— —— Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. . 175. Theil. Der ewige Inde. Viertes Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von Htto Wigand. Der ewige Junde. Von Eugen Snue. Ueberſetzt von Dr. A. Diezmann. Viertes Bändchen. —— — Leipzig, 1844. Verlag von Htto Wigand. 8 Viertes Kapitel. Joſua van Dasl. Joſua van Dasl, ein hollaͤndiſcher Kaufmann und Correſpondent Rodins, war in Batavia, der Hauptſtadt der Inſel Java, geboren. Seine El⸗ tern hatten ihn in Pondichery in einem beruͤhmten Ordenshauſe erziehen laſſen, das ſeit langer Zeit in dieſer Stadt beſtand und den Jeſuiten gehorte. Hier hatte er ſich der Geſellſchaft als Laienmitglied an⸗ geſchloſſen. Man nennt ſolche Mitglieder gewoͤhn⸗ lich weltliche Coadjutoren. Joſua war ein Mann, deſſen Rechtlichkeit für tadellos galt, in ſeinen Geſchäften ſtreng puͤnktlich, kalt, verſchwiegen, zuruͤckhaltend und ausgezeichnet durch ſeine Gewandtheit und ſeinen Scharfſinn. Seine Geldſpeculationen gelangen faſt immer, denn eine ſchuͤtzende Macht unterrichtete ihn immer zu rechter Zeit von den Ereigniſſen, welche einen guͤn⸗ ſtigen Einfluß auf ſeine Handelsverhaltniſſe haben konnten. Das Kloſter in Pondichery war bei ſei⸗ nen Geſchäften betheiliget, denn es uͤbertrug ihm Der ewige Jube. IV. 1 die Ausfuhr und den Umtauſch der Erzeugniſſe mehrerer großen Pflanzungen, die es in dieſer Co⸗ lonie beſaß. Joſug ſprach wenig, hoͤrte viel, ließ ſich nie in Eroͤrterungen ein, war außerordentlich höflich, gab wenig, aber mit Auswahl und zu rechter Zeit, und floͤßte allgemein zwar keine Liebe und Theilnahme, aber jene kalte Achtung ein, welche Leute von gro⸗ ßer Sittenſtrenge immer erwerbenz denn ſtatt ſich den oft lockern und freien Sitten der Colonien zu fugen, ſchien er mit großer Regelmaͤßigkeit zu leben und ſein Aeußeres hatte etwas ſtreng Gemeſſenes, das imponirte. Das Nachſtehende geſchah in Batavia, waͤh⸗ rend Dſchalma ſich in der Hoffnung nach Tſchandi begab, um den General Simon zu finden. Joſua hatte ſich in ſein Cabinet zuruckgezogen, in welchem man mehrere Regale mit Mappen und große Caſſabuͤcher aufgeſchlagen auf dem Pulte lie⸗ gen ſah. Das einzige Fenſter dieſes Cabinets im Erd⸗ geſchoſſe ging auf einen kleinen oͤden Hof und war außen ſtark mit Eiſenſtäͤben vergittert. Eine be⸗ wegliche Jalouſie erſetzte die Fenſterſcheiben wegen der großen Hitze des Climas von Java. „Halb zehn Uhr..,“ ſagte er,„Mahal muß bald kommen.“ Nach dieſen Worten ging er hinaus, durch ein Vorzimmer, öffnete eine zweite dicke Thuͤre, die 1 ———— ——— — nach hollaͤndiſcher Sitte mit dicken Naͤgelkopfen be⸗ ſchlagen war, gelangte vorſichtig in den Hof, um von den Leuten im Hauſe nicht gehoͤrt zu werden, und zog den Riegel zuruͤck, welcher den Fluͤgel einer großen Thuͤre von etwa ſechs Fuß verſchloſſen hielt, der furchtbar mit Eiſenſpitzen beſchlagen war. Dieſen Ausgang ließ er offen, dann kehrte er in ſein Cabinet zuruͤck, ſchloß aber auf ſeinem Wege alle andern Thuͤren ſorgfältig zu. Er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, nahm aus dem geheimen Fache eines Schubkaſtens einen lan⸗ gen Brief oder vielmehr eine Abhandlung, die er ſeit einigen Tagen angefangen hatte und an wel⸗ cher er jeden Tag ſchrieb.(Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß der Brief, den er an Rodin in Paris geſandt hatte, vor der Freilaſſung Dſchal⸗ ma's und deſſen Ankunft in Batavia geſchrieben war.) Die erwähnte Schrift war ebenfalls an Rodin gerichtet und Joſua ſchrieb an derſelben alſo weiter: —„Da ich die Ruͤckkehr des Generals Simon „fuͤrchtete, von der ich unterrichtet wurde, indem ich „ſeine Briefe unterſchlug(— ich habe Ihnen bereits „gemeldet, daß er mich zu ſeinem Correſpondenten „gewaͤhlt hatte—), die Briefe, welche ich las und „dann Dſchalma unberuͤhrt uͤbergab, noͤthigten „mich Zeit und Umſtaͤnde, zu den äußerſten Mit⸗ „teln zu greifen, wobei ich indeß den Schein voll⸗ „kommen wahrte. Ich leiſte dadurch 8 Menſch⸗ 1 3 62 „heit einen wichtigen Dienſt, und dies bewog mich, „nicht zu zoͤgern. „Eine neue Gefahr ſchrieb mir uͤbrigens gebie⸗ „teriſch mein Verhalten vor. „Das Dampfſchiff„Ruyter“ ging geſtern hier „vor Anker und faͤhrt morgen wieder ab. „Dieſes Schiff fährt uͤber den arabiſchen Meer⸗ „buſen nach Europa. Seine Paſſagiere landen an „der Landenge von Suez, reiſen uͤber dieſe und be⸗ „ſteigen in Alerandrien ein anderes Schiff, das ſie „dann nach Frankreich bringt. „Dieſe eben ſo ſchnelle als gerade Reiſe dauert „nur ſieben bis acht Wochen. Wir ſtehen am „Ende des Monats October und der Fuͤrſt Dſchalma „könnte alſo im Anfange des naͤchſten Januar in „Frankreich ſein. Nach Ihren Befehlen, deren „Grund ich nicht kenne, die ich aber mit Eifer und „Gehorſam ausfuͤhre, muß dieſe Abreiſe um jeden „Preis verhindert werden, weil, wie Sie ſchreiben, „durch die Ankunft dieſes jungen Hindu in Paris „vor dem 13. Februar wichtige Intereſſen der Ge⸗ „ſellſchaft gefäͤhrdet werden könnten. Wenn mir „es, wie ich hoffe, gelingt, ihm die Gelegenheit „abzuſchneiden, mit dem„Ruyter“ zu reiſen, ſo wird es ihm materiell unmoͤglich ſein, vor dem „Monat April in Frankreich anzukommen, denn „der„Ruyter“ iſt das einzige Schiff, welches die „Fahrt direct macht; die andern Schiffe brauchen „wenigſtens vier bis fuͤnf Monate, um nach Europa „zu gelangen. „Ehe ich von dem Mittel ſpreche, das ich an⸗ „wenden muͤßte, um den Fuͤrſten Dſchalma hier „zuruͤckzuhalten, und deſſen Erfolg ich bis jetzt noch „nicht kenne, muß ich Sie erſt mit gewiſſen Din⸗ „gen bekannt machen. „Man hat in dem engliſchen Indien eine Ver⸗ „bindung entdeckt, deren Mitglieder ſich unter ein⸗ „ander„Bruͤder des guten Werkes“ oder Phanſi⸗ „gars nennen, was einfach Wuͤrger bedeutet. Dieſe „Moͤrder vergießen kein Blut und erwuͤrgen ihre „Opfer weniger um ſie zu berauben, als um einem „Mordberufe und den Geſetzen einer teufliſchen „Göͤttin zu gehorchen, welche ſie Bohwani nennen. „Ich kann Ihnen keine beſſere Vorſtellung von „dieſer ſchrecklichen Secte geben, als wenn ich einige „Seiten von dem Berichte des Oberſten Sleeman „abſchreibe, welcher jene ſchauerliche Verbindung „mit unermuͤdlichem Eifer verfolgt hat. Dieſer „Bericht iſt vor zwei Monaten veröffentlicht wor⸗ „den. Leſen Sie, was der Oberſt ſchreibt: In den Jahren 1822 bis 1824, als ich mit der Verwaltung des Bezirks Nerſing⸗ pur beauftragt war, wurde kein Mord, ja nicht der kleinſte Diebſtahl von einem ge wöhnlichen Rauber begangen, ohne daß ich nicht ſofort Kenntniß davon erlangt haͤtte; wenn mir aber damals von Jema dem ge⸗ —— ſagt worden wäre, es halte ſich eine Bande Moͤrder von erblicher Profeſſion in dem Dorfe Kundelie, hoͤchſtens 400 Klaftern weit von meinem Gerichtslocale, aufz die bewunderungswuͤrdigen Haine des Dorfes Mundeſur, eine Tagereiſe von meiner Woh⸗ nung, waͤren eine der ſchrecklichſten Moͤr⸗ dergruben in ganz Indienzzahlreiche Schaa⸗ ren Bruͤder vom guten Werke, die aus Hin⸗ doſtan und Dekkan kaͤmen, verſammelten ſich jaͤhrlich unter jenem ſchattigen Haine wie zu feierlichen Feſten, um ihren gräß⸗ lichen Beruf auf allen Wegen auszuuben, die ſich an dieſer Stelle kreuzen, ſo wuͤrde ich den Erzähler fuͤr einen Narren gehalten haben, der ſich durch Mährchen habe er⸗ ſchrecken laſſen, und doch war nichts wah⸗ rer, Hunderte von Reiſenden wurden jedes Jahr unter den Baͤumen von Mundeſur begraben; ein ganzer Volksſtamm von Moͤrdern lebte ganz in meiner Naͤhe. So lange ich der hoͤchſte Richter und Beamte der Provinz war, dehnte er ſeine Verwuͤ⸗ ſtungen bis zu den Staͤdten Punah und Hydrabad aus. Ich werde es nie vergeſ⸗ ſen, daß einer der Vorſteher dieſer Wuͤr⸗ gerbande, der ihr Ankläger geworden war, um mich zu uͤberzeugen, an der Stelle, wo mein Zelt ſtand, dreizehn Leichname aus⸗ — — ——— —— graben ließ und ſich erbot, eine unbe⸗ ſchraͤnkte Anzahl aus dem Boden rund um⸗ her herauszuſchaffen. ²²) „Dieſe wenigen Worte des Oberſten Sleeman „werden Ihnen eine Vorſtellung von jener ſchreck⸗ „lichen Geſellſchaft geben, deren Geſetze, Pflichten „und Gewohnheiten allen gottlichen und menſch⸗ „lichen Geſetzen widerſprechen. Dieſe Apoſtel einer „Religion des Mordes ſind einander ergeben bis „zum Heldenmuthe, gehorchen blindlings ihren Vor⸗ „geſetzten, welche ſich die unmittelbaren Stellver⸗ „treter ihrer grauenhaften Gottheit nennen, ſehen „alle die, welche nicht zu ihnen gehoͤren, als Feinde „an, ſuchen uͤberall neue Anhaͤnger fuͤr ihren Glau⸗ „ben zu erwerben, ziehen umher und predigen im „Dunkel ihre ſchrecklichen Lehren und haben Indien „wie mit einem ungeheuern Netze umgeben. „Drei ihrer hoͤchſten Vorſteher und einer ihrer „Angehoͤrigen, welche vor der hartnaͤckigen Verfol⸗ „gung durch den engliſchen Gouverneur flohen und „derſelben wirklich entkamen, ſind von der nördli⸗ „chen Spitze Indiens zur Straße von Malaka ge⸗ „langt, die ſich gar nicht weit von unſerer Inſel „befindet. Ein Schmuggler, der auch bisweilen „Seeraͤuberei treibt, jenem Bunde angehoͤrt und „Mahal heißt, nahm ſie auf ſein kleines Schiff und Dieſer Bericht findet ſich in dem vortrefflichen Werke des Gra⸗ fen Eduard v. Warren über has engliſche Indien im Jahre 1831. „hat ſie hierher gebracht, wo ſie eine Zeitlang „ſicher zu ſein glauben, denn ſie haben ſich nach „dem Rathe des Schmugglers in einen dichten „Wald gefluͤchtet, wo ſich mehrere verfallene Tem⸗ „pel befinden, deren zahlreiche unterirdiſche Gewoͤlbe „ihnen eine Zufluchtsſtaͤtte gewaͤhren. „Unter dieſen Vorſtehern, die ſich alle drei „durch große Vorzuͤge auszeichnen, befindet ſich na⸗ „mentlich einer, Faringhea mit Namen, der außer⸗ „ordentliche Energie und ausgezeichnete Eigen⸗ „ſchaften beſitzt, die ihn zu einem hoͤchſt gefährli— „chen Menſchen machen. Er iſt ein Meſtize, d. h. „der Sohn eines Weißen und einer Hindu, hat „ſich lange in Staͤdten aufgehalten, wo ſich euro⸗ „paͤiſche Comptoire befinden, und ſpricht ſehr gut „Engliſch und Franzoͤſiſch. Die beiden andern ſind „ein Neger und ein Hindu. Der Genoſſe iſt ein „Malaie. „Der Schmuggler Mahal, der eine gute Be⸗ „lohnung erhalten zu koͤnnen glaubte, wenn er jene „drei Vorſteher und deren Diener ausliefere, kam „zu mir, da er wie Jedermann meine genaue Be⸗ „kanntſchaft mit einer Perſon kannte, die den groͤß⸗ „ten Einfluß auf unſern Gouverneur hat. Er er⸗ „bot ſich alſo vor zwei Tagen, unter gewiſſen Be⸗ „dingungen den Neger, den Meſtizen, den Hindu „und den Malaien auszuliefern. Dieſe Bedin⸗ „gungen ſind: eine ziemlich bedeutende Geldſumme „und die Erlaubniß, auf einem Schiffe ſich zu ent⸗ 32 — — „fernen, das nach Europa oder Amerika geht, um „ſich der unverſoͤhnlichen Rache der Wuͤrger zu ent⸗ „ziehen. „Ich ergriff mit Eifer die Gelegenheit, dieſe drei „Moͤrder der menſchlichen Gerechtigkeit zu uͤberlie⸗ „fern, und verſprach Mahal, ſein Vermittler bei „dem Gouverneur zu ſein, aber auch unter gewiſſen „Bedingungen, die an ſich ſehr unſchuldig ſind „und Dſchalma betrafen. Ich werde mich ausfuhr⸗ „licher daruͤber erklären, wenn mein Plan gelingt, „was ich bald erfahren werde, da Mahal ſogleich „hier erſcheinen muß. „Bis ich die Depeſchen ſchließe, die morgen „nach Europa mit dem„Ruyter“ abgehen werden, „auf dem ich auch einen Platz fuͤr Mahal den „Schmuggler fuͤr den Fall des Gelingens genom⸗ „men habe, gehe ich auf einen andern wichtigen „Gegenſtand uͤber. „In meinem letzten Briefe, in welchem ich den „Tod des Vaters Dſchalma's und die Einſperrung „ieſes Prinzen durch die Englaͤnder meldete, bat „ich um Nachrichten uͤber die Zahlungsfähigkeit des „Barons Tripeaud, des Bankier und Fabrikanten „in Paris, der eine Commandite ſeines Hauſes in „Calcutta hat. Jetzt werden dieſe Nachrichten un⸗ „noͤthig, wenn das, was man mir geſagt hat, „ungluͤcklicherweiſe wahr iſt. Sie werden nach den. „Umſtaänden zu verfahren haben. „Sein Haus in Calcutta ſchuldet uns, mir — 14— „und unſerm Collegium in Pondichery, ziemlich „bedeutende Summen und man ſagt, Tripeaud be⸗ „finde ſich in gefährlicher Verlegenheit, da er eine „Fabrik begruͤndet habe, um durch ruͤckſichtsloſe „Concurrenz ein ſehr bedeutendes Etabliſſement zu „ſtuͤrzen, das ſeit langer Zeit unter Franz Hardy, „einem ausgezeichneten Fabrikanten, beſteht. Man „verſicherte mich, Tripeaud habe bereits große Ca⸗ „pitalien auf dieſe Unternehmung verwendet und „verloren; er habe allerdings dem Franz Hardy be⸗ „deutenden Schaden zugefugt, aber dabei auch ſein „eigenes Vermoͤgen gefährdet. Sollte er Banke⸗ „rott machen, ſo wuͤrden wir bedeutend leiden, da „er mir und den Unſerigen viel Geld ſchuldig iſt. „Es waͤre, wenn die Sache ſich wirklich ſo „verhaͤlt, ſehr zu wuͤnſchen, daß man durch die al⸗ „lesvermoͤgenden Mittel, uͤber die man verfügen „kann, das durch die hartnaͤckige Concurrenz Tri⸗ „peauds bereits erſchuͤtterte Haus Franz Hardy „ganz in Mißcredit und zum Sturze bringe. Ge⸗ „laͤnge dies, ſo wuͤrde Tripeaud in ſehr kurzer Zeit „Alles wieder gewinnen, was er verloren hat; der „Ruin ſeines Nebenbuhlers wuͤrde ſein Gluck wer⸗ „den und er koͤnnte bezahlen, was er uns ſchuldet⸗ „Ohne Zweifel waͤre es peinlich und ſchmerz⸗ „lich, zu dieſem Aeußerſten greifen zu muͤſſen, um „zu unſern Geldern zu gelangenz darf man ſich „aber in unſerer Zeit nicht bisweilen der Waffen „bedienen, die man unaufhoͤrlich gegen uns anwen⸗ „det? Wenn man durch die Ungerechtigkeit und „Schlechtigkeit der Menſchen dazu genoͤthiget wird, „muß man ſich durch den Gedanken troͤſten, daß „wir die irdiſchen Guͤter doch nur zur Ehre Gottes „zu erhalten ſuchen, waͤhrend dieſe Guͤter in den „Händen unſerer Feinde gefährliche Mittel des Ver⸗ „derbens und des Aergerniſſes ſind. „Ich mache damit uͤbrigens nur einen demuͤ⸗ „thigen Vorſchlag; ſelbſt wenn mir die Moͤglichkeit „gegeben waͤre, in Bezug auf dieſe Außenſtände „die Initiative zu ergreifen, wuͤrde ich nicht von „ſelbſt handeln, denn mein Wille gehoͤrt nicht mir, „ſondern wie Alles, was ich beſitze, denen, welchen „ich blinden Gehorſam geſchworen habe.“ Ein leichtes Geraͤuſch draußen unterbrach Jo⸗ ſua und erregte deſſen Aufmerkſamkeit. Er ſtand raſch auf und trat an das Fenſter. An der Jalouſie wurde draußen dreimal ange⸗ klopft. „Biſt Du es, Mahal?“ fragte Joſua leiſe. „Ich bin es,“ wurde von außen ebenfalls leiſe geantwortet. „Und der Malaie?“ „Hat ſeinen Auftrag ausgefuͤhrt..“ „Wahrhaftig?“ rief Joſua mit dem Tone gro⸗ ßer Befriedigung aus.„Weißt Du das gewiß?“ „Ganz gewiß. Kein boͤſer Geiſt iſt unerſchro⸗ ckener und gewandter.“ „Und Dſchalma?“ — 16— „Die Stellen aus dem letzten Briefe des Ge⸗ nerals Simon, die ich ihm anfuͤhrte, haben ihn überzeugt, daß ich von dem General käme und daß er ihn in den Ruinen von Tſchandi finden werde.“ „Alſe jett. „Iſt Dſchalma in den Ruinen, wo er den Schwarzen, den Meſtizen und den Hindu finden wird. Sie haben dahin auch den Malaien beſchie⸗ den, der den Fuͤrſten im Schlafe tättowirt hat.“ „Haſt Du den unterirdiſchen Gang unter⸗ ſucht?“ i „Ich war geſtern dort.. Ein Stein der Un⸗ terlage der Bildſaͤule laͤßt ſich drehen, die Treppe iſt breit, es wird hinreichen.“ „Und die drei Vorſteher hatten keinen Verdacht gegen Dich?“ „Nein. Ich habe ſie dieſen Morgen geſehen und heute Abend hat der Malaie mir Alles erzäͤhlt, ehe er ſich zu ihnen in die Ruinen von Tſchandi begab. Er blieb in dem Gebuͤſch verborgen, da er am Tage nicht dahin zu gehen wagt.“ „Mahal, wenn Du mir die Wahrheit geſagt haſt, wenn Alles gelingt, iſt Dir die Begnadigung und eine große Belohnung gewiß. Ich habe be⸗ reits einen Platz auf dem„Ruyter“ fuͤr Dich beſtellt, Du wirſt morgen abreiſen und alſo vor der Rache der Wuͤrger geſchuͤtzt ſein, die Dich bis hierher verfolgen wuͤrden, um den Tod ihrer Vor⸗ ſteher zu rächen, da die Vorſehung Dich auserko⸗ — ren hat, dieſe drei großen Verbrecher der Gerech⸗ tigkeit zu uͤberliefern. Gott wird Dir's vergelten. Erwarte mich jetzt an der Thuͤre des Gouverneurs; ich werde Dich bei ihm einfuͤhren.. Es handelt ſich um ſo wichtige Angelegenheiten, daß ich mich nicht bedenke, mitten in der Nacht zu ihm zu ge⸗ hen.. Geh ſchnell,— ich folge Dir ſogleich.“ Man hoͤrte die eiligen Schritte Mahals drau⸗ ßen, der ſich entfernte, worauf wieder tiefe Stille in dem Hauſe herrſchte. Joſua kehrte an ſeinen Schreibtiſch zuruͤck und ſchrieb geſchwind noch folgende Worte unter den Brief: „Was auch geſchehen mag, jetzt kann Dſchalma „Batavia unmoͤglich verlaſſen. Beruhigen Sie ſich „alſo; er wird am 13. Febr. naͤchſten Jahres nicht „in Paris ſein. „Ich werde, wie ich es vorausgeſehen, die heu⸗ „tige ganze Nacht aufſein. Jetzt eile ich zu dem „Gouverneur. Morgen werde ich noch einige Worte „dieſem langen Schreiben hinzuſetzen, welches das „Dampfſchiff„Ruyter“ nach Europa bringen wird.“ Nachdem er ſeinen Schreibtiſch verſchloſſen hatte, klingelte Joſua ſtark und ging zur großen Verwun⸗ derung ſeiner Leute, die uͤberraſcht waren, ihn in der Nacht ausgehen zu ſehen, eilig nach der Woh⸗ nung des Gouverneurs der Inſel. Wir fuͤhren den Leſer in die Ruinen von Tſchandi. — Fünftes Kapitel. Die Ruinen von Fſchandi. Auf das Gewitter am Mittage, deſſen Annä⸗ herung fuͤr die Plaͤne des Wuͤrgers auf Dſchalma ſo vortheilhaft geweſen, iſt eine ſtille heitere Nacht gefolgt. Die Mondesſcheibe ſteigt langſam hinter einem Haufen impoſanter Truͤmmer empor, die in einem. dichten Walde, ungefähr drei Stunden von Bata⸗ via, auf einem Huͤgel liegen. Gewaltige Stinſchichten, verwitterte hohe Mau⸗ ern von gebrannten Steinen und von Pflanzen uber⸗ wucherte weite Hallen treten ſcharf von dem ſilber⸗ nen Lichtſchimmer hervor, der am Horizonte mit dem klaren Himmelblau verſchmilzt. Einige Mondſtrahlen, welche durch die Oeff⸗ nung einer dieſer Hallen hereinfallen, beleuchten zwei rieſenhafte Bildſaͤulen, die am Fuße einer un⸗ geheuern Treppe ſtehen, deren aus den Fugen ge⸗ wichene Stufenplatten faſt ganz unter dem Graſe, dem Mooſe und Gebuͤſch verſchwinden. Die Ueberreſte einer dieſer Bildſaͤulen, die in der Mitte abgebrochen iſt, liegen am Boden; die andere ſteht noch ganz und gewaͤhrt einen grauen⸗ vollen Anblick. Sie ſtellt einen Mann im rieſenhaften Ver⸗ hältniſſe dar; der Kopf iſt drei Fuß hoch und hat —— einen grimmigen Ausdruck; ein Augenpaar von gläͤnzendem ſchwarzen Schiefer iſt in das graue Geſicht eingeſetzt; der große, tiefe Mund iſt maß⸗ los aufgeſperrt und Schlangen niſten zwiſchen ſei⸗ nen Steinlippen; man erkennt darin im Mondes⸗ lichte ein häßliches Gewimmel und Geringel. Ein breiter Guͤrtel mit ſymboliſchen Verzie⸗ rungen umgiebt den Leib dieſer Bildſaͤule und traͤgt an der rechten Seite ein langes Schwerdt. Dieſer Rieſe ſtreckt vier Arme von ſich und traͤgt in den vier großen Haͤnden einen Elephantenkopf, eine zuſammengerollte Schlange, einen Menſchenſchädel und einen reiherartigen Vogel. Der Mond, der dieſe Statue von der Seite beleuchtet, umgiebt ſie mit hellem Lichte, das die grimmige Seltſamkeit derſelben noch grauenhafter macht. Hier und da an den halbzuſammengeſturzten Mauern ſieht man einige Bruchſtuͤcke von Basre⸗ liefs ebenfalls von Stein; eines der am beſten er⸗ haltenen ſtellt einen Mann mit Elephantenkopfe und Fledermausflugeln dar, welcher ein Kind ver⸗ zehrt. Es kann nichts Schauerlicheres geben, als dieſe Ruinen, die mit entſetzlichen Sinnbildern be⸗ deckt und von dunkelgruͤnen Baumgruppen umge⸗ ben ſind, im Mondeslichte bei tiefer naͤchtlicher Stille. 8 — An einer Mauer dieſes Tempels, der irgend einer geheimnißvollen und blutgierigen Gottheit ge⸗ widmet geweſen war, lehnt eine plump aus Stein⸗ truͤmmern gebauete Huͤtte. Die Thuͤre aus Rohr⸗ geflecht ſteht offen und es dringt aus ihr ein roͤth⸗ licher Schein heraus, der ſeine grellen Reflexe auf das hohe Gras wirft, von welchem der Boden be⸗ deckt iſt. In dieſer Huͤtte, die durch eine Thonlampe beleuchtet wird, in welcher ein mit Palmenoͤl ge⸗ traͤnkter Baumwollenfaden brennt, ſind drei Maͤn⸗ ner beiſammen. Der erſte dieſer drei Maͤnner, der ungefaͤhr vierzig Jahre zaͤhlt, iſt in europaiſcher Art, aber aͤrmlich gekleidet; ſeine bleiche, faſt weiße Geſichts⸗ farbe verraͤth, daß er dem Miſchlingsgeſchlechte angehoͤrt. Er iſt der Sohn eines weißen Vaters und einer Hindu⸗Mutter. Der zweite iſt ein kraftiger afrikaniſcher Neger mit dicken Lippen, ſtarken Schultern und duͤnnen 3 Beinen. Sein krauſes Haar beginnt zu ergrauen. Er iſt von Lumpen bedeckt und ſteht neben dem Hindu. Der dritte liegt auf einer Matte in einer Ecke der Huͤtte und ſchläft. Dieſe drei Männer ſind die drei Vorſteher der Wuͤrger, die vor der Verfolgung auf dem indi⸗ ſchen Feſtlande unter der Fuͤhrung des Schmugg⸗ lers Mahal eine Zuflucht auf Java geſucht hatten. „Der Malaie kommt nicht zurück,“ ſagte der Meſtize, Faringhea mit Namen, das gefuͤrchtetſte Oberhaupt der Moͤrderbande;„vielleicht iſt er bei der Vollziehung unſerer Befehle von Dſchalma er⸗ mordet worden.“ 4 „Das Gewitter am Vormittage hatte alle Schlan⸗ gen aus der Erde herausgetrieben,“ ſprach der Ne⸗ ger;„vielleicht iſt der Malaie gebiſſen worden und vielleicht iſt ſein Koͤrper jetzt nichts als ein Schlan⸗ genneſt.“ „Um das gute Werk zu foͤrdern,“ fuͤgte Fa⸗ ringhea hinzu,„muß man dem Tode zu trotzen wiſſen.“ „Und ihn zu geben verſtehen,“ ſetzte der Neger hinzu. Ein erſtickter Schrei, dem einige unarticulirte Worte folgten, ekregte die Aufmerkſamkeit dieſer beiden Maͤnner, die raſch das Geſicht nach dem Schlafenden hinwendeten. Dieſer war hoͤchſtens dreißig Jahre alt, bart⸗ los und gelblichkupferfarbig. Sein Gewand von grobem Zeuge und ſein kleiner gelb und braunge⸗ ſtreifter Turban zeigten an, daß er der reinen Hindu⸗ Race angehoͤrte. Sein Schlaf ſchien durch einen beaͤngſtigenden Traum geſtoͤrt zu werden; ſein von Schrecken verzerrtes Geſicht war von Schweiß be⸗ deckt; er ſprach im Traume; ſeine Stimme war kurz, abgeſtoßen und er begleitete ſie mit einigen krampfhaften Bewegungen. Der ewige Jude. IV. „Immer dieſer Traum!“ ſagte Faringhea zu dem Neger;„immer die Erinnerung an dieſen Mann!“ „An welchen Mann?“ „Erinnerſt Du Dich nicht, daß der grimmige Oberſt Kennedy, der Henker der Hindu, vor funf Jahren an das Ufer des Ganges gekommen war, um mit zwanzig Pferden, vier Elephanten und funfzig Dienern den Tiger zu jagen?“* „Ja, ja,“ ſagte der Neger,„und wir drei, Menſchenjäger, hielten eine beſſere Jagd als er.. Kennedy mit ſeinen Pferden, Elephanten und zahl⸗ reichen Dienern bekam den Tiger nicht,— wir aber bekamen den unſerigen,“ ſetzte er mit unheim⸗ licher Stimme hinzu..„Kennedy, dieſer Tiger mit dem Menſchengeſichte, fiel in unſern Hinterhalt und die Bruͤder vom guten Werke brachten dieſe ſchoͤne Beute ihrer Göͤttin Bohwanie.“ „Wir hatten eben die Schnur um den Hals Kennedys zum letztenmale zuſammengezogen, als wir, wie Du Dich erinnern wirſt, plötzlich jenen Reiſenden erblickten.. Er hatte uns geſehen und wir mußten ihn aus dem Wege raͤumen. Seit dem,“ fuhr Faringhea fort,„verfolgt ihn die Er⸗ innerung an jenen Mord im Traume“— und er zeigte auf den ſchlafenden Hindu. „Er verfolgte ihn auch im Wachen,“ ſagte der Neger, indem er Faringhea mit bedeutungsvollem Blicke anſah. „ — „Hoͤre nur,“ ſagte dieſer, indem er auf den Hindu zeigte, der in der Angſt ſeines Traumes wieder zu ſprechen anfing;„hoͤre nur, da wieder⸗ holt er die Antworten jenes Mannes, als wir ihm die Wahl ſtellten, ob er ſterben oder mit uns am „guten Werke“ arbeiten wolle. Sein Geiſt iſt gebeugt, immer gebeugt.“ Der Hindu ſprach wirklich in ſeinem Traume ganz laut eine Art räthſelhaften Verhoͤres, die Fra⸗ gen und auch die Antworten. „Reiſender,“ ſagte er in kurz abgebrochenen Satzen,„warum dieſer ſchwarze Streifen auf Dei⸗ ner Stirn? Er zieht ſich von einer Schlaͤfe zur andern,— und iſt ein bedeutungsvolles Zeichen. Der Blick iſt traurig wie der Tod. Biſt Du ein Opfer geweſen? So komme zu uns. Bohwanie raͤcht die Opfer. Haſt Du gelitten?— Ja, ich habe viel gelitten.— Seit langer Zeit?— Ja, ſeit ſehr langer Zeit.— Du leideſt noch? — Immer.— Was behaͤltſt Du dem vor, der Dich leiden ließ?— Mitleiden.— Willſt Du Streich mit Streich vergelten?— Ich gebe Liebe fuͤr Haß.— Wer biſt Du denn, daß Du Gutes fur Boͤſes giebſt?— Ich bin der, wel⸗ cher liebt, leidet und verzeiht.“ „Bruder, horſt Du?“ ſagte der Neger zu Fa⸗ ringhea.„Er hat die Worte nicht vergeſſen, die jener Mann vor dem Lode ſprach.“ 2 —— „Das Traumbilb verfolgt ihn.. Hoͤre! Er ſpricht noch. Wie bleich er ausſieht!“ Der Hindu fuhr wirklich in ſeinem Traume fort: „Reiſender, wir ſind drei, wir ſind muthig, wir haben den Tod in unſern Händen und Du haſt uns dem„guten Werke“ opfern ſehen. Schließe Dich uns an oder ſtirb— ſtirb— ſtirb! O welcher Blick! Nicht ſo.., ſieh' mich nicht ſo an!“ Während der Hindu dieſe letztern Worte ſprach, machte er eine haſtige Bewegung, gleich als wolle er einen Gegenſtand von ſich entfernen, der ſich ihm näherte, und er erwachte. Da ſtrich er mit der Hand uͤber die ſchweißbedeckte Stirn und ſah verſtoͤrt um ſich. „Bruder, noch immer dieſer Traum?“ ſprach Faringhea zu ihm..„Dein Kopf iſt ſchwach fuͤr einen kuͤhnen Menſchenjaͤger. Zum Gluͤck iſt Dein Herz und Dein Arm ſtark.“ Der Hindu antwortete einen Augenblick nicht und hielt die Stirn mit ſeinen Haͤnden bedeckt; dann entgegnete er: „Ich hatte ſeit langer Zeit nicht von dieſem Reiſenden geträumt..“ „Iſt er nicht todt?“ ſprach Faringhea achſel⸗ zuckend.„Haſt Du ihm nicht die Schnur um den Hals gezogen?“ — 25— „Ja,“ antwortete der Hindu ſchaudernd. „Haben wir nicht ſein Grab gegraben neben dem des Oberſten Kennedy? Haben wir ihn nicht hineingelegt wie den engliſchen Henker, unter den Sand und die Binſen?“ fragte der Neger. „Ja, wir haben das Grab gegraben,“ entgeg⸗ nete der Hindu ſchaudernd;„aber vor einem Jahre war ich an dem Thore von Bombay. Ich wartete da eines Abends auf einen unſerer Brhder. Die Sonne ging hinter der Pagode unter, die im We⸗ ſten auf dem kleinen Huͤgel ſteht; ich ſehe dies alles noch vor mir; ich ſaß unter einem Feigen⸗ baume und hoͤrte einen ruhigen, langſamen, feſten Tritt; da drehete ich mich um, er war es, er kam aus der Stadt.“ „Traumbild!“ rief der Neger aus;z„immer der Traum!“ „Traum!“ ſetzte Faringhea hinzu,„oder eine gewiſſe Aehnlichkeit.“ „Ich erkannte ihn an dem ſchwarzen Streifen auf ſeiner Stirn; er war es; ich erſtarrte vor Ent⸗ ſetzen und ſtierte ihn an. Er blieb ſtehen und richtete ſeinen ruhigen, traurigen Blick auf mich. Da rief ich unwillkuͤhrlich aus: er iſt es!— Ich bin es, antwortete er mit ſeiner ſanften Stimme; alle die, welche Du umgebracht haſt, wer⸗ den auferſtehen wie ich. Und er zeigte gen Himmel. Warum toͤdten? Poͤre mich an! Ich komme von Japg und gehe an das an⸗ — dere Ende der Welt, in ein Land ewigen Schnees,— dort oder hier, auf einem feuerigen Boden oder auf einem eiſigen, ich bleibe immer derſelbe. So iſt es mit der Seele derer, die unter Deiner Schnur fallen, hier unten oder da oben,— in die⸗ ſer Huͤlle oder in einer andern— die Seele bleibt immer eine Seele— Du kannſt ſie nicht erreichen.. Warum toͤdten?— Da⸗ bei ſchuͤttelte er traurig das Haupt und ſchritt vor⸗ uͤber, immer langſam, den Kopf geſenkt. Er ging ſo den Pagoden⸗Huͤgel hinanz ich ſah ihm nach, ohne mich ruͤhren zu koͤnnen. In dem Augen⸗ blicke als die Sonne unterging, blieb er auf dem Gipfel des Verges ſtehen; ſeine hohe Geſtalt zeich⸗ nete ſich am Himmel ab, dann verſchwand er.— O er war es!“ ſetzte der Hindu nach einer langen Pauſe ſchaudernd hinzu.„Er war es!“ Die Erzählung des Hindu hatte nie anders gelautet, denn er hatte oft mit ſeinen Genoſſen von dieſem ſeltſamen Abenteuer geſprochen. Sein unveraͤnderliches Verharren dabei erſchuͤtterte end⸗ lich ihre Ungläubigkeit oder vermochte ſie vielmehr, eine natuͤrliche Urſache dieſes ſcheinbar uͤbernatuͤt⸗ lichen Ereigniſſes zu ſuchen. „Vielleicht,“ ſprach Faringhea nach kurzem Nachdenken,„iſt die Schleife, die den Hals des Reiſenden umſchnuͤrte, nicht feſt genug gezogen ge⸗ weſen und es blieb noch ein Funken von Leben in ihm. Vielleicht drang die Luft durch die Binſen hindurch, mit denen wir ſein Grab bedeckten und er wurde ſo wieder lebendig.“ „Nein, nein,“ ſprach der Hindu kopfſchuͤttelnd. „Der Mann gehoͤrt nicht zu unſerm Geſchlechte..“ „Wie meinſt Du das?“ „Ich weiß jetzt. „Du weißt.2“ „Hoͤrt mich an,“ ſprach der Hindu mit feier⸗ licher Stimme.„Die Zahl der Opfer, welche die Kinder Bohwanies ſeit dem Anfange der Jahrhun⸗ derte geopfert haben, iſt nichts im Vergleich mit der unermeßlichen Zahl der Todten und Sterben⸗ den, welche dieſer ſchreckliche Wanderer auf ſeinem moͤrderiſchen Gange hinter ſich läßt.“ „Er?“ riefen der Neger und Faringhea aus. „Er!“ wiederholte der Hindu in einem Tone der Ueberzeugung, der ſeinen Gefährten auffiel. „Hoͤret weiter und zittert. Als ich dieſem Wan⸗ derer an dem Thore von Bombay begegnete, kam er von Java und ging nach dem Norden, ſagte er. Am andern Tage wurde Bombay durch die Cholera heimgeſucht und einige Zeit nachher erfuhr man, daß dieſe Seuche zuerſt hier, auf Java, aus⸗ gebrochen ſei.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Neger. „Hoͤrt weiter!“ fuhr der Hindu fort.„Ich gehe nach Norden, nach einem Lande ewigen Schnees, ſagte der Wanderer zu mir,„Die Cholera zog auch — nach dem Norden, ſie ging uͤber Mascate, Ispa⸗ han, Tauris, Tiflis und gelangte nach Sibirien.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Faringhea, der nach⸗ denkend geworden war. „Und die Cholera,“ fuhr der Hindu fort,„zog nur fuͤnf bis ſechs Stunden täglich weiter, ſo weit ein Menſch wandert.— Sie zeigte ſich nie an zwei Orten zugleich, aber ſie zog langſam gleich⸗ maßig weiter, immer wie ein Menſch geht.“ Die beiden Genoſſen des Hindu ſahen einan⸗ der erſtaunt an. Nach einer Pauſe von einigen Minuten ſagte der erſchrockene Neger zu dem Hindu: „Wie? Du glaubſt, jener Mann.2 „Ich glaube, daß jener Mann, den wir ge⸗ tödtet haben und den eine boͤſe Gottheit wieder lebendig gemacht, von dieſer den Auftrag erhalten hat, dieſe ſchreckliche Seuche auf der Erde herum⸗ zutragen und den Tod, vor dem er ſelbſt geſichert iſt, auf allen ſeinen Schritten auszuſtreuen. Er⸗ innert Euch,“ ſetzte der Hindu in duſterer Begei⸗ ſterung hinzu,„erinnert Euch, jener furchtbare Wanderer iſt uͤber Java gegangen— die Cholera hat Java verwuͤſtet—; der Wanderer kam durch Bombay,— die Cholera hat Bombay verheert; der Wanderer ging nach Norden und die Cholera hat den Norden verheert.“ Nach dieſen Worten verſank der Hindu wieder in tiefes Sinnen. ——.— —— Der Neger und Faringhea waren von Staunen ergriffen. Der Hindu hatte uͤber den geheimnißvollen (bisher noch nicht erklaͤrten) Gang jener entſetzlichen Geißel, die bekanntlich täglich nie uͤber fuͤnf bis ſechs Stunden weiterruckte und nie gleichzeitig an zwei Orten erſchien, die Wahrheit geſagt. Es kann nichts Seltſameres geben, als auf den Karten, die damals erſchienen, den langſamen fortſchreitenden Gang dieſer wandernden Seuche zu verfolgen, welcher dem erſtaunten Auge alle Launen und Vorfälle des Ganges eines Menſchen darbietet. Sie wendete ſich lieber hierhin, ſtatt daher, wählte Provinzen in einem Lande, Staͤdte in den Provinzen, einen Theil in einer Stadt, eine Straße in einem Stadttheile, ein Haus in einer Straße aus, hatte ſelbſt ihre Aufenthalts⸗ und Ruheplatze und ſetzte dann ihre langſame, ge⸗ heimnißvolle, ſchreckliche Wanderung fort. Die Worte des Pindu, der auf dieſe grauen⸗ hafte Seltſamkeit hindeutete, mußten einen tiefen Eindruck auf den Neger und Faringhea machen, jene rohen Maͤnner, die durch entſetzliche Lehren zur Monomanie des Mordes gebracht worden waren. Ja. denn(und das iſt eine beglaubigte That⸗ ſache) es gab in Indien Anhänger jenes abſcheu⸗ lichen Bundes, Leute, die faſt immer ohne Veran⸗ laſſung, ohne Leidenſchaft mordeten, nur um zu — morden, aus Mordluſt, um den Tod an die Stelle des Lebens zu ſetzen, um aus einem Lebenden einen Leichnam zu machen, wie ſie ſich in einem Verhoͤre ausdruͤckten. Der Geiſt ſcheut ſich, die Urſache dieſer grauen⸗ haften Erſcheinung zu ergruͤnden. Welche unglaub⸗ liche Reihe von Ereigniſſen brachte Menſchen da⸗ hin, ſich dieſem Prieſterthume des Todes zu wid⸗ men? Ohne Zweifel kann eine ſolche Religion nur in Laͤndern bluͤhen, die, wie Indien, der entſetzlichſten Sclaverei, der unbarmherzigſten Benutzung des Menſchen durch den Menſchen verfallen ſind. Iſt nicht eine ſolche Religion der durch Be⸗ druͤckung bis zum aͤußerſten Grade geſteigerte Haß gegen die Menſchheit? Vielleicht hat ſich dieſe Morderſecte, deren Urſprung ſich im Dunkel der Zeiten verliert, als einzig moͤgliche Proteſtation der Sclaverei gegen den Despotismus in jenen Gegen⸗ den fortgepflanzt. Vielleicht hat Gott zu ſeinen unerforſchlichen Zwecken Phanſigars geſchaffen, wie er Tiger und Schlangen ſchuf. Noch iſt bei dieſer grauenhaften Verbruͤderung jenes geheimnißvolle Band merkwuͤrdig, das alle ihre Glieder unter einander vereiniget und von den andern Menſchen trennt, denn ſie haben eigen⸗ thuͤmliche Geſetze und eigenthuͤmliche Gebräuche; ſie unterſtuͤtzen einander, ſtehen einander bei, opfern ſich für einander auf; aber es giebt fuͤr ſie weder —— — Vaterland noch Familiez ſie ſtehen nur unter einer ſchauerlichen unſichtbaren Macht, deren Beſchluͤſſen ſie mit blinder Unterwuͤrfigkeit gehorchen und in deren Namen ſie ſich uͤberall hin verbreiten, um Leichname zu machen, wenn wir uns eines ihrer gräͤßlichen Ausdrucke bedienen duͤrfen.*) ⸗„„„„.„„ Hier einige Stellen aus bem ſo merkwürdigen Buche des Herrn Grafen von Warren über das engliſche Indien im Jahre 1831. „Außer den Dieben, wolche um ber Beute willen morben, die ſie bei den Reiſenden zu finden glauben, giebt es noch eine Claſſe Mörder, die eine organiſirte Geſellſchaft bilden mit Vorſtehern, einer Wiſſen⸗ ſchaft, einer Freimaurerei und ſelbſt einer Religion, die ihren Fana⸗ tismus und ihre Hingebung, ihre Diener, Sendboten, Mitarbei⸗ ter, Streiter und unthätige Anhänger hat, welche mit ihrem Gelde zum„guten Werke“ beitragen. Es iſt dies der Vund der Thugs oder Phanſigars(Täuſcher oder Würger, von thugna, täuſchen, Phansna, erwürgen), eine religiöſe und induſtrielle Verbindung, welche das Menſchengeſchlecht ausbeutet, indem ſie daſſelbe mordet, und deren Urſprung ſich in dem Dunkel der Vorzeit verliert. „VBis zum Jahre 1810 war ihr Daſein nicht blos den europäiſchen Eroberern, ſondern ſelbſt den einheimiſchen Regierungen unbekannt. Zwiſchen den Jahren 1816 und 1830 waren mehrere ihrer Schaaren auf der That ergriffen und beſtraft worden, aber bis zu ber letztern Zeit erſchienen alle Enthüllungen, welche die erfahrenſten Beamten über ſie gemacht haben, zu monſtrös, als baß ſie die Aufmerkſamkeit des Publicums erregen oder Glauben finden konnten; man wies ſie vielmehr verächtlich als Träume einer wahnſinnigen Phantaſie zu⸗ rück. Gleichwohl fraß ſeit mehrern Jahren, wenigſtens ſeit einem halben Jahrhunderte, dieſe ſociale Wunde die Emwohner in immer weiter um ſich greifender Weiſe hinweg, von dem Fuße des Himalaia bis zum Cap Comorin, von Cutſch bis Aſſam. „Im Jahre 1830 enthüllten die Ausſagen eines berühmten Ober⸗ hauptes, dem man bas Leben unter der Bedingung ſchenkte, daß er ſeine Mitſchuldigen angebe, das ganze Syſtem. Die Grundlage der Thug⸗Geſellſchaft iſt ein religiöſer Glaube, der Cultus Bohwanies, „ Einige Augenblicke ſchwiegen die drei Wuͤrger. Draußen ergoß der Mond noch immer ſein hel⸗ les weißes Licht und warf blaͤuliche Schatten auf einer grauenhaften Gottheit, die nur an Blutvergießen Wohlgefallen ſindet und beſonders das Menſchengeſchlecht verabſcheut. Die ihr an⸗ genehmſten Opfer ſind Menſchenopfer, und je mehr ihr in tieſer Welt vargebracht werden, um ſo mehr entſchädiget ſie dafür in der andern durch immer neue Genüſſe. Wenn der Mörder auf ſeinem Pfade auf das Blutgerüſt ſtößt, ſo ſtirbt er mit der Begeiſterung eines Märty⸗ rers, weil er die Palme des Lohnes erwartet. Er mordet, um ſeiner göttlichen Gebieterin zu gehorchen, ohne Zorn und ohne Reue den Greis, das Weib und das Kind, und iſt gegen ſeine Glaubensgenoſ⸗ ſen freigebig, liebevoll und aufopfernd und giebt Alles zu dem gemein⸗ ſamen Schatze, weil alle gleich ihm Adoptiv⸗Kinder Bohwanies ſinb. Die Tödtung von ſeines Gleichen, die ſeiner Secte nicht angehören, die Verringerung des Menſchengeſchlechts, iſt das Ziel, das er ver⸗ folgt, nicht um Reichthum zu gewinnen, denn die Beute iſt eine Ne⸗ benſache, eine zwar ſehr angenehme, aber doch nur untergeordnete Zugabe. Die Vernichtung iſt ſein Zweck, ſeine himmliſche Aufgabe, ſein Beruf, aber auch die angenehme Befriedigung einer Leidenſchaft, denn die Menſchenjagd iſt ſeiner Anſicht nach die genußreichſte aller Jagden.„Ihr findet ein großes Vergnügen darin,“ hörte ich einen der Verurtheilten ſagen,„das wilde Thier zu verfolgen, den Eber, den Tiger anzugreifen, weil dabei Gefahren zu beſtehen, Kraft und Muth zu entwickeln ſind. So bedenkt, um wie viel größer der Reiz ſein muß, wenn man mit dem Menſchen kämpft, wenn man den Menſchen tödtet! Statt nur eine Fähigkeit, den Muth, zu üben, muß hier Muth, Schlauheit, Vorſicht, Beredtſamkeit, Diplomatie aufgeboten werden; welche Springfedern ſind da in Bewegung zu ſetzen, welche Mittel zu entwickeln! Mit allen Leidenſchaften zu ſpie⸗ len, ſelbſt die Saiten der Liebe und der Freundſchaft anklingen zu laſ⸗ ſen, um die Beute in das Netz zu locken, iſt eine erhabene Jagd, iſt berauſchend, iſt ein Wahnſinn, ſage ich.“ „Wer in den Jahren 1831 und 1832 in Indien geweſen iſt, wird ſich des Staunens und Entſetzens erinnern, das die Entdeckung bieſer ungeheuern Höllenmaſchine in der ganzen Geſellſchaft verbreitete. Viele Juſtiz⸗ und Verwaltungsbeamte wollten nicht daran glauben und konnten nicht begreifen, daß ein ſo weit greifendes Shſtem ſo —5 — — —— die gewaltigen Truͤmmermaſſen; die Sterne funkel⸗ ten am Firmamente und von Zeit zu Zeit rauſchte ein leichter Luftzug in den dichten glaͤnzenden Blaͤt⸗ tern der Palmen. Das Fußgeſtell der rieſenhaften Bildſäule, die noch vollſtaͤndig erhalten war und links von der Halle ſtand, ruhete auf großen Steinplatten, die zur Hälfte unter dem Gebuͤſch verborgen waren. Plötzlich ſchien eine dieſer Steinplatten einzu⸗ ſinken. Aus der Höhlung, die ſich geräuſchlos bildete, kam ein Mann in Uniform mit dem halben Koͤr⸗ per heraus, ſah ſich aufmerkſam um und horchte. Als er den Schein der Lampe, welche das In⸗ nere der Huͤtte erhellte, auf dem hohen Graſe zit⸗ tern ſah, kehrte er um und winkte; bald ſtieg er dann mit zwei Soldaten in der großten Stille und mit der aͤußerſten Vorſicht die letzten Stufen der unterirdiſchen Treppe herauf und alle Drei ſchluͤpf⸗ ten durch die Ruinen. Einige Augenblicke bewegten ſich ihre Schatten an den mondbeleuchteten Theilen des Bodens hin, dann verſchwanden ſie hinter eingeſturzten Mauer⸗ flaͤchen. In dem Augenblicke, als die dicke Steinplatte ——— lange, unter ihren Augen, in der Stille, ohne ſich zu verrathen, den Staatskörper zerſtört habe.(LInde anglaise en 1831, par Mr. le comte Edouard de Warren. 2 vol. 8. Paris 1844.) — ihren Platz wieder einnahm, hätte man die Köpfe mehrerer Soldaten, die in dieſer Hoͤhle verſteckt lagen, ſehen koͤnnen. Der Meſtize, der Hindu und der Neger, die noch immer nachdenkend in der Huͤtte ſaßen, hatten nichts bemerkt. Sechſtes Kapitel. Der Hinterhalt. Der Meſtize Faringhea, der ſich ohne Zweifel von den ſchauerlichen Gedanken losmachen wollte, welche die Worte des Hindu uͤber die geheimniß⸗„ volle Wanderung der Cholera in ihm geweckt hat⸗ ten, gab dem Geſprach plotzlich eine andere Rich⸗ tung. Ein unheimliches Feuer glaͤnzte in ſeinem Auge, ſeine Zuͤge nahmen einen Ausdruck wilder Begeiſterung an und er rief aus: „Bohwanie wird immer uͤber uns wachen, den unerſchrockenen Menſchenjägern. Bruͤder, Muth! Muth! Die Welt iſt groß und wir finden unſere Beute uͤberall. Die Englander noͤthigen uns, die drei Oberhäupter des„guten Werkes“, Indien zu verlaſſen; was ſchadet das? Wir laſſen dort un⸗ ſere Bruͤder zuruͤck, die ſo verborgen, ſo zahlreich und ſo ſchrecklich ſind wie die ſchwarzen Scorpione, die ihre Anweſenheit erſt durch den tödtlichen Stich verrathen. Die Verbannung erweitert unſer Ge⸗ biet. Bruder,“ ſagte er wie inſpirirt zu dem Hindu, „fuͤr Dich America,— fuͤr Dich Africa,“ ſagte er zu dem Neger,„und fuͤr mich, Bruͤder, Europa. Ueberall, wo Menſchen ſind, giebt es Henker und Opfer. Ueberall, wo Opfer ſind, giebt es haß⸗ erfuͤllte Herzen, und unſere Aufgabe iſt es, dieſen Haß mit allen Gluten der Rache zu entflammenz unſere Aufgabe iſt es, durch Liſt und Verlockung alle diejenigen, deren Eifer und Kuͤhnheit uns nuͤtzlich ſein koͤnnen, fuͤr uns, die Diener Bohwa⸗ nies, zu gewinnen. Unter uns und fuͤr uns wett⸗ eifern wir in Hingebung und Selbſtverleugnung und leihen einander Hilfe und Beiſtand. Alle die aber, die uns nicht angehoͤren, ſollen unſere Beute ſein, und wir wollen mitten unter Allen, gegen Alle und trotz Allen einzeln und allein ſtehen. Fuͤr uns darf es kein Vaterland und keine Familie ge⸗ ben. Unſere Familie ſind unſere Bruͤder, unſer Vaterland iſt— die Welt.“ Dieſe rohe Beredtſamkeit machte einen leb⸗ haften Eindruck auf den Neger und den Hindu, welche ſich gewohnlich durch Faringhea beſtimmen ließen, deſſen Verſtand dem ihrigen weit uͤberlegen war, ob ſie gleich Beide die ausgezeichnetſten Ober⸗ haͤupter dieſes blutigen Bundes waren. „Ja, Du haſt Recht, Bruder,“ ſprach der Hindu, der die Begeiſterung Faringhea's theilte,„uns ge⸗ hoͤrt die Welt. Wir wollen ſelbſt hier, auf Java, eine Spur unſerer Anweſenheit zuruͤcklaſſen und vor unſerer Abreiſe das„gute Werk“ auf dieſer Inſel gruͤndenz es wird ſchnell gedeihen, denn das Elend iſt hier groß und die Holländer ſind ſo raub⸗ ſuͤchtig als die Engländer. Bruder, ich habe in den ſumpfigen Reisfeldern, welche denen, die ſie bebauen, immer toͤdtlich ſind, Menſchen geſehen, welche die Noth zu dieſer moörderiſchen Arbeit zwang; ſie waren bleich wie Leichen, und einige, welche durch Krankheit, Anſtrengung und Hunger ermattet waren, ſanken nieder, um nie wieder aufzuſtehen. Bruder, in dieſem Lande wird„das gute Werk“ gedeihen!“ „Am vorigen Abend,“ nahm der Meſtize wie⸗ der das Wort,„war ich am Ufer des Sees hinter einem Felſen. Da kam ein junges Weib; nur einige Lumpen bedeckten kaum ihren Buſen und ihren hagern, von der Sonne verbrannten Leib; auf den Armen hielt ſie ein kleines Kind, das ſie weinend an ihren ausgetrockneten Buſen druckte. Sie kuͤßte das Kind drei Mal und ſagte: Du ſollſt nicht ſo ungluͤcklich ſein als Dein Vater; dann warf ſie es in das Waſſer. Es ſchrie und ver⸗ ſchwand. Bei dem Schrei ſprangen die Caimans, die im Rohr verſteckt lagen, luſtig in den See Bruder, hier tödten die Muͤtter ihre Kinder aus Barmherzigkeit, in dieſem Lande wird„das gute Werk“ gedeihen.“ „Dieſen Morgen,“ ſprach der Neger,„als man den Ruͤcken eines ſchwarzen Sclaven mit Peitſchen⸗ hieben zerriß, trat ein kleiner alter Mann, ein Kaufmann aus Batavia, aus ſeinem Landhauſe, um in die Stadt zuruͤckzukehren. In ſeinem Pa⸗ lankin nahm er traͤge und ungereizt die traurigen Liebkoſungen zweier jener Maͤdchen hin, mit denen er ſeinen Harem bevoͤlkert und die er den Familien abkauft, welche zu arm ſind, um ſie ernaͤhren zu koͤnnen. Der Palankin, in welchem der kleine alte Mann mit den beiden Maͤdchen war, wurde von zwoͤlf ruͤſtigen Burſchen getragen. Bruder, hier giebt es Mutter, die aus Armuth ihre Toͤchter ver⸗ kaufen, Sclaven, die gepeitſcht werden, Menſchen, die wie Laſtthiere andere Menſchen tragen; das gute Werk wird in dieſem Lande gedeihen.“ „In dieſem Lande und in jedem Lande des Druckes, der Armuth und der Sclaverei.“ „Koͤnnten wir alſo doch Dſchalma unter uns aufnehmen, wie es uns Mahal, der Schmuggler, gerathen hat,“ ſagte der Hinduz„unſere Reiſe nach Java wuͤrde dann doppelt gewinnreich ſein, denn wir wuͤrden, ehe wir abreiſen, jenen unternehmen⸗ den und kuͤhnen Juͤngling, der ſo viele Gruͤnde hat, die Menſchen zu haſſen, zu den Unſerigen zählen.“ „Er wird kommen und wir wollen ſeinen Haß noch mehr aufſtacheln.“ —„Ihn an den Tod ſeines Vaters erinnern..“ „An die Ermordung der Seinigen..“ Der ewige Jude. IV. 3 —— „An ſeine Gefangenſchaft..“ „Wenn der Haß ſein Herz entflammt, iſt er der Unſrige.“ Der Neger, der einige Augenblicke nachdenkend dageſeſſen hatte, ſagte ploͤtzlich: „Bruder, wenn Mahal, der Schmuggler, uns hinterginge!“ „Er?“ entgegnete der Hindu faſt mit Un⸗ willen;„er hat uns auf ſeinem Kuͤſtenboote aufge⸗ nömmen, hat unſere Flucht von dem Feſtlande noͤglich gemacht und ſoll uns von hier an Bord e Goelette bringen, die er befehliget, um uns nach Bombay zu fuͤhren, wo wir Schiffe nach Amerika, Europa und Afrika finden werden.“ „Welchen Vortheil koͤnnte Mahal haben, uns zu verrathen?“ fragte Faringhea.. „Nichts wurde ihn vor der Rache der Kinder Bohwanies ſchuͤtzen, er weiß es.“. „Hat er uns nicht verſprochen,“ ſagte der Schwarze,„Dſchalma durch Liſt zu bewegen, hier⸗ her zu uns zu kommen? Iſt er einmal unter uns,— ſo muß er uns angehören.“ „Hat nicht auch der Schmuggler zu uns ge⸗ ſagt: Befehlt dem Malaien, ſich in die Ajupa Dſchalmas zu ſchleichen, ihn im Schlafe zu über⸗ fallen und ſtatt ihn zu toͤdten, wie er es wohl koͤnnte, ihm den Namen Bohwanie auf den Arm zu zeichnen. Dſchalma wird darnach die Entſchloſ⸗ ſenheit, die Gewandtheit und den Gehorſam un⸗ ſerer Bruͤder beurtheilen und einſehen, was er von ſolchen Menſchen zu hoffen oder zu fuͤrchten hat⸗ Er wird aus Bewunderung oder aus Angſt einer der Unſrigen werden.“ „Und wenn er ſich weigert, zu uns zu trezen trotz den Gruͤnden, die er hat, die wn haſſen?“ 6 „Dann wird Bohwanie uͤber ſein Scic 4 entſcheiden,“ ſagte Scih mit finſterer Mis „Ich habe meinen Plan. „Wird es aber dem Malien gelingen, Oſchalma im Schlafe zu uͤberraſchen?“ fragte der Neger. „Keiner iſt kuͤhner, gewandter und ſchlauer als der Malaie,“ ſagte Faringhea..„Er hat den kuͤhnen Muth gehabt, ein ſchwarzes Pantherweibchen, das die Jungen ſaͤugte, in der Hoͤhle zu beſchleichen; er toͤdtete die Alte und nahm ein weibliches Junges weg, das er ſpater an den Capitain eines euro⸗ paͤiſchen Schiffes verkaufte.“ „Es iſt dem Malaien gelungen!“ tief der Hindu aus, indem er auf einen ſeltſamen Ton hoͤrte, der durch die tiefe Stille der Nch und des Waldes klang. „Ja, es iſt der Schrei des Geiers, der ſeine Beute davontraͤgt,“ ſagte der Neger, indem er aufhorchte,„das Signal, durch welches auch un⸗ ſere Bruͤder ankuͤndigen, daß ſie ihre Beule erlangt haben.“ 63 3 Bald nachher erſchien der Malaie an der Thuͤre der Huͤtte. Er war von einem großen hellfarbig geſtreiften Zeugſtuͤcke umhuͤllt. gelungen?“ „Dſchalma wird ſein ganzes Leben lang das Zeichen des„guten Werkes“ tragen,“ antwortete der Malaie ſtolz.„Ich mußte, um zu ihm zu gelangen, Bohwanie einen Menſchen opfern, den ich auf meinem Wege traf; ich ließ den Todten in dem Gebuͤſch neben der Ajupa liegen. Aber Dſchalma traͤgt unſer Zeichen.. Mahal, der Schmuggler, hat es zuerſt erfahren.“ „Und Dſchalma iſt nicht erwacht?“ fragte der Hindu in Verwunderung uͤber die Gewandtheit des Malaien. „Wenn er erwacht wäre,“ antwortete dieſer mit Ruhe,„ſo wäre ich todt, da ich ſein Leben ſchonen ſollte.“ „Weil ſein Leben uns nuͤtzlicher ſein kann als ſein Tod,“ entgegnete der Meſtize, der ſich dann an den Malaien wendete und ſagte:„Bruder, Du haſt heute dadurch, daß Du Dein Leben fuͤr das thaten und morgen wieder thun werden. Heute gehorchſt Du, ein anderes Mal wirſt Du befehlen.“ „Wir gehoren alle der Bohwanie an,“ ent⸗ „Nun?“ fragte der Neger geſpannt;„iſt es „gute Werk“ wagteſt, das gethan, was wir geſtern — gegnete der Malaie.„Was ſoll ich noch thun? Ich bin bereit.“ Wahrend der Malaie ſo ſprach, wendete er das Geſicht nach der Thuͤre der Huͤtte hin. Ploͤtzlich ſprach er: „Da iſt Dſchalmaz er naͤhert ſich der Huͤtte; Mahal hat uns nicht getaͤuſcht.“ „Er darf mich noch nicht ſehen,“ ſagte Faringhea, indem er in einen dunkeln Winkel der Huͤtte trat und ſich unter eine Matte verſteckte.„Sucht ihn zu uͤberreden; weigert er ſich, ſo— habe ich mei⸗ nen Plan.“ Kaum hatte Faringhea dieſe Worte geſprochen und ſich verſteckt, als Dſchalma an der Thuͤre der Huͤtte erſchien. Er wich verwundert zuruͤck, als er dieſe drei Perſonen von verdaͤchtigem Ausſehen erblickte. Da er aber nicht wußte, daß dieſe Maͤnner der Secte der Phanſigars angehorten, ihm aber wohl bekannt war, daß in dieſem Lande, wo es keine Wirths⸗ haͤuſer giebt, die Reiſenden die Naͤchte unter dem Zelte oder in den Ruinen verbringen, die ſie auf ihrem Wege finden, ſo trat er ihnen entgegen, und als ſeine erſte Verwunderung voruͤber war, er auch an der Bronzefarbe des einen dieſer Maͤnner wie an deſſen Kleidung erkannte, daß er ein Hindu ſei, redete er ihn in der hindoſtaniſchen Sprache an: „Ich glaubte hier einen Europaer zu finden, einen Franzoſen..“ „Dieſer Franzoſe.. iſt noch nicht angekommen,“ antwortete der Hindu,„er wird aber bald er⸗ ſcheinen.“ Da der Hindu an der Frage Dſchalmas das Mittel errieth, deſſen ſich Mahal bedient hatte, um ihn in dieſe Schlinge zu ziehen, ſo hoffte er Zeit zu gewinnen, wenn er ihn noch laͤnger in dieſem Irrthume erhalte. „Du kennſt dieſen Franzoſen?“ fragte Dſchalma den Phanſigar. „Er hat uns hierherbeſtellt wie Dich,“ antwor⸗ tete der Hindu. „Warum?“ fragte Dſchalma in immer groͤßerer Verwunderung. „Das wirſt Du bei ſeiner Ankunft erfahren..“ „Der General Simon hat Euch hierher beſtellt?“ „Der General Simon,“ antwortete der Hindu. Es folgte nun eine Pauſe, in welcher Dſchalma ſich vergeblich bemuͤhete, das geheimnißvolle Aben⸗ teuer ſich zu erklären. „Und wer ſeid Ihr?“ fragte er den Hindu mit argwoͤhniſcher Miene, denn das Schweigen der beiden Gefaͤhrten des Phanſigars, die einander un⸗ verwandt anſahen, fing an, ihm verdächtig zu werden. „Wer wir ſind?“ antwortete der Hindu.„Wir ſind Dein, wenn Du unſer ſein willſt.“ „Ich brauche Euch nicht, wie Ihr meiner nicht beduͤrft.“ 3 — „Wer weiß!“ „Ich weiß es.“ „Du irrſt Dich.. Die Englaͤnder haben Dei⸗ nen Vater getoͤdtet;— er war Koͤnig;— man hat Dich gefangen geſetzt, man hat Dich verbannt, — Du beſitzeſt nichts mehr.“ Die Zuͤge Dſchalmas verduͤſterten ſich bei die⸗ ſer ſchmerzlichen Erinnerung. Er zuckte zuſammen und ein bitteres Laͤcheln zog uͤber ſein Geſicht. Der Phanſigar aber fuhr fort: „Dein Vater war gerecht, tapfer, von ſeinen Unterthanen geliebt, man nannte ihn den Vater des Edelſinnigen und er fuͤhrte dieſen Namen mit Recht. Wirſt Du ſeinen Tod nicht raͤchen? Wird der Haß, der an Deinem Herzen nagt, unfrucht⸗ bar ſein?“ „Mein Vater iſt mit den Waffen in der Hand geſtorben und ich habe ſeinen Tod an den Eng⸗ laͤndern geraͤcht, die ich im Kriege toͤdtete. Der, welcher fuͤr mich meinen Vater erſetzte und der auch fur ihn gekäͤmpft hat, ſagt mir, es wuͤrde unſinnig ſein, wenn ich mit den Englaͤndern kaͤmpfen wollte, um mein Reich wieder zu erobern. Als ſie mich in Freiheit ſetzten, habe ich geſchworen, Indien nie wieder zu betreten, und ich halte meine Eide.“ „Die, welche Dich beraubt, Dich gefangen ge⸗ ſetzt, Deinen Vater getödtet haben,— ſind Men⸗ ſchen.. Es giebt andere Menſchen, an denen Du Dich rächen kannſt; laß Deinen Haß auf dieſe fallen.. „Du ſprichſt ſo von den Menſchen und biſt doch ſelbſt ein Menſch.“ „Ich und die, welche mir gleich, ſind mehr als Menſchen. Wir ſind fuͤr das uͤbrige Menſchen⸗ geſchlecht, was die kuͤhnen Jäger fuͤr die wilden Thiere ſind, die ſie in den Waͤldern aufſuchen. Willſt Du uns gleich ſein, mehr als ein Menſch? Willſt Du den Haß, der Dir am Herzen frißt nach dem, was man Dir gethan hat, ſicher, reichlich und ungeſtraft befriedigen?“ „Deine Worte werden immer dunkler; ich trage keinen Haß im Herzen,“ ſprach Dſchalma.„Wenn ein Feind meiner wuͤrdig iſt, ſo kaͤmpfe ich mit ihm, iſt er meiner nicht wuͤrdig, ſo verachte ich ihn.. So haſſe ich weder die Tapfern noch die Feigen.“ „Verrath!“ rief plötzlich der Neger aus, indem er mit einer raſchen Geberde nach der Thuͤre zeigte, denn Dſchalma und der Hindu hatten ſich in dem Geſpraͤche allmaͤlig von dem Eingange entfernt und befanden ſich jetzt in einer Ecke der Huͤtte. Auf den Ruf des Negers ſchob Faringhea, den Dſchalma nicht bemerkt hatte, raſch die Matte, die ihn verbarg, bei Seite, zog ſeinen Dolch, ſprang auf wie ein Tiger und war mit einem Satze aus der Huͤtte hinaus. Als er eine Reihe von Sol⸗ daten vorſichtig herankommen ſah, verſetzte er einem —=— ——— — 5— einen tödtlichen Streich, warf zwei andere nieber und verſchwand unter den Ruinen. Dies Alles geſchah ſo ſchnell, daß Faringhea bereits verſchwunden war, als Dſchalma ſich um⸗ drehete, um zu ſehen, was der Ausruf des Negers zu bedeuten habe. Mehrere Soldaten, die an der Thuͤre ſtanden, legten ſogleich auf Dſchalma und die drei Wuͤrger an, während andere Faringhea verfolgten. Der Neger, der Malaie und der Hindu, welche die Unmoglichkeit des Widerſtandes alsbald einſa⸗ hen, wechſelten raſch einige Worte und reichten dann ihre Hände den Stricken dar, mit denen einige Soldaten verſehen waren. Der holl aͤndiſche Capitain, welcher das Detache⸗ ment commandirte, trat in dieſem Augenblicke in die Huͤtte hinein. „Und dieſer?“ ſagte er, auf Dſchalma deutend, zu den Soldaien, welche die drei Phanſigars banden. „Einer nach dem andern, Herr Hauptmann,“ ſagte ein alter Feldwebel;„die Reihe kommt auch an ihn.“ Dſchalma ſtand wie verſteinert da und konnte ſich das Geſchehene nicht erklaͤren, als er aber den Feldwebel und zwei Soldaten mit Stricken an ihn treten ſah, ſtieß er ſie mit dem hoͤchſten Unwillen zuruͤck und ging raſch an die Thuͤre, wo der Haupt⸗ mann ſtand. Die Soldaten, welche der Meinung waren, Dſchalma wuͤrde ſich eben ſo leicht in ſein Schickſal fugen wie die Andern, hatten dieſen Widerſtand nicht erwartet und wichen einige Schritte zuruͤck, denn die edele wuͤrdevolle Haltung des Sohnes Kadſcha Sings brachte ſie unwillkuͤhrlich in Verle⸗ genheit. „Warum wollt Ihr mich binden, wie dieſe Maͤnner?“ fragte Dſchalma in hindoſtaniſcher Sprache den Officier, der dieſe Sprache verſtand, da er ſchon lange in den holländiſchen Colonien diente. „Warum man Dich binden will, Nichtswuͤr⸗ diger? Weil Du zu dieſer Moͤrderbande gehorſt. Und Ihr fuͤrchtet Euch vor ihm,“ ſetzte der Officier hollaͤndiſch gegen die Soldaten hinzu.„Schlingt ihm den Strick um die Handgelenke, bis man ihm eeinen um den Hals legt.“ „Ihr ſeid im Irrthum,“ erwiderte Dſchalma mit wuͤrdevoller Ruhe und einer Gelaſſenheit, welche den Officier verlegen machte;„ich bin ſeit kaum einer Viertelſtunde hier und kenne dieſe Maͤnner nicht. Ich glaubte einen Franzoſen hier zu finden..“ „Du biſt kein Phanſigar wie ſie? Wer ſoll Dir dieſe Luͤge glauben?“ „Sie!“ rief Dſchalma mit einer ſo naturlichen Bewegung des Abſcheus aus, daß der Officier den Soldaten zuruͤckwinkte, die von neuem vortraten, um den Sohn Kadſcha Sings zu binden.„Dieſe — —%— Maͤnner gehoͤren zu dieſer fuͤrchterlichen Moͤrder⸗ bande und— Sie beſchuldigen mich, ihr Mit⸗ ſchuldiger zu ſein: Dann bin ich ruhig,“ ſprach der junge Mann mit Achſelzucken und einem ver⸗ aͤchtlichen Laͤcheln. „Es genuͤgt nicht, daß Du Dich ruhig nennſt,“ entgegnete der Officier;„man weiß jetzt nach den vielfältigen Ausſagen, an welchen geheimen Zeichen— die Phanſigars erkannt werden..“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich dieſe Moͤrder im hoͤchſten Grade verabſcheue, daß ich nur hier⸗ her gekommen war, um..“ Der Neger unterbrach Dſchalma und ſagte mit boshafter Freude zu dem Officier: „Du haſt es geſagt, die Soͤhne des„guten Werkes“ erkennen einander an Zeichen, die ſie auf ihrer Haut tragen.. Unſere Stunde iſt gekom⸗ men und wir werden unſern Hals dem Strange darbieten.. Wir haben oft genug die Schnur um den Hals derer geſchlungen, die dem„guten Werke“ nicht dienten. Betrachte unſere Arme und den des jungen Mannes.. Der Officier verſtand die Worte des Negers falſch und ſagte zu Dſchalma: „Wenn Du, wie dieſer Neger ſagt, das ge⸗ heime Zeichen nicht an dem Arme traͤgſt— und wir werden uns ſogleich davon uͤberzeugen— und wenn Du Deine Anweſenheit genügend erklaͤren kannſt, ſo wirſt Du nach zwei Stunden in Frei⸗ heit geſetzt werden.“ „Du verſtehſt mich nicht,“ ſagte der Neger zu dem Officier,„der Furſt Dſchalma iſt einer der Unſerigen, denn er hat auf dem rechten Arme den Namen Bohwanies.“ „Ja, er iſt wie wir ein Sohn des„guten Wer⸗ kes,“ ſetzte der Malaie hinzu. „Er iſt Phanſigar wie wir,“ ſagte der Hindu. Die drei Maͤnner, welche der Abſcheu empoͤrte, den Dſchalmg geaͤußert hatte, als er erfuhr, ſie waͤren Phanſigars, ſuchten eine Art Stolz darin, den Glauben zu verbreiten, daß der Sohn Kadſcha⸗ Sings ihrem ſchrecklichen Bunde angehöre. „Was haſt Du darauf zu antworten?“ fragte der Officier Dſchalma. Dieſer zuckte mit mitleidiger Verachtung die Achſeln, ſtreifte mit der rechten Hand den langen weiten Aermel zuruͤck und zeigte ſeinen bloßen Arm. „Welche Frechheit!“ rief der Officier aus. Und man ſah wirklich unterhalb des Ellen⸗ bogens, an der innern Seite des Vorderarmes, in lebhaftem Roth den Namen Bohwanie in hindo⸗ ſtaniſcher Schrift. Der Officier trat raſch zu dem Malaien und entbloßte den Arm deſſelben; er ſah da denſelben Namen, dieſelben Zeichen; aber noch nicht zufrie⸗ den, uͤberzeugte er ſich auch, daß der Neger und der Hindu ſie ebenfalls am Arme trugen. 5— „Elender!“ rief er nun aus, indem er aufge⸗ bracht zu Dſchalma trat;„Du biſt noch veracht⸗ licher als Deine Mitſchuldigen. Bindet ihn wie einen feigen Moͤrder,“ ſagte er zu den Soldaten, „wie einen feigen Moͤrder, der am Rande des Gra⸗ bes luͤgt, denn ſeine Strafe wird nicht lange auf ſich warten laſſen.“ Dſchalma war beſturzt, betaͤubt, ſtierte ſeit eini⸗ gen Augenblicken die verderblichen Zeichen auf ſei⸗ nem Arme an und konnte weder eine Bewegung machen, noch ein Wort ſprechen. Die Gedanken vergingen ihm vor dieſer unbegreiflichen Erſchei⸗ nung. „Willſt Du dieſes Zeichen zu leugnen wagen?“ ſagte der Officier voll Unwillen zu ihm. „Ich kann nicht leugnen.., was ich ſehe,.. was iſt,“ antwortete Dſchalma beſtuͤrzt. „Es iſt ein Gluͤck, daß Du endlich geſtehſt, Elender,“ erwiederte der Officier.„Soldaten, habt ₰ Acht auf ihn und ſeine Mitſchuldigen; Ihr haftet 4 fur ſie.“ B Dſchalma glaubte das Spielwerk eines ſchreck⸗ 6 lichen Traumes zu ſein, er wehrte ſich nicht und ließ ſich ruhig binden und fortfuͤhren. Der Of⸗ ficier hoffte, mit einem Theile ſeiner Soldaten Fa⸗ ringhea unter den Ruinen ausfindig zu machen, aber ſeine Nachſuchungen waren vergeblich und nach einer Stunde kehrte er nach Batavia zuruͤck, nach⸗ dem ihm die Bedeckung der Gefangenen voraus⸗ gegangen war. Einige Stunden nach dieſem Ereigniß beendigte Fia van Daél das lange Schreiben an Rodin in Paris folgendermaßen: —„Die Umſtaͤnde waren von der Art, daß „ich nicht anders handeln konnte, und wenn man „es wohl bedenkt, iſt es doch auch nur ein kleines „Uebel fuͤr ein großes Gut. „Drei Moͤrder ſind der Juſtiz uͤbergeben, und „die Verhaftung Dſchalmas wird nur dazu bei⸗ „tragen, daß er ſeine Unſchuld um ſo glaͤnzender „darthut. „Schon dieſen Morgen bin ich zu dem Gou⸗ „verneur gegangen, um zu Gunſten unſeres jungen „Fuͤrſten zu proteſtiren.— Da die drei großen „Verbrecher durch meine Vermittelung in die Haͤnde „der Behaͤrde gekommen ſind, ſagte ich, ſo zeige „man ſich wenigſtens dadurch dankbar gegen mich, „daß man Alles thut, um die Schuldloſigkeit des Fuͤrſten Dſchalma, der wegen ſeines Ungluͤcks und ſeiner Tugenden ſo viel Theilnahme verdient, ſonnenklar darzulegen. Als ich mich geſtern be⸗ „eilte, dem Gouverneur anzuzeigen, daß man die „Phanſigars in den Ruinen von Tſchandi finden „wuͤrde, erwartete ich naturlich nicht, daß man mit „ihnen den Adoptivſohn des Generals Simon ver⸗ „mengen wuͤrde, jenes vortrefflichen Mannes, mit ——— — „dem ich ſeit einiger Zeit in den ehrenvollſten Ver⸗ „bindungen ſtehe. Es muß um jeden Preis das „unbegreifliche Geheimniß entdeckt werden, welches „Dſchalma in dieſe gefaͤhrliche Lage gebracht hat. „und ich bin, ſetzte ich hinzu, ſo feſt von ſeiner. „Schuldloſigkeit uͤberzeugt, daß ich in ſeinem eignen „Intereſſe nicht um Gnade bitte. Er wird den „Muth beſitzen, um geduldig im Gefaͤngniſſe den „Tag ſeiner Rechtfertigung abzuwarten.“ „Ich ſagte, wie Sie ſehen, in Allem dieſem „die Wahrheit und machte mich auch nicht der „kleinſten Luͤge ſchuldig, denn Niemand in der „Welt kann feſter als ich von der Unſchuld Dſchal⸗ „mas uͤberzeugt ſein.“ „Der Gouverneur antwortete mir, wie ich es „erwartete, daß er naͤmlich moraliſch gleich mir von „der Unſchuld des jungen Fuͤrſten uͤberzeugt ſei, daß „er denſelben mit aller Achtung behandeln wuͤrde, „daß aber die Juſtiz ihren Lauf haben muͤſſe, weil „es das einzige Mittel ſei, die Falſchheit der An⸗ „klage darzuthun und zu entdecken, auf welche un⸗ „begreifliche Weiſe jenes geheime Zeichen auf den „Arm Dſchalmas gekommen iſt 2. „Der Schmuggler Mahal, der allein die Juſtiz „daruͤber aufklären koͤnnte, wird binnen einer Stunde „Batavia verlaſſen haben, um ſich an Bord des „Ruyter“ zu begeben, der ihn nach Europa brin⸗ „gen ſoll, denn er hat dem Capitain einige Zeilen won mir zu uͤberbringen, welche beweiſen, daß „Mahal wirklich derjenige iſt, fuͤr den ich bezahlt „habe. Zu gleicher Zeit wird er dieſes Schreiben „an Bord bringen, denn der„Ruyter“ ſoll binnen „einer Stunde abgehen und die Briefabgabe fuͤr „Europa iſt eigentlich ſchon geſtern Abend geſchloſſen „worden. Ich wollte aber, ehe ich dieſes Schrei⸗ „ben ſchlöſſe, den Gouverneur dieſen Morgen noch „einmal ſehen. „Der Fuͤrſt Dſchalma iſt alſo fuͤr einen Mo⸗ „nat hier mit Gewalt zuruͤckgehalten, und da er „nicht mit dem„Ruyter“ abreiſen kann, iſt es ma⸗ „eriell unmoͤglich, daß der junge Hindu vor dem „13. Febr. nächſten Jahres in Frankreich ſei. „Sie ſehen daraus, daß ich Ihrem Befehle „nach den Mitteln, uͤber die ich verfuͤgen konnte, „blindlings gehorcht und nur den Zweck im Auge „gehabt habe, der ſie rechtfertigen wird, denn es „handelt ſich, wie Sie mir geſchrieben haben, um Hein großes Intereſſe der Geſellſchaft. „Ich bin in Ihren Haͤnden geweſen, was wir „in den Haͤnden unſter Obern ſein muͤſſen, ein „Werkzeug, da zum groͤßern Ruhme Gottes unſte „Obern aus uns, in Bezug auf den Willen, „Leichname machen.*) 6 *) Bekanntlich wirb die Lehre von dem unbebingten unb paſſiven Gehorſame, dem Rngelpunkte der Geſellſchaft Jeſu, in die ſchrecklichen Worte bes ſterbenden Loyola zuſammengefaßt: jedes Mitglied des Ordens wird in den Händen ſeiner Obern wie ein Leichnam ſein. „Laſſen wir alſo immerhin unſere Einigkeit „und unſere Macht laͤugnen; die Zeit ſcheint uns „unguͤnſtig zu ſein; aber nur die Ereigniſſe aͤndern „ſich, wir ſelbſt bleiben unverändert. „Gehorſam und Mucth, Geheimniß und Ge⸗ „duld, Liſt und Kuͤhnheit, Einigkeit und Hinge⸗ „bung unter uns, deren Vaterland die Welt, deren „Familie unſere Bruͤder ſind und deren Koͤnigin „Rom iſt! J V Um zehn Uhr Vormittags ungefaͤhr brach der Schmuggler Mahal mit dieſem verſiegelten Schrei⸗ ben auf, um ſich an Bord des„Ruyter“ zu be⸗ geben. Eine Stunde ſpäter lag der Leichnam des Schmugglers Mahal, der nach der Weiſe der Phan⸗ ſigars erwuͤrgt war, in den Binſen am oͤden Strande verborgen, wo er ſeine Barke geſucht hatte, um ſich an den„Ruyter“ zu begeben.. Als man nach der Abfahrt des„Ruyter“ den Leichnam fand, ließ Joſua vergebens die umfäng⸗ liche Depeſche, die er ihm uͤbergeben hatte, bei ihm ſuchen. Eben ſo wenig fand man den Brief, den Mahal hatte dem Capitain des„Ruyter“ uͤbergeben ſollen, um ſich als Paſſagier auszuweiſen. Die Nachforſchungen, welche in der Umgegend angeſtellt wurden, um Faringhea zu entdecken, blie⸗ ben fortwaͤhrend vergeblich. Der ewige Jude. IV. 4 ger auf Java nie wieder. Das Schloß Cardoville. Erſtes Kapitel. Rodin. Drei Monate ſind vergangen, ſeit Dſchalma unter der Anklage, er gehöre zu der Moͤrderſecte der Phanſigars oder Wuͤrger, in Batavia in Haft gebracht wurde. Die folgende Scene ſpielt in Frankreich, zu Anfange des Februar 1832 im Schloß Cardoville, einer ehemaligen Feudalburg auf hohem Felſen der Kuͤſte der Picardie unweit von Saint Valery, an einer gefährlichen Stelle, wo faſt jedes Jahr mehrere Schiffe mit Mann und Maus in den Nordweſtwinden untergehen, welche die Schifffahrt in dem Canale ſo gefahrvoll machen. Man ſah das grführliche Oberhaupt der Wuͤr⸗ 6 In dem Schloſſe hört man den wilden Orkan draußen toben, der ſich in der Nacht erhob; oft⸗ mals donnert ein furchtbares Gedroͤhn, gleich Ka⸗ nonenſchuͤſſen, in der Ferne und wird von den Echos des ufers wiederholt; es iſt das Meer, das 1 — 55— ſich wuͤthend an den Kuͤſtenfelſen bricht, welche die ehemalige Burg uͤberragt. Es iſt ungefähr ſieben Uhr fruͤh und das Licht ſchimmert noch nicht durch die Fenſter eines gro⸗ ßen Gemaches im Erdgeſchoſſe des Schloſſes. In dieſem Zimmer, das durch eine Lampe erhellt wird, iſt eine Frau von etwa ſechzig Jahren mit ehrli⸗ chem Geſichte und in der Tracht der wohlhabenden Pächterinnen der Picardie trotz der fruͤhen Stunde bereits mit Naͤhen beſchaͤftiget. Weiterhin an einem großen Tiſche ſitzt der Mann dieſer Frau, der mit ihr ungefaähr von gleichem Alter iſt, und packt Waizen⸗ und Haferproben in kleine Säcke, Das Geſicht dieſes Mannes mit weißem Haar iſt klug und offen; es verräth geſunden Verſtand und Recht⸗ lichkeit in Verbindung mit bäueriſcher Schalkhaf⸗ tigkeit; er trägt eine lange Jacke von gruͤnem Tuche und große Jagdgamaſchen von Leder verdecken zum Theil ſeine ſchwarzen Sammtbeinkleider. Der ſchreckliche Sturm, der draußen tobt, ſcheint den Anblick dieſes Stilllebens noch behaglicher zu machen. Ein vortreffliches Feuer glaͤnzt und kni⸗ ſtert in dem großen Kamine von weißem Marmor und wirft ſeinen luſtigen Schein auf den ſorgfaͤltig gebohnten Fußboden. Einen freundlichen Anblick gewaͤhren die Tapeten und die Vorhaͤnge von altem Zitz mit rothen chineſiſchen Muſtern auf weißem Grunde und heiterer noch ſehen die gemal⸗ ten Thuͤrſtuͤcke aus, die Schäferſcenen im Geſchmacke 4* 56 Wateaus darſtellen. Eine Uhr von Porzellan aus Sovres, und dicke, bauchige, gedrehte und geſchweifte Meubles von Roſenholz mit eingelegten gruͤnen Verzierungen vervollſtändigen die Einrichtung dieſes Zimmers. Draußen tobte der Sturm fort und bisweilen verfing ſich der Wind wuͤthend in dem Schorn⸗ ſteine oder ruͤttelte heftig an den Fenſtern. Der Mann, welcher die Getreideproben ordnete, war Dupont, der Verwalter des Gutes und Schloſſes Cardoville. „Heilige Jungfrau! Welches ſchreckliche Wet⸗ ter!“ ſagte ſeine Frau.„Der Herr Rodin, deſſen Ankunft fur dieſen Morgen uns der Geſchaftsfuͤh⸗ rer der Frau Fuͤrſtin von Saint Dizier meldet, hat einen ſchlechten Tag gewählt.“ „Ja, es iſt wahr, einen ſolchen Orkan habe ich ſelten gehoͤrt.. Wenn Herr Rodin das Meer etwa noch nicht zornig geſehen hat, ſo kann er ſich heute an dieſem Schauſpiele ſatt ſehen.“ „Was kann der Herr Rodin hier wohl zu ſchaffen haben?“ „Das weiß ich meiner Treu nicht.. Der Ge⸗ ſchaͤftsfuhrer der Furſtin ſchreibt mir blos, ich moͤchte den Herrn Rodin mit der großten Achtung behan⸗ deln und ihm gehorchen wie meiner Herrſchaft. Der Herr Rodin mag erklären, was er wuͤnſcht, ich werde ſeinen Befehlen gehorchen, da ihn die Frau Fuͤrſtin ſchickt.“ 6 „Eigentlich ſollte ihn Fraͤulein Adrienne ſchicken, da ſeit dem Tode des ſeligen Herzogs von Cardo⸗ ville, ihres Vaters, ihr die Beſitzung gehoͤrt.“ „Ja, aber die Fuͤrſtin iſt ihre Tante; ihr Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrer beſorgt auch die Angelegenheiten des Fraͤulein Adrienne und es bleibt ſich alſo gleich, ob ſie oder die Fuͤrſtin ſchickt.“ „Vielleicht will Herr Rodin das Gut kaufen.. Der dicken Dame aus Paris, die vor acht Tagen da war, um ſich das Schloß zu beſehen, ſchien es ſehr zu gefallen.“ Der Verwalter lachte bei dieſen Worten. „Was haſt Du denn da zu lachen, Dupont?“ fragte ihn ſeine Frau, die ein ſehr gutes Herz hatte, aber ſich nicht ben durch großen Scharfſinn auszeichnete. „Ich lache,“ antwortete Dupont,„weil ich an das Geſicht und die Figur jener dicken, jener un⸗ geheuern Frau denke. Wie in aller Welt kann man Sainte Colombe heißen, wenn man ſo ausſieht. Du mein Gott! Was fuͤr eine Heilige Guinle)! und was fuͤr ein Taͤubchen(colombe)! Sie iſt ja dick wie eine Tonne, ſpricht im Bierbaß und hat einen grauen Schnurbart wie ein alter Grenadier. Ich hoͤrte ſie, ohne daß ſie's merkte, 4. zu ihrem Bedienten ſagen:„So komm doch, mein Soͤhnchen!“ Und ſie heißt Sainte Colombe!“ „Wie ſonderbar Du biſt, Dupont! Man kennt — ihren Namen nicht.. Und iſt es die Schuld der Dame, daß ſie einen Bart hat?“ „Ja, es iſt ihre Schuld, wenn ſie Sainte Co⸗ lombe heißt. Glaubſt Du, das ſei ihr wirklicher Name? Ach, arme Katharine, man merkt es Dir an, daß Du aus Deinem Dorfe nicht weit heraus⸗ gekommen biſt.“ „Und Du, Dupont, brauchſt immer Dein loſes Maul.. Die Dame ſieht doch ganz achtbar aus. Das Erſte war, als ſie hier ankam, daß ſie nach der Schloßkapelle fragte, von der man ihr erzählt hatte. Sie meinte, ſie wuͤrde Verſchoͤnerungen darin anbringen„ Und als ich ihr ſagte, daß das arme Dorf keine Kirche hätte, ſchien es ihr ſehr leid zu thun, die Geſellſchaft eines Geiſtlichen ent⸗ behren zu muͤſſen.“ „Die reichgewordenen Frauen ſpielen immer gern die Goͤnnerinnen und großen Damen, das iſt eine bekannte Sache.“ „Die Frau von Sainte Colombe braucht die große Dame nicht zu ſpielen, da ſie es iſt.“ „Eine große Dame?“ „Gewiß, man braucht ſie nur anzuſehen in ihrem ponceaurothen Kleide und den ſchoͤnen violet⸗ ten Handſchuhen, die ein Biſchof nicht praͤchtiger haben kann; und als ſie ihren Hut abnahm, hatte ſie auf ihren falſchen blonden Locken ein Stirn⸗ band von Diamanten, zollgroße Ohrgehänge von Diamanten und an allen Fingern Diamantringe. 1 6 Eine Perſon von geringem Herkommen wuͤrde nicht ſo viele Diamanten am hellen Tage auflegen..“ „Man ſieht es, wie Du es verſtehſt!“ „Das iſt auch noch nicht Alles.“ „Was denn noch?“ „Sie ſprach nur von Herzogen, Marquis, Gra⸗ fen Ind reichen Leuten, die zu ihr kaͤmen und ihre Freunde waͤren, und als ſie den kleinen Pa⸗ villon im Parke ſah, der von den Preußen halb verbrannt worden iſt und den der Herr Graf nie wieder aufbauen ließ, fragte ſie, was dieſe Ruine zu bedeuten haͤtte. Ich antſoctete ihr: gnaädige Frau, der Pavillon iſt verbrankkt worden, als die Allürten da waren.„Ach, liebe Frau,“ fiel ſie mir da in die Rede,„die Alliirten, die guten Alliirten, die lieben Alliirten! Sie und die Reſtauration ha⸗ ben mein Gluͤck gemacht;“ da dachte ich gleich bei mir, daß ſie eine ehemalige Emigrirte ſei.“ „Frau von Sainte Colombe!“ rief der Ver⸗ walter nochmals laut lachend aus;„arme Frau! arme Frau!“ „Du willſt Alles beſſer wiſſen, weil Du drei Jahre in Paris warſt..“ „Wir wollen es gut ſein laſſen, Katharinez ich könnte noch etwas Dummes ſagen und manche Dinge duͤrfen ſolche unſchuldige und vortreffliche Frauen, wie Du eine biſt, niemals erfahren.“ „Ich weiß nicht, was Du damit ſagen willſt, aber halte Deine boͤſe Zunge im Zaume, Dupont, — denn wenn die Frau von Sainte Colombe das Gut kauft, wuͤrdeſt Du doch froh ſein, wenn ſie Dich als Verwalter behielte, nicht wahr?“ „Da haſt Du Recht, denn wir werden beide alt, liebe Katharine. Wir ſind nun ſchon zwanzig Jahre hier und ſo ehrlich geweſen, daß wir fur unſtre alten Tage nichts geſammelt haben. Da waͤre es doch hart, wenn wir in unſern Jahren eine andere Stelle ſuchen ſollten, die wir vielleicht nicht einmal faͤnden.. Ich bedauere weiter nichts, als daß Fräulein Adrienne das Gut nicht behaͤlt, denn ſie ſcheint es verkaufen zu wollen; die Frau Fuͤrſtin war urſprunglich nicht der Meinung.“ „Nun, Dupont, Du wirſt es ſo außerordent⸗ lich nicht finden, daß Fräulein Adrienne, in ihrem Alter, ſo jung, uͤber ihr großes Vermoͤgen ver⸗ „Das iſt freilich ganz einfach.. Das Fraͤulein hat keinen Vater und keine Mutter mehr und iſt alſo Herrin uͤber ihr Vermögen. Dabei hat ſie ihr Koͤpfchen fuͤr ſich. Weißt Du noch, wie ausgelaſſen ſie war, als ſie der Herr Graf vor zehn Jahren mit hierherbrachte? Wie muthwillig! Und welche Augen! Wie funkelten ſie ſchon da⸗ mals!“ „Ja, Fräulein Adrienne hatte damals in ihrem Blicke einen Ausdruck, der.. fuͤr ihr Alter ganz ungewoͤhnlich war.“ 1 — „Wenn ſie geworden iſt, was ſie nach ihrem ſchelmiſchen Geſichtchen zu werden verſprach, muß ſie jetzt ſehr hubſch ſein, trotz dem roͤthlichen Scheine ihres Haares. Wenn ſie ein gewoͤhnliches Buͤrger⸗ maͤdchen und nicht ein vornehmes Fraͤulein waͤre, wuͤrde man ſogar ſagen, ſie habe rothes Haar.“ „Immer Deine boͤſe Zunge!“ „Gegen Fraͤulein Adrienne? Davor behuͤte mich der Himmel, denn ſie ſah aus, als muͤſſe ſie ſo gut, wie ſchoͤn werden.. Ich will ihr damit nicht zu nahe treten, wenn ich ſage, daß ſie roͤthliches Haar hat,— im Gegentheil, denn ich weiß noch recht gut, wie weich, wie glanzend, wie golden ihr Haar war, wie ſchoͤn es zu ihrem ſchneeweißen Teint und ihren ſchwarzen Augen paßte, ſo daß man es gar nicht anders haͤtte wuͤnſchen koͤnnen. Ich bin auch faſt uͤberzeugt, daß dieſe Farbe des Haares, die fuͤr Andere nachtheilig geweſen ſein wuͤrde, das Geſicht des Fräulein Adrienne noch rei⸗ zender macht. Sie muß recht muthwillig aus⸗ ſehen.“ „Nun, was wahr iſt, bleibt wahr, muthwillig war ſie.. Sie lief ja immer in dem Packe umher, ärgerte ihre Gouvernante, kletterte auf die Baͤume und machte hunderterlei Streiche.“ „Ja ausgelaſſen und muthwillig war Fräulein Adrienne, als haͤtte ſie ein Teufelchen im Leibe ge⸗ habt; aber wie geſcheidt war ſie auch und gute Herz hatte ſie!“ „Ein recht gutes Herz hatte ſie. Hatte ſie nicht einmal ſogar ihren Shawl und ihr ganz neues Merinokleid einem armen Maͤdchen gegeben und kam im Unterrocke und in bloßen Armen ins Schloß zuruͤck?“ „Das that ihr Herz; aber welchen Kopf hatte ſie auch, welchen Kopf!* „Einen eigenſinnigen Kopf, und das konnte nicht gut ablaufen.. Sie hat dann auch, wie es ſcheint, in Paris Dinge vorgenommen, Dinge..“ „Was fuͤr Dinge?“ „Ich wage gar nicht davon zu reden „Nur heraus damit!“ „Nun,“ ſprach die wuͤrdige Frau mit einer ge⸗ wiſſen Verlegenheit und Scham, welche bewieſen, wie ſehr ſie ſich uͤber die ſchrecklichen Dinge ent⸗ ſette,—„man ſagt, Fräulein Adrienne betrete nie⸗ mals eine Kirche, und ſie wohne ganz allein in einem goͤtzendieneriſchen Tempel am Ende des Gar⸗ tens im Hauſe ihrer Tante; ſie laſſe ſich von mas⸗ kirten Frauen bedienen, von denen ſie ſich als Göt⸗ tin kleiden laſſe und die ſie den ganzen Tag miß⸗ handele, weil ſie immer betrunken ſei, ungerechnet, daß ſie alle Naͤchte auf einem Jagdhorne von maſſivem Golde blaſe, was ihre arme Tante, die Fuͤrſtin, zur Verzweiflung bringt, wie Du Dir's denken kannſt.“ Der Verwalter unterbrach hier ſeine Frau durch lautes Lachen. ——— — — „Wer hat Dir denn die ſchoͤnen Maͤhrchen von Fraͤulein Adrienne erzaͤhlt?“ fragte er, nach⸗ dem ſeine Lachluſt voruͤber war. „Die Frau Renés, die nach Paris gegangen war, um ſich ein Ziehkind zu holen; ſie war in dem Hauſe der Frau Fuͤrſtin St. Dizier, um ihre Pathe, Madame Grivois, zu ſehen, die erſte Kam⸗ merfrau der Frau Fuͤrſtin, wie Du weißt. Eben die Madame Grivois hat ihr alles dies erzaͤhlt, und ſie muß es doch wiſſen, da ſie in demſelben Hauſe wohnt.“ „Ja wohl, dieſe Grivois iſt ein Teufelsbraten. Sonſt lebte ſie luſtig in den Tag hinein und jetzt macht ſie es wie ihre Herrin, iſt eine Heilige, eine Kopfhaͤngerin, eine Betſchweſter geworden. Wie der Herr, ſo der Knecht. Die Fuͤrſtin ſelbſt, die jetzt ſo fromm iſt, hat ihr Leben genoſſen. Wie lebensluſtig war ſie vor fuͤnfzehn Jahren! Erin⸗ nerſt Du Dich noch des ſchoͤnen Huſarenoffiziers, der in Abbeville in Garniſon lag?— jenes Emi⸗ granten, der in Rußland gedient hatte und dem die Bourbons nach der Reſtauration ein Regiment ga⸗ ben?“ „Ja wohl, ich erinnere mich recht gut. Aber Du biſt ein Läſtermaul.“ „Nein, ich ſage die Wahrheit; der Oberſt war fortwährend im Schloſſe und alle Welt ſagte, er ſtehe mit der Furſtin ſehr gut, die jetzt ſo heilig geworden iſt. Ach, damals waren noch gute Zei⸗ 4 ten. Alle Abende Feſt oder Schauſpiel im Schloſſe. Welcher Lebemann war der Oberſt! Wie ſchoͤn ſpielte er Comodie! Ich denke noch daran..“ Der Verwalter konnte nicht weiter ſprechen. Eine dicke Magd in der picardiſchen Tracht trat ſchnell herein, wendete ſich an ihre Herrin und ſagte: „Madame, es iſt ein Herr da, der ſogleich mit dem Herrn ſprechen will; er kommt in dem Wa⸗ gen des Poſtmeiſters aus St. Valery und ſagt, er heiße Rodin.“ „Rodin?“ wiederholte der Verwalter, indem er aufſtand;„laß ihn eintreten.“ ————— Im naͤchſten Augenblicke erſchien Rodin, der nach ſeiner Gewohnheit mehr als beſcheiden geklei⸗ det war. Er begrußte ſehr demuͤthig den Verwal⸗ ter und deſſen Frau, die auf einen Wink ihres Mannes ſich entfernte. Das leichenhafte Geſicht Rodins, ſeine faſt unſichtbaren Lippen, ſeine durch das ſchlaffe Augen⸗ lid halbverhuͤllten kleinen Schlangenaugen und ſein faſt ſchmutziger Anzug gaben ihm ein nicht eben einnehmendes Ausſehen. Gleichwohl wußte dieſer Mann, wenn er wollte, mit teufliſcher Kunſt Gut⸗ muͤthigkeit und Offenheit zur Schau zu tragen; ſeine Rede wurde dann ſo freundlich, ſo einſchmei⸗ chelnd, daß der unangenehme, abſtoßende Eindruck, den ſein Ausſehen anfangs hervorbrachte, ver⸗ ſchwand und er faſt immer ſein Opfer mit den * — 5— Schlangenwindungen ſeiner ſuͤßen und hinterliſti⸗ gen Rede unrettbar umſchlang,— denn das Häß⸗ liche und das Boͤſe ſcheint wie das Schoͤne und Gute einen gewiſſen Zauber zu uͤben. Der ehr⸗ liche Verwalter ſah den Mann mit Verwunderung an, indem er an die dringenden Empfehlungen des Geſchaͤftsfuͤhrers der Fuͤrſtin von Saint Dizier dachte. Er hatte eine ganz andere Perſon erwar⸗ tet, und da er ſein Erſtaunen nicht bergen konnte, ſagte er zu ihm: „Ich habe alſo die Ehre, mit Herrn Rodin zu ſprechen?“ „Ja, Herr, und hier iſt noch ein Brief von dem Geſchaͤftsfuͤhrer der Frau Fuͤrſtin von Saint Dizier.“ „Treten Sie, waͤhrend ich den Brief leſe, an das Feuer. Es iſt ſo boͤſes Wetter draußen,“ ſagte der Verwalter artig.„Kann ich Ihnen mit etwas dienen?“. „Ich danke, lieber Herrz ich reiſe nach einer Stunde ſchon wieder ab.“ Waͤhrend Dupont las, muſterte Rodin das Zimmer, denn er zog als kluger Mann oftmals ſehr richtige und nuͤtzliche Folgerungen aus man⸗ chen Dingen, die nicht ſelten eine gewiſſe Neigung, oder eine Gewohnheit verrathen und irgend eine charakteriſtiſche Andeutung geben. Diesmal fand ſeine Neugierde keine Beftiedigung. „Sehr wohl,“ ſagte der Verwalter, nachdem er geleſen hatte,„der Herr Geſchaͤftsfuͤhrer wieder⸗ — 5— holt die Empfehlung, ganz nach Ihren Befehlen zu handeln.“ „Sie beſchränken ſich auf ſehr wenig und ich werde Sie nicht lange ſtören.“ „Es iſt eine Ehre fuͤr mich..“ „Ich weiß recht wohl, wie ſehr Sie beſchaͤfti⸗ get ſein muͤſſen, denn man bemerkt gleich bei dem Eintritte in das Schloß die Ordnung und Rein⸗ lichkeit, welche da herrſchen und ein Beweis von Ihrer guten Aufſicht ſind.“ „Sie ſchmeicheln, Herr Rodin.“ „Schmeicheln? Ein armer alter Mann wie ich denkt daran nicht. Aber um auf unſer Geſchäft zu kommen,— Sie haben ein gruͤnes Zimmer hier?“ „Ja, Herr, das ehemalige Arbeitszimmer des ſeligen Herrn Grafen von Cardoville.“ „Wollen Sie die Guͤte haben, mich dahin zu fuͤhren?“ „Das iſt mir leider nicht moglich.. Nach dem Tode des Herrn Grafen und nachdem die Siegel abgenommen waren, hat man viele Papiere in ein Moͤbel dieſes Zimmers gebracht und die Geſchaͤfts⸗ leute haben die Schluͤſſel mit nach Paris genom⸗ men.“ „Die Schluſſel ſind hier,“ ſagte Rodin, indem er dem Verwalter einen großen und einen kleinen Schluͤſſel zeigte, die an einander gebunden waren. „Das iſt etwas Anderes. Sie wollen die Papiere holen?“ „Ja, gewiſſe Papiere, ſowie ein Kaͤſichen von Inſelholz mit ſilbernen Beſchlaͤgen Kennen Sie das?“ „Ja, Herr Rodin, ich habe es oft auf dem Arbeitstiſche des Herrn Grafen geſehen. Es muß ſich in dem großen Schranke befinden, zu dem Sie den Schluͤſſel haben. „Fuͤhren Sie mich alſo, auf die Ermaͤchtigung der Frau Fuͤrſtin von Saint Diier, in jenes Zim⸗ mer.. „Recht gern Befindet ſich die Frau Fuͤrſtin wohl?“ „Vollkommen Sie beſchaͤftiget ſich noch im⸗ mer ganz mit gottſeligen Gedanken..“ „Und Fraͤulein Adrienne?“ „Ach, mein lieber Herr!“ ſagte Rodin mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „Iſt dem guten Fraͤulein Adrienne ein Ungluͤck zugeſtoßen?“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Iſt ſie krank?“ „Nein, nein,— ſie befindet ſich leider ſo wohl als ſie ſchoͤn iſt.“ „Leider?“ wiederholte der Verwalter erſiaun „Ja wohl, denn wenn ſich Schoͤnheit, Jugend und Geſundheit mit einem unſeligen Geiſte der Widerſpänſtigkeit und Verdorbenheit, mit einem Charakter verbinden, der ſicherlich ſeines Gleichen auf Erden nicht findet, ſo waͤre es beſſer, dieſe ge⸗ faͤhrlichen Guͤter zu verlieren, die eben ſo viele Ur⸗ ſachen des Verderbens ſind.. Aber, ich bitte Sie, mein lieber Herr, wir wollen von etwas Anderem ſprechen.. Dieſer Gegenſtand iſt zu ſchmerzlich,“ ſagte Rodin mit tiefbewegter Stimme, waͤhrend er die Spitze ſeines linken kleinen Fingers an den rechten Augenwinkel legte, gleichſam um eine Thraͤne abzuwiſchen. Der Verwalter ſah die Thraͤne nicht, wohl aber die Bewegung, und es fiel ihm auch die Ver⸗ änderung der Stimme Rodins auf. Er fuhr des⸗ halb mit Innigkeit fort: „Herr Rodin, nehmen Sie mir meine Neu⸗ gierde nicht uͤbel, ich wußte nicht.. O, ich muß Sie wegen unwilltuhri⸗ chen Ruͤhrung um Verzeihung bitten.. Die Thraͤ⸗ nen ſind ſelten bei alten Leuten,. wenn Sie aber, gleich mir, die Verzweiflung der vortrefflichen Fuͤr⸗ ſtin geſehen haͤtten, die nur den einen Fehler hat, daß ſie zu gut, zu nachſichtig gegen ihre Nichte iſt. Aber, noch einmal, wir wn von etwas Anderem ſprechen, lieber Herr.. Nach einer kurzen Pauſe, in welcher Rodin ſich von ſeiner Ruͤhrung zu erholen ſchien, ſagte er zu Dupont: „In Bezug auf das gruͤne Zimmer iſt ein Theil meines Auftrags erfullt; es iſt nun noch ein anderer uͤbrig.. Ehe wir dahin gehen, muß ich Sie an etwas erinnern, was Sie vielleicht vers geſſen haben, näͤmlich, daß der Marquis von Aig⸗ rigny, der damals als Huſarenoberſt in Abbevillé ſtand, vor fuͤnfzehn oder ſechszehn Jahren einige Zeit hier zugebracht hat..“ „Ach, Herr, das war ein ſchoner Officier! Ich ſprach eben erſt mit meiner Frau von ihm. Er war die Freude des Schloſſes. Wie gut ſpielte er Comoͤdie, namentlich die„liederlichen Taugenichtſe“ In den„zwei Edmunds“ als betrunkener Soldat war er zum Kranklachen. Und welche ſchöne Stimme hatte er! Er ſang„Joconde“ hier, wie man ihn vielleicht in Paris nicht ſingt.“ Rodin horte den Verwalter an und ſagte dann zu ihm: „Sie wiſſen wahrſcheinlich, daß der Oberſt, Marquis von Aigrigny(deſſen Geheimſecretair zu ſein ich jetzt die Ehre habe), nach einem ſchreckli⸗ chen Zweikampfe mit einem eingefleiſchten Bona⸗ partiſten, dem General Simon, die Welt verlaſſen und ſich der Kirche gewidmet hat..“ „Iſt es moglich? Der ſchöne Officier?!“ „Dieſer ſchoͤne, tapfere, adelige, reiche, ge⸗ feierte, geſuchte Oberſt hat alle dieſe Vortheile auf⸗ gegeben, um ein aͤrmliches ſchwarzes Gewand an⸗ zulegen, und iſt jetzt trotz ſeinem Namen, ſeiner Stellung, ſeinen Verbindungen und ſeinem Rufe als ausgezeichneter Prediger heute noch, was er Der ewige Inde. IV. 5 — vor vierzehn Jahren war, blos Abbé, ſtatt daß er Erzbiſchof oder Cardinal ſein konnte, wie ſo viele Andere, die ſeine Verdienſte und ſeine Tugenden nicht hatten.“ Rodin ſprach mit ſolcher Natuͤrlichkeit, mit ſol⸗ cher Ueberzeugung, die Thatſachen, die er erwähnte, ſchienen ſo unbeſtreitbar zu ſein, daß Dupont un⸗ willkuhrlich ausrufen mußte: „Aber, Herr, das iſt ja praͤchtig!“ „Prächtig? Ach nein,“ antwortete Rodin mit einem unnachahmlichen Ausdrucke von Naivetät; „es iſt ſehr einfach wenn man das Herz des Herrn von Aigrigny hat. Unter ſeinen vortreffli⸗ chen Eigenſchaften beſitzt er auch die, daß er brave, rechtſchaffene, ehren⸗ und gewiſſenhafte Leute nicht vergißt und daß er ſich deshalb auch Ihrer erin⸗ nerte, mein lieber Herr Dupont.“ „Wie? Der Herr Marquis hätte die Gnade gehabt.2“ „Ich habe erſt vor drei Tagen einen Brief von ihm erhalten, in welchem er Sie erwaͤhnte.“ „Er iſt alſo in Paris?“ „Er kann jeden Augenblick da eintreffen. Vor ungefaͤhr drei Monaten reiſete er nach Italien und er hat auf dieſer Reiſe eine ſehr traurige Nachricht erhalten, die Anzeige von dem Tode ſeiner Mutter, welche den Herbſt auf den Guͤtern der Frau Fuͤr⸗ ſtin von Saint Dizier verbringen wollte.“ „Du lieber Gott! Ich wußte nicht...“ „Ja, das war ein großer Schmetz fur ihn, aber— man muß ſich in den Willen der Vorſe⸗ hung ergeben..“ „Und bei welcher Gelegenheit erzeigte mir der Herr Marquis die Ehre, von mir zu ſprechen?“ „Das will ich Ihnen ſagen... Vor allen Din⸗ gen muͤſſen Sie wiſſen, daß dieſes Schloß verkauft und der Kaufcontract am Tage vor meiner Abreiſe von Paris unterzeichnet worden ſt „Sie erneuern alle meine Beſorgniſſe..“ „Warum?“ „Ich fuͤrchte, die neuen Beſitzer behalten mich nicht als Verwalter.“ „Da ſehen Sie den gluͤcklichen Zufall! Gerade wegen dieſer Stelle wollte ich mit Ihnen ſprechen.“ „Waäre es moͤglich?“ „Da ich weiß, welchen Antheil der Hert Mar⸗ quis an Ihnen nimmt, ſo wuͤnſche ich allerdings ſehr, daß Sie die Verwalterſtelle behielten, und ich werde Alles thun, was in meinen Kraͤften ſteht, wenn..“ „Ach, Herr Rodin!“ unterbrach ihn der Ver⸗ walter.„Wie dankbar bin ich Ihnen! Der Him⸗ mel ſendet Sie mir!“ „Jetzt ſchmeicheln Sie, mein lieber Herr Du⸗ pont.. Vor allen Dingen muß ich Ihnen geſtehen, daß ich eine Bedingung an meine Empfehlung knu⸗ pfen muß.„“ 5* „O, das hat nichts zu bedeuten.. Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Die Perſon, welche dieſes Schloß bewohnen wird, iſt eine alte hochſt achtungswuͤrdige Dame, die Frau von Sainte⸗Colombe.“ „Wie?“ rief der Verwalter aus;„dieſe Dame, die Frau von Sainte⸗Colombe, hat das Schloß gekauft?“ „Sie kennen ſie?“ „Ja, ſie hat ſich das Gut vor acht Tagen be⸗ ſehen. Meine Frau meint, ſie ſei eine ſehr vor⸗ nehme Dame, aber, unter uns, an einigen Wor⸗ ten, die ich von ihr horte..“ „Sie haben einen ſehr ſcharfen Blick, Herr Dupont.. Die Frau von Sainte⸗Colombe iſt al⸗ lerdings keine vornehme Dame, im Gegentheil; ich glaube, ſie war früher weiter nichts als Moden⸗ haͤndlerin im Palais⸗Royal.. Sie ſehen, daß ich offen mit Ihnen rede.“ „Und ſie ruͤhmte ſich, franzoͤſiſche und fremde vornehme Herren beſuchten ihr Haus!“ „Das iſt wohl moͤglich; ſie kamen ohne Zwei⸗ fel, um Huͤte fuͤr ihre Frauen bei ihr zu beſtellen. Dem mag nun ſein, wie ihm will, die Frau von Sainte⸗Colombe, die ſich ein großes Vermoͤgen er⸗ worben hat und in ihrer Jugend, ja in ihren rei⸗ fern Jahren fuͤr ihr Seelenheil ſehr gleichgultig, ach! mehr als gleichguͤltig war, wandelt jetzt auf einem vortrefflichen und verdienſtlichen Pfade, was ſie, wie ich ſagte, der Achtung und Verehrung wuͤrdig macht; denn gewiß iſt nichts achtungswuͤr⸗ diger, als aufrichtige, dauernde Reue. Aber wir beduͤrfen Ihres Beiſtandes, mein lieber Herr Du⸗ pont, wenn das Seelenheil der Dame wirklich er⸗ reicht werden ſoll..“ „Meines Beiſtandes? Was konnte ich.2 „Sie koͤnnen viel dazu beitragen und zwar auf folgende Weiſe: Das Dorf hier, das in gleicher Entfernung von zwei Kirchſpielen liegt, hat kein Gotteshaus. Die Frau von Sainte⸗Colombe, welche unter den beiden Geiſtlichen eine Wahl treffen wird, muß ſich nothwendig bei Ihnen und der Frau Du⸗ pont erkundigen, da Sie lange hier wohnen..“ „Da wird die Wahl gar nicht ſchwer ſein.. Der Pfarrer von Danicourt iſt ein vortrefflicher Mann.“ „Das gerade duͤrfen Sie der Frau von Sainte⸗ Colombe nicht ſagen.“ „Nicht?“ „Sie muͤſſen ihr vielmehr fortwaͤhrend den Pfarrer von Roiville, dem andern Kirchſpiele, ruͤh⸗ men, damit ſich die werthe Dame entſchließt, ihm ihr Seelenheil anzuvertrauen.“ „Warum aber nicht lieber dem andern?“ „Warum? Das will ich Ihnen ſagen. Wenn es Ihnen und Ihrer Frau gelingt, daß die Frau von Sainte⸗Colombe dieſe Wahl trifft, welche ich wuͤnſche, ſo können Sie darauf rechnen, Verwalter hier zu bleiben.. Ich gebe Ihnen mein Ehren⸗ wort und— was ich verſpreche, halte ich.“ „Ich zweifle nicht daran, daß Sie dies vermoͤ⸗ gen,“ antwortete Dupont, den der Ton und Aus⸗ druck der Worte Rodins uͤberzeugten,„aber ich moͤchte doch wiſſen..“ „Noch ein Wort,“ unterbrach ihn Rodin,„ich muß und will offen ſein und Ihnen ſagen, warum ich Werth auf die Wahl lege, die ich Sie zu un⸗ terſtuͤten bitte. Es wuͤrde mir leid thun, wenn Sie den Schatten von einer Intrigue darin ſuch⸗ ten. Es handelt ſich blos um eine gute That. Der Pfarrer von Roiville, fuͤr den ich Ihre Mit⸗ wirkung in Anſpruch nehme, iſt ein Mann, fuͤr den ſich der Herr Abbé von Aigrigny ſehr intereſ⸗ ſirt. Ob er gleich ſehr arm iſt, erhaͤlt er doch ſeine alte Mutter. Wuͤrde ihm das Seelenheil der Frau von Sainte⸗Colombe anvertraut, ſo wuͤrde er weit wirkſamer als ein Anderer daran arbeiten, denn er beſitzt große Geduld und ſpricht äußerſt ſalbungs⸗ voll; auch wuͤrde er offenbar durch dieſe wuͤrdige Dame einige Gaben erhalten, die dann ſeiner alten Mutter zu Gute kämen. Das iſt das Geheim⸗ niß dieſer großen Intrigue. Als ich erfuhr, daß die Dame geneigt ſei, dieſe Beſitzung zu kaufen, die an das Kirchſpiel unſeres Schutzlings grenzt, ſchrieb ich ſogleich an den Herrn Marquis; er erinnerte ſich Ihrer und ſchrieb mir, ich moͤchte Sie bitten, ihm dieſe kleine Grfäligkeit zu erweiſen, die für † 8 . Sie, wie Sie ſehen, auch nicht nutzlos ſein wird; denn ich wiederhole Ihnen und werde Ihnen be⸗ weiſen, daß ich Sie in Ihrer Verwalterſtelle zu erhalten vermag.“ „Sehen Sie,“ erwiederte Dupont nach eini⸗ gem Nachdenken,„Sie ſind ſo offenherzig und ſo gefaͤllig, daß ich auch offen ſein will. So ſehr der Pfarrer von Danicourt in der Gegend geachtet und geliebt wird, ſo ſehr wird der von Roiville, fuͤr deſ⸗ ſen Bevorzugung ich wirken ſoll, wegen ſeiner Un⸗ duldſamkeit gefuͤrchtet. Und dann..“ „Nun?“ „Man ſagt..“ „Was ſagt man?“ „Man ſagt, er ſei ein Jeſuit.“ Rodin lachte bei dieſen Worten ſo herzlich, daß der Verwalter erſchrak, denn das Geſicht Rodins hatte einen ganz eigenthuͤmlichen Ausdruck, wenn er lachte. „Ein Jeſuit!“ wiederholte Rodin mit er⸗ neuertem Lachen,„ein Jeſuit! Wie können Sie, Herr Dupont, ein verſtaͤndiger, kluger und erfah⸗ rener Mann, an ſolche Albernheiten glauben? Ein Jeſuit! Giebt es denn Jeſuiten? jetzt zumal? Koͤn⸗ nen Sie an dieſe Jacobinergeſchichten, an dieſe Schreckbilder des alten Liberalismus glauben? Sie haben das gewiß in dem Conſtitutionnel geleſen.“ „Man ſagt aber doch..“ „Mein Gott, man ſagt Vieles; aber kluge und die Dame den andern Prieſter ruͤhmen hört und aufßirte Männer, wie Sie, kuͤmmern ſich um ſolches Gerede nicht, ſondern beſchäftigen ſich mit ihren eigenen Angelegenheiten und opfern nament⸗ lich Albernheiten eine gute Stelle nicht auf, die ihnen ihr Auskommen bis an ihr Ende ſichert, denn, offen geſtanden, wenn Sie die Frau von Sainte⸗Colombe nicht bewegen, meinen Schuͤtzling zu waͤhlen, werden Sie auch nicht Berwalter hier bleiben können..“ ———— „Aber, werther Herr,“ entgegnete der arme Dupont,„es iſt doch nicht meine Schuld, wenn ihn Ihrem Schuͤtzlinge vorzieht.“ „Allerdings nicht; wenn aber Perſonen, die lange in der Gegend hier wohnen, Perſonen, die Glauben vordienen und die ſie täglich ſieht, der Fräu von Sainte⸗Colombe viel Gutes von meinem Schuͤtzlinge, von dem anbern Geiſtlichen aber recht Voͤſes ſagten, ſo wurde ſie meinen Schuͤtzling waͤh⸗ len und Sie wuͤrden Verwalter bleiben.“ „Aber, Herr, das wäre ja— Verläumdung!“— rief Dupont aus. „Mein lieber Herr Dupont,“ antwortete Ro⸗ din mit betruͤbter Miene und im Cone liebevollen Vorwurfs,„wie koͤnnen Sie mir zutrauen, Ihnen einen ſo ſchlechten Rath zu geben? Ich ſetzte nur ſo den Fall. Sie wuͤnſchen Verwalter hier zu blei⸗ ben. Ich biete Ihnen das Mittel dazu, ein ſiche⸗ * — res Mittel; Ihre Sache iſt es, mit ſich datuber zu Rathe zu gehen.“ Aber, Herr..“ „Noch ein Wort, oder vielmehr noch eine Be⸗ dingung, die eben ſo wichtig iſt als die ahdere. Man hat leider geſehen, daß Diener des Herrn das Alter und die Geiſtesſchwäche ihrer Beicht ch⸗ ter benutzten, um mittelbar fur ſich oder andere Perſonen Vortheile zu erlangen; unſern Schuͤtzling halte ich einer ſolchen Niedertrachtigkeit nicht fur fähig, gleichwohl wuͤnſche ich, um meine Verant⸗ wortlichkeit und beſonders die Ihrige zu decken— da Sie doch dazu beigetragen haben wuͤrden, mei⸗ nen Schuͤtzling wählen zu laſſen— daß Sie mir woͤchentlich zweimal in der größten Ausfuͤhrlichkeit Alles ſchreiben, was Sie in dem Charakter, der Lebensweiſe, dem Umgange und ſelbſt der Lecture der Frau von Sainte⸗Colombe bemerken, denn der Einfluß eines Beichtvaters zeigt ſich in dem ganzen Leben, und ich wuͤnſche über das Verhalten meines Schutzempfohlenen vollkommen unterrichtet zu ſein, ohne daß er etwas davon ahnt, ſo daß ich durch Ihre wochentlichen ausfuͤhrlichen Berichte ſogleich Kunde erhielte, wenn Sie etwas bemerkten, das Phnen tadelnswerth erſchiene.“ Herr,“ ſagte der ungluͤckliche Verwalter,„das heißt ja Spioniren.“ „Ach, lieber Herr Dupont, können Sie eine der wohlthatigſten und liebſten Neigungen des Men⸗ * ſchen, das Vertrauen, ſo brandmarken! Ich ver⸗ lange ja von Ihnen nichts Anderes, als daß Sie mir im Vertrauen Alles, was vorgeht, und zwar ſo ausfuͤhrlich als möglich ſchreiben. Unter dieſen beiden Bedingungen, die von einander unzertrenn⸗ lich ſind, bleiben Sie Verwalter, ſonſt wuͤrde ich mit Schmerz und Bedauern mich genoͤthiget ſehen, der Frau von Sainte-Colombe einen andern zu empfehlen.“ „Herr, ich beſchwoͤre Sie,“ rief Dupont ergrif⸗ fen aus,„knuͤpfen Sie keine Bedingung an Ihren Edelmuth. Ich und meine Frau, wir haben nur unſere Stelle zu unſerm Unterhalte und ſind zu alt, um eine andere finden zu können. Bringen Sie meine vierzigjaͤhrige Rechtſchaffenheit nicht in einen Kampf mit der Furcht vor der Armuth, die eine ſo ſchlimme Rathgeberin iſt..“ „Mein lieber Dupont, Sie ſind ein großes Kind. Ueberlegen Sie ſich die Sache und Sie mir nach acht Tagen Antwort,,“ „Herr, Erbarmen!“ Die Unterredung wurde durch ein donnerndes Getoͤſe unterbrochen, das bald die Echos der felſi⸗ gen Kuͤſte wiederholten. „Was iſt das?“ fragte Rodin. Kaum hatte er die Worte ausgeſprochen, als daſſelbe Getoͤſe ſich noch ſtaͤrker wiederholte. „Kanonenſchuͤſſe!“ rief Dupont aus, indem er aufſtand;„Kanonenſchuͤſſe! Wahrſcheinlich ſucht ein Schiff Hilfe oder verlangt einen Lotſen.“ „Lieber Mann,“ ſagte die Frau des Verwal⸗ ters, die ſchnell hereintrat;„von der Terraſſe aus ſieht man auf dem Meere ein Dampfboot und ein faſt ganz entmaſtetes Segelſchiff.. Die Wellen treiben ſie nach der Kuͤſte zu; der Dreimaſter thut Nothſchuͤſſe,— er iſt verloren.“ „Das iſt ſchrecklich! Und nichts thun, hoͤch⸗ ſtens einem Schiffbruͤchigen beiſtehen zu koönnen!“ rief der Verwalter aus, indem er ſeinen Hut nahm und ſich zum Fortgehen anſchickte. „Kann den Schiffen keine Hilfe geleiſtet wer⸗ den?“ fragte Rodin. „Hilfe? Wenn ſie auf die Klippen hier geriſ⸗ ſen werden, wird ſie keine menſchliche Macht retten koͤnnen. Seit der Tag⸗ und Nachtgleiche ſind ſchon zwei Fahrzeuge hier an der Kuͤſte unterge⸗ gangen.“ „Untergegangen? Mit Mann und Maus? Das iſt ſchrecklich!“ ſprach Rodin. „Bei dem Sturme bleibt den Paſſagieren lei⸗ der geringe Hoffnung; indeß,“ ſagte der Verwalter zu ſeiner Frau,„ich will mit den Leuten an die Füuͤſte gehen und einige der Unglücktichen zu retten ſuchen. Laß in mehreren Zimmern Feuer anmachen, halte Wäſche, Kleidungsſtücke und alles Nothige bereit. Ich wage zwar nicht auf Rettung zu hof⸗ fen, aber verſuchen muß man es doch. ten Sie mich, Herr Rodin?“ „Ich wuͤrde es fuͤr eine Pflicht halten, wenn ich Ihnen irgend wie nuͤtzlich ſein koͤnnte; aber bei meinem Alter und meiner Schwäche kaun ich ſo gut wie nichts thun,“ antwortete Rodin, der durch⸗ aus keine Luſt hatte, ſich dem Sturme auszuſetzen. „Ihre wird mir unterdeß ſagen, wo das gruͤne Zimmer iſt; ich hole dort die Gegenſtände, welche ich ſuche, und reiſe ſogleich wieder nach Paris ab, da ich große Eile habe.“ „Nun, meinetwegen. Katharine wird Sie fuͤh⸗ ren. Laß Du die große Glocke laͤuten,“ ſagte der Verwalter zu der Magd,„alle Leute ſollen mit Seilen und Hebebaͤumen hinunter an die Kuͤſte kommen.“ „Ja, guter Mann, aber wage nicht zu viel.“ „Gieb mir einen Kuß, das wird mir Gluͤck bringen,“ ſagte der Verwalter. Dann eilte er mit den Worten hinaus: „Schnell! Schnell! Es iſt vielleicht ſchon kein Bret mehr von den Schiffen uͤbrig.“ „Meine werthe Frau, wollten Sie wohl die Beglei⸗ Gefälligkeit haben, mich in das gruͤne Zimmer zu fuͤhren?“ ſagte der ganz ruhig gebliebene Rodin. „Folgen Sie mir,“ antwortete Katharine, in⸗ dem ſie Thränen aus den Augen wiſchte, denn ſie titterte uͤber das Schickſal ihres Mannes, deſſen tollkuhnen Muth ſie ſchon kannte. —— Zweites Kapitel. Der Sturm. Das Meer iſt fuͤrchterlich. Ungeheuere dunkelgruͤne, von weißem Schaum gefleckte Wogen heben und ſenken ſich an dem brei⸗ ten rothen Lichtſaume, der ſich an dem Horizonte hinzieht. Oben thuͤrmen ſich ſchwere kohlſchwarze Wol⸗ kenmaſſen auf und leichtere roͤthlichgraue Wolkchen jagen, vom Winde gepeitſcht, an dieſem grauenvol⸗ len Himmel hin. Die bleiche Winterſonne, die einige ſchiefe Strah⸗ len auf das tobende Meer wirft, ehe ſie unter den großen Wolken verſchwindet, hinter denen ſie lang⸗ ſam hinaufſteigt, vergoldet hier und da die durch⸗ ſcheinenden Spitzen der hoͤchſten Wellen. Ein ſchneeweißer Schaumguͤrtel kocht und ſpritzt und wirbelt unabſehbar weit an den Klippen, von denen die rauhe und gefaͤhrliche Kuͤſte ſtarrt. In der Ferne, auf einem Felſenvorgebirge, das ziemlich weit in das Meer hinausragt, erhebt ſich das Schloß Cardoville, deſſen Fenſter in dem Son⸗ nenſtrahle„wie brennende Spiegel“ erſcheinen und deſſen Mauern von Backſteinen, deſſen ſpitze Schie⸗ ferdaͤcher unter dem dunſterfullten Himmel empor⸗ ragen. Ein großes Schiff, an dem man nur noch Fetzen von Segeln an abgebrochenen Maſten ſieht, wird nach der Kuͤſte zu getrieben. Bald ſchwankt es auf dem ungeheuern Ruͤcken der Wellen, bald ſchießt es in die Tiefen hinab. Jetzt glaͤnzt ein Blitz und ihm folgt ein dum⸗ pfes Geraͤuſch, das man in dem Toben des Stur⸗ mes kaum vernimmt.. Dieſer Kanonenſchuß iſt das letzte Nothſignal des Schiffes, das untergeht und an die Kuͤſte geriſſen wird. In dieſem Augenblicke kam ein Dampfboot mit ſeinem ſchwarzen Rauchbuſche von Oſten her nach Weſten hin und bot Alles auf, um ſich von der Kuͤſte fern zu halten. Es hatte die Klippen zur Linken. Das entmaſtete Schiff konnte jeden Augenblick vor dem Dampfboote voruͤber kommen auf dem Wege gegen die Felſen, nach denen der Wind und die Flut trieben. Da ploͤtzlich legte ein gawntigo Wogenſchlag das Dampfboot auf die Seite; die ungeheuere wuͤ⸗ thende Welle ſchlug auf das Verdeck und in einem 3 Augenblicke war der Schornſtein zertruͤmmert, das Radgehaͤuſe zerbrochen und eines der Raͤder ver⸗ nichtet. Eine zweite Welle, welche der erſten foigte, faßte wiederum das Schiff an der Seite und ver⸗ mehrte die Zerſtoͤrung daran in dem Maße, daß es ſich nicht mehr lenken konnte und, wie der Drei⸗ maſter, nach der Kuͤſte trieb. Der letztere, der dem Winde und der Flut eine —— 83 größere Flaͤche darbot als das Dampfſchiff, holte dieſes, ob er gleich von den Klippen entfernter war, bald ein und naͤherte ſich ihm ſo, daß ein Zuſam⸗ menſtoß zu fuͤrchten war, eine neue Gefahr unter allen dieſen Schrecken eines nun unzweifelhaften Schiffbruches. Der Dreimaſter, ein engliſches Schiff, der „ſchwarze Adler“, kam von Alexandrien, von wo er Paſſagiere mitbrachte, die auf dem Dampfboote „Ruyter“ aus Indien und von Java gekommen waren und dieſes Fahrzeug verlaſſen hatten, um uͤber den Iſthmus von Suez zu reiſen. Der„Schwarze Adler“ hatte ſpaͤter an den Azoren angelegt, vvn wo er jetzt kam. Er ſegelte nach Portsmouth, als ihn der heftige Nordweſtwind traf, der gerade im Canale herrſchte. Das Dampfboot, der„Wilhelm Tell“, kam aus der Elbe und war nach Havre beſtimmt. Dieſe beiden Schiffe trieben, von ungeheuern Wellen geſchaukelt, durch den Sturm gejagt, durch die Flut fortgeriſſen, mit entſetzlicher Geſchwindig⸗ keit auf die Klippen zu. Das Verdeck jedes dieſer Fahrzeuge bot ein grauenhaftes Schauſpiel dar. Der Tod aller Paſ⸗ ſagiere ſchien gewiß zu ſein, denn das Meer brach ſich wuͤthend an den Klippen am Fuße des ſteilen Felſenufers. Der Capitain des„Schwarzen Adlers“, der auf dem Hintertheile ſtand und ſich an den Ueber⸗ reſt eines Maſtes hielt, gab in dieſer aͤußerſten Noth mit kaltbluͤtigem Muthe ſeine letzten Befehle. Die Boͤte waren durch die Wellen fortgeriſſen wor⸗ den. Die Schaluppe auszuſetzen war ein Werk der Unmoͤglichkeit und Rettung ließ ſich nur in dem Falle hoffen, daß das Schiff nicht gleich bei dem erſten Anſtoße an die Felſen zertruͤmmert wurde und mittelſt eines Taues eine gefahrliche Verbin⸗ dung zwiſchen dem Lande und den Truͤmmern des Schiffes ſich herſtellen ließ. Das Verdeck war voll von Paſſagieren, deren lautes Jammern voll Todesangſt die allgemeine Verwirrung noch erhohete. Einige, die ſich wie betäubt an das Tatvert angeklammert hielten, erwarteten den Tod mit dumpfer Unempfindlichkeit; andere rangen verzweif⸗ ungsvoll die Hände oder wälzten ſich unter griß⸗ lichen Fluͤchen auf dem Verdeck. Hier knieten und beteten Frauen; andere ver⸗ huͤllten das Geſicht mit den Haͤnden, gleichſam als wollten ſie den Tod nicht kommen ſehen; eine leichenblaſſe junge Mutter, die ihr Kind an die Bruſt druͤckte, ging bittend von einem Matroſen zum andern und bot dem, der ihren Sohn retten wollte, einen Beutel voll Gold und Juwelen, die ſie geholt hatte. Dieſes Geſchrei, dieſe Angſt, dieſe Thränen bildeten einen grellen Gegenſatz mit der duͤſtern und ſchweigenden Reſignation der Matroſen. Als * £ 8— ſie die Naͤhe einer eben ſo entſetzlichen als unver⸗ meidlichen Gefahr erkannten, warfen einige einen Theil ihrer Kleidungsſtuͤcke ab, um jeden Augen⸗ blick einen letzten Verſuch wagen zu koͤnnen, ihr Leben der Wuth der Wellen ſtreitig zu machen, während andere jede Hoffnung aufgaben und dem Tode mit ſtoiſchem Gleichmuthe trotzten. Hier und da erblickte man ruͤhrende oder ſchreck⸗ liche Epiſoden auf einem Hintergrunde duͤſterer und ſtumpfer Verzweiflung, wenn man ſich ſo aus⸗ druͤcken kann. Ein junger Mann von etwa achtzehn bis zwan⸗ zig Jahren, mit ſchwarzem glänzendem Haar, kupferfarbigem Teint und vollkommen regelmäßi⸗ gen, ſchoͤnen Zuͤgen, betrachtete dieſes Schauſpiel des Schreckens und der Verzweiflung mit jener traurigen Ruhe, die denen eigenthuͤmlich iſt, welche oft große Gefahren beſtanden haben. Er hatte ſich in einen Mantel gehuͤllt, lehnte ſich an die Schanzverkleidung und ſtemmte die Fuͤße auf ein Stuͤck des Maſtwerkes. Mit einemmale erblickte die ungluckliche Mutter, welche ihr Kind auf dem Arme und Gold in der Hand hielt und ſich bereits vergebens an einige Matroſen gewendet hatte, um ſie zu bitten, ihr Kind zu retten, den kupferfarbigen jungen Mann, warf ſich vor ihm auf die Knie und reichte ihm das Kind mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher Verzweiflung hin. Der junge Mann nahm es, ſchuͤttelte traurig das Haupt, während Der ewige Jude. IV. 6 — er auf die wuͤthenden Wogen deutete, ſchien aber mit einer ausdrucksvollen Geberde der Mutter zu verſprechen, wo moͤglich das Kind retten zu wollen. Da benetzte die jugendliche Mutter in thoͤrichtem Hoffnungsrauſche die Hand des Juͤnglings mit heißen Thraͤnen. Weiterhin ſchien ein anderer Paſſagier des „Schwarzen Adlers“ die lebhafteſte Theilnahme zu empfinden. Er ſchien kaum fuͤnf und zwanzig Jahre zu zählen. Lange blonde Locken wallten um ſein Engels⸗ geſicht. Er trug einen ſchwarzen Leibrock und einen weißen Ueberſchlagkragen, ging von einem der Ver⸗ zweifeltſten zum andern und ſprach ihnen Troſt und Hoffnung zu. Wenn man ihn ſo dieſe troͤ⸗ ſten, jene ermuthigen hoͤrte, und zwar in einer ſalbungsvollen, liebreichen und unbeſchreiblich mil⸗ den Sprache, haͤtte man glauben koͤnnen, er ſelbſt habe von den Gefahren, die auch ihn bedroheten, nicht zu fuͤrchten gehabt. Man erkannte auf dieſem ſchoͤnen, lieblichen Geſichte eine heilige, ruhige Unerſchrockenheit, eine Abziehung von allen irdiſchen Gedanken. Von Zeit zu Zeit ſchlug er ſeine großen blauen Augen, die von Dankbarkeit, Liebe und Seelen⸗ heiterkeit ſtrahlten, zum Himmel empor, gleichſam um Gott dafuͤr zu danken, daß er ihn in eine jener ſchrecklichen Pruͤfungen gefuͤhrt habe, in denen der muthvolle Mann ſich fur ſeine Bruͤder aufopfern 1 und, wenn ſie auch nicht alle retten, doch mit ihnen ſterben und ſie dabei zum Himmel hinweiſen kann. Kurz, er ſah aus, wie ein Engel, den der Schoͤpfer geſendet, damit er den Schlägen eines unerbittlichen Schickſals wenigſtens etwas von ihrer Schwere nehme. Seltſamer Weiſe erblickte man nicht weit von dieſem Juͤnglinge, der ſchoͤn war wie ein Erzengel, einen Mann, der dem böſen Geiſte glich. Er ſtand keck auf einem Ueberreſte des Bug⸗ ſpriets, hielt ſich an einigen Tauſtuͤcken feſt und ſah von da auf das ſchreckliche Schauſpiel auf dem Verdecke herab. Eine unheimliche böswillige Freude lag auf ſei⸗ ner Stirn, welche die eigenthumliche mattgelbliche Farbe derer hatte, welche von einem weißen Vater und einer Creolin abſtammen. Er trug nur ein Hemde und leinene kurze Beinkleider. An ſeinem Halſe hing an einer Schnur ein kleiner blecherner Eylinder, aͤhnlich denen, in welchen die Soldaten ihren Abſchied aufzubewahren pflegen. Je großer die Gefahr wurde, je näher der Augen⸗ blick kam, in welchem der Dreimaſter an die Klippen geworfen werden oder mit dem Dampfſchiffe zuſam⸗ menſtoßen zu muͤſſen ſchien, dem erſich ſchnell naͤherte — und wobei beide Schiffe unfehlbar ſinken mußten, noch ehe ſie an den Flippen ſcheiterten— um ſo deutlicher verrieth ſich die teufliſche Freude dieſes Paſſagiers. Er ſchien in gieriger Ungedud das 6 * —— Werk der Zerſtoͤrung beſchleunigen zu wollen, das naͤher und naͤher ruckte. Wenn man ſah, wie er ſich gierig an der all— gemeinen Angſt, an dem Schrecken und der Ver⸗ zweiflung Aller weidete, haͤtte man ihn fuͤr den Apoſtel einer jener blutduͤrſtigen Gottheiten halten koͤnnen, welche in den Laͤndern der Barbaren Mord und Blutvergießen fordern. Bald gelangte der„Schwarze Adler,“ den der Wind und ungeheuere Wogen trieben, ſo nahe an den„Wilhelm Tell,“ daß man von ihm aus die Paſſagiere auf dem Verdecke des ebenfalls ſchwer beſchaͤdigten Dampfbootes erkennen konnte. Die Paſſagiere waren nicht zahlreich. Die Woge, welche den Radkaſten wegriß und ein Rad des Schiffes zertruͤmmerte, hatte auch faſt den ganzen Plattbord derſelben Seite mitgenom⸗ wen, und die Wellen, die jeden Augenblick durch P weite Oeffnung hereindrangen, rollten mit ſiderſtehlicher Gewalt uͤber das Verdeck hin und riſſen faſt jedesmal einige Opfer mit fort. Unter den Paſſagieren, welche dieſer Gefahr nur entgangen zu ſein ſchienen, um an den Felſen zermalmt oder unter dem Zuſammenſtoß der beiden Schiffe zerquetſcht zu werden, der immer drohender wurde, verdiente beſonders eine Gruppe die innigſte und ſchmerzlichſte Theilnahme. Ein langer alter Mann mit kahler Stirn und grauem Schnauzbart hatte ſich ein Tau um den —— — Leib geſchlungen und ſich ſo feſt an den Schiffs⸗ rand am Hintertheile gebunden. In ſeinen Armen, feſt an ſeine Bruſt gedruͤckt, hielt er zwei Maͤdchen von funfzehn bis ſechszehn Jahren, die zur Haͤffte in einen Mantel aus Rennthierhaut gehuͤllt waren. Zu ihren Fuͤßen befand ſich ein großer fahler Hund, der von Waſſer troff und wuthend die Wogen an⸗ bellte. Die Maͤdchen, die der alte Mann in ſeinen Armen hielt, hatten einander ebenfalls umſchlungen. Sie blickten nicht aͤngſtlich umher, ſondern zum Himmel hinauf, als ob ſie voll Hoffnung und Vertrauen Rettung durch eine uͤbernaturliche Macht erwarteten. Ein fuͤrchterlicher Schrei des Entſetzens und⸗ der Verzweiflung, den alle Paſſagiere beider Schiffe gleichzeitig ausſtießen, übertoͤnte plotzlich das Toſen des Sturmes. In dem Augenblicke, als das Dampfboot zwiſchen zwei Wellenbergen einſank und ſeine Ouét⸗ ſeite dem Vordertheile des Dreimaſters darbot, wurde dieſer durch einen Wellenberg ungeheuer hoch em⸗ porgehoben und hing ſo eine Secunde vor dem Zuſammenſtoß gleichſam uͤber dem„Wilhelm Lell“. Es giebt Ereigniſſe von großartiger Grauen⸗ haftigkeit, die nicht zu beſchreiben ſind; aber in ſol⸗ chen Kataſtrophen, die gedankenſchnell eintreten, bieten ſich bisweilen auch Bilder dar, die ſo fluchtig wieder verſchwinden, daß man ſie nur im Scheine eines Blitzes geſehen zu haben glaubt. So ſtand, als der von den Wogen hochgeho⸗ bene Dreimaſter auf den„Wilhelm Tell“ herab⸗ ſturzen wollte, der Juͤngling mit dem Engelsgeſichte und den langen blonden Locken auf dem Vorder⸗ theile in der Abſicht, in das Meer zu ſpringen, um wo moͤglich einen Ungluͤcklichen zu retten. Da erblickte er mit einemmale auf dem Dampf⸗ ſchiffe, auf das er von dem Wellenberge hinunter⸗ ſah, die beiden Madchen, welche betend die Arme zum Himmel emporſtreckten. Sie ſchienen ihn zu erkennen und betrachteten ihn mit Bey erung, mit frommer Anbetung. Eine Secunde lang begegneten einander die Blicke dieſer drei Weſen trotz dem Toben des Stur⸗ mes, trotz der Naͤhe des Schiffbruches. Aus den Zuͤgen des Juͤnglings ſprach tiefes inniges Mitleiden, denn die beiden Mädchen be⸗ teten mit gefalteten Haͤnden zu ihm wie zu einem erwarteten Retter. 5 Der lange alte Mann war durch den Einſturz der Vorderwand umgeworfen worden und lag auf dem Deck. Bald verſchwand Alles. Eine entſetzliche Waſſermaſſe ſchleuderte unter einer Wolke ziſchenden Schaumes den„Schwarzen Adler“ mit Ungeſtuͤm auf den„Wilhelm Tell“. Mit dem furchtbaren Gekrache der beiden Holz⸗ — 91— und Eiſenmaſſen, die einander gegenſeitig zermalm⸗ ten und alsbald unterſanken, verband ſich ein lauter Schrei,— ein Schrei der Todesangſt, ein Schrei, den hundert menſchliche Weſen ausſtießen, die gleich⸗ zeitig in die Flut ſanken. Dann ſah man nichts mehr. Einige Augenblicke nachher konnte man in dem Waſſerſchaume oder auf den Ruͤcken der Wellen die Truͤmmer der beiden Schiffe ſehen und hier und da die krampfhaft geſtreckten Arme und das bleiche verzweiflungsvolle Geſicht einiger Ungluͤck⸗ lichen, welche die Klippen an der Kuͤſte auf die Gefahr hin zu erreichen ſuchten, dort von den Wellen, die ſich da brachen, zermalmt zu werden. Drittes Kapitel. Die Schiffbrüchigen. Während der Verwalter an die Kuͤſte ging, um denjenigen Paſſagieren beizuſtehen, welche dem unvermeidlichen Schiffbruche vielleicht entkämen, hatte Rodin ſich durch Katharine in das gruͤne Zimmer fuͤhren laſſen und da die Gegenſtände weg⸗ genommen, welche er nach Paris bringen ſollte. Nachdem er, unbekuͤmmert um die Rettung, welche die Bewohner des Schloſſes beſchäftigte, zwei Stunden in jenem Zimmer zugebracht hatte, kam er in das Wohnzimmer des Verwalters zuruͤck, das an eine lange Galerie ſtieß. Als er eintrat, fand er Niemand darin. Er hatte uhter dem Arme ein Kaͤſtchen von Roſenholz mit ſilbernem Schloß, das mit der Laͤnge der Zeit ſchwarz geworden war. Sein halb zugeknoͤpfter Rock ließ den obern Theil eines großen Portefeuille von rothem Marokin ſehen, das er in die Seitentaſche geſteckt hatte. Haͤtte das kalte leichenartige Geſicht des Secre⸗ tairs des Abbé von Aigrigny die Freude anders als durch ein ironiſches Lächeln ausdruͤcken konnen, ſo wuͤrde es jetzt von Entzucken geſtrahlt haben, denn er ſchwelgte in den angenehmſten Gedanken. Nachdem er das Kaͤſtchen auf einen Tiſch ge⸗ ſtellt hatte, ſprach er mit inniger Befriedigung vor ſich hin: „Alles geht gut.. Es iſt viel kluͤger geweſen, dieſe Papiere bis jetzt hier zu laſſen, denn man muß vor dem diaboliſchen Geiſte dieſer Adrienne von Cardoville ſtets auf der Hut ſein, da ſie das, was ſie unmöglich wiſſen kann, zu errathen ſcheint.. Zum Gluͤck naht der Augenblick, wo wir nichts mehr zu fuͤrchten haben werden. Ihr Schickſal wird ein ſchreckliches ſein, aber es iſt nothwendig. Solche ſelbſtſtändige und ſtolze Naturen ſind unſere geborenen Feinde,— ſchon ihres Charakters wegen. — Ueber die Frau von Sainte Colombe koͤnnen wir ruhig ſein, denn der Verwalter iſt unſer; er —— wird ſich nicht lange bedenken zwiſchen dem, was der Schwachkopf ſein Gewiſſen nennt, und der Be⸗ ſorgniß, in ſeinem Alter ſeinen Unterhalt zu ver⸗ lieren. Es liegt mir viel an ihm, weil er uns nutzlicher ſein wird als ein Anderer. Und wenn es zwanzig Jahre waͤhrt, die gemeine und dumme Sainte⸗Colombe wird nicht den geringſten Verdacht gegen ihn hegen. Iſt ſie einmal in den Haͤnden unſeres Schutzlings von Roiville, ſo buͤrge ich fuͤr ſie; der Weg ſolcher unreinen und dummen Frauen iſt ſchon im Voraus vorgezeichnet: in ihrer Jugend dienen ſie dem Teufel; werden ſie aͤlter, ſo laſſen ſie ihm durch Andere dienen, und ſind ſie alt, ſo fuͤrchten ſie ſich vor ihm, und ſie muß ſich vor ihm ſo furchten, daß ſie uns ihr Schloß Cardoville vermacht, das ſeiner einſamen Lage wegen ſich vor— trefflich zu einem Collegium eignet. Alles geht alſo gut. Was die Medaillenſache betrifft, ſo iſt der 13. Februar vor der Thuͤr und noch ſind keine Nachrichten von Joſua da. Der Fuͤrſt Dſchalma iſt offenbar noch tief in Indien der Gefangene der Engländer, ſonſt wurde ich wohl Nachricht aus Batavia erhalten haben.. Die Töchter des Gene⸗ rals Simon werden noch wenigſtens einen Monat in Leipzig zuruͤckgehalten werden. Die auswaͤrtigen Angelegenheiten konnen alſo nicht beſſer ſtehen. Was die innern betrifft...“ Rodin wurde in ſeinen Gedanken durch den Eintritt der Frau Dupont geſtort, die ſich eifrig mit den Vorbereitungen zur Hilfeleiſtung beſchäf⸗ tigte. „Jetzt,“ ſagte ſie zu einer Magd,„mache in dem Nebenzimmer Feuer an und ſetze den Gluh⸗ wein dahin. Dupont kann jeden Augenblick zu⸗ ruͤckkommen.“ „Hofft man Jemand von dieſen Ungluͤcklichen zu retten, werthe Frau?“ fragte Rodin. „Ich weiß es leider nicht.. Mein Mann iſt nun ſeit beinahe zwei Stunden fort und ich bin in der ſchrecklichſten Angſt.. Er iſt ſo muthig und ſo unvorſichtig, wenn es darauf ankommt, Hilfe zu leiſten.“ „Muthig bis zur Unvorſichtigkeit,“ dachte Rodin bei ſich.„Das gefaͤllt mir nicht.“ „Ich habe gewarmte Wäͤſche und Rettungs⸗ mittel fuͤr jeden Fall herauslegen laſſen. Gebe Gott, daß es etwas nuͤtze!“ „Man muß immer hoffen, werthe Frau.. Ich habe es ſehr bedauert, daß mein Alter und meine Schwaͤche mir nicht geſtatteten, gleich Ihrem vortrefflichen Manne thaͤtig zu ſein; auch bedaure ich, nicht warten zu koͤnnen, um das Reſultat ſei⸗ ner Bemuͤhungen zu ſehen und ihm daruͤber Gluͤck wuͤnſchen zu koͤnnen, wenn ſie gelangen, denn ich muß leider! ſogleich wieder abreiſen. Meine Augenhlicke ſind gezaͤhlt.. Ich wurde Ihnen ſehr dankbar ſein, wenn Sie die Pferde an meinen Wagen ſpannen laſſen wollten.“ 4 — „Ich werde das ſogleich beſorgen..“ „Noch ein Wort, werthe Madame Dupont.. Sie ſind eine verſtändige Frau.. Ich habe Ihrem Manne geſagt, auf welche Weiſe er, wenn er will, die Verwalterſtelle behalten kann.“ „Waͤre es moͤglich? O welchen Dank ſind wir Ihnen ſchuldig! Ich weiß nicht, was aus uns alten Leuten werden ſollte, wenn wir dieſe Stelle nicht haͤtten..“ „Ich habe mit dem Verſprechen nur zwei Be⸗ dingungen, ſehr leichte Bedingungen verknuͤpft.. Er wird wohl mit Ihnen daruͤber ſprechen.“ „Ach, Herr Rodin, Sie ſind unſer Retter..“ „Sie ſind zu guͤtig; aber unter dieſen beiden kleinen Bedingungen..“ „Und wenn es hundert waͤren, wir wuͤrden ſie annehmen. Denken Sie nur, wir wuͤrden nicht leben können, wenn wir dieſe Stelle nicht hätten..“ „Ich rechne auf Sie.. Bemuͤhen Sie ſich, Ihren Mann zu bewegen; es iſt ja ſein eigenes Intereſſe.“ —„Madame! Madame! Der Herr kommt!“ rief eine Magd, die raſch in das Zimmer herein⸗ trat. „Sind Leute bei ihm?“ „Nein, Madame, er iſt allein.“ „Allein?“ „Ja, Madame.“ Einige Augenblicke ſpäter trat Dupont in das „ Zimmer. Sein Anzug triefte von Waſſer. Den Hut hatte er, um ihn im Sturme auf dem Kopfe zu halten, durch das Halstuch feſtgebunden. Seine Gamaſchen waren beſchmuzt. „Da biſt Du ja, lieber Mann! Ich war ſo in Angſt,“ ſagte ſeine Frau, indem ſie ihn zaͤrtlich kußte. „Bis jetzt ſind Drei gerettet.“ „Gott ſei gedankt,.. mein lieber Herr Dupont,“ ſagte Rodin;„ſo ſind Ihre Anſtrengungen doch nicht vergeblich geweſen.“ „Drei. Nur Drei? Ach Gott!“ ſprach Ka⸗ tharine. „Ich ſpreche nur von denen, die ich geſehen habe.. hoffentlich ſind auch an andern etwas zugaͤnglichen Stellen der Kuͤſte einige Ungluͤckliche gerettet worden.“ „Du haſt Recht, denn die Kuͤſte iſt gluͤcklicher⸗ weiſe nicht uͤberall gleich ſchlecht.“ „Und wo ſind die armen Schiffbruͤchigen?“ fragte Rodin, der unwillkuͤhrlich einige Augenblicke laͤnger blieb. „Sie kommen, von unſern Leuten unterſtuͤtzt, am Ufer herauf.. Da ſie nicht ſchnell gehen, ſo eilte ich voraus, um meine Frau zu beruhigen und einige wichtige Anordnungen zu treffen.. Vor Allem muͤſſen weibliche Kleidungsſtuͤcke bereit gehalten werden..“ „Es iſt alſo eine Frau unter den Geretteten?“ „Zwei Maͤdchen von hoͤchſtens funfzehn bis ſechszehn Jahren,.. Kinder.., aber ſie ſind ſo hubſch!“ „Die armen Kleinen!“ ſagte Rodin ſalbungs⸗ voll. „Auch der Mann, dem ſie das Leben verdan⸗ ken, iſt bei ihnen.. Er iſt ein Held, das muß man ſagen.“ „Ein Held?“ „Ja, denke Dir.. „Erzähle es mir ſpäter und ziehe jetzt den Schlaf⸗ rock an, denn Du biſt ganz durchnäßt, und trinke etwas von dem Gluͤhwein da.“ ⸗ „Das ſchlage ich nicht ab, denn ich bin halb⸗ erfroren... Der Mann, ſagte ich, der die beiden Maädchen gerettet hat, iſt ein Held; der Muth, den er zeigte, uͤbertrifft alle Begriffe.. Wir gingen von hier fort, ſtiegen den ſchmalen ſteilen Fußweg hinunter und kamen am Fuße der Felſen an bei der kleinen Mowenbucht, die gluͤcklicherweiſe durch fuͤnf oder ſechs ziemlich weit ins Meer hinaus⸗ ragende Felſenbloͤcke vor den Wellen etwas geſchutzt iſt.. Was fanden wir an der Bucht? Die er⸗ wähnten beiden Maͤdchen in Ohnmacht. Ihre Fuͤße wurden von dem Waſſer beſpuͤlt, aber ſie waren an einen Felſen gelehnt, als waͤren ſie da⸗ hin gelegt worden.“ „Die lieben Kinder! Das Herz blutet Einem, wenn man daran denkt,“ ſagte Rodin, indem er nnach ſeiner Gewohnheit die Spitze ſeines linken kleinen Fingers an den rechten Augenwinkel legte, um eine Thräne ze die ſich ſelten da zeigte. „Vor Allem fiel mir auf, daß ſie einander ſo ahnlich ſehen,“ fuhr der Verwalter fort,„daß man ſie nicht unterſcheiden kann, wenn man ſie nicht oft ſieht.“ „Gewiß Zwillinge,“ fiel Madame Dupont ein. „Eines der armen jungen Maͤdchen,“ erzaͤhlte der Verwalter weiter,„hielt in den Haͤnden eine kleine Bronzemedaille, die an einem Kettchen an ihrem Halſe hing.“ Rodin ſtand gewoͤhnlich ſehr gebuͤckt, aber bei den letzeen Worten des Verwalters richtete er ſich plotzlich kerzengerade empor und eine leichte Roͤthe faͤrbte ſeine bleichen Wangen. Bei jedem Andern wuͤrde das ziemlich nichtsſagend geweſen ſein, bei Rodin aber, der ſeit vielen Jahren gewoͤhnt war, alle ſeine Gefuͤhle zu bezwingen und zu verbergen, verrieth es die hoͤchſte Verwunderung. Er trat ſo⸗ dann zu dem Verwalter und ſagte mit leicht be⸗ wegter Stimme, aber mit der gleichguͤltigſten Miene: „Es war ohne Zweifel ein frommes Andenken.. Haben Sie nicht geſehen, was auf der Medaille ſtand?“ „Nein, Herr Rodin, daran dachte ich nicht..“ „Und die beiden Schweſtern ſahen einander ſehr ähnlich, ſagen Sie?“ „Ja, zum Verwechſeln Wahrſcheinlich haben K. —— ſie keine Aeltern mehr, denn ſie ſind ſchwatz ge⸗ kleidet..“ „Ah in Trauerkleidung?“ ſprach Herr Rodin mit einer neuen Bewegung vor ſich hin. „So jung und verwaiſet!“ fiel Mad. Dupont ein, indem ſie ſich Thraͤnen aus den Augen wiſchte. „Da ſie ohnmaͤchtig waren, ſo trugen wir ſie weiter hin, an eine Stelle, wo der Sand recht trocken war.. Während wir uns damit beſchaͤftigten, ſahen wir den Kopf eines Mannes an einer Klippe erſcheinen; er bemuͤhete ſich, an derſelben hinaufzu⸗ klettern, und hielt ſich mit einer Hand daran feſt; man eilte ihm zu Hilfe, und es war die hochſte Zeit, denn ſeine Kräfte waren erſchöpft und er ſank unſern Leuten matt in die Arme. Ihn nannte ich einen Helden, denn er hatte ſich nicht begnuͤgt, die beiden jungen Maͤdchen mit bewundernswuͤrdigem Muthe zu retten, ſondern auch den Verſuch ge⸗ macht, eine dritte Perſon zu retten, und war des⸗ halb unter die Klippen zuruͤckgekehrt, an denen ſich das Meer bricht. Aber ſeine Kraͤfte reichten nicht aus, und wenn unſere Leute nicht gekommen waͤren, hatte ihn die Flut von den Felſen, an die er ſich anklammerte, gewiß hinweggeriſſen.“ „Du haſt Recht, der Mann iſt ſehr muthig geweſen. Rodin ſtand da, den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt, und ſchien an der Unterhaltung gar keinen Antheil zu nehmenz ſeine Beſturzung und ſein . Staunen ſteigerten ſich, je weiter er nachdachte; die beiden Mädchen, die man gerettet hatte, waren etwa funfzehn Jahre alt; ſie trugen Trauerklei⸗ dung, glichen einander zum Verwechſeln, und die Eine ttug eine Bronzemedaille am Halſe; es ließ ſich nicht daran zweifeln, es waren die Toͤchter des Generals Simon. Wie aber kamen die beiden Schweſtern unter die Schiffbruͤchigen? Wie waren ſie aus dem Gefängniſſe in Leipzig entkommen? Warum hatte er keine Nachricht davon erhalten? Waren ſie entflohen oder in Freiheit geſetzt worden? Warum hatte man es ihm nicht gemeldet? Dieſe untergeordneten Gedanken, die ſich in dem Kopfe Rodins mit noch vielen andern draͤngten, ſchwiegen vor der Thatſache:„die Tochter des Generals Simon ſind da.“ Sein mit ſo großer Muͤhe angelegter Plan war geſcheitert. 5 „Wenn ich von dem Retter dieſer beiden jungen Maädchen ſpreche,“ fuhr der Verwalter gegen ſeine Frau fort, ohne zu bemerken, daß Rodin in tiefen Gedanken daſtand,„ſo ſtellſt Du Dir ihn vielleicht als einen Herkules vor.. Da irrſt Du Dich aber gewaltig,— denn er iſt faſt ein Kind, ſo jung ſieht er aus mit ſeinem huͤbſchen ſanften Geſichte und ſeinem langen blonden Haar. Ich habe ihm einen Mantel gegeben, denn er hatte nur ſein Hemd und lange ſchwarze Beinkleider mit ſchwar⸗ zen wollenen Struͤmpfen,— was mir ſeltſam vorkam.“— — — „Das iſt es auch, denn die Matroſen ſind nicht ſo gekleidet..“ „Uebrigens halte ich meinen Helden, wenn auch das Schiff, auf dem er ſich befand, ein eng⸗ liſches war, fur einen Franzoſen, denn er ſpricht unſere Sprache wie Du und ich. Die Thraͤnen traten mir in die Augen, als die Mädchen wieder zu ſich kamen. Als ſie ihn ſahen knieten ſie vor ihm niederz es war, als ſaͤhen ſie ihn andächtig an und als dankten ſie ihm, wie man zu Gott betet. Dann ſahen ſie ſich um, als ſuchten ſie Jemandenz darauf ſprachen ſie einige Worte mit einander und fielen einander ſchluchzend in die Arme.“ „Welches Ungluͤck! Ach Gott, wie Viele moͤgen verungluͤckt ſein!“ „Als wir uns von der Kuͤſte entfernten, hatte das Meer ſieben Leichen, ſo wie Truͤmmer und Kiſten an's Land geworfen. Ich habe die Zollwaͤchter benachrichtigen laſſen; ſie werden den ganzen Tag dableiben, und wenn, wie ich es hoffe, noch andere Schiffbruͤchige entkommen, ſie hierher ſchicken„ Aber horch! Ich glaube Stimmen zu hoͤren Ja, es ſind unſere Schiffbruͤchigen.“ Der Verwalter und ſeine Frau eilten an die Thuͤre des Zimmers, das auf eine lange Galerie ging, waͤhrend Rodin, der krampfhaft an den plat⸗ ten Naͤgeln kauete, mit Beſorgniß und Unwillen die Ankunft der Schiffbruͤchigen erwartete. Bald bot ſich ſeinen Blicken ein ergreifendes Bild dar⸗ Der ewige Jude. Iv. 8 —— In der Galerie, die ziemlich dunkel war und nur an einer Seite mehrere Bogenfenſter hatte, kamen drei Perſonen, die ein Bauer fuͤhrte, lang⸗ ſam heran. Dieſe Gruppe beſtand aus zwei Mädchen und dem muthigen Manne, dem ſie das Leben ver⸗ dankten... Roſa und Bianca gingen rechts und links von ihrem Retter, der nur mit Anſtrengung gehen konnte und ſich leicht auf ihre Arme ſtützte. Ob er gleich fuͤnf und zwanzig Jahre alt war, ſo ſah man doch dem jugendlichen Geſichte dieſes Mannes ein ſolches Alter nicht anz ſein langes blondes Haar, das auf der Stirn geſcheitelt war, fiel glatt und feucht auf den Kragen eines großen braunen Mantels, den man ihm uͤbergeworfen hatte. Schwer duͤrfte es ſein, die bewundernswuͤr⸗ dige Seelengute zu ſchildern, die ſich in dem blaſſen milden Geſichte ausſprach, welches ſo rein war wie das idealſte, das Rafaels Pinſel geſchaffen hat,— denn nur dieſer göttliche Kuͤnſtler haͤtte die melan⸗ choliſche Anmuth dieſes zauberiſchen Geſichtes, die heitere Klarheit ſeines himmliſchen blauen Auges wiedergeben können, das dem eines Engels oder eines in den Himmel erhobenen Maͤrtyrers glich, ja eines Maͤrtyrers, denn bereits umgab ein blu⸗ tiger Heiligenſchein dieſen reizenden Kopf. Ueber den blonden Augenbrauen bemerkte man mit Schmerz eine ſchmale Narbe, welche in der Kalte eine hellere Farbe erhalten hatte, ſchon mehrere Mo⸗ — nate alt war und um ſeine ſchoͤne Stirn lief wie eine purpurne Schnur. Noch mehr! Seine Haͤnde waren durch eine Kreuzigung grauſam durchſtochen und ſeine Fuͤße hatten dieſelbe Verſtuͤmmelung er⸗ litten und er ging mit ſo großer Anſtrengung, weil auf den ſpitzen Felſen, uͤber die er hatte ſtei⸗ gen muͤſſen, ſeine Wunden wieder aufgegangen waren. Dieſer junge Mann war Gabriel, der Prieſter und Miſſionair, der Adoptivſohn der Frau Da⸗ goberts. Gabriel war Prieſter und Maͤrtyrer, denn es giebt auch noch in unſern Tagen Maͤrtyrer, wie damals, als die Cäſaren die erſten Chriſten den Loͤwen und Tigern des Circus vorwarfen. Maͤnner aus dem Volke,— denn aus ihm geht faſt immer die heldenmuͤthige und uneigennuͤtzige Aufopferung hervor,— Maͤnner aus dem Volke fuͤhlen ſich durch einen Beruf, der achtbar iſt wie alles Mu⸗ thige und Ehrliche, getrieben, und begeben ſich in alle Theile der Welt, um den Glauben da zu verbreiten und der Folter und dem Tode zu trotzen. Wie viele von ihnen ſind als Opfer der Wil⸗ den gefallen, unbekannt und unbeachtet, in den Wildniſſen der beiden Welten! Und fur dieſe ge⸗ meinen Streiter des Kreuzes, die nichts als ihren Glauben und ihre Unerſchrockenheit haben, giebt es keine Ruͤckkehr und— wenn ſie dennoch 5 mal zuruͤcktommen ſollten, keine eintraͤglichen glän⸗ zenden kirchlichen Wuͤrden. Nie bedecken der Pur⸗ pur und die Biſchofsmutze ihre benarbte Stirn und ihre verſtuͤmmelten Glieder; ſie ſterben unge⸗ kannt, wie die meiſten wirklichen Soldaten.*) Die Töchter des Generals Simon hatten in ihrer herzlichen Dankbarkeit, nachdem ſie ſich wie⸗ der erholt hatten und im Stande waren, an den Felſen hinaufzuklimmen, Niemandem die Sorge uͤberlaſſen moͤgen, den wankenden Gang deſſen zu unterſtuͤtzen, der ſie einem gewiſſen Tode entriſſen hatte. Die ſchwarzen Kleider Roſas und Biancas trief⸗ ten von Waſſer; aus ihren bleichen Geſichtern ſprach ein tiefer Schmerz und Thränen ſtroͤmten uͤber ihre Wangen, denn die Waiſen dachten, ſchaudernd vor Angſt und Kälte, mit Verzweiflung daran, daß ſie Dagobert, ihren Fuͤhrer und Freund, nicht wieder⸗ ſehen wuͤrden, denn ihm hatte Gabriel vergebens ) Wir werden uns immer mit Rührung des Schluſſes eines Briefes erinnern, den vor zwei ober brei Jahren ein junger muthiger Miſſivnair, der Sohn armer Bauersleute in Beauce, geſchrieben hatte. Er ſchrieb tief aus Japan an ſeine Mutter und ſchloß den Brief mit den Worten:„Lebe wohl, meine gute Mutter.. Man ſagt, es ſei ſehr gefährlich dort, wohin man mich ſchickt. Bete zu „Gott für mich und ſage allen unſern guten Nachbarn, daß ich ſie „liebe und oft an ſie benke.“— Iſt bieſe Empfehlung aus Aſien an arme Bauern in einem Dörfchen Frankreichs in ihrer Einfachheit nicht rührend? — 105— die Hand gereicht, um ihn bei dem Erklimmen der Felſen zu unterſtuͤtzen.. Leider hatte Beide die Kraft verlaſſen und der Soldat war von einer Woge wieder zuruͤckgeriſſen worden. Der Anblick Gabriels war ein neuer Gegen⸗ ſtand der Ueberraſchung fuͤr Rodin, der bei Seite getreten war, um Alles beobachten zu können. Aber dieſe Ueberraſchung war eine freudige; er empfand eine ſo große Freude, den Miſſionair aus einem gewiſſen Tode gerettet zu ſehen, daß der ſchmerz⸗ liche Eindruck, den der Anblick der Toͤchter des Ge⸗ nerals Simon auf ihn gemacht hatte, ſich allmaͤlig milderte.(Man hat nicht vergeſſen, daß nach den Plaͤnen Rodins Gabriel am 13. Februar in Paris ſein ſollte.) Der Verwalter und deſſen Frau, die der An⸗ blick der Waiſen tief ruͤhrte, traten eilig zu ihnen⸗ „Herr! Herr! Eine gute Nachricht!“ rief ein Knecht, der jetzt hereintrat.„Es ſind noch zwei Schiffbruͤchige gerettet!“ „Gott ſei gelobt!“ ſprach der Miſſionair. „Wo ſind ſie?“ fragte der Verwalter, indem er nach der Thuͤre hinging. „Einer kann gehen und er folgt mir mit Ju⸗ ſtin, der ihn fuͤhrt; der andre iſt an den Felſen verwundet worden.. Man traͤgt ihn auf einer Trage her.. „Ich werde ihn in den untern Saal bringen — 106— laſſen,“ ſagte der Verwalter, indem er hinaus⸗ ging..„Du, Frau, beſchaͤftige Dich mit den jun⸗ gen Maͤdchen.“ „Und wo iſt der Schiffbruͤchige, der gehen kann?“ fragte die Frau des Verwalters. „Da iſt er,“ antwortete der Knecht, indem er auf Jemanden zeigte, der ziemlich ſchnell in der Galerie herkam.„Sobald er erfahren hatte, daß die beiden geretteten Maͤdchen da waͤren, machte er trotz ſeinem Alter und ſeiner Wunde am Kopfe ſo große Schritte, daß ich ihm kaum zuvorkommen konnte. Der Mann hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Rofa und Bianca gleichzeitig ſich erhoben und nach der Thuͤre hin eilten. Sie kamen an derſelben an, als eben auch Da⸗ gobert erſchien. Der Soldat, der kein Wort ſprechen konnte, fiel auf der Schwelle auf ſeine Knie nieder und ſtreckte ſeine Arme den Toͤchtern des Generals Si⸗ mon entgegen, waͤhrend der Hund Murr ihnen die Haͤnde leckte. Die freudige Bewegung war zu heftig fuͤr Da⸗ gobert.. Als er die Madchen an ſein Herz ge⸗ druͤckt hatte, ſank ſein Kopf ruͤckwaͤrts und er wuͤrde ruͤcklings niedergefallen ſein, wenn man ihm nicht zu Hilfe geeilt wäre. Die beiden Maͤdchen wollten trotz den Vorſtellungen der Frau des Verwalters — 107— uber ihre Schwaͤche den ohnmachtigen Dagobert begleiten, den man in ein anſtoßendes Zimmer brachte. Das Geſicht Rodins hatte ſich bei dem An⸗ blicke des alten Soldaten gewaltſam verzerrt, denn bis dahin war er der Meinung geweſen, der Fuͤh⸗ rer der Toͤchter des Generals Simon ſei umge⸗ kommen. Der erſchöpfte und ermattete Miſſionair ſttzte ſich auf einen Stuhl und hatte Rodin noch nicht bemerkt. Jetzt trat noch Jemand, ein Mann mit matt⸗ gelber Geſichtsfarbe, mit einem Bauer herein, der ihn an Gabriel wies. Der Mann mit dem gelblichen Teint, dem man eine Blouſe und Beinkleider geliehen hatte, trat zu dem Miſſionair und ſagte in franzoͤſiſcher Sprache, aber mit fremdem Accent, zu ihm: „Der Prinz Dſchalma iſt eben hierher gebracht worden.. Sein erſtes Wort waren Sie; er ver⸗ langt nach Ihnen.“ „Was ſagt dieſer Mann?“ rief Rodin mit furchterlicher Stimme aus, denn er war bei dem Namen Dſchalmas raſch zu Gabriel getreten. „Herr Rodin!“ rief der Miſſionair aus, in⸗ dem er verwundert zuruͤcktrat. „Herr Rodin?“ wiederholte der andere Schiff⸗ — bruͤchige, der von dieſem Augenblicke an von dem Correſpondenten Joſuas nicht wieder hinwegſah. „Sie hier?“ pragte Gabriel, indem er voll Ehrfurcht und— Furcht zu Rodin trat. „Was ſagt dieſer Mann?“ wiederholte Rodin mit bewegter Stimme.„Nennt er nicht den Na⸗ men des Prinzen Dſchalma?“ „Ja. Der Prinz Dſchalma iſt einer der Paſſa⸗ giere des engliſchen Schiffes, das von Alexandrien kam und mit dem wir Schiffbruch litten. Es hatte bei den Azoren angelegt, wo ich mich be⸗ fand.. Das Schiff, welches mich von Charles⸗ town dahin brachte, mußte dort bleiben, weil es ſtark beſchaͤdiget war, und ich reiſete auf dem„Schwar⸗ zen Adler“ weiter, auf welchem ſich der Prinz be⸗ fand. Wir ſollten in Portsmouth landen und von da aus gedachte ich nach Frankreich zu kom⸗ men.“ Rodin unterbrach Gabriel nicht, denn dieſe neue Erſchuͤtterung lähmte ſeine Gedanken. Endlich ſagte er zu Gabriel, wie Jemand, der eine letzte Anſtrengung verſucht, ob er gleich ihre 4 Nutzloſigkeit im voraus kennt: 5 „Wiſſen Sie, wer der Prinz Dſchalma iſt?“ „Ein ebenſo gutherziger als braver junger Mann, der Sohn eines indiſchen Fuͤrſten, den die Eng⸗ länder von dem Throne verdraͤngt haben.“ — 109— Dann wendete ſich der Miſſionair zu dem an⸗ dern Schiffbruͤchigen und ſagte theilnehmend zu ihm: „Wie geht es dem Prinzen? Sind ſeine Wun⸗ den gefaͤhrlich?“ „Es ſind ſehr bedeutende Quetſchungen, aber ſie werden nicht todtlich ſein,“ antwortete der An⸗ dere. „Gott ſei Dank!“ rief der Miſſionair zu Ro⸗ din gewendet..„Sie ſehen hier noch einen Ge⸗ retteten.“ „Deſto beſſer,“ antwortete Rodin in kurzem gebieteriſchen Tone. „Ich werde mich an ſein Bett begeben,“ fuhr Gabriel fort.„Sie haben mir keinen Befehl zu ertheilen?“ „Sind Sie trotz ihrer Ermattung nach zwei oder drei Stunden zur Abreiſe bereit?“ „Wenn ich muß, ja.“ „Es iſt noͤthig; Sie werden mit mir reiſen.“ Gabriel verbeugte ſich vor Rodin, der wie ver⸗ nichtet auf einen Stuhl ſank, waͤhrend der Miſſio⸗ nair mit dem Bauer fortging. Der Mann mit der gelben Geſichtsfarbe war in einer Ecke des Zimmers geblieben, von Rodin unbemerkt. Dieſer Mann war Faringhea, der Meſtize, Einer der drei Haͤupter der Wuͤrger, welcher den — 410— Nachſtellungen der Soldaten in den Ruinen von Tſchandi entgangen war. Nachdem er den Schmugg⸗ ler Mahal getdtet, hatte er ihm die von Joſua van Dasl an Rodin geſchriebenen Depeſchen ſo wie den Brief abgenommen, der dem Schmuggler Aufnahme als Paſſagier am Bord des„Ruy⸗ ter“ verſchaffen ſollte. Faringhea war aus der Huͤtte unter den Ruinen von Tſchandi entflohen, ohne von Dſchalma geſehen worden zu ſein, Dſchalma traf ihn nach ſeiner Flucht(die ſpaͤter erklaͤrt werden wird) am Bord, und da er nicht wußte, daß derſelbe zu der Secte der Phanſigars gehoͤrte, behandelte er ihn während der Ueberfahrt als Landsmann. Rodin ſaß mit ſtierem Auge und bleichem Ge⸗ ſichte da, nagte in ſtummer Wuth an den Nageln und bemerkte den Meſtizen nicht, der ſich ihm ſtill naͤherte, dann ihm vertraulich die Hand auf die Achſel legte und zu ihm ſagte: „Sie heißen Rodin?“ „Was ſoll's?“ fragte dieſer, indem er zuſam⸗ menzuckte und dann raſch den Kopf emporrichtete. „Sie heißen Rodin?“ wiederholte Faringhea. „Ja. Was wollen Sie?“ „Sie wohnen in Paris in der Straße Milieu des Urſins?“ „Ja. Aber noch einmal, was wollen Sie?“ „Jetzt. nichts. Spaͤter. Bruder viel.“ ——— Und Faringhea, der ſich langſamen Schrittes entfernte, ließ Rodin erſchrocken daſitzen, denn dieſer Mann, der vor nichts zitterte, hatte mit Ent⸗ ſetzen den unheimlichen Blick und die finſtere Miene des Wuͤrgers bemerkt. Ende des vierten Theils. Druck von Bernh. Tauchnitz jun.