— 1 Eugen Sue's ſämmtliche Werke. 174. Theil. Der ewige Iude. Drittes Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. ewige Jund Der Von Eungen Sue. Ueberſetzt von Dr. A. Diezmann. Drittes Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. 3 1 ——=—— 1 Funfzehntes Kapitel. Die Briefe. Wenn man in den Orbensregeln ber Jeſutten unter bem Titel de Formula scribendi(nst. 2. 11 p. 125— 129) die Ausführung des achten Theils der ſtitutionen lieſet, erſchrickt man über die Anzahl der Briefe, Berichte, Verzeich⸗ niſſe und Schriften aller Art, die in dem Archiv der Geſell⸗ ſchaft aufbewahrt werben. Es iſt eine unenblich ſorgſamere und beſſer unterrichtete Polizei, als die irgend eines Staates jemals geweſen iſt. Selbſt die Regierung Venedigs wurde durch die Jeſuiten übertroffen. Als dieſe ſie 1606 verjagte, nahm ſie alle Pa⸗ piere derſelben in Beſchlag und warf ihnen ihre große und läſtige Neugierde vor. Dieſe zu einem ſolchen Grad der Vollkommenheit gebrachte Polizei und geheime Inguiſitivn macht die Macht einer Regierung begreiflich, welche ſo wohl unterrichtet, in ihren Plänen ſo ausdauernd, durch die Einheit und, wie die Conſtitutionen ſagen, durch die Einigkeit ihrer Glieber, ſo mächtig war.— Man ſicht leicht ein, welche unermeßliche Kraft die Regierung bieſer Geſell⸗ ſchaft erlangte und wie der Jeſuitengeneral zu dem Herzoge von Briſſac ſagen konnte:„von dieſem Zimmer aus re⸗ giere ich nicht blos Paris, ſondern China, nicht blos China, ſondern die ganze Welt, ohne daß Je⸗ mand weiß, wie es zugeht.“ (Die Conſtitutionen der Jeſuiten mit den Erläute⸗ rungen, lateiniſcher Text, nach der Prager Aus⸗ gabe, p. 476— 478. Paris, Paulin, 1843.) Der Thierbaͤndiger Morok hatte noch vor der Ankunft des Ortsrichters, weil er glaubte, Da⸗ gobert werde ſeine Reiſe nicht fortſetzen koͤnnen, nachdem derſelbe ſein Pferd, ſeine Papiere und ſein Geld verloren, Karl mit einem Briefe, den er ſo⸗ fort zur Poſt geben ſollte, nach Leipzig geſchickt. Dieſer Brief war adreſſirt an Herrn Rodin, Rue du Milieu des Urſins in Paris. Ungefaͤhr in der Mitte dieſer oͤden, wenig be⸗ kannten Straße, die tiefer liegt als der Kai Napo⸗ leon, an welchem ſie, unfern von der Straße St. Landry, ausmuͤndet, ſtand damals ein Haus von beſcheidenem Ausſehen in einem duͤſtern, kleinen Hofe, welcher von der Straße durch ein kleines Vordergebäude mit einer Bogenthuͤr und zwei ver⸗ Bitterten Fenſtern getrennt war. Das Innere dieſes ſtillen Hauſes war hochſt einfach, wie es das Meublement eines ziemlich gro⸗ ßen Zimmers im Erdgeſchoſſe des Hauptgebäudes bewies. Altergraues Holzgetäfel bedeckte die Wande; der mit Flieſen belegte Fußboden war rothange⸗ ſtrichen und ſorgfältig gebohnt und an den Fenſtern hingen weiße Kattungardinen. Ein Erdglobus von ungefaͤhr vier Fuß im Durchmeſſer ſtand auf einem maſſiven eichenen Geſtelle am andern Ende des Zimmers dem Ka⸗ mine gegenuͤber. Auf Hieſem großen Globus bemerkte man eine große Anzahl kleiner rother Kreuze in allen Welt⸗ theilen, von Norden nach Suͤden, von Oſten nach Weſten, von den roheſten Ländern und den fern⸗ E 5 ſten Inſeln, bis zu den civiliſirteſten Voͤlkern, bis nach Frankreich; in jedem Lande waren mehrere Oerter mit dieſen kleinen rothen Kreuzen bezeich⸗ net, die offenbar als Merk⸗ oder Richtzeichen dienten. WVor einem Tiſche von ſchwarzem Holze, auf dem Papiere lagen und der in der Naͤhe des Ka⸗ mins an die Wand geruͤckt war, ſtand ein leerer Stuhl. Weiterhin, zwiſchen den beiden Fenſtern, ſah man ein großes Schreibpult von Nußbaumholz mit Faͤchern voll Mappen daruͤber. An dieſem Pulte ſchrieb ein Mann eines Mor⸗ gens gegen acht Uhr zu Ende des Monat October 1831. Dieſer Mann war Rodin, der Correſpondent des Thierbaͤndigers Morok. Er ſtand etwa im funfzigſten Jahre und trug einen alten abgeſchabten olivengruͤnen Rock mit ſchmuzigem Kragen, ein Taſchentuch als Halstuch, eine Weſte und Beinkleider von fadenſcheinigem ſchwarzem Tuche. Seine Fuͤße mit plumpen ge⸗ ſchmietten Schuhen ruheten auf einem kleinen gru⸗ nen Teppich, welcher den rothen glaͤnzenden Fuß⸗ boden bedeckte. Sein graues Haar lag glatt an den Schlaͤfen und auf der kahlen Stirn; die Au⸗ genbrauen waren außerordentlich duͤnn und kaum zu erkennen; das ſchlaffe, herabhangende obere Augenlid glich der Haut, welche die Augen der Schlangen und ähnlichen Thiere halb verſchleiert, und verhuͤllte zum Theil das kleine lebhafte ſchwarze Auges ſeine duͤnnen vollig farbloſen Lippen ver⸗ ſchmolzen mit der bleichen Farbe ſeines hagern Ge⸗ ſichtes mit ſpitzer Naſe und ſpitzem Kinn und dieſes leichenartige gleichſam lippenloſe Geſicht ſah um ſo ſeltſamer aus, als es auch ebenſo unbeweglich war wie das einer Leiche. Hätten ſich nicht die Finger ke⸗ Herrn Rodin bewegt, der ſich auf das Pult og und die Feder kritzelnd uͤber das Papier gleiten ließ, man waͤre verſucht geweſen, ihn fuͤr todt zu halten. Mit Hilfe eines vor ihm liegenden geheimen Alphabets ſchrieb er in einer Art, welche fuͤr Jeden unverſtaͤndlich ſein mußte, der den Schluͤſſel zu dieſer Chifferſchrift nicht beſaß, gewiſſe Stellen von einem langen beſchriebenen Blatte ab. Dieſer Mann mit dem eiskalten Geſichte, der in geheimnißvollen Zeichen ſchrieb, hatte etwas Un⸗ heimliches in dieſer tiefen Stille, in dieſem ſchau⸗, erlichen Halbdunkel, welches das große kalte und kahle Zimmer noch duſterer machte. Es ſchlug acht Uhr, dann hallte dumpf der Klopfer an dem Thore und eine Klingel ertönte zweimal. Es wurden mehrere Thuͤren geöffnet und wieder zugemacht und ein anderer Mann trat in das Zimmer herein. Modin ſtand bei dem Anblicke deſſelben auf, nahm die Feder zwiſchen die Zaͤhne, verbeugte ſich mit tief demuͤthiger Miene und ging wieder an ſeine Arbeit, ohne ein Wort zu ſprechen. S Die beiden Perſonen unterſchieden ſich vällig von einander. Der Neuangekommene, der aͤlter war, als er ausſah, ſchien höchſtens ſechs bis acht und dreißig Jahre zu zäͤhlen; er war hoch und zierlich gewach⸗ ſen; die Blicke ſeines großen grauen Auges, das wie Stahl glanzte, konnten wohl Wenige aushalten; ſeine an der Wurzel breite Naſe bildete eine vier⸗ ſeitige Halbflaͤche; ſein ſcharfvortretendes glattraſir⸗ tes Kinn und der bläuliche Schimmer des ftiſch abraſirten Bartes ſtachen von dem lebhaften Roth ſeiner Lippen und der Weiße ſeiner ſehr ſchoͤnen Zähne ab. Als er den Hut abnahm, um eine ſchwarze Sammetmuͤtze aufzuſetzen, die auf dem kleinen Tiſche lag, wurde ſein hellbraunes Haar ſichtbar, das die Jahre noch nicht mit Silberfäd⸗ chen durchzogen hatten. Er trug einen langen Rock, der militairiſch bis an den Hals zugeknoͤpft war. Das ſcharfblickende Auge dieſes Mannes und ſeine breitgeſchnittene Stirn verriethen einen ſtarken Verſtand, waͤhrend die volle Ausbildung ſeiner Bruſt und ſeiner Schultern auf eine kräftige Kor— perconſtitution deutete, und ſeine vornehme Hal⸗ tung, ſeine zierlichen Handſchuhe, ſeine nette Fuß⸗ bekleidung, das ſchwache Parfuͤm, das von ſeinem Paar und ſeiner ganzen Perſon duftete, die An⸗ muth und Ungezwungenheit aller ſeiner Bewegun⸗ gen einen Weltmann in ihm erkennen ließen, der wohl nach allen Siegen, den ftivolſten wie den ernſteſten, hatte ſtreben können und noch ſtreben konnte. Die Folge dieſes ſo ſeltenen Vereins von Vor⸗ zugen, von Geiſteskrgft, Körperkraft und höchſter Eleganz, war ein ſo bemerkenswertheres har⸗ moniſches Ganze, ldas zu Gebieteriſche, was in dem obern Theile des energiſchen Geſichtes lag, durch die Freundlichkeit eines beſtändigen Lächelns gemildert und gemaͤßigt wurde, das indeß keines⸗ wegs gleichformig war, denn dieſes je nach den umſtaͤnden liebreiche, oder ſchelmiſche, herzliche oder heitere, beruhigende oder anziehende Laͤcheln erhoͤ⸗ hete den herzgewinnenden Reiz dieſes Mannes, den man nie wieder vergaß, wenn man ihm ein⸗ mal geſehen hatte. Trotz ſo vielen Vorzuͤgen, und trotz ſeiner un⸗ widerſtehlichen Anziehungskraft erregte dieſer Mann doch auch ſtets eine gewiſſe Unruhe und Beſorgniß, als wenn unter der Anmuth und außerordentlichen Artigkeit ſeines Benehmens, unter dem Zauber ſeiner Sprache, unter ſeiner feinen Schmeichelei, unter der verlockenden Freundlichkeit ſeines Lächelns irgend eine gefährliche Schlinge verſteckt liege. Man fragte ſich, während man unwillkuͤhrlich ſeiner Zauberkraft unterlag, ob man zum Guten — oder zum Boͤſen hingezogen werde. 2 „* —— — — 11— Rodin, der Secretair des Eingetretenen, ſchrieb weiter. „Sind Briefe aus Duͤnkirchen da, Rodin?“ fragte ihn ſein Herr. „Der Briefträͤger iſt noch nicht dageweſen.“ „Wenn ich auch uͤber Befinden meiner Mutter nicht gerade ſie ihrer Ge⸗ neſung raſch entgegengeht,“ fuhr der Andere fort, „ſo kann mich doch nur ein Brief der Frau Fuͤr⸗ ſtin von St. Dizier, meiner vortrefflichen Freun⸗ din, gaͤnzlich beruhigen.. Heute endlich werde ich hoffentlich gute Nachrichten erhalten.“ „Das iſt zu wuͤnſchen,“ antwortete der Secre⸗ tair ſo demuͤthig und unterwuͤrfig, als lakoniſch und kalt. „Allerdings iſt das zu wuͤnſchen,“ fuhr der Herr fort,„denn ich rechne den Tag zu einem ber ſchoͤnſten meines Lebens, an welchem die Fuͤrſtin von St. Dizier mir meldete, dieſe eben ſo ſchnell ausgebrochene als gefaͤhrliche Krankheit ſei gluͤcklich der Pflege gewichen, die meine Mutter gefunden hätte bei ihr, ſonſt wäre ich augenblicklich nach dem Landgute der Fuͤrſtin abgereiſet, obgleich weine Anweſenheit hier ſehr nothig iſt.“ Er trat darauf an das Schreibpult und ſetzte hinzu: „Iſt der Auszug aus der auswaͤrtigen Corre⸗ ſpondenz gemachte“ „Hier iſt er..“ „Die Briefe kommen immer unter Couvert an den angegebenen Orten an und werden meinem Be⸗ fehle zu Folge hierher gebracht?“ „Immer.“ „Leſen Sie mir den Auszug aus den Briefen vor. Wenn einige darunter ſind, die ich ſelbſt beantworten muß, werde ich es Ihnen bemerken.“ Und der Herr Rodins ging in dem Zimmer auf und ab, die Haͤnde auf dem Ruͤcken zuſam⸗ mengelegt, und dietirte Bemerkungen, welche Rodin ſorgfältig aufzeichnete. Der Secretair nahm ein ziemlich ſtarkes Akten⸗ heft und begann: „Don Ramon Olivarez meldet aus Cadir den Empfang des Briefes Nr. 19. Er wird ſich dar⸗ nach richten und jede Theilnahme an der Entfuͤh⸗ rung laͤugnen.“ „Gut— einzutragen..“ Der Graf Romanow in Riga befindet ſich in Geldverlegenheiten..“ „Dupleſſis zu ſagen, eine Beihilfe von 50 Louisd'or zu ſenden. Ich habe fruͤher als Capi⸗ tain in dem Regimente des Grafen gedient und ſeitdem hat er werthvolle Mittheilungen gemacht.“ „Man hat in Philadelphia die letzte Sendung der gereinigten„Geſchichte von Frankreich“ zum Gebrauch fuͤr die Glaͤubigen rhalten und ver⸗ langt mehr, da der Vorrath erſchoͤpft iſt.“ — 11— „Einzutragen und Dupleſſis daruͤber zu ſchrei⸗ ben. Weiter.“ „Spindler ſendet aus Namur den verlangten geheimen Bericht uͤber Ardouin.“ „Auszuziehen.“ „Ardouin ſendet aus derſelben Stadt den ge⸗ heimen Bericht uͤber Spindler ein.“ „Auszuziehen.“ „Der Doctor van Oſtadt aus derſelben Stadt ſendet eine vertrauliche Mittheilung uͤber Spindler und Ardouin.“ „Zu vergleichen. Weiter.“ „Der Graf Malipierri in Turin meldet, daß die Schenkung von 300,000 Franks unterzeich⸗ net iſt.“ „Dupleſſis davon zu benachrichtigen; dann?“ „Don Stanislaus iſt mit der Königin Marie Erneſtine von Baden abgereiſet. Er zeigt an, daß Ihre Maj. dankbar die ihr zugeſagten Mittheilun⸗ gen empfangen und eigenhaͤndig antworten werde.“ „Ich werde ſelbſt an die Koͤnigin ſchreiben. Bemerken Sie ſich das.“ Waͤhrend Rodin einige Worte an den Rand des Papieres ſchrieb, das er in der Hand hielt, war ſein Herr, der fortwährend in dem Zimmer auf⸗ und abging, an den mit kleinen rothen Kreu⸗ zen bezeichneten Globus gekommen. Er betrachtete ihn einen Augenblick nachdenklich. Rodin fuhr fort: „Der Pater Orſini ſchreibt aus Mailand, bei der Stimmung der Gemuͤther in mehreren Theilen Italiens, wo einige Aufwiegler nach Frankreich blicken, wuͤrde es von Wichtigkeit ſein, dort in Maſſe ein Schriftchen zu verbreiten, in welchem die Franzoſen, unſere Landsleute, als ſitten- und gottloſe, raubſuͤchtige und blutdurſtige Menſchen geſchildert waͤren..“ „Der Gedanke iſt vortrefflich; man koͤnnte die Epceſſe, welche die Unſerigen während der Kriege der Republik in Italien begangen haben, dabei klug benutzen. Man wird den Jacques Dumou⸗ lin beauftragen muͤſſen, das Schriftchen zu ſchrei— ben. Der Mann iſt aus Gift und Galle zuſam⸗ mengeſetzt und die Flugſchrift wird entſetzlich wer⸗ den.. Ich werde ihm einige Notizen dazu geben, aber man darf ihn erſt nach Ablieferung des Ma⸗ nuſcriptes bezahlen..“ „Allerdings. Wenn man ihn vorausbezahlte, wuͤrde er acht Tage lang betrunken in irgend einem ſchlechten Wirthshauſe liegen. So hat man ihm ſein giftiges Buch gegen die pantheiſti⸗ ſchen Tendenzen der Philoſophie des Dr. Martin auch zweimal bezahlen muͤſſen.“ „Bemerken Sie dies und fahren Sie fort.“ „Ein Kaufmann meldet, daß der Commis auf dem Punkte ſtehe, den Bankier abzuſenden, 2 2 — damit er Rechnung ablege vor dem, welcher ſie zu fordern berechsiget ſei.“ Rodin betonte dieſe Worte in eigenthuͤmlicher Weiſe und fragte dann ſeinen Herrn: „Sie verſtehen das?“ „Vollkommen,“ antwortete der Andere bebend.. „Es ſind die Ausdruͤcke, wie man ſie brauchen wollte. Weiter!“ „Aber der Commis,“ fuhr der Secretair fort, „hat noch ein Bedenken.“ Nach einer Pauſe, in welcher ſeine Zuge ſich ſchmerzlich verzogen, ſprach der Herr Rodins: „Fortwaͤhrend durch Stille und Einſamkeit auf die Phantaſie des Commis zu wirken und ihn dann das Verzeichniß der Fälle nochmals leſen zu laſſen, in welchen der Koͤnigsmord geboten und verziehen wird. Weiter!“ „Die Sydney ſchreibt aus Dresden, ſie er⸗ warte Inſtructionen. Es ſind ihretwegen heftige Auftritte aus Eiferſucht zwiſchen dem Vater und dem Sohne vorgekommen, die Sydney hat aber in dieſen neuen Ergießungen des gegenſeitigen Haſſes und in den vertraulichen Mittheilungen, die ihr jeder uͤber ſeinen Nebenbuhler machte, nichts ge⸗ funden, was auf die Nachweiſungen ſich beziehe, die man von ihr verlangt. Sie konnte bisher vermei⸗ den, ſich fuͤr den Einen oder den Andern zu ent⸗ ſcheiden, ſie furchtet aber Argwohn zu erregen, ——— 6 wenn dieſer Zuſtand noch länger dauere. Wen ſoll ſie vorziehen, den Vater oder den Sohn?“ „Den Sohn... Das Gefuͤhl der Eiferſucht wird bei dem Alten weit ſtärker und grauſamer ſein, und um ſich dafuͤr zu rächen, daß ſein Sohn vor⸗ gezogen wurde, ſagt er vielleicht, was in Beider Intereſſe liegt zu verheimlichen.. Weiter!“ „Seit drei Jahren ſind zwei Maͤgde des Am⸗ broſius, den man in die kleine Gemeinde in den Gebirgen von Wallis geſchickt hat, verſchwunden, ohne daß man weiß, was aus ihnen geworden iſt.. Eine dritte hat ſoeben daſſelbe Schickſal gehabt. Die Proteſtanten des Landes regen ſich, ſprechen von Mord, von entſetzlichen Umſtaͤnden.. „Bis zum offenbaren und vollſtaͤndigen Beweiſe der Sache muß Ambroſius gegen die ſchaͤndlichen Verleumdungen einer Partei vertheidiget werden, welche ſich nicht ſcheut, die abſcheulichſten Erfin⸗ dungen zu verbreiten.. Weiter!“ „Dem Thompſon in Liverpool iſt es endlich ge⸗ lungen, Juſtin als Vertrauten zu Lord Stewart, einem reichen Irlaͤnder, zu bringen, der immer geiſtesſchwaͤcher wird.“ „Wenn es ſich beſtätiget, dem Thompſon eine Gratification von 50 Louisd'or. Notiren Sie es fuͤr Dupleſſis. und fahren Sie fort.“ „Franz Dichſtein in Wien meldet, ſein Vater ſei in einem kleinen Dorfe einige Stunden von die⸗ ſer Stadt an der Cholera geſtorben, denn die Seuche K⸗ kommt langſam immer weiter aus Rußland uͤber Polen heran.“ „Leider!“ fiel der Herr Rodins ein;„moͤge die ſchrockliche Geißel ihren grauenhaften Weg nicht fortſetzen und Frankreich verſchonen!“ „Franz Dichſtein,“ fuhr Rodin fort,„meldet, ſeine beiden Bruͤder hätten die Abſicht, die von ſei⸗ nem Vater gemachte Schenkung anzugreifen, er aber ſei der entgegengeſetzten Meinung.“ „Die beiden Perſonen zu befragen, welche die Streitſachen unter ſich haben. Weiter!“ „Der Cardinal Fuͤrſt Almafi will in die drei erſten Punkte der Denkſchrift eingehen; wegen des vierten behaͤlt er ſich vor..“ „Kein Vorbehalt! Reine und unbedingte An⸗ nahme,— ſonſt Krieg,— bemerken Sie das wohl!— erbitterter Krieg ohne Erbarmen gegen ihn und ſeine Creaturen.. Weiter!“ „Fra Paolo meldet, daß der Patriot Boccart, der Vorſteher einer ſehr zu furchtenden geheimen Geſellſchaft, ſich ſelbſt das Leben genommen hat, aus Verzweiflung daruͤber, daß ſeine Freunde aus Mißtrauen, das Fra Paolo klug bei ihnen angeregt hatte, ihn des Verrathes beſchuldigten.“ „Boccari!! Iſt es möglich? Boccari? Der patriotiſche Boccari? Der ſo gefährliche Feind?“ rief der Herr Rodins aus. „Der Patriot Boccari,“ wiederholte der Secre⸗ tair mit unveränderlicher Ruhe. Der ewige Jude. III. „Dupleſſis zu ſagen, dem Fra Paolo eine An⸗ weiſung auf 25 Louisd'or zu ſchicken. Notiren Sie das.“ „Hausmann meldet, die franzöſiſche Tänzerin Albertine Ducornet ſei die Maitreſſe des Prinz⸗Re⸗ genten und beherrſche ihn vollſtaͤndig; man koͤnnte deshalb das Ziel, welches man im Auge habe, ſicher erreichen, aber jene Albertine werde wieder von ihrem Geliebten beherrſcht, der in Frankreich als Fälſcher verurtheilt ſei, und ſie thue nichts, ohne ihn um Rath zu fragen.“ „Hausmann zu befehlen, mit dieſem Manne zu ſprechen und in ſeine Bedingungen zu willigen, wenn ſie annehmlich ſindz ſich zu erkundigen, ob das Mädchen Verwandte in Paris habe.“ „Der Herzog von Orbano meldet, der König, ſein Herr, werde die neue beantragte Anſtalt ge⸗ nehmigen, aber unter den fruͤher angezeigten Be⸗ dingungen.“ „Keine Bedingungen, ſondern offene Zuſtim⸗ mung oder beſtimmte Weigerung; man erkennt da⸗ ran ſeine Freunde und ſeine Feinde. Je ungun⸗ ſtiger die Umſtaͤnde zu ſein ſcheinen, um ſo größere Feſtigkeit muß man zeigen und durch Selbſtver⸗ trauen imponiren.“* „Derſelbe berichtet ferner, das ganze diploma⸗ tiſche Corps unterſtuͤtze fortwährend die Reclamation des Vaters jenes proteſtantiſchen Maͤdchens, welche das Kloſter, in dem ſie eine Zuflucht und Schutz . . — 19—„ 1 gefunden hat, nur verlaſſen will, um ihren Ge⸗ liebten gegen den Willen ihres Vaters zu heirathen.“ „Ah. das diplomatiſche Corps reclamirt noch immer im Namen dieſes Vaters?“ „Noch immer..“ „So antworte man nur immer, die geiſtliche Gewalt habe mit der weltlichen nichts zu ſchaffen..“ In dieſem Augenblicke wurde an der Eingangs⸗ thuͤre zweimal geklingelt.. „Sehen Sie, was es iſt,“ ſagte der Herr Rodins. Dieſer ſtand auf und ging hinaus. Sein Herr ging ununterbrochen nachdenkend in dem Zimmer auf und ab. Seine Schritte hatten ihn wiederum an den großen Erdglobus gebracht und er blieb an demſel⸗ ben ſtehen. Eine Zeitlang betrachtete er in tiefer Stille die unzaͤhligen rothen Kreuzchen, welche alle Länder der Erde mit einem großen Netze zu bedecken ſchienen. Ohne Zweifel dachte er an die unſichtbare Wir⸗ kung ſeiner Macht, die ſich uͤber die ganze Welt zu erſtrecken ſchien, denn ſeine Zuge belebten ſich, ſein graues Auge blitzte und ſein maͤnnliches Geſicht er⸗ hielt einen unglaublichen Ausdruck von Energie, Kuͤhnheit und Stolz. Mit ſtolzer Stirn und ſpoͤttiſcher Lippe trat er — an den Globus und ſtütte ſeine kraͤftige Hand auf den Pol. Bei dieſem kraͤftigen Griffe, bei dieſer gebiete⸗ riſchen, gleichſam Beſitz ergreifenden Bewegung hätte man ſagen koͤnnen, der Mann habe die Ueberzeugung, daß er dieſen Erdkreis beherrſche, auf den er hinabſah und auf den er ſeine Hand mit ſo ſtolzer, kuͤhner Herrſchermiene legte. Da laͤchelte er nicht. Seine breite Stirn legte ſich in furchtbare Fal⸗ ten und ſein Blick erhielt einen brohenden Ausdruck. Haͤtte ein Kuͤnſtler den Teufel der Schlauheit und des Hochmuthes, den boͤſen Geiſt einer unerſätt⸗ lichen Herrſchſucht malen wollen, er wuͤrde kein entſetzlicheres Muſterbild haben waͤhlen können. Als Rodin wieder eintrat, hatte das Geſicht ſeines Herrn den gewoͤhnlichen Ausdruck von neuem angenommen. „Es war der Brieftraͤger,“ ſagte Rodin, indem er auf die Briefe zeigte, die er in der Hand hatte; „aus Duͤnkirchen iſt nichts dabei.“ „Nichts?“ rief ſein Herr aus, und das Gefuͤhl des Schmerzes ſtach ſeltſam von dem Ausdrucke des Stolzes und der Haͤrte ab, den ſein Geſicht eben noch gehabt hatte. „Nichts! Keine Nachricht von meiner Mutter!“ fuhr er fort.„Noch einmal ſechs und dreißig Stun⸗ den Ungewißheit!“ „Wenn die Frau Fuͤrſtin unerfreuliche Nach⸗ — ————————————— F richten zu geben gehabt hätte, wuͤrde ſie wahrſchein⸗ lich geſchrieben haben; ohne Zweifel geht es fort⸗ während beſſer..“ „Sie haben wahrſcheinlich Recht, Rodin, ich bin aber trotzdem nicht ruhig.. Wenn ich morgen nicht vollſtändig beruhigende Nachrichten erhalte, werde ich nach dem Landgute der Fuͤrſtin reiſen. Warum mußte auch meine Mutter den Herbſt in jener Gegend zubringen wollen! Ich furchte, die Gegend von Duͤnkirchen iſt nachtheilig fur ſie.“ Nach einer kurzen Pauſe, in welcher er fort⸗ waͤhrend auf⸗ und abging, ſetzte er hinzu: „Nun, woher ſind die Briefe?“ Rodin betrachtete die Poſtſtempel und ant⸗ wortete: „Es ſind unter den vier Briefen drei, welche ſich auf die wichtige Medaillenangelegenheit beziehen..“ „Gott ſei Dank! Wenn nur die Nachrichten guͤnſtig lauten!“ ſprach der Herr Rodins mit einem Ausdrucke von Beſorgniß, welcher bewies, wie außerordentlich wichtig dieſe Angelegenheit fuͤr ihn war. „Der eine iſt aus Charlestown und betrifft ohne Zweifel den Miſſionair Gabriel,“ antwortete Rodin;„der andere, aus Batavia, bezieht ſich wahrſcheinlich auf den Hindu Dſchalmaz dieſer hier iſt aus Leipzig und beſtätiget ohne Zweifel den ge⸗ ſtrigen, in welchem der Thierbändiger Morok mel⸗ dete, daß nach den Befehlen, die er erhalten habe, — und ohne daß man ihn in etwas zu beſchuldigen im Stande ſei, die Töchter des Generals Simon ihre Reiſe nicht wurden fortſetzen können.“ Bei dem Namen des Generals Simon zog eine Wolke uͤber die Zuͤge des Herrn Rodins. Sechszehntes Kapitel. Die Befehle. Die Provinzialhäuſer correſpondiren mit bem Hauſezu Paris und ſtehen auch in directer Verbindung mit dem General, der in Rom wohnt. Die ſo geſchäftige, ſo verſchiebenartige, ſo bewundernswürdig organiſirte Correſpondenz der Jeſuiten hat pen Zweck, den Obern alle Nachrichten zu liefern, die ſie bedürfen können; der General empfängt jeden Tag eine Menge Berichte, die einander wechſelſeitig controliren. In dem Centralhauſe in Rom giebt es außerordentlich große Ver⸗ zeichniſſe, in welchen die Namen aller Jeſuiten, ihrer Ver⸗ bündeten und aller bedeutenden Perſonen, Freunde und Feinde, mit denen ſie zu thun haben, eingetragen ſind. In dieſem Verzeichniſſe werden die Ereigniſſe aus dem Leben jedes Einzelnen vhne Veränderung, ohne Haß, ohne Leidenſchaft niedergeſchrieben. Es iſt dies die rieſenhafteſte biographiſche Sammlung, die jemals angelegt wurde. Die Lebensweiſe einer leichtfertigen Frau, die geheimen Sünden eines Staats⸗ mannes ſind in dieſem Buche mit kalter und nackter Unpartei⸗ lichteit erzählt. Dieſe Biographien müſſen nothwendig genau ſein, da ſie benutzt werden ſollen. Soll auf eine Perſon eingewirkt werden, ſo ſchlägt man dieſes Buch auf und man erhält ſofort Kenntniß von ihrem Leben, ihrem Charakter, ihren Tugenden, ihren Mängeln, ihren Plänen, ihrer Familie, ihren Freunden und ihren geheimſten Verbindun⸗ gen. Erkennen Sie die ganze bedeutungsvolle Wirkſamkeit, welche dieſes ungeheuere Polizeiregiſter, das die ganze Welt 5 5* umfaßt, einer Geſellſchaft giebt? Ich ſpreche nicht leicht⸗ ſinnig von dieſen Verzeichniſſen; die Thatſache iſt mir durch Jemanden mitgetheilt worden, der ſie geſehen hat. Hier liegt Stoff zum Nachdenken für die Familien, welche Mit⸗ gliedern eines Ordens, in dem bas Studium der Biographie ſo geſchickt betrieben wird, ohne Schwierigkeit Zutritt ge⸗ ſtatten und Vertrauen ſchenken. CLibri, Mitglied des Inſtituts,„Briefe über die Geiſtlichkeit.“) S Nachdem der Herr Rodins die unwillkuͤhrliche Aufwallung niedergekaͤmpft, die der Name des Ge⸗ nerals Simon oder die Erinnerung an denſelben verurſacht hatte, ſagte er:„Erbrechen Sie dieſe Briefe aus Leipzig, Charlestown und Batavia noch nicht; die Nachrichten, welche ſie enthalten, werden ſich ohne Zweifel ſogleich ſelbſt einreihen laſſen. Dies erſpart uns eine doppelte Muͤhe.“ Der Secretair ſah ſeinen Herrn fragend an, der fortfuhr: „Haben Sie die Notiz uͤber die Medaillen⸗ angelegenheit beendiget?“ „Hier iſt ſie. Ich trug ſie eben vollends in Chiffreſchrift uͤber.“ „Leſen Sie mir dieſelbe vor und fuͤgen Sie der Ordnung nach die neuen Nachrichten ein, welche dieſe drei Briefe enthalten muͤſſen.“ „Dieſe Angaben,“ ſagte Rodin,„werden aller⸗ dings ihren Platz finden.“ „Ich will ſehen,“ fuhr der Andere fort,„ob die Schrift deutlich und verſtaͤndlich genug iſt, denn —— Sie haben nicht vergeſſen, daß die Perſon, fuͤr welche ſie beſtimmt iſt, nicht Alles wiſſen darf.“ „Ich habe daran gedacht und ſie in dieſem Sinne geſchrieben.“ „Leſen Sie.“ MRodin las das Nachſtehende ſehr bedaͤchtig und ſehr langſam: „Vor hundert und funfzig Jahren wanderte „eine franzoſiſche proteſtantiſche Familie freiwillig „aus, weil ſie die nahe bevorſtehende Widerrufung „des Edicts von Nantes vorausſah und weil ſie „ſich den ſtrengen und gerechten Verordnungen „entziehen wollte, welche gegen die Reformirten, „dieſe unbeugſamen Gegner unſerer Religion, be⸗ „reits erlaſſen worden waren. „Einige Mitglieder dieſer Familie fluchteten ſich „zuerſt nach Holland, dann in die hollaͤndiſchen 8„Colonien, andre nach Polen, noch andere nach „Deutſchland, nach England und Amerika. „Man glaubt zu wiſſen, daß gegenwaͤrtig nur „noch ſieben Nachkommen dieſer Familie uͤbrig „ſind, welche ſeltſame Wechſelfälle des Gluͤckes er⸗ „fahren hat, da ihre Glieder jetzt ſo ziemlich auf „allen Sproſſen der geſellſchaftlichen Stufenleiter, „von dem Fuͤrſten bis zum Handwerker herab, „vertheilt ſind. „Nachkommen von muͤtterlicher Seite: „Die unmuͤndigen Schweſtern Roſa und Bi⸗ „anca Simon. — — („Der General Simon heirathete in Warſchau „eine Abkoͤmmlingin der genannten Familie“) „Franz Hardy, Fabrikant in Pleſſis, bei „Paris. „Der Prinz Dſchalma, Sohn des Koͤnigs „von Mondi, Kadſcha⸗Sing. („Kadſcha⸗Sing vermählte ſich 1802 mit einer „Abkömmlingin der genannten Familie, wel⸗ „che damals in Batavia, auf der hollaͤndiſchen „Inſel Java, lebte.“ „Nachkommen von väterlicher Seite: „Jacob Rennepont, genannt Ohnehemd, „Handwerker. „Adriennevon Cardoville, Tochter des Gra⸗ „fen von Rennepont, Herzogs von Cardoville. „Gabriel Rennepont, Miſſionair. „Jedes Mitglied dieſer Familie beſitzt, oder ſoll „beſitzen, eine Bronzemedaille mit folgenden In⸗ „ſchriften: Opfer In Paris von Rue Saint⸗Frangvis Rr. 3. L. C. D. J. Vaoch anhahn Be werdet Ihr ſein Ze n den 13 Febrnar 1832. Paris, Betet für mich. ben 13. Februar 1632. „Dieſe Worte und dieſe Jahrzahl deuten an, „daß es fur jedes Glied dieſer Familie von hoher „Wichtigkeit iſt, am 13. Febr. 1832 in Paris zu „ſein, und zwar nicht durch Stellvertreter oder Be⸗ „vollmächtigte, ſondern perſoͤnlich, ſie, moͤgen „muͤndig oder unmuͤndig, verheirathet oder unver⸗ „heirathet ſein. „Andere Perſonen haben aber das hochſte In⸗ „tereſſe dabei, daß Niemand von den Nachkommen „dieſer Familie am 13. Februar in Paris ſei, „mit Ausnahme des Miſſionairs Gabriel Renne⸗ „pont. „Es muß alſo Alles aufgeboten werden, „daß Gabriel allein bei dieſer Zuſammen⸗ „kunft ſich einfinde, zu welcher die Mit⸗ „glieder bieſer Familie vor anderthalb hun⸗ „dert Jahren eingeladen worden ſind: „Man hat bereits Viel verſucht, um die ſechs „andern Perſonen zu verhindern, an dem genann⸗ „ten Tage in Paris zu ſein oder dahin zu kom⸗ „men, oder doch wenigſtens ihre Anweſenheit zu „lähmen; aber es bleibt noch viel zu thun ubrig, „um den Erfolg dieſer Sache zu ſichern, die man „wegen ihrer wahrſcheinlichen Folgen fuͤr die wich⸗ „tigſte und ſchickſalsſchwerſte der Zeit hält.“ „Das iſt nur zu wahr,“ unterbrach der Herr Rodin, indem er gedankenvoll den Kopf ſchuͤttelte; „ſetzen Sie noch hinzu, daß die Folgen des Sieges unberechenbar ſind und daß man die des Mißlin⸗ gens gar nicht im voraus zu berechnen wagt, mit —. — —2. einem Worte, daß es ſich fuͤr mehrere Jahre um Sein und Nichtſein handelt. Man muͤſſe deshalb, um den Sieg zu erlangen, alle moͤglichen Mit⸗ tel anwenden und vor nichts zuruͤckſchrek⸗ ken, dabei aber natuͤrlich immer den Schein wah⸗ „Ich habe es niedergeſchrieben,“ ſagte Rodin, nachdem er die Worte hinzugefugt, welche ihm ſein Herr dictirt hatte. „Leſen Sie weiter!“ Rodin fuhr fort: „Um das Gelingen der in Rede ſtehenden An⸗ „gelegenheit zu erleichtern oder zu ſichern, muͤſſen „einige beſondere und geheime Details uͤber die „ſieben Perſonen gegeben werden, welche die Fa⸗ „milie vertreten. „Man buͤrgt fuͤr die Richtigkeit dieſer Anga⸗ „ben und wuͤrde ſie im Nothfalle noch ins Einzel⸗ „nere gehend vervollſtaͤndigen. Denn da einan⸗ „der widerſprechende Angaben eingegangen ſind, „beſitt man ſehr ausfuͤhrliche Akten uber ſie. „Man wird nach der Ordnung der Perſonen ver⸗ „ſchreiten und nur die bis jetzt vollendeten That⸗ „ſachen erwaͤhnen. (Erſte Notiz.) „Die Maͤdchen Roſa und Bianca Simon, „Zwillingsſchweſtern, ungefahr funfzehn Jahre alt „— huͤbſche Geſichter und einander ſo aͤhnlich, daß „man ſie verwechſeln könnte,— von ſanftem und „ſchuchternem Charakter, aber der Begeiſterung „fahig,— in Sibirien von einer freigeiſtigen deiſti⸗ „ſchen Mutter erzogen.— Sie ſind voͤllig un⸗ „wiſſend in Allem, was unſere heilige Religion be⸗ „trifft. „Der General Simon, der vor der Geburt „der Maͤdchen von ſeiner Frau getrennt wurde, „weiß bis dieſe Stunde nicht, daß er zwei Toͤchter hat. „Man hatte geglaubt, ihre Anweſenheit in „Paris am 13. Febr. dadurch unmoͤglich zu ma⸗ „chen, daß man ihre Mutter an einen Verban⸗ „nungsort bringen ließ, der noch viel weiter ent⸗ „fernt war, als der ihr zuerſt angewieſene; aber „ihre Mutter ſtarb und der Generalgouverneur „von Sibirien, der uns voͤllig ergeben iſt, die Maß⸗ „regel aber in einem beklagenswerthen Irrthum? „fur eine rein perſoͤnliche und nur die Frau es Ge⸗ „neral Simon betreffende hielt, erlaubte den beiden „Maͤdchen, unter der Fuͤhrung eines alten Solda⸗ „ten nach Frankreich zuruͤckzureiſen. „Dieſer unternehmende, treue und entſchloſſene „Mann iſt als gefährlich bezeichnet. „Die Schweſtern Simon ſind unſchuldig und „man hat Alle Urſache, zu hoffen, daß ſie in dieſem „Augenblicke in der Gegend von Leipzig zuruͤckge⸗ „halten ſinb.“ — —— 29 Der Herr Rodins unterbrach ihn hier und ſagte: „Jetzt leſen Sie den eben eingegangenen Brief von Leipzig; Sie werden nach demſelben die An⸗ zeige vervollſtaͤndigen koͤnnen.“ Rodin las und rief aus: „Vortreffliche Nachrichten! Die beiden Mäd⸗ chen und deren Fuͤhrer waren in der Nacht aus dem Gaſthofe zum weißen Falken entflohen, alle drei ſind aber eine Stunde von Moͤckern eingeholt und ergriffen worden. Man hat ſie nach Leipzig gebracht, wo ſie ſich als Vagabunden in Haft be⸗ finden; uͤberdies iſt der Soldat, der ihnen als Fuͤhrer diente, der Widerſetzlichkeit und Mißhand⸗ lung eines Beamten angeklagt und uͤberfuhrt.“ „Es iſt alſo bei der Langſamkeit des deutſchen Gerichtsverfahrens, und da man beſonders bedacht ſein wird, die Verhandlungen recht ſehr langſam vorſchreiten zu laſſen, ſo gut als gewiß, daß die Mädchen am 13. Febr. nicht hier ſein koͤnnen,“ ſagte der Herr Rodins.„Fuͤgen Sie die letztere Nachricht der Notiz noch hinzu!“ Der Secretair gehorchte, ſchrieb einen Auszug des Briefes Moroks als Anmerkung darunter und ſagte dann: „Es iſt geſchehen.“ „So fahren Sie fort,“ ſagte ſein Herr. Rodin las weiter: — (Zweite Notiz.) „Franz Hardy, Fabrikant in Pleſſis, bei Paris. „Vierzig Jahre,— feſter, reicher, kluger, thä⸗ „tiger, rechtſchaffener, unterrichteter Mann, der von „ſeinen Arbeitern wegen der zahlloſen Neuerungen „vergottert wird, welche ihr Wohl bezwecken,— „der nie die Pflichten unſerer heiligen Religion er⸗ „füͤllt und— als ſehr gefährlich notirt iſt.. „Der Haß und Neid, welche er den andern Indu⸗ „ſtriellen einfloßt, namentlich dem Baron Tripeaud, „ſeinem Concurrenten, können leicht gegen ihn ge⸗ „richtet werden.— Sollten andere Mittel nöthig „werden, um auf und gegen ihn zu wirken, ſo „wird man die uͤber ihn vorhandenen Akten, die „ſehr umfaͤnglich ſind, zu Rathe ziehen. Dieſer „Mann iſt feit langer Zeit bezeichnet und uͤber⸗ „wacht. „Man hat ihn in Bezug auf die Medaillen⸗ „angelegenheit ſo gut getäuſcht, daß er bis jetzt „uͤber die Wichtigkeit der Intereſſen, welche ſie „vertritt, vollig irregeführt iſt. Uebrigens wird er „fortwährend beobachtet, belauſcht, beherrſcht, ſelbſt „ohne daß er es weiß. Einer ſeiner beſten Freunde „verräth ihn und man kennt durch denſelben ſeine „geheimſten Gedanken.“ Nach einigen Secunden einem ganz eigenthuͤmlichen „Erwaͤhnt Jo ſagte ſein Herr m Ausdrucke zu ihm; ſua bei Gelegenheit des Todes des Vaters Dſchalmas und der Gefangennehmu des Letztern nichts von dem General Simon?“ „Joſua ſagt daruher kein Wort,“ antwortete der Secretair, der ſeine Arbeit fortſetzte.* Der Herr Rodins ſchwieg und ging nachden⸗ kend in dem Zimmer auf und ab. Nach einigen Augenblicken ſagte Robin zu ihm: „Es iſt geſchehen.“ „Leſen Sie weiter!“ (Vierte Notiz.) Jacob Rennepont, genannt Ohnehemd. „Arbeiter in der Fabrik des Barons Tripeaud, „des Concurrenten von Franz Hardy,— dem „Trunke ergeben, faul, ſreitſuchtig und verſchwen⸗ „deriſch.. Es fehlt ihm nicht an Verſtand, aber „die Arbeitsſcheu und Liederlichkeit haben ihn voͤllig „verdorben. Ein ſehr gewandter Geſchaftsagent, „auf den man rechnet, hat ſich in Verbindung mit 4„einem Mädchen, Cophyſe Soliveau, Bacchanals⸗ „Koͤnigin genannt, geſetzt, welche die Geliebte dieſes „Fabrikarbeiters iſt. Durch ſie hat der Geſchaͤfts⸗ „agent auch mit ihm Verbindungen angeknu „man kann be reits annehmen, daß er ſo zie Der ewige Jube. III. 3 2 3 — 34— „außerhalb der Intereſſen ſteht, die ſeine Anweſen⸗ „heit in Paris am 13. Februar noͤthig machen „ſollten.“* (Fuͤnfte Notiz.) Gabriel Rennepont, Miſſionair, „Entfernter Verwandter des Vorigen, deſſen „Exiſtenz, ſowie ſeine Verwandtſchaft mit demſel⸗ „ben, ihm aber unbekannt iſt. Er wurde als hilf⸗ „loſe Waiſe von Franzisca Baudoin, der Frau „eines Soldaten mit Namen Dagobert, aufge⸗ „nommen. „Wenn gegen alle Erwartung dieſer Soldat „nach Paris käme, koͤnnte man ſehr machtig durch „ſeine Frau auf ihn einwirken, die ein vortreffliches „Geſchoͤpf, unwiſſend, leichtglͤubig und exempla⸗ riſch fromm iſt und uͤber die wir ſeit langer Zeit „eine unbegrenzte Herrſchaft ausuͤben.. Durch ſie „hat man Gabriel vermocht, in den geiſtlichen „Stand zu treten, ob er gleich keine Neigung dazu „hatte. „Gabriel iſt fuͤnfundzwanzig Jahre alt und „von engelgleichem, ſanftem Charakter, den ſchon „ſein Geſicht verräͤth. Er beſitzt ſeltene und feſte „Tugenden, wurde aber leider mit ſeinem Adoptiv⸗ „bruder Agricol, dem Sohne Dagoberts, erzogen. „Dieſer Agricol iſt Dichter und Arbeiter, ein vor⸗ „trefflicher Arbeiter bei Franz Hardy, von den ab⸗ „ſcheulichſten Lehren angeſteckt, rechtſchaffen, ar⸗ —— G——— ———— —— ———— „beitſam, aber ohne alle religisſe Grundſätze. Er „vergoͤttert dabei ſeine Mutter. Iſt als ſehr ge⸗ „fährlich notirt, was ſeinen Umgang fuͤr Gabtiel „ſo gefaͤhrlich machte. „Ueber dieſen kann man trotz allen ſeinen vor⸗ „trefflichen Eigenſchaften nicht ganz unbeſorgt ſein. „Man mußte es ſogar verſchieben, ſich ihm völlig „zu offenbarenz ein falſcher Schritt konnte ihn auch „zu einem der gefaͤhrlichſten Menſchen machen. „Er muß deshalb außerordentlich geſchont werden, „wenigſtens bis zum 13. Februar, weil, wie wie⸗ „derholt wird, auf ihm und ſeiner Anweſen⸗ „heit in Paris zu jener Zeit große Hoffnun⸗ „gen und nicht minder große Intereſſen beruhen. „Wegen der Schonung, mit welcher man ge⸗ „gen ihn zu verfahren hat, mußte man ihn auch „zu der Miſſion in Amerika abgehen laſſen, denn „er verbindet mit engelgleicher Sanftmuth eine ru⸗ „hige Entſchloſſenheit und einen abenteuerlichen „Sinn, den man nur dadurch befriedigen konnte, „daß man ihm geſtattete, das gefaͤhrliche Leben der „Miſſionaire zu theilen. Zum Gluͤck ſind ſeinen „Obern in Charlestown die ſtrengſten Inſtructio⸗ „nen gegeben, damit ſie ein ſo koſtbares Leben kei⸗ „ner Gefahr ausſetzen. Sie muͤſſen ihn wenigſtens „einen oder zwei Monate vor dem 13. Februar „nach Paris zuruͤckſenden..“ Der Herr Rodins fiel hier wiederum ein und ſagte: 3* „Leſen Sie den Brief aus Charlestown und ſehen Sie, was man uns ſchreibt, um dieſe An⸗ gaben zu vervollſtäͤndigen.“ Nachdem Rodin geleſen hatte, antwortete er: „Gabriel wird jeden Tag von dem Felſenge⸗ birge zuruͤckerwartet, wohin er durchaus allein als WMiſſionair hatte gehen wollen..“ „Welche Unvorſichtigkeit!“ „Er iſt ohne Zweifel keiner Gefahr ausgeſetzt geweſen, da er ſelbſt ſeine Ruͤckkehr nach Charles⸗ town gemeldet hat. Gleich nach ſeiner Ankunft, dddie ſpäteſtens in der Mitte dieſes Monats erfolgen nuß, ſchreibt man, wird man ihn unmittelbar nach Frankreich ſenden.“ „Setzen Sie das der ihn betreffenden Notiz bei,“ ſagte der Herr Rodins. „Es iſt geſchehen,“ antwortete dieſer nach eini⸗ gen Augenblicken. „Fahren Sie fort!“ ſagte ſein Herr. Rodin las weiter: (Sechſte Notiz.)„ Fräulein Adrienne Rennepont von Cardoville. „Entfernte Verwandte(ohne daß ſie es weiß) „von Jacob Rennepont und Gabriel Rennepont, dem „Miſſionair.. Sie wird bald einundzwanzig Jahre „alt, hat das pikanteſte Geſicht, iſt die ſeltenſte „Schoͤnheit, obgleich rothhaarig, und beſitzt einen „im höchſten Grade originellen Geiſt, ein unermeß⸗ „liches Vermoͤgen und liebt alle ſinnlichen Ge⸗ „nuͤſſe. Man muß uͤber die Zukunft dieſes Mäd⸗ „chens erſchrecken, wenn man die unglaubliche „Kuͤhnheit ihres Charakters bedenkt. Zum Gluͤck „ſteht ihr Mitvormund, der Baron Tripeaud(Ba⸗ „ron von 1829 und ehemaliger Geſchaͤftsfuͤhrer des „verſtorbenen Grafen von Rennepont und Herzogs „von Cardoville), voͤllig im Intereſſe der Tante „des Fraͤuleins von Cardoville und iſt faſt von ihr „abhaͤngig. Man rechnet mit gutem Grunde auf „dieſe wuͤrdige und achtbare Verwandte, ſowie auf „Herrn Tripeaud, um die ſeltſamen und unerhor⸗ „ten Plaͤne zu bekämpfen und zu beſeitigen, welche „dieſes eben ſo entſchloſſene als ſelbſtſtaͤndige Mäd⸗ „chen anzukuͤndigen ſich nicht ſcheut und die man „leider nicht im Intereſſe der fraglichen Angelegen⸗ „heit ausbeuten kann, denn..“ Rodin konnte nicht weiter leſen; er wurde durch ein zweimaliges vorſichtiges Klopfen an der Thuͤre unterbrochen. Der Secretair ſtand auf, um zu ſehen, wer klopfe, blieb einen Augenblick draußen, kam dann mit zwei Briefen in der Hand zuruͤck und ſagte: „Die Frau Fuͤrſtin hat den Abgang einer Sta⸗ fette benutzt, um..“ „Geben Sie mir den Brief der Fuͤrſtin!“ rief der Herr Rodins aus, ohne dieſen ausreden zu — laſſen.„Endlich werde ich Nacheichten von mei⸗ ner Mutter erhalten!“ ſetzte er hinzu. Kaum hatte er einige Zeilen dieſes Briefes ge⸗ leſen, als er erbleichte; ſeine Zuͤge druͤckten eine tiefe und ſchmerzliche Verwunderung und einen heftigen Schmerz aus. „Meine Mutter!“ rief er aus.„Ach Gott! Meine Mutter!“ „Iſt ein Ungluͤck geſchehen?“ fragte Rodin be⸗ rgt, indem er bei dem Ausrufe ſeines Herrn auf⸗ tand. . Die Geneſung taͤuſchte,“ antwortete dieſer nie⸗ lagen;„ſie befindet ſich von neuem in einem 3 hoffnungsloſen Zuſtande, indeß meint der Arzt, vielleicht koͤnnte meine Anweſenheit ſie retten, denn ſie erwaͤhnt mich fortwaͤhrend und will mich zum letztenmale ſehen, um in Frieden zu ſterben. O, dieſer Wunſch iſt heilig! Es wäre ein Muttermord, wenn ich mich nicht zu ihr begäbe.. Wenn ich nur noch zu rechter Zeit ankomme!.. Man braucht faſt zwei Tage, wenn man auch Tag und Nacht reiſet, um das Landgut der Fuͤrſtin zu erreichen.“ „Gott, welches Ungluͤck!“ rief Rodin aus, in⸗ dem er die Haͤnde faltete und die Augen gen mel wendete. Sein Herr ſchellte heftig und ſagte einem e jahrten Diener, welcher die Thuͤre oͤffnete: „Packe ſogleich Alles, was ich durchaus brauche, in einen Koffer meines Reiſewagens. Der Portier ſoll ein Cabriolet nehmen und mir ſchnell Poſt⸗ pferde holen. Binnen einer Stunde muß ich fort ſein.“ ⸗ Der Diener entfernte ſich raſch. „Meine Mutter! Meine Mutter! Sie nicht wieder zu ſehen! Es ware ſchrecklich!“ ſprach er, indem er auf einen Stuhl ſank und ſein Geſicht mit den Händen bedeckte. Dieſer große Schmerz war aufrichtig; der Mann liebte ſeine Mutter innig und dieſes himm⸗ liſche Gefuͤhl hatte ſich bis dahin in ihm rein und unveraͤnderlich in allen Verhältniſſen und Wech⸗ ſeln ſeines oft ſehr ſchuldvollen Lebens erhalten. Nach einigen Augenblicken wagte Rodin ſeinem Herrn zu ſagen, indem er ihm den zweiten Brief zeigte: „Man hat auch dies von Herrn Dupleſſis ge⸗ bracht.. Es iſt ſehr wichtig. und ſehr drin⸗ gend.. „Sehen Sie, was es iſt, und antworten Sie darauf,— ich habe keine Gedanken mehr dafuͤr.“ „Dieſer Brief iſt ein vertraulicher,“ erwiederte Rodin, indem er ihn ſeinem Herrn hinhielt;„ich darf ihn nicht erbrechen wie Sie an dem Zei⸗ chen auf dem Couvert ſehen.“ Bei dem Anblicke dieſes Zeichens erhielten die Zuͤge des Herrn Rodins einen unbeſchreiblichen Ausdruck von Scheu und Ehrftgecht. Er erbrach das Siegel mit zitternder Hand“ 3 „ Der Brief enthielt nur die Worte: „Laſſen Sie alle Geſchaͤfte ruhen, rei⸗ ſen Sie, ohne eine Minute zu verlieren, ab und kommen Sie.. Dupleſſis wird Sie erſeßen; er hat Befehle.“ „Großer Gott!“ rief der Mann in Verzweif⸗ lung aus..„Abreiſen, ohne meine Mutter zu ſe⸗ hen! Das iſt entſetzlich, unmöglich, Es bringt ſie vielleicht um,.. ja. es waͤre ein Mutter⸗ mord.“ Während er dieſe Worte ſprach, fielen ſeine Augen zufällig auf den großen Globus, der mit den rothen Kreuzchen bezeichnet war, und bei die⸗ ſem Anblicke ſtand plötzlich ein Entſchluß in ihm feſt.. Er ſchien ſein lebhaftes Bedauern zu bereuen und ſein Geſicht wurde, obwohl es noch immer traurig war, allmaͤlig wieder ruhig und ernſt. Er gab den ſchickſalſchweren Brief ſeinem Se⸗ cretair und ſagte zu ihm, waͤhrend er einen Seuf⸗ zer unterdruͤckte: „Unter ſeine Ordnungszahl einzureihen.“ Rodin nahm den Brief, ſchrieb eine Zahl dar— auf und legte ihn in eine beſondere Mappe. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ſein Herr fort: „Sie werden Befehle von Herrn Dupleſſis er⸗ halten und mit ihm arbeiten. Uebergeben Sie ihm die Note uͤber die Medaillenangelegenheitz er weiß, an wen er ſie zu ſenden hat. Sie ſchreiben Ant⸗ worten nach Batavia, nach Leipzig und Charles⸗ town in dem Ihnen bereits angegebenen Sinne,. daß die Töchter des Generals Simon um jeden Preis zu hindern ſind, Leipzig zu verlaſſen, daß die Ankunft Gabriels in Paris beſchleuniget werde und daß fuͤr den nicht ſehr wahrſcheinlichen Fall, der Prinz Dſchalma kaͤme nach Batavia, Joſua van Daðl geſagt werde, man rechne auf ſeinen Eifer und ſeinen Gehorſam, um ihn da zuruͤckzuhalten.“ Darauf kehrte dieſer Mann, der in dem Augen⸗ blicke, als ſeine ſterbende Mutter ihn vergebens zu ſich rief, eine ſolche kaltbluͤtige Ruhe bewahren konnte, in ſeine Wohnung zuruͤck. Rodin beſchaͤftigte ſich mit den Antworten, die ihm aufgetragen worden waren, und ſchrieb ſie in Chiffern nieder. Nach ungefähr drei Vierteiſtunden hörte man die Glockchen der Poſtpferde klingen. Der alte Diener trat, nachdem er beſcheiden angeklopft hatte, wiederum herein und ſagte: „Es iſt angeſpannt.“ Rodin nickte und der Diener entfernte ſich wieder. Der Secretair klopfte nun ſeiner Seits an das Zimmer ſeines Herrn, der, noch immer ernſt und kalt, aber entſetzlich bleich, heraustrat. Er hielt einen Brief in der Hand. „An meine Mutter,“ ſagte er zu Rodin;„ſchicken Sie ſogleich einen Courrier ab.“ „Augenblicklich,“ antwortete der Secretair. „Die drei Briefe nach Leipzig, Batavia und Charlestown gehen noch heute auf dem gewoͤhnli⸗ chen Wege ab; es iſt hoͤchſt wichtig, wie Sie wiſ⸗ ſen.“ Das waren die letzten Worte dieſes Man⸗ nes, der mit erbarmungsloſem Gehorſame erbar⸗ mungsloſe Befehle vollzog und wirklich abreiſete, ohne einen Verſuch zu machen, ſeine Mutter zu ſehen. Sein Secretair begleitete ihn ehrerbietig bis an den Wagen. „Wohin, Herr?“ fragte der Poſtillon, indem er ſich im Sattel umdrehete. „Nach Italien!“ antwortete der Herr Ro⸗ dins, ohne diesmal einen Seufzer unterdruͤcken zu können, welcher ſo tief und ſchmerzlich war, daß er Schluchzen glich. Als der Wagen im Galopp fortraſſelte, ver⸗ beugte ſich Rodin tief, worauf er in das kalte kahle große Zimmer zuruͤckkehrte. Die Haltung, der Geſichtsausdruck und der Gang dieſes Mannes ſchienen ſich ploͤtzlich zu ver⸗ ändern. Er ſchien groͤßer geworden zu ſein; er war. nicht mehr ein Automat, der mechaniſch in demuͤ⸗ thigem Gehorſam handelt; ſeine bis dahin ſtarren Zuge, ſein bis jetzt fortwährend verſchleiertes Auge belebten⸗ſich plotzlich und verriethen eine teufliſche Schlauheit; ein hoͤhniſches Lächeln zog ſeine duͤnnen, ½ — bleichen Lippen zuſammen und eine böswillige Freude heiterte das leichenhafte Geſicht auf. Er blieb auch vor dem großen Erdglobus ſte⸗ hen und betrachtete ihn, wie ihn ſein Herr betrach⸗ tet hatte. Dann buͤckte er ſich auf den Globus, umfaßte ihn gleichſam mit den Armen, nachdem er ſein Schlangenauge eine Zeitlang hatte darauf ru⸗ hen laſſen, ſtrich mit ſeinem hoͤckerigen Finger uͤber die glatte Fläche der Kugel und klopfte mit dem platten ſchmutzigen Nagel nach einander auf drei Punkte, bei denen man rothe Kreuzchen ſah. Waͤhrend er ſo eine der in ſo verſchiedenen Laͤndern gelegenen Städte bezeichnete, nannte er ſie laut mit hoͤhniſchem Lachen: Leipzig.. Charlestown.. Batavia.. Dann ſetzte er hinzu: „In jeder dieſer drei Städte, die von einander ſo entfernt ſind, leben Perſonen, die es nicht ahnen, daß man von hier, von dieſer engen dunkeln Straße, von dieſem Zimmer aus ſie beobachtet, daß man allen ihren Bewegungen folgt, daß man alle ihre Handlungen kennt und daß von hier aus neue Inſtructionen abgehen werden, die ſie betreffen und die unerbittlich werden ausgefuͤhrt werden; denn es handelt ſich um ein Intereſſe, das von gewaltigem Einfluſſe auf Europa.. auf die Welt ſein kann. Zum Gluͤck haben wir Freunde in Leipzig, in Char⸗ lestown und in Batavia.“ Dieſer kleine, alte, ſchmutzige, ſchlechtgekleidete Mann mit dem leichenhaften Geſichte, welcher gleichſam uͤber dieſe Erdkugel hingekrochen war, ſah noch entſetzlicher aus als ſein Herr, als dieſer ge⸗ bieteriſch, mit ſtolzem Blicke die Hand auf die Erd⸗ kugel gelegt hatte, die er durch Stolz und Kuͤhn⸗ heit beherrſchen zu wollen ſchien. Der eine glich dem Adler, der uͤber ſeiner Beute ſchwebt,— der andere der Schlange, die ihr Opfer mit ihren un⸗ entwirrbaren Ringeln umſchlingt. Nach einigen Augenblicken trat Rodin an ſein Schreibpult, rieb ſich lebhaft die Haͤnde und ſchrieb dann in eigenthuͤmlicher, ſeinem Herrn unbekannter, Geheimſchrift nachſtehenden Brief. Paris, Vormittags 10 uhr. „Er iſt abgereiſt, aber er hat gezögert! „Als er den Brief empfing, berief ihn „ſeine ſterbende Mutterz er konnte ſie viel— „leicht, ſo ſagte man, durch ſeine Gegen⸗ „wartretten... Er rief deshalb auch aus: „nicht zu meiner Mutter zu gehen.. wäre „Muttermord. „Gleichwohl iſt er abgereiſet,„aber er. „hat gezögert. „Ich beobachte ihn immer. „Dieſe Zeilen werden mit ihm zugleich „in Rom ankommen.. £— 7 „N. S. Sagen Sie dem Fuͤrſten⸗Car— „dinal, er koͤnne auf mich rechnen, aber er— „möge auch mich thätig unterſtuͤtzen.“ Nachdem Rodin dieſen Brief zuſammengelegt und geſiegelt hatte, ſteckte er ihn in die Taſche. Es ſchlug zehn Uhr. Es war die Fruͤhſtuͤckszeit Rodins. Er nahm ſeine Papiere zuſammen und legte ſie in ein Schubfach, das er verſchloß. Den Schluͤſſel ſteckte er ein. Dann rieb er mit dem Ellbogen ſeinen alten ſchmierigen Hut ab, nahm einen ge⸗ flickten Regenſchirm und ging fort.*) **** Waͤhrend dieſe beiden Maͤnner in dieſem ver⸗ ſteckt gelegenen Zimmer das Complott anzettelten, das die ſieben Nachkommen einer ſonſt verbannten Familie umgarnen ſollte, gedachte ein ſeltſamer, ge⸗ heimnißvoller Vertheidiger dieſe Familie, welche auch die ſeinige war, zu beſchuͤtzen. ²) Nachdem wir die vortrefflichen und muthigen Brieſe Libri's und das merkwürdige bei Paulin erſchienene Werk angeführt haben, erfordert es die Pflicht, auch die ſo zahlreichen kühnen und gewiſſenhaf⸗ ten Arbeiten über die Geſellſchaft Jeſu zu erwähnen, die neuerdings von Dupin dem Aeltern, von Michelet, Ed. Quinet, Genin, dem Grafen Saint⸗Prieſt herausgegeben worden ſind, Werke von hoher und un⸗ parteiiſcher Intelligenz, in denen die verderblichen Theorien dieſes Or⸗ dens ſo bewundernswürdig dargelegt und gezüchtigt worden ſind. Wir würden uns glücklich ſchatzen, wenn wir zu dem mächtigen und hof⸗ fentlich dauerhaften Damme, welchen jene Männer von edelem Herzen und hohem Geiſte gegen eine unreine und immer drohenbe Flut aufge⸗ baut haben, auch einen Stein herbeitragen könnten. E. S. Siebzehntes Kapitel. Epilog. Der ewige Inde. Es iſt eine wilde, rauhe Gegend,— ein hoher Berg voll ungeheurer Sandſteinblöcke, zwiſchen denen hier und da Birken und Eichen mit bereits herbſt⸗ lich gelben Blaͤttern hervorragen. Dieſe großen Baͤume zeichnen ſich an dem rothen Scheine ab, den die Sonne amweſtlichen Himmel zuruͤckgelaſſen hat und der dem Widerſchein einer Feuersbrunſt gleicht. Von dieſer Höhe ſchaut das Auge in ein tiefes, ſchattiges, fruchtbares Thal hinab, das der Nebel des Abends mit einem leichten Dunſte halb ver⸗ ſchleiert. Die fetten Wieſen, die Gruppen blätter⸗ 3 reicher Baͤume und die abgeernteten Felder ver⸗ ſchwimmen in eine dunkele gleichfoͤrmige Farbe, die von der blaͤulichen Klarheit des Himmels abſticht. * Hier und da ſtrecken Thuͤrme von grauem Stein oder Schiefer ihre Spitzen aus der Tiefe des Tha⸗ les empor,„ denn es liegen in ihm mehrere Doͤr⸗ — — 47 fer an einer langen Straße, die von Norden nach Weſten zieht. Es iſt die Stunde der Ruhe, die Stunde, in welcher gewoͤhnlich das Fenſter jeder Huͤtte von dem luſtigen Flackern des Feuers auf dem Heerde erleuch⸗ tet wird und weithin durch den Schatten der Baͤume blinkt, während Rauchwolken aus den Schorn⸗ ſteinen aufwirbeln und langſam nach dem Himmel emporſteigen. Seltſam! Man koönnte meinen, jeder Heerd ſei hier kalt und verödet. Aber noch ſeltſamer, noch ſchauerlicher iſt, daß von allen Thuͤrmen Grabgelaͤute hallt. Die Geſchaͤftigkeit, die Bewegung, das Leben ſcheinen ausſchließlich in dieſem duͤſtern Geläute zu liegen, das weithin ſchallt. Doch da erſcheinen in dieſen noch eben dun⸗ keln Doͤrfern allmälig Lichter. Dieſe Helle kommt aber nicht von dem luſtigen Flackern des Feuers auf dem laͤndlichen Heerde. Sie iſt roͤthlich wie die Feuer der Hirten, die man Abends durch den Nebel hindurch erblickt.. Und die Lichter bleiben nicht an einer Stelle. ſie bewegen ſich langſam nach dem Friebhofe an jeder Kirche hin. Da wird das Grabgeläute ſtärker; die Luft zit⸗ tert untez den raſchen Schlägen der Glocken und in ſeltenen Abſaͤtzen dringen Grabgeſaͤnge ſchwach bis zum Gipfel des Berges hinauf. Warum ſo viele Leichenbegaͤngniſſe? Welches Thal der Trauer iſt dies, wo ſtatt der friedlichen Geſaͤnge, die auf die harte Tagesarbeit folgen, Grabgeſaͤnge erſchallen? wo die Ruhe des Abends die ewige Ruhe erſetzt? Welches Thal der Trauer iſt dies, wo jedes Dorf ſo viele Todte auf einmal beweint, und ſie zu einer Stunde, in einer Nacht begräbt? Ach! der Tod kommt ſo ſchnell und rafft ſo viele Opfer dahin, daß man die Leichen kaum zu beerdigen vermag! Den Tag uͤber feſſelt eine harte unabweisliche Arbeit die Ueberlebenden an die Erde, und nur Abends, wann ſie heimkehren von den Feldern, ermattet und erſchoͤpft, koͤnnen ſie die an⸗ dern Furchen graben, in denen ihre Bruͤder dicht gedrängt liegen ſollen wie Saatkörner auf dem Felde. Und nicht blos dieſes Thal hat ſo viel vn geſehen. Boͤſe Jahre hindurch haben viele Doͤrfer, viele Flecken, viele Städte, viele große Laͤnder ihren Herd kalt und veroͤdet Rehe wie dieſes Thal;— ha⸗ ben, wie dieſes Thal, Trauer die Freude und Grab⸗ gelaͤute feſtlichen Lärm erſetzen ſehen;— haben, wie dieſes Thal, viele Todte an einem Tage be⸗ weint und ſie in der Nacht im ſchauerlichen Scheine der Fackeln zur Erde beſtattet.., denn in dieſen boͤſen Jahren wanderte eine ſchreckliche Pilgerin langſam uͤber die Erde von einem Pol zum andern, aus dem fernen Indien und Aſien bis zu dem Eiſe Sibiriens, und von dem Eiſe Sibiriens bis zu den Kuͤſten des franzoͤſiſchen Ozeans.. Dieſe gleich dem Tode geheimnißvolle, gleich dem Schickſale unerbittliche, gleich der Hand Got⸗ tes ſchreckliche Pilgerin— war 8 3 Die Cholera! Das Glockengelaute und die Grabgeſunge klan⸗ gen noch immer aus dem Thale herauf zu dem Gipfel des Berges gleich einer gewaltigen klagen⸗ den Stimme. Der ewige Jude. III. Der Schein der Todtenfackeln ſchimmerte noch immer in der Ferne durch den Abendnebel. Die Daͤmmerung dauerte fort,— jene ſeltſame Zeit, welche den ſchaͤrfſten Umriſſen ein undeutliches, phantaſtiſches Ausſehen giebt. Aber der ſteinigte Boden des Berges hallte wieder unter langſamen, gleichfoͤrmigen, feſten Tritten. Zwiſchen den großen ſchwarzen Baum⸗ ſtaͤmmen hindurch— ſchritt ein Mann. Er war hochgewachſen und trug den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Sein Geſicht war edel, mild und traurig. Seine in einander fließenden Augen⸗ brauen zogen ſich von einer Schlaͤfe zur andern und bildeten gleichſam einen unheimlichen Streifen uͤber eine Stirn hin. Dieſer Mann ſchien das ferne Laͤuten ſo vieler Trauerglocken nicht zu hoͤren... und doch hatten vor zwei Tagen Ruhe, Gluͤck, Geſundheit und Freude in dieſen Doͤrfern gewaltet, durch die er langſam geſchritten war und die er nun verodet und voll Trauer hinter ſich ließ. Der Wanderer ſetzte ſeinen Weg fort, mit ſeinen Gedanken beſchäftiget. „— Der 13. n naht“— dachte er— — „ſie nahen.. jene Tage, in denen die Nachkommen „meiner geliebten Schweſter, die letzten Sproͤßlinge „unſerer Familie, in Paris zuſammenkommen ſollen. „Ach! Zum dritten Male ſeit hundert und fuͤnf⸗ „zig Jahren iſt dieſe Familie, der ich voll Liebe von „einem Menſchenalter zum andern, achtzehnhundert „Jahre hindurch, bei ihren Wanderungen, Verban⸗ „nungen und Glaubens-, Gluͤcks⸗ und Namens⸗ „wechſeln gefolgt bin, uͤber die ganze Erde verſtreut „worden.. „Welche Groͤße, welche Erniedrigung, welches „Dunkel, welchen Glanz, welches Elend, welchen „Ruhm hat dieſe Familie, die Familie meiner „Schweſter, der Schweſter eines Handwerkers ²), er⸗ „fahren! „Mit wie vielen Verbrechen iſt ſie befleckt,. „durch wie viele Tugenden geehrt! „Die Geſchichte dieſer einzigen Familie iſt die „Geſchichte der ganzen Menſchheit. ) Man weiß, daß nach der Sage der ewige Jude ein armer Schuhmacher in Jeruſalem war. Als Jeſus mit dem Kreuze an das Haus des Handwerkers kam und einen Augenblick auf der Steinbank an der Thüre ausruhen wollte, ſtieß ihn der Inde fort und ſprach hart zu ihm: Fort! fort!—„Du ſollſt wandern bis an das Ende der Tage,“ antwortete ihm Jeſus in ſtrengem, traurigem Tone.* „Das Blut meiner Schweſter iſt ſeit ſo vielen „Generationen durch die Adern des Armen und des „Reichen, des Fuͤrſten und des Raͤubers, des Weiſen „und des Thoren, des Feigen und des Muthigen, „des Heiligen und des Unglaͤubigen gegangen und „hat ſich bis auf dieſen Tag echalten. „Und was iſt von dieſer Familie heute noch „ubrig?“ „Sieben Nachkommen! „Zwei verwaiſete Tochter einer verbůnntiſ Mut⸗ „ter und eines verbannten Vaters. „Ein entthronter Fuͤrſt. „Ein armer Prieſter und Miſſionair. „Ein Mann aus dem Mittelſtande. „Ein Maͤdchen mit vornehmem Namen und „großem Vermoͤgen und „Ein Handwerker. „Und in ihnen liegen die Tugenden, der Muth, „die Entwuͤrdigung, der Glanz und das Elend 6„unſeres Geſchlechts. „Das Schickſal hat ſie nach Sibirien, na „Indien, nach Amerika und Frankreich zerſtreut. „Das Gefuͤhl warnt mich, wenn Einer der „Meinigen in Gefahr iſt, und ich wandere dann — 3— „von Norden nach Suͤden, von Oſten nach Weſten „zu ihm.. Geſtern unter dem Eiſe des Pols, „heute unter einer gemäßigten Zone,.. morgen unter „der Glut der Tropen; aber in dem Augenblicke, „wo meine Gegenwart ſie retten koͤnnte, treibt lei⸗ „der! oft die unſichtbare Hand mich weiter, reißt „der Wirbel mich fort und— —„Fort!„Fort! „Wenn ich nur wenigſtens meine Aufgabe er⸗ — „Fort! „Nur eine Stunde! Nur eine Stunde Ruhe!.. —„Fort! „Ach, ich laſſe die, welche ich liebe, am Rande „des Abgrundes zuruͤck! —„Fort!— Fort! „Das iſt meine Strafe.— Wenn ſie groß iſt.. „ſo war mein Verbrechen noch größer. „Ich war als Handwerker den Entbehrungen, „der Noth verfallen, und das Ungluck hatte „ſchlecht gemacht. „O verflucht, verflucht ſei der Tag, unlr „Chriſtus an meiner Thuͤre erſchien, waͤhrend ich „finſter, das Herz voll Haß und Verzweiflung, ar⸗ „beitete, denn trotz meiner eifrigen Arbeit litten die „Meinigen Noth. „Von Schmähreden verfolgt und geſchlagen, „ſchleppte er ſein ſchweres Kreuz mit Anſtrengung „dahin und bat mich, einen Augenblick auf meiner Steinbank an der Thuͤre ausruhen zu duͤrfen.. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, ſeine Fuͤße „bluteten, er konnte ſich vor Ermattung kaum noch aufeecht halten und ſprach mit herzergreifender „Milde zu mir: ich leide! —„Ich leide auch— antwortete ich ihm, in⸗ „dem ich ihn zornig und hartherzig fortſtieß,— ich „leide auch und Niemand ſteht mir bei.. Wer „unbarmherzig behandelt wird— wird ſelbſt erbar⸗ „mungslos. Fort!. fort! „Da ſeufzete er ſchmerzlich und ſprach zu mir: —„Und Du ſollſt wandern, bis ich wie⸗ derkomme, ſo will es der Herr im Himmel.“ „Und meine Strafe begann. „Zu ſpat öffnete ich meine Augen dem Lichte,. „zu ſpät lernte ich die Reue kennen,„ zu ſpät „die Liebe,„zu ſpät begriff ich die göttlichen „Worte deſſen, den ich beleidigt habe, jene Worte, . „welche das Geſetz der ganzen Menſchheit ſein „ſollten: Liebet Euch unter einander. „Vergebens habe ich ſeit Jahrhunderten, um „Vergebung zu verdienen, Kraft und Beredtſam⸗ „keit aus dieſen himmliſchen Worten geſchoͤpft und „viele Herzen, die voll Zorn und Neid waren, mit „Mitleiden und Liebe erfuͤllt; vergebens habe ich „viele Gemuͤther mit dem heiligen Abſcheu vor der „Bedruͤckung und der Ungerechtigkeit entflammt. „Der Tag der Gnade iſt noch nicht gekommen. „Und wie der erſte Menſch durch ſeinen Fall „ſeine Nachkommen dem Ungluck weihete, ſo könnte „man ſagen, ich, der Handwerker, habe die Hand⸗ „werker in ewige Schmetzen geſtuͤrzt und ſie muͤß⸗ „ten fuͤr mein Verbrechen bußen, denn ſeit achtzehn „Jahrhunderten ſind ſie noch nicht von der Knecht⸗ „ſchaft erloͤſet. „Seit achtzehn Jahrhunderten ſagen die Waͤch⸗ „tigen und Gluͤcklichen zu dem Volke der Arbeiter, „was 6 zu dem bittenden und leidenden 8— —„Fort! Fort! 6 „Und das Volk, das gleich vor Matt gtet „zuſammenbricht, das gleich ihm ein ſchweres Kreuz „traͤgt, ſagt wie er mit bitterer Traurigkeit: —„Ach, aus Erbarmen. nur einige Augen⸗ „blicke Ruhe. wir ſind erſchoͤpft. —„Fort! —„Was aber ſoll, wenn wir der Noth erlie⸗ „gen, aus unſern kleinen Kindern und aus unſern „alten Muͤttern werden? —„Fort! Fort! „Und ſeit Jahrhunderten wandern wir, ſie und „ich, und leiden wir, ohne daß eine milleidige „Stimme uns zuruft: genug!*1 „Ach! das iſt meine Strafe! Sie iſt groß.. „ſie iſt eine doppelte. „Ich leide im Namen der Menſchheit, indem „ich ganze Volksmaſſen in Noth und ohne Unter⸗ 2 „laß undankbaren und beſchwerlichen Arbeiten aus⸗ „geſetzt ſehe. „Ich leide im Namen der Familie, da ich, der „arme Wanderer, den Meinigen, den Nachkommen „einer geliebten Schweſter, nicht immer zu Hilfe „kommen kann. „Aber wenn der Schmerz uͤber meine Kraͤfte „geht, wenn ich eine Gefahr der Meinigen ahne,. 5 — — „aus der ich ſie nicht befreien kann, ſucht auf der „Wanderung durch die Welt mein Gedanke jenes „Weib zu finden, die gleich mir verflucht iſt,.. „jene Koͤnigstochter*), die gleich mir dem Hand⸗ „werkerſohne wandert und wandert und wandern „wird bis zum juͤngſten Tage. „Einmal in einem Jahrhunderte, wie zwei „Planeten in ihrer hundertjaͤhrigen Umlaufszeit „einander ſich naͤhern, kann ich in der heiligen Lei⸗ „denswoche dieſer Frau begegnen. „Und nach dieſem Wiederſehen voll ſchreckli⸗ „cher Erinnerungen und unermeßlicher Schmerzen „ſetzen wir Wanderer der Cwigkeit unſern endloſen „Lauf fort. „Und dieſe Frau, die einzige, welche gleich mir „auf der Erde dem Ende jedes Jahrhunderts bei⸗ „wohnt und ſpricht: nochmals! dieſe Frau antwortet „von einem Ende der Welt zu dem andern hin⸗ „uͤber meinen Gedanken. „Sie, die gllein in der Welt mein ſchreckliches NMNach einer ſehr wenig bekannten Sage, welche wir bem ſchätz⸗ baren Wohlwollen Maurys, bes gelehrten Unterbibliothekars des In⸗ 5 ſtituts, verdanken, wurde Herodias verurtheilt, bis zum jüngſten Tage umherzuwanbern, weil ſie den Tobd Johannis des Täufers gefordert hatte. — 58 „Schickſal theilt, wollte auch das einzige Intereſſe „theilen, das mich in den Jahrhunderten getroͤſtet „hat. Auch ſie liebt dieſe Nachkommen meiner „geliebten Schweſter, auch ſie ſchuͤtzt ſie, auch „ſie wandert und kommt ihretwegen von Oſten „nach Weſten, von Norden nach Suͤden. „Aber ach, die unſichtbare Hand treibt auch „ſie, der Wirbel reißt auch ſie fort und.. — Fort! „Wenn ich nur wenigſtens meine Aufgabe er⸗ „füͤllte! „Eine Stunde. —„Fört! „Ich laſſe die, wech ich liebe, am Rande des „Ungluͤcks zuruͤck —„Fort!— fort!“ Waͤhrend dieſer Mann ſo auf dem Berge, in ſeine Gedanken verſunken, dahinſchritt, hatte der bis dahin leichte Abendwind ſich verſtärkt, er wurde heftiger und heftiger; ſchon zuckten Blitze durch die Wolken, ſchon verkuͤndete ein dumpfes langgedehn⸗ tes Brauſen die Annaͤherung eines Gewitters. nu Stunde Ruhe! Plotzlich erbebte dieſer verfluchte Mann, der nicht mehr weinen, nicht mehr laͤcheln kann. Kein korperlicher Schmerz konnte ihn treffen. und doch legte er raſch die Hand auf das Herz, als fuͤhle er da ein tiefes Weh. „Ach!“ rief er aus,„ich fuͤhle es„ In dieſer Stunde leiden mehrere der Meinigen, die Nach⸗ kommen meiner geliebten Schweſter und ſchweben in großer Gefahr, einige tief in Indien, an⸗ dere in Amerika, andere hier, in Deutſchland.. Der Kampf beginnt von neuem, ſchaͤndliche Lei⸗ denſchaften ſind wiederum angsfacht. O Du, die Du mich hörſt, die Du gleich mir umherirrſt und verflucht biſt, Herodias, hilf mir ſie ſchuͤtzen! Möge meine Bitte zu Dir gelangen in die Einöden Ame⸗ rikas, wo Du jetzt biſt! O daß wir zu rechter Zeit ankommen koͤnnten!“ Und es geſchah etwas Außerordentliches. Es war Nacht geworden. Der Mann machte eine Bewegung, um eilig umzukehren, aber eine unſichtbare Macht hin⸗ derte ihn daran und trieb ihn in ntgegen Richtung fort. —— Der Sturm brach i in dieſem Augenblicke in ſeiner ganzen ſchreklichen Majeſtät los. Einer der Wirbel, welcher die Baumwurzeln und die Felſen erſchutterte, ſauſete ungeſtum und mit Donnergedroͤhn uͤber den Verg hin. Mitten im Bruͤllen des Sturmes und im Leuchten der Blitze ſah man den Mann mit der ſchwarzgezeichneten Stirn mit großen Schritten zwiſchen den Felſenbloͤcken und den Baͤumen, die ſich vor dem Winde beugten, an der Seite des Berges hinuntergehen. Sein Gang war nicht mehr langſam, feſt und ruhig, ſondern aͤngſtlich raſch und ſogleich wie der eines Weſens, das eine unwiderſtehliche Gewalt ge⸗ gen ſeinen Willen fortreißt, oder das ein entſetzli⸗ cher Orkan in ſeinem Wirbel mit fortfuͤhrt. Vergebens ſtreckte der Mann die Hände flehend⸗ lich zum Himmel empor,— er verſchwand bald in dem Dunkel der Nacht und in dem Sh des Wetters. Die Würger. 0) Erſtes Kapitel. Die Ajnpa. Waͤhrend Rodin von der Straße Milieu des Urſins in Paris aus Briefe nach allen Weltgegen⸗ den abſchickte, während die Toͤchter des Generals Simon, nachdem ſie aus dem Gaſthofe zum„wei⸗ ßen Falken“ in Moͤckern entflohen waren, nebſt Dagobert in Leipzig in Haft gehalten wurden, ge⸗ ſchahen andere fur dieſe verſchiedenen Perſonen wich⸗ tige Ereigniſſe, gleichſam parallel und gleichzeitig, am Ende der Welt, tief in Aſien, auf der Inſel Java, unfern der Stadt Batavia, in welcher Jo⸗ ſua Van Daöl, einer der Correſpondenten Rodins, wohnte. Java! Du herrliches und grauenhaftes Land, wo die bewundernswuͤrdigſten Blumen haäßliche Schlangen bergen, wo die lockendſten Fruchte tödtli⸗ Phanſigars oder Würger. Später werben wir ausführli⸗ cher von bieſer ſeltſamen Verbindung ſprechen, die ſich den„Vund des guten Werkes“ nennt. ches Gift enthalten, wo praͤchtige Baume wachſen, deren Schatten toͤdtet; wo der Vampyr, die rieſen⸗ hafte Fledermaus, das Blut aus den Opfern ſaugt, deren Schlaf er durch wuͤrzige Kuͤhlung verlaͤngert, denn der beweglichſte Fächer iſt nicht raſcher als das Schwingen der großen von Moſchus duftenden Fluͤgel dieſes Ungethuͤms. Der Monat October 1831 iſt beinahe zu Ende. Es iſt Mittag, jene Stunde die denjenigen faſt tödtlich wird, welche der gluͤhenden Sonne ſich ausſetzen, die den dunkelblauen Himmel mit heißem blendenden Lichte uͤberſtrmt. Eine Ajupa, ein Ruhehaͤuschen von Binſenmatten, die an dicken, tief in die Erde geſchlagenen Bambusſtaͤben aus⸗ geſpannt ſind, ſteht in dem blaͤulichen Schatten einiger Baume mit glaͤnzend gruͤnen Blättern. Dieſe Baͤume von ſeltſamen Formen ſind theils in Ar⸗ caden abgerundet, theils ragen ſie gleich Thurm⸗ ſpitzen empor, theils woͤlben ſie ſich wie Sonnen⸗ ſchirme, alle aber ſind ſo blätterreich, ſo dicht, ſo in einander verwachſen und verflochten, daß der Regen durch das Dach, welches ſie bilden, nicht * durchzudringen vermag. Der trotz wahrhafter Hoͤllenglut fortwäͤhrend ſumpfige Boden verſchwindet unter einem unent⸗ wirrbaren Gemiſch von Lianen, Farnkraͤutern und buſchigen Binſen von unglaublicher Friſche und kraͤftigem Wuchſe, die faſt bis an das Dach der ₰. — Ajupa hinaufreichen, die darin verſteckt iſt wie ein Neſt im Graſe. Es kann nichts Erſtickenderes geben als dieſe mit feuchten Ausduͤnſtungen ſchwer beladene und mit den ſtärkſten und ſchaͤrfſten Geruͤchen geſchwän⸗ gerte Luft; denn der Zimmt⸗ und Ingberbaum, die Stephanotis und die Gardenia, die unter jenen Baͤumen und Lianen mit wachſen, athmen gleich⸗ ſam ihr ſtarkes Arom aus. Die Ajupa hat ein Dach von großen Bananen⸗ blaͤttern. An dem einen Ende befindet ſich eine vierſeitige Oeffnung, die als Fenſter dient und ſehr fein mit Pflanzenfaſern vergittert iſt, damit die Schlangen und giftigen Inſekten nicht hineinſchluͤ⸗ pfen koͤnnen. Aus dem Dickicht ragt ein ungeheuerer abge⸗ ſtorbener Baumſtamm empor, der zwar noch ſteht, aber ſich ſtark geneigt hat und deſſen Gipfel das Dach der Ajupa beruͤhrt. Aus jeder Ritze der ſchwarzen runzeligen, moosbewachſenen Rinde iſt eine ſeltſame, faſt phantaſtiſche Blume herausge⸗ wachſen. Der Fluͤgel eines Schmetterlings iſt nicht zarter geaͤdert, nicht glaͤnzender purpurroth gefaͤrbt, nicht ſammetartiger ſchwarz. Die unbekannten Vö⸗ gel, welche man im Traume ſieht, haben keine ſo ſeltſamen Formen als dieſe Orchys, die geflugelten Blumen, welche ausſehen, als wollten ſie von ihren duͤnnen blaͤtterloſen Stengeln davonfliegen. Lange biegſame und runde Cactus, die man fuͤr Schlan⸗ gen anſehen koͤnnte, ſchlingen ſich ebenfalls um den Baumſtamm, haͤngen an ihm ihre gruͤnen Ranken mit großen ſilberweißen, innen hellorange gefaͤrb⸗ ten Bluͤten auf, welche einen ſtarken Vanillegeruch verbreiten. Eine ziegelrothe kleine Schlange, ſo dick wie eine ſtarke Federſpuhle und fuͤnf bis ſechs Zoll lang, ſtreckt den platten Kopf zur Haͤlfte aus einem dieſer un⸗ geheuern duftigen Blumenkelche hervor, in dem ſie zuſammengeringelt liegt. In der Ajupa liegt auf einer Matte ein jun⸗ ger Mann in tiefem Schlafe. Nach ſeiner goldgelben, faſt durchſcheinenden Geſichtsfarbe koͤnnte man ihn fuͤr ein Bild von blaſſem Kupfer halten, auf dem ein Sonnenſtrahl ſpielt. Seine Lage iſt einfach und anmuthigz ſein zuſammengelegter rechter Arm ſtuͤtzt den etwas nach der Seite gewendeten Kopf; ſein weites weißes Muslingewand mit haͤngenden Aermeln laͤßt die eines Antinous wuͤrdige Bruſt und die Arme ſehen; der Marmor iſt nicht feſter und nicht glaͤtter als ſeine Haut, deren Goldfarbe lebhaft von dem wei⸗ ßen Gewande abſticht. An der breiten hochgewoͤlb⸗ ten Bruſt ſieht man eine tiefe Narbe. Er empfing dieſe Narbe, als er das Leben des Generals Si⸗ mon, des Vaters Roſa's und Bianca's, verthei⸗ digte. Am Halſe trägt er eine kleine Medaille, gleich der, welche die beiden Schweſtern fuͤhren. —— — Dieſer Hindu iſt Dſchalma. Seine Zuͤge ſind zugleich edel und reizend ſchoͤnz ſein blauſchwarzes, auf der Stirn geſcheiteltes Haar fällt reich, aber nicht gelockt, auf die Schultern; die ſcharf und fein gezeichneten Brauen ſind eben ſo dunkelſchwarz wie die langen Wimpern, die ihren Schatten auf die bartloſen Wangen werfen; uͤber ſeine leicht geoͤffneten lebhaft rothen Lippen dringt der Athem gepreßt; ſein Schlaf iſt ſchwer und un⸗ ruhig, denn die Hitze wird von Minute zu Minute erſtickender. Draußen herrſcht tiefe Stille und man bemerkt nicht den leichteſten Lufthauch. Gleichwohl begin⸗ nen nach einigen Minuten die gewaltigen Farn⸗ kräuter, die den Boden bedecken, ſich zu bewegen, wenn auch kaum bemerklich, als wenn ein langſam kriechender Koͤrper unten die Stengel leiſe beruͤhrte. Bisweilen hoͤrt dieſe ſchwache Bewegung ploͤtz⸗ lich auf und Alles wird wieder voͤllig ſtill und ruhig. Nach mehrmaligem Wechſel zwiſchen leiſem Ge⸗ raͤuſch und tiefer Stille erſchien ein menſchlicher Kopf in den BVinſen in einiger Entfernung von dem Stamme des abgeſtorbenen Baumes. Dieſer Mann mit unheimlichem Geſicht hatte eine gruͤnliche Bronzefarbe, langes ſchwarzes, um den Kopf herum geflochtenes Haar, wild funkelnde Augen und einen Ausdruck von Schlauheit. Er hielt den Athem an ſich, blieb einen Augenblick undeweglich und kroch dann auf den Haͤnden und Der ewige Iude. MI. 5 Knien weiter, wobei er die Blaͤtter ſo behutſam bei Seite ſchob, daß man nicht das leiſeſte Geraͤuſch vernahm. So erreichte er langſam und vorſichtig den geneigten abgeſtorbenen Baum, deſſen Gipfel das Dach der Ajupa faſt beruͤhrte. Dieſer Mann, der ein Malaie von Geburt war und der Secte der Wuͤrger angehoͤrte, trat, nach⸗ dem er nochmals gelauſcht hatte, faſt ganz aus dem Gebuͤſch heraus. Er war voͤllig nackt bis auf eine Art kurzer Beinkleider von weißem Baum⸗ wollenzeuge, die durch einen bunten Guͤrtel um die Taille feſtgehalten wurden. Seine bronzefarbi⸗ gen, gffugigen und kräftigen Glieder waren dick mit Oel beſtrichen. Er dehnte ſich an dem ungeheuern Baumſtamme der Huͤtte gegenuͤber aus, war ſo durch den lianen⸗ umſchlungenen Baum gebeckt und fing an, an demſelben vorſichtig und geduldig emporzuklettern oder vielmehr zu kriechen. In der wellenfoͤrmigen Bewegung ſeines Ruͤckgrates, in der Schmiegſam⸗ keit ſeiner Bewegungen, in der verhaltenen Kraft, die furchtbar ſein mußte, ſobald ſie losgelaſſen wurde, lag etwas von dem ſchleichenden tuͤckiſchen Gange des Tigers, der auf ſeine Beute lauert. Nachdem er, voͤllig unbemerkt, den abſchuͤſſigen Theil des Baumes erreicht hatte, welcher das Dach der Huͤtte faſt beruͤhrte, war er von dem kleinen Fenſter nur noch etwa einen Fuß weit entfernt. Da ſtreckte er vorſichtig den Kopf vor und blickte „ — 67 in die Huͤtte hinein, um zu ermitteln, wie er wohl hineingelange. Bei dem Anblicke des feſtſchlafenden Dſchalma verdoppelte ſich der Glanz der funkelnden Augen des Wuͤrgers; ein Zucken oder vielmehr ein ſtum⸗ mes, grauenhaftes Lächeln zog ſeine beiden Mund⸗ winkel nach den Backenknochen hinauf und ent⸗ huͤllte zwei Reihen ſägeartig gefeilter glaͤnzend⸗ ſchwarz gefaͤrbter Zaͤhne. Dſchalma hatte eine ſolche Lage und ſo dicht an der ſich nach innen zu offnenden Thuͤre, daß er augenblicklich häͤtte erwachen muͤſſen, wenn man ſie ein wenig zu oͤffnen verſucht hätte. Der Wuͤrger, deſſen Koͤrper immer hinter dem Baume verſteckt war und der das Innere der Hutte noch genauer pruͤfen wollte, beugte ſich noch mehr und ſtemmte, um einen Stutzpunkt zu erhalten, die Hand leicht auf den Rand der Oeffnung, die als Fenſter diente. Dieſe Bewegung erſchütterte die große Cactusbluͤte, in welcher die kleine Schlange lag, ſie fuhr heraus und rollte ſich blitzſchnell um das Handgelenk des Wuͤrgers. Der Mann ſtieß aus Schmerz oder aus Schreck einen leichten Schrei aus, und als er ſich raſch an dem Baume zuruͤckzog, bemerkte er, daß Dſchalma eine Bewegung gemacht hatte. Der junge Hindu blieb zwar in ſeiner nach⸗ laͤſſigen Lage, ſchlug aber die Augen halb auf und wendete das Geſicht nach dem kleinen Fener hin. 8 Ein tiefes Aufathmen hob ſeine Bruſt, denn die Hitze unter der dichten Woͤlbung feuchten Gruͤnes war unertraͤglich. Kaum hatte Dſchalma ſich geregt, als augen⸗ blicklich hinter dem Baume der kurze helle, ſcharfe Ton erſchallte, den der Paradiesvogel ausſtoßt, wenn er auffliegt, und der jenem des Faſans faſt gleicht. Dieſer Schrei wiederholte ſich bald, aber ſchwaͤ⸗ cher, als wenn der glanzende Vogel ſich entfernt hätte. Dſchalma, der nun die Urſache des Geraͤuſches zu kennen glaubte, das ihn einen Augenblick ge⸗ weckt hatte, ſtreckte leicht den Arm aus, auf wel⸗ chem ſein Kopf ruhete, und ſchlief wieder ein, faſt ohne ſeine Lage zu aͤndern. Einige Minuten lang herrſchte wiederum die tiefſte Stille in dieſer Einode.. Alles blieb unbe⸗ weglich. Der Wuͤrger hatte durch die geſchickte Nach⸗ ahmung des Geſchreis eines Vogels den unvor⸗ ſichtigen Schmerzensruf wieder gut gemacht, den ihm der Biß der Schlange ausgepreßt. Als er glaubte, daß Dſchalma wieder einge⸗ ſchlafen ſei, ſtreckte er den Kopf von neuem vor und er ſah wirklich, daß der junge Hindu wiederum ſchlief. Da ſtieg er eben ſo vorſichtig von dem Baume herab, obgleich ihm die Hand von dem Schlangen⸗ biſſe dick geſchwollen war, und verſchwand in den Binſen. In dieſem Augenblicke ließ ſich in der Ferne ein eintoͤniger und melancholiſcher Geſang hoͤren. Der Wuͤrger richtete ſich auf, horchte aufmerk⸗ ſam, und in ſeinen Zuͤgen zeigte ſich Ueberraſchung und Wuth. Der Geſang kam der Huͤtte naͤher und naͤher. Nach einigen Secunden ſchritt ein Hindu uͤber eine baumfreie Stelle nach dem Orte zu, wo der Wuͤrger ſich verſteckt hielt. Dieſer nahm einen langen und duͤnnen Strich, den er um die Huͤften geſchlungen und der an dem einen Ende eine Bleikugel von der Geſtalt und Groͤße eines Eies hatte. Nachdem er das andere Ende der Schnur an ſeine rechte Hand befeſtiget, horchte der Wuͤrger von neuem und kroch unter dem hohen Graſe dem Hindu entgegen, der lang⸗ ſam herankam, ohne ſeinen ſanft klagenden Geſang zu unterbrechen. Er war ein junger Mann von kaum zwanzig Jahren, der Sclave Dſchalmas. Sein Geſicht hatte eine Bronzefarbe; ein bunter Guͤrtel hielt ſein blaues baumwollenes Gewand zuſammen; auf dem Kopfe trug er einen kleinen rothen Turban und in den Ohren wie an den Handgelenken ſilberne Ringe. Er brachte eine Botſchaft an ſeinen Herrn, der waͤhrend der großen Hitze in der Ajupa ruhete, ziemlich fern von dem Hauſe, das er bewohnte. der Sclave, ohne zu zoͤgern, den Weg ein, wel⸗ cher zu der Huͤtte fuͤhrte, von der er kaum noch vierzig Schritte entfernt war. Einer der großen Schmetterlinge von Java, deren ausgebreitete Fluͤgel ſechs bis acht Zoll lang ſind und zwei verticale goldene Streifen auf Ultra⸗ maringrund zeigen, flatterte von Blatt zu Blatt und ließ ſich endlich auf einem Buͤſchel duftender Gardenias dicht an dem jungen Hindu nieder. Da unterbrach er ſeinen Geſang, blieb ſtehen, ſetzte vorſichtig den Fuß vor, ſtreckte die Hand aus und faßte den Schmetterling. ſtalt des Wuͤrgers ſich vor ihm emporrichten, er hörte ein Pfeifen wie von einer Schleuder und fuͤhlte eine eben ſo raſch als kraftvoll geworfene Schnur dreimal ſich um ſeinen Hals ſchlingen, waͤhrend faſt gleichzeitig die Bleikugel am Ende ihn gewaltig hinten an den Kopf ſchlug. Dieſer Angriff geſchah ſo ploͤtzlich und ſo un⸗ erwartet, daß der Diener Dſchalmas keinen Schrei ausſtoßen, keinen Laut von ſich geben konnte. Der Wuͤrger warf ihn vollends nieder und ſchnuͤrte die Schnur ſo feſt zuſammen, daß das Blut aus der Haut ſpritzte. Das Opfer machte noch einige zuckende Bewegungen, dann war Alles voruͤber. Waͤhrend dieſes kurzen, aber ſchrecklichen Jo⸗ An der Stelle, wo der Pfad ſich theilte, ſchlug Mloͤtzlich ſah der Sclave die unheimliche Ge⸗ — — deskampfes kniete der Mörder vor ſeinem Opfer, be⸗ obachtete alle Zuckungen, heftete ſeine ſtieren, gluͤ⸗ henden Augen auf den Sterbenden und ſchien in einem graͤßlichen Genuſſe in Entzuͤcken zu ge⸗ rathen. Seine Naſenloͤcher erweiterten ſich, die Adern an ſeinem Halſe und ſeinen Schlaͤfen ſchwol⸗ len auf, und jenes ſchauerliche Lachen, das bei dem Anblicke des ſchlafenden Dſchalma ſeine Lippen ver⸗ zerrt hatte, zeigte auch jetzt die ſchwarzen ſpitzen Zähne, die ein Zittern der Kinnbacken an einander klappern ließ. Bald aber kreuzte er die Arme auf der keuchen⸗ den Bruſt uͤbereinander, ſenkte das Haupt und murmelte geheimnißvolle Worte, die einer Be⸗ ſchwoͤrung oder einem Gebete glichen. Dann ver⸗ ſank er von neuem in die ſchauerliche Betrachtung, zu welcher ihn der Anblick des Leichnams veran⸗ laßte. Die Hyäne und die Tigerkatze, die ſich vor der Beute, die ſie uͤberraſcht oder erjagt haben, nieder⸗ kauern, bevor ſie dieſelbe verzehren, haben keinen blutdurſtigern Blick, als dieſer Mann hatte. Bald indeß erinnerte er ſich, daß ſeine Auf⸗ gabe noch nicht geloſet ſeiz er riß ſich widerſtrebend von dem Anblicke der Leiche los, wickelte ſeine Schnur von dem Halſe des Opfers ab, ſchlang ſie wieder um ſeinen Leib, zog den Leichnam von dem Wege fort und verſteckte ihn, ohne ihm die ſilber⸗ nen Spangen abzunehmen, unter einem dichten Binſengebuͤſch. Dann kroch der Wuͤrger wiederum auf dem Bauche und den Knien weiter und gelangte an die Huͤtte Dſchalmas. Nachdem er aufmerkſam gehorcht hatte, zog er aus ſeinem Guͤrtel ein Meſſer, deſſen ſpitze ſcharfe Klinge von einem Bananenblatte umwickelt war, und machte in die Matte, welche die Wand der Huͤtte bildete, einen drei Fuß langen Schnitt— ſo geſchickt, ſo ſchnell und mit ſo ſcharfer Klinge, baß ein leichtes Kritzeln des Diamanten auf dem Glaſe geraͤuſchvoller geweſen ſein wuͤrde. Als er durch dieſe Oeffnung, durch welche er hindurchſchluͤpfen wollte, Dſchalma noch immer in tiefem Schlafe liegen ſah, wagte ſich der Wuͤrger in die Huͤtte hinein. Zweites Kapitel. Die Sättowirung.⸗. Der Himmel, welcher bis dahin durchſichtig blau geweſen war, wurde allmaͤlig mattfarbiger. Die Sonne verſchleierte ſich mit einem tůchlichen unheimlichen Dunſte. Dieſes ſeltſame Licht gab allen Gegenſtaͤnden ungewöhnliche Reflexe. Eine Vorſtellung davon kann man ſich machen, wenn man eine Landſchaft durch kupferfarbiges Glas betrachtet. In jenen Climaten verkuͤndiget dieſe Erſchei⸗ nung, in Verbindung mit Verdoppelung der Waͤrme, ſtets die Annäherung eines Gewitters. Es machte ſich von Zeit zu Zeit ein ſchwacher ſchwefeliger Geruch bemerkbar;.. die durch elek⸗ triſche Stroͤmungen leicht bewegten Blaͤtter zitterten dann auf ihren Stielen, worauf Alles wieder in tiefe Stille und vollige Unbeweglichkeit verſank. Die Schwere dieſer mit ſcharfen Geruͤchen er⸗ fullten Luft wurde faſt unerträglich. Auf der Stirn Dſchalmas, der noch immer in ermattendem Schlafe lag, ſtanden große Schweißtropfen. Der Wuͤrger glitt wie eine Schlange an den Waͤnden der Ajupa hin und gelangte kriechend bis an die Matte Dſchalmas, an welcher er ſich zuerſt zuſammenkauerte, um ſo wenig Plat als moͤglich einzunehmen. Nun begann eine Scene, die wegen der tiefen Stille und des raͤthſelhaften Weſens grauenhaft war. Das Leben Dſchalmas lag in der Hand des Wuͤrgers, der, in ſich zuſammengeſunken, auf die Hände und die Knie geſtuͤtzt, mit vorgeſtrecktem Halſe und ſtieren weit aufgeriſſenen Augen unbe⸗ weglich blieb wie ein lauerndes reißendes Thier. Nur ein leichtes krampfhaftes Zittern der Kinnlade bewegte ſein bronzefarbiges Geſicht. — Bald aber verriethen ſeine haͤßlichen Zuͤge den gewaltigen Kampf, der in ihm tobte zwiſchen der Mordluſt, die die kuͤrzliche Ermordung des Selaven noch mehr gereizt hatte, und zwiſchen dem Btefehle, den er erhalten hatte, das Leben Dſchalmas ju ſcho⸗ nen, obgleich der Grund, der ihn in die Ajupa fuͤhrte, fuͤr den jungen Hindu mehr zu fuͤrchten war, als ſelbſt der Tod. Zweimal griff der Wuͤrger, deſſen Auge von Wildheit flammte und der ſich nur noch nuf die linke Hand ſtutzte, mit der rechten nach dem Ende ſeiner Schnur. Zweimal aber ließ er die Hand wieder ſinken, die Mordluſt wich vor einem allmächtigen Willen, unter deſſen unwiderſtehlicher Herrſchaft der Malaie ſtand. Seine Mordluſt mußte bis zum Wahnſinn ge⸗ ſtiegen ſein, denn bei dieſem Zogern verlor er eine koſtbare Zeit. Dſchalma, deſſen Kraft, Gewandt⸗ heit und Muth bekannt und gefuͤrchtet waren, konnte jeden Augenblick erwachen, und ob er gleich ohne Waffen war, wuͤrde er doch ein ſchrecklicher Gegner fuͤr den Wuͤrger geweſen ſein. Endlich fugte dieſer ſich; er unterdruckte einen tiefen Seufzer des Vedauerns und ſchickte ſich an, ſeinen Auftrag zu erfuͤllen. Dieſer Auftrag wurde fuͤr einen Andern un⸗ moͤglich geweſen ſein. 2 Dſchalma, deſſen Geſicht nach der linken Seite hin gewendet war, ſtuͤtzte den Kopf auf ſeinen zu⸗ ſammengelegten Armz er mußte erſt, ohne daß er erwachte, genöthiget werden, das Geſicht nach der rechten Seite hin zu wenden, d. h. nach der Thuͤre zu, damit, wenn er halb erwache, nicht gleich ſein erſter Blick auf den Wuͤrger falle, der, um ſeinen Plan auszufuͤhren, mehrere Minuten in der Huͤtte bleiben mußte. Der Himmel verdunkelte ſich mehr und mehr. Die Hitze erreichte den hoͤchſten Grad und Alles trug dazu bei, Dſchalma in eine Art Betäubung zu verſetzen und die Plaͤne des Wuͤrgers zu beguͤn⸗ ſtigen. Er kniete jetzt neben Dſchalma und be⸗ gann mit der Spitze ſeiner weichen mit Oel gerie⸗ benen Finger die Stirn, die Schlaͤfe und die Augen⸗ lider des jungen Hindu zu beruͤhren, aber ſo außer⸗ ordentlich leicht, daß es kaum zu fuͤhlen war. Nachdem dieſe Art magnetiſchen Streichens einige Secunden gedauert hatte, quoll der Schweiß reich⸗ licher von der Stirn Dſchalma's; er ſeufzete tief und dann zuckten einige Male die Muskeln ſeines Ge⸗ ſichts, denn jene Beruͤhrungen waren zwar zu leicht, als daß ſie ihn hätten erwecken koͤnnen, ſie erregten aber doch ein unbeſchreibliches Gefuhl von Unbehagen in ihm. 5 Der Wuͤrger, der ſein unruhiges gluͤhendes Auge von ihm nicht abwendete, ſetzte das Strei⸗ chen ſo geduldig und ſo geſchickt fort, daß Dſchalma, obwohl er noch immer ſchlief, dieſes unbeſtimmte, aber peinigende Gefuͤhl nicht laͤnger ertragen konnte und unwillkuͤhrlich mit der rechten Hand nach dem Geſichte griff, als haͤtte er ein laͤſtiges Inſect ver⸗ ſcheuchen wollen. Aber es fehlte ihm die Kraft; die Hand ſank ihm ſogleich matt und ſchwer wie⸗ der auf die Bruſt. Der Wuͤrger, welcher an dieſem Zeichen er⸗ kannte, daß er dem gewuͤnſchten Ziele nahe ſei, wiederholte die Beruͤhrungen an den Augenlidern, an der Stirn und an den Schlaͤfen mit gleicher Geſchicklichkeit. Da kehrte Dſchalma, den die ſchwere Schlä⸗ frigkeit mehr und mehr umfangen und der wahr⸗ ſcheinlich die Kraft oder den Willen nicht mehr hatte, die Hand nach dem Geſichte zu heben, un⸗ willkuhrlich den Kopf herum, der matt auf die rechte Schulter fiel, und ſuchte durch dieſe Veraͤn⸗ derung ſeiner Lage ſich dem unangenehmen Ge⸗ fuhle zu entziehen, das ihn peinigte⸗ Um den Schlaf, den er halb unterbrochen hatte, ſo tief als moͤglich zu machen, ſuchte der Wuͤrger den Vampyr nachzuahmen und bewegte wie einen 3 Fächer ſchnell ſeine beiden Haͤnde vor dem gluͤhen⸗ den Geſichte des jungen Hindu. Bei dieſem Gefuͤhle unerwarteter und in er⸗ ſtickender Hitze ſo koͤſtlicher Kuhle erheiterten ſich die Zuge Dſchalmas; ſeine Bruſt dehnte ſich aus, ſeine halbgeoffneten Lippen athmeten dieſe wohl⸗ thaͤtige Luft ein und er ſank in einen Schlaf, der um ſo feſter war, da er vorher geſtort worden. Ein Blitz beleuchtete jetzt mit ſeinem flammen⸗ den Scheine die ſchattige Woͤlbung, welche die Ajupa ſchuͤtzte, und der Wuͤrger beeilte ſich, damit der junge Hindu nicht durch den erſten Donner⸗ ſchlag geweckt werde. Dſchalma, der auf dem Ruͤcken lag, hatte den Kopf auf ſeine rechte Achſel gelegt und den linken Arm ausgeſtreckt; der Wuͤrger, welcher an der lin⸗ ken Seite kauerte, hoͤrte allmaͤlig auf, ihm Kuͤh⸗ lung zuzufächeln, und zog mit unglaublicher Ge⸗ ſchicklichkeit den weiten langen weißen Muslinaͤr⸗ mel, welcher den linken Arm Dſchalmas verhuͤllte, bis an den Elnbogen zuruͤck. Dann nahm er aus der Taſche ſeiner Beinkleider ein kupfernes Kaͤſt⸗ chen und aus dieſem eine außerordentlich feine und ſcharfe Nadel, ſo wie ein Stuͤck ſchwarzlicher Wurzel. In dieſe Wurzel ſtach er mehrmals die Nadel hinein und nach jedem Stiche quoll ein weißer klebriger Saft heraus. Als der Wuͤrger glaubte, daß die Nadel hin⸗ taͤnglich von dieſem Safte durchdrungen ſei, buͤckte er ſich und blies auf den innern Theil des Armes Dſchalma's, um da ein neues Gefuͤhl von Friſche zu erregen, dann machte er mit ſeiner Nadel faſt unbemerklich auf der Haut des ſchlafenden jungen Mannes einige geheimnißvolle und ſymboliſche Zeichen. Dies geſchah ſo raſch, die Nadelſpitze war ſo fein, ſo ſcharf, daß Dſchalma das leichte Ritzen ſeiner Haut nicht fuͤhlte. Die Zeichen, welche der Wuͤrger gemacht hatte, wurden bald erkennbar, zuerſt in kaum merklicher blaßrother Farbe und in haarduͤnnen Strichenz die beizende langſam wirkende Kraft des Saftes an der Nadelſpitze war aber ſo groß, daß er in der Haut ſich mehr und mehr verbreitete und nach einigen Stunden etwa die kaum bemerkbaren Na⸗ delſtiche blauroth faͤrben mußte. Nachdem der Wuͤrger ſeinen Zweck erreicht hatte, warf er nochmals einen gierigen Blick auf den ſchlafenden Hindu, dann kroch er von der Matte weg, gelangte an die Oeffnung, durch welche er in die Huͤtte hineingeſchluͤpft war, ſchloß die zerſchnittene Matte wieder, um jeden Argwohn zu entfernen, und verſchwand in dem Augenblicke, als der Donner in der Ferne dumpf zu rollen an⸗ fing.*) *) In den Briefen Victor Jacquemonts über Inbien lieſet man über die unglaubliche Gewandtheit bieſer Menſchen: „Sie kriechen am Boden hin in den Gräben und in den Furchen der Felder, ahmen hundert verſchiedene Stimmen nach, machen durch den Schrei eines Schakals oder Vogels eine ungeſchickte Bewe⸗ gung wieder gut, die villeicht einiges Geräuſch verurſachte, und ſchweigen dann, worauf ein anderer in einiger Entfernung die Stimme des Thieres in der Ferne nachahmt. Sie ſtören den Schlaf durch Drittes Kapitel. Der Schmuggler⸗ Das Gewitter vom Vormittage hatte langſt aufgehoͤrt, die Sonne wollte untergehen und es mancherlei Geräuſch, burch Kitzeln ꝛc. und wiſſen den Körper und die Glieder in die für ihre Abſichten paſſende Lage zu bringen.“ Der Graf Ed. von Warren ſpricht ſich in ſeinem vortrefflichen Werke über das engliſche Indien, das wir noch mehrmals zu erwäh⸗ nen haben werden, über die unbegreifliche Gewandtheit der Hindu eben ſo aus. „So ſtehlen ſie dem Reiſenden ſelbſt die Decke, in welche er ſich im Schlafe gehüllt hat.“ Dieſes Kunſtſtück, das unglaublich erſcheint, iſt nichts deſto weniger wahr. Warren vollendet das Bild, indem er eine Erklärung von dem Verfahren der Bhils dabei giebt.„Die Be⸗ wegungen des Bhils ſind die der Schlange; ſchläft man in einem Zelte, an deſſen Eingange ein Diener quer liegt, ſo kauert ſich der Bhil draußen im Schatten in einer Ecke nieder, von wo aus er das Athmen Beider hören kann. Sobald der Europäer ſchläft, iſt der Dieb ſeiner Sache gewiß; der Aſiate widerſteht dem Reize des Schla⸗ fes nicht lange. Der Augenblick iſt endlich gekommen; der Bhil macht an der Stelle, wo er ſich befindet, einen verticalen Schnitt in die Zeltleinwand und ſchlüpft hindurch wie ein Schatten, ohne baß ein Sandkörnchen unter ſeinen Füßen ſich bewegt. Er iſt völlig nackt und mit Oel beſtrichen; ein dolchartiges Meſſer hängt an ſei⸗ nem Halſe. So kauert er ſich neben dem Schlafenden nieder und legt die Decke mit ſeltener Ruhe und Gewandtheit in kleine Falten bis an den Körper zuſammen, ſo daß ſie ſo wenig Raum als möglich ein⸗ nimmt. Iſt dies geſchehen, ſo begiebt er ſich auf die andere Seite und kitzelt den Schlafenden leicht, den er zu magnetiſtren ſcheint, ſo daß derſelbe inſtinktmäßig zurückweicht, ſich endlich umbreht und ſo von der zuſammengefaltenen Decke herunterkommt. Erwacht der Europäer und verfucht den Dieb zu ergreifen, ſo findet er einen ſchlüpfrigen Körper, der ihm wie ein Aal entſchlüpft; hält er ihn wirklich feſt, ſo iſt es um ihn geſchehen; der Dolch trifft ihn ins Herz, er ſinkt todtlich verwundet nieder und der Mörder verſchwin⸗ det.“ 80 waren einige Stunden vergangen, ſeit der Wuͤrger ſich in die Huͤtte Dſchalma's geſchlichen und ihn im Schlafe mit einem geheimnißvollen Zeichen tätto⸗ wirt hatte. In einer langen Allee von buſchigen Baumen kam ſchnell ein Reiter heran. Tauſend Voͤgel begruͤßten unter dem dichten Bläͤtterdache durch ihr Zwitſchern und ihre Spiele den ſtrahlenden Abend; gruͤne und rothe Papa⸗ geien kletterten mit Hilfe ihres Hakenſchnabels bis zum Gipfel der rothen Akazien hinauf; Maina⸗ mainus, große blaue Vögel, deren Bruſt und lan⸗ ger Schwanz wie polirtes Gold glaͤnzen, verfolgten die ſammtſchwarzen, hochgelb gefleckten Regentvs⸗ gel*); die Kolo⸗Tauben von geflammtem Violet girrten lieblich neben Paradiesvoͤgeln, deren blitzen⸗ des Gefieder den prismatiſchen Glanz des Sma⸗ ragds, des Rubins, des Topazes und des Saphir vereiniget. Dieſe etwas erhöhete Allee zog ſich an einem kleinen Teiche hin, auf den hier und da der Schat⸗ ten der Tamerinden und Nopals fiel; in dem ru⸗ higen klaren Waſſer erkannte man Silberfiſche mit purpurnen Floſſen, blaue Fiſche mit goldſchimmern⸗ den Floſſen, die ausſahen wie eingeſetzt in eine blauliche Cryſtallmaſſe, denn ſie ruheten alle bewe⸗ *) Loriot-prince im Franzöſiſchen, Sericulus regens. gungslos an der Oberfläche des Waſſers, auf wel⸗ cher ein blendender Sonnenſtrahl ſpiegelte, und ſchienen ſich des Lichtes und der Wärme zu er⸗ freuen. Tauſend Inſecten, lebendige Edelſteine, mit Feuerflugeln flatterten, flogen und ſummten auf der durchſichtigen Flut, in welcher ſich in un⸗ geheurer Tiefe die bunten Farben der Blaͤtter und Bluten der Waſſerpflanzen am Ufer ſpiegelten. Es iſt unmöglich, dieſe uͤppige, farben⸗, duft⸗ und ſonnenreiche Natur zu ſchildern, welche fuͤr den jugendlichen glanzenden Reiter, der in der Allee herkam, gleichſam als Rahmen diente. Der Reiter war Dſchalma, der es nicht be⸗ merkt, daß der Wuͤrger ihm gewiſſe unvertilgbare Zeichen auf den linken Arm geätzt hatte. Seine kraͤftige, feurige javaniſche Stute von mittlerer Groͤße war ſchwarz wie die Nacht; ein kleiner rother Teppich vertrat die Stelle des Sat⸗ tels. Um die unbandigen Sätze des Thieres zu maͤßigen, bediente ſich Dſchalma eines kleinen Stahl⸗ gebiſſes und der Zaum und die Zuͤgel von gefloch⸗ tener ſcharlachrother Seide waren leicht wie ein Faden. Keiner jener bewundernswuͤrdigen Reiter, die man am Fries des Parthenon in ſo meiſterhafter Seulp⸗ tur erblickt, ſitzt anmuthiger und ſtolzer zu Pferde als dieſer junge Hindu, deſſen ſchönes von der un⸗ tergehenden Sonne beleuchtetes Geſicht von heiterem Gluͤcke ſtrahlt. Seine Nn Freudez Der ewige Judbe. III. er athmet mit weitgesffneten Naſenlochern und mit halboffenem Munde in Wonnegefuͤhl die duftige friſche Luft ein, denn die Baͤume ſind noch feucht von dem ſtarken Regen, welcher dem Gewitter folgte. Eine rothe Muͤtze von faſt griechiſcher Form auf dem ſchwarzen Haar Dſchalma's hebt die Gold⸗ farbe ſeines Geſichtes noch mehr heraus; ſein Hals iſt blos und unbedeckt; er trägt ſein weißes Mus⸗ lingewand mit den weiten Aermeln, das durch einen ſcharlachrothen Guͤrtel zuſammengehalten wirdz ſehr weite weiße kurze Beinkleider laſſen die Hälfte ſei⸗ ner nackten, braͤunlichen, glalten Beine ſehen; die Rundung von antiker Reinheit zeichnet ſich an der ſchwarzen Flanke ſeiner Stute, die Dſchalma leicht mit der kraͤftigen Wade druͤckt. Steigbuͤgel hat er nicht. Sein kleiner ſchmaler Fuß iſt mit einer Sandale von rothem Maroquin bekleidet. Das Feuer ſeiner bald ungeſtuͤmen bald gezu⸗ gelten Gedanken verrieth ſich gleichſam in dem Gange, in welchem er ſein Pferd gehen ließ, und der bald fluͤchtig und kuͤhn war wie die Phantaſie, die zugellos dahinſchweift, bald ruhig und gemeſſen wie die Ueberlegung, welche einer thorichten Ein⸗ bildung folgt. Selbſt ſeine geringſten Bewegungen bei dieſem ſeltſamen Ritte zeugten von ſtolzer, freier, etwas roher Anmuth Dſchalma, der durch die Englaͤnder aus dem —— Reiche ſeines Vaters vertrieben und anfangs als Staatsgefangener in Haft gehalten worden war, nachdem ſein Vater(wie es Joſua van Dasl aus Batavia an Rodin geſchrieben hatte) mit den Waffen in der Hand gefallen, hatte ſpäter ſeine Freiheit wieder erhalten. Der junge Hindu hatte darauf in Begleitung des Generals Simon, der aus der Naͤhe des Ge⸗ fängniſſes des Sohnes ſeines ehemaligen Freundes, des Koͤnigs Kadſcha⸗Sing, nicht gewichen war, das indiſche Feſtland verlaſſen und ſich nach Ba⸗ tavia, dem Geburtsorte ſeiner Mutter, begeben, um das beſcheidene muͤtterliche Erbe in Empfang zu nehmen. Unter dieſem von ſeinem Vater ſo lange ver⸗ ſchmaͤheten oder vergeſſenen Erbe befanden ſich wichtige Papiere und die Medaille, welche jener ganz gleich war, die Roſa und Bianca trugen. Der General Simon war uͤber dieſe Entdeckung eben ſo uͤberraſcht als erfteut, da ſie nicht blos eine Verwandtſchaft zwiſchen ſeiner Frau und der Mut⸗ ter Dſchalmas darthat, ſondern dem Letztern auch große Vortheile fuͤr die Zukunft zu verſprechen ſchien. Er hatte Dſchalma in Batavia zuruͤckge⸗ laſſen, damit er noch einige Angelegenheiten da in Ordnung bringe, und war ſelbſt nach der benach⸗ barten Inſel Sumatra gereiſet, weil man ihm ge⸗ ſagt hatte, er wuͤrde dort ein Schiff finden, das ſchnell und direct nach Europa ſegele, denn der 6* 3 junge Hindu mußte nun auch um jeden Preis am 13. Februar in Paris ſein. Wenn der General Simon wirklich ein Schiff fand, das nach Europa abzugehen bereit war, ſollte er ſogleich zuruͤckkommen, um Dſchalma abzuholen. Der Letztere, der jeden Tag die Ruͤckkehr des Ge⸗ nerals erwartete, begab ſich eben auf den Hafen⸗ damm von Batavia, weil et hoffte, den Vater Roſa's und Bianca's auf dem Packetboote von Sumatra ankommen zu ſehen. Hier werden einige Worte uͤber die Kindheit und Jugend des Sohnes Kadſcha Sings nothig. Er hatte ſeine Mutter ſehr fruhzeitig verloren, eine einfache Erziehung erhalten, ſchon als Kind ſeinen Vater auf jenen großen Tigerjagden be⸗ gleitet, die ſo gefaͤhrlich ſind wie Schlachten, und war ihm als Juͤngling in den Krieg, in harten und blutigen Kampf, gefolgt, um ſein Reich zu vertheidigen. Da er ſo ſeit dem Tode ſeiner Mutter in den heimathlichen Bergen und Waͤldern gelebt, wo ſich unter unaufhoͤrlichen Kaͤmpfen ſeine kraͤftige Natur rein und unverdorben erhalten hatte, ſo war der Beiname„der Edelſinnige“, den man ihm gegeben, vollkommen verdient. Er war als Fuͤrſt wahrhaft Fuͤrſt, was ſo ſelten iſt, und hatte ſelbſt in ſeiner Gefangenſchaft durch wurdevolles Schweigen den engliſchen Schergen imponirt. Nie war ein Vor⸗ wurf oder eine Klage uͤber ſeine Lippen gekommen; S er hatte der eben ſo ungerechten als barbariſchen Behandlung nur ſtolze ernſte Ruhe entgegengeſetzt, bis er in Freiheit geſetzt worden war. Dſchalma, der an das patriarchaliſche oder kriegeriſche Leben der Gebirgsvoͤlker gewoͤhnt war, das er nur verlaſſen hatte, um einige Monate im Gefaͤngniſſe zuzubringen, kannte von dem civiliſir⸗ ten Leben eigentlich gar nichts. Ohne gerade die mit ſeinen guten Eigenſchaften ſonſt immer in Verbindung ſtehenden Fehler zu beſitzen, trieb er die erſtern doch aufs Aeußerſte; er blieb unbeugſam und unerſchutterlich bei ſeinem be⸗ ſchworenen Worte, war hingebend bis zum Tode, vertrauend bis zur Verblendung, gutmuͤthig bis zur vollſtaͤndigſten Selbſtvergeſſenheit und wuͤrde uner⸗ bittlich gegen Jeden geweſen ſein, der ſich undank⸗ bar, treulos oder luͤgenhaft gegen ihn gezeigt; er wuͤrde einem Verräther oder Eidbruͤchigen ohne Bedenken das Leben genommen haben, weil er es ganz recht gefunden haͤtte, mit ſeinem Leben zu buͤßen, wenn er ſich ſelbſt eines Verrathes oder Eidbruches ſchuldig gemacht. Er war mit einem Worte ein Mann von un⸗ bedingter und ruͤckſichtsloſer Geſinnung, und ein ſolcher Mann im Kampfe mit der Achſelträgerei, den Berathungen, den Falſchheiten, den Täuſchun⸗ gen, den Ränken, den Vorbehalten und Verſtellun⸗ gen einer ſehr verfeinerten Geſellſchaft, z. B. der — 86— Pariſer, wurde ohne Zweifel ein ſehr merkwuͤrdiger Gegenſtand der Beobachtung ſein. Wir erwähnen dies, weil Dſchalma, ſeit ſeine Reiſe nach Frankreich beſchloſſen war, nur einen unwandelbaren und brennenden Gedanken hatte— in Paris zu ſein— in Paris, jener feenhaf⸗ ten Stadt, von der man ſelbſt in Aſien, dieſem feenhaften Lande, ſo viele Wunder erzaͤhlt. Die jungfräͤuliche und gluͤhende Phantaſie des iungen Hindu wurde beſonders durch den Gedanken an die Franzöſinnen entflammt, an jene ſo ſchöͤ⸗ nen, ſo verfuͤhreriſchen Pariſerinnen, jene Wunder von Eleganz, Anmuth und Reiz, welche, wie man ſagte, die Pracht der Hauptſtadt der civiliſirten Welt noch uͤberſtrahlen ſollten. Auch jetzt, an dieſem warmen prachtvollen Abende, unter Blumen und berauſchenden Wohl⸗ geruͤchen, welche die Schläge ſeines heißen jugend⸗ lichen Herzens noch beſchleunigten, dachte Dſchalma an jene zauberiſchen Weſen, die er ſich unter den idealſten Formen vorſtellte. Es war ihm, als ſähe er am Ende der Allee, mitten in dem goldnen Lichte, das die Bäume mit ihrem Gruͤn uͤberwolbten, anbetungswuͤrdige wol⸗ luſtreiche Geſtalten weiß und ſchlank auf und nie⸗ der ſchweben, die ihm lächelnd mit den roſigen Fin⸗ gerſpitzen Kuͤſſe zuwuͤrfen. Da konnte er die heißen Gefuhle, die ihn ſeit einigen Minuten durchſtrömten, nicht mehr zuͤgeln, ————— — —— — S er gab in ſeltſamer Erregung plotzlich ſeine maͤnn⸗ liche tiefinnige Luſt durch laute wildkräftige Jubel⸗ toͤne zu erkennen und ließ zu gleicher Zeit wie in tollem Rauſche ſeine kräftige Stute anſpringen. Ein heller Sonnenſtrahl, der durch die dunkle gruͤne Woͤlbung drang, beleuchtete ihn jetzt ganz. Auf einem Fußwege, der die Allee, in welcher ſich Dſchalma befand, am Ende kreuzte, kam ſeit einigen Augenblicken ein Mann ſchnell heran. Der Mann blieb im Schatten ſtehen und be⸗ trachtete Dſchalma mit Verwunderung. Der ſchoͤne, luſttrunkene, feurige Juͤngling im blendenden Lichtglanze, in dem weißen flatternden Gewande, auf der muthigen ſchwarzen Stute, die ihren rothen Zaum mit weißem Schaum bedeckte und deren langer Schweif und dichte Maäͤhne im Abendwinde wogten, war allerdings ein reizender Anblick. Bald fühlte ſich indeß Dſchalma, denn allen menſchlichen Wuͤnſchen folgt ihr Gegentheil, von einer milden unbeſchreiblichen Wehmuth ergriffen; er legte die Hand auf die feuchten, umſchleierten Augen und ließ die Zugel auf den Hals ſeines ge⸗ horſamen Pferdes fallen. Das Pferd blieb ſogleich ſtehen, ſtreckte den Schwanenhals aus und wendete den Kopf halb nach dem Manne herum, den es im Gebuͤſche ſah. Dieſer Mann, der Schmuggler Mahal, war faſt wie die europaiſchen Matroſen gekleidet. Er „ trug eine Jacke und Beinkleider von weißer Lein⸗ wand, einen breiten rothen Guͤrtel und einen ſehr niedrigen Strohhut. Sein Geſicht war braun, charaktervoll und völlig bartlos, obwohl der Mann wohl vierzig Jahre zählen konnte. Im nächſten Augenblicke befand ſich Mahal eben dem jungen Hindu. „Du biſt der Fuͤrſt Dſchalma?“ fragte er ihn in ſchlechtem Franzoſiſch, indem er ehrerbietig an ſeinen Hut griff. „Was willſt Du?“ entgegnete der Hindu. „Du biſt— der Sohn Kadſcha Sings?“ „Noch einmal, was willſt Du?“ „Der Freund des General Simon.2“ „General Simon!“ rief Dſchalma aus. „Du reiteſt ihm entgegen, wie jeden Abend, ſeit Du ſeine Ruͤckkehr von Sumatra erwarteſt?“ „Ja,— aber woher weißt Du..2“ fragte der Hindu, indem er den Schmuggler verwundert und neugierig anſah. „Er wird heute oder morgen in Batavia an's Land ſteigen.“ „Kommſt Du von ihm?“ „Vielleicht,“ antwortete Mahal argwöhniſch.. „Aber biſt Du der Sohn Kadſcha Sings?“ „Ich bin es, aber wo haſt Du den General Simon geſehen?“ „Welchen Beinamen fuͤhrſt Du,“ fuhr Mahal fort, indem er Dſchalma fortwaͤhrend mißtrauiſch — anſah,—„wenn Du der Sohn Kadſcha Sings biſt?“ „Man nannte meinen Vater den„Vater des Edelſinnigen,“ antwortete der junge Hindu und eine Wolke der Trauer zog uͤber ſeine ſchoͤnen Zuͤge. Dieſe Worte ſchienen Mahal allmaͤlig zu uͤber⸗ zeugen, daß er wirklich Dſchalma vor ſich ſähes um ſich aber noch mehr Gewißheit zu verſchaffen, fuhr er fort: „Du wirſt vor zwei Tagen einen Brief von dem General Simon von Sumatra erhalten ha⸗ ben „Ja, aber warum dieſe Fragen?“ „Um mich zu uͤberzeugen, daß Du wirklich der Sohn Kadſcha Sings ſeieſt, und um die Befehle auszufuͤhren, die ich erhalten habe..“. „Von wem?“ „Von dem General Simon.“ „Wo iſt er?“ „Sobald ich die Gewißheit habe, daß Du der Fuͤrſt Dſchalma biſt, werde ich es Dir ſagen.. Man hatte mir allerdings geſagt, Du ritteſt auf einer ſchwarzen Stute mit rothem Zuͤgel, aber...“ „Bei meiner Mutter! Wirſt Du nun reden?“ „Ich werde Dir Alles ſagen, wenn Du mir ſagen kannſt, welches bedruckte Papier in dem Briefe lag, den Dir der General Simon von Su⸗ matra geſchrieben hat.“ „Ein Stuck von einer franzoſiſchen Zeitung.“ „Enthielt dieſe Zeitung eine gute oder eine ſchlimme Nachricht fuͤr den General?“ „Eine gute, weil man darin las, daß in ſeiner Abweſenheit der letzte Titel und der letzte Grad anerkannt worden ſei, welche er dem Kaiſer ver⸗ dankt, wie man es auch bei andern ſeiner Waffen⸗ bruͤder gethan hat, die gleich ihm verbannt ſind.“ „Du biſt der Fuͤrſt Dſchalma,“ ſprach der Schmuggler nach kurzem Nachdenken.„Ich will nun reden,. der General Simon iſt dieſe Nacht an Java gelandet, aber an einem oͤden Kuͤſten⸗ theile.“ „An einem oͤden Orte?“ „Weil er ſich verborgen halten muß.“ „Er!“ rief Dſchalma beſtuͤrzt aus.„Sich verbergen? Warum?“ „Das weiß ich nicht.“ „Aber wo iſt er?“ fragte Dſchalma, der vor Beſorgniß erbleichte. „Drei Stunden von hier,.. am Meeres⸗ ſtrande, unter den Ruinen von Tſchandi.“ „Er muß ſichverbergen?“ wiederholte Dſchalma und ſein Geſicht druͤckte zunehmende Verwunderung und Beſorgniß aus. „Ich weiß es nicht gewiß, glaube aber, es handelt ſich um einen Zweikampf, den er auf Su⸗ matra gehabt hat,“ ſprach der Schmuggler geheim⸗ nißvoll. „Einen Zweikampfe und mit weme“ — 91— „Ich weiß es nicht; aber kennſt Du die Rui⸗ nen von Tſchandi?“ „Ja.“ „Der General erwartet Dich dort und hat mir aufgetragen, Dir dies zu ſagen.“ „Du biſt aber mit ihm von Sumatra gekom⸗ men?“ „Ich war der Lotſe des kleinen Schmuggler⸗ ſchiffes, das ihn dieſe Nacht an der oͤden Kuͤſte ausgeſetzt hat. Er wußte, daß Du ihn jeden Abend auf dem Wege nach dem Hafendamme erwarteſt, und ich hatte faſt die Gewißheit, Dich da zu tref⸗ fen. Er erzählte mir aus dem Briefe, den Du von ihm erhalten haſt, das, was ich Dir eben ſagte, um Dir zu beweiſen, daß ich wirklich von ihm käme; wenn er Dir haͤtte ſchreiben können, wuͤrde er es gethan haben.“ „Er hat Dir nicht geſagt, warum er ſich ver⸗ borgen halten muͤſſe?“ „Et hat mir nichts geſagt, aber nach einigen Worten, die ihm entſchluͤpften, vermuthe ich, wie geſagt, daß er im Zweikampfe..“ Dſchalma, der die Heftigkeit und den Muth des Generals Simon kannte, hielt die Vermuthung des Schmugglers fur ziemlich wahrſcheinlich. Nach einer Pauſe ſagte er zu demſelben: „Kannſt Du wohl mein Pferd zuruͤckfuͤhren? Mein Haus ſteht außerhalb der Stadt da unten unter den Bäumen neben der neuen Moſchee. Das Pferd wuͤrde mir bei dem Erſteigen des Ber⸗ ges Tſchandi hinderlich ſein ich werde zu Fuße ſchneller hinaufkommen.. „Ich weiß, wo Du wohnff; der General Si⸗ mon hatte mir es geſagt; ich wuͤrde dahin gekom⸗ men ſein, wenn ich Dich nicht hier getroffen haͤtte. Gieb mir alſo Dein Pferd.. Dſchalma ſprang leicht von dem Pferde, warf Mahal den Zuͤgel zu, rollte ein Ende ſeines Guͤr⸗ tels auf, nahm eine kleine ſeidene Boͤrſe da heraus, gab ſie dem Schmuggler und ſagte zu ihm: „Du biſt treu und gehorſam geweſen,. nimm; es iſt wenig, aber ich habe nicht mehr.“ „Kadſcha Sing hieß mit Recht der Vater des Edelſinnigen,“ ſprach der Schmuggler, indem er ſich ehrfurchtsvoll und dankend verbeugte. Dann fuͤhrte er die Stute Dſchalmas auf dem Wege nach Batgvia hin. Der junge Hindu ſeiner Seits trat in das Ge⸗ buͤſch hinein und ging mit großen Schritten nach dem Berge zu, wo die Ruinen von Tſchandi lagen und wo er erſt in der Nacht ankommen konnte. Ende des dritten Theils. Druck von Bernh. Tauchnitz jun.