— g———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: W Pf. „.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eines der ſuͤdlichſten Theile des neuern Grie⸗ chenlands wird, wie man weiß, noͤrdlich durch Montenegro, Bosnien und Servien begrenzt, oͤſt⸗ lich durch Macedonien, im Suͤden durch die Diſtricte von Janina und Arto, und im Weſten durch das ioniſche und adriatiſche Meer. Dieſe rauhe, wilde, bergige, von Felſen zerriſſene Gegend endet alſo in Weſten in beinahe ſenkrechten Felſen, finſtre, unge⸗ heure, unzugaͤngliche Mauern von Granit, deren Fuß von den Wogen beſpult wird. Ohne die Hoͤhe der Alpen zu erreichen, uͤber⸗ treffen die Berge von Epirus an Hoͤhe dennoch die Apenninen und den Jura, und kommen an einigen Orten den Pyrenäen gleich. Eine große Menge von Fluͤſſen und beſonders von Bergſtroͤmen ſtuͤr⸗ öen von den Gipfeln dieſer Berge herab, und be⸗ Kardiki. 1 3 —— waͤſſern mehrere fruchtbare Thaͤler an der Grenze des albaniſchen Gebietes; denn das Klima dieſes Landes wird immer kaͤlter und kaͤlter, je tiefer man— in das Innere vordringt, und funfzehn bis zwan⸗ zig Stunden von der Kuͤſte iſt der Winter eben ſo rauh und anhaltend, wie in Savoyen. Treu der lateiniſchen Kirche, war die albaneſi⸗ ſche Nation, ſtets ausgezeichnet durch die Energie ihres ungezuͤgelten Charakters, ſo wie durch ihre Tapferkeit, lange in ihrem religioͤſen Glauben un⸗ erſchutterlich. Ungeachtet der ottomaniſchen Er⸗ oberung herrſchte daher auch bis zu Ende des 16. Jahrhunderts die chriſtliche Religion in jenen Ge⸗ genden vorz um jene Zeit aber erkannten die Sul⸗ 4 tane, durch den Widerſtand des beruͤhmten Skan⸗ ₰ derbeg belehrt, daß die fuͤrchterlichſten Gewalttha⸗ ten die Albaneſer nicht zum Abfall von ihrem Glauben zwingen koͤnnten, und ſie kamen daher auf den Gedanken, ſie dadurch zum Uebertritt zu bewegen, daß ſie denen ziemlich bedeutende Vor⸗ theile gewaͤhrten, welche den Glauben ihrer Vater verlaͤugneten. Es wurde daher ein Firman von der Pforte erlaſſen, wonach jede chriſtliche albane⸗ ſiſche Familie, welche eines ihrer Kinder in dem muhammedaniſchen Glauben erzoͤge, den freien Be⸗ ſitz ihrer Guͤter genießen und von gewiſſen läſtigen Abgaben frei ſein ſollte. Dieſe Mafregel b wirkte Wunder, denn die Mehrzahl der chriſtliche Familien machten dem Muhammedismus dieſes Z geſtaͤndniß und ſicherten ſich ſo gegen die Quaͤle⸗ reien und Bedruͤckungen, denen die Rajahs(Chri⸗ ſten) bisher ſtets ausgeſetzt geweſen waren. Die Lage der epirotiſchen Chriſten war daher auch et⸗ was weniger erbaͤrmlich, als die ihrer uͤbrigen Glau⸗ bensbruder. Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, als der Zeit, zu welcher unſere Geſchichte zuruͤckgeht, war Albanien nicht einem einzigen Wiſir unterworfen, ſondern wurde von einer ziemlich großen Menge von Beys beherrſcht, welche der ottomaniſchen Pforte tributpflichtig oder deren Beamte waren. Dieſe Beys hatten unter ihren Befehlen eine ziemlich be⸗ träͤchtliche Menge chriſtlicher Kriegsknechte, welche dazu beſtimmt waren, die Ruhe im Innern des Landes zu erhalten; aber es ſtand damals um Al⸗ banien, wie im Mittelalter um Frankreich; die Sol⸗ daten oder chriſtlichen Armatolis, ſo wie die Pali⸗ karen, eine andere tuͤrkiſche Truppengattung, uͤbten ihre Pflicht nicht, ſondern nahmen ſtatt deſſen Theil an den Zwiſtigkeiten der Beys unter einan⸗ der; es gab daher auch uͤberall nichts, als Krieg, Pluͤnderung, Gewaltthat und fortwaͤhrende Re⸗ preſſalien. Die Streitigkeiten der Macht und der Familien endeten ſtets durch eine Berufung an das Recht des Schwertes, mit andern Worten, der offenen Gewalt, und die zahlreichſte oder gewandteſte Partei blieb im Vortheil. 1* Während dieſer faſt ununterbrochenen Buͤrger⸗ kriege machten die Klephthen oder Raͤuber, die ſich in die Berge zuruͤckgezogen hatten, haͤufige Ein⸗ faͤlle in das flache Land, welches ſchon von den Beys bedruckt wurde, die als Pächter von dem Einkommen der Pforte ungeſtraft die großten Ge⸗ waltthaten veruͤbten. Man ſieht daher auch, daß ungeachtet einiger Freiheiten, welche den chriſtlichen Albaneſen als Lohn fuͤr ihren Abfall gewährt wur⸗ den, das Loos der Unglucklichen noch beinahe ganz von der Gnade der Beys abhängig war. Unter den rauhen und wilden Theilen von Epirus konnte der Pharez oder der Diſtrict von Debelen als einer der erbaͤrmlichſten betrachtet werden. Seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts hatte das Beylik dieſes Diſtrictes derſelben Familie an⸗ gehört; einer ihrer letzten Abkoͤmmlinge, Vely, hei⸗ rathete Khamco, die Tochter des Beys von Conitza, und hatte von ihr zwei Kinder, Ali und Chainitza. Von dieſer Familie, wuͤrdig, den furchtbaren Stamm der Atriden fortzupflanzen, war jetzt nur noch Khamco uͤbrig, die Wittwe Vely Beys, und ihre Kinder, Chainitza und Ali. Khamco bewohnte Debelen, den Ort ihrer Ge⸗ burt. Ali, der in der Geſchichte unter dem Titel eines Paſcha von Janina ſo furchtbar beruͤhmt ge⸗ worden iſt, wohnte damals in Janina, b ſchalik er ſo eben erhalten hatte. — deſſen Pa⸗ —— — 8 Aus ſeinem Serail zu Janina herrſchte Ali ſchon beinahe despotiſch uͤber Epirus, und ungeach⸗ tet der Freiheiten und Rechte, welche den Chriſten gewaͤhrt worden waren, oft ſogar mit Verachtung der Befehle des Sultans, behandelte er Albanien als erobertes Land. An der Spitze von 4000 ent⸗ ſchloſſenen Armatolis verpflanzte er die Bewohner des Suͤdens nach dem Norden und die des Nor⸗ dens nach dem Suͤden, aͤſcherte Doͤrfer ein, er⸗ hob Tribut und zeigte ſich nach dem Ausſpruche der ungluͤcklichen Albaneſer als die raͤchende Gei⸗ ßel Gottes. Gegen das Enbe des Monats Januar 1788 mit der Abenddaͤmmerung tobte ein mit Hagel und Schnee gemiſchter Sturm wuͤthend in dem Grucha oder dem Defilé von Debelen, das von dieſer Stadt nach Berat fuͤhrte. Im Grunde dieſes Defilés lief ein ſchmaler, mit Felsſtuͤcken bedeckter Weg laͤngs des ſteilen Bettes der Voſouſſa hin, eines ungeſtuͤmen Fluſſes, der, nachdem er die Mauern von Debelen beſpuͤlt hat, ſich noͤrdlich wen⸗ det und ſich dann in das adriatiſche Meer ergießt. Nichts kann entſetzlicher ſein, als dieſe tiefe, öde Schlucht, ein finſtres Bild des Chaos. Durch unterirdiſche Feuer gehoben, durch die Jahrhun derte oder durch vulkaniſche Bewegungen zu bi zarren Maſſen aufgethuͤrmt, zwaͤngen rieſenhafte Felſen von grauem Granit den Fluß und den Weg ein, und erheben ſich beinahe parallel bis zu einer Hoͤhe von 300 Fuß; hier näherten ſie ihre Gipfel wie ein ungeheures Bogengewoͤlbe, und ſo ver⸗ ſchlangen ſich beinahe die ſchwarzen Zweige einiger Fichten, oder Lerchenbaͤume, welche, von beiden Seiten uͤber den Abgrund gebeugt, einen Dom bil⸗ deten, der oft fuͤr das Licht des Tages undurch⸗ dringlich war. Zuweilen auch wurden dieſe Baͤume, durch die Gewalt der Stuͤrme, deren gewoͤhnlicher Aufenthalt der Grucha von Debelen iſt, entwurzelt, und nach⸗ dem ſie die ſteilen Felswaͤnde hinabgeſtuͤrzt waren, blieben ſie entweder an den Vorſpruͤngen der Fel⸗ ſen haͤngen, oder ſie ſchmetterten in die reißenden Gewaͤſſer der Voiouſſa hinab. Mit jedem Augenblicke verdoppelte ſich die Wuth des Sturmes, welche durch das Echo noch vervielfältigt wurde; der Wind fing ſich in dieſer Einſamkeit und ſchien zuweilen unter den weißen Wirbeln des Schnees gleich dem Donner zu kra⸗ chen, waͤhrend dichte aſchgraue Wolken ſich ſchwer auf die Gipfel der Berge lagerten und den Grund des Defilés in Nebel und Schatten huͤllten. Wenn die furchtbare Stimme des Unwetters ploͤtzlich inne hielt, ließen dann die Platanen, die am Ufer des Fluſſes wuchſen und ihre Wipfel bis zu der Hoͤhe des Weges erſtreckten, der an dem Abgrunde hin⸗ lief, das dumpfe Rauſchen ihrer blaͤtterloſen Zweige hoͤren. * —— Plotzlich ſchwang ſich ein Kind von ungefaͤhr zehn Jahren, beinahe nackt, mager, mit langen, duͤnnen ſchwarzen Haaren, mit einem zerfetzten Lammfelle kaum bedeckt, mit ſeltener Geſchicklich⸗ keit von Aſt zu Aſt bis in den Wipfel eines dieſer Bäume. Das Kind zeigte den großten Schrecken, blickte voll Entſetzen nach dem Bett des Fluſſes hinab, ſtieß gellendes Geſchrei aus, und als es den Gipfel der Platane erreicht hatte, ſuchte es mit verzweif⸗ lungsvollem Blicke umher, um zu ſehen, ob es ſich nicht auf den Weg ſchwingen könnte, ohne Zweifel um ſo dem Feinde zu entgehen, der es zu verfolgen ſchien. Als es aber die Unmoͤglichkeit erkannte, dieſen Plan auszufuͤhren, ſchrie das Kind mit wachſender Angſt nach ſeinem Vater. Keine Stimme antwortete ihm, denn zu wuͤ⸗ thend tobte der Sturm. Bald zeigte ſich zehn Fuß ungefähr unter dem Kinde ein gewaltiger Baͤr, hing ſich ſchwerfaͤllig an jeden Abſatz der Platane, und kletterte langſam, doch mit Umſicht, in die Hoͤhe. Er war ſchmutzig ſchwarz, wie die Baͤren dieſer Gegend, die bei den harten Wintern in Epirus ihre unzuganglichen Hoͤhlen in Haliacmontes*) verlaſſen, um in das flache Land hinabzuſteigen. *) Eine der höchſten Bergketten in Epirus. Die wilde Beſtie, welche ſich ohne Zweifel ih⸗ rer Beute ſicher glaubte, machte einen Augen⸗ blick Halt. Da ſtieß das Kind einen letzten, herzzerreißen⸗ den Klageſchrei aus, zu welchem das arme Ge⸗ ſchöpf Alles ſammelte, was ihm von Leben, Kraft und Hoffnung noch blieb. Bleich, mit blauen Lip⸗ pen, krampfhaft zitternd, vor Kaͤlte mit den Zaͤh⸗ nen bebend, machte der Knabe dann noch eine letzte Anſtrengung, ſich nach Art der griechiſchen Chri⸗ ſten zu bekreuzen, und ſchloß hierauf die Augen, den Tod erwartend. Nachdem der Baͤr ſich klug auf einem großen Aſte gewiegt hatte, um deſſen Sicherheit zu prufen, kletterte er den Baum weiter hinauf. Obgleich der Sturm noch immer wuthete, oͤff⸗ nete doch das Kind ploͤtzlich die Augen, horchte und ſchien mit entſetzlicher Angſt zu lauſchen.— In der That ſchien anfangs fernes Hundegebell ſich immer mehr zu naͤhern, bis es endlich ganz deut⸗ lich wurde. Das unguͤckliche Kind wendete hier⸗ auf den Kopf nach der Seite des Fluſſes und ſchrie abermals:„Mein Vater, mein Vater, hierher!“ et zur Jungfrau und faſſe Muth, Michael!“ antwortete eine maͤnnliche Stimme, welche die An⸗ ſtrengung eines raſchen Laufes keuchen gemacht hatte. In demſelben Augenblick traf ein mit Kraft geworfener Stein den Bäaͤr in die Seite, und —— — zwang ihn, plötzlich Halt zu machen und nach dem Fuße des Baumes hinabzublicken. Das Gebell der Hunde wurde jetzt wuͤthend, und die Stimme wiederholte: „Muth, Michael!“ Ein kräftiger Bergbewohner, mit dem Fez, mit einem Ziegenfell bedeckt, einen langen Dolch zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen, erſtieg den Baum und machte Halt in kurzer Entfernung von dem Bären, um dieſen zu beobachten. Dieſer, der ſich an den Stamm der Platane klammerte, fing jetzt wuͤthend an zu bruͤllen, indem er drohend den Rachen aufriß; aber die nachthei⸗ lige Stellung des wilden Thieres benutzend, das, durch die Dicke des Stammes von ihm getrennt, ſich ſeiner fuͤrchterlichen Klauen nicht bedienen konnte, gelangte der unerſchrockene Bergbewohner bis zu der Hoͤhe des Baͤren und dieſem beinahe gegenuͤber; er preßte die Platane zwiſchen ſeine Knie, ergriff mit der einen Hand den Baͤren im Ruͤcken bei ſeinem dicken Fell, und ſtieß ihm mit der andern ſein langes Meſſer in das Herz, indem er in das Siegesgeſchrei der griechiſchen Chriſten ausbrach: „Sieg dem Kreuze!“— Heilige Worte, welche ſie ſtets zum Zeichen religioͤſer Anrufung oder from⸗ mer Dankbarkeit ausſprechen, wenn ſie einer großen Gefahr trotzen oder ſie beſiegen. * — 65 Bei der fuͤrchterlichen Verletzung ſtieß der Baͤr ein dumpfes Geheul aus, und indem er eine ſeiner Tatzen ſo weit als moglich ausſtreckte, ſchlug er ſeine ſcharfen Krallen in die Schulter des Griechen. Durch Wuth und Schmerz außer ſich gebracht, verſetzte dieſer dem Baͤren eine neue und ſo tiefe Wunde, daß das Thier hinabſtuͤrzte und den Berg⸗ bewohner nachzog. gum Gluͤck durch das dichte Lager duͤrrer Blätter, welche das Ufer des Fluſſes bedeckten, ge⸗ mildert, war der Fall nicht gefährlich fuͤr den Griechen. Dennoch haͤtte der Baͤr in ſeinem furchtbaren Todeskampfe den Mann vielleicht zu ſeinem Opfer gemacht, hätten nicht zwei gewaltige Hunde ſich auf das Thier geſtuͤrzt und es nach einem hartnaͤckigen Kampfe, bei dem ſie nicht ohne Wunden blieben, erwuͤrgt. Michael folgte mit wechſelsweiſe gierigem und angſtlichem Blicke allen Abſchnitten dieſes Kampfes; als er aber den Bären unter dem Dolche ſeines Vaters fallen ſah, ſtieß er einen wilden Freuden⸗ ſchrei aus, und ließ ſich leicht an der Platane hin⸗ abgleiten. Der Bergbewohner fing ſein Kind in ſeine Arme auf, druͤckte es voll Leidenſchaft an ſeine blutende kraͤftige Bruſt, bedeckte es mit Kuͤſſen und rief abermals:„Sieg dem Kreuze!“ Erhabene Worte, welche diesmal nicht mit dem wilden Tone des Triumphes ausgeſprochen — wurden, ſondern mit zitternder Stimme, mit dem Tone der Dankbarkeit und Liebe. Mitten unter dem Toben des Sturmes, in dieſer entſetzlichen Einſamkeit, die ſchon in Dunkel⸗ heit ſich huͤllte, dem noch immer drohenden Leich⸗ nam des Baͤren gegenuͤber, wurde der ohnehin ſo ruͤhrende und erhabene Anblick von hoher Majeſlat. „Mein Vater, Du biſt verwundet?“ rief Michael, indem er das Blut an einem Stuͤck des Ziegen⸗ felles ſah, welches der Baͤr aus dem Ueberwurf des Bergbewohners geriſſen hatte. „Da, glanbe ich,“ ſagte der Bergbewohner, in⸗ dem er den Kopf nach der linken Schulter wendete. „Leg etwas feuchte Erde auf die Wunde, und der gute Gott wird das Uebrige thun!“ Dann ſich auf den getoͤdteten Baͤren ſetzend, zog der Bergbewohner des noch immer heftig fal⸗ lenden Schnees ungeachtet die Kleidung aus, und entbloͤßte die Wunde ſeiner kraͤftigen braunen Schulter, waͤhrend er mit der rechten Hand die beiden großen Hunde ſtreichelte, die ihre ſchoͤnen, klugen, kuͤhnen Koͤpfe auf ſeine Knie legten. Michael feuchtete ein wenig thonichte Erde an, ſchoͤpfte in ſeiner rothwollenen Muͤtze eiskaltes Waſſer aus dem Fluſſe, und nachdem er die Wunde ſeines Vaters fromm gekuͤßt hatte, wuſch er ſorgſam das Blut davon ab und bedeckte ſie mit dem friſchen weichen Thon, auf den er ige welke Blaͤtter legte. Der Grieche wendete den Kopf halb um und betrachtete Michael mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit. „Du verbindeſt mich beſſer, mein Kind, als der beſte Phyſiker?) der verdammten Hexe von Debelen.“— Und er bekreuzte ſich.„Aber wenn die Jagd hart war, ſo war ſie doch auch gut. Der Gehoörnte*) iſt nicht allzu mager,“ fugte der Berg⸗ bewohner hinzu, indem er mit der Hand uͤber die rauhen Flanken des Baͤren fuhrz„Deine Mutter und Du, Ihr koͤnnt deshalb auch dieſen Winter eingeſalzenes Fleiſch eſſen, und das Fell wird eine gute und warme Decke fuͤr Euch ſein, Euch gegen die Nachtkälte des Grucha zu ſchuͤtzen. Segnen wir daher die Jungfrau, welche die Chriſten nie vergißt und uns dies Gluͤck ſendete, Michael!“ ſagte ernſt der Bergbewohner, indem er mit ſeinem Sohne niederkniete. Dies war alſo die Entbloͤßung und die fuͤrch⸗ terliche Lage der griechiſchen Chriſten von Gladiſta, welche aus ihrem Geburtslande Chaonien auf Be⸗ fehl Ali's, Paſchas von Janina, nach dieſem wil⸗ den Theile von Epirus verpflanzt worden waren; ſo ſchlimm war ihr Geſchick, daß der Vater Michael's ein ungehofftes Gluͤck, beinahe eine Fuͤgung der Vorſehung in dem fuͤrchterlichen Zufall erblickte, *) Arzt. *) Eine verächtliche Benennung, deren ſich die Al⸗ baneſer bedienen. S. — 13 welcher ihm beinahe das Leben ſeines Sohnes und das ſeinige gekoſtet hätte und den Leichnam eines wilden Thieres zu ſeinen Fuͤßen zuruͤck ließ. „Und der Baͤr, mein Vater?“ ſagte das Kind. „Tomoros wird ihn huͤten und gegen die Scha⸗ kals zu vertheidigen wiſſen; morgen mit Tagesan⸗ bruch wollen wir ihn mit Deiner Mutter holen,“ erwiederte der Grieche, indem er auf einen der bei⸗ den großen Hunde deutete, der ſeinen Herrn mit klugem Auge anblickte, als er ſeinen Namen nen⸗ nen hoͤrte. „Vertheidige das, Tomoros,“ ſagte der Berg⸗ bewohner, indem er ſeinen Fez auf den todten Bä⸗ ren warf. Der Hund legte ſich ſogleich auf die wollene Muͤtze, knurrte gewaltig und zeigte ſeine ſcharfen weißen Zaͤhne, als wollte er ſeinem Herrn andeu⸗ ten, daß er ihn verſtanden haͤtte und ſeine Befehle befolgen wuͤrde. „Gut, wären jetzt alle Schakals des Grucha verſammelt, ſo wuͤrden ſie es nicht wagen, Tomoros anzugreifen. Komm, Kind; die Nacht bricht an und Deine Mutter wartet.“ „Gute Nacht, Tomoros,“ ſagte Michael, indem er den Hund noch einmal liebkoſte, der gehorſam und ergeben regungslos auf dem Fez liegen blieb und mit dem Blicke ſeinem Herrn folgte, bis dieſer mit Michael und dem andern Hunde unter den Platanen verſchwand. II. Die EGscorte. Zwei Stunden nach dem beſchriebenen Ereig⸗ niſſe herrſchte die tiefſte Nacht; der Sturm tobte noch immer, als plötzlich die Felſen des Defilés von Debelen allmälig durch den unſichern Schein lan⸗ ger harziger, mit Fett getraͤnkter Fichtenzweige er⸗ leuchtet wurden, von Negerſclaven getragen. Dieſe Art von Fackeln widerſtanden der Heftigkeit des Windes; bei dem Scheine ihrer rothen und rau⸗ chenden Flamme erblickte man einige zwanzig gue⸗ guiſche*) Reiter, deren ſchwarze Kepes**) mit *) Die Gueguen waren einer der wildeſten Stämme des obern Albaniens. *²) Kepe, eine Art weiten Ueberwurfes mit langen Aermeln und einer Kaputze, aus Ziegenhaar gewebt. Kaputzen von Schnee bedeckt waren. Dieſe Sol⸗ daten fuͤhrten ihre Pferde am Zuͤgel, indem ſie mit Muͤhe und Vorſicht das ſteile, ſchmutzige, glatte Defilé erſtiegen, das bei jedem Schritte durch Fels⸗ ſtuͤcke oder vom Sturm entwurzelte Baumſtaͤmme verſperrt wurde. Unter dem kleinen Haufen blieb nur ein Mann beritten; er ſaß auf einem weißen Maulthiere, wel⸗ ches zwei Sclaven am Zuͤgel fuͤhrten, und zu dem die Anderen mit ehrfurchtsvollem und aͤngſtlichem Blicke zuruͤckſahen; ungeachtet der Unebenheit des Weges war der Tritt des Maulthieres doch ſo ſicher, daß es nicht ein einziges Mal ſtrauchelte. Die Gueguen, fuͤr gewoͤhnlich ſo indisciplinirt, ſo heftig, ſo redſelig, bewahrten, obgleich ſie ſchon ſeit vier Stunden von Debelen aufgebrochen wa⸗ ren, das tiefſte Stillſchweigen und erlaubten ſich nicht eine einzige Klage uͤber das abſcheuliche Wet⸗ ter und den muͤhſeligen Weg. Dieſe auffallende Veraͤnderung ihrer Gewohn⸗ heiten mußte ohne Zweifel dem Schrecken zuge⸗ ſchrieben werden, welchen dieſen eben ſo grauſamen als aberglaͤubiſchen Reitern die Anweſenheit des Bektadji's einfloͤßte, der, zugleich Prieſter, Wahr⸗ ſager und Zauberer, dieſe kleine Abtheilung von der Garde Khamco's, der Mutter Ali's, Paſchas von Janina, commandirte, welche eben jetzt, wie man ſagte, in dem Serail von Debelen, dem Ge⸗ burtsorte des Paſchas, ſterbend lag. — Der Bektadji trug einen langen ſchwarzen Man⸗ tel und einen Turban von rothem Filz und von auffallender Form; ſein Geſicht war knochig und mager, ſein Bart roth, ſeine Geſichtsfarbe bleich, ſeine Augen meergruͤn. Der Gegenſtand ſeiner Sendung mußte wichtig ſein, denn bei jedem neuen Hinderniſſe des Weges fluͤſterte er mit dumpfem Kehltone:„Es wird zu ſpät— es wird zu ſpät!“ Endlich wurde der Weg minder ſchlecht, min⸗ der ſteil; die Gueguen beſtiegen ihre Pferde wie⸗ der, und der kleine Haufe, begleitet von den Ne⸗ gern, welche die Fackeln trugen und ihm laufend folgten, gelangte bald zu einem Orte, wo das De⸗ filé ſich erweiternd eine Art von Fläche bildete, auf der das Tchiftlik oder Dorf des Grucha lag. Bei dem Scheine der Fackeln ſah man rings um die kleine Ebene her und gegen die ſteilen Fel⸗ ſen gelehnt einige erbaͤrmliche Huͤtten, von Steinen und Lehm aufgefuͤhrt, mit Schindein gedeckt und mehrere Fuß uͤber dem Boden erhaben. Dichte Rauchwolken und ein roͤthlicher Schein, welche aus dem einzigen und engen Fenſter einer jeden dieſer Hutten drangen, bewieſen, daß das ärmliche Dorf bewohnt ſei. Die ungluͤckſelige Bevölkerung, welche auf Befehl Ali's in dieſe entſetzliche Einſam⸗ keit verpflanzt worden war, beſtand, wie erwaͤhnt, aus den Truͤmmern der Bevoͤlkerung von Gladiſta, eines Dorfes von Chaonien, welches durch die Waffen des Paſchas verheert worden war. ² Die Gueguen ſtiegen vom Pferde und gaben den Negern die Zuͤgel zu halten; jeder ſah nach der Pfanne ſeiner langen, mit Perlmutter beſetzten Piſtole und bewegte ſein Schwert in der Scheide von rothem Sammt, mit Silber beſetzt; einige Rii⸗ ter verſahen ſich mit Stricken; gefuͤhrt von dem Bektadji, trafen ſie dann Anſtalten, jede Huͤtte dieſes elenden Dorfes zu durchſuchen. In einer derſelben wohnte der Vater Michael's. 6 10 Der Bektadji. * Es wäre ſchwer, ſich das Elend vorzuſtellen, welches in der Wohnung Marco Ducas's, Mi⸗ chaels Vaters, herrſchte, welcher uͤbrigens das be⸗ weinenswerthe Loos faſt aller chriſtlichen Bauern Albaniens theilte. Der Zuſtand der Anarchie, der Gewaltthätig⸗ keit und Räuberei, in dem dieſes ungluckliche Land ſeit der ottomaniſchen Eroberung fortwaͤhrend ſich befand, hatte den allgemeinen Gebrauch der ſon⸗ derbaren Bauart nothwendig gemacht, welche man auch in dem Tchiftlik oder dem Dorfe des Defilés von Debelen wiederfand. Ehe die Verbannten von Gladiſta dieſe erbärmlichen Huͤtten bewohnten, wa⸗ ren ſie von den Ducas erbaut worden, die einem Stamme angehoͤrten, welcher durch Ali anderwaͤrts⸗ hin geſchafft worden war, indem er fuͤr ſeine finſtere —— — 19— Politik es für nothwendig hielt, die Volkerſchaften ſo fortwaͤhrend zu verpflanzen. Obgleich auf ſei⸗ nen Befehl die Bewohner von Gladiſta bei ihrer Ankunft in dieſem Dorfe entwaffnet worden wa⸗ ren, ſchienen die Häuſer des Tchiftlit durch ihre beſondere Lage dennoch nicht minder feſt; denn jede Huͤtte, von den benachbarten Wohnungen ge⸗ trennt, lag, je nachdem die Localitat es erlaubte, auf einem Hügel oder einem Felsſtuͤcke und be⸗ herrſchte auf Flinten chußweite das Terrain rings⸗ umher. So wurd jede Huͤtte zu einer Art von Redoute, zu der man oft nur mit Huͤlfe einer Lei⸗ ter gelangen konnte, welche waͤhrend der Nacht fortgenommen wurde. Nichts konnte ärmlicher ſein, als die Wohnung des Marco Ducas. Nackte, ſchwarze Waͤnde, ein feuchter, kaum geebneter Fußboden, eine duͤnne Strohmatte, welche der armen Familie zugleich als Sitz und Bett diente; ein Fetzen von einer Decke, ein alter Kaſten, auf dem zwei grobe irdene Vaſen ſtanden, die eine mit Waſſer aus der Voüuſſa, die andere mit Mais gefuͤllt, unter der Aſche geroͤſtet und mit geronnener Ziegenmilch vermiſcht, ein ab⸗ ſcheuliches Gericht, welches Curumane heißt und die gewoͤhnliche Nahrung der Bergbewohner von einen engen Spalt, durch den mit jedem Augen⸗ blicke Wolken von Schnee und eiskaltem Winde in die Huͤtte ſchlugen. Der Bergbewohner, ſeine Frau und ſein Sohn chienen aber in dieſem Augenblicke heiter und bei⸗ nahe glucklich zu ſein; das Bewußtſein einer uͤber⸗ ſtandenen Gefahr, das Gluͤck, nach derſelben ver⸗ einigt zu ſein, die Hoffnung auf eine geringe Ver⸗ beſſerung ihrer elenden Epiſtenz, welche ſie durch den unter der Obhut des Tomoros zuruͤckgelaſſe⸗ nen Baͤren zu erhalten hofften;— das Alles trug dazu bei, ihnen die Zukunft unter etwas weniger ſchwarzer Farbe als gewoͤhnlich zu zeigen. Zwiſchen ſeinem Vater und ſeiner Mutter auf dem Teppich ſitzend, den ſie näher zum Feuer ge⸗ zogen hatten, war Michael wechſelsweiſe der Ge⸗ genſtand ihrer Zaͤrtlichkeit. Noömi, die Frau des Marco Ducas, ungefähr dreißig Jahr alt, wurde ſchoͤn geweſen ſein ohne die tiefen Spuren und fruhzeitigen Runzeln, welche das Elend und eine harte Arbeit ihren von Natur feinen und zarten Zugen eingeprägt hatten. Sie war in ein weites, zerfetztes Gewand von brauner Wolle gekleidet; auf dem Kopfe trug ſie den rothen Nationalfez, beſetzt mit einer Reihe Muſcheln, welche bei den Armen die Reihen von Gold⸗ oder Sil⸗ berſtucken erſetzen, mit denen die reichen oder wohl⸗ habenden griechiſchen Frauen ihren Kopfputz ſchmuͤk⸗ kenz ihre ſchwarzen Haare fielen in langen Rin⸗ geln auf ihre Schultern herab; ſie druckte den Kopf Michael's gegen ihre Bruſt, indem ſie das Kind zu erwaͤrmen ſuchte, das auf ihren Knien eingeſchla⸗ fen war. Marco Ducas war von mittlerer Groͤße, aber kräftigem Wuchſe; ſeine Geſichtsfarbe war blaß, ſeine Zuge zugleich ruhig, klug und kuhn; er trug die Haare hinten am Kopf lang herabfallend, auf der Stirn und den Schlaͤfen aber glatt abgeſchnit⸗ ten. Er hatte ſeinen Ueberwurf von Ziegenfell abge⸗ legt und trug einen alten Yellek oder kurzes Wamms von grobem gruͤnen Tuche; ein Guͤrtel von rother olle war mehrmals um ſeinen Leib geſchlungen und hielt den epirotiſchen Rock von weißer Lein⸗ wand feſt; ein Stuͤck ungegerbten Leders, mit Rie⸗ men befeſtigt, umhuͤllte ſeine kraͤftigen Fuͤße und Beine nach Art der Kamaſchen. Er rauchte ſeine Pfeife mit thoͤnernem Kopf und einem Rohr von wilden Kirſchen; von Zeit zu Zeit liebkoſte Marco Ducas den Hund, den treuen Gefährten des Tomoros, wechſelte einige Worte mit Noömi oder ſchurte das Feuer an, deſſen flak⸗ kerndes Licht dieſe Scene beſchien. Nachdem die armen Leute lange daruͤber ge⸗ ſprochen hatten, wie ſie den Baͤren benutzen woll⸗ ten, den ſie als ein Geſchenk der Vorſehung be⸗ trachteten, kam ihre Rede auf Khamco, die Mut⸗ ter Ali Paſchas, die fuͤrchterliche Frau, deren Na⸗ men man nie anders ausſprach, als mit Schrecken, — und indem man ſich bekreuzte, als ſei die Rede von dem Feinde des Menſchengeſchlechtes. „Die heilige Jungfrau ſteh' uns bei,“ ſagte Noömi,„ein Ziegenhirt von Berat, der geſtern ge⸗ gen Abend am andern Ufer des Fluſſes vor dem Schloſſe Debelen vorbeikam, ſah alle Fenſter des Serdls durch die Gitter blitzen, anfangs in blauem, bald aber in rothem Scheine— in blutrothem.“ Marco Ducas machte das Zeichen des Kreu⸗ zes und erwiederte:„Die Zauberin gebietet Eblis, ²) wie ich meinen Hunden, und ſie kann die Klarheit des Tages in einen gluͤhenden Ofen verwandeln, wie ihr Sohn, der Loͤwe von Debelen,**) unſere ſchöne Sonne von Gladiſta in eiſigen Nebel, un⸗ ſere fruchtbaren Felder in ode Felſen verwandelt hat, zwiſchen denen wir unſere Kinder auch den wilden Thieren ſtreitig machen muͤſſen,“ ſagte der Bergbewohner, indem er mit neuer Bitterkeit an die grauſame Verbannung dachte, die ihn nach dem Grucha geworfen hatte. Mit finſterm Weſen ſetzte er endlich hinzu:„Gott verwuͤnſche Khamco und ihren Sohn, und entferne uns ſtets von ih⸗ rem Wege, denn da, wo ihr Fuß voruͤbergegangen iſt, kann keine Ernte mehr gedeihen *) Der Teufel. *) Beiname Ali Paſchas. ) Ein griechiſches Sprichwort, auf die Türken an⸗ „Iſt es wahr,“ fragte Noömi mit leiſer Stimme, „daß man Nachts aus den ſchwarzen Kellerh des Serails Klagegeſchrei herauftoͤnen hoͤrt, und daß darauf andere klagende Toͤne in der Luft ant⸗ worten?“ „Dann ſind es die Seelen der Todten, welche ſo die Seelen derer, die ſterben ſollen, zu ſich ru⸗ fen, denn die alte Khamco hat in dem Serail Viele getoͤdtet und toͤdtet noch Viele,“ antwortete der Bergbewohner. Nach einer langen Pauſe fuhr er dann fort: „Ja, ja, ſie und ihre Tochter Chafnitza morden in dem Serail durch Gift und Zauberei, wie der Loͤwe von Debelen, ihr Sohn und Bruder, auf dem Felde des Krieges durch Schwert und Kugel tödtet.— Fluch uͤber die Löwin und die jungen Loͤwen!— Fluch uber Ali, welcher Gladiſta ver⸗ heerte, die Unſrigen erwuͤrgte oder in die Sclaverei fuhrte, die er nicht in dieſes abſcheuliche Land trieb, wo wir vor Kaͤlte, Hunger und Elend umkommen. Noch einmal und noch einmal verflucht ſei der ganze Stamm von Debelen!“. In dieſem Augenblicke trieb eine gewaltige Wolke von Schnee und Wind durch die kleine DOeffnung des Fenſters herein, druͤckte den Rauch auf dem Herde nieder und erſtickte beinahe das Feuer. Von einem Gefuͤhl unwillkurlicher Furcht auf⸗ geregt, draͤngte ſich Noömi dichter an ihren Mann, indem ſie ſich zugleich doch ſorgfältig huͤtete, ih⸗ ren Sohn zu erwecken. „Fuͤrchterliche Nacht!“ ſagte der Grieche, in⸗ dem er auf“ das Feuer einige Tannenaͤpfel warf, die wieder ein helles Licht verbreiteten. Dann fuͤgte er hinzu:„Obgleich unſer Schutz nur kläglich iſt, wollen wir doch Gott dafuͤr dan⸗ ken, denn es muß jetzt ein fuͤrchterliches Wetter in dem Defilé ſein;“— und an ſeinen Hund den⸗ kend, der den Bären bewachte, fugte er mit einem Seufzer hinzu:„Armer Tomoros!—“ und lieb⸗ koſte ſeinen zweiten Hund nur um ſo herzlicher. Die Augen in Thraͤnen gebadet, zeigte Noömi ihrem Manne den kleinen Michael, der auf ihren Knien ſchlummerte, und ſagte:„Theures Kind! Sieh, wie es ſchlaͤft!“— Sie dachte mit Wonne daran, daß ihr geliebtes Kind die Gefahr uͤber⸗ ſtanden. Dann ſtrich ſie die braunen Locken zu⸗ ruͤck, welche das magere, bleiche Geſicht des Kin⸗ des bedeckten, und kuͤßte leiſe deſſen Stirn. Der Bergbewohner beugte ſich ebenfalls uͤber Michael und betrachtete ihn einige Zeit ſchweigend mit truͤ⸗ ber Zaͤrtlichkeit. Mloͤtzlich bewegte Michael die Haͤnde, ohne die Augen zu öffnen, und ließ einige unartikulirte Worte hoͤren. „Er träumt, er traͤumt! Moͤge die Jungfrau ihm gluͤckliche Traͤume verleihen!“ ſagte Noömi 2 — 4 welche, uͤber das Kind gebeugt, den Ausdruck ſei⸗ nes Geſichtes voll Beſorgniß beobachtete. Michael's Stirn bedeckte ſich mit Schweiß, ſeine Zuͤge veraͤnderten ſich; er ſchien von einer furchter⸗ lichen Angſt ergriffen zu ſein, ſtieß plotzlich unter einem verhaͤngnißvollen Angſtſchrei den Namen Khamco aus und verſtummte dann; ſeine Aufre⸗ gung aber waͤhrte fort. „Gott beſchuͤtze unſer Kind!“ rief die arme Mutter voll Verzweiflung.„Er traͤumt von der Zauberin! Wehe uns, wehe uns!“ „Gott verfluche und verdamme ſie fuͤr ewige Zeiten, denn ſie vergiftet ſelbſt den Schlaf der Kin⸗ der,“ ſagte der Bergbewohner voll Bitterkeit. Er wäre vielleicht fortgefahren, aber plötzlich hielt er inne und ſagte zu ſeiner Frau, indem er den Kopf in die Hoͤhe richtete und nach der Seite der Thuͤr blickte: „Haſt Du nichts gehoͤrt?“ „Nichts,“ erwiederte Noömi, und ſah ihren Mann voll Entſetzen an, indem ſie ihren Sohn feſter in ihre Arme druͤckte. Marco Ducas ſprang mit einem Satze empor und ſah nach, ob die beiden holzernen Riegel, welche die Thuͤr von innen verſchloſſen, feſt waͤren; dann blieb er ſtehen und fuhr fort zu lauſchen. „Ich furchte mich,“ ſagte Noömi erblaſſend. Der Grieche legte plötzlich das Ohr gegen die Thuͤr, horchte einen Augenblick, gab ſeiner Frau ein Zeichen, zu ſchweigen, und fluͤſterte dann leiſe: „Man kommt— man kommt— ich hoͤre den„ Hufſchlag von Pferden.“ „Die Klephthen!“*) rief Noömi mit dem Tone des hoͤchſten Schreckens. „Meine Mutter, meine Mutter!— Die Zau⸗ berin!—“ ſchrie das Kind, welches ploͤtzlich aus dem Schlafe auffuhr und ſich feſt an Noemi's Hals klammerte. Nachdem Marco Ducas einen fluͤchtigen und verzweiflungsvollen Blick durch das Gemach hatte ſtreifen laſſen, erhob er die Augen zum Himmel und vermochte nichts als die Worte auszuſprechen: „Keine Waffen!“* In dieſem Augenblicke wurde die Thür heftig erſchuͤttert und eine Stimme ſchrie: „Weshalb wagſt Du es, Dich in Deine Woh⸗ nung einzuſchließen, Hund von Radja?“*) „Oeffne ſogleich, Haſe!“***) ſagte eine andre Stimme. Und noch ehe der Bergbewohner Zeit hatte, zu gehorchen, ſteckte einer der Gueguen das lange Rohr ſeines kleinen Gewehres zu dem Fenſter herein, *) Räuber. **) Radja, ungläubiger. Ausdruck der Verachtung der Türken gegen die Chriſten. — — ſchien den Schuß von oben nach unten richten zu wollen, und gab Feuer. Die Kugel pfiff, ricochettirte, und fuhr gluͤck⸗ lich, ohne Jemand zu verwunden, in die entgegen⸗ geſetzte Wand. „Ihr werdet das Kind todten!— Sie wer⸗ den das Kind toͤdten!— Gebt Acht auf das Kind!“ rief der Bektadji mit ſeiner duͤnnen, gellen⸗ den Stimme. Als die ungluͤckliche Mutter dieſe Worte hoͤrte, die ſcheinbar ſo menſchlich waren und dem rohen Angriffe der Reiter ſo ſehr widerſprachen, errieth ſie mit dem Inſtinkt eines entſetzlichen Scharfſin⸗ nes ploͤtzlich, daß man komme, um ihr ihren Sohn zu rauben. Marco Ducas hatte denſelben Gedanken und Beide blickten ſich entſetzt an. Der Blick des Bergbewohners, der auf Mi⸗ chael fiel, welchen Noömi mit dem Ausdrucke wil⸗ der Herausforderung an ſich preßte, mußte fuͤrchter⸗ lich und bedeutungsvoll geweſen ſein, denn Noömi warf ſich Marco Ducas zu Fuͤßen und ſchrie mit gefalteten Haͤnden:„Toͤdte ihn nicht!“ „Und weshalb nicht?“ fragte der Grieche mit einer entſetzlichen Ruhe. „Wirſt Du endlich oͤffnen, Hund von Radja?“ riefen tumultuariſch die Stimmen außerha in⸗ dem die Thuͤr heftig geruͤttelt wurde. * „Willſt Du gehangen werden?“ rief der Bek⸗ tadji mit ſeiner gellenden Stimme. „Du hoͤrſt es,“ ſagte Marco Ducas, indem er den Dolch aus ſeinem Guͤrtel zog und ſeinen Sohn erfaßte. „Toͤdte ihn nicht! Im Namen Gottes, todte ihn nicht!“ ſchrie die Mutter. „Du willſt alſo, daß ſie ihn lebend haben ſol⸗ len? Du willſt, daß er unter den gottloſen Zau⸗ berformeln Khamco's und ihrer Tochter enden ſoll?“ ſagte der Bergbewohner, indem er eine verzwei⸗ felte Bewegung machte. „Gnade, mein Vater, Gnade! Was habe ich Dir gethan?“ rief das Kind voll Entſetzen. „Gott hat ihn heut ſchon vor den wilden Thie⸗ ren errettet,“ ſagte die Mutter,„er wird ihn viel⸗ leicht auch vor der Zauberin erretten.— Aber im Namen des Himmels, erbarme Dich ſeiner!“ „Michael— mein Michael— ſenke Dein Haupt— ſieh mich nicht an—“ ſagte der un⸗ gluckliche Vater mit bebender Stimme, die Augen in Thraͤnen gebadet; dann noch ehe Noömi eine Be⸗ wegung machen konnte, hob er raſch ſeinen Dolch empor, aber zweimal brach ſein Muth, als das Ei⸗ ſen die Bruſt ſeines Kints beinahe erreicht hatte. .„Er iſt gerettet!“ rief Noömi mit dem Tone des Triumphes, indem ſie zu ihrem Sohne eilte und ihn mit ihrem eigenen Koͤrper deckte. „Ich bin eine Memme!— Das Elend der Sclaverei hat mich entnervt! Mein Vater haätte Dich getödtet und Deinen Sohn. Aber ich bin feiger als ein Lapez. Gott hat dieſer Wohnung geflucht, und es geſchehe ſein Wille! Das Blut Michael's wird die Haͤnde Khamco's faͤrben!“ ſagte der Bergbewohner, indem er ſeinen Dolch von ſich warf; dann oͤffnete er den Reitern ſeine Thuͤr. Der Auftritt bot ein ergreifendes Bildz das gluͤhende Licht der Fackeln, welche die Neger vor dem Hauſe hielten, ließ ungeachtet der Nacht hier und dort die glaͤnzenden Waffen der Gueguen fun⸗ keln, die in ihre prachtvollen rothen, mit Gold ge⸗ ſtickten Gewaͤnder gekleidet waren, und eine Art Beinſchienen von Silberblech trugen, denn ihre mit Schnee bedeckten Kepes waren auf ihren Säͤt⸗ teln geblieben. Die Soldaten mit den bleichen, wilden Geſich⸗ tern, mit den langen Baͤrten, mit ihren geflochte⸗ nen Haaren mit dem Fez bedeckt, draͤngten ſich tumultuariſch zu dem Eingange in die Huͤtte des Griechen; aber Niemand wagte hineinzudringen; der Bektadji allein ſtand mit ſeinem umherflat⸗ ternden ſchwarzen Mantel, die beiden Haͤnde in die weiten Aermel verborgen, ruhig, regungslos auf der Schwelle der Thuͤr, delche Marco Ducas raſch geoffnet hatte. Vor Schrecken verwirrt, nicht mehr denkend und einer inſtinktmaͤßigen Eingebung gehorchend, * kauerte die unglückliche Noömi ſich hinter den Kaſten und umſchlang ihr Kind mit den zitternden Ar⸗ men, während Marco Ducas, auf dem Kaſten ſitzend, den Kopf geſenkt, die Augen ſtarr vor ſich hin auf den Boden gerichtet, fuͤhllos gegen Alles zu ſein ſchien, was ringsum ihn her vorging. Nachdem der Bektadji dieſe Scene einen Au⸗ genblick betrachtet hatte, ſagte er zu dem Bergbe⸗ wohner: „Wo iſt Dein Sohn?“ Marco Ducas antwortete nicht. Der Bektadji zuckte mit den Schultern, gab den Gueguen ein Zeichen, ſich nicht zu nahen, und trat in die Huͤtte. Im Nu war Michael ergriffen, fortgeriſſen und vor dem Bektadji auf den Sattel geſetzt, wel⸗ cher, ſeine Beute mit ſich fortfuͤhrend, von ſeiner Escorte begleitet, den Ruͤckweg nach Debelen ein⸗ — IW. Khamev. Ali. Chainitza. Ehe wir in dieſer Erzählung fortfahren, muͤſſen wir drei Hauptperſonen derſelben in ein helleres Licht ſtellen. Wir glauben, daß vielleicht nie die Ge⸗ ſchichte des Menſchengeſchlechtes der finſterſten und gluͤhendſten Einbildungskraft etwas in ſeinen Con⸗ traſten ſo Auffallendes, in ſeinem Charakter ſo Fuͤrchterliches, in ſeinem Ganzen ſo Verderbliches geboten hat, als dieſe drei gewaltigen Figuren, die ein Dante getraͤumt haben koͤnnte: Khamco, die Mutter;— Ali, der Sohn;— Chafnitza, die Tochter!— Wir ſind oͤfters vom Schwindel ergriffen wor⸗ den, indem wir in die Knermeßlichen Tiefen dieſer geheimnißvollen Dreieinigkeit zu dringen ſuchten, welche zuweilen uͤber die Grenzen des Moͤglichen hinauszugehen ſcheint, theils durch die ungeheure .elee ——— ien „Tag belehrt er ſie— und jede a er ih⸗ Uebertreibung unerhoͤrter Miſſethaten, theils durch die wilde Majeſtaͤt einiger ſeltenen, aber erhabenen Tugenden. Der Sohn eines Beys von Debelen, eines Vaſallen der Pforte, einem alten albaneſiſchen Stamme entſproſſen, welcher nach der muſelmanni⸗ ſchen Eroberung das Chriſtenthum abgeſchworen hatte, war Vely Bey, der Gatte Khamco's, Vater Ali's und Chaſnitza's, bei der Theilung der väter⸗ lichen Erbſchaft in heftige Streitigkeiten mit ſeinen Bruͤdern, Salik und Mehemed, gerathen. um die Frage zu entſcheiden, berief ſich die Familie nach dem wilden Gebrauch der Sitte auf das Recht des Schwertes, d. h. Salik und Mehemed verſammelten ihre zahlreichen Anhaͤnger gegen Vely und die ſeinigen und griffen ihn an. Nach ei⸗ nigen blutigen Treffen wurde dieſer Letztere ge⸗ zwungen, aus Debelen zu fliehen, ſeinen Theil der väterlichen Erbſchaft aufzugeben und ſich nach Ha⸗ liacmontes zu fluͤchten, wo er ſich zum irrenden albaneſiſchen Ritter machte, d. h. zum Klephthen oder Bergraͤuber, wie der alte epiriſche Geſang ſagt: „Nanos iſt auf die Berge gegangen, auf die „hohen Gipfel der Berge. Er verſammelt Kleph⸗ „then, junge und brave Schen Er verſammelt, „er vereinigt, er findet dret tauſend,— und jeden „nen: Hoͤrt, meine Braven, und Ihr, e Kin⸗ „der, ich will keine Klephthen mit Ziegen, keie Kleph⸗ — — „then mit Schafen; ich will Klephthen mit Sa⸗ „beln, Klephthen mit Musketen. Einen Marſch „von drei Tagen wollen wir in einer Nacht zuruck⸗ „legen. Laßt uns das Haus jener Nicolo uberfal⸗ „len, die ſo viele Goldſtucke und ſo ſchoͤnes Silber⸗ „geſchirr hat. Willkommen ſei Nanos, wird ſie „ſagen, und willkommen ſeien ſeine Tapfern! Und „die Tapfern werden die Goldſtuͤcke bekommen, die „jungen Burſchen werden die Paras erhalten, und „ich will die Dame.“*) Wie der beruͤhmte Nanos, ſammelte auch Vely junge Burſche und Tapfere, nicht ſchuchterne Kleph⸗ then mit Ziegen und Schafen, ſondern kuhne Kleph⸗ then mit Säbeln und Musketen; und nach Jahren eines wilden, pluͤndernden, morderfuͤllten Lebens hatte er eine Bande entſchloſſener Anhaͤn⸗ ger verſammelt, ſtieg eines Nachts herunter von den Bergen, ſchwamm durch die Voiouſſa, uͤber⸗ fiel ſeine Bruͤder in dem väterlichen Hauſe, und erdolchte ſie ungeachtet ihres verzweifelten Wider⸗ ſtandes. Dieſe Art, durch Mord und Brudermord wie⸗ der in den Beſitz der Erbſchaft zu gelangen, war ſo ſehr nach den Sitten jener wilden Gegenden, wo Erfolg und Muth Alles rechtfertigen, daß Vely bei ſeinen Nachbarn nur fuͤr einen Mann galt, 2) Vauriel, Volksgeſänge der Griechen: Die Lehre des Nanos, Klephthengeſong. 1 Kardiki. 3 „ der einen langen Familienprozeß gewann und gluͤck⸗ lich beendet hatte. Seine Klephthenbande wurde natuͤrlich in eine Armatolica*) verwandelt, und Vely Bey, der zum erſten Aga von Debelen ernannt wurde, konnte ſich ungeſtoͤrt ſeiner Neigung fuͤr die Trunkenheit hingeben. Von Zeit zu Zeit jedoch unternahm er einige Streifzuge auf das Gebiet benachbarter Staͤmme oder Phares, ohne Zweifel zum Andenken an ſei⸗ nen alten Stand. Gegen 1736 heirathete Vely Khamco, die Toch⸗ ter des Bey von Conitza, ſeines Nachbarn. Aus dieſer rein politiſchen Verbindung, die keineswegs 3 auf Neigung geſtuͤtzt war, wenigſtens nicht von Seiten Khamco's, entſprangen zwei Kinder, Ali und Chañnitza. ungefähr ſechzehn Jahre nach ſeiner Verhei⸗ rathung ſtarb Vely ploͤtzlich in einem Alter von fuͤf und vierzig Jahren, Einige ſagten, an den Folgen ſeiner bacchantiſchen Ausſchweifungen, An⸗ dere, durch Gift. Khamco war damals vier und dreißig Jahr alt, Ali ſechszehn und ſeine Schweſter Ehainitza funfzehn. *) Bewaffnete Miliz, dazu beſtimmt, tie Ruhe des Landes zu ſichern. Khameo war damals vier und breißig Jahr alt, Ali ſechzehn und ſeine Schweſter Chainitza funfzehn. Die männliche und ſtrenge Schoͤnheit ihrer Mutter Khamco, der braunen Tochter des Bey von Conitza, war durch die Geſaͤnge der Albaneſen oft gefeiert worden. Ihr Wuchs war vollendet, ihre Bewegungen voll ernſter, imponirender Anmuth, ſelbſt wenn der Gebrauch ſie zwang, die Pyrthica, jenen kriegeriſchen und leidenſchaftlichen Tanz des alten Epirus, mit irgend einem jungen Anatolen aus dem Phares ihres Vaters zu tanzen. Stolz und hochmuͤthig, beſonders ſeitdem ſie zweimal Mutter geweſen war, verachtete Khamco ihre Nebenbuhlerinnen des Serails und zeigte ſich ſo gebieteriſch und ſo geringſchaͤtzend gegen Vely Bey, daß dieſer ſich allmaͤlig von ihr losmachte und ſie in einen abgelegenen Theil des Schloſſes von Debelen verbannte. Einſam und verlaſſen lebte Khamco dort bis zum Tode des Bey, unablaͤſſig beſchaͤftigt mit ihren beiden Kindern, die ſie mit einer Leidenſchaft und Eiferſucht liebte, welche an Grauſamkeit grenzten. Es war eine ſchweigſame, finſtere, in ſich ver⸗ ſchloſſene Frau, die, wie man ſagte, nie gelacht hatte. 5 Wenn ihre Kinder ſpielten oder ſchliefen, brachte ſie träͤumeriſch lange Stunden ſcheinbar in Unthä⸗ tigkeit zu, ihre großen ſchwarzen, von einem brau⸗ 5 1 5 — nen Ringe umgebenen Augen auf den ewigen Schnee des Maile⸗Dam gerichtet. Zuweilen, ſagt man,„ ſollen in dieſen Augenblicken uberſpannter Betrach⸗ tungen, und beſonders wenn die Sonne lang⸗ ſam hinter den Gipfeln der Argenikberge nieder⸗ ſank, jener öden Felſen, welche nackte Koͤpfe ge⸗ nannt werden und in die öſtliche Kette der Acro⸗ ceraunen auslaufen, die Augen Khamco's ſich weit geoffnet haben, ihr blaſſes Geſicht purpurroth ge⸗ worden ſein und ein unerklaͤrliches Zittern ihren ganzen Körper ergriffen haben; dann, faſt außer ſich, erhob ſie ſich halb, ihre bebenden Haͤnde ſtreck⸗ ten ſich in das Weite, waͤhrend ihre rothen Lippen, durch ein unbeſchreibliches und goͤttliches Lächeln halb geoffnet, unbekannte Worte zu fluſtern ſchienen. Wenn dann der letzte Strahl der Sonne ſei⸗ nen gluͤhenden Wiederſchein geworfen hatte, nahm in dem Maße, wie die Dämmerung ihre Schleier ausbreitete, der Ausdruck ihres Geſichtes, der einen Augenblick ſo heiter geweſen war, einen immer finſtreren Charakter an, bis es ſo ſchwarz war, als die Nacht; dann, ſagt man, ſollen bittere Thränen langſam uͤber die abgemagerten Wangen Khamco's gefloſſen ſein. 3 Zu anderen Zeiten wieder, nachdem ſie ſonder⸗ bare und weiſſagende Figuren zu Rathe gezogen hatte, rief ſie ihren Sohn zu ſich, den jungen Ali mit dem blonden Haar und den blauen Augen, preßte ihn zärtlich an ihr Herz, zeigte ihm in d * Ferne an dem Horizont, den die letzten Strahlen des Tages gluͤhend erhellten, irgend ein geheimniß⸗ volles Bild, und ſagte leiſe, doch mit Stolz: „Sohn Khamco's, Du wirſt Weſir wer⸗ den.“ Wer kann es je wiſſen, welche Viſion ſo je⸗ den Tag einen Augenblick auf den Gipfeln jener wilden Berge den getaͤuſchten Augen der Mutter Ali's von Debelen ſich zeigte! Kaum waren die letzten Worte der Myriolo⸗ gien der Frauen von Debelen uͤber dem Grabe Vely's geſungen, als Khamco aus einem lethargi⸗ ſchen Traume zu erwachen ſchien. Ihre ganze Geſtalt verwandelte ſich; die trä⸗ gen und contemplativen Gewohnheiten des Se⸗ rails wichen einem Leben unglaublicher Thaͤtigkeit; Khamco, die bis dahin ſchmachtend geweſen war, wurde ſchon, ſtolz, verwegenz ſie legte die wolluſtige Pracht der albaneſiſchen Frauen ab, um die Klei⸗ dung der kriegeriſchen Palikaren anzulegen; ihre ſchlanke feine Taille wurde von einem gruͤntuchenen Yellek umſchloſſen, der mit Silber geſtickt war, ei⸗ ner Art engen anliegenden Wammſes, vom Hals bis zum Gurtel zugeknöpft; eine Djubbe, ein car⸗ moiſinrothit Pelz mit fliegenden Aermeln, bedeckte ihre Schultern; der weiße Schurz der Klephthen umguͤrtete ihre Huͤften, und der rothe Fez ließ die langen Flechten ihres bräunen Haares ſehen. Ihr kraftiges Bein bekleidete ſie bald mit rothen Maro⸗ „ 3 quinhalbſtiefeln mit ſilbernen Sporen, bald mit ſei⸗ dengeſtickten Kamaſchen, und indem ſie zu Pferde uͤber die Ebene ſprengte, oder zu Fuß die Berge erſtieg, ſetzte ſie wechſelsweiſe durch ihre Kraft und ihre Gewandtheit die verwegenſten Reiter und Fuß⸗ gaͤnger in Verwunderung. Ali und Chainitza, ſchoͤn wie ſie, gekleidet wie ſie, unerſchrocken wie ſie, verließen ſie nie und bil⸗ deten ihre einzige Begleitung. Vergebens hatten Lapezraͤuber ihre Naͤhe in der Umgegend von De⸗ belen durch Mord und Pluͤnderung kund gethanz Khamco verachtete dieſe Gefahren, und man haͤtte behaupten mögen, daß dieſe kuͤhne Frau durch Muͤh⸗ ſeligkeiten und Gefahren ohne Zahl ihren Sohn und ihre Tochter auf irgend eine große, verwegene That vorbereiten wolle. Vom Morgen bis zum Abend ſtets auf dem Wege, ſah man ſie bald wie eine Viſion mitten in einer Wolke von vergoldetem Staub mit verhaͤngtem Zuͤgel, begleitet von Ai und Chainitza, dahin ſprengen; bald ſtand ſie, auf eine lange albaneſiſche Flinte geſtuͤtzt, während ihre beiden Kinder zu ihren Fuͤßen ſaßen, einſam und majeſtätiſch auf dem Gipfel eines mit Schnee be⸗ deckten Felſens. Bald verfuͤhrt durch die wilde und kuͤhne An⸗ muth dieſer Amazone, welche ohne Zweifel in ih⸗ ren Augen den idealen Typus kriegeriſcher Schoͤn⸗ heit erfulte, wurden alle Häuptlinge der Palitaren oder Armatolen von Toscaria, unruhige Fuͤhrer 35— ungezuͤgelter Soldaten, uͤber die ſie ganz nach ih⸗ rer Laune verfuͤgten, von leidenſchaftlichem Enthu⸗ ſiasmus fuͤr Khamco ergriffen. Wenn daher die Nacht finſter, ruhig und ſchwei⸗ gend war, wenn die Gewaͤſſer der Voiouſſa ſanft murmelnd uͤber ihr Moosbett hinglitten, hoͤrte man zuweilen einen verliebten und melancholiſchen Ge⸗ ſang, begleitet von den Toͤnen der albaneſiſchen Leier, am Fuße der Mauern des Serails.— Es war irgend ein junger Palikare, erfuͤllt von Liebe zu Khamco, der ſo dieſe heldenmuͤthige Schoͤnheit feierte. Oft aber unterbrach ploͤtzlich ein erſtickter Schrei, ein ploͤtzliches Schweigen, der Ton eines ſchweren in den Fluß fallenden Korpers die Sere⸗ nade: es war irgend ein anderer, eiferſuͤchtiger Pa⸗ likare, der ſeinen Nebenbuhler ermordete, der aber ſogleich zu der Leier des Ermordeten den Geſang fortſetzte.* Wie oft ſah man am Tage zwei Armatolen einen wuͤthenden und erbitterten Zweikampf begin⸗ nen, wenn die bleiche Wittwe mit ihrem Sohne und ihrer Tochter dahergeſprengt kam. Gluͤcklich der Sieger, wenn ein fluchtiger Blick Khamco's ihn traf! Gluͤcklich der Beſiegte, wenn ſeine ſterbenden Augen dem ſchwarzen, gluͤhenden Auge Khamco's begegneten! Wie oft endlich ſah man zwei junge Hirten, die langen geflochtenen Haare an ihrem Geſicht herabhaͤngend, mit nackten kraͤftigen Beinen, mit ₰ 4£ einer antiken Tunica bekleidet, einen großen, ſchwe⸗ ren Korb von Weidengeflecht, mit Haidekraut be⸗ deckt, in dem Serail niederſetzen, indem ſie ſagten, ein kuͤhner Palikare habe ihnen befohlen, dieſes aͤrmliche Geſchenk der Wittwe Vely's Bey von De⸗ belen zu uͤberbringen. Voll Ungeduld befragten die Frauen Khamco's ihre Gebieterin mit einem neugierigen Blicke; dieſe gab ein Zeichen, das Haidekraut wurde fortgenom⸗ men, und es zeigte ſich irgend eine ſcheußliche Tro⸗ phaͤe, der Kopf eines wilden Lapezraͤubers, dem mit dem Dolche auf die Stirn geſchrieben war: Liebe fuͤr Khamco die Bleiche. Beſcheidene Huldigung irgend eines geheimniß⸗ vollen und ſchuͤchternen Liebhabers, der aber ohne Zweifel errathen zu werden hoffte. Und voll Entſetzen flohen die Weiber. Aber Chañnitza, die Tochter Khamco's, Chainitza, die ſchoͤne albaneſiſche Jungfrau, floh nicht, ſondern betrachtete das, ohne zu beben; aber Ali, der Sohn Khamco's, Ali mit dem blonden Haar, mit dem milden Laͤcheln, mit den ſanften blauen Augen, ſtieß ſtolz dieſe blutigen Koͤpfe mit dem Fuße von ſich. Dann umarmte ſeine Mutter ihn wie mit Raſerei, indem ſie ihm leiſe, ganz leiſe ſagte:„Du wirſt Weſir werden!“ Palikaren und den Armatolen blieb die Witt Vely Beys gefuͤhllos, geringſchatzend, einſ vſan . Ungeachtet ſo vieler Beweiſe der Liebe von den „. ſchien nur fur die Zukunft ihres Sohnes zu leben. Zu⸗ weilen jedoch ſang ſie, aber ſelten, aber truͤbe; dazu war nöthig, daß der Mond bleich ſchien, daß die ſteilen Gipfel des Mejurani, in einen blaulichen Dunſt gehuͤllt, einem ungeheuren Geſpenſt glichen; daß das Echo der Berge das dumpfe, ferne Rol⸗ len des Donners wiederholte, daß bei ſtuͤrmiſchem Wetter kleine phosphoriſche Flammen, aus den vul⸗ kaniſchen Riſſen an dem linken Ufer der Voüuſſa aufſteigend, blau und unerreichbar auf dem ſchwar⸗ zen, ausgedörrten Boden hier und dort umher tanzten. Beim Scheine der Blitze konnte man dann das melancholiſche, ſtrenge Geſicht Khamco's hinter dem Gitter irgend eines Fenſters im Serail erblicken, wie ſie mit gluͤhenden Augen den blen⸗ denden Zacken des Blitzes folgte. Dann konnte man ihre ſtolze, maͤnnliche und kraͤftige Stimme einige Worte ſingen hoͤren, aber fremdartige, aber finſtere Worte, wie z. B. den Schluß von: Das junge reiſende Mädchen, einer verſchrobenen albaneſiſchen Myriologie, welche lauten: „O ſeht den ſchoͤnen Körper, einen Doliman „zu tragenz die ſchoͤnen Finger, um Diamanten „zu tragen;— ſeht die ſußen Lippen, ſo einladend „zum Kuſſe, wie blutig ſie auch ſind!— Ich „habe ſie gekuͤßt, dieſe rothen Lippen, und gefaͤrbt „mit Blut waren meine Lippen.— Ich trocknete „ſie mit meinem Tuche, und gefaͤrbt mit Blut war „das Tuch;— ich wuſch es im Fluſſe, und ge⸗ dieſe Mordhand, welche ſo oft und wieder oft der „faͤrbt mit Blut war der Fluß;— und gefaͤrbt „mit Blut war das Meer, in das der Fluß ſich „ergoß;— und gefärbt mit Blut war auch der „Himmel— und die ganze Welt!—“ Weshalb war Khamco ſo traurig, weshalb klagte ſie ſo? Erſchien ihr denn der Schatten Vely Beys, der vielleicht durch Gift fiel, jede Nacht? War es denn das Schrecken vor dieſer Viſion, wel⸗ ches ſie in ihrer Schlafloſigkeit nach Ali rufen ließ? Ali, ihr Sohn, ſo ſchoͤn, ſo jung, ſo kuͤhn, unbe⸗ ſiegt beim Wektrennen, im Tanz, im Ringen, Ali, ſtets gewiß, ſeinen Mann oder ſein Ziel zu treffen, ſagte mit ſeiner ſanften, melodiſchen Stimme, wenn er ſein ſchweres Gewehr, mit Gold, Petlmutter und Korallen ausgelegt, gegen die Schulter ſtemmte, mit zartlichem Ausdruck:„Steh' mir bei, meine Mutter!“ Entſetzlicher Contraſt! Weshalb war dieſe Stimme, die nicht muͤde wurde, zum Gemetzel zu rufen, ſo harmoniſch rein und friſch!— Weshalb war dieſer Mund, der zu ſo vielen Miſſethaten lächeln ſollte, ſo bezaubernd und unwiderſtehlich? Weshalb waren ſeine blauen Augen, die ſich voll Gier an Auftritten des Gräuels weiden ſollten, ſo reizend und von ſo klarem Blau? Weshalb war mit Blut gefaͤrbten Dolch in die Scheide ſenke ſollte, ſo weiß, ſo zart und ſo ſchoͤn? Entſetzliches, geheimnißvolles und verderbliches Weſen! Ali, Sohn Khamco's, Ali von Debelen, Du, ein unerſättlicher Pluͤnderer, Du, ein hoͤlliſcher Politiker, Du, ein unverſchäͤmter Satrap, Du, ein gegen ſeinen Herrn empoͤrter Großvaſall, Du, der beinahe ein ganzes Jahrhundert lang die Menſch⸗ heit durch entſetzliche Miſſethaten erſchreckte;— Ali von Debelen, weshalb wurdeſt Du waͤhrend Deiner langen Laufbahn ſtets ſo uͤbermaͤßig an⸗ gebetet, der Du mit jungem und fluͤchtigem Fuße das bluͤhende Haidekräut von Debelen niedertrateſt und in Deinem Alter, in das finſtre Seeſchloß zuruͤckgezogen, dort ſtarbſt, noch fuͤrchterlich fuͤr Deine Feinde, wie der verwundete Loͤwe? Wes⸗ halb wurdeſt Du ſo innig von Deiner Mutter ge⸗ liebt, von Deiner Schweſter? Weshalb wurdeſt Du ſo leidenſchaftlich angebetet von der unſchuldi⸗ gen und ruͤhrenden Emineh, von der gluͤhenden und thoͤrichten Zobeide, von der ſtrengen und chriſtlichen Vaſiliki— von den drei keuſchen Gattinnen, drei Engeln, die ſtets rein und ſtrah⸗ lend uͤber der zahlloſen Menge unbekannter Wei⸗ ber ſchwebten, welche Dein Serail bevölkerten?* Ja, Ali wurde geliebt, leidenſchaftlich angebe⸗ tet; angebetet nicht als gebieteriſcher Sultan, nicht als furchtbarer Herr, ſondern angebetet als Sohn, als Bruder, als Geliebter. Weil auch er, der gebieteriſche Sultan, der furchtbare Herr, zaͤrtlich, innig, leidenſchaftlich als Sohn, als Bruder, als Gatte zu lieben ver⸗ ſtand. Aber der Sohn Khamco's ſollte nie einen Freund unter den Maͤnnern haben. Alle die, welche ihr boͤſes Geſchick ihm in den Weg warf, wurden, fortgeriſſen durch den Wirbel der Verach⸗ tung, des Egoismus, der Tuͤcke und unverſoͤhnli⸗ chen Grauſamkeit, entweder Seiden, Werkzeuge, Sclaven, Betrogene oder Opfer ſeines eiſernen Willens; denn kein Mann konnte durch den mil⸗ dernden Einfluß einer großmuͤthigen Freundſchaft dieſe unbeugſame Seele zuͤgeln. Für ſeine Mutter ſeine Schweſter und ſeine drei Frauen bewahrte Ali die Schätze der Zärtlich⸗ keit, die er in ſeinem Herzen barg. Wenn Khamco, ſeine Mutter, ihn ſo ſehr liebte, kam es daher, daß die Worte: Steh mir bei, meine Mutter!— die einzigen waren, welche dieſer Menſch, der ſtets mit ſo entſetzlicher Jronie die Geſetze und göttüche wie menſchliche Strafe verſpottete, nie ohne Ruͤhrung und Ehrfurcht aus⸗ ſprach. Galt es, in einem Kampfe oder gegen Moörder ſein Leben zu vertheidigen, ſo wich Ali von Debelen, deſſen Löͤwenmuth vor nichts zitterte, nie zuruͤck; aber er, der ſich durch ſeine Verbrechen eine ſo entſetzliche Einſamkeit mitten unter Men⸗ ſchen begrundet hatte, empfand mitten in der Ge⸗ fahr das unuͤberwindliche Beduͤrfniß, durch dieſe für ihn heiligen Worte die Erinnerung an ſeine B — Mutter anzurufen, die einzige Religion, den einzi⸗ gen Glauben, von dem er Schutz zu fordern wagte, fordern mochte. Wenn Khamco, ſeine Mutter, ihn ſo ſehr liebte, ſo kam es daher, weil ihr muͤtterlicher Inſtinkt ihr ohne Zweifel enthuͤllt hatte, daß einſt ein Tag kom⸗ men wuͤrde, ein furchterlicher Tag, an dem ſie zu ihrem Sohne ſprechen muͤßte: Raͤche mich! und daß dieſer Sohn bis zum Ende ſeines Lebens un⸗ ablaͤſſig alle Anſtrengungen ſeiner Macht, alle Ver⸗ ſchlagenheit ſeiner nichtswuͤrdigen und blutigen Po⸗ litik, die ganze grauſame Energie ſeines ungezuͤgel⸗ ten Willens aufbieten wuͤrde, an den Feinden ſei⸗ ner Mutter eine Rache zu nehmen, die noch tau⸗ ſendmal furchterlicher waͤre als ihre Beleidigung! Wenn Emineh, Zobeide und Vaſiliki ſo ſchoͤn, ſo keuſch und ſo leidenſchaftlich Ali bis zum Wahn⸗ ſinn liebten, wenn durch das geheimnißvolle und fuͤrchterliche Verhängniß, welches uͤber dem Leben dieſes Menſchen zu ſchweben ſcheint, dieſe drei Gattinnen, die ſo herrlich begabt waren, ein ge⸗ waltſames und unerwartetes Ende nahmen;— ſo bewies die entſetzliche Reue, die ſie fuͤr immer in dem verzweifelnden Herzen Ali's uͤberlebte, wie ſehr dieſe edlen Frauen geliebt wurden, und welche glänzende Perle heiliger und religioſer Zärtlichkeit die Natur zuweilen in unbegreiflichem Contraſt in den Grund der ſchwaͤrzeſten und verderbteſten See⸗ * Ali war alſo nur noch ein Juͤngling, als Khamco, die Wittwe Vely Beys, ſich ſo gleichguͤltig gegen die wilde Liebe faſt aller Haͤuptlinge der Pa⸗ likaren und Armatolen von Toscaria zeigte. Dieſe Gleichguͤltigkeit und dieſe Verachtung waren jedoch nur erheuchelt. Nicht etwa, daß Khamco je ihr ſtolzes und eiskaltes Herz in Liebe fur irgend einen Sterblichen ſchlagen fuhlen ſollte; aber gewandt und von tiefer Verſtellung, ſah ſie mit geheimer Freude ihren Einfluß über die Haͤupt⸗ linge indisciplinirter Banden um ſo mächtiger wer⸗ den, als ſie ihn weniger zu ſuchen ſchien. Die Wittwe Vely Beys glaubte blind an die Enthuͤllungen ihres finſtern, krankhaften und exal⸗ tirten Geiſtes und wurde von Ehrgeiz verzehrt, nicht fur ſich ſelbſt, aber fuͤr ihren Sohn, den ſie ſich als Weſir getraͤumt hatte. Einige behaupten, ſie ſei dem fruͤhen Tode Vely Beys nicht fremd geweſen, und wenn ſie dieſe Miſſethat begangen habe, ſo ſei es geſchehen, um allein die Herrin uͤber das Geſchick ihres Sohnes zu bleiben, das ſie ſich vom Verhängniß anvertraut glaubte.. Sie wußte, daß der, welcher ſeine Anſpräche auf die blinde Ergebenheit der Bandenfuͤhrer ſtutzen konnte, deren Verein die einzige militäriſche Macht dieſer Gegenden bildete, fruher oder ſpäter eine un⸗ umſchränkte Gewalt erlangen muͤßte. Khamco hatte abſichtlich eine Art wilder und kriegeriſcher — — 47— Coquetterie angewendet, um die Haͤuptlinge der Armatolica leidenſchaftlich zu entflammen ſo gewandt die Zukunft ihres Sohnes vorzubereiten, indem ſie jedem die unbeſtimmte Hoffnung ließ, einſt vielleicht das Herz der Wittwe Vely 2,. durch Opfer und Anhaͤnglichkeit zu ruͤhren. Als Ali mit Hoffnung auf Sieg den Preis des Wettlaufes, des Ringens und des Schießens den fluͤchtigſten, kraͤftigſten und geſchickteſten Alba⸗ neſen ſeines Alters ſtreitig machen konnte, veran⸗ ſtaltete Khamco eine Art von Turnier vor dem Serail. Sie ſelbſt wohnte demſelben verſchleiert an einem niedern Fenſter bei, und der Preis er⸗ hielt einen unſchaͤtzbaren Werth, indem er durch ihre Haͤnde ging. Einer der Toscaria benachbarten Beys, der Bey von Kardiki, fuͤrchtete aber bald die Folgen von dem ungewoͤhnlichen Einfluſſe, den Khamco gewann, und da er glaubte das Gebiet von Debe⸗ len ungeſtraft verheeren zu koͤnnen, griff er es un⸗ verſehens an. Auf das erſte Geruͤcht dieſer Feind⸗ ſeligkeiten verſammelten ſich die Bandenfuͤhrer Tos⸗ caria's in Debelen und boten voll Enthuſiasmus Khamco ihre Dienſte an. Dieſer Angriff und der Krieg, den er verur⸗ ſachte, Ereigniſſe, welche auf die Laufbahn Ali'e einen wunderbaren Einfluß hatten, trugen ſich un⸗ gefähr zwanzig Jahre vor der Zeit zu, von welcher hier die Rede iſt, d. h. während der Juͤnglingsjahre 6— — 48— Ali's. Wir finden ihn in dem ganzen Glanze ſeiner Macht wieder, indem er aus dem Schooße von Epirus zu ſeiner ſterbenden Mutter eilte, welche die Wahrſager nur noch durch einen entſetzlichen Trank retten zu koͤnnen glaubten, ein blutiges Opfer, zu dem der unghͤckliche Michael beſtimmt war, den der Bektadji ſo grauſam geraubt hatte. Die Reiſe. Ali belagerte Banagin, als er die Krankheit ſeiner Mutter erfuhr. Bei dieſer Nachricht ver⸗ ließ er ploͤtzlich die Stadt, um ſich nach Debelen zu begeben, aber die Schnelligkeit dieſer Reiſe war weit entfernt der Ungeduld des Satrapen zu ent⸗ ſprechen. Gewöhnt, Alles ſich ihren geringſten Launen fuͤgen zu ſehen, taͤuſchen die Despoten ſich balb uͤber ihre wunderbare Leichtigkeit, Gehorſam zu fin⸗ den; Niemand leidet daher auch grauſamer als ſie, wenn ihr Wille ſich an einer phyſiſchen Unmoglich⸗ keit bricht. Es iſt keine Paradore, wenn man ſagt, daß ſie ihre Macht ſehr beſchraͤnkt finden, wie unum⸗ ſchränkt ſie auch ſein mag; Alles, was den an⸗ dern Menſchen unmoͤglich ſcheint, iſt in ihren Augen von der gemeinſten Moͤglichkeit, und da die Schwie⸗ rigkeiten, welche man die Zwiſchenſchwierigkeiten Kardiki. 4 nennen könnte, vor ihrer Allmacht verſchwinden, finden ſie ſich taͤglich den unuͤberſteiglichen Grenzen gegenüber, die Gott zwiſchen ſich und der Menſch⸗ heit aufgefuͤhrt hat. So beweiſen die Zeit, der Raum, der Tod, die ewigen Geſetze der Natur durch ihre gebieteriſche Unwandelbarkeit fortwaͤhrend das Nichtige und die Eitelkeit von der vorgeblichen All⸗ gewalt der Despoten. Ali hatte alſo, wie erwaͤhnt, als er von der plötzlichen Krankheit ſeiner Mutter hoͤrte, Alles verlaſſen, um nach Debelen zu eilen; aber bei dem rauhen Winter Albaniens hatten der Schnee, grund⸗ loſe Wege, Abgruͤnde, ubergetretene Sturzbäche bei jedem Schritte ſeinen Weg gehemmt, vergebens hatte er durch furchtbare Drohungen und durch uner⸗ hörte Grauſamkeiten die Strecke verkuͤrzen wollen, indem er die Reiſe uͤbermaͤßig beſchleunigte. Wuͤ⸗ thend uͤber die Unmöglichkeit des Gelingens, war er beinahe ſinnlos geworden, indem er die unuͤber⸗ ſteigliche Vielfaltigkeit der Hinderniſſe erkannte, auf die er bei faſt jedem Schritte ſtieß; der Satrap hatte daher nichts vermocht als zu toͤdten und wie⸗ der zu toͤdten, ohne deshalb ſchneller gegen Debelen vorzudringen, wo ſeine Mutter ſtarb. Einer der Albaneſen, welcher den Wagen fuhr, ¹) in welchem Ali mit ſeiner Gattin Emineh reiſte, *) Ali bediente ſich zu ſeinen Reiſen ſtets deutſche Wagen. — hatte eines Tages von dem Weſir den Befehl er⸗ halten, ein gewiſſes Dorf in einer beſtimmten Friſt zu erreichen, wo nicht, ſo ſollte der Ungluckliche ſterben. Noch vor Erreichung des Zieles ſtuͤrzte eines der Pferde und brach das Bein. Ali gab ein Zeichen, und der ungluͤckliche Kutſcher wurde dem Henker uͤberliefert, um gehangen zu werden. „Du willſt mich toͤdten laſſen?“ ſagte der Al⸗ baneſe zu Aliz„nun gut, und was dann?“ „Er hat Recht,“ ſchrie der Satrap;„dann, dann— dann kann ich weiter nichts—“ und da⸗ bei drohte er mit der geballten Fauſt wuͤthend zum Himmel hinauf. Aber der ungluͤckliche Kutſcher mußte dennoch ſterben. Ein andermal, als er auch wieder einen ſeiner Kutſcher wegen ſeiner unwillkuͤrlichen Langfamkeit mit einer fuͤrchterlichen Strafe bedrohte, bat die zit⸗ ternde Emineh um die Begnadigung dieſes neuen Opfers. Der Weſir richtete auf ſeine Frau ſeine großen blauen, in Thraͤnen ſchwimmenden Augen, und antwortete mit innig geruͤhrter Stimme und voll wilder, naiver Zartlichkeit:„Aber, ſuße Blume*), bedenke doch, daß ich nach Debelen kommen muß,— ehe meine Mutter ſtirbt— um durch meine Ge⸗ genwart vielleicht die wieder in das Leben zurück⸗ Schmeichelname, den Ali ſeiner Emineh zu geben pflegte. 4* „ — zurufen, die mich zum Mann und zum Weſir ge⸗ macht hat.“ Und Ali ſprach nicht etwa ſo, um unter er⸗ heuchelter Kindesliebe eine uͤberfluſſige Grauſam⸗ keit zu verbergen. Zum Ungluͤck fuͤr die Menſch⸗ heit konnte Ali von Debelen ganz offen blutduͤrſtig ſein; wie unerklaͤrlich auch der Contraſt einer kalten Grauſamkeit und einer leidenſchaftlichen Zaͤrtlichkeit ſein mag, ſo iſt doch das Gefuͤhl, aus dem dieſer Contraſt entſpringt, natuͤrlich, ja wir moͤchten bei⸗ nahe ſagen, ein Allen gemeinſchaftlicher Inſtinkt. Der Menſchlichſte ſtelle ſich eine Mutter vor, eine angebetete Mutter, die mit dem Tode ringt; er empfinde fuͤr dieſe Mutter Alles, was Liebe und Dankbarkeit dem Herzen des Menſchen Unver⸗ gängliches und Gluhendes einpragen koͤnnen; er glaube feſt, daß ſeine eigene Gegenwart oder die eines Retters, den er mit ſich bringt, das ihm ſo theure Leben dem Tode zu entreißen vermoͤgenz— daß die Schnelligkeit der Reiſe und folglich die Stunde des Heiles von irgend einem furchtbaren Beiſpiele abhaͤngt. Wuͤrde wohl der Menſchlichſte zu behaupten wagen, daß er nicht lieber, als zu ſpät zu dem leb⸗ loſen Koͤrper ſeiner Mutter zu gelangen, in Ge⸗ danken einen Mord begehen wuͤrde, indem er in ver⸗ zweiflungsvoller Angſt daran dächte, daß der Tod eines gleichgultigen Menſchen ihm einen ſo ſchmerz⸗ lichen Verluſt haͤtte erſparen können. 3 — 53— Fuͤr Ali, den Paſcha von Epirus, aber, der in der groͤßten Verachtung des Menſchengeſchlechts erzogen war, hieß ſo denken, zugleich auch handeln; und wenn er den geringſten Begriff von Gerechtem und Ungerechtem gehabt haͤtte, wurde er ſich ohne Zweifel und mit Grund nicht fuͤr ſtrafbar gehalten haben, indem er als verzweifelnder Sohn ſeiner innigen, wenn auch wilden Liebe fuͤr ſeine Mutter einige Sclaven opferte, oder doch für minder ſtraf⸗ bar, wie an dem Tage, an welchem er, ein wilder Eroberer, Feuer und Tod in eine friedliche Gegend trug.——————————— Der Satrap mußte uͤbrigens tief in ſeine ſchmerzlichen Gedanken verſunken ſein, als er ſich nach Debelen begab, denn abgeſehen von den be⸗ ſchriebenen Grauſamkeiten, welche ſeine gluͤhende Ungeduld bewieſen, verrieth bei ſeiner eiligen Reiſe nichts die gewoöhnliche Art derſelben, welche der Bevoͤlkerung einen ſolchen Schrecken einfloßte, daß es in Epirus beinahe ſprichwoͤrtlich geworden war, bei ſeiner Annäherung auszurufen: Laßt uns fliehen; der Weſir kommt, uns zu verſchlingen! Entſetzlicher und merkwuͤrdiger Contraſt! Sei es nun Folge einer ausgeſucht unechoͤrten Grau⸗ ſamkeit, ſei es empoͤrender und furchtbarer Spott gegen die Uebel, die er dem Menſchengeſchlecht auf⸗ erlegte, ſei es endlich ein unuͤberwindlicher Inſtinkt der Guͤte, die ſich merkwuͤrdig genug in der ſuß⸗ lichen Ausfuͤhrung ſeiner abſcheulichſten Handlun⸗ ⸗ gen oder ſeiner blutduͤrſtigſten Befehle aͤußerte;— genug, Ali von Debelen pluͤnderte und mordete faſt nie, als mit dem verfuͤhreriſcheſten Laͤcheln auf den Lippen und indem er ſeine Opfer mit den freundſchaftlichſten Verſicherungen uͤberhaͤufte. Auf ſeinen gewoͤhnlichen Reiſen, bei welchen ſeine albaneſiſchen Couriere ihm voraneilten, ſchrieb der Satrap mit eigener Hand Manifeſte des Mitleids und der Liebe, in denen er den Bewohnern der Diſtricte, durch die er kommen ſollte, verkuͤndete: daß ſie die vielgeliebten Soͤhne ſeines Herzens wären und daß ihnen binnen Kurzem das uner⸗ hoͤrte Gluͤck zu Theil werden ſollte, ſich vor ſeinen goldenen Stiefeln in den Staub zu werfen. Bei der Nachricht von der Ankunft Ali's von Debelen, herrſchten bald Schrecken und Verwirrung allgemein unter dem Volke. Die Einen entflohen mit ihren Koſtbarkeiten nach dem Gebirge; Frauen brachen in Schluchzen aus, indem ſie ihre Kinder umarmten, waͤhrend griechiſche oder muſelmaͤnniſche Prieſter ſich in Eile verſammelten und die Männer zu uͤberreden ſuchten, ſich eine freiwillige Contri⸗ bution aufzuerlegen, ſtark genug, die unerſättliche Habgier des Weſirs zu befriedigen, und um dieſen Preis von ihm die Gunſt zu verlangen, einen an⸗ dern Weg zu wäͤhlen. In dieſem Falle wurde das Geld, oder in Ermangelung des Geldes der Schmuck nach der naͤchſten Reſidenz des Weſirs durch Abgeordnete der Staͤdte gebracht, welche de⸗⸗ — muͤthig im Namen ihrer Mitbuͤrger erklaͤrten, daß die armen Leute ſich der Blicke Sr. Hoheit fuͤr unwuͤrdig hielten und deshalb das unerhoͤrte Gluͤck ablehnten, den Staub ſeiner Fuße kuͤſſen zu duͤrfen. Genuͤgte die Summe dem Satrapen, ſo wil⸗ ligte er ein, ſeine Reiſeroute zu aͤndern, indem er, wie er ſagte, es ſchmerzlich bedauerte, ſich das Gluͤck verſagen zu muͤſſen, einen Theil ſeiner Voͤlker, den er am meiſten liebte, zu ſehen; oft aber auch, ſei es nun Laune, ſei es, daß die Contribution nicht be⸗ deutend genug war, beharrte er mit einer ſcheinbar ſehr freundſchaftlichen Hartnaͤckigkeit auf dem un⸗ uͤberwindlichen Beduͤrfniß ſeines Herzens, welches ſich durchaus nach dem Anblicke ſeiner vielgeliebten Unterthanen ſehnte.— Dann gab er trotz den Bitten und Thraͤnen der Abgeordneten den Be⸗ fehl zur Abreiſe. Fand er bei ſeiner Ankunft die Contributionen der Wichtigkeit der Stadt nicht angemeſſen, ſo ließ er augenblicklich die Abgeordneten haͤngen oder pfählen, indem er ihnen ſanfte Vorwuͤrfe daruͤber machte, daß ſie ihn der Gefahr ausgeſetzt hätten, das Herz und die Großmuth der Bewohner zu verkennen, da ſie ihm einen ſo ärmlichen Tribut anbotenz er ſchloß dieſe Rede, welche den ganzen Charakter väterlicher Guͤte trug, damit, daß er die Poffnung ausſprach, eine Bevölkerung, die er liebe, und aus Liebe zu der er ſeinen Weg verändert haͤtte, wuͤrde ſich ſicher nicht von ihrem guten Weſir trennen, ohne demſelben einen augenſchein⸗ lichen Beweis der Anhaͤnglichkeit und Liebe zu geben, oder, mit andern Worten, ohne ihm eine betraͤchtliche Contribution zu zahlen. In dem Schrecken, welches die Palikaren des Paſcha einfloͤßten, und im Angeſicht der juͤngſten Opfer ſeiner unerbittlichen Grauſamkeit verdoppel⸗ ten oder verdreifachten die ungluͤcklichen Einwohner die Summe. Ali umarmte hierauf die Vornehm⸗ ſten voll Innigkeit und rief dabei aus, die Beſtra⸗ fung der Abgeordneten ſei offenbar gerecht und wohlverdient geweſen, da ſie ihren Weſir unverant⸗ wortlich uͤber die Gefuͤhle einer vortrefflichen Ein⸗ wohnerſchaft getaͤuſcht haͤtten, die er jetzt ſo fände, wie er ſie in ſeinem Herzen ſich immer gedacht. Als letzten Beweis ſeiner Liebe fuͤr die Ein⸗ wohner forderte der Satrap, ſie alle verſammelt zu ſehen, um ihnen Lebewohl zu ſagen. Man ge⸗ horchte zitternd dieſem neuen Befehle; Männer, Weiber, Kinder verſammelten ſich mit finſtern, verzweifelnden Geſichtern, entweder auf dem Haupt⸗ platze des Ortes, oder in der Ebene. Nachläͤſſig in ſeinen Wagen zuruͤckgelehnt, warf dann der Weſir auf die ſchweigende und zitternde Menge einen lächelnden Blick; gefiel ihm ein ſchoͤnes junges Maädchen, ſo bezeichnete er ſie mit dem Finger und ſagte einem ſeiner Offiziere ein Wort.— War es ein huͤbſcher junger Burſche von ſchönem Wuchs und wohlgefaͤlligem Geſicht, kurz, wuͤrdig, unter — ſeine Pagen einzutreten, ſo machte er ein anderes Zeichen, ſagte ein anderes Wort, und wenn dieſe Art von Revuͤe beendigt war, wiederholte er noch⸗ mals die Verſicherung der Liebe, die er zu der Be⸗ völkerung hegte, und zum Beweiſe davon wolle er eine lebendige Erinnerung daran ſtets in ſeiner Naͤhe haben. Er deutete hierauf auf die von ihm bezeichneten Gefangenen und ließ ſie von ſeinen Albaneſen auf der Croupe ihrer Pferde mit fort⸗ nehmen, und dieſe neuen Opfer ſeiner zuͤgelloſen Leidenſchaften vermehrten dann die Zahl der Wei⸗ ber ſeines Serails oder der Pagen ſeines Palaſtes. Ruhig ſetzte dann der Satrap ſeine Reiſe fort, indem er uͤberall eine entſetzliche Contribution an Gold, Blut und Geſchoͤpfen Gottes erhob, und nichts als Elend, Tod und Verzweiflung hinter ſich ließ. Einmal jedoch zeigte Ali von Debelen auf einer ſeiner Reiſen durch Epirus eine ſolche Kuͤhn⸗ heit, Geiſtesgegenwart und einen ſo wunderbaren Muth, daß die Gewandtheit und Unerſchrockenheit ſeines Benehmens bei dieſer Gelegenheit genuͤgten, ihn weit uͤber die Tapferſten und Gewandteſten zu erheben. Er war kuͤrzlich zum Paſcha von Theſſalien er⸗ nannt worden; ſeine Gewalt war noch nicht feſt begruͤndet, und er fuͤhlte das Beduͤrfniß, Alles zu wagen, um fuͤr immer ſeine Gewalt und die Strafloſigkeit ſeiner Miſſethaten zu ſichern, indem er den Volkern, die er ſo furchtbar beherrſchen wollte, eine beinahe uͤbernatuͤrliche Meinung von ſich beibraͤchte. Zu der Handlung, die wir ſchildern wollen, und die eben ſo wunderbar in ihrem Erfolge, als in ihrer Verwegenheit war, wurde er durch drei Gruͤnde bewogen: durch ſein unwandelbares Vertrauen in ſein Geſtirn, die ewigen Prophezeihungen ſeiner Mutter; durch ein nicht minder tiefgewurzeltes Vertrauen in ſeine Kraft und Gewandtheit; endlich durch die Gewißheit, daß ſeine Voͤlker gegen ſeine Erpreſſungen und Grauſamkeiten zu murren begannen, und daß er ohne einen auffal⸗ lenden Zug der Kraft und des Muthes fruͤher oder ſpäter niedergemetzelt werden wuͤrde, waͤhrend ſeine Macht auf immer geſichert ſei, wenn ſeine Ab⸗ ſicht gelang. VI. Der Kampf. Es war ungefaͤhr vier Jahr vor der letzten Krankheit Khamco's; Ali, kurzlich von der Pforte zum Paſcha von„Theſſalien ernannt, zahlte erſt vier und dreißig Jahr. Er durchzog Teſſarotien, einen Suli ſehr nahe gelegenen Diſtrict, der durch ein kriegeriſches, eben ſo unbeugſames als wildes Geſchlecht bevoͤlkert wird. Seine Bedruͤckungen und Grauſamkeiten begannen, wie erwaͤhnt, die Albaneſen zu erbittern. Er wollte alſo durch einen kuͤhnen Streich der in Furcht geſetzten Bevolkerung als ein beinahe uͤbernatuͤrliches Weſen erſcheinen, oder in dem Kampfe untergehen, denn er war uberzeugt, daß ſeine Banden von Palikaren nicht immer genuͤgen wuͤrden, ihn gegen die gegen ihn aufſtehenden Maſſen zu vertheidigen; war aber der grobe und aberglaͤubiſche Geiſt dieſer Volkerſchaften ℳ₰ einmal tief ergriffen, ſo rechnete Ali darauf, ihnen als eine verhaͤngnißvolle Nothwendigkeit zu erſchei⸗ nen, die von der Vorſehung ihnen geſendet ſei, und die keine menſchliche Macht zu beſiegen im Stande ſei. Er war nach Levtochor gekommen, einem Dorfe Theſſaliens, das durch die Tapferkeit ſeiner Ein⸗ wohner beruͤhmt war, unter denen drei Bruͤder ſich auszeichneten, drei Klephthen, die drei Demir⸗Dorſt genannt, Maͤnner von rieſenhaftem Wuchs, von athletiſcher Kraft und heldenmuͤthiger Tapferkeit. Der Satrap hatte ſeinen Marſch ſo berechnet, daß er das Dorf waͤhrend der Nacht uͤberfallen konnte, um ſich dieſer drei Klephthen zu bemaͤchtigen, die in den Bergen beruͤhmt waren. Seine Palikaren umzingelten in großer Menge Levtochor, und nach einem verzweifelten Widerſtande wurden die drei Demir⸗Dorſt gefangen genommen und geknebelt. Mit Tagesanbruch begab ſich Ali, prachtvoll gekleidet, begleitet von zwei tauſend Albaneſen, ein kohlſchwarzes arabiſches Pferd von ſeltener Schon⸗ heit reitend, das eine Satteldecke von einem Tiger⸗ felle trug, deſſen Klauen von Gold waren und deſſen Kopf mit Augen von Rubinen auf der Croupe den Rachen aufzuſperren ſchien, auf eine Art von Plateform, welche von ſteilen Felſen ein⸗ geſchloſſen war. Auf Befehl des Satrapen wur⸗ den die Einwohner verſammelt, und nach ſeiner Gewohnheit ſchrieb er dann eine ſtarke Contribution — aus und befahl die Entfuͤhrung eines jungen Maͤdchens, welches die Braut eines der drei Demi⸗ Dorſt war. Nach Ertheilung dieſer Befehle ließ der Satrap, der noch immer zu Pferde war, die drei Klephthen kommen, die mit Feſſeln bedeckt waren, indem er hoffte, daß der unbeugſame Charakter dieſer Krie⸗ ger einen Auftritt herbeifuͤhren wuͤrde, den er außer⸗ dem ſelbſt zu veranlaſſen entſchloſſen war. Aber der alteſte der gefangenen Bruͤder kam den Wuͤn⸗ ſchen Ali's bald zuvor. „Ich will Deine Braut, Dein Gold und Dein Leben nehmen,“ ſagte der Satrap mit ſeiner ſanf⸗ ten, melodiſchen Stimme, indem er ihn lächelnd anblickte vom Pferde herab, das den Boden unge⸗ duldig ſtampfte. „Du willſt mein Leben nehmen, weil hundert Schakals mehr ſind wie ein Wolf,“ erwiederte der Suliote mit dem Tone wilder Verachtung, indem er auf die albaneſiſchen Soldaten des Weſirs deu⸗ tete, die in Reihe und Glied aufgeſtellt waren. „Nein, mein Sohn, ſondern ich will Dein Le⸗ ben, Dein Gold und Deine Braut nehmen, weil ein Lowe ſtaͤrker iſt, als drei Wölfe,“ ſagte der Weſir noch immer ſehr ruhig. „Ja, wenn die drei Wolfe in der Falle ſind,“ erwiederte der zweite Demir-Dorſt mit bitterm Laͤcheln. „Nein, wenn die drei Woͤlfe frei ſind,“ ent⸗ gegnete der Weſir, ohne ſeine Kaltblutigkeit zu ver⸗ lieren. „Die Weiber ſagen wenn, die Männer ſagen hier,“*) antwortete der andere Klephthe. „Und ich, Ali, der Loͤwe von Debelen, ich ſage, daß man dieſe drei tapfern Woͤlfe ſogleich in Frei⸗ heit ſetze, um zu ſehen, ob ſie es wagen, den Loͤ⸗ wen offen anzugreifen.“ Und auf Befehl Ali's fielen die Bande der drei Bruͤder. Zuerſt ſtarr vor Staunen, richteten ſie bald auf den Weſir wuthfunkelnde Blicke. Ali wendete ſich hierauf an den Aelteſten und fuhr mit einem begeiſterten Weſen fort, das er nur ſelten zeigte, das aber auf dieſe groben Geiſter ei⸗ nen großen Einfluß uͤben mußte:„Ich nehme Dir Dein Gold, Deine Braut und Dein Leben, Demir⸗ Dorſt, und weißt Du, ſ etwa, weil ich dort dreitauſend Palikaren u rmatolis habe, denn die ſollen ſich entfernen!“— Und auf ein gebieteriſches Zeichen des Weſirs wichen die Trup⸗ pen zuruͤck. „Nicht weil ich Paſcha von Theſſalien binz hier werfe ich meinen Pelz und meinen Reiher⸗ buſch hin;“— und er warf Pelz und Reiher⸗ buſch von ſich. * Epirotiſches Sprichwort. — 63— „Nicht, weil ich dieſes muthige Roß reite, den Sohn Omer'sz es ſei frei“— Und Ali ſtieg vom Pferde, verſetzte ihm einen Schlag, und es ſprang in wilden Spruͤngen davon. Ali fuhr fort:„Auch nicht weil ich meine von edlen Steinen funkelnden Piſtolen habez nicht weil mein Säbel und mein Dolch vom feinſten Da⸗ mascener ſind. Da liegen ſie;“— und er warf ſeine Waffen weit von ſich. Dann ſagte er mit einem Herrſchertone und mit Bewegungen voll ruhiger und fuͤrchterlicher Majeſtät, wie die Jupiters des Donnerers:„Ich nehme Dein Gold, Dein Weib und Dein Leben, und willſt Du wiſſen, weshalb, Sohn des Demir⸗ Dorſt? Erhebe die Augen zum Himmel, und Du wirſt es wiſſen; denn Du wirſt ſehen, wie der Adler auf den Raben ſtößt und ihn zerreißt.— Senke Deine Augen auf die Erde, und Du wirſt es wiſſen; denn Du wirſt ſehen, wie der Hirſch von dem Luchs“des Pindus zerriſſen wird.— Blicke hinab in den Grund des Meeres, und Du wirſt es wiſſen; denn Du wirſt ſehen, wie der Hai den Thunfiſch und die Goldbraſſe zerreißt. Sieh, mein Sohn, das iſt dort oben von Ewigkeit zu Ewigkeit mit blutigen Buchſtaben geſchrieben, Du mußt Dich ihm alſo unterwerfen, denn die Natur hat den Raben, den Hirſch und die Goldbraſſe dazu geſchaffen, die Beute des Adlers, des Luchſes und des Hais zu ſein, wie die Natur Dich dazu ge⸗ ſchaffen hat, meine Beute zu ſein, denn Du biſt ſchwach und ich bin ſtark!— Deshalb nehme ich Dein Gold, Dein Weib und Dein Leben!“ „Du biſt ſtark, weil Du Weſir biſt, und die Palikaren ihrem Weſir gehorchen!“ ſagte bitter der älteſte der drei Klephthen. „Ich bin ſtark, weil ich Ali bin, der Löwe von Debelen. Ich bin ſtark, wie der Adler von Haliac⸗ montes ſtark iſt, weil er Adler iſt,— wie der Luchs des Pindus ſtark iſt, weil er Luchs iſt,— wie der Hai des Golfes von Kiefali ſtark iſt, weil er Hai iſt,— Du aber biſt ſchwach und meine Beute, weil es dort oben geſchrieben ſteht, daß Du ſchwach ſein ſollſt und meine Beute; unterwirf Dich alſo.— Wollt Ihr uͤbrigens ſehen, Soͤhne des Demir⸗Dorſt, wie weit Eure Natur der meinigen untergeordnet iſt? Nehmet jeder ein Gewehr, einen Säbel und eine Streitaxt; gebt mir ein Gewehr, einen Säbel und eine Streitart, und ich allein tödte Euch alle drei; weder Euer Blei noch Euer Eiſen werden mich erreichen, und das, weil Ihr Demir⸗Dorſt ſeid und ich Ali von Debelen bin. Und wenn ich Euch alle drei tödte, muͤſſen dann nicht Euer Gold, Eure Braͤute, Euer Leben mein ſein?“ In dem Tone, in den Zuͤgen, in der Haltung Ali's lag eine ſolche erhabene Ueberzeugung des Triumphes, mit ſolcher Kuͤhnheit ausgeſprochen, daß die drei Bruͤder ſich nicht enthalten konnten, etwas Uebermenſchliches in der unerklaͤrlichen Zu⸗ — verſicht des Weſirs zu finden, obgleich ſie noch weit entfernt waren, daran zu glauben, daß er in die Entſcheidung des Schwertes willigen wuͤrde. Ali aber, hingeriſſen durch die wilde Groͤße der Handlung, die er beabſichtigte, beruhigt durch ſein unerſchuͤtterliches Vertrauen auf ſein Geſtirn, ange⸗ ſpornt durch einen geheimen und unerklärlichen In⸗ ſtinkt, der ihm ſagte, daß er ſiegreich aus die⸗ ſer furchterlichen Pruͤfung hervorgehen wuͤrde, daß er ſich dadurch fur die Zukunft eine grenzenloſe Macht ſichere, und entſchloſſen, Alles zu wagen, um Alles zu gewinnen, gab einem ſeiner Offiziere ein Zeichen und befahl, ihm die Piſtolen, die lange Flinte, den Säbel und die Streitart eines ſeiner Palikaren zu bringen; dieſelben Waffen wurden auch an die drei Klephthenbruͤder gegeben, welche das Ende dieſes Auftrittes mit wilder Unentſchloſſen⸗ heit erwarteten, indem ſie noch immer furchteten, das Spielwerk irgend einer blutigen Spoͤtterei des Satrapen zu ſein. Die Vorbereitungen und der Schauplatz dieſes Kampfes waren von homeriſcher Groͤße. Die Sonne ging hinter den Gipfeln der waldbewachſenen Berge von Levtochor auf, waͤhrend der Morgennebel den Fuß derſelben noch in ſeinem blaͤulichen Dunſt badete. Der reine, ſtrahlende Horizont wurde uͤberall von den gewaltigen Zacken nackter grauer Felſen begrenzt, und nur im Weſten konnte man durch eine Spalte in großer Ferne und in gewalti⸗ Kardiki. 5 — ger Tiefe das fruchtbare Thal des Karitene erblicken, das von den Schlangenwindungen dieſes Fluſſes † durchſchnitten und von den ſchneebedeckten Gipfeln des Zalongos begrenzt wurde. Der Ort des Kampfes war eine Flaͤche, von Granitbloͤcken eingefaßt, welche eine Art wilden, rieſenmaͤßigen Amphitheaters bildeten. Auf Befehl Ali's ſtellten ſeine Albaneſen ſich in einiger Entfernung auf, während die Bevoͤl⸗ kerung von Levtochor regungslos und ſtumm, mit einer Art von aberglaͤubiſchem Entſetzen, den Aus⸗ gang dieſes ſcheinbar ſo ungleichen Kampfes er⸗ wartete. Ali von Debelen war von mittlem, ſchlankem, kraͤftigem Wuchſe, dabei von ſeltner Gewandtheit und vier und dreißig Jahre alt. Seine großen blauen, ſanften und zugleich ſtolzen Augen wurden von einer weißen, offnen, hohen Stirn uͤberragt; ſeine dichten braunen Augenbraunen waren kaum gewoͤlbt. Sein dunkelblonder, ſorgſam gepflegter, glaͤnzender und wohlriechender Bart umgab den untern Theil ſeines Geſichtes und verlieh der blaſ⸗ ſen, zarten Farbe ſeiner Wange einen goldigen Schimmer. Seine korallenrothen Lippen endlich ließen in ihrem verfuͤhreriſchen Laͤcheln blendend weiße Zahne erblicken, die durch die braune Farbe ſeines Schnurrbartes noch mehr hervorgehoben wurden. rechnung des Weſirs — Der Weſir hatte nur ſeinen YBelek anbehalten, ein Wamms von karmoiſinrothem Sammt, reich mit Gold geſtickt, ſeinen weißen albaneſiſchen Schurz und ſeine Maroquinhalbſtiefeln, die unter Gold beinahe verborgen waren. Stets kalt und geringſchaͤtzend, als hätte er das Bewußtſein gehabt, in keiner Gefahr zu ſchwe⸗ ben, ſchnallte der Weſir den Lederguͤrtel eines ſei⸗ ner Palikaren um, ſteckte ein Paar ſchwere Piſtolen hinein, hing eine Streitaxt mit kurzem Griff und langem Eiſen daran und nahm ein Gewehr in die Hand, deſſen Stein er nicht einmal pruͤfte, ohne Zweifel aus berechneter Geringſchätzung. Stumm und finſter hefteten die Soͤhne des Demir⸗Dorſt, eben ſo bewaffnet wie Ali, auf ihn ihre wilden Blicke, welche gleichwohl eine Art dum⸗ pfen und unwillkͤrlichen Schreckens verriethen, denn die Schoͤnheit, die Kaltbluͤtigkeit und das herrſchende Weſen Ali's von Debelen erſchien die⸗ ſen Klephthen faſt ubermenſchlich. Nach der Be⸗ glaubten ſie bald, daß nur eine unſichtbare Macht ihm ſolches Vertrauen auf ſein Geſtirn einfloͤßen konnte, weil er ſo blind ſich in die Gefahr dieſes ungleichen Kampfes ſtuͤrzte; bald glaubten ſie, obgleich frei, als Opfer irgend einer furchterlichen Schlinge zu fallen, und ſo zu agen auf einem unter ihren Füͤßen ausgehoöhlten Boden zu kämpfen.— Dieſer Eindruck mußte, ſo ſchnell und fluͤchtig er auch war, einen verhaͤng⸗ — 6 nißvollen Keim in der Stimmung der drei Bruͤder zuruͤcklaſſen. Gleichwohl aber ſtets unerſchrocken, die Arme ſtolz uͤber dem Laufe ihrer Gewehre gekreuzt, rich⸗ teten ſie ſich in ihrer ganzen herkuliſchen Geſtalt auf. Das Haupt mit dem Fez bedeckt, Schläfe und Kinn geſchoren, trugen ſie in einer wilden Laune ihren langen, dichten ſchwarzen Schnurr⸗ bart geflochten und hinter ihrem Stierhals zuſam⸗ mengebunden. Ihre männlichen Geſichter ſchienen durch Muͤhſeligkeiten und ihr kriegeriſches Noma⸗ denleben in Erz verwandelt zu ſein; ihre dunkel⸗ farbigen, muskulöſen, mit Narben hedeckten und mit ungegerbtem Ziegenfell kaum eingehuͤllten Beine ſchienen noch brauner durch den Schurz von gro⸗ ber weißer Leinwand, welcher die Huͤften der Alba⸗ neſen umſchloß und kaum bis zu ihren Knien her⸗ abreichte. In der Erwartung des Kampfes ſchuttelten ſich die drei Bruͤder von Levtochor, vor Wuth und ungeduld bebend, zuweilen in den dichten ſchwar⸗ zen Schaffellen, welche ihre kraͤftigen Schultern bedeckten, ſo wie die wilden Thiere zuweilen bei der Annaͤherung einer großen Gefahr unter ihrem ſich ſträubenden Haar erzittern. Plötzlich ertönte die helle, wohllautende Stimme Al's von Debelen:„Gluͤcklich, Ihr Soͤhne von Levtochor— gluͤcklich— gluͤcklich, von der Hand Ali's des Auserwählten zu fallen!— Noch ein⸗ — ½.— 5— —— mal betrachtet Euch Eure Berge, noch einen Blick werfet auf Eure Haͤuſer, einen letzten Blick auf Eure Weiber;— denn ſo wie der Adler dort, der uͤber Euren Haͤuptern ſchwebt, ſo werdet auch Ihr fur immer auf die blutige Haide niedergeſtreckt!“— Dabei zielte er auf einen Adler, den ein Zufall in großer Hoͤhe voruͤberfliegen ließ. Indem Ali von Debelen dieſe Worte ſprach, fiel ſein Schuß, und nach zwei oder drei krampf⸗ haften Fluͤgelſchlägen ſturzte der Adler zu den Fü⸗ ßen des Weſirs nieder. Bei dieſer Handlung der Geſchicklichkeit erblaß⸗ ten die drei Klephthen, die darin ein boͤſes Vorzei⸗ chen ſahen.— Die Einwohner von Levtochor ſenkten voll Schrecken die Blicke, die Palikaren des Weſirs hingegen ſtießen ein triumphirendes Ge⸗ ſchrei der Bewunderung aus. „Nun, nun, brave Woölfe, Ihr ſeid frei! Die Ebene gehoͤrt Euch, wie dem Lowen, der Euch zei⸗ gen will, daß ſein Recht in ſeiner Kraft liegt!“— So rief der Weſir, indem er ſein Gewehr weit von ſich warf, und mit einem großen Satze in ziemlich weiter Entfernung von ſeinen drei Geg⸗ nern war. Dann zog er eine ſeiner Piſtolen aus dem Guͤrtel, legte das Rohr auf den linken Vor⸗ derarm und lief in unregelmaͤßigen und heftigen pruͤngen umher, indem er ſich den Demir⸗Dorſt naͤherte, bald ſich von ihnen entfernte, um ihnen 2 durch dieſe heftigen Bewegungen den Zielpunkt ſchwerer zu machen. Was Ali in dieſem ungleichen Kampfe beſon⸗ ders zu Nutzen kommen mufte, war die unglaub⸗ liche Schaͤrfe ſeines Blickes und die uͤberraſchende Sicherheit ſeines Schuſſes, die weder durch den Galopp eines Pferdes, noch durch ſeinen eigenen ſchnellen Lauf gehindert wurde. Außerdem mußte Ali die wilde Beſorgniß der drei Klephthen zu Huͤlfe kommen, die jeden Augen⸗ blick in eine unſichtbare Schlinge zu fallen fuͤrchte⸗ ten und ihren Muth allmaͤlig immer mehr ſinken fuhlten. Dennoch trafen ſie Anſtalt zum Kampfe. In dem Augenblick, als der Weſir die drei Bruder ſich trennen ſah, um ihn zu umzingeln und die Flinten an ihre Schulter zu ſetzen, zielte er auf den älteſten, indem er leiſe fluͤſterte:„Steh mir bei, meine Mutter!“ Drei Schuͤſſe fielen faſt zu gleicher Zeit. Der Ali's und die zweier ſeiner Gegner. Zwei verlorne Kugeln aber pfiffen an den Oh⸗ ren des Weſirs vorbei, während die ſeinige den dritten Klephthen in die Seite traf, der zuſammen⸗ ſtuͤrzte, und dann den Kopf erhob und die Arme gegen den Himmel ausſtreckte, als wollte er die Luft an ſich ziehen. Eine Minute Zögerung konnte Ali verderben; kaum ſah er daher ſein Opfer fallen, als er mit einer Bewegung, ſchneller wie der Gedanke, ſeine Piſtole fortwarf, die Unentſchloſſenheit der Kleph⸗ then benutzte, die der Tod ihres Bruders einen Augenblick vor Schmerz und Wuth ſtarr gemacht hatte, und mit einem Satze bei ihnen war, aber ſo nahe, daß er ſie beruͤhren konnte, Auge in Auge, Bruſt gegen Bruſt; und mit unerhoͤrter Kuͤhnheit, die waffenloſen Arme uͤber ſeiner Bruſt kreuzend, rief er mit donnernder Stimme und einem nieder⸗ ſchmetternden Blicke ſeinen Gegnern zu: „Wer kann nun dem Loͤwen widerſtehen?“ Durch dieſe ungewoͤhnliche Handlung ohne Zwei⸗ fel noch mehr erſchreckt, als ſie durch einen unge⸗ ſtuͤmen Angriff geweſen wären, wichen die beiden Klephthen entſetzt zuruͤck; ſchnell aber faßten ſie ſich und wollten nun auf ihren Feind einſturzen, dieſer aber hatte ihre Verwirrung benutzt, ſich in Ver⸗ theidigungszuſtand zu ſetzen, und mit einem wü⸗ thenden Streiche ſeiner ſchweren Streitart ſpaltete er dem einen ſeiner Gegner den Schaͤdel und warf dann mit der Kehrſeite der Waffe den letzten der Demir⸗Dorſt auf die Leichen ſeiner Bruͤder nieder. Hierauf wendete ſich Ali von Debelen mit er⸗ habener Ruhe zu dem Volke, zeigte mit der Spitze ſeiner Streitart auf die drei Gefallenen, und rief: „Ich habe es geſagt, ein Löwe iſt ſtaͤrker als drei Woͤlfe, weil er der Loͤwe iſt.“ Dann verbarg er unter ſcheinbarer Gleichguͤl⸗ tigkeit und Ernſthaftigkeit den Triumph des Stol⸗ zes und die fuͤrchterliche Aufregung, die ihn be⸗ wegt haben mußte und ſicher noch bewegte, und rief: „Mein Pferd!“ Ein Negerſclave brachte es. Leicht ſchwang er ſich auf das prachtvolle Thier, das von Gold, Purpur und Stahl funkelte, und kaum war er im Sattel, als er den Zuͤgel ſtraff anzog, ſo daß das Pferd ſich hoch, beinahe kerzen⸗ gerade bäumte, und ſo ließ er es mehrere Schritte machen. Mit ſeinem weißen Schurz und ſeinem kar⸗ moiſinrothen, von Stickerei funkelnden Yelek be⸗ kleidet, den Kopf entbloͤßt, die langen Haare im Winde flatternd, die Stirn drohend, das Auge un⸗ erſchrocken, mußte Ali von Debelen, ſo majeſtaͤtiſch auf dem pechſchwarzen Pferde mit flatternder Maͤhne ſitzend, das wuͤthend wieherte, die Luft mit den Vorderfuͤßen ſchlug und in jeder Sekunde zu uͤberſchlagen drohte, der entſetzten Bevoͤlkerung wohl wie ein uͤbermenſchliches Weſen erſcheinen, da warf das Verhaͤngniß noch ein neues Wunder auf das Geſicht, das ſchon einen ſo großartigen, ſo fuͤrch⸗ terlichen Charakter trug. Die Sonne, welche ſich langſam am Horizonte erhoben hatte, ſtieg uͤber die Gipfel der Berge von Levtochor und warf ihre erſten Strahlen auf Ali von Debelen, der ſo ploͤtzlich von einem Heiligen⸗ ſcheine umgeben ſchien, waͤhrend der uͤbrige Theil —— —— — * — der Ebene und die Zuſchauer dieſes Auftrittes fuͤr den Augenblick noch im Schatten blieben. Lachelnd und ſtolz uͤber dieſen Zufall, den er fur ein gluckliches Vorzeichen hielt, und da er bei dem Volke einen beinahe verhaͤngnißvollen Ein⸗ druck hinterlaſſen und die gewaltige Scene wuͤrdig beſchließen wollte, ſtieß der Satrap ſeinen Kriegs⸗ ſchrei aus, ſeine Palikaren erhoben ſich tumultua⸗ riſch, nahmen ihre Waffen, und nach wenigen Mi⸗ nuten war der Weſir an ihrer Spitze in einem Hohlwege verſchwunden, der nach der Bergebene fuͤhrte.. Entſetzt, ſtarr vor Staunen uͤber den raſchen Kampf, den plötzlichen Triumph, den Glanz und das ſchnelle Verſchwinden blieb die Bevoͤlkerung von Levtochor uͤberzeugt, daß Ali von Debelen mehr als ein Sterblicher ſei, und daß es vergeblicher Wahnſinn waͤre, ſeinen Befehlen widerſtehen zu wollen, ſo willkuͤrlich und grauſam ſie auch ſein moͤchtén. Ungluͤcklicherweiſe verbreitete ſich dieſer verderb⸗ liche Glaube von Levtochor allmälig durch ganz Albanien; die natuͤrlichen Umſtände des Kampfes wurden fabelhaft! Die finſtre und gluͤhende Einbil⸗ dungskraft dieſer Völkerſchaften entſtellte die That⸗ ſachen und uͤbertrieb die verderblichen Uebertreibun⸗ gen noch mehr, ſo daß zuletzt die drei Klephthen nicht mehr unter dem Eiſen und dem Blei Ali's gefallen waren, ſondern nur durch ſeinen Blick, der eine tödtende Gewalt haben ſollte. Nach ſeiner hölliſchen Politik und uͤberdies vom Geſchick ſtets beguͤnſtigt, wurde der Weſir bald in ganz Epirus ein Gegenſtand ſtummen Schreckens, eine verheerende Geißel, unter deren Streichen ſich Alles ohne Murren und ohne Hoffnung beugte, weil die unſichtbare Hand Gottes, wie die Albane⸗ ſen ſagten, Ali von Debelen der Menſchheit auf⸗ buͤrden wollte.——— Der große militäriſche Inſtinkt Ali's, ſeine ſtrategiſche Gewandtheit in der Art des Parteigän⸗ gerkrieges, welche die Localität von Epirus und des noͤrdlichen Griechenlands nöthig machte, entwickelte ſich bald, und beſonders bei dem Bruche zwiſchen der Tuͤrkei, Oeſtreich und Rußland im Jahre 1788, kürze Zeit vor der tödtlichen Krankheit Khamco's. Ali kam in das Lager der Ottomanen, um de⸗ ren Armee zu verſtaͤrken, und ſtellte ſich dem Groß⸗ weſir an der Spitze von 4000 Albaneſen und 500 Gueguenreitern vor, die vortrefflich bewaffnet, dis⸗ ciplinirt und von furchtbarer Tapferkeit waren. Die Unerſchrockenheit, die Kaltblutigkeit, die geiſtigen Huͤlfsquellen des verwegenen Ali von Debelen, der Einfluß, den er auf ſeine Truppen uͤbte, ſicherten ihm bald eine hohe Stellung in der Armee, und zum Lohn fuͤr die Dienſte, die er waͤhrend des Feldzuges geleiſtet hatte, erhielt er den Titel eines Paſcha, das Amt eines Derwendji(Großprevoſt der Straßen), ſowie das Amt eines Gouverneurs von Trikala, einer im Oſten des Pindus in Theſſa⸗ lien gelegenen Stadt, zwiſchen Lariſſa und Janina. Als die Anweſenheit Al''s der Armee nicht mehr noͤthig war, kehrte er in ſein Gouvernement zuruͤck. Epirus befand ſich in einem ſolchen Zuſtande der Anarchie, daß die Großvaſallen des ottomani⸗ ſchen Reiches, es vergeſſend, daß ſie nur Lehnstraͤ⸗ ger der Pforte waren, ſich beinahe als unumſchraͤnkte Gebieter ihrer Paſchaliks betrachteten, ſie fuͤhrten daher auch fortwaͤhrend unter einander Krieg, um ſich gegenſeitig aus ihren Gouvernements zu verja⸗ gen; waren ſie dann einmal durch Liſt oder Gewalt der Waffen Herren ihrer Stellung, ſo ſchickten ſie dem Sultan einen ehrfurchtsvollen Firman, in wel⸗ chem ſie den entſetzten Paſcha oder Bey des Verra⸗ thes gegen die hohe Pforte anklagten und zugleich als Lohn ihres Eifers die Haͤlfte von den Guͤtern des angeblichen Verraͤthers in Anſpruch nahmen. Ge⸗ wöhnlich wurde dieſer Firman dem Divan von Con⸗ ſtantinopel durch die Anhaͤnger des uſurpatoriſchen Weſirs vorgelegt, die durch Beſtechung und die treue Ueberlieferung der andern Hälfte an den Sul⸗ tan faſt immer die Beſtaͤtigung des Paſchaliks er⸗ hielten. Ali handelte nicht anders, um ſich des Sand⸗ giak von Janina zu bemächtigen. Die Schätze des Gouverneurs waren unermeßlich. Nachdem Ali ihn durch die Gewalt der Waffen beſiegt hatte, brachte er dem Geize des Divans von Conſtanti⸗ nopel einen großen Theil davon zum Opfer; der Sultan erhielt drei Millionen, und als Belohnung“ fuͤr die Ermordung des Paſcha von Janina, den Ali als an Rußland verkauft dargeſtellt hatte, wurde Ali in dem Paſchalik veſtätigt, deſſen er ſich be⸗ maͤchtigt hatte, und uͤberdies noch mit der Auf⸗ ſicht uͤber die Straßen in Rumelien belohnt. Dies war die ungehoffte Lage, zu welcher Ali, der Sohn eines unbedeutenden Bey von Toscaria, durch ſeinen Muth, ſeine Verwegenheit, ſeine Liſt, durch ſeine eben ſo gewandte als verraͤtheriſche Po⸗ litit, und beſonders, wie er ſelbſt oft ſagte, durch ſein unwandelbares Vertrauen auf ſein Geſtirn ge⸗ langt war, ein Vertrauen, welches ihn mit der Ge⸗ wißheit des Erfolges die verwegenſten Unterneh⸗ mungen beginnen ließ. Sein unbegreiflicher Glaube zu ſich ſelbſt entſprang den unablaͤſſigen Prophe⸗ zeihungen ſeiner Mutter, welche ihn zum Mann und Weſir gemacht hatte. Man wird daher die furchterliche Angſt begrei⸗ fen, die Ali von Debelen erfaßte, als er von der Krankheit Khamco's horte, ſo wie die wilde Unge⸗ duld, mit der er ſich nach Debelen begab, um ſeine ſterbende Mutter zu ſehen. — VII. Die Escorte. Es war der naͤchſte Tag nach dem, an welchem WMichael ſeinem Vater und ſeiner Mutter ſo grau⸗ ſam entfuͤhrt worden war. Das finſtere Schloß von Debelen erhob ſich beinahe ſenkrecht uͤber den Ufern der Voiouſſa. Dieſes Gebaͤude, welches zugleich traurig, verſchro⸗ ben und großartig ausſah, hatte etwas von einer Feſtung, etwas von einem Gefaͤngniß und etwas von einem Minaret; wenige ſchmale vergitterte Fen⸗ ſter waren hier und dort unregelmäßig in die Granit⸗ mauer gebrochen und nur eine enge Thuͤre mit dichtem Eiſengitter bildete den einzigen Eingang in das Innere dieſer feudaliſtiſchen Wohnung, und zwei Redouten, deren Feuer ſich auf dem einzigen Eingangspunkte kreuzte, erhoben ſich einige Schritte von der Poterne. In Ermangelung einer Bruͤcke endlich diente eine Faͤhre, eine Art groben viereckigen Kaſtens, welche im Fluſſe feſt geankert war, zur Communication mit dem andern Ufer. Das Unwetter waͤhrte noch immer fort; der Regen goß in Stroͤmen herab; die aufgehende Sonne kaͤmpfte muͤhſam gegen dichte Schwefel gefullte Wolken und warf nur einen roͤthlichen Schein auf den unebenen Gipfel des Malle⸗Dam, welcher ſchwarz und öde gegen die Zone bleichen Lichtes abſtach. Der Haufe der Gueguen, welcher unter dem Befehle des Bektadji Michael mit ſich fuhrte, be⸗ fand ſich bald dem Schloſſe gegenuber. Nach dem ſchnellen Ritte waren die Reiter triefend von Waſſer und mit Koth bedeckt. In kurzer Entfernung hinter ihnen folgten Marko Dukas und ſeine Frau, bleich, entſtellt, mit rothen, brennenden Augen. Vergebens hatten die Solda⸗ ten, ſeitdem ſie das Defilé verlaſſen, den Schritt ihrer Thiere beſchleunigt; vergebens hatten ſie die beiden unglucklichen Bergbewohner bedroht und ſo⸗ gar mehrmals nach ihnen geſchoſſen. Der un⸗ gluckliche Vater und die wehklagende Mutter hat⸗ ten die Spur ihres Kindes nicht aufgeben wollen, und bald durch die Vorſpruͤnge der Felſen verbor⸗ gen, bald auf den Gipfeln der Berge der Escorte folgend, waren ſie beinahe zugleich mit den Alba⸗ neſen bei Debelen angelangt. — Kaum waren die Reiter vom Pferde geſtiegen, als einer von ihnen ſein Gewehr abſchoß. Einige Armatolen verließen hierauf ſogleich das Schloß, machten die Fähre los, die ſich langſam uͤber den Fluß bewegte und den Bektadji mit ſeinem Ge⸗ folge aufnahm. An dem Thore ſtieg der Bektadji von ſeinem Maulthiere, uͤbergab Michael zwei ſchwarzen Scla⸗ ven, die ihnen entgegen kamen, ſagte ihnen leiſe einige Worte und ging dann ſchnell nach jenem Theile des Schloſſes, in welchem die Wohnung Khamco's lag. Um hierher zu gelangen, mußte er durch eine lange Gallerie, welche von Palikaren angefuͤllt war, alle prachtvoll gekleidet, eine Art von Ehrenwache, von der Ali ſeine Mutter ſtets umgeben ſehen wollte. Ihre funkelnden Waffen hingen an den Waͤnden; bereit bei dem erſten Signal aufzubre⸗ chen, ſpielten dieſe Wuͤrfel, während andere auf einem langen Strohpolſter mit untergeſchlagenen Fuͤßen ſaßen und ihre Pfeifen rauchten, wieder an⸗ dere auf dem Boden ausgeſtreckt ſchliefen, in ihre dichten Kepeneks gehuͤllt, und wieder andere endlich ihre Säbel mit ſilbernen Scheiden, oder ihre mit Perlmutter ausgelegten Piſtolen putzten. In einem andern Gemache hielten ſich Wahrſager, Magier und einige arme zigeuneriſche Taͤnzerinnen auf, die braun, abgemagert und elend waren, und Kleider von grellen Farben mit Schellen verziert trugen. — 80— Den Tag zuvor hatte die ſterbende Khamco in einer jener verſchrobenen Launen der gluͤhenden„ Fieberhitze verlangt, dieſe Ungluͤcklichen einige ihrer Tänze ausuͤben zu ſehen; aber da ſie in Kormoovo waren, einem ſechs Stunden von Debelen entfern⸗ ten Dorfe, beſtiegen die Albaneſen ſogleich das Pferd und vier Stunden ſpäter erwarteten die braunen Maͤdchen Aegyptens, von den Soldaten auf der Croupe ihrer Pferde herbeigefuhrt, zitternd die Befehle Khamco's, die in Gedanken verſunken ſie nicht ſehen wollte. Nachdem der Bektadji die dichte Menge durch⸗ ſchritten hatte, die aͤngſtlich und beſorgt, nicht etwa um die Anhaͤnglichkeit an ihre Gebieterin, ſondern weil jede von ihnen fuͤrchtete, zum Gegenſtande irgend einer furchtbaren Laune der Sterbenden ge⸗ macht zu werden, kam er zum Eingange eines Ho⸗ fes, auf welchem ein langer mit Marmorſäulen ver⸗ zierter Gang auslief, welcher zu der aͤußern Thuͤre von den Zimmern Khamco's fuͤhrte, die von ſchwar⸗ zen Verſchnittenen bewacht wurden. Der Bektadji klopfte leiſe an die Thuͤre; eine der Weiber Khamco's oͤffnete ſie, ſchob einen langen Vorhang zur Seite und fragte den Magier, was er wollte. „Das Kind des Radjas iſt hier,“ ſagte er. „Sollen die Myſterien von Eblis begonnen werden?“ Die Sclavin kehrte bald mit dem Beſcheide —— zuruͤck:„Noch nicht!“ und ging dann wieder in das innere Gemach. Dies war ein geräumiges Zimmer, welches ein laͤngliches Viereck bildete, und deſſen Mauern gegen die vrientaliſche Gewohnheit mit haute lice⸗Tape⸗ ten von finſterem Gruͤn bedeckt waren, die Ali von Debelen fuͤr ſeine Mutter aus Frankreich hatte kommen laſſen. Ein breiter niedriger Divan, mit Gold und Scharlach, Brocat aus Lyon uͤberzogen, lief rings um das ganze Gemach umher. Obgleich es heller Tag war, verdeckten doch dichte Vochaͤnge das ſchmale und einzige Fenſter, welches das Zim⸗ mer hätte erhellen konnen, und die Kerzen, die auf einigen Kryſtallleuchtern brannten, verbreiteten allein ein zweifelhaftes Licht. Ein ungeheurer Kamin, deſſen Bekleidung von ſchwarzem Marmor aus zwei antiken Carituden beſtand, verbreitete eine be⸗ deutende Wärme im Zimmer, denn der mit rothen Kohlen bedeckte Herd glich der gluͤhenden Eſſe einer Schmiede. Der Weſtwind ſtrich klagend durch die langen aͤußern Gallerien des Serails und vereinte ſich mit dem rauhen Gebell der Wachhunde von ungeheurer Groͤße. Drei Menſchen befanden ſich in dieſem weiten Gemache: eine alte cypriotiſche Sclavin, welche von Zeit zu Zeit das Feuer anſchuͤrte, Khamco und ihre Tochter Chaſnitza. In der Ecke, welche dem Feuer zunächſt war, auf dem Divan halb liegend, ſaß Khamco in Pelze Kardiki. 6 — gehuͤllt und betrachtete aufmerkſam ihre Tochter, die ohne Zweifel durch die Nachtwachen und die An⸗ ſtrengung erſchopft, eingeſchlafen war. Sie lag dicht zu den Fuͤßen ihrer Mutter, die ſie an ihrer Bruſt hatte erwaͤrmen wollen. Wechſelsweiſe von der Gluth des Kamins und dem unſichern Lichte der Kerzen beſchienen, trugen die Zuͤge Khamco's einen unbeſchreiblichen Aus⸗ druck des Schmerzes und der Verzweiflung. Die Mutter Ali's von Debelen war 56 Jahre alt. Ehedem ſehr ſchoͤn, zeigte ihr Geſicht die grauſamen Spuren eines Alters, welches ohne Zweifel durch ein furchterliches Ungluͤck beſchleunigt worden war; ihre langen weißen Haare fielen in zahlreichen Ringeln auf ihre Schultern herab; ihre farbloſe kalte Stirn, glatt wie Marmor und die die Runzeln in eigenthuͤmlicher Laune verſchont zu haben ſchienen, war hoch, vorſpringend und uͤber⸗ ragte tiefe Augenhoͤhlen, in denen zwei große ſchwarze Augen mit dem finſtern Feuer des Fie⸗ bers funkelten. Ihre eingefallenen Wangen waren bleich, die Lippen aber auffallend roth; ihre abge⸗ magerten Arme blickten aus den weiten Aermeln ihres ſchwarzen Pelzes hervor. In die Betrach⸗ tung ihrer Tochter verſunken, ſtuͤtzte Khamco ihren ſchweren ſchmerzenden Kopf in eine ihrer Häͤnde. Chainitza, welche auf albaneſiſche Weiſe geklei⸗ det, ein langes Gewand von blauer Seide trug, und daruber eine Art brauner Turnik, mit Silber 9 ————————————————— und Seide geſtickt, welche um die Taille mit einer Cachemir⸗Schaͤrpe feſtgehalten wurde, ſtand in dem ganzen Glanze ihrer maͤnnlichen Schoͤnheit, denn ſie glich ihrer Mutter ſehr; ihre braunen Flechten, welche durch ihren Schlaf in Unordnung gerathen waren, verhuͤllten ihr Geſicht faſt ganz. Sie ſaß halb liegend zu den Fuͤßen Khamco's, und man konnte in dieſer Stellung die ſchönen Formen ihres Wuchſes erkennen. „Ali kommt nicht;— ich werde Ali nicht wie⸗ der ſehen,“ ſagte Khamco mit leiſer Stimme, das Auge ſtarr und gluͤhend vor ſich hingerichtet. Lange ſaß ſie ſchweigend da. „Ali kommt nicht,“ ſagte ſie endlich noch ein Malz„er iſt vor Banagia. Seit den drei Mona⸗ ten, welche die Belagerung dieſer Stadt waͤhrt, hat mein Sohn viele ſeiner Soldaten verloren.— Gaͤbe er ſie jetzt auf, ware all' das Blut umſonſt vergoſſen.— Nein, nein, Ali wird nicht kom⸗ men!“— wiederholte ſie, indem ſie ſich auf den Divan mit einer verzweiflungsvollen Miene zuruͤck⸗ warf und dadurch Chainitza erweckte; dieſe fuhr ſchnell in die Hoͤh', und indem ſie ſich ermunterte, ſagte ſie: „Ich ſchlief, glaub' ich, Mutter. Deine Fuͤße, ſind ſie noch immer kalt?“ „Ali kommt nicht,“ erwiederte Khamco traurig. „Er wird kommen, Mutter.“ „Wie er zogert!— Und ich fuͤhle, wie das Leben in mir erliſcht!— Mein Sohn, mein Sohn!— Meinen Sohn nicht wieder zu ſehen!“— „Ali wird kommen.— Geſtern muß er Deine Botſchaft erhalten haben und heute Abend wird er bei Dir ſein. Beruhige Dich, meine Mutter!“ „Aber die Belagerung, die Schlacht, die Armee?“ „Belagerung, Schlacht, Armee, Alles wird er verlaſſen, um zu Dir zuruckzueilen, die, wie er ſagt, ihn zum Mann und Weſir gemacht hat.“ „Ja, er muß kommen— denn ich fuͤhle, daß ich ſterbe.“ „Nein, nein, meine Mutter, Du wirſt nicht ſterben.— Der Bektadji hat dieſe Nacht den Sohn eines Radja entfuͤhrt, und er ſagt, daß ſein Trank unfehlbar iſt.“ „Wieder Blut!“ ſagte Khamco mit Niederge⸗ ſchlagenheit. „Aber es iſt Dein Leben, meine Mutter, wel⸗ ches der Trank“— ſagte Chainitza, verwundert uber die Gewiſſensbiſſe Khamco's. „Wozu jetzt leben? Iſt nicht Ali Weſir? Wenn ich ihn nur ſehe, ſo ſterbe ich zu fruͤh.“ „Du mußt leben, meine Mutter,“ ſagte Chainitza mit finſterem, faſt wildem Tone. „Und weshalb?“ wiederholte Khamco aufge⸗ regt.„Iſt die Weiſſagung nicht erfuͤllt? Haben die geheimnißvollen Zeichen, die ich jenen Abend bei Sonnenuntergang waͤhrend der Kindheit Al's — 85 glänzen ſah, nicht die Wahrheit geſagt? Iſt mein Sohn nicht Paſcha von Theſſalien und Janina?— Jetzt iſt meine Stunde gekommen, die Stunde fuͤr mich, die in ihrem muͤtterlichen Stolze ſtets die Liebe der Menſchen verachtete, weil man alle an⸗ dern Menſchen verachten muß, wenn man zum Sohne den jungen und dann den großen Loͤwen von Debelen hatte.“ „Und das iſt wahr, meine Mutter, ich war noch ſehr jung und ſah Dich, ſtolz und ſchoͤn, ver⸗ ächtlich läͤcheln, wenn Du von der Liebe ſprechen horteſt, die Du den furchtbaren Haͤuptlingen Tos⸗ karias eingeflößt haben ſollteſt.“ „Weil Ali von Debelen mein Sohn war!“ ſagte Khamco mit triumphirendem Tone. Chafnitza fuhr fort, indem ſie aufmerkſam die Zuͤge Khamco's beobachtete, als wollte ſie die Wir⸗ kung jedes ihrer Worte erkennen: „Deshalb, meine Mutter, ſind auch ſeit langer Zeit die Geſaͤnge der Armatolen nichts geweſen, als trauernde Klagen uͤber die ſtolze Verachtung Khamco's, der bleichen Wittwe Vely Beys.— Sie vergleichen die Hoͤhe ihres unbezwinglichen Her⸗ zens mit dem hohen eisbedeckten Gipfel des Me⸗ jurani, deſſen ewigen Schnee noch kein menſch⸗ licher Fuß betreten hat.“ „Ali von Debelen war mein Sohn!“ wieder⸗ holte Khamco mit den Worten ſtrahlenden Stolzes, 55* welcher ihren ſchon durch die Annaͤherung des Todes entſtellten Zuͤgen neue Verklärung zu ge⸗ ben ſchien. Chafnitza fuhr fort: „In der Ebene, wie auf den Bergen, ſprach man den Namen der Wittwe Vely Beys nur mit einer Art ehrfurchtsvollen Schreckens aus.— Der Albaneſe, der Palikare, der Klephthe und der Radja gruͤßten ſie wie eine kaiſerliche Sultanin, ſobald ſie ſie nur von fern erblickten.“ „Und ich war berauſcht durch dieſe Ehrfurcht, mein Kind,“ ſagte Khamco;„und mein Stolz ging bis zu den Wolken, und ich hätte, wenn es erfor⸗ derlich geweſen waͤre, dieſe Bewunderung, dieſe Ehrfurcht, mit meinem Leben bezahlt, mit den ent⸗ ſetzlichſten Martern, weil an die Mutter Al's von Debelen ſo viele Huldigungen gerſchtet wurden! Weil man, indem man mich ſo ehrte, die Mut⸗ ter meines Sohnes ehrte, weil ich von dem Ge⸗ ſchick dazu erwaͤhlt war, ſeine Mutter zu ſein, haͤtte ich Koͤnigin, Goͤttin ſein moͤgen.— Und glaube mir,“ fuͤgte Khamco hinzu, indem ſie den Kopf ſtolz erhob und mit einer erhabenen Bewe⸗ gung ihn zuruͤckwarf,„und glaube mir, die, welcher das Geſchick enthuͤllt, was es mir enthuͤllt hat, die, welcher es Ali von Debelen zum Sohn gab, iſt mehr als eine Sterbliche!“ Durch ihre kindliche, rauhe, wilde Liebe fort⸗ geriſſen, hatte Chainitza ihr Ziel erreicht, denn ſie — 4 wollte die verderbliche und uͤbermuͤthige Manie ihrer Mutter nur deshalb bis zur Raſerei ſteigern, um ſie deſto ſicherer in eine verderbliche Erinne⸗ rung zu ſtuͤrzen, einen Abgrund der Schmach und Entwuͤrdigung; denn ſie hoffte, daß Khamco, um ihre Rache zu erreichen, in die Art von Men⸗ ſchenopfern wurdigen wurde, welches einem abſcheu⸗ lichen Aberglauben zu Folge allein ihr Leben ver⸗ läͤngern konnte. Indem daher Chainitza die letzten Worte Kham⸗ co's wiederholte, fuhr ſie langſam fort: „Und Du ſprichſt wahr, meine Mutter; die, welcher das Geſchick enthuͤllte, was es Dir ent⸗ huͤllte;— die, welcher es zum Sohne Ali, den Loͤwen von Debelen, Ali, den Paſcha von Janina gab— ja, ja, die iſt mehr als eine Sterbliche.“ Khamco erhob abermals ihre ſterbende Stirn, ſo ſtolz, als haͤtte ſie ein koͤnigliches Diadem getragen. „Weshalb,“ nahm Chainitza zitternd wieder das Wort, indem ſie an die entſetzlichen Worte dachte, welche der Seele ihrer Mutter Angſt und Pein berei⸗ ten mußten,„weshalb muß doch der nichtswuͤrdigſte Räuber dem Loͤwen von Debelen in das Geſicht ſagen können: Ali, Du, Paſcha von Janina; Ali, Du, Weſir von Theſſalien; Du, dem man nur kniend und mit Schrecken naht; Du, der auf ein Zeichen die Völkerſchaften des Nordens nach dem Suͤden 8 und die des Suͤdens nach dem Norden ſendeſt, wie gemeine Herden; Du, der durch ein Zeichen ganze Wolken von Armatolen und Palikaren ab⸗ ſendeſt, um Tod, Verwuͤſtung und Brand in den Schooß der verderblichſten Oerter zu bringen; Du, reicher, als ein Koͤnig; Du, tapferer und ſchoͤner, als der Tapferſte und Schoͤnſte Deiner Haupt⸗ leute; Du, der Du mehr als fuͤnf hundert Weiber in Deinem Serail beſitzeſt; Du, deſſen Namen der Sultan mitten in ſeinem verſammelten Divan nur mit Beſorgniß ausſpricht“— „Sieh Dich vor, ſieh Dich vor!“ fluͤſterte leiſe Khamco, die Augen gluͤhend auf ihre Tochter ge⸗ richtet, und ohne Zweifel den fuͤrchterlichen Sturz ahnend, der dieſem pomphaften Gemaͤlde Ali's fol⸗ gen ſollte. „Weshalb alſo, meine Mutter, muß ein Lapez, ein Raͤuber, ein Radja, um Deinen Sohn und meinen Bruder mit Schmach bedeckt zu ſehen, ihm nur die Worte ſagen duͤrfen: „Ali— erinnere Dich an Kardiki!“ Chainitza ſprach dieſe letzten Worte mit don⸗ nernder Stimme aus. Kaum waren ſie uͤber ihre Lippen, als die Zuͤge Khamco's ſich verzerrten, und ihre Augen in einem hoͤlliſchen Feuer blitzten; dann fuhr ſie mit ihren abgemagerten Armen gegen die Stirn, als erwache ſie aus einem entſetzlichen Traume, und — 89— ballte in krampfhafter Wuth beide Faͤuſte, preßte ſie auf die Augen und ſtieß ein langes Geſchrei aus, indem ſie ſich auf dem Divan umherwälzte. Chafnitza bebte, denn ſie furchtete, daß dieſe hef⸗ tige Erſchuͤtterung, bei der ohnehin ſchon ſo großen Schwaͤche ihrer Mutter, den Tod derſelben her⸗ beifuͤhren koͤnnte; aber eben die Gewaltſamkeit der furchterlichen Erinnerungen, welche in dem Geiſte der ſterbenden Khamco erweckt wurden, verlieh ihr eine truͤgeriſche und vergaͤngliche Kraft, und ſie rief wuͤthend aus: „Ich wollte ſterben und vergaß meine Rache!— aber— ich will leben—; leben, um mich zu raͤchen;— leben, um das letzte Haus der nichts⸗ wuͤrdigen Stadt niederbrennen zu ſehen;— leben, um ihren letzten Einwohner unter den entſetzlichſten Martern ſterben zu ſehen;— ja, ja, ich muß leben— weil mein Sohn mich trotz ſeiner Macht noch nicht raͤchen kann, wie er ſagt;— weil die letzte Stunde dieſer ganzen verabſcheuungswuͤrdigen Be⸗ völkerung noch nicht gekommen iſt.— Ich will leben, um dieſe Stunde zu erwarten; ich will le⸗ ben, bis mein fuͤrchterlicher Loͤwe von Debelen dieſe Stadt geraͤcht haben wird.— Wo iſt der Bektadjie Alle ſeine blutigen Traͤnke bereite er im Augenblick, und noch andere— ohne Mit⸗ leid, ohne Barmherzigkeit,— denn ich muß leben Plötzlich fuhr Chainitza zuſammen und lauſchte. Fernes Trompetengeſchmetter ließ ſich ver⸗ nehmen. Mit einem Satze war ſie am Fenſter, und indem ſie den Vorhang aufzog, rief ſie aus: „Meine Mutter, meine Mutter, es iſt Ali!“ „Mein Sohn! Ha, jetzt bedarf ich keines Trankes mehr! Ich werde leben!“ rief Khamco mit einer Exaltation, die ſich nicht beſchreiben läßt. — VIII. Der Schwur. „Meine Mutter, o meine Mutter!“ Das waren die einzigen Worte, die Ali auszuſprechen vermochte, indem er ſchluchzend die Kniee Khamco's umſchlang, deren Zuͤge, von der Annaͤherung des Todes mehr und mehr entſtellt, ein baldiges Ende erkennen ließen. Chainitza, deren Blick gluͤhend und ſtarr war, weinte nicht, aber ſie betrachtete ihren Bruder mit ſtarren Augen. Als die erſte Aufregung des Wiederſehens vor⸗ uͤber war, nahm Khamco in ihre beiden matten Paͤnde den Kopf Ali's, der zu ihren Fußen kniete, zog ihn bis zu ſich empor und pruͤfte mit beſorg⸗ tem Blicke das ſchoͤne Geſicht, welches in dieſem Augenblicke den ruͤhrendſten und tiefſten Schmerz ausſprach, und mit ſtrahlender Freude rief ſie dann aus: „Noch immer der Schoͤnſte, noch immer der Tapferſte unter Allen!“ Als ob ſie von einem entſetzlichen Gedanken ergriffen wuͤrde, fuͤgte ſie dann ploͤtzlich, wie in wilder Verwirrung hinzu:„Ich ſterbe— ich ſterbe— und Kardiki liegt noch nicht in Aſche— der letzte der Kardikioten hat noch nicht ſeine verabſcheuungs⸗ werthe Seele unter den Truͤmmern der Stadt aus⸗ gehaucht.— Sei daher verwuͤnſcht— verwuͤnſcht— Ali von Debelen!“ 2 „Mein Bruder, ſie ſpricht in der Raſerei des Fiebers— Wehe uns, ſie ſtirbt!“— rief Chai⸗ nitza, indem ſie ſich auf die Kniee niederwarf, und verzweiflungsvoll die ſchon feuchte und kalte Hand Khamco's mit ihren Kuͤſſen bedeckte. „Meine Mutter— meine Mutter— ich bin es— Dein Sohn— es iſt Ali— der kommt, um Dich zu rächen!“— Und die Stimme des Weſirs war ſo ſchmerzlich, ſo zaͤrtlich, ſo geruͤhrt, daß ſie eine letzte Saite in dem Herzen der Ster⸗ benden anzuſchlagen ſchien. Khamco ſetzte ſich in die Hoͤhe und blickte um⸗ her, als wollte ſie ihre Gedanken ſammeln; mit einer letzten Anſtrengung ſagte ſie dann mit an⸗ fangs ernſter und ruhiger Stimme, die aber bald den Charakter ſteigender Aufregung annahm: „Ali, mein Sohn— Du biſt es— ich er⸗ kenne Dich— es iſt gut— auch Dich, Chainitza— es iſt gut— mein Geiſt iſt jetzt ruhig— hoͤrt dieſe Worte, die letzten, welche meine theuren Kin⸗ der von ihrer Mutter vernehmen werden; moͤge die Kraft mich nicht verlaſſen, ehe ich in dieſer letzten Stunde Alles geſagt habe. Ali— ich muß Dir mittheilen, was meinen Tod verurſacht— was ſeit langer Zeit— ſeit ſehr langer Zeit mein Leben untergraben hat.“ „Du wirſt nicht ſterben, meine Mutter!“ ſag⸗ ten zugleich Ali und Chainitza. „Ich werde ſterben, ſterben am fruhzeitigen Tode— fruͤhzeitig wie dieſes Haar, das meinen Kopf vor der Zeit bedeckt.— Aber was hat meine Paare ſo gebleicht? Aber was verurſacht meinen Tod?— Die Verzweiflung— eine entſetzliche Erinnetung, welche mich taglich marternd allmaä⸗ lig die ganze Kraft der Mutter des Löͤwen von De⸗ belen aufgerieben hat,“ ſagte Khamco mit aufgereg⸗ ten Augen ſtrahlenden Stolzes. „Wehe mir,“ ſagte Chainitza,„denn ich wollte dieſe entſetzliche Erinnerung erwecken, um Dich zu zwingen, den Willen zum Leben zu haben, damit Du die Fruͤchte Deiner Rache genießen koͤnnteſt, meine Mutter.— Aber der Trank— der Trank! Jede Minute der Zögerung kann ein Schrecken mehr zum Grabe ſein. Ich will den Bektadji holen!“ „Bleib!“ ſagte Khamco mit gebieteriſchem Tone, „ich habe meinen Sohn wieder geſehen— und Ali von Debelen ſehen, heißt meiner Rache beiwohnen— heißt die unfehlbare Waffe ſehen, die bald meine Feinde vernichten wird!“ „Die ſie vernichten wird, meine Mutter— bei Deinen weißen Haaren— bei Deiner todtlichen Verzweiflung ſchwore ich es!— Ja, ich ſchwoͤre es— aher die Stunde der Rache— ach, die kenne ich noch nicht.— Um ſie zu ſichern, muß ich ſie erwarten.“ „Was kommt auf die Stunde an, wenn ſie nur mit blutigem Grabesgelaͤute ertoͤnt, und dann,“ fuͤgte Khamco mit einem wilden Lächeln hinzu, „vermehrt ſich nicht die wilde Bevölkerung täglich? Wäͤchſt nicht ſo die Zahl der Opfer mit jeder Ge⸗ neration?— O, Eblis, Eblis), mache, daß alle Muͤtter fruchtbar werden! Mache, daß das Gluͤck und der Wohlſtand dieſes Volkes bei ihnen den Traum des goldenen Zeitalters erwecke! Mache, daß die Natur mit allen ihren Gaben ſie uber⸗ haufe, mache, daß die theuerſten, die innigſten Bande ſie eng an das Leben feſſeln, daß ſie jeden Tag ausrufen: Ruhm ſei Dir, Schickſal! Mein Gluͤck iſt heute noch ſchoͤner, als es geſtern war!— Und wenn dann der Tag kommt, hoöͤre ſie ploͤtzlich Dein wuͤthendes Gebruͤll und ſei Deine Beute— Loͤwe von Debelen!“— „Und Du wirſt dieſem blutigen Opfer beiwoh⸗ nen, o meine Mutter,“ ſagte Ali, indem er mit *) Der Geiſt des Böſen. Schrecken bemerkte, daß die Blicke Khamco's ſich wieder zu verwirren begannen. In der That ſchien ſie eine Beute der Ver⸗ ſtandesverwirrung zu werden, die der Vorläufer des Todes iſt, aber durch ein ſonderbares Phäno⸗ men ſpiegelte dieſe letztere Ueberreizung des To⸗ deskampfes in der erloſchenden Einbildungskraft der Mutter des Weſirs das treue Bild der Vergangen⸗ heit wieder: eine mächtige Ruͤckwirkung der Ge⸗ fuͤhle, welche das ganze Leben Khamco's beherrſcht hatten, und welche ihre Gedanken noch einmal zu einer Zeit zurucktrugen, die fur ſie zugleich ſo glor⸗ reich und ſo entſetzlich geweſen war.— Mit dem truͤben und einfoͤrmigen Tone einer albaneſiſchen Myriologie“), und als ob ſie den Geſang uͤber ihrem eigenen Grabe gehalten hätte, ſtieß Khamco mit leiſer oft durch Klagen unter⸗ brochener Stimme und mit unzuſammenhaͤngen⸗ den Worten, wie von finſterm Wahnſinn eingege⸗ ben, einen letzten Schrei des Stolzes und der Mut⸗ terliebe aus, einen letzten Schrei des Haſſes und der Rache. Ali und Chainitza wagten dieſe verhaͤngnißvol⸗ len Enthuͤllungen nicht zu unterbrechen und hoͤrten ihnen mit ſchmerzlicher Hingebung zu. *) Todtengeſänge, dazu beſtimmt, das Leben der Ver⸗ ſtorbenen zu ſchildern. — 6— „Die Wittwe Vely Beys iſt todt.— Todt iſt die Wittwe Vely Beys!— Ein ſchwarzer Geier mit kahlem Kopfe*) hat ſich auf die Cypreſ⸗ ſen ihres weißen Grabes niedergeſetzt, und mit blu⸗ tigem Schnabel und gluͤhenden Augen ruft er durch den Leichenſtein der Todten zu: „Iſt Dein Mann durch Gift oder durch ei⸗ nen Zaubertrank geſtorben?“— Und Khamco, die tapfere Tochter des Beys von Conitza, wurde, obgleich todt, noch blaͤſſer— noch blaͤſſer unter dem Leichenſteine, und ſie antwortete dem todten Vogel: Charon**) hat Vely Bey in dem rothen Pelze fortgetragen, wie er auch mich fortgetragen und hieher gelegt hat— in die Erde. Vely Bey muß es Charon geſagt haben, ob er durch das Gift oder durch einen Zaubertrank geſtorben iſt; frage Charon darnach— ich kann es Dir nicht ſagen, denn hier unter der Erde, mit gekreuzten Armen und unter meinem Leichenſtein von Mar⸗ *) Dieſe Fabel von ſprechenden Vögeln findet ſich in den Volksgeſängen des neuen Griechenlands oft wieder.— Von der Höhe der Berge der dreifachen Gipfel hat ein Sperber geſprochen(Hochzeitsgeſang, Vauriel)— ein kleiner Vogel aus Faltos ſagt Tag und Nacht: Mein Gott, wo finde ich die Klephthen von Georgo⸗Thomas (cben daſelbſt)— Volksgeſänge des neuern Griechenland, Theil l, p. 355 und 326.— Vauriel. *) Der Tod;— griechiſcher Aberglaube. mor weine ich nur beſtaͤndig eiskalte Thränen uͤber den ſchönen Ali, meinen Sohn, und die ſchoͤne Chainitza, meine Tochter, die ich dort oben ließ— waͤhrend ich ſie ehedem dort oben unter dem ſcho⸗ nen Himmel und unter meinem ſeidnen Baldachin zaͤrtlich liebkoſ'te.“ Und indem die unglckliche Mutter zu ſich ſelbſt ſprach, fuhr ſie fort, indem ſie ihr weißes Haupt mit dem Ausdrucke verzweifelnder Zaͤrtlichkeit ſchuͤt⸗ telte, daß daruͤber Ali und ſeine Schweſter in lau⸗ tes Schluchzen ausbrachen: „Ach, ja, ehedem, da warſt Du, Khamco, durch Deine beiden Kinder eine ſtolze und gluͤckliche Mut⸗ ter!— Ja, ſtolz und gluͤcklich, wenn Du ſtets mit ihnen umher ſchweifend die Liebe der Maͤnner verachteteſt. Vergebens ſagten die Armatolen: Fuͤr eine Frau iſt es ſuͤß, zu ihren Fuͤßen Häuptlinge zu ſehen, die das Schwert niederlegen— die das tͤdtende Schwert mit der toͤnenden Lyra vertau⸗ ſchen.— Suͤß iſt es fuͤr eine Frau, zu den Haͤuptlingen ſagen zu können: Nach den Bergen, eilt!— In die Ebene, eilt!— Zu dem Meere, eilt, und bringt mir Beute zuruͤck!— Es iſt ſuͤß fur eine Frau, das Waffengerauſch der Haͤuptlinge zu hören, welche eilend rufen: Ich gehe, ich gehe!— Uund welche dann zuruͤckkommen und ſagen: Sul⸗ tan, nimm ſie hier die fetten Herden der Hirten aus der Ebene;— ſieh hier die glaͤnzenden Ge⸗ webe, die reichen Steine, die Kaufleute zur See;— Kardiki. 7 ſieh hier die blutigen Saͤbel und die rauchenden Musketen der Klephthen des Gebirges— denn es ſind nicht Klephthen, die fliehen gleich Herden, und ihre Flucht auf dem Wege im Stiche laſſen, ſondern Klephthen mit Säbel und Muskete, die ihre Waffen nur ſterbend ausliefern.— Nutzloſe Huldigungen! Khamco, die gluͤckliche und ſtolze Mutter antwortete den Haͤuptlingen: Suͤßer iſt es fuͤr mich, mein ganzes Herz, meine ganze Seele meinem Sohne zu bewahren.— Eure Stimmen ſind ſchön und kriegeriſch; aber ſuͤßer iſt es fuͤr mich, auf eine geheimnißvolle Stimme zu hoͤren, auf eine Stimme, groß wie das Rauſchen des Stur⸗ mes, groß wie das Zucken des Blitzes, groß wie das Toben des Meeres;— auf eine Stimme, welche mir wachend und traäumend zuruft: Dein Sohn, Ali von Debelen, wird Weſir wer⸗ den!— Und der Himmel, und die Sonne und die Sterne ſind in meinen Augen der Koͤrper die⸗ ſer großen Stimme; denn der Himmel in ſeinen Wolken, die Sonne in ihren Strahlen, die Sterne in ihrem Funkeln ſchrieben, was die Stimme ſagte: Dein Sohn, Ali von Debelen, wird Weſir werden.“ „Der Tod naht— ſie ſpricht irre,“ ſagte Ali tief betruͤbt, als er einen kalten die Stirne ſeiner Mutter bedecken ſah. „Mutter, hoͤre uns, erkenne uns,“ rief Chainitza, indem ſie Khamco verzweiflungsvoll in ihre Arme „ —— ſchloß; aber noch immer eine Beute des Fieberan⸗ falles, der das ſchwache Ueberbleibſel ihres Lebens aufrieb, fuhr Khamco fort, ohne die Gegenwart ih⸗ rer Kinder zu bemerken: „Und eines Tages ſind alle Hauptleute der Ar⸗ matolen von Toskaria gekommen— ſie ſind ge⸗ kommen, um Khamco zu ſagen, als ſie noch lebte, die blaſſe Wittwe Vely Beys: Du biſt tapfer, Du verſchmaͤhſt unſere Liebe, aber Du gehoͤrſt keinem Andern an;— wie der Schnee des Haliac⸗Mon⸗ tes eiskalt fuͤr Alle iſt, ſo iſt Dein Herz eiskalt fuͤr uns; deshalb, Tochter des Conitza, wollen wir Deine Vertheidiger ſein und die Vertheidiger des ſchönen Ali, Deines Sohnes, und der ſchoͤnen Chainitza, Deiner Tochter!— Da huͤpfte das Herz Khamco's vor Stolz, da dankte ſie den Haͤuptlingen, und rief ihnen zu, indem ſie ihre Waffen ergriff: Vor⸗ waͤrts!— Denn der Bey von Kardiki, ſeine Lapez's und ſeine Klephthen haben geſtern unſern Pharez gepluͤndert und deſſen Einwohner niedergemetzelt!“ „Mutter, Mutter!“ rief der Weſir mit Schrek⸗ ken, als er ſah, daß Khamco durch ihre Verſtan⸗ desverwirrung zu jener fuͤrchterlichen Epiſode zu⸗ ruckgefuͤhrt wurde, deren Erinnerung ſie in toͤdt⸗ liche Wuth verſetzen mußte. Aber ſie fuhr mit ſcharfer Stimme fort, in⸗ dem ſie ihre Worte mit heftigen krampfhaften Be⸗ wegungen begleitete: — 100— „O, es war eine ſchoͤne Nacht— eine ſchoͤne finſtere Nacht, die Nacht, welche auf die Niederlage der Kardikioten folgte! Den ganzen Tag lang hatte man gekaͤmpft und den Abend auch noch gekaͤmpft. Khamco, die Kriegerin, und ihr Sohn, der junge Loͤwe, waren ermuͤdet durch das Gemetzel, die Kar⸗ dikioten waren geflohen, alle geflohen. Die Haupt⸗ leute und ihre Armatolen wollten ausruhen in ei⸗ nem Defilé— in einem ſchwarzen Defilé; die Krieger hatten ihre Kepes auf den nackten Fels gebreitet und waren darauf entſchlafen.— Khamco fror fuͤr ihre Kinder, ſie fror eben ſo ſehr, als ſie jetzt in ihrem Grabe frieren. Die armen Kinder, welche die Nacht erſtarren machte, ſie, die den gan⸗ zen Tag durch die gluͤhende Sonne und die Hitze des Kampfes verſengt worden waren!— Es war alſo ſehr finſter, man hoͤrte kein Geräuſch, gar kein Geraͤuſch, als den Wind, der klagend durch die Aeſte des Baumklees ſtrich.— Khamco, die in der Hoͤhlung eines Felsſtuckes ſaß, nahm in den einen Arm ihre Tochter und auf den andern ihren Sohn und preßte ſien feſt an ihre Bruſt; ſie kußte ihre Stirnen, ſie kuͤßte ihre Hand, als hätten ihre Kuͤſſe ſie erwaͤrmen können;— und dann huͤllte ſie ſie in die Zipfel ihres Kepes und erwärmte ſie mit ihrem Athem; aber ungeachtet ihres Sieges uͤber die Kardikioten, war ſie ungluͤcklich, wie eine Mutter ungluͤcklich iſt, deren Kinder frieren.— Endlich waren ſie eingeſchlafen und die Mutter ₰— wollte uͤber ſie wachen, aber die Erſchoͤpfung uͤber⸗ wältigte ſie, die Träge, die Nichtswurdige, die Ver⸗ fluchte! Die Erſchoͤpfung uͤberwaͤltigte ſie und ſie ſchloß die Augen.— Plotlich erwachte ſie und ſah ihre beiden Kinder gefangen. Da wollte ſie ſich uͤber ſie werfen, aber ſie hatte nicht ogleich bemerkt, daß auch ſie eine Gefangene ſei.— Die feigen Kardikioten, die entflohen waren, alle ent⸗ flohen,— hatten ſich in dem Defilé verſteckt, und als ſie ſahen, wie die tapfern Armatolen ſchliefen, da hatten ſie ſich kriechend genähert wie Schakals, hatten viele Armatolen während ihres Schlafes er⸗ mordet und die andern verraͤtheriſch gefangen ge⸗ nommen, wie ſie Khamco und ihre beiden Kinder gefangen nahmen.— Da, da,“ rief die Mutter des Weſirs mit entſetzlicher Ruhe, aber mit einer Grabesſtimme, die immer ſchwaͤcher, immer um⸗ ſchleierter wurde, waͤhrend Ali und ſeine Schweſter kniend und mit gefaltenen Haͤnden voll Schrecken den Zeichen des Todes folgten, die auf ihrem Ge⸗ ſichte immer deutlicher hervortraten;—„da,“ ſagte Khamco,„wurden die Mutter und die Tochter, die Jungfrau von Debelen und die Wittwe Vely Beys, die ſtolze Frau, welche die Liebe ihrer Maͤnner nicht werth hielt;— die Tochter des Bey von Conitza, zu der die große geheimnißvolle Stimme geſagt hatte, daß ihr Sohn Ali Weſir werden ſollte,— die Frau, welche dieſe Worte noch in den Sternen leſen konnte— dieſe Frau wurde, — 102—* ſie und ihre Tochter, in einem Saale des Bey von Kardiki angeſchloſſen. Das Haus blieb Allen ge⸗ oͤffnet, Allen Klephthen, Radja's und Lapez's— und taͤglich kamen Klephthen, Radja's und La⸗ pez's— und beſchimpften— und entehrten dieſe Wittwe und ihre Tochter, die noch Kind war, ihre Tochter!— Dann wurden die Wittwe, ihre Tochter und ihr Sohn wie gemeine Zigeuner aus Kardiki verjagt und ſo kehrten ſie nach Debelen zuruͤck.“ Bei dieſer entſetzlichen Erinnerung faͤrbte ein erhabener Inſtinkt der Keuſchheit und Scham das blaſſe entſtellte Geſicht Khamco's einen Augenblick mit kaum merklicher Roͤthe.— Dann wurde ſie immer ſchwaͤcher und ſchwächer und mit erſterben⸗ der, ſchon gebrochener Stimme ſagte ſie: „O, die arme Mutter— die beklagenswerthe Mutter— wer vermag es je, ihre Scham, ihre Marter, ihre Wuth zu ermeſſen— ſie, die bisher ſo ſtolz geweſen war— auf ſich und auf ihre Toch⸗ ter— weil ſie die Mutter und die Schweſter Ali's waren?— O, wie hat ſie jeden Tag, jede Stunde, ihren Haß in ſich hineingeſchlungen und ihre ohn⸗ maͤchtige Wuth verwuͤnſcht— ihre Wuth, welche das Blut der Radja's, die ſie der großen Stimme opferte, nicht zu erſticken vermochte.— Da fiel der Schnee auf die Haare Khamco's und ſie fuͤhlte allmaͤlig ihr Herz erkalten— und dann wollte ſie ihre Kinder noch einmal ſehen— und dann iſt ſie geſtorben.— Sie iſt geſtorben!— Und jetzt, da Khamco todt iſt, wer wird ſie da an den Kar⸗ dikioten räͤchen?— Du wirſt es ſein, mein Sohn, Ali von Debelen!“ So ſchrie Khamco mit donnernder Stimme, indem ſie zum Bewußtſein zuruͤckkehrte und ſich mit einer letzten krampfhaften Anſtrengung in ih⸗ rer ganzen Länge emporrichtete, als wäre dieſer Schimmer der Kraft und Vernunft nach der lan⸗ gen Geiſtesverwirrung zuruͤckgekehrt, um noch ein Mal die beiden Gefuͤhle auszuſprechen, welche uͤber ihr ganzes Leben geherrſcht hatten: Mutterliebe und Rachſucht! Todt ſank ſie auf den Divan zuruͤck. „Mutter,“ riefen wie aus einem Munde Ali und Cheinitza, mit einem Ausdrucke, der ſich un⸗ moglich beſchreiben laͤßt,„Mutter, Du ſollſt ge⸗ raͤcht werden.“ IX. X Die Rache. Das Jahr 1812 begann. Seit vier und zwanzig Jahren war Khamco todt, und gleichwohl ſtand Fardiki mit ſeinen Mo⸗ ſcheen von Marmor, mit ſeinen glaͤnzenden Mina⸗ rets und ſeinen Mauern von Granit und ſeinen Thuͤrmen von den Schießſcharten. Zwei und ſie⸗ benzig Beys, Großvaſallen des Ottomaniſchen Kai⸗ ſerreiches hielten dort Garniſon und der Neffe des Sultans, ſein Lieblings⸗Neffe, commandirte ſie. Seit vier und zwanzig Jahren war Khamco todtz aber ſeit vier und zwanzig Jahren hatte auch Ali von Debelen täglich einen Schritt gegen Kardiki gethan. Die Gefahr nicht kennend, die ſie be⸗ drohte, hatten die Fardikioten von der Hoͤhe ihrer Citadelle aus taͤglich die Herrſchaft des Weſirs ſich ausbreiten und ihr Gebiet umringen ſehen, wie —— ———— — — das Meer, das zuͤrnend waͤchſt, allmaͤlig mit ſei⸗ nem verderblichen Guͤrtel den Fels enger einſchließt, den es bedeckt. Weshalb aber ſo zögern in der Stunde der Rache? Weil Kardiki die Hauptſtadt des Paſcha⸗ liks, des Favoritneffen des Sultans war; weil an dem Tage, an welchem Ali von Debelen es ge⸗ wagt haͤtte, dieſen Platz anzugreifen, der Divan das Verderben des Satrapen beſchloſſen haben wuͤrde; weil ſich Kardiki's bemaͤchtigen, des einzigen Zufluchtsortes, des einzigen Ortes der kaiſerlichen Macht, wo der Weſir von Janina beinahe ſchon als König herrſchte, fur Ali eben ſo viel hieß, als ſich unabhaͤngig und in Kriegszuſtand gegen ſeinen Herrn zu erklaͤren; er waͤre als widerſpenſtiger Groß⸗ vaſall in den Bann gethan worden. Um daher Kardiki ſicher zu umzingeln, wußte Ali von Debelen vier und zwanzig Jahre lang ſeine Pläne zu verbergen. Seine ganze Politik ſtrebte dahin, allmälig dieſes Paſchalik von ſeinen Umgebungen zu trennen, und es durch die Erwer⸗ bung oder Anſichreißung der angrenzenden Diſtrikte zu umzingeln, um ſich vollkommen zum Herrn ſeiner Beute zu machen. Aber indem er ſich ſo aller Beyliks von Epirus bemaͤchtigte, und ihre Paſchas zwang, an ſeinen ſouverainen Hof nach Janina zu kommen und ihn als ihren Lehnsherrn anzuerkennen, war die Unterwuͤrfigkeit des Satra⸗ pen gegen den Sultan nie großer erſchienen; nie waren die Auflagen, die er fuͤr die Pforte in Em⸗ pfang nahm, dem Divan puͤnktlicher und gewiſſen⸗ hafter uͤberſendet worden. Verwundert uͤber die Geldmittel, die er von Epirus zog, ſeitdem die allmächtige Hand Ali's auf dieſer Gegend laſtete, faſt gleichguͤltig gegen die auf einander folgenden Anmaßungen des Paſchas, hatte der Sultan ſich damit begnuͤgt, den militaͤ⸗ riſchen Punkt von Kardiki von ſeinem Neffen be⸗ ſetzen zu laſſen, denn er durchſchaute den Plan Ali's von Debelen nicht, und ſah nicht ein, daß wenn der Weſir, endlich die Maske ablegend, dieſen Ort angreifen wuͤrde, es der Pforte unmoͤglich ſein wuͤrde, ihn zu retten oder ihm zu Huͤlfe zu kommen. Im Jahre 1812, der Zeit, mit welcher dieſe Erzählung in Verbindung ſteht, war in der That jede Verbindung zwiſchen Conſtantinopel und Kar⸗ diki unmoglich geworden. Ali von Debelen war jetzt unumſchraͤnkter Herr der Albaneſen, der De⸗ filés der Grenzen; unumſchraͤnkter Herr einer Ar⸗ mee von 15,000 Mann, unumſchränkter Herr von 1 Million Einkommens, das ihm erlaubte, den Hof eines Herrſchers zu halten. Der Augenblick der, der ſterbenden Khamco geſchworenen Rache war alſo endlich gekommen. Jetzt 62 Jahr alt reſidirte er in Janina. Un⸗ ſichtbar im Schooße ſeines Serails gab er den Be⸗ fehl und entwarf er den Plan zu dem Feldzuge, und im Monat Februar deſſelben Jahres(den — — 107— Jahresmonat vom Tode Khamco's) ſollten ſeine Generale gegen Kardiki und Agyro⸗Kaſtron ziehen; dieſe letztere Stadt war gewiſſermaßen der Schluͤſ⸗ ſel zu der erſtern. Gegen Kardiki marſchiren, die einzige kaiſer⸗ liche Stadt in Albanien! die Stadt, welche von 72 Beys, Großvaſallen der Krone beſetzt war! Kardiki, die Reſidenz vom Neffen des Sultans!— Das war ohne Zweifel ein großes Verbrechen, aber der Weſir hatte geſprochen, er wollte endlich, viel⸗ leicht mit Gefahr ſeines Lebens die Schmach ret⸗ ten, die den Seinigen angethan worden war;— er hatte geſprochen, und man hatte ihm gehorcht. Durch ihre beinahe unangreifbare Lage unter⸗ ſtutzt vertheidigten die beiden Staͤdte ſich uner⸗ ſchrocken; aber der Neffe des Sultans wurde ge⸗ toͤdtet und die Capitulation erzwungen. Gleich⸗ wohl ergaben die Kardikioten ſich erſt, als ihre Lage ganz unhaltbar war, als Durſt und Hunger die Einwohner zu decimiren begann. Dieſe außerſte Noth hatte nicht lange auf ſich warten laſſen, denn die Sapeure der Armee Ali's hatten bald die Waſ⸗ ſerleitungen zerſtoͤrt, welche den Staͤdten das no⸗ thige Waſſer zufuͤhrten, die auf dem Gipfel der Felſen erbaut waren, und eine enge Blokade ſchnitt jede Zufuhr von Lebensmitteln ab. Gleichwohl ſahen die Kardikioten noch nicht voraus, was ih⸗ rer wartete; ſie betrachteten den Angriff Ali's nur — 108— als eine Folge ſeiner Anmaßungen und glaubten, es ſei der Zweck des Weſirs, ſeine Souverainität durch dieſe Uſurpation vollſtaͤndig zu machen. Wie haͤtten ſie auch uͤbrigens an die Beleidigung denken koͤnnen, die ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter ein halbes Jahrhundert vorher zugefuͤgt worden war? War nicht beinahe die ganze gegenwaͤrtige Generation jener Unthat fremd? Was noch dazu beitrug, die Bevoͤlkerung uͤber die Folgen der Er⸗ oberung des Paſchas von Janina zu beruhigen, war, daß bei der Uebergabe der Stadt die Generale Alis die ſtrengſten Befehle gegeben hatten, daß Perſonen und Eigenthum geachtet bleiben ſollten. Der folgende Vertrag iſt ein Beweis fur dieſe fried⸗ lichen Geſinnungen. „Muſtapha Paſcha, Selim Bey Goka, ein Ab⸗ „kömmling des erſten Stammes der Gueguen, und „72 Beys, Haͤupter der erhabenſten Stämme der „Skopetaren, ſämmtlich Mahomedaner und Groß⸗ „vaſallen der Krone, begeben ſich frei nach Janina, „wo ſie mit den ihrem Range gebuͤhrenden Ehren⸗ „bezeugungen empfangen und behandelt werden „ſollen.— Dort werden ſie ihrer Guͤter genie⸗ „ßen und ihre Familien werden verſchont.— Alle „Einwohner von Kardiki ohne Ausnahme werden „als die treuſten Freunde Ali Paſchas von Janina „betrachtet, der die Stadt unter ſeinen beſondern „Schutz nimmt. Niemand ſoll wegen Handlungen, — 109— „die der Beſitznahme vorausgingen, belaͤſtigt oder „in Unterſuchung gezogen werden“*). Von beiden Seiten wurde feierlich dieſer Ver⸗ trag auf dem Koran beſchworen und die Truppen Ali's beſetzten alle Quartiere der Stadt. Ueber dieſe Maßregeln gleichwohl erſchreckt, welche mit der gewoͤhnlichen Grauſamkeit Ali's von Debelen ſo ſehr contraſtirten, zogen es Mehemed Bey Goka und ſeine Frau, ſich ſelbſt den Tod zu geben, vor, ſtatt dem Worte Ali's zu trauen und nach Janina zu gehen. Vertrauensvoller brachen die andern Beys unter guter Eskorte nach der Re⸗ ſidenz des Weſirs auf. Ihre Reiſe war ein fort⸗ währendes Feſt; in jeder Stadt wurden ſie auf den Befehl Ali's unter dem Schalle der Muſik und dem Freudengeſchrei der Bevoͤlkerung empfangen. Als ſie nach Janina kamen, ſchmetterten Trompe⸗ ten und Pauken. Mit Koͤrben voll Blumen, den Erſtlingen des Fruͤhlings, und mit Lyraſpiel be⸗ gleitet, kamen junge Maͤdchen ihnen entgegen und ſangen den Gefangenen das freundliche Lied von den Schwalben. Ali trat prachtoll gekleidet, laͤchelnd, mit freund⸗ lichem Blick, den Beys drei Schritte entgegen, um⸗ armte die vornehmſten zaͤrtlich und ſagte ihnen, er betrachte ſie jetzt als zu ſeiner eigenen Fa⸗ *) Pouqueville. — 110— milie gehörig; F. eiferſuͤchtig geweſen, aber zärtlich eiferſuͤchtig, Kardiki ſo lange außerhalb ſei⸗ ner Herrſchaft zu ſehen, da dieſe Stadt eben ſo⸗ wie die andern Beſitzungen des Sultan ein Recht auf den Schutz und die Freundſchaft ſeines Weſirs hätte.— Da aber das Gluͤck dieſer Stadt ge⸗ wollt hat, daß ſie ſich unter ſein Geſetz fugte, fuhr der Satrap mit dem verfuhreriſcheſten Lacheln fort, will ich ſie kunftig als undankbares, aber theures Kind behandeln, das man liebt, und zwar um ſo mehr, je laͤnger man von ihm getrennt war. Vollkommen beruhigt durch dieſe tuckiſchen Worte zögerten die Beys nicht, ſich nach dem Schloß am See zu begeben, wo die glaͤnzendſten Wohnungen fuͤr ſie bereitet waren. Als ſie aber den finſtern Aufenthalt betreten hatten, wurden ſie niedergemetzelt und ihre Leichen den Fiſchen zur MNahrung in den Fluß geworfen. Obgleich dieſe entſetzliche That Ali ſchon in den Reichsbann bringen mußte, beſchleunigte er ſeine Abreiſe nach Kardiki, das ſeine Truppen noch immer beſetzt hielten. Den Tag vor dieſer Reiſe erhielt er einen Brief von ſeiner Schweſter Chainitza, die ſich nach Li⸗ boowo zuruͤckgezogen hatte, wo ſie die Einnahme der Stadt erfuhr. Wir erwahnten bereits, daß ein blutiges Ver⸗ baͤngniß auf dieſer Familie zu haften ſchien, welche durch ihre Miſſethaten wuͤrdig war, der der Atriden — 111 gleichgeſtellt zu werden. Als Khamco todt war, hatte Chainitza, um den Befehlen ihres Bruders zu gehorchen und ſeinen Befehlen zu dienen, welche ſchon damals danach ſtrebte, ſich durch Eroberun⸗ gen oder durch Buͤndniſſe Kardiki zu naͤhern, ohne Liebe und nur, um den blutgierigen und rachſuͤch⸗ tigen Abſichten ſeines Bryuders zu dienen, Soli⸗ man, Bey von Berat, geheirathet, einen Nachbar und ehemaligen Verbuͤndeten der Kardikioten, ge⸗ gen den Ali ſchon ſeit langer Zeit einen tiefen aber verborgenen Haß nährte. So handelte Ali ſtets. Er begann damit, ſich ſeine Opfer durch die Bande des Blutes oder Zu⸗ neigung zu verbinden, um ſie dann deſto ſicheter treffen zu konnen. Zwei Jahre nach der Verheirathung wurde Soliman, der Gatte Chainitza's, erdolcht, durch ſeinen eigenen Bruder Ismaöl, und auf Befehl Ali's; Chainitza heirathete den Brudermoͤrder, der auch wieder unter den Streichen des Satrapen zu ſterben beſtimmt war.— So wurde Ali Herr der Beſitzungen der beiden Bruͤder, eine Erbſchaft, die ſeine Schweſter ihm abtrat, welche ſeine Ver⸗ brechen mit grauſamer Sorgloſigkeit theilte, oder ſich wenigſtens zu denſelben hingab, indem ſie in dieſen abſcheulichen Mordthaten nichts ſah, als das Mittel, die Rache zu ſichern, die er auf dem Grabe Khamco's beſchworen hatte. Chainitza aber, welche gegen ihre Gatten eben ſo unbarmherzig war, wie Khamco es gegen Vely Bey geweſen war, fuͤhlte gleich ihrer Mutter gegen ihre Kinder eine Art wilder raſender Liebe, eine Art von Lowinnen Zaͤrtlichkeit, die ſich bei ihr durch eine wuͤthende Manie aͤußerte. Man ſtelle ſich daher ihre Raſerei vor, als ſie in der Bluͤthe der Jahre die drei Kinder ſterben ſah, die ſie aus ih⸗ ren beiden Ehen gehabt hatte! Der letzte ihrer Soͤhne, Aden Bey, war ungefaͤhr zwei Monate vor der Einnahme von Kardiki geſtorben. Der Schmerz Chainitza's kannte keine Gren⸗ zen und aͤußerte ſich durch Beweiſe eines wilden Wahnſinns. Die Aerzte, welche ihren Sohn dem Tode nicht hatten entreißen koͤnnen, wurden ge⸗ pfaͤhlt. Zweimal ſtuͤrzte ſie ſich in einen See, wurde aber bei Zeiten herausgezogen. Zweimal wollte ſie ihren Palaſt in Brand ſtecken, um ſich mit allen ihren Frauen unter deſſen Truͤmmern zu begraben; aber ſie leiſtete Verzicht auf ihre Plane des Selbſtmordes und Brandes, ließ die Spiegel und alle Zierrathen ihres Serails zertruͤm⸗ mern, die Scheiben der Fenſter ſchwarz anmalen, zerbrach all ihren Schmuck, ſowie den, welcher ih⸗ rem Sohne gehoͤrt hatte, ließ alle Pferde und alle Sclaven Aden Beys erwuͤrgen und mit einem Sacke bekleidet wollte ſie nur noch auf Aſche ihres ver⸗ heerten Serails ſchlafen. — 113— Während dieſes entſetzlichen Parorysmus des Schmerzes erfuhr ſie die Einnahme von Kardiki. Sie ſchrieb ſogleich an Ali:„Ich nenne Dich nicht mehr Weſir, nicht mehr Bruder, wenn Du nicht den Schwur hältſt, den Du auf den lebloſen Koͤr⸗ per unſerer Mutter geleiſtet haſt. Wenn Du der Sohn Khamco's biſt, mußt Du Kardiki zerſtoͤren, ſeine Einwohner vernichten, und ihre Weiber und Toͤchter in meine Haͤnde uͤberliefern, damit ich nach meiner Laune uͤber ſie verfuͤge. Sie alle ſollen ſterben und ich will kuͤnftig nur auf Matra⸗ ben ſchlafen, die von ihrem Haar geſtopft ſind. Als unumſchraͤnkter Herr der Kardikioten vergiß die Beleidigung nicht, die wir von ihnen in den Tagen unſerer demuͤthigenden Gefangenſchaft erlitten“). Am Tage nach dem Empfange dieſes Brie⸗ fes, den 19. Februar 1812, machte Ali ſich auf den Weg. Er wollte, indem er nach Kardiki ging, in Liboowo Halt machen, um Chainitza zu ſehen. Herr Pouqueville, franzoͤſiſcher Conſul in Janina, hatte mit Ali zu ſprechen und begab ſich nach dem Palaſte. Seit dem Morgen defilirten die Trup⸗ pen, Bagagen kamen aus dem Serail, und die Pagen, mit allen Waffen ausgeruͤſtet, warteten nur noch auf den Befehl, das Pferd zu beſteigen. 3) Dieſen Brief führt Pouqueville wörtlich an. Kardiki. 8 — In die innern Gemaͤcher des Palaſtes gelangt, ließ der Conſul von Frankreich ſich melden. Der Vorhang von Brocat, der die Thuͤre verhuͤllte, wurde zuruͤckgezogen, er trat ein und ſah Ali Paſcha in einer nachdenkenden Stellung. Seine Zuͤge waren von hoher Majeſtaͤt und ſein weißer Bart fiel in reichen Wogen auf ſeine kräftige Bruſt herab; den Kopf des Paſchas bedeckte eine violette mit Gold geſtickte Sammetkappe; er trug einen ſcharlachrothen Mantel und hatte Stiefel von carmoiſinrothem Sammet an. Auf ſeine Streit⸗ axt geſtuͤtzt, gab er dem Conſul ein Zeichen, näͤher zu treten, desgleichen ſeinem eben verſammelten Divan, ſich entzufernen. Nach der Etiquette nahm der Conſul zu ſeiner Rechten Platz; Ali ſchien jetzt aus einem Traume zu erwachen, heftete von Zeit zu Zeit einen Blick auf den franzoͤſiſchen Abgeordneten, nahm theil⸗ nehmend eine ſeiner Haͤnde in die ſeinige und ſagte mit einer Stimme, welche den Ton tiefer Traurigkeit trug, indem er die Thraͤnen gefullten Augen gen Himmel richtete*): „Folge mir, mein Sohn, und vergiß Dein Vor⸗ urtheil gegen mich; ich ſage Dir nicht mehr, daß Du mich lieben ſollſt, aber ich will Dich dazu *) Auch dieſes Geſpräch führt Herr Pougqueville wör lich an. — 115— zwingen, indem ich ein Syſtem befolge, das mei⸗ nem bisherigen entgegengeſetzt iſt. Meine Lauf⸗ bahn iſt erfullt und ich werde meine Arbeit been⸗ den, indem ich zeige, daß, wenn ich furchtbar und ſtreng war, ich auch das Unglück und die Menſch⸗ lichkeit zu achten weiß.“ Starr vor Staunen uͤber dieſe ſo neue Sprache in dem Munde Ali's, verrieth das Geſicht des Geſand⸗ ten dieſen Zweifel, als der Satrap mit ſchmerzlicher Niedergeſchlagenheit und wie von tiefer Reue er⸗ griffen fortfuhr:„Ach, mein Sohn, die Vergan⸗ genheit ſteht nicht mehr in meiner Gewalt; ich habe ſo viel Blut vergoſſen, daß der Strom deſſel⸗ ben mir folgt, und ich wage es nicht hinter mich zu blicken.“ Bei dieſem Geſtaͤndniſſe, welches den Conſul an alle Miſſethaten Ali's erinnerte, wollte er in einer Bewegung unwillkuͤrlichen Abſcheus ſeine Hand aus den Haͤnden des Paſchas ziehen; dieſer ſah ihn aber mit einem ſo ſchmerzlich verzweifelten Ausdrucke an, daß der Franzoſe den Weſir nicht zuruckſtieß. „Ja, glaube mir, mein Sohn,“ fuhr Ali mit ei⸗ ner vor Ruͤhrung zitternden Stimme fort,„ich habe mir Reichthum gewuͤnſcht, und ich bin mit ſeinen Guͤtern uͤberſchuͤttet; ich ſehnte mich nach Serails, nach einem Hofe, nach Prunk, nach Macht, und ich habe Alles erlangt; wenn ich das Haus mei⸗ nes Vaters mit dieſem Palaſt vergleiche, der mit 8* Gold, mit Waffen, mit koſtbaren Teppichen ge⸗ ſchmuͤckt iſt, ſollte ich auf dem Gipfel des Gluͤckes ſein; meine Große blendet den gemeinen Haufen. Alle dieſe Albaneſen, die mir zu Fußen liegen, be⸗ neiden den gluͤcklichen Ali von Debelen, aber wenn man wuͤßte, was dieſer Pomp koſtet, ſo wuͤrde ich Mitleid einfloͤßen!— Ich habe Alles meinem Ehrgeize geopfert; ich bin nur von Denen um⸗ ringt, deren Familien ich ermordet habe.— Aber entfernen wir dieſe traurigen Erinnerungen: meine Feinde ſind in meiner Gewalt und ich denke ſie durch meine Wohlthaten zu unterjochen. Ich will, daß Kardiki die Blume Albaniens werde und nehme mir vor, dort die Tage meines Alters zu verleben. Das ſind meine letzten Plaͤne. Ich mache Dir nicht den Vorſchlag, mein lieber Sohn, mich auf meiner Reiſe zu begleiten, und da ich bald zuruͤck ſein werde, wollen wir die erſten ſchoͤnen Tage in Pre⸗ veſa zubringen. Schreibe, ich bitte Dich, das, was ich Dir eben ſagte, Deinem Geſandten, denn meine Feinde werden nicht verfehlen, mich in Conſtanti⸗ nopel zu verleumden, aber es iſt gut, daß die Wahrheit ihren Anklagen voraneile.“*) Als dieſes Geſpraͤch beendet war, trennte ſich der Paſcha von dem Conſul und beſtieg ſeinen Wagen. *. *) Pougqueville, Wiedergeburt Griechenlands. Thl. 1. p. 407. —— Zwei Tage nach ſeiner Abreiſe von Janina, kam Ali auf das Gebiet von Liboowo, dem Aufent⸗ haltsorte Chainitza's. Der Weſir fand ſeine Schwe⸗ ſter in der finſterſten und wildeſten Entmuchigung. Er blieb lange mit ihr eingeſchloſſen. Man er⸗ fuhr nichts von ihrer geheimnißvollen Unterhal⸗ tung, aber der beinahe wuͤthende Schmerz Chainitza's ſchien plotzlich gemildert zu ſein. Der Schmuck des Serails wurde in der Eile hergeſtellt oder wie⸗ der aufgefuͤhrt, und ſie gab ein glänzendes Feſt für ihren Bruder, der am naͤchſten Tage ſeinen Weg nach Kardiki fortſetzte, begleitet von den Palikaren und von Michael, der durch Ali dem entſetzlichen Looſe entriſſen, welches der Bektadji ihm beſtimmt hatte, unter dem Namen Anaſtaſius Vaſa einer der grauſamſten Veiden des Weſirs geworden war. Nie war Ali heiterer, munterer geweſen. Der Weg von Libvowo nach Kardiki war rei⸗ zend; man trat in den Fruͤhling von Epirus; die Wieſen bedeckten ſich mit zartem gruͤnen Klee; ganze Strecken von Anemonen, Hyazinthen und Nar⸗ ziſſen durchwuͤrzten die Luft; der Mandelbaum huͤllte ſich in ſeinen wohlriechenden Schnee; das ſpaͤte Laub der Granatbaͤume begann hervorzubre⸗ chen; der Judenbaum war purpurroth gekroͤnt. Die weißen Schwäne kamen eilend herbeigezogen, denn der Maͤrz war gekommen, doch noch nicht die Schwalben, die Wachteln, wie die Wiedehopfe, welche unter der gluͤhenden Sonne des tropiſchen — 118— Himmels den April abwarten. Einige ungeduldige Nachtigallen aber, in dem dichten Gebuͤſch von Fichten und Lentisken geſchuͤtzt, eilten dem ſuͤßen Monat voran und ſchon ſeufzte ihre reine und ein⸗ ſame Stimme und ſchien die wandernden Saͤnger herauszufordern, welche, von Dorf zu Dorf ziehend, auf der albaniſchen Leier die Geſaͤnge von den Veilchen und von den Schwalben ſingen⸗ Am zweiten Tage kam Ali nach Kendria, einem feſten Schloſſe, am Abhange eines Felſens erbaut und nicht weit von dem oͤſtlichen Ufer des Celydnus, von wo man in der Ferne gleich einem ungeheuren Panorama das Thal von Drinopolis uͤberſieht, die Stadt Kardiki, den wilden Eingang zu den ſchwarzen antigoniſchen Defilés, die Rieſen⸗ leitern von Muſſana und die fruchtbaren Ebenen von Argyrine. Mit dem Morgen waren Waffenherolde Ali's, in Purpur gekleidet, Trompeten mit ſeidenen Be⸗ haͤngen in der Hand, nach Kardiki vorangeeilt, im Namen Ali's das Verſprechen allgemeiner Verzeih⸗ ung und Amneſtie zu uͤberbringen. Dem zu Folge for⸗ derte der Weſir alle Kardikioten auf, Männer und Kinder, von 10 Jahren an bis zum hoͤchſten Grei⸗ ſenalter, ſich vor das Schloß Kendria zu begeben, um dort aus dem Munde des Paſchas ſelbſt die Beſtimmung zu vernehmen, die ſie gluͤcklich ma⸗ chen ſollte. —,— — 119— Obgleich das Geſchick der Beys noch nicht be⸗ kannt war, fuͤrchtete man doch ſo allgemein die Grauſamkeit Ali's und deſſen heuchleriſches Beneh⸗ men, daß die Bevoͤlkerung, ohne das Loos voraus⸗ zuſehen, das ihrer wartete, dieſen Befehl mit allen Zeichen des hoͤchſten Schreckens vernahm. Die Weiber, die auf Befehl des Weſirs in Kardiki zuruͤckblieben, brachen in Thraͤnen aus, und die Maͤnner in Verwuͤnſchungen. Mehrere Muͤtter nahmen ihre Kinder in die Arme und ſtuͤrzten ſich von den Gipfeln der Felſen hinab in den Ce⸗ lydnus. Aber endlich mußte man doch gehorchen, und alle maͤnnliche Bewohner der Stadt begaben ſich in eine Ebene am Fuße des Schloſſes Kendria, wo der Weſir ſich ſchon befand, umgeben von 4000 Palikaren, Armatolen und Myrditen. Die erſten Einwohner der Stadt wollten ſich dem Weſir zu Fuͤßen werfen, dieſer ließ ihnen aber dazu nicht die Zeit, ſondern umarmte voll Herzlichkeit die Aelteſten, nannte ſie die Vielgeliebten ſeines Herzens, ſeine guten Vaͤter, ſprach mit ihnen von den guten alten Zeiten in Epirus, von den Tagen, in denen er, Ali, den Juͤngſten und Gewandteſten unter den Farnys, den Nachbarn von Debelen, den Preis des Wett⸗ laufens, Ringens und Schießens ſtreitig machte, den ſeine Mutter Khamco vertheilte, an einem der Fenſter des Serails ſtehend. Er ſprach ferner mit ihnen von den beruͤhmten Klephthen jener Zeiten, deren Namen in der Ebene Schrecken verbreitetez — aber von ſeiner Mutter, aber von ſeiner Schweſter, aber von der ſeiner Familie angethanen Schmach ſprach Ali kein Wort. Endlich wendete der Weſir noch den unwider⸗ ſtehlichen Zauber ſeiner gewohnlichen Verfuͤhrungs⸗ kuͤnſte an, beruhigte die Ungluͤcklichen, ruͤhrte ſie, beſchwichtigte ihre Furcht und fragte voll Theil⸗ nahme nach ihren Beduͤrfniſſen, ſo wie nach denen der Stadt, die er, wie er ſagte, bluͤhender ſehen wollte, als irgend eine andere Stadt Albaniens. Er ſprach ferner von den Landſtraßen, die er bah⸗ nen, von den Waſſerleitungen, die er wiederher⸗ ſtellen wollte; endlich, nachdem er ſeine Opfer voll— kommen getaͤuſcht, verabſchiedete er ſie, nachdem er ſie gebeten hatte, ſeiner in einer benachbarten Ka⸗ rawanſerai zu warten, wohin er ſich begeben wuͤrde, um ſich mit ihnen uͤber die Erfuͤllung der Ver⸗ ſprechungen zu verſtaͤndigen, die er ihnen wegen der Verſchoͤnerung von Kardiki und wegen der Er⸗ maͤßigung mehrerer Abgaben gemacht hatte. Dieſe Karawanſerai bildete ein ungeheures Viereck von einem Hofe, zu dem nur eine einzige Eingangsthuͤre fuͤhrte. Starke Mauern, welche ſich terraſſenformig erhoben, umſchloſſen den Platz auf drei Seiten. Die vierte Seite wurde von dem Wohngebaͤude der Karawanſerai gebildet. Am Nachmittage betrat die ganze maͤnnliche Bevoͤlkerung von Fardiki dieſen Hof. Sogleich wurde die Thuͤr geſchloſſen und feſt verrammelt. —— — Jetzt kam Ali herab von den Hoͤhen von Ken⸗ dria, in ſeinem prachtvollen Palankin, getragen von ſeinen Valaguen. Am Fuße des Berges ſetzte er ſich in ſeine Kaleſche, die mit Kiſſen von Gold⸗ brocat und mit koſtbaren Cachemir-Schawls ge⸗ ſchmuͤckt war. Nachläſſig in ſeinem Wagen aus⸗ geſtreckt, mit Pelzen bedeckt, befahl er ſeinem Kut⸗ ſcher, ihn nach der Karawanſerai zu fahren; er fuhr rings um daſſelbe her und uͤberzeugt, daß keiner der Kardikioten entkommen koͤnnte, ließ er plotzlich halten, ſtand auf, wendete ſich zu ſeinen Truppen und rief vras(todtet), indem er mit der Buͤchſe, die er in der Hand hielt, nach der Kara⸗ wanſerai zeigte. Aber die Albaneſen weigerten ſich durch den Mund ihrer Fuͤhrer auf das Beſtimmteſte, dieſe empoͤrende Metzelei zu beginnen. Ali wendete ſich hierauf zu ſeinen chriſtlichen Milizen, aber er ſtieß bei ihnen auf dieſelbe Wei⸗ gerung. Stets aͤuſſerlich gelaſſen, unterdruͤckte Ali zwei⸗ oder dreimal ein krampfhaftes Gähnen, welches bei ihm das Zeichen eines eben ſo heftigen als ver⸗ biſſenen Zornes war, laͤchelte und gab den Mord⸗ befehl an Michael Anaſtaſius Vafa, welcher die Tokadaren befehligte, eine Art Miliz aus den wil⸗ deſten Stämmen der Gueguen zuſammengeſetzt. Michael ſenkte das Haupt zum Zeichen des Gehorſams, ſtieg an der Spitze ſeiner Tokadaren — Als die Sonne untergegangen war, blieb kein Kardikiote mehr uͤbrig, weder Greis, noch Mann, noch Kind. Was die Muskete verſchonte, hatten Beil und Säbel niedergehauen. Die Frauen und die jungen Maͤdchen waren in Kardiki gelaſſen worden. Dieſen Theil der Rache nahm Chainitza fuͤr ſich in Anſpruch. Nachdem ſie den Soldaten Preis gegeben worden, wurden 7 mehr als 900 nach Liboowo gefuͤhrt. Die Tochter Khamco's befahl Allen die Haare abzuſchneiden, und mit dieſen ließ ſie eine unge⸗ heure Matratze ausſtopfen. Dann auf dieſer Trophaͤe ſitzend, ließ ſie ihre Opfer ſich bringen; alle mußten niederknieen, und ſie ſprach uͤber ſie folgendes Urtheil, das die oͤffent⸗ lichen Ausrufer wiederholten: „Weh Jedem, der den Frauen, den Toͤchtern oder Kindern von Kardiki Obdach oder Kleidung giebt; meine Stimme verurtheilt ſie dazu, in den Waͤldern umher zu irren, und mein Wille widmet ſie den wilden Thieren, deren Beute ſie werden — 123— ſollen, wenn der Hunger ſie vernichtet hat.*)— Vor ſeiner Entfernung von Fardiki hatte Ali befohlen, die Leichen zu entkleiden und damit einige gewaltige Holzflöße zu beladen, damit dieſe, eine Art beweglicher Schlachtbank, von dem Celydnus in das Bett der Voiuſſa getragen, faſt ganz Alba⸗ nien durchzoͤgen und dieſes fuͤrchterliche Beiſpiel ſeiner Rache die epiriſchen Voͤlkerſchaften von De⸗ belen bis zum adriatiſchen Meere mit Entſetzen erfuͤllt. Ali wollte die Erinnerung an dieſe entſetzliche Rache auch noch dauernd machen, und ließ daher mitten auf dem Hofe der Karawanſerai von Ken⸗ dria eine ſchwarze Marmortafel errichten, auf der noch jetzt folgende Inſchrift zu leſen iſt: Von Seiten des ſehr furchtbaren Ali Paſcha an ſeine Nachharn. Ich, Weſir Ali Paſcha, Wenn ich mich an das große Blutbad erinnere, das hier Statt fand, bin ich betrübt. Möge eine ſolche Kataſtrophe Sich nie erneuern können!!! Deshalb empfehle ich meinen Nachbarn, Meine Familie nie zu beleidigen, Und meinem Willen unterwürfig zu ſein, Wenn ſie glücklich leben wollen. rie Wiedergeburt Griechenl., Thl. 1. Die, welche gehorchen Und mir zugethan ſind, Können darauf rechnen, in Frieden zu leben. Dieſe Vertilgung der Kardikioten Fand Statt 1812, den 15. März, An einem Freitage Nach der dritten Stunde des Tages, Als die Sonne im Untergehen war.*) 9) Herr Pougqueville hat getreu dieſe Inſchrift abge⸗ ſchrieben, welche auf der Marmortafel in zwei Sprachen ſteht, in der türkiſchen und albaneſiſchen, ohne Zweifel um von Allen verſtanden und geleſen werden zu können. Anhang*). Eine Quelle von den Reichthuͤmern Ali's war, daß er ſich zum Erben des Todten erklaͤrte, wenn irgend einer ſeiner Unterthanen ſtarb. Zuweilen wurde er wirklich durch Teſtament zum Erben er⸗ nannt, im entgegengeſetzten Falle aber ließ er die Erben kommen und ſagte ihnen(ich ſelbſt habe dies mehrmals gehoͤrt): Ich war ſehr befreun⸗ det mit Eurem Vater, und er ſagte mir, daß er mich zu ſeinem Erben einſetzen wuͤrde.— Oder, wenn er irgend eine Beſitzung haben wollte, ſagte er: Ich weiß, daß er mir dieſes oder jenes Landſtuͤck geben wollte, denn er liebte mich ſehr. *) Die folgenden merkwürdigen Details, welche ſich auf die letzten Zeiten von dem Leben Ali Paſchas beziehen, entlehnen wir dem orientaliſchen Berichte Ibrahim Man⸗ gur Effendis, eines der Vertrauten des Ali Paſcha. — 126— Zuweilen beraubte er auch die Familien ganz und ließ die Wittwen und die Waiſen mit Stock⸗ ſchlaͤgen aus ihrem Hauſe treiben, was man Mahl⸗ ohl nennt, d. h. fuͤr den Fiskus in Ermangelung eines Eigenthumes die Beſitzung einziehen, da das Geſetz in der Regierung den Beſitz aller Mobilien oder Immobilien zuſpricht, deſſen Eigenthuͤmer man nicht kannte; aber Ali trieb auch die recht⸗ maͤßigen Erben aus dem Beſitz, um ſich immer feſter zu ſetzen. Ali Paſcha hoffte bis zu einem Alter von 150 Jahren zu leben. Er war ebenfalls uͤberzeugt, daß er ſich zum Herrn von Corfu machen wuͤrde, wel⸗ ches eine der Hauptfeſtungen von Europa iſt. Ein perſiſcher Derwiſch, Scheikh Ali, hatte ihm dieſe Albernheiten weiß gemacht. Er hat uber dem Grabe dieſes Betrugers, der in Janina ſtarb, ein Mau⸗ ſoleum errichten laſſen. Der Weſir ſelbſt leitete die Erbauung im Jahre 1817. Ich habe ihn haͤufig lange Zeit zu Pferde unter den Arbeitern geſehen und es ging faſt kein einziger Tag voruͤber, ohne daß er ſich dahin begab, um auf die Arbeiten zu achten und auf dem Grabe des heiligen Heuch⸗ lers zu beten. Als Alles beendigt war, ließ er in der Mitte der Kuppel eine ſilberne Ampel aufhan⸗ gen, und ſtattete die Kapelle mit 2 ¼ Beutel aus d2oo tuͤrkiſchen Piaſtern), theils zur Unterhaltung des Mauſoleums und des Oeles zu der Ampel, theils zur Beſoldung eines Derwiſches, der mit dem Dienſte dieſes Monumentes beauftragt war, ein Beweis von dem Aberglauben und der Unwiſſen⸗ heit dieſes ſtolzen Tyrannen, der von dem Gedan⸗ ken, einſt durch das Geſchick der Waffen Herr von Corfu zu werden, ſo eingenommen war, daß er einſt, im Laufe eines Geſpraͤches, welches er mit mir uͤber die Vertheidigung der Kuͤſten hatte, ganz ernſt⸗ haft ſagte:„Sobald ich Herr von Corfu bin wird nicht nur dieſer Theil meiner Kuͤſten des Feſtlandes in vollkommener Sicherheit ſein, ſondern ich werde auch einen Theil der Artillerie von Corfu dahin ſchicken, um zu der Vertheidigung derſelben zu dienen.“ Ich fragte ihn, ob er wirklich glaube, dieſen Platz einzunehmen, der ſchon unter den Venetia⸗ nern einer der feſteſten in der ganzen Welt ge⸗ weſen ſei und zu deſſen Verſtaͤrkung die Franzo⸗ ſen, die Ruſſen und die Englaͤnder nach einander Alles erſchoͤpft haͤtten, was die Kunſt ihrer Inge⸗ nieure zu leiſten vermoͤchte? Der Tyrann erzählte mir hierauf ſelbſt mit dem Tone der innigſten Ueberzeugung, was der Derwiſch ihm prophezeiht und ich ſchon aus Anderer Munde vernommen hatte; ich glaubte aber bis zu jenem Tage, daß Ali Paſcha dieſen luͤgneriſchen Prophezeihungen nur in Folge ſeiner liſtigen Politik Glauben beizu meſſen ſchiene. Als ich aber ſah, daß er — 128— ſonderbaren Glauben wirklich in das Syſtem der Vertheidigung ſeiner Staaten aufnahm, konnte ich mich uͤber ſeinen eben ſo aberglaͤubiſchen als ſtolzen Charakter nicht mehr täuſchen, denn er hielt ſich wirklich fuͤr einen Bevorrechteten der Natur und zu großen Kämpfen beſtimmt. Es war unmoͤg⸗ lich, ihn uͤber etwas zu enttauſchen, was er ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, beſonders wenn ſeine Eigenliebe und ſein Geiz dabei etwas bethei⸗ ligt waren. Auf dieſe Kenntniß ſeines Charakters ſtutzte ich folglich meine Einwuͤrfe. Ich ſagte ihm alſo, in Erwartung, daß er der ruhige Beſitzer von Corfu und deſſen Feuerſchluͤnden ſei, wuͤrde es klug ſein, ſo zu handeln, als haͤtte er in dieſer Be⸗ ziehung nie den geringſten Gedanken, und ſeine Kuͤſten gegen eine Landung ſeiner Nachbarn, der Englaͤnder, in Sicherheit zu ſetzen, welche ſich fruher oder ſpaͤter mit ihm entzweien wuͤrden; er muͤſſe daher Batterien, Wachhaͤuſer, Ravellins, Kanonen und Roſte zu den gluͤhenden Kugeln errichten laſſen, von denen eine einzige fuͤr ein Schiff ge⸗ faͤhrlicher und von den engliſchen Seeleuten ge⸗ furchteter iſt, als hundert kalte Kugeln.. Sollte man glauben, daß Ali mir den Ein⸗ wurf machte, das wurde eine große und uͤberfluͤſſige Ausgabe ſein, da er gewiß waͤre, Corfu bald darauf zu erlangen, daß er im Beſitz von Parga wäre, und daß er keinen Bruch mit England zu befü haͤtte, waͤhrend der ganzen Zeit von dem T — 129— an welchem wir ſprachen, bis zur Uebergabe von Parga. Ich begnugte mich, die Achſeln zu zucken, und die Kuͤſten blieben ſo, wie ſie waren. Ali Paſcha bildete ſich ein, daß alle Berge ſeiner Staaten Gold- oder Silberminen enthielten. Er hat zu dieſem Zwecke große Nachſuchungen an⸗ ſtellen laſſen; eine Menge von Charlatans, die aus Italien herbeigeeilt waren, haben fuͤr ihn mit Wuͤnſchelruthen, ſympathetiſchen Kugeln und an⸗ dern Mitteln gearbeitet; einige gaben ſich ſogar unverſchaͤmt fuͤr große Mineralogen aus. Die griechiſchen Grammatikos(Schreiber) unterſtutzten dieſe Betruger mit dem ganzen Einfluſſe, den ſie uͤber ihren unwiſſenden Gebieter in ſolchen Dingen hatten, denn ſie waͤren in Verzweiflung geweſen, die Turken gut bedient zu ſehen, und wenn dieſe von den Europäern, deren ſie ſich bedienten, einen wahren Nutzen gezogen hätten. Jeder Mann von Verdienſt, in welchem Geſchäftszweige es auch ſein mochte, konnte daher gewiß ſein, von den Grammatikos hinterliſtig verfolgt und ihr Opfer zu werden. Alle Nachſuchungen, welche auf Be⸗ fehl des Tyrannen gemacht wurden, blieben frucht⸗ los; man fand keine Minen, obgleich es ſehr wahr⸗ ſcheinlich iſt, daß es deren in einem Lande giebt, welches haͤufig von Erdbeben heimgeſucht wur ein ganz gebirgiges Land, welches mehrere h Fardiki. 9 — 130— Quellen enthaͤlt; aber Gott hat in ſeiner Weisheit ohne Zweifel nicht erlaubt, daß der Tyrann von Epirus Kenntniß davon erhielt, denn er wuͤrde nicht ermangelt haben, ſeine Unterthanen zu zwingen, ſie zu ſeinem Nutzen auszubeuten, wie dies in der Tuͤrkei Gebrauch iſt, und man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, welche verhaͤngnißvolle Ausdehnung Ali Pa⸗ ſcha der Verpflichtung ſeiner Unterthanen gegeben haben wuͤrde, fuͤr ihn in den Minen zu arbeiten. Der Tyrann hielt ſeine Exiſtenz fuͤr ſo wichtig, daß er zu ſeiner individuellen Erhaltung die größten Vorſichtsmaßregeln traf. Er oͤffnete nie ſelbſt einen Brief, aus Furcht, daß er irgend ein feines Pulver enthalten moͤchte, durch deſſen Einathmung er ſich vergiften koͤnnte. Bei meiner Ankunft in Janina uͤberbrachte man ihm ſeine Mahlzeit noch nach dem im Orient gewoͤhnlichen Gebrauche, d. h⸗ die Gerichte befanden ſich in Schuͤſſeln auf Prä⸗ ſentirtellern; jede Schuͤſſel hatte einen Deckel und Alles war von plattirtem Kupfer; das Alles wurde auf große runde Platten geſetzt, welche Maͤnner von der Kuͤche bis vor die Thuͤr des Speiſeſaales auf dem Kopfe trugen. Die Schuͤſſeln Ali Paſchas, die ſo getragen wurden, unterſchieden ſich durch nichts, als daß ſie von Wachen und einigen ſeiner ver⸗ rauteſten Diener begleitet wurden; aber 1818 kam wilde und argwoͤhniſche Ali auf den Gedanken, — 131— Futterale von weißem Eiſenblech machen zu laſſen, in denen Schuͤſſeln und Teller ſtanden. Dieſe Etuis wurden mit zwei Schlöſſern verſehen, und jeder der vertrauten Leibdiener trug zu einem der⸗ ſelben den Schluſſel; uͤber dieſes Futteral wurde dann noch eine ſcharlachrothe Decke geworfen und unter dem Ganzen mit Schnuren zugezogen. Die Schlöſſer wurden dann erſt an der offenſtehenden Speiſethuͤr aufgeſchloſſen, und er ſelbſt, welcher der Thuͤr gegenuͤber ſaß, konnte Alles ſehen, was dabei vorging. Aus Furcht, ungeachtet der Wachen, der Leib⸗ diener, der Decken, der Futterale und Schloſſer vergiftet zu werden, bezahlte der Tyrann einen ſei⸗ ner vertrauten Albaneſen, Namens Moukhtar, wel⸗ cher keine andere Funktion hatte, als die, in Ge⸗ genwart des Weſirs einen Mundvoll von jeder Schuͤſſel zu koſten, die man auf die Tafel ſetzte; das war uͤbrigens eine unnutze Vorſicht, weil es Gifte giebt, die erſt lange nachher wirken, nachdem ſie genoſſen ſind. Man wußte nie, in welchem Zimmer der Ty⸗ rann die Nacht zubrachte, denn er hatte in ſeinem Palaſte mehrere Schlafgemache, obgleich er bei ſei⸗ nen haͤufigen Blutfahrten ohne Schwierigkeit in den Bauernhuͤtten uͤbernachtete. Freilich war er dabei gut bewacht. Er furchtete ſich ſehr vor dem Donner, etwas Seltenes bei den Orientalen, und gleichwohl war — 132 er feſt uͤberzeugt, daß er 150 Jahre alt werden ſollte. Was ihn aber am meiſten in Furcht ſetzte, war die Peſt; er furchtete ſie mehr als ſogar die Europaͤer, und das heißt nicht wenig ſagen, denn ich muß, obgleich widerſtrebend, geſtehen, daß die Meiſten derſelben ihre Furcht bis zum Laͤcherlichen treiben. Ich kenne jedoch Einige, die ſie ebenſo⸗ wenig furchten als ich. Um aber wieder auf Ali Paſcha zuruͤckzukommen, ſo lieferte er ſich, wenn nur die geringſten Spuren der Peſt in Janina ſich zeigten, ganz in die Hände der Italiener, und ſcheute die Annäherung der Muſelmaͤnner und Ju⸗ den, welche die Peſt nicht fuͤrchten, und deshalb keine Vorſichtsmaßregeln gegen dieſelbe treffen. Er entfloh dann aus Janina und begab ſich gewohn⸗ lich nach Preveſa. Ich war zweimal Zeuge von den Wirkungen ſeiner Furcht vor der Peſt, das eine Mal im October 1816, das andere Mal im Jahre 1817. Das erſte Mal genoß ich noch ſei⸗ ner großen Gunſt, denn ich war erſt vor vier Mo⸗ naten angelangt; das erſte Mal alſo, als die Peſt in Janina ausbrach, wußte ich davon noch nichts, als ich eines Morgens ſehr fruͤhzeitig durch meinen Diener die Nachricht davon erhielt, die mich aber gar nicht beunruhigte. Waͤhrend ich nach nähern Umſtaänden fragte, wurde ich zu dem Paſcha ge⸗ rufen. Ich wohnte damals noch nicht in der Feſtung, und als ich an das Thor derſelben kam, fand ich es verſchloſſen. Der Kavaſſe, der mich gerufen — 133— hatte, fand die groͤßte Muͤhe von der Welt, ſich das Thor öffnen zu laſſen; die Schwierigkeiten waͤhr⸗ ten ſo lange, daß ich ungeduldig wurde, mein Pferd umwendete, und ſchon wieder uͤber die Brucke ſprengte, um nach Hauſe zu reiten, als der Kavaſſe herbei⸗ eilte, um mir zu ſagen, daß man das Thor oͤffne. Bei dem Bruͤckenkopfe auf der Seite der Stadt und an den Ufern des Feſtungsgrabens ſtanden eine betraͤchtliche Menge Menſchen, aber Niemand wurde hinausgelaſſen, ausgenommen Tagliapietra, von der Inſel Zante, der Arzt des Weſirs, und ich; man ſchloß das Thor wieder, ſobald wir einge⸗ treten waren. In dem Palaſte, Caſtro genannt, fand ich den Hof mit einer Menge Vornehmen und namentlich mit beinahe allen nur etwas aus⸗ gezeichneten Europaͤern angefuͤllt. Niemand wagte es, ohne gerufen zu werden, in die Gemaͤcher hin⸗ aufzugehen; ich wartete laͤnger als zwei Stunden darauf, daß auch an mich die Reihe komme, aber ich benutzte dieſe Zeit, um Erkundigungen uͤber Alles einzuziehen, was ſich zutrug. Ich erfuhr, daß ſeine Hoheit(ſo nannten die Griechen und Europäer Ali Paſcha) nach dem Eſſen nach Pre⸗ veſa aufbrechen wuͤrden; daß die meiſten Großen ſeines Hofes ſich ebenfalls dahin begaͤben, mit Aus⸗ nahme Mehemed Effendis, ſeines Kjahyah, und einiger andern ausgezeichneter Muſelmaͤnner; daß Griechen und Europäer ſich in Maſſe nach Pre⸗ veſa verfuͤgten. Da dieſe Stadt nun ſehr klein iſt, mußten ſich dort oft ſechs Perſonen mit einem Stuͤbchen begnuͤgen, und die Dienerſchaft, ſo wie die Eigenthuͤmer mit ihren eigenen Familien bivouakirten in den Gärten und auf den Straßen. Mit einem Worte, man befand ſich ſchlecht in Pre⸗ veſa, wenn der Weſir dort war, und beſonders in den Zeiten der Peſt, weil dann eine zu große Menge Menſchen hier zuſammenſtroͤmte. Ich faßte daher den Entſchluß, nicht hinzugehen, wenn ich es vermeiden koͤnnte, um ſo mehr da ich die Stadt und ihre Umgebung genau kannte, weil ich ſchon zweimal dort geweſen war, das erſte Mal bei meiner Ankunft in den Staaten Ali Maſchas, das zweite Mal von ihm hingeſchickt, die Feſtungs⸗ werke zu beſichtigen und ſeine Befehle in Beziehung auf dieſelbe zu uͤberbringen. Die Reiſe konnte mir daher nur ſehr unangenehm ſein, ohne mir irgend etwas zu bieten, das im Stande war, meine Neugier oder meine Wißbegier zu befriedigen. Als ich daher vor Ali erſchien, war ich entſchloſſen, un⸗ ter der Obhut Gottes in Janina zu bleiben. Als ich in ſein Zimmer trat, bemerkte ich, daß man die Fußteppiche weggenommen hatte, mit denen in der Tuͤrkei faſt alle Fußboͤden bedeckt ſind. Am Tage meiner erſten Unterredung mit Ali, gleich nach meiner Ankunft in Janina, hatte ich den Fußbo⸗ den ſchon einmal ſo entbloͤßt gefunden. Damals verheerte die Peſt die Stadt Larta, 12 Stunden von Janina, und da die Europäer behaupten, daß 4 — 135— Wolle die Peſt mittheilt, ließ Ali bei dem geringſten Zeichen dieſer Geißel die Teppiche wegnehmen, un⸗ geachtet er uͤberzeugt war, 150 Jahr alt zu werden. Sobald ich eingetreten war, ſagte er ſeufzend zu mir:„Du weißt ohne Zweifel ſchon, Ibrahim Effendi, welches Ungluͤck auf dieſer Stadt laſtetz ich gehe nach Preveſa; triff Deine Anſtalten, mir zu folgen und reiſe noch heute Abend, ſpäteſtens aber morgenfruͤh ab. Ich fragte ihn, ob ich in Dienſtangelegenheiten nach Preveſa gehen ſollte, oder nur aus Furcht vor der Peſt. Er antwortete mir, wegen der Peſt, da er vorausſetze, daß ich trotz meines Islamismus nicht bös ſein wurde, unter ſolchen Umſtaͤnden Ja⸗ nina verlaſſen zu können. Da die erſten Muſel⸗ maͤnner, wie Mehemed Effendi, Kiahyah Ali Pa⸗ ſchas, der Mufti, der Cadi, der Divan⸗Effendi und mehrere andere zugegen waren, hielt ich die Ge⸗ legenheit fuͤr paſſend, die Religion als Vorwand meiner Weigerung zu nehmen; ich bat ihn daher, wenn er es vermoͤchte, mir irgend einen Ort auf der Erde anzugeben, der außerhalb des Himmels⸗ gewoͤlbes laͤge, ſo wuͤrde ich mich augenblicklich da⸗ hin begeben, weil ich dort von der Peſt nicht er⸗ reicht werden koͤnnte; da aber Preveſa ebenſogut als Janina unter dem Gewölbe des Himmels, und folglich unter der Allmacht Gottes laͤge, wuͤrde ich glauben, das Vertrauen zu verletzen, das ich der gottlichen Vorſehung ſchuldig ſei, wenn ich mich * — 136— den Abſichten zu entziehen ſuchte, die ſie mit mir haben koͤnnte. Die Religion verbiete zwar, ſich an einen Ort zu begeben, den die Peſt verheert, aber ſie befehle auch zugleich, wenn man ſich in einer Stadt befinde, die von dieſer Geißel heimgeſucht iſt, dieſe nicht zu verlaſſen, und folglich fuge ich mich in den Willen Gottes. Alle anweſenden Muſelmaͤnner und Ali ſelbſt prieſen meine Froͤmmigkeit, und er ſagte dann, es ſei auffallend, daß ich, ein geborner Franzoſe, die Peſt nicht ſcheue, da ſie alle ſie fuͤrchteten. Ich antwortete ihm, das ſei nicht Mangel an Muth, ſondern nur Mangel an Einſicht in die göttliche muſelmaͤnniſche Religion. Du haſt Recht, ſagte der Weſir, denn der Ei⸗ ſenkopf Pouqueville, der nichts auf der Welt fuͤrch⸗ tete, nicht einmal meinen Zorn, hat eine ungeheure Furcht vor der Peſt. Wollte Gott, ich hätte das Vergnuͤgen gehabt, ihn hier daran ſterben zu ſehen, mit allen Ruſſen und allen Feinden unſerer heiligen Religion. Alle Anweſenden ſagten Amine(Amen), was die Mahomedaner nie unterlaſſen, wenn einer von ihnen Verwuͤnſchungen gegen die Chriſten aus⸗ ſpricht, oder Wuͤnſche fuͤr das Wohl des Islamis⸗ mus oder des Sultans.— Das Reſultat mei⸗ ner Audienz war, daß ich in Janina blieb, denn ich habe mich in der That nie vor der Peſt ge⸗ furchtet. Mein Entſchluß erwarb mir uͤbrigens — 137— einen hohen Grad der Achtung bei den Muſel⸗ maͤnnern. Ali Paſcha war abergläubiſch und unwiſſend, in ſolchem Grade, daß er einen horizontal gelegten Zirkel hatte, auf dem ſich vorgeblich magiſche Fi⸗ guren befanden; eine goldene Nadel drehte ſich auf einer Kurbel in der Mitte, wie die Drehſchei⸗ ben auf den Jahrmarktslotterien. Bei allen An⸗ gelegenheiten von einiger Wichtigkeit zog der aber⸗ glaͤubiſche Tyrann ſein Orakel zu Rathe, indem er die Nadel drehte, waͤhrend er einige vorgeblich ma⸗ giſche Worte ausſprach, und je nachdem die Nadel bei dem einen oder dem andern Zeichen ſtehen blieb, wurde die beſchloſſene Sache ausgefuͤhrt oder ver⸗ worfen, der Plan aufgenommen oder aufgegeben. Ich habe ihn dieſe Laͤcherlichkeit nie begehen ſehen, denn er wollte dabei ſtets allein ſein; aber ich ſah zweimal die Maäſchine, nach welcher ſich das Benehmen eines Weſens richtete, dem die will⸗ kuͤrliche Gewalt uͤber ſo viele hundert tauſend See⸗ len anvertraut war. Eine andere eben ſo laͤcherliche als aberglaͤubiſche Idee Ali Paſchas war, daß er fortwaͤhrend bauen ließ, entweder Palaͤſte oder Feſtungen, Magazine, Arſenale oder andere Gebaͤude. Er glaubte feſt, daß ſein Geſchick an den Mauern hinge, die er auffuͤhren ließ, und daß ſein Leben nicht bedroht ſei, ſo lange Gebaͤude in Arbeit waͤren. Noch ein Zug von dem Aberglauben Ali Pa⸗ ſchas war das blinde Vertrauen, welches er in einen Siegelring ſetzte, wie alle Orientalen deren haben. Der Stein dieſes Siegelringes, ein Carneol, war in zwei Stuͤcke gebrochen und in Silber gefaßt, und der Ring war ebenfalls von Silber. Die Ge⸗ ſchichte dieſes Ringes ſcheint mir merkwuͤrdig ge⸗ nug, ich will ſie daher ſo erzählen, wie ich ſie von wohl unterrichteten Perſonen vernommen habe. Zu der Zeit, als Ali noch ein armer Juͤngling, ungefaähr 15 Jahr alt war, bat ein afrikaniſcher Derwiſch aus dem Koͤnigreich Marokko um Gaſt⸗ freundſchaft in dem Hauſe ſeiner Mutter, welche ſich damals in einer Lage befand, die an gaͤnzlichen Mangel grenzte. Man weiß, daß die Gaſtfreund⸗ ſchaft im Orient eine Tugend iſt; Khamco, die Mutter Ali's, war in Verzweiflung daruͤber, daß ſie wegen ihrer Armuth kein Fleiſch fuͤr ihren Gaſt hatte; ſie glaubte, dieſer verſtände die albaneſiſche Sprache nicht, in der ſie zu ihrem Sohne redete. Es war kein Geld im Hauſe, und Ali faßte den Entſchluß, ſein einziges gutes Kleid zu verkaufen, um den Gaſt, den Gott dem Hauſe geſendet hatte, beſſer bewirthen zu koͤnnen. Der Derwiſch wurde krank, und Ali, der kein Geld zu borgen fand, ver⸗ kaufte allmaͤlig mehrere Geraͤthſchaften, um die Koſten zu decken, welche die vermehrten Ausgaben verurſachten. Nach ungefaͤhr einem Monat war der Fremde hergeſtellt, und im Augenblick ſeiner — 139—* Entfernung ſagte er zu Ali, daß er das Albaneſiſche verſtehe, und folglich von allen den Opfern unter⸗ richtet ſei, die er ſeinetwegen ſo großmuͤthig gebracht habe. Um ihn zu belohnen, gab er ihm den zer⸗ brochenen Ring, indem er ihm rieth, ihn nie von ſich zu geben, weil er ihm dann ein ungewoͤhnli⸗ ches Gluͤck bringen und ihn ſchnell zu den hoͤch⸗ ſten Stufen des Gluͤckes, der Reichthtlner und der Macht fuͤhren wuͤrde. Das Vertrauen, wel⸗ ches der leichtglaͤubige Ali den Worten des Der⸗ wiſches ſchenkte, war vielleicht die Haupturſache ſeiner Größe; denn voll unbedingten Glaubens in die Kraft ſeines unſchätzbaren Talismanns ging er voll Begierde dem Gluͤcke entgegen; es kann alſo in der That der Ring ſein, der ihn zu ſeiner Groͤße fuͤhrte. Sobald der Derwiſch fort war, wollte Ali die Wirkſamkeit ſeines Talismanns pruͤfen, und zugleich die Breſche ausfuͤllen, die der Aufent⸗ halt des Fremden in ſeinen Sachen zur Folge ge⸗ habt hatte; er fand es dazu ganz einfach, ſich zum Klephthen(Straßenraͤuber) zu machen, ein Hand⸗ werk, bei dem es ihm vollkommen gluͤcklich ging und welches die erſte Sproſſe ſeiner Gluͤcksleiter war. Ich ſah dieſen Ring; er trug ihn an einer Schnur an dem Hals und er ſelbſt hat mir ihn im Jahre 1817 gezeigt. — 140— Ich glaube einige Beiſpiele anfuͤhren zu muͤſ⸗ ſen, welche darthun, bis zu welchem Punkte Ali Paſcha, der ſtolzeſte Menſch, der grauſamſte Des⸗ pot, der je exiſtirte, ſeine Ehrfurcht und ſeine Furcht vor den Derwiſchen trieb. Ich koͤnnte eine große Menge ſaͤmmtlich ſehr ſonderbarer Thatſachen an⸗ fuͤhren, ſowohl nach eigener Kenntniß, als nach dem, was man mir erzählte, aber ich werde mich auf einige der hervorſtechendſten beſchraͤnken, deren Augenzeuge ich zu meinem großen Erſtaunen war. 1816, wenige Wochen nach meiner Ankunft in Janina, war ich auf dem Wege zu dem Tyran⸗ nen, der mich hatte rufen laſſen, um ihn außerhalb der Stadt nach einem Huͤgel zu begleiten, auf dem er ein Fort errichten laſſen wollte. Ein Derwiſch ging mit mir denſelben Weg. Er ging neben mei⸗ nem Pferde her und bat mich um Geld; ich gab ihm einige Paras. Nach den empfangenen Be⸗ fehlen machte ich unter einem Gewoͤlbe des Pala⸗ ſtes vor einer Thuͤr Halt, uͤber der ſich ein in Ja⸗ nina ſehr bekanntes Fenſter befand, wo man es mit dem Namen Kafass(Gitter) bezeichnete, we⸗ gen eines ſehr engen Gitters, mit dem es verſchloſ⸗ ſen war. Ali Paſcha befand ſich oft hinter dieſem Fenſter und gab den Perſonen, die unten auf der Straße ſtanden, unſichtbar Audienzen oder ertheilte ihnen Befehle. Nur durch beſondere Gunſt wurde man in das Zimmer vorgelaſſen, welches dies Fen⸗ ſter beleuchtete, und waͤhrend der ganzen Zeit, die — 141— ich in Janina zubrachte, habe ich nur fuͤnf- oder ſechsmal dort Zutritt erlangt. Die meiſten ſeiner Hoͤflinge und der in ſeinem Dienſt ſtehenden Per⸗ ſonen, ausgenommen ſeine Leibdiener, ſind nie in dieſem Zimmer geweſen, deſſen Name Allen eine Art von Furcht einfloͤßte, weil man bemerkt hatte, daß, wenn er nur einen halben Tag im Kafass zuge⸗ bracht, ſeine tyranniſche Neigung ſich ſteigerte und daß dann ſtets ein verderblicher oder blutiger Er⸗ folg die Folge derſelben war. Erſt ſeit wenigen Minuten war ich bei der Thuͤr angelangt, als man ſie von innen oͤffnete und Ali Paſcha herauskam, zu Pferd, begleitet von einigen ſeiner Tcharkadgis(eine Art von Leibgarde, aus ehemaligen Straßenraͤubern zuſammengeſetzt. An einer andern Stelle werde ich eine ausfuͤhrlichere Beſchreibung von dieſen Ungeheuern geben). Die Menge der Bittſteller wurde ſogleich mit gewalti⸗ gen Stockſchlägen auseinander getrieben, der Der⸗ wiſch aber, der auch vor dem Kakass ſtehen geblie⸗ ben war, verſchont. Er trat mit der groͤßten Kalt⸗ blutigkeit vor den Weſir und ſagte, daß er mit ihm ſprechen wolle; dieſer antwortete ihm, er habe jetzt keine Zeit, der Derwiſch ſolle dieſen Abend wie⸗ der kommen. Der Derwiſch beſtand darauf, ihn augenblicklich zu ſprechen. Um ſich ſeiner zu ent⸗ ledigen, fuhr Ali in die Taſche und zog eine Hand voll Rubiens(eine ſehr kleine Goldmuͤnze, im Werth von ungefaͤhr 14 Groſchen), die er ſtets bei ſich trug, heraus, um ſie dem Detwiſch zu ge⸗ ben. Er bot ſie dieſem, indem er ſagte: Nimm einſtweilen dies, bete zu Gott fuͤr mich und komm' dieſen Abend wieder. Indem er ſo ſprach, ließ er ſein Pferd eine Bewegung machen, um weiter zu reiten, aber der Derwiſch wagte es, den Zuͤgel nahe am Gebiß anzugreifen, hielt es zuruͤck, indem er gebieteriſch verlangte, gleich gehoͤrt zu werden, und hinzufuͤgte, daß er von einem Kialir(Ungläubi⸗ gen) nichts annehmen wolle. Erſchreckt ſagte Ali, der die Zuruͤckweiſung ſeiner Geſchenke durch einen Derwiſch ſehr fuͤrchtete, daß ich ihn erwarte, und daß wir wegen einer ſehr wichtigen Angelegenheit, die keine Verzoͤgerung litte, an irgend einen Ort gehen muͤßten. Der Derwiſch entgegnete, ich könnte warten oder gehen, wie es mir gut duͤnken wuͤrde, ihn aber anzuhoͤren, muͤßte Ali ſich durchaus ent⸗ ſchließen. Der Weſir wendete ſich hierauf zu mir und ſagte: Wir muͤſſen uns gedulden, Ibra⸗ him Effendi, es wird nicht lange dauern. Es wird nicht lange dauern? unterbrach ihn der Derwiſch, was weißt Du davon, alter Suͤn⸗ der? Und nun begann er eine Strafrede, die in der That lange genug waͤhrte; dabei hielt er ſtets den Zuͤgel vom Pferde des Weſirs, der ihm von Zeit zu Zeit ſeine goldgefuͤllte Hand hinhielt; jedes⸗ mal unterbrach dann der Derwiſch ſeine Rede, um das Gold mit den Worten zuruͤckzuweiſen: Ich will es nicht, es iſt ſchlecht erworben. Dann fuhr er — 143— in ſeiner Strafpredigt fort, in welcher er dem Tyrannen mit lauter vernehmlicher Stimme in Gegenwart einer zahlreich verſammelten Menge alle Verbrechen zum Vorwurf machte, mit denen er ſich beſudelt hatte, ſeine Irreligioſitaͤt und die Verach⸗ tung, die er allen beſſern Menſchen einfloͤßte. Ei⸗ nige Stellen ſeiner Rede waren wirklich ſehr ſchoͤn, wie z. B. die, wo er ſagte: Jeder Stein der zahl⸗ reichen Palaͤſte, die Du aufgefuͤhrt haſt, koͤnnte ganz mit dem unſchuldigen Blute gefäͤrbt werden, das Du vergoſſen haſt; koͤnnten die Seelen, die Du ihrem Koͤrper vor der Zeit entriſſeſt, dich umſchwe⸗ ben, ſo wuͤrde ihre Zahl groͤßer ſein, als die Worte, die Du an Gott richteſt, um ſeine Gnade zu erflehen; das Geld, das Du zu Geſchenken und Almoſen anwendeſt, iſt durch Gewaltthat und Ungerechtig⸗ keit erworben, und die Almoſen werden Dir nicht als verdienſtliche Werke angerechnet, ſondern nur als ſo viele Suͤnden mehr, da die, welche es em⸗ pfangen, ſuͤndigen, wovon Du die Urſache biſt. Der Weſir antwortete kein Wort, da er aber die Gewohnheit hatte, wenn ihn irgend etwas ver⸗ droß, den Kopf ſtolz zu erheben und die Blicke in die Hoͤhe zu richten, ließ die Rede des Derwiſches ihn dieſe Blicke machen; der Derwiſch aber be⸗ merkte dies, glaubte, es geſchehe aus Stolz und redete ihn mit folgenden Worten an: O, Ali, ſieh nicht immer nach oben, ſondern wirf die Blicke nach unten, von woher Du gekommen biſt, und — wohin Du zuruͤckkehren wirſt, ſobald der Wille des allmaͤchtigen Gottes es gebietet. Damit ließ er den Zuͤgel des Pferdes los, wen⸗ dete dem Paſcha ben Ruͤcken und ging. Wir rit⸗ ten ſogleich nach dem Huͤgel. Waͤhrend des We⸗ ges und indem wir durch die Stadt kamen, hielt ich mich dem Gebrauche zu Folge 100 Schritt hin⸗ ter dem Tyrannen, kaum aber hatten wir das Quartier Bakhtche erreicht, ſchickte er mir einen Tcharkadgi, mit dem Befehle, zu ihm zu kommen; ich ſprengte im Gallop heran. Er befahl mir, mich dicht zu naͤhern, und fragte mich dann, was ich von dem Auftritte daͤchte, deſſen Zeuge ich geweſen war. Ich ſagte ihm, ich ſei ſehr uͤberraſcht, daß er ſolche Unverſchaͤmtheiten oͤffentlich dulde, und ich geſtand, daß ich nicht ſo geduldig geweſſ waͤre, wie er. 8 Mein Sohn, ſagte Ali, ich habe viele Fehler; 6 bin ein Tyrann, das iſt wahr, aber ich beſitze eine Tugend, die Alles uͤberwiegt, das iſt die Geduld. Unter Allen denen, welche an Mahomed glauben, iſt nicht ein Einziger, welcher ſo viel Geduld hat, wie ich. Ich fragte ihn, weshalb er, mit dieſer ſchoͤnen Tugend begabt, ſo viele Menſchen toͤdten ließe; er entgegnete mir, daß ſei bei ſolchen Unterthanen, wie die, uͤber welche er gebiete, nothwendig. Du kennſt noch weder die Albaneſen, noch die Griechen; während ich an die Platane den einen Bruder hän⸗ gen laſſe, ſtiehlt der andere Bruder in dem Ge⸗ * — 145— draͤnge unter eben dieſem Baume. Ließe ich ei⸗ nen verbrennen, ſo wuͤrde ſein Sohn die Aſche ſtehlen, um ſie zu verkaufen. Sie ſind dazu be⸗ ſtimmt, von mir beherrſcht zu werden, und nur ich allein bin im Stande, ſie in der Furcht zu er⸗ halten. Er ſagte mir hierauf, daß er es nicht paſſend gehalten hatte, gegen den Derwiſch den Grund zu äußern, weshalb wir die Stadt verließen, weil es vor der Volksmenge, die Zeuge dieſes Auftrittes war, ſo ausgeſehen haben wuͤrde, als gäbe er von ſeinen Handlungen Rechenſchaft, er, der dazu nur gegen Gott und gegen den Sultan verpflichtet ſei; ich ſolle aber, ſobald wir nach der Stadt zuruͤckge⸗ kehrt ſein wuͤrden, wie aus eigenem Antriebe zu dem Derwiſch gehen und ihm ſagen, der Weſir habe ſeines hohen Alters ungeachtet die Stadt ver⸗ laſſen, um einen paſſenden Ort zu der Erbauung einer Feſtung des Sultans(Padichahkalaasi) zu ſuchen; deshalb ſei er ſo eilig geweſen und habe es auf eine andere Zeit verſchoben, ihn zu hören; deshalb ſolle er einem armen Greiſe nicht zuͤrnen, der ſo eifrig im Dienſt des Herrſchers und fur die Sicherheit des muſelmaͤnniſchen Gebietes ſo beſorgt ſei; er dürfe ſich nur Abends zu ihm begeben und ich könne ihm den beſten Erfolg zuſichern. Ich ſtellte alle möglichen Nachforſchungen an, nicht für die Ruhe Ali Paſchas, ſondern weil es mich ge⸗ freut haben wuͤrde, den muthigen, tugendhaften Kardiki. 10 — 146— und uneigennuͤtzigen Mann, Eigenſchaften, die bei den Derwiſchen ſo ſelten ſind, naͤher kennen zu ler⸗ nen. Alle meine Muͤhe blieb fruchtlos und ich hatte das Vergnuͤgen, dem beſorgten Tyrannen zu melden, daß ich den Mann nicht hatte entdecken können. Die Nachricht brachte ihn außer ſich, und das freute mich um deſto mehr. Aber man darf nach dieſer Thatſache nicht glau⸗ ben, daß alle Derwiſche dieſelbe Tugend beſaßen, obgleich alle ſo dreiſt waren. Sie gaben dem Weſir nie einen Titel, ſondern nannten ihn kurzweg Ali. Faſt täglich fanden Derwiſche Gefallen daran, ihn nach den muſelmaͤnniſchen Begriffen mit den grobſten Schmähungen zu uͤberhaͤufen; denn un⸗ ter andern beleidigenden Ausdruͤcken erlaubten ſie ſich auch ihn Domouz(Schwein) zu nennen, Guyaour und Kiair. Das erſtere dieſer beiden Worte iſt nur auf einen Cyriſten anzuwenden, mit dem es ſynonym iſt, denn es laßt ſich nicht ein⸗ mal auf die Juden beziehen, da dieſe als Anbeter der ſtrengen Einheit Gottes den Muſelmaͤnnern gleich ſtehen. Das Wort Kiakir bedeutet buchſtäb⸗ lich einen Atheiſten. Eine andere Schmaͤhung iſt in der Tuͤrkei noch haͤufiger, naͤmlich das Wort Pesevenk, welches einen Menſchen bedeutet, der darin willigt, daß ſeine Frau ihm untreu iſt. Oft ſind durch dieſes Wort Kämpfe und Mordthaten herbeigefuͤhrt worden, und gleichwohl verſchwende⸗ ten es die Derwiſche gegen Ali Paſcha, ohne daß X — 147— er es gewagt haͤtte, einem ſeiner Satelliten zu befeh⸗ len, ſie zum Schweigen zu bringen. Alle dieſe Un⸗ verſchaͤmtheiten fanden ſtets öffentlich Statt, wenn der Paſcha an einem offenen Fenſter ſaß und der Pof ſeines Palaſtes mit Menſchen angefullt warz das kam daher, weil er die groͤßte Vorſicht wegen ſeiner perſoͤnlichen Erhaltung trafz dann eiferten die Derwiſche gegen ihn. Sie waren aber auch in den Saͤlen nicht gemaͤßigter, wie man aus fol⸗ gender Thatſache erſehen wird. Am Tage des Beiramfeſtes, welches im Som⸗ mer des Jahres 1817 Statt fand, waren alle aus⸗ gezeichneten Perſonen vom Hofe Ali's bei dem Paſcha verſammelt, um ihm zu dem Feſte Gluͤck zu wuͤnſchen, da trat ein bejahrter Derwiſch her⸗ ein, ſchmutzig, halb nackt, mit einer Tigerhaut um die Schultern, kurz in dem Aufzuge eines wahres Derwiſches. Er verſchmaͤhte es, uͤber die Feier⸗ lichkeit des Tages nur ein Wort zu ſagen und ſetzte ſich auf das Sopha, welches nach orientali⸗ ſcher Sitte rings um den Saal herum lief. Die Diener ſtehen auf der vierten Seite. Der Der⸗ wiſch wendete ſich zu den Dienern, welche im Be⸗ griff ſtanden, ihm die kleine Taſſe Kaffee zu brin⸗ gen, die jedem Gaſte uͤberreicht wird, und gebot ih⸗ nen mit lauter Stimme, ihm eine Pfeife zu brin⸗ gen. Der am Hofe Ali's eingefüuhrte Gebrauch erlaubte Niemand, in deſſen Gegenwart zu rau⸗ chen, mit Ausnahme des Mehemed Sfnd⸗ ſeines 1 — 148— Kiahyah, und eines Scheiks, Maſſeont, eines alten Wuͤſtlings aus Conſtantinopel, wo er Su⸗ perior eines Teke in Scutari war, und der Ali Paſcha jaͤhrlich einmal beſuchte; er war der ver⸗ traute Genoſſe aller ſeiner ſchmutzigen Orgien. Daſſelbe Vorrecht war auch allen Monbagis und andern ausgezeichneten Perſonen gewaͤhrt, welche von Conſtantinopel kamen, ſo wie den Conſuln der fremden Maͤchte. Es war ſchon zuweilen geſche⸗ hen, daß ein Derwiſch in Gegenwart des Weſirs eine Pfeife forderte, aber nur in kleiner Geſell⸗ ſchaft, und die Diener glaubten, daß bei der großen Anzahl der anweſenden Perſonen, welche ſich durch ihren Rang, ihr Vermoͤgen, oder ihre Gunſt, in der ſie beim Paſcha ſtanden, auszeichneten, und von denen keiner eine Pfeife hatte, denn Ali Paſcha allein rauchte, es nicht paſſend ſein wuͤrde, einem zerlumpten Derwiſch eine Pfeife zu geben. Der unverſchaͤmte Menſch aber ſchrie von ſeinem Platze aus dem Weſir zu: Ali, ich will rauchen! Die⸗ ſer befahl ſogleich, ihm eine Pfeife zu bringen, aber der Derwiſch erklaͤrte, daß er einen Narguile ver⸗ lange(eine perſiſche und arabiſche Pfeife, bei wel⸗ cher der Rauch durch Waſſer geht). Ali befahl ihm zu bringen, was er verlangte. Der eigenſin⸗ nige Derwiſch ſagte, er wollte durchaus die, aus welcher der Paſcha ſo eben rauchte; Ali, ſo wie einige andere Perſonen, mochten ihm immer noch ſagen, daß er eine noch reichere bekommen ſollte, er beharrte bei ſeiner Starrkopfigkeit, ſtieß den prachtvollen Narguile, den ein Diener ihm zu Fuͤ⸗ ßen ſtellte, mit dem Fuße von ſich, ſo daß die Ma⸗ ſchine umfiel, der Deckel aufging und das Waſſer uͤber den reichen Teppich hinlief. Als der Weſir die Hartnäckigkeit dieſes eigenſinnigen Menſchen ſah, befahl er ihm ſeinen eigenen Narguile zu brin⸗ gen. Eben in dem Augenblicke, als Ali Paſcha ſo viele Herablaſſung zeigte, wagte es der Derwiſch, der eben ſo verſchroben als verwegen war, zu ver⸗ langen, daß der Weſir ſelbſt ihm den Narguile bringen ſollte, während mehr als dreißig Diener und ſogar alle Anweſenden ſich beeilt haben wuͤr⸗ den, ihm zu bringen, was er verlangte, um dem Tyrannen dieſe Demuͤthigung zu erſparen. Es fanden Hin⸗ und Herreden Statt, welche wenig⸗ ſtens eine Viertelſtunde währten und mich ſehr un⸗ terhielten. Um ſeine Wuͤrde nicht in den Augen ſeines ganzen verſammelten Hofes zu verletzen, in⸗ dem er die Verrichtung eines Dieners uͤbernahm, bat er den Unverſchamten, ſich an ſeine Seite zu ſetzen, wo aus Ehrfurcht immer rechts und links ein großer leerer Raum war. Das war eine Ehre, die er dem ſonderbaren Menſchen anbot, aber dieſer wollte ſich nicht von der Stelle ruͤhren und zeigte ſich ſo hartnaͤckig in ſeiner auffallenden Laune, daß der ſtolze, maͤchtige, bejahrte und kränkliche Ali ge⸗ zwungen war, von ſeinem Platze aufzuſtehen, und ſeinen Narguile demuͤthig zu den Fußen des Der⸗ — 150— wiſches niederzuſeben; er that dies, ohne ein Wort zu ſprechen, und Jener nahm es ebenfalls ſtumm hin. Ali kehrte auf ſeinen Platz zuruͤck, nach dem orientaliſchen Gebrauch auf den Arm des Omir Bey Ounioni geſtuͤtzt, der damals Generaliſſimus ſeiner Truppen war, und auf Hadgi Gebri Effendi, einen ſeiner Miniſter. Sein Geſicht verrieth keine Aufregung. Nachdem der Derwiſch einige Minuten geraucht hatte, ſtand er auf und ging, ohne etwas zu ſagen. Keiner der Anweſenden wagte es in Ge⸗ genwart des Tyrannen hieruͤber eine Bemerkung zu machen, aber dann wurden genug Commentare angeſtellt. Ich habe ſeitdem dieſen Derwiſch oͤf⸗ ters in den Straßen von Janina, ſowie in dem Schloſſe des Despoten gefunden, ohne daß er mir unverſchaͤmter vorgekommen waͤre als alle uͤbrigen. Eines Tags(1818) ließ Ali Paſcha mich ru⸗ fen, um mir einige Befehle zu geben Als ich in dem ſogenannten Schloſſe Caſtro zu ihm kam, aß er in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes, in welchem Niemand als die beiden Sclaven waren, die ihn bedienten; aber vor dem Zimmer am Fenſter ſtand ein Derwiſch und forderte von dem Weſir Geld, auf die roheſte Weiſe und indem er ihn mit Schmaͤhungen uͤberhaͤufte. Der Auftritt hatte ſchon vor meiner Ankunft begonnen und die Fort⸗ ſetzung deſſelben hinderte Ali nicht, ruhig zu eſſen und mit mir zu ſprechen. Ich ſtand dem Paſcha gegenuͤber, denn wenn er mir nur ſeine Befehle = 1— ertheilen wollte, ließ er mich gewoͤhnlich nicht ſetzen ich konnte folglich alle Bewegungen des Derwiſches durch das Fenſter ſehen, an welchem der Tyrann aß. Der Menſch benahm ſich wie ein Wahnſin⸗ niger, drohte mit der Stimme und den Händen, und zog von Zeit zu Zeit ſein Meſſet, das er auf den Weſir zuͤckte, der ihn nicht zu hoͤren ſchien und ihn nicht ſehen konnte. Man haͤtte glauben ſol⸗ len, wenn er viel Geduld mit den Derwiſchen haͤtte, ſo faͤnde er auch Vergnuͤgen daran, die ihrige auf die Probe zu ſetzen, indem er ſie Stunden lang toben ließ, ohne ſie zu hoͤren. Endlich zählte er einige funfzig Rubiens auf, die er ihm durch einen Diener ſchickte; da aber wurde der Derwiſch wuͤ⸗ thend, weil er die Summe zu gering fand. Da der Weſir auf ſein laͤrmendes Verlangen nicht ach⸗ tete, ſetzte der Verwegene ſein Voufboras) an und begann eine fuͤrchterliche Muſik, welche die Stimme des Tyrannen, welcher ruhig mit mir zu ſprechen fortfuhr, ſo ſehr uͤbertobte, daß ich mich genothigt ſah, ihm zuzuſchreien, wenn er dem Derwiſche nicht Still⸗ ſchweigen geboͤte, ſo ſei es uͤberfluͤſſig, mit mir zu ſprechen, denn ich verſtaͤnde doch nichts. Er ſchwieg hierauf, aber ohne einen Befehl in Bezug auf den *) Ein hohles Horn, in welches die Derwiſche von dem Orden der Roufais in den orientaliſchen Bazars bla⸗ ſen, um die Aufmerkſamkeit der Muſelmänner auf ſich zu ziehen und ihre Barmherzigkeit zu erwecken. Der Ton die⸗ ſes Inſtrumentes iſt eben ſo betäubend als unangenehm laͤſtigen Derwiſch zu geben, und ſcheinbar, ohne auf ihn zu achtenz der Derwiſch wurde daruber ſo aͤrgerlich, daß er mit ſeinem Voufbora einen hefti⸗ gen Schlag gegen die kryſtallene Scheibe that, die Ali Paſcha mit großen Koſten aus Deutſchland hatte kommen laſſen; die Stuͤcken flogen auf das Sopha rings um den Tyrannen, der ſich begnugte, mit der größten Ruhe zu ſagen: Mein Vater, Ihr ſeid ſehr ungeduldig; nehmt das und be⸗ tet zu Gott fuͤr mich!— Dabei gab er ihm noch eine Hand voll Gold, ohne es zu zählen. Der Derwiſch entfernte ſich murrend und ohne zu danken, der Paſcha aber fuhr fort ruhig zu eſſen und mir ſeine Befehle zu ertheilen. Ich habe ſehr oft geſehen, wie dieſe Derwiſche Steine oder Erdklöße auf Ali warfen, ohne daß dieſer daruͤber bös zu werden ſchien, und ohne daß ſeine fuͤrchterlichen Satelliten die geringſte Bewe⸗ gung machten, dieſe Beleidigung zu hindern. An einem Sommerabende des Jahres 1818 befand ſich der Weſir an einem Fenſter im Erd⸗ geſchoſſe des Schloſſes Caſtro; da er aber in dem Hofe einen breiten Graben hatte aufwerfen laſſen, der das Gebäͤude von dem Hofe ſelbſt trennte, und man, um zu ihm zu gelangen, uͤber eine Bruͤcke mußte, die mit einer Barriere verſchloſſen war, welche von den fuͤrchterlichen Kavassen bewacht wurde, welche nur den dazu berechtigten Perſonen oͤffneten, wurden die Derwiſche wuͤthend. Am — erſten Abend, als der Tyrann ſich auf dieſe Weiſe öffentlich zeigte, faßte ein Derwiſch mit beiden Haͤn⸗ den das Gitter, welches an beiden Seiten des Ho⸗ fes an dem Graben hinlief, wendete ſeine ganze Kraft an, es zu erſchuͤttern, und forderte die Um⸗ ſtehenden auf, ihm zu helfen. Man kann ſich leicht denken, daß Niemand eine ſolche Thorheit beging, welche jedem Andern, als einem Derwiſch, das Le⸗ ben gekoſtet haben wuͤrde. Als der Wahnſinnige ſah, daß Niemand ihm beiſtand, wendete er ſich zu dem Volke und forderte es mit der groͤßten Hef⸗ tigkeit auf, das Gitter niederzureißen, in den Pa⸗ laſt zu dringen und ihn zu pluͤndern, wobei er es ſich vorbehielt, den Tyrannen, ſowie die Chriſten, die ihn umgaben, zu tödten. Er ſuchte die Hab⸗ gier der Albaneſen dadurch zu reizen, daß er ihnen ein Bild von den ungeheuern Reichthuͤmern ent⸗ warf, welche in dem Palaſte aufgehaͤuft waͤren, und um ſie gegen ihren Herrn aufzubringen, ſchrie er ihnen zu, es ſei ſchmachvoll fur Muſelmaͤnner, ſich von einem Menſchen beherrſchen zu laſſen, der von griechiſchen und europäiſchen Chriſten umge⸗ ben ſei, welche ihn leiteten und ſo eigentlich die wa⸗ ren, welche rechtglaͤubige Muhammedaner beherrſch⸗ ten. Man verraͤth Euch, ſchrie er; Muſelmaͤn ner, Ihr, Eure Weiber, Eure Kinder, Eure Guͤter und Euer Land, ſeid verkauft und werdet den Chriſten uͤberliefert werden. Was wartet Ihr, Euch des Tyrannen zu entledigen, bes Verraͤthers, der Eu⸗ — 151— ren Blicken durch ſeine Gitter trotzt? Fuͤrchtet Ihr die Stoͤcke ſeiner Kavaſſen? Ein Augenblick Eures Willens, und ſie zerbrechen auf dem Ruͤcken derer, die ſie mit ſo großer Unverſchaͤmtheit tra⸗ gen. Fuͤrchtet Ihr die Waffen derer, welche es vielleicht wagen ſollten, den Chriſten zu vertheidi⸗ gen; Ihr tragt auch Waffen und Ihr ſeid hun⸗ dertmal zahlreicher als ſie; folgt mir im Namen Gottes und ſeines Propheten. Niemand wagte ſich zu ruͤhren, ausgenommen einige Derwiſche, welche wie Wuͤthende an die Seite eines ſo verwegenen Oberhauptes traten. Der Weſir fuhr fort, ſeine Pfeife zu rauchen, und mit Anbruch der Nacht, als die Thore des Pala⸗ ſtes geſchloſſen wurden, verlief ſich die Menge, die Derwiſche mit ihnen und die Sache hatte kein wei⸗ teres Reſultat. Der Tyrann hatte ſehr ſonderbare Launen. Das erſte Mal als ich mit ihm ſprach, fragte er mich, ob ich griechiſch verſtände. Ich antwortete ihm verneinend, und ſeitdem ſprach er immer tuͤr⸗ kiſch mit mir. Eines Tages 1818 kam er aus Preveſa zuruͤck und kaum war er abgeſtiegen, als er mich rufen ließ. Ich fand in ſeinem Zimmer bei ihm ſeinen aͤlteſten Sohn, Mukhar Paſcha, der ſtand, weil die Söhne der hohern Claſſe bei den Muſelmaͤnnern ſich nie in Gegenwart ihrer Ael⸗ tern ſetzen; außerdem ſaß noch auf dem Sopha — 155— dem Paſcha gegenuͤber Mehemed Effendi, ſein Kiahyah, bei dem ich wohnte, und Hadgi Gebri Effendi, deſſen ich weiter oben erwaͤhnte. Der Tyrann begann damit, mich zu fragen, ob ich mich waͤhrend ſeiner Abweſenheit wohl befunden haͤtte, und ob die Befehle, die er mir aus Preveſa in Be⸗ zug auf die Befeſtigungen geſendet hatte, mit de⸗ nen er die Stadt Janina umgeben wollte, und zu denen ich ihm Plaͤne hatte entwerfen muͤſſen, nach⸗ dem ich das Terrain beſichtigt, vollzogen wären. Plotzlich fing er dann an griechiſch mit mir zu ſprechen, waͤhrend er uͤber zwei Jahre nur tuͤrkiſch mit mir geſprochen hatte. Obgleich ich das Neugrie⸗ chiſche ſeit meinem Aufenthalte in Janina ſo ziemlich verſtehen gelernt hatte, konnte ich doch kein Ge⸗ ſpraͤch darin fuͤhren, bei dem man techniſche Aus⸗ druͤcke anwenden mußte. Ueberdies ſprach Ali das Griechiſche ſehr ſchlecht, indem er es mit albaneſi⸗ ſchen und turkiſchen Woͤrtern untermiſchte; ich hatte das ſchon ſelbſt bemerkt, denn ich verſtand nie, was er ſagte, waͤhrend ich bei Andern wenigſtens den Sinn ihrer Rede faßte. Als er daher plötzlich auf Griechiſch von Geſchaͤften ſprach, bemerkte ich ihm in tuͤrkiſcher Sprache, daß ich ihn nicht verſtehen könnte; er fuhr aber dennoch fort, griechiſch zu ſprechen. Ich fragte ihn hierauf, ob er die Ab⸗ ſicht hätte, ſich uber mich luſtig zu machen, ſagte aber zugleich, ich ſei keiner ſeiner Spaßmacher, und wuͤrde beſſer thun, mich zu entfernen, um an mei⸗ „ nen Plaͤnen zu arbeiten, als ihn griechiſch ſprechen zu hoͤren. Er achtete nicht auf meine Bemerkun⸗ gen, und da er fortfuhr, griechiſch zu ſprechen, ver⸗ ließ ich das Zimmer, weil ich mich nicht dem Scheine ausſetzen wollte, als gebe ich mich zu ſei⸗ nen Neckereien her, denn ich glaubte wirklich, der Weſir wollte ſich uͤber mich luſtig machen. An demſelben Abend aber erfuhr ich von Mehemed Effendi, daß es die Gewohnheit des eigenſinnigen Despoten ware, in der von den drei Sprachen, die er redete(griechiſch, turkiſch und albaneſiſch) fortzu⸗ fahren, in der er zu ſprechen angefangen haͤtte, ohne Ruͤckſicht darauf, ob man ihn verſtaͤnde oder nicht. Am naͤchſten Tage ſchien der Tyrann gar nicht gegen mich deshalb aufgebracht zu ſein, weil ich ihn ſo ohne Umſtaͤnde verlaſſen hatte; ſeitdem aber redete er mich nie wieder griechiſch an. 1819 hoͤrte ich ihn auch mit einem malteſiſchen Juwelier tuͤrkiſch reden; dieſer ſagte ihm durch ſei⸗ nen griechiſchen Dolmetſcher, daß er es nicht ver⸗ ſtände, aber Ali achtete nicht darauf, ſondern ſprach turkiſch fort. Der Malteſer wurde zuletzt daruber ungeduldig, packte ſeine Steine ein und ging; der unverbeſſerliche Weſir rief ihm dabei noch immer auf turkiſch nach, daß er am naächſten Tage wieder kommen ſollte. Ich werde die Details uͤber die Perſon Ali Pa⸗ ſchas durch einige beſondere Bemerkungen ſchließen⸗ Ali war ſehr empfaͤnglich fuͤr Muſik; eine ſchoͤne Stimme machte ihm die größte Freude. Ich habe ihn mehrmals Thranen vergießen ſehen, waͤh⸗ rend ein junger arabiſcher Sänger Illahis(Hym⸗ nen) ſang. Der Weſir verſtand zwar die arabiſche Sprache nicht, aber die Melodie allein ruͤhrte ſein wildes Herz. Er liebte die Pracht in der Kleidung und be⸗ ſonders in den Waffen ſehr. Seine Piſtolen und ſeine Dolche waren mit Diamanten uͤberſaͤet. Er hatte auch ſehr werthvolle Ringe an den Fingern; unter andern einen Solitaͤr, den er von dem Ex⸗ könige von Schweden gekauft hatte, als dieſer nach Preveſa kam, in der Hoffnung ſich nach Jeruſalem begeben zu koͤnnen; der Sultan hielt es aber nicht fur angemeſſen, die Erlaubniß zu geben. Die Ta⸗ batieren, deren Ali Paſcha ſich bediente, waren ſämmtlich von der größten Pracht und kamen aus Frankreich oder England. Er war nur in ſeinem Kopfputze einfach, und trug nur bei den beiden eiramsfeſten einen Turban, und auch dann nur, waͤhrend er in der Moſchee war; dieſer Turban be⸗ ſtand ubrigens nur aus der Borte eines Schawls, den er vom Grunde abſchneiden und ſich aufwin⸗ den ließ. Die uͤbrige Zeit trug er ſtets nur eine blaue oder violette Sammetkappe, mit Gold beſetzt. Ich kann verſichern, daß er ſich nie einfallen ließ, einen Reiherbuſch auf dem Kopfe zu tragen, wie einige Perſonen behauptet haben, und das zwar — 158— aus zwei Gruͤnden. Der erſte iſt, daß nur der Sultan dieſes Recht hat, und auch der nur, wenn er ſich Freitags in die Moſchee begiebt, und waͤh⸗ rend der Beiramsfeſte, waͤhrend er die Huldigungen der Großen des Reiches empfaͤngt, oder wenn er einem fremden Geſandten Audienz ertheilt. Jeder Andere, der es wagen wuͤrde, dieſen Schmuck zu tragen, welcher Surgudge heißt, wuͤrde als Rebell betrachtet und als ſolcher behandelt werden, denn der Surgudge iſt bei den Tuͤrken das, was bei den Europaͤern die Krone iſt. Ali Paſcha war aber zu verſchlagen, um ſo offen das Vorrecht ſeines Herr⸗ ſchers und die oͤffentliche Meinung zu verletzen, denn das hätte ihn einem Aufruhr ausſetzen koͤn⸗ nen, ſelbſt bei ſeinen eifrigſten Anhaͤngern. Der zweite Grund iſt, daß es in der Tuͤrkei nicht uͤblich iſt, den Turban zu ſchmuͤcken; man trägt ihn von mehr oder minder feinem Stoffe, doch ohne alle Verzierung. Ueberdies trug Ali Paſcha, ich wie⸗ derhole es noch einmal, keinen Turban. Ich be⸗ rufe mich auf das Urtheil des Herrn Pouqueville, den ich zwar nicht die Ehre habe, perſoͤnlich zu kennen, der aber Frankreich zehn Jahre lang in Janina ſo wuͤrdig vertreten hat. Ich erwähne dieſen an und fur ſich ſelbſt unbedeutenden Um⸗ ſtand, um zu zeigen, wie ſehr man durch Unwahr⸗ heit das Publikum zu locken weiß, denn man hat mich verſichert, es ſei in irgend einem Werke be⸗ hauptet, Ali Paſcha hätte Diamant⸗Agraffen auf — — 155— dein Turban getragen, und ein Sclave hätte vor ihm auf dem Boden gelegen, auf den Befehl war⸗ tend, ſeine Pfeife zu nehmen. Das iſt auch eine Erfindung, die Alle beſtaͤtigen werden, welche die Tuͤrkei kennen. Alle Diener, Freie wie Sclaven, ſtehen beſtändig vor ihrem Herrn, die Haͤnde uͤber dem Bauche gekreuzt oder auf die Piſtolen oder den Dolch in ihrem Guͤrtel gelegt. Sie werfen ſich nur vor Gott nieder, wenn ſie beten; ſie beugen ein Knie zur Erde, um unter die Pfeife eine kleine Platte zu legen, damit die Aſche den Fußteppich nicht beſchmutzen kann. Ali Paſcha war ein großer Eſſer und ein großer Trinker(von Wein und Liqueur); er rauchte fort⸗ waͤhrend die Pfeife oder den Narguile, wie alle Hrientalen, und trank nach dem Gebrauche ſeines Landes eine große Menge Kaffee; in welcher Jah⸗ reszeit es auch war, trank er nie anderes Waſſer, als in Eis abgekuͤhltes. Obgleich er ſchon ſehr alt war, als ich ihn ſah, hatte er doch ein ſehr mildes Laͤcheln, ſchoͤne Augen, eine ſchöne Hand und kräftigen Wuchs; ſein Schurrbart war ungeheuer lang. Im Winter ſtanden in dem Zimmer, in dem er ſich aufhielt, wenigſtens vier große Mangals(Koh⸗ lenpfannen) und zuweilen die doppelte Anzahl, je nach der Groͤße des Zimmers. Dieſe Pfannen enthielten Kohlenberge und verbreiteten eine ſehr läſtige Waͤrmez deſſen ungeachtet war er noch in zwei 160— Pelze gehůllt, von denen der oberſte ſehr weit war und ſeinen ganzen Koͤrper einſchloß. Obgleich Ali fuͤr gottlos galt, fuͤr einen Un⸗ glaͤubigen, und ſelbſt nach der Meinung Einiger fuͤr einen Atheiſten, koͤnnte ich doch mehrere merk⸗ wuͤrdige Anekdoten von ihm erzaͤhlen, welche klar beweiſen, daß er an die Mahomedaniſche Religion glaubte, und wenn er ſie nicht beobachtete, dies nur deshalb geſchah, weil ſein Stolz ihn zu den Glau⸗ ben verleitete, er ſei ein von Gott bevorrechtetes Weſen, von Allem befreit, was ihm Zwang auflegen könnte, ſobald er nur die Derwiſche hoͤrte. Die Muſelmaͤnner liebte er nicht, und zwar wegen ih⸗ rer unwandelbaren Anhaͤnglichkeit an den Sultan, die ihn bei ſeinen Plaͤnen und Abſichten ſtoͤrte. Von den Griechen glaubte er ſich geliebt, weil er ihnen viel Freiheit ließ, aber er kannte ihren in⸗ triguanten Charakter, ihre Neigung zur Liſt und Falſchheit, ſo wie ihre Habgier, und deshalb ver⸗ achtete er ſie. Das habe ich aus ſeinem eigenen Munde. Den Europäern mißtraute er in Folge ſeines argwöhniſchen Charakters; er haßte ſie aus Neid und Eiferſucht, denn er fuͤhlte wohl, daß er durch alle ſeine Prahlerei Menſchen nicht blenden könnte, die daran gewoͤhnt waren, in ihrem Vater⸗ lande das in der Wirklichkeit zu ſehen, wovon er ihnen nur einen ſchwachen Schein zeigen konnte, — 161— 3 wie zum Beiſpiel ſeine Truppen, ſeine Föſtungen, ſeine Paläſte, ſeine Arſenäle, ſeine Straßen, ſeine Wagenzc. ꝛc.; er aber, der bewundert werden wollte, litt unendlich durch die Geringſchätzung, welche die Europäer, wie er wohl wußte, gegen ihn hegten. So war Ali Paſcha von Janina. Einkuͤnfte Ali Paſchas Man ſchaͤtzt die Einkuͤnfte Ali's aus den Guͤ⸗ tern, die er willkurlich an ſich geriſſen hatte, auf zehn bis zwolf Millionen Francs jährlich. Dazu muß man noch das hinzufuͤgen, was ihm die kai⸗ ſerlichen Zoͤlle eintrugen, deren Pächter er war, ſo⸗ wie die Bedruͤckungen, die er täglich beging und die ſtets zum Vortheil des Fiscus waren. Der Ertrag der Douanen, Salinen und Fiſchereien, ſei⸗ ner zahlreichen Herden, welche aus mehr als fuͤnf⸗ malhunderttauſend Schafen und ſechsmalhundert⸗ tauſend Ziegen beſtanden, bildete auch eine be⸗ trächtliche Revenue, die ſich auf zwölf bis funfzehn⸗ malhunderttauſend Franes jährlich belaufen mochten. Er zahlte dem Sultan zwei Millionen vier⸗ malhunderttauſend Francs und zwei Millionen den Ridjahs*) von Conſtantinopel, um ſie zu Be⸗ * Die Großen des Hofes, welche die höchſten Aem⸗ ter des Staates bekleiden. Kardiki. 11 „ — 162— ſchuͤtzern zu gewinnen. Der Sold der Truppen betrug nicht ganz zwei Millionen, ſeine Marine koſtete hoͤchſtens viermalhunderttauſend Fraues; die Ausgaben ſeines Lurus, wie Pferde, Edelſteine, Doſen, Uhren ꝛc. ꝛc. zweimalhunderttauſend Francs hoͤchſtens; Geſchenke und Almoſen zweimalhundert⸗ tauſend Francs; Feſte, Launen, Leckereien ꝛc. hun⸗ derttauſend Francs; Meuchelmoͤrder, Spione und Lieferanten ſeiner nichtswuͤrdigen Ausſchweifungen hunderttauſend Francs. Das Alles macht die Summe von ſieben Millionen, und dabei habe ich noch alle Ausgaben auf das Hoͤchſte angeſchlagen. Die Soͤhne und Enkel Ali Paſchas hatten zuſammen ein Einkommen von ungefähr zehn Mil⸗ lionen Francs jaͤhrlich, welche aus Grundſtuͤcken herruͤhrten, die um denſelben Preis erworben wa⸗ ren, wie die ihres Vaters, aus zahlreichen Her⸗ den, aus kaiſerlichen Zoͤllen und aus Geſchenken, die ihnen gemacht werden mußten. Sie gaben nicht die Hälfte ihrer Einkuͤnfte aus. Ali Paſcha, ſowie ſeine Söhne beſtritten die gewoͤhnliche Aus⸗ gabe ihrer Tafel, ſowie die ihrer Weiber, ihrer Diener, das Maisbrod fuͤr die Truppen und ſelbſt die Fourage mit ihren Territorialproducten und Na⸗ turalaustauſchen gegen Wolle, Korn, Reis, Holz ꝛc. Dafuͤr tauſchten ſie Colonialwaaren oder Gegen⸗ ſtaͤnde eines nothwendigen Lurus ein, wie Tuch, Pfeifen, Kaffeetaſſen, Feuerwaffen, Pelzwerk c. — 163— Ali Paſcha unterhielt zu dieſem Zwecke grie⸗ chiſche Agenten in Wien, in Bukareſt, in der Wal⸗ lachei, in Trieſt, in Venedig, in Meſſina, in Malta, in Livorno, in Corfu und an verſchiedenen Orten der Levante. Die Familien dieſer Handelsagenten blieben als Geißeln in den Haͤnden des Satrapen, als Caution fuͤr die Treue ſeiner Abgeordneten, welche ihn aber doch deshalb ſo viel betrogen, als ſie konnten. Militaretat Ali Paſchas. Es iſt außerordentlich ſchwer, wo nicht unmoͤg⸗ lich, genau zu ſagen, wie viel die Zahl der Trup⸗ pen Ali Paſchas betrug. Ich ſelbſt ſtand als Mi⸗ litaͤr in ſeinem Dienſte, bekleidete einen hohern Grad, war Chef in ſeiner Armee, hatte einen Dienſt, der mich in unmittelbare Beruͤhrung mit den an⸗ dern militäriſchen Chefs brachte, und mußte zum Wohl des Dienſtes ſo genau als moͤglich von der Zahl der Soldaten unterrichtet werden, uͤber die Jeder verfuͤgen konnte; gleichwohl aber war es mir nie moͤglich, eine genaue Kenntniß in dieſer Be⸗ ziehung zu erlangen. Das Militärſyſtem iſt in der Tuͤrkei ſo verderbt und verwickelt, daß ich uͤber⸗ zeugt bin, Ali Paſcha wußte ſelbſt nicht genau die Staͤrke ſeiner Streitkraͤfte. Er hat mir dies ſelbſt geſtanden und mich uͤber die Mittel zur Abhuͤlfe 41 — 164— dieſer Unordnung zu Rathe gezogen, die, wie er ſagte, ihn viel unnuͤtzes Geld koſtete. Ich be⸗ wies ihm, daß man die Vertheidigungsmittel, uber die ich ihm 1816 und 1817 meine Meinung ſa⸗ gen mußte, nie genau beſtimmen koͤnnte, ohne ge⸗ nau die Zahl der Truppen zu wiſſen, uͤber die man zu verfuͤgen haͤtte, weil man darauf den Verthei⸗ digungsplan ſtuͤtzen und danach den Schauplatz ſei⸗ ner Operationen ausdehnen oder zuſammenziehen muͤßte. Er rieth mir hierauf, unſer Verlangen, von der Zahl der Truppen genau unterrichtet zu ſein, nicht laut auszuſprechen, weil das die Bim⸗ baſchis und Beulukbaſchis gegen mich aufbringen wuͤrde.„Und der Zorn des Albaneſen,“ fuͤgte er lachend hinzu,„legt ſich erſt mit dem Tode deſſen, der ihn erweckt hat. Sie ſind daran gewoͤhnt, ſo zu dienen, wie ſie jetzt dienen; jede Nexerung ſcheint ihnen ſchmachvoll und beleidigend, beſon⸗ ders wenn es etwas iſt, das dazu beitragen ſoll, eine gute Ordnung einzufuͤhren. Sie wuͤrden daruͤber um ſo erbitterter ſein, weil alle, ſelbſt die chriſtlichen Albaneſen Feinde jedes europaͤiſchen Ge⸗ brauches ſind, und ſie wuͤrden im Stande ſein, Thorheiten von den gefaͤhrlichſten Folgen zu be⸗ gehen. Das, was, abgeſehen von jeder andern Ruͤckſicht, den Widerſtand dieſer Spitzbuben vovn Bimbaſchis und dieſer Schelme von Beulukbaſchis bewirken wuͤrde, iſt, daß ſie bei den Terkeres ge⸗ winnen, und nicht den dritten, oft ſogar nicht den — 165— ſechſten Theil der Mannſchaft haben, die ſie nach der Beſtimmung ihrer Terkeres haben ſollten.“ Er fuͤgte hinzu, ich wuͤrde wohl daran thun, mit denen, die er mir mit Namen und Stand be⸗ zeichnete, Freundſchaft zu ſchließen, außer denen, mit denen ich ſchon befreundet ſei; er wolle mir auch eine Anzahl Terkeres fuͤr Kanoniere bewil⸗ ligen, damit ich wie ſie handeln koͤnnte und ſie ſich in ihren Operationen nicht gegen mich ver⸗ läugneten; auf dieſe Weiſe koͤnnte ich allmaͤlig, und ohne daß es auffiele, die Zahl ihrer Truppen, ſo⸗ wie die mehrerer anderer Chefs von ihnen erfah⸗ ren. Er machte mich darauf aufmerkſam, daß dieſe Terkeres nur wegen der Form waͤren, und daß ich daher nur ſagen ſollte, meine Truppen wa⸗ ren in Preveſa, Donitra, Leponte und Cara⸗Feriah vertheilt, damit es nicht noͤthig waͤre, ſo viele Ra⸗ tionen zu liefern, als wenn ſie alle in Janina ge⸗ weſen waren, wo ich in der That zwanzig Mann bei mir haben ſollte, fur die ich die Verpflegung in natura erhalten koͤnnte, während man glaubte, daß die Soldaten in den andern Städten die ihrige dort erhielten. Den Sold ſollte ich ganz in Ja⸗ nina empfangen, nach der Beſoldung meiner zwan⸗ zig Mann aber ihm den Ueberſchuß heimlich zu⸗ ruͤckbringen. Er ließ mir in der That zwei hun⸗ dert funfzig Terkeres als Bimbaſchi uͤber ſo viel Mann ausſtellen. Meine Erkundigungen began⸗ nen ſogleich, und ich werde das Reſultat davon et⸗ — 1t was weiter unten mittheilen. Ich wurde von ſo vielen Bittſchriften um die Stellen von Beuluk⸗ baſchis uͤberhaͤuft, die ſich anboten, unter meinen Befehlen zu dienen, daß ich nicht wußte, wie ich mich derſelben entledigen ſollte, da ich nur einen Beulukbaſchi, und einen Beirokdar haben konnte, deren erſterer fuͤnf Terkeren und deren zweiter drei Terkeren erhielt; dazu zwoͤlf Soldaten, ſo waren die zwanzig Terkeren, die der Satrap feſtgeſetzt hatte, erfullt. Ich ſagte Ali von meiner Verlegenheit und erklaͤrte ihm, daß dieſe Verfahrungsweiſe un⸗ ſern Abſichten mehr ſchädlich als foͤrderlich ſei. Er fragte mich, was ich fuͤr zweckmaͤßig hielte; ich antwortete ihm, mir entweder die zweihundert funfzig Terkeren, von welchen zweihundert dreißig nur ſcheinbar waͤren, wirklich zu gewähren, oder mir meinen Rang als Bimbaſchi mit Terkeren ab⸗ zunehmen, da mir die abſchläglichen Antworten, zu denen ich gezwungen ſei, Feinde zuziehen muͤß⸗ ten. Der argwoͤhniſche Tyrann ſagte mir hierauf, er ſehe wohl, daß ich den Gebrauch der Terkeres eben ſo angenehm faͤnde, wie die uͤbrigen Bimba⸗ ſchis, daß ich aber nicht durch mein Beiſpiel zu dem ermuthigen duͤrfte, was ich bei den Andern getadelt haͤtte.—„Ich hielt Dich nicht ſchon in dieſem Grade fuͤr einen Osmanli,“ ſetzte er hinzu. Ich bemerkte ihm hierauf, er ſelbſt hätte den Gedanken der Terkeres gefaßt, und ich ſchluͤge ihm — 167— vor, ſie mir wieder zu entziehen. Er erwiederte mir, ich haͤtte Recht, und um mich nicht in die Verle⸗ genheit zu ſetzen, nahm er ſie augenblicklich zuruͤck. Obgleich ich noch mehrere Nachforſchungen an⸗ ſtellte, um von der Zahl der Truppen genau unter⸗ richtet zu werden, erfuhr ich doch nur ſo viel, daß Ali Paſcha zwiſchen ſieben und acht tauſend Mann hatte, Alles mit inbegriffen, und daß dieſe Zahl im Fall der hoͤchſten Noth bis auf das Doppelte ge⸗ bracht werden koͤnnte, d. h. bis auf funfzehn, hoch⸗ ſtens ſechzehntauſend Mann. Hier die Namen der verſchiedenen Truppencorps: Tſchohadaren, dies war eine Art von Eliten, deren Dienſt aber zuweilen darin beſtand, die Pacht⸗ hoͤfe oder die Herden zu bewachen, Auftraͤge zu verrichten, Magazinwaͤrter zu ſein, oder irgend et⸗ was Aehnliches, was mit dem Militaͤrdienſt nichts zu thun hat. Tſchargadſchis, Leibwache Ali Paſchas. Um zu dieſem Corps zugelaſſen zu werden, mußte man durchaus Klephthe geweſen ſein(ausgezeichneter Raͤuber und Straßenrauber), d. h. wilder als die gewoͤhnlichen Raͤuber. Sie naͤherten ſich der Per⸗ ſon des Tyrannen beſonders auf Reiſen. Zog er zu Pferde oder zu Wagen durch die Stadt, ſo hatte er gewoͤhnlich mehrere von ihnen zu ſeiner Escorte. Sie hatten zugleich das Amt, die ungluͤcklichen Opfer der Grauſamkeit Ali Paſchas zu martern. Sie waren mit der Hinrichtung derer beauftragt, die er — 168— zum Tode verurtheilte, ausgenommen zum Haͤngen; damit iſt ein Tſchingane oder wirklicher Henker be⸗ auftragt. Dieſe Tſchargadſchis waren von gepruf⸗ ter Tapferkeit, aber von einer Grauſamkeit, die je⸗ den Glauben uͤberſtieg. Von den Einwohnern wurden ſie ſehr gefuͤrchtet. Gueguen. Suͤdliche Albaneſen, keine Unter⸗ thanen Ali Paſchas, aber von ihm in ſeinen Dienſt gezogen. Sie waren die beſten und wildeſten ſei⸗ ner Truppen; ſie dienten faſt alle zu Pferde, und hatten zum Commandeur einen ihrer Landsleute, Namens Huſſein Bey. Es gab auch ein Corps chriſtlicher Gueguen, vom lateiniſchen Ritus, welche einen Chef von ihrer eignen Religion und ihrem eignen Vaterlande hatten, unter dem Oberbefehl Huſſein Beys. Dieſe chriſtlich- lateiniſchen Gue⸗ guen oder apoſtoliſch- römiſch⸗katholiſche Gueguen waren Leute von großer Tapferkeit, voll Redlichkeit und ſehr reizbar im Punkte der Ehre, dabei ſehr friedlich und von der löblichſten Auffuhrung. Sie waren ſo gekleidet, wie die anderen Gueguen, von denen ſie ſich nur durch die Unterweſte unterſchie⸗ den, die bei ihnen ſchwarz war, bei den Muſel⸗ maͤnnern aber roth oder gruͤn. Asker. Ein zuſammengeraffter Haufe albane⸗ ſiſcher Troßknechte, Menſchen aus den Stämmen der Torka, Tſchameh und Lepez, alle zu Fuß, alle undisciplinirte und wilde Raͤuber. Sie bilden die eigentliche Infanterie. In meinem Verlage ſind folgende Werke erſchienen: Bronikowsky, Alex., Sammlung neuer Schrif⸗ ten. Neue Ausgabe. 1r— 28r Bd. 8. 1837. Compl. 42 Thlr. Baar netto 16 Thlr. 1.— III. Bd. Darſtellungen aus vergangener Zeit. 1r Bd. Der Ehrenpunkt. Das Hospitium des Bernhardsberges. 2r Bd. Pleurs. Die Praͤ⸗ tendenten. 3r Bd. Der Wahltag. Die Grube zu Hoͤckendorf. 3 Bde. 4 Thlr. 16 Gr. IV.— VIII. Bd. Polen im 17. Jahrh., oder Jo⸗ hannes III., Sobieski und ſein Hof. 5 Bde. 8 Thlr. IX.— X. Bd. Die Frauen von Neidſchuͤtz. No⸗ velle. 2 Bde. 3 Thlr. Xl.— XII. Bd. Beate, aus einer alten Chronik ohne Titelblatt. 3 Bde. 4 Thlr. 12 Gr. XIV.— XVI. Bd. Veit. Ein Beitrag zu den Denk⸗ wuͤrdigkeiten peinlicher Gerichtspflege. 3 Bde. 4 Thlr. XVII.— XX. Bd. Die Magyaren. 1. Abthl. Das Verlobungsfeſt zu Murany. 4 Bde. XXI.— XXIII. Bd. Die Magyaren. 2. Abthl. Balthaſar und Anna. 3 Bde. 5 Thlr. XXIV.— XXVI. Bd. Novellen. 3 Bde. 4 Thlr. 1r Bd. Der Schreibfehler, eine maͤhrchenhafte Hiſtorie. Monsieur le Marquis. 12 Gr. 2r Bd. Der Kynaſt. 1 Thlr. 12 Gr. 3r Bd. Die beiden Antonine. 1 Thlr. XVII. Bd. Die Briten in der deutſchen Haupt⸗ ſtadt. 20 Gr. XXVIII. Bd. Die Windsbraut.(Letzte Novelle.) Byron's, Lord, ſaͤmmtliche Werke. Deutſche Aus⸗ gabe in 1 Bde. Von Adolf Boͤttger. Mit dem Leben und dem Portrait des Verfaſſers. Lex.⸗8. 1841.(ALfrgen.) Prän. Pr. 2 Thlr. 16 Gr. Subſcr. Pr. 4 Thlr. Daſſelbe Werk, fein Kupferdruckpapier 6 Thlr. 12 Gr. Carové, F. W., Neorama. 3 Thle. I. Thl. Beiträge zur Literatur, Philoſophie und Geſchichte. gr. 8. 1838. Broſch. 1 Thlr. 16 Gr. II. Thl. Mittheilungen aus und uͤber Frankreich. gr. 8. 1838. Broſch. 2 Thlr. 12 Gr. III. Thl. Skizzen zur Cultur⸗ und Kunſtgeſchichte. gr. 8. 1838. Broſch. 2 Thlr. 20 Gr. Chronik des Oeil de Boeuf der innern Gemacher des Schloſſes und der Geſellſchaftsſaͤle von Paris. Eine Schilderung der Sitten und —— ihres Verfalles unter der Regierung Ludwigs XIV., der Regentſchaft Ludwigs XV. und Ludwigs XVI. Herausgegeben durch die ver⸗ wittwete Graͤfin v. B**. In das Deutſche frei uͤberſetzt durch L. v. Alvensleben. 8 Bde. 8. 1832. 8 Thlr. 16 Gr. Duller, E., Der Antichriſt. Novelle in 2 Thlen. 2. Aufl. gr. 8. 1836. Broſch. 1 Thlr. 12 Gr. Herloßſohn, C., Der letzte Taborit, oder Boͤh⸗ men im 15. Jahrhundert. Hiſtoriſch-roman⸗ tiſches Gemaͤlde in 2 Bänden. 8. 1834. Broſch⸗ 3 Thlr. 8 Gr. Lyſer, J. P., Das Buch vom Ruͤbezahl. Eine volſſtändige Sammlung aller Volksmaͤhrchen aus dem Rieſengebirge, geſammelt und neu erzählt. Mit 6 Kupfern. 3. 1834. Steif geb. 1 Thlr. 6 Gr. —— Das Buch der Maͤhrchen fuͤr Soͤhne und Toͤchter gebildeter Staͤnde. Mit 8 Kupfern. 8. 1834. Steif geb. Schwarz 1 Thlr. illum. 1 Thlr. 8 Gr. —— Des Knaben Maͤhrchen und Lieder. Mit 8 Kupfern. 8. 1834. Steif geb. 1 Thlr. 8 Gr. Meyer(Ludwig), Charlotte Corday, oder: Ma⸗ rat's Tod. Dramatiſches Gemaͤlde aus der . franz. Revolution in 5 Abthlgn. Nach Victor Ducange bearbeitet. 8. 1833. v 16 Gr Meyer(Ludwig), Das Irrenhaus zu Dijon, oder: der Wahnſinnige. Melodrama in 3 Aufz., nach dem Franz. des Beraud frei bearbeitet. 8. 1833. Broſch. 16 Gr. Normann(Hans), Oeſterreichiſche Senfkörner. Eine Sammlung nationaler Charakterzuͤge und beluſtigender Anekdoten. Mit Lillum. Kupf. 8. 1833. Broſch. 14 Gr. Oettinger, E. M., Der Ring des Noſtradamus. Hiſtoriſch⸗romantiſche Skizzen des franz. Hof⸗ lebens v. 1515— 1821. 3 Bde. 8. 1838. Broſch. 4 Thlr. 12 Gr. Rank, G. F., Dramatiſche Zeitbilder. Inhalt: Der Emporkoͤmmling, oder: Buͤrger und Ariſto⸗ krat. Charaktergemaͤlde in 5 Aufzuͤgen.— Die Patrizier, Schauſpiel in 5 Aufzuͤgen.— gr. 8. 1837. Broſch. 2 Thlr. Wokrauliczek(Franta), Böhmiſche Kolatſchen. Eine Sammlung boͤhmiſcher Charakterzuge und beluſtigender Anekdoten. 8. 1833. Suh 14 Gr. 8 , — — 5 1 —— H8 8 16 ↄMeMde