V Eugen Sue's ſämmtliche Werke. 176. Theil. Der ewige Inde. Fünftes Bändchen. Verlag von Otto Wigand. ewige Junde. Von Eugen Sue. 3 Uueberſetzt 6 von Dr. A. Diezmann. Fünftes Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand⸗ Viertes Kapitel. Die Abreiſe nach Paris. Im Schloß Cardoville herrſcht die tiefſte Stilleʒ der Sturm hat ſich allmaͤlig gelegt und man hoͤrt in der Ferne nur noch die dumpfe Brandung der Wogen, die ſchwer an die Kuͤſte ſchlagen. Dagobert und die verwaiſeten Maͤdchen ſind in warme und bequeme Zimmer im erſten Stocke des Schloſſes gebracht worden. Dſchalma, der zu ſchwer verwundet iſt, als daß man ihn haͤtte in das obere Stockwerk bringen koͤnnen, iſt in einem Zimmer im Erdgeſchoſſe ge⸗ blieben. Im Augenblicke des Unterganges des Schiffes hatte ihm eine troſtloſe Mutter ihr Kind in die Arme gelegt. Vergebens bemuͤhete er ſich, das ungluͤckliche einem gewiſſen Tode zu entreißen; dieſe Aufopferung hemmte ſeine Bewegungen und der junge Hindu wurde an den Felſen, faſt zer⸗ quetſcht. Faringhea, der ihm einredete, er liebe ihn, iſt bei ihm geblieben, um ihn zu pflegen. Der ewige Jude. V. —— Gabriel hat ſich, nachdem er Dſchalma Troſt zugeſprochen, in das Zimmer begeben, das ihm be⸗ ſtimmt war; er wollte, weil er Rodin das Ver⸗ ſprechen gegeben, nach zwei Stunden zur Abreiſe bereit zu ſein, ſich nicht niederlegen; nachdem er ſeine Kleidungsſtuͤcke geordnet, iſt er in einem großen Seſſel mit hoher Lehne eingeſchlafen, der vor einem Kamine ſteht, in welchem ein gewaltiges Feuer brennt. Dieſes Zimmer befindet ſich neben denen, die F Dagobert mit den beiden Schweſtern inne hat. Murr, der in einem ſo ehrlichen Schloſſe wahr⸗ ſcheinlich unbeſorgt ſein zu können glaubt, hat die Thuͤre des Zimmers Roſas und Biancas verlaſſen, um ſich an dem Kamine auszuſtrecken und zu waͤr⸗ men, an welchem der Miſſionair ſchläft. Murr, der die Schnauze auf die ausgeſtreckten orderpfoten gelegt hat, erfreut ſich behaglich nach vielen Leiden zu Waſſer und Land eines voll⸗ kommenen Wohlſeins. Wir wuͤrden nicht behaup⸗ ten können, daß er gewohnlich viel an den armen alten Jovial denke, wenn man nicht ſeine unwiber⸗ ſtehliche Neigung, alle Schimmel, denen er ſeit dem Tode ſeines ehrwuͤrdigen Gefaͤhrten begegnet, zu beißen, fur ein Zeichen ſeiner Erinnerung halten will, denn vorher war er gegen alle Pferde ſehr nachſichtig geweſen. Nach einigen Augenblicken wurde eine der Thuͤren geoffnet, welche in dieſes Zimmer fuhrten und die —,— beiden Schweſtern traten ſchuͤchtern herein. Sie hatten ſich erholt und angekleidet und waren nur noch uͤber Dagobert beſorgt; obgleich die Frau des Verwalters, die ſie in das Zimmer gebracht hatte, ſpäter wieder zu ihnen gekommen war, um ihnen zu ſagen, daß der Chirurg aus dem Dorfe in dem Zuſtande und der Wunde des Soldaten nichts Be⸗ unruhigendes finde, ſo wollten ſie ſich doch noch⸗ mals bei Jemandem im Schloſſe uͤber ihn erkun⸗ digen. Die hohe Lehne des alten Stuhles, in welchem Gabriel ſchlief, verdeckte ihn ganz; die Waiſen glaubten aber, als ſie Murr ruhig vor dem Seſſel liegen ſahen, Dagobert ſchlafe da; ſie ſchlichen alſo auf den Fußſpitzen hinzu. Zu ihrer großen Verwunderung ſahen ſie Ga⸗ briel da ſchlafen. Sie blieben erſchrocken und un⸗ beweglich ſtehen und wagten, aus Beſorgniß, ik zu wecken, weder umzukehren, noch naͤher zü treten. Das lange blonde Haar des Miſſionairs, das nicht mehr feucht war, lockte ſich natuͤrlich um ſeinen Hals und ſeine Schultern; die Bläͤſſe ſeines Geſichtes ſtach von dem dunkeln Purpur des Da⸗ maſtes ab, mit dem die Lehne des Stuhles uͤber⸗ zogen war. In dem ſchoͤnen Geſichte Gabriels ſprach ſich eine bittere Melancholie aus, entweder weil ihn eben ein peinlicher Traum beſchäftigte, oder weil er ſchmerzliche Empfindungen im Wa⸗ 1* —— 13 mildes Licht beleuchtet zu ſein.“ chen zu unterdruͤcken gewohnt war, die ſich dann ihm unbewußt in ſeinem Schlafe ausſprachen. Trotz dieſem Zeichen ſchmerzlicher Trauer aber hatten ſeine Zuͤge noch immer ihren Character engelgleicher Milde und unbeſchreiblichen Reizes,— denn nichts iſt ergreifender, als leidende Herzensguͤte. Die beiden Madchen ſchlugen die Augen nie⸗ der, erroͤtheten, ſahen einander ziemlich verlegen an und deuteten mit den Augen auf den ſchlafenden Miſſionair. „Er ſchlaͤft, Schweſter,“ ſagte Roſa leiſe. „Deſto beſſer,“ antwortete Bianca ebenfälls leiſe;„ſo können wir ihn recht anſehen.“ „Auf dem Wege vom Meere hierher wagten wir es nicht..“ „Sieh' nur, wie mild und fanft ſein Geſicht iſt.“ „Ich glaube, er iſt es, den wir im Traume geſehen haben.“ „Und der uns ſagte, er wuͤrde uns beſchuͤtzen.“ „Und er iſt auch diesmal unſer Beſchuͤtzer ge⸗ weſen „Wir ſehen ihn doch nun wenigſtens „Nicht wie in dem Gefaͤngniſſe in Leipzig, in jener ſo finſtern Nacht.“ „Er hat uns auch diesmal gerettet.“ „Ohne ihn hätten wir heute ſterben muͤſſen..“ „Im Traume ſchien ſein Geſicht durch ein — „Ja, es blendete uns faſt.“ „Und dann ſah er auch nicht ſo traurig aus.“ „Ja,„da kam er auch aus dem Himmel und jetzt iſt er auf der Erde.“ „Patte er damals die rothe Narbe auf der Stirn, Schweſter?“ „Ach nein; wir wuͤrden ſie ſonſt bemerkt haben.“ „Siehſt Du auch die Wunden an ſeinen Haͤn⸗ den?“ „Wenn er verwundet wurde, iſt er wohl kein Engel?“ „Warum nicht, Schweſter? Wenn er die Wun⸗ den erhalten hat, als er das Boͤſe verhindern oder Perſonen beiſtehen wollte, die, wie wir, dem Tode 6 nahe waren?“ „Du haſt Recht; wenn er ſich nicht Gefahren ausſetzte, waͤhrend er denen beiſteht, die er ſchutzt, waͤre es nicht ſo ſchoͤn.“ „Wie Schade, daß er die Augen nicht auf⸗ ſchlaͤgt!“ *„Ihr Blick iſt ſo gutig, ſo innig!“ „Warum hat er uns unterwegs noch nichts von unſerer Mutter geſagt?“ „Er wird es nicht gethan haben, weil wir nicht allein mit ihm waren.“ „Jetzt ſind wir allein.. Die Maͤdchen ſahen einander fragend in rei⸗ * zender Unſchuld anz ihre lieblichen Geſichter — ům ˙Y— ſich mit einem leichten Rothe und ihr jungfraͤulicher Buſen hob ſich ſanft unter dem ſchwarzen Kleide.. „Du haſt Recht; wir wollen ihn bitten.“ „Ach, Schweſter, wie unſer Herz klopft!“ ſprach Bianca, die mit Recht nicht zweifelte, daß Roſa gerade ſo empfinde, wie ſie ſelbſt empfand; „und wie wohl dieſes Klopfen thut! Als wenn uns etwas Gluͤckliches bevorſtaͤnde.“ Die beiden Schweſtern traten auf den Fuß⸗ ſpitzen naͤher an den Stuhl und knieten dann mit gefaltenen Haͤnden, die eine rechts, die andere links von dem jungen Prieſter nieder. Es war ein reizendes Bild. Dann erhoben ſie ihre lieblichen Geſichter zu Gabriel und ſprachen leiſe, ganz leiſe mit einer Stimme, die ſo lieb und friſch war, wie ihre funf⸗ zehnjaͤhrigen Geſichter: „Gabriel! Erzähle uns von unſerer Mutter!“ Der Miſſionair machte auf dieſen Ruf eine leichte Bewegung, ſchlug die Augen halb auf und war in dem Zuſtande der Schlaftrunkenheit, wel⸗ cher dem voͤlligen Erwachen vorhergeht, und wo er ſich von dem, was er ſah, kaum Rechenſchaft geben konnte, entzuckt uͤber die Erſcheinung jener beiden lieblichen Geſtalten, die ſich zu ihm wendeten und ihn leiſe riefen. „Wer ruft mich?“ fragte er endlich, voͤllig wach, indem er den Kopf emporrichtete. „Wir ſind es, Bianca und Roſa,“ ———— 5 — — eu ——— — — Jetzt war es an Gabriel zu erroͤthen, denn erer⸗ kannte die jungen Maͤdchen, die er gerettet hatte. „Stehen Sie auf, Schweſtern,“ ſagte er zu ihnen;„man kniet nur vor Gott.“ Die Madchen gehorchten und ſtanden bald, Hand in Hand, neben ihm. „Sie kennen meinen Namen?“ fragte er ſie lächelnd. „O, wir haben ihn nicht vergeſſen.“ „Wer hat Ihnen denſelben genannt?“ „Sie ſelbſt.“ „Als Sie von unſerer Mutter kamen..“ „Um uns zu ſagen, ſie ſchicke Sie zu uns und Sie wuͤrden uns immer beſchuͤtzen.“ „Ich, Schweſtern?“ fragte der Miſſionair, der die Worte der Maͤdchen nicht verſtand.—„Sie irren ſich.. Ich habe Sie heute zum erſten Male geſehen.“ „Und in unſern Traͤumen?“ „Ja, erinnern Sie ſich nur! In unſern Traͤu⸗ m „In Deutſchland, vor drei Monaten, das erſte Mal.. Sehen Sie uns nur genau an.“ Gabriel mußte unwillkuhrlich uͤber die Naivität Roſas und Bianeas läͤcheln, die ihn aufforderten, ſich eines Traumes zu erinnern, den ſie getraͤumt haͤtten. In immer größerer Verwunderung wien holte er alſo: * —— 12 „In Ihren Traͤumen?“. „Gewiß,— als Sie uns ſo gute Lehren ga⸗ n „Ihre Worte, deren wir immer gedachten, ha⸗ ben uns auch getroͤſtet und uns Muth gegeben, wenn wir ſeitdem in Noth waren, im Gefaͤng⸗ niſſe.“ „Haben Sie uns nicht aus dem Gefängniſſe in Leipzig gefuͤhrt in jener Nacht, die ſo finſter war, daß wir Sie nicht ſehen konnten?“ „Ich?“ „Wer ſonſt waͤre uns und unſerm alten Freunde zu Hilfe gekommen?“ „Wir ſagten ihm wohl, daß Sie ihn lieben wuͤrden, weil er uns liebte, ob er gleich nicht an Engel glauben wollte.“ „Deshalb furchteten wir uns auch dieſen Mor⸗ gen im Sturme faſt gar nicht.“ „Wir erwarteten Sie.“ „Dieſen Morgen, ja, meine Schweſtern, hat Gott mir die Gnade erwieſen, mich Ihnen zu Hilfe zu ſenden; ich kam aus Amerika; aber in Leipzig bin ich nicht geweſen,— ich habe Sie alſo nicht aus dem Gefaͤngniſſe befreit. Sagen Sie mir, Schweſtern,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu,„wofuͤr halten Sie mich?“ „Fuͤr einen guten Engel, den wir ſchon im Traume geſehen haben und den unſere Mutter uns vom Himmel ſandte, damit er uns beſchutze.“ ——— — 13— „Meine lieben Schweſtern, ich bin nur ein armer Prieſter. Wahrſcheinlich gleiche ich zufällig dem Engel, den Sie im Traume geſehen haben und den Sie nur im Traume ſehen konnten, denn es giebt keine fuͤr uns ſichtbaren Engel.“ „Es giebt keine ſichtbaren Engel?“ wiederholten die Schweſtern, indem ſie einander traurig anſahen. „Es iſt das kein Ungluͤck, liebe Schweſtern,“ ſprach Gabriel, indem er liebevoll die Haͤnde der beiden Mädchen in die ſeinigen nahm;„die Traͤume kommen, wie Alles, von Gott, und da ſich die Er⸗ innerung an Ihre Mutter mit jenem Traume ver⸗ band, ſo ſegnen Sie ihn doppelt.“ In dieſem Augenblicke wurde eine Thuͤre ge⸗ oͤffnet und Dagobert trat herein. Bis jetzt hatten die Waiſen in ihrem Ehrgeize, von einem Engel beſchuͤtzt zu werden, nicht daran gedacht, daß Dagoberts Frau ein verlaſſenes Kind angenommen habe, das Gabriel heiße, und daß dieſer Gabriel Prieſter und Miſſionair ſei. Der Soldat war, ob er gleich hartnaͤckig be⸗ hauptete, ſeine Wunde ſei nur eine weiße(blutloſe) Wunde, von dem Chirurgen des Dorfes ſorgfältig verbunden worden. Eine ſchwarze Binde verdeckte ihm zur Halfte die Stirn und erhoͤhete noch ſein von Natur ſchon finſteres, muͤrriſches Ausſehen. Als er in das Zimmer trat, wunderte er ſich nicht wenig, einen Unbekannten vertraulich die Haͤnde Biancas und Roſas halten zu ſehen. Dieſe Ver⸗ wunderung war wohl ſehr natuͤrlich, denn Dagobert wußte nicht, daß der Miſſionair die Waiſen geret⸗ tet und ſogar ſich bemuͤhet hatte, auch ihm beizu⸗ ſtehen. Der Soldat hatte waͤhrend des Sturmes, als ihn die Wogen umherwarfen und er vergeblich ver⸗ ſuchte, ſich an einem Felſen feſtzuklammern, Ga⸗ briel nur ſehr undeutlich geſehen, waͤhrend dieſer ihm zu Hilfe zu kommen ſuchte, nachdem er die beiden Schweſtern einem gewiſſen Tode entriſſen hatte. Als Dagobert nach dem Schiffbruche die Maͤdchen in dem Zimmer des Schloſſes wieder⸗ gefunden hatte, war er bekanntlich in Folge ſeiner Anſtrengung, ſeiner Aufregung und Verwundung ohnmächtig geworden und hatte alſo auch da den Miſſionair nicht ſehen koͤnnen. Der Veteran fing an, die dicken grauen Augen⸗ brauen unter der ſchwarzen Binde zu runzeln, als er einen Unbekannten ſo vertraulich bei Roſa und Bianca erblickte; die Maädchen aber eilten ihm ent⸗ gegen, hingen ſich an ihn und uͤberhäuften ihn mit Liebkoſungen. Vor dieſen Beweiſen zärtlicher Liebe verſchwand ſein Unwille bald, ob er gleich noch immer von Zeit zu Zeit einen muͤrriſchen Sei⸗ tenblick auf den Miſſionair warf, der aufgeſtanden war und deſſen Geſicht er nicht ganz deutlich ſah. „und Deine Wunde?“ fragte Roſa ihn theil⸗ nehmend;„man hat uns geſagt, ſie ſei weiſe nicht gefaͤhrlich.“ 3 — „Macht ſie Dir noch Schmerz?“ fragte Bianca. „Nein, Kinder; der Chirurg nur beſtand darauf, mir den Verband umzulegen.. Ich koͤnnte nicht anders eingepackt ſein, wenn mir der Kopf mit Saͤ⸗ belhieben zerhackt worden waͤre.. Man wird noch glauben, ich alter Kerl ſei aͤngſtlich beſorgt um mich; es iſt nichts und ich habe große Luſt..“ Der Soldat griff an den Verband. „Willſt Du es laſſen!“ fiel Roſa ein, indem ſie den Arm Dagoberts feſthielt.. „Du biſt doch recht unverſtaͤndig trotz Dei⸗ nem Alter.“ „Na, zankt mich nur nicht ausz ich will thun, was Ihr haben wollt,.. und die Binde laſſen..“ Dann zog er die Mädchen in eine Ecke des Zimmers und ſagte leiſe zu ihnen, waͤhrend er nach dem jungen Prieſter hinblinzelte: „Wer iſt der Mann,„ der Euch an den Hän⸗ den hielt,. als ich eintrat? Er ſieht mir aus wie ein Geiſtlicher. Kinder, Ihr muͤßt Euch vor⸗ ſehen, weil.. „Er!!“ riefen Roſa und Bianca aus, indem ſie ſich nach Gabriel umdreheten;„glaubſt Du, wir könnten Dich jetzt umarmen, wenn er nicht geweſen waͤre?“ „Wie ſo?“ fragte der Soldat, indem er ſich ſeiner ganzen Laͤnge nach aufrichtete und den. Miſ⸗ ſionair anſah. „Er iſt unſer Schutzengel,“ ſagte Bianca. — „Ohne ihn,“ ſprach Roſa,„wären wir in dem Schiffbruche untergegangen.“ „Er er iſt es, der 2 Mehr konnte Dagobert nicht ſagen. Er trat mit vollem Herzen und feuchten Augen zu dem Miſſionair, reichte ihm beide Haͤnde und ſprach mit einem Tone des Dankes, der nicht zu beſchrei⸗ ben iſt: „Herr, ich verdanke Ihnen das Leben dieſer beiden Kinder.. Ich weiß, wozu mich dies ver⸗ pflichtet, und ich ſage nicht mehr, weil damit — Alles geſagt iſt.“ Ploͤtzlich aber ſtieg eine Erinnerung in ihm auf und er rief aus: „Aber warten Sie einmal.. Reichten Sie mir nicht die Hand, als ich mich an einen Felſen an⸗ zuklammern ſuchte, um nicht von den Wellen weg⸗ geriſſen zu werden? Ja— Ihr blondes Haar,. Ihr jugendliches Geſicht,.. Sie ſind es,„jetzt erkenne ich Sie „Leider verließen mich die Kräfte und ich hatte den Schmerz, Sie wieder in das Meer zuruͤckſinken zu ſehen.. „Ich kann Ihnen zum Danke nichts weiter ſagen als was ich Ihnen eben geſagt habe,“ fuhr Dagobert mit ruͤhrender Einfalt fort..„Da⸗ durch, daß Sie mir dieſe Kinder erhielten, hatten Sie ſchon mehr gethan, als wenn Sie mir das Leben gerettet haͤtten.. Aber, welcher Muth! Wel⸗ ches Herz!“ rief der Soldat mit Bewunderung aus. „Und ſo jung! Ein Madchengeſicht!“ „Wie?“ fiel Bianca freudig einz„unſer Gabriel hat auch Dir beigeſtanden?“ „Gabriel!“ unterbrach Dagobert Bianca; dann wendete er ſich an den Miſſionair und fragte:„Sie heißen Gabriel?“ „Ja.“ „Gabriel!“ wiederholte der Soldat in immer hoher ſteigender Verwunderung. „Und Sie ſind Prieſter?“ ſetzte er hinzu. „Prieſter bei den auswärtigen Miſſionen.“ „Und— wer hat Sie erzogen?“ fragte der Soldat. „Eine vortreffliche, edle Frau, die ich wie die beſte Mutter verehre, denn ſie erbarmte ſich mei⸗ ner, als ich ein verlaſſenes Kind war, und behan⸗ delte mich wie einen Sohn.“ Franzisca. Baudoin, nicht wahr?“ fragte der Soldat tiefbewegt. „Ja,“ antwortete Gabriel nicht minder erſtaunt. „Aber woher wiſſen Sie..2“ „Die Frau eines Soldaten?“ fuhr Dagobert fort. „Ja, eines braven Soldaten, der in bewun⸗ dernswuͤrdiger Aufopferung ſein Leben in der Ver⸗ bannung verbringt, fern von ſeiner Frau, fern von ſeinem Sohne, meinem Bruder, denn ich bin ſtolz. ihn ſo zu nennen.“* 18 „Mein Agricol! Meine Frau!.. Wann haben Sie dieſelben verlaſſen?“ „Waͤren Sie der Vater Agricols? Ach, ich wußte noch nicht, wie großen Dank ich Gott ſchul⸗ dig bin!“ rief Gabriel aus, während er die Haͤnde faltete. „Und meine Frau und mein Sohn?“ fragte Dagobert mit zitternder Stimme weiter.„Wie geht es ihnen? Haben Sie. Haſt Du Nachricht von ihnen?“ „Ich erhielt vor drei Monaten die beſten Nach⸗ richten von ihnen..“ „Nein,— das iſt zu viel Freude!“ rief Da⸗ gobert aus;„zu viel..“ Und der Veteran konnte nicht weiter ſprechen.. Die Ruͤhrung erſtickte ſeine Worte und er ſank auf einen Stuhl. Roſa und Bianca erinnerten ſich jetzt des Briefes ihres Vaters uͤber den Findling, Gabriel, den die Frau Dagoberts aufgenommen hatte, und ſie gaben ſich unverſtellt ihrer Freude hin.. „Unſer Gabriel iſt der Deinige, iſt einer und derſelbe. Welches Gluͤck!“ riefen ſie aus. „Ja, meine guten Kinder, er iſt der Eurige wie der meinige; wir haben Alle Theil an ihm.“ Dann wendete er ſich an Gabriel und ſetzte mit großer Innigkeit hinzu:—„Deine Hand,— noch einmal Deine Hand, mein muthiger Sohn.. Ich muß Dich Du nennen, weil mein Agricol Dein Bruder iſt..“ „ * 6 * — „Ach, Herr, wie guͤtig!“ „Was? Du willſt mir danken und— wir ſind Dir ſo viel ſchuldig?“ „Kennt meine Adoptivmutter Ihre Ankunft?“ fragte Gabriel, um ſich dem Lobe des Soldaten zu entziehen. „Ich habe ihr vor fuͤnf Monaten geſchrieben, aber daß ich allein kaͤme; warum?— das werde ich Dir ſpäter erzaͤhlen.— Wohnt ſie noch in der Straße Briſe⸗Miche? Dort wurde mein Agricol geboren.“ „Sie wohnt noch da.“ „Dann wird ſie auch meinen Brief erhalten haben.. Ich hätte ihr gern auch aus dem Ge⸗ faͤngniſſe in Leipzig geſchrieben, aber es war mir nicht moͤglich.“ „Aus dem Gefaͤngniſſe? Sie kommen aus dem Gefaͤngniſſe?“ „Ja, ich komme aus Deutſchland, uͤber Ham⸗ burg und ich wuͤrde noch in Leipzig ſein, wenn nicht etwas geſchehen waͤre, was mich faſt zwingt, an den Teufel, aber an den guten Teufel, zu glauben.. „Was meinen Sie damit? Erklären Sie ſich naͤher!“ „Das wurde ſchwer ſein, denn ich kann mir es ſelbſt nicht erklaͤren.. Die Maͤdchen da,“ und er zeigte auf Roſa und Bianca, die lächelten,„glaub⸗ ten kluͤger zu ſein als ich und ſagten immer:„Der 20 Engel iſt uns zu Hilfe gekommen, Dagobert, der Engel, ſiehſt Du, ob Du gleich ſagteſt, Murr wuͤrde uns eben ſo gut vertheidigen..“ „Gabriel, ich erwarte Sie,“ ſprach eine Stimme, ſich raſch um und Murr knurrte. auf einen Corridor ging. Seine Zuͤge waren ruhig und kalt, und er warf einen fluͤchtigen durchdrin⸗ genden Blick auf den Soldaten und die beiden Schweſtern. „Wer iſt der Mann?“ fragte Dagobert, der ſogleich gar nicht fuͤr Rodin eingenommen war, weil er das Geſicht deſſelben mit Recht fur hochſt wider⸗ waͤrtig und abſtoßend hielt;„was zum Teufel will er?“ „Ich reiſe mit ihm,“ ſagte Gabriel mit einem Ausdrucke des Bedauerns, dann wendete er ſich an Rodin und ſetzte hinzu:„ich bitte um Verzeihung; ich komme ſogleich.“ „Du reiſeſt ab?“ fragte Dagobert erſtaunt, „eben, da wir uns gefunden haben. Nein, das darf nicht ſein. Du wirſt nicht reiſen.. Ich habe Dir noch zu viel zu ſagen und Dich zu fra⸗ gen.. Wir reiſen mit einander, das iſt ein Feſt fur mich.“ „Das iſt nicht möglich. Er iſt mein Vorge⸗ ſetzter,— ich muß gehorchen,“ bei der der Miſſionair zuſammenfuhr. Alle ſahen Es war Rodin, der in der Thuͤre ſtand, welche ——— laͤngſten Sommertagen e ein eiſiger, durchdringender Nebel fort deren röthlicher Schein kaum Die Straße Briſe⸗Miche. Erſtes Kapitel. Dagoberts Fran. Das Nachfolgende geſchah in Paris am Tage nach der Aufnahme der Schiffbrüchigen im Schloſſe Cardoville. Es kann nichts Schauerlicheres, nichts Grauen⸗ hafteres geben als das Ausſehen der Straße Briſe⸗ Miche, die an der einen Seite an die Straße Saint erry, an der andern an den kleinen ſogenannten Kloſterplatz bei der Kirche ſtoͤßt. n der letztern Seite wird dieſes Gäͤßchen, däs nicht uͤber acht Fuß breit iſt, durch zwei große ſchmutzige, ſchwarze geſprungene Mauern gebildet, deren außerordentliche Hoͤhe ihm zu jeder Zeit Luft und Licht entzieht. Die Sonne kann kaum in den inige wenige Strahlen hin⸗ einwerfen und bei feuchter Winterkaͤlte verdunkelt während dieſe aſſe oder vielmehr dieſen Schacht mit kothigem Pflaſter. Es war zwei Maͤnner ungefähr um acht Uhr Abends und „die im bleichen Lichte der Laterne, den Nebel durchdrang, an der Ecke einer jener ungeheuern Mauern ſtan⸗ den, wechſelten einige Worte mit einander. „Verſtanden?“ fragte der Eine.„Du bleibſt in dem Gäßchen, bis Du ſie haſt in Nr. 5. hin⸗ eingehen ſehen.“ „Ganz recht.“ „Und wenn ſie hineingegangen ſind, ſteigſt Du zu der Franzisca Baudoin hinauf, um Dich noch genauer zu unterrichten.“ „Unter dem Vorwande, ſie zu fragen, ob die buckelige Näherin, die Schweſter der ſogenannten Laͤrm⸗Koͤnigin, nicht da wohne.“ „Ganz gut.. Suche vor allen Dingen genau die Wohnung dieſes Mädchens von der Buckeligen zu erfahren, denn das iſt von großer Wichtigkeit.. Die Maͤdchen ihrer Art fliegen aus wie Voͤgel und man verliert dann gleich ihre Spur.“ „Ganz unbeſorgt.. Ich werde mein Moͤgliches bei der Buckeligen thun, um zu erfahren, wo ihre Schweſter wohnt.“ „Um Dir mehr Muth zu machen, will ich in dem Wirthshauſe dem Kloſter gegenuͤber warten, um da nach Deiner Ruͤckkunft ein Glas Gluͤhwein mit einander zu trinken.“ „Das ſchlage ich nicht aus, denn es iſt eine teufelmaͤßig kalte Nacht.“ „Ja, ſchon heute fruͤh geftor mir das Waſſer an meinem Wedel und ich ſaß auf meinem Stuhle an der Kirchenthuͤre ſtarr und ſteif wie eine Mu⸗ — —— mie. Ja, unſer Eins geht auch nicht auf Roſen, wenn man in ſolchem Wetter Weihwaſſer an der Kirche zu reichen hat!“ „Das Aemtchen wirft aber doch was ab.“ „Jetzt geh! Gut Gluckt Vergiß nicht, Nr. 5.; der ſchmale Eingang neben dem Laden des Fär⸗ bers.“ „Ich weiß ſchon, ich weiß ſchon.“ Und die beiden Maͤnner trennten ſich. Der eine ging auf den Kloſterplatz, der andere dagegen ſchritt nach dem Ende des Gaͤßchens an der Straße Saint Merty zu. Auch fand er bald die Num⸗ mer des Hauſes, das er ſuchte, eines hohen ſchma⸗ len Hauſes, das, wie alle in dem Gäßchen, ein elendes, aͤrmliches Ausſehen hatte. er Mann ging vor dem Eingange des Hauſes Nr.. auf und ab. enn das Aeußere dieſer Haͤuſer nichts weni⸗ ger als einladend iſt, ſo laßt ſich das ſchreckliche, ekelhafte Innere gar nicht beſchreiben. Namentlich befand ſich das Haus Nr. 5. in einem entſetzlichen Zuſtande des Verfalles und der Unreinlichkeit. Das Waſſer, das aus den Waͤnden ſchwitzte, tropfte auf die finſtere ſchmutzige Treppe. Im zwei⸗ ten Stocke hatte man auf den kleinen Vorſaal etwas Stroh gelegt, damit man die Fuße darauf abſtrei⸗ chen könnte, aber dieſes Stroh war allmälig ganz verdorben und vermehrte den unbeſchreiblich widri⸗ gen Geruch, der eine Folge des Mangels an fri⸗ ſcher Luft, der Feuchtigkeit und der fauligen Aus⸗ duͤnſtungen der Goßſteine war, denn die wenigen und kleinen Oeffnungen im Treppenhauſe ließen kaum ein bleiches Licht, viel weniger Luft herein. Dieſe ſchmutzigen, kalten und ungeſunden Haͤuſer in dieſem Stadttheile, einem der volkreichſten von Paris, werden meiſt von Arbeitsleuten bewohnt, die da dicht zuſammengedraͤngt leben. Das Haus, von dem wir ſprechen, war auch ein ſolches. Zu ebener Erde wohnte ein Faͤrber und die ſchaͤdlichen Ausduͤnſtungen ſeiner Werkſtatt ver⸗ ſchlimmerten den Geſtank in dem Hauſe noch mehr. In den obern Stockwerken befanden ſich kleine Handwerkerwirthſchaften und einige Arbeiter, die zu Hauſe arbeiteten. In einem Stuͤbchen des vier⸗ ten Stockes wohnte Franzisca Baudoin, Dagoberts Frau. Ein Talglicht erhellte dieſe beſcheidene Woh⸗ nung, die aus einer Stube und einer Kammer be⸗ ſtand. Agricol hatte ein Dachſtuͤbchen fuͤr ſich. Die Wand, an welcher das Bett ſtand, war mit einer alten grauen Papiertapete bekleidet, die hier und da uͤber Mauerſpruͤngen zerriſſen warz kleine Vorhänge an einem eiſernen Stabe verhuͤll⸗ ten die Fenſter; der nicht gebohnte, ſondern ge⸗ ſcheuerte Fußboden hatte ſeine Mauerſteinfarbe be⸗ halten; an dem einen Ende des Stuͤbchens ſtand ein runder gußeiſerner Ofen mit einem Topfe, in welchem gekocht wurde; auf der Commode von wei⸗ chem Holze, das gelb angeſtrichen und braun ge⸗ ädert war, ſah man ein kleines eiſernes Haus, ein Meiſterſtuͤch von Geduld und Geſchicklichkeit, deſſen einzelne Stuͤcke ſaͤmmtlich von Agricol Baudoin, dem Sohne Dagoberts, bearbeitet waren. Ein Chriſtusbild von Gyps, das, von mehreren geweihten Buchsbaumzweigen umgeben, an der Wand hing, und einige grob ausgemalte Heiligen⸗ bilder zeugten von dem frommen Sinne der Frau des Soldaten. Zwiſchen den beiden Fenſtern ſtand ein geſchnörkelter, mit der Laͤnge der Zeit faſt ſchwarz gewordener großer Nußbaumſchrank; ein alter mit gruͤnem Pluͤſch uͤberzogener Lehnſtuhl(das erſte Ge⸗ ſchenk Agricols fuͤr ſeine Mutter), einige Stuͤhle mit Strohſitz und ein Arbeitstiſch, auf welchem man mehrere Saͤcke von grober grauer Leinwand ſah, vervollſtaͤndigten die Moͤblirung der Stube, die durch eine wurmſtichige Thuͤre ſchlecht geſchloſſen wurde. Eine anſtoßende Kammer enthielt einige Kuͤchen⸗ und Wirthſchaftsgeräthe. So traurig und armſelig auch dieſe Wohnung vielleicht erſcheint, ſo koͤnnen ſich einer ſolchen doch nur wenige, im Vergleich wohlhabende, Handwerker ruͤhmenz denn das Bett beſtand aus zwei Ma tratzen, weißen Betttuͤchern und einer warmen Decke; der große Schrank enthielt Waͤſche, und uͤbrigens bewohnte Dagoberts Frau allein eine Stube, die ſo groß war wie die, in welcher zahlreiche Familien ——— —— rechtſchaffener und fleißiger Handwerker gewoͤhnlich gemeinſchaftlich leben und ſchlafen, und ſich gluͤck⸗ lich ſchätzen, wenn ſie den Maͤdchen und den Kna⸗ ben beſondere Betten geben koͤnnen, ſich ſehr gluͤck⸗ lich ſchätzen, wenn die Bettdecke oder die Bett⸗ tucher nicht im Leihhauſe verſetzt ſind. Franzisca Baudoin ſaß an dem kleinen eiſernen Ofen, der bei dem naßkalten Wetter geringe Waͤrme in dem ſchlecht verſchloſſenen Stubchen verbreitete, und machte das Abendeſſen ihres Sohnes Agricol zurecht. Die Frau Dagoberts war ungefaͤhr fuͤnfzig Jahre alt, trug ein Jaͤckchen von blauem Kattun mit kleinen weißen Blumen und einen Rock von Barchent. Ein weißes Haͤubchen bedeckte ihren Kopf und war unter dem Kinn zuſammengebunden. Ihr Geſicht war bleich und hager, hatte regel⸗ maͤßige Zuͤge und druͤckte vollkommene Ergebung und Herzensguͤte aus. Es konnte wirklich keine beſſere, keine aufopferndere Mutter geben, denn ob ſie gleich nichts beſaß als ihre Arbeit, ſo hatte ſie es doch moͤglich gemacht, nicht blos ihren Sohn Agricol, ſondern auch Gabriel, das arme verlaſſene Kind, zu erziehen, das ſie mit bewunderungswuͤr⸗ digem Muthe aufgenommen. In ihrer Jugend hatte ſie gleichſam ihre kraͤf⸗ tige Geſundheit vorweggenommen fuͤr zwölf Jahre, die ſie durch uͤbermaͤßige, aufreibende, der harten Entbehrungen wegen faſt morderiſche Arbeit ein⸗ — traͤglich machte, denn ſie hatte bamals(der Ver⸗ dienſt war in jener Zeit, mit der jetzigen verglichen, noch glaͤnzend) durch eifrige Arbeit und Nachtwa⸗ chen bis 50 Sous des Tages verdienen koͤnnen, und damit erzog ſie ihren Sohn und ihr angenom⸗ menes Kind. Nach dieſen zwoͤlf Jahren war ihre Geſundheit zerruͤttet, ihre Kraft faſt gänzlich aufgezehrt, aber es hatte doch den beiden Kindern an nichts gefehlt, ſie hatten die Erziehung erhalten, welche das Volk ſeinen Kindern geben kann. Agricol trat dann bei Franz Hardy in die Lehre und Gabriel bereitete ſich vor, das Seminar zu beſuchen, unter der eifrigen Gunſt Rodins, der ſeit 1820 ungefähr in genauer Verbindung mit dem Beichtvater der Franzisca Baudoin geſtanden hatte, die immer ſehr fromm, wenn auch nicht aufgeklaͤrt fromm geweſen und noch war. Dieſe Frau gehoͤrte zu jenen Naturen von be⸗ wunderungswuͤrdiger Einfalt und Guͤte, zu jenen Maͤrtyrern unbekannter Aufopferung, welche oft an Heldenmuth grenzt, zu jenen heiligen unverdorbenen Seelen, bei denen der Trieb des Herzens den Ver⸗ ſtand erſetzt. Der einzige Fehler oder vielmehr die einzige Folge dieſer blinden Treuherzigkeit war eine unuͤber⸗ windliche Hartnaͤckigkeit, ſobald die Frau dem Ein⸗ fluſſe ihres Beichtvaters gehorchen zu muͤſſen glaubte, unter dem ſie bereits ſeit vielen Jahren ſtand. Dieſen Einfluß hielt ſie fuͤr den verehrungswürdigſten und heiligſten; keine menſchliche Macht und Ruͤckſicht wuͤrde im Stande geweſen ſein, ſie zu hindern, demſelben nachzugeben. Wurde daruͤber geſprochen, ſo vermochte nichts in der Welt, dieſe vortreffliche Frau zu beugen; ihr Widerſtand war zwar ohne Zorn, ohne Heftigkeit, mild wie ihr Charakter und ruhig wie ihr Gewiſſen, aber auch unerſchuͤtterlich. Franzisca Baudoin gehoͤrte mit einem Worte zu jenen reinen, unwiſſenden und leichtglaͤubigen Weſen, welche, bisweilen ohne daß ſie es ſelbſt wiſſen, ſchreckliche Werkzeuge in gefährlichen und geſchickten Haͤnden werden koͤnnen. Seit langer Zeit noͤthigten ſie ihr Befinden und beſonders die merkliche Abnahme der Sehkraft zur Ruhe, denn ſie konnte kaum noch zwei bis drei Stunden taͤglich arbeiten. Die uͤbrige Zeit ver⸗ brachte ſie in der Kirche. Nach einigen Augenblicken ſtand Franzisca auf, machte eine Seite des Tiſches von den groben Lein⸗ wandſaͤcken frei und deckte da mit muͤtterlicher Sorg⸗ ſamkeit fuͤr ihren Sohn. Aus demSchranke nahm ſie einen kleinen ledernen Beutel, der einen alten verbogenen ſilbernen Becher und ein leichtes ſilber⸗ nes ſo duͤnnes und abgenutztes Beſteck enthielt, daß der Loͤffel ſogar ſchnitt. Sie wiſchte und rieb Alles auf's Beſte ab und legte dieſes Silberzeug, das Hochzeitsgeſchenk Dagoberts, nehn den Teller ihres Sohnes. „ Es war dies das Koſtbarſte, was die Frau be⸗ ſaß, ſowohl wegen des geringen Werthes als auch wegen der Erinnerung, die ſich daran knuͤpfte. Deshalb hatte ſie denn auch oft bittere Thraͤnen vergoſſen, wenn ſie in dringender Noth, nach Krankheit oder Arbeitsmangel, den Becher und das Beſteck, dieſe fur ſie heiligen Gegenſtaͤnde, ins Leih⸗ haus zu tragen genoͤthiget geweſen war. Dann holte ſie von dem untern Vrete des Schrankes eine Flaſche Waſſer und eine nur noch zu drei Vierteln volle Flaſche Wein, ſetzte auch dieſe neben den Teller ihres Sohnes und kehrte dann an den Ofen zuruͤck, um das Abendeſſen vol⸗ lends bereit zu machen. Obgleich Agricol noch nicht viel laͤnger als ge⸗ wöhnlich ausgeblieben war, ſo ſprach ſich doch in dem Geſichte ſeiner Mutter bereits Unruhe und Trauer aus. Man ſah es ihren geroͤtheten Augen an, daß ſie viel geweint hatte. Die arme Frau hatte nach langer und ſchmerz⸗ licher Ungewißheit endlich die Ueberzeugung gewon⸗ nen, daß ihre ſchon laͤngſt ſehr geſchwaͤchten Augen ihr bald ſogar nicht mehr erlauben wuͤrden, taͤglich zwei bis drei Stunden zu arbeiten, wie ſie es bis⸗ her zu thun gewohnt geweſen war. Fruͤher war ſie eine vortrefflich⸗ Weißnaͤherin ge⸗ weſen; in dem Maße aber, wie ihre Augen ſich verſchlechterten, hatte ſie ſich mit immer groͤberer Näherei beſchaͤftigen müſſen und ihr Verdienſt hatte S ſich nothwendig in demſelben Verhaͤltniſſe verrin⸗ gert; endlich hatte ſie ſich genöthiget geſehen, Saͤcke fur Militairmagazine ꝛc. zu fertigen, an denen un⸗ gefaͤhr eine Länge von zwolf Fuß zu naͤhen iſt. Fur einen ſolchen Sack erhielt ſie zwei Sous, und ſie mußte uͤberdies den Zwirn dazu geben. Da dieſe Arbeit ſehr beſchwerlich iſt, ſo brachte ſie nicht mehr als drei ſolcher Saͤcke täglich fertig und ſie verdiente alſo taglich ſechs Sous. Man ſchaudert, wenn man an die große An⸗ zahl unglucklicher Frauen denkt, deren Kraft und Geſundheit durch die Erſchöpfung, durch die Ent⸗ behrungen, Alter und Krankheit ſo aufgerieben ſind, daß ſie durch die Arbeit, welche ſie noch verrichten koͤnnen, täglich kaum dieſe ſo geringe Summe zu verdienen im Stande ſind. Ihr Verdienſt nimmt alſo ab in Verhaͤltniß, wie Alter und Schwäche neue Beduͤrfniſſe ſchaffen. Zum Gluͤck hatte Franzisca in ihrem Sohne eine wurdige Stuͤtze. Er war ein vortrefflicher Ar⸗ beiter, genoß die gerechte Vertheilung des Lohnes und Gewinnes, die Herr Hardy bewilligte, und verdiente ſo durch ſeine Arbeit taͤglich fuͤnf bis ſechs Francs(1 4 bis 1 4 Thlr.), d. h. mehr als noch einmal ſo viel als die Arbeiter in andern An⸗ ſtalten. Er hätte alſo, ſelbſt wenn ſeine Mutter gar nichts verdiente, mit ihr recht bequem leben koͤnnen. Alber die arme Frau, die ſo bewundernswuͤrdig — 33— ſparſam war, daß ſie ſich faſt das Nothwendige verſagte, war, ſeit ſie taͤglich und eifrig die Kirche beſuchte, gegen die Sacriſtei wahrhaft verſchwende⸗ riſch freigebig geworden. Es verging faſt kein Tag, an welchem ſie nicht eine oder zwei Meſſen leſen und Kerzen verbrennen ließ, theils fuͤr Dagobert, von dem ſie ſeit ſo lan⸗ ger Zeit getrennt war, theils fur das Seelenheil ihres Sohnes, der, ihrer Meinung nach, auf dem geraden Wege zum Verderben war. Agricol beſaß ein ſo gutes, edeles Herz; er liebte und verehrte ſeine Mutter ſo ſehr, und das Gefuͤhl, das dieſe einfloͤßte, war uͤberdies ſo ruhrend, daß er ſich nie⸗ mals daruͤber beklagt hatte, daß ein großer Theil ſeines Verdienſtes, den er jeden Sonnabend gewiſ⸗ ſenhaft ſeiner Mutter uͤbergab, ſo in frommen Werken aufgezehrt wurde. Nur bisweilen hatte er der Mutter, aber eben ſo ehrerbietig als liebevoll, bemerklich gemacht, wie es ihm leid thue, ſie Entbehrungen ertragen zu ſehen, die ihres Alters und ihres Geſundheitszu⸗ ſtandes wegen doppelt nachtheilig waͤren, und zwar blos weil ſie ihre kleinen frommen Ausgaben vor⸗ zugsweiſe beſtreiten wolle. Was aber ſollte er der vortrefflichen Mutter antworten, wenn ſie mit Thraͤnen in den Augen zu ihm ſagte: „Mein Kind, es geſchieht wegen Deines und Deines Vaters Heiles..“ — Pätte er mit der Mutter uͤber die Wirkſamkeit der Meſſen und uͤber den Einfluß der Kerzen auf das jetzige und kuͤnftige Heil des alten Dagobert ſtreiten wollen, ſo wuͤrde er auf eine Frage gekom⸗ men ſein, die er aus Achtung fuͤr ſeine Mutter und deren Glauben nie anzuregen ſich gelobt hatte; er ergab ſich alſo in die Nothwendigkeit, ſie nicht ganz in ſo behaglichen Verhältniſſen zu ſehen, als er es wohl gewuͤnſcht hätte. Auf ein leiſes Klopfen an der Thuͤre rief Fran⸗ zisca: „Herein!“ Und die Thuͤre wurde geoͤffnet. Zweites Kapitel. Die Schweſter der Lärm⸗Königin. Es erſchien bei Dagoberts Frau ein kleines, ſchrecklich verwachſenes Maͤdchen von etwa achtzehn Jahren. Sie war nicht gerade buckelig, hatte aber einen gewoͤlbten Ruͤcken und eine eingeſunkene Bruſt, und der Kopf ſaß ihr tief zwiſchen den Schultern. 3 Ihr ziemlich regelmäßiges, hageres, ſehr blaſſes, 6 von Blatternarben zerriſſenes Geſicht druͤckte große Sanftmuth und tiefe Trauer aus, und ihre blauen Augen waren mild und klug. Nach einer ſeltſamen Laune hatte ihr die Natur einen Schmuck gegeben, auf den das ſchoͤnſte Weib ſtolz geweſen ſein wuͤrde, langes herrliches braunes Haar naͤmlich, das am Hinterkopfe des Maͤdchens in eine dicke Flechte zu⸗ ſammengelegt war. Sie hatte einen alten Korb in der Hand, und ob ſie gleich armlich gekleidet war, ſo kaͤmpften doch die Nettigkeit und Reinlichkeit ihres Anzuges ſo viel als moͤglich gegen eine zu große Armſeligkeit. Trotz der Kälte trug ſie ein ſchlechtes Kattunkleid⸗ chen von ungewiſſer Farbe mit weißlichen Flecken, das ſo oft gewaſchen war, daß man von der ur⸗ ſpruͤnglichen Farbe, ſowie von dem Muſter durch⸗ aus nichts mehr erkennen konnte. Auf dem leidenden, aber ergebenen Geſichte dieſes ungluͤcklichen Weſens lag die Gewoͤhnung an alle Noth, an alle Schmerzen und an die Miß⸗ achtung aller Art deutlich ausgedruͤckt. Der Spott hatte ſie von ihrer traurigen Geburt an ſtets ver⸗ folgt. Sie war, wie erwaͤhnt, ſchrecklich verwach⸗ ſen und wurde deshalb allgemein das Höckchen genannt. Auch fand man dieſen Namen, der die Arme doch ſtets an ihr Gebrechen erinnerte, ſo na⸗ tüͤrlich, daß ſelbſt Franzisca und Agricol, die ihr ſo viel Mitleiden und Theilnahme bezeigten, als die Andern Spott und Verachtung, aus Gewohnheit ſie nie anders nannten. Das Hoͤckchen, wie wir ſie von nun an auch nennen werden, war in dem Hauſe geboren, das wohnte, und das Madchen war alſo mit Agricol und Gabriel gleichſam aufgewachſen. Manche Menſchen ſcheinen fuͤr das Ungluͤck beſtimmt zu ſein. Das Hoöckchen hatte eine ſehr ſchoͤne Schweſter, welcher Perrine Saliveau, ihre gemeinſchaftliche Mutter, die Wittwe eines verarm⸗ ten Kraͤmers, ihre thörichte blinde Liebe ausſchließ⸗ lich zuwendete, waͤhrend ſie die von der Natur ver⸗ nachläſſigte Tochter verachtete und mißhandelte, ſo daß dieſelbe ſich weinend zu Franzisca fluchtete, die ſie troͤſtete, ihr Muth zuſprach und ſie, um ſie zu zerſtreuen, Abends leſen und nähen lehrte. Agricol und Gabriel, die durch das Beiſpiel ihrer Mutter an das Mitleiden gewoͤhnt waren, ahmten die andern Kinder nicht nach, welche das kleine Hoͤckchen gern verhoͤhnten, neckten und oft ſogar ſchlugen, ſondern liebten, ſchutzten und ver⸗ theidigten die Arme. Sie war funfzehn und ihre Schweſter Cephyſe ſiebzehn Jahre alt, als ihre Mutter ſtarb und ſie beide in tiefſtem Elende zurucktieß.* Cephyſe war klug, thätig und gewandt, ganz das Gegentheil ihrer Schweſter, eine der unruhi⸗ gen, lebhaften Naturen, bei denen das Leben uͤber⸗ ſtroͤmt, die durchaus Luft, Bewegungen und Ver⸗ gnuͤgungen brauchen, übrigens ein herzensgutes Dagoberts Frau ſeit mehr als zwanzig Jahren be⸗ Maͤdchen, obgleich durch ihre Mutter völlig ver⸗ zogen. Anfangs hoͤrte Cephyſe auf die weiſen Lehren Franziscas, that ſich Gewalt an, fugte ſich in die Noth, lernte naͤhen und arbeitete wie ihre Schwe⸗ ſter ein Jahr lang; da ſie aber den ſchwerel Ent⸗ behrungen nicht laͤnger widerſtehen konnte, welche ihr die ſchreckliche Geringfuͤgigkeit ihres Verdienſtes trotz ihrer aͤmſigen Arbeit auferlegte, und wobei ſie ſogar Kaͤlte und hauptſaͤchlich Hunger ertragen mußte, ſo zog es die junge huͤbſche, lebensluſtige Cephyſe vor, die von Lockungen und Anerbietungen umringt war, welche ſie fur glaͤnzend hielt, ob ſie gleich nur die Mittel gaben, den Hunger zu ſtillen, nicht mehr zu frieren, ſich nett zu kleiden und nicht mehr funfzehn Stunden täglich in einem dunkeln, ungeſunden Loche zu arbeiten, die Betheuerungen eines Advocatenſchreibers anzuhören, der ſie ſpaͤter verließ; dann machte ſie Bekanntſchaft mit einem Pandlungsdiener, den ſie, kluͤger geworden, mit einem Handlungsreiſenden vertauſchte, welchem— andere Beguͤnſtigte folgten. Kurz, Cephyſe war nach einem oder zwei Jahren der Abgott einer Welt von Griſetten, Studenten und Handlungsdienern getworden und hatte ſich in den Tanzlocalen vor den Thoren durch ihren entſchiedenen Charakter, durch ihren wahrhaft originellen Geiſt, durch ihren unermuͤdlichen Eifer fuͤr alle Vergnuͤgungen und beſonders durch ihre ausgelaſſene und lärmende Luſtigkeit einen ſolchen Ruf erworben, daß ſie einmuͤthig die Bacchanals⸗ Der ewige Jube. V. 3 oder Laͤrm⸗Königin genannt wurde. Auch zeigte ſie ſich dieſer Benennung in allen Punkten wuͤrdig. Seit dieſer laͤrmenden Thronbeſteigung hoͤrte das arme Hoͤckchen nur ſehr ſelten noch von ihrer aͤltern Schweſter; aber ſie ſehnte ſich immer nach ihr, arbeitete fortwaͤhrend fleißig und verdiente mit großer Muͤhe woͤchentlich 4 Fres.(1 Thlr.) Sie hatte von Franzisca weißnaͤhen gelernt und naͤhete grobe Hemden fuͤr Handwerker und fur die Soldaten. Sie erhielt 3 Frcs. fuͤr das Dutzend und dafuͤr mußte ſie dieſelben ſaͤumen, die Kragen ſteppen, die Knopfloͤcher machen, die Knoͤpfe anna⸗ hen, und wenn ſie taͤglich zwoͤlf bis funfzehn Stun⸗ den arbeitete, brachte ſie kaum vierzehn bis ſechs⸗ zehn Stuͤck in einer Woche fertig, ſo daß ſie alſo im Durchſchnitt in acht Tagen vier Fres. verdiente. Und das ungluͤckliche Mädchen befand ſich nicht etwa in einer Ausnahmslage, nein,— Tauſende von Arbeiterinnen verdienten damals und verdienen heute nicht mehr, weil die Bezahlung der Frauen⸗ arbeit— eine empoͤrende Ungerechtigkeit, eine Bar⸗ barei iſt. Man giebt den Frauen zweimal weniger als den Maͤnnern, die ſich ebenfalls mit Naͤhen beſchäftigen, wie den Kleider-, Handſchuhmachern c.,— wahrſcheinlich weil die Frauen ſchwach ſind und weil bei der Schwangerſchaft und wenn ſie Mutter werden, ihre Beduͤrfniſſe ſich verdoppeln. Das Hoͤckchen lebte alſo mit vier Fres. (1 Thlr.) woͤchentlich. M— — „ — Sie lebte, d. h. ſie machte es durch zwoͤlf⸗ bis funfzehnſtuͤndige eifrige Arbeit taglich moͤglich,— daß ſie nicht vor Hunger, Kaͤlte und Elend ſtarb, ſo ſchmerzliche Entbehrungen mußte ſie ſich auf⸗ erlegen. Entbehrungen? Nein! Das Wort„Ent⸗ behrung“ bezeichnet nicht genuͤgend dieſen fortwäh⸗ renden ſchrecklichen Mangel an Allem, was zur Erhaltung der korperlichen Geſundheit und des Le⸗ bens, das uns Gott gegeben hat, durchaus nöthig iſt, naͤmlich: geſunde Luft und ein geſundes Ob⸗ dach, geſunde und genuͤgende Nahrung und warme Kleidung. Abtoͤdtung wuͤrde den vollſtaͤndigen Mangel dieſer zum Leben weſentlichen Dinge beſſer ausdruͤcken, welche eine nach Recht und Gerechtig⸗ keit eingerichtete Geſellſchaft jedem fleißigen und rechtſchaffenen Arbeiter ſchuldig ſein ſollte, da die Civiliſation ihm jedes Anrecht auf den Boden ge⸗ nommen hat und ſeine Arme ſein einziges Erbe ſind. Der Wilde genießt die Vortheile der Civiliſa⸗ tion nicht, aber er hat doch zur Stillung ſeines Hungers die Thiere des Waldes, die Vogel der Luft, die Fiſche der Fluͤſſe, die Fruͤchte der Erde, ſowie als Obdach und zur Erwaͤrmung die Baͤume der Waͤlder. Der civiliſirte Menſch, dem dieſe Gottesgaben genommen ſind und der das Eigenthum fuͤr heilig haͤlt, kann alſo fur ſeine taͤgliche ſchwere Arbeit, die ſein Vaterland bereichert, eine Bezahlung fordern, 3 die es ihm moͤglich macht, geſund zu leben, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Kann man aber von dem ſagen, er lebe, der ſich ohne Unterlaß an der aͤußerſten Grenze hinſchleppt, die das Leben vom Grabe ſcheidet, und der da gegen die Kaͤlte, gegen den Hunger und die Krankheit kaͤmpfen muß? Um zu zeigen, wie weit dieſe Abtoͤdtung ge⸗ hen kann, welche die Geſellſchaft unerbittlich Tau⸗ ſenden von fleißigen und rechtſchaffenen Menſchen auferlegt, weil ſie ſich in unbarmherziger Nachlaͤſ⸗ ſigkeit um die Fragen uͤber eine gerechte Bezahlung der Arbeit nicht kuͤmmert, wollen wir anfuͤhren, auf welche Weiſe ein armes Maͤdchen mit 4 Fres. woͤchentlich beſtehen kann. Vielleicht weiß man es dann ſo vielen ungluͤck⸗ lichen Geſchoͤpfen wenigſtens Dank, daß ſie das grauenvolle Daſein, das ihnen gerade ſo viel Leben giebt, um alle Schmerzen des Menſchen fuͤhlen zu koͤnnen, mit Ergebung ertragen. Ja, es iſt Tu⸗ gend, um dieſen Preis zu leben; ja, eine Geſell⸗ ſchaft, die ſo vieles und ſo großes Elend duldet oder auferlegt, verliert das Recht, die ungluͤcklichen Maͤdchen zu tadeln, welche ſich verkaufen, nicht aus ſuͤndlicher Luſt, ſondern faſt immer, weil ſie ſ weil ſie hungern. Das Hoͤcchen lebte alſo mit den 4 Fres. wo⸗ chentlich, wie ſolgt: Sechs Pfund Brod, jaih 84 times. Zwei Eimer Waſſer, 20 Cent. Fett oder Schmalz(Butter iſt zu theuer), 50 Cent. Graues Salz, 7 Cent. Ein Scheffel Kohle, 40 Cent. Eine Kanne getrockneter Huͤlſenfruͤchte, 30 Cent. Drei Kannen Kartoffeln, 20 Cent. Licht, 33 Cent. Zwirn und Nadeln, 25 Cent. Im Ganzen 3 Fres. 9 Centimes. Um die Kohlen zu ſparen, kochte ſich das Hoͤck⸗ chen woͤchentlich nur zwei⸗ oder hoͤchſtens dreimal eine Art Suppe in einer Pfanne auf der Flur des vierten Stockwerks. An den andern Tagen aß ſie die ſelbe kalt.. Fuͤr die Miethe, zur Kleidung und Feuerung blieben ihr alſo woͤchentlich 91 Cent. uͤbrig.*) Einige dieſer einzelnen ſtatiſtiſchen Angaben, die wir einer Prü⸗ fung unterworfen haben und die ſich noch bedeutender zeigten, als wir ſie dargeſtellt haben, ſind einer vortrefflichen Arbeit Janomas, eines Mechanicusgehilfen, in der Ruche Populaire, einer Zeitung entnom⸗ men, die von Arbeitern eben ſo maßvoll als redlich unter der Leitung des Druckers Duquesne geſchrieben wird. Janoma ſetzt hinzu, und er ſagt nur die Wahrheit: „Wir haben geſehen, daß Frauen und Kinder ganze Monate von Suppe ohne Butter oder Fett lebten,— von Brod nämlich, das mit einer Handvoll Salz in Waſſer gekocht wird.“ Janoma macht dann mit Recht bemerklich, baß die Arbeiterin ihre Bedürfniſſe nicht im Großen einkaufen kann, da der Herr ihr nicht immer Arbeit zu geben im Stande iſt; ſo wird ſie vft genöthiget, ein Pfund Brod, für einen Sou Salz, ein Licht ꝛ6. zu kaufen, und In Folge eines ſeltenen Gluͤckes befand ſie ſich in einer Ausnahmslage, denn Agricol hatte ſich, um ihr großes Zartgefuͤhl nicht zu verletzen, mit dem Portier verſtaͤndiget, der dem Maͤdchen fuͤr 12 Francs jaͤhrlich ein Stuͤbchen unter dem Dache abließ, in welchem gerade fur ein Bett, einen Stuhl und einen Tiſch Platz war. Agricol bezahlte noch 18 Francs, um die 30 vollzumachen, denn ſo viel betrug eigentlich die Miethe fuͤr das Stuͤbchen. Die zahlreichen Arbeiterinnen, welche nicht mehr verdienen als Hoͤckchen, befinden ſich in keiner ſo gluͤcklichen Lage als dieſe, wenn ſie weder Woh⸗ nung noch Familie haben. Sie kaufen ſich ein Stuͤck Brod und irgend eine andere Nahrung fuͤr den Tag und theilen, fuͤr einen oder zwei Sous die Nacht, das Lager einer Gefaͤhrtin in einem elenden meublirten Stuͤbchen, in welchem meiſt fuͤnf oder ſechs Betten ſtehen, von denen mehrere Maͤnnern angehoͤren, da dieſe am zahlreichſten ſind. Ja, trotz dem ſchrecklichen Widerwillen, den ein ungluͤckliches ehrliches und unſchuldiges Madchen gegen dieſes gemeinſchaftliche Wohnen hat, muß ſie 6 ſich fuͤgen; ein Mann, der ſein Haus ſo vermie⸗ vabei verliert ſie, weil Bruchtheile immer dem Verkäufer zu Gute kommen. Wir ſetzen hinzu, daß der Arme unter allen Umſtänben faſt bop⸗ pelt ſo theuer bezahlt als der Reiche, weil der erſte im Detail und baar kaufen muß. — 43— thret, kann es nicht in Stuben fuͤr Maͤnner und in Stuben fuͤr Frauenzimmer theilen. Wenn eine Arbeiterin ſich eine eigene Woh⸗ nung mit eigenen Moͤbeln nehmen will, ſo muß ſie, wie aͤrmlich auch die Einrichtung ſein mag, wenigſtens 30 bis 40 Francs baar aufwenden. Wie aber ſoll ſie 30 bis 40 Fran baar von einem Wochenverdienſt von 4 bis 5 Francs vor⸗ wegnehmen, der kaum hinreicht, ſie zu bekleiden und ſie vor dem Hungertode zu ſchüten? Nein, nein, die Ungluͤckliche muß ſich in das widerwaͤrtige Zuſammenwohnen fuͤgen. Allmaͤlig ſtumpft nothwendig das Schamgefuͤhl bei ihr ab; das Gefuͤhl der natuͤrlichen Keuſchheit, welches ſie bis dahin vor der Verfuͤhrung ſchutzte, wird ſchwaͤ⸗ cher; ſie ſieht in dem Laſter nur noch ein Mittel, ihr unerträgliches Schickſal ein wenig zu verbeſſern, — ſie giebt nach— und der Actienſpeculant und Bankier, der ſeinen Toͤchtern eine Gouvernante ge⸗ ben kann, ſchreit uͤber die Sittenloſigkeit, uͤber die Verdorbenheit der Kinder aus dem Volke! Und das Leben dieſer Arbeiterinnen iſt, wie pein⸗ lich es auch ſein mag, im Verhaͤltniß 8. immer ein gluͤckliches. Wenn einen Tag, wenn zwei Tagen die Ar⸗ beit mangelt? Wenn Krankheit eintritt? Krankheit, faſt immer die Folge der unzureichenden und un⸗ geſunden Nahrung, des Mangels an Luft, an Pflege, an Ruhe,— Krankheit, die oft ſo wrin 8 daß ſie faſt jede Arbeit unmoͤglich macht und doch nicht ſo gefaͤhrlich iſt, daß die Leidende die Ver⸗ guͤnſtigung eines Bettes in einem Hospital ver⸗ dient? Was wird dann aus dieſen Ungluͤckli⸗ chen?— Der Geiſt ſtraͤubt ſich, laͤnger bei ſo grauenhaften Bildern zu verweilen. Dieſe Unzulaͤnglichkeit des Lohnes, die einzige und entſetzliche Quelle ſo vieler Schmerzen und oftmals ſo vieler Laſter,— dieſe Unzulaͤnglichkeit des Lohnes iſt allgemein, namentlich bei den Frauen, und ich erwaͤhne nochmals, daß es ſich hier nicht um individuelles Elend handelt, ſondern um ein Elend, unter welchem ganze Claſſen leiden. Wir verſuchen in dem Hoͤckchen den geiſtigen und materiellen Zuſtand Tauſender von menſchlichen Weſen zu ſchildern, die in Paris mit vier Francs woͤchentlich leben muͤſſen. Die arme Arbeiterin fuhrte alſo, trotz den Vor⸗ theilen, die ſie, ohne es zu wiſſen, der Freigebigkeit Agricols verdankte, ein elendes bedauernswerthes Leben. Ihr an ſich ſchon ſchwacher Geſundheits⸗ zuſtand war in Folge ſo vieler Entbehrungen und Leiden tief erſchuͤttert worden und gleichwohl ſtellte ſich Hoͤckchen aus großem Zartgefuͤhle und obwohl ſie das leichte Opfer nicht kannte, das ihr Agricol brachte, als verdiene ſie etwas mehr, als ſie wirklich verdiente, um Anerbietungen von Unterſtuͤtzungen auszuweichen, die ihr doppelt ſchmerzlich geweſen ₰ ſein wurden, weil ſie die bedrängte Lage Franziscas und Agricols kannte und weil ſie ſich in ihrer na⸗ tuͤrlichen Empfindlichkeit verletzt gefuͤhlt haben wuͤrde, welche durch zahlloſe Demuͤthigungen und Ver⸗ druͤßlichkeiten noch gereizt worden war. Ihr mißgeſtalteter Koͤrper enthielt ſeltener Weiſe eine liebende edele Seele und einen gebildeten, bis zur Poeſie gebildeten Geiſt, was ſie wohl zum Theil dem Beiſpiele Agricols verdankte, mit dem Hoͤck⸗ chen aufgewachſen war und bei dem der poetiſche Inſtinet ſich von ſelbſt entwickelt hatte. Das arme Maͤdchen war die erſte Vertrauete der literariſchen Verſuche des jungen Schmieds geweſen, und wenn er ihr erzaͤhlte, welchen Reiz, welche außerordentliche Erquſckung er nach harter Tagesarbeit in dem poetiſchen Sinnen finde, fuhlte auch die Naͤherin, die vortreffliche Geiſtesanlagen beſaß, welche Unterſtuͤtzung ihr, die immer ſo allein und verachtet war, dieſe Unterhaltung gewaͤhren könne. Eines Tages, als Agricol ihr ein Gedicht vor⸗ geleſen hatte, erroͤthete das arme Hoͤckchen zu ſei⸗ nem großen Erſtaunen, ſtotterte, laͤchelte ſchuchtern und vertrauete ihm endlich auch ihre poetiſchen Geheimniſſe an. Es fehlte den Verſen vielleicht an Rhythmus und an Wohllaut, aber ſie waren einfach und rͤhrend wie eine Klage ohne Bitterkeit, die dem Herzen eines Freundes anvertraut wird. Seit dieſem Tage beriethen und ermuthigten ſich Agricol und ſie gegenſeitig, aber außer ihm erfuhr kein Menſch in der Welt etwas von dieſen dichteriſchen Verſuchen Hoͤckchens, die uͤbrigens ihrer ſcheuen Schuͤchternheit wegen fuͤr dumm galt. Die Seele dieſer Ungluͤcklichen mußte groß und ſchön ſein, denn nie kam in ihren unbekannten Liedern ein einziges Wort des Zornes oder des Haſſes gegen das traurige Schickſal vor, deſſen Opfer ſie war; es waren traurige, aber ſanfte, ver⸗ zweiflungsvolle, aber ergebene Klagen, Klaͤnge einer unendlichen Liebe, eines ſchmerzlichen Mitgefuhls, einer himmliſchen Theilnahme fuͤr alle die Armen, die gleich ihr unter der doppelten Laſt der Haͤßlich⸗ keit und der Armuth ſeufzeten. Gleichwohl ſprach ſie oft eine ungeheuchelte und aufrichtige Bewunderung fuͤr die Schoͤnheit aus und immer ohne Neid, ohne Bitterkeit; ſie bewunderte die Schoͤnheit, wie ſie die Sonne be⸗ wunderte. Aber ach!— viele Verſe Hoͤckchens kannte Agricol nicht und er ſollte ſie nie kennen. Der junge Schmied beſaß, ohne regelmaͤßig ſchoͤn zu ſein, ein maͤnnliches ehrliches Geſicht, eben ſo große Herzens⸗ guͤte als Muth, ein edeles, warmes Herz, einen ſeltenen Geiſt und eine milde offene Heiterkeit. Das Maͤdchen, die mit ihm aufgewachſen war, liebte ihn, wie eine Ungluͤckliche lieben kann, die aus Angſt vor ſchmerzlicher Laͤcherlichkeit ihre Liebe —— tief im Herzen verbergen muß. Wegen dieſer Zu⸗ ruͤckhaltung, wegen dieſer Verſtellung ſuchte denn auch Hoͤckchen dieſer Liebe ſich nicht zu entziehen. Warum auch? Wer konnte jemals etwas davon erfahren? Ihre ſchweſterliche Zuneigung, die Agricol wohl kannte, erklaͤrte ja hinreichend den innigen Antheil, den ſie an ihm nahm, und man hatte ſich deshalb uͤber die entſetzliche Angſt der jungen Na⸗ herin nicht gewundert, als Agricol 1830, nachdem er muthig gekaͤmpft hatte, blutend zu ſeiner Mutter gebracht worden war. Der Sohn Dagoberts, der ſich wie Alle durch den Schein hatte taͤuſchen laſſen, hatte die Liebe Hoͤckchens nie geahnt und ſollte ſie nie ahnen. Das war das Maͤdchen, das in aͤrmlicher Klei⸗ dung in das Stuͤbchen trat, in welchem Franzisca mit der Zubereitung des Abendeſſens ihres Sohnes beſchaͤftiget war. „Du biſt es, armes Hoͤckchen,“ ſagte ſie zu ihr. „Ich habe Dich heute fruͤh nicht geſehen; Du biſt doch nicht krank geweſen?— Konmm, kuͤſſe mich.“ Sie kußte die Mutter Agricols und antwortete: „Ich hatte eine ſehr dringende Arbeit, Ma⸗ dame; ich wollte keinen Augenblick verlieren und bin eben erſt ſertig geworden. Jetzt will ich hin⸗ untergehen und Kohlen holen; haben Sie etwas mit zu beſorgen?“ „Nein, mein Kind; ich danke Dir. Aber ich bin recht in Angſt.. Es iſt ſchon halb neun Uhr und Agricol iſt noch immer nicht da?“ Dann ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu:„er arbeitet ſich zu Tod fuͤr mich.. Ich bin recht ungluͤcklich, armes Hoͤckchen! Meine Augen ſind ganz hinz. kaum habe ich eine Viertelſtunde gearbeitet, ſo ſehe ich nichts, gar nichts mehr,. ſogar wenn ich dieſe Säcke naͤhe. Es ſchmerzt mich, ſo meinem Sohne zur Laſt zu ſein!“ „Ach, Madame, wenn Agricol Sie ſo reden hoͤrte!“ „Ich weiß es wohl, der gute Sohn denkt nur an mich, und eben das macht meinen Kummer ſo groß.. Und dann denke ich immer, er giebt, um mich nicht zu verlaſſen, den Vortheil auf, den alle ſeine Cameraden bei Herrn Hardy, ſeinem wuͤrdigen und vortrefflichen Herrn, finden. Statt hier in ſeinem traurigen Dachſtuͤbchen zu wohnen, wo es kaum zu Mittag hell iſt, koͤnnte er wie die andern Arbeiter in der Fabrik und fuͤr wenig Geld eine gute, helle, im Winter warme, im Sommer luftige Wohnung mit der Ausſicht in Gärten ha⸗ ben, die er ſo liebt, ungerechnet, daß er von hier ſo weit in die Werkſtatt außerhalb Paris hat, daß es eine Strapaze iſt, ſo weit zu gehen.. „Er vergißt dieſe Strapaze, wenn er Sie kuͤßt, Madame, und dann weiß er, wie werth Ihnen dieſes Haus iſt, in dem er geboren wurde Herr — Hardy hatte es Ihnen angeboten, in Pleſſy, in dem Arbeiterhauſe mit Agricol zu wohnen..“ „Ja, mein Kind, aber dann hätte ich meine Kirche aufgeben muͤſſen, und das war ich nicht im Stande.“ „Da beruhigen Sie ſich, da kommt erz ich hoͤre ihn,“ ſagte Hockchen erroͤthend. Auf der Treppe hoͤrte man wirklich laut und luſtig ſingen. „Daß er nur nicht ſieht, wie ich geweint habe,“ ſagte die gute Mutter, indem ſie die Thränen aus den Augen wiſchte;„er hat nur dieſe Stunde Ruhe nach ſeiner Arbeit; ich will ſie ihm nicht verbittern.“ Drittes Kapitel. Agricol Baudoin. Der Schmied und Dichter war ein großer jun⸗ ger Mann von etwa vier und zwanzig Jahren, kräftig und ruͤhrig, mit brauner Farbe, ſchwarzen Haaren und Augen, einer Adlernaſe und einem ausdrucksvollen, offenen, entſchloſſenen Geſichte. Seine Aehnlichkeit mit Dagobert wurde dadurch noch auffallender, daß er nach der damaligen Mode einen dicken braunen Schnurrbart und einen ſpitzen 50 Zwickelbart trug. Von dem Winkel der Kinnlade bis zu den Schlaͤfen waren die Wangen glatt raſirt. Sein Anzug beſtand in Beinkleidern von oliven⸗ braunem Mancheſter, in einer durch den Schmiede⸗ rauch gleichſam bronzirten blauen Blouſe, einem nachlaͤſſig um den kraͤftigen Hals geknuͤpften ſchwar⸗ zen Tuche und einer Tuchmuͤtze mit kurzem Schild. Das Einzige, was an ihm ſeltſam von dieſem Ar⸗ beitsanzuge abſtach, war eine praͤchtige große pur⸗ purrothe Blume mit ſilberweißen Staubfaͤden, die er in der Hand hielt. „Guten Abend, liebe Mutter!“ ſagte er beim. Hereintreten und indem er ſogleich Franzisca kußte. Dann nickte er freundſchaftlich dem Maͤdchen zu und ſagte:„guten Abend, Hoͤckchen!“ „Du kommſt recht ſpaͤt, mein Sohn,“ ſagte Franzisca, indem ſie an den kleinen Ofen trat, auf welchem das beſcheidene Mahl ihres Sohnes ſtand;„ich aͤngſtigte mich ſchon.“ „Meinetwegen oder— wegen meines Abend⸗ eſſens, Muͤtterchen?“ fragte Agricol heiter.„Du wuͤrdeſt mir's nicht verzeihen, wenn ich das gute Eſſen warten ließe, das Du mir machſt, blos weil Du fuͤrchteſt, es koͤnnte nicht mehr ſo gut ſchme⸗ cken.. Und der Schmied wollte ſeiner Mutter noch einen Kuß geben⸗ „So hoͤr' doch auf, loſer Junge Ich werde Alles umſtoßen. — 61— „Das waͤre Schade, Muͤtterchen, denn— ach! es riecht ſo gut! Laß ſehen, was haſt Du denn?“ „Nein, nein.— So warte doch.“ „Gewiß Kartoffeln mit Speck, die ich ſo gern eſſe.“ „Zum Sonnabend, nicht wahr?“ entgegnete die Mutter im Tone ſanften Vorwurfs. „Du haſt Recht,“ ſagte Agricol, indem er mit Hoͤckchen ſchelmiſch lachte..„Aber bei dem Sonn⸗ abend faͤllt mir ein, Mutterchen,. Da iſt mein Loh „Ich danke, mein Sohn, lege es in den Schrank.“ „Ja, Mutter.“ „Ach, mein Gott!“ rief ploͤtzlich die Näherin aus, als Agricol ſein Geld in den Schrank legen wollte,„was fuͤr eine ſchoͤne Blume Du da haſt, Agricol! So eine habe ich noch nie geſehen. Und im Winter? Sehen Sie doch, Madame!“ „He, Mutterchen?“ fiel Agricol ein, der zu ſeiner Mutter trat, um ihr die Blume in der Nähe zu zeigen.„Sieh' einmal, bewundere und beſon⸗ ders rieche! Es kann unmoͤglich einen liebliche⸗ ren und angenehmern Geruch geben,— wie Va⸗ nille und Orangenbluͤte zuſammen.“*) „Du haſt Recht, mein Sohn.. Gott, wie Die prachtvolle Blume von crinum amabile, einer Haken⸗ lilie, die aus Oſtindien ſtammt und eine der größten Zierden der Treib⸗ häuſer iſt. 52 ſchoͤn!“ ſagte Franzisca, indem ſie vor Bewunde⸗ rung die Hände faltete;„wo haſt Du die Blume gefunden?“ „Gefunden, Mutter?“ wiederholte Agricol la⸗ chend.„Glaubſt Du denn, ſo'was finde man von dem Thore bis in die Straße Briſe⸗Miche?“ „Woher haſt Du ſie ſonſt?“ fragte Höckchen, welche eben ſo neugierig war wie die Mutter Agri⸗ cols. „Ah!.. Das moͤchtet Ihr wiſſen? Nun, ich will es Euch ſagen und es wird Dir auch erklären, Muͤtterchen, warum ich ſo ſpaͤt komme, denn es hat mich noch etwas aufgehalten.. Es iſt heute ein Abenteuer⸗Abend. Ich ſchritt alſo derb zu auf dem Heimwege und war ſchon an der Ecke der Babylons⸗Straße, als ich klaͤglich bellen hoͤrte.. Es war noch nicht ganz finſter, ich ſah mich um; es war das huͤbſcheſte Hundchen, das man ſehen kann, ſo groß wie meine Fauſt, ſchwarz und roth und mit Haaren und Ohren, die bis auf die Pfotchen herunterhingen.“ „Das Huͤndchen hatte ſich gewiß verlaufen,“ fiel die Mutter ein. „Richtig.. Ich nahm das arme kleine Thier, das mir die Haͤnde leckte.. Um den Hals hatte es ein breites rothes Atlasband mit einer dicken Schleife. Dadurch erfuhr ich aber den Namen ſeines Herrn nicht. Ich ſah unter das Band und bemerkte da ein kleines Halsband aus goldenen oder vergoldeten Kettchen mit einem kleinen Schilde.. Ich nahm ein Streichhoͤlzchen aus der Taſche, rieb es und bekam ſo viel Licht, daß ich leſen konnte. Da las ich denn:„Lutine gehoͤrt dem Fräulein Adrienne von Cardoville, Babylon⸗Straße Nr. 7.“ „Gluͤcklicherweiſe warſt Du in der Straße,“ fiel Hoͤckchen ein. „Wie Du ſagſt. Ich nahm alſo das kleine Thier auf den Arm, ſuchte mich zu orientiren, ging an einer langen Gartenmauer hin, die gar kein Ende nehmen wollte, und fand endlich die Thuͤre eines Gartenhauſes, das wahrſcheinlich zu einem großen Palaſte am andern Ende der Parkmauer gehoͤrt. Denn der Garten ſieht aus wie ein Park. Ich ſah empor, und richtig, da fand ich uͤber einer kleinen Thuͤre mit Schieber Nr. 7, friſch ange⸗ ſchrieben. Ich klingelte und nach einigen Augen⸗ blicken, in denen man mich wahrſcheinlich muſterte, denn ich glaubte ein Paar Augen durch die kleine vergitterte Oeffnung in der Thuͤre zu bemerken, wurde mir aufgemacht.. Aber von da an„ wer⸗ det Ihr mir nicht mehr glauben.“ „Warum nicht, mein Sohn?“ „Weil Ihr meinen werdet, ich erzählte Euch ein Feenmährchen.“ „Ein Feenmährchen?“ wiederholte Hoͤckchen „Ja, und ich bin noch ganz geblendet von dem“ was ich geſehen habe, und es iſt mir, als hätte ich' getraͤumt.“ Der ewige Inde. V. 4 — 6 „So laß doch hören, laß hoͤren,“ ſagte die gute Mutter, die aus Neugierde gar nicht bemerkte, daß das Abendeſſen ihres Sohnes wie angebrannt zu riechen anfing. „Zuerſt,“ fuhr der Schmied fort und er laͤchelte uͤber die ungeduldige Neugierde, die er erregte, „zuerſt machte mir ein Mädchen auf, die ſo huͤbſch war und ſich ſo zierlich und niedlich gekleidet hatte, daß man ſie fur ein huͤbſches Bild aus der alten Zeit hätte halten koͤnnen. Ich hatte noch kein Wort geſagt, ſo rief ſie aus:„Ach Gott, Sie bringen Lutine.. Sie haben das Huͤndchen ge⸗ funden. Wie wird ſich Fraͤulein Adrienne freuen! Kommen Sie, kommen Sie mit, denn es wuͤrde ihr zu leid thun, wenn ſie das Vergnuͤgen nicht gehabt hätte, Ihnen ſelbſt zu danken.“ Und ohne mir Zeit zu laſſen, ihr zu antworten, winkte ſie mir, ihr zu folgen. Beſchreiben kann ich Dir aber nicht, Muͤtterchen, welche Pracht ich auf dem Wege durch ein halb erleuchtetes Zimmer haͤtte ſehen koͤn⸗ nen; das Madchen ging zu geſchwind. Da wurde eine Thuͤre geoͤffnet. Ah, das haͤtteſt Du ſehen ſollen! Ich wurde ſo geblendet, daß ich gar nichts mehr weiß, als daß Alles von Gold, von Licht, Glas und Blumen funkelte und blitzte, und unter dem Funkeln eine junge Dame von ſolcher Schoͤn⸗ heit, von idealer Schoͤnheit! Aber ihr Haar war roth, oder vielmehr glaͤnzend wie Gold, herrlich; ich habe in meinem Leben kein ſolches Haar geſehen. „ f Und dazu ſchwarze Augen, rothe Lippen und blen⸗ dendes Weiß,— weiter weiß ich nichts mehr, denn, wie geſagt, ich war ſo uͤberraſcht, ſo ber⸗ blufft, daß ich wie durch einen Schleier ſah.— „Fraͤulein,“ ſagte das Madchen, die ich niemals fur ein Kammermaͤdchen gehalten hätte, ſo elegant war ſie gekleidet;„Lutine iſt wieder da; der Herr hat ſie gefunden und er bringt ſie.“—„Ah, mein Herr,“ ſagte die Dame mit dem goldigen Haar mit einer lieblichen, ſilberhellen Stimme zu mir, „welchen Dank bin ich Ihnen ſchuldig!.. Ich habe das Huͤndchen ſo lieb!“— Dann dachte ſie wohl, ſie könnte und muͤßte, meinem Anzuge nach, mir noch anders als blos durch Worte danken, ſie nahm alſo eine ſeidene Boͤrſe, die neben ihr lag, und ſagte, allerdings mit Zoͤgern,„gewiß hat es Sie aufge⸗ halten, mir den Hund zuruͤckzubringen; vielleicht haben Sie dabei viel fuͤr Sie koſtbare Zeit eingebuͤßt, — erlauben Sie mir alſo..“— und ſie hielt mir die Boͤrſe hin. „Ach, Agricol,“ fiel das Hoͤckchen traurig ein, „wie ſie ſich irrte!“ „Warte nur das Ende ab, und Du wirſt der Dame verzeihen. Wahrſcheinlich ſah ſie mir es ſogleich im Geſicht an, daß mich das Anbieten von Geld verletzt hatte, denn ſie nahm raſch aus einer koſtbaren Vaſe neben ihr dieſe herrliche Blume und ſagte zu mir in einem liebenswürdigen Tone, 4 aus dem man erkennen konnte, wie leid es ihr that, mich gekraͤnkt zu haben: „Dieſe Blume aber werden Sie annehmen.“ „Du haſt Recht, Agricol,“ ſagte Hoͤckchen mit melancholiſchem Lächeln;„ein unwillkuͤhrlicher Irrthum konnte kaum auf eine beſſere Art wieder gut gemacht werden.“ „Die wuͤrdige Dame!“ ſprach Agricols Mut⸗ ter, indem ſie uͤber die Augen ſtrich;„wie gut ſie meinen Agricol errieth!“ „Nicht wahr, Mutter? Aber in dem Augen⸗ blicke, als ich die Blume nahm, ohne dabei die Augen aufzuſchlagen; denn obwohl ich gar nicht ſchuͤchtern bin, ſo hatte die junge Dame doch, trotz ihrer Guͤte, etwas an ſich, was mich einſchuchtertez wahrend ich alſo die Blume nahm, oͤffnete ſich eine Thuͤre und ein anderes ſchoͤnes großes brunet⸗ tes Madchen, das ſehr elegant, aber ſeltſam geklei⸗ det war, ſagte zu der Dame:„Fräulein, er iſt da.“ Die junge Dame ſtand ſogleich auf und ſagte zu mir:„entſchuldigen Sie mich, mein Herrz ich werde nie vergeſſen, daß ich Ihnen einen ver⸗ gnuͤgten Augenblick verdanke. Erinnern Sie ſich unter allen Umſtaͤnden, ich bitte darum, meiner Adreſſe und meines Namens, Adrienne vön Cardo⸗ ville.“ Und ſie verſchwand.. Ich konnte kein Wort antwortenz das junge Maͤdchen begleitete mich zuruͤck, machte mir an det Thuͤre einen zier⸗ lichen Knix und ich ſtand wieder in der Babylon⸗ Straße ſo geblendet, ſo verwundert, wie geſagt, als wenn ich aus einem Feenſchloſſe gekommen waͤre.“ „Du haſt Recht, mein Sohn, es klingt wie ein Feenmaͤhrchenz nicht wahr, Hoͤckchen?“ „Ja, Madame,“ antwortete das Madchen zer⸗ ſtreut und traͤumeriſch, was indeß Agricol nicht bemerkte. „Ganz beſonders hat mir gefallen,“ fuhr er fort,„daß die Dame, die doch ſehr erfreut war, ihr Huͤndchen wieder zu haben, mich uͤber dem Thiere nicht vergaß, wie es viele Andere an ihrer Stelle gethan haben wuͤrden, ja ſich in meiner Gegenwart mit ihm gar nicht beſchaͤftigte.. Das zeigt von gutem Herzen und von Zartgefuͤhl, nicht wahr, Hoͤckchen? Kurz, ich halte die Bame fuͤr ſo gutig, fur ſo edel, daß ich in einem wichtigen Falle nicht zoͤgern wuͤrde, mich an ſie zu wenden.“ „Du. haſt Recht,“ antwortete Hoͤckchen im⸗ mer zerſtreuter. Das arme Maͤdchen litt viel.. Sie empfand zwar keinen Haß, keinen Neid gegen die unbekannte junge Dame, die nach ihrer Schoͤnheit, ihrem Reich⸗ thume und ihrem feinen Benehmen einem ſo hohen und glänzenden Kreiſe anzugehoͤren ſchien, daß das Auge des armen Maͤdchens gar nicht hinaufreichte; aber die Ungluckliche verglich jene Dame unwill⸗ kuͤrlich mit ſich ſelbſt, und ſie hatte vielleicht die druͤckende Laſt der Häͤßlichkeit und der Armuth nie ſchmerzlicher empfunden als in dieſem Augenblicke. —— Gleichwohl ging die ſanfte, ergebene Demuth dieſes edeln Weſens ſo weit, daß ſie nur das Geld⸗ anbieten einen Augenblick gegen Adrienne von Car⸗ doville eingenommen hatte; die vortreffliche Art aber, wie die Dame ihr Verſehen wieder gutge⸗ macht, erfreute Hoͤckchen wiederum. Ihr Herz freilich brach faſt und ſie konnte die Thränen nicht zuruͤckhalten, als ſie die praͤchtige, glaͤnzende, wohlriechende Blume betrachtete, die, von ſo ſchoͤner Hand gegeben, Agricol ſo werth ſein mußte. „Aber, Mutterchen,“ fuhr der junge Schmied lachend fort, welcher das peinliche Gefuͤhl Hoͤck⸗ chens nicht bemerkt hatte,„die beſte von meinen Geſchichten wißt Ihr nun und ich habe eine Ur⸗ ſache meines laͤngern Außenbleibens erzaͤhlt.. Nun die andere.. Als ich eben jetzt in's Haus trat, be⸗ gegnete ich unten an der Treppe dem Färber. Seine Arme ſahen ſchoͤn eidechſengruͤn aus. Er hielt mich auf und ſagte ganz ängſtlich zu mir, er habe, wie er glaube, einen ziemlich gut gekleideten Mann an dem Hauſe, wie ſpionirend, herumſchleichen ſehen. —„Was kuͤmmern Sie ſich darum, Vater Loriot?“ ſagte ich zu ihm..„Fuͤrchten Sie, er lauſche Ihnen das Geheimniß ab, die ſchönen gruͤnen Handſchuhe zu machen, die Sie da anhaben?“ „Was kann der Mann wohl ſuchen, Agricol?“ fragte die Mutter. „Ja, Mutterchen, das weiß ich nicht und ich ————— kuͤmmere mich auch nicht darum.. Ich forderte den Vater Loriot, der geſchwaͤtzig iſt wie eine El⸗ ſter, auf, nur wieder an ſeine Kuͤpe zu gehen, da es ihm eben ſo gleichguͤltig ſein koͤnne als mir, beobachtet zu werden.“ Während dieſer Worte legte Agricol das lederne Beutelchen, das ſeinen Wochenlohn enthielt, in den Schubkaſten im Schranke. In dem Augenblicke, als Franzisca ihre Pfanne auf eine Tiſchecke ſtellte, goß Hoͤckchen, die ſich aus ihrem traͤumeriſchen Sinnen aufgerafft hatte, Waſ⸗ ſer in ein Waſchbecken und brachte es dem jungen Schmied, indem ſie mit weicher ſchuͤchterner Stimme zu ihm ſagte: „Agricol, fuͤr Deine Haͤnde.“ „Ich danke, liebes Hoͤckchen. Du biſt ſehr freundlich.“ Dann ſetzte er mit der natuͤrlichſten Stimme und Bewegung hinzu:„nimm meine ſchoͤne Blume fuͤr Deine Muͤhe..“ „Du giebſt ſie mir!“ rief die Näherin mit ver⸗ ändertem Tone aus, waͤhrend ſich ihr bleiches, in⸗ tereſſantes Geſicht mit einer lebhaften Roͤthe färbte; —„Du giebſt ſie mir— dieſe praͤchtige Blume, welche Dir die ſchoͤne, reiche, grazioͤſe Dame gege⸗ ben hat!“— Und das arme Hoͤckchen wiederholte nochmals mit zunehmender Verwunderung:„Du giebſt ſie mir?“ „Was ſoll ich damit anfangen? Soll ich ſie auf dem Herzen tragen? Soll ich ſie in eine Bu⸗ — 60— ſennadel faſſen laſſen?“ antwortete Agricol lachend.. „Die Art, wie die Dame mir dankte, hat mich allerdings ſehr erfreut; es iſt mir ſehr lieb, daß ich ihren Hund gefunden habe, aber ich mache mir ein Vergnuͤgen daraus, Dir die Blume zu ſchenken, da ſie Dir gefällt.. Du ſiehſt, es iſt heute ein guter Tag geweſen.“ Waͤhrend er dies ſagte und Hockchen die Blume, zitternd vor Freude und Verwunderung, nahm, wuſch ſich der junge Schmied die Haͤnde, die von dem Rauche und den Eiſenfeilſpähnen ſo geſchwaͤrzt waren, daß das Waſſer augenblicklich ganz ſchwarz wurde. Agricol deutete mit den Augen auf dieſe Ver⸗ wandelung und ſagte leiſe und lächelnd zu Höck⸗ chen:. „Das iſt wohlfeile Dinte fuͤr uns Papierver⸗ derber.. Geſtern habe ich ein Liedchen gemacht, das mir nicht ganz miffaͤllt; ich werde Dir es vor⸗ leſen.“ und dabei trocknete Agricol die Haͤnde an ſei⸗ ner Blouſe vorn ab, waͤhrend Höckchen das Waſch⸗ becken wieder auf die Commode ſetzte und vorſich⸗ tig ihre ſchöne Blume an eine Seite des Waſch⸗ beckens lehnte. „Kannſt Du kein Handtuch fordern?“ ſagte die Mutter achſelzuckend zu ihrem Sohne.„Wer wird die Hände an der Blbuſe abtrocknen!“* „Sie iſt den ganzen Tag von dem Schmiede⸗ — feuer ganz heiß, und es wird ihr wohlthun, Abends abgekuͤhlt zu werden. Bin ich ungehorſam, Mut⸗ terchen? Schelte mich, wenn Du es uͤber's Herz bringen kannſt.. Na?“ Statt aller Antwort nahm Franzisca den Kopf ihres Sohnes, den von Offenheit, Verſtand und Entſchloſſenheit ſo ſchoͤnen Kopf, zwiſchen ihre Haͤnde, betrachtete ihn einen Augenblick mit muͤt⸗ terlichem Stolze und kuͤßte ihn wiederholt auf die Stirn. 3 „Setze Dich nun,“ ſagte ſie;„Du ſtehſt den ganzen Tag vor Deiner Schmiedeeſſe, und es iſt ſchon ſpaͤt.“ „Dein Stuhl? Da wird unſer allabendlicher Streit wieder anfangen. Nimm den Stuhl weg; ich ſitze auf einem andern eben ſo gut.“ „Nein, nein.. Daß Du nach ſo harter Arbeit Abends ausruheſt, iſt doch das Wenigſte.“ „Welche Tyrannei, Hoͤckchen!“ rief Agricol la⸗ chend aus, indem er ſich ſetzte.„Wahr aber muß es ſein, es ſitzt ſich praͤchtig auf Deinem Stuhle.. Seit ich mir auf dem Throne in den Tuilerien 1830 etwas zu Gute gethan, habe ich in meinem Leben nicht weicher geſeſſen.“ Franzisca Baudoin, die an dem Tiſche ſtand, ſchnitt ein Stuͤck Brod fuͤr ihren Sohn ab; an der andern Seite nahm Hoͤckchen die Flaſche und ſchenkte ihm den ſilbernen Becher voll. In dieſer aufmerkſamen Sorge der beiden vortrefflichen We⸗ — atui— —— ſen fuͤr den, welchen ſie ſo zärtlich liebten, lag et⸗ was wahrhaft Ruͤhrendes. „Willſt Du nicht mit mir eſſen?“ fragte Agri⸗ col das Hoͤckchen. „Ich danke, Agricol,“ antwortete die Naͤherin mit niedergeſchlagenen Augen;„ich habe eben ge⸗ geſſen.“ „Ich ſagte es auch nur der Form wegen, denn Du haſt Deinen Kopf für Dich und wuͤrdeſt um keinen Preis mit uns eſſen,— gerade wie meine Mutter, die auch lieber allein ißt,— damit ſie entbehren kann, ohne daß ich es weiß.“ „Mein Gott, nein, lieber Sohn.. Es iſt blos meiner Geſundheit zutraͤglicher, zeitig zu eſſen. Schmeckt es Dir?“ „Ob es ſchmeckt? Koſtbar! Stockfiſch mit Ruͤ⸗ ben! Stockfiſch iſt mein Leibeſſen. Ich haͤtte Fi⸗ ſcher in Neufundland werden ſollen.“ Der gute Burſch fand dies fade Gericht, das ſogar waͤhrend ſeiner Erzaͤhlung etwas angebrannt war, nach ſo ſchwerer Tagesarbeit ſehr wenig nah⸗ rend, aber er wußte, daß er ſeine Mutter gluͤcklich machte, wenn er Faſtenſpeiſen genieße, ohne ſich ſehr daruͤber zu beklagen, und ſo ſtellte er ſich denn, als verzehre er den Fiſch mit wahrer Wolluſt. Des⸗ halb ſetzte denn auch die gute Frau erfreut hinzu: „Man ſieht Dir's an, daß Du Dir eine Guͤte thuſt, lieber Sohn; ich werde Dir deshalb naͤchſten Freitag und Sonnabend daſſelbe Gericht vorſetzen.“ — — „Ich danke, gute Mutter, aber— bringe es wenigſtens nicht zwei Tage hinter einander; ich koͤnnte es ſonſt uͤberdruͤſſig werden. Und nun wol⸗ len wir uns mit einander bereden, was wir mit dem morgenden Sonntage anfangen. Wir muͤſſen uns recht luſtig machen, denn ſeit einigen Tagen kommſt Du mir recht verſtimmt vor, Mutter,— und das verſtehe ich nicht; ich bilde mir gleich ein, Du wä⸗ reſt mit mir nicht zufrieden.“ „Ach, lieber Sohn, mit Dir, einem Muſter von..“ „Gut! Gut! Dann beweiſe mir, daß Du gluͤck⸗ lich biſt, und zerſtreue Dich ein wenig; vielleicht erzeigt uns auch Mademoiſelle die Ehre, uns wie das letzte Mal zu begleiten,“ ſagte Agricol, indem er ſich vor dem Hoͤckchen verbeugte. Die Arme erroͤthete und ſchlug die Augen nie⸗ der. In ihrem Geſichte ſprach ſich ſchmerzliche Bitterkeit aus, ſie antwortete nicht. „Lieber Sohn, ich habe den ganzen Tag Got⸗ tesdienſt, Du weißt es,“ ſagte Franzisca zu ihrem Sohne. „Nun ja, aber Abends? Ich will Dir nicht vorſchlagen, mit in das Theater zu gehen, aber es ſoll ein ausgezeichneter Taſchenſpieler da ſein.“ „Ich danke Dir, mein Sohnz es iſt doch auch gewiſſermaßen Schauſpiel..“ „Mutterchen, Du uͤbertreibſt,.“ „Kind, hindere ich denn jemals andere Leute, das zu thun, was ihnen Vergnuͤgen macht?“ „Du haſt Recht; verzeih' mir, Muͤtterchen.. Wenn es ſchoͤnes Wetter iſt, gehen wir alſo einfach auf den Boulevards mit dem armen Hoͤckchen ſpa⸗ zieren. Sie iſt nun wohl ſeit einem Vierteljahre nicht mit uns ausgegangen und ohne uns geht ſie auch nicht aus.“ „Geh allein, mein Sohn, feiere Deinen Sonn⸗ tag; das iſt das Wenigſte, was Du verlangen kannſt.“ „Liebes Höckchen, hilf mir, meine Mutter zu bewegen.“ „Du weißt, Agricol,“ antwortete die MNaͤherin erroͤthend und mit niedergeſchlagenen Augen,— nicht mehr ausgehen darf.“ „Und warum nicht, Mademoiſelle? Darf man, ohne unbeſcheiden zu werden, nach dem Grunde dieſer Weigerung fragen?“ ſagte Agricol heiter. Das Maͤdchen lächelte traurig und antwortete: „Weil ich Dich nicht wieder in die Verlegen⸗ heit bringen will, meinetwegen Streit zu bekom⸗ men, Agricol.“ „Ach— vergieb, vergieb!“ fiel der Schmied mit aufrichtigem Bedauern ein und er ſchlug ſich unwillig an die Stirn. Hoͤckchen ſpielte auf folgenden Vorfall an. „Du weißt, daß ich mit Dir und Deiner Mutter Bisweilen, aber ſehr ſelten war das arme Maͤd⸗ chen mit Agricol und deſſen Mutter ſpazieren ge⸗ gangen und ſie hatte dies immer fuͤr ein großes Feſt gehalten, viele Naͤchte gearbeitet und viele Tage gefaſtet, um ſich ein leidliches Haͤubchen und einen kleinen Shawl kaufen zu koͤnnen, damit ſie Agricol und deſſen Mutter keine Schande mache. Die fuͤnf oder ſechs Spaziergaͤnge, die ſie am Arme deſſen gemacht hatte, den ſie im Stillen ſo innig liebte, waren ihre einzigen glucklichen Tage ge⸗ weſen. Bei dem letzten Spaziergange hatte ein roher grober Menſch die Arme ſo derb geſtoßen, daß es ihr unmoͤglich geweſen war, einen Schmerzenslaut zu unterdruͤcken, worauf jener Menſch geantwortet hatte:„Schon recht, Buckel; warum gehſt Du nicht aus dem Wege.“ Agricol beſaß, wie ſein Vater, jene geduldige Gutmuͤthigkeit, welche die Kraft und der Muth edeln Menſchen geben, war aber außerordentlich heftig, wenn es galt, eine gemeine Beleidigung zu raͤchen. Die Bosheit und Grobheit jenes Men⸗ ſchen hatte deshalb Agricol gewaltig aufgebracht und er hatte den Arm ſeiner Mutter losgelaſſen, um jenem Flegel, der mit ihm ungefähr in einem Alter ſtand, ebenſo groß und ſtark war wie er, die beiden tuͤchtigſten Ohrfeigen zu reichen, die jemals eine große ſtarke Schmiedehand einem menſchlichen Geſichte verſetzt hat. Der Grobian wollte Glei⸗ 66 ches mit Gleichem vergelten, Agricol verdoppelte aber die Zuͤchtigung zum großen Jubel der Zu⸗ ſchauer.. Der Andere verſchwand unter allgemei⸗ ner Verhoͤhnung. An dieſen Vorfall erinnerte das arme Hoͤck⸗ chen, als ſie ſagte, ſie wolle nicht wieder mit Agri⸗ col ausgehen, um ihm jeden Streit ihretwegen zu erſparen. Man kann ſich denken, wie leid es dem jun⸗ gen Schmied that, daß er ſie unwillkuͤhrlich an jenen traurigen Vorfall erinnert hatte, der fuͤr das Hoͤckchen noch peinlicher war, als es Agricol ahnen konnte, da ſie ihn leidenſchaftlich liebte und durch ihr laͤcherliches Gebrechen zu jenem Streite Ver⸗ anlaſſung gegeben hatte. Agricol war trotz ſeiner Koͤrperkraft und Ent⸗ ſchloſſenheit weich wie ein Kind, und als er ſich vorſtellte, wie ſchmerzlich dieſe Erinnerung fuͤr das ungluͤckliche Maͤdchen ſein muͤſſe, trat ihm eine Thraͤne in das Auge. Er ſtreckte ihr bruͤderlich die Arme entgegen und ſagte: Verzeih' mir die Dummheit und umarme mich.“ und er druckte zwei herzliche Kuͤſſe auf die 3 bleichen hagern Wangen Hoͤckchens. Die Lippen der Armen erbleichten bei dieſer herzlichen Umarmung und ihr Herz klopfte ſo un⸗ geſtuͤm, daß ſie ſich auf die Tiſchecke ſtuͤtzen mußte. „Du verzeihſt mir, nicht wahr?“ fragte Agricol wiederholt. „Ja, ja,“ antwortete ſie, indem ſie ihr uͤber⸗ ſtroͤmendes Gefuhl zu beherrſchen verſuchte;„ver⸗ zeihe mir auch meine Schwäche.. Aber die Erin⸗ nerung an dieſen Streit thut mir weh,— ich war um Dich ſo erſchrocken. Wenn die Leute gegen Dich Partei genommen hätten!“ „Du lieber Gott!“ fiel Franzisca ein, um das Pockchen zu unterſtuͤtzen;„ich bin in meinem Le⸗ ben nicht ſo in Angſt geweſen.“ „Du, Muͤtterchen, biſt nicht bei Sinnen,“ ent⸗ gegnete Agricol, um dem fur ihn ſo unangenehmen Geſpräche eine andere Richtung zu geben;„Du, die Frau eines Soldaten, eines ehemaligen Grena⸗ diers zu Pferde bei der Kaiſergarde!— Ach, bra⸗ ver Vater!— Nein, ſiehſt Du, ich will gar nicht daran denken, daß er kommt,— denn es bringt mir im Kopfe Alles unter einander.“ „Er kommt,“ ſprach Franzisca ſeufzend;„Gott gebe es!“ „Wie, Mutter? Gott gebe es?.. Er muß es wohl geben, Du haſt ja ſo viele Meſſen leſen laſſen.“ „Agricol, mein Sohn,“ unterbrach ihn die Mutter kopfſchuͤttelnd,„ſprich nicht ſo,— es be⸗ trifft auch Deinen Vater.“ „Nun, heute Abend habe ich ein beſonderes Gluͤck. Jetzt faͤngſt Du auch an,.. Ich werde noch 68 dumm oder verruckt.— Nimm's nicht uͤbel, Mät⸗ terchen, Du weißt ja, ich thue es nicht gern, wenn mir einmal uͤber gewiſſe Dinge ein unrechtes Wort uͤber die Zunge läuft; denn es thut Dir weh.“ „Du beleidigeſt dadurch nicht mich, mein armer lieber Sohn.“ „Es kommt auf Eins heraus, denn ich kenne nichts Schlimmeres, als die Mutter zu beleidigen.. Was ich abet von der baldigen Ankunft des Va⸗ ters ſagte, ſo iſt daran wohl nicht zu zweifeln.“ „Wir haben ja ſeit vier Monaten keinen Brief von ihm erhalten.“ „Erinnere Dich nur, Mutter, in jenem Briefe, den er dictirt hatte— denn er ſagte mit ſeiner ſoldatiſchen Aufrichtigkeit, mit dem Leſen gehe es ſo ziemlich, aber nicht mit dem Schreiben,— in jenem Briefe ſagte er uns, wir moͤchten ſeinetwe⸗ gen ohne Sorgen ſein, er wurde zu Ende Januars in Paris eintreffen und drei oder vier Tage vor ſeiner Ankunft uns anzeigen, durch welches Thor er ankomme, damit ich ihn dort erwarten koͤnne.“ „Das iſt wohl wahr, mein Sohn, aber wir haben bereits Februar und noch..“ 3 „Ein Grund mehr, daß wir nicht lange mehr auf ihn zu warten haben; ich gehe ſogar noch weiter und wuͤrde mich nicht wundern, wenn der gute Gabriel um dieſelbe Zeit ebenfalls ankäme. Sein letzter Brief aus America laͤßt mich das hoffen. Welches Gluͤck, Mutter, wenn die ganze Familie beiſammen ware!“ „Gott erhoͤre Dich, mein Sohn! Es wäre ein ſchoͤner Tag fur mich.“ „Dieſer Tag wird bald kommen, glaube mir. Keine Nachricht vom Vater iſt ſo viel wie gute Nachricht.“ „Kannſt Du Dich noch an Deinen Vater er⸗ innern, Agricol?“ fragte Hoͤckchen. „Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ſo erinnere ich mich am beſten an ſeine große Bärenmuͤtze und an ſeinen Schnauzbart, denn davor furchtete ich mich. Nur das rothe Bändchen ſeines Kreuzes auf den weißen Klappen ſeiner Uniform und der gläͤnzende Griff ſeines Sabels ſöhnte mich ein wenig mit ihm aus, nicht wahr, Muͤtterchen? Aber was iſt Dir? Du weinſt.“ „Ach der arme Baudoin! Was wird er haben leiden muͤſſen in der langen Zeit und bei ſeinem Alter— uͤber ſechzig Jahre! Ach mein Sohn, das Perz moͤchte mir zerreißen, wenn ich bedenke, daß er vielleicht nur aus einer Armuth in die andere kommt.“ „Wie meinſt Du das?“ „Ich kann nichts mehr verdienen.“ „Und ich? Haben wir da nicht ein Stuͤbchen fuͤr ihn und fuͤr Dich, einen Tiſch fur ihn und fuͤr Dich? Nur etwas, da wir einmal von der Wirth⸗ ſchaft reden,“ ſette der Schmied hinzu und zwar Der ewige Jube. V. 5 —%— in dem zaͤrtlichſten Tone, um ſeiner Mutter ja nicht weh zu thun,„nur etwas laß Dir ſagen: Wenn der Vater zuruͤckgekommen iſt und auch Gabriel, ſo brauchſt Du keine Meſſen mehr leſen und keine Kerzen verbrennen zu laſſen, nicht wahr? Schon von dieſer Erſparniß kann der brave Vater alle Tage ſeine Flaſche Wein und ſeinen Tabak haben.. Sonntags geben wir ihm bei dem Reſtaurateur ein gutes Eſſen..“ Agricol wurde hier durch ein Klopfen an der Thuͤre unterbrochen. „Herein!“ rief er. Die Perſon, welche angeklopft hatte, kam aber nicht herein, ſondern machte nur die Thuͤre ein wenig auf, ſo daß man einen glaͤnzend gruͤnen b und eine eben ſo gefaͤrbte Hand dem jungen chmied winken ſah. „Ah,— der Vater Loriot,— der Meiſter aller Färber,“ ſagte Agricol.„Kommen Sie nur herein, Vater Loriot, und machen Sie keine Um⸗ ſtaͤnde.“ „Ich kann nicht; ich triefe von Farbe und wuͤrde den ganzen Fußboden der Frau Baudoin gruͤn faͤrben.“ „Deſto beſſer, ſo ſaͤhe er aus wie eine Wieſe und ich liebe das Land ſehr.“ „Ohne Spaß, Agricol, ich muß ſogleich ein paar Worte mit Ihnen reden“ S— „Etwa wegen des Mannes, der unten ſpionirt? Beruhigen Sie ſich. Was geht das uns an?“ „Neinz er ſcheint fort zu ſein oder der Nebel iſt vielmehr ſo dick, daß ich nichts mehr ſehe.. Aber das iſt es auch nicht; kommen Sie geſchwind, — es iſt wichtig,“ ſetzte der Färber mit geheim⸗ nißvoller Miene hinzuz„etwas, das Sie allein an⸗ geht.“ „Mich allein?“ fragte Agricol, der ziemlich ver⸗ wundert aufſtand;„was mag das ſein?“ „So geh doch, mein Sohn,“ ſagte die Mutter. „Jö Mutter, aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich etwas errathe.“ Und der Schmied ging hinaus, ſo daß ſeine Mutter mit Höckchen allein blieb. Viertes Kapitel. Die Nückkehr. Haͤnde zitterten; in den Augen ſtanden ihm Thraä⸗ uenz ſeine Zuͤge drückten aber eine ungewöhnliche Freude und Ruͤhrung aus. Einen Augenblick blieb er an der Thuͤre ſtehen, als ſei er ſo ergriffen, daß er nicht zu ſeiner Muttkr gehen koͤnne. 5* 72 Die Augen Franziscas waren ſo ſchwach, daß ſie die Veraͤnderung in dem Geſichte ihres Sohnes nicht ſogleich bemerkte. „Nun, mein Sohn, was iſt es?“ fragte ſie ihn. Ehe der Schmied antworten konnte, rief das heller ſehende Hoͤckchen aus: „Ach Gott, Agricol, was iſt es? Wie blaß Du biſt!“ „Mutter!“ ſprach der Handwerker endlich mit bewegter Stimme, indem er raſch auf Franzisca zuging, ohne auf die Frage des Maͤdchens zu ant⸗ worten,„Mutter, Du mußt etwas erwarten, was Dich in großes Erſtaunen verſetzen wird.. Ver⸗ ſprich mir, gefaßt zu ſein.“ „Was meinſt Du? Wie Du zitterſt! Sieh mich doch an! Hoͤckchen hat Recht, Du biſt ganz blaß.“ „Gute Mutter..“ und Agricol kniete vor Franzisca nieder und nahm ihre beiden Haͤnde in die ſeinigen,„Du mußt,.. Du weißt nicht,.. aber.. Er konnte nicht weiter ſprechen; Freudenthraͤnen erſtickten ſeine Stimme. „Du weinſt, lieber Sohn? Mein Gott, was giebt es? Du erſchreckſt mich.“. „Erſchrecken? Nein, im Gegentheil,“ ſprach Agricol, indem er ſeine Thränen trocknete,„Du wirſt ſehr gluͤcklich ſein.. Aber noch einmal, ge⸗ faßt mußt Du ſein, weil zu große Freude eben ſo nachtheilig iſt als großer Kummer.“ „Was?“ „Ich ſagte Dir'es ja, daß er kommen wuͤrde..“ „Dein Vater?!“ rief Franzisca aus und ſie ſtand von dem Stuhle auf. Aber ihre Ueberraſchung, ihre Gefuͤhle waren ſo ſtark, daß ſie die Hand auf das Herz legte, um die Schlage deſſelben zu daͤmpfen, weil ſie furchtete, daß ſie einer Ohnmacht nahe ſei. Ihr Sohn hielt ſie und half ihr ſich wieder ſetzen. Hoͤckchen hatte ſich bis dahin beſcheiden bei Seite gehalten während dieſes Auftritts, der Agricol und deſſen Mutter gänzlich beſchaͤftigte; jetzt trat ſie ſchuͤchtern naͤher, da ſie nutzlich werden zu können glaubte, denn die Zuͤge Franziscas veraͤnderten ſich mehr und mehr. „Nun, Muth, Mutter,“ fuhr der Schmied fort;„der Schlag iſt nun geſchehen, und es bleibt uns nur noch uͤbrig, das Gluͤck zu genießen, mei⸗ nen Vater wieder zu ſehen.“ „Mein armer Baudoin nach achtzehnjaͤhri⸗ ger Trennung,. ich kann es noch nicht glauben,“ ſagte Franzisca laut weinend.„Gott, iſt es wahr? iſt es wahr?“ „Es iſt ſo wahr, daß ich Dir ſagen wuͤrde, wann Du ihn ſehen wirſt, wenn Du mir verſpre⸗ chen wollteſt, nicht außer Dir zu gerathen.“ „Ach bald, nicht wahr?“ „Ja* bald.“ — „Und wann?“ „Er kann jeden Augenblick kommen, morgen, vielleicht heute noch..“ „Heute!“ „Nun ja, Mutter, da ich Dir es doch einmal ſagen muß, er kommt, er iſt ſchon da.“ Er iſt, er ſt dä?“ Und Franzisca ſtammelte, konnte nicht weiter ſprechen. „Unten iſt er; er bat, ehe er heraufging, den Färber, mir es zu melden, damit ich Dich vorbe⸗ reite, denn der brave Vater fuͤrchtet, eine ploͤtzliche Ueberraſchung koͤnnte Dir nachtheilig ſein..“ „Ach, mein Gott!“ „Und jetzt,“ rief der Schmied, der ſeine unſäg⸗ liche Freude nicht mehr zu maͤßigen vermochte, „jetzt iſt er da.. und wartet. Ach, Mutter,.. ich weiß ſeit zehn Minuten nicht, was ich anfangen ſoll; das Herz klopft mir, als wollte es die Bruſt zerſchlagen.“ Er ſtuͤrzte nach der Thuͤre zu und oͤffnete. Dagobert, der Roſa und Bianca an der Hand hielt, erſchien auf der Schwelle. Statt in die Arme ihres Mannes zu ſinken, fiel Franzisca auf ihre Knie nieder und betete. Sie erhob ihre Seele zu Gott und dankte ihm inbruͤnſtig dafüuͤr, daß er ihre Wuͤnſche erfuͤllt, ihr Gebet erhoͤrt und ihre Opfergaben ſo 2 ten habe. — 3— Eine Secunde lang ſtanden Alle ſchweigend und unbeweglich da. Agricol kaͤmpfte in einem Gefuͤhle der Ehr⸗ furcht mit Muͤhe das ungeſtuͤme Aufflammen ſeiner Zaͤrtlichkeit nieder und wagte es nicht, ſich an den Hals Dagoberts zu haͤngen; er wartete mit kaum ertraͤglicher Ungeduld, daß ſeine Mutter ihr Gebet vollende. Der Soldat fuͤhlte daſſelbe wie der Schmied; Beide verſtanden einander; der erſte Blick, den Va⸗ ter und Sohn tauſchten, druckte ihre Zartlichkeit und ihre Verehrung fuͤr die vortreffliche Frau aus, die in ihrer Froͤmmigkeit das Geſchoͤpf faſt zu ſehr uͤber dem Schöpfer vergaß. Roſa und Bianca betrachteten bewegt und mit inniger Theilnahme dieſe kniende Frau, waͤhrend Hoͤckchen, die im Stillen Freudenthränen vergoß, weil ſie ſich vorſtellte, wie glucklich Agricol ſein muͤſſe, ſich in die dunkelſte Ecke des Stuͤbchens zuruͤckzog, da ſie fuhlte, daß ſie als Fremde bei dieſer Wiedervereinigung der Familie natuͤrlich ver⸗ geſſen und uͤberſehen werden muͤſſe. Franzisca ſtand auf und ging ihrem Manne entgegen, der ſie in ſeine Arme nahm. Es folgte eine feierliche Stille. Dagobert und Franzisca ſprachen kein Wort; man hoͤrte nur einige von Schluchzen und freudi⸗ gem Aufathmen unterbrochene Seufzer. Als ſo⸗ dann die beiden Alten den Kopf wieder emporrich⸗ teten, ſah ihr Geſicht ruhig, freudeſtrahlend aus, denn die vollſtändige Befriedigung einfacher, reiner Gefuhle laßt nie eine heftige fieberhafte Aufregung nach ſich. „Meine Kinder,“ ſagte der Soldat mit beweg⸗ ter Stimme, indem er den Waiſen ſeine Frau vor— ſtellte, welche dieſelben jetzt verwundert anſah,„das iſt meine gute brave Frau, und ſie wird fur die Töchter des Generals Simon das ſein, was ich ſelbſt geweſen bin..“ „Dann werden Sie uns wie Ihre Kinder be⸗ handeln,“ ſprach Roſa, indem ſie mit ihrer Schwe⸗ ſter zu Franzisca trat. „Die Töchter des Generals Simon!“ rief die Frau noch verwunderter aus. „Ja, meine gute Franzisca, das ſind ſie, und ich bringe ſie aus weiter Ferne daher,. nicht ohne Muͤhe, wie ich Dir ſpäter erzählen werde.“ „Die armen Kinder! Sie ſehen aus wie zwei ganz gleiche Engel,“ entgegnete Franzisca, indem ſie die verwaiſeten Maͤdchen mit eben ſo großer Theilnahme als Bewunderung betrachtete. „Nun. kommt an uns die Reihe,“ ſagte Dagobert zu ſeinem Sohne. „Endlich!“ entgegnete dieſer. „ Unmoͤglich laͤßt ſich die ausgelaſſene Freude Dagoberts und des Sohnes oder das zärtliche Un⸗ geſtuͤm ihrer Umarmungen ſchildern, die der Soldat unterbrach, um Agricol recht ins Geſicht zu ſehen, waͤhrend er ſeine Haͤnde auf die breiten Achſeln des jungen Schmied ſtuͤtzte, um deſſen maͤnnliches und offenes Geſicht, die ſchlanke und doch kräftige Figur beſſer bewundern zu koͤnnen, worauf er ihn von neuem an ſein Herz druͤckte und dabei aus⸗ rief: „Wie ſchoͤn der Junge iſt, wie gut gewachſen, und wie gutmuͤthig er ausſieht!“ Hoͤckchen, die noch immer in der Ecke des Stuͤb⸗ chens ſtand, weidete ſich an dem Glucke Agricols; ſie furchtete aber, ihre Anweſenheit, die bis dahin nicht bemerkt worden, moͤchte ſtören. Sie wuͤnſchte, unbemerkt fortkommen zu koͤnnen, aber das war nicht moͤglich. Dagobert und Agricol verſperrten die Thuͤre faſt ganz; ſie blieb alſo und konnte die Augen von den beiden reizenden Geſichtchen Roſas und Biancas nicht anwenden. Sie hatte nie et⸗ was Schöneres geſehen und die außerordentliche Aehnlichkeit der jungen Maͤdchen mit einander ſteigerte ihre Ueberraſchung noch. Dann ſchien auch ihre beſcheidene Trauerkleidung anzudeuten, daß ſie arm wären, und Hoͤckchen fuͤhlte deshalb unwillkuͤhrlich noch mehr Theilnahme fuͤr ſie. „Die lieben Kinder! Sie frieren; ihre Haͤndchen ſind ganz kalt und leider iſt das Feuer ausgegan⸗ gen,“ ſagte Franzisca.*. Und ſie ſuchte die Haͤnde der Maͤdchen in den ihrigen zu erwaͤrmen, waͤhrend Dagobert mit ſeinem Sohne ſich dem ſo lange zuruckgehaltenen uͤberſtrö⸗ menden Gefuͤhle uͤberließ. Sobald Franzisca geſagt hatte, das Feuer ſei ausgegangen, eilte Hoͤckchen, um ſich nuͤtzlich zu machen und dadurch ihre vielleicht ſtörende Gegen⸗ genwart entſchuldigen zu laſſen, in die Kammer, in welcher ſich Kohlen und Holz befanden, nahm da einige Stuckchen, kniete ſodann vor dem Ofen nie⸗ der und machte mit einigen Kohlen, die noch unter der Aſche gluͤheten, das Feuer wieder an, das bald praſſelte und„zankte“, um einen gewoͤhnlichen Ausdruck zu brauchen. Dann fuͤllte ſie einen Kaffeetopf mit Waſſer und ſtellte ihn in den Ofen, weil ſie glaubte, die jungen Maͤdchen wuͤrden wohl eines warmen Getraͤnkes beduͤrfen. Hoͤckchen that alles dies ſo geräuſchlos und ſo raſch und man dachte natuͤrlich bei der freudigen Aufregung ſo wenig an ſie, daß Franzisca, die ganz mit Roſa und Bianca beſchaͤftiget war, das Feuer im Ofen erſt an der angenehmen Waͤrme, die er verbreitete, und bald darauf an dem Wallen des Waſſers in dem Kaffeetopfe bemerkte. Dieſe Merkwuͤrdigkeit, daß das Feuer ſich von ſelbſt wieder entzuͤndete, ſetzte Dagoberts Frau nicht in Verwunderung, da ſie ganz mit dem Gedanken beſchaftigt war, wie ſie die jungen Maͤdchen fuͤr die Nacht unterbringe, denn man weiß, daß der Soldat nichts von ihrer Ankunft gemeldet hatte. — „ Mit einemmale wurde draußen vor der Thuͤre laut gebellt. „Mein alter Murt,“ ſagte Dagobert, indem er ſeinem Hunde die Thuͤre aufmachte;„er will auch herein und die Familie kennen lernen.“ Murr ſprang herein und war nach einer Se⸗ cunde wie zu Hauſe. Nachdem er ſeine lange Schnauze an der Hand Dagoberts gerieben hatte, ging er herum, um ſich Roſa und Bianca, Dago⸗ berts Frau und Agricol bemerklich zu machen, und als er ſah, daß man nicht ſehr viel auf ihn achtete, bemerkte er Höckchen, die ſich ſchuͤchtern in einem Winkel des Stuͤbchens hielt. Nach dem Sprich⸗ wörte:„Die Freunde unſerer Freunde ſind auch unſere Freunde,“ fing Murr alsbald an, die Haͤnde der Näherin zu lecken, welche in dieſem Augenblicke vergeſſen war. Dieſe Liebkoſung ruͤhrte ſeltſamer Weiſe das arme Maͤdchen bis zu Thraͤnen; ſie ſtrich mehr⸗ mals mit ihrer langen, hagern weißen Hand uͤber den klugen Kopf des Hundes, und da ſie die klei⸗ nen Dienſte verrichtet, welche ſie leiſten zu koͤnnen geglaubt hatte, nahm ſie die ſchöne Blume, die ihr Agricol gegeben hatte, öffnete leiſe die Thuͤre und ging ſo geraͤuſchlos hinaus, daß Niemand ihr Fortgehen bemerkte. Nach den gegenſeitigen Herzensergießungen dach⸗ ten Dagobert, ſeine Frau und ſein Sohn auch an das wirkliche Leben. 80 „Arme Franzisca,“ ſagte der Soldat, indem er auf Roſa und Bianca ſah,„Du erwarteteſt eine ſo ſchöne Ueberraſchung nicht.“ „Es thut mir nur leid, lieber Mann,“ antwor⸗ tete Franzisca,„daß die Fraͤulein Toͤchter des Ge⸗ nerals Simon kein beſſeres Unterkommen haben, als dieſes Stuͤbchen, denn mit dem Dachſtuͤbchen Agricols.. „Das iſt unſer Palaſt und es giebt keinen ſchoͤnern. Beruhige Dich, die armen Kinder ſind gewoͤhnt, keine großen Anſpruͤche zu machen.. Morgen fruͤh gehe ich mit meinem Jungen Arm in Arm aus und ich ſtehe Dir dafuͤr, daß er nicht gerader und ſtolzer gehen ſoll als ich. Wir ſuchen den Vater des Generals Simon in der Fabrik des Herrn Hardy auf, um von Geſchaͤften zu reden.. „Morgen, Vater,“ ſagte Agricol zu Dagobert, „werden wir weder Herrn Hardy, noch den Vater des Marſchalls Simon in der Fabrik treffen..“ „Was ſagſt Du da?“ fiel Dagobert lebhaft ein,„des Marſchalls?“ „Nun ja, nach 1830 haben die Freunde des Generals Simon die Anerkennung des Titels und Ranges bewirkt, die ihm der Kaiſer nach der Schlacht von Ligny gegeben hatte.“ „Wirklich?“ rief Dagobert geruͤhrt aus.. „Wundern ſollte es mich eigentlich nicht, weil es doch nur recht und billig iſt, und wenn der Kaiſer etwas geſagt hat, ſo iſt es das Wenigſte, daß man — 56— eben ſo ſagt wie er; aber es bleibt ſich doch gleich,. es packt mich da am Herzen.“ Dann wendete er ſich an die beiden Maͤdchen und ſagte:„Hoͤrt Ihr, Kinder? Ihr kommt in Paris an als die Töchter eines Herzogs und Marſchalls, wenn man es Euch auch in dieſem Stuͤbchen nicht anſieht, Ihr armen kleinen Herzoginnen; aber nur Geduld, es wird ſich Alles machen; der Vater Simon muß ſich ſehr gefreut haben, als er erfuhr, der Rang ſeines Sohnes ſei anerkannt worden, nicht wahr, mein Sohn?“ 3 „Er ſagte, er gaͤbe gern alle wöglichen Titel darum, wenn er ſeinen Sohn wiederſehen koͤnnte, denn die Freunde des Generals haben es in deſſen Abweſenheit durchgeſetzt, daß man ihm dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließ.. Uebrigens erwartet man den Marſchall jeden Tag, denn ſeine letzten Briefe aus Indien meldeten ſeine Ankunft.“ Roſa und Bianca ſahen einander bei dieſen Worten an. Ihre Augen hatten ſich mit Freu⸗ denthraͤnen gefuͤllt. „Gott ſei Dank! Ich und die Kinder rechnen auch auf ſeine Ruͤckkehr.. Aber warum treffen wir morgen weder Herrn Hardy noch den Vater Simon in der Fabrik?“ „Sie ſind ſeit zehn Tagen fort, um eine eng⸗ liſche Fabrik im Suͤden zu beſichtigen und zu ſtudi⸗ ren, koͤnnen aber jeden Tag wiederkommen.“ „Verflucht! das iſt mir ſehr fatal. Ich habe wegen wichtiger Dinge mit dem Vater des Ge⸗ nerals zu reden. Weiß man, wohin man ihm ſchreiben kann? Gleich morgen, mein Sohn, mußt Du ihm ſchreiben, daß ſeine Enkelinnen angekom⸗ men ſind. Bis dahin, meine Kinder,“ ſetzte der Soldat zu Roſa und Bianca gewendet hinzu,„wird die gute Frau Euch ihr Bett geben und ſchlechter befindet ihr Euch am Ende hier doch nicht als unterwegs.“ „Du weißt, daß wir uns bei Dir und Ma⸗ dame immer wohl befinden werden,“ ſprach Roſa. „Und dann denken wir nur an das Gluͤck, endlich in Paris zu ſein, weil wir unſern Vater hier bald ſehen werden,“ ſetzte Bianca hinzu. „Und bei ſolcher Hoffnung geduldet man ſich, ich weiß fiel Dagobert ein;„aber nach dem, was Ihr von Paris erwartetet, muͤßt Ihr Euch doch verwundern, Kinder. Bis jetzt ſaht Ihr gar nichts von der prächtigen Stadt, die Ihr Euch vorgeſtellt habt; aber Geduld! Geduld! Ihr werdet Euch uͤberzeugen, daß Paris nicht ſo haßlich iſt, als es hier ausſieht.“ „Die Ankunft des Marſchalls Simon wird Paris fuͤr die Fraͤulein gewiß in eine wahre Gold⸗ ſtadt verwandeln,“ bemerkte Agricol. „Sie haben Recht, Herr Agricol,“ antwortete Roſa laͤchelnd;„Sie haben es errathen.“ „Sie kennen meinen Namen?“ „Allerdings, Herr Agricol, wir haben gar oft mit Dagobert von Ihnen geſprochen, letzthin auch mit Gabriel,“ ſetzte Bianca hinzu.* „Mit Gabriel?“ riefen Franzisca und Agricol gleichzeitig verwundert aus. „Nun ja,“ antwortete Dagobert, der den Waiſen zublinzelte;„wir werden vierzehn Tage zu erzaͤhlen haben, unter Anderm auch, wie wir Gabriel trafen. Jetzt kann ich Euch weiter nichts ſagen, als daß er, d. h. nach ſeiner Art, ſo gut iſt wie mein Junge (ich werde es nicht ſatt, immer„mein Junge“ zu ſagen) und daß ſie verdienen, einander als Bruͤder zu lieben.. Du brave Frau!“ ſetzte Dagobert ge⸗ ruͤhrt hinzu,„was Du gethan haſt, iſt ſchön, ſehr ſchön; Du warſt ſo arm, haſt aber doch das arme Kind angenommen und es mit dem Deinigen er⸗ zogen.“ „Sprich nicht ſo, lieber Mann, ja ganz natuͤrlich.“ „Du haſt Recht, aber ich werde Dir es ſpaͤter vergelten; es iſt Dir gutgeſchrieben.. Morgen fruh wirſt Du ihn ͤbrigens gewiß ſehen.“ „Der gute Bruder iſt auch angekommen?“ rief der Schmied aus.„Und nun ſage man noch, es gebe keine beſonders gluͤcklichen Tage! Wie tra⸗ fen Sie mit ihm zuſammen, Vater?“ „Sie? Immer Sie? Sage'mal, Junge, duͤnkſt Du Dich, weil Du Verſe machſt, zu vornehm, um mich Du zu nennen?“ „Vater!“ „Du mußt Du ſagen und immer ſagen, bis ich nach und nach auch fuͤr die Du entſchädiget bin, welche Du in den achtzehn Jahren zu mir geſagt haben wuͤrdeſt. Wo und wie wir mit Gabriel zuſammentrafen, werde ich Dir gleich erzählen, denn wenn Du glaubſt, ſchlafen zu koͤnnen, ſo irrſt Du Dich; Du giebſt mir die Halfte Deines Stub⸗ chens und da ſchwatzen wir mit einander.. Murr bleibt hier außen vor der Thuͤre, denn er iſt daran gewöhnt, bei den Kindern zu ſein.“ „Aber Gott, lieber Mann, ich denke auch an gar nichts;. freilich in einem ſolchen Augenblicke! Wenn die Fraͤulein mit Dir eſſen wollten, wuͤrde Agricol gleich etwas bei dem Reſtaurateur holen.“ „Was meint Ihr, Kinder?“ Wtnen, Dagobert; wir haben keinen Hunger, ir zu gluͤcklich ſind. „Etwas warmes Zuckerwaſſer mit ein wenig Wein koͤnnten Sie immer trinken, um ſich zu er⸗ waͤrmen,“ ſagte Franzisca;„ich habe leider nichts weiter.“ „Da haſt Du Recht, Franzisca; die guten Kin⸗ der ſind ermuͤdet; bring' ſie bald ins Bett. Un⸗ terdeß geh ich mit meinem Sohne hinauf und morgen fruͤh, ehe Roſa und Bianca aufwachen, komme ich herunter, Frau, um mit Dir zu plau⸗ dern und Agricol ausruhen zu laſſen.“ — * In dieſem Augenblicke wurde ziemlich ſtark an die Thuͤre geklopft. „Gewiß das gute Hoͤckchen, die fragen will, ob wir ſie brauchen,“ ſagte Agricol. „Sie war doch da, als mein Mann kam,“ antwortete Franzisca. „Du haſt Recht, Muͤtterchen, das arme Maͤd⸗ chen wird ſich in der Stille fortgeſchlichen haben, um nicht zu ſtören; ſie iſt ſo beſcheiden.. Aber ſo ſtark klopft ſie nicht.“ „So ſieh, wer es iſt, Agricol,“ ſagte die Mutter. Ehe der Schmied bis an die Thuͤre gelangte, wurde ſie geoͤffnet und ein anſtändig gekleideter Mann mit einem ehrlichen Geſichte trat einige Schritte herein und betrachtete einen Augenblick Roſa und Bianca. „Erlauben Sie mir, Ihnen bemerklich zu ma⸗ chen,“ ſagte Agricol, indem er auf ihn zu ging, „daß Sie haͤtten warten können, bis man Sie auf⸗ gefordert, herein zu kommen Was wuͤnſchen Sie?“ „Ich bitte um Verzeihung,“ antwortete der Mann ſehr artig, welcher ungewöhnlich langſam ſprach, vielleicht um ſich dadurch das Recht zu ver⸗ ſchaffen, läͤnger in der Stube zu bleiben,„ich bitte tauſendmal um Verzeihung; es thut mir ungemein leid, daß ich ſtöre,— ich weiß nicht..“ „Schon gut!“ fiel Agricol ungeduldig ein; „was wollen Sie?“ Der ewige Jude. V. 6 „Werther Herr, wohnt nicht die Soliveau, eine buckelige Näherin, hier?“ „Nein,— hoͤher,“ antwortete Agricol. „Ach Gott, werther Herr,“ ſprach der hoͤfliche Mann, der ſeine tiefen Verbeugungen von vorn anfing,„meine Ungeſchicklichkeit.. thut mir ſehr leid; ich glaubte zu der Näherin zu kommen, da ich Arbeit von einer ſehr achtbaren Perſon zu bringen habe „Es iſt ſehr ſpät,“ antwortete Agricol vetwun⸗ dert;„uͤbrigens kennen wir dieſe Näherin; kommen Sie morgen wieder; heute koͤnnen Sie nicht mit ihr ſprechen.. Sie iſt bereits zu Bett gegangen.“ „So wiederhole ich meine Entſchuldigungen..“ „Schon gut, ſchon gut,“ antwortete Agricol, indem er nach der Thuͤre zu ging. „Madame und die Familie, ſo wie der Herr da mögen uͤberzeugt ſein.“ „Wenn Sie noch lange ſo fortfahren,“ unter⸗ brach ihn Agricol,„ſo werden Sie endlich auch die Laͤnge Ihrer Entſchuldigungen entſchuldigen muͤſſen, und ſo hoͤrt es am Ende gar nicht auf.“ Bei dieſen Worten Agricols, uͤber die Roſa und Bianca lächelten, ſtrich ſich Dagobert ſtolz den Schnauzbart.„Wie witzig mein Junge iſt!“ ſagte er leiſe zu ſeiner Frau.„Du verwunderſt Dich freilich nicht daruͤber, denn Du biſt daran ge⸗ woͤhnt.. Waͤhrend dieſer Zeit ſchritt der hoͤfliche Mann — — und Beine wie ein Juͤngling.“ hinaus, nachdem er noch einen langen Blick auf die beiden Schweſtern, auf Agricol und Dagobert geworfen hatte. Einige Augenblicke nachher und waͤhrend Fran⸗ zisca, die fuͤr ſich ſelbſt eine Matratze an den Fuß⸗ boden gelegt und ihr Bett fur die beiden Maͤdchen weiß uͤberzogen hatte, mit muͤtterlicher Furſorge die Waiſen zur Ruhe brachte, gingen Dagobert und Agricol in des Letzteren Dachſtuͤbchen hinauf. In dem Augenblicke, als der Schmied, der mit dem Lichte ſeinem Vater vorleuchtete, an der Thuͤre des kleinen Stuͤbchens Hoͤckchens vorbeiging, ſagte dieſe, die halb im Dunkeln ſtand, raſch und leiſe zu ihm: „Agricol, es bedroht Dich eine große Gefahr; ich muß mit Dir ſprechen.“ Dieſe Worte waren ſo ſchnell und ſo leiſe ge⸗ ſprochen worden, daß Dagobert ſie nicht gehoͤrt hatte; da aber Agricol mit einemmale erſchrocken ſtehen blieb, ſo ſagte der Soldat zu ihm: „Nun, mein Sohn, was giebt es?“ „Nichts, Vater,“ antwortete der Schmied.. „Ich fuͤrchtete, Dir nicht gehoͤrig zu leuchten.“ „Sei unbeſorgt; heute Abend habe ich Augen Und der Soldat, der die Verwunderung ſeines Sohnes nicht bemerkte, trat mit ihm in das Dach⸗ ſtubchen, in welchem ſie die Nacht verbringen ſollten. 6 Der hoͤfliche Mann welcher bei Dagoberts Frau nach Hoͤckchen gefragt hatte, begab ſich aus dieſem Hauſe an das Ende der Straße Briſe-Miche und trat an einen Fiacre, der auf dem kleinen Kloſter⸗ platze St. Merry hielt. In dieſem Fiacre ſaß, in einen Mantel gehuͤllt, Rodin. „Nun?“ fragte er. „Die beiden Mädchen und der Mann mit dem grauen Schnurbarte ſind bei der Franzisca Baudoin angekommen,“ antwortete der Andere;„ehe ich an der Thuͤre anklopfte, konnte ich einige Augenblicke horchen. Die Maͤdchen werden dieſe Nacht in der Stube der Franzisca Baudoin ſchlafen, der Alte mit dem grauen Schnurbarte in dem Stuͤbchen des Schmiedegeſellen.“ „Sehr gut,“ ſagte Rodin. „Ich wagte nicht darauf zu dringen,“ fuhr der hoͤfliche Mann fort,„noch heute Abend die bucke⸗ lige Naͤherin wegen der Larm⸗Koͤnigin zu fragenz ich werde morgen wieder hingehen, um zu ſehen, welchen Eindruck der Brief macht, den ſie heute uͤber den jungen Schmied durch die Poſt bekommen haben muß.“ „Das verſaͤume nicht; jetzt geh zu dem Beicht⸗ vater der Franzisca Baudoin, ob es gleich ſchon ſpaͤt iſt; ſage ihm, daß ich ihn in der Straße Mi⸗ lieu des Urſins erwarte, wohin er ſogleich kommen moͤge, ohne eine Minute zu verlieren.. Du be⸗ —— gleiteſt ihn.. Wenn ich noch nicht zuruck ſein ſollte, mag er auf mich warten, denn es handele ſich, ſage ihm, um aͤußerſt wichtige Dinge.“ „Es wird Alles getreulich beſorgt werden,“ ant⸗ wortete der hoͤfliche Mann, indem er ſich tief vor Rodin verneigte, der ſchnell davon fuhr. Fünftes Kapitel. Agricol und Höckchen. Eine Stunde nach dieſen verſchiedenen Ereig⸗ niſſen herrſchte in dem Hauſe der Straße Briſe⸗ Miche die tiefſte Stille. Ein zitternder Lichtſchein, der durch die Schei⸗ ben einer Glasthuͤre fiel, verrieth, daß Hockchen noch wachte. Ihr dunkeles Stuͤbchen ohne Luft und Licht wurde nur durch dieſe Thuͤre erhellt, die auf einen ſchmalen Gang unter dem Dache ging. Ein ſchlechtes Bett, ein Tiſch, ein alter Koffer und ein Stuhl fuͤllten dieſe Wohnung ſo ganz aus, daß zwei Perſonen ſich nicht ſetzen konnten, wenn nicht eine auf dem Bette Platz nahm. Die prächtige Blume, die Agricol Hoͤckchen ge⸗ geben hatte und die ſorgſam in einem Waſſerglaſe auf dem mit Leinwand bedeckten Tiſche aufbewahrt war, verbreitete ihren lieblichen Duft und offnete — ihren Purpurkelch in dieſem ärmlichen Aufenthalte mit grauen feuchten Mauern, die ein duͤnnes Talg⸗ licht ſchwach erhellte. Hockchen ſaß mit verſtörtem Geſichte, die Augen voll Thraͤnen, auf ihrem Bette, ſtutzte die eine Hand auf das Kopfkiſſen, neigte den Kopf nach der Thuͤre hin und horchte geſpannt, da ſie jeden Augenblick die Tritte Agricols zu hoͤren hoffte. Das Herz des Madchens klopfte ungeſtum; ihr ſonſt immer bleiches Geſicht war leicht geroͤthet, und bisweilen blickte ſie mit einer Art Angſt auf einen Brief, den ſie in der Hand hielt. Dieſer Brief, den Abends der Brieftraͤger gebracht hatte, war durch den Färber, welcher zugleich das Amt des Portiers oder Hausmannes verſah, auf den Tiſch Höckchens gelegt worden, als ſich dieſe bei der An⸗ kunft Dagoberts in der Stube Franziscas befand. Nach einigen Augenblicken horte ſie eine Thuͤre leiſe öffnen, die dicht neben der ihrigen war. „Endlich kommt er!“ dachte ſie bei ſich. Agricol kam wirklich. „Ich wartete, bis mein Vater eingeſchlafen war,“ ſagte der Schmied leiſe, deſſen Geſicht mehr Neugierde als Beſorgniß verrieth;„was giebt es denn, Hoͤckchen? Wie ſiehſt Du veraͤndert aus! Du weinſt? Was iſt denn geſchehen? Welche Gefahr meinſt Du?“ „Da lies!“ ſagte Höckchen mit zitternder — 91— Stimme zu ihm, waͤhrend ſie ihm den offenen Brief hinhielt. Agricol trat an das Licht und las: „Eine Perſon, die ſich nicht zu erkennen geben „kann, welche aber weiß, welchen ſchweſterlichen An⸗ „theil Sie an Agricol Baudoin nehmen, zeigt Ihnen „an, daß dieſer junge brave Arbeiter im Laufe des „naͤchſten Tages wahrſcheinlich verhaftet werden zwird „Ich!“ rief Agricol aus, indem er das Mad⸗ chen verwundert anſah.„Was ſoll das heißen?“ „Lies nur weiter,“ antwortete die Naͤherin ſchnell, welche die Haͤnde faltete. Agricol, der ſeinen Augen kaum zu trauen wagte, las weiter: „Sein Lied von den„freigelaſſenen Arbei⸗ „tern“ wird verbrecheriſch gefunden; man fand „mehrere Exemplare deſſelben unter den Papieren „einer geheimen Geſellſchaft, deren Vorſteher in „Folge des Complots von der Straße Prouvaires „eben eingezogen worden ſind..“ „Ach!“ rief die Näherin weinend aus; jetzt verſtehe ich Alles.. Der Mann, der dieſen Abend unten umherſchlich, wie der Faͤrber ſagte, war ge⸗ wiß ein Spion, der auf Dich lauerte.“ „Ach geh! Dieſe Anklage iſt albern,“ ſagte Agricolz„aͤngſtige Dich nicht, gutes Hoͤckchen. Ich kuͤmmere mich nicht um die Politik.. Meine Gedichte athmen nur Menſchenliebe.. Iſt es meine Schuld, daß ſie ſich unter den Papieren einer ge⸗ heimen Geſellſchaft gefunden haben?“ und er warf den Brief veraͤchtlich auf den Tiſch. „Lies nur weiter,“ ſagte Hoöckchen zu ihm,„lies nur weiter.“ „Wenn Du es wuͤnſcheſt, gern.“ Und Agricol las: „Es iſt ein Haftbefehl gegen Agricol Baudoin „erlaſſen worden.— Ohne Zweifel wird fruͤher „oder ſpäter ſeine Unſchuld an den Tag kommen, „er wuͤrde aber doch wohl thun, wenn er ſich ſo „bald als möglich der Verfolgung zu entziehen „ſuchte, um einer vorlaͤufigen Haft von zwei oder „drei Monaten zu entgehen, welche ein ſchrecklicher „Schlag fuͤr ſeine Mutter ſein wuͤrde, deren ein⸗ „zige Stuͤtze er iſt. „Ein aufrichtiger Freund, der aber unbe— „kannt bleiben muß.“* Nach einer Pauſe zuckte der Schmied die Achſeln, ſein Geſicht wurde wieder heiter und er ſagte laͤchelnd zu der Naͤherin: „Beruhige Dich, gutes Hockchen.. Derjenige, welcher ſich dieſen ſchlechten Spaß erlaubte, hat ſich in den Monaten verſehen; es iſt ein April⸗ ſpaß „Agricol, um des Himmels willen,“ fagte die Naͤherin mit flehentlicher Stimme,„nimm es nicht ſo leicht. Glaube meiner Ahnung, höre auf dieſe— Warnung..— — 5— „Noch einmal, armes Kind, mein Lied von den Arbeitern iſt ſchon ſeit zwei Monaten ge⸗ druckt; es iſt gar nicht politiſch und man wuͤrde nicht ſo lange gewartet haben, wenn man es ver— folgen wollte.“ „Bedenke aber doch, daß die Umſtände ſich geaͤndert haben. Das Complot in der Straße Prouvaires iſt kaum ſeit zwei Tagen entdeckt, und wenn Dein Lied, das man vielleicht bis jetzt gar nicht kannte, bei Leuten gefunden wurde, die wegen einer Verſchwoͤrung eingezogen worden ſind, ſo iſt es wohl leicht moͤglich, daß Du auch Unannehm⸗ lichkeiten haben koͤnnteſt.“ „Ich Unannehmlichkeiten haben wegen eines Gedichtes, in dem ich die Liebe zur Arbeit und die Menſchenliebe preiſe? Die Juſtiz muͤßte ja ganz blind ſein.“ „Agricol,“ erwiederte das Maͤdchen, das ganz untröſtlich daruͤber war, daß der Schmied in einem ſolchen Augenblicke lachen konnte,„ich beſchwoͤre Dich, hoͤre mich an.. Du predigeſt in Deinen Verſen allerdings die heilige Arbeitsliebe, aber Du beklagſt auch ſchmerzlich das ungerechte Loos der armen Arbeiter, die hoffnungslos allem Elende des Lebens preisgegeben ſind; Du predigeſt die Bruderliebe, aber Dein gutes, edeles Herz emport ſich auch ge⸗ gen die ſelbſtſuͤchtigen und böswilligen Menſchen; Du ſuchſt endlich mit allem Eifer die Freilaſſung der Arbeiter zu beſchleunigen, die nicht ſo glucklich ſind wie Du und nicht den edeln Hardy als Arbeits⸗ herrn haben. Sage, Agricol, gehoͤrt in den jetzigen unruhigen Zeiten mehr dazu, Dich in Unannehm⸗ lichkeiten zu bringen, wenn mehrere Exemplare Deiner Lieder bei verhafteten Perſonen gefunden worden ſind? Agricol machte eine Bewegung bei dieſen ver⸗ ſtändigen, warmen Worten des edeln Maͤdchens, die ihre Gruͤnde aus ihreim Herzen holte, und er fing an, die Warnung, die man ihm hatte zukom⸗ men laſſen, ernſtlicher zu nehmen. Als Hoͤckchen ſah, daß er auf andere Gedanken gekommen war, fuhr ſie fort: „Und dann denke an Deinen Kameraden Remi.“ „Remi?“ „Ja; es war ein Brief von ihm, ein unbedeu⸗ tender Brief bei einem Manne gefunden worden, den man im vorigen Jahre wegen Verſchworung eingezogen hatte, und er blieb einen ganzen Monat im Gefängniß.“ „Da haſt Du Recht, Hoͤckchen, aber man er⸗ kannte die Ungerechtigkeit der Anklage bald an und er wurde freigelaſſen.“ 2 „Nachdem er einen Monat im Gefaͤngniſſe ge⸗ weſen war, und gerade das raͤth man Dir zu ver⸗ meiden, Agricol, bedenke es wohl. Ein Monat im Gefaͤngniß? Und Deine Mutter?“ Dieſe Worte Hockchens machten einen tiefen — Eindruck auf Agricol. Er nahm den Brief wieder und las ihn nochmals aufmerkſam durch. „Und der Mann, der den ganzen Abend an dem Hauſe herumgeſchlichen iſt?“ fuhr das Maͤd⸗ chen fort.„Ich komme immer wieder darauf zu⸗ ruͤck Es iſt nicht natuͤrlich. Ach Gott, welcher Schlag fuͤr Deinen Vater und fuͤr Deine arme Mutter, welche nichts mehr verdient! Biſt Du jetzt nicht ihre einzige Hilfe? Was ſollte ohne Dich, ohne Deine Arbeit aus ihnen werden?“ „Das waͤre wirklich ſchrecklich,“ ſagte Agricol, indem er den Brief auf den Tiſch warf;„was Du von Remi ſagſt, iſt ganz richtig.. Er war ſo un⸗ ſchuldig wie ich, aber ein Irrthum der Juſtiz, ein unwillkuͤhrlicher ohne Zweifel, iſt doch nichts deſto weniger grauſam. Noch einmal, man verhaftet Niemanden, ohne ihn zu hoͤren..“ „Erſt verhaftet man ihn und dann hoͤrt man ihn,“ ſagte Hockchen bitter,„und nach einem Mo⸗ nate oder nach zweien giebt man ihm die Freiheit wieder. Was fängt aber ſeine Frau, wenn er eine hat, mit den Kindern an, die nur von ſeiner Ar⸗ beit leben, während ihre Stutze im Gefaͤngniſſe iſt?— Sie hungern, ſie frieren, ſie weinen.“ Agricol ſchauderte bei dieſen ſo einfachen und ruͤhrenden Worten Höͤckchens. „Ein Monat ohne Arbeit,“ fuhr er traurig und nachdenkend fort.—„Und meine Mutter, mein Vater, die beiden jungen Maädchen, die auch zu — unſerer Familie gehören, bis der Marſchall Simon oder deſſen Vater in Paris angekommen iſt! Du haſt Recht, der Gedanke daran erſchreckt mich un⸗ willkuͤhrlich.“ „Agricol,“ rief Hockchen plötlich ausy„wenn Du Dich an Herrn Pardy wendeteſt? Er iſt ſo herzensgut, ſein Charakter wird ſo geachtet, ſo ge⸗ ehrt, daß man vielleicht die Verfolgung gegen Dich einſtellte, wenn er Buͤrgſchaft fuͤr Dich leiſtete.“ „Perr Hardy iſt leider nicht hier, ſondern mit dem Vater des Marſchalls Simon verreiſt.“ Nach einer neuen Pauſe ſetzte Agricol, der ſeine Beſorgniſſe niederzukämpfen ſuchte, hinzu: „Aber nein, ich kann dieſem Briefe doch nicht glauben, und werde abwarten, was geſchieht. Ich kann ja gleich in dem erſten Verhoͤre meine Un⸗ ſchuld beweiſen, und meine Familie wird meine Arbeit doch vermiſſen, ich mag mich verſteckt hal⸗ ten oder im Gefaͤngniſſe ſitzen.“ „Das iſt freilich wahr,“ ſagte das arme Mäd⸗ chen.„Was anfangen? Ach Gott, was anfangen?“ „Mein armer Vater!“ dachte Agricol bei ſich.. „Wenn das Ungluͤck morgen geſchaͤhe, welches Er⸗ wachen fuͤr ihn, nachdem er ſo vergnuͤgt einge⸗ ſchlafen iſt!“ Und der Schmied bedeckte ſeine Stirn mit den Haͤnden. Leider waren die Beſorgniſſe Höckchens nicht uͤbertrieben, denn man erinnert ſich wohl, daß zu dieſer Zeit des Jahres 1832, vor und nach dem Complot der Straße Prouvaires blos in Folge einer ſtarken Reaction gegen die demokratiſchen Ideen ſehr viele Verhaftungen unter der Arbeiter⸗ claſſe erfolgten. Mit einemmale brach Hoͤckchen das Schwei⸗ gen, das bereits einige Secunden dauerte; eine leb⸗ hafte Roͤthe faͤrbte ihre Wangen und in ihren Zu⸗ gen ſprach ſich Zwang, Schmerz und Hoffnung aus. „Agricol, Du biſt gerettet,“ ſprach ſie. „Wie ſo?“ „Die ſo ſchoͤne, ſo guͤtige Dame, welche Dir dieſe Blume da gab(und Hoͤckchen zeigte auf die⸗ ſelbe) und— ſo zart ein verletzendes Anerbieten wie⸗ der gut zu machen wußte, dieſe Dame muß ein edeles Herz haben. Wende Dich an ſie.“ Bei dieſen Worten, welche ſie nur nach großer Anſtrengung herauszubringen ſchien, rannen zwei große Thraͤnen uͤber die Wangen Hoͤckchens. Zum erſtenmale in ihrem Leben empfand ſie ſchmerzlichen Neid; ein anderes Maädchen war ſo glucklich, dem helfen zu koͤnnen, den ſie, das arme, ohnmaͤchtige Weſen, ſo innig liebte. „Was faͤllt Dir ein?“ antwortete Agricol ver⸗ wundert;„was könnte dieſe Dame dabei thun?“ „Hat ſie nicht zu Dir geſagt: erinnern Sie ſich meines Namens und wenden Sie ſich unter allen Umſtaͤnden an mich?“ „Allerdings.“ — 98— „Dieſe Dame muß bei ihrer hohen Stellung glaͤnzende Bekanntſchaften haben, welche Dich wohl ſchuͤtzen und vertheidigen könnten.. Gleich morgen fruh gehe zu ihr, erzaͤhle ihr geradezu, was Dir widerfahren iſt, und bitte ſie um ihren Beiſtand.“ „Aber, noch einmal, gutes Hoͤckchen, was ſoll ſie thun?“ „Höre mich an.. Ich erinnere mich noch recht wohl, daß mein Vater uns ſagte, er hätte einen Freund vom Gefaͤngniſſe freigemacht, indem er Caution fur ihn geleiſtet.. Du wirſt die junge Dame leicht von Deiner Unſchuld uͤberzeugen kön⸗ nen, und wenn ſie Caution fuͤr Dich leiſtet, ſo wirſt Du, denke ich, nichts zu fuͤrchten haben.“ „Ach, Kind, es iſt ſchwer, Jemanden, den man nicht kennt, um einen ſolchen Dienſt anzu⸗ gehen.“ „Glaube mir, Agricol,“ antwortete Hoͤckchen kraurig,„ich werde Dir gewiß nichts rathen, was Dich in den Augen irgend Jemandes erniedrigen koͤnnte, beſonders— in den Augen dieſer Dame. Du ſollſt nicht verlangen, daß ſie Dir das Geld gebe, ſondern daß ſie eine Caution leiſte, welche Dir es moͤglich macht, Deine Arbeit fortzuſetzen, damit Deine Familie keine Noth leide. Glaube mir, Agricol, ein ſolches Geſuch ehrt Dich nurz die Dame hat ein edeles Herz, ſie wird Dich ver⸗ ſtehen; die Caution wird ihr leicht und fur Dich — — — iſt ſie Alles, denn ſie erhäͤlt den Deinigen das Leben.“ „Du haſt Recht, gutes Hoͤckchen,“ ſagte Agri⸗ col traurig und verſtimmt;„es iſt doch vielleicht beſſer, ich thue dieſen Schritt. Wenn die junge Dame mir dieſe Gefalligkeit erzeigt und eine Cau⸗ tion mir die Haft erſpart, ſo bin ich auf Alles vor⸗ bereitet. Aber nein, nein,“ ſetzte der Schmied hinzu, waͤhrend er aufſtand,„ich werde den Muth nicht haben, mich an die Dame zu wenden. Und welches Recht haͤtte ich dazu? Was iſt die kleine Gefaͤlligkeit, die ich ihr geleiſtet habe, gegen das, was ich von ihr verlange?“ „Glaubſt Du denn, Agricol, ein edeles Herz meſſe die Dienſte, die es leiſten kann, nach denen, die es ſelbſt erhalten hat? Vertraue mir in Her⸗ zensangelegenheiten; ich bin nur ein armes Weſen, das ſich mit Niemandem vergleichen darf, ich bin nichts und vermag nichts, und doch weiß ich, Agri⸗ col, doch weiß ich, daß jene Dame, die ſo hoch uͤber mir ſteht, in dieſem Falle eben ſo fuͤhlen wird, wie ich fuͤhle; ſie wird wie ich das Grauſame Deiner Lage einſehen und mit Freuden, mit Dank das thun, was ich thun wuͤrde, wenn ich etwas Anderes thun koͤnnte, als mich nutzlos aufzu⸗ opfern.“ Hoͤckchen ſprach dieſe letzten Worte unwillkuͤhr⸗ lich mit einem ſo ſchneidenden Ausdrucke; es lag in der Art, wie die Ungluͤckliche, Unbekannte und von Cardoville, dieſem glaͤnzenden Muſter von Ju⸗ gend, Schoͤnheit und Reichthum, verglich, etwas ſo Scharfes und Bitteres, daß Agricol zu Thränen geruͤhrt wurde. Er reichte Hoͤckchen eine Hand und ſagte mit zaͤrtlichem Tone: „Wie gut Du biſt! Welcher Edelmuth, wel⸗ cher Verſtand und welches Zartgefuͤhl liegt in Dir!“ „Leider kann ich nichts, als— rathen.“ „Und ich werde Deinem Rathe folgen, gutes Höckchen, denn er kommt aus dem edelſten Herzen, das ich kenne.„ Auch haſt Du mich uͤber dieſen Schritt beruhiget, weil Du mich uͤberzeugt haſt, Verachtete, Arme und Gebrechliche ſich mit Adrienne daß das Herz des Fräulein von Cardoville ſo gut ſei wie das Deinige.“ Bei dieſem ehrlich und wahr gemeinten Ver⸗ b gleiche vergaß Hoͤckchen faſt Alles, was ſie gelitten hatte, denn ein liebliches tröſtliches Gefuͤhl erfuͤllte ihr Herz. Manche Weſen, die vom Geſchick fur das Leiden beſtimmt zu ſein ſcheinen, haben Schmer⸗ zen, welche die Welt nicht kennt, aber bisweilen auch beſcheidene ſtille Freuden, welche ihr ebenfalls unbekannt ſind. Das kleinſte Wort von Liebe, das ſie in ihren eigenen Augen aufrichtet und er⸗ hebt, thut dieſen armen, an Verachtung, Härte und Zweifel an ſich ſelbſt gewoͤhnten Menſchen ſo unausſprechlich wohl! „Es iſt alſo abgemacht, Du gehſt morgen früh — 101— zu dieſer Dame, nicht wahr?“ fragte Hoͤckchen, die nun wieder Hoffnung faßte..„Sobald es Tag wird, gehe ich hinunter und wache an der Thuͤre, um zu ſehen, ob ſich nicht Verdaͤchtiges zeigt, und um es Dir zu melden. „Gutes, vortreffliches rief Agricol tiefgeruͤhrt aus. „Du mußt fortzukommen ſuchen, ehe Dein Vater erwacht.. Der Stadttheil, wo jene Dame wohnt, iſt ſo oͤde, daß Du Dich ſchon faſt ver⸗ ſteckſt, wenn Du dahin gehſt.“ „Es iſt mir, als hoͤrte ich die Stimme meines Vaters,“ ſprach Agricol ploͤtzlich. Das Stuͤbchen Hoͤckchens war wirklich ſo nahe an dem des Schmiedes, daß dieſer und die Naͤhe⸗ rin, als ſie horchten, Dagobert im Dunkel ſagen hoͤrten: „Agricol, ſchlaͤfſt Du, mein Junge?.. Ich bin mit dem erſten Schlafe fertig und es juckt mir wieder teufelmaͤßig auf der Zunge..“ „Lauf' ſchnell, Agricol,“ ſagte Hoͤckchen,„Deine Abweſenheit könnte ihn beunruhigen.. Jedenfalls gehe morgen fruͤh nicht eher aus, bis ich Dir habe ſagen können, ob ich etwas Beſorgliches geſehen.“ „Agricol, Du biſt nicht da?“ fuhr Dagobert lauter fort. „Hier bin ich, Vater,“ antwortete der Schmied, indem er aus dem Stuͤb chen des Mädchens heraus⸗ und in die ſeinige hineintrat;„ich machte einen La⸗ Der ewige Jude. V. 7 — 102— den zu, mit dem der Wind klappte, weil ich fuͤrch⸗ tete, er könne Dich wecken.“ „Ich danke, mein Junge, aber dieſer Laden hat mich wahrhaftig nicht geweckt,“ ſagte Dago⸗ bert gutgelaunt,„ſondern ein wahrer Heißhunger, mit Dir zu ſchwatzen. Ach, mein armer Junge, ein Vater, der ſeinen Sohn ſeit achtzehn Jahren nicht geſehen hat, iſt in dieſer Art ein Vielfraß.“ „Willſt Du Licht, Vater?“ „Nein, das iſt Luxus; wir wollen im Finſtern plaudern, dann macht es einen neuen Effect, wenn ich Dich morgen fruͤh ſehe, und es wird mir ſein, als ſaͤhe ich Dich zum zweitenmale zum erſten⸗ male.“ Die Thuͤre des Dachſtuͤbchens Agricols wurde zugemacht und Hoͤckchen hoͤrte nichts mehr. Die Arme warf ſich angekleidet auf ihr Bett und ſchloß die ganze Nacht die Augen nicht, ſon⸗ dern wartete aͤngſtlich, daß es hell werde, um uͤber wachen zu können. Trotz ihrer lebhaften Beſorgniſſe fuͤr den an⸗ dern Tag uͤberließ ſie ſich bisweilen den Traͤumen einer bittern Melancholie.. Sie verglich das Ge⸗ ſpraͤch, das ſie in der Stille der Nacht mit dem Manne gehabt hatte, den ſie insgeheim liebte, mit dem, was dieſes Geſpraͤch geweſen ſein wuͤrde, wenn ſie ſchoͤn und reizend geweſen, wenn ſie ge⸗ liebt worden wäre, wie ſie liebte— keuſch und aufopfernd. Bald aber dachte ſie daran, daß ſie — 103— nie die Wonne einer getheilten Liebe kennen duͤrfe, und fand dann einen Troſt in der Hoffnung, Agri⸗ col nuͤtzlich geweſen zu ſein. Mit Tagesanbruche ſtand Hoͤckchen leiſe auf und ging geraͤuſchlos die Treppe hinunter, um zu ſehen, ob draußen Agricol etwas bedrohe. Ende des fünften Theils. Druck von Bernh. Tauchnitz jun.