Engen Sue's ſaͤmmtliche Werke. 175. Theil. ——— Der ewige Jude. ———————————— Zweites Bändchen. ——————— Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. 7 ———,.,— ———————— Der ewige Jnde. Von Eugen Sue. ueberſetzt von Dr. A. Diezmann. Zweites Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. ————.—— Sechſtes Kapitel. Aufklärung. „Zuerſt, guter Dagobert,“ ſagte Roſa mit einem reizenden bittenden Blicke,„mußt Du uns verſprechen, uns nicht zu ſchelten; ſonſt erfährſt Du nichts.“ „Nicht wahr, Du wirſt Deine Kinder nicht ſchelten?“ ſetzte Bianca in nicht minder ſchmei⸗ chelndem Tone hinzu. „Zugéſtanden!“ antwortete Dagobert ernſthaft; „ich wuͤßte ja ſo nicht, wie ich es anfangen ſollte.. Aber warum ausſchelten?“ „Weil wir Dir das, was wir Dir jetzt mitthei⸗ len wollen, vielleicht fruͤher haͤtten ſagen ſollen.“ „inder,“ antwortete Dagobert bedaͤchtig, nach⸗ dem er einen Augenblick uber dieſen Gewiſſensfall nachgedacht hatte,„eins von beiden: Ihr thatet entweder Recht oder Ihr thatet Unrecht, als Ihr mir etwas verheimlichtet. Thatet Ihr Recht daran, ſo iſt's ja ganz gut; thatet Ihr Unrecht,— nun, ſo iſt's einmal geſchehen und wir wollen kein Wort mehr daruͤber verlieren. bin ganz Ohr.“ Roſa, welche durch dieſe klare und lichtvolle Entſcheidung völlig beruhiget worden war, ſah ihre Schweſter laͤchelnd an und ſagte: „Denke Dir, Dagobert, zwei Naͤchte hinterein⸗ ander hat uns Jemand beſucht.“ „Jemand beſucht!“ wiederholte der Soldat, waͤhrend er von dem Stuhle aufſprang. „Ja, ein huͤbſcher Jemand, ein blonder.“ „Blond iſt er?“ wiederholte Dagobert und er ſprang noch einmal auf. „Blond mit blauen Augen,“ ſetzte Bianca hinzu. „Der Teufel auch! Blaue Augen!“ wiederholte Dagobert. „Ja, blaue Augen,— ſo groß,“ fuhr Roſa fort, indem ſie die Spitze ihres rechten Zeigefingers gerade in die Mitte des linken Zeigefingers legte. „Und wenn ſie groß waͤren,“ fiel der Veteran uͤbertreibend ein, waͤhrend er die rechte Hand in das Elnbogengelenk des linken Arms legte,„und wenn ſie ſo groß waͤren, das wuͤrde nichts ausmachen.— So fangt denn an, ich Ein blonder Jemand mit blauen Augen! Maͤd⸗ chen, Maͤdchen, was hat das zu bedeuten?“ fragte Dagobert, der nun mit ernſter und ſchmerzlich be⸗ ſorgter Miene aufſtand. „Siehſt Du, Dagobert, Du ſchiltſt ſchon!“ „Und es iſt doch erſt der Anfang!“ ſetzte Bianca ——— FÜH§⅛ܧÜY—— — „Das iſt erſt der Anfang? Es giebt alſo eine Fortſetzung? ein Ende?“ „Ein Endes Nein, das hoffen wir nicht,“ ſagte Roſa und ſie lachte ausgelaſſen. „Wir verlangen weiter nichts, als daß es im⸗ mer ſo fortgeht,“ ſetzte Bianca ebenfalls lachend hinzu. Dagobert ſah eine der beiden Schweſtern nach der andern ſehr ernſthaft an, um das Räthſel wo moͤglich zu errathen; als er aber das unverſtellte herzliche Lachen auf den reizenden Geſichtchen er⸗ blickte, dachte er bei ſich, ſie wuͤrden ſicherlich nicht ſo heiter ſein, wenn ſie ſich wirklich einen ernſten Vorwurf zu machen hätten; er freute ſich alſo uͤber die gute Laune der Madchen trotz ihrer unſichern Lage und ſagte: „Lacht, Kinderchen, lacht! Ich ſehe und hoͤre Euch ſo gern lachen!“ Dabei fiel ihm aber doch auch wieder ein, daß er das ſeltſame Geſtaͤndniß ſo nicht aufnehmen durfe und er ſetzte deshalb mit ernſterer Stimme hinzu: „Ich ſehe Euch gern lachen, ja, nur nicht, wenn Ihr Beſuche von einem blonden Jemand mit blauen Augen erhaltet.. Aber nicht wahr? ich bin ein alter Narr, daß ich das Maͤhrchen anhoͤre, das Ihr mir da erzaͤhlt.. Ihr wollt mich nur zum Beſten haben, nicht wahr?“ „ — 8 „Nein, es iſt die reine Wahrheit, was wir Dir ſägen.. „Du weißt es ja, daß wir nie gelogen haben,“ ſetzte Roſa hinzu. „Sie haben Recht,“ brummte der Soldat, der verlegen zu werden anfing, vor ſich hin,—„ſie luͤgen nie.— Aber,“ fuhr er laut fort,„wie zum Teufel iſt denn der Beſuch moͤglich? Ich ſchlafe draußen quer vor Euerer Thuͤre; Murr liegt unter Euerm Fenſter. Alle blonden Haare und alle blauen Augen in der Welt können nur durch die Thuͤre oder durch das Fenſter herein und wenn ſie es verſucht haͤtten, wuͤrden wir, Murr und ich, den Jemand— auf unſere Manier empfangen ha⸗ ben. Kinder, ohne Spaß, erklaͤrt Euch!“ Die beiden Schweſtern, welche an dem Aus⸗ drucke der Zuͤge Dagoberts erkannten, daß er wirk⸗ lich aͤngſtlich ſei, wollten ſeine Gutmuͤthigkeit nicht länger mißbrauchen. Sie ſahen einander an, Roſa nahm die rauhe große Hand des Veteranen in ihre Haͤndchen und ſagte: „Nun, aͤngſtige Dich nicht; wir wollen Dir die Beſuche unſeres Freundes— Gabriel erzaͤhlen.“ „Fangt Ihr wieder mich zu necken an? Er hat einen Namen?“ „Gewiß hat er einen Namen, wir nennen Dir ihn ja,— Gabtiel.“ „Ein ſchöner Name, nicht wahr, Dagobert? —— Ach, Du nuͤrdeſt unſern ſchoͤnen Gabriel gewiß auch lieben, wenn Du ihn ſaͤheſt.“ „Ich wuͤrde Euern ſchoͤnen Gabriel lieben,“ ſagte der Veteran achſelzuckend,„ich wuͤrde Euern ſchoͤnen Gabriel lieben,. wenn ich wuͤßte..— Es iſt ſeltſam,“ unterbrach er ſich.„Ich denke da an etwas. „An was, Dagobert?“ „In dem Briefe, den mir Euer Vater vor funfzehn Jahren, als er aus Frankreich zuruͤckkam, mitbrachte, ſchrieb mir meine Frau, ob ſie gleich ſehr arm ſei und ſchon unſern kleinen Agricol habe, der groß werde, habe ſie doch ein armes verlaſſenes Kind angenommen, das wie ein Engelchen ausſehe und Gabriel heiße.. Und ver gar nicht langer Zeit habe ich wieder von ihm gehort.“ „Durch wen?“ „Das ſollet Ihr ſogleich erfahren.“ „Da Du auch einen Gabriel haſt, mußt Du den unſerigen erſt recht lieben.“ „Den Eurigen,. den Eurigen.. Laßt nur erſt von dem hoͤten.. Ich ſitze wie auf Kohlen.“ „Du weißt, Dagobert,“ fuhr Roſa fort,„daß wir beide Schweſtern nicht anders einſchlafen, als indem wir einander an der Hand halten.“ „Ja, ja, ich habe Euch ſo ſchon vielemale in der Wiege liegen ſehen.. und ich konnte Euch nicht genug anſehen, ſo huͤbſche Kinder waret Ih 5 „Vorvorgeſtern Abend waren wir eben einge⸗ ſchlafen, als wir ſahen..“ „Alſo im Traume!“ ſagte Dagobert.„Ihr ſchliefet,— alſo im Traume!“ „Nun ja, im Traume. Wie denn ſonſt?“ „Laß doch die Schweſter ausreden.“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte der Soldat mit einem Seufzer, der ihm eine ſchwere Laſt vom Herzen nahm,—„das iſt etwas Anderes.. Ich war auch ganz ruhig, ganz und gar nicht aͤngſtlich, weil.., es koͤmmt nichts darauf an.. Ein Traum alſo? Das iſt mir lieber. Nun weiter, Roͤschen.“ „Als wir eingeſchlafen waren, hatten wir einen ganz gleichen Traum.“ „Beide denſelben?“ „Ja, Dagobert, denn am andern Morgen, als wir aufwachten, erzaͤhlten wir einander, was wir getraͤumt hatten..“ „Es war ganz gleich,“ ſagte Bianca. „Das iſt merkwuͤrdig, Kinder. Und wie war der Traum?“. „In dieſem Traume ſaßen wir, Bianca und ich, neben einander und ſahen einen ſchoͤnen Engel hereintreten, der ein langes weißes Gewand, blon⸗ des Haar, blaue Augen und ein ſo ſchoͤnes, ſo guͤ⸗ tiges Geſicht hatte, daß wir die Haͤnde falteten, wie um ihn anzubeten., Da ſagte er mit lieb⸗ licher Stimme zu uns, er heiße Gabriel, unſere — ——— ——.— ———— — Mutter habe ihn als unſern Schutzengel geſandt und er werde uns nie verlaſſen.“ „Und dann,“ ſetzte Bianca hinzu,„nahm er eine jede von uns an der Hand, neigte ſein ſchoͤnes Geſicht zu uns und ſah uns lange ſchweigend mit ſo viel Guͤte, ach mit ſo viel Guͤte an, daß wir unſere Augen von den ſeinigen nicht abwenden konnten.“ „Ja,“ fuhr Roſa fort,„und es war uns, als ziehe uns ſein Blick an oder als dringe er uns in das Herz. Zu unſerm Bedauern verließ uns dann Gabriel, er ſagte aber, wir wuͤrden ihn in der naͤchſten Nacht wiederſehen.“ „Und er kam auch wieder?“ „Ja, und Du kannſt Dir denken, mit welcher Ungeduld wir den Schlaf erwarteten, um zu er⸗ fahren, ob unſer Freund Gabriel uns im Schlafe wiederum beſuche.“ „Aha! Da faͤllt mir ein, daß Ihr Euch vor⸗ geſtern Abend immer die Augen riebt,“ ſagte Da⸗ gobert, indem er uͤber die Stirn ſtrich.„Ihr wolltet da ſehr muͤde ſein, gewiß um mich fruͤher fortzu⸗ bringen und dann wieder zu traͤumen.“ „Freilich, Dagobert!“ „Ihr konntet nur nicht zu mir ſagen, wie zu Murr: Leg' Dich, Dagobert. Und Freund Gabriel kam wieder?“ „Er kam wieder und dies mal ſprach er viel und gab uns im Namen unſrer Mutter ſo freundlich —— gute Lehren, daß wir am andern Tage immer nur an die Worte unſeres Schutzengels dachten, uns ſein Geſicht und ſeinen Blick vorſtellten..“ „Richtig! Ich beſinne mich, daß Ihr geſtern unterwegs fortwährend miteinander fluͤſtertet und mir ganz verkehrt antwortetet, wenn ich Euch etwas fragte.“ „Ja, Dagobert, wir dachten an Gabriel.“ „Und nun lieben wir ihn eben ſo ſehr, wie er uns liebt.“ „Er iſt aber allein und Ihr ſeid zwei?“ „Hatten wir nicht auch unſere Mutter allein?“ „Und biſt Du, Dagobert, nicht auch allein fuͤr uns Beide?“ „Richtig.— Aber wißt Ihr, daß ich auf Euern Jemand eiferſuchtig werden konnte?“ „Du biſt unſer Freund am Tage, er iſt unſer Freund in der Nacht.“ „Wenn Ihr den Tag uͤber von ihm redet und des Nachts von ihm traͤumt,— was bleibt dann fuͤr mich?“ „Es bleiben Dir— Deine beiden Waiſen, die Du ſo lieb haſt!“ ſagte Roſa. „Und die Niemanden in der Welt außer Dir haben,“ ſetzte Bianca mit ſchmeichelnder Stimme hinzu. „Hm! Hm! Ihr geht mir um den Bart herum.., aber, Kinderchen,“ ſetzte der Soldat liebevoll hinzu, —„ich bin mit meinem Theile zufrieden und laſſe ————— — 13— Euch den Gabriel.. Ich wußte wohl, daß ich und Murr uns ruhig auf die Ohren legen und ſchlafen koͤnnten. Uebrigens iſt die Sache gar nicht ſo er⸗ ſtaunlich; Euer erſter Traum iſt Euch ſehr aufge⸗ fallen, Ihr habt den ganzen Tag davon geſprochen und ihn dadurch wieder hervorgerufen. Ich wuͤrde mich nicht wundern, wenn Ihr den ſchoönen Nacht⸗ vogel noch einmal ſahet.“ „Ach, Dagobert, ſcherze nicht; es iſt zwar nur ein Traum, aber gewiß ſendet ihn uns unſere gute Mutter. Hat ſie uns nicht geſagt, die eltern⸗ loſen Madchen haͤtten Schutzengel? Gabriel iſt unſer Schutzengel; er wird uns beſchuͤtzen und Dich auch..“ „Es iſt recht huͤbſch von ihm, daß er auch an mich denkt, aber, Kinder, ich laſſe mir doch lieber von Murr helfen, wenn ich Euch zu vertheidigen haͤtte; er iſt zwar nicht ſo ſchoͤn blond wie der Engel, aber er hat beſſere Zaͤhne und das iſt doch ſicherer.“ „Ach Dagobert, Du biſt unausſtehlich mit Dei⸗ nen Spaͤßen..“ „Ja, Du lachſt uͤber Alles..“ „Es iſt erſtaunlich, wie luſtig ich bin,— ich lache wie unſer alter Schimmel, ohne die Zaͤhne auseinander zu machen.— Nehmt mir's nicht ubel, Kinder, es war nicht recht von mir; der Gedanke an Euere Mutter hatte ſich mit dieſem Traume verbunden und es war ganz recht, daß Ihr ſo ernſt⸗ haft davon ſpracht. Und dann,“ ſetzte er ernſt hinzu,„es liegt doch auch in den Träumen manch⸗ mal etwas Wahres. In Spanien hatten zwei Dragoner der Kaiſerin, Kameraden von mir, am Tage vor ihrem Tode getraͤumt, ſie wurden durch die Moͤnche vergiftet werden, und ſie wurden es. Wenn Ihr hartnaͤckig von dieſem ſchönen Engel Gabriel traͤumt, ſo geſchieht es, ſo geſchieht es, weil weil es Euch Freude macht. Ihr habt am Tage nicht viel Unterhaltung, ſo träumt alſo we⸗ nigſtens angenehm.. Nun aber, Kinder, habe ich Euch auch viel zu erzählen, und verſprecht mir, nicht traurig zu werden, weil von Eurer Mutter die Rede ſein wird.“ „Sei ruhig, wir ſind nicht traurig, wenn wir an ſie denken, nur ernſthaft.“ „Das iſt mir lieb. Weil ich Euch zu betruͤben furchtete, verſchob ich es immer, Euch das zu ſagen, was Euere arme Mutter Euch mitgetheilt haben wuͤrde, ſobald Ihr aus den Kinderſchuhen heraus⸗ getreten; aber ſie ſtarb ſo ſchnell, daß ſie keine Zeit mehr dazu fand und dann brach das, was ſie Euch mitzutheilen hatte, ihr das Herz und mir auch.. Ich verſchob alſo dieſe Eroͤffnungen ſo lange als ich konnte und ſagte Euch, ich wuͤrde mit Euch von nichts der Art reden, bis wir uͤber das Schlachtfeld kaͤmen, auf welchem Euer Va⸗ ter gefangen genommen worden ſei. Dadurch er⸗ hielt ich Zeit, aber der Augenblick iſt nun gekom⸗— men und ich kann nicht mehr ausweichen.“ „Wir ſind ganz Ohr, Dagobert,“ antworteten. die Mädchen mit traurig⸗aufmerkſamem Geſicht. Nach einer kurzen Pauſe, in welcher der Ve⸗ teran ſich ſammelte, begann er ſeine Erzahlung mit den Worten: „Euer Vater, der General Simon, war der Sohn eines Handwerkers, der ſein Lebelang Hand⸗ werker geblieben iſt, denn der General mochte thun und ſagen, was er wollte, ſein Vater blieb hart⸗ näckig ſeinem Stande treu. Er war ein Eiſenkopf und ein Goldherz, gerade wie ſein Sohn. Euer Vater trat als gemeiner Soldat ein, wurde Ge⸗ neral und Reichsgraf; Ihr koͤnnt Euch alſo denken, daß das nicht ohne Muͤhe und ohne Ruhm moͤg⸗ lich zu machen war.“ „Reichsgraf? Was iſt das, Dagobert?“ „Eine Dummheit, ein Titel, den der Kaiſer neben dem Range zugab, eine Art, dem Volke, das er liebte, weil er ſelbſt aus dem Volke ſtammte, zu ſagen.. Kinder, Ihr wollt Adel ſpielen wie die alten Adeligen? Da— da ſeid Adelige; Ihr wollt Koͤnig ſpielen, da— ſeid Könige.. Verſucht es mit Allem, Kinder, fuͤr Euch iſt nichts zu gut; koſtet es!“ „Könige!“ riefen die Mädchen aus, indem ſie in Bewunderung die Haͤnde falteten. „Die groͤßten Koͤnige! Ach, mit Kronen knickerte der Kaiſer gar nicht. Ich habe einen Schlafkame⸗ — raden gehabt, ein tuchtiger Soldat ubrigens— der iſt Koͤnig geworden. Das ſchmeichelte uns, denn wenn's den einen nicht betraf, ſo betraf's den an⸗ dern.. In dieſem Spiel war denn Euer Vater Graf geworden; aber Graf oder nicht Graf, er war der ſchoͤnſte und tapferſte General der Armee.“ „Er war ſchoͤn, nicht wahr, Dagobert? Unſere Mutter ſagte es immer.“ „Ja, aber ganz anders als Euer blonder Schutz⸗ engel. Denkt Euch einen praͤchtigen braunen Mann, und vollends in Paradeuniform! Ihr wuͤrdet ge⸗ blendet worden ſein und Euer Herz waͤre in hellen lichten Flammen aufgelodert. Mit ihm wuͤrde man ſelbſt gegen den lieben Gott angeſprengt ſein,— wenn es der liebe Gott verlangt haͤtte, verſteht ſich,“ ſetzte Dagobert zur Verbeſſerung ſchnell hin⸗ zu, um den Kinderglauben der Mädchen nicht zu verletzen. „Und unſer Vater war ſo gut als tapfer, nicht wahr, Dagobert?“ „Gut?! Kinder, er! das will ich meinen. Er haͤtte ein Hufeiſen in der Hand zerbrochen, wie Ihr eine Karte biegt und an dem Tage, als er ge⸗ fangen genommen wurde, hatte er preußiſche Ka⸗ noniere an ihren eigenen Geſchutzen niedergehauen. Wie ſollte er bei dieſem Muthe und dieſer Staͤrke nicht auch gutmuͤthig ſein?.. Es war alſo vor ungefaͤhr neunzehn Jahren, daß hier in der Naͤhe, an der Stelle, die ich Euch gezeigt habe, ohe wir — 1— in das Dorf kamen, der General ſchwer verwun⸗ det, von dem Pferde fiel. Ich folgte ihm als ſeine Ordonanz und eilte ihm zu Hilfe. Fuͤnf Minuten ſpäter waren wir gefangen genommen und durch wen? durch einen Franzoſen.“ „Durch einen Franzoſen?“ „Ja, durch einen ausgewanderten Marquis, der Oberſt in ruſſiſchen Dienſten war,“ antwortete Dagobert bitter..„Als dieſer Marquis zu dem Generale trat und zu ihm ſagte:„ergeben Sie ſich einem Landsmann,“ antwortete der Ge⸗ neral:„ein Franzoſe, der gegen Frankreich kaͤmpft, iſt nicht mehr mein Landsmann, ſondern ein Ver⸗ raͤther und einem Verraͤther ergebe ich mich nicht.“ Trotz ſeiner Wunde ſchleppte er ſich zu einem ruſſi⸗ ſchen Grenadier; dieſem uͤbergab er ſeinen Degen und ſagte:„Dir ergebe ich mich.“ Der Marquis wurde vor Wuth ganz blaß im Geſichte.“ Die beiden Maͤdchen ſahen einander mit Stolz an, eine hoͤhere Roͤthe uͤberflog ihre Wangen und ſie riefen aus:„ah, braver Vater! braver Vater!“ „Die Kinder!“ dachte Dagobert, indem er ſtolz den Schnauzbart ſtrich.„Man ſiehr's, daß ſie Soldatenblut in den Adern haben!“. Dann fuhr er fort:„wir waren alſo gefangen. Das letzte Pferd des Generals war unter ihm erſchoſſen wor⸗ den und er beſtieg meinen Schimmel, der an dieſem Tage nicht verwundet worden war. So kamen wir nach Warſchau und dort lernte der General Der ewige Jube. II. 2 * Euere Multter kennen. Sie hieß die Perle von Warſchau und damit iſt Alles geſagt. Der Ge⸗ neral, dem Alles gefiel, was gut und ſchön war, verliebte ſich auf der Stelle in ſie, ſie liebte ihn wieder, aber ihre Aeltern hatten ſie einem Andern verſprochen und dieſer Andere war wieder..“ Dagobert konnte nicht weiter ſprechen, denn Roſa ſtieß einen Angſtſchrei aus und zeigte entſetzt nach dem Fenſter. Siebentes Kapitel. Der Reiſende. Dagobert ſprang auf und fragte: „Was iſt es, Roſa?“ „Da! da!“ antwortete ſie, waͤhrend ſie auf das Fenſter zeigte.„Es war mir, als ſaͤhe ich eine Hand, welche den Pelz wegzuziehen ſuchte.“ Roſa hatte noch nicht ausgeſprochen, als Da⸗ gobert bereits am Fenſter ſtand. Er riß es auf, nachdem er den Mantel von dem Wirbel weggenommen hatte, und ſah hinaus. Es war noch immer finſtere Nacht und der Wind ſtuͤrmte. Der Soldat horchte, er hoͤrte aber nichts. Dann holte er das Licht von dem Ziſche und ſuchte hin⸗ ———— — aus zu leuchten, indem er die Hand vor die San hielt. Er ſah nichts, machte alſo das Fenſter ſeder zu und meinte, wahrſcheinlich habe ein Windſtoß den Pelz bewegt und Roſa ſei durch ihre Aengſt⸗ lichkeit getaͤuſcht worden. „Beruhiget Euch, Kinder,“ ſagte er.„Es ſtuͤrmt heftig und der Wind wird den Mantel be⸗ wegt haben.“ „Es war mir aber, als ſaͤhe ich Finger, welche ihn wegzogen,“ ſagte Roſa, die noch zitterte. „Ich ſah Dagobert an und habe nichts be⸗ merkt,“ ſetzte Bianca hinzu. „Es war auch nichts zu ſehen, Kinder.. Das Fenſter iſt wenigſtens acht Fuß uͤber der Erde un⸗ ten; wer da herauf reichen wollte, muͤßte ein Rieſe ſein oder eine Leiter anlehnen. Dieſe Leiter haͤtte nicht ſo geſchwind weggenommen werden koͤnnen, weil ich ſogleich an das Fenſter lief, als Roſa ge⸗ ſchrien hatte, und nichts ſah, auch als ich mit dem Lichte hinaus leuchtete.“ „So werde ich mich wohl getaͤuſcht haben,“ ſagte Roſa. „Ja, Schweſter, es war der Wind,“ ſetzte Bianca hinzu. Nimm es nicht uͤbel, Dagobert, daß ich Dich geſtoͤrt habe.“ „Das ſchadet nichts,“ fuhr der Soldat n. denkend fort.„Es thut mir nur leid,„daß M nicht wieder gekommen iſt. Er haͤtte das Fenſter bewachen koͤnnen und das wuͤrde Euch beruhiget haben. Er hat aber wahrſcheinlich ſeinen Kamera⸗ den den Schimmel im Stalle erwittert und wird ihm im Vorbeigehen einen guten Abend bieten. Ich moͤchte ihn wohl holen.“ „Ach nein, Dagobert, laſſ⸗ uns nicht allein,“ fielen die Madchen ein;„wir wuͤrden uns zu ſehr furchten.“ „Nun, Murr muß auch allein bald wieder kommen und wir werden ihn in der nächſten Mi— nute an der Thuͤre kratzen hoͤren, ich wette dar⸗ auf. Wir koͤnnen alſo in unſerer Erzählung fort⸗ fahren,“ ſagte Dagobert, der ſich wieder an das Bett der Mädchen ſetzte, diesmal aber mit dem Geſichte nach dem Fenſter zu. „Der General war alſo Gefangener in War⸗ ſchau und verliebt in Euere Mutter, die einen An⸗ dern heirathen ſollte,“ fuhr er fort.„Im Fahre 1814 erfuhren wir das Ende des Krieges, die Verbannung des Kaiſers auf die Inſel Elba und die Ruͤckkehr der Bourbons. Sie hatten in Ueber⸗ einſtimmung mit den Preußen und Ruſſen, durch die ſie zuruͤckgefuͤhrt worden waren, den Kaiſer auf die Inſel Elba verwieſen. Als Euere Mutter dies hoͤrte, ſagte ſie zu dem General:„Der Krieg iſt beendiget, Sie ſind frei, der Kaiſer iſt un— gluͤcklich. Sie verdanken ihm Allesz gehen Sie zu ihm.. Ich weiß nicht, wann wir —— ———————————— — einander wiederſehen werden, aber ich gebe meine Hand keinem Andern, Sie werden mich treu finden bis zum Tode.“ Ehe der General abreiſete, rief er mich.„Bleibe hier, Dagobert,“ ſagte er;„Fraͤulein Eva bedarf vielleicht Deiner Hilfe, um aus ihrer Familie zu entfliehen, wenn man ſie zu ſehr quaͤlt. Unſere Briefe werden durch Deine Haͤnde gehen.. In Paris beſuche ich Deine Frau und Deinen Sohn. Ich werde ſie beruhigen und ihnen ſagen, Du waͤrſt mein Freund.“ „Er iſt immer ſo geweſen,“ ſagte Roſa ge⸗ ruͤhrt, indem ſie Dagobert anſah. „Gut gegen den Vater, gut gegen die Mutter wie gegen die Kinder,“ ſetzte Bianca hinzu. „Wenn man die einen liebt, hat man auch die andern lieb,“ antwortete der Soldat. „So war alſo der General auf der Inſel Elba bei dem Kaiſer und ich in Warſchau in der Naͤhe der Wohnung Euerer Mutter verſteckt. Ich erhielt die Briefe und ſteckte ſie ihr heimlich zu. In einem dieſer Briefe,— das iſt mein Stolz, Kin⸗ der,— ſchrieb der General, der Kaiſer habe ſich meiner erinnert.“ „Deiner? Er kannte Dich?“ „Ein wenig, ſchmeichele ich mir.—„Ah, der Dagobert!“ hatte er zu Eueren Vater geſagt, der von mir geſprochen;„ein Grenadier zu Pferde von meiner alten Garde,.. Soldat in Aegypten und —— Italien, von Wunden bedeckt, ein alter Brumm⸗ baͤr, dem ich bei Wagram ſelbſt das Kreuz gege⸗ ben, ich habe ihn nicht vergeſſen.“— Kinder, als mir Euere Mutter das vorlas, habe ich geweint wie ein Schuljunge.“ „Der Kaiſer! Ach welch ſchönes goldnes Ge⸗ ſicht hatte er auf Deinem ſilbernen Kreuze an dem rothen Bande, das Du uns zeigteſt, wenn wir folgſam waren!“ „Dieſes Kreuz, das er mir gegeben hat, iſt aber auch meine Reliquie, und ich habe ſie da in dem Torniſter mit dem Koſtbarſten, das ich beſitze, un⸗ ſerem kleinen Beutel und unſern Papieren. Aber um wieder auf Euere Mutter zu kommen,— es war ein Troſt fuͤr ſie, wenn ich ihr die Briefe von dem General brachte und von ihm mit ihr ſprach;. es war ihr ein Troſt, denn ſie mußte viel leiden ſehr viel; aber wie auch ihre Aeltern ſie qualten, ſie antwortete immer: ich heirathe keinen An⸗ dern, als den General Simon. Sie war ergeben, aber muthig, muthig! Eines Tages erhielt ſie auch einen Brief von dem General. Er hatte die Inſel Elba mit dem Kaiſer verlaſſen. Der Krieg ging von neuem an. In dieſem Feldzuge in Frankreich, beſonders bei Ligny, hat ſich Euer Vater wie ein Löwe geſchlagen, Kinder, und ſein Armeecorps wie er. Es war nicht meht Ta⸗ pferkeit, ſondern Wuth. In der Champagne, er⸗ —— zaͤhlte er mir, hatten die Bauern ſo viel, ſo viel Preußen erſchlagen, daß die Felder Jahrelang nicht geduͤngt zu werden brauchten. Alles fiel uͤber ſie her, Männer, Weiber und Kinder, mit dem erſten Beſten, was ihnen in die Haͤnde kam, mit Heuga⸗ beln, Steinen und Hacken. Es war eine wahre Wolfshetze!“ Und die Stirnadern des Soldaten ſchwollen auf, ſeine Wangen bedeckten ſich mit gluͤhender Roͤthe; dieſer Volksheldenmuth erinnerte ihn an die Begeiſterung in den Kriegen der Republik, an jene Aufſtände in Maſſe, die auch ſein erſtet Schritt im Kriegsleben geweſen waren. Die Madchen, Toͤchter eines Soldaten und einer muthigen Mutter, fuͤhlten ſich durch dieſe energiſchen Worte ebenfalls ergriffen und ſtatt uͤber die Derbheit derſelben zu erſchrecken, klopfte ihnen das Herz ſtaͤrker, färbten ſich auch ihre Wangen. „Welches Gluͤck fuͤr uns, Töchter eines ſo Gen Vaters zu ſein!“ ſprach Bianch. „Welches Gluͤck.. und welche Chre, Kinder, denn Abends nach der Schlacht von Ligny er⸗ nannte der Kaiſer zur Freude der ganzen Armee Euern Vatet auf dem Schlachtfel lde zum Herzog opn Ligny und Marſchall von Frankreich.“ „Marſchall von Frankreich!“ rief Roſa ver⸗ wundert aus, ohne den Sinn der Worte in begreifen. „Herzog von Ligny!“ wiederholte Bianca eben ſo erſtaunt. „Ja, Peter Simon, der Sohn eines Handwer⸗ kers, wurde Herzog und Marſchall. Mehr iſt nur ein Koͤnig,“ fuhr Dagobert ſtolz fort. Sb behandelte der Kaiſer die Soͤhne des Volkes, und deshalb hing ihm auch das Volk an. Wenn man auch ſagte:„Dein Kaiſer macht Dich zu Kanonen⸗ futter,“ da antwortete das Volk, das gar nicht dumm iſt:„ein Anderer wuͤrfe mich der Armuth hin, und da ſind mir die Kanonen doch noch lie⸗ ber, denn man wird da entweder Capitain, Oberſt, Marſchall, König— oder Invalid.. Das iſt im⸗ mer noch beſſer, als auf dem Stroh in einer Dach⸗ kammer in ſeinem Alter zu verhungern und zu erfrieren, nachdem man vierzig Jahre fuͤr die An⸗ dern gearbeitet hat.“ „Giebt es denn auch in Frankreich, in Paris, in der ſchönen Stadt Ungluͤckliche, die verhungern, Dagobert?“ „Auch in Paris, ja, Kinder.. Alſo die Ka⸗ nonen ſind immer noch beſſer, denn man kann da⸗ bei, wie Euer Vater, Herzog und Marſchall werden. Wenn ich ſage: Herzog und Marſchall, ſo habe ich Recht und habe auch Unrecht; denn ſpäter erkannte man dieſen Titel und Rang nicht an, weil nach Ligny— ein trauriger Tag, ein Tag großer Trauer folgte, an welchem alte Soldaten wie ich, ſagte der General, nach der Schlacht geweint— ———————— —— — „ geweint haben. Dieſer— Kinder, w— Waterloo.“ Dagobert ſprach dieſe zinfuchen Worte mit einem Tone ſo tiefer Trauer, daß die Maädchen daruͤber erſchraken. „Nun,“ fuhr der Soldat ſeufzend fort,„es giebt ſolche verfluchte Tage. An dieſem Tage, bei Waterloo, fiel der General, von Wunden bedeckt, an der Spitze einer Diviſion der Garde. Als er ——— —————————————— kaum geheilt war— und das hatte lange gedauert .— wollte er nach St Helena reiſen, einer andern 3 Inſel am Ende der Welt, wohin die Englaͤnder den Kaiſer gebracht hatten, um ihn ungehindert peinigen zu koͤnnen; denn wenn er erſt recht gluͤck⸗ lich war, ſo ging es ihm zuletzt recht ſchlecht. 3 Ihr Kinder.“ „Du erzaͤhlſt das ſo, Dagoberk, daß wir dar⸗ uͤber weinen koͤnnten.. „Es iſt auch zum Weinen,— der Kaiſer hat ſo viel, ach ſo viel ertragen! Das Blut hat man ihm vom Herzen abgezapft.. Leider war der Ge⸗ neral nicht bei ihm auf St. Helena, er wuͤrde ſich vor Allem bemuͤht haben, ihn zu troͤſten,— aber man ließ es nicht zu. Da ergrimmte der General wie viele Andere gegen die Bourbons, und er zet⸗ telte eine Verſchwoͤrung an, den Sohn des Kaiſers zuruͤckzurufen. Er wollte ein Regiment gewinnen, das faſt ganz aus alten Soldaten von ihm be⸗ ſtand, und begab ſich deshalb in eine Stadt der Picardie, wo das Regiment lag; aber die Verſchwoͤ⸗ rung war ſchon ausgekommen. Sobald der Gene⸗ ral ankam, nahm man ihn feſt und fuͤhrte ihn vor den Oberſten des Regiments. Und der Oberſt,“ fuhr der Soldat nach einer neuen Pauſe fort,„wißt Ihr, wer es wieder war? Aber es wuͤrde zu lange aufhalten, wenn ich Euch das auseinanderſetzen wollte, und Euch auch noch mehr betruͤben. Kutz, dieſer Oberſt war ein Mann, den der General aus guten Gruͤnden ſchon ſeit langer Zeit haſſen mußte. Als er vor ihm ſtand, ſagte er deshalb auch:„Wenn Sie keine feige Memme ſind, ſo ſetzen Sie mich auf eine Stunde in Freiheit und wir ſchlagen uns auf Leben und Tod, denn ich haſſe Sie deswegen und verachte Sie darum und darum.“ Der Oberſt nahm es an und ließ Euern Vater frei bis zum andern Tage. An dieſem Tage hatten ſie das Duell und der Oberſt blieb auf dem Platze.“ „Ach Gott!“ „Der General wiſchte ſeinen Degen ab, als ein treuer Freund zu ihm kam und ſagte, er habe nur noch ſo viel Zeit, um entfliehen zu koͤnnen. Er hatte wirklich das Gluͤck, aus Frankreich herauszu⸗ kommen,— ja das Gluͤck, denn vierzehn Tage nachher war er als Verſchwoͤrer zum Tode verur⸗ theilt.“ „Gott, welches Ungluͤck!“ „Es war doch Gluͤck bei dieſem Ungluͤck. Euere Mutter hielt ihr Verſprechen und wartete noch im⸗ ——— mer auf ihn. Sie hatte ihm geſchrieben erſt der Kaiſer, dann ich. Der General, der nichts mehr fur den Kaiſer thun konnte, auch nichts fuͤr den Sohn des Kaiſers, und aus Frankreich verbannt war, kam in Warſchau an. Euere Mutter hatte ihre Aeltern verloren; ſie war frei; ſie heiratheten einander und ich war einer der Zeugen bei der Trauung.“ „Du haſt Recht, Dagobert, welches Gluͤck bei allem dem großen Ungluͤck!“ „Nun waren ſie wohl gluͤcklich, aber je gluck⸗ licher ſie waren, um ſo mehr ſchmerzte ſie, wie alle guten Seelen, das Ungluͤck anderer Leute und in Warſchau gab es Urſache genug zu Kummer und Schmerz. Die Ruſſen fingen wieder an, die Po⸗ len wie Sclaven zu behandeln. Euere brave Mut⸗ ter war, wenn auch von franzoͤſiſcher Herkunft, eine Polin mit Leib und Seele und ſie ſagte Alles keck laut heraus, was Andere nur ganz leiſe aus⸗ zuſprechen wagten. Die Ungluͤcklichen nannten ſie deshalb ihren guten Engel, aber das reichte auch hin, den ruſſiſchen Gouverneur aufmerkſam zu ma⸗ chen. Eines Tages wurde ein Freund des Gene⸗ rals, ein ehemaliger Lancier-Oberſt, ein braver ehrenwerther Mann, wegen einer Militairverſchwoͤ⸗ rung gegen die Ruſſen zur Verbannung nach Si⸗ birien verurtheilt. Er entfloh, Euer Vater verſteckte ihn bei ſich und das kam heraus. In der naͤchſten Nacht erſchien ein Peloton Koſaken mit einem Of⸗ ficiere und einem Poſtwagen vor unſerer Thuͤre und man holte den General aus dem Bette.“ „Mein Gott, was wollte man mit ihm ma⸗ chen?“ „Ihn uͤber die ruſſiſche Grenze bringen, mit der Drohung lebenslaͤnglichen Gefaͤngniſſes, wenn er das Land jemals wieder betraͤte. Seine letzten Worte waren: Dagobert, ich vertraue Dir meine Frau und mein Kind an,“— denn Euere Mutter ſollte nach einigen Monaten Euch zur Welt bringen. Trotzdem verbannte man ſie nach Sibirien.— Es war eine Gelegenheit, ſie loszuwerden; ſie that in Warſchau zu viel Gutes; man fuͤrchtete ſie. Aber man verbannte ſie nicht blos, man nahm auch ihr ganzes Vermögen in Beſchlag und die einzige Gnade, die ihr gewaͤhrt wurde, war die, daß ich ſie begleiten durfte. Ohne den Schimmel, den mir der General gelaſſen hatte, haͤtte ſie den Weg zu Fuße machen muͤſſen. So kamen wir, ſie zu Pferde, ich ſie fuͤhrend, wie ich Euch fuͤhre, Kinder, in ein erbaͤrmliches Dorf, wo Ihr armen Kleinen nach drei Monaten geboren wurdet.“ „Und unſer Vater?“ „Der General konnte nicht wieder nach Ruß⸗ land kommen, Euere Mutter konnte nicht daran denken, mit zwei Kindern zu entfliehen, und Euer Vater konnte ihr nicht ſchreiben, weil er nicht wußte wo ſie war.“ ——— ——— „So erhieltet Ihr keine Nachricht wieder von ihm?“ „Ein einziges Mal.“ „Und durch wen?“ Nach einer Pauſe fuhr Dagobert mit einem ſeltſamen Ausdrucke im Geſichte fort: „Durch wen? Durch Jemanden, der den an⸗ dern Menſchen nicht gleicht,.. ja.. und damit Ihr das begreift, muß ich Euch mit einem Paar Wor⸗ ten etwas Außerordentliches erzählen, das Eurem Vater bei dem Feldzuge in Frankreich begegnete.. Er hatte von dem Kaiſer den Befehl erhalten, eine Batterie zu nehmen, welche unſter Armee großen Schaden that; nach mehreren vergeblichen Verſu⸗ chen ſetzte ſich der General an die Spitze eines Cujraſſierregimentes, ſprengte gegen die Batterie an und ſaͤbelte, wie das ſo ſeine Gewohnheit war, die Artilleriſten an ihren Geſchuͤtzen nieder. Er hielt mit ſeinem Pferde gerade vor der Muͤndung einer Kanone, an welcher alle Soldaten getodtet oder verwundet waren. Nur Einer hatte die Kraft noch, ſich aufzurichten, ſich auf ein Knie zu ſtuͤtzen und die Lunte, die er in der Hand hatte, an das Zundloch zu halten— gerade in dem Augenblicke, als der General zehn Schritte vor dem geladenen Geſchuͤtze war...“ „Großer Gott, welche Gefahr fuͤr unſern Vater!“ „In einer größern war er nie geweſen, wie er ſelbſt ſagte, denn als er den Artilleriſten die Lunte anlegen ſah, knallte auch ſchon der Schuß. aber in demſelben Augenblicke warf ſich ein hochgewach⸗ ſener Mann in Bauerkleidung, den Euer Vater bis dahin nicht bemerkt hatte, vor die Kanone „Ach der Ungluͤckliche! Welcher ſchreckliche Tod!“ „Ja,“ fuhr Dagobert mit nachdenklicher Miene fort,—„dies mußte kommen.. Er mußte in tau⸗ ſend Stuͤcke zerriſſen werden.. Gleichwohl geſchah es nicht.“ „Was ſagſt Du?“ „Was der General geſagt hat.„Im Augenblick als der Schuß losging,“ hat er mir oft geſagt, „ſchloß ich in unwillkurlichem Schauber die Augen, um den verſtuͤmmelten Leichnam des Ungluͤcklichen nicht zu ſehen, der ſich ſo fuͤr mich opferte. Was aber ſah ich im Pulverdampf, als ich die Augen wieder aufſchlug?— der hochgewachſene Mann ſtand noch immer ruhig an derſelben Stelle und ſah den Artilleriſten mild und traurig an, der mit zuruͤckgebogenem Körper da kniete und ihn entſetzt anſtarrte, als ſähe er den leibhaften Satan vor ſich.. Die Schlacht wuthete fort und ich konnte den Mann nicht wiederfinden,“ ſetzte Euer Vater hinzu.“ „Aber wie iſt das moglich, Dagobert?“ „Das fragte ich den General auch. Er ant⸗ wortete mir, er habe ſich den eben ſo unglaublichen als wahren Vorfall nie erklaͤren koͤnnen. Uebri⸗ ——— —„—— ——————— ——— gens mußte ihm das Geſicht jenes Mannes, der wie dreißig Jahre alt ausgeſehen, ſehr aufgefallen ſein, denn er hatte bemerkt, daß die rabenſchwarzen unter einander verbundenen Augenbrauen gleichſam eine einzige bildeten von einer Schlaͤfe zur andern, ſo daß die Stirn wie mit einem ſchwarzen Strich be⸗ zeichnet ausſah. Das merkt Euch, Ihr werdet ſo⸗ gleich merken, warum.“ „Ja, Dagobert, wir vergeſſen es nicht,“ ſagten. die Mädchen in immer großerer Verwunderung. „Ein ſeltſamer Mann mit der ſchwarzgeſtreiften Stirn!“ „Hort weiter. Der General war fuͤr todt bei Waterloo liegen geblieben. In der Nacht, die er auf dem Schlachtfelde im Wundfieber verbrachte, glaubte er im Mondenſcheine denſelben Mann zu ſehen, wie er ſich uber ihn beuge, ihn ſehr ſanft und ſehr traurig anſehe, das Blut von ſeinen Wunden abtrockne und ſich bemuͤhe, ihn wieder zu beleben. Als Euer Vater, der kaum wußte, was er that, den Pfleger von ſich wies und ſagte, nach einer ſol⸗ chen Niederlage bliebe nichts uͤbrig, als zu ſterben, glaubte er den Mann antworten zu hoͤren: Du mußt fuͤr Eva leben. So hieß Euere Mutter, welche der General in Warſchau zuruͤckgelaſſen hatte, um ſich zu dem Kaiſer zu begeben und mit ihm den Feldzug in Frankreich zu machen.“ „Wie ſonderbar das iſt, Dagobert! Hat unſer Vater den Mann wiedergeſehen?“ „Er hat ihn wiedergeſehen, weil er Eurer armen Mutter Nachricht von dem General brachte..“ „Wann war das? Wir haben nie etwas davon gehoͤrt.“ „Erinnert Ihr Euch, daß Ihr an dem Mor⸗ gen, als Euere Mutter ſtarb, mit der alten Fedora in den Wald gegangen waret?“ „Ja,“ antwortete Roſa betruͤbt.„Wir wollten Haidebluͤmchen holen, welche unſere Mutter ſo ſehr liebte.“ „Arme Mutter! Sie befand ſich ſo wohl, daß wir das Ungluͤck nicht ahnen konnten, das uns Abends betreffen ſollte,“ fugte Bianca hinzu. „Freilich, Kinder. Ich ſelbſt ſang an dieſem Vormittag bei der Arbeit im Garten, denn ich hatte eben ſo wenig Urſache, traurig zu ſein, als Ihr. Während ich ſo arbeitete und ſang, hoͤrte ich plötz⸗ lich mich eine Stimme fragen:„iſt dies das Dorf Milosk?“ Ich drehete mich um und ſah einen Fremden vor mir ſtehen. Statt ihm zu antworten, ſah ich ihn ſtier an und prallte erſtaunt ein Paar Schritte zuruͤck.“ „Warum?“ „Er war hochgewachſen, ſehr blaß und hatte eine hohe freie Stirn. Seine beiden Augenbrauen bildeten nur eine einzige und ſahen aus wie ein ſchwarzer Streif uͤber der Stirn hin.“ „Es war alſo der Mann, der zweimal unſerm Vater in der Schlacht erſchienen war?“ S „Ja,— er war es.“ „Aber, Dagobert,“ ſagte Roſa,„ſind dieſe Schlachten ſchon vor langer Zeit geſchehen?“ „Vor ungefaͤhr ſechszehn Jahren.“ „Und wie alt war der Fremde, den Du zu er⸗ kennen glaubteſt?“ „Nicht uͤber dreißig Jahre.“ „Wie ſoll es dann derſelbe Mann geweſen ſein, der vor ſechszehn Jahren bei unſerm Vater auf dem Schlachtfelde geweſen war?“ „Richtig,“ ſagte Dagobert nach einer Pauſe achſeizuckend.„Ich werde mich wohl durch die zufällige Aehnlichkeit haben täuſchen laſſen. Gleich⸗ wohl... „Der Mann muͤßte denn, wenn er derſelbe war, nicht gealtert haben.“ „Haſt Du ihn nicht gefragt, ob er unſerm Vater fruher Beiſtand geleiſtet hätte?“ „Anfangs war ich ſo verdutzt, daß ich nicht daran dachte, und dann hielt er ſich ſo kurze Zeit auf, daß ich nicht fragen konnte. Er fragte alſo nach dem Dorfe Milosk.—„Sie ſind in dem Dorfe,“ antwortete ich.„Aber woher wiſſen Sie, daß ich ein Franzoſe bin?“ „Als ich daherkam, hoͤrte ich Sie ſingen,“ antwortete er mir.„Koͤnnen Sie mir ſagen, wo Madame Simon wohnt, die Frau des Generals?“ —„Sie wohnt hier im Hauſe.“ „Er ſah mich einige Augenblicke ſchweigend an, 3 Der ewige Jude. II. — weil er wohl merkte, daß der Beſuch mich uͤber⸗ raſchte, dann reichte er mir die Hand und ſagte: —„Sie ſind der Freund des Generals Si⸗ mon, ſein beſter Freund?“ „(Denkt Euch mein Erſtaunen, Kinder!)— Woher wiſſen Sie das?“ —„Er hat oftmals dankbar von Ihnen mit mir geſprochen.“ „Sie haben den General geſehen?“ —„Ja— vor einiger Zeit, in Indien. Ich bin auch ſein Freund und bringe ſeiner Frau Nach⸗ richten von ihm. Ich wußte, daß ſie nach Sibi⸗ rien verwieſen war, und in Tobolsk, von wo ich komme, erfuhr ich, daß ſie in dieſem Dorfe wohne. Fuͤhren Sie mich zu ihr.“ „Der gute Reiſende,„ich liebe ihn ſchon!“ rief Roſa aus. „Er war der Freund unſres Vaters.“ „Ich bat ihn, er möge wartenz ich wollte Euerer Mutter erſt Alles erzaͤhlen, damit das Er⸗ ſchrecken ihr nicht vielleicht ſchade. Fuͤnf Winuten darauf trat er ſelbſt ein..“ „Wie ſah der Reiſende aus, Dagobert?“ „Er war ſehr groß, trug einen dunkeifarbigen Rock und eine Muͤtze von langhaarigem ſchwarzem Pelz. „Und ſein Geſicht war ſchoͤn?“ „Ja, Kinder, ſehr ſchoͤn, aber er ſah ſo traurig und ſo ſanft aus, daß mir's zu Herzen ging.“ — — — „Der arme Mann! Er hatte gewiß ein großes Leid.“ „Euere Mutter war ſeit einigen Minuten mi ihm eingeſchloſſen, als ſie mich rief, um mir zu ſagen, ſie habe gute Nachrichten von dem Generale erhalten. Die Thraͤnen rannen ihr uͤber das Ge⸗ ſicht und ſie hatte ein großes Packet Papiere vor ſich, eine Art Tagebuch, das Euer Vatek ihr faſt jeden Abend geſchrieben hatte, um ſich ſelbſt zu troͤſten. Da er nicht ſelbſt mit ihr reden konnte, ſo ſagte er dem Papiere, was er ihr geſagt haben wuͤrde..“ „Wo ſind dieſe Papiere?“ „Da in meinem Torniſter bei meinem Kreuz und unſerem Beutel. Eines Tages werde ich ſie Euch geben.. Jetzt habe ich nur dieſe Blätter da genommen, die Ihr ſogleich leſen moͤget; Ihr wer⸗ det ſehen, warum.“ „War unſer Vater lange in Indien geweſen?“ „Nach dem Wenigen, was mir Euere Mutter erzaͤhlt hat, war der General in dieſes Land ge⸗ gangen, nachdem er ſich mit den Griechen gegen die Tuͤrken geſchlagen hatte, denn er nimmt gern die Partei der Schwachen gegen die Starken. In Indien ließ er ſeinen Zorn gegen die Englaͤnder aus, die unſere Gefangenen in den Pontons er⸗ mordet und den Kaiſer auf St. Helena gefoltert hatten. Es war das ein guter, ein— guter 3 Krieg, denn waͤhrend er den Englaͤndern Schaden that, diente er einer guten Sache.“ „Welcher Sache diente er?“ „Er hatte Dienſte bei einem der armen indi⸗ ſchen Fuͤrſten genommen, deren Gebiet die Eng⸗ laͤnder erſt verwuͤſten und dann gegen Recht und Gerechtigkeit fuͤr ſich in Beſchlag nehmen. Es galt wieder fuͤr einen Schwachen gegen Starke zu kaͤmpfen, wie Ihr ſeht, Kinder, und Euer Va⸗ ter fehlte da nicht. Nach einigen Monaten hatte er die zwoͤlf⸗ bis funfzehntauſend Mann Truppen dieſes Fuͤrſten ſo gut disciplinirt und an den Krieg gewöhnt, daß ſie in zwei Gefechten die Englaͤnder voͤllig ſchlugen, die ohne Euern tapfern Vater ge⸗ rechnet hatten... Doch einige Seiten aus ſeinem Tagebuche werden Euch mehr davon und das beſſer erzaͤhlen, als ich es kann.. Auch werdet Ihr darin einen Namen leſen, den Ihr nie vergeſſen duͤrft.. Deshalb habe ich gerade dieſe Stelle gewaͤhlt.“ „Ach, welche Freude, das zu leſen, was unſer Vater geſchrieben hat! Es iſt beinahe ſo gut, als hoͤrten wir ihn,“ ſagte Roſa. „Es iſt, als wenn er da bei uns waͤre,“ ſetzte Bianca hinzu. Und die beiden Maͤdchen ſtreckten begierig die Haͤnde aus, um die Papierblaͤtter zu nehmen, welche Dagobert aus ſeiner Taſche gezogen hatte. Mit ruͤhrender Anmuth kuͤßten ſie dann abwech⸗ ſelnd und ſchweigend die Schrift ihres Vaters. —— „Zu Ende des Briefes werdet Ihr auch ſehen, Kinder, warum ich mich wunderte, daß Euer Schutz⸗ engel, wie Ihr ſagt, Gabriel heißt. Leſet nur, leſet,“ ſetzte der Soldat hinzu, als er die Ver⸗ wunderung in den Zuͤgen der Maͤdchen bemerkte. „Ich muß nur noch hinzuſetzen, daß der General, als er dies ſchrieb, den Reiſenden noch nicht wie⸗ der geſehen hatte, der die Papiere uͤberbrachte.“ Roſa, die ſich im Bette aufgeſetzt hatte, nahm die Blätter und las mit lieblicher bewegter Stimme; Bianca, welche den Kopf auf die Achſel ihrer Schweſter ſtuͤtzte, folgte mit Aufmerſamkeit. Man ſah ſogar an der leichten Bewegung ihrer Lippen, daß ſie, aber ſtill fur ſich, auch las. Achtes Kapitel. Bruchſtücke aus dem Tagebuche des Ge⸗ nerals Simon. Lager im Gebirge von Ava, d. 20. Febr. 1830. —„So oft ich einige Blätter dieſem Tage⸗ „buche hinzufuͤge, das ich jetzt tief in Indien ſchreibe, „wohin die Irrfahrten den Verbannten gefuͤhrt ha⸗ „ben, und das Du leider vielleicht nie leſen wirſt, „meine geliebte Cva, beſchleicht mich ein zugleich „wonniges und ſchmerzliches Gefuhl, denn es iſt mir — ½— „ein Troſt, ſo mit Dir zu plaudern, und gleichwohl „iſt meine Sehnſucht nach Dir nie heißer, als „wenn ich ſo zu Dir ſpreche, ohne Dich zu ſehen. „Wenn Du aber dieſe Zeilen ſiehſt, wird Dein „edeles Herz bei dem Namen des unerſchrockenen „Weſens raſcher ſchlagen, dem ich heute das Leben „verdanke und dem ich deshalb vielleicht auch das „Gluͤck verdanke, Dich einſt wieder zu ſehen, Dich „und mein Kind, denn unſer Kind lebt, nicht „wahr? Ich muß das glauben, denn welches Leben „wuͤrdeſt Du ſonſt in Deiner ſchrecklichen Ver⸗ „bannung fuͤhren! Der liebe Engel muß jetzt vier⸗ „zehn Jahre alt ſein. Wie ſieht es aus? Es „gleicht Dir, nicht wahr? Es hat Deine großen „ſchoͤnen blauen Augen? Ich Unſinniger! Wie oft⸗ „mals habe ich in dieſem langen Tagebuche un⸗ „willkuͤhrlich dieſe thörichte Frage, die Du mir nicht „beantworten kannſt, an mich gethan! Und wie oft „— muß ich ſie noch thun! Lehre alſo unſer Kind „den etwas ſeltſamen Namen Dſchalma ausſpre⸗ „chen und lieben.“ —„Dſchalma!“ wiederholte Roſa mit feuch⸗ ten Augen, ſich unterbrechend.“ —„Dſchalma!“ ſprach Bianca in gleichem Gefuͤhle nach.—„Ach wir werden dieſen Namen nie vergeſſen.“ —„Daran werdet Ihr Recht thun, Kinder, „denn er ſcheint der Name eines beruͤhmten, wenn —— — —— ———— —— auch noch jungen Soldaten zu ſein. Nun wei⸗ ter, Roͤschen!“ —„Ich habe Dir auf den fruͤhern Blaͤttern, „liebe Eva,“ las Roſa weiter,„von den beiden gluck⸗ „lichen Kaͤmpfen erzaͤhlt, die wir dieſen Monat ge⸗ „habt haben. Die Truppen meines alten Freun⸗ „des, des indiſchen Fuͤrſten, die täglich beſſer nach „europäiſcher Art disciplinirt werden, häben Wun⸗ „der gethan. Wir warfen die Englaͤnder und ſie „mußten einen Theil dieſes ungluͤcklichen Landes „räumen, das ſie allem Recht und aller Gerechtig⸗ „keit zum Hohne beſetzt haben und erbarmungslos „noch immer verwuͤſten, denn engliſcher Krieg heißt „hier Verrath, Raub und Mord. Dieſen Morgen, „nach einem beſchwerlichen Marſche unter Felſen „und Bergen erfuhren wir durch unſere Tirailleure, „daß Verſtaͤrkungen fuͤr den Feind heranruͤcken und „daß er ſich anſchicke, die Offenſive wieder zu er⸗ „greifen.. Er ſtand nur einige Stunden von uns; „ein Kampf wurde unvermeidlich und mein alter „Freund, der indiſche Fuͤrſt, der Vater meines Ret⸗ „ters, wuͤnſchte nichts mehr, als ins Feuer zu „gehen⸗ „Die Schlacht begann gegen drei Uhr und ſie „war blutig. Als ich bei den Unſerigen eine ge⸗ „wiſſe Unſicherheit bemerkte, denn ſie waren an „Zahl geringer und die Verſtaͤrkungen der Eng⸗ „laͤnder beſtanden in friſchen Truppen, griff ich an „der Spitze unſerer kleinen Cavalerie-Reſerve an. „Der alte Fuͤrſt befand ſich beim Centrum und „ſchlug ſich, wie er ſich immer ſchlaͤgt, muthig. Sein „Sohn Dſchalma, ein junger Mann von kaum „achtzehn Jahren, der tapfer iſt wie ſein Vater, „verließ mich nicht. Im heißeſten Augenblicke des „Gefechtes wurde mein Pferd erſchoſſen, ſtuͤrzte „mit mir in eine Schlucht, an der ich eben hinritt, „und ich lag ſo dumm unter ihm, daß ich einen „Augenblick glaubte, ich haͤtte den Schenkel zer⸗ „brochen.“ —„Der arme Vater!“ rief Bianca aus. —„Glucklicherweiſe wird ihn diesmal nichts Ge⸗ faͤhrlicheres betroffen haben, Dank Dir, Dſchalma! — Siehſt Du, Dagobert,“ ſagte Roſa,„wie gut ich den Namen merke!“ Und ſie las weiter: „Die Engländer glaubten, nachdem ſie mich „getoͤdtet haͤtten(eine fuͤr mich ſehr ſchmeichelhafte „Meinung), leicht mit der Armee des Fuͤrſten fer⸗ „tig werden zu koͤnnen. Auch ſturzten ein Officier „der Seapoys und fuͤnf oder ſechs Soldaten, heim⸗ „tuͤckiſches und wildes Raubgeſindel, die mich in „die Schlucht hatten hinabfallen ſehen, ſogleich „herbei, um mir vollends das Garaus zu machen. „Unſere Bergbewohner hatten in ihrem Eifer und „in dem Feuer und Rauch mich nicht ſtuͤrzen ſehen; „Dſchalma aber, der immer bei mir war, ſprang „in die Schlucht hinunter, um mir beizuſtehen, und „ſeine kaltbluͤtige Unerſchrockenheit hat mir das Le⸗ „ben gerettet. Die beiden Laͤufe ſeines Gewehrs ——— 7 „waren noch geladen; mit dem einen Schuſſe ſtreckte „er den Officier nieder, mit dem zweiten zerſchmet⸗ „terte er den Arm des einen Soldaten, der mir be⸗ „reits ſein Bajonnet durch die Hand geſtoßen hatte. „Aber aͤngſtige Dich nicht, gute Eva, es iſt nichts, „nur ein Hautritz..“ „Verwundet! Wieder verwundet! Ach Gott!“ ſeufzte Bianca, welche die Haͤnde faltete und ihre Schweſter unterbrach. „Beruhiget Euch,“ ſagte Dagobert,„s wird, wie der General ſchreibt, nichts als eine leichte Hautwunde geweſen ſein. Sonſt nannte er die Wunden, die ihn nicht hinderten, weiter zu käͤmpfen, weiße Wunden.. Nur er konnte ſolche Ausdruͤcke erfinden.“ „Als Dſchalma ſah, daß ich verwundet ſei,“ las Roſa weiter, indem ſie ihre Augen trocknete, „brauchte er ſein ſchweres Gewehr wie eine Keule „und trieb die Soldaten zuruͤck; in dieſem Augen⸗ „blicke ſah ich aber einen meiner Gegner hinter „einem Bambusgebuͤſch uͤber der Schlucht langſam „das lange Gewehr ſenken, das Rohr zwiſchen „zwei Zweige legen, die Lunte anblaſen und auf „Dſchalma anlegen. Der muthige Juͤngling er⸗ „hielt eine Kugel in die Bruſt, ohne daß mein Ruf „ihn hatte warnen koönnen.. Als er die Wunde „fuhlte, wich er unwillkuͤhrlich ein Paar Schritte „zuruͤck und ſank auf ein Knie nieder, blieb aber „immer feſt und ſuchte mich durch ſeinen Körpes zu decken. Du kannſt Dir meine Wuth und „Verzweiflung denken. Leider wurden meine Be⸗ „muͤhungen, mich unter dem Pferde vorzuarbeiten, „durch einen heftigen Schmerz am Schenkel gelaͤhmt „und ich ſah alſo, wehr- und waffenlos, einige „Secunden dieſem ungleichen Kampfe zu. „Dſchalma verlor viel Blut; ſein Arm wurde „matt; ſchon nahm einer der Soldaten, der die. „andern antrieb, von ſeinem Guͤrtel eine Art gro⸗ „ßer und ſchwerer Hippe, die den Kopf mit einem „Hiebe vom Rumpfe trennt, als ein Dutzend un⸗ „ſerer Bergbewohner erſchienen. Dſchalma wurde „nun ſeiner Seits befreit; man zog mich unter dem „Pferde hervor und nach einer Viertelſtunde konnte „ich ein anderes beſteigen.. Der Sieg blieb uns „auch an dieſem Tage, wenn wir auch viele Leute „verloren hatten. Morgen wird ſich der Kampf entſcheiden, denn man ſieht die engliſchen Wacht⸗ „feuer von hier.. So verdanke ich, theuere Eva, „mein Leben dieſem Juͤngling.. Zum Gluͤck er⸗ „regt ſeine Wunde keine Beſorgniß, denn die Kugel „iſt abgeprallt und an den Rippen hingegangen.“ —„Der brave Junge wird, wie der General, geſagt haben: weiße Wunde!“ fiel Dagobert ein. „Nun mußt Du, meine liebe Eva,“ las Roſa weiter,„wenigſtens durch dieſe Beſchreibung den „unerſchrockenen Dſchalma kennen lernen. Er iſt „kaum achtzehn Jahre alt. Ich werde Dir dieſen Hedeln und tapfern jungen Mann mit einem Worte —* S —— — B ———————— —— ——— „ſchildern. In ſeinem Vaterlande giebt man bis⸗ „weilen Beinamen, und ſo hieß er ſchon in ſeinem „funfzöhnten Jahre der Edelſinnige. Nach einer „ſeltſamen, aber hoͤchſt anſprechenden Sitte des „Landes iſt dieſer Beiname auch auf ſeinen Vater „uͤbergegangen, den man den Vater des Edel⸗ „ſinnigen nennt, der aber mit vollem Rechte „auch der Gerechte heißen koͤnnte, denn dieſer „alte indiſche Fürſt iſt ein ſeltenes Muſter von rit⸗ „terlicher Treue und ſtolzer Selbſtſtaͤndigkeit. Er „haͤtte ſich, wie viele andere Fuͤrſten des Kandes, „unter den fluchwuͤrdigen engliſchen Despotismus „beugen, um das Aufgeben ſeiner ſouverainen Macht „handeln und dann der Gewalt weichen koͤnnen. „Aber er that es nicht. Mein ganzes Recht „oder ein Grab in meinen heimathlichen „Bergen, iſt ſein Wahlſpruch. Und das iſt keine „Prahlerei bei ihm, ſondern die feſte Ueberzeugung „von dem, was recht und gerecht iſt.— Aber Sie „werden im Kampfe unterliegen, ſagte ich zu ihm; „und er fragte mich dagegen: Wenn man, um „Dich zu einer ſchmachvollen Handlung zu „zwingen, zu Dir ſagte: Fuͤge Dich oder „ſtirb?— Von dieſem Tage an verſtand ich ihn „und ich habe mich mit Leib und Seele der immer „heiligen Sache der Schwachen gegen die Staͤrkern „gewidmet.— Du ſiehſt, liebe Eva, daß Dſchalma „ſich eines ſolchen Vaters wuͤrdig zeigt. Dieſer „junge Hindu beſitzt eine ſo heldenmüthige, ſo ſtolze — „Tapferkeit, daß er wie ein junger Grieche aus der „Zeit des Leonidas mit offener Bruſt kämpft, wäh⸗ „rend die andern Soldaten ſeines Landes, die ſonſt „die Achſeln, die Arme und die Bruſt unbedeckt „laſſen, im Kriege eine ziemlich dicke Kutte anlegen. „Die Tollkuͤhnheit des Juͤnglings erinnert mich an „den Koͤnig von Neapel, von dem ich Dir ſo oft „erzählt und den ich wohl hundertmal blos mit der „Reitpeitſche in der Hand an der Spitze unſerer „gefaͤhrlichſten Reiterangriffe geſehen habe.“ —„Das iſt auch einer von denen, die ich meinte, und den der Kaiſer aus Spaß den Koͤnig ſpielen ließ,“ fiel Dagobert ein.„Ich ſah einmal einen gefangenen preußiſchen Officier, dem dieſer tolle Konig von Neapel einen Hieb mit der Reit⸗ peitſche in's Geſicht gegeben hatte; die Schwiele war blau und roth. Der Preuße fluchte und ſagte, er ſei beſchimpft und ein Saͤbelhieb wäre ihm lieber geweſen. Das glaube ich! Er war ein wahrer Teufel von einem Koͤnige und er verſtand weiter nichts, als gerade auf die Kanonen los⸗ zugehen. Sobald irgendwo kanonirt wurde, war es, als wuͤrde er dadurch bei ſeinem Namen ge⸗ rufen, er ſprengte hin und rief: hier! Ich ſpreche von ihm, Kinder, weil er zu Allen ſagte, die es hoͤren wollten: Niemand durchbricht ein Carré, das ich und der General Simon nicht durchbrechen wuͤrden.“ 3 Roſa las weiter: ——————— 5 * 6 . ———— ———— ————— * — „Mit Bedauern habe ich bemerkt, daß Dſchalma „trotz ſeiner Jugend oftmals von tiefer Melan⸗ „cholie befallen wird. Bisweilen beobachtete ich „ſeltſame Blicke zwiſchen ihm und ſeinem Vater „und ich fuͤrchte, daß ſie mir, trotz unſerer vertrau⸗ „ten Freundſchaft, irgend ein trauriges Familienge⸗ „heimniß verſchweigen, wie ich wenigſtens nach „einigen Worten vermuthe, die dem Einen oder „dem Andern entſchluͤpften. Es handelt ſich um „eine ſeltſame Begebenheit, in welcher ihre von Na⸗ „tur traͤumeriſche und exaltirte Phantaſie wahr⸗ „ſcheinlich etwas Uebernatuͤrliches ſieht. „Uebrigens weißt Du, liebe Frau, daß wir „uͤber die Leichtgläͤubigkeit anderer Leute nicht mehr „läͤcheln duͤrfen, ich ſeit dem Feldzuge in Frank⸗ „reich, bei dem mir jenes merkwuͤrdige Abenteuer „begegnete, das ich mir heute noch nicht erklaͤren —, Er meint den Vorfall mit dem Manne, der ſich vor die Muͤndung einer Kanone warf,“ ſagte Dagobert. „Du,“ las das Maͤdchen weiter,„Du, liebe „Eva, ſeit den Beſuchen jener jungen ſchoͤnen „Frau, welche Deine Mutter vor vierzig Jahren „bei ihrer Mutter geſehen haben wollte. Die beiden Maͤdchen ſahen den Soldaten ver⸗ wundert an. —„Euere Mutter hat mir nie etwas davon 42 erzählt, Kinder, auch der General nicht. Es kommt mir ſo ſeltſam vor als Euch.“ Roſa las mit ſteigender Neugierde und Span⸗ nung weiter: „Indeß, liebe Cva, oft finden die ſcheinbar außer⸗ „ordentlichſten Dinge ihre Erklärung durch einen „Zufall, durch eine Aehnlichkeit oder ein Natur⸗ „ſpiel. Das Wunderbare iſt immer nur eine Sin⸗ „nentaͤuſchung oder die Wirkung einer ſchon ge⸗ reizten Phantaſie, und es kommt ein Augenblick, „in welchem ſich das, was ubermenſchlich oder „uͤbernatuͤrlich erſchien, ploͤtzlich zu der menſchlich⸗ „ſten und naturlichſten Sache von der Welt wird. „Ich zweifele deshalb auch nicht, daß un ſere ſo⸗ „genannten Wunder fruher oder ſpäter eine ganz „naturliche Loͤſung finden werden.“ —„Ihr ſeht, Kinder, anfangs ſieht es wun⸗ derbar aus und im Grunde iſt's ganz einfach, wenn man es auch eine lange Zeit nicht erklären kann.“ —„Da es unſer Vater ſagt, muͤſſen wir es glauben und duͤrfen uns nicht wundern, nicht wahr, Schweſter?“ —„Nein, weil es doch einmal erklaͤrt wird.“ Dagobert, der eine Zeit lang nachdenkend dage⸗ ſeſſen hatte, ſprach ſodann:„da fällt mir gleich et⸗ was ein. Ihr, Kinder, ſeht einander ſo aͤhnlich, nicht wahr? daß Jemand, der Euch nicht alle Tage ſieht, recht leicht Eine fur die Andere halten koͤnnte. — 7— Nun ſeht, in welche Verwundetung er gerathen koͤnnte, wenn er nicht wuͤßte, daß Ihr gleichſam doppelt ſeid. Er wuͤrde glauben, der Teufel treibe ſein Spiel, und Ihr ſeid doch ein Paar liebe En⸗ gelchen.“ —„Du haſt Recht, Dagobert. So erklärt ſich Manches, wie unſer Vater ſagt.“ Und Roſa las weiter: „Uebrigens, liebe Eva, denke ich immer mit „Stolz daran, daß Dſchalma franzoͤſiſches Blut in „ſeinen Adern hat. Sein Vater heirathete naͤm⸗ „lich vor mehreren Jahren ein Mädchen, deren Fa⸗ milie von franzöſiſcher Herkunft ſeit langer Zeit „in Batavia, auf der Inſel Java, ſich niederge⸗ „laſſen hatte. Dieſe Gleichheit des Schickſals zwi⸗ „ſchen meinem alten Freunde und mir erhoͤhete „meine Liebe zu ihm noch mehr, denn auch Deine „Familie, liebe Eva, iſt von franzoͤſiſcher Abkunft „und ſeit langer Zeit im Auslande anſaͤſſig. Leider „hat der arme Fuͤrſt dieſe Frau, die er außeror⸗ „dentlich liebte, ſchon vor mehrern Jahren ver⸗ „loren. „Meine Hand zittert, geliebte Eva, indem ich „dieſe Worte ſchreibe; ich bin ſchwach, ich bin ein „Narr, aber ach, mein Herz zuckt und bricht.. „Wenn mich ein ſolches Ungluͤck beträfe!— Ach „Gott! und unſer Kind! Was ſollte in dem rauhen „Lande aus ihm werden ohne Dich und ohne mich? „Nein! Nein! Dieſe Beſorgniß iſt unſinnig, aber „wie gräßlich foltert mich die Ungewißheit!— denn, „wo biſt Du eigentlich? Was thuſt Du? Was wird „aus Dir?— Vergieb mir.. Dieſe traurigen Ge⸗ „danken, ſie uͤberwältigen mich bisweilen und „das ſind entſetzliche Augenblicke, denn wenn ſie „mich nicht foltern, ſo denke ich bei mir: ich bin „verbannt, ich bin ungluͤcklich, aber an dem andern „Ende der Welt ſchlagen doch wenigſtens zwei „Herzen fuͤr mich, das Deinige, meine Eva, und „das unſeres Kindes..“ Roſa konnte dieſe letztern Worte kaum aus⸗ ſprechen; ſeit einigen Augenblicken wurde ihre Stimme durch Schluchzen unterbrochen. Die Befuͤrchtungen des Generals Simon ſtimm⸗ ten ja in der That in ſchmerzlicher Weiſe mit der traurigen Wirklichkeit uͤberein, und konnte es etwas Erſchuͤtternderes, Ruͤhrenderes geben, als dieſe Her⸗ zensergießungen, die am Abende nach einer Schlacht, am Wachtfeuer, der Soldat dem Papiere anver⸗ traute, um die Trauer uͤber eine ſchmerzliche Tren⸗ nung zu vergeſſen, welche, was er freilich damals nicht wußte, eine ewige ſein ſollte! —„Der arme General,— er kennt unſer Ungluͤck noch nicht,“ ſagte Dagobert nach einer Pauſe,„er weiß aber auch nicht, daß er nicht blos ein Kind, ſondern zwei Kinder hat.. Das wird ein Troſt mehr fuͤr ihn ſein... Aber nun mag Bianca weiter leſen, damit es die Schweſter nicht zu ſehr erſchoͤpft. Sie iſt ſehr angegriffen. Und. S— S— dann iſt es auch gerecht, daß Ihr Euch in die Freude und den Schmerz dieſes Leſens theilt.“ Bianca nahm das Papier und Roſa, welche die Thraͤnen aus den Augen wiſchte, legte nun ihrer Seits den Kopf auf die Schulter ihrer Se ſter, welche weiter las. „Ich bin unruhig, liebe Eva; ich hoͤrte einen „Augenblick auf zu ſchreiben und verſcheuchte dieſe „truͤben Gedanken. Jetzt wollen wir unſere Unter⸗ „haltung fortſetzen. „Nachdem ich nun lange mit Dir uͤber Indien „geplaudert habe, will ich uͤber Europa mit Dir „ſprechen. Geſtern Abend kam Einer von unſern „Leuten, ein ſehr zuverlaͤſſiger Mann, wieder zu „unſern Vorpoſten und brachte mir einen Brief, „der aus Frankreich in Calcutta angekommen war. „Ich erhielt Nachrichten von meinem Vater und „meine Beſorgniſſe ſchwanden. Der Brief iſt vom „Auguſt vorigen Jahres und ich erſehe aus dem „Inhalte, daß mehrere andere Briefe, die er er⸗ „waͤhnt, noch nicht angekommen oder verloren ge⸗ „gangen ſind, denn ich habe beinahe ſeit zwei „Jahren keinen erhalten, weshalb ich denn auch in „der groͤßten Angſt uͤber ihn war. Er iſt ein vor⸗ „trefflicher Vater und immer derſelbe! Das Alter „hat ihn nicht geſchwaͤcht, ſein Charakter iſt noch „ſo energiſch, ſeine Geſundheit noch ſo ruͤſtig wie „vorher, ſchreibt er mir; er iſt noch immer Hand⸗ „werker und ruͤhmt ſich deſſen, er haͤngt noch Der ewige Jude. II. 4 „immer treu an ſeinen republikaniſchen Ideen und „hofft,— denn, ſagt er, die Zeit iſt nahe und „er hat dieſe Worte unterſtrichen. Auch uͤber die „Familie unſers alten Dagobert, unſers Freundes, „giebt er mir, wie Du leſen wirſt, gute Nachrich⸗ „ten.— Mein Schmerz iſt minder groß, liebe „Eva, wenn ich bedenke, daß der treffliche Mann „bei Dir iſt, denn, ich kenne ihn, er wird Dich in „Deine Verbannung begleitet haben. Welch' gol⸗ „denes Herz unter der rohen Soldatenrinde! Wie „wird er unſer Kind lieben!“ Hier huſtete Dagobert einigemale, dann buͤckte er ſich und that, als ſuche er ſein roth⸗ und blau⸗ carrirtes Taſchentuch, das auf ſeinen Knien lag. So gebuͤckt ſaß er einige Augenblicke da, und als er ſich wieder aufrichtete, wiſchte er den Schnauz⸗ bart ab. —„Wie gut unſer Vater Dich kennt!“ —„Wie hat er errathen, daß Du uns liebſt!“ —„Schon gut, Kinder, ſchon gut.. Wir wollen daruͤber hinweggehen, damit wir zu dem kommen, was der General von meinem kleinen Agricol und von Gabriel, dem Adoptivſohne mei⸗ ner Frau, ſagt. Die arme Frau! Wenn ich be⸗ denke, daß vielleicht nach drei Monaten. Kinder, leſet weiter, leſet weiter!“ unterbrach ſich der Sol⸗ dat, da er ſeine Gefuͤhle kaum noch beherrſchen konnte. „Ich hoffe immer, unwillkuhrlich, daß dieſe „———— „——— lätter eines Tages zu Dir gelangen, und fuͤr die⸗ „ſen Fall will ich Alles aufſchreiben, was auch „Daßobert intereſſiren kann. Es wird ihm ein „Troſt ſein, auch von ſeiner Familie etwas zu er⸗ „fahren. Mein Vater, der noch immer Factor bei „dem vortrefflichen Hardy iſt, ſchreibt mir, dieſer „Herr habe auch den Sohn unſers alten Dagobert „in ſein Haus genommen. Agricol arbeitet unter „den Augen meines Vaters, der ihn ſehr lieb hat. „Er iſt, wie ich leſe, ein großer kräftiger Burſche, „der ſeinen ſchweren Schmiedehammer federleicht „handhabt, ſo heiter wie geſcheidt und fleißig, „mit einem Worte der beſte Arbeiter der Anſtalt, „trotzddem aber Abends, nach ſeiner ſchweren Ta⸗ „gesarbeit, bei ſeiner Mutter, die er außerordent⸗ „lich lieb hat, die ausgezeichnetſten patriotiſchen „Lieder dichtet. Seine Gedichte ſind kraͤftig und „ſchwungvoll; man ſingt in der Werkſtatt keine „andern und ſie erwaͤrmen die kaͤlteſten und muth⸗ „loſeſten Herzen.“ —„Wie ſtolz mußt Du auf Deinen Sohn ſein, Dagobert!“ ſagte Roſa mit Bewunderung. „Er dichtet Lieder?“ —„Ja, das iſt ſehr ſchoͤn, aber am beſten gefällt mir, daß er gut gegen ſeine Mutter iſt und daß er den Hammer tuͤchtig fuͤhrt. Er mag wohl Lieder machen, aber ehe er eine„Marſeillaiſe“ zu⸗ wege bringt, wird er noch lange Eiſen klopfen muſ⸗ ſen. Es mag aber ſein wie es wil. ich möchte wohl wiſſen, wo der verfluchte Agricol das gelernt haͤtte,— wahrſcheinlich in der Schule, die er, wie Ihr erfahren werdet, mit ſeinem Adoptivbruder Gabriel beſucht hat.“ Der Name Gabriel, welcher die Maͤdchen an ihr ideales Weſen erinnerte, das ſie ihren Schutz⸗ engel nannten, erregte ihre Aufmerkſamkeit in hohem Grade. Bianca verdoppelte ihre Aufmerkſamkeit und las: „Der Adoptivbruder Agricols, das arme ver⸗ „laſſene Kind, das die Frau unſers guten Dago⸗ „bert ſo edelmuͤthig aufgenommen hat, iſt, wie mir „mein Vater ſchreibt, gerade das Gegentheil von „Agricol, nicht dem Herzen nach, denn von Herzen „ſind ſie beide ſehr gut; aber ſo lebhaft, luſtig und „ruhig Agricol iſt, ſo melancholiſch und träume⸗ „riſch iſt Gabriel. Auch hat jeder, ſetzt mein Va⸗ „ter hinzu, ein Geſicht, das ſeinem Charakter voͤllig „entſpricht. Agricol iſt braun, groß und ſtark; er „ſieht heiter und muthig aus; Gabriel dagegen iſt „ſchwaͤchlich, blond, ſchuͤchtern wie ein junges Mäd⸗ „chen und ſeine engelgleiche Sanftmuth ſpricht ſich „in ſeinem Geſichte aus..“ Die Madchen ſahen einander verwundert an, wendeten ihre Geſichter nach Dagobert hin und ſagten: —„Haſt Du gehoͤrt, Dagobert? Unſer Vater ſagt, Dein Gabriel ſei blond und habe ein Engels⸗ . geſicht.. Er ſieht alſo ganz ſo aus wie der unſe⸗ rige.“ —„Ja, ich habe es wohl gehoͤrt und deshalb uͤberraſchte mich eben der Traum ſo ſehr.“ —„Ich moͤchte wohl wiſſen, ob er auch blaue Augen haͤtte,“ ſagte Roſa. —„Dafuͤr kann ich ſtehen, Kinder, wenn auch der General nichts davon geſchrieben hat; die blon⸗ den Leute haben immer blaue Augen. Aber ſeine Augen moͤgen blau oder ſchwarz ſein, er wird da⸗ mit einem jungen Maͤdchen nicht gerade in das Ge⸗ ſicht ſehen.. Leſet nur weiter, Ihr werdet gleich hoͤren, warum.“ „Das Geſicht Gabriels,“ las Bianca,„hat „einen engelmilden Ausdruck; einem Geiſtlichen an „der Schule, die er mit Agricol und andern Kindern „beſuchte, war ſein verſtaͤndiges ſanftes Weſen auf⸗ „gefallen und er ſprach uͤber ihn mit einem hochge⸗ „ſtellten Goͤnner, der ſich fuͤr ihn intereſſirte und „ihn in ein Seminar brachte. Seit zwei Jahren „iſt nun Gabriel Geiſtlicher; er will als Miſſionair „fremde Laͤnder beſuchen und wird bald nach Ame⸗ „rika abreiſen.“ —„Dein Gabriel iſt Geiſtlicher,“ ſagte Roſa, indem ſie Dagobert anſah. —„Und der unſerige iſt ein Engel,“ ſetzte Bianca hinzu. —„Alſo ſteht der Euerige um eineh Grad hoͤher als der w aber das bleibt ſich ateich; 54 jeder nach ſeiner Art; es giebt uͤberall gute Men⸗ ſchen, lieb iſt es mir aber doch, daß Gabriel ſich fuͤr den ſchwarzen Rock entſchieden hat, denn meinen Jungen ſehe ich lieber mit bloßen Armen, einen Hammer in der Hand, mit einem Schurzfell, ge⸗ rade wie Euern alten Großvater, den Vater des Marſchalls Simon, Herzogs von Ligny, denn man mag ſagen was man will, der General iſt doch Herzog und Marſchall durch die Gnade des Kai⸗ ſers.. Mun leſet vollends zu Ende. —„Ach ja,“ ſagte Bianca,„es ſind nur noch ein Paar Zeilen.“ Und ſie las: „Du kannſt alſo, liebe Eva, wenn dieſes Tage⸗ „buch in Deine Haͤnde kommt, Dagobert uͤber das „Schickſal ſeiner Frau und ſeines Sohnes beruhi⸗ „gen, die er unſertwegen verlaſſen hat.. Wie „können wir ihm ein ſolches Opfer vergelten?.. „Doch ich bin ruhig, Dein gutes, edeles Herz wird „ihn ſchon zu entſchädigen gewußt haben..“ „Lebewohl, lebewohl fuͤr heute, meine geliebte „Eva.. Ich habe einen Augenblick dieſes Tage⸗ „buch unterbrochen, um in das Zelt Dſchalma's „zu gehen; er ſchlief ruhig; ſein Vater wachte bei „ihm und beruhigte mich mit einer Bewegung ſei⸗ „ner Hand.. Der muthige Juͤngling ſchwebt nicht „mehr in Gefahr.. Moͤge die Schlacht morgen „ihn ſchonen!..— Lebewohl, meine geliebte Eva; „die Nacht iſt ſtill und ruhig, die Wachtfeuer er⸗ „loſchen almälig, unſere armen Gebirgsbewohner —.— ———.— — —,——— „ruhen nach dem blutigen Kampfe aus und ich hoͤre „nur von Stunde zu Stunde den Ruf unſerer Schilt⸗ „wachen in der Ferne.. Dieſe fremdlaͤndiſchen „Worte ſtimmen mich von neuem traurig, denn „ſie erinnern mich an das, was ich bisweilen ver⸗ „geſſe, wenn ich an Dich ſchreibe,— daß ich am „Ende der Welt bin,— getrennt von Dir und „meinem Kinde.. Ihr armen theuern Weſen! „Wie ergeht es Euch und wie wird es Euch er⸗ „gehen? Ach, koͤnnte ich Euch doch wenigſtens die „Medaille ſenden, die mich ein verderblicher Zufall „von Warſchau mit fortnehmen ließ; vielleicht er⸗ „langteſt Du die Erlaubniß, nach Frankreich zu „reiſen, oder duͤrfteſt wenigſtens Dein Kind mit Da⸗ „gobert dahin ſchicken, denn Du weißt, wie wichtig.. „Warum aber meinen Schmerz durch dieſen Kum⸗ „mer vergroͤßern?.. Leider vergehen die Jahre,— „der verhaͤngnißvolle Tag wird kommen und die „letzte Hoffnung, in der ich fuͤr Euch lebe, wird „mir entzogen ſein,— doch. ich will den heuti⸗ „gen Tag nicht mit einem traurigen Gedanken be⸗ „ſchließen. Lebewohl, geliebte Eva, druͤcke unſer „Kind an Dein Herz und gieb ihm die Kuͤſſe, die „ich Euch Beiden aus der Verbannung ſende. „Morgen, nach der Schlacht, mehr.“ Nach der Vorleſung dieſes Schreibens folgte eine lange Pauſe. Aus den Augen Zou S Bianca's rannen Thraͤnen; Dagobert hatte die Stirn auf die Hand geſtuͤtzt und war in ſchmerzliche Gedanken verſunken. Draußen wurde der Sturm immer heftiger, der Regen fing an, an die Fenſterſcheiben zu ſchlagen, und in dem Wirths⸗ hauſe h die Stille. Wihrend d die Töchtert des Venerais S tief⸗ bewegt einige Bruchſtuͤcke aus dem Tagebuche ihres Vaters laſen, kam in der Menagerie des Thierban⸗ digers ein ſeltſamer, raͤthſelhafter Auftritt vor. Neuntes Kapitel. Die Käfige. Morok hatte ſeine Ruͤſtung angelegt, d. h. er hatte uͤber ſein Wams von Wildleder ſein Panzer⸗ hemd gezogen, das gefuͤgig wie Leinwand und hart wie Diamant war, ſeine Arme durch Armſchienen, ſeine Beine durch Beinſchienen, ſeine Fuͤße durch eiſenbeſchlagene Stiefelchen geſchuͤtzt. Um aber dieſe Schutzwehr nicht ſehen zu laſſen, trug er weite Beinkleider und ein zugeknoͤpftes weites Gewand. In der Hand hielt er eine lange weißgluͤhende Eiſen⸗ ſtange an einem hoͤlzernen Griff.. Sein Tiger„Kain“, ſein Löwe„Judas“ und ſein ſchwarzer Panther„Tod“, die allerdings lange ſchon die Geſchicklichkeit und Energie des — Propheten gezaͤhmt waren, hatten einigemale in einem Anfalle von Ungehorſum ihre Zaͤhne und Klauen an ihm verſuchen wollen, aber wegen ſeiner Ruͤſtung unter dem Gewande ihre Klauén an der Stahlhaut abgeſtumpft und ihre Zaͤhne an den eiſernen Armen und Beinen ausgebrochen, waͤh⸗ rend eine leichte Beruͤhrung mit dem Metallſtabe ihres Herrn ihr Fell rauchend zuſammenſchrumpfen ließ und mit einer tiefen Brandwunde bezeichnete. Die Thiere, welche die Wirkungsloſigkeit ihrer Biſſe erkannten und ein vortreffliches Gedaͤchtniß beſaßen, ſahen recht wohl ein, daß ſie ihre Tatzen und Kinnbacken an einem unverwundbaren Weſen auch in Zukunft vergebens verſuchen wuͤrden, und ihre furchtſame Unterwuͤrfigkeit wurde ſo groß, daß ſie ihr Herr bei ſeinen oͤffentlichen Vorſtellungen durch die geringſte Bewegung eines mit feuerfar⸗ bigem Papier umwundenen Staͤbchens vermochte, aͤngſtlich ſich niederzulegen und zu kriechen. Der Prophet war alſo, ſo geruͤſtet und mit dem von Goliath gluͤhend gemachten Stabe in der Hand, durch die Fallthuͤr von dem Boden in den großen Stall herabgeſtiegen, in welchem man die Käfige ſeiner Thiere aufgeſtellt hatte. Eine einfache Breterwand trennte dieſen Theil des Stalles von dem, in welchem ſich die Pferde des Sabndiges befanden. Eine Lampe mit Reflector warf ein helles Licht auf die vier Käfige. An den Seiten derſelben be⸗ fand ſich ein eiſernes Gitter mit weiten Oeffnun⸗ gen. An der einen Seite drehete ſich dieſes Gitter wie eine Thuͤre in Angeln, damit die Thiere heraus⸗ und hineingelaſſen werden könnten. Der Fußboden ruhete auf zwei Achſen und vier kleinen eiſernen Rädern, und man zog ſie ſo leicht auf den großen verdeckten Wagen, auf dem ſie ſich auf der Reiſe befanden. Einer der Kaͤfige war leer; die drei an⸗ dern enthielten, wie man ſchon weiß, einen Panther, einen Tiger und einen Loͤwen. Der aus Java ſtammende Panther ſchien ſei⸗ nen ſchauerlichen Namen,„Tod“, durch ſein grim⸗ miges Ausſehen zu verdienen. Er war ganz ſchwarz und lag zuſammengeduckt im Hintergrunde ſeines Käfigs. Da die Farbe ſeines Felles mit dem Dun⸗ kel umher verſchwamm, ſo ſah man ſeinen Koͤrper nicht und bemerkte in der Finſterniß nur zwei gluͤ⸗ hende funkelnde Lichter, zwei große gelbliche leuch⸗ tende Augen, die ſich gleichſam nur in der Nacht entzuͤndeten, da alle Thiere des Katzengeſchlechtes nur im Dunkel ihre ganze Sehkraft beſitzen. Der Prophet war geräͤuſchlos in den Stall ge⸗ treten; das dunkele Roth ſeines langen Gewandes ſtach von dem matten gelblichen Blond ſeines ſtarren Haares und ſeines langen Bartes abz die ziemlich hoch angebrachte Lampe beleuchtete dieſen Mann vollſtändig und das grelle Licht neben dem dunkeln Schatten hob die ſcharfen Zuͤge ſeines knochigen und grimmigen Geſichtes noch mehr hervor. —.——— * —— ——— — Er trat langſam an den Kaͤfig. Der weiße Kreis um ſeine fahlen Augenſterne herum ſchien ſich zu vergroͤßern; ſein Auge wett⸗ eiferte an Glanz und Unbeweglichkeit mit dem ſtieren funkelnden Auge des Panthers. Dieſer kauerte noch immer im Schatten, empfand aber bereits die Kraft des Zauberblickes ſeines Herrn; zwei⸗ oder dreimal druͤckte er raſch die Augen zu und ſchnaubte dumpf dabei vor Wuth; aber ſeine Augen oͤffneten ſich, gleichſam unwillkuͤhrlich, bald wieder und hef⸗ teten ſich unverwandt auf die des Propheten. Da legten ſich die runden Ohren des„Tod“ dicht an den Kopf an, der platt war wie jener einer Viper; ſein Stirnhaut runzelte ſich krampfhaft, er zog die Lippen mit den langen Schnurren zuruͤck und riß zweimal ſchweigend den Rachen mit den furcht⸗ baren Zaͤhnen auf. Von dieſem Augenblicke an ſchien ein gewiſſer magnetiſcher Rapport zwiſchen den Blicken des Men⸗ ſchen und des Thieres einzutreten. Der Prophet ſtreckte ſeine weißgluͤhende Stahl⸗ ſtange nach dem Kaͤfige aus und rief mit barſcher gebieteriſcher Stimme: „Hier— Tod!“ Der Panther ſtand auf, druͤckte ſich aber ſo zuſammen, daß ſein Bauch den Boden beruͤhrte. Er war drei Fuß hoch und faſt fuͤnf Fuß lang; ſein fleiſchiges, elaſtiſches Ruͤckgrat, ſeine ſo weit herabreichenden, ſo breiten Kniegelenke wie die eines Wettrenners, ſeine tiefe Bruſt, ſeine ungeheuern und vorſtehenden Schultern, ſeine kraftigen, ſeh⸗ nigen Tatzen, Alles verrieth, daß dieſes ſchreckliche Thier Kraft und Gelenkigkeit, Staͤrke und Ge⸗ ſchmeidigkeit beſitze. Morok, der den Stab noch immer nach dem Käfige hielt, trat einen Schritt naͤher auf den Panther zu, der ſich dem Propheten einen Schritt näherte. Dann blieb er ſtehen,— der Panther auch. In dieſem Augenblicke that der Tiger Judas, dem Morok den Ruͤcken zukehrte, einen heftigen Sprung in ſeinem Kaͤfige, als wenn er eiferſuchtig auf die Aufmerkſamkeit geweſen waͤre, welche ſein Perr dem Panther widmete; er ſtieß ein heiſeres dumpfes Gebruͤlle aus, richtete den Kopf empor und zeigte ſo die untere Fläche ſeiner furchtbaren dreieckigen Kinnlade, ſowie ſeine gewaltige ſchmutzig⸗ weiße Bruſt, in welcher die kupferige Farbe ſeines ſchwarzgeſtreiften fahlen Felles verſchwamm; ſein Schweif, der einer dicken roͤthlichen Schlange mit ſchwarzen Ringeln glich, legte ſich bald dicht an ſeine Seiten, bald ſchlug er ſie mit einer langſa⸗ men unausgeſetzten Bewegung; ſeine leuchtenden gruͤnlichen Augen waren auf den Propheten ge⸗ richtet. Der Einfluß dieſes Mannes auf die Thiere war ſo groß, daß Judas faſt augenblicklich ſein Bruͤllen einſtell te, als ſei er uͤher ſeine Kuͤhnheit erſchrocken; doch athmete er noch laut und ſchnau⸗ bend. Morok drehete ſich einige Minuten nach ihm hin und beobachtete ihn ſehr aufmerkſam. Der Panther, auf den der Blick ſeines Herrn nicht mehr wirkte, kauerte ſich wieder im Dunkel zu⸗ ſammen · In dem Käfige des Loͤwen hatte ſich ein kurz abgebrochenes, kreiſchendes Knacken hoͤren laſſen, gleich dem, welches man von großen Thieren hoͤrt, wenn ſie einen harten Körper zerbeißen. Kain zog alſo die Aufmerkſamkeit des Propheten an, er ver⸗ ließ den Tiger und ging an den andern Käfig. Man ſah von dem Loͤwen nur das ungeheuere roͤthlichgelbe Kreuz; ſeine Schenkel waren unter ihm zuſammengelegt und die dichte Maͤhne ver⸗ huͤllte den Kopf ganz. An der Spannung und dem Zucken der Lendenmuskeln und an demVorſtehen der Ruͤckenwirbel errieth man leicht, daß er ſeine Vor⸗ derbeine und ſeine Kinnladen gewaltſam anſtrengte. Der Prophet trat beſorgt an den Kaͤfig, denn er fuͤrchtete, Goliath habe dem Lowen ſeinem Ver⸗ bote zum Trotze einige Knochen vorgeworfen. Um ſich davon zu uͤberzeugen, rief er mit feſter Stimme „Kain!“ Kain ruͤhrte ſich aber nicht von der Stelle. „Kain! hier!“ rief Morok ſtaͤrker, aber verge⸗ bens, denn der Lowe ruͤhrte ſich nicht und das Knacken dauerte fort. „Kain! hier!“ rief der Prophet zum dritten⸗ male, und während er rief, beruͤhrte er die Huͤfte des Loͤwen mit der Spitze ſeines gluͤhenden Stabes. Kaum lief ein leichter Rauchſtreifen uͤber das roͤthliche Fell Kains hin, als er ſich mit unglaub⸗ licher Raſchheit umdrehete und ſich gegen das Git⸗ ter ſtuͤrzte, nicht kriechend, ſondern in einem Sprunge, einem ſchauerlich ſchoͤnen Sprunge. Da der Prophet an der Ecke des Kaͤfigs ſtand, ſo hatte ſich Kain in ſeiner Wuth von der Seite geſtellt, um ſeinem Herrn gerade gegenuͤber zu kommen. Er druͤckte ſo ſeine breiten Seiten an die Eiſenſtaͤbe und ſtreckte ſeinen ungeheuern Vor⸗ derfuß mit den aufgeſchwollenen Muskeln, der wenigſtens eben ſo dick war wie der Schenkel Go⸗ liaths, bis an das Gelenke heraus. „Nieder, Kain!“ gebot der Prophet, indem er raſch naͤher trat. Der Loͤwe gehorchte noch nicht. Seine vor Wuth hinaufgezogenen Lippen ließen Zaͤhne ſehen, die ſo breit, ſo lang und ſo ſcharf waren wie die Hauer eines Ebers. Morok beruͤhrte mit dem Ende ſeines gluͤhen⸗ den Eiſens die Lippen Kains. Der Lowe wagte bei dieſem Brandſchmerz, dem ein unerwarteter Befehl des Herrn folgte, nicht zu bruͤllen, er brummte nur dumpf und der große gewaltige Koͤr⸗ per ſank in eine demuͤthige ſcheue Stellung zu⸗ ſammen. ——. Der Prophet nahm nun die Lampe, um zu ſehen, woran Kain nage. Es war eines der Breter aus dem Fußboden ſeines Käfigs, das er losgeriſſen hatte und das er im Hunger zerbiß. Einige Augenblicke herrſchte die tiefſte Stille in der Menagerie. Der Prophet ging, die Haͤnde auf dem Ruͤcken zuſammengelegt, von einem Kafige zum andern und beobachtete ſeine Thiere mit unruhigem Ken⸗ nerblicke, als ſei er unentſchloſſen, unter ihnen eine ſchwere, aber wichtige Wahl zu treffen. Von Zeit zu Zeit blieb er an der großen Stall⸗ thuͤre ſtehen, die in den Hof des Wirthshauſes ging, und horchte. Dieſe Thuͤre wurde geoͤffnet und Goliath trat ganz durchnaͤßt herein. „Nun?“ fragte ihn der Prophet. „Es war nicht ſo leicht. Zum Gluck iſt es ſtockfinſter, der Wind geht ſtark und es regnet, was vom Himmel will.“ „Kein Argwohn?“ „Nichts, Herr.. Sie wußten Alles ganz gut. Die Thuͤre des Ganges fuͤhrte ins Freie gerade unter dem Fenſter der kleinen Maͤdchen. Als Sie mir pfiffen, um mir das Zeichen zu geben, daß es nun Zeit ſei, trat ich mit einem Tritte hinaus, den ich mitgenommen hatte; den Tritt ſtellte ich an die Wand und dann trat ich daraufz mit meiner Laͤnge . 3 ℳ von ſechs Fuß gab das neun Fuß und ich konnte mich auf das Fenſter ſtutzen. Ich faßte den Fen⸗ ſterladen mit der einen, den Griff meines Meſſers mit der andern Hand, zerbrach zwei Scheiben und ſchlug zu gleicher Zeit den Laden mit aller Ge⸗ walt an.“ „Und man glaubte, der Wind ſei es geweſen?“ „Man glaubte, der Wind ſei es geweſen. Sie ſehen, daß das Vieh nicht ſo viehdumm iſt. Als ich das gethan hatte, ſchluͤpfte ich geſchwind wieder in den Gang hinein und nahm den Tritt mit.. Bald darauf hörte ich die Stimme des Alten; es war ein Gluͤck, daß ich ſo raſch geweſen war.“ „Ja, als ich pfiff, trat er in die Wirthsſtube, um da zu eſſen; ich glaubte, er wuͤrde ſich laͤnger da aufhalten.“ „Er iſt der Mann nicht, der lange beim Eſſen ſitzt,“ ſagte der Rieſe veraͤchtlich.—„Kurz nach⸗ dem die Scheiben zerbrochen waren, machte der Alte das Fenſter auf und rief ſeinem Hunde zu, den er durch das Fenſter hinausſpringen ließ. Ich lief geſchwind an das andere Ende des Ganges, ſonſt haͤtte mich der verfluchte Hund hinter der Thuͤre gewittert. „Der Hund iſt jetzt in dem Stalle eingeſperrt, in welchem das Pferd des Alten ſteht. Weiter!“ „Als ich den Laden und das Fenſter hatte wie⸗ der zumachen hoͤren, kam ich aus dem Gange wie⸗ der heraus, ſtellte meinen Tritt wieder hin und ſtieg noch Snmal drauf. Ich zog vorſichtig an dem Fenſterladen und brachte ihn auch auf, aber die beiden zerbrochenen Scheiben waren mit einem Man⸗ tel oder Pelze verſtopft. Ich hörte reden, konnte aber nichts ſehen. Ich ſchob alſo den Mantel bei Seite und ſah nun die kleinen Maͤdchen im Bette mir gerade gegenuͤber. Der Alte ſaß an ihrem Bette und kehrte mir den Ruͤcken zu.“ „Und ſein Torniſter?— ſein Torniſter? Das iſt das Wichtigſte..“ „Sein Torniſter lag am Fenſter auf einem Tiſche neben der Lampei ich haͤtte ihn beruͤhren können, wenn ich den Arm ausſtreckte.“ „Was hoͤrteſt Du?“ „Da Sie mir ſagten, ich ſollte mich um nichts als um den Torniſter bekuͤmmern, ſo bekuͤmmerte ich mich auch blos um den Torniſter und was uͤber den geſprochen wurde. Der Alte ſagte, er hätte ſeine Papiere darin, Briefe von einem General, ſein Geld und ſein Kreuz.“ „Gut,— weiter!“ „Da es beſchwerlich war, den Mantel von dem Loche in der Fenſterſcheibe abzuhalten, ſo entſchluͤpfte er mir einmal; ich wollte ihn wieder faſſen und griff mit der Hand zu weit vor. Das hat wahr⸗ ſcheinlich eines der Mädchen geſehen, denn ſie wies auf das Fenſter und ſchrie..“ „Einfaltspinſel! So iſt der Plan verfehlt!“ ſprach der Prophet, bleich vor Zorn. Der ewige Jude. II. 5 — 66— „Warten Sie nur, nein, es iſt nichts verloren. ls ich ſchreien hoͤrte, ſprang ich von meinem Schemel herunter und lief wieder in den Gang hinein. Da der Hund nicht mehr da war, ließ ich die Thuͤre halb offen und ſo hoͤrte ich, daß man das Fenſter wieder aufmachte, und erkannte an dem hellen Scheine, daß der Alte mit der Lampe 3 herausleuchtete. Er ſah ſich um, bemerkte aber keine Leiter. Das Fenſter iſt ſo hoch, daß kein Mann von gewoͤhnlicher Größe hinaufreichen kann..“ —„Er wird geglaubt haben, es ſei der Wind ge⸗ 3 weſen, wie das erſtemal:. Du biſt nicht ſo unge⸗ „Der Wolf iſt Fuchs getworden, wie Sie ſag⸗ ten. Nachdem ich geſehen hatte, wo der Torniſter mit dem Gelde und dem Papiere liegt, und da ich vor der Hand weiter nichts thun konnte, ſo kam ich wieder hierher und da bin ich..“ „Geh hinauf und hole mir die eſchene Lanze, ie üingſte. 3 ſchickt, wie ich glaubte..“ „Ja, Herr.“ „Und die rothe Tuchdecke.“ „Ja, Herr.“ 3„Geh.“ Goliath ſtieg auf der Leſter hinauf. In der Mitte blieb er ſtehen und ſagte: „Herr— kann ich kein Stuͤck Fleiſch fuͤr den Tod mit herunterbringen?.. Sie werden ſehen, daß er's mir nachtraͤgt., Er wird Alles mir in die % — Schuhe ſchieben.. Er vergißt nichts und bei der erſten Gelegenheit...“ „Die Lanze und die Decke!“ wiederholte der Prophet mit gebieteriſcher Stimme. Während Goliath vor ſich hin fluchte und den Befehl ausfuͤhrte, oͤffnete Morok die Stallthuͤre leiſe, ſah in den Hof hinaus und horchte. „Da iſt die Lanze und die Decke,“ ſagte der Rieſe, indem er mit dieſen Gegenſtaͤnden auf der Leiter wieder herunterſtieg. „Was ſoll ich nun thun?“ „Geh wieder in den gewölbten Gang, ſteige noch einmal an das Fenſter hinauf, und wenn der Alte raſch aus der Stube fortgeht..“ „Warum ſollte er aus der Stube gehen?“ „Er wird herausgehen;., was kuͤmmert es „Nun?“ „Die Lampe ſteht nahe am Fenſter, ſagteſt Du?“ „Ganz nahe, auf einem Tiſche, neben dem Torniſter.“ „Sobald der Alte aus der Stube gegangen iſt, ſtoßt Du das Fenſter auf, wirfſt die Lampe um, und wenn Du dann das Uebrige raſch und geſchickt ausfuͤhrſt, ſind die zehn Gulden Dein. Du weißt doch noch Alles?“ 3 „Ja.“ „Die Mädchen werden über den Larm und das Dunkel erſchrecken und vor Furcht ganz ſti bleiben.“ 5 B „Ganz unbeſorgt, der Wolf iſt Fuchs geworden, er wird eine Schlange werden.“ „Das iſt noch nicht genug.“ „Was noch?“ „Das Dach dieſes Stalles iſt nicht hoch,— man kann leicht an das Fenſter darin gelangen, die Nacht iſt finſter; ſtatt durch die Thuͤre herein⸗ zukommen.. „Krieche ich durch das Bodenfenſter herein.“ „Ohne Geraͤuſch.“ „Wie eine Schlange,“ ſagte der Rieſe und ſchritt hinaus. „Ja,“ ſagte der Prophet nach einer ziemlich langen Pauſe;„dieſe Mittel ſind ſicher.. Ich brauche nicht zu zögern.. Ich bin ein blindes Werkzeug und kenne die Beweggruͤnde der Befehle nicht, welche ich empfangen habe, aber nach den Em⸗ pfehlungen, die dabei ſind, und nach der Stellung deſſen, der ſie mir uͤbergeben hat, handelt es ſich ohne Zweifel um außerordentlich wichtige Inter⸗ eſſen, um Intereſſen,“ ſetzte er nach einer neuen Wauſe hinzu, die mit dem Groͤßten und Erha⸗ benſten in dieſer Welt in Verbindung ſtehen! Wie aber kann dieſer armſelige Soldat, wie koͤnnen dieſe beiden Maͤdchen, die faſt Bettlerinnen ſind, ſolche Intereſſen vertreten?. Gleichviel,“ ſetzte er de⸗ muͤthig hinzu,„ich bin der Arm, der handelt; der Kopf, welcher denkt und befiehit, mag die Ver⸗ antwortlichkeit uͤbernehmen.“ 5— 5— Bald darauf ging der Prophet aus dem Stalle hinaus, nahm die rothe Decke mit ſich und ſchritt nach dem kleinen Stalle des Schimmels hinz die ſchlechtſchließende Thuͤre war kaum eingeklinkt. Bei dem Anblicke eines Fremden ſtürzte ſich Murr auf denſelben, aber ſeine Zähne trafen auf das Eiſen der Beinſchienen und der Prophet nahm, trotz den Biſſen des Hundes, den Schimmel an der Halfter, warf ihm die Decke uͤber den Kopf, damit er nicht ſehen koͤnnte, fuͤhrte ihn aus dem talle heraus und in ſeine Menagerie hinein, deren Thuͤre er verſchloß. Zehntes Kapitel. Die neberraſchung. Die beiden Maͤdchen betrachteten, nachdem ſie das Tagebuch ihres Vaters geleſen hatten, eine Zeitlang ſchweigend, traurig und nachdenkend die vetgilbten Papierblätter. Dagobert ſeiner Seits war ebenfalls in Ge⸗ danken verſunken; er dachte an ſeinen Sohn und an ſeine Frau, von denen er ſeit ſo langer Zeit ge⸗ trennt geweſen war und die er bald wiederzuſehen hoffte. 8 Nach einigen Minuten unterbrach endlich der* — Soldat die Stille. Er nahm die Blätter aus der Hand Bianca's, legte ſie ſorgſam zuſammen, ſteckte ſie in ſeine Taſche und ſagte zu den Maͤdchen: „Nun, faßt nur Muth, Kinderchen; Ihr ſeht, welchen braven Vater Ihr habt; denkt nur an die Freude, ihn zu umarmen, und erinnert Euch ſtets des Namens des wuͤrdigen Juͤnglings, dem Ihr dieſe Freude verdankt, denn ohne ihn haͤtte Euer Vater in Indien den Tod gefunden.“ „Er heißt Dſchalma.. Wir werden ihn nie vergeſſen,“ ſagte Roſa. „Und wenn unſer Schutzengel Gabriel wieder erſcheint,“ ſetzte Bianca hinzu,„wollen wir ihn bitten, auch uͤber Dſchalma zu wachen, wie uͤber uns.“ „Gut, Kinderchen; ich weiß es, daß Ihr nichts vergeßt, was Euer Herz angeht.. Der Reiſende, um wieder auf ihn zu kommen, der Euere arme Mutter in Sibirien aufſuchte, hatte den General einen Monat nach den Vorfallen geſehen, von denen Ihr geleſen habt, in dem Augenblicke, als er eben wieder gegen die Englaͤnder in's Feld ruͤcken wollte. Euer Vater vertraute ihm damals dieſe Papiere und dieſe Medaille an.“ „Was ſoll uns aber dieſe Medaille nuͤtzen, Da⸗ gobert?“ „Und was die Worte, welche darauf zu leſen ſind?“ fragte Roſa, indem ſie die Me⸗ daille aus ihrem Buſen zog. * Opaft In Paris von Rue Saint⸗Frangois Nr. 3. D. J. MNach ane 8 ſr werbe Ihr ein Brtei mich den 13. Frhruar 1832. Paris, Betet für mich. ben 13. Februar 1682.. „Das bedeutet, meine Kinder, daß wir am 13. Februar 1832 in Paris ſein muͤſſen, Rue Saint Francois Nr. 3.“ „Und was ſollen wir da?“ „Euere Mutter wurde von der Krankheit ſo plotzlich uͤberfallen, daß ſie mir es nicht ſagen konnte. Ich weiß weiter nichts, als daß ſie dieſe Medaille von ihren Aeltern hatte. Sie war eine Reliquie, welche ſeit mehr als hundert Jahren in der Familie ſorgſam aufbewahrt worden.“ 8 „Und wie war ſie in den Beſitz unſeres Va⸗ ters gekommen?“ „Unter den Gegenſtaͤnden, welche man in aller Eile in den Wagen gepackt hatte, als man ihn aus Warſchau fortbrachte, befand ſich ein Neceſſaire, das Eurer Mutter gehoͤrte und in dem dieſe Me⸗ daille lag. Der General konnte ſie nicht zuruͤck⸗ ſchicken, da er nicht wußte, wo wir waren.“ „Die Medaille iſt alſo wohl ſehr wichtig fuͤr uns?“ „Ohne Zweifel, denn ich hatte Euere Mutter in funfzehn Jahren nicht ſo gluͤcklich geſehen, als an dem Tage, an welchem der Reiſende ihr dieſelbe zuruͤckbrachte.„Nun wird das Schickſal meiner „Kinder vielleicht ſo ſchon, als es bis jetzt jammer⸗ „voll geweſen iſt,“ ſagte ſie mit Thraͤnen in den Augen in Beiſein des Fremden zu mirz„ich will „den Gouvepneur von Sibirien um die Erlaubniß „bitten, mit meinen Toͤchtern nach Frankreich reiſen „zu duͤrfen.. Man ſieht vielleicht ein, daß ich durch „funfzehnjaͤhrige Verbannung und durch den Ver⸗ „luſt meines Vermoͤgens hinlaͤnglich beſtraft bin.. „Schlaͤgt man mir meine Bitte ab, ſo bleibe ich, „aber man erlaubt mir wohl vielleicht, meine Kin⸗ „der nach Frankreich zu ſchicken, wohin Du ſie be⸗ „gleiteſt, Dagobert. Ihr macht Euch ſogleich auf, „denn es iſt leider ſchon viel Zeit verloren, und „wenn Ihr nicht vor dem 13. Februar ankaͤmet, „wuͤrde dieſe ſchmerzliche Trennung und die be⸗ „ſchwerliche Reiſe vergeblich geweſen ſein.“ „Aber ein einziger Tag.. „Wenn wir am 14. ſiatt am 13. ankaͤmen, waͤre es nicht mehr Zeit, ſagte Euere Mutter. Sie gab mir auch einen dicken Brief, den ich in der erſten Stadt, in welche wir kaͤmen, auf die Poſt geben ſollte, was ich gethan habe.“ „Glaubſt Du, daß wir zu rechter Zeit in Paris ankommen werden?“ „Ich hoffe es. Gut waͤre es freilich, n Ihr die Kraft haͤttet, daß wir einige Tagereiſen verdoppeln koͤnnten, denn wenn wir täglich nur — —— — * „ — * * — ——— „ unſere fünf Stunden machen und nichts uns auf⸗ hůͤt, kommen wir hochſtens im Anfange Februars in Paris an, und es waͤre doch beſſer, wenn wir fruͤher anlangten.“ „Wann aber werden wir unſern Vater ſehen, da er in Indien iſt und nach Frankreich nicht zu⸗ ruͤckkehren kann, weil er da zum Tode verurtheilt wurde?“ „Und wo werden wir ihn ſehen?“ „Es iſt wahr, Ihr wißt ſo Vieles nicht, Sht armen Kinder. Der General konnte damals, als der Reiſende ihn verließ, nicht nach Frankreich zu⸗ ruͤckkehren, jetzt darf er es.“ „Warum kann er es?“ „Weil im vorigen Jahre die Bourbons, die ihn verbannt hatten, ſelbſt verjagt worden ſind. Die Nachricht davon wird nach Indien gelangt ſein und Euer Vater kommt gewiß nach Paris, um Euch da zu erwarten, weil er chofft, daß Ihr und Euere Mutter am 13. Febr. des naͤchſten Jahres dort ſein werdet.“ „Nun verſteh' ich's, wir koͤnnen hoffen, ihn wiederzuſehen,“ ſagte Roſa ſeufzend. „Weißt Du denn, wie jener Reiſende heißt, Dagobert?“ Nein, Kinder, aber er iſt ein braber Mann, er mag Hinz oder Kunz heißen. Als er Euere Mutter verließ, dankte ſie ihm mit Thränen in den Angen, daß er ſo freundſchaftlich und guͤtig gegen — den General, gegen ſie und ihre Kinder geweſen ſei. Da druͤckte er ihr die Haͤnde und ſagte mit weicher Stimme, die mir ſeltſam zu Herzen ging: „Warum mir danken? Hat er nicht geſagt: liebet Euch unter einander?“ „Wer, Dagobert?“ „Ja, wen meinte der Reiſende?“ „Das weiß ich nicht; aber die Art, wie er dieſe Worte ſprach, fiel mir ſehr auf und es waren die 1 letzten, welche ich von ihm gehoͤrt habe.“ „Liebet Euch unter einander..“ wieder⸗ holte Roſa, wie in Gedanken verſunken. „Ach der Spruch iſt ſo ſchön!“ fügte Bianca hinzu. „Wohin ging der Reiſende?“ „Weit, weit nach Norden,“ ſagte er zu Euerer Mutter. Als ſie ihn fortgehen ſah, ſagte ſie zu mir:„ſeink milde traurige Sprache hat mich bis zu „Thraͤnen geruͤhrt; ſo lange er mit mir redete, „fuͤhlte ich auch beſſer, ich liebte meinen Mann „und meine Kinder noch mehr, und gleichwohl „moͤchte man behaupten, wenn man das Geſicht „des Fremden anſieht, er habe nie geweint „und nie gelacht,“ ſetzte Euere Mutter hinzu. „Als er fort war, ſtanden wir, Euere Mutter und ich, an der Thuͤre und ſahen ihm nach, ſo lange als es uns moͤglich war; er ging mit geſenk⸗ tem Haupte, langſam, ruhig und ſicher, als wenn er ſeine Schritte zaͤhle. Bei ſeinen Schritten be merkte ich noch etwas.“ 1 „Was, Dagobert?“— „Ihr wißt, daß der Weg, der zu unſerm Hauſe fuͤhrte, wegen der kleinen Quelle daneben immer feucht war.“. „Ja.“ „Auf dieſer weichen Erde ſah man deutlich ſeine Fußtapfen und ich bemerkte, daß ſeine Soh⸗ len kreuzfoͤrmig mit Naͤgeln beſchlagen waren.“ „Wie ſo kreuzfoͤrmig?“ „Sie waren ſo geſtellt,“ ſagte Dagobert, indem er den Finger ſiebenmal auf die Bettdecke druͤckte: 8 0 6 6 8 8 — „Seht, das macht ein Kreuz.“ „Was mag das bedeuten, Dagobert?“ „Es iſt vielleicht blos Zufall geweſen, blos Zu⸗ fall, aber mir war es gleich, als bedeute das ver⸗ fluchte Kreuz nichts Gutes. Und richtig, kaum war der Mann fort, ſo kam ein Ungluck uͤber das andere.“ „Ach ja, der Tod unſerer Mutter.“ „Ja, aber vorher ein anderer Verdruß.. Ihr waret noch nicht zuruͤckgekommen, ſie ſchrieb das — 6 Geſuch um bie Erlaubniß, nach Frankreich zu rei⸗ ſen oder Euch dahin zu ſchicken, als ich ein Pferd her galoppiren hoͤrte.. Es war ein Courrier des Generalgouverneurs von Sibirien, der uns den Befehl brachte, einen andern Aufenthaltsort zu waͤhlen. Binnen drei Tagen ſollten wir uns an⸗ dern Verbannten anſchließen, um mit denſelben vierhundert Meilen weiter nach Norden gebracht zu werden. So ſteigerte man nach funfzehnjaͤhri⸗ ger Verbannung die Grauſamkeit und Verfolgung gegen Euere Mutter noch immer.“ „Warum behandelte man ſie ſo grauſam?“ „Es war, als wenn ein böſer Geiſt ſie verfolge, denn einige Tage ſpäter hätte uns der Reiſende in Milosk nicht mehr gefunden, und wenn er uns auch gefunden hätte, ſo wären wir in ſo weiter Ferne geweſen, daß die Medaille und die Papiere, die er uns brachte, nichts genuͤtzt haben wuͤrdenz denn wenn wir auch ſogleich haͤtten abreiſen koͤn⸗ nen, wuͤrden wir doch kaum zu rechter Zeit in Pa⸗ ris angekommen ſein.„Man koͤnnte nicht anders handeln,“ ſagte Euere Mutter,„wenn man ein Intereſſe dabei hatte, mich oder meine Kinder nicht nach Frankreich reiſen zu laſſen; denn wenn man uns jetzt vierhundert Meilen weiter nach Norden verſetzt, macht man die Reiſe nach Frankreich zu dieſer beſtimmten Zeit unmoglich.“ Bei dieſem Gedanken wurde ſie ganz troſtlos.“ „Vielleicht hat dieſer unerwartete Kummer die ploͤtzliche Krankheit veranlaßt?“ „Ach nein, Kinder, es war die verdammte Cho⸗ lera, die ploͤtzlich da iſt, man weiß nicht, woher ſie kommt,— denn ſie reiſet auch— und die Einen niederwirft wie ein Blitz. Drei Stunden nach der Abreiſe des Fremden, als Ihr luſtig und vergnuͤgt mit den großen Blumenſträußern fuͤr Euere Mut⸗ ter aus dem Walde zuruͤckkamt, lag ſie ſchon im Sterben und war nicht mehr zu erkennen. Die Cholera war im Dorfe ausgebrochen und Abends waren ſchon fuͤnf Perſonen todt. Euere Mutter hatte nur noch Zeit, Dir, liebes Roschen, die Me⸗ daille umzuhangen, Euch beide mir anzuempfehlen und mich zu bitten, ſogleich aufzubrechen. Nach⸗ dem ſie geſtorben war, konnte der neue Verban⸗ nungsbefehl, der ſie traf, Euch nicht beruͤhren; der Gouverneur erlaubte mir, mit Euch nach Frank⸗ reich abzureiſen, wie es Euere..“ Der Soldat konnte nicht weiter ſprechen. Er legte die Hand uͤber die Augen, waͤhrend die bei⸗ den Schweſtern einander ſchluchzend umarmten. „Aber,“ fuhr Dagobert mit Stolz nach einem kurzen ſchmerzlichen Schweigen fort,„Ihr habt Euch als muthige Toͤchter des Generals gezeigt⸗ Trotz der Gefahr konnte man Euch von dem Bette Euerer Mutter nicht wegreißen; Ihr bliebet bei ihr bis zuletzt; Ihr druͤcktet ihr die Augen zu, Ihr wachtet bei ihr die ganze Nacht und wolltet nicht abreiſen, ehe Ihr das kleine Kreuz auf das Grab befeſtiget, das ich gegraben hatte.“ Dagobert unterbrach ſich plotzlich; man hoͤrte ein ungewoͤhnliches, verzweiflungsvolles Wiehern und entſetzliches Gebruͤll. Der Soldat ſprang er⸗ bleichend von ſeinem Stuhle auf und ſprach: „Das iſt Jovial, mein Schimmel Was thut man meinem Schimmel?“ Dann riß er die Thuͤre auf und lief ſchnell die Treppe hinunter. Die beiden Schweſtern ſchmiegten ſich anein⸗ ander, denn ſie waren uͤber das ploͤtzliche Forteilen des Soldaten ſo erſchrocken, daß ſie eine große Hand nicht bemerkten, welche durch die zerbrochene Fenſterſcheibe hereingriff, den Wirbel des Fenſter⸗ flugels aufdrehete und die Lampe umſtieß, welche auf dem Tiſchchen ſtand, auf welchem der Torni⸗ ſter des Soldaten lag. Die Madchen befanden ſich ſo in volliger Fin⸗ ſterniß. — 79 Elftes Kapitel. Der Schimmel und der Panther Tod“ —* Nachdem Morok den Schimmel Dagoberts in ſeine Menagerie gefuhrt hatte, nahm er ihm die Decke ab, die ihn bis dahin am Sehen gehindert hatte. Kaum hatten der Tiger, der Loͤwe und der Panther das Pferd bemerkt, als ſie ſich an die Eiſenſtäbe ihrer Käfige ſtͤrzten. Der Schimmel ſtand voll Entſetzen, mit aus⸗ geſtrecktem Halſe, ſtierem Auge und an allen Glie⸗ dern zitternd, wie in den Boden gewurzelt da und kalter Schweiß bedeckte ſeinen ganzen Koͤrper. Der Loͤwe und der Tiger bruͤllten furchterlich und ſprangen ungeſtuͤm in ihren Käͤfigen umher. Der Panther brullte nicht, aber ſeine ſtumme Wuth war grauenhaft. Nit einem Sprunge und auf die Gefahr hin, ſich den Schaͤdel einzurennen, ſturzte er ſich aus dem Hintergrunde ſeines Kaͤfigs bis an die Gitter⸗ ſtaͤbe; dann kroch er, noch immer ſtumm und gie⸗ rig, wieder an das fernſte Ende des Kaͤfigs zuruͤck, worauf er mit einem neuen eben ſo heftigen als tol⸗ len Sprunge das Gitter nochmals zu erſchuͤttern verſuchte. 3 Dreimal war er ſo, ſchweigend, ſchreckich geſprungen, als das Pferd vo des Entſetzens zu der Ruheloſi Thuͤre zulief, durch welche man es hereingefuhrt hatte. Da dieſe Thuͤre verſchloſſen war, ſo ließ es den Kopf haͤngen, bog die Vorderbeine, beſchnoberte den Spalt zwiſchen dem Boden und der Thuͤre, als wolle es freie Luft athmen, wieherte darauf in einer höheren Angſt noch lauter und ſcharrte ungeſtuͤm mit den Vorderbeinen. Der Prophet trat an den Kaͤfig des„Tod“, als derſelbe eben wieder an die Gitterſtäbe vor⸗ ſpringen wollte. Der ſchwere Riegel, welcher das Gitter feſthielt, wurde durch die Lanze des Thier⸗ baͤndigers zuruckgeſchoben und in einer Secunde war der Prophet die Haͤlfte der Leiter hinauf, welche auf ſeinen Dachboden fuhrte. Das Bruͤllen des Loͤwen und des Tigers, wie das Wiehern des Pferdes ſchallte durch alle Theile des Wirthshauſes. Der Panther hatte ſich von neuem mit ſo wuͤthender Gier gegen das Gitter geſtuͤrzt, daß daſ⸗ ſelbe nachgab und er mit einem Sprunge mitten in den Stall fiel. Das Licht der Lampe ſpiegelte ſich auf dem glänzenden Schwarz ſeines Felles. Einen Augen⸗ ungslos da, zuſammengeduckt uf ſeine ſehnigen Beine, den Kopf auf dem Boden vorgeſtreckt, als berechnete er die Weite des Sprun⸗ ges, den er zu machen habe, um das Pferd zu er⸗ reichen, dann ſtuͤrzte er ſich plötzlich und ungeſtuͤm auf daſſelbe. Der Schimmel warf ſich, als er das wuͤthende Thier aus dem Kaͤfige herausſpringen ſah, mit al⸗ ler Gewalt gegen die Thuͤre, welche ſich nach innen oͤffnete, und druckte daran, gleichſam um ſie einzu⸗ druͤcken. In dem Augenblicke, als der Panther den Sprung that, ſtieg das Pferd faſt kerzengerade empor, aber blitzſchnell hing ſich der„Tod“ ihm an die Kehle und ſchlug ihm gleichzeitig die ſcharfen Klauen ſeiner Vordertatzen in die Bruſt. Die Halsader des Pferdes war aufgeriſſen und ein rother Blutſtrom ſturzte unter den Zaͤhnen des Panthers heraus, der ſich auf ſeine Hinterbeine ſtutzte, ſein Opfer mit aller Kraft an die Thuͤre preßte und mit den ſcharfen Klauen ihm die Seite aufriß. Das Fleiſch des Pferdes zitterte und ſein faſt erſticktes Wiehern wurde grauenhaft. Mit einemmale hoͤrte man die Worte: „Jovial,. Muth! Ich bin da. Muth!“ Es war die Stimme Dagoberts, der ſich in verzweifelten Verſuchen erſchöpfte, die Thuͤre auf⸗ zuzwängen, hinter welcher dieſer blutige Kampf ſtattfand. „Jovial,“ rief der Soldat von neuem,„ich bin da zu Hilfe„ Der ewige Iude. II. 6 Das arme bereits dem Tode nahe Thier ver⸗ ſuchte bei dem Tone dieſer befreundeten, wohlbe⸗ kannten Stimme den Kopf nach der Seite herum⸗ zudrehen, von welcher ſie kam, antwortete durch ein wehklagendes Wiehern, brach dann unter dem gieri⸗ ge Panther zuſammen und fiel, zuerſt auf die Knie, dann auf die Seite, mit dem Ruͤcken an die Thuͤre, ſo daß dieſe nicht geoͤffnet werden konnte. Es war voruber. Der Panther kauerte ſich auf dem Pferde zu⸗ ſammen, klammerte ſich mit den Hinter- und Vor⸗ dertatzen an ihm feſt, obgleich der Schimmel noch einigemale kraftlos ausſchlug, und wuͤhlte ſich mit der blutigen Schnauze in die Seite hinein. „Zu Hilfe! Meinem Pferde zu Hilfe!“ rief Dagobert, indem er vergebens an dem Schloſſe ruͤttelte. Dann ſetzte er wuͤthend hinzu: „Und keine Waffe! Keine Waffe!“ „Nehmt Euch in Acht!“ rief der Thierbaͤndi⸗ ger, der an dem Bodenfenſter erſchien, welches auf den Hof ging.„Verſucht nicht einzudringen.. Es koſtet das Leben.. Mein Panther iſt wuͤthend.“ „Aber mein Pferd, mein Pferd, rief Da⸗ gobert mit herzzerreißender Stimme. „Es iſt im Dunkel aus ſeinem Stalle gelau⸗ fen und in die Menagerie hereingekommen. Der Panther zertruͤmmerte, ſobald er es ſah, ſeinen Kaͤfig und ſturzte ſich auf das Pferd.. Sie ſind verant⸗ wortlich fuͤr das Ungluͤck, das geſchehen kann,“ — 83— ſetzte der Thierbaͤndiger drohend hinzu,„denn ich kann nur mit der größten Gefahr den„Tod“ wie⸗ der in ſeinen Kaͤfig bringen.“ „Aber mein Pferd! Retten Sie mein Pferb!“ rief Dagobert, flehendlich, verzweiflungsvoll. 7 Der Prophet verſchwand an dem Bodenfenſter. Das Bruͤllen der Thiere und das Hilferufen Dagoberts weckten alle Leute in dem„weißen Fal⸗ ken“. Hier und da zeigte ſich Licht an Fenſtern, die eilig aufgeriſſen wurden. Die Kellner und Hausknechte erſchienen mit Laternen im Hofe, um⸗ ringten Dagobert und fragten ihn, was geſche⸗ hen ſei. „Mein Pferd iſt da drinnen und ein Thier dieſes Elenden hat ſich aus dem Kaͤfige freige⸗ macht,“ ſagte der Soldat, indem er fortwaͤhrend an der Thuͤre ruͤttelte. Die Leute aus dem Gaſthofe, welche durch das entſetzliche Gebruͤll ſchon erſchreckt waren, liefen bei dieſen Worten davon, um es dem Wirthe zu melden. Man kann ſich die Angſt des Soldaten den⸗ ken, der wartete, daß die Thuͤre ſich oͤffne. Er hielt bleich und keuchend das Ohr an das Schloß und horchte. Das Bruͤllen hatte allmälig aufgehoͤrt und er vernahm nichts mehr, als ein dumpfes Knurren und die Stimme des Propheten, der barſch rief: „Tod— hier! Tod!“ Die Nacht war finſter und Dagobtit bemerkte 5— Goliath nicht, der vorſichtig auf dem Ziegeldache hinkroch und durch das Bodenfenſter hineinſchluͤpfte. Bald wurde die Hofthuͤre von neuem geoͤffnet und der Beſitzer des Gaſthofes erſchien mit meh⸗ reren Leuten. Er hatte eine Flinte in der Hand und kam vorſichtig näher. Seine Leute waren mit Heugabeln und Stoͤcken bewaffnet. „Was giebt's?“ fragte er, indem er zu Dago⸗ bert trat.„Wer macht den Lärm in meinem Hauſe? Hol' der Teufel die Thierbaͤndiger und die nachläſſigen Leute, die ein Pferd an der Krippe nicht anzubinden verſtehen!.. Wenn Ihr Pferd Schaden gelitten hat, ſo iſt es Ihre Schuld; Sie haͤtten beſſer darauf achten ſollen.“ Statt auf dieſe Vorwuͤrfe zu antworten, winkte der Soldat, der noch immer an der Thuͤre horchte, mit der Hand, damit man keinen Lärm mache. Mit einemmale hörte man ein wildes furchter⸗ liches Gebrull nebſt einem lauten Schrei des Pro⸗ pheten, und gleich darauf heulte der Panther kläglich. „Sie ſind gewiß Schuld an einem Ungluͤcke,“ ſagte der erſchrockene Wirth zu dem Soldaten. „Haben Sie den Schrei gehoͤrt? Morok iſt viel⸗ leicht gefaͤhrlich verwundet.“ Dagobert wollte dem Wirthe eben antworten, als die Thuͤre geoͤffnet wurde. Goliath erſchien auf der Schwelle und ſagte: „Man kann herein, es iſt nicht mehr gefäͤhrlich.“ „ Das Innere der Menagerie gewaͤhrte ein grauen⸗ haftes Schauſpiel. Der Prophet, der ſeine Angſt nur mit Muͤhe unter ſeiner anſcheinenden Ruhe verbergen konnte, kniete bleich und in andaͤchtiger Stellung einige Schritte vor dem Käfige des Panthers, und an der Bewegung ſeiner Lippen erkannte man, daß er betete. Sobald er den Wirth und deſſen Leute erblickte, ſtand Morok auf und ſprach ſalbungsvoll: „Ich danke Dir, mein Gott, daß ich durch die Kraft, die Du mir gegeben haſt, noch einmal ſiegen konnte.“ Dann ſchlug er die Arme uͤber der Bruſt zu⸗ ſammen, ſtand ſo mit ſtolz erhobener Stirn und gebieteriſchem Blicke da und ſchien ſich an dem Siege zu weiden, den er uͤber den„Tod“ errungen hatte, welcher in ſeinem Käfige lag und noch immer kläglich heulte. Die Zuſchauer, welche nicht wußten, daß das Gewand des Thierbändigers eine voͤllige Ruͤſtung verbarg, und das Heulen des Panthers der Furcht zuſchrieben, ſtaunten voll Bewunderung die Uner⸗ ſchrockenheit und die faſt ubernaturliche Gewalt dieſes Mannes an. Einige Schritte hinter ihm ſtand Goliath, auf die Eſchenlanze geſtutzt. Nicht weit von dem Kaͤfige, in einem Bl teiche, lag der todte Schimmel. — Dagobert blieb bei dem Anblicke dieſer zerriſſe⸗ nen blutigen Ueberreſte unbeweglich ſtehen und in ſeinem rauhen Geſichte ſprach ſich tiefer Schmerz aus. Dann kniete er neben ſeinem Schimmel nieder, hob den Kopf deſſelben empor, und als er ſah, daß die ſonſt ſo klugen muntern Augen matt, glaſig und halbgeſchloſſen waren, konnte er einen Ausruf des Schmerzes nicht unterdruͤcken. Dagobert hatte ſeinen Zorn vergeſſen und dachte nicht an die traurigen Folgen dieſes Unfalles, der fuͤr das Wohl der Madchen ſo nachtheilig werden mußte, weil ſie nun ihre Reiſe nicht fortſetzen konntenz er dachte nur an den ſchrecklichen Tod des armen alten Pferdes, ſeines ehemaligen Kriegsge⸗ fährten, des treuen Thieres, das ſeine Strapazen getheilt hatte, zweimal gleich ihm verwundet wor⸗ den war und das er ſeit ſo vielen Jahren nicht ver⸗ laſſen hatte. Dieſes ſchmerzliche Gefuhl ſprach ſich ſo deutlich, ſo ergreifend in dem Geſichte deſſelben aus, daß der Wirth und deſſen Leute bei dem Anblicke des großen greiſen Mannes, der neben dem todten Pferde kniete, einen Augenblick Mitleid empfanden. Als aber Dagobert in ſeinem Bedauern ferner bedachte, daß der Schimmel auch der Gefaͤhrte ſeiner Verbannung geweſen ſei, daß die Mutter der Mädchen fruher gleich ihren Tochtern eine be⸗ ſchwerliche Reiſe auf dem ungluͤcklichen Thiere ge⸗ macht habe, traten die traurigen Folgen des Ver⸗ — luſtes, den er eben erlitten hatte, plotzlich vor ſeine Seele, ſein Geſicht druͤckte nicht mehr Bedauern, ſondern zornige Wuth aus, ſeine Augen funkelten, er ſprang auf und ſturzte ſich auf den Propheten. Er packte ihn mit einer Hand an der Kehle und verſetzte ihm mit der andern regelrecht auf die Bruſt funf bis ſechs Fauſtſchlaͤge, deren Kraft freilich an dem Panzerhemd Moroks brach. „Spitzbube! Du ſollſt mir fur den Tod meines Pferdes ſtehen!“ rief der Soldat aus, waͤhrend er die Zuͤchtigung fortſetzte. Der ſchmächtige Morok konnte nicht mit Vor⸗ theil mit Dagobert ringen, der nicht nur rieſengroß war, ſondern auch eine ungewoͤhnliche Koͤrperkraft beſaß. Goliath und der Wirth mußten einſchrei⸗ ten, um den Propheten den Haͤnden des ehema⸗ ligen Grenadiers zu entreißen. Nach einigen Augenblicken gelang es, die bei⸗ den Gegner zu trennen. Morok war bleich vor Wuth, und wenn die Andern ihn nicht mit Ge⸗ walt zuruͤckgehalten haͤtten, wuͤrde er die Lanze er⸗ griffen und Dagobert damit niedergeſtoßen haben. „Es iſt eine Suͤnde und eine Schande,“ ſagte der Wirth zu dem Soldaten, der voll Verzweiflung beide Fäuſte auf ſeine kahle Stirn druͤckte. „Erſt ſetzen Sie den wuͤrdigen Mann der Ge⸗ fahr aus, von ſeinen Thieren zerriſſen zu werden,“ fuhr der Wirth fort,„und nun wollen Sie ihn auch noch erſchlagen. Beträgt ſich ein alter Mann ½ mit grauem Kopfe ſo? Soll ich nach der Polizei ſchicken? Am Abend betrugen Sie ſich weit ver⸗ nuͤnftiger.“ Dieſe Worte brachten den Soldaten wieder zu ſich ſelbſt und er bereuete ſeine Heftigkeit um ſo mehr, als ſie ihn als Fremden in noch groͤßere WVerlegenheit bringen konnte. Er mußte um jeden Preis Erſatz fuͤr ſein Pferd erhalten, um die Reiſe fortſetzen zu koͤnnen, deren Erfolg durch eine Ver⸗ zoͤgerung um einen einzigen Tag gefaͤhrdet werden mußte. Er that ſich alſo Gewalt an und be⸗ zwang ſich. „Sie haben Recht,. ich bin zu hitzig geweſen,“ ſagte er mit bewegter Stimme, die gelaſſen klingen ſollte.„Ich konnte mich nicht gleich faſſen. Iſt aber dieſer Mann nicht verantwortlich fuͤr den Ver⸗ luſt meines Pferdes? Entſcheiden Sie daruͤber.“ „Wenn ich entſcheiden ſoll, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich Ihrer Meinung nicht bin. Es iſt durch Ihre Schuld geſchehen. Sie haben das Pferd wahrſcheinlich nicht gehoͤrig angebunden und es iſt in den Stall hier hereingekommen, deſſen Thuͤre wohl angelehnt geweſen ſein mag,“ ſagte der Wirth, der offenbar Partei fur den Thierbaͤn⸗ diger nahm. „So iſt es,“ fiel Goliath ein;„ich beſinne mich; ich hatte die Thuͤre nur angelehnt, damit die Thiere Luft bekämen. Die Kaͤfige waren feſt ver⸗ ſchloſſen, es hatte alſo keine Gefahr,.“ — —— „ —— „So iſt es!“ ſagte Einer der Anweſenden⸗ „Der Panther muß das Pferd geſehen haben, ſonſt wuͤrde er nicht wuͤthend geworden ſein und ſeinen Käfig zerbrochen haben,“ meinte ein Anderer. „Der Prophet hat urſache, ſich zu beklagen,“ ſagte ein Dritter. „Mir iſt es ſehr gleichguͤltig, was der oder jener meint,“ fiel Dagobert ein, dem die Geduld auszu⸗ gehen anfing,„ich ſage, er muß mir auf der Stelle Geld oder ein Pferd geben, auf der Stelle, denn ich will fort aus dieſem unſeligen Wirthshauſe.“ „Und ich ſage, Sie muͤſſen mich entſchaͤdigen,“ erwiederte Morok, der dieſen Theatercoup ohne Zweifel bis zuletzt aufgeſpart hatte, denn er zeigte jetzt ſeine linke blutige Hand, die bisher im Aermel ſeines Gewandes verſteckt geweſen war.„Ich bin vielleicht lebenslaͤnglich verſtuͤmmelt,“ ſetzte er hinzu. „Seht her! welche Wunde ich davon getragen habe!“ 5 Die Wunde war tief, wenn auch nicht ſo ge⸗ fährlich, wie ſie der Prophet beſchrieb, und dieſer letzte Grund gewann ihm die allgemeine Theil⸗ nahme. Der Wirth, der unſtreitig darauf rechnete, der Sache, die er fuͤr die ſeinige anſah, den Sieg zu verſchaffen, ſagte zu dem Hausknechte: „Es bleibt da weiter nichts uͤbrig, als daß wir ſogleich den Ortsrichter wecken und ihn bitten laſſen, hierher zu kommen; er wird entſcheiden, wer Recht und wer Unrecht hat.“ — 90— „Darauf wollte ich antragen,“ ſagte der Sol⸗ dat,„denn ſelbſt kann ich mir nicht Recht ver⸗ ſchaffen.“ „Fris, lauf' zu dem Richter,“ ſagte der Wirth. Der Hausknecht lief ſchnell fort und der Wirth, der durch das Verhor des Soldaten gefährdet zu werden fuͤrchtete, da er am Abend denſelben nicht nach dem Paſſe gefragt hatte, fuhr fort: „Der Richter wird aͤrgerlich daruͤber ſein, daß er ſo ſpät geſtort wird.. Ich mag nicht darunter leiden und fordere Sie alſo auf, mir Ihren Paß zu holen, wenn er in Ordnung iſt. Ich habe ver⸗ ſaͤumt, mir ihn gleich bei Ihrer Ankunft zeigen zu laſſen.“ „Meine Papiere ſind oben in meinem Tor⸗ niſter; ich werde ſie Ihnen zeigen,“ antwortete der Soldat. Dann wendete er das Geſicht ab, legte die Hand auf die Augen, als er an dem todten Schimmel vorbeiging, und ſchritt hinaus, um wieder zu den beiden Schweſtern zu gehen. nach und murmelte vor ſich hin: „Nun hat er kein Pferd, kein Geld und keine Papiere mehr.. Mehr konnte ich nicht thun.. da mir verboten war, mehr zu thun, und ich ſo viel als möglich mit Liſt handeln und den Schein wahren ſollte.. Jedermann wird dem Soldaten Unrecht geben. Dafuͤr kann ich wenigſtens burgen, Der Prophet ſah ihm mit triumphirendem Blicke —— daß er einige Tage lang hier bleiben muß, da an ſeiner Feſthaltung und jener der jungen Mädchen ſo ſehr viel gelegen zu ſein ſcheint.“ Eine Viertelſtunde nach dieſer Aeußerung des Thierbaͤndigers ſchlupfte Karl, der Kamerad Go⸗ liaths, aus dem Verſtecke heraus, in dem er ſich auf Befehl ſeines Herrn bis dahin verborgen ge⸗ halten hatte, und brach nach Leipzig auf mit einem Brieſe, den Morok eilig geſchrieben hatte und den Karl ſogleich zur Poſt geben ſollte⸗ Die Adreſſe dieſes Briefes lautete: An den Herrn Rodin in (Rue du Milien des Ursins, Nr. 11.) Zwölftes Kapitel. Der Richter⸗ Die aͤngſtliche Beſorgniß Dagoberts wurde im⸗ mer groͤßer. Da er die Ueberzeugung hatte, daß ſein Pferd nicht freiwillig in den Stall gegangen war, in welchem ſich die wilden Thiere befanden, ſo ſchrieb er das ungluͤckliche Ereigniß der Boͤswillig⸗ Paris. † Licht?“ er den Grund der Erbitterung dieſes Elenden zu errathen und er dachte mit Schrecken daran, daß ſeine Sache, ſo gerecht ſie auch ſei, von der guten oder ſchlechten Laune eines Schulzen abhäͤnge, der aus dem Schlafe geſtoͤrt worden war und ihn auf trugeriſchen Schein hin verurtheilen konnte. Mit dem Vorſatze, den Maͤdchen das neue Ungluͤck, das ſie betroffen, ſo lange als moͤglich zu verheimlichen, öffnete er die Thuͤre ihres Stuͤbchens und ſtieß da⸗ bei an Murr, denn der Hund war auf ſeinen Poſten geeilt, nachdem er vergebens den Propheten zu hin⸗ dern verſucht hatte, den Schimmel wegzufuͤhren. „Zum Gluͤck iſt der Hund wiedergekommen, und die armen Kleinen waren bewacht,“ dachte der Soldat, waͤhrend er die Thuͤre aufmachte. Zu ſeiner großen Verwunderung war es in dem Stubchen ſtockfinſter. „Kinder,“ fragte er,„warum ſeid Ihr ſo ohne Er erhielt keine Antwort, tappte erſchrocken an das Bett und ergriff die „Roſa! Kinder!“ riefer.„Bianca! Antwortet mir doch.. Ihr aͤngſtiget mich.“ Alles blieb ſtill und die Hand, die er in der ſeinigen hielt, folgte kalt und leblos ſeinen Bewe⸗ gungen. Der Mond, der eben hinter den ſchwarzen Wol⸗ keit des Thierbaͤndigers zu; aber vergebens ſuchte Hand einer der Schwe⸗ ſtern. Die Hand war eiskalt. — —— ken hervortrat, die ihn umgaben, warf jetzt ein helles Licht in das Stuͤbchen und auf das Bett dem Fenſter gegenuͤber, und der Soldat konnte ſehen, daß die beiden Schweſtern ohnmaͤchtig da⸗ lagen. Das blaͤuliche Mondenlicht erhohete die Bläſſe der Madchen noch; ſie hielten einander halb um⸗ ſchlungen und Roſa hatte ihr Koͤpfchen am Buſen Bianca's verborgen. 8 „Sie werden ſehr erſchrocken ſein,“ dachte Da⸗ gobert, indem er nach ſeiner Branntweinflaſche ging. „Die armen Kleinen! Es iſt kein Wunder nach einem Tage, an dem ihr Herz ſo ſehr erſchuͤttert worden iſt!“ Er goß einige Tropfen Branntwein auf den Zipfel eines Tuches, kniete vor dem Bette nieder, rieb die Schläfe der beiden Schweſtern und hielt ihnen das mit dem Branntwein getränkte Tuch unter die Näschen. Waͤhrend er ſo dakniete und ſein braunes angſt⸗ volles Geſicht nach den Maͤdchen hinbog, wartete er einige Secunden, ehe er das einzige Mittel, das er bei der Hand hatte, noch einmal anwende. Eine leichte Bewegung Roſa's gab dem alten Solbaten einige Hoffnung. Das Mädchen wen⸗ dete ſeufzend den Kopf auf dem Kiſſen um, dann fuhr ſie zuſammen, ſchlug erſtaunt und erſchrocken die Augen auf und da ſie Dagohert nicht ſogleich erkannte, rief ſie aus:„Schweſter!“ und ſank in die Arme Bianca's. Dieſe begann auch die Wirkung des Mittels zu fuͤhlen, das der Soldat angewendet hatte. Der Ausruf Roſa's weckte ſie völlig aus ihrer Erſtar⸗ rung, ſie theilte aber auch den Schrecken der Schweſter, ohne den Grund deſſelben zu kennen, und ſchmiegte ſich an ſie. „Nun ſind ſie wieder zur Beſinnung gekom⸗ men, das iſt die Hauptſache,“ ſagte Dagobert. „Die thörichte Furcht wird ſich auch verlieren.“— In ſanfterem Tone ſetzte er ſodann hinzu: „Kinder, Muth! Es geht beſſer mit Euch,. ich bin da, ich, Dagobert.“ Die Madchen bewegten ſich raſch, wendeten ihre Geſichter, auf denen man noch die Spuren der Angſt bemerkte, nach dem Soldaten hin, ſtreck⸗ ten gleichzeitig die Arme nach ihm aus und riefen: „Du biſt es, Dagobert,— ſo ſind wir ge⸗ rettet.“ „Ja, Kinder, ich bin es,“ antwortete der Ve⸗ teran, indem er die Haͤnde der Maädchen in die ſeinigen nahm und ſie freudig druckte;„habt Ihr Euch in meiner Abweſenheit recht gefuͤrchtet?“ „Ach,— zum Sterben!“ „Wenn Du wuͤßteſt, ach Gott!— wenn Du „Warum habt Ihr die Lampe ausgeloſcht?“ „Wir haben es nicht gethan.“ „Na, erholt Euch, Kinderchen, und erzaͤhlt es mir. Es kommt mir in dieſem Wirthshauſe ſo nicht recht ſicher vor.. Zum Gluͤck werden wir es bald verlaſſen. Verflucht ſei der Zufall, der uns daher fuͤhrte.. Es giebt freilich kein anderes im Dorfe. Was iſt geſchehen?“ „Du warſt kaum fort, als das Fenſter mit Gewalt aufflog und die Lampe nebſt dem Tiſche mit ſchrecklichem Laͤrme umfiel.“ „Da verging uns aller Muth, wir ſchmiegten uns aneinander und ſchrien, denn es war uns auch, als hoͤrten wir in dem Stuͤbchen gehen.“ „und die Sinne vergingen uns aus uͤbergroßer Furcht..“ Dagobert, der leider die Ueberzeugung hatte, der Wind habe fruͤher die Fenſterſcheiben zerbro⸗ chen, glaubte, das Fenſter nicht gut wieder zuge⸗ wirbelt zu haben, ſchrieb auch dieſen zweiten Unfall derſelben Urſache wie die erſte zu, und meinte, die Angſt habe die beiden Maͤdchen getaͤuſcht. —„Nun— es iſt vorbei, wir wollen nicht mehr daran denken, beruhiget Euch nur,“ ſagte er zu ihnen. „Warum verließeſt Du uns aber ſo ſchnell, Dagobert?“ „Ja, jetzt beſinne ich mich; nicht wahr, Schwe⸗ ſter, wir hoͤrten einen ſchrecklichen Laͤrm und Da⸗ gobert lief mit den Worten hinaus: mein Pferdl Was thut man meinem Pferder“ „Wiehert⸗ der Schimmel?“ Dieſe Fragen erneuerten den Schmerz und die Angſt des Soldaten; er ſcheuete ſich, darauf zu antworten, und ſagte verlegen: „Ja, der Schimmel wieherte, aber es war nichts.. Vor allen Dingen muͤſſen wir wieder Licht haben.. Wißt Ihr, wohin ich mein Feuer— zeug gethan habe? Hm! Ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht,— ich habe es ja in der Taſche.. Zum Gluͤck ſteht ein Talglicht da; das will ich anzuͤnden, um in meinem Torniſter den Paß zu ſuchen, den ich brauche.“ Dagobert ſchlug Feuer an, zuͤndete das Licht an und ſah wirklich, daß das Fenſter noch offen war und der Tiſch umgeworfen neben der Lampe und dem Torniſter lag. Er machte das Fenſter wieder zu, ſtellte den Tiſch auf, legte ſeinen Tor⸗ niſter darauf und ſchnallte ihn auf, um ſein Ta⸗ ſchenbuch herauszunehmen, das ſich nebſt ſeinem Kreuze und ſeinem Beutel in der Taſche zwiſchen dem Futter und dem Leder des Torniſters befand, der nicht durchſucht zu ſein ſchien, weil die Riemen gehoͤrig zugeſchnallt waren. Der Soldat griff in die erwaͤhnte Taſche hin⸗ ein und fand nichts. Er erblaßte, als habe ihn der Blitz getroffen, prallte ein Paar Schritte zuruͤck und rief aus: „Was?! Nichts?“ „Was iſt Dir, Dagoberte“ fragte Bianca. Er antwortete nicht, ſondern ſtand unbeweglich da, uͤber den Tiſch gebeugt, die Hand noch immer in der Seitentaſche des Torniſters. Dann gab er einer unklaren Hoffnung nach,— denn eine ſo entſetzliche Wirklichkeit konnte er nicht fuͤr moͤglich halten,— und packte ſchnell Alles aus dem Tor⸗ niſter aus,— aͤrmliche abgetragene Fleidungs⸗ ſtuͤcke, und ſeine alte Grenadieruniform, eine fuͤr ihn heilige Reliquie. Wie ſorgfaͤltig er aber auch jedes einzelne Stuͤck auseinanderſchlug, er fand we⸗ der ſeinen Beutel, noch ſein Taſchenbuch, in wel⸗ chem ſein Paß, die Briefe des Generals Simon und ſein Kreuz lagen. Vergebens nahm er mit dem ſchrecklichen kin⸗ diſchen Eifer, der ſich immer bei verzweiflungsvol⸗ lem Suchen einſtellt, den Torniſter an den beiden Zipfeln und ſchuttelte ihn gewaltſam; es fiel nichts heraus. Die Maͤdchen ſahen ihm mit aͤngſtlicher Er⸗ wartung zu, da ſie das Schweigen und das Thun Dagoberts nicht begriffen, der ihnen den Ruͤcken zuwandte. Endlich wagte Bianca, mit ſchuchterner Stimme ihn zu fragen: „Was haſt Du denn, Dagobert?. Du änt⸗ worteſt uns nicht. Waos ſuchſt Du in dem Tor⸗ niſter?“ Dagobert antwortete nicht, ſondern ſuchte haſtig Der ewrge Jude. II. 5 v — 98— weiter und kehrte alle ſeine Taſchen um. Ver⸗ gebens. Vielleicht zum erſtenmale in ihrem Leben hatten ſeine beiden Kinder, wie er ſie nannte, ihn ange⸗ redet, ohne daß er ihnen antwortete. In die Augen Roſa's und Bianca's traten Thränenz ſie glaubten, der alte Soldat zurne ihnen, und ſie wagten nicht weiter, ihn anzureden. „Nein, nein, es kann nicht ſein,.. nein,“ ſagte der Veteran, indem er die Hand auf die Stirn legte und nachſann, wohin er die fuͤr ihn ſo wichtigen Gegenſtände wohl gelegt haben könne, denn an den Verluſt derſelben mochte er noch nicht glauben. Ein Blitz der Freude zuckte in ſeinen Augen— und er nahm raſch von einem Stuhle den Man⸗ telſack der Maͤdchen weg, der etwas Wäſche, zwei ſchwarze Kleider und ein kleines Kaſichen enthielt, worin ſich ein ſeidenes Tuch von ihrer Mutter, zwei Locken von dem Haar derſelben und ein ſchwarzes Band befand, das ſie am Halſe getragen hatte. Das Wenige, was ſie beſeſſen hatte, war von der ruſſiſchen Regierung bei der Confiscation weggenommen worden. Dagobert durchſuchte zu wiederholtenmalen Alles, ſah ſelbſt in die aͤußer⸗ ſten Winkel des Mantelſackes,— vergebens. Er ſtuͤtzte ſich, wie vernichtet, auf den Tiſch.. Der ſo kraͤftige, ſo ruͤſtige Mann war einer Ohnmacht nahe. Sein Geſicht gluhete und war * * — 99— zu gleicher Zeit von kaltem Schweiße bedeckt.. Seine Knie zitterten. Man ſagt, ein Ertrinkender greife nach einem Strohhalme; es iſt ebenſo bei der Verzweiflung, die durchaus nicht verzweifeln will, und Dagobert uͤberließ ſich nochmals einer thorichten, unmoͤglichen Hoffnung.. Er wendete ſich plotzlich zu den beiden Madchen und ſagte, ohne ſeine Zuge oder ſeine Stimme zu veraͤndern: „Habe ich ſie Euch nicht aufzuheben gegeben?“ Statt ihm zu antworten, ſchrien Roſa und Bianca laut auf, denn ſie entſetzten ſich uͤber die Bläſſe und den Ausdruck ſeines Geſichtes. „Mein Gott,. mein Gott, was haſt Du, Dagobert?“ fragte Roſa. „Habt Ihr ſies.. Ja oder nein?“ fragte der ungluͤckliche, den der Schmerz faſt wahnſinnig machte, mit Donnerſtimme.„Wenn Ihr ſie nicht habt, ſo nehme ich das erſte beſte Meſſer und. ſtoße mir es durch den Leib.“ „Ach, Dagobert, Du biſt ſo gut, verzeihe, wenn wir Dir etwas zu Leid gethan haben.“ „Du liebſt uns ſo ſehr,. Du wirſt uns nichts zu Leide thun wollen..“. Und die Madchen ſtreckten weinend und bittend die Haͤnde nach ihm aus. Der Veteran ſtarrte ſie an, ohne ſie zu ſehen, und erſt als dieſer Schwindel vergangen war, trat ihm plotzlich die Wirklichkeit mit allen ihren ſchreck⸗ 7 100— lichen Folgen vor die Seele; er ſchlug die Hände zuſammen, fiel vor dem Bette der Mädchen auf die Knie nieder, ſtuͤtzte ſeine Stirn darauf und un⸗ ter dem herzzerreißendſten Schluchzen— denn dieſer Eiſenmenſch ſchluchzete wirklich— hoͤrte man nichts, als die Worte: „Verzeiht, verzeiht—, ich weiß nicht.— Ach, das Ungluͤck! das Ungluͤck!“ Bei dieſem Ausbruche von Schmerz, deſſen Urſache ſie nicht kannten, der aber bei einem ſol⸗ chen Manne erſchuͤtternd war, legten die beiden Schweſtern beſtuͤrzt ihre Arme um den alten grauen Kopf und ſprachen weinend: „Aber ſieh uns doch nur an, und ſage uns, was Dir fehlt! Wir haben Dich nicht betcübt?“ Auf der Treppe hoͤrte man Tritte und gleich darauf das Bellen Murrs, der vor der Thuͤre ge⸗ blieben war. Je näͤher die Tritte kamen, um ſo wuͤthender wurde das Bellen des Hundes, das ohne Zweifel auch von feindſeligen Demonſtrationen begleitet war, denn man hoͤrte den Wirth unwirſch ausruſen: „He! So rufen Sie doch den Hund, oder re⸗ den Sie ihm zu!.. Der Richter kommt!“ „Dagobert, hoͤrſt Du? Der Richter iſt es,“ ſagte Roſa. „Es kommen Leute herauf,“ ſetzte Bianca hinzu. Die Worte„der Richter“ brachten Dagobert ½ — 101 ₰ wieder vollig zur Beſinnung und vervollſtaͤndigten gleichſam das Gemälde ſeiner ſchrecklichen Lage. Sein Pferd war todt; er hatte keine Papiere und kein Geld mehr, ein Aufenthalt von einem einzi⸗ gen Tage vernichtete die letzte Hoffnung der beiden Schweſtern und machte die lange beſchwerliche Reiſe nutzlos. Alle ſtarkorganiſirten Menſchen, und Dagobert gehoͤrte zu ihnen, ziehen die klar und deutlich vor ihnen liegenden großen Gefahren und drohenden Umſtaͤnde jener undeutlichen Angſt vor, welche einem endlichen Ungluͤcke vorausgeht. Der geſunde Verſtand und die bewundernswuͤr⸗ dige Anhaͤnglichkeit ſagten dem Soldaten, daß ihm nichts geblieben ſei, als die Gerechtigkeit des Rich⸗ ters, und daß er folglich Alles aufbieten muͤſſe, um dieſen Mann fuͤr ſich zu gewinnen. Er trocknete deshalb ſeine Augen an dem Betttuche ab, richtete ſich entſchloſſen und ruhig geradeauf und ſagte zu den Maͤdchen: „Fuͤrchtet nichts, Kinder. Unſer Retter kommt.“ „Werden Sie den Hund rufen?“ fragte der Wirth, den der wachſame Hund noch immer auf der Treppe zuruckhielt und dem er das Heraufkom⸗ men ſtreitig zu machen ſuchte.„Iſt die Beſtie toll? Binden Sie ihn an! Haben Sie nicht ſo ſchon Ungluͤck genug in meinem Hauſe angerichtet? rok verhoͤrt hat.“ Dagobert ſtrich mit der Hand durch ſein graues Haar und uͤber ſeinen Schnurbart, heftete den Kra⸗ gen ſeines Rockes zu und buͤrſtete mit der Hand die Aermel ab, um ſo gut als moͤglich auszuſehen, da er wohl fuͤhlte, daß das Schickſal der Waiſen von ſeiner Unterredung mit dem Richter von Moͤckern abhaͤngen werde. Nicht ohne heftiges Herzklopfen legte er die Hand auf das Thuͤrſchloß, nachdem er zu den Maͤdchen, die ſich mehr und mehr aͤngſtigten, ge⸗ ſagt hatte: „Kriecht in das Bett hinein, Kinderchen. Wenn durchaus Jemand hereinkommen muß, ſ ſoll es nur der Richter ſein.“ Dann oͤffnete er die Thuͤre, trat an die vor und ſagte: „Murr! hier!“ Der Hund gehorchte mit offenbarem Widerwil⸗ len; ſein Herr mußte ihm zweimal befehlen, jede ubelwollende Demonſtration gegen den Wirth ein⸗ zuſtellen, der eine Laterne in der einen Hand hielt und vor dem Ortsrichter herſchritt, deſſen Geſicht man in dem Dunkel auf der Treype nicht ſehen konnte. Hinter dem Richter uns einige Stufen weiter unten bemerkte man undeutlich in dem ſchwachen „„ Der Richter will Sie verhoͤren, wie er ſchon Mo⸗ — —— ꝛ — 103— Lichte der Laterne bie neugierigen Geſichter der Leute aus dem Wirthshauſe. Dagobert ließ Murr in das Stuͤbchen hinein, verſchloß die Thuͤre und trat einige Schritte auf dem Vorſaale vor der Treppe vor, welcher ſo groß war, daß mehrere Perſonen da Platz hatten und an deſſen einer Seite eine holzerne Bank mit einer Lehne ſtand. Der Richter ſchien ſich zu verwundern, als er auf die letzte Treppenſtufe heraufkam und Dago⸗ bert die Thuͤre des Stuͤbchens zumachen ſah, in das er ihn nicht hineinlaſſen zu wollen ſchien⸗ „Warum machen Sie die Thuͤre zu?“ fragte er in barſchem Tone. „Erſtlich weil die beiden Maͤdchen, die mir an⸗ vertraut ſind, darin ſchlafen, und zweitens, weil die armen Kinder übet das Verhor erſchrecken wuͤr⸗ den,“ antwortete Dagobert.„Setzen Sie ſich da⸗ her auf die Bank und verhoören Sie mich hier, Herr Richter; es wird Ihnen einerlei ſein, nicht wahr?“ „Mit welchem Rechte wollen Sie mir vor⸗ ſchreiben, wo ich Sie verhoͤren ſoll?“ fragte der Richter unzufrieden. „Ich will Ihnen gar nichts vorſchreiben, Herr Richter,“ antwortete der Soldat ſchnell, der nichts mehr fuͤrchtete, als den Richter gegen ſich einzu⸗ nehmen;„aber Sie wuͤrden ein gutes Herz zeigen, wenn Sie mich hier verhoͤren wollten, da die Mäd⸗ — 104— tern.“ „Hm! hier?“ ſagte der Richter mißmuthig. „Hat man nicht ſeine Noth! Aus dem Schlafe wird man geſtoͤrt. Na, meinetwegen, wir koͤnnen die Sache auch hier vornehmen..“ Dann wendete er ſich an den Wirth und ſagte:„Setze Deine Laterne daher und geh.. Der Wirth gehorchte und ging mit ſeinen Leu⸗ ten die Treppe hinunter, obwohl er gern das Ver⸗ hoͤr mit angehoͤrt haͤtte. Der Veteran blieb mit dem Richter von Moͤ⸗ ckern allein. Dreizehntes Kapitel. Das Verhör. Der wuͤrdige Richter von Möckern trug eine Tuchmuͤtze und einen großen Mantel und ſetzte ſich ſchwerfällig auf die Bank nieder. Er war ein dicker Mann von etwa ſechszig Jahren mit hochmuͤ⸗ thigem, verdruͤßlichem Geſichte und rieb ſeine durch das plotzliche Erwecken aus dem Schlafe gerothe⸗ ten und geſchwollenen Augen haͤufig mit der dicken rothen Hand. Dagobert, der mit entbloͤßtem Kopfe und unterwuͤrfiger ehrerbietiger Miene vor ihm ſtand, hielt ſeine Muͤtze in den beiden Haͤnden und ſuchte chen im Bette liegen und ſchon jetzt vor Angſt zit⸗ in dem mürriſchen Geſichte ſeines Richters zu leſen, ob er wohl hoffen duͤrfe, ihn fur ſein Schickſal, d. h⸗ fur das Schickſal der beiden verwaiſeten Mädchen, zu intereſſiren. Der alte Soldat nahm in dieſem entſcheiden⸗ den Augenblicke ſeine ganze Ruhe, ſeinen ganzen Verſtand, ſeine ganze Beredtſamkeit, ſeine ganze Entſchloſſenheit zu Hilfe, denn obwohl er dem Tode zwanzigmal mit kalter Verachtung getrotzt und die Augen ſelbſt vor dem Adlerblicke des Kaiſers, ſei⸗ nes Helden, ſeines Gottes, nicht niedergeſchlagen hatte, ſondern ruhig und feſt geblieben, war er doch jetzt vor dieſem Dorfrichter mit unfreundlichem Ge⸗ ſichte verlegen und zitterte. „Was haben Sie mir zu Ihrer Rechtfertigung zu ſagen? Machen Sie ſchnell,“ begann der Rich⸗ ter barſch, während er ungeduldig gaͤhnte. „Ich habe mich nicht zu rechtfertigen, ſondern zu beklagen, Herr Richter,“ antwortete Dagobert mit feſter Stimme. „Wollen Sie mich lehren, wie ich zu fragen habe?“ fuhr ihn der Richter ſo heftig an, daß der Soldat ſich Vorwuͤrfe daruͤber machte, die Unterre⸗ dung ſo ſchlecht angefangen zu haben. Um den Mann wieder zu beſaͤnftigen, antwortete er unter⸗ wuͤrfig: „Verzeihen Sie, Herr Richter, ich werde mich nicht recht ausgedruͤckt haben; ich wollte nur ſagen, daß ich bei der Sache nichts verſchuldet hätte.“ „Der Prophet ſagte das Gegentheil.“ „Der Prophet..,“ fiel der Soldat mit zwei⸗ felnder Miene ein. „Der Prophet iſt ein frommer und ehrlicher Mann, der nicht lugen kann,“ unterbrach ihn der Richter. „Daruͤber kann ich nichts ſagen, aber Sie ſind zu gerecht und haben ein zu gutes Herz, Herr Richter, als daß Sie mir Unrecht geben konnten, ohne mich gehoͤrt zu haben„. Ein Mann wie Sie kann keine Ungerechtigkeit begehen, das ſieht man gleich.“ Dagobert, der ſo unwillkuhrlich den Schmeich⸗ ler und Hofmann ſpielte, bemuͤhete ſich dabei, ſei⸗ ner rauhen Stimme den moͤglichſt ſanften Ton und ſeinem finſtern Geſichte einen laͤchelnden, ein⸗ nehmenden, ſchmeichelnden Ausdruck zu geben. „Ein Mann wie Sie,“ ſetzte er mit noch grö⸗ ßerer Freundlichkeit hinzu,„ein ſo achtungswerther Richter hoͤrt nicht blos mit einem Ohre.“ „Hier iſt gar nicht die Rede von den Ohren, ſondern von den Augen, und wenn mir die meini⸗ gen auch brennen, als haͤtte ich ſie mit Brennneſſeln gerieben, ſo habe ich doch geſehen, daß der Thier⸗ baͤndiger eine ſchreckliche Wunde an der Hand hat.“ „Dos iſt wohl wahr, Herr Richter, aber be⸗ denken Sie nur, wenn er ſeine Käfige und ſeine Thuͤre zugehalten hätte, ware Alles nicht geſche⸗ hen.“ — 107— „Nein, es iſt Ihre Schuld, Sie hätten Ihr Pferd feſt anbinden ſollen.“ „Sie haben Recht, Herr Richter, Sie haben gewiß Recht,“ ſagte der Soldat mit immer freund⸗ licherer und ſchmeichelnderer Stimme;„ein atmer Teufel wie ich wird Ihnen nicht widerſprechenz wenn man aber aus Böswilligkeit mein Pferd los⸗ gebunden hätte, um es in die Menagerie zu fuͤh⸗ ren, ſo waͤre es gewiß nicht meine Schuld, das geſtehen Sie zu, nicht wahr? oder Sie werden vielmehr die Guͤte haben, es zuzugeſtehen,“ ſetzte Dagobert hinzu,„denn ich habe Ihnen nichts zu befehlen.“ „Warum, zum Teufel! ſollte man Ihnen den ſchlechten Streich geſpielt haben?“ „Das weiß ich nicht, Herr Richter, aber..“ „Sie wiſſen es nicht, nun, ich weiß es auch nicht,“ fiel der Richter ungeduldig ein.„Du lie⸗ ber Gott, was fuͤr alberne Redensarten wegen eines Aaſes von einem todten Pferde!“ Das Geſicht des Soldaten verlor plotzlich ſei⸗ nen freundlichen Ausdruck und wurde wieder finſter. Er antwortete mit ernſter und bewegter Stimme: „Mein Pferd iſt todt und nur noch ein Aas, freilich, aber noch vor einer Stunde war es muthig und verſtäͤndig, wenn auch alt. Es wieherte mun⸗ ter, wenn es meine Stimme hoͤrte, und jeden Abend leckte es den beiden armen Kindern, die es den ganzen Tag getragen, wie es ſonſt ihre Mutter —— — 108— getragen hatte, die Haͤnde. Nun wird es Nieman⸗ den mehr tragen, man wird es auf den Anger werfen und die Hunde werden es freſſen.„ Es war nicht huͤbſch, daß Sie mich ſo hart daran erin⸗ nerten, Herr Richter, denn ich hatte mein Pferd lieb.“ Der Richter wurde durch dieſe einfachen, wuͤr⸗ devollen und ruͤhrenden Worte unwillkuͤhrlich er⸗ griffen und er bedauerte, ſich ſo ausgedruͤckt zu haben. „Ich kann mir wohl denken, daß Sie Ihr Pferd nicht gern vermiſſen,“ ſagte er mit minder ngeduldiger Stimme.„Aber was iſt zu thun? Das ungluck iſt einmal geſchehen.“ „Ein Ungluͤck, ja, Herr Richter, ein großes Ungluͤck.. Die jungen Maͤdchen, die ich begleite, ſind zu ſchwach, um eine ſo weite Reiſe zu Fuße zu machen, und zu arm, um zu fahren. Gleich⸗ wohl muͤſſen wir vor dem Februar in Paris ein⸗ treffen. Als ihre Mutter ſtarb, habe ich ihr ver⸗ ſprochen, die Kinder, die außer mir Niemanden mehr haben, nach Frankreich zu bringen.“ „Sie ſind alſo ihr..“ „Ich bin ihr treuer Diener, Herr Richter, und was ſollen wir nun anfangen, da das Pferd todt iſt? Sie ſind gutig, Sie haben vielleicht auch Kinder. Wenn dieſe ſich in der Lage befaͤnden, wie meine beiden kleinen Waiſen, wenn ſie in der Welt nichts haͤtten, gar nichts, als einen alten fragte Dagobert mit neuer Hoffnung;„Herr Rich⸗ „ 5— Soldaten, der ſie liebt, und ein altes Pferd, das ſie trägt; wenn ſie von ihrer Geburt an ſehr un⸗ glucklich geweſen wären, recht ungluͤcklich— denn die Waiſen ſind Töchter von Verbannten— und ſie ſollten ihr Gluͤck durch dieſe Reiſe finden, und dieſe Reiſe wuͤrde durch den Tod eines Pferdes un⸗ moͤglich, wurde Ihnen das nicht im Herzen weh thun, Herr Richter? Wuͤrden Sie nicht auch mei⸗ ner Meinung ſein, daß der Verluſt meines Pferdes unerſetzlich iſt?“ „Gewiß,“ antwortete der Richter, der im Grunde ein ganz guter Mann war und unwillkuͤhrlich die Ruͤhrung Dagoberts theilte..„Ich ſehe nun die Bedeutung des Verluſtes ein, den Sie gehabt haben, und die Waiſen dauern mich. Wie alt ſind ſie“ „Funfzehn Jahre und zwei Monäte.. Sie ſind Zwillinge.“ „Funfzehn Jahre und zwei Monate,— bei⸗ nahe wie meine Friederike.“ „Sie haben auch eine Tochter von dieſem Alter?“ ter, offen geſagt, da bin ich uͤber das Schickſal meiner armen Kleinen nicht mehr beſorgt.. Sie werden uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen 5. „Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. iſt meine Pflicht.. Es ſcheint mir hier auf beiden Seiten gleiche Schuld zu liegen; Sie haben ihr Pferd nicht feſt angebunden und der Thierbaͤndiger hat — 110— ſeine Stallthuͤre offen gelaſſen.. Dagegen ſagt er: ich bin an der Hand verwundet; Sie aber ant⸗ worten: ich habe mein Pferd verloren und der Ver⸗ luſt meines Pferdes iſt aus tauſend Gruͤnden fuͤr mich ein unerſetzlicher Schaden.“ „Sie laſſen mich da beſſer reden, als ich je⸗ mals ſelbſt reden konnte, Herr Richter,“ ſagte der Soldat mit demüthig⸗ ſchmeichelndem Laͤcheln,„aber ſo ungefaͤhr wuͤrde ich geſagt haben, denn das Pferd war, wie Sie ſelbſt meinen, Herr Richter, mein ganzes Vermoͤgen, und es iſt nur recht und billig, daß..“ „Ohne Zweifel,“ fiel der Richter dem Solda⸗ ten in's Wort,„Ihre Gruͤnde ſind gar nicht zu verwerfen; der Prophet, der uͤbrigens ein ehrlicher und ein frommer Mann iſt, hatte die Sache nach ſeiner Art ſehr geſchickt erzählt, und dann iſt er ein alter Bekannter. Sehen Sie, wir ſind hier faſt alle eifrige Katholiken*); er giebt unſern Wei⸗ bern ſehr billig recht erbauliche kleine Buͤcher und verkauft, wahrlich mit Schaden, Roſenkraͤnze und recht ſchoͤn gearbeitete Gotteslaͤmmchen. Das thut nichts zur Sache, werden Sie ſagen, und Sie ha⸗ ben auch Recht, ich kann aber geſtehen, daß ich in der Abſicht gekommen war..“ „Mir Unrecht zu geben, nicht wahr, Herr *) Herr Sue mag es verantworten, daß er die braven Leute in Möckern, die gute Proteſtanten ſind, ſo mit einem Vſe „ifrigen Katholiken“ macht! —— ——,— —— Richter?“ fiel Dagobert noch beruhigter ein.„Sie waren da noch nicht ganz aus dem Schlafe erwacht und Ihre Gerechtigkeit ſah erſt mit einem Auge. „Das könnte wohl ſein, Herr Soldat,“ ant⸗ wortete der Richter laͤchelnd,„denn ich verſchwieg es Morok auch nicht, daß ich ihm Recht gäbe. Da ſagte er zu mir, und das war gewiß recht menſchenfreundlich: Da Sie meinen Gegner ver⸗ urtheilen, ſo will ich ſeine Lage nicht verſchlimmern und nichts weiter ſagen..“ „Gegen mich?“ „Jedenfalls; aber als edeler Feind ſchwieg er, da ich ihm ſagte, ich wuͤrde Sie wahrſcheinlich pro⸗ viſoriſch in eine derbe Entſchaͤdigung gegen ihn ver⸗ urtheilen.. Ich verſchweige es nicht, daß ich, ehe ich Ihre Groͤnde gehoͤrt hatte, von Ihnen eine Entſchädigung fur die Wunde des Propheten ver⸗ langen wollte.“ „Da ſehen Sie, Herr Richter, wie die ver⸗ ſtaͤndigſten und gerechteſten Menſchen getaͤuſcht werden koͤnnen,“ ſagte Dagobert, der wiederum den Hofmann zu ſpielen anfing, dann eine ſchlaue Miene anzunehmen ſuchte und hinzuſetzte:„aber ſie erkennen die Wahrheit und ſie laſſen ſich ſelbſt von einem Propheten nichts vorreden.“ Aus dieſem ſchlechten Wortſpiele, dem erſten und einzigen, deſſen ſich Dagobert jemals ſchuldig gemacht hatte, kann man ſeine ſchlimme Lage ab⸗ nehmen und erkennen, welche Anſtrengungen und Verſuche aller Art der Ungluckliche machte, um das Wohlwollen ſeines Richters zu gewinnen. Der Richter verſtand den Scherz anfangs nicht und wurde erſt durch die ſelbſtzufriedene Miene und den fragenden Blick Dagoberts aufmerkſam gemacht, der zu ſagen ſchien:„iſt das nicht ſchon geſagt? Ich wundere mich uber mich ſelbſt.“ Der Richter laͤchelte und zuckte die Achſeln, dann machte er das Wortſpiel Dagoberts noch ſchlimmer, indem er antwortete; „Hm! Sie haben Recht; der Prophet wird ſchlecht prophezeiht haben.. Sie werden ihm keine Entſchaͤdigung zahlen; Einer hat ſo viel Unrecht wie der Andere und der Schaden gleicht ſich aus. Er iſt verwundet und Sie haben das Pferd ver⸗ loren, alſo ſind Sie quitt.“ „Wie viel iſt er mir Ihrer Meinung nach ſchul⸗ dig?“ fragte der Soldat mit ſeltſamer Naivetät. „Wie?“ „Wie viel wird er mir bezahlen muͤſſen, Herr Richter?“ „Wie viel?“ „Ja, aber ehe wir die Summe feſtſetzen, muß ich Ihnen noch etwas ſagen, Herr Richter.. Ich glaube in meinem Rechte zu ſein, wenn ich nicht das ganze Geld zum Ankaufe eines Pferdes ver⸗ wenden. Ich bin uͤberzeugt, daß ich in der Ge⸗ gend von Leipzig bei einem Bauer ein wohlfeiles Pferd finde. Ich geſtehe Ihnen ſogar, unter uns, — 113— daß ich auch einen Eſel nähme, wenn ich einen bekommen koͤnnte. Ich naͤhme einen Eſel ſelbſt noch lieber, denn nach meinem armen Schimmel wuͤrde mir die Geſellſchaft eines andern Pferdes ſchmerzlich ſein.. Ich werde Ihnen alſo..“ „Von welcher Summe,“ unterbrach der Richter Dagobert,„von welchem Eſel und von welchem Pferde reden Sie? Ich ſage Ihnen ja, daß Sie dem Propheten nichts ſchuldig ſind und daß er Ihnen nichts ſchuldig iſt.“ „Er iſt mir nichts ſchuldig?— „Sie begreifen ſchwer, guter Mann die Thiere des Propheten Ihr Pferd umgebrach haben, ſage ich, ſo iſt der Prophet gefaͤhrlich ver⸗ wundet. Sie ſind alſo quitt oder, wenn Sie das nicht verſtehen, Sie ſind ihm keine Entſchaͤdigung ſchuldig und er iſt Ihnen keine ſchuldig.. Ver⸗ ſtehen Sie nun?“ 2 Dagobert ſtand einige Augenblicke verblufft da, ohne zu antworten, und er ſah den Richter mit der aͤußerſten Angſt an, da ſeine Hoffnungen durch dieſen Ausſpruch wiederum vernichtet waren. „Herr Richter,“ begann er mit bewegter Stimme von neuem,„Sie ſind zu gerecht, als daß Sie auf Eins nicht ſollten Ruͤckſicht nehmen: Die Wunde des Thierbaͤndigers hindert ihn nicht, ſein Gewerbe fortzuſetzen, der Tod meines Pferdes hindert mich aber, meine Reiſe fortzuſetzen, er muß mich alſo ſchadlos halten.“ Der ewige Inde. II. 8 Der Richter glaubte ſchon Viel fuͤr Dagobert gethan zu haben, da er ihn fuͤr die Wunde des Propheten nicht verantwortlich machte, denn Morok uͤbte, wie bereits erwähnt, durch den Verkauf ſeiner frommen Sächelchen einen gewiſſen Einfluß auf die katholiſchen Dorfbewohner, beſonders auf die Frauen, aus und man wußte uͤberdies, daß er durch einige hochgeſtellte Perſonen unterſtützt werde. Die hartnaͤckige Forderung des Soldaten verletzte alſo den Richter, der ſeine hochmuͤthige Miene wieder annahm und ernſt antwortete: „Sie werden mich noch dahin bringen, daß ich meine Unparteilichkeit bereue. Statt mir zu dan⸗ ken, verlangen Sie noch mehr?“ „Herr Richter, ich verlange nur, was Recht iſt; ich wollte gern an der Hand verwundet ſein, wenn ich nur die Reiſe fortſetzen koͤnnte.“ „Es kann nichts darauf ankommen, was Sie wollen oder nicht wollen.. Ich habe meinen Aus⸗ ſpruch gethan und die Sache iſt n ber „Genug! Genug! Nun zu etns Anderem.. Ihre Papiere. „Ja, wir wollen von meinen Papieren ſpre⸗ chen, aber ich beſchwoͤre Sie, Herr Richter, haben Sie Mitleiden mit den beiden Kindern.. Helfen Sie uns, daß wir unſere Reiſe fortſetzen konnen und.. „Ich habe gethan, was ich chun konnte, viel⸗ leicht ſogar mehr, als ich hätte thun Zei⸗ gen Sie nun Ihre Papiere.. „Zuerſt muß ich Ihnen erklären⸗ „Keine Erklaͤrungen, ſondern Ihre Papiere! Oder ſoll ich Sie als Landſtreicher einſperren laſſen?“ „Mich einſperren?“ „Wenn Sie mir Ihre Papiere nicht zeigen, iſt es ſo gut, als haͤtten Sie keine, und die Leute, die keine haben, werden eingeſperrt, bis die Obrigkeit entſcheidet, was mit ihnen werden ſoll. Zeigen Sie Ihre Papiere, damit wir fertig werden und ich nach Hauſe gehen kann.“ Die Lage Dagoberts wurde um ſo ſchlimmer, da er einen Augenblick vorher ſich einer angeneh⸗ men Hoffnung hingegeben hatte. Dieſer Unfall noch zu allem dem, was der Veteran ſeit dem Be⸗ ginne dieſes Auftritts ſchon gelitten hatte, dieſe eben ſo ſchmerzliche als gefaͤhrliche Pruͤfung fuͤr einen Mann von ſeinem Schlage, von geradem, aber heftigem, redlichem, aber rauhem und ent⸗ ſchloſſenem Charakter, fuͤr einen Mann, der lange Soldat, ſiegreicher Soldat geweſen und ſich un⸗ willkuͤhrlich manche ſeltſame despotiſche Reden g gen den Buͤrger angewoͤhnt hatte! Bei den Worten: Ihre Papiere! wurde Dagobert leichenblaß, aber er bemuͤhete ſich, ſeine Unruhe unter anſcheinender Sichetheit zu verber⸗ 8 gen, weil er glaubte, dem Richter dadurch eine gute Meinung von ſich beizubringen. „Ich will Ihnen, Herr Richter, mit zwei Worten die ganze Sache erzaͤhlen. Sie iſt ſehr einfach. Es kann einem Jeden begegnen.. Ich ſehe gewiß nicht wie ein Bettler oder Landſtreicher aus, nicht wahr? Und dann koͤnnen Sie ſich den⸗ ken, daß ein ehrlicher Mann, der mit zwei jungen Maͤdchen reiſet..“ „Wie viel Worte! Ihre Papiere!“ Unverhofft kamen dem Soldaten zwei machtige Bundesgenoſſen zu Hilfe. Die Maͤdchen, die ſich mehr und mehr aͤng⸗ ſtigten und Dagobert fortwährend vor der Thuͤre ſprechen hoͤrten, waren aufgeſtanden und hatten ſich angekleidet, und als der Richter im barſchen Tone ſagte:„wie viel Worte! Ihre Papiere!“ traten Roſa und Bianca, einander an der Hand haltend, aus dem Stuͤbchen heraus. Der Richter ſtand bei dem Anblicke der beiden reizenden Mädchen, welche durch ihre aͤrmliche Trauerkleidung noch intereſſanter wurden, vor Ue⸗ berraſchung und Bewunderung aufe Eine jede der Schweſtern nahm eine Hand Daͤgbberts und ſchmiegte ſich an ihn, waͤhrend ſie den Richter aͤngſtlich und unſchuldig anſahen. Der alte Soldat mit den beiden lieblichen un⸗ ſchuldigen Kindern, die er gleichſam ſeinem Richter vorſtellte, war ein ſo ruhrendes Bild, daß der Rich⸗ — ——— — ter ergtiffen wurde und wiederum Mitleid empfand. Dagobert bemerkte es, trat ſo, die Maädchen an der Hand haltend, vor und ſagte mit bebender Stimme, waͤhrend ihm die Thränen in die Augen traten: „Da ſind die armen Kleinen, Herr Richter, da ſind ſie kann ich Ihnen einen beſſern Paß zeigen?“ Der Richter war zwar von Natur barſch und, weil er im Schlafe geſtoͤrt worden, noch muͤrriſcher und verdruͤßlicher, aber ſonſt ein verſtandiger und gefuͤhlvoller Mann. Er ſah deshalb auch ein, daß ein Mann in ſolcher Begleitung nicht wohl Miß⸗ trauen erregen koͤnnte. „Die armen lieben Kinder,“ ſagte er, indem er die beiden Maͤdchen mit wachſender Theilnahme betrachtete;—„ſo jung ſchon elternlos— und ſie kommen ſo weit her.“ J „Tief aus Sibirien, Herr Richter, wohin ihre Mutter vor der Geburt dieſer Kinder verbannt war.. Seit länger als fuͤnf Monaten ſind wir unterwegs, denn wir konnen nur kleine Tagereiſen machen.. Iſt das nicht ſchon hart genug fur Kin⸗ der in dieſem Alter? Ihretwegen bitte ich um Gnade und Unterſtutzung, ihretwegen, auf die alles Un⸗ gluͤck hereinbricht, denn eben als ich meine Papiere in meinem Torniſter ſuchte, fand ich die Brieftaſche nicht mehr, in der ſie nebſt meinem Beutel und meinem Kreuze lagen,— denn, Herr Richter, ver⸗ 118 zeihen Sie, daß ich es ſage, ich will mich nicht ruͤhmen, aber der Kaiſer ſelbſt hat mir das Kreuz gegeben und ein Mann, dem er das Kreuz ſelbſt gab, ſehen Sie, kann kein ſchlechter Mann ſein, wenn er auch ungluͤcklicherweiſe ſeine Papiere und ſeine Börſe verloren hat... So weit iſt es mit uns gekommen und aus dieſem Grunde bat ich ſo dringend um Entſchädigung..“ „Wie und wo haben Sie die Papiere verloren?“ „Das weiß ich nicht, Herr Richter.. Vor⸗ geſtern Abend im Nachtquartier habe ich noch Geld aus dem Beutel genommen und die Brieftaſche geſehen; geſtern reichte das Geld aus, das ich ge⸗ wechſelt hatte, und ich habe meinen Torniſter nicht aufgeſchnallt..“ „Wo iſt geſtern und heute Ihr Torniſter ge⸗ weſen?“ „In der Stube bei den Kindern, aber dieſe Nacht.. 6 Dagobert wurde durch die Schritte eines Man⸗ nes unterbrochen, der heraufkam. Es war der Prophet, der ſich bisher im Schat⸗ ten auf der Treppe verſteckt gehalten und das Ge⸗ ſpraͤch gehoͤrt hatte. Er fuͤrchtete, die Schwaͤche des Richters koͤnne das vollſtaͤndige Gelingen ſeiner ſchon faſt ganz ausgefuͤhrten Plaͤne beeinträchtigen. — 119— Vierzehntes Kapitel. Die Entſcheid nng. Morok trug ſeinen linken Arm in der Binde und er gruͤßte, als er heraufgekommen, den Richter ehrerbietig. Roſa und Bianca wichen bei dem Anblicke des finſteren Geſichtes des Thierbändigers entſetzt zuruͤck und traten wieder naͤher an den Soldaten. Die Stirn Dagoberts zog ſich in Falten; ſein Zorn gegen den Propheten wachte von neuem auf, da derſelbe die Urſache ſeiner ſchmerzlichen Verlegenheit war, obwohl er noch nicht wußte, daß Goliath auf Anſtiften des Propheten die Brieftaſche und die Papiere geſtohlen hatte. „Was wollen Sie, Morok?“ fragte ihn der Richter mit halb wohlwollender, halb aͤrgerlicher Miene.„Ich wollte allein ſein und habe es dem Wirthe geſagt.“ „Ich will Ihnen einen Dienſt erzeigen, Herr Richter.“ „Einen Dienſt?“ „Einen großen Dienſt, ſonſt wuͤrde ich mir nicht erlaubt haben, Sie zu ſtoͤrenz es iſt mir ein Bedenken beigegangen.“ „Ein Bedenken?“ „Ja, Herr Richter; ich habe mir ſchon Vor⸗ ——— wuͤrfe gemacht, daß ich Ihnen nicht gleich ſagte, was ich Ihnen uͤber dieſen Mann zu ſagen hatte.. Ein falſches Mitleiden hatte mich verleitet..“ „Was haben Sie zu ſagen?“ Morok trat zu dem Richter und ſprach ziem⸗ lich lange leiſe mit ihm. In dem Geſichte des Richters ſprach ſich An⸗ fangs Erſtaunen, dann ängſtliche große Aufmerk⸗ ſamkeit aus. Von Zeit zu Zeit ſtieß er einen Aus⸗ ruf der Verwunderung und des Zweifels aus, wäh⸗ rend er von der Seite nach der Gruppe hinblickte, welche Dagobert mit den beiden jungen Madchen bildete. An dem Ausdrucke dieſer immer unruhiger, forſchender und ſtrenger werdenden Blicke erkannte ₰ man leicht, daß die geheimen Worte des Propheten die Theilnahme, welche der Richter fuͤr die Waiſen und den Soldaten empfunden hatte, allmälig in ein Gefuͤhl des Mißtrauens und der Feindſchaft umwandelten. 3 Dagobert bemerkte dieſe ploͤtzliche Umwande⸗ lung und ſeine Beſorgniß, die ſich einen Augenblick„ beruhiget hatte, erwachte lebhafter als je. Roſa und Bianca, welche dieſe ſtumme Scene nicht ver⸗ ſtanden, ſahen den Soldaten mit ſteigender Angſt an. „Den Teufel auch!“ rief der Richter aus, in⸗ dem er mit einemmale aufſprang,„daran hatte ich nicht gedacht! Wo habe ich den Kopf gehabt? Freilich, Morok, wenn man ſo mitten in der Nacht — 121— aus dem Schlafe geweckt wird, hat man ſeine fuͤnf Sinne nicht gleich beiſammen. Sie haben mir da einen großen Dienſt erwieſen.“ „Ich behaupte nichts, indeß..“ „Das bleibt ſich gleich.. Es laͤßt ſich tauſend gegen eins wetten, daß Sie Recht haben.“ „Es iſt nur ein Verdacht, der ſich auf einige umſtande grundet, aber doch immer ein Verdacht..“ „Der uns auf den rechten Weg bringen kann. Und ich waͤre beinahe in die Falle gegangen! Wo hatte ich den Kopf!“ „Es iſt ſchwer, gegen einen gewiſſen Schein auf ſeiner Hut zu ſein.“ Waͤhrend dieſer raͤthſelhaften Unterredung ſtand Dagobert wie auf Kohlen; er ahnte, daß ein hef⸗ tiges Unwetter losbrechen wuͤrde, und dachte an nichts, als ſeinen Zorn zu bezaͤhmen. Morok trat noch naͤher zu dem Richter, deutete auf die beiden Mädchen und ſprach wieder leiſe mit ihm.. „Ah!“ rief der Richter mit Unwillen aus.„Sie gehen zu weit!“ „Ich behaupte nichts,“ ſetzte Morok ſchnell hinzu,.„Es iſt nur eine Muthmaßung, die ſich auf..“ Und er hielt die Lippen wieder an das Ohr des Richters. „Nun ja, warum auch nicht?“ ſprach dieſer, indem er die Haͤnde zuſammenſchlugz„dieſe Men⸗ ſchen ſind zu Allem fähigz er ſagt auch, er komme mit ihnen tief aus Sibirien. Wer beweiſt, daß dies keine unverſchaͤmten Luͤgen ſind? Mich ſoll man nicht zweimal anfuͤhren,“ fuhr der Richter in gereiztem Tone fort, denn er war nun, wie es bei allen veraͤnderlichen und ſchwachen Menſchen leicht geſchieht, ganz erbarmungslos gegen die, welche⸗ ſeiner Meinung nach ſeine Theilnahme erſchlichen hatten. „Urtheilen Sie indeß nicht zu ſchnell und legen Sie vor allen Dingen meinen Worten nicht mehr Gewicht bei, als ſie haben,“ fuhr Morok mit heuch⸗ leriſcher Demuth und Zerknirſchung fort.„Meine Stellung gegen dieſen Mann(und er zeigte auf Dagobert) iſt leider von der Art, daß man glauben koͤnnte, ich handelte aus Rache gegen ihn wegen des Unheils, das er mir zugefuͤgt hat; vielleicht handele ich wirklich, unbewußt, ſo, während ich im Gegentheil glaube, mich nur durch die Liebe zur Gerechtigkeit, durch den Abſcheu vor der Luͤge und durch die Ehrfurcht vor unſerer heiligen Religion lenken zu laſſen... Nun, wer das Leben hat, wird ja ſehen.. Der Herr verzeihe mir, wenn ich mich irrte. Jedenfalls wird die Juſtiz entſcheiden, und ſind die Leute unſchuldig, ſo werden ſie nach hoͤchſtens zwei Monaten wieder frei ſein.“ „Eben deshalb durfen wir nicht zögern. Je mehr ich daruber nachdenke, um ſo wahrſcheinlicher kommt es mir vor; ja, der Mann muß ein Spion oder ———————— ——.— — 123— ein franzoöſiſcher Emiſſair ſein, beſonders wenn ich den Verdacht mit dem Crawall der Studenten in Frankfurt zuſammenhalte.“ „Angenommen, es iſt ſo, ſo exaltirt junge Tollköpfe nichts mehr als.“ antwortete Morok, der mit einem fluͤchtigen Blicke auf die beiden Schweſtern deutete und nach kurzem bedeutungs⸗ vollen Schweigen mit einem Seufter hinzuſetzte: „fur den Teufel iſt jedes Mittel gut.“ „Es wäre zwar abſcheulich, aber gut ausge⸗ dacht..“ „Und dann, Herr Richter, betrachten Sie den Mann aufmerkſam und Sie werden finden, daß er ein verdaͤchtiges Geſicht hat.. Sehen Sie nur..“ Morok, der noch immer leiſe ſprach, deutete offenbar auf Dagobert. Trotz der Gewalt, die dieſer uͤber ſich hatte, ging doch der Zwang, den er ſich ſeit ſeiner An⸗ kunft in dem unſeligen Wirthshauſe, und beſonders ſeit dem Geſpraͤche Moroks mit dem Richter, an⸗ that, faſt uber ſeine Kräfte. Ueberdies erkannte er deutlich, daß ſeine Bemuͤhungen, ſich die Theil⸗ nahme des Richters zu gewinnen, durch den ver⸗ derblichen Einfluß des Thierbandigers voͤllig ver⸗ nichtet wurden; die Geduld ging ihm alſo aus, er trat mit uͤber der Bruſt gekreuzten Armen zu die⸗ ſem und ſprach mit noch immer gemäßigter Stimme: „Sprechen Sie von mir leiſe mit dem Herrn Richter?“ 124— „Ja,“ antwortete Morok, indem er ihn gerade anſah. „Warum haben Sie nicht laut geſprochen?“ Das faſt krampfhafte Zittern des dicken Schnauz⸗ bartes Dagoberts, der, nachdem er dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte, ſeinerſeits Morok feſt in die Augen ſah, deutete auf einen heftigen Kampf in ſeinem Innern. Da ſein Gegner höhniſch ſchwieg, ſo fuhr er lauter fort: „Ich frage Sie, warum Sie heimlich mit dem Herrn Richter ſprechen, wenn von mir die Rede iſt. „Weil es ſchaͤndliche Dinge giebt, die man nur mit Erroͤthen laut ausſprechen kann,“ antwor— tete Morob frech. Dagobert hatte bis dahin die Arme uͤber der Bruſt zuſammengeſchlagen gehalten. Plötzlich riß er ſie heftig aus einander und ballte die Fäuſte. Dieſe raſche Bewegung war ſo ausdrucksvoll, daß die beiden Schweſtern mit einem Angſtſchrei zu ihm eilten. „Herr Richter,“ ſagte der Soldat, der vor Zorn die Zahne auf einander biß,„wenn der Mann nicht geht, kann ich nicht fuͤr mich ſtehen..“ „Was?“ fiel der Richter hochmuͤthig ein;„mir befehlen? Sie wagen.7“ „Ich ſage Ihnen, laſſen Sie dieſen Mann hinunter gehen,“ fuhr Dagobert außer ſich fort, „oder es geſchieht ein Ungluͤck..“ „Dagobert! Ach Gott, beruhige Dich!“ riefen die Kinder aus, indem ſie ſeine Haͤnde ergriffen⸗ „Es ziemt ſich wohl fuͤr Sie, Landſtreicher, um nicht mehr zu ſagen, hier zu befehlen,“ fuhr endlich der Richter zornig auf..„Sie glauben, Sie brauchten mir zu ſagen, Sie hätten Ihren Paß verloren, um mich irrezufuͤhren! Wenn Sie auch die beiden jungen Mädchen mit ſich herum⸗ ſchleppen, die doch, wenn ſie auch unſchuldig aus⸗ ſehen, vielleicht nur.. „Unglucklicher!“ unterbrach Dagobert den Rich ter mit einer ſchrecklichen Geberde und ſo ſchreckli⸗ chem Blicke, daß dieſer nicht auszureden wagte. S Der Soldat nahm die Kinder am Arme und fuͤhrte ſie, ohne daß ſie ein Wort ſagen konnten, raſch in die Stube hinein. Dann ſchloß er die Thuͤre zu, ſteckte den Schluſſel in die Taſche und kam wieder zu dem Richter heraus, der im Ent⸗ ſeten uͤber die drohende Haltung und Miene des Veteranen zwei Schritte zuruͤckprallte und ſich mit einer Hand an die Treppenlehne anhielt. „Hören Sie mich an, Sie!“ ſagte der Sol⸗ dat, indem er den Richter am Arme faßte..„Erſt hat der Elende da(und er zeigte auf Morok) mich beleidigt; ich ertrug es, denn es betraf nur mich; dann hoͤrte ich geduldig Ihre Alfanzereien an, weil Sie einen Augenblick ſich fur die ungluͤcklichen Kin⸗ der zu intereſſiren ſchienen; da Sie aber kein Herz, kein Erbarmen und keine Gerechtigkeit im Leibe haben, ſo ſage ich Ihnen, ich dreſche Sie, wenn Sie auch der Richter ſind, windelweich wie den Hund da(und er zeigte von neuem auf den Pro⸗ pheten), wenn Sie das Ungluͤck haben, von den beiden Maͤdchen nicht ſo zu reden, wie Sie von Ihrem eigenen Kinde reden wuͤrden; verſtanden?“ „Was? Sie wagen zu ſagen..“ ſtotterte der Richter vor Wuth,„wenn ich von den beiden Land⸗ laͤuferinnen..“ „Hut ab, wenn man von den Toͤchtern des Marſchalls, Herzogs von Ligny ſpricht!“ ſchrie der Soldat, indem er dem Richter die Muͤtze vom Kopfe riß und ſie ihm vor die Fuͤße warf. Morok zitterte bei dieſem Angriffe vor Freude. Dagobert, der außer ſich war und jede Hoff⸗ nung aufgab, uͤberließ ſich leider dem Ungeſtuͤme ſeines Zornes, den er ſeit einigen Stunden mit ſo vieler Muͤhe niedergehalten hatte. Als der Richter ſeine Muͤtze vor ſeinem Fuͤßen liegen ſah, blickte er den Thierbändiger ſtaunend an, als könne er an eine ſo unerhoͤrte Frevelthat nicht glauben. Dagobert, der ſeine Hitze ſchnell wieder bereuete und wohl wußte, daß ihm kein Mittel zur Ver⸗ ſoͤhnung geblieben ſei, ſah ſich raſch um, wich einige Schritte zuruͤck und kam ſo auf die erſten Stufen der Treppe.— Der Richter ſtand neben der Bank oben an der Treppe und Morok, der den Arm in der Binde trug, damit ſeine Wunde gefaͤhrlicher ausſehe, be⸗ fand ſich neben ihm. Der Richter, der die Bewe⸗ gung Dagoberts falſch auslegte, rief: „Ah, Du glaubſt entlaufen zu koͤnnen, nach⸗ dem Du Hand an mich gelegt haſt, alter Boſe⸗ wicht!“ „Herr Richter,. verzeihen Sie mir„ Ich konnte einen Anfall von Wuth nicht bemeiſtern; ich mache mir ſelbſt Vorwuͤrfe uͤber den Angriff,“ ſagte Dagobert mit reuiger Stimme, indem er demuͤthig den Kopf beugte. „Kein Mitleiden mit Dir, Ungluͤcklicher! Du willſt mich wieder ruͤhren mit Deiner ſchmeicheln⸗ den Miene, aber ich habe Deine geheimen Abſich⸗ ten durchſchaut.. Du biſt nicht, was Du ſcheinen willſt, und es koͤnnte wohl eine politiſche Sache da⸗ hinter ſtecken,“ ſetzte der Richter in außerordentlich diplomatiſchem Tone hinzu..„Fuͤr Leute, welche das Feuer in Europa anſchuͤren moͤchten, ſind alle Mittel gut.“ „Ich bin nur ein armer Teufel, Herr Rich⸗ ter.. Sie ſind ſo gutmuͤthig und werden nicht unbarmherzig ſein.“ „Du haſt mir meine Muͤtze vom Kopfe ge⸗ riſſen!“ „Haben Sie Mitleid mit mir,“ ſetzte der Sol⸗ dat hinzu, indem er ſich gegen Morok wendete; „Sie ſind an Allem ſchuld, tragen Sie mir keinen — 128— Groll nach Sie ſind ein frommer Mann, legen Sie ein gutes Wort fuͤr mich bei dem Herrn Rich⸗ ter ein.“ „Ich habe ihm bereits geſagt, was ich ihm ſa⸗ gen mußte,“ antwortete der Prophet ironiſch. „Aha, nun giebſt Du klein zu, alter Vaga⸗ bund?.. Du glaubſt mich durch Dein Jammern zu taͤuſchen,“ entgegnete der Richter, indem er auf Dagobert zugingz„aber Gott ſei Dank, Du fuͤhrſt mich nicht mehr an.. Du ſollſt ſehen, daß es in Leipzig gute Gefaͤngniſſe fuͤr die franzoͤſiſchen Auf⸗ wiegler und fuͤr die Landläuferinnen giebt, denn Deine Madchen taugen nicht mehr, als Du ſelbſt.. Vorwaͤrts!“ ſetzte er mit wichtiger Miene und auf⸗ geblaſenen Backen hinzu,„vorwaͤrts, hinunter vor mir! Sie, Morok.. Der Richter konnte nicht weiter ſprechen. Dagobert ſuchte ſeit einigen Minuten nur Zeit zu gewinnen.. Er hatte eine angelehnte Thuͤre auf dem Vorſaale der Stube der Waiſen gegenuͤber erſpaͤht und als er den gunſtigen Augenblick erſe⸗ hen hatte, ſturzte er ſich wie der Blitz auf den Richter, packte ihn an der Kehle und warf ihn ſo ſtark gegen die angelehnte Thuͤre, daß der Richter, durch dieſen unerwarteten Ueberfall betaͤubt und ohne ein Wort ſprechen, ohne einen Schrei ausſto⸗ ßen zu koͤnnen, in die vollig fuſ Stube hin⸗ einfiel. Dann kehrte ſich der Soldat gegen Morok, der — 129— die Treppe hinabeilen wollte, faßte ihn an dem langen Haar, zog ihn an ſich, umſchlang ihn mit ſeinen Eiſenarmen, hielt ihm die Hand auf den Mund, damit er nicht ſchreien koͤnne, und ſchleppte ihn trotz dem verzweifelten Widerſtande in die Stube, in welcher ſchon der betäubte Richter lag. Nachdem er die Thuͤre dieſer Stube verſchloſſen und den Schluͤſſei in die Taſche geſteckt hatte, ſprang Dagobert mit zwei Saͤtzen die Treppe hinunter, welche an einen auf den Hof fuhrenben Gang ſtieß. Das Thor des Wirthshauſes war verſchloſ⸗ ſen und auf dieſer Seite alſo die Flucht un⸗ moͤglich. Der Regen fiel in Strömen herunter. Dago⸗ bert ſah durch die Fenſter der Gaſtſtube den Wirth mit deſſen Leuten, welche auf den Ausgang der Sache warteten. Die Thuͤre des Ganges verriegeln und ſo jede Verbindung mit dem Hofe abſchneiden, war fuͤr den Soldaten das Werk eines Augenblickes. Dann kehrte er zu den Madchen zuruͤck. Morok rief, ſobald er wieder zur Beſinnung gekommen war, aus Leibeskraͤften um Hilfe; wenn man aber auch das Rufen trotz der weiten Entfer⸗ nung hätte hoͤren koͤnnen, ſo wuͤrde es doch durch das Rauſchen des Windes und Regens uͤbertäubt worden ſein. Dagobert hatte alſo ungefaͤhr eine Stunde vor ſich, denn erſt mußte man ſich im Hauſe uͤber das lange Ausbleiben des Richters ver⸗ Der ewige Jube. II. 9 — 130— wundern und wenn man ihn ſuchte, mußte man erſt zwei Thuͤren einſchlagen, die unten an der Treppe und die an der Stube, in welche der Rich⸗ ter und der Prophet eingeſperrt waren. „Kinder, jetzt gilt's zu zeigen, daß Ihr Sol⸗ datenblut in den Adern habt,“ ſagte Dagobert, in⸗ dem er haſtig zu den Mädchen hineintrat, die er⸗ ſchrocken auf den Lärm draußen gehoͤrt hatten. „Gott, Dagobert, was giebt es?“ fragte Bianca. „Was ſollen wir thun?“ fragte Roſa. Dagobert trat, ohne zu antworten, an das Bett, nahm die Betttuͤcher, knuͤpfte ſie feſt zuſam⸗ men und machte an einem Ende einen dicken Kno⸗ ten, den er oben zwiſchen den linken Fenſterfluͤgel legte, welchen er erſt auf⸗ und dann wieder zu⸗ machte. Das Tuch war ſo an dem dicken Knoten zwiſchen dem Fenſterfluͤgel und Fenſterkreuz feſtge⸗ halten; das andere Ende hing draußen bis an den Boden hinunter. Der zweite Fenſterfluͤgel, der offen blieb, gewaͤhrte den Fluͤchtigen Raum genug zum Hinausſteigen. Der Veteran nahm ſodann ſeinen Torniſter, den Mantelſack der Maͤdchen und den Rennthier⸗ pelz, warf Alles durch das Fenſter hinunter, winkte Murr und ſchickte ihn hinaus, um dieſe Gegen⸗ ſtande zu bewachen. Der Hund zoͤgerte nicht und verſchwand mit einem Sprunge. Roſa und Bianca ſahen Dagobert erſtaunt an, ohne ein Wort zu ſprechen. — — 131— „Jetzt Kinder,“ ſagte er zu ihnen,—„die Thuͤren im Wirthshauſe ſind verſchloſſen— Muth!“ Er zeigte auf das Fenſter.„Wir muͤſſen dahinaus, oder wir werden verhaftet, in ein Gefaͤngniß ge⸗ ſperrt, ich hier, Ihr da, und mit unſerer Reiſe iſt's vorbei.“ „Verhaftet! In ein Gefängniß geſperrt!“ rief Roſa aus. „Von Dir getrennt!“ ſetzte Bianca hinzu. „Ja, meine armen Kinder! Man hat den Schimmel todt gemacht.. wir muͤſſen nun zu Fuße weiter und Leipzig zu erreichen ſuchen. Wenn Ihr mude ſeid, trage ich Euch abwechſelnd, und wenn ich unterwegs betteln ſollte, wir werden ankommen.. Aber eine Viertelſtunde gezoͤgert und Alles iſt ver⸗ loren. Auf, Kinder, vertraut mir! Zeigt, daß die Töchter des Generals Simon nicht feig ſind. und wir duͤrfen noch hoffen..“ Die beiden Schweſtern faßten einander an der Hand, als wollten ſie ſich gegen die Gefahr verei⸗ nigen.. Ihre lieblichen bleichen Geſichter druͤckten eine Entſchloſſenheit aus, welche in dem blinden Glauben an die treue Hingebung des Soldaten wurzelte. „Sei ruhig, Dagobert,.. wir werden uns nicht fuͤrchten,“ ſagte Roſa mit feſter Stimme. „Was geſchehen muß, werden wir thun,“ ſetzte Bianca mit nicht minder ſicherer Stimme hinzu. „Das wußte ich,“ ſprach Dagobert,„gutes Blut 9 kann ſich nicht verleugnen. Vorwaͤrts! Ihr ſeid federleicht, das Tuch iſt feſt und das Fenſter kaum acht Fuß vom Boden.. Murr erwartet Euch.“ „Ich will zuerſt hinausſteigen, ich bin heute die Aeltere,“ ſagte Roſa, nachdem ſie Bianca zaͤrtlich gekuͤßt hatte. Und ſie eilte an das Fenſter, um ſich, wenn Gefahr bei dem Hinunterſteigen ſei, ihr ſtatt der Schweſter auszuſetzen. Dagobert errieth leicht den Grund dieſes Eifers und ſagte:„Kinder, ich verſtehe Euch, aber ſeid unbeſorgt, es iſt nicht gefaͤhrlich.. Ich habe ja das Tuch ſelbſt feſtgemacht. Schnell, Roͤschen.“ Leicht, wie ein Vogel, ſtieg das junge Maͤd⸗ chen auf das Fenſterbret, faßte, von Dagobert ge⸗ halten, das Tuch und ließ ſich nach den Vorſchrif⸗ ten des alten Soldaten langſam hinabgleiten, der ſich aus dem Fenſter hinausbog und ihr Muth zu⸗ ſprach. S „Schweſter, furchte Dich nicht,“ ſagte ſie leiſe, ſobald ſie den Boden beruͤhrt hatte;„es iſt ſehr leicht, ſo herunterzuſteigen. Murr iſt da und leckt mir die Hand.“ Bianca ließ nicht warten. Sie war ſo mu⸗ thig wie ihre Schweſter und kam eben ſo gluͤcklich hinunter. „Was haben die armen kleinen Kinder gethan, daß ſie ſo unglucklich ſein muͤſſen!.. Tauſend Donnerwetter! verfolgt die Familie ein Fluch?“ dachte Dagobert mit gebrochenem Herzen, als er . — das bleiche liebe Geſicht des Maͤdchens im Dunkel der ſchwarzen Nacht verſchwinden ſah, welche durch den Sturm und den heftigen Regen noch ſchauer⸗ licher gemacht wurde. „Dagobert, wir warten auf Dich; komm ge⸗ ſchwind!“ riefen die Mädchen unter dem Fenſter. Der Soldat ſprang mehr hinunter, als er an dem Tuche hinunterglitt. Er hatte mit den beiden Madchen etwa ſeit einer Viertelſtunde fluͤchtig den Gaſthof zum„wei⸗ ßen Falken“ verlaſſen, als ein gewaltiges Donnern durch das Haus ſchallte. Die Thuͤre hatte den Anſtrengungen des Rich⸗ ters und Moroks nachgegeben, die ſich eines ſchwe⸗ ren Tiſches zum Einſtoßen derſelben bedienten. In dem Stuͤbchen der Waiſen brannte das Licht noch. Sie traten hinein. Es war leer, aber Morok ſah das Betttuch an dem Fenſter und ſagte: „Herr Richter, durch das Fenſter ſind ſie ent⸗ flohen.. Sie ſind zu Fuße in der finſtern, ſtuͤr⸗ miſchen Nacht; ſie koͤnnen nicht weit ſein.“ „Wir holen ſie gewiß ein, die Vagabunden! O, ich will mich rächen! Schnell, Morok.. Ihre Ehre und die meinige ſtehen auf dem Spiele.“ „Meine Ehre? Es ſteht fuͤr mich mehr auf dem Spiele, Herr Richter,“ antwortete der Pro⸗ phet in zornigem Tone. Dann ging er raſch die Treppe hinunter, oͤffnete die Thuͤre und ſchrie laut: „Goliath, laß die Hunde los! Wirth, Later⸗ nen! Bewaffnen Sie Ihre Leute! Machen Sie die Thuͤren auf. Wir muͤſſen den Fluͤchtigen nach; ſie können uns nicht entgehen. Wir muͤſſen ſie haben— todt oder lebendig!“ Ende des zweiten Theils. Druck von Bernh. Tauchnitz jun. In meinem Verlage erſcheinen: Thiers' ſümmtliche hiſtoriſche Werke. Deutſch Dr. W. Jordan. 1. Geſchichte der franzöſiſchen Revolution. In Schillerformat; in Bändchen von 8—9 Bogen, auf Velnpapierz mit neuer Petitſchrift. Preis: à Band 5 Ngr. oder 15 Kr. C. M. Der 1. u. 2. Theil haben ſoeben die Preſſe verlaſſen; monatlich erſcheinen 2 Theile. Die Geſchichte der franzoͤſiſchen Revolution wird 20 Theile umfaſſen!— Dieſe meiſterhafte ueberſetzung iſt die erſte und ein⸗ zige, welche das Original vollſtändig und treu wieder⸗ giebt. Otto Wigand. In meinem Verlage erſcheint: Kabinetsbiblivthet der vorzüglichſten Bomane des Anslandes. 16. 1844. Broſch. à Band 2 Ngr. Bis jetzt ſind bereits erſchienen: 1. Dickens(Charles), Eine Weihnachtsgeſchichte. Deutſch von Dr. A. Diezmann. Mit zwei Stahlſtichen. 1844. Broſchirt. 8 Ngr. 2. Warren(Samuel), Aus dem Tagebuche eines Arztes. Deutſch von Dr. A. Diezmann. 20 Bde. 1844. Broſch. 1 Thlr. 10 Ngr. 5. Sue, E., Mathilde, Memoiren einer jungen Frau. Deutſch von Dr. L. Meyer. 3te cor⸗ recte und wohlfeilſte Ausgabe. 20 Bde. 1844. Broſchirt. 1 Thlr. 10 Ngr. 1. Ehrenberg, H., Der Freiheitskampf in Tepas. 1844. Broſchirt. 8 Ngr. Otto Wigand.