„ A 2———— Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. 177. Theil. Der ewige Inde. Sechstes Bändchen. 6— Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. „ Der ewige Jude. Von Enugen Sue. Ueberſetzt von Dr. A. Diezmann. Sechstes Bändchen. ————— Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand⸗ Sechstes Kapitel. Der Morgen. Das Wetter, das einen Theil der Nacht hin⸗ durch feucht und nebelig geweſen, war gegen Mor⸗ gen hell und kalt geworden. Durch das kleine Schiebefenſter, welches das Dachſtubchen erhellte, in welchem Agricol mit ſeinem Vater geſchlafen hatte, erblickte man einen Streifen blauen Him⸗ mels. Das Stuͤbchen des Schmieds ſah ſo ärmlich aus wie das Hoͤckchens. Statt aller Verzierung bemerkte man uͤber dem Tiſchchen von weichem Holze, auf welchem Agricol ſeine Lieder ſchrieb, an der Wand das Portrait Börangers, des unſterbli⸗ chen Dichters, den das Volk liebt und verehrt, weil dieſer ſeltene und vortreffliche geniale Mann das Volk geliebt und aufgeklärt, und den Ruhm, wie das Ungluͤck des Volkes beſungen hat. Obgleich der Tag kaum zu grauen begann, wa⸗ ren Dagobert und Agricol bereits aufgeſtanden. Der ewige Jude. VI. 1 Der Letztere hatte ſich ſo weit zu beherrſchen ge⸗ wußt, um ſeine lebhafte Unruhe zu verbergen, denn weiteres Nachdenken hatte ſeine Beſorgniſſe nur noch geſteigert. Der neuerliche tolle Streich in der Straße Prouvaires hatte eine große Anzahl von Verhaf⸗ tungen veranlaßt, und das Vorfinden mehrerer Exemplare ſeines Liedes von dem„freigelaſſenen Arbeiter“ bei einem der Hauptleiter des verungluck⸗ ten Complots mußte allerdings den jungen Schmied einigermaßen gefaͤhrden.. Sein Vater ahnete in⸗ deß, wie geſagt, nichts von der Unruhe des Sohnes. Der Soldat, der neben ſeinem Sohne auf dem Rande ihres Bettes ſaß und ſich gleich bei Tages⸗ anbruche mit militairiſcher Puͤnktlichkeit angekleidet und raſirt hatte, hielt die beiden Häͤnde Agricols in den ſeinigen; ſein Geſicht ſtrahlte vor Freude und er wurde nicht muͤde, ihn zu betrachten. „Du wirſt mich auslachen, mein Junge,“ ſagte er,„aber ich habe die Nacht zum Teufel gewuͤnſcht, um Dich bei Tageslicht zu ſehen, ſo wie ich Dich jetzt ſehe.. Und noch eine Dummheit. Siehſt Du, es ſchmeichelt mir, daß Du einen Schnur⸗ bart traͤgſt.. Ein prächtiger Grenadier zu Pferde waͤrſt Du geworden!.. Haſt Du nie Luſt gehabt, Soldat zu werden?“ „Und die Mutter?“ „Du haſt Recht, und dann, wenn man's recht bedenkt, ich glaube, ſiehſt Du, die Säbelzeit iſt — vorbei. Wir alten Kerle taugen zu weiter nichts, als neben den Kamin geſtellt zu werden, wie ein altes verroſtetes Gewehr; wir haben unſere Zeit gehabt.“ „Ja, Euere Zeit von Heldenmuth und Ruhm!“ fiel Agricol ein; dann ſetzte er mit tiefbewegter in⸗ niger Stimme hinzu:„wie ſchoͤn und gut iſt es, Dein Sohn zu ſein!“ „Schoͤn?— Das weiß ich nicht; gut?— Nun ja, gut muß es ſein, da ich Dich ſo ungeheuer lieb habe. Und wenn ich mir denke, daß es erſt an⸗ geht! Agricol, ſiehſt Du, mir geht's wie den Leu⸗ ten, die Tagelang gehungert haben; ſie fangen auch nur allmaͤlig an, und koſten„. Richte Dich nur immer ein, tuͤchtig gekoſtet zu werden, Junge, fruͤh und Abends, alle Tage.. Ich kann gar nicht daran denken— alle Tage!— Das blendet mich, das verwirrt mir den Kopf..“ Dieſe Worte machten einen peinlichen Eindruck auf Agricol; er glaubte darin die Ahnung der Tren⸗ nung zu erkennen, von welcher er bedrohet war. „Du biſt alſo gluͤcklich: Herr Hardy iſt im⸗ mer gut gegen Dich?“ „Er?“ antwortete der Schmied;„er iſt der beſte, gerechteſte und edelſte Menſch in der Welt⸗ Wenn Du wuͤßteſt, welche Wunderdinge er in ſei⸗ ner Fabrik ausgefuͤhrt hat; in Vergleich mit andern iſt ſie ein Paradies neben der Hoͤlle.“ „Wirklich?“ „Du wirſt ſehen, welche Freude, welche Zu⸗ friedenheit, welche Liebe auf den Geſichtern Aller liegt, die er beſchaͤftiget, und wie man mit Ver⸗ gnuͤgen, mit Eifer arbeitet.“ „Dein Herr Hardy iſt alſo ein Hexenmeiſter?“ „Ein großer Zauberer, Vater, denn er hat die Arbeit anziehend gemacht, alſo zum Vergnuͤgen.— Außer einem billigen Lohne giebt er uns aber auch einen Theil vom Gewinne, je nach Verdienſt, und deshalb arbeiten wir mit Eifer. Noch nicht genug. Er hat große ſchoͤne Gebaͤude auffuͤhren laſſen, in denen alle Arbeiter zu niedrigern Preiſen als an⸗ derswo freundliche und geſunde Wohnungen finden und wo ſie alle Vortheile der Aſſociation genie⸗ ßen. Aber Du wirſt es ſelbſt ſehen..“ „Ja, Paris heißt mit Recht die Stadt der Wunder. Und ich bin nun endlich da, um Dich und Deine gute Mutter nie wieder zu verlaſſen.“ „Nein, Vater, wir werden einander nicht wie⸗ der verlaſſen,“ ſagte Agricol, der einen Seufzer unterdruͤckte;„wir, die Mutter und ich, werden uns bemuͤhen, Dich Alles vergeſſen zu laſſen, was Du gelitten haſt.“ „Gelitten? Wer, zum Teufel! hat gelitten? Sieh mich an, gerade in's Geſicht, ſehe ich elend und leidend aus? Donnerwetter! Seit ich den Fuß in das Haus geſetzt habe, fuͤhle ich mich jung.. Du ſollſt mich einmal marſchiren ſehen! Ich wette, 8. daß ich Dich muͤde mache... Du putzeſt Dich, Junge, nicht wahr? Wie wird man uns anſehen! Wenn man Deinen ſchwarzen Schnurbart und meinen grauen ſieht, ſagt gewiß gleich Jeder, ich wette darauf: Vater und Sohn! Wir wollen gleich uͤberlegen, wie wir heute unſern Tag zubringen; zuerſt ſchreibſt Du an den Vater des Marſchalls Simon, daß ſeine Enkelinnen angekommen und daß er ſchnell nach Paris zuruckkehren muͤſſe, denn es handelt ſich um Dinge, die fuͤr die Maͤdchen ſehr wichtig ſind; waͤhrend Du ſchreibſt, gehe ich hinunter und ſage meiner Frau und den lieben Kindern guten Morgen; dann eſſen wir ein paar Biſſen mit einander; Deine Mutter geht in die Meſſe, denn ich ſehe, daß ſie noch immer darauf haͤlt, die brave Frau, meinetwegen, wenn es ihr Spaß macht; unterdeſſen machen wir einen Gang mit einander..“ „Lieber Vater,“ antwortete Agricol verlegen, „dieſen Vormittag werde ich nicht mit Dir gehen koͤnnen..“ „Du wirſt nicht können? Es iſt ja Sonntag.“ „Das wohl, Vater,“ entgegnete Agricol zo⸗ gernd,„aber ich habe verſprochen, dieſen Morgen in die Werkſtatt zu kommen, um eine dringende Arbeit zu beendigen.. Wenn ich nicht kaͤme, wuͤrde ich Herrn Hardy in Schaden bringen.. Ich werde aber bald frei ſein.“ — ₰ „Das iſt was Anderes,“ ſagte der Soldat mit einem Seufzer;„ich glaubte.. ſchon dieſen Mor⸗ gen den erſten Ausgang in Paris mit Dir machen zu koͤnnen.. Nun, ſo geſchieht es ſpäter, denn die Arbeit. laͤßt ſich nicht aufſchieben und iſt heilig, weil ſie Deine Mutter erhaͤlt.. Es ſchadet nichts,. es thut mir leid, ſehr leid, und noch einmal,. nein, ich bin ungerecht.. Sieh nur, wie ſchnell ich mich an das Gluͤck gewoͤhne; ſchon brumme ich wie ein Murrkopf uͤber einen Spaziergang, der auf ein paar Stunden verſchoben werden ſoll, und habe doch achtzehn Jahre gehofft, Dich zu ſehen, ohne ſehr darauf zu rechnen.. Ich bin ein alter Narr, lieber Agricol.“ Und um ſich zu troſten, kußte er ſeinen Sohn recht von Herzen. Dieſe Liebkoſung that dem Schmiede weh, denn er fuͤrchtete, jeden Augenblick die Beſorgniß Hoͤck⸗ chens ſich beſtätigen zu ſehen. „Jetzt bin ich wieder mit mir in Ordnung,“ ſagte Dagobert lachend,„und nun wollen wir von Geſchäften reden. Weißt Du, wo ich die Adreſſe ſaͤmmtlicher Notare von Paris finden kann?“ „Nein, das weiß ich nicht, aber es iſt ſehr leicht.“ „Ich will Dir ſagen, warum. Aus Rußland habe ich mit der Poſt und auf Befehl der Mutter der beiden Kinder, die ich daher begleitet, wichtige Papiere an einen Notar in Paris geſchickt. Da ich ihn nach meiner Ankunft aufſuchen ſollte, ſo hatte ich mir ſeinen Namen und ſeine Adreſſe in meine Brieftaſche geſchrieben, aber dieſe hat man mir unterwegs geſtohlen, und da ich den verwuͤnſchten Namen vergeſſen habe, ſo denke ich, ich wurde mich wieder an ihn erinnern, wenn ich ihn auf der Liſte ſähe.“ Agricol erſchrak, denn es wurde zweimal an der Thuͤre geklopft. Er dachte unwillkuhrlich an den gegen ihn er⸗ laſſenen Haftbefehl. Sein Vater, der auf das Geraͤuſch ſich um⸗ drehete, bemerkte die Bewegung des Sohnes nicht und rief mit ſtarker Stimme: „Herein!“ Die Thuͤre wurde geoͤffnet; es war Gabriel, der einen ſchwarzen Prieſter⸗Leibrock und einen runden Hut trug. Seinen Adoptivbruder erkennen und ihm in die Arme ſinken, waren bei Agricol zwei gedanken⸗ ſchnelle Bewegungen. „Mein Bruder!“ „Agricol!“ „Gabriel!“ „Nach ſo langer Abweſenheit!“ „Da biſt Du endlich..“ So ſprachen der Schmied und der Miſſionair, die einander eng umſchlungen hielten. Dagobert, der mit freudiger Ruͤhrung dieſe bruderliche Umarmung ſah, fuhlte, daß ſeine Augen feucht wurden, und es lag allerdings etwas Ergrei⸗ fendes in der Liebe der beiden jungen Maͤnner, die von Herzen einander ſo gleich, dem Character und dem Ausſehen nach ſo verſchieden waren, denn neben dem maͤnnlichen Geſichte Agricols fiel das Zarte des engelſanften Geſichtes Gabriels noch mehr auf. „Mein Vater hatte mir Deine Ankunft ſchon gemeldet,“ ſagte endlich der Schmied zu ſeinem Adoptivbruder.„Ich erwartete Dich jeden Au⸗ genblick und doch iſt mein Gluͤck noch hundert⸗ mal größer, als ich es hoffte.“ „Und meine gute Mutter?“ fragte Gabriel, in⸗ dem er die Haͤnde Dagoberts zärtlich druͤckte;„Sie haben ſie doch geſund gefunden?“ „Ja, mein guter Sohn, und ſie wird ſich noch viel wohler fuͤhlen, da wir nun alle beiſammen ſind. Es iſt nichts ſo geſund als die Freude,“ ſagte Da⸗ gobert, der ſich dann an Agricol wendete, welcher ſeine Angſt vor der Verhaftung vergaß und den Miſſionair mit unausſprechlicher Innnigkeit betrach⸗ tete,—„und wenn man denkt, daß Gabriel mit dieſem Mädchengeſichte den Muth eines Loͤwen be⸗ wieſen hat,. ich habe Dir ja erzaͤhlt, mit welcher Unerſchrockenheit er die Tochter des Marſchalls Simon gerettet und auch mich zu retten verſucht hat.. —— „Aber Gabriel, was haſt Du an der Stirn?“ fragte mit einemmale der Schmied, der ſeit einigen Augenblicken den Miſſionair aufmerkſam anſah. Gabriel, der bei dem Eintreten ſeinen Hut ab⸗ gelegt hatte, ſtand gerade unter dem Fenſterchen, deſſen helles Licht ſein ſanftes bleiches Geſicht be⸗ ſchien, ſo daß die kreisrunde Wunde, die auf ſeiner Stirn von einer Schlaͤfe zur andern lief, vollkom⸗ men ſichtbar war. Dagobert hatte bei den ſo verſchiedenen Ge⸗ fühlen und den Ereigniſſen, die ſo raſch auf den Schiffbruch folgten, waͤhrend der kurzen Unterredung mit Gabriel in dem Schloſſe Cardoville die Wunde nicht bemerkt, welche uͤber die Stirn des jungen Miſſionairs lief, er theilte daher jetzt die Verwun⸗ derung Agricols und ſagte: „Ja, wahrhaftig, was fur eine Wunde haſt Du da an der Stirn?“ „Und an den Haͤnden? Sieh doch, Vater!“ rief der Schmied aus, indem er eine Hand ergriff, die ihm der junge Miſſionair, wie um ihn zu be⸗ ruhigen, entgegenſtreckte. „Gabriel, mein muthiger Sohn, erklaͤre uns das. Wer hat Dich ſo verwundet?“ ſetzte Dago⸗ bert hinzu, der ſeiner Seits die Hand des Miſſionairs ergriff, die Wunde gewiſſermaßen als Kenner be⸗ trachtete und weiter ſprach: „In Spanien wurde Einer meiner Kameraden von einem Kreuze heruntergenommen, an das ihn Der ewige Jude. VI. 2 — 14— die Moͤnche geſchlagen hatten, damit er da verhun⸗ gere und verdurſte. Seitdem hatte er an den Haͤnden gerade ſolche Narben. „Der Vater hat Recht. Man ſieht es, die Hände ſind durchſtochen worden, armer Bruder,“ ſprach Agricol in ſchmerzlicher Bewegung. „Denkt nicht weiter daran,“ antwortete Ga⸗ briel, der in beſcheidener Verlegenheit erröthete. „Ich ging als Miſſionair zu den Wilden in dem Sie fingen an, mir die Kopfhaut abzuſchneiden, als die Vorſehung mich aus ihren Händen be⸗ freiete.“ „Ungluͤckliches Kind! Warſt Du ohne Waffen? Hatteſt Du keine hinreichende Bedeckung?“ fragte Dagobert. „Wir duͤrfen keine Waffen tragen,“ antwor⸗ tete Gabriel mit ſanftem Lächeln,„und haben nie⸗ mals Bedeckung.“ „Und warum vertheidigten Dich Deine Kame⸗ raden nicht, die bei Dir waren?“ fragte Agricol ungeſtuͤm. „Ich war allein, Bruder.“ „Allein?“ „Ja, allein, mit einem Fuͤhrer.“ „Du biſt allein, ohne Waffen in das Land der Wilden gegangen?“ wiederholte Dagobert, der kaum glauben konnte, was er hoͤrte. —— „Das iſt erhaben,“ fiel Agricol ein. „Der Glaube kann nicht mit Gewalt aufge⸗ zwungen werden,“ entgegnete Gabriel einfach;„nur die Ueberredung vermag die chriſtliche Liebe unter den armen Wilden zu verbreiten.“ „Aber wenn die Ueberredung ſcheitert?“ fragte Agricol. „Nun, Bruder, man ſtirbt fur ſeinen Glauben, indem man die beklagt, die ihn zuruͤckweiſen, denn er iſt den Menſchen wohlthaͤtig.“ Nach dieſer Antwort, die mit ruͤhrender Ein⸗ falt geſprochen wurde, trat einen Augenblick tiefe Stille ein. Dagobert verſtand ſich zu gut auf den Muth, als daß er dieſen zugleich ruhigen und ergebenen Muth nicht begriffen hatte; er ſah wie ſein Sohn Gabriel mit Bewunderung und Achtung an. Ga⸗ briel dagegen ſchien, ohne eine falſche Beſcheidenheit zu heucheln, die Gefuhle, die er erweckte, gar nicht zu kennen, und er fragte deshalb den Soldaten: „Was iſt Ihnen?“ „Was mir iſt?“ wiederholte der Soldat;„ich glaubte nach dreißigjährigem Kriege ſo muchig zu ſein als irgend Jemand, finde aber meinen Meiſter, und dieſer Meiſter biſt Du.. „Ah! Wie meinen Sie das? Was habe ich denn gethan?“ „Weißt Du, daß dieſe Wunden da..“ und der Veteran ergriff die Haͤnde Gabriels mit Be⸗ — geiſterung,„eben ſo ruhmvoll, ja noch ruhmvoller ſind, als die, welche wir Soldaten von Profeſſion davongetragen haben?“ „Ja, der Vater hat Recht,“ ſetzte Agricol be⸗ geiſtert hinzu;„ſo liebe, ſo verehre ich die Prieſter! Muth, Chriſtenliebe und Ergebung!“ „Ich bitte Euch, ruͤhmt mich nicht ſo,“ ſprach Gabriel in Verlegenheit. „Dich ruͤhmen!“ wiederholte Dagobert;„ſieh dal wenn ich in's Feuer ging, war ich da allein? Sah mich mein Capitain nicht? Waren meine Ka⸗ meraden nicht da? Trieb mich nicht die Eitelkeit vorwaͤrts, wenn es mir an wahrem Muthe gefehlt haͤtte?— ungerechnet das Schlachtgeſchrei, den Pulvergeruch, das Trompetengeſchmetter, den Ka⸗ nendonner, die Hitze meines Pferdes, das unter mir ausgriff, als haͤtte es den Teufel im Leibe; ungerechnet endlich, daß ich die Nähe des Kaiſers fuͤhlte, der mir fuͤr meine zerlöcherte Haut ein Stuͤckchen Treſſe oder ein Bändchen zum Blutſtillen geben wuͤrde. Deshalb galt ich fuͤr einen Tollkopf, ich, der Du ganz allein und ohne Waffen zu Fein⸗ den ziehſt, die hundertmal ſchrecklicher ſind als die, welche wir angreifen und noch dazu in Schwadro⸗ nen, mit Säbelhieben unter Haubitzen⸗ und Kar⸗ tatſchenbegleitung?⸗ „Herrlicher Vater!“ rief der Schmied aus; gut; biſt Du aber nicht tauſendmal mehr Tollkopf wie 3 „wie ſchon und edel iſt es von ihm, daß er Dir ſo Gerechtigkeit widerfahren laͤßt!“ „Ach, Bruder, ſeine Guͤte gegen mich uͤbertreibt, was doch ganz natuͤrlich iſt..“ Matuͤrlich? Fuͤr Leute Deiner Art, ja,“ ſagte der Soldat;„aber dieſe Art iſt ſelten.“ „Ach ja, ſehr ſelten, denn dieſer Muth iſt der bewundernswuͤrdigſte,“ fuhr Agricol fort.„Wie? Du weißt, daß Du in einen gewiſſen Tod gehſt, und gehſt allein, ein Crucifix in der Hand, um bei den Wilden Bruderliebe zu predigen; ſie ergreifen Dich, ſie martern Dich, und Du erwarteſt den Tod, ohne Dich zu beklagen, ohne Haß, ohne Zorn, ohne Rache, Verzeihung auf den Lippen und lchelnd. Und dies tief im Walde, allein, ohne daß es Je⸗ mand weiß oder ſieht, ohne irgend eine Hoffnung, wenn Du entkommſt, als Deine Wunden unter Deinem beſcheidenen ſchwarzen Rock zu verbergen. Ja, der Vater hat Recht; behaupte noch einmal, daß Du nicht auch ſo muthig ſeieſt als er!“ „Und,“ fuhr Dagobert fort,„der arme Sohn thut alles dies umſonſt, denn, wie Du ſagſt, ſein Muth und ſeine Wunden werden ſeinen ſchwarzen Rock nie in ein Biſchofsgewand verwandeln.“ „Ich bin nicht ſo uneigennuͤtzig als ich erſcheine,“ ſagte Gabriel mit ſanftem Laͤcheln zu Dagobert; „wenn ich wuͤrdig befunden werbe, kann mich ein hoher Lohn dort oben erwarten.“ „Davon, mein Sohn, verſtehe ich nichts und ich will mit Dir nicht daruͤber ſtreiten.. Ich behaupte nur, daß mein altes Kreuz auf Deinem Rocke eben ſo gut angebracht wäre wie auf meiner Uniform.“ „Ein ſolcher Lohn iſt nie fuͤr ſo demuͤthige Prieſter wie Gabriel,“ ſagte der Schmied;„und wenn Du wuͤßteſt, Vater, welche Tugend und wel⸗ chen Muth diejenigen beſitzen, welche die Prieſter⸗ partei unverſchuldeterweiſe die niedrige Gei ſt⸗ lichkeit nennt, welche unbekannte Verdienſte, welche Hingebung, von der Niemand etwas erfährt, die unbeachteten wuͤrdigen Landgeiſtlichen haben, die von ihren Biſchoͤfen ſo unmenſchlich behandelt und unter ſo hartem Joche gehalten werden! Dieſe armen Prieſter ſind wie wir Arbeiter, deren Be⸗ freiung alle edlen Herzen ebenfalls verlangen muͤſſen, Soͤhne des Volkes wie wir, nuͤtzlich wie wir, und es muß ihnen Gerechtigkeit werden wie uns, nicht wahr, Gabriel? Du wirſt mir nicht widerſprechen, guter Bruder, denn Dein Ehrgeiz, ſagteſt Du mir, ginge dahin, eine kleine Landpfarre zu erhalten, weil Du wuͤßteſt, wie viel Gutes da gewirkt werden kann.“ „Mein Wunſch ich noch immer derſelbe,“ ſprach Gabriel traurig,„aber keider..“ und als haͤtte er einem u ngenehmen Gedanken entgehen und dem Geſpraͤche eine andere Wendung geben wollen, ſprach er zu Dagobert gewendet:„glauben Sie mir und ſetzen Sie Ihren Muth nicht herab, indem Sie den unſerigen zu hoch ſtellen.. Ihr Muth iſt groß, ſehr groß, denn der Anblick der Metzelei muß nach der Schlacht fuͤr ein fuͤhlendes Herz entſetzlich ſein. Wir todten doch wenigſtens nicht, wenn wir auch getodtet werden..“ „ Der Soldat richtete ſich bei dieſen Worten des Miſſionairs empor und ſah ihn verwundert an. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte er. „Was, Vater?“. „Was mir Gabriel da ſagt, erinnert mich an das, was ich im Kriege fuhlte, je älter ich wurde.“ Nach einer kurzen Pauſe ſetzte dann Dagobert in ernſtem traurigem Tone hinzu, der nicht ſein ge⸗ woͤhnlicher war:„ja, was Gabriel ſagt, erinnert mich an das, was ich. im Kriege fuͤhlte, als ich älter wurde. Seht, Kinder, mehr als einmal, wenn ich Abends nach einer großen Schlacht auf der Wache ſtand, allein, in der Nacht, im Monden⸗ ſchein, auf dem Schlachtfelde, das uns geblieben war, auf dem aber ſieben bis achttauſend Leichen lagen, unter welchen ſich alte Kriegskameraden be⸗ fanden, da machte mich dieſer traurige Anblick und die tiefe Stille nuͤchtern von der Mordluſt— die ein Rauſch iſt wie ein anderer— und ich dachte bei mir: da ſind viele Menſchen getödtet worden Warum? warum? Das hinderte mich aber natuͤrlich nicht, wenn am nächſten Tage wieder zum Angriffe geblaſen wurde, wie toll um mich herumzuhauen.. Wahr iſt es aber doch, daß ich, wenn mir der Arm — mude war und ich nach einem Angriffe den blutigen Säͤbel an der Mahne meines Pferdes abwiſchte, immer wieder bei mir ſagte: da habe ich getoͤdtet, getoͤdtet. getödtet— warum?“ Der Miſſionair und der Schmied ſahen ein⸗ ander an, als ſie den Soldaten ſo von der Ver⸗ gangenheit ſprechen hoͤrten. „Ach!“ ſagte Gabriel zu ihm,„alle edle Herzen fuͤhlen, was Sie in jenen feierlichen Stunden fuh⸗ len, in denen die Ruhmestrunkenheit verraucht und der Menſch allein iſt mit den guten Trieben, die Gott in ſein Herz gelegt hat.“ „Und das beweiſt Dir, mein braver Sohn, daß Du beſſer biſt als ich, denn dieſe guten Triebe, wie Du Dich ausdruͤckſt, haben Dich nie verlaſſen.. Aber ſag' an, wie biſt Du den Klauen der verfluch⸗ ten Wilden entgangen, die Dich ſchon gekreuziget hatten?“ Vei dieſer Frage Dagoberts zuckte Gabriel zu⸗ ſammen und erröthete ſo ſichtbar, daß der Soldat zu ihm ſagte: „Wenn Du auf meine Frage nicht antworten darfſt oder kannſt, ſo benke, ich hätte nichts geſagt.“ „Ich habe Ihnen und meinem Bruder nichts zu verheimlichen,“ antwortete der Miſſionair mit bewegter Stimme.„Aber es wird mir ſchwer wer⸗ den, Ihnen das begreiflich zu machen, was ich ſelbſt nicht begreife.“ „Wie ſo?“ fragte Agricol verwundert. ———————— —— — —— „Ich bin gewiß,“ fuhr Gabriel erroͤthend fort, „durch meine Sinne getaͤuſcht worden;z in dem Augen⸗ blicke, als ich ergeben den Tod erwartete, iſt mein geſchwächter Geiſt ſicherlich durch den Schein irre⸗ geleitet worden, und was mir jetzt noch unerklaͤrlich erſcheint, wird mir vielleicht ſpaͤter enthuͤllt werden; ich hätte freilich ermitteln ſollen, wer das geheim⸗ nißvolle Weib war.“ Dagobert ſaß, als er den Miſſionair ſo reden hoͤrte, wie verſteinert da, denn auch er ſuchte ſich vergebens die unerwartete Hilfe zu erklaren, die ihn und die Waiſen aus dem Gefaͤngniſſe in Leipzig gefuͤhrt hatte. „Welches Weib?“ fragte der Schmied den Miſ⸗ ſionair. „Die mich gerettet hat.“ „Eine Frau hat Dich aus den Haͤnden der Wilden befreit?“ fragte Dagobert. „Ja!“ antwortete Gabriel, der ſich ganz in dieſe Erinnerungen verſenkte,„eine junge, ſchoͤne Frau.“ „Und wer war ſie?“ fragte Dagobert. „Das weiß ich nicht. Als ich ſie fragte, ant⸗ wortete ſie: ich bin die Schweſter der Be⸗ truͤbten.“ „Und woher kam ſie? Wohin ging ſie?“ fragte Dagobert, deſſen Neugierde hochgeſpannt war. „Ich gehe dahin, wo man leidet, ant⸗ wortete ſie mir,“ entgegnete der Miſſionair,„und ſie ſetzte ihre Wanderung fort nach dem Norden —— Amerikas, nach jenen oͤben Gegenden, wo ewiger Schnee liegt und die Nächte endlos ſind..“ „Wie in Sibirien,“ ſprach Dagobert, der nach⸗ denkend geworden war. „Aber,“ fuhr Agricol gegen Gabriel fort, der ebenfalls tiefer und tiefer in ſeine Gedanken zu verſinken ſchien,„wie hat Dir dieſe Frau beige⸗ ſtanden?“ Der Miſſionair wollte antworten, als ein be⸗ ſcheidenes Klopfen an der Thuͤre des Stuͤbchens die Beſorgniſſe erneuerte, welche Agricol ſeit der Ankunft ſeines Adoptivbruders vergeſſen hatte. „Agricol,“ ſprach eine ſanfte Stimme hinter der Thuͤre,„ich moͤchte gleich jetzt ein paar Worte mit Dir ſprechen.“ Der Schmied erkannte die Stimme Hoͤckchens und öffnete, aber ſtatt herein zu kommen, trat das Madchen in den dunkeln Gang zuruͤck und ſagte beſorgt: „Mein Gott, Agricol, es iſt ſchon ſeit einer Stunde heller Tag und Du biſt noch nicht forte Welche Unvorſichtigkeit! Ich habe unten gelauert und bis jetzt nichts Beunruhigendes bemerkt; aber man kann jeden Augenblick kommen, um Dich zu verhaften; ich beſchwöre Dich alſo, geh nun ſogleich fort und zu dem Fraͤulein von Cardoville; es iſt keine Minute zu verlieren.“ „Wenn Gabriel nicht gekommen, waͤre ich ſchon — 25— fort.. Konnte ich aber dem Gluͤcke widerſtehen, einige Augenblicke bei ihm zu bleiben?“ „Gabriel iſt da?“ fragte Hockchen mit freudi⸗ gem Erſtaunen, denn ſie war, wie bekannt, mit ihm und Agricol aufgewachſen. „Ja,“ antwortete Agricol,„ſeit einer halben Stunde iſt er da bei mir und meinem Vater.“ „Wie werde ich mich freuen, ihn wiederzu⸗ ſehen!“ ſprach Höckchen..„Er iſt gewiß herauf⸗ gekommen, während ich bei Deiner Mutter war, um ſie zu fragen, ob ich ihr etwas helfen koͤnnte, wegen der jungen Maͤdchen, aber ſie ſind ſo muͤde, daß ſie noch ſchlafen.. Deine Mutter hat mich gebeten, Dir dieſen Brief fuͤr Deinen Vater zu ge⸗ ben, den ſie eben erhalten hat.“ „Ich danke, gutes Hoͤckchen.“ „Da Du nun Gabriel geſehen haſt, bleibe nicht langer; bedenke, welcher Schlag es fuͤr Deinen Vater ſein wuͤrde, wenn man Dich vor ſeinen Au⸗ gen verhaftete.“ „Du haſt Recht, ich muß fort. Bei ihm und Gabriel habe ich unwillkuͤhrlich meine Beſorgniſſe vergeſſen.“ „Geh geſchwind; vielleicht kannſt Du nach zwei Stunden, wenn Fraͤulein von Cardoville Dir dieſen großen Dienſt erzeigt, uͤber Dich und die Deinigen beruhiget zuruͤckkommen.“ „Nur noch einige Minuten und ich gehe.“ „Ich lauere wieder an der Thuͤre; wenn ich elwas ſehen ſollte, komme ich herauf und melde es Dir, aber bleibe nicht lange.“ „Sei unbeſorgt.“ Hoͤckchen eilte die Treppe wieder hinunter, um an der Hausthuͤre zu lauern, und Agricol kehrte in das Dachſtuͤbchen zuruͤck. „Vater,“ ſagte er zu Dagobert,„da iſt ein Brief, den Du leſen ſollſt, ſagt die Mutterz; ſie hat ihn eben erhalten.“ „Lies ihn fur mich, mein Sohn.“ „Agricol las: „Madame, „Ich erfahre, daß Ihr Mann von dem Ge⸗ „neral Simon einen hochſt wichtigen Auftrag er⸗ „halten hat. Erſuchen Sie ihn, ſobald er in „Paris ankommt, ſich in meine Expedition, in „Chartres, ohne Verzug zu begeben. Ich bin „beauftragt, ihm ſelbſt und keinem Andern „Urkunden zu uͤbergeben, die fur die Intereſſen des „Generals Simon durchaus nöthig ſind. „Durant, Notar, in Chartres.“ Dagobert ſah ſeinen Sohn verwundert an und ſagte zu ihm: „Wer hat den Herrn von meiner nahen An⸗ kunft in Paris unterrichten können?“ „Vielleicht der Notar, deſſen Adreſſe Du ver⸗ loren haſt und dem Du Papiere geſchickt haſt,“ ſagte Agricol. — —— „Er hieß nicht Durant und ich weiß es ge⸗ nau, daß er Notar in Paris war, nicht in Char⸗ tres. Auf der andern Seite,“ ſetzte der Soldat nachdenkend hinzu,„wenn er ſo wichtige Papiere hat, die er mir uͤbergeben ſoll..“ „Du kannſt es nicht vermeiden, wie mir ſcheint, ſo bald als möglich abzureiſen,“ ſagte Agricol, der ſich wegen dieſes Umſtandes faſt Gluͤck wuͤnſchte, da ſein Vater auf ungefaͤhr zwei Tage entfernt wurde und in dieſer Zeit ſein eigenes Schickſal auf die eine oder die andere Weiſe entſchieden ſein mußte. „Dein Rath iſt gut,“ ſagte Dagobert zu ihm. „Aber er ſtört Sie in Ihren Plänen?“ ſagte Gabriel. „Ein wenig, Kinder, denn ich gedachte den Tag mit Euch zu verbringen,— aber die Pflicht geht vor. Ich bin aus Sibirien nach Paris ge⸗ kommen und kann mich alſo nicht ſcheuen, von Paris nach Chartres zu gehen, wenn es ſich um eine ſo wichtige Sache handelt. In zweimal vier⸗ undzwanzig Stunden werde ich zuruͤck ſein Selt⸗ ſam aber bleibt es. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich geglaubt habe, Euch heute zu verlaſſen und nach Chartres wandern zu muͤſſen. Zum Gluͤck kann ich Roſa und Bianca meiner guten Frau uͤberlaſſen und ihr Engel Gabriel, wie ſie ihn nennen, wird ihnen Geſellſchaft leiſten.“ — „Das wird mir leider nicht möglich ſein,“ ant⸗ wortete der Miſſionair betruͤbt..„Dieſer mein heutiger Beſuch bei meiner guten Mutter und bei Agricol iſt zugleich ein Abſchiedsbeſuch.“ „Wie ſo Abſchied?“ fragten Dagobert und Agricol. „Leider ja.“ „Du reiſeſt ſchon wieder ab?“ fragte Dagobert. „Das iſt nicht moͤglich.“ „Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben,“ ſprach Gabriel, der einen Seufzer unterdruckte, „aber binnen hier und einiger Zeit kann und darf ich nicht in dieſes Haus kommen.“ „Mein lieber Sohn,“ ſagte Dagobert geruͤhrt, „es liegt in Deinem Weſen etwas, das wie Zwang ausſieht, wie Unterdruͤckung. Ich verſtehe mich auf die Menſchen; der, welchen Du Deinen Vor⸗ geſetzten nennſt und den ich einige Augenblicke nach dem Schiffbruche in dem Schloſſe Cardoville geſehen habe, gefaͤllt mir gar nicht und es thut mir wahrhaftig leid, daß Du unter einem ſolchen Capitain ſtehſt.“ „In Schloß Cardoville?“ rief der Schmied aus, dem dieſer Name auffiel;„in dem Schloſſe Cardoville wurdet Ihr nach dem Schiffbruche auf⸗ genommen?“ „Ja, mein Junge; was wundert Dich dabei?“ „Nichts, Vater. Wohnen die Beſitzer dieſes Schloſſes dort?“ — ½5— einen ſeltſamen,.. einen ſchrecklichen Kampf, zu dem ich zwei ſolche Zeugen wie Ihr brauche, 5 einen Vater— und einen Bruder..“ Einige Augenblicke ſpaͤter begab ſich Agricol, der immer aͤngſtlicher geworden war, eilig zu dem Fraͤulein von Cardoville, wohin wir ihn begleiten. Der Palaſt St. Dizier. Erſtes Kapitel. Das Gartenhaus. Der Palaſt St. Dizier war eines der größten und ſchoͤnſten Gebaͤude in der Babylon⸗Straße in Paris. Er hatte ein hoͤchſt ernſtes, impoſantes, trauriges Ausſehen und neben den weißgrau ange⸗ ſtrichenen großen Fenſtern mit den kleinen Schei⸗ ben erſchienen die von der Zeit geſchwaͤrzten Waͤnde von behauenen Steinen noch duͤſterer. Der Palaſt glich allen denen, welche um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in dieſem Stadt⸗ theile erbaut worden ſind, und beſtand in einem großen Hauptgebaͤude mit einem dreieckigen Fron⸗ Der ewige Jude. VI. 3 30 ton und gebrochenem Dache. Eine breite Vor⸗ trevpe fuͤhrte zu dem Erdgeſchoſſe. Die eine Seite ging auf einen ſehr großen Hof, der auf jeder Seite mit Arcaden umgeben war, welche mit großen Wirthſchaftslocalen in Verbindung ſtanden. Die andere Seite ſah in den Garten, einen wahren Park von zwoͤlf bis funfzehn Ackern, und hier bildeten zwei Fluͤgel, die an das Hauptgebaͤude ſtießen, zwei Seitengalerien. Wie faſt in allen großen Gebaͤuden dieſes Stadttheiles ſah man am Ende des Gartens ein kleines Haus, das ſogenannte„kleine Hötel“. Dies war eine Rotunde, ein Gebäude in dem reizenden ſchlechten Pompadourgeſchmack jener Zeit und zeigte uͤberall, wo der Stein hatte bearbeitet werden kon⸗ nen, eine unglaubliche Menge von Schnoͤrkeln, Bandſchleifen, Blumenguirlanden und pausbäcki⸗ gen Liebesgöttern. Dieſer Pavillon oder dieſes Gartenhaus, welches Adrienne von Cardoville be⸗ wohnte, beſtand in einem Erdgeſchoſſe, zu welchem man durch eine Palle gelangte, die um einige Stufen erhöhet war. Ein kleiner Vorſaal fuhrte in einen runden Saal, der ſein Licht von oben er⸗ hielt. An dieſen Saal ſtießen vier andere Zim⸗ mer, und einige Gemaͤcher in der Attike vermehr⸗ ten die Bequemlichkeit. Dieſe Anhange großer Haͤuſer werden in un⸗ ſern Tagen nicht benutzt oder ſind in Orangerie⸗ * haäuſer umgewandelt; das Gartenhaus des Palaſtes —— St. Dizier dagegen war reſtaurirt worden; die weißen Mauern glaͤnzten, als waͤren ſie von pari⸗ ſchem Marmor, und ſein zierliches verjuͤngtes Aus⸗ ſehen ſtach ſeltſam von dem duͤſtern Gebaͤude ab, das man am Ende eines großen gruͤnen Platzes erblickte, auf welchem hier und da Gruppen rieſen⸗ großer Baͤume ſtanden. Das Nachfolgende geſchah an dem Tage nach der Ankunft Dagoberts mit den Toͤchtern des Ge⸗ nerals Simon in der Straße Briſe⸗Miche. Es hatte auf der benachbarten Kirche acht Uhr geſchlagen; die Winterſonne ging ſchoͤn und glaͤn⸗ zend an dem reinen blauen Himmel hinter den großen blätterloſen Baͤumen auf, die im Sommer eine gruͤne Kuppel uͤber dem kleinen Pavillon à la Ludwig MV. bildeten. Die Thuͤre des Vorſaales wurde geoͤffnet und die Sonnenſtrahlen beſchienen ein reizendes Ge⸗ ſchoͤpf oder vielmehr zwei reizende Geſchoͤpfe, denn wenn auch das eine nur auf einer beſcheidenen Stufe der Schoͤpfung ſtand, ſo war es doch von einer im Vergleich ausgezeichneten Schoͤnheit. Mit andern Worten es erſchien ein Mädchen und ein allerliebſtes engliſches Huͤndchen von der King's Charles genannten Race unter der Halle der Rotunda. Das Maädchen hieß Georgette, das Huͤnd⸗ chen Lutine. Georgette war achtzehn Jahre alt und nie⸗ mals hat eine Soubrette Marivaux' ein lieblicheres Schelmengeſicht, ein lebhafteres Auge, ein ſchalk⸗ hafteres Lächeln, weißere Zahne, roſigere Wangen, einen zierlichern Wuchs, ein niedlicheres Fuͤßchen und eine reizendere Haltung gehabt. Ob es gleich noch ſehr fruͤh am Tage, war Georgette doch bereits ſorgfältig und zierlich geklei⸗ det. Ein Spitzenhaͤubchen mit glattanliegenden Backen, ſo ziemlich wie es die Bauermadchen tra⸗ gen, mit Roſaband garnirt und auf den herrlichen blonden Haarſtreifen ziemlich weit nach hinten ge⸗ ſetzt, umfaßte ihr friſches reizendes Geſicht; ein Kleid von grauer Levantine mit einem Halstuch von Linon, das am Buſen durch eine dicke Atlas⸗ ſchleife feſtgehalten war, hob ihre zierlich gerundete Bruſt hervor; ein Schuͤrzchen von ſchneeweißer hollaͤndiſchen Leinwand, unten mit drei breiten Säumen und Hohlnähten garnirt, ſchmiegte ſich um ihre runde gefuͤgige Taille; die kurzen engen Aermel mit einem ſchmalen Spitzenbeſatz ließen die vollen feſten weißen Arme ſehen, welche durch die langen Glacéhandſchuhe, die bis an den Elnbogen reichten, vor der Kälte geſchuͤtzt wurden. Als Geor⸗ gette das Kleid aufnahm, um ſchneller die Stu⸗ fen vor der Halle hinunter gehen zu können, zeigte ſie den gleichgiltigen Augen Lutines den Anfang einer vollen Wade, wie den untern Theil eines feingeformten Beines in weißſeidenem Strumpfe — ½—3 und ein allerliebſtes Fuͤßchen in einem Stiefelchen von ſchwarzem Atlas. Wenn eine Blondine wie Georgette pikant wird, wenn ihre zartblauen freundlichen Augen leb⸗ haft funkeln und wenn eine freudige Erregung ihren feinen Teint hoͤher roͤthet, ſo hat ſie noch mehr „Blume“ als eine Bruͤnette und erregt einen ſtaͤr⸗ kern Rauſch. Dieſes niedliche reizende Mädchen, welche am Tage vorher Agricol in das Gartenhaus gefuhrt hatte, war das erſte Kammermaͤdchen des Fräulein Adrienne von Cardoville, der Nichte der Fuͤrſtin von Saint Dizier. Lutine, welche der Schmied gluͤcklicherweiſe wiedergefunden hatte, bellte luſtig, ſprang und ſpielte auf dem Raſen. Sie war etwas ſtaͤrker als eine Fauſt; ihr glänzendes ſchwarzes langes Haar ſchimmerte wie Ebenholz unter dem breiten rothen Atlasbande, das ſich um ihren Hals ſchlang; ihre langbehaarten Pfoͤtchen waren feuerroth wie die ſehr ſtumpfe Schnauze; aus den großen blitzen⸗ den Augen ſprach Klugheit und die Ohren waren ſo lang, daß ſie den Boden beruͤhrten. Georgette ſchien ſo munter und muthwillig zu ſein wie Lutine, mit der ſie umher ſprang, und 2. der ſie ſich auf dem grünen Raſen haſchen ieß. Mit einemmale unterbrachen Lutine und Geor⸗ gette bei dem Anblicke einer Perſon, die gravitätiſch „ herankam, ihre neckiſchen Spiele. Das Huͤndchen, das einige Schritte weiter vor und keck war, ſtand feſt auf den kräftigen Pfoten und erwartete kuhn den Feind, dem es zwei Reihen kleiner Zaͤhne zeigte, die weiß wie Elfenbein, aber doch ſehr ſpitz und ſcharf waren. Der Feind war eine Frau von reifem Alter mit einem ſehr fetten weißlich braunen Mops, der mit brezelartig geringeltem Schwanze, dickem Bauche, glaͤnzendem Fell, etwas ſchiefem Halſe und ſehr auswaͤrts ſtehenden Beinen gravitätiſch einherſchritt. Seine ſchwarze muͤrriſche, hypochondriſche Schnauze, welche durch zwei zu weit vorſtehende Zähne an der linken Seite empor⸗ gehoben wurde, hatte einen auffallend heimtuͤckiſchen und rachſuͤchtigen Ausdruck. Dieſes widerliche Thier, ein wahres Muſter von einem Betſchweſterhunde, hieß Monſieur. Die Herrin Monſieurs, eine Frau von etwa funfzig Jahren, von mittler Groͤße und wohlbeleibt, war eben ſo duſter und ſtreng gekleidet, wie Georgette hell und zierlich. Ihr Anzug beſtand in einem braunen Kleide, einer ſchwarzſeidenen Mantille und einem ſchwarzen Hute.. Ihr Geſicht war in der Jugend offenbar angenehm geweſen, und ihre fri⸗ ſchen Wangen, ihre ſtarken Augenbrauen und ihre noch ſehr lebhaften ſchwarzen Augen paßten durch⸗ aus nicht zu der finſteren ſtrengen Miene, die ſie anzunehmen verſuchte. Dieſe Frau mit dem langſamen bedächtigen — Schritte war Mad. Auguſtine Grivois, die erſte Kammerfrau der Fuͤrſtin von St. Dizier. Nicht blos das Alter, der Geſichtsausdruck und die Kleidung der beiden Frauenzimmer ſtanden in auffallendem Gegenſatze, der Contraſt erſtreckte ſich ſogar auf die Thiere, welche ſie bei ſich hatten; denn Lutine und Monſieur waren eben ſo ver⸗ ſchieden wie Georgette und Mad. Grivois. Als dieſe das Huͤndchen bemerkte, konnte ſie eine Bewegung unangenehmer Ueberraſchung nicht unterdruͤcken, welche dem Maͤdchen nicht entging. Lutine, die ſeit dem Erſcheinen Monſieurs kei⸗ nen Zoll breit gewichen war, ſah denſelben keck und herausfordernd an und ging ihm dann ſogar mit ſo entſchieden feindſeliger Haltung entgegen, daß der dreimal ſo große Mops einen Noth- und Angſt⸗ ſchrei ausſtieß und ſich hinter Mad. Grivois fluͤchtete. Dieſe ſagte in anzuͤglichem Tone zu Georgette: „Sie koͤnnten es wohl unterlaſſen, Mademoi⸗ ſelle, Ihren Hund auf den meinigen zu hetzen.“ „Wahrſcheinlich haben Sie geſtern Abend Lutine wegzubringen verſucht und ſie durch die kleine Gar⸗ tenthuͤre auf die Straße hinausgejagt, um Ihr haͤßliches reſpectables Thier vor einer ſolchen Un⸗ annehmlichkeit zu ſichern. Gluͤcklicherweiſe hat aber ein wuͤrdiger junger Mann Lutine in der Ba⸗ bylon⸗Straße gefunden und ſie meiner Herrin zu⸗ ruͤckgebracht.— Aber was verſchafft mir das Glück, Madame, Sie ſo fruͤh zu ſehen?“ — „Ich bin von der Fuͤrſtin beauftragt,“ ent— gegnete Mad. Grivois, welche ein frohlockendes Laͤcheln nicht unterdrucken konnte,„ſogleich zu Fräu⸗ lein Adrienne zu gehen.. Es handelt ſich um etwas ſehr Wichtiges, das ich ihr ſelbſt ſagen ſoll.“ Georgette wurde bei dieſen Worten purpurroth im Geſicht und konnte eine leichte Bewegung von Aengſtlichkeit nicht bergen, welche zum Glück der Mad. Grivois entging, da dieſe Monſieur zu be⸗ wachen hatte, dem ſich Lutine drohend nahete. Nachdem ſie eine fluͤchtige Bewegung niedergekaͤmpft hatte, antwortete ſie mit großer Beſtimmtheit: „Das Fraͤulein iſt geſtern ſehr ſpaͤt zu Bette gegangen und hat mir verboten, vor Mittag zu ihr hinein zu kommen.“ „Das iſt wohl moͤglich; da aber einem Befehle der Fuͤrſtin, ihrer Tante, zu gehorchen iſt, ſo moͤch⸗ ten Sie wohl, Mademviſelle, ihre Herrin wecken, und zwar augenblicklich.“ „Meine Herrin hat von Niemandem Befehle zu empfangen; ſie iſt hier in ihrem Eigenthume und ich werde ſie erſt zu Mittag wecken, ſo wie ſie es mir befohlen hat.“ 3 „So werde ich ſie ſelbſt wecken.“ „Florine und Hebe werden Ihnen nicht auf⸗ machen.. Hier iſt der Schluſſel zu dem Salon und man kann nur durch den Salon zu dem Fraͤu⸗ lein gelangen.“ — „Wie? Sie wagen mich zu hindern, die Be⸗ fehle der Fuͤrſtin zu vollziehen?“ „Ja, ich wage das große Verbrechen zu be⸗ gehen, meine Gebieterin nicht wecken zu wollen.“ „Das iſt eine der Folgen der verblendeten Nach⸗ ſicht der Frau Fuͤrſtin gegen ihre Nichte,“ ſprach die Frau mit ſalbungsvoller Miene.„Fraͤulein Adrienne achtet die Befehle ihrer Tante nicht mehr und umgiebt ſich mit jungen leichtſinnigen Dingern, die ſchon fruͤh herausgeputzt ſind.“ „Ah, Madame! Wie können Sie gegen den Putz eifern, da Sie doch ſonſt die koketteſte und luſtigſte der Kammermaͤdchen der Fuͤrſtin waren. Man hat ſich das in dem Palaſte von Generation zu Generation bis auf unſere Tage herunter er⸗ zahlt.“ „Wie ſo von Generation zu Generation? Bin ich denn hundert Jahre alt, naſeweiſes Ding?“ „Ich meine die Kammermaͤdchengenerationen, denn, Sie ausgenommen, kann es keine länger als zwei oder drei Jahre bei der Fuͤrſtin aushalten. Sie hat zu viele Tugenden— fuͤr dieſe armen Maͤdchen.“ „Ich verbiete Ihnen, Mademoiſelle, ſo von meiner Gebieterin zu reden, deren Namen man nur kniend ausſprechen ſollte.“ „Nun, wenn man erzaͤhlen wollte. „Sie unterſtehen ſich..“ „Erſt geſtern Abend halb zwoͤlf Uhr.. — „Geſtern Abend?“ „Pielt ein Fiacre einige Schritte von dem gro⸗ ßen Gebaͤude; eine geheimnißvolle Perſon, die in einen Mantel gehuͤllt war, ſtieg aus, klopfte be⸗ daͤchtig, nicht an die Thuͤre, ſondern an das Fenſter des Portiers, und.. um ein Uhr hielt der Fiacre noch auf der Straße und wartete auf die geheim⸗ nißvolle Perſon im Mantel, welche dieſe ganze Zeit uͤber den Namen der Frau Fuͤrſtin, wahrſcheinlich, wie Sie ſagen, auf den Knien ausſprach.“ Mad. Grivois, welche entweder von dieſem Beſuche nichts wußte, den Rodin(denn um dieſen handelte es ſich) am vorigen Abend, nachdem er ſich von der Ankunft der Toͤchter des Generals Simon uͤberzeugt, der Fürſtin von St. Dizier ge⸗ macht hatte, oder die ſich ſtellen mußte, als wiſſe ſie nichts davon, antwortete mit veraͤchtlichem Achſel⸗ zucken: „Ich weiß nicht, was Sie wollen, Mademoiſelle, und bin auch nicht hierher gekommen, um Ihre naſeweiſen Albernheiten anzuhoͤren; noch einmal, wollen Sie mich zu Fräulein Adrienne fuͤhren oder nicht?“ „Ich wiederhole Ihnen, Madame, daß meine Perrin ſchlaͤft und mir verboten hat, vor Mittag zu ihr zu kommen.“ Dieſe Unterredung fand in einiger Entfernung von dem Gartenhaufe ſtatt, deſſen Saͤulenhalle man am Ende einer ziemlich großen Allee ſah. — Mit einemmale rief Mad. Grivois aus, indem ſie mit der Hand nach dieſer Richtung hin wies: „Großer Gott! Iſt es moͤglich? Was habe ich geſehen?“ „Was denn? Was haben Sie geſehen?“ fragte Georgette, indem ſie ſich umdrehete. „Wen ich geſehen habe?“ wiederholte Mad. Grivois erſtaunt. Ri jan „Fraͤulein Adrienne!“ „Wo denn?“ „Sie lief raſch die Halle hinauf.. Ich habe ſie an ihrem Gange, an ihrem Hute, an ihrem Mantel erkannt.. Um acht Uhr fruͤh nach Hauſe zu kommen!“ rief Mad. Grivois aus;„es iſt kaum glaublich.“ „Das Fraͤulein?.. Sie haben das Fraͤulein geſehen?“ fragte Georgette und lachte laut auf... „Ah, ich verſtehe, Sie wollen nfine wahre Geſchichte von dem Fiacre geſtern Abend noch uͤberbieten, und ſehr geſchickt!“ „Ich wiederhole, daß ich ſo eben..“ „Gehen Sie, Mad. Grivois, wenn Sie im Ernſt ſprechen, ſo ſind Sie.. nicht mehr bei Sinnen.“ „Ich bin nicht bei Sinnen. weil ich gute Augen habe? Die kleine Thuͤre, welche auf die Straße geht, fuͤhrt in die Allee bei dem Garten⸗ hauſe, und durch dieſe iſt das Fraͤulein wahrſcheinlich — hereingekommen.. Ah, Du mein Gott! Man könnte ohnmaͤchtig werden! Was wird die Frau Fuͤrſtin ſagen? O, ihre Ahnung hat ſie nicht ge⸗ taͤuſcht; ihre Nachſicht mit den Einfällen ihrer Nichte mußte dahin fuͤhren.. Es iſt entſetzlich, ſo entſetzlich, daß ich noch nicht daran glauben kann, ob ich es gleich mit meinen Augen geſehen habe.“ „Wenn es ſo iſt, Madame, ſo beſtehe ich nun darauf, Sie zum Fräulein zu fuͤhren, damit Sie ſich ſelbſt uͤberzeugen, daß Sie ſich täuſchten.“ „O, Sie ſind ſchlau, meine Gute, aber ſo klug als Sie bin ich auch. Jetzt wollen Sie mich hin⸗ einfuͤhren, das glaube ich; Sie haben ja die Ge⸗ wißheit, daß ich Fräulein Adrienne zu Hauſe finden werde.. „Aber, Madame, ich verſichere Sie.“ „Ich ſage Ihnen weiter nichts, als daß Sie, Florine und Hebe nicht noch vier und zwanzig Stunden hier bleiben; die Frau Fuͤrſtin wird dem Scandale ein Ende machen; ich gehe ſogleich, um ihr anzuzeigen, was hier vorgeht. Die Nacht aus⸗ zugehen, Du lieber Gott!.. Um acht Uhr fruͤh nach Hauſe zu kommen! Ich bin ganz außer mir,.. und wenn ich ſie nicht geſehen, nicht mit meinen Augen geſehen haͤtte, wuͤrde ich es nicht glauben. Freilich, es mußte ſo kommen, und Niemand wird ſich daruͤber wundern, nein, Alle, denen ich das Entſetzliche erzaͤhlen werde, werden gewiß ant⸗ worten: Da iſt nichts zu verwundern! Ach, wel⸗ — 2 ches Leid fuͤr die verehrungswuͤrdige Fuͤrſtin! Wel⸗ cher ſchreckliche Schlag fuͤr ſie!“ Und Madame Grivois kehrte eilig nach dem Palaſte mit Monſieur zuruͤck, der ſo ergrimmt zu ſein ſchien wie ſie. Georgette ihrerſeits lief leicht und behend nach dem Gartenhauſe zu, um Fraͤulein Adrienne zu melden, daß Madame Grivois ſie verſtohlens durch die kleine Gartenthuͤre habe hereinkommen ſehen oder geſehen zu haben glaube. Zweites Kapitel. Adriennes Toilette. Es war etwa eine Stunde vergangen, ſeit Ma⸗ dame Grivois Fraulein Adrienne von Cardoville in das Gartenhaus des Palaſtes St. Dizier zuruͤck⸗ kommen ſah oder zu ſehen glaubte. Um das Ungewoͤhnliche der nachfolgenden Schil⸗ derung begreiflich zu machen, nicht um es zu ent⸗ ſchuldigen, muͤſſen hier einige Hauptſeiten des ori⸗ ginellen Charakters des Fräuleins von Cardoville beſchrieben werden. Dieſe Originalität beſtand in einer ſehr großen geiſtigen Selbſtſtaͤndigkeit, in einem angeborenen Widerwillen gegen alles Häßliche und Widerwär⸗ 3 iiige und in einem unabweislichen Beduͤrfniſſe, ſich mit Schönem und Anziehendem zu umgeben. Kein Maler, und liebte er die Farben noch ſo ſehr, kein Bildhauer, und waͤre er von der For noch ſo ſehr entzuͤckt, kann die edele Begeiſterung, welche der Anblick der vollendeten Schoͤnheit ſtets in den bévorzugten Naturen erregt, in hoͤherm Grade empfinden, als ſie Adrienne empfand. Und das Maͤdchen ſuchte nicht blos das, was ihre Augen erfreuete; auch die harmoniſchen Modu⸗ lationen des Geſanges, die Melodie der Inſtru— mente und der Tonfall der Poeſie gewaͤhrten ihr unendliches Vergnuͤgen, waͤhrend eine grelle Stimme, ein mißtönendes Geraͤuſch denſelben peinlichen, faſt ſchmerzlichen Eindruck auf ſie machte, den ſie un⸗ willkuhrlich bei dem Anblicke eines häßlichen Gegen⸗ ſtandes erhielt. Sie liebte eben ſo leidenſchaftlich die Blumen und die lieblichen Geruͤche, erfreuete ſich an lieblichem Dufte wie an der Muſik, wie an der Formenſchoͤnheit.. Und ſollen wir das Schreck⸗ liche geſtehen? Adrienne aß gern und wußte das friſche Fleiſch einer ſchoͤnen Frucht, den zarten Wohlgeſchmack eines tadellos gebratenen Faſans oder die duftende Blume eines edeln Weines beſſer als irgend Jemand zu wuͤrdigen. Aber Adrienne genoß Alles mit kluger Mäßig⸗ keit; es war gleichſam ihre Religion, die Sinne zu pflegen und zu veredeln, die ihr Gott gegeben hatte, aber ſie wuͤrde es fur ſchwarzen Undank gehalten haben, dieſe Gaben Gottes durch Uebermaß abzu⸗ ſtumpfen oder ſie durch unwuͤrdige Wahl zu ernie⸗ drigen, vor welcher ſie uͤbrigens durch ihren unge⸗ mein feinen Geſchmack bewahrt wurde. Das Schöne und das Häßliche vertraten bei ihr die Stelle des Guten und des Boͤſen. Ihre Vorliebe fuͤr die Anmuth, die Eleganz und die Koͤrperſchoͤnheit hatte ſie zur Verehrung der moraliſchen Schoͤnheit gefuͤhrt; denn wenn der Ausdruck einer ſchlechten, gemeinen Leidenſchaft das ſchoͤnſte Geſicht haͤßlich macht, ſo wird das haͤß⸗ lichſte durch den Ausdruck edeler Gefuͤhle veredelt. Adrienne war mit einem Worte die vollſtaͤn⸗ digſte und idealſte Verkoͤrperung der Sinnlich⸗ keit, nicht der gemeinen unwiſſenden, unverſtaͤndi⸗ gen, ungebildeten Sinnlichkeit, welche durch die Gewohnheit oder Nothwendigkeit grober Genuͤſſe irregeleitet und verdorben wird, ſondern jener fei⸗ nen Sinnlichkeit, die fuͤr die Sinne das iſt, was der feine Geſchmack fuͤr den Geiſt iſt. Die Charakterſelbſtſtaͤndigkeit dieſes Maͤdchens war eine ungewoͤhnliche; ſie fuͤhlte ſich beſonders durch die herabwuͤrdigende Unterwuͤrfigkeit und durch den Zwang empoͤrt, in welche ſich das Weib in ge⸗ wiſſen Fällen nach ihrer Stellung in der Geſell⸗ ſchaft fugen ſoll, und ſie hatte ſich feſt vorgenom⸗ men, ſich denſelben zu entziehen. Uebrigens hatte Adrienne durchaus nichts Maänn⸗ liches an ſichz ſie war vielmehr das weiblichſte Weib, das man ſich denken kann,— durch ihre Anmuth, durch ihre Launen, durch ihre Reize, durch ihre blendende und weibliche Schoͤnheit,— durch ihre Schuͤchternheit wie durch ihre Kuͤhnheit, durch ihren Haß gegen den rohen Despotismus des Mannes, wie durch den unwiderſtehlichen Trieb, ſich ruͤck⸗ ſichtslos und blindlings fuͤr den aufzuopfern, der eine ſolche Aufopferung verdienen konnte,— Weib auch durch ihren pikanten, etwas ſeltſamen Geiſt, und ein uͤberlegenes Weib endlich wegen ihrer ge⸗ rechten und ſpoͤttiſchen Verachtung gewiſſer hochge⸗ ſtellter und allgemein geſchmeichelter Maͤnner, die ſie bisweilen bei ihrer Tante, der Fuͤrſtin von St. Dizier, geſehen hatte, als ſie bei derſelben wohnte. Nachdem wir dieſe durchaus nothwendigen Auf⸗ klaͤrungen gegeben haben, laſſen wir den Leſer dem Lever Adriennes von Cardoville beiwohnen, die eben aus dem Bade geſtiegen war. Die reizende Scene, die eher im 16. Jahrhun⸗ derte in irgend einem Palaſte zu Florenz oder Bo⸗ logna als in Paris, in der Vorſtadt St. Germain, im Februar 1832 vorzugehen ſchien, konnte nur mit dem glaͤnzenden Colorit der venetianiſchen Schule geſchildert werden. Das Toilettezimmer Adriennes war eine Art Tempel, dem Cultus der Schoͤnheit errichtet durch die Dankbarkeit gegen Gott, welcher dem Weibe ſo viele Reize giebt, nicht damit ſie dieſelben vernach⸗ laͤſſige, oder mit Aſche beſtreue, oder durch ein — ſchmutziges rauhes Bußgewand ſchaͤnde und ver⸗ derbe, ſondern damit ſie dieſelben in inniger Dank⸗ barkeit mit allem Zauber der Anmuth, mit allem Glanze des Schmuckes umgebe, um das Werk Gottes vor den Augen Aller zu verherrlichen. Das Licht fiel in das halbrunde Gemach durch ein Doppelfenſter herein, das eine Art Treibhaus bildete,— eine deutſche Erfindung. Die Mauern des Gartenhauſes, die ſehr dick aus behauenen Steinen aufgefuͤhrt waren, machten die Fenſter⸗ oͤffnung ſehr tief, die draußen durch eine einzige Glasſcheibe, innen durch ein mattes Spiegelglas geſchloſſen war. In dem Raume von etwa drei Fuß zwiſchen dieſen beiden Glasſcheiben ſtand ein Kaſten mit Haideerde, aus welcher Lianen ſich em⸗ porſchlangen, die um die matte Spiegelſcheibe ge⸗ zogen waren und eine dichte Guirlande von Blät⸗ tern und Blumen bildeten. Die Wande waren mit granatfarbigem Damaſt mit Arabesken in hellerer Farbe beſchlagen und auf dem Fußboden lag ein dicker Teppich von gleicher Farbe Dieſer dunkele, gleichſam neutrale Grund hob alle Farben des Ausputzes vortrefflich heraus. Unter dem Fenſter, nach Mittag zu, ſtand die Toilette Adriennes, ein Meiſterſtuͤck der Gold⸗ ſchmiedekunſt. Auf einer großen Platte von La⸗ pislazuli ſah man Kaͤſtchen von vergoldetem Silber mit koſtbar emaillirtem Deckel, Flacons von Berg⸗ eryſtall, andere Toilettegeraͤthe von Perlmutter, Der ewige Inde. VI. 4 — 2 Schildkrot und Eifenbein, hochſt geſchmackvoll mit Gold ausgelegt; zwei große ſilberne Figuren in an⸗ tiker Formenreinheit trugen einen ovalen Drehſpie⸗ gel, der ſtatt eines ſeltſam ciſelirten Rahmens zur Einfaſſung eine friſche Guirlande von natuͤrlichen Blumen hatte, die jeden Tag, wie ein Ballbouquet, erneuert wurden. Zwei ſehr große japaniſche Vaſen in Blau, Purpur und Gold, drei Fuß im Durchmeſſer, ſtan⸗ den mit bluͤhenden Camelien, Ibiscus und Garde⸗ nias auf dem Teppiche an jeder Seite des Toilet⸗ tentiſches und bildeten eine Art Gebuͤſch mit den lebhafteſten Farben. S Im Hintergrunde des Zimmers, dem Fenſter gegenuͤber, ſtand, von einer andern Blumenmaſſe umringt, in weißem Marmor verkleinert nachge⸗ bildet, die reizende Gruppe: Daphnis und Chloe, das zuchtigſte Ideal der keuſchen Anmuth und der⸗ jugendlichen Schoͤnheit. Ein großes Käſtchen von Silber, das in Niello gearbeitet(ſchwarz gravirt), mit kleinen Figuren von vergoldetem Silber und farbigen Edelſteinen. verziert war und auf vier Fuͤßen von vergoldeter Bronze ruhete, diente als Toilettenneceſſairez zwei Piyche⸗Spiegel mit Leuchtern, einige vortreffliche Copien Rafaels und Titians, die von Adrienne ge⸗ malt waren und Portraits von vollendet ſchonen Maͤnnern und Frauen darſtellten; mehrere Conſolen on orientaliſchem Jaspis, auf denen Gefäße von Silber, mit und ohne Vergoldung, reich verziert, ſtanden, die wohlriechende Waſſer enthielten; ein weicher Divan, einige Stuͤhle und ein Tiſch von vergoldetem Holze vervollſtaͤndigten das Ameuble⸗ ment dieſes Zimmers, das von den lieblichſten Wohlgeruͤchen durchduftet war. Adrienne, welche ſo eben aus dem Bade ge⸗ ſtiegen war, ſaß vor ihrem Toilettentiſch, und ihre drei Dienerinnen befanden ſich bei ihr. Nach einer Laune oder vielmehr in nothwen⸗ diger Folge ihrer Geſchmacksrichtung mußten die Madchen, die ſie bedienten, ſehr hubſch ſein und ſich originell und reizend kleiden. Georgette, die pikante Blondine, in ihrer rei⸗ zenden Tracht als Soubrette Marivaup', hat man bereits geſehen. Ihre beiden Gefaͤhrtinnen ſtanden ihr an Anmuth und Niedlichkeit nicht nach. Die eine, Florine, ein großes ſchlankes Maͤd⸗ chen, eine Figur wie Diana als Jagerin, war blaß und braͤunlich; ihr dichtes ſchwarzes Haar lag in Flechten an ihrem Hinterkopfe und wurde durch eine lange goldene Nadel feſtgehalten. Ihre Arme waren, wie die der andern Maͤdchen, bloß, um ungehinderter arbeiten zu können, und ſie trug ein Kleid in der hellgruͤnen Farbe, die man bei vene⸗ tianiſchen Malern ſo häufig findet. Der Rock die⸗ ſes Kleides war ſehr weit und das knappe Leibchen lag auf den Falten einer Chemiſette von weißem 4* 6 Batiſt, die in kleine Fältchen gelegt und mit fuͤnf goldenen Knoͤpfen geſchloſſen war. Das dritte Maͤdchen Adriennes hatte ein ſo friſches kindlich-unſchuldiges Geſicht und einen ſo niedlichen vortrefflichen Wuchs, daß ſie von der Herrin Hebe genannt wurde.. Ihr blaß roſa Kleid in griechiſchem Schnitt ließ ihren reizenden Hals und ihre ſchoͤnen Arme bis an die Achſel bloß. Der Geſichtsausdruck dieſer Maͤdchen war ein heiterer und gluͤcklicher; man ſah in ihren Zuͤgen jene verbiſſene Bitterkeit, jenen Gehorſam voll Neid, jene verletzende Vertraulichkeit oder kriechende De⸗ muth nicht, welche die gewoͤhnlichen Folgen der Dienſtbarkeit ſind. In der eifrigen Sorgfalt, welche ſie dem Fräu⸗ lein Adrienne widmeten, ſchien eben ſo viel Liobe als Achtung zu liegen; ſie ſchienen großes Vergnſgen darin zu finden, ihre Gebieterin reizend zu machen, und wer ſie ſo geſehen haͤtte, wuͤrde geglaubt haben, ſie hielten es fuͤr ein Werk der Kunſt, ſie zu ſchmuͤcken und zu putzen, und beſchäftigten ſich ſo mit Freude, Liebe und Stolz. Die Sonne ſchien hell auf den Toilettentiſch, der dem Fenſter gegenuͤber ſtand. Adrienne ſaß auf einem Stuhle mit nicht ſehr hoher Lehne und trug einen langen Ueberwurf von blaßblauer Seide mit broſchirtem Blaͤtterwerke von gleicher Farbe, welcher um ihre Taille, die nicht ſtaͤrker war als die eines zwolſjaͤhrigen Kindes, durch eine Guͤrtel⸗ ———— ſchnur mit lang hinabhaͤngenden Enden zuſammen⸗ gehalten wurde; ihr zierlicher Hals, ſchlank wie der Hals eines Vogels, war unverhuͤllt, wie ihre Arme und Schultern von unvergleichlicher Schoͤnheit. Nur das reinſte Elfenbein— der Vergleich iſt aller⸗ dings ein ſehr gewoͤhnlicher— koͤnnte eine Vor⸗ ſtellung von dem blendenden Weiß dieſer Haut ge⸗ ben, die ſo ſammetweich, ſo glatt, ſo friſch und feſt war, daß einige Waſſertropfen, die vom Bade her an der Wurzel des Haares Adriennes zuruͤckge⸗ blieben waren, wie Cryſtallperlen uͤber weißen Mar⸗ mor, uͤber ihre Schultern rollten. Der Glanz der bewundernswuͤrdigen Haut, die den Frauen mit rothlichem Haar eigenthuͤmlich iſt, wurde durch den dunkeln Purpur ihrer feuchten Lippen, durch das durchſcheinende Roſa ihres kleinen Ohres, ihrer Naſe und ihrer Fingernaͤgel erhoͤhet, die wie lackirt ſchimmerten; kurz berall, wo das reine, lebendige warme Blut die Haut faͤrben konnte, verkuͤndete es Geſundheit, Leben und Jugend. Die ſehr großen und ſammetſchwarzen Augen Adriennes blitzten bald von Geiſt und Muthwillen, bald offneten ſie ſich ſchmachtend und verſchleiert zwiſchen zwei Franſen langer Wimpern, die ſo dunkel ſchwarz waren wie die feinen ſcharf geſchnit⸗ tenen Brauen,— denn ſie hatte nach einem rei⸗ zenden Naturſpiele bei ihrem rothen Haar ſchwarze Wimpern und Brauen. Ihre Stirn, die klein war wie bei den griechiſchen Statüen, wölbte ſich — uͤber ihrem vollkommen ovalen Geſicht; ihre leicht gebogene Naſe war etwas adlerartig; der Schmelz ihrer Zaͤhne funkelte und ihr rother himmliſch⸗ſinn⸗ licher Mund ſchien nur auf ſuͤße Kuͤſſe, heiteres Laͤcheln und den Genuß feiner Speiſen zu warten. Eine freiere, ſtolzere, zierlichere Haltung des Kopfes endlich konnte man nicht ſehen, weil der Hals und das Ohr von den breiten Gruͤbchenſchultern weit entfernt waren. Adrienne hatte, wie erwaͤhnt, rothes Haar, aber ein ſolches rothes Haar, wie es mehrere der bewun⸗ dernswuͤrdigen Frauenportraits Titians und Leo⸗ nardos da Vinci haben, d. h. fluͤſſiges Gold ge⸗ waͤhrte keinen ſchillerndern, keinen glaͤnzendern Wi⸗ derſchein als die Maſſe ihres von Natur wellenfoͤr⸗ — migen, ſeidenfeinen und ſeidenweichen Haares, das ſo lang, ſo lang war, daß es den Boden beruͤhrte, wenn ſie ſtand, und daß ſie ſich damit umhuͤllen konnte, wie Venus Aphrodite. Gerade in dieſem Augenblicke gewaͤhrte es einen reizenden Anblick. Georgette, die mit bloßen Ar⸗ men hinter ihrer Gebieterin ſtand, hatte dieſes praͤch⸗ tige Haar, deſſen flimmernden Glanz der Sonnen⸗ ſchein noch erhoͤhete, mit Muͤhe in eine ihrer kleinen weißen Haͤnde genommen. Als das huͤbſche Maͤdchen den Elfenbeinkamm in die wogende goldige Flut dieſes ſeidenen Haares druͤckte, ſpruͤheten gleichſam tauſend Funken aus ihm hervor; das Licht und die Sonne warfen einen — „—. nicht minder goldigen Schein auf die Buͤſchel zahl⸗ reicher leichter Locken, die, auf der Stirn getheilt, an den Wangen Adriennes herabfielen und in ihrer elaſtiſchen Weichheit auf dem ſchneeigen Buſen ſpiel⸗ ten, auf dem ſie ſich hoben und ſenkten. Waͤhrend Georgette das ſchoͤne Haar der Ge⸗ bieterin kaäͤmmte, hatte ſich Hebe auf ein Knie nie⸗ dergelaſſen, hielt den zierlichen Fuß des Fraͤulein von Cardoville auf dem andern und war beſchaͤftiget, ihr einen ganz kleinen ſchwarzen Atlasſchuh uͤber einen durchbrochenen ſeidenen Strumpf anzuziehen, welcher die roſige Weiße der Haut errathen ließ und den feinſten, zierlichſten Knoͤchel zeigte. Florine, die etwas weiter zuruͤckſtand, reichte der Gebieterin in einem vergoldeten ſilbernen Kaͤſtchen einen par⸗ fuͤmirten Teig, mit dem Adrienne leicht ihre weißen Haͤnde mit feinen Fingern rieb, welche an den Spitzen wie mit Carmin gefaͤrbt ausſahen. Auch Lutine duͤrfen wir nicht vergeſſen, die auf den Knien ihrer Gebieterin lag, ihre großen Augen weit aufriß und den verſchiedenen Phaſen der Toilette Adriennes mit ernſter Aufmerkſamkeit zu folgen ſchien. Draußen ließ ſich jetzt der Silberton einer Klingel hoͤren, Florine ging auf einen Wink ihrer Gebie⸗ terin hinaus und kam bald mit einem Brief zu⸗ ruͤck, den ſie auf einem kleinen vergoldeten ſilbernen Teller trug. Adrienne nahm, waͤhrend ihre Maͤdchen ihr — die Schuhe vollends anzogen, ihren Haarputz vollen⸗ deten und ſie ankleideten, den Brief, den der Ver⸗ walter des Schloſſes Cardoville geſchrieben hatte und der alſo lautete: „Mein Fraͤulein, „Da ich Ihr gutes Herz und Ihren edeln „Sinn kenne, ſo erlaube ich mir, mich vertrauens⸗ „voll an Sie zu wenden. Ich habe zwanzig Jahre „lang dem ſeligen Herrn Grafen und Herzoge von „Cardoville, Ihrem Vater, mit Eifer und Redlich⸗ „keit, das kann ich wohl ſagen, gedient. Jetzt „iſt das Schloß verkauft, ſo daß wir, ich und meine „Frau, uns der Gefahr ausgeſetzt ſehen, mittellos „fortgeſchickt zu werden, und das iſt, in unſerm „Alter, ſehr hart—“ „Die armen Leute,“ unterbrach ſich Adrienne; „mein Vater ruͤhmte wirklich immer ihre Anhaͤng⸗ lichkeit.“— Dann las ſie weiter: „Es bliebe uns wohl noch ein Mittel, unſere „Stelle zu behalten, aber wir muͤßten dann eine Schlechtigkeit begehen, und was uns auch „geſchehen mag, wir mögen kein Brod eſſen, das „um ſolchen Preis erkauft iſt.“. —„Gut! Gut! Sie bleiben ſich immer gleich,“ ſagte Adriennez„Wuͤrde bei Armuth iſt wie der Wohlgeruch der Wieſenblume.“ „Um Ihnen, mein Fraͤulein, die Unwuͤrdigkeit „zu erklaͤren, die man von uns fordern wuͤrde, — 53— „muß ich vor Allem erwaͤhnen, daß vor zwei Ta⸗ „gen Herr Rodin aus Paris ankam..“ —„Ach, Herr Rodin!“ unterbrach ſich Fraͤu⸗ lein von Cardoville von neuem,—„der Secretair das Abbé von Aigrigny? Nun wundere ich mich nicht mehr, wenn es ſich um eine Schlechtigkeit oder eine im Dunkeln ſchleichende Intrigue han⸗ delt Wir wollen ſehen.“ „um uns anzukuͤndigen, daß das Gut verkauft „und daß er im Stande ſei, uns unſere Stelle zu „erhalten, wenn wir ihm behilflich ſein wollten, „der neuen Beſitzerin einen in ſchlechtem Rufe „ſtehenden Geiſtlichen als Beichtvater zu geben, „und, um dies deſto leichter zu bewirken, einwillig⸗ „ten, einen andern Pfarrer, einen vortrefflichen, in „der Umgegend ſehr geachteten und geliebten Mann, „zu verleumden. Das war aber noch nicht Alles, „ich ſollte auch insgeheim Herrn Rodin zweimal „woͤchentlich Alles ſchreiben, was im Schloſſe vor⸗ „gehe. Ich muß Ihnen geſtehen, mein Fraulein, „daß dieſe ſchaͤndlichen Zumuthungen unter ziem⸗ „lich plauſibeln Vorwaͤnden ſo viel als möglich ver⸗ „ſteckt waren, aber trotz dem mehr oder minder ge⸗ „ſchickten Maͤntelchen bleibt die Sache an ſich doch „ſo, wie ich die Ehre hatte, Ihnen zu melden, „mein Fräulein.“ —„Verfuͤhrung— Verleumdung und Ange⸗ berei!“ rief Adrienne voll Abſcheu aus;—„ich kann an dieſe Leute nicht denken, ohne daß unwill⸗ — 54— kuhrlich Gedanken an Finſterniß, an Gift und haͤßliche ſchwarze Schlangen entſtehen— was doch gewiß ein ſehr haͤßlicher Anblick iſt.. So will ich denn auch lieber an die ruhigen und milden Ge⸗ ſichter des armen Dupont und ſeiner Frau denken.“ Adrienne las weiter: „Sie koͤnnen ſich denken, daß wir uns nicht „lange beſonnen haben; wir werden Cardoville ver⸗ „laſſen, wo wir ſeit zwanzig Jahren gelebt haben, „aber wir werden es als ehrliche Leute verlaſſen.. „Wenn Sie, mein Fraͤulein, die Sie ſo guͤtig ſind, „unter Ihren vornehmen Bekannten uns durch „Empfehlung eine Stelle verſchaffen koͤnnten, ſo „wuͤrden Sie uns aus einer ſchrecklichen Verlegen⸗ „heit reißen.“ —„Sie werden ſich nicht vergebens an mich gewendet haben. Brave Menſchen den Klauen Rodins zu entreißen, iſt eine Pflicht und eine Freude, denn es iſt recht und gefaͤhrlich und ich trotze ſo gern dem Mächtigen und Bedruͤckenden.“ „Nachdem wir von uns geſprochen haben, mein „Fraͤulein,“ las Adrienne weiter,„erlauben Sie „uns, Ihren Schutz auch fuͤr Andere in Anſpruch „zu nehmen, denn es wäre ſchlecht, wenn wir nur „an uns denken wollten.. Zwei Schiffe ſind an „unſerer Kuͤſte vor drei Tagen verungluͤckt; es „konnten nur einige Paſſagiere gerettet und hier⸗ „her gebracht werden, wo ich und meine Frau „Alles, was in unſern Kräften ſtand, fur ſie ge⸗ —. „than haben.. Mehrere dieſer Paſſagiere ſind „nach Paris abgereiſt, einer aber iſt zuruͤckgeblie⸗ „ben. Bis jetzt hinderten ihn ſeine Wunden, das „Schloß zu verlaſſen, und ſie werden ihn auch noch „einige Tage da zuruͤckhalten.. Er iſt ein junger „indiſcher Prinz, etwa zwanzig Jahre alt und er „ſcheint ſo gut zu ſein, als er ſchoͤn iſt, was nicht „wenig ſagen will, ob er gleich kupferfarbig aus⸗ „ſieht wie alle Leute in ſeinem Vaterlande, wie „man ſagt.“ —„Ein indiſcher Prinz, von zwanzig Jahren.“ Jung, ſchoͤn und gut!“ rief Adrienne heiter aus; „das iſt ja allerliebſt und uͤberdies ungewoͤhnlich. Dieſer ſchiffbruͤchige Prinz beſitzt bereits meine ganze Theilnahme;— aber was kann ich fuͤr den Adonis von den Ufern des Ganges thun, der an der Kuͤſte der Picardie geſcheitert iſt?“ Die drei Dienerinnen ſahen Adrienne nicht eben ſehr verwundert an, da ſie an die Seltſam⸗ keiten des Charakters derſelben gewoͤhnt waren. Georgette und Hebe laͤchelten ſogar verſtoh⸗ lens; Florine, das große ſchoͤne braune blaſſe Maͤd⸗ chen, laͤchelte auch wie ihre huͤbſchen Gefaͤhrtinnen, aber etwas ſpaͤter und ſo zu ſagen mit Ueberle⸗ gung, als wenn ſie zuerſt und hauptſaͤchlich be⸗ ſchaͤftiget geweſen waͤre, alle Worte ihrer Gebie⸗ terin zu hoͤren und zu behalten, die fuͤr den Adonis von den Ufern des Ganges, wie ſie ſich ausdruckte, — 56— N ſehr eingenommen, in dem Briefe des Verwalters weiter las: „Ein Landsmann des indiſchen Prinzen, der „bei ihm bleiben wollte, um ihn zu pflegen, gab „wir zu verſtehen, der junge Prinz habe in dem „Schiffbruche Alles verloren, was er beſeſſen, und „wiſſe nun nicht, wie er nach Paris kommen ſolle, „wo ſeine baldige Anweſenheit wegen wichtiger „Dinge durchaus nothig ſei.. Ich weiß dies nicht „von dem Prinzen, der zu ſtolz zu ſein ſcheint, um „zu klagen; ſein Landsmann aber, der geſprächiger „iſt, hat mir dies im Vertrauen mitgetheilt und „hinzugeſetzt, ſein junger Landsmann habe ſchon „großes Ungluͤck gehabt und ſein Vater, ein Konig „in Indien, ſei vor Kurzem von den Englaͤndern „abgeſetzt und getödtet worden.“ —„Das iſt ſeltſam,“ ſagte Adrienne nachden⸗ kend.„Dieſe Umſtände erinnern mich daran, daß mein Vater oft von einer unſerer Verwandten ſprach, die in Indien einen indiſchen Koͤnig gehei⸗ rathet, bei welchem der General Simon, den man kuͤrzlich zum Marſchall gemacht hat, Dienſte ge⸗ nommen habe.“ Dann unterbrach ſie ſich und ſetzte hinzu:„es waͤre doch ſeltſam! Nur mir be⸗ gegnen ſolche Dinge und dann ſagt man, ich ſei nicht wie andere Leute.. Ich bin nicht ungewoͤhn⸗ lich, die Vorſehung zeigt ſich bisweilen ſehr unge⸗ woͤhnlich.. Aber laß doch ſehen, ob der arme Du⸗ pont den Namen des ſchoͤnen Prinzen nicht er⸗ waͤhnt.“ „Sie werden gewiß unſere Unbeſcheidenheit ent⸗ „ſchuldigen, mein Fräulein, aber wir wuͤrden uns „fuͤr ſehr ſelbſtſuͤchtig halten, wenn wir nur von „unſerer eigenen Noth ſpraͤchen, da wir einen bra⸗ „ven und wuͤrdigen Prinzen bei uns haben, der „auch ſehr zu beklagen iſt.. Glauben Sie mir, „mein Fraͤulein, ich bin alt, ich kenne die Men⸗ „ſchen ſo ziemlich, und man braucht nur das edele „ſanfte Geſicht des jungen Prinzen aus Indien „anzuſehen, um zu ſchwoͤren, er verdiene die Theil⸗ „nahme, um die ich Sie fuͤr ihn bitte. Es wuͤrde „hinreichen, wenn Sie ihm eine kleine Summe „Geld ſchickten, damit er ſich europäiſche Kleidungs⸗ „ſtuͤcke kaufen konnte, denn er hat alle ſeine indi⸗ „ſchen bei dem Schiffbruche verloren.“ —„Himmel! Europaͤiſche Kleidungsſtuͤcke!“ rief Adrienne heiter aus.„Der arme junge Prinz! Gott behuͤte ihn davor und mich auch! Der Zu⸗ fall ſchickt mir da tief aus Indien einen Sterb⸗ lichen zu, der das Gluͤck hat, niemals die abſcheu⸗ liche europäiſche Kleidung, die haͤßlichen Fracks, die graͤßlichen Huͤte getragen zu haben, welche die Maͤnner ſo laͤcherlich, ſo haͤßlich machen, daß es wahrhaftig keine Tugend iſt, ſie nichts weniger als verfuͤhreriſch zu finden. Kurz es kommt da ein ſchoner junger Prinz aus dem Oriente zu mir, wo die Maͤnner ſich in Seide, Muslin und Ca⸗ —— ſhemir kleiden, und ich werde mir gewiß dieſe ſeltene und einzige Gelegenheit nicht entgehen laſſen, ſehr ernſtlich in Verſuchung zu gerathen.. Alſo keine europaͤiſche Kleidung, was auch der arme Du⸗ pont ſagen mag.. Aber der Name, der Name dieſes lieben Prinzen! Noch einmal, welch ſeltſames Zu⸗ ſammentreffen, wenn es gar jener Vetter vom Gan⸗ ges waͤre! Ich habe in meiner Kindheit ſo viel Gutes von ſeinem koͤniglichen Vater erzählen hoͤren, daß es mir eine große Freude gewähren wuͤrde, ſeinen Sohn gut und wuͤrdig aufzunehmen. Aber der Name! der Name!“ Adrienne las weiter:; „Wenn Sie, außer dieſer kleinen Summe, mein „Fraͤulein, ſo guͤtig ſein koͤnnten, ihm wie ſeinem „Begleiter die Mittel zu verſchaffen, nach Paris zu „kommen, ſo wuͤrden Sie dem armen Prinzen, der „ſchon ſo unglucklich iſt, einen großen Dienſt erzeigen. „Ich kenne, mein Fraͤulein, Ihr Zartgefuͤhl, „um zu wiſſen, daß es Ihnen vielleicht gefallen wird, „dem Prinzen dieſe Unterſtuͤtzung zu gewähren, „ohne ſich ihm zu erkennen zu geben; in dieſem „Fall verfuͤgen Sie uͤber mich und rechnen Sie auf „meine Verſchwiegenheit.. Wuͤnſchen Sie dagegen „Ihre Hilfe ihm direct zukommen zu laſſen, ſo „theile ich Ihnen hier ſeinen Namen mit, wie ihn „mir ſein Landsmann aufgeſchrieben hac: Prinz „Dſchalma, Sohn Kadſcha Singz „von Mundi.“ — 56— „Dſchalma!“ rief Adrienne lebhaft aus, und ſie ſchien ihre Erinnerungen zu ſammeln,—„Ka⸗ dſcha Sing. ja, ſo iſt es dieſe Namen wa⸗ ren es, die mein Vater ſo oft erwaͤhnte, wenn er mir erzaͤhlte, daß es keinen ritterlicheren, keinen heldenmuͤthigeren Menſchen in der Welt gebe, als dieſen alten indiſchen Koͤnig, unſern Verwandten.. Der Sohn iſt, wie es ſcheint, nicht aus der Art geſchlagen. Ja— Dſchalma.. Kadſcha Sing, noch einmal, ſo iſt es.. Die Namen ſind nicht ſo gewoͤhnlich,“ ſagte ſie laͤchelnd,„daß man ſie vergeſſen oder mit andern verwechſeln koͤnnte. Dſchalma iſt alſo mein Vetter. Er iſt tapfer und gut, jung und ſchoͤn, er hat, und das iſt eine Hauptſache, nie⸗ mals den haͤßlichen europaͤiſchen Frack getragen,.. es fehlt ihm an Allem.. Herrlich! zu viel Gluͤck auf einmal! Schnell, ſchnell. wir wollen ein hub⸗ ſches Feenmaͤhrchen improviſiren, deſſen Held dieſer ſchoͤne liebe Prinz iſt.— Armes goldenes blaues Voͤgelchen, das ſich in unſere traurigen Gegenden verirrt hat!.. Du ſollſt hier wenigſtens etwas fin⸗ den, was Dich an Deine Heimath voll Licht und Duft erinnert..“ Dann wendete ſie ſich an eine ihrer Dienerinnen: „Georgette, nimm Papier und ſchreibe, Kind.“ Das Maͤdchen trat an den Tiſch von vergolde⸗ tem Holze, auf dem ein kleines Schreibzeug ſtand, ſetzte ſich und ſagte zu ihrer Herrin: „Ich erwarte die Befehle meines Fraͤuleins.“ 60 Adrienne von Cardoville, deren reizendes Ge⸗ ſicht von Freude, Gluͤck und Luſt ſtrahlte, dictirte das nachſtehende Briefchen an einen guten alten Maler, der ihr lange Unterricht im Zeichnen und Malen ertheilt hatte, denn ſie war in dieſer Kunſt wie in allen andern ausgezeichnet: „Mein werther Titian, mein guter Veroneſe, „mein wuͤrdiger Rafael! Sie ſollen mir eine große „Gefaͤlligkeit erzeigen und Sie werden es, ich bin „davon uͤberzeugt, mit jener vollkommenen Bereit⸗ „willigkeit thun, die ich immer bei Ihnen gefun⸗ „den habe. „Gehen Sie alſo ſogleich und ſprechen Sie mit „dem gelehrten Kuͤnſtler, der mir die letzten Coſtuͤme „aus dem 15. Jahrhunderte gezeichnet hat.. Dies⸗ „mal handelt es ſich um einen modernen indiſchen „Anzug fuͤr einen jungen Mann,. ja, Herr, fur „einen jungen Mann. Meiner Anſicht nach koͤnnen „Sie das Maaß an dem Antinous oder noch beſſer „an dem indiſchen Bacchus nehmen laſſen. „Dieſe Kleidungsſtuͤcke muͤſſen vollkommen ge⸗ „treu, ſehr reich und ſehr elegant ſein. Waͤhlen Sie „die ſchoͤnſten Stoffe aus und ſorgen Sie beſonders, „daß ſie den aͤcht indiſchen ſo aͤhnlich als moͤglich „ſind.. Als Guͤrtel und Turban fuͤgen Sie ſechs „praͤchtige Caſhemir⸗Langſhawls hinzu, zwei weiße, „zwei rothe und zwei orange, denn nichts kleidet „dem braunen Teint beſſer als dieſe Farben. „Iſt dies geſchehen(und ich gebe Ihnen dazu * 1 —— „hochſtens zwei bis drei Tage Zeit), ſo reiſen Sie „mit Poſtpferden in meinem Wagen nach dem „Schloſſe Cardoville, das Sie ja kennen„ Der „Verwalter, der vortreffliche Dupont, einer Ihrer „alten Freunde, wird Sie zu einem jungen indiſchen „Prinzen, Namens Dſchalma, fuͤhren; ſagen Sie „dieſem großmächtigen und durchlauchtigen Herrn „aus einem andern Welttheile, Sie waͤren von „einem unbekannten Freunde geſchickt, der als „Bruder handele und ihm das ſende, was er brauche, „um den ſchrecklichen europaͤiſchen Moden zu ent⸗ „gehen.. Setzen Sie hinzu, dieſer Freund erwarte „ihn mit ſo großer Ungeduld, daß er ihn beſchwoͤre, „ſofort nach Paris zu kommen. Entgegnet mein „Schutzling, er ſei noch leidend, ſo ſagen Sie ihm, „mein Wagen ſei ſehr weich und bequem, und laſſen „das Bett aufſchlagen, das ſich darin befindet; er „wird da ganz bequem liegen.. Es verſteht ſich „von ſelbſt, daß Sie den unbekannten Freund unter⸗ „thäͤnigſt entſchuldigen, daß er dem Prinzen weder „eiche Palankine, noch ſelbſt beſcheiden einen Ele⸗ „phanten ſchicke, denn es giebt leider keine Pa⸗ „lankine als in der Oper und keinen Elephanten „als in der Menagerie,— weshalb mein Schuͤtz⸗ „ling uns wohl fuͤr Halbwilde halten wird. „Sobald Sie ihn zur Abreiſe bewogen haben, „machen Sie ſich ſogleich wieder auf den Weg und „bringen ihn hierher in mein Gartenhaus, Babylon⸗ „Straße(welche Schickung! In der Babylon⸗ Der ewige Jude. VI. 5 2 „Straße zu wohnen! Das iſt wenigſtens ein Name, „der einen guten Klang fuͤr einen Orientalen hat),— „Sie bringen, ſage ich, den lieben Prinzen hierher, „der das Gluͤck gehabt hat, in dem Lande der Blu⸗ „men, der Diamanten und der Sonne geboren zu „werden. „Hauptſaͤchlich werden Sie die Gefälligkeit ha⸗ „ben, mein guter alter Freund, ſich uͤber dieſen „neuen Einfall nicht zu wundern, und vor allen „Dingen nicht etwa abſonderliche Vermuthungen „anzuſtellen.. Im Ernſt, ſchon der Umſtand, daß „ich in dieſem Falle Sie erwähle, Sie, den ich liebe, „den ich auftichtig ehre, ſagt Ihnen deutlich genug, „daß darin mehr liegt als eine ſcheinbare Thorheit..“ Der Ton Adriennes war, als ſie dieſe letzten Worte dictirte, ſo ernſt und ſo wuͤrdevoll, als er bis dahin heiter und ſcherzhaft geweſen war. Bald aber fuhr ſie wieder luſtiger fort: „Leben Sie wohl, alter Freund; ich bin einiger⸗ „maßen wie jener Feldherr aus der alten Zeit, deſſen „heldenmuͤthige Naſe und eroberndes Kinn Sie mich „ſo oft haben abzeichnen laſſen, ich ſcherze mit der „groͤßten Geiſtesfreiheit im Augenblicke der Schlacht; „ja, denn binnen einer Stunde liefere ich eine „Schlacht, eine große Schlacht gegen— meine liebe „Betſchweſter von Tante. Zum Gluͤcke fehlt es „mir nicht an Kuͤhnheit und Muth, und ich brenne 7 „vor Ungeduld, den Kampf mit der ſtrengen Fuͤrſtin „zu beginnen. —— „Leben Sie wohl! Tauſend herzliche Gruͤße an „Ihre vortreffliche Frau„ Ich erwaͤhne ſie, die „mit Recht ſo geachtet iſt, hier, um Sie nochmals „uͤber die Folgen der Entfuͤhrung eines jungen „ſchönen Prinzen zu beruhigen, die Sie fuͤr mich „ausfuͤhren ſollen, denn ich muß mit dem ſchließen, „mit dem ich hätte anfangen ſollen, Ihnen naͤm⸗ „lich geſtehen, daß er ſchoͤn iſt. „Noch einmal, leben Sie wohll⸗ 10 Dann wendete ſie ſich mit der Frage an Geor⸗ gette: „Haſt Du geſchrieben, Kleine?“ „Ja, Fraͤulein.“ „Ach, ſetze noch eine Nachſchrift darunter: „Ich ſchicke Ihnen eine Anweiſung auf Sicht „auf meinen Bankier fur alle dieſe Ausgaben. „Schonen Sie nicht,— Sie wiſſen, daß ich genug „„graud seigneur“ bin(ich muß wohl dieſen Aus⸗ „druck, einen männlichen, brauchen, weil Ihr Ty⸗ „rannen Euch dieſen Ausdruck, der edele Freigebig⸗ „keit bezeichnet, ausſchließlich angemaßt habt).“ —„Nun, Georgette,“ ſagte Adrienne,„gieb mir ein Blatt Papier und dieſen Brief, damit ich ihn unterzeichne.“ Fraͤulein von Cardoville nahm die Feder, welche Georgette ihr reichte, unterſchrieb den Brief und legte demſelben eine Anweiſung auf ihren Bankier bei, die lautete: „Man zahle Herrn Norval, gegen ſeine Quit⸗ 5 —— „tunh, die Summe, die er fur Ausgaben verlangt, „welche in meinem Namen gemacht worden ſind. „Adrienne von Cardoville.“ Während dies geſchah und waͤhrend Georgette ſchrieb, hatten Florine und Hebe ſich fortwaͤhrend mit der Toilette ihrer Herrin beſchaͤftiget, die ihren Ueberwurf abgelegt und ſich angekleidet hatte, um ſich zu ihrer. Tante zu begeben. An der dauernden, geſpannten, wenn auch ver⸗ heimlichten Aufmerkſamkeit, mit welcher Florine auf das gehoͤrt hatte, was Adrienne an Norval ſchreiben ließ, erkannte man leicht, daß ſie, nach ihrer Gewohnheit, ſich bemuͤhete, jedes, auch das geringſte Wort des Fraͤuleins von Cardoville zu merken. „Kleine,“ ſagte dieſe zu Hebe,„Du wirſt ſo⸗ gleich dieſen Brief zu Herrn Norval ſchicken.“ Draußen klang der Silberton des Gloͤckchens wieder. Hebe ging nach der Thuͤre zu, um zu ſehen, was es ſei, und die Befehle ihrer Herrin auszufuͤh⸗ ren; Florine eilte ihr aber voraus, um ſtatt ihrer hinauszugehen, und ſagte zu Adrienne: „Wuͤnſchen Sie, Fräulein, daß ich den Brief forttragen laſſe?.. Ich muß in das Haus vorn gehen.“ „So geh' Du; Hebe, ſieh' zu, was man will, und Du, Georgette, ſiegele den Brief.“ — 1 — 65— Nach einem Augenblicke, in welchem Georgette den Brief zuſiegelte, kam Hebe zuruͤck. „Fraͤulein,“ ſagte ſie beim Hereintreten,„der Handwerker, welcher geſtern Lutine wiedergefunden hat, bittet Sie, ihm einen Augenblick zu ſchen⸗ ken. Er ſieht ſehr blaß aus und ſcheint ſehr traurig zu ſein.“ 8 „Sollte er mich noͤthig haben? Das waͤre zu viel Gluck,“ ſagte Adrienne heiter.„Laß den bra⸗ ven, ehrlichen Burſchen in den kleinen Salon tre⸗ ten, und Du, Florine, ſchicke nun den Brief ſo⸗ gleich fort.“ Florine ging hinaus. Fräulein von Cardoville trat, von Lutine be⸗ gleitet, in den kleinen Salon, wo Agricol ſie erwartete. Drittes Kapitel. Die Unterredung⸗ Als Adrienne von Cardoville in den kleinen Saal trat, in welchem Agricol auf ſie wartete, war ſie elegant, aber ſehr einfach gekleidet: ein Kleid von dunkelblauem Caſimir, mit knappem Leibchen, vorn herunter mit ſchwarzſeidenen Schnuͤrchen be⸗ naͤhet, nach der damaligen Mode, hob ihre Nym⸗ phentaille und ihren runden Buſen hervor; ein — 66— kleiner glatter Batiſtkragen ſchlug ſich uͤber einem breiten carrirten Bande um, das ihr als Cravaten⸗ tuch diente und vorn eine Roſette bildete; ihr herr⸗ liches goldfarbiges Haar umfaßte ihr weißes Ge⸗ ſicht mit einer unglaublichen Fuͤlle leichter langer Locken, die faſt bis auf ihr Leibchen reichten. Agricol hatte, um ſeinem Vater glaublich zu machen, daß er wirklich in die Werkſtatt Hardys gehe, ſeinen Arbeitsanzug anziehen muͤſſen; nur eine neue Blouſe hatte er angelegt, und der Kra⸗ gen ſeines Hemdes von grober, aber ſehr weißer Leinwand fiel auf ein ſchwarzes Halstuch, das er leicht um den Hals geknuͤpft hatte; ſeine weiten grauen Beinkleider ließen glänzend gewichſte Stie⸗ feln ſehey, und in den kraͤftigen Händen hielt er eine ſchöne ganz neue Tuchmuͤtze, und die blaue, rothbenaͤhete Blouſe, welche den braunen nervigen Hals des Schmiedes ſehen ließ, die kraͤftigen Schul⸗ tern heraushob, in zierlichen Falten herabfiel und ſeinen freien, ungezwungenen Gang in nichts hin⸗ derte, ſtand ihm weit beſſer, als ihm ein Frack oder ein Rock geſtanden haben wuͤrde. Agricol muſterte, ehe Fräulein von Cardoville erſchien, unwillkuͤhrlich eine prachtvolle, bewunderns⸗ wuͤrdige ciſelirte ſilberne Vaſe. Auf einem Schild⸗ chen von demſelben Metalle auf dem Sockel ſtan⸗ den die Worte: ciſelirt von Jean Marie, Ci⸗ ſelirer, 1831. Adrienne war ſo geraͤuſchlos uͤber den Teppich ———— — —— des Salons gegangen, der von einem andern Zim⸗ mer nur durch einen Thuͤrvorhang getrennt war, daß Agricol ihre Ankunft nicht bemerkte; er zuckte zuſammen und drehete ſich raſch um, als er eine ſilberklare Stimme ſagen hoͤrte: „Das iſt eine ſchoͤne Vaſe, nicht wahr?“ „Sie iſt ſehr ſchoͤn, mein Fraͤulein,“ antwor⸗ tete Agricol verlegen. „Und Sie ſehen daran, daß ich liebe, was recht und billig iſt,“ ſetzte Fraͤulein von Cardoville hinzu, indem ſie mit dem Finger auf das Silber⸗ plättchen wies;„ein Maler bezeichnet ſein Gemaͤlde, ein Schriftſteller ſetzt ſeinen Namen auf ſein Buch, und ich verlange, daß ein Arbeiter ebenfalls ſein Werk bezeichne.“ „Dieſer Name, mein Fräulein.2“ „Iſt der Name des Arbeiters, welcher dieſes ſeltene Meiſterſtuck fur einen reichen Goldſchmied fertigte.. Als dieſer mir die Vaſe verkaufte, wun⸗ derte er ſich nicht wenig uͤber meine ſeltſame, er haͤtte faſt geſagt, ungerechte Forderung, als ich mir den Verfertiger dieſes bewundernswuͤrdigen Werkes nennen ließ und dann verlangte, daß ſein Name ſtatt des Namens des Goldſchmieds auf den Sockel geſchrieben werde. Der Arbeiter ſoll, da ihm der Gewinn abgeht, wenigſtens den Ruhim haben; iſt das nicht billig und gerecht?“ Adrienne konnte unmöglich die Unterredung — 68— freundlicher beginnenz auch antwortete der Schmied, der ſich allmalig faßte: S „Da ich ſelbſt Arbeiter bin, ſo muß ein ſol⸗ cher Beweis von Recht und Billigkeit mir doppelt wohlthun.“ „Da Sie ſelbſt Arbeiter ſind, ſo kann ich mir zu dieſem Zuſammentreffen nur Gluͤck wuͤnſchen. Aber nehmen Sie Platz.“ Mit einer freundlichen Handbewegung deutete ſie auf einen Seſſel, der mit goldbroſchirter pur⸗ purrother Seide uͤberzogen war, während ſie ſelbſt auf einem ähnlichen Seſſel Platz nahm, und als ſie die Verlegenheit Agricols bemerkte, der von neuem die Augen niederſchlug, ſagte ſie heiter, um ihm Muth zu machen, waͤhrend ſie auf Lutine wies: „Das arme kleine Thier, das ich ſehr lieb habe, wird mir immer eine lebende Erinnerung an Ihre Gefälligkeit ſein. Auch halte ich Ihren Be⸗ ſuch fuͤr eine gute Vorbedeutung; ich weiß nicht, welche Ahnung mir ſagt, daß ich Ihnen in etwas nuͤtzlich ſein koͤnne.“ „Fraͤulein,“ ſprach jetzt Agricol entſchloſſen, „ich heiße Baudoin und bin Schmied bei Herrn Hardy in Pleſſy bei Paris.. Geſtern boten Sie mir Ihre Börſe an und ich ſchlug ſie aus; heute komme ich, um Sie um vielleicht zehn-, ja zwan⸗ zigmal ſo viel zu bitten, als Sie mir freigebig bo⸗ ten. Ich erwahne dies ſogleich, weil mir das am —— ſchwerſten wird.. Dieſe Worte brannten mir auf den Lippen und nun werde ich gefaßter ſein.“ „Ich weiß das Zarte, was in Ihren Bedenk⸗ lichkeiten liegt, zu wuͤrdigen,“ ſprach Adrienne, „aber wenn Sie naͤher mit mir bekannt waͤren, wuͤr⸗ den Sie ſich ohne Scheu an mich gewendet haben.. Wie viel brauchen Sie?“ „Das weiß ich nicht, Fräulein.“ „Wie? Sie wiſſen es nicht?“ „Nein.. ich will Sie nicht blos um die Summe bitten, die ich brauche, ſondern Sie auch fragen, welche Summe ich bedarf.“ „So laſſen Sie hoͤren,“ antwortete Adrienne . laͤchelnd,„erklären Sie mir das, denn Sie ſehen ein, daß ich bei dem beſten Willen nicht ſogleich errathen kann, um was es ſich handelt.“ „Die Sache iſt mit zwei Worten folgende: 4 ich habe eine alte gute Mutter, die ſich in ihrer Jugend um ihre Geſundheit arbeitete, um mich und ein armes verlaſſenes Kind zu erziehen, das ſie zu ſich genommen hatte; jetzt liegt es mir ob, ſie zu erhalten, und ich bin ſo glucklich, dies zu thun. † Aber ich habe dazu nur meine Arbeit, und wenn ich nicht arbeiten kann, muß meine Mutter darben.“ „Von jetzt an kann es Ihrer Mutter an nichts mehr fihlen, da ich mich fur ſie intereſſire.“ Sĩie intereſſiren ſich fur ſie, Fräulein?“ Ohne Zweifel.“ 1„Kennen Sie meine Mutter?“ —— „Jetzt, ja.“* „Ach, Fräulein,“ wiederholte Agricol nach einer Pauſe mit Ruͤhrung,„ich verſtehe Sie haben ein edeles Herz; Höckchen hatte Recht.“ „Hoͤckchen?“ fragte Adrienne, indem ſie Agricol verwundert anſah, denn dieſe Worte waren fuͤr ſie ein Raͤthſel. Der Arbeiter, welcher ſich ſeiner Freunde nicht ſchämte, fuhr fort: „Ich will Ihnen dies erklaͤren. Poͤckchen iſt eine arme junge, ſehr fleißige Naͤherin, mit der ich aufgewachſen bin; ſie iſt buckelig und deshalb nennt man ſie Hoͤckchen. Sie ſehen daraus, daß ſie auf der einen Seite ſo tief ſteht, als Sie hochgeſtellt ſind; was aber ihr Herz, ihr Zartgefuhl betrifft, ah, Fraͤulein.. ich glaube, daß nur Sie ihr gleich kommen.. Das war auch ſogleich ihr Gedanke, als ich ihr erzaͤhlte, daß Sie mir geſtern die ſchöne Blume geſchenkt haͤtten.“ 4 „Ich gebe Ihnen die Verſicherung,“ entgegnete Adrienne bewegt,„daß dieſe Vergleichung mir mehr ſchmeichelt und mich mehr ehrt, als Alles, was Sie mir ſonſt ſagen konnten. Ein Herz, das trotz bitterm Ungluͤcke gut und feinfuhlend bleibt, iſt ein ſo ſeltener Schatz.. Ach, es iſt ſo leicht, gut zu ſein, wenn man jung und ſchoͤn iſt; es iſt ſo leicht, freigebig und zartfuͤhlend zu ſein, wenn man Ver⸗ moͤgen beſitzt! Ich laſſe alſo Ihren Vergleich gel⸗ ten, doch unter der Bedingung, daß Sie mich bald +—— 4* 4* — 71— in den Stand ſetzen, ihn zu verdienen.. Fahren Sie fort.“ Trotz der anmuthigen Hetzichtei des Fraͤulein von Cardoville, hatte ſie doch auch jene natur⸗ liche Wuͤrde, welche ſtets eine Folge der Charakter⸗ ſelbſtſtändigkeit und des Adels des Geiſtes und Ge⸗ muͤthes iſt, in ſo hohem Grade, daß Agricol die ideale Schoͤnheit ſeiner Beſchuͤtzerin vergaß und fuͤr ſie bald eine gewiſſe liebevolle und tiefe Verehrung empfand, welche ſeltſam von dem Alter und der Heiterkeit des jungen Mädchens abſtach, die ihm dieſes Gefuͤhl einfloͤßte. „Ach, wenn ich nur meine Mutter haͤtte, wuͤrde ich eigentlich wegen einer Arbeitsunterbrechung nicht ſehr beſorgt ſein, denn wir armen Leute ſtehen uns unter einander bei; meine Mutter wird in dem Hauſe allgemein geliebt und unſere guten Nach⸗ barn wuͤrden ihr beiſtehen; aber ſie ſind ſelbſt arm und wuͤrden ſich ihretwegen noch groͤßern Entbeh⸗ rungen ausſetzen. Deshalb wuͤrden die kleinen Dienſte dieſer Leute meiner Mutter ſchmerzlicher ſein als ſelbſt die Noth.. Aber ich habe jetzt nicht blos fuͤr meine Mutter zu arbeiten, ſondern auch fuͤr meinen Vater.. Wir hatten ihn ſeit achtzehn Jahren nicht geſehen; er iſt eben aus Sibirien an⸗ gekommen, wo er aus Anhaͤnglichkeit an ſeinen ehemaligen General, den jetzigen Marſchall Simon, geblieben war.“ „Des Marſchalls Simon?“ lebhaft mit einem Ausdrucke der „Kennen Sie ihn, Fräulein?“ „Nicht perſönlich, aber er hat ein Madchen aus unſerer Familie geheirathet.“ „Welches Gluͤck!“ rief der Schmied aus;„dann ſind ſeine beiden Toͤchter, die mein Vater aus Ruß⸗ land mitgebracht hat,— Ihre Verwandten.“ „Der Marſchall hat zwei Toͤchter?“ fragte Adrienne in immer großerer Verwunderung und mit zunehmender Theilnahme. „Ach, Fraͤulein, zwei Engelchen von funfzehn fragte Adrienne Verwunderung. oder ſechszehn Jahren!— Zwillinge, die einander ſo aͤhnlich ſind, daß man ſie kaum von einander unterſcheiden kann. Ihre Mutter iſt in der Ver⸗ bannung geſtorben; das Wenige, was ſie beſaß, iſt eingezogen wordenz ſie ſind mit meinem Vater tief aus Sibirien gekommen und mußten ſich unter⸗ wegs ärmlich behelfen; aber er ſuchte ihnen die Entbehrungen durch große Liebe und Anhänglichkeit vergeſſen zu machen.. Der brave Vater! Sie glauben nicht, Fraͤulein, er iſt bei einem Löwen⸗ muthe ſo gut, ſo gut wie— eine Mutter.“ „Und wo ſind die lieben Kinder?“ fragte Adrienne. „Bei uns, Fraulein.. Und eben das macht meine Lage ſo ſchwierig und das hat mir den Muth gegeben, zu Ihnen zu kommen. Ich wuͤrde durch meine Arbeit wohl die ganze vergroͤßerte Familie — — 73— 5 erhalten koͤnnen, aber.. wenn man mich verhaf⸗ tete?“ 5 „Sie verhaften— und warum?“ „Leſen Sie gefaͤlligſt dieſen Brief, den man an Hoͤckchen ſchickte,— an das arme Maͤdchen, von der ich eben ſprach und die wie eine Schweſter gegen mich iſt.“ Agricol reichte dem Fraͤulein von Cardoville den anonymen Brief, den die Naͤherin erhalten hatte. Nachdem Adrienne geleſen hatte, ſagte ſie ver⸗ wundert zu dem Schmied: „Sie ſind alſo Dichter?“ „Ich bin nicht ſo anmaßend und ſo ehrgeizig, mich ſo zu nennen, Fraͤulein; aber wenn ich zu meiner Mutter zuruͤckkomme nach meiner Tagearbeit, oft auch beim Eiſenſchmieden, um mich zu zerſtreuen oder zu meiner Erholung, reime ich bisweilen, bald Oden, bald Liederchen.“ „Dieſes„Lied der Arbeiter“, das in dieſem Briefe erwaͤhnt wird, iſt wohl recht feindſelig und gefaͤhrlich?“ „Ach nein, Fraͤulein, im Gegentheil, denn ich habe die Ehre, von Herrn Hardy beſchuͤftiget zu werden, welcher die Lage ſeiner Arbeiter ſo gluͤcklich zu machen weiß, als es die der andern nicht iſt, und ich hatte mich darauf beſchraͤnkt, zu Gunſten der Mehrzahl eine warme, aufrichtige, billige Auf⸗ forderung zu ſchreiben, weiter nichts.. Aber, mein Fräulein, Sie wiſſen es ja, in einer Zeit der Ver⸗ ſchwoͤrung und der Aufſtaͤnde wird man oft auf leichte Vorwaͤnde hin beſchuldiget und gefaͤnglich eingezogen.. Was ſollte aus meiner Mutter, aus meinem Vater und den beiden Waiſen werden, die wir bis zur Rückkehr des Marſchalls Simon als Glieder unſerer Familie anſehen muͤſſen, wenn mir ein ſolches Ungluͤck zuſtieße! Um dieſem Ungluͤcke zu entgehen, bin ich zu Ihnen gekommen, mein Fraäulein, um Sie zu bitten, fuͤr den Fall, daß ich verhaftet werden ſollte, mir mit einer Caution beizuſtehen, ſo daß ich nicht gezwungen waͤre, die Werkſtatt mit dem Gefaͤngniſſe zu vertauſchen. Was ich verdiene, reicht dann ſchon hin.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte Abrienne vergnuͤgt, „das wird ſich recht wohl machen laſſen. Von nun an werden Sie, Herr Dichter, Ihre Begeiſterung aus dem Gluͤcke, nicht aus dem Ungluͤcke ſchoͤpfen — das eine traurige Muſe iſt. Vor allen Dingen wird fuͤr Ihre Caution geſorgt werden. „Ach, mein Fraͤulein, Sie retten uns.“ „Dann trifft es ſich, baß der Arzt unſerer Fa⸗ milie ſehr vertraut mit einem einflußreichen Mini⸗ ſter iſt.. Der Arzt hat auf den großen Staats⸗ mann Einfluß, denn er hat immer das Gluͤck ge⸗ habt, ihm aus Ruckſichten auf ſeine Geſundheit die Ruhe des Privatlebens gerade an dem Tage anzuempfehlen, an welchem ihm ſein Portefeuille abgefordert wurde. Sie konnen alſo vollkommen unbeſorgt ſein; wenn die Caution nicht hinreichen ſollte, ſo denken wir an andere Mittel.“ „Fraͤulein,“ entgegnete Agricol tief bewegt, „ich werde Ihnen die Ruhe, vielleicht das Leben meiner Mutter zu verdanken haben und gewiß nie undankbar ſein.“ „Nun etwas Anderes.. Es iſt ganz in der Ordnung, daß die, welche zu viel beſitzen, das Recht haben, denen beizuſtehen, welche nicht genug ha⸗ ben.. Die Toͤchter des Marſchalls Simon gehoͤren zu meiner Familie und ſie werden hier, bei mir, wohnen.. Es iſt das ſchicklicher.. Zeigen Sie es Ihrer guten Mutter an; heute Abend werde ich ihr ſelbſt fur die gaſtliche Aufnahme meiner jungen Verwandten danken und dieſe zu mir abholen.“ In dieſem Augenblicke hob Georgette den Thuͤr⸗ vorhang ploͤtzlich auf, der den Saal von dem Ne⸗ benzimmer trennte, und trat eilig und erſchrocken herein. „Fraͤulein,“ ſagte ſie,„es geht etwas Unge⸗ woͤhnliches auf der Straße vor..“ „Erklaͤre Dich näher.“ „Ich begleitete meine Näherin an das Pfortchen und ich glaubte da Leute von verdaͤchtigem Aus⸗ ſehen zu erblicken, welche aufmerkſam die Mauern und Fenſter des kleinen Gebaͤudes muſterten, das an das Gartenhaus ſtoßt, als ſuchten ſie Jemanden.“ „Fraͤulein,“ entgegnete Agricol,„ich hatte mich nicht getäuſcht, man ſucht mich.“ ———— „Was ſagen Sie?“ „Mir war es allerdings, als gehe man mir von der Straße St. Merry an nach.. Es unter⸗ liegt keinem Zweifel mehr; man hat mich hier ein⸗ treten ſehen und will mich verhaften.. Aber ſeit Sie meiner Mutter Ihre Theilnahme ſchenken, bin ich wegen der Töchter des Marſchalls Simon unbeſorgt, und ehe ich Sie irgend einer Unannehm— lichkeit ausſetze, will ich mich lieber ſelbſt auslie⸗ fern.“ „O thun Sie das nicht,“ fiel ihm Adrienne ins Wortz„die Freiheit iſt ein zu großes Gut, als daß man ſie freiwillig aufopfert.. Uebrigens kann ſich Georgette auch irren.. In jedem Falle bitte ich Sie, liefern Sie ſich nicht ſelbſt aus Glau⸗ ben Sie mir und vermeiden Sie, ſich verhaften zu laſſen; dies wird, denke ich, meine Schritte um vieles erleichtern. Die Juſtiz hält diejenigen ſehr feſt, welche ſie einmal ergriffen hat.“ „Fraͤulein,“ ſagte Hebe, die ebenfalls beſturzt eintrat,„eben hat ein Mann an das Pfoͤrtchen geklopft und gefragt, ob ein junger Mann in blauer Blouſe hereingekommen ſei. Er fuͤgte hinzu, der Geſuchte heiße Agricol Baudoin und man habe ihm etwas ſehr Wichtiges zu ſagen.“ „Das iſt mein Name,“ entgegnete Agricol; „man will mich durch Liſt verlocken, hinauszu⸗ kommen.“ „Offenbar,“ ſagte Abrienſe,„ſie muß deshalb — vereitelt werden.. Was haſt Du geantwortet, mein Kind?“ ſetzte ſie zu Hebe hinzu. ² „Ich antwortete, ich wiſſe nicht, was man 6 wolle.“ „Sehr gut. Und der Fragende?“ „Er ging darauf wieder fort.“ „Wahrſcheinlich, um bald wieder zu kommen,“ ſagte Agricol. „Sehr wahrſcheinlich,“ meinte Adrienne. „Sie muͤſſen ſich deshalb entſchließen, einige Stun⸗ den hier zu bleiben.. Ich muß leider ſogleich zu der Fuͤrſtin St. Dizier, meiner Tante, gehen, und zwar wegen einer ſehr wichtigen Unterredung, die allerdings verſchoben werden koͤnnte, die aber noch dringender durch das geworden iſt, was Sie mir uͤber die Toͤchter des Marſchalls Simon erzaͤhlt haben. Bleiben Sie alſo hier, da Sie jedenfalls verhaftet werden, wenn Sie hinausgehen.“ „Verzeihen Sie mir meine Weigerung, Fraͤu⸗ lein, aber ich wiederhole es, ich darf dieſes edel⸗ muͤthige Anerbieten nicht annehmen.“ „Warum nicht?“ „Man hat es verſucht, mich hinauszulocken, um nicht zu Ihnen hineingehen zu muͤſſen; aber wenn ich nicht herauskomme, wird man herein⸗ treten, und ich werde Sie einer ſolchen Unannehm⸗ lichkeit nie ausſetzen. Wegen meiner Mutter bin ich nicht mehr beſorgt, ich furchte mich alſo auch nicht vor dem Gefängniſſe.“ Der ewige Jude. VI. 6 „Und der Gram Ihrer Mutter? Sie wird ſich aͤngſtigen. Iſt das nichts? Und vergeſſen Sie Ihren Vater, wie die arme Näherin, die Sie wie einen Bruder liebt und deren Herzen ich gleich⸗ komme? Erſparen Sie Ihrer Familie dieſe Leiden und bleiben Sie hier. Ehe der Abend kommt, werde ich. Sie gewiß, entweder durch Caution oder auf andere Weiſe aus Ihrer Langenweile befreit haben.“ „Aber, mein Fraäulein, wenn ich auch Ihr edeles Anerbieten annehmen wollte, ſo wuͤrde man mich doch hier finden.“ „Keinesweges. Es befindet ſich in dieſem Gar⸗ tenhaus, das ſonſt— verſteckten Freuden diente— Sie ſehen,“ ſagte Adrienne lächelnd,—„daß ich einen ſehr unheiligen Ort bewohne,— ein ſo ſinn⸗ reich angelegtes Verſteck, daß es allen Nachforſchungen entgehen muß.. Georgette wird Sie dahin fuͤhren. Sie werden dort alle Bequemlichkeiten haben und ſelbſt ein Gedicht fuͤr mich ſchreiben koͤnnen, wenn Sie die Lage begeiſtern ſollte.“ „O, Fraäulein, wie guͤtig ſind Sie! Wie habe ich verdient 2“ „Wie? Das will ich Ihnen ſagen.. Geben Sie zu, daß Ihr Charakter und Ihre Lage kein Intereſſe verdient, geben Sie zu, daß ich keine hei⸗ lige Schuld gegen Ihren Vater habe wegen der ruͤhrenden Sorgfalt, die er den Toͤchtern des Mar⸗ ſchalls Simon widmete, die meine Verwandten ſind,— aber denken Sie wenigſtens an— Lutine, an Lutine,“ wiederholte Adrienne laͤchelnd,—„die hier iſt und die Sie meiner Liebe wiedergegeben haben.. Ernſtlich, ich lache nur,“ ſagte das ſelt⸗ ſame muthwillige Maͤdchen,„weil Sie auch nicht das Geringſte zu fuͤrchten haben und weil ich mich recht gluͤcklich fuͤhle. Schreiben Sie mir alſo ge⸗ ſchwind Ihre Adreſſe und die Ihrer Mutter in dies Portefeuille, folgen Sie dann Georgetten und machen Sie mir ein hubſches Gedicht, wenn Sie ſich in dem Gefaͤngniſſe nicht zu ſehr langweilen, in welchem Sie— einem Gefaͤngniſſe entgehen.“ Waͤhrend Georgette den Schmied in das Ver⸗ ſteck fuͤhrte, brachte Hebe ihrer Herrin ein graues Kaſtorhuͤtchen mit grauer Feder, denn Adrienne mußte durch den Park gehen, um in den großen Palaſt zu gelangen, den die Frau Fuͤrſtin von St. Dizier bewohnte. ————————— Eine Viertelſtunde nach dieſem Auftritte trat Florine geheimnißvoll in das Zimmer der Madame Grivois, der erſten Kammerfrau der Fuͤrſtin von St. Dizier. „Nun?“ fragte Madame Grivois das junge Maͤdchen. „Hier ſind die Bemerkungen, die ich den Morgen machen konnte,“ ſagte Florine, indem ſie der Frau ein Papier ubergab..„Ich habe gluͤcklicherweiſe ein gutes Gedachtniß.“ 6* „Um welche Zeit kam ſie dieſen Morgen zu⸗ ruͤck?“ fragte Madame Grivois raſch. „Wer, Madame?“ „Adrienne.“ „Sie iſt nicht ausgegangen, Madame. Sie nahm um neun Uhr ihr Bad.“ Aber vor neun Uhr iſt ſie zuruͤckgekommen, nachdem ſie die Nacht auswaͤrts verbracht hatte.“ Florine ſah Madame Gribois hoͤchſt verwun⸗ dert an.. „Ich verſtehe Sie nicht, Madame.“ „Iſt Fraͤulein Adrienne nicht um acht Uhr heute fruͤh durch das Gartenpfoͤrtchen hereingekommen? Wagen Sie zu lugen?“ „Ich war geſtern unwohl und bin erſt um„ neun Uhr heruntergekommen, um das Fraͤulein mit Georgette und Hebe nach dem Bade zu bedie⸗ nenz ich weiß alſo nicht, was vorher geſchehen iſt; ich ſchwoͤre es Ihnen zu.“ „Das iſt etwas Anderes.. Erkundigen Sie ſich bei den anderen Maͤdchen nach dem, was ich eben geſagt habe. Sie werden kein Mißtrauen t gegen Sie haben und Ihnen Alles ſagen.“ 7 „Ja, Madame.“. „Was that das Fräulein, ſeit Sie bei ihr ge⸗ † weſen ſind?“ „Sie dictirte der Georgette einen Brief an Herrn Norval und ich bat, denſelben fortſchicken zu duͤrfen, um einen Vorwand zum Herausgehen zu haben und das aufſchreiben zu konnen, was ich gemerkt hatte.“ „Und dieſer Brief?“ „Er iſt fortgetragen worden; ich gab ihn dem Diener.“ „Wie ungeſchickt!“ rief Madame Grivois aus; „konnten Sie mir ihn nicht bringen?“ „Das Fraͤulein hatte ihn ja nach ihrer Ge⸗ wohnheit ganz laut dictirt; ich kannte alſo den In⸗ halt und habe denſelben da aufgeſchrieben.“ „Das iſt nicht einerlei; vielleicht waͤre es gut geweſen, die Abſendung des Briefes zu verzögern.. Es wird der Fuͤrſtin ſehr unangenehm ſein.“ „Ich glaubte es ganz gut zu machen, Madame.“ „Ich weiß es wohl, daß es Ihnen nicht an gutem Willen fehlt.. Man iſt ſeit einem halben Jahre mit Ihnen dufrieden, aber diesmal haben Sie eine große Unvorſichtigkeit begangen.“ „Haben Sie Nachſicht, Madame; das, was ich thue, iſt ſo ſchwer genug.“ Und das Maͤdchen unterdruͤckte einen Seufzer. Madame Grivois ſah ſie feſt an und ſagte in hoͤhniſchem Tone: „Nun, meine Gute, Sie brauchen es ja nicht laͤnger zu thun— wenn Sie Bedenklichkeiten ha⸗ ben Sie ſind frei, gehen Sie.. „Sie wiſſen recht wohl, daß ich nicht frei bin, Madame,“ antwortete Florine erroͤthend, der eine Thräne in die Augen trat und die dann fortfuhr: „ich haͤnge von„Herrn Rodin ab, der mich hierher gebracht hat.. „Warum dann dieſe Seufzer?“ „Gewiſſensbiſſe finden ſich unwillkuͤhrlich ein.. Fräulein Adrienne iſt ſo gutig, ſo vertrauensvoll. „Sie hat gute Eigenſchaften, aber Sie— nicht da, um ſie zu ruͤhmen.. Was gab es noch?“ „Der Handwerker, der geſtern Lutine wieder⸗ gefunden und zuruͤckgebracht hat, erſchien eben, um das Fraͤulein um eine Unterredung zu bitten.“ „Und dieſer Mann— iſt noch da?“ „Das weiß ich nicht; er ging hinein, als ich mit dem Briefe heraustrat.“ „Sie werden ſich bemuͤhen, zu erfahren, was der Handwerker von dem Fraͤulein verlangte, und dann einen Vorwand finden, um zu mir zu kom⸗ men und mir Mittheilung zu machen.“ „Ja, Madame.“ „Sah das Fraͤulein zerſtreut, beſorgt und ängſt⸗ lich aus wegen der Unterredung, die ſie heute mit der Fuͤrſtin haben ſoll? Sie verbirgt ihre Gedan⸗ ken ſo wenig, daß ſie Ihnen bekannt ſein muͤſſen.“ „Fraͤulein Adrienne war ſo heiter wie gewoͤhn⸗ lich; ſie ſcherzte ſogar daruͤber. „Ah, ſie ſcherzte?“ wiederholte Madame Grivois, die dann fur ſich hinzuſetzte, ſo daß es Fiorine nicht hoͤren konnte: „Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.. Sie wuͤrde trotz ihrer Huͤhnheit und ihrem diaboliſchen — 83—* Charakter zittern und um Gnade bitten, wenn ſie wuͤßte, was ſie heute erwartet.“ Dann wendete ſie ſich wieder an Florine und ſagte: „Jetzt gehen Sie in das Gartenhaus zuruͤck und verſcheuchen Sie, ich rathe es Ihnen, die Be⸗ denklichkeiten, die Ihnen einen ſchlimmen Streich ſpielen könnten.. Vergeſſen Sie es nicht.“ „Ich kann es nicht vergeſſen, daß ich mir nicht mehr ſelbſt angehoͤre, Madame.“ „Nun, auf baldiges Wiederſehen!“ Florine verließ den Palaſt und kehrte durch den Park in das Gartenhaus zuruͤck. Madame Grivois begab ſich zu der Fuͤrſtin von St. Dizier. Viertes Kapitel. Eine Jeſuitin. Waͤhrend das fruher Erzählte in der Pompadour⸗ Rotunde vorging, welche Fraͤulein von Cardoville bewohnte, waren andere Ereigniſſe in dem Palaſte der Fuͤrſtin von St. Dizier vorgekommen. Die Eleganz und die Pracht im Gartenhauſe ſtach ſeltſam von der Duͤſternheit des Innern des Palaſtes ab, deſſen erſte Etage die Furſtin bewohnte; denn die Einrichtung des Erdgeſchoſſes war von der Art, daß nur Feſte darin gegeben werden konn⸗ ten, und die Fuͤrſtin hatte dieſem weltlichen Glanze längſt entſagt. Der Ernſt der Diener, die ſaͤmmt⸗ lich alt und ſchwarz gekleidet waren, die tiefe Stille, welche in ihrer Wohnung herrſchte, in welcher man eigentlich nur leiſe ſprach, und die faſt kloſterliche Regelmaͤßigkeit in dieſem unermeßlich großen Hauſe gaben der Umgebung der Fuͤrſtin etwas Trauriges und Strenges. Ein Weltmann, der mit großem Muthe eine ſeltene Charakterſelbſtſtändigkeit verband, ſagte von der Fuͤrſtin von Saint Dizier(mit der Adrienne von Cardoville einen großen Kampf beginnen wollte, wie ſie ſich ſelbſt ausdruckte): „Ich bin weder albern noch gemein und habe „zum erſtenmale in meinem Leben, um die Frau „Fuͤrſtin von St. Dizier nicht zur Feindin zu er⸗ „halten, etwas Albernes und Gemeines gethan.“ Und der Mann ſprach ganz aufrichtig. Freilich war die Frau Fuͤrſtin von St. Dizier nicht ſogleich zu dieſem hohen Grade von Wich⸗ tigkeit gelangt. Wir muͤſſen hier einige Worte vorausſchicken, um gewiſſe Epochen in dem Leben dieſer gefährli⸗ chen und unverſoͤhnlichen Frau zu charakteriſiren, welche durch ihre Verbindung mit dem Orden eine geheime, furchtbare Macht erlangt hatte; denn es giebt noch etwas Gefaͤhrlicheres als einen Je⸗ ſuiten,— eine Jeſuitin. Und wenn man in gewiſſen Kreiſen ſich bewegt hat, weiß man, daß es leider viele ſolcher weiblichen Jeſuiten giebt. Die Fuͤrſtin von St. Dizier war ſonſt ſehr ſchoͤn, und in den letzten Jahren des Kaiſerreichs, ſo wie in den erſten der Reſtauration eine der er⸗ ſten Modedamen von Paris geweſen, eine Frau mit unruhigem, lebendigem, abenteuerlichem, herrſch⸗ ſuͤchtigem Geiſte, kaltem Herzen und lebendiger Phantaſie. Sie hatte ſich ungemein der Galan⸗ terie hingegeben, nicht nach einem Bedürfniſſe ihres Herzens, ſondern aus Liebe zur Intrigue, die ſie liebte, wie die Männer das Spiel lieben— wegen der Gefuͤhlserregungen, die dadurch hervorgerufen werden. Ihr Gemahl, der Fuͤrſt von Saint Dizier (der aͤltere Bruder des Grafen von Rennepont, Her⸗ zogs von Cardoville, des Vaters Adriennes), war leider immer ſo verblendet oder ſo ſorglos geweſen, daß er in ſeinem ganzen Leben kein Wort geſagt hatte, aus dem man haͤtte ſchließen koͤnnen, er ahne oder kenne die Abenteuer ſeiner Gemahlin. Da demnach die Fuͤrſtin bei dieſen Verbindun⸗ gen, die uͤbrigens unter dem Kaiſerreiche ſo bequem waren, wahrſcheinlich zu wenig Schwierigkeiten fand, ſo entſagte ſie zwar der Galanterie nicht, ſie glaubte dieſelbe aber pikanter und intereſſanter zu 86 machen, wenn ſie dieſelbe mit einigen politiſchen Intriguen verbaͤnde. Wenn ſie Napoleon ſelbſt angriff und eine Mine unter den Fuͤßen dieſes Rieſen zu graben ſuchte, konnte ſie Grfühtsaufregungen hoffen, welche auch den ungenuͤgſamſten Charakter befriedigen mußten. Eine Zeitlang ging Alles ganz gut. Die Fuͤr⸗ ſtin, die ſchon und geiſtreich, gewandt und falſch, hinterliſtig und verfuͤhreriſch war, die ſich von An⸗ betern umringt ſah, welche ſie bis zum Fanatis⸗ mus aufzuregen wußte, ja, die eine gewiſſe blut⸗ duͤrſtige Koketterie darin fand, die Köpfe ihrer Verehrer in großen Complotten auf das Spiel zu ſetzen, hoffte die Fronde wieder hervorzurufen und begann einen ſehr fleißigen geheimen Briefwechſel mit einigen einflußreichen Perſonen im Auslande, deren Haß gegen den Kaiſer und gegen Frankreich bekannt war.. Aus dieſer Zeit ſchrieb ſich auch ihre erſte Briefbekanntſchaft mit dem Marquis von Aigrigny her, der damals als Oberſt in ruſſiſchem ienſte ſtand und Adjutant Moreaus war. Eines Tages aber wurde dieſe ganze Intrigue entdeckt; mehrere Ritter der Fuͤrſtin von St. Di⸗ zier mußten nach Vincennes wandern, und die Fuͤrſtin ſelbſt wurde von dem Kaiſer, der ſehr ſtreng haͤtte ſein koͤnnen, auf eines ihrer Guͤter bei Duͤnkirchen verwieſen. Unter der Reſtauration wurden ihr die Ver⸗ 6 —— folgungen, welche ſie fuͤr die gute Sache erlitten hatte, angerechnet, und ſie erlangte damals, trotz ihrer leichtfertigen Sitten, ſogar einen großen Ein⸗ fluß. Der Marquis von Aigrigny, der Dienſte in Frankreich genommen, hatte ſich da wieder nieder⸗ gelaſſen. Er war ein ſchoner Mann und uͤberall gern geſehen. Er hatte mit der Fuͤrſtin, ohne ſie zu kennen, correſpondirt und conſpirirt, und dieſes fruͤhere Verhaͤltniß fuͤhrte nothwendig zu einem ſehr vertrauten zwiſchen ihnen. Die unbegrenzte Eitelkeit, die Vorliebe fur ge⸗ raͤuſchvolle Vergnuͤgungen, der Stolz, der Haß und die Herrſchſucht, eine gewiſſe Sympathie im Boͤ⸗ ſen, deſſen Reiz die ſchlechten Naturen einander naͤhert, ohne ſie mit einander zu verſchmelzen, hat⸗ ten aus der Fuͤrſtin und dem Marquis mehr zwei von gleicher Schuld Belaſtete, als ein liebendes Paar gemacht. Ihr vertrautes Verhaͤltniß, das auf ſelbſtſuͤchtigen Gefuͤhlen und auf der ſchreckli⸗ chen Unterſtuͤtzung beruhete, welche zwei ſo gefaͤhr⸗ liche Charaktere einander einer Welt gegenuͤber gewaͤhren konnten, in der ſie ſich durch ihre In⸗ triguen, ihre Galanterien und Verleumdungen viele Feinde gemacht hatten, dauerte bis zu dem Augen⸗ blicke, als der Marquis nach ſeinem Duell mit dem General Simon in das Seminar trat, ohne daß man die Urſache dieſes ploͤtzlichen Entſchluſſes kannte. —— Die Fuͤrſtin, fuͤr welche die Stunde der Be⸗ kehrung noch nicht geſchlagen hatte, uͤberließ ſich fortwaͤhrend dem Wirbel des Weltlebens mit einem Eifer, in den ſich Haß und Neid miſchten, denn ſie ſah das Ende ihrer ſchoͤnen Jahre kommen. Aus der nachſtehenden Thatſache wird man den Charakter dieſes Weibes beurtheilen koͤnnen. Sie war noch ſehr angenehm und wollte ihr weltliches Leben durch einen letzten und glaͤnzenden Triumph beſchließen, wie eine große Schauſpielerin ſich bei Zeiten von der Buͤhne zuruͤckzieht, damit man ſich nach ihr noch ſehne. Um ihrer Eitelkeit dieſe letzte und höchſte Befriedigung zu geben, wählte die Fuͤrſtin ihre Opfer geſchickt aus. Sie erſah ſich ein junges Paar, das ſich gegenſeitig vergot— terte, und entriß durch Liſt und Gewandtheit den Mann wirklich der Geliebten, einer reizenden Frau von achtzehn Jahren, die ihn faſt anbetete. Nach⸗ dem dieſer Sieg hinreichend bekannt geworden war, verließ die Frau von St. Dizier die Welt im gan⸗ zen Glanze ihres Abenteuers. Nach mehrern lan⸗ gen Unterredungen mit dem Marquis von Aigrigny, der damals ein ſehr beruͤhmter Prediger war, ver⸗ ließ ſie plotzlich Paris und verbrachte zwei Jahre auf ihrem Landgute bei Duͤnkirchen, wohin ſie eine ihrer Kammerfrauen, Madame Grivois, mit ſich nahm. Als die Fürſtin zuruͤckkam, erkannte man dieſe ſonſt ſo leichtfertige, galante und verſchwenderiſche rung der Fuͤrſtin von St. Dizier mehr oder weniger — 89 Frau nicht wieder.. Die Umwandlung war voll⸗ ſtändig, außerordentlich, faſt entſetzlich. Der Pa⸗ laſt St. Dizier, der ſonſt den Freuden, den Ver⸗ gnuͤgungen und den Feſten geoffnet geweſen, wurde ſtill; ſtatt der ſogenannten eleganten Welt ſah die Fuͤrſtin nur noch Frauen von bekannter Froͤmmig⸗ keit und wichtige Maͤnner bei ſich, die ſich durch die uͤbertriebene Strenge ihrer religioſen und monar⸗ chiſchen Grundſaͤtze auszeichneten. Sie umgab ſich beſonders mit gewiſſen einflußreichen Mitgliedern der hohen Geiſtlichkeit; ſie hatte einen Beichtvater, eine Kapelle, einen Almoſenier; indeß blieb der Abbé von Aigrigny ihr eigentlicher geiſtlicher Leiter. Wir brauchen wohl kaum hinzuzufuͤgen, daß ihr fruͤheres Liebesverhaltniß ſeit langer Zeit auf⸗ gehoͤrt hatte. Dieſe ploͤtzliche, vollſtaͤndige und laut verkuͤn⸗ digte Bekehrung erfuͤllte die Mehrzahl mit Bewun⸗ derung und Ehrfurcht; nur einige ſchaͤrfer Blickende laͤchelten. Ein Beiſpiel unter tauſenden wird die entſetz⸗ liche Macht kennen lehren, welche die Fuͤrſtin ſeit ihrer Verbindung mit dem Orden erlangt hatte; es wird zugleich den rachſuͤchtigen und unbarmherzigen Charakter dieſer Frau darlegen, welcher Adrienne von Cardoville ſo unvorſichtiger Weiſe zu trotzen gedachte. Unter den Perſonen, welche uͤber die Bekeh⸗ 90— laͤchelten, befand ſich auch das junge ſchoͤne Paar, das ſie ſo grauſam getrennt hatte, ehe ſie fuͤr im⸗ mer die Buͤhne der Galanterie verließ. Sie hatten ſich leidenſchaftlicher als je nach dieſem fluͤchtigen Sturme in Liebe wieder vereiniget und beſchraͤnk⸗ ten ihre Rache auf einige pikante Scherze uͤber die Bekehrung der Frau, die ihnen ſo viel Unheil zugefuͤgt hatte. Einige Zeit nachher fiel ein ſchreckliches Geſchick ſchwer auf die Liebenden. Einem bis dahin blinden Manne wurden ploͤtz⸗ ich durch anonyme Mittheilungen die Augen ge⸗ oͤffnet; die Sache machte entſetzliches Aufſehen und die junge Frau war verloren. Ueber den Mann der jungen Frau hatten ſich unbeſtimmte Geruͤchte verbreitet, die tauſendmal ſchlimmer waren als eine foͤrmliche Anklage, die man doch bekaͤmpfen und widerlegen kann, und dieſe Geruͤchte wurden mit einer Ausdauer, mit ſo teufliſcher Geſchicklichkeit und auf ſo verſchiedene Weiſe unterhalten, daß ſich ſelbſt ſeine beſten Freunde allmaͤlig von ihm zuruͤckzogen, da ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, den langſam, aber unwiderſtehlich wir⸗ kenden Einfluß dieſes unaufhoͤrlichen und unklaren Gemurmels an ſich erfuhren, das ſich etwa in die Wort⸗ zuſammenfaſſen ließ: „Wiſſen Sie ſchon 2 „Nein.“ „Man erzahlt ſich ſchlechte Dinge uͤber hu⸗ ℳ———2— 4ℳ———.— 91 „Wirklich? Und was denn?“ „Uebele Geruͤchte, nachtheili ige Redensueten uͤber ſeine Ehre..“ „Aber, zum Teufel! das iſt ja ſehr ernſtlich. Das erklaͤrt mir, warum man ihn bisweilen mehr als kalt empfaͤngt.“ „Ich fuͤr meine Perſon werde ihn von nun an meiden.“ „Ich auch ꝛc. ꝛc.“ Die Welt iſt nun einmal ſo, daß oft nicht mehr dazu gehoͤrt, um einen Mann zu brandmar⸗ ken, der durch großes Gluͤck ſich viele Neider ge⸗ ſchaffen hat. So erging es auch dem Manne, von dem wir ſprechen. Als der Ungluͤckliche ſah, welche Leere ſich um ihn her bildete, als er gleichſam fuͤhlte, daß der Boden unter ihm wich, wußte er nicht, wo er den unfaßbaren Feind ſuchen oder greifen ſollte, deſſen Streiche er fuͤhlte; denn es kam ihm nicht in den Sinn, Argwohn auf die Fuͤrſtin zu werfen, die er ſeit ſeinem Abenteuer mit ihr nicht wiedergeſehen hatte. Um endlich um jeden Preis die Arſache zu erfahren, aus welcher man ihn veraͤchtlich verließ, wendete er ſich an einen ſei⸗ ner ehemaligen Freunde. Dieſer antwortete ihm veraͤchtlich und ausweichend, der Mann wurde hef⸗ tig, verlangte Genugthuung und ſein Gegner ſagte zu ihm: „Wenn Sie zwei Secundanten unter Ihren —— und meinen Bekannten finden, will ich mich mit Ihnen ſchlagen.“ Der Ungluͤckliche fand nicht einen. Verlaſſen von Allen, ohne daß er ſich dieſes Verlaſſenwerden erklaͤren konnte, von Schmerz ge⸗ quält uͤber das Schickſal der Frau, die ſeinetwegen ins Ungluck geſturzt worden war, wurde er endlich wahnſinnig vor Schmerz, Wuth und Verzweiflung * und nahm ſich ſelbſt das Leben. 8 An ſeinem Todestage ſagte die Fuͤrſtin von 8St. Dizier, ein ſo ſchmachvolles Leben habe ein ſolches Ende nehmen muͤſſen; der Mann, der ſo lange ein Spiel mit den goͤttlichen und menſchli⸗ — 1 chen Geſetzen getrieben, koͤnne ſein elendes Leben nr durch ein letztes Verbrechen beſchließen, durch — Selbſtmord. Und die Freunde der Fürſtin ſpra⸗ en dieſe ſchrecklichen Worte nach und trugen ſie mit gottſeliger Miene weiter. Das war noch nicht Alles; neben der Strafe fand ſich auch der Lohn. Die Leute, welche beobachten, bemerkten, daß die Guͤnſtlinge der religioͤſen Coterie der Fürſtin von St. Dizier merkwuͤrdig ſchnell zu hohen Aem⸗ tern gelangten. Die tugendhaften jungen Män⸗ ner, welche fleißig die Kirchen beſuchten, wurden mit reichen elternloſen Madchen aus dem Kloſter vom heiligen Herzen verheirathet, die man fuͤr ſie bereit hielt; arme junge Maͤdchen, die zu ſpat einſahen, was ein frommer Mann iſt, der durch Betſchweſtern ausgeſucht und aufgedrungen wor⸗ den iſt, buͤßten gar oft durch bittere Thränen die truͤgeriſche Gunſt, ſo in dieſe heuchleriſchen falſchen Kreiſe aufgenommen worden zu ſein, in denen ſie fremd und ohne Stuͤtze waren, und die ſie zu Bo⸗ den druͤckten, wenn ſie ſich uͤber die Ehe zu bekla⸗ gen wagten, zu welcher ſie verurtheilt worden waren. In dem Salon der Fuͤrſtin von St. Dizier wurden Praͤfecten, Oberſten, Generaleinnehmer, De⸗ putirte, Mitglieder der Academie, Biſchoͤfe und Pairs von Frankreich gemacht, von denen man fuͤr die allmaͤchtige Unterſtuͤtzung, die man ihnen 98 währte, nichts verlangte, als daß ſie äußerlich Fröm⸗ migkeit zur Schau trugen, einigemale öffentlich zum Abendmahle gingen, allem Gottloſen und Revolu⸗ tionaren einen unerbittlichen Krieg ſchwuͤren und vor allen Dingen im Vertrauen uber verſchig⸗ dene Gegenſtaͤnde ſeiner Wahl mit dem Abbé von Aigrigny correſpondirten, was obendrein eine ſehr angenehme Unterhaltung war, denn der Abbé war der liebenswuͤrbigſte, der geiſtreichſte und haupt⸗ ſaͤchlich der gefalligſte Weltmann. In Bezug darauf koͤnnen wir eine hiſtoriſche Thatſache mittheilen, welche leider der bittern, rä⸗ chenden Ironie Molières oder Pascals entgan⸗ gen iſt. Es war im letzten Jahre der Reſtauration. Einer der hohen Wuͤrdenträger des Hofes, ein un⸗ abhängiger, chargkterfeſter Mann, ging nicht zum Der ewige Iude. VI. 7 ———— Abendmahle.. Da ſeiner hohen Stellung wegen Aller Augen auf ihn gerichtet waren, ſo konnte das ſchlimme Beiſpiel, das er gab, von nachtheili⸗ gen Folgen ſein. Man ſchickte den Abbé von Aigrigny zu ihm. Dieſer kannte den ehrenhaften Charakter des Unfolgſamen und fuͤhlte, daß es einen ſehr guten Eindruck machen wuͤrde, wenn er ihn auf irgend eine Weiſe bewege, zu communici⸗ ren. Als geiſtreicher Mann und da er wußte, wen er vor ſich hatte, ließ der Abbé das Dogma bei Seite liegen und ſprach nur von der Schicklichkeit und dem heilſamen Beiſpiele, das ein ſolcher Vor⸗ ſatz fuͤr das Publicum ſein duͤrfte. „Herr Abbé,“ antwortete der Andere,„ich achte die Religion mehr noch als Sie, und wuͤrde es fur eine ſchaͤndliche Taͤuſchung halten, wenn ich das Abendmahl genießen wollte, da ich es nicht mit Ueberzeugung thun kann.“ „Nun, Sie ſtarrer unfuͤgſamer Mann,“ ſprach der Marquis⸗Abbé mit ſchlauem Laͤcheln;„man wird Ihre Bedenklichkeiten und den Vortheil zu vereinigen ſuchen, den Sie haben wuͤrden, wenn Sie meinem Rathe folgten; man wird Ihnen das Abendmahl auf eine beſondere Weiſe reichen, denn wir verlangen ja weiter nichts als den Schein.“ Dieſe beſondere Weiſe beſtand darin, daß man eine ungeweihete Hoſtie reichte. Der Marquis⸗Abbe ſah leider auch dieſen ſeinen —— Vorſchlag mit Unwillen zuruͤckgewieſen, aber der Hofmann wurde— abgeſetzt. Das war nicht etwa ein einzelner Fall; wehe denen, welche den Grundſaͤtzen und Intereſſen der Frau Fuͤrſtin von St. Dizier oder ihrer Freunde entgegenſtanden; ſie ſahen ſich fruͤher oder ſpäter, direct oder indirect, von einem gemeinſamen, faſt immer nicht wieder gut zu machenden Schlage be⸗ troffen, Einige in ihren theuerſten Verbindungen, Andere in ihrem Credit, in ihrer Ehre oder in ihren amtlichen Functionen, und zwar durch eine geheime, verborgene, ununterbrochene Macht eines ſchreckli⸗ 8 chen, räthſelhaͤften Mittels, das unſichtbar Ruf, Vermoͤgen und ſelbſt die feſteſten Stellungen un⸗ tergrub, bis ſie unter allgemeiner Verwunderung und unter allgemeinem Schrecken zuſammenſtuͤrzten. Man wird nun einſehen, daß die Fuͤrſtin von St. Dizier unter der Reſtauration ganz ungewoͤhn⸗ lich einflußreich und furchtbar geworden war. Nach der Julirevolution hatte ſie ſich der neuen Regie⸗ rung angeſchloſſen, und ob ſie gleich die Familien⸗ und Geſellſchaftsverbindungen mit einigen Perſonen beibehielt, die der gefallenen Monarchie treu an⸗ hingen, ſo ſchrieb man ihr ſeltſamerweiſe doch noch immer große Thaͤtigkeit und großen Einfluß zu. Die Fuͤrſtin erwartete ihre Nichte in einem ziemlich großen Zimmer, das mit dunkelgruͤnem Damaſt ausgeſchlagen war; die mit gleichem Stoff uͤberzogenen Moöbels waren von geſchnitztem Eben⸗ 7 —7— holz, wie der mit frommen Buͤchern gefullte Buͤ⸗ cherſchrank. Einige Gemaͤlde aus der heiligen Geſchichte und ein großer Chriſtus von Elfenbein auf ſchwarzem Sammet gaben dem Zimmer vol⸗ lends ein duͤſteres ſtrenges Ausſehen. Die Fuͤrſtin, die vor einem großen Schreibpult ſaß, ſiegelte eben mehrere Briefe, denn ſie fuͤhrte einen ſehr bedeutenden Briefwechſel. Sie war noch immer ſchoͤn, obwohl ſie bereits im 45. Jahre ſtand; die Zeit hatte ihre Taille voller gemacht, die ſonſt ſehr zierlich geweſen war, ſich aber noch im⸗ mer mit Vortheil unter dem hochhinaufgehenden ſchwarzen Kleide zeigte. Ihr ſehr einfaches Häub⸗ chen mit grauem Bande ließ ihr in dichte Scheitel gelegtes blondes Haar ſehen. Auf den erſten Blick fiel ihr zugleich wuͤrdevol⸗ les und einfaches Weſen auf und man ſuchte in den ruhigen Geſichtszugen vergebens eine Spur von dem, was ſie in dem fruͤhern Leben bewegt hatte. Wenn man ihren natuͤrlichen Ernſt und ihre Gemeſſenheit ſah, konnte man kaum glauben, daß ſie die Heldin ſo vieler Intriguen, ſo vieler galanter Abenteuer geweſen, um ſo mehr, da das Geſicht dieſer Frau, die ſich jetzt gewiſſermaßen fuͤr eine Mutter der Kirche hielt, alsbald ein wahres und ſchmerzliches Erſtaunen verrieth, ſobald ſie zufaͤllig einige etwas leichtfertige Worte hoͤrte. Die⸗ ſes Erſtaunen verwandelte ſich regelmaͤßig bald in W * — —— eine Miene verletzter Zuͤchtigkeit und verächtlichen Mitleidens. Das Lächeln der Fuͤrſtin war uͤbrigens, wenn ſie wollte, noch immer anmuthig, und ſelbſt ver⸗ fuͤhreriſch und unwiderſtehlich; iht großes blaues Auge wußte zur gehoͤrigen Zeit liebreich und ſchmeich⸗ leriſch zu werden; wenn man aber ihren Stolz zu verletzen, ihrem Willen entgegenzutreten oder gegen ihre Intereſſen zu handeln wagte, und ſie konnte, ohne ſich zu compromittiren, ihrem Haſſe freien Lauf laſſen, ſo verrieth ihr gewoͤhnlich ruhiges und ernſtes Geſicht kalte und unverſoͤhnliche Boͤswil⸗ ligkeit. In dieſem Augenblicke trat Mad. Grivois in das Kabinet der Fuͤrſtin. Sie hielt in der Hand den Bericht, welchen ihr Florine am Morgen uͤber Adrienne von Cardoville uͤbergeben hatte. Mad. Grivois ſtand ſeit zwanzig Jahren im Dienſte der Fuͤrſtin von St. Dizier und wußte Alles, was eine vertraute Kammerfrau von ihrer Herrin wiſſen kann und wiſſen muß, wenn dieſe ſehr galant geweſen iſt. Hatte die Fuͤrſtin dieſen ſo wohl unterrichteten Zeugen der zahlreichen Ver⸗ irrungen ihrer Jugend abſichtlich bei ſich behalten? Das wußte Niemand, ſo viel aber war gewiß, daß Mad. Grivois große Vorrechte hatte und von der Fuͤrſtin mehr wie Geſellſchafterin denn wie Kam⸗ merfrau behandelt wurde. „Pier ſind die Bemerkungen Florinens,“ ſagte — Mad. Grivois, indem ſie der Fuͤrſtin das Papier uͤberreichte. „Ich werde es ſogleich durchſehen,“ antwortete die Fuͤrſtin von St. Dizier.„Meine Nichte wird hier erſcheinen. Waͤhrend der Conferenz, der ſie beiwohnen ſoll, fuͤhren Sie eine Perſon, die bald erſcheinen und nach Ihnen fragen wird, in das Gartenhaus.“ „Sehr wohl.“ „Dieſer Mann wird ein genaues Inventar von Allem aufnehmen, was ſich in dem Gartenhauſe befindet. Sie werden dafuͤr ſorgen, daß nichts vergeſſen wirdz es iſt ſehr wichtig.“ „Sehr wohl. Wenn ſich aber Georgette und Hebe widerſetzen wollen..“ „Sie koͤnnen unbeſorgt ſein; der Mann, wel⸗ cher dieſes Inventar aufnehmen ſoll, iſt von ſol⸗ chem Stande, daß die Maͤdchen, ſobald ſie denſel⸗ ben erfahren haben, nicht wagen werden, der Auf⸗ nahme des Inventars oder den andern Maßregeln ſich zu widerſetzen. Verharren Sie beſonders bei gewiſſen Eigenthuͤmlichkeiten, welche die Geruͤchte beſtaͤtigen können, die Sie ſeit einiger Zeit ver⸗ breitet haben.. „Dieſe Geruͤchte ſind jetzt zur Wahtheit ge⸗ worden..“ „Dieſe ſo kecke und hochmuͤthige Adrienne wird demnach bald gedemuͤthiget und genoͤthiget wer⸗ den, um Gnade zu bitten.. Ein Kammerdiener öffnete die beiden Fluͤgel⸗ thuͤren und meldete: „Der Herr Abbé von Aigrigny!“ „Wenn Fraͤulein von Cardoville erſcheint,“ ſagte die Furſtin zu Mad. Grivois,„ſo erſuchen Sie dieſelbe, einen Augenblick zu warten.“ „Ja, Frau Fuͤrſtin,“ antwortete Mad. Grivois, die mit dem Kammerdiener hinausging.„ Die Fuͤrſtin von Saint Dizier und Herr von Aigrigny blieben allein.„ * Ende des ſechsten Theils. Druck von Bernh. Tauchnitz jun. — ————— —