theł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Se welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 W 8 Pf 2 W— F 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. 71.— 74. Theil. Deutſch von L. v. Alvensleben. Der Wart⸗Thurm von Koat⸗Vön. Neuntes bis Zwölftes Bändchen. Leipzig, 1841. Verlag von Otto Wigand. Wart⸗Thurm von Kvat⸗Vön. Roman aus dem Seeleben 1780— 1830. Von Eugen Sue. Deutſch von L. v. Alvensleben. Neuntes bis Zwölftes Bändchen. ——— Leipzig, 1841. Verlag von Htto Wigand. Fuͤnftes Buch. Erſtes Kapitel. Aber die Verzweiflung ſelbſt, wenn ſie ſich verlängert, wird ein Aſyl, zu dem man ſich fluͤchten, in welchem man aus⸗ ruhen kann. Sainte⸗Beure, Leben Joſephs Delorme. Der Abbé von Cilly. Geheimnißvolle und ſonderbare Macht des Dich⸗ ters!. Baſtard von einer Gottheit! Vorſehung im Kleinen, armer, vergänglicher Gott, der den⸗ noch auch aus dem ſchwarzen und tiefen Chaos... (ſeines Manuſcripts) Menſchen und Welten her⸗ vorzieht, nach ſeinem Willen Einöden bevolkert oder Staͤdte verwuͤſtet, mit einem Hauche ſeines geiſtigen Weſens Gewitter erregt, Donner und Blitz entflammt, oder den ſanften Schein de Die Seewarte v. Koat⸗Vén. III. Mondes auf den ſumpfigen Gewäſſern eines Sees ſchaukelt! Der Dichter, ein barmherziger oder tyranniſcher Gott, bevölkert die Erde mit Schlachtopfern oder Henkern, guten oder boͤſen, anmuthigen oder abſto⸗ ßenden Weſen, ſtarken oder ſchwachen, deren uner⸗ bittliches Schickſal er dann wird, wenn er die Ei⸗ nen unterliegen, die Andern triumphiren läßt, Die⸗ ſen das Gluͤck, Jenen die Verzweiflung bereitet... nicht nach dem Verdienſt eines Jeden ſondern nach dem Einfluſſe, welcher auf ihn.. den ſterb⸗ lichen Gott, zuruͤckwirkt: etwa ſein Abendeſſen vom vergangenen Tage, ſeine Geliebte vom folgenden Morgen. die Geſundheit ſeines Lieblingspferds die Farbe einer Wolke. ein Traum eine Erinnerung. oder noch weniger⸗ Ach! ja... denn dieſe Dichtergötter ſind ver⸗ teufelt gebrechlich, und gleichen Zug fuͤr Zug den alten menſchlichen Gottheiten der Mythologie, dem fetten und geilen Jupiter, dem unverſchäm⸗ ten und filzigen Merkur, und ſo vielen andern die⸗ ſer Unſterblichen, welche, uͤberdruͤſſig-ihrer Goͤtter⸗ ſpeiſe, ſich langweilend zum Berſten in ihrem Ae⸗ ther, bisweilen demſelben entflohen, um zu lieben, zu ſcherzen und auf der Erde zu ſchmauſen— wie große Herren, welche Raupen gleich den Gri⸗ ſetten und Schenken anhaͤngen— und alſo den Thron der Vorſehung und der Wiedervergeltung zwiſchen dem Rauſche und der Liebe aufſchlugen. Und alles dieſes Dank dem verwuͤnſchten Siege der phyſiſchen uͤber die moraliſche Natur; denn das eben war die thoͤrichte und verwundbare Seite des Heidenthums: den Goͤttern Sinnlichkeit bei⸗ gelegt zu haben;z eine Sinnlichkeit, welche, ihrer gottlichen Natur zufolge, außerdem noch die wun⸗ derbake Eigenſchaft hatte, immer von Neuem auf⸗ zuleben und niemals geſaͤttigt zu ſein; ſo daß die arme Welt hier unten dem Herrn des Don⸗ ners als petite maison diente. Alſo, um auf unſern Dichtergott zuruͤckzukom⸗ men, wenn man ihn tadelt, den eigenſinnigen Ver⸗ irrungen ſeiner Gedgnken, ſeiner Erinnerungen oder ſeiner Art und Weiſe gefolgt zu ſein, um das Pro⸗ blem des Daſeins der Perſonen zu loͤſen, die er ge⸗ ſchaffen hat, ohne einem Jeden nach Verdienſt ſeine Werke zu belohnen. kann man da nicht antworten, daß das geheimnißvolle Weſen, welches ſeine Luſt darin findet, unaufhoͤrlich den ewigen Roman, welchen man das Menſchenge⸗ ſchlecht nennt, zu ſchreiben, die ſonderbarſten Ent⸗ wickelungen durch das Beftemdende einiger Seiten dieſer traurigen Narrengeſchichte beſtätigt? Doch bei dieſer Gelegenheit erinnere ich mich, daß einer meiner Groß⸗Onkel(Canonicus zu Rheims) gewoͤhnlich zu mir ſagte:„Mein liebes Kind bei den Gluͤcksſpielen ſpiele immer auf gut Gluͤck...“ Und dieſe Worte enthielten, nach meiner Mei⸗ 1* nung, eine tiefe, moraliſche Wahrheit; denn es war eben ſo viel, als wenn er geſagt haͤtte: es ſei eben ſo thoͤricht, wenn man erwarte, in der Zeitfolge der Ereigniſſe, aus denen das menſchliche Daſein zuſammengeſetzt iſt, Conſequenz und logiſche Ord⸗ nung zu finden, als ſicher auf den Gluͤckswechſel des Creps und Pharaoſpiels zu rechnen. Kurz, es hieß ſo viel, als: das Kluͤgſte, was man in dieſem Gluͤcksſpiel⸗Leben thun kann, iſt... es auf gut Gluͤck zu ſpielen. Was ſeine wunderbaren Analogien betrifft, jene uͤberraſchenden Vergleichungen, jene großen Lehren der Vorſehung, die der Welt gegeben werden, ſo wird man uns erlauben, dieſe ſonderbaren Erklärun⸗ gen der Vergangenheit als eben ſo beweiskraͤftig zu betrachten, wie die jener drei abweichenden Com⸗ mentare, welche, mit einer unumſtoͤßlichen Klarheit, jeder eine verſchiedene(aber immer tief philoſophi⸗ ſche und moraliſche) Abſicht in einem Gemälde Ho⸗ garths fanden. Ungluͤcklicherweiſe fur die Herren Ausleger, geſtand der gute Hogarth naiv, daß dieſe ſchoͤnen Dinge nicht den geringſten Antheil an der Compoſition ſeines Werkes, einer bloßen Nachah⸗ mung, gehabt haͤtten, welches, wie ich mich erin⸗ nere, einen an dem Wege eingeſchlafenen Menſchen vorſtellte.. Hiernach ſind jene Vermuthungen und Aehn⸗ lichkeiten, als Geiſtesſpiele betrachtet, ein ſehr an⸗ genehmer Zeitvertreib, und wenn auch nicht nuͤtzli⸗ cher, doch wenigſtens eben ſo unterhaltend, als die Zuſammenſtellung eines Räthſels. Aber laßt uns zuruͤckkommen zu unſerer Ver⸗ gleichung zwiſchen dem Dichter und Gott. Einer der koſtbarſten Vorzuͤge des Dichters iſt auch: in der Tiefe des Herzens der Geſchoͤpfe zu leſen, womit er ſeine eigenthuͤmliche Welt be⸗ volkert hat; denn er kann, wenn es ihm gut duͤnkt, alle Schleier herabreißen, und die Seelen, welche er geſchaffen(bisweilen auch nach ſeinem Bilde), in ihrer reizenden oder haͤßlichen Bloͤße zeigen⸗ Indem wir uns dieſen Vorzug anmaßen(denn wir ſind leider! weit entfernt, Dichter zu ſein) wollen wir, ſage ich, uns bemuͤhen, dem Leſer einen ziemlich genauen Begriff von dem Schiffs⸗ prediger beizubringen, deſſen ironiſche und ſtrenge Sprache die Macht hatte, dem Grafen von Vau⸗ drey auf ſonderbare Weiſe zu imponiren. Einem ſehr alten und ehrwuͤrdigen Hauſe ent⸗ ſproſſen, hatte der Abbé von Cilly den geiſtlichen Stand ungefaͤhr erſt ſeit zwei Jahren erwaͤhlt, und die Ereigniſſe, welche ihn zu dieſem Berufe be⸗ ſtimmten, verdienen erzaͤhlt zu werden. Der Abbé brachte den groͤßten Theil ſeiner Ju⸗ gend in einem Schloſſe zu, welches in der Mitte der Vogeſen lag, und eine der vornehmſten Beſitz⸗ ungen ſeines Vaters, des Baron von Cilly, war, eines ſehr geiſtreichen Mannes, der, nachdem er am Hofe des Regenten und Ludwigs XV. viel Gluͤck gemacht hatte, dieſer eiteln und leeren Exiſtenz uber⸗ druſſig, Verſailles verließ und ſich, noch jung, mit der Tochter eines ſeiner Gutsnachbarn verheira⸗ thete. Nach einem Jahre dieſer Ehe ſtarb die Baro⸗ nin an den Folgen der Niederkunft mit Arthur, dem jetzigen Abbé von Cilly. Herr von Cilly war nur maͤßig geruhrt von dieſem Todesfalle; indem er daruͤber nachdachte, war er ſelbſt beinahe damit zufrieden, denn ſeine Frau waͤre ihm vielleicht bei der Entwickelung der ſon⸗ derbaren und kräftigen Erziehung, die er ſeinem Sohne geben wollte, entgegen geweſen. Da Arthur ſich alſo von nun an einem einzi⸗ gen Einfluſſe unterworfen fand, dachte ſein Vater uͤber den fuͤr ſeinen Sohn vorgezeichneten Erzieh⸗ ungsplan ernſthaft nach, wodurch alle ſeine Gedan⸗ ken, ſeine ganze Zukunft, in Anſpruch genommen wurden. Denn, wir haben es ſchon geſagt, jung noch, und der Welt uͤberdruͤſſig, verſprach ſich Herr von Eilly ein unendliches Gluͤck, dieſes Kind unter ſeinen Augen heranwachſen zu ſehen, und Schritt vor Schritt der Entwickelung ſeiner Kräfte zu folgen. Aber er trieb die väterliche Eiferſucht ſo weit, daß es ihm qualvoll geweſen waͤre, ſeinem Sohne den geringſten Unterricht von einem Lehrer geben zu laſſenz er wollte, daß Arthur von ihm Alles empfinge:— Körper und Geiſt.— Auch uberließ — ſich, aufgemuntert burch dieſe Hoffnung und be⸗ wegt durch einen ſtarken Willen, Herr von Cilly, der ſchon aufgeklaͤrt genug war, von Neuem gelehr⸗ ten und verſchiedenartigen Studien; begabt mit einem außerordentlichen Gedaͤchtniſſe, und mit Huͤlfe einer zahlreichen und auserleſenen Bibliothek, erreichte er in einigen Jahren die Grenzen des weitlaͤufigen Feldes, welches er ſeinem, wenn auch nicht ſehr erhabenen, doch wenigſtens thaͤtigen und ſcharfſinnigen Geiſte vorgezeichnet hatte. Im Beſitz von einigen todten und lebenden Sprachen, war ihm kein Zweig der phyſiſchen oder moraliſchen Kenntniſſe gaͤnzlich fremd. Ein guter Muſikus, ein vortrefflicher Maler, ungewohnlich geſchickt in den Koͤrperuͤbungen, war Herr von Cilly mit einem Wort ein vollſtändiger Mann... vollſtaͤndig, doch weniger ein Genie, welches ſchafft und den einſamen Weg verfolgt, den es ſich gebie⸗ teriſch eroͤffnet hat. Aber, wenn Herr von Cilly unfaͤhig war, zu ſchaffen, ſo gab es doch keinen Menſchen in der Welt, welcher beſſer die Schoöpfungen Anderer be⸗ nutzt. beſſer den Saft davon eingeſogen und ſich denſelben, ſo zu ſagen, zugeeignet hätte. Kurz, wenn er nicht die wohltönende und mächtige Har⸗ monie ſelbſt war, welche die Luͤfte durchdringt, ſo war er wenigſtens das reinſte, das vollkommenſte, das genaueſte Echo dieſer Melodie. Man wird eingeſtehen muͤſſen, daß ſolche Fähigkeiten, verbun⸗ den mit ſeiner unendlichen, vaͤterlichen Liebe, ſeinem offenen und edelmüthigen Charakter, den Herrn von Cilly zum ſeltenſten der Lehrer machten. Bei dem Tode ſeiner Frau nahm er keine Amme fuͤr Arthur, denn Herr von Eilly hatte in dieſer Hinſicht vielleicht ſonderbare, aber ſehr feſte Grund⸗ ſätze. Indem er behauptete, daß ein Kind auf dieſem Wege einen niedrigen und gemeinen, ſpaͤter ſchwer zu erſtickenden Hang moraliſch erben könnte, wollte er ſeinen Sohn durch ein Geſchöpf ernähren laſſen, welches ihm wenigſtens nur rein phyſiſche Triebe ubertragen koͤnnte; dazu wählte Herr von Cilly die Ziege, die lebhafte, muntere, unermuͤdliche Ziege, in der Meinung, daß die Leibesbeſchaffenheit ſeines Sohnes, Alles wohl erwogen, bei dieſer Art thieri⸗ ſcher Erblichkeit nur gewinnen koͤnnte. Er täuſchte ſich nicht; die Krafte und das Tem⸗ perament Arthur's entwickelten ſich in ungeheurer Stärke. Aber wenn Herr von Cilly ſtolz bei der An⸗ muth und der Kraft ſeines Sohnes laͤchelte, kann man ſich die Angſt nicht vorſtellen, welche ihn bis zu dem Augenblicke quälte, wo er vernuͤnftige Ver⸗ muthungen uͤber die Geiſtesfaͤhigkeit ſeines Kindes aufſtellen konnte. Und in der That, man denke ſich, mit welcher verzehrenden Unruhe er jede Neigung, jedes Stot⸗ tern, jedes Verlangen, jeden Naturtrieb dieſes Soh⸗ ————— ——— nes erforſchen mußte, welchen er ſich geiſtreich und verſtändig geträumt hatte! Welche ſchmerzliche Angſt!.. Welche Schuͤch⸗ ternheit in ſeinen Verſuchen!.. Welche Zöger⸗ ung in ſeinen Hoffnungen!.. Welche grauſam aufgehaltenen Freuden, als dieſer arme Vater, miß⸗ trauend ſeiner Parteilichkeit, faſt ungerecht gegen ſeinen Sohn wurdez ſo ſehr fuͤrchtete er, ſich durch eine blinde Liebe hinreißen zu laſſen. Aber man begreife auch, wie groß das unermefliche Gluͤck des Herrn von Cilly war, als er bemerkte, daß ſein Arthur, huͤbſch, flink und lebhaft, der ſchuͤchternen Neugierde ſeines Vaters durch Fragen eines unge⸗ woͤhnlichen, obgleich naiven und kindiſchen Scharf⸗ ſinnes zuvorzukommen und ſie zu beruhigen ſchien. Denn das, was Herrn von Cilly noch zum glucklichſten der Menſchen machte, war, daß er ſah, wie ſein Sohn die Sprache, den Geiſt und die lie⸗ benswuͤrdige Fröhlichkeit ſeines Alters beſaß, und nicht die einfaͤltige und ernſthafte Haltung, die komiſch vorgeſchrittenen Ideen der kleinen Wunder⸗ kinder, welche im Alter von zehn Jahren den Vor⸗ theil haben, eine anmaßende Geſchmackloſigkeit an den Tag zu lögen, woruber ſie vielleicht im zwan⸗ zigſten Jahre erroͤthet wären, und die dann ein wenig fruͤher oder ſpater Schwachkoͤpfe werden. Arme Kinder, arme kleine friſche und blonde Koͤpfe ihr, welche einfältige Aeltern unbarmherzig unter großen Greiſenperruͤcken verhuͤllen! Indem er alſo den offenen und raſchen Geiſt ſeines Sohnes ſich beſonders durch eine vernuͤnftige Wißbegierde, eine lebhafte Faſſungs⸗ und richtige urtheilskraft enthullen ſah, war Herr von Eilly fur die ungeheuern Arbeiten, welche er ſich aufgelegt hatte, reichlich entſchaͤdigt. In der That, Arthur, jung ſchon vertraut mit den abſtrakteſten Studien, begabt mit einer gluͤhen⸗ den, durch die Einſamkeit noch erhoͤhten Einbil⸗ dungskraft, fand in den Kuͤnſten die anmuthigſte Zerſtreuung, erholte ſich von ſeinen Geiſtes anſtren⸗ gungen durch die Jagd, das Fechten oder die edle Reitkunſt, und entwickeite ſich frei und ſtark in der Mitte der friſchen und reinen Bergluft; Arthur, ſage ich, erreichte eben ſein zwanzigſtes Jahr, als er den Kreis der menſchlichen, von ſeinem Vater ihm vorgezeichneten Kenntniſſe ſchon ſo ziemlich durch⸗ laufen hatte. Dabei beſaß er, was ſeinem Vater abging: ein ſchopferiſches Genie, welches ſich hier und dort, ſo zu ſagen, ohne ſein Wiſſen, offenbart hatte, bald durch von Friſche und Jugend ſchim⸗ mernde Dichtungen; bald durch Melodien, welche das Gepräge der Anmuth und Heiterkeit an ſich trugen, oder durch großartige Skizzen von kräftiger, lichtvoller Farbe; denn es fand zwiſchen den Ver⸗ ſen, der Malerei und der Muſik dieſes jungen Men⸗ ſchen eine enge Verwandtſchaft Statt, weil es nach Allem nur Eine Kunſt giebt, die Poeſie, ſei es nun, daß ſie durch einen Geſang, ein Gedicht oder ein — Gemaͤlde ſich ausſpricht; denn nur das vollkom⸗ mene Genie ſpricht dieſe drei Sprachen. Aber durch eine ſonderbare Abweichung verband Arthur mit dieſer Munterkeit, dieſem Gedankenreich⸗ thume, ein maͤchtiges Streben nach einem unver⸗ ſoͤhnlich analytiſchen Geiſte. Dieſe letztere und furch⸗ terliche Zergliederungskraft war ohne Zweifel durch die Eigenthuͤmlichkeit der mathematiſchen und phy⸗ ſiſchen Kenntniſſe, wovon ſein Vater ihm die erſten Anfangsgruͤnde beigebracht, und die Arthur ſo viel als moͤglich mit Gruͤndlichkeit aufgefaßt hatte, ſo fruͤh in ihm entwickelt worden. In dem Alter, wo ſich fur den großten Theil der Menſchen die Kindheit kaum erſt endigt, konnte Arthur, ſchoͤn, reich und wohlerzogen, von edlem und feſtem Charakter, ſich ſchon ernſthaft und ge⸗ lehrt gegen die Weiſen, als Kuͤnſtler gegen die Kuͤnſt⸗ ler, als vollkommener Edelmann gegen die feine Welt zeigen. Auch genoß Herr von Cilly, indem er ſeinen Sohn mit ſo wundervollen Eigenſchaften begabt ſah, einen Augenblick des Entzuͤckens und unbe⸗ ſchreiblichen Ehrgeizes. Aber plotzlich wurde er ergriffen von einem Ge⸗ fuhle furchterlicher Traurigkeit, indem er zu ſich ſagte: Wenn ich morgen ſterbe, und dieſes offene, gute und edelmuthige Herz ſich in eine eigennuͤtzige und ſorgloſe Welt hinausgeſchleudert ſieht. welche Zukunft! mein Gott!... Das arme Kind wird, wie der Mann in der Fabel, ſeine ſcho⸗ nen Goldſtuͤcke gegen vertrocknete Blaͤtter austau⸗ ſchen;.. und wer weiß alsdann, ob die Bitter⸗ keit der Täuſchungen nicht die Sitten dieſer bis jetzt ſo reinen und erhabenen Seele verderben wird? Nein, nein, es ſoll nicht ſo werden: bevor er die Welt ſiehe, ſoll mein Sohn ſie ſo kennen lernen, wie ſie iſt;.. und dann wird auch dieſes theoretiſche Studium des Menſchen zur Nahrung der verzehrenden Thä⸗ tigkeit ſeines Geiſtes dienen..„welche mich bis⸗ weilen mit Schrecken erfuͤllt. Herr von Eilly fing alſo an, ſeine Erinnerungen zu ſammeln, um ſeinem Sohne ſeinen ganzen Le⸗ benslauf, mit ſeinen Freuden und Leiden, zu erzäh⸗ len, ohne eine laͤcherliche Menſchenfeindlichkeit oder eine kindiſche Vergoͤtterung fuͤr die geſelligen Ge⸗ bräuche an den Tag zu legen. Er ſchrieb demnach Memviren, welche ſich darin auszeichneten, daß ſie, indem ſie ganz unbefangen das Leben eines Edelmanns ſchilderten, der unter dem Regenten und Ludwig XV. ſehr in der Mode war, alle Lagen, alle Außenſeiten, allen Gluͤcks⸗ wechſel aus dem Leben eines Weltmannes umſchloſ⸗ ſen, und fuͤr Arthur der treue und genaue Plan des Landes ſein ſollten, das er eines Tages zu durchlaufen hätte. Da nun in dieſen Memoiren von zahlreichen ſchönen Eroberungen die Rede war, kaufte Herr von Cilly, welcher befurchtete, daß ähnliche Erzäh⸗ — 13— lungen dem Geiſte Arthur's eine ſchlechte Richtung geben moͤchten, und er auch die Gewalt kannte, welche eine liſtige Weltfrau ſich anmaßt, wenn ſie zuerſt unſere Begierde erweckt oder befriedigt hat; Herr von Cilly, ſage ich, kaufte, um Arthur der Gefahr dieſer zukuͤnftigen Einfluͤſſe zu entreißen, die Tochter eines ſeiner Paͤchter, und gab ſie ſei⸗ nem Sohne als Geliebte. Herr von Cilly handelte hierin ſehr weiſe, denn er haͤtte ſeinen Zweck verfehlt, wenn ſeine vertrau⸗ ten Erzaͤhlungen auf das gluͤhende und jugendliche Feuer ſeines Sohnes die Wirkung eines obſcoͤnen Buches hervorgebracht haͤtten; er wollte im Gegen⸗ theil, daß Arthur, nachdem er zuerſt ſeine Sinne geſaͤttigt haben wuͤrde, im Stande waͤre, nichts als eine Reihe von Beweiſen und moraliſchen Er⸗ örterungen in den Lehren der väterlichen Erfah⸗ rung zu ſehen, anſtatt ſich begierig an Alles zu hängen, was dieſe Entdeckungen Materielles und Rohes an ſich haben mußten. Ferner glaubte Herr von Cilly, ſeinem Sohne das Gemaͤlde der Welt, ſo wie er ſie geſehen hatte, darbieten zu koͤnnen, ohne Schonung und ohne Bedenken weder etwas zu uͤbertreiben, noch etwas zu ſchwaͤchen. Er zeigte ihm die wahre Geſellſchaft, mit ihrer voruͤbergehen⸗ den und ſinnlichen Liebe, ihrer heuchleriſchen Freund⸗ ſchaft und ihrem oberflaͤchlichen Gluͤcke; mit einem Worte, er verbarg ihm nichts, ſowohl aus Ueberzeugung als durch eine Art von Egoismus, — ——— —— von der er ſich nicht Rechnung ablegen konnte, aber welche ihn antrieb, die Welt in ihrer ganzen Bloͤße zu ſchildern, damit Arthur noch mehr den eifrigen und ergebenen Freund lieben moͤchte, welchen er in ſeinem Vater fand. Doch äußerten niemals Lehren eine ſchnellere Wirkung,„ wurden niemals mit mehr Bitter⸗ keit aufgefaßt... Es verhielt ſich mit dieſen theo⸗ retiſchen Begriffen der Welt, wie es mit denen der Wiſſenſchaft ſich verhalten hatte:.... da einmal der Kampfplatz geoffnet, das Ziel geſteckt war, hatte der durchdringende Geiſt Arthur's den Raum mit einem einzigen Sprunge uͤberſchritten„. indem er weit hinter ſich ſeinen Vater zuruͤckließ, der ihm ſchuͤchtern mit den Augen folgte... Denn vermoͤge einer beſondern Anſchauungs⸗ kraft, welche erhabenen Geiſtern eigen iſt, bedurfte Arthur allenthalben nur des geringſten Anhalte⸗ punkts, um einen reinen und ſtreng logiſchen Ent⸗ ſchluß zu faſſen; auch war Herr von Cilly nicht wenig uͤber die verächtlichen Spottreden erſchrocken, welche ſein Sohn bald gegen eine Welt ſchleuderte, die er niemals geſehen hatte, und welche er doch mit den wahrſten und duͤſterſten Farben ſchilderte. Ja, Herr von Cilly hoͤrte Arthur mit jenem Gefuͤhle des Schreckens an, welches man empfin⸗ den wuͤrde, wenn man eine Eichel, die man ge⸗ pflanzt hat, groß.. groß werden und in dem Zeitraume einer Secunde zu einer Eiche an⸗ ——,———— wachſen ſaͤhe... Denn dieſer ungluͤckliche Mann hatte zwar auf einem fruchtbaren Boden zu ſaͤen geglaubt, welcher aber den Geſetzen der Natur fol⸗ gen wuͤrde, um Alles zu ſeiner Zeit hervorzubrin⸗ gen.. Doch„in einem Augenblicke war jede Frucht reif, und fiel ab, den Mutterſtamm nackend, traurig und entbloͤßt zuruͤcklaſſend. Jetzt verſuchte Herr von Cilly ungeſchickterweiſe, umzukehren, denn ſo lange der unglaubliche Scharf⸗ ſinn Arthur's nur die Tiefen der Wiſſenſchaften er⸗ reicht hatte, ſo lange dieſer arme Vater ſich nur an Geiſteskraft uͤbertroffen ſah, ſtand er gern, voll väterlichen Stolzes, ſeinem Sohne nach. Aber als er dieſen Sohn im zwanzigſten Jahre im Beſitze einer ſo vorzeitigen Kenntniß der Welt erblickte, einer Kenntniß, welche, indem ſie ihn ge⸗ waltſam ſeiner Tauſchungen beraubte, ohne ihm das Vergnuͤgen zu laſſen, ſie genoſſen zu haben, ihn verhindern mußte, ſich in ſeinen erſten Mei⸗ nungen betrogen zu ſehen, und ſomit das einzige dem Menſchen zugemeſſene Gluͤck zu genießen, wollte Herr von Cilly, der die traurigſte Zukunft fuͤr ſeinen Sohn vorausſah, ihn dieſem verhaͤng⸗ nißvollen Schickſale entreißen. Ach! es war zu ſpät! Seine Worte waren zu eindringlich, zu unbefangen geweſen, um nicht in dem Geiſte Arthur's, welcher von vorzuͤglicher Liebe fuͤr die Wahrheit ergluhte, Wurzel zu faſſen. Auch ſah ſich Herr von Eilly gezwungen, ſeine eigene Erfahrung gegen die Unerfahrenheit ſeines Sohnes zu Huͤlfe zu rufen. Aber Arthur, welcher den Gegenſtand in einem hoͤhern Lichte betrachtete, ſtuͤtzte ſeine Urtheile auf die Geſchichte der politiſchen Staatsumwälzungen. Jenen häͤßlichen und beſchränkten Egoismus, wel⸗ cher in den Herzen der Menſchen herrſcht, fand er eben ſo häßlich und eben ſo beſchränkt in den ſchaͤnd⸗ lichen Geſetzen der Diplomatie oder in den rohen Gewaltthaten der Eroberer, nur mit veraͤndertem Namen. Wie ein Emporkommling.. gab ſich dieſer Egoismus den eitlen Namen: Machiavellis⸗ mus oder Tyrannei; Arthur bewies alſo, daß dies gleiche Reſultate gäbe, und es nicht mehr Nieder⸗ trächtigkeit beduͤrfe, das Buͤndniß eines ergebenen Volkes aufzuopfern, als die Zuneigung eines treuen Freundes zu verrathen; ſo die Umtriebe des Staats⸗ mannes durch die des Weltmannes erklaͤrend, und zwar, wie Arthur ſagte:—„weil die Macht, durch die Erhebung der Menſchen, darum nicht ihre Na⸗ tur erhebt, ſondern ihnen nur die Gelegenheit giebt, wichtigere Gegenſtaͤnde zu beneiden; ſo daß, ob⸗ gleich der Zweck erhabener iſt, die Mittel, welche der Menſch anwendet um dahin zu gelangen, ſtets eben ſo ſchaͤndlich als erbaͤrmlich bleiben.“ Zum erſten Male befand ſich Arthur alſo in directem Widerſpruche mit ſeinem Vater; Herr von Cilly aber, welcher gegen ſeine eigene Ueberzeugung ſprach, fand in ſeinem Sohne einen zu uͤberlegnen —— Gegner, als daß er den Kampf laͤngere Zeit haͤtte fortſetzen koͤnnen, und ſah ſich gezwungen, von der Gewalt der Urtheile Arthur's beſiegt, zu ſchweigen... Ungluͤcklicherweiſe hatte ſich Arthur, durch dieſen gluͤhenden Streit berauſcht, und unwillkuͤhrlich durch das unwiderſtehliche Uebergewicht ſeines Geiſtes hingeriſſen, in eine ſo hohe Sphaͤre erhoben, daß er das heilige Wort„Vater“ vergaß, und in ihm bloß einen ohnmaͤchtigen Gegner erblickte, welcher feig ſich fur beſiegt erklaͤrte. Weit entfernt uͤbrigens, dabei ſtehen zu blei⸗ hen, verfolgte ihn Arthur unbarmherzig; ſchon ſeine Worte, ſo ernſthaft und abgemeſſen er anfangs ge⸗ weſen war, wurden beißend und bitter; ſeine Ue⸗ berzeugung brach in donnernde Spottreden oder in Witz aus, gleichſam als wenn der Gegner, welchen er bekämpfte, keine andern Waffen verdient hätte kurz, er machte dieſer grauſamen Scene nicht eher ein Ende, als nachdem er, ſo zu ſagen, ſeinen Vater den ungeheuren Abſtand, welcher ſie von einander trennte, Schritt vor Schritt hatte ermeſ⸗ ſen laſſen Aber das Herz eines Vaters iſt ein ſo uner⸗ ſchoͤpflicher Schatz von Liebe, Verzeihung und Guͤte, daß Herr von Cilly nur darum ſeine Niederlage bedauerte, weil er ſeinem Sohne eine untroͤſtliche, aber wahre Ueberzeugung nicht hatte entreißen koͤn⸗ en. Was das Bittere des Streites betraf, ſo war er zu ſehr von der Liebe Arthur's uͤberzeugt, Die Seewarte v. Koat⸗Vön. 11I. 2 — — um ſich davon beleidigt zu fuͤhlen; und der Ge⸗ ————— danke, von ſeinem Sohne uͤberwunden zu ſein, war ſeit langer Zeit ſeine Freude, ſein Stolz und ſein Ruhm. Aber ach! wenn die Erinnerung dieſes ungluͤck⸗ lichen Streites keine Veraͤnderung in der Verbin⸗ dung des Herrn von Cilly mit ſeinem Sohne her⸗ vorbringen zu duͤrfen ſchien, welche Stoͤrung er⸗ regte ſie nicht in dem Leben Arthur's, als er, zu ſich ſelbſt kommend, und aus dieſer voruͤbergehen⸗ den Begeiſterung erwachend, ſich der ſchrecklichen, ſo eben gemachten Entdeckung erinnerte! Nein. man vermag nicht, die furchterliche Qual zu ſchil⸗ dern, welche er bei dem Gedanken empfand, daß er auf immer den ſchwachen Geiſt ſeines Vaters kennen gelernt hätte,„ und mit welcher tiefen Verzweiflung ſah er den Schleier fallen, welcher bis dahin die vaͤterliche Geſtalt vergroͤßert hatte, und ſie eben ſo ehrfurchtgebietend machte, als der Name Gottes es iſt! Denn von dem Augenblicke an, wo er den nie⸗ dern Standpunkt des Herrn von Eilly wahrgenom⸗ men hatte, konnte Arthur den ihn umlagernden unerbittlichen Gedanken nicht verbannen, welcher ihm unaufhoͤrlich zufluͤſterte:„Du biſt deinem Vater an Verſtand uͤberlegen.“ Und von demſelben Augenblicke an vergiftete dieſer Gedanke das Leben Arthur's weil er ſeinen Vater an⸗ —— — 4 Bald nahm er ſich vor, nicht mehr mit ihm zu ſtreiten, und ohne Widerrede alle ſeine Meinun⸗ gen anzunehmen; bald wieder fuͤrchtete er, Herr von Cilly moͤchte, indem er den Beweis einer ſo blinden Unterwuͤrfigkeit gegen ihn an den Tag lege, in dieſer immerwaͤhrenden Beiſtimmung nur die frei⸗ willige Entſagung des Starken gegen den Schwa⸗ chen, den er verachtet, erblicken. Wollte er im Gegentheil gegen ihn wie gegen einen an Verſtand Gleichkräftigen in die Schran⸗ ken treten, ſo zitterte er wiederum, ſein Vater koͤnnte dieſen Widerſtand fur die anmaßende Ueberzeugung der Ueberlegenheit annehmen, welche ſich geltend machen will, weil ſie das Recht dazu hat. Auch wurde ſeit dieſem verhaͤngnißvollen Tage Arthur, der mit dem beſtaͤndigen Gedanken beſchaͤftigt war, allen Streit zu vermeiden, in der Befuͤrchtung, ohne ſeinen Willen den Vater zu beleidigen, duͤſter, wort⸗ karg und zuruͤckhaltend; er floh ihn beinahe, und da er ſich nicht mehr jener ſuͤßen und liebenden Vertraulichkeit, die bisher zwiſchen ihnen geherrſcht hatte, zu uͤberlaſſen wagte, verlebte er die Stun⸗ den, die Tage in einem duͤſtern Stillſchweigen, und antwortete nur mit Zwang und Mißtrauen auf die zudringlichen Fragen ſeines Vaters. Herr von Cilly wurde bald dieſe befremdende Veraͤnderung gewahr, und ſuchte lange Zeit die Urſache davon auf. Denn, wiewir ſchon erwaͤhnt, geſtand er ſeine Beſiegung ſo unbefangen ein, daß 5* — es ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen war, ſein Sohn koͤnne uͤber ihn erröthen.... aber die Vorſichtsmaßregeln Arthur's verriethen ungluͤckli⸗ cherweiſe die Beſorgniſſe ſeines zarten, edlen Her⸗ zens; Herr von Eilly dagegen taͤuſchte ſich in ſeiner Meinung, und glaubte feſt, daß ſein Sohn ihn ſeine Verachtung fuͤhlen laſſe, waͤhrend dieſer im Gegentheil nur einen Zweck, nur einen Wunſ nur ein Verlangen hatte:— ſeinem Vater di Idee zu benehmen. Von dem Augenblicke an, wo dieſer ungluͤck⸗ liche Irrthum in den Augen des Herrn von Cilly zur ſchmerzlichen Gewißheit wurde, konnte die miß⸗ trauende Zuruͤckhaltung Arthur's leider nur zu leicht in dieſem Sinne ausgelegt werden. Zu ſtolz, um ſich zu beklagen, ergab ſich Herr von Cilly darin, verbarg lange Zeit die bittern Thraͤnen, welche eine ſo furchterliche Entdeckung ihm erpreßte, und ſeine Geſundheit fing an, wankend zu werden. Um dieſe Zeit begann Arthur, die Erhabenheit des Geiſtes, welche das Studium der Wiſſenſchaft in ihm noch geſteigert hatte, zu verwuͤnſchen,.. weil eben dieſe moraliſche Ueberlegenheit ihn auf immer elend machte, indem ſie fuͤr ewige Zeiten das hohe Gluͤck, jene kindliche Anbetung, welche die Freude ſeiner Jugend geweſen war, vernich⸗ tete. Und eine unheilbare Schwermuth druͤckte auch ihn zu Boden, beſonders als er ſah, daß der Zu⸗ ſtand ſeines Vaters immer bedenklicher wurde. Wie ſollte man die fuͤrchterliche Veraͤnderung ſchildern, welche in dem Daſein dieſer beiden ehe⸗ mals ſo friedlichen und ſo zärtlichen Weſen vorge⸗ dungen war?. Wie ſollte man die peinigenden Qualen ſchildern... die Qualen des Einen, die Wiſſenſchaft zu beſitzen, des Andern, ſie verliehen zu haben.... wie ſollte man das ungluͤckliche Mißtrauen dieſer beiden großen und reinen Seelen ſchildern, welche ſich nur ſo ſchmerzlich zerriſſen fuͤhlten, weil in ihnen der trefflichſte Edelmuth und das ſchönſte Zartgefuͤhl wohnte? Wie ſollte man, mit einem Worte, den eiſigen Zwang ſchil⸗ dern, welcher an die Stelle ihrer ſanften Herzens⸗ ergießungen getreten war... denn, ach! ſeit je⸗ nem ungluͤcklichen Tage.... fand keine der lan⸗ gen Unterredungen mehr Statt, in welchen Arthur freimuͤthig alle wundervollen Schoͤnheiten eines ihm ſelbſt unbekannten Genie's entfaltete, weil er ſeit dieſem Tage mit dem Bewußtſein ſeiner Kraft, ſo zu ſagen, auch deſſen Scham erlangt hatte... weil ſeit dieſem Tage, wider ſeinen Willen, jene naive und feurige Bewunderung, jener erhabene und heilige kindliche Glaube erſtorben waren, welche in dem Vater ein heiliges Weſen erblicken laſſen, das man blindlings wie Gott ſelbſt anbetet, ohne es durch eine entheiligende Zergliederung zu ent⸗ weihen. 22 Man ſtelle ſich nun das ſchreckliche Daſein des Herrn von Eilly vor, welcher die Welt zu ſehr haßte, um in ihr Troſt zu ſuchen, und der, wir wollen es eingeſtehen, nicht den noͤthigen Glau⸗ ben beſaß, um die Leiden dieſer Erde in der Hoff⸗ nung auf ein beſſeres Leben zu vergeſſen; das iſt ein Punkt, den wir bis jetzt noch nicht beruͤhrt ha⸗ ben; wir wollen nämlich von den religioͤſen An⸗ ſichten des Herrn von Cilly ſprechen. Der Vater Arthur's hatte gar keinen religis⸗ ſen Glauben, wenn man unter Glauben ein blindes Vertrauen auf die gottliche Offenbarung und die andern unbegreiflichen Geheimniſſe der chriſtlichen Religion verſteht. Mit einem richtigen und offenen Geiſte be⸗ gabt, behauptete Herr von Cilly, daß er das nicht glauben könne, was ſein Verſtand nicht erkennez er erkannte in der Natur einen geheimnißvollen Urheber, aber eben darum, weil dieſes wirkende Weſen ein Geheimniß ſei, glaubte er nicht, daß man auf vernuͤnftige Weiſe ſich eine genaue Idee von ihm machen und ihm einen Namen und Ei⸗ genſchaften beilegen koͤnne. Er erblickte darum in dem Glauben Anderer nicht eben Heuchelei, ſondern hielt denſelben fuͤr einen den Auserleſenen beſonders zuertheilten Sinn, fuͤr eine ihnen allein gemachte Offenbarung; allein er konnte ſich von den Wechſelwirkungen dieſes Sinnes eben ſo wenig Rechenſchaft geben, — als ein Blindgeborner ſich von dem Licht und der Außenwelt einen Begriff zu ſchaffen vermag. Un⸗ glucklicherweiſe beſaß Arthur, von ſeinem Vater in dieſem Stande religioͤſer Ungewißheit erzogen, eben ſo wenig einen Glauben; allein er hatte ſich nach den moraliſchen und uͤberlieferten Geſetzen des Chri⸗ ſtenthums, ſo zu ſagen, ein materielles und politi⸗ ſches Glaubensſyſtem gebildet, indem er nach ſei⸗ ner Idee die Religionen als eben ſo viele Formeln zu demſelben Zwecke betrachtete, naͤmlich dem, die Menſchen zu beherrſchen... Nur war unter die⸗ ſen Formeln die chriſtliche Religion die einzige, welche ihm goͤttlich ſchien, in der dichteriſchen Be— deutung dieſes Wortes, um damit das Gepräge der Vollkommenheit auszudruͤcken. Sie war in ſeinen Augen das erhabenſte Geſetzbuch der Menſch⸗ heit; und jene geiſtige Allmacht, dem Apoſtel im härenen Hemde verliehen, welcher von der Hoöhe eines Lehrſtuhls der Demuth das konigliche Schiff und den Volksocean gleichergeſtalt beherrſcht, und der den despotiſchen König, wie das empoͤrte Volk, vor dem Richterſtuhle Gottes erſcheinen läßt, ſchien Arthur die edelmuͤthigſte und erhabenſte der geſel⸗ ligen Zuſammenſtellungen; und wenn er ſie auch nicht als goͤttliche Offenbarung faſſen konnte, ſo betrachtete er ſie wenigſtens als das Meiſterſtuck des geſetzgebenden Geiſtes. Arthur bewunderte die hohe Weisheit des Urhebers dieſes erhabenen Geſetzes, welcher, da er wohl vorausſah, daß der 24 Menſch in ſeinem Stolze die Unfehlbarkeit deſſen, was ein menſchliches Weſen gethan oder geſagt, laͤugnen konnte, ſein Werk der Freiheit, der Liebe und Barmherzigkeit fuͤr göttlichen Urſprungs aus⸗ gab, indem er ſo jedes Laͤugnen in Hinſicht ſeines Urſprunges unter die gewichtigſten Angriffe ſetzte, welche auf dieſe Religion gemacht werden koͤnnten. Alſo da dieſe herrliche, durch die goͤttliche Mo⸗ ral des neuen Teſtaments zuſammengeſtellte Charte nur einen moͤglichen Zweck hatte, den des menſchlichen Gluͤckes, ſo ſah Arthur in jedem Geg⸗ ner dieſes religioſen, politſſchen oder geſelligen Glau⸗ bens, denn fuͤr ihn umfaßte er Alles, einen Ver⸗ brecher, ſchuldig des Hochverraths, wenn auch nicht gegen die Gottheit, doch wenigſtens gegen die menſchliche Geſellſchaft; auch hegte er die tiefſte Ver⸗ achtung gegen die vorgeblich philoſophiſche Schule, von der Voltaire das Oberhaupt und das Vorbild war; eine thoͤricht⸗lugneriſche, niedrig⸗betrugeriſche einfältig⸗ bösartige Schule, welche Chriſtus und ſeine Religion im Namen des Volks und der Frei⸗ heit angriff!!! Ghriſtus! deſſen ganzes Werk in den zwei Worten begriffen war Freiheit und chriſtliche Liebe Ch ſtus, welcher fuͤr das Volk geſtorben war. deſſen Rechte er gegen habſuͤchtige Unterdruͤcker vertheidigte.... Chri⸗ ſtus, welcher die Feſſeln der Sklaven brach; Chri⸗ ſtus, welcher denen, die Vertrauen hatten, eine ewige Gluͤckſeligkeit zur Vergeltung einiger Un⸗ gluͤckstage auf dieſer Erde verhieß... Chyriſtus, welcher, indem er das himmliſche Königreich unter die große Anzahl derjenigen, die nichts auf dieſer Erde beſitzen, vertheilte, ihnen ein Leben voll Elend durch eine erhabene Ergebung ertraͤglich machte, ſo daß ſie veraͤchtlich auf das ſchwelgeriſche Leben der Reichen herabſahen und ſie beklagten, ſtatt ſie zu beneidenz Chriſtus endlich, welcher an die Stelle des Nichts eine Zukunft.. an die Stelle der Verzweiflung die Hoffnung. an die Stelle des Haſſes die Liebe.. an die Stelle der Ab⸗ ſonderung die Gemeinſchaft ſetzte.. Nach dieſem, ſagte er, belege man nun das glaubende Vertrauen mit dem Namen der Unwiſ⸗ ſenheit, des Vorurtheils oder der Erniedrigung; be⸗ trachte man die Verſprechungen Chriſti als Täu⸗ ſchungen, als Luͤgen, ſo liegt wenig an der Ab⸗ ſcheulichkeit dieſer Benennung. Unlaͤugbar iſt das wirkliche Gluͤck derjenigen, welche aufrichtig glauben, unlaͤugbar die hohe und troͤſtende Sittenlehre deſſen, was die Philoſophen Täuſchung oder Unwahrheit nennen. Denn in jeder Geſellſchaft, ſagte Arthur, wird es immer eine nicht zu berechnende Anzahl von Menſchen geben, welche bei allen Huͤlfsleiſtungen Anderer, bei allen Verſprechungen, doch fuͤr ewige Zeit zu Entbehrungen und zum Ungluͤcke beſtimmt ſind. Nun gut! wird man zu läugnen wagen, daß der, welcher, durch die Macht des Glaubens geſtaͤrkt, als ein Ungluͤcklicher dafuͤr entſchädiat wird(denn ſobald er glaubt, beſitzt er), entſchä⸗ digt wird, ſage ich, durch die ewige Seligkeit, zum Lohne ſeiner Tugend und ſeiner Ergebenheit in ſein Schickſal, zur Vergeltung endlich der Entbeh⸗ rungen, die er hier auf der Welt auf alle Weiſe ertragen wuͤrde; wird man zu laͤugnen wagen, daß dieſer Gott, dieſer Geſetzgeber oder dieſer Menſch nicht auf die chriſtlichſte und troſtreichſte Weiſe die wichtigſte aller menſchlichen Fragen geloͤſt habe, ſie, welche die Quelle aller Staatsumwaͤlzungen iſt, mit einem Worte: die Frage, diejenigen gluͤck⸗ lich und zufrieden zu machen,„die nichts beſitzen,“ und doch auch zugleich die Ruhe derjenigen zu ſichern, welche„etwas be⸗ ſitzen!“ Wird man endlich laͤugnen, ſagte Arthur, der Philoſoph, der hitzigſte Encyklopaͤbiſt, wird man laͤugnen, daß jenes zweite Leben, wenn man es, wie ich ſelbſt zugebe, als eine Taͤuſchung oder ein Vorurtheil annimmt, nicht wenigſtens eine bewun⸗ dernswerthe Taͤuſchung iſt, eine troſtreiche Un⸗ wahrheit, ein erhabenes Vorurtheil, welches den feſten Glauben einfloͤßt, daß man die, welche man beweint, wiederſehen wird, und daß unſer Leben nicht mit dem Tode endigt? — Dies waren die religioͤſen Anſichten Ar⸗ thur's.— 1 5 Nachdem er noch einige Monate in dieſem duͤſtern und farbloſen Leben hingebracht hatte, ſtarb Perr von Cilly, die traurige Ueberzeugung mit in das Grab nehmend, welche ſeine Tage verkuͤrzt hatte. Und Arthur ſtand allein in der Welt.. Damals war ſein Schmerz unermeßlich; es war ein kalter, tiefgefuͤhlter, uͤberlegter Schmerz, welcher ſein Bett tief in die Einſamkeit dieſer mäch⸗ tigen Seele grub, gleich den verborgenen Wald⸗ ſtroͤmen, welche unbemerkbar einen rieſigen Felſen untergraben. Denn der vorzuͤglichſte Charakter eines ähnlichen Schmerzes iſt eine eiskakke Ruhe, ſo ſtumm wie ein Grabſtein. es iſt der heim⸗ liche Kummer, welcher die Welt ſucht, um ſich da⸗ ſelbſt zu entfeſſeln und ſeine verſtellten Seufzer auszuſtoßen. Arthur hauchte ſeinen Schmerz nicht ſo ſchnell aus; er nährte ihn; ſein Leben war von nun an ein ewiger Gewiſſensbiß, ein blutiger und wieder⸗ holter Fluch gegen jene eitle Wiſſenſchaft, welche ihm den einzigen Glauben, in den er ſein Ver⸗ trauen ſetzen konnte, geraubt hatte; allein ſtatt die Erinnerungen zu flichen, welche ihm den Verluſt ſeines Vaters ſtets vor Augen ſtellten, rief er ſie hervor, und uͤberließ ſich ihnen mit einer bittern Schwermuth; denn der Gedanke, welcher uns fort⸗ waͤhrend den Tod derjenigen, die uns theuer wa⸗ ren, vergegenwaͤrtigt, erſcheint nur ſchrecklich in den Augen der Gefuͤhlloſen. Da ſie den grauſamen Reiz dieſer Gemuͤthsbewegung nicht kennen, ſo glau⸗ ben ſie dieſe fuͤr ſchmerzlich halten zu muſſen, weil ſie diejenigen weinen ſehen, welche von ihr er⸗ griffen ſind. die Ungluͤcklichen! Sie kennen nicht die fromme Suͤßigkeit gewiſſer Thranen!. Ungefaähr ein Jahr nach dem Tode des Herrn von Cilly ſaß Arthur bei anbrechendem Abend in ſeinem Lieblingszimmer, der unermeßlichen Bib— liothek des Schloſſes, denn hier war es, wo ſein Vater und er ſich ehemals dem Studium mit ei⸗ nem ruͤhrenden Wetteifer uberlaſſen hatten. Dieſe Bibliothek bildete eine Gallerie, deren Fenſter die Ausſicht auf einen der ſchauerlichſten und wildeſten Theile der Vogeſen hatten.... Es waren hohe Gebirge, abgeriſſene Felſen⸗ ſpitzen, duͤſtere und ſchwarze Tannen von den letz⸗ ten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet. Arthur hatte ſich traͤumend mit dem Ellenbo⸗ gen auf einen feſten Tiſch gelehnt, der mit Papie⸗ ren und Manuſcripten bedeckt warz; um dieſe Gal⸗ lerie dehnten ſich unermeßliche Stoͤße Buͤcher in allen Sprachen aus; an einem Fenſter erblickte man eine Staffelei und einige Gemaldeſtizzen; weiter hin eine Harfe und ein kleines Orgelwerk und hier und dort phyſikaliſche und aſtro nomiſche Inſtrumente, Himmels- und Erdkugeln; kurz an dieſem Orte ſchien Alles ein Bild von der Beſchaͤftigung des wiſſenſchaftlichſten, vollſtaͤndig⸗ —————— — ſten und erhabenſten Lebens zu geben und in ſich zu vereinigen, und doch ſeufzte der, welcher in ſich genug Wiſſenſchaft und Geiſt fuͤhlte, um dieſe Bu⸗ cher entbehren und ſie mit der Miene einer ver⸗ ächtlichen Dankbarkeit betrachten zu koͤnnen, wo⸗ mit der kräftige und ſtarke Menſch ſeine alte Amme anblickt; der, deſſen zauberiſcher Pinſel auf dieſe Leinwand die prachtvollen Wunder der Schoͤpfung feſſeln konnte; der, welcher dieſe Harfe unter den Accorden einer bezaubernden Harmonie ertoͤnen laſ⸗ ſen konnte; der, welcher den Gang der Himmels⸗ korper zu errathen, oder die geheimnißvolle Arbeits⸗ ſtätte der Natur zu entſchleiern vermochte; der, welcher die Seele durch die Phyſiologie und die Welt durch die Algebra ergruͤndet hatte; der endlich, welcher keiner Sprache, keiner Wiſſenſchaft, keiner Kunſt fremd warz welcher, jung, reich, ſchön, voll Herz und Geiſt, auf jedes Gluͤck Anſpruch machen konnte. er, ſage ich, ſeufzte, gequalt von einem unheilbaren Schmerz, welcher allen Tröſtungen Trotz bot, und die Eitelkeit des Reich⸗ thums, der Wiſſenſchaft aufdeckte, um die Wunden der Seele zu ſtillen. „O Eitelkeit des Reichthums, der Wiſſenſchaft, der Jugend!“— rief Arthur—„wenn ich, das Unmögliche moͤglich machend, in mir alle die erha⸗ benſten Wiſſenſchaften der Welt und der Jahr⸗ hunderte.. die Schätze der Erde vereinigte,. werde ich den Tod meines Vaters ungeſchehen 0 machen können?.. werde ich es dahin bringen konnen, ihn einſt wiederzuſehen?.. werde ich dieſer verſchlingenden Geiſtesthätigkeit, welche mich verzehrt, Nahrung zu geben. und meinem Le⸗ ben ein Ziel zu ſetzen vermoͤgen? O! Fluch den Wiſſenſchaften! denn die rohe Unwiſſenheit des ein⸗ fältigſten Bauers meiner Guͤter giebt ihm das, was ich mit meinem Blute erkaufen wuͤrde, giebt ihm die Gewißheit, eines Tages und fuͤr immer das Weſen wieder zu ſehen, nach dem er ſich ſehnt, das er betrauert„und ſtellt ihm von ſei— nem Leben durch das Bild der Ewigkeit, an welche er glaubt, einen deutlichen Begriff vor. Fluch!.. die Unwiſſenheit bewirkt alſo ein Wunder, bevolkert eine unſterbliche Welt mit erhabenen und heiligen Erſcheinungen, waͤhrend die tiefſte Wiſſenſchaft zu mir nur von Zerſtörung, Verzweiflung und einem Nichts ſpricht„o! wenn ich glauben könnte .** Was kann ich jetzt mit dieſer eiteln Wiſſenſchaft beginnen? Was kann ſie mir bieten? Sie hat meine Gedanken in die hoͤchſten Regionen erho⸗ † ben aber ſie hat mich fuͤr immer von den an⸗ dern Menſchen abgeſondert, hat mich ſtolz auf mein Wiſſen gemacht, und mich mit Verachtung auf die unter mir Stehenden herabſehen gelehrt. Alle dieſe wundervollen Geheimniſſe der Natur habe ich erforſcht, ich weiß, was iſt... und kann das Proſelyten der Tugend zufuͤhrt, eine ſchaͤndliche That nicht verhindert, waͤhrend das einfältigſte un⸗ zuchtige Buch begeiſtert und das Laſter mit ei⸗ ner ſchrecklichen Fruchtbarkeit verbreitet oder verviel⸗ fältigt. Da er nun nichts mehr zu verſuchen fand, um aus dem Zuſtande moraliſcher Abzehrung, in dem er verloͤſchte, herauszukommen, bedauerte er mehr als je, nicht den religioͤſen Glauben zu beſitzen, der, wie er dachte, vielleicht ſeine unerklaͤrbaren Schmer⸗ zen haͤtte ſtillen können. Endlich entſchloß ſich Arthur, nach reiflicher Ueberlegung, in den geiſtlichen Stand zu treten, ohne Furcht, ſich der Heuchelei beſchuldigt zu ſe⸗ hen; denn er fand es im Gegentheil edel und groß⸗ muͤthig, Andere dieſen Glauben zu lehren, von dem er ſo lebhaft bedauerte, daß er ihn nicht be⸗ ſaß, weil er ſeine ganze troͤſtende Erhabenheit kannte.— Arthur trat alſo in einen geiſtlichen Orden, und wenn er den Stond eines Schiffspredigers wahlte, ſo geſchah es, weil ihm dieſes Leben müh⸗ ſamer, und mit dem urſpruͤnglichen Geluͤbde des Chriſtenthums, dem Geluͤbde der Ergebung, des 9 Leidens und der Demuth, verwandter ſchien.— Oder auch weil er dachte, wenn er vor Gott mit ditſeinem unermeßlichen Durſte nach Glauben, ſeiner ohrnttäuſchung der menſchlichen Eitelkeit, ſeinem vor 5 3* . 0 — der Zeit reifen Alter, welches ihm erlaubte, buch⸗ ſtaͤblich die ſtrengen Anforderungen ſeines heiligen Charakters auszuuͤben, erſcheinen wuͤrde; weil er dachte, daß er in dem Berufe, ſeine Nebenmen⸗ ſchen ſterben zu ſehen und ihnen in dieſer ehrfurcht⸗ gebietenden und geheimnißvollen Stunde beizuſte⸗ hen, vielleicht in der tiefen Anſchauung dieſes Ue⸗ bergangs vom Leben zum Tode die Aufloͤſung des Raͤthſels, die er ſuchte, finden wuͤrde; daß, wenn er in ſich den geringſten Keim des Glaubens hätte, derſelbe ſich vielleicht entwickeln, und der unbe⸗ kannte, beſchwerliche Zuſtand, der ihn marterte alsdann ſein Ende erreichen wuͤrde. Er vertraute alſo die Verwaltung ſeines Ver⸗ moͤgens ſeinem Intendanten, einem rechtſchaffenen und ſicheren Manne, verordnete die Verwendung ſeiner Einkuͤnfte auf fromme Werke, und ſchiffte ſich am Bord der Sylphide ein.— Seine Wahl fiel deshalb auf dieſe Fregatte, weil er wußte, daß er dort Niemandem begegnen wuͤrde, den er ehe⸗ mals in der Welt gekannt. Dies war der Abbé von Cilly; und die weni⸗ gen Monate, die er am Bord zugebracht, ſchienen nicht eine bemerkbare Veraͤnderung in ſeiner mora⸗ liſchen Geſinnung hervorgebracht zu haben. .* . 3weites Kapitel. Ich höre! Schiller, Wallenſtein. Das Geſpräch. Ungefaͤhr vierzehn Tage nach dem Kampfe des Lively und dem Tode des Sir Georges fand ſich Heinrich faſt ganz von ſeiner Wunde hergeſtellt. Zufolge der Befehle, welche er nun eroͤffnet hatte, ſetzte er ſein Kreuzen in den Gewäͤſſern der zoren fort, ſeine Priſe, den Lively, unter ſeinen Befehlen, welche fortwaͤhrend durch Jean Thomas commandirt wurde. Ungeachtet ſeiner Anmuth und ſeines Geiſtes, hatte doch der Graf ſo wenig Huͤlfsquellen in ſich ſelbſt, ſein Kopf war ſo leer, ſeine Einbildungs⸗ kraft ſo unfruchtbar, ſein Gedanke ſo traͤge, ſein Unterricht ſo nichtig, daß das einſame und einfor⸗ mige Leben, welches man waͤhrend eines Kreuzzu⸗ ges am Bord gezwungen fuhrt, ihm zu einer furch⸗ terlichen Laſt wurde. Sein Stab bot ihm wenig Huͤlfsquellen gegen dieſen muͤßigen, einſchläͤfernden Zuſtand dar. Ungeachtet ſeiner ſtrengen und rau⸗ hen Freimuͤthigkeit, hätte die Unterhaltung des Schiffspredigers ohne Zweifel dem Grafen dieſe langen Stunden hinbringen helfen, allein ungluͤck⸗ licherweiſe hatte der Abbé einen entſchiedenen Ge⸗ ſchmack fuͤr die Stille und die Einſamkeit. und doch fuhlte ſich der Graf zu dem Abbé durch jenen ſonderbaren Geiſt des Widerſpruches hingezogen, welcher bewirkt, daß man die Leute niemals mehr aufſucht, als wenn ſie uns zu flie⸗ hen oder zu verſchmähen ſcheinen. Und in der That war Heinrich, obgleich mit ſehr mittelmäßi⸗ gen Geiſteskraͤften begabt, die große Ueberlegenheit, welche den Schiffsprediger auszeichnete, nicht ent⸗ gangen, und man muß dem Bewufßtſein dieſer Be⸗ wunderung, von dem er ſich nicht Rechenſchaft ge⸗ ben konnte, den Aerger zuſchreiben, den er em⸗ pfand, wenn er die kalte und hoͤfliche Gleichgul⸗ tigkeit ſah, mit der dieſer ſonderbare Prieſter ihm bisweilen antwortete. Da er ſich alſo eines Tages mehr als gewoͤhn⸗ lich langweilte, ließ der Graf auf Gerathewohl den Schiffsprediger bitten, zu ihm zu kommen. Der Prieſter ſtellte ſich auf ſeinen Befehl ein; und Heinrich, wenig daran gewöhnt, ſeine Wuͤnſche zu verbergen oder ſich Zwang aufzulegen, ſprach zu ihm mit Entſchloſſenheit: „Sehen Sie, Herr Abbé, ich bekomme Lange⸗ weile zum Sterben, und bedarf Ihrer Huͤlfe. nicht gerade um zu beichten, wohl aber um mich von dem ſonderbaren Zuſtande zu unterhalten, in welchem ich mich ſeit einiger Zeit befinde. um frei zu ſprechen, muß ich Ihnen geſtehen, daß ich alle moͤgliche Ausſchweifungen begangen habe; ich habe thoͤrichte oder traurige Abenteuer gehabt, glücktiche oder ungluͤckliche Duelle, Kaͤmpfez Schiffbruche erlitten, kurz, allen Teufel erfahren... „Doch ungeachtet der Erinnerungen, welche ein ſo bewegtes Leben in mir zuruͤcklaſſen ſollte, fuͤhle ich, wenn ich einmal am Vord bin, und nicht gegen einen Sturm zu kampfen, oder Kanonen⸗ ſchuͤſſe gegen Jemand zu thun habe, eine ver⸗ dammte Langeweile... Sehen Sie alſo zu, Herr Abbé, vielleicht kommt es daher, weil ich eine Akt von Gewiſſensbiſſen in mir fuͤhle; denn, be⸗ vor ich Frankreich verließ, habe ich mich ſehr grau⸗ ſam gegen eine Frau betragen, die mir doch ſo zu⸗ gethan war, als man es nur immer ſein kann. Und, ſehen Sie, Herr Abbé, ubrigens erlaubt Ih⸗ nen Ihr Stand, dieſe Art von Bekenntniß anzu⸗ hören. Vernehmen Sie mich alſo.“ Und nachdem Heinrich das Abenteuer auf dem Thurm von Koat⸗Vén und den vermeintlichen Tod Rita's erzählt hatte, fugte er mit einer ſchwermuͤ⸗ thigen Miene hinzu:„Sehen Sie, Herr Abbé, ich wuͤrde nicht verwundert ſein, wenn einige Abenteuer dieſer Art, welche ich mir vorzuwerfen habe, bedeu⸗ tenden Einfluß auf den Zuſtand der Angſt hätten, den ich erleide... Ja, wenn ich es frei heraus ſagen ſoll, ſo bin ich bisweilen ſelbſt uͤber mein Betragen erſchrocken; denn ich habe in der That ungeſtraft jeder Liebe, welche ich einfloͤßte, geſpot⸗ tet. Ich verachte das maͤnnliche und weibliche Geſchlecht, weil ich es kenne; aber ich verſichere Ihnen, Herr Abbé, daß das Uebergewicht, welches dieſe Verachtung gewaͤhrt, weit entfernt iſt, für die Leere zu entſchädigen, die ſie in dem Herzen zu⸗ ruͤckläßt..... Davon wollte ich alſo mit Ih⸗ nen ſprechen, indem ich mich im voraus allen Ihren Zurechtweiſungen unterwerfe, denn, wenn Sie ſtreng ſind, Herr Abbé, ſo geſtehen Sie es, ich höre mit der größten Aufmerkſamkeit auf Ihre Vermahnungen.“ Indem Heinrich dieſe Geſchichte erzählte, und ſie mit ſo ſchwermuͤthigen Betrachtungen wuͤrzte, hatte er beſonders Stoff zu einer langen Unterre⸗ dung geſucht, zugleich feſt auf die Vorwuͤrfe oder wenigſtens auf die Bemerkungen rechnend, die ihm der Schiffsprediger wegen ſeines unordentlichen Le⸗ benswandels machen wuͤrde, welchen er ſicherlich als grauſam, ungluckſelig, teufliſch bezeichnen mußte; denn, ſo wie alle Lovelaces, beſaß unſer lieber Graf eine entſchiedene Eigenliebe, ſich ſeiner Gottloſig⸗ keit zu ruͤhmen, und ging mit ſeinen guten Eigen⸗ ſchaften leichtſinniger um, als mit ſeinen Laſtern.— Indem der Abbé alſo dieſe Bekenntniſſe anhoͤrte, malte ſich in ſeinen theilnahmloſen Zuͤgen weder Mißbilligung noch Schrecken, noch Zorn; er ſah nur dem Grafen feſt ins Geſicht und begann end⸗ lich mit kalter Miene: „Sie wuͤnſchen alſo mit mir zu plaudern, Herr Graf? Ich ſtehe zu Ihrem Befehl; allein unſere Unterhaltung wird ſonderbarer Art ſein, denn Sie ſind ein großer Herr, an die Freuden der Welt gewoͤhnt, und ich bin nur ein einfacher Prieſter, deſſen Worte ernſthaft ſind.“ „Das iſt es eben, was ich ſuche, Herr Abbé; das iſt ja zum Entzucken, denn ich liebe die Con⸗ traſte. Auch wird es mir ein unerhoͤrtes Vergnuͤ⸗ gen machen, mich ernſthaft zu unterhalten; denn, ich wiederhole es Ihnen, die Zeit wird mir ent⸗ ſetlich lang, wenn ich allein bin.“ „An Ihrer Stelle, Herr Graf, wuͤrde ich, wenn ich die Langeweile nicht beſiegen koͤnnte, ihr durch den Schlaf zu entgehen ſuchen. „Wie, zum Teufel, Herr Abbée. aber eſſen, trinken und ſchlafen, wenn ich mich nicht ſchlage.. wurde ja dem Daſein eines unvernuͤnftigen Thie⸗ res gleichen; und, zum Henker, Sie geben mir als ein Diener des heiligen Evangeliums einen ſonder⸗ baren Rath„ „Sie haben, Herr Graf, um Ihren Geiſt zu beſchaftigen, weder das Vertrauen eines Glaͤubi⸗ gen, noch die Phantaſie eines Dichters, noch das Studium eines Gelehrten fuͤr ſich. Sie ſind, mit einem Worte, weder ein Heiliger, noch ein Denker, noch ein Weiſer; die Einſamkeit wird Ihnen zur Laſt, ich glaube es gern, aber mir kommt es nicht zu, ſie Ihnen zu erleichtern, Herr Graf!“ „Doch, Herr Abbé; ſo großartig auch Ihre Unterhaltung iſt, ſo ſchwoͤre ich Ihnen dennoch, daß ich Gefallen und Intereſſe daran finden wuͤrde, denn, unter uns geſagt, ich bin doch, zum Henker, kein Dummkopf.“ „Sie haben Geiſt, Herr Graf, und ich habe keinen mehr, wir koͤnnten uns daher einander nicht verſtehen.“ „Das, nenne ich chriſtliche Liebe, Herr Abbé.„ „Das waͤre vieehe Hochmuth, Herr Graf; auch, glauben Sie mir, laſſen Sie uns nicht plaudern, Sie wuͤrden es bedauern.“ „Bedauern? Herr Abbé. bedauern?.. Ach! bei Gott, das reizt meine Neugierde und was, zum Teufel, ſollte ich bedauern? Der Abbé antwortete dem Grafen, uͤber den Stolz des durch die Mittelmaͤßigkeit ſeines Ver⸗ ſtandes gluͤcklichen Menſchen, welcher das Ungluͤck herauszufordern ſchien, innerlich entruͤſtet, mit kal⸗ ter, faſt verächtlicher Miene: „Weil Sie es ſo wollen, Herr Graf, laſſen Sie uns, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, uber dieſen Gegenſtand ſchwatzen. Wenn Sie ſich bis jetzt — mit den andern Menſchen verglichen, haben Sie ſich uͤber die Mehrzahl erhaben gefunden, nicht wahr? Denn Sie hatten, nach Ihrer Meinung, das, was den Meiſten abging, Sie beſaßen Rang, Vermögen, Geiſt und Tapferkeit; Sie hegten eine ubermuͤthige Verachtung gegen die Frauen, was Ihnen gerade alle Frauen zufuͤhrte; Sie beſaßen die Macht, ſich, wenn auch nicht uͤber menſchliche, doch wenigſtens uber göttliche Anordnungen hin⸗ auszuſetzen; Sie hatten ſich noch einige Todesfäͤlle mit einer Art von Eitelkeit vorzuwerfen; Sie hat⸗ ten endlich noch das Recht, chorichterweiſe Ihren ungluͤcklichen Ruf zu verwuͤnſchen, dem Sie Furcht und Anbetung verdankten, als ein Schwelger, der noch verfuͤhreriſcher und verdorbener war, wie Don Juan oder Lovelace, gefaͤhrlich und ſchon wie Sa⸗ tan; und dies machte Sie zum gluͤcklichſten der verzweifelten Menſchen? Nicht wahr? Ihre ver⸗ traulichen Mittheilungen wenigſtens gehen darauf aus, mir von Ihnen dieſe Meinung beizubringen, nicht wahr?“ „Sie haben es nicht getroffen, Herr Abbé—“ ſagte Heinrich zoͤgernd, denn vergebens hatte er ſich bemuͤht, auf dem Marmorgeſicht des Prieſters den weck ſeiner jetzigen Fragen zu leſen, um zu wiſ⸗ ſen, ob ſie einen Spott oder eine Ermahnung ent⸗ hielten.—„Sie haben es nicht getroffen, Herr Abbé.— Ich habe ſelten die Folgen meiner La⸗ ſter berechnet, aber ich habe mich dem hingegeben, was mir Vergnuͤgen machte. Ich hegte gegen Niemand einen Haß. Wenn ich mit der Gelieb⸗ ten wechſelte, ſo war es Laune und nicht Grau⸗ ſamkeit; wenn ich Boͤſes veruͤbte, ſo geſchah es niemals aus uͤberlegter Bosheit, ſondern aus Un⸗ bekuͤmmertheit oder Sorgloſigkeit. Bisweilen liebte ich aufrichtig; aber wenn man mich betrog, lachte ich eher daruͤber, als daß ich weinte. Kurz, meine Freude, mein Vergnuͤgen war ſtets mein Zweck; dieſen habe ich erfullt, aber beim Himmel! darum mache ich nicht den geringſten Anſpruch, Lovelace oder Satan zu ſein!“ „Dieſes naive Geſtaͤndniß beruhigt mich, Herr Graf; Ihre vertrauliche Mittheilung uͤber den Tod der ſpaniſchen Herzogin hatte allein meinen Irr⸗ thum verurſacht. entſchuldigen Sie mich alſo, daß ich Sie falſch beurtheilte, denn was Sie mir ſo eben ſagen, verraͤth eine lobenswerthe Aufrich⸗ tigkeit; ſelbſt Ihre Fehler, Ihre Laſter ſind bei alle dem von edler Art. und Sie beweinen Todte, die Sie nicht getödtet haben„ in der That, mein Herr, alles dies beweiſt ein gefuhlvolles und gutes Herz. Entſchuldigen Sie nochmals die Verwegenheit meines erſten Urtheils.. „Das heißt, Herr Abbé, ich habe mir, unter uns geſagt, wohl einige ſtrenge Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen; ich weiß, daß ich das oft mit Fuͤßen getre⸗ ten, was man mit Unrecht Vorurtheil nennt, was aber in Wahrheit Moral iſt; ich weiß ferner, daß ich die durch Religion und Geſetze geheiligten Bande nicht geachtet habe... und daß alles das ſehr ſchlecht iſt... Herr Abbé„ daß alles dies einen gehaͤſſigen Anſtrich hat.. ſehr gehäſſig und daß ich, mit kurzen Worten, vielleicht tadelnswerther bin, als ich es Ihnen ſcheine—“ ſagte Heinrich, welcher, da er ſich beinahe beleidigt fand, daß der Abbé ſich erlaubte, ihn fur einen gefuͤhlvollen Mann zu halten, und was noch ſchlim⸗ mer war, fuͤr einen Suͤnder edler Art, ſich ein wenig in den Augen dieſes unverſchaͤmten Prie⸗ ſters erheben wollte. „Ohne Zweifel iſt Ihr Betragen tadelhaft ge⸗ weſen, Herr Graf“— nahm der Abbé das Wort; „allein Sie handelten mehr aus Schwachheit und Verfuͤhrung gegen das, was Sie liebten, als aus tiefer Verachtung deſſen, was Andern heilig war Sie ſuͤndigten... aber Sie bereueten es... Sie bereuen es noch... weil Sie gut, gefuͤhlvoll ſind, und weil Sie, wenn Sie aus Unbeſonnenheit ein ſchwaches Weſen zu Boden druͤckten, der la⸗ ſtende Kummer, den Sie darüber fuͤhlen, Sie faſt von der Schuld frei ſpricht. ja, Herr Graf, Sie gehoͤren gluͤcklicherweiſe nicht zu jenen grau⸗ ſamen und unbarmherzigen Menſchen, welche ei⸗ nen traurigen Genuß darin finden, Andre in ihren keuſcheſten und ſuͤßeſten Zuneigungen zu verwun⸗ den Sie gehoren nicht unter die Zahl jener duͤſtern Sterblichen, denen die Verachtung ein Ra⸗ — 26— turtrieb, und das Boͤſe zum Beduͤrfniß geworden iſt; nicht unter jene geheimnißvollen Menſchen, welche furchtbaren Meteoren gleich auf der Erde hin ſchweben, und hinter ſich ein weit erſchallen⸗ des Rauſchen von Thraͤnen und Verwuͤnſchungen zuruͤcklaſſen.— Ol nein, Sie gehoͤren nicht zu dieſen, Herr Graf,.. Ihre Sinne konnten Sie irre leiten, aber Ihr Herz blieb großmuͤthig und edel; und einſt, vielleicht bald, glauben Sie mir, werden Sie in einer von Gott geſegneten Verbin⸗ dung, in den Familienbanden, jenes dauernde und heitere Gluͤck finden, deſſen Sie ſo wuͤrdig, jenes ruhige Gluͤck, für welches Sie geſchaffen ſind, und welches Sie wuͤnſchen, ich bin es gewiß, ohne in dieſes Geſtandniß Ihrer ſchoͤnen Seele eingeweiht zu ſein.“ Daföͤr gehalten zu werden, als vereinigte er die ſchätzenswerthen und ſeltenen Erforderniſſe, welche den vortrefflichen Familienvater bedingen, das war noch weit ſchlimmer, als fur gefuhlvoll und gut zu gelten; das war mehr, als der Graf ertragen konnte. Er mußte es faſt fur Beleidi⸗ gung halten, und erwiederte mit einer Art von Verachtung und Aerger „Sie uͤbertreiben Ihre Schilderungen furcht⸗ bar, Herr Abbé im Schlechten wie im Guten.“ „Der Herr Graf ſind zu beſcheiden; Sie ken⸗ nen ſich ſelbſt nicht; Sie haben den Leichtſinn Ih⸗ res Alters mit dem Triebe zur Schlechtigkeit und Bosheit verwechſelt; und das Gefuͤhl der verborge⸗ nen Tugenden, welches in Ihrem Herzen ſchlum⸗ mert und bald erwachen wird, kann Ihnen bewei⸗ ſen, daß ich das Gluͤck hatte, Ihnen wahrzuſagen.“ „Donner und Wetter, Herr Abbé!“— rief der Graf zornig.—„Es beliebt Ihnen wohl, zu ſcherzen? „Ich ſcherze niemals, Herr Graf,“ fuhr der Abbé mit einer eiſigen Miene fort:—„ich wun⸗ dere mich nur, daß ein Urtheil, welches ganz zu Ihrem Vortheil iſt, Sie beleidigen kann!.. „Es beleidigt mich nicht, Herr ſagte Heinrich, indem er ſeine Kaltbluͤtigkeit wieder gewann—„es beleidigt mich nicht; allein es er⸗ zurnt mich, weil Sie mir da ein Gluͤck ſchildern, welches ich unglucklicherweiſe nicht verdiene; Be⸗ dauern iſt es, was ich fuͤhle, aber das iſt auch Alles; denn, unter uns, ich habe und werde nie etwas von dem beſitzen, deſſen man bedarf, um eine Frau und eine Familie gluͤcklich zu machen; ich bin beſtimmt, allein zu leben, Herr Abbé,“— fugte der Graf mit dem tiefen Seufzer eines Ver⸗ zweifelnden hinzu—„allein, ewig allein! „Sie machen es ſich zum Vergnuͤgen, ſich ſelbſt zu verleumden.“. „Nicht doch, Herr Abbé, nicht doch! Zum Teufel, ich muß mich doch beſſer kennen: ich bin ſinnlich, unbeſtaͤndig, ich verleumde gern, ich habe einen abſcheulichen Charakter, und oft empfinde ich eine boshafte und faſt wilde Freude, wenn ich z. B ſehe, daß eine Frau mir nichts mehr zu verweigern hat.— Ja, ich bin vielleicht noch weniger nach ihrem Beſitz als nach dem Gedanken begierig: daß ich es bin, der ſie bewog, ihre Pflichten zu ver⸗ geſſen und ihre Zukunft auf's Spiel zu ſeen e Sie mir, Herr Graf, Sie ſchildern aus Demuth Ihren edeln Charakter in den duͤſter⸗ ſten Farben.“ „Aber potz Tauſend, Herr Abbé, Sie machen mich zum Narren„ich bin kein Heiliger, ich bin nicht in der Beichte, und ich denke gerade jetzt ſehr wenig an die Demuth. Ich ſage, was ich bin und was ich zu ſein glaube. Ich kenne ſehr wohl die Gewiſſensbiſſe, die mich bisweilen drucken; ich weiß wohl, wenn ich mit kaltem Blute mein Betragen erforſche, ſehe ich ein, daß ich eine Menge Fehler begangen habe, welche einen ſtrengern Na⸗ men verdienten, wenn die Welt gegen das Boͤſe, das ſie erzaͤhlt, nicht ſo nachſichtig wäre... Sehen Sie, Herr Abbé, keine von den beiden Schilde⸗ rungen, die Sie von mir entworfen haben, iſt ge⸗ nauz aber wenn ich Jemandem gleiche, ſo iſt es viel mehr jenen teufliſchen Menſchen, von denen Sie ſagten, daß ſie das Boͤſe aus Naturtrieb thun.“ „Der Herr Graf wollen ſcherzen?“ Scherzen Herr Abb6, ſcher⸗ zen? O nein! Ich ſcherze nicht; ich habe ſürchter — 05— liche Augenblicke, glauben Sir mir. wenn es auch nur die Traurigkeit waͤre, die mich ver⸗ zehrt, wenn ich allein bin, Herr Abbé!..„ „Sie uͤbertreiben ein wenig, Herr Graf, es iſt Langeweile, aber nicht Traurigkeit.“ „Ja, Herr Abbé,. ja, es iſt ſo⸗ gar Verzweiflung, Sie können es mir glauben,. denn kurz, ich zähle mich zu den Verbrechern.. und ich habe wohl Urſache, in Verzweiflung zu gerathen.“ „In Wahrheit, Herr Graf, Sie ubertreiben Ihre Fehler, wie uͤbrigens alle ſchoͤne Seelen zu thun pflegen,“ fuhr der Abbé ironiſch fort, welcher verachtlich lächelte, indem er den auf ſeine Laſter ſtolzen Grafen dahin gebracht ſah, ſich freiwillig mit den grellſten Farben zu ſchildern. „Hölle und Teuftel! Potz Element, Sie ſind zu nachſichtig, Herr Abbé,“ nahm der Graf das Wort.„Zum Henker! Meine Seele iſt in der That ſchoͤn! In einer Friſt von drei Monaten ſtirbt eine Frau, welche mich verwuͤnſcht; und ich toͤdte im Duell den Ehemann einer Andern, welche gezwungen iſt, ſich in ein Kloſter zuruͤckzuziehen.. Ich habe in der That eine ſchone Seele, wenn nichts mich ruhrt, wenn nichts mich zuruͤck⸗ halt, wenn ich Familien troſtlos und ungluͤcklich mache. Eine ſchone Seele, in der That; ſehr würdig, jenes ruhige Gluͤck und jene reinen Fa⸗ milienfreuden zu genießen, von denen Sie ſprachen! Die Seewarte v. Koat⸗Ven. III. 4 — 50— Eine ſchoͤne Seele iſt alſo die eines Men⸗ ſchen, welcher ſein Vergnuͤgen in dem zu bemerken nur ſucht und findet, was Andere Thränen oder Blut koſtet!.. Eine ſchoͤne Seele, die eines Men⸗ ſchen, welcher durch ſeine Laſter und Verbrechen faſt die Menſchlichkeit uberſchreitet! Bei Gott! Sie ſind zu nachſichtig, mein Herr Beichtvater,“— rief endlich der Graf, indem er unruhig in ſeiner Gallerie auf und abging. „Erlauben Sie mir, Herr Graf,“ fuhr kalt der Abbé fort,—„daß ich anfangs von Don Juan, Lovelace, und ſogar vom Satan ſprach, und daß die⸗ ſer Vergleich Sie zu beleidigen ſchien.“ „Wohlan! Es iſt entſetzlich, das einzugeſte⸗ hen,“— ſagte Heinrich mit leiſer Stimme— „doch es iſt wirklich ſo; ja ja, Sie hatten Recht; aber wie, zum Teufel, ſollte man auch ſo eine Aehnlichkeit eingeſtehen!“ „Ich hatte alſo richtig errathen, Herr Graf; Sie ſind gluͤcklich, daß Sie ſich verdorbener fuhlen, als Don Fuan und Lovelace; verdorbener als dieſe trotzigen und verächtlichen Menſchen, in deren Augen die Menſchheit nur ein Spielball oder ein Opfer iſt: kurz, Sie ſind der Graf von Vaudrey⸗ Hiernach muß ich Ihnen mehr als je ſagen wir wollen nicht mehr zuſammen ſprechen, Sie wurden es bedauern, Herr Graf.“ „Wie ſo, Herr Abbé?“ „Allerdings, Herr Graf; Sie wiſſen, daß Sie keine Tugend, keine Sittlichkeit beſitzen, aber Sie denken, daß es Ihren Laſtern weder an Reiz noch an Eigenthuͤmlichkeit fehlt. Warum alſo wollen Sie, ich bitte Sie, die verzweifelte, wenn gleich ſchmeichelhafte Ueberzeugung nicht rein und unbe⸗ fleckt erhalten, daß Sie ein Menſch ſind, der we⸗ nigſtens den andern Menſchen durch die hölliſche Verachtung üͤberlegen iſt, mit welcher Sie Alles verſpotten, was die andern verehren? Warum wollen Sie ſo leichtſinnig dem Vortheil, dem Ruf, ein ganz verdorbener Menſch zu ſein, entſagen, und von Ihrer Stirn das teufliſche Brandmal ver⸗ wiſchen, welches Ihnen ſo gut ſteht und den Frauen ſo ſehr gefällt? „Alſo Sie hoffen, mich zu bekehren, Herr Abbé!“— rief Heinrich mit faſt erſchrockener Miene. „Ol beruhigen Sie ſich, Herr Graf: die Tu⸗ gend iſt kein Gefuͤhl, ſie iſt faſt ein Sinn, deſſen göttlicher Keim in der Tiefe jedes Menſchenherzens verborgen liegt. Aber dieſer Keim iſt in Ihrer Seele erſtickt, er iſt darin erſtorben, Herr Graf, er⸗ ſtorben für immer.“ Heinrich athmete auf.—„Aber was zum Teufel könnte ich dabei verlieren, da ich nichts da⸗ bei zu gewinnen habe?„„ „Die Verblendung des Laſters, Herr Graf.“ 4* „Die Verblendung des Laſters, Herr Abbé?“ Ja Herr Graf, die Verblendung des La⸗ ſters. Ich verſtehe darunter, daß ich Ihnen viel⸗ leicht Ihr Laſter kalt und nackt zeigen koͤnnte, ſo wie es iſt, wenn man ihm die Maske der Ueber⸗ legenheit, der Macht und der Gewalt abreißt, welche es vornimmt, um ſeine laͤcherliche Seite, ſeine Schwaͤche und ſeine Feigheit zu verbergen; denn was dieſem armen Laſter fehlt, Herr Graf, will es ſich gerade das Anſehen geben zu beſitzen, als: die Verachtung, die Kraft, die Eigenthuͤmlichkeit; denn ſeit der Regentſchaft des Herzogs von Orleans reg⸗ nete es Valmonte, man wird uͤberſchwemmt von Lovelace's, und Satan hat das Buͤrgerrecht in Paris erlangt.“ „Ich will das nicht fur eine Anzuͤglichkeit hal⸗ ten, Herr Abbé,“ ſagte Heinrich ſtreng. „Herr Graf, wenn ich ſage Lovelace„ſo ſpreche ich von Lovelace.....“ „Wie denn, Herr Abbé? Lovelace, ſogar Love⸗ lace findet nicht Gnade vor Ihnen?“ „Wenn Sie unter Gnade Bewunderung oder Schrecken verſtehen, ſo muß ich Ihnen ſagen, Herr Graf, daß ich weder bewundere noch fuͤrchte, was feig, gemein und lächerlich iſt.“ „Lächerlich, Herr Abbé, Lovelace lächerlich! Lo⸗ velace gemein! Lovelace feig!.... — 53— „Lächerlich, Herr Graf, dumm laͤcherlich; denn er iſt der blinde Sklave deſſen, was die menſchliche Geſellſchaft Verächtliches, die Civiliſation Rohes, die Humanität Gemeines in ſich bogreift; lächer⸗ lich, denn er zittert bei dem bloßen Gedanken, von einem Narren nach der Mode aufgezogen oder von einer ſittenloſen Frau verachtet zu werden.“ „Aber es iſt ja ganz das Gegentheil von die⸗ ſem, Herr Abbé,..... Lovelace verachtet die Welt.“ „Das iſt nicht der Fall, Herr Graf! Lovelace verachtet die Welt nicht; nein, Lovelace tritt die Welt nicht mit Fuͤßen, denn er iſt es, welcher zu den Fuͤßen der Welt kriecht der Stolze!! Er thut nicht einen Schritt, er macht nicht eine Geberde, nicht ein Zeichen, das nicht die Welt anginge; er ſagt nicht ein Wort, ohne es für die Welt zu ſagen. Füͤr die Welt iſt er meineidig, ſchelmiſch, einfältig, niedertraͤchtig, feig, ein Meuchel⸗ mörder ſogar, wenn es noͤthig iſt; fuͤr die Welt, welche ihn ſieht, eine Welt voll Schwachköpfe und unzuͤchtiger Weiber, iſt er an die Verfuͤhrung ge⸗ feſſelt, wie der Galeerenſklave an ſeine Kette; um das nichtige und ſchaͤndliche Bravo der Welt zu ver⸗ dienen, wird er Clariſſa verfuͤhren, welche er nicht einmal begehrt. Wohlan! unwiderſtehlicher Love⸗ lace, ſtolzer Lovelace, ſchoͤner Lovelace, man hat die Augen auf Dich gerichtet... wohlan! laß Deine Fuͤnſte ſehen, Gauk'er.. ziehe Dein flim⸗ — merndes Kleid an, zeige uns Deine Gelenkigkeit; wohlan! beginne! man betrachtet Dich.— Sieh, hier iſt ein armes, unſchuldiges, unbefangenes Maͤd⸗ chen, welche Deinen abgeſtumpften Sinnen nicht anſpricht.. Du muft ſie verfuͤhren!... Du liebſt ſie nicht, ſagſt Du?.. Was thut das? Es handelt ſich nicht darum„. Der zahme Baͤr, welchen man auf die dicke Dogge hetzt, frißt ſein Schlachtopfer auch nicht, er wird es bloß erſticken, um den Zuſchauern zu gefallen!— Wohlan, Lovelace, an's Werk!— aber Du findeſt Widerſtand, Du, der Unwiderſtehliches.— Wohlan, laß Dich nicht abſchrecken; Aller Augen ruhen auf Dir, ſage ich Dir; verwende Deine Naͤchte und Tage darauf; überlege, erſchoͤpfe Dei⸗ nen beſchraͤnkten Verſtand, berechne, erblaſſe; wohl⸗ an, Niedrigkeiten, Lugen, ſchändliche Liſt; wohlan, Giftz; wohlan Schänd„.— man ſieht auf Dich, Lovelace, man betrachtet Dich!... 2h! Du haſt endlich geſiegt... das iſt großmuͤthig, das iſt edelmuͤthig, Lovelace! aber auch, welcher Beifall ſteht Dir bevor! wie werden Dir die Weiber zulaͤcheln! Jetzt ſage noch, Du habeſt nicht aus Eitelkeit dieſe Niedertraͤchtigkeit begangen. Du wuͤr⸗ deſt luͤgen. Mit dem Laſter groß zu thun, bezeich⸗ net den Schwelger. Nein, nein! Robert Lovelace, als ein ſchlechter Schauſpieler wuͤrdeſt Du die Bret⸗ ter verlaſſen, wenn der vornehme Poͤbel, deſſen Bravo's Du erbettelſt, ſich nicht herzu draͤngte.“ 55 „Aber Clariſſa unterlag doch, Clariſſa wurde doch verfuͤhrt,“— rief der Graf. „Und das iſt in Wahrheit ein glänzender Tri⸗ umph, Herr Graf, ein kuͤhner Kampf, in der That, ein edles Ringen! Von der einen Seite ein großer Herx, jung, reich, ohne Herz, abgefeimt, hartnaͤckig, wie alle gemeine Geiſter, beſchuͤtzt von der ſeinen Anſtrengungen Beifall zollenden Welt, von den Geſetzen, welche bei ſolchen Verbrechen ſchweigen; und von der andern Seite ein armes, junges Mäd⸗ chen, ohne Stuͤtze, ohne Erfahrung, verlaſſen, ver⸗ ſtoßen, verleumdet durch ihre Familie, verſpottet von der Welt, wenn ſie Widerſtand leiſtet, und ver⸗ dammt, wenn ſie unterliegt unerhoͤrter Sieg, teufliſches Lachen; der Damon triumphirt, wohlan, Satan, breite Deine gewaltigen Fluͤgel aus und kehre in den Schwefelpfuhl zuruͤck armer Satan, Neuling in der Sache, ungeſchickter Teu⸗ fel, der ſeinen Thron und ſein Feuermeer verlaſſen hat, um mit genauer Noth und durch Liſt und Gewalt das zu entreißen, was Clariſſa, wieder zu ſich gekommen, ihm fuͤr immer verweigert, was Clariſſa vielleicht einem ſo offenherzigen Kinde wie ſie, freiwillig geboten hatte in Wahr⸗ heit, Herr Graf, das Beiſpiel von einem aͤhnlichen Laſter iſt zu einfaͤltig, um gefäͤhrlich zu ſein.“ „Aber Lovelace war wenigſtens nicht feig bei ſeinen Duellen!“— rief der Graf auf's aͤußerſte gebracht. „Ich kann mir unter dem keinen tapfern Mann vorſtellen, welcher nur durch das Gefuͤhl der Schicklichkeit, durch die geſellſchaftliche Ueber⸗ einkunft gezwungen, den Degen in einem Duelle zieht; man weiß zu leben, damit iſt Alles geſagt; allein man iſt feig, in der That, recht feig, wenn man auf die Strafloſigkeit gerechnet hat, um das Boͤſe zu vollbringen; man iſt feig, wenn man Geſetzen Trotz bietet, von denen man nicht erreicht werden kann; man iſt feig, wenn man eine Niedertraͤchtig⸗ keit begeht, nur weil man die Gewißheit hat, in jedem Menſchen einen Vertheidiger, einen Mit⸗ ſchuldigen, oder einen Gleichgultigen zu finden. Mit einem Worte, das Laſter iſt ſtets feig, Herr Graf, das Laſier iſt niedertraͤchtig feig, weil es weiß, daß es uͤberall triumphirt, geehrt, unterſtuͤtzt wirb, waͤhrend die Tugend allenthalben verfolgt, arm und verlaſſen iſt.“ „Ah! Sie geſtehen alſo ein, daß das Laſter glucklich iſt, Herr Abbö?“ „Das iſt eine Wahrheit, ſo alt wie die Welt, Herr Graf; aber welches Gluͤck genießt das Laſter!— es gelangt doch nur durch viele Niederträchtigkeiten und durch Feigheit dazu! In den Augen des den⸗ kenden Menſchen erſcheint es gemein und laͤcher⸗ lich; ja, dem Boͤſen, welches von ihm veruͤbt wird, fehlt es ſelbſt an Kraft und Großartigkeit; denn das Laſter ſundigt aus Bosheit und nicht aus Energie, wie es die Leidenſchaften thun wuͤrden; — dem Lovelace muß man ſagen, daß er nur Love⸗ lace iſt, weil er nichts Anderes ſein konnte; daß die Rolle eines glucklichen Frauenguͤnſtlings, welche jeder Menſch im zwanzigſten Jahre ſpielen kann, nur eine dumme Narrenrolle iſt, wenn ſie ausge⸗ dehnt und zum Handwerk wird. Und dann muß man ihm beſonders noch ſagen, daß es kein noch ſo elendes Dorf giebt, welches nicht ſeinen Love⸗ lace beſäße, keinen Lakaien, keinen Provinzbewoh⸗ ner, der nicht ein Lovelace waͤre, und daß alles dies vortreffliche Lovelace's bildet, eben ſo gute und vielleicht noch beſſere als Sie, Herr Marſchall, als Sie, Herr Marquis, als Sie, Herr Präſident, als Sie, Herr Obriſt; denn obgleich Sie ſich in der Theorie des Laſters auszeichnen, ſo weiß ich doch nicht, welches entfernte Echo von Ehre und Bieder⸗ keit noch genugſam in Ihrer Seele wiederhallt, um Sie zu verhindern, eben ſo weit zu gehen, wie viele andere Elende. Es macht untroſtlich, ſich ſo den Rang ablaufen zu ſehen, ich weiß es, aber es iſt ſo... Ohne zu berechnen, daß der Straßenraͤuber, der offen mit den Menſchen bricht, tauſend Mal mehr Muth, Verachtung und Kraft zeigt, als der ehrloſe und feige Schwelger, welcher einherkriecht und die Fuͤße ſeiner Schlachtopfer kußt ach einem ziemlich langen Stillſchweigen, welches der Graf zur Ueberlegung zu benutzen ſchien, ſagte er in einem ſehr leichten und ungezwunge⸗ nen Tone: „Alles das iſt recht ſchoͤn und gut, Herr Abbé; wenn es eine Predigt iſt, ſo danke ich Ihnen da⸗ fuͤr, wenn es Anzuͤglichkeit iſt, ſo liegt mir wenig daran; denn, was Sie auch ſagen moͤgen, das, was Sie ſo beredſam brandmarken, beluſtigt mich ſehr und wird mich noch lange Zeit ergoͤtzen. Mit einem Worte, ich gedenke, die Stellung eines Frauen⸗ guͤnſtlings, welche Sie ſo laͤcherlich finden, mir noch ſo lange als moͤglich zu erhalten; ich ſehe alſo nicht ein, worin Sie mir die Taͤuſchung des Laſters benommen haben,„mein lieber Abbé.“ „Es giebt ein Geſtaͤndniß, Herr Graf, welches der verdorbene Menſch ſich niemals ablegen wird.. ſelbſt nicht in der geheimſten Tiefe ſeines Gewiſſens: naͤmlich anzuerkennen, daß er einen zu ſchwachen, zu gemeinen und zu feigen Charakter und Geiſt beſitzt, um tugendhaft zu ſein.— Auch ſucht ſein unheilbarer Stolz, um ſich dieſe beißende und tiefe Wahrheit zu verbergen, die Feigheit, die Schwach⸗ heit, die Gemeinheit des Laſters, unter, ich weiß nicht, welchem falſchen Scheine von Hochmuth, Staͤrke und Originalitaͤt zu verhuͤllen; und dadurch macht ſich der laſterhafte Menſch zum Narren einer ſehr thoͤrichten Verblendung, Herr Graf... denn es giebt in der Welt nichts Einfältigeres, Gemeineres und Niedrigeres, als das Leben eines Laſterhaften. Er findet ſein Vergnuͤgen daran, das mag ſein; aber er ergoͤtzt ſich an einem thoͤ⸗ richten und gemeinen Gegenſtande.. Es iſt — daher, Herr Graf, bei dem Laſter nichts zu erholen, denn ein Mann von Perz und Verſtand wird vielleicht wohl dieſes leere und nichtige Leben ein⸗ ſchlagen, aber bald durfte er es, uͤberdruſſig ſo vie⸗ ler laͤcherlichen Täuſchungen, mit der unbekuͤmmer⸗ ten Verachtung des Juͤnglings verlaſſen, welcher das Spielzeug ſeiner Kindheit bei Seite legt. „Mit einem Worte, Herr Graf, um auf die Taͤuſchung zuruͤckzukommen, ſo haben Sie ge⸗ glaubt, durch Ihre vertrauliche Mittheilung mir eine hohe Idee von Ihrem Verdienſte beizubrin⸗ gen; dies war eine Täuſchung, Herr Graf, denn Sie ſind bei mir immer noch derſelbe geblieben, der Sie mir waren, als ich Sie das erſte Mal ſah: ein ſehr reicher, ſehr liebenswuͤrdiger, bei Hofe ſehr geſuchter Edelmann und nichts weiter; Sie glaubten auch noch, mich, den einfachen Prieſter, durch das Geſtändniß Ihrer teufliſchen Ausſchwei⸗ fungen zu erſchrecken oder in Erſtaunen zu ſetzen; dies war wieder eine Täuſchung, Herr Graf, denn ich verlaſſe nicht eben erſt die Schule; ich kenne die Welt, und ich weiß auch, daß fuͤr zehn Louisd'or der erſte beſte Lakai noch unverſchamter und brutaler mit ſeiner Geliebten ſein wird, als Sie es mit der Frau Herzogin von Almeda gewe⸗ ſen ſind, um einem andern Madchen zu gefallen; kurz, Ihre Gewiſſensbiſſe und Ihre Verzweiflung, Herr Graf, wurden des Mitleibs ſehr wuͤrdig ſein, wenn ſie aufrichtig wärenz aber ſie ſind es nicht; es iſt eine Anmaßung, ein Rahmen fuͤr Ihre Ei⸗ telkeit, nichts weiter!. Alſo, ein Mal fuͤr alle Mal, Herr Graf:— Entweder werden Sie mir, als Prieſter, bußfertig zu meinen Fuͤßen liegen, Ihre Fehler eingeſtehen, um die Vergebung dafuͤr demuͤthig zu erflehenz oder Sie werden mir erlau⸗ ben, Herr Graf, Sie als Weltmann zu benachrich⸗ tigen, daß Schwelgereien und Verleumdungen ſeit langer Zeit fuͤr mich nicht mehr den geringſten Reiz haben.“ Mit dieſen Worten gruͤßte der Abbé den Gra⸗ fen ſehr artig und entfernte ſich. „Ein verteufelter Menſch,“— ſagte Hein⸗ rich,—„und ich konnte glauben, ihn zu erſchrecken oder ſein Erſtaunen zu erregen?. Das iſt ein Weiſer, von den Irrthuͤmern dieſer Welt zuruͤck⸗ gekommen. Es moͤge ihm wohl bekommen..... Zum Henker! ich wuͤßte doch gern, wieviel Geliebte er gehabt hat,„ aber wage es Einer, mit ihm davon zu ſprechen,... bah! bah! allen ſchönen Phraſen dieſes Herrn zum Trotz iſt es doch nicht weniger wahr, daß ich gleich tauſend Louisd'or geben wollte, um in meinem Verſailles zu ſein. Ein verteufelter Menſch,“— wiederholte der Graf, nach einem Augenblicke der Ueberlegung,—„verteufelter Abbé, es iſt ein abgefeimter Wuͤſtling,.. ja, ja, und das allein iſt mir zuwider... O! wenn es ein Seminariſt wäre, der ſich ſo wenig aus mir ge⸗ — macht hätte, ſo wuͤrde ich daruber lachen oder un⸗ bekuͤmmert ſein, aber zum Teufel, die Ver⸗ achtung eines Mannes, welcher oft in die beſten Geſellſchaften gekommen iſt, wie ich nicht zweifle, eine ſolche Verachtung iſt ziemlich aͤrgerlich, ich geſtehe es, denn dieſem verteufelten Abbé duͤrfte wohl nichts fehlen, um ein ganzer Welt⸗ mann zu ſein;. aber es wird ihm Langeweile gemacht haben, um ſo mehr, da er faſt ein Genie iſt; und dann iſt er ſehr beredt,— ſehr beredt... Dieſer Menſch iſt ein Geheimniß... Aber noch ein Mal, ich möchte wahrhaftig die Mä⸗ treſſen kennen, die er gehabt ht Dies ungefaͤhr war der kurzgefaßte Inhalt der Betrachtungen, welche die Unterredung mit dem Schiffsprediger in dem Grafen erweckte. Drittes Kapitel. Er iſt unſer Feldherr! Schiller, Wallenſteins Lager. Ajap. Waͤhrend einer Sommernacht Indiens, einer reinen, hellen und geſtirnten Nacht, glitt ein Geſchwader, welches aus acht Kriegsſchiffen und drei Fregatten beſtand, ſchweigend auf den Gewaͤſſern des ſchmalen Canals dahin, welcher durch die weſt⸗ liche Kuͤſte der Inſel Ceylon und die oſtliche Kuſte von Carnate, ſonſt die Kuͤſte von Coromandel ge⸗ nannt, gebilbet wird. Mit etwas Kenntniß vom Seeweſen, war es leicht zu bemerken, daß der großte Theil dieſer Schiffe kurzlich an einem moͤrderiſchen Kampfe Theil genommen hatte. Es war dies in der That die franzoͤſiſche Di⸗ viſion in dem indiſchen Meere, unter den Befehlen 6— des Herrn Bailli von Suffren, welche nach dem Kampfe von Negapatnam, einem Kampfe, in wel⸗ chem der engliſche Admiral, Sir Hughes, gänzlich geſchlagen wurde, zu Gondelour vor Anker gehen wollte. Drei Fregatten, die Bellona, die Fine, und die Sylphide, welche auf Entdeckung Jagd mach⸗ ten, bahnten dieſer Diviſion den Weg. Die Schiffe, der Sphinx und der Orient, dienten als Vortrab. Der Ajax, welcher die Admirals⸗Flagge fuhrte, der Vengeur und der Artheſien bildeten die mittlere Schlachtordnung, der Brillant, der Hé⸗ ros und der Hannibal, eine engliſche Priſe, die Nachhut. Dieſes Geſchwader ſchiffte zur gegenſeitigen edeckung mit kleinem Segelwerk, und, die leich⸗ ten Fahrzeuge ausgenommen, welche vor dem Hauptcorps Jagd machten, hielt man ſich in dem gemeinſchaftlichen Fahrwaſſer. Der Mond warf ſein hell ſchimmerndes Licht auf den indiſchen Ocean und verſilberte die weißen, geſchwellten Segel dieſer ungeheueren Schiffe, deren Vordertheil aus den ſchlummernden Wellen einen leuchtenden Schaum emporſteigen ließ; aͤhnlich einer breiten Feuerzunge, ſchlaͤngelte ſich dieſer leuchtende Schein längs den ſchwarzen Seiten des Schiffes hin und verband ſich zuletzt in der eben ſo funkeln⸗ den Schiffsſpur. In der Gallerie des Ajax, höchſt einfach aus⸗ meublirt und von einer Hängelampe nur ſchwach erleuchtet, befand ſich ein Mann von ungefaͤhr fuͤnf und vierzig Jahren, welcher, halb ausgeſtreckt auf einem Canapé von Bambusrohr, eine Houca*) rauchte. Der goldene Stiefel und der kriſtallene Kopf dieſer praͤchtigen Pfeife ruhten auf der Erde, und ihr langes Rohr von ſcharlachrothem Sam⸗ met, mit Seide durchwirkt, deſſen Spitze von Bern⸗ ſtein war, wurde nachläſſig zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger des Bewohners der Gallerie feſt gehalten. Dieſer Jemand ſchien tief in Ge⸗ danken verſunken, obwohl er von Zeit zu Zeit mit Heftigkeit rauchte. Es war ein ſehr dicker Mann von ziemlich hohem Wuchſe; ſein roͤthliches, vol⸗ les Geſicht, voll Adel, athmete Kuͤhnheit und Kraft ſeine hervorragende Naſe, ſeine großen, lebhaften Augen, ſeine ſtark gewoͤlbten Augenbrauen, ſeine breite und erhabene Stirn endlich bildeten eine ſtolze, ehrfurchtgebietende Phyſiognomie. Dieſer Mann war nur mit einem langen Beinkleid und einer baumwollenen weißen Jacke bekleidet, ſein auf der Bruſt halb offenſtehendes Hemd ließ einen mus⸗ kulöſen Hals bemerken, und ein großer indiſcher Binſenhut, mit ungeheurem Rande, bedeckte ſeine gepuderten und aufgerollten Haare. * Art pfeifen, wie ſie die Wilden haben. „ In derſelben Gallerie ſaß ein junger Officier, in vollſtändiger Lieutenants⸗Uniform der koͤniglichen Schiffe, vor einem kleinen Tiſche; er hielt eine Feder in der Hand, durchblaͤtterte einige Papiere, und ſchien die Befehle des Herrn mit der Pfeife zu erwarten, der die Gallerie fortwaͤhrend mit den wohlriechenden und bläulichten Wellen eines ange⸗ nehmen Rauches erfuͤllte. Dieſer Herr mit der Pfeife, mit der weißen Jacke und dem Binſenhute alſo, war der Herr Bailli von Suffren von Saint⸗ Tropez, Contre⸗Admiral und Befehlshaber der Sec⸗ ſtreitkräfte Seiner Majeſtaͤt des Koͤnigs von Frank⸗ reich in den Meeren Indiens. Der junge Officier war der Neffe des Admi⸗ rals, der Herr Chevalier von Pirrevert, Capitain der Fregatte Bellonaz der Bailli hatte ihn an Bord kommen laſſen, um einen ganz geheimen Auftrag zu volfuhren. Da er ſah, daß ſein Oheim fortfuhr, daſſelbe Stillſchweigen zu beobachten, ſo begann Herr von Pirrevert, ganz laut und zum ſiebenten Male die lette Phraſe eines Briefes zu leſen, welchen ihm der Admiral zu dictiren ſchien: „Alſo, Herr Marſchall, ſehe ich mich ge⸗ „noͤthigt, dem Herrn*** das Kommando „zu entziehen, welches Sie ihm anvertraut „haben. Die Stimme des Chevalier abermals verneh⸗ mend, erhob ſich der Bailli von Suffren von ſei⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 5 — 5 nem Canapé, warf raſch das blitzende Rohr ſeiner Pfeife bei Seite, ſteckte ſeine linke Hand in die Taſche ſeiner Beinkleider(wie er gewohnlich zu thun pflegte), und indem er ſeine andere Hand, die mit einem ſchwarzen Verbande umwickelt war, bewegte, rief er mit der gewohnten Heftigkeit ſeines Charakters: „Wohlan! ja, ja, ſchreib das, alle tauſend Donnerwetter, ſchreib das,. keine Scho⸗ nung fuͤr dieſe Art; dieſes Beiſpiel noch, und mein Heer wird gereinigt ſein von Schwaͤtzern, von Widerſprechern, und was noch ſchlimmer iſt, von von Alber halt, wir wollen nicht mehr davon ſprechen;. denn ich bin erbit⸗ tert Der Elende! von der Verfolgung abzu⸗ ſtehen, unter dem Vorwande, daß ich ihm dazu das Signal gegeben hätte; ich!„ich! einen ſolchen Befehl zu geben, und in einem ſolchen Augenblicke!„ Wiſſen denn ſolche Schufte nicht, daß die Englaͤnder ſie beobachten? ha! bei dem Gedanken, daß die Englaͤnder mich beobachten, wuͤrde ich! ich, zum T.„die Kanonen auf den Gott Vater abbrennen!„. Halt, noch ein Mal, ſprechen wir nicht mehr davon!“— fuͤgte der Admiral hinzu, indem er, um ſich zu beruhigen, fuͤnf oder ſechs große Rauch⸗ wolken ſeiner Houka von ſich blies,„ dann fuhr er fort:—„Sage mir, was blieb mir noch in dieſer Depeſche von dem Miniſter zu verlangen uͤbrig?“ „Ja, Admiral“ antwortete der Chevalier,— „Sie haben mir nur geſagt, ich moͤchte Sie an den Herrn von Vaudrey erinnern.“ „Ach! zum Henker, Du haſt Recht, ich haͤtte ihn bald vergeſſen... In der That, ein Herr*** iſt ſo wenig geeignet, uns den Gedan⸗ ken an einen Officier wie Heinrich in's Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckzurufen, daß dieſe Vegeſſenheit wohl zu entſchuldigen iſt.. Heinrich von Vaudrey, mein theurer Zoͤgling, mein unerſchrockener Schuͤler, ſchreib alſo!.. „Ich ſchließe dieſe Depeſche, Herr Mar⸗ „ſchall, indem ich einen der ausgezeichnet⸗ „ſten Officiere meines Geſchwaders, den „Grafen Heinrich von Vaudrey, Befehls⸗ „haber der Fregatte Sylphide, Ihrem be⸗ „ſonderen Wohlwollen empfehle. Nach „zweimonatlichem Kreuzen hat er, Ihren „Inſtructionen zufolge, meine Diviſion „auf der Hoͤhe der Inſeln des Cap⸗Vert „eingeholt, indem er mir eine ſeiner guten „Priſen, die engliſche Fregatte Lively zu⸗ „fuͤhtte; Herr von Vaudrey hatte außer⸗ „dem eine andere Fregatte faſt entmaſtet, „und eine Schnau einige Tage vor dieſem „ſchonen Kampfe in Grund gebohrt. Ich „habe uͤber den Lively die Verfuͤgung ge⸗ „troffen, Kranke und Gefangene damit „nach Ile de France zuruͤckzufuͤhren.— 5* * — 68— 3 „Seit ſeiner Vereinigung mit mir und be⸗ „ſonders in dem Kampfe von la Praya, „hat ſich Herr von Vaudrey durch ſeinen „Eifer und ſeine Unerſchrockenheit neue „Anſpruͤche auf die Gnade Seiner Maje⸗ „ſtät erworben. Ich wage es daher, Herr „Marſchall, Ihnen den Herrn Grafen von „Vaudrey auf das Angelegentlichſte zu „empfehlen. Ich habe die Ehre zu ſein.“ „Iſt es geſchrieben?“ fragte der Bailli von Suffren⸗ „Ja Admiral, Sie brauchen nur zu unter⸗ zeichnen.“ „Verteufelte Wunde, die mich des Gebrauchs der Hand beraubt,“— ſagte der Admiral, indem er, ſo gut es ging, ſeine Depeſche mit der linken Hand unterſchrieb. Hierauf die Feder weglegend, wendete er ſich an den Officier und ſagte:—„Nun, mein Freund, wir werden, allem Anſcheine nach, dieſe Nacht zu Gondelour vor Anker gehen; ich rechne ſehr darauf, nächſtens daſelbſt eine officielle Unterredung mit Hyder Aly zu habenz er iſt unſer Verbuͤndeter, und fuͤgt den Englaͤndern ungeheuren Schaden zu, mehr zu ſeiner eigenen Genugthuung, als zu der unſtigen, aber daran liegt wenig, das Re⸗ ſultat iſt fuͤr uns daſſelbe. Ich muß ihn daher auch aus allen Kraͤften aufmuntern, ſo fortzu⸗ fahren, und ihm die Mahratten vertilgen helfen, welche die Englaͤnder gegen ihn aufgereizt haben. Ich will alſo, daß die Unterredung, die ich mit Pyder Aly halten muß, ſo glaͤnzend als moöglich ſein ſoll. Du wirſt daher die Geſchenke, welche ich fuͤr ihn beſtimme, aus ihren Kiſten nehmen laſſen. Der Stab der Diviſion wird mich begleiten.. Man blendet die Morgenlaͤnder durch den Glanz; auch will ich eben darum, daß Alles großartig, praͤchtig, koſtbar erſcheine; ſchone meine Boͤrſe nicht; das Schiffsvolk ſoll eingekleidet werden. Ach! ich vergaß beinahe etwas; wenn ich zu Gondelour an's Land ſteige, ſo werde ich ohne Zweifel bei meinem alten Freunde, Mynheer Horn⸗Prast wohnen, denn er wuͤrde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht dieſe Gunſt bewil⸗ lihte. Ei, pardieu! da erinnere ich mich, daß Vaudrey dem guten Manne einige alte Papiere von jenem braven verſtorbenen engliſchen Edel⸗ mann zuzuſtellen hat, der, nach der Ausſage Hein⸗ richs, ſeine Fregatte ſo tapfer vertheidigte. Dieſer Officier hatte ohne Zweifel den Herrn Horn⸗Prast vor dem Kriege gekannt, welcher damals als der Croſus zu Pondichery reſidirte; das trifft ſich aller⸗ liebſt; ich werde den Grafen von Vaudrey bei ihm einfuͤhren, um ſo mehr, weil man ſagt, er habe eine ſehr huͤbſche und ſehr originelle Tochter. enn alſo mein wuͤrdiger Zögling ſich nicht ge⸗ ändert hat, ſo wird dieſe letztere Ruͤckſicht ihn be⸗ — wegen, mich nicht allein zu dem alten Nabob*) gehen zu laſſen.“ Hierauf ſich dem Fenſter naͤhernd, ſah der Ad⸗ miral nach dem Wetter, und ſagte mit zufriedener Miene:—„Wohlan, wohlan, morgen, mit Auf⸗ gang der Sonne, werden wir zu Gondelour vor Anker liegen, und unſer Schiffsvolk wird einige Ruhe genießen koͤnnen, denn ich habe die Ehre ge⸗ habt, den Herrn Admiral Hughes ſo weit und mit ſolcher Schnelligkeit zuruͤck zu begleiten, daß ich wohl glauben darf, das Geſchwader Seiner Bri⸗ tanniſchen Majeſtaͤt werde uns einige Zeit in Ruhe laſſen. Auch Du, mein Freund, bedarfſt der Ruhe; geh hinunter, und ſchicke mir meine Leute herauf.“ Und Herr von Pirrevert, nachdem er ſeinem Oheim herzlich die Hand gedruckt, folgte dieſer Auf⸗ forderung, und ließ den Admiral ſich mit der An⸗ ordnung des Ceremoniels ſeines Zuſammentreffens mit Hyder Aly beſchäftigen; denn nichts entging der unglaublichen Geiſtesthatigkeit des Herrn Bailli von Suffren, welcher, da er Indien und die Ge⸗ ſinnungen ſeiner Bewohner vollkommen kannte, die ganze politiſche Wichtigkeit einer ſolchen Zuſammen⸗ kunft wohl begriff. *) So werden die engliſchen und holländiſchen Kauf⸗ leute genannt, welche in Indien ſich ein unermeßliches Vermögen erworben haben. Viertes Kapitel. Er ſagte mir, daß ich Alles ſei, was ich ſein wollte. Shakeſpeare, König Lear. N. 4. Mynheer Horn⸗Praöt. Wie der Admiral vorhergeſehen, lag am folgen⸗ den Morgen das Geſchwader ruhig auf der Rhede von Gondelour vor Anker, einer Stadt, nicht weit von Pondichery, auf der Kuͤſte von Coroman⸗ del gelegen, und damals der franzöſiſchen Herr⸗ ſchaft unterworfen. Der Anblick von Gondelour war bezaubernd; dieſe ſchöne Stabt entwickelte ſich wie ein Circus von weißem Marmor am Fuße hoher, brauner, mit der uͤppigſten und kräftigſten Vegetation belaſteter Berge. Der Hafen und die Rhede bildeten ein breites Baſſin von einem ruhigen, blaͤulichten Waſ⸗ ſer, umgeben von einem Damm aus rothen Back⸗ ſteinen, waͤhrend man auf dem Quai prachtvolle Wohnungen ſah, deren Mauern, mit Putz von blendendem Glanze uͤberzogen, hier und dort mit Laubwerk und wundervoll ſchattirten Baͤumen be⸗ malt waren. Weiter hin, oͤſtlich von Gondelour, mitten in einem dichten Cocosbaumwalde, gewahrte man die Spitzen der Huͤtten, welche das Caſa⸗Dill'ah bil⸗ deten, und gegen Norden dehnte ſich ein herrliches Dorf aus, bewohnt durch die Brahma's, mit ſeinen zwei Tempeln, geheiligt der Giva und dem Parvati, und ſeinem unentbehrlichen Waſſerbe⸗ hälter, umgeben von Palmbaͤumen und jenen py⸗ ramidenformigen Säulen, welche an den Feſttagen mit gruͤnen Zweigen und Lichtern bedeckt ſind, die in kleinen durchſichtigen Schlaͤuchen aufgeſtellt werden. Seitdem Gondelour ſich unter franzoſiſchem Schutze befand, hatten ſich nach dem Untergange von Pondichery viele holläͤndiſche Kaufleute dahin gofluͤchtet, denn die meiſten dieſer reichen Nabobs hatten zu Gondelour oder in ſeinen Umgebungen prachtvolle Luſthaͤuſer. Unter dieſen Kaufleuten war unſtreitig Myn⸗ Weer Horn⸗Prast, den wir ſchon oben erwaͤhnt haben, derjenige, welcher das ungeheuerſte Vermoͤ⸗ gen beſaß. Seit mehreren Jahren ſchickte Herr Horn⸗Prast Millionen auf Millionen nach Europa, ſei es, um ſelbe in der Bank von London oder Amſterdam anzulegen, oder um prächtige Beſitzungen in Hol⸗ land anzukaufen, da er ſich immer vornahm, In⸗ dien zu verlaſſen. Allein diejenigen, welche lange Zeit an die weichliche, wolluſtige Lebensart des Morgenlandes gewohnt ſind, werden ſich gar nicht wundern, wenn Herr Horn⸗Praöt, ungeachtet ſeines, jedes Jahr erneuerten, unwiderruflichen Entſchluſſes, noch im⸗ mer ſeine Abreiſe wieder auf das folgende Jahr verſchob. Neben ſeinen Millionen beſaß Herr Horn⸗ Praöt noch eine der koſtlichſten Wohnungen von Gondelour, die nur einige Schritte von der Stadt entfernt lag, und von welcher wir eine ſchwache Skizze geben wollen. Unter einem dichten Gewolbe gruͤnenber Pal⸗ men, deren glaͤnzende Blätter ſich wie breite Faͤcher entfalteten, dehnte ſich eine lange Allee aus, be⸗ ſäet mit kleinen Muſcheln von ſchimmernder Farbe, welche man in der Bak⸗Bai zu fiſchen pflegt. Am Ende dieſer Allee befand ſich die Woh⸗ nung des Herrn Horn⸗Praöt. Dieſes Haus, welches ein vollkommenes Viereck, bildete, wurde von einer weitlaͤufigen Gallerie um⸗ geben, die den vier Richtungen des Windes ge⸗ öffnet war, damit man fortwährend die häufig wechſelnden kuͤhlen Winde des Tages genießen konnte.— Die Gallerien, auf welchen alle Zim⸗ mer des unterſten Stockwerks ruheten, waren nicht durch Fenſter, ſondern durch Storen verſchloſſen, welche auf leichten Saͤulen von ſtarkem, mit Elfen⸗ bein ausgelegten Accajou-Holz ſtanden. Dieſe Sto⸗ ren oder Binſenmatten, aus gruͤner, ſehr feiner, koͤſtlich wohlriechender Binſe, wurden unaufhoͤrlich begoſſen, ſo daß, da dieſe wohlriechende Feuchtig⸗ keit durchdrang, man in dem Innern der Gemaͤ⸗ cher ſtets eine friſche, mit koͤſtlichem Geruch er⸗ fullte Luft athmete. Die Gemaͤcher, bedeckt mit Matten und Tep⸗ pichen von der koſtbarſten Arbeit, ſtrotzten von Mobilien aus Schalen, Perlenmutter und Eben⸗ holz, mit Gold und koſtbaren Steinen ausgelegt, ſo wie man dieſelben mit großen Koſten aus Can⸗ ton und Kankanor kommen läßt. Die Mauern verſchwanden hinter ſchweren atlasnen Tapeten, mit Gold, Silber oder Seide durchwirkt, von einer Zartheit und Feinheit, wie ſie nur die Geduld des Indiers liefern kann. Auch der ganze morgenlaͤndiſche Luxus an Divans, Kiſſen, Sopha's, Ruhebetten von Bam⸗ busrohr, Eiderdunen, Seide, Roßhaaren, oder von einem Gewebe friſcher Palmenblaͤtter, je nach der Temperatur der Jahreszeit oder des Tages, fehlte hier nicht.... denn man kann ſich gar keine Vorſtellung machen von alle dem, was die weich⸗ lichſte und wolluͤſtigſte Trägheit in dieſen herrlichen Gegenden erdacht hat, um zu leben, ohne es zu fuͤhlen, daß man lebt, wenn man ſich ſo aus⸗ druͤcken kann. Um jedoch unſern Leſern nur einigermaßen ein Bild dieſer anbetungswuͤrdigen Traͤgheit zu machen, moͤgen ſie hier mit uns einem Lever des ehren⸗ werthen Mynheer Horn⸗Praöt beiwohnen. Es iſt Punkt acht Uhr; ſein Durvom(oder Thuͤrſteher), weißgekleidet und den Kopf mit einem blauen Turban bedeckt, erhebt den großen Rollvor⸗ hang der Gallerie, welche zu dem Zimmer des Herrn fuͤhrt. Die Gallerie fuͤllt ſich alsbald mit einer unzähligen Menge von Bedienten, welche zu einem Hindu'shauſe gehoren, da jeder von dieſen Leuten ſeine unveraͤnderte und beſondere Beſchaͤf⸗ tigung hat, von dem Huccabadar(Haushof⸗ meiſter) bis zu dem beſcheidenſten der Peons Säͤnftentraͤger). Alle dieſe Leute verhalten ſich ſtill und unbe⸗ weglich bis zu dem Augenblicke, wo der Schall eines Gongs ertoͤnt, um die Kammerdiener zu dem Mynheer Horn⸗Prast zu beſcheiden, einem kleinen, ſchmaͤchtigen Manne von olivenfarbigem Angeſicht, mit erloſchenen Augen, hohlen Wangen, mit ſpaͤr⸗ lichen grauen Haaren, und welcher, er mag laͤcheln oder zornig ſein, ſtets lange Zähne von röchlich⸗ brauner Farbe zeigt, wie ſie das unmaͤßige Kauen des Betels und der Arekanuß verwandelt hat. Auf ein Zeichen ſeines Gebieters hat der Huc⸗ cabadar den ganzen Trupp von Bedienten, welche in der Gallerie warteten, eingefuͤhrt. Hierauf wirft ſich Jeder zur Erde, um die drei gebraͤuchli⸗ chen Salams zu machen, indem er den Koͤrper beugt und den Kopf bis auf den Fußboden neigt, ſo daß die Stirn von dem Erdboden nur eine Hand breit entfernt iſt. Nachdem er dieſe ehrerbietigen Beweiſe der ſeiner Perſon ſchuldigen Achtung angenommen, be⸗ nachrichtigt Herr Horn⸗Prast, fortwährend liegend, ſein Haus von der ausgezeichneten Ehre, die ihm widerfahre, den franzoͤſiſchen Admiral bei ſich zu empfangen, und empfiehlt einem Jeden ausdruͤcklich, ſeine Sorgfalt und ſein Eifer zu verdoppeln. Nach⸗ dem er hierauf alle Formeln der Drohungen, der Verſprechungen und der Aufmunterungen erſchoͤpft hatte, entließ Herr Horn⸗Prast ſeine Leute, welche ruͤcklings hinausgingen und die drei ehrfurchtsvollen Salams wiederholten. Hierauf begannen die Kammerdiener, von ih⸗ ren Gehuͤlfen unterſtuͤtzt, den Herrn Horn⸗Prast anzukleiden, welcher dabei fortwaͤhrend, einer Statue gleich, regungslos in ſeiner liegenden Stellung ver⸗ harrte, und ſo das traͤge Gluͤck genoß, ſich dieſer Pflege hinzugeben, und ſich mit wunderbarer Ge⸗ ſchicklichkeit ein Hemd, Unterhoſen, Struͤmpfe an⸗ ziehen zu fuͤhlen, ohne daß er dabei etwas Anderes that, als daß er ſeinen Koͤrper und ſeine Glieder, eines nach dem andern, den geuͤbten Haͤnden ſeiner Diener uͤberließ. Dann trat der Kammerdiener⸗ — Barbier ein, um den Nabob zu raſiren, ihn zu kaͤmmen und ihm die Naͤgel der Haͤnde und Fuͤße abzufeilen. Kurz nachher brachte ein anderer Lakai ein praͤchtiges goldenes Waſchbecken, wuſch das Geſicht ſeines Herrn, der immer unbeweglich blieb, mit Seifenſchaum und brachte ihn endlich in ein mit Pau de Ceylan geſchwängertes Bad. Nach Verlauf einer Viertelſtunde wurde Herr Horn⸗Prast von ſeinen Weibern, welche ihn aus dem Bade zogen, abgetrocknet, wohl gerieben, mit einem großen Rocke von weißer Baumwolle bekleidet, vermittelſt eines ungeheuer großen und weichen Armſtuhls mit Raͤdern, einer gebogenen Lehne und Fußgeſtelle, in ſeinem Speiſeſaale her⸗ umgefahren, dann vor einen Tiſch geſetzt, welcher von wundervoll flachem Tafelgeſchirr ſchimmerte, und mit reizbaren Gerichten beladen war, als mit Tamiey, europaiſchen Truͤffeln, Reis, mit rothem ſpaniſchen Pfeffer, mit Salzſpeiſen, ungekochtem, in einem ſehr gewuͤrzten Eſſig aufbewahrtem Fleiſch, Palmkohl mit Pfeffer und eingemachtem Ingwer als Confituͤre; das Ganze begoſſen mit warmem und wohlriechendem Madeirawein. Wenn hierauf der ſchwache und eigenſinnige Appetit des Herrn beftiedigt ſchien, benutzte der Huccabadar geſchickt den Augenblick, wo die Hand des Herrn Horn⸗Prast nachlaſſig geoͤffnet auf dem Liſche lag, um die Bernſteinſpitze der Honka hin⸗ einzuſchiehen; der Nabob naͤherte ſie maſchinen⸗ maͤßig ſeinen Lippen, und uͤberließ ſich in wolluͤſtiger Traͤumerei dem Tabak, bis zur Stunde, wo er einzuſchlummern pflegte; dann trugen ihn ſeine Leute ſo geſchickt in ihren Armen fort, daß er, ohne erwacht zu ſein, auf dem Divan eines Bou⸗ doirs ausgeſtreckt wurde, wo er bis zu dem Augen⸗ blick des Spazierganges ſchlief, welcher dem Mit⸗ tagseſſen voranging. Seit zehn Jahren, wo Herr Horn-Prast, nachdem er ein Vermogen von ungefaͤhr zwanzig Millionen zuſammengeworfen, die Geſchaͤfte nieder⸗ gelegt hatte, war dies die Geſchichte jedes Tages. Kurz, der Nabob war der beſte Mann von der Welt, und abgeſehen von ſeiner Reizbarkeit, welche die leichteſte Widerwaͤrtigkeit faſt zur epileptiſchen Wuth ſteigerte, abgeſehen von ſeiner eingewurzel⸗ ten Gewohnheit, ſich nicht einen Einfall, ſo un⸗ glaublich er auch war, zu verſagen, abgeſehen von ſeiner Sucht, Menſchen und Sachen der eitelſten und vergaͤnglichſten ſeiner Launen aufzuopfern, kurz, abgeſehen von dieſen unſchuldigen Unvoll⸗ kommenheiten, hatte der Nabob ſehr vorzuͤgliche Seiten. Noch muͤſſen wir hinzufuͤgen, daß der wuͤrdige Herr Horn Praöt; nach ſeiner Traͤgheit und ſeinen Launen, ſeine Tochter Ina, die einzige Frucht ſeiner Ehe mit einer Franzoͤſin von ſehr guter alter Herkunft, welche er zu Mabras geheirathet hatte, am meiſten in der Welt liebte. Ungluͤcklicherweiſe— war Madame Horn-Prast ſeit vielen Jahren ſchon geſtorben, als ihre Tochter deren noch nicht fuͤnf zahlte. Wie bereits erwaͤhnt, liebte der Nabob ſeine Tochter bis zur Vergoͤtterung, und da er ſehr lo⸗ giſch gegen ſich ſelbſt war, ſtellte er folgenden Grundſatz auf:„Wenn man die Leute liebt, macht man ſie gluͤcklich. Ich muß alſo meine Tochter gluͤcklich machen. Wie ſoll ich ſie aber gluͤcklich machen?. Hier unterbrach ſich der Nabob ohne Zweifel, ſog einen langen Zug des köſtlichen Dampfes aus ſeiner goldnen Houka ein, und that an ſich eine andere Frage von erhabener Philo⸗ ſophie:—„Was iſt das Gluͤck?“— worauf er nothwendigerweiſe mit einer fuͤrchterlichen Naivität des Egoismus antwortete:—„das Gluͤck iſt das, was mich gluͤcklich macht.“ Sein Gluͤck aber bildete... die unumſchraͤnk⸗ teſte Unabhaͤngigkeit, die wolluͤſtigſte Traͤgheit und die ungehindertſte Freiheit, ſeine unſeligen Launen zu befriedigen, und ſo machte er es ſich auch zum Geſetz, ſeiner Tochter in nichts Zwang anzulegen, und ihr die vollſtaͤndigſte Freiheit zu laſſen. Durch dieſe Handlungsweiſe ſah ſich der Nabob von der Sorge entbunden, ſich mit ſeinem Kinde zu be⸗ ſchaͤftigen, oder es zu leiten, und dies war ſchon viel fuͤr einen Mann von einer ſo furchtbaren Trägheit. Man kann ſich alſo die ſonderbare Erziehung vorſtellen, welche Ina erhalten mußte, ſie, die ſeit ihrer Kindheit allen ihren Naturteieben, allen ihren Neigungen und Wuͤnſchen uͤberlaſſen, uͤberdies wußte, daß ſie ein faſt koͤnigliches Vermoͤgen erben wuͤrde, und ihren Vater täglich wiederholen hoͤrte: „Mein Kind, das Wichtigſte in dem Leben iſt eine „gute Geſundheit, weil man mit dieſer das Leben „genießt dieſem habe ich nur Eins noch „hinzuzufuͤgen, naͤmlich daß ich ein Vermoͤgen von „zwanzig Millionen beſitze, welches ſich fortwaͤh⸗ „rend noch vermehrt, und daß Du meine einzige „Tochter biſtz lege Dir alſo in nichts Zwang an, „richte Dich ein, gluͤcklich zu ſein; folge Deinen „Neigungen, Deinen Launen, Deinem Hange, „Deinen Wuͤnſchen; die Natur giebt ſie, man muß „ſie alſo befriedigen.„denn ſonſt, zum Teufel, „wuͤrde ſie uns dieſelben nicht geben noch „ein Mal, ſei gluͤcklich, das iſt mein lebhafteſter „Wunſch; richte Dein Gluͤck ſo ein, wie Du es „willſt, denn es giebt Niemanden, der es beſſer „anzuwenden weiß, als er ſelbſt.. ich verzeihe „Dir im voraus Alles, was Du Uebles thun „kannſt„oder vielmehr ich verzeihe Dir gar „nichts; denn was Dir gefallen hat, kann nichts „Boͤſes ſein. Wenn Du Dich auf dieſe Weiſe „uͤber Jemanden zu beklagen haſt, ſo wird es w⸗ „nigſtens nicht uͤber Deinen Vater ſein, welcher „Dich anbetet, und Dir es beweiſt, wie ich hoffe.“ — 84— So ſonderbar, ſo thoͤricht, ſo grauſam auch dieſe väterliche Liebe erſcheinen mag, die ſich von aller Aufſicht, von einer heiligen und großen Ver⸗ antwortlichkeit entbindet, ſo iſt man doch genöthigt, dieſe ſchreckliche Unbekuͤmmertheit nicht nur als eine moͤgliche, ſondern auch logiſche und wahrſcheinliche Folge des thoͤrichten und veraͤchtlichen Egoismus zu betrachten, welcher in der Laͤnge aus einer des⸗ potiſchen, prachtvollen und entnervenden Lebens⸗ weiſe entſteht; aus einer Lebensweiſe, die durchaus ſinnlich und thieriſch, und von deren vorzuͤglichſten Eigenſchaften eine die unumſchraͤnkteſte Verachtung alles deſſen iſt, was nicht geſetzlich verdammbar erſcheint, mit einem Worte, die haͤuslichen Tu⸗ genden, die geſelligen Pflichten, die Schamhaftig⸗ keit, die Maͤßigkeit, die Hochachtung, das Zartge⸗ fuhl u. ſ. w. als lauter entbehrliche Dinge betrach⸗ tet, wenn man nicht allein andere Menſchen nicht braucht, ſondern dieſe ſelbſt ſeinem grauſamſten Willen und ſeinen Launen auf die unverſchaͤmteſte eiſe unterwerfen kann; denn jenes uͤppige Leben giebt uns auch die feſte Ueberzeugung, daß das Gold Alles vermag, und daß, wer einmal Herr von Millionen iſt, ſich auch ſeinen Naturtrieben, ſo ſchlecht und elend ſie auch ſein mogen, unge⸗ ſtraft uberlaſſen darf. Obgleich Wahrheit, viel Wohrheit, ungeheuer viel Wahrheit in dieſer Ueberzeugung liegt, ſo wol⸗ len wir doch den ſonderbaren Schluß keinesweges Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 6 * billigen, welchen der Nabob in Bezug auf die Er⸗ ziehung ſeiner Tochter daraus folgerte.. wir wiederholen nur, daß der vortreffliche Vater, da ihm kein anderes Gluͤck denkbar war, als dasjenige, welches er ſelbſt genoß, ruhig und friedlich ſchlum⸗ merte, in dem Glauben, daß er wenigſtens Alles gethan habe, was von ihm abhänge, um ſeine Tochter glucklich zu machen. Denn, noch ein Mal, der Nabob konnte ſich eben ſo wenig die Möglich⸗ keit eines von dem ſeinigen verſchiedenen Gluͤcks denken, als, ich weiß nicht welcher Kaiſer von China den Appetit des uͤbrigen Theils der Erde zu be⸗ greifen vermochte, ſobald er zu Mittag geſpeiſt hatte. Wir wollen die glaͤnzende Wohnung des Herrn Horn⸗Praöt verlaſſen, um uns in das herrliche Gebaͤude Ina's zu begeben, denn das junge Mäd⸗ chen hatte, ſehr unabhaͤngig, wie wir ſchon wiſſen, ein Haus fuͤr ſich haben wollen, gänzlich getrennt von demjenigen des Nabobs, obgleich eingeſchloſſen in demſelben Park, wie das ihres Vaters. Fünftes Kapitel. Ich glaubte mich meinem Geſchicke ſo nahe.— Ich gab mich mit ſo vieler Zuverſicht dieſen Pfändern des Glückes hin.— Schiller, Braut von Meſſina. Ina. in demſelben unermeßlichen Parke eingeſchloſſen, erhob ſich ein achteckiger Pavillon, ein Stockwerk hoch, deſſen Mauern mit Fließen japaniſchen Por⸗ zellans von blendender Weiße bekleidet waren. Dieſer Pavillon ſchien mitten unter einem Ge⸗ buͤſch von Magnolien verſteckt zu ſein, waͤhrend eine Menge wohlriechender Geſtraͤuche den Fuß des eleganten Gebaͤudes umgaben: als Gruppen von Jasmin, Alos und Tuberoſen; der Dambog oder Roſenapfel, der gelbe Mougari, carmoiſinroth ge⸗ 6* fleckt, und die Mondblume, von blaßblauer Farbe ₰ die Guirlanden vom gruͤnen Weinreben⸗ ſtocke, oder die röthlichen und wohlriechenden Blu⸗ mengehänge des Champaka, welche die braune und glatte Rinde des Palmbaums umgeben. Dann belebten eine Menge zahmer Thiere dieſe tiefe und herrliche Einſamkeit; Schwaͤrme azurblauer und goldfarbener Brummvoͤgel; buntgefiederte Colibris, gelbe Papageien mit ſchwarzem Kopfe, ſilberfarbige Faſanen, ſchoſſen auf einen gruͤnen Raſenplatz herab, und auf dem in einem Bett von roſenfar⸗ bigem Gyps dahin fließenden Canale, welcher den⸗ ſelben einfaßte, ergotzten ſich graue turkiſche Enten mit ſcharlachrothem Kopfe. Bald wieder ſah man eine huͤbſche weiße Gazelle mit lebhaften, funkeln⸗ den Augen, oder eine jener kleinen Hindinnen von Surate, rothfahl mit ſchwarzen Fuͤßen, bloͤkend umherſpringen. Kurz, es iſt unmoͤglich, die bezaubernde Ueber⸗ einſtimmung zu ſchildern, welche zwiſchen dieſen Farben, dieſem Geraͤuſche und dieſen Wohlgeruͤchen Statt fand; auszudruͤcken, mit welchem unbeſchreib⸗ lichen Reize alle dieſe Schoͤnheiten ſich gegenſeitig vervollſtändigten; denn es waren nicht, wie im Norden, ſchoͤne Blumen unter einem duͤſtern Him⸗ mel; nein, Alles uͤbereinſtimmend: Blumen, Vö⸗ gel, der Himmel ſelbſt ſchimmerte in den Strah⸗ len jener blendenden Sonne von Gold; Alles hauchte jene warmen aromatiſchen Geruͤche des . Morgenlandes, die man nur eine Stunde, nur eine Minute geathmet haben darf, um ſich mit ewiger Sehnſucht an ſie zu erinnern. Um endlich dieſen Wundern die Krone aufzu⸗ ſetzen, mußte ſich in der ſo bezaubernden Umge⸗ bung jener zierliche Pavillon befinden, dieſer Auf⸗ enthalt eines jungen Maͤdchens, welcher allein geheimnißvoll erſchien mitten unter dieſen herrli⸗ chen Schatten, gleich einem unter Blumen verbor⸗ genen Vogelneſte. Es iſt zwar eben die Stunde der Sieſta; dies ſoll uns aber nicht abhalten, immer in das Sprach⸗ zimmer der Tochter des Nabobs einzutreten.. Man denke ſich ein ziemlich geräumiges, kreis⸗ formiges Zimmer, deſſen vier offene Fenſter von außen mit einer doppelten Jalouſie von jenen gruͤ⸗ nen und wohlriechenden Binſen verſchloſſen wa⸗ ren, deren wir ſchon Erwaͤhnung gethan haben. Die Waͤnde dieſes Saales waren mit weißem Mouſſelin ausgeſchlagen, auf welchem man eine denge äußerſt geſchmackvoller Arabesken von dich⸗ ten Pikasfluͤgeln* angebracht ſah. *) Eine Art von ſpaniſchen Fliegen. Die Indianer nehmen ihnen die Flügel und den obern Theil des Kör⸗ pers ab, laſſen ſie trocknen und bedienen ſich derſelben als Zierde.— Ich habe noch ganz kürzlich in London wun⸗ dervolle Ballkleider geſehen, welche auch mit dieſem thie⸗ riſchen Schmucke, der wie Stein glänzte, beſetzt waren. Verf. Dieſe Flugel, eben ſo viele Farben ſpielend als der Opal, bildeten eine breite Stickerei, welche von tauſendfachem Feuer blitzte, wenn irgend ein ver⸗ ſtohlner Sonnenſtrahl dieſelbe zufällig traf. Dieſer durchſichtige, ſo geſtickte Mouſſelin be⸗ deckte ein anderes Behaͤnge von kirſchrothem At⸗ las, welcher ſchimmernd darunter hervorſtrahlte. Ein morgenlaͤndiſcher Divan von kirſchrothem Atlas, mit Seide und Silber durchwirkt, welcher rings umher in dieſem Zimmer angebracht war, vollendete die Ausſchmuͤckung deſſelben. Unter den koſtbaren Gegenſtaͤnden, welche die⸗ ſer herrliche Salon enthielt, bemerkte man ein Kla⸗ vier von Sandelholz, mit Elfenbein und Muſcheln ausgelegt, eine prachtvolle Lermik, eine Art von Guitarre mit zwei Saiten, franzöſiſche, italieniſche und engliſche Buͤcher, mit großem Luxus gebunden und auf einem chineſiſchen veilchenblau lackirten Tiſche aufgeſtellt, der mit großen Zeichnungen von Perlmutter und Gold in erhabener Arbeit beſaͤet war; auf Staffeleien von Roſen⸗ und Ebenholz mehrere vortreffliche Gemaͤlde der erſten italieniſchen und holländiſchen Meiſter; der Fußboden war mit einer Binſenmatte bedeckt, ſo kuͤnſtlich geflochten und ſchattirt, daß man ſie ohne den erfriſchenden und berauſchenden Geruch, welchen ſie verbreitete, für den reichſten und weichſten Teppich gehalten haͤtte. 3 Unter den belebten Gegenſtaͤnden hätte ich bei⸗ nahe eine auf dieſer Matte ſitzende etwa funfzehn⸗ jährige Negerin vergeſſen, gekleidet in weißen Mouſ⸗ ſelin, deren entbloßter Hals, Arme und Fuͤße mit mehreren Reihen auf Silberdraht gezogener rother Korallen geſchmuckt waren, welche das tiefe Schwarz ihrer Farbe noch mehr heraushoben. Dieſe Skla⸗ vin hatte das Haupt mit einem kleinen weißen Turban bedeckt, durch deſſen Falten ſich ein langes Korallencollier anmuthig hindurchzog. Dieſe junge Negerin ſpielte mit einem kleinen langgeſchwaͤnzten Macaquen aus Java, von grauer mit Schwarz untermengter Farbe. Dieſes ſo lie⸗ benswuͤrdige kleine Thier hatte um den Hals ein ſchoͤnes goldnes mit Smaragden beſetztes Band, und fuͤr den Augenblick machte Ganor, dies war ſein Name, tauſend närriſche Grimaſſen, tauſend luſtige Sprunge, um den Haͤnden der Negerin eine der ſchoͤnen Stunden⸗Blumen zu entreißen, welche einen Kegel von blendendem Weiß mit purpurnen Adern bilden. Aber die Negerin, welche befurchtete, ihre Ge⸗ bieterin aufzuwecken, uͤberließ dem Ganor die Blume, nahm ihren Fächer von Pfaufedern, deſſen Perl⸗ muttergriff mit Gold ausgelegt war, und begann damit einer auf dem Divan liegenden Perſon, welche man kaum unter dem großen Mouſſelin⸗ ſchleier bemerkte, der ſie bis zur Erde herabhaͤn⸗ gend verbarg, Kuͤhlung zuzuwehen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde fragte die Negerin, als ſie ihre ſchlummernde Gebieterin ſeufzen hörte, auf Franzoͤſiſch und mit demuͤthiger Stimme: —„Meine Gebieterin ſchlaͤft nicht?...“— „Nein, Badj'y“— antwortete Ina;—„nein, ich bin traurig. ich habe geträumt und kann mir meinen Traum nicht erklaͤren... Bei dieſen Worten richtete ſie ſich vom Lager auf, und ſtutzte ſich mit dem Ellenbogen anmuthig auf die Kiſſen des Divans; der große Schleier fiel auf ihre Knie herab und ſie ſchien aus ſeinen weißen und durchſichtigen Falten gleichſam hervor⸗ zugehen. Ina war kaum achtzehn Jahr alt, ihre durch den Schlummer ſanft geroͤtheten Wangen ſtrahl⸗ ten gleich Roſen; ihr Teint war von der reinſten und lieblichſten Weiße; ſie hatte dunkelblaue Au⸗ gen mit den langen ſchwarzen Augenwimpern und den ſchmalen Augenbrauen der Cirkaſſierinnen, eben ſo ſchwarz uͤbrigens als ihr ſchwarzes Haar. Aus einer eigenſinnigen, kindiſchen Laune hatte Ina bis jetzt ſich nach indianiſcher Sitte kleiden wollen. Dieſes maleriſche Coſtuͤm, nach ihrem natuͤrlichen Geſchmack geformt, zeugte von ſeltener und wrigineller Pracht. Ina war bekleidet mit einem Gewande von weißer Seide und einem kleinen blauen, mit Sil⸗ ber und Perlen geſtickten Atlasrock, welchet ihre herrliche Taille zum Entzuͤcken hervorhob und ihre — 66— entbloͤßten weißen und glatten Arme ſehen ließ, die leider! von Perlenarmbaͤndern ganz bedeckt wurden. Aber das, was als eine ſonderbare Mode er⸗ ſcheinen duͤrfte, und doch einen wundervollen An⸗ blick gewaͤhrte, waren Ina's Fuͤße, welche ſie nach Landesſitte entbloͤßt trug; ihre ſo feinen, ſo run⸗ den, ſo zierlichen ſchoͤnen Fuͤße, welche die ſchma⸗ len Ringe von Gold verwuͤnſchen ließen, womit ſie ebenfalls zur Hälfte bedeckt wurden. dieſe niedlichen Fuͤßchen, ſo weiß, ſo roſig, ſo blau ge⸗ adert, mit ihren glatten und halbgerundeten Na⸗ geln, die, mit dem Purpur des Henna gefaͤrbt, matt ſchimmerten, dieſe kleinen liebenswuͤrdigen, ſanften, wohlduftenden, aber zu ſehr mit Ringen und Edelſteinen beladenen Fuͤßchen, welche auf dem Sammt einer blaugeſtickten Sandale ruhten, deren goldnes Band mittelſt einer Perlenagraffe in der Biegung des Fußes feſtgehalten wurde. Doch was wir nicht beſchreiben koͤnnen, iſt der offene, freimuͤthige und lebhafte Ausdruck, welcher Ina's liebenswuͤrdiges Geſicht belebte, und ihren kräftigen und energiſchen Charakter deutlich ver⸗ kundete. Denn wir wollen es jetzt nur ſagen, die ſchreck⸗ liche Sorgloſigkeit des Nabobs hatte Wunder be⸗ wirkt, und durch einen ganz in der Vorſehung be⸗ gruͤndeten Wibderſpruch hatte eben die Erziehung, welche die verhängnißvollſte Zukunft zu verkundi⸗ gen ſchien, die beſten Reſultate hervorgebracht. — 90—„ Und dies kam vor Allem daher, weil Ina von Natur mit einer reinen, edeln und faſt ritterlichen Seele begabt war weil dieſes edle Maͤd⸗ chen ſich fur feig gehalten haben wurde, haͤtte ſie die Leichtigkeit, mit der ſie ungeſtraft das Boͤſe begehen konnte, auch wirklich benutzt. Da ſie alſo Alles mißbrauchen konnte, fand Ina aus Großherzigkeit fuͤr edel und ſchoͤn, nichts zu mißbrauchen. Da ſie ihren Wuͤnſchen, ihren Launen keine Grenzen zu ſetzen brauchte,„. ſo war Ina ſtolz darauf, ſie ſelbſt zu beſchraͤn⸗ ken.— Im Beſitz der Freiheit, in Unwiſſenheit und Trägheit zu erſtarren, ſuchte Ina ihren Stolz darin, ſich zu belehren und zu beſchäftigen. Kurz, dieſer Engel wurde wunderbar zum Guten geleitet, durch eine Art von Inſtinkt zur moraliſchen Er⸗ haltung, welcher ſie vom Boͤſen entfernt hielt, ſo wie der phyſiſche Inſtinkt die Biene vor der Blume warnt, die ihr toͤdtlich iſt. So ſelten und ausnahmsweiſe aber auch die⸗ ſer Charakter erſcheinen mag, ſo kann man doch nicht laͤugnen, daß er ganz folgerecht mit den Ideen der Jugend ſei, welche ſich nur darum ſo ehrgeizig auf viele Dinge zeigt, weil man ſie ihr verweigert. Bewilligt ihr, was ſie ſo ſehr wuͤnſcht, ſo wird ſie es uͤberdruſſig werden oder eitel darauf ſein, zu beweiſen, daß ſie uͤber ſolche Kleinigkeiten erha⸗ ben iſt. 5 Dies waren alſo die Fruchte von des Nabobs furchterlichem Egoismus; Ina benutzte die thoͤ⸗ richte Freigebigkeit ihres Vaters nur dazu, um aus Paris und London vortreffliche Lehrer kommen zu laſſen, welche, indem ſie mit ſeltenem Gluͤcke dieſe herrliche Naturgaben ausbildeten, in einigen Jah⸗ ren aus der Tochter des Herrn Horn⸗Praöt eine der ausgezeichnetſten Frauen der indiſchen Colonien ſchufen. Jetzt wird man vielleicht Sir Georges doppelt beklagen, wenn man erfaͤhrt, daß er von Ina ge⸗ liebt wurde, aber geliebt mit aller jener unbefange⸗ nen und heftigen Leidenſchaft, die eine ſo reine und kraftvolle Seele nur in ſich ſchließen konnte. Denn das, was Ina beſonders zu Sir Geor⸗ ges hingezogen hatte, war ſeine ſtrenge Wuͤrde, und jene ſanfte, ernſte und abgemeſſene Sprache, welche beſonders die ausgezeichneten Manner der engliſchen Ariſtokratie charakteriſirt.* Und dann war ſie auch noch ſo klein, als ſie Sir Georges kanntel! Sie war kaum zwoͤlf Jahr alt, als der Kern der engliſchen Officiere ſich in den gläͤnzenden Sälen des Nabobs drängte. Zu dieſer Zeit war auch der Vater des Sir Georges, Gouverneur von Indien, dem Herrn Horn⸗Prast einige Dienſte zu erweiſen im Stande geweſen. Die Liebe Georges und Ina's war alſo faſt eine feierliche Liebe; denn der junge Officier hatte an dem Kinde einen ſo tiefen Antheil genommen, als er, durch die grauſame Unbekuͤmmertheit des Nabobs, die Schätze dieſer reinen und keuſchen Seele Jedem, der ſie haͤtte nehmen oder beflecken wollen, ſo unvorſichtig preisgegeben ſah. Daher hatte auch Sir Georges großen Antheil an dem von Ina ſo gluͤhend befolgten Entſchluſſe, ſich mit Seelengroͤße und Edelmuth zu betragen ein Lob von Sir Georges war eine große Belohnung fuͤr Ina, welche er oft ausſchalt.. denn Georges war der Einzige, der die reiche Er⸗ bin zu tadeln wagte; einmal ſogar fiel ein Streit vor und er empfing einen Degenhieb, weil er ge⸗ gen einen andern Edelmann behauptete, daß, ich weiß nicht bei welcher Gelegenheit, das Betragen der Mademoiſelle Horn⸗Praöt gegen eine bejahrte Frau zu leichtfertig geweſen ſei. Kurz, was ſoll ich ſagen, Ina liebte Georges mit jenem unzerſtoͤrbaren Vertrauen der an das Gluͤck gewoͤhnten Leute, welche eben dieſes Gluͤck nie einen Augenblick in Zweifel gezogen haben. Uebereinſtimmend mit Sir Georges hatte Ina ihr achtzehntes Jahr zu ihrer gegenſeitigen Verei⸗ nigung feſtgeſetzt— ich ſage Ina und Georges,— weil der Nabob ſeine Tochter eben ſo gut im zehn⸗ ten Jahre als im funfzigſten haͤtte heirathen laſſen. Ina fuͤrchtete alſo durchaus nicht fuͤr das Le⸗ ben Sir Georges, denn der Tod ihres Geliebten war einer jener fuͤrchterlichen Ungluͤcksfaͤlle, an welche ſie eben ſo wenig dachte, als man den Tod an einem ſchoͤnen ſonnigen Fruͤhlingstage ahnet, wenn man jung, frei, verliebt iſt und ſeine Ge⸗ liebte in den Armen hält. Nein, die ganze Unruhe Ina's beſchraͤnkte ſich auf die mehr oder weniger nahe Ankunft des Sir Georges. Sie hatte ſelbſt einen Traum gehabt, der ſie außerordentlich quaͤlte, und von dieſem Traume ſprach ſie mit ihrer Negerin Badj'y. Um wieder auf dieſen Gedanken zu kommen: —„Badj'y,“ ſagte ſie zu ihr,„ich wuͤnſchte ſehr, die alte Mah'che uͤber meinen Traum um Rath zu fragen; laß ſie holen.“ „Ich gehe, Gebieterin“— erwiederte Badj'y, — und verſchwand. Sechſtes Kapitel. Der Graf von Vaudrey An den Marquis Charles von la Faille, in Paris. Rhede vor Ie de France, d. 30. September 1782. „Rathe! ich wette, Du erraͤthſt es um keinen „Preis, was mir begegnet iſt, Charles! Von „wem glaubſt Du dieſen Brief zu erhalten?. „Du biſt nicht beſturzt, Du fuͤhlſt Dich nicht vom „Kopf bis zu den Fuͤßen von einer heiligen Ehr⸗ „furcht ergriffen? Wohlan, bereitet Euch Alle „vor, zu lachen, mich recht aufzuziehen; ich hoͤre „ſchon von hier aus die niedlichen Stimmen mei⸗ „ner reizenden Feindinnen in liebenswuͤrdigſter Ein⸗ „tracht meine Zukunft mit herzlichen Verwuͤnſchun⸗ „gen belegen..„waͤhrend Ihr Beifall klatſcht, „Elende, indem Ihr Euch anſchickt, es noch beſſe „zu machen, und Euch nicht mit Wuͤnſchen zu be⸗ „gnuͤgen Aber, in Wahrheit, ich nehme „faſt noch Anſtand, Dir mitzutheilen daß „ ja bei meiner Treue ich „nehme Anſtand weil auch ich ſelbſt ſo oft „mich luſtig gemacht.. ſo ſehr uͤber uͤber „die Ehemanner!!! geſcherzt habe. Alſo, uͤber „die Ehemänner.— Haſt Du es jetzt getrof⸗ „fen? Recht gut ſo, vortrefflich Laß „Dich nicht zuruͤckhalten immer zu, berſte „meinetwegen vor Lachen Vortrefflich! ich „erwartete es ſo; und wenn irgend ein Lotterbube „gerade im Hötel de la Jaille zu Beſuche iſt, ſo „bin ich, bei Gott! ganz gewiß, zu dieſer Stunde „auf die ſchönſte Art heruntergeriſſen zu werden. „Jetzt, wo Du ruhiger biſt, will ich Dir chro⸗ „nologiſch erzaͤhlen, auf welche Weiſe meine Ver⸗ „heirathung vor ſich gegangen iſt; denn, in „Wahrheit, es kommt mir ſelbſt noch wie ein Traum „vor„und uͤbrigens wirſt Du auch(ohne „Eitelkeit ſei es geſagt) ſehen, daß die Mittel den „Zweck heiligen; und, auf mein Wort, ich bin „nicht unklug geweſen.— Hoͤre alſo, und urtheile. „Du erinnerſt Dich, Charles, an einen gewiſ⸗ „ſen engliſchen Edelmann, welcher vor meiner Ab⸗ „reiſe nach Indien Kriegsgefangener in Frankreich „war? mit einem Worte, an jenen ernſten „Sir Georges, deſſen Geheimniß ich nur vermit⸗ „telſt des Degenſtoßes erfahren konnte, der mir — 96— „ubrigens jene huͤbſche Frau von Cernan(wo iſt „ſie hingekommen?) verſchafft hat, und auch jenes „verwuͤnſchte Duell, wo Du Zeuge warſt(und iſt „der platoniſche Saint⸗Eyr noch immer Trappiſt? „„. Unter uns, der Streich war gut 2 „Aber zum Teufel die Parentheſen... Char⸗ „les das iſt noch ein Ueberreſt aus meinem „Junggeſellenleben, der da und dort noch hervor⸗ „leuchtet Laß uns alſo ernſthaft ſein, wie „ich werden muß. Alſo, um einen Anfang zu „machen, ſo will ich Dir, auf Edelmannswort, eine „tief moraliſche und philoſophiſche Betrachtung auf⸗ „ſtellen. „Spaß bei Seite, ſieh doch ein wenig, wie ſon⸗ „derbar die Ereigniſſe in dem menſchlichen Leben „ſich an einander ketten. Sieh um nicht „bis zur Geſchichte der Suͤndfluth hinaufzuſteigen, „ich ſpeiſe bei Soubiſe mit Lelia; dieſes Mädchen „erregt meine Luſt, und in dieſer Abſicht wette ich, „uͤber jene arme Herzogin, die ich nie in meinem „Leben geſehen hatte, zu triumphiren(gieb wohl „Acht, Charles,„ denn im Ernſt, mit ihr fängt „dieſe Reihe von Glucksfällen an, welche mir be⸗ „gegnen). Es gelingt mir alſo bei der Herzogin; „ich verfahre ziemlich hart gegen ſie, und dies, hol' „mich der Teufel, weit mehr um Euch zu beluſti⸗ „gen, Euch und jene verdammten Puppen, als zu „meinem eignen Vergnuͤgen. Aber kurz, das Ue⸗ „bel iſt geſchehen. Die Herzogin ſtirbt vor Kum⸗ ₰ „mer. Nun komme ich mehr als jemals in die „Mode und dies in ſolchem Maße, daß Frau von „Cernan ſich mit mir beſchaͤftigt und ſich mir mit „Gewalt in die Arme wirft. „Um der Frau von Cernan zu gefallen, uͤber⸗ „raſche ich das Geheimniß des Sir Georges; er „verſetzt mir einen Degenſtoß, ich leihe ihm vier⸗ „lauſend Louisd'or(o ihr gluͤcklichen viertauſend „Louisd'or!), und ſieh da, wir wurden Freunde „auf Leben und Tod. Noch mehr, um dem Zu⸗ „fall die Krone aufzuſetzen, verdanke ich noch dem „Sit Georges, der Frau von Cernan, der Herzo⸗ „gin, eine junge Frau, huͤbſch wie ein Engel, und „vor Allem millionenreich; deſto beſſer, da man „hier ſagt, daß das Philoſophengeſindel bei Euch „große Fortſchritte macht. Wenn Du jetzt neu⸗ „Hierig biſt, wie ſich Alles zugetragen hat, ſo hoͤre „mich zu Ende. „Wie Du weißt, bin ich Ende Januar des „Jahres 1781 von Breſt abgeſegelt; es war un⸗ „gefaͤhr ein Monat, daß ich mich auf der See be⸗ „fand, als mein guͤnſtiges Geſchick mir eine kleine „engliſche Diviſion, aus einer Fregatte und drei „Schaluppen beſtehend, entgegenſendet, mit welchen vich in Kampf gerathe. Ich ziehe mich ziemlich „gut heraus; ich ſchieße eins von dieſen Schiffen „in Grund, entmaſte die Fregatte und ergreife die „Flucht im Angeſicht von zwei Schiffen.— Wäh⸗ „rend der Nacht, welche auf dieſen Kampf folgt Die Seewarte v. Koat⸗Vén. III. 7 „ereignet es ſich, daß jenes Vieh von einem Aſtro „nomen, mit dem ich mich aus Gefalligkeit be⸗ „ſchwert hatte, meine Fregatte anzuͤndet, indem er „in ſeinen alten Papieren herumſucht; der Brand „wurde ernſthaft, die Gefahr dringend, und wir „befanden uns, meiner Treu, ſehr in Verlegenheit, „als eine engliſche Fregatte, welche den Schein des „Feuers ſah, auf uns zugefahren kommt, uns bie⸗ „der ihre Huͤlfe anbietet und uns beiſteht, den „Brand zu loͤſchen. Ich erkundige mich hierauf „nach dem Namen des engliſchen Commandan⸗ „ten, welchem ich dieſe edelmuͤthige Huͤlfe ver⸗ „danke. Denke Dir mein Erſtaunen„es „war Sir Georges! „Bevor ich wußte, daß er den Lively komman⸗ „dirte(der Name ſeiner Fregatte), hatte ich um ei⸗ „nen Waffenſtilſtand bis zum Anbruch des Ta⸗ „ges gebeten. Du kannſt Dir wohl denken, daß „ich, indem ich meinen Freund durch den De⸗ „genſtoß erkannte, auf demſelben Vorſchlage be⸗ „ſtand, und der vortreffliche Gentleman bat mich „ſogar ſehr zuvorkommend, den andern Morgen „fruͤh den Thee mit meinen Officieren an ſeinem „Bord zu trinken. i „Ich ſtelle mich hier ein, und finde meinen „Sir Georges, wie immer als Englaͤnder, und „ernſthaft bis auf die Wurzeln ſeiner Haare.— „Nach dem Fruhſtuͤck gehen wir in ſeine Gallerie, „um ein vertrautes Wort zu ſprechen.— Ach, — 6— „ich vergaß Dir zu ſagen, daß ich bei jenem ver⸗ „wuͤnſchten Brande meine Pulvervorräthe ins Waſ⸗ „ſer zu werfen genoͤthigt worden war.— Dieſer „Gedanke brachte mich zur Verzweiflung, weil, ſo „gut Freund als ich auch mit Sir Georges war, „ich mir demungeachtet ein unendliches Vergnuͤgen „verſprach, einige Kanonenſchuͤſſe mit ihm zu wech⸗ „ſeln; denn, unter uns, ich hatte mich noch wegen „ſeines Degenſtoßes zu revanchiren.— Wir ge⸗ „hen alſo in ſeine Gallerie; hier ſagte er mir un⸗ „endlichen Dank wegen einiger tauſend Louisd'or, „welche ich ihm ehemals geliehen hatte; Thraͤ⸗ „nen traten ihm in die Augen, und er ſchwoͤrt „mir, bei dem Gedanken untroͤſtlich zu ſein, daß „in wenigen Augenblicken wir mit einander ins „Handgemenge kommen ſollten. Dies war zum „Henker ehen der rechte Augenblick, an mein ins „Waſſer geworfenes Pulver zu denkenz auch denke „ich daran und gerathe in Verzweiflung, fluche, „ſchwöre, und entdecke ihm endlich meine ganze „verzweifelte Lage. Dann bietet er mir ſeinerſeits „mit ſeinem britiſchen Phlegma an: mit mir ſein „Pulver zu theilen indem er dadurch, „wie er ſagte, den Dienſt abtragen wollte, „welchen ich ihm zu Paris erwieſen haͤtte. „Auf Edelmannsehre, Charles, er hat dies „gethan, und wahrhaftig, es war ſehr edel und „ritterlich, obgleich, recht betrachtet, fuͤr ihn nach⸗ „theilig; allein, da man immer aͤhnliche Thor⸗ 75 — 100— „heiten benutzt, ſo nahm ich das Anerbieten des „Gentleman mit der begeiſtertſten Dankbarkeit an. „Aber nachdem er dieſes Meiſterſtuͤck vollbracht „hatte, was auf nichts weniger hinauslief, als ſich „vor ein Kriegsgericht ſtellen zu laſſen(da die eng⸗ „liſche Admiralität gegen ſolche Art von Edelmuth „unerbittlich iſt), ſieh da! geſteht mir Sir Geor⸗ „ges, indem er wie ein Maädchen erroͤthet, daß er „für ſeine Perſon mich um eine Gefalligkeit zu bit⸗ „ten hätte. Dieſe Gefalligkeit beſtand darin, in „dem Fall, daß er während des Kampfes getoͤdtet „werden ſollte,(und auf mein Ehrenwort, ich ah⸗ „nete es, Sir Georges ſah ganz ſo aus,) einer „jungen Perſon, die er liebte und welche ihn liebte, „ein Portrait und Briefe, welche ich zaͤrtlich ver⸗ „borgen in dem Futter ſeiner Weſte finden ſollte, „zu uͤbergeben. Mur Englaͤnder koͤnnen ſolche „Ideen haben.) „Ich verſprach alſo dem Sir Georges, daß ich, „im Fall ich nach Pondichery kommen ſollte(dies „iſt der Ort, wo ſich damals die Schoͤne aufhielt), „die Briefe ſelbſt uͤbergeben, oder Jemandem, der „eben ſo ſicher wäre als ich ſelbſt, anvertrauen „wuͤrde. Hierauf umarmen wir uns wie zwei „Schuͤler, welche in die Ferien gehen. Ich begebe „mich an meinen Bord, und, nach einem zweiſtuͤn⸗ „digen hitzigen Kampfe, nehme ich den Lively durch „Entern; und der arme Teufel, Sir Georges, „welcher, ſchon toͤdtlich verwundet, ſich wie ein — 101— „Löwe wehrte, ſtirbt, von einem Säbelhiebe ge⸗ „troffen, welchen ihm einer meiner Lieutenants, „ein wahrer wuͤthender Wolf, verſetzt.—(Die⸗ „ſer Lieutenant hat es ubrigens kuͤrzlich dahin ge⸗ „bracht, daß er aus dem Corps geſtoßen wurde, „weil er feigerweiſe ein unvermeidliches Duell aus⸗ „geſchlagen hatte.... Und doch hat dieſer Elende „vor dem Feinde Beweiſe von Tapferkeit gegeben „ In Wahrheit, man begreift dieſe Art „Leute nicht„ „Nun, auf Sir Georges zuruͤckzukommen, Char⸗ „les, ſo griff mich ſein Tod in dem erſten Au⸗ „genblicke ſehr an, denn es war in der That „ein unerſchrockener, biederer Edelmann, obgleich „ein wenig zu ernſt und zu romanhaft. Allein, „wie Du weißt, ſo habe ich einen Charakter, der „ſich leicht in das Ungluͤck Anderer ergiebt; auch „vergaß ich deshalb bald dieſen Englaͤnder, der „uͤbrigens mir eben ſo viele Verbindlichkeiten ſchul⸗ „dig war, als ich ihm.— „Alſo, nach anderthalbmonatlicher Kreuzfahrt, „vereinige ich mich endlich, am Cap Vert, mit der „Abtheilung meines alten theuren Anfuͤhrers, dem „Herrn Bailli von Suffren; wir ſteuern nach In⸗ „dien; und nach einigen Geſchwaderkämpfen gehen „wir bei Gondelour, einer ſehr huͤbſchen Stadt „auf der Kuͤſte von Coromandel, vor Anker, um „uns mit Lebensmitteln zu verſehen und eine Zu⸗ — 102— „ſammenkunft mit Hyder Aly, einem wuͤthenden „Feinde der Englaͤnder, zu haben. „Jetzt kommt erſt das Intereſſante, mein Char⸗ „les, und dabei ſollſt Du Deinen Oreſt bewun⸗ „dern. „Nach dem Untergange von Pondichery hatten „ſich viele reiche Kaufleute nach Gondelour zu⸗ „ruͤckgezogen, und mehrere unter ihnen beſaßen da „herrliche Landhaͤuſer. „Unter dieſen Nabobs war einer der unbeſchreib⸗ „lich reichſten, der Vater meiner Frau(das Wort „meiner Frau ſcheint mir ſonderbar auszuſpre⸗ „chen), Herr Horn⸗Prast, der ein Vermoͤgen von „mehr als zwanzig Millionen beſitzt, welches in „Europa gut angelegt iſt. „An dem Vorabende des Tages, wo die Zu⸗ „ſammenkunft mit Hyder Aly Statt finden ſollte, „hatte mich der Admiral als denjenigen bezeichnet, „welcher ihn begleiten ſollte, und eroͤffnete mir dies „mit den Worten: Wohlan, Heinrich, du wirſt mit „uns ans Land gehen, wir werden bei einem komi⸗ „ſchen Menſchen wohnen, bei Mynheer Horn⸗ „Praöt, welcher millionenreich iſt, und außerdem die „allerhuͤbſcheſte Tochter von der Welt hat.— Der „Name Horn⸗Praöt uͤberraſcht mich; ich kehre an „meinen Bord zuruͤck, ich beſehe das Packet, wel⸗ „ches mir der ſterbende Sir Georges anvertraut „hatte; dieſe Adreſſe war: An Herrn Horn⸗ „Praöt, um esder Wabemoilette Ins —— — 107— „dere Deinen Freund, Charles, ich hatte richtig be⸗ „rechnet. Die ſchreckliche Kaltbluͤtigkeit, mit der „ich dieſe ungluckliche Neuigkeit mitgetheilt hatte, „ich, ich, der ich faſt der Urheber von dem Tode „des Sir Georges war, weil ich ſeine Fregatte „durch Entern genommen; dieſe furchterliche Kalt⸗ „bluͤtigkeit, ſage ich, hatte das arme Maädchen faſt „eben ſo ſtark uͤberraſcht, als der Tod ihres Ge⸗ „liebten; auch wechſelten ſeit dieſem Tage ihre Ge⸗ „danken unaufhoͤrlich zwiſchen meiner Grauſamkeit „und ihrem Bedauern uͤber den Verluſt des Sir „Georges; endlich wurde dies ſo ſtark, daß, als „ſie mich eines Tages mit ihrem Vater in dem „Parke ſah, ſie vor Zorn und Schrecken unwohl „wurde. Von dieſem Augenblicke an betrachtete „ich meine Liebe als auf ſehr gutem Wegez denn, „Du ſiehſt es, ich theilte ſchon ihre Gedanken mit „dem Verſtorbenen. Waͤhrend dieſer Zeit be⸗ „ſtuͤrmten verſchiedene Ideen meinen Kopfz ich ſah, „daß in Frankreich, nach Deinen Briefen, das An⸗ „ſehen erloſch; daß, ich weiß nicht welche dumpfe „Bewegung unſere Privilegien und unſer Daſein „bedrohte; kurz, was ſoll ich Dir ſagen, war es „Inftinkt, Thorheit oder Weisheit, ich bäumte mich „nicht zu ſehr bei dem Gedanken, mich zu verhei⸗ rathen, und einſt für den Fall des Ungluͤcks „zwanzig Millionen Vermögen zu beſitzen; uͤbrigens „fand ich die Sache noch originell, und ſpielte alſo „halsſtarrig fort. Auch ſetzte ich, wie Malle⸗ — 108— „branche(wo iſt er?) ſagen wuͤrde, heimlich mein „Sappiren*) fort. „Du kannſt Dir leicht denken, daß ich meine „Aufmerkſamkeit verdoppelte. Almanzor fuhr fort, „mich von Allem zu unterrichten; endlich kam er „eines Tages und ſagte mir, daß die Troſtloſe ih⸗ „ren Todten fortwaͤhrend ſehr beweine, daß ſie aber „zu ihrer Negerin(welche nie mit ihr von mir „ſprach) geſagt habe, wie ich ſehr gut gethan „haͤtte, ſie nicht beſuchen zu wollen, weil „ſie meinen Beſuch ausgeſchlagen haben „wuͤrde.— Das Kind verrieth alſo ihr Ver⸗ „langen, mich zu ſehen; davon uͤberzeugt, konnte „ich mich vorſtellen, ich ſpielte jedoch den Tauben; „ich wollte es nicht verſtehen: auch ſagte, einige „Tage nachher, die Negerin im Vertrauen zu mei⸗ „nem Laͤufer, ſie wäre faſt gewiß, daß, wenn der „Herr Graf verlangte, vorgeſtellt zu wer— „den, man mir eine Audienz ſicher nicht ver⸗ „weigern wuͤrde, nur um das traurige Ver⸗ „gnuͤgen zu haben, von dem theuren Hin⸗ „geſchiedenen reden zu hoͤren.— Nichts— „ich blieb gefuͤhllos, ich wollte einen auffallenden, „officiellen Schritt.— Man that ihn.— „Und eines Morgens empfange ich ein „Paar Zeilen, welche man mich bat, *) Sappiren will in der Kriegskunſt das Untergraben einer Mauer ſagen. — 109— „zu Herrn Horn⸗Praöt zu kommen, indem „Mademoiſelle Horn⸗Prast danken wolle ſ „Ich antwortete ehrfurchtsvoll, daß ich kom⸗ „men wuͤrde; aber zur ſelben Zeit befahl ich dem „Almanzor, der Negerin immer im Vertrauen zu „ſagen, daß die indiſche Kleidung mir mißfallen „dies war nicht wahr, aber ich wollte einen Ver⸗ „ſuch machen), und daß ich die Mademoiſelle Horn⸗ „Praöt lieber auf europaiſche Art gekleidet geſehen „haͤtte. „Als ich mich den andern Tag ihr vorſtellte, „waren die kleinen Beine, ach! in weißſeidene „Struͤmpfe verhuͤllt, und die kleinen Fuͤße hatten „die Sandalen mit kleinen Pantoffeln von ſchwar⸗ „zem Atlas vertauſcht; ſie trug ein Kleid von „weißem Mouſſelin, einen ſchwarzen Guͤrtel und „ungepuderte Haare.— So war Ina angethan, „als ſie mich empfing.— Du begreifſt wohl, „was ich alles Guͤnſtiges fuͤr mich daraus folgertez „ſie dankte mir mit durch Schluchzen unterbroche⸗ „ner Stimme; ich betheuerte meine Ergebenheit „mit kalter Artigkeit, und wir trennten uns. „„Wie kann es eine ſo grauſame, ſo ge— „fuhlloſe Seele mit einer ſo ſanften Ge⸗ „ſichtsbildung geben!““... ſagte das junge „Maͤdchen nach dieſer Zuſammenkunft zu ihrer „Negerin.„Ach! Georges waͤre nicht ſo ge⸗ „weſen — 110— „Ich gab dem Almanzor zehn Louisd'or, als „er mir dieſe herrlichen und vielbedeutenden Worte „hinterbrachte... Und, um einmal zu Ende zu „kommen und Deine Geduld nicht laͤnger zu miß⸗ „brauchen, ſo hoͤre, wie ich meine Rolle weiter „ſpielte und nach und nach aufthaute. „und ſprach mit ihr zu jeder Stunde ſo viel, ja „ſo viel von ihrem verteufelten Hingeſchiedenen, „daß ſie bis uͤber die Augen genug davon hatte; „Regel, das iſt das einzige und wahre Mittel, die⸗ „ſen Erinnerungen ein Ziel zu ſetzen, Erinnerungen, „die furchterlich hartnaͤckig ſind, aber welche, noch „eine fortdauernde, eben ſo lobredneriſche, als ein⸗ „toͤnige Wiederholung; als ſie demnach von ihrem „hatte, ſprach ich endlich mit ihr von ihr ſelbſt. „Ich hatte vernommen, daß Georges ſtreng „war, ich wurde hart, faſt grob in meinen Zurecht⸗ „weiſungen, und das gute Kind, welches die Liebe „Wort, kein einziges Wort der Liebe, und dies, „weil ich bemerkte, daß ſie noch immer ſehr an ih⸗ 8 „Unmerklich ſah ich meine Allerliebſte taͤglich, „denn todt oder abweſend, Charles, das iſt die „ein Mal ſei es geſagt, nicht Stand halten gegen „Hingeſchiedenen einmal nichts mehr zu hören „nach der Rauhheit beurtheilte, fand, daß ich ſie „anbetete; aber merke wohl, ich wagte noch kein „rem Hingeſchiedenen hing, wenn auch nicht aus „Liebe, doch wenigſtens aus menſchlicher Ehrfurcht, — 111— „und in Folge der außerordentlichen Seelengroͤße „und Biederkeit, welche einer der hervorſtechenden „Zuͤge ihres Charakters iſt. „Es hanbelte ſich alſo darum, ſie ganz von „der Erinnerung an Sir Georges abzuziehen, oder „ihr wenigſtens einen anſtaͤndigen Vorwand zu „geben, ihn zu vergeſſen; ohne daß es mir noch „vollſtaͤndig gelungen war, ſuchte ich durch alle Art „Mittel es dahin zu bringen; unter denjenigen, die „ich mit ziemlichem Nutzen anwendete, giebt es „eins, welches ich Dir bei Gelegenheit anempfehle, „Charles, naͤmlich mit unglaublicher Ernſthaftig⸗ „keit von dem Todten oder Abweſenden ſchoͤne „Zuͤge zu erdichten und zu erzaͤhlen, doch ſo, daß „man ihnen ſtets eine alberne oder lächerliche Seite „giebt, die man mit Geſchicklichkeit herauszuheben „ſucht, waͤhrend man ſie aus dem Innerſten des „Herzens zu bewundern ſcheint. So iſt dies be⸗ „ſonders von ſicherer und treuloſer Wirkung, wenn „es ſich um Leute, wie Sir Georges, handelt, um „ſolche Langweilige, welche man in der Liebe mit „dem Namen„ernſthafte Menſchen, Her⸗ „ens⸗Menſchen“ bezeichnet; da ſie weder An⸗ „muth, noch Reize, noch Laſter, noch Anziehendes „beſitzen, um das Lächerliche ihrer vorgeblichen „ſchoͤnen Thaten aufzuwiegen, ſo verzichten ſie „auf die Muͤhe. Denn noch ein Mal, von allen „ublen Nachreden iſt die uͤble Nachrede im Gu⸗ „ten die ſchrecklichſte. Erinnere Dich wohl daran, 9 — 112— „Charles, wenn Du Dich jemals mit der Frau von „Vaudrey beſchaͤftigen ſollteſt. „Aber kurz, trotz der Erzaͤhlung meiner ſchoͤ⸗ „nen Zuͤge, ſchritten meine Angelegenheiten nicht „ſo ſchnell vorwaͤrts, wie ich es gewuͤnſcht hätte, „als, durch einen Streich des Himmels, bei einer „ſchoͤnen Wiederkehr von Zaͤrtlichkeit gegen ihren „Hingeſchiedenen, Ina mir mit Schluchzen und „unter Thraͤnen die Geſchichte eines von Sir Ge⸗ „orges gethanen Verſprechens zu erzaͤhlen begann, „eines eidlichen Verſprechens, beſchworen bei ſeiner „Liebe und durch ſeine Liebe, bei Strafe fur ehr⸗ „los und meineidig zu gelten, auf Ina zu verzich⸗ „ten u. ſ. w., wenn er es verletzte. „Alſo. Charles, es war ein feier⸗ „liches Verſprechen, nicht mehr zu ſpielen. „Unſer verſtorbene Cato hatte, wie es ſcheint, dieſe „Leidenſchaft im höchſten Grade entwickelt. „Ich fragte gleichguͤltig, aber mit einer fuͤrch⸗ „terlichen Angſt, von welcher Zeit ſich dieſes Ver⸗ „ſprechen herſchriebe; das gute Kind lief zu einem „ihr von Georges verehrten Kaͤſtichen, und zog „daraus ein niedliches Papier, auf welchem der „ſchoͤne Schwur geſchrieben, von Sir Georges „unterzeichnet und mit ſeinem Wappen unter⸗ „ſiegelt war. „Urtheile uͤber die Gewalt, welche ich uͤber mich „ſelbſt habe, Charles, ich bin nicht vor Freude „aufgehuͤpft, indem ich ſah, daß dieſer Schwur „vor dem Tage gethan war, wo ich in Pa⸗ „ris Sir Georges jene gottſeligen viertau⸗ „ſend Louisd'or geborgt hatte, um eine „Spielſchuld abzutragen!!! „Ich bewunderte ſehr die Seelenſtaͤrke des Ent⸗ „ſchlafenen, und hob beſonders den Werth aͤhnlicher „Schwuͤre hervor, welche einen Mann von Ehre „unwiderruflich binden um ſo mehr, wenn er „ſich denſelben freiwillig unterwirft.. Alle mit „einander. „Ich ließ alſo Ina in einem Anfalle der Ruͤck⸗ „kehr von Zartlichkeit fur ihren Hingeſchiedenen, „und begreife nun die ganze Schwermuth des gu⸗ „ten Menſchen zu Verſailles; er dachte ohne Zwei⸗ „fel an ſeinen gebrochenen Schwur; und als er „mir, vor dem Kampfe, ſagte: wenn ich Un⸗ „gluͤck habe, ſo verdiene ich es, denn ich bin „meineidig geweſen.... ſo war es abermals „der verdammte Schwur. „Bei meiner Treue, Charles, Du wirſt einge⸗ „ſtehen, daß, wenn man dumm genug iſt, ſolche „Schwuͤre zu thun, man dumm genug ſein muß, „um ſie zu halten, und daß in ähnlichen Fchlen, „wie in vielen andern, Dunmheit fuͤr Rechtſchaf⸗ „fenheit gilt.“ 3 14 „Aber laß mich auf die Hauptſache zuruͤckkom⸗ „men; man mußte Ina zu wiſſen thun, daß der „ſchoͤne Schwur gebrochen worden war, und daß „ich es war, der dem Sir Georges viertauſend Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 8 — 114— „Louisd'or geborgt hatte, um eine Spielſchuld zu „bezahlen. Ich befahl alſo dem Almanzor, in „einiger Zeit und mit vieler Schonung der Negerin „meine Geſchichte mit Sir Georges zu erzaͤhlen. „Der Kerl verſtand mich vortrefflich; Alles „ging wie gewoöhnlich, ich ließ es an Lobeserhe⸗ „bungen uͤber den Entſchlafenen nicht fehlen... „ohne ein Wort von Liebe zu ſprechen; als ich un⸗ „gefähr vierzehn Tage nach dem Auftritt mit dem „Schwur zuerſt ein ſehr lakoniſches Billet erhielt, „worin man mich bat, im Augenblick in das Hötel „Horn⸗Prast zu kommen, obgleich es erſt zehn „Uhr des Morgens war. „Ich erwartete, bei Gott, wohl den Auftritt, „auch fand ich die liebenswuͤrdige Ina mit fun⸗ „kelndem Auge, mit unwilliger Miene:— Herr „von Vaudrey, ſagte ſie zu mir, mit einem kur⸗ „en, bei meiner Treue, ſehr imponirenden Tone: „Iſt es wahr, daß Sie dem Sir Georges im „Jahre 1780 viertauſend Louisd'or geborgt „haben, um eine Spielſchuld abzutragen?“ „Du ſiehſt mich erſtaunt, betroffen, ſtotternd „(ſelbſt erroͤthend, Charles).„Mademoiſelle, „es iſt mir unbekannt. ich weiß nicht.. „„Die Wahrheit, Herr Graf, beim Namen „des Himmels, die Wahrheit!... „(Du ſiehſt mich immer derſelbe)...„Mo⸗ „demoiſelle.. wer hat koͤnnen... „„Es iſt unnuͤtz, ſich zu verſtellen, Herr „Graf; einer Ihrer Leute hat geplaudert, „hat Alles geſagt, Ihr Duell, kurz Alles... „Bei Ihrem Ehrenworte, Herr von Vau⸗ „drey, beſchwoͤre ich Sie, mir die Wahrheit „zu ſagen.““ „Jetzt, Charles, ſiehſt Du mich nothgedrungen, „ſtotternd die Wahrheit geſtehen, mein bewunde⸗ „rungswuͤrdiges Betragen, meine Aufopferung u. „ſ. w., und hierauf fange ich an, Sir Georges „auf's Staͤrkſte zu vertheidigen; allein die Liebens⸗ „wuͤrdige verſchließt mir den Mund, indem ſie „meine eignen Worte uͤber die Meineidigen vom „vorhergegangenen Abende anfuͤhrt und ich „bin gezwungen, Charles, wie ſie zu denken „daß dies unwuͤrdig ſei... „Von dieſem Tage an war es mit der Erinne⸗ „rung an Sir Georges ungefähr aus, ſei es, daß „Ina bloß einen guͤnſtigen Augenblick erwartet „hatte, um ſich dem Gefuͤhl, welches ich ihr ein⸗ „floͤßte, zu uberlaſſen, ſei es, daß ſie, offenherzig „und bieder, wirklich uber dieſen Treubruch des „Caton Beverly erbittert war, um ſo mehr, da „der arme Teufel die Thorheit begangen hatte, von „dem verwuͤnſchten Verſprechen in ſeinem Sterbe⸗ „briefe Erwahnung zu thun, und ſich zu ruͤhmen, „es gehalten zu haben. Dies erzuͤrnte Ina be⸗ „ſonders, denn eine ſo eingebildete Frau wird wu⸗ „thend, wenn ſie ſich hintergangen glaubt. „ — 116— „Was ſoll ich Dir weiter ſagen, mein Freund? „Von dieſem Tage ſchrieb ſich die Gewißheit mei⸗ „nes Gluͤckes her, ich war jedoch nicht ſo unuͤber⸗ „legt, nach dieſem Betruge, den Ina entdeckt hatte, „mit ihr ſchon ganz von Liebe zu ſprechen „Nein! und dann obgleich der Eidbruch des „Sir Georges ſie ihrer Liebe entbunden hatte„ „ſo nahm ſie dennoch Anſtand; jetzt wendete ich „das große uͤberdachte Mittel an. Da wir ziem⸗ „lich vertraulich mit einander geworden waren, ſo „fragte man mich eines Tages ganz unbefangen: „warum ich ſo grauſam und ſo hart gewe⸗ „ſen waͤre, als ich die Nachricht von dem „Tode des Sir Georges uͤberbrachte. Darauf „wollte ich kommen; nachdem man lange Zeit in „mich gedrungen hatte, ließ ich vermuthen, daß der „arme Hingeſchiedene den Dummkopf geſpielt „und mir zu verſtehen gegeben haͤtte, daß „ daher kam mein Bedauern, daher meine „Kälte, daher mein Zorn und meine Wuth, ſagte „ich(mit jenen beruͤhmten Stoßſeufzern, die ich ſo „gut nachahmen kann), von daher kam meine „Wuth, denn, indem ich ſo viele Reize und „ſo viel Schönheit bei einer Frau ſah, die „ſich ſo weit vergeſſen hatte, daß ſie ſich „zur Maitreſſe des Sir Georges hergab, „konnte ich meinen Unwillen nicht uͤberwin⸗ „den, weil ich ſchon ahnete, daß ich ſie „wuͤrde lieben muͤſſen u. ſ. w. — 117— „Ein Mann, der bei der Liebe einer huͤbſchen „Frau geſchworen hat, nicht mehr zu ſpielen, und „doch ſpielt, und welcher daruͤber geſtorben, iſt zu „Allem faͤhig. Auch riß dieſer letzt gedachte Graͤuel „Ina von Sir Georges vollkommen los, und hol' „mich der Teufel, ich glaube, ſie hatte jetzt nur „darum ſolche Eile, unſere Vermaͤhlung geſchloſſen „zu ſehen, um ganz nach ihrem Gefallen beweiſen „zu koͤnnen, daß der arme Sir Georges gelo⸗ „gen und er hatte gelogen, Charles... „furchterlich gelogen.. „Aber das Sonderbarſte war die Art, auf „welche ich ihr meine Hand anbot, und die Wir⸗ „kung davon mußte auf einen kleinen, durch den „Zorn uͤber die vermeintliche Unverſchämtheit des „Gentleman ſo aufgeregten Kopf unfehlbar ſein. „Madempiſelle— ſagte ich ihr mit einer un⸗ „glaublich wuͤtdevollen Ernſthaftigkeit— Ma⸗ „demoiſelle, ich habe zu viel Vertrauen in „Ihre Rechtlichkeit und Ihre Liebe, um „einen Schwur zu fordern, oder um Sie zu „einer Rechtfertigung herabzuwuͤrdigen. „Ich biete Ihnen meinen Namen an, ver⸗ „ſichert, daß Sie ihn nur annehmen wer⸗ „den, wenn Sie deſſelben wuͤrdig 7ind.. „Ich haͤtte, bei Gott, dieſen ſchönen Antrag „keiner Andern als ihr gemacht; ich war ihrer ge⸗ „wiß, und dies durch die wirklich vertraulichen „Mittheilungen des Sir Georges, und auch durch — 118— „das Ergebniß meinet Beobachtungen uͤber ihren „reinen und zartfuhlenden Charakter. „Unter uns, ich habe mir kein Gewiſſen daraus „gemacht, Sir Georges ein wenig als einen ein⸗ „faͤltigen Tropf darzuſtellen.. Was ſchadete „es einem Todten, und brſonders⸗ da es zum Vor⸗ „theile eines Lebendigen gereichen ſollte? „Nachdem wir uns endlich uͤber Alles verſtaͤn⸗ „digt hatten, begaben wir uns hierher nach Jle de „France, denn die ſchnelle Verheirathung haͤtte zu „Gondelour ein wenig Aufſehen gemacht; und nun „ſieh einmal, wie gut ich daran gethan, mich bei „dem Tode meines Bruders von meinen Geluͤbden „los ſprechen zu laſſen! „Kurz, ſeit ſechs Wochen bin ich verheirathetz „nach meinem Charakter, den Du kennſt, ſage ich „Dir nicht, daß ich meine Frau wie ein Seladon „liebe, allein ich bin anſtaͤndig, und liebe ſie faſt „eben ſo ſehr, als ich meine Maitreſſen geliebt „habe; kurz, ich liebe ſie, wie man eine Stellung „liebt. Sie ſtammt aus einem ſehr guten Hauſe „von Languedoc ab; es iſt eine St. Perry von „muͤtterlicher Seite; ihr Vater iſt verwandt mit „den alten Horn-Pratt von Holland, von denen „einer unter Ruyter Flotten⸗Commandant war. „Alles iſt von guter Geburt und Verwandtſchaft, „und außerdem ſicherte uns der Vater bei unſerer „Verbindung acht Millionen an Grundeigenthum; „das Uebrige wird uns ſeinem Tode; fuge — 11 „noch meine funfzigtauſend Livres Renten hinzu, „und Du wirſt finden, daß das Leben ſo recht er⸗ „träglich ſein kannz uͤbrigens, je mehr ich nach⸗ „denke, deſto mehr glaube ich auch, klug gehan⸗ „delt zu haben. Ich hatte, bei meiner Treue, das „Leben genoſſen, mein jetziges Daſein wird uͤber⸗ „dies nichts an meinen gewoͤhnlichen Vergnuͤgungen „andern, nur bin ich jetzt fur die Zukunft geſichert, „und habe eine Freiſtätte, wenn ſich ſpäter einmal „etwas ereignet. Uebrigens, Charles, Dir, dem ich „keinen meiner geringſten Gedanken verberge, kann „ich etwas ſagen:— Ich kenne die Welt und was „zum guten Geſchmacke gehoͤrt, und doch haͤtte ich „ſchlechten Geſchmack genug, abſcheulich zu finden, „wenn man mir das thäte. was ich ſo vie⸗ „len Andern angethan habe! Es iſt Thorheit, es „iſt Schwachheit, es iſt Alles, was Du willſt, aber „es iſt doch nicht anders ich wurde darum „eben ſo tapfer meinen Entſchluß faſſen, wie jener „brave Graf von**, oder jener theure Praͤſident „von***, oder jener vortreffliche Obriſt**8, aber „eben darum, weil ich mein Mißvergnugen verber⸗ „gen wuͤrde, waͤre es um ſo ſchmerzlicher. „Doch, Charles, ſo viel ſich von einer ſo un⸗ „gewiſſen Sache mit Wahrſcheinlichkeit vermuthen „laͤßt, ſo habe ich alle Urſache, zu glauben, daß ich „das gemeinſchaftliche Loos nicht theilen werde; „lache nicht uͤber dieſen Eigenduͤnkel, ſondern höre „meine Gruͤnde:— Meine Frau war ſich ſelbſt — „uͤberlaſſen, von dem Augenblicke an, wo ſie zwei „Ideen bilden konnte, und alſo allen Gefahren „ausgeſetzt, welche in dieſem Lande eine ſo reiche „Erbin umgeben, und ſie hat ſich rein erhalten. „Weißt Du warum? eben wegen dieſer unbegrenz⸗ „ten Freiheit. Denn ich wiederhole es Dir, der „hervorſtechendſte Zug ihres Charakters, den ich „tief ergruͤndet habe, iſt eine faſt ritterliche Bieder⸗ „keit, ein edler Stolz, welcher ſie, wie ich glaube, „Alles der Schande aufopfern laſſen wuͤrde, weni⸗ „ger noch eine ſchlechte Handlung, als eine Feig⸗ „heit zu begehen; kurz, es fehlt mir, wie Du „weißt, an guter Meinung von mir ſelbſt nicht; „dennoch bin ich verſichert, daß die Untreue und „Wortbruͤchigkeit des Sir Georges mehr gegen ihn „und zu meinem Vortheile gethan hat, als alle „meine Verfuͤhrungsmittel. „Ja, mein Freund, dies iſt der Charakter der „Frau von Vaudrey, und wenn dieſe koſtbare Ei⸗ „genſchaft, durch die ſie ſich auszeichnet, ſich nicht „aͤndert, was ich darum nicht glaube, weil ſie zu „ungekuͤnſtelt iſt, ſo iſt es ſo gut, als ſagte ich zu „ihr: Madame, ich ſtelle meine Ehre unter „ich mich nicht irre, ſo wird vielleicht dieſes außer⸗ „ordentliche Vertrauen, welches ſo vielen Ehemän⸗ „nern verderblich war, mein ſicherſter Buͤrge ſein. „Ich war ziemlich weitſchweifend in dieſem „den Schutz Ihrer Rechtlichkeit.“ Und, wenn „Briefe, Charles, allein es handelte ſich um einen „ſo ſonderbaren Stern an meinem Schickſalshim⸗ „mel, daß ich Dir ihn nicht ausfuͤhrlich genug „ſchildern zu können geglaubt habe. Hier ſpricht „man von Frieden, und ich wuͤnſche ihn jetzt ſelbſt, „denn meine Abſicht iſt, den Seedienſt zu verlaſſen „und vielleicht den Credit meiner Freunde und den „meinigen zu benutzen, um eine Geſandtſchaftsſtelle „zu erhalten, wenn ich mich ja mit aller Gewalt „beſchaͤftigen will. „Lebe wohl, Charles! Tauſend Gruͤße an „meine Freunde, fuͤr welche ich immer der Che⸗ „valier von Vaudrey bleiben werde, denn ich ge⸗ „denke wohl, da und dort unſere luſtige Lebensart „wieder anzuknuͤpfen; antworte mir nicht, denn „wenn dieſe Friedensgeruͤchte Beſtand haben, wie „man ſagt, ſo gehe ich gerade nach Holland, um „unſere Beſitzungen in Augenſchein zu nehmen, und „ſodann von da aus mein Haus im Hötel von „Vaudrey fortzufuͤhren. Der Graf H. v. Vaudrey. Siebentes Kapitel. Heirath. Die Gräfin Ina von Vaudrey An Miß Betty Hamonley, zu Madras. 1le de France. „Meine gute Freundin, verachte Ina nicht, „verdamme ſie nicht, ohne ſie anzuhoͤren. Ver⸗ „nimm zuerſt, Betty, daß M. Georges Gordon „mich auf eine niedrige Weiſe betrogen„ mich „gehäͤſſig verleumdet hat.— Und dann lebt er „ja nicht mehr... Mein Gott! mein Gott! was „mir begegnet iſt, muß Dich ſehr in Verwunde⸗ „rung ſetzen; denn ich ſelbſt glaube kaum daran.— „um auf Sir Georges zuruͤckzukommen„ Wer „haͤtte das jemals von ihm geglaubt!... Aber „Du ſollſt Alles erfahren. „Du erinnerſt Dich wohl, daß eines Tages zu „Pondichery, es moͤgen ungefahr drei Jahre her „ſein, ich einen ernſthaften Kampf mit Sir Geor⸗ „ges uͤber ſeine ſcʒeckiche Leidenſchaft zum Spiele „ — 123— „beſtand, welcher er, wie er mir ſagte, nur in „muͤßigen Stunden, und wenn er von mir ent⸗ „fernt waͤre, ſich uͤberließe. Du erinnerſt Dich „auch, nicht wahr, meine Freundin, daß, indem er „Allem, was ich ihm Vernuͤnftiges und Zärttiches „uͤber dieſen Gegenſtand ſagte, Gehoͤr gab, er „den feierlichen und heiligen Schwur, nie⸗ „mals in ſeinem Leben wieder zu ſpielen, „bei der Strafe, fuͤr niedrig und meineidig zu gelten, und ſich meiner Liebe und mei⸗ „ner Perſon fuͤr unwuͤrdig zu halten „eigenhaͤndig ſchreiben, mit ſeinem Namen unter⸗ „zeichnen, und mit ſeinem Wappen unterſiegeln „wollte? „Und dieſen Schwur hat er auf unwuͤrdige „Weiſe gebrochen, verrathen, entweiht Alſo „hat er, den ich fuͤr ſo bieder, fuͤr einen ſolchen „Ehrenmann hielt, eine Niedrigkeit begangen.. „Du kennſt mich, meine Freundin.. urtheile „nun, ob ich einen ſo niedrigen Verrath vergeben „konnte Aber dies iſt noch nicht Alles... „nein, es iſt nicht Alles.. er, welchen ich ſo er⸗ „haben uͤber dieſe unverſchämten und gemeinen „Gecken wähnte, uͤber die wir uns mit einan⸗ „der aufhielten, Betty, er, den ich fuͤr ſo rechtſchaf⸗ „fen, ſo edel und ſo zartfuͤhlend hielt, er hat mich „in den Augen eines Ehrenmannes, des Herrn „Grafen von Vaudrey, kurz, meines jetzigen Gat⸗ „ten, abſcheulich Ja indem er * — 124— „die heiligen und faſt religioͤſen Pfaͤnder einer eben „ſo reinen als aufrichtigen Liebe mißbrauchte, hat „ſich Sir Georges derſelben auf boshafte, niedrige „Art bedient, um die ſchaͤndlichſte Verleumdung anzu⸗ „ſpinnen kurz, um den Herrn von Vaudrey „glauben zu machen ich ſei ſeine Maitreſſe „geweſen. Ich! ich! Betty.„ich! o mein „Gott! bei dieſem ſchrecklichen Gedanken ver⸗ „mag ich noch jetzt nicht, meine Thraͤnen und mei⸗ „nen Unwillen zuruͤckzuhalten... Aber Du ſollſt „Alles erfahren... meine Freundin.. „Es ſind ungefaͤhr fuͤnf Monate, als der Herr „Admiral von Suffren einige Tage bei meinem „Vater zubrachte. Wir bewohnten damals unſer „Landhaus zu Gondelour.— Herr von Suffren „hatte ſeinen Neffen und einen andern Officier, „eben den Herrn Grafen von Vaudrey, mit ſich. „Ganz mit der Erinnerung an Sir Georges „beſchaͤftigt, von dem ich mit der groͤßten Unge⸗ „duld Briefe erwartete, bekuͤmmerte ich mich ſehr „wenig um die Gäſte meines Vaters„ unge⸗ „achtet der thoͤrichten Bewunderung, welche meine „Negerin dieſen Fremden zollte. „Aber eines Tages erhalte ich ein ſehr hofliches „Billet von dem Herrn Grafen von Vaudrey, „worin er mich um einen Augenblick Gehoͤr bittet, „weil, wie er mir ſchrieb, er mir Papiere von Sei⸗ „ten des Herrn Sir Georges zuzuſtellen hätte. „Sogleich bitte ich Herrn von Vaudrey, ſich ge⸗ „fälligſt zu mir zu bemuhen, und erwarte den Gra⸗ „fen in der ſchrecklichſten Unruhe. „Ich weiß nicht, von welcher Ahnung ich er⸗ „riffen wurde, aber zwei Mal befand ich mich un⸗ „wohl, als ich vernahm, daß Herr von Vaudrey „in meinem Vorſaal wäre; endlich faßte ich aber „Muth und er trat ein. „Ich ſah einen jungen Mann von mittler „Statur und ausgezeichnetem Anſehen, gekleidet „als Marine⸗Officier.— Aber was mir ſogleich „auffiel, war ſeine kalte Annaͤherung und ſein un⸗ „beweglicher Blick. „Er gruͤßte mich mit ernſthafter Miene, und „ſagte mir:— Mademoiſelle, hier ſind Pa⸗ „piere, welche Sir Georges mich gebeten „hat, Ihnen eigenhändig zu ubergeben. „Sie haben mit Sir Georges geſprochen, Herr „Graf, rief ich unwillkuͤrlich aus wo befin⸗ „det er ſich gegenwärtig, wenn ich fragen darf?. „Hierauf ſagte er mir,(ich hoͤre ihn noch) ohne „daß eine Veraͤnderung in ſeinem Geſichte und in „ſeiner Stimme bemerkbar war, gleichſam mit der „Miene einer duſtern Freude, die grauſamen Worte: „„Ich habe die Fregatte des Sir Georges „durch Entern genommen, Mademoiſelle; „er hat ſich mit dem größten Muthe ver⸗ „theidigt, wurde aber in dem Kampfe ge⸗ „toͤdtet.““ — 6— „Bei dem Worte getoͤdtet fiel ich ohne Be⸗ „wußtſein hin. Ich kam erſt lange Zeit nachher „wieder zu mir; ich befand mich mitten unter mei⸗ „nen Frauen, Herr von Vaudrey war nicht mehr „da Ich nahm es wohl wahr„denn „ihn ſuchte mein wuͤthender Blick zuerſt... Ja, „Betty, wenn er da geweſen waͤre, und ich die Kraft „dazu gehabt haͤtte, ſo wuͤrde ich ihn in dieſem „Augenblicke, wie es mir ſcheint, getoͤdtet haben. „Aber warte, bevor Du uͤber den Grafen rich⸗ „teſt, meine Freundin; denn ich kann mir vorſtel⸗ „len, daß dieſe grauſame Gleichguͤltigkeit, oder viel⸗ „mehr dieſe kalte Grauſamkeit Dich gegen ihn em⸗ „pören muß, und doch. „Ich will Dir nicht meine Thraͤnen, meinen „Kummer und die Art der Niedergeſchlagenheit be⸗ „ſchreiben, in der ich einen Monat hindurch lebte, „da ich Niemand„. Du weißt es, Niemand „in der Welt hatte, mit dem ich weinen konnte, „als meine arme Badj'y.— Nur Eins iſt es, „was ich noch nicht begreifen kann, daß ich naͤm⸗ „lich die Erinnerung an den Herrn Grafen von „Vaudrey nicht von der des Sir Georges zu ſon⸗ „dern vermochte.— Ja, es waren, ſo zu ſagen, „Urſache und Wirkung unbarmherzig an einander „gefeſſelt.— Denn wenn der Graf mir dieſes „ſchreckliche Ungluͤck mit Schonung und Vorſicht „mitgetheilt haͤtte, ſo wurde ich, ſo zu ſagen, mich „nur mit dem Gedanken an meinen Kummer, an — 127— „meine Verzweiflung beſchäftigt haben; aber da „der Graf, wie er es gethan, mir jene verhaͤngniß⸗ „volle Nachricht mit Haͤrte, ja faſt mit Bitterkeit „brachte. kurz, da er ſelbſt mir ſagte, daß er „faſt die indirecte Urſache von dem Tode des Sir „Georges ſei, ſo geſtehe ich Dir, meine Betty, daß „ich jeden Augenblick meine Thränen unterbrach, „um dieſen gefuͤhlloſen Boten zu verfluchen und „mit Verwuͤnſchungen zu uͤberhäufen, und Du „wirſt ſehen, wie thoͤricht ich war „Um aber auf Sir Georges zuruͤckzukommen, „ſo ſchickte er mir meine Briefe und mein Por⸗ „trait zuruͤck, welches ich ihm gegeben hatte.— „Er ſchrieb mir zum letzten Mal, als er im Be⸗ „griff war zu kämpfen, und niemals, Betty, hat „es ein Mann gewagt, dreiſter eine Frau zu beluͤ⸗ „gen, ein Mann, der mit dem einen Fuße faſt im „Grabe ſtand.„ Wie damals, glaubte ich noch „immer an ſeine Worte; ich beſchreibe Dir auch „nicht die bittern Thränen und die Kuͤſſe, mit de⸗ „nen ich dieſe ſo theuern Schriftzuge bedeckte, welche „bei jeder Zeile(ich glaubte es wenigſtens) ſeine „biedere und edle Seele mir zeigten Aber was „mich beſonders in eine bittere Verzweiflung ſetzte „und meinen herzzerreißenden Schmerz verdoppelte, „waren einige Zeilen, durch welche Sir Georges „mir gluͤcklich ſeinen geſchriebenen Eid, nicht „mehr ſpielen zu wollen in's Gedächtniß „uruͤckrief, indem er mir ſchwur, daß er ihn „gehalten haͤtte!!! und daß das Bewußt⸗ „ſein, meiner wuͤrdig zu ſterben, ſeine letz⸗ „ten Augenblicke perſuͤßen wuͤrde, wenn er „mich nicht wieder ſehen ſollte..— Mir „dieſes zu ſchwören, Betty..„faſt im Angeſichte „der Ewigkeit!. O, Schaͤndlichkeit! Nie⸗ „derträͤchtigkeit!. Aber hoͤre noch weiter. „Ich lebte alſo nur, um Thraͤnen zu vergießen, „ich kam nicht aus meinem Gartenhauſe, als ich „eines Tages, waͤhrend ich maſchinenmaͤßig zum „Fenſter hinausſah, den Herrn von Vaudrey, der „mit meinem Vater plauderte, gewahr wurdez ich „ſah ihn ſeit der ungluͤcklichen Nachricht das erſte „Mal wieder; da ich meine Gemuͤthsbewegung „nicht uͤberwinden konnte ſo wurde ich ohn⸗ „maͤchtig und doch, trotz dem, daß ich den „Grafen toͤdtlich haßte, fuhlte ich eine unwiderſteh⸗ „liche Begierde, ihn zu hoͤren, denn er allein konnte „mit mir von Sir Georges ſprechen, und mir uͤber „ſeine letzten Augenblicke jene nähern Aufſchluſſe „geben, die ſo grauſam ſind und doch von denen, „welche wie ich lieben, ſo begierig aufgeſucht wer⸗ „den. Ach. aber ich hatte damals einen un⸗ „uͤberwindlichen Schrecken vor Herrn von Vau⸗ „drey(mein Gott, wie ſehr hatte ich Unrecht!); „und ungeachtet der dringenden Bitten meiner Ne⸗ „gerin, konnte ich mich nicht dazu entſchließen, ei⸗ „nen Beſuch von ihm anzunehmen, obgleich er öf⸗ „ters gekommen war, ſich nach meinem Wohlbe⸗ — 429— „finden zu erkundigen. Endlich entſchloß ich mich „dazu, und ſchrieb ihm deshalb, daß, da ich einige „Zeit in Madras zubringen muͤßte, ich ihm fuͤr die „Muͤhe zu danken wuͤnſchte, die er ſich ſo oft ge⸗ „nommen haͤtte, zu mir zu kommen; er antwor⸗ „tete mir, daß er am folgenden Tage zu meinem „Befehle ſtaͤnde; als er eintrat, konnte ich mich „kaum aufrecht halten; ich hatte meine indiſche „Kleidung als unpaſſend abgelegt und war nach „europaͤiſcher Sitte gekleidet; ich empfing den Gra⸗ „fen; er hatte ſeinen kalten, aber außerſt artigen „Ton noch immer nicht abgelegt; er antwortete mit „einer vollkommenen Abgemeſſenheit auf alle meine „Fragen uͤber Sir Georges, aber ſtets trocken und „ſteif; als er fort war, konnte ich nicht umhin, der „Badj'y zu ſagen, daß es mir unbegreiflich er⸗ „ſchiene, wie Herr von Vaudrey bei einem ſo ſanf⸗ „ten Geſicht ſich ſo gefuͤhllos zu zeigen vermoͤge „bei dem Schmerze, welchen ich, wie er wohl den⸗ „ken konne, empfände. „Was ſoll ich Dir weiter ſagen?.... Pin⸗ „geriſſen durch das traurige Gluͤck, von Sir Ge⸗ „orges reden zu hören, nahm ich die Beſuche des „Grafen mehrere Male an, und verſchob meine „Reiſe nach Madras. Ich fand an dem Herrn „von Vaudrey einen freimuͤthigen, edelmuͤthigen „und guten Mann, der beſonders, wie ich glaube, „eine ſeltene Hingebung an ſeine Freunde beſitzt. „Aber was mich ſehr bei einem franzöſiſchen Edel⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. III.. 9 „mann wundert(Herr von Vaudrey ſtammt aus „einer der reichſten und älteſten Familien Frank⸗ „reichs ab, und bekleidet in dem Alter von 28 „Jahren ſchon einen hohen Rang in der Ma⸗ „rine), was mich wundert, ſage ich, iſt die Strenge „ſeiner Sprache und ſeines Benehmens, nach⸗ „dem ich ſo oft von der Unbeſonnenheit und der „Leichtfertigkeit ſeiner Landsleute habe ſprechen hoͤ⸗ „ren. Bei ihm, im Gegentheil, kommt nie ein „Wort der Galanterie vor, ſeine Unterhaltung iſt „ernſthaft, obgleich romanhaft, denn es iſt unmoͤg⸗ „lich, eine Seele zu beſitzen, die zärtlicher und ein⸗ „drucksvoller als die ſeinige waͤre„. Auch hat „er mir erzaͤhlt, daß er wegen dieſes außerordent⸗ „lichen Zartgefuͤhls ſeines Herzens, welches ihn „auszeichnet, ſchon viel zu leiden gehabt habe „ein Zartgefuͤhl, das ſo ſelten gewuͤrdigt wird, und „eben dadurch in ſo viele und grauſame Reibun⸗ „gen kommt. Nach und nach nahm der Graf „die Gewohnheit an, mich oͤfterer zu beſuchen; er „bat mich bisweilen um die Erlaubniß, mir Winke, „Rathſchlaͤge geben zu duͤrfen, und dies wie un⸗ „willkuͤrlich, mit einem Aufbrauſen, welches von „der Sanftmuth ſeiner Stimme voͤllig abſtach. „Ohne ſich an Kraft zu vermindern, wurde „mein Schmerz ruhiger, und ich horte mit ſchwer⸗ „muͤthigem Vergnuͤgen dem Herrn von Vaudrey „zu, der Sir Georges mit Lobſpruchen uͤberhaͤufte, „und mir beſtändig ſeine Tapferkeit und guten Ei⸗ — 131— „genſchaften ruͤhmte; denn er hatte ihn in Frank⸗ „reich kennen gelernt, als Sir Georges dort Kriegs⸗ „gefangener war; dies war der Gegenſtand unſe⸗ „rer Lieblings⸗Unterhaltung, und jeden Tag, jede „Stunde, jede Minute floſſen von den Lippen des „Grafen die Lobeserhebungen des Sir Georges „uͤber.— Ich muß Dir, Betty, in dieſer Hin⸗ „ſicht vertrauen, daß ich noch nicht begreifen kann, „warum dieſe unaufhoͤrlich wiederholten Lobeser⸗ „hebungen mich faſt erzuͤrnten, obgleich ich ihre „ganze Richtigkeit fuͤhlte.. ich weiß noch „nicht, ob der Schmerz, deſſen Urſache man zu oft „erwaͤhnt, endlich abgeſtumpft wird kurz, nach „Verlauf eines Monats ſolcher grauſamen Unter⸗ „haltungen uͤber Sie Georges„ fuͤhlte ich „mich, ich geſtehe es erroͤthend, ich fuͤhlte mich, ſage „ich, weniger lebhaft angegriffen, ja, ich nahm mehr „Antheil an den aͤußern Gegenſtänden, und be⸗ „trachtete das Geſicht des Grafen, welchem ich bis „dahin keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, und „das mir jetzt anmuthig und ausgezeichnet ſchien „. Nein, Du kannſt nicht glauben, wie ſehr „ich uͤber die Veraͤnderung erſchrak, die in mir vor⸗ „gegangen war„ denn, ich ſchwoͤre es Dir „bei Gott und bei meiner Mutter.. daß ich „dem Sir Georges treu ſterben wollte ſo grau⸗ „ſam mir auch dieſes Opfer ſpäterhin geſchienen „hätte, ſo wuͤrde ich doch das Verſprechen, welches „ich mir ſelbſt that, gehalten haben„ Armer 9* „Georges, dachte ich, er iſt nicht mehr da, um an „mich zu denken! er hat treu ſeine Verſpre⸗ „chungen gehalten, er ja, er hat ſie bis in den „Tod gehalten; es wäre alſo eine Niedertraͤchtigkeit, „ihn aufzuopfern, wenn ich es ſo ungeſtraft thun „kann „Später, Betty, als ich jene Erkältung fuhlte, „die mich unwillkurlich ergriff, wollte ich mich an „einer reinen und heiligen Quelle erfriſchen, und „ich ſuchte, was wir meinen Talisman nann⸗ „ten, naͤmlich jenes Verſprechen wieder auf, wel⸗ „ches mir ſo ſchon zu ſein ſchien, weil ich wußte, „wie ſchwer es ihm hatte werden muͤſſen, daſſelbe „zu halten. „An eben dieſem Tage, Betty, war Herr von „Vaudrey bei mir und hatte mir eben einen Zug „von Sir Georges erzahlt, den ich nicht wußte „und welchen der Graf nach ſeiner Gewohnheit „erhoͤhte, denn Sir. Georges hatte an ihm einen „ſehr aufrichtig ergebenen Freund, Du kannſt es „mir glauben.— Ich will Dir hier erzählen, „was die Bewunderung des Grafen ſo ſehr er⸗ „höhte und was ohne Zweifel Sir Georges mir „aus Beſcheidenheit ſtets verborgen hatte. „Es ſcheint, daß eine der Verwandten des Sir „Georges, welche ſehr alt, ſehr eigenſinnig und ſehr „originell war, gegen das Ende ihrer Tage die „Thorheit hatte(obgleich ſie ein vollkommen ein⸗ „gerichtetes Haus beſaß), nichts eſſen zu wollen, SeteaeheueAheſec „was nicht ſo zu ſagen unter ihren Augen durch „Sir Georges, welchen ſie faſt vergoͤtterte, zuberei⸗ „tet worden waͤre. Alſo bereitete Sir Georges, „mit einer wahrhaft engliſchen Gefaͤlligkeit, ſelbſt „die Mahlzeiten ſeiner alten Verwandtin zu.. „Es iſt ohne Zweifel ſchoͤn und zeugt von großer „Ergebung, Betty, ja, es iſt ſogar ruͤhrend, einen „jungen Edelmann den Vergnuͤgungen der Welt „entſagen zu ſehen, um die Launen einer alten Frau „zu befriedigen, die er liebt und achtet.. gewiß, „es iſt ſchoͤn, und die Bewunderung des Grafen „von Vaudrey daruͤber ſehr begreiflich; aber den⸗ „noch, geſtehe ich und zu meiner Schande, daß „wider meinen Willen die lächerlichen Scenen da⸗ „bei mich am meiſten uͤberraſchten. „Kurz, Betty, um auf das Verſprechen zuruͤck⸗ „zukommen, da ich uͤber den Tod des Sir Geor⸗ „ges ſchon ziemlich getroͤſtet war, aber das Anden⸗ „ken an ihn, um ſeiner wuͤrdig zu bleiben, wieder „erneuern wollte, ſo eilte ich zu meinem Talis⸗ „man; und indem ich dieſes heilige Papier dem „Herrn von Vaudrey zeigte, konnte ich mich nicht „enthalten, ihm zu ſagen:„Wenn er gut und er⸗ „geben war, ſo war er auch edel und ſtark: ſehen „Sie, welche Gewalt er uͤber ſich hatte!“— Hier⸗ „auf erzaͤhlte ich dann dem Grafen die Geſchichte „des Schwurs. Wie ich, noch mehr vielleicht, be⸗ „wunderte er den Entſchluß des Sir Georges; nur „bemerkte ich damals nicht, woran ich mich jetzt „vollkommen erinnere, daß naͤmlich der Graf, in⸗ „dem er auf die unverletzliche Heiligkeit dieſer „Schwuͤre ein großes Gewicht zu legen ſchien, et⸗ „was verlegen wurde; jetzt kann ich mir es leicht „erklären, denn hoͤre endlich das entſetzliche Ge⸗ „heimniß: kurz nachher erfuhr ich durch einen be⸗ „ſondern Zufall, daß Sir Georges, ungeachtet „ſeines feierlichen Schwurs, geſpielt und „verloren hat, daß der Graf Vaudrey ſelbſt Wioſe Schuld bezahlte.. nein, nein, Betty, „es war mir unglaublich. Ich ſchreibe an Herrn „von Vaudrey, und bitte ihn, zu mir zu kommen; „er kommt, er will laͤugnen, aber ich fordere ihn „bei ſeiner Ehre auf, die Wahrheit zu ſagen. „es war die Wahrheit. Betty„es war „Wahrheit, Sir Georges hatte ungeachtet ſeines „heiligen Schwurs geſpielt, ich war auf unwuͤrdige „Weiſe hintergangen, verrathen worden. „Ich kann Dir, beſte Freundin, nicht ſchildern, „wie von dieſem Augenblicke an meine Gefuhle „gegen Sir Georges erkaltet waren; in dieſem „Schwure lag ſeine ganze ernſte und heilige Liebe; „der Bruch dieſes feierlichen Verſprechens von Sei⸗ „ten eines ſo ſcheinbar biedern und rechtlichen Man⸗ „nes war die Urſache, daß ich ihn bald ganz ver⸗ „gaß und mich fuͤr frei hielt, wie ich es wirk⸗ „lich war. „Der Graf fuhr fort, mich zu beſuchen, und „ich fand ihn immer gut, liebenswuͤrdig und ver⸗ „nuͤnftig, aber nie konnte ich aus ſeinen Worten „ſeine Liebe errathen, und doch nährte ich den Ge⸗ „danken, der mich vor dem Verrathe des Sir Gor⸗ „don erſchreckt haͤtte, mit einem heimlichen Ver⸗ „gnuͤgen; denn war ich nicht durch ſeine Treulo⸗ „ſigkeit in der That wieder frei geworden? „Nach und nach fand ſich meine fruͤhere Hei⸗ „terkeit wieder, meine Geſtalt erſchien vortheilhaf⸗ „ter, aber je mehr ich ruhiger und zutraulicher ge⸗ „gen Vaudrey wurde, deſto duͤſterer ſchien er zu „werden; kurz, die Kälte von ſeiner Seite kraͤnkte „mich, denn ich fuͤhlte, und zwar ohne Gewiſſens⸗ „biß, daß er mir gefalle. Alſo freimuͤthig, „wie ich war, ſagte ich ganz unbefangen zu ihm, „daß ſein Kummer mir wehe thaͤte er ſchwieg „.„ich wiederholte es er ſchwieg. „Kurz, ich erkannte Heinrich nicht mehr, er war „traurig wie zuvor, als er mich kennen lernte. End⸗ „lich, glaubſt Du es wohl, Betty, vernehme ich „durch ſeinen Admiral, daß er ſich um eine ſehr „gefahrvolle Miſſion bewirbt; die Thraͤnen erſticken „mich faſt, ich bitte ihn, ich fordere ſogar von ihm, „glaube ich(denn meine Liebe war ſchon grenzen⸗ „los!), mir die Urſache ſeines Kummers zu ent⸗ „decken; nach tauſend Umſchweifen erzaͤhlt er mir „endlich errothend daß ich, in Folge einer „ſchaͤndlichen Verleumdung, in ſeinen Augen fuͤr „die Maitreſſe des Herrn Gordon gegolten „haͤtte. „Dieſe Verleumdung war die einzige Urſache „von der ſchmerzlichen Freude, mit welcher Hein⸗ „rich mir den Tod des Herrn Gordon gemeldet „hatte, ſo wie die einzige Urſache ſeines bittern und „tiefen Kummers, indem er ſeine Liebe zu mir, der „entehrt Geglaubten, gewahr wurde. „Du kannſt Dir meinen Schmerz, meinen Zorn „vorſtellen, Betty; kaum hatte Herr von Vaudrey „dieſe ſchrecklichen Worte ausgeſprochen, ſo ſchloß „ich mich in mein Zimmer.... meine Leiden „waren vierzehn Tage hindurch fuͤrchterlich; der „Tod war mir erwuͤnſcht.... Heinrich beſiegt „endlich meine Hartnäckigkeit, Niemanden vor „mich zu laſſen„ich empfing ihn.. „Du ſollſt ihn kennen, Du ſollſt ſeine ritterliche, „edelmuͤthige, ja erhabene Seele wuͤrdigen lernen. „„Mademoiſelle,““ ſagte er,„„ich ſetze „zu viel Vertrauen in Ihre Biederkeit und „Ihre Liebe, um einen Schwur zu fordern, „oder Sie zu einer entehrenden Rechtfer⸗ „tigung zu noͤthigen, ich biete Ihnen mei⸗ „nen Namen an, uͤberzeugt, daß Sie den⸗ „ſelben nicht annehmen wuͤrden, ohne deſ⸗ „ſen wuͤrdig zu ſein.““ „Kann man mehr Seelengroͤße, Edelmuth, ein „groͤßeres Vertrauen und Zartgefuhl antreffen? ſage „es ſelbſt, Betty!.. „Was ſoll ich Dir mehr ſagen, meine Freun⸗ „din?... Von dieſem Tage an ging mir ein „neues Leben, Gluͤck und Liebe auf;... mein „ubriges Daſein iſt nur noch ein Traum; Gordon „kann ich nur verachten, denn er iſt unwuͤrdig mei⸗ „nes Haſſes. Die Liebe meines Mannes entſcha⸗ „digt mich fuͤr deſſen ſchaͤndliche Verleumdung, „welche ich ihm verzeihe; ich bin zu gluͤcklich, um „den geringſten boͤſen Gedanken im Herzen zu „haben. „Kurz, ſeit vierzehn Tagen bin ich vermaͤhlt, „. ſeit vierzehn Tagen ſehe ich der gluͤcklich⸗ „ſten Zukunft entgegen. Heinrich ſpricht davon, „nach Europa zuruͤckzukehren, ſobald der Friede „unterzeichnet ſein wird. Niemand glaubt mehr „an die Fortſetzung des Kriegs; bevor ich abreiſe, „werde ich Dir ſchreiben; Du rechneſt doch darauf, „nicht wahr? Aber ſieh doch endlich, welches ſon⸗ „derbare Schickſal. wer haͤtte mir das vor „acht Monaten geſagt, als Du mich zu Gonde⸗ „lour umarmteſt! „Gruͤße den Lord und die Lady Hamonley von „mir, und denket bisweilen an die gluͤckliche Ina von Vaudrey ꝛc. ꝛc.“ Achtes Kapitel. So lange Saultreu blieb, hatte er nichtnö⸗ thig, die Pythia über das zu befragen, was er thun ſollte. Das Geſetz Gottes ſagte ihm ge⸗ nug. Erſt nach ſeinem Verbrechen, undum die Unruhe ſeines belaſteten Gewiſſens zu beſchwichtigen und ſeinebegangene Schwä⸗ che durch das Geſetz Gottes zuentſchuldigen, ſuchte er durch ein truͤgeriſches Orakel Ant⸗ worten zu erhalten, die ſeinen Leidenſchaf⸗ ten guͤnſtig wären.— Liebet die Wahrheit, und Ihr habt ſie bald erkannt. Ein gutes, zufriedenes Gewiſſen iſt der beſte Arzt. Maſſillon,— Bußpredigt. Si Dialogiſirte Scenen. Perſonen. Der Abbé von Cilly.] Crasb, ein Meuchelmörder. Der Loſophe, betrunken. Der Graf und die Grä⸗ Rumphius, verruͤckt. fin von Vaudrey in Jean Thomas, Lieuten. ihrem Wagen. (Das Meeresufer auf He de France, rechts ein Gitter von einem Park; links der Eingang zu einem dichten Ge⸗ hölz.— Die Sonne geht unter.— Tiefe Einöde.) (Der Abbé von Cilly tritt, den Blick auf den Boden ge⸗ — — heftet und in Gedanken verſunken, auf.... und bleibt bis⸗ weilen unter heftigen Bewegungen ſtehen.) Nichts, Nichts, fortwaͤhrende Dunkelheit, Nichtigkeit ich gebe meine Forſchungen auf.. ich beobachtete die Natur, die Geſtirne, die Elemente; alles dies zeigt mir einen Stifter, ein wirkendes Weſen, einen geheimnißvol⸗ len Schoͤpfer, aber wo iſt er?„was iſt er? ſieht er uns?— uns ſehen, er?— unheilbarer Stolz des Menſchen! So offenbarſt Du Dich ſelbſt in dem Schooße des Glaubens, deſſen Grundlehre die Demuth iſt.— Gott, Dich ſe⸗ hen! Gott ſich beſchäftigen mit den verlornen Ato⸗ men auf dieſer Erde, ſo wie die Erde ſelbſt ſich verloren hat in der großen Unermeßlichkeit! Gott uns ſehen! o uͤber die Schwaͤche unſeres Wiſſens! Gott weiter nichts beizulegen, als eine materielle Aehnlichkeit mit unſern groben Sin⸗ nen!.. Gott ſehen wie wir, hoͤren wie wir, ſprechen wie wir! in der That, eine abſcheu⸗ liche Blasphemie! das heißt Gott nach unſerm Bilde formen... Und warum nicht? halten wir nicht auch in unſerm elenden und thoͤrichten Hoch⸗ muthe die andern Wunder der Schoͤpfung fuͤr nichts Anderes, als Nebenwerke unſeres unbemerklichen Planeten!— Ja, nicht wahr, privilegirter Herr? die Sonne tauchte nur deshalb aus dem Chaos auf, um die Fruͤchte Deines Gartens zu reifen? der Mond, um Deine naͤchtlichen Liebes⸗ abenteuer(Deine Liebesnaͤchte) mit ſilbernem Strahl zu erleuchten? und die Geſtirne funkeln nur deshalb am blauen Himmel, um Deine Augen zu erfri⸗ ſchen, oder Dich zum Dichter zu begeiſtern? Laͤcher⸗ lich!!. immer derſelbe Hochmuth, welcher Alles dem Menſchen zuſchreibt.— Ja, fuͤr Dich gingen die Welten aus ihrem Nichts hervor; fuͤr Dich, glaube es, Halbgott! glaube es, warum ſollteſt Du es nicht glauben? ſo wird der Bettler, welcher bei dem blendenden Scheine eines froͤhli⸗ chen Feſtes den Staub von ſeinen Lumpen ſchuͤt⸗ telt, auch glauben können, daß fuͤr ihn die tauſend und abermal tauſend Wachskerzen der goldnen Luͤſtres flammten;. ſo wird die herumirrende Hyäne, welche die Gebeine des gefallenen Pferdes benagt, das man auf den Anger geworfen, auch glauben, daß fuͤr ſie das edle Thier erwuͤrgt worden iſt. (Rach langem Stillſchweigen nimmt Arthur erſchöpft wieder das Wort:) In Wahrheit, es iſt ein Abgrund ein Abgrund.... ich erſchoͤpfe mich in Hypothe⸗ ſen, ich concentrire mich ganz in der Tiefe meiner Gedanken, ich verſchließe, ſo zu ſagen, die Augen des Geiſtes, wie man die Augen des Koͤrpers ſchließt, um in ein tiefes Nachdenken zu verſi⸗ ken.. und nichts! nichts als Finſterniß! Ich troͤſtete Andere mit meinen Worten, und hatte ſelbſt keinen Glauben. Ich habe das Geld unter die Armen vertheilt, habe die Sterbenden ge⸗ ————— —— — troͤſtet, die Augen der Todten zugedruͤckt, die Ei⸗ telkeit der Wiſſenſchaft, der Jugend vergeſſen, ich habe von bittern Thraͤnen gelebt, habe den Stolz auf meinen Rang, auf meine Geburt erſtickt;— alles dies iſt nichts! Ich liebte meinen Vater ſo ſehrz; Barmherzigkeit, mein Gott! ſchenke mir Glau⸗ ben! nichts? nichts taub und unver⸗ ſöhnlich!. waäre dies Alles nur Chimaͤre, Luge, thörichtev Bettuge. (Fröhliche Stimme in der Ferne; der betrunkene Loſophe tritt auf:) Froh zu ſein, gebraucht man wenig, Wenn ich getrunken, bin ich König; Noch ein Glas, und ich bin Gott! (Da er den Abbé gewahr wird, hält er ein und grüßt): Verzeihen Sie, mein Abbé, es iſt das Ueber⸗ maß von Arrak oder Branntwein des Ortes, von welchem ich glaube etwas zu viel getrunken zu ha⸗ ben, in der bacchiſchen Abſicht, mich auf den Bei⸗ nen zu erhalten, um zu unſerm Commandanten, dem Grafen von Vaudrey zu gelangen, deſſen Woh⸗ nung in der Nähe iſt„ hier, wie man ſagt; ſolltet Ihr ſie wiſſen, mein Abbé ich bringe hier dem Herrn Grafen einen Brief! und ich habe ſogar St. Médard bei meiner Wirthin gelaſ⸗ ſen, das arme Thier....(nicht meine Wirthin, der Hund) heult dartbeh daß Einem das Herz zerſpringen mochte. — 142— Abbé. Ihr ſeid betrunken, Elender, geht Eu⸗ res Wegs! Loſophe. Ich bin betrunken! ja, Potz Ele⸗ ment! ich bin betrunken, mein Abbé! ich ruͤhme mich deſſen; aber mit Ehren zu melden, mein Abbé, gerade weil ich betrunken bin, bin ich nicht ein Elen⸗ der; nein, nein, wenn Sie wuͤßten, was das heißt! gehen Sie. Sehen Sie, Herr Abbé, wenn man eine Bouteille getrunken hat, hält man ſich fur ei⸗ nen Millionaͤr, bis man wieder nuͤchtern iſt, das verſteht ſich;.. nun gut, man berauſcht ſich von Neuem, und je oͤfter man ſich berauſcht, je öf⸗ ter iſt man gluͤcklich; auch ſind diejenigen, welche uͤber den Wein raͤſonniren, Leute ohne allen Ge⸗ ſchmack, wahre Ungeheuer, Seeungeheuer; denn die Trunkenheit, ſehen Sie, mein Abbé, macht den Reichthum des Armen aus, den Troſt des Ungluͤck⸗ lichen! Aber verzeihen Sie, ich plaudre hier, wäh⸗ rend ich einen Auftrag zu erfuͤllen habe, und daß. (da er das Gitterthor des Parks ſieht) Aber Potz Element, hier iſt ja das Gitterthor, welches man mir bezeich⸗ nete; entſchuldigen Sie, mein Abbé.. (Der Loſophe grüßt den Abbeé, tritt durch das Gitter⸗ thor des Parks ein, und entfernt ſich ſingend.) Abbé cnach langem Stillſchweigen). Bei Allem hat dieſer Elende Kerl Recht! in ſeiner ſchaͤndlichen Trunkenheit iſt er Koͤnig, ja Gott, wenigſtens ſo lange er es glaubt; und dies iſt mindeſtens ein Glaube, eine Ueberzeugung; dieſer findet ſie auf —— ———————— — dem Grunde eines Bechers, der Andere.. der Andere eceine Pauſe). Aber es iſt in der That ein ſonderbarer Ge⸗ danke, daß der Glaube der Märtyrer den ſchrecklich⸗ ſten Qualen, den wolluͤſtigſten Verfuͤhrungen wi⸗ derſtanden hat, und daß ein freiwillig oder gezwun⸗ gen getrunkener Becher Wein, daß ein Becher Wein waͤhrend einiger Stunden die göttliche Be⸗ geiſterung dieſer Glaubenshelden vernichtet haben wuͤrde, welche auf gluͤhenden Kohlen noch Loblie⸗ der anſtimmten auf Gott.. So koͤnnte alſo die Trunkenheit den Glauben beſie⸗ gen? Und du haſt noch keine Altaͤre, du heilige Trun⸗ kenheit? die du in deinen goldnen und ſchaumenden Fluthen die duͤſtern und traurigen Gedanken vergeſſen machſt!(bitter, Wohlan, Muth, Abbé!.. Muth, heiliger Mann, beneide die viehiſche Trunkenheit eines Matroſen(Man hört ein Geräuſch, der Abbé zieht ſich bei Seite; es iſt faſt völlige Rachtgeworden.— Rumphius kommt unter lächerlichen Zuckungen ſchnell ge⸗ laufen; er hat den Verſtand verloren, aus Kummer, ſein Ma⸗ nuſcript verloren zu haben; er glaubt ſelbſt das Manu⸗ ſeript zu ſein, und iſt ſo eben dem Hoſpitale von Ue de France entlaufen, wo der Graf ihn hatte einſperren laſſen.— Rumphius iſt mit Papierblättern bedeckt, welche auf ſeine Kleider genähet ſind, ſein Auge iſt erloſchen, allein ſein Ge⸗ ſicht, ehemals eingefallen und mager, iſt dick und roth.— Der Abbé, immer zur Seite, betrachtet Rum phius ſchweigend und traurig. Rumphius macht einen Sprung.) Rumphius. Bah endlich konnte ich von dem verwuͤnſchten Buͤcherſtoß herabſteigen... wo ſie mich zwiſchen zwei großen Foliobaͤnden eingeklemmt hielten, auf dem auf der. auf dem bahl ich habe die großen Buͤcher vergeſſen! zwei große Luͤmmel von gedruckten Buͤ⸗ chern!(wüthend) gedruckte Buͤcher. cerlachtlautaun) Ah h h ch zwiſchen gedruckte Buͤcher zu ſtellen,. welche gemeine Geſellſchaft fur mich, ein Manuſcript! das Ma⸗ nuſcript des beruͤhmten. des beruͤchtigten des weltbekannten„ bah! ich habe vergeſſen, vergeſſen cer bemüht ſich, hinter ſich auf ſeinen Rücken zu ſehen) ungluͤcklicherweiſe kann ich den Titel hin⸗ ten auf meinem Ruͤcken nicht leſen! ach! aber da faͤllt der Abendthau; zum Teufel! ich fuͤhle das Papier an mir ganz feucht. Ei, wie denn! wenn ich mich auswiſchte!. wenn ich unleſerlich wuͤrde! zum Teufel; mich zu verwiſchen und nicht geſchuͤtzt zu ſein in einem guten und warmen Ein⸗ bande vor dem Einfluſſe der Luft! ich! ich, das Manuſcript des beruͤchtigten, des großen, des be⸗ ruͤhmten, bah„wie war der Name, der Titel?—— Abbé(die Hände faltend vor Schrecken). Seinen Namen ſeinen Namen, ſogar ſeinen Namen hat er vergeſſen! (Man hört Männer und Kinder kommen, welche den Narren mit großem Geſchrei ſuchen.) Kinder. Der Narr, der Narr, wo iſt der Narr? — 145— Der Aufſeher aus dem Irrenhauſe cbemächtigt ſch des Rumphius). Ach! da biſt Du, Schuft, da biſt Du komm ins Spital, altes Thier! Du entwiſcheſt!.. gut! man wird Dich feſter binden, alter Hund! Rumphius cfreut ſich). Ach! das alte Manu⸗ ſeript wird wieder in ſeine Bibliothek zuruͤckgebracht! (Der Aufſeher bringt ihn fort, und die Kinder folgen und zer⸗ reißen die Papiere an Rumphins.) Abbé(bei Seite). Was thut Dir, gluͤcklicher Narr, dieſes Spottgeſchrei und dieſe Beleidigun⸗ gen! Du biſt fröhlich, denn Du wirſt ein ſicheres Aſyl wiederfinden!. Was bleibt Dir zu wuͤnſchen uͤbrig? nichts! Die Zukunft iſt fuͤr Dich verſchloſſen. Deine Zukunft iſt die Stunde, wo Du ſchlaͤfſt, wo Du ißt! während daß fur mich (lange Pauſe) Alſo auch den Narren muß ich beneiden! den Narren, wie ich den Trunkenen beneidet habe!.. Gott, Du ſpielſt grauſam mit Deinen Creaturen! Die Racht iſt gänzlich eingebrochen— kurz nach der Ent⸗ fernung des Rumphius tritt der Lientenant Jean Tho⸗ mas und Crasb, der Malaye, auf.— Beide ſind in Mäntel gehüllt und gehen vorſichtig hervor. Der Abbé iſt hin⸗ ter einem dichten Aloegebüſch verborgen.) Craöb emit leiſer Stimme zum Lieutenant). Holla, hierher! hierher! Thomas. Werden wir denn niemals in das verwunſchte Holz kommen? Die Seewarte v. Koat⸗Vén. MI. 10 66rasb. Verwuͤnſche es nicht; wir ſind da. Sieh! hier iſt der Saum davon. Aber halten wir einen Augenblick an, bevor wir weiter gehen! Nun ſage mir doch ein wenig, wer Du biſt, ich habe Dir verſprochen, Dich von der Inſel zu fuͤhren, und Dich vermittelſt eines Mahy-Praw*), der mich an der Nordſpitze erwartet, an der Kuͤſte von Coro⸗ mandel ans Land zu ſetzen. Aber wer biſt Du? Thomas. Was liegt Dir daran?. ich will dieſe Inſel verlaſſen. Ich habe Dir zum Lohne 50 Louisd'ors verſprochen, Du ſollſt ſie be⸗ kommen. Nimm, hier haſt Du ſie im voraus. cer giebt ihm eine Börſe.) Cratb(nimmt ſie). Ja, ja! Aber wer biſt Du? von wem erhalte ich dieſes Geld? Thomas. Aber Du! wer biſt Du denn? Crasb. Wohlanz ich ſehe, daß ich Dir das Beiſpiel eines edeln Zutrauens geben muß. nun! ich, ich bin bald dies bald das, Craöb der Schmugg⸗ ler, Crasb der Pirat, wohl auch Crasb der Meu⸗ chelmoͤrder„. denn ich muß es Dir freimuthig geſtehn, daß Du heute in Geſellſchaft mit Crasb dem Meuchelmorder biſt, und daß, wie Du, auch ich die Stadt fliehe; ja, ein Dolchſtich, Eiferſucht, ein vorgezogener Nebenbuhler, ein Genieſtreich, was weiß ich, eine Kleinigkeit. Alſo entſchließe Dich, *) Ein Kahn, mir zu folgen oder zu bleiben, jetzt kennſt Du mich ſo gut als wenn Du mich gehenkt haͤtteſt. Thomas. Alſo Du biſt Crasb der Meuchel⸗ moͤrder? Craöb cbejahend). Crasb der Meuchelmoͤrder! aber Du! Dul Thomas cironiſch. O! ich,.... ich bin Jean Thomas.. Jean Thomas der ehrliche Mann. Crasb. Der ehrliche Mann! bei dem Blute BGottes! das iſt befremdend— ich der Meuchel⸗ moͤrder, Du der ehrliche Mann— und wir ſind vereinigt, und fliehen zuſammen! Thomas. Beftemdend, in Wahrheit! ſehr ſonderbar; aber ſage mir, Bruder Craöb, die Men⸗ ſchen verabſcheuen Dich? Crasb. Ich glaube wohl, daß ſie mich ver⸗ wuͤnſchen. Thomas. Sie verwuͤnſchen mich auch, Bru⸗ der; aber warum Sch. Crasb. Mich!. ei! zum Teufel, wegen meiner Verbrechen. Thomas. Mich, wegen meiner Tugenden. Crasb. Immer ſonderbar! Thomas. Sage mir noch, Bruder, glaubſt Du an Gott, Du? Crasb emit wildem Gelächter). An Gott? Thomas. Ja, an Gott!.. 10* Craöb. Bruder.. ich glaube an die göttliche Dreieinigkeit des Galgens, des Rades, der Brandmarkung! und an alle ſeine Heiligen, an unſere gnadigen Herren Cavaliere der Gensd'arme⸗ rie. Und Du Menſch? Glaubſt Du an Gott? Thomas(lachend wie Erasb). Bruder, ich glaube an die Wuͤrmer, welche ſich eine Guͤte an meinem Leichnam thun werden. Crasb. In Wahrheit, Du glaubſt an nichts weiter? Thomas. An weiter nichts. Crasb. Hm! Aber warum biſt Du denn tugendhaft, Dummkopf? Thomas. Frei geſprochen.„ warum ich tugendhaft bin? Crasb. Ja! jal frei heraus„ Thomas. Meiner Treu wenn ich frei ſprechen ſoll,. ich glaube, aus Haß gegen die denn die Tugend beleidigt und erzuͤrnt Menſchen, das Laſter ſchmeichelt und liebkoſ't ſie. ſie, Crasb. Ich ſchmeichle ihnen weder, noch liebkoſe ich ſie Thomas. Aber Du, Bruder, Du biſt das Verbrechen„Und das Verbrechen, ſo wie die hoͤchſte Tugend ſind immer verwuͤnſcht; allein das Laſter„das Laſter ſteht in Ehren und An⸗ ſehen. —— Crasb. Alſo ſind wir alle Beide Atheiſten; alſo gelangen wir alle Beide an daſſelbe Ziel, wenn auch auf verſchiedenen Wegen Du durch die Tugend, ich durch das Laſter.. das bleibt immer ſonderbar! Thomas. Ohne Zweifel, Bruder, und ge⸗ ſtehe es, iſt das nicht narriſch?.. Schlag ein, Bruder! Crasb czurückweichend). Du ſcherzeſt auf eine traurige Weiſe, Bruder ehrlicher Mann.. und ich weiß nicht. Deine Tugend erſchreckt mich mehr als meine Verbrechen. Thomas. Warum nicht ſcherzen, Bruder? WMeine Mutter verwuͤnſchte mich, weil ich die Wahrheit ſprach, als Mann von Ehre die Wahrheit ſprach. Wegen dieſer Wahrheit galt ich auch in den Augen des einzigen Freundes fuͤr den niederträchtigſten Verleumder; doch war ich weder niederträchtig, noch verleumderiſch, ich war ein ſtreng rechtlicher Mann; was ſagſt Du dazu, Bruder Crasb? Craöb(von dem Schrecken zur Verachtung übergehend). Ich ſage, bei dem Blute Chriſti, daß Du Deinen verdienten Lohn haſt, weil Du ſo dumm geblieben biſt bis in Dein Alter. Thomas. Du haſt Recht, ehrlicher Crasb, Crasb. Aber laß ſehen, Bruder ehrlicher Mann, — 150— ſage, wie kommſt Du dazu, Dich heute mit einem Moͤrder zu vereinigen? Thomas. Heute,... Bruder? Crasb. Ja, ja, heute. Warum biſt Du zur Flucht genöthigt? Thomas. Ja, gezwungen zu fliehen. denn bis jetzt, ſiehſt Du, Bruder Crasb, war ich wohl gehaßt, verhoͤhnt, verſpottet, aber nicht öffent⸗ lich verachtet worden,„nein, nicht oͤffentlich, aber zu dieſer Stunde ſpuckt man mir bei hellem Tage ins Geſicht bei dem Schein der Sonne hat man mir mit blutigen Buchſtaben auf meine entehrte Stirn die Worte feig und niedertraͤch⸗ tig geſchrieben;— ich war ein Officier der Ma⸗ rine des Koͤnigs von Frankreich. Crasb. Nun, man hat Dich ohne Zweifel zum Tode verdammt oder degradirt, weil Du Dei⸗ nem Admiral das Leben gerettet oder eine Schlacht. gewonnen haſt?. Thomas. Man hat es noch ſchlimmer ge⸗ macht, Crasb, ſchlimmer, als wenn man mich zum Tode verdammt haͤtte. Man hat mich fortge⸗ jagt,— fortgejagt— auf eine ſchimpfliche Weiſe, wie einen Dieb, wie einen Spion fortgejagt, weil ich nicht an einem Kinde von 18 Jahren zum Meuchelmoͤrder werden wollte. Crasb. Sonderbar, wir ſind alle Beide in⸗ fam, wir fliehen Beibe den Zorn und die Verach⸗ tung der Menſchen, Du, weil Du nicht Mörder ſein wollteſt, ich, weil ich ein Moͤrder bin. Thomas. Ich wollte aber doch lieber gehaßt, als verachtet ſein! Es wäre mir ein Leichtes ge⸗ weſen, das Kind zu toͤdten, wie ich dieſen Aſt zer⸗ breche; wenn ich es gethan und das Duell ange⸗ nommen haͤtte, wuͤrde ich jetzt fuͤr einen Mann von Ehre gelten. Crasb czurückweichend). Wie?. Du fliehſt, weil Du ein Duell ausgeſchlagen haſt? Du, ein koͤniglicher Officier?... wie, iſt das wahr? Du haſt ein Duell ausgeſchlagen? Thomas. Ja, aber hore mich, bevor Du ein Urtheil fallſt, Bruder Crasb, ich bin nicht feig, ſiehſt Du, ich kann fuͤnf Wunden auf⸗ zeigen, die ich im feindlichen Feuer empfangen, hier mitten auf der Bruſt! Crasb. Aber das Duell, das Duell!.. Thomas cironiſch). Ich komme darauf zuruͤck, Bruder, nur will ich Dir beweiſen, daß ich in der That kein Feiger bin; die heftigſten, fuͤrch⸗ terlichſten Stuͤrme machten mich nicht erblaſſen Crasb(ungeduldig). Aber das Duell? das Duell? Thomas. Gleich, Bruder! ſtelle Dir alſo vor, daß ein junger Creole, ein Kind von 18 Jah⸗ ren, ſage ich Dir, grauſam einen alten Neger auf oͤffentlichem Platze ſchlug; ich verwies ihm ſeine Schaͤndlichkeit,.. er antwortete mir mit Un⸗ verſchaͤmtheit, doch ich mäßigte mich; meine Ruhe X brachte ihn auf's Aeußerſte; kurz, dieſes Kind ſchlug nach mir, ja, es ſchlug mich, es gab mir einen Schlag ins Geſicht! Crasb cerſtaunt). Dir?.. und Du haſt Dich nicht mit dieſem Buͤrgerlichen geſchlagen, Du?. ein koͤniglicher Officier? Thomas. Ich habe meiner ſterbenden Mut⸗ ter geſchworen, niemals einer perſoͤnlichen Rache halber den Degen zu ziehen,„und ich habe nie in meinem Leben einen Schwur gebrochen. Crasb. Und Du haſt Dich nicht geſchlagen? Thomas. Nein!. Crasb(verächtlich). Packe Dich, Feiger,.. geh,„ſuche Dir einen andern Fuͤhrer,.. hier iſt Dein Gold wieder. ecer wirft dem Tho⸗ mas die Börſe zu Füßen und verſchwindet im Holze.) Thomas cfürchterlich lachend). Ha! Ha!.... auch von dieſem verachtet, verachtet von Crab dem Meuchelmoͤrder!!.. (Fackelſchein; man hört in der Ferne den Trab von Pfer⸗ den und Wagen. Der Lärm nähert ſich.— Thomas geht auf die entgegengeſetzte Seite, wo der Abbé ſich aufhält. Ein reich equipirter Jäger zu Pferde, mit einer Fackel in der Hand, ſprengt im Gallop in die Allee und ruft mit lauter Stimme:„Der Herr Graf, der Herr Graf!“ Ein vergoldeter Wagen mit vier Pferden fährt vor. Ne⸗ benbei drei Läufer mit Fackeln. In dem mit weißem Atlas ausgeſchlagenen Wagen erblickt man den Grafen, reich geklei⸗ det, mit heiterm Geſicht, indem er ſeiner Gemahlin Ina, welche reich mit Diamanten geſchmückt iſt, von Zeit zu Zeit zärtlich die Hand küßt. Der Wagen fährt durch das Gitterthor und verſchwindet. Alles dies ging wie eine glänzende Erſcheinung an dieſem dunkeln und ſtillen Orte vorüber, welcher den Eingang des Parks umgiebt, in deſſen Hintergrunde die Wohnung des Grafen iſt, welche er während ſeines Aufenthalts auf Me de France gemiethet hat. Bei dem Anblicke des Grafen flieht Thomas eiligſt in den Wald. (Der Abbé, nachdem er lange Zeit dem Wagen nachge⸗ blickt, ſcheint ſich zu ſammeln. Der Ton ſeiner Stimme iſt kurz, ſeine Sprache reſignirt und kalt.) Abbé. Ich traf auf meinem Wege einen Trun⸗ kenen, ich beneidete ihn, einen Narren, und ich benei⸗ dete ihn, zwei Atheiſten, und ich beneidete ſie. aber ich traf auch einen, welcher noch viel ſchlechter war, als alle dieſe,— mit einem Worte, auf einen ſtolzen und großen Herrn, einen oberflaͤchlichen Kopf, welchen man fuͤr einen Helden haͤlt, weil er viel⸗ leicht zehn Mal im Jahre der Kanone oder dem Degen gegenuber ſeine Gleichguͤltigkeit bewährt.— Er hat Alles, was der gewöhnliche Menſchenſchlag Gluͤck nennt. Und doch iſt er gluͤcklich, allein gluͤcklich, weil er nichts auf's Aeußerſte trieb,.. weder Wiſſenſchaft noch Trunkenheit.... Er iſt der Weiſe, denn er genießt, ich der Thor, denn ich ſuche, ſtrebe nach dem, was die Natur unſern Au⸗ gen verbirgt! Ich beneide dieſen Don Juan, wie den Trunkenen, den Moͤrder, den Narren, und den Atheiſten! denn wenigſtens glaubt der Berauſchte an die Trunkenheit, der Narr an ſeine Thor⸗ heit, der Moͤrder an den Mord, der Atheiſt an den Atheismus, der Don Juan an den Don⸗ juanismus und ein ſolcher Glaube, ſei er wie er will, giebt dem Leben einen Zweck, waͤh⸗ rend daß ich kein Ziel habe!.. niemals!.... denn ich vermag Gott nicht zu erkennen, ich habe keinen Glauben! Gott zieht ſich von mir zuruck! wohlan, mir kommt es zu, zu ihm zu gehen, oder in das Nichts zuruͤckzukehren.... eer entfernt ſich mit langſamen Schritten.) Achtes Buch. Neuntes Kapitel. Die Zuſammenkunft. (1793). Die Scene, welche wir beſchreiben wollen, trug ſich in den letzten Tagen des Monats Oktober 1793 zu Seringapatnam, der Hauptſtadt des Koͤnigreichs Myſore, zu, eines der groͤßten Reiche in Oſtindien, damals unter der Herrſchaft des Sul⸗ tans Tippoo Saöb, welcher ſeinem im Jahre 1782 verſtorbenen Vater Hyder Aly in der Re⸗ gierung folgte. In dem untern Theile der Stadt, an den lachen⸗ den Ufern des Fluſſes, welcher dieſelbe umgiebt, er⸗ blickte man am Ende einer öden Straße ein ziem⸗ lich huͤbſches Haus, von gelber und rother Farbe, mit großen Fenſtern von Arekaholz, und Storen von gruͤnen Binſen, welche ſtatt Fenſterſcheiben — 156— dienen. An einem dieſer Fenſter wehte eine un⸗ geheuere dreifarbige Fahne, auf deren Spitze eine rothe Muͤtze hing. Das Innere der Wohnung bot einen ſehr lebendigen Anblick dar; vier Sklaven, welche unter den Augen ihres Herrn beſchaftigt waren, das bequemſte, friſcheſte und geraͤumigſte Zimmer dieſes Hauſes in Ordnung zu bringen, gingen mit geſchaͤftigen Mienen ab und zu. Dieſe kupferfarbigen Sklaven, einen kleinen blauen Tur⸗ ban auf dem Kopfe, waren mit einer ſehr kurzen Tunika von blauer Baumwolle bekleidet, die an den Huͤften durch einen Guͤrtel feſtgehalten wurde, ſo daß man ihre nackten Arme, Beine und ihre braunen Fuͤße, welche nach der Sitte Hindoſtans mit ſilbernen oder Korallenringen bedeckt waren, ſah. Der Herr ſpornte das den Indianern eigne Phlegma an, und gab ſich ſelbſt viele Muͤhe, um hierher ſeinen beſten Divan, dorthin ſein weichſtes Bett mit ſeinen leichteſten Fliegendecken bringen zu laſſen, oder ſchloß ſelbſt die Storen der Fenſter, damit nicht der geringſte Strahl der Sonne in dieſes Gemach dringen koͤnne. Dieſer Mann(ich wollte ſagen, dieſer Buͤrger) trug eine einfache Carmagnole oder blaue Weſte, weite weiße Pantalons und eine große rothe Muͤtze, geſchmuͤckt mit einer nicht weniger großen dreifar⸗ bigen Kokarde. Dieſer Burger war nicht gepudert, ſeine grauen, ziemlich langen Haare, floſſen uber ſeine Schultern — ———— 3— 157— herab und ließen die glatte, weiße, ſchmale Stirn unbedeckt; kurz, das Aeußere dieſes Buͤrgers bot eine ſonderbare Miſchung von Dummheit, Ge⸗ nuͤgſamkeit und Gutmuͤthigkeit dar; dieſer Staats⸗ buͤrger war mit einem Wort unſer ehemaliger Ge⸗ fährte, der Doctor Gédeon, damals Praͤſident des Clubbs der Jakobiner und der Freunde der Freiheit, welcher zu Seringapatnam ſeinen Sitz hatte, im Mittelpunkte und im Herzen eines Reichs, das durch den roheſten und unumſchraͤnk⸗ teſten Despotismus beherrſcht wurde. Nach dem Frieden von 1782 hatte der Doctor die konigliche Marine verlaſſen und ſich als Chirur⸗ gus zuerſt auf Ile de France, dann ſpäter zu Se⸗ ringapatnam niedergelaſſen.— Waͤhrend der Jahre 90, 91 und 92 war ſein politiſcher Einfluß auf die Franzoſen, welche dieſe Stadt bewohnten, mäch⸗ tig genug geweſen, um ihm die Praͤſidentſchaft die⸗ ſes Clubbs zu verſchaffen, der gluͤcklicherweiſe nur an Lächerlichkeit und Abgeſchmacktheit mit den de⸗ mokratiſchſten Verſammlungen in Frankreich wett⸗ eiferte. Der Gaſt, welchen der Doctor mit ſo viel Un⸗ geduld erwartete und fur den er alle dieſe Vorbe⸗ reitungen gemacht hatte, war Niemand Anderes, als ſein Freund, der Eplieutenant Jean Thomas, damals Volks⸗Repräſentant von Ile de France, und Geſandter bei dem Sultan von Seiten des Statthalters jener Beſitzungen. Obgleich die Aufmerkſamkeit des vortrefflichen Doctors getheilt war zwiſchen den Sorgen, welche er auf die Luͤftung des Zimmers ſeines Freundes verwendete, und der Abfaſſung einer Rede, die er am andern Morgen, wo er dem Sultan Tip⸗ poo⸗Sabb den Litel eines Buͤrgers und Ehren⸗ mitglieds der Geſellſchaft der Jakobiner und der Freunde der Freiheit antragen ſollte, zu halten hatte, ſo fand er doch, ungeachtet dieſer vielfachen Abhaltungen, es noch möglich, ſeinem Lieblings⸗ ſlaven Mah'é im Auf⸗ und Abgehen die umſtaͤnd⸗ lichſten Befehle uͤber den Empfang des Gaſtes zu ertheilen; und Mah'é begnuͤgte ſich, in ſeiner indi⸗ ſchen Ruhe und Gefuhlloſigkeit, bei Allem, was ſein Herr ſagte, bloß als Zeichen ſeiner Billigung mit dem Kopfe zu nicken, ſo daß dieſer Dialog leicht fuͤr einen Monolog gelten konnte.„Du wirſt ſehen, Mah'é,“ ſagte der Doctor,„Du wirſt in meinem Freund Thomas das finden, was man einen ſtolzen Mann nennt. verteufelter Tho⸗ mas!— ich werde ihn alt, verändert, gebeugt fin⸗ den, denn es ſind bald 11 Jahre, ſeit wir uns nicht ſahen. und die Zeit verjungt uns nicht iei ird ſo ſeine 40— 45 Jahre auf dem Ruͤcken haben;„ ober ſein moraliſcher Charakter wird wohl noch derſelbe ſein, ich bin uͤberzeugt, daß er immer der naͤm⸗ liche iſt. ſtelle Dir vor, Mah'é, Du wirſt in meinem Freund Thomas einen freigelaſſenen — 159— * Löwen gegen die Koͤnige, einen Wuͤthrich gegen die Ariſtokraten und gegen den Luxus ſehen... er iſt. mit einem Wort, wie wir civiliſirten Europaer es nennen, ein wahrer Sanscuͤlotte, ein reiner Sanscuͤlotte, und das um ſo mehr, Mah'é, da man ihm, dieſem theuern Freunde, ſchon vor⸗ her eine ungeheuere Liebe zum Schmutze nicht ab⸗ ſprechen konnte, ehe noch der Schmutz zu einer burgerlichen und politiſchen Tugend erhoben wor⸗ den war das iſt die Wahrheit, Mah'é, vor 15 oder 16 Jahren roch dieſer Menſch ſchon wuͤ⸗ thend nach der Revolution, auch muß heut zu Tage, Potz Element, Mah'é! aus ihm ein famoſer Patriot geworden ſein; aber ich weiß nicht, warum er mir immer imponirt,— thoricht!— wir ſind uns doch jetzt Alle gleich, das will ſagen,„Alle gleich, wohlverſtanden, daß ich da nicht von euch Sklaven ſpreche, ſondern von uns. Nun! es iſt einerlei, Thomas bringt mich oft außer Faſſung. Es iſt ein furchtloſer Mann, ich wollte, er begleitete mich morgen zum Sultan!“ Hier wurde der Doctor durch die Ankunft einer reichverzierten Säͤnfte, von equipirten Leuten ge⸗ tragen, unterbrochen. Gedeon ging eiligſt hinab und kam eben dazu, wie Jean Thomas aus der Saͤnfte ſtieg. Die beiden Freunde umarmten ſich mit Zaͤrt⸗ lichkeit; allein als nach den erſten Ergießungen der — Freundſchaft der Doctor Muße erhielt, ſeinen Gaſt naher zu betrachten, konnte er ſich von einer faſt betäubenden Ueberraſchung nicht erholen, da er ge⸗ glaubt hatte, in Thomas ein wahres Muſter jener cyniſchen Demokraten zu finden, welche mit ſo viél Eitelkeit mit ihrem Schmutze prahlten⸗ Thomas war ganz veraͤndert, ſeine Toilette ſtand in keinem Vergleich mit dem Schmutze des S vormaligen Lieutenants der Sylphide. Jean Thomas ſchien nicht alt geworden zu ſein; nur war ſein Geſicht brauner, ſeine Haare, fruͤher nur leicht gepudert, waren es jetzt in reich⸗ lichem Maße, obgleich man dieſen ariſtokratiſchen Schmuck damals in Frankreich verbannt hatte. Er trug ein elegantes blaues, reich beſetztes Kleid, einen bordirten Hut mit wallendem dreifarbigen Feder⸗ buſch; an einer breiten, auch dreifarbigen Schaͤrpe hing ein praͤchtiger Säbel, deſſen mit Gold belegte Scheide auf die weißſeidenen Tricot⸗Pantalons herabfiel, welche wiederum durch die gelben Stol⸗ pen ſeiner ſchwarzen, blanken Stiefeln, die ihm kaum, nach damaliger Mode, bis an die Waden gingen, bedeckt waren. Seine rauhen, harten Haͤnde, ehemals entbloͤßt, zierten enganliegende, zierliche Handſchuhe von Damhirſchleder, und ein Battiſthalskragen von blen⸗ dender Weiße hob die braune Farbe des ſtolzen und ſelbſtgefälligen Geſichts des neuen Volksrepräſen⸗ tanten heraus. — 461— Aber waͤhrend der Doctor und ſein Freund an einer ſehr anſtaͤndig ſervirten Tafel lehnten, wollen wir verſuchen, dieſe neue Erſcheinung aus dem Leben des Exlieutenants zu erklaͤren. Jean Thomas verließ, nachdem er einen weni⸗ ger gewiſſenhaften Fuͤhrer als Crasb gefunden hatte, die Inſel, und einmal angekommen auf der Kuͤſte von Coromandel, kaufte er ein kleines Haus, zwei Sklaven, und begann ein Einſiedlerleben. Sobald er allein und von der Welt getrennt war, verſank Thomas gewoͤhnlich in tiefes Nach⸗ denken uͤber die letzte Zeit ſeines Lebens. Durch den groͤßten Zufall vernahm er im Jahre 1790 die Revolution von 89 und ihre Folgen, die in Erfuͤllung gegangenen Anſpruche des Buͤrger⸗ ſtandes, die Vernichtung der Privilegien und Frei⸗ heiten des Adels und die Proklamation der Rechte des ſouveraͤnen Volks. Alſo von dem Augen⸗ blicke an, wo Jean Thomas gewahr wurde, daß alle Staͤnde mit ihm gleich geworden waren, und daß er, laſterhaft oder tugendhaft, darin eine vor⸗ theilhafte Rolle ſpielen koͤnne, ſo ließ ſeine ſtrenge Moral ſonderbar nach; er fuhlte ſich geneigt, nach⸗ zugeben, und ſein Menſchenhaß verſchwand. Auch wurde Jean Thomas von dieſer Zeit an, wo er ſich als Mitglied dieſer Volksſouveränetät ſah, die ihrerſeits ſich zum Haupt der Nation erhob, und die Rechte des Adels und der Koͤnigswuͤrde ſich aneignete, von ganz ariſtokratiſchen Gedanken heim⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. MI. 11 — 162— geſucht, und nahm ſeinen Rang in dieſer entwuͤr⸗ digten Ariſtokratie mit eben ſo viel Stolz und Ei⸗ telkeit ein, als ein neuer Pair empfindet, wenn er zum erſten Mal den Hermelinmantel umhaͤngt. Von dieſem Augenblicke an las Jean Thomas deutlich in ſeiner Seele; er wurde ſich ſeines furcht⸗ baren Haſſes gegen die Privilegien bewußt, der in nichts Anderem beſtand, als in einem unbegrenz⸗ ten Neid gegen dieſelben; er ſah, daß ſein Ehrgeiz täglich Gelegenheit fand, ſich unter die Ueberbleib⸗ ſel jener großen Geſellſchaft zu miſchen, und dieſer Ehrgeiz wuchs von Tage zu Tage, er gruͤnte und bluͤhte„ ſo wie die Schmarozerpflanzen und Ranken an den Ruinen alter Denkmäler uͤppig emporſproſſen und ſie gleichſam umſchlingen. Als Jean Thomas von dem Gange der poli⸗ tiſchen Angelegenheiten in Europa vollkommen un⸗ terrichtet war, verkaufte er ſein Hauschen, ſeine zwei Sklaven, und kam nach lle de France zuruͤck, welches, da es der Bewegung der Haupt⸗ ſtadt gefolgt war, damals den revolutionaͤren Ge⸗ ſetzen gehorchte. Es war dem Jean Thomas ein Leichtes, ſich als ein Schlachtopfer der alten Herr⸗ ſchaft darzuſtellen und ſeinen Poſten zuruͤckzufor⸗ dernz„aber da er befurchtete, daß man ihm ſeine Verweigerung des Duells mit dem jungen Creolen zum Vorwurf machen wuͤrde, ſo ſuchte er, um ſeinen guten Ruf wiederherzuſtellen, Raufe⸗ reien mit armen Teufeln, die nichts dafur konnten, p toͤdtete oder verwundete im Zweikampf einige dieſer Ungluͤcklichen, und verwiſchte ſo den böſen Ein⸗ druck ſeines vorigen Abenteuers. Nachdem Thomas, dem es weder an geſundem Verſtande, noch an Geſchicklichkeit fehlte, ſich zum Volksrepraͤſentanten auf lle de France hatte er⸗ waͤhlen laſſen, wurde er außerdem als Ueberbringer der Depeſchen des Gouverneurs der Colonie, in Betreff der Abſchließung eines Offenſiv⸗ und De⸗ fenſiv⸗Buͤndniſſes gegen die Englaͤnder, zu dem Sultan Tippoo⸗Saöb geſendet. Auch hatte Thomas noch außer dieſen Vorthei⸗ len den erſten Grund zu einem recht artigen Ver⸗ moͤgen gelegt, indem er ſich einige confiscirte Guͤ⸗ ter um ein Spottgeld zuſchlagen ließ, und begann in Folge deſſen, eine Art Luxus an den Tag zu legen, welche von ſeiner vormaligen Verachtung gegen alle Eitelkeit und von ſeinem ſchmutzigen Cynismus ſonderbar abſtach. Wir ſprachen oben bereits von dem Erſtaunen des guten Doctors, als er Jean Thomas erblickte, der beinahe zu einem Stutzer umgewandelt war. Noch mehr geſteigert wurde aber ſein Erſtaunen nach einer zweiſtuͤndigen Unterredung, denn das Geſpraͤch war waͤhrend dieſer Zeit nicht einen Augenblick in Stocken gerathen. Als ihre Mahlzeit beendigt war, ſteckten ſie ihre Pfeifen an und blieſen mit Gemaͤchlichkeit, auf einem weichen Divan liegend, duftende Rauchwol⸗ 11* ken von ſich... Einige Flaſchen ſehr vortreff⸗ lichen und ſehr alten Portweins, welchen der Doctor auf das Sorgfaͤltigſte aufbewahrt, hatten die Unter⸗ haltung freimuͤthiger und offener gemacht, wie es unter ſolchen alten Freunden ſich ſchickt. „Vortrefflich, er iſt vortrefflich, Dein Portwein!“ ſagte Thomas, indem er, mit Kennermiene die Blume dieſes rubinenfarbigen Weines mit den aͤußerſten Lippen ſchluͤrfend, koſtete.„Er iſt vor⸗ trefflich und ich erinnere mich nur ſo guten bei unſerm ehemaligen Commandanten getrunken zu haben, dem. „Ah! bei dem Ungeheuer,“ unterbrach der Doctor Thomas, indem er ſich an die ehemalige Zeit erinnerte. „Bei dem Herrn Grafen von Vaudrey,“ antwortete Thomas, indem er faſt mit Wohlge⸗ fallen dieſen ariſtokratiſchen Titel ausſprach, der ihm ehemals ein ſo großes Aergerniß war. Bei den Worten„Herr Graf“ ſagte der Buͤrger Gédeon, da er ſeinen Patriotismus com⸗ promittirt zu ſehen fuͤrchtete, mit leiſer Stimme: „Geh doch! Du ſcherzeſt, Thomas! von dem Buͤr⸗ ger Vaudrey willſt Du ſprechen! von jenem nie⸗ dertraͤchtigen Ariſtokraten.. von. Aber Thomas ſagte, veraͤchtlich die Achſeln zuckend, zu ihm:„Freund Gédeon, Du wirſt im⸗ mer ein dummer Kerl bleiben! Du ſprichſt das Wort Ariſtokrat aus, als wenn Du wollteſt Troß⸗ bube ſagen, und das iſt doch ganz das Gegentheil 9gegen die Ariſtokraten kleffen, gehoͤrt in den Clubb oder auf die Straße; aber Alles wohl uͤberlegt, ſo bleibt ein Titel immer nur ein Titel, und meiner Treu, weil ich darauf halte, daß man mir den Titel eines Buͤrgergeſandten oder eines Ambaſſadeurs beilege, ſo habe ich nichts dagegen, daß man den Herrn von Vgudrey„Herr Graf“ nennt.. Es muͤſſen Allesgleich ſein, Gédeon, ſo will es das Geſetz, Gleichheit der Titel, ſo wie in allem Uebrigen.“ Geédeon war verlegen; auch ſagte er, um ſich in das neue Weſen ſeines Freundes zu finden, zu ihm: „Höre, Thomas, ich muß Dir noch geſtehen, daß ich außerordentlich uͤberraſcht war, Dich in einer ſo praͤchtigen Sänfte ankommen zu ſehen, da Du ehemals Dich uͤber den Wagen des Grafen von Vaudrey aufhielteſt, weil Du nun einmal glaubſt, daß man Graf ſagen darf.“ Jean Thomas nahm eine Miene von geheim⸗ nißvoller Wichtigkeit und innerer Reue an, und ſagte: „Unter uns, muß ich Dir geſtehen, daß dieſer Lurus mir ſehr läſtig wird und mir verhafßt iſt auch kannſt Du mir glauben, Geédeon, ich muß ſehr hohe politiſche Ruͤckſichten in dem Inte⸗ reſſe des Landes haben, daß ich einwillige, mich ſo bequem von Menſchen wie durch Laſtthiere tragen zu laſſen.... denn die Péons, welche mich tra⸗ gen, ſind Menſchen, Gédeon, Menſchen, ſo gut wie wir.“ „Das will ſagen, daß es Sklaven ſind, weil man ſie kauft,“ nahm Gédeon das Wort. „Ohne Zweifel, phyſiſch genommen, ſind es Sklaven, weil man ſie dazu kauft, und weil ſie dienen, ich weiß es wohl, weil ich ſelbſt deren fuͤnf habe; aber in politiſcher Hinſicht, Gédeon, ſind es immer Menſchen, davon darf man nicht abgehen dies iſt ein unausloͤſchbarer politiſcher und heiliger Charakter, den man ihnen unmoͤglich rau⸗ ben kann.“ „Apropos,“ nahm Thomas das Wort,„morgen muß ich dem Sultan die Briefe des Gouverneurs von lle de France uͤbergeben, und ich moͤchte gern ein kleines paſſendes Gefolge bei mir haben. Wir wollen ſehen!— Ich habe erſtens meine Saͤnften⸗ traͤger, welchen ich eine Art Livröe nach meiner eig⸗ nen Erfindung habe machen laſſen.“ „Eine Livrée, Thomas, eine Livrée!“ ſchrie der Doctor erſtaunt, indem er die Haͤnde faltete. „Ja, eine Livrée,“ ſagte Thomas, geheimniß⸗ voll laͤchelnd,—„das ſetzt Dich in Verwunderung aber Du biſt nicht in das Geheimniß meiner Inſtruktion eingeweiht, und mehr kann ich Dir nicht davon ſagen; ich habe alſo meine Saͤnften⸗ traͤger, zweitens meinen Sekretär, welcher unten auf mich wartet.“ — 167— „Ach, mein Gott, und ein Sekretaͤr, und ich habe ihn nicht heraufkommen laſſen, daß er haͤtte mit uns ſpeiſen koͤnnen!“ „Mein Sekretaͤr!... mit uns ſpeiſen!“ ſagte Thomas mit Wohlgefälligkeit—„geh doch, Du uͤberlegſt nicht, was Du ſagſt, mein Lieber; aber um auf mein Gefolge zuruͤckzukommen, ſo wird dieſer Sekretaͤr fuͤr meinen Adiutanten gelten,. und dann, nachher.. „Nun! nachher,“ nahm Gédeon das Wort, indem er haſtig die Gelegenheit ergriff, die ſich ihm darbot,„muß ich morgen dem Sultan die Mit⸗ glieder unſers Clubbs praͤſentiren und ihm den Ti⸗ tel eines Staatsbuͤrgers mit einer rothen Muͤtze, als Symbol der Gleichheit, Freiheit und des To⸗ des antragen.“ „Dem Sultan den Titel eines Staatsbuͤrgers und eine rothe Muͤtze?“ rief Thomas, welcher ſei⸗ nen Ohren kaum traute. „Ohne Zweifel, ohne Zweifel, ſiehſt Du, Tho⸗ mas, das iſt eine Idee, welche wir im Clubb ge⸗ faßt haben, oder vielmehr meine Idee. Es trägt zu unſerm Anſehen bei und ſchadet nichts, wenn man in dem Protokolle unſerer Sitzungen lieſt:„Ge⸗ ſellſchaft der Jakobiner und Freunde der Freiheit; Tod den Tyrannen c. Der Staats⸗ buͤrger Sultan Tippoo⸗Sasb iſt einſtim⸗ mig zum Mitglied ernannt worden, ꝛc...... Du ſiehſt wohl, daß es immer ſchmeichelhaft iſt, — 168— einen Fuͤrſten, der den Rang eines Kaiſers hat, in einer Geſellſchaft der Freiheit und Gleichheit, wie die unſrige, zu beſitzen. Und vielleicht bekomme ich, als wortfuͤhrender Praͤſident, vom Kaiſer eine Ta⸗ batiere mit Diamanten beſetzt und..“ „Aber was kann die mit meiner Praͤſentation gemein haben?“— fragte Thomas, der dies ab⸗ ſurde Vorhaben des Doctors fuͤhlte, aber ihn nicht davon abhalten wollte, bevor er wußte, ob es nicht fuͤr ihn von einigem Vortheil wäre. „Das hat Das mit Dir gemein, daß wir mit einem Steine zwei Wuͤrfe machen koͤnnten, naͤm⸗ lich daß unſer Clubb und ich Dir recht gut als Gefolge dienen und Dir einen gewiſſen Glanz ver⸗ leihen wuͤrden.“ „Nun ich billige Deine Idee ſo ziemlich; aber apropos, wie wirſt Du Dich kleiden?“ „In eine blaue Jacke, wie ein Carmagnole!“ „Du wirſt Dich huͤbſch darin ausnehmen!“ „Thomas, der Carmagnole iſt das Coſtume eines jeden guten Buͤrgers und Patrioten, und ſtreng genommen ſind ſelbſt die Pantalons über⸗ fluͤſſig, denn, die Sanscuͤlotten „Geh doch, geh, Gédeon, ſprich nicht ſo, bringe lieber ein ganz politiſches Opfer. Haſt Du nicht eine alte Uniform vom Seedienſte her?“ „Ach bei Gott, ſie liegt in einem Winkel, ſeit langer Zeit vergeſſen.“ 160 „Sehr ſchoͤn; ihr werdet Beide in Uniform er⸗ ſcheinen, Du und mein Sekretaͤr, denn er trägt auch eine Uniform nach meiner Erfindung. Ihr werdet Euch hinter mir aufſtellen und hinter Euch werden die Glieder Deines Clubbs kommen. Das iſt abgemacht.“ „Aber, Thomas, wenn ich als Praͤſident mich hinter Dich ſtelle,“ ſagte Gédeon,„ſo wird der Sultan mich nicht bemerken, und ich werde keine Tabatiere bekommen, und dann „Du wirſt hinter mir ſtehen oder Du kannſt Dich allein und ich mich allein praͤſentiren,“— ſagte Thomas trotzig, welcher bei ſeinem honig⸗ ſuͤßen und heuchleriſchen Aeußeren immer noch einen rohen militäriſchen und despotiſchen Sinn nicht verlaͤugnen konnte. Der arme Doctor, welcher lieber in zweiter Rangordnung zu dem Sultan gehen wollte, als ſich allein oder gar nicht praſentiren, unterwarf ſich dem Willen des Thomas, und die beiden Freunde brachten den ganzen Tag mit Vorbereitungen zur bewußten Zuſammenkunft mit Tippoo⸗Saöb zu. Zehntes Kapitel. Tippoo⸗Saöb. (1793.) Der Tag war gekommen, wo der Doctor Gé⸗ deon und Jean Thomas dem Sultan vorgeſtellt werden ſollten. Die Sonne ſtand in voller Pracht, und doch herrſchte die koͤſtlichſte Kuͤhle in einer ziemlich lan⸗ gen Gallerie, deren Fenſter die Ausſicht nach den Ufern des Euuderys hatten, eines klaren Fluſſes, der gleich einem ſilbernen Guͤrtel die herrliche gruͤnende Inſel umſchließt, auf welcher ſich die Stadt Se⸗ ringapatnam glaͤnzend wie ein Seti Diamant erhebt. Dieſe Gallerie war, ſo zu ſagen, ein Muſter von bizarrer und verſchwenderiſchet Architektur Hindoſtans. Das Auge wurde geblendet von den unzähligen blauen Arabesken, ſymboliſchen rothen Figuren, den goldnen Thurmchen und immertoͤnen⸗ den Gloͤckchen, welche bieſes prachtvolle Bild rings umgaben. Das Parquet von Roſenholz war mit koſtbaren kleinen viereckigen Taͤfelchen von japani⸗ ſchem Porcellan ausgelegt, auf welchem die ſchoͤn⸗ ſten Blumen gemalt erſchienen, deren verſchieden⸗ artige Farben durch die reiche ſchwarze und perl⸗ mutterne Moſaik des Bodens herausgehoben wur⸗ den. In der Tiefe dieſer Gallerie ſtanden zwei indiſche Soldaten gerade und unbeweglich an einem Vorhange von perſiſchem Stoffe, geſtickt mit Sil⸗ ber und gruͤner Seide. Dieſe Indianer, bekleidet mit einem weißen Ca⸗ ſimirmantel, waren mit einem ſcharlachrothen Tur⸗ ban bedeckt, und breite Kinnbaͤnder ſchnuͤrten ihnen die Backen und das Kinn feſt zuſammen.— Statt Waffen trugen ſie einen leichten Saͤbel in der Hand, deſſen ſcharfe und duͤnne Klinge mattgrau angelaufen war; am Arm hatten ſie einen kleinen Schild von der Haut des Kaiman, uͤberzogen mit ſcharlachrothem Sammt, auf welchem man einen reich in Gold geſtickten Tigerkopf erblickte⸗ Dieſe beiden Soldaten, die Augen niederge⸗ ſchlagen, kaum athmend, glichen mit ihrem brau⸗ nen finſtern Geſicht, welches von ihren weißen Kleidern ſonderbar abſtach, gravitätiſchen und leb⸗ loſen Statuen. Eine dritte Perſon, ebenſo gekleidet, aber ohne Schild, und ſtatt des Saͤbels einen breiten Dolch, nebſt einem langen Schwert am Guͤrtel hängend, — 172— lag nachläſſig mit den Ellnbogen auf eines der halb geöffneten Fenſter geſtuͤtzt und ſchien mit Entzuͤcken die praͤchtige Landſchaft zu betrachten, welche ſich vor dem Pallaſte der Sultane von Myſore aus⸗ breitete. Das Geſicht dieſes Mannes zeigte von groͤßter Ruhe, ſeine Zuͤge waren ziemlich regelmaͤßig, ſeine Augen ſchwarz und lebhaft, und obgleich er nur von mittlerer Größe war, kuͤndigten doch ſeine feſten und nervigen Glieder eine in jenem Clima unge⸗ woͤhnliche Kraft an. Dieſer Menſch war unſer alter Bekannter Craöb, der Malaye, welcher ſeit neun Jahren ſich als Aufſeher des Innern im Dienſte des Sultans befand, und, wie man ſehen wird, das naͤhere Ver⸗ trauen deſſelben beſaß. Ohne Zweifel geſaͤttigt von jenem herrlichen Naturſchauſpiel, wendete ſich Crasb um, warf einen durchdringenden Blick auf die Gallerie und die bei⸗ den Soldaten und ſtimmte leiſe einen ſanften mez lancholiſchen Geſang an, der noch beſonders mit der tiefen Stille harmonirte, welche in dieſer ruhigen und einſamen Gallerie herrſchte. Aber als der Vorhang ſich bewegte, an welchem die beiden Sol⸗ daten ſtanden, ſchwieg der Saͤnger, richtete ſich auf und blieb unbeweglich wie eine Statue ſtehen. Die Behaͤnge oͤffneten ſich und ruͤcklings heraus trat ein Mann von ungefahr 60 Jahren mit weißem Bart und lächelnder hoͤfiſcher Miene, welcher bis † zur Erde wiederholt ehrfurchtsvolle Verbeugungen machte. Dieſer Greis, angethan mit einem praͤchtigen Fleide von hochrother Seide, mit Silber geſtickt, hatte kaum ſeinerſeits die ehrerbietigen Begruͤßungen des Craöb erwiedert, als ploͤtzlich ein kurzes, rauhes Guttural⸗Pfeifen hinter der ſeidnen Thuͤre zu drei verſchiedenen Malen ertoͤnte. Dieſes Pfeifen war nur dem Sohne des Hy⸗ der Ali, mit einem Wort dem Tippoo⸗Saöb, Sul⸗ tan von Myſore, eigen. Es mufßte eine beſondere und zwar ſehr furchtbare Bedeutung haben, denn es brachte eine fuͤrchterliche Wirkung auf den weiß⸗ baͤrtigen Greis hervor, welcher ſich aufrichtete, als wenn er von einer Schlange gebiſſen worden waͤre. Sein olivenfarbiges Geſicht, ſo ſtolz und aufge⸗ blaſen es war, als er von dem Sultan heraustrat, wurde aſchfarbig, ſeine Augenlieder dehnten ſich ſo ſehr aus, daß man ſeine ſchwarzen Augäpfel in dem weißen Umkreiſe liegen ſah, ſo heftig wirkte der Schreck. Hierauf griff er inſtinetmäͤßig, als wollte er ſich vertheidigen, mit beiden Haͤnden nach ſeinem Halſe. Aber kaum hatte der Greis Zeit gehabt, dieſe Bewegung zu machen, als die beiden an der Thuͤre ſtehenden Indianer ſich ſeiner Arme bemaͤchtigten, die ſie ihm auf dem Ruͤcken kreuzten, und ſeine zitternden Beine mit den ihrigen umſchlangen und feſthielten. Aber alles dies geſchah in einer mechaniſchen Ruhe, tauſendmal ſchrecklicher als die Aufwallung des Zorns erſcheint.. Der Greis konnte weder ſprechen noch ſchreien; ſeine Zaͤhne klapperten und er ſtotterte nur unver⸗ ſtändliche Toͤne hervor. Hierauf naͤherte ſich Crasb dem Greis(man erlaube die ganz hiſtoriſche Beſchreibung dieſer ſchrecklichen Scene), und nachdem er mit der linken Hand in den Mund dieſes Ungluͤcklichen gefahren war, drehte er ihm die Zunge herum, um ſein Ge⸗ ſchrei zu erſticken, während er mit ſeiner rechten Hand ruhig ſein langes Meſſer, duͤnn und rund wie ein Federkiel und ſpitzig wie eine Nadel, hervorzog.. Auf ein von ihm gegebenes Zeichen entfernten die Soldaten die Kleider des Verurtheilten, ent⸗ bloßten ſeine Bruſt und ſtießen ihn in die Seite Craöb nahm ſeinen Platz ein und ſtieß ſei⸗ nen Dolch mit ſo viel Ruhe und Beſtimmtheit in die Bruſt des Greiſes, daß derſelbe ohne Ver⸗ zuckungen ſtarb, und nicht ein Tropfen Blut beim Herausziehen der Klinge herabfloß. Hierauf wur⸗ den die Kleider des Gemordeten ſorgfaͤltig wieder uͤber der Bruſt zuſammengelegt. In der That, der geſchickteſte Matador hätte nicht mit groͤßerer Gewandtheit einen aragoniſchen Stier getoͤdtet. Als dies geſchehen war, ließ Crasb den Leich⸗ nam unter den Haͤnden der beiden Soldaten und kniete neben dem Vorhange nieder, welcher die Thuͤr verdeckte; dann that er mit dem Hefte ſeines Meſ⸗ ſers drei leiſe Schlaͤge auf die Schwelle, um da⸗ mit anzukuͤndigen, daß die Hinrichtung auf eine befriedigende Weiſe beendiget waͤre. „Werft den Verraͤther den Hunden vor!“ rief jetzt eine ziemlich ſchwache Stimme, welche aus jenem geheimnißvollen Zimmer kam.... Auf dieſe Worte erhob ſich Crasb und gab den beiden Soldaten ein Zeichen, ihm zu folgen, und den Leichnam in ihren Armen fortzutragen. Als ſie an der Thuͤr, welche das aͤußerſte Ende der Gallerie bildete, angekommen waren, erhob Crasb den Vorhang, der ſie verhuͤllte, und man er⸗ blickte eine unzählige Menge Sircars, Hoͤflinge, Of⸗ ficiere und Stammhaͤupter, welche den Hof des Tippoo⸗Saöb bildeten, aber die zur Audienz nie anders als einzeln, Einer nach dem Andern bei ihm vorgelaſſen wurden und dieſe einſame Gallerie durchſchreiten mußten, welche den Aufenthaltsort des Sultans von den weitlaͤufigen Zimmern trennte, wo ſich dieſer Hof von ganz aſiatiſcher Pracht aufhielt.— Craöb luͤftete alſo, wie bereits geſagt, den Vor⸗ hang, und mit lauter und hell toͤnender Stimme ließ er mitten unter dieſer glaͤnzenden und aufmerk⸗ ſamen Menge die Worte ſeines Herrn ertönen: „Werft den Verräther den Hunden vor!“ um ſo den Leichnam und den Befehl durch die — Cipayes von Gallerie zu Gallerie bis an den außer⸗ ſten Eingang des Pallaſtes zu befoͤrdern. Dort ſollten die Parias beauftragt werden, den Leichnam auf den Schindanger zu bringen. Nachdem alſo die beiden Soldaten den Todten an der Thuͤre der erſten Gallerie niedergelegt hat⸗ ten, ließen ſie den Vorhang wieder herab, und die Vertrauten des Pallaſtes waren mehr neugierig, die Urſache dieſer Ungnade zu erfahren, als ſie uͤber eine ſo außerordentliche Begebenheit ſtaunten. Hierauf ſtellten ſich die Cipayes, die ihre Sa⸗ bel und Schilder wieder ergriffen hatten, von Neuem in der vollkommenſten Ruhe an ihren Poſten. Crasb begab ſich wieder an ſein theures Fenſter, und ſetzte ſeinen Geſang mit derſelben nachläſſigen und ſchwermuͤthigen Stimme fort. Und Alles verſank wieder in jene Stille und Einſamkeit zuruͤck, welche durch dieſes tragiſche — nicht einen Augenblick g worden Fener unglůcklche Greis, welchen man ſo katt⸗ bluͤtig ermordete, war lange Zeit ein Guͤnſtling Tippoo⸗Saöbs geweſen. Es war, mit einem Worte, Mohamed Osman⸗Kan, ehemaliger Geſandter am franzoͤſiſchen Hofe, ein und derſelbe, welcher zu Verſailles den 3. Auguſt 1788 mit ſo vielem Glanze von Ludwig dem XVI. empfangen wurde.— Der Zweck der Geſandtſchaft Mohameds war der, den König um einige Huͤlfe gegen die Unterdruͤckung der Englaͤnder anzuſuchen; allein der unpaſſende Augenblick machte, daß dieſes Anſuchen nicht in Erwaͤgung gezogen werden konnte, und daß man auf die Vorſchlaͤge des Sultans nur durch rein diplomatiſche Freundſchafts⸗ Betheurungen ant⸗ wortete. So iſt meiner Meinung nach die Urſache von Mohameds Tode beſonders merkwuͤrdig, weil ſie einen der hervorſtechendſten Zuͤge des Charakters der Morgenlaͤnder vortrefflich bezeichnet: ich will ſagen, ihre hochmuͤthige und wilde Reizbarkeit und ihre dumme und rohe Eiferſucht, die ſich von Ge⸗ neration auf Generation vererbt. Die Geſchichte giebt Folgendes hieruͤber an: Mohamed, der den Erfolg ſeiner Geſandtſchaft geſcheitert ſah, hatte Frankreich im Jahre 1789 verlaſſen, aber ſeit dieſer Zeit, auf Befehl ſeines Herrn, Egypten und dann Perſien durchreiſt, ſo daß er reich an Erfahrungen und Vergleichungen nach Indien zuruͤckkehrte; aber nichts kam in ſeinen Augen Frankreich gleich; doch der ungluͤckliche Mo⸗ hamed, fortwaͤhrend beherrſcht von dem Reize der Vergangenheit(Anno 93!11), geblendet von dem Glanze des franzoſiſchen Hofes, begeiſtert von der Leutſeligkeit des Koͤnigs, noch jetzt entzuͤckt von Paris, von ſeiner Civiliſation, von ſeinen Kuͤnſten, ſeiner Induſtrie, von ſeinen Theatern, haͤtte dieſe Bewunderung verbergen ſollen, welche Tippoo⸗Sasb ſo tief verletzte, ihn in ſeiner unertraͤglichen Eigen⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. III. 2 liebe als unumſchraͤnkter Herrſcher im hoͤchſten Grade beleidigte, ihn, der ſeinen ganzen Stolz, ſeinen ganzen Hochmuth in ſein Reich ſetzte, und es nicht zu ertragen vermochte, daß man in ſeiner Gegenwart ein anderes Reich als das ſeinige, einen andern Thron als den ſeinigen ruͤhmte.— Auch war der Sultan, als er ſeinen Guͤnſtling Frank⸗ reich unaufhorlich als das Wunder aller Wun⸗ der, und den Koͤnig von Frankreich als den beſten unter den Koͤnigen ruͤhmen hoͤrte, eben ſo er⸗ zurnt, als wenn Mohamed allaugenblicklich der Pracht des unvergleichlichen Koͤnigreichs von My⸗ ſore und der Tyrannei ſeines Beherrſchers geſpot⸗ tet haͤtte. Als nun eines Tages Mohamed, von einer eifrigen Verſammlung umgeben, mit aller Pracht und aller Uebertreibung der morgenlaͤndiſchen Sprache, eine begeiſterte Beſchreibung von dem franzöſiſchen Hofe, und Verſailles, dieſem be⸗ zauberten Pallaſte,. machte, unterbrach ihn Tippoo⸗Saöb und benachrichtigte ihn ſanft, mit jener zugleich ſo ſcherzhaften und ſo fürchterlichen despotiſchen Unbefangenheit, er benachrichtigte ihn, ſage ich— daß, wenn es ihm noch einmal begegnete, ſo unverſchämte Luͤgen uͤber die⸗ ſen verfaulten Erdwinkel, Frankreich ge⸗ nannt, hervorzubringen, oder nur davon zu reden, er ihn des Strahls ſeiner Gnade berauben wuͤrde. — 179— Dieſe hyperboliſche Sprache war fuͤr Jeden ſehr klar, der die Gewohnheiten des Sultans kannte, auch nahm es Mohamed als geſagt an, und ſchwieg waͤhrend einiger Zeit,.. beſonders in Gegen⸗ wart des Tippoo⸗Saöb; allein er konnte es nicht verhindern, daß einer ſeiner guten Hof⸗Freunde dem Sultan eine gewiſſe Unterhaltung zwiſchen intimen Freunden hinterbrachte, in welcher der Ex⸗ Ambaſſadeur ſeiner unmaßigen Begeiſterung von Neuem freien Lauf gelaſſen hatte. Auch ließ ihn der Sultan, wie wir geſehen haben, den andern Tag nach dieſer Unterhaltung kommen, beſprach ſich mit ihm eben ſo vertraulich, ſo freundſchaftlich und zaͤrtlich, wie in den ſchoͤn⸗ ſten Tagen ſeiner Gunſt, ruͤhmte Frankreich, machte ſich ſelbſt uͤber die lächerlichen Vorurtheile luſtig, die er ſo lange gegen dieſes Land genährt hatte, und von welchen er jetzt zuruͤckkäme, wie er ſagte. Der ungluͤckliche Hofmann ließ ſich durch dieſe heimtuͤckiſche Milde uͤberliſten, ſah die Falle nicht, gab ſich ſeinen theuren Erinnerungen hin, und konnte ſeine Bewunderung nicht mehr zuruͤckhalten. Der Sultan, der ſich ſtellte, als theile er ſie, ſteigerte ſie noch, und Mohamed gab ſich ihr ganz hin; ſein Herr ließ ihn reden und hoͤrte ihn lachelnd anz hierauf entließ er ihn mit den ſuͤßeſten Worten,. welche das Meſſer Craöbs ſo grauſam Lugen ſtrafen ſollte....... —— Aber wir verließen unſere beiden indiſchen Sol⸗ daten und den ſchwermuͤthigen Crab in der Gallerie, die ſich vor dem heimlichen Gemach des Sul⸗ tans befand. Eine neue Geſtalt trat bald darauf in dieſe Gallerie, und zwar mit einer ſolchen zuverſichtlichen und ſtolzen Miene, daß man zu glauben genothigt war, ſie ſtehe gut bei Hofe. Es war ein Mann von ungefaͤhr 40 Jahren, groß, ſtark und gut beleibt; roth und erhitzt, und mehr praͤchtig als geſchmackvoll gekleidet, trug er einen gruͤnen Turban von auffallender Größe auf ſeinem Haupte. Kurz, ſein Aeußeres war grob und gemein; aber der Sultan war ſo eigen in der Wahl ſeiner Creaturen und Guͤnſtlinge, daß man ſich zu Seringapatnam uͤber die plotzliche Erhebung eines gemeinen Menſchen nicht mehr zu wun⸗ dern hat. Crasb mit ſeinem gewoͤhnlichen Phlegma, be⸗ grußte dieſe Perſon auf dieſelbe Weiſe, wie vorher den ermordeten Mohamed. Darauf ſchickte er ſich an, bei dem gruͤn und ſilbergeſtickten Vorhang nie⸗ derzuknien, und ſagte das einzige Wort:„Shaikl.“ „Er mag kommen, der Bäͤr kann hereinkom⸗ men, der Tiger erlaubt es ihm. Geſchwind, tritt ein, Baͤr,“ rief eine ſchwache Kinderſtimme, doch friſch und ſilberhell, mit großem Gelaͤchter. Der dicke Mann runzelte wider Willen die Stirn; aber er unterdruͤckte ſchnell dieſen Ausdruck von Mißvergnuͤgen, und gab dann Crasb ein Zeichen, ihn von Neuem anzumelden, indem er mit alberner Miene dazu lächelte. Craöb, immer noch auf den Knien, wiederholte das Wort: Shaikl. „Haſt Du nicht den Befehl meines Sohnes gehört, verfluchter Hund?“ ſchrie in dieſem Augen⸗ blicke eine heiſere und zornige Stimme. Craöb er⸗ blaßte furchterlich, denn er glaubte ſchon die Pfeife des Herrn zu vernehmen. Aber der Sultan pfiff nicht. Die Kinderſtimme von innen rief nochmals mit großem Gelaͤchter den Baͤr Shaikl. Und Shaikl, der Bär, offnete den Vorhang und trat bei Tippoo⸗Sasb ein. 4 Elftes Kapitel. Dann wirft der Tiger ſich auf den Rücken, und erträgt geduldig die Biſſe, die ſein Kleines ihm ſpielend verſetzt. Büffon, Naturgeſchichte.„ Eine Familienſcene⸗ Das Zimmer, welches jener neue Ankoͤmmling betrat, war ungeheuer groß und zirkelformig; ein gruͤner chineſiſcher Stoff, in der Breite ſilbernes Laubwerk in erhabener Arbeit, bedeckte die Waͤnde, und mehrere Waffen und Trophäen von Gold mit Edelſteinen verziert, glänzten hier und dort aufge⸗ knupft an gedrehten ſilbernen Bändern und Schnu⸗ ren, welche von Tigerkoͤpfen aus demſelben Metall in ihren ſchon geformten Zaͤhnen von Saphir ge⸗ halten ſchienen. Auf dem Boden dieſes Saales zogen ſich breite und hohe Ruhekiſſen von gruͤner Seide rings herum. Zwei Tiger, die Reichs⸗Embleme des — 183— Tippoo⸗Saöb, von Silber und in natuͤrlicher Groͤße, bildeten das Wappenſchild; die Augen dieſer Thiere waren zwei ungeheuere Topaſe, in deren Mitte ein Rubin glaͤnzte. Sechs ſilberne Saͤulen, deren Fuͤße rund herum in erhabener Arbeit geformt waren, ein Zeichen der Herrſchaft des Hyder Ali, umgaben den untern Theil dieſes Thrones. Oben breitete ein Humai(ein Paradiesvogel) von coloſſaler Groͤße in gediegenem Golde ſeine Fluͤgel aus; aber dieſe Fluͤgel, uͤber und uͤber be⸗ deckt von Opalen, Rubinen und Smaragden, waren von ſo wundervoller Arbeit, daß man in dieſem Kunſtwerke auch die ſanfteſte und feinſte Farben⸗ miſchung jenes glaäͤnzenden Gefieders wiederfand. Die goldnen Klauen dieſes herrlichen Vogels hiel⸗ ten eine Art von Vorhang von gruͤn und ſilbernem Stoffe, mit Perlen beſetzt, welcher in langen und kuͤnſtlichen Falten bis auf die Fuͤße des Ruhebet⸗ tes herabwallte.. In einer Ecke deſſelben und beinahe verſteckt in den ungeheuern Polſtern, erblickte man, halb liegend, und bekleidet mit weißem Mouſſelin, ein ungefähr funfjähriges Kind, roſig und friſch, mit langem rabenſchwarzen Haar und großen blauen Augen, voll Muthwillen und Frohſinn. Dieſes Kind war Abdul, der jungſte von den drei Soͤh⸗ nen des Tippoo⸗Saöb und der Gegenſtand ſeiner faſt thoͤrichten Liebe. In dieſem Augenblicke lachte Abdul laut auf, als er ſah, wie ſein Vater niederkniete und ſich un⸗ endliche Muͤhe gab, einen ſchönen Krik in roth⸗ ſammtner Scheide wieder zu erlangen, welchen das Kind aus Muthwillen unter eine große, mit Silber eingelegte Kiſte geworfen hatte. Der Sultan, ausgeſtreckt auf den Tigerfellen, welche den Boden bedeckten, ließ ſich mit unglaub⸗ licher Freundlichkeit den Muthwillen ſeines Sohn⸗ chens gefallen; er buͤckte ſich, legte ſich der Läͤnge nach hin und machte viele vergebliche Anſtren⸗ gungen, den Krik wieder zu erlangen, und wenn es ſchien, als wollte er das muͤhſame Suchen aufgeben, da rief mit ungeduldiger und halbtrotziger Stimme Abdul:„Ich will es,“ und dies war genug, um den verloͤſchenden Eifer des guten Sultan wieder zu beleben. Tippoo⸗Saöb, damals 45 Jahr alt, war groß von Wuchs, hatte einen ſtarken, muskuloͤſen Hals, breite Schultern, ſchwarze und durchdringende Au⸗ gen, ein kupfriges Geſicht, eine fein gebildete Abler⸗ naſe und ſeine ſchmalen Lippen waren ſtets bleich. An dieſem Tage war er ganz einfach mit einem langen, blaugeſtreiften ſeidenen Talar von Orangen⸗ farbe bekleidet. wrelcher, die Bruſt und die Oberarme hinlaͤnglich bedeckend, in weitem Falten⸗ wurfe bis auf die Fuͤße herabwallte ein buntfarbiger Guͤrtel hielt dieſes Gewand an ſeinen Lenden feſt, und ein kleiner weißer Turban von —— Mouſſelin, ohne allen weiteren Schmuck, als mit einem ungeheueren Saphir verziert, bedeckte das Haupt des Sultans, welcher bei ſeinem athletiſchen Wuchſe dennoch immer zu dick ſchien. Bei der Ankunft des Guͤnſtlings Shaikl wur⸗ den die Bemuͤhungen Tippoo⸗Saöbs keineswegs unterbrochen, und nach unendlicher Muͤhe gelang es ihm, zur großen Freude Abduls, den Krik mit Huͤlfe eines Djarik, welchen er von den aufgehaͤng⸗ ten Waffen und Siegeszeichen herabnahm, aus ſeinem Verſteck hervorzuholen. Wenn der Guͤnſtling ein Zuſchauer dieſer Scene geweſen waͤre, haͤtte er uͤber den Contraſt der kalten Grauſamkeit und der vaͤterlichen Liebe nachdenken koͤnnen, uͤber einen ſo uͤberraſchenden Contraſt und doch ſo gewoͤhnlich bei ſolchen Men⸗ ſchen.. wie bei wilden Thieren; er wuͤrde ge⸗ nug Stoff zu Betrachtungen gefunden haben, wenn er bedachte, wie dieſer Despot, dem Eigenſinne und Muthwillen eines Kindes faſt unterworfen und nachgebend, ſo eben einen alten und treuen Diener umbringen ließ, weil dieſer den Ruhm Frankreichs zu ſehr erhoben hatte. Allein der Favorit Shaikl ſtellte gar wenig Betrachtungen anz er ſuchte nur in dem Geſicht ſeines Herrn zu leſen, welchen Eindruck dieſer Augenblick auf ihn hervorgebracht hatte, um nach dieſem Maßſtabe gleichſam die Wirkung ſeiner groben und unpaſſenden Schmeicheleien zu berech⸗ — 1— nen. Abdul, froh, ſeinen Krik wieder zu haben, ſprang von den Polſtern herab, umarmte ſeinen Vater, zog dem Shaikl ein Geſicht, nannte ihn einen groben Baͤr und verſchwand durch eine der breiten Seitenthuͤren dieſes Gemachs. Tippoo⸗Saöb, welcher ſich auf die Kiſſen hin⸗ geſtreckt hatte, blickte ſeinem Sohn mit einer Auf⸗ wallung von Liebe und Stolz nach, und ſah noch lange nach der Thuͤr, wo das Kind verſchwunden war. Shaikt ſah nothwendigerweiſe nach derſelben Seite hin, indem er verſuchte, die Mienen ſeines Geſichts nach denen ſeines Herrn zu formen. „Gluͤckliches Alter!!“ ſagte endlich der Sultan nach langem Stillſchweigen mit einem Tone voll zärtlicher Liebe und Freundlichkeit. „Gluͤckliches Alter!“— wiederholte Shaikl— „aber das gluͤcklichſte Alter iſt das, wo der Menſch ſeinen Willen und ſeine Macht kann andern Men⸗ ſchen fuͤhlen laſſen. Viel glucklicher iſt das Alter Eurer Hoheit.“ „Mein Alter iſt vielleicht eben ſo gluͤcklich, Shaikl, eben ſo glucklich, aber doch nicht gluͤcklicher, denn bei Allem, Abdul wollte den Krik, ſo wie ich jenem langweiligen Schwaͤtzer Mohamed ewiges Stillſchweigen auflegen wollte. Nun, unſere bei⸗ derſeitigen Wuͤnſche ſind erfullt worden, aber des⸗ wegen bin ich nicht gluͤcklicher als Abdul, mein guter Shaikl.“ „Darf ich Eure Hoheit fragen, warum Sie den ſchaͤndlichen Mohamed gewuͤrdigt hat, ihn mit dem Schwerte der Gerechtigkeit zu richten?“ „Die immerwaͤhrenden Lobeserhebungen uͤber jenes elende Frankreich; und dann, bei dem Beherrſcher der Welt!! zeigte er eine laͤcherliche und gefährliche Bewunderung und Verehrung fuͤr das, was ſie dort Koͤnig nennen. Stelle Dir vor, Shaikl, daß der geringſte Sircar meines Reichs mehr Macht uͤber die Provinz hat, welche ich ihm anvertraue, als dieſer Koͤnig uͤber ſein Koͤnigreich. Seine Unterthanen wagen es, ihm Vorſtellungen zu machen; ſie wollen oder wollen nicht, ſie be⸗ ſitzen Dieſes, geben Jenes oder verweigern es. Der Koͤnig iſt den Geſetzen wie der unterſte Paria unterworfen. Kurz, Shaikl, ich ſollte Kö⸗ nig von Frankreich ſein und Dich nicht morgen er⸗ wuͤrgen laſſen koͤnnen, wenn ich es wuͤnſchte! Herr⸗ ſcher der Welt! Ein elendes, ein lumpiges Land, dieſes Frankreich, nicht wahr, Shaikl?“ „Aber wenn Ew. Hoheit mich nicht in dieſem niederträchtigen Lande erwuͤrgen laſſen koͤnnte, wurde ich mich ſelbſt zu Ihren Fuͤßen erwuͤrgen,“ ſagte der grobe Schmeichler. „Wir wollen daruͤber nachdenken, Shaikl,“ er⸗ wiederte ſcherzend Tippoo,„wir wollen daruber nach⸗ denken, mein braver Cipaye, denn ich liebe Dich, ſeitdem ich Dich ſo tapfer mit einem meiner Jagd⸗ — tiger kämpfen ſah. Aber ſage mir, wie waͤre es, wenn wir gingen, meine Adler zu beſehen?“ „Eure Hoheit geruhen vielleicht vergeſſen zu wollen, daß nun bald die Stunde kommt, wo Ew. Hoheit ſo gnaͤdig ſein wollten, jene beiden Franken zu Ihren Fuͤßen zu ſehen, wovon der Eine von dem Sircar der Inſel Mauritius und der Andere von denen, welche man Jakobiner nennt, abge⸗ ſandt iſt.“ „Es iſt wahr, Shaikl, ich haͤtte es bei⸗ nahe vergeſſen und doch erwarte ich mit großer Ungebuld die Antwort des Sircars jener Inſel denn ich habe einige gute europäiſche Officiere von ihm verlangt. Kommen dieſe bei⸗ den Franzoſen zuſammen, und mit zahlreichem Gefolge?“ „Der Wille Ew. Hoheit wird in dieſer Hin⸗ ſicht gnädig entſcheiden.“ „Nun gut!“ ſagte der Sultan nach kurzer Ueberlegung—„Ich werde dieſe beiden Franken empfangen, wie es Sitte iſt, ich meine„einzeln“ und Du wirſt nicht einmal ihr Gefolge in den Pallaſt eintreten laſſen;. ich furchte die Ver⸗ raͤther, Shaikl... Alſo, Du verſtehſt mich, man trenne ſie, ſobald ſie die Schwelle uͤberſchrit⸗ ten haben„ Man ſoll ihre Kleider durch⸗ ſuchen, bevor ſie ſich mir naͤhern duͤrfen, Schaikl Ulebrigens wirſt Du da bleiben und Crasb benachrichtigen, ſich auf's gerlngſte Zeichen nebſt — 189— ſeinen Gefährten mit dem rothen Turban bereit zu halten. Jetzt laß mir meine Houka bringen und gieb dann die noͤthigen Befehle in Be⸗ zug auf jene beiden Menſchen und beſonders ver⸗ giß nichts,“ fuͤgte der Sultan ſehr nachdruͤck⸗ lich hinzu. Als der Guͤnſtling ſich entfernt hatte, ſtand Tippoo⸗Saöb auf und nahm von einer der Waf⸗ fentrophaͤen ein reiches tuͤrkiſches Piſtol, deſſen goldne Kolbe mit Edelſteinen bedeckt war, herab, unterſuchte deſſen Zuͤndpulver und legte es unter eines jener Polſter, ſtellte dann noch einen langen und breiten, ſehr ſpitzigen und vergifteten Krik an ſeine Seite, und ſtreckte ſich wieder nachlaͤſſig auf das Ruhekiſſen. Zwei Neger brachten die Houka mit dem gold⸗ nen Kohlenbecken. Tippoo⸗Saöb nahm die Bern⸗ ſteinſpitze und fing an zu rauchen. Die Neger zogen ſich zuruͤck und bald darauf betrat Shaikl, ganz allein von dem ungluͤcklichen Doctor Gédeon begleitet, von Neuem das Zimmer!!! 3 wölftes Kapitel. Ich habe guten Tabak in meiner Doſe. Volksgeſang. Man muß ſich nur verſtändigen. Volksſprichwort. Der Empfang. Tippoo⸗Saöb hatte alſo die beiden Freunde durch ſein Mißtrauen getrennt und dadurch auf grauſame Weiſe die Plaͤne des armen Geédeon vereitelt, wel⸗ cher in Jean Thomas Gegenwart eine Feſtigkeit und Ruhe zu behaupten glaubte, die ihm zu ſeiner Unterredung mit dem Sultan mehr als jemals noͤ⸗ thig ſchien. Und dies um ſo mehr, weil er in dem Augenblicke in einem der aͤußern Hoͤfe des Pallaſtes, wo er ſeinen Freund verließ, ganz deutlich die Ge⸗ ſtalt eines Leichnams bemerkt hatte, welchen zwei Paria's mit gewoͤhnlichem nachlaͤſſigen und ſchwan⸗ kenden Gange auf einer Art Bahre forttrugen⸗ (Es war die Leiche des ungluͤcklichen Mohameds.) — 191— Und dieſe Thatſache vergegenwaͤrtigte ſich um ſo mehr der Seele des Doctors, als einer der Paria's ihm dieſen Leichnam mit einem vielbedeutenden Blicke gezeigt hatte, ohne ihm etwas Anderes zu ſagen als die Worte:„Ein Verraͤther!“ Obgleich der ehrenwerthe Präſident des Clubbs ſich keine andere Treuloſigkeit vorzuwerfen hatte, als die eingewurzelte Hoffnung, ſich vielleicht mit einer koͤniglichen Tabatiere von Tippoo⸗Saöb be⸗ ſchenkt zu ſehen, ſo wußte er doch, daß der Sul⸗ tan ſo mißtrauiſch und ſo ſehr gewoͤhnt war, ſeine Beſorgniſſe durch den Tod desjenigen zu beruhigen, den er in Verdacht hatte, ſo daß die Erinnerung an die verdammte Bahre ihm ſchwer auf dem Her⸗ zen lag, und er dann manchmal wohl die Hoffnung auf die Tabatiere aufgab. Der Sultan empfing Gédeon und ſah den Praͤſidenten des Clubbs mit einem außerordentlich hellen und ſcharfen Blicke an. Obgleich der Guͤnſtling Shaikl ſich nur mit der Houka ſeines Herrn zu beſchäftigen ſchien, ohne die Augen nach dem Franken zu erheben, ſo be⸗ trachtete er ihn doch mit der bruͤtenden und lauern den Aufmerkſamkeit der Katze, welche auf ihre Beute lauert. Bei Tippoo⸗Sasbs Anblicke fuͤhlte der Doc⸗ tor, daß ſeine Zunge ihm den Dienſt verſage, und machte, um ſich zu erholen, fuͤnf oder ſechs tiefe * 9— unterthaͤnige Verbeugungen, ohne nur im gering⸗ ſten an die Tabatiere zu denken. Der Sultan, ungeduldig uͤber dieſe ewigen Ver⸗ beugungen und uͤberdruͤſſig den ſich unaufhoͤrlich erhebenden und wieder neigenden kahlen Scheitel des Staatsbuͤrgers zu ſehen, fragte ihn auffahrend: „Was willſt Du von Uns?. Als der Doctor dieſe Frage hoͤrte, floßte ihm gleichſam die Furcht Muth ein, und da er ſah, daß ſein laͤngeres Stillſchweigen den Sultan erzuͤrnte, machte er noch eine tiefe Verbeugung und begann in ziemlich guter Sprache der Hindoſtaner mit fol⸗ genden Worten, deren ſtolzer und wilder Eun ſpaß⸗ haft von der mehr als unterwuͤrfigen Haltung des Buͤrgerpraͤſidenten abſtach: „Freiheit, Gleichheit oder Tod! ewigen und „toͤdtlichen Haß den Konigen, den Tyrannen, den „Despoten, den Prieſtern und den Ariſtokraten, „welche in Empoͤrung begriffen ſind gegen das „menſchliche Geſchlecht, den Beherrſcher der Erde, „und gegen die Natur, die Geſetzgeberin der Welt.“ „Was willſt Du?“ wiederholte von Neuem der Sultan, welcher, außer einigen Silben, nicht ein Wort von all den ſchoͤnen Dingen verſtand. Allein der Buͤrgerpraͤſident, hingeriſſen durch die republikaniſche Kuͤhnheit, welche unter dieſer Rede hervorbrach, entzuͤckt durch die Hoffnung auf die Tabatiere, ließ ſich nicht erſchrecken und zog ein graues Papier aus ſeiner Taſche, in welches eine — 195— er dachte nur wieder an die Tragbahre. Er rief jedoch allen ſeinen Muth hervor und erwiederte ſo gefaßt als moͤglich: „Der Beweis, daß Eure Hoheit weit entfernt ſind, ein Despot zu ſein, liegt darin, daß ihm ſeine Unterthanen den ruhmvollen Beinamen des Khoo⸗ dabaud*) gaben, und daß ich gekommen bin, im Namen der Freunde der Freiheit, den Titel eines Büͤrgers zu ſeinen Fußen zu legen.“ Und Geédeon, von ſeiner Angſt aufathmend, bra⸗ chen große Schweißtropfen aus, da er fortwährend an die Tragbahre dachte. „Und was will das Wort da ſagen,„Buͤr⸗ ger?“ fragte Tippoo. „Buͤrger iſt ſo viel als Patriot, großmuͤthi⸗ ger Sultan,“ erwiederte Gédeon ein wenig ſich er⸗ holend. „Und Patriot. was iſt das?“ „Ein Patriot, hoher Sultan,“ ſagte Gédeon, diesmal wieder an die Tabatiere denkend,„ein Pa⸗ triot iſt ein Freund der Naturz er iſt mehr als Koͤnig, er trägt eine rothe Muͤtze, keine Beinklei⸗ der, er will das Gluͤck und die Freiheit der ganzen Welt, und droht den Prieſtern, den Tyrannen und *) Khoodabaud bedeutet Gott⸗Ergebener. Tippoo⸗ Saöb nahm dieſen Litel im Jahre 1792 an. 13 — 196— den Ariſtokraten Tod und Verderben, uͤberall wo er ſie findet.“ „Und ein Tyrann, was iſt das?“ fragte Tip⸗ poo, welcher gerade an dieſem Tage ungewoͤhnlich gnadig und ſanftmuͤthig war⸗ „Ein Tyrann, großmuͤthiger Sultan,“ erwie⸗ derte Gédeon, diesmal ſich ganz dem Gedanken an die Tabatiere hingebend—„ein Tyrann iſt alle⸗ mal ein Koͤnig, ſo wie ein Koͤnig allemal ein Ty⸗ rann iſt. Man erkennet einen Tyrannen leicht an der Art, wie er ſeine Unterthanen tyranniſirt, was das Ungeheuer ſein Vergnugen nennt. Ja, groß⸗ muͤthiger Sultan, der Ausdruck ſein„Vergnuͤgen“ iſt dem Tyrannen eigen, um damit unter dem Scheine von Gutmuͤthigkeit den furchtbaren Mac⸗ chiavelismus in ſeiner Herrſchaft zu verdecken und zu verbergen. Auch haben wir andern civiliſirten Europaͤer ſchon laͤngſt die Tyrannenherrſchaft ver⸗ vannt und gebrandmarkt und ſie unter dem Na⸗ men des Régime de bon plaisir an den Pranger der Geſchichte, der Schandthaten geſtellt“— ſchrie der Buͤrgerpräſident mit eben ſo ſtarker Beredſam⸗ keit als glucklicher Ueberfuͤhrung. „Aber, beim Herrſcher der Welt! dann bin ich ja ein Tyrann, ich!“.— ſagte endlich der Sultan lachend;—„denn, frage nur den Shaikl, ob ich nicht in dieſem Augenblick mit einem Zei⸗ chen, mit einem Woit Alles thun kann, was mir in den Kopf kommt, Alles was mir Vergnuͤgen macht, bloß zu meinem Vergnuͤgen! Als der Buͤrger den Sultan ſo guter Laune ſah, glaubte er ſchon die Tabatiere in den Haͤnden zu haben, und läͤchelnd richtete er ſeinen beleibten Koͤrper empor, naͤherte ſich dem Tippoo mit weit geoͤffneten Augen voll Hoffnung und Dummheit und ſagte:„Ohne Zweifel koͤnnen Ew. Hoheit nicht allein das thun, was Ihnen Vergnuͤgen macht, ſondern auch das, was Andern dieſes angenehme Gut gewaͤhrt. Man hat Beiſpiele, daß bisweilen ſich die beſondere Gnade der Herrſcher darin zeigte, daß ſie den unwuͤrdigen Rednern. eine Ta⸗ batiere huldreichſt zukommen ließen und Ew. Hoheit„ Allein der Sultan unterbrach den Doctor mit den nachdruͤcklichen Worten:„Und wenn es mir nun Vergnuͤgen machte, Dich geradezu erwuͤrgen zu laſſen wuͤrde Dir dies auch Vergnuͤgen machen?“ „Hoher Khoodabaud, großherziger Sultan—“ ſagte Gédeon ganz leiſe und beſtuͤrzt, indem er ſich zu den Fuͤßen des Tippoo warf—„ich halte Euch einer ſolchen Grauſamkeit fuͤr unfahig.“ Und der Buͤrger ſah ſich ſchon im Geiſte auf der Leichenbahre. „Wie! Du biſt ungeſtraft gekommen, elender Narr!“— erwiederte der Sultan mit Wuͤrde,— „mir den Titel eines Buͤrgers, eines Todtſchlaͤgers — 198— der Tyrannen und der Despoten anzutragen!... mir, der ich ein Tyrann und ein Despot bin! Du haſt den Namen Frankreichs gemißbraucht, welchen ich verehre, und Uns Unſtrer ſo koſtbaren Zeit, welche Wir der Sorge fuͤr Unſer Reich widmen „ muͤſſen, beraubt!“— Und dann ſich zu Shaikl wendend, ſagte Tippoo⸗Sasb:„Man laſſe dieſen Hund mit Ruthen ſtreichen, weil er mit uns ſcher⸗ zen wollte, dann ſchere man ihm die Haare von der einen Seite des Kopfes und laſſe ihn, in gel⸗ ber Kleidung ruͤckwaͤrts auf dem Ruͤcken eines Schweines ſitzend, fuͤnfmal um die Stadt herum⸗ reiten; und dann ſoll er eine Strafe von 500 Rupien*) zum Beſten der Brahma's erlegen. Dies iſt mein Befehl.“ Gédeon, vom Schmerz ganz niedergebeugt, glaubte, ihn druͤcke der Alp, als er aus den Haͤn⸗ den des Shaikl in die des Crasb, und aus denen des Crasb in die der andern Cipayes gerieth, bis er von Hand zu Hand bis an die aͤußerſte Pforte des Pallaſtes kam, wo er den Paria's uͤberliefert wurde, welche das gefällte Urtheil des Sultans buch⸗“ ſtäͤblich an ihm epecutirten. „Iſt dieſer Narr nicht ſehr ergoͤtzlich, Shaikl?“ ſagte der Sultan.„Blaſe die Kohlen an der Houka an und fuͤhre den Abgeſandten des Gou⸗ verneurs von lle de France herein.“ *) Eine oſtindianiſche Münze. —————————— — 199— Und Jean Thomas trat zu einer andern Thuͤre ein. Jean Thomas, ſtets furchtlos, mit freier Stirn und erhobenem Haupte, gruͤßte Tippoo⸗Saöb mit militäriſchem Anſtand und uberreichte die Depe⸗ ſchen des Gouverneurs von lle de France; und waͤhrend Tippoo⸗Saöb dieſe las und dabei auf den Abgeſandten einen muſternden Seitenblick warf, ſah Jean Thomas auch ſeinerſeits ihn mit ruhigem und feſtem, doch ehrfurchtsvollem Blick an. Nachdem Tippoo die Briefe geleſen, ſagte er zu Thomas bloß die Worte:„Der Statthalter von der Inſel Mauritius hat Dich ohne Zweifel im Namen des Koͤnigs von Frankreich zu mir ge⸗ ſchickSt Ich bin dem Koͤnig von Frankreich gewogen, auch er hat meine Geſandten im Jahre 1234 ſeit der Geburt Mahomeds gut aufgenom⸗ men! und ſo lange die Sonne, der Mond und die heilige Religion beſtehen, kann der Koͤnig von Frankreich ſtets auf die Freundſchaft der Soͤhne des Hyder Ali*) rechnen.“ „Der Koͤnig von Frankreich iſt todt,“ ſagte Thomas ernſthaft. „Aber vermoͤge der Gnade des Barmherzigen ſtirbt der Koͤnig von Frankreich niemals;.. ) Man erinnere ſich, daß dieſe Scene im Jahre 1793 ſpielt und daß der Sultan von den Auftritten am 21. Ja⸗ nuar nicht unterrichtet war. — 200— es bleibt ſtets ein Koͤnig in Frankreich,“ erwiederte der Sultan. „Jetzt iſt kein Koͤnig mehr in Frankreich,“ ſagte Thomas. „Kein Koͤnig in Frankreich?. rief der Sultan,„und in welches Koͤnigs Namen kommſt Du zu mir?“ „Im Namen des Herrſchers, welcher die Stelle des Konigs von Frankreich eingenommen hat.. im Namen.. im Namen.. des Volks“— ſagte Thomas in franzoſiſcher Sprache, nachdem er ein wenig gezaudert hatte. Denn obgleich er die hindoſtaniſche Sprache recht gut verſtand, ſo konnte er doch in dieſer kein paſſendes Wort fuͤr „Volk“ finden. Tippoo nahm das Wort„Volk“ fuͤr den Na⸗ men des Herrſchers an, welcher die Stelle des Ko⸗ nigs von Frankreich erſetze. „Ja es iſt das ſouveraine Volk, welches mich zu Dir geſandt hat, ſiegreicher Sultan,“ wieder⸗ holte Jean Thomas. Sultan. Und was hat dieſes Volk aus dem Koͤnig von Frankreich gemacht? Thomas. Das Volk forderte Rechenſchaft von dem König und ließ ihn dann zum Tode ver⸗ dammen, und jetzt iſt das Volk alleiniger Herrſcher. Sultan. Und was iſt aus der Koͤnigin von Frankreich, dieſem ſchoͤnen, jungen und ſanften Weibe, geworden? — Thomas. Das Beil des Henkers iſt blind, es erreicht Jeden, der dem Volke ſchadet. Sultan cerſchrocken). Auch die Koͤnigin?.. die Königin ermordet?... eine Frau!. die Königin! Beherrſcher der Welt 3u Myſore, Franke, wird das Schwert des Henkers fuͤr den Nacken eines Weibes ſtumpf. und mit wel⸗ chem Rechte hat ſich das Volk den Thron ange⸗ maßt und ſeinen Koͤnig und ſeine Koͤnigin ge⸗ toͤdtet? Thomas. Weil das Volk glaubte, daß der Koͤnig und die Koͤnigin alles Maß uͤberſchritten haͤtten und es des Joches uͤberdruͤſſig war. Sultan. Und doch kann ich das„Volk“ trotz ſeiner Grauſamkeit lieben, es erinnert mich an meinen glorreichen Vater, Hyder Aly, welcher nur Officier des Raja von Myſore war, als er ihn von ſeinem Throne ſtuͤrzte, wie das Volk heutzutage den Koͤnig von Frankreich entthront.(Zu Thomas.) Wohlan, Dein neuer.... Souverain iſt alſo ein uſurpator wie mein geſegneter Vater war, und des⸗ halb fühle ich mich geneigt, Dein Volk zu lieben. Thomas. Das Volk hat ſich nicht den Thron angemaßt, ſondern nur ſeine Rechte, welche die Natur ihm gab, wieder geltend gemacht, großer Sultan. Sultan clächelnd). So ſagte mein beruͤhmter Vater auch zu dem Raja von Myſore.— Wird Dein neuer Souverain auch durch den Einfluß der — 202— Großen ſeines Reichs, wie der ehemalige Koͤnig, beherrſcht?.. Thomas. Wo das Volk herrſcht, giebt es keine Großen, keine Rangordnung mehr. Das Volk iſt Alles in Allem. Sultan. Ich ſehe mit Freude und Stolz, daß Dein Volk Frankreich beherrſcht wie ich, der Sultan Tippoo⸗Sasb, mein Reich von Myſore beherrſche. Wie ſteht es aber mit dem Willen des Volks, iſt dieſer feſt, und ohne alle Beſchrän⸗ kung, wie der meinige, des Sultan von Myſore? Thomas. Der Wille des Volks iſt Alles, der Wille des Volks iſt eins und unzertrennbar. Wenn das Volk geſprochen hat, muß die Nation ſchweigen, wenn das Volk will, muß die Nation gehorchen. Sultan. Dies thut das Volk! und die Na⸗ tion? Thomas. Die Nation zittert bei dem An⸗ blicke des Volks. Sultan(voll Enthuſiasmus). Bei der hoͤchſten Barmherzigkeit! ich ſehe, daß Dein Herrſcher mit Eiſen und Flammen umzugehen weiß! Ich will an meinen Bruder, den Herrſcher von Frankreich, ſchreiben.... einen Firman mit meiner kaiſer⸗ lichen Hand, geſiegelt mit dem Inſiegel meines glorreichen Vaters, und ihm im Namen des Des⸗ potismus Gluͤck wuͤnſchen, einen ſo ſchwachen und furchtſamen Koͤnig geſturzt zu haben, welchen der unverſchaͤmte Mohamed an meinem Hofe ſo zu ruͤhmen wagte. Beim Herrſcher der Welt, welch Wagniß! das furchtſame Elenthier mit dem königlichen Tiger zuſammenzuſtellen!.. Ich liebe Dein Volk, Franke, weil der Schakal bruͤllt wie der Tiger... Aber ſage mir, die Gro⸗ ßen, die Herren, welche den Hof des vorigen Ko⸗ nigs bildeten, beugen auch dieſe ihre Knie vor dem neuen Herrſcher? Thomas. Nein, die Großen wollten ihre Knie nicht beugen. aber das Volk ſprach.. und die Haͤupter der Großen fielen unter dem Schwerte, und ihre Guͤter zog das Volk ein. Sultan cerſtaunt). Bei der wunderbaren Ge⸗ burt Mahomeds! mein Bruder, das Volk, weiß beſſer zu regieren als ich, der Sultan in Aſien. In der That, dieſer Bruder hat Verſtand! Er macht da gute Erbſchaften, ich will ihm nicht nach⸗ ſtehen. Du, Shaikl, wirſt daher dem Sircar Effyh den Auftrag ertheilen, das nachgelaſſene Gut des Mohamed in die Schatzkammer zu bringen... Aber ſage mir, Franke, was machte das Volk mit den Kindern der Großen? Thomas. Ich habe es Dir geſagt, wenn das Volk mit ſeinem breiten Fuß in ein Vipernneſt tritt ſo wird die ganze Brut zermalmt, und keins kann entwiſchen. Sultan enachdenkend). Auch die Weiber! auch die Greiſe, die Kinder!.... O mein ſuͤßer Abdul! mein armes Kind!(mit Schaudern.) Aber weißt Du, daß Dein Herr viel Blut fließen ließ, ohne das koͤnigliche Blut zu rechnen? und daß waͤhrend einer langen Reihe von Jahren unter meiner und meines Vaters Herrſchaft das Schwert oder der Dolch des Henkers nicht mehr als zehn⸗ hundertmal geroͤthet worden iſt? Und, Herrſcher der Welt! ganze Familien, ganze Staͤdte, hat Dein Herrſcher ſeinem eintaͤgigen Reiche aufgeopfert, ohne des koniglichen Bluts zu gedenken; in der That das war viel Blut!! Thomas. Des Koͤnigs Blut iſt der Pur⸗ pur der Stirnbinde, welche die Stirn des herr⸗ ſchenden Volks umgiebt; und das Blut der Gro⸗ ßen bildet den Purpur ſeines langen Mantels. Sultan. Und Eure Prieſter, flehen ſie Gott fur den neuen Herrſcher an? Thomas. Das Volk kennt keinen Gott mehr. Sultan. Du verſtehſt mich nicht. Hier ge⸗ ben die Prieſter meinen Geſetzen und Geboten eine heilige Kraft; denn ich ſelbſt, ich, bin nur ein Die⸗ ner des Propheten. Deine Prieſter, frage ich, ha⸗ ben dieſe auch uͤber die neue Herrſchaft, die Uſur⸗ pation dieſes Volks, den Segen geſprochen? Thomas. Ich wiederhole es Dir, ſiegreicher Sultan, das Volk kennt außer der ihrigen keine andere Macht an, weder eine menſchliche noch eine göttliche. Sultan eerſchrocken). Keine?... ſelbſt die eines Gottes nicht?(bei Seite.. Dieſes Volk muß entweder ſehr aufgeklaͤrt oder ſehr dumm ſein. czu Thomas) Und Du, Franke, biſt dieſem Volke unterthan, Du liebſt Deinen Herrſcher? Thomas. Ich bin dieſem Volke ergeben auf Leben und Tod, mit Koͤrper und Seele, mit Herz und Blut. Sultan. Aber biſt Du bei allen dieſen Um⸗ ſtänden unterthan? Thomas. Bei allen dieſen Umſtänden. Sultan. Wer hat Dich dazu beſtimmt? Thomas(mit Stolz und Nachdruck). Ich ſelbſt habe mich dazu beſtimmt. Sultan cerſtaunt). Wuͤrdeſt Du, um ſeine Gunſt Dir zu erhalten, Alles thun, was nur ir⸗ gend in menſchlichen Kräften ſteht? Thomas(mit Rachdruck). Alles. Sultan. Wenn das Volk Dir alſo befohle orben Thomas(wie oben). Ich wuͤrde morden. Sultan. Wenn das Volk verlangte, daß Du Deinen Freund aufopferſt... ihn töd⸗ eſt Thomas. Der Feind des Volks koͤnnte nicht mein Freund ſein, ich wuͤrde ihn morden Sultan(mehr und mehrerſtaunend). Und Deine Mutter, wuͤrdeſt Du auch Deine Mutter dem Volke aufopfern? ———————— E— Thomas eernſh. Ich habe keine Mutter mehr ſprich nicht von meiner Mutter. Sultan. Und wenn Du einen Sohn haͤt⸗ teſt, wuͤrdeſt Du auch Deinen Sohn dem Volke aufopfern? Thomas. Brutus that es, ich wuͤrde es auch thun. Sultan cheftig bewegtvorSchreck, bei Seite). Er wuͤrde ſeinen Sohn toͤdten!!! Ja das iſt eine blinde Hyane, welche man auf Beute hetzen kann, und die an nichts denkt als an Blut, nach wel⸗ chem ſie lechzt; wahrſcheinlich, das iſt ein Menſch, welcher mich zu Grunde richten konnte!. Herrſcher der Welt! was fur Diener hat mein Bru⸗ der, der Herrſcher von Frankreich! cnach einiger Ue⸗ berlegung zu Thomas.) Poͤre, Franke! ich bin uber⸗ zeugt, daß ich bald einen Kampf mit den Englaͤn⸗ dern zu beſtehen haben werde; aber im Krieg wie im Frieden brauche ich einen Mann, hart wie Ei⸗ ſen, rein wie das Feuer, der meine Befehle, welche ſie auch ſein mögen, vollzieht. Ich brauche einen Mann fuͤr mich, ganz fuͤr mich, welcher ſich außer⸗ dem auf die Gebräuche, Waffen und die Kriegs⸗ fuhrung der Europäer verſteht. Willſt Du dieſer Mann ſein, Du? Thomas cganz beſtürzt über dieſen Antrag). Groß⸗ maͤchtiger Sultan.. Sultan. Warum zaudern? Ein Herr iſt * — 207— wie der andere, nenne er ſich Volk oder Tippoo⸗ Saöb, was iſt das fuͤr ein Unterſchied? Thomas(wie oben). Hoheit... Sultan. Ich habe die Depeſchen des Gou⸗ verneurs geleſen; er ſchreibt mir, daß Du Seeka⸗ pitain geweſen biſt. Gut! entſchließe Dich ich werde Dich zum oberſten Anfuͤhrer im See⸗ dienſt machen, was ihr andern Europäer, wie ich glaube, Admiral nennt! Thomas. Siegreicher Sultan, die Gnade iſt groß, aber ich beſitze Guͤter auf der Inſel Mau⸗ ritius, und ich. Sultan. Ich werde einen Mann von hier beauftragen Deine Guͤter auf der Inſel Mauritius zu beſtellen; ich aber gebe Dir von mir 3000 Ru⸗ pien und erhebe Dich in den Rang eines Bell'awh, vermoͤge deſſen Du den erſten Großen meines Reichs, ja der ganzen Welt, gleichgeſtellt biſt! Thomas(vor Freude außer ſich). Iſt der Titel eines Bell'awh adlich? Sultan. Fuͤr die Gegenwart, fuͤr die Zu⸗ kunft und Vergangenheit; er adelt den Grabhuͤ⸗ gel Deines Vaters und die Wiege Deines Kindes. Thomas. Gilt dieſer Titel auch in Europa als Adel? Sultan. Auch in Europa; Mohamed ſtand in gleichem Range mit den Erſten am Hofe des Königs von Frankreich.— Nimmſt Du ihn an? Thomas. Großmuͤthiger Sultan, es iſt er⸗ forderlich, daß der Gouverneur mich vor dem Volke bevollmaͤchtige... Sultan(beſorg). Und wenn er es thut, gehſt Du dann in meinen Dienſt, biſt Du dann der Meinige? Thomas. Wenn das Volk durch die Stimme ſeines Repraͤſentanten ſprach, werde ich der Stimme des Volks gehorchen. Sultan chängt auf der Stelle dem Thomas ein Hals⸗ band von Sdelſteinen um und ſpricht): Nun ſo begruͤße ich Dich als meinen erſten Sircar uͤber das Meer! Dich, edler Bell'awh, als einen der Erſten meines Reichs, denn der Gouverneur hat mich bevollmaͤch⸗ tigt, Dich bei mir zu behalten, wenn Du ſelbſt ein⸗ willigſt.(Giebt ihm die Depeſchen.) Die Lilie war ſonſt Dein. Thomas e(nachdem er geleſen). Ich bin Dein, großherziger Sultan, Dir ergeben'wie ich es dem Volke war, weil Du ein Freund und Bundesge⸗ noſſe des Volkes biſt. Sultan cgiebt ihm den Saphir von ſeinem Turbaw. Beim Herrſcher der Welt! nimm auch dieſen noch und Du wirſt ſehen, daß Du nicht mit einem Ju⸗ den gehandelt haſt, da Du den Sohn meines glor⸗ reichen Vaters zum Herrn erwahlt. (In dieſem Augenblicke macht Shaikl, ein ſtummer Zeuge dieſer ganzen Scene, eine zornige Bewegnng, welche ſeine Ei⸗ ferſucht deutlich verräch. Der Sultan bemerkt ihn und ſprich: — 209— „Sieh da! Du beklagſt unſere Gnade, mein armer Shaikl!„ Shaikl(wirft ſich zu den Füßen des Sultans). Groß⸗ herziger und ſiegreicher Sultan, es iſt mir un⸗ moͤglich, ohne dieſe zu leben. Sultan(Crasb pfeifend) Dein Wille ſei er⸗ fult, denn meine Gnade iſt Dir entzogen*). Crasb tritt ein, ergreift den Shaikl und führt ihn weg, ohne Thomas zu ſehen, welcher ihn nicht wieder erkennt; Tho⸗ mas bleibt unbeweglich, denn er kennt nicht das Zeichen des dreimaligen Pfeifens.— Der Sultan erhebt ſich und ſpricht zu ihm): Du biſt nun mein, Franke; aber bedenke auch, mein edler Bell'awh, daß Du unter der Schutzwehr meiner Frankreich und Deinem Sou⸗ verain geſchwornen Treue ſtehſt; der Allbarm⸗ herzige geleite Dich, edler Bell'awhl wir wer⸗ den Dir ſogleich unſere Befehle in dieſe Gallerie zuſchicken. Thomas(macht eine tiefe Verbengung und geht, mit ſich ſelbſt ſprechend, ſtolz ab). Erſter Sircar uͤber die See! einer der Erſten an dem Hofe von Myſore . Und dies adelt ſogar die Vergangenheit!!! Muth, Muth, Enkel des Fiſchhaͤndler Thomas, Du waäſcheſt den Flecken Deiner ſchmutzigen Ab⸗ Hiſtoriſch. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 14 — 210— kunft rein! Adieu, ſtolzes Volk.. Tippoo⸗Sasb iſt groß, wer weiß, wohin ich noch gelange! (Er tritt in die Gallerie ein und findet den Crasb, welcher ſingend ſeinen Dolch abwiſcht.— Er hatte ſo eben den Shaikl abgefertigt.) Craöb(den Thomas wieder erkennend, läßt ſeinen Dolch fallem. Beim Blute Gottes! das iſt mein Bruder Thomas der brave Mann! Thomas(den Erasb erkennend, beſtürzh. Wer ſeid Ihr, ich kenne Euch nicht? Crasb. Du kennſt Craöb nicht? Beim Teu⸗ fel, das iſt ſchlecht! Du kennſt Crasb den Moͤr⸗ der nicht? Du erkennſt mich unter dieſem Turban eines Cipayes nicht? Aber ich bin es, Bruder, ich bin es, Crasb der Moͤrder, jetzt wie ſonſt auf lle de France. Aber Du, Bruder, Du? biſt Du auch immer noch Thomas, der brave Mann? (Thomas, gepeinigt von einer ſchrecklichen Angſt, giebt keine Antwort und Crasb fährt fort): Ah, ich merke, Du gedenkſt an jenen feigen Wahlſpruch. Bah! Bah! fuͤrchte nichts, ich habe Deine Verweigerung des Duells vergeſſen; und uͤbrigens erfahre, Du, Bruder, daß ich nicht mehr aus Haß oder Eiferſucht morde, ſondern fuͤr Geld; ich bin nicht viel beſſer als Du; denn Dih nun Du biſt doch noch immer Jean Thomas der ehrliche Mann? der Mann, welcher bei Gefahr ſei⸗ ner Eyre den ſeiner Mutter geleiſteten Eid hälte — 211— Thomas(wüthend). Nein, nein, nein! Geh, laß mich, elender Moͤrder! Crasb ctachend). Wiek iſt es wahr, Du willſt nicht mehr mein Bruder ehrlicher Mann ſein? (Indem tritt ein Officier des Sultans ein, welcher dem Thomas den Ehrenſäbel überreicht, indem er ſich beugt und ihn mit dem Titel des erſten Sircar begrüßt; nachdem ſich die⸗ ſer wieder entfernt hat, ſieht Crasb, ſehr ernſt geworden, den Thomas mit Erſtaunen an.) Wie? Was? Du biſt der Guͤnſtling des Sul⸗ tans? Du nimmſt die Stelle des Shaikl ein, des armen Shaikl, den ich ſo eben eer macht eine Bewegung, als wollte er Einen erdolchen.) Thomas cerblaſſend). Was? Welcher Menſch? Was willſt Du ſagen? Crasb. Beim Blute Gottes! ich will ſagen, ich habe ſo eben auf den Befehl unſres Herrn, Deines und meines, jenen dicken Mann mit dem gruͤnen Turban ermordet, und dieſer Todte war, was Du auch kannſt werden, der verurtheilte Guͤnſt⸗ ling des Sultans. Er mußte dem neuen weichen und wurde meinen geſchickten Händen und mei⸗ nem guten Dolche uͤbergeben. Thomas(vor Schreck zurückweichend). Wie, Du haſt dieſen Mann gemordet? in dieſem Augenblicke in dieſer Stunde hier.. Crasb. Ja.. in dieſem Augenblick. da hier auf dieſer Stelle. Es iſt heute ſchon der Zweite. 14* Thomas e(ſchanderndd. Das iſt furchterlich! und ich bin im Dienſte eines ſolchen Mannes! Crasb ein ein Gelächter ausbrechend). Das iſt be⸗ fremdend! immer ſehr befremdend! Bruder recht⸗ ſchaffener Mann. Ehemals wollteſt Du nicht toͤd⸗ ten; Du floheſt die gegen Dich ergrimmten Leute. Aber heute, wo Du die Menſchen tödten laͤſſeſt, und Deine Seele dem Teufel oder Tippoo ver⸗ kaufſt, denn das iſt das Nämliche, wirſt Du mit Gunſt, ſo wie Dein Bruder Crasb, der Meuchel⸗ moͤrder, aufgenommen. Es iſt ſonderbar! immer vereiniget uns Beide daſſelbe Schickſal: in die Acht erklaͤrt oder Guͤnſtlinge; ſtolz oder entehrt, immer iſt, und ich wiederhole es, wie Du ehemals, im⸗ mer iſt das Schickſal gleich thoͤricht. Jetzt, Bru⸗ der, achte ich Dich Aber dies iſt auch das letzte Wort des Cipayen an den großen Herrn. (Er grüßt Thomas mit Ehrerbietung.) Thomas(mit Bitterkeit). Jetzt, geachtet von Crasb, dem Meuchelmoͤrder, der mich ehemals ver⸗ achtete! Das heißt Gerechtigkeit (Langes Stillſchweigem. Bah! Alles erwogen, bin ich ſehr einfältig, an ſolche Kleinigkeiten zu denken, jetzt, wo das Gluͤck mir ſo guͤnſtig iſt. qund das mit Sdelſteinen beſetzte Portespée von dem Degen losmachend, wirft er es Erasb ſtolz hin, mit den Worten: Nimm, Ci⸗ paye, es lebe der Arack, und die Bayaderen moͤgen luſtig ſein! Hier iſt ein Trinkgeld fuͤr den edlen Sircar des Reiches von Myſore! — 213— Crasb edas Degengehänge nehmend.) Bei dem Blute Gottes! mein edler Herr, ſo will ich denn meinen Theil von dem Preiſe Eurer Seele trin⸗ ken. es iſt doch immer recht ſonderbar. Thomas entfernt ſich, ohne ihm zu antworten.) Dreizehntes Kapitel. Der 25. Februar 1801. Die Gräfin Ina von Vaudrey an die Marquiſe von Bellow(Miß Betty Hamonley) zu London. Schloß Horn⸗Prast, bei Amſterdam. Theile meine Freude, mein Gluͤck, mein Ent⸗ zucken, ich werde nicht mehr traurig ſein, beſte Freundin, ich werde Dir nicht mehr ſolche Briefe ſchreiben, die Dich zu Thraͤnen bewegen, denn ich habe eine Tochter; guter Gott, eine Tochter, einen huͤbſchen kleinen Engel, welchen ich Marie nenne, und die ich mit Kuͤſſen faſt erſticke, was ihren Bru⸗ der Alfred ein wenig aͤrgert, der, ungeachtet er ſchon zehn Jahr alt iſt, auf alle meine Zaͤrtlichkei⸗ ten eiferſuͤchtig wird und ſchmollt, wenn ich Marie kuͤſſe, worauf ich ihn denn noch mehr kuſſe; denn, liebe Freundin, ich glaube, die weib⸗ liche Koketterie hat ſich bei mir in muͤtterliche ver⸗ wandelt, ſo glucklich macht mich die Eiferſucht mei⸗ — 215— nes Sohnes. und ſo eine koͤſtliche Freude iſt es fuͤr mich, ſie anzufachen. Meine niedliche Marie wird bald volle ſechs Wochen alt, und ich kann Dir nicht alle meine Thorheiten, mein Entzuͤcken, meine Vergoͤtterung beſchreiben; wie fein und glaͤnzend ſind ihre blon⸗ den Haare, wie ſanft und blau ſind ihre Augen, wie rothlich und rund iſt ihr Mund, wie weiß ihr Hals, wie roſenfarbig ſind ihre Wangen... und ihre kleinen Fuͤßchen und Haͤndchen! in Wahr⸗ heit, man moͤchte närriſch werden, wenn es kein ſo ſchoͤnes Gefuͤhl wäre, ſich Mutter zu fuhlen, und ſein Kind zu bewundern. Ich habe eine Tochter! ich habe eine Tochter! Du wuͤrdeſt mit Thraͤnen in den Augen lachen, meine Freundin, wenn Du mich dieſe herrlichen Worte jeden Augenblick des Tages mir ſelbſt wie⸗ derholen hoͤrteſt.... Auch liegt in dieſen Wor⸗ ten ſo viel Bedeutungsvolles, ſo viel Zukunft, ſo viele Hoffnungen. Ich habe eine Tochter! das will ſagen: ich werde nicht mehr allein ſein, ich werde verſtanden, ich werde geliebt werden, wie ich liebe; wir werden zu Zweien denken, ſie wird mir nur ſehr ſpät entriſſen werden, und bis dahin werde ich allein ſie unter meiner Leitung haben, ich allein werde ihr Zutrauen beſitzen, ich allein werde ihren Geſchmack und ihr Herz bilden, ich allein werde ſie tröſten, ich allein, immer ich allein.. — 216— Aber wenn ich mit Dir ſo viel von Marie ſpreche, ſo glaube wenigſtens nicht, daß ich deshalb Alfred weniger liebe. Guter Gott, nein; aber Du begreifſt, daß eine Tochter. eine Tochter, ſage ich, uns weit mehr angehoͤrt, uns Muͤttern; das iſt Alles, denn ich liebe Alfred eben ſo ſehr, er iſt ſo lebhaft, ſo ſchoͤn, ſo unerſchrocken. wenn Du ihn ſaͤheſt ſeinen Pony reiten; er entzuckt mich, und jagt mir hundertmal des Tag's einen Todes⸗ ſchreck ein und dann glaube ich, daß er jene Herzloſigkeit, jenes Streben, ſeine Perſoͤnlichkeit ins Licht zu ſtellen, wodurch ich ſo ſehr erſchreckt wurde, jetzt einigermaßen ablegt.... Der einzige Fehler, den ich mit aller Kraft mutterlicher Liebe vergebens an ihm bekaͤmpfe, iſt jener unvertraͤgliche, eingewurzelte Stolz, der mich bei einem noch ſo zarten Kinde beſtuͤrzt macht; aber unter uns, daran iſt auch Herr von Vaudrey ein wenig Schuld, der unaufhörlich von dem Glanze ſeines Namens, von ſeiner hohen Geburt und dem unermeßlichen Vermoͤgen mit ihm ſpricht, das er eines Tag's be⸗ ſitzen ſoll; aber vielleicht wird Herr von Vaudrey, da er nun die kuͤnftigen Anſpruche ſeines Sohnes durch die Geburt Mariens um die Hälfte verrin⸗ gert ſieht, in dieſer Hinſicht etwas zuruͤckhaltender werden.— Und ich wuͤnſche es wirklich von gan⸗ zer Seele, denn das hieße die liebenswuͤrdigen Ei⸗ genſchaften dieſes Kindes durch einen uͤbermäßigen Stolz ſehr grauſam verdrehen. — 217— Ich bewohne noch immer Horn-Prast.... Aber ach! meine Freundin, ich kann dieſes Wort nicht hinſchreiben, ohne Thraͤnen zu vergießen.... ohne an meinen armen Vater zu denken wel⸗ cher aus Liebe zu mir Indien verlaſſen, ſeinen Ge⸗ wohnheiten entſagt und dieſe Aufopferung fur meine Wuͤnſche mit dem Leben bezahlt hat... Haͤtte ich nicht uͤberlegen ſollen, daß dieſes kalte, nebliche, feuchte Land ihn tödten wuͤrde, ihn, der ſo an un⸗ ſere Sonne, an unſer warmes und belebendes Klima gewoͤhnt war.... Doch, Gott iſt barmherzig, denn er hat mir eine Tochter geſchenkt.. Herr von Vaudreny iſt ſeit fuͤnf Monaten in Wien.. ich zittere immer, er moͤchte Theil an einer Ver⸗ ſchwoͤrung der Emigrirten nehmen; ich habe alles Moͤgliche gethan, um ihn von dieſer Reiſe zuruͤck⸗ zuhalten, die er, wie du weißt, meine Freundin, ſechs Monate nach ſeinem langen Aufenthalt in Rußland unternommen hat.— Allein er ſetzt ſo viel Vertrauen in das zukuͤnftige Gluͤck ſeiner Par⸗ tei, daß es unmoͤglich iſt, ihn von der geringen Wahrſcheinlichkeit ſeiner Hoffnungen zu uͤberzeu⸗ gen. Herr von Vaudrey macht mir ͤbrigens die verfuhreriſcheſte Schilderung von dem öſtreichiſchen Hofe, an welchen ſich die ganze Bluͤthe des franzö⸗ ſiſchen Adels hingefluͤchtet hat, und ladet mich ein, ihm dahin zu folgen. Du begreifſt leicht, meine Freundin, wie hoch ich dieſen Wunſch achte. Alles, um was ich Herrn von Vaudrey bitte, iſt, — 218— ſich nicht unklugerweiſe in ein Complot gegen die⸗ jenigen einzulaſſen, die am Staatsruder von Frank⸗ reich ſtehen, denn, obgleich ſeine Guͤter in der Re⸗ volution confiscirt worden ſind, ſo erlaubt ihm doch das unermeßliche Vermoͤgen, welches wir hier beſitzen, ein faſt koͤnigliches Leben zu fuͤhren; ich weiß nicht, warum ſeine Traͤume noch daruber hinausgehen... Ich habe den jungen Herzog von R.—, den Du beſchuͤtzteſt, nicht wieder geſehen; ich habe mich auftichtig nach ihm geſehnt, denn es war ein Mann von großer und edler Denkungsart, begabt mit un⸗ endlich großem Verſtande und tiefem Geiſte, aber in Hinſicht meiner hat er ſich geirrt und indem er von andern Perſonen wahrſcheinlich auf mich ſchloß, und nicht fuͤhlte, daß eine gebildete, biedere und zartfuhlende Frau, welche wirkliche und bittere Lei⸗ den trägt, und Gott Rechnung von ihnen ablegt, ſich daruber nur mit ihren Kindern troͤſtet, und ſich nur durch die ſtrenge Erfullung der Pflichten raͤcht, die ſie ſich freiwillig aufgelegt hat, und welche zu vergeſſen, von ihrer Seite feig und elend ſein wuͤrde, da ſie ſich, ſo zu ſagen, zu dieſer Ver⸗ geſſenheit herausgefordert ſieht.. Leider, meine Freundin, leider herausgefordert; es iſt wohl ſehr gehaͤſſig, aber es iſt doch ſo, denn ich kann mich jetzt nicht mehr taͤuſchen, daß Herr von Vaudrey gegenwaͤrtig nur noch Gleich⸗ guͤltigkeit fur mich zeigt, und wenn ich ſeine be⸗ leidigende Kaͤlte gegen mich betrachte und das Aer⸗ —— gerniß ſehe, welches er durch ſeine Liebesintriguen an fremden Hoͤfen öoͤffentlich giebt, ſo muß ich in der That glauben, daß er eine ſchaͤndliche Freude empfinden wuͤrde, wenn er mich zum Falle kom⸗ men ſaͤhe, um dann keine Ruͤckſichten und Scho⸗ nung mehr zu beobachten und, wenn er mir eine Niedertraͤchtigkeit vorzuwerfen haͤtte, ſchicklicherweiſe den Reſpekt und die Hochſchatzung hintanſetzen zu koͤnnen, welche ihm die untadelhafte Reinheit mei⸗ nes Charakters ſtets unwillkuͤrlich auferlegen wird. Verzeih', meine Freundin, verzeih', daß ich Dich noch von meinem Kummer unterhalte; ſeit bald funfzehnjaͤhrigem Leide haͤtte ich mich daran gewoͤhnen ſollen, wenn auch nicht, ſelbe zu ertra⸗ gen, ſie doch wenigſtens zu verſchweigen; aber mit Dir allein kann ich weinen, Dir allein kann ich jeden Kummer, jeden Schmerz mittheilen.. Gu⸗ ter Gott, in welcher traurigen Unempfindlichkeit iſt mein Leben dahingefloſſen; und abgerechnet ei⸗ nige Monate der Täuſchung abgerechnet meine Freuden und meine Aengſten als Mutter, was habe ich wohl gefuͤhlt, das mir beweiſen koͤnnte, daß ich eiſtirte! auf welche Erinnerung kann ich mich wohl mit einiger Suͤßigkeit ſtuͤtzen? Habe ich einen Tag, nur einen Tag unter allen meinen Le⸗ benstagen an welchem mir irgend ein Gluͤck ſtrahlte, einen Tag unter dieſer Schrecken erregen⸗ den Anzahl von duͤſtern, leeren und farbloſen Stun den?„ O)! wie ſchrecklich iſt das! wie ſchreck lich, meine Freundin.. Iſt das die Zukunft, welche ich mir geträumt hatte?... Ach! Dir kann ich Alles ſagen, meine Freundin, aber wie viele Mal habe ich unter Thraͤnen jene ungluͤckliche Uebereilung ver⸗ wuͤnſcht, welche meinem Leben Feſſeln anlegte, das, ohne dieſe Verbindung, wenn auch nicht gluͤcklich doch wenigſtens von gewaltſamem Kummer frei ge⸗ weſen waͤre, und das Schrecklichſte fuͤr mich iſt, daß die einzigen angenehmen Erinnerungen meines Le⸗ bens, die meiner in Indien verlebten Jugend, noch durch den Gedanken an die Treuloſigkeit Georges erbittert ſind. Ich will damit nicht von ſeiner Spielſchuld ſprechen. Gegenwärtig, wo ich die Sache mit kaͤlterm Blute betrachte hat ſich die Wichtigkeit dieſes Meineides in meinen Augen um Vieles vermindert, und ich begreife und ent⸗ ſchuldige den Einfluß der Gelegenheit, der Lange⸗ weile.. und was weiß ich Alles? Aber das, was mir wirklich Sir Georges verhaßt macht, was mir alle Tage Kraͤfte giebt, ihn zu verwuͤnſchen, iſt, daß er mich ſo grauſam verleumdet hat! Nein, nein, meine gute Freundin, was Du auch dagegen ſagen magſt, ſo erſtickt doch die Erinnerung an dieſe Niederträchtigkeit allein das Bedauern, wel⸗ ches ich bisweilen fuͤhlen koͤnnte; denn dieſe Ver⸗ leumdung iſt vielleicht die Quelle von allem mei⸗ nen Kummer... O)! wie duͤſter erſcheint ſo das Leben!— Nichts in der Vergangenheit.— Nichts nder Gegenwart,— Nichts in der Zukunft. (Hier waren einige Spuren von Thraͤnen.) „ Aber nicht doch, ich bin naͤrriſch, undankbar und gottlos; habe ich denn nicht meine Tochter, meine Tochter... Und ſieh.... wie bezaubernd iſt dieſer Gedanke!! Wie plötzlich verbreitet er uͤber meine Seele ein neues Licht.. Mein Gott, ja, ich, die eben noch ſo traurig und muthlos war... bin nun wieder faſt gluͤcklich und heiter... Gluͤck⸗ lich, ja, gluͤcklich durch die Hoffnung; denn, wenn einſt die Jugend und das reife Alter meines Man⸗ nes weit von mir, unter Zerſtreuung und Vergnuͤ⸗ gungen dahingeſchwunden ſein werden, und er darin dieſer eitlen und falſchen Freuden der Welt uͤber⸗ drußig ſein wird, wo kann er endlich anders Ruhe, Frieden und Zärtlichkeit finden, als bei uns! bei mir und ſeinen Kindern!! Ol dann werde ich ge⸗ raͤcht werden! dann werde ich den Lohn fur meine Ergebung genießen, indem ich ihm einen Sohn und eine Tochter vorſtelle, die gelernt haben, ihn zu lieben, ihn zu verehren, zwei Kinder voller Reize und Jugend, deren ruͤhrende Liebe ſeine alten Tage beleben und aufheitern wird..... Dann werde ich ſtolz und eitel darauf ſein, ihm vielleicht unent⸗ behrlich zu werden, und ihm jedes unter bittern Thranen verlebte Jahr durch ein friedliches und gluͤckliches berechnen zu koͤnnen, das ihn dafuͤr trö⸗ ſten ſoll, nicht mehr jung zu ſein, und dieſe ſanfte und reine Liebe zu ſeiner Familie den eitlen Ver⸗ gnuͤgungen, deren Nichts er alsdann erkennen wird, aufgeopfert zu haben. Denn, Alles wohl uͤberlegt, habe ich auch vielleicht im Anfange dieſes Briefes zu ſtreng geurtheilt, meine Freundin.... Hein⸗ rich hat ſich können durch den Wirbel der Welt⸗ Vergnuͤgungen hinreißen laſſen, allein ſein Herz iſt gut geblieben, ja ich glaube es, und bin gewiß, daß, wie unſere indiſchen Lieder ſagen, er jetzt ſeinen letzten Becher ausleert, und uͤber lang oder kurz zu uns zuruͤckkehren wird. Dann, meine Freundin, weißt Du, wie man Jahre lang erduldeten, nun vergangenen Kummer fuͤr eine Minute des gegenwärtigen oder zukuͤnftigen Gluͤckes hingiebt und verzeih't. Du ſiehſt es, beſte Freundin, ich fange, wie immer, mit einer Klage an, und ſchließe mit einer Hoffnung. Aber dieſe Hoffnung wird nicht ver⸗ geblich ſein, ich bin es gewiß, denn ſie bietet ſich mir diesmal unter der Geſtalt eines Engels dar, meiner Tochter, meiner kleinen Marie. Lebe wohl, lebe wohl, ich umarme Dich und Deine huͤbſchen Kinder in dieſer ſuͤßen Ueberzeu⸗ gungz denn es ſcheint mir, daß ſo meine Wuͤnſche fuͤr Dich noch eifriger, noch zuverlaͤſſiger erhoͤrt ſein werden. Die Eurige, ewig die Eurige. J. Graͤfin von Vaudrey. — Vierzehntes Kapitel. Eine Bekehrung. (1810.) Der Graf Heinrich von Vaudrey war damals ſechs und funfzig Jahr alt, und ungeachtet dieſes vorgeruͤckten Alters ſein Geſchmack an Vergnü⸗ gungen und an Zerſtreuungen noch eben ſo lebhaft und eben ſo feurig als ehemals. Kurz, trotz ſeines acht und zwanzigjaͤhrigen Eheſtandes, hatte es der Graf, durch ſeine Anſpruche, die Rolle eines Gluͤcks⸗ ritters bei den Frauenzimmern fortzuſetzen, darin ſoweit gebracht, daß er ſich in den Augen ſeiner Freunde zum Gelaͤchter und zum Spott ſeiner Feinde machte. Uebrigens hatte ſich die Perſon des Herrn von Vaudrey noch vollkommen erhaltenz ſeine Mager⸗ keit gab ihm einen ſchlanken, feinen, ziemlich zier⸗ lichen, obgleich durch das Alter etwas ſteifen Wuchs; die wenigen Falten, welche ſeine kahle und freie Stirne furchten, verloren ſich unter ſeinen grauen, kunſtlich auf den Schläfen gerundeten Haaren; ſeine Zaͤhne waren noch immer ſehr ſchoͤn, ſein Laͤ⸗ cheln anmuthsvoll, und ſeine Augen, obgleich et⸗ was zuſammengezogen durch ein Netz von Falten, das ſich an ihren Seiten bildete, behielten noch einigen Glanz. Kurz die ausgeſuchteſte Toilette des Grafen machte aus ihm einen auf ſich aͤußerſt ſorgfaltigen Greis— aber dies war auch Alles. Uebrigens beſaß er noch ſeinen ehemaligen Ge⸗ ſchmack, und ſeine ehemaligen Meinungen als jun⸗ ger Mann— war ein vortrefflicher Reiter— un⸗ erſchrockener Jäger— guter Weinkenner— Wol⸗ tuͤſtling— Liebhaber von Muſik, Gemaͤlden und Alterthuͤmern(dieſe letztere Leidenſchaft hatte er in Holland, dem klaſſiſchen Lande dieſer Manie, an⸗ genommen) und unter ſeinen Maitreſſen ſtand die Prima Donna des königlichen Theaters fortwäh⸗ rend oben an, ſo wie ſein Pferdeſtall, welcher die ſchoͤnſten Pferde von mecklenburger und engliſcher Race enthielt, als ein Muſter galtz und ſo konnte Herr von Vaudrey, dem ſein ungeheueres Vermoͤ⸗ gen das ausgezeichnetſte Haus in Amſterdam zu fuhren erlaubte, ſich laͤnger als jeder Andere mit gewiſſen Täuſchungen blenden, die Leuten von ſei⸗ nem Alter und beſonders von ſeinem Geiſte immer ſehr theuer ſind. Ich ſage, beſonders von ſeinem Geiſte weil das Sittliche des Grafen, durch das Ueber⸗ maß abgenutzt, bedeutend geſunken war.. und dann kurz, Herr von Vaudrey war nie etwas Anderes, als ein geiſtreicher Mann geweſen, und obendrein, bloß mit jenem Geiſte impertinenter Dreiſtigkeit, jener ſpottiſchen und ſchimmernden unverſtändlichen Sprache begabt, welcher die An⸗ muth und das Feuer der Jugend allein Glanz und Reiz verleihen. Aber ſo wie dieſes Feuer erliſcht und dieſe Anmuth ſich verwiſcht, verſchwindet auch nach und nach jener Geiſt, der, ſo zu ſagen, nur der Wiederſchein, nur der Ausdruck, nur die Sprache davon iſt oder wenn es fortlebt, ſo ſticht es alsdann von dem Alter auf die traurigſte und lächerlichſte Weiſe ab. Sonach muͤſſen Maͤnner von dem Alter und der Wichtigkeit des Grafen, welche darauf beharren, in der Welt zu leben und das Weltleben fortzu⸗ fuhren,— entweder dieſes fuhlbare Abnehmen der Krafte durch den imponirenden Charakter irgend einer politiſchen Stellung verbergen, und ſich auf edle Weiſe hinter ihrer Wichtigkeit verſchanzen, was ihnen mit Wuͤrde, Stillſchweigen und jenem feinen Takte, den ſie durch ihren Umgang mit der beſten Geſellſchaft erlangt haben, ſehr leicht wird,— oder ſie muͤſſen ſich gutmuͤthig darein ergeben, die Vertrauten der jungen Weiber, die Fuͤhrer der jungen Leute zu werden, recht laut von ihrem großen Alter ſprechen, ſich noch weit alter machen, als ſie es ſind, ſich gaͤnzlich bedeutungslos darzu⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. II. 15 ſtellen ſuchen und bisweilen einen Aerger, eine Ge⸗ legenheit benutzen, oder ſich den Dienſt eines gu⸗ ten Rathes bezahlen laſſen. Aber Herr von Vaudrey wollte zu keinem ſol⸗ chen erniedrigenden Zwiſchenziele ſich herablaſſen; und, vertrauend auf ſeine Erfahrung— auf ſeinen ehemaligen Ruf, welcher ſich ihm vom vorigen Tage noch herzuſchreiben ſchien;— vertrauend noch auf ſeinen Luxus— auf ſein vortreffliches Beneh⸗ men— auf die Autoritaͤt ſeines vollkommen gu⸗ ten Geſchmacks, der immer als unverwerflicher Schiedsrichter citirt wurde, wenn es ſich um Ele⸗ ganz— Delicateſſe— Jagd— Gaſtronomie— Pferde— Muſik— Weiber, kurz um Geiſtes⸗ Glanz, wenn man ſo ſagen kann, handelte;— vertrauend auf dieſe unzaͤhligen Vorzuͤge, wollte Herr von Vaudrey, wie wir bereits geſagt haben, ſeine Rolle als glucklicher Damenritter unerſchrocken fortſetzen. Aber, o Schreck!. er wurde gewahr, daß die Ehemaͤnner und die Liebhaber nicht mehr auf ihn eiferſuͤchtig waren, und ihm ſehr gern ihre Frauen und ihre Geliebten anvertrauten. Den⸗ noch hatte eine junge Frau, die Baronin Van⸗ Daal, voll Geiſt, Reiz und Schönheit, den Herrn von Vaudrey mit eben ſo viel Auszeichnung und Zuvorkommenheit, als mit einer Art Gefallſucht aufgenommen, daß der Baron Van⸗Daal, ein ziem⸗ lich grober Herr und dabei ein großer Tulpen⸗ 3 — 227— Liebhaber, dem das Verhaͤltniß zwiſchen dem Gra⸗ fen und ſeiner Frau verdaͤchtig vorkam, ſeine Eifer⸗ ſucht nicht baͤndigen konnte. Auch war Herr von Vaudrey ganz gluͤcklich bei dem Gedanken, daß er noch Eiferſucht erregen koͤnne, und brachte durch Verdoppelung ſeiner Zaͤrtlichkeit gegen die Baronin deren Gemahl ſo auf, baß ein Auftritt, eine Er⸗ kläͤrung und ein Duell die Folge davon war. Der Graf erhielt im Anfang eine leichte Stichwunde, die er ſpäter dem Tulpenmann mit reichlichen Zin⸗ ſen zuruͤckgab, ſo daß dieſer zwei Monate lang bas Bett huͤten mußte. Im 5öſten Jahr eine Ehrenſache wegen einer huͤbſchen Hofdame gehabt zu haben, fuͤr ſie ver⸗ wundet zu werden und mit dem Arm in der Binde ſich zu ihren Fuͤßen zu werfen, um den ſuͤßen Lohn zu empfangen, alles dies vermochte wohl einem weiſern Manne als Vaudrey den Kopf zu ver⸗ drehen.— Obgleich ſich der Graf von Seiten der Baronin Van⸗Daal noch keiner Gunſt ruͤh⸗ men konnte, ſo nahm man ihn doch ſo gut auf, man ließ ihn ſo zaͤrtlich hoffen, daß er durch dieſe und vielleicht auch noch andere Gruͤnde mit ſeiner ehrenvollen Lage, welcher das Duell noch einen er⸗ höheten Glanz verlieh, ſehr zufrieden war. Aber ein boſer Streich ſchlug den Grafen ſehr zu Boden; er erfuhr, auf dem Gipfel ſeines Gluͤcks, daß er der Spott des ganzen Hofes ſei, denn man hatte entdeckt, daß die Baronin. Daal nur 15 — 228— zum Scheine ſich mit dem Herrn von Vaudrey in eine Verbindung eingelaſſen habe, um die Aufmerk⸗ ſamkeit ihres Gemahls und die Welt von ihr ab⸗ zulenken, damit ſie deſto ungeſtoͤrter die Freuden eines vertrauten Verhaͤltniſſes genießen koͤnnte, wel⸗ ches ſie mit einem Pagen des Koͤnigs“), einem Knaben von 17 Jahren und von der reizendſten Geſtalt der Welt, angeknupft hatte. Der Graf erfuhr dies in der gewöhnlich ge⸗ ſelligen Verſammlung des Königs, wo ihm ein vertrauter Freund dieſe ganze Intrigue mit allen ihren kleinſten Nebenumſtänden erzählte, ſo daß der ungluͤckliche Graf uber die laͤcherliche Rolle, welche er gegenwaͤrtig ſpielte, nicht mehr den ge⸗ ringſten Zweifel hegen konnte. Und was das Schlimmſte war,„ er hatte aus gewiſſen hohniſchen Mienen, aus dem unter⸗ druckten Lachen in ſeiner Gegenwart, bemerkt, daß die ganze Geſchichte ſchon von Mund zu Mund gegangen ſei. Er konnte ſich daher nicht mehr halten, empfahl ſich unter dem Vorwande einer wichtigen Ange⸗ legenheit bei dem König und kehrte auf das Aeußerſte gereizt und faſt außer ſich in ſein Hoͤtel zuruͤck. Er trug ein mit Silber geſticktes und mit Diamanten beſetztes Hofkleid von hochrother Farbe, *) Der Graf hatte die Stelle eines Kammerherrn des Königs Ludwig von Holland angenommen. weiße Beinkleider, weißſeidne Strimpfe und goldne Schnallen. f In ſeinen Salon eingetreten, warf er ſeinen Degen und den Federhut wuͤthend auf das Sopha und ging ſtuͤrmiſch auf und ab: „So bin ich alſo der Spott des Hofes!“ rief er jetzt in der groͤßten Wuth,„der Spott des Ho⸗ fes! aber ich habe es verdient, ich mit meiner Welt⸗ und Weiber⸗Kenntniß, ich merkte nicht, daß ich nur als Deckmantel fuͤr jenen unverſchaͤmten Knaben dienen mußte, und daß, waͤhrend der Mann, auf mich eiferſuͤchtig, ſich nur mit mir, meinen Schritten, meinen Plaͤnen und Handlungen be⸗ ſchaͤftigte, er ſeiner Frau freien Spielraum ließ, mit meinem Nebenbuhler die froͤhlichſten Stunden zu genießen! Und welchen Nebenbuhler, ein Kind von 17 Jahren! und ich bin ſo thoricht und ſchlage mich noch, werde verwundet und verwunde den Ehrenmann, während daß... NMun, es iſt ge⸗ ſchehen! Ich werde der Spott des Hofes ſein, ja ich bin es ſchon! Doch der Streich iſt gut geſpielt, und ich bin zu gut Weltmann, um ihn nicht dafur anzuerkennen! Sehr ſpaßhaft, in der That ſehr ſpaßhaft! ein hoffnungsvoller Page mit ſeiner Ba⸗ roneſſe!“ fugte der Graf mit bitterm Laͤcheln hin⸗ zu. Nach lange fortgeſetztem Selbſtgeſpraͤch uber die Eitelkeit der Welt und ihrer Freuden, wurde er ruhiger und faßte den Entſchluß, ſich von ihr zuruckzuziehen und ſich der Religion zu ergeben, —, welche er jetzt als angenehme Beſchaͤftigung be⸗ trachten zu muͤſſen glaubte. Aber von allen dieſen Klagen, Hoffnungen und Entſchließungen erfuhren weder die Gräfin noch ihre Kinder etwas, denn es war ihm auf der Welt nichts gleichguͤltiger, als ſeine Frau und ſeine Kinder. Wir haben aus dem Briefe, welchen die Graͤ⸗ fin von Vaudrey nach Verlauf von 10 Jahren an ihre Freundin ſchrieb, und in welchem ſie ihr die Geburt ihrer Tochter Marie meldete, erſehen, daß ſie keinéswegs gluͤcklich war und ſeit langer Zeit den Grafen nach ſeinem wahren Werth beurtheilt hatte. So hatte ſich ihre Lage nach zehn Jahren noch keineswegs gebeſſert, nur daß ihr Ungluͤck jetzt aus einer andern Quelle entſprang. So lange der Graf jung und beliebt geweſen war, hatte ſie ſchrecklich gelitten, wenn ſie ſah, daß er an andere Frauen ſeine ganze Liebe, ſeine An⸗ muth, ſeine Reize und ſeine verfuhreriſchen Kuͤnſte verſchwendete, und fur ſie dagegen nichts hatte, als eine kalte und foͤrmliche Hoflichkeit, welche ihm der Seelenadel und die himmliſche Reinheit der Gattin und Mutter gewiſſermaßen zu gebieten ſchien. Spater, als der Graf aͤlter wurde, waren ihre Leiden dieſelben, wenn ſie ihn laͤcherlich machen, ihn mit Recht wegen ſeiner Anſpruͤche verſpotten ſah, an deren Erfullung er nicht mehr haͤtte denken ſollen. Ueberdies betruͤbte ſie vorzuglich noch die grenzenloſe Gleichguͤltigkeit, mit der er ſeine beiden Kinder behandelte; denn väterliche Liebe konnte man jenen Stolz nicht nennen, welcher ihn mit einer gewiſſen Selbſtzuftiedenheit und mit egviſti⸗ ſchem und kaltem Hochmuth den Sohn betrachten ließ, der den Namen der Grafen von Vaudrey trug und fortpflanzen ſollte. Und der Beweis, daß dem Grafen von Vau⸗ drey die vaͤterliche Liebe ganz abging, lag darin, daß er ſelbſt nicht einmal den aͤußern Schein einer vaͤterlichen Zuneigung, welchen er doch bei ſeinem Sohne beobachtete, fuͤr ſeine Tochter zeigte, bloß weil dieſe ſeinen Namen nicht fuͤhrte. Die ungluͤckliche Graͤfin nun, dieſe ſo ergebene, ſo treue Frau, deren Herz ſo rein und edel, deren Geiſt ſo erhaben war, dieſe zartfuhlende Frau ſollte noch durch jene neue Umgeſtaltung ſeines Lebens ihren Schmerz, ihre Betruͤbniß vergroͤßert ſehen, ſollte, ſo zu ſagen, das Bittere aller dieſer Thra⸗ nen koſten. Und doch ſchwebte uͤber ihrem Haupte noch ein ſchreckliches Wetter; das Schlimmſte ſtand ihr noch beyor; noch verharrte ſie in der Meinung, daß der Graf(wie ſie ſich ihn dachte), einſt der großen Welt uͤberdruͤßig, wenigſtens zu ihr zuruͤck⸗ kehren und in einem ruhigen und angenehmen Leben, in den Armen ſeiner Kinder, und faſt ver⸗ ſpottet von eben der Geſellſchaft, welche er zu ſei⸗ nen Fuͤßen geſehen hatte, das alte Uebel zu ver⸗ — 232— geſſen ſuchen wuͤrde; doch ihre Traͤume gingen nie in Erfullung, obgleich dieſe Einfluß genug hatten, um ihr Muth zu Ertragung der Leiden und Hoff⸗ nung auf eine beſſere Zukunft einzufloͤßen. Ja es war eine thorichte und ſchmerzliche Hoffnung! Der Anblick der bluhenden und lächelnden Jugend iſt dem in alle Luͤſte der Welt eingeweiheten und de⸗ ren nun uͤberdruͤſſigen Greiſe unertraͤglich, weil ihn in ihr die Reize anlächeln, die er jetzt ſchmerzlich vermiſſen muß. Das traurige Alter iſt ihm ver⸗ haßt; kurz er bemuͤht ſich, alle Spiele, alle Ver⸗ gnuͤgungen zu tadeln und zu beſchimpfen, weil er fuͤr dieſe Spiele und dieſe Vergnuͤgungen moraliſch todt iſt; und nachdem er das Seinige lange Jahre hindurch im reichlichen Maße genoſſen hat, ſtirbt er, noch ſchimpfend und in Verzweiflung, ein Leben aufgeben zu muͤſſen, in welchem er doch jeden Tag ſeines truben Alters als ſchlecht und langweilig verwuͤnſchte. Dieſem waͤre ohne Zweifel das ſpaͤtere Leben und das Ende des Grafen von Vaudrey ähnlich geweſen, wenn ſich nicht eine neue Seite ſeines Egoismus entfaltet haͤtte, um der Gräfin neue Qualen aufzulegen und ſich eine reiche Quelle von ewiger Gluͤckſeligkeit zu eroͤffnen. Geht man das Leben des Grafen durch, ſo wird man immer und immer nur ſein eignes Ich vorherrſchen ſehen. So lange er noch in ſeinen Vergnuͤgungen und ſeinem Ruhme ſchwelgte, opferte — 233— er auch alles dieſem Ich aufz nichts iſt einfacher: dies war ſeine Logik. Bei dieſem egoiſtiſchen und beſchraͤnkten Geiſte des Grafen iſt es kaum begreiflich, wie er faͤhig war, den herrlichen Gedanken der Ergebenheit und der Liebe zu einer Religon zu faſſen, welche, ſo zu ſagen, durch den Glauben Alles in ſich ſchließt. Herr von Vaudrey war durch Uebermaß im Genuß ſchon längſt abgeſtumpft; der Herr von Vaudrey beſaß nicht eine von jenen moraliſchen und feſten Eigenſchaften, welche dem Alter nicht unterworfen ſind; der Herr von Vaudrey, unfaͤhig dies zu faſſen, mußte das Grundprincip der chriſt⸗ lichen Religion aͤndern, deren Symbol ein bluten⸗ des Suͤhnopfer eines Einzigen fuͤr Alle iſt. Ja der Herr von Vaudrey mußte die Grund⸗ idee dieſer troͤſtenden Moral aͤndern, um ſie mit ſeinem niedern Egoismus in Einverſtändniß brin⸗ gen zu koͤnnen. Alle jene aus dieſem niedern Egoismus entſpringenden, fuͤr das Wohl der Menſchheit ſo ſchrecklichen Ideen mußten ſich ganz natuͤrlich in dem Herzen des Grafen entwickeln. Aber jener ſtumpfe, ſelbſtſuͤchtige und maſchi⸗ nenmäßige Glaube, wird er ihm eines Tags von Nutzen ſein? wird er vor den Augen des ewigen Richters dereinſt die Pruͤfung beſtehene Funfzehntes Kapitel. Der 15. Juni 1811. Geheime, in Chiffern geſchriebene Depeſche des Chevalier Jean Thomas, Präfekt des Departements von***, an den Baron Blumart, Geheimſekretär des Miniſters von 16 Schon zwei Briefe von mir haben Sie ohne Antwort gelaſſen, mein lieber Blumart, und in Wahrheit, das iſt nicht ſchoͤn von Ihnen, denn die Fuͤrſprache, um die ich Sie bei dem Miniſter bitte, iſt keineswegs eine Gunſtbezeigung. Dieſer Titel eines Barons gehort mir mit Recht, glaube ich, nach aller Muͤhe, die ich mir hinſichtlich der Con⸗ ſcriptions⸗Angelegenheiten gegeben, und nach dem unverhofften guten Erfolge, den ich erlangt habe, indem ich Seiner Majeſtaͤt dem Kaiſer und Koͤnig drei hundert Mann uͤber das geforderte Contin⸗ gent ſtellte. In Wahrheit, beinahe ſollte ich es bereuen, den Militaͤrdienſt mit dem Adminiſtrations⸗Fache ver⸗ tauſcht zu habenz allein Sie wiſſen es, der Kaiſer — ſelbſt hat mich veranlaßt, dieſe neue Laufbahn zu betreten. Sehen Sie, ich hoͤre noch Ihre Maje⸗ ſtat zu mir ſagen:— Sie haben unter mei⸗ nen Befehlen in Egypten gedient?— Ja, Sire.—— Sie kamen damals aus Indien zuruͤck?— Ja, Sire.— Sie hatten dem Tippoo⸗Saöb gedient?— Ja, Sire.— Lange Zeit?— Bis an ſeinen Tod, Sire.— Das war ein Mann, dieſer Tippoo⸗Saöb, der es ver⸗ ſtand, ſeinen Willen auszufuͤhren— ſagte Seine Majeſtät, indem er mit ſich ſelbſt ſprach.— Hierauf fugten Dieſelben hinzu: Und er ſchätzte Siet.— Ich werde die Ehre haben, Eurer Majeſtaͤt die von dem Sultan eigenhaͤndig geſchrie⸗ benen Firmans vorzulegen. Gutte G Schicken Sie Uns dieſelben, und kommen Sie wieder Der Groß⸗Marſchall wird Sie einfuͤhren. Ich kam wieder, wie Sie wiſſen, mein lieber Blumart, und Ihre Majeſtat der Kaiſer und Koͤnig ſagte mir, indem Sie mir meine Papiere zuruͤckgab:— Ich habe alles die⸗ ſes geleſen, Sie ſind ein Mann von Eiſen... es iſt gut; ich will es mit Ihnen verſuchen.. Ich ernenne Sie zum Prä⸗ fekten des Departements von***. Schon dreiPraͤfekten konnten nichts da zu Stande bringen, und verloren alle ihre Muͤhe mit der Conſcription, die gar nicht vorwaͤrts ſchreitet und nicht den vierten Theil ihres — 236— Contingentes liefert. Wir wollen ſehen, wie Sie Ihre Probe ablegen und ſich aus der Verlegenheit ziehen werden. Drei Monate darauf war mein Departement unterworfen, ſtumm und geordnet wie ein Bataillon Cipayes. Ich hatte nicht einen einzigen Wider⸗ ſpenſtigen. Ich war, wie Sie wiſſen, vor keinem kräftigen und gewaltſamen Mittel zuruͤckgewichen; aber ich hatte auch das Ihrer Majeſtäͤt gegebene Verſprechen gehalten. Man hat mich zum Rit⸗ ter der Ehren-Legion ernannt; das iſt gut, allein das iſt nicht genug.... Schreiben Sie vielleicht meine Anforderung dem Ehrgeize zu? Nein, die⸗ ſer iſt keineswegs der Grund; dagegen kann ich Ihnen verſichern, mein lieber Blumart, daß der Barons⸗Titel, den ich verlange, der Verwaltung meines Departements den groͤßten Vortheil bringt; und darin allein erblicken Sie den Grund meines Verlangens Meine Untergebenen, indem ſie ſehen, daß man mein ſtrenges und unbiegſames Verfahren, uͤber welches ſie wie Tauben ſchreien, belohnt, werden ſich ruhig verhalten, wenn ſie mich gut und auf gehoͤrige Weiſe unterſtuͤtzt ſehen. Bei Gott! Sie wiſſen wohl, ich ſage es noch ein⸗ mal, daß ein Titel mir ſehr gleichgultig iſt; allein Sie wiſſen auch, was mir nicht gleichgultig iſt, naͤmlich der Dienſt Ihrer Majeſtaͤt des Kaiſers, dem ich mit Gluͤck meine Tage g⸗ widmet habe. Vielleicht wird man mich verleumdet, vielleicht ſogar dem Miniſter nachtheilige Berichte uͤber mich gemacht haben; und doch wiſſen Sie, ob man Ver⸗ trauen auf mich ſetzen kann, und ob ich ein Nichts⸗ wuͤrdiger und von beſchraͤnkten Mitteln bin. Sie wiſſen, daß ich mich in Hinſicht der Menſchen nicht täuſchez daß ich viele zahm gemacht habe daß ich ſie ſeit langer Zeit kenne; und daß, als die ſicherſten Mittel, ſie zu beherrſchen, ich keine uͤber denen kenne, welche ich anwende: Polizei, Spione, Beſtechung, Furcht, Gefaͤngniß, tuͤchtige Daumen⸗ ſchrauben, was ſie einfaltigerweiſe die Tortur nen⸗ nen. Die Tortur!. Ach! wollte Gott, daß die Tortur wieder bei uns eingefuͤhrt wuͤrde das wuͤrde uns aus großer Verlegenheit zie⸗ hen; denn das Volk iſt ein ſo traͤges und feiges Thier, daß man ſich durch die Furcht ſogleich Recht verſchaffen wuͤrde, während man mit Sanftmuth und Schonung nichts mit ihm ausrichtet und noch ausgelacht wird. Und woruͤber, ich frage Sie, woruͤber beklagt es ſich denn? Es bezahlt Ab⸗ gaben an Menſchen und Geld, ſagt es. Nun! zum Henker; da iſt es allerdings recht beklagenswerth Iſt es aber nicht auch das franzoͤſiſche Volke wird ſein Name nicht mit Achtung in der ganzen Welt begruͤßt? Wahrhaftig, das iſt ein wenig zu ſtark! Dieſes Geſindel da verlangt viel⸗ leicht, daß Ihre Majeſtät der Kaiſer Siege und Ruhm davon truge, ohne Mittel. ohne Ar⸗ —- 6— meen und ohne Geld.... Noch einmal, mein Freund, welche furchterliche und unedle Race iſt doch dieſes Volk! Um es zu Paaren zu treiben, bedarf es eines recht ſchweren, recht druͤckenden Joches, und einer tuͤchtigen Peitſche, dann geht esz ſonſt iſt es widerſpenſtig Auch koͤnnen Sie dem Miniſter verſichern, daß ich es an der Peitſche nicht fehlen laſſe.. Aber noch einmal, es be⸗ darf meine bisherige Handlungsweiſe einer hoͤhern Autoriſation, um ſie beibehalten zu koͤnnen; die beſte Autorität wird aber der von mir geſuchte Ti⸗ tel ſein; und dann duͤrfte dieſer Titel, mein Beſter, eine Scheidewand ziehen zwiſchen uns und den al⸗ ten rothmuͤtzigen Träumern und Freiheitsſchwind⸗ lern, zwiſchen den einfaͤltigen Schwärmern fuͤr die eine und untheilbare Republikll1 Man muß dieſen gefährlichen Narren zeigen, daß es eine reine Unmoöglichkeit ſei, die Vergangenheit wieder zuruͤck⸗ zurufen. Endlich wäre mir dieſer Titel aus dem Grunde noch wuͤnſchenswerth, weil er eine Art vovn Conceſſion ſein wuͤrde, wenigſtens nach den Ideen der Anhänger der alten Herrſchaft, welche ihr Gu⸗ tes haben, und welche anfangen, ſich mit Sr. Majeſtät dem Kaiſer und Koͤnig wieder zu vereinigen. Sie beklagen die vergangene Zeit, und dies iſt in der That ganz natärlich. Nun, Ludwig XVIII. dankt zu Gunſten Sr. Majeſtaͤt des Kaiſers ab; der alte Adel willigt ohne Groll und ohne Vorur⸗ theil ein, uns neue Adelige wie ſeines Gleichen zu betrachten, ſo wird Alles wieder rechtmäßig, Alles kehrt in die Ordnung zuruͤck, und wir werden beim Teufel wohl Mittel finden, die Hydra, das Un⸗ geheuer, das Laſtthier, mit einem Wort das Volk zu bezaͤhmen. Was die Republik betrifft, ſo iſt ihre Zeit laͤngſt vorbei, allein da die Traͤume dieſer Parteigaͤnger immer den Ideen und dem Geſchmacke des Pobels ſchmeicheln, ſo muß man ſie recht feſt in den Zuͤ⸗ geln halten und blindlings darauf ſchlagen.„An ſchlechten Thieren iſt um ieden Streich Schade, der daneben faͤllt,“ ſagt ein Sprichwort, und ich befolge dieſes Sprichwort. Was ich am meiſten unter ſtrenger Aufſicht halte in meinem Departement, iſt der Clerus. Die Religion iſt fur die Maſſe ohne Zweifel vortrefflich, aber ich habe in meinem Departement einen ver⸗ teufelten Erzbiſchof, den ich ſeit langer Zeit kenne, und welcher vom Volke angebetet wird, weil er ſehr reich, ein ſehr großer Herr iſt und reichliche Almo⸗ ſen austheilt. Er war Schiffsprediger am Bord einer Fregatte, auf der ich in Indien gedient habe; damals nannte er ſich Abbé von Cilly. Er ſchien mich nicht wieder zu erkennen und ich that ganz politiſch daſſelbe. Und dadurch gewinne ich freien Spielraum, denn er iſt ein Mann, welcher einen ungeheuern Einfluß auf die ganzen Einwohner ausubt. Es iſt wahr, es giebt keinen Dorfpfarrer, welcher mit mehr Eifer, als dieſer Scheinheilige, die Kranken troͤſtet und den Sterbenden beiſteht. Aber was ich nicht liebe, iſt, daß er in ſeinen Pre⸗ digten, die einen ungeheuren Zulauf haben, immer gut angebrachte Stichelreden gegen die Despoten und Tyrannen ꝛc. anbringt, und ohne ſich zu ge⸗ niren von einer gerechten und weiſen Freiheit ſpricht, als wenn die Freiheit jemals koͤnnte weiſe und gerecht ſein! Ich habe zwei geheime Rapporte an den Miniſter des Cultus deshalb gemacht; aber man hat mir geantwortet, daß aus erhabenen Ruͤckſichten man ſich veranlaßt fande, dieſe Sprache zu dulden, ſo lange ſie nicht die Grenzen der Schicklichkeit und der Sr. Majeſtät dem Kaiſer und Koͤnig ſchuldigen Achtung uͤberſchreite. Bei dieſer Gelegenheit erneuere ich die ſchon wiederholte Bitte wegen einiger Fonds. Dieſer Erzbiſchof fuͤhrt ein großes Haus und ſtellt die an⸗ dern Behoͤrden des Departements zu Aller Aerger in den Schatten. Aber was ſonderbar iſt, dieſes einfaͤltige Volk iſt ſo ſchwärmeriſch fuͤr jenen Prie⸗ ſter eingenommen, daß, anſtatt ſich uͤber dieſen un⸗ chriſtliche Liebe des Erzbiſchofs erblickt, welcher die⸗ ſen Lurus nur macht, wie es ſagt, um armen verſchaͤmten Lurus aufzuhalten, es nur darin die Leuten Beſchäftigung zu verſchaffen; dieſem Vorgeben fehlt es nicht an Wahrſcheinlichkeit, denn was den Erzbiſchof perſoͤnlich bekrifft, ſo hat er das Anſehen des einfachſten und maͤßigſten Menſchen auf der Welt; allein ich bin uͤberzeugt, daß es nur eine eingewurzelte Verſtellung und Heuchelei iſt, und nichts Anderes. Aber wenn er den hohen Clerus empfängt, entfaltet er eine fuͤrſtliche Pracht, und ſein Haus und ſeine Tafel ſteht allen Landpfarrern offen, welche in reichlicher Anzahl zu ihm ſtröͤmen. Wenn es nach dieſen Dienſtſachen angemeſſen waͤre, von Familienangelegenheiten zu ſprechen, ſo wuͤrde ich Ihnen die Sorgen und Noth erzaͤhlen, die mir mein Sohn verurſacht, welcher, obgleich er erſt 12 Jahr alt iſt, doch die ſonderbarſten Ideen an den Tag legt; man hat ihn einfaͤltigerweiſe die romiſche Geſchichte leſen laſſen, und er traͤumt ge⸗ genwaͤrtig nur von Roͤmern, Freiheit, Brutus und andern Dummheiten und gefaͤhrlichen Poſſen; ſeine Mutter und ich thun unſer Moglichſtes, ſeinen Ideen eine andere Richtung zu geben, allein ver⸗ gebens; und dies iſt um ſo unangenehmer, weil er in ſeiner Schule tauſend Thorheiten begeht, und ſich ſchon den Beinamen Sansculotte erworben hat.— Sie begreifen, wie unangenehm das fuͤr mich ſein wuͤrde, wenn glucklicherweiſe meine Grund⸗ ſätze nicht ſo allgemein bekannt waͤren, als ſie es ſind, denn man halt oft die Meinung der Kinder nur fuͤr ein Echo der Meinungen der Eltern.— Und ich ſchwoͤre Ihnen, daß, wenn er im Hötel der Praͤfektur von Politik ſprechen hoͤrt, dies gewi nicht zu Gunſten der Freiheit geſchieht. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 16 Ich habe durch Velval erfahren, daß die Gu⸗ ter und Waldungen des Herrn von Vaudrey, der ein Betbruder geworden iſt, ihm durch den Kaiſer aus Erkenntlichkeit zuruͤckgegeben worden ſind, weil der Graf, als einer der groͤßten Grundbeſitzer von Holland durch das Vermoͤgen ſeiner Frau, eine Ehrenfunction am Hofe Sr. Majeſtät des Koͤnigs Ludwig angenommen hatte.— Es hat mich bei⸗ nahe geaͤrgert, denn die Veſitzung Vaudreys iſt in unſerer Gegend und ſie haͤtte mir wohl angeſtan⸗ den. Allein das Privat⸗Intereſſe muß dem öffent⸗ ichen weichen Ich fahre in meinem Brief wieder fort, den die Ankunft Ihrer Depeſchen unterbrochen hatte. Wie ſehr hatte ich Unrecht, mich uͤber Sie zu be⸗ klagen, mein lieber Blumart, wie vielen Dank bin Ihnen ſchuldig!— Endlich habe ich den Titel als Baron!! und die Briefe, welche mir ihn ertheilen, ſind fuͤr mich in den ſchmeichelhafteſten Ausdruͤcken abgefaßt und werden der Stolz meiner Nachkommenſchaft ſein. Alles iſt vollkommen gut, die Wappen ſind ſehr ſchoͤn, nur werde ich das blaue mehr ausſchneiden laſſen, es wird ſich beſſer ausnehmen. Glauben Sie, daß es ſchicklich ſein wuͤrde, wenn ich dieſe Wappen uͤber dem Hauptſims des Thores der Praͤfektur ſculptiren ließe? denn in der Siß des alten Adels ſind alle Thuͤren eben ſo verziert.... Sie werden in mei⸗ —— nem Namen dem Miniſter fuͤr ſeine Guͤte tauſend⸗ mal danken; und um Ihnen zu beweiſen, daß ich deren nicht unwuͤrdig bin, zeige ich Ihnen an, daß ich im Begriffe ſtehe, meinen Reviſionsrath von Neuem zuſammenzuberufen, ihm die ſtrengſten Be⸗ fehle zu geben, daß er keine Ausnahme Statt finden laſſe, und uͤber mein Departement das Netz von Neuem auszuwerfen; es muͤßte der Teufel darin ſitzen, wenn ich nicht noch ungefähr 40 Conſeri⸗ birte fur die glorreichen Armeen Sr. Majeſtät zu⸗ ſammenbrächte... Man wird ein wenig von Ka⸗ nonenfutter ſprechen; aber was liegt mir daran? Ich laſſe ſie reden, weil man einmal der Kanone Frankreichs Ruhm verdanken muß; die arme Ka⸗ none darf nicht ſchweigen und der Kaiſer darf ſich durch ſolch thorichtes Gerede nicht irren laſſen. Wenn Sie Gelegenheit finden, mein lieber Blumart, ſo rufen Sie von Zeit zu Zeit dem Mi⸗ niſter den Umſtand ins Gedächtniß zuruͤck, daß ich es war, der zuerſt den Reviſionsrath meines De⸗ partements von der elenden Gewohnheit abgebracht hat, die Einäugigen und Hinkenden vom Dienſt auszuſchließen; es war thöricht, denn auf einem Schlachtfelde ſchießt man ja nicht wie auf die Scheibe, und auf Maſſen zu ſchießen reicht ein Auge auch hin.— Was die Hinkenden anlangt, ſo wuͤnſche ich mir alle Tage Gluck, den Anſchlag gegeben zu haben, ſie der Marine einzuverleiben.— In dieſem Stande hat man mehr als 16˙ zu gehen; alſo wenn auch hinkend, kann man voll⸗ kommen gut an dem Tau hinaufklimmen. Glauben Sie mir, mein Lieber, man kann aus jedem Menſchen einigen Nutzen ziehen; wenn man Sclaven beſeſſen hat, ſo verſteht man ſich dgrauf.— Sehen Sie, es iſt gerade ſo mit den Buckligenz ich weiß in Wahrheit nicht, warum man ſie ſo frei ausgehen laͤßt. Manche ſolcher Thiere leben 100 Jahre und ſind ſtark wie Tuͤrken, und dann, in ungluͤcklichen Feldzuͤgen, wo der Muth des Sol⸗ daten wankend wird, duͤrften einige Bucklige in je⸗ der Compagnie dies Corps erheitern und es zum Lachen bringen, und wenn der Solbat lacht, ver⸗ gißt er ſeine Beſchwerden; auch bin ich gewiß, daß die Buckligen ſich aus Eigenliebe wie Loͤwen ſchla⸗ gen werden„ man duͤrfte ihnen uͤbrigens nur den Marſchall von Luxemburg, der gleiches Schick⸗ ſal hatte, zum Beiſpiel anfuͤhren... man koͤnnte ihnen auch ſagen, daß ſie ſchon ohnedies durch ihre Mißgeſtalt ungluͤcklich genug ſind, als daß man ihnen den Ruhm, fur ihr Vaterland zu kämpfen, entziehen ſollte. Obgleich dieſe Idee ins Lacherliche fallen kann, ſo werde ich Ihnen in dieſer Hinſicht dennoch eine ſehr ernſthafte und ausfuͤhrliche Note zuſchicken, wovon ich hier den Titel beifuͤge „Ueber die ſtatiſtiſche Proportion der Buckligen in der Bevolkerung des Depar⸗ tements des Reiches Sr. Majeſtät des Kai⸗ ſers und Koͤnigs, und uͤber den Nutzen, den man aus dieſer Claſſe von Individuen zie⸗ hen kann, wenn man ſie zum Dienſt in den Armeen Sr. Majeſtaͤt verwendet.“ Sie werden die Gefälligkeit haben, dieſe Note dem Miniſter vorzulegen. Denn jetzt, mein lieber Blumart, da ich meine Verwaltungsweiſe ſo auf⸗ gemuntert ſehe, können Sie uͤberzeugt ſein, daß ich mir neue Anſpruͤche auf das Zutrauen des Kaiſers zu verdienen ſuchen werde. Noch einmal danke ich Ihnen unendlich, beſter Freund, fuͤr alle Ihre Guͤte. Legen Sie meine ehrfurchtsvolle Ergebenheit zu den Fuͤßen des Miniſters und genehmigen Sie die Ver⸗ ſicherung meiner groͤßten Dankbarkeit. Die Frau Baronin Thomas empfiehlt ſich Ihnen. Baron Thomas, Praͤfekt des Departements*** Sechzehntes Kapitel. Der 11. Januar 1812. Die Gräfin von Vaudrey an die Marquiſe von Bellow, zu Neapel. Schloß Sercost bei Utrecht. Großer Gott, beſte Freundin, habe Mitleiden mit mir in der That, meine Sinne ſind ganz verwirrt, indem ich ſo eben einen verzweifelten Auftritt mit dem Herrn von Vaudrey gehabt habe, denn ich bin uͤber alle Maßen erſchrocken uͤber das Loos, welches er meiner armen Marie zuge⸗ dacht hat. 5 Schon laͤngſt habe ich Dir die Veraͤnderung er⸗ zahlt, welche ſich mit Herrn von Vaudrey zuge⸗ tragen. Du weißt, daß er nach jenem lächerlichen und ungluͤcklichen Vorfall, welcher ihm beinahe das 3 Leben gekoſtet haͤtte, und ihn zum Gegenſtand des Spottes des ganzen Hofes machte, Haag verließ, um ſich hier in Begleitung von einem Kapellan, welchen ihm der Ritter von Volſky empfohlen hatte, niederzulaſſen. Als wir auf unſerm Landgute waren, theilte Herr von Vaudrey mir ſeinen neuen Plan mit. Da er fuͤr ſein Seelenheil beſorgt war, ſo trug er mir feierlichſt auf, keinen Beſuch anzunehmen, da⸗ mit er in ſeinen Andachtsuͤbungen nicht geſtort werde. Unſer Sohn Alfred war damals in Eng⸗ land mit ſeinem Hofmeiſter und einem andern Edelmann, welchen Herr von Vaudrey ihm als Begleiter zugeſellt. Ich blieb alſo ganz allein mit meiner lieben Marie, welches mir, wie Du leicht denken kannſt, ſehr angenehm war. Obgleich die Bekehrung meines Gemahls uͤber⸗ raſchend und vielmehr eine Folge des Aergers als der Ueberzeugung war, ſo muß ich Dir geſtehen, meine Freundin, daß ſie mich anfangs entzuͤckte, denn ich wußte am beſten, wie viel Troſt man von dem Himmel erwarten kann, wenn das Leben auf dieſer Erde zu beſchwerlich iſt und uns mit leeren Hoffnungen taͤuſcht; auch glaubte ich, daß die neuen religioͤſen Ideen den Grafen dahin bringen wuͤr⸗ den, ſich uns zu nähern und die chriſtliche, ſo wohlwollende und liebevolle Moral zu befolgen kurz ich glaubte meinen Traum ſchon er⸗ fullt zu ſehen. Ich dachte, Herr von Vaudrey, entfernt von dem Hofe, der Welt uͤberdruſſig und fur uns Liebe fuͤhlend, wurde endlich zu uns, die wir ihn ungeachtet ſeiner Gleichguͤltigkeit liebten, zuruͤckkehren. Aber, meine Freundin, alles dies war nur eine Taͤuſchung, eine bittre und ſchreckliche Taͤuſchung. Der Kapellan wurde fuͤr den Herrn von Vaudrey, von dem Augenblicke an, wo er Einfluß auf ihn bekommen hatte, das, was die Welt und ihre Ver⸗ gnuͤgungen ihm ehemals geweſen waren; er war ihm Alles, er hoͤrte, er ſah, er dachte, er urtheilte nur durch ſeinen Kapellan. Ich und meine Toch⸗ ter ſind ihm eben ſo fremd geblieben, ja wir ſind ihm noch gleichguͤltiger als vor ſeiner Bekehrung; urtheile ſelbſt daruͤber, meine Freundin. Herr von Vaudrey ſteht um 9 Uhr auf und hoͤrt die Meſſe in ſeiner Kapelle, die er mit einer verſchwenderiſchen Pracht wieder aufbauen und aus⸗ ſchmuͤcken ließ. Dann fruͤhſtuͤckt er in ſeinem Ge⸗ mach und geht auf die Jagd, wenn das Wetter ſchoͤn iſt; außerdem bringt er drei oder vier Stun⸗ den in ſeiner Reitſchule zu; dann kommt er zu Hauſe, erſcheint bei Tiſche, gruͤßt mich, kuͤßt ſeine Tochter, und entfernt ſich, um zu beichten(denn er beichtet jeden Abend) und dann einem Vortrage ſeines Kapellans zuzuhoren; dann legt er ſich um acht Uhr zu Bette; ſo iſt ſein, ſo iſt unſer Leben ſeit zwei Jahren. Was mich betrifft, die ich an das traurigſte und einfoͤrmigſte Leben gewoͤhnt bin, ſo wuͤrde ich bei dem Gedanken, daß Herr von Vaudrey ſich glucklich befinde, dieſe gänzliche Abſonderung von der Welt gern ertragen... Aber meine Toch⸗ ter beduͤrfte in ihrem Alter ein wenig mehr Erhei⸗ terung und Bewegung, denn hier fuͤhrt das arme Kind das Leben einer Nonne; ihr Vater will durch⸗ aus keine Geſellſchaft annehmen, und ſein Wille iſt eiſern. Seit zwei Jahren, und ungeachtet des Krie⸗ ges, befindet ſich mein Sohn Alfred in Englandz ſein Vater hatte anfangs ſeine jaͤhrliche Ausgabe auf 50,000 Livres geſetzt, was mir ſelbſt ange⸗ meſſen ſchien, aber bald reichte ihm dieſe Summe bei weitem nicht mehr hin. Er miethete ein Haus zu London und ſeine Ausgaben wurden ſo uͤber⸗ maͤßig groß, daß ich es fuͤr noͤthig fand, daruͤber mit Herrn von Vaudrey zu ſprechen, und ihn um eine Unterredung bitten ließ. Nach einiger Zoͤ⸗ gerung bewilligte er ſie mir. „Mein Herr,“ ſagte ich unter Anderm,„Sie richten Ihren Sohn zu Grunde, indem Sie ſeinen geringſten Wuͤnſchen nachgeben und bei dieſem un⸗ gluͤcklichen Kinde der Sucht zu einer thoͤrichten Verſchwendung fröhnen. Seit den zwei Jahren hat er ſchon mehr als 300,000 Franken verſchwen⸗ det, und ſo eben vernehme ich durch Ihren In⸗ tendanten die Abſicht, dem Alfred noch 3000 Louis⸗ d'or, die er verlangt, zu ſchicken. Erlauben Sie, mein Herr, Ihnen zu bemerken, daß Sie auch eine Tochter haben, und.„. Hier unterbrach mich — 250— Herr von Vaudrey und ſagte mit ſeiner gewohnli⸗ chen Ruhe und Faltbluͤtigkeit:„Madame, mein Sohn, der Herr Graf von Vaudrey, fuͤhrt mei⸗ nen Namen, er muß daher ſeinen Rang, be⸗ ſonders in fremdem Lande und in England, wo der Adel ſehr reich iſt, wuͤrdig behaupten. Belie⸗ ben Sie alſo, Madame, kuͤnftig mir dergleichen Anmerkungen zu erſparen; was ich billige, muß von Jedermann gebilligt werden.“ Meine Vor⸗ ſtellungen, meine Bitten, Alles war vergeblich, er antwortete mir nicht mehr und begleitete mich bis an die Thuͤre ſeines Gemachs. Aber hat meine Tochter nicht dieſelben Rechte auf das Vermoͤgen, hat ſie nicht ein viel ungluck⸗ licheres Schickſal? Sie iſt ſo gut, ſo unſchuldig, ſo geiſtreich, es fehlt ihr nichts, als leider das, was gleich anfangs anzieht, der aͤußere blendende Schein Ach, die Zukunft dieſes Kindes verurſacht mir in der That recht viel Sorgen und Kummer. Aber mein Gott, was ſoll ich thun! Seit langer Zeit, meine Freundin, nahm ich Anſtand, Dir zu ſchreiben; allein ich bin ſo un⸗ gluͤcklich, ſehe eine ſo traurige Zukunft voraus, die ich ſo wenig aͤndern kann, daß ich nicht wi⸗ derſtehen konnte, Dir, in der Hoffnung, einen gu⸗ ten Rath von Dir zu erhalten, zu erzählen; denn ich bedarf deſſen, beſte Freundin, ich muß dieſe ſchreckliche Lage verlaſſen, aber mein Leben iſt ſo gut wie beendigt, kein Gluͤcksſtern kann mir mehr . —— — 251— leuchten! Das Leben meiner Tochter dagegen be⸗ ginnt erſt.... und ich will nicht, daß ſie ein ſo furchterliches Leben fuͤhre wie ihre Mutter, ich will nur ihr Gluͤck, denn Gott iſt ihr ſchuldig, was er mir verweigert hat.. Sie ſoll nicht meinen Leiden, meinem Kummer ausgeſetzt ſein.... gieb mir alſo, meine Freundin, Deinen Rath und be⸗ frage nöthigenfalls auch den Lord Bellow, Deinen Gemahl, in meiner Angelegenheit.— Als ich noch jung war, waren meine Klagen als hintangeſetzte, verachtete, vergeſſene Gattin nur Dir und Gott be⸗ kannt. Jetzt koͤnnen und duͤrfen meine Beſorg⸗ niſſe als Mutter einem Manne wie Bellow an⸗ vertraut werden; denn wie geſagt, es handelt ſich um die Zukunft und das Schickſal meines Sohns und meiner Tochter. Lebe wohl, lebe recht wohl, beſte Freundin, und laß mich nicht lange auf einen Brief von Dir warten. Ina, Graͤfin von Vaudrey. Siebzehntes Kapitel. Der Vater und der Sohn. (1817.) Das Schloß Vaudrey, an der Grenze der Nor⸗ mandie und Bretagne gelegen, gewaͤhrte einen ed⸗ len und erhabenen Anblick. Eine ungeheuere, uͤber eine halbe Stunde lange Allee von ſechs Reihen hundertjaͤhriger Eichen fuͤhrte zu dieſer herrlichen Beſitzung. Nachdem man durch zwei ſchoͤne Hoͤfe gekom⸗ men, welche von großen in Kübeln ſtehenden Hran⸗ genbaͤumen umgeben wurden, gelangte man auf eine ſteinerne Bruͤcke, an deren Ende ein großarti⸗ ges Gitterthor ſich befand, auf welchem ein Schild von goldner Bronze, das Wappen des Herrn von Vaudrey darſtellend, zu ſehen war. Dann befand man ſich in einem weitlaͤufigen Gehoͤfte des Schloſ⸗ ſes, welches von den ſchonſten Gewaͤſſern beſpuͤlt wurde. — 253— Eine ungeheuere Hauptwohnung und zwei Sei⸗ tenflugel, eine halbkreisfoͤrmige ſteinerne Haupt⸗ treppe mit zwei großen Seitentreppen mit marmor⸗ nem Gelaͤnder, auch kreisfoͤrmig, welche nach dem mittlern Eingang fuͤhrten, zwei Reihen von 25 hohen Fenſtern, getrennt durch eine korinthiſche Saͤulenreihe, ein Geſimſe mit Gelaͤndern, welche das halbabwaͤrts gehende Dach verdeckten, acht maſ⸗ ſive Rauchfaͤnge mit Sculpturen, Waffentrophäen vorſtellend, dies war die Fagade jenes prachtvollen Gebaͤudes, welches dem 17ten Jahrhundert anzu⸗ gehoͤren ſchien. Da die Ruinen des alten Schloſ⸗ ſes der Grafen von Vaudrey nicht mehr bewohn⸗ bar waren, ſo wurden ſie nur als Erinnerung, und weil man auf ihnen eine ſchoͤne Ausſicht genoß, in der Mitte eines unermeßlichen ſuͤdlich gelegenen Parks, erhalten. Es war ein ſchoͤner Octobermorgen, der Him⸗ mel war mit einem leichten grauen Schleier bedeckt und das Schloß mit ſeiner unermeßlichen weißen Facade ſtach wundervoll von dem braunen und rothen Laube des Waldes ab, welcher ſchon im herbſtlichen Schmuck ſich hinter dem Hauptgebaͤude wie ein Amphitheater ausdehnte. Aber da die jetzt zu beſchreibende Scene in we⸗ niger hohen Regionen vorgeht, ſo erlauben wir uns, den Leſer ein wenig links gegen eine bedeu⸗ tende Maſſe von Häuſern zu führen, welche kunſt⸗ lich durch einen hohen Wald verborgen waren, mit — einem Wort, zu den Dienerwohnungen des Schloſ⸗ ſes, in einen Hof, welcher an den Hundeſtall, die Reitſchule und die Stallungen ſtieß. Ein ziemlich lebhafter Wortwechſel, der alle noͤthigen Elemente in ſich faßte, um in Streit aus⸗ zuarten, fand zwiſchen zwei Perſonen Statt, die wir ſogleich beſchreiben werden. Der eine war ein Mann von ungefaͤhr 60 Jah⸗ ren, von mittlerem Wuchs, mager aber muskuloös und kräftig; er trug ein langes, altes und gruͤnes mit Borden beſetztes Kleid, feſtgehalten auf ſeinen Huͤften durch den Gurt eines eben ſo alten Hirſch⸗ fängers, mit einem ſehr breiten und gebogenen Griff von Ebenholz und Silber. Fuͤgt man nun noch ſehr alte ſammetne Hoſen von gelblich gruͤner Farbe, hohe Stolpenſtiefeln mit ſchwarzen Sporen, eine ſcharlachrothe mit Silber be⸗ ſetzte Weſte, die das halbzugeknöpfte Kleid ziemlich bedeckte, einen weißen und in Falten gelegten Kragen, gepudertes Haar, einen kleinen duͤnnen Zopf und ei⸗ nen dreieckigen ſehr flachen und ausgeſchweiften bor⸗ dirten Hut hinzu, ſo hat man das vollſtaͤndige Por⸗ trait des Herrn La Viteſſe, erſten Jägers des Herrn Grafen von Vaudrey. Doch durfen wir nicht ſein verbranntes, gelbes, runzliches Ge⸗ aus welchem zwei ſcharfe feurige ſchigen grauen Augenbrauen her⸗ Herr La Viteſſe, auf einer Bank ſitzend, hatte an ſeiner Seite nicht etwa ein modernes kleines JIagdhorn, ſondern ein altes großes à la Dampi⸗ erre, dicht mit Schnure von gruͤner Serge um⸗ wunden, welche nichts ſehen ließ, als das glän⸗ zende Kupfer der untern Oeffnung. Ein ſchöner Windhund aus Poitou, von ho⸗ hem Wuchſe, von fahlbrauner Farbe mit Feuer⸗ flecken, kurzen Lenden, breitem Bug, mit ſchoͤnen, langen, ſchwarzen und mit Narben bedeckten Ohr⸗ behaͤngen, ſchlief ruhig ausgeſtreckt unter den Fü⸗ ßen ſeines Herrn. Dieſer Lieblingshund des Herrn La Viteſſe hieß Ravageot und verdiente dieſen Na⸗ menz er war ſonſt der erſte in der Meute des Gra⸗ fen, aber jetzt, da er aͤlter geworden war, hatte man ihn zu einem vortrefflichen Spuͤrhund gebildet. Die andere Perſon ſtach von dem alten Jager auf eine auffallende Weiſe ab. Beide bildeten, ſo zu ſagen, die alte und neue Regierung im Gegen⸗ ſabe, die alte mit ihren Gewohnheiten, Regeln, ih⸗ ren unveraͤnderlichen franzoͤſiſchen Gebraͤuchen, und die neue mit ihrer entſchiedenen Anglomanie. Dies war ein junger Englaͤnder von hohem und ſtarkem Wuchſe, blond, mit geſunder Geſichts⸗ farbe, mit trotziger und kalter Miene, kurz ein ziem⸗ lich hubſcher Burſche, der recht gut franzöſiſch ſprach. Seine Kleidung ſchien außerordentlich gewählt; er trug einen kleinen Oberrock von rothem Tuch mit ſilbernen Knöpfen, der ſeinen kraftvollen Wuchs noch mehr hervorhob; hellgelbe kurze Hoſen von Dam⸗ hirſchleder, glänzende Stolpenſtiefeln mit Stahl⸗ ſporen, eine ſorgfaͤltig anliegende weiße Cravatte und eine ſchwarzſammetne Muͤtze. Er ſpielte ma⸗ ſchinenmaͤßig mit einer Jagdpeitſche, und an ſei⸗ ner Seite hing an einer ſeidenen Schnur ein ganz kleines kupfernes Horn. Damit nichts zu dem Contraſte fehlte, ſo lag ein großer junger Windhund von engliſcher Race, ein wahrer For⸗Hund, weiß und orangenfarbig, mit hohen Laͤuften, langer und duͤnner Ruthe, feiner und langer Spur, kleinen ſpitzen Ohren, bei ſeinem Herrn, und warf halb veraͤchtliche und halb ſchuͤch⸗ terne Blicke auf den alten Ravageot, welcher ihn von Zeit zu Zeit von der Seite anſchielte und ein dumpfes und drohendes Knurren hoͤren ließ. Jener Engländer im rothen Oberrock war Tom Crimps, der die Fuchshunde des jungen Vicomte Alfred von Vaudrey dreſſirte, denn der Graf Al⸗ fred, der zu ſehr Modeherr war, um den alten fran⸗ zöſiſchen Jagdgebraͤuchen zu huldigen, welchen ſein Vater gewiſſenhaft treu geblieben war, hatte aus England einen vortrefflichen Zug von 15 Pferden und 60 Hunden der reinſten Race mitgebracht. Dieſer Tom Crimps alſo, dieſer Huntsman, welchen Alfred mit großen Koſten hatte kommen laſſen, galt in Leiceſterſhire fuͤr einen der beſten Schuͤler des alten beruͤhmten und unerſchrockenen Bryan⸗Corooran. — 257— Der Gegenſtand des Streites zwiſchen dem Jaͤ⸗ ger und dem Huntsman war, wie gewoͤhnlich, der Vorzug der engliſchen uber die franzöſiſche Jagd, und ſo umgekehrt. La Viteſſe, von ſehr hitziger Natur, aͤrgerte ſich noch uber das ganze britanniſche Phlegma des Tom Crimps, welcher, des Beiſtandes ſeines Herrn ge⸗ wiß, ſich beluſtigte, den alten Jäger aufs Aeußerſte zu reizen. „Nein, was Ihr Jagd nennt, kann nicht mit Recht Jagd genannt werden, Tom,“ ſagte bitter La Viteſſe—„und es dauert Einem, wenn man ſieht, daß der Herr Vicomte Fuchſe ernähren läßt, um ſeine Hunde darauf zu hetzen, waͤhrend daß der Wald von Vaudrey ſo ſehr von Ebern, Pirſchen und Rehboͤcken ſtrotzt, daß es wie ein Nebel ausſieht. Nein, in der That, Euer Ge⸗ werbe verdient den Namen Jagd nicht. Ein Haus⸗ kaninchen kann man nicht ein Waldkaninchen nen⸗ nen verſteht Ihr mich?“ „Unſre Jagd iſt die einzige, wo man die Ge⸗ ſchicklichkeit des Pferdes und die Kuͤhnheit des Ja⸗ gers beurtheilen kann,“ ſagte verächtlich Tom, in⸗ dem er mit dem Stiele ſeiner Peitſche auf die Stolpen ſeiner Stiefeln ſchlug—„unſre Jagd iſt die Beſchaͤftigung eines kuͤhnen jungen Man⸗ nes, während die Eurige nur fur einen alten guten Mann paßt, der ruhig hinter einem Eber hergeht, Die Seewarte v. Koat⸗Ven. MI. 17 wenn er ſeine Meſſe gehoͤrt.... und den Se⸗ gen ſeines Kapellans erhalten hat.“ „Halt, Tom, halt!... druͤckt Euch nicht ſo unverſchaͤmt uͤber meinen Herrn aus,“ ſchrie La Viteſſe, indem er ſeinen Stuhl verließ und ſich dem Huntsman in Begleitung des Ravageot naͤherte, der ſich eben ſo drohend auf den aͤchten For⸗Hund ſtuͤrzte.„Wenn mein Herr in die Meſſe geht, ſo gefällt es ihm wahrſcheinlich ſo,“ nahm La Viteſſe das Wort,„und es iſt noch beſſer in die Meſſe zu gehen, wie mein Herr, als zu han⸗ deln wie der Eurige, welcher das Geld wie Spreu wegwirft, ohne zu bedenken, daß man noch eine Schweſter hat; ja, ja, ich weiß, was ich ſage, ver⸗ ſteht Ihr mich?.. Tom! es iſt beſſer, in die Meſſe zu gehen und den Segen des Kapellans zu empfangen, als wie es Euer Herr macht, eine Meute von 60 einfaltigen großen Hunden auf ſo einen elenden Fuchs. auf ſo ein ſtinkendes Aas zu hetzen, denn in der That, es waͤre fuͤr mu⸗ thige und herzhafte Hunde ein niedriges Gewerbe. Ja, ja, ich furchte nicht, es zu ſagen, Eure Hunde ſollten ſich ſchaͤmen, aber Eure Hunde haben kein Herz, ſind Haſenfuͤße.“ „Meine Hunde hätten kein Herz! meine Hunde waͤren Haſenfuͤße!....“ ſagte Tom, der ſich kaum mäßigen konnte und vor Zorn ganz roth wurde. „Gayglaß hier wäre ein Haſenfuß!.. „Ja, Herr, das iſt ein Haſenfuß ich wiederhole es, es iſt ein Haſenfuß! ein Haſenfuß! ein Haſenfuß!— Kann er das Gegentheil be⸗ weiſen? wo hat er nur eine Narbe aufzu⸗ weiſen, oder iſt er verwundet? Beim heiligen Hu⸗ bertus! ein in den letzten Zuͤgen liegender Fuchs iſt wohl recht gefährlich! vorzuglich wenn er eine Stunde lang von 60 Hunden, wie die Eurigen, gehetzt worden iſt! Wollt Ihr aber einen braven und guten Hund kennen lernen und ſehen, der bravſte unter den braven? Hier, hier, Herr! es iſt der alte Ravageot.“ Und Ravageot, ſeinen Namen hoͤrend, richtete ſich gerade an La Viteſſe in die Hoͤhe, welcher ſich anſchickte, alle die Eigenſchaften dieſes vortrefflichen Spuͤrhundes aufzuzaͤhlen und zu zeigen. „Sehet, mein Herr, dieſes dreimal geſpaltene Ohr? das ſind die Spuren eines Ebers!. dieſe zerbiſſene Ruthe, von der nichts uͤbrig iſt als die beiden Knorpel?. auch dies war ein Hauer! hier die große Narbe an den Lenden!. das ruͤhrt von einem Zehnender! und die andern hier an der Bruſt, iſt es etwa ein Fauſt⸗ ſchlag?. eine Wölfin hatte ihn hier gepackt, Herr! eine Woölfin, die er allein uberwäl⸗ tigte hoͤrt Ihr, er allein! der edle Hund! nach dreizehnſtundiger Jagd hatte die junge Meute die Spur verloren und ließen Woͤlfe Wölfe ſein; er aber, mein alter Ravageot, er behielt die 17 „ Spur, er packte ſie, er allein! Er ließ das Hallali ertönen, ihm allein kam das Jägerrecht*) zu; denn Louis, einer meiner Jagdknechte, hat ihn noch am andern Tage bei der erwuͤrgten und ſchon halb verzehrten Woͤlfin gefunden, aber ſo verwundet, daß jener verteufelte Louis vor Wuth die Wölfin in Stuͤcken zerhauen hat; es iſt unglaublich, was dieſer Ravageot Alles gethan, er iſt der beſte Leit⸗ hund, er hat ein Gebiß wie Feuer, und iſt ein Gott der Spuͤrhunde. Ach, man muß ſeinen Bau ſe⸗ hen! welcher Hund! wie klug, wie fein, wie ver⸗ ſtändig!“ „Ho, ho! Euer Hund hat auch Geiſt!“ ſagte Tom in ſeinem engliſchen Accent ganz ſpoͤttiſch. „Ja, Herr, mehr als Eurerz denn das arme Thier, einmal im Holze und an einem Wildlager, wurde nicht mehr anſchlagen als Eure ſtummen Hundez und wenn er noch ſo eine ſchöne Kehle hätte; nein, Herr, er hat ſo viel Verſtand, zu be⸗ greifen, daß er ſich ſtille halten muß, und es koͤnnte mir das Herz zerſprengen, wenn ich ſehe, wie er ſo zu ſagen gleichſam innerlich bellt vor Begierde und Hitze, und wie viel er leidet, wenn er ſich zuruͤck⸗ ziehen muß. Seht, ſo macht es ein braver Hund; denn er hat ſo viel Courage wie eine ganze Meute, einen Eber, einen Wolf oder einen Hirſch, welcher *) Was man den Hunden von dem erjagten Wild⸗ pret giebt. — 261— in den letzten Zuͤgen liegt, zu tödten, es iſt aber erniedrigend, 60 dummen Hunden das Jaägerrecht von einem Fuchſe zu geben!“— ſagte La Viteſſe, indem er das Wort Fuchs ſarkaſtiſch betonte. „Nun wohl, Herr La Viteſſe,“ ſagte Tom mit ſeinem gewoͤhnlichen Phlegma,„wenn Eure Jagd⸗ hunde brav ſind, ſo ſind es unſere Jaͤger und un⸗ ſere Pferde deſto mehr; und wenn ich werde die Eurigen geſehen haben, Herr La Viteſſe, die Eu⸗ rigen, von der Race der Rothſchimmel, die Ihr Silvain nennt, wenn ſie auf einer Jagd uͤber zwan⸗ zig 4—5 Fuß hohe Hecken und uͤber eben ſo viel Graben von 12 Fuß Breite ſetzen ſollen, wenn ich ſie werde in eine Schlucht herablaufen ſehen, wo es ſo abſchuſſig iſt, daß ein Stein von ſelbſt allein herabrollt; wenn ich werde mit Eurem großen Sil⸗ vain einen Haſen in 17 Minuten hetzen geſehen haben, ohne daß er ſich von Schluchten, Hecken, Baͤchen und Gräben abhalten ließ; wenn ich Eu⸗ ren verehrungswuͤrdigen Alten hier, den Ihr Ra⸗ vageot nennt, werde geſehen haben, wie er an eine 6 Fuß hohe Mauer hinanklettert, um einen Fuchs⸗ bau zu zerſtören, welchen ſie in einem Garten auf⸗ geſchlagen haben, ſo wie es Gayglaß hier kuͤrzlich gemacht hat; wenn ich alles dies werde geſehen haben, Herr La Viteſſe, dann wollen wir uͤber Jagd ſprechen. Aber da ſehe ich Jack mit dem Boba⸗ dil, und Louis mit Silvain kommen; vergleicht nur, Herr La Viteſſe.“ Es war in der That ein bedeutender Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Silvain, dem ſtarken Rothſchim⸗ mel aus Perche, einem dicken, vollen, auf franzö⸗ ſiſche Art geſattelten Hengſte, und dem Bobadil, einem Pferde aus einer Race; beide waren ſo ver⸗ ſchieden wie La Viteſſe und Tom Crimps, Rava⸗ geot und Gayglaß. Tom ſchwang ſich leicht auf den Bobadil; und indem er eine vier Fuß hohe Barriere bemerkte, ſprengte er mit eben ſo viel Grazie als Feuer uͤber dieſelbe mit dem Jagdgeſchrei Holdhard hinuͤber und wieder heruͤber und ſagte zu la Viteſſe: „Laßt nur ein gutes Seil, eine Rolle und Pfahl holen, damit wir dem dicken Silvain uͤber die Bar⸗ riere helfen koͤnnen, Herr La Viteſſe!“ „Ihr ſeid ein nichtswuͤrdiger und unverſchäm⸗ ter Prahler, hoͤrt Ihr, Tom?“ ſchrie der Alte ganz zornig,—„wenn Euer Bindfaden von einem Pferde, nach einer fuͤnfzehnſtuͤndigen Jagd auf moraſtigem Boden und im tiefſten Forſte, mit einem zweijäh⸗ rigen Wildſchweine von zweihundert funfzig Pfund auf dem Ruͤcken ſeine zwoͤlf Stunden machen, und ſeinen Haber bei ſeiner Ankunft verſchlucken wird, ſo will ich zugeben, daß es wuͤrdig iſt, die Krippe des Silvain auszulecken. Eben ſo iſt es mit Euch; Ihr koͤnnt Euch fuͤr einen braven Waidmann aus⸗ geben, wenn Ihr, wie ich tauſend Mal gethan, ei⸗ nen wuͤthenden blutigen Eber, der auf mich zu⸗ rannte, erwartet und auf fuͤnf Schritte geſchoſſen — 263— haben werdet; denn in Wahrheit, es iſt eben ſo er⸗ baͤrmlich, Euch von Muth ſprechen, als Eure ſtum⸗ men Hunde mit meiner alten Koppel vergleichen zu hoͤren, wenn ſie auf einen Hirſch von zehn En⸗ den Jagd macht; und Euer Bockshorn? welcher Unterſchied zwiſchen ihm und unſern großen Dam⸗ pierre⸗Hoͤrnern, die von einem Ende des Waldes bis zum andern ertoͤnen, und eine ſo ſchoͤne Wir⸗ kung hervorbringen, daß man glauben ſollte, jedes Echo wäre ein Orgelgehaͤuſe!“ „Nun, nun, werdet nur nicht böſe, Ihr habt Recht, Herr La Viteſſe, denn ſogar in meinem Lande wuͤrde Euer Pferd Silvain noch ſehr ge⸗ ſchätzt werden“— ſagte ernſthaft Tom. „Das iſt Euer Gluͤck!“ nahm der Jager das Wort. J Herr La Viteſſe, ſehr geſchaͤtzt! denn ſeht Ihr, es koͤnnte noch Dienſte leiſten und Porter⸗ Bier in die Schenke fuͤhren!“ Dieſe Unverſchämtheit brachte La Viteſe aufs Aeußerſte. Da er Tom außer ſeinem Bereiche ſah, ſo zeigte er mit einem Blicke ſeinem Ravageot den Gayglaß; dieſer, mit borſtigem Haare gleich einem Stachelſchwein, ſturzte ſich brummend auf den Fox⸗ hund, der ſich ſchuͤchtern an die Mauer lehnte. „Wolt Ihr Euren Hund zuruͤckrufen, Herr La Viteſſe?“ ſagte Tom, indem er ſeine Peitſche uͤber Ravageot erhob. „Hört! laßt Euch nicht einfallen, meinen Spuͤr⸗ hund anzuruͤhren, elender Fuchs von einem Eng⸗ länder! oder ich ſchlitze Euch ſogleich wie einen Reh⸗ bock auf!“— ſchrie der Greis, vor Zorn erblaſſend, indem er mit der einen Hand den Zuͤgel Boba⸗ dils ergriff, waͤhrend er mit der andern zur Hälfte ſeinen Hirſchfaͤnger zog. „Nun! nun! was giebt es da?“— ſagte eine gebieteriſche, obgleich etwas ſchwache Stimme, welche den Jaͤger bewog, ſeinen Hirſchfaͤnger wieber ein⸗ zuſtecken, und die beiden Nebenbuhler verſtummen machte.— „Ich wette darauf, dieſer verteufelte Tom und Euer alter La Viteſſe ſind einander in die Haare gefahren, mein Vater,“— ſagte eine junge und froͤhliche Stimme. Und zwei neue Perſonen naͤherten ſich Arm in Arm. Es war der Graf Heinrich von Vaudrey und der Vicomte Alfred, ſein Sohn. Tom Erimps ſtieg ehrfurchtsvoll vom Pferde und naͤherte ſich, die Muͤtze in der Hand, ſeinem Herrn. „Auf“— ſagte der Graf—„La Viteſſe, laß Deine Hunde zuſammenkoppeln; wir wollen zuerſt die junge Koppel nehmen; der Wind weht friſch, das Land iſt gut; wir wollen den Spießhirſch um⸗ gehen, von dem Du mir geſagt haſt. Apropos, wer hat das Holz durchſucht?“ „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, dem Herrn Grafen zu ſagen, daß es Bonnet, mein Unterjäger, — 5— mit ſeinem Spuͤrhunde Caſtillo gethan, und ich kann auf dieſen Menſchen und ſeinen Hund ſo gut als auf uns Beide, auf mich und Ravageot, rechnen.“ „Gut, ich werde den Alcide reiten, und Du wirſt fuͤr mich den Glorieux und die Bergeère mit dem weißen Sterne, ſowie auch die alte Koppel be⸗ reit halten. Wenn wir koͤnnen, ſo machen wir nach dem Spießhirſch auf einen Eber Jagd; ich fuͤhle mich eben dazu aufgelegt; geh.“ Und La Viteſſe, nachdem er ſich ehrerbietig em⸗ pfohlen hatte, entfernte ſich. „Und Ihr, Tom, Ihr nehmt den vorletzten Fuchs, den man mir von Calais geſchickt hat; Ihr laßt ihn in ſeinem Behaͤlter auf einer Pony ſtecken und fuͤhret ihn und die Hunde nach der Meierei Vaucelles; dorthin habe ich die Herren von Vert⸗ puis beſtellt; ich werde den Stag reiten; Ihr er⸗ wartet mich dort und nehmt alle Eure Leute mit.“ Und Tom, und La Viteſſe, und Gayglaß und Ravageot trennten ſich, nicht ohne zum Abſchied drohende Blicke auf einander geworfen zu haben. Der Graf von Vaudrey war damals drei und ſechzig Jahr alt, und ſchien fur dieſes Alter noch ſehr kräftig zu ſein. Er war ſehr dick geworden; aus ſeiner ruhigen, vollen und glatten Figur ſtrahlte Gluͤck und Frie⸗ den; es lag ſelbſt etwas Engelähnliches in ſeinem erloſchenen, halb verſchleierten Blicke. Seine blonde — 266— Perruͤcke mit kleinen Locken ſtand ein wenig uͤber ſeine lederne Jagd⸗Muͤtze heraus, und beſchattete ſeine vollen durch die Morgenfriſche gefaͤrbten Wan⸗ gen. Der Graf beſaß noch alle ſeine Zaͤhne, und ein faſt immerwaͤhrendes Laͤcheln gab ihm einen Anſchein von Gutmuͤthigkeit und Zufriedenheit. Herr von Vaudrey trug ein blaues Kleid, welches ſeinen dick gewoͤlbten Koͤrper umhuͤllte, Stallmei⸗ ſterſtiefeln, ſchwarze Sammethoſen, eine ſchwarze Halsbinde und eine weiße Weſte. Mit der einen Hand hielt er das Gehaͤnge ſeines Hirſchfaͤngers, und mit dem andern Arme ſtutzte er ſich ziemlich ſchwerfällig auf den Arm ſeines Sohnes, eines ſchlanken und ſchoͤnen jungen Mannes, ſcharlach⸗ roth wie Tom gekleidet; nur daß er ſtatt einer Muͤtze einen Hut, und ſtatt des Ueberrockes ein Jagdkleid trug. Dieſer einzige Unterſchied zeich⸗ nete den Gentleman vor ſeinem Huntsman aus. Der Vicomte Alfred, der Stolz und die Freude ſeines Vaters, damals etwa fuͤnf und zwanzig Jahr alt, hatte das edelſte, huͤbſcheſte Geſicht von der Welt, einen langen, ſeidenartigen Backenbart, der einen Teint, deſſen Weiße eine Frau beneidet hätte, nur noch mehr heraushob; kurz, es war ein Edel⸗ mann voll Anmuth und Zierlichkeit; außerdem be⸗ ſaß er viel Stolz, viel natuͤrlichen Geiſt, eine be⸗ waͤhrte Bravour, und ein wenig Egoismus. Er hatte 1814 bei den Chevaux⸗légers gedient, und war jetzt Rittmeiſter bei den Lanciers der Garde, — 267— wodurch er den Rang eines Escadron⸗Chefs er⸗ hielt. Der Graf, der ſeinen Sohn, an dem er viel von ſeinem Geiſte und ſeinen Manieren wieder⸗ fand, anbetete, beſtritt alle ſeine Ausgaben, die, wir geſtehen es, obgleich ſie an thoͤrichte und zuͤgel⸗ loſe Verſchwendung grenzten, wenigſtens vom beſten Geſchmack zeugten. Das Vermoͤgen des Grafen und ſeiner Frau, obgleich es ſich durch die mit ihm vorgenommenen Veraͤnderungen, indem man es verſilberte, um es aus Indien nach Holland, und aus Holland nach Frankreich zu verſetzen, verringert hatte, betrug noch ungefaͤhr fuͤnfmal hunderttauſend Livres Renten in liegenden Gruͤnden, und erlaubte daher dem Vi⸗ comte, auf dem großen Fuße fortzuleben, den er ſeit ſeiner Ruͤckkehr aus England angenommen hatte. Der Graf und ſein Sohn gelangten alſo in den Ehrenhof des Schloſſes, wo die Wagen war⸗ teten, die einen Jeden von ihnen nach ſeinem Ver⸗ ſammlungsplatze zur Jagdpartie fuͤhren ſollten. „Stuͤtzen Sie ſich recht auf mich, mein Va⸗ ter,“— ſagte Alfred, indem er ſeinen Arm ſenkte, um dem alten Grafen einen ziemlich ſteilen Ab⸗ hang erſteigen zu helfen. „Nehmen Sie ſich in Acht, und ſtuͤtzen ſich auf mich.“ —— „Ich danke, mein Freund, ich danke“— ſagte der Graf,„aber erlaube mir, Dir meinerſeits an⸗ zuempfehlen, auf Deiner Jagd vorſichtig zu ſein, und Dich in Acht zu nehmen; Du weißt es, Al⸗ fred, dieſe Art halsbrecheriſche Jagd mitten durch die Felder macht mir viele Unruhe! Ich habe Dir dieſe engliſche Equipage nicht verweigern wollen, weil ich wohl begreife, daß der Vicomte von Vau⸗ drey, mein Sohn, einen gewiſſen Rang behaupten muß, und doch bedaure ich es alle Tage, weil mir Deine Unvorſichtigkeit Schrecken einflößt.“ „Mein Vater, beruhigen Sie ſich, ich werde mich keiner Gefahr ausſetzen.“ „Dieſen Morgen habe ich zu Gott gebetet, daß er Dich vor Ungluͤck bewahren moͤchte, und dieſer Gedanke giebt mir ein wenig Ruhe. Sei vorſich⸗ tig, Alfred, ich habe kein Kind als Dich, nur Dich allein; das will ſagen, ich habe wohl noch Deine Schweſter, aber kurz, Deine Schweſter fuͤhrt nicht meinen Namen; auf Dir allein ruht alſo die Hoff⸗ nung meines Hauſes, denn wenn Dir ein Ungluͤck zuſtieße, ſo wuͤrde mein Name erloͤſchen, bedenke wohl. Alſo, mein Freund, empfehle ich Dir mei⸗ nethalben eben ſo dringend als Deinethalben an, vorſichtig zu ſein,“— fuͤgte der Graf mit einer ſonderbaren Unbefangenheit des Egoismus hinzu. „Mein Vater, befurchten Sie nichts, beſonders heute, wo wir nur eine Maͤdchen⸗Jagd halten; die Vertpuis werden auch dabei ſein. Sie wiſſen doch, — 269— mein Vater, die Vertpuis, deren Vater, der Marquis von Vertpuis, erſt kurzlich das Land⸗ gut von Guerille gekauft hat, welches an Ihre Beſitzung ſtößt? Noch ein Mal, es wird eine bloße Maͤdchen-Jagd werden, weil die Demoi⸗ ſelles von Saint Perney, welche mit Herrn von Belmont kommen, ihr folgen. Sie ſehen alſo, daß dabei nichts zu befurchten ſein wird. Apropos, ich wollte Sie um die Erlaubniß bitten, Ihnen die Herren von Vertpuis, welche zu meinem Regi⸗ mente gehören, und mit mir in Maiſon⸗Rouge dienten, vorſtellen zu duͤrfen; kann ich ſie heute mitbringen, damit ſie einige Tage in Vaudrey ver⸗ leben, mein Vater?“ „Nein“— ſagte der Graf mit einem ſehr be⸗ ſtimmten Tone, der den Ausdruck ſeines lachelnden Geſichts nicht veraͤnderte,„Du weißt, daß ich auf meinem Landgute keine Beſuche annehme; ich habe meine Gewohnheiten und bedarf der Ruhe, denn ein religiöſes Leben, mein Sohn, verträgt ſich ſehr wenig mit dem Weltleben. Deshalb gehe ich nicht nach Paris, um dem König meine Cour zu ma⸗ chen, und laſſe Dich meinen Platz in Hötel Vau⸗ drey einnehmen.“ „Es mag ſein, mein Vater,“— ſagte Alfred, ein wenig außer Faſſung gebracht.—„Ich hatte nämlich geglaubt, daß, weil die Vertpuis unſere Nachbarn ſind, der Anſtand erforderte, daß ich ſie wenigſtens einluͤde.“ — „Ich bekuͤmmere mich ſehr wenig um den An⸗ ſtand, mein Sohn, aber wohl um das, was mir anſteht; ich habe Dir einmal geſagt nein, und dabei bleibt es,“— fuͤgte der Graf in einem trocke⸗ nen und feſten Tone hinzu, der mit ſeinem ruhi⸗ gen und immer laͤchelnden Geſicht abſtach.— „Ich werde nicht mehr davon reden, mein Va⸗ ter,“— nahm Alfred doch wieder das Wort;— „aber ſehen Sie, wenn Sie von der Tafel aufge⸗ ſtanden ſind und ſich zuruͤckgezogen haben, meine Mutter mit der Lectuͤre und meine Schweſter mit der Tapetenſtickerei beſchäftigt iſt, ſo möchte man vor Langeweile umkommen: man plaudert wohl ein wenig, aber bis Mitternacht wird die Zeit ſo lang! und dann bitte ich Sie, weniger meinetwegen, als wegen meiner guten Mutter und meiner kleinen Marie um ein wenig Zerſtreuung; denn ſie ſehen hier, beim Teufel, keine lebende Seele, und das muß, auf mein Ehrenwort, langweilig ſein.“ „Haben Dir Frau von Vaudrey und ihre Toch⸗ ter den Auftrag gegeben, an mich dieſe Bitte zu thun, mein Sohn?“ „Nicht im Geringſten, mein Vater, glauben Sie dies nicht; was ich Ihnen ſage, geſchieht bloß aus Mitleid, aus reinem chriſtlichen Mitleid. Wohlan, guter Vater, nehmen Sie den Beſuch der Vere an, wenn es auch nur aus chriſtlicher Liebe waͤre.“ „Erſtens glaube ich Ihnen geſagt zu haben Monſieur,“— antwortete der Graf diesmal in — einem ſehr ernſthaften Tone—„daß es gewiſſe Worte giebt, die Sie entweder gar nicht oder nur mit einer religiöſen Ehrfurcht ausſprechen duͤrfen, und dann noch, daß ich niemals von meinem Entſchluſſe abgehe.“ „Nun gut, lieber Vater, werden Sie nicht boſe. Ich habe Unrecht, wir wollen nicht mehr da⸗ von reden“— ſagte Alfred, welcher bei ſich ſelbſt dachte—„Der Teufel hole mich! ob ich nicht nach Paris zuruͤckkehrte, wenn ich gewiß waͤre, dort Jemanden zu treffen; allein ich finde da Nie⸗ manden, als mein Regiment. Ja, denn wahrhaf⸗ tig, das Herz moͤchte mir zerſpringen, wenn ich meine Mutter und Schweſter hier ſo eingemauert und von der Welt abgeſondert ſehe.“ Während der Stille, welche auf dieſe kleine Eroͤrterung folgte, kamen Vater und Sohn in dem Ehrenhofe an. „Nun, lieber Vater, leben Sie wohl,“— ſagte Alfred, indem er den Hut abnahm und dem Gra⸗ fen die Hand reichte. „Lebe wohl, mein Sohn; aber ich empfehle Dir noch ein Mal, vorſichtig zu ſein, denn ich ſehe Deine Pferde, welche ungeduldig werden. „Sieh, dieſes Geſpann, noch in Form einer Armbruſt, Deine wilden Pferde! Alles kommt mir ſo gefahrvoll vor!“ „Mit Ruby und Goother, lieber Vater, brauche ich von hier nach Vaucelles keine fuͤnf und zwanzig Minuten, obgleich es faſt drei Stun⸗ den ſind. Dieſe zwei Pferde, zuſammengeſpannt, ſind unvergleichlich. Adieu, Adieu!“ wiethe noch Alfred. Hierauf ſich in einen langen weißen ucbertoc huͤllend und eine Cigarre anzuͤndend, beſtieg der Vicomte ein ſehr hohes Tand am mit rothem Ge⸗ ſtelle und ſchwarzem Kaſten, woran ein graues und ein dunkelbraunes Pferd geſpannt waren, nahm die vier Zuͤgel aus den Haͤnden des Groom, hielt ſie mit Anſtand in einer einzigen Hand, ließ ſeine lange Peitſche leicht an den Ohren des Leader knallen, und fuhr ſchnell fort, um am verabrede⸗ ten Jagdorte anzukommen, dem Grafen ein letz⸗ tes Zeichen des Abſchiedes zuwerfend, der ihm mit den Augen folgte und den die ungeheure Hohe dieſes zerbrechlichen Wagens und das Feuer der Pferde zittern machte. Der Graf warf hierauf eine gut gefutterte Vitz⸗ choura uͤber, ſtieg in eine große und ſchwerfällig⸗ Berline, nach franzoͤſiſcher Art von vier ſtarken Pferden aus der Normandie gezogen, die ihn nach dem Verſammlungsorte ſeiner Jagd, welche auch ganz nach franzoͤſiſchem Geſchmacke war, fuͤhren ſollten, und wo ihn La Viteſſe mit ſeiner jun⸗ gen Koppel und ſeinen Hundejungen erwartete. Wir wollen jetzt den Leſer zur Frau von Vau⸗ drey und zu ihrer Tochter Marie, die ghwiti ſiebzehn Jahr alt iſt, fuͤhren. Achtzehntes Kapitel. Die Mutter und die Tochter. In dem Augenblicke, wo der Vicomte Alfred aus dem Schloßhofe fuhr, hatte Marie einen der langen ſeidenen Vorhaͤnge im Sprachzimmer der Frau von Vaudrey geluͤftet und war ihrem Bru⸗ der ſo lange mit den Augen gefolgt, als ſie ihn ſehen konnte. Dann verließ ſie das Fenſter und naͤherte ſich ihrer Mutter, welche vor einem alten kleinen Nähtiſche von Perlmutter und Muſcheln, den ſie aus Indien mitgebracht und deſſen Alter⸗ thuͤmlichkeit ſonderbar von der modernen Eleganz dieſes Zimmers abſtach, arbeitete. Denn da das Innere des Schloſſes bei der Revolution ganz zer⸗ ſtört worden war, ſo hatte es der Graf aufs Herr⸗ lichſte wieder ausmeubliren laſſen. „Mein Gott, Mama,“ ſagte Marie,„wie ſieht doch mein Bruder ſo hubſch aus, wie ſchoͤn ſind ſeine Pferde! Alles an ihm iſt elegant und zeugt die Seewarte v. Koat⸗Vén IMI. 18 —— von dem beſten Geſchmacke; kurz, finden Sie nicht auch, daß ihm dieſe Pracht ſehr gut ſteht?“ „O, ſehr gut, Marie, aber ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, daß er ſich zu ſehr ſelbſt darin gefaͤllt.“ „Wie ſo, Mama? Da er zum Hofe und zur großen Welt gehoͤrt, muß er wohl auch glaͤnzen; und er iſt ſo ſchoͤn, ſo gut! Er bringt, einzig und allein um uns Geſellſchaft zu leiſten, einen ganzen Monat hier zu. Armer Bruder! Glauben Sie nicht, beſte Mama, daß dies eine große Aufopfe⸗ rung fur ihn iſt, fuͤr ihn, der ſo geſucht und be⸗ liebt, unter ſo vielen Feſten und Vergnuͤgungen die Wahl hat? Auch thue ich mein Moͤglichſtes, um ihm meine Dankbarkeit deshalb zu bezeigen. Glau⸗ ben Sie wohl, daß er es bemerkt? Ach, ich waͤre dann ſo gluͤcklich! Ja! denn mir ſcheint, daß, nach dem Glucke zu lieben, es kein groͤßeres Gluͤck giebt, als die, welche man liebt, von unſerer Zuneigung uͤberzeugt zu wiſſen.“ Und in Mariens blauen Augen glänzte eine Thräne der Zartlichkeit und Ruͤhrung. „Beſtes Kind! Marie! meine gute Marie!“ ſagte Frau von Vaudrey, indem ſie ihre Toch⸗ ter umarmte und ſie faſt mit Vergoͤtterung be⸗ trachtete. 3 Wie ſchon geſagt, Marie war nicht ſchoͤn zu nennen; ihren Zuͤgen fehlte es an Regelmaͤßig⸗ keit; allein ihre blonden Haare waren ſo ſeidenar⸗ tig und ſo fein, ihre Zaͤhne ſo weiß, ihre Han 3 fen von der Welt deutlicher ausgeſprochen und ſeit ſeinem Aufenthalt — 35— ihr Fuß, ihr Wuchs war ſo ausgezeichnet, ihre Stimme ſo ſanft, ſo lieblich, ihr Blick ſo edel und rein, ihre Haut ſo zart, daß, wenn man ſie in al⸗ ler ihrer Anmuth ſah, man wohl die Frage auf⸗ warf, ob Marie nicht durch eine regelmaͤßige Schoͤnheit verloren haͤtte. Was die Frau von Vaudrey betraf, welche da⸗ mals 53 Jahre zählte, ſo war ihr Geſicht durch Kummer und Leiden ſehr abgezehrt. Sie war ſehr blaß und trug ihre faſt grauen Haare in großen Locken; denn ihre Haare waren Mariens groͤßte Freude, welche nichts Schoͤneres fand, als dieſe ſchimmernden, glaͤnzenden und ſilberfarbigen Locken, welche ſich auf der ſchönen Stirn ihrer Mutter entfalteten. Der Ausdruck des Geſichts der Frau von Vau⸗ drey war gewoͤhnlich ſanft, traurig und ſchwermü⸗ thig; aber die Liebe und die Zärtlichkeit Mariens erregten doch bisweilen auf demſelben ein fluchtiges freundliches Lächeln. Das Betragen des Grafen gegen die Frau von Vaudrey war ſich gleich ge⸗ blieben; ſeine religioſen Gewohnheiten hatten ſich nicht veraͤndert; in Frankreich wie in Polland, ſah er ſeine Frau und Tochter, außer bei der Mittags⸗ tafel, nur wenn er zufällig mit ihnen zuſammen⸗ traf. So hatte ſich alſo die Zuruͤckziehung des Gra⸗ und aller Geſellſchaft immer zu Vaudrey hatte er hier weder irgend einen Be⸗ ſuch annehmen, noch ſelbſt erlauben wollen, daß Frau von Vaudrey und ihre Tochter einige Win⸗ termonate in Paris zubrachten, unter dem Vorge⸗ ben, daß er von einem Augenblick zum andern rank werden könnte und er dann ihrer Hülfe be⸗ raubt ſein wuͤrde. Obgleich die Geſundheit des Grafen ſehr bluͤ⸗ hend war, ſo mußte doch die letztere Urſache fuͤr Frau von Vaudrey entſcheidend ſein, welche, da ſie ſich bis ans Ende gut und vollkommen zeigen wollte, nicht mehr von einer Reiſe ſprach, an die ſie uͤbrigens nur gedacht hatte, um ihre Tochter zu zerſtreuen. Marie war alſo fuͤr ihre Mutter Alles; denn um ihre Mußeſtunden auszufuͤllen, hatte dieſe ſelbſt ſich mit der Erziehung ihrer Tochter beſchaͤftigen wollen. Einige Tapetenarbeiten, auserleſene Lek⸗ ture, Muſik und Zeichnen dienten ihnen dazu, die langen Winterabende abzukurzen; unter Spozier⸗ gängen und friedlichen gerſtreuungen des Landle⸗ bens vergingen ihnen ſanft die langen Sommer⸗ tage. Aber obgleich die Liebe ihrer Tochter fur ſie in mancher Stunde des Leidens und Kummers ein Troſt war, ſo wurde ſie doch fuͤrchterlich von der Ungewißheit gepeinigt, in welcher Herr von Van⸗ drey ſie in Bezug auf die Zukunft ihrer Ma ließ. In der That, jedesmal, wenn ſie den G 3 ſchmelzen, ohne auf die geiſtige Uebereinſtimmung fen fragte, welches denn ſeine Abſichten und Plaͤne uͤber die zukuͤnftige Verſorgung Mariens wären, hatte er geantwortet, daß es damit keine Eile habe und er daruͤber nachdenken wolle. Da der Graf auf ſeinem Landgute Nieman⸗ den empfing, und es folglich unmöglich wurde, daran zu denken, Marien anders als durch ein Fa⸗ milienuͤbereinkommen zu verheirathen, ſo war es damals gewiß, daß Fräulein von Vaudrey einer Convenienzverbindung aufgeopfert werden wuͤrde. Und dies hätte die Frau von Vaudrey zur Ver⸗ zweiflung gebracht; denn um uͤber die koſtbaren Eigenſchaften von Mariens Charakter und Herzen urtheilen zu konnen, um den ganzen Werth dieſes himmliſchen Weſens zu begreifen und endlich die ganze Liebe zu fuͤhlen, welche ſie einzufloͤßen faͤhig war, haͤtte man ſie lange Zeit in vertrautem Kreiſe beobachten und in ihrer Unbefangenheit und Rein⸗ heit eines jungen Mädchens uͤberraſchen muͤſſen. Dann wuͤrde Marie, ſelbſt ohne Vermoͤgen, ohne Rang, von jedem Manne angebetet worden ſein, der im Stande geweſen wäre, die Schaͤtze dieſer ſo edeln, ſo zarten, und ſich ganz aufopfernden Seele zu wuͤrdigen. Allein Marie, als bloße reiche Er⸗ bin, voll ausgezeichneter Eigenſchaften, aber ohne Schoͤnheit, konnte nur eine jener Convenienzver⸗ bindungen hoffen, bei welchen man ſich darauf be⸗ ſchränkt, ſo zu ſagen, zwei Vermoͤgen zuſammenzu⸗ der Charaktere der kuͤnftigen Gatten Ruͤckſicht zu nehmen. Fraͤulein von Vaudrey dachte gar nicht an die Zukunft. Gluͤcklich durch die Liebe ihrer Mutter, da ſie kein froͤhlicheres Leben als das, was ſie fuͤhrte, gekannt hatte, brachte ſie die Stunden dieſes einfachen, friedlichen und monotonen Daſeins hin, ohne ſie zu lang zu finden. Nur die Erwartung und die Erinnerung des Monats, welchen der Vi⸗ comte alle Jahre zu Vaudrey zubrachte, war fuͤr Marie ihre einzige Zerſtreuung, und eins der groß⸗ ten und angenehmſten Ereigniſſe ihres Lebens; denn die Jugend und die rauſchende Froͤhlichkeit Alfreds belebten ein wenig das traurige und duͤſtere Innere des Schloſſes. Marie, wie wir oben geſagt haben, naͤherte ſich ihrer Mutter, die ſie umarmte, und fing an, an einer praͤchtigen, kirſchfarbigen, mit Silber ge⸗ ſtickten Muͤtze zu arbeiten, womit Marie ihren Bruder uͤberraſchen wollte. „Aber ſehen Sie doch, wie meine Arbeit fort⸗ ſchreitet, Mama!“ ſagte Marie,„und wie gut wird das zu dem prächtigen Schlafrock von perſiſchem Atlas mit weißen Borden und kirſchrothen Blu⸗ men ſtehen, welchen Alfred aus England kommen ließ! Da Ihre Negerin Badj'y ſich bei dem Kam⸗ merdiener erkundigt hatte, ob er ihn ſchon angezo⸗ gen, und dieſer es verneinte, ſo wuͤnſchte ich gern daß, wenn Alfred den Schlafrock anziehen will, man ihm auch gleich die Muͤtze uberreichen könnte, und deshalb will ich den ganzen Tag daran ar⸗ beiten.“ „Gute Marie!. Du biſt immer beſorgt, Andern angenehm zu werden, ohne auf Dich be⸗ dacht zu ſein„ „Was das betrifft, Mama, ſo haben Sie mir immer geſagt, daß, wenn man Andern angenehm zu ſein ſucht, man im Gegentheil gerade auf ſein eignes Vergnuͤgen denkt. Aber wie unbe⸗ quem iſt doch dieſer kleine Tiſch! in Wahrheit, Mama, es giebt ſo viele andere hier, daß ich nicht begreife, wie Sie ſo ſehr an dieſem haͤngen koͤn⸗ nen kaum kann ich meinen Arbeitskorb dar⸗ auf ſtellen.“ Dies verduͤſterte die Miene der Frau von Vau⸗ drey, welche ſchmerzlich laͤchelnd antworkete: „Mein armes Kind, wenn Du mein Alter er⸗ reicht haſt, wirſt Du vielleicht auch ein ſchwermo⸗ thiges Vergnuͤgen empfinden, wenn Deine Augen auf einem lebloſen Gegenſtande ruhen, der Dir ver⸗ gangene Tage zuruͤckrufen wird, ruhige und gluͤck⸗ liche Tage denn ſiehſt Du, Marie, dieſer kleine Tiſch iſt mir koſtbar, weil mir ihn vor vie⸗ len Jahren ein Jugendfreund, den ich wie einen Bruder liebte, ſchenkte; ich war damals 15 Jahr alt„ ſeitdem iſt mir dieſer Tiſch aus Indien nach Holland. und aus Holland hierher ge⸗ folgt. ich werde ihn immer bewahren und der Gedanke waͤre fuͤr mich ſehr ſuͤß, Marie, daß nach meinem Tode.... Du ihn auch behal⸗ ten wuͤrdeſt. Verſprich mir e, Marie meine gute Marie,„willſt Du?“ ſagte Frau von Vau⸗ dreh mit unausſprechlicher Zärtlichkeit. „O Mama! Verzeihen Sie, verzeihen Sie,“ rief Marie, ihre Mutter umarmend,—„hätte ich nicht vermuthen ſollen, daß irgend eine ſchoͤne Er⸗ innerung ſich an dieſen Tiſch knupfe, weil er Ih⸗ nen ſo theuer, ſo koſtbar war. als er es mir von nun an ſein wird, glauben Sie es, Mama, ſein Sie feſt davon uͤberzeugt!“ „Ich danke Dir, mein Kind, Du weißt nicht, wie wohl Du mir thuſt....“ Dann, nach einer Pauſe, nahm Frau von Vaudrey wieder das Wort: „Derjenige, der mir dieſes Geſchenk machte, war lange Zeit wie mein Bruder denn ich hatte keine Mutter mehr, Marie; und mein Vater, der mich bis zur Vergötterung liebte, hätte es weder ge⸗ wagt noch gewollt, dem geringſten meiner Wuͤnſche enigegen zu ſein ich war alſo ohne Fuͤhrer, mir ſelbſt uͤberlaſſen, als der Zufall Sir Georges zu meinem Vater fuͤhrte.. Sir Georges war ein Mann von großmuͤthigem, edelm und ernſtem Charakter obgleich jung, mein Kind, war er voll Weisheit und Tugend... er war ein Freund, auf den man ſich verlaſſen konnte.. er ſchmaͤlte oft auf mich, Marie. er allein hatte den Muth dazu.. und ich verdanke es ſeiner ſtrengen und aufrichtigen Freundſchaft, daß ich viele meiner Jugendfehler abgelegt habe.“ „Und wo iſt jetzt dieſer gute Bruder, Mama?..“ „O ſeit langer Zeit... iſt er todt, Marie er iſt todt und auch todt in meinem Her⸗ zen; und wenn, obgleich er meine Achtung verlo⸗ ren hat, ich noch dieſes Tiſchchen lieb habe, ſo ge⸗ ſchieht dies, weil er mir es ſchenkte, ehe er ſich mei⸗ nes Andenkens an ihn unwuͤrdig gemacht hat.“ „Wie ſo, Mama?“ „Er wurde einem ſchriftlichen Verſprechen un⸗ treu, welches er mir auf ſein Ehrenwort gab, das ich lange Zeit in dieſer Schublade verſchloſſen hatte, die Du hier ſiehſt.“ „Und deswegen haben Sie ihm auf immer Ihre Achtung entzogen? „Deswegen, Marie! deswegen,“ ſagte Frau von Vaudrey mit einer Ruͤhrung, welche ihre Wan⸗ gen faͤrbte;„giebt es denn in der Welt etwas Hei⸗ ligeres, Unverletzlicheres und Ehrwuͤrdigeres, als ein durch einen Schwur beſiegeltes Verſprechen? o, meine Tochter! man muß wohl uͤberlegen, be⸗ vor man eine Verbindlichkeit eingeht, aber wenn man einmal etwas verſprochen hat, ſollte auch die⸗ ſes Verſprechen uns blutige Thranen koſten, ſollte es ſich um das Ungluͤck unſeres ganzen Lebens handeln,... ſo muß man der Sklave ſeines Wortes ſein. Gedenke ſtets daran, Marie; denn wenn man die Feſtigkeit des Charakters und des Willens bei der Erfuͤllung ſeiner Pflichten anwen⸗ det, kann man dem Ungluͤcke trotzen, weil das un⸗ widerſtehliche Uebergewicht einer reinen und biedern Seele ſtets Achtung einflößt.— Glaube mir, Marie, es iſt ein edler und erhabener Genuß, wenn man der Welt ſagen kann:„Mein Leben bietet dem Tadel und der Verleumdung Trotz, und ich kann getroſt vor des Ewigen Richterſtuhl treten!“ „O, ich glaube es, Mama, ich verſtehe Sie; das gegebene Wort zu brechen iſt ſchändlich, iſt abſcheulich! Und ich finde es ſo ſchoͤn, ſo edel, auf dieſe Weiſe uͤber ſeine Zukunft verfuͤgen zu koͤn⸗ nen, daß ich nicht begreife, wie man meineidig wer⸗ den kann Sehen Sie, es iſt eben ſo mit dieſem kleinen Tiſche da, liebe Mama; ich habe mein Verſprechen gegeben, den Tiſch immer zu ſchätzen, und ich habe ſo viel Vertrauen auf mein Verſprechen, daß ich ihn ſchon liebe, wie ich einen Ihrer alten Freunde lieben wuͤrde.“ „Meine gute Marie, mit welcher Freude er⸗ kenne ich die Uebereinſtimmung unſerer Herzen,“ ſagte die Graͤfin ſeufzend: ℳs iſt noch nicht Al⸗ les, Marie, dieſer kleine Tiſch erinnert mich nicht nur an einen Bruder, ſondern er ruft mir auch den erſten Augenblick ins Gedächtniß zuruͤck, wo ich den Herrn von Vaudrey ſah; ja, ſehr oft hat er ſich darauf geſtuͤtzt, indem er mir zuſah, als ich die ſchönen Schmetterlinge zeichnete, welche ich Dir gegeben habe da ſchwur er mir ſo viele Mal, mich zur gluͤcklichſten der Frauen zu machen, nur Einen Zweck, nur Einen Gedanken, nur Ein Ver⸗ langen in ſeinem ganzen Leben vor Augen zu ha⸗ ben: mein Gluͤck! es ſind wenigſtens.. 35 Jahre ſeitdem verfloſſen, Marie. Ach! mein Kind, Herr von Vaudrey iſt jetzt alt, ſehr veran⸗ dert; allein damals o! damals war er einer der ſchonſten Cavaliere, die man ſich denken kann.“ „Er glich meinem Bruder, Mama?“ „Ja, ziemlich, Marie, aber er hatte ſchwarze Augen und der Haarpuder entſtellt ſo ſehr, daß die Aehnlichkeit mir jetzt weniger auf⸗ fallend erſcheint.“ „Das iſt wahr; mein Gott, Mama, wie ſon⸗ derbar muß ein junger Menſch gepudert ausſehen!“ „Aber das Sonderbarſte war das Coſtuͤm, wel⸗ ches ich trug, als ich den Herrn von Vaudrey zum erſten Male ſah, Marie ſieh, ich muß Dir es erzäͤhlen.“ „Ollaſſen Sie hoͤren, laſſen Sie hören, Mama!“ rief Marie mit der unbefangenen Neugier eines jungen Madchens.„. „Stelle Dir vor, mein Kind, daß meine Arme Beine und Fuße entbloͤßt waren!“ „O Mama „Hoͤre nur meine damals glanzend ſchwar⸗ zen Haare waren in ein Perlennetz eingeſchloſſen; ich trug ein kleines Corſet von blauem Atlas mit Silber geſtickt, einen weißſeidenen Rock, blaue San⸗ dalen, und Ringe von Gold und Perlen an den Armen und Beinen!“ „O mein Muͤtterchen! wie huͤbſch mußten Sie ſo ausſehen! und mein Vater wie war der gekleidet?“ „Herr von Vaudrey trug als Marine⸗Officier eine große blaue, mit Gold geſtickte Uniform, mit Senkeln von weißem Atlas, und ein Diamanten⸗ kreu „Wie prächtig mußte dieſer Anzug ſein!.... und wie lange iſt das her, Mama?“ „Ich habe es Dir ſchon geſagt, mein Kind, es werden jetzt 35 Jahre ſein.“ „Alſo ſind Sie ſchon ſeit 35 Jahren gluͤcklich, Mama?“ „Ja, Marie, ſehr gluͤcklich,“ ſagte Frau von Vaudrey, indem ſie einen ſchweren Seufzer unter⸗ druͤckte,„ſehr glucklich!... denn Du weißt, mein Kind, daß ich niemals die Welt geliebt habe, und Dein Vater hatte Nachſicht genug, dieſer ſonder⸗ baren Seite meines Charakters nachzugeben.... er ging allein an den Hof, wie Du es zu ſeiner Zeit zu Haag und zu Amſterdam geſehen haſt... es war ihm oft ſehr fatal, mich nicht mitnehmen zu köͤnnen aber er liebte mich ſo zaͤrtlich, daß er den Muth hatte, ſich dieſe Entbehrung aufzu⸗ legen, um mich in meiner lieben Einſamkeit zu laſſen.“ „Der gute Vater!“— ſagte Marie... — „Wie es ſpaͤterhin auch geſchah, Marie, als Herr von Vaudrey die Kraft hatte, ſich einer Welt entreißen zu koͤnnen, welche ihn anbetete, weil man in ihr ſeine edlen und großen Eigenſchaften zu ſchaͤtzen wußte, und als er ſich nach Horn⸗Praöt, und dann hierher zuruͤckzog. Nun, mein Kind, ich bin gewiß, daß er ſich des Vergnuͤgens, den Beſuch ſeiner zahlreichen Freunde anzunehmen be⸗ raubt hat, vielleicht nur aus Furcht, mir läſtig zu werden, und um gegen meine Menſchenſcheu ge⸗ fällig zu ſein welche ſich von Tag zu Tag vergroͤßert.“ „Der arme Vater! Aber wiſſen Sie auch, Mama, daß ihn dies ſehr angreifen muß! Und nun begreife ich, warum er uns ſo ſelten be⸗ ſucht er fuͤrchtet vielleicht, uns laͤſtig zu wer⸗ den Alber mein Gott! wie lang muͤſſen ihm die Tage erſcheinen, dem guten Vater, wenn er ſo ganz allein iſt!“ „Ol gluͤcklicherweiſe, Marie, arbeitet jetzt Herr von Vaudrey mit exemplariſchem Eifer an ſeinem Seelenheil; und dann laſſen ihm ſeine religiöſen Pflichten, die er mit einer ſo gluͤhenden und ſo be⸗ wunderungswuͤrdigen Froͤmmigkeit ausuͤbt, wenig Zeit fur uns uͤbrig; dieſe Augenblicke, welche er un⸗ ſerer Liebe entzieht, wendet er an, um uns die ſei⸗ nige auf eine wirkſamere und heiligere Weiſe zu bezeugen. Ja, Marie, da er uns Beide auf dieſer Erde gluͤcklich weiß, ſo bittet er Gott täglich, uns — 286— dieſes Gluͤck hier und in der andern Welt fort⸗ dauern zu laſſen.“ „O! Mama, Sie wiſſen nicht, wie entzuckt ich uͤber das bin, was Sie mir ſagen. Ich liebte meinen Vater ſchon ſehr, allein jetzt liebe ich ihn noch mehr, und ich fuͤhle, daß die Art Zwang, wel⸗ chen er mir auflegte, gaͤnzlich aus meinem Herzen ſich verwiſcht. Nun ſehe ich erſt ein, wie ſehr er ſich Ihrem Gluͤcke aufzuopfern, wie ſehr er ſich Ihnen hinzugeben wußte, die Sie es ſo wohl verdienten! Sehen Sie, da haben Sie noch einen Beweis: Sie wiſſen wohl, Mama, als mein Bru⸗ der von jener Reiſe nach Paris alle Winter ſprach war ich, ich geſtehe es, ein wenig aͤrgerlich, zu ſehen, daß man den Gedanken daran aufgeben mußte, weil ich, mit einem Worte, niemals weder auf dem Balle, noch in der Oper geweſen bin, und mich alſo außerordentlich darauf freute! Nun, Mama, ich geſtehe es Ihnen, ich glaubte damals, obgleich mit Unrecht, daß es mein Vater ware, der ſich dieſer Reiſe widerſetzt habe, waͤhrend ich gegen⸗ waͤrtig ziemlich geneigt bin, zu glauben, Mama, daß Sie es ſind, die meinem Vater davon abgera⸗ then, und daß dies ein neues Opfer iſt, welches er Ihnen gebracht hat.“ „Ja, Marie, es iſt ein Opfer, welches er mir gebracht hat; und Du biſt doch deshalb nicht boͤſe auf mich, armes Kind, daß ich Dich der Vergnu⸗ gungen Deines Alters beraube?“ . — „Ich, ich, Mama! Ei! bin ich denn nicht bei Ihnen? Die Vergnugungen meines Alters!!.. Aber giebt es denn deren andere, als die, jede Stunde, jede Minute in Ihrer Naͤhe zu ſein? Und wenn ich meinen Vater der Aufopferungen halber, die er Ihrer Menſchenſcheu, wie Sie es nen⸗ nen, gebracht hat, liebe, ſo genieße doch ich die Vortheile davon. Und dann endlich, Mama, die Welt. mein Bruder erzaͤhlt uns ſo viel da⸗ von! Aber wie kalt und froſtig muß es da ſein! Auf wen darf man zaͤhlen? Welcher Liebe trauen? Kurz, wenn ich aus Ihrem Salon heraus oder in denſelben hineintrete, bin ich des Eindruckes, den ich da zuruͤcklaſſe oder der mich dort erwartet, ge⸗ wiß. Sollte es wohl in der Welt ebenſo ſein?.. Ach! ohne Zweifel nein. Denn wenn mein Herz bei Ihnen ſtaͤrker ſchlaͤgt, ſo iſt es aus Freude oder aus Liebe; in der Welt wuͤrde es aus Furcht und Angſt ſein. Sehen Sie, Mama, ich ſprach von der Oper und dem Ball, ungefähr wie ich mit Jh⸗ nen von jenen großen Reiſe⸗Beſchreibungen ſpreche, welche wir im Winter leſen. Wer mich uͤber dieſe abenteuerlichen Reiſenden in Extaſe gerathen ſieht, wuͤrde mich für unerſchrocken, und zur Abreiſe be⸗ reit halten, und doch wuͤrde mich der Schrecken umbringen, wenn ich mich auf den Weg machen ſollte. Alſo, unter uns geſagt, die Reiſe⸗Beſchrei⸗ bungen ſind ſchön zu leſen, und die Oper wuͤn⸗ ſchenswerth, aber dies iſt auch Alles.— Auch bitte ich taͤglich Gott, daß er mir das Gluͤck nicht entziehe, womit er mich uͤberſchuͤttet, indem er uns alle Beide das friedliche und zuruͤckgezogene Leben fortgenießen läßt, das wir uns gewählt haben.“ „Meine engeliſche Marie“— ſagte Frau von Vaudrey, ihre Tochter umarmend,„Gott hat mich reich geſegnet, als er mir eine Tochter ſchenkte.“ Neunzehntes Kapitel. Die Suͤhne. Dialogiſirte Scenen. (1817.) Perſonen. Der Graf von Vaudrey. Die Gräfin von Vaudrey. Fräulein von Vaudrey. La Viteſſe. Jérome, Courier des Marquis von Belval. Duval, Sekretair des Grafen. Dieſe Scene geht auf dem Schloſſe Vaudrey, auf dem Hunde⸗Hofe vor.) La Viteſſe Gu ſeinem Unterjäger, welcher in dem Hundeſtalle iſh: „Nun dann haſt Du nichts zu thun, als die Hunde loszukoppeln und die Pferde abſatteln zu laſſen; der Herr Graf hat Gegenbefehle gegeben. Zu Jéromc) Ich kann mich von meinem Erſtaunen Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 19 — 290— noch gar nicht erholen.. in Wahrheit, ich be⸗ greife es nicht. Wie? der Herr Graf jagt heute nicht! bei ſo ſchoͤnem Wetter! zu einer Zeit, wo ich das Holz dieſe Nacht mit Ravageot ſelbſt durchſtrichen habe, und wo wir einem Zehnender auf der Spur ſind! Er jagt nicht! Seit 5 Jahren iſt dies das erſte Mal; außerordentlich! dahinter muß etwas ſtecken! Er jagt nicht! unbegreiflich! Jérome. Vielleicht iſt der dicke Brief, den ich ſo eben von Belval gebracht habe, daran Schuld... La Viteſſe. Wohl möglich, und der Herr Vicomte Alfred iſt eben in dieſem Augenblicke mit ſeinem Kammerdiener und ſeinem Courier nach Paris abgereiſt, ohne ſeine Leute mitzunehmen. Wie ge⸗ ſagt, es muß hier etwas Außerordentliches vor⸗ gehen, mein alter Jérome. Jérome. Alles, was ich weiß, iſt, daß dieſen Morgen um 7 Uhr der Herr Marquis, der ſo eben einen Expreſſen von Paris erhalten hatte, mir ſagte: Du wirſt zu Pferde ſteigen, Jérome; es ſind 15 Stunden von hier nach Vaudrey, wenn Du den Fußſteig einſchlägſt; dieſer Brief muß dem Herrn von Vaudrey vor Mittag zugeſtellt ſein, und follte Dein Pferd daruber verſchlagen! La Viteſſe. Sieh. hier iſt Duval, der Sekretär des Grafen, er wird uns etwas Neues mittheilen. Duval cherbeieilend). La Viteſſe, Ihr werdet dem oberſten Stallknechte den Befehl geben, ben ———— —,— —— — 29— Glorieux auf der Stelle fuͤr Jérome ſatteln zu laſſen, geſchwind, geſchwind! La Viteſſe. Den Glorieux? Das beſte Jagdpferd, den Liebling des Herrn Grafen, den ſchnellſten Renner des Stalles, das Pferd, welches in ſeinem Leben Niemand, als den Herrn Grafen trug! Sie irren, Herr Duval! das iſt unmoͤglich! den Glorieur!!! Duval. Ja doch. den Glorieux, und ge⸗ rade weil er am leichteſten, am beſten iſt, waͤhlt ihn der Herr Graf, und Ihr, Jérome, Ihr werdet Euch bemuͤhen, noch ſchneller hinzureiten, als Ihr hierher gekommen ſeid, um dieſen Brief dem Herrn Marquis von Belval zu uͤberbringen. Ach! beinahe haͤtte ich vergeſſen, da ſchickt Euch der Herr Graf etwas aber zu Pferde. zu Pferde!! Jörome. Fuͤnf Napoleons!!! Herr Duval, Sie werden dem Perrn Grafen in meinem Namen gehorſamſt danken; Sie.. Duval. Ja, jaz aber nur zu Pferde! um's Himmelswillen zu Pferde! Sie gehen alle Drei eiligſt fort.) Betzimmer des Grafen von Vaudrey. Der Graf ſißt an einem Tiſche; er lieſt mehrere Briefe und läßt von Zeit zu Zeit Ausrufungen des Erſtaunens und der Freude entſchlüpfen. Er iſt ohne Perrücke; ſein Scheitel iſt kahl und bloß und nur an den Schläfen mit einigen Haaren beſetzt. Sein Geſicht iſt dick und roth.— i mit einem — Schlafrock und langen Beinkleidern von grauem Flanell bekleideh. Der Graf. Das waͤre unerhort.. un⸗ erwartet; welche Verbindung! ein ſ ouveraines Haus! welcher Glanz fuͤr meinen Namen! aber wie geht es zu, daß der erſte Brief Belvals verloren gegangen ſein ſoll! Er ſchickt mir heute einen Ex⸗ preſſen, um mir zu melden, daß er ſeit drei Wochen meine Antwort erwartet, und erneuert mir denſelben Vorſchlag, mit der Bitte, mich auf's ſchnellſte zu entſchließen alſo, ſchon vor drei Wochen haͤtte ich ſeinen erſten Brief erhalten ſollen drei Wochen!. wie viel Zeit verloren! wenn es nur nicht zu ſpät iſt!... Glucklicherweiſe iſt Alfred nach Paris gereiſt! Alles, was ich von ihm fuͤrch⸗ tete, war eine Weigerung; aber nein, er willigt ein. Das iſt viel, aber das iſt noch nicht Alles. ceine lange Pauſe. Wohlan, es giebt nur ein Mittel ja, jemehr ich nachdenke, deſto mehr komme ich darauf zuruͤck, und dann hatte ich die Frage nicht von dieſer Seite aufgefaßt, wie mein Kaplan ſie mir ſo eben dargeſtellt hat. Jetzt wird dieſer letztere Grund fuͤr mich von großerem Einfluß als der erſtere; alſo werde ich in jedem Falle den näm⸗ lichen Entſchluß faſſen, da es noch mehr zu der ewigen Gluͤckſeligkeit beitragen ſoll, deren ich täg⸗ lich mehr ſuche wuͤrdig zu werden, und weil ich uͤbrigens den Glanz meines Namens durch die Verbindung meines Sohnes mit einem ſouverainen Hauſe auf immer erhoͤhen wurde. Es iſt alſo keine Zeit zu verlieren. Die Bedingungen, welche mir der Geſchaͤftsfuͤhrer des Prinzen von Arnsberg durch Belval vorſchlagen läßt, ſind in der That ungeheuer; aber es iſt leicht begreiflich: obgleich es, um ſich an den Hoͤfen der deutſchen Fuͤrſten zu praͤſentiren, keiner ſehr großen Pracht bedarf, ſo muß man ungeachtet deſſen ein furſtliches Haus fuͤhren; und die 300,000 Livres Einkuͤnfte, die ich meinem Sohne bei ſeiner Verheirathung zuſichern ſoll, vereinigt mit dem Vermoͤgen der jungen Prin⸗ zeſſin, wurden gerade nur ſo viel betragen, als es noͤthig iſt, ſeinem Stande gemäß zu leben. Jetzt handelt es ſich um die Einwilligung meiner Toch⸗ ter und der Frau von Vaudrey... cpauſe) Doch, ich ſehe keinen Grund, warum ſie mir das einzige Opfer verweigern koͤnnten, welches ich jemals von ihnen verlangt habe; beſonders da dies ſo viel zu meinem Seelenheile und zur Verherrlichung mei⸗ nes Hauſes beiträgt. Er klingelt. Und uͤbrigens iſt es ja auch mein Wille.(Duval tritt ein) Duval, ſagen Sie einer der Kammerftauen der Frau von Vaudrey, daß ich Fraͤulein Marie bitten laſſe, ſo⸗ gleich zu mir zu kommen.(Duvat verbeugt ſich und geht ab.) (Der Graf lieſt ſeine Briefe durch.. Es ſcheint, daß die Prinzeſſin vergangenen Winter meinen Sohn am Hofe bemerkt habe, der ſich mit ihr beſchäͤftigte, weit entfernt, Anſpruͤche auf ein ſo unverhofftes — Gluͤck zu machen. In Wahrheit, es kommt mir wie ein Traum vor, nicht als wenn dieſer Fall un⸗ erhoͤrt waͤre; denn unſer Haus zahlt unter ſeinen Verwandtſchaften einen Fuͤrſten und einen ſouve⸗ rainen Herzog, aber alles dieſes kommt ſo uner⸗ wartet;(er überlegt) noch ein Mal, ich ſehe nicht ein, warum ſich meine Tochter weigern ſollte, die⸗ ſen Vorſchlag anzunehmen, da es mir und ihrem Bruder ſo große Vortheile darbietet. Um mich je⸗ doch vorher ihrer Einwilligung zu verſichern, werde ich dem Rathe meines Kapellans folgen. (Marie tritt ein.) Ach, da iſt ſie„(Marie iſt ganz betroffen, das Herz ſchlägt ihr hörbar. Das erſte Mal in ihrem Leben befindet ſie ſich allein mit ihrem Vater. Der Graf, immer kalt, gefühllos, aber mit einem Scheine von Liebe, ſpricht:) Tritt naͤher, Marie! ſetze Dich hierher; ich habe ernſthaft mit Dir zu ſprechen ja, etwas ſehr Ernſtes... Marie nähert ſich ſchüchtern, küßt die Hand ihres Vaters und ſetzt ſich.) Ich bin ganz Ohr, beſter Vater. (Der Graf, nach einer Panſe, während welcher er ſich zu ſammeln ſchien) Sage mir, Marie, wenn es jetzt von Dir abhinge, das Leben Deines Vaters zu retten, und. Marie Cerſchrocken, wirft ſich an den Hals ihres Vaters.) Großer Gott!!! mein Vater!!! WGraf. Sei ruhig, Marie, ſei ruhigz laß mich austeden. Wenn es heute, ſage ich, von Dir ab⸗ 55 hinge, mein Leben dadurch zu retten, daß Du Dich fuͤr immer einem qualvollen und kuͤmmerlichen Da⸗ ſein hingaͤbeſt, was wuͤrdeſt Du thun? Marie. Ich bin gewiß, daß Sie nie daran gezweifelt haben, was ich thun wuͤrde, beſter Vater! Graf. Alſo wuͤrdeſt Du ohne Bedenken Dich fuͤr mich aufopfern? Marie. Mein Vater, ich habe es Ihnen geſagt. Graf(mit feierlicher Miene). Du wuͤrdeſt es mit einem Eide bekräftigen?.. Marie(den Grafen mit Verwunderung anſehend). Ja, mein Vater, ich wuͤrde ſchwoͤren, wenn Sie dieſen Eid fur noͤthig hielten, um verſichert zu ſein, daß Ihre Tochter von ihrer Mutter ihre Pflichten kennen gelernt hat. Graf(auf ein Chriſtusbild zeigend). Kurz, mein Kind, Du wuͤrdeſt es ſchworen auf das Bild des Heilands der Menſchen?„ alſo, Du ſchwoͤrſt es Marie(mit Feuer). Ja, ich ſchwoͤre, ich ſchwoͤre. Aber erlauben Sie mir die Frage, beſter Vater, warum Sie noch an dem Gehorſam Ihrer Toch⸗ ter zweifeln, Ihrer Marie, welche ſich ganz gluck⸗ lich fuͤhlen wuͤrde, Ihnen einen Beweis von ihrer außerordentlichen Liebe zu geben. Graf(kuͤßt ſie auf die Stirn). Gut, Marie, gut! ich ſehe, ich habe mich nicht in Dir getäuſcht; Du biſt eine edle und zärtliche Tochter, ganz meiner — 296— und meines vollen Zutrauens wuͤrdig. Und, Marie, Du kannſt noch mehr thun, als mir die wenigen Tage, welche mir Gott noch auf dieſer Erde voll Leiden ſchenken wird, erhalten; Du kannſt mir die ewige Gluͤckſeligkeit verſchaffen, Marie, ewige Gluͤckſeligkeit. Marie Cganz erſtaunt und die Worte ihres Vaters nicht begreifend). Die ewige ött und wie das, beſter Vater? Graf. Ja, Marie, Du kannſt mir die ewige Gluͤckſeligkeit verſichern, welche das Ziel der ganzen Chriſtenheit iſt, und welche ich durch ein frommes und gottergebenes Leben zu erlangen mich beſtrebe. Ja, Marie, das kannſt Du, wenn Du Dich einem Leben widmeſt, wie Du es geſchworen, einem Le⸗ ben voll Buße und Leiden, aber im Gegentheil auch einem gluͤcklichen, ſuͤßen und ruhigen Leben, welches Dich auch der ewigen Gluͤckſeligkeit wuͤr⸗ dig macht. Marie(noch immer ganz betroffen). Der ewigen Gluͤckſeligkeit, mein Vater? Graf(ein wenig ungeduldig). Du ſollſt mich beſſer begreifen, und ohne Zweifel wird es Gottes Wille ſein, daß ich mich vor meinem Kinde ernie⸗ drige. Als ich noch jung war, habe ich viel ge⸗ fehlt, viel geſuͤndigt, Marie; doch die Gnade iſt uͤber meinen verirrten Geiſt gekommen, und ſeit beinahe 8 Jahren ſuchte ich durch ein ue Leben die Fehler meiner Jugend auszuſuͤhnen . 5—.———— Aber wenn meine Bitten bei Gott Erhoͤrung fin⸗ den, wie viel mehr wuͤrde dies der Fall ſein bei einer reinen und frommen Seele, wie die Deinige, Marie, welche taͤglich den Himmel um eine Stelle unter den Auserwaͤhlten fuͤr ihren Vater bittet! Marie. Ich und meine Mutter, wir flehen jeden Tag den Himmel fuͤr Sie an, und mit einem Eifer, mein Vater Graf. Ich glaube es, meine Tochter, ich glaube es; aber was iſt es fuͤr ein Unterſchied, hier ſeine Gebete zu verrichten, hier an dieſem weltlichen Orte, ohne nur irgend ein Recht auf die Gnade Gottes zu haben, oder in jener heiligen Zuruckge⸗ zogenheit, wo man, einzig erfuͤllt von ſeiner Gegen⸗ wart, ſeine Gebete verrichten kann, wie Du, wenn Du die keuſche Braut des Herren waͤreſt.. Verſtehſt Du, Marie? Marie Cerbleichend). Ich verſtehe... mein Vater ich verſtehe. Graf Gebhaft und mit einiger Ueberwindung). Ich bin uͤberzeugt, daß meine edle und zartliche Toch⸗ ter mich verſteht. Sieh, Marie wel⸗ cher Vortheil fuͤr mich! von meiner Seite habe ich den Himmel fuͤr die Vergebung meiner Suͤnden angefleht. und Du bitteſt nun auch fuͤr mich Und wie ſehr wird nicht Deine Stimme dem Herrn angenehm ſein, Deine Stimme, meine heilige, anbetungswuͤrdige Tochter, die Du Dich freiwillig zum Suͤhnopfer fuͤr die begangenen Suͤn⸗ — 298— den Deines Vaters hingiebſt. Und glaube mir, Marie, ich fuͤhle es eine heilige Stimme in meinem Innern ſagt mir es, daß Gott, bewegt von einem ſo edlen Opfer, Deine Bitten fuͤr mich um eine Stelle unter ſeinen Auserleſenen gewiß nicht verwerfen wird. Ach, Marie, wenn Du das fuͤr mich thun koͤnnteſt, ich wuͤrde meine Tage ruhig beſchließen. Ueberdies, Marie, werde ich mit der feſten Ueberzeugung ſterben, daß ich mich Gottes wuͤrdig gemacht habe, indem ich Dein Gluͤck ſicherte, da ich Dich der fluͤchtigen Eitelkeit und den gefähr⸗ lichen Verſuchungen dieſer elenden Welt entriß. Verſtehſt Du, Marie, iſt es nicht ſo, meine Toch⸗ ter, meine theure Tochter?.. Marie(welche ſeit ihrer letzten Frage an ihren Vater ſeine weitern Worte nicht gehoͤrt, ſagt mit Schmerz und Schwermuth) Meine Mutter verlaſſen!!! Graf. Ja, meine Tochter, aber um zu den Fuͤßen desjenigen zu beten, welcher verdient, und es will, daß Alles ſeiner Anbetung aufgeopfert werde„doch auch um fuͤr immer das Gluͤck Deines Vaters und das Deinige zu ſichern... Marie(die Wangen mit Thränen benetzt). Meine Murter verlaſſen... O, mein Gott! mein Gott! meine Mutter verlaſſen!.. Der Graf(mit einer Vewegung übler Laune, ſagt in einem trockenen Tone). Wenn die frommen Gruͤnde, die ich meiner Tochter angefuͤhrt habe, ihr nicht 299 genuͤgen, ſo giebt es noch einen andern Grund, welcher, obgleich weniger erhaben, beitragen koͤnnte, ſie zu uͤberreden, daß das, was ſie vielleicht fur ein Opfer anſieht, und ich als die unverhoffteſte und vortheilhafteſte Gelegenheit zur Befoͤrderung ihres Seelenheils betrachte, außerdem noch das kuͤnftige Gluͤck und Schickſal meines Sohnes ſichern wuͤrde, wie, ſollſt Du in wenig Worten hoͤren. Marie. Ich hoͤre, mein Vater.. Der Graf(ihr den Brief des Marquis von Belval zeigend). Hier iſt ein Brief von einem meiner auf⸗ richtigſten Freunde; in dieſem Briefe ſchlaͤgt er mir fuͤr meinen Sohn Kmit abſichtlichem Nachdruch, fuͤr den Erben meines Namens, fuͤr denjenigen, welcher ihn allein auf meine Nachkommen⸗ ſchaft fortpflanzen kann, kurz, er ſchlaͤgt mir fuͤr Deinen Bruder eine unverhoffte Verbindung vor denn es handelt ſich um nichts weniger, als ihm die Prinzeſſin von Arnsberg zur Frau zu geben, deren Oheim, regierender Fuͤrſt eines der deutſchen Staaten, mit dem Hauſe Oeſtreich ver⸗ wandt iſt.. Zu Gunſten einer ſolchen Ver⸗ bindung ſoll ich mich verbindlich machen, meinem Sohne bei ſeiner Verheirathung dreimal hundert⸗ tauſend Livres Einkuͤnfte zu geben, und ihm nach meinem und der Frau von Vaudrey Tode(indem ich fuͤr Dich eine lebenslaͤngliche Penſion von zwölftauſend Livres ausſetze) die zweimal hundert⸗ tauſend Livres zuzuſichern, die uns noch bleiben, — 800— und welche kaum hinreichen werden, um unſern Rang zu behaupten... Du ſiehſt alſo, Marie, daß es in dieſem Falle ſehr ſchwer halten wuͤrde, fuͤr Dich eine anſtaͤndige Verſorgung zu finden, denn Du wuͤrdeſt nicht zugeben wollen, ich bin davon uͤberzeugt, daß ich in meinem Alter, und um Dir eine Ausſtattung zu geben, meiner ge⸗ wohnten Lebensart entſagen ſollte. und von der andern Seite waͤre die Hoffnung, Dich ohne Mitgift zu verheirathen, eine bloße Täuſchung.. Hier haſt Du alſo den andern Grund; ich habe es Dir geſagt, Marie, obgleich weit weniger er⸗ haben, als der erſtere, iſt er doch auch, wie Du ſiehſt, von großer Wichtigkeit, weil er ſich auf die Verherrlichung unſeres Hauſes bezieht;. ſo ſteht die Sache, meine Tochter, ich habe Dir nichts verſchwiegen, weil ich gewiß bin, daß Du mein ganzes Zutrauen verdienſt, und Dich deſſelben wuͤr⸗ dig zu zeigen wiſſen wirſt. Marie. Ich weiß, mein Vater, daß, da ich weder Reichthum noch Schoͤnheit beſitze, ich mich niemals verheirathen werde. Ich willige alſo mit Freuden, mit Gluͤck und ohne irgend einen Ruͤckgedanken von Kummer, ich ſchwoͤre es Ihnen, darein, daß Sie meinem Bruder, den ich von ganzer Seele liebe.. den Antheil des Vermo⸗ gens geben, worauf ich Anſpruͤche machen konnte Aber, mein Vater(ſie wirft ſich dem Gra⸗ fen zu Füßen) mein guter Vater, ich bitte, trennen — 301— Sie mich nicht von meiner Mutter.... zwingen Sie mich nicht, meine Mutter zu verlaſſen.... Der Graf cſtrengg. Wie. Du nimmſt Anſtand. Du wagſt es, Anſtand zu neh⸗ men nachdem Du mir es geſchworen haſt... Marie(immer noch auf den Knien). Aber mein Vater, meine Mutter zu verlaſſen!.„ Ueber⸗ legen Sie doch, was das ſagen will„ mein Gott, uͤberlegen Sie doch. ſie allein laſſen, ganz allein, das iſt unmoͤglich!... Wer wuͤrde mich bei ihr erſetzen?„ Niemand„ Niemand! Der Graf. Und wer wird fuͤr Dich den Platz am Fuße der Altaͤre einnehmen?„ und wer wird beten, um das Seelenheil Deines Vaters zu ſichern.„meineidiges, ungerathenes Kind? Niemand! Niemand!.. Marie. Aber mein Gott, ja, ich, ich werde fuͤr Sie in jeder Stunde, in jeder Minute beten, ich und meine Mutter, wir werden beten, aber trennen Sie uns nicht. Sie wiſſen alſo nicht, was ich ihr bin und was ſie mir iſt! Sie wiſſen alſo nicht, daß ihr Leben und das meinige innig mit einander verbunden ſind„ Doch ja, mein guter Vater, Sie wiſſen dies,„Sie wiſſen, daß man nicht eine Tochter der Mutter auf ſolche Weiſe entreißt. Sie wiſſen, daß dies unmoͤglich iſt, daß meine Mutter daruͤber vor Kum⸗ mer ſterben wuͤrde und es iſt nicht Ihr Wille, meine Mutter zu toͤdten! — 302— Der Graf. Obgleich Du mir zu unſerm Herrn Jeſum Chriſtum den Schwur gethan haſt, Dich einem kuͤmmerlichen und qualvollen Daſein zu widmen, um mir das Leben in dieſer vergaͤng⸗ lichen Welt zu retten, ſo zoͤgerſt Du jetzt dennoch, wo es ſich um mein ewiges Leben handelt; Du zoͤgerſt jetzt, da Du mir das Gluͤck unter den Aus⸗ erwaͤhlten ſichern ſollſt? Marie. Aber ich muß doch auch an meine Mutter denken. Gott hat ſie mir nicht ge⸗ geben, damit man ſie tödte, indem man ſie aus meinen Armen reißt.. Gott kann auch nicht fordern, daß man eine Mutter, wie die meinige iſt, durch Kummer tödte!... Der Graf. Es iſt beſſer, nicht wahr, daß es mir meine ewige Gluͤckſeligkeit koſte. mir? Alſo ich, der auf dieſes Opfer von Deiner Seite rechnete, weil es in Deinen Augen ein Opfer iſt, um meine Tage in Frieden zu beſchließen, ich ſoll von nun an mein Leben in Zweifel, Angſt und Qual hinbringen... Ungluͤcklicher Vater!.. der ich dem heiligen Schwure meiner Lochter trauete waährend meine Tochter eine Mein⸗ eidige iſt Marie. Ich bin nicht meineidig, mein Vater.. Der Himmel bewahre mich davor. Aber Sie haben mir geſagt:„Schwoͤre mir, meine Tochter, daß Du Dich hingeben wuͤrdeſt einem Leben voller Qualen, um das meinige zu retten“... Ich habe es Ih⸗ — 303— nen geſchworen, mein Vater ich ſchwöre es Ihnen noch ein Mal.... Um Ihr Leben zu retten, wuͤrde mich nichts in der Welt aufhalten. Ich wuͤrde, glaube ich, meine Mutter vergeſſen. ja um Ihr Leben zu retten, waͤhrend daß. Der Graf(Rie heftig unterbrechend). Aber noch ein Mal, ungluͤckliches Kind, zoͤgerſt Du denn, Deinen Schwur zu halten, weil es ſich um das ewige Leben handelt?... Du wollteſt Dich auf⸗ opfern, um mir das Leben, die wenigen Jahre, die mir noch uͤbrig bleiben, zu erhalten.... und Du verweigerſt, es zu thun, um mein ewiges Heil zu ſichern!!! Und heißt das uͤbrigens nicht auch, mir das Leben dieſer Erde retten, wenn ich durch die gewiſſe Ausſicht auf das Gluͤck dieſen grauſamen, ſchmerzlichen Zweifel verbannt ſehe, welcher mich nun unaufhoͤrlich peinigen wird?. weil man mich verhindert, vor Kummer zu ſterben, indem ich meinen Sohn, den Erben meines Namens, eine unerwartete Verbindung verfehlen ſehe, die ihm die glanzendſte Zukunft eroffnete?„. Geh, geh, meineidige Tochter.... tritt Deinen Schwur mit Fuͤßen; Gott wird Dich verfluchen, denn Du biſt ohne Glauben!!! Marie. Mein Vater. hoͤren Sie mich! Der Graf. Nein, nein ich kenne Dich nicht mehr, und wenn Du Dein Verſprechen nicht erfullſt, ſo verfluche ich Dich, hoͤrſt Du? ich verfluche Dich.. Marie(immer auf den Knien).— Gnade! 35 Gnade! mein Vater. Der Graf. Nun! wirſt Du erfullen, was Du mir geſchworen haſt?.. Marie. Aber meine Mutter? Der Graf. Nimm Dich in Acht, ungluͤck⸗ liches Kind. bedenke was der Fluch eines Vaters ſagen will uͤberlege wohl. Willigſt Du ein? Marie(mit gefalteten Händen). Haben Sie Mit⸗ leid mit meiner Mutter!... Der Graf(die Häͤnde erhebend) Nun denn, da Du Deinen Schwur verkennſt, da Du den Na⸗ men des Heilandes durch einen Meineid enthei⸗ Köeſt ſo ſei Marie(eryebt ſich mit Schrecken und hält die Hand auf den Mund ihres Vaters). Nein! nein! ich willige ein„mein Vater„„ich willige in Alles. Der Graf(ergreift ſie beim Arme und fuͤhrt ſie an den Fuß ſeines Crucifires). Und diesmal beſchworſt Du es. freiwillig wirſt Du Nonne werden...2 Marie(erſchöpft). Ich ſchwoͤre es aber beten Sie fuͤr meine Mutter, ſie wird viel leiden! Der Graf(ſie umarmend). Ach! Marie, Marie, Du kannſt nicht glauben, wie gluͤcklich Du mich machſt und welche Ruhe ich in dieſem Augenblicke fuͤhle, der meine Zukunft ſichert. Marie, Gott — ½— wird Dich ſegnen... Von dieſem Tage an haſt Du Dir fuͤr immer das Himmelreich errungen, indem Du auf immer das Gluͤck Deines Vaters und Deines Bruders ſicherteſt; dies ſei Dein ſußeſter Lohn... heilige Braut des Herrn! Marie. Und was ſoll jetzt. was ſoll aus meiner Mutter werden?.. Der Graf. Hoͤre mich, Marie. Das, was Du mir ſo eben verſprochen haſt, muß noch einige Tage fuͤr Deine Mutter ein Geheimniß bleiben, (Sn dieſem Augenblick offnet Frau von Vaudrey ſchnell die Thuͤr des Betzimmers; ſie iſt blaß und ſehr bewegt. Der Graf bleibt erſtaunt. Die Graͤfin wirft auf ihn und auf ihre Tochter einen forſchenden Blick.— Bei der; Erſcheinung der Graͤfin hat ſich Marie in ihre Arme geworfen, indem ſie aus⸗ rief) Meine Mutter! (Die Grafin umarmt ſie und, ſich bezwingend, ſagt ſie zu ihr:) Mein Kind, ich habe mit dem Herrn von Vaudrey uͤber eine ſehr wichtige Angelegenheit zu ſprechen; laß uns allein erwarte mich dort.. in der Bibliothek. (Marie umarmt noch ein Mal ihre Mutter, naͤhert ſich ihrem Vater und kuͤßt ihm die Hand.) (Der Graf zu Marien mit leiſer Stimme, aber in einem bedeutungsvollen Tone.) Denke wohl daran.. Marie. Sie haben mein Verſprechen, me Vater. (Marie umarmt nochmals ihre Mutter und entfernt ſich. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. MI. 20 — 306— Der Graf und die Gräfin. Die Gräͤfin, ſehr bewegt, ſtuͤtzt ſich auf die Lehne eines Armſtuhles und betrachtet ſtillſchweigend den Grafen. Der Graf(mit ͤbler Launc). Ich will glauben, Madame, daß Sie Achtung genug fuͤr Schicklich⸗ keit gehabt haben ſich nicht ſo weit zu ver⸗ geſſen, das Geheimniß einer Unterredung, welche nur mich und Ihre Tochter anging, uͤberraſchen zu wollen, und daß Sie ſich nicht erlaubt haben... Die Gräfin Cihn lebhaft unterbrechend). Ja, mein Herr, ja, ich habe mir dies erlaubt. Als ich erfuhr, daß Sie das erſte Mal in Ihrem Leben meine Tochter verlangten wollte ich wiſſen, was Sie mit meinem Kinde vorhaͤtten.. und ich weiß es nun.. ich bin zu ſpät ge⸗ kommen; aber kurz, ich weiß Alles.. Der Graf(eatt). Wohlan, Madame, Sie wiſſen alſo das, was ich, aus Ruͤckſicht gegen Sie, Ihnen noch einige Tage verbergen wollte, um es Ihnen mit Schonung beizubringen.— Sie wiſſen, daß meine Tochter mir geſchworen hat, ins Kloſter zu gehen, um mein Seelenheil, das Ihrige und die Verbindung meines Sohnes zu ſichern.. Das iſt Alles. Die Graͤfin. Das iſt Alles!!... Der Graf. Ich begreife, Madame, daß dieſe Trennung Ihnen unangenehm iſt, allein ich denke nicht, daß Sie die wirklichen Vortheile, welche daraus erwachſen, dem Verlangen, ſich eine Unan⸗ nehmlichkeit zu erſparen, aufopfern wollen. Die Graäfin(mit Bitterkeit). Eine Unannehm⸗ lichkeit!.... O)l ohne Zweifel iſt es nur eine Unannehmlichkeit.... Auch bin ich ſo ſchwer zu bereden. Alles erwogen... was iſt es, das man beabſichtigt?. mir meine Tochter zu ent⸗ reißen und was kann mir da im ſchlimm⸗ ſten Falle begegnen? Daß ſie, aus Ver⸗ zweiflung, von mir getrennt zu werden, ſtirbt. oder daß ich ſterbe.... daß ich in einſamer To⸗ desangſt ſterbe ohne meine erloſchenen Augen auf die ihrigen heften zu können, um den Tod zu vergeſſen, indem ich zum letzten Mal auf mein Kind blicke. und alles dies iſt in Ihren Augen nichts als eine bloße Unannehmlichkeit.. Ach, ohne Zweifel. auch luͤgen Sie nicht. Nein! Ihr Herz iſt ſo beſchaffen, daß Sie wirklich denken, was Sie da ſagen Aber wiſſen Sie, daß der Prieſter, welcher Ihnen die Losſprechung von einem ſo verbrecheriſchen Plane, als derjenige iſt, den Sie vorhaben, bewilligte, Ihr Seelenheil auf eine befremdende Weiſe in Gefahr ſetzen durfte, mein Herr?„ Der Graf. Ich habe ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, Madame, daß ich meinem Kaplan allein das Recht zuerkenne, mit mir über mein Seelenheil zu ſprechen und meine Handlungen und meine Gedanken gegen dieſes Ziel zu leiten. Be⸗ 205 — 308— lieben Sie mir alſo zu ſagen, Madame, welches Ihre Abſichten in Bezug auf die Mademviſelle von Vaudrey ſind. Die Graͤfin. Wohlan, mein Herr! meine Abſichten ſind, mich durch alle mögliche Mittel, durch meinen ganzen Einfluß als Mutter, und zwar einer liebenden Mutter, dem Vorhaben ent⸗ gegenzuſetzen, daß meine Tochter auf eine ſo ab⸗ ſcheuliche Art aufgeopfert werde; meine Abſicht iſt noch, an die Ehrliebe und an das Zartgefuͤhl mei⸗ nes Sohnes zu appelliren, der niemals eine ſolche Grauſamkeit zugeben wird; denn ich bin gewiß, mein Herr, daß er Ihre Plaͤne nicht kennt. Der Graf. In der That, Madame er weiß bloß, daß man mir dieſe Verbindung fur ihn vorſchlaͤgt; allein er weiß nicht, unter welchen Bedingungen. Die Gräfin. Gott ſei gelobtl meine Toch⸗ ter iſt gerettet; ich kenne das Herz ihres Bruders. Der Graf. Ich ſpreche wie Sie, Madame, Gott ſei gelobt, meine Tochter iſt gerettet; denn ſie beſitzt ein zu edles Herz, um einem vor Gott gethanen Verſprechen meineidig zu werden. Die Gräfin. Stille, mein Herr, läſtern Sie Gott nicht; machen Sie ihn nicht zum Mitſchul⸗ digen Ihrer heuchleriſchen Kunſtgriffe, Ihres un⸗ erſättlichen Hochmuthes, und Ihres gehaͤſſigen Egoismus. Sehen Sie, mein Herr, der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich mit meinen Kindern, und 3 beſonders mit meiner Tochter, in Bezug auf Sie, nie von etwas Anderm geſprochen habe, als ſie zu ermahnen, Sie zu lieben und zu ehren. Ich habe mich gegen die Wahrheit und gegen mich ſelbſt vergangen, indem ich Ihre nicht zu entſchuldigen⸗ den Fehler bemaͤntelte, und Sie unaufhoͤrlich mit meinem und meiner Tochter Gluͤck beſchaͤftigt ſchil⸗ derte. Ich ſuchte meiner Tochter Ihre Kaͤlte und Ihre Entfernung zu verbergen, indem ich der ſtraf⸗ baren Gleichguͤltigkeit, die Sie gegen Ihre Kinder und mich bezeugten, gegen mich, die ich Ihnen mein Leben, meine Jugend, meine Hoffnungen aufgeopfert, und von Ihnen nie etwas Anderes, als Verachtung und Verſchmähung erfahren habe, einen ſchicklichen Vorwand unterſchob. Hoͤren Sie wohl, mein Herr, wir ſind Beide in einem Alter, und in einer ſolchen Lage, daß, was ich Ihnen zu ſagen im Begriff bin, nicht leicht als ein gemeiner und undelikater Vorwurf erſcheinen kann; wohl aber iſt es eine Thatſache, die ich nothwendiger⸗ weiſe auseinanderſetzen muß, um Sie Ihres grau⸗ ſamen und unedlen Betragens wegen zu beſchaͤmen. Es ſind nun fuͤnf und dreißig Jahre, mein Herr, daß ich, ich... die Ihnen an Geburt gleich kam, die Ihnen ein Vermoͤgen zubrachte, welches ſechsmal bedeutender als das Ihrige war, daß ich durch lugneriſche Verſprechungen hintergangen wurde, und mein Schickſal an das Ihrige geknupft habe. Wohlan! werden Sie in Abrede ſtellen können, „ daß Sie, mein Herr, mit Ausnahme der erſten Monate unſerer Verbindung, ſich gegen mich auf die grauſamſte und empoͤrendſte Art betragen haben? Werden Sie meine Rechte auf die Verfuͤgung un⸗ ſeres Vermögens in Abrede ſtellen köͤnnen? Wer⸗ den Sie wagen Der Graf(ſie kaltbluͤtig und mit Zerknirſchung un⸗ terbrechend. Was Ihre Rechte auf unſer Vermoͤgen betrifft, ſo ſteht Ihnen keines zu, und ich allein nur kann daruͤber verfuͤgen. Wenn Sie daran zweifeln, ſo fragen Sie deshalb Ihre Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer um Rath. Was mein Unrecht gegen Sie betrifft, ſo werde ich es nicht zu laͤugnen ſuchen, Madame. In meiner Jugend, in meinen reifern Jahren, in meinem Alter, habe ich geſuͤndigt, viel geſuͤndigt; mein Betragen war weltlich, unmora⸗ liſch, gottlos; ich habe mich hart gegen die Bande der Ehe vergangen, indem ich das Gluͤck anderswo, als in der Liebe meiner Frau und meiner Kinder ſuchte, und mich den unreinen Vergnuͤgungen ver⸗ brecheriſcher Wolluͤſte hingab; ich habe Ihre Liebe und Anhaͤnglichkeit durch Kaͤlte und Hintanſetzung erwiedert. Ich weiß es, Madame, und weil ich da⸗ von uͤberzeugt bin, flehe ich zu jeder Stunde, zu jeder Minute des Tages die Barmherzigkeit des Himmels an, Gott bittend, daß er mir meine be⸗ gangenen Fehler verzeihe; eben darum, Madame, weil ich die ganze Abſcheulichkeit meines Betragens fuͤhle, und mich der Gnade des Himmels noch nicht fur wuͤrdig halte, habe ich meine Tochter ge⸗ beten, ſich fuͤr mich aufzuopfern; denn ich bin ge⸗ wiß, daß die Gebete einer keuſchen und heiligen Braut des Herrn bei Gott mehr Gehor finden werden, als die eines unwuͤrdigen Suͤnders, wie ich bin. Und weil Sie mich an die erſte Zeit un⸗ ſerer Ehe erinnern, ſo geben Sie mir dadurch eine Gelegenheit, die ich vielleicht lange vergebens ge⸗ ſucht hätte. Mit einem Worte, ich habe Ihnen ein Geſtaͤndniß abzulegen. Ich war ſehr ſtrafbar! o! ſehr ſtrafbar! Aber Gott iſt allbarm⸗ herzig, und ich hoffe, daß Sie es auch ſein werden, Madame; denn mein Kaplan hat mir geſagt, daß ich durch die Verſicherung Ihrer Verzeihung einen großen Schritt zur Vergebung meiner Suͤnden machen wuͤrde, und daß man das Gebot der hei⸗ ligen Schrift befolgen muͤſſe: Demuͤthiget euch vor demjenigen, welchen ihr beleidigt habt. Die Gräfin(kaum athmend). Reden Sie, re⸗ den Sie, mein Herr, was wollen Sie damit ſagen? Was haben Sie mir mitzutheilen? Der Graf(erhott ſich, und ſpricht ſtockend und ſehr langſam, denn er ſcheint ſeine Gedanken nur mit Muͤhe zu ſammeln). Sie werden ſich erinnern, Madame, daß, als ich Sie zum erſten Mal in Indien ſah, es war ich beſinne mich nicht mehr, ob es auf lle de France... oder zu Gondelour Die Graͤfin(ſehr ſchnelh. Es war zu Gonde⸗ lour, mein Herr, zu Gondelour.. . — 312— Der Graf. Ja, ja, zu Gondelour; in Wahr⸗ heit, mein Gedächtniß iſt ſo ſchwach, daß Zeit und Ort ſich in meinem Kopfe verwirren. Die Graͤfin(ängſtlich). Aber, ſo ſagen Sie mein Herr, ſagen Sie doch.. Der Graf. Ja, es war zu Gondelour, Ma⸗ dame, wo ich Sie zum erſten Mal ſah. Ich brachte Ihnen die Nachricht von dem Tode eines engliſchen Schiffs⸗Capitains, deſſen Fregatte ich durch Entern genommen hatte; dieſer Schiffs⸗ Capitain„. Die Graͤfin(in einer fürchterlichen Angſt). Es war Sir Georges Gordon, mein Herr, aber um des Himmels willen weiter. weiter.. Der Graf. Ja, es war Sir Georges Gor⸗ don, er befehligte eine Fregatte, unter dem Namen dem Namen ich beſinne mich nicht mehr auf den Namen dieſer Fregatte. Die Graͤfin. Der Name thut nichts zur Sache, mein Herr, nur weiter weiter! Der Graf(bleibt einen Augenblick in Stillſchweigen verſunken, dann nimmt er, immer ſehr langſam, wieder das Wort). Ach! es war der Lively, die Fre⸗ gatte der Lively. Ich hatte dieſen Sir. dieſen Sir Georges Gordon in Frankreich, zu Ver⸗ ſailles kennen gelernt... Die Gräfin. Mein Herr, Sie machen mich zittern. 8i5— Der Graf(nach einer Pauſe). Aber bevor ich zu dem beſchwerlichen Geſtaͤndniſſe komme, das ich Ihnen abzulegen habe, muß ich Ihnen, mit Reue und Ergebung, die Gefuͤhle auseinanderſetzen, mit welchen ich Sie geheirathet habe; denn d'ſer Be⸗ weis von Erniedrigung wird mir da ovtn ange⸗ rechnet werden. Die Graͤfin. Das iſt unnoͤthig, mein Herr, denn ich ſehe voraus, daß Sie mir nur ſehr trau⸗ rige Dinge mittheilen werden...„ Ueberdies bin ich hierher gekommen, um mit Ihnen uͤber meine Tochter zu ſprechen, mein Herr, um ihre Rechte zu vertheidigen, die Sie unwuͤrdig aufopfern wol⸗ len und nicht um Ihr Geſtaͤndniß zu hoͤren. Der Graf. Und Sie muͤſſen es doch anhoͤ⸗ ren, Madame, denn, wenn Sie das, was Sie be⸗ trifft, gehoͤrt haben, werden Sie vielleicht begreifen, wie ſehr ich einer Stutze bei Gott be⸗ darf, und ob die Gebete meiner Tochter uͤberfluͤſſig ſind, um fuͤr mich die Verzeihung eines ſo ſchaͤnd⸗ lichen Betragens zu erlangen; und uͤbrigens, wenn Sie mir die Verzeihung, welche ich von Ihnen zn hoffen wage, bewilligen ſollen, muͤſſen Sie wohl alles das Ueble erfahren, das ich Ihnen leider! zu⸗ gefuͤgt habe. Die Gräfin. Aber, mein Herr Sie quaͤlen mich furchterlich! Der Graf. Ihnen kommt es nicht zu, zu leiden.. ſondern mir, Madame, mir, der ich Sie beleidigt, betrogen habe, denn ich geſtehe zu meiner Schande, daß, als ich den Entſchluß faßte, mich mit Ihnen zu verbinden, ich weit mehr durch die Habſucht, welche Ihr unermefliches Vermoͤgen in mir erregte, als durch das, was man Liebe nennt, dazu veranlaßt wurde. und daß ich mehr darauf bedacht war, mich in eine glaͤnzende Lage zu verſetzen, die mich gegen die Ereigniſſe, welche ich in Frankreich voraus ſah, ſichern ſollte, als mich mit Ihrem zukuͤnftigen Gluͤcke zu beſchaͤftigen, weil ich mir innerlich vornahm, meine ſtrafbare Lebensweiſe fortzuſetzen, obgleich ich mit Ihnen durch die heiligen Bande der Ehe vereinigt war... Ach! werden Sie mir verzeihen, Ma⸗ dame?. Die Graͤfin(ſich eine Thraͤne abtrockneſib). Ich verzeihe Ihnen, mein Herr... ſeit langer Zeit ſchon vermuthete ich dies, ich glaubte jedoch.... daß, anfangs.. aber nein nein.... nun unterliegt es keinem Zweifel mehr, und ich danke Ihnen, daß Sie mich aus dem Irrthume ziehen, ja ich verzeihe Ihnen mein Herr. Der Graf. Ich banke Gott und Ihnen, Madame, fuͤr Ihre Nachſicht, und Ihre Guͤte er⸗ muthigt mich, denn ich muß Alles ſagen, Alles die Offenherzigkeit allein kann uns retten hoͤren Sie mich alſo noch an... Da ich ſah, daß Ihre Anhaͤnglichkeit an Sir Georges 3 meinen Bemuͤhungen entgegenſtand, ſo wollte ich Sie um jeden Preis von ihm losreißen„und als Sie mir erzaͤhlten, daß er Ihnen den Schwur gethan haͤtte, nicht mehr zu ſpielen„. Die Graͤfin(furchterlich erblaſſend). Um des Himmels willen, mein Herr, was wollen Sie mir ſagen? Sie erſchrecken mich.. Der Graf. Ach! Madame, ich konnte einer boshaften Freude nicht widerſtehen, als ich daran dachte, daß ich Beweiſe ſeiner Wortbruͤchigkeit in Haͤnden hätte ie Graͤfin athmet wieder.) Ja und ich verſtellte mich und ſuchte Aus⸗ fluͤchte, indem ich mir das Anſehen gab, der Ent⸗ deckung, die man Ihnen machte, fremd zu ſein, während ich es war, der ſie Ihnen durch einen Laͤufer machen ließ, welcher damals in meinen Dienſten ſtand Ach! Sie ſehen es, Madame, daß ich ſehr ſtrafbar war. Die Graͤfin(ſich beruhigend). In der That, mein Herr, Sie haben mir auf ſehr unwuͤrdige Weiſe mitgeſpielt, dies war ein recht niedriger Kunſt⸗ griff! Allein bei alle dem verzeihe ich Ihnen, mein Herr, denn wenigſtens haben Sie es nicht bis zur Verleumdung getrieben und ich geſtehe Ih⸗ nen, dieſer Gedanke.„ ach! dieſer Gedanke erſchreckte mich. Der Graf. Dennoch habe ich aller Ihrer Barmherzigkeit nöthig, Madame, denn ich war ein Verleumder, ach! ja... ein ſchaͤndlicher Ver⸗ — 316— — leumder, und das um ſo mehr, da derjenige, den ich verleumdete, nicht mehr lebte, und ſich alſo nicht vertheidigen konnte aber. werden Sie mir dies auch verzeihen, Madame? Die Graͤfin(vor Schreck erblaſſend). Was wol⸗ len Sie noch ſagen, mein Herr? Der Graf. Als ich ſah, daß die Wortbruͤchig⸗ keit des Sir Georges nicht hinreichte, um Sie von ihm gaͤnzlich loszureißen. kam ich auf den Einfall... Die Graͤfin(verbirgt ſich das Geſicht mit beiden Händen). Ach! kein Wort weiter.... Der Graf. Ich habe geſuͤndigt, Madame; das Geſtaͤndniß meines Fehlers iſt ſchon ein An⸗ fang der Strafe, die ich verdient; ich werde alſo den Muth haben, Alles zu geſtehen.... Die Graͤfin. Ol genug.... haben Sie Mitleiden.... genug!!! Der Graf. Ach, um Sie alſo vollends von Sir Georges abzuziehen, kam ich auf den Gedan⸗ ken, Ihnen zu ſagen, daß Sir Georges Sie in meinen Augen verleumdet, indem er mir vertraut haͤtte, Sie waͤren ſeine.. ich wage kaum, dies unreine Wort auszuſprechen, Sie wären ſeine... Maͤtreſſe geweſen. Die Graͤfin(die Hände faltend). Mein Gott, Du hoͤrſt es!!!.... Der Graf. Und dies war eine Unwahrheit, ja, eine Unwahrheit, und ich geſtehe, daß ich ſchaͤnd⸗ — lich gelogen habe, denn Sir Georges ſprach mit mir von Ihnen niemals anders, als mit der hoͤch⸗ ſten Achtung... Ach! Madame, werden Sie mir vergeben, Sie ſo hintergangen zu haben?.. Die Graͤfin(wie vernichtet). Dieſem Schlage werde ich nicht widerſtehen koͤnnen„er wird mir das Leben koſten Und ich habe ſo etwas von Dir glauben koͤnnen, Georges!. ich habe Dich ſo verkennen koͤnnen!„„Ol ich bin ſehr dafuͤr beſtraft.. Der Graf cwirftſichan ſeinem etuhluuf die nie Dank ſei Dir geſagt, Allmaͤchtiger.... Du haſt mir Kraft gegeben, meine Suͤnden zu bekennen. nun iſt endlich mein Gewiſſen von ſeinen Unrei⸗ nigkeiten frei Mit Freude erhebe ich es zu Dir, und danke Dir denn ich fuhle mich durch dieſes Geſtaͤndniß ſehr erleichtert. (Die Gräfin ſtößt einen durchdringenden Schrei aus, und fällt ohnmächtig zur Erde. Der Graf wendet ſich um und ſteht auf.) Mein Gott.. Frau von Vaudrey.. ſie iſt ohnmaͤchtig... Holla! iſt Niemand da? (Er läuft an die Thür und öffnet ſie)— Iſt Niemand da Marie ctritt ein, ohne ihre Mutter zu ſehen, welche durch einen Betſtuhl ihren Augen entzogen wird). Was giebt es, mein Vater? Meine Mutter hatte mir befohlen, hier in der Naͤhe, in der Bibliothek ſie zu erwarten. Ich hoͤrte Sie rufen hier — 318— bin ich, was befehlen Sie?. eindem ſie ihre Mutter gewahrt) Mutter o Gott!. Die Graͤfin emit ſchwacher Stimme). Meine Tochter Marie. Marie. Mama hier bin ich hier bin ich, gute Mutter. (Der Graf und Marie helfen der Gräfin ſich niederzuſetzen. Sie brauchen einige Augenblicke, um ſich zu erholen.... hier⸗ auf wirft ſie ſtiere Blicke umher. Sowie ſie den Grafen erblickt, ſtößt ſie einen Schreckensſchrei aus und verbirgt ihr Haupt an dem Bnſen ihrer Tochter.) Der Graf. Erholen Sie ſich, Madame.. dieſe Unpäͤßlichkeit wird voruͤbergehen. Marie. Mama.... gute Mutter, beruhi⸗ gen Sie uns beruhigen Sie uns... durch ein Wort... Wie iſt Ihnen?.. (Man hört die Gräfin erſtickte Seufzer ausſtoßen; nach einigen Minuten Stillſchweigens erhebt ſie den Kopf; ihre Wangen ſind geröthet, ihr Herz ſchlägt ſtark, ſie wiſcht ſich die Thränen aus den Augen und ſagt mit ziemlich ruhiger Stimme): Die Graͤfin. Es iſt nichts, mein Kind. nichts, ſchlechterdings nichts. Siehſt Du, in dem Augenblicke, wo man einen ſo wichtigen Ent⸗ ſchluß faßt, wie der iſt, uͤber welchen ich mit Herrn von Vaudrey uͤbereingekommen bin, machen die Unruhe der Kummer.. Aber, ſage mir, mein Kind... Du haſt alſo verſprochen, geſchworen, ins Kloſter zu gehen?.. Marie. Das iſt wahr. ich habe es ge⸗ ſchworen, meine Mutter.. * — 319— Die Graͤfin. Und Du wirſt Dein Verſpre⸗ chen halten, mein Kind? Marie. Mama. ich habe geſchworen. Die Graͤfin. Wir werden uns alſo verlaſ⸗ ſen muͤſſen. uns nicht wiederſehen. die Tage werden uns recht lang werden, Marie! Marie(weinend). Ol ich weiß es, liebe Mut⸗ ter ich weiß es aber erinnern Sie ſich Ihrer Lehre erinnern Sie ſich, was Sie mir noch geſtern ſagten:„ Sollte es Dir auch blutige Thränen koſten, halte ſtets Dein Verſprechen, meine Tochter. Und dann indem ich ſo handle, ſichre ich das Seelen⸗ heil meines Vaters und das Gluͤck meines Bruders. Die Graͤfin. Und mein Gluͤck.... Ma⸗ rie das meinige Marie(zu ihrem Vater in einem herzzevreißenden Lone). Ach! antworten Sie darauf, mein Va⸗ teh Die Gräfin. Sage mir.. mein Kind haſt Du wohl bedacht, daß Du fuͤr immer die Welt verließeſt?.. Marie. Die Welt! nicht die Welt verlaſſe ich aber Sie! Die Gräfin. Kurz, Du opferſt die Freuden Deines Alters auf. die glänzende Stellung, welche eine Verbindung Dir hätte zuſichern koͤn⸗ nen Du widmeſt Dich fuͤr immer der Ab⸗ geſondertheit, der Einſamkeit. Glaube mir.. Marie, uͤberlege noch.... Wenn Du im gering⸗ ſten bereuteſt, die Welt zu verlaſſen... ſo konnte Deine Mutter Dich Deines Schwurs entbinden, mein Kind. Der Graf. Madame. WMarie. Ich habe nur Einen Gedanken, nur Einen Kummer, nur Ein Bedauern, nur Eine Ver⸗ zweiflung.... nämlich mich von Ihnen zu tren⸗ nen, meine Mutter. Die Gräfin. Haſt Du keinen andern Grund, Marie,. dies iſt der einzige? Marie. Ol der einzige.... Gott weiß es, es iſt der einzige. Die Gräfin. Noch ein Mal, die Welt? Marie. Aber ich kenne ja die Welt nicht Ich kenne nur Sie, ich liebe nur Sie.. ich ſehne mich nur nach Ihnen. Die Graͤfin(umarmtſich. Nun ſo beruhige Dich, mein Kind, beruhige Dich.... Ich ſehe mit Stolz, daß Du meiner wuͤrdig biſt es iſt recht, Marie, es iſt edel und ſchoͤn, das Ver⸗ ſprechen zu halten, das man beſchworen hat. auch wirſt Du es halten, meine Tochter.... und doch werden wir uns nicht trennen. Marie. Omeine Mutter!... Wie ſo das? Die Graͤfin(umarmt ſie noch ein Mal). Mein Kind, ich wollte Dich prüfen; ich habe ſo ehen des⸗ wegen mit Herrn von Vaudrey geſprochen, und — 321— theile ſeine Meinung.... Ja, nach Deinem Ge⸗ ſchmacke und Deinem Charakter paßt ein zuruͤckge⸗ zogenes Leben beſſer fur Dich,(Bewegung des Grafen) und dann wird dies die Heirath Deines Bruders erleichtern, und dieſe Verbindung iſt ſehr ſchön.. und ſehr wuͤnſchenswerth.. und Deine Gebete, armer, auf die Erde verbannter Engel, werden auch von Gott wohl aufgenommen werden, und das Seelenheil Deines Vaters, und auch das Dei⸗ nige, meine Tochter, das Deinige„ſichern. Aber Herr von Vaudrey und ich haben an etwas gedacht, ſiehſt Du, Marie; die Sorgen ſeines See⸗ lenheils, ſeine Andachtsuͤbungen, nehmen ihm alle ſeine Augenblicke hinweg, und laſſen ihm kaum Zeit, einige Minuten des Tags der Welt zu ſchen⸗ ken Wir ſehen ihn ſehr wenig, Du weißt es— auch hat er die Guͤte, zu erlauben, daß ich Dich ins Kloſter begleite; anfangs, waͤhrend der erſten Monate Deines Probejahrs... und ſpaͤ⸗ ter. nun wir werden ja ſehen. Der Graf. Madame. Marie anit Freudo. Wäre es moͤglich! meine Mutter! Die Gräfin. Ja, mein Kind ich werde Dich in das fuͤr Dich erwaͤhlte Kloſter beglei⸗ tenz das iſt mit Herrn von Vaudrey ſo ausge⸗ macht.... Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 21 Der Graf. Ich erſtaune, Madame, daß Sie vergeſſen.. Die Graͤfin. Ich vergeſſe das Verſprechen nicht, welches ich Ihnen gethan habe. Ihre Ge⸗ ſundheit iſt, dem Himmel ſei gedankt, vollkommen; allein von dem Augenblicke an, wo die Sorge um dieſelbe meine Gegenwart erheiſchen konnte, wuͤrde ich in Ihre Nähe zuruͤckkehren; das verſteht ſich. Alſo, meine Marie, danke Deinem Vater; es iſt dies wieder ein Opfer, welches er uns Beiden bringt. Marie(ihrem Vater die Hand küſſend). Mein gu⸗ ter Vater, vergeben Sie Ihrer Tochter, daß ſie ei⸗ nen Augenblick Ihren Willen verkennen konnte. Glauben Sie feſt, daß ich mich dieſes heiligen Be⸗ rufes, den ich mit Dankbarkeit annehme, wuͤrdig zeigen werde. Ja, mein Vater, mit der groͤßten Inbrunſt werde ich fur Sie meine Gebete zu Gott emporrichten, und wenn ich meinem Herzen und meinen Wuͤnſchen trauen darf, wird er ſie er⸗ hoͤren. Der Graf. Meine theure Marie, Gott mag Dich erhoͤren!.. Die Gräfin(anſſtchend. Gieb mir Deinen Arm, Marie, ich fuͤhle mich ein wenig ſchwach⸗ Aber nicht doch, nicht doch, ich kann allein gehen (Die Gräfin thut einige Schritte mit Marie, dann verläßt ſie ſelbe und kommt wieder zu dem Grafen zurück, welcher — 323— über dieſen unerwarteten Schlag ganz beſtürzt iſt. Die Gräfin ſagt zum Grafen mit leiſer Stimme und in feſtem Tone): Mein Entſchluß iſt unwiderruflich, mein Herr, und auf dieſen Preis ſetze ich meine Verzeihung. Ihr Anblick wuͤrde mir von nun an zu verhaßt ſein, um ihn ertragen zu koͤnnen. Alles iſt unter uns abgebrochen. Nur wenn Sie krank werden, wie ich Ihnen geſagt, werde ich meine Pflicht er⸗ fullen Kurz, obgleich ich Sie fuͤr den feig⸗ ſten und den niedertraͤchtigſten Menſchen halte. ſo verzeihe ich Ihnen dennoch, mein Herr. (Die Gräfin begiebt ſich wieder zu Marie und geht mit ihr hinaus.) Der Graf(bleibt lange nachdenkend ſtehen). So hat ſie mir denn jedenfalls verziehen, wenn auch mit Erbitterung im Herzen„ Ich war ja auf dieſen unangenehmen Auftritt gefaßt. Aber mein Kaplan hat mir geſagt, daß ich furs Erſte ihr, die ich hintergangen habe, das Geſtändniß meines Unrechts machen muͤßte, wo dann die Abſolution, die er mir darauf ertheilen könnte, weit vollkom⸗ mener ſein wuͤrde.. Ich geſtehe es, dieſes Geſtaͤndniß kam mir ſchwer an Auch fuhle ich mich jetzt freier, es iſt mir, als hätte ich eine Schuld bezahlt... und dann, wird auch meine Tochter fuͤr mich beten. Und, wird Frau von Vau⸗ drey ſie wirklich begleiten? ich glaube es nicht. Sie hat dieſen Entſchluß in dem erſten Augenblicke des Zorns gefaßt„ ſie wird ihn halten. 2 — Uebrigens hat ſie mir verſprochen, zuruͤckzukehren, wenn ich krank werde, und ich darf ſicher darauf rechnen, daß ſie Wort halten wird.. Und dann, ſo lange ich mich wohl befinde, zu was hilft ſie mir da hier? zu nichts, was meinem Seelenheile forderlich ſein koͤnnte„. Ich ſehe ſie bloß zur Stunde der Mahlzeiten, und dies mehr aus Zwang als aus Vergnuͤgen, denn ich moͤchte lieber allein ſpeiſen. Alles geſchieht uͤbrigens nach dem Willen Gottes ach! dieſer Auftritt hat mich erſchoͤpft ich fuͤhle mich ermuͤdet.(DerGrafſtreckt ſich in ſeinem Armſtuhle aus.) Meine religioſe Tochter! welches Suͤhnopfer fuͤr mich! Die Gebete dieſer ſo reinen ſo himmliſchen Seele Gott wird ſie erhoͤren O)l ja, er wird ſie hoͤren, und durch ihre Fuͤrbitte wird er mir einen Platz unter ſeinen Auserwaͤhlten geben. Mein Kaplan hat mir wundervolle Wirkungen von dieſer Art Suͤhn⸗ opfer erzaͤhlt, und alſo bleibt mir nicht mehr der geringſte Zweifel uber meinen Antheil an den himm⸗ liſchen Freuden uͤbrig.(Die Stimme des Gra⸗ fen wird immer ſchwächer. Er ſchläft nach und nach ein.) Von meiner Seite arbeite ich daran, mich dieſer ewigen Gluͤckſeligkeit wuͤrdig zu machen und dann habe ich heute noch mich bei Gott verdient gemacht, indem ich muthig dieſes Geſtandniß ab⸗ legte. ich habe das Wort der Schrift be⸗ folgt: Flehet dieienigen an, die ihr beleidigt habt„Ja ich fuͤhle in mir eine Se⸗ ih ligkeit eine große Hoffnung, welche mir ſagt, daß ich unter den Auserwählten ſein werde meine Tochter wird fuͤr mich beten und dann mein Haqus die Ver⸗ bindung ein ſouveraines Haus.. (Der Graf ſchläft vollends ein.) Zwanzigſtes Kapitel. Der Vicomte Alfred von Vaudrey an Marie on Vaudrey. Paris, im Dechr. 1817. Du kannſt nicht glauben, meine gute Marie, wie viel Kummer und Freude zugleich mir Dein Brief verurſachte. Es iſt alſo gänzlich Dein freier Wille und die Folge eines unwiderſtehlichen Be⸗ rufs, daß Du in das Kloſter“** zu treten Dich beſtimmt haſt? Fuͤr mich liegt Alles in dieſer Verſicherung von Deiner Seite; denn ich ſchwore Dir, theure, zartliche Schweſter, daß, wenn ich die unermeßlichen Vortheile, die mir angeboten werden, durch eine einzige Deiner Thraͤnen oder Klagen haͤtte erkaufen ſollen, ich keinen Augenblick Anſtand genommen haben wuͤrde, auf die ungehoffte Ver⸗ bindung, welche man mir vorſchlagt... und mit ihr auf alle Ausſichten eines zukunftigen Glucks —— Verzicht zu leiſten. Als mein Vater mit mir das erſte Mal uͤber dieſe Angelegenheit ſprach, ſagte er mir nicht ein Wort von den ausdruͤcklichen Be⸗ dingungen, welche der Geſchaͤftsführer des Fuͤrſten machte; ich habe ſie erſt hier durch die Notare er⸗ fahren. Waͤre Dein Vorſatz nicht ſo feſt, ſo ent⸗ ſchieden, wie er es mir zu ſein ſcheint, ſo wuͤrde ich mich ſehr bemuͤhen, Dich davon abzubringen; allein es liegt ſo viele Ueberzeugung, ein ſo from⸗ mer und aufrichtiger Entſchluß in Deinem Briefe, daß ich jetzt jeden Verſuch dazu faſt als eine ſchlechte Handlung anſehen wuͤrde. Vortreffliche Schweſter, Du bedauerſt, wie Du ſagſt, daß dieſer Beruf eben ſo ſehr nach der Wahl Deines Herzens als Deines Geſchmackes iſt, weil dies Dich des Vergnuͤgens beraubt, das Du haben wuͤrdeſt, mir ein Opfer zu bringen und ſo zu meinem Gluͤcke beizutragen.. Und auch ich be⸗ daure, daß dieſer Beruf nach Deinem Herzen iſt, denn an Dir, Marie, verliere ich eine ſehr zaͤrtliche, ſehr anhaͤngliche Schweſter, welche ich einſt meiner Frau mit eben ſo viel Stolz als Freude vorgeſtellt haͤtte. Ja, ich verliere Dich, Marie; denn einmal im Kloſter, biſt Du von der Welt getrennt, in der zu leben ich beſtimmt bin. Ich geſtehe es, ich habe dem Wunſche, Deinen Brief der Prinzeſſin zu zeigen, nicht wiberſtehen koͤnnen... Ich will Dir nur etwas ſagen, was — 328— zum Vortheile Deines und ihres Herzens ſpricht: ſie hat geweint, ja, ſehr geweint, indem ſie Deinen Brief las. denn ſie hat ſogleich begriffen, wie viel auch ſie an Dir verliere. Und ich, ich dachte, bei meinem letzten Aufent⸗ halt zu Vaudrey, vor noch nicht ſechs Wochen, im Gegentheil daran, Dir einige Zerſtreuungen zu ver⸗ ſchaffen; denn, unter uns, arme Schweſter, ſeit Deiner Kindheit haſt Du, mit ſehr wenigen Aus⸗ nahmen, das zuruͤckgezogene Leben einer Nonne gefuͤhrt; und vielleicht iſt Deine Liebe fuͤr das Kloſterleben nur eine Folge dieſer Gewohnheit der Abſonderung und Einſamkeit. Ich bin wenigſtens froh, ſowohl fuͤr Dich, als fur unſere gute Mutter, daß ſie Dich während der erſten Monate Deines Probejahres in's Kloſter begleitet. Mein Vater iſt durch ſeine Andachts⸗ uͤbungen und ſeine Liebe zur Jagd ſo beſchaͤftigt, daß er die Abweſenheit unſerer Mutter wenig be⸗ merken und daß, offen zu ſprechen, Eure beider⸗ ſeitige Abreiſe ihn keine zu große Leere verſpuͤren laſſen wirdz während es fuͤr Dich und fuͤr meine Mutter ein großer Troſt ſein wird, nicht von ein⸗ ander getrennt zu werden und wer weiß, ob mein Vater, wenn er ſich an dieſe neue Lebens⸗ art erſt gewoͤhnt, nicht einwilligen wird, daß meine Mutter Dich gar nicht mehr verlaͤßt? Ich hatte wohl meinem Vater den Vorſchlag gethan, mit — der Frau Vicomteſſe von Vaudrey einige Monate des Jahres bei ihm zuzubringen; allein Du kennſt ſeine Antipathie fuͤr neue Geſichter, und obgleich er alles Moͤgliche thut, um dieſe Verbindung zu ſchließen, ſo hat er mir doch beſtimmt angedeutet, daß, mit Ausnahme der noͤthigen Zeit, um mich zu verheirathen(denn er will, daß dies in Vau⸗ drey vor ſich gehe, wie Du weißt,) daß mit Aus⸗ nahme dieſer Zeit alſo, er mich von der Pflicht, die ich mir auflegen wollte, entbaͤnde, weil er be⸗ fuͤrchte, daß der Geſchmack und die Beduͤrfniſſe ei⸗ nes Haushalts junger Leute mit der Lebens⸗ weiſe, die er fuͤhrt und ſo bis an ſein Ende fuͤhren will, ſich nicht vertragen moͤchten. Ich werde alſo einige Zeit nach meiner Vermaͤhlung nach Deutſch⸗ land abreiſen. So lebe denn wohl, meine gute, vortreffliche Schweſter; ich bin Dir unendlichen Dank ſchuldig, daß Du mir verſprichſt, mit meiner Mutter in Vau⸗ drey zu bleiben, um meiner Vermaͤhlung beizuwoh⸗ nen. Das iſt ſehr liebenswuͤrdig, aber auch ſehr grauſam von Dir, denn ich zweifle nicht, Du wirſt einen tiefen Schmerz bei Deiner neuen Schwe⸗ ſter zuruͤcklaſſen. Noch ein Mal, lebe wohl: ich erwartete noch dieſen letzten Brief von Dir, um Alles beſtimmt zu Ende zu bringen; auch wird jetzt mein Gluͤck nicht mehr lange auf ſich warten laſſen. — 330— Kuͤſſe Mutter und Vater tauſend Mal fuͤr mich, und denke oft an Deinen Bruder, der Dich von ganzer Seele liebt. Alfred von Vaudrey. P. S. Habe die Guͤte, meinem Vater zu mel⸗ den, daß mein Entlaſſungsgeſuch in den ſchmei⸗ chelhafteſten Ausdruͤcken angenommen wurde. Ein und zwanzigſtes Kapitel. H i r Gegen das Ende des Monats Januar 1818 erhielten die Freunde des Grafen und der Gräfin von Vaudrey folgende Anzeige: Der Graf und die Graͤfin von Vaudrey haben die Ehre, Sie hiermit von der Vermaählung des Vicomte Alfred von Vaudrey, ihres Sohnes, mit Ihrer Hoheit, der Prinzeſſin von Arnsberg, in Kenntniß zu ſetzen. Einige Tage darauf las man in einem öffent⸗ lichen und achtbaren Journale, das durch die Fein⸗ heit ſeiner Bemerkungen, durch ſeine kraͤftige Re⸗ daction und die Glaubwuͤrdigkeit ſeiner Berichte bekannt iſt, folgenden Artikel: Wer ſollte wohl glauben, daß in einem ſo un⸗ geheuere Fortſchritte machenden Jahrhunderte, wie das unſtige iſt.. daß in einem Jahrhunderte, welches den ultramontanen Jeſuitismus ſo ſehr verachtet. daß in einem Jahrhunderte, wel⸗ ches mit vollem Rechte darauf ſtolz iſt, das phi⸗ loſophiſche Erbe Voltaire's und der Encyelopä⸗ diſten angetreten zu haben.. man noch Abſcheu⸗ lichkeiten vorgehen ſieht, die an die verhaßteſten Zei⸗ ten des régime du bon plaisir und der Tyrannei des Jeſuitismus erinnern; Zeiten, wo das Volk, an den Boden gefeſſelt, unaufhoͤrlich fuͤr jene Müͤßiggänger in den Klöſtern, jene Jeſuiten, ar⸗ beitete, welche unſere heilige und unſterbliche Re⸗ volution aus ihren Kloͤſtern vertrieben hat; wer ſollte glauben, ſagen wir, daß in einem Jahrhun⸗ derte, das die Geſchichte des menſchlichen Geiſtes auf die höchſte Stufe der Bewunderung erhoben hat, ſo ſehr wurde der große Haufe durch die Strah⸗ len der philoſophiſchen Fackel der Freiheit, und durch den Haß gegen die ultramontanen Grund⸗ ſätze aufgeklaͤrt.. kurz, wer ſollte glauben, daß die Thatſache, die wir hier anfuͤhren wollen, in unſern Tagen, 1818, in einem Lande ſich zugetra⸗ gen habe, das ſeine conſtitutionellen Rechte ge⸗ nießt, und welches achtzigtauſend durch die philan⸗ thropiſche Idee Fouquets von ihren Rechten un⸗ terrichtete Waͤhler zaͤhlt? Mademoiſelle von**, aus einer der aͤlteſten Familien Frankreichs abſtammend, hat ſich, ver⸗ blendet durch den thoͤrichtſten Aberglauben, in ein Kloſter begeben— denn in Frankreich giebt es im Jahre 1818 noch Jeſuiten und Klöſter!!!— — 5— nach Art und Weiſe der Novizen fruͤherer Zeit. Man weiß in Wahrheit nicht, was man mehr be⸗ dauern muß, den einfältigen Fanatismus oder den Wahnſinn, der ein mit Vernunft begabtes Weſen zur Ausfuͤhrung einer ähnlichen Thorheit treiben kann. Aber was noch verhaßter iſt, ſo hat ſich die Mutter der Mademoiſelle von***, gedankt ſei es den Jeſuiten, mit ihr in daſſelbe Kloſter zuruͤck⸗ gezogen, anſtatt die ſchreckliche Thorheit ihrer Toch⸗ ter zu bekaͤmpfen, waͤhrend daß der Herr von***, der Vater und Gatte dieſer ultramontanen Opfer eines laͤcherlichen Aberglaubens, verlaſſen, allein, abgeſondert, faſt ohne Exiſtenzmittel iſt, und mit einem Worte, der ſuͤßen Pflege einer Gattin und einer Tochter, und ſich alles Troſtes und Wohl⸗ ſtandes, welchen ſeine Stellung und die Natur ſei⸗ nem hohen Alter verſprochen, durch den Einfluß des Jeſuitismus beraubt ſieht. Es iſt unnoͤthig zu ſagen, daß die Lockſpeiſe der Guͤter der Frau von““* und ihrer Tochter allein den elenden Jeſuiten zum Leitfaden diente, welche dieſe beiden an Verſtande ſchwachen Weiber zu einer ſo grauſamen Pflichtvergeſſenheit hingeriſ⸗ ſen haben.— Wenn man ſo dieſe fuͤrchterlichen Fortſchritte des Jeſuitismus bemerkt, wäre es da nicht an der Zeit, die kraftvollen und ſchoͤnen Worte des Wilhelm Thomas Reynal ins Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ zurufen: Wenn dieſe Religion— die chriſt⸗ liche Religion— exiſtirte, muͤßte man da — 334— nicht die Prieſter unter den Truͤmmern ih⸗ rer Altäre erſticken? Wenn es in einem Winkel irgend eines Landes ſechzigtauſend Buͤrger gaͤbe, die ſich durch jene laͤcherli⸗ chen Geluͤbde der Armuth, Keuſchheit und des Gehorſams gefeſſelt haͤtten, was wuͤrde der Beherrſcher dieſes Landes zu thun ha⸗ ben, als ſich mit einer Anzahl mit Peit⸗ ſchen bewaffneter Trabanten hinzubegeben, und ihnen zuzurufen: Auf, ihr faules Ge⸗ ſindel, kommt heraus, auf die Felder! zum Ackerbau! zur Miliz! Wir fuͤhren dieſen Eintritt ins Kloſter als ei⸗ nen neuen und gewiſſen Beweis von dem Umſich⸗ greifen der Jeſuiten an, welches wie ein Netz alle unſre Freiheiten zu umſtricken droht, wenn die Freunde der Aufklaͤrung ſich nicht unter ein Pa⸗ nier ſammeln, um ein anti⸗nationales Syſtem zu⸗ ruͤckzuwerfen, welches uns knebeln und als Skla⸗ ven behandeln moͤchte, uns, die Soͤhne der glor⸗ reichen und unſterblichen Revolution von 89!!! In dem nämlichen Journale las man: Ein Baron, Jean Thomas, iſt ſeit Kurzem zum Befehlshaber der Gensd'armerie in dem Departe⸗ ment“** ernannt worden.— Ebenfalls eine Creatur der Jeſuiten.— Um dieſen ſchoͤnen Poſten zu erhalten, ſoll er ſeinen eigenen Sohn, der zu einer Carbonari⸗Geſellſchaft gehorte, denuncirt haben.— Zwei und zwanzigſtes Kapitel. e 822.) Die Scene trägt ſich auf dem Schloſſe Vaudrey, in der Vormittagszeit des 15. Juni 1822, zu. Der Schloßhof. Duval(Sekretair des Grafen, zu einem Lakai): Nun kommt er? was haſt Du geſehen? Der Lakai. Es hat mir geſchienen, als ſaͤhe ich einen Courier, Herr Duval; aber dies iſt auch Alles. Duval. Daß Gott erbarme!„ er wird zu ſpaͤt kommen. Der Lakai. Geht es denn mit dem Herrn Grafen ſchlimmer? Duval. Ei, ohne Zweifel. Er ſieht nicht aus, als wenn er litte... und doch ſollte man glauben, er loͤſche aus.. 6n einem andern Lakai, der herbeieilt) Nun 2 7 — 336— Der Lakai. Pierre kommt, da iſt Pierre; der Wagen des Arztes folgt ihm. Duval. Gott ſei gedankt... (Es kommt ein Courier im geſtreckten Galoppz er ſpringt vom Pferde, indem er ruftd Hier iſt der Doctor, Herr Duval. Wir haben nur ſiebzehn Stunden gebraucht, um von Paris hierher zu kommen.. Die Räder waren in Feuer und mußten bei jeder Station begoſſen werden. ich habe die Poſtillione, jeden mit 100 Sous(fuͤnf Franken 100 Sous) bezahlt, wie Sie mir befohlen haben, Herr Du⸗ val.— Und der Herr Graf, befindet er ſich beſſer? Duval. Leider nein! Pierre es geht nicht beſſer... Ach! aber da iſt der Wagen. (Es kommt eine Berline mit ſechs Pferden im geſtreckten Galopp an und hält vor der großen ſteinernen Treppe. Der Arzt des Grafen ſteigt aus.) Der Arzt. Nun, Duval, was giebt es? Duval(dem Doetor in das Innere des Schloſſes vorangehend). Ach, Herr Doctor!„ mein armer Herr iſt recht hin... Der Arzt. Laſſen Sie hören, Duval, erkla⸗ ren Sie mir, wie es zugegangen iſt. Wir wollen ein wenig in dieſem Salon verweilen, ehe wir zu dem Herrn von Vaudrey eintreten.... Duval. Ich will Ihnen den Hergang der Sache erzählen... Vorgeſtern ſtand der Heir Graf, wie gewoͤhnlich, guter Laune auf; nachdem er die Meſſe gehoͤrt, fruhſtuͤckte er, machte ſich zu — Pferde auf der Reitbahn eine dreiſtuͤndige Bewe⸗ gung dann ſpeiſte er zu Mittag. Der Arzt. Mit Appetit? Duval. Wie immer, mit großem Appetit; der Herr Graf hat, vielleicht ſelbſt mit Uebermaß, eines ſeiner Lieblingsgerichte gegeſſen, welches der Haushofmeiſter ihm oft auftragen läßt; und das zweimal hintereinander, wie mir dieſer ſagte. Der Arzt. Und Sie glauben, daß dieſes Ge⸗ richt dem Herrn von Vaudrey geſchadet hat? Duval. Nicht das gerade, Herr Doctor; aber am Ende ſeiner Mahlzeit beging ſein Kammerdie⸗ ner die Albernheit, ihm einen Brief zu uͤbergeben, den ein Courier brachte, und die Lectuͤre dieſes Briefes.. Der Arzt. Hat bei ihm dieſe Veraͤnderung hervorgebracht? Duval. Ich glaube es, Herr Doctor, denn als der Herr Graf ihn las, hatte er die Miſchung von Wachholder und Pekao in einem Glas gefror⸗ nen Waſſers noch nicht getrunken, welche er, um die Verdauung zu erleichtern, taglich nach Tiſche zu ſich nimmt. Der Arzt. Und dieſer Brief meldete alſo ir⸗ gend einen Ungluͤcksfall? Duval. Ganz das Gegentheil, Herr Doe⸗ tor. denn ſobald der Herr Graf ihn geoͤffnet hatte, konnte er einen Ausruf der Freude nicht zuruͤckhalten.... und befahl dem Intendanten, Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 22 ſein ganzes Haus in der Gallerie verſammeln zu laſſen. Hierauf ſtand er von Tiſche auf, begab ſich in die Gallerie und ſagte uns:— Meine Freunde, ich gebe Euch hundert Louisd'or, um auf die Geſundheit meines Enkels, des Herrn Baron von Vaudrey zu trinken. Der Arzt. Die Frau Vicomteſſe von Vau⸗ drey iſt alſo mit einem Sohne niedergekommen? Duval. Es ſcheint ſo, Herr Doctor, denn der Courier ſagte, er käme aus Deutſchland. Der Arzt. Alſo iſt es eine zu plotzliche Freude, welche ſeiner Verdauung ſtoͤrend in den Weg ge⸗ treten iſt; und wie hat er die Nacht und den geſt⸗ rigen Tag zugebracht? Duval. Sehr gut, Herr Doctor; der Herr Graf beklagt ſich naͤmlich nicht uͤber Schmerzen; er fuͤhlt nur, wie er ſagt, eine große Mattigkeit und Schwaͤche; ſein Geſicht hat ſich nicht einmal verändert, er ſcheint ſanft zu ſchlummern, und er⸗ wacht nur von Zeit zu Zeit, um ſich mit ſeinem Kaplan zu unterhalten, der ihm die Sacramente ertheilt hat. Der Arzt. Aber Herr von Vaudrey hat doch noch ſeinen Verſtand?.. Duval. Ich glaube es wenigſtens, Herr Doctor. denn er vermengt nichts und weiß ſehr wohl, was er verlangt.. Der Arzt. Nun, ich ſehe, was es iſt. Zum Teufel, in ſeinem Alter iſt dies ernſthaft, ſehr ernſt⸗ haft; jetzt können Sie den Herrn von Vaudrey von meiner Ankunft in Kenntniß ſetzen und ihn fragen, ob er meinen Beſuch annehmen will. Duval. Sehr wohl, Herr Doctor. (Der Doctor geht mit Duval hinaus.) Schlafzimmer des Grafen. Die Vorhänge ſind zugezogen.— Es herrſcht eine große Dunkelheit darin.— Der Grafſchlummertin ſeinem Bette.— Auf ſeinem Geſichte entdeckt man keine Spur von Schmerz oder Leiden; der Graf, damals ſiebzig Jahr ält, zeigte nur das ganze Aeußere eines hohen Alters.— Zu ſeinem Haupte ſitzt der Kaplan, ein dicker Mann von gewöhnlicher Geſichtsbil⸗ dung, welcher mit Leſen beſchäftigt iſt.— In dem Zimmer, nahe bei den Fenſtern, ſtehen zwei Kammerdiener und die Aus⸗ geberin, welche einige Krankengetränke zubereiten. Duval cauf den Fußſpitzen eintretend). Herr Abbé, da iſt der Doctor. Der Kaplan. Ich will den Herrn Grafen benachrichtigen, laſſen Sie ihn immer hereinkom⸗ men.(Zum Grafen mit leiſer Stimme.) Herr Graf... Herr Graf.. Der Graf emit ſchwacher aber ruhiger Stimme). Waos giebt's? Was wollen Sie? Der Kaplan. Der Herr Doctor iſt ſo eben angekommen; wollen der Herr Graf ihn empfan⸗ n? Der Graf. Ja, er mag kommen... (Der Doctor, welcher beim Hereintreten zur Seite ſtehen blieb, nähert ſich dem Grafen.) — 340— Der Doctor. Nun, Herr Graf, Sie ſind alſo etwas unwohl? Der Graf ſſich nach der Seite des Doctors wendendy. Ach, guten Morgen, Doctor! Gratuliren Sie mir, ich habe einen Enkel.... Die Frau Vicomteſſe von Vaudrey iſt mit einem Knaben niedergekom⸗ men; nun iſt, durch die Gnade Gottes, mein Name noch fur ein Geſchlecht geſichert.. Der Doctor. Ich wuͤnſche Ihnen von Her⸗ zen dazu Gluͤck, Herr Graf.. aber wie befin⸗ den Sie ſich heute? Der Graf. Ach, lieber Doctor... Sie ſe⸗ hen, ich bin ein wenig ſchwach.. Der Doctor. Und leiden Sie dabei?. Der Graf. Nein.. nein, ich leide nicht... gar nicht; Alles, was ich empfinde, iſt eine allge⸗ meine Laͤhmung, aber ohne Schmerzen.. Der Doctor. Thut Ihnen der Kopf nicht weh? Der Graf. Nein.. ein wenig betäubt iſt er wohl, aber ſchmerzlos.. Wos ich fuͤhle.. iſt wie eine Art Schwäche, die auf ein zu warm genommenes Bad folgt. Der Doctor. Fuͤhlen Sie keine Beklem⸗ mung? Der Graf. Nein. ſehen Sie„ich athme gut... allein ich fuͤhle Uebelkeiten und dann habe ich ein dumpfes Sauſen in den Ohren. Der Doctor(befüblt den Puls und ſpricht bei Seitch. Er ſtirbt buchſtaͤblich vor Altersſchwäche; ſeine aus⸗ ſchweifende Lebensart hat ſein Alter beſchleunigt, und die vorgeſtrige Gemuͤthsbewegung die Criſis herbeigefuͤhrt. Es iſt dies eine Lampe, die der erſte Lufthauch ausbläſt.(Zum Grafen.) Ihr Puls iſt ſehr ſchwach. Der Graf. Nicht wahr? ich habe geſucht, ihn ſchlagen zu fuͤhlen, habe ihn aber nicht gefun⸗ den, und geſtern, vor der Communion... waͤh⸗ rend meiner Beichte glaubte ich ſogar einen Augenblick, er wuͤrde ſtille ſtehen.. Der Doctor. Ah, Sie haben geſtern Ihre Chriſtenpflichten erfullt, Herr Graf? Der Graf. Mein Gott, ja wie alle Tage wie heute, wie morgen.. Muß man nicht auf Alles vorbereitet ſein? Denn ſehen Sie, Doctor, wenn mich, ſtatt der Unpaͤßlichkeit, die ich bemerke, eine ſchwere Krankheit uberfiele,. nun! ſo wuͤrde ich nicht unvorbereitet uberraſcht„ und meiner Gluͤckſeligkeit da oben verſichert ſein;. nicht wahr, Kaplan? Der Kaplan. Das Leben des Herrn Gra⸗ fen iſt ſo exemplariſch geweſen, er hat ſo viele De⸗ muth und Reue bezeugt; an den Gebeten des Fraͤu⸗ lein von Vaudrey hat Gott ein ſo großes Wohl⸗ gefallen finden muͤſſen, daß der Herr Graf ſeines Seelenheils verſichert ſein darf. „ — 342— Der Graf. Sie hoͤren, Doctor, verſichert... ich bin verſichert... Der Doctor cbei Seite). Er kennt gluͤcklicher⸗ weiſe ſeinen Zuſtand nicht; aber der moraliſche Werth iſt bedeutend geſunken. Der Graf. Ach, jetzt fallt es mir ein, Doe⸗ tor, haben Sie keine Nachrichten uͤber Frau von Vaudrey? Der Doctor. Sie wiſſen, Herr Graf, daß ich nicht ſo gluͤcklich bin, das Vertrauen der Frau Graͤfin zu genießen; ich wußte ſelbſt nicht, daß ſie unpaͤßlich wäre. Der Graf. Ja, ſie iſt krank— es ſind ſchon drei Monate her.. ſie hat immer eine ſehr zarte Geſundheit gehabt! Unter Collegen... ich dachte, Sie wuͤßten davon, denn ſchon ſeit drei oder vier Tagen bin ich ohne Nachricht von ihr. Der Doctor. Man muß hoffen, daß es mit der Geſundheit der Frau Gräfin beſſer gehen wird. Der Graf. Ohne Zweifel, ohne Zweifel, man muß es hoffen, Doctor... Aber ſagen Sie mir, koͤnnte ich nicht ein wenig das Tageslicht und die Sonne ſehen? Der Doctor. Das kann ohne Gefahr ge⸗ ſchehen, Herr Graf; es iſt ſehr warm und ſehr ſchoͤn. Der Graf. Duval, laſſen Sie aufmachen.. (Manöffnet die Fenſter.— Die Sonne ſcheint in das Ge⸗ mach; man ſieht in der Ferne den ungehenern Forſt von Vau⸗ 5 — drey, der den Horizont begrenzt.— Der Himmel iſt außer⸗ ordentlich rein und ein kleiner Fluß durchſchneidet hier und dort eine große, mit kleinen Luſtwäldchen beſcete Wieſe, welche ſich vor dem Schloſſe hinzieht. Der Duft der Roſen- und Jas⸗ minbeete, auf welche dieſe Fenſter die Ausſicht eröffnen, erfüllt bald das Zimmer des Grafen mit einem lieblichen und ange⸗ nehmen Wohlgeruch)— Ach! welche friſche und an⸗ genehme Luft, Doctor; ich habe Luſt außzuſte⸗ hen. und mich in meinen Armſtuhl zu ſetzen, um ein wenig dieſe praͤchtige Ausſicht zu genießen. Der Doctor. Sie können es, Herr Graf, aber zuvor werden Sie vielleicht gut daran thun, zwei Finger alten Teres oder Malagawein zu ſich zu nehmen.. Der Graf. Ich habe gerade welchen, Dor⸗ tor, den ich aus Spanien Anno„. Anno 1747 mitgebracht habe. Sagen Sie, daß man mir aus der Speiſekammer welchen ſchicke, Duval. (Duval geht fort. In dieſem Augenblicke hört man das Pfla⸗ ſter des Ehrenhofes von den Tritten mehrerer Pferde und dem Raſſeln eines Wagens wiederhallen.— DerGraf horcht.) Ein Wagen„was iſt das? Dubois, geh. geh und ſieh, was es iſt.(Dubois geht hinaus) Was kann das ſein, Doctor?... Ach, mein Gott! vielleicht kommt mein Sohn ſelbſt und meldet ir Dubois czurückkommend). Es iſt der Herr Car⸗ dinal von Eilly, der dieſen Augenblick von Paris ankommt, und den Herrn Grafen zu beſuchen wuͤnſcht. Der Graf. Der Cardinal! ein Fuͤrſt der Kirche!. mein ehemaliger Schiffsprediger. Ach! welche Ruͤhrung! Ach, mein Gott! ein Car⸗ dinal!— ein Cardinal!. Der Doctor. Ungeſchickter!— Beruhigen Sie ſich, Herr Graf, erholen Sie ſich! Der Graf. Ja, Doctor, aber ein Fuͤrſt der Kirche! ein Cardinal! wenn er mich Beichte horen wollte. die Abſolution eines Cardinals— ge⸗ wiß, ich werde mich uͤberaus gluͤcklich ſchaͤtzen, Seine Eminenz zu empfangen. Allein ich wunſchte, in einem ſchicklichen Zuſtande zu ſein. Dubois, Du wirſt mich raſiren. Der Doctor. Aber, Herr Graf, Sie werden ſich abmatten.. Sie ſind außerordentlich ſchwach Ihr Zuſtand iſt ſehr ernſthaft... Der Graf. Das iſt einerlei! ich will es, ich will es, und Sie, Duval, bitten Sie Seine Emi⸗ nenz, in mein Betzimmer einzutreten und ſagen Sie dem Haushofmeiſter, daß er den Herrn Doctor bedienen laſſen ſoll; denn es iſt noöthig „ Entſchuldigen Sie mich, Doctor. (Der Doctor und Dubois entfernen ſich.) Betzimmer des Grafen von Vaudrey. Das Aeußere des Cardinals iſt ehrfurchtgebietend und ſtreng.— Sein hoher Wuchs iſt durch das Alter ein wenig gekruͤmmt.— Er iſt ſchwarz gekleidet.— Sein blaſſes, mage⸗ res und mit Runzeln durchfurchtes Geſicht trägt den Aus⸗ druck des Schmerzes und einer tiefen Traurigkeit.— Seins breite Stirn iſt entbloͤßt und ſeine Haare ſind ganz weiß. Der Cardinal ſitzt an einem Tiſche, den Kopf auf ſeine Haͤnde geſtuͤtzt.— Nach einigen Augenblicken des Schweigens ſteht er auf und ſpricht: „Dieſe Zuſammenkunft erweckt eine große Menge von Erinnerungen in mir— ja, das letzte Mal, als ich den Grafen in Indien am Vorabende je⸗ nes verhaͤngnißvollen Tages ſah eeine Pauſe.) Kurz, es war in Indien— es ſind ſeitdem funf⸗ zig Jahre verfloſſen!— funfzig Jahre— wie viele Stunden! wie viele Tage! wie viele Jahre! und wie habe ich ſie angewendet? Hat ſich ſeit dieſer Zeit mein Loos geaͤndert? Wo ſtehe ich jetzt? (Lange Pauſe.)„Ei! was liegt mir an dieſem Purpur und an dieſer Wuͤrde! Könige knien zu meinen Fuͤßen, meine geheiligte Hand hier auf Er⸗ den kann binden oder loͤſen; man waͤhlt unter mei⸗ nes Gleichen den Nachfolger fuͤr den Thron des heiligen Petrus ich kann einſt Anſpruͤche darauf machen, die chriſtliche Welt geiſtig zu beherrſchen. Wohlan! was iſt alles dieſes fuͤr mich, was habe ich mit dieſer Macht gewonnen, da ſie in mei⸗ nen Augen materiell und vergaͤnglich wie jede menſchliche Gewalt iſt, und ich ein Gluͤck ſuche, das nicht von dieſer Welt iſt?— Alſo bin ich von dem Ziele, nach welchem meine eitlen Wuͤnſche un⸗ aufhörlich ſtreben, eben ſo weit als je entfernt. Der Herr hat ſich fortwaͤhrend vor meinen Augen verſchleiert— ich bin ein Fuͤrſt der Kirche— und habe deshalb nicht mehr Glauben, als zuvor.— Meiein en (langes Schweigen.)„Und doch, als ich meinem Le⸗ ben ein Ende machen wollte, und meine Matur ſtaͤrker als das Gift war, glaubte ich. ich ge⸗ ſtehe es, darin einen Fingerzeig Gottes gegen mich zu erblicken; ich beſchloß alſo, zu leben; und dann verfuͤhrte mich auch noch jene Hoffnung, welche meinen Eintritt in den geiſtlichen Stand veran⸗ laßt hatte; ich dachte, daß mir die Offenbarung vielleicht bei jedem Schritte, welchen ich gegen die hohen Wuͤrden der Kirche machte, bemerkbarer wer⸗ den wuͤrde; ich glaubte, daß mein Geiſt, wenn er, durch die Erforderniſſe dieſer ehrfurchtgebietenden Functionen noch mehr gelaͤutert, ſich der Quelle des goͤttlichen Lichtes, das von der dreifachen Krone des Stellvertreters Jeſu Chriſti erglänzt, mehr näherte, vielleicht von einem ſeiner Strahlen er⸗ leuchtet werden wuͤrde; ich ſchwang mich ſo zum hoͤchſten Range empor. Ach! ja zum höchſten Range„allein ich habe mich gleich jenen Menſchen erhoben, welche, wenn ſie einen hohen Berg erblicken, hinaufſteigen, in dem Glau⸗ ben, groͤßer zu werden, jemehr ſie ſich dem Him⸗ mel naͤhern, die aber, wenn ſie nun auf den Gipfel gelangt ſind, den Himmel im Gegentheil noch un⸗ ermeßlicher, die Welt kleiner, und ſich ſelbſt noch verirrter und elender erblicken... Ja, aber wenig⸗ ———— 3 — 3— ſtens habe ich auf der Erde das Gute— ohne Glauben.... ausgeuͤbt ich habe gehandelt, als wenn ich glaubte, ich bin ein Chriſt fur Alle geweſen, ausgenommen fuͤr mich; ich habe viele Leiden gemildert, und habe ſelbſt ſtets gelitten... viele Uebel geſtillt, und vin immer ungluͤcklich ge⸗ weſenz ich habe viele Thränen getrocknet, und ſelbſt ſtets bittere Thraͤnen vergoſſen; mein Leben war eine lange und grauſame Qual, und vielleicht hat Gott mich verſuchen wollen, indem er mich auf der Erde die ſchreckliche Strafe der Verdammten erdulden ließ, welche aus der Tiefe ihrer Hoͤlle die Freuden des Paradieſes ſehen. eine Strafe, fur mich noch fuͤrchterlicher.. fur mich, der ich die Seelen nach dieſen unſterblichen Gegenden ge⸗ leitete, die mir verſchloſſen ſind;— und ich bin der himmliſchen Barmherzigkeit um ſo mehr wuͤr⸗ dig, da ich bei der Ausuͤbung des Guten nicht das geringſte Gefuͤhl von Gluͤck empfunden habe . denn ich habe den Menſchen Troſt, Geld, Wohlſein, Kenntniſſe, Glauben, Ewigkeit, kurz Alles geſpendet.. ohne an menſchliche Dankbarkeit zu glauben: Hierin hatte ich die Menſchheit zu gut kennen gelernt.... O! was fuͤr ein Daſein wird das meinige alſo geweſen ſein, gerechter Himmel und wenn nach dieſem Leben Alles ein Nichts waͤre. ein Nichts!!! wozu werde ich gelebt haben wozu nuͤtzt dann mein Leben? wozu die Welt?.... Ol immer und im⸗ mer dieſer unverſoͤhnliche Gedanke, welcher uns Schwindel verurſacht!. ewig dieſes ſo ver⸗ haͤngnißvolle, ſo verzweifelnde Warum.. „Auch glaubte ich ſpaͤter, als das hohe Alter herangeruͤckt war, daß Faſten und Entbehrungen die Grundſätze meines Daſeins in mir ſchwaͤchen wuͤrden, und daß, ohne mich ein zweites Mal des Verbrechens, nach meinem Leben zu ſtreben, ſchul⸗ dig zu machen, dieſes Leben ſich bald abnutzen wuͤrde aber, nein nein meine Kette in dieſer Welt iſt zu feſt geſchmiedet, und meine Seele zerbricht vergebens an dieſer eiſernen Huͤlle, die ſie einkerkert, ihre Fluͤgel. Leider ja, denn ich beſitze Alles, was man braucht, um ſehr lange und ſehr lebhaft die tauſendfachen Wunden des mora⸗ liſchen Schmerzes zu erdulden und zu fuͤhlen, welcher zerreißt, welcher quaͤlt... aber nicht toͤdtet. „Und doch hoffe ich unwillkuͤrlich, denn mein ganzes Leben hindurch bin ich jenen Ungluͤcklichen gleich geweſen, welche, indem ſie ſeit langer Zeit ein ungluckliches Daſein hinſchleppen, ſich bei jedem neuen Schlage des Ungluͤcks zurufen: Muth, die Widerwärtigkeit wird ermuͤden, und der morgende Himmel vielleicht lachend und rein ſein.. Ja, ich hoffe. denn kurz, ich habe die tiefe Ueber⸗ zeugung, viele Schmerzen erleichtert, viel Ungluͤck gemildert zu haben; und ich fuͤhle es wohl, dieſe Erinnerung iſt faſt eine Hoffnung.. Der Doctor. Gnaͤdiger Herr.. der Herr Graf von Vaudrey wird bald im Stande ſein, Ew. Eminenz zu empfangen. Der Cardinal. Wie befindet er ſich, mein Herr? Der Doctor. Er wird kaum eine Stunde noch leben;— ſeine Schwaͤche nimmt von Minute zu Minute zu; er liſcht aus— gluͤcklicherweiſe ohne Schmerzen und ohne ſeinen Zuſtand im ge⸗ ringſten zu kennen; er vermuthet ihn nicht ein⸗ mal Der Cardinal. Er ſtirbt ohne Leiden? Der Doctor. Ja, gnaͤdiger Herr, denn von allen Todesarten iſt die ſeinige die ſanfteſte;— man hoͤrt auf zu leben, ohne daß man dieſes Auf⸗ hoören fuͤhlt, und alle Forſchungen der Kunſt geben die Gewißheit, daß man im buchſtaͤblichen Ver⸗ ſtande ſchmerzlos ſtirbt. Der Cardinal. Und ſein moraliſcher Zuſtand, mein Herr? Der Doctor. Sein geiſtiger Zuſtand, gna⸗ diger Herr, nimmt ſehr ab; als ich eintrat, war er noch ziemlich klar; jetzt dagegen ſpricht Herr von Vaudrey weniger, und ſcheint ſich zu verwirren. Der Cardinal(ängſtlich). Ich bitte Sie, haben Sie die Guͤte, ſich zu erkundigen, ob ich ſogleich eintreten kann; denn ich habe dem Herrn von Vaudrey die wichtigſten Dinge zu eroffnen. — 350— (Der Doctor verheugt ſich und geht hinaus. Der Car⸗ dinal fährt mit Unwillen fort:) „Er ſtirbt ohne Leiden! ohne Schrecken! und ſein ungluͤckliches Weib iſt geſtorben, das Herz ge⸗ brochen durch den Schmerz und die Verzweiflung, ihre Tochter allein in dieſer Welt zuruͤckzulaſſen!.. Er ſtirbt ohne Leiden und ohne Schrecken!! und zu dieſer Stunde liegt ſeine Tochter ſelbſt, die fuͤr ihn und durch ihn aufgeopfert wurde, von dem unheilbaren Kummer, ihre Mutter verloren zu ha⸗ ben, ſterbend darnieder... Er ſtirbt ohne Schrecken Gerechter Himmel!. Ei was! er ſollte alſo ohne Gewiſſensbiſſe, durch ſeinen grauſamen Egoismus zwei reine erhabene Weſen, die ſich fuͤr ihn aufgeopfert, gequält, getödtet zu haben, die Augen ſchließen! O! das iſt unmoͤglich! nein, nein! Es giebt auch eine Sendung der Gerechtigkeit und der Strenge, die man auf dieſer Erde zu erfuͤllen hat. Dieſer Menſch iſt ſeinem Ende nahe was liegt daran! kein Mitleid mit dieſem feigen, ſchaͤnd⸗ lichen Verbrecher, welcher der menſchlichen Gerech⸗ tigkeit entrinnt; fur dieſen Verbrecher, der verhaßter iſt, als der Moͤrder, welcher nur ein Mal todtet. Rache uͤber dieſen Menſchen! Er glaube wenigſtens, daß fuͤrchterliche Strafe ihn erwarte, und eine ſchreckliche Todesangſt ſei ſeine Beſtrafung in die⸗ ſer Welt!. Rache fuͤr diejenigen, welche er aufgeopfert hat! Rache ohne Erbarmen; denn Mit⸗ leid wuͤrde ein Verbrechen ſein. Erbarmen mit ihm, —— großer Gott! Ei was! dieſer Menſch, am Rande eines Lebens, deſſen Glanz, Ruhm und Sinnlich⸗ keit er ſich durch die Thraͤnen, das Blut und den Tod derjenigen erkauft hat, die er auf ſeinem Wege traf, dieſer Menſch, getaͤuſcht durch einen gottloſen Prieſter, ſollte noch den Tempel der ewigen Gluͤck⸗ ſeligkeit vor ſich aufgehen ſehen?„. Er ſollte ohne Todesangſt, ohne Klagen, mit der Hoffnung im Herzen und dem Lächeln auf den Lippen ſter⸗ ben?.. Wie! dieſer Menſch ſollte ſtets gluͤcklich ſein? noch mit einem Fuße im Grabe gluͤcklich.. und dies, weil er einige Andachtsuͤbungen vollbracht hat, welche dieſen egoiſtiſchen, eitlen und grauſa⸗ men Charakter, deſſen unverſoͤhnliche Wirkung von Allem, was ihn umgiebt, bis auf den letzten Augen⸗ blick ſeines Lebens erduldet wurde, nicht im ge⸗ ringſten geändert haben!... Weder der Neid noch der Haß giebt mir dieſe Worte ein, mein Gott mein Unwille gegen ihn entſpringt aus dem Gedanken an die Qualen derer, die er aufgeopfert hat.. Nein, noch ein Mal, ein ſol⸗ cher Menſch kann nicht ohne Gewiſſensbiſſe und ohne Furcht ſterben.. nein, nein, das kann nicht ſein. Es giebt ein anderes Leben, ich weiß es, ich glaube es, ich hoffe es; aber, mein Gott! ſollte denn nicht auch hier auf Erden, in dieſem Leben, das wir ſehen, das wir begreifen, ſollte nicht in dieſem Leben, das unſerer Kurzſichtigkeit und unſerm beſchraͤnkten Verſtande nahe iſt, das Laſter ſchon eine exemplariſche Strafe, und die Tugend, die Ergebung, die Froͤmmigkeit wenigſtens eine Minute des reinen und glaͤnzenden Gluͤckes haben? Ich bin gegenwaͤrtig recht alt, ich beklage mich uber keine Schmerzen und Leiden, die Du mir aufer⸗ legt haſt, mein Gott! aber jetzt ol jetzt, in dieſer Stunde, bewillige mir als eine Belohnung das, um was ich Dich ehemals als um eine Auf⸗ munterung bat. Du weißt es, Du haſt Dich mir nicht offenbart, und ich bin doch auf einer heiligen, frommen und untadelhaften Laufbahn einherge⸗ ſchritten; Du haſt mich mit Deiner Gleichguͤltig⸗ keit und Deiner Verachtung zu Boden gedruͤckt; Du haſt mir fortwaͤhrend ein grauſames und troſt⸗ loſes Leben zu Theil werden laſſen, und doch habe ich jeden Tag zum Lobe Deines Namens auf der Erde mitgewirkt. Wohlan! mein Gott! in dieſer Stunde ich verdiene vielleicht, daß Du Dich mir offenbareſt... gieb, daß mein Geiſt er⸗ kenne, daß bier auf Erden nicht Alles zu Ende iſt, und daß Du im Himmel herrſcheſt. Kuͤrze mein Leben ab, aber laß mich wenigſtens mit der Hoff⸗ nung auf Deine Guͤte und Deine Barmherzigkeit ſterben; laß mich dieſe Welt mit der Ueberzeugung verlaſſen, daß ich zu Dir gehe, zu Deinen Fuͤßen, um Dir ſagen zu koͤnnen: Vergieb, o mein Gott, wenn ich gefehlt habe!“ Duval(tritt ſchnell ein). — Gnädiger Herr! gnaͤdiger Herr! der Herr Graf wird ſehr ſchwach; der Herr Doctor ſagt, er er⸗ kenne einige Symptome von Geiſtesverwirrung. Der Cardinal eſich wieder erholend). So fuh⸗ ren Sie mich denn augenblicklich zu ihm. (Sie gehen hinaus.) Schlafzimmer des Grafen. Herr von Vaudrey liegt in ſeinem Bette.— Seine Ge⸗ ſichtszuͤge haben ſich nicht veraͤndert.— Nur ſein Blick ver⸗ dunkelt ſich immer mehr und mehrz; ſeine Stimie wird ſchwa⸗ cher und ſein Gehor weniger rein.— Die Fenſter ſeines Zim⸗ mers ſind geoͤffnet.— Dieſe Scene ereignet ſich an einem praͤchtigen Sommerabend; die Sonne geht unter und ihre letzten Strahlen vergolden noch die Spitze eines Akazienwaͤld⸗ chens, deſſen roſige und wohlriechende Bluͤthen den Fenſtern dieſes Gemaches gegenuͤber ſich entfalten.— Der Kaplan ſteht am Kopfe des Grafen.— In dem Zimmer befinden ſich zwei Bediente und der Arzt. Der Cardinal ttritt ein und naͤhert ſich dem Grafen)⸗ Haben Sie die Guͤte, Herr Graf, zu befehlen, daß ſich Jedermann entfernt, ich muß mit Ihnen allein ſprechen. Der Graf mit ſchwacher Stimme). Ja, ja, geht Alle hinaus„ laßt mich mit Seiner Eminenz welcher die Gute haben will, mir ſeinen Segen zu ertheilen. (lle gehen hinaus.— Der Kaplan, einen Augenblick un⸗ entſchloſſen, gehorcht einem gebietenden Blicke des Cardi⸗ nals.— Dieſer folgt ihnen mit den Augen, und als die Thuͤr verſchloſſen iſt, nähert er ſich dem Grafen mit ernſthafter, faſi drohender Miene.) Die Seewarte v. Koat⸗Vön. IMI. 23 Der Cardinal. Was haben Sie mit Ihrer Frau und Ihrer Tochter gemacht, mein Herr? Der Graf(mit erloſchener Stimme). Sie beten fuͤr mich gnaͤdiger Herr. alle Beide, zu⸗ ruͤckgezogen in ein Kloſter, beten ſie... Aber Ih⸗ ren heiligen Segen mir... Der Cardinal(ihn unterbrechend). Frau von Vaudrey iſt todt, mein Herr! Der Graf. Todt! Ach, mein Gott! ſie wird alſo fuͤr mich bitten. im Himmel zu den Fuͤßen des Allmaͤchtigen.„fuͤrſprechen fuͤr mich DO! Aber wie ſchwach bin ich mein Blick truͤbt ſich ich hore kaum.. Der Cardinal. Ihre Tochter liegt im Ster⸗ ben, mein Herr! Der Graf ämmer ſchwaͤcher werdend). Gott wird ſie ſegnen. ſie hat fuͤr ihren Vater gebetet und hat mir die ewige Gluͤckſeligkeit erworben. und Mittel gegeben, mein Haus zu verherrlichen... meine Tochter, ich.. Der Cardinal Smit furchterlicher Stimme). Die ewige Gluͤckſeligkeit!... Ihnen! Ihnen! mein Herr! Aber denken Sie doch an die, welche Sie aufgeopfert haben!! Der Graf(im Wahnſinn und mit ſehr leiſer Stimme). O ja!. ich fuͤhle es.. ich habe eine Ueber⸗ zeugung welche mir ſagt.. daß ich das Pa⸗ radies erworben habe„der Kaplan hat mir verſprochen.. ————————— — 355— Der Cardinal. Soo iſt es nicht, mein Herr; dieſer lugneriſche Prieſter hat Sie getäuſchtz er hat Gott gelaͤſtert, indem er Ihnen im Namen des Herrn einen Platz unter ſeinen Auserwaͤhlten ver⸗ ſprach! Zittern Sie!!! Der Graf(im Wahnſinn, mit belebten Augen). Ich gehe in das Himmelreich„es iſt meine Toch⸗ ter die mir dieſe Gunſt erworben hat in das Himmelreich mein Sohn ein ſouve⸗ raines Haus„das Himmelreich. Der Cardinal. Wahrhaftig, er ſtirbt. dieſer Menſch ſtirbt ohne Schrecken, ohne Ge⸗ wiſſensbiſſe. O! das iſt furchterlich. Der Graf(wie vorhin, macht eine letzte Anſtrengungz ſeine Wangen faͤrben ſich; ſeine Augen glaͤnzen; ſein ganzes Geſicht ſcheint von Hoffnung und Ueberzeugung zu ſtrahlen). Ja, ich gehe zu Dir, mein Gott. Mein Name wird fortleben in dieſer Welt und Du giebſt mir einen Platz in Deinem Paradieſe. mein Sohn.. ſouveraines Haus das Paradies ich bin ſehr gluͤcklich.. Engel. ich Der Cardinal. O, Fluch! Fluch! Der Graf(einen großen Seufzer ausſtoßend). Ich die (Er ſtirbt). Der Cardinal ſturzt ſich auf den Grafen, betrachtet ihn mit einer ſchrecklichen Angſt, dann faͤllt er erſchoͤpft auf einen Armſtuhl zuruͤck. 23* Der Cardinal, das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckend, bleibt in duͤſteres, tiefes Schweigen verſunken. Nach Verlauf einer viertelſtuͤndigen Betrach⸗ tung erhebt er ſich, druͤckt dem Grafen die Augen zu, und nachdem er lange Zeit dieſe Zuͤge, aus de⸗ nen noch Ruhe und Heiterkeit ſprechen, betrachtet hat, ſagt er mit langſamer und feierlicher Stimme: „Nach dem ſchaͤndlichen Leben dieſes Menſchen zu urtheilen wer ſollte es noch wagen, an dem logiſchen Daſein eines gerechten und wiedervergel⸗ tenden Gottes zu zweifeln eines Gottes, der in einem andern Leben die Boͤſen beſtraft! Wer ſollte es wagen, zu zweifeln, daß unſer Aufenthalt in dieſer Welt nur der Uebergang vom Nichts in die Ewigkeit ſei!“ Der Cardinal betrachtete noch lange den Leichnam des Grafen, dann wiederholte er noch einmal die Frage: „Wer ſollte es wagen, daran zu zweifeln!!!“ Und mit dem herzzerreißenden Ausdrucke des Schmerzes und der Verzweiflung rief er: c„ „Ich!!! Vnhang. Belegende Actenſtuͤcke. Nr. I. — Dieſes, ſo wie die folgenden Stuͤcke, iſt buch⸗ ſtäblich getreu abgeſchrieben; die Abſchriften ſind von einem Uhrmachergeſellen gefertigt und in den Archiven des Tippoo⸗Sasb niedergelegt. Man hat ſie, ſelbſt bis auf die zahlreichen Orthographiefeh⸗ er, ſo gelaſſen. Sie waren in mehrere Packete getheilt, und jedes mit einer perſiſchen Aufſchrift verſehen. Der Hauptmann Macleod, welcher mit der Durchſicht der hinterlaſſenen Papiere Tippoo⸗ Sasb's beauftragt war, hat gegenwaͤrtige Stuͤcke fuͤr wahr und glaubhaft anerkannt. (Man ſehe M. Michaud's: Geſchichte des Reichs Myſore.)— 355— Protvocoll über die Sitzungen des Jacobinerclubbs zu Seringapatnam. Am 6. Tage der zweiten Decade des Floreal der einen und untheilbaren franzöſiſchen Republik. Die nachſtehend verzeichneten franzoſiſchen Buͤr⸗ ger, welche unter den Befehlen des Buͤrgers Dompard im Solde des Buͤrgers Tippoo⸗Saöb, des ſiegreichen Verbuͤndeten der franzöſiſchen Republik, ſtehen: Salvadoſſe, Lebeau, Cholleſſe, Julien, Bayſe, Francisque, Madin, Queſtin, Philippe, Johann Denis, Kerodique, Jean, Le Grand, Bernard, Jacque, Vincent, La Republique, Etienne, Blanche, Beéteme, Manuelle, Jvon, Lambert, Anton, Gaspar, Manuelle, Denis, Pouvoi, Marc, Daine, Franc, Gemitte, Thouvenir, Contoir, Vreniore, Charroix, Bochard, Colier, Abraham, Manuel, Colin, Manuelle, Marivanne, Juducque, Dugnon, Decegodique, Joine, Jeuneſſe, Quilletes, Quelique, Pierre, Jogeny, Manuell, Langle, Joſeph, Grois, Chriſtian, Dachiret, Chariée, — neun und funfzig an der Zahl, haben ſich, begierig, nach allen ihren Kraͤften und allem ihrem Vermoͤ⸗ gen zur Unterſtuͤtzung und Befeſtigung der fran⸗ zoͤſiſchen Republik beizutragen und ihre rechtlichen Anſpruͤche kennen zu lernen, die Erlaubniß ihres Oberbefehlshabers verſchafft, und dazu in der Pfarr⸗ kirche untenbenannten Tages und Jahres ver⸗ ſammelt. Der Buͤrger Franz Ripaud, Schiffslieutenant im Dienſte der franzoͤſiſchen Republik, nahm das Wort und ſprach zu uns: „Buͤrger! Ihr ſeid Alle Franzoſen, oder wuͤrdig „es zu ſein; die Entfernung von dem muͤtterlichen „Boden des Vaterlandes hat euch bis heute die „Moͤglichkeit geraubt, eure Rechte als freie Män⸗ „ner zu erkennen: ihr habt begonnen, ſie jetzt ken⸗ „nen zu lernen, indem ihr jene verhaßte weiße „Fahne herunterriſſet, welche die Nation verwuͤnſchte „und die das Goͤtzenbild der Irrenden war. Noch „bleibt euch eine Pflicht zu erfullen uͤbrig, naͤmlich „die Fahne der Nation aufzupflanzen und euch uͤber „Alles, was ihr ſchuldig ſeid und was man euch „ſchuldig iſt, zu belehren. Es iſt die Pflicht eines „Republikaners, durch ſeine ſchwachen Einſichten „ſeine Mitbuͤrger zu belehren. Ich biete euch die „Rechte des Menſchen, und nur aus dieſen Rech⸗ „ten werdet ihr die Republikaner-Tugenden ſchoͤ⸗ „pfen, um die Maͤngel eurer fruͤhern Gewohnhei⸗ „ten zu uͤberwinden; und eben dazu lege ich euch — 360— „conſtitutionelle Ideen vor, und, wie ihr in einer „Anarchie lebt, die jeden redlichen Menſchen, der „Ehrfurcht vor den Geſetzen fuhlt, ſchaudern macht; „ſo lege ich euch einen Verfaſſungsentwurf vor, der „Artikel fuͤr Artikel durchgegangen werden ſoll, da⸗ „mit eure Beſchluͤſſe nach der Bekanntmachung „des Geſetzes geſetzliche Kraft haben; ich bemerke „euch nur noch, daß ihr euch keineswegs von dem „republikaniſchen Geſetze entfernen, und dieſes we⸗ „der ſchwaͤchen noch uͤberſchreiten duͤrfet. „Es iſt uͤblich, daß, wenn ein Volk ſich zu „einer Primair⸗Verſammlung vereinigt, der aͤlteſte „Buͤrger zum proviſoriſchen Praͤſidenten erwaͤhlt „wird; man ernennt zwei Secretaͤre und zwei Cere⸗ „monienmeiſter. Der Praͤſident wird euch den Be⸗ „weggrund der Zuſammenberufung mittheilen und „euch bitten, einen Praͤſidenten ſowohl, als auch „die von mir euch angegebenen Beamten zu er⸗ „mennen, welche euch uͤber eure Rechte belehren „und euch zu der, jener Majeſtät— wovon ihr „ſelbſt einen Theil bildet, ſchuldigen Ehrfurcht zu⸗ „ruͤckrufen; euch wiederum zur Ordnung verweiſen, „damit ein Jeglicher ſeinerſeits das Wort habe und „frei, ohne unterbrochen zu werden, nur uͤber die „Angelegenheit ſprechen koͤnne, die zur Berathung „gezogen worden iſt; im Falle ein Buͤrger einen „glucklichen Gedanken hatte, ſo moͤge er das Wort „verlangen, fuͤr einen Antrag auf Ordnung. Jede „Berathung endet, nachdem der Buͤrger, welcher „das Wort hat, endete, und man hoͤrt den Grund „des Antrages; wenn er außer der Tagesfrage iſt, „ſo ſpricht der Präſident zu ihm, und die Be⸗ „rathung beginnt von Neuem.“ Man begann mit der Bildung der Primair⸗ Verſammlung; der Buͤrger Contoir, als der Aelteſte den Jahren nach, wurde zum einſtweiligen Praͤſi⸗ denten ernannt, und die Buͤrger Vrenière und Dachiret zu proviſoriſchen Secretären, und die Buͤrger Dompard und Provoie zu Wahlzeugen, und die Buͤrger Jvon und Abraham zu Ceremonien⸗ meiſtern. Der Praͤſident aͤußerte, daß der Grund zur Volksverſammlung die gegenſeitige Belehrung uͤber die conſtitutionellen Grundſätze ſei. Um ſich aber Geſetze zu geben, in Gemaͤßheit der republikaniſchen Verfaſſung, muͤſſe man durch muͤndlichen Aufruf mit der Ernennung eines Praͤſidenten beginnen; der Buͤrger Franz Ripaud iſt durch die Mehrzahl zum Praͤſidenten ernannt worden; er nahm ſeinen Sitz ein, und gab dem Buͤrger Contoir den Frie⸗ dens⸗ und Bruderkuß. Man ging zur Erwählung der beiden Secretäre uͤberz die Buͤrger Vreniére und Dachiret wurden erwaͤhlt; hierauf zu der der beiden Wahlzeugen; die Buͤrger Queſtin und Julien erhielten die Stimmzettel, und wurden auserleſenz dann zu den der beiden Ceremonienmeiſter; man waͤhlte die beiden Buͤrger Dompard und Charrié. Der Praͤſident eroͤffnete die Sitzung, indem er uns zu unſern Pflichten wieder zuruͤckrief und“ zu einer ſchnellen Reform unſter alten Gewohnheiten, und durch die Belehrung uber die Rechte der Menſch⸗ heit, und, gefolgt durch das Vorleſen republikani⸗ ſcher Grundſätze und einem Geſetzentwurfe, nahm man das Eine und das Andere mit Freude und Beifallruf auf. Bei dem Geſetzentwurf beſchloß man die Ver⸗ tagung gegenwärtiger Verſammlung bis zum Octodi der jetzigen Decade des Monates Floreal um 3 Uhr Nachmittags, um die conſtitutionellen Grundſätze noch ein Mal durchzugehen, und uͤber die Artikel des vorliegenden Geſetzentwurfes einzeln zu berath⸗ ſchlagen; dies ſollte die Tagesordnung ſein. Der Buͤrger Thouvenir verlangte das Wort, und ſprach: „Buͤrger! „Im Namen meiner Bruͤder ſpreche ich; ja, „Buͤrger, wir waren im Irrthume, wir kannten „unſte Pflichten und unſre Rechte nicht; auch nicht „die Fahne der Nation; wir haben unſte Rechte „zuruͤckgefordert, und unſte Beſchwerden an den „Buͤrger LEscalie gerichtet, der uns noch keine „Antwort hat geben koͤnnen; die politiſchen Inte⸗ „reſſen des Buͤrgers Tippoo⸗Saöb, der uns beſchuͤtz, „haben uns noch nicht geſtattet, die Farben zu „wechſeln; das iſt der Grund des Jrrthums, der vin den Augen der Nation nicht ſtrafbar erſcheinen — 363— „kann; jetzt aber wären wir wohl ſtraffaͤllig, wenn „wir andre Farben, als die des ſchoönen Vaterlan⸗ „des, aufpflanzten; unſte Herzen ſind ihm ganz ge⸗ „widmet, und wir ſchwoͤren, zu ſterben, um ſie „aufrecht zu erhalten, indem wir die geheiligten „Rechte der Buͤrger und der Conſtitution verthei⸗ „digen, und verlangen, Alles zu verbrennen, was „auf die koͤnigliche Wuͤrde und die fruͤhere Re⸗ „gierung Bezug hat; das iſt das Geluͤbde aller „meiner Waffenbruͤder.“ Die Verſammlung hat beſchloſſen, daß alles auf die koͤnigliche Wuͤrde und fruͤhere Herrſchaft Bezuͤgliche verbrannt werde, und den Tag beſtimmt, an welchem man die Nationalfahne aufpflanzen und der Nation die Eide leiſten ſollte. Der Praͤ⸗ ſident dankte dem Bruder Thouvenir fuͤr ſeinen patriotiſchen Eifer, und lud ihn ein, nicht von dem⸗ ſelben abzulaſſen, da er der Ruhm jedes freien Mannes ſei. Hierauf iſt die Sitzung des genann⸗ ten Jahres und Tages mit Lobgeſängen an's Va⸗ terland geſchloſſen worden, und wir haben zu deſſen Beglaubigung, und um die Wahrheit des darin Enthaltenen zu bekraͤftigen, das Gegenwaͤrtige un⸗ terzeichnet. Nr. II. „Buͤrger! „Der Eid, den ihr ſo eben geleiſtet, und der „Kuß, den ich euch gegeben, iſt der von ganz Frank⸗ „reich; wehe dem, der daran eidbruchig wird! Ihr „ſeid jetzt mit allen euern Bruͤdern, den Franzoſen, „verbunden, ſo wie ſie durch mich als ihr Werkzeug „an euch gefeſſelt ſind. Ihr ſeid ihre Stutze, wie „ſie die eurige ſind; denkt daran zuruͤck, daß eure „Eintracht eure Staͤrke ausmacht, daß jeder Haß, „jedes Nachtragen vernichtet ſein muͤſſe. Ihr durft „von nun an nur eine Bruͤderfamilie bilden. Die „Vaterlandsliebe muß der Beweggrund aller eurer „Handlungen ſein; dann werdet ihr erſt wirklich „des Eides wuͤrdig ſein, den ihr ſo eben geleiſtet. „Ihr habt einen Geſetzentwurf von mir verlangt; „hier iſt er. Ihr werdet ganz ſelbſtſtaͤndig ſein, „die Artikel anzunehmen oder zu verwerfen, wie „ſie euch gerade belieben; doch erinnert euch, daß „ihr die Artikel, welche ihr annehmt, nicht ein⸗ „ſchraͤnken konnt, weil ihr ihnen durch euren Zu⸗ „tritt Geſetzeskraft verliehen; ſo wie das Geſetz „nichts hat, was uͤber ihm ſtaͤnde, ſo durft auch „ihr nichts Anderes unter euch haben, als Laſter „und Verbrechen, und uͤber euch nur das Geſetz, „welches eure Tugenden bezeichnet. „In Erwagung, daß es ſchon Mittag iſt, haben „wir die gegenwartige Sitzung auf heut um 2 „Stunden nach Mittag vertagt, um die einzelnen „Artikel der vorgeſchlagenen Verfaſſung durch⸗ „zugehen.“ 2 Als die Verſammlung um 2 Uhr ſich wieder eingefunden hatte, zeigte der Präſident an, daß ————————————— — 365— man mit dem erſten Artikel anfangen werde, wel⸗ cher einſtimmig durch Uebereinkunft oder durch Ab⸗ aͤnderung angenommen wurde. Einleitung zur Verfaſſung. Militärſtrafe wird erkannt vom Disciplinar⸗Rath. Dieſer Dis⸗ ciplinar⸗Rath iſt aus 7 Buͤrgern von allen Gra⸗ den zuſammengeſetzt. Vier Stimmen gegen drei ſind hinlänglich, um das Geſetz zur Vollſtreckung zu bringen; ſei es ein beſchuͤtzendes oder ein be⸗ ſtrafendes Geſetz. S 1. Artikel. Jeder Commandeur, der das Ge⸗ ſetz nicht nach dem Buchſtaben vollzieht, der es umgehen oder uͤberſchreiten will, oder der das vom Disciplinar-Rathe geſprochene Urtheil nicht zur Vollſtreckung bringt, iſt des Befehles unwuͤrdig; er wird ſeines Amtes entſetzt und zwei Jahre von ſeinen Functionen als Buͤrger ſuspendirt. Beim zweiten Male erhaͤlt er 5 Jahre Kettenſtrafe und iſt aller und jeder Wuͤrden unfähig.— Hierauf ging man zum 2. Artikel uͤber, wel⸗ cher ebenfalls einſtimmig angenommen wurde. 2. Artikel. Jeder Buͤrger, er ſei welchen Standes er wolle, der im Namen des Geſetzes aufgerufen wird, muß augenblicklich Gehorſam leiſten, oder er erhaͤlt 4sſtuͤndiges Gefängniß, ohne darum der Strafe enthoben zu ſein, welche er fur das moglicher Weiſe von ihm zu begehende Ver⸗ brechen haͤtte erdulden muͤſſen; und wenn er da⸗ bei verharrte, 8 Tage Ketten, und im Falle der geringſten Rebellion, ohne alle weitere Ruͤckſicht, drei Monate Kettenſtrafe. Hierauf ſchritt man zum naͤchſten Artikel, und nahm ihn einſtimmig an. 3. Artikel. Kein Buͤrger kann anders, als durch den erwaͤhlten Disciplinar⸗Rath gerichtet wer⸗ den, und ſobald zwei Zeugen das Verbrechen, deſ⸗ ſen er angeſchuldigt iſt, bewieſen haben. Auch der vierte Artikel wurde einſtimmig an⸗ genommen. 4. Artikel. So wie das Geſetz nur aͤußerſt nothwendige Strafen hat; ſo muß auch jeder Buͤr⸗ ger, er befinde ſich in einer Lage, in welcher er wolle, ſeinen Vorgeſetzten ohne Widerrede gehor⸗ chen, oder widrigenfalls er nach der Haͤrte der Ge⸗ ſetze beſtraft werden wird. Ebenſo nahm man den 5. Artikel einſtim⸗ mig an. 5. Artikel. Jeder Vorgeſetzte, der ſeinen Un⸗ tergebenen mit boͤslichem Vorſatze ubel behandelt, wird das erſte Mal mit Stägigem Gefaͤngniß, fuͤr das zweite Mal mit 14 Tagen, fuͤr das dritte Mal mit 2 Monat ²) Ausſchließung von jeder Dienſt⸗ *) Dieſes Geſetz ward umgeändert, anſtatt 2 Monate Ausſchließung von Amt und Gehalt, 8 Tage Kettenſtrafe. verrichtung, waͤhrend welcher Strafe er zuerſt den Amtsbefehl und dann den Gehalt einbuͤßt, beſtraft. Ebenſo ging der folgende Artikel einſtimmig durch. 6. Artikel. Jeder Untergebene, der nicht au⸗ genblicklich ſeinem Obern gehorcht, wenn der Vor⸗ geſetzte ihn im Namen des Geſetzes auffordert, wird beſtraft: erſtens fuͤr das Vergehen, deſſen er ſich dabei ſchuldig macht, zweitens fuͤr den Unge⸗ horſam gegen die Geſetze, mit 48 Stunden Ketten an den Fuͤßen. Iſt die Widerſetzlichkeit von Mur⸗ ren, Beleidigung oder Drohung begleitet, ſo muß der Delinquent 3 Monate Kettenſtrafe erleiden.— Man ging zum 7. Artikel uͤber, und nahm ihn einſtimmig an. 7. Artikel. Jeder Vorgeſetzte, der ſeinem Un⸗ tergebenen mit koͤrperlichen Invectiven droht, wird, wenn es nicht zur Vollziehung derſelben kam, ſei⸗ nes Amtes entſetzt, und während eines Jahres der Rechte als Buͤrger beraubt. Hierauf wurde der 8. Artikel berathen und faſt einſtimmig angenommen. 8. Artikel. Jeder Untergebene, der ſeinen Vorgeſetzten thätlich bedroht, und im Falle die Drohung ſich nicht verwirklicht, muß ein Jahr Kettenſtrafe leiden*). *) Dieſes Geſetz ward mit der Veränderung ange⸗ nommen, daß es ſtatt 1 Jahr 3 Monate heißen ſoll. — 368— Auch der 9. Artikel wurde einſtimmig ange⸗ nommen. 3 9. Artikel. Jeder Obere, welcher ſeinen Un⸗ tergebenen wirklich ſchlagt, ſoll verurtheilt ſein, ein Jahr Kettenſtrafe zu erleiden und fuͤr unwuͤrdig erklaͤrt werden, irgend eine Militar- oder Civil⸗ wuͤrde zu bekleiden. 10. Artikel. Jeder Untergebene, der die Hand gegen ſeinen Obern aufhebt und denſelben thätlich angreift, wird zum Tode verurtheilt. 11. Artikel. Alle Vergehen, die nicht vor die Competenz des Disciplinar⸗Rathes gehoͤren und von der Claſſe der Zuchtpolizei ſind, werden unter die Amtskraft des obern Platz⸗Commandanten ge⸗ zogen, welcher die Gefaͤngnißſtrafe im Namen des Geſetzes verhaͤngt, und zwar 24 Stunden, mehr oder weniger nicht, fuͤr die nachſtehend benannten Vergehen: 1) Die Vergehungen gegen die guten Sitten. 2) Oeffentliche Unruhe beim lächerlichen Cultus irgend einer Religion, oder Schmaͤhungen auf deren fanatiſche Prieſter. 3) Schmaͤhungen und grobliche Thätlichkeit zwi⸗ ſchen Perſonen, als: Schlaͤge und koͤrperliche Beleidigungen, welche der Disciplinar⸗Rath nicht beſtraft. 4) Unruhe und Stoͤrung der buͤrgerlichen Ord⸗ nung und oͤffentlichen Ruhe, mittelſt Bettelei, Aufruhr, Aufwiegelung und Laͤrmmachen zu ungewoͤhnlichen Stunden und ohne Erlaubniß. 12. Artikel. Jeder Buͤrger, welcher unſchick⸗ liche Reden gegen die Verfaſſung ausſtoͤßt, Ver⸗ dacht erregt, Parteigaͤnger der Royaliſten oder des fruͤhern Regierungsſyſtems zu ſein, wird vor den Disciplinar⸗Rath gebracht und, ſofern ſeine Abſich⸗ ten verdaͤchtig ſcheinen, eine Gegenrevolution her⸗ beizufuͤhren, zum Tode verurtheilt. 13. Artikel. Jeder Buͤrger, der Furcht vor dem Feinde zeigt, und durch ſeine Aeußerungen den Muth ſeiner Mitbuͤrger zu ſchwächen und ſie vom Kampf mit dem Feinde abzubringen ſucht, ſoll zum Tode verurtheilt werden. 14. Artikel. Jeder Verſchwoͤrer oder Verra⸗ ther an ſeinem Vaterlande ſoll zum Tode verur⸗ theilt werden. 2 15. Artikel. Jeder Anſtifter, Verleiter, Wer⸗ ber, Ueberlaͤufer und wer nur mit den Feinden der Republik in Verbindung ſteht, wird, ſobald er feſt⸗ genommen iſt, zum Tode verurtheilt. 16. Artikel. Jede Feigheit oder Schwaͤche, die in des Feindes Gegenwart vorfaͤllt, und dem Ruhme des Vaterlandes Eintrag thun koͤnnte, wird mit 10 Jahren Kettenſtrafe und oͤffentlicher Arbeit beſtraft. Dieſes Geſetz leidet auf den Befehlsha⸗ ber, die Officiere, Unterofficiere, Soldaten, Freiwil ligen und Matroſen Anwendung. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. III. 24 17. Artikel. Jeder ſeiner Fahne entlaufene Buͤrger, der in Kriegszeiten zu einer feindlichen Nation uͤbergeht, wird zum Tode verurtheilt. 18. Artikel. Jeder Buͤrger, der mit ſeinem Vermoͤgen auswandert, wird auf 20 Jahre zu öffentlichen Arbeiten in Ketten angehalten. 19. Artikel. Jeder Obere, der franzoͤſiſche Republikaner befehligt und ſich feigerweiſe einem ſelbſt ſtärkern Feinde, als er iſt, ergiebt, wird zum Tode verurtheilt, und auch Alle, die unter ſeinen Befehlen ſind, werden zufolge der Strenge der Ge⸗ ſetze beſtraft und zum Tode gebracht. 20. Artikel. Jeder Buͤrger hat das Recht, durch den Buͤrger⸗Commandanten den Disciplinar⸗ Rath zuſammenberufen zu laſſen, ohne erſt den Grund dieſer Zuſammenberufung anzugeben; und die Befehlshaber ſind dazu verpflichtet, augenblick⸗ lich auf Anfordern eines einzigen Buͤrgers den Disciplinar⸗Rath zu berufen, oder ſie unterliegen ſelbſt der Strenge des Geſetzes. 21. Artikel. Jeder Buͤrger, welcher den Dis⸗ ciplinar⸗Rath beruft und keine Beweiſe noch Zeu⸗ gen haͤtte, ſich auf das Geſetz zu ſtutzen, verwirkt eine Strafe von 8 Tage Ketten an Haͤnden und Fuͤßen. 22. Artikel. Jeder Buͤrger, der einen an⸗ dern Buͤrger als Feigen oder Schurken behandelt und keine Beweiſe hat, wird mit 30 Tagen Ket⸗ ten an Haͤnden und Fuͤßen beſtraft. Wenn der Disciplinar⸗Rath ſein Endurtheil gefaßt hat, ſetzt derſelbe den Befehlshaber in Kennt⸗ niß(der niemals bei dem Urtheilſprechen zugegen iſt), und der augenblicklich das Urtheil zur Voll⸗ ziehung bringt; dann kehrt er mit Letzterem in den Verhoͤrſaal zuruͤck, wo alle Buͤrger, die den Dis⸗ ciplinar⸗Rath ausmachen, aufſtehen und, unbedeck⸗ ten Hauptes, die Hände aufheben; der Praäſident ſpricht: „Wir ſchwoͤren auf unſer Gewiſſen und unſte „Ehre: nachdem wir gewiſſenhaft in unſern Bera⸗ „thungen alle uns vom Geſetze vorgeſchriebenen „Normen beobachtet, haben wir gefunden, daß der „und der des und jenes Verbrechens Angeſchul⸗ „digte deſſelben nicht ſchuldig;— oder daß er zwar „des und des Verbrechens ſchuldig, aber zu ent⸗ „ſchuldigen; oder daß er zwar des Verbrechens ge⸗ „ſtaͤndig, jedoch nicht bis zur Strafe uͤberfuͤhrtz „oder daß er, als des Verbrechens geſtaͤndig und „uͤberfuͤhrt, durch das Geſetz zu„„verurtheilt „wird.“ Die Gerichtsverſammlungen des Disciplinar⸗ Rathes ſind öffentlich; jeder Buͤrger hat das Recht, ihnen beizuwohnen; der Anſtand ſoll dabei beobach⸗ tet werden, wie die den Geſetzen und der Natur ſchuldige Ehrfurcht. Alle Militaͤrperſonen, von jedem Grade, von den Linien⸗ oder Seetruppen, koͤnnen Mitglieder des Disciplinar⸗Rathes ſein, ausgenommen, wenn 24* ſie mit dem Delinquenten von einer Truppengat⸗ tung ſind. Der Disciplinar⸗Rath bildet ſich, ſo⸗ bald das Geſetz durch die Buͤrger bekannt gemacht worden, die ſich die Mehrzahl der Stimmen er⸗ worben, und Kraft erlangt hat; ſo darf auch kein Menſch von der Unterwerfung unter daſſelbe aus⸗ genommen ſein. Der Disciplinar⸗Rath ergaͤnzt ſich wieder alle ſechs Monate; den Buͤrgern liegt es ob, ihre Richter gut zu wählen. Hierauf ging man zur Ernennung der Mit⸗ glieder uͤber, welche den Disciplinar-Rath ausma⸗ chen. Der vorige Wahlzeuge Ripaud, Vrenière, Queſtin, Julien, Dachiret, Thouvenir und Kero⸗ dique, ſind mit abſoluter Stimmenmehrheit er⸗ nannt worden. 2 Wir Buͤrger und Republikaner Frankreichs, die wir den Theil der Nation, der unter den Be⸗ fehlen des Buͤrgers Dompard ſteht, ausmachen, unterwerfen uns, nachdem wir gegenwaͤrtige Ge⸗ ſetze vernommen, freiwillig denſelben, um darnach gerichtet zu werden; von nun an geleitet durch die Grundſaͤtze und Beſtimmungen der Freiheit und Gleichheit, die wir erſchaffen; zu deſſen Urkund haben wir vorſtehende Verordnung unterzeichnet, um deren Inhalt guͤltig zu machen. Geſchehen im franzoͤſiſchen Feldlager bei Pat⸗ tana am zehnten Tage der erſten Decade des Flo⸗ real im fuͤnften Jahre der einen und untheilbaren fſſchn Republik. Ein Buͤrger verlangte das Wort, und ſagte: „Buͤrger, um einen ſo ruhmvollen Tag zu be⸗ „ſchließen, verlange ich, daß die abſcheuliche weiße „Fahne verbrannt werde und wir als Zeichen der „Freude uͤber das Gluͤck, das wir heute empfinden, „die Hymne auf's Vaterland ſingen“ Alle riefen mit einer Stimme: Ja! Hierauf hob der Praͤſident die Sitzung auf, und vertagte ſie auf nächſten Sonntag, den fuͤnften Tag der dritten Decade des Floreal. Gezeichnet: Ripaud, Vrenière, Queſtin, Dachi⸗ ret, Julien, Kedorique, Thibeau, Vizer, Thouvenir, Dompard, Bertodiere, Pilardt, Charroir, Moitie, Milletot, Heritier, la Vueille, Dielle, Windell, Ja⸗ mes, Marc, Mich. Duno, Jacob Debay, Menaud, Gaudron, Collier, Vincent, W. Graham, Barear, Huite, le Dalle, Denis, Caſtel, A. Me. Neil, Pombart, Legrand. No. III. Als die Fahnen angelangt waren, herrſchte Stillſchweigen. Man pflanzte den Freiheitsbaum mit der Muͤtze der Gleichheit auf, und Buͤrger Ripaud hielt folgende Rede: „Franzoöſiſche Buͤrger! Freie Maͤnner! Bruͤder! „meine Freunde! Wohl habt ihr heute der Vor⸗ — 374— „ſehung und dem wohlthuenden Weſen für die „Gnade zu danken, euch die Nationalfahne und „den Freiheitsbaum erblicken zu laſſen, der, bedeckt „mit dem Hute der Gleichheit, geliebt iſt und auf⸗ „genommen von allen freien Menſchen, den fran⸗ „oͤſiſchen Republikanern, euern Bruͤdern, eurer „Stuͤtze, euern Freunden; wie glorreich iſt dies fuͤr „euch!— O Franzoſen! den Freiheitsbaum auf⸗ „gepflanzt und geſtuͤtzt zu ſehen, den aufrecht zu „erhalten und mit den Waffen in der Hand zu „ſterben, um ihn zu vertheidigen und eure Freiheit „und Rechte zu begruͤnden, ihr geſchworen habt. „Was habt ihr endlich Koſtbareres, als euer Vater⸗ „land?— O Franzoſen! meine Bruͤder, meine „Freunde, fuͤhlet ihr nicht, wie ich, jene Freude, „die ſich eurer Herzen bemeiſtert und euch zu die⸗ „ſem Banner hinzieht, zu ihm, theure Bruͤder, „das 28 Millionen Menſchen, wie ihr, geſchworen „haben, aufrecht zu erhalten, fuͤhlet ihr nicht, ſage „ich, jenen Trieb der Tugend, der nur freien Men⸗ „ſchen bekannt iſt, der euch antreibt, ihm jene gluͤ⸗ „hende Liebe zu ſchwoͤren, welche die republikani⸗ „ſchen Krieger auszeichnet?— Ja! theuer, tau⸗ „ſenbfach meinem Herzen theuer, will ich dich auf⸗ „recht halten, theure Fahne, theurer Baum, bis „zum letzten Tropfen meines Blutes, und, wenn „ich meinen Schwur brechen ſollte, ſo bitte ich die „Gottheit, mich dann in Aſche zu verwandeln und „mich ſelbſt zu vernichten, wenn ich nur den Ge⸗ „danken daran hegte; ſo wahr du der Gegen⸗ „ſtand meiner innigſten Gefuͤhle biſt, ſo wahr „ſchwoͤre ich, dich zu vertheidigen oder fuͤr dich „zu ſterben! Ja, ich ſchwoͤre es!*) nachdem ich dir „Alles, was ich dir ſchulde, gelobt habez verzeihe, „theurer und wuͤrdiger Ruhm meiner Gefuͤhle, „wenn ich jetzt dem Schatten unſerer Bruͤder meine „Huldigung bringen will, die gefallen ſind zu dei⸗ „ner Vertheidigung; was ſage ich? zur Erhaltung „deines Ruhmes!— Welch' fuͤhlbarer Schau- „der bemächtigt ſich meiner! Es beherrſcht mich „eine gottesfuͤrchtige Empfindung! Wie! ich falle „auf die Knie, mein Blut wird zu Eis, und ich „erblicke im Geiſterreich Tauſende hochherziger Krie⸗ „ger, die gefallenen Vertheidiger unſter Rechte, „ſie fordern unſre Herzen auf, ſie zu raͤchen. „Ich ſehe die Barbarei und Grauſamkeit auf „dem hoͤchſten Gipfel vor mir!— Gott! mich „ſchaudert vor Entſetzen! Wie! ich ſchaue die Opfer „der engliſchen Wuth, die zwiſchen Brettern durch⸗ „aͤgt, Frauen, die ihrer Rohheit geopfert und zu „gleicher Zeit hingewuͤrgt wurden. O!l furchtbarer „Schrecken! meine Haare ſtraͤuben ſich! Was ſeh' „ich! Kinder, noch an den Bruͤſten, erblicke ich, „vom Blute ihrer ungluͤcklichen Muͤtter gefaͤrbt; „ich ſehe die armen Kleinen unter demſelben To⸗ *) undalle Bürger wiederholten:„Jal wirſchwören!“ — 376— „desroͤcheln, wie die ermordeten Muͤtter! O, du „Gipfel des Entſetzens und der Verbrechen, welchen „gerechten Zorn floͤßeſt du ein! Seid uͤberzeugt, „ihr armen geſchiedenen Seelen, wir werden euch „raͤchen! Es zittre der treuloſe und grauſame Britte! „Es iſt ein Rachegeiſt, der uns beſeelt, in deinem „Blute die Grauſamkeiten und Verbrechen abzu⸗ waſchen, die du gegen unſte Väter und deren un⸗ „luͤckliche Gefährten begangen! Sei ſtille, du „jammerndes unſchuldiges Weſen, wir ſchwoͤren, „dich zu raͤchen!— Ja, ich ſchwoͤre es! „Buͤrger! meine Bruͤder!— Welch' Entſetzen „muß euch nicht die Ertragung der Tyrannei ein⸗ „ſtoͤßen! Sie ſind es, jene feigen, jene falſchen „Franzoſen, die alle jene Miſſethaten erzeugt ha⸗ „ben. Das Heer der Vendée in Frankreich und „die Jeſus armee, die weiße Fahne, die Lilien, den „Heiland in der einen, den Dolch in der andern „Hand, haben, gleich den niedertraͤchtigen Englaͤn⸗ „dern, die hochherzigſten eurer Rechte „gemeuchelt, niedergemetzelt. Rächet unſte Bruͤ⸗ „der, die Opfer ihrer Vaterl andäliebel Augenblick⸗ „lich werde Alles verbrannt, was ſich auf die frü⸗ „here Regierung bezieht; wenn wir uns nicht an „ihr ſelbſt raͤchen koͤnnen, ſo wollen wir es doch „an ihrem theuern Abgott, an ihrer Fahne; mögen ſie zittern bei der Nachricht, daß es in Indien, „im Mittelpunkte des Landes, Republikaner giebt, „die geſchworen haben, ſie auszurotten Sie wer⸗ „den zittern, zweifelt nicht daran, dieſe Elenden, „beim bloßen Namen der Franzoſen. „Sie erbleichen vor Schreck, und kaum haben „ſie aͤchte Franzoſen erblickt, ſo ſind ſie ſchon drei „Viertheile beſiegt; dahin zu gelangen, muß man „die republikaniſche Tugend beſitzen; man muß zu „ſiegen oder fuͤr das Vaterland zu ſterben wiſſen; „man muß die Haltung des freien Mannes haben! „Ihr ſeid unſer Fuͤhrer(ich ſpreche zum Ober⸗ „befehlshaber); eure Pflicht iſt es, fuͤr unſre Sicher⸗ „heit zu wachen, fuͤr unſer Gluͤck und die Auf⸗ „rechthaltung unſter Rechte. Ihr ſeid nicht mehr „dazu da, in einer Unthaͤtigkeit zu leben, welche „ſich mit der neuen, von euch uͤbernommenen „Wuͤrde durchaus nicht vertraͤgt. Aus euern fruͤ⸗ „hern Gewohnheiten muͤßt ihr jetzt heraustreten, „und wenn ſich euch Schwierigkeiten entgegenſtel⸗ „len, dieſelben beſeitigen, und euer Gluͤck von jetzt „an dem Geſetze zum Opfer bringen. Vermoͤge „dieſes in eurem Herzen liegenden wohlthuenden „Gefuͤhles, vermoͤge der Vortrefflichkeit eures Ge⸗ „muͤthes, beſitzt ihr reiche Eigenſchaften, ihr ſeid „wuͤrdig, ein Republikaner zu ſein. Eure Tapfer⸗ „keit iſt bekannt. Allein ihr habt auch eure Schwaͤ⸗ chen; treibt ſelbſt dieſen Feind von euch; beſtrebet „euch, eure Rechte zu erkennen, und ihr werdet „einſehen, wie ruhmvoll es iſt, eures Gleichen und „tapfre Republikaner zu befehligen. „Frankreich hat geſchworen; das allein war ge⸗ „nug; man wird ihm nachfolgen; ſeine hochherzi⸗ „gen Vertheidiger ſind nie taub fuͤr ſeine Stimme, „denn ſie ehren den Willen ihres Vaterlandes und „ſind ihm ergeben; das Vaterland befiehlt, und „ſchon wird ihm gehorcht! Ich fuͤhle bereits, wie „der gluͤhende Eifer, der mich beherrſcht, in eure „Herzen uͤbergeht; wie erhaben des Vaterlandes „Ruf iſt;— wie hoch und hehr die Liebe, die daſ⸗ „ſelbe einfloͤßt. Maͤchtiger Gott, gefeiertes We⸗ „ſen! ach, du lieſeſt in meinem Herzen, du ſiehſt, „wie ſtolz es ſich an dieſem Tage hebtz ich bin „zufrieden, in jeder Hinſicht zufrieden!— O Fran⸗ „oſen! wie glucklich macht ihr mich! eure Liebe zu „dem, was mir das Theuerſte iſt, zu unſerm Va— „terlande, bekundet ſich in allen euren Zuͤgenz „kommt, pflanzt mit mir den von uns und allen „unſern Brudern gefeierten Baum; es iſt das Zei⸗ „chen der Verfaſſung, unſter Pflichten, unſrer „Rechtez moͤge er ſtets vor unſern Augen ſein, „und ihr euch nie von dem entfernen, was ihr „euch ſelbſt ſchuldig ſeid, und er wird euch auch an „das erinnern, was ihr euern Bruͤdern ſchuldet!“ Hierauf ließ er jeden Buͤrger, einen nach dem andern, folgenden Schwur leiſten: „Buͤrger! ſchwöret Haß den Koͤnigen, „ausgenommen Tippoo⸗Sultan, dem Sieg⸗ „reichen, dem Verbuͤndeten der franzöſi⸗ — 35 „ſchen Republik; Krieg allen Tyrannen „und Liebe dem Vaterland und dem des „Buͤrgers Tippoo!“ Alle ſchrien einſtimmig:„Ja! wir ſchwoͤren, frei zu leben oder zu ſterben!“ Waͤhrend der Eidesleiſtung loͤſ'te man aus dem ſaͤmmtlichen Geſchuͤtze 84 Kanonenſchuͤſſe, und dann zog man ſich zuruͤck, zwei Fahnen an der Spitze und mit einer Ehrenwache. Hierauf unter⸗ zeichnete man das Protokoll vom achten Tage der zweiten Decade des gegenwaͤrtigen Monats. Auf dem Waffenplatze angekommen, ſang man, rings um den Baum und die Fahne, Loblieder auf das Vaterland; und als man auf das Lied:„Gehei⸗ ligte Vaterlandsliebe“ kam, gab man mit dem gan⸗ zen Geſchuͤtze eine Salve, und der Tag verging in Freude und endete mit einem Balle, der die ganze Nacht dauerte. Zur Urkunde deſſen haben wir Vorſtehendes an benanntem Tage und Jahre un⸗ terzeichnet.— NB. Man fehe die„Geſchichte von Myſore,“ von M. Michaud, aus welcher dieſe Stücke wörtlich entlehnt ſind. Notizen uͤber Tippoo⸗Saöb. Tippoo⸗Sultan Behadur, letzter Nabob von Maißur,— oder Myſore, nach der engliſchen Orthographie— wurde 1749 geboren, und trug an⸗ fangs den Namen Feth⸗Ali⸗Khan. Er empfing den Namen Tippoo⸗Saöb, ſei es bei der Beſchnei⸗ dung, ſei es im Alter von ſechzehn Jahren; wurde von ſeinem Vater, Hyder⸗Ali⸗Khan, zum Dyan oder Intendanten von Bednor ernannt, und, da er Beweiſe von Muth und Fähigkeit bei mehr als Einer Gelegenheit unter der Regierung dieſes Fuͤr⸗ ſten(m. ſ. Hyder⸗Ali) gab, ſcheint ſein Name Tippoo⸗Saöb die andern, als Tippoo⸗Khan und Tippoo⸗Sultan, welche er bei ſeiner Thronbeſteigung, am 7. December 1782, annahm, uͤberwogen zu haben. Als Hyder ſtarb, befand er ſich mit einem Truppencorps in Tanjaur. Die Engländer, mit . dieſem damals im Kriege, benutzten beide Umſtaͤnde. Der Brigadegeneral Matthews, der ſie befehligte, ruͤckte Ende Februar 1783 ins Feld, und bemaͤch⸗ tigte ſich nach und nach der Staͤdte Onor, Konda⸗ pur, Mangalor, Bednor und Anampur, wo ein Theil der Familie des neuen Herrſchers in die Ge⸗ walt der Sieger fiel. Tippoo hielt den Lauf die⸗ ſer Waffenerfolge bald auf. An der Spitze von 25,000 Mann, worunter ein Corps von 1000 Franzoſen, erſchien er vor Bednor am 9. April, und nöthigte Matthews, in Folge einer Uebergabe, den Platz zu raͤumen. Es wurde feſtgeſetzt, daß die Engläͤnder ſich uͤber Goa nach Bombay zuruͤck⸗ ziehen ſollten, nachdem ſie Bednor, Anampur und Colidrug, ſo wie das Geld, die Waffen und die Vorräthe, die ihrer Regierung gehoͤrten, ausgelie⸗ fert haͤtten. Dieſe Capitulation ward von der ei⸗ nen und der andern Seite verletzt. Die Betruͤ⸗ gerei der Englaͤnder, welche eine bedeutende Summe dadurch unterſchlagen wollten, daß ſie dieſelbe den Officieren zutheilten, um ſie dem oͤffentlichen Schatze zu bewahren, ließ ein zufaͤlliger Umſtand entdecken. Hierauf behielt Tippoo den engliſchen General und ſeine Garniſon gefangen, ließ ſie durchſuchen, aus⸗ pluͤndern, in Ketten legen und behandelte ſie ſehr ſchlecht. Wenn man hierin den engliſchen Schrift⸗ ſtellern glauben darf, ſo trieb Tippoo die Grauſam⸗ keit ſo weit, Matthews und mehrere ſeiner Officiere vergiften, und dem Bruder dieſes Generals, der beladen mit Geld und Juwelen floh, in ſeiner Ge⸗ genwart den Kopf abſchlagen zu laſſen. Hiernach belagerte er Mangalor, welches er, trotz der Ent⸗ deckung und Beſtrafung der Verrätherei ſeines oberſten Befehlshabers, nicht nehmen konnte, in⸗ dem dieſer Anſtalt machte, mit einem Theile ſeiner Truppen zu den Engländern uͤberzugehen. Die elagerung war noch nicht aufgehoben, als Tippoo die Nachricht von dem zwiſchen Frankreich und England zu Verſailles geſchloſſenen Frieden erhielt. Er hob augenblicklich die Feindſeligkeiten auf und lieh den Unterhandlungen ſein Ohr, die ſich mit einem zu Mangalor am 11. Maͤrz 1784 unter⸗ zeichneten Vertrage endeten. Die Englaͤnder ga⸗ ben alle eroberten Plaͤtze heraus, und gelobten, die Feinde jenes Fuͤrſten durchaus nicht zu unterſtuͤtzen; Tippoo ſeinerſeits gab den Engländern ihr Com⸗ ptoir zu Calicut, welches ihnen Hyder entriſſen hatte, wieder; verſprach, die Laͤnder der Radſchah's von Tanjaur und Travancor, ihrer Verbuͤndeten, zu raͤumen, und gab ſeine Anſpruͤche auf das Car⸗ natik auf. Dies war der Ausgang des erſten Krie⸗ ges, welchen Tippoo mit den Englaͤndern fuͤhrte. Die kleinen Vortheile, die er hierbei erhielt, erfuͤll⸗ ten ſein Herz mit Anmaßung, und naͤhrten den, den Engländern geſchwornen Haß, der ſeines gan⸗ zen Lebens Gedanke blieb. Gluͤcklich, wenn er mit der Ehrſucht und dem Muthe, den er vom Vater geerbt, die deſſen Maͤßigung und poli⸗ — tiſche Talente vereinigt haͤtte, die nicht weniger, als die Waffen, beitrugen, die Macht dieſes Prinzen zu gruͤnden. Hyder hatte nur den Titel„Naib“ (Statthalter) angenommen, und zeigte dem Volke oͤfter den rechtmaͤßigen Herrſcher von Maſßur, in in deſſen Namen er die Acte der Souverainetät bekannt machte. Tippoo entledigte ſich dieſer Bande. Er ließ den Radjah und deſſen Familie in der Vergeſſenheit und im Elend. Er nahm die Titel eines„Sultan, Siegers“ an und eignete ſich die aller Fuͤrſten der indiſchen Halbinſel zu, deren Ober⸗ lehnsherr er zu ſein behauptete. Selbſt ſpäter, zur Zeit, wo die koͤnigliche Majeſtät durch einen Empoͤrer in der Perſon des Titularherrſchers von Hindoſtan verletzt wurde(ſiehe: Schach⸗Alem), fugte er allen dieſen den Beinamen eines Padiſchah (aiſers) zu. Um die hohe Stellung zu behaup⸗ ten, auf welche er ſich gebracht, ergaͤnzte er durch Prunk die wahre Groͤße, und ſein Hof ward einer der glaͤnzendſten des Orients. Er brachte ſein Heer bis auf 200,000 Mann; allein dieſe Aus⸗ gaben ſtanden mit dem Umfange und dem Reich⸗ thume ſeiner Staaten in keinem Verhaͤltniſſe; er ſah ſeine Einkuͤnfte ſich ſchmälern und ſeine Huͤlfs⸗ quellen verſiegen. Deſſen ungeachtet ſich noch im⸗ mer in der eitlen Hoffnung wiegend, uͤber Hin⸗ doſtan zu herrſchen oder wenigſtens die Englaͤnder daraus zu vertreiben, wollte er ſich der Unterſtuͤtzung und des Beiſtandes Frankreichs verſichern. Er —— ließ im Jahre 1787 ſechs Geſandte nach Frank⸗ reich reiſen. Drei nahmen ihren Weg durch den perſiſchen Meerbuſen, uͤber Baſſora, Bagdad, Klein⸗ aſien und Conſtantinopel, und ertrugen alle Arten von Zufaͤllen und Widerwartigkeiten auf dieſer muͤhevollen und gefährlichen Reiſe. Der von den Dreien, welcher ſeine beiden Amtsbruͤder uͤverlebte, mochte oder konnte ſeine Sendung nicht beenden. Er vereinigte ſich mit der Pilger⸗Karawane von 1 Mekka und gewann einen Hafen des rothen Mee⸗ res, wo er ein Boot fand, das ihn nach Indien zu⸗ ruͤckfuͤhrte. Die drei andern Geſandten ſchifften ſich in Pondichery am 22. Juli 1787 ein, und langten am 7. Juni des folgenden Jahres in Tou⸗ lon an. Sie waren für Frankreich, durch welches ſie reiſten, ein Gegenſtand der Neugierde, und ga⸗ ben waͤhrend einiger Monate der Unterhaltung und den Zeitſchriften Stoff. Am3. Auguſt 1788 erhiel⸗ ten ſie eine oͤffentliche Audienz von Ludwig XVI.; allein ſtatt des Beiſtandes, den ſie zu erbitten ka⸗ men, gab man ihnen nur Schauſpiele und Feſte. Der boͤſe Finanzzuſtand, die Furcht vor innern Un⸗ ruhen, verhinderten den König von Frankreich, die Hoffnungen des Nabob von Maißur zu erfuͤllen. † Er beſchraͤnkte ſich, daß Buͤndniß mit Tippoo zu erneuernz ein Buͤndniß, welches ohne Erfolge blieb, da beide Furſten wenig Jahre darauf ſtarben; der eine, weil er den Frieden zu ſehr liebte, der andere als Opfer ſeiner kriegeriſchen Ehrſucht. Die Ab⸗ geſandten kamen im Mai 1789 wieder nach Se⸗ ringapatnam zuruͤck. Da ſie in ihrem den Haupt⸗ zweck ihrer Sendung ausmachenden Verlangen nicht glucklich geweſen waren, und nicht aufhoͤrten, den Umfang, die Menge Volks und den Reichthum des von ihnen ſo eben erſt durchreiſten Königrei⸗ ches zu preiſen, wurde Tippoo, der als eiftiger Mu⸗ ſelmann glaubte, kein chriſtlicher Fuͤrſt käme ihm an Macht gleich, in ſeiner Eitelkeit verletzt, und nahm, uͤberdies getäuſcht in ſeiner Erwartung durch den wenigen Erfolg ſeiner Botſchaft, an ſeinen Be⸗ vollmaͤchtigten Rache, indem er zwei von ihnen heimlich ermorden ließ. Bald darauf ergriff er eine Gelegenheit, den Krieg von Neuem anzufan⸗ gen. Die Hollaͤnder beſaßen die Forts von Cochin, Akkotah und Cranganor auf der malabariſchen Kuͤſte, den Grenzen von Maifur nahe. Franzöſiſche Vermittlung hatte ſie wieder in den Beſitz von Cranganor geſetzt, das Hyder Ali ihnen entriſſen hatte. Tippoo erhob Anſpruͤche auf dieſe Plätze, welche in dem Staate ſeines Vaſallen, des Radſchah von Cochin lagen, und ruͤckte im Juni 1789 mit einer betraͤchtlichen Truppenmenge auf Cranganor los. Die Hollaͤnder verkauften, um ihre Nieder⸗ laſſung in Cochin zu retten, die beiden andern an den Radſchah von Travancor. Tippoo wollte ei⸗ nen ohne ſeine Genehmigung abgeſchloſſenen Kauf nicht anerkennen, und fiel am 29. December ins Gebiet von Travancor ein. Auf die Gegenvor⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. M. 25 ſtellungen der Regierung von Madras erbot er ſich, unparteiſchen Richtern die Entſcheidung zu uͤberlaſſen, und blieb in ſeiner Stellung, waͤhrend er den Erfolg der Unterhandlungen abwartete. Am 1. März 1790 ward er darin vom Radſchah von Travancor angegriffen. Die Englaͤnder nahmen, als Verbuͤndete des Letztern, Theil an dem Kampfe, und waren gar nicht unwillig uͤber das Wieder⸗ beginnen eines Krieges gegen einen Fuͤrſten, den ſie zu demuͤthigen wuͤnſchten. Gleich vom Anfange der Feindſeligkeiten an erſtreckte ſich der Feldzug bis jenſeit der Bergkette Ghates. Tippoo machte einen Abſtecher ins Carnatik, und wußte jeder ent⸗ ſcheidenden Schlacht geſchickt auszuweichen. Der zweite Feldzug wurde mit der Belagerung von Bangalor eroͤffnet, deſſen Eroberung den Schau⸗ platz des Krieges in Maſßur beendete. Zwei eng⸗ liſche Heere, das eine unter Lord Cornwallis, der jene Eroberung gemacht hatte, das andere, vovn Bombay heranziehend, vom General Sir Johann Abercromby befehligt, der ſich Cananor unterwarf, drangen im Jahr 1791, nach einer Reihenfolge glͤcklicher Waffenthaten, bis vor die Mauern von Seringapatnam. Sie trafen Anſtalten zur Bela⸗ gerung dieſer Hauptſtadt, als die Regenguͤſſe, die ausgetretenen Fluͤſſe, der Mangel an Lebensmit⸗ teln, und endlich Krankheiten ſie im Monat Juni zum Ruͤckzug noͤthigten. — 387— Es war um dieſe Zeit, als Tippoo Herrn Lé⸗ ger, franzoſiſchen Geſchaͤftstraͤger in Indien, mit einer beſondern Vollmacht beauftragte, deren Zweck war, von Ludwig XVI. ein Corps von 6000 Mann zu erhalten. Er machte ſich anheiſchig, die Reiſe, den Sold und Unterhalt der franzoͤſiſchen Trup⸗ pen zu bezahlen, indem er ſich einbildete, mit deren Huͤlfe die engliſchen Armeen und Niederlaſſungen in Indien zu vernichten, und deren Beſitz Frank⸗ reich zuzuſichern. Dieſer, Ludwig XVI. durch den Miniſter Ber⸗ trand von Molleville ins Geheim gethane Vor⸗ ſchlag blieb ohne Folgen, weil dieſer Fuͤrſt ſchon damals es bedauerte, die Unabhaͤngigkeit der ver⸗ einigten Staaten von Nordamerika beguͤnſtigt zu haben, und weil er bereits ohne Machtanſehen war. Cornwallis kam im folgenden Jahre wieder, verſtaͤrkt durch die Truppen des Nizam und durch die Mahratten, die ſich mit den Englaͤndern gegen einen unruhigen und ehrgeizigen Nachbar verbuͤn⸗ det hatten. Dieſer letzte Feldzug ward fuͤr den Sultan ungluͤcklich. Die Einnahme des Coimbet⸗ Thurms, welchen er zur Uebergabe zwang und wo⸗ bei er die Capitulation brach, konnte ſeine Unfälle nicht aufwiegen. Nachdem die Verbuͤndeten meh⸗ rere Plätze, unter andern die Feſten von Nundy⸗ drug und Savendrug oder den Felſen des Todes, der fuͤr unnehmbar galt, eingeäſchert hatten, er⸗ ſchienen ſie am 5. Februar 1793 abermals vor —0 — 388— Seringapatnam. Zwei Tage nachher war Tippoo aus ſeinem verſchanzten Lager geworfen und ge⸗ nöthigt, ſich in ſeiner Hauptſtadt einzuſchließen, wo er bis zum 24. heftig belagert wurde. Mit einem Sturme bedroht, nahm er die ihm vorge⸗ ſchlagenen Bedingungen an, und der Friede ward am 18. Maͤrz unterzeichnet. Er trat den Ver⸗ buͤndeten die Hälfte ſeiner Staaten ab, und zahlte ihnen, als Schadenverguͤtung, eine bedeutende Summe. Aber die haͤrteſte und erniedrigendſte Clauſel war die, wonach er ſich verpflichtete, als Geißeln fuͤr die Vollziehung des Vertrages ſeine zwei Sohne, Abd⸗el⸗Khalil und Moezz⸗Eddyn, Kinder von acht und zehn Jahren, zu uͤbergeben. So endete ein Krieg, welcher den Sultan 67 Forts, 800 Stuͤck Geſchuͤtz und 50,000 Menſchen koſtete. Seit dieſer Zeit hoͤrte ſein Hof auf, der Schauplatz der Vergnuͤgungen zu ſein; Trauer herrſchte in ſeinem Palaſte, und ſein Charakter wurde noch jaͤhzorniger, haͤrter, herrſchſuͤchtiger. Tippoo ſchien von da an nur von Einem Gefuͤhle durchdrungen zu ſein, naͤmlich dem der Rache. Er beſchäftigte ſich mit nichts weiter, als damit, den Englaͤndern Feinde zu erwecken. Umgeben von durch ſie gewonnenen Maäͤchten, ſandte er im Jahre 1797 eine Geſandtſchaft bis in den Norden In⸗ diens, zu Zeman⸗Schach, dem König von Kabul, um ihn zu einer Verbindung zu bewegen, deren Zweck es ſein ſollte, die Europäer aus Hindoſtan — zu vertreiben, die Religion der Braminen daſelbſt umzuſtuͤrzen und den alten Glanz des Thrones von Delhi wieder aufzurichten, indem man einen andern Prinzen von Tamerlans Familie darauf ſetzte und daſſelbe vom ſchmaͤhlichen Joche der Un⸗ glaͤubigen befreite. Wiewohl der Koͤnig Kabuls ehrgeizig und unternehmend war, ſo behagte dieſer Plan ihm doch nicht, ſei es, weil er bei deſſen Ausfuͤhrung zu viel Schwierigkeiten vorausſah, ſei es, weil er befuͤrchtete, daß er vom Sultan von Maißur nur ſchwach unterſtuͤtzt werden wurde; denn nach ſeinen letzten Unfällen gehoͤrte dieſer nicht mehr unter die einflußreichſten Maͤchte Indiens. Nachdem Tippoo auch in dieſer Unterhandlung ge⸗ ſcheitert war, hegte er die Hoffnung, durch die re⸗ publikaniſche, jetzt auf den Troͤmmern der Mo⸗ narchie Frankreichs erhobene Regierung unterſtuͤtzt zu werden, und ſie durch ein gemeinſames Inter⸗ eſſe mit ihm gegen die Britten verbunden zu ſe⸗ hen. Die Franzoſen waren ſtets am Hofe zu Maißur gut aufgenommen worden. Der Verluſt von Pondichery zog eine große Anzahl dahin, wel⸗ ches jedoch meiſtens zu Grunde gerichtete oder abenteuerliche Menſchen ohne Grundſaͤtze und Er⸗ ziehung waren; Tippoo erniedrigte ſich, durch dieſe Menſchen in ſeinen hirngeſpinnſtigen Hoffnungen beſtaͤrkt, indem er ſie bis zur Vertraulichkeit zuließ und ſich ihren demagogiſchen Sitten hingab. Sie errichteten zu Seringapatnam einen Jakobiner Klubb, „— 390— der ſeine erſte Sitzung am 5. Mai 1793 hielt. Sie ſchwuren hier Rache der Koͤnigswuͤrde, den Tyrannen, ausgenommen dem Buͤrger Tippoo, dem Siegreichen. Zehn Tage ſpäter pflanzten ſie feierlich die dreifarbige Fahne auf und begaben ſich auf den Waffenplatz, wo ſie den Freiheitsbaum beim Donner der Geſchutzſalven und in Gegenwart des Buͤrgerfuͤrſten aufrichteten. Auf die Rathſchlaͤge eines gewiſſen Ripaud, eines Corſaren⸗Capitaͤns, der ſich zum Praͤſidenten dieſer Volksverſammlung und zum Repraͤſentanten der franzoſiſchen Nation in Indien aufgeworfen hatte, entſchloß ſich Tippoo, ganz geheim zwei Botſchafter nach Jöle⸗de⸗France zu ſenden, um hier ein Buͤndniß mit der franzo⸗ ſiſchen Regierung vorzuſchlagen und Truppen zu erbitten. Sie kamen am 17. Januar 1798 da⸗ ſelbſt an. Die Oeffentlichkeit, mit welcher General Ma⸗ lartic, der Gouverneur dieſer Colonie, die Geſand⸗ ten aufnahm, fiel fuͤr den Sultan unheilvoll aus, und der Beiſtand, den er ihm ſendete, war zu ſei⸗ ner Vertheidigung unzureichend und diente den Englaͤndern zum Vorwande, denſelben anzugreifen. Dieſe Huͤlfstruppen beſtanden in drei Oberbefehls⸗ habern, zwei Artillerieofficieren, ſechs Officieren der Marine, vier Schiffs⸗Gewerksleuten, 26 Officieren, Sergeants und Dollmetſchern, und 62 europäiſchen und Mulatten⸗Soldaten. Die Beſetzung Aegyp⸗ tens durch die Franzoſen, zwei von dem General — 0— 391„ Bonaparte an den Sultan von Maißur gerichtete und von den Englaͤndern aufgefangene Schreiben, und noch mehr als alles dies das Vergrößerungs⸗ ſyſtem, welches die Letztern in Indien unaufhoͤrlich ins Werk ſetzten, entſchied Tippoo's Geſchick. Der Generalgouverneur, Marquis von Wellesley, ließ, nachdem er ſich der Neutralität der Mahratten und des Buͤndniſſes mit dem Nizam verſichert, eine zahlreiche Armee unter dem Befehle des General Harris marſchiren, waͤhrend die Truppen von Bom⸗ bay, befehligt vom General Stuart, in Cananor eintrafen. Der unkluge Tippoo, der auf alle Vor⸗ ſchlaͤge eines Vergleichs auf ausweichende Art ge⸗ antwortet hatte, erkannte erſt jetzt deutlich die Ge⸗ fahren, durch welche bei dieſem doppelten Einfalle ſeine Laͤnder bedroht waren. Er ſammelte alle ſeine Streitkraͤfte, legte Beſatzungen in die feſten Platze, und lagerte ſich dann mit 60,000 Mann bei Pe⸗ riapatnam, um ſich dem General Stuart entgegen zu ſetzen. Geſchlagen am 6. März 1799 bei Si⸗ daſir, ließ er zu Periapatnam einige Truppen zu⸗ ruͤck, um dieſe Stellung zu behaupten, und ging dem General Harris entgegen, den er mit Unge⸗ ſtuͤm am 27. Maͤrz zu Malaveli, 8 Meilen von Seringapatnam, angriff. Allein nach einer Stunde des Gefechts wurde ſeine Armee vollkommen ge⸗ ſchlagen, und es blieb ihm nichts mehr uͤbrig, als ſich in dieſem, ſeinem letzten feſten Orte einzuſchlie⸗ ßen. Er wurde darin am 4. April angegriffen. .— 392— Nach unnuͤtzen Anſtrengungen, die Angriffe der Belagerer zuruckzuwerfen, verſuchte Tippoo, die Un⸗ terhandlungen wieder anzuknuͤpfen; allein die von dem General Harris geſtellten Bedingungen ſchie⸗ nen ihm ſo hart, daß er nicht darauf antwortete, und an nichts weiter dachte, als zu ſiegen oder ſich unter den Truͤmmern ſeiner Hauptſtadt zu begra⸗ ben. Waͤhrend eines Monats, welchen die Be⸗ lagerung dauerte, zeigte er mehr den Muth und die Thatigkeit eines Soldaten, als die Geſchicklich⸗ keit eines Feldherrn. Endlich am 4. Mai, als die Breche erſteigbar war, drangen die Englaͤnder uͤber den Fluß um 1 Uhr nach Mittag und begannen einen allgemeinen Sturm. Man ſchlug ſich noch in der Stadt. Die Franzoſen ſammelten noch mehrere Male die Maißurianer. Tippoo fiel im Handgemenge, von mehrern Wunden bedeckt, und man fand ſeinen Leichnam unter einem Haufen von Koͤrpern. Er war funfzig Jahre alt und hatte ſechzehn und ein halbes Jahr geherrſcht. Mit ihm erloſch die kurze Macht, welche Hyder Ali gegruͤndet und die man ſpottweiſe das Kaiſerreich von Maißur oder Myſore nannte, weil deſſen groͤßte Ausdeh⸗ nung die Haͤlfte von Frankreich nie viel uͤberſtieg. Mit Huͤlfe der Waffen und durch Thronenraub gebildet, und aus verſchiedenen Elementen zuſam⸗ mengeſetzt, haͤtte dieſes Reich, das nur acht und dreißig Jahre beſtanden, noch länger ſich erhalten, und ſich unter einem, mit friedfertigen Tugenden und mit mehr Talenten zur Regierung begabten Fuͤrſten befeſtigen koͤnnen; Eigenſchaften, welche dem letzten Nabob von Maißur durchaus fehlten. Zur Kenntniß der nähern Einzelheiten dient die„Biographie universelle“ und„le Curieux,“ ein Werk von Sir W. Bethly, uͤber die Sitten und Gewohnheiten des Tippoo⸗Saöb. Tippoo⸗Saöb's Traͤume. Erſter Traum. Am zwoͤlften Tage des Monats Behorek des Jahres Heranſen 1224 nach Mahomed's Geburt (was ziemlich mit dem 19. Mai 1796 uͤberein⸗ trifft), in der Nacht des Donnerstags, da der fol⸗ gende Tag ein Freitag war, gegen Morgen, hatte der Diener Gottes ein Traumgeſicht.— Es kam mir vor, als meldete man mir die Ankunft eines Franzoſen von hohem Range. Ich ſchickte nach ihm, und er kam; und da er erſchien, war ich von Geſchaͤften berhaͤuft und als er ſich dem Mus⸗ nud naͤherte, bemerkte ich ihn und erhob mich, ihn zu umarmen. Ich bot ihm an, ſich zu ſetzen, fragte nach ſeinem Befinden und es ſchien mir, als ſagte der Chriſt zu mir:„Ich bin mit 10,000 Mann gekommen, zum Dienſte des Kuda⸗ Dohd⸗ Sircard(Deodat Sircar). Ich habe ſie Alle am — 394— Meeresgeſtade an's Land geſetzt; es ſind muthige, ſtarke und junge Leute. Da ich ſie Alle an der Fuͤſte zuruͤckgelaſſen habe, komme ich, mich ſelbſt vorzuſtellen.“ Und es ſchien mir, als ſagte ich zu ihm:„Das iſt gut; bei Gottes Huld, alle Ruͤſtungen zum Kriege ſind geſchehen, und alle Glaͤubige des Islam ſind entſchloſſen, Einer wie Alle, dieſen heiligen Krieg durchzufuͤhren.“ In dieſem Augen⸗ blicke erſchien der Tag und ich erwachte.— Zweiter Traum. In der Hauptſtadt, es war die Nacht des Sonntages, der folgende Tag war ein Montag, am 2. des Monats Sokree des Jahres Sohs, 1225 nach Mahomed's Geburt, welches dem 3. des Schemandek⸗ohſohny(ungefaͤhr dem 21. Novem⸗ ber 1797) entſpricht, hatte ich ein Traumbild. Es ſchien mir, als habe man vor mich drei ſilberne Koͤrbe, mit neuen Datteln der ſchoͤnſten Art ge⸗ fuͤllt, gebracht. Dieſe Datteln waren Alle von der Laͤnge einer Palme, friſch und voll Saft, und man verſicherte mich, ſie waͤren aus meinem Garten. In dieſem Augenblicke erwachte ich; es war Tag. Der Diener Gottes ließ dieſes Traumbild aus⸗ legen; man ſagte ihm, daß daſſelbe bezeichnete, daß die Macht der drei Kohfers(Unglaͤubige) durch die Gnade des Allerhoͤchſten in meine Hände uͤber⸗ gehen werde. Am 3. des Monats traf die Nachricht vom Tode des Nizam Aly ein. Dritter Traum. Am 21. des Hydery u. ſ. w.(man kann des Datum's nicht recht gewiß ſein, allein es ſcheint gegen das Jahr 1786 zu ſein, wo Tippoo mit den Mahratten und dem Nizam im Kriege war) hatte ich an der Stelle, wo ich geblieben, von der ent⸗ fernteſten Seite von Tungbuddra, ein Traumgeſicht. Es ſchien, als wäre es der juͤngſte Tag, wo Jeder, ohne ſich um Andere zu bekuͤmmern, nur an ſich denkt; da kam ein Fremdling von aus⸗ drucksvollem Aeußern, großen Augen, glaͤnzender Geſichtsfarbe, langem Bart und Schnurrbart, zu mir, und ſagte, mich bei der Hand ergreifend: „Weißt du, wer ich bin?“ Ich ſagte ihm„Nein,“ und er entgegnete:„Ich bin Monteza⸗Ali(Schwie⸗ gerſohn Mahomed's); Gottes Prophet hat geſagt und ſagt noch, daß er den Fuß nicht ohne dich in's Paradies ſetzen werde, daß er dich erwarte und daſſelbe mit dir betreten will.“ Ich war außer mir vor Freude und ich erwachte.— Gott iſt allmächtig und der Prophet mein Fuͤrſprecher; ich bin zufrieden. Vierter Traum. In der Nacht, welche dem Angriffe der Mah⸗ ratten auf Schanſor vorherging,— das Heer war — 396— zu—(unleſerlicher Name) gelagert, am 6. des Monats Kosrawee(unbekanntes Datum; wahr⸗ ſcheinlich gegen 1786) in der Nacht vom Dienſtag des Jahres.. hatte ich ein Traumgeſicht. Es kam mir vor, als ſaͤhe ich einen jungen Mann von ſchöner Geſtalt und fremdem Ausſehen, der ſich ſetzte, und als ob ich mit ihm Scherz triebe, wie mit einer Frau, und ich ſagte zu mir ſelbſt: „Doch es iſt ja nicht meine Gewohnheit, ſo mit einem Manne zu ſcherzen.“ Hierauf erhob ſich der junge Mann, ging einige Schritte vor, ließ dann ſeine Haare unter dem Turban hervorfallen, dann band er die Schnuͤre ſeines Kleides los; ſeine Bruſt war entkleidet und ich ſah, daß es eine Frau ſei. Alſobald rief ich ſie und bat ſie, ſich zu ſetzen, und ſprach zu ihr:„Da ich erſt mit dir geſcherzt habe, wie mit einer Frau, und da du jetzt wirklich eine biſt, nur als Mann verkleidet, ſo waren meine Vermuthungen nicht falſch!“— Mitten in die⸗ ſer Aeußerung erſchien der Tag und ich erwachte. Ich that meinen Traum Einigen kund, und man legte ihn dahin aus; er bedeute, daß die Mah⸗ ratten zwar Maͤnnerkleider angelegt, aber dennoch Weibercharakter haͤtten. Durch Gottes Huͤlfe und den Beiſtand ſeines Abgeſandten griff ich am 8. des vorgenannten Mondes und Jahres, den Sonnabend fruͤh, die Armee der Unglaͤubigen mit einem Ueberfalle an; ich ruckte ſelbſt mit 2 bis 300 Mann vor; ich — — 397— drang bis in ihr Lager hinein, indem ich ſie bis zum Zelte des Hurry⸗Punc⸗Pharkiak warf, und ſie flohen wie Weiber. Fünfter Traum. Am 8. des Monats Schohfred, des Jahres Schuttah 1228 nach Mahomed's Geburt(man kann den beſtimmten Tag nur hoͤchſt ſchwierig aus⸗ mitteln; allein es muß gegen den Monat Juli oder Auguſt 1791 ſein) hatte ich in der Hauptſtadt von Luthim in dem Durreat⸗Bohg einen Traum.— Es ſchien, als ſaͤhe ich dicht an einem Gehoͤlze eine Schlacht mit den Chriſten; ihre ganze Armee wadd zerſtreut, in Flucht geſchlagen, und das Heer des Ahmedy⸗Sircar war durch Gottes Gnade ſieg⸗ reich. Der Noh⸗Sircar der Unglaͤubigen zog ſich mit einem kleinen Haufen Chriſten in ein Haus zuruͤck und verſchloß es, um ſich darin zu behaup⸗ ten; und ich fragte meine Leute, was zu thun ſeiz ſie riethen mir, die Thuͤr zu erbrechen, um nicht erſt das ſchoͤn ausgeſchmuckte Haus zu verderben. Ich ſagte ihnen, daß dieſes Haus von Quaderſtei⸗ nen und Cement aufgefuͤhrt ſei, und daß man Feuer hineinlegen muͤſſe, um die Thuͤren zu ver⸗ brennen und alle Chriſten und ihre Gewehre zu vernichten. Da erſchien der Tag und ich erwachte.— O, bei Gottes Gnade! möge dies in Erfullung gehen. 8 — Sechſter Traum. Den 7. des Monats Schohfred im Jahre Schanbod 1227 nach Mahomed's Geburt(unge⸗ fahr Monat Auguſt 1790), als bei Suͤlohmabad das Lager war, noch vor den Angriffen auf die Verſchanzungen von Ram⸗Naͤers und nach den Gebeten des Abends, rief ich die Gottheit mit den Worten an: „Mein Gott! dieſe verdammten Unglaͤubigen vertreiben alle Faſten und die Gebete(die bei den Muſelmännern im Gebrauch); bekehre ſie mit einem Male! auf daß die Religion des Propheten noch mehr Staͤrke gewinne!“ Im Laufe der Nacht und gegen Morgen hatte ich ein Traumbild. Es kam mir vor, als wenn Ahmedy⸗Sircar's Heer, nachdem es die Waͤlder und Schluchten durchſchritten, auf der Straße gelagert ſei. Ziem⸗ lich dem Lager nahe, ſah ich eine Kuh mit ihrem Kalbe, einem großgeſtreiften Tiger gleichend; ihre Bewegungen, Zaͤhne u. ſ. w. waren wie die eines Tigers; die Vorderfuͤße waren denen einer Kuh hnlich; die hintern fehlten; die Vorderbeine be⸗ wegten ſich heftig. Als ich ſie hinlaͤnglich geſehen, ging ich zum Lager zuruͤck und befahl mehrern Perſonen, mir zu folgen, weil ich hoffte, mit Huͤlfe Gottes, dieſer Kuh mit der Tigergeſtalt mich zu nähern und ſie mit eigener Hand ſammt ihrem Kalbe in Stuͤcke zu hauen. Ich befahl, mir zwei Pferde zu ſatteln und herbeizufuͤhren.— In * —— —. —*3099— dieſem Augenblicke erſchien der Tag und ich er⸗ wachte. 3 In meinen Gedanken erklärte ich mir dieſen Jraum ſo. Ich glaubte, daß der Berg der Chri⸗ ſten Kuͤhen mit ihren Kalbern, wie Tiger geſtaltet, gliche, und daß man mit Gottes und ſeines heili⸗ gen Abgeſandten, Mahomed, Huͤlfe ſie leicht be⸗ zwingen koͤnne, und ferner alle ungläubige Chri⸗ ſten vernichtet werden ſollten; die Bewegung der Vorderfuͤße, das iſt die vergebliche Anſtrengung zum Widerſtande, und der Mangel an Hinterbei⸗ nen iſt der Beweis, daß ſie durchaus keine Stutze, und die Muſelmänner nichts zu furchten haben. Gott gebe, daß es in Erfullung gehe! Ende. 8 2 — — — — — S — — * — — — — — 5 79 SLi enue