Eugen Sue's ſämmtliche Werke. 259. Theil. Die Prophezeihung. Zweites Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. Die Prophezeihung. Von Sugen Stte. Zweites Bändchen. Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand⸗ Herr Loiſeau war der Graukopf, welchen der Leſer bereits bei Madame Fauveau, der ſchönen Parfümeriehändlerin, kennen gelernthat. Seitfünf⸗ undzwanzig Jahren erfreute er ſich des Vertrauens von Herrn von Morſenne, Dank den mannig⸗ fachſten Dienſten, welche der ſchlaue und wenig be⸗ denkliche Diener ſeinem Herrn zu erweiſen ſtets ge⸗ ſchickt und bereit war. Eine gewiſſe Vertraulichkeit herrſchte ſeit langen Jahren zwiſchen dem Fürſten und ihm; übrigens that er ſich as gewandter Schönſprecher nicht wenig auf einen leichten Anſtrich ſchönwiſſenſchaftlicher Bildung zu gut und hegte als wohlbeleſener Mann vorzügliche Hochachtung für die Schriftſteller des ſiebenzehn⸗ ten Jahrhunderts. Molliere und Regnaud waren vor allem ſeine Abgötter; er behauptete Die Prophezeihung. I. 1 nicht ohne Grund, daß Leute wie Crispin, Scapin, Mascarelle und Spanarelle ſtets die geiſtreichſten Perſonen jener Luſtſpiele wären; ſo geſchah es denn auch zuweilen zum größten Verdruß ſeines Herrn, daß Loiſeau von ſeinen Claſſikern erfüllt durch ſeine Sprache lebhaft an ſeine Vorbilder erinnerte; in ſolchen Augenblicken fehlte ihm nichts als die Fechthandſchuh, der Mantel und das Rapier Crispin's, um ſeine Rolle täuſchend zu ſpielen. — Nun! Loiſeau, fragte Herr von Mor⸗ ſenne eintretend lebhaft, was für Nachricht? Ueble, gnädiger Herr!— Ungeſchickter! rief der Fürſt auf die Erde ſtampfend aus, Du haſt ſicher eine Dummheit geſagt oder begangen!— Wenn Sie mich anhören wollen, gnädiger Herr, werden Sie den Hergang erfahren.— Nun, ſprich!— Gnädiger Herr, Sie haben ſtets meinem Scharf⸗ blick und meiner Erfahrung Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen.— Du rühmſt Dich deſſen zur glücklichen Stunde!— Erlauben Sie, gnäviger Herr, daß ich ausrede; dann mögen Sie urthei⸗ len. In anſpruchsvollem Ton fuhr der würdige Diener fort: Unglücklicherweiſe gehört Madame Fauveau nicht zu der Klaſſe der ſpröden, mürri⸗ ſchen, aber mit ihrem Schickſale unzufriedenen Schö⸗ nen; bei denen iſt das Spiel niemals verloren. Madame Fauveau iſt im Gegentheil eines jener „ heitern, ſpöttiſchen, munteren Weſen, die ſtets mit ihrer Lage zufrieden ſind. Sie hegt weder ehrgeizige noch genußſüchtige Wünſche und iſt, wie ich Ihnen ſchon wiederholt geſagt habe, nach zu⸗ verläſſiger Ermittelung in ihren Mann ganz ver⸗ narrt; der iſt eine Art unangenehnes Thier von fünfßuß ſieben Zoll, und nach mehr als dreijähriger Ehe machen die beiden durch den Ungeſtüm ihrer Liebe noch ſolchen Lärm im Hauſe, daß ſich die Leute darüber aufhalten. Dagegen läßt ſich nichts aus⸗ richten, gnädiger Herr, denn.— Biſt Du eine Wette eingegangen? rief Herr von Morſenne aus, indem er ſeinem treuen Diener in die Rede fiel, biſt Du eine Wette eingegangen, mir dieſe Unverſchämtheiten auszukramen?— Ich möchte nicht flunkern, gnädiger Herr, und„.— Aber die Anerbietungen? das Geld?— Madame Fauveau nöthigte mich mit ebenſo großer Schlau⸗ heit zur Zurücknahme des Geldes, als ich ihr daſſelbe zuerſt unſerer Verabredung gemäß ge⸗ wandt zuſpielte. Was die herrſchaftliche Woh⸗ nung, die Diamanten und die“ Equipagè an⸗ langt, ſo hat ſie ſich, ich kann es nicht anders ſagen, auf ſehr geiſtreiche Weiſe darüber luſtig ge⸗ macht, denn in der That beſitzt ſie einen ſehr fri⸗ ſchen und beluſtigenden natürlichen Verſtand, und ich verſichere Sie, gnädiger Herr, ſie iſt keine von den dummen Lerchen, die ſich vom Spiegel ge⸗ 5— blendet fangen laſſen. Leiblich aber iſt ſie mehr als je die Lieblichkeit, Anmuth und Friſche ſelbſt. — Schurke! Du haſt es Dir wohl vorgenommen, mich noch zum Hohne mit ſolchen Lobeserhebun⸗ gen des verherten Weibes zu martern?— Ja, gnädiger Hert, es iſt unmermein Vorſatz, die Wahr⸗ heitzu ſagen, mag dieſelbe noch ſo unangenehm ſein, umSie nicht in unausführbare Unternehmungen zu verwickeln; ich rathe Ihnen denn auch, gnädiger Herr, geben Sie...— Unglückſeliger! muß ich Dir denn wiederholen, vaß ich von dieſer wil⸗ den Schönheit bezaubert bin, obwohl ich ſie nur zweimal und jedesmal nicht länger als fünf Minu⸗ ten geſehen habe. Es iſt unerklärlich, unſinnig, lä⸗ cherlich, dabei aber übermächtig, und heftig wie jede Liebesgrille und wie die letzte eines Mannes von meinen Jahren.. Bin ich nicht ſo ſchwach, ſo al⸗ bern, täglich wie ein Schulbube vorihrem Laden vor⸗ beizugehn, um ihr kleines reizendes, pfiffiges Ge⸗ ſichtchen einen Augenblick von ferne zu betrachten, deſſen Bild ich aus meinem Gedächtniß nicht ver⸗ treiben kann und auch nicht vertreiben will; denn wahrlich, der bloße Gedanke an ſie verjüngt michum zwanzig Jahr. In der That fand Herr v. Morſenne bei dieſem Geſpräch, welches ihn an die ſchönen Tage ſeiner Eroberungen und Liebesabenteuer er⸗ innerte, Vergnügen daran, einen jugendlichen Un⸗ geſtüm zur Schau zu tragen, nicht anders als ei * Damis, welcher einem Frontin ſeine Unbehol⸗ fenheit bei irgend einer Lydaliſe vorwirft. — Aber, gnädiger Kerr, entgegnete Loiſeau abe — Aber aber'. antwortete der Fürſt im Tone zornigen Vorwurfs. Nichts als Wenn und Aber! Herr Loiſean wird träge, lau, unge⸗ nügend; ſein Witz iſt erſchöpft, oder er hält ſich vieimehr nachgerade für einen zu großen Herrn, um ſich die Mühe zu geben wie ehemals.— Ja ehemals, antwortete der Diener halb ſchmeichelnd halb mürriſch, ehemals...— Nun?— Ehe⸗ mals erſparte mir der gnädige Herr dreiviertel der Arbeit... Sie brauchten ſich nur zu zeigen⸗ — Herr Loiſeau, ich laſſe mich über Ihre Nie⸗ derlagen nicht täuſchen. Wie! ſchon durch die erſte Zurückweiſung laſſen Sie Sich entmuthigen? Als ob nicht alle Frauen mit einer abſchlägigen Antwort anfingen! Als ob man nicht zehnmal den Sturm erneuern müßte! Aber wie, gnä⸗ diger Herr?— Wiek nun wahrlich, Herr Loiſeau macht ſich über mich luſtig! Giebt es nicht hun⸗ dert Vorwände, um in jenen Laden zurückzukeh⸗ ren, um das kleine Geſchöpf zu belagern und die Anerbietungen zu verdoppeln und zu verdreifachen, da ich zu jedem Opfer bereit bin?— Ihr Mann abet, gnädiger Herr?— Nun, ihr Mann?— Be⸗ denken Sie doch, gnädiger Herr, daß ich, um heute — 10— eine Stunde mit Madame Fauveau ungeſtört reden zu können, den Wachttag ihres Mannes abpaſſen mußte, einen Umſtand, den ich von ſeinem Feldwebel, einem unſerer Lieferanten, erfahren habe; und haben Sie nicht ſelbſt bei Ihrem Vorbeigehen vor dem Laden den Schurken ſtets dort geſehen, der ſeiner Frau nachfolgt wie ihr Schatten? Dabei iſt er grob, und ſtark wie ein Gaul; ſeine verherte kleine Frau iſt im Stande, ihm Alles zu erzählen, er ſchlüge mich krumm und lahm.— Ei nun! ſo ge⸗ ſchwind wird man doch nicht krumm und lahm ge⸗ ſchlagen.— Das ließe ſich auch noch ertragen, antwortete Loiſeau heldenmüthig; ich würde ſtolz darauf ſein,für Sie, gnädiger Herr, zu leiden; aber das Aufſehen und der Lärm im ganzen Vier⸗ tel! Wenn man mich als Ihren Vertrauensmann erkennte, gnädiger Herr! das Weitere können Sie Sich denken Ein großer Herr! ein Pair von Frankreich! ein ehemaliger Geſandter, der die Frau eines Krämers verführen will... Welche Ausbeute für den Charivari!. für das Schlangenneſt der kleinen Journale... Mit einporgezogenen Achſeln ſchloß Herr Lviſeau dann mit der trefflichſten Würde: Doch was kann man dagegen thun? Denn, wie ich den gnä⸗ digen Herrn es oft habe ſagen hören, bei dieſer Zügelloſigkeit der Preſſ eiſt keine Regierung mög⸗ lich— Vortrefflich! entgegnete der Fürft nit 1 ———— — innerlichem Ergrimmen, da Herr Loiſeau ſo weiſe und vorſichtig iſt, werde ich mich eines erfinderi⸗ ſcheren und eifrigeren Vermittlers bedienen.— Ach, gnädiger Herr! rief der Diener beſtürzt die Hänbezuſammenſchlagend aus, ach⸗ gnädiger Herr! — Es iſt ganz natürlich, die Leute werden mit der Zeit ſtumpf.— Ach, gnädiger Herr!— Reden wir nicht mehr davon; ich werde mein Vertrauen auf einen Würdigeren übertragen.— Mir dieſen Schimpfanzuthun, gnädiger Herr, mir, der ich in Ihren Dienſten alt und grau geworden bin!— Ge⸗ nug! genug!— Mein graues Haar mit Schmach bedecken zu wollen, indem Sie einen Andern beauf⸗ tragen... Oh! nein, nein, gnädiger Herr, Sie können nicht ſo hart ſein, das wäre der Todesſtoß für Ihren armen Loiſeau. Ja, ſchloß der ehren⸗ werthe Mann imkläglichſten Tone, ich überlebte es nicht, gnädiger Herr!— Ei was! Du biſt wohl närriſch; übrigens fällt mir ein, daß ich Dir noch andere ernſte Vorwürfe zu machen habe: Du biſt in dieſer Angelegenheit unvorſichtig und ſchwatz⸗ haft geweſen.— Ich, gnädiger Herr, der ich ſtumm bin wie das Grab?—— Woher wüßte denn Frau von Roberſac, daß ich auf heute Abend eine Opernloge gemiethet habe?— Die Frau Baronin weiß, daß der gnädige Herr.— Allerdings weiß ſie es; Du wirſt mit ihren Leu⸗ ten geplaudert haben.— Zuerſt wiſſen der gnä dige Herr, daß ich mit der Dienerſchaft keinen Umgang pflege, antwortete der Kammerdiener mit Würde, und ich kann Ihnen hoch und heilig zuſchwören, daß nicht ein Sterbenswörichen hier⸗ von über meine Lippen gekommen, und daß... doch... Ylötzlich ſich unterbrechend ſchlug ſich Loiſeau vor die Stirn, indem er ſagte: Das iſt's! — Was!— Sie werden ſich wenigſtens überzeu⸗ gen, gnädiger Herr, daß ich ſchuldlos bin. Die Frau Baronin iſt aber auch ſo ſcharfſinnig... — Nun, wird es?— Vorhin, um ein Uhr, ging ich ins Billetbüreau. Als ich herauskam, war ich eben im Begriff, das erhaltene roſa Billet zuſam⸗ menzufalten, um daſſelbe in meine Brieftaſche zu ſtecken, als ich Frau von Roberſac zu Fuß von einem Bedienten gefolgt dicht vor mir ſah; ich beeilte mich, ſie mit Ehrerbietung zu grüßen Sie ſchien mich nicht zu bemerken, was mir auffiel. Nun ſcheint es mir ſehr begreiflich, daß eine ſo klar ſehende Dame wie die Frau Baronin, da ſie mich aus dem Büreau kommen und das Logen⸗ billet einſtecken ſah, den Schluß daraus gemacht, daß der gnädige Herr...— Das wäre mög⸗ lich, erwiderte Herr von Morſenne nachdenklich. Es bedurfte nicht mehr, um Frau von Roberſac auf die Spur zu bringen, und dieſe Entdeckung wäre mir ſehr unbequem geweſen, wenn mein Plan gelungen; doch Dank Deinem Ungeſchick — 13— iſt er für heute geſcheitert.— Er iſt geſcheitert! ſagte Lviſeau mit frohlockendem Geſicht nach kur⸗ zem Nachdenken, vielleicht.. iſt er geſcheitert. gnädiger Herr. vielleicht...— Was willſt Du ſagen?— So alt, ſo ſtumpf und unzurei⸗ chend man auch ſein mag, gnädiger Herr, fuhr der rechtſchaffene Diener mit Bitterkeit fort, fann man doch wohl noch zu etwas nütze ſein. — Ich zweifle ſehr... doch... laß hören.— Sehen Sie, gnädiger Herr, wir werden die Gele⸗ genheit lange nicht wieder ſo günſtig antreffen. denn dieſer Lump von Chemann verläßt ſeine Frau nie.. heute aber iſt er auf Wae. Madame Fauveau iſt alſo die ganze Nacht allein. Weiter weiter Vorhin, obwohl ich überzeugt war, daß ſie mich allen Ernſtes zu⸗ rückwieſe, wollte ich ihr doch noch Gelegenheit laſſen, ſich anders zu erklären; ich ſagte ihr daher, daß ich jedenfalls um ein Uhr morgen früh mit dem Fiaker und Domino vor ihrer Thür warten werde.— Nun?— Sie müſſen mich im Fiaker begleiten, gnädiger Herr.— Und dann?— Ich klopfe um ein Uhr an die Ladenthür; die Schöne wohnt allein im Entreſol über dem Laden, trotz ihrer Weigerung ſteht es feſt, daß unſre Aner⸗ bietungen ihr Gemüth in eine gewiſſe Auftegung verſetzt haben, und wäre es nur der alberne Stolz, einer Verſuchung widerſtanden zu haben. * Sie wird alſo noch wach ſein; im ſchlimmſten Falle aber, wenn ſie dennoch ſchlafen ſollte, klopfe. ich ſo laut, daß ſie erwacht. Die ſchlaue Fliege wird wohl merken, daß ich es bin, treu meinem Verſprechen; dann wird ſie aus Beſorgniß vor Aufſehn(denn, wenn ſie nicht gleich antwortet, klopfe ich iinmer ſtärker) entweder ihrer eigenen Sicherheit wegen oder aus Ungeduld und Zorn gewiß herabkommen und aufmachen. In dieſem Falle, gnädiger Herr, nehmen Sie meine Stelle ein, drängen Sich in den Laden und betreiben Ihre Angelegenheit ſelbſt beſſer, als ich es ver⸗ möchte. Ich hoffe, daß ſie dann, von Ihrer Be⸗ redſamkeit überzeugt, entrückt, einen großen Herrn zu ihren Füßen zu ſehn, von Ihrem Verſprechen geblendet, plötzlich ihrer eprig und auf alle Ihre Vorſchläge eingehn wird.— Du haſt Recht. Wenigſtens muß man Weg verſuchen und die Gelegenheit benutzen, da die Kleine allein iſt.— Werden der gnädige Herr noch ſagen, daß der alte Loiſeau..— Doch, nein, nein! rief Herr von Morſenne aus, indem er ſeinem Seapin in die Rede fiel und ungedul⸗ dig auf den Fußboden ſtampfte; es geht nicht an! — Warum nicht, gnädiger Herr?— Ich kann nicht umhin, Frau von Roberſac und meine Toch— ter heute Abend auf den Opernball zu führen, ich wecke ſonſt den Verdacht der Baronin von Neuem, und ich muß denſelben durchaus einzu⸗ ſchläfern ſuchen; denn iſt ihr Mißtrauen einmal rege geworden, ſo habe ich Alles von ihrer An⸗ maßung zu fürchten, und aus tauſend Gründen muß ich Frau von Roberſac ſchonend behandeln. Ach! verdammt ſei ihr eiferſüchtiger Einfall, dieſe Opernpartie vorzuſchlagen!— Es iſt wahr, gnädiger Herr, ſagte Loiſeau, indem er nachdenk⸗ lich an den Nägeln kaute, da liegt die Schwierig⸗ keit... nicht auf den Ball gehn...— Un⸗ möglich! das würde den Verdacht von Frau von Roberſac verdoppeln.— Das Vortrefflichſte wäre, nicht wahr, gnädiger Herr, am Arme der Frau Baronin auf dem Ball z bleiben und gleichzeitig vor der Thür der ſchönen Parfümeuſe in der Rue du Bac zu ſein.— Herr Loiſeau beliebt zu ſcherzen! ſagte Herr von Morſenne hochfahrend.— Der arme Loiſeau ſpricht in vollem Ernſt, gnädiger Herr, und vielleicht ließe ſich ein Mittel finden Ein leiſes Anklopfen ſtörte das Geſpräch. Herein! rief der Fürſt ziemlich ärgerlich über die Störung. Beim Anblick ſeines Secretairs, welcher ſich tief verneigte, nahmen die Züge des Fürſten ihren gewöhnlichen Ausdruck kalter Würde wieder an, denn Loiſeau war der einzige unter ſeinen Leuten, welchem ſich Hert von Morſenne ohne Maske zeigen konnte. — Was wünſchen Sie, Herr Moriſſon? ſagte er zu ſeinem Secretair.— Durchlaucht, ich bitte um die Ehre, Ihnen wenige Worte in Be⸗ treff einer ſehr wichtigen... und geheimnißvol⸗ len Angelegenheit ſagen zu dürfen, fügte er mit einem Seitenblick auf Loiſeau hinzu— Bring' mein Ankleideziminer in Ordnung, ſagte Herr von Mor⸗ ſenne zu ſeinem vertrauten Kammerdiener, es iſt bald Eſſenszeit. Der Diener verließ das Zimmer. — Nun, mein Herr, worum handelt es ſich? fragte der Fürſt den Secretair.— Vorhin, Durch⸗ laucht, war ein Herr hier, welcher Sie zu ſpre⸗ chen wünſchte, und welchen Sie an den Haus⸗ hofmeiſter gewieſen haben.— Ach, ja! ein Herr, der in Geſchäften zu kommen vorgab; ein Herr — Anatole Ducormier.— Richtig! Und was will dieſer Herr?— Er hat nach Ihrem Secre⸗ tair gefragt, gnädiger Herr, da der Gegenſtand ſeines Auftrages ſich eher zur Mittheilung an den Secretair als an den Haushofmeiſter eigne. Er wurde mir daher zugeführt.— Und ſeine Mit⸗ theilung?— Er iſt ſeitens des Herrn Grafen Morval, des franzöſiſchen Geſandten in Eng⸗ land, damit beauftragt, von wo er vor wenigen Tagen herübergefommen iſt.— Wahrſcheinlich der Mann, von welchem mir Morval in ſeinem letzten Briefe ſchrieb, denn manche Dinge eignen — ſich nur zu mündlicher und perſönlicher Mitthei⸗ lung, dachte Herr von Morſenne. Dann antwor⸗ tete er laut:— Welcher Art war nun die Mit⸗ theilung des Herrn?— Er drückte ſein Bedau⸗ ern aus, Durchlaucht nicht haben ſprechen zu kön⸗ nen, und bat mich, ihm ſobald als möglich eine Audienz bei dem gnädigen Herrn auszuwirken, wenn es anginge, auf morgen Vormittag; er hat mir ſeine Adreſſe hinterlaſſen.— Gewiß, ich will ihn ſprechen! ſagte der Fürſt lebhaft. Schrei⸗ ben Sie ihm ſogleich, morgen zwiſchen zehn und eilf Uhr zu kommen.— Ja wohl, Durchlaucht. — Hören Sie, Moriſſon! haben Sie meinen Dankſagungsbrief an Seine Herrlichkeit, den Nuncius des Allerheiligſten Vaters, in der Rein⸗ ſchrift ausgefertigt?— Ja wohl, mein Fürſt.— Vergeſſen Sie nicht, mir denſelben morgen früh zur Unterſchrift vorzulegen.— Sehr wohl, Durchlaucht. um neun Uhr Abends begab ſich der Fürſt nach einer neuen Unterredung mit ſeinem getreuen Loiſeau in Begleitung ſeiner Tochter, Frau von Beaupertuis, der getroffenen Verabredung gemäß zu Frau von Roberſac. Die Mittheilungen in Bezug der ſchimpflichen Heirath der Marquifin Blainville und des Doctor Bonaquet wurden ge⸗ ſchrieben; dann gegen zwölf Uhr Nachts fuhr der — Wagen vor und Herr von Morſenne und die bei⸗ den Damen im ſchwarzen Domino rollten nach dem Opernhauſe. XI. In Folge einer Verabredung mit ſeinem treuen und erfinderiſchen Loiſeau hatte ſich Herr von Mor⸗ ſenne nur unter der Bedingung zur Begleitung ſeiner Tochter und Frau von Roberſac auf den Opernball verſtanden, gleichfalls ein Domino an⸗ zulegen, indem er wiederholt ſein Alter und ſeine Stellung vorſchützte. Da er nur von mittelgro⸗ ßem Wuchs, noch jugendlich flink und ſehr ſchmäch⸗ tig war, erſchien er in demweiten, langen Domi⸗ no eher wie eine große Frau als wie ein Mann. Für den Fall gewaltſamer Trennung im Gedränge hatte der Fürſt auf den Kragen ſeines Ueberwurfs ein roth⸗ und weißes Band befeſtigt, um von ſeiner Tochter und Frau von Roberſac, welche daſſelbe Erkennungszeichen trugen, wiedererkannt und aufgefunden zu werden. Letztere war übri⸗ gens feſt entſchloſſen, Herrn von Morſenne die ganze Nacht nicht von ihrem Arm zu entlaſſen. Als die drei Dominos unter die Säulenhalle des Opernhauſes traten, herrſchte in der Menge, 15— welche ſich um die Anfahrt der Wagen und auf dem Wege der Masken zu drängen pflegt, eine gewiſſe Aufregung. Man hörte die Worte in den einzelnen Gruppen: — Sie ſoll todt ſein.— Wer?— Die Frau im ſchwarzen Domino, die in Krämpfen zu Bo⸗ den fiel.— Ach, mein Gott! wo iſt ſie denn geblieben?— Man hat ſie in das Büreau des Polizeicommiſſairs getragen.— Ich habe ge⸗ hört, daß ſie noch nicht todt wäre, ſie wuͤrde aber daran glauben müſſen.— Man hätte aber doch nach einem Arzt ſchicken ſollen!— Das iſt geſchehen; man hat ſogleich den Theaterarzt ge⸗ rufen.— Iſt das nicht der berühmte Doctor Bonaquet?— Derſelbe.— Oh! dann iſt ſie gerettet, wenn Rettung irgend noch möglich iſt; denn mit Doctor Bonaquet hat die Krankheit ſchwe⸗ ren Stand. Herr von Morſenne und die beiden Damen, welche er begleitete, waren einen Augenblick neu⸗ gierig ſtehen geblieben und hatten dieſe Worte ge⸗ hört. — Es iſt wahrhaft befremdend, ſagte Herr von Morſenne in zorniger Entrüſtung, daß mich der Name dieſes Arztes, der Schimpf meiner Fa⸗ milie, bis hierher verfolgen muß!— Die Sache hat doch auch ihr Gutes, meinte die Herzogn Beraupertuis ſpöttelnd; ſollte ich meinerſeits un⸗ wohl werden, ſo behandelt mich Couſin Bona⸗ quet als Verwandte. Während Frau von Beaupertuis dieſe Worte ſprach, hatte Herr von Morſenne ſchnell, ohne daß Frau von Roberſac es gewahr wurde, mit einem großen ſchwarzen Domino, welcher einem anderen von mittlerer Größe den Arm reichte, ein Zeichen gewechſelt; beide hatten ſoeben einen Fi⸗ aker verlaſſen, welcher dem Wagen des Fürſten gefolgt war. Dieſer gelangte mit ſeinen beiden Damen bald oben an die Treppe, welche zum Gang der Erſtenrang⸗Logen führt; hier flüſterte die Herzogin Frau von Roberſac zu: Ich verlaſſe Sie hier, meine liebe gnädige Frau, ich will zuſehen, ob ich mich ein wenig beluſtigen kann. Jedenfalls treffen wir uns in einer Stunde der Uhr des Büffetſaales gegenüber. Die junge Frau, welche dem Strom der Spa⸗ ziergänger folgte, verſchwand bald in der Menge. Frau von Beaupertuis war in keiner anderen Abſicht auf den Opernball gegangen, als um auf demſelben einige Zerſtreuung für ihre Langeweile zu ſuchen. Eine große Anzahl von Männern aus ihrem gewohnten und befreundeten Geſellſchafts⸗ kreiſe gingen an ihr vorbei oder ſaßen auf dem be⸗ rühmten Coffre, am Eingang des Büffetſaales; ſie fühlte aber keinerlei Neigung, ſich mit denſelben einzulaſſen, weil ſie ihnen nur Alltäglichkeiten —— zu ſagen und nichts Anderes von ihnen zurückzu⸗ erwarten hatte. Sie ging die wenigen Stufen hinab auf den weiten Tanzboden, auf welchem die Vermummten und Maskirten die wildeſten und oft gefährlichſten Tänze ausführten. Frau von Beaupertuis ſetzte ſich in einen lee⸗ ren Sitz des Balcons und betrachtete dies ſonder⸗ bare Schauſpiel anfangs mit einem Gemiſch von Neugierde, Verachtung und Ekel. Bald vereinte ſich aber unwillkürlich eine Art Neid mit dieſen Gefühlen, obwohl ſich ihr Hochmuth dagegen auflehnte, Specien zu beneiden, welche ſich ſo groben Saturnalien hingaben. Aber dieſe Pier⸗ rot und Pierrotinen*), dieſe Debardeure“*) in Männer- und Frauentracht, dieſe franzöſi⸗ ſchen Garden und dieſe Manon Lescaut“**), kurz alle dieſe Vermummten ergötzten ſich ſo auf⸗ richtig, mit ſo viel friſcher Luſt und Ausgelaſſen⸗ heit und zuweilen ſelbſt mit ſolcher Anmuth; un⸗ ter dieſen wunderlichen, glänzenden, buntſchecki⸗ gen Trachten, welche faſt alle die weibliche Schön⸗ *) Pierrot, Pierrotine: eine auf die franzöſiſche Bühne verpflanzte italieniſche Pantomime. A. d. U. *) Debardeur: eigentlich Holzlader; gewöhnlich eine etwas lasciv verkleidete Perſon. A. d. M. ) Manon Lescaut: berühmte Romanperſon; Cha⸗ raktermaske der ſehr gefälligen Gegenliebe. A. d. U. Die Prophezeihung. II. 2 heit hervorhoben, gab es ſo liebreizende Mädchen, ſo ſchöne Burſchen; in dieſem glänzenden Bac⸗ chantentanze, wo jeder ſeine Traute am Arm hatte, ſprudelte Alles ſo über von Würze, Luſt, Liebe und Jugendfriſche, daß ſich Diana von Beauper⸗ tuis mit bitterem Gefühl geſtand: Das ganze Volk dort iſt gemein, roh, unedel! und doch glaub' ich, kann Niemand glück⸗ licher ſein wie zum Beiſpiel jener Pierrot und ſeine Pierrotine; die Kleine iſt kaum ſechszehn Jahr alt, ihr Geliebter höchſtens achtzehn; beide ſind ſehr hübſch und gewiß frei wie die Vögel in der Luft; wenn ſie nur einiges Geld im Beutel haben, um nach dieſer tollen Nacht ein fröhliches Abendmahl zu halten, wobei ſie beide aus demſel⸗ ben Glaſe trinken, ſo werden ſie liebestrunken in ihr Neſtchen in irgend einer fünften Etage zu⸗ rückkehren. Die brauchen die Glücklichſten der Erde nicht zu beneiden! Frau von Beaupertuis folgte dem Pierrot und der Pierrotine nach beendetem Contretanz, als ſich dieſelben der Gangthür näherten, mechaniſch mit den Augen, als ihre Aufmerkſamkeit plötzlich von einem neuen Gegenſtand gefeſſelt wurde, in⸗ dem ihr Blick auf einen jungen Mann fiel, wel⸗ cher nah bei ihrem Sitze an der Thür des Balcons ſtand. —Ich habe in meinem Leben keine überra⸗ ſchendere Schönheit bei einem Mann geſehen, fagte ſich Diana von Beaupertuis, indem ſie den Unbe⸗ kannten betrachtete. Welche edlen und zugleich lieblichen Züge! Welch' Auge, welch' ein Blick, welches geiſtreiche feine Lächeln! Welche Anmuth, Auszeichnung und Feinheit in ſeinem Wuchs, ſeiner Haltung und ſeinen Bewegungen! Wie geſchmack⸗ voll er gekleidet iſt! Und dieſe Hand und dieſer Fuß! Er iſt höchſtens fünf und zwanzig Jahr alt. Sicher⸗ lich ein Mann aus unſerer Geſellſchaft; nirgend anders findet man dieſe angeborene Würde und dieſe Auszeichnung. Warum habe ich ihn nur in den zehn, zwölf Salons, in welchen unſere feine Geſellſchaft zu⸗ ſammenkommt, noch nicht angetroffen? Wahr⸗ ſcheinlich war er lange auf Reiſen. Vielleicht iſt es auch ein Fremder, ein Ruſſe? Manche Ruſſen ſpielen den Franzoſen zum Verwechſeln. Und doch nicht, man erkennt ſie doch. Neue Eigen⸗ thümlichkeit; der Unbekannte hat blaue Augen und dunkeles Haar. Nie ſind mir ſolche Augen vor⸗ gekommen; und dieſe blaßbraune Geſichtsfarbe, zuſammengefloſſen wie bei einer Frau; und dies kleine weiche Schnauzbärtchen über den friſchro⸗ then Lippen! Wahrhaftig, er iſt reizend, aller⸗ liebſt! Nie hab' ich ſo etwas Verführeriſches ge⸗ ſehen. Ich begreife jetzt, wie Männer bei dem bloßen Anblick einer ſchönen Frau ſchon entbren⸗ — nen können, und meiner Treu, hätte ich die Ehre eine jener niedlichen, kecken Pierrotinen zu ſein, welche vorhin dort umherhüpften, ich bäte den reizenden Fremden um ein Nachteſſen. Es iſt mir wahre Augenluſt, ihn zu betrachten; er macht mich auf unſere Geſellſchaft ſtolz, die gewöhnlich an vollendeten Muſterbildern ſo arm iſt. Er vertritt den Mann von hoher Abkunftzum wenigſten wür⸗ dig. Doch da fällt mir ein: wenn er einfältig wäre! Es giebt leider ſo trügeriſche Geſichter! Doch, nein, nein, dies feine und etwas ſpöttiſche Lächeln, welches vorhin über ſein Geſicht glitt, als er, ich weiß nicht was, im Saale erblickte! Ja, aber wie oft habe ich nicht die köſtliche Grä⸗ fin March ihren Anbetern mit ſo pfiffigem, aufge⸗ wecktem Geſicht zuhören geſehen, daß man ſie für eine kleine Hexe von Schlauheit gehalten hätte, und doch antwortete ſie ſtets nur empörende Al⸗ bernheiten. Meiner Treu! ich muß Gewißheit darüber haben! da iſt mein Opernvergnügen ge⸗ funden; ich werde erfahren, ob ein Mann ſo glück⸗ lich begabt ſein kann, daß er ebenſo geiſtreich als ſchön iſt. Zuerſt aber will ich zu erfahren ſuchen, wer der Unbelannte iſt; das wird die Anknüpfung eines verſtändigen Geſpräches erleichtern. Mit dieſem Vorſatz verließ Diana von Beaupertuis ihren Sitz, ging von ihrem Mäsken⸗ recht Gebrauch machend ſehr dicht an dem Frem⸗ * „— den vorbei und fand denſelben, indem ſie ihn ei⸗ nen Augenblick genau betrachtete, ohne daß er ſie zu bemerken ſchien, in der Nähe noch viel rei⸗ zender als von ferne; dann ging ſie zu der Thür hinaus, an deren Einfaſſung der Unbekannte ſich nachläſſig angelehnt hatte. Frau von Beauper⸗ tuis wurde in dieſem Augenblick eines Mannes ihrer Geſellſchaft anſichtig, welcher über den Gang ging. — Herr von Gernande, ſagte ſie ihn anhal⸗ tend, bitte, gönnen Sie mir ein Wort.— Lieber zwei als eins, ſchönes Domino. Sie kennen mich al⸗ ſo?— Wer ſollte Sie nicht kennenl Sie ſind ja über⸗ all.— Das iſt wahr, ſchönes Domino, aber — Wollen Sie ſehr liebenswürdig ſein?— Si⸗ cherlich, Ihnen zu Gefallen.— Nun wohll ſagte Madame Beaupertuis mit leiſer Stimme, aus Furcht, von dem Unbekannten gehört zu werden, von welchem ſie nur wenige Schritte entfernt war. Sie ſehen jenen großen, ſchlanken jungen Mann im blauen Habit, der uns den Rücken zu⸗ kehrt, dort an der Thür?— Ja wohl, ich ſehe ihn.— Ich habe gewettet, daß er aus unſerer Geſellſchaft iſt, wahrſcheinlich ſeit längerer Zeit von Paris abweſend und...— Verzeihung, daß ich Sie unterbreche, ſchönes Domino, Sie ſagten eben: aus unſerer Geſellſchaft. Wir ſind alſo aus derſelben Geſellſchaft?— Wahr⸗ ſcheinlich! da ich Sie geſtern beim ſardiniſchen Geſandten und dann bei Frau von Breſſac im Concert getroffen habe. Ich erwähne noch, daß Sie Sich auffallend, ja zu auffallend mit Frau von Eſterval beſchäftigt haben.— Zu auffal⸗ lend? Wie ſo das, ſchönes Domino?— Ich werde es Ihnen ſpäter ſagen, und zu Ihrem Beſten, wenn Sie mir behülflich ſind, meine Wette z ewinnen.— Welche Wette, ſchönes Do⸗ 2 wiederhole Ihnen: ich habe ge⸗ ⸗ daß jener große junge Mann im blauen Habit zu unſerer Geſellſchaft gehört; Sie, der Sie ganz Paris kennen, bitte ich hierüber um Aufklärung, entweder durch Ihr eigenes Wiſſen oder durch das Ihrer Freunde.— Warum aber, ſchönes Domino, haben Sie gewettet, daß dieſet Herr...— Ach! Sie ſind gar zu neugierig, Herr von Gemande, oder vielmehr nicht neugie⸗ rig genug; denn ich könnte Ihnen für die Auf⸗ klärung, um welche ich Sie bitte, ſehr intereſſante Aufſchlüſſe über Frau von Eſterval geben. und über den Erfolg Ihrer Aufmerkſamkeiten für dieſelbe.— Sie ſpannen meine Neugierde aufs Hhöchſte! bitte, ſagen Sie mir...— Kein Wort, bevor Sie mich nicht in Kenntniß geſetzt haben“ ob ich meine Wette gewonnen oder verlo⸗ ren.— Es ſei, ſchönes Domino! denn, wenn ich und Juviſy, welchen ich eben kommen ſehe, den —— Herrn nicht kennen, ſo kann ich dreiſt behaupten, daß er unſerer Geſellſchaft keinesfalls angehört.. — Ich werde Sie dort unten am Ende des Eingangs erwarten, Herr von Gernande, ſagte Frau von Beaupertuis, indem ſie ſich entfernte, während dieſer ſich dem Unbekannten unbefangen näherte, um deſſen Züge zu unterſcheiden. Da ihn dieſe Prüfung wahrſcheinlich nicht befriedigte, wandte er ſich nach dem Büffet. Als Frau von Beaupertuis einige Minuten darauf Herrn von Gernande auf ſich zukommen ſah, fragte ſie ihn lebhaft:— Nun?— Nun, ſchönes Domino, Sie haben Ihre Wette verlo⸗ ren.— Wie ſo?— Ich habe den Herrn nie ge⸗ ſehn, weder in der Geſellſchaft noch in meinem Club, noch haben ihn Juviſy, Saint⸗Marcel oder Donfeuille in dem ihrigen getroffen. Ein Franzoſe oder Fremder aber, der weder im Club der Union, noch im landwirthſchaftlichen, noch im Jockey⸗Club aufgenommen iſt, kann au⸗ genſcheinlich ſelbſt im weiteſten Sinn des Wortes für keinen Mann der Geſellſchaft gelten. Was die Vermuthungen über dieſen Herrn anlangt.. — Nun, was hält man von ihm?— Saint⸗ Marcel behauptet, er ſei ein däniſcher Fußarzt, Juviſy will wiſſen, daß es ein neapolitaniſcher Zahnarzt ſei. Was mich anlangt, ſo vermuthe ich, daß Aber, ſchönes Domino, wohin — denn ſo raſch? Erlauben Sie. einen Augen⸗ blick hören Sie doch, Sie hatten mir ver⸗ ſprochen... Zum Teufel! ſchloß Herr von Gernande. Es iſt unmöglich, ſie wiedereinzuho⸗ len! Wie eine Schlange iſt ſie zwiſchen der Menge dürchgehuſcht; ich habe ſie aus den Au— gen verloren. Sie iſt augenſcheinlich aus der Geſellſchaft... Was kann ſie mir aber von Frau von Eſterval zu ſagen haben? Das verſetzt mich in die höchſte Erwartung; ich muß ſie durchaus wiederfinden. Sie trägt ein roth und weißes Band an ihrem Kragen, daran werde ich ſie wie⸗ dererkennen. Mit dieſem Vorſatz machte Herr von Ger⸗ nande auf ſein Domino Jagd. Frau von Beaupertuis hatte ihren Gewährs⸗ mann ſo plötzlich verlaſſen, weilſie von ferne be⸗ merkte, daß der Unbekannte ſeinen Platz an der Bal⸗ conthür verlaſſen hatte und auf den Gang getreten warz fürchtend, er möchte den Opernball verlaſſen, wollte die junge Herzogin, deren ſich eine wach⸗ ſende Neugierde bemächtigte, zuvor wenigſtens einige Worte mit dem Unbekannten wechſeln; da ſie endlich der Verfolgung und Wiedererkennung Herrn von Gernande's entgehen wollte, nahm ſie das roth und weiße Band, welches ſie verrathen konnte, von ihrem Kragen hinweg. Der Unbe⸗ kannte ſtieg langſam die Treppe zur Zweiten⸗ „ — 29— rang⸗Loge hinauf, als ihn Frau von Beauper⸗ tuis einholte, nachdem ſie, wie Herr von Ger⸗ nande geſagt hatte, wie eine Schlange durch den Saal gehuſcht war. Die junge Frau ſtieg leicht die wenigen Tritte hinauf, welche ſie noch von dem Unbekannten trennten, und von ihrem Masken⸗ recht und der Freiheit des Opernballs Gebrauch machend, legte ſie, ohne ein Wort zu ſagen, ihren Arm in den ſeinigen. Der Unbekannte ſtand ſtill, maß den Domino, welcher ſich ihm angehängt hatte, mit einem Blick und ſagte höflich: — Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, Madame. wünſchen Sie, daß wir hinauf? oder hinabgehn? — Laſſen Sie uns hinaufgehn... oben iſt das Gewühl wohl nicht ſo groß, antwortete die junge Frau. Sie gelangte mit ihrem Begleiter bald auf den Gang der Zweitenrang⸗Logen, auf welchem in der That nur einzelne Spaziergänger auf⸗ und abgingen. Frau von Beaupertuis ließ den Arm des jungen Mannes jetzt los, und ſagte ihm herzhaft mit der Sicherheit der Weltdame und einem Gemiſch von Keckheit und Muthwillen — Man findet Sie ſehr ſchön. Ich möchte wiſſen, ob Sie auch ſehr geiſtreich ſind.— Und wer wird mein Richter ſein, Mavame? fragte der Unbekannte lächelnd und im Tone leiſen Spot⸗ es. Wer wird entſcheiden, ob ich Geiſt habe oder nicht?— Nun, mein Herr, wer ſonſt als ich?— Ach! in der That? antwortete der Un⸗ bekannte mit einem Anſchein von Staunen und ziemlich unehrerbietiger Verwunderung, welche Frau von Beaupertuis pikirte, denn ſie antwor⸗ tete:— Sie ſcheinen mir nicht zuzutrauen, einen Narren von einem geiſtreichen Mann zu unter⸗ ſcheiden?— Erlauben Sie, Madame Sie kehren unſere Rollen um. Jetzt fragen Sie mich, ob ich Sie für geiſtreich halte... oder nicht. — Weil wir in der That die Rollen getauſcht haben, erwiderte Frau von Beaupertuis lächelnd. Sie haben die meinige übernommen viel⸗ leicht paßt dieſelbe beſſer für Sie als für mich. — Wie auch Ihr Urtheil ausfallen mag, Ma⸗ dame, habe ich Anſpruch auf Ihre Nachſicht; denn, finden Sie mich albern, ſo ſind die ſchö⸗ nen glänzenden Augen, welche mir aus Ihrer Maske entgegenblitzen, daran Schuld, weil ſie meine Ideen verwirren. Sollten Sie dagegen zufällig etwas Geiſt bei mir entdecken, ſo hab ich denſelben von Ihnen entlehnt. Nach und nach füllte ſich der Gang mit dich⸗ teren Menſchenmaſſen und Frau von Beauper⸗ tuis und ihr Begleiter wurden wiederholt von den Umhergehenden geſtört und geſtoßen. — Wenn ich das Glück hätte, daß Sie mir noch einige Augenblicke opfern wollten, Madame, . ———— ſagte der Unbekannte zu der jungen Frau, ſo würde ich Sie fragen, ob Sie nicht der Anſicht ſind, daß wir in einer Loge beſſer als hier mitten im Gedränge plaudern könnten.— Ich bin ganz Ihrer Meinung, mein Herr; geben Sie mir den Arm und laſſen Sie uns eine Loge aufſuchen. Einige Augenblicke darauf ſaßen die Herzo⸗ gin und der Unbekannte in einer Zweitenrang⸗ Loge. Der junge Mann ließ mit einem feinen Zartgefühl die Thür halb offen, was Frau von Beaupertuis nicht entging, indem er ſo nicht den Anſchein nahm, ſich, wie man zu ſagen pflegt, in gutem Glück zu glauben. XII. Nachdem der Unbekannte neben Frau von Beaupertuis Platz genommen hatte, ſagte er lä⸗ chelnd, indem er auf ihr Taſchentuch wies, in deſſen Kanten man ein geſticktes B. und M.(Beau⸗ pertuis von Morſenne) mit herzoglicher Krone darüber bemerkte: — Obwohl es gegen gute Lebensart verſtößt, ein Incognito, welches bewahrt zu ſein wünſcht, laut zu enthüllen, kann ich mich doch nicht ent⸗ — 3 halten, Frau Herzogin, Ihnen zu ſagen, daß dieſe Zuſammenkunft für einen Kleinbürger, wie ich bin, ſehr unverhofft iſt.— Sie, mein Herr! rief Frau von Beaupertuis in unwillkürlicher Beſtürzung aus. Sie ein Kleinbürger? Ihre Ueberraſchung, die mehr ſchmeichelhaft als belei⸗ digend iſt, gnädige Frau, wundert mich durch⸗ aus nicht, antwortete der Unbekannte lachend, und zwar aus folgendem Grunde. Vorhin, als ich am Eingange des Balcons ſtand, hörte ich Sie(verzeihen Sie dieſer unvorſätzlichen Indis⸗ cretion), hörte ich Sie eine Wette vorſchützen, um zu erfahren, ob ich, wie Sie es nennen, ein Mann der Geſellſchaft wäre. Ich habe nicht dieſe Ehre, Frau Herzogin. Ich denke mir, daß mein Vater an die Frauen Ihres Hauſes Nadeln und Zwirn verkauft hat, wenn Sie, wie zu vermuthenſteht, im Faubourg Saint⸗ Ger⸗ main wohnen, in welchem ſeit langen Jahren der beſcheidene Krämerladen teſieht, welchen mein Vater ausbeutete.— Und in dieſem Laden, mein Herr... fragte Frau von Beaupertuis, welche ſich noch nicht entſchließen konnte, ihren Irrthum ſich einzugeſtehn, in dieſem Laden hätten Sie Sich das feine Benehmen angeeignet, wel⸗ ches mich einen Augenblick täuſchen konnte?— Das gerade nicht, gnädige Frau. Nach meinem Abgange vom Colloͤge wurde ich beim franzöſi⸗ — ſchen Geſandten in England, dem Grafen Mor⸗ val, Privatſecretär. Dort bin ich mehrere Jahre geweſen, und der Umgang mit der ausgewählte⸗ ſten Geſellſchaft hat mir jenen leichten weltmän⸗ niſchen Anſtrich gegeben, welcher Sie täuſchte. — Aber mein lieber Herr, ſagte Frau von Beau⸗ pertuis, indem ſie ihre Unbefangenheit und hoch⸗ müthige Ironie wiedererlangte, vielleicht werden Sie nicht weniger als ich durch den Schein betro⸗ gen: eine in ein Taſchentuch geſtickte Krone reicht ebenſowenig hin, um Herzogin zu ſein, als, wie Sie ſehr richtig bemerkt haben, einige feine Ma⸗ nieren ſchon den Mann der höheren Geſellſchaft ausmachen. Wer bürgt Ihnen dafür, daß ich hier nicht das Taſchentuch meiner Herrin trage? Warum ſollte ich nicht eine der Kammerfrauen ſein, welche bei Ihrem Herrn Vater Nadeln und Zwirn einkaufen?— Sie ſind ſo gewiß eine große Dame, als ich Kleinbürger bin.— Sie glauben alſo allen Ernſtes, mit einer Herzogin in ein glückliches Liebesabenteuer verwickelt zu ſein, mein armer Herr... die ſich wahrſcheinlich in Ihre Voll⸗ kommenheiten vergafft hat?— Mein Gott, Ma⸗ damel ich bin von ſolchen Anſprüchen weit entfernt, antwortete der Unbekannteim Toneſehraufrichtiger, faſt verächtlicher Gleichgültigkeit; Sie haben mir die Ehre erwieſen, meinen Arm zu nehmen, unter dem Vorwand, zu erfahren, ob ich dumm oder geiſtreich —— ſei; vermöge Ihres Scharfſinnes, gnädige Frau, werden Sie jetzt ungefähr wiſſen, was Sie davon zu halten haben; wenn Ihnen die Probe genügt, ren. Dieſe ſehr höfliche, aber etwas ſpitze Antwort vermehrte Frau von Beaupertuis Verdruß, da ſie ſich ſchon über ihren ſchweren Mißgriff und die Erkennung Ihres Standes ärgerte; endlich lehnte ſich auch ihr Stolz gegen dies Tete à Tete mit dem Sohn eines Krämers auf, welcher bei Herrn von Morval, den ſie hundertmal bei ihrer Mut⸗ ter getroffen hatte, beſoldeter Secretär war. Die junge Frau ſagte denn auch ziemlich grob. — Wiſſen Sie, mein lieber Herr, daß es allerlei Eitelkeiten giebt?— Mancherlei, gnädige Frau.— Und wiſſen Sie, daß eine der uner⸗ träglichſten dieſer Eitelkeiten der Bürgerſtolz iſt? So beeilen Sie Sich, mir zu erklären, daß Sie ein Kleinbürger ſind, in der That eine höchſt er⸗ götzliche Aufklärung; aber warum mit dieſem ſchö⸗ nen Geſtändniß oleich beginnen? Es iſt ſehr trau⸗ rig! damit, nun wir gegenſeitig wiſſen, wer wir ſcheinen, Sie Sohn eines Krämers, hat die Sache allen Reiz verloren; wovon ſollen wir nun ſpre⸗ chen?— Meiner Treu, gnädige Frau! in Er⸗ mangelung eines Beſſeren ziehen wir über die ſtehe ich zu Dienſten, um Sie wieder hinauszufüh⸗ ſind, ich Herzogin, weil Sie darauf zu beſtehen Spießbürger her, ich will ihnen beiſtehen.— Das iſt wahrhaft heldenmüthige Selbſtverleug⸗ nung.— Durchaus nicht, gnädige Frau, es iſt vielmehr Rache. Gegen wen?— Gegen Sie, gnädige Frau. Sie haben mich, nicht wahr, für einen der Ihrigen gehalten? Je mehr es uns alſo gelingen wird, mich lächerlich zu machen, um ſo luſtiger erſcheint Ihr Irrthum und um ſo beſſer werde ich gerächt. Gehen wir ans Werk, gnädige Frau, mich herabzuſetzen. Ich kann Ihnen zu dieſem Zweck das reichlichſte Material liefern. Wollen Sie Thatſachen? wollen Sie Gedanken? — Lächerliche Gedanken! welche die Ihrigen wären?— So lächerlich, gnädige Frau, und ſo ſehr mein Eigenthum, daß nur ein Mann von geringer oder gar keiner Beveutung, wie ich, die⸗ ſelben haben kann. Sehen Sie, wollen Sie et⸗ was recht Luſtiges hören, wollen Sie mich recht verſpotten? In der That, mein lieber Herr, opfern Sie Sich ſo bereitwillig auf, daß ich Ihre Gefälligkeit nicht mißbrauchen möchte.— Ach, gnädige Frau! doch würde ich mich ſo glücklich ſchätzen, wenn es mir gelänge, Sie einige Augen⸗ blicke zu ergötzen! Möchten Sie zum Beiſpiel wiſſen, was ich von der Ungleichheit der Stände oder des Beſitzes, oder was ich von der Liebe denke?— Es ſei! Nun was halten Sie von der Ungleichheit der Stände und des Reichthums, mein beſter Herr? Die Geburt— Vorurtheil! der Reichthuim— Zufall oder Ungerechtigkeit, wenn nichts Schlimmeres, nicht wahr?— Es giebt, gnädige Frau, fünf höchſte Güter, die kein Schatz, keine Macht der Erde zu erringen vermag, unſchätzbare Beſitzthümer für den, welcher ſie ver⸗ eint ſein nennt und zu nutzen weiß.— Und dieſe Güter ſind, mein Herr?— Zuerſt die Geſundheit. — Dann?— Der Geiſt.— Dann?— Die Ju⸗ gend.— Dann?— Die Schönheit.— Dann? — Die Geburt.— In der That, mein Herr, Sie wüßten die Geburt zu ſchätzen?— Die Geburt! ach, gnädige Frau! die iſt ein wunderbarer Talis⸗ man, man mag dagegen einwenden, was manwill; Geburt, Geiſt, Schönheit, Jugend und Geſundheit, alle dieſe Gottheiten aber gehn, wie man zu ſagen pflegt, betteln, wenn nicht Reichthum als ſech⸗ ſtes hinzukommt; das Geld allein erhöht ſie und läßt ſie in ihrem vollen Glanze erſcheinen. Da⸗ her, gnädige Frau, verdienen Mann oder Frau, die hohe Geburt und Reichthum, Geiſt und Schön⸗ heit, Jugend und Geſundheit vereinigen, die tiefſte Verachtung, wenn ſie nicht, ſei es in der Ausübung der Tugend, ſei es in der des Laſters, ein Glück finden, welches im Stande iſt, alle Häßlichen, Armen, Dummen oder Klein⸗ bürger.. wie mich vor Reid raſend zu machen. — WMein Herr! damit wären Sie gegen viele —— Frauen gewiſſer Stände ſehr ſtreng?— Ja wohl, gnädige Frau, vor allen gegen jene.— Und was, mein Herr, haben Sie dieſen armen Frauen vorzuwerfen?— Vor allem ihre Langweile.— Und wer ſagt Ihnen, daß ſie ſich langweilen?— Häufig ihre unfruchtbare mürriſche Tugend, noch häufiger die Wahl ihrer Liebhaber.— Achl es giebt welche, die Liebhaber haben?— Das iſt wohl vorgekommen, gnädige Frau.— Was hal⸗ ten Sie denn aber von der Liebe? — Von welcher, gnädige Frau?— Giebt es denn mehrere Arten? — Tauſend! Wir wollen uns aber, wenn Sie es wünſchen, auf das beſchränken, was man in Ihren Kreiſen gewöhnlich Liebe nennt, näm⸗ lich ein Gefühl, welchem ſich zwei Perſonen der Geſellſchaft hingeben, wenn dieſer, nachdem er ſich kürzere oder längere Zeit mit jener beſchäftigt und ſich alle mögliche Mühe gegeben hat, ihren Ruf zu untergtaben, endlich ihre Tugend beſiegt, wie ſie ſchon Andere vor ihm beſiegt haben oder Andere nach ihm beſiegen werden.— Das Bild iſt eben nicht ſchmeichelhaft, doch will ich's gelten laſſen. Was urtheilen Sie nun von ſolcher Liebe? — Um ſich ſelbſt getreu zu bleiben, muß dieſe Liebe ihre Luſt in der Unbeſtändigkeit ſuchen.— Und was wird dabei aus dem Herzen?— Das Herz, gnädige Frau, hat mit derartigen Verbin⸗ Die Prophezeihung. U. 3 = 08— dungen nichts zu thun!— Eine Liebe ohne Herz? — Iſt eine Liebe ohne Schmerz!— Was bleibt denn aber ohne das Herz in der Liebe übrig?— Das Zuverläſſigſte, was es auf Erden giebt, gnä⸗ dige Frau, die Luſt der Sinne und des Geiſtes. — Wenn man davon hat.— Sinne oder Geiſt, gnädige Frau?— Geiſt, mein Herr.— Nur geiſtreiche Leute ſind würdig und fähig, ſo zu lie⸗ ben, wie ich Ihnen geſagt habe.— Und was würde die Betheiligung des Herzens einer ſolchen Liebe ſchaden?— Ach! gnädige Frau, in dieſen Verbindungen iſt das, was man Herz nennt, entweder Eiferſucht der Gegenwart, der Zukunft oder der Vergangenheit; der ertragene oder auf⸗ erlegte Despotismus, die troſtloſeſte Einförmig⸗ keit; es heißt die Treue der ſtrengen Ehe auf eine Vereinigung des Vergnügens übertragen wollen, welche ſich auf gegenſeitige Verderbtheit gründet.— Aber, mein Herr, bedenken Sie doch die oft ſo lange dauernden Liebesverhältniſſe, welche man in der Geſellſchaft findet?— Solche giebt es nicht. — Ei, Sie ſcherzen! es hat deren gegeben, die ein, zwei, zehn Jahr gedauert haben.— Zehn Jahr iſt viel, doch zugegeben; was tritt nach zehn Jahren ein? Ekel und Ueberdruß. Warum hat man ſich dieſen Ekel und Ueberdruß nicht erſpart, indem man zu gegenſeitiger Untreue ſeine Zuflucht genommen hätte?— Weil man ſich wenigſtens — 35— zehn Jahre lang angebetet hat.— Das iſt un⸗ möglich.— Aber, mein Herr!— Sagen Sie mir, gnävige Frau, daß Bequemlichkeit, gewiſſe gegenſeitige Rückſichten und andere, oft ſchimpf⸗ liche Gründe zwei Liebende zuweilen veranlaſſen können, ſich ſo lange Zeit zu ertragen. Ich will es zugeben; der Liebhaber iſt aber der Geliebten hundertmal untreu geworden, ſie hat ſein Beiſpiel oft nachgeahmt, und alle beide ſind in das einfäl⸗ tigſte, lächerlichſte Verhältniß gerathen, das es geben kann: ich meine jene alten ehebrecheriſchen Verhältniſſe, welche man häufig in Ihren Kreiſen findet, die ſich von Feſt zu Feſt ehemäßig hin⸗ ſchleppen; jene verwelkten überjährigen Liebesver⸗ hältnifſe, welche die Rückſichten und die Treue zur Schau tragen, die man von Ehen verlangt; jene Liebesverhältniſſe, die ſo frech zur Schau getragen werden, ſo wenig das Tageslicht ſcheuen, daß jede einigermaßen gaſtliche Wirthin niemals den Liebhaber bittet, ohne zugleich die Geliebte einzu⸗ laden. Die Unglückſeligen! die Thörichten! ge⸗ ben ſo auf, was dieſen Verhältniſſen vielleicht noch den größten Reiz giebt: das Geheimniß!— Wie! Sie ehren das Geheimniß, mein Herr? Das iſt ſonderbar.— Weshalb, gnädige Frau? — Iſt das nicht ein Widerſpruch mit der entſetz⸗ lichen Ungebundenheit der Sitten, welche Sie predigen?— Sie irten, gnädige Frau; ich predige — nur die Ungebundenheit in den unſittlichen Liebes⸗ verhältniſſen; Niemand aber kann die eheliche Treue mehr bewundern und hochſchätzen als ich.— Sie, mein Herr?— Ich.— Im Ernſte?— In vollem Ernſte.— Ei, Sie ſpaßen!— Nein, gnädige Frau, ich ſpaße nicht; ich verehre und bewundere dieſe Treue um ſo mehr, als ſie mir ſchwer und verdienſtvoll erſcheint. Ehegatten, welche ſich beſtändig zärtlich und treu lieben, ſind ebenſo vollkommen, ebenſo lögiſch als diejenigen, welche in einer bloßen Verbindung des Vergnü⸗ gens Mannichfaltigkeit und Abwechſelung ſuchen; die Unbeſtändigkeit iſt das Recht dieſer, die Be⸗ ſtändigkeit die Pflicht der anderen; letztere haben aber die Kraft, eine hohe Pflicht zu erfüllen, tau⸗ ſend Lockungen, tauſend Verſuchungen zu wider⸗ ſtehen, und jede Pflichterfüllung iſt eine große und würdige Handlung. Der Ton des Unbekannten war ernſt und warm geworden. Frau von Beaupertuis konnte ſich nicht enthalten auszurufen: — Wie! mein Herr, Sie Sie reden ſo? — Ich ſpreche ſo, gnädige Frau, ſagte der Unbe⸗ kannte lebhaft, weil mein Herz noch voll lieber Ein⸗ drücke iſt. Dieſen Abend war ich bei einem meiner Jugendfreunde Zeuge eines jener ſeltenen und rei⸗ zenden Beiſpiele ehelicher Liebe und Treue.— Und —— wo haben Sie dieſen ehelichen Juwel entdeckt?— Nicht in einer jener reichen Familien, welche doch Dank ihrem Reichthum tauſend Mittel haben, eine ſolche Neigung zu ſchmücken, zu vergeiſtigen und zu erhöhn, ſie zu ſchonen und durch das Le⸗ ben des Lurus ſelbſt zu verlängern; nein, gnä⸗ dige Frau, der Freund, von welchem ich rede, lebt mit ſeiner Frau in ſehr beſchränkten Umſtänden; ihr Gewerbe(ſie treiben Handel) nöthigt ſie zu einem engen Zuſammenleben; die Frau muß den Haushalt und die Erziehung ihres Kindes über⸗ wachen, und dennoch iſt ſie immer reizend, und, was in jeder Ehe Hauptſache iſt, immer wün⸗ ſchenswerth und immer gewünſcht. Dieſe jungen Leute ſind zu einfach erzogen, um ſchönwiſſenſchaft⸗ liche oder Kunſtgenüſſe zu ſuchen, ſie ſind daher ganz auf ſich beſchränkt, und doch möchten ſie ſich oft noch mehr von der Außenwelt zurückziehen, ſo heftig ſind ſie von gegenſeitiger Liebe entbrannt. Ja, gnädige Frau, es hat mich gerührt, herzinnig gerührt dies Bild einer ſo feurigen, ſo unſchuldi⸗ gen und ſo ganz und völlig ſich ſelbſt genügen⸗ den Liebe, daß kein Glück der Erde ihr neidens⸗ werth erſcheinen kann.— Die Stimme des Unbekannten verrieth Be⸗ wegung und warmes Gefühl; Frau von Beau⸗ pertuis theilte faſt die Rührung, welche er zu em⸗ pfinden ſchien, und fragte ſich, wie dieſer Mann —— er ſo ſteptiſch e und ſpöttiſch ſein und gleich darauf ſo feines und erhabenes Gefühl verrathen könne. Ein Zwiſchenfall vor der Loge ſtörte die Gedanken ver jungen Frau. Man erinnert ſich, daß der Unbekannte mit feinem Zartſinn die Logenthür halb offen gelaſſen hatte. Der Lärm eines auf dem Gang plötzlich ſich erhebenden Zwiſtes veranlaßte den jungen Mann und die junge Frau, nach der Seite, von welcher das Geräuſch herkam, umzublicken. In Mitte einet beträchtlichen Menſchenmaſſe waren zwei ziemlich gewöhnliche Masken im hef⸗ tigen Wortwechſel begriffen. Frau von Beauper⸗ tuis bemerkte jetzt unter den Zuſchauern des Strei⸗ tes ihren Vater und Frau von Rob berſac, welche ſie an dem roth und weißen Bande auf dem Kra⸗ gen ihrer Domino erkannte; plotzlich ſah die junge Frau den Fürſten von Morſenne den Arm von Frau von Roberſac raſch loslaſſen, als wenn er an dem Streit theilnehmen wollte, obwohl dieſe ſich Mühe gab, ihn zurückzuhalten, indem ſie ihm leiſe ſagte: — 18— — Bitte, mengen Sie Sich nicht hinein. Frau von Beaupertuis kannte die große Zu⸗ rückhaltung ihres Vaters und fragte ſich, was ihn veranlaſſen fönne, auf dieſe Weiſe ſeinen Ge⸗ wohnheiten und den Rückſichten, welche ihm ſein Alter und ſeine Stellung geboten, untreu zu wer⸗ den, als ſie ihn faſt unmittelbar zurückkehren und den Arm von Frau von Roberſac, die ihn nur wenige Secunden aus den Augen verloren hatte, wiedernehmen ſah. Beide verſchwanden in der Menge, welche ſich zerſtreute, da der Zank ſich bald gelegt hatte. Es war wohl Sinnentäuſchung oder Folge ihrer Kurzſichtigkeit, daß Frau von Beaupertuis der Fürſt, als er zurückkam, etwas kleiner erſchien; ſie ſann nicht lange darüber nach, ſondern wandte ſich wieder zu dem Unbekannten. Dieſer ſagte lächelnd: — Wahrſcheinlich eine Eiferſuchtsſcene, denn man ſollte wirklich meinen, daß die Maske jede Leidenſchaft, welche ſie verhüllt, übertreibe.— Solche Uebertreibungen werden wenigſtens je⸗ nem bürgerlichen Muſterehepaar, von welchem Sie vorhin ſprachen, immer fremd bleiben, ſagte Frau von Beaupertuis ſpöttelnd; die guten Leute werden ihr Glück nie den Gefahren eines Opern⸗ valls preisgeben.— Dennoch, gnädige Frau, fehlte gar nicht viel daran.— Wie das?— Als „— ich fortging, ſagte ich ſcherzend:„Ich gehe auf den Opernball; begleitet mich doch.“ Mein Freund, in der Meinung, ſeiner Frau ein großes Vergnügen zu bereiten, wollte ſie durchaus hier⸗ herführen, ſie hat es aber muthig zurückgewieſen. — Solcher Heldenmuth iſt einer römiſchen Ma⸗ trone würdig. Und iſt die Krämerin hübſch? denn, wie Sie ſagten, verkauft ſie.— Ja, gnä⸗ dige Frau, was nicht hindert, daß ſie reizend iſt! Sie iſt das niedlichſte, gefälligſte, einnehmendſte Weſen, das man ſich denken kann.— Und... züchtig?— Wie es eine liebende Frau iſt.— Und einfältig?— Voll natürlichem Witz; ohne alle Erziehung, aber die lieblichſte Schwätzerin, die ich je gehört habe, gnädige Frau.— Und hat ſie auch Herz?— Sie hat am Krankenbette ihres Kindes zwei Monat mit bewunderungswür⸗ diger Hingebung gewacht.— Ei, mein guter Herr, wiſſen Sie wohl, daß dieſe kleine Kräme⸗ rin ein Phönix iſt! Ihr Mann iſt Ihr Freund? Das wäre eine vortreffliche Geliebte für Sie, und ſie paßten beide herrlich für einander. Eine grobe Antwort ſchwebte dem Unbekann⸗ ten auf der Zunge, er that ſich aber Gewalt an und antwortete lächelnd: — Eine Kleinbürgerin... ſehn Sie, Frau Herzogin, iſt noch viel zu gut für mich.— Wie! Dieſe Bürgersfrau?— Ich habe ſehr gewöhn⸗ — liche, ſehr rohe Neigungen, gnädige Frau, noch unter meinem Stande; bedenken Sie nur! Doch reden wir nicht davon. Wäre ich maskirt, ſo machte ich Ihnen vielleicht dieſe Geſtändniſſe; ohne Maske aber... wage ich es in der That nicht. — Der Cynismus einiger Ihrer Urtheile, mein Herr, nimmt mich nun nicht mehr Wunder, ſo⸗ bald Sie aus Neigung das Niedrige und Ge⸗ meine ſuchen.— Aus Neigung und aus Einſicht. — Aus Einſicht?— Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob Ihr Herr Gemahl, der Herzog, Rau⸗ cher iſt?— Was für eine Frage!— Wenn der Herzog Raucher wäre, gnädige Frau, hätten Sie vielleicht einige Kenntniſſe dieſer Leidenſchaft und würden meinen Vergleich beſſer verſtehn.— Im⸗ mer, reden Sie!— Nun wohl, gnädige Frau! in London ſah ich öfters einen gewiſſen Lord Sa⸗ lisbury, den größten Tabaksfreund, glaub' ich, in ganz Europa. Er verſchwendete für dieſe Lieb⸗ haberei beträchtliche Summen. Eines Tages fand ich ihn Fuhrmannskneller Gerzeihen Sie den Ausdruck, gnädige Frau) aus einer Zwei⸗ ſouspfeife rauchen; ich ſtarrte vor Verwunderung. Doch Lord Salisburh gab mir folgende ſehr ver⸗ ſtändige und philoſophiſche Erklärung:„Ich habe die vortrefflichſten Havanna⸗ und türkiſchen Blätter geraucht, Cigarren von Ambrafarbe, mit ſeidenartigem Deckblatt, gewürzhaft wie Nüſſe und mit emer alabaſterweißen Aſche. Ich habe aus den prächtigſten Pfeifen goldgelben türkiſchen Tabaf, von vortrefflicherem Wohlgeruch als die herrlichſten Gewürze, geraucht. Aber ach! welche Mühen, welche Sorgen hatte ich auch davon, welche Koſten, und vor allem, welche entſetz⸗ lichen Täuſchungen mußte ich oft erfahren!!!... Wie oſt, nachdem ich mich an einer Kiſte Ha⸗ vanna⸗Cigarren oder Latakieh erlabt hatte, gött⸗ lichen Blättern, kam mir, wie es zu geſchehn pflegt, verfälſchtes, gefärbtes, ausgedörrtes, ge⸗ ſchmackloſes, ſaueres oder bitteres, mit einem Wort abſcheuliches Gewächs unter die Hände! Und dennoch ſah es ebenſo aus wie das erſte und koſtete mir ebenſoviel Geld und Mühe. Nun wahrlich! der häufigen Täuſchung durch ein trü⸗ geriſches Aeußere und des jähen Wechſels zwi⸗ ſchen ausgewählten und abſcheulichen Dingen, die ein und daſſelbe Geld köſten, müde, habe ich mich muthig für den gewöhnlichen Tabak ent⸗ ſchieden. Er iſt kraftvoll, roh, gewaltig, aber auch geſund, natürlich und von immer gleicher Güte; und vor allem findet man ihn ohne Mühe und Sorge im erſten beſten Laden. Seitdem ich ihn gekoſtet habe, finde ich es denn auch ſo be⸗ guem und vorzüglich ſo angenehm, daß jeder an⸗ dere Tabak mir jetzt ſaft⸗ und kraftlos vorkom⸗ men würde.“— Was, mein Herr, beweiſt dieſe 5 Verdorbenheit des Geſchmacks weiter, als daß Ihr Lord blaſirt war?..— Er blaſirt, gnä⸗ dige Frau? nichts weniger als das! Er rauchte unausgeſetzt“ den ganzen Tag fort.— Obwohl unverſchämt, mein Herr, iſt Ihr Ver⸗ gleich verſtändlich genug. Sie wagen den Satz aufzuſtellen, daß man unwürdige und leichte Ver⸗ gnügen in der Erniedrigung ſeiner ſelbſt und An⸗ derer ſuchen müſſe!— Ich behaupte, gnädige Frau, daß es zwiſchen Tugend und Laſter keinen Mittelweg giebt; ich behaupte, daß diejenigen, welche den Muth der Treue und guter Sitten ha⸗ ben, Achtung und Bewunderung verdienen; ich behaupte aber auch, daß für diejenigen, welche im Laſter ihr Vergnügen ſuchen, nichts verboten iſt, als was das bürgerliche Geſetz unterſagt. Ihre ganze Moral iſt das Geheimniß.— Das Geheimniß! Meinen Sie es mit dieſer Ein⸗ ſchränkung wirklich ernſt?. wahrſcheinlich nur aus Rückſicht auf herrſchende Vorurtheile?— Nein aus Rückſicht auf das Vergnügen.— Wie ſo?— Zuerſt ſchont das Geheimniß in Lie⸗ besverhältniſſen in einer gewiſſen Geſellſchaft die Eigenliebe, indem, wird man verlaſſen, Nie⸗ mand die Verbindung kannte; ferner iſt das Ge⸗ heimniß eine fortwährende Verhöhnung dieſer ſtets ſo ſcharſſichtigen Geſellſchaft, deren Scharfſinn man auf die Weiſe zu Schanden macht; endlich — rettet die Frau dadurch den Schein des guten Rufs, deſſen Bewahrung ſelbſt im Inteteſſe des Vergnügens immer ſo wichtig iſt; denn bei Ge⸗ wandtheit, Verſchwiegenheit, Kühnheit und Gei⸗ ſtesgegenwart iſt einer Frau Alles erlaubt. — Einer Frau, die ſich ſelbſt nicht achtet, mein Herr! denn wenn es deren auch geben ſollte, die ſittlichen Grundſätzen unſchwer entſagen, ſo wird ſie dennoch, das bedenken Sie wohl, mein Herr, ihr Selbſtgefühl ſtets vor entwürdigenden Schwachheiten bewahren. Der Unbekannte lachte ſpöttiſch. — Selbſtgefühl? wo doch von nichts Ande⸗ rem als einer ehebrecheriſchen Liebe die Rede iſt! einem Austauſch von Verderbtheit! Gewiß! Frau Herzogin, ſcherzen Sie nur! Eine Frau von ſtrenger, oder was noch beſſer iſt, von be⸗ ſcheidener und liebenswürdiger Tugend zeige Selbſtgefühl, ſo werde ich mich gewiß unter den Erſten einfinden, die demſelben Anerkennung zollen; wenn aber eine Frau, die Liebhaber hat, von denſel⸗ ben Adelstitel verlangt, als wenn esſich, wie man ehemals zu ſagen pflegte, darum handelte, in den königlichen Wagen zu ſteigen, ſo nenne ich das ebenſo lächerlich als einfältig, denn das heißt ſeine Wahl in die Grenzen einer entſetzlichen Ein⸗ förmigkeit bannen; das heißt die Mannichfaltig⸗ keit, das Ueberraſchende und Neue ausſchließen; —— venn offen zu reden, gnädige Frau, ſind die Männer derſelben Geſellſchaft auch alle nach der⸗ ſelben Form gegoſſen. Dann iſt es auch, wenn ſie einmal den Weg des Vergnügens betre⸗ ten haben, der Fehler Ihresgleichen, daß ſie ihren Titel nicht als einen reizenden Contraſt zu nutzen wiſſen! Kann es in der That etwas Lang⸗ weiligeres geben, als Herzogin unter Herzögen, Marquiſin unter Marquis zu ſein? Ah! Ihre Großmütter zur Zeit der Regentſchaft wußten ihre Jugend und Schönheit ganz anders zu nu⸗ tzen. Heute große Dame in Verſailles oder in ihrem kleinen Hauſe, das ſie vielleicht einem Richelieu öffneten, morgen Griſette oder Klein⸗ bürgerin und(was nicht wenig ſagen will) wie Griſette oder Bürgermädchen geliebt! Was für luſtige Streiche gab es da, was für tolle Aben⸗ teuer, was für einen Schatz von heiteren Erin⸗ nerungen für ihre alten Tage! Was waren aber auch die alten Marquiſinnen der Regentſchaft und zur Zeit Ludwig's W. für liebenswürdige Frauen! Welcher lebhafte Geiſt, welche ungetrübte Hei⸗ terkeit, wie viele Anekdoten und fröhliche Erin⸗ nerungen, welche der alte galliſche Witz eines Brantom, Rabelais oder Lafontaine erhöhte! Dieſe großen Damen verſtanden aber auch und übten vorzüglich die Verſchmelzung und Gleichheit der Claſſen beſſer als die mürriſchen —— Philoſophen jenes roſenfarbenen und ſilbernen Jahrhunderts; Ihre Großmütter, gnädige Frau, ließen ihr Selbſtgefühl bei der Herzogskrone, dem Reifrock und dem Mieder zuruͤck, und nachdem ſie im kurzen Röckchen zu irgend einem Rendez⸗ vous gehüpft waren, nahmen ſie ihre volle Würde mit ihrem Tabouret beim Spiele der Königin wie⸗ der ein. Und offen geſagt, ſie hatten Recht: wa⸗ rum bei dieſer oder jener Grenze ſtehn bleiben? Warum, wenn ſie ihnen gefallen, dieſen oder jenen ausſchließen? Giebt es etwa auch ein religi⸗ öſes und moraliſches Geſetzbuch für die freie Liebe? Kann das eine Verhältniß erlaubt, das andere verboten ſein? Iſt für dieſe großen Frei⸗ beuterinnen des Vergnügens Cerzeihen Sie mir den Ausvruck, gnädige Frau!) etwa ein ſchö⸗ ner Gardiſt unehrender als ein kleiner Marquis? ein friſcher, hübſcher Jüngling weniger ſchicklich als ein ftecher, unzüchtiger Prälat?— Nun! mein Herr, ſelbſt bei dieſen vorübergehenden Ausſchweifungen behielten unſere Großmütter ſteis einen ihrer würdigen Auserwählten. — Allerdings, gnädige Frau, irgend ein Liebhaber blieb Freund, oder irgend ein Freund blieb Liebhaber; oh! vor dieſem, deſſen Verſchwiegenheit meiſtens erprobt war, vor die⸗ ſem brauchten ſie kein Geheimniß zu bewahren. Wenn denn auch Clitander und Cydaliſe zur — 1— Erinnerung an frühere gemeinſchaftliche Vergnü⸗ gen ſich einmal wieder bei einem frohen Abend⸗ mahl trafen, was wußten ſie ſich nicht Alles zu erzählen! was für reizend vertrauliche Mitthei⸗ lungen hatten ſie ſich nicht beim Schein der roſen⸗ rothen Kerzen des kleinen Hauſes zu machen! Zwei junge Freunde und Vergnügensgenoſſen beim Glaſe Wein ſind nicht aufrichtiger mittheilſam, luſtiger und geſchwätziger; dann, nach einem toll verlebten Tag, ſagten ſich Clitander und Cy⸗ daliſe fröhlich auf Wiederſehn und fuchten neue Abenteuer auf, die ſie ſich einen anderen Tag er⸗ zählen konnten.— Wiſſen Sie was, mein gu⸗ ter Herr?— Was denn, gnädige Frau?— Mo⸗ liere hat längſt geſagt und bewieſen, daß Hert Joſſe ein Wortſchmied war.*)— Sie mei⸗ nen alſo, gnädige Frau, daß ich, weil ich Sie für eine große Dame halte, ich armer Teufel von leinbürger in der hinterliſtigen Abſicht ſo rede, ſie zu veranlaſſen, ſich mit einem Lumpen einzu⸗ laſſen? Beruhigen Sie Sich, Frau Hetzogin. Zuvörderſt traue ich Ihnen einen viel zu guten Geſchmack zu; und dann, wie ich Ihnen zu er⸗ klären bereits die Ehre gehabt, rauche ich nur 6) Dies Sprichwort, aus einem Moliere ſchen Luſtſpiel entlehnt, ſoll andeuten, daß man die verdeckte Abſicht der Rede eines Anvern wohl durchſchaut. d.. noch uhrmannskneller.— Es ſei, mein Herr! Sie entwickeln dieſe befremdenden Lehren alſo mit der größten Uneigennützigkeit und nur, um— Um der Kunſt, oder, wenn Sie es lieber wollen, um des Laſters willen.— Jeder hat ſein Ideal; mit dem Ihrigen könnte ich mich nicht befreunden; es ekelt mich an und empört mich. Und welches iſt Ihr Ideal, gnädige Frau?— Zwei Liebende aus einer gewiſſen Ge⸗ ſellſchaft, mit ſtets zärtlicher, treuer und warmer Liebe, einſam in irgend einer reizenden Einſiede⸗ lei lebend.— Herrlich, gnädige Frau! ich ver⸗ ſtehe Sie; Ihr Geliebter entführt Sie mit vier Pferden Extrapoſt nebſt vorausgeſchicktem Cou⸗ rier, um das Geheimniß vollkommen zu ſichern, und beide ſiedeln ſich in irgend einer ſchönen Villa in Italien oder der Schweiz an, mit einem vortrefflichen Koch, Bedienten und einigen Pfer⸗ den; denn immer bleibt man ſich doch auch gewiſſe äußere Lebensrückſichten ſchuldig. Es iſt alſo ge⸗ lungen, Sie und Ihr Geliebter ſind frei! Keine Unruhe, kein Zwang, keine Hinderniſſe mehr; weiter keine eiferſüchtigen, läſtigen oder zu be⸗ quemen Zeugen; ſie ſind allein und unabhängig; ſie gehn zuſammen Arm in Arm, den Aufgang des Mondes hinter den Bergen zu betrachten oder dem Untergange der Sonne hinter fernen Wäl⸗ dern zuzuſchauen; ein anderes Mal ſind es nächt⸗ liche Spazierfahrten auf dem Seez ſchwoigend und entzückt, einer an den andern gerrüc«, wäh⸗ rend der Schiffer bei ſeinem Ruder eingeſchlafen iſt, träumen ſie ſelig von ihrer Liebe, indem ſie zu den Sternen hinaufblicken. Ja, ach! ja, das ſind unausſprechliche Freuden, die ſelbſt Liebende aus einer gewiſſen Geſellſchaft zuweilen koſten können, fügte der Unbekannte mit bewegter, gerühr⸗ ter Stimme hinzu, deren lieblicher Ton Frau von Beaupertuis abermals überraſchte. Ja das ſind, ich weiß es, himmliſche Freuden! Aber wie lange dauern folche Entzückungen? aber wo findet man zwei Seelen, die rein und ſtark genug ſind, die ſo fromm und innig zu lieben vermögen, um ſich Monate, Jahre lang, ein ganzes Leben hindurch auf einer ſolchen Höhe der Poeſie und Entzü⸗ ckung zu erhalten? Nein! nein! es giebt keine ſolchen Seelen, gnädige Frau, vorzüglich nachdem ſie die Lebensluft oder vielmehr die Stickluft einer gewiſſen Geſellſchaft eingeathmet haben! Brauche ich Ihnen denn etwa auch zu ſagen, was ſtets ge⸗ ſchieht? begann der Unbekannte wieder im ſpöttiſchen Tone. Wenn unſere Liebenden, nachdem ſie vier⸗ zehn Tage, einen Monat höchſtens dies entzückende Loben geführt haben, nicht auf den glücklichen Einfall gerathen, ein jeder für ſich die Reiſe wieder anzutre⸗ ien, um wenigſtens die Erinnerung in ihrem vol⸗ len Duft mit hinwegzunehmen, dann werden die Die Prophezeihung. M. — 5 Einſiedleriſchen bald der tödtlichſten Langweile zur Beute, trotz Sonn und Mond, trotz Berge, See und Wald. Aus thörichtem Stolz hat kei⸗ ner den Muth, dem anderen dies enttäuſchende„ Geſtändniß zu machen, ihre Laune wird ſauer, zornig, zänkiſch, und die Zeit des Haders er⸗ ſcheint noch als die minder langes Der aufs Aeußerſte gebrachte Liebhaber macht dem Kam⸗ mermüdchen, wenn es hübſch iſt, den Hof, ſonſt irgend einer hübſchen Bäuerin. Endlich, eines Tages trennt man ſich als geſchworne Feinde und die Frau geht zu einer minder poetiſchen und minder einſamen Liebe über. Gnädige Frau, Sie ſind aus der Geſellſchaft, Sie kennen dieſelbe vollkommen, geſtehen Sie, daß bei hundert eine Hütte und ein Herz dies der Fall iſt.— Zu⸗ gegeben, mein Herr, ſo giebt es zum Glück doch auch Ausnahmen.— Ja wohl, die die Regel be⸗ ſtätigen.— Ei! wir ſprechen vom Ideal! Soll man daſſelbe in der Allgemeinheit ſuchen? Uebri⸗ gens kenne ich zwei Liebende, welche ſchon länger als zwanzig Jahr glücklich und einſam zuſam⸗ men leben.— Die Unglücklichen ſind alſo mit⸗ einander alt geworden!— Die. Unglücklichen! warum?— Großer Gott! gnädige Frau! zu⸗ ſammen alt werden! und noch dazu in der Ein⸗ ſamkeit! die erſte Falte entſtehn ſehn! das erſte weiße Haar bemerken! jeden Tag allein mit ein⸗ ander, gegenſeitig die langſamen Verheerungen des Alters zu beobachten! den traurigen Verfall aller jugendlichen Friſche und Reize zu ſchauen! ſich mit Schrecken, faſt mit Reue geſtehn zu müſ⸗ ſen: Doch habe ich dieſen Gegenſtand einmal angebetet! Ach! gnädige Frau, man muß ſich faſt haſſen) um ſich gegenſeitig dieſer grauſamen und immerwährenden Vergleichung der Gegen⸗ wart mit der Vergangenheit auszuſetzen! Nein, nein, jedes Alter hat ſeine Freuden, jede Jah⸗ reszeit hat ihre Blüthe. Die Liebe aber, man mag lieben, wie man will, iſt nur die Blüthe der Jugend; in ihrer Jahreszeit erſcheint ſie in entzückender Pracht, verbreitet ſie den berau⸗ ſchendſten Duft; iſt ihre Zeit aber vorbei, und man will ſie über dieſelbe hinaus erhalten, ſo er⸗ hält man ſie wie eine Blume im Kräuterbuch; bald werden ihre Farben erblaſſen, ihr Duft wird verfliegen, und von dieſer ehemals ſo reizenden Blüthe bleiben nur noch welke Kelchblätter und dür⸗ res Laub über, und man müßte ſeine Zuflucht zur Etikette nehmen, um zu erfahren, daß dies vergilbte, welke, zuſammengeſchrumpfte Ding ehemals die Liebe hieß. Nein, nein, ihr alle, die ihr nicht die Kraft der hohen Pflichten zu ei⸗ nem Leben in ſtrenger Uebung der Tugend habt, ſeid prächtig und verſchwendetiſch, theilt eure Jugendſchätze mit, ſtreut ſie übetall und für alle — auf euerem Wege aus; das Alter kommt ſo bald! Jeder verlorne Tag, jede verlorne Stunde iſt unwiederbringlich! Hören Sie auf mich, gnä⸗ dige Frau; möge Ihr für das Gute unfruchtbares Leben wenigſtens für die Freude nicht verloren gehn; ahmen Sie das Beiſpiel Ihrer Großmütter zur Zeit der Regentſchaft nach, legen Sie oft das Hofkleid ab, und folgen Sie in weniger präch⸗ tiger Kleidung der leicht beſchwingten Unbeſtän⸗ digkeit, der wild flatternden Laune, dann werden Sie entzückt und bezaubert werden von all den überraſchenden, neuen, feſſelnden und bunten Erſcheinungen, welche Sie in dem Ländergebiet finden werden, das ein falſcher Stolz Ihnen bis⸗ her verſchloß!— Mein Gott, mein Herr! ich bewundere, wie ſehr geiſtreiche Leute(denn nach Allem kann ich jetzt wohl einräumen, daß Sie es ein klein wenig ſind), ich bewundere, ſag' ich, wie ſehr ſich geiſtreiche Leute oft in Wider⸗ ſprüche verwickeln, um Paradoren zu vertheidigen! — Wos für Paradoxen, welche Widerſprüche, gnä⸗ dige Frau?— Nicht wahr, Sie ſagten ſoeben, daß es Ihrer Meinung nach nichts Traurigeres, nichts Entſetzlicheres geben könne, als daß zwei Per⸗ ſonen, die einander lange treu geliebt haben(und kaum räumen Sie ein, daß es ſolche Perſonen geben könne), mit einander altern?— Ich gebe ſie als Ausnahmen zu und finde ſie in der That ——— — 5— ſehr unglücklich, daß ſie ſich einander alt werden ſehn.— Und dennoch wußten Sie kurz zuvor das Glück Ihres Jugendfreundes und ſeiner Frau nicht genug zu erheben und mit überſchwenglichem Lobe zu preiſen! Dennoch ſind dieſe girrenden Gatten aller Wahrſcheinlichkeit nach dazu be⸗ ſtimmt(erlauben Sie mir den Vergleich), ein altes Paar Turteltauben zu werden.— Ich habe ihrer, gnädige Frau, als zweier ihrer Liebe und ihrer Pflicht treuer Perſonen gedacht; wir ſpre⸗ chen hingegen von Leuten, welche das Vergnü⸗ geg gen in ſträflichen Verhältniſſen ſuchen, der Ver⸗ gleich iſt alſo nicht ſtatthaft, denn.. Der Unbekannte konnte nicht ausſprechen, denn plötzlich ertönte an der halb offenen Logenthür eine muntere, tiefe Stimme mit dem Rufe: — Ohe! Anatole... ohe! XIV. — — Als der Unbekannte, oder vielmehr Anatole Ducormier, ſich auf einmal ſo gewöhnlicher⸗ und lauterweiſe angerufen hörte, wandte er wie auch Frau von Beaupertuis ſich lebhaft um; Beide erblickten am Eingang ihrer Loge einen langen Schlingel von Poſtillon von Longjumeau und einen reizenden kleinen Debardeur. Die Geſichter der beiden Masken waren ſo ſehr mit Schminke und Schönpfläſterchen bedeckt, und lang⸗ geſchwänzte gepuderte Perrücken entſtellten ihre Züge in dem Grade, daß Anatole Ducormier die Anrufenden anfangs nicht erkannte und ſie ſchwei⸗ gend und erſtaunt anblickte, während ihm Frau von Beaupertuis aufſtehend zuflüſterte: — Sonnabend komme ich wieder hierher.. um Mitternacht bin ich mit einem vrangenfarbenen Bande auf meinem Domino an der Logenthür. Nach dieſen Worten verließ die junge Frau die Loge in demſelben Augenblick, in welchem Ana⸗ tole Ducormier, den Debardeur undden Poſtillon endlich erkennend, ausrief: — Wie Joſeph, Du?— Nun! endlich! ent⸗ gegnete der luſtige Krämer, ich glaube doch, ich habe Dich rechtſchaffen in Verlegenheit geſetzt, nicht?— Erkennen Sie mich denn auch, Herr Anatole, fragte Maria, indem ſie ihr niedliches Geſichtchen vorſchob.— Ja, Madame in der That aber.. ich erwartete ſo wenig, Euch beide dieſe Nacht hier zu treffen..— Ich kann nichts dafür, glauben Sie nur, Herr Anatole, ſagte Maria Fauveau, aus mehr als einem Grunde wollte ich durchaus nicht herkommen. Ich mußte Joſeph aber wohl nachgeben; er war ganz erpicht darauf.„Laß uns doch auf den Opernball ge⸗ hen! ſagte er zu mir; du haſt ſo etwas noch nie geſehen, es wird dir Spaß machen und mir gleich⸗ falls; es ſoll mir eine Luſt ſein; wir wollen Ana⸗ tole überraſchen und foppen. Komm, mein Ma⸗ riechen, wenn es nicht um Deinetwillen iſt, ſo ſei es um meinetwillen, bitte!“ Sie können ſich wohl denken, Herr Anatole, daß der Böſewicht wußte, wie ich ſolchen Bitten nicht widerſtehen könnte.. und da ſind wir nun.— Wir gingen zu unſerer Nachbarin, Madame Sublet, die Maskenanzüge vermiethet nahm Fauveau das Wort. Sie hatte ge⸗ rade einen hübſchen Debardeur⸗Anzug, der beſtellt und nicht abgeholt war. Und ich frage Dich, ob man nicht behaupten möchte, erſei Marien an⸗ gemeſſen? Sieh nur, wie gut er ihr ſteht! ſieh⸗ſie nur an! iſt ſie nicht hübſch zum Anbeißen zum Aufeſſen?— Still doch, Joſeph! Du biſt recht albern! ſagte die junge Frau mit einem vor⸗ wurfövollen Blick zu ihrem Mann. Man konnte in der That nichts Reizenderes ſehen, als Maria in ihrem Habit von hellgrünem Sammet mit kleinen ſilbernen Knöpfen beſetzt, welches ſich ihren feinen Formen gefällig an⸗ ſchmiegte. Um die Hüften trug ſie eine ſeidene, vrangenfarbene Schärpe mit lang herabhängenden Enden, während ihre Pantalons, die ſich erſt über dem Knie erweiterten, das hübſcheſte Bein zeig⸗ ten, welches roſaſeidene Strümpfe mit grünen Zwickeln und lackirte Schuh mit großen ſilbernen Schnallen bekleideten. Die Schminke, die Schön⸗ pfläſterchen und der Puder verliehen den großen, ſchwarzen dunkelen Augen Mariens einen außer⸗ ordentlichen Glanz, und ihr ſchon ſo einnehmen⸗ des, aufgewecktes Geſichtchen erhielt dadurch den Ausdruck der reizendſten Schelmerei und Niedlich⸗ keit. Anatole hatte dieſe verführeriſche Erſcheinung mit einem ſchnellen und verſtohlenen Blick betrach⸗ tet, um die aufrichtige Verlegenheit der jungen Frau nicht zu vermehren. Und ſtatt mit irgend einem Compliment auf Joſeph Fauveau's Frage, ob er Maria nicht reizend fände, zu antworten, ſpeach Anatole Ducormier heiter zu ſeinem Freund: — Weißt Du aber wohl, Joſeph, daß Du Dich in Deinem Coſtüm auch prächtig ausnimmſt? — Nicht wahr, Herr Anatole? ſagte Madame Fauveau, erfreut durch dieſe Zwiſchenrede, dem von ihrem Mann hervorgerufenen galanten Era⸗ men zu entgehen; nimmt ſich Joſeph in ſeiner blauen Jacke, den weißen Beinkleidern und hohen Stiefeln nicht vortrefflich aus?— Wenn auf den Diligencen viele ſolche Poſtillone zu finden wä⸗ ren, möchte die Zahl der reiſeluſtigen Frauen ſich wohl beträchtlich vermehren, antwortete Ducor⸗ mier heiter.— Ja wohl! das iſt gewiß, was — 5— Sie da ſagen, Herr Anatole, ſprach Maria, in⸗ dem ſie ſich todtlachen wollte. Er wäre im Stande ſie umzuwerfen, um das Vergnügen zu haben, ſie wieder aufzuheben, der Böſewicht!— Wenn ich ſie umwürfe, Mariechen, antwortete Joſeph zärtlich, ſo wäre nur der Gedanke an Dich daran Schuld, welcher mich hinderte, auf den Weg zu achten.— Herr Anatole! rief die junge Frau über dieſe Schmeichelei entzückt aus, verbieten Sie Joſeph, mir ſo hübſche Dinge zu ſagen, ſonſt falle ich ihm hier vor aller Welt um den Hals deſto ſchlimmer!— Was kann ich dagegen thun, Madame! Wenn Ihnen Joſeph ſo hübſche Dinge ſagt, bin nicht ich, ſondern Sie ſelbſt ſind daran Schuld.— Ahl ſchön! Herr Anatole, Sie alſo wollen mich auch im Stiche laſſen! Wenn Sie Sich mit ihm gegen mich verbünden, bin ich zu ſchwach. Dann von ihrer Rede abſpringend und nur mit Mühe ihre Lachluſt bezwingend, wandte ſich die junge Frau an ihren Mann und ſagte halblaut: — Sieh doch, Joſeph, da ſchleicht er wieder um uns herum.— Wer denn, Maria?— Du weißt ja, der Domino— Was für ein Do⸗ mino? fragte Anatole Ducormier Madame Fau⸗ veau, welche ihm lachend antwortete, indem ſie einen geheimnißvollen Ton annahm:— Sicher iſt es eine Frau, die dies Scheuſal von Joſeph . — 62— verfolgt. Sie läßt ihn nicht aus den Augen, auf Ehre! ſie verſetzt mich in Unruhe. Geh, ich werde Dir den Poſtillon von Longjumeau anſtrei⸗ chen; nimm Dich in Acht, gerathe mir nicht auf ſchlechte Wege! Dabei lachte Maria laut auf und ſprach weiter: Es waren zwei Domino, ein gro⸗ ßer und der da. Sie begegneten uns auf der Trep⸗ pe; ſie gingen hinab, als wir heraufkamen. Die Kleine, die Frau, ſtutzte, wahrſcheinlich von dem guten Aeußeren dieſes Galgenſtrickes von Joſeph überraſcht. Und nun verfolgt ſie ihn. Iſt das nicht recht frech, nicht wahr, Herr Anatole?— Ich behaupte dagegen, daß es ein Mann iſt, wel⸗ cher Marie verteufelt hübſch findet, ſagte Joſeph nicht weniger luſtig, und der Beklagenswerthe, Unglückſelige folgt ihr ſchmachtend.. ſiehe, be⸗ trachte ihn nur, Anatole. Dort unten ſteht er auf das Geländer geſtützt; er blickt nach uns her. Macht der Spitzbube Augen! Man ſieht ſie aus der Maske hervorleuchten. Ducormier wandte ſich nach der Seite, wo⸗ hin ihn ſein Freund wies, und erblickte in der That einen ſchwarzen Domino, klein für einen Mann, aber groß für eine Frau, welcher ſich, da er ſich wahrſcheinlich beobachtet ſah, einige Schritte entfernte. — Nun! was ſagen Sie dazu, Herr Ana⸗ tole? fragte Maria luſtig. Iſt es nicht eine Frau? — Iſt es nicht ein Mann? ſagte Joſeph; ich wette, der Hanswurſt ſoll mir ſelbſt ſagen, wer er iſt.— Joſeph! rief die junge Frau zitternd und ängſtlich aus. Willſt Du eiwa Händel be⸗ kommen! Ach! Herr Anatole, ich bitte Sie, hal⸗ ten Sie ihn zurück! Er iſt ſo hitzig!— Beruhi⸗ gen Sie Sich, Madame, Joſeph wird Ihnen keine Angſt machen wollen. Und übrigens geht unſer Dymino dort ſchon die Treppe hinunter. In der That hatte ſich die zweifelhafte Perſon, von welcher die drei Freunde in dieſem Augenblick ſprachen, plötzlich entfernt, als ſie zwei Domino, welche roth und weiße Bänder als Erkennungs⸗ zeichen trugen, auf ſich zukommen ſah. Die kleinſte von dieſen beiden Masken(offen⸗ bar eine Frau) ſchien mit großem Eifer zu ſpre⸗ chen, ihre Bewegungen waren raſch und lebhaft, während ihr Gefährte vollkommen ſtumm und un⸗ empfindlich zu bleiben ſchien. Ohne Zweifel ent⸗ rüſtete den weiblichen Domino dieſe Unempfind⸗ üchkeit, denn als die Beiden nah bei den drei Freun⸗ den vorüberkamen, hörten ſie die Frau lebhaft ſagen: 4— Nicht ein Wort! Keine Antwort! Das iſt doch unerklärlich! Warum dies Schweigen! iſt es eine Wette? — Die beiden Domino entfernten ſich und die . Freunde konnten nichts weiter hören. — 60 Joſeph Fauveau ſprach lachend: — Der läuft wenigſtens keine Gefahr, Thor⸗ heiten zu reden!— Und ich, entgegnete Maria, werde Dich verhindern, vielleicht welche zu bege⸗ hen.— Was willſt Du ſagen, Maria? fragte Joſeph Fauveau?— Sieh, lieber Joſeph, ſagte die junge Frau diesmal ernſt, Deine Drohung, mit jenem Domino zu ſprechen, hat mich unwill⸗ kürlich ſehr erſchreckt. Und dann biſt Du auch wohl befriedigt; wir haben das Treiben des O⸗ pernballes überblickt und Herrn Anatole gefun⸗ den; es iſt ſpät und morgen müſſen wir wieder früh im Laden ſein. Laß uns gehen.— Wies jetzt ſchon, mein Mariechen? entgegnete Joſeph. Willſt Du nicht wenigſtens einen Contretanz mit Anatole tanzen?— Herr Anatole wird mich ent⸗ ſchuldigen; wir wollen gehen, mein lieber Joſeph! — Ich glaube feſt, Mariechen, Du willſt mei⸗ netwegen gehen: Du meinſt, der Ball mache mir keinen Spaß.— Und ich glaube, ſagte Anatole, daß Ihr alle Beide Recht habt.— In der That, entgegnete Fauveau, wenn man dies Treiben eine Stunde angeſehen hat, findet man nicht Neues mehr.— Dann ſchnell, ſchnell, Joſeph, laß uns gehen! Holen wir unſere Mäntel aus dem Kleiderzimmer und dann fort! Begleiten Sie uns bis hinunter, Herr Anatole! Vielleicht gehn Sie gleichfalls?— Ei, ja wohl! ſagte Joſeph. la⸗ chend. Muß er nicht die Schöne im Domino wiederaufſuchen, welche ſich aus dem Staube maͤchte, als wir an der Logenthür„Ohe! Ana⸗ tole! ohe“ riefen? Hm! das war ganz was Fei⸗ nes, der Domino, Maria. Sie hielt ein mit Valenciennes⸗Spitzen beſetztes Taſchentuch in der Hand, welches mindeſtens ſieben bis achthundert Franken im Einkauf werth iſt. Ich verſtehe mich darauf, ich habe ſelbſt welche verkauft. Das iſt Wiederfindens werth, eine Schöne, die Taſchen⸗ tücher für achthundert Franken trägt; irgend eine große Dame, das iſt klar. Scheuſal von Ana⸗ tole, geh!— Ach! mein Gott, das iſt wahr, ſagte Maria treuherzig; das fällt mir jetzt erſt ein. Wir haben Sie geſtört, Herr Anatole. Aber wahrlich! das iſt Joſeph's Schuld; wir erkannten Sie von unten, da ſagte er mir: Wir ſuchten Anatole, da oben ſitzt er in einer Loge; wir wol⸗ len ihn überraſchen; er wird mich nicht gleich er⸗ kennen; ich werde ihm zurufen:„Ohe! Anatole! ohe!“ du wirſt ſehen, wie luſtig das iſt! Da ſind wir heraufgekommen und Ihr ſchöner Domino hat ſich geflüchtet.— Sie haben mich durchaus nicht geſtört, entgegnete Anatole lächelnd. Ich hatte dieſer Dame bereits Alles geſagt, was ich ihr ſagen wollte, und zum Beweis werde ich Ih⸗ rem Beiſpiele folgen und mit Ihnen das Opern⸗ haus verlaſſen.— Dann reiche Maria den Arm, ſagte Fauveau zu ſeinem Freund, und vorwärts! — Denkſt Du daran, Joſeph? antwortete die junge Frau, indem ſie ſich an den Arm ihres Po⸗ ſtillon von Longjumeau klammerte; Herr Anatole iſt in bürgerlicher Kleidung, und ich bin maskirt; man würde lachen, wenn wirzuſammen gingen. Wenn Herr Anatole wenigſtens eine falſche Naſe vorhätte, wollte ich noch nichts ſa⸗ gen.— Auch würde ich zu großen Neid erregen, Madame, ſagte Anatole heiter.— Dann werde ich jetzt die Pierrotinen und Andere vor Neid ber⸗ ſten machen! entgegnete Maria, indem ſie ſich noch enger an den Arin ihres Mannes klammerte. Die drei Freunde verließen mit einander den Gang der Zweitenrang⸗Logen, um die Treppe zur Vorhalle des Opernhauſes hinabzuſteigen. XV. — Das Gedränge der Menge auf dem Gang der Erſtenrang⸗Logen, an welchen ſich der Büffet⸗ ſaal anſchließt, war ſo groß, daß Anatole Du⸗ cormier, Marie und ihr Mann ſehr langſam ge⸗ hen und oft ſogar minutenlang ſtehen bleiben muß⸗ ten. In dieſer Zeit wechſelten zwei in der Niſche — —— eines der Eingänge des Saales halb verſteckte Domino leiſe folgende Worte: — Loiſeau.. da iſt ſie. ſie geht fort ₰ Was ſoll man dagegen thun, gnädiger Herr? Ihr Einfaltspinſel von Mann hat ſie nicht einen Augenblick verlaſſen; es war keine Möglich⸗ zeit, ihr zu nähen.— Seit ich ſie in dieſem ver⸗ herten Coſtüm geſehen habe, bin ich noch tauſend⸗ mal ärger in ſie vernarrt. Sieh nur, welcher Wuchs! Welche Bewegungen!. Und dies Bein und dieſer Fuß!... Und dies ſchelmiſche, pfiffige Geſichtchen!... Und dieſe Augen! oh! dieſe Augen! ſie könnten einen Todten aus dem Grabe erwecken!— Gnädiger Herr, nehmen Sie Sich in Acht! Ich ſehe dort die Frau Baronin mit mtiner großen Richte, Ihrer Doppelgängerin. Die Verwechſelung iſt vollkommen geglückt! Ihre Größe, ein Endchen roth und weißes Band auf ihrem Domino, ein ſchwarzes Beinkleid, lackirte Schuh und einige Tropfen der Blumeneſſenz, de⸗ ren Sie Sich bedienen, hat die Täuſchung voll⸗ ſtändig gemacht; ich zittere aber jeden Augenblick, daß Alles entdeckt werden möchte, und daß die Frau Baronin endlich über Ihr unerklärliches Schweigen außer ſich...— Fürchte nichts; ich habe dies Stillſchweigen geſchickt vorbereitet... denn von dem Augenblick unſerer Ankunft an habe ich Frau von Roberſae nur noch einſylbige, trock⸗ — ne und mürriſche Antworten gegeben. Ich ſprach ſchon ſeit zehn Minuten kein Wort mehr, als ich Dank jenes Streites...— Herr von Morſenne, welcher, während er mit ſeinem würdigen Diener ſprach, Madame Fauveau nicht aus den Augen gelaſſen hatte, unterbrach ſich plötzlich und rief aus:— Ich ſehe ſie nicht mehr! ſie iſt verſchwun⸗ den!— Dann, gnädiger Herr, denken wir da⸗ ran, Sie wieder an die Stelle meiner Nichte un⸗ terzuſchieben; Madame Fauveau werden wir ſchon einmal wo anders treffen; wir können von Glück ſagen, daß wir ihr noch in dem Augenblick be⸗ gegneten, in welchem wir, im guten Glauben ſie allein zu Hauſe zu finden, nach ihrer Woh⸗ nung gehen wollten. Uebrigens hoffe ich jetzt viel mehr von dieſer wilden Schönheit, die als De⸗ bardeur verkleidet auf dem Opernball umher⸗ hüpft.— Ach! Loiſeau, ich könnte närriſch wer⸗ den! Dies niedliche Geſichtchen, dies Coſtüm, dieſe reizenden Bewegungen kommen mir gar nicht aus dem Sinn. Warum hat mir der böſe Feind dies Weſen in den Weg geführt!— Noch einmal, gnädiger Herr, ſuchen Sie Ihren Platz bei der Frau Baronin wiedereinzunehmen, und ſeien Sie bereit, Ihr roth und weißes Band zur rechten Zeit wieder auf den Kragen zu ſtecken.— Wie fangen wir es aber an?— Ich hoffe, daß der Wechſel diesmal leichter auszuführen iſt als das erſte Mal, 8— 69— wo er, Dank jenem Auflauf, ſo wohl gelungen. Meine Nichte weiß Beſcheid. Kommen Sie, gnä⸗ diger Herr, und benutzen Sie den rechten Augen⸗ blick. Herr von Morſenne näherte ſich, von ſeinem Vertrauten, welchem er den Arm keichte, halb ver⸗ deckt, Frau von Roberſac und ihrem ſchweigſamen Begleiter, indem ſie Beide dicht vor ſich hergehen ließen. Auf einmal rief Lviſeau laut und plötzlich mit verſtellter Stimme: — Großer Gott! ach! mein Gott! Durch dieſen plötzlich unmittelbar hinter ihr erſchallenden Ausruf überraſcht und erſchreckt, ſprang Frau von Roberſae ſelbſt auſſchreiend zur Seite und wandte ſich mit anderen Perſonen leb⸗ haft um, um die Urſache dieſer Ausrufungen zu erfahren. Der Doppelgänger Herrn von Mor⸗ ſennes benutzte das Zuſammenfahren und die Un⸗ aufmerkſamkeit von Frau von Roberſac geſchickt, um ihren Arm loszulaſſen und ſogleich hinter dem Fürſten zu verſchwinden; als die Baronin nun noch ganz aufgeregt gedankenlos den Arm ihres Begleiters wieder ſuchte, war der Umtauſch be⸗ reits vollbracht. Was die lauten Ausrufungen des liſtigen Fron⸗ tin, welcher ſich bald unſichtbar machte, anlangt, ſo hielt man ſie für einen jener ſchlechten Witze, Die Prophezeihung. II. 5 . wie ſie in dieſen Tagen lauter Luſtigkeit nichts Ungewöhnliches ſind.“ — Beruhigen Sie Sich, Olympia, ſagte Herr von Morſenne halb laut zu Frau von Ro⸗ berſac; Sie zittern am ganzen Leibe; es war ja nichts als ein alberner Scherz.— Es bedurfte, wie es ſcheint, nichts Geringeres, um Ihnen die Sprache wiederzugeben und Sie zu veranlaſſen, das hartnäckige und unbegreifliche Stillſchweigen aufzugeben, welches Sie ſeit einer halben Stunde aus, Gott weiß, welchem Eigenſinn beobachten, entgegnete Frau von Roberſac ärgerlich.— In der That, Olympia, fühle ich mich durch die Be⸗ harrlichkeit Ihres eiferſüchtigen Verdachts tief ver⸗ letzt und ſchwieg lieber, ehe ich mich zu Worten hinreißen ließ, die Ihnen vielleicht wehe gethan hätten. Laſſen Sie uns Frieden ſchließen, Olym⸗ pia. Ich habe ja überhaupt keine Urſache, mich zu beklagen, da ich das Glück hatte, dieſen ganzen Abend an Ihrer Seite zuzubringen.— Vielleicht geſchah es nicht mit Ihrem Wunſche, daß es nicht anders war, entgegnete Frau von Roberſac. Ihr Schweigen übrigens, das Sie wahrſcheinlich aus Verdruß beobachteten...— Bitte, ſeien Sie ſtill! da kommt meine Tochtet, ſagte Herr von Morſenne, indem er Frau von Roberſac un⸗ terbrach, als er Frau von Beaupertuis an dem roth und weißen Bande, welches ſie nach ihrer — Unterredung mit Anatole Ducormier wieder an⸗ geſteckt hatte, erkennend, auf ſie Beide zukommen ſah.— Nun! meine Liebe, ſprach der Fürſt zu der jungen Frau, meinen Sie nicht, daß es Zeit zum Fortgehen iſt? Wenn es Ihre Meinung, iſt die gnädige Frau damit einverſtanden.— Dann laſſen Sie uns gehen, ſagte die Herzogin von Beaupertuis, indem ſie den Arm von Frau von Ro⸗ berſac ergriff, denn ich habe entſetzliche Kopfſchmer⸗ zen. Alle drei gingen ſo die große Treppe hin⸗ ab und kamen bald in die Vorhalle. Sie erwar⸗ teten hier ihren Wagen unter einer zahlreichen Menge Menſchen, die mit ihnen in dem gleichen Fall waren oder im nahen Kleiderzimmer ihre Mäntel abholten. Der Fürſt von Morſenne in Begleitung ſeiner Tochter und Frau von Roberſac fand Madame Fauveau wieder, bei welcher Anatole Ducormier ſtand, während ihr Mann aus der Kleiderkammer ſeinen Mantel und den Pelz ſeiner Frau holte. Wenige Schritte von dort war eine zahlreiche Menſchenmaſſe vor dem Büreau des Polizeicom⸗ miſſärs verſammelt, die ſich noch von dem Zufall unterhielt, welcher eine Frau im Domino betrof⸗ fen hatte, die vor einer Stunde, wie man verſi⸗ cherte, todt dort hineingetragen wurde. Folgende Worte liefen in dieſer Menge um: 5 — Nun, wie ſteht es mit der armen Dame? — Man ſagt, der Theaterarzt habe ſie bereits todt gefunden. ₰ Das iſt nicht möglich, da der Arzt eben aus dem Polizeibüreau kam und ſagte, er ſelbſt wolle zum Apotheker laufen, um eine Arznei zuzubereiten, mit welcher er ſogleich zurück⸗ kommen werde.— Dann iſt es klar, daß die Frau noch nicht todt ſein kann!— Gewiß! ſie iſt ſo wenig todt, daß ſoeben Jemand behauptete, er habe ſie aus dem Büreau kommen und die Treppe wieder hinauf gehen geſehen.— Das iſt etwas ſtark. Einer der Controleure dort hat noch vor einem Augenblick verſichert, daß ſie beim Fortge⸗ hen des Arztes noch ohne Beſinnung war! Anatole Ducormier und Maria Fauveau ſtan⸗ den dieſen Haufen nah genug, um dieſe einzelnen Reden, welchen ſie mit einer gewiſſen Aufmerk⸗ ſamkeit gelauſcht hatten, verſtanden zu haben. — Mein Gott, Herr Anatole, ſagte Maria, was iſt denn vorgefallen? Was iſt denn das für eine arme Frau?— Ich weiß es ebenſowenig wie Sie, Madame, wenn Sie es aber wünſchen, können wir das Nähere erfahren, indem wir uns an einen der Controleure wenden. Anatole Ducormier fragte, indem er mit Ma⸗ rie an das Billetbüreau trat, einen der Beamten: — Wären Sie wohl ſo freundlich, mein Herr, mir zu ſagen, von was für einem traurigen W — 73— Ereigniſſe hier die Rede iſt?— Es handelt ſich um eine arme Dame im Domino, welche vor zwei Stunden in einem Nervenkrampf, Andere ſagen in Cpilepſie, zu Boden ſtürzte; man hat den The⸗ aterarzt, Herrn Bonaquet, zu ihrem Beiſtande herbeigeholt.— Ei! ſagte Marie, Joſeph's Freund und den Ihrigen, Herr Anatole — Wird Herr Bonaquet bald zurückkommen? fragte Anatole den Controleur lebhaft. Ich habe ihn ſeit mehreren Jahren nicht geſehen und würde mich ſehr freuen, ihm bei dieſer Gelegenheit noch eher die Hand zu drücken, als ich gehofft hatte. — Ich glaube, der Herr Doctor kann nicht lange ausbleiben, denn er iſt, wie es heißt, nur in die nächſte Apotheke gegangen. Joſeph Fauveau, welcher mit ſeinem Mantel und dem Pelz ſeiner Frau jetzt zurückkam, ſagte zu dieſer: — Nun mit großer Mühe habe ich unſere Sachen ethalten; das iſt ein Gedränge.. kaum zum Durchkommen. Hier iſt Dein Pels, Marie⸗ chen warte, ich will Dir denſelben gehörig umthun, ehe wir hinausgehen, denn es iſt verteu⸗ felt kalt. Während ſich Fauveau auf dieſe Weiſe mit ſei⸗ ner Frau beſchäftigte, indem er ſie in den Pelz warm einhüllte und ihr die Kapuze über ihr hübſches Geſichtchen zog, um ſie, wie er ſagte, vor dem 1 1 ¹ — 74 Schneiden der Luft zu bewahren, wogegen ſie ſich auflehnte, indem ſie behauptete, man erſticke ſie, zog ein ſonderbarer und trauriger Zwiſchenfall die Aufmerkſamkeit der drei Freunde auf ſich. Ein junges Mädchen, in einen Mantel gehüllt, mit ſchwarzem Sammethut, deſſen Schleier ihre blaſſen, ängſtlichen Züge halb verbarg, trat ei⸗ lends von draußen in die Halle und ging, nach⸗ dem ſie bei einigen Umſtehenden nachgefragt hatte, gerade auf das Billetamt zu, indem ſie dem Be⸗ amten mit heftig bewegter, halb erſtickter Stimme ſagte: — Ich komme von der Wohnung des Doe⸗ tor Bonaquet; man hat mir verſichert, er ſei hier. Wo finde ich ihn? Ich bitte Sie, mein Herr, ſagen Sie es mir! ſprach ſie ihre zitternden Hände faltend. Es handelt ſich um das Leben meiner Mutter, deren Zuſtand mich in die größte Beſorg⸗ niß verſetzt. Die Worte und die ſchmerzliche Bewegung des jungen Mädchens waren in einem ſo trauri⸗ gen Widerſpruch mit dem fröhlichen Erſcheinen und lebhaften Treiben der Masken, daß Marie, ihr Mann und Anatole Ducormier, welche noch nahe bei dem Büreau ſtanden, ſich peinlich be⸗ rührt fühlten. Der Beamte, welcher dies ſchmerz⸗ liche Gefühl theilte, antwortete dem jungen Mäd⸗ chen bedauernd: —————— — 2 5 — Mein Gott, Madamel unglücklicherweiſe iſt Doctor Bonaquet nicht mehr hier.— Ach! das iſt zuviel Unglück! rief ſie aus, indein ſie mit ihrem Taſchentuch nach dem Mund fuhr, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.— Doch beruhigen Sie Sich, fuhr der Beamte fort, der Herr Doe⸗ tor kommt vielleicht in Kurzem zurück, und wenn Sie ihn zu erwarten wünſchen..— Erwarten! und meine Mutter! rief das junge Mädchen un⸗ willkürlich in herzzerreißendem Tone aus. Ach! was anfangen! was beginnen!— Das arme junge Weſen! ſagte Madame Fauveau ganz leiſe zu ihrem Manne; wie iſt das doch! Während die einen Freude haben, weinen die andern blutige Thränen!— Du haſt Recht, mein Ma⸗ riechen; wir beſchließen unſeren Abend ſchlecht. Dies iſt recht betrübend. 2 Anatole Ducormier, welchen der Schmerz des jungen Mädchens rührte, ſagte ihr mit eini⸗ gem Zögern: — Ich habe nicht die Ehre, Ihnen bekannt zu ſein, mein Fräulein; ich bin aber ein vertrau⸗ ter Freund von Doctor Bonaquet; wenn Sie es wünſchen, will ich denſelben erwartenz ich werde ihm Ihre Beſorgniſſe mittheilen und glaube Ihnen in ſeinem Namen verſprechen zu können, daß er ſogleich nach Ihrer Wohnung kommen wird, wenn Sie mir gütigſt Ihre Adreſſe hinterlaſſen wollen.— Oh! Dank, mein Herr, Dank! ſagte das junge Mädchen mit Erkenntlichkeit. Ich nehme Ihr Anerbieten an, denn ich habe meine Mutter in einem ſehr beſorgnißerregenden Zuſtand bei dem Dienſtmädchen zurückgelaſſen. Ich wollte unſeren Retter aber lieber ſelbſt holen, um ihn gewiß mitzubringen; ſeien Sie alſo ſo gütig, ihm zu ſagen, eilig zu Madame Duval zu kom⸗ men.— Zu Madame Duval! ſagte Anatole er⸗ ſtaunt, im Marais!— Ja, mein Herr, antwor⸗ tete das junge Mädchen nicht weniger überraſcht, woher wiſſen Sie denn...— Heute Morgen, mein Fräulein, habe ich bei Ihrer Frau Mutter ein Packet Bücher abgegeben, welches mir in Eng⸗ land von Fräulein Emma Levaſſeur zur Be⸗ ſorgung überliefert wurde.— In der That, mein Herr, haben wir dieſe Bücher und Ihre Karte erhalten. Ich danke dem Zufall, welcher mich Ihnen hier begegnen läßt; ich kann nun mit der Gewißheit zu meiner Mutter zurückkehren, daß wir unſeren Retter, Doctor Bonaquet, bald ſehen werden. Bitten Sie ihn in meinem Namen, mein Herr, ohne Verzug zu kommen, denn meine arme Mutter wurde von einem ſo plötzlichen Krank⸗ heitsanfall ergriffen, daß ſie mir die größten Be⸗ fürchtungen giebt. In dem Augenblick, in welchem Clementine Duval gegen Anatole auf dieſe Weiſe ihre Er⸗ kenntlichkeit ausſprach, hatte ſich Frau von Beaupertuis, welche den jungen Mann nicht aus den Augen verloren, demſelben genähert und ihm zugeflüſtert: — Auf Sonnabend, vergeſſen Sie nicht. Anatole Ducormier ſtand jetzt zwiſchen drei Frauen: hinter ihm Diana von Beaupertuis, welche ihm eben zuflüſterte, vor ihm Clementine Duval, welche ihm für ſeine freundliche Anerbie⸗ tung dankte, zu ſeiner Linken endlich Marie Fauveau, auf Joſeph's Arm geſtützt. Während die drei jungen Frauen Anatole Ducormier auf dieſe Weiſe umgaben, ſprach eine leiſe ſchrillende Stimme, welche hinter einer der nächſten Säulen hervorzukommen ſchien, folgen⸗ de Worte, die nur von den drei Frauen und Anatole vernommen wurden: — Heute iſt der 21. Febr ar! Da ſeid ihr alle drei... noch einmal beiſam⸗ men. Erinnert euch der Wahrſagerin der Straße Saint⸗Avoye!. Die drei Frauen waren anfangs ſtarr vor Ueberraſchung und nachdem ihr erſtes Staunen vorüber war, hätten ſie ohne Zweifel ihre Züge gegenſeitig zu erkennen geſucht, wenn ſich in die⸗ ſem Augenblick der Lakai des Fürſten Mor⸗ ſeinem Herrn nicht genähert und giln ätte: — Fürſt, der Wagen iſt vorgeſahren.— Kommen Sie, meine Vebe, ſagte Herr von Mor⸗ ſenne, ſeiner Tochter, welche auf ihn zuging, den Arm reichend und entfernte ſich mit ihr. Joſeph Fauveau hatte Frau von Beaupertuis Ducormier zuflüſtern geſehen; als ſie fort war, ſagte er lachend zu ſeiner Frau: — So ein Ausbund von Anatole! Sein Domino mit dem Valenciennesſpitzen⸗Taſchentuch war nichts Geringeres als eine Fürſtin! Der große Bediente ſagte ſoeben:„Fürſt, der Wagen iſt vorgefahren.“ — Marie aber, welche nachdenklich geworden war, antwortete nichts. Plötzlich riefen mehrere Stimmen aus der noch immer vor dem Polizeibüreau, in welches man die ohnmächtige Frau getragen hatte, ſich drän⸗ genden Menge: — Ah! da iſt Doctor Bonaquet! Clementine Duval lief dem Arzt entgegen und ſagte ihm: — Ach! mein Herr, Mutter iſt todtkrank! kommen Sie, kommen Sie!— Sie hat alſo einen Rückfall bekommen, mein armes Kind? ant⸗ wortete der Arzt.— Ja, Herr Doctor. Heute Abend wurde ſie plötzlich unwohl... Ach! kom⸗ men Sie, kommen Sie!— In wenigen Augen⸗ blicken bin ich bei Ihnen, denn ich habe hier auch — ——,—— r— — eine Kranke.— Nein, Herr Doctor! ſagte ein Theaterbeamker, welcher eben aus dem Büreau kam, Ihre Kranke iſt nicht mehr hier! die Dame hat ſich in Ihrer Abweſenheit vollkommen erholt. Sie muß zur andern Thür hinausgegangen ſein. — Wenn ſie fortgegangen iſt, brauche ich mich nicht mehr um ſie zu ängſtigen. Dann, mein Kind, eilen wir zu Ihrer Mutter, ſagte der Arzt, indem er Clementinen Duval den Arm bot; als er aber Ducormier mit Joſeph und ſeiner Frau auf ſich zukommen ſah, rief er mit gerührter Stimme:— Du... Du hier, Anatole!.. während ich Dich in London glaubte!— Ich bin vorgeſtern angekommen, mein lieber Jerome, antwortete Anatole, indem er die Hände des Doctors mit Wärme drückte; dann fügte er mit einem Blick auf Fauveau hinzu:— Und Joſeph . ſagſt Du nichts?...— Wie, Du biſt es? entgegnete der Arzt den Poſtillon aufmerkſamer prüfend; Du, in dieſem Coſtüm! Weriſt denn aber in den Pelz eingewickelt? Ohne Zweifel Dein liebes, hübſches Weibchen?— Ja, Herr Bona⸗ quet, antwortete Marie; und da ich Sie hier treffe, muß ich Ihnen ſagen, daß Sie uns ganz und gar vernachläſſigen; das iſt nicht hübſch von Ihnen. Statt auf dieſen freundlichen Vorwurf zu antworten, reichte der Arzt, indemer ſich der ängſt⸗ lich wartenden Clementine Duval wieder erinnerte, derſelben wieder den Arm und ſagte ihr: — Verzeihung, tauſendmal Verzeihung, mein Fräulein! das ſind alte Freunde, die ich da begrüßte. Und während er ſich mit dem jungen Mädchen entfernte, fügte er hinzu: Anatole, be⸗ ſuche mich morgen frühzeitig... Madame Fau⸗ veau, ich werde mich bei Ihnen bald perſönlich entſchuldigen und mit Ihnen Frieden ſchließen. Lebewohl Joſeph; auf Wiederſehenl Mit dieſen Worten entfernte ſich der Doctor eilend mit Clementinen. — Gute Nacht, Anatole, auf Wiederſehen! ſagte Fauveau, indem er ſeinem Freund die Hand reichte, welche dieſer warm drückte.— Und ma⸗ chen Sie es vor allen Dingen nicht wie Herr Bonaguet, vergeſſen Sie uns nicht zu ſehr, Herr Anatole, fügte Marie hinzu.— Nein, nein, Madame! antwortete Ducormier, ich werde un⸗ ſeren lieben Joſeph noch mehr als einmal um einen vertraulichen Abend bitten. Anatvle ging fort, während ein Commiſſionär des Theaters fur Joſeph und ſeine Frau einen Fiaker beſorgte. — Was fehlt Dir denn, mein Mariechen? fragte Fauveau beſorgt; ſeit vorhin ſiehſt Du ganz traurig aus Ich werde es Dir nachher ſagen, Joſeph, antwortete die junge Frau. Als der — — 81—. Fiaker bereit war, ſtiegen der Poſtillon und der Debardeur ein und kehrten in ihren beſcheidenen Laden weniger vergnügt zurück, als ſie denſelben verlaſſen hatten. XVI. Doctor Bonaquet hatte eine ziemlich große Wohnung in der zweiten Etage auf dem Quai de l'Ecole inne. Die beiden Fenſter ſeines Arbeitszimmers gingen auf einen breiten Balcon hinaus; der Doctor war ein großer Botaniſt und liebte die Blumen zugleich als Gelehrter und als Gärtner; da bot ihm denn ſein Altan, der mit Blumenkaſten beſetzt und mit einem Drathge⸗ flecht überwölbt war, gleich beim Beginn des Frühlings Gelegenheit, ſich ſeiner Lieblingsnei⸗ gung hinzugeben. Wat dieſe Jahreszeit heran⸗ gekommen, ſo hatte er von ſeinem Arbeitszimmer aus den heiterſten Blick ins Grüne, indem die luftige Sommerlaube von blühenden Schling⸗ pflanzen ganz überkleidet wurde. 2 Zur Zeit dieſer Erzählung aber, das heißt in den letzten Tagen des Februars, waren die Vier⸗ ecke des grünen Gitterwerks alles Blätterſchmucks — ledig; indeß ſah man in den Kaſten eine Menge jener Blumen, welche der Kälte trotzen, wie Cac⸗ tus, Schneeglöckchen, Winterheliotrop und an⸗ dere. Man erinnert ſich, daß Doctor Bonaquet auf dem Opernball bei dem unerwarteten und erfreu⸗ lichen Zuſammentreffen mit Anatole Ducormier denſelben gebeten hatte, ihn anderen Morgens zu beſuchen. Der fleißige und gelehrte Doctor war ſeiner Gewohnheit gemäß vor Tagesanbruch aufgeſtan⸗ den; das erſte blaſſe Licht des Februarmorgens fand ihn an ſeinem Schreibtiſch ſitzend, wo er beim Schein ſeiner Lampe ſchrieb, las und ſeine Be⸗ merkungen eintrug; ein Gußeiſenofen erwärmte das große Zimmer, welches mit äußerſter Einfachheit meublirt war und deſſen Wände hinter langen dicht beſetzten Büchergeſtellen faſt gänzlich ver⸗ ſchwanden. Doctor Bonaquet, ein Dreißiger, war häßlich, doch war ſeine Häßlichkeit von jener geiſtreichen und kraftvollen Art, von welcher die Büſten man⸗ cher Philoſophen des Alterkhums ſo auffallend Beiſpiele geben. Sein breites ſchönes, etwas kahles Vorderhaupt trat weit über die tiefliegenden Augen hervor; ſeine vorſpringende, ſcharfkantige Naſe, ſein knöchernes, etwas vorſtehendes ſcharf und eckig gebildetes Kinn verliehen ſeinen Zügen — den Ausdruck von ſeltener Kraft, der indeß durch den friedlich ſanften Blick ſeines Auges und ſein geiſtreiches, freundliches Lächeln gemildert wurde; mit einem Wort, durch die Malerei dargeſtellt würden die Züge des Doctor Bonaquet faſt einen unangenehmen Eindruck gemacht haben, während ihnen der kräftige und ſtrenge Meiſel des Bild⸗ hauers im Gegentheil das Siegel bemerkenswer⸗ ther Originalität aufdrücken mußte. Dieſer künſtleriſche Vergleich ließ ſich um ſo eher anſtellen, da ein berühmter Bildhauer, wel⸗ chem Doctor Bonaquet das Leben gerettet hatte, das Bruſtbild des Arztes in Marmor dargeſtellt; dieſer von der Hand des Genies kühn gezeichnete Kopf bot zugleich eine ſprechende Aehnlichkeit und einen großartigen, des Alterthums würdigen Charakter dar. Man wird endlich begreifen, daß Jerome Bonaquet im ſchwarzen Anzuge, wenn der Hals in einer Cravatte ſteckte, dem Auge eine unangenehme Erſcheinung darbot; in ſeinem langen Hausrock von dunkler Farbe dagegen, welcher weite Falten ſchlagend Hals und Kopf, den er immer hoch und ſtolz trug, frei erſcheinen ließ, kaum mehr als derſelbe zu erkennen war; wenn man ihn ſo angethan wie heute Morgen vor ſeinem Tiſch ſitzen ſah, das Kinn in die Hand geſtützt, ſeine breite Stirn und ſeinen denkenden Blick zur Decke erhoben, während in ſeinem Ge⸗ ſicht frohe Heiterkeit glänzte, wahrlich, da mußte ſich jedes theilnehmende Herz zu ihm hingezogen fühlen. Eine alte Magd unterbrach die morgentlichen Studien des Arztes, um Herrn Ducormier anzu⸗ melden. Anatole? nur herein! rief Jerome Bonaquet, indem er aufſprang, um ſeinem Freund entgegen⸗ zueilen, den er herzlich in ſeine Arme ſchloß. Die Magd ging wieder hinaus; Anatole und Jerome waren allein. — Wie wohl thut es doch, einen Freund nach langer Trennung wieder einmal zu umarmen! ſagte der Arzt. Dieſe Nacht im Opernhauſe habe ich Dich nur ganz flüchtig geſehen. Weißt Du aber wohl, fügte der Doctor lächelnd hinzu, nach⸗ dem er ſeinen Freund einen Augenblick betrachtet hatte, daß man Dich kaum wiedererkennt?— Wie ſo, mein lieber Jerome?— Bei Deiner Ab⸗ reiſe von Paris beſaßeſt Du noch ganz das ſchüch⸗ terne und ſchülerhafte Weſen eines eben vom College entlaſſenen Ehrenpreisritters*); ge⸗ ſtern im Opernhauſe aber trateſt Du mir mit einer Feinheit entgegen! als ein wahrer Dandy oder Anatole hatte den höchſten, den Ehrenpreis, in ſeinem College verdient, wie Fauveau bereits im VI. Kapitel ſeiner Frau erzählte. A. d. A. — Löwe, wie ſie es nennen. Du ſahſt wahrlich ganz wie ein großer Herr aus, und ich that mir auf meinen ſchönen Freund ordentlich etwas zu gut, da ich wußte, daß er ebenſo gut als ſchön iſt.— Ja, ja, mein lieber Jerome, das Wiederſehn iſt eine große Freude. Bei unſerem Zuſammentreffen dieſe Nacht fällt mir aber ein, wie geht es denn Madame Duval, der Mutter jenes armen jungen Mädchens?— Kennſt Du ſie?— Ich erhielt in London von einer Freundin des jungen Mädchens einige Bücher zur Beſorgung an dieſelbe mit; ich habe ſie zum erſtenmale dieſe Nacht geſehen, als ſie Dich in dem Opernhauſe ſuchte.— Ihre arme Mutter iſt noch in einem ſehr bedenklichen Zu⸗ ſtand; ihr geſtriger Rückfall überraſcht mich eben⸗ ſoſehr, als er mich beſorgt macht; glücklicherweiſe iſt noch nicht alle Hoffnung verloren. Ach! mein Freund, dies junge Mädchen iſt ein Engel! Gebe Gott, daß ſie ihre Mutter nicht verliert! ſie würde vor Gram ſterben! Doch wollen wir uns das Wiederſehet nicht mit trüben Gedanken verder⸗ ben. So biſt Du endlich nach mehr als vierjäh⸗ riger Trennung wieder zurück, mein lieber Ana⸗ tole, und nach acht⸗ bis zehnmonatlichem Schwei⸗ gen, Du allzu vergeßlicher Freund!— Vergeß⸗ lichi Jerome, vergeßlich! kannſt Du das glauben? Die Urſache meines Schweigens„— Ich errathe. und entſchuldige ſie. Du biſt Die Prophezeihung. M. 6 Secretair!... Briefeſchreiben iſt Dein Beruf, jede Correſpondenz wird Dir daher ſchrecklich ſein. Darum verzeihe ich Dir; ich ſelbſt bin nicht von aller Schuld frei, denn, nachdem ich Dir zweimal geſchrieben hatte, ohne Antwort zu erhalten, glaubte ich Dich mit Deinem Geſandten auf Rei⸗ ſen. Von Monat zu Monat wartete ich nun auf einen Brief, durch welchen ich Deine Adreſſe er⸗ führe, um unſere Correſpondenz wieder anknüp⸗ fen zu können. Doch hätte ich Dir jedenfalls in dieſen Tagen geſchrieben, um Dir eine frohe Nach⸗ richt mitzutheilen, von welcher ich auch noch un⸗ ſeren Freund Joſeph und ſeine liebe kleine Frau in Kenntniß ſetzen muß.— Eine frohe Nachricht? — Ich bin verheirathet...— Du?— Seit vorgeſtern.— Dann, mein Freund, ſagte Ana⸗ tole, indem er des Doctors Hände herzlich drückte, kann ich Dir, auch ohne den Gegenſtand Deiner Wahl zu kennen, zu Deiner Verbindung Glück wünſchen, da ich Deine Grundſätze in Betreff der Ehe kenne. Ich brauche Dich nicht erſt zu fragen, ob es eine Verbindung aus Neigung iſt?— Ja⸗ wohl, und dieſe Neigung iſt bald drei Jahr alt. — Da ſieht man den Verſchloſſenen! Und in Dei⸗ nen Briefen erwähnteſt Du nicht ein Wort von dieſer Liebe!— Es war nicht mein Geheimniß allein, mein lieber Anatole.— Du haſt Recht; aber ſage mir, haſt Du ein junges Mädchen oder „————— 8 eine Wittwe gewählt? Nach Deinen Grundſätzen zu ſchließen, würdeſt Du eine Wittwe vorgezogen haben.— Eine Wittwe, ungefähr im gleichen Alter mit mir. Du kennſt ſie wahrſcheinlich dem Namen nach; ſie iſt mit Deinem Geſandten ver⸗ wandt.— Deine Frau! eine Verwandte des Grafen Morval?— Ja.— Deine Frau!— Nun ja! Du wunderſt Dich darüber?— Auf⸗ richtig geſtanden, entgegnete Anatole, das ver⸗ wundert mich.— Sonderbar, ſagte der Doctor gutmüthig lächelnd, mich verwundert es durchaus nicht.— Und der Name Deiner Frau?— Sie hieß Frau von Blainville.— Pie Wittwe des Marquis von Blainville, des Generallieutenant? — Dieſelbe.— Wie! die Marquiſin von Blain⸗ ville hat Dich geheirathet?— Ja, oder ich habe ſie geheirathet, was ganz auf daſſelbe hinausläuft⸗ — Die Marquiſin von Blainville! wiederholte Anatole Ducormier im höchſten Erſtaunen, es wäre möglich!.. was für eine Verbindung für Dich! Nein, das iſt unerhört, ungläublich!— Nun, mein guter Anatole, ſagte der Arzt lachend, hat die ariſtokratiſche Atmoſphäre Englands etwa ſelbſt Deinen vortrefflichen Geiſt angeſteckt? Ich verſtehe Deine Verwunderung nicht.— Ja, ſieh mein lieber Jerome, eine ſolche Heirath iſt den Sitten der Geſellſchaft, welcher Deine Frau an⸗ gehörte, ſo wenig angemeſſen...— Alles er⸗ 6* 35— klärt ſich vielleicht daraus, lieber Freund, daß meine Frau weder die Sitten noch die Gewohnheiten der Geſellſchaft theilte, in welcher ſie lebte.— Sie ſoll übrigens ſehr reich ſein, ſprach Anatole weiter; ich habe bei meinem Geſandten, mit welchem ſie entfernt verwandt iſt, in der That hundertmal ihrer erwähnen hören.— Ja, ihr Mann war ſehr begütert, und da ihre Ehe mit demſelben kin⸗ derlos geblieben...— So beerbt ſie ihn! rief Ducormier aus. So daß Du durch Deine Hei⸗ rath Millionär geworden biſt. Ach! welch ein goldener Traum!— Ein goldener Traum und weiter nichts, Freund, wenigſtens was das Ver⸗ mögen anlangt.— Was ſoll das heißen?— Frau von Blainville hatte in der That rechtliche Anſprüche auf das Vermögen ihres Mannes; brauche ich Dir aber zu ſagen, daß es meine Frau nach ihrer Verheirathung als erſte Pflicht gegen ſich ſelbſt und gegen mich anſah, auf die großen Reichthümer Herrn von Blainville's Verzicht zu leiſten?— Dann beſitzt ſie alſo ein beträchtliches eigenes Vermögen?— Ein Heirathsgut von ach⸗ zigtauſend Franken, glaub' ich, denn, obwohl ſie aus einem ſehr vornehmen Hauſe ſtammt, war, wie Du ſiehſt, ihr väterliches Erbtheil ſehr be⸗ ſcheiden. Die Zinſen ihres Vermögens indeß mit dem Ertrage meiner Praris, die mir acht⸗ bis zehntauſend Franken einträgt(ich laſſe nur —.—— —,—————— ————— — die reichen Leute bezahlen), geſtatten uns ein ge⸗ mächliches Leben.— Wie! Deine Frau hat zu⸗ gegeben, daß Du Arzt bliebeſt? Doctor Bonaquet betrachtete ſeinen Freund ſeit einigen Augenblicken mit wachſender, faſt ängſtlicher Verwunderung; er antwortete denn auch auf Ducormiers letzte Frage: n der. lieber Freund, überraſchen mich Deine Fragen ebenſoſehr als Deine Verwun⸗ derungen; ich erkenne Dich gar nicht wieder. Vor unſerer Trennung wäre Dir, deſſen bin ich ge⸗ wiß, Alles, was ich Dir ſpeben mitgetheilt habe, ebenſo einfach erſchienen wie mir. Wie kannſt Du nur von fern auf den Gedanken kommen, daß meine Frau von mir das Aufgeben eines Berufs verlangt haben ſollte, den ich liebe, der mich ehrt und nährt?— Du haſt Recht, Jerome, meine Fragen und Verwunderungen, wie Du ſagſt, müſſen Dich überraſchen; bedenke aber, wie ich unter ſo ercentriſchen Leuten lebe, daß ich, ohne ein einziges ihrer albernen Vorurtheile zu theiten oh! weit davon enffernt! füßte Ducormier mit bitterem Lächeln hinzu, dennoch oft unwill⸗ fürlich die Dinge von ihrem Standpunkt aus an⸗ ſche.— Darum alſo erſchienſt Du mir ſo groß⸗ herrlich, erwiderte Doctor Bonaquet, durch ſeines Freundes Worte beruhigt, lächelnd. Ich kann mir ganz wohl den Einfluß des täglichen Umganges mit einer gewiſſen Geſellſchaft erklären. So wird zum Beiſpiel ein Pariſer, welcher mitten unter Gascognern, Normannen oder Provengalen lebt, zuletzt ihre Mundart annehmen; und ſo verirrſt. Du Dich zuweilen in den ariſtokratiſchen Dialekt, wie Jemand in den normanniſchen oder gascogni⸗ ſchen; im Grunde aber ſprichſt Du noch immer die Spracht Deines guten, edlen Herzens von ehemals, nicht wahr?— Kannſt Du daran zwei⸗ feln, mein lieber Jerome! Aber ſage mir, ich werde Dir ſehr neugierig erſcheinen, ich brenne aber vor Begierde die..— Die Geſchichte meiner Ver⸗ bindung zu hören?— Ja.— Ach! mein Gott! nichts iſt einfacher und weniger romantiſch als dieſe Geſchichte, mein lieber Anatole. Hier haſt Du ſie in wenigen Worten: Ich war als Arzt im Wohlthätigkeitsausſchuß meines Bezirks. Un⸗ ter anderen Kranken beſuchte ich eine Handwer⸗ kerfamilie, welche in das furchtbarſte Elend ver⸗ ſunken und des innigſten Mitleids würdig war. Bei ihr traf ich Frau von Blainville, welche da⸗ mals ſeit wenigen Monaten Wittwe war, zum erſten Mal.— Und was that ſie bei dieſen Un⸗ glücklichen?— Als Mitglied des Wohlthätigkeits⸗ ausſchuſſes erfüllte ſie ihren Beruf mit Eifer und Hingebung. Die Familie, von welcher ich mit Dir rede, beſtand aus einem junzen Mädchen von ſechzehn Jahren und drei kleinen Kindern, — —,— —————— — i welche zuſammen in einer elenden Dachkammer ihr Obdach hatten, wo ſie auf demſelben erbärm⸗ lichen Lager hingeſtreckt waren. Die Mutter und die älteſte Tochter lagen an einem typhiſchen Fie⸗ ber darnieder; die anderen Kinder waren der An⸗ ſteckung noch entgangen und kauerten auf einem alten Strohſack in einem Winkel der Dachkammer. Von dieſem Anblick erſchüttert ſagte mir Frau von Blainville, daß die Unglücklichen in dem unſau⸗ beren Loche nicht bleiben dürften, und daß ſie ſich nach einer geſünderen Wohnung für dieſelben um⸗ thun werde, bis man einen paſſenden Zufluchts⸗ ort für die Familie gefunden. Frau von Blain⸗ ville brachte täglich mehrere Stunden in dieſer elenden Wohnung zu, indem ſie ſich weder durch die Gefahr der Anſteckung noch durch Ekel ab⸗ ſchrecken ließ. Sie pflegte die Unglücklichen mit ſo viel hingebender Liebe, mit ſo muthiger Selbſt⸗ verleugnung, daß ich ebenſo große Zuneigung als Bewunderung für ſie hegte. Ihr Mitleid kam ihr theuer zu ſtehn: nach einigen Tagen wurde ſie von ver Anſteckung des Uebels ergriffen, welchem ſie ihre Pflege und Sorgfalt gewidmet; ich ſah ſie an dieſem elenden Ort erblaſſen und in Ohn⸗ macht fallen. Als ſie wieder zu ſich kam, führte ich ſie nach Hauſe; obwohl ſie mich etſt ſeit kur⸗ zer Zeit kannte, wünſchte ſie mich doch zum Arzt. Ihre Krankheit war entſetzlich; ich durchwachte — 92— lange Nächte an ihrem Lager, indem ich abwech⸗ ſelnd die Beängſtigungen der Hoffnung und Ver⸗ zweiflung ausſtand. Eine Mutter oder Schwe⸗ ſter hätten mir nicht ſchmerzlichere Sorgen verur⸗ ſachen können. Ich rettete Frau von Blainville. Ihre Geneſung dauerte mehrere Monate, erfor⸗ derte viel Sorgfalt und machte ſogar eine Reiſe nothwendig, aufwelcher ich ſie begleitete So lebte ich mehrere Monate im engen Verkehr mit Frau von Blainville und lernte ſie ſchätzen: ein edles und großes Herz, ein ſeltener und kräftiger Geiſt, gediegene und vielſeitige Bildung, ein feſter und erhabener Charakter. So erkannte ich Frau von Blainville, ſo lernte ich ſie lieben. Uebrigens wenig für die Geſellſchaft geeignet, in welche ſie ihre Geburt und ihre Verheirathung geführt hatten, waren ihre Neigungen einfach, ihr Leben ſehr eingezogen. Dem Studium ſehr ergeben, denn ſie beſchäftigte ſich mit Auszeichnung mit Kunſt und Wiſſenſchaft ſuchte ſie zugleich ernſtere Freu⸗ den in der Ausübung einer eifrigen und verſtän⸗ digen Wohlthätigkeit; was ſoll ich Dir weiter ſagen, mein Freund? So gewöhnte ich mich, Frau von Blainville täglich zu ſehen; ſie wies mir die Familien zu, die meiner bedurften, ich ihr dieje⸗ nigen, denen ſie helfen konnte. Dieſe Beziehun⸗ gen verknüpften uns noch inniger; wir fühlten uns zu einander hingezogen; mein Beruf, vom rech⸗ —3— ten Geſichtspunkt, ich meine, von ſeiner morali⸗ ſchen und philoſophiſchen Seite betrachtet, erſchien Frau von Blainville als eine der edelſten Lauf⸗ bahnen des Mannes; ſie glaubte nicht mehr ſich zu erniedrigen, indem ſie mir antrug, ihr Loos mit dem meinigen zu verknüpfen, als ich mich durch die Annahme ihres Antrages zu erheben glaubte. Wir ſind verheirathet. Meine Frau iſt ſieben und zwanzig, ich bin dreißig Jahr alt; wir ſind beide über das Jugendalter hinaus. Wir ſind keinem blinden, leidenſchaftlichen Gefühle des Augenblicks gefolgt, wir haben uns vielmehr auf eine tiefe, ruhige, überlegte und durch drei⸗ jährigen täglichen Verkehr geprüfte Neigung ver⸗ laſſen; die Vergangenheit ſichert uns gegen alle Täuſchungen der Zukunft; unſere Neigungen ſind ähnlich, unſer Geiſt hat tauſend Berührungs⸗ punkte, ſowohl in der großen Aehnlichkeit unſerer Grundſätze, als auch in unſerer gemeinſamen Liebe zum Studium; enblich iſt unſere Lage un⸗ abhängig. Du erſiehſt daraus, Anatole, daß Ehe alle Ausſicht eines dauernden Glücks ietet. Anatole Ducormier hatte ſeinen Freund auf⸗ merkſam angehört und wurde vielleicht durch dieſe ſo einfache, offene und, wie Doctor Bonaquet ge⸗ ſagt hatte, ſo wenig romantiſche Liebe mehr überraſcht als gerührt. 5 —— — 94— Dieſe Ungeheuerlichkeit: die Verheira⸗ thung eines Arztes mit einer Marquiſin, war durch ſo gewöhnliche bürgerliche Verhält⸗ niſſe herbeigeführt, daß Anatole ſich nicht recht dabei zu finden wußte. Dennoch ſagte er zu Je⸗ rome mit freundlichem Händedruck: — Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen, als ich Dir zu Deiner Heirath Glück wünſchte, ohne die näheren Umſtände zu kennen. Was mich an dieſer Verbindung anfangs ſo überraſchte, ſetzt mich jetzt nicht mehr in Erſtaunen, nun ich den Cha⸗ rakter Deiner Frau kenne; ich kann Dich aber ver⸗ ſichern, es iſt ein ſeltener Charakter, denn in der Geſellſchaft, in welcher ſie gelebt hat, iſt unter hunderten, unter tauſenden...— Nicht eine, die einen Arzt geheirathet hätte, nicht wahr?— Nein, mein Freund! antwortete Ducormier und fügte im Tone inneren Grimmes hinzu: Ach! wieviel hochfahrenden Stolz, wieviel verächtlichen Dünkel! wieviele unverſchämte und lächerliche Vorurtheile hegt dieſe Ariſtokratie! Dieſe Leute ſind noch im finſteren Mittelalter! Ja, in ihrem einfältigen Stammes⸗ und Claſſenunterſchiede ſind ſie noch ebenſo unerbittlich als in den frühe⸗ ſten Zeiten. Glaube mir, Deine Heirath wird ihnen ſo ungeheuer erſchienen ſein, als wenn wir noch in den Tagen der Freien und Knechte lebten. — Geh, lieber Anatole! antwortete Doctor Bo⸗ —.— —— naquet mit gutmůthigem Lächeln, Du biſt zu ſtreng, ſogar ungerecht.— Gegen dieſe Leute?— Gegen dieſe Leute.— Sollte Deine Milde, Jerome, entgeg⸗ nete Anatole lächelnd, nicht vielleicht daherkommen, daß Du durch Deine Heirath faſt ein Mitglied dieſer Ariſtokratie geworden biſt?— Ich! Jerome Bo⸗ naquet! mit meinen Grundſätzen? antwortete der Arzt lachend. Du ſpaßeſt. Aber... ernſtlich, mir erſcheint dieſer hochmüthige Adel mit ſeinen, wie Du ſagſt, trotz der Jahrhunderte und der Er⸗ eigniſſe unverändert erhaltenen Vorurtheilen als eine geſchichtliche und mittelalterliche Merkwür⸗ digkeit im altariſtokratiſchen Geſchmack.— Wie! rief Ducormier mit herber Stimme aus, ihr Adel⸗ ſtolz, ihre zermalmende Verachtung gegen uns an⸗ dern geringen oder nichtsbedeutenden Leute empört Dich nicht?— Meiner Treu, nein! Was ver⸗ ſchlägt es mir! Wenig iſt mir am Ende daran gelegen, daß die Thürme der alten Feudalburg weit ins Thal hinein ſchauen, wenn nur ihr Schatten meinem Häuschen und Gärtchen nicht Licht und Sonne entzieht. Mag ſich die Ariſto⸗ kratie in ihre Erinnerungen verſchanzen, mag ſie ſich in die ungefährliche Feſtung ihrer Ueberliefe⸗ rungen zurückziehen. Was ſchaden uns dieſe Leute? Sind ſie lächerlich? ſo verſagen wir ihnen unſer Bedauern nicht. Sind ſie hochmüthig? bemitleiden wir ihren Hochmuth.— Sie verachten uns aber, —— ſagte Anatole im Tone bitteren Grolls. Ich lebe ſeit vier Jahren unter ihnen; ich kenne ſie. Weißt Du, was wir in ihren Augen ſind? Weſen einer niedrigeren Gattung, Specien, wie ſie ſagen.— Ei was! ich will einmal ſehn, ob ſie einen recht⸗ ſchaffenen Mann verachten können, antwortete Bonaquet mit ſeiner gewöhnlichen Seelenruhe. Sage mir, daß ſie ſich über die bürgerlichen Edelleute*) luſtig machen, unter uns geſagt, verdenke ich ihnen das nicht; was aber können ſie höchſtens verletzen? unſere Eitelkeit? Mögen wir dieſelbe nie ihrer Geringſchätzung preisgeben. Sie leben in ihren Kreiſen, wir wollen in den unſrigen leben; ſuchen wir ſie nie auf; wenn ſie uns aber entgegenkommen, ſo laß ſie uns freund⸗ lich aufnehmen, ſobald ſie rechtſchaffen und ver⸗ ſtändig ſind.— In der That, Jerome, verſtehe ich Dich nicht mehr.— Warum?— Du ſprichſt ſo?— Gewiß.— Und Deine Heirath?— Nun! meine Heirath?— Sagteſt Du nicht eben: laß uns nie ſie aufſuchen, wenn ſie uns aber entge⸗ genkommen?...— So nehmen wir ſie freundlich NMMWoliere perſiflirt in dem Luſtſpiele,Le gentilhomme bourgeois“(der bürgerliche Edelmann) das lächerliche Be⸗ ſtreben des reichen und ungebildeten Emporkömmlings⸗ Sitten und Pracht des Adels nachzuahmen, wodurch dieſe Benennung der Gattungsname aller ſolcher Afternarren geworden iſt. A. d. U. ——— — 9— auf, wenn ſie es verdienen. Ja, das habe ich geſagt.— Haſt Du ſie denn nicht aufgeſucht, in⸗ dem Du eine aus ihrer Mitte geheirathet haſt? — Ich könnte Dir antworten, Freund, daß eine aus ihrer Mitte mich aufgeſucht hat, denn der Heirathsantrag iſt von Frau von Blainville aus⸗ gegangen; darin kam ſie aber nur meinen Gedan⸗ ken zuvor.— Und wenn Du nun zuerſt um ſie geworben hätteſt, würdeſt Du das nicht ein ſie aufſuchen genannt haben?— Verſtehen wir uns recht, Freund; was habe ich an Frau von Blainville geliebt? Ihren Titel? Nein! ſie ver⸗ lor denſelben, indem ſie mich heirathete. Ihre Geburt, ihre ariſtokratiſche Verwandtſchaft? Nein! denn weder ich noch ſie werden je die Geſellſchaft betreten, in welcher ſie bisher gelebt hat. Oder habe ich endlich ihren Reichthum geſucht? Ebenſo wenig, da ſie auf die großen Güter ihres Mannes verzichtet hat. Nein, nein, ich habe nur ihr vor⸗ treffliches Herz, ihren hohen Geiſt, ihren edlen Charakter geliebt, nichts weiter. Der Zufall will nun, daß ſie der Ariſtokratie angehört; das kann mich weder betrüben noch erfreuen; ihre Geburt hat meine Wahl nicht beſtimmt. warum ſollte ſie ein it meiner Wahl ſein? Frau von Blainville war frei, ich auch; wir haben uns geheirathet, das iſt das Ganze. Hätte ſie der Claſſe angehört, welche gewiſſe Bürger das Volk 6 nennen, ſo würde ich ſie ebenſogut geheirathet haben, denn ich kenne auch nur zwei Claſſen von Frauen: die rechtſchaffenen und die es nicht ſind, diejenigen, welche gefallen und diejenigen, welche nicht gefallen.— Aber glaubſt Du nicht, daß die Familie, die Geſellſchaft, welcher Deine Frau ange⸗ hörte, durch ihre Verheirathung empört und ent⸗ rüſtet ſein wird?— Es iſt immer traurig, wenn man Leute empört oder entrüſtet, antwortete Je⸗ rome lächelnd; wenn ſich die Menſchen aber durch eine gerade unduneigennützige Handlungsweiſe ent⸗ rüſten laſſen... was kann man dagegen thun? Man bedauert ditſe alten Kinder und fährt fort glücklich und geehrt zu leben. Die Magd trat ein, nachdem ſie angeklopft hatte, und ſagte zum Arzt: — Herr, Madame wünſcht Sie zu ſprechen. — Das iſt eine vortreffliche Gelegenheit, Dir meine Frau vorzuſtellen, ſagte der Doctor zu ſei⸗ nem Freund. Dann ſich an das Mädchen wendend: — Bitten Sie Madame, herüber zu kommen. Wenige Augenblicke darauf trat Madame Bonaquet in das Arbeitszimmer ireg Man⸗ nks. XVII. . Die Ermarquiſin von Blainville, geborene Heloiſe von Morſenne, war ungefähr ſieben und zwanzig Jahr alt; ihre Züge waren, ohne regel⸗ mäßig ſchön zu ſein, ſehr einnehmend, eine an⸗ ſprechende Verbindung von Wohlwollen, Klug⸗ heit und Feſtigkeit. Ein ſehr einfaches Kleid hob ihren anmuthigen Wuchs, und obwohl noch früh Morgens, war Madame Bonaquet bereits f mit Sorgfalt friſirt und fein beſchuht; ihre Hal⸗ tung und jede ihrer Bewegungen zeigte jene zurück⸗ haltende, ſanſte und ruhige Würde, die das Er⸗ gebniß einer unerſchütterlichen innern Sicherheit iſt. Madame Bonaquet hatte, als ſie bei ihrem Mann eintrat, einen offenen Brief in der Hand. Liebe Freundin, ſagte der Arzt, während ſich Ducormier tief verneigte, ich ſtelle Dir einen meiner älteſten und beſten Freunde vor, von wel⸗ chem ich oft mit Dir geſprochen habe, Anatole Ducormier.— In der That, mein Herr, ſagte die junge Frau, indem ſie Anatole's Begrüßung mit Freundlichkeit erwiderte, haben wir oft von Ihnen geſprochen. Ich weiß, wie aufrichtig und — 100— warm Ihre Freundſchaft für meinen Mann iſt, welche ſie beide in gleichem Maaße ehrt: ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, wie wir uns ſehr freuen werden, Sie oft bei uns zu ſehn. Anatole verneigte ſich und Madame Bonagquet fuhr lächelnd fort: — Uebrigens habe ich Sie ſogleich um die Erlaubniß zu bitten, mein Herr, Sie als einen alten Freund betrachten zu dürfen; ſpeben erhielt ich einen Brief, welchen ich aus ziemlich ernſten Gründen Herrn Bonaquet mitzutheilen wünſchte. — Bitte, Madame, ſagte Anatole ſich von Neuem verbeugend, während Heloiſe, indem ſie ihrem Manne den fraglichen Brief überreichte, mit fanf⸗ ter und gelaſſener Stimme ſagte: Bitte, lieber Freund, laſſen Sie dies. Der am Vorabend geſchriebene Brief lautet alſo: X „Ich benachrichtige Sie, Madame, daß bei⸗ gefügte Anzeige auf meine Veranlaſſung an alle Mitglieder des Hauſes, welchem anzugehö⸗ ren Sie bisher die Ehre hatten, gerichtet iſt. Diana von Morſenne, Herzogin von Beaupertuts.“ Wir beehren uns, Sie mit Bedauern von dem ſchmerzlichen und ſchimpflichen Verluſt zu benach⸗ — 101— richtigen, welcher unſer Haus ſoeben betroffen hat, durch die Verheirathung der Marquiſin von Blainville(geborne von Morſenne) mit einer Perſon, welche einer Verbindung mit uns un⸗ würdig iſt. Folgen die Unterſchriften.“ Nach Durchleſung dieſes Briefes, während welcher ihn ſeine Frau beobachtet hatte, ſagte der Doctor lächelnd zu Heloiſe: — Wer iſt denn dieſe Frau von Beaupertuis, liebe Freundin?— Eine meiner Couſinen, eine ſehr junge, ſehr hübſche und ſehr rechtſchaffene Frau, wie Sie aber ſehen, ziemlich vorurtheilsvoll, woran nicht ihr Herz, ſondern ihre Erziehung Schuld iſt; ſie iſt die Tochter des Fürſten von Morſenne!— Des Fürſten von Morſenne! rief Anatoleunwillkürlich aus.— Kennen Sie Herrn von Morſenne? fragte ihn Madame Bonaquek. — Nein, Madame, antwortete Ducormier. Herr von Morval, deſſen Secretär ich bin, hat mir aber Briefe an den Fürſten von Morſenne mit ge⸗ geben. Geſtern war ich dort, ohne Zutritt zu er⸗ langen, indeß wird er mich heute morgen vorlaſſen. — Liebe Helviſe, begann der Arzt nach kur⸗ zer Ueberlegung, Sit kennen meine Freundſchaft für Anatole, ich habe volles Vertrauen zu ihm. Soeben habe ich ihm die Einzelnheiten meiner güclichen Verheirathung nite Erlauben Die Prophezeibung. II. — 102— Sie mir, ihm dieſen ſonderbaren Brief zu zeigen. Zuerſt kommt er ſehr gelegen in Betreff einer kleinen Erörterung, in welche wir ſoeben ver⸗ wickelt waren; dann wird die Sache auch darum Intereſſe für ihn haben, da er den Vater dieſer ſtol⸗ zen Herzogin noch heute Morgen ſprechen ſoll. — Gewiß, lieber Freund, ſagte Madame Bona⸗ quet lächelnd, laſſen Sie immerhin Herrn Ducor⸗ mier dieſen Brief leſen. Er iſt, wie Sie mir ge⸗ ſagt haben, ein ſcharſer Beobachter: er wird da⸗ rin einen merkwürdigen Sittenzug finden. Jerome reichte Anatole den Brief; kaum hatte dieſer denſelben geleſen, ſo rief er aus: — Die Unverſchämte! das iſt ebenſo dumm wie abſcheulich! — Nicht doch! nicht doch, entgegnete Jerome mit ſeiner gewöhnlichen Seelenruhe; es liegt in dieſem Schritt eine gewiſſe Ehtſchiedenheit und ein ſehr kräftiges, wenn auch übelverſtandenes Ehr⸗ gefühl, welches von gewiſſer Seite betrachtet nicht der Großartigkeit ermangelt. Was meinen Sie, Helviſe?— Ich denke, mein Freund, antwortete Heloiſe mit ihrem ſanften und klugen Lächeln, daß dieſe Gegenanzeige, als That und Gedanke an ſich betrachtet, vollkommene Anerkennung ver⸗ dient, nur...— Wie, Madame! rief Ducor⸗ mier unwillkürlich die Frau ſeines Freundes unterbrechend aus; Sie ſind über dieſen frechen —— — 103— Uebermuth nicht entrüſtet? Sie theilen Jerome's Nachſicht? — Erlauben Sie, mein Herr, antwortete Heloiſe lächelnd, da ich keine ehrenwerthere Wahl treffen konnte, erſcheint mir als einziger Fehler dieſes Rundſchreibens, daß es mich be⸗ trifft... abgeſehn von dieſer vollſtändig unpaſ⸗ ſenden Wahl ſeines Gegenſtandes, ſcheint mir der Gedanke vortrefflich und konnte bei paſſende⸗ rer Gelegenheit ſehr dienlich ſein.— Verzeihen Sie meiner Ueberraſchung, Madame, entgegnete Anatole, der dieſe ſanfte und ruhige Würde nicht recht faſſen konnte. Ein ſolcher Gleichmuth iſt mir unbegreiflich: den Gedanken dieſes beleidi⸗ genden Schreibens gut heißen...— Ei, ſicher! mein lieber Anatole, meine Frau hat vollkom⸗ men Recht, entgegnete Doctor Bonaquet; denn, ſage mir einmal, wenn ein großer Maler, ein Vandyk oder Velasque zum Beiſpiel, die Aehnlichkeit eines Porträts vollſtändig verfehlt hätte, würde das Bild nicht immer Dank der Vorzüglichkeit der Farben und Formen einen ho⸗ hen Werth behalten?— Nun ja! wo willſt Du aber hinaus?— Nun denn! ſetze den Fall, daß eine Frau, gleichviel welchen Standes, eine ihrer ſelbſt und der Ihrigen unwürdige Wahl getrof⸗ fen hätte; da wäre eine Verwahrung, im Sinne die⸗ ſer Anzeige im Namen einer ganzen Fawilie erlaſſen 5 j 4 —— — 104— gewiß eine würdige, anerkennenswerthe Hand⸗ lung.— Aber noch einmal, Jerome! Du ſprichſt von dieſer Beleidigung, als ob ſie Ma⸗. dame wie Dir ganz fremd wäre.— In der That, mein Herr, entgegnete Heloiſe lächelnd, iſt uns dieſe Angelegenheit auch fremd, im Grunde find wir gar nicht damit gemeint.— Da die Sache übrigens ſo weit gekommen iſt, liebe Helviſe, meine ich doch, daß wir den Leuten in dieſen Ta⸗ gen einen Beſuch machen müſſen, ſprach Jerome Bonaquet mit ſeiner unerſchütterlichen Seelen⸗ ruhe. Wohl verſtanden, ſoll dies unſer einziger Beſuch ſein; er wird jetzt aber unerläßlich, was meinen Sie dazu, Heloiſe?— Ich wollte Ihnen eben dieſen Vorſchlag machen, entgegnete Ma⸗ dame Bonaquet mit ſanfter, feſter Stimme. Wir wollen zu dieſem Hochzeitsbeſuch den erſten großen Geſellſchaftstag im Hötel Morſenne wä len, da Hert von Morſenne das Haupt meller Familie iſt.— Wie, Madame! rief Anatole im höchſten Grade des Staunens, Sie hätten den Muth, Sich ſo vielen Unverſchämtheiten und De⸗ müthigungen auszuſetzen? Madame Bonaquet konhte nicht umhin, ihren Mann bedeutungsvoll anzuſehn, als wenn ſie von demſelben das Benehmen ſeines Freundes erklärt haben wollte, von welchem ſie bisher eine ſo gute Meinung gehabt hatte; dann, ſich an — 105— Ducormier wendend, antwortete ſie demſelben etwas kalt:— Sie können Sich denken, mein Herr, daß es weder Herrn Bonaquet noch mir in den Sinn kommt, hier eine Bravade aufzuführen. Nein, wir wollen nur eine Pflicht erfüllen, welche uns die Selbſtachtung gebieteriſch auferlegt. Aber, fuhr Madame Bo⸗ naquet freundlich fort, während ſie aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen, ich will nicht länger die vertraulichen Mittheilungen zweier Freunde ſtören, welche ſo lange getrennt waren. Auf Wiederſehn, Herr Anatole, hoff' ich. Mit die⸗ ſen Worten verließ die junge Frau das Arbeits⸗ zimmer ihres Mannes, indem ſie den Gruß Ana⸗ tole's erwiderte. Nach Entfernung von Madame Bonaquet ſchlug Ducormier die Arme übereinander und den Kopf triumphirend zurückwerfend ſagte er zum Arzt: — Nun, Jerome! nun?— Nun! was denn, mein lieber Anatole, was willſt Du ſa⸗ gen?— Da haſt Du die Ariſtokratie, welche Du noch vor einer halben Stunde ſo milde und wohl⸗ wollend beurtheilteſt! Was liegt mir daran, ſagteſt Du, daß die Thürme derFeudalburg weit ins Thal hineinblicken, wenn mir ihr Schatten nur nicht Licht und Sonne enk⸗ zieht!— Was zum Kuckuk ſoll das, hier?— Was das ſoll? Nun! zwingt Dich dieſe hochmü⸗ — 106— thige Herzogin nicht, eine ſchmähliche Beleidi⸗ gung zu ertragen oder Dich und Deine Frau der ge⸗ ringſchätzigſten Behandlung preiszugeben? Aber, Goitſei Dank! ſolcher Behandlung wirſt Du Dich nicht ausſetzen; Du wirſt den Vorſatz, welchen ich jetzt, wo Deine Frau nicht mehr hier iſt, einen wahrhaft unvernünftigen, wahnſinnigen nennen kann, an einem großen Geſellſchaftstage zum Fürſten gehn zu wollen, aufgeben, denn...— Zuerſt, Freund, entgegnete der Doctor Anatole unterbrechend, gebe ich niemals einen rechtſchaf⸗ fenen und verſtändigen Entſchluß auf; meine Frau iſt mir darin gleichgeſinnt, ſonſt' wäre ſie mir nicht ſo theuer. Wir werden unſer Vorneh⸗ men alſo ausführen; die Befürchtungen Deiner Freundſchaft leiten Dein Urtheil hierin irre. Be⸗ ruhige Dich, dieſe vornehme Welt iſt nicht ſo ſchlimm; ſie beſteht doch auch aus Menſchen; wer aber ein Herz in der Bruſt und ein Hirn im Kopfe hat, kann einer entſchiedenen und würdi⸗ gen Handlung ſeine Anerkennung nicht verſagen. — Jerome, ich bitte Dich inſtändigſt um Deiner und Deiner Frau Zufriedenheit, gieb dieſen thörichten Vorſatz auf. Dieſer hochmüthigen. Geſellſchaft trotzen zu wollen, die ſich in der Geſammtheit durch das beleidigt glaubt, was ſie eine ſchmäh⸗ liche Beſchimpfung des Adels einer der Ihri⸗ gen nennt! Ach! mein Freund, Du kennſt dieſe . ———— — 107— Leute nicht; Du beurtheilſt ſie nach Deiner Frauz Du weißt nicht, mit welcher teufliſchen Gewandt⸗ heit ſie ſpotten, mit wie ſpitzen Pfeilen ihr ſtol⸗ zer Hohn verwunden kann. Nein, nein, Du kennſt ſie nicht, ich aber kenne ſie! rief Anatole Ducormier aus, als ob ein bitterer Groll, den er lange im Herzen verſchloſſen, ſich endlich Luft gemacht hätte; mit unbeſchreiblich gehäſſigem Ton fügte er dann hinzu: Oh! hölliſches Ge⸗ ſchlecht! wieviel bittere Kränkungen! wieviel ſchmähliche Verachtung habe ich vier Jahre lang dulden müſſen! Oh! wieviel Bitterkeit hat ſich in meinem Herzen aufgehäuft!— Anatole! was ſagſt Du? rief Jerome, durch die finſtere Tücke, welche die ſchönen Züge Ducormier's plötzlich ent⸗ ſtellte, ebenſo überraſcht als erſchreckt, aus? Du ſchmählich, verächtlich behandelt? Und Du haſt es ertragen?— Himmel! antwortete Ducormier mit höhniſchem Gelächter, Du kennſt dieſe Men⸗ ſchen nicht, wiederhole ich Dir! Nie begehn ſie etwas, woran man Anſtoß nehmen könnte; ſie haben ſo feine Lebensart! Nie entſchlüpft ihnen ein Wort, das man übel nehmen könnte; ſie ſind ſo höflich! Und doch iſt ihre Stimme, ihr Blick, ihre Haltung, Alles, bis auf ihr Schweigen, Hohn und Verachtung, wenn man die geheime Sprache dieſer unverſchämten, tückiſchen, ver⸗ derbten Geſchöpfe verſteht!— Anatole, Deine — 108— Sprache iſt mir ebenſo unbegreiflich als ſchmerz⸗ lich, antwortete der Arzt traurig. Nach Deinen erſten Briefen glaubte ich, Du ſeieſt mit Deiner Stellung zufrieden, weil Du dieſelbe nicht auf⸗ gabſt. Wie! Du beklagſt Dich über erduldete Demüthigungen, und Du biſt vier Jahr geblie⸗ ben?— Ja! antwortete Dukcormier voll Bitter⸗ keit, Scham und Wuth, weil da eine unwider⸗ ſtehliche Macht wirkt! ja, weil, ſobald man dieſe verdammte Welt kennen gelernt hat, jede andere Geſellſchaft unerträglich wird. Teufel! man muß es wohl eingeſtehn, und mein Haß wird dadurch nur vermehrt: Feinheit, Lurus, Anmuth, ausge⸗ ſuchten Geſchmack, kurz die Poeſie des Lebens findet man nur dort; anderwärts erſcheint Alles dürftig, gemein, bürgerlich. Ich weiß wohl, welcher Platz mir unter dieſen Leuten angewieſen war! Als gelöhnter Secretär war ich nichts als eine Art höherer Bedienter, mit dem Vorzuge vor der übrigen Dienerſchaft, am unteren Ende von des Herrn Tiſch ſitzen und, wenn ich mit demſelben allein ausfuhr, ehrerbietig auf dem Rückſitz des Wagens Platz nehmen zu dürfen, ſtatt wie der Lakai hinten aufzuſitzen. Nun wohl! ich ertrug dieſe täglichen Demüthigungen, um dieſe glänzenden Kreiſe nicht verlaſſen zu müſ⸗ ſen, um dieſen üppigen Feſten, dieſen glänzenden Bäilen beiwohnen zu können, auf denen ich doch — 109— unbekannt, ſchweigend und verachtet umherirrte und mit glühendem und bitterem Neide ſo viele reizende Frauen betrachtete, die für mich weder Blick noch Lächeln hatten und die ich nicht ein⸗ mal zum Tanze auffordern durfte, wie es ſo mancher betitelte adeliche Narr that. Meine Aufforderung hätte als Unverſchämtheit gegol⸗ ten. Doch wenn auch! Zuweilen gelang es mir, die Niedrigkeit meiner Stellung zu vergeſſen und mich für ein Glied dieſer ſtolzen Ariſtokratie zu halten, wo ich meinen Platz beſſer ausgefüllt hätte als viele Andere, wenn das Schickſal mich als Crillon, Montmorench oder Lorraine hätte geboren werden laſſen... Aber, Jerome, wa⸗ rum ſiehſt Du mich ſo ſtreng, faſt drohend an? — Anatole, entgegnete der Arzt ernſt und mit ſchmerzlich bewegter Stimme, es ſind vier Jahre, daß wir von einander ſchieden. Du warſt gut, treuherzig und ohne Falſch; ich kannte kein ſo offenes Gemüth für alles Hohe und Edle als das Deine; Du reiſteſt nach London ab über eine Stellung erfreut, die Deiner Kenntiſſe würdig war; damals, ſchüchtern und blöde, aber voll an⸗ geborner Würde, erfüllteſt Du gewiſſenhaft Deine Pflichten, und als der Mann, welchen Du heute mit ſolcher Bitterkeit Deinen Herrn nennſt, Dich ſeinen Salon zu beſuchen aufforderte, zogſt Du es vor, Deine Abende zu Hauſe in den ſanften — 110— Erholungen des Studiums zuzubringen.— Ja, entgegnete Anatole mit ſpöttiſchem Lächeln, da⸗ mals war ich in der That ſehr treuherzig, ſehr unſchuldig!— Damals mein armer Ana⸗ tole, warſt Du gluͤcklich, beklagteſt Dich nicht über Verachtung... ſchüchtern und ſtolz bliebſt Du in den Grenzen Deiner Stellung; Deine Briefe wurden nach und nach ſeltener; in Dei⸗ nem Gemüth war eine große Veränderung einge⸗ treten, Du ſprachſt mit Entzücken von der Ge⸗ ſellſchaft, vor welcher Dich anfangs Dein guter Geiſt gewarnt hatte. Auf dieſen Zuſtand des Rauſches iſt bei Dir der entgegengeſetzte gefolgt; Deine Briefe ſprachen bald eine tiefe Niederge⸗ ſchlagenheit, bald finſtern und bitteren Men⸗ ſchenhaß aus, bald endlich, und ich geſtehe, das beruhigte mich wieder, gedachteſt Du mit alter Wärme unſerer Freundſchaſt und Jugenderinne⸗ rungen. Endlich hörte unſer Briefwechſel ſeit faſt einem Jahre von Deiner Seite ganz auf, ſchloß der Doctor ſeufzend. Aber, Gott weiß, ich war auf dieſe Veränderung bei Dir nicht ge⸗ faßt, die mich in tiefſter Seele ſchmerzt.— Lie⸗ ber Jerome, ſagte Ducormier, durch die ſchmerz⸗ liche Bewegung ſeines Freundes aufrichtig ge⸗ rührt, beurtheile mich immerhin ſtreng, Du haſt ein Recht dazu; nur darfſt Du an der Beſtän⸗ † digkeit meiner Liebe zu Dir nicht zweifeln.— — 111— Ich weiß nicht, antwortete der Arzt kopfſchüt⸗ telnd, ich hoffe, daß die alte Liebe noch lebt.. um meinet⸗. und vor allem um Deinetwillen. — Jerome. Zweifel?.. Ach! das iſt ungerecht!— Möchte Dein Herz unverän⸗ dert geblieben ſein! möchte dieſe elende Ettelkeit die angeborene Güte Deines Gemüths nicht ver⸗ letzt haben... dieſe gehäſſige Citelkeit, dies un⸗ ſinnige Begehren, einer Welt anzugehören, wel⸗ cher Du doch einmal nie angehören kannſt, nie angehören wirſt... Du magſt thun, was Du willſt... es mag geſchehn, was immer geſchehn kann— Wie... auch Du! entgegnete Anatole mit Ungeduld und Erbitterung, überall dieſe unverſchämten Standesunterſchiede. Him⸗ mel, bin ich etwa nicht ſo gut als dieſe Leute?— Allerdings magſt Du Dich ihnen zur Seite ſtel⸗ len. Wenige vereinigen wie Du alle natürlichen Vorzüge, Geiſt, Wiſſen, Schönheit, Jugend, Muth, es geht Dir gar nichts ab, es ſei denn das, was jene Leute Geburt nennen. doch, was läßt ſich da thun? Keine menſchliche Macht kann es zu Wege bringen, daß ein Herr Ducor⸗ mier die Kreuzzüge mitgemacht.. Aber, Ana⸗ tole, ich ſchäme mich, Dir ſolche Vorſtellungen machen zu müſſen. Wie! genügt Dir nicht das Leben in einer Geſellſchaft, wo Jeder nach ſeinem Verdienſt geachtet wird? Iſt die Ariſtokratie des — 112— Talents nicht auch ſchätzenswerth? Denke Dir eine Vereinigung berühmter Burgerlicher, Dich⸗ ter, Maler, Muſiker, Denker, Gelehrter, Phi⸗ loſophen, Staatsmänner, deren ruhmvolle Na⸗ men ganz Europa, beide Halbkugeln ehren, deren Werke allgemeine Bewunderung erregen; denke Dir, ein Montmorench, ein Crequi, ein Luxem⸗ burg, ein Fürſt von Lorraine, der nichts als ſei⸗ nen Namen und ſeinen Reichthum beſitzt, wollte ſich in dieſen glänzenden Kreis eindrängen, der für ihn nicht paßt und niemals paſſen wird. Hat er Urſache, ſich zu wundern und zu entrüſten, wenn ihn dieſe Fürſten des Geiſtes mit verächt⸗ lichem Blick meſſen, indem ſie ſich fragen:„Was iſt dieſer Fürſt Lorraine? Was will der hier? Was hat der Berühmtes geſchaffen? welche Werke hat er aufzuweiſen? Worin hat er einen Namen? In gar nichts! Was will denn aber der Herr von uns? Wer kennt ihn in Europa? Wie!l er hat keinen Namen und drängt ſich in unſere Mitte? Der Fürſt Lorraine will uns wohl zum Narren haben? Mag er uns doch unbehelligt laſſen und mit Seinesgleichen verkehren!“ Sage aufrichtig, Anatole, würdeſt Du nicht mitleidig die Achſeln zucken, wenn dieſer betitelte, hochad⸗ lige Mann ſich darauf ſteifen wollte, den Män⸗ nern des Genies gleichgeachtet zu werden? Wür⸗ deſt Du ihm nicht ſagen:„Fürſt, nehmen Sie — 113— guten Rath an; ſtatt ſich hier als läſtiger Ein⸗ dringling behandeln zu laſſen, glänzen Sie lieber unter Ihren Pairs...“— Ja, entgegnete Du⸗ cormier mit einem neuen Ausbruch bitteren Ge⸗ lächters, ja, und auf dieſe ſchönen Worte würde der Fürſt Lorraine mitleidig die Achſeln zucken, ſeinen eleganten Wagen wieder beſteigen und in die prächtige Wohnung ſeiner Väter zurückkehren, wo er die größte und beſte Geſellſchaft Frank⸗ reichs und eine Menge liebreizender Frauen findet, die er ungemein mit Beſchreibung der unglaub⸗ lichen Figuren dieſer Fürſten des Wiſſens, die bis zum Rückgrat mit Koth bedeckt ſind, dieſer Herzöge und Pairs des Genies, mit ſchwarzſei⸗ denen Käppchen und grünen Brillen, der wun⸗ derlichen Muſterkarte dieſer berühmten Ariſtokra⸗ tie des Wiſſens, deren Mitglieder die Akademie in Holzſchuhen, den Regenſchirm unter dem Arm, verlaſſen, für fünfzig Sous das Gedeck eſſen, und deren größte Herrn mit dem Aufwande eines vom Geſchäft zurückgezogenen Notars oder eines reich gewordenen Specereiwaarenhändlers leben, be⸗ luſtigen wird.— Was er va ſagt, denkt er auch! rief der Arzt im Tone ſchmerzlichen Mit⸗ leidens wie im Selbſtgeſpräche aus! mein Gott, welche Veränderung! welche Erniedri⸗ gung! Wenn ich an unſere ehemalige Bewun⸗ derung ſo vieler ruhmwürdiger Männer, an un⸗ ſere fromme Verehrung des Genies, an die — Dankbarkeit denke, die wir ihnen für ihre unſterb⸗ lichen Werke zollten! Dann beide Hände Anatolens ergreifend, ſprach Jerome im Tone des zärtlichſten Bedauerns: — Anatole. mein Freund, Du, den ich Bruder nannte... Ach! mein Gott. um über das Erhabenſte in der Welt ſo elend zu ſpot⸗ ten: das arme und rühmliche Genie! muß Dein Geiſt wohl recht erkrankt ſein! Um ſo zu entar⸗ ten, mußt Du wohl viel gelitten haben!— Ja! rief Ducormier mit von Haß und Wuth entſtell⸗ ten Zügen aus, oh! ja, ich habe gelitten!.. Dieſe Qualen ſollen aber nicht vergebens geweſen ſein!... Geduld! Geduld! der Märtyrer wird eines Tages Henker werden! Stimme und Züge Ducormier's, als er dieſe furchtbaren Worte ausſprach, hatten einen ſolchen Ausdruck kalter Grauſamkeit, daß Jerome ſeinen Freund einen Augenblick mit ſtummen Entſetzen betrachtete. XVIII. Ducormier unterbrach das Schweigen zuerſt, als er den ängſtigenden und aufregenden Eindruck bemerkte, welchen ſeine gehäſſigen Worte auf Je⸗ rome Bonaquet gemacht hatten; er ſagte faſt im Tone der Reue: — Verdamme meine Gefühle„„aber ver⸗ . ——j— — 115— zeih meiner Aufrichtigkeit. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, als ob er die finſteren Ge⸗ danken daraus bannen wollte und ſprach weiter: Jerome, laß uns dies Geſpräch vergeſſen. Ich weiß nicht, welcher unglückliche Zufall dieſe Worte, die Dich verletzt haben, auf meine Lippen gebracht hat: denken wir nicht weiter daran; ich werde Dich trotz Deiner ſtrengen Weisheit fort⸗ lieben, Du wirſt Geduld mit der Schwäche mei⸗ nes Geiſtes haben, denn meine Heilung iſt un⸗ möglich; laß uns alſo nicht weiter von mir reden, ſondern ſprechen wir von Dir und von Deiner lieben, braven Frau, und um auf den Anfang unſeres Geſprächs zurückzukommen, folge mir, Jerome, ſetze weder Dich noch Deine würdige Gefährtin den Beleidigungen dieſer groben Ari⸗ ſtokratie aus, verachte ihre Schmähungen und übe ſelbſt die Rathſchläge aus, welche Du mir giebſt.— Unſere beiderſeitige Lage iſt durchaus verſchieden, antwortete Jerome ſtreng; Du be⸗ neideſt und haſſeſt dieſe Ariſtokratie; ich fühle ge⸗ gen dieſelbe weder Mißgunſt noch Groll; Du haſt die Demüthigungen, die Dich verletzt haben, herbeigeführt, während uns die Beleidigung in unſerer Zurückgezogenheit aufgeſucht hat; meine Frau und ich werden unſere Schuldigkeit ohne Haß und Groll, aber mit Würde und Feſtigkeit vollbringen. Nicht wir alſo bedürfen der Sorge, — 116— wohl aber Du.— Jerome...— Der Zu⸗ ſtand Deines Gemüths entſetzt mich.— Geh, Du ſcherzeſt wohl?— Du biſt von Haß und Rache erfüllt!— Laß doch! wenn ich Dich nur wie ehemals liebe, mein guter Jerome!— Nein, Du kannſt mich gar nicht mehr wie ehemals lie⸗ ben. Man liebt mit dem Herzen; das Deine, ſonſt freundlich und gut, iſt jetzt voll Gift und Galle; welcher Platz für zärtlicht Gefühle kann darin bleiben? Anatole, ſieh Dich vor! Du ſtehſt † an einem entſetzlichen Abhange! Glauben, daß man unverdient leide, heißt faſt ſchon fremdes Leiden als eine gerechte Ausgleichung anſehn; und Du haſt die abſcheulichen Worte ausgeſprochen: Eines Tages wird der Märtyrer Henker † werden!— Ich habe es geſagt, erwiderte Ana⸗ tole, deſſen ſchöne Geſichtszüge ſich von Neuem verzerrten, ja, ich habe es geſagt, und ich wieder⸗ hole es.— Geh, Du haſt alle ſittlichen Grund⸗ ſätze verloren! rief Jerome mit Entrüſtung aus. Stolz und Neid haben Dich von Grund aus ver⸗ derbt.— Mich?— Ja, denn Du entrüſteſt Dich über eingebildete Ungerechtigkeiten! ja, denn Du biſt ſo tief herabgeſunken, daß Du lieber ſchimpf⸗ liche Demüthigüng erträgſt, ehe Du einen Kreis wecläßt, den Du verabſcheueſt, deſſen falſcher Glanz Dich aber berauſcht. Noch einmal, Ana⸗ tole, hüte Dich, hüte Dich! Ich ſage es Dir, auf — 117— Haß folgt Rache! Du beſitzeſt alle Reize der Ju⸗ gend, des Geiſtes, der Schönheit; Du kannſt viel Böſes anrichten... und alles Böſe rächt ſich furchtbar!— Jerome, Du biſt ungerecht, Du irrſt Dich. Ich habe ſo wenig allen ſittlichen Grundſätzen entſagt, ich bin für Hohes und Ed⸗ les noch ſo empfänglich, daß ich vorhin ganz glücklich war, als ich ſah, wie ſehr Ihr, Du und Deine Gefährtin, einander würdig ſeid. Geſtern war ich bei Joſeph und ſeiner Frau zu Mittag, und ich kann Dir nicht beſchreiben, wie glücklich mich die Betrachtung ihres Frohſinns und ihrer Liebe machte! Dieſer Anblick weckte nicht den ge⸗ ringſten Neid in mir. Sage mir nun, ob, wer bei einem Glück, deſſen er nie theilhaftig werden kann, ſolcher herzlichen Theilnahme noch fähig iſt, alles ſittliche Gefühl verloren hat?— Weder Joſeph's Glück noch das meinige kann Deinen Neid erregen; denn man beneidet nur, was man wünſcht. Dieſe Bilder häuslichen Gläcks rühren Dich, ſagſt Du? Ja, wie Dich ein Bild Gerard Dow's rühren würde⸗ das irgend eine freundliche Familienſcene darſtellt; ja, ich glaube wohl, daß ein ſchönes, rührendes Gedicht Dich noch zu be⸗ wegen vermöchte; es gewährte Dir Erholung, es erfriſchte einen Augenblick Dein von ſo vielen herben, böſen Leidenſchaften zerriſſenes Gemüth. Und vielleicht iſt ſelbſt der Tag fern, wo Die Prophezeihung. II. — 118— Deine verächtliche Ironie auch uns, Joſeph und mich, verhöhnen wird, wie ſie zuvor jener Män⸗ ner des Geiſtes ſpottete, die würdig in ihrer ſtol⸗ zen Armuth leben.— Ich... Joſeph's.. und Deiner ſpotten? Ich... Euch verachten? Ach, Jerome! ſagte Anatole, von dieſem Vorwurf ſchmerzlich verwundet, ein ſolcher Verdacht ent⸗ rüſtet nicht... er verwundet.. ach! er ver⸗ wundet das Herz grauſam... laß mich... Ducormier ſtand lebhaft auf und ging ans Fen⸗ ſter, um eine Thräne zu verbergen, welche in ſeinen Augen zitterte. Seine Züge verriethen einen ſo auf⸗ richtigen Schmerz, daß Jerome, über dieſen Beweis des Gefühls erfreut und überraſcht, ſeinem Freund entgegenlief und, indem er ihn bei beiden Händen faßte und zu ſeinem Sitz zuruͤckführte, frohlockend ausrief: — Ich habe Dich verwundet.. ſagſt Du, grauſam verwundet? Oh! Gott ſei Dank, Gott ſei Dank! Ich hoffte es nicht mehr! Himmliſche Freude! in Deiner kranken Seele iſt alſo doch noch manche geſunde Faſer! Deine Rückkehr zum Wahren und Guten iſt alſo noch möglich! Ana⸗ tole.. Freund.. Bruder.. faſſe Muth! Entſage dieſer Welt des nichtigen Scheins, in welcher Du nur Haß und Qual gefunden haſt! wohne bei uns als Bruder, bade Dein krankes Herz in einer lautern Quelle, überlaß Dich un⸗ —. — 119— ſerer Pflege.. Du ſollſt ſehn, mit wieviel Sorg⸗ ſamkeit und Liebe wir die Wunden Deines armen Gemüths heilen werden.— Guter Jerome, er⸗ widerte Anatole tief gerührt, Du biſt immer. immer das alte Herzi Ach! vielleicht ſollte ich Dir folgen...— Oh! ſage ja, ſage ja! was könnte Dich zurückhalten? Die große Welt? Nun wohl, ſprach der Arzt heiter, Du kannſt meine Frau Frau Marquiſin nennen, das wird Dir eine angenehme Täuſchung gewähren; und wenn Du bei uns jene Pracht vermiſſeſt, die Dich berauſchte, ſo können wir Dir wenigſtens Genüſſe des Her⸗ zens und Geiſtes bieten und werden Deine glänzen⸗ den Gaben zum Guten leiten. Auf, Anatole! abge⸗ macht! Du ſagſt ja, nicht wahr? Hier im Hauſe ſind zwei hübſche meublirte Zimmer zu vermiethen; ich nehme dieſelben heute noch für Dich in Be⸗ ſchlag, Du ſagſt Dich von Deinem Geſandten los, und ehe ein Monat um iſt, verpflichte ich mich, Dir eine einträgliche und ehrenhafte Stellung zu verſchaffen.— Siehe, Jerome, antwor⸗ tete Ducormier nach einigen Augenblicken des Schweigens, ich kann Dir nicht beſchreiben, wel⸗ chen wohlthuenden, beſchwichtigenden Eindruck Deine Worte auf mich machen; ſie beruhigen, ſie erquicken mich, ſie geben mir neue Hoffnung... Ja, vielleicht wirkte das Familienleben... in Deiner Geſellſchaft wohlthuend, ich — 120— glaube, ich würde ein neuer Menſch werden... Ach! warum hat mich das Verhängniß ein ande⸗ res Leben kennen gelehrt!— Nur, um Dir deſ⸗ ſen NRichtigkeit klar zu machen, mein Freund; als eine harte und vortreffliche Prüfung, wenn Du ſie zu benutzen verſtehſt.— Ja aber ver⸗ zichten..— Bruder! Du biſt gerührt, Du ſchwankſt; ein letzter, muthiger Entſchluß, und Du biſt unſer, und Ruhe, Gluͤck und Würde Dei⸗ nes Lebens ſind geſichert.— Ja, entgegnete Anatole nachdenklich, indem er dem edlen Eiſer des Doctors nachgab, Du haſt vielleicht Recht!— Da iſt kein vielleicht, Anatole, ich rede wahr und recht!— Ach! Jerome, Durredeſt wahr, wahrer, als Du ſelbſt glaubſt; ich würde Dir mein See⸗ lenheil verdanken. Herz und Geiſt, ſiehe, Alles wurde bei mir entwürdigt. Wenn Du aber auch die Schule kennteſt, in welcher ich gelebt habe! Unterbeamter dieſer Staatsmänner, hoher Herren oder Emporkömmlinge, Leute ohne Treue, ohne Grundſätze, ohne Sitten, frecher Heuchler, die den heiligſten Tugenden das Wort reden und täg⸗ lich in Unzucht und Völlerei leben, abſcheuliche Ehrgeizige, die, um ſich die Gewalt zu entreißen oder zu erhalten, vor keinem Verbrechen zurück⸗ ſchrecken, keinen Eidſchwur heilig halten! Ich verachte dieſe Elenden; aber noch verächtlicher und elender als ſie ſelbſt, indem ich aus der Eitel⸗ —— — — 121— keit, mich ihnen nothwendig zu machen, vor Nichts zurückſchrack, bald ihrem niedrigen und eiferſüchti⸗ gen Ehrgeiz dienend, bald mich zum Werkzeuge ihrer geheimen Diplomatie hergebend, wo ſich Käuflichkeit und Schande den Preis ſtreitig ma⸗ chen, übernahm ich ohne Erröthen jene Beſte⸗ chungsgeſchäfte, die man ſtets verleugnet, denn ſie entehren den Beſtechenden ebenſo ſehr als den Be⸗ ſtochenen! die Schmach des einen kommt der des an⸗ deren gleich!— Du? mein Gott! Du haſt ein ſo ſchimpfliches Gewerbe getrieben?— Und das iſt noch nicht Alles; die Entwürdigung des Gei⸗ ſtes führte zur Entwürdigung des Herzens. Ach! Jerome, laß Dich durch dieſe Geſtändniſſe nicht entſetzen, vielmehr beruhigen. Ich würde meine Vergangenheit nicht ſo vor Dir enthüllen, wenn ich nicht auf immer mit derſelben brechen wollte. — Oh! ich glaube Dir, ich glaube Dir! Nun wohl! ja, Jerome, Du ſagteſt die Wahr⸗ heit. Ich wurde ein Böſewicht, ein Böſewicht bei kalter Ueberlegung. Siehe, geſtern war ich aus Langeweile auf den Opernbalkgegangen. Der Zufall führte mir eine junge Frau, eine Herzo⸗ gin, zu. Ich weiß nicht, wie ſie ein Auge auf mich geworfen hatte; weil ſie indeß das Weſen eines wohlerzogenen Mannes an mir bemerkt, geſtand ſie mir mit ihrer rückhaltloſen Unverſchämt⸗ heit, wie ſie keinen Augenblick gezweifelt hätte, * daß ich, wie ſie's nenne, ein Weltmann ſei. Obwohl tief verletzt, verbarg ich meinen Groll, indem ich mich ſogar meines Bürgerthums rühmte, ich wetteiferte mit dieſem hochmüthigen Geſchöpf an Hochmuth. Ihr Geiſt, ihr feines Benehmen und, um Dir dieſe letzte Schwäche nicht zu ver⸗ hehlen, ihr hoher Rang machten einen lebhaften Eindruck auf mich, ich ſtellte mich aber gleichgül⸗ tig, faſt verächtlich; da ich bald errieth, daß ihr Adelſtolz das einzige Schutzmittel ihrer Tugend ſei, verſuchte ich ihr durch Paradoxen und Bered⸗ ſamkeit die niedrigſten Ausſchweifungen unter ver⸗ führeriſchen Farben darzuſtellen, indem ich auf dieſe Weiſe in ihre Seele abſcheuliche Keime zu pflan⸗ zen hoffte, die die erſte ſinnliche Regung entwik⸗ keln konnte.— Das iſt ja entſetzlich! rief Jerome aus, das iſt ja ehrlos!— Ja, ja, ſehr ehrlos, denn ich ſagte mir dabei, im Falle meine Para⸗ doren Eindruck machen, wird dies hochmüthige Geſchöpf früher oder ſpäter entwürdigt, ſinkt herab und geht verloren, und ihr Untergang rächt mich für die Demüthigungen, die ich von Ihresglei⸗ chen erduldet habe! Ja, dies dacht' ich... dies wollte ich... ſprach Anatole mit aufrichtigem Reuegefühl weiter, und jetzt, wo das Gefühl des Rechten und Guten unter dem Einfluß Dei⸗ ner Weisheit und Liebe, Jerome, in mir wieder erwacht, ſage ich mit Dir: Es war unwürdig, — — 123— ehrlos!... Möchte ich mit dieſem ſchmerzlichen Geſtärdniß Deine Verzeihung erlangen! In dieſem Augenblick ſchlug die Pendeluhr im Arbeitszimmer des Arztes zehn Uhr. — Zehn Uhr! ſagte Ducormier lebhaft auf⸗ ſtehend. Ich vergaß meine Audienz. Ich muß Dich verlaſſen, mein Freund; ich komme kaum noch zur rechten Zeit zum Fürſten von Morſenne.— Immer noch Deinen Fürſten! ſagte der Arzt mit Beſorgniß. Was willſt Du noch dort? Wozu dieſer Beſuch? Haſt du nicht verſprochen, der Un⸗ ſere zu ſein? Laß doch dieſe Leute!— Unmög⸗ lich, mein Freund, kann ich dieſe Audienz beim Fürſten Morſenne verfehlen.... ich habe ihm ſehr wichtige Briefe zu übergeben, und er erwartet mich dieſen Morgen.— Ei zum Teufel! laß ihn warten! Gieb deine Briefe auf die Poſt.— Das iſt nicht Alles, mein Freund; Herr von Morval, der Geſandte, deſſen Secretair ich bin, hat mir auch einen mündlichen Aufträg an Herrn Mor⸗ ſenne mitgegeben. Wenn ich nun auch Herrn von Mowal verlaſſe, und ich bin dazu entſchloſſen, feſt entſchloſſen, ſo kann ich doch immer nicht um⸗ hin, meine Pflichten bis zu Ende zu erfüllen.— Du haſt Recht.— Fürchte aber nichts, mein lieber Jerome, noch heute reiche ich Herrn von Morval meinen Abſchied ein.— Alſo, Anatole, entgegnete der Arzt mit ernſter, beinah feierlicher — 124— Stimme, Du verſprichſt mir, Du ſchwörſt es mir auf dein Wort als ehrlicher Mann zu, daß Du Deinem würdigen Entſchluß treu bleiben und bei und mit uns leben willſt? Du ſchwörſt es? — Mein Freund, erwiderte Anatole ſeinerſeits mit feierlicher Stimme, ich will auf immer Deine Achtung und Freundſchaft verlieren, ich will als der elendeſte undankbarſte Menſch angeſehn wer⸗ den, wenn ich dem Verſprechen, welches ich Dir hier frei und mit inniger Dankbarkeit gebe, je untreu werde, denn mir iſt, als ob mich Deine liebevolle, ernſte Stimme aus einem ſchweren Traume erweckte. Dank Dir alſo, mein Freund, mein Bruder! fuhr Anatole fort, indem er ſich Jerome in die Arme warf, Du haſt mich von Ge⸗ fahren errettet, welche Du für mich fürchteteſt, und von ſolchen, die Du gar nicht einmal ahn⸗ teſt.— Jetzt, wo ich nicht mehr an Dir zweifle, entgegnete Jerome mit naſſen Augen, nachdem er die Umarmung ſeines Freundes erwidert hatte, höre einen Vorſchlag an, der mir eben einfällt. — Erkläre Dich. Nach meinem Sinn.. müßte eine Deiner würdige Frau zugleich der Lohn und die Vollendung deiner Bekehrung werden.. kurz, ich möchte Dich ſo bald als möglich verhei⸗ rachen.— Jerome... Da biſt wohl närriſch? — Ich bin ſehr vernünftig.. denn ich würde zwei Menſchen glücklich machen. Du haſt Fräu⸗ — 125— lein Duval geſehn?— Dieſe Racht, ich konnte kaum ihre Züge unterſcheiden.— Ein Engel, mein Freund... achtzehn Jahr alt... ſchön ſchön wie eine Jungfrau von Raphael, ein Goldherz, Tochter eines Artillerieobriſten: beſitzt ein anſtändiges Heirathsgut, und was ihre Ta⸗ lente, ihren Geiſt anbetrifft...— Eine ihrer Freundinnen, welche ich in London häufig geſehn habe, hat mir oft von Fräulein Duval erzählt und deren vortreffliche Eigenſchaften gelobt; in Wahrheit aber erſcheint mir dieſer plötzliche Vor⸗ ſchlag...— Höre, Anatole, dieſer Engel... kann einen oder den andern Tag ſeine Mutter verlieren und ſo in der Welt allein ſtehn; denn ihre Mutter iſt Wittwe, obwohl die arme Frau noch immer die tolle Hoffnung nährt, einen oder den andern Tag noch die Nachricht vom Leben ihres Mannes zu erfahren.— In der That hat mir Fräulein Duval's Freundin in London oft von den Zweifeln erzählt, welche des Obriſten Duval Familie in Betreff von deſſen Tod noch hegt.— Unſinnige Zweifel, wie ich Dir ſage. In Beſorgniß um die Zukunft dieſes armen Kin⸗ des, welches ich wie eine Tochter liebe, hatte ich denn auch mit Heloiſe darauf gedacht, Fräulein Duval zu verheirathen.— Mit wem denn?— Mit einem Neffen des ſeligen Herrn von Blain⸗ ville.— Wie! mit einem großen Herrn? Sehn — 126— Sie einmal, Herr Jerome, was für ein Ariſto⸗ krat Sie ſind!— So höre mich nur an! Dieſer junge Mann iſt von vortrefflicher Gemüthsart: er hat, Dank der Uneigennützigkeit meiner Frau, ſeinen Onkel mit beerbt. Seit lange fühlte er eine innige Verehrung für dieſelbe, welche die Dankbarkeit noch erhöht hat. Als meine Frau denn auch mit ihm von Fräulein Duval ſprach, indem ſie ihm deren Vorzüge und Schönheit pries, erklärte er mit Freuden eine Verbindung mit derſelben eingehen zu wollen, wenn ſie ihm bei näherer Bekanntſchaft gefiele, um ſo mehr, da er dadurch meiner Frau einen Beweis ſeiner Hochachtung zu geben hoffte.— Ich räume ein, ein ſolches Benehmen iſt voll Zartgefühl.— Dieſer Tage wollte ich Madame Duval den Vor⸗ ſchlag dieſer unverhofften Verbindung machen, ihr ſchwerer Rückfall von geſtern Nacht iſt nun da⸗ zwiſchen gekommen. Glücklicherweiſe iſt noch nichts abgeſchloſſen; je mehr ich mir die Sachen überlege, um ſo mehr befurchte ich, daß ſich dieſer junge Mann weniger durch Neigung als viel⸗ leicht durch den Wunſch beſtimmen laſſen möchte, meiner Frau ſeine Dankbarkeit zu beweiſen; tau⸗ ſendmal lieber ſähe ich Dich alſo Fräulein Duval heirathen... Denke Dir, welche Luſt, wenn unſere beiden Haushaltungen gemeinſam wären! Nun! was ſagſt Du dazu?— Wahrlich, mein — —— — 127— lieber Jerome, erwiderte Anatole nach minuten⸗ langem Beſinnen, ich glaube wie Du, daß halbe Maßregeln ungenügend ſind, und daß eine glück⸗ liche unter Deiner und Deiner Frau Vermittelung abgeſchloſſene Heirath meine Bekehrung vielleicht am beſten ſicherte, indem ſie mein Herz ausfüllte und meine Zukunft befeſtigte. Fräulein Duval iſt mir von ſeltener Schönheit erſchienen, ihre Freundin hat mir alles gedenkbare Gute von derſelben erzählt, der Gedanke, mein Loos mit dem ihrigen zu vereinigen, entzückt mich, und wenn ich Ausſicht hätte, Fräulein Duval und ihrer Mutter zu gefallen ſo„— Schweige ſtill, Heuchler, ſagte der Doctor, ſei⸗ nen Freund unterbrechend, luſtig. Siehe, ich glaube, ich werde vor Freuden närriſch werden! Nun mache, daß Du zu Deinem Fürſten kommſt; ich wollte, Du wäreſt ſchon wieder zu⸗ rück. Bald werden wir unſere Pläne näher be⸗ ſprechen, Heloiſe, Du und ich, da es ausge⸗ macht iſt, daß Du uns bleibſt... daß Du hier im Hauſe wohneſt...— Iſt es nicht mein Curhaus? antwortete Anatole lächelnd. Biſt Du nicht mein Arzt, mein Retter?— So werde ich alſo, entgegnete Doctor Bonaquet mit freu⸗ digem Händereiben, ſogleich die beiden Zimmer für Dich in Beſchlag nehmen! ſie ſind meublirt; „heute Abend noch ziehſt Du ein.— Sobald u28— ich den Fürſten Morſenne verlaſſe, ſpringe ich in mein Hötel und ſchicke Dir die Sachen.— Und heute Abend hängen wir den Feuerhaken aufe); Du ißt bei uns.— Gewiß, ich rechne dar⸗ auf.— Höre doch, Anatole, einen Vorſchlag, einen vortrefflichen Einfall...— Laß hören, Du biſt in gutem Zuge.— Ich werde dem guten Fauveau ſchreiben; er muß mit dabei ſein; er ſoll F ſeine niedliche kleine Frau mitbringen. Nach meiner Beſchreibung iſt Heloiſe in ſie vernarrt, denn Nichts iſt ſeltener und lieblicher als ſolch ein natürliches und ungekünſteltes Weſen, wenn es, wie bei Marie Fauveau, mit dem beſten Herzen und der fröhlichſten, unbefangenſten Tugend ver⸗ knüpft iſt.— Bravo, Jerome, Dein Gedanke iſt vortrefflich, ſo wird das Feſt vollſtändig. da ſollen die alten Zeiten wieder aufleben. Siehe, mit dieſem Tage, mit dieſer Stunde bin ich neu⸗ geboren, ich lebe wieder auf, ich athme Lebens⸗ luft... Ja, ich werde beſſer, ich fühle es an der wachſenden Rührung, die ſich meiner bemäch⸗ tigt.. es iſt dumm, aber es iſt ſo. † . ²) Das Aufhängen des Hakens in dem Kamin, an 3 welchem der Kochtopf befeſtigt wird, iſt das Symbol der häuslichen Niederlaſſung. A. d. U. Ende des zweiten Bändchens. Druck von Otto Wigand in Leipzig. 978 g14 oenqe