3— ſℳ N 5 Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. 172. Theil. 3 Der ewige Inde. Erſtes Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von HOtto Wigand⸗ —. —— — — Der ewige Jude. Von Eugen Snue. Ueberſetzt von Dr. A. Diezmann. Erſtes Bändchen. Leipzig, 1844. Verlag von Pttö Wigand. ——— Vorwort der Verlagshandlung. Seit einer Reihe von ſieben Jahren erſchei⸗ „ nen regelmäßig Sue's Romane in meinem Ver⸗ lage und zwar in ſo gediegener treuer Ueber⸗ ſeßzung, daß die Diezmann⸗Wigand'ſche Ausgabe gewiß trotz aller Concurrenz ihren Platz behaupten wird. Ich beginne hiermit auch die Ueberſetzung des neueſten Sueſchen Romans: der ewige Jude und ich bitte dieſelbe mit der ſogenannten deutſchen Originalausgabe von Weſché zu ver⸗ gleichen. Es lebt kein Menſch in Deutſchland, der nicht ſelbſt beurtheilen könnte, welche Ueber⸗ ſetzung er nehmen muß, wenn er„Sue's Ju⸗ den“ leſen will. Zur Probe für die kundigen Leſer laſſe ich die„Widmung“— die Klaue des Löwen— in franzöſiſcher Sprache der Ueberſetzung gegen⸗ über drucken. Leipzig, den 1. Juli 1844. Otto Wigand. A Monsieur C. P. Veuillez accepter la dédicace de ce livre, mon cher Camille; c'est un souvenir d'amitié bien Sin- cdre, c'est aussi un témoignage de vive reconnais- sance.— Je w'oublierai jamais combien vos ex cellens travaux, fruit d'une longue et habile expé⸗ rience, mont servi pour mettre ca et là, en relief et en mouvement(dans ma modeste sphère de conteur) quelques faits consolans ou terribles se ratlachant de près ou de loin à la question de Porganisution de truvuil, question prülante, qui bientöt dominera toutes les autres, parce due, pour les masses, c'est une question de vie ou de mort. Si dans plusieurs épisodes de cet ouvrage, jeai donc tenté de montrer F'action admirablement pienfaisante et pratique, qu'un homme de coeur noble et desprit éclairé, pourrait avoir sur la classe ouvrière, graͤces vous soient rendues! Widmung. An Herrn C. P. Genehmigen Sie, lieber Camille, die Widmung dieſes Buches als Gedächtniß aufrichtiger Freund⸗ ſchaft, wie als Zeugniß inniger Dankbarkeit.— Ich werde es nie vergeſſen, wie viel Ihre vortrefflichen Arbeiten, die Frucht langer und reifer Erfahrung, mir bei dem Verſuche genuͤtzt haben, in meinem beſcheidenen Kreiſe als Erzaͤhler einige beruhigende oder entſetzliche Thatſachen darzulegen und hervor⸗ zuheben, die nahe oder entfernt mit der Frage von der Organiſation der Arbeit zuſammenhaͤn⸗ gen, mit jener heißen Frage, die bald alle andern verdraͤngen wird, weil ſie fuͤr die Maſſen eine Frage von Leben und Tod iſt. Ihnen gebuͤhrt der Dank, wenn ich in meh⸗ rern Epiſoden dieſes Werkes zu zeigen verſucht habe, wie bewundernswuͤrdig wohlthaͤtig ein Mann von edelm Herzen und hellem Geiſte auf die uh Claſſen einwirken konnte! ———————————— —.————— Si, par opposition, j'ai peint ailleurs les ef⸗ frayantes conséquences de Poubli de toute justice, de toute charité, de toute sympathie envers ceux qui, depuis long-temps vouéès à toutes les priva- tions, à toutes les misères, à toutes les douleurs, souffrent en silence, ne réclamant que le droit au tnuvail, c'est.à-dire, un salaire certain, pro- portionné à leurs rudes labeurs et à leurs modi- ques besoins, gräces vous soient encore rendues! Oui, mon ami, car la touchante et respec- tueuse affection que vous a vouée cette multitude d'ouvriers que vous employez et dont vous amé- liorez chaque jour la condition morale et malé- rielle, est une de ces rares, de ces glorieuses exceptions, qui rendent plus déplorable encore égoisme inintelligent auquel un peuple de tra- vuilleurs honnétes et laborieux est souvent impu- nément sacrifié.— Adieu, mon ami; vous dédier ce livre, à vous, arliste si éminent, à vous, P'un des meilleurs coeurs et des meilleurs esprits que je connaisse, c'est dire qu'à défaut de talent, on trouvera du moins dans mon oeuvre de salutaires tendances et de généreuses convictions. Pout à vous, Pugene Sue- Paris, 25 juin 1844. —— Ihnen gebuͤhrt auch der Dank, wenn ich da⸗ gegen an andern Stellen die gräßlichen Folgen des Mangels jeder Gerechtigkeit, jeder Milde, jeder Theilnahme fur Diejenigen geſchildert habe, welche ſeit langer Zeit zu allen Entbehrungen, zu jeder Noth, zu allen Schmerzen verdammt ſind, ſchwei⸗ gend dulden und nichts in Anſpruch nehmen als das Recht auf Arbeit, d. h. einen gewiſſen Lohn, der ihrer harten Muͤhe und ihren mäßigen Beduͤrf⸗ niſſen entſpricht. Ja, Ihnen, werther Freund, gebuͤhrt der Dank, denn die ruͤhrende und achtungsvolle Liebe, welche Ihnen die zahlreichen Arbeiter weihen, die Sie be⸗ ſchaͤftigen und deren geiſtige und materielle Zuſtände Sie jeden Tag verbeſſern, iſt eine der ſeltenen und ruhmvollen Ausnahmen, welche jene kurzſichtige Seibſtſucht noch beklagenswerther machen, der lei⸗ der ein Volk von redlichen und fleißigen Arbeitern oftmals ungeſtraft geopfert wird. Dadurch, daß ich Ihnen dieſes Buch widme, dem ausgezeichneten Kuͤnſtler, dem Manne mit dem edelſten Herzen und trefflichſten Geiſte, den ich kenne, erklaͤre ich zugleich, daß man in meinem Werke, wenn man in ihm Talent vermißt, wenig⸗ ſtens heilſame Beſtrebungen und wohlmeinende An⸗ ſichten finden wird. Ihr Eugen Sue. Paris, den 25. Juni 1844. —— ——— Prolog. Die alte und die neue Welt. Das noͤrdliche Polarmeer ſchlingt einen Guͤr⸗ tel von ewigem Eiſe um die oͤden Kuͤſten Sibiriens und Nordamerikas, die aͤußerſten Grenzen der al⸗ ten und der neuen Welt, welche die ſchmale Beh⸗ ringsſtraße trennt. Der Monat September nahet ſich ſeinem Ende. Die Tag⸗ und Nachtgleiche hat von Neuem das Dunkel und die Stuͤrme des Nordens herbei⸗ gefuͤhrt und die Nacht wird bald an die Stelle 6 eines der ſo kurzen, ſo duͤſtern Polartage treten. Der truͤb violettblaue Himmel wird ſchwach durch eine Sonne ohne Waͤrme beleuchtet, deren bleiche Scheibe kaum uͤber den Horizont emporragt und vor dem blendenden Glanze des Schnees er⸗ blaßt, welcher die nn Steppen unabſeh⸗ bar bedeckt. 5 Im Norden wird dieſe Einoöde durch eine Kuͤſte begrenzt, welche von rieſigen ſchwarzen Felſen ſtarrt. Am Fuße dieſer aufgethuͤrmten Maſſen liegt gefeſſelt der erſtarrte Ocean, und ſeine unbeweglichen Wo⸗ gen ſind große Ketten von Eisbergen, deren blaͤu⸗ liche Gipfel in der Ferne in ſchneeigem Nebel ver⸗ ſchwinden. Im Oſten, zwiſchen den beiden Spitzen des Vorgebirges Ulikin, der Oſtgrenze Sibiriens, er⸗ blickt man einen gruͤnlichen Streifen, auf dem un⸗ geheuere weiße Eisſchollen langſam dahinſchwim⸗ men. Das iſt die Behringsſtraße. Auf der andern Seite dieſer Straße ragen die Granitmaſſen des Vorgebirges des Prinzen von Wales, der aͤußerſten Spitze Nordamerikas, empor. Dieſe öden Gegenden gehoren nicht zu der be⸗ wohnbaren Welt. In ihrer entſetzlichen Kalte flie⸗ gen die Steine knallend in Stucke, die Baͤume zer⸗ ſpringen, der Boden reißt auf und ſchleudert Eis⸗ ſplitterchen umher. Kein menſchliches Weſen ſcheint in dieſer Einde voll Nebel und Sturm, voll Hunger und Tod aus⸗ . — dauern zu konnen, und dennoch etblickt man ſelt⸗ ſamerweiſe Fußtapfen auf dem Schnee, der diefe äußerſte Grenze der beiden Feſtlande bedeckt, welche die Behringsſtraße ſcheidet. Auf der amerikaniſchen Seite verrathen kleine und leichte Fußtapfen den Gang eines weiblichen Weſens. Sie hat ſich nach den Felſen zu gewen⸗ det, von denen aus man die Schneeſte pen Sibi⸗ riens auf der andern Seite der Meere ge erblickt. Groͤßere, tiefere Fußtapfen auf der ſibiriſchen Seite deuten auf den Gang eines Mannes. Auch er iſt nach der Behringsſtraße hin gewandert. Man könnte meinen, dieſer Mann und dieſes Weib, die ſo in entgegengeſetzter Richtung an die Enden der Erde gelangten, hätten die Hoffnung gehegt, einander uͤber den ſchmalen Meeresarm hin⸗ uber zu ſehen, welcher die beiden Welten ausein⸗ ander haͤlt. Noch ſeltſamer iſt es, daß dieſe 2 Mann und dieſes Weib in einem entſetzlichen Sturme uber dieſe Einoͤden ſchreiten. Einige ſchwarze hundertjhrige echerbiume die ſonſt, wie Kreuze auf einem Friedhofe, hier und da ſtanden, ſind durch den Sturm entwurzelt, zerbrochen und weit fortgefuͤhrt worden. Dieſem tobenden Orkane, welcher die großen Baͤume entwurzelt, die Eisberge erſchuͤttert und ſie unter Donnergedröhn gegeneinander ſchleudert, die⸗ ſem tobenden Orkane haben die beiden Wanderer Trotz geboten. Sie haben ihm Trotz geboten, ohne einen Augenblick von der unveraͤnderlichen Richtung abzuweichen, der ſie folgten, wie man an den Spuren ihres gleichmäßigen, geraden und feſten Ganges erkennt. Wer ſind dieſe beiden Weſen, welche mitten unter den Erſchuͤtterungen und Zuckungen der Na⸗ tur ruhig einherſchreiten? Dem Zufall, dem eigenen Willen oder einem Verhaͤngniß zu Folge bilden unter der Sohle des Mannes ſieben vorſtehende Naͤgelkoͤpfe ein Kreuz: 8 8 6 G B — G Ueberall läßt er dieſe Spur ſeiner Anweſenheit zuruͤck, und wenn man die tiefen Eindruͤcke auf dem harten, glatten Schnee ſieht, koͤnnte man meinen, ein eherner Fuß habe ſie in Marmor gepreßt. Aber bald iſt eine Nacht ohne vorherige Dämmerung dem Tage gefolgt, eine ſchauerliche Nacht. Im hellen Schimmer des Schnees ſieht man die endloſe weiße Steppe unter dem ſchweren dun- kelblauen, faſt ſchwarzen Himmelsgewoͤlbe ſich aus⸗ dehnen. Bleiche Sterne verlieren ſich in der Tiefe dieſer eiſigen dunkeln Wölbung. Es herrſcht eine feierliche Stille. Aber dort nahe der Behringsſtraße erſcheint ein ſchwacher Lichtſchein am Horizonte. Anfangs iſt es eine milde blaͤuliche Helle, gleich jener, welche dem Aufgange des Mondes vorangeht, dann nimmt dieſer helle Schein zu, breitet ſich in Strahlen aus und faͤrbt ſich blaß roſenroth. An allen andern Stellen des Himmels verdop⸗ pelt ſich die Finſterniß. Kaum iſt die eben ſo ſichtbare, ſo weiße Flaͤche der Steppe von der dunkeln Woͤlbung des Firmamentes noch zu un⸗ terſcheiden. In dieſem Dunkel vernimmt man verworrnes, ſeltſames Geraͤuſch, gleich dem bald raſchern, bald langſamern Fluͤgelſchlage großer Nachtvoͤgel, die angſtvoll uͤber die Steppe flattern und auf ihr nie⸗ derſinken; einen Schrei aber hoͤrt man nicht. Dieſer ſtumme Schrecken verkuͤndiget die Naͤhe einer jener impoſanten Erſcheinungen, welche alle lebende Weſen, die wildeſten wie die harmloſeſten, mit Grauen erfuͤllen. Es erglaͤnzt plotzlich ein Nord⸗ licht, das ſo prachtvolle und in den Polargegenden ſo haͤufige Schauſpiel. Am Horizonte ſtellt ſich eine Halbkugel von plendendem Lichte dar und von dem Mittelpunkte dieſer leuchtenden Maſſe ſchießen ungeheuere Licht⸗ ſäulen hervor, die ſich zu unmeßbaren Hoͤhen erhe⸗ ben, und Himmel, Erde und Meer erleuchten. Grelle Reflexe, wie bei einer Feuersbrunſt, ſchluͤpfen dabei uber den Schnee der Wildniß hin, geben den blaͤulichen Spitzen der Eisberge ein purpurnes Aus⸗ ſehen und faͤrben die hohen ſchwarzen Felſen der beiden Feſtlaͤnder mit dunklem Roth. Nachdem das Nordlicht dieſe prachtvolle Strah⸗ lenbildung erreicht hat, erbleicht es allmäͤlig und ſein helles Leuchten erloͤſcht in einem lichten Nebel⸗ In dieſem Augenblicke erſchien, in Foige einer merkwuͤrdigen, in dieſen Gegenden aber haͤufigen Luftſpiegelung die amerikaniſche Kuͤſte, obwohl ſſie durch einen Meeresarm von Sibirien getrennt iſt, plotzlich ſo nahe, daß man es haͤtte fuͤr moͤg⸗ lich halten koͤnnen, eine Bruͤcke von einem Erdtheile zum andern zu ſpannen. Und in dem lichten blaulichen Dunſte, der beide Lander bedeckte, zwei menſchliche Ge⸗ ſtalten. Auf dem Vorgebirge Sibiriens breitete ein knien⸗ der Mann mit einem Ausdrucke unermeßlicher Ver⸗ weiflung die Arme nach Amerika hinuͤber aus. Auf dem Vorgebirge Amerikas antwortete ein junges ſchoͤnes Weib auf dieſe troſtloſe Geberde des Mannes, indem ſie zu dem Himmel hin⸗ aufwies. Mehrere Minuten lang waren dieſe beiden gro⸗ en Geſtalten bleich und nebelhaft in dem letzten Sceine des Nordlichtes zu erkennen. ber der Nubel verbichtete ſich almälig und Alles verſchwand in der Finſterniß. Woher kamen dieſe beiden Geſtalten, die ein⸗ Der ewige Jude. I. 2 — ander ſo am Ende der alten und der neuen Welt unter dem Eiſe des Nordpoles entgegentraten? Wer waren dieſe beiden Weſen, die einen Augen⸗ blick durch trügeriſche Luftſpiegelung einander ge⸗ naͤhert wurden, die aber fur die Ewigkeit getrennt zu ſein ſchienen? 6 4 3 5 † . i Erſtes Kapitel. Der ewige Iudr. Der Gaſthof zum weißen Falken. Morok. s iſt zu Ende des Monats October 1831. Ob es gleich noch Tag iſt, beleuchtet doch eine kupferne Lampe mit vier Flammen die geſprungenen Waͤnde eines großen Dachbodens, deſſen einziges Fenſter mit einem Laden verſchloſſen iſt. Eine Leiter, deren Sproſſen aus der OHeffnung einer Fall⸗ thur emporragen, dient als Treppe. Auf dem Fußboden liegen ordnungslos umher Ketten, Halseiſen mit ſcharfen Spitzen, Kappzaͤume mit Sägezähnen, Maulkörbe mit Nägeln und lange Stahlſtangen mit hoͤlzernen Griffen. In einer Ecke ſteht ein kleines Kohlenbecken, ähnlich d enigen, welcher ſich die Klempner bedienen⸗ u 20 das Zinn in Fluß zu bringen. Es liegen darin Kohl en auf duͤrren Spaͤhnen und ein Funke genuͤgt, um den Brennſtoff in einer Secunde zu entzuͤnden. Unweit von dieſem Haufen ſchauerlicher Ge⸗ räthe, welche dem Handwerkzeuge eines Henkers gleichen, befinden ſich einige alterthuͤmliche Waffen. 5 Ein Panzerhemd mit ſo gefuͤgigen, ſo feinen und dichten Ringen, daß es einem weichen Stahlgewebe gleicht, liegt auf einem Koffer neben wohl erhal⸗ tenen, mit ihren Riemen verſehenen Arm- und Beinſchienen. Eine Streitaxt und zwei lange drei⸗ ſchneidige Lanzen mit feſten und doch leichten Schaf⸗ ten von Eſchenholz, an denen man friſche Blut⸗ ſpuren bemerkt, vervollſtändigen dieſe Ruͤſtung, welche durch tyroler Stutze mit geſpanntem Hiß etwas moderniſirt wird. Mit dieſem Arſenal von Mordgewehren uß barbariſchen Werkzeugen iſt eine Sammlung ſehr verſchiedenartiger Gegenſtände ſeltſam vermiſcht, naͤmlich kleine Glaskäſten mit Roſenkraͤnzen, Me⸗ daillen, waͤchſernen Gotteslaͤmmchen, Weihteſſeh. und eingerahmten Heiligenbildern, und endlich eine 8 3 ziemliche Anzahl Freiburger Traktaͤtchen auf ſchlech⸗ tem blaͤulichen Papiete, in denen verſchiedene neuet Wunder erzählt, ein eigenhändiger Brief von an eine glaͤubige Chriſtin und endlich fuͤr die Jahre 1831 und 1832 die entſetzlichſten Prophezeihungen gegen das gottloſe und revolutionärẽ Frankreich mit⸗ getheilt ſind. 6 welchen die Buden mit„Sehenswuͤrdigkeiten“ auf Meſſen und Jahrmaͤrkten herausgeputzt zu werden pflegen, haͤngt an einem der Dachbalken, wahrſchein⸗ lich damit die Malerei nicht verdorben werde, wenn 5 es lange zuſammengerollt liegt. Ueber dieſem Bilde lieſet man die Worte: Die wahrhaftige und denkwürdige Bekeh⸗ rung des Ignaz Morok, genannt der Pro⸗ phet, zu Freiburg im Jahre 1828. Das Bild mit Figuren über Lebensgroͤße, in gereller Farbe und barbariſchem Charakter, iſt in drei Felder getheilt, auf denen drei wichtige Abſchnitte in dem Leben dieſes Bekehrten, genannt der Prophet, dargeſtellt ſind. Im erſten Felde ſieht man einen Mann mit blondem, faſt weißem Barte und grimmigem Ge⸗ ſicht. Er iſt in Rennthierfelle gekleidet, wie die wilden Volkerſchaften an der Kuͤſte Sibiriens und trägt eine Muͤtze von ſchwarzem Fuchspelz mit einem Rabenkopfe oben darauf. Seine Zuͤge druͤcken 8 Angſt und Entſetzen aus; er flieht, gebuͤckt auf ſei⸗ nen Schlitten, der, von ſechs großen fahlen Hun⸗ den gezogen, auf dem Schnee hingleitet, vor einer chaar von Füchſen, Woͤlfen und gewaltigen Bä⸗ ren, welche alle die Rachen mit den furchtbaren Zihnen aufſperren und im Stande zu ſein ſcheinen, den Menſchen, die Hunde und den Schlitten hun⸗ dertmal zu verſchlingen. Ein Gemaͤlde auf Leinwand, gleich denen, mit 4 Unter dieſem erſten Bilde lieſet man: Im Jahre 1810 iſt Morok Götzendiener und flieht vor den wilden Thieren. Im zweiten Felde kniet Morok mit gefaltenen Haͤnden in dem weißen Gewande des Katechumenen vor einem Manne in ſchwarzem langem Talar ½ und weißem Kragen. In einer Ecke des Gemaͤldes hält ein großer Engel mit finſterm Geſichte in der einen Hand eine Poſaune und in der andern ein feuriges Schwerdt. Aus ſeinem Munde gehen die Worte in rother Schrift auf ſchwarzem Grunde: Morok, der Götzendiener, floh vor den wilden Thieren; die wilden Thiere werden vor Ignaz Morok fliehen, der in Freiburg bekehrt und getauft worden iſt.. Und in dem dritten Felde erſcheint wirklich der Neubekehrte ſtolz und triumphirend in einem lan⸗ gen blauen weitfaltigen Gewande. Er hat ſtolz das Haupt empor gerichtet, ſtuͤtzt die linke Hand auf die Huͤfte, ſtreckt die Rechte aus und ſcheint eine Schaar von Tigern, Hyaͤnen, Baͤren und Lo⸗, wen zu erſchrecken, die ihre Klauen einziehen, dier Zähne verſtecken und ſcheu und demuthig vor ihm kriechen. „ Unter dieſem letzten Felde lieſet man: Ignaz Morok iſt bekehrt. Die wilden Thiere kriechen zu ſeinen Füßen. Nicht weit von dieſem Gemälde liegen mehret Packete Freiburger Tractätchen, in denen erzahlt iſt . — 23 durch welches ſtaunenswerthe Wunder der Götzen⸗ diener Morok, nachdem er bekehrt worden, plotzlich eine uͤbernatuͤrliche, faſt gottliche Macht erlangt habe, welcher ſich die reißendſten Thiere nicht ent⸗ iehen koͤnnten, wie es jeden Tag die Darſtellungen zeigten, welche der Thierbaͤndiger gäbe, weniger um ſeinen Muth und ſeine Kuͤhnheit zu zeigen, als um die Herrlichkeit und Macht Gottes zu beweiſen. „„„.„ ⸗.„„*„ Durch die offene Fallthuͤre ſteigt, faſt ſtoß⸗ weiſe, ein ſtarker, ſcharfer, durchdringender, ſeltſamer * Geruch herauf. Von Zeit zu Zeit hort man ein gewaltiges Roͤ⸗ d cheln und tiefes Athmen, dem dann ein dumpfes 1. Geräuſch folgt, als wenn große Koörper auf einem „ Fußboden ſchwer ſich ſtreckten. 5 Oben befindet ſich nur ein Mann und dieſer d Mann iſt Morok, der Thierbändiger, genannt der t Prophet. Er ſteht im vierzigſten Jahre, iſt von mittlerer et Groͤße und außerordentlich hager. Ein langer mit ſchwarzem Pelz gefutterter Rock von blutrother Farbe umhuͤllt ihn ganz. Seine von Natur weiße Ge⸗ ſichtsfarbe iſt durch das Wanderleben gebraͤunt, das er von Jugend auf fuͤhrte. Sein mattgelbes blon⸗ des Haar, gleich dem mancher Volker im äußerſten Norden, fällt ſchlicht und gerade auf ſeine Schultern herab; ſeine Naſe iſt duͤnn, klein, aufgeſtuͤpt. An — 24— ſeinen vorſtehenden Backenknochen beginnt ein lan⸗ ger blonder, faſt weißer Bart. Einen ganz eigenthuͤmlichen Ausdruck erhaͤlt das Geſicht dieſes Mannes durch die weit offenſte⸗ henden, hoch hinaufgezogenen Augenlider, welche fortwaͤhrend einen weißen Reifen um den fahlen ₰ Stern des Auges ſehen laſſen. Dieſes ungewoͤhn⸗ liche ſtiere Auge uͤbt einen wahren Zauber auf die Thiere aus, was indeß den Propheten nicht hin⸗ dert, bei der Bändigung derſelben auch die ſchreck⸗ lichen Werkzeuge zu gebrauchen, die um ihn her liegen. Er ſitzt an einem Tiſche und hat den doppelten Boden eines Käſtchens geoͤffnet, in welchem ſich ₰ Roſenkraͤnze und andre aͤhnliche Spielſaͤchelchen fuͤr fromme große Kinder befinden. Unter jenem mit einem geheimen Schloß befeſtigten Doppelboden lie⸗ gen mehrere verſiegelte Packete, auf denen ſtatt einer Adreſſe nur eine Zahl und ein Buchſtabe ſtehen. Der Prophet nimmt eines dieſer Packete, ſteckt es in die Taſche ſeines Rockes, verſchließt darauf den Doppelboden wieder und ſtellt das Kaͤſtchen auf ein Bret. Dies geſchieht um vier Uhr Nachmittags in dem Gaſthofe zum weißen Falken, dem einzigen Wirths⸗ hauſe in dem Dorfe Möckern, das nahe bei Leipzig und noͤrblich von dieſem liegt. 3 Nach einigen Augenblicken erbebte der Boden durch ein heiſeres Gebrull unten. „Judas! Ruhe!“ rief der Prophet in drohen⸗ dem Tone, während er das Geſicht nach der Fall⸗ thuͤre hinwendete. Ein andres dumpfes Knurren, das aber ſo furcht⸗ bar war wie ferner Donner, ließ ſich geich vernehmen. „Kain! Halt' Ruhe!“ ſchrie Morok inbem er aufſtand. Ploͤtzlich erſchallt ein unbeſchreiblich wildes Bruͤllen. „Tod! wirſt du Ruhe halten?“ ſchrie der Pro⸗ phet einem dritten unſichtbaren Thiere zu, das den ſchauerlichen Namen„der Tod“ fuͤhrte und er ging raſch nach der Fallthuͤre hin. Trotz der gewoͤhnlichen Herrſchergewalt ſeiner Stimme und trotz wiederholten Drohungen konnte der Thierbaͤndiger jetzt die Ruhe nicht herſtellen; mit dem Bruͤllen der reißenden Thiere verband ſich im Gegentheil bald das Bellen mehrerer Doggen. Morok griff nach einer Lanze, trat an die Lei⸗ ter und wollte hinunter ſteigen, als er Jemanden heraufkommen ſah. Der Neuankommende hatte ein braunes ſonnen⸗ verbranntes Geſicht und trug einen grauen runden Hut mit breiten Kraͤmpen, eine kurze Jacke und weite Beinkleiber von gruͤnem Tuche. Seine be⸗ ſtaubten Ledergamaſchen zeugten von einem langen Marſche. Auf dem Ruͤcken trug er ein Ränzchen. „Pol' der Teufel die Beſtien!“ ſprach er deutſch, als er von der Leiter auf den Fußboden oben trat. „Iſt's doch, als haͤtten ſie mich in den drei Tagen vergeſſen. Der Judas ſteckte die Tatze zwiſchen den Stangen des Käͤfigs heraus und der Tod ſprang wie eine Furie umher. Kennen ſie mich nicht mehr?“ Morok antwortete ebenfalls deutſch, aber mit etwas fremdartigem Accent und fragte beſorgt: „Bringſt Du gute oder ſchlimme Nachrichten, Farl?“ „Gute.“ „Du haſt ſie alſo getroffen?“ „Ja, geſtern, zwei Stunden von Wittenberg.“ „Gott ſei Dank!“ rief Morok aus, waͤhrend er mit inniger Beftiedigung die Haͤnde faltete. „Es war natuͤrlich; es iſt die Straße von Ruß⸗ land nach Frankreich. Man konnte tauſend gegen eins wetten, daß man ſie zwiſchen Wittenberg und Leipzig treffen wuͤrde.“ „Und das Signalement?“ „Trifft vollkommen zu. Die beiden Maͤdchen trauern, das Pferd iſt ein Schimmel, der Alte traͤgt einen langen Schnauzbart, eine blaue Muͤtze und einen grauen Soldaten-Mantel. Ein ſibiriſcher Hund folgt ihm.“ „Wo haſt Du ſie verlaſſen?“ „Eine Stunde von hier. Binnen einer halben Stunde werden ſie da ſein.“ „Und in dieſem Wirthshauſe, weil es kein ande⸗ —— 41 tes im Dorfe giebt,“ ſetzte Morok mit cher Miene hinzu. „Und weil es Nacht wird,“ ſagte Karl. „Haſt Du den Alten zum Reden gebracht?“ „Ihn! Was denken Sie?!“ „Wie?“ „Man kann nicht an ihn kommen.“ „Warum nicht?“ „Es iſt nicht moͤglich.“ „Nicht moͤglich? Warum nicht moͤglich?“ „Das ſollen Sie ſogleich erfahren. Ich folgte ihnen zuerſt bis zum geſtrigen Nachtquartier und ſtellte mich, als traͤfe ich ſie zufaͤllig. Ich redete den großen Alten deutſch an und ſagte zu ihm: „Gott gruͤß Euch! Gluͤckliche Reiſe!“ Statt aller Antwort ſchielte er mich an und wies mich mit ſei⸗ nem Stocke an die andere Seite der Sträße.“ „Er iſt ein Franzoſe verſteht vielleicht nicht Deutſch.“ „Er ſpricht es wenigſtns eben ſo gut als Sie, denn geſtern Abend hoͤrte ich ihn beim Wirth be⸗ ſtellen, was er fuͤr ſich und die Maͤdchen haben wollte.“ „Verſuchteſt Du im Nachtquartier nicht noch einmal, ein Geſpräch mit ihm anzufangen?“ „Ein einziges Mal, aber er behandelte mich ſo barſch, daß ich keinen Verſuch wieder machte, um nichts zu verderben. Unter uns geſagt, der Mann ſieht boshaft aus wie der Teufel und trotz ſeinem grauen Schnauzbarte ſcheint er noch ſo ſtark und muthig zu ſein, ob er gleich abgezehrt iſt wie ein Gerippe, daß ich wahrhaftig nicht weiß, ob bei einem Streite er oder mein Kamerad, der Rieſe Goliath, obenbleiben wuͤrde.. Ich weiß zwar nicht, was Sie vorhaben, aber nehmen Sie ſich in Acht, Herr, nehmen Sie ſich in Acht..“ „Mein ſchwarzer javaniſcher Panther war auch ſtark und bösartig,“ antwortete Morok mit ver⸗ ächtlichem finſterm Lächeln. „Der Tod? Ja, und er iſt noch immer ſo ſtark und bösartig. Nur gegen Sie iſt er faſt ſanft..“ „So werde ich auch den großen Alten baͤndi⸗ gen, wenn er auch ſtark und barſch i „Hm! hm! Trauen Sie ſich nicht zu viel zu, Herr. Sie ſind geſchickt und ſo muthig wie irgend Einer, aber, glauben Sie mir, aus dem alten Wolfe, der ſogleich hier ankommen wird, machen Sie niemals ein Lamm.“ „Kriecht nicht mein Loͤwe Kain, kriecht nicht. mein Tiger Judas zitternd und furchtſam vor mir?“ „Das glaube ich wohl, weil Sie die Mittel da haben, um..“ „Weil ich Glauben habe. Das iſt Alles,— Alles,“ unterbrach Motok Karl gebieteriſch und er begleitete dieſe Worte mit einem ſolchen Blicke, daß der Andere den Kopf ſinken ließ und ſchwieg⸗ „Warum ſollte der, welchem der Herr in dem —— —,—— ——— „ Kampfe gegen die Thiere beiſteht, nicht auch Bei⸗ ſtand finden in dem Kampfe gegen die Menſchen, wenn dieſe Menſchen gottlos und ſuͤndhaft ſind?“ ſetzte der Prophet mit triumphirenden und begeiſter⸗ ten Blicken hinzu. Karl antwortete dem Propheten demuͤthig, ent⸗ weder weil er an die Ueberzeugung ſeines Herrn glaubte oder weil er ſich in keinen Streit mit dem⸗ ſelben uͤber einen ſo delicaten Gegenſtand einlaſſen konnte:„Sie wiſſen mehr als ich, Herrz was Sie thun, muß gut ſein.“ „Biſt Du dem Alten und den beiden Maͤdchen den ganzen Tag gefolgt?“ fragte der Prophet nach einer kurzen Pauſe weiter. „Ja, aber nur von weitem. Da ich die Ge⸗ gend genau kenne, ſo bin ich oft auf Feldwegen und querfeldein gegangen, habe aber die Chauſſee im Auge behalten, ſo daß ich die Reiſenden immer ſah. Das letztemal als ich ſie ſah, hatte ich mich hinter einer Muͤhle verſteckt; da es aber dunkel zu werden anfing, ſo ſchritt ich tuͤchtig aus, um wieder vorauszukommen und Ihnen die Nachricht zu bringen, die Sie eine gute nennen.“ „Sie iſt gut, ſehr gut, und Du ſollſt dafur be⸗ lohnt werden, denn wenn mir dieſe Leute entgangen wären..“ Der Prophet zuckte zuſammen und ſprach nicht weiter, aber an dem Ausdrucke ſeines Geſichtes und an dem Tone ſeiner Stimme errieth man, welche Bedeutung die erhaltene Nachricht fuͤr ihn hatte. „Ja!“ fuhr Karl fort,„ja, das verdient Be⸗ achtung, denn der betreßte ruſſiſche Courrier, der in einem Striche von St. Petersburg nach Leipzig ge⸗ reiſet iſt, um Sie aufzuſuchen, hatte vielleicht. Morok unterbrach Karl barſch und fragte: „Wer ſagt Dir, daß ſich die Ankunft dieſes Courtiers auf dieſe Reiſenden bezieht? Du irrſt Dich und darfſt nur wiſſen, was ich Dir ſage..“ „Nehmen Sie es nicht uͤbel, Herr; wir wollen nicht wieder davon reden. Jetzt will ich mein Ränzchen ablegen und Goliath die Thiere fuͤttern helfen, denn die Fuͤtterungszeit kommt, wenn ſie nicht ſchon vorbei iſt. Wird mein dicker Rieſe nachlaͤſſig?“ „Goliath iſt ausgegangen und er darf nicht wiſſen, daß Du wieder da biſt; vor allen Dingen duͤrfen Dich der Alte und die Maͤdchen hier nicht ſehen, weil ſie ſonſt Verdacht ſchoͤpfen koͤnnten.“ „Wo ſoll ich mich verſtecken?“ „In dem kleinen Verſchlage unten im Stalle. Dort warteſt Du meine Befehle ab, denn es iſt möglich, daß Du noch dieſe Nacht nach Leipzig aufbrechen mußt.“ „Wie Sie wollen. Ich habe in meinem Raͤnz⸗ chen noch einige Lebensmittel und will ſie unten in dem Verſchlage verzehren, waͤhrend ich zugleich ausruhe.“ — — —— „So gehe!“ g. „Vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſagt habe; trauen Sie dem Alten mit dem grauen Schnauzbarte nicht, denn er ſcheint teufelmäßige Courage zu haben. Ich verſtehe mich darauf; er iſt ein trotziger Mann,— alſo Vorſicht!“ „Sei ganz ruhig, ich bin immer auf der Hut,“ antwortete Morok. „So wuͤnſche ich viel Gluͤck, Herr!“ ſate Karl, der darauf auf der Leiter wieder hinunter ſtieg und allmaͤlig verſchwand. Nachdem der Prophet ſeinem Diener freundlich Abſchied zugenickt hatte, ging er eine Zeit lang in tiefen Gedanken auf und ab; dann trat er wieder an das Käſtchen mit dem doppelten Boden, welches einige Papiere enthielt und nahm einen ziemlich langen Brief heraus, den er mehrmals mit groͤßter Aufmerkſamkeit durchlas. Von Zeit zu Zeit ſtand er auf, um bis an das Fenſter mit dem Laden zu treten, das auf den Hof des Wirthshauſes ging, und da geſpannt zu hor⸗ chen, denn er erwartete mit Ungeduld die Ankunft der drei Perſonen, die ihm gemeldet worden war. Zweites. Kapitel. Die Reiſenden. Während das Erzählte in dem Gaſthofe„zum weißen Falken“ in Moͤckern geſchah, kamen die drei Perſonen, deren Ankunft der Thierbaͤndiger Morok ſo ungeduldig erwartete, nichts ahnend uͤber lachende Wieſen heran, die auf der einen Seite durch einen Fluß mit einer Muͤhle, auf der andern durch die Chauſſee begrenzt waren, welche in das Dorf Moͤckern fuͤhrte, das in der Entfernung von einer Stunde auf einem ziemlich hohen Huͤgel lag. Der Himmel war außerordentlich klar und hei⸗ ter; nur das Rauſchen des Fluſſes, den das Rad der Muͤhle peitſchte und mit Schaum bedeckte, un⸗ terbrach die Stille dieſes vollig ruhigen Abends; buſchige Weiden, die ſich uͤber das Waſſer neigten, warfen ihre durchſichtigen gruͤnlichen Schatten dar⸗ auf, während es weiterhin ſo glaͤnzend das Blau des Himmels und die Feuerglut des Sonnenuntergangs abſpiegelte, daß ohne die Huͤgel, die ſie trennten, das Gold und Blau der Wellen mit dem Gold und Blau des Himmels in eine blitzende Flaͤche ver⸗ ſchmolzen ſein wuͤrden. Das lange Rohr am Ufer beugte die ſchwarzen Sammetkolben in dem linden Winde, der ſich oft gegen Abend erhebt; denn die Sonne verſchwand langſam hinter einem breiten Streife purpurner Wolken mit feuerfarbigen Rän⸗ „ 3 — dern und die klare reine Luft trug das ferne Lau⸗ ten der Gloͤckchen einer Heerde herbei.. Auf einem Wege im Graſe der Wieſe ritten zwei junge Mädchen, faſt Kinder, denn ſie hatten erſt das fuͤnfzehnte Jahr zuruͤckgelegt, auf einem Schimmel von mittlerer Große und ſaßen da auf einem großen Sattel mit Lehne, der ihnen beiden Platz gewaͤhrte, da ſie zart und ſchmächtig waren. Ein hochgewachſener Mann mit ſonnengebraun⸗ tem Geſichte und grauem Schnauzbarte fuͤhrte das Pferd am Zuͤgel und ſah ſich von Zeit zu Zeit mit väterlich liebevoller Beſorgniß nach den Maͤdchen um. Er ſtutzte ſich auf einen langen Stab; ſeine noch ruͤſtigen Schultern trugen einen Torniſter. Seine beſtaubten Schuhe und ſeine etwas ſchlep⸗ penden Schritte verriethen, daß er ſchon lange ge⸗ gangen war. Einer der Hunde, welchen die noͤrdlichen Volker Sibiriens an ihre Schlitten zu ſpannen pflegen, ein kräftiges Thier, ſo ziemlich von der Groͤße, der Ge⸗ ſtalt und Farbe eines Wolfes, folgte bedaͤchtig und gewiſſenhaft den Schritten des Fuͤhrers der kleinen Caravane und wich nicht von den Ferſen ſeines Herrn. Man konnte nichts Reizenderes ſehen als die Gruppe der beiden Maͤdchen. X Die eine hielt mit der linken Hand den häͤn⸗ genden Zuͤgel und umſchlang mit dem rechten Arme ihre ſchlummernde Schweſter, deren Kopf auf ihrer Der ewige Juhe. I. Achſel ruhete. Jeder Schritt des Pferdes gab den beiden ſchmiegſamen Koͤrpern eine anmuthige ſchau⸗ kelnde Bewegung und wiegte ihre niedlichen Fuͤße, die auf einem Bretchen ruheten, das die Stelle der Steigbuͤgel vertrat.. Dieſe beiden Zwillingsſchweſtern hießen nach einem liebenswurdigen Einfalle ihrer Mutter Roſa und Bianca und waren jetzt Waiſen, wie es ihre ziemlich abgenutzte Trauerkleidung verrieth. Sie ſahen einander ſo aͤhnlich und waren ſo ganz von gleicher Groͤße, daß eine lange Gewohn⸗ heit dazu gehoͤrte, eine von der andern unterſchei⸗ den zu koͤnnen. Das Portrait der einen, welche nicht ſchlief, haͤtte alſo fur das Bild einer jeden gelten konnen; der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen, den man in dieſem Augenblick bemerkte, war der, daß Roſa wachte und diesmal die Pflichten der ältern Schweſter erfullte, welche nach einem Einfalle ihres Führers ſo getheilt waren; denn der alte an Disciplin gewoͤhnte Soldat des Kaiſer⸗ reichs hatte es fuͤr zweckmaͤßig gehalten, Subordi⸗ nation und Commando zwiſchen den beiden Waiſen abwechſeln zu laſſen. Greuſe wurde ſich an dem Anblick der huͤb⸗ ſchen Geſichter der Maͤdchen begeiſtert haben, die ſchwarze Sammethaͤubchen trugen, unter denen eine Fuͤlle dicker hellbrauner Locken hervorquoll, welche auf den Nacken und die Schultern fielen und die runden, feſten, rothen, glatten Wangen umhullten. Eine vom Thau benetzte rothe Nelke hat keine ſam⸗ metweichere Farbe als ihre bluͤhenden Lippenz das zarte Blau des Immergruͤns wuͤrde dunkel ausge⸗ ſehen haben neben dem klaren Himmelblau ihrer großen Augen, in denen ſich die Sanftmuth ihres Charakters und die Unſchuld ihres Alters malten; eine weiße reine Stirn, ein friſchrothes Naͤschen und ein Gruͤbchen im Kinne vollendeten das lie⸗ benswurdige Ganze dieſer anmuthigen Geſichter voll Unſchuld und reizender Herzensgüte. Dann haͤtte man ſie ſehen ſollen, wenn der alte Soldat beide ſorgſam in einen großen Pelz von Rennthierhaut huͤllte und die weite Kapuze dieſes regendichten Kleidungsſtuͤckes uͤber ihre Köpfe zog; es gab da nichts Reizenderes als die beiden fri⸗ ſchen, lächelnden Geſichtchen unter dieſer dunkelfar⸗ bigen Huͤlle. Jetzt war der Abend ſchoͤn und ruhig; der ſchwere Mantel lag auf den Knieen der beiden Schweſtern und ſeine Kapuze hing uͤber die Sattellehne. Roſa, die noch immer ihren rechten Arm um ihre ſchlafende Schweſter geſchlungen hielt, betrach⸗ tete dieſelbe mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher, faſt mutterlicher Liebe, denn an dieſem Tage war Roſa die aͤltere und eine ältere Schweſter iſt ſchon faſt eine Mutter. Die beiden verwaiſeten Schweſtern liebten ein⸗ ander nicht blos uͤber Alles, ſie empfanden auch faſt immer gleichzeitig diefelben wie es 36 bei Zwillingen nicht ſelten geſchieht. Die Em⸗ pfindungen der einen ſpiegelten ſich augenblicklich in den Zuͤgen der andern ab; ſie erbebten und erroͤthe⸗ ten aus einer und derſelben Urſache, ſo gleichmäͤßig ſchlugen ihre jungen Herzen; mit einem Worte, die unſchuldigen Freuden und der bittere Kummer, Alles wurde von ihnen wechſelſeitig empfunden und als⸗ bald getheilt. In ihrer Kindheit wurden ſie gleich⸗ zeitig von einer ſchmerzhaften Krankheit befallen und ſie knickten zuſammen, erbleichten und ſiechten wie zwei Blumen auf einem Stengel; gleichzeitig hatten ſie aber auch ihre reine friſche Farbe wieder⸗ gefunden. Braucht es noch ausgeſprochen zu werden, daß man die unauflöslichen geheimnißvollen Bande, welche die Zwillingsſchweſtern vereinigten, nicht wuͤrde haben zerreißen konnen, ohne das Leben der beiden armen Kinder ernſtlich zu gefaͤhrden? So werden auch die lieblichen Pärchen jener Voͤgel, welche man Unzertrennliche nennt und die nur gemeinſam miteinander leben koͤnnen, trau⸗ rig, leiden, verlieren den Lebensmuth und ſterben, wenn eine liebloſe Hand ſie von einander trennt. Der Fuͤhrer der Waiſen, ein Mann von un⸗ gefähr fuͤnfundfunfzig Jahren und militairiſcher Haltung, zeigte das unſterbliche Bild jener Solda⸗ ten der Republik und des Kaiſerreiches, der helden⸗ muͤthigen Kinder des Volkes, welche in einem Feldzuge die erſten Soldaten der Welt wurden, um der Welt zu zeigen, was ein Volk vermag und voll⸗ bringt, ſobald ihm ſeine wahren Auserwählten Ver⸗ trauen ſchenken und ihre Kraft und ihre Hoffnung allein in ihm ſuchen. Der Soldat, der Fuͤhrer der beiden Schweſtern und ehemaliger Grenadier zu Pferde von der kai⸗ ſerlichen Garde, hatte den Beinamen Dagobert erhalten. Die ernſten, ſtrengen Zuͤge ſeines Ge⸗ ſichtes waren ſcharf ausgeprägt; ſein langer, dich⸗ ter, grauer Schnauzbart verhuͤllte vollſtaͤndig ſelbſt die Unterlippe und floß mit einem großen Zwickel⸗ barte zuſammen, welcher faſt das ganze Kinn be⸗ deckte. Seine ziegelrothen, pergamentharten ha⸗ gern Wangen waren dagegen glatt raſirt; dicke, noch ſchwarze Augenbrauen fielen faſt bis uͤber die hellblauen Augen herunter; ſeine goldnen Ohrringe reichten bis auf den weißbeſetzten Soldatenkragenz ein lederner Guͤrtel hielt um die Huͤfte den Mantel von grobem grauem Tuche zuſammen und eine blaue Soldatenmuͤtze mit rother Troddel, welche auf die linke Achſel fiel, bedeckte ſeinen kahlen Kopf. Dagobert, der ſonſt Rieſenkraft beſeſſen hatte, aber auch ſtets(weil er muthig und ſtark war) ein gutmuͤthiges und geduldiges Löwenherz, bewies ge⸗ gen die Schweſtern, trotz der rauhen Haͤrte ſeines Geſichtes, eine außerordentliche Sorgſamkeit, eine unerhörte Zuvorkommenheit, eine faſt muͤtterliche Zärtlichkeit, ja eine faſt muͤtterliche, denn zum Hel⸗ — denmuth der Liebe gehört ein Mutter⸗, ein Solda⸗ tenherz. Dagobert beſaß eine ſtoiſche Ruhe, er kämpfte jede Aufwallung nieder, ſeine unveraͤnderliche Kalt⸗ bluͤtigkeit verleugnete ſich niemals und ſo wurde er, obgleich Niemand minder ſcherzhaft war als er, gerade durch den unzerſtorbaren Ernſt, mit dem er Alles behandelte, bisweilen im hoͤchſten Grade ko⸗ miſch. Von Zeit zu Zeit drehete ſich Dagobert im Ge⸗ hen um und klopfte liebkoſend den guten Schim⸗ mel, der die Mädchen trug und deſſen Augengru⸗ ben und lange Zaͤhne ein ehrwuͤrdiges Alter verrie⸗ then, oder er ſagte ihm ein freundliches Wort. Zwei tiefe Narben, die eine an der Seite, die an⸗ dere an der Bruſt, bewieſen, daß das Pferd heißen Schlachten beigewohnt hatte. Auch ſchuͤttelte es bisweilen nicht ohne einen gewiſſen Stolz den alten Militairzaum, deſſen kupferne Verzierung noch einen Adler trug. Sein Gang war regelmaͤßig, vorſich⸗ tig und ſicher, ſeine Farbe lebhaft, ſein Koͤrper nicht gerade duͤrr, aber auch nicht fett. Der reich⸗ liche Schaum, der das Gebiß bedeckte, zeugte von der Geſundheit, welche die Pferde durch eine an⸗“ haltende, aber mäͤßige Arbeit und eine lange Reiſe in kurzen Strecken erlangen. Obgleich das brave Thier ſeit länger als ſechs Monaten unterwegs war, ſo trug es doch die beiden Maͤdchen und ein ——. ——— — 85 ziemlich ſchweres Felleiſen hinter dem Sattel noch immer ſo wohlgemuth wie am erſten Tage. Wir haben von der außerordentlichen Laͤnge der Zähne dieſes Pferdes(einem unwiderleglichen Zei⸗ chen hohen Alters) geſprochen, weil es ſie haͤufig zeigte und zwar einzig und allein, um ſeinem Na⸗ men treu zu bleiben(es hieß Jovial) und um einen ziemlich ſchlechten Spaß zu machen, deſſen Opfer der Hund war. Dieſer Hund, der, ohne Zweifel des Gegen⸗ ſatzes wegen, Murr hieß und nicht von den Fer⸗ ſen ſeines Herrn wich, konnte von Jovial, dem Schimmel, erreicht werden. Er faßte ihn denn bisweilen zierlich am Felle auf dem Ruͤcken, hob ihn empor und hielt ihn ſo einen Augenblick in der Schwebe. Der Hund, den ſein dickes Haar ſchuͤtzte und der ohne Zweifel laͤngſt an die Spaͤße ſeines Gefährten gewoͤhnt war, ließ ſich dieſelben mit ſtoiſcher Gutmuͤthigkeit gefallen, und nur wenn ihm der Spaß zu lange dauerte, ſah er ſich mur⸗ rend um. Der Schimmel verſtand auch ſogleich, was er damit meinte, und ſetzte ihn wieder auf die Erde nieder. Ein andermal biß Jovial, wahr⸗ ſcheinlich der Abwechſelung wegen, leicht in den Torniſter der, wie ſein Hund, an dieſe ſcherzhafton Neckereien vollkommen gewöhnt zu ſein ſchien. Nach dieſen Einzelnheiten wird man beurtheilen konnen, welche vortreffliche Einigkeit zwiſchen den ₰— Zwillingsſchweſtern, dem alten Soldaten, dem Pferde und dem Hunde herrſchte⸗. Die kleine Caravane ſehnte ſich ſehr, vor Ein⸗ bruch der Dunkelheit das Dorf Möckern zu errei⸗ chen, das man auf der Anhöhe liegen ſah. Dagobert blickte bisweilen um ſich; er ſchien ſeine Erinnerungen zu ſammelnz ſeine Zuge verdu⸗ ſterten ſich allmaͤlig und als er nicht weit mehr von der Muͤhle entfernt war, deren Geraͤuſch ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatte, blieb er ſtehen und ſtrich mohrmals den langen Schnauzbart zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger. Es war dies das einzige Zeichen, welches eine ſtarke und heftige Ge⸗ fuhlsbewegung in ihm verrieth. Da der Schimmel hinter ſeinem Herrn ploͤtz⸗ lich ſtehen blieb, ſo erwachte Bianca aus dem Schlafe und richtete den Kopf empor.. Ihr erſter Blick ſuchte die Schweſter und ſie lächelte dieſe freundlich an. Dann deuteten ſie einander ihre Verwunderung daruͤber an, daß Dagobert, die Haͤnde auf dem langen Stabe gefalten und offen⸗ bar mit ſchmerzlichen Gedanken beſchaͤftiget, ſo un⸗ beweglich ſtehen bleibe. Die Mädchen befanden ſich am Fuße eines kleinen Huͤgels, deſſen Gipfel unter den dichten Blaͤttern einer gewaltigen Eiche verſchwand, welche etwa in der Mitte der kleinen Hoͤhe ſtand. Da Dagobert noch immer nachdenkend und unbeweglich daſtand, beugte ſich Roſa von dem — Sattel herunter, ſtutzte ihre kleine weiße Hand auf die Achſel des Soldaten, der ihr den Ruͤcken zu⸗ kehrte und fragte ſanft: „Was iſt Dir, Dagobert?“ Der Veteran drehete ſich um und die Schwe⸗ ſtern ſahen zu ihrer großen Verwunderung eine dicke Thräne, die uͤber ſeine rauhe Wange gerollt war und nun in dem dicken Schnauzbarte hing. „Du weinſt? Du!“ riefen Roſa und Bianca, tief ergriffen, aus. 3 „Wir beſchwören Dich, ſage uns, was Dir iſt.“ Nach kurzem Zoͤgern ſtrich der Soldat mit der harten Hand uͤber die Augen und ſagte mit be⸗ wegter Stimme zu den Schweſtern, indem er auf die hundertjaͤhrige Eiche wies, neben der ſie ſich befanden: „Ich werde Euch traurig machen, Ihr armen Kinder,. aber was ich Euch ſagen will, iſt wie heilig.... Vor achtzehn Jahren, am Tage vor der großen Leipziger Schlacht, trug ich Euern Vater an dieſen Baum.. Er hatte zwei Säbel⸗ hiebe im Kopfe, einen Schuß in der Schulter,. und hier wurden wir, er und ich„ich fuͤr meinen Theil hatte zwei Lanzenſtiche erhalten.. gefangen genommen.. Von wem? von einem Renegaten, ja, von einem Franzoſen, einem ausgewanderten Marquis, der Oberſt in ruſſiſchen Dienſten war und ſpäter.. Na— Ihr werdet das Alles ein⸗ mal erfahren.“ Nach einer Pauſe ſetzte der Veteran hinzu, in⸗ dem er mit ſeinem Stocke nach dem Dorfe Moͤk⸗ kern zeigte:„Ja, ja, ich finde mich wieder zurecht; das ſind die Höhen, wo Euer tapferer Vater, der uns commandirte, uns und die Polen von der Garde, die ruſſiſchen Cuiraſſiere warf, nachdem er ihnen eine Batterie abgenommen hatte. Ach, Kin⸗* der,“ fuhr der Soldat naiv fort,„Ihr hättet Euern tapfern Vater an der Spitze unſerer Grenadierbri⸗ gade unter einem Hagel von Kartatſchen zum An⸗ griffe ſprengen ſehen ſollen! Es gab nichts ſo Schoͤ⸗ nes als ihn.“ Waͤhrend Dagobert in ſeiner Weiſe ſein Be⸗ dauern und ſeine Erinnerungen ausſprach, ſtiegen die beiden Schweſtern leicht von dem Pferde her⸗ unter und knieten Hand in Hand am Fuße der alten Eiche nieder. Dann ſanken ſie einander in die Arme und weinten, während der Soldat hinter ihnen ſtand, beide Haͤnde auf ſeinen langen Stab legte und ſeine kahle Stirn darauf ſtutzte. „Na, na, graämet Euch nicht,“ ſagte er nach einigen Minuten ſanft, als er die Thraͤnen uͤber die bluͤhenden Wangen der knienden Maͤdchen rin nen ſah.„Vielleicht finden wir in Paris den Ge⸗ neral Simon,“ ſetzte er hinzu;„ich werde Euch das heute Abend im Nachtquartier uteinu ſo —.— —— ſetzen.. Ich wartete abſichtlich bis heute, um Eich Vieles von Euerm Vater zu erzählenz es war S — meine Idee, weil dieſer Tag gleichſam ein Jahres⸗ tag iſt!“ „Wir weinen, weil wir auch an unſere Mutter denken,“ ſagte Roſa. „An unſere Mutter, die wir erſt im Himmel wiederfinden werden,“ ſetzte Bianca hinzu. Der Soldat hob die Maͤdchen auf, faßte ihre Hände, ſah ſie nacheinander mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Liebe an, welcher durch den Con⸗ traſt mit ſeinem rauhen Geſichte noch ruͤhrender wurde und ſagte: „Ihr duͤrft Euch nicht ſo graͤmen, meine Kin⸗ der Eure Mutter war die beſte Frau.. Als ſie noch in Polen wohnte, hieß man ſie die Perle von Warſchau, aber man hätte ſie die Perle der ganzen Welt nennen koͤnnen, denn in der ganzen Welt wuͤrde man ihres Gleichen nicht gefunden haben, nein, nein.“ Die Stimme Dagoberts fing an zu zittern, er ſchwieg und ſtrich, nach ſeiner Gewohnheit, den grauen langen Schnauzbart mit dem Daumen und Zeigefinger.. „Hoͤrt mich an, Kinder,“ fuhr er fort, nachdem er ſeine Ruͤhrung uͤberwunden hatte,„Eure Mutter konnte Euch nur den beſten Rath geben, nicht wahr?“ „Ja, Dagobert.“ 5 „Nun, was hat ſie Euch anempfohlen, ehe ſie „— ſtarbe Ihr moͤchtet oft an ſie denken, Euch aber nicht betruͤben.“ „Ja, ſie ſagte, der liebe Gott, der immer ſo gut ſei gegen die armen Mutter, die ihre Kinder auf der Eide verlaſſen muͤſſen, wurde ihr geſtatten uns zu hoͤren, auch wenn ſie im Himmel ſei,“ ſagte Bianca. „Und ſie würde uns immer im Auge haben,“ ſetzte Roſa hinzu. Dann nahmen die beiden Schweſtern einander mit ruͤhrender Anmuth an der Hand, hoben ihre ſchuldloſen Blicke zum Himmel empor und ſprachen mit dem feſten Glauben ihres Alters: „Nicht wahr, Mutter, Du ſiehſt uns? Du hoͤrſt uns?“ „Da Eure Mutter Euch ſieht und hört,“ ſagte Dagobert geruͤhrt,„ſo macht ihr durch Eure Trau⸗ rigkeit keinen Kummer mehr.. Sie hat es Euch verboten.“ „Du haſt Recht, Dagobert.“ „Wir wollen uns nickt mehr grämen.“ Und die beiden verwaiſeten Schweſtern trock⸗ neten ihre Augen. Dagobert wuͤrde von Frommen fuͤr einen wah⸗ ren Heiden gehalten worden ſein. In Spanien hatte er mit großem Behagen jene Moͤnche in allen Arten Kutten und Farben niedergeſaͤbelt, die, das Kreuz in der einen, den Dolch in der andern Pand, nicht die Freiheit(die Inquiſition hielt ſie 4 * ————— . ſeit Jahrhunderten geknebelt), ſondern ihre mon⸗ ſtroͤſen Vorrechte vertheidigten. Er war aber auch ſeit vierzig Jahren Zeuge von ſo furchtbar großar⸗ tigen Schauſpielen geweſen; er hatte ſo oftmals den Tod in der Naͤhe geſehen, daß der Inſtinct der natürlichen Religion, der allen unverdor⸗ gion, — ——— 3 benen und redlichen Herzen gemeinſam iſt, in ſeiner Seele immer oben auf geblieben war. Obgleich er die troſtreiche Täuſchung der beiden Schweſtern nicht theilte, ſo wuͤrde er es doch fuͤr ein Verbre⸗ chen gehalten haben, ſie im mindeſten zu ſtoren. Als er ſah, daß ſie minder traurig waren, fuhr er fort: „Ich hore Euch, meine Kinder, lieber ſo ſchwa⸗ ben, wie Ihr heute fruͤh und geſtern ſchwatztet, bisweilen ins Fauſtchen lachtet und mir nicht ein⸗ mal auf das antwortetet, was ich Euch ſagte, ſo beſchaͤftigte Euch Euer Geſpräch.. Ja, ja, ihr Maädchen. Seit zwei Tagen ſcheint Ihr erſchreck⸗ lich wichtige Dinge zu verhandeln zu haben.. Mir recht lieb, wenn Ihr Euch damit die Zeit vertreibt.“ Die Schweſtern erroͤtheten, lachelten einander an trotz den Thraͤnen, die noch in ihren Augen ſtanden, und Roſa ſagte mit einiger Verlegenheit zu dem Soldaten:: „Nein, Dagobert, Du kannſt's glauben, wir reden von ganz gleichgiltigen Dingen.“ „Ja, ja, ich will's auch nicht wiſſen.. Ruhet da noch einige Augenblicke aus, dann muͤſſen wir 6 2 wieder aufbrechen, denn es wird ſpät und wir muͤſſen vor Dunkelwerden in Moͤckern ſein, damit wir morgen fruͤh bei guter Zeit wieder aufbrechen können.“ „Haben wir noch weit.. weit?“ fragte Roſa. „Bis Paris?— Ja, Kinder, wohl hundert 3 Märſche. Wir kommen nicht ſchnell vorwärts, 14 aber doch immer vorwaͤrts und wir reiſen wohlfeil, denn unſer Beutel iſt klein. Wir brauchen auch nichts als ein Stuͤbchen fuͤr Euch, einen Stroh⸗ ſack und eine Decke fuͤr mich an Euerer Thuͤr, wo Murr zu meinen Fuͤßen liegt, und friſche Streu fur den alten Schimmel. Von dem Eſſen rede ich gar nicht, denn ihr Beide zuſammen eßt kaum wie ein Maͤuschen und ich habe es in Aegypten und Spanien gelernt, nur dann zu hungern, wenn! etwas zu haben iſt.“ „Du vergißt, daß Du, um noch mehr zu er⸗ ſparen, unterwegs ſelbſt unſere kleine Wirthſchaft beſorgſt und nie zugiebſt, daß wir Dir helfen.“ „Wenn man bebenkt, guter Dagobert, daß Du faſt jeden Abend im Nachtquartier wäſchſt, da doch eigentlich wir..“ „Ihr?“ unterbrach der Soldat Bianca;„ich ſoll Euere huͤbſchen weichen Händchen in dem Sei⸗ fenwaſſer wohl aufſpringen laſſen? Und wäſcht der Soldat im Felde nicht auch ſelbſt? Ich bin, ſo wie Ihr mich da ſeht, die beſte Waͤſcherin in mei⸗ ner Schwadron geweſen und wie plaͤtte ich, ohne mich zu ruͤhmen!“ „Ja Du plätteſt gut, ſehr gut..“ „Du verſengſt nur manchmal ein Bischen,“ ſetzte Roſa laͤchelnd hinzu. „Freilich, wenn der Plättſtahl zu heiß iſt.. Wenn ich ihn auch an's Geſicht halte, es hilft mir nichts, meine Haut iſt ſo hart, daß ſie die Wärme nicht gleich fuhlt..“ ſagte Dagobert in ſeinem ge⸗ woͤhnlichen Ernſte. „Du ſiehſt ja, guter Dagobert, daß wir nur ſcherzen.“ „Nun, Kinderchen, wenn ihr mit mir als Wa⸗ ſcherin zufrieden ſeid, ſo erhaltet mir Euere Kund⸗ chaft; es iſt wohlfeiler und unterwegs muß man uͤberall ſparen, beſonders arme Leute, wie wir, denn wir muͤſſen mit unſerer Barſchaft bis Paris aus⸗ kommen. Unſere Papiere und die Medaille, die ihr tragt, werden dann das Uebrige thun, man muß es wenigſtens hoffen..“ „Dieſe Medaille iſt uns heilig.. Die Mutter hat ſie uns auf dem Sterbebette gegeben.“ „Sorgt alſo dafuͤr, daß ihr ſie nicht verliert und ſeht von Zeit zu Zeit nach, ob ihr ſie noch habt.“ „Da iſt ſie,“ ſagte Bianca, wahrend ſie aus dem Buſen eine kleine Bronzemedaille zog, die ſie an einem Kettchen von demſelben Metall am Halſe trug. Dieſe Medaille hatte auf den beiden Seiten folgende Aufſchriften: Opfer In Paris von Rue Saint⸗Frangois Nr. 3. C neee i getet für mié werbet Ihr ſein Betet für nich⸗ den 13. Februar 1832. Paris, Betet für mich. den 13. Februar 1682. „Was bedeutet das, Dagobert?“ fragte Bianca, indem ſie dieſe ſeltſamen Inſchriften betrachtete. „Unſere Mutter konnte es uns nicht ſagen.“ „Davon wollen wir heute im Nachtquartier ſpre⸗ chen,“ antwortete Dagobert;„es wird ſpät, wir muͤſſen weiter; nehmt die Medaille in Acht und vorwärts! Wir haben wohl noch eine Stunde bis zum Quartier.. Betrachtet Euch den Huͤgel da noch einmal, wo Euer tapferer Vater gefallen iſt, und nun auf's Pferd! auf's Pferd!“ Die Maͤdchen warfen einen letzten frommen Blick auf die Stelle, die ſo ſchmerzliche Erinnerungen in ihrem Fuͤhrer geweckt hatte, und ſtiegen mit Hilfe deſſelben wieder auf den Schimmel. Dieſes ehrwuͤrdige Thier hatte nicht daran ge⸗ daht ſich zu entfernen, als vorſichtiger Veteran aber die Zeit benutzt und von dem fremden Boden tuͤchtig gruͤnes zartes Gras gepluͤndert vor den nei⸗ diſchen Blicken Murr's, der ſich bequem auf die — — 49— Wieſe geſtreckt und die lange Schnautze zwiſchen die beiden Vorderpfoten gelegt hatte. Auf das Signal zum Aufbruche nahm der Hund ſeinen Poſten hin⸗ ter ſeinem Herrn wieder ein; Dagobert, der mit dem langen Stabe den Boden pruͤfte, fuͤhrte das Pferd vorſichtig am Zaume, denn die Wieſe wurde immer ſumpfiger und nach einigen Schritten mußte er ſich gar links wenden, um wieder auf die Chauſſoe zu kommen. Bei der Ankunft in Moͤckern fragte Dagobert nach dem beſcheidenſten Wirthshauſe und man ſagte ihm, es gebe kein anderes als den Gaſthof „zum weißen Falken“. „Wandern wir alſo in den Gaſthof„zum wei⸗ ßen Falken“, antwortete der Soldat. Drittes Kapitel. Die Ankunft. Der Thierbaͤndiger Morok hatte in ſeiner Un⸗ geduld den Laden des Bodenfenſters mehrmals ge⸗ öffnet, um ſich nach den beiden Waiſen und dem Soldaten umzuſehen. Da er ſie noch immer nicht ankommen ſah, ſo ging er von neuem langſam, die Arme auf der Bruſt uͤbereinandergeſchlagen, geſenk⸗ ten Hauptes, auf und ab und dachte uͤber die Aus⸗ Der ewige Jude. I. fuͤhrung des Planes nach, den er entworfen hatte. Dieſes Nachſinnen war offenbar eine fuͤr ihn pein⸗ liche Beſchäftigung, denn ſein Geſichtsausdruck wurde noch finſterer und unheimlicher als gewoͤhnlich. Es fehlte dem Manne, trotz ſeinem wilden Aus⸗ ſehen, gar nicht an Verſtand, und die Beherztheit, welche er bei ſeinen Vorſtellungen bewies und die er in kluger Charlatanerie eine Folge ſeiner Bekeh⸗ rung nannte, ſeine bisweilen ſalbungsvolle und my⸗ ſtiſche Sprache, ſowie ſeine Tugendheuchelei hatten ihm einen gewiſſen Einfluß auf die Menſchen er⸗ worben, welche er auf ſeinen Wanderungen haͤufig beſuchte. Niemand zweifelt wohl daran, daß Morok ſchon lange vor ſeiner Bekehrung mit den Sitten und der Lebensweiſe der wilden Thiere ſich vertraut gemacht hatte. Er war im Norden Sibiriens geboren und ſchon in ſeiner Jugend einer der verwegenſten Bä⸗ ren⸗ und Rennthierjaͤger geweſen. Später, 1310, hatte er dieſe Beſchaͤftigung aufgegeben, um einem ruſſiſchen Ingenieur, der eine Erforſchungsreiſe in die Polargegenden machte, als Fuͤhrer zu dienen und war demſelben ſodann nach Petersburg gefolgt. Nach verſchiedenen Wechſelfaͤllen war Morok unter die kaiſerlichen Courriere aufgenommen worden, unter jene eiſernen Automaten, welche der geringſte Einfall des Despoten auf einem gebrechlichen Schlitten in das unermeßliche Reich von Perſien pis an das Eismeer hinaustreibt. Fuͤr dieſe Maͤnner, ₰ 3 die Tag und Nacht und mit Blitzesſchnelle rei⸗ ſen, giebt es keine Jahreszeiten, keine Hinderniſſe, keine Strapazen, keine Gefahrenz ſie werden, gleich einer Kugel oder einem Pfeile, fortgeſchleudert und muͤſſen am Ziele ankommen oder zu Grunde gehen. Welche Kuͤhnheit, welche Kraft und welche Erge⸗ bung in das Schickſal Menſchen beſitzen, die an ein ſolches Leben gewoͤhnt ſind, kann man ſich leicht vorſtellen. Es iſt nicht nöthig, hier die ſeltſamen Umſtände zu erwaͤhnen, welche Morok veranlaßt hatten, jenes rauhe Handwerk mit einer andern Beſchaͤftigung zu vertauſchen, wie er endlich in ein Kloſter in Frei⸗ burg gekommen war und nach ſeiner Bekehrung daſelbſt ſein Umherziehen mit einer Menagerie be⸗ gonnen hatte. Wie er in den Beſitz derſelben ge⸗ kommen war, wußte man nicht. Morok ging noch immer auf dem Dachboden umher. Es war finſter geworden. Die drei Perſonen, deren Ankunft er ſo unge⸗ duldig erwartete, erſchienen noch immer nicht. Seine Schritte wurden raſcher, ſchwerer und ungleicher. 8 Mit einemmale endlich blieb er ſtehen; er neigte den Kopf nach dem Fenſter hin und horchte. Er hatte ein ſo ſcharfes Gehor wie ein Wilder. 4* „Sie kommen!“ rieß er aus und teufliſche Freude blitzte aus ſeinem fahlen Augenſterne. Er hatte die Schritte eines Mannes und eines Pferdes erkannt. Da trat er an den Laden des Dachbodens, machte ihn vorſichtig ein klein wenig auf und ſah ſo die beiden Maͤdchen auf dem Pferde und den alten Soldaten, der ſie fuͤhrte, in den Hof des Wirthshauſes hereinkommen. Es war Nacht. Am Himmel zogen ſchwere Wolken hin und das Licht der Laternen, mit dem man den Ankommenden leuchtete, flackerte in hefti⸗ gem Winde. Das Signalement, das Morok er⸗ halten hatte, war ſo genau, daß er ſich nicht irren konnte. 5 Seine Beute konnte ihm nicht entgehen und er ſchloß den Laden wieder. Nachdem er nochmals vielleicht eine Viertel⸗ ſtunde lang nachgedacht hatte, wahrſcheinlich um ſeine Pläne genau zu ordnen, bog er ſich uͤber die Fallthuͤrenoͤffnung, in welcher die Leiter lag, die als Treppe diente, und rief: „Goliath!“ „Herr?“ antwortete eine heiſere Stimme. „Komm herauf.“ „Da bin ich. Ich habe Fleiſch von dem Metzger geholt.“ 2 Die Leiter zitterte und knarrte und bald erſchien oben ein ungeheuer dicker Kopf. Goliath, wie der Mann mit Recht hieß, denn er war uͤber ſechs Fuß lang und entſprechend dick, ſah haͤßlich aus. Seine Schielaugen lagen tief unter einer niedrigen vorſtehenden Stirn; ſein dich⸗ tes hartes borſtenartiges roͤthliches Kopf⸗ und Bart⸗ haar gab ſeinem Geſichte einen thieriſch rohen Aus⸗ druck. Zwiſchen ſeinen gewaltigen Kinnladen mit den hauerartigen Zaͤhnen hielt er ein wohl zehn bis zwolf Pfund ſchweres Stuͤck rohes Rindfleiſch, wahrſcheinlich weil es ihm bequemer war, das Fleiſch ſo zu tragen, um ſich bei dem Heraufſteigen auf der ſchwankenden Leiter mit den Haͤnden feſthalten zu koͤnnen. Endlich kam der dicke große Koͤrper ganz aus der Fallthuͤroͤffnung heraus und man ſah es an dem Stiernacken, an der ſtaunenswerthen Breite der Bruſt und der Schultern, an der Dicke der Arme und Beine, daß dieſer Rieſe es wohl unge⸗ ſcheut mit einem Bären aufnehmen konnte. Er trug alte mit Leder beſetzte blaue Beinklei⸗ der mit rothen Streifen und eine Art Rock oder vielmehr Harniſch von dickem Leder, an welchem man hier und da Spuren von den ſcharfen Klauen der Thiere ſah. Als Goliath von der Leiter auf den Boden trat, oͤffnete er den Mund und ließ das Fleiſchſtuͤck fallen, worauf er behaglich ſeinen Schnurbart ab⸗ leckte. Dieſes Ungethuͤm hatte wie ſo viele andre Gaukler zuerſt auf den Meſſen und Jahrmaͤrkten — fur Geld rohes Fleiſch zu verzehren angefangen, an dieſer widerlichen Nahrung aber allmaͤlig wirklich Geſchmack gefunden und verzehrte nun gewohnlich vor dem Beginn der Vorſtellungen Moroks zum Erſtaunen des verſammelten Volkes mit großem Appetit einige Pfund rohes Fleiſch. „Die Portion des Tod und meine liegen unten; die gehoͤrt dem Kain und Judas,“ ſagte Goliath, indem er auf das Fleiſchſtuͤck wies.„Wo iſt das Beil? Ich will's auseinander hacken und ehrlich theilen. Vieh und Menſch ſoll erhalten, was ihm zukommt.“ Er ſtreifte darauf einen Aermel ſeiner Jacke auf, ſo daß man den Arm ſah, der wie ein Wolfs⸗ fell behaart und von daumendicken Adern durch⸗ zogen war. „Wo iſt denn das Beil, Herr?“ fragte er wie⸗ derum, indem er ſich ſuchend umſah. Statt darauf zu antworten, richtete der Pro⸗ phet mehrere Fragen an ſeinen Gehilfen. „Warſt Du unten, als eben Reiſende in dem Wirthshauſe ankamen?“ Ja, ich kam eben von dem Fleiſcher.“ „Wer ſind die Reiſenden?“ „Zwei kleine Maͤdchen auf einem Schimmel und ein alter Mann mit einem großen Schnauz⸗ barte.. Aber wo iſt das Beil? Die Thiere haben großen Hunger und ich auch..“ — —— „Weißt Du, wo man die Reiſenden unterge⸗ bracht hat?“ „Der Wirth fuͤhrte die Mädchen und den alten Mann uͤber den Hof.“ „In das Gebäude, das auf das Feld hinaus⸗ geht?“ „Ja, Herr, aber der..“ Ein Concert von fuͤrchterlichem Gebruͤlle er⸗ ſchuͤtterte den Dachboben und unterbrach Goliath. „Hören Sies“ fuhr er dann fortz„der Hunger macht die Thiere wuͤthend. Wenn ich bruͤllen koͤnnte, ich machte es auch ſo. Den Judas und den Cain habe ich nie ſo geſehen, wie heute Abend; ſie ſpringen in ihren Kaͤfigen herum, als wollten ſie Alles zertruͤmmern. Die Augen des Tod fun⸗ keln noch mehr wie gewöhnlich. Sie ſehen aus wie zwei Lichter. Der arme Tod!“ Ohne auf dieſe Bemerkungen Goliaths zu ach⸗ ten, fragte Morok weiter: „Die Maädchen wohnen alſo in dem Gebaͤude hinten im Hofe?“ „Ja, aber in des Teufels Namen, wo iſt das Beil? Seit Karl fort iſt, muß ich die ganze Ar⸗ beit allein beſorgen und da kommt es denn im⸗ mer etwas ſpät erſt zur Mahlzeit.“ „Iſt der Alte auch bei den Madchen geblieben?“ fragte Morok. Goliath ſah ſeinen Herrn mit wachſender Ver⸗ wunderung an, denn er konnte nicht begreifen, — warum der Prophet trotz ſeiner Vorſtellungen an die Fuͤtterung der Thiere nicht denke. „Antworte mir, Vieh.“ „Wenn ich ein Vieh bin, ſo habe ich auch die Staͤrke eines Viehes,“ ſagte Geliath in muͤrriſchem Tone,„und ich unterliege nicht immer, wenn ich mich mit einem Viehe balge.“ „Ich frage, ob der Alte bei den Maͤdchen ge⸗ blieben iſt?“ wiederholte Morok. „Nein,“ antwortete der Rieſe.„Der Alte zog ſein Pferd in den Stall, dann verlangte er einen Eimer und Waſſer, ſtellte ſich damit in den Schup⸗ pen und dort ſteht er und wäſcht bei der Laterne. Ein Mann mit einem grauen Schnauzbarte und Waſchen! Das iſt gerade, als wollte ich Cana⸗ rienvoͤgel mit Hirſekörnchen fuͤttern,“ ſetzte Goliath mit veraͤchtlichem Achſelzucken hinzu.„Jetzt habe ich Ihnen geantwortet, Herr, und nun laſſen Sie mich die Thiere fuͤttern.“ Er ſuchte dabei fortwaͤh⸗ rend etwas mit den Augen und fragte nochmals: „wo iſt denn das Beil?“ Nach kurzem Nachdenken ſagte endlich der Pro⸗ phet zu Goliath: „Duwirſt heute Abend die Thiere nicht futtern.“ Goliath verſtand ihn Anfangs nicht, ſo ganz unbegreiflich war dieſer Gedanke fuͤr ihn. „Was ſagten Sie?“ fragte er. „„Ich verbiete Dir, den Thieren heute ſ zu geben.“ Goliath antwortete nichts, riß aber ſeine Schiel⸗ augen ungeheuer weit auf, ſchlug die Haͤnde zu⸗ ſammen und prallte zwei Schritte zuruͤck. „Haſt Du mich verſtanden?“ fragte Morok ungeduldig.„Iſt Dir's klar?“ „Nicht freſſen? Wenn unſer Fleiſch da liegt, wenn wir ſchon drei Stunden darauf gewartet ha⸗ ben?“ rief Goliath mit zunehmender Verwunde⸗ rung aus. „Du gehorchſt und ſchweigſt.“ „Soll denn die Nacht ein Ungluͤck geſchehen? Der Hunger wird die Thiere wuͤthend machen— und mich auch..“ „Deſto beſſer.“ „Wuͤthend, ſage ich.“ „Deſto beſſer.“ „Deſto beſſer? Aber..“ „Genug!“ „Bei des Teufels Pferdehufe, ich habe Hun⸗ wie die Thiere und..“ „So iß. Wer hindert Dich daran? Dein Abendeſſen iſt fertig, da Du das Fleiſch roh ver⸗ zehrſt.“ „Ich eſſe nie ohne meine Thiere und ſie be⸗ kommen nichts, wenn ich nicht auch was habe.“ „Wenn Du das Ungluͤck haſt, den Thieren Futter zu geben, ſo jage ich Dich fort.“ Goliath brummte dumpf vor ſich hin wie ein — ge — 56 Bär und ſah den Propheten verbluͤfft und er⸗ grimmt an. Morok ging, nachdem er dieſe Befehle gegeben hatte, auf und ab und ſchien wiederum nachzuden⸗ ken. Dann wandte er ſich von Neuem an Go⸗ liath, der noch immer wie verſteinert daſtand. „Du weißt wohl noch, wo der Schulze wohnt, bei dem ich heute Abend meinen Paß viſiren ließ und deſſen Frau mir einige Buͤcher und einen Ro⸗ ſenkranz abkaufte?“ fragte er. „Ja,“ antwortete der Rieſe unwirſch. „So geh hin und frage die Magd, ob morgen fruͤh bei guter Zeit der Schulze ſicher anzutref⸗ fen ſei.“ „Warum denn?“ „Ich werde ihm vielleicht etwas Wichtiges mit⸗ zutheilen haben. In jedem Falle ſage ihm, ich ließe ihn bitten, er moͤchte nicht ausgehen, ehe er mich geſehen.“ „Gut. Aber die Thiere! Ich kann ſie nicht futtern, ehe ich zu dem Schulzen gehe? Nur den javaniſchen Panther! Der iſt am hungerigſten. Hert, nur den Tod? Ich will nur ein Maulvoll nehmen, damit er Appetit bekommt. Cain, ich und Judas, wir warten.“ „Gerade dem Panther darfſt Du nichts zu freſſen geben.. Ihm weniger als den andern.“ „Bei den Hoͤrnern des Teufels!“ rief Goliath us.„Was haben Sie heute? Ich begreife das ———— ————————— ——— —..— —— nicht.. Schade, daß Karl nicht da iſt. Der iſt pfiffig und wuͤrde mir begreifen helfen, warum Sie den hungerigen Thieren nichts zu freſſen ge⸗ ben laſſen wollen.“ „Du brauchſt es gar nicht zu begreifen.“ „Kommt Farl nicht bald wieder?“ „Er iſt ſchon zuruͤck.“ „Wo iſt er denn?“ „Wieder fort.“ „Was geht vor? Richtig iſt es nicht. Karl geht fort, kommt wieder, geht noch einmal fort und.. „Von Karl iſt die Rede nicht, ſondern von Dir. Du biſt verhungert wie ein Wolf, aber auch pfiffig wie ein Fuchs und, wenn Du willſt, ſo ge⸗ ſcheidt wie Karl,“ ſagte Morok, indem er den Rie⸗ ſen vertraulich auf die Achſel klopfte und ploͤtzlich ſeinen Geſichtsausdruck und ſeinen Ton aͤnderte. „Ich geſcheidt?“ „Es ſind in dieſer Nacht zehn Gulden zu ver⸗ dienen und Du wirſt ſo geſcheidt ſein, ſie zu ver⸗ dienen, das weiß ich gewiß.“ „Ja in ſolchen Dingen bin ich geſcheidt ge⸗ nug,“ ſagte der Rieſe, indem er ſelbſtzufrieden und dumm laͤchelte.„Was muß man denn thun, um die zehn Gulden zu verdienen?“ „Das wirſt Du ſehen.“ „Iſt es ſchwer?“ „Das wird ſich Zuerſt gehſt Duz zu dem Schulzen, aber ehe Du gehſt, machſt Du Feuer in dieſem Kohlenbecken an,“ und er wies mit dem Finger darauf. „Ja, Herr,“ antwortete der Rieſe, den die Hoffnung, zehn Gulden zu verdienen, uͤber das verſpatete Abendeſſen einigermaßen tröſtete. „In das Kohlenbecken legſt Du dieſe Stahl⸗ ſtange, damit ſie gluͤhend wird,“ ſetzte der Prophet hinzu. „J⸗ Herr.“ „Du laͤßt ſie im Feuer liegen, gehſt zu dem Schulzen, kommſt zuruͤck und warteſt hier auf mich.“ Herr „Das Feuer laͤſſeſt Du nicht ausgehen.“ „J Herr Morok that einen Schritt, um fortzugehen; er kehrte aber nochmals um und fragte: „In dem Schuppen waͤſcht der alte Mann?“ P „Vergiß nichts!— Die Stahlſtange legſt Du in das Feuer, gehſt zu dem Schulzen und warteſt dann hier auf meine Befehle.“ Darauf ſtieg der Prophet auf der Leiter hinun⸗ ter und verſchwand. Viertes Kapitel. Morok und Dagobert. Goliath hatte ſich nicht geirrt, Dagobert wuſch in dem unveränderlichen Ernſte, mit welchem er Alles behandelte. Man wird ſich indeß uber dieſe ſcheinbare Selt⸗ ſamkeit nicht wundern, wenn man bedenkt, wie der Soldat im Felde lebt, und uͤbrigens war Dagobert nur darauf bedacht, den Beutel der Waiſen zu ſchonen und ihnen jede Sorge und Muͤhe zu erſpa⸗ ren. Aus dieſem Grunde verrichtete er in jedem Nachtquartiere Abends mehrere weibliche Arbeiten. Auch war es nicht das erſte Mal; auf ſeinen Feld⸗ zuͤgen hatte er gar oftmals den Schaden ſorgſam ausgebeſſert, den die Kleidungsſtuͤcke eines Solda⸗ ten an einem Schlachttage erleiden; die Saͤbelhiebe, die er erhält, ſind nicht das einzige Uebel, denn die Klinge, welche ins Fleiſch dringt, macht auch eine Wunde in die Uniform, und die muß ausgebeſſert werden. So ſieht man denn auch am Abende oder am andern Tage nach einer heißen Schlacht die beſten Soldaten(die ſich immer auch durch ihre gute mi⸗ litairiſche Haltung auszeichnen) aus dem Torni⸗ ſter oder dem Mantelſacke ein kleines Nähkiſſen mit Nadeln, Zwirn, Scheere, Knoͤpfen und andern Dingen herausnehmen, um Locher und Riſſe aus⸗ zubeſſern und zu ſtopfen. Manche wiſſen das ſo gut zu machen, wie die geſchickteſte Hausfrau. Dieſe Geſchicklichkeit hatte denn auch dem Franz Baudoin(dem Fuͤhrer der beiden Waiſen) den Spit⸗ namen Dagobert ſchon damals verſchafft, als er noch einer der ſchoͤnſten und muthigſten Grenadiere zu Pferde von der kaiſerlichen Garde war. Man hatte ſich einen ganzen Tag ohne entſchei⸗ denden Erfolg geſchlagen. Am Abend hatte die Compagnie, zu welcher unſer Held gehoͤrte, den Befehl erhalten, als Feldwache die Ruinen eines verlaſſenen Dorfes zu beſetzen. Die Vedetten wur⸗ den ausgeſtellt, die eine Hälfte der Reiter blieb auf den Pferden, die andere aber ſaß ab, um etwas auszuruhen. Franz Baudoin hatte wacker dreinge⸗ ſchlagen, aber diesmal keine Wunde erhalten, denn einen tiefen Ritz im Schenkel, den er von dem Bajonette eines Kaiſerlichen erhalten hatte, ſah er nur als Andenken an. „Hundsfott! Meine neuen Hoſen!“ hatte der Grenadier geſchrien, als er auf dem Schenkel einen ungeheuern Riß klaffen ſah, und er rachte ſich da⸗ fur durch einen fuͤrchterlichen Säbelſtoß, der den OSeſterreicher durchbohrte. Die leichte Verletzung ſeiner Haut nahm er mit großer Gleichgiltigkeit hin, nicht ſo den unſeligen Riß in ſeine Paradeho⸗ ſen. Noch denſelben Abend, im Bivouac, mußte der Unfall wieder gutgemacht werdenz er nahm alſo ſein Naͤhkiſſen zur Hand, ſuchte den beſten — — 63— Zwirn und die beſte Nadel, ſteckte den Fingerhut an und fing an neben dem Wachtfeuer zu ſchnei⸗ dern, nachdem er vorher ſeine großen Reiterſtiefeln und auch die Hoſen ausgezogen und dieſelben um⸗ gewendet hatte, um auf der linken Seite zu arbei⸗ ten, damit die ausgebeſſerte Stelle weniger zu ſe⸗ hen ſei. Dieſe theilweiſe Entkleidung war allerdings gegen die Disciplin, aber der Capitain ſelbſt mußte, als er die Runde machte, laut lachen, als er den alten Soldaten ſah, der gravitätiſch auf den Ferſen dakauerte, die Baͤrenmuͤtze auf dem Kopfe, die Paradeuniform auf dem Leibe, die Stiefeln neben ſich, die Hoſen auf den Knien hatte und ruhig naͤhete wie ein Schneider, der auf ſeinem Werk⸗ tiſche ſitzt. Mit einemmale fielen Flintenſchuſſe, die Ve⸗ detten zogen ſich auf das Detaſchement zuruͤck und riefen: zu den Waffen! „Aufgeſeſſen!“ commandirte der Capitain mit Donnerſtimme. In einem Augenblicke ſaßen die Reiter im Sat⸗ tel. Der ungluͤckliche Schneider war Fluͤgelmann im erſten Gliede und da er keine Zeit hatte, die Hoſen wieder umzuwenden, zog er ſie in aller Ge⸗ ſchwindigkeit links an, ließ die Stiefeln ſtehen, wo ſie ſtanden und ſchwang ſich auf ſein Pferd. Ein Koſakenhaufen hatte die Naͤhe eines Waͤld⸗ chens benutzt und das Detaſchement zu uͤberrum⸗ peln verſucht. Es gab ein blutiges Gefecht und unſer Freund Baudoin ſchäumte vor Wuth, denn er hielt auf ſeine Effecten und er hatte an dem Tage Ungluͤck gehabt; erſt war ihm die Hoſe zer⸗ riſſen worden und dann hatte er gar die Stiofeln eingebuͤßt. Er hieb und ſtach deshalb mit einer beiſpielloſen Erbitterung um ſich herum. Es war dabei prächtiger Mondſchein und die ganze Schwa⸗ dron konnte die glänzende Tapferkeit des Grena⸗ diers bewundern, der zwei Koſaken nieder machte und einen Offizier gefangen nahm. Nach dieſem Scharmuͤtzel, in welchem das De⸗ taſchement ſeine Stellung behauptete, ſtellte der Ca⸗ pitain ſeine Leute in Reih und Glied auf, um ſie zu becomplimentiren und befahl unſerm Freunde, vorzureiten, weil er die Abſicht hatte, denſelben of⸗ fentlich wegen ſeiner Tapferkeit zu beloben. Bau⸗ doin hatte dieſe Huldigung gern entbehrt, aber er mußte gehorchen. Nun denke man ſich das Erſtaunen des Capi⸗ tains und ſeiner Reiter, als ſie die große ernſte Ge⸗ ſtalt, die bloßen Füße auf die Steigbuͤgel geſtuͤtzt und die ebenfalls nackten Beine an das Pferd ge⸗ druckt, im Schritt vor die Fronte reiten ſahen. Der Capitain ritt verwundert an ihn hinan, erinnerte ſich an die Beſchäftigung des Soldaten als der Angriff erfolgt war, und erklärte ſich ſo den JZuſammenhang. „Ha! ha! Alter Haudegen,“ redete er ihn an. — — —— 5 „Machſt Dus wie der Koͤnig Dagobert? Haſt ja die Hoſen verkehrt angezogen!“ Trotz der ſtrengen Disciplin konnten die Reiter das Lachen uͤber den Witz des Capitains nicht un⸗ terdruͤcken. Unſer Freund aber ſaß ſteif und gerade im Sattel, den linken Daumen auf dem Knopf ſei⸗ ner tadellos liegenden Zuͤgel, das Saͤbelgefaß auf den linken Schenkel geſtuͤtzt, er verzog keine Miene ſeines ernſthaften Geſichtes, ſchwenkte dann ab und ritt an ſeinen Platz, ohne mit den Wimpern zu zucken, nachdem er den Gluͤckwunſch ſeines Capi⸗ tains erhalten hatte. Von dieſem Tage an behielt Franz Baudoin den Spitznamen Dagobert. Dagobert ſtand alſo in einem Schuppen des Wirthshauſes und wuſch zur großen Verwunderung vieler Bauern, die in der Gaſtſtube beim Biere ſaßen und ihm neugierig zuſahen. Ein ſeltſamer Anblick war es allerdings. Dagobert hatte ſeinen grauen Mantelrock abge⸗ legt und ſeine Hemdaͤrmel aufgeſtreift. Mit einer kraftigen Hand ſeifte er ein kleines naſſes Tuch auf einem Brete, das ſchief in einen Waſſereimer ge⸗ legt war. An dem rechten Arme, der mit rothen und blauen Kriegsemblemen tättowirt war, bemerkte man zwei tiefe Narben, in die man haͤtte einen Finger legen koͤnnen. Die Bauern, die rauchend und trinkend in dem Wirthshauſe ſaßen, hatten demnach alle Urſache, ſich uͤber die ſeltſame Beſchäftigung des großen 5 Der ewige Jude. I. — 66 alten Mannes mit dem langen Schnauzbarte, dem kahlen Kopfe und dem bärbeißigen Geſichte zu ver⸗ wundern; denn die Zuͤge Dagoberts erhielten einen herben und grimmigen Ausdruck, ſobald er nicht bei den Maͤdchen war. Die allgemeine Aufmerkſamkeit, deren Gegen⸗ ſtand er war, wie er ſah, fing an ihm laͤſtig zu werden, da er das, was er that, fuͤr etwas ganz Einfaches und Natuͤrliches hielt. In dieſem Augenblicke erſchien der Prophet und als er den Soldaten erblickte, betrachtete er ihn einige Secunden lang ſehr aufmerkſam. Dann trat er zu ihm und ſagte in franzoſiſcher Sprache und in ſpitzigem Tone: „Nun, Camerad, Du ſcheinſt den Wäſcherinnen von Moͤckern kein Vertrauen zu ſchenken.“ Dagobert runzelte, ohne ſeine Arbeit einzuſtel⸗ len, die Augenbrauen, drehete den Kopf halb her⸗ um, ſah den Propheten von der Seite an und antwortete nicht. Morok, der ſich uͤber dieſes Schweigen ver⸗ wunderte, fuhr fort: „Ich irre mich nicht,.. Sie ſind ein Franzoſe, und die Worte, welche da auf dem Arme eingeaͤtzt ſind, beweiſen es. Auch erkennt man an der mi⸗ litairiſchen Haltung, daß Sie ein alter Soldat des Kaiſers ſind. Daß ein ſolcher Held endlich eine Waſchfrau wird, finde ich nicht in der Ordnung.“ Dagobert ſchwieg, aber er kauete an ſeinem —,— —————— Schnauzbarte und fuhr mit dem Seifenſtuͤcke im⸗ mer haſtiger, um nicht zu ſagen, grimmiger, auf dem Tuche hin und her, denn das Geſicht und die Worte des Thierbaͤndigers mißfielen ihm mehr als er merken laſſen wollte. Der Prophet aber ließ ſich nicht abſchrecken, und fuhr fort: „Ich bin uͤberzeugt, guter Freund, daß Sie weder taub noch ſtumm ſind; warum antworten Sie mir aber nicht?“ Dagobert, dem nun die Geduld ausging, dre⸗ hete raſch den Kopf um, ſah Morok gerade in das Geſicht und ſagte barſch: „Ich kenne Sie nicht und mag Sie nicht ken⸗ nen. Laſſen Sie mich in Ruhe.“ Und er ſeifte und wuſch weiter. „Man macht Bekanntſchaft.. Wir wollen bei einem Glaſe Wein von unſern Feldzugen ſchwatzen, denn ich bin auch im Kriege geweſen.. Vielleicht macht Sie das hoͤflicher.“ Die Adern auf der kahlen Stirn Dagoberts ſchwollen gewaltig auf; er fand in den Blicken, in dem Tone des zudringlichen Fremden etwas Heim⸗ tuͤckiſch⸗Herausforderndes, hielt aber doch an ſich. „Ich frage Sie, warum Sie nicht ein Glas Wein mit mir trinken wollen? wir wuͤrden von Frankreich reden. Ich bin lange dort geweſen; es iſt ein ſchoͤnes Land und es freut mich jedesmal, wenn ich irgendwo Franzoſen treffe,— beſonders wenn ſie ſo gut zu waſchen verſtehe wie Sie. 5 —— Wenn ich eine Frau haͤtte, wuͤrde ich ſie zu Ihnen in die Lehre ſchicken.“ Der Hohn trat nun unverhuͤllt hervor; die herausfordernde Keckheit war in dem frechen Blicke des Propheten zu erkennen. Dagobert, der wohl merkte, daß der Streit mit einem ſolchen Gegner ernſthaft werden konnte und der ihn um jeden Preis vermeiden wollte, nahm deshalb ſein Waſch⸗ faß und trug es ein Stuͤck weg an die andre Seite, weil er hoffte, auf dieſe Weiſe einem Auftritte, der ſeine Geduld auf eine harte Probe ſetzte, ein Ende zu machen. In dem fahlen Auge des Thierbaͤndigers glaͤnzte ein Blitz der Freude. Der weiße Kreis, der ſeinen Augenſtern umgab, ſchien ſich zu vergroͤßern; er fuhr einige Male mit ſeinen langen kralligen Fin⸗ gern behaglich durch ſeinen gelblichen Bart und trat dann mit einigen Neugierigen, welche aus dem Hauſe herausgekommen waren, langſam wieder zu dem Soldaten. Trotz ſeinem Phlegma hatte Dagobert, den dieſe unverſchaͤmte Zudringlichkeit des Propheten faſt aus der Faſſung brachte, nicht uͤbel Luſt, ihm ſein Sei⸗ fenbret an den Kopf zu werfen; aber er dachte an die beiden Midchen und ergab ſich in ſein Schickſal. Morok, der die Arme auf der Bruſt uberein⸗ ander geſchlagen hatte, ſagte jetzt in kecker Ruͤck⸗ ſichtsloſigkeit zu ihm: — —9— „Seifenmann, hoͤflich ſind Sie nicht, das muß wahr ſein!“ Dann drehete er ſich zu den Zu⸗ ſchauern um und ſagte deutſch:„ich ſagte eben dem Franzoſen mit dem großen Schnauzbarte, er ſei nicht hoͤflich. Wir wollen ſehen, wie er darauf antwortet.. Vielleicht waͤre es gut, wenn er eine Lection erhielte. Der Himmel bewahre mich vor Zank und Streit,“ ſetzte er ſalbungsvoll hinzu, „aber der Herr hat mich erleuchtet, ich bin ſein Werk und aus Ehrfurcht gegen ihn muß ich ſei⸗ nem Werke Achtung verſchaffen..“ Dieſe freche froͤmmelnde Anrede gefiel den Neu⸗ gierigen ſehr wohl. Der Ruf des Propheten war bis nach Moͤckern gedrungen; die Leute rechneten auf eine Vorſtellung am andern Tage und dieſes Vorſpiel beluſtigte ſie ſehr. Dagobert, der dieſe Herausforderung ſeines Gegners wohl verſtand, konnte es nicht uͤber ſich bringen, zu ſchweigen, und ſagte daher ebenfalls deutſch: „Ich verſtehe Deutſch, reden Sie Deutſch, man wird verſtehen..“ Es kamen noch mehr Leute dazu; das Abenteuer wurde pikant und es bildete ſich ein Kreis um die beiden Maͤnner. De Prophet fuhr deutſch fort: „Ich ſagte eben, Sie wäͤren nicht hoͤflich, jetzt werde ich ſagen, daß Sie vnſ ſid. Was antworten Sie darauf?“ — „Nichts,“ entgegnete Dagobert, indem er ein anderes Stuͤck Waͤſche einzuſeifen anfing. „Nichts“, ſagte darauf Morok, iſt ſehr wenig. Ich werde nicht ſo karg ſein und ſage Ihnen alſo, daß wenn ein ehrlicher Mann einem Fremden ein Glas Wein anbietet, der Fremde das Recht nicht hat, grob zu antworten, und wenn er es doch thut, ſo verdient er, daß man ihn Lebensart lehrt.“ Dicke Schweißtropfen rannen von der Stirn und den Wangen Dagoberts; ſein großer Zwickel⸗ bart zitterte krampfhaft, aber er hielt doch an ſich. Er nahm das Tuch, welches er in das Waſſer ge⸗ taucht hatte, an zwei Zipfeln, ſchuͤttelte es, rang es, um das Waſſer herauszudruͤcken und brummte zwiſchen den Zaͤhnen das alte franzoͤſiſche Solda⸗ tenliedchen: „Von Tirlemont, wo wir gehauſtt, Thun morgen wir ausrücken, Den Säbel in der Fauſt. Aus iſt's————“ (Den etwas ſtarken Schluß unterdruͤcken wir.) Das Stillſchweigen, das ſich Dagobert auferlegte, ſchnuͤrte ihm die Kehle zuſammen und das Liedchen erleichterte ihn einigermaßen. Morok wendete ſich an die Zuſchauer und ſagte mit einer Miene heuchleriſcher Demuth: „Wir wußten wohl, daß die Soldaten Napo⸗ leons Heiden waren, die ihre Pferde in die Kirchen zogen, ſich an Gott dem Herrn des Tages hun⸗ — 2—— dertmal verſuͤndigten und zur gerechten Strafe in der Bereſina ertranken, wie Pharao mit ſeinem Heere im rothen Meer; aber wir wußten noch nicht, daß der Herr dieſen Gottloſen, um ſie zu zuͤchtigen, auch den Muth genommen hat, ihre einzige gute Eigenſchaft.. Der Mann da hat in mir ein Ge⸗ ſchoͤpf beleidiget, an dem Gott ſeine beſondere Gnade erwies, und er ſcheint gar nicht zu begreifen, daß er ſich dafur entſchuldigen muß, wenn er nicht..“ „Nun, wenn nicht?“ fragte Dagobert, ohne den Propheten anzuſehen.. „Wenn Sie ſich nicht entſchuldigen, muͤſſen Sie mir Genugthuung geben.. Ich habe ſchon ge⸗ ſagt, daß ich auch Soldat geweſen bin.. Wir werden hier wohl irgendwo zwei Degen finden und morgen fruͤh, mit Tagesanbruch, hinter einer Mauer, wird ſich ergeben, welche Farbe unſer Blut hat,— wenn Sie uͤberhaupt Blut in den Adern haben.“ Dieſe Ausforderung erſchreckte einigermaßen die Umſtehenden, welche eine ſo tragiſche Entwickelung nicht erwarteten. „Sie wollen ſich ſchlagen? Ein ſchoͤner Ein⸗ fall!“ ſagte Einer..„Wollen Sie Beibe einge⸗ ſperrt ſein? Die Geſetze gegen das Duell ſind ſtreng..“ „Wenn man Sie mit dem Degen in der Hand traͤfe,“ fiel ein Anderer ein,„ſo muͤßte der Schulze Sie gleich feſtnehmen. Und zur Strafe giebt es dann ein Paar Monate Gefäͤngniß.“ —— S== — „Wuͤrdet Ihr uns anzeigen?“ fragte Morok. „Das nicht,“ antworteten die Leute;„aber ver⸗ gleicht Euch, das iſt der beſte Rath, den wir geben koͤnnen, und Sie werden wohlthun, wenn Sie ſich darnach richten.“ „Was mache ich mir aus Gefängniß!“ rief der Prophet aus.„Wenn ich nur ein Paar Säbel finde, ſo iſt es mir ſehr gleichgiltig, was der Schulze morgen fruͤh ſagt oder thut.“ „Was wollen Sſe mit den beiden Säbeln machen?“ fragte Dagobert den Propheten phleg⸗ matiſch. „Das wuͤrden Sie ſehen, wenn Sie einen in der Hand hätten und ich einen andern.. Der Herr befiehlt, die Ehre zu wahren.“ Dagobert zuckte die Achſeln, packte ſeine Waͤſche in ein Tuch zuſammen, trocknete ſeine Seife ab, ſteckte ſie ſorgſam in ein Saͤckchen von Wachslein⸗ wand, pfiff ſein Lieblingsliedchen Tirlemont und wollte fortgehen. Der Prophet runzelte die Augenbrauen, denn er begann zu fuͤrchten, daß ſeine Herausforderung vergeblich ſein duͤrfte. Er trat deshalb Dagobert entgegen, ſtellte ſich vor ihn, um ihm den Weg zu verſperren, ſchlug dann die Arme auf der Bruſt uͤbereinander, ſah ihn mit hoͤhnender Frechheit an und ſagte zu ihm: „Ein alter Soldat des Spitzbuben von Napo⸗ leon taugt alſo zu weiter nichts als zum Waſchenz er will ſich nicht ſchlagen.“ „Ja, er mag ſich nicht ſchlagen,“ antwortete Dagobert mit feſter Stimme, aber er wurde lei⸗ chenblaß dabei. Der Soldat hatte den ſeiner Obhut anvertrau⸗ ten elternloſen Maͤdchen vielleicht nie einen groͤßern Beweis von Liebe und Aufopferung gegeben. Fuͤr einen Mann von ſeinem Schlage war es ein un⸗ ermeßliches Opfer, ſich ſo ungeſtraft beleidigen zu laſſen und dann einen Zweikampf auszuſchlagen. „So ſind Sie eine feige Memme,— Sie ha⸗ ben keine Courage— geſtehen Sie es nur.“ Bei dieſen Worten zuckte Dagobert zuſammen und prallte zuruͤck, als wenn er ſich eben haͤtte auf den Propheten ſturzen wollen, aber durch einen Gedanken plötzlich wieder davon abgehalten wor⸗ den wäre. Er hatte auch wirklich an die beiden Maͤdchen und an die traurigen Hinderniſſe gedacht, welche ein Duell, es mochte gluͤcklich oder unglucklich enden, der Reiſe in den Weg legen wuͤrde. Dieſe Zornesregung des Soldaten war, ob ſie gleich blitzſchnell voruͤberging, ſo bedeutungsvoll, der Aus druck ſeines blaſſen, von Schweiß bedeckten rauhen Geſichtes ſo ſchrecklich, daß der Prophet und die Neugierigen zuruͤckwichen. —— Einige Secunden lang herrſchte eine tiefe Stille, die allgemeine Theilnahme wandte ſich ploͤtzlich dem alten Dagobert zu und einer der Umſtehenden ſagte zu den Andern: „Dem Manne fehlt es gewiß nicht an Muth.“ „Gewiß nicht.“ „Manchmal mag mehr Muth dazu gehoͤren, ein Duell auszuſchlagen, als es anzunehmen.“ „Der Prophet hat Unrecht gethan, Streit mit ihm anzufangen; der Mann iſt ein Fremder.“ „Und“, ſetzte ein Andrer hinzu,„er reiſet mit zwei jungen Maͤdchen. Kann er ſich in ſeiner Lage wegen einer Kleinigkeit ſchlagen? Was ſollte aus den armen Kindern werden, wenn er auf dem Platze bliebe oder in das Gefaͤngniß wandern muͤßte!“ Dagobert ſah ſich nach dem um, welcher dieſe letztern Worte geſprochen hatte. Es war ein ziemlich beleibter Mann mit offenem ehrlichem Geſichte. Der Soldat reichte ihm die Hand und ſagte mit beweg⸗ ter Stimme: „Ich danke.“ Der Mann druͤckte herzlich die Hand, die ihm Dagobert reichte, und ſetzte dabei hinzu:„etwas könnten Sie thun! Trinken Sie ein Glas Punſch mit uns. Der verfluchte Prophet ſoll und muß zugeben, daß er zu hitzig geweſen iſt und mit Ihnen anſtoßen..“ Der Thierbaͤndiger, den es ſehr verdroß, daß der Auftritt eine ſolche Wendung nahm, weil er — — —— noch immer hoffte, der Soldat wuͤrde die Ausfor⸗ derung annehmen, hatte bis dahin diejenigen, welche von ſeiner Partei abfielen, mit grimmiger Verach⸗ tung angeſehen; allmaͤlig aber nahmen ſeine Zuͤge einen milden Ausdruck an und da er es fuͤr ſeine Pläne foͤrderlich hielt, ſeinen Unmuth zu verber⸗ gen, ſo trat er an den Soldaten hinan und ſagte ziemlich freundlich zu ihm: „Ich fuͤge mich den Leuten da und geſtehe, daß ich Unrecht hatte; die ſchlechte Aufnahme, welche ich bei Ihnen fand, verletzte mich, ich konnte mich nicht mehr beherrſchen.. Ich geſtehe, daß ich Unrecht hatte,“ wiederholte er mit verbiſſenem Grimm;„der Herr gebietet die Demuth, und ich bitte Sie um Verzeihung.“ Dieſer Beweis von Maͤßigung und Reue fand großen Beifall bei den Umſtehenden. „Er bittet Sie um Verzeihung und Sie haben ſich nun nicht mehr zu beſchweren,“ ſagte Einer zu Dagobert.„Nun wollen wir mit einander trinken; wir laden Sie freundſchaftlich dazu ein, nehmen Sie es ebenſo an.“ „Ja, nehmen Sie es an, wir bitten Sie dar⸗ um, im Namen Ihrer huͤbſchen Töchter,“ ſagte der dicke Mann, um Dagobert zu einem Entſchtuſſe zu bringen. Dieſer wurde durch das herzliche Entgegenkom⸗ men der Bauern geruͤhrt und antwortete: „Ich danke Euch.. Ihr ſeid brave Leute.. Aber wenn man eine Einladung mitzutrinken angenommen hat, muß man wieder einſchenken kaſſen „Nun ja, das verſteht ſich! Wir ſind damit zufrieden. Einer nach dem Andern.. Wir bezah⸗ len die erſte Bowle Punſch und Sie die zweite.“ „Armuth iſt keine Schande,“ antwortete Da⸗ gobert,„und ich geſtehe Euch alſo offen, daß ich kein Geld habe, Euch freizuhalten. Wir haben noch eine weite Reiſe zu machen und ich jede unnoͤthige Ausgabe vermeiden.“ Der Soldat ſagte das ſo wuͤrdevoll, ſo enfach, aber mit ſolcher Feſtigkeit, daß die Leute ihr Aner⸗ bieten nicht zu wiederholen wagten, da ſie wohl ein⸗ ſahen, ein Mann von Dagoberts Character werde von ihnen nichts annehmen, wenn er ihnen nichts dafuͤr bieten koͤnne. „Das iſt Schade,“ ſagte der dicke Mann. „Ich haͤtte gern mit Ihnen getrunken. Gute Nacht, alter braver Soldat, gute Nacht! Es wird ſpat, und der Wirth ſchließt uns am Ende die Thuͤre vor der Naſe zu.“ „Gute Nacht!“ antwortete Dagobert, der dar⸗ auf nach dem Stalle zu ging, um ſeinem Pferde zum zweitenmale Hafer vorzuſchuͤtten. Dr trät Morok zu ihm und ſagte mit noch onn Tone: — 7— „Ich habe mein Unrecht eingeſtanden und Sie um Verzeihung und Entſchuldigung gebeten Sie antworteten aber nicht darauf,— haben Sie mir auch jetzt nichts zu ſagen?“ „Wenn ich Dich einmal treffe und meine Kin⸗ der brauchen mich nicht mehr,“ ſagte der Veteran halblaut,„ſo werde ich ein Paar Worte mit Dir reden, aber lang werden ſie nicht ſein“ Dann kehrte er dem Propheten den Rücken zu und Morok verließ langſam den Hof. Das Wirthshaus zum weißen Falken bildete ein Viereck. An der vordern Seite ſtand das Hauptgebaͤude, an der entgegenſetzten ein andres mit einigen Stuͤbchen, welche wohlfeil an arme Reiſende vermiethet wurden. Ein gewoͤlbter Gang fuͤhrte durch dieſes Gebaͤude ins Freie. An den beiden andern Seiten, rechts und links, befanden ſich Wagenſchuppen und Staͤlle mit Bodenkammern und Dachwohnungen. Dagobert, der in einen dieſer Staͤlle trat, nahm von einem Kaſten den Hafer, der fuͤr ſein Pferd da bereit ſtand, ſchuͤttete ihn in eine Schwinge und trat damit zu Jovial. Zu ſeiner großen Verwunderung antwortete ſein alter Reiſegefaͤhrte nicht wie gewoͤhnlich durch lu⸗ ſtiges Wiehern auf das Raſcheln des Hafers in der Schwinge; er rief deshalb den Schimmel freundlich an, aber Jovial blieb unbeweglich ſtehen, ſtatt ſo⸗ gleich ſich mit ſeinem klugen Auge nach ſeinem * Herrn umzuſehen und mit den Vorderfuͤßen zu ſcharren. Der Soldat trat, noch verwunderter, naher. In dem matten Scheine einer Stalllaterne er⸗ blickte er das arme Thier in einer Stellung, welche die hoͤchſte Angſt verrieth; die Kniegelenke waren halb gebogen und der Kopf empor gerichtet; die Ohren hatte es zuruͤckgelegt und die Nuͤſtern zitter⸗ ten. Es war ſo weit zuruck getreten, daß der Halfter⸗ ſtrick ſtraff geſpannt war, als wolle es ihn zer⸗ reißen und ſo von der Scheidewand wegkommen, an welcher ſich die Raufe und die Krippe befanden. Kalter Schweiß bedeckte ſeinen ganzen Koͤrper, das Haar lag nicht glatt und ſilberweiß auf ſeiner ſondern ſtarrte matt empor. Von Zeit zu eit zitterte es am ganzen Leibe. „Nun, nun, alter Jovial!“ ſagte der Soldat, indem er die Futterſchwinge niederſetzte, um ſein Pferd ſtreicheln und klopfen zu koͤnnen;„biſt Du wie Dein Herr? Fuͤrchteſt Du Dich?“ ſetzte er bitter hinzu, indem er an die Beleidigung dachte, welche er hatte ertragen muͤſſen.„Du fuͤrchteſt Dich,— biſt doch ſonſt gerade kein Haſenfuß..“ Trotz den Liebkoſungen und den Worten ſeines Herrn ſchien das Pferd ſeine Angſt und Furcht nicht uͤberwinden zu koͤnnen; es zerrte nur weniger an dem Stricke, hielt ſeine Nuͤſtern zoͤgernd an die Hand Dagoberts und beroch ihn ſchnaubend, als ob es im Zweifel ſei, ob er es auch wirklich ſei. — —— — „Kennſt Du mich nicht mehr?“ rief Dagobert aus.„So muß etwas ganz Außergewoͤhnliches hier vorgehen.“ 3 Und der Soldat ſah ſich mit einiger Unruhe um. Der Stall war groß, finſter und nur durch die Laterne matt erleuchtet, welche an der mit zahlloſen Spinngeweben uͤberzogenen Decke hing. An der andern Seite, durch einige leere Stände von dem alten Schimmel getrennt, ſah man die drei ſtarken Rappen des Thierbaͤndigers, die ſo ruhig waren wie der Schimmel aͤngſtlich und furchtſam. Dagobert, dem dieſer Abſtand auffiel, welcher ihm aber bald erklärt werden ſollte, klopfte und ſtreichelte ſein Pferd von neuem, das durch die Gegenwart ſeines Herrn allmaͤlig ſich einigermaßen beruhigte, ihm die Haͤnde leckte, ſeinen Kopf an ihm rieb, kurz ihm wie gewoͤhnlich auf vielerlei Art ſeine Liebe zu erkennen gab. „So habe ich Dich gern, alter Jovial,“ ſagte Dagobert, indem er die Futterſchwinge wiedernahm und den Hafer in die Krippe ſchuͤttete.„Da, friß! Guten Appetit! Wir haben morgen einen weiten Weg vor uns! Und fuͤrchte Dich nicht mehr wegen nichts. Wenn Dein Camerad Murr da waͤre, wuͤrdeſt Du wohl ruhiger ſein, aber er iſt oben bei den Kindern; er muß ſie bewachen in meiner Abweſenheit.. Na,— ſo friß doch und ſieh mich nicht ſo an!“ Das Pferd hatte den Hafer mit den Lippen beruͤhrt, gleichſam um ſeinem Herrn gehorſam zu ſein, aber bald drehete es ſich wieder um und biß in den Aermel des Mantels Dagoberts. „Armer Jovial! Dir fehlt etwas,— Du frißt ja ſonſt mit gutem Appetite und heute ruͤhrſt Du den Hafer nicht an. Das iſt das erſte Mal auf unſerer Reiſe,“ ſagte der Soldat in ernſtlicher Be⸗ ſorgniß, denn ſeine Reiſe hing hauptſaͤchlich von der Geſundheit und Kraft ſeines Pferdes ab. Ein fuͤrchterliches Bruͤllen ſo ganz in der Nähe, daß es aus dem Stalle ſelbſt zu kommen ſchien, erſchreckte jetzt den Schimmel ſo gewaltig, daß er mit einem Rucke den Strick zerriß, uͤber den Stand⸗ baum ſprang und durch die offene Thuͤre hinaus in den Hof lief. Dagobert war ſelbſt uͤber dieſes ploͤtzliche, ge⸗ waltige wilde Bruͤllen erſchrocken, das ihm die Angſt ſeines Pferdes erklarte. Der Stall, in welchem ſich die Menagerie des Thierbaͤndigers befand, war von dem Pferdeſtalle nur durch eine Bretterwand getrennt, an welcher man die Raufe und die Krippe angebracht hatte. Die drei Pferde des Propheten waren an dieſes Gebrull gewoͤhnt und blieben ganz ruhig dabei. „Nun verſtehe ich,“ ſagte der wieder beruhigte Soldat;„der Schimmel hat wahrſcheinlich ſchon einmal ein ſolches Bruͤllen gehoͤrt; er merkte die Thiere des zudringlichen Kerls da, und daruͤber iſt ——— — 6— er in Angſt gerathen,“ ſetzte er hinzu, indem er den Hafer aus der Krippe zuſammenlas.„Iſt es erſt in einem andern Stalle, und den muß es ha⸗ ben, ſo wird es ſeine Portion nicht ſtehen laſſen und wir können morgen bei guter Zeit aufbrechen.“ Das geaͤngſtigte Pferd, das in dem Hofe um⸗ her geſprungen war, kam auf den Ruf Dagoberts herbei, der es leicht an der Halfter nahm. Der Hausknecht, welchen Dagobert fragte, ob nicht ein anderer Stall leer ſei, zeigte ihm einen, in dem nur ein Pferd ſtehen konnte und der Schimmel wurde da hinein gebracht.. Sobald das Pferd von ſeiner gefaͤhrlichen Nach⸗ barſchaft befreit war, wurde es wieder ruhig und ließ ſeine Freude an dem Mantel Dagoberts aus, der nach dieſen Freude- und Freundſchaftsbezei⸗ gungen noch denſelben Abend ſein Schneidertalent hätte uͤben können; aber er dachte nicht daran und bewunderte nur die Geſchwindigkeit, mit welcher Jovial ſein Futter verzehrte. Der Soldat war nun vollkommen beruhiget, ſchloß die Stallthure zu und wollte raſch etwas eſſen, um dann zu den Maͤdchen zu kommen, die er ſeit langer Zeit hatte allein laſſen muͤſſen. Der ewige Jube.. 6 S Fünftes Kapitel. Noſa und Bianeca. Die beiden Maͤdchen befanden ſich in einem der abgelegenſten Gebaͤude des Wirthshauſes und in einem ſchlechten Stuͤbchen, deſſen einziges Fen⸗ ſter ins Freie ging. Ein Bett ohne Vorhaͤnge, ein Tiſch und zwei Stuhle bildeten das mehr als be⸗ ſcheidene Mobiliar der Stube, die durch eine Lampe erleuchtet war. Auf dem Tiſche, nahe am Fenſter, lag der Torniſter Dagoberts. Murr, der große fahle ſibiriſche Hund, der an der Thuͤre lag, hatte ſchon ein Paarmal dumpf ge⸗ knurrt und dabei nach dem Fenſter hin geſehen. Bei dieſer Aeußerung ſeiner Feindſchaft war es aber geblieben. Die beiden Schweſtern, die halbliegend auf ihrem Bette ſaßen, trugen lange weiße Gewaͤnder, die an dem Halſe und an den Aermeln zugeknoͤpft waren. Haͤubchen hatten ſie nicht mehr auf; nur ein breites Zwirnband hielt an' der Schlaͤfegegend ihr ſchones braunes Haar zuſammen, damit es ſich in der Nacht nicht verwirre. Dieſe weiße Klei⸗ dung und eine Art Heiligenſchein um ihre Stirn, gaben ihren friſchen reizenden Geſichtern einen noch unſchuldsvollern Ausdruck. Sie lachten und plauderten mit einander, denn trotz manchem Leid, das ſie ſo fruͤh ſchon betrof⸗ ———————————————————— — 6 fen, hatten ſie die unſchuldige Heiterkeit ihres Al⸗ ters bewahrt und wenn auch bisweilen die Erinne⸗ rung an ihre Mutter ſie traurig machte, ſo hatte dieſe Traurigkeit doch nichts Herbes; ſie war viel⸗ mehr eine ſanfte, liebliche Melancholie, die ſie eher ſuchten als mieden. Die immer verehrte Mutter war fuͤr ſie nicht todt, ſondern nur abweſend. In Frömmigkeitsgebraͤuchen waren ſie faſt ſo unwiſſend wie Dagobert, denn in der Einoͤde, in welcher ſie gelebt, hatte es weder eine Kirche noch einen Prieſter gegeben und ſie glaubten blos, wie erwaͤhnt, der gute und gerechte Gott habe mit den armen Muͤttern, deren Kinder auf der Erde blieben, ſo viel Mitleiden, daß er ihnen geſtatte, vom Himmel herab ſie immer zu ſehen und immer zu horen und ihnen bisweilen ſchoͤne Schutzengel zu ſenden. In dieſem lieblichen Glauben wähnten die ver⸗ maiſeten Maͤdchen, ihre Mutter habe ſie immer vor Augen und ſie würden ſie betruben und den SSchutz der guten Engel verſcherzen, wenn ſie un⸗ recht handelten. Darauf beſchraͤnkte ſich die Religion Roſas und Biancas, und dieſe Religion reicht fur die lie⸗ benden reinen unverdorbenen Seelen aus. Dieſen Abend alſo plauderten die Schweſtern miteinandhe, waͤhrend ſie auf Dagobert warteten. Ihr Geſpräch intereſſirte ſie ſehr, denn ſie hatten ſeit einigen Tagen ein Geheimniß, ein großes Ge⸗ heimniß, das oftmals Klopfen in hren jungfräu⸗ 6 8 lichen Herzen erregte, ihren aufknospenden Buſen bewegte, die Roſenfarbe ihrer Wangen hoͤher röthete, und ihre großen ſanftblauen Augen mit einem träu⸗ meriſchen unruhigen Schmachten umſchleierte. Roſa lag dieſen Abend am Rande des Bettes und hatte ihre beiden runden Arme hinter den Kopf gelegt, den ſie halb ihrer Schweſter zuwen⸗ dete, die den Arm auf die Kiſſen ſtuͤtzte, ſo die Schweſter laͤchelnd anſah und zu ihr ſagte: „Glaubſt Du, daß er dieſe Nacht kommt?“ „Ja, denn er hat es uns ja geſtern verſpro⸗ heh „Er iſt ſo gut und wird ſein Wort nicht brechen.“ „Findeſt Du in ſeinem Blicke nicht etwas?“ „Ja, etwas Aehnliches mit unſerer Mutter.“ „Nicht wahr?“ „Ja, es iſt mir gleich aufgefallen. Und wie ſanft ſeine Stimme iſt!“ „Und wie ſchoͤn er iſt mit den langen blonden Locken!“ „Und ſein Name, wie lieblich! Wie paßt er zu ſeinem Geſichte!“ „Und welch freundliches Laͤcheln! Wie ruͤhrend, weun er uns an der Hand faßt und mit ſeiner ernſten liebevollen Stimme ſagt: Denket, gute Kinder, daß er Euch eine Seele gegeben hat. Was man ſonſt draußen ſucht, werdet Ihr in Euch fin⸗ den,— da Ihr nur ein Herz habt.“ —.————————— ——,— ————————— — 65— „Welches Gluͤck, daß wir uns aller ſeiner Worte erinnern, liebe Schweſter!“ „Wir ſind ſo aufmerkſam und wenn ich ſehe, wie Du auf ihn horſt, iſt es mir, als hoͤrte ich ihn ſelbſt an, nicht wahr, mein kleines Ebenbild?“ ſagte Roſa lächelnd, indem ſie die Schweſter auf die Stirn kuͤßte.—„Wenn er ſpricht, machſt Du oder vielmehr machen wir große Augen und unſte Lip⸗ pen bewegen ſich, als wenn ſie ſtill alle Worte nachſagten, die er ſpricht.. Wir brauchen uns nicht zu wundern, daß wir nichts vergeſſen, was er ſaßt „Und was er ſagt, iſt ſo ſchön, ſo edel, ſo groß!“ „Wenn er ſpricht, entſtehen immer gute Ge⸗ danken in mir; in Dir nicht auch, Schweſter? Wenn wir ſie nur nicht wieder vergeſſen!“ „Sei unbeſorgt, ſie werden in unſern Herzen bleiben, wie kleine Vogel in ihrem Neſte; wir fin⸗ den ſie gewiß wieder, wenn wir ſie brauchen.“ „Weißt Du, Roſa, daß es ein großes Gluͤck iſt, daß er uns Beide zuſammen liebt?“ „Er kann ja nicht anders, da wir Beide nur ein Herz haben.“ „Wie ſollte er Roſa lieben, ohne Bianca mit zu lieben?“ „Was wäre aus der armen Verlaſſenen ge⸗ worden?“ 86 „Und dann wuͤrde ihm die Wahl ſo ſchwer ge⸗ worden ſein! Wir ſind einander ſo ähnlich!“ „Um dieſer Verlegenheit zu entgehen,“ ſagte Roſa laͤchelnd,„hat er uns Beide gewählt.“ „Iſt das nicht beſſer?— Er iſt allein mit ſei⸗ ner Liebe zu uns, wir ſind zwei und können ihn Sdoppelt lieben.“ „Wenn er uns nur nicht verlaͤßt bis Paris.. und wenn wir ihn nur auch in Paris „Gerade in Paris wird es gut ſein, wenn wir ihn bei uns haben,— in der großen Stadt.. Ach Gott, Bianca, wie ſchön muß es dort ſein!“ „Von Paris hat er uns noch nichts geſagt.“ „Er hat nicht daran gedacht und dann.. ſcheint es ihm bisweilen ſo viel Vergnuͤgen zu ma⸗ chen, uns lange, Auge in Auge, anzuſehen, ohne etwas zu ſagen.“ „Ja, und gerade in dieſen Augenblicken kommt es mir vor, als wäre ſein Blick dem Blicke unſter lieben Mutter ſo aͤhnlich.“ „Und wie muß ſie ſich daruͤber freuen,— da ſie uns doch ſieht!“ „Ja, denn wenn man uns ſo liebt, muͤſſen wir es doch verdienen..“ „Wie Du eitel biſt!“ ſagte Bianca, indem ſie mit den zarten Fingern das Haar ihrer Schweſter glatt ſtrich, das auf der Stirn geſcheitelt war. Nach kurzem Nachdenken ſagte Roſa zu ihr: 1 — „Meinſt Du nicht, daß wir Dagobert Alles erzaͤhlen ſollten?“ 3 „Wenn Du meinſt, wollen wir es thun.“ „Wir ſagen ihm Alles, wie wir unſerer Mut⸗ ter Alles ſagten. Warum ihm auch etwas ver⸗ heimlichen?“ „Beſonders etwas, das uns ſo gluͤcklich macht denn ſeit vier Tagen ſprechen wir doch von nichts, als von unſerem Gluͤcke..“ „Findeſt Du nicht, daß unſer Herz ſchneller und ſtaͤrker ſchlägt?“ „Ja, es iſt als ob es voller wäre.“ „Naturlich, unſer Freund nimmt einen ſo gu⸗ ten Platz darinnen ein.“ „Deshalb werden wir wohlthun, wenn wir Dagobert erzaͤhlen, wie gluͤcklich wir geweſen ſind.“ „Du haſt Recht, Schweſter.“ In dieſem Augenblicke knurrte der Hund wieder. „Da knurrt der Hund ſchon wieder, Schwe⸗ ſter,“ ſagte Roſa, indem ſie ſich an Bianca an⸗ ſchmiegte,„was mag er haben?“ „Murr, knurre nicht! Komm her!“ ſagte Bianca, indem ſie mit der kleinen Hand auf den Rand ihres Bettes klopfte. Der Hund ſtand auf, knurrte nochmals heim⸗ lich und legte ſeinen dicken klugen Kopf auf die Bettdecke, wahrend er noch immer nach dem Fen⸗ ſter hinſchielte. Die beiden Schweſtern beugten ſich zu ihm, um ſeine breite Stirn zu ſtreicheln, 88 die in der Mitte eine ſtark vorſtehende Erhoͤhung hatte, das ſichere Zeichen aͤchter Racenreinheit. „Warum knurrſt Du ſo, Murr?“ ſagte Bianca, indem ſie ihn leicht an den Ohren zog;„he, alter Hund?“ „Das arme Thier iſt immer ſo unruhig, wenn Dagobert nicht da iſt.“ „Ja, als wuͤßte es, es muͤſſe uns noch auf⸗ merkſamer bewachen.“ „Dagobert ſcheint heute Abend recht lange zu bleiben, ehe er uns gute Nacht ſagt.“ „Er giebt dem Schimmel Futter.“ „Da fällt mir ein, daß wir heute unſerem al⸗ ten Jovial nicht gute Nacht geſagt haben.“ „Das thut mir leid.“ „Er ſcheint ſo glucklich zu ſein, wenn er uns die Haͤnde leckt. Es iſt als wolle er uns fuͤr un⸗ ſern Beſuch danken.“ „Dagobert wird ihm in unſern Namen eine gute Nacht gewuͤnſcht haben.“ „Der gute Dagobert! Er denkt immer an uns und verwoͤhnt uns ganz. Wir gehen muͤßig und er arbeitet ſich allein ab. „Wie koͤnnen wir ihn daran hindern?“ „Wie ſchade, daß wir nicht reich ſind und ihm kein ruhiges, ſorgenfreies Leben verſchaffen kon⸗ nen!“ „Reich! Ach, Schweſter, wir werden immer nur arme Waiſen ſein.“ —— ————— — „Aber die Medaille?“ „Daran knuͤpft ſich freilich einige Si ſonſt wuͤrden wir die große Reiſe nicht unternom⸗ men haben.“ „Dagobert hat uns verſprochen, heute Abend uns Alles zu erzaͤhlen.“ Das Maͤdchen konnte nicht weiter ſprechen, denn mit einem Male flogen mit großem Laͤrmen zwei Scheiben des Fenſters in Stuͤcke. Die Maͤdchen ſchrien aͤngſtlich auf und ſanken einander in die Arme, waͤhrend der Hund mit wuͤ⸗ thendem Gebelle an das Fenſter ſprang. Die beiden Schweſtern, die bleich und unbe⸗ weglich waren vor Schrecken, zitterten und einan⸗ der feſt umſchlungen hielten, wagten kaum zu ath⸗ men und ebenſfowenig nach dem Fenſter hinzuſehen. Murr hatte die Vorderpfoten auf das Fen⸗ ſterbret gelegt und hoͤrte nicht auf, zornig zu bellen. „Ach! Was giebt es?“ fluͤſterten die Mädchen. „Und Dagobert iſt nicht da!“ „Horch! Horch! Man kommt die Treppe her⸗ auf.“ „Mein Gott! Das ſcheint nicht der Tritt Da⸗ goberts zu ſein; hoͤrſt Du, wie ſchwer die Tritte ſind?“ „Murr, komm her! hier! Vertheidige uns!“ riefen die Maͤdchen im aͤußerſten Schrecken. Es knarrten wirklich nicht blos außerordentlich ſchwere Tritte auf den Stufen der Treppe; man hoͤrte auch ein ſeltſames Raſcheln an der duͤnnen Bretterwand hin, welche das Stuͤbchen von der Treppe trennte. Endlich wurde die Thuͤre durch einen ſchweren Koͤrper erſchuttert, der an ihr niederfiel. Die Mädchen ſahen einander in unausſprech⸗ licher Angſt an und ſagten kein Wort. Die Thuͤre wurde geoͤffnet. Es war Dagobert und bei ſeinem Anblicke kußten einander Roſa und Bianca, als wenn ſie einer großen Gefahr entgangen wären. „Was habt Ihr? Warum dieſe Angſt?“ fragte der Soldat erſtaunt. „Ach, wenn Du wuͤßteſt!“ entgegnete Roſa mit zitternder Stimme, denn ihr Herz und das Herz ihrer Schweſter klopfte gewaltig. „Wenn Du wuͤßteſt, was geſchehen iſt!— Dann erkannten wir Deinen Tritt nicht.. Er kam uns ſo ſchwer vor.. und dann das Geraͤuſch nebenan..“ „Ihr kleinen Haſenfuͤßchen, ich konnte freilich nicht mit funfzehnjaͤhrigen Beinen die Treppe her⸗ aufgehen, weil ich mein Bett auf dem Ruͤcken mit heraufbrachte, d. h. einen Strohſack, den ich hinter Euere Thuͤre geworfen habe, um da, wie gewoͤhn⸗ lich, zu ſchlafen.“ „Sind wir doch thoͤrichte Maͤdchen, Schweſter, daß wir nicht daran gedacht haben!“ ſagte Roſa, indem ſie Bianca anſah. —————— —— ———— — — Die beiden hubſchen Geſichter erhielten alsbald ihre friſche Farbe wieder. Der Hund, der noch immer am Fenſter ſtand, hatte nicht aufgehoͤrt zu bellen. ſter, Kinder?“ fragte der Soldat. „Wir wiſſen es nicht.. Man hat ein Paar Scheiben zerbrochen und das erſchreckte uns ſo ſehr.“ Dagobert trat, ohne ein Wort darauf zu ſa⸗ gen, an das Fenſter, öffnete es ſchnell, ſtieß den Laden auf und ſah hinaus. Es war finſtere Nacht und er ſah nichts. Er horchte, aber er hoͤrte nichts, als den rau⸗ ſchenden Wind. „Murr!“ ſagte er zu dem Hunde, indem er auf das offene Fenſter deutete,„ſpring hinaus und ſuch!“ Das muthige Thier that einen gewaltigen Sprung und verſchwand durch das Fenſter, das nur etwa acht Fuß uͤber dem Boden ſich befand. Dagobert bog ſich hinaus und hetzte den Hund. „Such, Murr, ſuch!— Iſt Jemand da, ſo packe ihn,— Deine Zaͤhne ſind gut,— und laß nicht los, bis ich herunter komme.“ Aber Murr fand Niemanden. Man hoͤrte ihn hin und her laufen, da und dort eine Spur ſuchen und bisweilen halblaut bellen. „Es iſt alſo Niemand da, alter Hund, ſonſt „Warum bellt denn der Murr da am Fen⸗ haͤtteſt Du ihn längſt an der Kehle.“— Dann drehete er ſich nach den beiden Mädchen um, die auf ſeine Worte hörten und allen ſeinen Bewe⸗ gungen aͤngſtlich folgten. „Wie wurden die Scheiben zerbrochen? Habt Ihr es bemerkt, Kinder?“ „Nein, Dagobert, wir plauderten miteinander, hoͤrten einen großen Laͤrm und dann fielen die Scherben herein.“ „Mir war es,“ ſetzte Roſa hinzu,„als wuͤrde ein Laden heftig an das Fenſter geworfen.“ Dagobert unterſuchte den Fenſterladen und be⸗ merkte einen ziemlich langen beweglichen Haken, mit dem er inwendig feſtzumachen war. „Es ſtuͤrmt ſehr,“ ſagte erz„der Wind wird den Laden angeſchlagen haben und der Haken hat dann die Scheiben eingedruͤckt. Ja, ja, ſo iſt es. Was koͤnnte auch Jemand darunter haben, einen ſo ſchlechten Streich zu ſpielen?“ Dann wandte er ſich wieder an Murr und ſagte:„nun, alter Murr, es iſt Niemand da?“ Der Hund antwortete durch ein Gebell, deſſen verneinenden Sinn der alte Soldat wahrſcheinlich verſtand, denn er ſagte zu ihm: „So komm wieder. Geh um das Haus herum, Du wirſt ſchon eine Thuͤr offen finden..“ Murr folgte dem Rathe. Nachdem er einige Augenblirke unter dem Fenſter geknurtt hatte, jagte — ———— — er davon, um das Gebaͤude herum, um wieder in den Hof zu gelangen. „Nun beruhiget Euch, Kinder,“ ſagte der Sol⸗ dat, als er wieder zu den Maͤdchen trat;„es war nur der Wind.“ „Wir haben uns recht gefurchtet!“ fagte Roſa. „Das glaube ich wohl. Aber— da faͤllt mir ein, es kann nun da herein ziehen und Ihr werdet frieren,“ ſagte der Soldat, indem er wieder an das Fenſter trat, das keine Gardinen hatte. Nachdem er daruber nachgedacht hatte, wie er wohl dem Uebelſtande abhelfe, nahm er von einem Stuhle den großen Rennthierpelz, hing ihn am Fenſterwirbel auf und ſtopfte mit den Schoͤßen die Oeffnung in dem Fenſter ſo gut als möglich zu. „Ich danke, Dagobert! Wie gut Du doch biſt! Wir ängſtigten uns auch, weil Du ſo lange bliebſt!“ „Ja, Du biſt viel laͤnger geblieben als gewöhn⸗ lich,“ ſagte Roſa, und da ſie jetzt erſt die Blaſſe und die Veränderung in den Zuͤgen des alten Sol⸗ daten bemerkte, welcher ſeinen Auftritt mit Morok noch nicht vergeſſen hatte, ſetzte ſie theilnehmend hinzu: „Aber was iſt Dir? Wie blaß ſiehſt Du aus!“ „Nichts, Kinderchen, gar nichts.“ „Ja, ja, gewiß. Dein ganzes Geſicht iſt ver⸗ aͤndert.— Roſa hat Recht.“ „Ich verſichere Euch, es fehlt mir nichts,“ ant⸗ wortete der Soldat anfangs mit einiger Verlegen⸗ heit, denn er konnte nicht luͤgen; dann fiel ihm eine vortreffliche Erklaͤrung ſeiner Aufregung ein und er ſetzte hinzu:„Wenn ich ſo ausſehe, als fehle mir etwas, ſo iſt bloß Eure Angſt daran Schuld; ich bin daruͤber erſchrocken, denn— es iſt doch nur meine Schuld.. „Deine Schuld?“ „Ja, wenn ich nicht ſo viel Zeit mit dem Eſſen verſaͤumt häͤtte, waͤre ich da geweſen, als die Scheiben zerbrochen wurden und haͤtte Euch einen angſtvollen Augenblick erſpart.“ „Jetzt biſt Du da— und wir denken nicht mehr daran.“ „Du ſetzeſt Dich aber gar nicht?“ „Doch, Kinder, denn wir haben viel zu reden,“ antwortete Dagobert, indem er einen Stuhl nahm und ſich an das Bett der beiden Schweſtern ſetzte. „Seid Ihr aber auch recht munter?“ ſetzte er hinzu und verſuchte zu lächeln, um ſie zu beruhi⸗ gen.„Laßt ſehen, habt Ihr die großen Augen gehoͤrig offen?“ „Sieh her, Dagobert,“ entgegneten die Mäd⸗ chen lachend und indem ſie ihre blauen Augen weit aufmachten. .„So, ſo!“ ſagte der Soldat.„Sie haben noch Zeit genug, ſich zu ſchließen. Es iſt erſt um neun Uhr.“ — 95— „Wir haben Dir auch etwas zu ſagen, Da⸗ gobert,“ fuhr Roſa fort, nachdem ſie ihre Schwe⸗ ſter fragend angeſehen hatte. „Wirklich?“ „Wir haben Dir etwas zu offenbaren!“ „Zu offenbaren?“ „Mein Gott! Ja!“ „Aber, ſiehſt Du, etwas ſehr, ſehr Wichtiges..“ ſetzte Noſa ſehr ernſthaft hinzu. „Etwas, das uns Beide angeht,“ fuhr Roſa fort. „Das glaube ich wohl.. Was die Eine an⸗ geht, geht immer auch die Andere an. Seid Ihr nicht wie zwei Mandeln in der Schale, wie man zu ſagen pflegt?“ „Wenn Du die große Kapuze Deines Man⸗ tels uͤber uns breiteſt, moͤgen wir wohl einiger⸗ maßen ſo ausſehen,“ ſagte Roſa laͤchelnd. „So ſind die Schaͤkerinnen! Immer haben ſie das letzte Wort.. Aber nur heraus mit Eurem Geſtändniſſe, da es ein Geſtaͤndniß iſt..“ „Sprich Du, Schweſter,“ ſagte Bianca. „Nein, das geht nicht. Sie muͤſſen reden, Sie haben heute Dienſt als Aeltere und eine ſo wichtige Sache wie ein Geſtaͤndniß kommt der Aeltern zu.. Laßt hoͤren!“ ſagte der Soldat, der ſich bemuͤhete zu lächeln, um ſeinen Aerger uͤber — 96— die ungeſtraften Beleidigungen des Thierbaͤndigers um ſo leichter zu verbergen. Roſa, die Aeltere, welche den Dienſt hatte, wie Dagobert ſagte, ſprach alſo fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr ihre Schweſter. Ende des erſten Theils. Druck von Bernh. Tauchnitz jun.