3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Giefßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeiß und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— „„. 5 Eugen Sue's ſämmtliche Werke. 258. Theil. — Die Propheteihung. Erſtes Bändchen. Leipzig, 1851. ————— Die Prophezeihung.. Von Eugen Sue. Erſtes Bändchen⸗ Leipzig, 1851. Verlag von Otto Wigand. Vor einigen Jahren wohnte in einem der äl⸗ teſten und düſterſten Häuſer der Straße Saint? Avoye eine Wahrſagerin, unter dem Namen Madame Grosmanche bekannt. Dieſe Frau führte ein ſonderbares Leben; verließ faſt nie ihre kleine Wohnung im vierten Stock; lebte ganz al⸗ lein und verſchloß ihre Thür oft auf lange Zeit, nicht nur der Hausfrau, durch welche ſie ſich ihre magere täg liche Koſt beſorgen ließ, ſondern auch den zahlreichen Kunden, die ihr Ruf herbeilockte Als ſich Madame Grosmanche Male ſo abgeſperrt hatte, gerieth die da ſie auf Leeri lautes Klingeln un chen keine Antwort erhielt, in. Beſorgniß und lief, irgend ein ſchreckliches Ereigniß befürch⸗ tend, tiends zum Polieicommiſſär 1* und ließ nach mehrfachem erfolgloſem Rufen die Thür erbrechen. Man fand Madame Grosmanche in einem to⸗ desähnlichen Schlaf; ein junger Arzt aus der Nachbarſchaft, ein ziemlich ſeltſamer, aber ſehr 6. 3 kenntnißreicher Mann, Doctor Bonaquet, wurde ſogleich herbeigerufen; nicht ohne Mühe 1 gelang es ihm, die Wahrſagerin aus ihrem camo⸗ töſen Zuſtand, wie er denſelben nannte, zu 6 erwecken; dieſe aber wurde, als ſie wieder zum * Bewußtſein gekommen war, ſehr zornig und ſchalt 3 heftig auf die Hausfrau und den Arzt, indem ſie 3 ausrief: daß es ihr freiſtände, ſich ſo lange, als ſie wolle, einzuſchließen und Jedermann den Zutritt zu verwehren; daß ſie in ihren Betrachtungen nicht geſtört ſein wolle, daß ſie ſich ein für alle Mal jede Beläſtigung verbeten haben wolle, möchte es ihr nun gefallen, zwei, vier, zwanzig Tage, einen Monat oder längere Zeit ohne Lebenszeichen zu verharren, indem ſie der Hausfrau andeutete, daß ſie ausziehen werde, ſobald man ſich nochmals eine Verletzung ihres Hausrechts erlaube. Seit dieſer Zeit ſah man Doctor Bonaguet die Schwarzkünſtlerin öfters beſuchen. Kam er als Arzt, als Freund oder Kunde? Dies wußte Niemand. Die von Madame Grosmanche beanſpruchte ſtrenge Achtung ihres Hausrechts wurde indeß noch zweimal verletzt; das erſte Mal war ihre Wohnung ſeit elf oder zwölf Tagen verſchloſſen; ſie hatte von Außen nicht die geringſte Nahrung erhalten; oft hatte die Hausfrau an der Thüre gelauſcht; Alles drinnen war mauschenſtill; end⸗ lich entſchloß ſich die Frau, ſei es von wirklicher Beſorgniß, ſei es von unüberwindlichet Neugierde angetrieben, die Thür der geheimnißvollen Wohn⸗ ung abermals erbrechen zu laſſen. Man trat ein, fand aber Niemand. Die Hausfrau ſchwor hoch und heilig, daß Madame Grosmanche unmöglich unbemerkt ausgegangen ſein könne; man durch⸗ ſuchte Alles auf's Genauſte. Umſonſt, ung vöch war nirgend eine Spur eines zweiten Ausgangs. Eben hatten die erſtaunten und unbefriedigten Nachforſcher die Thuͤr des rächſelhaften Aufenthalts hinter ſich geſchloſſen, als ſich dieſelbe wieder halb öffnete, und man die Stimme der Wahrſagerin vernahm, welche der Hausfrau auftrug, am näch⸗ ſten Morgen wie gewöhnlich eine Taſſe Milch und ein Brod, Madame Grosmanche's gewöhn⸗ liche Koſt, in das Fenſter des Treppenabſatzes zu ſetzen. S Noch ein anderes Mal drang man gewalt⸗ ſam in die Höhle der Here, aber aus ernſteren Gründen als zuvor. Seit mehreren Tagen hatte Madame Grosmanche kein Lebenszeichen gegeben. Es war Abends; ein ſtarker Brandgeruch verbrei⸗ tete ſich plötzlich auf der Treppe; offenbar kam er aus dem Zimmer der Wahrſagerin. Man lief herbei, ſprengte die Thür, fand die erſte Stube mit ziemlich dichtem Rauch erfüllt und mitten auf dem ſteinern getäfelten Fußboden die ſchwarzen Ueberbleibſel einer ziemlich beträchtlichen Anzahl jüngſt vom Feuer verzehrter Papiere; in der zwei⸗ ten Stube lag Madame Grosmanche vollſtändig angekleidet auf ihrem Bett mit leichenhaftem Ge⸗ ſicht, ſtieren, glanzloſen Augen, halb geöffnetem Munde, aus welchem kein Odem mehr kam, und ſtarren Gliedern. Man hielt ſie für todt. Bald aber ſah man Doctor Bonaquet einmeten, den wahrſcheinlich ein günſtiger Zufall und ſehr zur rechten Zeit herbeiführte, denn Niemand hatte ihn von dem Vorfall benachrichtigt. Zu ihrem großen Leidweſen entfernte er die Nachbarinnen und Ge⸗ vatterinnen, erklärte, daß er Alles aufſich nähme, und ſchloß ſich die ganze Nacht über mit der Todt⸗ geglaubten ein, am anderen Morgen kam er her⸗ ab und bat die Hausfrau, ſich zu Madame Gros⸗ manche hinauf zu begeben. Die Wahrſagerin ſchien vollkommen wohlauf zu ſein; ſie war zornig, daß man ſie fortwährend in ihrer Wohnung ſo beſtürme; und als ſie die usftuu darauf aufmerkſam machte, daß, da ker Brandgeruch aus ihrem Zimmer kom⸗ 6 im Hauſe verbreitet habe, die einfachſte 60 40 Einnahme eine ſehr mäßige Höhe erreicht hatte, Vorſicht geboten hätte bei ihr einzudringen, ant⸗ wortete Madame Grosmanche, ſie wiſſe nicht, was dies heißen ſolle, da ſie ſeit mehreren Tagen ihr Bett nicht verlaſſen noch Feuer angemacht hätte; die Hausfrau zeigte ihr auf der geſchwärz⸗ ten Steintafel die Aſche der Abends vorher ver⸗ brannten Papiere. Madame Grosmanche ſah anfangs mit erſchrockener Verwunderung drein; dann, nach einigem Beſinnen, meinte ſie, es ſei gut ſie wiſſe, was es zu bedeuten habé. Das Gerücht aller dieſer Sonderbarkeiten, in dem volkreichen Stadtviertel vielfach weiter erzählt und übertrieben, gelangte ſogar in die Kreiſe, in welchen ſich die ſogenannte große Welt bewegt; der auf dieſe Weiſe bedeutend gewachſene Ruf der Wahrſagerin zog einen ungeheuren Zulauf von Kunden und Neugierigen aller Art herbeiz gar oft aber ſtiegen Kunden und Neugierige vergeblich die vier Treppen zu Madame Grosmanche her⸗ auf; ſie ertheilte ihre Beſcheide nämlich nur in Folge ihrer zeitweiſen Abgeſchloſſenheit und ihres geheimnißvollen Verſchwindens; dann zog ſie ſich wieder eine Zeit lang von aller Berührung mit der Außenwelt zurück; überdies war ihre Uneigen⸗ nützigkeit bekannt, ſie forderte nichts Beſtimmtes, nahm jede Gabe an, und verlangte ſogar, ſobuld die ſobald ihre thönerne Sparbüchſe, in welche 0 man die Gaben hineinſteckte, voll war, von den ſpäteren Kunden nichts mehr. Es muß wohl zugeſtanden werden: eine große Anzahl, begierig den Schleier ihrer Zukunft zu lüften, ſtrömte der Wahrſagerin voll kindiſchem Aberglauben und thörichten Hoffnungen zu. Ja; aber wie viele vortreffliche Geiſter, wie viele oft kräftig bewährte Gemüther wurden nicht zuweilen von dieſem kindiſchen Aberglauben, von dieſen thörichten Hoffnungen beherrſcht? Wer unter an⸗ dern kennt nicht das ſonderbare und geheimniß⸗ volle Verhältniß des Kaiſers Alerander zu Frau von Krudener? Wer kennt nicht die unglaubli⸗ chen Prophezeihungen, welche Kaiſerin Joſephine empfing, und deren noch unglaublichere, genaue Erfüllung? Wer endlich weiß nicht, wie Benja⸗ min Conſtant, einer der tiefſten, ſchärfſten, größ⸗ ten Denker unſeres Jahrhunderts, die Wahrſa⸗ gerei zuweilen beurtheilt? Und dann noch zuletzt iſt es ja Niemand unbekannt, wie nur allzuhäu⸗ fig die zärtlichen, leidenſchaftlichen Gefühle vor⸗ zugsweiſe der Frauen, welchem Stande ſie auch angehören mögen, eine auffallende Neigung zum Aber⸗ und Schickſalsglauben haben. Wird man treu geliebt werden? Wirdmanausdauernd geliebtwerden? Dies ſind faſt immer die Zukunftsfragen, welche di Frguen jedes Standes, die ungebildeten wie die gebildeten, die einfältigen wie die geiſtreichen, die häßlichen wie die hübſchen, dem Kartenorakel vorlegen. Gar wenige befragen die Zukunft aus habſüchtigen Hoffnungen oder aus ehrgeizigen Abſichten. Heutzutage, nachdem die außerordentlichſten Weiſſagungen in Erfuͤllung gegangen ſind, zwei⸗ felt Niemand mehr daran. Daß gegentheils an⸗ dere und, die Wahrheit zu geſtehn, die bei Wei⸗ tem größere Anzahl von jeher eitle, grobe Betrü⸗ gereien geweſen ſind, wird ebenſowenig in Zwei⸗ fel gezogen. Wenn aber Weiſſagungen aufs Haar eintreffen! Iſt das Zufall, Gaukelei oder Vorherſehung? Man weiß es nicht. Haben nicht einige Erſcheinungen des Hellſehns eine ſo unbe⸗ dingte Beſtätigung empfangen, daß es eben ſo ungereimt erſcheint, ſie bezweifeln als ſie erklären zu wollen! Es war um die Mitte des Jahres 1841, als Madame Grosmanche nach längerer Unſicht⸗ barkeit ihre Thür alten und neuen Kunden wieder geöffnet hatte; ſie gab ihre Audienzen immer nur Nachts. Und zwar aus folgendem Grunde: Ihre Wohnung beſtand aus einem Eintrittszimmer, einem zweiten Gemach, welches zum Empfangs⸗ zimmer diente, und ihrem Schlafgemach, in wel⸗ chem ſie ihre Beſcheide ertheilte. Die drei Ge⸗ mächer lagen hinter einander. Da nun Lute, — 42 welche ſich wahrſagen laſſen, meiſtens unerkannt zu bleiben wünſchen, war die tiefe Dunkelheit, die in den beiden dem Schlafgemach der Wahrſagerin vorliegenden Zimmern herrſchte, dieſer Abſicht ſehr günſtig. Man wurde durch die Hausftau bei ihr eingeführt, welche jeden Clienten die Treppe hinaufbegleitend die vordere Thür öffnete. So warteten die Beſucher einander unſichtbar mitten in der Finſterniß. War eine Audienz beendet, ſo nahm die Prophetin ihren Kunden bei der Hand, ging mit ihm durch die beiden dunkelen Zimmer und führte ihn bis zur Treppenthür; zurückkom⸗ mend rief ſie dann nach Ordnung der Nummer (wie ſie von der Hausfrau jedem Ankömmling eingehändigt wurde) diejenige Perſon, welche den Abgefertigten erſetzen ſollte. Das Folgende trug ſich Anfangs Juni zu. Madame Grosmanche hatte eben die Thür ihrer Wohnung hinter Jemand, den ſie zurückbe⸗ gleitet, geſchloſſen; ſie kehrte durch das Vorge⸗ mach in das Empfangszimmer zurück, welches; wir machen nochmals darauf aufmerkſam, ebenfalls ganz dunkel war. — Wieviel Nummern ſind noch hier? fragte Madame Grosmanche mit ſanfter, jugendlicher, wohltönender Stimme. Zählen Sie ſich gefäl⸗ gſt, ich bitte.— Wie, Frau Zauberin, ſagte eine Frauenſtimme mit ſpöttiſchem Ton, Sie, die — 13— Alles wiſſen, fragen uns, wieviel wir hier ſind? — Zählen Sie ſich gefälligſt, ich bitte, wieder⸗ holte die Wahrſagerin, ohne auf dieſe Verhöh⸗ nung zu erwidern.— Nun wohl, ich habe Nr. 1, ſagte die Stimme, welche ſoeben den Scharfſinn der Kartenſchlägerin in Zweifel gezogen hatte. — Ich Nr. 2, ſagte eine andere Frauenſtimme. — Ich... Nr. 3, ſagte noch eine andere Frauen⸗ ſtimme. Statt daß die Wahrſagerin ſogleich und, wie ſie zu thun pflegte, eine der drei Perſonen mit ſich genommen, blieb ſie plötzlich regungslos mitten unter ihnen ſtehn, als ob ein hindernder Zwi⸗ ſchenfall eingetreten wäre. Im Zimmer herrſchte ebenſo große Dunkelheit als tiefe Stille. Letztere war ſo groß, daß man das, ſo zu ſagen, keu⸗ chende Athemholen der Wahrſagerin deutlich ver⸗ nahm, welche von einer gewaltigen, plötzlichen Aufregung ergriffen war⸗) Bald aber nahm die ſkeptiſche erſte Nummer wieder das Wort und ſagte munter: — Heda, Frau Zauberin, werden wir lange ſo in der Dunkelheit bleiben? Ich habe das Recht zuerſt hinein zu kommen und bin ſehr begierig meine Zukunft zu hören. Madame Grosmanche blieb immer noch ſchwei⸗ gend und regungslos ſtehn, doch murmelte e dann und wann mit leiſer Stimme: 14 — Sonderbar... drei Frauen! Was iſt das für ein Band? Was iſt das für ein Band? Endlich, nach einiger Ueberlegung, öffnete die Wahrſagerin halb die Thür ihres Zimmers und ſagte: — Kommen Sie, Nr. 2.— Bitte, einen Augenblick, ich habe die erſte Nummer, rief die ſpöttiſche Stimme lebhaft, und ich halte auf mei⸗ nen Rang.— Das iſt wahr, antwortete Ma⸗ dame Grosmanche mit eigenthümlicher Betonung, indem ſie die folgenden Worte mit beſonderem Nachdruck ſprach: Sie halten auf Ihren Rang, Madame, ja Sie halten ſehr auf Ihren Rang. Li ſkeptiſche Nr. 1 wurde durch Madame Grosmanche's Antwort ſo überraſcht und außer Faſſung gebracht, daß ſie keine Sylbe mehr äu⸗ ßFerte und die zweite Nummer der Zauberin ohne weitere Einrede in das kabbaliſtiſche Gemach fol⸗ gen ließ, deſſen Thür ſich ſogleich wieder ſchloß. II. * Das Schlaf ſgemach der Wahrſagerin verei⸗ der ausgeſuchteſten Reinlichkeit ſpartani⸗ — 15— ſche Einfachheit. Eine verhängte Lampe verbrei⸗ tete nur ein ſchwaches Licht in demſelben; ein ei⸗ ſernes Bett, ein Tiſch, vier Stühle, ein hoher 6 Schrank und eine Commode von Nußbaumholz bildeten ſein ganzes Ameublement; die grünen tapezirten Wände waren leer; man bemerkte an ihnen keines jener kabbaliſtiſchen Sinnbilder, als ausgeſtopfte Eulen, Krokodile oder Schlangen, womit man ſonſt wohl der Menge zu imponiren ſtrebt. Das einzige Zaubergeräth der Wahrſagerin beſtand in einem großen, kryſtallenen Gefäß, in Form eines umgeſtürzten Kegels, welches mit klarem Waſſer angefullt auf dem Tiſch neben mehreren Spielen Karten und einer Schachtel mit kleinen goldenen, ſilbernen und eiſernen Me⸗ daillen ſtand; auf dieſen, von der Größe der Fünfſousſtücke, waren gewiſſe geheimnißvolle Zeichen eingegraben. War Madame Grosmanche jung oder alt, häßlich oder hübſch, wohl⸗ oder übergeſtaltet? Dies blieb ihren Kunden ein vollſtändiges Ge⸗ heimniß: denn ſie empfing ihre Beſucher ſtets in einer Art weiten, ſchwarzen Domino mit Ueber⸗ d wurf und Geſichtsmaske, in welcher man nur die zwei Oeffnungen für die Augen wahrnahm, die zum wenigſten ſchön und glänzend zu ſein ſchienen. Nr. 2, eine ſehr junge und ſehr hübſche Frau, ſchien trotz ihres allerliebſten, kleinen munteren Schelmgeſichts ziemlich verlegen. Sie ſchlug wiederholt ihre großen, dunkeln Augen nieder und erröthete bis zur Stirn, wenn ſie dem ſtill prüfenden Blicke der Wahrſagerin begegnete. Nach einigen Augenblicken ſprach Madame Grosmanche mit ſanftem, faſt zärtlichem Ton: — Ihre Hand, wenn ich bitten darf? Während die junge Frau ihren Handſchuh von ſchwediſch Leder auszog, ſammelte ſich die Schwarzkünſtlerin einen Augenblick und begann dann: — Sie kennen die beiden Perſonen nicht, welche mit Ihnen ſoeben im Saal warteten?— Nein, Madame; in der Finſterniß konnte ich überdem ihre Züge nicht erkennen; wir haben aber einige Worte gewechſelt, und ich glaube faſt gewiß zu ſein, daß ſie mir unbekannt ſind, denn ihre Stimme iſt mir gänzlich fremd; ich bin mit einer Freundin hergekommen, welche mich vor⸗ der Thüre im Fiaker erwartet, und wünſche nur zu wiſſen, ob— Sonderbar, wiederholte die Wahrfagerin, im Selbſtgeſpräch Nr. 2 in die Rede fallend. Was iſt das für ein Band? 6 Welches Band, Madame?— Bitte um „ſagte Madame Grosmanche, ohne auf die Frage einzugehen; reichen Sie mir Ihre Hand. Nr. 2 reichte der Prophetin ihre Hand hin; dieſe, indem ſie ihren weiten Aermel zurückſchlug, zeigte zarte roſenfarbene Finger, welche in glän⸗ zenden Nägeln endeten, und indem ſie die Hand ihrer Clientin zwiſchen die ihrigen nahm, begann ſie mit Aufmerkſamkeit jene eigenthümlichen Li⸗ nien zu prüfen, welche ſich in der Fläche unſe⸗ rer Hände kreuzen. Die Wahrſagerin ſchien, während ſie dieſe genaue Unterſuchung vornahm, indem ſich ihr Blick zuweilen von der Hand zu den Geſichtszü⸗ gen der jungen Frau erhob, die Vorzeichen, welche ſie bei Beobachtung der Linien der Hand fand, mit einigen phhſiognomiſchen Merkmalen vergleichen zu wollen, und oft entſchlüpften ihr einzelne Worte, die ihre inneren Gedanken ver⸗ riethen. — Gutes Herz, ſagte Madame Grosmanche halblaut, mit dem Ausdruck heimlicher Befriedi⸗ gung. Vortreffliches Herz... ſeltenes Zartge⸗ fühl...— Madame, ſagte Nr. 2 ſtotternd, über dies verdiente Lob erröthend. — Reizende Gemüthsart, fuhr die Wahrſa⸗ gerin, mehr und mehr in ihre Betrachtungen ver⸗ tieft, fort, ehrlicher, gerader, aber wenig gebil⸗ deter Geiſt.— Oh, was das. haben Die Prophezeihung. I. Sie ganz Recht, Madame, ſagte Nr. 2 freund⸗ lich, indem ihr vieſer fleine Tadel, ſo zu ſagen, eine Beruhigung war. Wetter! wenn man im Kleinhandel geboren und erzogen wird, hat man weder Zeit noch Mittel ſehr gelehrt zu werden.— Viel Gleichmuth und die ausgelaſſenſte Luſtigkeit, fuhr die Wahrſagerin fort. Sie iſt ſo glücklich! — Ach, wahrlich! Sie ſind eine geſchickte Dame, entgegnete Nr. 2. In der That bin ich luſtig wie ein Buchfinke und glücklich, ach! hier, glück⸗ ſelig, wie es weiter Niemand ſein kann.. Da⸗ rum wollte ich Sie denn auch fragen, ob...— Liebende, aufopfernde Gattin, fügte die Wahr⸗ ſagerin hinzu.— Siehe da! Sie wiſſen alſo, Madame, daß mein guter Joſeph der vortreff⸗ lichſte aller Männer iſt? ſagte die junge Frau hoch verwundert.— Und zärtliche Mutter, er⸗ gänzte Madame Grosmanche, ja, die zärtlichſte Mutter.— Ei, das ſind alle Mütter, rief die junge Frau treuherzig, das iſt nicht ſchwer zu rathen. Auf einmal erbebte die Wahrſagerin, ließ die Hand ihrer erſtaunten Clientin plötzlich auf ihren Schoß fallen und blickte zur Decke hinauf, wie um ſich zu ſammeln; dann, nach neuer, längerer Prüfung der Hand der jungen Frau, begann ſie mit leicht bewegter Stimme: k — Sie ſind 1821 geboren?— Ja, Madg⸗ Sir ſind 24 Jahre altk— Ja wohl, Madame.— Sie haben ſich verheirathet am.. — Am 21. November, entgegnete die junge Frau, immermehr über das Wiſſen und die unſt⸗ chere Stimme der Wahrſagerin verwundert. Es iſt mir immer aufgefallen, daß der 24. ſich oft in meiner Lobensgeſchichte wiederholt. Nicht wahr, Madame, das iſt recht ſpaßhaft? Madamk Grosmanche erwiederte nichts und ſtützte die vom Ueberwu uf bedeckte Stirn auf ihre beiden zitternden Hände. Sie ſchien ganz nieder⸗ gedrückt. Leichte Zunn ihrer Schultern lie⸗ ßen vermuthen, daß ſie weine und ſich vergeb⸗ lich abmühe ihr Schluchzen zu verbergen. Be⸗ ſtürzt über dieſe plötzliche Rührung Madame Grosmanche's, betrachtete ſie ihre Elientin an⸗ fangs ſtumm und regungslos; nach einigen Au⸗ aber ſagte ſie ſch üchtern: — Mein Gott! mein Gott! man ſollte mei⸗ nen, Sie weinten, Mudames— Ja, ich weine, entgegnete die Wahrſagekin, ihr Taſchentuch an die Augenöffnungen ihrer Maske bringend, ich weine um Ihretwillen.— Umn neinetwillen, rief Nr. 2, und et Sie kennen mich ja nicht. Ich habe Sie nie geſehen, die Schwan unſi erin mit Nie dergeſchlagenheit, ich weiß nicht, wer Sie ſind.— Aber, Madame, was kann Sie dann meinethal lben bekümmern? — Eine entſetzliche, oh! eine ntßtliche — Ahnung. Doch iſt meine Befürchtung noch nicht ganz zur Gewißheit geworden.— Eine Befürch⸗ tung für mich?— Ja, für Sie.— Ei, meine liebe Dame, erwiederte Nr. 2, nachdem ſie nach kurzer Ueberlegung wieder volle Unbefangenheit erlangt hatte, lächelnd, ſicherlich haben Sie ſich getäuſcht; denn ich könnte Ihnen ſo klar, wie zweimal zwei vier ſind, beweiſen, daß ich ſtets glücklich geweſen bin und mein Leben lang glück⸗ lich bleiben werde. Mein Gott, ja, ſo iſt's und nicht anders, fügte ſie mit muthwilligem Blick hinzu. Daran zweifle ich nicht im Geringſten und wollte Sie nur fragen, ob..— Laſſen Sie uns die Sitzung fortſetzen, ſagte die Wahr⸗ ſagerin mit Anſtrengung, ſind Sie's zufrieden? — Ei jawohl! Denn ſehen Sie, ich bin nicht feige, und dann ſpiele ich auch, wie man züu ſa⸗ gen pflegt, mit gewonnenem Gelde. Was kann mir ſchlimmſten Falls begegnen? Antwor⸗ ten Sie ja auf meine Frage, ſo bin ich's zufrie⸗ den; antworten Sie nein, nun ſo iſt es mir ſolche Kunden haben wie mich. Madame Grosmauͤche ſeufzte und ſagte zur jungen Frau: Nehmen Sie aus dieſer Schachtel ſieben ei⸗ ſerne, ſieben ſilberne und ſieben goldene Medail⸗ len— Siehe! ſiehe! ſagte Nr. 2, das ſind wie⸗ auch recht! Ich glaube, Sie werden wenige — der 217— Ja... Nun behalten Sie vier gol⸗ dene, zwei ſilberne und eine eiſerne Medaille in der Hand..— Ich habe ſie.— Laſſen Sie alle auf einmal ohne Ordnung in dieſes kryhſtal⸗ lene Gefäß fallen.— Gott, was iſt das ſpaß⸗ haft! ſagte Nr. 2 mit kindiſcher Freude und voll⸗ führte den Befehl der Wahrſagerin. Als die vorübergehende Aufwallung des Waſ⸗ ſers die Ordnung zu beobachten erlaubte, in wel⸗ cher die Medaillen ſich am Boden des Gefäßes geſetzt hatten, das, wie wir früher bemerkt ha⸗ ben, wie ein umgeſtürzter Kegel geſtaltet war, bemerkte Madame Grosmanche die eiſerne Münze zu unterſt, dann folgten drei goldene, dann die beiden ſilbernen und endlich über allen anderen die vierte goldene Münze. Nun, ſagte die Schwarzkünſtlerin, thun Sie vier ſilberne, zwei goldene und eine eiſerne Me⸗ daille in dieſe Schachtel. Die junge Frau gehorchte. — Machen Sie die Schachtel zu, ſchütteln Sie dieſelbe, um die Medaillen durcheinander zu miſchen, und decken Sie die Schachtel wieder auf⸗ Als die Schachtel wieder geöffnet war, be⸗ merkte Madame Grosmanche, daß die eine der beiden Goldmedaillen wieder über den übrigen Münzen lag. Sie ſagte zu Nr. 2, welche alle dieſe kabbaliſtiſchen Handthierungen mit großem Vergnügen auszuführen ſchien: Nehmen Sie die ſieben übrigen Medaillen in die Hand, fünf eiſerne, eine ſilberne und eine goldene.— Gut, ich habe ſie— Schließen Sie die Hand.— Schön, es iſt geſchehn.— Nun öffnen Sie die Finger ein klein wenig, ſo daß eine einzige von den Medaillen, die Sie in der Hand haben, gleichviel welche, auf den Tiſch fällt. Die Wahrſagerin ſchien mit ängſtlicher Span⸗ nung das Ergebniß dieſer letzten Probe zu erwarten. Die einzige Goldmünze, welche die junge Frau mit den übrigen Medaillen in der Hand hielt, fiel auf den Tiſch. Die Wahrſagerin rief, nachdem ſie die Be⸗ ziehungen der verſchiedenen auf die Medaillen eingegrabenen Zeichen erforſcht zu haben ſchien und anſcheinend über ein Anzeichen hocherfreut, welches mit ihren anfangs geäußerten ſchreckli⸗ chen Befürchtungen im Widerſpruch ſtand: Was auch immer kommen mag, er wird Sie bis zum Tode lieben. Et, das iſt ganz natürlich, Madame, erwie⸗ derte die junge Frau mit der liebenswürdigſten Unbefangenheit, ohne durch dieſe Prophezeihung im Geringſten überraſcht zu werden. Wie haben Sie nur bei Betrachtung meiner Hand ſoviel — 23 nachſinnen und mich mit allen dieſen kleinen Me⸗ daillen handthieren laſſen müſſen, um herauszu⸗ bringen, daß Joſeph und ich uns immer lieben werden? Das iſt ein herrlicher Fortſchritt! Wayrlich! ohne ſo gelehrt zu ſein wie Sie, Ma⸗ dame, habe ich dies ganz allein längſt ſelbſt her⸗ aus, ſeien Sie verſichert! Was mich aber die Neugierde trieb Sie zu fragen, iſt ganz einfach dies: Werde ich, ja oder nein, vor meinem guten Joſeph ſterben? Nun machen Sie Ihre Sache. Sie brauchen nicht zurückzuhalten und nicht zu fürchten mich zu betrüben; was Sie mir auch offenbaren mögen, ich werde mich va⸗ rein finden... Blitz, es iſt ja ganz einfach; ſtirbt Joſeph vor mir, ſo erlebt er wenigſtens den Kummer meines Hinſcheidens nicht, was hart, oh! ſehr hart für ihn ſein würde; ich weiß es. Wenn ich dagegen zuerſt ſterben muß, ſo iſt mir der große Schmerz erſpart, ein Weſen vor mir ſcheiden zu ſehn, welches ich ſo ſehr liebte. Es iſt etwas ſelbſtſuͤchtig, was ich Ihnen da ſage; aber vor allem anderen bin ich aufrichtig.— Folgen Sie mir, ſagte die Wahrſagerin, begnü⸗ gen Sie ſich mit der glücklichen Prophezeihung, welche ich Ihnen gemacht habe, und fragen Sie mich nicht um Weiteres.— Aber, mein Gott, mein Gott! entgegnete die junge Frau ungedul⸗ dig, was könnten Sie mir denn ſo Verdrießliches — 21— prophezeihen? Dgeich Ihnen ſage, daß wir, Jo⸗ ſeph und ich, uns immer lieben werden und es mir gleich gilt, ob ich vor oder nach ihm ſterbe.. — Wozu mich dann fragen?— Ei nun! um es zu wiſſen! erwiederte Nr. 2 mit der poſſierlichſten Miene von der Welt, und dann machen Ihre Bedenklichkeiten auch, daß ich vor Neugierde faſt umkomme.— Ich bitte, ich beſchwöre Sie, be⸗ gann Madame Grosmanche wieder mit ängſtli⸗ cher Beklommenheit, laſſen Sie von weiteren Fra⸗ gen ab; wider Willen beantwortete ich ſie Ihnen vielleicht.— Nun laſſen Sie Sich nur zureden, meine gute, liebe Dame, ſagte Nr. 2 mit einem höchſt ergötzlichen Anſehn mitleidigen Bedauerns, ich werde Sie vollſtändig beruhigen. Geſetzt zum Beiſpiel, Sie hätten in meiner Hand geleſen, daß ich ganz jung ſtürbe; nicht wahr? Nun wohl, ſo glaube ich, Gott verzeih mir, daß ich, ohne im Geringſten dies Ereigniß herbeizuwün⸗ ſchen, ach! nein, das bei Leibe nicht, doch noch Mittel fände, mich darein zu ſchicken. Wiſſen Sie, wie? indem ich mir ſagte, daß, wennich auch ganz jung ſtürbe, mein guter Joſeph doch ein al⸗ lerliebſtes, artiges kleines Andenken von mir be⸗ hielte.. Meine Worte ſind wohl ein wenig eitel, aber, ich wiederhole Ihnen, ich bin aufrichtig⸗ — Jung ſterben? rief Madame Grosmanche unwiutürlich mit einer Art ſchmerzlicher Ungeduld 2 ₰ aus. Ach! wenn nur von jung ſterben die Rede wäre!— Wie! wenn von weiter nichts die Rede wäre? Nun, das iſt doch ſchon hübſch genug! Auch machen mich Ihre letzten Worte wüthend neugierig, und ich gehe nicht von der Stelle, be⸗ vor Sie Sich nicht erklärt haben! Nach minutenlangem Schweigen ſagte die Schwarzkünſtlerin mit bebender Stimme: Zum letzten Male ſage ich Ihnen, hüten Sie Sich, dies iſt kein Spiel; hüten Sie Sich, befragen Sie mich nicht über Ihren Tod. Als ich vorhin um Ihr Geſchick weinte, ſchloß ich mit Entſetzen die Augen vor dem, was ich einen Au⸗ genblick erſchaute. Oh! zwingen Sie mich nicht, dieſelben wieder zu öffnen, zwingen Sie mich nicht, eine vielleicht furchtbare Weiſſagung zu vervoll⸗ ſtändigen! Hüten Sie Sich. Nochmals, dies iſt kein Spiel.— Sie halten mich alſo für ſehr feige, Madame, rief die junge Frau, unwillkürlich von der aufrichtigen Wärme erſchüttert, mit wel⸗ cher die Zauberin die letzten Worte geſprochen hatte. Dann ihr liebliches Antlitz emporrichtend, auf welchem man in dieſem Augenblick männliche Entſchloſſenheit las, fügte ſie hinzu:— Beruhl⸗ gen Sie Sich, Madame, müßte es ſein, ſo würde ich Muth beweiſen wie eine andere.— Ich weiß es, entgegnete Madame Grosmanche mit tiefer Trauer. Ach ja! Sie haben ein braves wackeres — 26— Herz.. auch habe ich inniges Mitleid mit Ih⸗ nen, beſtehen Sie alſo nicht darauf; Sie kennen nicht, ſehen Sie, die mächtige Verſuchung, wel⸗ cher Sie mich ausſetzen... Die Wahrheit er⸗ drückt mich... Nie, nein nie wohl ſind mir die Zeichen, welche mich zuweilen erleuchten, klarer und verſtändlicher geweſen! Aber ach! während gewiſſe Offenbarungen mich oft große Uebel vor⸗ ausſehen laſſen, bin ich unvermögend dieſelben zu beſchwören. Während die Wirkung meinem Auge ſich offenbart, bleibt mir faſt immer die Ur⸗ ſache verborgen... Darum alſo, bitte ich Sie inſtändig, entſagen Sie einer unfruchtbaren und unheilvollen Neugierde.— Nein, nein, rief die junge Frau heftig aus, trotz ihrer heiteren Ge⸗ müthsart von der Seltſamkeit und dem Gcheim⸗ nißvollen ihrer augenblicklichen Situation befu⸗ gen, ich will Alles wiſſen, ich will und miuß es wiſſen! Nach der ſo entſchiedenen Antwort der jungen Frau wies die Wahrſagerin, allen weiteren Be⸗ denklichkeiten entſagend, auf mehrere auf dem Tiſch liegende Spiele Karter und ſagte mit kurzer eili⸗ ger Stimme, als ob ſie einer inneren wachſenden Gewalt nachgegeben hätte: Da liegen vier Spiele Karten, nehmen Sie auf's Geradewohl von einem derſelben einen Hau⸗ —— fen ab, gleichviel ob vom großen, kleinen over mittleren Format. Nr. 2 nahm vom mittleren Format. — Zählen Sie die Karten, ohne dieſelben aufzudecken, ſagte die Schwarzkünſtlerin beklom⸗ men. Die junge Frau zählte. — Es ſind 21, ſagte ſie, nicht ohne Ver⸗ wunderung. — Immer dieſe Zahl!... erwiderte Ma⸗ dame Grosmanche, ſie iſt unheil⸗, unheilvoll! — Ich geſtehe, ſagte die junge Frau, das iſt wie⸗ der ein komiſcher Zufall.— Ein Zufall?.. ſagte die Wahrſagerin achſelzuckend. Dang fuhr ſie fort: — Gfahren Sie zuerſt die Bedeutung dieſer Karten.. Treff iſt der Tod; die Begräbniß⸗ kapellen werden durch ſolche treffförmige in den Stein eingeſchnittene Oeffnungen erhellt.— Der Tod, wie ich Ihnen geſagt habe, Madame, er⸗ widerte die junge Frau herzhaft, der Tod ſchreckt mich nicht. Fahren Sie fort.— Treff mit Coeur, dem rothen, dem blutenden Herzen, iſt gewaltſamer Tod. Aber nur gewaltſamer Pod. — Nurk fragte die junge Frau. Nur? Was ſoll das bedeuten?— Merken Sie auf... merken Sie auf, entgegnete die Wahrſagerin mit wachſender Auf⸗ regung Treffmit Carreau, dem rothen Viereck, — welches zwei verbundenen mit Blut übergoſſenen Dreiecken gleich iſt... bedeutet... Und ſtockend fuhr die Wahrſagerin mit beben⸗ der Hand an ihre Kaputze, als wenn ſie ſich den Schweiß von der Stirn wiſchen wollte. — Bedeutet?. wiederholte Nr. 2, welche wider Willen von der ſchwindelnden Gewalt des Abgrundes ergriffen zu ſein ſchien. Vollenden Sie.. vollenden Sie: dieſe Karten.. bedeu⸗ ten?— Den Tod.— Den Tod!.— Ja, ſagte die Wahrſagerin mit vom Entſetzen halb erſtickter Stimme; aber den Tod auf dem Schaffot!...— Ah! rief die junge Frau zu⸗ rückſchreckend und lebhaft aufſpringend aus, nach⸗ gerade wird es furchtbar! Eine minutenlange, tiefe, ſchauerliche Stille trat ein. Auf den unwillkürlichen Schrecken, wel⸗ chen ihr die unheilverkündenden Worte der Wahr⸗ ſagerin verurſacht hatten, folgte bei Nr. 2 eine ſehr beruhigende Ueberlegung. Da ſie ſich in der Thatjedes mörderiſchen Gedankens unfähig wußte, erſchien es ihr bei weitem unſinniger als entſetz⸗ lich, daß man ihr ſagte, die Karten könnten ihr vielleicht den Tod auf dem Blutgerüſt prophezeihen, was doch mit anderen Worten hieße, daß ſie ein⸗ mal eine Mordthat begehen werde, es ſei denn, vaß ſie das Opfer eines blutigen gerichtlichen Irrthums würde. —— No. 2 erwiederte daher, nachdem ſie ſich von dem erſten unwillkürlichen Erſchrecken erholt hatte, ganz wohlgemuth und beherzt: — Da ich mich mein Lebtag nicht habe über⸗ winden können, ein Huhn ſchlachten zu ſehen, meine liebe, guie Dame, ſo möchten Ihre Karten immerhin ſagen, daß ich eines Tages einen Men⸗ ſchen umbrächte, ich würde nur darüber lachen, wie über Colin Tampon.*) Alſo immer weiter, und vollenden Sie Ihr Kartenkunſtſtückchen 6 Laſſen Sie uns aufdecken; wir werden ja ſehen, ob von den berüchtigten Carreau dabei ſind, die ſolche häßliche Bedeutung haben.— Decken wir die Karten auf, decken wir ſie auf... Ach! ich fühle es an meiner heftigen Auftegung meinerſtes Geſicht hatte mich nicht betrogen, fuhr Madame Grosmanche mit immermehr nach Athem ringender, erſtickter Stimme fort. Treff und Carreau... vergeſſen Sie es nicht. bedeutet Schaffot! Und mit heftigen, zuckenden, faſt krampfhaf⸗ ten Bewegungen begann ſie die einundzwanzig Karten, welche die junge Frau auf's Geradewohl genommen hatte, aufzudecken und ihre Furben zu nennen. Colin Tampon iſt die komiſche Figur eines franzö⸗ ſiſchen A. d. U. 30 Seltſam! die achtzehn erſten Karten waren lauter Treff, Zeichen des Todes; aber kein ein⸗ zig Coeur, Zeichen des gewaltſamen Todes, kein einzig Carreau, Zeichen des Schaffots, war bisher aufgedeckt. Schon fühlte die junge Frau, obwohl ſie durchaus nicht abergläubiſch war und nur noch mit unbefangener Neugierde das Ergebniß der Probe erwartete, unwillkürlich eine Art Befriedigung. Das unheilverkündende Vorzeichen erſchien nicht; aber plötzlich änderte ſich die Farbe, und Madame Grosmanche voll⸗ endete die Aufzählung der übrigen drei Karten ſo: — Carreau Sieben!...— Ach! rief die junge Frau, ohne eine leichte Ueberraſchung verbergen zu können. — Carreau Sieben!— Wie, noch ein⸗ mal?— Und Carreau Sieben! endete Ma⸗ dame Grosmanche, indem ſie die letzte Karte auf den Tiſch warf. Sie ſehen, Sie ſehen... i drei Carreau Sieben bilden wieder einundzwa zig, die unheilvolle, oh, die nur zu unheilvolle Zahl! denn Sie haben dreimal ſieben Jahr gelebt.. Sie werden noch ſieben Jahr leben und im ſiebehten Jahre werden Sie auf dem Schaffot ſterben!— Ei ja! das iſt eine harte Nuß! ſagte die junge Frau achſelzuckend, ohne ſogleich ihre natürliche Munterkeit wiederzu⸗ finden; ich bin feſt überzeugt, daß Sie Sich jeren, — Madame; man kann aber nicht ſagen, daß es ſich im erſten Augenblick ſpaßhaft anhört.— Und was mir unerklärlich bleibt, begann die Wahrſagerin von Neuem mit immer ſchwächer werdender Stimme, als wenn dem nervöſen Ueberreiz, unter deſſen Einfluß ſie anfangs geſpro⸗ chen hatte, eine vorübergehende geiſtige Ohnmacht folgte, die beiden Frauen, die dort im Nebenzim⸗ mer warten... Ach! mein Gott, das Schaffot . Ich ſehe.. dicht neben ihnen.. Ja, hüten Sie Sich vor dem 21. Februar, dieſer Tag... Ach! hüten Sie Sich.. Die Schwarzkünſtlerin vollendete nicht, ſank wie vernichtet auf ihren Stuhl zurück und verharrte ſtumm, bewegungslos, zum Tode erſchöpft, mit auf die Bruſt geſunkenem Hauptund ſchlaff herabhän⸗ genden Armen, und ohne einzelne krampfhafte Zuckungen, welche ſie dann und wann erſchütter⸗ ten, hätte man ſie für vollkommen empfindungs⸗ lo gehalten. Darauf, nach Verlauf einiger Minuten, fuhr Madame Grosmanche zuſammen, als wenn ſie aus dem Schlaf plötzlich aufſchreckte, und ſagte mit ſchwacher, erſterbender Stimme zu der jungen Frau: — Seien Sie ſo gut, geben Sie mir ein Flacon, welches ſich in der Schublade des „ — 32 Tiſches befindet; ich bin ganz erſchöpft, es ſchwindelt mir. No. 2 öffnete die Schublade und reichte Madame Grosmanche das Flacon. Dieſe erfaßte es mit matter Hand und athmete die Salze, wel⸗ che es enthielt, ein, indem ſie daſſelbe unter ih⸗ ren Ueberwurf brachte; nachwenigen Augenblicken hatte ſie ſich erholt und ſagte mit feſterer Stimme zu ihrer Clientin: — Entſchuldigen Sie mich, Madame; die Ausübung gewiſſer Fähigkeiten wirkt oft ſchmerz⸗ lich und abſpannend auf die Beſitzer derſelben zurück; mir iſt, als ob ich aus einem ſchweren Traum erwachte.— So iſt's auch, entgegnete die junge Frau, das erklärt Alles, und dieſe Erklä⸗ rung iſt mir willkommen. Ja wohl, Sie träum⸗ ten mit offnen Augen, nicht wahr, meine liebe gute Dame, als Sie mir ſpeben dieſe entſetzliche Prophezeihung machten, welche ernſtlich genom⸗ men die Haare mir hätte zu Bergetreiben können?— Eine entſetzliche Prophezeihung, im Stande die Haa⸗ re zu Bergezu treiben! entgegnete Madame Gros⸗ manche, indem ſie mühſam ihre Erinnerungen zurück⸗ zurufen ſchien; es iſt möglich, ja, ich glaube, aber — Oh, kein Wort mehr! rief die Wahrſa⸗ gerin mit fieberhafter Aufregung, ich werde Ihnen das ſchwebt mir jetzt nur noch ſehr unbeſtimmt vor. 3 — Aber, Madame, dann ſagen Sie wir — 33— Alles geſagt haben, was ich ſagen konnte; jetzt könnten Sie mich tödten, ohne ein Wort aus mir herauszubringen.— Gleichwohl, Madame.. — Hhl laſſen Sie mich, ſagte die Wahrſagerin, indem ſie ſich mit nervöſer Heftigkeit erhob, laſ⸗ ſen Sie mich, es iſt ſpät, ich habe, glaub' ich, noch zwei Sitzungen zu halten; vielleicht bleibt mir nicht mehr die Kraft dazu; kommen Sie, ich führe Sie zurück.— Madame, Sie haben des 21. Februar erwähnt. Erlauben Sie mir hierüber noch ein Wort.— Nicht eins ief Madame Gros⸗ manche, indem ſie heftig auf die Erde ſtampfteß ich weiß nichts mehr, ich ſage nichts mehr! Dabei ging ſie raſch auf die Thüre zu und öffnete dieſelbe halb. Die junge Frau, welche eine Fortſetzung der Unterhaltung aufgab, fragte, indem ſie ein klei⸗ nes Beutelchen aus ihrer Taſche zog: Was bin ich Ihnen ſchuldig, Madame?— Il mein Gott! thun Sie, was Sie wollen, dort in die Büchſe, und dann gehen Sie.— Aber, Madame, ſagte die junge' Frau, nach wieder⸗ holt vergeblichem Verſuch, ihre Gabe durch die Oeffnung der Sparbüchſe hinabzuſchieben, ich kann nichts hineinbringen, ſie iſt ganz voll.— Dann behalten Sie Ihr Geld oder geben es in meinem Namen dem erſten beſten dem Die Prophezeihung. I. — Sie begegnen, antwortete die Wahrſagerin, indem ſie die Stubenthür vollends öffnete. Darauf nahm ſie ihre Clientin bei der Hand, geleitete ſie durch die beiden anſtoßenden Zimmer, in denen, wie wir geſagt haben, tiefes Dunkel herrſchte, und führte ſie bis zur Treppenthüre, welche ſie hinter ihr wieder ſchloß. III. Als Madame Grosmanche wieder in den Saal trat, in welchem ihre beiden andern Clien⸗ tinnen in der Dunkelheit auf ſie warteten, ſagte ſie: — Nr. 1 kann jetzt mit hineinkommen.— Endlich, das iſt ein Glück! antwortete die ſpötti⸗ ſche Stimme von Nr. 4, welcher die Wahrſage⸗ rin vor einer halben Stunde auf ihren Einſpruch zur Geltendmachung des Vorrangs ihrer Num⸗ mer ſo bedeutungsvpll geantwortet hatte:„Es iſt wahr, Madame, Sie halten viel au Ihren Rang.“ Nr. 1 folgte alſo der Schwarz künſtlerin und war bald darauf mit derſelben ihrem Zimmer eingeſchloſſen.— Nr. 1 ſchie igſtens nach ihrer Kleidung zu urtheilen, der Klaſſe der bürgerlichen Kamcermädchen anzuge⸗ hören, denn, anſtatt wie ihre Colleginnen der ſogenannten guten Häuſer einen Hut zu tragen, war ihr Kopf mit einer einfachen kleinen Haube geſchmückt, und eine weiße Schürze umſchloß ihre zugleich feine, zarte und ſchlanke Taille. Uebri⸗ gens erſchien ihr Benehmen voll Auszeichnung, ihre ſtolzen Geſichtszüge und die gebietende, hoch⸗ müthige Art, wie ſie den Kopf trug, in vollkom⸗ menem Widerſpruch mit der Beſcheidenheit ihres Anzugs. Selbſt das Beſtreben, ihren Worten/ und ihrer Ausſprache den Ausdruck des Gewöhn⸗ lichen zu geben, mußte jedem mit einigem Scharf⸗ ſinn begabten Beobachter auffallen. Madame Grosmanche ſagte denn auch achſelzuckend: — Wozu dieſe Verkleidung, Madame?— Wie! antwortete Nr. 1leicht erröthend, was für eine Verkleidung? Waſch ſoll das bedüten, Frau Zauberin?— Gut! verlieren wir die Zeit nicht mit leeren Worten, antwortete die Wahrſa⸗ gerin kurz. Dann fügte ſie hinzu:— Was wün⸗ ſchen Sie zu wiſſen, Madame?— Blitz! ant⸗ wortete Nr. 1 keck mit ihrer früheren Dreiſtigkeit, ich will meine Zukunft wiſſen. Kommt man denn um ſonſt etwas hierher?— Ihre Hund..— Da iſt ſte, Frau Zau⸗ berin. Dabei brachte das vorgebliche Si 8 chen eine reizende Hand zum Vorſchein, Muſter⸗ hand einer vornehmen Weltdame. Bei der erſten B etrachtung der Hand ihrer neuen Clientin fuhr die Wahrſagerin zuſammen und konnte ſich der halblauten Aeußerung nicht er⸗ wehren: — Immer dieſe geheimnißvolle Beziehung. immer! Von was für einer Lunishe Bezie⸗ hung reden Sie, meine Liebe?— Cs fiel mir et⸗ was auf, ſagte Madame Grosmanche nachdenk⸗ lich.— Das iſt mir nicht übermäßig klar, Frau Zauberin, und...— Genug des Scherzes, entgegnete Madame Grosmanche im gebietenden Tone; Sie kommen hierher, weil— Ihnen die Zeit zur Laſt iſt, aus Langweile; Sie verſpotten Alles, Sie glauben an nichts. Das iſt gut für den gro⸗ ßen Haufen, an etwas zu glauben! Gehen Sie! ich bedauere S Sie, bis daß Sie mir vielleicht ein noch ſchmerzl ſcheres Gefühl einflößen werden.— Madame! rief Nr. 1 mit unſäglichem Hochmuth und Stolz aus, die Unterthänigkeit ihrer Rolle vergeſſend, wiſſen Sie, wem Sie dies zu ſagen wagen?— Wenn ich es nicht wüßte, erwid Madame Grosmanche mit Strenge, ſo7 mir der unbez Hochmuth, welchen ich Ihrem Geſicht leſe, ſagen, wer Sie ſind. Jo i derhole e aber, Sie glauben an nichts —— Ihr uliget Beweggri und, Ihr einziger Zügel iſt ein Gefühl, welches ſeine erhabene und edle Seite entwickeln könnte, welches aber ſo, wie Sie es anwenden, ſchädlich und unfruchtbar wird. In⸗ deß muß man zugeſtehen, daß Sie Dank demſel⸗ ben bisher noch vor den ſchi i Schwach⸗ heiten behütet worden, denen Sie Ih eihun jeder ſittlichen und das Feuer Ih⸗ res Geblüts blosſtellen.— Obwohl ich nicht ein Wort von dem begreife, was Sie mir da vorerzähl en, Frau Zauberin, entgegnete Nr. 1 nach einigen Augenblicken des Schweigens, indem ſie ihr tiefes Staunen und ihren zornigen Unwil⸗ len verbarg, ſo will ich Sie Wundershalber doch um Aufſchluß darum erſuchen, ob ich auch für die Zukunft vor jeder ſchimpflie chen Schwäche behütet ſein werde, da einmal von Behütung die Rede iſt. Die Schwarzkünſtlerin ſchwieg einen Augen⸗ lick und antwortete: Ich kann Ihnen nichts offenbaren, ohne Ihre Hand mit derjenigen der Perſon im anſto⸗ ßenden Zimmer zu r vergleichen.— Wie! aber in welcher Beziehung ſtehe ich denn zu jener Fraus fragte Nr. 1 ſtolz. Kenne ich ſie denn? Und übrigens wird iht ebenſ ſowenig wie mir darum zu thun ſein, ſich zu zeigen.— Sie ſollen einander —— nicht ſechen.— Wahrſcheinlich vermöge eines Zauber⸗ oder Taſchenſpielerkunſtſtückchens, Frau ZJauberin, ſagte Nr. 1, welche ſich nicht leicht verblüffen kieß.— Madame Grosmanche ſtand auf und nahm eine Schärpe von blauer Gaze und eine ſchwarzſeidene Mantille von ihrem Bett. Verhüllen Sie Ihr Geſicht mit dieſer Mantille, ſagte ſie zu Nr. 1. Die Perſon hier nebenan kann ihre Geſichtszüge mit dieſem Shawl ver⸗ decken, da ich dieſelben nicht zu ſehen brauche, ſondern nur die Hand mit der Ihrigen vergleichen will. Gehen Sie auf meinen Vorſchlag ein; wo nicht, iſt die Sitzung zu Ende.— Bei Lecbe nicht! das wäre zu ſchade, Frau Zauberin! ſagte Nr. 1, indem ſie ſich Mühe gab, laut zu lachen. Die Sache wird zu intereſſant, um die ſchöne Gele⸗ genheit einer Beluſtigung von der Hand zu wei⸗ ſen. Ich will es ganz durchführen. Die Wahrſagerin ſtand auf, nahm die Schärpe, ging damit ins anſtoßende Zimmer, blieb einige Minuten aus und kam bald mit Nr. 3 zurück. Die Geſichtszüge dieſer jungen, in tiefe Trauer gekleideten Perſon verſchwanden gänzlich unter der Schärpe von blauer Gaze, welche eine Art langen Schleier bildete. Nr. 1 ihrerſeits hatte Geſicht und Schulterh nach Art der Spanierianen von Cadir in die ſcwarzſeidene Mantille gehüllt, indem ſie nir eine ſchmale, längliche Oeffnung in der Augenhöhe gelaſſen hatte. Das kabbaliſtiſche Verfahren unter den drei Perſonen nahm nun alſo ſeinen Anfang, indem die Wahrſagerin ſtets ernſt und nachdenklich blieb, Nr. 1 fortwährend ſpöttiſche Unbefangenheit affec⸗ tirte, Nr. 3 aber zitternd und ſchweigſam da⸗ ſtand. Als Madame Grosmanche einige Minuten lang die verſceierten Züge von Nr. 3 nachdenk⸗ lich betrachtet hatte, näherte ſie ſich derſelben und ſagte halblaut mit einer Stimme, welche tiefes Mitgefühl verrieth: Ach, warum vermag meine Kunſt nicht ein ſo innig betrauertes Weſen aus dem Grabe zu erwecken!— Großer Gott, Madame! entgegnete Nr. 3 mit bewegter Stimme. Sie kennen alſo meinen Kummer? Sie wiſſen, welche thörichte Hoffnung mich, ich geſtehe Ihnen, faſt wider Willen zu Ihnen führt? In meinem gegenwärtigen Seelen⸗ zuſtand aber nimmt man oft zum Aeußerſten ſeine Zuflucht und ſucht eine letzte Hoffnung, zuweilen mit Mitteln, welcht die Vernunft nicht gut heißt. Verzeihen Sie mir, Madame, daß ich ſo zu Ihnen rede Ichverſtehe Sie vollkommen, antwor⸗ lete die Wahrſagerin leiſe. Bei den frommen, ſtrengen Grundſätzen Ihrer Erziehung muß Ihnen dieſer Schritt peinlich ſein, erſcheint Ihnen, wie es nicht anders ſein kann, verwerflich; und den— noch haben Sie Sich dazu verſtanden aus einem Gefühl, welchem ich volle Anerkennung zolle. Bitte, geben S Sie mir Ihre Hand. Dann ſich an Nr. 1 wendend: — Auch die Ihrige, Madame. Die beiden Frauen überließen der Wahrſagerin ihre Hände, welche dieſelben lange aufmerkſam prüfte; dann ſchien ſie nach und nach wie in der vorigen Sitzung von einer fremden Gewalt ergrif⸗ fen. Ihr Athmen wurde laut und eilig; ihr Bu⸗ ſen ſchien heftig bewegt; von Zeit zu Zeit unter⸗ drückte ſie einen krampfhaften S Seufzer; endlich, nachdem ihre newöſe Aufregung immer ſichtba⸗ rer geworden, ließ ſie die Hände der beiden Frauen fallen, und indem ſie faſt mit Entſetzen von ihnen zurückwich, rief ſie: — Nein! nein! das wäre zuviel Unglück an einem Tage! Das wäre zuviel! 6. Und ſie ſtützte den Kopf auf beide Hände, als wenn ſie ſich ſammeln wollte. — Nun wahrhaftig, Frau Zauberin, unter⸗ brach Nr. 1 zuerſt das Schweigen wieder, bei alle dem giebt es nichts zum Lachen! Ich wa um Kurzweil hergekommen, das iſt wahr; S die Alles wiſſen, haben es errathen; beim beſten Willen aber kann ich nicht das geringſte eut 3 * 5 geude in Ihren bisher vorgebrachten Ausrufun⸗ gen und Beſchwörungen entdecken, die überhaupt wenig Magiſches verrathen. Da Sie aber die geheimen Wünſche Ihrer Kunden ſo wohl erra⸗ then, ſollten Sie dieſe doch auch nach Wunſch bedienen. Und was mich betrifft, ſo erkläre ich... Die Wahrſagerin ergriff mit krampfhaft zit⸗ ternder Hand die auf dem Tiſche liegenden Karten, und Nr. 1 unterbrechend, ſagte ſie ihr: — Ziehen Sie dreizehn Karten auf's Gera⸗ dewohl.— Das laſſ' ich mir gefallen, Frau Zauberin! die Sache bekommt doch Farbe. Dr zehn! weiſſagende und untrügliche Zahl, ſagte die angebliche Kammerjungfer, indem ſie das Affectiren gewöhnlicher Sprache völlig aufgab. Sie zog alſo dreizehn Karten auf's Gerade⸗ wohl. — Und Sie, Madame, ſagte die Wahrſagerin zu Nr. 3, ziehen Sie gleichfalls dreizehn Kar⸗ ten. Und nun, fügte ſie hinzu, indem ſie ſich an beide Frauen wandte, wählen Sie eine jede aus dieſer Schachtel neun goldene, ſilberne oder eiſerne Medaillen, aber alle von demſelhen Metall; fol⸗ gen Sie bei dieſer Wahl nur Ihrer augenblicklichen Eingebung.— Meiner Treu! ſagte Nr. 4 lachend, ich wähle ohne Bedenken und friſchweg Gold. Es wird ſo allgemein als Sinnbild des Glücks anerkannt, daß es bei der Zauberei nur von glück⸗ licher Vorbedeutung ſein kann. Was hab' ich nun mit dieſen neun kleinen Goldſtücken zu be⸗ ginnen, Frau Zauberin?— Legen Sie dieſelben in Dreiecksform auf den Tiſch neben die von gewählten Karten.— Sehr wohl! ſagte Nr. 1, dieſem Geheiß willfahrend; nur möchte ich S in Ihrem eigenen Intereſſe darauf auf⸗ merkſam machen, Frau Zauberin, daß es mir paßlich erſchiene, wenn Sie Ihre ſchwarzkünſtle⸗ riſchen Verrichtungen mit einigen kabbaliſtiſchen, furchtbaren Worten begleiteten, wie Abracada⸗ bra und anderen geheiligten Poſſen! Die Wahrſagerin, in die Beta der von Nr. 1 in Dreiecksform auf den Tiſch gelegten Medaillen vertieft, entgegnete nichts. Nr. 3 ſchien die Sache ernſtlicher zu nehmen. Mehrmals berührte ihre zitternde Hand die Me⸗ daillen leiſe, ſie blieb lange unſchlüſſig, in⸗ dem ſie ſich vielleicht ſagte, daß jedes dieſer klei⸗ nen Metallſtücke, ſo zu ſagen, ein Buchſtabe der Antwort wuͤrde, die ſie auf ihre Frage erhielte. Als Nr. 1 ihre Unſchlüſſigkeit bemerkte, ſprach ſie munter: — Folgen Sie meihem Rath, meine liebe Mitſchul dige in der Zauberkunſt, ahmen Sie mir nach und wählen Sie Gold, das iſt ſo hochroth und funkelnd wie ein ſchöner, glücklicher Schick⸗ alsſtern. 3 — 13— Nr. 3 ſchüttelte ſchwermüthig das Haupt und nahm nach neuer Bedenklichkeit neun eiſerne Me⸗ daillen, als wenn ſie gehofft hätte, durch ihre be⸗ ſcheidene Wahl das Geſchick ſich freundlich zu ſtimmen. Nun legte Madame Grosmanche wiederholt die neun Medaillen und die dreizehn dazugehöri⸗ gen Karten einer jeden ihrer Clientinnen aufbeſonde⸗ re Weiſe, darauf vertiefte ſie ſich wieder in geheim⸗ nißvolle Berechnungen, denen Nr. 1 eine ſpötti⸗ ſche Aufmerkſamkeit ſchenkte, während Nr. 3 er⸗ ſchüttert, andächtig, mit gefaltenen Händen zu⸗ ſchauend, die Entſcheidung des Geſchicks augen⸗ ſcheinlich mit großer Spannung erwartete. — Nun, Frau Zauberin, Sie gebrauchen viel Zeit, um alle die wunderbaren Glückſeligkei⸗ ten herauszuklügeln, welche Sie uns auskramen wetden. Nun, nun, ſo genau brauchen Sie es nicht zu nehmen! Meſſen Sie uns nur gut und reichlich zu! Prophezeihen Sie uns Reichthum, Liebe und Jugend ohne Aufhören! Es koſtet Ih⸗ nen ja ebenſowenig als uns.— Nein! nein! ſagte die Wahrſagerin mit tiefer Niedergeſchlagen⸗ heit, nein! ich irrte mich nicht! Und mit leiſer, abgebrochener Stimmẽ ſprach ſie weiter: — äch! es iſt entſeßlich! fürchterlich! Was für ein furchtbares Verhängniß ſucht dieſe drei 3— 44— Geſchicke heim? Warum wieder der 21. Febru⸗ ar? Welchen Grund hat dies? welchen Grund? Ich weiß nicht... jenſeits verhüllt meine Blicke ein Schleier; es iſt dunkel.— Alle Wetter! dieſe Dunkelheit hat wenig Beruhigendes für uns, be⸗ gann Nr. 1 von Neuem; bedenken Sie doch ge⸗ fälligſt, Frau Zauberin, daß wir gerade herge⸗ kommen ſind, um uns von Ihrem Lichte erleuch⸗ ten zu laſſen.— Hören Sie, hören Sie! rief die Wahrſagerin aus, benutzen Sie das letzte Licht, welches mich erlenchtet; Sie wollen die Zukunft wiſſen? Ihrer unheilvollen Neugierde geſchehe Genüge. Oh! die Stunde rückſichtsvoller Scho⸗ nung iſt vorüber; die Wahrheit erdrückt, quält, tödtet mich. Ich muß, ich muß ſie ausſprechen! — Prächtig! ſeit einer Stunde begehren wir nichts Anderes, antwortete Nr. 1 ironiſch. Es iſt wahr⸗ lich Zeit, daß Sie uns befriedigen, Frau Zau⸗ berin. Madame Grosmanche rief aber, indem ſie plötzlich mit beiden Händen nach dem Herzen fuhr: — Oh! was ich leide! Die Kriſis wird aber⸗ mals eintreten; da iſt ſie! Ich muß ſprechen, che Dunkelheit meinen Geiſt verhüllt. Hören Sie mich! Der jungen Frau, die ſoeben hier war, und Ihnen Beiden iſt ein entſetzliches Geſchick vor⸗ Die junge Perſon in Trauer erſchrack heftig und ſchien der Ohnmacht nahe. Sie ſtützte ſich mit der einen Hand auf die Lehne des Stuhles, bei welchem ſie ſtand, während die unbändige Nr. 1 antwortete: — Aber, Frau Zauberin, ſagen Sie uns zum wenigſten, wer unſere Zukunftsgefährtin bei dem furchtbaren Geſchick iſt. Man weiß gern, mit wem man bei ſolchen Gelegenheiten zuſam⸗ men iſt.— Wenig liegt mir an dem Geſchick, welches, wie Sie ſagen, Madame, mir vorbe⸗ halten iſt, ſprach das junge Mädchen in Trauer⸗ kleidern mit kaum hörbarer Stimme; aber mein Vater, mein Vater! muß ich die letzte Hoffnung aufgeben?— Unterbrechen Sie mich nicht, rief die Wahrſagerin aus, ich ſage Ihnen, ich ſage Ihnen, Alles verdunkelt ſich ſchon um mich her... kaum hab' ich die Kraft zu vollenden„ Dann, in eine Art prophetiſche Verzückung gerathend und von Begeiſterung ergriffen wie die antike Sybille auf ihrem Dreifuß, erhob ſich die Wahrſagetin, ſchien von der Gegenwart der bei⸗ den Frauen nichts mehr zu wiſſen und rief aus: — Ja! ja! die Geſchicke dieſer drei Unglücklichen werden durch die Gemeinſchaft entſetzlicher Un⸗ glücksfälle mit einander verknüpft. Der 81. Februar iſt ein verhängnißvoller Tag! Die erſte dieſer drei Frauen wird an dem⸗ ſelben das Schuffot beſteigen! Ihr lieb⸗ liches Haupt wird in den Korb des Henkers rol⸗ len!— Wie, die Erſte? rief Nr. 1 mit mehr Un⸗ willen als Beſorgniß aus. Gehen Sie doch, meine Liebe, dieſe Späße ſind ebenſo einfältig, als gräßlich! Schweigen Sie, und zwar den Au⸗ genblick!— Dieſe hier, fuhr die Schwarzkünſt⸗ lerin, ohne zu antworten, fort, denn ihr Geiſt war anderwärts, dieſe hier wird an einer jener ab⸗ ſcheulichen Todesarten ſterben, welche die Räume der Morgue') bevölkern. Sie wird unter furcht⸗ baren Schmerzen den Geiſt aufgeben das Gift! Oh! der 21. Februar! Unheilvoller, ent⸗ ſetzlicher Tag!— Gott, mein Gott! was ſagt ſie? flüſterte das junge Mädchen in Trauerkleidern. Iſt dies ein Traum, ein furchtbarer Traum? Ach! warum bin ich hergekommen? Oh! Mutter, liebe Mutter, du haſt es gewollt!— Aengſtigen Sie Sich doch nicht, ſagte Nr. 1 zu ihrer Gefährtin. Glauben Sie nicht, daß ſie verrückt iſt und die Leute zum Beſten hat?— Endlich, begann die Wahrſagerin nach Athem ringend und erſchöpft von Neuem, die Dritte. oh! die Dritte, dies iſt noch furchtbarer. Der Tod iſt ein Augenblick; aber die Schande, den Kelch der Schmach bis ebſtmörder ausgeſtellt werden. A. d. U. 4 *) Die Morgue iſt der Ort, wo die Leichnane der — auf die Hefen austrinken; aber ſtets gechrt und angebetet geweſen zu ſein, und von dem Kerker der verworfenen Frauen aufgenommen zu werden! auf Lebensdauer zu den Arbeiten der ſchweren Verbrecher verurtheilt zu werden! Oh! der 21. Februar! Entſetzlicher, entſetzlicher Tag!— Wer⸗ den Sie ſchweigen, Sie elende Wahnſinnige! rief die vorgebliche Kammerfrau aus, indem ſie die Schwarzkünſtlerin zornig bei dem Arm ergriff. Werden Sie endlich ſchweigen? Ich ſage Ihnen, daß es genug des abſcheulichen Spaßes iſt. Ich würde Sie auslachen, wenn ich allein hier wäre; Sie erſchrecken aber dies arme Weſen, welches ſich kaum noch aufrecht erhalten kann, ſagte Nr.1 auf die andere Clientin blickend, welche in der That, mit der Hand ſich an die Stuhllehne klam⸗ mernd, der Ohnmacht nahe ſchien. Nochmals, genug dieſer einfältigen Prophezeihungen, die auf ſchwache Gemüther Eindruck machen können, bei denen aber ein ſtarker Charakter mitleidig die Ach⸗ ſeln zuckt, wie bei Ihrem Karten- und Medaillen⸗ ſpuk. Plötzlich ſtieß die Wahrſagerin, welche ſeit einigen Augenblicken von einem krampfhaften Zittern ergriffen war, einen lauten Schrei aus und fiel wie vom Blitz getroffen auf den ſteiner⸗ nen Fußboden, indem ſie in ihrem Fall die ein⸗ zige Lampe umriß, welche das Zimmer matt er⸗ — ¹8 leuchtete, ſo daß plötzlich die tiefſte eintrat. Das junge Mädchen in Träuer, ſchon der Ohnmacht näh, verlor vollſtändig das Bewußt⸗ ſein, und die vorgebliche Kammerfrau, deren ent⸗ ſchl eſen Kalibl ütigkeit ſich nicht einen Augen⸗ blick verleugnete, hatte Kraft genug, die Ungl ück⸗ liche umhe iei zum Bett der Wal rſagerin zu führen, welche letztere ſie unbarmherzig auf dem Boden liegen ließ; darauf verließ Nr. 1 die kab⸗ baliſtiſche Wohnung, ging aſ die Treppe hin⸗ ab, benachrichtigte die Hausfrau, daß die Zau⸗ berin und eine ihrer Kunden ſei, und ver⸗ Dunkelheit Ungefähr anderthalb Jahr waren ſeit den ver⸗ ſchiedenen ſoeben erzählten Auftritten bei der Wahr⸗ ſagerin verfloſſen. Wir bedienen uns der Zauberkraft der Krücke des hinkenden Teufels, um den Leſer zum Zeugen dreier faſt gleichzeitiger Handlungen zu machen. Ddie erſte fand in einer kleinen Wohn in dritten Stock mit der Ausſicht auf den Quai der Inſel Saint Louis, im Marais ſtatt, einem Stadtviertel, t deſſen Stille ſprichwörtlich geworden iſt. Alles in dieſer beſcheidenen Wohnung verrieth die Gewohnheiten eines ruhigen, glücklichen, einge; en Lebens. Eine ältliche Frau mit etwas kränklichem Aus⸗ ſehen, aber ſi freundlichen Geſichtszügen, ſaß in einem weiten Lehnſtuhl und war mit einer Teppicharbeit beſchäftigt. Das im Kamin kni⸗ ſternde Feuer ſagte einen wachſenden Froſt an, denn man war im Monat Februar. Auf der anderen Seite des Kamins des wohnlich eingerichteten 3 Zimmers arbritete ein blon⸗ ves, junges Mädchen von neunzehn Jahren an einer Stickerei; ſie war mit ebenſoviel Einfachheit als Geſchmack gekleidet, und ihre reizenden Züge erinnerten an die reine Anmuth eines Madonnen⸗ geſichtes. Ein ofßenes Piano, auf welchem eine Parti⸗ tur aufgeſchlagen war, die eine Seite des Zimmers. Die Wände verſchwanden fäſt gänz⸗ lich unter einer großen Anzahl ſehr ſchöner Paſtell⸗ von ziemlich neuer Ausführung, wie die Friſche ihrer Farben verrieth. Dein Piano e genüber enthielt eine Bibliothek außer unſeren Klaſſiſchen Scheiſſteltrn die engliſchen uid itätie⸗ niſchen Klaſſiker in der Urſprache. Dit Bibliothek Die Prophezeihung. I. 4 — war mit Guirlanden von künſtlichem Eichenlaub, mit ſilbernen Aeſichen verziert, umhangen. Ueber dem Piano endlich bemerkte man das Portrait eines Mannes im reifen Alter, mit edlen, kriege⸗ riſchen Zügen; er trug die Uniform eines Artille⸗ rie⸗Obriſten. Als die Wanduhr des Zimmers drei geſchlagen hatte, unterbrach das junge Mädchen ſeine Arbeit, nahm von einer Etagsre ein Fläſchchen und einen ſilbernen Löffel und ſagte damit zu der älteren Frau tretend und den Löffel mit der Flüſſigkeit anfüllend: — Theure Mutter, es iſt drei Uhr.— Oh, Du Böſch ſchenkſt mir auch keine Minute, ant⸗ wortete Madame Duval(dies war ihr Name) lächelnd. Da biſt Du ſchon wieder mit Deinem abſcheulichen Chinawein!...— Nun, Mütter⸗ chen, ſei artig, ſagte das junge Mädchen im Tone zärtlichen Vorwurfs, indem ſie den Löffel den Lippen der Mutter näherte; Du weißt, daß, ſeit⸗ dem Du dieſen Safteinnimmſt, Dein Appetit wie⸗ dergekommen iſt. Hier, nimm..— Es iſt ſo bitter!— Siehe„der Löffel iſt nicht einmal voll auf, Muth, lieb Mütterchen!— Brrrrr! ſchmeckt das ſchlecht! rief Madame Du⸗ val die Augen ſchließend aus, nachdem ſie einge⸗ nommen hatte. Komm Clementine, küſſe mich, damit ich die abſcheuliche Bitterkeit vergeſſe! — Das junge Mädchen kniete anmuthig auf das Tabouret nieder, aufwelchem die Füße ſeiner Mut⸗ ter ruhten, und bot derſelben ſeine Stirn dar. Madame Duval ſtrich ihr mit beiden Händen die langen, blonden Locken aus dem lieblichen Geſicht, kußte ſie wiederholt auf die Stirn und ſagte heiter: — Nichts giebt einen ſo ſüßen Nachgeſchmack als ein Kuß auf dies friſche, liebliche Geſicht.— Sag das nicht, liebe Mutter, entgegnete Clemen⸗ tine lachend, ſonſt verdoppele ich Deine Doſis, um Küſſe zu gewinnen. Aber, Scherz bei Seite, geſtehe, daß Du, ſeitdem Du dieſen Wein ein⸗ nimmſt, Dich viel wohler und ſtärker fühlſt?— Ei, jawohl!... ich eſſe wie ein Wehrwolf!... — Schöner Wehrwolf! zwei hungrige Sperlinge würden Dich beſchämen.— Nun, nach meiner Art eſſe ich viel; gewiß, mein Befinden wird von Tage zu Tage beſſer, und zwar Dank Deiner un⸗ ermüdlichen Sorgfalt, liebes Kind, wobei ich dem guten Doctor Bonaquet, der einen ſo wun⸗ derlichen Namen und ein ſo ſeltſames Ausſehen hat, nicht zu nahe treten will.— In der That, ſagte Clementine, ohne das Lachen unterdrücken zu können, in der That ha⸗ ben die hölzernen Köpfe, die man deutſcheNuß⸗ knacker nennt, mit dem armen Docter einige Familienähnlichkeit. Welche Kennniſe aber! —— welch ein mächtiger Geiſt, welches edle, groß⸗ müthige Herz!— Nun! was das Herz anlangt, da weiß ich eben nicht, ſagte Madame Duval kopfſchüttelnd; mir iſt nie ein ſo barſcher, rauher Mann vorgekommen. Und wenn er ſcherzt, wird er immer bitter.— Es iſt wahr, Mütterchen; wen aber trifft ſtets ſein bitterer, ich räume ein, oft zu bei⸗ ßender Spott? die Erbärmlichkeiten und Schlech⸗ tigkeiten der Menſchen. Auch traue ich ihm trotz ſeines rauhen Aeußeren ein gutes, biederes Herz zu. Es kann ſein, daß ich etwas parteiiſch ur⸗ theile, er hat aber ſo zarte, emſige Sorgfalt bei Deiner ſchweren Krankheit bewieſen! und er hat Dich doch nur gerettet.— Der liebe, gute Mann! das iſt wahr. Auch bin ich weit davon entfernt, undankbar zu ſein. Nur behaupte ich, daß, wenn er Dich nicht zum Gehülfsarzt gehabt hätte, Deine unerhörte Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, um ſeine Anordnungen in Ausführung zu brin⸗ gen, ſeine Cur weder von ſo raſchem noch von ſo gewiſſem Erfolge gekrönt ſein würde.— Siehe, liebe Mutter, ſagte Clementine lächelnd, Du wirſt in der Heilkunde immer ungläubig bleiben.— Ich ſtütze meinen Glauben ebenſo gern auf Deine Liebe. Ja, trotz Deines kleinen Schmollgeſichts möchte ich wohl fragen, wo ich jetzt wäre, wenn Du Deine Penſion nicht verlaſſen hätteſt, um mich zupflegen.— Wirſt Du mirnicht auch daraus wieder — 53— ein Verdienſt machen? Bedenke doch, liebe Mutter, wie hätte ich Dich, als Du vor anderthalb Jahren nach Paris kamſt, um Dich der Behandlung ge— ſchickter Aerzte anzuvertrauen, allein und ſremder P flege iber laſſen können?— Du haſt Recht, mein Kind, Du haſt Recht; und doch thut es mir leid, daß D Tu Dein(useuriauirhreſn nicht vollendet thaſt; Du hätteſt wieder alle erſten Preiſe erhalten: in der Muſik, im Zeichnen, in den fremden Sprachen, was weiß ich alles! Wie ſtolz und glückl ich war ich, wenn es hieß:„Ma⸗ demviſelle Duval den erſten Preis!“ Es war gerade ſo, als wenn ich ehemals(wohlverſtan⸗ den, nachdem meine erſten Beſorgniſſe vorüber waren) den Namen Deines Vaters im Tagsbe⸗ fehl der afrikaniſchen Armee erwähnt fand.— Ach, ſagte Clementine, indem ſie ſeufzend nach dem Bilde des Obriſten umſchaute, ſeine Uner⸗ ſchrockenheit hat ihm das Leben gekoſtet! er iſt den Heldentod geſtorben!... Ach! liebe Mut⸗ ter, wie theuer müſſen doch die Familien den Ruhm erkaufen! Madame Duval richtete auch ihre Blicke nach dem Bilde ihres Mannes und ſprach mit ſtiller, ergebener Trauer: Armer Julius! ja, das ſind ſeine edlen, biederen Züge! Kühn wie ein Löwe und doch gegen uns, die er vergötterte, ſo gut und 54⁴ mild!— Der gute Vater, er verzog mich ſo ſehr! ſagte Clementine halb lächelnd. Erinnerſt Du Dich noch, als er mit Dir aus ſeiner Garniſon nach Paris kam, um mich zu ſehn, und ich in der Penſion Hausarreſt hatte, was das für ein Leidweſen für ihn war? als er ſich genöthigt ſah, allein wieder fortzugehen, anſtatt mich mitneh⸗ men zu können!— Ob ich daran denke! Als ich ihn allein zurückkommen ſah, wußte ich wohl, was geſchehen würde. Nach fünf Minuten tropf⸗ ten helle Thränen auf ſeinen Schnurrbart herab und er rief:„Nein! dieſe Vorſteherin hat kein Herz im Leibe! Sie weiß, daß wir uns nur vier Wo⸗ chen in Paris aufhalten, und hat die Grauſam⸗ keit, mir mein Kind zu verweigern! Und weshalb? Weil die engliſche oder italieniſche Arbeit nicht gut war! Als ob man nicht einmal zufällig eine ſchlechte Arbeit liefern könnte! So ſtreng gegen unſere Clementine zu ſein! die ein Engel im Betragen iſt und faſt alle Preiſe ihrer Penſion hat! Uebrigens bin ich ein Narr, fuhr er fort; die Vorſteherin foppt die Leute! Mein Kind wird hoffentlich mir gehören! Ich will, daß ſie her⸗ auskommt!... und ſie wird herauskommen! Damit lief er in die Penſion zurück.— Ja, nahm Clementine das Wort, der arme Vater kam zu rück und forderte mit Entſchiedenheit meine Los⸗ laſſung.„Herr Obriſt, es ſteht Ihnen frei, Cle — 535 mentine trotz der Strafe, welche ſie zu büßen hat, mit ſich zu nehmen, entgegnete unſere ſtrenge Leh⸗ rerin; unſere Geſetze ſind aber der Art, daß, wenn Sie mich zur Verletzung derſelben nöthigen, ich zu meinem großen Leidweſen Ihr Fräulein Tochter, welcher ich ſehr zugethan bin, nicht länger in der Anſtalt behalten kann.“ Da, liebe Mutter, hätteſt du ſehn und hören müſſen, wie der liebe, gute Vater weder Bitten noch Flehen, Schmeicheln und Liebkoſen ſparte, ja ſelbſt Scherz trieb, um meine Begnadigung zu erhalten. Ich höre ihn noch, wie er zu unſerer uiutten, un⸗ beugſamen Lehrerin ſagte:„Madame, wir ſind Snini Amtsgenoſſen, denn Sie regieren Ihre Penſion i ſtreng wie ich mein Regi⸗ ment, und Sie thun Recht daran. Doch ſchwöre ich Ihnen, wenn ich einem Offizier Stubenarreſt gegeben oper einen Kanonier auf die Wache ge⸗ ſchickt habe, bin ich nicht immer unerbittlich. Au alle dieſe ititgüche⸗ Vorſtellungen des armen Vaters antwortete unſere Lehrerin aber ſtets:„Unmöglich, Herr Obriſt. Nächſten Sonntag kann Clementine ausgehn, ſobald ſie nicht beſtraft iſt.“ Endlich, des Kainpfes müde, blieb der liebe Vater in der Freiſtunde bei mir und flüſterte mir leiſe zu:„Ich werde Dich ge⸗ wiß immer ermahnen, Deine chrerin hochzuachten, dem ſie hat Dich vortrefflich ausgebildet, abet — das ſteht feſt, kein Obriſt in der ganzen Armee erhält das Ausgeheverbot ſo ſtreng aufrecht wie dieſes verteufelte Weib.“ Dieſe halb trüben, halb heiteren Erinnerun⸗ gen rührten und bewegten Madame Duval und ihre Tochter; ihre Trauer hatte aber nichts Bitte⸗ res. Gewohnt, täglich von ihm zu reden, den ſie vor bald zwei Jahren verloren hatten, fanden ſie in dieſen Geſprächen ein wehmüthiges Vergnü⸗ gen. Nach längerem Schweigen, während dem Madame Duval nachdenklich dageſeſſen hatte, ſagte ſie halblaut und wie im Selbſtgeſpräch: — Nein. nein. ich bin thöricht!— Was ſagteſt Du, Mütterchen?— Richts.. du würdeſt mich ausſchmälen. — Nicht doch, Liebe, ſprich Dich aus.— Nun wohl, ſo unſinnig die Hoffnung iſt, die Du kennſt, kann ich mich doch noch nicht entſchließen, ſie aufzugeben.— Ach! Mütterchen, wie gern hegte ich mit Dir dieſe thörichte Hoffnung wenn ich ſie bekämpfe, ſo geſchieht es nur aus Beſorg⸗ niß, eine Täuſchung bei Dir zu unterhalten, deren Verluſt Dir ein neuer Schmerz wäre.— Duhaſt Recht, mein Kind, ich bin nichtverſtän⸗ dig. Dennochkannich mich des Gedankens nichtent⸗ wehren, daß, wenn auch alle Wahrſcheinlichkeit, Umſtände und Thatſachen zu beweiſen ſchei⸗ — 35 nen, daß Dein armer Vater in einem blutigen Kampf den Heldentod gefunden hat, wenigſtens keine materiellen Beweiſe ſeines Todes vorhan⸗ den ſind.— Ach! Mütterchen, giebt es denn eine andere Möglichkeit? In jenes Blockhaus mit den fünfzig Soldaten, die ihm blieben, ein⸗ geſchloſſen; von Tauſenden von Arabern umla⸗ gert; ohne Lebensmittel und Munition, zog es der Vater, in Uebereinſtimmung mit ſeinen tapfe⸗ ren Soldaten, vor, ſich in die Luft zu ſprengen als ſich zu ergeben und einen entſetzlichen Tod zu er⸗ dulden. Die beiden einzigen Franzoſen, die bei dieſem furchtbaren Ereigniß den Arabern durch ein Wunder entronnen ſind, haben ſelbſt ausge⸗ ſagt, daß ſie den Obriſt Duval Feuer an die Mine legen geſehn, welche das Blockhaus in einen Schutthaufen verwandelte. Zwei Jahre ſind ſeit dieſem Unglücksfall verfloſſen: wir hof⸗ fen, daß Vater... Das junge Mädchen vollendete nicht und be⸗ deckte ſeine Augen mit dem Taſchentuch, um ſeine Thränen zu verbergen. — Theures, theures Kind! ſagte Madame Duval weinend auſſtehend, um ihre Tochter zu umarmen, verzeih mir! Ich bin unvernünftig; ich weiß wohl, daß man ein ganzes Jahr hin⸗ durch in Afrika alle möglichen Nachforſchungen gethan hat, bis in die entfernteſten Tribus; denn Dein Vater gehörte zu jenen ausgezeichneten Offi⸗ zieren, die Allen ebenſoviel Liebe als Hingebung einflößen. Sein Tod war für die Armee ein ſo großer Verluſt, daß man trotz der nahen Gewiß⸗ heit ſo lange als möglich daran zweifelte. End⸗ lich blieb aber Niemandem mehr, mich vielleicht ausgenommen, der Schatten eines Zweifels da⸗ rüber. Mein Gott, mein armes Kind, ich ge⸗ ſtehe, ich thue Unrecht, groß Unrecht, daß ich eine ſo unſinnige Hoffnung nähre. Ich erneu⸗ ere dadurch fortwährend unſeren Schmerz. Denn wenn ich mich entſchließe, dies große Unglück als etwas Unabänderliches anzuerkennen, dann ſind unſere Geſpräche, unſere Erinnerungen an Dei⸗ nen armen Vater ohne Bitterkeit; wir reden von ihm, wie von einem lieben, abweſenden Freund, welchen wir eines Tages beide im Himmel wie⸗ derfilden werden; aber Du weißt es ja, mein Kind, und verzeih mir, daß ich Dich abermals betrübe; Du weißt es, eine einzige bange Sorge wirft oft einen dunkeln Schatten auf dies Leben, welches mir Deine Zärtlichkeit, Dein engelhaftes Gemüth ſo gluͤctſelig machen.— Ach, Mütter⸗ chen, wieder dieſe trüben Gedanken, ſagte mentine mit Thränen in den Augen. Heißt das nicht Dich abſichtlich quälen?— Nein, nein, li bes Kind, ich will nichts übertreiben, aber ve hehlen darf ich's mir nicht, meine Geſundheit — — nicht mehr ſehr feſt; Deines Vaters Tod war ein harter Schlag; Dank Deiner vortrefflichen, treuen Pflege befinde ich mich bedeutend beſſer; wenn ich aber, ſiehſt Du, Dich verlaſſen müßte, bevor ich Dich gut verheirathet, gut verſorgt geſehn; das wäre mir entſetzlich! Darum unterhalte ich oft noch die thörichte Hoffnung, Deinen Vater einmal wiederzuſehn. Du hätteſt dann doch an meiner Statt einen Beſchützer, Jemand, der Deine Zu⸗ kunft ſicherte, theueres, armes, inniggeliebtes Kind! ſchloß Madame Duval, ihre Tochter mit Thränen und Küſſen bedeckend. Nach einer langen, zärtlichen Umarmung ſprach das junge Mädchen zu ſeiner Mutter, in⸗ dem es ſich zu lächeln bemühte, um dieſelbe wie⸗ der zu erheitern: — Diesmal könnte ich Dich in allem Ernſt ausſchmälen, liebe Mutter, und Dir Vorwürfe machen, daß Du Dich, ich möchte faſt ſagen, muthwillig abängſtigſt; denn noch vorgeſtern, als ich Doctor Bonaquet die wachſende Seltenheit ſeiner Beſuche vorwarf, antwortete er mir in ſei⸗ ner barſchen Weiſe, wir hätten uns ſehr glücklich zu ſchätzen, daß er überhaupt noch käme, denn er betrachte ſeine Viſiten als wahre Lurusbeſuche, da Deine Geſundheit vollkommen wiederhergeſtellt ſti und es ſich bei Dir jetzt nur noch um die Be⸗ obachtung einiger Diät und regelmäßige Bewegung handle. Auch magſt Du Dich, lieb Mütterchen, wie ich beiläufig bemerken will, zu unſerem ge⸗ wöhnlichen Spatziergang im Jardin des Plan⸗ tes zurecht machen. Endlich verſicherte Herr Bo⸗ naquet noch, daß Du Ende Frühjahr munter wie in Deinem funfzehnten Jahre ſein wirſt.— Und ich muß geſtehn, mein Kind, daß ich mich täglich wohler fühle. Meine Kräfte kehren wieder, der Spatziergang ermüdet mich nicht, ich ſchlafe prächtig und wenn...— Wenn Du artig wä⸗ reſt, und Dir nicht ohne Grund Sorgen machteſt, ſo würdeſt Du Dich noch viel raſcher erholen.— Mein Gott! das weiß ich wohl, mein Kind, ich betrübe Dich zuweilen, und wider Willen, denn, Alleswohl bedacht, iſt unſere Lage wohl geeignet, noch von Vielen beneidet zu werden! Wir leben für einander. Dank Dir verſchwindet die Zeit auf Flügeln. Mein Obriſtenwittwengehalt und die Zinſen von einem Hunderttauſend Franken, die einmal Deine Ausſteuer geben, erlauben uns, in mehr als Gemächlichkeit zu leben. Darum, theures Kind, wenn Du nur daran denken woll⸗ teſt Dich zu verheirathen..— Liebe Mutter, antwortete Clementine lächelnd, nie werden wir uns über dieſes Kapitel verſtändigen. Ich habe Dir ja oft geſagt, das Leben und die Zukunft ei⸗ ner alten Jungfer ſchrecken mich durchaus nicht. Es iſt gerade ein ſtilles, freies, eingezo⸗ genes Leben, wie es für mich paßt. Kunſt und Lectüre werden mir ſtets mehr Unterhaltung bie⸗ ten, als ich nur immer wünſchen mag Dann endlich, und namentlich jetzt, haſt Du mein gan⸗ zes Herz, und nicht das kleinſte Fleckchen für eine andere Neigung iſt darin übrig.— So ſpricht man in Deinem Alter immer, mein liebes Kind, ſpäter aber...— Später? Nein, nein! glaube mir, liebe Mutter, ich bin überzeugt, daß es in der ganzen Welt kein glücklicheres Weſen giebt als mich(wohlverſtanden, wenn ich Dich nicht ohne Grund ſorgen ſehe). Und ſo wahr ich Dich liebe und verehre, der einzige Schwur, den ich leiſten kann, habe ich keinen Wunſch, kein Gebet, keinen Vorſatz, der etwas Anderes be⸗ zweckte, als unſer Leben noch inniger zuſammen⸗“ zufügen, wenn es möglich iſt.— Theures Kind, ich glaube Dir, ich glaube Dir! Es giebt kein beſ⸗ ſeres und kein aufrichtigeres Herz als das Deine. Nun, liebe Mutter, und den guten und auf⸗ richtigen Herzen giebt Gott auch Glück. Auch verſichere ich Dich, unſere Zukunft beunruhigt mich nicht im Geringſten. Und doch mußt Du mir einräumen, fügte Clementine lächelnd hinzu, doch mußt Du mir einräumen, daß es dazu eines feſten Vertrauens auf uns beide, be⸗ dürf, denn wollte ich denen glauben, die im chickſalsbuch zu leſen behaupten— Wie? — WDu erinnerſt Dich nicht?...— Was denn, mein Kind?— Vor anderthalb Jahren, zur Zeit Deiner ſchweren Krankheit, jener Wahrſagerin, die ich auf Deinen Wunſch, armes, liebes Mütter⸗ chen, durchaus beſuchen mußte, um das Geſchick meines Vaters von ihr zu erkunden...— Höre, Clementine, ſprich mir nie davon, ich muß mich ſchämen, wenn ich daran denke. Es war einfältig von mir, und es bedurfte Deiner kindlichen Hingebung an die Launen einer leiden⸗ den, nervöſen Kranken, wie ich damals war, um Deinen gerechten Widerwillen zu überwinden und jene Närrin zu befragen. Mein Gott! wenn ich es bedenke! Dich dem Anhören ſolcher Prophe⸗ zeihungen auszuſetzen! ſie waren in der That ab⸗ geſchmackt, aber welchen verderblichen Eindruck hätten ſie auf jedes weniger beſonnene Gemüth als das Deine machen können? — Ach, Mütterchen, mache mich nicht tap⸗ ferer, als ich war, ich geſtehe Dir, im erſten Augenblick hatte ich eine entſetzliche Furcht! Viel⸗ leicht waren es weniger die unbeſtimmten und furchtbaren Prophezeihungen der armen Frau, die ich für halb verrückt halte, und die, wie Ihres⸗ gleichen, vor allen auf die Einbildungskraft der⸗ jenigen zu wirken ſucht, die treuherzig genug find, ſie um Rath zu fragen; es waren, glab ich, weniger ihre Weiſſagungen, die mich ſo ſe erſchreckten, als die Art Krämpfe, in welche ſie verfiel, nachdem ſie uns, mir undeiner anderen Neu⸗ gierigen, einem Kammermädchen, glaub' ich, dieſe ſchönen Dinge prophezeiht hatte; dieſe aber machte den Freigeiſt und lachte aus vollem Her⸗ zen. Ich hätte es ihr vielleicht gleich gethan, wäre ich damals Deiner Geſundheit wegen nicht in ſo lebhafter Beſorgniß geweſen, und wenn mich, bei alledem, nicht ſo ein ernſter Beweg⸗ grund zur Wahrſagerin geführt hätte, da es ſich um Aufklärung über das Geſchick des Vaters handelte. Das Geſpräch von Madame Duval und ih⸗ rer Tochter wurde durch ein Dienſtmädchen unter⸗ brochen, welches ein ziemlich umfangreiches Packet in Wachsleinewand brachte. — Was iſt das, Clariſſe? fragte die Wittwe des Obriſten. — Ich weiß nicht, Madame; ein Herr hat es ſoeben gebracht. Er fragte, ob Madame zu Hauſe wäre; ich antwortete mit Nein, weil Ma⸗ dame keine Beſuche annimmt. Darauf hat der Herr das Packet und ſeine Karte abgegeben⸗ Madame Duval nahm die Karte: Anatole Ducormier ſtand darauf. Und darunter mit Bleiſtift bemerkt: Von Seiten Fräulein Emma Levaſſeur. 4— Oh! ich weiß, ſagte Clementine lebhaft, es ſind gewiß die Neujahrsgeſchenke, welche mir die liebe Emma alljährlich ſchickt, ſeitdem ſie in England iſt.— Sicher, wird es ſein, ſagte Madame Duval, ſie hat wahrſcheinlich eine Ge⸗ legenheit benutzt, um ſie Dir zu überſenden.— Schnell, ſchnell, Clariſſe! ſagte Clementine mit kindiſcher Ungeduld, öffnen Sie ſchnell das Packet! ohne Zweifel iſt auch ein Brief von Emma darin. Nachdem das Mädchen das Packet aufgemacht hatte, fand Clementine in der That einen Brief in demſelben nebſt zwei jener prachtvollen Alma— nache, wie ſie die Londoner Buchhändler alle Jahre ausgeben. — Oh! die ſchönen Bücher! rief Madame Duval die Almanache betrachtend aus, während ihre Tochter den Brief der Freundin eilig erbrach. — Welch ein Glück! rief das junge Mädchen aus, acht große Seiten von Emma's feiner Schrift. Ich will nur die letzten Zeilen leſen, um zu wiſ⸗ ſen, ob es ihr wohlgeht. Ja, ſie ſchließt ſo: „Empfiehl mich dem Andenken Deiner theueren, vortrefflichen Mutter, wiederhole ihr die Verſi⸗ cherung meiner ehrfurchtsvollen Hochachtung. Dein von Herzen. Emma.“— Aber, Kind, warum lieſeſt Du nicht den ganzen Brief?— Wie liebe Mutter! warum? Und unſer een wir müßten ſchon ſeit einer halben Stunde/oytj — ſein. Geſchwind, Clariſſe, Muff und Mantel für Mütterchen! denn es friert ſtark. Während das Mädchen den Mantel holte, ſagte Madame Duval zu ihrer Tochter: Wenn ſich Emma nur immer noch bei Lord Wilmot wohlfühlt; die Stellung einer Er⸗ zieherin iſt ſo delicat und bei manchen Leuten oft ſo peinlich!— Oh! Mütterchen, Gott ſei Dank, begegnen Lord Wilmot und Lady Wilmot wie auch ihre Tochter der lieben Emma vortrefflich. Sie lobt ſtets ihr liebenswürdiges Benehmen, und wenn ſie nicht der Kummer drückte, fern von der Heimath zu verweilen, ſo hätte ſich Emma, nach ihren Briefen zu urtheilen, niemals Hlücklicher gefühlt. Als das Mädchen den Mantel von Madame Duval gebracht hatte, reichte ihr Clementine nach tauſend ſorgſamen Verwahrungen der Mutter ge⸗ gen die Kälte den Arm, und beide begaben ſich nach dem Jardin des Plantes, um ihren ge⸗ wöhnlichen Spaziergang zu machen. Ein Wink der Zauberkrücke des hinkenden Teufels verſetzt uns in ein ganz entgegengeſetztes Stadtviertel: in's Faubourg Saint⸗ Ger⸗ ain. Die Prophezeihung. I. den Ruf, aber den guten Ruf der reizenden P Ein Kramwaaren⸗, Handſchuh⸗, Parfümerie⸗ laden, der Scheerenſchleifer zubenannt, welcher ſeit einer Reihe von Jahren in der Rue du Bac beſtand, wurde zur Zeit unſerer Erzählung von Herrn Joſeph Fauveau und Frau ausgebeu⸗ tet, Nachfolgern Ducormier's, wie das Schild das Publicum belehrte. Gleichzeitig ungefähr mit dem von uns mit⸗ getheilten Geſpräch zwiſchen der Wittwe des Obri⸗ ſten Dudal und ihrer JTochter fanden folgende Auftritte im Laden des Scheerenſchleifers ſtatt. Madame Fuuveau, die Parfümeriehändlerin, eine junge Frau von zwei und zwanzig Jahren, ſaß an ihrem Schreibtiſch. Schwerlich kann man ſich eine reizendere, einnehmendere Brünette, dunk⸗ leres, glänzendetes Haar, vollere, blühendere Wangen, und feinere und wollüſtiger gerundete Formen vorſtellen. Marie Fauveau wußte, daß ſie hübſch war, zum Entzücken hübſch, und daß man von der Ruedu Bac zu Ende der Rue Greneht fümeriehändlerin kannte, denn Jeder konnte un dem Votwand, Handſchuh, Tragbänder, Seife ode — wohlriechende Waſſer einzukaufen, kommen, um dieſe feine und einnehmende Schönheit zu be⸗ ſchauen, Alle aber gingen voll ihrer Bewunde⸗ rung wieder hinweg. Nie hatte üble Nachrede den guten Ruf Maria Fauveau's befleckt; zuvorkom⸗ mend und lächelnd, immer guter und heiterer Laune, brachte ſie die Stutzer zur Verzweiflung, indem ſie ihre Huldigungen mit ſpöttiſcher Luſtig⸗ keit hinnahm, die ihnen um ſo empfindlicher wurde, weil ſie, ſobald ſie die Schmachtenden abgeführt hatte, ſich mit ihrem Mann, den ſie vergötterte, tüchtig über ſie luſtig machte; wohl hatte ſie gu⸗ ten Grund, ihrem Mann innig anzuhangen, denn Joſeph Fauveau war die Hetzensgüte und Frei⸗ müthigkeit ſelbſt; überdem ein hübſcher, ſtattli⸗ cher, junger Mann, vom öffenen, einnehmenden Geſichtszügen. Endlich dürfen wir nicht verſchweigen, daß Maria, von Natur auch geiſtig glücklich bedacht, nur ſehr wenig Erziehung genoſſen hatte, indem ſie in einem rechtſchaffenen und arbeitſamen, aber ſehr ungebildeten kleinbürgerlichen Kreis aufge⸗ wachſen war. Daher ging der jungen Frau jene Zurückhaltung in Worten und jene Auszeichnung des Betragens ab, welche ſie ſich bei anderer Et⸗ ziehung und anderer Umgebung nothwendig an⸗ geeignet haben würde, weshalb ſie denn auch oft die Luſtigkeit und unbändige Ausgelaſſenheit einer 5*. Griſette zeigte, welche einige Erziehung etwas abgeſchliffen hat. Madame Fauveau ſaß alſo an jenem Tage vor ihrem Schreibtiſch, indem ſie bald in ihren Handelsbüchern ſchrieb, bald ihre zahlreiche Kund⸗ ſchaft bediente. Der Kunde, welcher zuletzteingetreten, war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, mit gewiſſer Sorgfalt gekleidet, mit grauem Haar, einem ver⸗ ſchmitzten Geſicht, feinem, durchdringendem Blick und ſehr behaglichen Manieren. — Was wünſchen Sie, mein Herr? fragte Maria Fauveau, indem ſie ihre Schreiberei un⸗ terbrach.— Ein Stück Seife, Madame.— Roſen oder Mandeln, mein Herr?— Ganz nach Ihrem Belieben, Madame.— Ei, mein Herr, da Sie die Seife benutzen wollen, haben Sie auch über die Wahl zu entſcheiden.— Durch Ihre Wahl wird ſie mir werthvoller, Madame.— Ah! mein Herr, das iſt zu artig, antwortete die ſchöne Parfümeriehändlerin lächelnd. So nehmen Sie dieſe Bittermandelſeife, ſie hält länger vor als die andere.— In dieſem Fall bitte ich um die andere, Madame, damit ich deſto eher wieder⸗ kommen kann.— Nun ſo verbrauchen Sie die⸗ ſelbe nur recht ſchnell, mein Herr, und kommen Sie ſo oft als möglich wieder, antwortete Ma⸗ dame Fauveau luſtig. Gott ſei Dank! an Seife — fehlt es uns nicht. Hier iſt das Päckchen; fünf⸗ zehn Sous. Der Graukopf zog ein Portefeuille aus der Taſche, legte es auf den Ladentiſch, öffnete es und nahm eine ziemlich beträchtliche Anzahl Bank⸗ billets heraus, welche er mit offenbarer Wichtig⸗ thuerei durchblätterte, und ſagte wie im Selbſt⸗ geſpräch: — Ich glaubte ein Billet von fünfhundert Franken dabei zu haben, aber nein, nein, es ſind nur Tauſendfrankenbillete.— Wie, mein Hert, Sie wollten ein Tauſendfrankenbillet wechſeln, um ein Stück Seife für fünfzehn Sous zu bezah⸗ len? ſagte Madame Fauveau; Sie denken nicht daran! Erſtens könnte ich Ihnen nicht heraus⸗ geben, und dann borgen wir auch ſtets achtba⸗ ren Kunden. Die Bezeichnung achtbar des bejahrten begleitete Maria mit einem ſpöttiſchen Lä⸗ eln.— — Ach, es fällt mir ein, ſagte der Graukopf, welcher ſich mit einem lauernden Blick aus den Geſichtszügen der jungen Frau zu errathen be⸗ mühete, ob ſie von der ziemlich bedeutenden Summe, die er ſoeben gezeigt hatte, geblendet ſei, es fällt mir ein, ich habe auch Gold. Dabei zog er einen langen, grünſeidenen Geld⸗ beutel aus der Taſche, den zweihundert Louisd'or dick aufſchwellten, von welchen durch eine berech⸗ nete Ungeſchicklichkeit ein großer Theil mit ver⸗ führeriſchem Klang auf das auf dem Tiſch liegen⸗ gebliebene Portefeuille fiel. Indem der Graukopf Maria fortwährend heimlich beobachtete, ließ er das Gold von Neuem klingen, als er daſſelbe mit Ausnahme eines einzigen Goldſtückes wieder in den Beutel ſteckte; jenes mit dem Finger vorſchie⸗ bend, ſagte er dann: — Geben Sie mir gefälligſt heraus, Ma⸗ dame. Die hübſche Parfümerichändlerin, welche ziemliche Mühe hatte, ihre Lachluſtüber die Wich⸗ tigthuerei des Mannes mit ſein en Bankhilleten und ſeinem Golde zu unterdrücken, gäb ihm den⸗ noch mit vollkommenem Ernſt die Münze auf ſein Goldſtück heraus. Der Graukopf aber, ſtatt das Geld einzu⸗ ſtreichen, ſchien ſich anders zu brſinnen und ſagte im unbefangenſten Tone: — Madame, hätten Sie wohl die Güte, mir eine Gefälligkeit zu erweiſen?— Gewiß, mein S Herr, welche?— Ich gehe von hieraus ins Muſeum; im Ge⸗ dränge giebt es oſt i Neugierige, welche einem die Taſchen umkehren, um deren Inhalt kennen zu lernen; ſeien Sie ſo gefällig, bewah⸗ ren Sie mir dieſe Bankbillete und das Gold nebſt — der Seife auf, bis daß ich Alles bei meiner Rück⸗ kunft nach einer Stunde wieder abhole. Obwohl der Vorſchlag ziemlich befremdend war, denn das Muſeum war noch nicht einmal geöffnet(was Marie indeß nicht wußte), ſo ant⸗ wortete ſie doch, wenn auch im erſten Augenblick über die Bitte verwundert, da ſie dem ehrbaren Mann keine verdeckte Nebenabſicht zutraute, freundlich: — Ich ſehe kein Hinderniß, Ihrer Bitte zu willfahren und, da Sie es wünſchen, Ihr Geld eine Stunde in Verwahrung zu nehmen. Nicht wahr, Sie wiſſen, wieviel im Geldbeutel ud wieviel im Portefeuille iſt?— Ja, Madame, vierzehn⸗ tauſend Franken Papier und zweihundert Louis⸗ d'or.— Summa, achtzehntauſend Franken, welche ich bis zu Ihrer Rückkunft hier in die Schieb⸗ lade meiner Kaſſe lege. Mit dieſen Worten legte die junge Frau das Gold und Papier, wie auch das Stück Seife in gihren Ladentiſch. 3— Tauſend Dank, Madame, ſagte der Graukopf, indem er mit ausnehmender Höflich⸗ keit grüßte und der Thür zuging.— Empfehle mich Ihnen, mein Herr, ſagte Marie, indem ſie ſich wieder an ihre Rechnungen ſetzte. Der Graukopf hatte die Thüre ſchon halb geöffnet, hinauszugehn, als er ſich anders be⸗ — ſann, ſie wiederzumachte, vor den Ladentiſch zu⸗ rücktrat, ſich dort auf einen leer ſtehenden Stuhl niederließ und ſagte: — Madame erlauben Sie mir ein Wort?— Ei! mein Herr, entgegnete Marie ihn erſtaunt anſehend, Sie gehn alſo nicht mehr in's Muſeum?— Oh ja, Madame, ich gehe ſo⸗ gleich, vorher aber.. möchte ich eine Frage an Sie richken.— Nun, laſſen Sie hören, mein Herr!— Entſinnen Sie Sich wohl, Madame, vor ungefähr anderthalb Monaten ein Paar Handſchuh an einen Herrn von noch ſehr ju⸗ gendlicher und beſonders feiner Haltung, obwohl ſchon reiferen Alters, verkauft zu haben?— Ein Paar Handſchuhd vor anderthalb Monaten? ſagts Marie ziemlich verwundert, indem ſie ſich bemühte auf die angeführten Einzelnheiten ſich zu beſinnen. Wahrlich, ich kann mich nicht ent⸗ ſinnen, mein Herr; iſt der Herr etwa mit ſeinen Handſchuhen nicht zufrieden geweſen?— Er iſt ſo zuftieden geweſen, daß er ſich ſchon Tags darauf ein zweites Paar geholt hat.— Ei, das iſt ein prächtiger Kundmann! Aber ich beſinne mich nicht im entfernteſten auf jenen Herin. Ach, denken Sie nur recht nach, meine liebe Ma⸗ dame ein kleiner Herr mit noch recht angeneh⸗ men Geſichtszügen, obwohl er ein Ordensband von mehreren hohen Orden im Knopfloch trägt, — denn er iſt ein ſehr großer Herr, ein Fürſt; überdem kommt er alle Tage, wenn er in die Pairskam⸗ mer geht(denn er iſt auch Pair von Frankreich) hier vorbei, obwohl es ganz aus dem Wege liegt. — Nun, wenn es ihm aus dem Wege liegt, warum geht der gute Herr dann durch die Rue du Back— Um vor Ihrem Laden, Madame, ſtehn zu bleiben, um das Glück zu genießen, Sie einen Augenblick zu betrachten; ſeien Sie aufrich⸗ tig, Sie haben ihn ſicherlich ſchon bemerkt.— Eil ja wohl! ich habe wohl andere Dinge zu thun, als mir die Vorübergehenden anzuſehn! — Um ſo unglücklicher fühlt ſich der Fürſt, meine liebe Madame Fauveau, denn er hoffte Ihnen bekannt zu ſein... wenigſtens von Geſicht.— Und was hätte dem Herrn das gefrommt, wenn er mir von Geſicht bekannt geweſen wäre?— Der Graufopf erwiderte halblaut mit geheimnißvol⸗ ler, einſchmeichelnder Stimme: — Wenn der Fürſt ſo glücklich geweſen wäre, Ihre Aufmerkſamkeit zu erregen, meine liebe Madame Fauveau, ſo würde Sie der An⸗ trag vielleicht weniger überraſchen... welchen ich Ihnen in ſeinem Auftrage zu machen habe, denn.. die Wahrheit und offen zu reden, ſind Sie nicht geſchaffen, um in einem Laden feilzu⸗ halten.— Nicht, mein Herr? ich möchte doch wiſſen, was mir dazu fehlt!— Im Gegentheil, — meine liebe Madame Fauveau, Sie haben zu⸗ viel— Was zuviel?— Nun, ja Sie ha⸗ ben zuviel Liebreiz, zuviel Schönheit, zuviel An⸗ muth, um dies Alles in einem ehenden Kramla⸗ den zu vergraben. Gehn Sie, Madame, es iſt ja ein Jammer! Ihr wahrer Platz... wiſſen Sie, wo der iſt? In einem niedlichen kleinen Her⸗ renhauſe, mit Equipage, Logen im Theater, Dia⸗ manten, einer herzoglichen Toilette, kurz mit Allem, was einer ſo reizenden Frau wie Ihrer würdig iſt. Und dies herrliche Leben, meine liebe Madame Fauveau, können Sie haben, ſobald Sie wollen. — Das wäre!.. Sobald Sie wollen! Sie dürfen nur ein Wort ausſprechen.— Wahr⸗ haftig, mein Herr! es wäre möglich!— Ich wie⸗ derhole nochmals, es hängt ganz von Ihnen ab; ob Sie Ja oder Rein ausſprechen.— Ein Ja oder ein Nein? nichts weiter? ſagte Marie mit der poſſierlichſten Verwunderung von der Welt. Aber hören Sie einmal, mein Herr, wiſſen Sie wohl, daß ein ſolcher Vorſchlag wenigſtens der Erwägung werth iſt?— Ich glaub's wohl!— Sind Ihre Verſprechen aber auch zuverläſſig, mein würdiger Herr? ſind ſie auch ernſtlich ge⸗„ meint?— Sie ſollen, meine liebe Madame Fau⸗ veau, jede gewünſchte Sicherheit erhalten.— . Nun, das iſt ſchön! Denn ſehn Sie, es wäre nicht hübſch, arme Leute zum Beſten zu haben! — Es ſteht alſo feſt, daß, wenn ich Ja ſage, ich eine herrſchaftliche Wohnung, Equipage, Dia⸗ menten, Logen im Theater, eine herzogliche Toi⸗ lette und was ſonſt noch„ erhalte! Das Uebrige hab'ich vergeſſen.— Natürlich wird Ihre Wohnung vollſtändig eingerichtet und meublirt: Wäſche, Silberzeug u. ſ. w. u. ſ. w. Sie er⸗ halten außerdem zwei tauſend Thaler für Ihre monatlichen laufenden Ausgaben und fünf und zwanzig tauſend Franken zu Ihrer Ausſteuer.— Wiſſen Sie, daß dies köſtlich iſt, mein achtbarer Herr? Bedenken Sie nur! während mein Mann und ich jetzt nur zwei kleine Zimmer im Zwiſchen⸗ geſchoß bewohnen, nur an hohen Feſttagen einen Fiaker miethen, monatlich höchſtens einmal ins Theater gehn, und zwar auf die Gallerie!— Das iſt ſchamlos, meine liebe Madame Fau⸗ veau, eine reizende Frau wie Sie auf die Galle⸗ rie!— Ja, mein Herr, und noch dazu auf die zweite Gallerie!— Auf die zweite Gallerie! Gro⸗ ßer Gott!— Und Diamanten, mein ehrenwer⸗ ther Herr, Diamanten! für mich, deren ganzer Schmuck in einer Tuchnadel und ein Paar Ohr⸗ gehenken von Amethyſt beſteht.— Arme, kleine Frau, amethyſtene Geſchmeide! Das iſt ja zu gewöhnlich!— Und taufend Thaler monatlich, während wir, mein Mann, mein kleines Mäd⸗ chen, ich und die Bonne zuſammen jährlich höch⸗ ſtens fünfzehnhundert Franken ausgeben!— Das wird gerade zur Beſoldung Ihres Kammermäd⸗ chens hinreichen, meine arme Madame Fauveau. — Ich werde alſo auch ein Kammermädchen be⸗ kömmen?— Gewiß! mindeſtens eine, und au⸗ ßerdem Lakai, Kutſcher, Koch.— Einen Koch! während ich mir bis jetzt oft beim Röſtez der Cotelettchen die Finger verbrannt habe, benn das Mädchen nicht da war.— Ach, Madamel rief der Graufopf im Tone tiefer Ehtrüſtung aus, dieſe Hände, dieſe reizenden Hände Cotelettchen berühren! Ach! pfui, pfui! welch eine abſcheu⸗ liche Entwürdigung der Schönheit! das ſchreit zum Himmel!— In der That bereite ich lieber Choebladencreme. Das iſt mein Stolz, und man verbrennt ſich wenigſtens die Finger nicht dabei. Doch über Eins müſſen Sie mir noch Auskunft geben, mein verehrungswürdiger Herr; mein zukünftiger Koch wird doch hoffentlich auch Eierkuchen mit Schinken zubereiten können?— Ei, jawohl— Ich frage danach, ſehen Sie, weil Joſeph dafür ſchwärmt.— Wer? Joſeph? fragte der Graukopf ganz erſtaunt, welcher Jo⸗ ſeph?— Nun, meiner! der geliebte Joſeph ſeiner kleinen Frau.— Der geliebte Joſeph?— Ei nun! mein Mann!— Ihr Mann, Madame? wie! Ihr Mann?— Nun, ja!— Sie ſagen mir das allen Ernſtes?— Verſtehn wir uns — — recht. Sie fragen mich, nicht wahr, ob ich Ih⸗ nen allen Ernſtes verſichere, daß Joſeph für Ei⸗ erkuchen mit Schinken ſchwärmt?— Nicht doch, nicht doch, ich frage Sie, ob Sie glauben, daß⸗. daß. Ihr Mann ſich dazu verſtände, das A⸗ ben zu theilen, welches ich Ihnen anzubieten be⸗ auftragt bin?— Wie! ob er ſich dazu verſtehn wird, herrſchaftliche Wohnung, Equipage, Koch, Kammerfrau, Silberzeug u. ſ. w. u. ſ. w. zu haben, denn in Ihren Verſprechen kommen viele Undſoweiter vor.. Er müßte ſehr ſchwierig ſein, der liebe Joſeph, um Ihre ſchönen Anerbie⸗ tungen zurückzuweiſen.— In der That, ſprach der Graukopf mit einem verächtlichen, ſpöttiſchen Lächeln bei ſich, in der That hat es auch derar⸗ tige Ehemänner gegeben. Dann entgegnete er laut: Bei alledem, meine liebe Madame Fau⸗ veau, wäre ein Ehemann immer etwas läſtig, trotz aller Gefälligkeit, welche der vortreffliche Herr Fauveau zeigen möchte. Sie verſtehn mich wohl, meine liebe Madame Fauveau; denn Sie ſind pfiffig wie ein Kobold. In Berückſichtigung der Läſtigkeit des Ehemanns, ſelbſt bei der beſten Gemüthsart, hat denn auch der Fürſt ein treffli⸗ ches Auskunftsmittel erſonnen: Er hat ſeinen Einfluß bei den Miniſtern benutzt, um ſich ei⸗ ner reitenden Steuereinnehmerſtelle zu vergewiſ⸗ ſern„zu Tarbes.— Zu Tarbes, mein ver⸗ 6— ehrungswürdiger Herr?— Ja, zu Tarbes, in den Hautes⸗Pyrénses, zweihundert Stun⸗ den von hier. Er wäre der Meinung, den gegen⸗ wärtigen Inhaber der Stelle durch die Ueber⸗ nahme Ihres Ladens hier zu entſchädigen. Alles in dieſer Beziehung iſt vollkommen vorgeſehn; man würde Mittel finden, den guten Fauveau zur Uebernahme zu überreden. Der Fürſt ſelbſt wird Ihnen übrigens alles dies heute Abend auf dem Opernball auseinanderſetzen, wenn Sie varein willigen ihn dort zu treffen.— Ich, auf den Opernball? ſagte die junge Frau lachend; das iſt ein ganz neuer Vorſchlag, nun.— Hören Sie mir aufmerkſam zu, meine liebe Madame Fau⸗ veau; Ihr Mann iſt heute auf Wache?— Wie! ſagte Marie, hoch erſtaunt und faſt erſchreckt, den Mann ſo wohl untertichtet zu ſehn, Sie wiſſen? — Wir wiſſen Alles. Ihr Mann kommt alſo vor motgen früh nicht nach Hauſe; Sie ha⸗ ben die ganze Nacht für ſich; ſie wohnen im En⸗ treſol hier über dem Laden allein; Ihre Bonne ſchläft in der fünften Etage.— Ei! Sie wiſſen auch, daß mein Mädchen.— Wir wiſſen Alles. Die Nacht iſt alſo unſer. Nichts wird hnen leichter ſein, als um ein Uhr Nachts in Ihren Laden herunter zu kommen; ich etwarte Sie vot der Thüre iit einem Fiaker und einem fertigen Domino; Sie werfen ihn üm, und ſch — 059— führe Sie auf den Opernball; der Fütſt hat im Voraus eine Loge gemiethet; dort werden Sie die⸗ ſen würdigen, lieben Herrn finden, mit ihm re⸗ den und von ihm ſelbſt alle ſeine Pläne etfahren. Er hat Alles vorbedacht, ſelbſt den Fall, daß ſich Ihr Mann nicht bewegen ließe, die reitende Steuereinnehmerſtelle anzunehmen und durchaus ſeinen Laden in Paris behalten wollte; für dieſen Fall würde Ihnen der Fütſt einen neuen Vor⸗ ſchlag machen. Nun, Sie werden ihn hören und Sich überzeugen, daß er der beſte, der liebens⸗ würdigſte und fregebigſte aller Fürſten iſt. Al⸗ lerdings iſt er nicht mehr in den erſten Jugend⸗ jahren..— Noch in den zweiten, noch viel⸗ leicht in den dritten, nicht ſo, mein ehrenwerther Herr?— Ich will Sie nicht hintergehn: er iſt fünfzig Jahr alt; aber ſo wohlerhalten, ſo ge⸗ pflegt! Nun, Sie werden ihn ja ſehn. Außer⸗ dem haben Sie zuviel geſunden Sinn, meine liebe Dame Fauveau, um nicht einzuſehn, daß die Neigung eines Mannes von reifen Jahren in ganz anderer Weiſe zuverläſſig und vor allen Din⸗ gen einträglich iſt, als die Liebe eines Haufens junger Stutzer, die zu nichts weiter nütze ſind, als eine Frau ins Unglück zu bringen. Alles endlich, was ich Ihnen verſichern kann, iſt, daß ſeit den fünf und zwanzig Jahren, ſeit welchen ich die Ehte habe dem Fürſten als Verttauter zu 0— dienen, mir nie ein Beiſpiel vorgekommen iſt, in welchem ſich ſein gutes Herz und ſeine Freige⸗ bigkeit verleugnet hätte.— Ach! ſagte Marie, dem Graukopf in die Rede fallend, ſeit fünf und zwanzig Jahren, mein ſehr würdiger Herr, ha⸗ ben Sie die Ehre zu„. Ich wünſche Ihnen Glück dazu. Obwohl einigermaßen über die Miene über⸗ raſcht, mit welcher die junge Frau die letzten Worte an ihn richtete, fuhr der Graukopf dennoch fort: — Nun, meine liebe Madame Fauveau, nicht wahr, wir ſind einig? Um ein Uhr morgen früh erwarte ich Sie vor dem Laden mit einem Fiaker und Domino. Sie ſehen, wie rückſichtsvoll der Fürſt handelt; er hätte Sie um eine Zuſammen⸗ kunft in ſeinem kleinen Hauſes) bitten kön⸗ nen, denn er beſitzt ein herrliches, wie die großen Herren früherer Zeit. Sie werden es noch kennen lernen. Um Ihnen aber jede Bedenklichkeit zu erſparen, zieht er ein neutrales Terrain, die Oper, vor, wo Sie Alles mit ihm verabreden können. Was die achtzehntauſend Franken dort anlangt, ſo behalten Sie dieſelben; ſie mögen Ihnen eine der Sicherheiten ſein, die Ihnen hoffentlich be⸗ weiſen werden, daß Sie volles Vertrauen in die 8 *) Ort für heimliche Vergnügungen. d. f. — — Verſprechen ſetzen können, welche ich Ihnen im Namen des Fürſten gemacht habe. Nachdem ſie den Freund des Fürſten ſchweigend angehört hatte, nahm Maria das Geld und die Banknoten aus der Schieblade, legte ſie auf den Ladentiſch und ſagte, indem ſie den Grau⸗ kopf ſcharf anblickte, mit kalter, ſtolzer Verach⸗ tung: — Hier, mein ehrbarer und ſehr verehrungs⸗ würdiger Herr, obwohl Sie für Ihr Alter ein fehr gemeines Gewerbe treiben, möchte ich, eben um Ihres Alters willen, doch nicht gern, daß Ihnen mein lieber Joſeph die beſte, tüchtigſte und ſchönſte Tracht Prügel applicirte, die Sie wahrſcheinlicherweiſe ſeit den fünfundzwanzig Jahren erhalten haben, ſeit welchen Sie die Ehre haben der Mäkler Ihres Fürſten bei den ehrba⸗ ren Geſchäften zu ſein, die Sie für ihn überneh⸗ men. Ueber dieſe plötzliche Umkehr beſtürzt, ſprang der Graukopf lebhaft auf und rief: — Aber Madame..— Wie ich Ihnen ſage, mein würdiger und gefälliger Herr. Sollte mein Mann jetzt nach Hauſe kommen, ſo würde ich mir einen beſonderen Spaß daraus machen, ihm die Sache in Ihrer Gegenwart zu erzählen. Und Sie mögen Sich vorſtellen, mit welcher jäm⸗ merlichen Zetbläuung er Ihnen Dank ſagen würde, Die Prozeipheihung. 1. 6 82 denn, wo es ſeine kleine Frau angeht, iſt der liebe Joſeph ſehr türkiſch geſittet, und würde es Ihnen lehren, falls Sie, der Sie Alles wiſſen, es nicht wiſſen ſollten. Er iſt auf Wache, das iſt richtig, er wird aber hier eſſen. Es iſt halb vier Uhr, er kann nicht mehr lange ausbleiben. Ueber⸗„ legen Sie Sich alſo, ob Sie ihn erwarten wol⸗ len, mein verehrungswürdiger Herr.— Glau⸗ ben Sie mir, meine liebe Madame Fauveau, entgegnete der Graukopf mit unerſchütterlichem Gleichmuth, laſſen Sie Sich nicht durch Ihr er⸗ ſtes Gefühl verleiten; ſie würden es ſpäter be⸗ reuen. Folgen Sie meinem Rath, überlegen Sie Sich die Sache und behalten Sie immerhin das Geld ſo lange; Sie können es mir ſpäter einmal zurückgeben. Auf Wiederſehn! Jedenfalls bin ich ein Uhr vor der Thüre Ihres Ladens. Bei dieſen Worten ſtand der Freund des Für⸗ ſten auf. — Mein Herr, ſagte Maria lebhaft, men Sie wenigſtens Ihr Geld wieder mit! Nun! Sie können es mir ſpäter einmal zurüch geben. Dabei faßte der Graukopf den Drücker der Thür. 4 — Mein Herr! rief die junge gab unruhig, denn um keinen Preis mochte ſie dies ſchimpfli Depoſitum behalten; ſo hören Sie mich dochen — an!— Was wünſchen Sie, meine liebe Madame Fauveau?— Da Sie durchaus darauf beſtehen, daß ich das Geld behalten ſoll, gebe ich nach. Thun Sie mir nur den Gefallen, eigenhändig den Geldbeutel und die Brieftaſche in dies Papier zu wickeln, und das Ganze mit dieſem Band zuzu⸗ knüpfen.— Aber, ſagte der Graukopf mißtrau⸗ iſch, wozu dies?— Wie! ſprach Maria mit ge⸗ winnendem Lächeln, iſt Ihre Gefälligkeit hier ſchon zu Ende, und Sie verſprachen mir goldene Berge? Wie ſoll ich Ihnen glauben?— Ich wußte es wohl, dachte der Freund des Für⸗ ſten, ſie beſinnt ſich. Und da er keinen Grund ſah, weshalb er die Bitte hätte abſchlagen ſollen, wickelte er das Gold und die Billete ein, während die junge Frau un⸗ bemerkt einen Klingelzug in der Ecke des Comp⸗ toirs zog, welcher mit dem Entreſol in Verbin⸗ dung ſtand. In dem Augenblick, in welchem der Freund des Fürſten mit dem Zuknüpfen des Bandes fertig wurde, trat ein junges Dienſtmädchen ein. — Louiſe, ſagte Maria, Sie wiſſen wohl die Kirche der auswärtigen Miſſion?— Ja, Madame, ſie iſt hier ganz in der Nähe.— Neh⸗ men Sie dies Packet. Dabei nahm ſie dem Graukopf das einge⸗ * wickelte Geld aus der Hand, welcher ſie zuerſt mit Verwunderung gewähren ließ. — Sie wiſſen, daß vor der Thür ein Almo⸗ ſenkaſten ſteht?— Ja, Madame.— Nunwohl, Louiſe, legen Sie dies Packet hinein. Es ſind ei⸗ nige Almoſen, welche dieſer würdige Herr für die Armen des Viertels beſtimmt hat, und...— Teufel! einen Augenblick! rief der Graukopf, in⸗ dem er das Packet den Händen des Mädchens ent⸗ riß, man iſt doch nicht in ſolchem Maße wohl⸗ thätig!...— In dieſem Fall, mein würdiger Herr, ſagte Maria lächelnd, beſorgen Sie Ihre Aufträge ſelbſt, das wird das Beſte ſein. Zwei neu eintretende Kunden nöthigten den Graukopf, ſich aus dem Staube zu machen, was er indeß nicht that, ohne Marien zuvor zuge⸗ flüſtert zu haben: — Sie werden Sich beſinnen, um ein Uhr morgen früh bin ich vor Ihrer Thür.— Mein Herr, mein Herr! rief ähm die junge Frau mun⸗ ter nach, während ſie ihre anderen Kunden be⸗ diente, Sie vergeſſen Ihr Stück Seife; bedürfen Sie anderer Dinge, Zahnbürſten, Bartpinſel, wohlriechender Waſſer, ſo denken Sie gefälligſt an uns; mein Mann und ich werden uns ſtets ein Vergnügen daraus machen, Sie nach beſten Kräf⸗ ten zu bedienen. Der Freund des Fürſten enffern 5 te ſich mit ziemlich herabgeſtimmten Erwartungen, doch kei⸗ neswegs entmuthigt. Es giebt Leute, denen Au⸗ gen und Sinn für Uneigennützigkeit und Ehre vollkommen abgeht. Nachdem die junge Frau die Käufer bedient hatte, war ſie bald wieder allein; ſie ſetzte ſich wieder an ihre Arbeit und ſagte ſich während des Schreibens: — Laß ſehen! ſoll ich es dem lieben Joſeph bei ſeiner Nachhauſekunft erzählen und mich mit ihm darüber luſtig machen wie über ſo manche andere dumme Liebeserklärung? Ich hätte große Luſt dazu. Auf der anderen Seite iſt dabei von einer ſchimpflichen Geldanerbietung die Rede, und der bloße Gedanke möchte ihn kränken, daß man mir ſolch ein Anerbieten zu machen ſich unterſtan⸗ den. Wie mich entſcheiden? Nun, morgen will ich Alles der Mutter erzählen; ſie iſt ein geſchei⸗ ter Kopf; ſie wird mir am Beſten zu rathen wiſ⸗ ſen, was ich Joſeph ſagen oder verſchweigen ſoll. Hierauf ſich wieder an ihre Rechnungen ma⸗ chend, trällerte die junge Frau unter dem Schrei⸗ ben die folgenden Worte, natürlich nach unmögli⸗ cher Melodie und Versmaß: Es iſt nicht genug, daß man den theuern Joſeph liebt, ka, la, la! tra, deri, dera! vralt und ahr ihm verhehlt, deri, deral Kuch muß man vermeiden ihn zu be⸗ trüben, la, ſal deri, dera! † Bei gutet Abſicht ſelbſt, deri, dera! In dieſem Augenblick ließ ſich eine kräftige, fröhliche Stimme hinter den Scheiben der Laden⸗ thür hören, welche gleichfalls ein tra, deri, dera! trällerte. Die Thür öffnete ſich, und Herr Joſeph Fauveau, ſtattlicher, ſchöner Burſche von fünf Fuß ſieben Zoll, trat in der Nationalgardenuni⸗ form, welche Lederwerk von tadelloſem Weiß ſehr hob, in den Laden. Auf der Schwelle blieb er mit militäriſchem Gruße ſtehen, indem er die verkehrte„ Hand an ſeine ungeheure Bärenmütze brachte, die minder ſchwarz war als ſein ſtarker Backenbart, und ſagte: — Glück und Ehre meiner hübſchen kleinen Frau! V. 4 1 So war Maria Fauveau, die kleine wilde Bürgersfrauz von jener unbefangenen und liebenswürdigen Wildheit, welche den edelſten des Herzens, den nun friſcheſten „ — 87— Einfällen einen freien frohen Aufſchwung geſtat⸗ tete jener Wildheit, die hundertmal der Zurück⸗ haltung und Auszeichnung des Benehmens vor⸗ zuziehen iſt, ſobald durch dieſe Künſteleien einer müſſigen Erziehung die Auszeichnung zur Trocken⸗ heit und Steifheit, die Zurückhaltung zur Heu⸗ chelei und Lüge wird. — Glück und Ehre meiner hübſchen kleinen Frau! hatte Joſeph Fauveau bei ſeinem Einttitt in den Laden geſagt. Beim Anblick ihres Mannes klopfte die junge Frau freudig in ihre kleinen Hände, und, den kürzeſten Weg wählend, ſprang ſie leicht, be⸗ hend und ungeſtüm, wie ſie war, mit einem Satze von ihrem Stuhl auf den Ladentiſch und von dieſem zur Erde. Bei dieſer letzten raſchen gym⸗ naſtiſchen Bewegung ließ ihr Kleid den Anfang eines entzückenden, einer Ballettänzerin würdigen Beines ſehen, welches ein ſchwarzer Schnürſtiefel bekleidete, unwillkürliche Enthüllung, welche Jo⸗ ſeph Fauveau den Ausruf entlockte: — Wetterchen! Mehr konnte er nicht ſagen, denn Mariens huͤbſche Arme umſchloſſen ſeinen Hals. — Biſt Du toll, kleine Maria! ſagte Joſeph Fauveau, nachdem er die Liebkoſungen ſeiner Frau erwidert hatte, über den Tiſch zu ſpringen? Dich der Gefahr ausſetzen, zu fallen und Dir Schaden — zu thun!— Die große Straße war zu weit um, mein Lieber, ſagte Maria mit ausgelaſſenem Ge⸗ lächter, ich“ hatte Eile. Nun, zuerſt ſetze Deine Pelzkaßpe ab. Bei dieſen Worten erhob ſich Maria auf die Spitzen ihrer niedlichen Füße und nahm Joſeph die Bärenmütze vom Kopfe; dann ſetzte ſie ſich dieſelbe ſelbſt einen Augenblick auf, ſo daß ihr liebliches Geſicht faſt ganz unter dem ſchwarzen Pelzwerk verſchwand, und Joſeph nur noch die roſige Naſenſpitze und den kirſchrothen Mund der Lachenden ſah, deren kleine weiße Zähne wie Schmelz glänzten. Der Krämer, ein nicht minder friſcher Lacher, theilte die Luſtigkeit ſeiner jungen Frau. Nachdem ſich dieſer Ausbruch der Fröhlichkeit gelegt hatte, ſagte er zu Marien, welche die Bärenmütze auf einen Stuhl geſtellt hatte und zu ihrem Schreib⸗ tiſch zurückgekehrt war: — Geh, Du giebſt einen trefflichen Rüdi⸗ ger Gutzeit“) ab! — Sieh', warum ſollte ich auch kein Rü⸗ diger Gutzeit ſein, da ich, Dir ſei Dank, nichts als gute Zeit habe? entgegnete Maria, indem ſie 5. *) Rüdiger Gutzeit iſt eine ſtehende eines be⸗ häbigen gutmüthigen d. U. 5 ——— — 896 ſich wieder an ihre Rechnungen ſetzte und die Fe⸗ der zur Hand nahm; doch genug der Tollheiten! Leg' Deine Waffe ab, oh, herrlicher Krieger! und verhalte Dich ruhig. Ich habe mir vorgenom⸗ men, meine Rechnungen noch vor Tiſch zu been⸗ den. Bei den Rechnungen fällt mir ein, Du biſt wieder ein hübſcher Burſche, Du!— Wie ſo? — Ein ſtattlicher Banquier, ich kann mir etwas darauf einbilden!— Was willſt Du ſagen?— Blitz! Du haſt mir in Deinem Buch 267 Franken für unſere Ausgabe der letzten zwei Monate gut geſchrieben, und dieſelben 267 Franken haſt Du mir ſchon vor vierzehn Tagen gegeben.— Nicht doch!— Allerdings!— Ich ſage Dir aber, nein!— Aber abſcheulicher Starrkopf, entgegnete Maria mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden tre⸗ tend, Beweis, daß Du mir dieſe 267 Franken für Ausgabe gegeben haſt, iſt, daß ſie hier in meinem Buche eingetragen ſind. Ha! hal was kannſt Du hierauf antworten, nun?— Aber, Frau Eigenſinn, Beweis, daß Du Dich irrſt, iſt, daß ich 267 Franken über Rechnung in meiner Schieblade vorgefunden habe.— Ei! Deine Fünffrankenthaler haben geheckt, das erklärt Al⸗ les. In der That werden ſie in der Schieblade ſolche Langeweile haben, daß man es ihnen nicht verdenken kann, wenn ſie hecken, fügte Maria hinzu, und brach von Neuem in ſchallendes Ge⸗ „ — lächter aus. Alles, was ich Dich verſichern kann, iſt, daß Du mir nichts ſchuldig...— Und ich bin überzeugt, daß Du Dich wieder wie gewöhn⸗ lich zu Deinem Nachtheil irrſt. Ach! dennoch. wart' einmal, ſagte Joſeph Fauveau ſich beſin⸗ nend, wart' einmal, Du haſt, meiner Treu, Recht! Jetzt fällt mir ein, daß ich Bonaquet vor einem halben Jahre 300 Franken geliehen habe; er hat ſie mir wiedergegeben und ich habe ſie ein⸗ zutragen vergeſſen, das macht den Ueberſchuß! — Das iſt auch ein hubſcher Burſche, Dein abſcheulicher Freund, Doctor Bonaquet.(Ich gebrauche abſcheulich figürlich, denn in der That iſt er ein ſehr guter Menſch und könnte mit ſeinen Reden die Vögel von den Bäumen locken.) Seit acht Wochen aber hat er ſich nicht ſehen laſſen.— Er iſt ſo in Anſpruch genommen und arbeitet ſo viel! Und dann iſt er auch Arzt bei der Oper ge⸗ worden...— Sieh, ſieh, ſieh! die Oper iſt alſo krank?— Biſt Du eine Lachetrine! Aber es iſt richtig, das Geld, welches mir Bonaquet zu⸗ rückgezahlt, veranlaßte meinen Irrthum, Du hat⸗ teſt Recht...— Nehmen Sie dies für Ihre Kopfloſigkeit, ſagte Maria, indem ſie Joſeph mit den Spitzen ihrer Roſenfinger einen Naſenſtüber gab. Dieſer aber fing die Hand der Strafenden auf und nahm, um ſich zu rächen, die kleinen Finger ſeiner Frau zwiſchen die Zähne und biß ſie 2 — 91—& leicht.— Joſeph, höre doch auf, ſagte die junge Frau lebhaft, indem ſie ihre Hand zurückzog. Wenn nun Jemand hereinkäme!— Nun, was weiter? Er ſähe einen Ehemann, welcher die hüb⸗ ſche kleine Hand ſeines niedlichen Weibchens küßt, und damit holla!— Das iſt artig, mein Herr! — Gewiß iſt das artig! entgegnete Joſeph, Ma⸗ rien verliebt anblickend. Oh, gewiß iſt das artig und ebenſo gut als artig, ein kleines Weibchen wie Du!— Oh! ja, laß uns davon reden! ich möchte wohl erfahren, was ſo Bewundernswer⸗ thes an mir iſt!— Zuerſt biſt Du bei der Arbeit unermüdlich wie ein kleiner Löwe. Du hältſt un⸗ ſere Bücher beſſer in Ordnung, als es ein Com⸗ mis für achtzehnhundert Franken thun würde.— Ha! ha! ſagte Maria lachend, iſt das nicht et⸗ was Prächtiges? Bin ich etwa im Muͤſſiggang erzogen? Führte ich nicht für Vater Buch? Was ſollt' ich denn den lieben langen Tag hier im Comptvir anfangen? ich würde mich ja zum Ster⸗ ben langweilen, da unſere kleine Joſephine erſt um fünf Uhr aus ihrer Penſion nach Hauſe kommt. — Ei wohl! ſagte Joſeph mit Rührung. Nein, Du biſt eine Frau wie ſo viele andere, nicht wahr? Und biſt Du in der ſchweren Krankheit unſeres Kindes, dem Bonaquet das Leben gerettet hat, nicht ein Muſter von Hingebung geweſen? Sie⸗ ben und dreißig Nächte in kein Bett zu kommen! ½ o— — Ich hätte mein Kind wohl einer Krankenwär⸗ terin anvertrauen ſollen? Aber, woran denkſt Du denn eigentlich, Herr Fauveau? Was haſt Du denn heute auf Deiner Wache gefrühſtückt? fragte Maria lachend; was haſt Du? nun, nur gleich mit der Sprache heraus.— Ich habe was ſeit unſerem Hochzeitstage mein iſt, meine gute, kleine Frau; eine Liebe und Dankbarkeit, die mit jedem Tag größer wird.— Liebe iſt erlaubt, ich ermächtige, ich verpflichte Sie ſogar dazu, Herr Fauveau, Dankbarkeit iſt aber eine Narrenspoſſe, und ich will nicht, daß Du Narrenspoſſen vor⸗ bringſt, mein Lieber, es ſei denn, daß wir auf⸗ richtigen Unſinn treiben wollen, denn Du weißt, wo es zu lachen giebt, bin ich nicht die Letzte.— Sieh, Maria, das iſt wieder etwas, das ich an Dir bewundere.— Laß hören. Das wird et⸗ was recht Poſſierliches ſein!— Du biſt das un⸗ veränderlichſte, heiterſte Gemüth, welches mir je vorgekommen, und doch iſt dies Dein Leben: Jo⸗ ſephinen anziehen und pflegen, um acht Uhr Mor⸗ gens in den Laden herabkommen und bis acht Uhr Abends hier bleiben. Nochmals, dies iſt Dein Leben einen Tag und alle Tage, mit Ausnahme unſerer Sonn⸗und Feſttage, an denen wir uns dann und wann einen Theaterbeſuch oder einen Spaziergang gönnen.— Ei nun, biſt Du denn toll? Bin ich denn unter anderen Verhältniſſen ₰ —,— — groß geworden? Sind nicht alle Frauen wie ich? — Alle? nein. Und dabei halte ich Dich eben feſt.— Ich wünſche zu erfahren, ob Du mich in Deiner Eigenſchaft als Nationalgardiſt feſt⸗ hältſt? fragte Maria, indem ſie ſich todtlachen wollte. In dieſem Fall ergebe ich mich.— Oh! mit Deinen Schelmereien ſollſt Du mich nicht hin⸗ dern, Dir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Nein, die anderen Frauen ſind nicht alle wie Du, denn, was mich eben wundert, iſt nicht das Le⸗ ben, welches Du führſt, ſondern die Art, wie Du daſſelbe erträgſt. Teufel! ohne weit zu gehen, weiß ich wohl, wie gewiſſe unſerer Straßennach⸗ barinnen ſind. Das klagt immer, gähnt und macht ein ſauer Geſicht. Spricht zum Manne: „Ach! welch ein Schneckenhaus iſt dieſer Laden! Ach wie langweilig iſt es, immer hier ſein zu müſ⸗ ſen wie ein angeketteter Hund, ohne jemals au gehen zu dürfen! Ach wie läſtig iſt es, Jedem, der da kommt, für zwei Sous zu kaufen, zu Dienſt zu ſein! Ach welch ein Leben, nur einen armſe⸗ ligen Sonntag in der Woche für ſich zu haben!“ Und ſo brummen ſie vom 1. Januar bis zum 31. December. Ja, ſelbſt Deine Mutter die rechtſchaffenſte, beſte Frau; und Du weißt, ob ich ſie lieb habe! war, Du wirſt es mir einräu⸗ men, unter ſechs Tagen ſtets fünf von der ſauerſten Laune, als ſie noch ihren Gewürzladen beſorgte. 94— — Nun wohl! auch ich werde eſſigſauer werden, Herr Joſeph, wenn Du mit Deiner Verwunde⸗ rung über Dinge, die klar ſind wie der Tag, kein Ende machſt.— Ach! Du findeſt das klar wie den Tag?— Ei, ohne Zweifel antwortete die junge Frau lebhaft. Die einen werdenmiteinerglücklichen, die anderen mit einer unglücklichen Gemüthsart geboren, das iſt das Ganze; die einen lehnen ſich unabläſſig gegen ihr Schickſal auf, die anderen dagegen ſagen ſich:„Es iſt einmal ſo. Nunwohl! ſo ſei es!“ Die einen ſtreben auf jede Weiſe ein Leben, welches an und für ſich ſchon nicht ſehr heiter iſt, ſich und ihrer Umgebung noch läſtiger und unerträglicher zu machen, die anderen dagegen ſuchen das zu erheitern, was es noch nicht iſt. Und dann endlich, mein guter Joſeph, laß uns vernünftig reden, fügte die junge Frau mit inniger Rührung hinzu. Iſt es denn ein Wunder, daß ich heiter, zufrieden, glücklich bin? Wie! was fehlt mir? Vater und Mutter vergöt⸗ tern mich; Du und ich, wir lieben uns von gan⸗ zem Herzen, unſere liebe kleine Joſephine iſt ein allerliebſter Schatz, wir ſind zwar keine großen Kaufleute, wir leben aber in Gemächlichkeit; wir haben ein Mädchen zu unſerer Bedienung; und Du verziehſt mich ſo, daß, wenn wir Sonntags ausgehen, ich auf Ehre ſo gut gekleidet bin als eine Banquierfrau, Unſer Handel und die Auf⸗ ſicht über das Hausweſen läßt mir keinen müſſi⸗ gen Augenblick. Dies Alles gefällt mir, zieht mich an, unterhält mich. Woher alſo ſollte ich Zeit zur Langeweile und Traurigkeit nehmen? Du redeſt von Verwunderung. Wenn ich mich nun auch wundern wollte, daß Du mich nur in Ge⸗ ſchaͤften verläſſeſt daß Dukein Kaffeehaus betrittſt! daß Du alle Abende mit mir zubringſt! Ei, ja wohl! ganz und gar nicht! Ich genieße mein Glück wie etwas ganz Natürliches, ohne mir im⸗ merzu ſagen:„Ach, mein Gott, was bin ich glück⸗ lich! Aber warum bin ich nur ſo glücklich? Bei der Papierdüte, mein Glück iſt ſehr abſonderlich! Wie außerordentlich, mein Gott, wie außerordentlich iſt es! Nein es giebtkein. in außerordentlicherer Wei⸗ ſe.. außerordentlicheres Glück als das meine.“ Dieſe letzten Worte ſprach Maria mit ſo poſ⸗ ſirlicher, luſtiger Stimme, und ahmte dabei ih⸗ rem Manne ſo artig nach, indem ſie bei jeder Aus⸗ rufung Augen und Hände zum Himmel erhob, daß Joſeph, trotz ſeiner Rührung, über den Spaß laut auflachen mußte. Nachdem er ſeiner Lachluſt genügt hatte, ſagte er: — Geh, Du wirſt immer dieſelbe bleiben! Man kann nicht zehn Minuten hintereinander ernſt mit Dir ſprechen, Du lachſt über Alles! Und wenn ich endlich bedenke, daß vor anderthalb Jah⸗ ren, als Dir die alte tolle Madame Bardou — 96— eingeredet hatte, Dir für uns beide prophezeihen zu laſſen, Du nicht nur über eine Weiſſagung geſpaßt haſt, die Anderen die Haare zu Berge ge⸗ trieben hätte, ſondern mir das Ganze ſogar ſo poſſirlich. ja ſo poſſirlich erzählt haſt, daß ich ſelbſt nicht ernſthaft dabei bleiben konnte! Nun, iſt es nicht wahr?— Sieh! die närriſche Frau, als ich ſie befragte: Und Maria trällerte: Von meiner Zukunft ſchauerlich Thät mir die Sage künden: Geköpfet werd' ich ſicherlich, Kann keine Gnade finden! Dieſe letzten Worte ſang Maria mit näſeln⸗ der Stimme und ſo komiſcher Art, und lachte da⸗ zu ſo herzlich, daß Joſeph Fauveau ſich des Lä⸗ chelns nicht erwehren konnte und ſagte: — Im Grunde haſt Du Recht, es iſt beſſer über ſolche dumme Prophezeihungen zu lachen als ſich zu betrüben. — Gewiß!— Ich, ohne Wahrſager zu ſein, kann Dir ſchon unſere Zukunft prophezeihen, meine liebe Maria, und zwar eine prächtige.— Schnell, laß hören, Lieber!— Laß unſer Ge⸗ ſchäft nur ein zehn Jahre gut gehen, mein liebes Weibchen, dann wirſt Du belohnt werden, wie Du es verdienſt. Ich ſehe uns ſchon, noch jung, vom Handel zurückgezogen, mit unſerer — Tochter, fern von dieſem lauten Paris, in einem niedlichen kleinen Häuschen auf dem Lande mit einem Garten, den ich ſelbſt beſtelle. Nun! was ſagſt du zu meiner Prophezeihung?— Und wir werden auch einen Hühnerhof haben, auf welchem ich Hühner ziehe, ſagte Maria vor Freuden in die Hände klatſchend. Und auch eine Kuh werde ich bekommen?— Ja, Du ſollſt eine Kuh haben, aber eine prächtige Milchkuh! Ich laſſe ſie aus meiner Heimath kommen.— Und Tauben?— Und Tauben!— Kaninchen?— Und Kaninchen. Ha! ha! Madame Fauveau, das macht Dich glücklich, nicht?— Eigewiß, mein guter Joſephl denn auf dem Lande leben mit Dir, unſerem Kinde, Vater und Mutter(denn verſteht ſich, müſſen die mitkommen), das iſt mein ſchönſter Traum, ſiehſt Du, mein innigſter Wunſch von jeher.— Und erſt der meinige! Dieſer Gedanke iſt es, der mir ſoviel Muth und Ausdauer giebt. Ja, ich ſage mir:„Meine kleine Marie iſt nicht ſo glück⸗ lich, als ich ſie wünſchte; aber nur Geduld, nur Geduld! noch ein zehn Jahr, und ich gründe ihr ein kleines irdiſches Paradies.“— Lieber Joſeph, was biſt Du gut! ſagte Maria diesmal ernſt, ſehr ernſt, denn eine Thräne der Rührung glänzte in ihren großen, ſchwarzen, ſonſt ſo ſchel⸗ „miſch und hell blitzenden Augen. Das Geräuſch der Ladenthür, welche von Die Prophezechung. 1. 7 — 96— Außen geöffnet wurde, unterbrach das Geſpräch von Joſeph und ſeiner Frau. Ein Briefträger trat ein, grüßte und ſagte, indem er einen Brief auf den Ladentiſch legte: — Drei Sous, Madame, ein Brief für Herrn Fauveau. Während der Krämer die Münze zur Bezahlung des Briefträgers aus ſeiner Taſche hervorholte, und dieſer ſich nach Empfang des Geldes wieder entfernte, betrachtete die junge Frau den angekommenen Brief neugierig; indem ſie denſelben darauf an ihre kleine Naſe hielt und eifrig daran herumſchnüffelte, ſagte ſie luſtig: — Himmel, Herr Fauveau! was haben Sie da fuͤr eine wohlriechende Correſpondenz? Ein rothbraunes Siegel und ein Couvert von bläuli⸗ chem Papier, ſo dick, wie ich es noch nie geſehen habe. Die Avrefe it übrigens von ſehr hübſcher 8 Handſchrift. Ei, ei, Herr Fauveau! ſagen Sie mir doch, was das für ein niedlicher Liebesbrief iſt?— Meiner Treu, ich weiß nichts davon. Sieh' ſelbſt zu.— Nun, das will ich meinen, daß ich ſelbſt zuſehen werde! Ich werde Dich wohl öfters ſolche Liebesbriefe allein leſen laſſen! Mit dieſen Worten erbräch Maria den Brief und las: „Mein lieber Joſeph.. — Eil ei! Schaſull A en —9— mein lieber Joſeph! ſo ſchlecht weg! nun! Das iſt klar genug. Aber wir wollen doch auch die Unterſchrift dieſer ſchmachtenden Schönheit ſehen. Hierauf las die junge Frau am Schluß des Briefes: „Anatole Ducormier.“ — Anatole! wie? Anatole in Paris! rief Joſeph aus; welch ein Glück!— Der Sohn des Vaters Ducormier, von welchem Du den Laden übernommen? fragte die junge Frau; der junge, geſcheite Mann, von welchem Du mir ſo oft er⸗ zählt haſt? der alle Preiſe in Euerer Penſion hatte? — Ja, ſogar den Ehrenpreis. Er und Bona⸗ quet machten ſich immer die erſten Plätze ſtreitig. Wir waren die drei Unzertrennlichen. Ach, welch ein Glück, daß der gute Anatole wieder hier iſt! Schnell! lies ſeinen Brief vor!* Die junge Frau las: „Mein guter Joſeph! Seit zwei Tagen bin ich in Paris; ich komme aus England; es ſind nun bald ſechs Jahr, daß wir uns nicht geſehen haben. Ich ſehne mich, Dir die Hand zu drücken. Darum lade ich mich bei Dir heute zu Gaſte, wir wollen einmal wieder wie früher einen heitern Abend verplaudern. In Liebe 6 Dein Anatole Ducormier,“ 7 — 100— Bravo! rief Joſeph Fauveau händereibend, bravo! Ein wahres Feſt, juchhe!— Richtig, bravo! ein wahres Feſt! juchhe! entgegnete die junge Frau ihren Mann nachahmend. Bei alle⸗ dem wird das Eſſen kein Feſtſchmaus ſein! Wir haben nichts als Gemüſe, ein Stück geſchmortes Kalbfleiſch und Salat.— Nun! iſt das nicht genug? Meinſt Du, daß Anatole, Kind kleiner Krämer wie wir, obgleich er an den Tiſch der hohen Herten und Geſandten gewöhnt iſt, die Hauskoſt der Freundſchaft verſchmähen werde? Der gute Junge, Du kennſt ihn wahrlich nicht! Er iſt gewiß der beſcheidenſte, anſpruchloſeſte Menſch! und dabei, da er weder Wein noch Li⸗ köre trinkt eine wahre Jungfer.— Nun, da er eine Jüngfer iſt, ſagte Maria ernſthaft, werde ich einige Näpfchen Chocoladencreme zubereiten, die Sie ſo ſehr lieben, Herr Fauveau. Es iſt halb vier Uhr, ich werde Louiſe ſogleich nach Milch ſchicken; ich habe gerade noch Zeit.— Wie liebenswürdig Du biſt!— Sie ſagen dies wegen des Chocoladencremes, mein Herr, aber halt! Du mußt den Laden beſorgen.— Gewiß! Ach! höre doch, Maria, wenn Louiſe bein Pa⸗ ſtetenbäcker auf demſelben Wege einen Wind⸗ beutel mit Fleiſchklößchen beſtellte?— Wa⸗ rum nicht gar, Herr Vielfraß! Mit Gemüſe, ge⸗ ſchmortem Kalbfleiſch, Salat und Chocoladencre⸗ — 101— den ich zubereitet habe, ſpeiſt man ſehr wohl Miug.— Ach, meine kleine Maria! ich mag die Fleiſchklößchen ſo gern! und danñ fällt mir jetzt auch ein, Anatole ſchwärmt dafür!— Iſt es auch wahr, daß Herr Anatole für Fleiſchklöß⸗ chen ſchwäriu?— Aufe Ehre!— Ei, Herr Fau⸗ veau, Herr Fauveau! Sie ſind gar wenig mäßig und ein großes Leckermaul! ſagte Maria, indem ſie mit drohendem Finger ihre Schreibſtube ver⸗ ließ. Nun, ich werde Louiſe ſagen, beim Paſte⸗ tenbäcker vorzugehen. Aber warte.. unter ei⸗ ner Bedingung!— Welcher?— Du biſt dieſe Nacht auf Wache?— Ach! ſprich mir nicht davon, es iſt entſetzlich! Bei dieſer Kälte in der Wacht⸗ ſtube auf einem Feldbett neben Voltigeuren und Grenadieren liegen! Die ganze Nacht hindurch vom Froſt geſchüttelt zu werden!— Ei! erwiderte Maria mit boshaftem Lächeln, da es Dir Spaß macht, Dich die ganz Nacht aufeinem Feldbettneben liebenswürdigen Voltigeuren und reizenden Grena⸗ dieren vom Froſt ſchütteln zu laſſen, was kannichda⸗ gegen thun?— Der Teufel, nein! es macht mir durch⸗ aus keinen Spaß, und zum Beweiſe gehe ich gar nicht wieder auf die Wache zurück.— Nunwohl, Lieber, das iſt Alles, was ich wünſche. Das war meine Bedingung.— Um ſo ſchlimmer! rief Joſeph. Ich ſetze mich einer Disciplinarun⸗ terſuchung aus! Ich werde ſagen, ich. an Bruſtbeklemmungen gelitten.— Um ſomehr, da Du Fleiſchklößchen iſſeſt!... Schön, bleib' zu Hauſe, dann kannſt Du auch den ganzen Abend mit Deinem Freunde zubringen.— Meiner Treu! rief Joſeph aus, feſt ſteht, daß ich mich himmel⸗ mäßig meines Daſeins freue, mehr kann ich Dir nicht ſagen. Ach! Himmelchen!— Das iſt herr⸗ lich! dachte Maria; während der Zeit erwartet mich der alte Nichtsnutz in ſeinem Fiaker vor der Thür. Es thut mir ordentlich leid, daß ich ihm nicht geſagt habe, auch ſeinen Einfaltspinſel von einem Fürſten mitzubringen; das wäre um ſo ſpaßhafter geweſen. Indem ſie ſich darauf mit feierlicher Miene an ihren Mann wandte, ſagte ſie: Abgemacht, mein Herr! Da Sie mir das Opfer bringen, die Nacht hier ſtatt auf der Wache zu verleben, ſo erhalten Sie Fleiſchklößchen. — Liebe, ich muß Dich anbeißen, bis daß der Windbeutel kommt, rief Joſeph, indem er ſeine Frau in dem Augenblick, in welchem ſie in die Hinterſtube trat, an ihrer vollen ſchlanken Taille umfaßte.— Mache doch ein Ende, Joſeph, ſagte Maria, indem ſie ſich halb umwandte, um ihrem Mann den Abſchiedskuß zu geben, mache doch ein Ende, ſieh', es kommt Jemand. In der That öffnete ein Kunde die Thür. Der — 103— Krämer ging ihm entgegen, und Maria verſchwand im Halbdunkel der Hinterſtube. Immer mit Hüife der Zauberkrüce des hin⸗ kenden Teufels führen wir den Leſer diesmal, zwar nicht in ein anderes Stadtviertel, aber in eine andere ebenſo ariſtokratiſche Straße, als Rue du Bac handeltreibend iſt. VII. Das Hoͤtel des Fürſten Morſenne war eine der prachtvollſten Wohnungen des Fau⸗ bourg Saint⸗Germain. Ungefähr zu derſelben Zeit, als die mitgetheil⸗ ten Auftritte bei der Wittwe des Obriſten Du⸗ val und der ſchönen Parfümeriehändlerin Ma⸗ dame Fauveau ſtattfanden, ſaß die Herzo⸗ gin Beaupertuis(Tochter des Fürſten Mor⸗ ſenne) in halb liegender Stellung ſinnend und träumend auf einer Cauſeuſein der Nähe des Ka⸗ mins, in einem großen, mit königlicher Pracht ausgeſchmückten Salon. Frau von Braupertuis war ungefähr vier und zwanzig Jahr alt und ein vollendetes Muſter deſ⸗ — ſen, was Saint⸗Simon eine ſchöne und voll⸗ kommene Weltdame nannte. Ihr ſchlanker, hoher Wuchs, die ſtolze Art, wie ſie gewöhnlich den Kopf trug, ihre gebogene Naſe und ein ver⸗ ächtlicher, ſpöttiſcher Zug um den Mund, bei et⸗ was vorſtehender Unterlippe, gaben ihren feinen, regelmäßigen Zügen einen bemerkenswerthen Aus⸗ druck ariſtokratiſchen Hochmuths. Trat dann auch Diana von Beaupertuis in eine Geſellſchaft, im ſchleifenden Atlaskleide mit langem Mieder, von Juwelen bedeckt, ihren ſchönen von hellbraunen, duftigen Locken eingefaßten und à la Sevigné friſirten Kopf zurückwerfend und mit keckem Stolz um ſich ſchauend, während ſie ihre großen hell⸗ braunen Augen zugleich halb zudrückte(denn ſie war ziemlich kurzſichtig), ſo fühlte man ſich ver⸗ ſucht, ſie für eins der hochfahrendſten Gemälde Mignard's zu halten, welches eben aus ſeinem Rahmen hervortritt. Heute verriethen die Züge von Frau von Beaupertuis die tödtlichſte Langeweile. Nachläſſig auf die Cauſeuſe von hochrothem Atlas mit ver⸗ goldetem Holzwerk irrten ihre ſtarren Blicke im leeren Raum; mit dem Ellbogen auf ein Kiſſen geſtützt, ließ ſie die eine ihrer ſchönen, weißen, von himmelblauen Adern durchfurchten Hände matt hinabhängen, während ſie mit der anderen eine kleine mikroskopiſche Hündin von der — 105— reinſten Race der King⸗Charles gedankenlos ſtreichelte. Nachdem ein längeres, krampfhaftes Gähnen einige Augenblicke ihr ſchönes Geſicht entſtellt hatte, ſagte Diana Beaupertuis im Tone unverwerflicher Aufrichtigkeit: — Mein Gott! wie langweile ich mich! Oh! welch ein Leben!.. welch ein Le⸗ ben! Dann wandie ſie ſich an ihre kleine Hündin, und indem ſie ſpielend das lange, ſeidene, duftende Haar derſelben um ihre zarten Finger wickelte, ſagte ſie: Du biſt glücklich, Precioſa; Du haſt keine Langeweile. Wenn Du nur täglich Dein Zucker⸗ brod in Creme gekrümelt bekommſt und Deinen Spaziergang in meinen Muff gewickelt oder auf dem Wagenkiſſen liegend machſt, dann ſind alle Deine Wünſche befriedigt, und Abends ſchläſſt Du ruhig auf Deinem Eiderdaunenbettchen ein. Glückliche, glückliche Precioſa! Du weißt nicht, was es heißt, alle Bedingungen der Glückſeligkeit in ſich zu vereinigen, hohen Stand, Vermögen, Schönheit, Jugend, Unabhängigkeit, und mitten im Ueberfluß ein troſtloſes, kaltes Leben zu füh⸗ ren, nicht aus ſcheuer Sprödigkeit, ſondern weil nichts in unſerer Umgebung uns anſpricht, und unſer Adelſtolz und unſer angeborenes Zartge⸗ — 106— fühl, vielleicht unſere einzigen Tugenden, den blo⸗ ßen Gedanken ſchon mit Verachtung zurückweiſen, den Unbekannten in einer Welt unter uns zu ſuchen. Doch, was nenn' ich Dich glücklich? Nein, Du biſt nicht glücklich, armekleine Precioſa! Biſt Du der Reinheit Deines edlen Blutes we⸗ gen, welches bis zum guten König Karl hinauf⸗ reicht, nicht verurtheilt, um der Gefahr des Adel⸗ verluſtes zu entgehen, Deine Geſellſchaft aus⸗ ſchließlich auf Schooßhündchen Deiner Art zu be⸗ ſchränken, kleine Thierchen von hoher Abkunſt wie Du, kokett, gekämmt, mit Wohlgerüchen einge⸗ rieben, mit Zuckerbrod und Creme aufgefüttert wie Du, und wie Du nie zu Fuß gehend; die aber, mit Ausnahme ganz unbedeutender Verſchieden⸗ heiten ihrer kleinen hübſchen Schnauzen, alle ſo vollſtändig einander gleichen, daß, wenn man den einen bellen gehört oder ſchönthun und die Pfote reichen geſehen, man alle geſehen und gehört hat. Zu welcher entſetzlichen Gleichförmigkeit biſt alſo auch Du, arme Precioſa, in dieſer eintönigen Um⸗ gebung verdammt, und wie ſehr billige ich Dei⸗ nen Sinn für die Einſamkeit! Du haſt Recht, kleine Precioſa. Bedenke, wie es Dir vorkommen würde, Dir, der Stolzen, Ausgezeichneten, die ihr Leben lang die Gemächer dieſes Hötels nur verlaſſen hat, um mit mir in andere Hotels zu gehen, wenn Du mit Deinen zarten ſeidenen Pföt⸗ — 107— chen den Schmutz des Straßenpflaſters betreten ſollteſt? Ach, liebe, kleine Precioſa! beſſer iſt es immer noch, Dein Leben in trüber, brütender Lan⸗ geweile hinzubringen mit Deinesgleichen an Her⸗ kunft und Sitten. Lebe denn pflanzengleich und ſtirb in Deiner Verlaſſenheit, arme Precioſa! Man wird Deine erhabene Sittenſtrenge preiſen, und wenn ich Dich eines Tages unter einen Schnee⸗ glöckchenbuſch lege, die traurigen bleichen Winter⸗ blumen, werde ich Dir die Grabſchrift weihen: Hierruht dieunvergleichliche Precioſa, ein Vorbild aller herrlichen Eigenſchaf⸗ ten, die man unbewußt beſitzen kann. Es ſei denn, arme Kleine, fuhr Frau von Beaupertuis mit ſpöttiſchem Lächeln fort, es ſei denn, daß Dir wie Deiner Herrin vom Schick⸗ ſale eine gewaltſame Todesart vorbehalten ſei, wie es mir vor anderthalb Jahren, glaub' ich, jene alberne Hexe(welche ſich durch meine Ver⸗ kleidung nicht täuſchen ließ) prophezeihte; es iſt wahr, ſie hat ſich nicht beſtimmt ausgeſprochen, indem ſie uns, einer anderen Neugierigen und mir, die Wahl zwiſchen einem tragiſchen Ende und einer Verurtheilung zu lebenslänglichen Ga⸗ leeren ließ!... Wenn man bedenkt, daß einen die Langeweile zum Anhören ſolchen Unſinns ver⸗ leiten kann! Das philoſophiſche Selbſtgeſpräch der Herzo⸗ gin Beaupertuis wurde durch die Stimme eines Kammerdieners unterbrochen, welcher, den Thür⸗ vorhang emporhaltend, meldete: Ritter von Saint⸗Merry. Der Eintretende war ein Mann von fuͤnfzig Jahren mit vornehmem Anſtand, noch flink und jugendlich; er hatte gefärbtes Haar, gefärbte Au⸗ genbrauen, gefärbten Backenbart; Muſter eines Beau der alten Zeit, drückten ſeine ziemlich an⸗ gegriffenen Züge gewöhnlich einen verächtlichen Hochmuth aus, welchen indeß die Manieren der beſten Geſellſchaft ſehr milderten. Die Boshaften ſagten, Herr von Saint⸗ Merry ſei in ſeinen jungen Tagen ſchön geweſen. Zur Bekräftigung dieſer Meinung behaupteten ſie, daß, wenn man dem Unterſchiede zwiſchen männ⸗ licher und weiblicher Schönheit Rechnung trage, Frau von Beaupertuis Herrn von Saint-Merry in ſeiner Jugend außerordentlich ähnlich ſähe. Wie dem auch ſei, der Ritter begrüßte, von ſei⸗ nem doppelten Vorrecht als Pathe und ſehr alter Familienfreund Gebrauch machend, Diana von Beaupertuis vertraulich(um nicht zu ſagen väter⸗ lich), indem er ſie auf die Stirn küßte, während dieſe ſich bei ſeinem Eintritt mit Ehrerbietung halb erhoben hatte; dann ſetzte ſich der Ritter neben die Herzogin und ſagte mit ebenſo erzürntem als beſtürztem Ausſehen: — Nun! mein ſchönes Pathchen(dies war ſeine gewöhnliche Anrede), Sie wiſſen wahr⸗ ſcheinlich noch nichts von der Geſchichte?— Von welcher Geſchichte?— Einer Unwürdigkeit! aber ſolche Ungeheuerlichkeiten können ſich nur in un⸗ ſeren Tagen ereignen!... Das ſind die Folgen der abſcheulichen Revolution von 89! In welchen Zeiten leben wir! Mein Gott, in welchen Zeiten leben wir!— Erzählen Sie doch!.. — Uebrigens, fuhr Herr von Saint⸗Merry fort, übrigens bekommen Sie die Nachricht ganz friſch. Die Schwiegermutter der Marquiſin hat mir vor zwei Stunden die Wahrheit davon be⸗ ſtätigt. Die arme Frau iſt ſo außer ſich, in ſol⸗ cher Verzweiflung, daß ſie, um dieſem Schimpf der Familie auszuweichen, heute Abend noch nach ihrem Landgut abreiſt, trotz Kälte und Schnee.— Lieber Pathe, ich verſtehe nicht ein Wort von dem, was Sie da ſagen. Zuerſt, von welcher Marquiſin wollen Sie reden?—! mein Gott! von der Marquiſin von Blain⸗ ville.— Meiner Couſine! Ich kann mir nicht denken, daß die eine Unwürdigkeit begangen ha⸗ ben ſollte, denn weder vor noch nach ihrer Witt⸗ wenſchaft habe ich die mindeſte üble Nachrede über ſie gehört.— Möglich! es iſt immer noch Zeit genug dazu.— Wie! man hätte Frau von Blainville etwas vorzuwerfen? ſagte die Herzo⸗ gin mit zweifelndem Kopfſchütteln. Unmöglich! Das iſt entweder Läſterung, Irrthum oder Ver⸗ leumdung! Meine Couſine iſt vielleicht die ein⸗ zige Frau, für welche ich gut ſagte.— In der* That? Nun.— Nun?— Sie hat geſtern ihren... Arzt geheirathet!... Frau von Beaupertuis brach in ein ſo ſchal— lendes Gelächter aus, daß Herr von Saint⸗ Mercy ſie ganz verblüfft anſah, während die Lu⸗ ſtige zwiſchen wiederholten Lacheſchauern ſagte: — Die Marquiſin von Blainville, eine der vornehmſten Damen Frankreichs... und eine der förmlichſten.. Frau von Blainville.. heirathen! ha! ha! ha! eine Species heira! then!!! ihren Arzt heirathen!. ha! ha! ha⸗ einen Schwarzrock... der den Puls befühlt.. und die Zunge ausſtrecken läßt. in der That, es iſt zum Todtlachen.. vorzüglich, wenn man die Marquiſin kennt... und ſich ihr hochmü⸗ thiges, ſtrenges Geſicht vorſtellt. Sehen Sie lieber Pathe.. Sie allein können ſolche Ein⸗ fälle haben. Ich danke Ihnen wenigſtens für das friſche Gelächter... das thut wohl.. Ich habe ſo lange nicht herzlich gelacht! Sie ſind göttlich!...— Ich wußte wohl, liebe Herzogin, daß Sie an ſolche Ungeheuerlichkeit nicht glauben würden, indeß— Das Prächtigſte iſt Ihr Ernſt und Ihre Kaltblütigkeit — 111— beim Erzählen dieſer närriſchen Geſchichte. Da erhöht den Eindruck ſehr.. Haben Sie denn aber auch einen Namen, einen hübſchen Namen für dieſen Arzt erfunden? — Ich habe ganz und gar nichts erfunden; die⸗ ſer Arzt, welcher die Marquiſin auf ihrer Reiſe in Deutſchland begleitete, heißt Bonaquet.— Sie ſagen? erwiderte Frau von Beaupertuis, indem ſie mit großer Mühe einen neuen Lachanfall zu⸗ rückhielt. Bitte... wiederholen Sie den Na⸗ men Sie ſagen?— Nun! mein Gott! ant⸗ wortete der Ritter ungeduldig, ich ſage Doctor Bonaquet, weil dies ſein Name iſt, wenn man's einen Namen nennen kann! Diesmal glaubte Herr von Saint⸗Merry Frau von Beaupertuis in Krämpfe fallen zu ſehn, ſo heftig und erſchütternd war ihr Gelächter. — Ha! ha! hal rief ſie ſich zurückwerfend, ich kann mir die Marquiſin, die ſtets einen der größten Namen Frankreichs getragen hat, ſo⸗ wohl von Geburt als durch ihren Mank, als Madame angemeldet vorſtellen... Ach! mein Gott! was ſind Sie ſpaßhaft!... Angemeldet als Frau Herzogin Bo... Bona... Bo⸗ naquet!!! Dabei wollte ſich die Herzogin vor Lachen kugeln. Der Eintritt einer dritten Perſon ſetzte der 4 ausgelaſſenen Luſtigkeit von Frau von Beauper⸗ tuis ein Ziel. Der Kammerdiener meldete: — Die Fürſtin.* VIII. Die Fürſtin von Morſenne war eine Frau von mittlerer Größe, etwas voll, ungefähr fünf⸗ zig Jahr alt, dabei aber, was man gut erhal⸗ un nennt. Sie mußte früher hübſch geweſen ein. Als ſie bei ihrer Tochter, Frau von Beau⸗ pertuis, eingetreten, bot ſie Herrn Saint⸗Merch freundſchaftlich die Hand, die noch friſch und weich war und welche der Ritter aufſtehend mit höflichem Eifer an ſeine Lippen drückte. Darauf warf ſich die Fürſtin in einen Lehn⸗ ſtuhl und rief im Tone innerſter Entrüſtung aus: — Ach, welche Schmach! mein Gott, welche Schmach!— Verzeihen Sie mir, liebe Mutter,. ſagte die Herzogin zu Frau von Motfenne, daß ich Ihnen nicht entgegengegangen bin; Dank einem köſtlichen Spaß des lieben Pathen, war ich vom Lachen ganz erſchöpft.— Nun! meine . — 113— Liebe, dieſe Lachluſt wird Ihnen vergehn. Sie mögen wiſſen, daß in dieſem Augenblick, in wel⸗ chem ich mit Ihnen rede, die Familie Ihres Va⸗ ters entehrt iſt!— Entehrt? erwiderte Frau von Beaupertuis beſtürzt; was ſoll das heißen? — Das ſoll heißen, daß Ihre Couſine Blain⸗ ville— Wie! unterbrach ſie die Herzogin, im Begriff, von Neuem in Gelächter auszubrechen, auch Sie, liebe Mutter? Ei, Sie haben Sich alſo mit Herrn von Saint⸗Merry zu dieſem poſ⸗ ſierlichen Duo nach Art des il matrimonio secreto verabredet?— Welchem poſſierlichen Duo? fragte die Fürſtin mit Ungeduld. Sind Sie nicht recht bei Troſt, Diana?— Liebe Für⸗ ſtin, ich habe meinem ſchönen Pathchen ſoeben die Erniedrigung der Marquiſin von Blainville mitgetheilt und wußte nicht, daß Sie bereits Kenntniß davon hatten, nahm Herr von Saint⸗ Merry das Wort, vergebens aber habe ich Ihrer Tochter verſichert, in vollem Ernſt zu ſprechen. Sie will mir nicht glauben und hat unbändig ge⸗ lacht, in der Meinung, ich hätte dieſe Ungeheuer⸗ lichkeit Scherzes halber erſonnen.— Schetzes halber rief Frau von Morſenne bitter aus. Hal⸗ ten Sie den Ritter denn fuͤr fähig, mit der Ehre unſerer Familie zu ſcherzen?— Endlich wurde es Madame Beaupertuis klar, daß ihre Mutter und ihr Pathe 3 redeten. Die Prophezeihung. 1. —— Zuerſt wich ihre Heiterkeit einer Art Betäubung, und als wenn ſie noch immer das Gehörte nicht faſſen könnte, ſagte ſie zu Frau von Morſenne: Nein, nein, noch einmal, es iſt unmöglich! So tief hat Frau von Blainville nicht ſinken können! Ich will zugeben, daß ſich ein ſolches Gerücht mit einigem Anſchein von Glaublichkeit verbreitet hat, aber...— Man ſagt Ihnen ja, daß es eine ausgemachte Sache iſt! erwiderte die Für⸗ ſtin ungeduldig. Ein Zweifel iſt gar nicht mehr möglich.— Und ich habe die Nachricht von der Schwiegermutter der Marguiſin ſelbſt, fügte Herr von Saint⸗Merry hinzu. Jetzt empfand Diana Beaupertuis die tiefſte Entrüſtung; ſie erröthete bis zur Stirn; ihre Naſenflügel erweiterten ſich; der Zorn und die Empörung des Stammesſtolzes blitzten aus ih⸗ ren großen, funkelnden Augen hervor und ſie rief mit leicht bewegter Stimme aus: — Oh! das iſt entwürdigend! für dieſe Frau und für uns! Welcher Schimpfl welche Schmachl Dann fügte ſie hinzu: Aber iſt ſie denn kindiſch geworden? Nun, meiner Treu, eine ſolche Hei⸗ rath kann unmöglich gültig ſein!— Was den⸗ ken Sie davon, Ritter? fragte die Fürſtin ebenſo „— — naiv als ihre Tochter. Vielleicht wiſſen Sie, ob rath iſt das nicht) Gültigkeit hat. Was ſagen dieſe ungeheuerliche Begattung(denn eine Hei⸗ — 115— Sie dazu, Sie, der Sie bei Ihren Proceſſen ſo oft mit Anwälten zu thun gehabt haben!— Ach, mein Gott! entgegnete der Ritter achſelzu⸗ ckend, unglücklicherweiſe iſt dieſe Ehe gültig, ſehr gültig!— Und ein Geiſtlicher iſt ſchamlos ge⸗ nug geweſen, eine ſolche Schändlichkeit im Na⸗ men der Religion einzuſegnen! rief Frau von Morſenne aus. Dann fügte ſie mit einer Art von Entſetzen hinzu: Aber, mein Gott, Ritter, wohin ſind wir gekommen, wohin werden wir kommen?— Ach! theure Fürſtin, entgegnete Herr von Saint⸗Merty nicht weniger niederge⸗ ſchlagen, ich weiß in der That nicht zu ſagen, wohin es noch führen wird; augenſcheinlich aber gehen wir dem Abgrund„.. dem Chaos entge⸗ gen! Alle dieſe Abſcheulichkeiten, welche ſeit der Revolution von 89 Schlag auf Schlag einander folgen, ſind ebenſoviele unheilkündende Vorzei⸗ chen. Bedenken Sie nur, fiel nicht noch dieſen Sommer ein anderes abſcheuliches Aergerniß vor? Hat ſich nicht die unglückſelige kleine Gräfin Surval zuletzt noch entführen läſſen(und ich frage weshalb? da Surval die Sache ſchon ſeit Jahren als Mann von Lebensart anſah), hat ſie ſich nicht zuletzt noch entführen laſſen, und durch wen? durch einen Künſtler!.. einen Herrn, welcher Bilder zu ſeinem Lebensunterhalt malt!— Und doch weiß Gott, die — 116— Fürſtin, wie vortrefflich man der Gräfin in der Geſellſchaft begegnete! Sie mochte ſich noch ſo ſtark compromittiren, ihre Liebhaber wie ihre Klei⸗ der wechſeln, man drückte ein Auge zu, da es wenigſtens unter Gleichen geſchah. Um aber dies ſchöne Leben würdig zu beſchließen, läßt ſie es ſich einfallen, ſich entführen zu laſſen, und durch wen? Durch eine Species aus der an⸗ deren Welt, um mit ihm in, Gott weiß, wel⸗ chem Provinzialwinkel ehemäßig zu leben. In der That weiß ich kaum, ob es nicht mindeſtens ebenſo abſcheulich war als die Aufführung dieſer unverſchämten Marquiſin.— Meiner Treu! ſprach Diana von Beaupertuis mit Bitterkeit, dieſe beiden ſchmählichen Handlungen geben ein⸗ ander nichts nach. Seinen Namen und Titel be⸗ halten, um denſelben in den Koth einer ſolchen Wirthſchaft herabzuziehen, oder die Niederträch⸗ tigkeit zu haben, ſeiner Stellung und ſeinem Range zu entſagen, um den Namen eines Man⸗ nes zu tragen oder vielmehr zu ertragen, welcher Kranke für Geld beſucht, dieſe Schmählichkeiten ſind gleich groß. Neue Ankömmlinge nahmen an dieſen Auf⸗ tritten Theil. Der Kammerdiener meldete zuerſt: — Frau Baronin von Roberſac. Darauf: — 117— — Der Fürſt. Frau von Roberſac war eine Frau von un⸗ gefähr fünf und vierzig Jahren, mit dunkelem Haar, ſehr ſchmächtig, mit durchdringendem Blick, füßlichem Lächeln, ſchlauen und einnehmen⸗ den Geſichtszügen; übrigens in gewiſſer Rückſicht eine ausgezeichnete und bemerkenswerthe Frau. Wir werden ſpäter und zwar noch weitläufig auf ſie zurückkommen, denn Frau von Roberſac war ein zeitgenöſſiſches Muſterbild. Der Fürſt von Morſenne, Vater von Frau von Beaupertuis(inſofern wenigſtens, als er Gemahl von Frau von Morſenne war), ein Mann von einigen fünfzig Jahren, hatte mehrere hohe Geſandtſchaftspoſten bekleidet. Er vereinigte in ſich, wo nicht alle Verdienſte, wenigſtens alle äußeren Eigenſchaften des Diplomaten und Staatsmannes mit aller gewinnenden Anmuth des vollendeten großen Herrn; ſchöne Züge, glänzende Geſchwätzigkeit, einnehmende Würde, ausgeſuchte Leutſeligkeit, Höflichkeit, die oft an Gefallſucht grenzte, nie aber abgeſchmackt wurde, denn er ging mit ſeinen Gunſtbezeigungen haus⸗ hälteriſch um, er theilte ſie ſozuſagen nach der Stellung eines Jeden ein, und hatte zwanzig ver⸗ ſchiedene Arten, die Hand zu reichen, einen Gruß zu erwidern oder guten Tag zu bieten; wenn nicht übertrieben andächtig, trug er doch ſeine — 118— Frommigkeit ſehr zur Schau(und zwar erſt ſeit wenigen Jahren) und ließ keine günſtige Gelegen⸗ heit vorübergehn, auf der Tribüne der Pairs⸗ kammer die unbeugſame Strenge ſeiner Grund⸗ ſätze in Bezug auf Moral, Religion und Familie, die unerſchütterlichen Grundlagen der Geſellſchaft, zur Schau zu ſtellen. Bei ſeinem Eintritt hielt Herr von Morſenne einen offenen Brief in der Hand. Frau von Roberſac ging gerade auf Frau von Morſenne zu, welche neben der jungen Her⸗ zogin ſaß, und ſagte ihr, nachdem ſie den Ritter Saint⸗Merry mit einem freundſchaftlichen Kopf⸗ nicken begrüßt und Diana von Beaupertuis die Hand gedrückt hatte, liebevoll: — Oben, liebe Fürſtin, erfuhr ich von Ber⸗ tha's Erzieherin, daß Sie hier wären. Beim Her⸗ abkommen begegnete mir Herr von Morſenne; er bot mir den Arm, und wir kommen, um mit Ihnen das unerhärte Unglück zu beklagen, das Ihre Familie betroffen hat.— Sie wiſſen dieſe beklagenswerthe Geſchichte alſo auch ſchon, meine Liebe? entgegnete Frau von Morſenne auf die Condolation von Frau von Roberſac. Dieſe antwortete im Tone inniger Theilnahme: Der liebe Fürſt hat mich von Allem un⸗ terrichtet; ich zittere noch vor Beſtürzung und Entrüſtung. Mein Gott, wer hätte das erwar⸗ —,— — —— tet! Eine Frau, die bisher im Rufe ſo ehren⸗ werther Geſinnung, eines ſo ſicheren Umgangs, ſo erprobter Geſetztheit, eines ſo unbeſcholtenen Lebens und ſo muſterhafter Frömmigkeit geſtan⸗ den hatte. In Wahrheit, es grenzt an Wahn⸗ ſinn!— Das habe ich gleich geſagt, entgegnete die junge Herzogin. Sicher iſt in dieſer Heirath oder vielmehr, wie Mutter ſagt, in dieſer unge⸗ heuerlichen Begattung Etwas, welches das Ganze für null und nichtig erklären läßt.— Ach! mein Gott ja! früher wäre es ſo geweſen, ſagte Ritter Saint⸗Merry, denn damals hielt man noch et⸗ was auf Ehre und Unbeſcholtenheit der Familien; ſeit der ſchauderhaften Revolution aber.. dann wandte ſich der Ritter mit emporgehobenen Schultern an den Fürſten und ſagte ſeufzend: Ach! mein guter Hektor!. ſag an.. in welchen Zeiten leben wir! Mein lieber Adhe⸗ mar, entgegnete Herr von Morſenne, du weißt, wie ich es längſt in der Pairskammer ausgeſpro⸗ chen habe; die Revolution beſchränkt ſich nicht auf die Politik; ſie hat ſich in die Sitten und in die Familie eingedrängt; ſie erſchüttert die Geſell⸗ ſchaft in ihren Grundfeſten! Jeder Tag bringt ſeine Unwürdigkeit, und dieſe Unwürdigkeiten, welche uns entrüſten, werden jetzt mit einer er⸗ ſchreckenden Kaltblütigkeit begangen. Es iſt die überlegte So iſt dieſe unwürdige — 120— Marquiſin ſo wohl bei Sinnen, daß ich, als ich eben nach Hauſe kam, Folgendes vorfand.— Was iſt es, Vater? fragte Diana Beaupertuis. — Eine Anzeige ihrer Verbindung, ſagte der Fürſt, indem er die Arme übereinanderſchlug und ſeine Blicke im Kreiſe der Anweſenden um⸗ herſandte, als ob er ſie zu Zeugen dieſer neuen Ungebührlichkeit auffordern wollte. Dann fügte er hinzu: ja, eine Anzeige dieſer ſchimpflichen Hei⸗ rath!— Welch eine Unverſchämtheit! ſagte die Fürſtin.— Welche Dreiſtigkeitl ergänzte Madame Roberſac. — Und das iſt noch nicht Alles! entgegnete Herr von Morſenne, das iſt noch nicht Alles! — Wie! fragte Herr von Saint⸗Merty, noch mehr?— Ja, ſagte der Fürſt, ſeinen inneren Grimm kaum bewältigend, das noch mehr iſt, daß der Brief nicht gedruckt, ſondern von der Margquiſin mit eigener Hand geſchrieben iſt, wie wir es aus Achtung unter Verwandten zu thun pflegen. Das heißt alſo, beſtimmt und deutlich erklären, daß man die verwandtſchaftlichen Be⸗ ziehungen noch geltend macht, daß man geſon⸗ nen iſt, dieſelben fortzufetzen. Das heißt, Frau von Morſenne und mich, meine Tochter und den Herzog, meinen Schwiegerſohn, mit dem unver⸗ ſchämten Beſuch von Herrn und Madame Bona⸗ quet bedrohen.— Das iſt zu ungeheuer! rief , —, — 121— Frau von Morſenne aus; dieſe Frau kann nicht bis zu dem Grade von Sinnen ſein. Ich ſage Ihnen, meine Liebe, entgegnete der Fürſt, es iſt nichts Geringeres als eine deutliche Anzeige, daß ſie uns den einen oder anderen Tag ihren Arzt vorſtellen wird.— Und ich erkläre, rief die Für⸗ ſtin aus, daß von heute, von Stund an meine Thür auf immer für Ihre Couſine verſchloſſen iſt. Ich frage Sie doch, welch ein entſetliches Bei⸗ ſpiel wäre das für meine Tochter Bertha, ein Kind von fünfzehn Jahren! Sie der Gefahr aus⸗ ſetzen, mit einem verlornen Geſchöpf zuſammen⸗ zutreffen!— Wenn ſie die Frechheit hätte, zu mir zu kommen, ſagte die junge Herzogin, ſo würde ich ihr durch meine Leute ſagen laſſen, daß ich für alle Andern, nur nicht für ſie zu Hauſe wäre. — Glücklicherweiſe, ſagte Frau von Roberſac, wird die Entrüſtung der Geſellſchaft über dies beklagenswerthe Aergerniß allgemein ſein. Dieſe Marquiſin ohne Gefühl und Scham wird alle Thüren verſchloſſen, ſtreng verſchloſſen finden! — Um Gottes willen! nennen Sie ſie nicht mehr Marquiſin, meine Liebe! rief die Fürſtin aus; dem Himmel ſei Dank, iſt ſie es nicht mehr!!!— Hören Sie, liebe Mutter! rief die junge Herzogin lebhaft aufſpringend aus, ich verpflichte mich gleichfalls Anzeigen umherzu⸗ ſchicken, aber ſolche, die im Namen unſeres Hau⸗ — 122— ſes geſchrieben ſind.— Anzeigen? fragten Alle auf einmal; was ſoll das heißen?— Ja wohl, ent⸗ gegnete die junge Herzogin; Anzeigen des Inhalts: —, Wir haben die Ehre, Sie von dem„ ſchmerzlichen und beſchämenden Verluſt in Kenntniß zu ſetzen, welcher unſere Familie durch die Verheirathung der Frau Marqui⸗ ſin von Blainville(geborne von Morſenne) mit einer Perſon, die unſeres Hauſes un⸗ würdig iſt, betroffen hat.“ — Ich unterſchreibe zuerſt, ſchloß Diana Beaupertuis mit Entſchiedenheit; und keiner un⸗ ſerer Verwandten wird Bedenken tragen, meinem Beiſpiel zu folgen.— Herrlicher Gedanke! rief Ritter Saint⸗Merry aus. Ich bin bereit, als der älteſte Freund des Hauſes mitzuunterzeich⸗ nen.— Solch einen trefflichen Einfall konnte wahrlich nur dieſe liebe Diana haben, ſagte Ma⸗ dame Roberſac mit Bewunderung. Und mit ei⸗ nem unmerklichen Zuſatz von Jronie fügte ſie hinzu, indem ſie die Mutter der jungen Herzogin wie zufällig anblickte: Das ganze edle Blut der Morſenne empört ſich in ihr! Wie würdig iſt ſie, jene wilde Diana, Dame von Morſenne, unter ihren Ahnen zu zählen, welche im vier⸗+ zehnten Jahrhundert den entſetzlichen Muth hatte, ihre Tochter mit eigener Hand zu tödten, weil dieſelbe, wie man ſagt, die Ehre verletzt hatte. 128— Die Fürſtin erröthete leicht, und Ritter Saint⸗Merry ſagte lebhaft: — Mein liebes Pathchen hat Recht. Ihr Gedanke iſt köſtlich. Ja, dieſer Gebrauch ſollte in der That eingeführt werden, um die Leute an die Würde ihres Namens zu erinnern!— Wie! das ſollte man thun? fragte die Fürſtin lebhaft. Ich hoffe ſehr, daß es wirklich geſchieht! Und indem ſie ſich fragend an ihren Mann wandte, ſagte ſie: — Sind Sie nicht meiner Meinung?— Gewiß, antwortete der Fürſt mit feierlicher Stimme, und als Familienhaupt übernehme ich es, dieſe Briefe eigenhändig zu ſchreiben. Der Eintritt des Ksmtiems unterbrach das Geſpräch. IX. Der Kammerdiener näherte ſich dem Fürſten und überreichte demſelben eine Karte auf einem ſilbernen Teller, indem er ſagte: — Durchlaucht, die Karte wurde von einem Herrn abgegeben, welcher Sie zu ſprechen wünſcht.— Iſt Loiſeau noch nicht zuruͤckge⸗ kehrt, fragte der Fürſt halblaut, während er die — 124— Karte nahm.— Nein, Hoheit, ich habe Herrn Loiſeau noch nicht nach Hauſe kommen ſehen, ſagte der Bediente, während der Fürſt an's Fenſter trat und mit Hülfe eines Augenglaſes in Schild⸗ patt⸗Einfaſſung den auf die Karte geſchriebenen Namen las. Es war der Name Anatole Ducormier.* — Wer iſt dieſer Herr? fragte der Fürſt den Kammerdiener; ich kenne den Namen nicht.— Durchlaucht, der Herr ſagte, daß er in ſehr drin⸗ genden Geſchäften komme...— In Geſchäf⸗ ten? nun, ſo führen Sie ihn zum Haushofmei⸗ ſter, wenn er in Geſchäften kommt! Ich kenne den Herrn Ducormier nicht! Als der Bediente im Begriff war fortzugehn, ſagte ihm der Fürſt noch einmal halblaut: — Sobald Loiſeau zurück iſt, will ich es wiſſen. — Zu Befehl, Durchlaucht. Mit dieſen Worten verließ der Kammerdie⸗ ner das Zimmer. Herr von Morſenne trat wieder zu der Ge⸗ ſellſchaft, von welcher er ſich einen Augenblick entfernt hatte. — Es iſt alſo ausgemacht, lieber V ſagte die Herzogin von Beaupertuis, noch Abend müſſen dieſe Briefe geſchrieben werden das wird den Frauen, denen es ſerner einfallen könnte, eine ſchimpfliche Heirath einzugehn, eine Warnung ſein.— Ich werde ſie noch heute Abend ſchreiben, ſagte Herr von Morſenne.— Kommen Sie etwas früher als gewöhnlich, lie⸗ ber Fürſt, wandte ſich Frau von Roberſac an Herrn von Morſenne. Bringen Sie Diana mit, wir wollen Ihnen helfen dieſe Briefe ſchreiben; und dann, nach dieſer würdigen und muthigen That und zur Belohnung dafür.. erlauben wir uns alle drei eine kleine Ausſchweifung... die ich mir vorgenommen habe.— Was wollen Sie ſagen? entgegnete der Fürſt, Frau von Ro⸗ berſac erſtaunt anblickend. Was für eine kleine Ausſchweifung?— Alle Welt verſichert, daß die Opernbälle dies Jahr reizend ſind und von der beſten Geſellſchaft beſucht werden, fuhr Frau von Roberſac fort, indem ſie Herrn von Morſenne ſcharf anblickte, welcher einen Augenblick über⸗ raſcht und verwirrt ſchien. Ich bin ſehr begie⸗ rig, dieſelben zu beſuchen, glaube, daß mich Dia⸗ na gern begleiten wird und habe beſchloſſen, daß Sie uns hinführen ſollen, lieber Fürſt!— Auf den Opernball? Trefflicher Gedanke! ſagte Frau von Beaupertuis; vergangenes Jahr habe ich mich zwar tödtlich dort gelangweilt; doch das thut nichts; will uns Vater hinführen, ſo bin ich dabei, meine liebe Frau von Roberſac. — Bravo, Hektor! der Opernball macht — 126— uns um zwanzig Jahr jünger! ich treffe Dich dort, ſagte Ritter Saint-Merty lachend zum Fürſten. Trotz ſeiner Uebung in der Verſtellung, konnte dieſer ſeine Verlegenheit nicht vollkommen verbergen, zumal Frau von Roberſac noch un⸗ verwandt ihren pruͤfenden Blick auf ihn richtete. Er antwortete Herrn von Saint⸗Merry: — Ei, lieber Adhemar, Du biſt wohl när⸗ riſch? Wie! ich auf den Opernball?— Sind wir nicht mehr als hundertmal zuſammen dort geweſen?— Ja, früher; aber offen geſagt, iſt das nichts mehr für uns. Bedenke doch unſere Jahre und dann... in einer gewiſſen po⸗ litiſchen Stellung...— Geh doch, Hektor! habe ich nicht vergangenes Jahr den Herzog von Mirecourt, den ehemaligen Conſeilpräſidenten, dort getroffen, der doch auch in unſern Jahren iſt, wie Du ſagſt; und iſt nicht der Marquis von Juviſy, Vicepräſident der Pairskammer, gleichfalls ein junger Mann ungefähr in unſe⸗ ren Jahren, einer der unermüdlichſten Beſucher der Opernbälle und ein Stammgaſt des berühm⸗ ten Coffre?— Es iſt wahr, indeß..— Wie! mein Lieber, Sie tragen Bedenken? ſagte Frau von Morſenne zu ihrem Mann; ich verſi⸗ chere Sie, wenn ich nicht von der Maske und der Hitze abſcheuliche Kopfſchmerzen beſorgte, wäre — 127— ich mit von der Partie, denn ſchon ſeit drei, vier Jahren war ich nicht auf dem Opernball.— Ohne Zweifel, ſagte der Fürſt mit vollkommen wiedergewonnener Faſſung, ohne Zweifel iſt es immer mein größtes Glück, Frau von Roberſac und meiner Tochter zu Dienſten zu ſein; der von mir angeführten Gründe wegen aber und vor Al⸗ lem nach dem Unglück, welches unſer Haus be⸗ troffen hat, würde, glaube ich, eine Unſchicklich⸗ keit darin liegen, wenn ich mich heute Abend auf dem Opernball zeigte, den ich ſeit zehn Jahren mit keinem Fuß betreten habe.— Ich glaube im Gegentheil, lieber Fürſt, entgegnete Madame Roberſac, daß es einen ſehr guten Eindruck ma⸗ chen würde, wenn Sie durch Ihre Gegenwart an einem öffentlichen Vergnügungsort bewieſen, daß Sie durchaus von der Schmach einer un⸗ würdigen Handlung nicht berührt werden können, für welche Sie in keinerlei Weiſe verantwortlich ſind.— Dennoch, meine liebe Frau von Rober⸗ ſac, entgegnete der Fürſt, werden Sie mir zu bemerken erlauben...— Ich behaupte noch mehr, fiel die Baronin Herrn von Morſenne in's Wort, da nach ihrer Gewohnheit eine große An⸗ zahl von Männern aus unſerem Kreiſe ſich dort einfinden werden, ſcheint es mir eine treffliche Gelegenheit, um laut und öffentlich zu erklären, daß Sie im Betreff dieſer ſchimpflichen Heirath — 128— die Benachrichtigungen geſchrieben haben, über welche wir übereingekommen ſind.— Das iſt klar! ſagte Herr von Saint⸗Merry, ſo erfährt es ganz Paris zwiſchen heute und morgen.— Frau von Roberſac hat vollkommen Recht, mein Lieber, fügte Frau von Morſenne bei, folgen Sie ihr, ihr Rath iſt vortrefflich!— Das iſt auch meine Anſicht, Vater, ſagte die junge Herzogin. Doch will ich Sie damit nicht veranlaſſen, mit Widerſtreben auf den Opernball zu gehn, denn ſicher würden wir, glaube ich, auch auf Herrn von Saint⸗Merry rechnen dürfen, der uns wohl ſeinen Arm nicht verweigerte.— Können Sie einen Augenblick daran zweifeln, mein ſchönes Pathchen? ſagte Herr von Saint⸗Merry verbind⸗ lich. Ich bin aber uͤberzeugt, fügte er, ſich an den Fürſten wendend, hinzu, Hektor läßt ſich bei den vielen guten Gründen, welche ſeinen Einwendungen entgegengeſetzt ſind, überreden. — Wo nicht, meinte Frau von Roberſac lachend, indem ſie die folgenden Worte mit einem Tone ſprach, welcher Herrn von Morſenne ſehr bedeu⸗ tungsvoll ſchien, ſo müßte man glauben, daß den lieben Fürſten wirklich irgend ein Grund ein Staatsgeheimniß. will ich anneh⸗ men hinderte, unſerer Bitte zu willfahren. — Nun wohl! entgegnete Herr von Morſenne mit dem einnehmendſten Lächeln, ich vermag den ⁸ Bitten nicht länger zu widerſtehn. Schade, es iſt ſo ſüß, ſich auf ſolche liebenswürdige Weiſe bit⸗ ten zu laſſen!— Mein Gott! ſagte die junge Herzogin, als wenn ihr plötzlich etwas einfiele, jetzt erſt denke ich daran!— Woran denn, meine Liebe? fragte ihre Mutter.— Abbé Jourdan wird morgen in der Kirche Saint⸗Thomas d' Aquin predigen, entgegnete Diana von Beau⸗ pertuis, man ſagt, daß er in ſeiner Entrüſtung und in ſeinem Zorn herrlich iſt, wenn er gegen unſere Zeit eifert, und daß er ſelbſt ſehr gewagte Dinge über die Zügelloſigkeit der Sitten vor⸗ bringt, es würde mir ein Genuß ſein, ihn zu hö⸗ ren. Komme ich nun aber erſt um vier oder fünf Uhr Morgens vom Opernball... ſo muß ich den Abbé aufgeben.— Beruhigen Sie Sich darüber, meine Liebe, ſagte die Fürſtin zu ihrer Tochter, ich übernehme es ſelbſt Sie zu wecken. Ich will auch des Abbé Predigt nicht verfehlen. Indeß werde ich Ihre Schweſter Bertha nicht mitneh⸗ men, denn für kleine Mädchen paſſen die Predig⸗ ten doch eigentlich nicht... Wir beide gehn aber.— Und ich werde Sie dort treffen, liebe Fürſtin, ſagte Madame Roberſac, denn ich ver⸗ fehle keine Predigt des Abbé Jourdan Man ſagt, die Partei von Saint⸗Suplice reize ihn und ſchöbe ihn vor, um den armen Abbé Ma⸗ rotin zur Verzweiftung zu bringen und nieder⸗ Die Prophezeihung. 1. 9 — 130— zuſchmettern.— Das iſt ganz natürlich, nahm Ritter Saint⸗Merry, welcher in dieſen gehäſſi⸗ gen Zänkereien der Geiſtlichkeit ſehr bewandert ſchien, das Wort. Da Abbé Marotin Werk⸗ zeug des Bisthums iſt, und die Suplicianer demſelben in den Haaren liegen, bieten ſie Al⸗ les auf, um ihren Abbé Jourdan zu fördern und den Abbé Marotin niederzudrücken. Die kirchli⸗ chen Blätter wechſeln täglich die entſetzlichſten Schmähungen, indem die Einen es mit dieſem, die Andern mit jenem halten, ſo daß es jetzt er⸗ bitterte Jourdaniſten und Marotiniſten giebt. Ich für mein Theil bekenne mich als Jourdaniſt; der Burſche iſt nicht mit Gelde zu bezahlen. Letz⸗ ten Sonntag war er in ſeiner Schilderung der ewigen Verdammniß entſetzlich, und von unwi⸗ derſtehlicher Beredſamkeit in ſeinem Beweis, daß der Menſch zum Elende geboren ſei ſo et⸗ was iſt vortrefflich für das Volk.— In der That ſprach Abbé Jourdan Sonntag ſo vortrefflich, nahm der Fürſt das Wort, daß ich gleich nach der Kirche Seiner Ehrwürden, den Biſchof von Ratopolis, welcher den Abbé hergeſandt hat, aufſuchte, um von ihm die Adreſſe des jungen Prieſters zu erfahren, bei welchem ich ſofort mit einigen ſchmeichelhaften Worten meine Karte ab⸗ gegeben, denn es iſt in dieſer Zeit der Unord⸗ nung und Gottloſigkeit durchaus nothwendig, mit — 131— aller Macht und auf jede mögliche Weiſe die Män⸗ ner der Kirche zu ermuthigen, welche der Vertheidi⸗ gung der ganzen ſocialen Ordnung eine kräftige und beredte Stimme leihen. Bei dieſen letzten Worten, welche Herr von Morſenne mit Wärme ſprach, konnte ſeine Tochter ein leichtes ironiſches Lächeln nicht verhehlen, das nur Frau von Roberſac bemerkte. Dieſe ſtand jetzt auf„um ſich der jungen Herzogin zu empfeh⸗ len, und ſagte zu derſelben: — Nun, auf heute Abend alſo, meine liebe Diana. Bald hätte ich's vergeſſen, darf ich fra⸗ gen, ob uns der Herzog begleiten wird?— Ich muß Ihnen geſtehn, liebe Frau von Roberſae, entgegnete die junge Frau, daß ich Herrn von Beaupertuis ſeit drei Tagen nicht geſehen habe. — Wie kommt das?— Er hat drei neue leben⸗ dige Käfer, wie er verſichert, von einem ſehr merkwürdigen Geſchlecht von Algier geſchickt be⸗ kommen; ohne Zweifel iſt er nun ſeit acht und vierzig Stunden, die kurze Schlafenszeit abge⸗ rechnet, mit der Lupe in der Hand unabläſſig beſchäftigt, ſeine Beobachtungen über die Sitten dieſer Käfer anzuſtellen.— Was für eine eigen⸗ thümliche und feſſelnde Leidenſchaft die Naturfor⸗ ſchung doch iſt, erwiderte Frau von Roberſac lächeind. Man ſollte wohl nicht über Dinge ur⸗ theilen, die man nicht verſteht, in der That aber 9* frage ich mich immer, was für Genuß dem lie⸗ ben Herzog ſein einſames vertrautes Leben mit ſeinen Käfern bereiten kann.— Es ſcheint, ent⸗ gegnete die junge Herzogin lachend, daß ſich„ Herr von Beaupertuis dem Studium der Sitten dieſer häßlichen kleinen Thierchen vorzüglich mit ſolchem Eifer hingiebt, um der Akademtie der Wiſſenſchaften eine Abhandlung über ihre Le⸗ bensweiſe einzureichen. Werden Sie es glauben, neulich verſicherte er mir, daß er im Vergleich der Wunder, welche er täglich mutels ſeiner Lupe entdeckt, in demſelben Maße die Käfer bewun⸗ dere, als er unſere armſelige Menſchheit ver⸗ achte. Er brachte mir ſogar zur Unterſtützung dieſer herrlichen Anſicht neulich Morgens eine Karte, welche er als Gedächtnißtafel mit Nadel⸗ ſtichen durchlöchert hatte, und wollte mir durch⸗ aus die Bedeutung dieſer Nadelſtiche auseinan⸗ derſetzen, ich bat ihn aber, mich damit zu ver⸗ ſchonen, worauf er ganz böſe von mir ging, in⸗ dem er mir über meine Gleichgültigkeit bittere Vorwürfe machte. Dabei lachte die junge Her⸗ zogin von Neuem hell auf.— Schweigen Sie doch, Tollkopf! ſagte Frau von Roberſac und fügte, indem ſie ſich an Frau von Morſenne wandte, hinzu:— Hören Sie wohl, liebe Füt⸗ ſtin.. was für Späße mir Diana erzähl Während Frau von Beaupertuis von — 133— ſonderbaren wiſſenſchaftlichen Liebhaberei ihres Mannes ſprach, hatte ſich der wiedereingetretene Kammerdiener Herrn von Morſenne genähert und demſelben halblaut gemeldet: — Durchlaucht, Herr von Loiſeau iſt eben nach Hauſe gekommen.— Er ſoll mich in mei⸗ nem Arbeitszimmer erwarten, hatte der Fürſt mit ſichtbarer Ungeduld und Bewegung geantwortet, und da er Frau von Roberſac ſich zum Abſchied rü⸗ ſten ſah, ſich derſelben genähert.— Auf heute Abend alſo, lieber Fürſt, redete ihn dieſe an, während ſie Diana zum Lebewohl die Hand drückte; wir wollen ſcharfes und ſtrenges Gericht über dieſe unwürdige Marquiſin halten.— Er⸗ lauben Sie mir, gnädige Frau, daß ich Sie bis an Ihren Wagen führe, ſagte Herr von Mor⸗ ſenne zu Frau von Roberſac, welche ſein Geleit annahm; dann ſprach er zu ſeiner Tochter ge⸗ wendet:— Diana, ſeien Sie um neun Uhr be⸗ reit.— Ja, mein Vater, antwortete die junge Frau.— Sie ſagen mir doch Lebewohl, ehe Sie fortgehn, meine Liebe? fragte die Fürſtin, indem ſie gleichfalls ihre Tochter verließ.— Ja, liebe Mutter. Frau von Morſenne ging in Begleitung des Ritter Saint⸗Merry in ihre Wohnung hinauf (ſie bewohnte die erſte Etage des Hotels, in wel⸗ chem ihre Tochter das Erdgeſchoß inne hatte), — 1341— während der Fürſt Frau von Roberſac bis zur Anfahrt geleitete, wo ihr Wagen bereit ſtand. Um in die Vorhalle zu gelangen, welche zur Anfahrt führte, mußte man vom Salon von Frau von Beaupertuis aus durch einen Gang, ein Billardzimmer, ein Warte⸗ und ein Vor⸗ zimmer gehn. Auf dieſem ziemlich langen Weg, wozu noch ein kurzer Aufenthalt im Billardzimmer kam, in welchem Niemand war, führten der Fürſt und Frau von Roberſac folgendes Geſpräch: — Hektor, ſagte Frau von Roberſac mit mühſam unterdrückter Bewegung zu dem Fürſten, Sie hintergehn mich... — Olympia, was wollen Sie ſagen?... — Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, ſeit einiger Zeit ſind Sie zerſtreut und mit etwas Fremdem beſchäftigt; und geſtern haben Sie ſogar eine Loge für den heutigen Opernball genommen. — Ich verſichere Sie, liebe Freundin.. — Lügen Sie nicht, Hektor, ich weiß es.— Ich wiederhole Ihnen, Sie irren Sich.— Ich irre mich ſo wenig, daß vorhin, als ich mit Ab⸗ ſicht den Opernbeſuch vorſchlug, Ihre Verlegen⸗„ heit gar nicht zu verkennen war, weil derſelbe wahrſcheinlich, worauf ich rechne die Aus⸗ führung gewiſſer Pläne hindern wird— In de That, liebe Olympia, ſagte der Fürſt mit ein⸗ 3 — 135— ſchmeichelnder, zärtlicher Stimme, haben Sie mich an ſolchen Argwohn und ſolches Mistrauen gar nicht gewöhnt. Wie! nach zehnjährigem ver⸗ trauten Umgang, während ich mein Leben bei Ihnen zubringe, ſollte zwiſchen zwei ſo alten Freunden, als wir ſind, noch thörichte Eiferſucht auffommen?... und mit liebenswürdigem und feinem Lächeln ſchloß er: Wollen Sie mich et⸗ wa zu dem beſchämenden Auskunftsmittel nöthi⸗ gen, mich mit Berufung auf meine Jahre gegen Ihren Verdacht zu ſchützen?„ einen Verdacht, welcher wahrlich zu ſchmeichelhaſt iſt.— Ich bin vor Allem auf Ihr Vertrauen eiferſüchtig, Hektor; dies verlange ich aber ganz, und, mein Gott, Sie wiſſen ja, daß Sie mich unter dieſer Bedin⸗ gung immer nachſichtig.. ach! mehr als nach⸗ ſichtig finden.— Mein Vertrauen! ſeien Sie aufrichtig, Olympia, beſitzen Sie daſſelbe nicht vollſtändig? Empfange ich nicht in Ihrem Sa⸗ lon ſtatt in dem meiner Frau alle Abend meine politiſchen Freunde? Halte ich nicht bei Ihnen, wie Sie fälſchlich ſagen, meine Cour, denn in der That iſt es die Ihrige? ſagte der Fürſt mit verdoppelter Süßigkeit; ſind Sie nicht die Göt⸗ tin, deren ergebenſter Prieſter ich bin glücklich, Ihnen als der Erſte meine Anbetung darbringen zu können?— Hert von Morſenne, erwiderte Frau von Roberſac trocken, ich kenne Sie ausbleiben... gehe ich jedenfalls auf den Opernball, und dann hüten Sie Sich.. 136 Sie zu gut und zu lange, um mich durch Abge⸗ ſchmacktheiten hinter das Licht führen zu laſſen. Merken Sie wohl auf: ich beſorge, daß Sie Sich lächerlich machen und Aergerniß erregen werden, und damit einen doppelten Kummer für mich. Da⸗ rum bin ich in unſerem beiderſeitigen Intereſſe entſchloſſen, Ihnen dieſe Lächerlichkeit zu erſpa⸗ ren und Mehrere Bedienten, welche mit Lichtern ein⸗ traten, um die Zimmer zu erleuchten, denn der Abend war herangekommen, unterbrachen das Geſpräch von Herrn von Morſenne und Frau von Roberſac; dieſe gelangten bald in das Vor⸗ zimmer, in welchem ſich mehrere Lakaien aufhiel⸗ ten; ein Theil derſelben erhob ſich mit Ehrerbi⸗ tung, während zwei andere die breiten Flügel der Glasthüre öffneten, die zur Anfahrt führte, an welcher der Wagen von Frau von Roberſac bereit ſtand. Dieſe flüſterte dem Fürſten, welcher ſie führte, beim Hinabſteigen der Stufen noch zu: — Um neun Uhr erwarte ich Sie. Wenn Dieſe Worte wurden während des Hinabſt 6 gens des Perrons ganz leiſe und im Tone der Erbitterung und Drohung geſprochen; unten — 137— ſtand der Lakai der Baronin, welcher die Thüre ihrer Berline geöffnet hielt. Plötzlich Ton und Ausdruck wechſelnd, ſagte Frau von Roberſac jetzt laut und mit der freund⸗ lichſten Stimme zu Herrn von Morſenne, wel⸗ cher ihr in den Wagen half: — Tauſend Dank, auf baldiges Wiederſehn, lieber Fürſt. Herr von Morſenne grüßte mit Ehrerbietung und verließ die Anfahrt, als der Wagen den Thorweg ehicht hatte, um ſich in ſeine Zimmer zu begeben. 6 Während der Fürſt Frau von Roberſac an ihren Wagen geleitete, begleitete Ritter Saint⸗ Merry die Fürſtin in ihre Wohnung; indem er auf der breiten Treppe einen Augenblick ſtillſtand, ſagte er zu Frau von Morſenne: — Wiſſen Sie wohl, Armande, daß ich vor⸗ hin meiner ſtolzen Freude große Gewalt anthun mußte, um unſerer lieben Diana nicht um den Hals zu fallen, als ſie den vortrefflichen Gedan⸗ ken der Anzeigen in Betreff jener ſchimpflichen Heirath hatte?— Ja. Und Sie haben dieſe ſüß⸗ blickende Viper, Frau von Roberſac, ganz über⸗ hört, als ſie ironiſche Ausrufungen über das ſtotze Blut der Morſenne machte, welches ſich in meiner Tochter empörte.— Ach, was! Sie wiſſen, Armande, dieſe Klapperſchlange 0 — 138— lärmt mehr, als ſie ſticht, und übrigens... — Still doch, Adhemar! da kommt Bertha, ſagte Frau von Morſenne lebhaft, indem ſie auf Herrn von Saint⸗Merry's Arm geſtützt die Treppe weiter hinaufzuſteigen begann. In der That hatte die Fürſtin in dem Augen⸗ blick, als ſie den Ritter unterbrach, ihre zweite Tochter, Bertha von Morſenne(Schweſter von Frau von Beaupertuis), bemerkt, welche in Beglei⸗ tung ihrer Erzieherin die Treppe herabkam. Fräulein Bertha von Morſenne war ein Kind oon kaum funfzehn Jahren, lang, ſchwächlich gebaut und blaß, mit kaltem Auge und mürri⸗ ſchen und trotz ihrer Jugend ſchon hochmüthigen Geſichtszügen; ihre Erzieherin, eine junge Eng⸗ länderin, mit ſanftem, ernſtem, etwas ſchwer⸗ müthigem Ausſehn, begleitete ſie. Da Fräulein von Morſenne ihrer Mutter und Herrn von Saint⸗Merry entgegenkam, hatte ſie dieſelben bald erreicht. — Wohin gehen Sie, Bertha? fragte die Fürſtin.— Ich gehe zu meiner Schweſter, Mut⸗ ter.— Ich hoffe, Miß Nancy iſt mit den Fort⸗ ſchritten von Früulein Bertha, die kein klein Mädchen mehr iſt, immer noch zufrieden? ſagte Herr von Saint⸗ Merty mit der Vertraulichkeit eines alten Familienfreundes.— Es würde ſchwer halten, Mademoiſelle immer zu genügen, b — —— entgegnete Bertha in ſcharfem, ſpitzem Ton.— Dennoch muß es Ihr ſtetes Beſtreben ſein, meine liebe Bertha, Miß Nancy zufrieden zu ſtellen, antwortete Frau von Morſenne ernſt, indem ſie ihre Tochter auf die Stirn tüßte. Dann ſagte ſie der Erzieherin:— Vergeſſen Sie nicht, Miß Nancy, bei den Leuten von Frau von Beauper⸗ tuis ſich zuvor zu erkundigen, ob dieſelbe allein iſt; wo nicht, ſo kommen Sie mit Bertha wieder herauf.— Jawohl, gnädige Frau, erwiderte die Erzieherin, indem ſie Fräulein von Morſenne folgte, während deren Mutter in ihre Wohnung hinaufging. Während dieſer Auftritte auf der Treppe hatte Herr von Morſenne in Haſt ſein Arbeitszimmer erreicht, in welchem Herr Loiſeau, ſein Vertrauensmann, auf ihn wartete. Ende des erſten Bändchens. Druck von Otto Wigand.