Leihbibliothek 3 B Eduard Ottmann in Gießen. 8 . ₰ Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch!1 Kr. 6 B„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: F für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: E 3—— auf 6 Monat 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. Kr. art Eugen Sue's ſinntliche Werke. 260. Theil. Die Prophezeihung. Drittes Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. — * Die Prophezeihung. Von Eugen Sue. Drittes Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. S Abermals trat Ducormier eine Thräne in die Augen. Faſt ſchämte er ſich dieſer lebhaften Rührung, drückte ſeinem Freund ſchnell die Hand und machte ſich eilig auf, indem er ihm ſagte: — Auf Wiederſehn, mein lieber Jerome.— Ja, lauf nur fort, rief ihm Doctor Bonaquet freude⸗ und hoffnungsſtrahlend nach. Ich habe ſie doch geſehn... dieſe ſchöne Thräne, die Du mir verbergen willſt. Jetzt fürchte ich nichts mehr... Du wirſt glücklich werden, mein Ana⸗ tole! Deine Bekehrung iſt gewiß! Ducormier verließ ſeinen Freund, ſtieg wie⸗ der in das Cabriolet, welches ihn hergebracht hatte, und ließ ſich ſchnell dem Hte Mot⸗ ſenne fahren. XIX. Anatole Ducormier kam bald vor der Woh⸗ nung des Fürſten von Morſenne an. Es war ungefähr halb eilf Uhr. Als der Freund Doctor Bonaquet's den weiten Hof des Hotels überſchritt, ſah er vor der Frei⸗ treppe eine mit zwei prächtigen Grauſchimmeln beſpannte Berline halten. Man erinnert ſich wohl, wie Tags zuvor Frau von Beaupertuis und ihre Mutter(Frau von Morſenne) überein⸗ gekommen waren, andern Morgens miteinander die Predigt des Abbé Jourdan zu beſuchen; ihrem Verſprechen gemäß hatte die Fürſtin um halb zehn Uhr ihre Tochter geweckt, und obwohl dieſe ziemlich ſpät vom Opernball nach Hauſe gekommen, war ſie dennoch bereit ihre Mutter zu„ begleiten; der Wagen ſtand an der Freitreppe für dieſen morgentlichen Ausgang bereit. Anatole Ducormier war im Begriff die Stufen hinaufzu⸗ ſteigen, als ſich die Thür der Vorhalle öffnete und zwei Lakaien, der eine mit Kiſſen, worauf die geſtickten Namenszüge von Frau von Beau⸗ pertuis und ihrer Mutter, der andere mit zwei großen Gebetbüchern in mit Wappen verzierten Futteralen unter dem Arm, heraustraten Einer die⸗ ſer Bedienten machte den Kutſchenſchlag auf und legte die Gegenſtände, welche er brachte, auf die Wa⸗ genkiſſen, während ſich ſein Gefährte an den Kut⸗ ſcher wandte, welcher in weißer Perrücke und in weiten Mantel mit falſchem Kragen gehüllt, ernſt und regungslos auf dem Bock ſaß, indem er demſelben lachend ſagte: — Nun, James? trotz des Opernballes ſteht man früh Morgens auf, um in die Meſſe zu fahren. 6 Ducormier, welcher am Fuße der Treppe ſtand, und ſo nur einige Schritt von dem Wa⸗ gen entfernt war, horchte auf die Worte, mit welchen der Kutſcher angeredet wurde, als der andere Dienſtbote ſeinen Gefährten unterbrach, indem er ihm halblaut die Worte ſagte, welche Anatole auch noch hörte: — Still doch, Peter, da iſt die Herzogin. In der That trat Frau von Beaupertuis in dieſem Augenblick mit ihrer Mutter aus der Vor⸗ halle hervor; die Erzieherin von Fräulein von Mor⸗ ſenne begleitete Beide. Die Fürſtin, welche der Lehrerin wahrſcheinlich einige Verhaltungsbefehle in Betreff des jungen Mädchens zu geben hatte, ſprach einige Minuten leiſe mit derſelben. Frau von Beaupertuis, welche die Beendi⸗ gung der Unterredung ihrer Mutter Nanch abwartete, blieb alſo allein oben an der Freitreppe ſtehn. Trotz der auf dem Ball verleb⸗ ten Nacht ſah die junge Herzogin reizend friſch aus; ihre durch die kühle Morgenluft leicht gerö⸗ thete Geſichtsfarbe ſtrahlte von Schönheit; die duftigen hellblonden Locken ihres Haarputzes à là Sevigné rahmten ihre ſchöne, halb vom Spitzenbeſatz des ſchwarzen Sammethuts ver⸗ ſteckte Stirn lieblich ein; ihre großen braunen Au⸗ gen, wahrſcheinlich in Folge der durchwachten Nacht etwas mattblickend, ſchienen nur mit Mühe die langen Augenlieder emporzuhalten; und ob⸗ wohl ſie in einen Mantel mit langem Pelzkragen von Hermelin wie ihr Muff gehüllt war, errieth man doch an der Anmuth ihrer Bewegungen die Feinheit ihrer ſchlanken und zarten Geſtalt. So erſchien Diana von Beaupertuis Ducor⸗ mier, welcher beim Anblick dieſer reizenden jun⸗ gen Frau einen⸗Augenblick regungslos am Fuße der Freitreppe ſtehn blieb. Anatole, von Natur mit beſonderem Scharfſinn begabt, hatte zuerſt aus den Worten des Lakaien an den Kutſcher ge⸗ ſchloſſen, daß die Herrſchaften des Wagens dem Opernball der letzten Nacht beigewohnt. Er blickte ſogleich nach den Feldern eines der Thor⸗ flügel und bemerkte auf denſelben ein verſchlun⸗ genes M. und B. mit herzoglicher Krone dar⸗ über, denſelben Namenszug, welchen er Abends vorher in einer Ecke des Taſchentuches jenes fei⸗ nen Domino wahrgenommen, welcher ſich ſeines Arms bemächtigt hatte. Endlich hatte Anatole den anderen Bedienten noch ſagen gehört: Schweige doch, da iſt die Herzogin. Und in dieſem Augenblick war es, daß Ducormier aufſchauend beim Anblick der jungen Frau be⸗ wundernd ſtehn blieb. Erinnern wir uns noch daran, daß er an demſelben Morgen bei ſeinem Freunde, Doctor Bonaquet, erfahren, wie die Tochter des Fürſten von Morſenne, die Herzogin von Beaupertuis, die Verfaſſerin jener groben Rückanzeigen in Betreff der Verheirathung der Marquiſin von Blainville mit ihrem Arzte war. Mußte ein ſo ſcharfſichtiger Beobachter als Ducormier aus ſo vielen bedeutungsvollen An⸗ zeigen nicht ſchließen, daß der feine Domino des Vorabends mit der Herzogin von Beaupertuis, der reizenden Frau, welche er oben auf der Frei⸗ treppe erblickte, ein und dieſelbe Perſon ſei? Dieſer Gedanke kam Anatole wie der Blitz, während er langſam die Stufen der Freitreppe hinanſtieg, um dieſe Frau, die ihm von ferne ſo ſchön erſchien, näher zu ſehn. Er erreichte die letzte Stufe in dem Augenblick, in welchem Frau von Morſenne ihr Geſpräch mit der Erzieherin ihrer jüngſten Tochter beendet hatte. —— Wie wir früher bereits bemerkt haben, war Frau von Beaupertuis ziemlich kurzſichtig; ſie er⸗ kannte denn auch Anatole erſt, als derſelbe ihr bereits ſehr nah war. Bei ihrer plötzlichen Ueber⸗ raſchung fuhr die junge Frau zuſammen und wurde über und über roth. Ducormier bemerkte dieſe Bewegung, ſah die Herzogin feſt an, verneigte ſich ehrfurchtsvoll vor ihr und ihrer Mutter und ging vorbei. Das Zuſammenfahren von Frau von Beau⸗ pertuis beim Anblick Anatole's war ſo lebhaft geweſen, daß Frau von Morſenne fragte: — Diana, was iſt Ihnen?— Nichts, Mutter ich glaube, ich bin auf mein Kleid getreten, antwortete die Herzogin; dann ſtieg ſie mit geſenktem Haupte die Stufen der Freitreppe hinab, um ihre wachſende Röthe zu verbergen. — Wer mag der Herr ſein, der uns eben grüßte? ſagte die Fürſtin, indem ſie ihrer Tochter folgte; er iſt lächerlich ſchön für einen Mann. Wahrſcheinlich geht er zu Ihrem Vater?— Ich kann es nicht ſagen, liebe Mutter, antwortete Diana, ich kenne ihn ebenſo wenig als Sie. Nachdem beide Damen eingeſtiegen waren, rollte der Wagen raſch davon. 4 Ducormier wandte ſich an die Dienerſchaft Herrn v. Morſenne's, nannte ſeinen Namen und gedachte ſeiner Herbeſcheidung, worauf er ſogleich „ — ½ gemeldet und bei dem Fürſten eingeführt wurde. Dieſer ſaß im Hausrock vor dem Kamin und hielt gedankenlos den Moniteur in der Hand, ohne darin zu leſen. Sein blaſſes, angegriffenes Geſicht und ſeine trüben Augen zeugten von einer ſchlafloſen Nacht; er ſah matt und mürriſch aus. Obwohl er die Anmeldung des Kammerdieners: Herr Anatole Ducormier, gehort hatte, ſchien er doch die Gegenwart des jungen Mannes nicht zu bemerken, welchem er bisher den Rücken zukehrte, da er es nicht der Mühe werth hielt, ſich wegen des gelöhnten Secretärs ſeines Freun⸗ des, des engliſchen Geſandten, zu beläſtigen. Endlich indeß entriß ſich Herr Morſenne nicht ohne einen Seufzer ſeinen heimlichen Liebesgedan⸗ ken, denn er dachte an Maria Fauveau, warf die Zeitung auf ſeinen Arbeitstiſch und wandte ſich langſam in ſeinem Lehnſeſſel um, um die Audienz zu beginnen. Ducormier, welcher ſeit einigen Minuten daſtand und bitter das Gering⸗ ſchätzige dieſes Empfanges fühlte, hatte ſchwei⸗ gend darauf gewartet, daß der Fürſt ihn zu be⸗ merken ſich herbeilaſſen würde. Wie erſtaunte Anatole aber, als ſich Herr von Morſenne, nachdem er ihn forſchend angeſehn hatte, ohne ein Wort zu ſagen, in ſeinen Lehnſtuhl zurückwarf. — Welch ein ſonderbarer Zufall! ſagte ſich der Fürſt von Morſenne; das iſt derſelbe junge —. Mann, welcher dieſe Nacht die verherte Marie Fauveau auf dem Opernball begleitete, deren un⸗ abläſſig mich verfolgendes Bild leider allen Schlaf von meinem Lager ſcheuchte; ich erkenne 5 den Burſchen genauz; er ſtand bei ihr in der Vor⸗ halle, während ihr Narr von Mann die Mäntel holte; er ſcheint mit den Fauveau'ſchen Eheleuten bekannt zu ſein: wäre es vielleicht ein Anbeter oder Liebhaber? Das dumme Vieh von Loiſeau, welches nichts weiß, konnte mir dieſe Nacht kei⸗ nen Aufſchluß darüber geben, denn die Gegen⸗ wart dieſes ſüßen Herrchens bei der Kleinen machte mir einige Unruhe. Noch einmal, dies iſt ein ſonderbarer Zufall! Wird mir derſelbe ver⸗ derblich ſein?... Wir wollen ſehn.„ Mit dieſen Gedanken erlangte Herr von Morſenne ſeine Gelaſſenheit wieder. Um denn auch Anatole über ſeine verrathene Ueberraſchung irre zu führen, ſagte er im unbefangenſten Tone: — Ich bitte ſehr um Entſchuldigung, mein lieber Herr; ich war in das Leſen der Zeitung ſo vertieft, daß ich Ihre Anmeldung überhörte; darum war ich überraſcht, Sie vor mir zu ſehn; verzeihen Sie meiner Zerſtreuung. Ducormier, welcher ſich durch dieſe Lüge nicht täuſchen ließ, und zu erforſchen wünſchte, wes⸗ halb ſein Anblick Herrn von Morſenne ſo lebhaft 1 — überraſchte, erwiderte mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung: — Hoheit, hier iſt ein Brief, welchen der franzöſiſche Geſandte am engliſchen Hofe mir den ehrenwerthen Auftrag ertheilt hat Ihnen zu über⸗ reichen. Herr von Morſenne nahm den Brief, ohne Ducormier einen Stuhl zu bieten, und las das Folgende leiſe: „Lieber Freund, Anatole Ducormier, mein Privatſecretär, wird Ihnen dieſen Brief einhändigen; vertrauen Sie demſelben, und ſprechen Sie mit ihm ohne Rückhalt von unſerer Angelegenheit; es iſt ein ſehr liſtiger, ſehr gewandter und in der Wahl der Mittel wenig bedenklicher Burſche, kurz, zu jeder Art Dienſten(und zwar zu vortrefflichen Dienſten) bei der in Rede ſtehenden Angelegen⸗ heit geſchickt. Er führt eine gewandte Feder; ſein Scyl iſt kräftig und beißend; ſeine Logik bündig und ſcharf; auch wird er bei dem in Rede ſtehen⸗ den Angriff eine um ſo furchtbarere Waffe ſein, als er ungeſehn verwundet. Der Burſche hat ſich merkwürdig bei mir gebildet; er hat ſich, ich weiß nicht wie, das Benehmen eines wahrhaften Geſellſchaftsmannes angeeignet; er ahmt denſel⸗ ben oft täuſchend nach. Wenn er nur von er⸗ träglicher Herkunft wäre, könnte man ihn in der niedern officiellen Diplomatie verwenden; dieſer Burſche iſt aber der Sohn eines armſeligen Krämers, deſſen Schweſter lange Zeit Haus⸗ hälterin bei mir war. Der Ducormier wird alſo ein Art Figaro bleiben, den man zu allen den⸗ jenigen Dingen benutzen kann, bei denen Ver⸗ ſchlagenheit, Verborgenheit und Heimlichkeit Noth thut. Sollten Sie zur glücklichen Ausfüh⸗ rung der Ihnen bekannten Angelegenheit einige Gegner mit Geld gewinnen müſſen, ſo ver⸗ laſſen Sie Sich auf meinen Ducormier: er iſt der leibhaftige Verſucher. Kurz, er wird vor nichts zurückſchrecken, ſelbſt nicht vor Handlun⸗ gen, die am meiſten das Licht zu ſcheuen haben, ſobald man nur ſeiner unheilbaren und lächer⸗ lichen Eitelkeit ſchmeichelt und ihm ein glänzen⸗ des Loos von ferne zeigt(wohlverſtanden den Köder aller Thoren). Denn er iſt das ſonder⸗ barſte Gemiſch von Kriecherei und Stolz, von Dünkel und knechtiſcher Geſinnung, das mir je vorgekommen... Und doch trat das furchtſam und treuherzig wie ein Roſenmädchen bei mir ein. Uebrigens iſt der Ducormier rechtlich und un⸗ eigennützig, wenigſtens hat er ſich bisher ſo ge⸗ zeigt. Auf jeden Fall vertrauen Sie ihm nichts Schriftliches an. Sobald Leute dieſes Schla⸗ ges ihre urſprüngliche Unſchuld verloren haben . und anfangen die Herrn und Stutzer zu ſpie⸗ len, iſt es ſehr gerathen, ſich mit denſelben nicht mehr zu tief einzulaſſen und ſich den Weg offen zu halten, ſie nöthigenfalls verleugnen zu können. Ich bin daher im Stande, den Ducormier jeden Augenblick zu desavouiren. Ueben Sie dieſelbe Vorſicht, lieber Freund; ich lege es Ihnen bei unſerem gemeinſchaftlichen Intereſſe ans Herz. Muͤndliche Mittheilungen Ducormier's werden die beigefügte Note ergänzen. Schicken Sie mir denſelben nach London zurück, ſobald Sie ſeiner in Paris nicht mehr bedürfen. Leben Sie wohl, lieber Freund! Immer der Ihrige A. von M.“ „Nachſchrift.— Da man auf Alles gefaßt ſein muß, habe ich dieſen Brief abſichtlich nicht beſonders couvertirt. Wie Sie bemerken werden, iſt das Siegellack auf eines unſerer metalliſchen Sicherheitsſiegel gelaſſen, Dank welchem jede noch ſo künſtlich verhehlte Verletzung des Brief⸗ geheimniſſes eine unvertilgbare Spur zurückläßt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, wenn der Du⸗ cormier gegen meine Erwartung(ich halte ihn für zuverläſſig) die Frechheit gehabt haben ſollte, dieſen Brief zu erbrechen, Sie ihn auf der Stelle ſeiner Schändlichkeit überführen und wie einen —— Bedienten fortjagen, indem Sie mich von der Ausführung benachrichtigen.“ Nachdem Herr von Morſenne den Brief durchgeleſen, ſchwieg er einen Augenblick, indem er denſelben anſcheinend gedankenlos in der Hand umdrehete, um ſich ohne Aufſehn davon zu über⸗ zeugen, ob das Sicherheitsſiegel unverletzt ge⸗ blieben; wie vorſichtig dieſe Unterſuchung auch vorgenommen wurde, entging ſie doch Ducor⸗ mier's Scharfblick nicht; eine fliegende Röthe der Entrüſtung ſtieg in ſein Geſicht, als er bemerkte, welchen niedrigen Mißbrauch des Vertrauens man ihm zutraute, ein bitteres Lächeln flog über ſeine Lippen, dann wurde er wieder regungslos und aufmerkſam. Da das Sicherheitsſiegel bewies, daß der Brief zum erſten Mal geöffnet, ſagte ſich Herr von Morſenne: — Nach dem zu ſchließen, was ich von dem Spitzbuben jetzt weiß, führt ihn mir vielleicht ein günſtiges Geſchick zu. Der wird nie ein gefähr⸗ licher Nebenbuhler für mich bei der kleinen Fau⸗ veau ſein. Und nach neuem Sinnen ſprach der Fürſt bei ſich: — Nein, der wird kein Nebenbuhler werden, vielleicht wird er ſogar... das Gegentheil. Darauf folgte Herr von Morſenne einem ——— neuen Gedankengang und begann die lange Note zu leſen, welche den Brief ſeines Freundes be⸗ gleitete. Von Zeit zu Zeit verriethen die nachdenklichen Züge des Fürſten trotz der Wichtigkeit des Ge⸗ genſtandes, mit welchem er ſich beſchäftigte, eine unwillkürliche Zerſtreuung; während des Leſens ſchielte er wiederholt zu Ducormier verſtohlen hinüber. Dieſer, welcher den Schlich merkte und ihn zu vereiteln wünſchte, wandte ſich mit an⸗ ſcheinender Neugierde um, um ein ſehr ſchönes Heiligenbild, welches das Arbeitszimmer des Fürſten zierte, zu betrachten. Nun vollendete Herr von Morſenne ohne weitere Zerſtreuung die Leſung ſeiner diploma⸗ tiſchen Note. XX. Der Fürſt von Morſenne legte, nachdem er die Note, welche den ihm von Ducormier über⸗ reichten Brief begleitete, geleſen hatte, die Pa⸗ piere auf ſeinen Schreibtiſch, ſah den jungen Mann forſchend und durchdringend an und ſagte mit freundlicher Stimme: „— Nun, mein lieber Herr Ducormier, laſſen Die Prophezeihung. IMI. 2 Sie uns von Geſchäften reden.— Ich ſtehe zu Befehl, Fürſt.— Sie wiſſen, um was es ſich handelt?— Hoheit, antwortete Ducormier ſchlau und zögernd, darf ich es wiſſen?— Ja, ja, Sie können mit vollkommener Sicherheit ſpre⸗ chen.— Dennoch unterſtehe ich mich Sie zu bit⸗ ten, Hoheit, mich vollkommen ins Vertrauen zu ziehn, indem Sie mir einige Fragen vorzulegen geruhn.— Herr Ducormier iſt ſehr vorſichtig? — Es iſt meine Pflicht, Hoheit... da ich die Ehre habe, mit einer ſehr bedenklichen Angelegen⸗ heit an Sie abgeſandt zu ſein.— Nun, Herr Du⸗ cormier, entgegnete Herr von Morſenne mit einem verbindlichen Lächeln, ich ſehe, daß Sie ein vollendeter Diplomat ſind, voll richtigem Ge⸗ fühl und Umſicht. Nun, es ſei; da Sie gefragt zu ſein wünſchen, werde ich einige Fragen an Sie richten. Man hat Ihnen Noten in Bezug uuf die engliſche Frage übergeben?— Ja wohl, 3 Hoheit und auf dieſelben wie auf die beglei⸗ tenden Aktenſtücke geſtützt habe ich eine vollſtän⸗ dige Arbeit in dem mir angegebenen Sinn ent⸗ worfen.— Wir werden dieſe Arbeit ſehn. Sie können dieſelbe durch den National veröffent⸗ lichen, ohne daß die Quelle der Schrift bekannt wird; Sie werden ferner, und ſtets unbekannt, ſich kräftig bei dem Streit betheiligen können, welcher ſich mit den officiellen Blättern des Ca⸗ — binets nothwendig über dieſen Gegenſtand an⸗ ſpinnen wird.— Die in Rede ſtehenden That⸗ ſachen ſind ſo wichtig und haben einen ſo großen Anſchein der Echtheit, daß es genügen wird, meine Arbeit dem National einfach durch die Poſt ohne Nennung des Namens zu überſenden, um ihn zu veranlaſſen, dieſe dem Miniſterium ſo gefährlichen Aufklärungen mit Eifer zu benutzen. Iſt die Polemik in Betreff derſelben erſt eröffnet, ſo erhält der National von ſeinem unbekann⸗ ten Mitarbeiter kategoriſche Antworten auf die Einwürfe der miniſteriellen Blätter.— Ich weiß, mein lieber Herr Ducormier, daß Sie ein Schrift⸗ ſteller erſten Ranges ſind, und es bei Ihrem Geiſt, Ihrer Verſchwiegenheit und Ihrem vortrefflichen Benehmen ſehr weit, ich verſichere Sie, ſehr weit bringen können!— Hoheit!— Ich bemerke das hier beiläufig, lieber Herr Ducormier. Laſſen Sie uns zu unſerm Geſchäfte zurückkehren. Der erſte Artikel des National wird die Oppoſition offenbar zu Interpellationen veranlaſſen.— Und der Erfolg derſelben, Hoheit, wird ſein, daß der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten in der peinlichſten Verlegenheit dennoch den angegebe⸗ nen Thatſachen die klarſte, bündigſte, beſtimm⸗ teſte Ableugnung entgegenſtellen wird.— In Wahrheit, entgegnete der Fürſt lächelnd, mir iſt, als hörte ich den lieben Miniſter reden.— — 6 Schließlich, fuhr Anatole fort, wird der Herr Miniſter nach ſeinem gewöhnlichen redneriſchen Verfahren feierlich ſein Wort für die Wahrheit ſeiner Erklärung verpfänden und ſeine Gegner frecher Lüge zeihn.— Dann, Herr Ducormier, Einſendung eines neuen Artikels an den Nati⸗ onal, welchen diesmal Aktenſtücke von unver⸗ werflicher Echtheit begleiten.— Beſtürzung des Herrn Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten nach dieſer ihm gebotenen Lügenſtrafe, welche durch die Veröffentlichung eines officiellen, von ihm ſelbſt unterzeichneten Aktenſtücks unterſtützt wird. Doch auch jetzt läßt ſich der Herr Miniſter, treu ſeinem Grundſatze, wenn er bei einer Lüge ertappt wird, nicht aus der Faſſung brin⸗ gen, zuckt vielmehr mitleidig die Achſeln und ſagt, daß er daran wohl das Gewäſch einer in den letzten Zügen liegenden klatſchſüͤchtigen Oppo⸗ ſition erkenne; indem er endlich mit erhabener Würde und ſtolzer Geringſchätzung erklärt, daß es Anſchuldigungen ſo lächerlicher, ſo frecher, ſo ſchamloſer Art gäbe, daß man ſich nicht einmal herablaſſe, dieſelben zu rügen, viel weniger ſie zu widerlegen, wenn man die Ehre habe, königlicher Miniſter zu ſein.— Köſtlich! köſtlich! lieber Herr Ducormier, rief der Fürſt von Neuem la⸗ chend aus; das Bild iſt mit meiſterlicher Hand gezeichnet, es iſt ganz Leben! Trotz des Herrn — * 8 —— Miniſters Ableugnung und Frechheit indeß iſt er zu Tode getroffen, der hochmüthige Herr kann dem allgemeinen Zetergeſchrei, welches die Preſſe gegen ihn erhebt, nicht länger wi⸗ derſtehn und muß ſeine Entlaſſung einreichen. — Doppelt glückliches Ereigniß für die diploma⸗ tiſchen Intereſſen des Landes, Hoheit, denn der Herr Geſandte Frankreichs in England behält ſeinen Poſten, welchen ihn der in Rede ſtehende Miniſter entziehen wollte; und dann, fügte Du⸗ cormier in bedeutungsvollem Tone hinzu, erblickt man an der Spitze der auswärtigen Angelegen⸗ heiten Frankreichs endlich einen in gleichem Maße durch ſein politiſches Talent und ſeine hohe Ge⸗ burt ausgezeichneten Staatsmann.— Herr Du⸗ cormier hat eine viel zu gute Meinung von dem Staatsmanne, auf welchen er, glaub' ich, an⸗ ſpielen will, entgegnete Herr von Morſenne mit beſcheidenem und gefälligem Lächeln; das einzige Verdienſt dieſes Staatsmannes würde das ſein, daß er den Ruhm und die Würde Frankreichs hinreichend liebte, um das Miniſterium der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten zu übernehmen, wenn daſſelbe erledigt würde; in Ermanglung des Ta⸗ lents würde er dem Könige wenigſtens ſeine un⸗ erſchütterliche Hingebung an deſſen Perſon und Politik zu Füßen legen.— Ich unterſtehe mich, Hoheit, Ihrer Anſicht in Betreff des Staats⸗ —— mannes, auf welchen hinzuweiſen ich in der That die Ehre hatte, nicht ganz beizuſtimmen; indem ich ſeines politiſchen Talents erwähnte, ſprach ich nicht etwa mein eigenes Urtheil aus: in meiner Stellung, Fürſt, bewundert man und ſchweigt; ich bin aber unwilltürlich der Wieder⸗ hall Frankreichs, ich könnte ſagen Europas, denn mein Aufenthalt in London hat mir trotz meiner niedrigen Stellung Gelegenheit gegeben, häufig von verſchiedenen Diplomaten fremder Höfe den berühmten Staatsmann ſchätzen zu hören, von welchem zu reden ich die Ehre habe. In der Thgt! Nun, laſſen Sie hoͤren, was ſagt man von dieſem Staatsmann, mein lieber Herr Ducormier? — Hoheit, wenn man ihn nicht ſo ungemein verehrte, würde man ihn haſſen.— Ihn haſſen! und warum?— Ei! Hoheit, weil er durch die Macht und Gewandtheit ſeiner Diplomatie furcht⸗ bar iſt; anderſeits indeß, fügen Diejenigen, welche die Ehre gehabt haben mit dieſem berühm⸗ ten Staatsmann zu verkehren, hinzu, verbirgt er ſeine furchtbare und unbeſtreitbare Ueberlegen⸗ heit unter einer ſo auserwählten Höflichkeit, über⸗ windet er ſeine Gegner mit ſo viel Anmuth, daß er ſelbſt Diejenigen für ſich gewinnt, welche er beſiegt hat.— Unmöglich kann es einen unver⸗ ſchämteren und gewandteren Schmeichler geben — als dieſen Lumpenkerl, dachte Herr von Mor⸗ ſenne. Ein ſolcher Schelm iſt zu Allem fähig. Ich hatte mich nicht geirrt. Er kann mir viel⸗ leicht nützen; indeß wollen wir ihm zuvor noch etwas auf den Zahn fühlen. Darauf ſprach Herr von Morſenne laut: — Sie ſind für den Staatsmann, von wel⸗ chem wir reden, ſo blindlings eingenommen, mein lieber Herr Ducormier, daß ich nicht wei⸗ ter verſuchen will, Sie von Ihrem viel zu ſchmei⸗ chelhaften Vorurtheil zurückzubringen, dann laſ⸗ ſen Sie uns zu unſerer Angelegenheit zurückkeh⸗ ren.— Nun wohl, Hoheit?— Nun wohl! ohne Umſchweif: ſchienen Ihnen unſer Staatsmann und ſein Freund, der franzöſiſche Geſandte in England, bei dieſer kleinen antiminiſteriellen Ver⸗ ſchwörung nicht eine ziemlich.. ziemlich Machia⸗ velliſtiſche Rolle zu ſpielen?— Das Staatsrecht rechtfertigt Alles, Hoheit, und übrigens wird bei Privat⸗ wie bei öffentlichen Unternehmungen das Mißlingen allein tadelnswerth und getadelt. — Solche Grundſätze ſind ſehr ſchmiegſam... — Ja, Hoheit, wie das menſchliche Gewiſſen.— So iſt das Ihrige wohl.. hinreichend weit, lieber Herr Ducormier?— Hinreichend, da ich den Auftrag übernommen habe, welcher mich zu Ihnen führt, und deſſen ganze Schmach mich allein treffen würde; denn ich würde verleugnet und wegen Unterſchlagung von Depeſchen des Mißbrauches des Vertrauens angeklagt werden; doch wie das Sprichwort ſagt: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.— Lieber Herr Ducormier, ich wiederhole Ihnen nochmals, Sie werden es weit, ſehr weit brin⸗ gen. Ich kenne Leute, welche bei weitem nicht Ihre natürlichen Vorzüge beſaßen„und von einer niedrigerern Stellung emporſtrebten als Sie, die es durch Verſchwiegenheit und Hingebung ſehr weit gebracht haben; es kommt nur darauf an, einen mächtigen Beſchützer zu finden, und der wird Ihnen nie fehlen.(Ich will dies beiläufig be⸗ merkt haben.) Was unſere Angelegenheit betrifft, ſo muß ich heute und morgen überlegen, wann der günſtigſte Zeitpunkt zur Eröffnung des Ge⸗ fechts iſt. Auch kommt mir oft noch die zwei⸗ felnde Frage.. wozu noch einmal thätigen Antheil an dem öffentlichen Leben nehmen? Es iſt eine ſo große Laſt! In meinem Aller bedarf. man ſo ſehr der Erholung und Unabh gigkeit, mein lieber Herr Ducormier!— Hoh Sie gehören Sich nicht allein, das Land hat ein Recht auf Sie.— Ja, das Land beweiſt ſich merkwürdig dankbar! es weiß merkwürdig die Opfer anzuerkennen, welche man ihm bringt! — Fürſt, man muß es wie ein undankbares und ungehorſames Kind behandeln, ſein Wohl thun trotz ſeines Wiberſtrebens und ſeines kindiſchen Geſchreis nicht achten.— Ach, mein lieber Herr! nichts entſchädigt uns für Ruhe und Unabhän⸗ gigkeit; auch weiß ich nicht, ſeit einigen Tagen aber bin ich unentſchloſſen, wenigſtens was mich angeht, ob ich die wahrſcheinlichen Erfolge un⸗ ſeres Complots, welches indeß immer ſeinen Fort⸗ gang haben ſoll, denn ich haſſe den Miniſter herzlich und wünſche, daß Morval auf ſeinem Geſandtſchaftspoſten bleibt, ob ich dieſe Vortheile, ſage ich, ſo weit ſie mich angehn, benutzen werde. Kurz, ich entſcheide noch nichts, ich werde Sie wiederſehn. Uebermorgen werden Sie hier eſſen, ich habe Gäſte, kommen Sie aber morgen, da bin ich allein; es iſt der Geſellſchaftstag von Frau von Morſenne. Schreiben Sie nicht nach London, bevor wir uns wiedergeſehn haben. Vielleicht werden Sie längere Zeit in Paris blei⸗ ben müſſen. Herr von Morval ermächtigt mich, Sie ſo lange hier zu behalten, als ich für nöthig befinde Ich werde von dieſer Erlaubniß Ge⸗ brauch machen, mein lieber Herr Ducormier, und meine, es wird Ihnen nicht unlieb ſein, da Sie gerade zur Zeit öffentlicher Luſtbaͤrkeiten, der Schauſpiele, Feſte und Opernbälle hergekommen ſind; und ich wette, Sie fehlen auf dem Opern⸗ ball nicht, nicht wahr, mein lieber Herr Ducor⸗ mier? ——————— Obwohl dieſe Frage: Ich wette, daß Sie auf dem Opernball nicht fehlen? vom Für⸗ ſten im unbefangenſten Tone geſprochen und durch einen ſehr wohl vorbereiteten Uebergang herbei⸗ geführt war, ahnte Anatole doch, daß es keine leere, abſichtsloſe Redensart ſei, und antwortete, indem er ſeine Aufmerkſamkeit verdoppelte: — In der That, Hoheit, war ich dieſe Nacht auf dem Opernballe.— Das iſt es alſo! antwor⸗ tete der Fürſt, als ob er ſich auf etwas beſänne, ich hatte mich alſo nicht geirrt.— In wiefern, Hoheit?— Ihr Geſicht war mir nicht ganz un⸗ bekannt.— Hoheit, ich entſinne mich doch nicht, bereits die Ehre gehabt zu haben, Sie zu ſehn. — Der Hergang iſt einfach dieſer, mein lieber Herr Ducormier: ein Whiſt hatte mich bis ziem⸗ lich ſpät in die Nacht im Club der Rue de Gram⸗ mont zurückgehalten; als ich die lange Wagen⸗ reihe, welche ſich nach dem Opernhauſe bewegte, erblickte, bekam ich Luſt, daſſelbe zu beſuchen; zur Erweckung von Jugenderinnerungen, wie Sie ſehn. Ich blieb einige Augenblicke dort, und während ich meine Leute erwartete, glaube ich Sie in der Vorhalle mit einer ſehr hübſchen Frau bemerkt zu haben, meiner Treu! was beweiſt, mein lieber Herr Ducormier, daß Sie Ihre Zeit auf dem Opernball nicht verlieren, und daß Sie, wie man zu ſagen pflegt, nicht mit leeren Hän⸗ den wieder fortgehn.— Wo will er hinaus? dachte Ducormier; ich glaubte anfangs, daß von meinem Zuſammentreffen mit ſeiner Tochter, der Herzogin Beaupertuis, die Rede ſein ſollte. Dann ſagte er laut;— Hoheit, Sie thun mir mehr Ehre an, als ich verdiene„ich beglei⸗ tete nur augenblicklich die Frau eines Jugend⸗ freundes, während derſelbe aus der Kleiderkam⸗ mer die Mäntel holte.— Wie! eine verheira⸗ thete Frau verkleidet! ich weiß nicht mehr recht wie indeß erſchien mir ihr Coſtüm ziemlich leichtfertig, obwohl ſehr hübſch!— In der That, Fürſt, verrieth die Verkleidung keinen beſonders guten Geſchmack; mein Freund und ſeine Frau gehören aber dem kleinen Handelſtande an, ſie denken mehr an das Vergnügen als an den Anſtand. — Und Sie ſind mit dem Ehemanne genau be⸗ freundet?— Sehr innig befreundet, Hoheit, die lange Trennung hat in unſerem Verhältniß nichts geändert.— Verzeihen Sie meinen Irrthum, lieber Herr Ducormier; offen geſtanden, ich glaubte Sie... im guten Glück.— Sie wa⸗ ren in vollſtändigem Irrthum, Hoheit, antwor⸗ tete Anatole. Dann ſprach er, indem er Herrn von Morſenne, welcher trotz ſeiner Zuverſicht ſeit einigen Augenblicken eine leichte Verlegenheit nicht verbergen konnte, forſchend anblickte, weiter:— Sehn Sie, Fürſt, in Ermanglung vorzüglichen —— Weins, von welchem ein armer Teufel wie ich niemals koſten darf, trinke ich lieber Waſſer als gewöhnlichen Wein.— Das iſt eine Probe jenes albernen Hochmuths, welchen Morval in ſeinem Briefe erwähnt; dieſer Wicht dünkt ſich, wie es ſcheint, zu hoch, um ſich bis zu einer Kleinkrä⸗ merin zu erniedrigen! dachte Herr von Morſenne. Nun, mir iſt eine Laſt von der Seele genommen, ich kann dreiſt zur zweiten Frage übergehn. Die Zuge des Fürſten hatten deſſen lebhafte innere Befriedigung bei dem Gedanken verrathen, daß Ducormier weder der Anbeter noch Liebha⸗ ber Marie Fauveau's ſei. Dieſe Bewegung ent⸗ ging Anatole nicht. 8 — Da fällt es mir ein, dachte er. Dieſe Nacht, der ſchwarze Domino, welcher Madame Fauveau ſo anhaltend verfolgte, und über wel⸗ chen ſie ſich mit Joſeph ſo luſtig machte. ſollte das etwa?. ja doch. kein Zweifel!.. Welch' ein Licht!... das war der Fürſt was wird er nur wollen? Herr von Morſenne ſetzte das Geſpräch laut alſo fort: — Ich gebe Ihnen vollkommenen Beifall, mein lieber Herr; ein wähleriſcher und feiner Ge⸗ ſchmäck iſt ſtets ein Zeichen von großer Auszeich⸗ nung; ſagen Sie mir aber einmal, bei Ihrer alten Bekanntſchaft mit dieſem Kaufmann war — das Wiederſehn wohl eine rechte Freude? Auch werden Sie in den Augen dieſer guten Leute ein ſehr großer Herr ſein, mein lieber Herr Ducor⸗ mier; Ihr Wort wird ihnen, wie man zu ſagen pflegt, als ein Evangelium gelten?— In der That, Hoheit, hat mein Freund großes Ver⸗ trauen zu mir, denn er iſt die biederſte, treuher⸗ zigſte Seele, welche mir je vorgekommen.— Dreuherzig!.. das iſt die höfliche Bezeich⸗ nung, nicht wahr, mein lieber Herr?— Was wollen Sie, Fürſt, die Freundſchaft macht vft blind.— Unter uns geſagt, iſt der Kleinkrämer wohl ein Mann, welchen man an der Naſe um⸗ herführen kann, nicht wahr? Und ſeine Frau? nun, die wird auf Sie hören wie auf ein Orakel, auf Sie, einen Mann, welcher ſich in der gro⸗ ßen Welt bewegt hat? Sehn Sie, fügte der „ Fürſt hinzu, indem er ſeinerſeits Anatole durch⸗ dringend anblickte und die folgenden Worte lang⸗ ſam und ſcharf betonte, ſehn Sie, ich meine denn auch, daß, wenn es Ihnen einfiele, dieſer reizen⸗ den Bürgersfrau(denn ich, weniger wähleriſch wie Sie, finde dieſelbe reizend.. anbetungswürdig), wenn Sie Sich Mühe geben wollten, ſage ich, ſie zu überreden.. ſie zu überreden. was ſoll ich ſagen? daß es gut ſtehe, die Kleider verkehrt zu tragen, und daß die großen Damen es nie⸗ mals anders hielten, ſo wette ich, würden Sie — 5— dieſelbe dazu überreden... kurz, Sie würden ſie zu Allem vermögen, was Sie wollten? Bei die⸗ ſen Worten, deren ſchimpflichen, geheimen Sinn Anatole errieth, wurden ſeine Lippen weiß, ein Zeichen innerlicher Wuth und Grolles, wenn die⸗ ſelben den höchſten Grad bei ihm erreicht hatten; übrigens blieben ſeine Züge außer einer unmerk⸗ lichen Bewegung der Kinnbacken, die einen Augenblick krampfhaft zuſammengedrückt wurden, unverändert, und er ließ den Vater von Frau von Beaupertuis ungeſtört weiter reden. Herr von Morſenne fuhr daher, indem er mit wachſendem Nachdruck ſprach, alſo fort: — Wie es ſcheint, und wie ich gern glaube, mein lieber Herr Ducormier, beſitzen Sie eine wun⸗ derbare Fähigkeit, das widerſpenſtigſte Gewiſſen, die eingewurzeltſten Bedenklichkeiten, die bürger⸗ lichſten Vorurtheile und die ſtörriſcheſte Tugend zu beſiegen, denn Morval ſchreibt mir in ſeinem Brie⸗ fe, daß Sie, wo es darauf ankommt, der Verſu⸗ cher in Perſon ſind. Sind Sie aber, mein lieber Herr Ducormier, der Verſucher, ſo iſt die herr⸗ liche kleine Madame Fauveau eine Tochter Eva's; verſtehen Sie mich?— Hoheit, entgegnete Ana⸗ tole mit unmerklich bewegter Stimme, ich weiß nicht, ob..— Noch ein Wort, mein lieber Herr! entgegnete Herr von Morſenne, Anatole un⸗ terbrechend; Sie ſind zugleich ein verſtändiger 5 — ———— —— und entſchiedener Mann. Von zwei Dingen nun eins: entweder verſtehen wir uns vollkommen auf halbem Wege oder wir verſtehen uns gar nicht; in dieſem letztern Falle haben die folgenden Wortekeine Bedeutung für Sie: Hören Sie wohl zu.— Ich höre, Hoheit.— Wollen Sie Sich einen mächti⸗ gen Beſchützer ſichern, welcher beiſeinem ungeheuren Einfluß ſich verpflichten würde, zu einem beſtimmten Zeitpunkt(dieſen Zeitpunkt früher oder ſpäter her⸗ beizuführen, liegt in Ihrer Hand), der ſich, ſage ich, verpflichten würde, Sie weiter zu fördern, als Sie jemals zu gelangen gehofft? Wohl, iſt Ihnen dies verſtändlich?— Sehr verſtändlich, Hoheit.— Sie... begreifen alſo?— Voll⸗ kommen, Hoheit.— Kurz, Sie kennen das Mit⸗ tel, durch welches Sie Sich dieſen allmächti⸗ gen Schutz erwerben können?— Ja wohl, Ho⸗ heit! wir verſtehn uns vollkommen; indeß wäre für den Erfolg der Verſuchung eine Bedingung unerläßlich.— Welche Bedingung?— Ich müßte, Hoheit, bei Ihnen eine ſo zu ſagen officielle Stellung haben; eine ſolche Stellung würde nicht nur meinen Worten mehr Nachdruck verleihen, ſondern mir vor allen Dingen auch geſtatten, von Ihnen fortwährend mit Madame Fauweau zu ſprechen, Ihre Großmuth und Ihre Macht zu preiſen, und zwar ohne daß es auffiele und wie etwas ganz Natürliches; denn ich verhehle es — Ihnen nicht, Hoheit, man müßte bei dieſer Frau mit einer ganz votzüglichen Vorſicht und Klugheit zu Werke gehn, und ſelbſt dann kann ich — Vortrefflich! rief Herr von Morſenne, Ana⸗ tole unterbrechend, aus; Ihr Gedanke iſt ausge⸗ zeichnet und beweiſt Ihren bewunderungswürdi⸗ gen Scharffinn, mein lieber Herr Ducormier; von morgen an ſind Sie mein Secretär; ich werde mich des anderen entledigen, indem ich demſelben irgend einen Poſten in der Verwaltung verſchaffe. Morval ermächtigt mich, Sie hier zu behalten, ſo lange ich Ihrer bedarf; ich behalte Sie und werde Alles bei ihm vertreten; Sie werden alſo hier wohnen und an meinem Tiſch eſſen. Sind wir einverſtanden?— Vollkommen, Hoheit.— Nun, mein lieber Herr Ducormier, ſind Sie Herr Ih⸗ rer Zukunft; Sie können in einem Vierteljahre, in zwei Monaten, in einem Monat Unterpräfect ſein; darauf(ich gebe Ihnen mein Wort als Eh⸗ renmann) bewirke ich im Zeitraume von zwei Jahren Ihre Ernennung zum Präfecten z und das Weitere findet ſich ſpäter.. denn Sie wiſſen nicht, wie hoch ich diejenigen zu fördern vermag, welche mir dienen. In dieſem Augenblicke ging die Thür des Zimmers auf. Frau von Morſenne und ihre ochter, die Herzogin von Beaupertuis, welche aus der Predigt zurückkamen, traten vertraulich ohne vorherige Meldung ein. Beim Anblick Ducormier's, welcher, nachdem er ſich vor den beiden Damen tief verneigt hatte, be⸗ ſcheiden nach der Thur ging, erröthete Diana von Beaupertuis unwillkürlich; wie erſtaunte ſie aber, als ihr Vater Anatole zurückrief und dem⸗ ſelben ſagte: 3 — Einen Augenblick, mein Herr! einen Au⸗ genblick! ich wünſche Sie meiner Frau und Toch⸗ ter vorzuſtellen. Anatole ſtand ſtill und kehrte um. Der Fürſt wies ihn nun den beiden Frauen mit dem Blick und ſagte als Vorſtellung: — Herr Ducormier... mein neuer Secre⸗ tär. Anatole grüßte Frau von Morſenne und ihre Tochter von Neuem und noch ehrfurchtsvoller, während der Fürſt ihm ſagte: — Auf morgen früh, Herr Ducormier, Ihr Zimmer wird bereit ſein. Der junge Mann verneigte ſich, verließ das Zimmer und das Hotel Morſenne. 1 Die Prophezeihung. I. 3 XXI. Man erinnert ſich, daß Anatole Ducormier, durch den weiſen Zuſpruch ſeines Freundes, des Doctor Bonaquet, beſtimmt, dieſem das feſte Verſprechen gegeben hatte, künftig bei ihm zu wohnen, und daß noch an demſelben Abend zur Feier dieſer glücklichen Annäherung ein Familien⸗ eſſen, zu welchem auch Joſeph gebeten war, die drei Freunde bei dem Arzt vereinigen ſollte. Es war ungefähr ſechs Uhr Abends. Jerome erwartete ſeine Gäſte in einem ein⸗ fach eingerichteten Saal, während ſeine Frau ihre Toilette vollendete. Die einzigen Zierden dieſes Zimmers waren die Harfe und das Piano Heloiſens und mehrere große Familiengemälde, worunter ſich diejenigen des Vaters und Großvaters der jungen Frau be⸗ nden. Erſterer trug das prächtige, aber bühnen⸗ 3 fte Coſtüm der Pairs von Frankreich aus der Reſtaurationszeit, mit der doppelten blauen 5 Schleife und dem ſilbernen Kreuz des Heiligen⸗ geiſtordens; letzterer trug die Uniform eines Marinegenerals aus der Zeit Ludwig's Xvl. mi e dem Großkreuz des heiligen Ludwig. Gegenſtücke hierzu bildeten die Gemälde der Mutter und Großmutter von Madame Bonaquet, die eine in der kaiſerlichen Hoftracht, mit ſchleppendem, ge⸗ ſticktem Mantel(Helviſens Vater hatte ſich, wie ſo viele Andere vom alten Adel, Napoleon angeſchloſſen); die andere in der Tracht einer großen Dame vom Ende des achtzehnten Jahr⸗ hunderts, mit Puder, Schönpfläſterchen und unge⸗ heuerem Reifrock; ein kleiner Neger im ſcharlachro⸗ then, goldbeſetzten Jäckchen trug die Schleppe dieſer bedeutenden Perſon, während ein weißes Bolog⸗ neſerhündchen mit emporgekämmtem und durch roſa ſeidenes Band aufgebundenem Stirnhaar den Negerbuben anzubellen ſchien, Mitten zwiſchen dieſer ihrer Ausſtattung und ihren Gegenſtänden nach ariſtokratiſchen Gemäl⸗ den erblickte man im rührenden Gegenſatz ein ziemlich übel ausgeführtes Bild, welches ſich aber wahrſcheinlich durch täuſchende Aehnlichkeit auszeichnete. Es ſtellte die alte Mutter Jerome Bonaguet's dar, eine Frau mit ſanften, ehrwür⸗ digen Geſichtszügen, in der runden Haube und dem Droget⸗Camiſol der Bäuerinnen der Gegend von Blois. Unterhalb dieſes Bildes unter Glas mit einem ſchmalen ſchwarzen Rahmen bemerkte man eine meiſterhaft ausgeführte Bleiſtiftſtizze⸗ Die Geſchichte dieſer Skizze iſt folgende: 3* Während Jerome Bonaquet in Paris Me⸗ diein ſtudirte, erhielt er faſt gleichzeitig die Nach⸗ richt von dem Erkranken und von dem Tode ſei⸗ nes Vaters, eines armen Weinbauers der Ge⸗ gend von Blois. Jerome bat einen ſeiner Freunde, welcher ſpäter ein berühmter Bildhauer wurde, ihn zu begleiten, damit er ſich wenigſtens die Züge ſeines Vaters in größter Aehnlichkeit er⸗ hielte; dieſer Vorſatz wurde nach dem Tode des Greiſes gewiſſenhaft ausgeführt, und ſein Ende war ſo heiter geweſen, daß er auf dem Bilde nur ſanft zu ſchlummern ſchien. Ein ſchwarzer Faden befeſtigte eine weiße Locke auf die Zeichnung und unter derſelben las man den Sterbetag: 20. Octo⸗ ber 1833. Außer dieſen Gemälden, welche dem Saal ein eigenthümliches Anſehn gaben, war derſelbe mit der äußerſten Einfachheit ausgeſtattet. Hier und da ſchmückten ihn einige Vaſen von chine⸗ ſiſchem Potzellan, in welchen liebliche, friſche Kamelien prangten, denn wie ihr Mann war Madame Bonaquet eine große Blumenfreundin; endlich machte ein gutes Feuer im Kamin, ein dicker Teppich, dichte Gardinen und das Licht zweier Lampen mit blindgeſchliffenen Glaskup⸗ peln das Zimmer trotz ſeiner Einfachheit ſo wöhnlich, daß man kaum die Ermarquiſin von Blainville wegen des Verluſtes ihres prachtvollen Hotels und der funfzigtauſend Thaler jährlicher Renten, auf welche ſie bei ihrer Verbindung mit dem Manne ihrer Wahl ſo großmüthig verzichtet hatte, beklagen konnte. Zu dem bisher allein im Zimmer wartenden Doctor geſellte ſich bald deſſen Frau und ſagte ihm eintretend heiter: — Herr Ducormier wird in den beiden Zim⸗ mern oben vortrefflich aufgehoben ſein, lieber Freund; ich habe ſoeben Alles in Ordnung brin⸗ gen laſſen und die Einrichtung mit einem beque⸗ men Lehnſtuhl vermehrt, in welchem Herr Du⸗ cormier gemächlich über ſeine Bekehrung zu recht⸗ ſchaffenen Gedanken und Leben wird nachdenken und träumen können; doch ernſtlich geſprochen, lieber Freund, ich hoffe, daß Ihr Jugendgefährte ſich in dieſer Wohnung wohl fühlen wird; ſie iſt ſtil und gewährt einen weiten und herrlichen Umblick; und ſollte Herrn Ducormier noch irgend Etwas zu ſeiner Bequemlichkeit fehlen, ſo werden Sie es mir ſagen, damit wir nichts verſäumen, ihm den Aufenthalt bei uns angenehm zu ma⸗ chen.— Wie freundlich Sie ſind, Heloiſe, ſich Anatole's ſo gütig anzunehmen!— Iſt er nicht Ihr Freund? handelt es ſich nicht darum, ihn einem ſchlechten Leben zu entziehen? dieſe ſchwer werletzte Seele zu bernhigen und zu heilen? Viel⸗ leicht% icht ganz ohne eigene Schuld Scha⸗ den gelitten, jeder Schmerz verdient ja aber Nachſicht und Mitleiden.— Er hat, Gott ſei Dank, am Rande des Abgrundes geſtanden, ohne hinabzuſinken, es war aber Zeit, hohe Zeit, ihn zu wecken.— Ich wünſche nur, daß dieſe plötz⸗ liche Umkehr zum Guten ſich auf eine ruhige und beſonnene Ueberlegung ſtützt und nicht nur Frucht einer augenblicklichen Aufwallung des Gefühls iſt, von Ihrem vortrefflichen Einfluß, mein Freund, herbeigeführt.— Ich täuſche mich nicht darüber, meine liebe Helviſe, daß Anatole noch immer in Gefahr ſchwebt; man entſagt nicht plötzlich und ohne heftige innere Erſchütterung einer Vergangenheit wie der ſeinigen; darum eben habe ich ihn vor allen Dingen in meine Nähe und gleichſam in einen anderen Boden ver⸗ pflanzen wollen, um ihn dann wie ein krankes Kind zu behüten, denn man erfüllt eine Pflicht gegen die Menſchheit, indem man eine ſo trefflich ausgeſtattete Natur wie die Anatole's für das Gute rettet; glücklicherweiſe, was Hauptſache iſt, wenn man ihn wie ich kennt, hat er mir ſein Ehrenwort gegeben, zu uns zu ziehen. Und das iſt das durchaus Weſentliche; denn iſt er erſt ein⸗ mal in unſeren Krallen, fügte Jerome. lä⸗ chelnd hinzu, ſo verbürge ich mich dafür, daß er zur Vernunft, das heißt zum Glück zurückkehrt. Und wenn die beabſichtigte Heirath zu Stande — . kommt, woran ich nicht zweifle, ſo iſt Anatole gerettet.— Ach, mein Freund, ſagte Helviſe ihren Mann unterbrechend, wie geht es denn Madame Duval?— Heute Abend etwas beſſer, doch macht ſie mir immer noch Sorgen. Wes⸗ halb uns dieſe Verheirathung, liebe Heloiſe, in doppelter Hinſicht wünſchenswerth ſein muß. Wir ſichern dadurch zugleich Anatole's und dieſes Engels Zukunft. Ich meine denn auch, wenn ſich Madame Duval's Zuſtand nur einigermaßen gebeſſert hat, derſelben morgen den Vorſchlag in Betreff unſeres Freundes zu machen.— Halten Sie es nicht für beſſer, noch etwas zu warten? — Warum?— Ich cheile ohne Zweifel Ihre Hoffnungen in Betreff Herrn Ducormier's, ich werde alle Ihre Bemühungen theilen, dieſelben zur Erfüllung zu bringen: indeß, lieber Freund, kennen Sie beſſer als jeder Andere die ſonder⸗ baren Wandlungen des menſchlichen Gemüths. Sollte die Vorſicht es nicht gebieten, zuerſt einige ſichere Proben von Herrn Ducormier's Bekehrung abzuwarten, bevor man ſo zu ſagen Fräulein Duval's Geſchick entſcheidet?— Vielleicht wohl, antwortete der Arzt nachdenklich, und doch ſagt mir Alles, daß Anatole's Entſchluß aufrichtig iſt. Wenn Sie ſeine Rührung, ſeine Thränen geſehn hätten! Und dann habe ich ja auch ſein 3er, und wie ſehr er ſich immer verirrt haben mag, iſt er doch nimmer im Stande, damit leichtfertig um⸗ zugehn. Andererſeits wuͤrde ich es ewig be⸗ reuen, wenn ich eine ſo ernſte Angelegenheit über⸗ eilt hätte.— Sie ſehen wohl ein, lieber Freund, daß ich dies nicht ſage, um meinen Bewerber gegen den Ihrigen geltend zu machen, fuhr Ma⸗ dame Bonanner lächelnd fort; denn wie Sie bin ich der Anſicht, daß Herr Ducormier, ſobald er der Achtung der Rechtſchaffenen wieder würdig geworden, ich möchte faſt ſagen, eine vernünf⸗ tigere Partie für Fräulein Duval iſt als mein Verwandter, Herr von Saint⸗Geran, obwohl ihr derſelbe die großen Güter zubringt, deren Erbſchaft ich ihm gern überlaſſen habe.— Ich theile ganz Ihre Anſicht, meine liebe Heloiſe, in Betreff unſerer beiden Bewerber; denn ungeach⸗ tet ich Herrn von Saint-Geran nach ſeinem Be⸗ nehmen und ſeiner Vergangenheit als einen durchaus rechtſchaffenen Mann anerkennen muß beſorge ich dennoch zuweilen, daß gerade vielleicht ſein allzugroßer Zartſinn... und ſeine Dankbarkeit gegen Sie ihn weiter geführt haben möchten, als er eigentlich gewollt bei Ihrem Vorſchlag, Fräulein Duval zu heirathen Es iſt wahr, er bewundert ihre Schönheit, und ſpricht ſehr verliebt von ihr; denn auf meinen Rath hat er ſich zur gewöhnlichen Spaziergeh⸗ ſtunde von Fräulein Duval mit ihrer Mutter zwei⸗ oder dreimal in den Jardin des Plantes begeben, um ſie unbemerkt zu betrachten. Ich bin auch feſt überzeugt, daß Herr von Saint⸗ Geran, ſobald er dies reizende Kind heirathete, ſich durchaus als rechtſchaffener Mann benehmen würde, ich würde aber trotzdem immer befürch⸗ ten, daß ihm dieſe Verbindung früher oder ſpä⸗ ter leid werden möchte; ein Gefühl, das er zwar mit Zartſinn zu verbergen ſuchen würde welches aber die feine Empfindung Fräulein Du⸗ val's dennoch eines Tages errathen möchte und dann. bedenken Sie, welcher Zukunft das arme Kind dann entgegenginge!— Das wäre entſetzlich, lieber Freund! Auch möchte Herr von Saint⸗Geran, obwohl er noch jung iſt und vortreffliche Eigenſchaften beſitzt, Fräulein Du⸗ val vielleicht doch nicht gefallen, denn ich geſtehe, er iſt weit davon entfernt die äußeren Vorzüge Herrn Ducormier's zu vereinigen; und wenn wir zuherläſſige Proben der Rückkehr des Letzteren zum Guten hätten, würde ich mit Ihnen ſagen: wir wollen nicht anſtehn, ihn der Mutter dieſes lieben Kindes vorzuſchlagen.— Ach! mein Gott, ja, meine liebe Heloiſe, ohne die Beſorgniß, in welche mich der Geſundheitszuſtand von Madame Duval verſetzt, würde ich die Sache auch nicht ſo beeilen. Und dann auch, hat ſich einmal der Gedanke, der Wunſch dieſer Verbindung in Ana⸗ — tole's Seele befeſtigt, ſo iſt ſein Herz beſchäftigt, ſo hat er ein Ziel und einen beſtimmt vorgezeich⸗ neten Weg; er weiß dann, was er will, und un⸗ ſere gemeinſamen Anſtrengungen, die nach dem⸗ ſelben Ziele ſtreben, haben hundert Ausſichten gegen eine für ihr Gelingen.— Das iſt ganz wahr.— Wenn es ſich mit Madame Duval etwas beſſert, wäre ich alſo der Anſicht, derſelben ſobald als möglich unſeren Plan mitzutheilen; ſie hat den größten Einfluß auf ihre Tochter, und es iſt kein Zweifel, daß ſie dieſelbe zur Annahme unſerer Vorſchläge bewegen würde, ſobald ihr dieſe anſtehn; der größte Kummer dieſer unglück⸗ lichen Frau wäre, ihr Kind allein und ohne Stütze zu hinterlaſſen: daher kann ſie denn auch der lei⸗ der nur zu grundloſen Hoffnung nicht entſagen, daß der Obriſt Duval trotz der allgemeinen An⸗ nahme ſeines Todes noch am Leben ſei und ihre Jochter an ihm noch eine Stütze finden werde. — Die arme Frau!... Und dieſe Hoffnung iſt unglücklicherweiſe thöricht, lieber Freund, nicht wahr?— Alle bisherigen Nachforſchungen nach dem Obriſten ſind vergeblich geweſen, und Nie⸗ mand zweifelt mehr, daß er unter den Trümmern des Blockhauſes, welches er in die Luft geſprengt, ſeinen Tod gefunden hat. Das Weſentlichſte wäre alſo die Sicherung der Zukunft Clementinen Du⸗ val's noch bei Lebzeiten ihrer Mutter. Ach! wenn — unſer Plan gelänge, meine liebe Heloiſe, welch eine beneidenswerthe Dreieinigkeit bildeten wir dann, Joſeph, Anatole und ich! welch'eine Freude für drei Jugendfreunde, im Glück mit einander Hand in Hand zu gehen, wie ſie es im Leben ge⸗ than haben!...— Was Sie mir von Madame Fauveau und ihrem Mann mitgetheilt haben, lie⸗ ber Freund, macht mich wahrhaft neugierig, die beiden kennen zu lernen. Ich werde nie vergeſſen, daß Sie mir erzählten, wie Sie, wenn die harten Prüfungen, die bitteren Zweifel, mit welchen Ihre frühe Jugend zu kämpfen hatte, Sie zuweilen entinuthigten, dieſe vortrefflichen Freunde aufſuch⸗ ten, und wie der Anblick ihres ſo wahren und la⸗ chenden Glücks Ihnen ſtets unendlich wohlthat, und Sie nie ohne Troſt von dannen gingen.— Ja, meine liebe Helviſe, ich verdanke dieſen vor⸗ trefflichen Herzen viele ſchöne Stunden. Das iſt nicht Alles; ich war arm; im College führte mich ein unwiderſtehlicher Hang zum Studium der Naturwiſſenſchaften; kaum konnte mein guter, würdiger Vater trotz des beſten Willens den vier⸗ ten Theil der Ausgaben beſtreiten, welche mein neues Studium nöthig machte, obgleich ich mich auf's Aeußerſte einſchränkte. Joſeph Fauveau be⸗ ſaß ein kleines väterliches Erbtheil; er unterſtützte mich mehrere Jahre und war mir der zärtlichſte, aufopferndſte Bruder. Dank ſeiner Unterſtützung und dem Wenigen, was mir mein armer Vater ſchickte, konnte ich mir die unentbehrlichſten Hülfs⸗ mittel meines Studiums verſchaffen, die leider ſo oft vielen tüchtigen Geiſtern fehlen, welche durch Armuth in ihrer Laufbahn aufgehalten werden; endlich, nach vielen Sorgen, nach ſchweren Kämp⸗ fen ebnete ſich mein Weg mehr und mehr, meine Ausſichten erweiterten ſich, ich konnte meine Geld⸗ ſchuld an Joſeph Fauveau abtragen; in der Lie⸗ besſchuld werde ich aber immer bleiben, denn ich verdanke ihm Alles, was ich bin.— Und ver⸗ danke nicht auch ich dieſem aufopfernden Freunde Alles, mein Lieber? Hätte ich Sie je gefunden, wenn er Ihnen nicht dazu geholfen hätte, ein be⸗ rühmter Mann zu werden? Darum laſſen Sie uns ihn und ſeine Frau mit Herzlichkeit empfan⸗ gen; was Sie mir von dieſer erzählt haben, ent⸗ zuckt mich: ein ungekünſteltes Weſen iſt ſo etwas Reizendes!— Doch, wie ich Ihnen bereits ge⸗ ſagt habe, liebe Heloiſe, entgegnete Jerome lä⸗ chelnd, gehört mein Freund und ſeine Frau zu jener Klaſſe, welche die großen Herrſchaften kleine Leute nennen, es ſind Leute ohne Benehmen, Le⸗ bensart und Redfertigkeit; dafür beſitzen ſie aber die ſeltenſte Erziehung, diejenige, welche ein ar⸗ beitſames und rechtſchaffenes Leben Si Ach! mein Freund, Sie haben mir den Sinn der beiden lateiniſchen Worte erklärt, welche Sie ſo — oft anführen:„Sancta simplicitas!“ Heilige Einfalt! Giebt es in der That etwas Heiligeres, Himmliſcheres als die Einfalt! das heißt die auf⸗ richtige, freie Entfaltung aller guten, natürlichen Gefühle, die glückliche Unkenntniß alles deſſen, was der Anſtand zu ſagen erlaubt oder verbietet, wenn uns die Wahrheit auf der Zunge ſchwebt. Die Einfalt! das heißt die rückhaltloſe Aeuße⸗ rung alles Rechten und Edlen! der angeborene Widerwillen gegen jede Verſtellung oder leere Wohlſtandshandlung! der Muth, offen, ohne Scheu und ohne ſich zum Sclaven der Eitelkeit zu machen glücklich zu ſein! Oh! Einfalt, herrlicher Sinn der guten Herzen; mehr als irgend Jemand habe ich Urſache, Deinen Werth anzuerkennen! Ach! ich habe ja ſo lange Zeit in einer Geſellſchaft gelebt, in welcher die beſten Gemüther, die aus⸗ gezeichnetſten Naturen ſo häufig ausarten, ver⸗ ſchmachten oder untergehn unter dem zerſtörenden Zwange des Wohlanſtändigen und Hergebrach⸗ ten! Ach! wie mannichfaltige Schätze habe ich auf dieſe Weiſe nicht vergeuden, vernichten geſehen! Wie viel große Herren habe ich in Schulden ge⸗ rathen und aus der Verſchuldung zur Niedrigkeit oder Käuflichkeit herabſinken geſehen... weil der Anſtand gebot, ſtandesgemäß zu leben, einen ge⸗ wiſſen Aufwand zu machen, ſollte man auch über dem tollen Gepränge ſammt ſeiner Familie zu Grunde gehn! Wie viele junge, trefflich begabte Männer habe ich aus einem müſſigen, unfrucht⸗ baren Leben in abſcheuliche Ausſchweifungen ge⸗ rathen geſehn, weil es ſich für einen Mann von altem Adel nicht ſchickte, einen Beruf oder ein Amt zu bekleiden! Wie viele junge, ihre Gatten zärt⸗ lich liebende Frauen habe ich anfangs grauſam leiden und dann ſich rächen geſehen... für die eheliche Kälte, welche ihrer treuen Hingebung entgegenkam, weil es ſich nicht ſchickt, daß ein vornehmer Ehemann in ſeine Frau wie ein Bür⸗ ger verliebt iſt oder ſcheint! Wie viele Meines⸗ gleichen kenne ich, ſchloß Helviſe mit rührender Bewegung, indem ſie Jerome zärtlich die Hand reichte, oh! wie viele kenne ich, die auf das Glück ihres ganzen Lebens verzichtet hätten weil es wider alle geſellſchaftlichen Sitten verſtößt. ſich ſelbſt zu ehren, indem man ſich dem Geſchicke des Mannes, welchen man auf der ganzen Welt am innigſten liebt und hochſchätzt, hingiebt.. — Liebe, brave Heloiſe, antwortete Jerome, dem die hellen Thränen in die Augen traten, Schatz der Güte, Anmuth und Tugend! ſiehe die Worte fehlen mir.. ſage nichts mehr, das Herz läuft mir über... läß mich weinen und Dich anſchauen. Es iſt unmöglich, die entzückte Bewunderung zu beſchreiben, in welche Jerome verſunken ſchien, während er ſeine Frau betrachtete. Er war durch die innerliche Entzückung ſeiner Seele wie umge⸗ wandelt. Die männliche Härte ſeiner Züge ver⸗ ſchwand unter einem ſo unausſprechlich milden Schein, daß Helviſe, indem ſie ſeine Hände zärt⸗ lich drückte und ihn ihrerſeits mit inniger Freude anblickte, ſich nicht erwehren konnte zu ſagen: — Wie herrlich. iſt doch ein glücklicher Menſch! Da man die Klingel der Außenthür in den Sdaal ſchallen hörte, ſagte die junge Frau, indem ſie ihre Bewegung bewältigte: — Lieber Freund, wahrſcheinlich iſt ſoeben Herr Ducormier oder Herr Fauveau mit ſeiner Frau angekommen. XXII. Die Saalthür ging auf und ein alter Diener, welcher zur ehemaligen Haushaltung der Ermar⸗ guiſin von Blainville gehört hatte, meldete: — Herr und Madame Fauvegu! Iroſeph, im vorſchriftsmäßigen ſchwarzen Frack und weißer Halsbinde, trug hoflich das ſorgſam zuſammengelegte Umſchlagetuch ſeiner Frau über — dem Arm. Marie ſah in ihrem taubenhalsfarbe⸗ nen einfachen ſeidenen Kleide und weißen Spitzen⸗ häubchen, welches mit einigen Bandſchleifen und Moosroſenknospen verziert war, ſo reizend aus, daß Madame Bonaquet nicht umhin konnte, ihrem Manne, welcher ſeinen Freunden entgegenging, zuzuflüſtern; — Mein Gott! wie hübſch iſt dieſe junge Frau!— Wie freundlich iſt es von Ihnen, meine liebe Madame Fauveau, wie auch von Joſeph, daß Sie unſere Einladung angenommen haben, redete Jerome die hübſche Parfümeriehändlerin an, indem er ſie Hebviſen zuführte. Dieſe ging Marien raſch entgegen und ſagte ihr mit der lie⸗ benswürdigſten Freundlichkeit: ch freue mich ſehr, Madame, Sie bei uns willkommen heißen zu können; ich kenne Sie und Herrn Fauveau als die beſten Freunde von Herrn Bonaquet; darf ich hoffen, daß Sie einen heil dieſer Freundſchaft, welche meinen Mann ſo glücklich macht, auf mich übertragen werden? — Madame antwortete Joſeph, indem er ſich ſo gut als möglich verbeugte, Madame... ſicherlich— Sehn Sie, Madame, nahm Marie lebhaft das Wort, ich mache keinen gro⸗ ßen Umweg, ich ſage Ihnen geradezul: Sie ſehen ſo liebenswürdig aus, Ihre Züge ſprechen mich ſo an, daß es mir ſehr angenehm ſein ſoll, mit ———— — — Ihnen befreundet zu werden... wie wir es be⸗ reits mit Herrn Bonaquet ſind.— Und ich, Ma⸗ dame, antwortete Heloiſe, von der herzlichen und aufrichtigen Sprache der jungen Frau gerührt, ich geſtehe Ihnen nicht minder offen, daß Sie mir ſehr gefallen und mir verſprechen müſſen, mich recht oft zu beſuchen.— Oh! mein Gott! alle Sonntage, wenn Sie es wünſchen, Madame, denn die anderen Tage ſind Kaufleute wie wir im Geſchäft. Heute, zum Beiſpiel, iſt es etwas Außerordentliches; ich habe Mutter gebeten, für mich den Kauf zu beſorgen und mein kleines Mäodchen abzuwarten. Mein kleines Mädchen aber, Madame, fuhr Marie fort, während ſie Herrn Bonaquet mit unausſprechlicher Innigkeit anblickte, werde ich Ihnen einmal mitbringen; Sie ſollen ſehn, wie niedlich es iſt; das wird Ihnen mehr als alle Worte ſagen, wieviel wir Ihrem Mann verdanken, und wie ſehr wir Urſach haben ihn zu lieben, ihn, den Retter unſeres theu⸗ ren Kindes!— Oh! oh!l ich? entgegnete der Doe⸗ tor heiter, Sie ſo gut wie ich, meine liebe Ma⸗ dame Fauveau. Ihre unabläſſige Sorgfalt hat ebenſoviel bewirkt als meine Anordnungen.— Das will ich meinen. Denken Sie nur, Madame, länger als einen Monat iſt Marie nicht vom La⸗ ger des kranken Kindes gewichen, ſagte Joſeph ſchwer aufathmend. Ja, Madame, mehr als Die Prophezeihung. III. 4 3. — einen Monat hat ſie am Krankenlager des Kin⸗ des gewacht.— Mein Gott! mein Gott, Ma⸗ dame! entgegnete Marie, indem ſie die Schultern emporzog und ein reizendes, kleines Schmollge⸗ ſicht machte, wie verdrießlich iſt es doch, nicht wahr, wenn ſich die Leute ſtets über den Sonnen⸗ ſchein am hellen Mittage verwundern?— Laſſen Sie das gut ſein, Madame, ſagte Heloiſe lä⸗ chelnd; gewiß iſt nichts weniger außerordentlich als ein ſchöner, reiner Frühlingstag. Sollten wir denſelben aber deshalb weniger reizend fin⸗ den?— Bravo! rief Joſeph, indem er ſich ent⸗ zückt über dieſe ſeiner Frau geſagte Schmeichelei die Hände rieb. Ah! Ah! ſiehſt Du wohl, Ma⸗ riechen, daß ich das Recht habe, Dir, ſo oft ich will, zu wiederholen, daß Du gut und reizend biſt?— Das iſt gewiß, mein lieber Joſeph, das iſt Dein volles Recht, ſprach der Doctor luſtig, denn das Geſetz ſagt: Die Frau iſt dem Manne Gehorſam ſchuldig. Mithin muß ſich Deine Frau gefallen laſſen, von frühem Morgen bis zum ſpäten Abend angebetet zu werden, und ruhig zu⸗ hören, wenn Du ſie reizend nennſt. Ei! ja wohl, Madame Faüveau.. ſo iſt's und nicht anders! Mit dem Geſetz läßt ſich doch nicht ſpaßen.— Ta! ta! tal Hers Bonaquet, entgegnete Marie in trotzig neckiſchem Tone; kümmern Sie Sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, wo nicht, ſo muß 5 5 ich Sie darauf aufmerkſam machen, daß, wenn Sie die Dankſagungen aller derjenigen anhören ſollten, welchen Sie das Leben gerettet hahen, Ihnen keine Zeit übrig bliebe, es Anderen zu er⸗ halten!— Gefangen! Jerome, ſagte Joſeph ganz ſtolz auf die kluge Entgegnung ſeiner Frau. Eiſe Dich doch los, wenn Du kannſt!— In der That, mein Freund, ſagte Heloiſe lächelnd und von Ma⸗ riens Anmuth immermehr bezaubert, biſt Du nach Verdienſt abgefertigt!— Ach! mein Gott! Jo⸗ ſeph, rief Madame Fauveau plötzlich aus, indem ſie jetzt erſt die Gemälde bemerkte, welche den Saal ſchmückten; ſieh nur, Joſeph, ſagte ſie, in⸗ dem ſie näher trat, um dieſelben genau zu be⸗ trachten, die ſchönen Bilder! Dann wandte ſie ſich nach Helviſen um, und ſagte derſelben treuherzig: — Das ſind Könige und Königinnen der al⸗ ten Zeit, nicht wahr, Madame? In der That läßt ſich nicht leugnen, daß ſie wie rechtſchaffene Leute ausſehen; man ſieht es ihnen am Geſicht ab. Vor allen dieſe Königin hier mit dem ſchö⸗ nen, blauen, über und über mit Gold beſtickten Mantel; ſieh nur, Joſeph, welches ſanfte und freundliche Geſicht ſie hat? Ich wette, ſie wurde von ihren Unterthanen geliebt. Mein Gott, mein Gott! wie dumm und traurig iſt das, wenn man einfältig wie ein Karpfen iſt und von nichts weiß, 4* „ fügte Marie im Tone aufrichtigen Bedauerns hin⸗ zu. Sie aber, Herr Bonaquet, der Sie Alles wiſſen, kennen ſicher den Namen dieſer ſchönen guten Königin? Sagen Sie uns denſelben alſo, denn mein guter Joſeph iſt nicht mehr in der Geſchichte bewandert als ich. Wie der Leſer wohl merkt, war von dem Ge⸗ mälde die Rede, welches eine Frau in der Tracht des kaiſerlichen Hofes, Heloiſens Mutter, dar⸗ ſtellte. Dieſe, von dem Eindruck gerührt, welchen die Züge ihrer Mutter auf Marie machten, ant⸗ wortete derſelben; — Sie glauben nicht, Madame, wie ſehr es mich freut, daß Ihnen die Züge dieſer Frau gefallen; Sie beurtheilen dieſelbe übrigens ganz richtig; ihre Seelengüte gewann ihr alle Herzen; und jedesmal, wenn ich das geliebte Bild be⸗ trachte, erinnere ich mich ihrer Zärtlichkeit und Tugenden.— Wie, Madame, fragte Marie er⸗ ſtaunt, Sie kennen ſie?— Es iſt meine Mutter. — Ihre Mutter! rief Marie mehr und mehr au⸗ ßer Faſſung gebracht aus und kaum ihren Ohren trauend. Ach! mein Gott! dieſe ſchöne Königin iſt Ihre Mutter?— Meine Frau iſt nicht ſo ho⸗ her königlicher Abkunft, als Sie meinen, meine liebe Madame Fauveau, entgegnete Bonaquet lächelnd. Dieſe prächtige Tracht führt Sie irre; die Urbilder dieſer Gemälde waren weder Könige noch Königinnen, es waren vielmehr.— Schauſpieler? nicht wahr? rief Marie, über ihren eigenen Scharfſinn erfreut, lebhaft aus und zu⸗ gleich im hochachtungsvollſten Tone, denn ein Schauſpieler erſchien ihr ſchon als etwas Bedeu⸗ tendes. Sie fuhr denn auch im Tone aufrichtiger Bewunderung fort, indem ſie ihre hübſchen Au⸗ gen weit aufriß, um die Gemälde genau zu be⸗ trachten: So iſt es, es waren Schauſpieler in ih⸗ ren ſchönſten Theateranzügen? Ja, ja, da oben iſt eine andere Dame als Marquiſin verkleidet, im Reifrocke.— Sancta simplicitas! flüſterte Bonaquet, indem er ſeine Frau anſah. Dieſe konnte trotz der Rührung, in welche ſie die Erin⸗ nerung an ihre Mutter verſetzt hatte, bei der treu⸗ herzigen Verwechſelung der jungen Frau ein Lä⸗ cheln nicht unterdrücken, während Jerome luſtig ſagte: — Neuer Irrthum, meine liebe Madame Fauveau. Ein Irrthum, welcher übrigens ſehr begreiflich iſt, denn die Perſonen, welche Sie hier dargeſtellt erblicken, waren oft wider ihren Willen genöthigt, in dieſer Vermummung aufeiner Bühne zu erſcheinen, auf welcher giemlich armſelige Ko⸗ mödien aufgeführt werden. Dieſe Bühne nennt man den Hof.— Und dort muß man oft eine Rolle übernehmen, welche mit der Beſcheidenheit und Einfachheit unſeres Geſchmacks in Wider⸗ — 54— ſpruch ſteht, entgegnete Heloiſe. Meine Mutter gehörte zu denjenigen, welche ſich am Hofe wenig wohlfühlten.— Am Hofe! eine Rolles wiederholte Marie, indem ſie ſich vergebens be⸗ mühte zu begreifen. Dann wandte ſie ſich an ihren Mann: — Und Du, Joſeph, verſtehſt Du es?— Meiner Treu, nein! antwortete Joſeph gutmü⸗ thig, und, indem er ſich an Heloiſen wandte, ſagte er:— Sie müſſen uns entſchuldigen, Ma⸗ dame; ſehn Sie, wir verlaſſen ſelten unſeren La⸗ den; wir ſind in vielen Dingen unwiſſend, und unſer Freund Jerome, welcher ſo viele Leute ſieht, iſt ein großer Herr im Vergleich zu uns.— Hier haſt Du in zwei Worten die Löſung des Räthſels, mein guter Joſeph, entgegnete der Doctor. Meine Frau gehört einer altadlichen Familie an, welche in früheren Zeiten hohe Staatsämter bekleidete. Dieſe Gemälde ſind die ihrer nächſten Verwandten, wie Du hier auch das Bild meines würdigen Vaters und meiner theueren Mutter erblickſt.— Die gute Alte dort in der Rundhaube, nicht wahr, Herr Bonaquet? fragte Marie, das Bild aufmerf⸗ ſam betrachtend. Dann fuhr ſie fort: Nun wohl, obgleich ich mich auf Gemälde nicht verſtehe, wollte ich doch wetten, daß Ihre liebe Mutter ein Gold⸗ herz beſaß. Sieh nur, Joſeph, wie ſanft und gut ſie ausſieht?— Oh! das iſt wahr; ich glaube, man brauchte ſie nur zu ſehn, um ſie lieb zu ge⸗ winnen.— Es iſt doch eigentlich poſſirlich, be⸗ gann Marie wieder nachdenklich, indem ſie ab⸗ wechſelnd die ariſtokratiſchen und die plebejiſchen Bilder betrachtete, dort eine große Dame im Ga⸗ lamantel.. hier eine ſchlichte Frau in der Rund⸗ haube. Und nach minutenlangem Stillſchweigen fuhr die junge Frau fort, als wenn ſie ſich einen ge⸗ heimen Gedanken beantwortete: — Bei alledem, warum nicht?— Nun, meine liebe Madame Fauveau, ſagte der Arzt lu⸗ ſtig, ſeien Sie aufrichtig wie immer.. ſagen Sie uns... ohne Rückhalt Ihre Herzensmei⸗ nung...— Oh! darum brauchſt Du nicht zu ſorgen, entgegnete Joſeph, welcher auf die Worte ſeiner Frau wartete, um zu wiſſen, ob er ſein Erſtaunen darüber, daß Bonaquet eine große Dame geheirathet hatte, äußern könnte oder nicht; ſorge nicht, Jerome, wenn Marie nicht ſagt, was ſie denkt... iſt ſie ſtumm geworden.— Mein Gott! mein Gedanke iſt ganz einfach, entgegnete Madame Fauveau. Zuerſt habe ich mir geſagt: Sieh, ſieh, ſieh! Herr Bonaquet, unſer Freund, der Freund von Kleinkrämern, heirathet eine ſchöne Edeldame, deren Eltern am Hof waren; das iſt. poſſirlich! Und dann, als ich nachgedacht, ſagte ich mir weiter: Aber laß doch ſehen! Warum — ſollte mich dieſe Heirath eigentlich in Verwunde⸗ rung ſetzen? ſie liebten ſich, ſie fanden Gefallen an⸗ einander und haben ſich geheirathet, das iſt das Ganze. Wenn ich die JTochter eines reichen Ban⸗ qu ers geweſen wäre, hätte mich das hindern kön⸗ nen, Joſeph zu heirathen, weil er nur ein Klein⸗ krämer war? Und würde mich Joſeph ſeinerſeits etwa nicht geheirathet haben, wenn er ein reicher Banquier und ich nur die Jochter eines Klein⸗ krämers geweſen wäre?— Ich! rief Joſeph aus; eher hätte ich mich in Stücken hauen laſſen, che ich auf Dich, mein Mariechen, verzichtet hätte. — Der tauſend! das glaub' ich wohl, antwor⸗ tete die junge Frau lachend und mit einem nied⸗ lichen, koketten Geſichtchtn. Ich wollte Ihnen damit alſo ſagen, Herr Bonaquet, daß nach mei⸗ ner Anſicht zwiſchen Groß und Klein, wenn recht⸗ ſchaffene Leute ſich lieb haben und Gefallen an einander finden, es ganz in der Ordnung iſt, daß ſie ſich heirathen; Reichthum und Adel können dabei nichts hindern und nichts fördern, denn in der That, fügte Marie lachend und mit ihrem kleinen ſchalkhaften Geſichtchen, welches ſie ſo reizend machte, hinzu; man betet ſich ja weder mit Adel an, noch umarmt man ſich mit Thalern; doch das eine muß man geſtehen, fuhr ſie ernſt, faſt gerührt fort, indem ſie ſich an Heloiſen wandte, für eine große Dame ſind Sie durchaus nicht — 37 ſtolz, Madame, was beweiſt, daß Sie ein gutes Herz beſitzen. Und ich fühle mich noch ebenſo wohl bei Ihnen als vorhin, da ich Ihren Stand noch nicht kannte Nein, wahrlich! Sie ſind nicht im mindeſten ſtolz!— Sie irren Sich, Madame, erwiderte Heloiſe, indem ſie der jungen Frau mit wachſender Zutraulichkeit die Hand reichte, ich bin ſtolz, ſehr ſtolz darauf, daß ich nach dem, was mir mein Mann von Ihnen erzählte, richtig geahnt habe, wie es nichts Beſſeres gäbe als Ihr Herz, nichts Liebenswürdigeres als Ihren Geiſt — und Ihr Weſen.— Wirklich, Madame! Sie finden das? antwortete Marie, indem ſie die Hand mit Wärme drückte, welche ihr Madame Bonaquet gereicht hatte. Nun! um ſobeſſer; Ihr Lob ſollte mich in Verlegenheit ſetzen, im Gegen⸗ theil aber macht es mich ganz ſtolz für Joſeph und mich. Das iſt vielleicht hochmüthig von mir ge⸗ ſprochen; doch was läßt ſich dagegen thun, ich kann einmal meine Gedanken nicht verhehlen. Sancta simplieitas! flüſterte Doctor Bona⸗ quet abermals, indem er ſeine Frau mit ſanfter Rührung anblickte, welche dieſe mit ihm theilte. In dieſem Augenblick trat der alte Diener in den Saal und ſagte Madame Bonaquet heimlich einige Worte, worauf dieſe zu ihrem Manne ſprach: — Lieber Freund, es iſt ſieben Uhr vorbei, Herr Ducormier iſt noch immer nicht hier; wir — brauchen, glaube ich, keine Umſtände ſeinetwegen zu machen; wollen Sie, daß angerichtet wird?— Wahrſcheinlich haben unerwartete Geſchäfte Ana⸗ tole zurückgehalten, ſagte Jerome Bonaquet; er kann nicht mehr lange ausbleiben. Unter Freun⸗ den braucht man indeß keine Umſtände zu machen; wir wollen immerhin zu Tiſch gehn. Heloviſe gab dem alten Diener einen Wink, worauf ſich derſelbe entfernte. — Das iſt Recht, zu Tiſch, das iſt das beſte Milttel, um dieſen unpünktlichen Anatole zur Eile zu treiben, ſagte Fauveau luſtig.— Und da wir gewöhnlich um fünf Uhr eſſen, fuhr Marie nicht weniger heiter fort, ſo habe ich in der That einen Wolfshunger, mein lieber Herr Bonaquet, und werde mich ſogleich von dieſer Krankheit gründ⸗ lich heilen, ohne Ihrer Vorſchriften zu bedürfen, denn Plötzlich aber unterbrach ſich Marie und ſagte zu ihrem Mann, welcher unerachtet ſeiner geringen geſellſchaftlichen Routine ihr durch Zei⸗ chen begreiflich zu machen ſuchte, daß es über⸗ flüſſig ſei von ſeinem Appetit zu ſprechen: — Was denn, Joſeph? was haſt Du denn? — Ich? nichts, gar nichts, mein Mariechen, beeilte ſich Joſeph zu antworten, während er bis über die Ohren roth wurde; ich... ich wußte nicht, wohin ich Dein Unſchlagetuch legen ſollte. — In der That hatte der würdige Knabe das zuſammengelegte Umſchlagetuch bis jetzt über den Arm getragen. — Gut, ich hab's, ich verſtehe! ſagte Ma⸗ rie in tolles Gelächter ausbrechend; Du guckſt mich groß an, weil ich laut ſage, daß ich hun⸗ grig bin, nicht wahr?— Nicht doch, erwiderte Joſeph mit wachſender Verlegenheit; nicht doch, ich verſichere Dich.— Schickt es ſich vielleicht nicht, in guter Geſellſchaft zu ſagen, daß man Ap⸗ petit hat, wenn man hungrig iſt? entgegnete Ma⸗ rie luſtig, indem ſie Heloiſen anſah. Für dieſen Fall entſchuldigen Sie mich, Madame.— Im Gegentheil haben wir Sie um Entſchuldigung zu bitten, daß wir es mit dem Eſſen ſo ſpät haben wer⸗ den laſſen, antwortete Helviſe heiter, und auf die Gefahr hin, von Herrn Fauveau gleichfalls aus⸗ geſchmält zu werden, geſtehe ich wie Sie laut ein, daß ich großen Hunger habe; glücklicherweiſe iſt aber aufgetragen, füͤgte Madame Bonaquet hinzu, als ſie den alten Bedienten die Flügel⸗ thüren öffnen ſah, welche zum Speiſezimmer führ⸗ ten. Herr Fauveau, bitte, reichen Sie mir Ih⸗ ren Arm.— Nun, es iſt Anatoles eigene Schuld, ſagte der Arzt, während er Mariens huͤbſchen Arm ergriff; er findet uns bei Tiſch; warum hat er unvorhergeſehene Geſchäfte. 3 Die vier Tiſchgenoſſen traten in den Speiſe⸗ — ſaal und ſetzten ſich an die beſcheiden bediente Tafel, welche ſich durch nichts als die ausgewähl⸗ teſte Reinlichkeit auszeichnete. Sie ſetzten ihr Geſpräch alſo fort: — In der That, ſagte Doctor Bonaquet zu ſeiner Frau, haben wir keine Urſache uns über Anatole's Unpünktlichkeit ſehr zu verwundern, liebe Helviſe; der Umzug eines Junggeſellen iſt zwar nichts Bedeutendes, der gute Freund wird aber wahrſcheinlich mit dieſer Sorge beſchäftigt ſein; daher ſeine Verſpätung.— Wie! Anatole zieht um? fragte Fauveau.— Es iſt wahr, Du weißt davon noch nichts, mein guter Joſeph, antwor⸗ tete der Doctor. Anatole wird hier im Hauſe wohnen und ſich bei uns niederlaſſen.— Eiwas! rief Joſeph aus. Da ſieht man den Heimlichen! Geſtern, als er bei uns aß, hat er nicht ein Ster⸗ benswörtchen davon geäußert, nicht wahr, Ma⸗ rie?— Nein, antwortete die junge Frau, und das iſt nicht hübſch von ihm.— Ich muß Herrn Ducormier in Schutz nehmen, ſagte Heloiſe. Ge⸗ ſtern hatte er den Entſchluß noch nicht gefaßt, deſ⸗ ſen Herr Bonaquet erwähnte.— Wie will er ſich denn aber mit ſeinem Geſandten abfinden? fragte Joſeph. Er kehrt alſo nicht wieder nach London zurück?— Nein, mein lieber Joſeph. Er giebt ſeine Stellung als Secretär auf, und ich bin gewiß, ihm hier paſſende Beſchäſtigung zu — verſchaffen.— Meiner Treu, das freut mich, entgegnete Fauveau, welchen die Freundlichkeit ſeiner Wirthsleute immer unbefangener machte; es freut mich aus doppeltem Grunde; zuerſt, weil wir nun den lieben Anatole öfters bei uns ſehen werden, und dann, weil meiner Meinung nach — Nun, Jofeph?— Nun, nach meinem einfältigen, ſchlichten Urtheile meine ich, daß der Umgang der großen Welt für Unſereinen nichts taugt; und das muß wirklich wahr ſein; denn Anatole, dies Goldherz, dieſer grundgeſcheite Kopf.. ſage aufrichtig, Jerome, fuhr Fauveau von ſeinem Vorderſatz abſpringend fort, findeſt Du Anatole nicht etwas verändert?— Doch.. er iſt nicht mehr der Alte; doch Gott ſei Dank, mein guter Joſeph, binnen Kurzem wirſt Du un⸗ ſeren Freund von ehemals wiederfinden.— So viel ſteht wenigſtens feſt, begann Marie luſtig, daß mir Joſeph geſtern geſagt hat: Du wirſt ſehn, was Anatole für ein guter, ſchüchterner Burſche iſt, ein wahres Jüngferchen; ſo daß ich, ihm auf dieſe Empfehlung hin jüngferlichen Geſchmack zu⸗ trauend, mit eigener Hand Chocoladencreme zu⸗ bereitete.. mein Meiſterſtück. Bonaquet, ſollte Anatole die Schändlichkeit be⸗ gangen haben, dieſen herrlichen Chocoladencreme zu verſchmähen, Madame Fauveau?— Ei! das wäre! Herr Anatole iſt viel zu höflich, um mir ſolchen Schimpf anzuthun, Herr Bonagquet; er hat von meinem Creme gegeſſen; und ſogar zwei⸗ mal.— Was mich durchaus nicht wundert, entgegnete der Doctor; denn ich...— Oh! Sie, Herr Bonaquet, ſagte Marie mit luſtigem Gelächter, Sie ſtippten bei uns ſtets Ihre drei Näpfchen aus.— Und noch begnügte ich mich aus Beſcheidenheit, entgegnete der Doctor heiter. — Nun wohl, fuhr Marie fort, ich finde Herrn Anatole ſehr munter, ich halte ihn, wenn Sie wollen, auch für einen guten Jungen, was aber die Blödigkeit und das Jüngferliche anlangt, da⸗ von iſt keine Rede; als er denn auch von all den großen Herrn und ſchönen Damen ſprach, mit denen er, wie er uns ſagte, täglich verkehrte; von jenen Feſten und glänzenden Bällen, welche er uns ſo reizend ſchilderte, da ſchämte ich mich an⸗ fangs ordentlich des armſeligen Eſſens, welches wir ihm in unſerem Hinterſtübchen vorſetzten; dann aber dacht'ich bei mir: Wetter! man iſt, wer man iſt, und giebt, was man hat; wir heißen Herrn Anatole herzlich willkommen, und er muß auch herzlich vorlieb nehmen, da er zu Joſeph's beſten Freunden gehört, und meine Verlegenheit ver⸗ ſchwand, wie ſie gekommen war. Uebrigens war Herr Anatole ſehr liebenswürdig, nur fand ich ihn etwas zu ſpöttiſch; er ſpricht aber ſo ſchön, er weiß ſo viel zu erzählen, daß uns der Abend — wie fortgezaubert war, und als es eilf ſchlug, meinten wir, es ſei kaum acht Uhr. Nicht wahr, Joſeph?— Ja wohl, und wir waren ſo aufge⸗ weckt und luſtig, daß wir auf den Einfall gerie⸗ then, Anatole auf dem Opernball zum Narren zu haben, wo wir Dich trafen.— Was fehlt Ih⸗ nen, mein Freund? fragte Helviſe plötzlich ihren Mann. Sie ſcheinen bekümmert zu ſein?— Es iſt bald acht Uhr und Anatole noch nicht da, ant⸗ wortete der Arzt. Sein Ausbleiben erfüllt mich unwillkürlich mit Beſorgniß. Und doch! es iſt thöricht, daß ich mir Sorgen mache. Habe ich nicht ſein Wort? Nun, mein lieber Joſeph, laß uns ein Glas dieſes alten Bordeaurweins(Ge⸗ ſchenk eines meiner Patienten) auf Anatole's bal⸗ dige Ankunft und glückliche Rückkehr in unſere Mitte leeren.— Von ganzem Herzen, denn Ana⸗ tole iſt im Grunde der bravſte Junge von der Welt. Aeußerlich aber hat er ſich merkwürdig verändert. Wenn ich noch daran denke, wie er in Schnürſchuhen, Fiſchottermütze und viel zu kurzärmlichem Rock von uns ging, und nun finde ich ihn wieder wie einen Fürſten angethan, ſchön zum Malen und dreiſt wie einen Pagen, während er von Fürſten und Herzögen mit derſelben Hoch⸗ achtung redet, mit welcher wir im College von Bau⸗ ern und Hofhunden ſprachen. Ich konnte denn auch meiner Treu nicht ſatt werden ihm zuzuhören — und ihn anzuſchauen, denn ſolche Veränderung war mir faſt unbegreiflich. Wie! ſagte ich mir, dieſer ſchöne und reizende Junge, der allen Frauen den Kopf verrücken muß, iſt unſer Anatole?— Wahrhaftig, Madame, nahm Marie lebhaft das Wort, denken Sie Sich nur, ſeit geſtern hat Jo⸗ ſeph nicht aufgehört mir zu ſagen: Mein Gott, welch' ein hübſches Geſicht Anatole hat! welches hübſche Benehmen! Welch' feine Taille, und wie ſchön iſt er gekleidet, wie ausgezeichnet ſieht er aus! Wie muß ich mich doch neben ihm ausneh⸗ men? Was gäbe ich dafür, wenn ich ihm gliche! — Weil das wirklich meine Meinung iſt, ant⸗ wortete der gute Joſeph. Iſt es nicht wahr, Je⸗ rome, ſind wir im Vergleich mit dieſem ſchönen Burſchen nicht wahre Vogelſcheuchen?— Schwatzt Joſeph nicht dummes Zeug, Madame? rief Marie vor Ungeduld roth werdend aus. Was ſoll das heißen, daß man eine wahre Vogel⸗ ſcheuche iſt? daß man weniger gut ausſieht als dieſer oder jener? Ausſehn? in weſſen Augen aus⸗ ſehn? wahrſcheinlich doch in den Augen Ihrer Frau, Herr Joſeph, denn ſie allein geht die Sache etwas an, da ſie nach weiter Niemand blickt als nach Ihnen! Und wenn ſie Sie wohl, ſehr wohl⸗ gebildet findet, ſo wie Sie ſind, iſt es dann noch höflich und artig, zu ſagen, daß Sie wie eine Vo⸗ gelſcheuche ausſehn? Sie meinen glſo, Ihre — Frau habe einen ſchlechten Geſchmack oder ver⸗ ſtehe nichts davon, weil dieſelbe Sie allen Ande⸗ ren vorzieht? Marie hielt dieſe kleine Strafpredigt mit ſol⸗ chem Ernſte und verfuhr in ihren Schlüſſen ſo richtig, daß Heloiſe Joſeph lächelnd ſagte: — Ich muß geſtehn, mein Herr, daß Sie dieſe Vorwürfe verdienen; Madame Fauveau hat vollkommen Recht; wir Frauen ſind die einzigen und beſten Richter über das Aeußere, das uns gefällt.— Nun ja, Madame, ich habe Unrecht, antwortete Joſeph; aber ſehn Sie, ich liebe den kleinen Kobold ſo ſehr! er macht mich ſo über Al⸗ les glücklich, daß ich zuweilen der beſte, ſchönſte, reichſte, liebenswürdigſte Menſch zu ſein wün⸗ ſche, um all das Glück zu verdienen, welches ich ihm verdanke. Dieſe letzten Worte ſprach Fauveau ſo rührend, er ſah ſeine Frau dabei ſo zärtlich und innig an, daß Marie heftig bewegt mit Mühe ihre Thränen zurückhielt und ausrief: — Ach Joſeph, das iſt kein Scherz mehr! Wir ſpaßten, ich habe ja kein Mißtrauen gegen Dich, und Du ſagſt mir ſo zärtliche Dinge, daß mir die Thränen in die Augen ſteigen. Nicht wahr, Madame, das iſt nicht großmüthig von ihm? Heloiſe, welche von Mariens lieblichem, un⸗ gekünſteltem und aufrichtigem Weſen immermehr eingenommen wurde, war im Begriff derſelben Die Prophezeihung. MI. 5 — 6 zu antworten, als der alte Diener eintrat und dem Doctor einen Brief überreichte. — Anatole's Schrift! ſagte ſich der Arzt mit banger Ahnung. Dann ſich an ſeine Frau wen⸗ dend, ſagte er derſelben:— Wollen Sie, liebe Freundin, daß wir in den Saal zurückkehren? Da das Mahl beendet war, ſtand Heloiſe auf, nahm Fauveau's Arm, während der Doctor den ſeinigen Marien bot, und die vier Gäſte ver⸗ ließen das Speiſezimmer wieder. XNIII. Nachdem die vier Tiſchgenoſſen den Saal er⸗ reicht hatten, ſagte Doctor Bonaquet, welcher begierig war, den Inhalt von Anatole's Brief ken⸗ nen zu lernen, zu Madame Fauveau und He⸗ loiſe, indem er ihnen den Brief zeigte, welchen er ſoeben erhalten hatte: — Sie erlauben, meine Damen? Und er las, wie folgt: „Lieber Jerome, ich habe meine Pläne geän⸗ dert, rechne nicht weiter auf mich, ich werde nie den neuen Beweis Deiner Freundſchaft vergeſſen, welchen Du mir dieſen Morgen gabſt; der Eifer S dieſer Freundſchaft leitete uns aber beide irre; Du glaubteſt, ich könnte in meinem Alter noch meinen Charakter, meine Denk⸗ und Lebensweiſe ändern; und ich theilte einen Augenblick unter dem Einfluß des lebhaft erregten Gefühls unſerer alten Freundſchaft dieſen Irrthum. „Es iſt zu ſpät zur Umkehr, mein Schickſal iſt entſchieden, ich werde dem Strom folgen, der mich u Was mein gege Deinen Rab ſchlägen zu nes Ehrenwort betrifft, olgen, ſo hiſt Du zu vernünftig und verſtändig, um einem unüberleg⸗ ten Gelübde, welches im Eifer des Seihrich gethan wurde, übertriebene Wichtigket beizu legen. „Ich kenne Dich, mein lieber 1 Brief wird Dich betrüben, erzürnen und wahr⸗ ſcheinlich zu augenblicklicher Ungerechtigkeit gegen mich verleiten; es wird Dir deshalb nicht auf⸗ fallen, wenn ich Dir einige Zeit fern bleibe. Ich werde mit der Wiederanknüpfung unſeres Ver⸗ hälmiſſes warten, bis Dich Deine ſtets ſo weiſe Ueberlegung überzeugt hat, wie ich keinen an⸗ deren Entſchluß faſſen konnte, als den von mir ausgeführten, dem mich keine menſchliche Mach wieder abwendig machen wird. „Lebe wohl, mein Freund, der Deine trotz alledem. A. Ducormier.“ —— Jerome's erſte Bewegung nach Leſung dieſes Briefes war, daß er ſein Geſicht mit beiden Händen verdeckte und vernichtet auf einen Stuhl ſank, indem er mit erſtickter Stimme flüſterte: — ach! der Unglückſelige! er iſt verloren! — Lieber Freund, fragte ihn Heloiſe lebhaft, was fehlt Ihnen?— Was giebt's denn, Je⸗ rome? fragte Joſeph.— Heloiſe, erwiderte der Doctor mit eiliger, erſchöpfter Stimme, ich hatte Ihnen meine Unterredung von heute Morgen mit Anatole mitgetheilt, meine anfänglichen Be⸗ fürchtungen, meine darauf faſt gewiſſe Hoffnung; ich hatte Ihnen endlich erzählt, wie er mir ſein Ehrenwort gegeben, bei uns zu wohnen und einem Leben zu entſagen, welches ihn in einen Abgrund von Elend ſtürzen wird.— Nun! fragte Heloiſe, und dieſer Brief...— Anatole bricht ſeinen Schwur und ſtürzt ſich blindlings in den Stru⸗ del, welcher ihn verſchlingen wird!— Ach! mein Freund, entgegnete Heloiſe traurig, meine Ah⸗ nung betrog mich alſo nicht: dieſe Umkehr war zu plötzlich, um von Dauer zu ſein.— So das gegebene Ehrenwort brechen, ſagte Joſeph Fau⸗ veau ſtreng, iſt ſchlecht; es bedarf nicht mehr, um einen Mann zu beurtheilen; unſer alter Ana⸗ tole hätte nichts verſprochen oder ſein Wort treu gehalten.— Joſeph, ſagte Marie, welche aufmerk⸗ ſam zugehört hatte und nach und nach betrübt ge⸗ —5 worden war, von nun an dürfen wir Herrn Anatole nicht mehr bei uns fehn; es wird ihm zwar ſehr gleichgültig ſein, wir ſind es aber ſo⸗ wohl uns ſelbſt als auch unſerm Freunde, Herrn Bonaquet, ſchuldig; ſein Kummer beweiſt, daß er von Herrn Ducormier jetzt eine üble Meinung hat.— Lieber Freund, begann Heloiſe nach kur⸗ zem Nachdenken, wollen Sie nicht, bevor Sie alle Hoffnung aufgeben, noch einen letzten Ver⸗ ſuch bei Herrn Ducormier machen? Der Einfluß Ihrer Freundſchaft iſt groß, vielleicht gelänge es Ihnen noch, ihn zum Guten zurückzuführen.— Ich dachte eben daran, entgegnete Jerome Bona— quet, denn nicht Zorn, mein Gott, nein! ſon⸗ dern Mitleiden und Entſetzen flößt mir ſein Be⸗ nehmen ein. Nein, nein, jene Thränen, welche er heute Morgen vergoß, ſein feierliches und freies Gelübde bezeugen es mir; nein, nein, noch iſt nicht jedes edle Gefühl in ihm erloſchen. Es bedurfte gewiß des Zuſammentreffens, Gott weiß, welcher unheilvollen Umſtände, um ihn zu dieſem unglückſeligen Rückfall zu führen. Je grö⸗ ßer die Gefahr derer iſt, die wir lieben, je mehr ſie uns rkennen, je undankbarer ſie gegen uns ſind, mit um ſo zärtlicherer, mit um ſo größerer Sorgfalt müſſen wir uns ihrer annehmen. Auch verliere ich den Muth nicht. Und dann rettet man ia auch Anatole nicht allein, indem man ihn für das — 70— Gute erhält, man hindert ihn zugleich vielleicht, ach! nur zuviel Böſes zu thun; ſeine durch die Demüthigungen, welche er von den Luuten, unter denen er lebte, erduldet hat, erbitterte Seele iſt bis zum Haß, bis zur blinden, boshaften Rache gereizt, denn die abſcheulichen Worte entſchlüpften ihm: Geduld, Geduld! der Märtyrer ei⸗ nes Tages Henker werden! Bei dieſen Worten konnte Marie einen Angſt⸗ ſchrei nicht unterdrücken und verbarg ihr Geſicht in beide Hände. Heloiſe trat lebhaft zu der jungen Frau, welche ſeit einigen Minuten betrübt ausgeſehn, und ſagte ihr: .— Mein Gott, was iſt Ihnen denn, meine liebe Madame Fauveau?— Nichts, Madame, antwortete die junge Frau zuſammenſchaudernd und ſich Mühe gebend ihre Bewegung zu bewäl⸗ tigen; mir fehlt nichts...— Doch, Marie, Dir muß etwas fehlen, ſagte Joſeph mit wach⸗ ſender Beſorgniß, ich kenne Dein Geſicht wohl Du zitterſt am ganzen Leibe gerade wie dieſe Nacht, als wir den Opernball verließen in der That war es bei der Nachhauſekunft vorüber, Du hatteſt wieder Dein liebes, fröhli⸗ ches Geſichtchen, ſo daß ich nicht darauf beſtand zu erfahren, was Dich bei unſerem Fortgange vom Balle ſo plötzlich betrübte. aber augen⸗ —— — ſcheinlich wiederholt ſich jetzt der Zuſtand Iſt es nicht wahr, Jerome, daß ſie ſeit einigen Augenblicken ganz verändert ausſieht?— Es iſt wahr, antwortete der Arzt, einen Augenblick ſeine Sorge um Ducormiervergeſſend und die junge Frau aufmerkſam betrachtend, Sie ſind blaß. Ihre Hand zittert. Um Gottes Willen, was fehlt Ihnen? Nach minutenlangem Stillſchweigen ſchien die junge Frau einen peinlichen Entſchluß zu faſſen und ſagte dem Doctor mit bewegter Stimme: — Was halten Sie von Prophezeihun⸗ gen, Herr Bonaquet?— Erklären Sie Sich näher, meine liebe Madame Fauveau, ſagte der Arzt, über dieſe ſonderbare Frage verwundert.— Mit einem Wort, entgegnete Marie, glauben Sie, daß die Prophezeihungen der Wahrſagerin⸗ nen in Erfüllung gehn?— Ach! mein Gott! rief Joſeph aus, denkſt Du wieder an dieſe einfäl⸗ tige und abſcheuliche Prophezeihung, über welche Du Dich geſtern noch ſo herzlich luſtig machteſt? — Geſtern lachte ich darüber, ja, mein guter Joſeph, antwortete Marie traurig, ſeit dieſer Nacht aber.. jetzt aber. wage ich es nicht — Und warum nicht? fragte Joſeph?— eiß es ſelbſt nicht, antwortete die junge Fniedergeſchlagen. Es iſt etwas Unbegreif — liches dabei. das iſt es, was mich ſo ent⸗ ſetzt. Heloiſe und Jerome hatten ſich wiederholt verwundert angeſehn, da Sie nichts von dem Geſpräch zwiſchen Joſeph und Marie verſtanden. Doctor Bonaquet begann zuerſt wieder: — Wenn ich nicht irre, meine liebe Ma— dame Fauveau, handelt es ſich um eine Prophe⸗ zeihung, die man Ihnen gemacht hat; dieſelbe beunruhigt Sie, und Sie fragen mich ernſtlich, dann in der That muß ich Sie ausſchelten, Sie fragen mich ernſtlich, ob ich an die Narrheiten der Wahrſagerinnen glaube?— RNicht wahr, Jerome? ſagte Joſeph lebhaft, es iſt nichts als albernes Geſchwätz ohne Sinn und Verſtand? — Ich kann Ihnen um ſo mehr in dieſem Fache dienen, entgegnete Doctor Bonaquet, als ich eine der berühmteſten Wahrſagerinnen in Paris in Behandlung gehabt habe und noch behandle, eine übrigens merkwürdige Frau, von welcher ich bereits mit Ihnen geſprochen zu haben glaube, meine liebe Helviſe, fügte er hinzu, indem er ſich an ſeine Frau wandte.— In der That, mein Freund, ſprachen Sie Ihre Meinung dahin aus, daß dies arme Geſchöpf, ſtatt wie ſo viele Ihresglei⸗ chen eine Betrügerin zu ſein, am eiſten ſelbſt be⸗ trogen werde, durch das, was ſie ihr zweites Geſicht nennt.— Wenn ich mich getraute, Sie —.————— — mit mediciniſchen Auseinanderſetzungen zu behel⸗ ligen, meine liebe Madame Fauveau, begann Jerome wieder, ſo würde ich Ihnen erklären, wie ich ſeit mehreren Jahren bei dieſer unglück⸗ lichen Frau, welche übrigens jung, hübſch und mit herrlichen Geiſtesanlagen begabt iſt, dieſe Erſcheinung vorgeblichen Hellſehns genau beob⸗ achte, welches bei ihr faſt immer nach dem Höhe⸗ punkt einer furchtbaren und leider unheilbaren Krankheit eintritt; denn... ſehn Sie, noch dieſe Nacht. als ich Sie im Opernhauſe traf, meine Freunde. hatte man mich eilig wegen einer Frau, die in Starrſucht verfallen war, herbeigerufen... und dieſe Frau...— War ſie!. rief Marie zuſammenfahrend aus, ich wußte es wohl.— Welche ſie? fragte Jerome. — Hert Bonaguet, dieſe Wahrſagerin, die Sie kennen, fragte Marie mit erſtickter Stimme, wo wohnt Sie?— In der Straße Saint⸗Avoye, antwortete Jerome.— Und, fuhr Marie fort, Sie heißt Madame Grosmanche?— Ganz recht, ſagte Jerome. Sie iſt es alſo, welche Sie um Rath gefragt haben?— Ja, mein armer Freund, antwortete Joſeph. Ach! daß die Hölle dieſe Unglücksprophetin verſchlänge! ſo wie das verrückte Weib, welches Marie zuerſt auf den Gedanken brachte, den Fuß in ihre Höhle zu ſetzen!— Sei doch verſtändig, Joſeph, entgeg⸗ — nete der Arzt; wenn Du ſo ſprichſt, vermehrſt Du die Beſorgniſſe Deiner Frau, ſtatt dieſelben zu beſchwichtigen.— Und Sie, mein liebes Kind, ſagte Helviſe, indem Sie die Hand der jungen Frau mit Wärme drückte, wie können Sie bei Ihrem vortrefflichen, verſtändigen Sinn ſich ſolchen thörichten Befürchtungen hingeben? Und laſſen Sie doch hören, fügte Heloiſe lächelnd hinzu, um Marie wieder aufzuheitern, was kann Ihnen denn dieſe Zauberin, die mir ziemlich ver⸗ rückt vorkommt, ſo Entſetzliches prophezeiht ha⸗ ben?— Sie hat mir prophezeiht, daß ich auf dem Schaffot ſterben würde.— Ach! das iſt entſetzlich! rief Heloiſe aus, ohne die erſte Be⸗ wegung bewältigen zu können; dann fügte Sie hinzu: Das Unvernünftige einer ſolchen Prophe⸗ zeihung ſelbſt indeß muß Sie doch, ich mag nicht einmal ſagen, beruhigen, ſondern zu einem mit⸗ leidigen Lächeln veranlaſſen.— Und ich kann Ihnen verſichern, daß dieſe Wahrſagerin eine vollkom⸗ mene Wahnſinnige iſt, ſagte der Arzt; Sie hat nicht einmal Bewußtſein von ihren ſogenannten Pro⸗ phezeihungen. Es ſind nichts als die Verirrun⸗ gen eines kranken Gehirns. Kurz ich.— Sehn Sie, Herr Bonaquet, entgegnete Marie den Doctor unterbrechend, ohne gerade ein ſtar⸗ ker Geiſt zu ſein, machte ich mich bis jetzt über dieſe Prophezeihungen ſtets luſtig; doch werden —— — Sie hören, ob man ſich nicht nachgerade fuͤrch⸗ ten muß. Bei der Wahrſagerin wartete ich in der Dunkelheit mit zwei Frauen, die ich ebenſo wenig kannte als ſie mich. Nachdem ich darauf mit der Wahrſagerin allein war, ſagte ſie mir, ſo weit ich mich entſinne, daß zwiſchen mir und jenen beiden Frauen irgend eine Beziehung ſtatt⸗ fände oder früher oder ſpäter ſtattfinden ſollte. — Nun wohl! und dieſen beiden Frauen, ſagte der Doctor, ſind Sie niemals begegnet?— Doch, entgegnete Marie, dieſe Nacht.— Wie? fragte Joſeph ſehr erſtaunt, dieſe Nacht?— Ja, entgegnete Marie. Und, indem ſie ſich an den Arzt wandte: Hat Sie nicht eine junge Dame im Opernhauſe aufgeſucht?— Ja wohl, Fräu⸗ lein Duval, antwortete Bonaquet. Sie bat mich, zu ihrer Mutter zu kommen,— Herr Ana⸗ tole hatte dieſem jungen Mädchen angeboten, Sie von ihrem Wunſch zu benachrichtigen, und ſie dankte ihm eben für ſeine Erbieten, entgegnete Marie, als ich einen ſchwarzen Domino Herrn Anatole, neben welchem ich ſtand, zuflüſtern ſah. Auf dieſe Weiſe ſtanden wir drei Frauen in die⸗ ſem Augenblick um ihn. Plötzlich, fuhr Marie von Neuem zuſammenſchaudernd fort, ſagte eine hinter einer nahen Säule hervorfommende Stim⸗ me: Da ſeid Ihr wieder alle drei beiſammen; er⸗ innert Euch an die Straße Saint⸗Avoyh— — Jerome, ſagte Joſeph entſetzt, Du hörſt es, Du hörſt es!...— Nun! entgegnete Doctor Bo⸗ naquet achſelzuckend, das iſt wohl etwas ſehr Wunderbares. Dieſe Wahrſagerin findet auf dem Opernball, wo vielleicht zwei⸗, dreitauſend Menſchen zuſammenkommen, zwei Frauen wie⸗ der, welchen Sie einmal prophezeiht hat; erſtes Wunder! Da ſich dieſe beiden Frauen durch ihre Schönheit auszeichnen(entſchuldigen Sie das Compliment, Madame Fauveau, Sie zwin⸗ gen mich dazu), ſo erkennt ſie die Zauberin, welche ein gutes Gedächtniß hat; zweites Wun⸗ der! Da ſie endlich neben dieſen beiden Frauen einen Domino erblickt, ſagt ſie mit der hölliſchen Pfiffigkeit von Herrn Lapalliſſe:„Da ſeid Ihr wieder alle drei beiſammen! Denkt an die Straße Saint⸗Avoye.. Drittes und haarſträubendes Wunder!— Jerome hat Recht, erwiderte Jo⸗ ſeph; wenn man's recht überlegt, iſt's einfach wie guten Tag, Mariechen; es iſt nicht der Rede werth.— Alles, was ich Ihnen ſagen kann, Herr Bonaquet, entgegnete die junge Frau traurig, iſt, daß, als die Wahrſagerin uns dreien, die wir um Herrn Anatole ſtanden, dies ſagte, mir das Herz ſo ſchwer, ja ſo ſchwer wurde, daß mein guter Joſeph meine Traurigkeit bemerkte...— Ja, und Du verſprachſt mir, die Urſache dieſer plötzlichen Betrübniß mitzuthei⸗ „——————,—— — len.— Es iſt wahr, erwiderte Marie; nachdem aber dieſer Augenblick vorüber war, ſo habe ich, ſowohl um mich ſelbſt zu beſchwichtigen, als auch um Dir, Joſeph, keine Unruhe zu machen, wie Herr Bonaquet gedacht, daß es wohl nichts als ein Zufall wäre; ich nahm mich tüchtig zuſam⸗ men, um nicht mehr daran zu denken, ſchwatzte Joſeph alle möglichen Narrenspoſſen vor, und heute Morgen war es vergeſſen.— Wer hat Dich denn aber wieder an dieſe häßlichen, böſen Gedanken erinnert? fragte Joſeph.— Ich kann es nicht erklären. Als ſich Herr Bonaquet vorhin aber über Herrn Anatole's Wortbruch grämte, indem er ſagte, daß er ihn nicht nur um ſeiner ſelbſt willen, ſondern auch wegen des Uebels, welches er vielleicht aus Haß und Rache anrich⸗ ten könnte, retten wollte, weil er geäußert, wie er, nachdem er Märtyrer geweſen, Henker wer⸗ den würde, da fiel mir bei dem Worte Henker die Guillotine ein. Die Worte der Zauberin kamen mir wieder in den Sinn, und es lief mir eiskalt über den Rücken. Mein Gott! was ich hier rede, iſt lächerlich, Sie werden mich ver⸗ ſpotten und thun Recht daran; ich weiß, daß nichts alberner iſt als die Beſorgnß, daß Herr Anatole, mag er noch ſo ſchlecht werden, mein Henker würde und mich auf's Schaffot brächte. Dennoch ſage ich aufrichtig meine Empfindung; — gewiß geht es vorüber, jetzt aber, in dieſem Au⸗ genblick... bin ich bis in den Tod betrübt; ich weiß nicht warum, ich ſehne mich aber, mein klei⸗ nes Mädchen zu umarmen, als ob ich es nie wiederſehn ſollte... Bei dieſen Worten zitterte Marie am ganzen Leibe und brach in heftiges Weinen aus. — Marie... Du weinſt! rief Joſeph aus, indem er vor ſeiner Frau niederſank und ſelbſt die Thränen nicht zurückhalten konnte; Deine Beſorgniſſe ſind ja aber unſinnig! Jerome!.. Madame!.. ſagen Sie es ihr doch auch! Ach! wie unglücklich bin ich! Mariens Bewegung und die Urſache derſel⸗ ben waren ſo auffallend, ſo unerklärlich, daß Jerome und ſeine Frau trotz der Weisheit und Feſtigkeit ihres Geiſtes einen Augenblick über⸗ raſcht und ſchweigend verharrten. Doctor Bonaquet unterbrach das Schweigen zuerſt wieder und wandte ſich mit väterlichem Tone an Marie: — Mein armes und liebes Kind! wenn jch behaupten wollte, daß nichts Ihre Bewegung rechtfertigte, würde ich Unwahrheit reden; ich be⸗ greife wohl, wie gewiſſe Umſtände, wenn auch durch den Zufall leicht erklärt, anh die feſteſten Charaktere überraſchen, ſelbſt beunruhigen können; ich begreife, wie im Augenblick des erſten Ent⸗ —— ſetzens, indem Sie die Ereigniſſe des geſtrigen Opernballs mit meinen eben geäußerten Befürch⸗ tungen wegen der ſchrecklichen Sinnesart Ana⸗ tole's zuſammenſtellten, Sie dunkel eine Verbin⸗ dung dieſer mit der abſcheulichen und unſinnigen Prophezeihung geſucht haben, welche Ihnen ge⸗ wacht wurde. Mein Gott! ich wiederhole es, fuͤr ſolche augenblickliche Verirrungen des Geiſtes laſſen ſich keine Gründe anführen, ſie drängen ſich unwillkürlich auf... Nachdem Sie aber, mein armes Kind, der menſchlichen Schwäche Ihren Tribut gezollt haben, werden Sie nicht in Abrede ſtellen, Sie haben es ja ſelbſt ſchon ge⸗ ſagt, daß die einfachſte Ueberlegung Sie beru⸗ higen muß. Prüfen wir doch die Umſtände nur ohne Scheu(und ich wiederhole Ihre eigenen Worte), ſo ſchlecht, ſo abſcheulich, ſo nichtswür⸗ dig man Anatole immer vorausſetzen könnte, wie und auf welche Weiſe ſollte er doch Ihr Henker werden und Sie auf das Schaffot bringen? Den⸗ ken Sie doch nur an die Bürgſchaften, welche Ihnen die Gegenwart und die Vergangenheit ge⸗ währt? Geltebte Tochter Ihrer alten Eltern, von unſerem guten Joſeph angebetet, über alles glückliche Mutter, zufrieden mit Ihrer beſcheide⸗ nen Lage, i welcher Sie Ihr Auskommen und Glück finden, haben Sie da nicht reiche und volle Gewähr für die Zukunft? Denn es läßt ſich doch nicht leugnen, daß auch Verſtand und Vernunft Propheten ſind, und dieſe untrügliche! Darum müſſen Sie an Ihr Glück glauben. Für dieſe Prophezeihung verbürge ich mich.— Und haben Sie, meine liebe Marie, geſtatten Sie meiner jungen, aber aufrichtigen Zuneigung zu Ihnen dieſe trauliche Anrede, ſagte Helviſe, indem ſie die andere Hand der jungen Frau ergriff, haben Sie nicht außerdem noch gute, zuverläſſige Freunde? Und dieſe Freunde werden, glauben Sie mir, ich will nicht ſagen bei der erſten ernſt⸗ lichen Gefahr(in der That läßt ſich auch nicht das geringſte Gefahrbringende vorausſehn); kurz aber, dieſe Freunde werden Ihnen bei der erſten, noch ſo unbeſtimmten, ja ſelbſt unvernünftigen Befürchtung beiſpringen, um Sie emporzuhalten und zu unterſtützen, dieſen tollen Aberglauben zu bekämpfen, welcher über zarte, ſanfte Gemüther wie das Ihrige zuweilen Macht gewinnt. Wohl⸗ auf denn, meine liebe Marie, ſehn Sie, wieviel ſorgende Liebe Sie umgiebt! Auf wieviel friſche, aufopfernde Herzen Sie zählen können! Folgen Sie mir, mein armes Kind, prüfen Sie ohne Scheu im Gedanken die furchtbarſten Voraus⸗ ſetzungen, und fragen Sie Sich, welchen Werth dieſe entſetzlichen Hirngeſpinnſte bei der treuen Liebe behalten, welche Sie beſchützt! — Ich hatte Ihnen wohl geſagt, Madame, i daß meine Traurigkeit vorübergehn würde, ſagte Marie, indem ſie ihre großen, feuchten Augen trocknete und ſich zu lächeln bemühte. Auf Ihre freundliche Zuſprache faſſe ich wieder Muth; meine böſen Befürchtungen ſchwinden; mir iſt, als erwachte ich aus einem häßlichen Traum; ja, ich ſchäme mich jetzt, ſo kindiſch geweſen zu ſein. Im erſten Augenblick litt ich aber wirklich. Sie müſſen mir verzeihn, ich habe es nicht gern ge⸗ than, das können Sie mir glauben; Joſeph, laß uns Madame und unſerem lieben Herrn Bona⸗ quet gute Nacht ſagen; es iſt ſpät, ich fühle mich etwas angegriffen und habe auch Mutter, welche den Laden beſorgt, verſprochen, frühzeitig nach Hauſe zu kommen.— Und morgen, meine liebe Marie, ſagte Heloiſe, indem ſie der jungen Frau die Hand reichte, werde ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Ich hoffe, daß dann alle dieſe böſen Gedanken wie ein Traum vergeſſen ſind.— Das hoffe ich auch, Madame, denn haben wir dieſe einfältigen und häßlichen Ge⸗ danken uns aus dem Sinn geſchlagen, ſo bleibt uns, Joſeph und mir, nur noch die Erinnerung des fröhlichen Abends, welchen wir bei Ihnen verlebt haben. Oh! wir werden denſelben nie vergeſſen!— Nein, Madame, ſagte Joſeph, während er Marie in das Tuch hüllte, welches er endlich auseinander geſchlagen hatte; und um Die Prophezeihung. II. 6 noch einmal auf den abſcheulichen Anatole zurück⸗ zukommen, der jetzt wie ein wahrer Wehrwolf zu meiden iſt und der ſein Ehrenwort gebrochen hat, Jerome, ſo werden wir ihm meiner Treu unſere Thür verſchließen, es ſei denn, daß er umkehrt... und dann wie früher!— Oh! ich beſchwöre Dich, bleibe dieſem Entſchluß treu, mein guter Joſeph, ſagte Marie, denn ich geſtehe Dir, ich könnte jetzt Herrn Anatole nicht ohne Herzbeklemmung ſehn, ohne eine gewiſſe Scheu, die mir weh thäte.— Sie haben beide Recht, ſagte Helviſe, indem ſie mit Jerome einen Blick des Einverſtändniſſes wechſelte, mein Mann und ich rathen Ihnen dringend, Herrn Ducormier nicht mehr bei ſich zu ſehn. Führen Sie Ihren Vorſatz aus, führen Sie ihn mit Beharrlichkeit aus; ein fernerer Verkehr mit demſelben könte Ihnen nur ſchädlich werden.— Ja, ſagte Bona⸗ quet, ich bitte Dich dringend, Joſeph, empfange ſeinen Beſuch nicht mehr; wenn er zu beſſeren Ge⸗ ſinnungen umkehrt, iſt es etwas Anderes; jeden⸗ falls ſieh ihn aber nicht wieder, bevor ich Dir nicht geſagt habe: Jetzt kannſt Du mit ihm wie⸗ der in Verkehr treten. Ich ſage Dir dies um Deines eigenen Beſten willen, mein guter Joſeph. — Ich weiß es wohl, mein Freund, ich habe blindes Zutrauen zu Dir, ebenſo Marie, und wir werden Deinem Rathe folgen, verlaß. Dich da⸗ 8 . 8 — rauf.— Oh! herzlich gern und mit Erkenntlich⸗ keit, antwortete Marie. Nun, Joſeph, laß uns Madame Lebewohl ſagen.— Joſeph, ich begleite Euch, ſagte Doctor Bonaquet. Ich muß bei dem unglückſeligen Anatole durchaus einen letzten Verſuch machen und ſeinen Aufenthalt entdecken. Er erzählte mir heute Morgen von einer wich⸗ tigen Zuſammenkunft mit einem Freunde ſeines Geſandten, vielleicht erfahre ich dort ſeine Adreſſe. Dann fragte er ſeine Frau: Liebe Heloiſe, wo iſt denn das Hotel Morſenne?— Rue de Va⸗ renne Nr. 7, mein Freund. Dabei fällt mir ein, fügte die junge Frau halblaut hinzu, daß wir uns an einem der nächſten Geſellſchaftstage von Frau von Morſenne dort hinbegeben wollten 5 erkundigen Sie Sich doch alſo zugleich an ihrer Thür, an welchem Tage ſie empfängt.— Rich⸗ tig, liebe Freundin, ich werde zugleich dieſe Aus⸗ kunft einholen. Nach herzlichem Abſchiede verließen Marie und ihr Mann in Begleitung von Doctor Bonaquet Heloiſen, um in ihre Wohnung zurückzukehren. Der Arzt begab ſich in das Hotel Morſenne und wandte ſich an die Bedienung des Fürſten, um Anatole's Adreſſe zu erfahren; ſie wußten ihm keine Auskunft zu geben, weil noch keiner von ihnen davon unterrichtet war, daß Herr Du⸗ cormier von ihrem Herrn als Secretär angenom⸗ 6 — 84— men ſei; was den Geſellſchaftstag der Fürſtin anlangt, ſo erfuhr der Doctor, daß dieſelbe am nächſten Tage großen Empfang hätte. Nach ſeiner Nachhauſekunft kam Jerome mit ſeiner Frau überein, daß ſie am nächſten Tage ihren Hochzeitsbeſuch im Hotel Morſenne abſtat⸗ ten wollten. XXIV. Die Fürſtin von Morſenne gab, wie geſagt, am Tage nach dem Beſuch von Marie Fauveau und ihrem Mann bei Doctor Bonaquet eine große Abendgeſellſchaft. Zwei berittene Municipalgardiſten, welche mit der Wagenpolizei beauftragt waren, hielten zu beiden Seiten des großen, weit geöffneten Thores des Hotels. Nur die Wagen der Ge⸗ ſandten und Miniſter der königlichen Regie⸗ rung, wie es damals hieß, hatten das Recht, auf dem weiten Hof dieſes ungeheuern Palaſtes zu halten, deſſen ſämmtliche Fenſter im hellen Lich⸗ terglanz ſchimmerten. Es war halb eilf Uhr. Die unendliche Reihe der wappenverzierten Wagen näherte ſich lang⸗ ——— — „ i — ſam und hielt nacheinander vor der Freitreppe des Hotels. Eine zahlreiche und glänzend geklei⸗ dete Dienerſchaft erfüllte die Vorhalle, von wel⸗ cher eine prachwolle weiße Marmortreppe mit vergoldetem Geländer emporführte; ein Teppich von rothem Sammet bedeckte die Stufen derſel⸗ ben zur Hälfte, während beide Seiten mit Oran⸗ gebäumen und blühenden Camelien beſetzt wa⸗ ren. Dieſer glänzend erleuchtete Aufgang führte zum erſten Stock, wo die Empfangszimmer wa⸗ ren. Die Herzogin von Beaupertuis bewohnte das Erdgeſchoß. Eine zahlreiche Verſammlung er⸗ füllte bereits die weiten, mit großartiger Pracht ver⸗ goldeten, ausgeſtatteten und geſchmückten Säle. Hier fanden ſich der Kern der alten franzöſiſchen Ariſtokratie, das diplomatiſche Corps und faſt alle zur Zeit in Paris wohnhaften vornehmen Ausländer zuſammen; auch einige damals im Amt befindliche Miniſter wurden bemerkt; da Herr von Morſenne, Pair von Frankreich, ſich vor mehrern Jahren hatte bereüfinden laſſen, einen wichtigen Geſandtſchaftspoſten zu bekleiden und die Hoffnung nährte, noch einmal an's Staats⸗ ruder zu gelangen, war er genöthigt, die Miniſter zu empfangen. Die armen Leute, welche in dieſer Geſell⸗ ſchaft, mit der ſie in keinerlei Beziehung ſtanden, jedes Anhaltpunktes entbehrten, fanden ſich nur — aus politiſchen Schicklichkeitsgründen bei Herrn von Morſenne ein. Nachdem ſie denn auch Frau von Morſenne ihre Aufwartung gemacht und mit dem Fürſten einige Worte über politiſche Alltäg⸗ lichkeiten und die große Tagesfrage, wie ſich dieſe Turgot und Sully in ihrem parlamen⸗ tariſchen Kauderwelſch ausdrückten, gewechſelt hatten, gingen ſie in den Sälen einige Augen⸗ blicke auf und ab, um ſich ein Anſehn zu geben, und machten ſich ſo bald als möglich unſichtbar, nicht ohne zuvor haͤufige Bemerkungen in der Art wie die folgenden gehört zu haben: — Sagen Sie doch, mein ſehr Werther, was iſt das für ein dicker Mann im ſchwarzen Anzuge, der ſeit fünf Minuten die Gardinen jenes Fen⸗ ſters betrachtet? Was mag er nur an dieſen Gardinen ſo Merkwürdiges entdecken?— Es iſt ohne Zweifel ein Kammerdiener, welcher einen Fehler im Faltenwurf bemerkt.— Gehn Sie doch, mein ſehr Werther! haben die Kammerdie⸗ ner der Fürſtin etwa ſolchen abſcheulichen An⸗ ſtand? Uebrigens trägt der Herr auch den Hut in der Hand. Er iſt alſo nicht vom Hauſe.— Das iſt richtig. Was kann das denn ſein? Oder auch dieſe:—„Wer iſt dieſer kleine, gelbe Mann mit dem Ausſehn eines Procurators, mit welchem Niemand ſpricht? Sehn Sie nur, eben näherte er ſeine häßliche Naſe jenen ſchönen Stre⸗ ——— lipia; der Tropf meinte wahrſcheinlich, daß ſie riechen!— Ach! ich hab's, dieſe beiden Unbe⸗ kannten werden Miniſter ſein, der arme Mor⸗ ſenne muß ja Miniſter empfangen!— Da ſieht man, wohin der Ehrgeiz führt.— Warum aber giebt die Regierung dieſer Leute denſelben nicht wenigſtens einen Stern oder ein Ordensband, um ſie kenntlich zu machen? So ſähen ſie doch nicht ganz ſo aus wie Waſſerträger im Sonntags⸗ ſtaat.— Das iſt wahr; es ſchickte ſich wenig⸗ ſtens Leuten einer gewiſſen Geſellſchaft gegen⸗ über, welche dieſen Specien ihre Empfangszim⸗ mer öffnen müſſen.“ Derartiges unverſchämtes Geſpött begleitete alſo die armſeligen Miniſter gewöhnlich auf ihrem Rückzuge, welchen ſie mit Gift und Galle im Herzen über dieſe unverbeſſerliche und hochmü⸗ thige Ariſtokratie antraten, die ſie feige fürchte⸗ ten, der ſie niedrig ſchmeichelten und die ihren Einfluß doch nur auf ihre Feigheit ſtützte. Die Abendgeſellſchaft von Frau von Mor⸗ ſenne war alſo im vollen Glanze verſammelt. Ein aufmerkſamer Beobachter würde drei ſtreng geſchiedene Zirkel bemerkt haben, oder wenn man es vorzieht, Höfe, deren jeder ſeine Königin hatte. Im großen Saal thronte die Fürſtin von Morſenne auf ihrem Kanapee, auf welchem der Reihe nach die Frauen, mit denen ſie am ver⸗ 5— trauteſten ſtand, neben ihr Platz nahmen; hinter ihr, auf einem Feldſtuhl, den Arm vertraulich auf die Rücklehne des Sophas gelehnt, ſaß der treue Ritter Saint⸗Merry: dies war ſein gewöhn⸗ licher Platz, den er feſt behauptete, und auf wel⸗ chem er mit Frau von Morſenne den Mittelpunkt einer ziemlich zahlreichen Gruppe von Frauen, die auf Lehnſtühlen ſaßen, und Herrn, die um⸗ herſtanden, bildete. Dieſer Zirkel, welcher faſt ausſchließlich aus alten Freundinnen und Freunden der Fürſtin be⸗ ſtand, die in keinerlei Weiſe ſich wie der Fürſt mit der neuen Regierung hatten einlaſſen wollen, die⸗ ſer Zirkel, ſagen wir, ſtellte in ſeiner Denkweiſe, ſeinen Grundſätzen und unveränderten ariſtokra⸗ tiſchen Ueberlieferungen ein klein Koblenz') dar. Man friſchte hier die Erinnerungen und Gehäſ⸗ ſigkeiten der Emigration auf, man erinnerte ſich an die Liebes⸗ und ritterlichen Abenteuer der lie⸗ ben Prinzen, an die galanten Prahlereien der reizenden preußiſchen und öſterreichiſchen Officiere, *) Bekannklich hatte ſich ein großer Theil des ſeit dem Jahre 1789 aus Frankreich geflüchteten Adels in Koblenz ver⸗ ſammelt und ſchloß ſich der 1792 in die Champagne ein⸗ brechenden Armee der Verbündeten unter Führung des Her⸗ zogs von Braunſchweig an. Daher klein Koblenz eine allgemeine Bezeichnung der der alten Bourboniſchen Linie anhangenden Partei geworden iſt. — 6— welche die republikaniſchen Armeen als einen leichten Morgenimbiß anſahen, man erging ſich endlich zum hundertſten Male in Schilderungen der Schauerlichkeiten der Revolution und ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung einer baldigen Reſtauration, welche Frankreich von der abſcheu⸗ lichen bürgerlichen Mittelklaſſe befreien ſollte; es iſt überflüſſig, zu bemerken, daß in dieſem Abendmahlsſaale die Frauen mit einer hohen Be⸗ geiſterung von ſeiner Hoheit dem Grafen Chambord ſprachen, welche dem Vernarrtſein der Nonnen in ihren Beichtvater nicht unähnlich war. Die jungen Frauen und Männer flohen das kleine Koblenz gern als eine Peſt der Langen⸗ weile und zogen, nachdem ſie Frau von Mor⸗ ſenne ihre Ehrerbietung erwieſen hatten, es vor, ſich in dem ſogenannten blauen Saal um die dort thronende junge Herzogin von Beaupertuis zu verſammeln. Dieſes zweite Kränzchen vereinigte die am meiſten geſuchten Frauen. Man ſchwatzte hier über Toilette, Oper, neue Romane, Muſik, Jagd, Pferde und vor allen Dingen Galanterie; willkommen waren alle Arten kleiner giftiger Klät⸗ ſchereien, ſkandalöſer Entdeckungen von Trennun⸗ gen, Annäherungen und neuen Verhältniſſen zwi⸗ ſchen dieſen und jenen, kurz, jeglicher Beitrag zur — 90— Liebeschronik; man verſchmähte es ſogar nicht, ſich von den berühmteſten Buhlerinnen des Tages weitläufig zu unterhalten, und dieſen Abend flü⸗ ſterte man ſich ganz leiſe zu, damit die Neuigkeit recht laut und allgemein bekannt würde, wie auf einem der letzten Opernbälle zwei ſehr vornehme Damen den Einfall gehabt hätten, in Geſellſchaft ihrer Liebhaber mit einer gewiſſen Mademoiſelle Moreau, die Chevrette zubenannt, zu Abend zu ſpeiſen, welche ſich, wie es hieß, durch ihren originellen Geiſt und ihre leichtfertige Luſtigkeit auszeichnete; man erzählte ſogar von zu wenig verſchleierten Liedern, welche die Chevrette bei dieſer Gelegenheit vorgetragen, die beiden Neu⸗ gierigen übrigens ohne Verlegenheit angehört hät⸗ ten, da ſie während des Abendeſſens verſchämt die Masken vorbehalten. War dieſer leichtfer⸗ tige Ton des Geſprächs einmal angeſtimmt, ſo ſuchte ſich ein Jeder darin hervorzuthun; die Kühnſten oder Geiſtreichſten wagten zweideutige Worte, welche die am wenigſten Unſchuldigen nicht zu verſtehn vorgaben; bei dieſem Wettkampf von Läſterungen, Anſpielungen und Schmähun⸗ gen waren alle Männer beſtrebt, ſich der jungen Herzogin von Beaupertuis bemerklich zu machen, welche als wahre Göttin der Schönheit in ihrer Mitte thronte. In der ſogenannten holländiſchen Galerie endlich(ſie enthielt eine koſtbare Samm⸗ — ——— —— lung flamländiſcher Gemälde; außerdem war noch eine ſehr ſchöne Galerie italieniſcher und ſpaniſcher Meiſterwerke vorhanden) verſammelte ſich der Anhang von Frau von Roberſac, der er⸗ klärten Maitreſſe Herrn von Morſenne's, zwei⸗ felhaften Freundin, aber äußerſt gefährlichen Feindin, und als ſolche ſehr gefürchtet, das heißt mit ebenſo demüthiger als niedriger Schmeichelei umgeben. Frau von Roberſac ſaß gewöhnlich bei dem Kamin, während der Fürſt ſtehend vor demſelben verharrte. Dieſer Kreis, welcher eine ziemlich beträchtliche Anzahl Männer, aber nur wenige Frauen vereinte, zählte dennoch alle Diejenigen zu ſeinem Anhange, welche ſich um Politik oder um die akademiſchen Wahlen kümmerten, eine Angelegenheit, welche damals in der Geſellſchaft gerade neu und an der Tagesordnung war: die von dieſen ſchönen akademiſchen Gönnerinnen über⸗ mäßig herausgeſtrichenen Candidaten, geiſtigen barmherzigen Schweſtern, welche mit chriſtlicher Liebe die Stimmen für ihre Armen zuſammen bet⸗ telten, dieſe Candidaten waren ſtets vollſtändig unbekannte Gelehrte auf us oder ſehr große Herrn, deren geiſtige Bedeutungsloſigkeit zwar ſehr be⸗ kannt war, die es indeß für wohlanſtändig und ihrer Geburt angemeſſen hielten, einen Sitz in der Akademie inne zu haben, wie weiland Herzog Richelieu, dieſer allgemein bekannte, muſter⸗ hafte und berühmte Schriftſteller. Wenn aber irgend ein Bauer von der Donau, irgend ein Hurone in ſeiner unſchuldigen Einfalt nachzu⸗ fragen ſich erkühnte, was der Herr Margquis, was der Herr Herzog geſchrieben, um den vierzig Unſterblichen beigezählt zu werden, ſo würde man ihm ärgerlich erwidern:„Daß der Herr Marquis oder der Herr Herzog zuerſt die ange⸗ nehmſte Unterhaltung führe, eine unſchätzbare Eigenſchaft in einer Zeit, in welcher die Kunſt der Unterhaltung täglich ſeltener wird, davon ganz zu geſchweigen, daß der Herr Marquis und der Herr Herzog als Leute von Geſchmack die ſchö⸗ nen Wiſſenſchaften liebten, und daß ſie außerdem zu jenen Leuten gehörten, welche die wiſſenſchaft⸗ lichen und bürgerlichen Geſellſchaften unendlich ehrten und deren große Namen dieſe ſtets ehr⸗ furchtsvoll in ihre Mitte aufzunehmen ſich beeil⸗ ten wegen des Glanzes, den dieſelben ihrer Unbe⸗ deutendheit verliehen.“ Das um Frau von Rober⸗ ſac und Herrn von Morſenne verſammelte Kränz⸗ chen beſtand alſo aus Männern von Geburt, welche ſich zeitweiſe zur beſtehenden Regierung hielten, Dank der Pairie, deren ſie ſich erfreuten, aus politiſchen Precieuſen(Molière hat für alle Zeiten geſchrieben) und literariſchen Zier⸗ puppen. — 93— In dieſem zur Hälfte aus Leuten der Tri⸗ büne, zur Hälfte aus Leuten der Akademie gebil⸗ deten Kreis bemerkte man außerdem noch einige ſehr junge Manner, gleichfalls von hoher Ab⸗ funft, ſteif, gezwungen, hochfahrend, abſpre⸗ chend, einfältig und dünkelhaft, welche nach halb⸗ jähriger Plauderübung und nachdem ſie einige politiſche Abgedroſchenheiten, die ihr Hofmeiſter und Papa zuvor durchgeſehn, in die Revues ſerieuſes eingeſendet hatten, in welchen ſie ſpurlos vorübergingen, den Staatsmann und Diploma⸗ ten ſpielten, indem die guten Jungen nicht oft genug wiederholen zu können glaubten: wie For bereits im zwanzigſten Jahre Miniſter geweſen ſei! Dieſe alten kleinen Metternich und Tal⸗ leyrand, welche eben erſt das. Flügelkleid abge⸗ legt, hatten Dank ihrer Geburt die Ausſicht, der⸗ einſt die großen Geſandtſchaftspoſten zu verſehn und ſchauten mit gar mitleidigem Stolz auf diejenigen ihrer Standesgenoſſen herab, welche, ſei es ge⸗ wiſſenhafter oder beſcheidener als ſie, offen den Loretten, Klubs, Landsknecht und Wettrennen den Vorzug gaben. Die bloße Andeutung der verſchiedenartigen Perſönlichkeiten, aus welchen der Zirkel unter dem Vorſitz von Frau von Roberſac beſtand, reicht hin, von der Wichtigkeit und Bedeutung der in dieſem Kreis gepflogenen Geſpräche eine Vorſtel⸗ — lung zu geben, die von den Höhen einer alters⸗ ſchwachen Literatur zu den Herrlichkeiten einer zahnlückigen Politik übergingen, und hier zog man wenigſtens nach Herzensluſt über all' die Neue⸗ rer, über dieſe Umſturzmänner aller Art, dieſe Verächter der Religion, der Familie und des Ei⸗ genthums, dieſe ſchauderhaften Ungeheuer her, deren wachſende Kühnheit entſetzte und es höchſt beklagenswerth erſcheinen ließ, daß man nicht mit Galgen und Scheiterhaufen unter ihnen auf⸗ räumen könnte, da die Gefängniſſe zu ohnmäch⸗ tige Mittel wären, dieſe verruchte Brut zu zügeln. Schlag eilf Uhr verließ Frau von Roberſac, welche die wöchentlichen Zuſammenkünfte bei der Fürſtin höchſtens ein-, zweimal monatlich be⸗ ſuchte, das Hoͤtel Morſenne; der größte Theil der Mitglieder ihres Kreiſes ahmte ihrem Bei⸗ ſpiele nach und begab ſich in ihren Salon, in welchem ſich auch der Fürſt einfand, indem er treu ſeiner täglichen Gewohnheit bei ſeiner Mai⸗ treſſe den Abendthee trank, während Frau von Morſenne fortfuhr ihre Gäſte zu bedienen. Bedarf es der beſonderen Erwähnung, daß ſich außerhalb dieſer abgeſchloſſenen Kreiſe auch Männer von wahrhafter Auszeichnung hier be⸗ fanden, welche ihre Reichthümer und ihre Macht als hohe moraliſche Verpflichtungen anſahn und muthig und frei von Selbſtſucht die Fortſchritte 6— des Jahrhunderts unterſtützten, indem ſie mit dem richtigen Sinn tüchtiger Geiſter und edler Gemüther begriffen, daß die Stunde gekommen ſei, wo der Mann nicht mehr durch Reichthum und Geburt, ſondern nur vermöge ſeines inneren Werthes etwas gilt? Ebenſo fand man außerhalb dieſer Zirkel noch liebliche Frauen, frei von Gefallſucht, geiſt⸗ reiche ohne Pedanterie, fromme, doch frei von Frömmelei, ſittſame ohne gezierte Sprödigkeit, und würdevolle ohne Hochmuth; Frauen, die ihren hohen Stand ehrten, demſelben aber auch durch ihre liebliche Anmuth und durch ihren trefflichen Geſchmack Ehre machten, gleich⸗ wie durch ihre unermüdliche und verſtändige Mildthätigkeit und endlich durch ihre liebens⸗ würdige und aufrichtige Leutſeligkeit ohne Unter⸗ ſchied der Stände und Perſonen gegen jede ach⸗ tungswürdige, hervorragende Perſönlichkeit. Solches war das allgemeine Ausſehn und die verſchiedenartigen Beſtandtheile dieſer Vereini⸗ gung. Endlich müſſen wir noch bemerken, wie ein einziger Gedanke, welcher unter tauſend Ge⸗ ſtalten wiederkehrte, alle Geiſter beherrſchte und unter den mannichfaltigſten Geſprächen zum Vor⸗ ſchein kam. Wir meinen die Verheirathung von Frau von Blainville mit ihrem Arzte, neueſte Ungeheuerlichkeit, welcher die reichlich von Herrn von Morſenne umhergeſandten Gegenanzeigen noch einen ganz beſonderen Reiz verliehn. Die Entrüſtung über dieſe unerhörte Mißheirath, oder vielmehr ungeheuerliche Begattung, wie es die Fürſtin in ihrem naiven Dünkel genannt hatte, war allgemein. Keine der an dieſem Abend im Hotel Mor⸗ ſenne verſammelten Perſonen hatte es verſäumt, dem Fürſten, ſeiner Frau und Tochter einige Worte tiefgefühlten Beileids in Betreff des ſo ſchmerzlichen und unvorhergeſehenen Schlages, welcher ihr berühmtes Haus betroffen, zu ſagen. Dieſe Verbindung, um welche ſich alle Geſpräche drehten, verlieh der glänzenden Verſammlung des heutigen Abends eine beſondere Lebhaftigkeit. Unter der feinen Menge irrte noch ein Mann nicht weniger unbekannt und vereinſamt als die Miniſter umher; dieſer Mann war Anatole Du⸗ cormier. Nach Tiſch hatte ihm Herr von Mor⸗ ſenne verbindlich geſagt: Mein Lieber, laſſen Sie Sich einen Fiaker beſorgen und begeben Sie Sich an den bekann⸗ ten Ort; Sie werden mich bei Frau von Mor⸗ ſenne treffen, welche heute Abend Geſellſchaft hat. Der Beſuch ihres Salons, welchen ſie mir für Sie bewilligt hat, iſt eine Gunſt, deren ſich bisher keiner meiner Secretäre zu erfreuen hatte. Sie ſehn, wie ſehr ich Sie auszuzeichnen gedenke. —— Anatole war an dem bekannten Ort geweſen; da er bei ſeiner Rückkunft den Fürſten ſehr um⸗ ringt fand, wartete er die Zeit ab, um mit dem⸗ ſelben zu ſprechen, und zog ſich in ein kleines, ziemlich einſames Seitengemach zurück, welches eine weite mit Vorhängen verſehene Schwelle vom blauen Saal trennte, in dem die junge Herzogin von Beaupertuis mit ihrem eleganten Hofe thronte. Anatole ſetzte ſich an einen Tiſch und blät⸗ terte gedankenlos in mehreren reichen Album, um Diana von Beaupertuis, welche er von ſeinem Platz aus ganz wohl ſech, ohne Aufſehn bevbach⸗ ten zu können. Die junge Herzogin gljnzte in Schmuck und Schönheit; ihre Geſichtsfürbe war lebhafter, ihr Blick leuchtender als gewöhnlich, beides verlieh ihr einen außerordentlichen Zauber. Sie ſprach und lachte ſehr laut; ihre Bewegungen erſchienen zuweilen krampfhaft, nervös; dann und wann warf ſie einen verſtohlenen Blick auf Anatole. Dieſer, äußerlich ruhig, unterbrach oft ſein Blättern in den Album. Sein Auge begegnete mehreremal dem feſt auf ihn gerichteten Blick von Frau von Beaupertuis; ſeine kalten Züge ver⸗ riethen nicht die mindeſte innere Bewegung; ein etwas ſpöttiſches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, dann begann er von Neuem in ſeinen Album zu blättern. Di Prophezeihung. 1I. — Nach wenigen Augenblicken erregten einige Worte eines Geſprächs zwiſchen zwei Perſonen hinter ihm und nur wenige Schritt von ihm ent⸗ fernt Anatole's Aufmerkſamkeit. Dies Geſpräch war folgendes: — Nein, nein, mein lieber Saint⸗Geran, Du wirſt nicht ſo thöricht ſein.— Ich wieder⸗ hole Dir, daß ich, wenn mich Fräulein Duval nicht abweiſt, ſie zu meiner Frau mache.— Du ſagſt ja aber ſelbſt, daß ſie ohne Vermögen und ohne Namen iſt.— Sie iſt die Tochter eines Artillerieobriſten; das iſt doch ſchon anſtändig. — Aber, mein lieber Saint⸗Geran..— Aber, mein lieber Juviſy, ich bin ſterblich verliebt.— Geh doch, Du haſt ja noch kein Wort mit ihr geſprochen.— Ich habe ſie dreimal geſehn. Sie iſt ſchön, ſchön, ſage ich Dir, um den Verſtand darüber zu verlieren. Ich denke nur noch an ſie, ich habe nur noch für ſie Augen; und was ihren Charakter anlangt, ſo weiß ich aus beſter Quelle, daß ſie ein wahrer Engel iſt.— Du haſt Recht, Du biſt närriſch, erznärriſch! Du whſt Dich zum Geſpött machen.— Schau, mein lieber Ju⸗ viſy, ich habe den ungeſchickten Einfall, mich ein wenig nach meinem Geſchmack verheirathen zu wollen. Mein einziger Wunſch iſt dann, in Anjou auf meinen Gütern zu leben; ich bin Paris über⸗ ſatt, und ſo weit ich den Charakter von Fräulei ₰ 95— Duval kenne, zweifle ich nicht, daß ihr mein Plan anſtehn wird. Ihre kränkliche Mutter neh⸗ men wir mit uns. Wir können auf meinen Gü⸗ tern herrlich leben, und der Teufel ſoll mich ho⸗ len, wenn man mich in Paris wiederſieht. Anatole's lebhafte Aufmerkſamkeit, mit wel⸗ cher er dieſem Geſpräch gelauſcht hatte, wurde durch die Stimine des Fürſten geſtört, den er nicht auf ſich zukpmmen geſehn hatte, und der ihm leiſe ſagte, indem er ihn in eine Fenſterniſche 309: Ich bemethtS vorhin bereits, Sie thaten ich nWMſtören.. Nun! haben Sie ochen?— Unmöglich, Ho⸗ mer die Mutter im Laden. Madame Fauvegk, Wſche ſeit geſtern Abend un⸗ wohl iſt, kam nich ab; ihr Mann verläßt ſie keinen Augenblick, und ihr Arzt, einer meiner Jugendfreunde, Doctor Bonaquet, hat ſie im Laufe des Tages zweimal beſucht.— Zum Teufel der Doctor Bonaquet! dachte der Fürſt. Dieſer lächerliche und unausſtehliche Name muß mich, wie es ſcheint, überallhin verfolgen! * Herr von Morſenne wußte nicht, wie wahr er ſprach, denn plötzlich erhob ſich ein anfangs dumpfer, dann immer lauter werdender Lärm, in welchem ſich bald einzelne Stimmen hervorthaten, S 7* * N ſie dieſen Abenig heit; ich fand nho 5 — 100— aus den anſtoßenden Gemächern, wo man hier und da mit lauter Stimme ſagen hörte — Wo iſt der Fürſt?— Man muß den Für⸗ ſten augenblicklich von dieſem Skandal, von die⸗ ſer Ungeheuerlichkeit benachrichtigen! Herr von Morſenne, ſehr überraſcht, ließ Anatole ſtehn und verließ eilig den kleinen Saal, in welchem er ſich bisher mit ſeinem Secretär unterhalten hatte. XV. Die Urſache des Aufruhrs, welcher die Ver⸗ ſammlung des Hotel Morſenne in Bewegung ſetzte, war folgende: Ein junger Mann, welcher der Abendgeſell⸗ ſchaft beigewohnt hatte, war eilig auf Frau von Morſenne zugeſtürzt und hatte derſelben mit einer vor Beſtürzung und Entrüſtung halb erſtickten Stimme geſagt: — Ach! Fürſtin, es iſt unglaublich! Ach! Fürſtin!..— Mein Gott! was iſt Ihnen, Herr von Moldan? rief Frau von Morſenne leb⸗ haſt, indem ſie ſich von ihrem Kanapee erhob. Sie erſchrecken mich!— Was giebt es, mein „ 4 * ⸗— N — 101— Lieber? fragte Ritter Saint⸗Merry, von ſeinem Feldſtuhl hinter der Fürſtin aufſpringend. Was giebt's?— Ich wartete in der Vorhalle auf meine Leute, im Begriff mich zu entfernen, fuhr der junge Mann fort, als ſich die Vorſaalthür öffnete und ich eintreten ſah... ja, leibhaftig vor mir erblickte, wie Sie, gnädige Frau, jetzt vor mir ſtehn...— Heraus doch mit der Sprache! rief Ritter Saint⸗Merry. Wen haben Sie eintreten geſehn?— Frau von Blainville.— Frau von.. Blainvillel! ſagte die Fürſtin zwiſchen jedem Worte innehaltend, denn der plötzliche Schreck benahm ihr den Odem. Bei dieſer unglaublichen Nachricht ſprangen alle Perſonen in der Umgebung der Fürſtin leb⸗ haft von ihren Sitzen in die Höh und drängten ſich zuſammen, indem ſie ſich mit ſtummen Er⸗ ſtarren anblickten. Dann folgte ein wildes Durcheinanderlär⸗ men von Stimmen, die riefen: — Welche Frechheit!— Welche Unver⸗ ſchämtheit!— Es iſt unglaublich!— Die Un⸗ glückſelige muß von Sinnen ſein!— Aber, gnä⸗ dige Frau, Sie hatten Ihre Leute alſo nicht an⸗ gewieſen, dieſer abſcheulichen Frau die Thür zu weiſen? — Ich behaupte, es iſt unmöglich. Herr * Molen hat ſich ſicherlich geirrt!— Ich habe 3 „ — 102—. mich ſo wenig geirrt, entgegnete der junge Mann, daß ich einen alten Kammerdiener ganz wohl er⸗ kannte, welchen ich hundertmal beim Marquis geſehn habe; dieſer Mann begleitete Frau von* Blainville und zog ihr die wattirten Atlasſocken aus, während ihr ihr Mann... wahrſcheinlich den Mantel abnahm.— Ihr Mann! rief Frau von Morſenne diesmal wie vom Blitz getroffen aus; wie! eic Arzt! ſie hätte die Frechheit denſelben... 2 Die Sſ konnte nicht mehr ſgi der Athem ging ihr aus. Ritter Saint⸗Merry ſprach: — Diesmal, mein lieber Moldan, träumen Sie wohl! Wetter! ſo toll oder unverſchämt iſt ſie denn doch nicht, daß ſie es wagen ſollte ihren Arzt mit herz uſchleppen.— Ich wiederhole 1 Ihnen, daß dieſer Herr ſie begleitet; ich habe ihn zu Frau von Blainville ſagen hören: Liebe Freundin, geben Sie mir Ihren Mantel; und da mir über dieſe unerhörte Unverſchämt⸗ heit kein Zweifel mehr blieb, habe ich mich be⸗ eilt, gnädige Frau, Sie von dem abſcheulichen Aergerniß, welches Sie bedroht, zu tigen. 3 .— 103— Nach dieſem neuen Bericht verdoppelte ſich die Aufregung. — Wir müſſen alle auf einmal das Hotel Morſenne verlaſſen!— Nein, das wäre zu ſtark! — Man muß dieſer Schamloſen den Rücken zu⸗ kehren, wenn ſie uns anzureden wagt!— Und aufſtehn, wenn ſie ſich unterſteht, neben uns Platz zu nehmen!— Was ihren Arzt anlangt, ſo wird man demſelben andeuten, daß er hier 5 nichts zu ſuchen hat!— Es iſt rein um den Verſtand zu verlieren! rief die Fürſtin aus. Sie können jeden Augenblick eintreten. Herr von Saint⸗Merty, helfen Sie mir doch! rathen Sie mir doch! Was ſoll ich thun? Mein Gott, mein Gott, ich bin ganz betäubt!— Das Einfachſte iſt, daß Sie dieſen Herrn durch Ihre Leute hinaus⸗ werfen laſſen, liebe Fürſtin, ſagte der Ritter keck, indem er ſich ſtolz in die Bruſt warf und mit der Hand durch ſein ſpärliches Haar fuhr, 3 welches algeriſches Waſſer oder jeder andere Fär⸗ beſtoff ſchwarz wie Ebenholz erſcheinen ließ.— Das iſt klar; man braucht den Wicht nur hinaus⸗ ſchmeißen zu laſſen! wiederholten mehrere Stim⸗ men.— Es ſei denn, daß ihnen die Fürſtin an⸗ S deuten ließe, ihre Wohnung ſofort zu verlaſſen.— In der That, das wäre vielleicht würdiger.— Würdiger! Gehn Sie doch! Kann einer ſolchen Schamloſigkeit gegenüber noch von würdiger Be⸗ handlung die Rede ſein?— Was ſagen Sie dazu, Frau Herzogin? fragte einer der Aufge⸗ brachteſten Diana von Beaupertuis. Sonderbarerweiſe ſchien die junge Frau, welche ſich über das, was ſie eine Unwürdig⸗ keit von Frau von Blainville nannte, Tags zuvor ſo unerbittlich ſtreng ausgeſprochen und den Ge⸗ danken der berühmten Gegenanzeigen ange⸗ regt hatte, heute die allgemeine Entrüſtung gegen die Ermarquiſin von Blainville nicht zu theilen. Sie ſah nachdenklich, faſt traurig aus, antwortete 8 dem Wüthenden, welcher ſie ſoeben um ihre Meinung fragte, kalt: — Alles dieſes, mein Herr, findet in der Wohnung meiner Mutter ſtatt, nicht bei mir; ſie alſo hat darüber zu entſcheiden. Frau von Morſenne, welche dieſe Worte ihrer Tochter hörte, ſagte derſelben über ihre Lauigkeit ſehr erſtaunt:— In Wahryeit, meine Liebe, begreife. ich Sie nicht. Was kommt darauf an, ob ſich dieſe Ungeheuerlichkeit bei Ihnen oder bei mir ereignet? Trifft uns die Entehrung der Familie nicht zu gleichen Theilen? Und haben Sie nicht zuerſt je⸗ nes Rundſchreiben hervorgerufen, welches über dieſen Fall eine ſo gerechte Entrüſtung aus⸗„ ſprichte— Gerechte ſagte Diana von ℳ Beaupertuis mit ſonderbarem Lächeln, vielleicht — .— Wie! rief die Fürſtin mit wachſender Verwunderung aus; was ſoll dies vielleicht? — Aber, gnädige Frau, ſie werden in wenigen Augenblicken hier ſein, ſagte eine Stimme, zum wenigſten müßte der Fürſt wohl benachrichtigt wer⸗ den.— Ja wohl! Wo iſt denn der Fürſt?— Man muß eilen! denn ſind ſie die Treppe her⸗ aufgeſtiegen und durch die Gallerie gegangen, ſo ſind ſie hier... In dieſem Augenblick trat Herr von Mor⸗ ſenne, über den dumpfen Lärm, welchen er ent⸗ ſtehn hörte, ſehr erſtaunt, aus dem kleinen Saal heror, in welchem er mit Anatole geſprochen hatte. Da ſich die unglaubliche Nachricht der Ankunft der Ermarquiſin mit ihrem Arzte mit Blitzes⸗ ſchnelle verbreitete, hatten die in den verſchiede⸗ nen Gemächern vertheilten Gruppen dieſelben verlaſſen und ſich alle im großen Saal um Frau Morſenne verſammelt. Der Fürſt drängte ſich mit Mühe durch dieſe dichte Menge zu ſeiner Frau hindurch, als plötz⸗ lich mit leiſer Stimme und einer Art verwunder⸗ ten und empörten Entſetzens die Worte von Mund ze Mund liefen: Da find ſie! da ſind ſie! 6 Um den Eintritt von Herrn und Mabame Bonaquet in ſeiner ganzen Eigenthümlichkeit zu — veranſchaulichen, bedarf es einer Beſchreibung der Lage des großen Saals, in welchem dieſer Auftritt ſtattfand. Nachdem Jerome Bonaquet und ſeine Frau die Treppe hinaufgeſtiegen waren, gelangten ſie in einen vorderen Saal, dann hatten. ſie eine lange, glänzend erleuchtete, in dieſem Augenblick aber vollſtändig leere Bildergallerie zu durch⸗ ſchreiten, aus welcher endlich ein breiter Bogen⸗ gang in den Saal führte, in welchem die ganze Geſellſchaft von Frau von Morſenne in eine dichte Maſſe zuſammengeſchaart ſchweigſam ver⸗ harrte. So bemerkten Jerome und ſeine Frau, je mehr ſie ſich dem Saal näherten, um ſo deutlicher die drohende Haltung dieſer ſtummen, unbeweg⸗ lichen Menge, deren feindſelige Blicke auf die Neuvermählten gerichtet waren. Auch hätten ſich viele, ſelbſt tapfere Leute wohl eher durch einen ſolchen Empfang als durch thatſächliche Gefah⸗ ren zurückſchrecken laſſen. Jerome, in einem dem abendlichen Beſuch angemeſſenen Anzuge, war gelaſſen, wie man es von einem ſeiner ſelbſtbewußten Mann erwarten mußte, welcher mit Beſonnenheit und Feſtigkeit einer ſchwierigen Lage entgegentritt. Heloiſe trug ein einfaches ſchwarzes Sam⸗— metkleid, welches ihr aber herrlich ſtand; ihre ſchönen Arme, von weißen Handſchuhen halb ver⸗ 1 —— deckt, waren bloß; zwei purpurrothe Kamelien, welche geſchmackvoll in ihrem braunen Haar be⸗ feſtigt waren, bildeten ihren Kopfputz; ſie hielt 5 einen ſehr ſchönen Blumenſtrauß in der Hand. Die junge Frau ſchritt ebenſo ruhig und leicht in ihrem anmuthigen und ungezwungenen An⸗ ſtand einher als kurz zuvor, da ſie noch als große Dame in dieſen Saal trat, in welchem man ihr damals mit der größten Hochachtung und Aus⸗ zeichnung begegnete; auf ihrem Geſicht lag ernſte Heiterkeit, man las darin nicht die eitle Prahle⸗ rei, welche unverdienter Verachtung Trotz bieten will, ſondern die Entſchloſſenheit, eine Pflicht zu erfüllen, welche ihr ihre eigene wie die Ehre ihres Mannes auferlegte. Unter den Zuſchauern des zu gewärtigenden Auftritts inmitten dieſer glänzenden Menge be⸗ fand ſich auch Ducormier. Obwohl ihm ſein Freund, Jerome Bonaquet, am Tage zuvor ſei⸗ nnen Entſchluß mitgetheilt hatte, eine der näch⸗ ſten Geſellſchaften im Hotel Morſenne beſuchen . zu wollen, mochte Anatole doch kaum ſeinen Augen trauen: die Kühnheit der Neuvermählten erſchien ihm um ſo gefahrvoller, da er nach den um ihn her verlautenden Aeußerungen auf den Empfang ſchließen konnte, welcher den Arzt und ſeine Frau erwartete. 1 Anatole's Beklommenheit wurde mit jedem — 108— Augenblick peinlicher; der erſte Gedanke, welchen ihm die im Grunde ſeines Herzens noch lebende wahrhafte Zuneigung zu ſeinem Jugendfreund eingab, war, ſich in die vorderen Reihen der Zuſchauer zu drängen, um Bonaquet inmitten dieſer hochmüthigen, kalten, feindlichen Menge wenigſtens ein befreundetes Geſicht zu zeigen und im Nothfall ein Vertheidiger zu werden. Selbſtiſche und feige Furcht hielt ihn aber zurück. Seine Bekanntſchaft mit Bonaquet hier eingeſtehn, hieß ſich dem Spott und der Verachtung ausſetzen, welche ſicherlich über den unglücklichen Doctor einbrechen würden; ihn im Nothfall warm und muthig in Schutz nehmen, hieß Gefahr laufen, aus dem Hoͤtel Morſenne verwieſen zu werden, und aus mehr als einer Urſache wünſchte Ana⸗ tole ſeine Stellung bei dem Fürſten zu behaupten. Im Bewußtſein ſeiner niedrigen Denkart ſuchte er ſich alſo ſo viel als möglich unſichtbar zu ma⸗ chen, indem er ſogar verſchämt den Kopf nieder⸗ beugte, aus Beſorgniß, ſeiner Größe wegen von Bonaquet entdeckt zu werden; er verließ aber den Saal nicht, weil ihn Neugierde und unwillkür⸗ liche Theilnahme für ſeinen Freund in dieſer ernſten Lage zurückhielt. Der Fürſt, ſeine Frau, Frau von Roberſae und Herr von Saint⸗Merry hatten während der Zeit, welche Herr und Madame Bonaquet † . —— 2 zum Durchſchreiten der Gallerie gebrauchten, eilig Rath gepflogen; als denn auch beide nebeneinan⸗ dergehend nur noch wenige Schritte von dem ge⸗ wölbten Eingang entfernt waren, trennte ſich Herr von Morſenne von der Menge und ging allein bis zum Eingang des Saales, an welchem er ſtehn blieb, als wenn er denſelben Herrn und Madame Bonaquet ſperren wollte. 2 XXVI. Beim Anblick des Fürſten, welcher ſich von den Uebrigen getrennt und wie zur Vertheidigung am Eingang des Saales aufgepflanzt hatte, wechſelte Bonaquet mit ſeiner Frau einen lächeln⸗ den Blick, und beide durchſchritten gelaſſen den kurzen Raum, welcher ſie noch von Herrn von Morſenne trennte. Dieſer ſtellte ſich jetzt gerade vor Jerome hin, um denſelben am weiteren Vorwärtsſchreiten zu verhindern und ſagte ihm unter einem tiefen, faſt feierlichen Schweigen im hochmüthigen eiſigen Tone: — Wohin. mein Herr? wer ſind Sie? — Jerome Bonaquet, Doctor der Medicin, ant⸗ — 110— wortete unſer Mann ohne Zögern, während er Herrn von Morſenne feſt anblickte.— Sie ſind fehlgegangen, entgegnete der Fürſt mit verdop⸗ peltem Hochmuth und vor Zorn kirſchroth werdend, denn Bonaquet's Sicherheit brachte ihn außer ſich; man hat keinen Arzt verlangt... wir ha⸗ ben keinen Kranken hier.— Dennoch, mein Herr, erſcheint mir Ihr Zuſtand wenig normal, antwortete Bonaquet mit unerſchütterlicher Kalt⸗ blütigkeit; ihre Wangen ſind geröthet, ihre Augen fleckig; es findet Blutfülle ſtatt; ihr Puls wird neunzig Schläge in der Minute thun, was viel⸗ zuviel iſt. Doch wen hab' ich die Ehre vor mir zu ſehn, mein Herr? Ehe noch der Fürſt, welchen Bonaquet's † Feſtigkeit und ironiſche Antwort außer aller Faſ⸗ ſung gebracht hatte, ein Wort der Entgegnung vorzubringen vermochte, ſagte Heloiſe mit ebenſo großer Unbefangenheit, als wäre ſie in ihrem eigenen Geſellſchaftszimmer geweſen, zu Jerome, indem ſie demſelben den Fürſten mit dem Blick wies: — Mein Herr, geſtatten Sie mir, Ihnen Herrn von Morſenne, meinen Vetter, den Vor⸗ ſtand meiner Familie, vorzuſtellen. Dann benutzte Helviſe die Erſtarrung des— Fürſten, welchen die Kaltblütigkeit und Geiſtes⸗ gegenwart der neuen Ankömmlinge immermehr — 111— in Verwirrung ſetzte, ging an ihm vorbei, trat in den Saal und ſagke zu Jerome, indem ſie auf die Fürſtin zuging, mit lauter Stimme: — Ich werde Ihnen jetzt, mein Freund, wenn Sie es wünſchen, Frau von Morſenne vorſtellen. Mit dieſen Worten näherte ſich die junge Frau der Fürſtin; dieſe ſtand neben Frau von Roberſac und hatte den Ritter von Saint⸗Merry hinter ſich; die übrige Geſellſchaft bildete etwas rückwärts von dieſen drei Hauptperſonen einen Halbkreis. — Liebe Couſine, ſagte Helviſe jetzt zur . Fürſtin, ich ſtelle Ihnen Herrn Bonaquet, mei⸗ nen Mann, vor.. Jerome verneigte ſich und blickte, als er einiges mühſam unterdrückte Mur⸗ ren hörte, feſt im Kreiſe der Geſellſchaft umher. Frau von Morſenne, welche von Heloiſens Zu⸗ verſicht nicht minder überraſcht wurde als ihr Mann und einen Augenblick die Gewalt dieſer ruhigen Würde fühlte, antwortete bald mit zor⸗ niger Verachtung: — Ich mpß der Frau Marquiſin von Blain⸗ ville untworteil.. daß..— Verzeihung, liebe Couſine... Sie werden die Güte haben, Madume Bonaquet zu antworten, da ich die Ehre habe dieſen Namen zu führen, ſagte Helviſe — 112— mit ſanfter und ernſter Stimme, indem ſie der Fürſtin in die Rede fiel..... Dieſe aber wiederholte mit erhobener Stimme: — Ich muß der Frau Marquiſin von Blain⸗ ville antworten, daß ich um der Ehre unſeres Hauſes willen weder glauben kann noch mag, daß die vorgebliche Heirath, welche uns ange⸗ zeigt wurde, wirklich ſtattgefunden hat; es iſt eine beklagenswerthe Täuſchung, weiter nichts.— Sie ſagen, gnädige Frau, entgegnete Helviſe, daß Ihnen meine Heirath als eine Täuſchung er⸗ ſcheint! Hätten Sie wohl die Güte mir zu erklä⸗ ren, weshalb dies?— Nun, das iſt doch ganz einfach, ſagte Frau von Roberſac mit einem bit⸗ teren, höhniſchen Lächeln, man glaubt immer lieber an eine Täuſchung, als daß man über eine Schande erröthen müſſe! Madame Bonaquet maß Frau von Roberſac mit dem Blick und ſagte ihr mit zermalmender Verachtung: — Ich kann Frau von Roberſac nicht erlau⸗ ben, von Schande zu ſprechen. Wenn Frau von Roberſac wüßte, was Schande iſt, wäre ſie zur Stunde nicht hier in dieſem Zimmer neben Frau von Morſenne und ihrer Tochter. Bei dieſer beißenden Anſpielung auf ihr Ver⸗ hältniß mit dem Fürſten, ein Verhältniß, welches ſo ſchamlos zur Schau getragen wurde, erblaßte — —9. — 113— die Baronin, biß ſich die Lippen blutig und war vernichtet. Der Fürſt, welcher ſich der Geſell⸗ ſchaft wieder genähert hatte, empfand die gerechte Züchtigung, welche Frau von Roberſac zu Theil geworden war, ebenſo lebhaft als dieſe und ſagte heftig zu Heloiſen: — Madame, dieſe Verwegenheit...— Genug, mein Herr! ſagte Jerome, deſſen männ⸗ liche Züge in dieſem Augenblick ſeine volle Ent⸗ ſchiedenheit ausſprachen, in kurzangebundenem Ton; laſſen Sie uns nicht länger dies Spiel fort⸗ ſetzen. Man weiß hier ſehr wohl, daß Madame meine Frau iſt; ſie hat eine Pflicht gegen ihre Fa⸗ milie erfüllt, indem ſie Ihnen ihre Verbindung mittheilte. Dieſe Höflichkeit, welche die einfachſten Anſtandsregeln geboten, haben Sie, mein Herr, mit einem Rundſchreiben erwidert, welches in Be⸗ zug auf Madame und mich der höchſte Grad von Grobheit. oder Einfalt iſt.. ich laſſe Ih⸗ nen die Wahl!— Mein Herr! rief der Fürſt aus, dieſe Sprache..— Wenn die Wahl Sie in Verlegenheit ſetzt, mein Herr, erwiderte Jerome mit Härte, ſo bitten Sie irgend ein junges Mit⸗ glied Ihrer Familie, für Sie zu wählen. ſchicken Sie daſſelbe zu mir.. wir werden uns ver⸗ ſtändigen. Jetzt, mein Herr, werde ich Ihnen mit wenigen Worten den Zweck unſeres Beſuches auseinanderſetzen. Sie haben erklärt, Sie haben Die Prophezeihung. III. 8 — es durch öffentliche ſchriftliche Mittheilung ver⸗ breitet, daß meine Verheirathung mit Frau von Blainville ein Schimpf Ihres Hauſes ſei. Eine ſolche Behauptung bedarf der Beweiſe. Dieſe Beweiſe verlange ich und fordere dieſelben hier in Gegenwart der anweſenden Perſonen, welche uns hören, von Ihnen, mein Herr. Ich zweifle nicht, daß dieſe Zeugen hierin die Handlungsweiſe eines Ehrenmannes erkennen werden. Nun, antwor⸗ ten Sie, mein Herr... Ich warte darauf. Dabei blickte Jerome Bonaquet den Fürſten fragend an. Herr von Morſenne wollte ihn recht von oben herab behandeln und antwortete verächtlich: — Leuten, die ich mir zum Geſpräch wähle, mein Herr, antworte ich.. doch bin ich keines⸗ wegs aufgelegt, dem Erſtenbeſten, der mich in ſolcher Weiſe frägt, Beſcheid zu geben.— Ich erlaube mir Ihnen bemerklich zu machen, mein Herr, erwiderte Bonaquet mit dem Anſchein der größten Höflichkeit, daß ein wohlerzogener Mann ſogar dem Erſtenbeſten eine Antwort ſchuldig iſt, wenn dieſer Erſtebeſte Rechenſchaft wegen ei⸗ ner unverdienten Beleidigung fordert. Sie wer⸗ den alſo zur Stelle die Güte haben, mein Herr, klar und beſtimmt zu erklären, warum und wes⸗ wegen meine Verheirathung mit Frau von Blain⸗ ville Sie hat beſchimpfen können; wo nicht, und *6 — 115— die anweſende Verſammlung iſt mir des Zeuge, ſehe ich Ihr Schweigen als einen feierlichen Wi⸗ derruf einer Beleidigung an, deren Ungerechtigkeit Sie anerkennen, und die Sie mir demüthig und ſchweigend abbitten. Dieſe Abbitte ſoll mir ge⸗ nügen, und meine Frau und ich werden uns be⸗ friedigt entfernen.— Abbitte, mein Herr! rief der Fürſt entrüſtet aus; Abbitte, ich! Niemals!!! — Dann, mein Herr, führen Sie eine Beſchul⸗ digung gegen mich an, eine einzige... Nun... ich warte.. Der Fürſt ſchwieg verlegen und ſchlug vor Je⸗ rome's Blick die Augen nieder. Nach einigen Augenblicken tiefer Stille be⸗ gann der Arzt von Neuem: — Nun wohl, mein Herr! noch nichts! Dieſe ſchimpfliche, ehrloſe That, wegen welcher Ihre Familie über die Verbindung mit mir errö⸗ then muß? Dieſe That, welche unmöglich zu fin⸗ den iſt, nicht wahr? Ich begreife das. Ich habe denn auch, mein lieber Herr, fügte Bonaquet mit verächtlichem Lächeln hinzu, Mitleiden mit Ihrer Verlegenheit; um zu Ende zu kommen, will ich die Frage vereinfachen. Beſteht die Ungeheuer⸗ lichkeit meiner Verheirathung in Ihren Augen einzig und allein darin, daß meine Frau Mar⸗ guifin war. und ich Arzt?— Nun! mein 8 — 116— Herr, was bedarf es denn mehr als einer ſolchen Mißheirath, um... Bonaquet unterbrach den Fürſten lächelnd, und fuhr fort: — Sie erklären alſo in Gegenwart der an⸗ weſenden Geſellſchaft beſtimmt, mein Herr, daß Sie mir keinen anderen Vorwurf zu machen ha⸗ ben als den, daß ich ein armer bürgerlicher Teu⸗ fel bin, bieder, rechtſchaffen, arbeitsſam und ver⸗ ſtändig, indeß keine andern Adelstitel aufzuweiſen habe(verzeihen Sie mir dieſe Abgeſchmacktheit) als einigen wiſſenſchaftlichen Ruf? Kurz, mein Herr, es ſteht feſt, es iſt ausgemacht, daß Sie mich für einen vollkommenen Ehrenmann halten bis auf den gänzlichen Mangel der Geburt? ob⸗ wohl, unter uns geſagt, fügte Jerome lächelnd hinzu, es mich zuweilen bedünken will, ich ſei geboren... ja ich habe die Unverſchämtheit zu meinen, daß ich ſei... Doch Sie, mein Herr, haben in dieſen Stücken ein richtigeres Urtheil als ich. Ich will Ihnen alſo meinen vollkommenen Mangel an Geburt einräumen, ſofern Sie mir zugeſtehn, daß ich ein Ehrenmann bin.— Mein Herr, entgegnete der Fürſt, hoch erfreut, um die⸗ ſen Preis aus einer ſo grauſamen Klemme los⸗ zukommen, es iſt mir nie in den Sinn gekommen, Ihre Ehrenhaftigkeit in Zweifel zu ziehn. Nichts berechtigt mich zu der Vorausſetzung, daß Sie — —,—— — — 117— nicht ein ſehr rechtſchaffener, ſehr ehrenwerther Mann ſeien!— Ich verlange nicht mehr, mein lieber Herr, ſagte Bonaquet, meine Frau auch nicht..— Und ich fühle mich gedrungen hin⸗ zuzufügen, daß der Herr Doctor Bonaquet nicht nur ein vollkommener Ehrenmann iſt, ſondern auch ein ſeltenes Zartgefühl beſitzt, ſagte plötzlich eine gerührte Stimme. Mit dieſen Worten trat der Neffe des verſtor⸗ benen Marquis von Blainville, Herr von Saint⸗ Geran, aus dem Kreiſe der Zuſchauer hervor und fuhr mit erhobener Stimme fort: — Ja, denn ich muß nochmals erwähnen, was in dieſem Kreiſe vielleicht noch unbekannt iſt, man wenigſtens nicht zu wiſſen den Anſchein hat, daß Frau von Blainville bei ihrer Wiederverhei⸗ rathung aus ſeltener Uneigennützigkeit mit Herrn Bonaquet übereingekommen war, auf das beträcht⸗ liche Vermögen zu verzichten, welches ſie durch ihre erſte Heirath erworben hatte. Dann wandte ſich Herr von Saint⸗Geran an Helviſe und fügte im Tone der innigſten Hoch⸗ achtung hinzu: — Seien Sie verſichert, Madame, daß, in⸗ dem ich hier ſo laut Ihrem und Herrn Bonaquet's uneigennützigen und edelſinnigen Benehmen gegen mich Anerkennung zolle, ich weniger noch dem Gefühl meiner Dankbarkeit als der Pflicht ge⸗ — 118— horche, dem edlen Manne Ihrer Wahl einen öf⸗ fentlichen Beweis meiner Hochachtung zu geben. — Brav, Herr von Saint⸗Geran, ſagte He⸗ loiſe, indem ſie dem jungen Mann die Hand reichte; ſehr brav! ich danke Ihnen. Hierauf trat von Neuem eine minutenlange tiefe Stille ein. Trotz ihres unerbittlichen Hochmuths, trotz ihrer tiefeingewurzelten Vorurtheile konnte ein großer Theil der Zeugen dieſes Auftritts ſich dem Eindruck nicht entziehn, welchen der muthige und ehrenwerthe Charakter Bonaquet's auf ſie machte, und obgleich ſie bei ihrer Anſchauungsweiſe in Betreff der ungeheueren Mißheirath zwiſchen einer Margquiſin und einem Arzt beharrten, geſtanden ſie ſich doch wenigſtens ein, daß Herr und Ma⸗ dame Bonaquet in dieſer ſchwierigen Lage ein ſel⸗ tenes Beiſpiel von Anſtand, Beſonnenheit und Feſtigkeit gegeben hätten. Der Fürſt und die Fürſtin, welche das ganze Peinliche ihrer Lage fühlten, waren auf der Fol⸗ ter. Heloiſe fühlte Mitleiden mit ihnen und ſagte zu Frau von Morſenne mit kalter Würde: — Leben Sie wohl, liebe Couſine; das häus⸗ liche Leben, welches Herr Bonaquet und ich aus Neigung wählen, würde mich verhindert haben, unſere ehemaligen Familienbeziehungen und ge⸗ ſellſchaftlichen Verkehr fortzuſetzen, ſelbſt wenn die Vorfälle dieſes Abends dieſe Verhältniſſe nicht unmöglich gemacht hätten; ich nehme wenigſtens die Gewißheit mit mir, daß Sie Ihre unüberlegte Handlungsweiſe bereuen, welche allein Herrn Bonaquet und mich dieſen Abend hierher führte. Mit einer halben Verbeugung voll Würde und Anmuth ſchickte ſich Heloiſe an, den Saal zu verlaſſen, als die junge Herzogin von Beauper⸗ tuis, welche ſchweigend und unter wechſelnden Gefühlen(deren äußere Zeichen der ſcharfen Be⸗ obachtung Ducormier's nicht entgangen waren) dem Auftritt zugeſehn hatte, plötzlich aus dem Kreiſe der Umſtehenden hervortrat, ſich Madame Bonaquet näherte und derſelben mit bewegter, tiefgerührter Stimme ſagte: — Ich bitte Sie, Madame, dies Haus nicht zu verlaſſen, ohne zuvor eine Beleidigung verziehen zu haben, deren ganze ſchimpfliche Un⸗ gerechtigkeit ich in dieſem Augenblick empfinde; und herzlich bitte ich Sie um Vergebung, denn ich..— Meine liebe Diana, ſagte Heloiſe mit ihrem geiſtreichen, freundlichen Lächeln, indem ſie die Herzogin nicht ausreden ließ, Hert Bonaquet wird Ihnen ſagen, daß wir Ihrem Rundſchreiben weiter keinen Vorwurf zu machen hatten, als den, unſere Namen hineingeſetzt zu haben. Ab⸗ geſehn von dieſem Irrthum, hätten wir Ihnen nur zu einem Gedanken Glück wünſchen können, welcher bei paſſenderer Gelegenheit vollkommen würdig geweſen wäre. Herr von Morſenne, welcher die Grobheit, mit der er den Neuvermählten begegnet war, ſo viel als möglich wieder gut zu machen wünſchte, ſagte zu Heloiſen, als er dieſelbe im Begriff ſah den Saal zu verlaſſen, mit gezwungenem, förm⸗ lichem Weſen: — Erlauben Sie mir, liebe Couſine, daß ich Ihnen den Arm biete?— Ich werde mit Ihrer Erlaubniß den von Herrn von Saint⸗Geran neh⸗ men, antwortete die junge Frau dem Fürſten, um ihm durch dieſe Abweiſung anzudeuten, wie eine ſchale Höflichkeit nicht genüge, eine beleidigende Behandlung wieder gut zu machen. Im Begriff ſich zu entfernen ſah ſich Madame Bonaquet nach ihrem Mann um und erblickte ihn blaß, regungslos und mit ſchmerzerfüllten Zügen daſtehn. — Lieber Freund, ſagte ſie ihm halblaut, während ſie Herrn von Saint⸗Geran den Arm reichte, kommen Sie! Jerome, welchen die Stimme ſeiner Frau wieder zu ſich brachte, fuhr zuſammen und folgte derſelben gedankenlos durch die lange Gallerie in den vorderen Saal. — Mein Gott! mein Freund, was fehlt Ih⸗ — — 121— nen? fragte ihn Heloiſe leiſe und ängſtlich; die Thränen ſtehen Ihnen in den Augen.— Er war da! antwortete Jerome mit erſtickter Stimme; ich habe ihn ſich in der Menge verbergen geſehn, ſtatt zu unſerem Beiſtand hervorzutreten.— Von wem reden Sie denn?— Von Anatole, antwor⸗ tete Jerome niedergeſchlagen.— Er, hier! ſagte Helviſe im Tone der Ueberraſchung und Verach⸗ tung. Und er iſt Ihnen fern geblieben! Ach! das iſt erhärmlich... das iſt elend!— Jetzt, ent⸗ gegnete Jerome tief betrübt, iſt alle Hoffnung ſeiner Umkehr dahin. Nach einem ſolchen Ver⸗ rath wäre mir ſein Anblick zuwider. Jerome ging ſchweigend und niedergeſchlagen neben ſeiner Frau her. Herr von Saint⸗Geran, welcher Heloiſen führte, hatte als wohlgebildeter Mann den weni⸗ gen zwiſchen Jerome und ſeiner Frau ſoeben ge⸗ wechſelten Worten anſcheinend keine Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt. Alle drei gelangten jetzt in den vorderen Saal, in welchem eine prachtvolle ſpaniſche Wand Coromandellack einen Nebenausgang ver⸗ arg. Dieſe Thür wurde in demſelben Augenblick geöffnet, in welchem Herr von Saint⸗Geran mit Heloiſe unfern der ſpaniſchen Wand ſtehen blieb, indem er der jungen Frau ſagte: — 122— — Madame, vergönnen Sie mir einige Au⸗ genblicke, ich habe Sie um eine Gunſt zu bitten. — Bitte, reden Sie, Herr von Saint⸗Geran, die Rechtſchaffenheit Ihres Benehmens von heute Abend vermehrt noch meine Hochachtung für Sie. — Herr Bonaquet hatte mich heffen laſſen, mein Dolmetſch bei der Mutter von Fräulein Duval ſein zu wollen. Die Heirath, von welcher wir geſprochen haben, würde alle meine Wünſche be⸗ friedigen. Ihnen, Madame, verdanke ich den erſten Gedanken an dieſe Verbindung... voll⸗ enden Sie Ihr Werk, und ich werde Ihnen ewig dankbar ſein.. Der üble Geſundheitszu⸗ ſtand von Madame Duval hat meinen Mann bisher verhindert, derſelben unſeren Vorſchlag mit⸗ zutheilen; Gott ſei Dank aber befindet ſie ſich jetzt bedeutend beſſer, und ich verſpreche Ihnen, Herr von Saint⸗Geran, daß Herr Bonaquet in näch⸗ ſter Zeit Ihrem Wunſche gemäß handeln und ſich alle mögliche Mühe geben wird, einen günſtigen Erfolg zu erlangen.— Ach! Madame, dann verdanke ich Ihnen mein Lebensglück.— An mir ſoll es nicht liegen, daß Ihre Wünſche zu Fräulein Duval's und Ihrem Glück nicht erhört würden. Nachdem Herr von Saint⸗Geran den alten Diener, welchen Helviſe mitgebracht, gefällig auf⸗ geſucht hatte, ließ dieſer die Miethkutſche, welche — 123— Jerome für dieſen Abend gemiethet hatte, vor⸗ fahren, und die beiden Neuvermählten verließen das Hoͤtel Morſenne. Anatole Ducormier wurde von Scham und Reue ergriffen, als er Jerome und ſeine Frau ſich ſo ehrenvoll aus dieſer Verſammlung zurückziehn ſah, welche ihnen anfangs ſo feindlich entgegen⸗ getreten war. Da er die Räumlichkeiten des Hotels bereits kannte, war er ſchnell aus einem der Säle in einen Nebengang getreten, welcher in das vor⸗ dere Zimmer führte, und eilte, um in demſelben Jerome und ſeiner Frau zuvorzukommen, um ſie wegen ſeines ſchimpflichen Imſtichlaſſens um Ver⸗ zeihung zu bitten; in dem Augenblick aber, in welchem Anatole hinter dem Wandſchirm hervor⸗ treten wollte, war Madame Bonaquet dicht vor demſelben mit Herrn von Saint⸗Geran im Ge⸗ ſpräch begriffen; weil Ducormier nun Jerome in Gegenwart eines Fremden nicht anreden mochte, blieb er hinter dem Wandſchirm ſtehn und hörte das Verſprechen, welches Heloiſe Herrn von Saint⸗ Geran in Betreff Fräulein Duval' gab. Ende des dritten Bändchens. Druck von Otto Wigand.