mit beiden Händen ſein Geſicht, welches von den Thränen benetzt wurde, die er nicht länger zurückzuhalten ver⸗ mochte, ſank auf einen Seſſel und ſtieß herzzerrei⸗ ßende Seufzer aus. ℳ Ende des vierten Bändchens. —— ℳ Druck von Otto Wigand in Leipzig. —— — „ S o78 e1i vence