——S—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: für enrich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 auf 1 Monat: 1 Mr.— f M 8f 2 Sf 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Eugen Snue's ſaͤmmtliche Werke. 67.— 70. Theil. Deutſch von L. v. Alvensleben. Der Wart⸗Thurm von Koat⸗Vön. Fuͤnftes bis Achtes Bändchen. ————— Leipzig, 1841. Verlag von Otto Wigand. ———— Der Wart⸗Thurm von Kvat⸗Vön. Roman aus dem Seeleben 1280— 1830. Von Eunugen Sue. Deutſch von L. v. Alvensleben. Fuͤnftes bis Achtes Bändchen. Leipzig, 1841. Verlag von Otto Wigand. Viertes Buch. Erſtes Kapitel. Der Menſch erhebt ſich auf zwei Flügeln über die Erde: Einfalt und Reinheit.— Die Einfalt muß in der Abſicht liegen, die Reinheit in der Zuneigung. Nachahm. Jeſ. Chr. B. IM. Geſ. 4. Die beiden Bruͤder. In dem kleinen Hauſe zu St. Rénan war noch nichts veraͤndert; es war immer noch der ſtille und ruhige Sitz der beiden Bruͤder, die alte Einſamkeit und Ruhe. Sulpizius hatte, den haͤus⸗ lichen Sorgen uͤberlaſſen, ſeinen knechtiſchen Sinn während der Abweſenheit des Rumphius etwas ver⸗ geſſen, denn während des Aufenthaltes des Aſtro⸗ nomen zu Paris war der Arme in einem unge⸗ wohnten Zuſtande von Gleichgultigkeit und Stumpf⸗ ſinn geblieben. Jene kleinlichen Wirthſchaftsſorgen, in denen er ſich ſo gluͤcklich fuͤhlte, in der Hoffnung, ſeinem Die Serwarte v. Koat⸗Vön. II. 1 4 — Bruder nutzlich zu ſein, ſetzte er bei Seite, ſeit Rumphius nicht mehr dabei betheiligt war. Von einigen Fruͤchten lebend, brachte er den Tag größ⸗ tentheils weinend im Zimmer des Aſtronomen zu, und ſchleppte waͤhrend ſeiner Trennung von Rum⸗ phius ſein Leben ſo kuͤmmerlich hin, daß dieſe vier⸗ zehn Tage eigentlich gar nicht zu ſeinem Leben zu rechnen waren; denn, wie ſchon geſagt, ging der ſtete Zweck, den Sulpizius immer vor Augen hatte, allein dahin, ſeinem Bruder auch die kleinſte Muͤhe zu erſparen. Dieſer Zweck war es gewiſſermaßen, der den Geiſt, den Koͤrper dieſes guten Bruders be⸗ ſeelte, und wenn dieſer Zweck verloren ging, blieb der Koͤrper traͤg und wie leblos zuruͤck. Doch welch' Entzuͤcken, welche Freude war es fuͤr ihn, als Rum⸗ phius zwei Tage ſpaͤter wieder nach St. Rénan zuruckkehrte. Man mufßte es ſehen, wie Sulpizius ſeinen Bruder ſo zaͤrtlich, ſo verwunderungsvoll anblickte, und kaum wagte ihn anzureden, weil er zu gut wußte, wie weit des Aſtronomen Strenge ging; ſondern wie er ihn bloß mit den Augen ſchmeichelnd anſah, und in ſeinen Zuͤgen zu leſen ſtrebte, ob dieſe Reiſe ihn ermuͤdet haͤtte, und ob der Erfolg ihm guͤnſtig geweſen wäre. Rumphius ſah, mit welchem innigen und wah⸗ ren Gluͤcke Sulpizius das erſte Mahl fur ihn berei⸗ tete, wie emſig, wie eilfertig er dieſen Dienſt vollzog. Und ſonderbar genug ſchien Rumphius zum er⸗ ſten Male Alles zu bemerken, was ſein Bruder fur 5 „— ihn that, und, noch ſonderbarer, Rumphius ver⸗ ſuchte, gegen ſeine Gewohnheit, nicht den gering⸗ ſten Widerſpruch, und ließ den ganzen Abend nach ſeiner Ankunft vergehen, ohne Sulpizius auszu⸗ ſchelten. Sulpizius nahm dieſe Ruhe und ungewoͤhnt Gelaſſenheit fur Folge der Ermudung von der Reiſ und wunderte ſich nur wenig daruͤber. Aber als auch am folgenden Tage der Aſtronom immer noch ſo freundlich war, und ihn mit keinem bittern oder unangenehmen Worte kränkte, ihm auch keine zwei⸗ deutige und verfängliche Frage in den Weg legte, da glaubte Sulpizius, Rumphius ſei in allem Ernſte krank, und war daruͤber beſorgt. Er nahm ſich deshalb vor, ſeinen Bruder nach ſeiner Geſundheit zu fragen, ſobald ſich am dritten Tage die naͤmlichen Symptome zeigen wuͤrden. Und ſie zeigten ſich. So ſind wir denn bei jenem dritten Tage an⸗ gelangt. Nach dem frugalen Mahle der beiden Bruͤder ſchien Rumphius tiefſinniger als je zu ſein, als er auf einmal aus ſeiner Träumerei ſich aufraffte, und zu Sulpizius ſagte: „So ſind wir denn wieder vereinigt!“ „Ach ja, mein Bruder, ſo gluͤcklich vereinigt, vereinigt, um uns nie mehr zu trennen, nicht wahr, mein Bruder?“ antwortete Sulpizius.„Denn wenn Du wuͤßteſt, wie ungluͤcklich ich ohne Dich 1* war! Und dennoch ertrug ich es ſo gern, weil dieſe Reiſe Dir Freude machte, mein Bruder; doch, ver⸗ zeih' mir meinen Egoismus, es that mir wider Willen wehe. Ach! wahrhaftig, Bruder, Du mußt mir verzeihen; denn ich habe viel gelitten, weil Du fern warſt, und ich wuͤrde laͤngſt zu Dir gekommen ſein, wenn Du mir nicht befohlen hätteſt, hier zu bleiben,— ganz allein.“ Nach dieſen Worten fuͤllten ſich die Augen des armen, guten Geſchöpfs noch mit Thraͤnen, bei der bloßen Erinnerung an die langen, reizloſen Tage, die er verlebt hatte. „Mein guter Sulpizius!“ rief Rumphius ge⸗ ruͤhrt. Denn ſelbſt fur eine durch Zerſtreuung vertrocknete Seele, wie die des Rumphius, war dieſe Lage peinlich. Der Aſtronom hatte dem Grafen verſprochen, mit ihm nach Indien zu reiſenz aber fuͤr nichts auf der Welt hätte er ein Opfer, wie dieſe Reiſe war, gebracht. Dennoch fand er ſich, trotz ſeines Egoismus und ſeiner philoſophiſchen Verachtung der beſchraͤnkten Natur des Sulpizius, innig ge⸗ ruͤhrt, als er, im Begriff, jenem ſo elenden und tiefgeſtellten Weſen dies anzuvertrauen, ſah, daß er dennoch uͤber all' ſein Wiſſen und Erkennen herrſchte. Und dieſe Furcht war ſehr naturlich, denn nie⸗ mals wird das Wiſſen eines Newton, der Geiſt eines Bonaparte, die Macht eines Ludwig X einen Menſchen bewegen, der ſicher vor jener Ver⸗ wirrung und Bewunderung iſt, welche der holde Abglanz einer reinen und lautern Seele, einer Kin⸗ derſeele, gewährt, die in ihrer Entſagung ſo maͤch⸗ tige Waffen und in ihrem offenen Geſtaͤndniß eine ſo gewaltige Uebermacht findet. „Mein guter Sulpizius! ſo ſind wir denn wie⸗ der vereinigt; laß uns Alles vergeſſen, was vorge⸗ gangen iſt,“ wiederholte Rumphius unwillkurlich, ohne noch ſeinem Bruder die ſchreckliche Nachricht zu offenbaren. „Ach, Bruder, all' mein Kummer iſt jetzt ver⸗ geſſen; ich ſpreche nicht mehr davon, weil ich gluͤck⸗ lich bin,“ erwiederte Sulpizius,—„ach, ſehr gluͤck⸗ lich, denn nun wirſt Du mich in langer Zeit nicht mehr verlaſſen, weil der Herr Graf von Vaudrey, Dein Beſchuͤtzer, ſich in Breſt einſchiffen will, und gewiß lange Zeit fort bleibt, bevor er zuruͤckkehrt. So werden auch wir lange Zeit bei einander ſein koͤnnen, nicht wahr, Bruder?“— „Ja, gewiß, Sulpizius; er reiſt nach Indien. Ach! das iſt eine ſchoͤne Reiſe!“ „Ja, gewiß eine ſchöne Reiſe,“ wiederholte Sulpizius mit ſeiner gewöhnlichen Unterwuͤrfigkeit. „Eine Reiſe, die ich ſelbſt mitzumachen ge⸗ wuͤnſcht haͤtte, wenn ich juͤnger waͤre. Aber in meinem Alter darf man leider nicht mehr daran denken,“ ſagte Rumphius, der in der Kunſt, durch 6 paſſende Einleitungen zum Zweck zu gelangen, eben nicht ſehr glaͤnzte. „Ach, gewiß, Bruder, Du thuſt wohl, nicht mehr daran zu denken.“ „Ich denke auch nicht mehr daran, Sulpizius, und will nur damit ſagen, daß es eine ſchoͤne Reiſe iſt.— Denke Dir, wenn man mit eigenen Au⸗ gen das ſieht, was Buͤcher ſo unvollkommen uns erzaͤhlen; wenn man die Braminen ſieht und mit ihnen uͤber den Nity⸗Hocas oder den moraliſchen Gehalt der Hindusreligion ſpricht; wenn man die Opfer der Brama⸗Vanapraſty ſieht, wovon wir eine ſo unvollſtändige Idee haben, und das Ekiams⸗ Opfer, den kleinen Ekiam und den großen Ekiam, und die Sanscrit-Legenden und die hu⸗ nenartigen Feinde der Vanapraſty's!“ Bei der Erwaͤhnung dieſer Gegenſtaͤnde wurde Rumphius allmaͤlig lebhafter. Nach und nach er⸗ wachte ſein Eifer fuͤr die Wiſſenſchaft, und machte ihn immer mehr und mehr unempfaͤnglich fur die Furcht, ſeinen Bruder durch eine ſo unerwartete Enthuͤllung ſeiner Plane im Herzen zu verwunden. „Wenn man,“ begann Rumphius mit ſteigendem Feuer von Neuem,„wenn man mit ſeinen eigenen zwei Augen, ſo wie ich Dich ſehe, Sulpizius, einen wirklichen Brama ſieht und hoͤrt, einen Brama mit Fleiſch und Bein, der den Sandia vollzieht; wenn man ihn mit dem Daumen und Zeigefinger die beiden Naſenloͤcher zudrucken ſieht, und ihn ſechs Mal mit — 6„ angehaltenem Odem das Wort„Ron“ ausſprechen hoͤrt, indem er an das Feuer denkt, und ſo ſymboliſch am ganzen Koͤrper brennt!— Wie, Sulpizius, Du beneideſt mich nicht?— Du faßt die Groͤße meines Gluͤckes nicht?— Im Talmud werde ich leſen, eindringen in die Mythe der Symbole; er⸗ fahren werde ich den allegoriſchen Sinn, der unter Andern auch jene Dichtung vom Rieſen Ravana verbirgt, welcher Haare an ſeinem Leibe hatte, die hochſtaͤmmigen Baͤumen glichen, und wenn er in den Krieg gegen einige Goͤtter zog, an jedes dieſer Haare ein großes Felsſtuͤck band, daß, wenn er in ſolcher Richtung in das Perz des feindlichen Hee⸗ res eindrang, er nur ſo— brrr— leichthin ſich ſchuttelte, und durch dieſe Bewegung rechts und links alle jene Felſen hinfliegen ließ, die dicht wie Hagel fielen, und die Feinde bis auf den letzten Mann zerſchmetterten!— Doch was iſt das Alles gegen die Hoffnung, in das Symbol des Rama einzudringen, der zehn Koͤpfe und drei hundert fuͤnf und ſechszig Arme hatte?— Wenn ich denke, daß ich dies und noch vieles Andere erforſchen werde!— Das entzuͤckt Dich nicht? Du zitterſt nicht vor Freuden? Der Gedanke an meine Reiſe erhebt Dich nicht bis zum Himmel?“— „Aber ich verſtehe Dich nicht, Bruder,“ erwie⸗ derte Sulpizius.— „Ei ja, es iſt wahr. Nun denn, weil ich Pon doch einmal zu Ende kommen muß,“ rief Rum⸗ phius mit dem Blicke der verzweifelten Entſchloſ⸗ ſenheit:„der Graf von Vaudrey hat mir vorge⸗ ſchlagen, ihn nach Indien zu begleiten; ich habe es angenommen, und in acht Tagen will ich in Breſt wieder bei ihm eintreffen, und mit ihm ab⸗ ſegeln.—“ Bei dieſer ſo unerwarteten, ſo ſchrecklichen Nachricht ſtockte das Blut in Sulpizius Adern; er ward blaß wie der Tod, zitterte, und mit thränen⸗ feuchten Augen, mit dem Ausdrucke des wildeſten Schmerzes rief er aus: „Ahreiſen willſt Du? Mein Gott, abreiſen! Mein Gott! und ich, Bruder?—“ Hiermit warf er ſich Rumphius zu Fuͤßen, und preßte deſſen Haͤnde in die ſeinigen. „Du? Nun Du,“ murmelte Rumphius,„Du wirſt hier meiner harren; Du haſt jetzt ja ſchon vierzehn Tage auf mich gewartet, und biſt nicht umgekommen—“ „Ach, das iſt unmoͤglich! Das iſt unmoͤglich! Allein willſt Du reiſen? Das iſt nicht moͤglich!“ rief Sulpizius, und rang die Haͤnde. „Das iſt moͤglich, denn es wird ſo ſein, und wird ſo ſein, weil ich Dir es befehlen werde! Kurz, ich brauche Dich nicht,“ rief Rumphius mit einem Tone, der hart klingen ſollte, den aber ſeine Ruͤh⸗ rung Luͤgen ſtrafte. Bei dieſen harten Worten ſtand Sulpizius wuͤrdevoll auf, edel und ruhig, trocknete ſeine Thra⸗ — nen, und ſprach zum erſten Male in ſeinem Leben mit einer Feſtigkeit, die man von einem ſtets ſo 3 furchtſamen und unterwuͤrfigen Menſchen kaum erwarten konnte: „Du magſt es nun wollen oder nicht, Bruder, aber gehſt Du nach Indien, ſo werde ich Dir da⸗ hin folgen.“ „Welche Thorheit!“ rief der Aſtronom. „Das iſt keine Thorheit zu nennen, Bruder,“ und Sulpizius Stimme ward faſt drohend.„Es iſt keine Thorheit; es iſt ein Recht, das ich mir durch zwanzigjahrige Liebe erworben habe; es iſt ein Recht, das ich auch erlangt habe, als ich un⸗ ſerm Vater auf dem Todtenbette verſprach, Dich nicht zu verlaſſen; und ich bin entſchloſſen, dieſes Recht zu gebrauchen; hoͤrſt Du es, Bruder?“ Rumphius ſchwieg, denn er konnte den durch⸗ bohrenden Blick, der ein inneres Feuer verrieth, nicht ertragen. Sulpizius fuhr hierauf mit ſtei⸗ gender Heftigkeit fort: „Wie, mein Bruder, Du konnteſt glauben, ich koͤnnte Dich mitten unter Tauſenden von Gefah ren wiſſen, und hier bleiben, und leere Gebete fü Dich plappern? Du konnteſt glauben, weil Dich hier in dieſer Einſamkeit keine Entſagung, keine Unvorſichtigkeit auf's Krankenbette wirft oder Dich in Deinen Arbeiten ſtort, deshalb konnteſt Du glauben, wuͤrde ich Dich allein ziehen laſſen auf einem Schiffe, fremde Länder zu durchirren, Dich 10 in Dinge, wovon Du keine Idee haſt, zu miſchen?— Und wer ſollte fuͤr Dich ſorgen, Bruder, und wer ſollte Dich begleiten, und wer ſollte Dir das Brot in die Hand und den Wein in den Mund geben; und wer ſollte Dich wäͤhrend jener Naͤchte, wo Du oft halb nackt bleibſt, um die Sterne zu beobach⸗ ten, wer ſollte Dich dann vor Erkaͤltung ſchuͤtzen? Wie, das konnteſt Du glauben, Bruder? Du konn⸗ teſt glauben, daß ich Dich in einem fuͤr Dich ſo neuen Leben von Gefahren umdroht wiſſen und allein laſſen koͤnnte? Nein, nein, noch ein Mal, Du magſt darin willigen oder nicht: Ich folge Dir. Hoͤre mich, Bruder; ich habe mein Leben nicht an das Deinige gekettet, um in einem einzi⸗ gen Tage die Fruͤchte einer zwanzigjährigen Bru⸗ derliebe in Nichts verſchwinden zu ſehen; ich werde Dir folgen; noch ein Mal, Du magſt es wollen oder nicht, Bruder, aber ich folge Dir!“ Dieſe aufrichtige, feſte und edle Sprache be⸗ ſchämte Rumphius. Der Weiſe war erſchuͤttert. Er gewaͤhrte einen beklagenswerthen Anblick und zitterte wie ein Schuͤler, der auf einem Fehler er⸗ tappt wurde. Keiner Antwort maͤchtig, dachte er daran, Hein⸗ rich's Vermittelung in Anſpruch zu nehmen, und erwiederte deshalb mit ſchwacher Stimme: „Aber ich weiß nicht, ob der Herr von Vau⸗ drey in Deinen Wunſch, mir zu folgen, einwilligen wird, Sulpizius!“ — ſ „Ob er einwilligen wird, Bruder? Du zwei⸗ felſt daran? Da thuſt Du dieſem Herrn Unrecht. Ach, ich verſpreche es Dir, er wird gewiß einwilli⸗ gen, wenn ich zu ihm ſpreche: Herr Graf, mein Bruder kann ſich nicht weiter von mir entfernen, als man mit den Haͤnden greifen und mit den Augen ſehen kann. Während mein Bruder denkt, handle ich fuͤr ihn. Er iſt ein fuͤr das Land ſehr ſchätzbarer Gelehrter, Herr Graf, und um ſich den Wiſſenſchaften, die ihn rufen, mit ganzer Seele widmen zu können, muß ſein Leben von jenen kleinlichen Sorgen, die ihn in ſeinen Arbeiten ſtoͤ— ren wuͤrden, frei ſein, und wer wuͤrde dann beſſer als ich dieſe Pflicht bei ihm erfullen koͤnnen, wer wuͤrde es wagen, mir dieſes Amt ſtreitig zu ma⸗ chen?— Kurz, Herr Graf, ich verlange, bei mei⸗ nem Bruder zu ſein, das iſt Alles; auf dem naͤm⸗ lichen Schiffe mit ihm. Sie koͤnnen mich mit ih⸗ ren Matroſen in gleichen Stand ſtellen, Sie kön⸗ nen mich behandeln, wie Jene, nur will ich, Herr Graf, bei meinem Bruder ſein, und das können und werden Sie mir nicht abſchlagen.“ „Nun, ſo magſt Du es ſelbſt ubernehmen, ihn zu fragen, Sulpizius,“ antwortete Rumphius.„Ich wenigſtens menge mich nicht darin.“ „O, laß mich nur ſorgen, Bruder, mein Wunſch war ja nur Deine Genehmigung,“ erwiederte Sul⸗ pizius, und ward, glucklich uͤber die Einwilligung des Aſtronomen, wieder unterthaͤnig und ehrerbietig. Denn in Folge eines ſonderbaren pſychologi⸗ ſchen Phänomens verſchwand jenes fluͤchtige Feuer, dem Sulpizius ſeine Beredſamkeit verdankt hatte, ſobald er ſeinen Zweck erreicht ſah. Ja, es war eine jener ploͤtzlichen und unbe⸗ greiflichen Enthuͤllungen des Geiſtes, der Seele oder des Gottes, die in uns wohnen, und uns als ein untruͤgliches Mittel zur Erreichung des Zwecks das offenbare Gegentheil und den ſchroffſten Con⸗ traſt des gewoͤhnlichen Charakters und der gewoͤhn⸗ lichen Handlungsweiſe zeigen. Dieſer hoͤhere und verborgene Einfluß iſt ge⸗ waltig genug, dem Menſchen nicht nur den Ge⸗ danken, ſondern auch Kraft und Macht zu Errei⸗ chung ſeiner Zwecke zu verleihen; doch, ſobald der Wunſch erfullt iſt, nimmt die Kraft ab, verſchwin⸗ det und wird faſt zum Traume, ſelbſt fur den, der ihre Wirkung innig und deutlich gefuͤhlt hat. Wenn man in dieſes Geheimniß eindringen, und die Quelle ſolcher Gedanken aufſuchen wollte, wuͤrde man ſich in das Labyrinth der verwickelten Metaphyſik verirren. Genug ſei es, wenn wir ſa⸗ gen, daß der gute Sulpizius nach jener Scene wie⸗ der ruhig, duldſam und kalt wurde, wie er es im⸗ mer geweſen warz daß Rumphius, jenes druͤcken⸗ den Geheimniſſes entledigt, wieder zu traͤumen an⸗ fing, zu belfern und zu zanken, wie gewoͤhnlich, und daß das regelmaͤßige Leben der beiden Bruͤder nur durch die Vorbereitungen zur Reiſe, die Sul⸗ — 15 pizius mit Geduld, Emſigkeit und gewohnter Sr falt traf, etwas veraͤndert ward. Drei Tage darauf erhielt Rumphius einen Brief von Paris, folgenden Inhalts: Mein Herr! „Der Herr Graf, mein Gebieter, traͤgt mir „auf, die Ehre zu haben, Ihnen vorlaͤufig zu mel⸗ „den, daß er den zweiten Tag, nachdem Sie die⸗ „ſen Brief empfangen haben werden, in Breſt „zu ſein gedenkt, und daß er wuͤnſcht, Sie moͤch⸗ „ten Ihre Vorbereitungen baldmoͤglichſt enden; „denn der Herr Graf will ſpateſtens Anfang Ja⸗ „nuars von Breſt unter Segel gehen.“ „Ich verbleibe in ſchuldigſter Ehrerbietung u. ſ. w. Im December 1780. Germeau, Kammerdiener.“ Unten am Briefe hatte Heinrich ſelbſt noch folgende Worte in aller Eile beigefugt: „Eile zu mir, mein guter Rumphius, „denn eine verteufelte Begebenheit zwingt „mich, uͤber Hals und Kopf abzureiſen.“ „Eine verteufelte Begebenheit!“ rief Rumphius gedankenvoll.„Ach, ich errathe, das wird ſein Duell mit dem Baron von Cernan ſein; ſie ſollten ſich ja am Tage nach meiner Abreiſe ſchlagenz und ich habe mich in meiner Vergeßlichkeit nicht einmal daruͤber beunruhiget.“ . „Sich ſchlagen, Bruder! Ach, mein Gott, wenn er fallen ſollte!“ In dieſem unwillkurlichen Ausrufe des ſanften Sulpizius lag aber zugleich der Keim zu dem blut⸗ gierigen Gedanken: Und wenn er fiele, ſo bliebe mein Bruder mir, und konnte nicht in die Gefah⸗ ren gerathen, die ihn vielleicht ſpäterhin treffen möchten. Da rief Rumphius unaufhoörlich vor ſich hin: „Verwundet, ja, das koͤnnte wohl ſein; denn der Baron war wuͤthend.“ „Warum denn dies, mein Bruder?“ fragte Sulpizius. 6 „Ach, aus Urſachen, die Du nicht wiſſen darfſt,“ erwiederte Rumphius mit einem geheimnißvollen Stolze, wie ihn ein Kind von funfzehn Jahren annimmt, wenn es einem zwoͤlfjährigen neugieri⸗ gen auf eine unbeſcheidene Frage uͤber das ſchoͤne Geſchlecht antwortet. Zwei Tage darauf kamen die beiden Bruͤder ſammt ihrem wenigen Gepäcke in Breſt an, und das kleine Haus zu St. Rénan blieb der Obhut einer Matrone uͤberlaſſen. Wohl weinte Sulpizius im Geheimen einige Thränen, erpreßt von der Erinnerung an jene Tage, die er in dieſer ſtillen Stätte verlebt hatte. Aber ſeinem Bruder verſchwieg er ſeinen Harm und zwang ſich, wider Gewohnheit, heiter zu erſcheinen. ₰ Zweitit Kapitel. Es giebt unter ihnen ſehr unglückliche Menſchen, die Niemand tröſtet:— Das ſind die eiferſüchtigen Ehemänner;— es giebt darunter Menſchen, die alle Welt haßt:— Das ſind die eiferſüchtigen Ehe⸗ männerz— es giebt auch welche, die alle Welt verachtet:— Das ſind die eiferſüch⸗ tigen Ehemänner. 5 Montesquieu. Perſ. Brief. I. 55. Es iſt der Beachtung werth, daß unſere Nation der Tapferkeit den erſten Tugend⸗ preis zuerkennt. Montaigne, B. IM. Geſ. 7. Breſt. Im Jahre 1780, ſo gut wie 1830, war das Leben eines Marine⸗Officiers in einem Kriegshafen hoͤchſt einfoͤrmig. Aber denen, die fremd in der Stadt ſind und daſelbſt keine Familienverbindungen haben, werden die Tage erſt recht lang und langweilig; denn nur ein kärgliches Vergnuͤgen findet man in der ſoge⸗ 6 nannten„Geſellſchaft,“ die, wie alle Geſellſchaften der Provinz, nur denen Unterhaltung bietet, welche unaufhoͤrlich in ihrem Cirkel leben und die ewigen Klatſchereien, Schwaͤnke und Liebeshaͤndel, auf welche die Schöngeiſter des Ortes gewoͤhnlich er⸗ picht ſind, mitmachen koͤnnen. Aber im Ganzen genommen muß das einem armen Teufel, der aus Verſailles, Paris oder Chili kommt, hochſt erbaͤrm⸗ lich vorkommen, obgleich ihm die Wahl zwiſchen dem Bier und dem Dunſt in den Tabagien, zwi⸗ ſchen dem Geplaͤrre auf einem armſeligen Theater und den Reizen einer vollkommenen Einſamkeit frei ſteht. Jene Wahl haͤtte drei von den Officieren der Fregatte„Sylphide,“ die der Graf von Vaudrey befehligte, gewiß in Verlegenheit geſetzt, denn ſie waren ſtockfremd in Breſt, wenn ſie nicht den koſt⸗ lichen Einfall gehabt hätten, alle Abende bei Einem aus ihrem Kleeblatte zuſammen zu kommen, und ſo unter dem froſtigen Himmel der Bretagne ein Klein⸗Paris ex tempore zu ſtatuiren. So lebten ſie in ihren gegenſeitigen Erinner⸗ ungen, theilten ſich die Briefe, die ſie vom Hofe empfingen, einander mit, und genoſſen ſo einen 3 kleinen Nachgeſchmack von jenem Wohlleben in Paris und Verſailles, wonach ſie ſo herzlich ſchmach⸗ teten. Dieſe drei Herzensfreunde, wie man ſie nannte, waren der Marquis von Miran, der Rit⸗ ter von Monval, Beide Schiffs⸗Faͤhndriche, und —— —— — der Baron von St. Sauveur, Kammerherr, der jetzt zur See Officiersdienſte that. Alle Abende kamen ſie nach dem Eſſen bei Einem von ihnen zuſammen, und die drei Ebelleuts. koſ'ten dann bei einem hellflackernden Feuer, vor dem ein ungeheurer Topf mit heißem Waſſer, das zum Punſch, Kaffee oder Thee(denn der war in der Ariſtokratie bereits ſehr gewoͤhnlich) beſtimmt war, ſprudelte und kochte, ein Langes und Breites von ihren Reiſen, von ihren Gefechten, von Ver⸗ ſailles, von Paris, von den Weibern, machten wohl auch ein Spielchen oder laſen ſich die Briefe vor, die ſie von ihren vielen Correſpondenten empfingen. Dieſen Abend kamen die drei Freunde beim Marquis von Miran zuſammen; der Ritter von Monval war ſchon da, und ſie erwarteten nur noch den Baron von St. Sauveur. Die Wohnung des Herrn von Miran beſtand aus drei jener großen, mit Zierrathen uͤberhäuften Zimmer, die mir immer einen ſonderbaren und duͤſtern Anſtrich zu haben ſcheinen. ie beiden jungen Maͤnner hatten ſich in das noch am wenigſten ode von jenen Zimmern ge⸗ macht, welches einen Salon vorſtellen ſollte, und bei dem hellen Feuer, auf dem dichten Teppich und hinter den dichten Fenſtervorhaͤngen konnte man noch ganz gemaͤchlich einen Winterabend daſelbſt hinbringen, zumal, wenn man ſich auf eines von den drei langen Kanapee's, die die Zimmer ſchmü⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. II. 2 cken ſollten, hinſtreckte, und dann und wann ein Glas heißen Punſch oder eine Taſſe Karawanen⸗ thee hinunterſchlurfte. „Wo Teufel muß denn unſer St. Sauveur ſtecken, daß er noch nicht da iſt?“ rief Monval, „Donnerwetter! wenn er nur nicht gar wegbleibtz denn unſre Neuigkeiten ſind erſchoͤpft, und wir den⸗ ken, er ſoll uns friſche mitbringen.“ „Wahrhaftig, Monval,“ rief Herr von Miran, „der iſt heute ungemein lange aus, und wir muß⸗ ten ja zehn Stunden lang uns mit dem Flottma⸗ chen der verfluchten Fregatte herumplagen, ehe wir uns hier dieſes Erholungsſtundchens erfteuen konn⸗ ten.“ „Noch ärger iſt's, daß wir immerwaͤhrend jenen verteufelten Lieutenant auf den Ferſen haben,“ rief Monval. „Ja, wahrhaftig, der verfluchte Blaurock,“)“ erwiederte Miran,„verſteht ſein Handwerk, das kann ihm Niemand ablaͤugnen. Aber der Menſch hat eine Grobheit und einen Stolz an ſich, den e jedoch zu ſeinem Gluͤcke nur im Dienſte äußert, denn ſonſt, beſter Freund, haͤtte er laͤngſt ſchon Blut laſſen muͤſſen.“ „Ha!“ rief Monval,„er iſt ein halber Marr, man muß daruͤber lachen; ich meinerſeits zeige im Die Narine⸗Soldaten theitten ſih damas inb und rothe. — Dienſte eine Unterwuͤrfigkeit, die ihn im Herzen aͤrgert, und treffe ich ihn dann einmal außerhalb der Fregatte, ſo laſſe ich ihn ſeine Grobheiten tuͤch⸗ tig entgelten, den ehrenfeſten Herrn Thomas, der, wie ich vermuthe, verzweifelt, daß er nur Thomas heißt, obgleich er und ſein Freund Gideon, unſer wuͤrdiger Herr Lehrer, nicht muͤde werden, auf den Adel zu ſchimpfen.“ „Ja, Gideon, das iſt ſo ein Vieh,“ rief der Marquis von Miran,„ſo ein herzloſer Wicht, der — doch ich hoͤre St. Sauveur kommen.“ St. Sauveur trat wirklich ein. Er mochte etwa achtzehn Jahr alt ſein, ſeine Freunde aber ſchienen etwas älter. „Guten Morgen!“ rief St, Sauveur im Her⸗ eintreten,—„guten Morgen und guten Abend; — ich habe Briefe!“ „Bravo! laß ſehen.“ „Nein! zuvor gieb mir einen Schlafrock, Mi⸗ ran, ich habe den Glauben Jourdain's, naͤmlich: daß ich im Schlafrock beſſer leſen kann.“ „Wohlan, da, Du Narr,“ rief ſein Wirth, und warf ihm das Kleidungsſtuͤck hin, welches er aus ſeiner Garderobe geholt hatte. St. Sauveur zog ſeinen blauen, mit Gold be⸗ ſetzten Rock, wie es in Burgund Mode war, aus, behielt ſeine Weſte, ſeine Hoſen und ſeine ſchar⸗ lachrothen Struͤmpfe(ſcharlachroth, weil die Flag⸗ genwaͤchter zum Koͤniglichen Hofhalt gehoͤrten), ſchnallte das wildlederne Gehänge ab, warf ſeinen Degen auf einen Tiſch, fuhr in den Schlafrock, ſtreckte ſich gemächlich auf ein Kanapee, und ſagte endlich zu ſeinen beiden Freunden, die mit heftiger Neugier den Zweck dieſer ſeiner gravitätiſchen Vor⸗ bereitung erwarteten: „Meine Freunde, ich habe Briefe aus Paris, und unter andern einen vom Marquis von la Jaille, dem vertrauten Freunde unſers zukuͤnftigen Commandanten.“ „Das iſt herrlich, lies ihn vor.“ „Ja, ich glaube es, daß das herrlich iſt, denn es handelt ſich hier um eines der merkwuͤrdigſten Abenteugr; es iſt ein leibhafter Roman, der in der baldigen Ankunft des Grafen von Vaudrey ſeine Aufloͤſung finden ſoll.“ „Aber ſo lies doch, verdammter Schwaͤtzer,“ riefen die Freunde. „Nun, wohlan, ſo hoͤrt, was la Jaille ſchreibt: „Sie beklagen ſich gewoͤhnlich, daß meine „Briefe zu kurz ſind, mein Freund; dieſer, hoffe „ich, wird mir einen ſolchen Vorwurf nicht zu⸗ „iehen; ich werde ausfuhrlich ſein, denn ich „ſpreche von einem meiner innigſten Freunde, „unter deſſen Commando auch Sie bald ſtehen „werden, und habe deshalb keine Begebenheit „ubergehen wollen, die, wie ich feſt uͤberzeugt „bin, der Neid und die Verleumdung mit aller „Macht zum Nachtheil meines vortrefflichen und „wuͤrdigen Freundes, des Grafen Heinrich von „Vaudrey, auslegen werden. Doch zur Sache. „Ich habe Ihnen in meinem vorigen Briefe „den hochſt originellen Spaß erzaͤhlt, den ſich „Heinrich mit jener ſpaniſchen Herzogin machte; „ſeine Mummerei, ſeinen Aufenthalt in einem „einſamen Thurme; ſeinen Scherz, der, anfangs „ſo unſchuldig, ein ſehr trauriges Ende genom⸗ „men hat, zur größten Betrubniß meines Freun⸗ „des, wie ich Sie verſichern kann. „Aber, wer Teufel haͤtte denn auch gedacht, „daß es in unſern Tagen eine Frau ſo weit „treiben und kindiſch genug ſein koͤnnte, vor „Liebe zu ſterben, was allerdings wohl ein Un⸗ „gluͤck ſein mag, aber das doch Heinrich, wie „Sie mir ſelbſt zugeſtehen werden, unmoͤglich „vorherſehen konnte? „Wie Sie leicht denken koͤnnen, hat dieſes „Abenteuer den Grafen von Vaudrey mehr als „je auf's Tapet gebracht, und unter der Anzahl „der Damen, die ihn in Beſchlag genommen „haben, will ich nur die Frau Baronin von Cer⸗ „nan nennen, die Sie wahrſcheinlich bei der Prin⸗ „eſſin von Lothringen geſehen haben, von der ſie „ſeit einigen Monaten noch nicht weggekommen iſt. „Donnerwetter, die kenne ich auch!“ rief Monval, „ein ſchoͤnes Weib, aber erſtaunlich kokett, habe ich mir ſagen laſſen.— Ach! Die alſo auch?— Ei— ei— ei, wenn ich das gewußt hatte!“ n te er r⸗ n 8—— „Schweig doch!“ rief Miran. St. Sauveur fuhr fort: „Es ſchien, als mache auch ein gewiſſer Herr „von St. Eyr, Oberſt⸗Lieutenant im Regiment „Burgund, der Frau von Cernan die, Cour, und als wuͤrden ſeine Briefe ſogar angenom⸗ „men, doch ihm, ſo wie allen Andern, weiter „nichts geſtattet; auch iſt es bloß, wie man ſagt, „ein reiner Platonismus geweſen.—— „Und Du willſt auch noch, daß ich die Infan⸗ terie nicht verachten ſoll?“ ſagte Monval. „Noch eine einzige Unterbrechung, und ich hore auf zu leſen!“ rief St. Sauveur, und fuhr fort: „Ich weiß nicht, warum oder wie Vaudrey „den Mann entfernte, und ihn auf einen Be⸗ „ſuch zum Herrn von St. Eyr nach Nevers „ſchickte, wo Letzterer in Garniſon ſtand. Aber „ſo viel iſt gewiß, jetzt iſt der Graf in ganz Pa⸗ „ris bekannt; denn während der Mann und der „platoniſche Liebhaber ſich in Nevers, ich weiß „nicht was, zu ſagen hatten, brachte der Graf „eine ganze Nacht mit der Baronin in ſeiner „petite maison zu. „Bravo!“ rief Monval,„das iſt eine vortreff⸗ liche Lection fuͤr die platoniſche Infanterie.“ „Durch einen unbegreiflichen Zufall,“ fuhr St. Sauveur wieder fort,„verriethen, trotz der „feinſten Vorſicht, die der Graf und die Baro⸗ „nin getroffen hatten, und die das ganze Abenteuer — —— „in das tiefſte Stillſchweigen vergraben zu muͤſſen „ſchienen, zwei anonyme Briefe, die allem Ver⸗ „muthen nach von der Marquiſe von Vaillè aus⸗ „gingen, welche Heinrich der Frau von Cernan „aufgeopfert hatte, dem Herrn von St. Eyr und „dem Herrn von Cernan, daß man ſie Beide zu „Narren gehabt, und während der Reiſe des „Mannes nach Nevers ſein Weib mit Vaudrey ge⸗ „buhlt haͤtte.— Die That ward durch eine Kam⸗ „merfrau der Baronin verrathen, die bisher Treue „gegen ihre Gebieterin geheuchelt, aber wahr⸗ „ſcheinlich durch jene Niedertraͤchtigen, die das „ganze Ungluͤck angerichtet hatten, beſtochen wor⸗ „den war und dem Baron Alles geſtand. „Bis jetzt, mein Freund, habe ich nur die Rolle „des Erzaͤhlers geſpielt, nun aber trete ich in „dieſer Tragicomoͤdie als Acteur ſelbſt mit auf. „Vor drei Tagen ließ mich Heinrich bitten, ſo „ſchnell als moͤglich zu ihm zu kommen; ich lief „hin, und fand ihn in der groͤßten Unruhe.— „„Ich erwartete Dich,““ ſagte er zu mir,„„denn „ich ſitze gar ſchrecklich in der Tinte.— Mei⸗ „netwegen iſt mir's ganz gleich, aber ſie, die „arme Frau von Cernan, wird troſtlos ſein. „Na, das iſt nun weiter nichts; ich habe Dir „nur geſchrieben, um Dich zu bitten, einer mei⸗ „ner Secundanten zu ſein, Cruſſol iſt der an⸗ „dere. Ich ſchlage mich nämlich noch dieſen „Morgen mit dem Herrn von Cernan und dem „fernt, that der Baron ſeinen erſten Schuf, und „Herrn von St. Cyr.““—„Zwei Duelle auf „ein Mal,“ rief ich,„das iſt nicht gleich.“— „„Das, was ſie die Beleidigung nennen, iſt „gleich geweſen, Theuerſter,““ antwortete mir „Vaudrey,„„die Genugthuung muß es alſo auch „ſein.““ „Wir fuhren in ſeinem Wagen ab, er, ich, „Cruſſol und ſein Wundarzt. Am Thore des „Gehoͤlzes traͤfen wir unſre Gegner, den Herrn „von Cernan und den Herrn von St. Eyr und „von Maupas, die ſeine Secundanten waren. „Wir bezahlten die Schildwachen reichlich, ſie „verſprachen uns zu ſchweigen, und bald befan⸗ „den wir uns in einer ſehr dichten Allee. „Herr von Cernan hatte, da ihm ſeine Corpu⸗ „lenz das Fechten ſehr unbequem machte, die „Piſtolen gewaͤhlt. Er und Vaudrey ſollten auf „einander losgehen und ſchießen, wenn es ihnen „gutduͤnken wuͤrde; doch durften ſie ſich nicht „naͤher als zehn Schritte kommen. „Wir ſtellten ſie fuͤnf und zwanzig Schritte „auseinander; Vaudrey war kalt und ruhig, wie „gewoͤhnlich. „Herr von Cernan ſah ſo blaß aus, wie der „leibhafte Tod, und trotz der ſtrengen Kälte „rann ihm doch der Schweiß tropfenweis von „der Stirn. „ungefaͤhr funfzehn Schritte von Heinrich ent⸗ „die Kugel ſtreifte Vaudrey's Ohr, der auch gleich „ſchoß; doch gezielt hatte er, bei meiner Ehre, „auf Herrn von Cernan nicht. „Es hat die gute Seele noch gedauert,“ unter⸗ brach der Ritter von Monval den Leſer. Unwillig blickte ihn St. Sauveur an, und fuhr dann abermals fort: „Als die beiden Gegner nur noch zehn Schritte „von einander entfernt waren, zitterte der Ba⸗ „ron vor Zorn ſo ſehr, daß die Piſtole mächtig „in ſeiner Hand ſchwankte.—„„Sie ſind er⸗ „hitzt, Herr Baron,““ rief Heinrich;„„wollen „Sie ſich nicht ſammeln? Ich will warten.““— „Darauf wandte er ſich zum Herrn von St. „Cyr:„„Wenn's beliebt, mein Herr, ich ſtehe „zu Dienſten, denn auch mit Ihnen habe ich „zu thun.““ „Dieſes edle, unerwartete, großherzige Beneh⸗ „men verſetzte uns in ein ſolches Staunen, daß „anfangs Niemand antwortete, bis endlich Herr „von St Cyr Heinrich hoͤflichſt fur ſein ſo zar⸗ „tes Verfahren dankte, es jedoch ohne die Ein⸗ „willigung bdes Herrn von Cernan nicht anneh⸗ „men wollte. „„Und ich verbitte mir das,““ rief der Baron „wuͤthend,„„der Schuft ſoll nur von meiner „Hand ſterben; noch ein Mal, ich verbitte mir „das; St. Cyr konnte mir ihn vielleicht weg⸗ „ſchießen!““ fuͤgte der Raſende hinzu. — 6 „„Sie haben Recht, Herr Baron, Jedem das „Seinige,““ erwiederte Heinrich gelaſſen.„„So „will ich denn warten, ohne etwas zu unterneh⸗ men „Dieſe Worte ſchienen des Barons Wuth zu ver⸗ „doppeln, aber ihm auch zugleich ſeine ganze äußere „Ruhe wieder zu geben; aus ſeinem wilden Zorne „verfiel er in eine kalte Wuth. Sein Arm war „ſteif, wie eine Eiſenbarre, und mit hoölliſchem „Laͤcheln ſagte er zu Heinrich:„„Wohlan, mein „Herr, Sie ſehen, ich zittre nicht mehr; machen „Sie ſich fertig, daß ich Sie niederſchießen kann.““ „Heinrich erwiederte nichts, winkte mir mit der „Hand und ſah den Baron ſtier an. Der „Schuß ging los, verfehlte aber Heinrich, der „wieder, wie das erſte Mal, in die Luft ſchoß. „Statt dies bewundernswerthe Benehmen wuͤr— „dig zu ſchätzen, ſturzte der Baron auf Heinrich zu, „ſchlug ihn im Ausbruch der heftigſten Wuth „ins Geſicht, und rief:„„Es iſt nicht aus, hoͤrſt „Du! Ich weiche nicht von der Stelle, bis Ei⸗ „ner von uns Beiden todt iſt!““ Ich kenne „Heinrich's Heftigkeit, und hielt den Herrn von „Cernan fuͤr verloren. „Noch hatte Vaudrey ſeine beiden Piſtolen in „der Hand, die zwar abgeſchoſſen waren, aber „ihm dennoch zur ſchrecklichen Wehr dienen „konnten. — „Ich kann Ihnen mein Erſtaunen nicht be⸗ „ſchreiben, mein Freund, als ich Heinrich immer „noch ruhig bleiben ſah; doch bemerkte ich, daß „er, ſeine Wangen Lugen ſtrafend, heftig mit den „Zaͤhnen knirſchte. „Ich, Cruſſol und Herr von St. Cyr, wir „wandten uns zum Baron, und warfen ihm „ſeine ungebuͤhrliche Handlungsweiſe vor. „„Herr Baron!““ rief Heinrich immer noch „mit Gelaſſenheit,„„Ihre Beleidigung wechſelt „unſre Rollen, oder macht ſie wenigſtens einan⸗ „der gleich. Um der Sache ein Ende zu ma⸗ „chen, thue ich Ihnen den Vorſchlag, von zwei „Piſtolen, wovon aber nur eine geladen ſein „ſoll, eine zu wählen,— wir halten ſie uns auf „die Bruſt, und ſo iſt die ganze Sache aus; „denn, bei Gott, wir treiben hier ein wahres „Kinderſpiel, und mißbrauchen die Gefälligkeit „dieſer Herren.““ 6 8 „„Ich nehme es an!““ rief der Baron. „Unſer Bemuͤhen, ihn von einem ſolchen Vor⸗ „haben abzubringen, war vergeblich. Heinrich's „Vorſchlag ward in's Werk geſetzt; ſie nahmen „Jeder den Zipfel eines Taſchentuches zwiſchen „die Zaͤhne.— Wir gaben das Signal.— „Nur ein Schuß fiel,— es war Vaudrey's „Schuß.— Der Baron drehte ſich ein Mal „rings um, ſtreckte die Arme aus, ſank ſeitwaͤrts „nieder, ohne einen Schrei auszuſtoßen;— er „war todt.— „Donnerwetter!“ rief Monval. „Alle Teufel!“ ſetzte Miran hinzu. St. Sauveur fuhr fort: „„Ich ſchwore es Dir, la Jaille,““ ſagte Vau⸗ „drey mit der innigſten Ruͤhrung zu mir,„„Al⸗ „les in der Welt haͤtte ich darum gegeben, haͤtte ich „ieſer ſchrecklichen Nothwendigkeit ausweichen „koͤnnen.— Schon zwei Mal hatte ich das „Leben dieſes Tollkopfs geſchont, und will nun „nicht mehr mich wie einen Hund niederſchie⸗ „ßen laſſen, ohne wenigſtens die Dienſtfertigkeit „des Gluͤcks zu verſuchen.““ „„Jetzt ſtehe ich zu Dienſten,““ ſagte Hein⸗ „rich zu St. Cyr. „Bei Gott, mein Freund, es war ein ſchreckli⸗ „ches Schauſpiel, dieſe beiden Männer, im Kampf „auf Leben und Tod, neben jener Leiche ſtehen „zu ſehen.— Nach zehn Minuten war Herr „von St. Cyr verwundet und unfaͤhig zu fer⸗ „nerem Kampfe; auch erklarte er ſich fur zufrie⸗ „den geſtellt mit dieſer Genugthuung.— Er „ſoll ſein Regiment veriaſſen haben und Moͤnch „geworden ſein. „Die Baronin von Cernan hat ſich einſtweilen „in ein Kloſter gefluͤchtet. „Dies, mein Freund, iſt die ganze Begebenbei. „Ich habe ſie Ihnen abſichtlich ſo ausführlich „erzaͤhlt, damit Sie den Geruͤchten, die die Bos⸗ „heit verbreiten duͤrfte, keinen Glauben beimeſ⸗ „ſen. Sie ſehen ſelbſt, es iſt unmoͤglich, ſich „ehrenvoller, zarter und rechtlicher, als Heinrich, „zu benehmen, und doch haben Haß und Neid „bereits Verſuche gemacht, einen ſo trefflichen „Charakter in ein ſchlechtes Licht zu ſetzen; doch „dieſe elenden Bemuͤhungen ſind, zur Beſchaͤ⸗ „mung ihrer boshaften Urheber, geſcheitert. Denn „ich begreife nicht, wie das Geruͤcht nur einen „Augenblick hat entſtehen koͤnnen, als ſei der „Graf gefährlich verwundet; da erkundigten ſich „Hof und Stadt nach ſeinem Befinden, und es „war faſt ein wahres Feſt, als es bekannt ward, „daß fuͤr ſein Leben nichts zu fuͤrchten ſei. Er „hat geſtern die Befehle des Miniſters und Sr. „Majeſtaͤt erhalten. Der Koͤnig hat ihn mit „den freilich etwas harten Worten entlaſſen: „„Gegen Frankreichs Feinde, mein Herr, ſollen „Sie Ihren Muth beweiſen, und laſſen Sie „Uns bald eine von jenen hohen Waffenthaten „hoͤren, an die Sie Uns gewoͤhnt haben. Nur „dadurch allein koͤnnen Sie Ihre ungluͤckliche „Geſchichte bei Uns in Vergeſſenheit bringen und „Unſre Huld wieder erlangen.“ Dieſer Ver⸗ „weis darf Sie nicht wundern. Der Koͤnig ubt „eine ſo ſtrenge Lebensweiſe, daß Vaudrey's „Benehmen ihm ſchimpflicher erſcheinen mußte, „als es wirklich iſt. „Leben Sie wohl, mein Freund; ich preiſe Sie „von Herzen gluͤcklich, daß Sie unter dem Be⸗ „fehl des Grafen dienen können; was man auch „immer reden moöge, ich habe mit ihm von Ih⸗ „nen geſprochen und ihn Ihrem Vater vorge⸗ „ſtellt, gegen den er ſo zuvorkommend und ga⸗ „lant war, daß der alte General jetzt noch da⸗ „von bezaubert iſt, und ihn bei jeder Gelegen⸗ „heit als das Muſter eines aͤchten Edelmanns „anfuhrt. „Noch ein Mal, leben Sie recht wohl! „Ganz der Ihrige „Marquis von la Jaille.“ „Alle Teufel!“ rief Miran,„unſer zukunftiger Commandant benutzt ſeine Zeit nicht ſchlecht.“ „Aber das iſt doch ſonderbar!“ rief Monvalz „weil Herr von Vaudrey Herrn von Cernan erſt be⸗ ſchimpft und dann, ohne Vertheidigung, vor fuͤnf Zeugen erſchoſſen hat, iſt er hinlanglich entſchul⸗ digt und entſchuldigungswerth, während er doch, hätte er ihn ohne Zeugen ermordet, fuͤr einen Meu⸗ chelmoͤrder gegolten haben wurde. Und doch bleibt ſich die Thatſache gleich.“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte St. Sauveur.„Aber, mein Theuerſter, wir leben auch unter Gebildeten, und nicht unter Wilden.“ N „Sonach,“ fuhr Monval fort,„hat Herr von Cernan die Sache ſehr ernſtlich genommen.“ — „Weißt Du was,“ rief Miran,„ich weiß auch, was ich zu thun und zu laſſen habe; aber an ſei⸗ ner Stelle wuͤrde ich eben ſo gehandelt haben, nicht etwa der Frau wegen, ſondern wegen jenes ver⸗ fluchten Spaßes, mich in Wind und Wetter nach Nevers zu jagen, während— Hoͤll' und Teufel,— man muß ſich uͤberall zu benehmen wiſſen.“ „Aber was ſchwatzt Ihr da!“ erwiederte St. Sauvetur.„Man hat ein Liebesverſtaͤndniß; trotz des Schweigens, das man dabei beobachtet, erfährt es der Mann und wird wild daruͤber; er todtet einen oder man tödtet ihn. So war's, ſo iſt's, und ſo wird's immer ſein. Man kann doch nicht gleich Moͤnch werden!“ „Sapperment!“ rief Miran,„ich ſuche ja auch Herrn von Cernan nicht auf Koſten Vaudrey's zu rechtfertigen.“ „Ich meinerſeits,“ verſetzte Monval,„bin ſtren⸗ ger, und behaupte, ſie haben Beide Unrecht.“ „Du biſt aber auch ein doppelter Cato!“ rief St. Sauveur. Und ſo ſchwatzten die drei Freunde den ganzen Abend uͤber dieſen unerſchoͤpflichen Text, der eine Menge Anekdoten herbeifuͤhrte, bei deren Erzäh⸗ lung die Mitternacht ſie uberraſchte. Drittes Kapitel. . 1 Hätteſt Du dieſe wilde Lebensart ge⸗ waͤhlt, um Deinen Stolz zu züchti⸗ gen, ſo möchte es hingehenz aber Du thateſt es nur aus Zwang.— Du würdeſt ein Höfling ſein, wäreſt Du nicht ein Schelm. Shakespeare, Timon von Athen. A. 4. Sc. 3. Recouvrance. Die Stadt Breſt war damals und iſt auch jetzt noch in zwei Viertel getheilt, die durch den Canal, der den Kriegshafen bildet und das Arſenal durch⸗ fließt, geſchieden ſind. Recouvrance hieß das Viertel, welches gewoͤhn⸗ lich die Matroſen, Marine⸗Unterofficiere und Kuͤſten⸗ ſchiffer bewohnten; es war eine Maſſe niedriger und duͤſtrer Haͤuſer, enger, ſchmutziger Gaſſen und elender Gaͤßchen. ₰ Die Rue des Poutres war eine der bedeute ſten Gaſſen dieſes erbaͤrmlichen Viertels. Mitte auf derſelben gewahrte man ein niedriges Häu — 33— chen, das mit ſeinen zierlich gruͤnangeſtrichenen Fenſterladen und weißen Mauern, durch eine glaͤn⸗ zende Reinlichkeit einen ſonderbaren Contraſt mit der ſchmutzigen Umgebung bildete. Dieſes Haus gehoͤrte der Frau Thomas, welche die Wittwe des Herrn Thomas, des erſten Buͤr⸗ gerkanoniermeiſters, und die Mutter des Brander⸗ Capitaͤns, blauen Officiers und Lieutenants der Fregatte„Sylphide“ war, die der Graf Heinrich von Vaudrey commandirte, des Herrn Jean Thomas. Es war ungefähr um 2 Uhr Nachmittags, als die Wittwe Thomas, in einem großen und altvaͤteriſchen Seſſel von utrechter grauem Sammet mit breiten wolligen Streifen ſitzend, die Nachahmung Jeſu Chriſti mit tiefer Empfindung las. Ihre Füße ruh⸗ ten auf einem kleinen Schemel, der von gleichem Stoff wie der Seſſel war. Ein Spinnrad und eine Kunkel, die neben ihr lagen, zeigten deutlich, daß die fromme Frau ihre Arbeit hatte ruhen laſſen, um ſich jener heiligen Lecture zu weihen. Die Wittwe Thomas war bereits ſiebzig Jahr alt. Nach der Bretagner Mode trug ſie einen Rock von brauner Wolle und ein kleines Haͤubchen von weißer Leinwand, das ſich eng an den Kopf ſchloß und nicht ein einziges ihrer Haare ſehen ließ. Ihr ſanftes und ruhiges Geſicht verrieth eine zufriedene Seele, und das Tageslicht, das durch ein enges Fenſter hereinfiel, deſſen kleine Glas⸗ ſcheiben mit Blei umzogen waren, beleuchtete die 2 Die Seewarte v. Koat⸗Vén. M. 5 — 34— ehrſame Geſtalt in Rembrandts Manier. Die Waͤnde des Zimmers waren kahl, aber reinlich. Der ſorgſam gewaſchene und geſcheuerte Fußboden war ſo weiß, wie Schnee, und im Hintergrunde des Zimmers ſtand ein altvateriſches, breites Bett, das einen Himmel und vier grau⸗ und rothzeuchene Vorhaͤnge hatte;z endlich hing noch uͤber einem gro⸗ ßen Kamine, auf dem ein Tiegel ſtand, ein armſe⸗ liges Portrait des ſeligen Herrn Thomas in Ka⸗ nonier⸗Meiſter⸗Uniform, und unter dieſem Gemaͤlde ein gerader und kurzer Degen, mit einem breiten, kupfernen Griffe, auf dem zwei Anker und die kö⸗ nigliche Krone eingeſtochen waren;— dies war der Degen des ſeligen Herrn. Bald öffnete ſich die Hausthuͤr, Fußtritte hall⸗ ten von der Treppe her, und der Sohn des ſeligen Jvon Thomas trat keck herein.— Jean Thomas war ein Mann von ungefaͤhr dreißig Jahren, mitt⸗ ler Statur und breiten und hohen Schultern. Sein Geſicht hatte nichts Merkwurdiges, außer einem widrigen Zuſammenziehen der Augenbrauenz dieſe waren hell⸗blondz ſeine Augen grunlich⸗blau und ſein Geſicht verkuͤndete durch ſeine Farbe ein ſanguini⸗ ſches und heftiges Temperament. Als Lieutenant der Fregatte Sylphide war Jean Thomas gepudert, und als Marine⸗Officier trug e blauen Rock, Weſte und Hoſen, à la Bourgund galonirt, weiße Struͤmpfe und breite Schnallen auf den Schuhen. 3 Als er eintrat, warf er ſeinen Treſſenhut auf einen Stuhl, ſchnallte ſein Wehrgehänge los, legte den Degen ab, trat dann zu ſeiner Mutter hin und gruͤßte ſie barſch:„Guten Morgen, Mutter!“ „Guten Morgen, Jean,“ entgegnete die Wittwe, und in der einen Hand ihr Buch, in der andern ihre Brille haltend, ſchien ſie über das lange Still⸗ ſchweigen, das ihr Sohn ſo eben gebrochen hatte, bekuͤmmert zu ſein. „Guten Morgen, Jean,“ erwiederte ſie,„aber was haſt Du denn noch? An Deinen Augen⸗ brauen ſehe ich es, daß Du noch Grillen haſt.“ „Ja, ich habe welche, und das mit allem Rechte.“ „Ach, mein lieber Sohn,“ ſprach die Wittwe, und ſchuͤttelte mit dem Ausdruck der Traurigkeit den Kopf,„mein lieber Sohn, Du wirſt ſtets der⸗ ſelbe bleiben, nie zufrieden mit dem Looſe, das Dir der liebe Gott beſchieden hat.“ „Ach, geht mir mit Euerm lieben Gott Wenn es ja einen giebt, ſo kuͤmmert ſich dieſer liebe Gott weder um mich, noch um Euch.“ „Schweig, Jean, ſchweig!“ ſprach die Wittwe und erhob ihre Hand mit gebieteriſcher Miene,— „hoͤre auf, ſo zu läſtern, Du, den Gott mit ſeinen Gaben ſo uberhaͤuft hat, der Du durch ſeine Gnade an eine, fuͤr Leute unſeres Standes ſo unverhoffte Stelle gekommen biſt. Vergiß das nicht, Jean, und danke Gott.“ 3 6 — 36— Mit geballten Faͤuſten und blutroth vor Zorn erhob ſich Jean. „Ha! Leute unſeres Standes,— unſeres Stan⸗ des— was heißt denn das: unſeres Standes? Iſt ein Edelmann anders gemacht, als ich? Vermag ſeine Stimme den Wind beſſer zu bezaubern oder den Sturm zu beſchwichtigen, als die meinige? Dringen, wenn ich meinen Kanonieren: Feuer! commandire, meine Kugeln nicht eben ſo kraͤftig in das feindliche Gezeug, als wenn ein Edelmann ſie commandirt hätte?—“ „Wer ſagt denn das, mein Sohn? Woruͤber beſchwerſt Du Dich denn? Haſt Du nicht ſelbſt Edelleute unter Deinem Commando, ſeit Du durch Deinen Muth zu einem Range erhoben biſt, der alle Deine Hoffnungen uͤberſteigen muß?“ „Ja, das iſt wahr, und, bei Gott, ſie gehor⸗ chen und muckſen nicht.“ „Nun denn, Jean, was willſt Du mehr?“ „Mutter, Du wirſt mich noch toll machen; ich will, ſie ſollen mir gehorchen, ohne daß es aus⸗ ſieht, als gehorchten ſie bloß meinem Range; nicht jene kalte, beleidigende Unterwuͤrfigkeit verlange ich, die mir deutlich genug ſagt, daß ſie mich nur als einen Fremdling betrachten, der ſich in ihr edles Corps eingeſchlichen hat. Nein, ganz etwas Ande⸗ res will ich!—“ 3 „Du ſprichſt von Tollheit, Jean!“ ſprach ernſt die Wittwe,„und Du haſt Recht; Du biſt ein armer Narr, ein unheilbarer Narr, ein von Neid und Stolz arg gequälter Narr, und dies, mein Sohn, iſt die allerungluͤcklichſte Narrheit; denn, ſetzteſt Du Dich auch daruber hinweg, Jean, und wuͤrdeſt morgen Groß⸗Admiral von Frankreich, Du wuͤrdeſt doch nur der Sohn des Buͤrgerkanonier⸗ meiſters Thomas bleiben, und nie vergeſſen koͤnnen, daß Dein Vater im Hafen Fiſche verkaufte.“— „Um Gottes willen, Mutter! um Gottes wil⸗ len, ſagt das nicht—“ „Und ich will Dir es ſagen, gerade ich,“ ver⸗ ſetzte die Wittwe mit feſtem Blicke,„und will Dich ſtets an Deine Abſtammung, die ſo niedrig als ehrbar iſt, erinnern, um Dir zu zeigen, wie eitel und thoͤricht der Kummer iſt, der Dir den Genuß deſſen, was Du haſt, vergällt, und Dich das, was Dir die ganze Welt nicht geben kann, nämlich: adelige Ahnen, beneiden läßt.“ „Ich, ich! ich ſollte den Adel beneiden? Im Gegentheil, ich verachte den Adel von ganzem Her⸗ zen! Er iſt ein leeres Wort, ein thoͤrichtes Vorur⸗ theil, das nur bei Thoren und Kindern etwas gel⸗ ten kann. Bei Gott! ſehr wuͤnſchenswerth, ein Titel, der der Niedrigkeit, der Beſchimpfung oder der Ehrloſigkeit angehoͤrt.“ „Schweig, Jean, ſchweig!“ rief lebhaft die Wittwe.„An Dir ſieht man deutlich, daß der Neid die Wurzel aller Laſter iſt, weil er uns zur Undankbarkeit verleitet. Verdankſt Du nicht Ei⸗ 38 nem von den Gliedern jenes Adels, den Du an⸗ greifſt, das, was Du biſt? Verdankſt Du nicht der Guͤte des ſeligen Herrn Marquis von Menneval, deſſen Lehrer Dein Vater war, und deſſen vertraute Dienerin ich war, Deine Erziehung und Deine Befoͤrderung? Noch ein Mal, Jean, ſchweig, denn ich leſe im Grunde Deines Herzens ſehr traurige Wahrheiten, die Du vergebens zu verbergen ſuchſt, und die Dir Dein Daſein vergiften,“ ſprach die Wittwe, und heftete einen duͤſtern und bangen Blick auf ihren Sohn. „Nun denn! ja!“ rief Jean heftig;„ja, ich haſſe ſie, ich verabſcheue ſie, ich verachte ſie; ja, wenn mir etwas ver aßt ſein kann, ſo iſt es die Dankbarkeit, die ich einem von jenen adeligen Schuften ſchuldig bin, die Einem nur nuͤtzlich ſind, um ihn zu er⸗ niedrigen und ſagen zu koͤnnen: Sehen Sie dieſen Menſchen da; das iſt mein Geſchoͤpf;— er ſchmachtete im Staube; ich nur habe ihn daraus hervorgezogen.“ „Unglucklicher! Du ſtoßt ſchreckliche Reden aus; doch nur der elendeſte Stolz und der bitterſte Haß ſind es, die Dich zu dieſer Sprache des ſchwärze⸗ ſten Undankes verleiten; aber noch ein Mal, be⸗ denke, was Du, ruͤckſichtlich Deiner Abtunft, ſein würdeſt, und daß Dein ganzer Stolz bloß auf ei⸗ nem ehrlichen Tode als Kanonier⸗Meiſter, wie der Deines Vaters, beruhen wuͤrde!“ 3 „Nun denn, warum hat man mich aus en —— —— — 3— Lage geriſſen? Fluch denen, die Leidenſchaften in mir erweckten, welche ewig ſchlummern mußten! Fluch denen, die mich nicht unter den Leuten mei⸗ nes Standes ließen! Fluch denen, die in mir Be⸗ duͤrfniſſe und Gedanken erregten, die ich jetzt und niemals befriedigen kann, und die, da haſt Du ganz Recht, mein Leben vergiften werden, waͤre es auch großartig und glorreich, wie Jean⸗Bart's Le⸗ ben! Ja, Fluch auch uͤber Dich, o Mutter, die Du, ſtatt in der Wiege mich zu erdroſſeln, mich in ein kummer- und verzweiflungsvolles Leben hinaus⸗ ſtießeſt!“ Wuͤthend und aufgebracht kannte Jean Tho⸗ mas ſich ſelbſt nicht mehr, und maß das Zimmer mit gewaltigen Schritten. Kaum hatte er dieſe harten Reden ausgeſtoßen, als das arme Weib ruhig und wuͤrdevoll aufſtand, mit der einen Hand ſich auf ihren Seſſel ſtutzte und mit der andern auf die Thur zeigte. „Geh, Burſche,“ ſprach ſie zu ihrem Sohne, „ſchwer wird Gottes Zorn dieſes Haus treffen, wo ein Sohn ſeiner Mutter fluchte!— Seiner Mut⸗ ter!—“ wiederholte ſie mit dem Ausdruck des tief⸗ ſten Schmerzes, und eine Thraͤne rollte über die hohlen Wangen der Wittwe. Jean hoͤrte nicht darauf, und ſchritt noch im⸗ mer heftig im Zimmer auf und nieder. Da unterbrach eine dritte Perſon dieſe trau⸗ rige und feierliche Scene. — 40— Es war der Oberwwundarzt der Sylphide, Doe⸗ tor Gédeon, ein kleiner, dicker Mann, mit runden, rothen Vollmondsbacken, gepudert und bekleidet mit einem eiſengrauen Rock, deſſen Kragen und Aufſchlaͤge von karmoiſinrothem Sammet waren, und einer Weſte und Hoſen von gleichfarbigem Sammet mit dem Rocke. Beim Anblicke des Doctors ſetzte ſich die Wittwe wieder und griff von Neuem nach ihrem Rocken, denn ſie wollte einen Fremden nicht zum Augen⸗ zeugen jener haͤuslichen Zwiſte machen. Jean unterdruͤckte ſeinen Zorn im Entſtehen, ging dem Doetor entgegen, und reichte ihm die Hand. „Guten Morgen, Doctor, was giebt's Neues?“ „Weiter nichts, als die Ankunft unſers Unge⸗ thuͤms von Commandanten, der noch heute oder morgen hier eintreffen ſoll.“ Dieſe Neuigkeit ſchien auf Jean Thomas ei⸗ nen unangenehmen Eindruck zu machen. „Herr Doctor, warum nennen Sie denn den Commandanten ein Ungethuͤm?“ fragte die Wittwe hinter ihrem Rocken. „Erſtens darum, weil er Commandant iſt, fer⸗ ner weil er von Adel iſt, ein Freiherr, ein Tauge⸗ nichts, wie die Philoſophen zu ſagen pflegen; weil er zu jenen Wichten gehoͤrt, die die Pfaffen unterſtuͤtzen, und in mancher andern Hinſicht ein Ausbund iſt.“ Bei dieſen Worten ſtand die Wittwe auf, legte ihre Kunkel bei Seite, und ſprach zu ihrem Sohne —.—————. —— „Ich verlaſſe Euch, Jean, ich habe hier ne⸗ benan zu thun.“ „Liebe Mutter! ich will mich ſogleich mit dem Doctor entfernen,“ erwiederte Jean, und griff nach Hut und Degen. „Ach, Madame,“ begann Gédeon von Neuem, und naäherte ſich mit einem gellenden, hoͤhniſchen Gelaͤchter der Wittwe,—„ſch wahrlich, Mutter Thomas, wegen der Kaputzentraͤger werden wir uns ewig ſtreiten;— ich bekämpfe den Fanatis⸗ mus, wo ich ihn treffe.“ „Kommen Sie, Gédeon,“ rief Jean und zog den Doctor beim Arme fort.—„Leben Sie wohl, Mutter,“ fugte er hinzu und näherte ſich ſeiner Mutter, ſie zu umarmen. Aber die Wittwe wich mit ſtrenger Mienz zu⸗ ruck, und erwiederte ihm nur ein trocknes: Leb' wohl, mein Sohn.“ Jean und der Doctor gingen. Es war Anfang Januars, eine ſtrenge aber trockne Kälte und der Himmel wolkenleer. „Was hat denn Deine Mutter?“ rief Gédeon. „Ach!“ verſetzte Jean,„die ſingt immer das alte Lied. Nur dem Adel und den Pfaffen iſt ſie hold.“ „Welche Thorheit, Theuerſter, ſtatt daß ſie dieſe Menſchen mit Fuͤßen treten ſollte, wie ich es thue.— Aber ſage einmal, Jean, willſt Du mit auf die Pariſer Straße ſpazieren gehen?“ „Meinetwegen,“ erwiederte Jean, der indeß in tiefe Träumereien verſunken war. Darauf wandten ſie ſich nach den Thoren von Breſt. Der Doctor Gédeon war ein ſchlechtes Sei⸗ tenſtuͤck zu Jean Thomas ungluͤcklichem Charakter, der doch wenigſtens noch in ſeiner Rohheit und Freiheitsliebe, mit welcher er ſeinen bittern Haß gegen Jeden, der uͤber ihm ſtand, an den Tag legte, etwas Originelles hatte. Aber der Doctor Gedeon gehoͤrte zu jenen armſeligen und gemeinen Menſchen, die inſtinktmäßig jenen muͤrriſchen und herzloſen Groll gegen Jeden, der uber ihnen ſteht, naͤhren, gleich jener Hunderace, die gewoͤhnlich Mopſe heißen. Ich bitte um Verzeihung wegen der Triviali⸗ tät, aber nur dieſer Vergleich kann des Doctors beſtändiges Belfern gegen Alles, was ſeinen Ho⸗ rizont uͤberſtieg, wurdig bezeichnen⸗ Das Wetter war ſchon, und unſte beiden Spa⸗ ziergaͤnger trafen, ſobald ſie die aͤußerſten Boule⸗ vart's erreicht hatten, eine ziemliche Menge Men⸗ ſchen, vorzuglich Matroſen und Soldaten. Jean Thomas, der die Uniform ſeines Standes trug, warf ſeinen Adlerblick nach allen Seiten, um zu erſpaͤhen, ob jeder Soldat und jeder Matroſe ihm den gebuͤhrenden Soldatengruß mache, den Doctor Gedeon auch zum Theil mit auf ſich deutete, und ſich ſo in jenen Zeichen der Subordination, die einzig und allein ſeinem Gefaͤhrten galten, täuſchte. — Jean Thomas war in dieſem Artikel der Dis⸗ ciplin unbeugſam, und hielt mehr als jeder An⸗ dere auf die Ehrenbezeugungen und Vorrechte, die 6 ſeinem Stande gebuͤhren. Da kamen zwei betrunkene Matroſen, die ſich, wie gewoͤhnlich, bei dem kleinen Finger einander hielten, und mit dem Arme balancirten, des We⸗ ges, und turkelten, unter wildem Geſange, in ih⸗ rer Seligkeit unſten beiden Spaziergängern ent⸗ gegen. Spaßhaft war der Anblick, den dieſe beiden armen Leutchen, denen der Wein und die Luſt das Geſicht verkupfert und aufgetrieben hatten, gewähr⸗ ten, indem ſie mit ihren breiten Schultern den Takt zu einem Schlumperliedchen ſchlugen. Unempfindlich blieb Jean Thomas bei dieſem ruͤhrenden Schauſpiel, und als er ſie kaum ge⸗ wahrte und ihren Geſang hoͤrte, begann er zu Gedeon: „Die Schufte dort ſingen ja recht laut; ſehen ſie uns denn nicht?“ „Ich hoffe doch,“ ſprach der Doctor, und warf ſich in die Bruſt,„ſie werden das Maul halten und uns gruͤßen.“ „Du willſt ſagen, mich gruͤßen, denn Dir, lieber Doctor, gebuͤhrt der militariſche Gruß nicht; das mußt Du Dir gefallen laſſen. Weißt Du das?“ „Wir haben aber doch Officiersrang!“ rief Geédeon. Da unterbrachen ihn die Matroſen, die jetzt nahe vor ihnen ſtanden, und ihre kraͤftigen Lun⸗ gen in brullenden Melodien mächtig anſtrengten. Jean Thomas blieb ein wenig ſtehen, biß ſich in die Lippen, und mit einem wuͤthenden Blicke auf die Sänger, wartete er, bis ſie an ihm vorbei⸗ gehen wuͤrden. Aber die Saͤnger waren allzuſelig und begluͤckt in ihren Herzen, als daß ſie den wuͤthenden Blick des Officiers haͤtten ſehen konnen, und gingen mit wildem Jauchzen voruͤber, ohne den Hut abzu⸗ nehmen.— „Ihr ſeht mich alſo nicht, Canaillen?“ rief Jean Thomas wuͤthend, und ſchlug einem von den Dilettanten mit verwendeter Hand die Muͤtze vom Kopfe. „Ihr ſeht uns nicht, Canaillen?“ aͤffte der Doctor ſeinem Begleiter nach. „Verzeihung, Entſchuldigung, mein Herr Lieu⸗ tenant,“— begann hierauf einer der Matroſen, und hob ſeine Muͤtze wieder auf,—„wir hatten Sie nicht geſehen; aber meine Muͤtze hat mir ſo ein verdammter Wind vom Kopfe geſchmiſſen.“ „Du haſt Recht, der Wind war ſchuftig,“ fuhr der Andere fort;„von einem Vorgeſetzten ließe man ſich's noch gefallen, aber ſo ein Pflaſterſchmie⸗ rer, ſo ein„Ich kurire dich nicht mehr,“ hat auch — 5 gegen mich ſogar einen Sturm von Fauſtſchlägen losgelaſſen; ſoll ich ihn nun nicht erwiedern, oder ſoll ich ihm gleich einen ordentlichen Orkan uͤber den Hals ſchicken, der—“ „Was willſt Du, Hund?“ rief Jean Thomas, und fiel uͤber den Matroſen her. „Ich will ihm—“ Jean Thomas unterbrach ihn mit einer tuͤch⸗ tigen Ohrfeige.— Schon bei den erſten Worten dieſes Streites hatte ſich ein Kreis von Zuſchauern um die beiden atroſen verſammelt; der Tumult ward immer groͤßer, die Menge wuchs, und einige liebreiche Seelen liefen nach dem wachthabenden Sergeant der Schiffsartillerie. Da erſchien ein Courier in gruͤner, reich mit Silber beſetzter Uniform auf der Höhe der Straße, deren Ende man, da ſie in der Mitte einen ziem⸗ lich ſteilen Abhang hatte, nicht uͤberſehen konnte. Der Courier mäßigte den Galopp ſeines Pfer⸗ des, und wollte Schritt fuͤr Schritt durch das Ge⸗ tummel reiten. „Ho, he! Ho, he!“— rief er.„Macht Platz — fuͤr den Herrn Grafen von Vaudrey, Fregat⸗ tencapitain!“—* Bald darauf ward das Peitſchengeknall der Poſtillons hörbar, die eine große, ſechsſpaͤnnige Berline fuhren, der das Gepaͤck und zwei Poſtkut⸗ ſchen mit Heinrich's Dienſtleuten folgten. 3 — Eben traf der Sergeant mit vier Soldaten ein, um die Delinquenten zu arretiren, als dieſe drei Wagen mitten in die dichte Menſchenmaſſe eindrangen. Jean Thomas war wuͤthender als je, und der Doctor moͤglichſt zornig. Als der Graf von Vaudrey den Lärm be⸗ merkte, ließ er den Kutſcher halten, bog ſich zum Wagenſchlage heraus, und fragte: „Sergeant, was giebt's denn da?“ „Mein Officier,“ erwiederte der Sergeant, und grußte ihn militäriſch, als er auf Heinrich's Bruſt das Ludwigs⸗Kreuz ſah,—„s ſind zwei betrun⸗ kene Matroſen, die ſich gegen ihren Vorgeſetzten vergangen haben.“ „Und dies geht nur ihren Vorgeſetzten etwas an, mein Herr,“ rief Thomas anmaßend und wandte ſich zum Grafen,—„und dieſer Vorge⸗ ſetzte bin ich, der Premier⸗Lieutenant der Fregatte Sylphide, und ſomit können Sie ſich Ihrer Wege ſcheren.“ „Nun denn, mein Herr,“ rief Heinrich läch⸗ elnd,„ſo werden Sie mir erlauben, daß ich dieſes Zuſammentreffens mich freue, da es mir die Be⸗ kanntſchaft meines Lieutenants verſchafft, der, wie ich ſehe, die Disciplin vollkommen verſteht. Mein Herr, ich bin der Commandant der Sylphide, Graf Heinrich von Vaudrey.“ Da zwang Jean Thomas ſein Geſicht zur Ruhe, gruͤßte Heinrich, und ſprach darauf ganz kalt zum Sergeanten: „Werft dieſe Menſchen in Ketten—“ „Lieutenant!“— rief Peinrich freundlich,„ver⸗ zeihen Sie dieſen armen Teufeln; denn wenn ein Verurtheilter dem Wagen des Königs begegnet, wird er begnadigt. Ich bin, ich geſtehe es Ih⸗ nen, auf meinem Schiffe ein wenig Koͤnig, und moͤchte jetzt eines meiner koſtharſten Vorrechte an⸗ wenden, naͤmlich das, zu begnadigen!“— „Wenn Sie, Commandant, dieſe Menſchen deshalb, weil ſie mich beleidigt haben, begnadigen wollen, ſo koͤnnen Sie dies wohl; aber ich muß dazu einen ſchriftlichen Befehl haben,“— rief Thomas bitter. „Ich gebe keine Befehle, mein Herr; ich bat ie um eine Gefälligkeit. Kein Wort mehr da⸗ von! Fort! Schwager, fahr zu!“ rief Heinrich, und warf ſich zuruͤck auf ſeinen Sitz. Bald waren die agen verſchwunden. Zehn Minuten darauf, als der letzte Packknecht des Grafen voruͤber war, erſchien auf der Höhe des Abhanges eine Poſtkutſche, die den nämlichen Weg verfolgte. In dieſer Kutſche ſaßen Perez und Rita. Viertes Kapitel. Egmont. Nun? Richard. I„ch bin bereit, und drei Boten warten. Egmont. Du findeſt vielleicht, daß ich zu lange blieb?— Du machſt ein ellenlanges Geſicht. Richard. 3 Eure Befehle zu vollziehen wagte ich ſchon ſehrlange. Goethe, Egmont, A. 2 Der Empfang. Schon war der Graf ſeit vier und zwanzig Stunden in Breſt; die Glocke des Arſenals ſchlug drei Viertel auf zwoͤlf Uhr, als der Lieutenant Jean Thomas, dem auch der Doctor Gédeon folgte, leicht an die Thuͤr eines der ſchonſten Haͤuſer des place d'Armes anklopfte. Der Lieutenant trug die Parade⸗Uniform der königlichen Marine, nämlich einen blauen Rock mit — doppeltem Goldbeſatz auf den Aermeln, ſcharlachne Weſte, Hoſen und Struͤmpfe und goldne Schnallen. Die Uniform des Doctors war einfacher, und beſtand aus einem gruͤnlich⸗grauen Rocke, mit car⸗ moiſinrothen Sammetaufſchlaͤgen und Staffirung, aber bloß an den Knopfloͤchern beſetzt, ferner aus carmoiſinener Weſte und Hoſen, und blauen Struͤmpfen. „Die Canaillen von Bedienten, die er mit ſich herumſchleppt, werden uns nicht gehoͤrt haben,“ rief Lieutenant Thomas zornig, und klopfte noch ein Mal. „Fuͤr ſo armſelige Leute, wie wir ſind, haben ſie keine Ohren,“ fuͤgte Gédeon mit tuͤckiſchem La⸗ cheln hinzu, und pochte von Neuem. Da öffnete ſich die Thuͤr, und der Lieutenant konnte ſeinen Unwillen nicht verbergen, als er vier bis fuͤnf Bediente erblickte, die in ihrer Pracht⸗ Livrée in einem Vorzimmer des Hauſes ſtanden, worin der Graf von Vaudrey, wenn er in Breſt war, gewoͤhnlich wohnte, da es ihm bei ſeinem Ver⸗ mogen ein Leichtes war, in jedem der drei Kriegs⸗ haͤfen, wohin ihn etwa ſein Dienſt rufen konnte, ſich eine eigene Wohnung zu halten. Einer von den Lakeien öffnete die Thuͤr eines Vorſaals, wo ſich zwei ſchwarzgekleidete Kammer⸗ diener befanden, die Jean Thomas fragten, ob er nicht der Lieutenant des Herrn Grafen von Vau⸗ drey wäre. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 4 „Ich bin der Lieutenant der Fregatte Sylphide,“ erwiederte Thomas bitter. Auf dieſe Antwort ließ der Lakei ihn mit dem Doctor in einen ziemlich großen Saal eintreten, und verſicherte ihnen, der Herr Graf werde, obgleich er fuͤr den Augenblick beſchaͤftigt ſei, bald erſcheinen. „Bei Gott, rief Thomas hoͤhniſch,„das iſt ja ſchlimmer, wie bei einem Miniſter!“ „Und dies ſind die, ſo des Volkes Schweiß trinken; als ob ſie nicht ſelbſt kommen und ihre Thuͤren offnen konnten,“ fuͤgte Gédeon ſtoiſch hinzu. „Aber ſehen Sie doch, Doctor,“ begann Tho⸗ mas wieder, und zeigte ſeinem Freunde ein Ameu⸗ blement von einem in der Provinz unerhoͤrten Reichthum,—„ſehen Sie doch, welche Pracht!— und dies Alles bloß, um vierzehn Tage oder drei Wochen in einem Hafen zu verleben. Das iſt wahrlich ſpaßhaft!“ „Erbaͤrmlich iſt's, entſetzlich,“ antwortete Gé⸗ deon,„und wenn man nun noch bedenkt, daß er da ſieben bis acht Lakeis, die Muſter des Muͤßig⸗ gangs, hat, und ſie, anſtatt aus ihnen Mitglieder der burgerlichen Geſellſchaft zu machen, ſo thoͤricht um nichts und wieder nichts fuͤttert. Ja, wenn ich Konig waͤre, ſo wurde ich alle Vornehme mei⸗ nes Reiches verpflichten, ihre Bedienten zu einer Profeſſion anzuhalten, ehrenwerthe Schloſſer, wuͤr⸗ dige Maurer, tugendſame Schuſter aus ihnen zu —— machen, die dann unentgeltlich fuͤr's Volk arbeiten muͤßten, und doch noch Zeit übrig behalten wuͤr⸗ den, ihren Gebietern in den Nebenſtunden behuͤlf⸗ lich zu ſeinz uͤberhaupt wäre mir die Livrée des Fuͤnſtlers oder Handwerkers lieber, als die des Hoͤf⸗ lings,“ rief der Doctor in einem Anfalle von Phi⸗ lanthropie. Der Lieutenant ſchien nicht im geringſten auf die okonomiſchen und philoſophiſchen Syſteme des Doctors zu hoͤren; denn er ſtierte mit dem Aus⸗ drucke tuͤckiſcher Freude nach ſeiner Uhr. „Gut!— Mittag,“— rief er,—„Mittag; — und ich hatte dem Stabe Befehl gegeben, Punkt zwölf Uhr beim Commandanten zu ſein, und die Officiere ſind noch nicht da;— in Arreſt— Ach! meine Herren Edelleute, Sie ſollen mir Ihre inſo⸗ lente Unterwuͤrfigkeit theuer bezahlen.“ „Haben Sie's auch dem Almoſenier anſagen laſſen, Lieutenant?“ fragte der Doctor. „Dem Abbé von Eilly? Allerdings.“ „Muß denn der nun auch in Arreſt?“ „Mein Gott, ſind die nicht vor unſern Angrif⸗ fen ſicher?“ „Laſſen Sie mich ſorgen, Lieutenant, ich werde Sie rächen,“— rief gravitätiſch der Doctor,— „Sie ſollen ſehen, wir werden lachen; ich will ihn artig angſtigen, ich, der ich durch mein Studium der Anatomie zum Atheiſten des Rechts geworden bin; ja, er mag nur kommen, und mir von ſeinen 4* 2 Religionsthorheiten die Ohren vollſchwatzen; ich will ihm dann alſo antworten: Abbé, finden Sie mir alſo einmal im Koͤrper Etwas auf, was man Hoffnung oder Liebe nennen koͤnnte,— ach! witzig genug will ich dann ſprechen: Wohl finde ich die Leber aber nicht das Leben;— na, laßt mich nur machen, wir werden lachen, aber à propos, kennen Sie ihn, den ſchaͤndlichen Heuchler?“ „Keineswegs! Ich habe ihn nie geſehen; er iſt noch nicht lange hier, und geht nie aus, habe ich mir ſagen laſſen.“ „Alſo auch ſo ein Podagriſt, wie der Anderes“ fuhr der Doctor fort;—„auch ſo ein altes Deo⸗ gratias⸗Vieh? Hal er kann ſich auf ein elendes Le⸗ ben gefaßt machen, der Glatzkopf, da ja vor allen Dingen der Menſch frei iſt, und ſich durch ſolche Thoren ſeine Seele nicht verpfuſchen zu laſſen braucht.“ Da meldete der Kammerdiener: „Der Herr Abbé von Eilly.“ „Das iſt der Heuchler,“ rief Gédeon mit ſchlauem Blicke, und ſtieß den Lieutenant in die Seite. Aber als die beiden Geſellen den Mann erblick⸗ ten, der jetzt hereintrat, da wich von ihren Geſich⸗ tern die ſtolze Freudigkeit, und tiefes Staunen trat an ihre Stelle. Der Abbé von Cilly war ein Mann von un⸗ gefaͤhr dreißig Jahren, hohem und edlen Wuchſe; auf ſeinem blaſſen Antlitz thronte maͤnnliche —,——— — 53— Schoͤnheit, und ſein ſchwarzes Amtskleid ſtand ihm wohl. Aber am meiſten zeichnete ſich dieſer Mann durch das Feuer ſeines Blickes aus, der mit einer unwiderſtehlichen Feſtigkeit bisweilen wie ein Blitz aus ſeinen beiden großen, halbgeſchloſſenen Augen unter den langen Wimpern hervorzuckte. Aus ſeinem raſchen und ſichern Gange, aus der freien und ſtolzen Weiſe, womit er ſein Haupt trug, ſah man beim erſten Blick, daß er in keinem Se⸗ minare gelebt hatte, denn ſein Aeußeres ließ jene kindiſche Scheu, jene fromme und ruͤhrende Steif⸗ heit vermiſſen, die jungen Prieſtern, welche ſtets in einem heiligen und keuſchen Aſyle gelebt haben, ſo eigen iſt. Auch herrſchte in des Abbé's ganzem Aeußern vorzuglich der Ausdruck eines ſtrengen Ernſtes vor, zu dem noch Verachtung und Stolz hinzutraten, und dann auch der Blick der ihm ſelbſt wohlbe⸗ wußten Ueberlegenheit, der auf die, welche ihn ſahen, einen unwillkuͤrlichen Eindruck machte. Dieſes Aeußere machte, durch den Contraſt mit Geédeon's vorgefaßter Meinung von dem Abbé, auf die beiden Seeleute einen ſonderbaren Ein⸗ druck. Der Prieſter ſchien ſie gar nicht zu bemerken, ſetzte ſich, und ſtuͤtzte ſeine Stirn auf die Hand, als wolle er tiefen Betrachtungen nachhängen. Der Doctor ſtieß den Lieutenant in die Seite, als wollte er zu ihm ſagen:„Sie mit Ihrer be⸗ ruͤhmten Courage, ſo reden Sie ihn doch an!—“ Da raffte ſich denn der Lieutenant aus der Be⸗ klommenheit, worin ihn jene unvermuthete Er⸗ ſcheinung verſetzt hatte, auf, und rief mit kurzer und barſcher Stimme: „Abbé, meinen Befehlen nach hatte man ſich hier noch vor Mittag einzufinden, und ſchon iſt es zwanzig Minuten daruͤber; in Zukunft ſein Sie puͤnktlicher; verſtehen Sie mich, Abbé?“ Der Abbé ruͤhrte ſich nicht, und hielt immer noch den Kopf geſtuͤtzt. „Abbé, der Lieutenant ſpricht mit Ihnen,“ rief der Doctor, durch einen Blick des Jean Thomas ermuthigt, und ruͤttelte den Abbé leiſe am Arme. Dieſer erhob nunmehr langſam ſein Haupt, und warf auf den Doctor einen Blick, der die Seele deſſen, den er traf, durchbohren zu wollen ſchien. Dann ſprach er mit ruhiger Stimme: „Was wollen Sie, mein Herr?“ „Der Herr will Ihnen nur bemerklich machen, daß ich Sie angeredet habe, weil ich, da doch mein Befehl der war, ſich zu Mittag hier einzufinden, erſtaunt bin— daß Sie zwanzig Minuten— ſpa⸗ ter kommen,“ rief Thomas. Den Anfang dieſer Rede hatte Thomas kurz und deutlich geſprochen, aber am Ende wirkte der feſte Blick des Abbé's wie gewoͤhnlich, und der Lieutenant mußte, trotz ſeines Aergers und ſeiner Sicherheit, dennoch die Augen niederſchlagen, und fing bei den letzten Worten an zu ſtottern. „Nun, mein Herr?“ begann der Abbé wieder. „Nun, Abbé!“ rief der Lieutenant, und ſchoͤpfte friſche Kraͤfte,„ich meine, daß dies hinfort nicht mehr vorkommen darf.—“ Sanft antwortete der Abbé:„Ich ſchloß einem Sterbenden die Augen, mein Herr.“ Darauf ſtuͤtzte er von Neuem ſeinen Kopf auf ſeinen Arm, und ſchien ſich ſeinen Traͤumereien wieder zu uͤberlaſſen. Da toͤnten wirre Fußtritte vor der Thuͤr, und der Kammerdiener meldete gleich hinter einander: „Der Herr Marquis von Miran.“ „Der Herr Ritter von Monval.“ „Der Herr Baron von St. Sauveur.“ „Meiner Treu, verzeihen Sie, Lieutenant,“ rief der Marquis von Miran,„wir kommen aus dem Wirthshauſe, wo wir ſo eben den Officieren des Brillant, der mit der Ebbe unter Segel geht, unſer Lebewohl gebracht haben.“ „Sie haben vier und zwanzig Stunden Arreſt, meine Herren,“ rief Thomas,„in meinem Befehle ſtand 12 Uhr.“ Der Marquis von Miran gab ſeinen Kamera⸗ den ein Zeichen, worauf alle drei dem Lieutenant ihre Honneurs machten, und, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, unter einander ſchwatzten. 56— Als es der Lieutenant halb ein Uhr ſchlagen hörte, riß ſeine Geduld; er öffnete die Thur des vordern Saals ein wenig, und rief dem Kammer⸗ diener ſtolz zu: „Wird denn der Commandant heute nicht ſicht⸗ bar werden?“ „Der Herr Graf ſind beſchaͤftigt!“ rief der Lakei. Heftig warf der Lieutenant die Thuͤr wieder zu und murmelte: „Er iſt da, hat ſich mit einem Maͤdchen, oder mit ſeinem Schneider, oder ſeinem Koche hier ein⸗ geſchloſſen, während brave und freie Seeleute hier im Vorzimmer lauern mäſſen, wie Lakeis. So weit fuhrt der Stolz auf Rang und Titel.“ In dieſen Aeußerungen ſeiner Wuth ward Tho⸗ mas durch die Ankunft des Grafen geſtört. Wie Heinrich eingetreten wat, ſtanden alle Offi⸗ ciere auf, und zugleich zeigten ſich auch zwei neue Geſtalten, die ſich an den Stab der Fregatte an⸗ ſchloſſen, nämlich Rumphius und ſein Bruder Sulpizius. Rumphius, wie gewöhnlich mit Leib und Seele in ſeine Berechnungen vergraben, warf ſich in einen Armſeſſelz der arme Sulpizius aber, dem die Scham und Beſturzung, ſich in ſolcher Geſellſchaft zu be⸗ finden, und ſeinen Bruder ſo zerſtreut zu ſehen, die Glut auf die Wangen trieb, zupfte ihn vergebens beim Aermel, und fluͤſterte ihm zu:„Mein Bru⸗ —— — der, der Herr Graf von Vaudrey iſt da; mein Bru⸗ der,— ſteh' doch auf;“—— aber da war Alles verloren.— Sulpizius entſchloß ſich daher, bei Rumphius zu bleiben, wahrend die Officiere einen Kreis um Heinrich bildeten. „Meine Herten,“ ſprach der Graf mit großer Freundlichkeit,„ich bitte tauſend Mal um Verzeih⸗ ung, daß ich Sie warten ließ; aber ich mußte erſt einige Geſchäfte beſorgen, und Sie konnen leicht denken, wie wichtig dieſe geweſen ſein muͤſſen, da ſie mir auf einige Augenblicke die Ehre, Sie eher zu empfangen, entziehen konnten.“ „In der That, Commandant, wir warten hier ſeit einer halben Stunde,“ ſprach Thomas mit trocknem Tone. „Ach! mein Herr!“ rief Heinrich laͤchelnd,„noch weit mehr, das verſichere ich Ihnen, ſind die zu beklagen, welche warten laſſen, als die, welche war⸗ ten; nicht wahr, meine Herren?“ fugte er ſcherz⸗ haft hinzu. „Bei Gott! das glaube ich auch, Commandant,“ rief vorſchnell St. Sauveur,„Sie predigen vor ſchon Bekehrten, denn wir ſelbſt haben Arreſt be⸗ kommen, weil wir auf uns haben warten laſſen.“ „Ach, mein Herr!“ begann nun Heinrich zum Lieutenant, mit dem Blicke eines freundſchaftlichen Vorwurfs,„ich hoffe diesmal gluͤcklicher als das erſte Mal zu ſein, und von Ihnen keine abſchla⸗ gige Antwort zu empfangen, wenn ich Sie um Verzeihung fur dieſe Herren bitte.“ „Alle Menſchen ſind einander gleich, Comman⸗ dant; ich ſehe nicht ein, weshalb man gegen einen„ adeligen Officier nachſichtiger ſein ſollte, als gegen einen armen Matroſen.“ „Er behandelt ſie auch artig, die armen Ma⸗ troſen,“ murmelte ganz leiſe St. Sauveur. „Genug, mein Herr,“ nahm Heinrich mit kal⸗ ter, rauher Stimme wieder das Wort.—„Wollen Sie mir dieſe Herren namentlich vorſtellen?“ Der Lieutenant gruͤßte und begann: „Herr von Miran, Schiffsfaͤhnrich.“ Miran gruͤßte. „Es iſt ein gluͤckliches Vorzeichen fuͤr mich, Herr von Miran,“ rief Heinrich,„daß ich einen von den Officieren an Bord beſitze, die ſo brav den Krieg mit dem unſterblichen Gefechte der la Belle- Poule eroffnet haben; und ich bin jetzt uͤberzeugt, Herr von Miran, daß die Sylphide ihrer glorrei⸗ chen Nebenbuhlerin nichts zu beneiden haben, und den Krieg ſo enden wird, wie die la Belle-Poule ihn angefangen.“ Miran gruͤßte und trat ab. „Herr von Monval, Schiffsfaͤhnrich.“ „Wir ſind alte Bekannte, obgleich wir uns niemals geſehen haben, Herr von Monval,“ ſagte Heinrich,„und doch wuͤrde ich Sie am Bord jedes Schiffs am Blitze Ihrer Batterie wiedererkennen; denn bei dem Gefechte am 17. April ſagte der Admiral von Guichen, deſſen Adjutant ich war, zu mir, indem er auf das Feuer der Unterbatterie des Robuſtus zeigte, welches ſo trefflich unterhalten ward, daß es einem Flammenkranze glich: Se⸗ hen Sie die Batterie dort, Vaudrey? Ich wette die commandirt der Ritter von Monval.— Nur er commandirt ſo vorzuglich.““ Dies waren Sie, nicht wahr?“ „Ja, Commandant.“ „Ich war davon uͤberzeugt, und Ihre Gegen⸗ wart an meinem Bord, Herr von Monval, wird mir viel Neider machen; aber ich kann es Ihnen nicht verhehlen, daß mich dies entzuͤcken wird, denn Sie, mein Herr, lehren mich den Egoismus ken⸗ nen.“ Monval gruͤßte und ging. „Herr von St. Sauveur, Flaggenwachter. „Ich hatte die Ehre, Ihren Vater, den Herrn Vicomte von St. Sauveur, in Verſailles zu ſehen, der Sie mir empfehlen wollte, aber ich ſage es Ih⸗ nen frei, daß ſeine Empfehlungen ungluͤcklicherweiſe unnutz waren, da die glaͤnzende That, die Sie im Gefecht des[Aigle gegen den Sandwick vollbrach⸗ ten, Sie in meinen Augen ſchon als einen jungen Marineofficier des Koͤnigs bezeichnet hatte, der zu den beſten Hoffnungen berechtigt.“ Herr von St. Sauveur grußte und ging. „Der Herr Doctor Gédeon, Stabschirurgus,“ ſagte der Lieutenant ferner, „Herr Doctor,“ ſprach Vaudrey,„ich rechne ſehr auf Sie im Frieden ſo wie im Kriege; Sie ſind unſer Schirm, und werden, ich bitte Sie dar⸗ um, uͤber mich verfugen, ſobald das Wohlbefinden der Matroſen befördert werden kann.“ Der Doctor Gédeon gruͤßte ſcheinheilig, und machte ſich mit ſeinem Degen eilig hinter die Offi⸗ ciere. „Der Herr Abbé von Cilly, Schiffsalmoſenier,“ ſchloß der Lieutenant ſeine Liſte. Beim Anblick des Abbé's konnte Heinrich ſich eines Staunens nicht erwehren, denn gewoͤhnlich wurden die Amtsverrichtungen des Schiffspredigers von Mitgliedern des niedern Clerus vollzogen, deren Haltung und Benehmen bisweilen mit den ehrwuͤr⸗ digen Verrichtungen, die ſie an Bord beſorgten, ſchrecklich disharmonirten. Vermoͤge ſeiner Gewandtheit konnte Heinrich einen Menſchen nach ſeinem Gruße, Gange und ſeiner Haltung auf der Stelle beurtheilen. Doch bei dem Anblick dieſes ſo neumodiſchen Schiffspre⸗ digers ſtutzte er, und als er ſich zu ihm wandte, lag in ſeiner Stimme der Ausdruck ehrfurchtsvoller Bewunderung, den ſie bisher hatte vermiſſen laſſen. „Herr Abbé“— begann Heinrich, und gruͤßte ihn—„ſtets bewunderte ich die erhabene Reſig⸗ nation, mit der die Diener der Kirche ſonder Furcht — und Scheu unſere Gefahren theilen, und demſelben Mißgeſchick, wie wir, trotzen, in dem hehren Stre⸗ ben, uns die Todesſtunden zu erleichtern. Sie erlauben mir alſo, daß ich Sie der innigſten Ach⸗ tung und Ehrfurcht verſichere, die ich fur das hei⸗ lige Amt, das Sie zu uns fuͤhrte, empfinde.“ Der Abbo grußte leicht, und antwortete:„Meine Zeit gehoͤrt nicht mir, Herr Graf; Sie entſchuldi⸗ gen daher, wenn ich Sie verlaſſe.“ „Ein fuͤr alle Mal, Herr Abbé“— ſprach Heinrich—„wiſſen Sie, daß, meinem Willen zu⸗ folge, kein Menſch das Recht haben ſoll, Sie we⸗ gen eines einzigen Augenblicks in einem ſo edel angewandten Leben zur Rechenſchaft zu ziehen.“ Und der Graf geleitete den Schiffsprediger ehr⸗ erbietig bis an die Thuͤr des Vorzimmers. Als Heinrich in den Saal zuruͤckkehrte, ſah er, wie ſeine Officiere ſich in einen Kreis um den un⸗ glücklichen Sulpizius geſtellt hatten, der, todten⸗ bleich, roth, gruͤn, alle Farben wechſelnd, wie ein Braten ſchwitzte, und nicht wußte, wie er ſich ver⸗ halten ſollte, da er ſich als das Ziel der Blicke ſo vieler Leute ſah. „Wie, Du biſt's, Sulpizius?“— rief Heinrich ſanft,—„mein Gott, ich hatte Dich gar nicht ge⸗ ſehen!— und da biſt Du ja auch, Rumphius,— Rumphius!“. Nur der fremde Klang dieſer Worte, aus Hein⸗ richs Munde, konnte den Aſtronomen, auf deſſen Zwerchfell die Stimme ſeines Bruders gar keinen Eindruck mehr zu machen ſchien, zu ſich ſelbſt brin⸗ gen. Er ſtand auf, und blickte mit ungewoͤhnli⸗ cher Kaͤlte die Anweſenden an. „I, guten Tag, Herr Graf, ich conjecturirte ſo eben approrimativ uͤber die Kruͤmmung des kleinen Baͤren, der bei den Hindus die Maniwahperle heißt.— Darauf wandte er ſich zu ſeinem Bru⸗ der:—„Sulpizius, Du mufßt ſehr dumm ſein, daß Du mir nichts von der Gegenwart des Gra⸗ fen geſagt haſt.“ „Er hat's Dir geſagt,“— fiel Heinrich ihm in's Wort,—„er hat's Dir geſagt, alter, treuer Freund, aber die Approrimation machte Dich taub.“ „Wahr iſt's, es geht mir manchmal ſo,“ er⸗ wiederte Rumphius,„und auch hier bin ich mitten unter den Menſchen allein, wie der Brahma Kid⸗ day.“ „Meine Herren!“ rief Heinrich,—„ich ſtelle Ihnen hier Herrn Bernhard Rumphius vor, einen unſter gelehrteſten Aſtronomen, der unſte Reiſe mitmachen wird. Jetzt, meine Herren, kennen wir uns Alle, Sie haben zum Lieutenant einen der bravſten Officiere unſrer Marine. Ja, Herr Tho⸗ mas, ich kenne alle Ihre Gefechte von jenem des Cerf an, womit Sie Ihre große Carriere zur See eröffneten, bis zu dem, das Sie gegen die Brigg Alacrity aushielten, und durch das Sie ſich den Rang eines Branderkapitaͤns erwarben. Ich bin — 55— jett ſicher uͤberzeugt, meine Herren, der Name unſter Fregatte wird eine Zierde unſerer Marine ſein, und Frankreichs Flagge konnte nie braveren Officieren anvertraut werden. Dieſe Ueberzeugung macht mich nicht minder froh, als ſtolz, denn die Befugniß, Sie zu commandiren, meine Herren, iſt mehr als Rang— iſt Ehre.“ „Wir werden Alle unſere Schuldigkeit thun, Commandant, denn Geſetz, Belohnung und Er⸗ hoͤhung iſt oder ſoll doch fuͤr Alle gleich ſein, Strafe und Belohnung Jedem nach Verdienſt und Wuͤr⸗ den,“ verſetzte Thomas trocken. „Dies höre ich gern, mein Herr,“— rief der Graf laͤchelnd—„und um es Ihnen zu beweiſen, will ich Sie noch ein Mal um Verzeihung fuͤr dieſe Herren bitten; denn auch ich habe Sie auf mich warten laſſen, und doch trifft mich die Strafe nicht; ſomit verlange ich die von Ihnen geruͤhmte Gleichheit fur Alle.“ „Der Herr Commandant wiſſen wohl, daß ich durchaus kein Recht habe, Sie zu beſtrafen, wenn Sie mich auch ſechs Stunden lang vor Ihrer Thuͤr warten ließen; ich ſtehe unter Ihren Befehlen, ſo wie dieſe Herren unter den meinigen; die ihnen auferlegte Strafe iſt gerecht, und ſie werden ſie lei⸗ den, außerdem, der Herr Commandant gaͤbe mir formliche Ordre, ihren Arreſt aufzuheben; dann wuͤrde ich dieſen Befehl vollſtrecken.“ „Nun, mein Herr,“ rief Heinrich ungeduldig, —„weil Sie denn durchaus einen Befehl wollen, ſo gebe ich Ihnen denſelben.“ Darauf wandte er ſich zu den jungen Männern:„Darf ich hoffen, meine Herren, daß Sie mir die Ehre geben wer⸗ den, heute Abend bei mir zu ſpeiſen, da Ihr Arreſt nunmehr aufgehoben iſt?“ Die Juͤnglinge verneigten ſich. „Ich rechne noch auf Sie, mein Herr,“ ſprach Heinrich zu Thomas, den er vorlaͤufig eingeladen hatte. „Ich werde dieſe Ehre nicht haben können, Commandant, ich eſſe alltäglich mit meiner Mutter.“ „Deſto beſſer,“ riefen ganz leiſe die Officiere. „Das iſt ein ſehr achtungswerther Grund, den ich annehmen muß; doch thut mir's leid, Sie ſo⸗ nach heute in unſerer Geſellſchaft entbehren zu muͤſſen. „Und Sie, Doctor?“ „Ich werde dieſe Ehre nicht haben können, Com⸗ mandant,“ wiederholte der Doctor, als Echo des Jean Thomas,„ich eſſe täglich mit,— bei,— dei meinem Clarinettenlehrer,“ ſprach geiſtreich der Doctor Gédeon, nachdem er lange eine wahrſchein⸗ liche Entſchuldigung geſucht hatte. „Ach, mein Gott!“ rief Heinrich mit erſchrocke⸗ nem Blick,„Doctor, Sie blaſen Clarinette?“ „Ich halte es fur ein unſchuldiges Vergnuͤgen, das jeder Menſch ſich machen darf, inſofern man 65 die Gleichheit der Menſchen beruckſichtigt, ſich— ſich auf der Clarinette zu amuͤſiren.“ „Das iſt eine unverwerfliche Wahrheit, Doctor; aber leider iſt es nicht fuͤr jeden Menſchen ein un⸗ ſchuldiges Vergnuͤgen, darauf blaſen zu hoͤren, und darin iſt die Natur ungerecht, Herr Doctor; ich bedaure Sie deshalb recht herzlich.— Fuͤr dieſen Abend, meine Herren.“ Heinrich entließ ſeinen Stab, und ging in ſein Zimmer zuruͤck. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 5 Fünftes Kapitel. „Sie haben ſich ſehr ſchnell entfernt,“ ſagte der Wirth zu ſeinem Gaſte. „Es war wohl Zeit dazu, weil der Teufel in unſerer Mitte Platz nahm.“ Walter Scott, Kenilworth. Sechs Tage nach des Grafen von Vaudrey An⸗ kunft in Breſt ſchwatzten zwei Kameraden ganz ge⸗ maͤchlich mit einander in einem unbedeutenden Wirths⸗ hauſe der rue de la Souris in der Recouvrance. Es war ein ziemlich weiter Saal, in welchem lange Tafeln und Baͤnke von Eichenholz ſtanden, erleuchtet von eiſernen, an der Mauer aufgehäng⸗ ten Lampen; geheizt aber ward er durch einen un⸗ geheuern Kamin, der faſt im Hintergrunde dieſes Gemachs ſeine belebende Waͤrme und ſeine růthl⸗ chen Strahlen verbreitete. Unſere beiden Leute hatten ihr Tiſchchen ſich recht bequem zum Kamin geſetzt, und da ſaßen ſie denn, die Fuͤße auf dem Feuerbocke, die Arme auf dem Tiſche, und vor ihnen ſtand ein großer Zinn⸗ — 6— krug mit einem, Gott weiß was fur welchem, rau⸗ chenden Naß, welches ihnen ein ſehr freundſchaft⸗ liches Geſpraͤch zu wuͤrzen ſchien. Der Aeltere von ihnen ſchien funfzig Jahre alt zu ſein, aber ſein maͤchtiger Wuchs, ſeine kraͤftigen Zuͤge, ſein heiteres, kerngeſundes Geſicht, verriethen ein munteres Alter, voll Kraft und Stärke. Dieſer Mann war ſorgfältig gepudert, und ſeine Haare, ohne Haarbeutel, wurden hinten von einem kleinen Lederbande zuſammengehalten, auf dem zwei Kanonen und ein Anker, und daruͤber die koͤnigliche Krone, in Kupfer geſchlagen ſichtbar waren. Außer dieſem kleinen Militärabzeichen war ſeine Kleidung ſehr einfach und buͤrgerlich, ſein Rock von kaſtanienbraunem Tuche, die Weſte leberfarben, Hoſen und Struͤmpfe grau. Dazu kam eine hohe weiße Halsbinde, in die er bisweilen ſein Geſicht bis zur Naſe verbarg, ſo daß man dann nur ſeine beiden kleinen ſchwarzen Augen und ſeine runzlige und finnige Stirn ſah, deren Rothe der Puder nur noch mehr hervorhob. In ſittlicher Hinſicht ſchien dieſer Menſch der groͤßte Pedant von der Welt zu ſein; ſeine Reden waren anmaßend und oft auch unverſtaͤndlich, denn gewoͤhnlich ſtaffirte er ſie mit einer Maſſe von Worten aus, deren Bedeutung er ſelbſt nicht kannte, und die ihm deshalb zur vornehmen Sprache zu gehoͤren ſchienen. Denn vor allen Dingen ſcheute 5 ſich dieſer Herr ganz entſetzlich davor, er moͤchte in ſeinen Reden, ſeiner Kleidung und ſeinen Manie⸗ ren einem Matroſen gleichen. Dieſer Mann war Jvon Kergoust, aus Plo⸗ ermel gebuͤrtig, und Meiſter der Buͤrger⸗Kanoniere am Bord der Sylphide. ²) Sein Gefährte war Perez. Perez war einfach grau gekleidet, aber ſein ha⸗ geres und braunes Geſicht verrieth noch ſeine letzten Leiden und die entſetzlichen Gefuhle, die ihn bewegt hatten. Meiſter Kergoust, der aus einer langen Pfeife rauchte, hatte ſich in ſo dichte Dampfwolken ge⸗ huͤllt, daß er völlig hinter dieſem Vorhange ver⸗ ſchwunden war, und daß man die Anweſenheit des Buͤrger⸗Kanoniers nur aus den pathetiſchen Wor⸗ ten errathen konnte, welche, einer unſichtbaren Ora⸗ kelſtimme gleich, aus jenem Gewoͤlke hervorſchallten. ²) Dieſe Bürger⸗Kanoniere bildeten eine Korporation, welche ihre eigenen Freiheiten und Einrichtungen hatte. Sie dienten in dieſem Corps vom Vater auf den Sohn, und obgleich ſie der Disciplin am Bord unterworfen wa⸗ ren, pflegten die Offiziere ſie doch nicht ſelbſt zu beſtrafen, ſonbern dies ihrem Kanoniermeiſter zu übertragen. Die⸗ ſer hatte häufig über ſeine Leute eine ſolche moraliſche Ge⸗ walt, daß die Strafe fuͤr einen leichten Fehler z. B. darin veſtand, acht Tage nicht mit dem Meiſter ſprechen zu dür⸗ fen. Und bei dieſer ſcheinbar ſo oberflächlichen Disciplin geſchah der Dienſt mit unbegreiflicher Pünktlichkeit und ſeltenem Eifer. — 69— „Ei, ei, daran thun Sie ſehr Unrecht, daß Sie nicht rauchen, Herr Charles,“(denn dieſen Namen hatte Perez angenommen);„das iſt eine falſche, zu aͤngſtliche Delicateſſe, denn in der Na⸗ tur hat Alles Fug und Recht, zu rauchen, vom Vulkan bis zum Schnee, das habe ich bei meinem letzten Zuge an den Nordpol im Jahre 1768, am Bord der Folle, unter dem Capitän von Kerguelen, eingeſehen. Denn, Herr Charles, da der Schnee raucht, er, der es doch weniger als jeder Andere thun ſollte, denke ich, thun wir gar nicht uͤbel dar⸗ an, ihm nachzuahmen.“ Ein entſetzlicher Huſten, woran Perez faſt er⸗ ſtickt wäre, unterbrach den Kanonier in ſeiner Apo⸗ logie. „Sie haben Recht, Herr Kergoust,“ verſetzte Perez darauf.—„Aber mein Huſten kommt nur daher, weil ich den Taback noch nicht gewohnt bin; doch unter Euch Soldaten werde ich mich ſchon daran gewoͤhnen.“ „Ich habe es Ihnen ja ſchon ein Mal geſagt, Herr Charles,“ rief Kergouöt, und ging zornig aus ſeinem Wolkenhimmel hervor,„ich bin kein Sol⸗ dat, ſondern ein Buͤrger-Kanonier, verſtehen Sie, Buͤrger, Buͤrger, im wahren Sinne des Worts, Buͤrger, mit Leib und Seele Buͤrger.“ Leicht kann man ſich die Erbitterung des Mei⸗ ſters Kergouöt denken, wenn man uͤberlegt, daß er das leibhaftige Conterfei ſeines Standes war, und daß dieſer Stand nichts mehr fuͤrchtete, als fuͤr Soldaten zu gelten; er ſchlug ſich zwar deshalb nicht minder gut, hielt aber feſt und ſteif auf ſeine Buͤrgerfreiheiten. „Ich hatte es vergeſſen, Herr Kergoust.“ „Das mag ſein.— Aber ſehen Sie, wenn man kein Soldat iſt, will man auch nicht als Sol⸗ dat behandelt ſein. Nichts ſieht uͤbrigens dem Soldaten ſo unaͤhnlich, als unſer Stand! Denn was thun wir denn? An Bord fegen wir unſer Geſchutz, und das iſt doch gewiß ſehr buͤrgerlichz denn eine Kanone oder ein Comptoir fegen, iſt einerlei! Giebt's ein Gefecht? Nun, dann ſchuͤtten wir Pulver in unſere Kanonen, ſetzen eine Kugel darauf, wie ein Lebkuͤchler Muscate und Pfeffer in ein Duͤtchen thut, dann bringen wir Feuer hinzu, — wie man eine Laterne anzuͤndet,— und des⸗ halb ſollen wir uns doch nicht etwa Soldaten ſchim⸗ pfen laſſen? Das iſt nicht wahr; wir ſind Buͤr⸗ ger, denn wir gehen in keinem Gefechte weiter, als es dein Buͤrger geziemt.“ „Aber wenn Sie nun beim Entern mit zu⸗ hauen, Herr Kergouöt?“ „Beim Entern,— beim Entern!“ rief der Ka⸗ nonier und druͤckte ſein Geſicht zur Haͤlfte in ſeine Halsbinde, als wolle er darin ein Argument ſuchen, das er auch ohne Zweifel fand, denn er fuhr leb⸗ hafter als je in ſeinen Behauptungen uͤber den Buͤrgerſtand alſo fort:„Beim Entern! Nun, was — — beweiſt dies? Ein ſchlagendes Beiſpiel. Sie ſind ruhig in Ihrem Hauſe, nehme ich an. Da kom⸗ men Raͤuber, Sie ſchmaͤhlich daraus zu verjagen; Sie nehmen einen Säbel, Spieß, Axt, kurz, das erſte Beſte, was Ihnen unter die Haͤnde kommt, und fallen uber die Raͤuber her.— Nun, beim Entern iſt's eben ſo. Das Schiff, das iſt unſer Haus, worin wir Buͤrger ſind; daraus will man uns vertreiben, darin giebt es nichts Soldatenhaftes; Alles iſt buͤrgerlich, denn es giebt wohl keinen Buͤr⸗ ger, der ſein Haus nicht vertheidigte. Ja, erſt an Bord, ſollen Sie ſchon andere Begriffe bekommen.“ „Gewiß, Herr Kergoust,“ verſetzte Perez,„aber ſagen Sie mir einmal, iſt denn Ihr Commandant, der Herr Graf von Vaudrey, ein guter Menſch, — ein braver Officier?“ „So viel ein Buͤrger, wie ich, urtheilen kann, Herr Charles,— ein guter Menſch? nein! Ein braver Officier? ja! Gott ſtraf mich, an Bord iſt er ein Teufelskerl. Einſt, habe ich mir ſagen laſ⸗ ſen, denn in der Naͤhe habe ich ihn ſelbſt noch nicht geſehen, hat er einen Buͤrger⸗-Kanonier, ver⸗ ſtehen Sie, einen Buͤrger⸗Kanonier, an der Wind⸗ ſpille nicht arbeiten laſſen,— zur Schmach unſrer Rechte und Freiheiten,— und dies veranlaßte eine entſetzliche Aufregung unter den Kanonieren; ſie empoͤrten ſich und gingen auf den Commandan⸗ ten los; er aber toͤdtete einen mit eigener Hand, wei andere verwundete er.“ „Und die Mannſchaft blieb neutral, Herr Ker⸗ gouöt?“ „Ei freilich; denn wenn der Commandant auch hart wie eine Stuckkugel iſt, wenn er ſie auch täg⸗ lich pruͤgeln und in Ketten werfen laͤßt, ſo iſt ihm doch die Mannſchaft ergeben, ob aus Furcht oder Liebe, weiß ich ſelbſt nicht; kurz und gut, ſie trat dem Commandanten zur Seite, und half ihm, die Buͤrger⸗Kanoniere bezwingen.“ „Uund wie koͤnnen Sie ſich entſchließen, da zu dienen, Herr Kergoust?“ „Ei, mein Herr, ob ich da oder wo anders diene! Auch iſt die Fregatte gut, der Comman⸗ dant tapfer, und außerdem giebt's doch im Kriege auch etwas Beute.“ „Wie? Sie haben Anſpruͤche auf einen Theil der Beute?“ „He, ſind Sie naͤrriſch! Ohne Zweifel, und Sie als Proviantmeiſter gleichfalls, Sie erhalten den 397ſten Theil; aber nicht von dieſem Antheil allein können Sie ſich Gewinn verſprechen; nein, mehr noch von unſter Verpflegung.“ „Ich ſchwoͤre Ihnen, Herr Kergouöt, ich ſuche dabei nicht Geldgewinn.“ „Aber das iſt ja ganz natuͤrlich, mein Beſter; nehmen wir an, Sie haben den Proviantmeiſter aufgeſucht, und ihn ſo angeredet: Herr Proviant⸗ meiſter, ich wuͤnſchte eine Actie bei dem Proviant zu nehmen, unter der Bedingung, daß ich eine Commisſtelle am Bord der Sylphide erhalte. Da hat denn der Proviantmeiſter geſagt: Nehmen Sie eine Actie von 10000 Livres, und die Stelle iſt Ihre. Topp, Proviantmeiſter, haben Sie ge⸗ ſagt, und ſind ſo Proviantcommis geworden am Bord unſter Fregatte, wo dieſe Stelle ganz huͤbſch iſt, da der Commis in der Cajuͤte wohnt, und den Rang eines Marineofficiers hat. Fuͤr einen, der nicht Buͤrger iſt, iſt dies noch das Beſte, denn manche Menſchen haben ſich ganz aberglaͤubiſch in den Soldatenſtand verliebt!“ „Ja, da Sie auf Aberglauben kommen, Herr Kergoust; iſt's denn wahr, daß die Matroſen im⸗ mer noch in dem groben und dummen Irrthume ſich befinden, und an Schickſal und Anzeichen glauben?“ Bei dieſen Worten zog der Buͤrger⸗Kanonier ſein Geſicht ſo heftig in ſeine Halsbinde zuruͤck, daß man kaum noch ſeine Augen ſah, die, wir duͤrfen es frei geſtehen, Blitze zu ſchleudern ſchienen. „Was iſt Ihnen, Herr Kergoust?“ Hohle, unarticulirte Toͤne, deren Ausdruck Zorn und Drohungen verrieth, ſchallten aus der Hals⸗ binde hervor, in der das Geſicht des ehrenfeſten Kanoniers verborgen war. „Aber, nochmals, Perr Kergouöt, ſollte ich Sie etwa beleidigt haben?“. „Nun denn! ja,“ rief der Kanonier, druͤckte ſeine Halsbinde derb nieder, und ließ ſein von Zorn —— glühendes Geſicht ſehen,„ja, beleidigt; denn das, was Sie grobe Irrthuͤmer nennen, das iſt auch meine Meinung! meine Meinung, weil ich That⸗ ſachen und Beiſpiele dafuͤr habe; und wenn ich einen Mann mit einem grauen Barte, der doch wahrlich geſcheidter als ein Kind ſein ſollte, ſo fra⸗ gen hoͤre, bin ich gereizt, fuͤhle ich mich ſehr ge⸗ reizt.“ „Aber, Herr Kergouöt, beruhigen Sie ſich doch.“ „Ruhig ſoll ich ſein, wenn ich ehrwuͤrdige Sa⸗ chen, die ich ſelbſt ſteif und feſt glaube, Irrthuͤmer ſchelten hoͤre? Das boͤſe Vorzeichen einer Abreiſe am Freitage, das iſt wohl Jrrthum? Das Vor⸗ zeichen des St. Elmfeuers, das iſt wohl Irrthum? Irrthum ſoll wohl auch der Fluch Gottes ſein, der, wenn er auf einem Menſchen haftet, ſtark genug iſt, die ganze Mannſchaft zu verderben, wenn der Menſch ſein Vergehen nicht durch eine exemplari⸗ ſche Strafe abbuͤßt?“ „Herr Kergouöt!“— „Ach, da iſt nichts zu Herr Kergouötten!“ eief der Kanonier außer ſich,„Irrthuͤmer!— Nun — denn, ich, mein Herr, ich will Ihnen etwas erzäh⸗ len, was Sie Irrthum nennen, einen Irrthum, den ich ſelbſt gefüͤhlt habe, verſtehen Sie mich, ſelbſt gefuͤhlt.— Hoͤren Sie, aber laſſen Sie Ihre immerwaͤhrenden Widerſpräche. „Es war auf jener Reiſe nach dem Nordpole, am Bord der Folle, an einem ſchoͤnen Auguſt⸗ 5— abend, ungefaͤhr im 770 der Breite: da ſtand un⸗ ſer Schiff, denn uns traf eine ploͤtzliche Windſtille, mitten in einer Art von Baſſin, das eine Kette von Eisbergen umzog; und ſo weit mein Auge ſah, war Alles voll Eisbergen, die uns zuriefen, oder vielmehr die ausſahen, als wollten ſie uns zurufen: „Ungluͤckliche Schiffer, hier iſt der Ocean längſt ſchon geſperrt!“ „Es war nicht ſo viel Luftzug da, daß er die Schmetterlinge vom Kopfputz einer holden Dame haͤtte wegtreiben können, da faßte der Comman⸗ dant den Entſchluß, die Nacht in dieſer Windſtille zu verharren. Das ging noch an; aber um Mit⸗ ternacht erhebt ſich der Weſtwind, dreht ſich, daß es ſchauderhaften Schnee giebt, und ein Gekrach, wogegen der Donner nichts iſt, uns fuͤrchterlich erſchreckt; denn daraus ließ ſich ſchließen, daß das Eis wanke, und jene ungeheuren Berge, vom Winde getrieben, zu gehen begannen, wie man von den Eisfahrten in Ihren Flüſſen ſagt.— Es war mör⸗ deriſch kalt, unmoͤglich, aus dieſem Trichter ſich herauszuluͤgen, und allaugenblicklich liefen wir Ge⸗ fahr, zwiſchen zwei Eisbergen, wie ein Floh zwi⸗ ſchen zwei Naͤgeln, zerquetſcht zu werden⸗ „Die ganze Nacht herrſchte Todesſchrecken; bei jeder Erſchuͤtterung glaubten wir, verſchlungen zu werden; gluͤcklicherweiſe legte ſich gegen Morgen der Wind, und bei Sonnenaufgang ſahen dieſe Berge, die vorher ſich an einander geſchloſſen hiel⸗ — ten, aus, wie Neulinge am Tage ihres erſten Ge⸗ fechts. Der Wind hatte ſie aus einander gejagt, und ſie bildeten nun eine Inſelgruppe, durch die ein offener Kanal fuͤhrte, der faſt gänzlich vom Eiſe befreit war, und ſich weit ausdehnte. „Der Capitaͤn ließ uns durch dieſen Kanal hin⸗ durchrudern, und ſchon hatten wir faſt drei Meilen zuruͤckgelegt, als wir uͤber einer von den ungeheu⸗ ern Eisſchollen, die beide Seiten des Kanals fuͤll⸗ ten, die Spitzen der Maſten eines Schiffs gewahr⸗ ten, welches feſtſaß— feſtſaß.“— Hier ward die Stimme des Kanoniers dum⸗ pferz ſeine Zuͤge druͤckten Schauder aus, und ſeine Sprache wurde demuͤthiger. „Aber ach! mein Herr; nie hat ein Schiff ſolch' Maſt⸗ und Tauwerk gehabt; nie war das Segel⸗ zeug ſo geſpannt. Einige Minuten lang ſahen wir dieſes Schiff vor dem Weſtwinde, der ſich wie⸗ der erhoben hatte, fliehen; darauf ſtieß es plotzlich auf eine Eisbank und ſtand, wie angeleimt. „Und unſer Capitaͤn, Herr, hatte die verfluchte Neugierde, es naͤher zu betrachten. Quer durch den Kanal hinein fuhr er, ließ eine Jolle zurecht machen, beſtimmte mich zu ſeinem Begleiter, und ſo. ging's fort. „Als wir an Bord dieſes ſeltſamen Schiffs ſtiegen, hatte ich keinen Tropfen Blut in meinen Adern.— Denken Sie nur, ſeine Decke war wie von der Zeit oder den Eisſchollen, die es ſchadhaft gemacht hatten, benagt; Niemand ließ ſich auf der Bruͤcke ſehen, die mit ſchrecklich hohem Schnee be⸗ deckt war. „Der Capitaͤn rief einige Mal die Mannſchaft. — Niemand antwortete.“ Und Kergouöt ſchwieg, als wolle er ſeine Er⸗ zählung dadurch feierlicher machen. Perez hatte an dieſer ſo treuherzigen Erzaͤhlung beſondern Antheil genommen; auch gewann dieſe geheimnißvolle Geſchichte durch den Ort, wo ſie er⸗ zaͤhlt ward; denn es war ein weiter, dunkler Saal, von dem ſterbenden Schein der Lampen nur ſpär⸗ lich erhellt. Coloſſaliſch dehnte ſich der Schatten der beiden Plauderer am Fußboden hin. Perez, obgleich als Spanier unempfindlich, konnte ſich doch eines leich⸗ ten Schauders nicht erwehren, der auch Kergouöt, je weiter er in ſeiner Erzahlung vorſchritt, mit er⸗ griff. „Niemand antwortete,“ nahm Kergouöt nach ziemlich langem Schweigen wieder das Wort.„Der Capitaͤn ſtieg auf die Bruͤcke, da ließ ich mich ge⸗ luͤſten, durch das Schießloch eines Zimmers zu gucken; und ich ſehe— ich ſehe—“ Hier glitt Kergousts Hand uͤber ſeine blaſſe tirn, und trocknete einige Schweißtropfen. „Nun, was ſahen Sie denn?“ rief Perez, deſſen Perz unwillkurlich pochte. „Ich ſehe, ſo, wie ich Sie ſehe, einen Men⸗ ſchen vor einem Tiſchchen ſitzen, auf dem ein Blatt Papier und Federn lagen. „Ich rief ihm zu:„He! Kamerad „Umſonſt.— Er antwortet nicht— und bleibt unbeweglich. „Da zauderte der Capitaͤn nicht länger und ſtieg auf die Treppe: wir raͤumten den Schnee weg, der den Eingang des Zimmers ſperrte, wo jener unbewegliche Mann ſaß, der nicht antworten wollte. „Wir treten in ſein Gemachz— er ruͤhrt ſich nicht. Endlich naͤhere ich mich,— er war todt, mein Herr, er war todt; ein gruͤnlicher Schimmel uͤberzog ſeine Wangen, Stirn und Augen.— Der ungluͤckliche war in der moͤrderiſchen Kalte dieſer Einode erfroren; noch hielt er eine Feder in der Hand, und vor ihm lag ſein Tagebuch ausgebrei⸗ tet. Unvergeßlich bleiben mir die letzten Worte, die ich darin las:—„11. Novbr.— Heute ſind's 70 Tage, daß wir von den Eisſchollen eingeſchloſ⸗ ſen ſindz geſtern iſt das Feuer erloſchen, und unſer Capitan, der an unſerm ganzen Ungluͤck Schuld iſt, weil Gottes Fluch auf ihm ruht, hat es verge⸗ bens wieder anzuzuͤnden verſucht. Seine Gattin iſt dieſen Morgen verſchieden— keine Hoff. „Weiter war nichts zu leſen, mein Herr,“ rief Kergouöt mit einem Gefuͤhle des entſetzlichſten Schauders,„die Kälte hatte jenen Ungluͤcklichen ergriffen; auf dem Platze vor der Bruͤcke lagen die ſtummen, entſeelten Körper der Matroſen, die aber der Tod nicht entſtellt hatte, denn die ſtrenge Kälte hatte ſie erhalten; endlich fanden wir auch den Capitän, der neben dem Leichnam eines Weibes an der Erde ſaß, und in der einen Hand noch den Feuerſtein, in der andern den Stahl hielt; ihm zur Seite lag Zunder. „Leicht koͤnnen Sie ſich denken, daß ich nur einen Schrei ausſtieß, um den Capitan zu bitten, nicht auf dieſem verfluchten Schiffe zu bleiben. Wir kehrten auf das unſtige zuruͤck. Nun, mein Herr, ſehen Sie ſelbſt, was der gottliche Fluch zu bedeuten hat;— ſelbſt das letzte Mittel zur Ret⸗ tung wird in den Händen ſo eines Verfluchten zu nichte:— mit Stahl, Stein und Zunder kann je⸗ ner Verfluchte nicht einen einzigen Funken Feuer hervorbringen.— Verflucht,— verflucht,— ha! daß man dieſen Fluch nicht wußte, bevor man abreiſte!“ „Und was wuͤrde man dann gethan haben?“ fragte Perez. „Das, was man vor zwanzig Jahren im Ge⸗ ſchwader des Herrn Marſchall von Conſtans that; es befand ſich auch ſo ein verfluchter Capitaͤn dabei; Niemand wollte mit ihm ſteuern, die Mann⸗ ſchaften empoͤrten ſich, und er mußte die Marine verlaſſen. Er hieß Marquis von Verriac, und war uͤbrigens ein trefflicher Officier.“ — 66 „Das iſt ſonderbar,“ rief Perez tiefſinnig; und er blieb eine Weile ſtumm. „Meine Herrn Buͤrger,“ begann darauf der Wirth,„es läutet zur Nacht, da muß ich mein Wirthshaus ſchließen.“ „Schon gut,“ rief Kergoust, und bezahlte ſei⸗ nen Krug Wachholderſchnaps.„Auf und fort, Herr Charles,“ ſprach er, und ſchuͤttelte Perez beim Arme. 3 „Ich folge Ihnen, Herr Kergouöt.“ „Und ich will Sie bis zu Ihrem Hauſe beglei⸗ ten.“ 2 „Nun denn, gute Nacht; traͤumen Sie nur nicht vom Manne mit dem gruͤnen Geſichte. Ja, nicht wahr, das iſt eine ſchreckliche Geſchichte?“ „Ja, ſchrecklich genug,“ verſetzte Perez. Darauf druͤckte er herzlich die Hand des neuen Freundes, der ihm, waͤhrend ſie gingen, noch ver⸗ ſprach, ihn morgen mit der Sylphide bekannt zu machen. Und Perez eilte, Rita wieder aufzuſuchen, die ihn ängſtlich erwartete. * Sechstes Kapitel. Ho! dieſe Schmach iſt ein Jammer!— Geh, Du biſt nur ein rohes Thier, und haſt eine unſinnige Freude, indem Du denkſt, daß ich meine Beute aufgeben werde. Wenn ich Dich barfuß an den Straßenecken aufſuchen müßte, ſo ver⸗ borgen Du auch wäreſt, und ſo fern,— ich würde dennoch gehen.— Fürchte meine Liebe, Garuc, ſie iſt ungeheuer, wie das Meer. Alfred de Muſſy, Erzählungen aus Spanien und Italien. Das namenloſe Weib. In einer beſcheidenen Wohnung der rue de PArsenal erwartete Rita in Mannskleidern ihren Stallmeiſter. Perez kam bald, hatte ſo eben den Buͤrger⸗Ka⸗ nonier verlaſſen, und erzahlte haarklein der Her⸗ zogin ſeine Unterhaltung, ſelbſt auch die Geſchichte des eingefrornen Schiffs, dieſes Opfers des göttli⸗ chen Zornes. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. M. 6 nen gewaltigen Eindruck, und raſch aufſtehend ſuchte ſie Joſe⸗Orté's Werk uͤber die Gifte, und blaͤtterte gierig darin. Kaum hatte ſie wenige Minuten geſucht, ſo winkte ſie Perez, eine Stelle, die ſie ihm mit dem Daumen bezeichnete, vorzuleſen. Dieſe Stelle lautete: Und ihre Geſichter wurden bleich, und ihr Schlaf beunruhigt von ſchrecklichen Traͤumen, und ihre Kraft und Heiterkeit Seine Etzaͤhlung machte auf die Herzogin ei⸗ wich von ihnen; aus Tapfern wurden ſie jetzt Feiglinge, und ihre Juͤnglingshaͤnde zitterten wie die eines Greiſes, und ſie wurden mager und Geſpenſtern ähnlich, und ihre Augen rollten ſtier in ihren Krei⸗ ſen, und bald hauchten ſie im ſchrecklichſten Wahnſinn den Geiſt aus. Ja, beim Habb'ay, dies war dem ſo, Bruder, denn Lhop'ays hatte den Staub des Tſchettik) von Java auf ihr Mahl ge⸗ ſtreut,— und der todbringende Staub verwandelte, ſobald er es beruͤhrte, das Freudenmahl in ein Trauermahl. 3 * Der Upas Tinti, auf Java Tſchettik genannt, wird in dem indiſchen Archipel gefunden. Dieſes Gift hat das An⸗ ſehen eines gummiartigen Extracts, und erzeugt in dem thie⸗ riſchen Körper jene Phänomene, welche oben angedeutet find. Da blickte Rita Perez feſt an, und ſprach zu ihm:„Iſt Dein Amt, das Du an Bord haſt, nicht das, den Proviant an die Mannſchaft zu verthei⸗ len, Perez?“ „Ja, edle Frau.“ „Nun denn, verſtehſt Du mich? Kannſt nicht auch Du, Perez, Freudenmahle in Todtenmahle verwandeln, und dieſe Mannſchaft, die ſo tapfer, ſtark und jugendlich iſt, feig, ſchwach und zaghaft machen,— ſo daß ſie, wenn ſie auf den Feind trifft, den Kampf vermeidet und ſich ſelbſt entehrt, ſo daß, wenn ſie ihren Capitän frei von dem Ver⸗ derben ſehen, jene abergläubiſchen Matroſen ihn fuͤr den Verfluchten halten, der des Himmels Rache uber ſie bringt?— Denn nach Allem, was Du mir geſagt haſt, theilt er ſelbſt nicht den Proviant ſeiner Mannſchaft.— Kannſt Du Dir wohl den ſchrecklichen Auftuhr vorſtellen, den noch uͤberdies unſere Erzaͤhlung von ſeinen moͤrderiſchen Duellen, ſeinen ſchändlichen Verfuͤhrungen erregen wird?— Hal! ich ſehe ihn ſchon durch eine ſchimpfliche Flucht entehrt, der Wuth der Matroſen ausgeſetzt, und ich weiß nicht, ich kann nicht Alles vorherſehen, aber mir ahnet, er wird einen ſchauderhaften und lan⸗ gen Todeskampf zu kaͤmpfen haben, Perez.“ „Dieſer Plan iſt unſinnig, edle Frau,“ ſprach Perez in ſtrengem Ernſt. „Unſinnig, Perez?“ 6* — „Ja, edle Frau, unſinnig; denn dieſer Plan gleicht dem, den Sie in Paris entwarfen, und den ein boshaftes Verhängniß ſo grauſam vernichtete.— Unſinnig, wie jeder Plan, der dem Wahnſinn ei⸗ nes Paſſes entſpringt, welcher furchtbar waͤre, wenn er ſich mit der Moͤglichkeit begnugte, der aber ohn⸗ mächtig wird, weil er zu weit geht. Verzeihen Sie meinen Freimuth, edle Frau; aber Sie wiſſen es ja, mit Leib und Seele habe ich mich Ihnen und Ihrer Rache geweiht, weil meine Familie ſich der Ihrigen ſchier ſeit drei Jahrhunderten geweiht hat, weil ich dieſe Treue erbte und in mir fuhlte, ehe ich daran dachte; weil mir's unmoglich iſt, mich von Ihren Leiden und Freuden zu trennen; weil jeder Schlag, jede Beleidigung, von denen Sie ge⸗ troffen werden, auch mich trifft, denn die, welche ſich zum Dienen hergeben, haben keine andere Ehre mehr, als die ihrer Gebieter, edle Frau,— und dann, weil ich Ihre Rache als die meinige anſehe, ſage ich Ihnen hiermit, daß Sie dieſen Menſchen zu ſehr ſchonen, denn, denken Sie nur, daß, waͤh⸗ rend Sie ihn Ihre Rache recht vollkommen em⸗ pfinden laſſen wollen, er Ihnen vielleicht entrinnt! Bedenken Sie die Launen und Gefahren des Kriegs, welche dieſer Rache vorgreifen können; und wenn Ihnen nun die Engländer den Grafen erſchöſſen, edle Frau? Und wenn er einen glorreichen Tod in einem ehrenvollen Gefechte faͤnde, bevor Sie Ih⸗ ren Plan hätten ausfuͤhren köͤnnen? Wuͤrde es Sie dann nicht ſchmerzen, ſo viel aufgeopfert zu haben, um ſo wenig zu erlangen; und wuͤrden Sie dann bei ſeinem Tode nicht eine Null ſein, und ſich bitterlich ärgern, ihn nicht ſelbſt ermordet zu haben, und um ſo mehr, da das Leben dieſem Men⸗ ſchen Alles gilt? Edle Frau, ſein Sie verſichert, er iſt gluͤcklich—“ „Aber Du begreifſt gar nicht, Perez, daß ich eben darum, weil ich weiß, daß er ungluͤcklich ſein wird, ihm dies Leben laſſe, und iſt ein Leben voll Ungluͤck wohl ein Gut, Perez? Wenn ich ihn heute noch ermorde, wird er kaum eine Secunde lang leiden, und dies wäre Alles; nein, im Gegen⸗ theil will ich ihm ſein ganzes Daſein vergaͤllen, und dies Leben, das ich ihm laſſe, wird das ſchrecklichſte Werkzeug ſeiner Marter ſein.“ „Aber, beim Teufel, edle Frau, wenn er nun in einem Gefechte fallt! Wir haben jetzt Krieg!“ „Das iſt nicht moglich, Perez; mir ſagt eine Stimme, ein Bewußtſein, eine Ueberzeugung in meinem Innern, er wird nicht ſterben, ich werde geraͤcht werden, wie ich geraͤcht ſein will.“ „Poͤll' und Teufel! edle Frau; das heißt, ſich den Kopf auf dem Pflaſter zerſtoßen, und die Baſis, auf die Sie Ihre Rache zu gruͤnden wagen, iſt ſehr zerbrechlich,— jetzt, wo Sie bloß ein Wort brauchen, um dieſen Menſchen morgen ſchon todt — noch in dieſer Stunde— ja in dieſem Augen⸗ blicke noch todt zu ſehen!“ „Dieſen Menſchen tobt! Dieſen Menſchen todt! Schoͤne Rache! Beim Satan! Aber wenn nun dieſer Menſch erſt todt iſt, was ſoll ich dann mit dem Leben machen? Ich Ungluͤckliche? Ach, Du glaubteſt, ich wuͤrde aus der Welt verſchwinden, noch vor dem Tode in's Grab hinabſteigen, und alle Schmach und Verworfenheit eines Boͤſewichts zur Schau tragen, bloß darum, um dieſen Men⸗ ſchen leiden zu ſehen während der Paar Minuten, wo ich ihm einen Dolch in's Herz druͤcke?— Wahrlich, Du biſt verruͤckt, Perez; Du dauerſt mich.“ „Ha, verflucht ſei der Tag, wo ich auf Ihre Bitten hoͤrte, edle Frau! Verflucht der Tag, wo Sie ſich auf ewig in einen Abgrund von Schmerz und Verzweiflung ſtuͤrzten! Fluch uͤber mich, daß ich dieſen Menſchen nicht ermordet habe! Fluch uͤber mich, daß ich Ihnen nicht zurufen konnte: „Sie ſind geraͤcht, Frau Herzogin!“ Fluch, Fluch uͤber mich, denn Ihr Haß wird ſich nie kuͤhlen, und jeder Ruͤckweg zur Vergangenheit iſt unmög⸗ lich.“ „Und das iſt es eben, was ich gewollt, ſchwa⸗ cher, feiger Mann, das eben wollte ich; jeder Ruͤck⸗ weg zur Vergangenheit ſollte unmoͤglich ſein, und iſt es auch; es kann nicht anders ſein, Dank ſei's dem Satan; denn ich fuͤhle in mir einen Glau⸗ ben, der mich ſtark macht, und eine Hoffnung, die mich leitet. Und wenn Dir, Perez, dieſe Rache thoͤricht ſcheint, ſo theile ſie nicht mit mir, und die Herzogin von Almeda mag auch fur Dich todt ſein, wie fuͤr Alle. Kehre zuruͤck nach Spanien, und in unſerm Herzogthum wirſt Du gluͤcklich le⸗ ben koͤnnen, Perez; denn aus meinem letzten Wil⸗ len wirſt Du ſehen, daß ich Deine treuen und gu⸗ ten Dienſte nicht vergeſſen habe. Geh', Perez, geh', ohne Groll will ich Dich entlaſſen, denn Du haſt viel fur mich gelitten, und das iſt edel und ſchoön, Perez„ „Ach! edle Frau, edle Frau,—“ rief der Spa⸗ nier im heftigſten Schmerze, und Thraͤnen rollten aus ſeinen Augen. „Nun denn, nein! Vergieb, Perez, Du treue Seele. Nein, ich thue Dir Unrecht, Du wirſt mich nicht verlaſſen, ich weiß es! Du wirſt zu den Fuͤßen Deiner Gebieterin ſterben, ich weiß es; Dein Tod wird einem Leben von Treue und Aufopferung die Krone aufſetzen. Auch kann ich Deine Be⸗ ſorgniſſe nicht ſchelten, denn ich kann Dir nicht ausdruͤcken, Dir nicht verdolmetſchen, was ich im Innern fuͤhle, und die Kraft und Macht der Of⸗ fenbarung, auf die ich mich zwar nicht verlaſſe, die mich aber dennoch reizt und begeiſtert und mir die Gewißheit vom Gelingen meines Planes giebt. Das iſt allerdings thöricht und uͤbermenſchlichz aber es iſt einmal ſo. Auch giebt die Vergangen⸗ heit mir das Recht, der Zukunft zu vertrauen. Denn iſt mir nicht im Ganzen Alles gelungen, Perez? Sieh', zwei Duelle, eins auf Tod und Le⸗ ben, bedrohten ihn; beiden iſt er entkommen. Sieh' ferner—, man haͤlt uns auf, man nimmt uns unſer Gold; aber ich kann meine Diamanten ver⸗ bergen, und ſie Dir geben; man ſperrt uns ein, Du haſt meine Feſſeln zerbrochen; wir können Pa⸗ ris verlaſſen, und kommen ungeſtort hieher.— Perez, iſt das Alles nicht wunderbar? Siehſt Du nicht daraus, daß das Geſchick mir ihn erhaͤlt, mir ihn beſchuͤtzt? Und ſprich, iſt's nicht jener feſte Glaube, den ich in mir trage, der große Maͤnner und Thaten erzeugt? Iſt's nicht eben der Glaube, der die rieſenhafteſten Plaͤne erzeugt und foͤrdert? Und wäͤhrend der thörichte Haufe ſpottelt und hoͤhnt, Perez, folgen die, welche dieſer Glaube begeiſtert, dem geheimnißvollen Zeichen, das ſie fuͤhrt, dieſem Allen unſichtbaren, und nur fur ſie allein ſtrahlen⸗ den Zeichenz— dieſer Glaube war's, Perez, der einen Columbus ſo ſtark machte, als er, mitten im Gebrull ſeiner wuͤthenden Matroſen, ruhig und hei⸗ ter zu ihnen ſagte: Amerika liegt dort.— Wer hatte ihm dies offenbart, Perez? Wer gab ihm dieſe hohe Zuverſicht? War's nicht jene innere, tiefe, unerklaͤrbare Stimme, die, ich weiß es wohl, uner⸗ klaͤrbarer iſt als alle anderen Geheimniſſe unſerer Natur? Nein, glaube mir, Perez, mein Plan iſt gut, und meine Rache ſicher; aber beim Leben Deiner Mutter mußt Du mir ſchwören, mir das, warum ich Dich jetzt bitten werde, zu gewähren.“ „Edle Frau, Alles, was ein redlicher Diener zu ſagen hatte, habe ich geſagt; da Ihr Glaube ſo feſt ſteht, folgen Sie ihm. Ich werde Ihren Be⸗ fehlen gehorchen, ich ſchwöre es.“ „Nun denn, Perez, ſo verſprich mir, ſein Leben nicht anzugreifen, ohne daß ich Dir ſagte: Morde ihn.— Verſprich mir, alle meine Befehle, wie ſie auch ſein moͤgen, zu vollziehen.“ „Ich ſchwoͤre es, edle Frau!“ „Beim Leben Deiner Mutter?“ „Beim Leben meiner Mutter, edle Frau!“ „Bald ſeh' ich Dich wieder, treffliche Seele,“ rief Rita. Und ſie trennten ſich. Siebentes Kapitel. Ich fand dort das Verhängniß der ge⸗ ſelligen Ordnung wieder, das mich überall verfolgte. Eduard,— die Herzogin von Düras. Jean Thomas. Die Kutſche von Lambeſeleg wollte Breſt eben verlaſſen, als ein langer, in einen langen See⸗ mannsrock gehuͤllter Mann, von Jean Thomas begleitet, die Hand auf den Wagenſchlag legte, und rief:„Einen Augenblick, he!— Du haſt es wohl ſehr eilig, das Weite zu ſuchen. Du Teufels⸗ Kutſcher!“ 3 „Ja, meiner Treu, wir brachen auf, denn auf Sie, Herr Capitän, rechneten wir nicht mehr,“ rief der Automedon und zog ſein Fuchspelzmuͤtzchen. „Nun ſieh, da bin ich; ſo warte denn ein we⸗ nig,“ fuhr der Capitaͤn fort, und wandte ſich dar⸗ auf zu Thomas.„Alſo, Thomas, wie wir's verab⸗ redet; gieb wohl Acht auf meine Gemahlin und wache uͤber das Getraide.“ „Ich verſpreche Dir nicht, etwas zu verhin⸗ dern, denn ich fuͤhle mich nicht ſtark genug, auf eines Weibes Liſt und Trug Sturm zu laufen; was ich aber nur erfahren kann, das ſollſt auch Du wiſſen; was ich erſpahe, Du ſollſt es wiſſen, ſei's gut oder böſe; bei meiner Ehre, ich werde Dir nichts verbergen.“ „So war's auch verabredet, Thomas; und ſieh, wenn es was Gutes iſt, ſo will ich ein Koͤ⸗ nig fur ſie ſein; wenn es was Schlechtes iſt, heiße ich„der rothe Jacob.“ Das iſt Alles, und nun leb' wohl, Thomas!“ rief der Capitaͤn und warf ſich in die Kutſche, die ſchwerfaͤllig dahinrollte. Als dieſes gewichtige Fuhrwerk aus Thomas Blicken entſchwunden war, wandte er ſich zu den Wallen. Auf dem Zwinger traf er den Doctor Gédeon. „Ach, ſieh da, Thomas, ich ſuchte Dich,“ rief der Doctor. „Und weshalb?“ „Dich um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Sprich, welche?“ „Ach, uͤber das Ungluͤck, Thomas! der Kanni⸗ bale hatte mir befohlen—“ „Was?— Welcher Kannibale?“ „Nun, der Commandant!“ „Weiter!“ 2 — „Nun ſieh, der Unmenſch hatte mir befohlen, täglich den Bord zu beſuchen, und nach dem Ge⸗ ſundheitszuſtande der Mannſchaft zu ſehen, und dies bloß aus ſeiner erbärmlichen Hoflingslaune; deshalb habe ich nicht—“ „Es iſt ſein Befehl, dem muß man folgenz er iſt Commandant, Du mußt gehorchen,“ unterbrach mit ernſter Stimme Thomas den Doctor. „Allerdings, auch gehorche ich; aber zufällig— geſtern— denke Dir nur— ich kann Dir's gar nicht ſo ſagen, Dir, der ſo feindſelig gegen alle Liebe iſt.“ „Weiter, weiter!“ „Nun ſieh, geſtern hatte ich ein Rendez-vous mit einem ſchoͤnen Kinde draußen in der Recou⸗- vrance, das mich anbetet.“ „Dich, alter dummer Narr, Dich anbetet! Du biſt wahnſinnig, oder Du bezahlſt ſie mit ſchwerem Gelde. Weiter!“ „Still, Du Iſegrimm!“ rief der Doctor, ſei⸗ nen Groll unter einem ſcheinbaren Scherze verber⸗ gend—„Daß Du doch bei jedem Worte gleich Spaß machen mußt! aber hier paßt es nicht. Um mein geſtriges Rendez- vous nicht zu verſaͤumen, habe ich meine beiden Gänge an Bord vernachlaͤſ⸗ ſigt; nun aber iſt der Unmenſch in der Disciplin ſo ſtreng, daß er mich wohl arretiren laſſen duͤrfte, und ich ſo auch mein anderes Rendez-vous auf morgen verſäͤumen muͤßte, da ich hingegen völlig 1 ſtraflos bleiben wuͤrde, wenn Du nur dem Com⸗ mandanten ſagen wollteſt, Du haͤtteſt mich drei Stunden von hier in's Kerlo Spital geſchickt, um dort die Seeleute, die wir zur Verſtärkung der Mannſchaft von daher erwarten, zu beſuchen, und dann—“ „Es iſt eine Lüge, die Du verlangſt, nicht wahr?“ „Das iſt keine Luͤge, das iſt Freundespflicht.“ „Eine Luͤge iſt's doch, nicht wahr? und ſie ſoll Dir Pflichtvergeſſenem zur Entſchuldigung die⸗ nen, und Dir Mittel und Wege zu neuen Suͤn⸗ den geben?— Nimmermehr!“ „Aber, Thomas—“ „Nimmermehr; Du haſt Deine Strafe ver⸗ dient, Du magſt ſie auch fuͤhlen.“ „Aber die Freundſchaft—“ „In Dienſtpflichten kenne ich keine Freund⸗ ſchaft.“ „Aber—“ „Leb' wohl.“ Und Jean Thomas ging, und ließ den Doctor in ſeiner Angſt, aber nicht in Verwunderung zu⸗ ruck, denn ſchon laͤngſt kannte er des Lieutenants unbeugſamen und harten Sinn. Wirklich war Jean Thomas ein Mann von ſtrenger Tugend, unglaublicher Sittenreinheit, un⸗ tadliger Rechtlichkeit und ſtets probehaltigem Werthe; aber ſeine Seele hatte nicht nur des Stahles Rein⸗ heit, ſondern auch ſeine Härte und Kälte. Jeder Schwaͤche unfähig, enthuͤllte und ver⸗ folgte er mitleidlos Anderer Schwaͤchen, und keine Menſchenſpeculation konnte ihn von ſeiner Pflicht⸗ erfuͤllung, wie er ſagte, und von ſeiner Beſtim⸗ mung abhalten, das Laſter, gleichviel in wem? und wo? zu verfolgen. Da er ſeinen fur einen Menſchen ſeiner Claſſe ziemlich hohen Rang allein ſeinem Verdienſte ver⸗ dankte, war ſein einziger Fehler ein eingewurzelter Neid, ein verächtlicher Haß gegen Alles, was der Geburt nach uͤber ihm ſtand. Und doch, wäre Jean Thomas von Adel geweſen, wuͤrde er gewiß unverzeihlich ariſtokratiſch ſtolz geweſen ſein. Dies bewies er auch ſchon durch die Grobheit, womit er ſeine Untergebenen commandirte. Doch eigentlich ſchadete er durch dieſen Fehler nur ſich ſelbſt; es war der Wurm, der an ſeinem Perzen nagtez jener unerſättliche Neid verzehrte ihn. Doch nie verrieth er ſich in ſeinen Dienſt⸗ verhältniſſen; denn obgleich er mit den ihm unter⸗ gebenen Matroſen und Officieren grob war, ſo war's ihm doch unmoͤglich, ſich das leichteſte Un⸗ recht gegen ſie zu erlauben; dagegen durften ſie auch von ihm, wenn ſie gefehlt hatten, nicht die geringſte Nachſicht erwarten. Außer dem Dienſte wußte ſeine ſtrenge und ungeſtuͤme Tugend ſich eben ſo wenig zu füͤgen E d NNð Weder Verhaͤltniſſe, noch Herkommen, noch die Anforderungen einer veralteten Geſellſchaft konnten in ſeinen Augen fuͤr Entſchuldigungen gelten. Tadellos in ſeinen Sitten, verlangte er, die Anderen ſollten auch ſo ſein. Leute, die dem Laſter die Bruͤcke traten, ſah er fur Mitſchuldige an dem von ihnen beſchoͤnigten Laſter an, und machte kei⸗ nen Unterſchied zwiſchen dem Moͤrder, und dem, welcher den Moͤrder nicht ſogleich dem Henker uͤber⸗ lieferte. Kurz und gut, Jean Thomas war das ächte Muſterbild eines ſtreng tugendhaften Menſchen, tugendhaft ohne Nachſicht, tugendhaft ohne Er⸗ barmen, tugenbhaft bis auf den Buchſtaben, daß ich mir dieſen Volksausdruck erlaube, der allein die algebraiſche Genauigkeit des Lieutenants in ſeiner unbeugſamen Tugend ſchildern kann. Jean Thomas beſaß dabei weder Glauben, noch Religion.—„Die Religion,“ meinte er,„mag „wohl ein gutes Mittel ſein, diejenigen, die ohne „dies Gefolge von ewigen Strafen und Belohnun⸗ „gen elende Wichte ſein wuͤrden, im Zaume zu „halten. Ich aber bin reinen Sinnes und mein „Geiſt iſt ſtark genug, das Gute um des guten „willen, ohne Furcht und Hoffnung vor der Zu⸗ „kunft, zu thun. „Noch,“ meinte er,„iſt die Religion gut fuͤr „die Schwachen, die dieſe Welt ungern verlaſſen, „oder droben eine beſſere zu finden hoffen, und ſo 96 „jenes zweite ewige Leben erſonnen haben. Ich „meinerſeits,“ dachte er ferner,„bin hienieden we⸗ „der gluͤcklich, noch ungluͤcklich genug, um mein „Daſein zu verwuͤnſchen, oder den Tod fuͤrchten zu „muͤſſen, und werde dereinſt wieder in das Nichts, „aus dem ich hervorgegangen bin, zuruͤckkehren. „Auf Erden aber ſoll mir das Gewiſſen Religion, „und die Tugend Gott ſein.“ Verlorne Muͤhe iſt es, wenn ich noch ſage, daß, da die philoſophiſchen Traumereien der Ency⸗ clopaͤdie, die Theorien von geſelliger Gleichheit und Wiedergeburt vor Jean Thomas Augen die wich⸗ tigſten Syſteme waren, er ſich als einen der hitzig⸗ ſten Vertheidiger der neuen Ideen bewies. Bei dieſen beſtimmten Grundſaͤtzen und ſeiner uner⸗ ſchuͤtterlichen Feſtigkeit und ſtrengen Tugend, hatte Thomas keinen vertrauten Freund, als hoͤchſtens etwa den Capitän Jacob Lerouge, den eine gewiſſe Charakteraͤhnlichkeit mit ihm verbunden hatte. Jacob Lerouge, Capercapitän, hatte ſeine Lauf⸗ bahn zur See mit Kauffahrteiſchifferei begonnen, und war daher ſchon ſeit vielen Jahren mit Jean Thomas naͤher verbunden, denn obgleich Jacob Lerouge nicht ſo ſtreng und hart war, wie der Lieu⸗ tenant, ſo war er doch das, was man einen recht⸗ lichen Seemann nennt, und betrieb zur Kriegszeit ſein Caperhandwerk, und zur Friedenszeit ſein 4 fahrteiofficiersamt mit gleicher Gewiſſenhaftigkeit. — Ein Zug von ihm iſt folgender.— Im letz⸗ ten Kriege commandirte Jacob eine ſchoͤne Brigg von zwanzig Kanonenz er machte Jagd auf einen herrlichen engliſchen Dreimaſter, der mit Gewuͤrzen aus Indien kam, und holte ihn ein.— Da ſich dies Fahrzeug gefangen ſah, ſteckte es ſchnell eine Parlementar⸗Flagge auf, und ſchickte einen Offi⸗ cier an Bord der Brigg, dem Capitaͤn Jacob zu melden, daß ein neutrales Schiff, das aus Spa⸗ nien gekommen wäre, ihm verſichert hälte, der Friede ſei geſchloſſen. Als Beweis von der Wahr⸗ heit dieſer Behauptung verlangte der Capitain Ja⸗ cob bloß das Ehrenwort des Officiers, und ließ dann den Dreimaſter ruhig weiter fahren.— Der Dreimaſter mit ſeiner Ladung mochte mehr als eine Million werth ſein, und ward durch einen minder gewiſſenhaften Collegen, als Jacob Lerouge war, doch noch gekapert. Dies war der einzige Freund, den Jean Tho⸗ mas beſaß, denn unter den Seeſoldaten hatte er keinen. Seine Sitten waren ſo ſtreng, ſein Geiſt ſo verſchwiegen, ſein Sinn ſo duͤſter, ſeine Sprache ſo rauh, daß er oft waͤhrend ganzer acht Tage,— um mich des geweihten Ausdrucks zu bedienen— in Quarantaine lag, d. h. daß Niemand ihn an⸗ redete. Seine Verhaͤltniſſe zu den Matroſen waren noch kläglicher; ſeine uͤbertriebene Strenge, die nichts uͤberſah, und ſein Stolz und ſeine Grobheit, Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. T — 98— womit er ſie behandelte, machten ihn uͤberall ver⸗ haßt; aber der Einfluß ſeiner Tapferkeit und ſeine Feſtigkeit vermochten denndch, ſie in den Schran⸗ ken der Ehrerbietung und voͤlligſten Unterwuͤrfigkeit zu erhalten. Alſo dieſem Jean Thomas hatte der Capitän Jacob Lerouge die Aufſicht uͤber ſeine Frau an⸗ vertraut. Achtes Kapitel. Valerie. Oauf mein Wort, er iſt in Allem der Sohn ſeines Vaters; ich ſchwore dar⸗ auf, daß er ein hübſches Kind iſt. Shakespeare, Coriolan, A. I. Sc. 3. Daß der Handel das verbindende Band der Menſchen iſt. Der Graf war kurze Zeit in Breſt, und wohnte, wie ſchon geſagt, in ſeinem Hauſe am Place d'Armes. Eines Tages nun unterhielt ſich Hein⸗ rich mit dem Tapezier, der die Gallerie der Syl⸗ phide zu decoriren hatte. Dieſer Handwerker war Herr Doquin, geſchwor⸗ ner Meiſter ſeines Standes; in ſeinem ganzen Weſen herrſchte Biederkeit, Einſicht und Rechtlich⸗ keit; nur ſeine Augen ſchienen von kuͤrzlich ver⸗ goſſenen Thranen geröthet; er mochte ungefähr 50 Jahre zaͤhlen, und ſtand ehrerbietig vor dem Gra⸗ fen, ſeine letzten Befehle anhoͤrend. 7 — 100— „Die chineſiſchen Jalouſieen,“ ſprach Heinrich, „ſollen Sie ſpaͤteſtens bis morgen haben, ſo wie auch die indiſchen Zeuge zu den Fenſtervorhän⸗ gen.— Doch empfehle ich Ihnen die groͤßte Schnelligkeit, denn wir koͤnnen jeden Augenblick unter Segel gehen.“ „Der Herr Graf duͤrfen auf meinen Eifer rechnen.“ „Halt,— auch iſt noch eine Rollkette nöthig, woran man ein Raͤucherkeſſelchen in dem kleinen Badegemache aufhaͤngen kann, das ich an Bord habe; und auch die Blumenkiſten darf man nicht vergeſſen zwiſchen die Fenſter zu ſetzen.“ „Ich nehme mir die Ehre, dem Herrn Grafen bemerkbar zu machen, daß die Kiſten ſchon ſeit die⸗ ſem Morgen an Ort und Stelle ſind.“ „Das iſt ſchoͤn, Herr Doquin; aber haben Si vielleicht auch die Rechnung da, worum ich Sie ſo oft gebeten habe?“ „Weil der Herr Graf guͤtigſt ſelbſt davon zu ſprechen anfangen, iſt ſie hier; ſie betragt 3200 Livres; doch wenn ich es wagen duͤrfte, moͤchte ich eine Bitte an den Herrn Grafen thun.“ „Thun Sie es, Herr Doquin.“ „Ich bin in der Gefahr, morgen ſchon ruinirt zu werden, Herr Graf; ich bin das Opfer eines ſchrecklichen Bankerott's, und wenn ich bis morgen nicht 10,000 Livres auftreiben kann, bin ich be⸗ ſchimpft, und was noch ſchlimmer iſt, Herr Graf, — 101— muß zwanzig Arbeitern den Stuhl vor die Thuͤr ſetzen; und beim jetzigen Elend und der Kaͤlte— Herr Graf,— der Gedanke iſt ſchrecklich.“ Es lag in der Rede dieſes Ungluͤcklichen ſolch' ein treffender Ausdruck des Grams, daß der Graf nicht ungeruͤhrt blieb, denn er fuhlte wohl, daß dies ein wahres Ungluͤck, das Ungluck eines Bie⸗ dermannes war, der nur erſt im Augenblicke des Verderbens fremdes Mitleid anruft. Heinrich ſchrieb einige Worte auf ein Papier, brach es zuſammen, und gab es Herrn Doquin, mit den Worten:„Da iſt eine Summe von 500 Louisd'or auf meinen Banguier in Breſt, Herrn Görard; Sie werden ſie fuͤr ſpatere Arbeiten mit in Rechnung bringen. Gluͤcklich ſchaͤtze ich mich, einem Biedermanne, wie Sie, eine Gefaͤlligkeit zu erweiſen, Herr Doquin.“ „Man hat mich alſo nicht getaͤuſcht, als man mir Ihren Edelmuth ruͤhmte, Herr Graf; mein armes Söhnchen wird Ihnen mehr als das Leben, wird Ihnen die Ehre zu danken haben, und meine Arbeiter ihr Brod, Herr Graf!“ rief der Tapezier mit thraͤnennaſſen Augen und freudeſtrahlendem Blicke, und warf ſich Heinrich zu Fuͤßen, dem ein Läͤcheln den Mund umzog. Kaum war der Tapezier hin aus, da konnte der Graf ſich nicht mehr halten.— „Ha! das iſt zum Todtlachen,“ rief Heinrich, und brach in ein gellendes Gelaͤchter aus.—„Sein . feinen Geſellſchaft; nur ſcheint er mir etwas ſtolz; Kind ſoll mir das Leben zu danken haben!— Der weiß gar nicht, wie wahr er ſpricht.— Aber vielleicht,“ fuhr der Graf ernſter fort,—„weiß es der Schelm doch, wie's ſteht.— Sein Ruin,— ſein Bankerott— alles dies iſt vielleicht bloße Liſt, mir 500 Louisd'or abzuzwacken. Alle Teufel! da käme mir am Ende die Frau Doquin theurer zu ſtehen, als ein Landgut in Beauce; denn fuͤr den Preis der Frau Doquin kann ich ja zwei Opern⸗ madchen, oder eine Saͤngerin der italieniſchen Oper haben. Allerdings, das weiß ich wohl, iſt Frau Doguin eine tugendhafte Frau, und ihr Mann hat keinen ſchlechten Geſchmack, und dies Alles zu⸗ ſammengenommen, iſt ſie nicht zu theuer, denn ſo⸗ mit wird meine Gallerie charmant werden, und der Schelm hat gar keinen uͤbeln Gedanken gehabt, die Fenſterlaͤden mit Spiegeln zu bekleiden, ſo daß ſie, geſchloſſen, das ganze Zimmer abſpiegeln. Denn man muß doch mindeſtens ſeinen Kerker ſo ange⸗ nehm als moͤglich zu machen ſuchen. Am Bord habe ich zwar waͤhrend eines Sturmes oder eines Gefechtes keine Langeweile, aber wenn die Wind⸗ ſtille eintritt, iſt es eine verteufelte Geſchichte— da moͤchte man vor Einfoͤrmigkeit umkommen. Gluͤcklicherweiſe habe ich, wie ich hoffe, einige Huͤlfe in meinem Stabe,— die jungen Leute gefielen mir recht wohl.— Auch der Abbé ſieht nicht uͤbel aus, bei Gott, gar nicht uͤbel; das Weſen der er antwortete kaum auf mein Entgegenkommen; auch hat er etwas, das ich wiſſen moͤchte— die Schußwunde an der linken Hand; eine Schuß⸗ wunde iſt's,— das weiß ich—, ich verſtehe mich darauf. Aber wie kommt ein Abbé zu einer Schuß⸗ wunde an der linken Hand?— Vielleicht iſt er nicht immer Abbé geweſen; ſchon ſein Benehmen, ſein Gang ſcheinen dies zu verrathenz dann ſieht er kaum wie ein Dreißiger aus, und ein ſolches Amt in dieſem Alter, wenn es aufrichtig iſt, wäre ſeltſam; ſo weiß ich auch nicht, warum er ſich nicht pudert, und ſich ein ſo ſonderbares Anſe⸗ hen giebt. Doch, was fang' ich fuͤr Narrheiten an? Meiner Treu, das Loſungswort zu dieſem lebendigen Räthſel zu ſuchen, werde ich Zeit genug haben, wenn ich erſt an Bord bin.—“ In dieſem Augenblick zeigte ſich der treue Ger⸗ meau an einem verborgenen Thuͤrchen im Alkoven des Schlafzimmers, und fluͤſterte Heinrich zu: „Herr Graf, kann man jetzt herein kommen?“ „Ha, weiß Gott!“ rief Heinrich,„ſie könnte nicht gdegner kommen, wahrhaftig,— laß ſie kommen—“ Kaum hatte der Graf geendet, da öffnete ſich das Thuͤrchen, Germeau verſchwand, und ließ an ſeiner Statt ein ſo in Schleier gehuͤlltes Frauen⸗ zimmer zuruͤck, daß man nur das große, raben⸗ ſchwarze Augenpaar ſehen konnte, das wie zwei Sterne funkelte. „Leg' ab, Georgette,“ rief der Graf, und nahm der Frau den Mantel ab,—„ſieh', eben iſt Dein Mann fort von hier.“ Und er zog Georgetten auf ſeine Knie, und entfernte jede Huͤlle, die ihr ſchoͤnes, rundes, bluͤ⸗ hendes, aber zu volles und zu ſehr geroͤthetes Ge⸗ ſicht verbarg. „Wie, er iſt fort von hier?“— rief Frau Do⸗ quin.—„Ach, Herr Heinrich, er hat Ihnen das Ungluͤck nicht mitgetheilt, das—“ „Wenn er mir Alles geſagt hat, ſo weiß ich Alles, und habe ihm auch geholfen; doch kein Wort mehr davon, das iſt vorbei!“ rief der Graf und druͤckte gluͤhend die Haͤnde Georgettens, deren Zart⸗ heit und Fuͤlle durch das dunkle Roth litt; wel⸗ ches ein ſichrer Beweis einer niedern Abkunft war. „Ja, darin iſt Doquin nicht widerſpenſtig, Herr Heinrich,— und das iſt ein wahres Gluͤck, denn nicht alle Menſchen ſind ſo ſanft, wie er. Ha! wenn Sie wuͤßten, was in Recouvrance vorgefal⸗ len iſt! es möchte ſich das Herz im Leibe umwen⸗ den, wenn man bedenkt, daß es ſo abſcheuliche Ge⸗ ſchoͤpfe giebt—“ 3 „Nun? guter Gott!— erklaͤre Dich naͤher, meine Theure!“ rief Heinrich und umarmte feu⸗ rig, nur zu vertraut, den Leib der Frau Doquin. „Die Sache iſt die, Herr Heinrich;— kennen Sie vielleicht nicht auch Jacob Lerouge? Aber hoͤren Sie doch, Heinrich!“— — 105— „Ich bin ganz Ohr, theure Freundin.“ „Nun dennz Jacob Lerouge iſt ein Capercapi⸗ tain, der ſich im letzten Kriege ſehr bereicherte; er hat ſich ſeit zwei Jahren mit der Tochter der Frau Binan, der Modehaͤndlerin, verheirathet, einem herr⸗ lichen Weibchen, ich kenne ſie, einem wahren En⸗ gel, ſo blond und huͤbſch.— Ach, aber heute—“ „Nun?“ rief Heinrich, ſie unterbrechend,„ſollte ſich Jacob der Rothe vielleicht Jacob der Gelbe, Jacob der Doquin nennen?— Jacob der—“ „Still, Herr Heinrich! das ſind boͤſe Reden; der arme Doquin, der Sie ſo treu liebt—“ „Und ich!“ rief der Graf mit hellem Gelaͤch⸗ ter.„Aber weiter— Deine holde Blondine— Dein rother Jacob— was haben ſie gemacht?“ „Nun denn, die Frau Jacob, die tauſend Mal zu gut war, als daß ſie ſich mit einem Unmenſchen, wie dieſer Capitain iſt, haͤtte verheirathen ſollen, denn er iſt ein wahrer Grobian von vierzig Jahren, häß⸗ lich, und von einem Benehmen— ach!—“ „Weiter,— zur Sache!—“ „Nun denn, Herr Jacob, dieſer elende Jacob Lerouge, hat ſein holdes Weibchen ſo gequalt, daß ſie „Daran geſtorben iſt?“ rief Heinrich. „Nein, Herr Heinrich, ſie iſt nicht geſtorben, aber ſie iſt ſo ungluͤcklich, daß ſie ſich gezwungen ſieht, durch das grauſame Verfahren dieſes Ti⸗ gers,— gezwungen ſieht, ſag' ich, einen Liebhaber — 106— anzunehmen.— Ach!— Iſt das nicht ein ſchand⸗ licher Menſch?“ „Ein Unmenſch, den man aus der menſchli— chen Geſellſchaft verſtoßen ſollte,“— rief Heinrich mit bewundernswerthem Ernſte.—„Ha, und die ungluͤckliche Madame Lerouge— hat ſie denn den Troſt, den ſie ſuchte, gefunden?—“ „Seit zwei Monden ging's recht gut, Herr Heinrich, aber geſtern iſt, ſo ſcheint's, Alles ent⸗ deckt worden. Der Liebhaber iſt Schreiber bei ei⸗ nem Anwalt, ein holder Junge, immer ſo huͤbſch geputzt, daß man ihn fuͤr einen Handlungsdiener halten kann; er heißt Bonifaz Jablot, und ſein Vater iſt Salzpächter.“ „Teufel! Frau Doquin!— da giebt's viel Um⸗ ſtände, viel Einzelnheiten, die den Herrn Bonifaz betreffen,— Jalot— Cablot!— Wie nannteſt Du ihn?“ „Ach, Herr Heinrich, ich ſchwoͤr' es Ihnen,— ach, lieber will ich tauſendfachen Tod erleiden, als Ihnen untreu ſein. Kraͤnken Sie ſich deshalb nicht. „Ach, Theuerſte,“ rief Heinrich ſtolz und ver⸗ ächtlich,—„Sie werden, hoff' ich, doch nicht glau⸗ ben, daß ich eiferſuͤchtig auf Sie bin!— Nehmen Sie der Frau Jacob ihren Herrn Cablot weg, wenn's Ihnen ſonſt beliebt; ſolche Leutchen er⸗ laube ich Ihnen gern, ſo viel Ste nur wollen. Lieben Sie mich nur, wenn wir unter vier Augen ſind, mehr fordere ich nicht.“— Da ſah er Thraͤnen in ihren Augen, und fuhr fort: 4 „Hoͤre, Georgette, weine nicht; doch was bringſt Du fuͤr armſelige Verſicherungen Deiner Treue zum Vorſchein? Wer Teufel giebt Dir denn dieſe Lappereien ein? Weiter; fahr' fort in Deiner Ge⸗ ſchichte. Jacob Lerouge hat alſo Alles entbeckt?“ „Ja, Herr Heinrich,“— begann Georgette wieder, und trocknete ſich die Augen.—„Das heißt, nicht er, ſondern einer ſeiner Freunde, den auch Sie gut kennen, Herr Jean Thomas—“ „Mein werther Lieutenant?“ „Ja, Herr Heinrich, und da er ein vertrauter Freund des Capitains iſt, furchtet man, er moͤchte es ihm bei ſeiner Ruͤckkehr ſagen—“ „Der Capitain iſt alſo nicht hier?“ „Nein, Herr Heinrich, er hat ſich fuͤnf Tage in Lambeſeleg aufgehalten, und während dieſer Zeit hat man ſeine Frau mit ihrem Liebhaber vor der Stadt geſehen. Ihr Herr Jean Thomas hat den herrlichen Fang gethan. Auch ſchreit er wie ein Toller in der ganzen Recouvrance, er wolle es dem Capitain Jacob ſagen, den man allaugen⸗ blicklich erwartet; wie huͤbſch das iſt, koͤnnen Sie ſich denken.— Nun, heirathet nur noch, arme Weiber!“* £ — 108— Da hoͤrte man's leicht an die Alkoventhuͤr klopfen. „Was giebt's?—“ rief Heinrich. „Ein ſehr eiliger Brief an den Herrn Gra⸗ fen—“ rief Germeau's Stimme. „Steck' ihn unter die Thuͤr—“ Und ein Brief glitt auf den Teppich; Heinrich erbrach ihn und las, wie folgt: Herr Graf! „Eine alte Dienerin eines Freundes des ſeligen „Hrn. Grafen, Ihres Vaters, bittet Sie um „aller Heiligen willen, zu ihr zu kommen, um „ein ſchreckliches Ungluͤck zu verhindern.— Es „geht auf Leben oder Tod. Herr Graf, die Per⸗ „ſon, die dieſe Bitte an Sie wagt, iſt auch die „Mutter Ihres Lieutenants, die Wittwe Tho⸗ „mas— Um Gotteswillen, kommen Sie, Herr „Graf— kommen Sie! Jede Minute Zau⸗ „dern kann Schreckliches gebaͤren.“ Wittwe Thomas. Rue des Poutres, No. 7. Recouvrance. „Was Teufel ſoll das heißen?“— rief Hein⸗ rich.„Gehen will ich, bei Gott, und das augen⸗ blicklich— Leb' wohl, Georgette— Komm dieſen Abend wieder— Wirf Deinen Mantel um,— und geh uͤber dieſe kleine Treppe.“ „Ach, mein Gott!— das betrifft vielleicht die arme Frau Jacob,“— rief Georgette erſchrocken, und hullte ſich eilig in ihre Schleier. — — 0 „Deshalb, mein Kind, mußt Du mich ver⸗ laſſen— Leb' wohl!“ Darauf klingelte er Germeau, der ſogleich er⸗ ſchien: „Fuͤhre die Dame zuruͤck, laß eine Kutſche be⸗ ſpannen, und gieb mir meinen Anzug; ich muß augenblicklich ausfahren.“ Neuntes Kapitel. Die Wahrheit wechſelt nicht: Wer von Euch oder von uns hat ſich verändert? Abbsdela Mennais, vermiſchte Schrif⸗ ten.— Von der Oppoſition. Tugend. Sicher hat der Leſer die Beſchreibung der klei⸗ nen Wohnung der Wittwe Thomas noch nicht vergeſſen; in jenem Zimmer ereignete ſich nun fol⸗ gende Scene. Das Geſicht der Wittwe, das ſonſt gewoͤhnlich ſo heiter und ruhig war, verrieth einen Zuſtand wilder Unruhe; heiße Thraͤnen rollten in den Run⸗ zeln ihrer Wangen herab, ihre Haͤnde zitterten, und neben ihr lag der umgeworfene Rocken, ein ſprechender Zeuge von der ſchrecklichen Begebenheit, die ſo eben hier Statt gefunden hatte. Vor ihr auf den Knien, ſie mit beiden Armen umklammernd, und ihr Haupt in der Wittwe Buſen bergend, wand ſich ein junges Weib mit — 111— wild flatternden Haaren, und ſtieß unarticulirte Seufzer aus. Pauline war's, die Frau des Capitain Jacob Lerouge. Am andern Ende des Zimmers ſaß Jean Tho⸗ mas auf einem Seſſel, und heuchelte, mit gekreuz⸗ ten Armen, eine Kaltbluͤtigkeit, die aber ſeine Blaͤſſe Luͤgen ſtrafte.— „Beruhige Dich,“ begann die Wittwe zu dem unglucklichen Weibe,—„beruhige Dich, mein lie⸗ bes Kindz mein Sohn kann nicht ſo grauſam ſein, — glaube mir;— und dann habe ich auch zwei⸗ tens,—“ fuͤgte ſie ganz leiſe hinzu,—„an ſeinen Commandanten geſchrieben; er wird kommen und ihn von dieſer Abſcheulichkeit abhalten!—“ „Ach, gute Mutter!—“ rief das ungluͤckliche Weib und erhob das ſchone, in Thränen gebadete Geſicht,—„ach, gute Mutter, mein Mann wuͤrde mich umbringen— Sie kennen ſeine Heftigkeit nicht;— er wuͤrde mich ſicherlich umbringen.“ „Dann wuͤrde der Ehebruch gehoͤrig beſtraft ſein,—“ rief Thomas mit dumpfer Stimme. „Mein Gott!— mein Gott!— Herr Tho⸗ mas, weshalb wollen Sie ſo hart an mir handeln? — Ich habe Ihnen ja nichts gethan,—“ rief bittend Pauline. „Ich thue Ihnen nichts.. Ich weiß, daß Sie ein Verbrechen begangen haben, und muß es mei⸗ — 112— nem Freunde ſagen; das iſt meine Schuldigkeit, und die will ich thun.“ Das arme Weib ſank wieder auf der Wittwe Knie nieder, und brach von Neuem in ein herzzer⸗ reißendes Klaggeſchrei aus. „Du biſt alſo ganz fuͤhllos, Thomas?“ rief die Wittwe.—„Du haſt kein Herz im Leibe, da der Anblick ſolchen Elends Dich nicht ruͤhren kann, und Du in Deiner Grauſamkeit dies arme Opfer Henker uͤberliefern willſt?—“ Muth, liebe Mutter,— Muth; ſo iſt's ſchoͤn,“ rief Jean Thomas;„wohlan,— Du, die Du ſtets den Namen des lieben Gottes im Munde fuhrſt,— vertheidige jetzt den Ehebruch, und zuͤrne einem Biedermann, der ſeine Pflicht thut—“ „Deine Pflicht,— Thomas,— Deine Pflicht! Aber giebt's denn gar keinen Mittelweg zwiſchen der tollen Strenge, die Du Dir angeeignet haſt, und einer ſtraͤflichen Mitverſchuldung?— Wer gab Dir Fug und Recht, Deines Freundes Weib bekehren zu wollen? Verſuch' es, Herr, aber laß dies ungluͤckliche Weib nicht ermorden, ohne ihr Zeit zur Reue zu geben. Wenn Du ein Herz im Buſen hätteſt, wuͤrde Dich dieſer Anblick ruͤhren.“ „Mit meiner Pflicht verfeinde ich mich nie, meine Mutter.“ „Deine Mutter?— ja, Deine Mutter, die ſich aber ſchaͤmt, daß ſie einem ſo entarteten Geſchoͤpfe, wie Dir, das Leben gegeben hat.— — 113— „Schaͤme Dich denn, daß Dein Sohn ein rechtlicher Mann iſt, ſchäme Dich, daß ſeine Tugend ſo feſt und unerſchutterlich ſteht.... Ich bin der Enkel eines Fiſchhaͤndlers am Hafen, nicht wahr, liebe Mutter?—“ rief Thomas mit einem tuͤckt⸗ ſchen und bittern Lachen.„Nun denn, fuͤr ſo einen Lump, fuͤr ſo eine Buͤrgerſeele, iſt bloß die Tugend der Adel; und bei Gort im Himmel, darin kann ich mich ſo adlig, wie ein Montmorency, nen⸗ nen. Sagt man auch nicht: Thomas, der Edel⸗ mann, Thomas, der Herr, Thomas, der Wilde, Thomas, der Freche, ſo ſagt man doch: Thomas, der Biedermann. Das iſt allerdings ein Ungluͤck fuͤr Dich, Mutter, aber es iſt einmal ſc „Ich aber ſage, nicht Liebe zur Tugend treibt Dich zu dieſer That, ſondern ein ſchrecklicher Haß, den Du gegen Alles hegſt, weil Du Alles benei⸗ deſt. Ja, Deine Wuth fordert ein Opferz weil der Stolz Dich quaͤlt, muß Deiner eignen Schmer⸗ zen Ausbruch einen Andern treffen, und die Tu⸗ gend dient Dir zum Vorwand. Ja, ich ſage es, Du entweihſt dies Wort, und wenn Du nur das geringſte Gefuͤhl fuͤr Religion, und dies himmliſche Buch aufgeſchlagen hätteſt,“ fuhr ſie fort, und zeigte auf die Nachahmung Jeſu Chriſti, „wuͤrdeſt Du wohl Mitleid und Milde gefuhlt haben. Sieh, Sohn, lies, was der gebeut, der für unſer Heil ſtarb,— lies: Ihr habt nicht fuͤr An⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 8 dere zu ſtehen, ſondern bloß fur Euch ſelbſt.— Was aͤngſtigt ihr Euch denn?“ „Mein Gewiſſen zeigt mir meine Pflicht, Mut⸗ ter, und nicht dieſe, wer weiß von wem, geſchriebe⸗ nen todten Buchſtaben,—“ rief Thomas veraͤcht⸗ lich;—„ein Verbrechen iſt geſchehen, der Schul⸗ dige wird buͤßen; das iſt gerecht.— Meines Freun⸗ des Gluͤck und Ehre vor Allem, liebe Mutter.“ „Aber, Ungluͤcklicher,“ rief die Wittwe,„Du denkſt nicht an Deines Freundes Gluͤck, wenn Du ſo handelſt, denn da er gar nichts weiß, da er ſei⸗ nem Weibe traut, weshalb willſt Du ihm dies ſchreckliche Geheimniß entdecken? Ja, glaube mir, Sohn, durch dieſe Lehre hinlaͤnglich beſtraft, wird das arme Weib zu ihrer Pflicht, zu ihrem Selbſt zuruͤckkehren; ich verſpreche es Dir;— darum ſage nichts, und der Friede dieſer Ehe bleibt ungeſtoͤrt. Thomas, lieber Sohn, Deine Mutter bittet Dich darum; erſpare dieſer Ungluͤcklichen den Tod, ihrem Manne ein Verbrechen, und Dir ſchreckliche Ge⸗ wiſſensbiſſe.“ „Du ſcherzeſt, Mutter; Gewiſſensbiſſe?— Mein Benehmen, mag die Pruͤfung noch ſo ſchwer kom⸗ men, ſoll ſtets das eines Biedermannes, wenn auch etwas hart, ſein.“ „Ach, Herr Thomas!—“ rief Pauline, und rutſchte auf den Knien bis vor des Seemanns Füße,—„Herr Thomas, ich that Unrecht, weiß es, ſchweres Unrecht;— mein Vergehe — — 115— nicht zu entſchuldigen, ja, ich bin eine Elende, die Verachtung, aber nicht den Tod verdient! Mit⸗ leid!— Herr Thomas!— ſagen Sie es nicht; ich ſchwoͤre Ihnen bei Gott,— bei Ihrer Mutter,— ich will mein Leben, mein ganzes Leben der Reue weihen, und meinen Mann, ſoviel ich kann, zu begluͤcken ſtreben; ohne Murren will ich Alles von ihm dulden. Ach, Herr Thomas! Barmherzig⸗ keit!—“ „Fuͤr das Verbrechen giebt's keine Barmherzig⸗ keit; rein mußten Sie bleiben,— ſo konnten Sie ſich dieſe Qualen erſparen. Jetzt iſt's zu ſpaͤt,—“ rief Thomas hart. „Aber ein ungluͤckliches Weib dem Tode zu entreißen, Herr Thomas, iſt's noch nicht zu ſpaͤt,“ rief Pauline mit dem Ausdruck des wildeſten Schmerzes, und rang die Haͤnde,—„denn Sie wiſſen ja, er wird mich umbringen, wenn er er⸗ faͤhrt—“ —„Sie waren eine Ehebrecherin, und mein Freund ſoll das erfahren. Das Uebrige geht mich nichts an, alſo ſparen Sie Ihre Bitten.— Noch ein Mal, ich werde meine Pflicht thun.“ „Ach, mein Gott, ſo bleibt mir denn nichts mehr uͤbrig, als der Tod!—“ rief das Weib des Capitains und ſtuͤrzte ohnmaͤchtig zu Boden. Da ſprang die Wittwe, trotz ihres hohen Al⸗ ters, der Ungluͤcklichen zu Huͤlfe, und rief, Haͤnde und Augen zum Himmel Fn. dü — 116— mein Gott! Vergieb dem Unſinnigen all das Un⸗ gluͤck, das er angerichtet hat.“ „Unſinnigen! Ja, der brave Mann iſt das, es iſt wahr. So denkt die Welt. Aber ich bin kein Weltmann,“ rief Thomas bitter. „Geh, geh von dieſer Staͤtte, hoͤrſt Du?— Verlaß mein Haus, Bube,—“ rief die Wittwe und wies Thomas die Thuͤr. „Ich bin hier in meines Vaters Haus,—“ verſetzte der Lieutenant. „Wenn Du nicht augenblicklich gehſt, rufe ich um Huͤlfe, Du boͤſes Kind.“ „Boͤſes Kind? Etwa, weil ich zu dem Verbre⸗ chen ſagte: du biſt das Verbrechen? Boͤſe, weil ich meine Pflicht als Biedermann erfuͤllte?— Aber, wahrlich, Mutter, das hohe Alter macht Dich zur—“ „Das hohe Alter macht mich zur Naͤrrin? das hohe Alter macht mich verruͤckt? nicht wahr?—“ unterbrach ihn die Wittwe.—„Ha, Du beleidigſt Deine Mutter! Nun ſo ſei verflucht, Ungluͤcklicher! Sei verflucht!“ Da offnete ſich die Thuͤr, und der Graf trat herein. Zehntes Kapitel. Aber das iſt eine Gottesläſterung. Muſ. v. Meyer⸗Beer. Gotteslaͤſterung. Das Knarren der geoͤffneten Thuͤr rief Pauli⸗ nen wieder zum Bewußtſein zuruͤck; denn das un⸗ gluͤckliche Weib glaubte ihren Mann zu hoͤren, hatte ſich in den Schooß der Wittwe geworfen, und rief:—„Er bringt mich um, liebe Frau, be⸗ ſchuͤtzt mich!“ Aber als ſie ihren Irrthum ſah, ſtrich ſie, im⸗ mer noch kniend, ſich die Haare aus der Stirn, blickte den eingetretenen Fremden ſtier an, und er⸗ rieth unwillkuͤrlich, daß es der Graf ſei. Darauf faßte ſie ihn bei den Haͤnden, bedeckte ſie mit Kuͤſſen und Thraͤnen und rief:—„Retten Sie mich, Herr Graf; um Gottes willen, retten Sie mich,— Sie ſind meine letzte Hoffnung!“— Und dann fiel ſie wieder in convulſiviſche Zuk⸗ kungen, daß ihre Glieder zitterten. Jean Thomas, außer ſich vor Erſtaunen, blickte ſeinen Vorgeſetzten ſtier und regungslos an. „Der Herr Graf haben alſo die Bitte einer armen Wittwe nicht verachtet,“— rief die alte Thomas und gruͤßte Heinrich ehrerbietig. „Nein, liebe Frau,— und ich werde mich glucklich ſchaͤtzen, wenn ich Ihnen nuͤtzlich ſein kann. Aber wollten Sie mir guͤtigſt erklaͤren, was dies bedeutet, und worin ich die Dame retten kann?“ „Wenn Sie meinen Sohn davon abhalten, daß er das Geheimniß dieſes ungluͤcklichen Weibes, das ſich ſehr ſchwer vergangen hat, verräth, denn ſie hat auf einen Augenblick ihre Pflicht vergeſſen, Herr Graf; aber ſie bereut es; ſehen Sie ihre Thrä⸗ nen— das Herz moͤchte einem brechen. Nun denn, koͤnnen Sie es glauben, mein Sohn will ihrem Manne Alles ſagen? Und ſagt er's, ſo iſt's um ſie geſchehen. Darum bitte ich Sie, Herr Graf, verbieten Sie es meinem Sohne; Sie ſind ja ſein Vorgeſetzter, Herr Graf,— und wir Beide werden Sie dafuͤr ſegnen.“ „Ach ja, Herr Graf, mein Leben wird nicht lang genug ſein koͤnnen, Ihnen meinen Dank zu beweiſen,“— rief Pauline. „Sie iſt zum Entzucken ſchoͤn,“ dachte der Graf, und betrachtete das reizende Geſicht der Ma⸗ dame Lerouge, die zu ſeinen Fuͤßen kniete.— Dar⸗ auf wandte er ſich zu Jean Thomas:—„Ich hoffe, mein Herr, Sie—“ — „Ich hoffe, mein Herr,“ unterbrach Thomas den Grafen,—„ich hoffe, Sie werden ſich ſelbſt achten, und ſich nicht in eine Sache miſchen, die den Dienſt nichts angeht.“— „Ich bin hier bei Mabdame Thomas, mein Herr,“— rief Heinrich, und verneigte ſich gegen die Wittwe,„und was ich thue, iſt mein eigner Wille und Entſchluß.“ „Nun gut! ich, mein Herr,“— rief Thomas in anmaßendem Tone,—„ich bin hier in meinen vier Pfaͤhlen und will Ihnen den meinigen ſagen. Mein Wille iſt, meinem Freunde, dem Capitain Jacob, Alles zu offenbaren, und dies will ich auch gleich jetzt thun. Ich weiß⸗es wohl, mein Herr, an meiner Stelle wuͤrde ein Mann des Hofes nachſichtiger oder zaghafter ſein; aber ich bin kein Mann des Hofes, mein Herr, ich gehoͤre einem andern Stande— gehoͤre dem Volke an— bin ein rechtlicher Mann“— „Ein elender Menſch biſt Du, der Du es wagſt, ſo mit einem Edelmanne zu ſprechen, mit einem Herrn, der Deines Vaters Haus durch ſei⸗ nen Beſuch beehrt!“— rief die Wittwe und ſtei⸗ gerte ſo ohne ihr Wiſſen Thomas's Zorn;— „bitte ihn um Entſchuldigung— auf der Stelle“ — ſetzte ſie hinzu.— „Mutter!“— rief Thomas aufbrauſend. „Ich bitte Sie, liebe Frau,“— rief der Graf mit ſeiner gewohnlichen Ruhe,—„vergeſſen Sie, — 6— ſo wie ich, was der Herr geſagt hat;“— dann wandte er ſich zu Thomas:„Sie behandeln die Leute meines Standes ſehr hart, mein Herr; ich habe eine beſſere Meinung von denen des Ihrigen, — da Sie ſelbſt dieſen Unterſchied, der mir nie eingefallen iſt, aufgeſtellt haben; und da ich Sie als einen rechtlichen und braven Mann kenne, nehme ich mir die Freiheit, mich mit Ihrer Frau Mutter zu vereinigen, um Ihr Stillſchweigen uber dieſe traurige Geſchichte zu erbitten. Sie ſehen wohl ein, mein Herr, daß ich ſehr thoͤricht ſein wuͤrde, wenn ich dachte, mein Einfluß als Com⸗ mandant koͤnnte Sie nur in Etwas beſtimmen; auch bitte ich Sie, vergeſſen Sie unſern Stand und Rang, und ſehen Sie mich nur füͤr einen rechtlichen Mann an, der einen rechtlichen Mann um eine Gefälligkeit bittet. Ich bitte Sie, Herr Thomas, ſetzen Sie ihren Plan nicht in's Werk; wahrlich, es wurde ſchlimmer kommen, als Sie denken, das weiß ich gewiß“— Thomas antwortete kein Wort, blickte den Gra⸗ fen ſardoniſch an, zog ſeine Uhr heraus, und ſagte: —„Schon Mittag, das iſt die Stunde, wo die Kutſche von Lambeſeleqg ankommt. Mein Freund muß da ſein; ich eile ihm entgegen.“ Und er verſchwand. „Mein Sohn!— mein Sohn!“ rief die Witt⸗ we,— bittend— — „Ach, mein Herr,“ rief Pauline,„er holt mei⸗ nen Henker!“— „Um Gottes willen, Herr Thomas, thun Sie das nicht!“ rief Heinrich, und eilte ſeinem Lieute⸗ nant nach. Es war zu ſpat— Die Perſonen dieſes ſeltſamen Auftritts blickten ſich, regungslos vor Staunen, einander an. „O, mein Gott, ſo iſt es denn aus mit mir!“ — rief Pauline,—„ich muß ſterben— ſterben“— „Was nun anfangen, Herr Graf?“— rief die Wittwe in der Angſt ihres Hetzens. Peinrich ſann einen Augenblick nach, konnte ein Laͤcheln nicht verbergen, und fragte dann ent⸗ ſchloſſen:—„Außer dem, was geſtern geſchehen, hat mein verteufelter Lieutenant keinen Beweis ge⸗ gen Sie?“— „Nein, Herr Graf,— ich ſchwoͤre es Ihnen.“— „Nun gut, ſo laͤugnen Sie nur Alles ſteif und feſt, wenn Ihr Mann kommt; und da Ihr Sohn, Frau Thomas, bloß von der geſtrigen Begebenheit reden kann, ſo behaupten Sie, daß die Dame ge⸗ ſtern von fruͤh bis auf den Abend nicht aus Ihrer Stube gekommen iſt; merken Sie ſich's; nicht ge⸗ ſtottert. Sehen Sie, beſtes Weibchen,“— rief der Graf, immer noch lächelnd,—„in dieſem ſo haͤufigen Falle glaubt der Mann lieber das Gute, als das Boͤſe; und ich weiß gewiß, Ihr Zeugniß wird das des Lieutenants unwirkſam machen.“ —„Aber das iſt gelogen, Herr Graf,“— rief ernſt die Wittwe. „Aber auch Ihrem Naͤchſten das Leben geret⸗ tet, liebe Frau,“— erwiederte der Graf. „Luͤgen!“ wiederholte die Wittwe mit dem Ausdrucke des Schmerzes und der Unentſchloſſen⸗ heit.— Da fielen ihre thraͤnenfeuchten Augen auf die Nachahmung Jeſu Chriſti, die noch offen auf dem Tiſche lag, und ſie las: Es iſt nicht Alles verloren, wenn ihr auch in Angſt und Noth ſeid⸗ Ihr ſeid Menſch, nicht Gott; ſeid Fleiſch, nicht Engel. Wie wollt ihr Euch ſtets erhalten in gleicher Tugend, da ſol⸗ ches Beharren ſelbſt dem Engel im Him⸗ mel und dem erſten im Para⸗ dieſe mangelte? Ich bin Chriſtus, der da aufrecht haͤlt die, welche ſeufzen, und zu ſich erhebt die, ſo ihre Schwaͤche erkennen. Der Menſchen Zeugniß iſt oft Trug, aber mein Gericht iſt das einzig wahre und unerſchuͤtterliche, und Gottes Langmuth iſt ohn' Ende. „Gottes Willè geſchehe!“— rief die Wittwe und ſchlug das Buch zu.—„Seine Gerichte ſind unerforſchlich, und er allein ſieht in's Herz des Menſchen“— 2 Da ließen ſich Stimmen vor der Thuͤr horen; es war die des Lieutenants, und noch eine andere— „Das iſt mein Mann,“ ſtoͤhnte Pauline,— „ich fuͤhle den Tod,— ich bin verloren“— „Jeſus Maria! ſtill, keine Blöße!“— rief Heinrich, und laut klopfte das Herz in ſeiner Bruſt. Die Thuͤr öffnete ſich. Es war wirklich der Capitain und Thomas. Der Capitain war vierzig Jahr alt, und von Athletengeſtalt; ſein braunes, kraͤftig gezeichnetes Geſicht war blaß und verzogen, ſeine Lippen weiß und enggeſchloſſen, ſeine Augen glaͤſern und ſein Weſen hatte eine ſcheinbare Ruhe, die ſchrecklicher war, als der Ausbruch des Zornes. Feſten Schritts ging er auf Paulinen zu, die ſich in die Arme der Wittwe gefluͤchtet hatte. Und ſein Weib bei der Schulter faſſend, fragte er ruhig: „Weib, was machſt Du hier?“ „Herr Capitain,“— rief Heinrich,— der allein noch Beſonnenheit genug beſaß,—„ich bin der Graf von Vaudrey, und Frau Thomas hat mich beauftragt, Sie zu verſtändigen, warum die Dame(hier wies er auf Paulinen) hier iſt. Herr Jean Thomas, von falſchen Geruͤchten, die ſeinem Gewiſſen Zwang anthaten, getaͤuſcht, hat Ihnen vielleicht geſagt, geſtern gegen 2 Uhr ſei Ihre Frau vor der Stadt in einem téte-àtéle geſehen wor⸗ den.“— „Ja, das hab' ich geſagt, und es iſt wahr; wer wagt es, mich Luͤgen zu ſtrafen?“— rief Thomas. „Ich, mein Sohn!“— betonte die Wittwe mit einem Seufzer;—„denn dieſe Frau iſt ge⸗ ſtern den ganzen Tag bei mir geweſen,— von fruͤh 8 Uhr bis Abends 9 Uhr.“ „Bei Gott im Himmel! das iſt niedertrachtig,“ — rief Thomas außer ſich. Der Capitain ſah Thomas ſtier an, ohne ein Wort zu ſagen; dann rief er:—„Thomas, iſt's moͤglich? Du, mein Freund,— Du, wenigſtens hielt ich Dich dafuͤr,— Du konnteſt mich betru⸗ gen?“— Heftig ſtampfte er mit dem Fuße, und fuhr fort:—„Ja, Elender, Du verleumdeſt mein Weib; denn nie, nie war Deine Mutter einer Lüge fähig“— Und in ſeinen wilden Zuͤgen ſchienen Zweifel, Zorn und Hoffnung zu kämpfen. „Ha, das iſt teufliſch!“— rief Jean Thomas wuͤthend. „Ich bin geſtern nicht von hier weggekommen, und weiß, weshalb Herr Thomas meinen Beſchul⸗ digern geglaubt hat,“— rief Pauline, die in ihrem Perzen wieder einen Schein von Hoffnung erwa⸗ chen fuͤhlte und Muth faßte. „O, uͤber die Weiber!— uͤber die Weiber!“ — dachte Heinrich, in ſich laͤchelnd. 1 — 125— Jetzt trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, den die ſchwache Feder nicht zu ſchildern vermag. Endlich begann der Capitain mit barſcher Stim⸗ me, und konnte kaum noch ſeine ſchreckliche Auf⸗ wallung bezaͤhmen: „Hoͤre, Thomas,— ich habe Dich ſtets als rechtlich und maͤnnlich gekannt; in einer Minute kann ich nicht gleich anders von Dir denken lernen, und Dich fuͤr einen Schuft und Luͤgner anſehen, nein, das iſt unmoͤglich; noch ein Mal, das iſt unmoglich.— Thomas,— ſag' mir die Wahr⸗ heit.— Man hat Dich ſo berichtet,— nicht wahr?— dann haſt Du es als guter Freund mir wiedererzähltz aber ſelbſt geſehen haſt Du nichts, nicht wahr?— Nichts ſelbſt geſehen? Du haſt gedacht, mir einen Dienſt zu erweiſen, wenn Du mir dieſe Sage mittheilteſt; aber ſo ſprich doch, Du haſt nichts mit eignen Augen geſehen?“ „Geſtern, Nachmittag 2 Uhr,— habe ich, Thomas, Dein Weib auf dem Walle am Arme eines jungen, blaugekleideten Menſchen geſehen,— ich habe geſehen, wie ſie ſich bei den Haͤnden hiel⸗ ten,— ſich den Arm reichten,— ich habe geſehen, wie ſie ſeitwaͤrts vom Walle, wo ſie keinen Lauſcher befuͤrchteten, ſich umarmten.“ „Thomas!“ rief der Capitain; und ein dunkler Purpur trat auf ſeine Wangen⸗ „Ich habe ſie geſehen,“— fuhr ſchonungslos Thomas fort—„ich habe ſie geſehen, und meine Mutter luͤgt, ja, bei Gott, ſie luͤgt!“ „Du haſt ſie geſehen,— genau geſehen?“ ſtammelte Jacob. „Ich habe ſie geſehen.“ „Ha!“— rief der Capitain und fuhr ſich mit der Hand uͤber Stirn und Augen; dann machte er noch einen letzten Verſuch, denn man hoͤrte kaum, was er ſprach:—„Hoͤre, Thomas,“— murmelte er,—„ſchwoͤre mir, aber ſchwore mir bei Deiner Seemannsehre, beim Andenken Deines Vaters, bei Deiner Rechtlichkeit, daß Du ſie geſehen haſt— ſchwoͤre mir, und ich will Dir glauben.“— Als nun Thomas ſprechen wollte, faßte ihn der Capitain kraͤftig bei der Hand, und ſprach zu ihm mit bedeutungsvoller Miene:—„Du kennſt mich, Thomas; ſieh,— es iſt ein Todesurtheil,— was Du ausſprichſt;— bedenke es wohl: ein To⸗ desurtheil“— „Todesurtheil, verſtehſt Du recht?“—— wie⸗ derholte noch ein Mal der Capitain, und convulſi⸗ viſch zitterte ſeine Stimme, und feſt noch hielt er den Arm des Lieutenants. „Halt!!!“ riefen auf einmal Heinrich, die Wittwe und Pauline, und ſtreckten die Haͤnde ge⸗ gen Jean Thomas hin, der mit lauter Stimme rief: „Ich ſchwoͤre alſo bei meiner Rechtlichkeit, beim Andenken meines Vaters, bei meiner Seemanns⸗ ehre, ich ſchwoͤre, daß ich ſie geſehen habe.“ „Nun iſt's aus, Ungluͤckliche!“— rief dumpf der Capitain, und zuckte einen langen Dolch, den er unter ſeinem Rocke verborgen gehalten hatte, und bevor der Graf ſich ſeiner Wuth widerſetzen konnte, ſtuͤrzte er wie ein Tiger uͤber ſein Weib⸗ her und faßte ſie bei den Haaren. Die Klinge ritzte ſchon Paulinens Buſen, und keine menſch⸗ liche Macht konnte ſie einem ſchrecklichen Tode entreißen.— „Halt, mein Herr!“ rief die Wittwe mit ſolch einem gewichtigen Tone, daß des Capitains Arm, der ſchon den Dolch auf ſein Weib zuͤckte, wie ge⸗ laͤhmt zuruͤckſank. Dann erhob ſich die Wittwe ruhig, ehrwuͤrdig, und legte ihre Hand auf ein Crucifix, das ſie an ihrem Halſe trug, und rief mit lauter und feſter Stimme: „Ich ſchwoͤre hier, beim Bilde des Erloͤſers der Menſchen, daß Ihr Weib unſchuldig, und ge⸗ ſtern den ganzen Tag keinen Augenblick von mir weggekommen iſt; moͤge ich verdammt ſein zu den ewigen Strafen, wenn ich luͤge!“— „O, Mutter, Mutter!“ rief Thomas und er⸗ hob die Haͤnde zum Himmel.— „Elender!“— ſchrie Jacob, und drohte Thomas mit dem Dolche— denn der Capitain glaubte der Wittwe, da die aͤchte Froͤmmigkeit die⸗ ſer heiligen Frau in der Recouvrance ſo bekannt — 128— war, daß Niemand ihr eine ſo ſchreckliche Todſuͤnde zugetraut hätte.— „Armer Thor!“— antwortete Thomas kalt, und blickte, ohne zu erblaſſen, auf den uͤber ihn gezuͤckten Dolch.— 8 Aber Jacob warf die Waffe zu Boden, und ſagte zu Thomas:—„Das Blut einer ſo elenden Canaille, wie Du, wuͤrde dieſen Dolch beflecken; geh,— Luͤgner, ich verachte Dich!“ Darauf ſturzte er ſich ſeiner Frau zu Fuͤßen— „Pauline!— Verzeih, ach, vergieb!— mein Gott! — ich, ich liebte Dich ſo ſehr, daß— und dann — Aber nein, ich bin von Sinnen, es iſt ein Traum;— ein ſchrecklicher Traumz; aber Du biſt unſchuldig;— jener Schuft hat gelogen— ver⸗ Und auf dem wilden Antlitz des rohen Men⸗ ſchen waren Schmerz und Guͤte wunderbar ausge⸗ druͤckt. Er weinte, wie ein Kind, er umarmte ſein Weib, kuͤßte der Wittwe die Haͤnde, lachte, huͤpfte, dankte dem Grafen. Er konnte nur un⸗ zuſammenhaͤngende Worte, Seufzer, Laute der Freude, ausſtoßen. Endlich nahm er, als fehlten ihm die Worte, und um das, was er fuͤhlte, aus⸗ zudruͤcken, ſein Weib in ſeine Arme, und bevor noch eine bei dieſer ſeltſamen Scene betheiligte Per⸗ ſon ein einziges Wort ſagen konnte, entfloh er mit ihr, als hätte er nur ein Kind auf den Armen. Thomas ſtand noch, wie verſteinert; er ſah 129— und hoͤrte nichts; das unerhoͤrte Benehmen ſeiner Mutter laͤhmte ſeine ganze Kraft; und dies Alles war ihm nur wie ein Traum. Endlich fuhr er mit den Haͤnden uͤber die Stirn, druͤckte ſie maͤchtig und ſtammelte die Worte„Ha! ich moͤchte raſend werden!—“ Und ohne Hut und Degen ſtuͤrzte er hinaus. Die Wittwe vermochte nicht, einer ſo heftigen Erſchuͤtterung zu widerſtehen, ſchloß die Augen und ward ohnmächtig. Der Graf rief um Huͤlfe, ließ die Wittwe Tho⸗ mas in den Haͤnden der Nachbarinnen, und waͤh⸗ rend er nach Haus ging, ſprach er bei ſich:— „Bei meiner Edelmannsehre, das war eine merk⸗ wuͤrdige Geſchichte; das war eine Betſchweſter, die eine Todſuͤnde beging; ein Ehrenmann der als Schuft behandelt, ein anderer Ehrenmann, der wie ein Narr geprellt wurde, und dies Alles, um das Leben einer Puppe zu retten, die nun wieder von Neuem anfangen wird. Mein Gott, das Men⸗ ſchendaſein iſt ein komiſch Ding! S muß doch ſehen, ob ich dieſe Pauline erobern kann; ſie iſt herrlich von Wuchs— Ach. der vortreffliche Sit Lerouge.—————— — Acht Tage nach dieſem Auftritte war die Wittwe Thomas nicht mehr! Den dritten Tag nach ſeiner Mutter Tode Die Scewarte v. Koat⸗Vén. U. 9 — 130— empfing Jean Thomas folgende Zeilen von dem Capitain Jacob Lerouge: „Ich habe erfahren, daß Ihre Mutter geſtorben „iſt; dies neue Ungluͤck macht Sie einiges Mitleids „werth. Ich habe Sie einen Luͤgner geſcholten; „ich will dies Wort als eine Beleidigung von mei⸗ „ner Seite anſehen, und gebe Ihnen gern Rechen⸗ „ſchaft daruͤber.„Wählen Sie Ort, Waffen und „Zeit.“ Lerouge. Jean Thomas antwortete, wie folgt: „Ich bin kein Lugner, aber ich nehme die „Genugthuung, die Sie mir anbieten, nicht an, „weil ich meiner Mutter geſchworen habe, nie die „Hand in einem Duelle ans Schwert zu legen.— „Ich habe es ein Mal geſchworen, und vor ihrem „Tode habe ich dieſen Schwur noch ein Mal wie⸗ „derholt. Sie kennen mich;— Sie wiſſen, aus „Furcht ſchlage ich es nicht ab, aber ich habe nie „in meinem Leben einen Schwur gebrochen.“ Thomas. „Nein, bei Gott! aus Furcht ſchläͤgt er es nicht ab,“ rief der Capitain Jacob, als er dieſe Worte las.—„Aus Furcht geſchieht's nichtz ich habe ihn im Feuer geſehen, aber er hat entſchiedenes Ungluͤck.“ Madame Lerouge bat, um alle uͤble Nachrede zu vermeiden, ihren herrlichen Gemahl, den Cupi⸗ tain, um die Erlaubniß, Rennes ſtatt Breſt zum Wohnſitz zu wählen. — 131— Der Capitain willigte ein, und ließ ſich dort mit ſeiner tugendhaften Gattin, wie er ſie nannte, nieder. Wie nach einer ſtillſchweigenden Uebereinkunft ſprachen der Graf und der Lieutenant in der Folge kein Wort von dieſem ſeltſamen Auftritte.— Nur ſchlug Heinrich ſeinem Lieutenant, damit dieſer ſich zufriedener fuͤhle, eine Verſetzung vor. Der Lieu⸗ tenant fragte ihn, ob er ſich an ſeinen Vorgeſetzten vergangen habe. Jean Thomas blieb alſo an Bord. Bald darauf ſchiffte ſich auch Perez— als Beamter des Ober⸗Proviantmeiſters am Bord der Sylphide ein. Rita folgte ihm in Mannskleidern, und galt fuͤr ſeinen Gehuͤlfen. Aber nur wenige Matroſen bemerkten ihre Ge⸗ genwart an Bord, denn ſie hatte ſich des Abends eingeſchifft.— Eines Abends, im naͤmlichen Augenblicke, wo auch der Graf an Bord zuruͤckkam, wobei er in ſeinem Rauſche etwas laͤrmte, denn er kam, Gott weiß von was fuͤr einem Souper, fragte er, als er im Dunkel des Wegs Rita und Perez ſah, wer das waͤre? Man antwortete ihm:—„Commandant, es iſt der Proviantmeiſter und ſein Gehuͤlfe.“ 9* Und der Graf machte eine Geberde ſorgloſer Nichtbeachtung, und ſchlenderte in ſeine prachtvoll vergoldete Gallerie. Perez und Rita betraten im Schiffsraume das dunkle und feuchte Gemach, das ihnen ange⸗ wieſen war. Fuͤnftes Buch. Eilftes Kapitel. — nur der, deſſen Herz vor Freude über die hüpfenden Wogen gebebt hat, kann die Entzückungen Derer beſchreiben, welche über dieſe end⸗ und pfadloſen Ebenen irren. Lord Byron, der Corſar 1. 5. Marine. 781.) Dir gehoͤren die Frauen,— dir die Hunde und Pferde,— dir das Schwert des Kriegers, feurige, bluͤhende Jugend! ſchoͤnes Alter! voll Unbekuͤm⸗ mertheit, Kraft und Kuͤhnheit; gluͤckliche Zeit! wo das Leben ſo lang ſcheint, daß man es Jedem preis⸗ giebt, und doch noch genug davon uͤbrig behält, um dem Bacchus und der Venus im Uebermaße zu opfern. Liebe! Jagd! Krieg!— edle aber grauſame Spiele.— Das Maͤdchen ſchwimmt in Thranen, — der Damhirſch wird abgefangen, der Feind getöd⸗ tet.— Das Hallali ertoͤnt, ein trocknes Auge, ein friſches Pferd, ein neues Schwert, und beginne von Neuem, mein Junker! Gluͤcklicher Heinrich! Das iſt dein Leben! Ver⸗ giß Verſailles und ſeine Frauen, deine Waͤlder, deine Koppeln und deine Jaͤger. Es iſt jetzt Krieg, Heinrich, Krieg! Der Stern Amerika's erhebt ſich, beide Welttheile ſtehen im Feuer; von dem Nor⸗ den zum Suͤden bruͤllt das Meer, die Kanone donnert; hoͤre es iſt noch die alte Flagge Frankreichs, welche uͤber den Ocean ſegelt, mit ihren flammenden Wimpeln, ihrem donnernden Ge⸗ ſ Und die, welche ſie halten, dieſe weiße Flagge, haben eine rauhe und feſte Hand. Es iſt Destaing, La Mothe⸗Piquet, Graſſe, Suffren, Destouches, Descars,— hoch, wehend, oder geſenkt,— ſie wollen es ſo.— Du kennſt ſie uͤbrigens, Heinrich, es ſind deine Lehrmeiſter. Edle Lehrmeiſter, als deren wuͤrdiger Schuͤler du dich zeigen wirſt, denn nach Verlauf einer gewiſſen Zeit macht das feſte Land Langeweile, nicht wahr?.... Dann beſon⸗ ders, wenn jenes verzehrende, fieberhafte Streben, welches dich Feſte auf Feſte haͤufen ließ, Liebe auf Liebe, und Dir erlaubt, Alles zu genießen, Alles zu umfaſſen, durch das Uebermaß dem Menſchen zum Ekel wird. O! Nicht wahr, dieſes glaͤnzende, ausſchwei⸗ — 1— fende und ſinnliche Leben, welches bei Kerzenſchein auf ſeidnen Polſtern und unter Wohlgeruͤchen da⸗ hinfließt, wird auf die Laͤnge ermuͤdend? Nicht wahr, man fuͤhlt das gebieteriſche Beduͤrfniß, die vortreffliche, wenn auch rauhe und ſcharfe Seeluft einzuathmen, welche das Blut in den Adern ver⸗ duͤnnt und fluͤſſiger macht? Nicht wahr, es iſt ſuͤß, ſeine vom uͤbertriebenen Genuß gluͤhende Stirn den friſchen Winden des Oceans darzubieten?.. Nicht wahr, man kann ſich in voller Sicherheit vor Gemuͤthsbewegungen an dem ſchmerzhaften Schauſpiele eines Kampfes oder eines Sturmes er⸗ friſchen? Nicht wahr, das Herz hebt ſich, wenn man den Fuß auf ſeine Fregatte ſetzt, und zu ſich ſelbſt ſagt: hier gilt mein Geſetz, hier mein freier und unumſchraͤnkter Wille; hier gehorchen mir auf ein Wort, auf ein Zeichen 300 Menſchen, ſo gut wie ein einziger,— denn, meiner gewiß, haben ſie mir ſtillſchweigend ihr Leben uͤberlaſſen und mir ge⸗ ſagt:—„Nimm es hin, und bediene dich deſſen zum Ruhme des Koͤnigs von Frankreich.“ Nicht wahr, er ſcheint dir ſchoͤn, der Gedanke, daß auch du fuͤr den Ruhm des Koͤnigs und Frankreichs ſtehſt? Nicht wahr, dieſer hohe Beruf beunruhigt dich nicht, Heinreich! denn du haſt Se⸗ gel, Pulver und Waffen;— denn, wenn die Ue⸗ berzahl dich beſiegte, weißt du wohl, daß der treue Ocean denen niemals eine glorreiche Frei⸗ ſtätte in den Tiefen ſeiner Abgruͤnde verweigert, welche nicht zugeben, daß ihre Flagge dem ſiegen⸗ den Feinde als Trophäe diene. Empfandeſt du endlich nicht eine lebhafte Ruͤh⸗ rung, eine unerklaͤrliche Unruhe, brennende Neu⸗ gier, als du bei deiner Ankunft in Breſt an den Hafen eilteſt, deine Fregatte, deine Sylphide zu ſehre Aber ſie auf dieſe Art zu ſehen... was war das? Ich weiß, daß du mit deinem raſchen, durch⸗ dringenden Kennerblicke ihre Vorzuͤge und ihre Maͤngel im voraus zu beurtheilen vermochteſt.— Aber ach! eine Fregatte im Hafen zu ſehen, iſt eben ſo viel, als einen Renner im Stall. Seht es dort, dieſes edle Roß, wer wuͤrde in ihm den wuͤrdigen Sohn des Old⸗Port, des Cham⸗ pagne, oder der Miß Craven erkennen?— Se⸗ het. wie es traurig, finſter und mißmuthig iſt; ſeine Ohren haͤngen herab, ſein Auge iſt glanz⸗ los, ſeine Knie beugen ſich, ſein Rucken ſenkt ſich, denn die Luft, das Licht, der Raum fehlt ihm. der Raum beſonders! denn dieſer iſt ſein Muth, ſeine Kraft, ſeine Glut; der Raum iſt ſeine Schoͤn⸗ heit, ſeine Anmuth, ſeine Staͤrke. Aber fuͤhrt es heraus aus dem dunkeln Stall, damit das Licht es umfließe, damit es den Him⸗ mel erblicke, und Waͤlder, Bäche, Barrieren und unberſehbare Ebenen, damit es fuhle, wie die Luft ſeine glaͤnzende Mähne erhebt und mit ſeinem wal⸗ „ — 137— lenden Schweife ſpielt,. dann.. ja dann ſehet.... wie ſein Haar ſchimmert von dem goldigen Wiederſchein eines reinen und edlen Ge⸗ bluͤtes!— Sehet— wie ſein Hals ſich rundet, ſeine Adern ſchwellen, ſein Auge flammt, ſeine Nuͤſtern ſich erweitern; es ſpitzt die Ohren, ſeine Croupe ſteigt, ſeine Gelenke ſtrecken ſich; es wie⸗ hert, es baͤumt ſich, zerſtampft den Boden, kauet an ſeinem Gebiß, und faͤrbt es mit ſilbernem Schaume!.... Und dann laßt dem gluͤhenden Eifer, der es belebt, freien Lauf.. es läuft.... es laͤuft;.... mit bis zur Wuth geſteigertem Feuer verfolgt es den unerreichbaren Horizont, welcher vor jeder Anſtrengung des tapfern Roſſes zu fliehen ſcheint. Es fliegt, es ſchwimmt in dem Raume aber laßt es die Stimme ſeines Herrn hoͤren,— es bleibt ſtehen, es beruhigt ſich, es ſammelt ſich.— Dann iſt es nicht mehr jener ungeſtuͤme, berauſchende, ſchnelle Lauf, wie der Aufflug eines durch kraftigen Arm abgeſchoſſenen Pfeiles, es iſt die ſanfte Bewegung der cana⸗ diſchen Wiege, welche ſich ſchaukelt an den bluͤhen⸗ den Zweigen des Eppichbaumes. Eben ſo konnte Heinrich, als er ſeine Fregatte im Hafen erblickte, ſeine Fregatte, zur Hälfte ver⸗ deckt durch die großen Mauern des Zeughauſes,— allein, im Schatten, von allen Seiten an das Holz oder an den Stein anſtoßend, halbbedeckt mit ſchwerfaͤlligen Zelten, welche ihre reichen Ma⸗ — 5 lereien verhuͤllten,— unbeweglich auf einem ſum— pfigen und ſtillſtehenden Waſſer, ohne einen Luft⸗ zug, um die edle Flagge zu entfalten, welche an ihrem Maſt herabhing, eben ſo konnte er nicht be⸗ urtheilen, wie ſchon, lebhaft und ſtolz auch ſie, die Sylphide, ſei. Aber als er ſie ſpaͤterhin, an einem ſchoͤnen Januartage, bei einem friſchen Weſtwinde, mitten in die unermeßliche Rhede von Breſt gefuͤhrt hatte, wie ſehr veraͤnderte ſich da Alles! Wie kam auch hier der freie Raum der Fregatte zu Statten, wie ſpiegelte ſich ihr Tauwerk ſchoͤn und wehend am ſilbergrauen Himmel ab, wie ſchien ſie ſo frei, ſo leicht und ungeduldig in der Mitte dieſer Fläche gruͤnlicher Gewäſſer, welche auf das Kupfer ihres Kiels einen Wiederſchein ſmaragdfarbenen Mar⸗ mors warfen! Und als der Graf, ihre ſchoͤnen weißen Segel entfaltend, und ihr freien Spielraum laſſend auf der großen Rhede von Breſt, als ein vollendeter Seemann, den Lauf ſeiner Fregatte verſuchte, wie man vor dem Kampfe den Gang ſeines Streit⸗ roſſes verſucht;— wie war er da ſo ernſthaft, ſo nachdenkend und bewegt, indem er ſie beobachtete, ihre Geſchwindigkeit und Genauigkeit berechnete; — und wie ſprang er dann auf vor Freude, wie war er ſo ſtolz auf die geringſte Sorge, welche er auf die Ausruͤſtung der Sylphide verwendet hatte, als er fand, daß ſie geſchmeidig war, beweglich in — 139— ihrem Gefuͤge, vortrefflich ruderte, unerſchrocken ſegelte, ſchnell, leicht und feurig war,.. ja feurig, ſich in den Wind ſtuͤrzend, wie ein Roß, das ſich bäumt.... Es iſt dies beinahe ein Fehler, wie Einige meinen, ich weiß es; aber Heinrich liebte Fehler dieſer Art. Und wie er ſie nun unter vollen Segeln lavi⸗ ren, beilegen, gegen den Wind ſtechen ließ;— wie er ihren Lauf und ihre Haltung beobachtete, um zu entdecken, wie er ſich ihrer zum Kampfe, zur Ver⸗ folgung oder zum Ruͤckzuge am beſten bedienen konne! Jetzt fuhr er, die Schnelligkeit ſeiner Fregatte durch alle bekannte Mittel beſchleunigend, mit Stolz ihren raſchen Lauf beobachtend, hart am Lande hin, und lenkte dort, waͤhrend faſt die aͤlte⸗ ſten Matroſen erblaßten, in dem Augenblicke, wo ſein Bogſprietmaſt die Felſen beruͤhren wollte, Dank der Vortrefflichkeit ſeines Fahrzeugs und der er⸗ ſtaunlichen Genauigkeit, womit die Equipage das Manover ausfuͤhrte, ſtolz den Lauf, und die Fre⸗ gatte entfernte ſich majeſtaͤtiſch von der Kuͤſte, gleichſam als ſpottete ſie der entſetzlichen Gefahr, der ſie getrotzt hatte... Dann wieder die untern Segel einziehend und die Wirkung der Topmaſtſegel hemmend, indem er ſie maskirte, hielt Heinrich den Lauf der Sylphide zu⸗ ruͤck und ließ ſie wolluͤſtig ſich ſchaukeln nach den —— Launen der ſchmeichelnden Wogen, als wolle er ſie ſich erholen laſſen von dem ſchnellen Laufe. So treibt bisweilen der Araber der Wuͤſte kuͤhn ſein Roß nach dem Rande eines Abgrundes; und, wenn man ihn nun ſo mit verhaͤngtem Zuͤgel in der Mitte einer Staubwolke dahinfliegen ſieht,... und ſchaudert, haͤlt er ſcherzend ſein Roß nahe an dem Rande der ſchrecklichen Tiefe zuruͤck, macht eine leichte Wendung und erreicht, anmuthig reitend, langſam die Ebene. — So war die Sylphide... Auch fuͤhlte Heinrich, als er am Abend ſeine Fregatte, um Anker zu werfen, zuruͤckfuͤhrte, und den Werth dieſes vortrefflichen Schiffs und ſeine Equipage kennen gelernt hatte, ich weiß nicht welche innere Ahnung einer glorreichen Zukunft, edler Kämpfe, die ihn mit gewaltiger Ungeduld den Au⸗ genblick des Auslaufens herbeiwuͤnſchen ließ, um ein Gluͤck zu verſuchen, welches er ſo guͤnſtig fuͤr ſeine Waffen traͤumte.. In Erwartung dieſes erſehnten Tages brachte er alle ſeine Augenblicke zu, ſein Schiffsvolk durch Bilder des Kampfes einzuuͤben, die Ausruͤſtung ſeines Schiffs mit der außerſten Genauigkeit zu vollenden, und es, nach Sitte der damaligen Zeit, mit dem reichſten Schmucke zu verzieren. Denn was dieſer Fregatte ihr beſonderes Ge⸗ praͤge verlieh, das Geprage der damaligen Zeit, war ihre Ausſchmuͤckung,— wenn man ſo ſagen — 141— darf— denn die Sylphide glich eben ſo wenig einer heutigen Fregatte, als das Coſtuͤm der Frauen unſerer Tage dem unſerer Großmuͤtter gleicht. Statt buͤrgerlich ſchwarz bemalt zu ſein, mit weißer Batterie, und mit ihrem dicken, runden Hintertheile ohne Schmuck und Vergoldung, ſo wie jede brave und beſcheidene National-Fregatte unſerer conſtitutionellen und oͤkonomiſchen Zeit iſt und ſein ſoll; fuͤhlte die Sylphide recht wohl ihren Adel und ihren koͤniglichen Schutz; kurz, ſie hatte ein Anſehen, als gehoͤre ſie der Zeit Lud⸗ wigs XV. an, was ſie, meiner Meinung nach, recht gut kleidete. Man mußte ſie ſehen mit dem praͤchtigen Schmucke ihres glaͤnzenden, auf weißem Grunde vergoldeten Hintertheils, deſſen Wiederſchein in dem klaren, azurfarbigen Waſſer ſich in der Ferne wie ein Goldmantel auf einem blauen Teppich zu ent⸗ falten ſchien. Ihr mit ausgeſuchter Feinheit geſchnitzter Ha⸗ ckebord Kellte zwei Najaden vor, auf Seeroſſen liegent Hieſe Gottheiten hielten in der einen Hand den Deeizack, mit der andern das koͤnigliche Wap⸗ penſchild von Frankreich; alles dies in halberhabe⸗ ner Arbeit;— Alles vergoldet, und eingefaßt von einem zierlich mit Laubwerk umwundenen Fries. Fuͤnf vergoldete Sirenen, große und ſchlanke Caryatiden, welche ſich mit erhobenen Armen ein⸗ ander die Hände reichten, bildeten ſo die Bogen und Stützen zu den vier Fenſtern in der Gallerie der Fregatte; eine Gallerie, ruhend auf einem durchaus vergoldeten und geſchnitzten Grunde, wor⸗ auf man eine große Zahl von hoſenbekleideten Tri⸗ tonen mit Najaden in Reifrocken ſcherzen ſah, um⸗ ringt von einer Menge Delphine und anderer See⸗ ungeheuer, welche unter dem Schaume des Meeres auftauchten. Wos ſoll man noch ſagen von den praͤchtigen Cajuͤtengallerien, mit ihren ſpitzig hervorragenden Zierrathen, geſtutzt auf Adler mit ausgeſpreizten Fluͤgeln, den Donnerkeil in der Klaue und gekrönt von zwei Famas mit langer Tuba.... Und die blendend weißen Barkhölzer, ſo wun⸗ dervoll gemeißelt, welche das Schiff wie mit einer breiten goldenen Schärpe umgaben, deren aͤußerſte Enden, ſich gefaͤllig kruͤmmend, am Vordertheil zu⸗ ſammenſtießen, um eine zierliche Sylphide zu tra⸗ gen, die ſo vergoldet war, daß man geglaubt haͤtte, ſie waͤre erſt unter dem Meißel Lemoines hervor⸗ gegangen. Ich weiß wohl, daß dieſer ganze Lurus, alle dieſe Sculpturen nicht ein ernſtes und kriegeriſches Anſehen hatten; aber ſie war doch entzuͤckend an⸗ zuſchauen, die ſo gebaute, praͤchtige Fregatte, weiß und golden! ſtolz und erhaben, wie eine Herzogin, mit ihrem funkelnden Fanal als Diadem. Ich weiß auch recht gut, daß ihr Anblick nichts Fürchterliches hatte; ich weiß, daß man ſie eher füͤr — 143— eine gefallſuͤchtige und wolluͤſtige Gondel gehalten haͤtte, welche ſich gern in einem See mit bluͤhen⸗ den Ufern ſpiegelt, als fuͤr eine rauhe Kriegsma⸗ ſchine, beſtimmt, dem Sturme zu trotzen... Denn in Wahrheit, mitten unter dieſen Zier⸗ rathen, dieſen Nymphen, dieſen goldenen Sirenen, welche ſich kreuzen, ſpielend ſich umſchlingen, wie ſollte man da an die Muͤndung einer Kanone den⸗ ken Und es gab doch Kanonen an Bord der Syl⸗ phide, und ſogar viele; aber wie ſollte man glau⸗ ben, daß aus ihren bronzenen Verzierungen, die mit ſo viel Geſchmack und ſo viel Reichthum gear⸗ beitet waren, daß ihre gorgoniſchen, grotesk geoff⸗ neten Muͤndungen Eiſen und Flammen ſpeien wuͤrden! Eiſen, welches toͤdtet, Flammen, welche zuͤnden!.. Und doch war dies der Fall!— Die Sylphide gab Feuer, wenn es noͤthig war, und ſie gab bis⸗ weilen mehr als noͤthig; ſie ſpruͤhete ein hoͤlliſches Feuer; ein Feuer, eben ſo gut unterhalten, als es die ernſteſte Fregatte heut zu Tage geben wuͤrde. Und ihre Officiere, ſie, ſo zart, ſo wolluͤſtig, ſo geputzt, wie viele Mal hatten ſie nicht mit den Spitzen ihrer weißen, halb von Diamanten und Manſchetten bedeckten Haͤnde das Zeichen zu einem wuͤthenden Kampf gegeben; zu einem Kampfe auf Leben und Tod, dabei nur Eines furchtend: Ihr Haar in Unordnung zu bringen!— denn dieſe — 144 Edelleute gingen in's Feuer wie auf den Ball; ſie machten dazu ihre Toilette; ſie beſchoſſen den Feind voll Koketterie mit Kartaͤtſchen und enterten, den Degen in der Hand, mit einem Savoir vivre, das von Zierlichkeit und gutem Geſchmack zeugte. Und in der That, wenn ſie ihre blauen und vergoldeten Klingen aus der brillanten Scheide von geſticktem Sammet zogen, fuhlte der Englaͤnder, bei Gott, wohl, daß ſie von eben ſo gutem Stahle waren, als wenn ſie ganz verroſtet aus einer un⸗ anſehnlichen Scheide gekommen waͤren.— Glaubt mir! an einem Schlachttage oder in einer Gewit⸗ ternacht hielten ſich die rothen Abſätze auf dem praͤchtigen Geſimſe des Scepters') oder des Ro⸗ val⸗Louis eben ſo feſt, als ſpaterhin die Holz⸗ ſchuhe auf der ſchmutzigen Kampanei der Droits de l'homme oder des Sans-Culotte. So war die Sylphide in phyſiſcher Hinſicht; ihre moraliſche Kraft erkennt man aus ihrem Stabe. Was ihre Matroſen betraf, ſo waren ſie un⸗ gefaͤhr dieſelben, wie die unſrigen;. denn jemehr die geſellige Bildung ſteigt, deſto mehr verſchwin⸗ den die hervorſtechenden Formen, da, wie anderswo. — Die See⸗Officiere des 18ten Jahrhunderts brachten, da ſie zum Theil auf dem feſten Lande *)[Le Royal Louis,— Le Sceptre,— Les Proits de Homme und le Sans-Culotte, Namen von 4 Kriegs⸗ ſchiffen vor und während der Revolulion von 89. — 145— lebten, an ihren Bord die Gewohnheiten, die Sit⸗ ten, den Charakter ihrer Zeit;— eben ſo verhaͤlt es ſich mit den Officieren unſerer Tage. Das Schiffsvolk anlangend, den eigentlichen Matroſen, welcher kaum das feſte Land kennt, ſo iſt er ungefaͤhr derſelbe geblieben— im 18ten Jahrhundert wie im 16ten,— im 19ten wie im 18ten;— denn die tiefen Erſchuͤtterungen, welche die Formen der Nationen und der Geſellſchaften geſturzt haben, uͤberſchritten nie die Ufer des Oce⸗ ans.. Und das kommt daher, weil auf dem feſten Lande der Muͤßiggang, der Neid, das Elend, und die Wiſſenſchaft ſo ſchnell eine Menſchengattung verderben; weil die Traditionen verloren gehen, die Tempel einſturzen, der Erdboden tauſend wechſelnde Geſtalten annimmt;— weil die Civiliſation da iſt, wolche unaufhoͤrlich die Glaubensmeinungen und die Truͤmmer jedes verwichenen Jahrhunderts in den Wind ſtreut, um an deren Stelle den lebendi⸗ gen Keim einer neuen Geſellſchaft zu ſetzen, welche heraufwaͤchſt, um in das Nichts zuruͤck zu kehren; — die Civiliſation, dieſe gluͤhende und unverſoͤhn⸗ liche Feindin der Nationalität und der Poeſie, der Zukunft und der Vergangenheit. Alſo haben die Jahrhunderte die Menſchen nach ihrem Gange gemodelt und der Stirn jeder Gene⸗ ration ein neues Gepräge aufgedruͤckt;— aber die⸗ ſer Schlag Menſchen, welcher auf dem Ocean lebt, Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II 10 — 146— wird noch lange Zeit von dem Abdrucke jedes Zeit⸗ alters frei und unabhaͤngig bleiben. Das Licht der Alles verſchlingenden Civiliſation wird wohl auch die dicke und rauhe Rinde dieſer natuͤrlichen Menſchen einigermaßen erleuchten, nie aber ſie ganz durchdringen koͤnnen, denn der Ocean iſt ja der Ocean der Schöpfung geblieben!.. Und wie er ewig derſelbe iſt mit ſeinem unbe⸗ grenzten Horizont, ſeinen einſamen Wogen und ſeinem geheimnißvollen, unerforſchlichen Schweigen, ſo werden auch die Menſchen dieſes Elements fort und fort ihre eigenthuͤmliche Phyſiognomie beibe⸗ halten, die hervorſtechenden Zuͤge ihres Charakters, Wirkungen der immerwaͤhrenden Anſchauung dieſes urkraͤftigen Elements, und der ſchrecklichen, faſt taglich ſich erneuernden Kaͤmpfe, welche ſie mit demſelben zu beſtehen haben. Zwölftes Kapitel. Alphons. Sei willkommen, Du, der Du uns zu⸗ gleich Dich ſelbſt und eine gute Nach⸗ richt bringſt. Taſſo, A. I. Sc. 5. Die Rhede. Es war ein erhabenes Schauſpiel, das der Rhede von Breſt während der erſten Tage des Monats Januar 1781, denn man zaͤhlte darin zwanzig Linienſchiffe, neun Fregatten, und eine große Zahl leichter Fahrzeuge vor Anker. Nein! es gab in Wahrheit nichts Prachtigeres, als dieſe Hauptſchiffe, dieſe unförmlichen Maſſen von Holz und Eiſen, mit ihrem gewaltigen Tau⸗ werk und ihren drei Reihen ſchweren Geſchuͤtzes. Und des Morgens erſt, wenn dieſe großen Schiffe ihre Segel trockneten, mußte man ſie ſe⸗ hen, wie ſie ſich majeſtätiſch aufrollten, dieſe unge⸗ heuern Tuͤcher, und ſich entfalteten, wie ein Sec⸗ 10* — 148— vogel ſeine vom Thau befeuchteten Fittige den er⸗ ſten Strahlen der Sonne entgegenbreitet. Und dann, welcher Contraſt zwiſchen dieſen rieſenfoͤrmigen Schiffen und den leichten Fregatten, den ſchlanken Corvetten, den zierlichen Briggs, den Kutters, den Dogerbooten, welche ſich unter dem Schatten jener ſchwimmenden Citadellen leiſe wie⸗ gen, wie junge Eisvögel ſich um das Neſt der Alten beluſtigen. Und dann, welche unzaͤhlige Menge von Käh⸗ nen aller Akt, welche gehen, kommen, ſich einander naͤhern oder ſich kreuzen! Sieh da! Eine wundervoll vergoldete Gondel mit der koniglichen Flagge an ihrem Hintertheile, und ihren reichen, mit Blien durchwirkten Teppi⸗ chen.— Sie fliegt uͤber die Wellen dahin, ge⸗ fuͤhrt von zwoͤlf Ruderern mit breiten, ſcharlachro⸗ then Guͤrteln; der Schiffsherr iſt geſchmuckt mit einer glaͤnzenden ſilbernen Kette; es iſt die Yolle eines Admirals. Dort wieder faͤhrt langſam eine lange Scha⸗ luppe, beladen mit Fruͤchten und grüner Waare, daß man ſie fuͤr eine der ſchwimmenden Inſeln der Fluͤſſe Amerika's halten moͤchte, welche bedeckt mit Lianen und Blumen daherſchwimmen.— Dieſe reiche Proviantſchaluppe kehrt an ihren Bord zuruͤck, mit den Vorraͤthen fuͤr den Tag und ihrer Kuͤchenequipage von Haushofmeiſtern und Köchen. — 149— Hier erblickt man ein Fahrzeug von Plougaſtel, gefuͤhrt von ſeinen langhaarigen Matroſen, deren maleriſches Coſtuͤm an das der Griechen des Ar⸗ chipels erinnert.— Dieſe Barke enthaͤlt ungefaͤhr zwanzig Frauen von Chateaulin oder Plouinek, welche aus der Stadt zuruͤckkommen,— friſche und lachende Geſichter, noch belebt durch eine ſchnei⸗ dende Kaͤlte. Sie haben ſich feſt in ihre braunen Maͤntel gehuͤllt, und wechſeln in ihrem Kauder⸗ welſch einige froͤhliche Worte mit den Matroſen der Kriegsſchiffe, an welche ſich ihr Fahrzeug an⸗ legt. Weiterhin verkuͤndet das Klirren der Feſſeln, welches ſich unter den abgemeſſenen Ruderſchlag miſcht, die Ankunft einer Galeere und deren roth⸗ gekleideter Sklaven;— ſie bugſiren mit großer Muͤhe ein Schiff, welches aus dem Hafen kommt; die Einen ſingen unzuͤchtige Lieder, die Andern läſtern, oder kruͤmmen ſich unter dem Stocke der Aufſeher. Bei dem Anblicke dieſer verworfenen, welken, ſchmutzigen Geſtalten, bei dem Anhoͤren ihres Wuthgeſchreis oder ihrer wilden Freude, ſchau⸗ dert man, wie bei dem Anblick einer Barke Ver⸗ dammter aus der Hoͤlle des Dante.. Endlich giebt es, um dieſes ſo verſchiedenartige Schauſpiel vollſtaͤndig zu machen, noch eine My⸗ riade von Kähnen, welche ſich in allen Richtungen kreuzen; die einen beladen mit adeligen Officieren des Koͤnigs, die andern mit zierlich göſchmuͤckten — 150— Frauen; dazu kommt noch das Wirbeln der Trom⸗ meln, der Laͤrm des Kleingewehrfeuers, der gellende Ton der Pfeifen, das Getöſe der Lenkung der Schiffe, der Schall der weittönenden Kriegstrom⸗ peten, die Verſchmelzung jener tauſendfäͤltigen wei⸗ ßen, gruͤnen, gelben und rothen Flaggen, welche ſich an dem blauen Himmel wie Regenbogen ſpie⸗ geln. Hiermit verbindet ſich das erhabene und großartige Brauſen des Meeres, welches hinter der Kuͤſte bruͤllt, und deſſen wohlvernehmbarer, lang⸗ gedehnter Wiederhall jenes verſchiedenartige Getöſe uͤbertoͤnt, und es in eines verſchmilzt, groß und im⸗ poſant, wie das Meer ſelbſt! In der Mitte dieſes Waldes von Maſtbaͤu⸗ men, dieſer Wolken von Segeln, muß man die Sylphide ſuchen. Aber ſeht ſie, immer anmuthig, glänzend, wie ſie ſich ſchaukelt neben zwei großen Schiffen von 74 Kanonen, ganz ſchwarz mit weißer Batterie; da ſchaukelt ſie ſich... wie ein kleiner blau⸗ und goldſchuppiger Fiſch zwiſchen zwei unermeßli⸗ chen Wallfiſchen mit braunem Ruͤcken. An eben dieſem Tage, dem 6. Januar 1781, — hatte ſich der Graf von Vaudrey an das Land begeben, um die Befehle des Marſchall von Caſtries einzuholen, welcher erſt kuͤrzlich in Breſt angekom⸗ men war. Der Lieutenant Jean Thomas kommandirte die Fregatte in der Abweſenheit Heinrichs, und ging auf dem Hintertheile mit ſeinem vertrauten Freunde, dem Dr. Gédeon, ſpazieren, indem er wie gewoͤhnlich gegen Alles donnerte, was Edelmann, Prieſter oder Privilegirter war. Der Baron von St. Sauveur hatte Heinrich ans Land begleitet, Monval war auf Wache, und von Miran ſchlief in ſeinem Zimmer. Auf dem Vordertheile des Schiffes plauderten ei⸗ nige Schiffsmeiſter und Matroſen mit leiſer Stimme, aber mit lebhaften, ausdrucksvollen Mienen, denn man erwartete von einem Tage zum andern, un⸗ ter Segel zu gehen. Meiſter Kergoust(der buͤrgerliche Kanonier, den man vielleicht noch nicht vergeſſen hath, ſitzend auf dem Verdeck, unterhielt ſich mit dem Equi⸗ pagemeiſter, Namens Frank, einem kleinen, leb⸗ haften, unterſetzten, von der Sonne gebraunten Manne; angethan mit einer blauen Jacke mit goldbetreßtem Kragen, leicht gepudert und mit un⸗ geheuren Ringen in den Ohren. Vor dem Meiſter Frank ſtand, unbeweglich, mit beſtuͤrzter Miene und ſchuͤchtern niedergeſchla⸗ genen Augen, ein großer Burſche von 18 Jahren, unterſetzt, ſtark, aber blond und munter wie ein Maͤdchen.— Ungeachtet der Kaͤlte war dieſer Matroſe bloß mit langen, breit und blageſtreiften Pantalons und einem wollenen Herde bekleidet, eine Kleidung, welche ſeine athletiſchen Glieder deutlich verrieth;— er hielt ſeine Muͤtze in den Haͤnden und zerknickte ſie durch immerwährendes Herumdrehen, ein Zeichen ſeiner Verwirrung und ſeiner Verlegenheit;— dieſer Seemann war Da⸗ niel, ein Neffe des Meiſter Frank, ein wahrer Bre⸗ tagner, wenn es je einen gab; kurz, ein Burſche von Abrevrak.— „Aber ſo antworte doch! ſprich doch! ſegle ab! Du bleibſt da ſtehen, gerade und einfältig, wie ein verungluͤcktes Manöver!“.. ſagte Meiſter Frank mit ſeiner gewohnlichen Lebhaftigkeit, indem er ſei⸗ nen Neffen bei einem ſeiner Hemdaͤrmel ſchuͤttelte. „Aber Ihr macht ihn dumm durch Eure Hitze, Meiſter Frank,“— unterbrach ihn der Buͤrger⸗ Kanonier,„laßt ihm doch ſeine Ruhe!“ „Warum nur wieder dieſen neuen Streit?“— ſagte der Onkel zu ſeinem Neffen, deſſen ſanfte, gefaͤllige und ſchuͤchterne Miene jedoch gegen dieſe Anklage zu proteſtiren ſchien. „Laß ſehen, ſchuͤtte Dein Herz aus, mein Kind,“— ſagte der Kanonier.—„Die That⸗ ſache iſt, daß Du den Loſophen durch eine Menge von Fauſtſchlaͤgen beleidigt haſt; warum dies, Da⸗ niel?“„ „Meiſter Kerg“ „Ich bin nicht Meiſter,.. ich habe es Dir ſchon wiederholt geſagt, Daniel, ich bin ganz burgerlich Hr. Kergoust,“— ſagte der Kanonier, welcher mehr als je auf eine buͤrgerliche Stellung Anſpruch machte. —— „Nun wohl! Herr Kergout“— antwortete der Matroſe mit einer leiſen und zitternden Stimme,— „deswegen, weil der Loſophe mir meinen Roſen⸗ kranz genommen und ihn an den Schwanz ſeines Hundes gehaͤngt hatte, welchen, mit Ehren zu mel⸗ den, er die Niedertraͤchtigkeit gehabt hat, St. Meo⸗ dard zu taufen.“ Und Daniel kreuzigte ſich bei der bloßen Erin⸗ nerung an dieſe Encheiligung. „Einen Hund St. Möédard taufen!.„in der That, das iſt gar nicht ſchicklich,“ ſagte Hr. Kergouöt in einem mißbilligenden Tone. „Wenn dem ſo iſt,“— fuͤgte Meiſter Frank hinzu,—„ſo iſt hier hohe See.. Denn dieſer Loſophe iſt ein Aas, der Allen, wenn er nur kann, Noth macht. Da aber nach unſerm Hei⸗ land: man den Andern thun muß, was Ihr nicht wollet, daß man Euch thue,— ſo haſt Du ſehr wohl gethan, ihn abzupruͤgeln, Daniel!... denn, ſobald es eine Religion giebt, muß man ſie befolgen, mein Kind.“ „Ei, Ihr habt es ſchoͤn getroffen, Ihr ver⸗ dreht ja die heilige Schrift, mein lieber Frank,“— ſagte der Kanonier, indem er mit einer zufriedenen Miene lächelte—„doch kurz, wenn ſich das ſo zugetragen hat, wie Du es ſagſt, Daniel, ſo ſind Deine Fauſtſchläge zu entſchuldigen, mein Junge.“ Was das betrifft, ſo wißt Ihr, daß ich nie⸗ mals luge, Herr Kergouöt,“ erwiederte Daniel.— „Beiunſrer lieben Frau von Recouvrance,.. jener Roſenkranz war von meiner verſtorbenen ar⸗ men Mutter; und er war ſo kraftvoll geweiht, daß er mir von der Bruſt die Haͤlfte eines Beilhiebs abgehalten hat, als wir den ſchwarzen Kutter en⸗ terten; Ihr wißt es wohl, Onkel!„. Und als ich nun meinen geweihten Roſenkranz auf dieſe Weiſe an den Schwanz eines Hundes gebunden ſah, ſagte ich zu dem Loſophen, welchen ich unter meinen Knien gekruͤmmt hielt:—„ſiehſt Du, Lo⸗ ſophe, es wird fuͤr Dich hier eben ſo viele Ohrfei⸗ gen geben, als Kuͤgelchen an meinem Roſenkranze ſind;“ und ſo habe ich meine Paternoſter und Ave Maria mit großen Fauſtſchlaͤgen auf den Lo⸗ ſophen hergebetet; aber das iſt auch Alles, lieber Onkel,“— fuͤgte Daniel beſcheiden hinzu, indem er roth wurde, wie eine Kirſche. „Das laſſe ich mir gefallen,“— meinte Frank,„ſobald es wegen der Religion und des Roſenkranzes meiner Schweſter geſchieht(und Frank nahm ſeinen Hut ab), ſo geſchieht es von Rechtswegen. Aber fange nicht wieder an; oder wenn Du wieder anfängſt, ſo geſchehe es kurz und lieber oͤfters, denn Du hätteſt ihm bald den Wind abgeſchnitten.“— „Die Sache iſt,“— ſagte Herr Kergoust— „daß der Loſophe ſich ruͤhmen kann, fur eine Vier⸗ telſtunde in der Haut eines Menſchen geſteckt zu — 155— haben, der einen tuchtigen Tanz hatte; und das iſt zu viel denn— Aber ein auf ohrenzerreißende Weiſe auf der Violine heruntergekratztes Lied, das ohne Zweifel mit den Worten: „In der franzöſiſchen Garde Hatte ich einen Geliebten“. beginnen ſollte, unterbrach den Kanonier, welcher ausrief:„Beklagte ich ihn mit Recht?. die⸗ ſen dummen Menſchen von Loſoph, ſeht,. da erlaubt er ſich noch unſchicklichkeiten auf ſeiner Violine, ungeachtet Ihres Verbotes, mein lieber „Wirſt Du ſchweigen, oder ich komme hinun⸗ ter; und. Gnade Gott Deinem Ruͤcken, wenn Du wieder anfaͤngſt, ungeſchliffener Loſophe!“.. ſchrie Meiſter Frank, indem er ſich am Eingange der kleinen Lucke am Fuße des Fockmaſtes herab⸗ neigte. Aber der verdammte Violinſpieler, gleichſam um nicht nachzugeben, ohne wenigſtens dieſem bru⸗ talen Befehle einen ehrenvollen Widerſtand entge⸗ gengeſetzt zu haben; der Violinſpieler, ſage ich, ſpielte, freilich gedämpft, ungefähr die Hälfte des Liedes; nachher ſchwieg er gluͤcklicherweiſe;.. denn ein kräftiger Schwur verkuͤndete, daß Mei⸗ ſter Frank diesmal hinunterſteigen wollte.— Aber jetzt ſchien das Bellen eines Hundes, welches ſich von derſelben Seite wie die Violine hoͤren ließ, auf eine andere Art gegen die Tyran⸗ nei dieſes neuen Befehls zu proteſtiren. „Sie werden nicht nachgeben, die Biſenicht⸗ weder er, noch ſein— rief Frank—;— „man wurde ſie eher in Stuͤcken hauen eönnen, ehe ſie zuerſt aufhoͤren, das Gewuͤrme,“. fuͤgte der Meiſter hinzu, indem er ſich ohne unter⸗ ſchied an das zweifuͤßige und vierfuͤßige Thier, an den Philoſophen und an den Hund zu wenden ſchien. Dieſer Philoſoph nun, in der abgekuͤrzten See⸗ oder vielmehr Matroſenſprache, dieſer Lo⸗ ſophe, welcher ſo gut auf der Violine ſpielte, und deſſen Hund ſo kraftvoll gegen die herriſchen Be⸗ fehle des Meiſters proteſtirte,— dieſer Loſophe war geboren zu Paris; er war Perruͤckenmacher, Lakai, Buchdrucker, Soldat, Schuhmacher und Leinweber geweſen; und da unter andern Talenten ſeine Geſchicklichkeit, die Nadel in dem Leder, der Leinwand oder dem Tuche zu fuͤhren, ſehr bemer⸗ kenswerth war,— ſo ſtellte man ihn ſeit zwei Jahren, wo er ſich hatte anwerben laſſen, am Bord als Segelmeiſtergehuͤlfe und Matroſe an.— In ſeinen muͤßigen Augenblicken friſirte, barbirte, pomadiſirte der Loſophe, und gab Tanz⸗ und Ge⸗ ſangſtunden, lehrte die Anſtandsregeln, die Philo⸗ — 157— ſophie, die Magie oder den Atheismus,. nach eines Jeden Geſchmack. Die zugelloſe Unabhaͤngigkeit ſeiner politiſchen und religioͤſen Meinungen waren die Anſpruͤche, welchen er die ſo lächerliche Abkuͤrzung der Be⸗ nennung verdankte, welche man ihm am Bord der Sylphide beilegte, wo er bei den Matroſen wegen ſeiner Talente, ſeines Geſchwaͤtzes, ſeiner Luͤgen und ſeiner kurzweil igen Geſchichten ziemlich beliebt war.— Dagegen war der Philoſoph von der Meiſterſchaft(von den Schiffsmeiſtern) ſeiner Un⸗ verſchaͤmtheit, ſeiner Widerſetzlichkeit, ſeiner Violine und ſeines Hundes wegen allgemein verabſcheut. Dieſer Hund und dieſe Violine werden auf einem ſo gut ausgeruͤſteten Schiffe, wie es damals eine koͤnigliche Fregatte war, anfangs befremdend erſcheinen; aber was den Hund betrifft,— ſo ver⸗ haͤlt es ſich alſo damit:— Wie Leute, welche fuͤr die Zukunft Strafloſigkeit fuͤr eine Menge von Uebelthaten durch eine gute Handlung erkaufen, die oft nur dem Zufall verdankt wird, ſo auch hatte einſt dieſer Hund ein Kind, welches aus ei⸗ nem Kahne in das Meer gefallen war, gerettet. Von dieſem Tage an hatte St. Médard Buͤrger⸗ recht am Bord der Sylphide erlangt, und, unge⸗ achtet ſeiner außerordentlichen Strenge, hatte Jean Thomas ſelbſt den Bitten des Schiffsvolks, welches die Zulaßung des menſchenfreundlichen und heilig geſprochenen Hundes veritor⸗ endlich nachgege⸗ — 158— ben. Das Daſein der Violine aber iſt ſo zu er⸗ klären: Der Loſophe, wie wir geſagt haben, ob⸗ gleich Schwarzkuͤnſtler, Atheiſt, Philoſoph und Per⸗ ruͤckenmacher, war auch noch Tanzmeiſter. Daher durfte das Inſtrument dieſes letztern Standes ihm nicht entzogen werden, denn damals, wie jetzt, be⸗ gunſtigte man alle Zerſtreuungen, welche die Ma⸗ troſen auf langen und gefahrvollen Kreuzzuͤgen erheitern konnten. Aber, die Stunde ausgenom⸗ men, welche man ihm zu ſeinem Unterricht ange⸗ wieſen hatte, war die Muſik dem Profeſſor ſtark verboten.— Das iſt alſo die Geſchichte des Hundes und der Violine des Loſophen. Der Loſophe nun ſelbſt, wenn es erlaubt iſt, ihn ohne Violine und Hund anzufuͤhren, trat in ſein fuͤnf und zwanzigſtes Jahr, ſah wie ein Mar⸗ der aus und hatte kleine rothfahle Augen, voll Liſt und Schalkhaftigkeit,— er war ſchmaͤchtig, ſchlank und doch kraͤftig; aber leicht und geſchmei⸗ dig, ſpoͤttiſch, unverſchaͤmt und ziemlich muthig; kurz, er ſtach ſonderbar durch ſeine Leichtigkeit von jenen guten, unbefangenen bretagniſchen Matroſen ab, die, ſie mochten ſtehen oder ſitzen, immer un⸗ terſetzt und kräͤftig erſchienen;— man hätte glau⸗ ven ſollen, einen Fuchs in der Mitte von Bullen⸗ beißern zu erblicken. 5 Dieſe Abſchweifung hat uns ein wenig die an⸗ dern Perſonen aus dem Geſichte verlieren laſſen, — — 159— welche auf dem Hintertheile der Fregatte auf und ab gingen,— naͤmlich den Lieutenant und den Doctor. Ueberdruͤſſig, ſich zu den hoͤchſten Be⸗ trachtungen uͤber Moral und Politik zu erheben, beobachteten unſere beiden Freunde aufmerkſam die gegenſeitigen Signale, welche ſeit einiger Zeit zwi⸗ ſchen dem Seetelegraphen des Thurmes von Breſt und einer Wache gewechſelt wurden, die auf der Kuͤſte aufgeſtellt war, welche den nordweſtlichen Theil von Bertheaume bildet. „Man bemerkt irgend ein Kriegsſchiff auf der hohen See—“ ſagte der Lieutenant,—„aber hoͤrt hoͤrt, Doctor den Kanonendon⸗ ner ja, es iſt Kanonendonner„ In der That wurde ein entferntes dumpfes Rollen von dem Echo der Rhede von Zeit zu Zeit wiederholt. „Ich wette, es iſt die Minerva, welche von ihrem Kreuzzuge zuruͤckkommt,“— rief Jean Tho⸗ mas, aufmerkſam horchend. „Die Minerva„„, die Fregatte, welche der Ritter von Grimouard befehligt?“— fragte der Doetor.—„Ja. ja. aber hoͤrt„ ſtille vorn!“ rief Thomas mit wiederhallender Stimme. Und am Vordertheile des Schiffes ward es maͤuschenſtill. Obgleich dieſe Begebniſſe ſeit dem Beginn des Krieges ziemlich haͤufig waren, und viele Kaͤmpfe — 160— faſt im Angeſicht des Hafens ſtattgefunden hatten, ſo theilte doch ziemlich ſchnell das ganze Schiffs⸗ volk der Sylphide die Aufmerkſamkeit ſeiner Offi⸗ ciere, und nur noch mit leiſer Stimme unterhiel⸗ ten ſich die Matroſen uͤber ihre Beobachtungen, ihre Beſorgniſſe oder ihre Hoffnungen mit ein⸗ ander. Meiſter Kergoust und Meiſter Frank, den Vor⸗ zug benutzend, den ihnen ihr Rang gab, naͤherten ſich ſo viel als moͤglich dem Hintertheile des Schif⸗ fes, wo der Lieutenant, Monval und der Doctor ſich befanden. Die Kanonade dauerte immer fort und ſchien lebhafter und ſtaͤrker zu werden, je mehr ſie ſich der Kuͤſte naͤherte. „Wenn wir heute unter Segel gegangen waͤ⸗ ren, wie wir es thun konnten—“ ſagte Mon⸗ val,—„ſo hätten wir doch das Glͤck gehabt, ſo⸗ gleich beim Auslaufen aus dem Hafen in einen Kampf verwickelt zu werden, ohne uns weit um⸗ ſehen zu müſſen, und das iſt recht bequem. „Wenn es anders bequem iſt, mit einem weit uͤberlegenen Feinde zu kaͤmpfen“ ſagte der Lieu⸗ tenant mit einer wichtigen Miene,—„denn, allem Anſcheine nach, ſchlaͤgt ſich jetzt die Minerva gegen uͤberlegene Streitkräfte.. „Das iſt etwas Anderes,“ erwiederte Monval mit verächtlicher Miene;„wenn es auch nicht be⸗ 161— quem iſt, ſo iſt es doch ruhmvoll, und ich wuͤrde mich dabei ſehr wohl befinden...“ Jean Thomas unterdruͤckte eine Aufwallung des Zorns und antwortete mit Ironie:—„Dieſer Ehrgeiz gehoͤrt Ihrem Alter an, mein Herr, und er ehrt Sie; allein dieſe Kampfluſt dient gewoͤhn⸗ lich nur dazu, das Schiff genommen zu ſehen und unnuͤtzerweiſe Menſchen und Schiffe aufzuopfern. Nun heißt das, meiner Meinung nach, ſeinem Lande ſchlecht dienen, es heißt als Kind oder wie ein Unſinniger handeln, nicht aber als Mann. Verzeihen Sie, mein Herr, daß ich mit Ihnen ſo frei ſpreche, aber es iſt ſo meine Gewohnheit. Ich bin geradezu, wie man ſagt.“ Monval hatte eben eine beißende Gegenant⸗ wort in Bereitſchaft, als der Lieutenant ihn unter⸗ brach, indem er rief:—„Hoͤrt, hoͤrt, das Fahrzeug, auf welches man Jagd macht, naͤhert ſich der Kuͤſte, und wenn ich mich nicht irre, ſo wird der Kampf unter Weſtwind geliefert.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,—“ ſagte Mon⸗ val, den aͤrgerlichen Streit, welchen er ſo eben mit dem Lieutenant gehabt hatte, vergeſſend, um die Schiffsfahne zu beobachten, welche auf einen ziem⸗ lich ſtarken nordweſtlichen Wind hindeutete.— „Der Kanonendonner iſt ſo ſtark, als wäͤren wir ganz in der Naͤhe—“ fuͤgte er hinzu. In der That hoͤrte man jetzt ganz deutlich den Donner der Artillerie. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 11 „Was ſagt Ihr dazu, Meiſter Kergoust?—“ fragte Monval den buͤrgerlichen Kanonier, welcher, da er von ſeinem Vorgeſetzten die Civilbenennung, die er unerbittlich von ſeinen Untergebenen erheiſchte, nicht fordern konnte, mit unzufriedener Miene ſei⸗ nen Hut abnehmend, antwortete:— „Ich, mein Herr, ich glaube, daß es eine arme Fregatte iſt, welche vor uͤberlegenen Streitkraͤften flieht, denn hoͤren Sie!—.. da giebt ſie ihre Lage, hoͤren Sie?. und dann ſehen Sie. eine„ zwei andere entferntere, aber ſtaͤrkere La⸗ gen,„das ſind die des Feindes, welcher unter Wind liegt, und dies iſt die Urſache des Getoſes, welches bis zu unſern Ohren dringt. O! wenn ich mich nicht taͤuſche, ſo ſchlägt ſich die Fregatte gegen zwei Schiffe.“ „Arme Fregatte!—“ rief Meiſter Frankz „wenn ſie nur den Wind gewinnen und nordweſt⸗ lich die Landſpitze von Corbeaux umſchiffen und die Straße du Four erreichen koͤnnte, um unter ihren Topmaſtſegeln zu laviren, ſo wuͤrde ſie gerettet ſein. Denn wenn es die Minerva iſt, ſo hat ſie den al⸗ ten Karadek zum Steuermann, und dieſer wuͤrde mit verſchloſſenen Augen uͤber die Glenans oder in der Todtenbucht ſegeln koͤnnen.“ „Ihr habt Recht, Meiſter Frank,—“ nahm Monval das Wort,„aber, beim Teufel, es iſt un⸗ bequem, Brandungen zu ſonbiren und zugleich Feuer zu geben, und was mich betrifft, ſo will ich — lieber mit 80 gut gerichteten Kanonen uͤber dem Waſſer zu thun haben, als mit dieſen feigen ſchwar⸗ zen Felſenſpitzen, welche ſich verrätheriſch und heim⸗ tuͤckiſch unter den Wogen verbergen, um den Hai⸗ fiſchen gleich ihren Raub zu erlauern; auch könnte mich nur die äußerſte Noth zwingen, eine ſo ge⸗ faͤhrliche Straße zu verſuchen.“ „Doch, mein Herr,—“ ſagte Meiſter Ker⸗ gouöt,—„wenn es mir den Weg beſchleunigte und erleichterte, wuͤrde ich der Meinung meines Kameraden, des Meiſter Frank, beiſtimmen.“ „Stimmt bei, Meiſter Kergouöt, ſtimmt bei,—“ ſagte Monval laͤchelnd. „Ei nun, mein Herr, wenn ich gleich nicht ge⸗ ſchworener Steuermann bin,(hier nahm der Mei⸗ ſter ſeinen Hut ab), ſo habe ich doch in dem Kriege von 1771 die Brigg Le Rubis gluͤcklich nach Belle⸗ Isle gefuͤhrt, indem wir den Canal der Inſeln D'Houac und D'Hédie paſſirten; wir konnten uns ruͤhmen, durch das Schiff Charlestown von 74 Kanonen, welches ein moͤrderiſches Feuer auf uns unterhielt, recht in die Enge getrieben worden zu ſein; aber als es uns jene mit Brandungen be⸗ deckte Straße befahren ſah, blieb es zuruͤck, und zwar verſteinert wie eine Katze, welche eine junge wilde Ente untertauchen ſieht: dann wendete es um, nachdem es uns eine Ladung als Abſchieds⸗ zeichen zugeſchickt hatte, eine ſchwache Salve, welche, abprallend, kaum eine Spur auf unſerm Laufe zu⸗ L3 —— ruͤckließ, und das war Alles. Seit jener Zeit, mein Herr, habe ich mir gegen dieſe Felſen unter dem Waſſer nie wieder eine unguͤnſtige Mei⸗ nung erlaubt.“ „Aber ſeht doch den Telegraphen, wie er fort⸗ waͤhrend in Bewegung iſt,“ ſagte der Doctor— die Lobrede des Meiſter Kergoust unterbrechend:— „wahrſcheinlich ſieht man von da aus weit auf das Meer hinaus, und ſignaliſirt dem Hafen den Wechſel des Kampfes.“ In dieſem Augenblicke rief die Wache:— „Das Boot des Commandanten!—“ In der That, beſchäftigt, wie man war, mit dem Telegraphen und den Signalen, bemerkte man das Boot erſt, als es ſich nur noch zwei Tau⸗Län⸗ gen vom Schiffe befand. „Zum Teufel! es giebt was Neues,“— ſagte Monval,—„der Commandant hat Eile, denn niemals ſind ſeine Bootsknechte ſo ſchnell gefah⸗ ren, ſie, die bei jedem Ruderſchlage immer mit ei⸗ nem gewiſſen Anſtand ausruhten, die Steuer⸗ ruder erhoben, fahren ſie Schlag auf Schlag wie Kauffahrteimatroſen.“ „Und wir ſind nun vollzaͤhlig,—“ ſagte der Doctor,—„denn der Commandant bringt Herrn von St. Sauveur, den Abbé, den Aſtronomen und deſſen Schatten, oder ſogenannten Bruder mit.—“ — 165— Das Boot des Commandanten legte Steuer⸗ bord anz... und ehe man Zeit gehabt hatte, ihm die Falltaue zuzuwerfen, ſtieg Heinrich flink laͤngs dem Bord des Schiffes herauf, indem er rief:„Her⸗ aus, meine Herrn, heraus!. man entdeckt eine franzoͤſiſche Fregatte, im Kampfe mit zwei engli⸗ ſchen Schiffen begriffen; heraus, meine Herrn! Der Herr Marſchall hat ſo eben Befehl gegeben, den Vengeur und den Tonnant zu lichten. Bei Gott! ſputen wir uns, oder wir werden die Zeit verfehlen und ſpaͤter ankommen, ſeht, ſeht, da iſt ſchon der Commandant des Tonnant, wel⸗ cher ſein Schiffsvolk verſammelt!“ Dies ſprach er mit Kraft und Begeiſterung, waͤhrend er die Leiter hinaufſtieg; aber als er den Fuß in ſeine Fregatte ſetzte, fand Heinrich alle die Kaltblutigkeit wieder, welche dieſer Lage angemeſſen war. „Mein Sprachrohr!“ rief er dem Steuermanne zu, welcher es zu holen hinabſtieg.— Hierauf wandte er ſich an den Lieutenant mit den Worten:„Der Wind iſt gut und wir haben Ebbe, mein Herrz wir wollen unſere Ankertaue kappen die Zeit draͤngt.. „Unſere Taue kappen?“ ſagte der Lieutenant, „und wo werden wir im Nothfalle andere finden, Commandant?—“ „Die Englaͤnder haben deren immer in Vor⸗ rath,“ erwiederte Heinrich ſcherzend,„wenn wir nicht ihre erſte Fregatte in den Grund bohren.“ — 5 Jean Thomas beeilte ſich, jenen Befehl auszu⸗ fuͤhren. Heinrich, der ſein Sprachrohr erhalten hatte, beſtieg die Quartierbank.— Dem Herrn von Miran war die Lenkung des Tauwerks zuge⸗ theilt. Auf das Pfeifen des Equipagemeiſters nahm Jeder ſeinen Poſten ein, und man hörte kein Wort mehr. „Commandant, das kleinſte Tau iſt durchgezo⸗ gen und an die Windſpille befeſtigt,“— ſagte St. Sauveur zu Heinrich. „Hiſſ't die Fockſegel, ſpannt das kleine Top⸗ maſtſegel und befeſtigt es!“— rief Heinrich mit ſtarker Stimme,—„und bindet den Knoten der zwei Taue feſt!“ — Als er hierauf die Fregatte in der rechten Lage ſah,...„Hiſſ't das Bramſegel des Hin⸗ termaſt's und kappt das Tau,— kappt!“ Ein Hieb des Beils hallte dumpf wieder. „Kappt das kleine Tau, kappt!“— rief end⸗ lich Heinrich mit heller, durchdringender Stimme, ſo daß die Freude daraus hervorleuchtete, mit wel⸗ cher er dieſen Befehl ertheilte. Ein zweiter Hieb des Beils ertonte. Als die Sylphide ſich hierauf durch nichts mehr gehalten fuͤhlte, neigte ſie ſich leicht unter dem Weſt, faßte den Wind und ſchoß in einem Laufe bis an den Felſen Mingan, um die Rhede zu verlaſſen. Dieſes Mansver war ſo gut und ſo ſchnell aus gefuͤhrt worden, daß der Tonnant ſich noch auf ſeinen Ankern herumwendete, als die Sylphide ſich ſchon der hohen See naͤherte. Auch gab ihr das Schiff, gleichſam neidiſch uͤber die Schnelligkeit, mit welcher die Fregatte die Be⸗ fehle des Marſchalls vollzogen hatte, das Signal, ſich auf die Seite zu legen und es zu erwarten, denn da der Commandant dieſes Schiffes der äl⸗ teſte Befehlshaber der drei Fahrzeuge war, ſo hatte er dieſe kleine Abtheilung unter ſeinem Befehl und ſbitei ihre Flagge. „Der Tonnant giebt das Zeichen, beizulegen,“ ſagte Miran zu Heinrich, welcher, den Ruͤcken ge⸗ wendet, dieſes Signal nicht bemerken zu wollen ſchien. Und doch mußte er es endlich ſehen— und demſelben murrend gehorchen. „Bedarf es denn der Huͤlfe dieſer zwei ſchwer⸗ faͤligen Schiffe?—“ ſagte der Graf.—„In Wahrheit, zwei Linienſchiffe und eine Fregatte, um das Gleichgewicht herzuſtellen, wie der Mar⸗ ſchall ſagt, das iſt ein ſtarkes Stuͤckchen.“ Waͤhrend der Zeit, daß ſeine Fregatte ſtill lag, muſterte Heinrich mit einem ſchnellen Blick ſein Schiffsvolk, welchem dieſer ſchnelle Aufbruch uber⸗ raſchend gekommen war. Er fand ſeine Matroſen ruhig und antheillos, wie gewoͤhnlich.— Nur eine Schattirung von — 168— Neugierde las man auf ihren ſich um nichts be⸗ kuͤmmernden Geſichtern. Heinrich ſchoͤpfte gute Hoffnung aus dieſer Kaltbluͤtigkeit;— auch rief er mit wahrer innerli⸗ cher Freude, als er den Tonnant, welcher unter⸗ deſſen gelichtet hatte, ihm das Zeichen, voraus zu ſegeln, geben ſah:—„Endlich... endlich.. iſt der Befehl da, dieſen ſchweren Schiffen den Weg zu bahnen; das iſt herrlich!“ Indem er hierauf das große Fockmaſtſegel aufziehen und das große Topmaſtſegel wenden ließ, brachte er die Sylphide wieder in Gang. „Jeder begebe ſich an ſeinen Kampfpoſten!—“ rief der Graf, und ſich an das Schiffsvolk wen⸗ dend, ſagte er:„Wohlan, meine Kinder! laßt uns Frankreich Lebewohl ſagen und auf den Englaͤnder Jagd machen, es lebe der Konig!“ „Es lebe der König!“ ſchrie mit kraͤftiger Stimme das Schiffsvolk,„fuhrt die Fregatte auf die hohe See.“ „Mein Herr,“ ſagte Heinrich, indem er ſein Sprachrohr dem Lieutenant ubergab,„ich will die Batterie und die Caſtelle muſtern... „Seine Taue zu kappen, verruͤckter Menſch, Narr.. Prahlhans, dieſer Graf,“— ſagte der Lieutenant, als er den Commandanten ſich entfer⸗ nen ſah. Dann fuͤgte er mit in ſich verſchloſſenem Un⸗ muth, zu ſich ſelbſt ſprechend, hinzu:—„und doch — 169— muß man geſtehen, daß dieſes Lichten gut vor ſich gegangen iſt; der Ausdruck in dem Commando dieſes Gecken zeugt von einer praktiſchen Uebung... Tod und Hölle! verwuͤnſcht! er hat alſo Alles fuͤr ſich, der—1.. „und doch beſitze ich eben ſo viel Muth und Kenntniß als er, ich; und bleibe dennoch bei alle dem unbekannt! aber er iſt auch der Herr Graf von Vaudrey... der Herr Graf“— wriederholte der Lieutenant mit bitterer Ironie,„der Herr Grafl waͤhrend ich nur Jean Thomas bin,„ ein blauer Offi⸗ cier; Jean Thomas, der Enkel des Fiſchhaͤnd⸗ lers an dem Hafen, man ſchaͤtzt mich geringz Hoͤlle und Teufel! wenn man mich verachtete!. Doch man iſt artig gegen michz aber welche Artig⸗ keit iſt dies auch! ich wollte lieber, man be⸗ handelte mich grob;. an der Grobheit raͤcht man ſich, indem man toͤdtet oder getoͤdtet wird.. Alle Donner und Wetter!... ich werde noch ver⸗ ruͤckt werden am Bord dieſes verdammten Schif⸗ fes„o! dieſer Graf!„ dieſer Graf!.. enblich werde ich ihn im Feuer ſehen; das iſt meine einzige Hoffnung...— Aber woran dachte ich? dazu muͤßte man Gluͤck haben,.. und war wohl ſchon jemals dem Jean Thomas das Gluͤck guͤn⸗ ſtig?.. Wenn ich eine gute Handlung verrichte, ſo ſchlaͤgt ſie zu meinem Nachtheil aus;— wenn ich einem Freunde ein Verbrechen anzeige, wenn ich ihm ſage: deine Frau betruͤgt dich, ich habe es geſehen;— ſiehe da, ſo luͤgt meine Mutter ſogar, nur um mich Luͤgen zu ſtrafen, zum erſten Mal in ihrem Leben, und ich, ich gelte fuͤr einen Mein⸗ eidigen oder fuͤr einen Narren, und meine Mutter verwuͤnſcht mich noch im Tode;— und ich ſollte die Welt lieben?.. Ich ſollte den Edelleuten Se freundlich zulächeln? Ich ſollte die Augen uͤber die Schwachheiten Anderer verſchließen?... Nein, nein, Jedem ſein Recht, es entſtehe daraus was da wolle; wenn ich ſo handle, ſpricht mich mein Gewiſſen frei, und beim Himmel, zu was wuͤrde denn das Gewiſſen helfen, wenn es nicht dazu diente, die Unverſoͤhnlichkeit gegen die Fehlenden zu naͤhren? Uebrigens wie viel wuͤrde ich nicht darum geben, wenn dieſer adlige Com⸗ mandant den Kopf verloͤre im Feuer. Oft er⸗ blaſſen dieſe gelaſſenen und ruhig ſcheinenden Pa⸗ rade⸗Officiere bei dem Donner der Kanonen;— aber nein, dieſer Graf iſt vielleicht tapfer.. nun, bei alle dem, wenn er nun tapfer ware, was wuͤrde dies am Ende beweiſen?.... er wurde nur ſeine Pflicht thun. Ja, aber ich haͤtte nicht das Recht, ihn zu verachten;. und ich moͤchte ihn ſo gern verachten, ihm Gleiches mit Gleichem vergel⸗ ten; denn ich bin gewiß, daß er mich innerlich ver⸗ achtet, nicht mich, aber meine Abkunft... Mich verachten! der Geck! als wenn nicht ein Menſch ſo viel gälte, wie der andere! Adlig oder buͤrger⸗ 6 lich;... als ob ein Menſch befugt wäre, einen Andern zu verachten, weil er ein Wappenſchild hat oder einen hohern Rang einnimmt, als der An⸗ dere!“— ſagte Jean Thomas wuͤthend, und als er hierauf gewahr wurde, daß die Segel ein wenig flatterten, rief er dem Steuermann zu: „Such' den Wind, den Wind, Einfaltspinſel, Lum⸗ penhund, Schuft du!“— und ſtieß ihn mit ſei⸗ ner gewoͤhnlichen Rohheit. Der Steuermann vollzog ſchnell den ihm ge⸗ gebenen Befehl, indem er ganz leiſe ſagte:„Herr⸗ lich, da iſt noch ſo ein von Lieutenant, welcher nach der Art unſeres verſtorbenen Schweins erzo⸗ gen iſt.“ Dreizehntes Kapitel. Das iſt die entſcheidende Stunde. Schiller, Maria Stuart. Die Beſichtigung. Man weiß, daß die zwei Schiffe, welche den Hafen von Breſt verließen, um der Minerva zu Huͤlfe zu eilen, der Vengeur von 74 und der Tonnant von 64 Kanonen waren, welcher letztere die Flagge fuͤhrte, weil er den älteſten der beiden Schiffscapitaine an Bord hatte. Die Sylphide hatte Befehl erhalten, vorauszu⸗ ſegeln und dieſer Abtheilung Bahn zu brechen; denn die Kanonade war immer noch gleich lebhaft unter der Kuͤſte. Waͤhrend Heinrich die Artillerie und das Ta⸗ kelwerk muſterte, war man in der von Herrn von Monval kommandirten Batterie auf ſeinen Beſuch vorbereitet; der Buͤrger-Kanonier hielt eben mit ———„ — ſeiner gewoͤhnlichen Anmaßung eine Rede an ſeine Kanoniere:„Wohlan, meine Herren,“— ſagte er, getreu ſeinen buͤrgerlichen Anſpruͤchen,„es ſcheint, als ſollten wir in unſerm Kramladen Beſchafti⸗ gung erhaltenz denn unſte Batterie iſt eben ſo gut unſer Kramladen, als der eines Tuchhaͤndlers der ſeinige iſt; das iſt daſſelbe. Zeigen wir uns daher als brave Burſche, die wir ſind. Ihr, Hr. Rapin,“ — ſagte er zu ſeinem Unterbefehlshaber, welcher, da er den buͤrgerlichen Ehrgeiz ſeines Vorgeſetzten nicht theilte, ſich fuͤr einen eben ſo guten Soldaten, eben ſo guten Seemann hielt, als irgend einer, „Ihr, Hr Rapin, werdet fuͤr die Pulverlieferung ſorgen, und die Geſchutze unterſuchen, damit kein Funke darin bleibe. Euch aber, meine Herren,“ — fuͤgte er hinzu, ſich an ſeine Kanoniere im All⸗ gemeinen wendend,—„fordere ich im Intereſſe Eurer perſoͤnlichen Sicherheit, jeden namentlich auf, von Zeit zu Zeit mit einem naſſen Dival das In⸗ nere Eurer Kanonen auszuwiſchen; denn der Schlund der Kanone wird auf die Laͤnge erhitzt, wie die Kehle des Menſchen; ſie vertrocknet durch vieles Reden; aber was das Unbedachtſamſte an der Ka⸗ none ſein duͤrfte, iſt, daß, wenn ſie ihren Schlund erhitzt hat, ſie auch ohne aufgefordert zu ſein ihre Stimme erhebt; und dies wird dann ſehr unbequem fuͤr die Arme derer, welche den Ladeſtock halten. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß, wenn der Erſte beim Stucke getödtet iſt, der zunaͤchſt Bedie⸗ nende auf der rechten Seite ſeine Stelle einnimmt, welcher wiederum durch den Nachſten auf der linken Seite erſetzt wird, und ſo fort.... Aber alles dieſes buͤrgerlich, ruhig, wie es in einem andern Kramla⸗ den zugehen wuͤrde, in einem Pfefferkuchenladen zum Beiſpiel: das iſt Alles einerlei; denn, ange⸗ nommen, der erſte Burſche geht aus dem Laden, nun! ſo nimmt der zweite Burſche ſeine Stelle ein, und ſo fort; denn, ich wiederhole es, es iſt im Ganzen genommen daſſelbe; z. B. wenn in einem Kampfe des Redoutable ein Spaßmacher von Kartatſchenſchuß ein Geſchuͤtz aller ſeiner Bedie⸗ nung beraubte, ſo wuͤrde man einen Mann von jedem der Geſchuͤtze nehmen, welche nicht Feuer geben, wenn der Kampf nur die eine Seite be⸗ ruͤhrte, und alſo das demontirte Geſchuͤtz mit friſcher Mannſchaft verſehen, aber dies Alles mit der groͤß⸗ ten Ruhe benn vor Allem ſind wir Bür⸗ gerz ihr koͤnnt Euch dieſen Grundſatz nicht genug einpragen.“—„Trotz dem,“ wagte ſein Stellver⸗ treter Rapin zu bemerken,„trotz dem, daß wir Bür⸗ ger ſind, werden uns durch die Kanonenkugeln Haͤnde und Fuͤße weggeriſſen,.. und man zerſchmettert uns die Köpfe mit Axtſchlägen; daher daͤucht es mir, daß dies nichts weniger als buͤrger⸗ liche Ergötzlichkeiten ſind.„„— „Mein lieber Freund,“ nahm Meiſter Ker⸗ gouöt das Wort,—„ich fuͤr meine Perſon ſage Euch, aber mit aller Artigkeit, die man ſich unter burgerlichen Kanonieren ſchuldig iſt, daß Ihr ein Eſel und ein dummes Thier ſeid. Was beweiſen die zerſchlagenen Hände und Fuͤße und der zer⸗ ſchmetterte Kopf? Kann ein Handelsmann, ein Mitglied der Lohgerberzunft von Romorantin, ich ſtelle bloß die Vermuthung auf, nicht eben ſo gut ein Bein durch einen Fall brechen? kann ihm nicht eben ſo gut durch einen Ziegel der Kopf zerſchmettert werden? muß er alſo deshalb Soldat ſein?„noch ein Mal, wird er deswe⸗ gen aufhoͤren, Buͤrger zu ſein, weil er ein Bein oder einen Kopf weniger hat?“ „Aber,“— ſagte Rapin,—„aber, Hr. Ker⸗ gouöt, Ihr macht Laͤrm ohne nichts. Es iſt bei Gott nicht daſſelbe, denn.„. „Ach, was da, Ihr werdet mir jetzt gehorchen, und im Augenblick ſo gefaͤllig ſein, fuͤr die Pulver⸗ lieferung zu ſorgen, ohne mir ein einziges Wort zu erwiedern, wie ſich's einem Untergebenen ge⸗ ziemt, wenn ſein Vorgeſetzter ihm einen Befehl giebt!“ nahm ſtreng Meiſter Kergouöt das Wort. In dieſem Augenblick kam ein Steuermann, und kuͤndigte an, daß der Commandant ſeine Mu⸗ ſterung halte und ſchon im Begriff ſei, in die Batterie herabzuſteigen. Sofort erſchien auch Mon⸗ val, welcher die Artillerie kommandirte, und bald nach ihnen auch Heinrich, gefolgt von St. Sau⸗ veur, Miran und dem Schreiber. —— Die Leute blieben unbeweglich und ſchweigend bei ihren Stuͤcken; Monval naͤherte ſich Heinrich mit dem Hut in der Hand, und ſchien ſeine Be⸗ fehle zu erwarten. Das Geſicht des Grafen zeugte von Ruhe; aber ſeine Augen blitzten, und eine leichte Röthe belebte ſeine ſonſt ziemlich blaſſen Wangen; kurz, man bemerkte in ſeiner ganzen Perſon jene innerliche Freude, jene verhaltene Be⸗ geiſterung, welche, ungeachtet aller Gewalt, die man uͤber ſich ſelbſt ausuͤbt, hervorleuchtet. Der Graf ſchritt in ſeiner gläͤnzenden, mit praͤch⸗ tigen Spitzen und Stickereien uberſaͤeten Uniform vor. Er trug weißſeidne Struͤmpfe von der groͤß⸗ ten Eleganz und ſchwarzglaͤnzende Schuhe mit rothen Abſatzen und goldnen Schnallen; er war mit wohlriechender Pomade gepudert, trug ſeinen goldbeſetzten Hut unter dem linken Arm und ſeine rechte Hand in der Taſche ſeiner ſcharlachrothen, mit Gold verzierten Weſte, welche zum Theil das reiche Portepée ſeines in blauſammtner Scheide ſteckenden Degens bedeckte. Ohne ein Wort zu ſagen, ſchritt er in der Batterie umher; nachdem er aber ſeinen durchdrin⸗ genden Blick auf jede Kanone geheftet und ſie ein⸗ zeln gepruft hatte, richtete er ihn wieder mit der⸗ ſelben unbeweglichen und durchdringenden Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Geſichter der Kanoniere. „Sapperment!“— ſagte ganz leiſe Mſtr. Ra⸗ pin, indem er ſeine weiten Nasloͤcher aufſperrte und den ſuͤßen Wohlgeruch einathmete, den Heinrich verbreitete,—„Sapperment! welchen Geruch giebt der Sauſewind von ſich! Wenn der Commandant die Gnade haben wollte, alle Tage ſich nur eine Stunde in den Schiffsſchnabel zu ſtellen, was wuͤrde das fur einen guten Geruch verbreiten!“ Heinrich ſetzte ſeine Muſterung fort: „Warum biſt Du ſo blaß?“ fragte er unge⸗ ſtum den zweiten Kanonier links der dritten Back⸗ bordkanone, welcher ſich leicht auf das Geſchutz ſtuͤtzte. „Mein Commandant,“— ſagte der Mann, ohne außer Faſſung zu kommen,„ich ſtehe ſo eben von einer Krankheit auf.“ „Von welcher Krankheit?“ „Von dieſer, mein Commandant.“— Und indem er Weſte und Hemd oͤffnete, zeigte er Hein⸗ rich eine breite und tiefe, kaum vernarbte Wunde. „Warum biſt Du nicht im Hoſpital geblie⸗ ben?— „Weil der Stabsarzt mir ſagte, daß nur Be⸗ wegung zu meiner Heilung beitragen könne,— mein Commandant;— nun habe ich die Bewe⸗ gung an der Kanone gewaͤhlt, weil ich darin be⸗ wandert bin und es mir Gelegenheit giebt, mich mit dem Englaͤnder zu reiben!“ „Du wirſt nicht die Kraft dazu beſitzen.“ „O ja! mein Commandant, da der Doctor mir ſagte, daß nur dies mich heilen konnte.“ Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 2 „Wie nennſt Du Dich?“— „Mein Name iſt Lukas, Commandant!“ Und nachdem Heinrich ſich lange Zeit mit dem Kanonier unterhalten hatte, klopfte er ihm mit bei⸗ falllaͤchelnder Miene ſanft auf die Schulter, ſetzte ſeine Runde fort, und als er in der Batterie her⸗ umgegangen war, ſagte er mit lauter und feſter Stimme: „Eure Batterie iſt ſo recht ſchoͤn, meine Kin⸗ der, aber wenn ſie Feuer auf den Englaͤnder giebt, wird ſie praͤchtig ſein, und ich lebe in der guten Hoffnung, daß Ihr dieſen herrlichen Anblick in Kur⸗ zem haben werdet.“ Sich hierauf an Monval wendend, ſagte er:—„aber, laſſen Sie nicht ohne vorhergegangenen Befehl feuern, mein Herr; laſſen Sie zielen, um in den Grund zu ſchießen, oder nach dem Rade des Steuerruders, und wenn, wie ich es hoffe, ich den Kampf auf Piſtolenweite be⸗ ginne, richten Sie die Kanonen abwärts, denn als⸗ dann geht die Kugel ſchwerer und hat mehr Wir⸗ kung im dicken Holze. „Von Euch aber, Meiſter Kergoust— hoffe ich, daß Ihr nicht Kartätſchen aus Naͤgeln und zerbrochenen Eiſenſtuͤcken im Schiffe habt, welches die Wunden unheilbar macht!“ „Ja, mein Commandant, ein Viertheil davon,“ — ſagte der Meiſter. „Nun gut! mein Herr,“— ſagte Heinrich zu Monval,—„ich will, daß man ſich deſſelben nur in der aͤußerſten Noth bediene; dieſe Kartätſchen ſind im Kampfe nicht beſſer, als die andern, und laſſen furchterliche Wunden zuruͤck; die Nothwen⸗ digkeit erheiſcht, nur ſo viel Leute als moͤglich waͤh⸗ rend des Kampfes zu toͤdten, wie nicht mehr als billig; allein die Folgen der Wunden, die man ſchlaͤgt, zu berechnen, und ſie vorſatzlich unheilbar zu machen, iſt eine Vorſicht oder eine Feigheit, welche ich nie habe begreifen koͤnnen; Sie verſtehen mich, Herr von Monval?“ „Ihre Befehle ſollen vollzogen werden, Com⸗ mandant.“ Kaum hatte Heinrich jene Worte ausgeſprochen, als man ein großes Getoͤſe auf dem falſchen Verdeck hoͤrte; der Graf, welcher ſeine Muſterung auf dieſer Seite des Schiffs endigen mußte, begab ſich eiligſt dahin, und wie er ſich der großen Luken⸗ lade naͤherte, wurde er beinahe von einem Men⸗ ſchen umgeriſſen, welcher fliehend hoͤchſt eilig die Leiter erkletterte: es war Rumphius. „Was zum Teufel, macht Ihr da, Hofmei⸗ ſter?“— ſagte Heinrich mit einer halb ſtrengen, halb lachenden Miene.„Wo lauft Ihr hin, anſtatt ruhig geduckt im unterſten Schiffsraume zu bleiben, wie ich es Eurem Bruder befohlen hatte? Hier iſt Euer Platz nicht, mein wuͤrdiger Aſtronom! Denn es wuͤrde Euch ſchwer fallen, die krumme Linie der eiſernen Planeten zu meſſen, welche es in dieſe Batterie regnen wird.“ — 180— Rumphius ſah mit halbem Leibe aus der Lu⸗ kenlade heraus, und hinter ihm erblickte Heinrich die Geſtalt des armen Sulpitz, welcher alle ſeine Kraͤfte anſtrengte, um den Aſtronomen bei dem Schooße ſeines Rockes zuruͤckzuhalten. „Ich will Ihnen ſagen, was an der Sache iſt, Herr Graf,“— ſagte der Gelehrte mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Kaltbluͤtigkeit;„wir werden uns, wie es ſcheint, in eine Schlacht verwickelt ſehen, waͤh⸗ rend welcher die Menſchen, in Menge, wie die Maiskoͤrner, geſchuͤttelt durch den Geiſt von Na⸗ racka, ſo wie es Patala erzaͤhlt, hinfallen werden. — Nun habe ich ſeit langer Zeit die Idee, die Mittel aufzuſuchen, um die Schnelligkeit des Luft⸗ drucks, welcher durch das Donnern des Geſchuͤtzes verurſacht wird, berechnen zu koͤnnen. Dies iſt mein Zweck: ich will mich ganz ruhig in den gro⸗ ßen Maſtkorb mitten in das Feuer ſetzen, und mich dort ernſthaft mit meinen Beobachtungen be⸗ ſchaͤftigen.“ Man hätte das Geſicht des Sulpizius bei die⸗ ſem naiven Geſtaͤndniſſe ſehen ſollen! „Aber Sie ſind narriſch, mein Hofmeiſter,“ ſagte Heinrich, der ſich des Lachens kaum erwehren konnte,—„und die Kanonenkugeln?. „Die Kanonenkugeln, die Kanonenku⸗ geln die Kanonenkugeln,“— wiederholte der Aſtronom, in drei verſchiedenen Toͤnen, mit der Miene des tiefſten Erſtaunens. — 181— „Ja,“— ſagte Heinrich,—„werden die Ka⸗ nonenkugeln einen andern Weg nehmen, um Sie Ihre Beobachtungen nach Ihrer Bequemlichkeit anſtellen zu laſſen?“— „Es iſt wahr, ich hatte nicht im geringſten an die Kanonenkugeln gedacht,“ ſagte Rumphius mit ſeinem gewoͤhnlichen Phlegma;— dann fuͤgte er hinzu, indem er ſich von Neuem anſtrengte, die Lei⸗ ter zu erſteigen:—„Pah! pah! Yama, der Geiſt des Kriegs, wird vor einem Bewundrer des Whiſnu Reſpekt haben, und. „Keineswegs, mein lieber Aſtronom, derjenige, den Sie YPama nennen, hat, wie ich glaube, wenig Einfluß auf die Richtung der Kanonenkugeln des Geſchwaders Sr. brittiſchen Majeſtaͤt. Alſo haben Sie die Guͤte, da unten Ihren Poſten wieder ein⸗ zunehmen.“ Und, ihn ſanft anfaſſend, ſchob ihn Heinrich ruͤcklings bis auf den unterſten Schiffsraum, trotz der Bitten, welche der Aſtronom bei jeder Stufe erneuerte, die er verlaſſen mußte. Indem er ihn nochmals der Sorge des Sul⸗ pizius empfahl, begab ſich Heinrich zu dem Poſten des Chirurgus, um ſich von der Vorbereitung aller noͤthigen Huͤlfsleiſtungen zu verſichern. In der That, der Dr. Gédeon legte, die Aer⸗ mel bis an die Ellbogen zuruͤckgeſchlagen, ſeine furchterregenden Inſtrumente mit der größten Kalt⸗ —— bltigkeit von der Welt in Bereitſchaft, und ſchalt ſeine Gehuͤlfen aus, welche zu langſam waren. „Nun!— Doctor!“ ſagte der Graf zu Geé⸗ deon,„iſt Alles im Stande? Fehlt nichts?“ „Schlechterdings nichts, Herr Commandant.“ „Ich brauche Ihnen nicht noch die größte Sorg⸗ falt fuͤr die Verwundeten anzubefehlen; was die betrifft, welche herunterkommen ſollten, ohne ver⸗ wundet zu ſein, ſo laſſen Sie, wenn dieſer Fall einträte, wie ich aber nicht glaube, den befehlsha⸗ benden Officier rufen; ſie ſollen auf der Stelle er⸗ ſchoſſen werden.“ „Da alle Menſchen gleich ſind, mein Herr Commandant, ſo haben ſie dieſelben Rechte auf meine Sorgfalt, und ich ſchneide eben ſo die Arme eiies „Mein Herr,“ ſagte Heinrich ungeduldig,— „einmal fuͤr allemal erlaſſe ich Ihnen Ihre Be⸗ merkungen; ich gebe Befehle, man vollziehe ſie und ſchweige.“ Hierauf wendete er ſich zu dem Schiffsprediger, welcher an die Wand des Schiffs gelehnt ſtand und dieſer ſchrecklichen Vorbereitung mit einer ſtar⸗ ren verächtlichen Miene zuſah:„Ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung... ich hatte nicht die Ehre, Sie zu bemerken, Herr Schiffsprediger,“ ſagte der Graf zu dem Abbé von Eilly, deſſen blaſſes, von ſeiner ſchwarzen Kleidung gleichſam eingefaßtes Ge⸗ — 183 ſicht man kaum von dem dunkeln Schiffsraum unterſcheiden konnte. Der Abbé verbeugte ſich leicht und antwortet nichts;— Heinrich wollte ſprechen, aber er, der ſonſt immer ſo unbefangen, ſo beredt war, fand nicht ein Wort, und blieb unwillkuͤrlich ſtumm. Das kam daher, weil in der That, ſogar fuͤr Heinrich, welcher uͤber jede Furcht erhaben war, etwas Sonderbares in dem Anblicke dieſes ein⸗ ſylbigen und duͤſtern Prieſters lag, deſſen bloße Gegenwart an dieſem Orte ſo beredſam erſchien; denn indem man ihn in der Naͤhe der fuͤrchterlichen Zuruͤſtungen des Doctors ſah, mußte man da nicht glauben, daß er zugegen ſei, um hier die zu erwar⸗ ten, welche menſchliche Huͤlfe nicht mehr retten konnte? Genug, Heinrich, faſt uͤber ſich ſelbſt aͤrgerlich, daß er dem Abbé nichts zu ſagen hatte,— gruͤßte ihn trocken und ſtieg wieder hinauf, indem er noch einmal Sulpiz die Sorge uͤber Rumphius anbe⸗ fahl, welcher bei dem Voruͤbergehen des Grafen ausrief:„Herr Graf,„laſſen Sie mich nur eine Viertelſtunde auf das Verdeck, aber mitten un⸗ ter dem ſtärkſten Schießen und dem dadurch her⸗ vorgebrachten Luftdruck Aber Heinrich hoͤrte nicht und war ſchon wie⸗ der in die Batterie hinaufgeſtiegen. Bei ſeiner Ankunft daſelbſt gab er Monval ſeine letzten Befehle, und beſtieg dann das Verdeck. In dem Augenblicke, wo er erſchien, umſchiffte die Sylphide die Spitze St. Mathieu; die beiden Schiffe lavirten noch in der Iroiſe. „Nun! mein Herr,“ ſagte er zu Thomas,„was wird aus der Kanonade?“ „Man hoͤrt ſie weniger, Commandant, und man bemerkt keine Signale; wahrſcheinlich wird der Kampf im Weſten fortgeſetzt und dieſes Land verbirgt uns denſelben.“ „Laſſen Sie ſchießen, und weil wir nicht mehr Leinwand beiſetzen koͤnnen, ſo feuchten Sie die Segel an; dadurch gewinnen wir vielleicht ein oder zwei Knoten. „Die Feuerpumpe iſt nicht im Stande, Com⸗ mandant!„ „Warum nicht? An meinem Bord muß ſie es immer ſein!“ „Es ſoll geſchehen, Commandant.“ Der Lieutenant, ſeine Ungeduld unterdruͤckend, ſchickte ſich an, die Befehle des Commandanten zu vollziehen. Der Porizont begann ſich aufzuklären; zur Rechten der Sylphide ſah man das hochgelegene Land von Oueſſant und die Kuͤſten von Abrevrak voller Brandungen, zur Linken breitete ſich in der Ferne der unermeßliche Ocean aus. Die Sylphide ſegelte außerordentlich gut und hinter ihr folgten in weniger ſchnellem Laufe die beiden Schiffe mit einer Maſſe von Segeln und Takelwerk. „Die Pumpe iſt im Stande, Commandantl....“ „Laſſen ſie ſpielen,“ ſagte Heinrich. Und in demſelben Augenblicke leitete man drei Waſſerſtrahlen auf die Flaͤchen, welche die Segel dem Winde darboten, um die Maſchen der Lein⸗ wand dichter zu machen und ſo die Luft zu ver⸗ hindern hindurchzuſtreichen. „Laſſen Sie die Waͤchter aus den Maſten her⸗ unterſteigen, mein Herr,“ ſagte der Commandant; —„es iſt kalt, und unnuͤtz, ohne Urſache die Ge⸗ ſundheit der Leute zu gefaͤhrden.“ „Er wird ſie bald in Baumwolle einwickeln laſſen,“— murrte der Lieutenant, indem er dieſen Befehl vollſtrecken ließ. „Herunter, Ihr Leute!“— ſagte der Equipage⸗ meiſter. Kaum war dieſer Befehl gegeben, als die Ma⸗ troſen von den Maſtkoͤrben an den Seilen her⸗ abſtiegen. „Es iſt noch Jemand in dem Maſtkorbe des Fockmaſts,“— ſagte Heinrich, dem nichts ent⸗ ginz „Meiſter Frank,“— rief ungeduldig der Lieu⸗ tenant,—„wer iſt denn der Schuft, der noch in dem Korbe des Fockmaſts geblieben iſt? „Ich wette darauf,“— ſagte der Meiſter, daß es der verwuͤnſchte Loſophe iſt;“— hierauf leicht — 186— pfeifend rief er:„He, he! aus dem Maſtkorbe des Fockmaſts!“ Auf das Pfeifen des Meiſters guckten zwei Koͤpfe uͤber die Gelaͤnder des Maſtkorbes heraus. Dieſe beiden Koͤpfe waren No. 1. der Kopf des Loſophen, No. 2. der ſeines Hundes St. Medard. „Warum,“ fragte der Bootsmeiſter,„bleibt Ihr da oben, wenn ich einmal geſagt habe: herunter!“ „Meiſter Frank, weil wir einen Stich an dem Saumtau des Reifs machen,“— rief der Loſo⸗ phe; und, gleichſam, um dieſe Angabe zu bekraͤfti⸗ gen, ließ der Hund ein Bellen hoͤren.. „Was iſt das?“— fragte Heinrich— 6Es iſt wohl gar ein Hund hier?“— „Commandant, dies iſt der Hund, von dem ich Ihnen erzaͤhlt habe; das Schiffsvolk haͤngt ſo ſehr an ihm,“ ſagte Thomas,„daß ich geglaubt habe„ „Gut es mag ſein die Pumpen, Lieutenant, die Pumpen... „Laßt die Pumpen ſpielen,“— rief der Lieu⸗ tenant;— und das Waſſer trieb vorzuͤglich in der Richtung des Fockmaſts,— denn die Matroſen freuten ſich, dem Loſophen dieſen Streich zu ſpie⸗ len. An der Spitze der wuͤthendſten Pumper be⸗ fand ſich Daniel. Der Loſophe empfing mit ſtoi⸗ ſchem Muthe dieſe Beſprengung und ſagte dabei zu ſeinem Hunde, der ſie mit ihm theilte:„Es fehlte 18 Dir nichts mehr, als die Taufe, St. Meédard. Nun biſt Du ein vollendeter Chriſt, und kannſt jetzt die Prieſter in die Beine beißen,“— und St. Médard antwortete darauf, indem er mit ſeinem Schwanz wedelte, auf eine Weiſe, als wenn er's verſtände. Kaum hatten die Pumpen aufgehört zu ſpielen, als die Sylphide mit neuer Schnelligkeit fortſtrich, den Wind gewann und die richtige Wen⸗ dung machte, die Halbinſel zu umſchiffen. Aber der Kampfplatz blieb der Sylphide und den beiden ihr folgenden Schiffen immer noch ver⸗ borgen. Vierzehntes Kapitel. Johanna. Ja Du haſt Recht, das weiße Banner Bringt Glück den Freunden Frankreichs, Unglück ſeinen Feinden. Schiller, Jungfrau. A. 4. Sc. 3. Kriegs hi ſi Habt Ihr irgend einmal an einem ſchoͤnen Sommerabende, unter dem bezaubernden Himmel von Zante und Cephalonia, wenn ein ſaͤuſeinder Weſtwind kaum die Oberfläͤche des Meeres kräu⸗ ſelt, und uns den Orangenduft vom nahen Ufer heruͤbertraͤgt; wenn die gluͤhende Sonne gleichſam mit Schmerz ihre letzten goldenen Strahlen herab⸗ ſendet, habt Ihr da irgend einmal die köſtliche üͤhlung der klaren und ruhigen Gewäſſer der Le⸗ vante geſucht? Saht Ihr da nicht einen kleinen, lieblichen Fiſch rubinenaͤhnlich funkeln, purpurnfar⸗ big mit Veilchenblau gemiſcht, deſſen dunkler Glanz durch prächtige ſilberne Schuppen und Floſſen wie — 189— Perlmutter erhoͤht wurde?.. Wenn Ihr deſſen Anmuth und Schoͤnheit bewundertet, hieltet Ihr ihn da nicht fuͤr irgend einen guten Genius der Gewäſſer, fuͤr irgend einen niedlichen Ariel, welcher dieſe Huͤlle angenommen, um unbekannt die durch⸗ ſichtigen Tiefen des Meeres zu durchſtreichen und unter dem ſchoͤnen gruͤnen Seegras zu ſpielen, wel⸗ ches ſich in Smaragdkraͤnzen an den verſteinerten Aeſten der rothen Korallen dahinſchlaͤngelt?.. Entzuͤckt uͤber dieſen Juwel des Oceans, ſeid Ihr dann auf ihn zugeſchwommen... um ihn zu ergreifen.. aber er, nicht wahr, froͤhlich und ſcherzend, blieb bald unbeweglich, ließ Euch nahe kommen; bald tauchte er fliehend unter, kam dann wieder zuruck, entſchluͤpfte noch einmal, und ſo auf dem bläͤulichen Gewaͤſſer tauſend ſilberne Kreiſe bezeichnend, riß er Euch hin zu ſeiner Verfolgung. Wenn Ihr nun aber endlich voll Entzuͤcken glaub⸗ tet, Euch ſeiner zu bemeiſtern. ſaht Ihr da nicht ploͤtzlich in der Spur dieſes glaͤnzenden Loot⸗ ſen,— ſaht Ihr nicht die beiden runden Augen eines rieſenhaften Haifiſches von roͤthlichſchwarzer Farbe ſchimmern, welcher, mit ſeinem ungeheuern Schweife das Waſſer peitſchend, mit fuͤrchterlich geöffnetem Rachen Euch ſchnell entgegenſchwamm, geleitet durch jenen reizenden Lootſen, der ihm ſtets vorausgeht, und ihm ſo gutmuͤthig ſeine Beute entgegenfuͤhrt?.. Dann, nicht wahr? dann botet Ihr alle Eure Kraͤfte auf, um den ſcharfen Zähnen dieſes Feindes zu entfliehen und ſuchtet, wenn es Euch anders moglich war, die gaſtfreundliche Kuͤſte zu errei⸗ chen?„ Gleich lebhaft, anmuthig und goldglaͤnzend, aber auch eben ſo treulos, wie dieſer gefaͤhrliche und verfuͤhreriſche Lootſe, geleitete die vorausſegelnde Sylphide die ſchweren, furchtbaren Kriegsſchiffe, welche, durch die hochgelegenen Suͤdkuͤſten von Oueſſant verborgen, in dem Fahrwaſſer der Fre— gatte ſchwammen. 3 In dieſem Augenblicke verminderte ſich der Ka⸗ nonendonner, welchen man fortwährend vernahm, und verlor ſich bald ganz; hieraus konnte man ur⸗ theilen, daß das verfolgte Schiff entweder genom⸗ men worden, oder unerſchrocken die Straße du Four eingeſchlagen hatte, und ſo dem Feinde entgan⸗ gen ſei. Heinrich zweifelte nicht mehr an dieſer letztern Vermuthung, als er die Wache von Oueſſant dem Kriegsſchiffe le Tonnant das Signal geben ſah:— daß man unter dem Winde der Inſel die zwei feindlichen Fregatten erblicke, die ſo eben eine fran⸗ zöſiſche Fregatte verfolgt und bekaͤmpft hatten, welche letztere gegenwärtig in die Straße du Four gefluch⸗ tet waͤre, wohin ſie nicht zu folgen gewagt hätten. Sogleich gab das Schiff der Sylphide ein Zei⸗ chen, die Spitze von Porklas, welche die franzö⸗ ſiſchen Schiffe verbarg, zu umſchiffen, ſich allein — 191— dem Feind zu naͤhern, unter dem Scheine, ſie zu recognosciren, dann die Flucht zu ergreifen und ſo zu manoͤvriren, bis ſie die engliſchen Fregatten nahe bis an die Spitze und faſt in die Gewäſſer der bei⸗ den Schiffe herbeilockte, welche letztere alsdann er⸗ ſcheinen und ſich des Feindes leicht bemaͤchtigen wuͤrden. „Ein feiges Unternehmen,“— ſagte Heinrich mit uͤbler Laune;—„dieſen armen Fregatten als Lockſpeiſe zu dienen, ſie verraͤtheriſch in die Falle zu fuͤhren, und ſie vielleicht ohne einen Kanonenſchuß nehmen zu laſſen: bei Gott, das iſt die Sache eines elenden Kauffarteiſchiffes und nicht einer edlen Kriegsfregatte.— Weiß das der Seemann nicht, der dieſes Schiff commandirt?“— fuͤgte er hinzu, indem er auf den Tonnant zeigte..„ch möchte hundertmal lieber allein den Kampf gegen dieſe beiden Schiffe beſtehen, als ſo handeln.“ Aber da Heinrich vor Allem ſich den Befehlen ſeiner Vorgeſetzten ſtets mit ergebenem Gehorſam unterwarf, ſo ließ er jetzt die Segel anziehen und fuͤhrte das befohlene Manoͤvre aus, waͤhrend die beiden Schiffe, geſchuͤtzt durch das Land, die leichte Beute erwarteten, welche der Graf ihnen zufuͤhren ſollte. Die Sylphide, ſchoͤn und geſchmuͤckt, wie ſie war, umſchiffte jetzt die Spitze von Porklas und ſchwamm allein auf dem Ocean dahin, mit der be⸗ ſchämten und ſchuͤchternen Miene einer jungen Braut, welche zitternd ſich in einen Saal wagt und auf allen Seiten ein freundliches Geſicht zu finden ſucht... Bald bemerkten die engliſchen Schiffe die Franzoͤſin, und im Vertrauen auf ihre Stärke ließen ſie ſie dicht herankommen. Die Sylphide, immer den Wind faſſend, naͤ⸗ herte ſich auf gleiche Weiſe dem Feinde und befand ſich bald kaum noch eine Viertelmeile von ihm. Dann, gleichſam, wie unentſchloſſen, zog ſie nach und nach ihre Segel ein. Die Englaͤnder ſetzten alle die ihrigen bei, kamen in die Naͤhe und begleiteten das Aufziehen der britiſchen Flagge mit zwei Kanonenſchuͤſſen, deren Kugeln einige Ellen entfernt von der Fregatte in die Wogen ſchlugen. Hierauf lenkte die Sylphide, als wenn ſie die Ge⸗ fahr, welche ſie lief, jetzt erſt wahrgenommen haͤtte, plotzlich um, zog alle Segel auf und ergriff die Flucht, indem ſie ihren Lauf gegen die verhangniß⸗ volle Landſpitze nahm, unter deren Schutz die bei⸗ den Schiffe gleich Haifiſchen verborgen lagen. Die engliſchen Fregatten ahmten das Manovre der Sylphide nach und verfolgten ſie ganz nahe in der Abſicht, ſie zwiſchen zwei Feuer zu bringen und zu verhindern, daß ſie den Hafen gewönne. Aber weh! weh! kaum hatten ſie, die armen Engländerinnen, die verwuͤnſchte Landſpitze von Porklas umſchifft, als die Sylphide, von der Seite ſegelnd, ihnen den Wind abgewinnt, die koͤnigliche Flagge von Frankreich aufzieht, dieſes Signal mit — 193— einem Schuß in's Dickholz begleitend, und die bei⸗ den im Hinterhalte liegenden Schiffe mit vollen Se⸗ geln herbeikommen,— ſo daß die beiden engliſchen Fregatten, da ſie ſich auf dieſe Weiſe umzingelt und ohne Rettung ſahen, gezwungen waren, ihre Flaggen zu ſtreichen und nach einem kurzen, nur ſcheinbaren Widerſtande ſich zu ergeben. Man erfuhr jetzt, daß das franzoͤſiſche Schiff, mit welchem die Englaͤnder gekaͤmpft hatten, in der That die Fregatte Minerva war. Nach dieſer ſo gluͤcklichen Ausfuͤhrung einer ganz unerwarteten Expedition gab der Capitain des Tonnant Heinrich ein Signal, an Bord zu kom⸗ men, um die Befehle zu empfangen, die er ihm von dem Marſchall von Caſtries mitzutheilen hatte. Die Sylphide legte an und eine Viertelſtunde nachher war Heinrich am Bord des Tonnant.— „Bravo, Herr von Vaudrey,“— ſagte der Commandant des Schiffs zu ihm.„Sie haͤtten Ihre Rolle nicht beſſer ſpielen koͤnnen!“ „Und doch, Herr Marquis,“ ſagte Heinrich n verdruͤßlicher Miene,—„iſt dies ein Ruhm, ve recht gern jedem Andern uͤberlaſſen wollte; in grade nicht gewiſſenhaft, aber in Wahrheit ich mir mein ganzes, Leben hindurch deshalb Vorwuͤrfe machen.... „Gehen Sie doch; Sie wiſſen nicht, was Sie wollen,“— ſagte der Marquis;—„dieſe Art Krieg zu fuͤhren iſt ja ganz gerecht; die Englaͤn⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. M. 13 — 194— der griffen ja auch die Minerva, die nur 24 Ka⸗ nonen hatte, mit 2 Fregatten von 36 an. Mei⸗ ner Treu, was mich betrifft, ſo habe ich weniger Bedenklichkeiten als Sie, und ich freue mich herz⸗ lich daruͤber, mein lieber Graf.“— Indem er dies ſagte, nahm er Heinrich beim Arm und fuͤhrte ihn in die Gallerie ſeines Schiffs.—„Der Herr Marſchall von Caſtries hat mir Depeſchen fuͤr Sie uͤbergeben, Herr Graf,“ ſagte er zu ihm:„hier ſind ſie; uberdies iſt hier noch eine verſiegelte Ordre, welche Sie nicht eher, als auf der Hoͤhe der azori⸗ ſchen Inſeln eroͤffnen ſollen,— in dieſer werden Sie die weitern Verhaltungsmaßregeln finden.— Der Herr Marſchall, welcher Sie vollkommen kennt, hat mich noch gebeten, Ihnen beſonders an⸗ zuempfehlen, jedem etwanigen ungleichen Kampfe auszuweichen, denn die Depeſchen, welche Sie nach Neu⸗England bringen, ſind von der groͤßten Wich⸗ tigkeit und werden von dem Herrn des Touches mit Ungeduld erwartet. Leben Sie wohl, Herr von Vaudrey, ich wuͤnſche Ihnen viel Gluͤck und Ri Sie ſind gluͤcklicher, als wir, denn wir mu Breſt zuruͤckkehren.— Vielleicht ſehen wir bald wieder,“ ſagte er Heinrich mit einer verkra lichen Miene in's Ohr. S4 „Wie ſo, Herr Marquis?“ fragte dieſer. „O! mehr kann ich Ihnen nicht ſagen,“ er⸗ wiederte der Schiffscommandant mit geheimniß⸗ voller Miene. — 195— Endlich fuͤhrte er Heinrich auf das Verdeck zu⸗ ruͤck und druͤckte ihm herzlich die Hand; der Graf erreichte ſein Boot, begleitet von den Gluͤckwuͤn⸗ ſchen der Officiere des Tonnant, welche die Leich⸗ tigkeit, Schönheit und den Gang ſeiner Fregatte nicht genug bewundern konnten. „Nochmals, leben Sie wohl, meine Herren,“ — ſagte Heinrich zu den Officieren, welche ſich uͤber die Gallerie des Schiffs herausbeugten,„gru⸗ ßen Sie tauſendmal meine Freunde in Frankreich.“ Und ſich nach ſeiner Fregatte begebend, hatte er bald ihren Bord erreicht,„nicht ohne zu⸗ vor einen ſtolzen Blick auf ſeine Sylphide geworfen zu haben, welche ſich ſanft unter ihren Maſten ſchaukelte. Als der Graf einmal an ſeinem Bord war, gab er ſogleich die noͤthigen Befehle zur Abreiſe, und indem er den Wind benutzte, welcher von Nordweſt nach Nordoſt wehte, ſchickte er ſich an, weſt⸗ſuͤd⸗ weſtlich die hohe See zu erreichen, nachdem er be⸗ fohlen hatte, die Pulverkammern zu ſchließen und ungen zum Kampf bis auf weitere Ordre eben. „Nun! Meiſter Frank,“ ſagte Herr Kergouöt, welcher ganz verdruͤßlich von ſeiner Batterie her⸗ aufſtieg,—„was ſagt Ihr dazu?.... Verlohnte es ſich wohl der Muͤhe, unſere Kanonen von ihren Takeln loszumachen, und ſie abzufeuern, ohne ihren Appetit zu ſtillen, indem man ihnen nur einen 13* — 196— elenden Streifſchuß erlaubte? Und dieſer hatte noch uͤberdies mehr das Anſehn von dem Gruße eines gutmuͤthigen Kindes als eines Kartätſchen⸗ feuers.. Noch einmal, was ſagt Ihr dazu, Mei⸗„ ſter Frank?... In einem gut eingerichteten Kramladen wuͤrde dies nicht ſo gehen; wenn der Herr zu ſeinen Dienern ſagt:„heute iſt Feſttag,“ nun, ſo iſt Feſttag;. aber hier hier. kurz, was ſagt Ihr dazu, Meiſter Frank?“ „Was ich ſage, Meiſter Kergouöt? Ich ſage, daß mir's gar nicht gefällt, wenn ich ein Schiff, anf dem ich bin, dem Feinde als Lockſpeiſe dienen ſehe, um ihn in die Falle zu ziehen„ich ſage, daß ich keinen Geſchmack daran finde, zum Aaſe zu dienen, welches man an die Spitze einer Angel haͤngt, um einen Stockfiſch zu fangen.“ „Sprecht nicht vom Aaſe„ denn dies bringt„ mich auf, Meiſter Frank,.— rief Kergouöt mit Ekel;—„das iſt ein zu Ausdruck:„Faͤulniß.“ Sprecht mir nic davon.“ „Genug, wenn ich mich nicht täuſch der Commandant eben ſo wenig mit dem zufrieden, als wir, welches man uns zur Eroͤffnung eines Feldzugs zumuthete, denn er macht auf mich den Eindruck eines Leoparden, welcher ſo viel Zaͤhne als Haare hat, wie man zu ſagen pflegt. Ich habe den ſeligen Giroux gekannt, den Bootsmeiſter am Bord des Robuſte, wo der Commandant diente, der, wie er mir geſagt hat, ein Kaninchen war, welches.. „Er war alſo nicht ein Leopard, ſondern ein Kaninchen,“— ſagte Meiſter Kergouöt mit ironi⸗ ſcher Miene.—„Ach! ſeht doch den Spoͤtter, weil er wie ein Buch redet,“— ſagte Meiſter Frank veraͤchtlich.—„Kaninchen oder nicht, er iſt ein Seemann, und als Seemann aͤrgert es ihn, wenn er zur Lockſpeiſe dienen ſoll.“ „Noch immer dieſes Aas, Meiſter Frank, das iſt empoͤrend; aber ſeht, dies bei Seite, und ohne daß Ihr mich fuͤr aberglaͤubiſch haltet, iſt es lang⸗ weilig fuͤr vernuͤnftige Leute, welche an Vorbedeu⸗ tungen glauben, zu 4 „Ach! Ihr wollt Eure Thorheiten wieder be⸗ ginnen,“— ſagte Frank ihn unterbrechend.— „Seht, Meiſter Kergout, Ihr ſeid's, der meinen Neffen Daniel durch Euer Geſchwät von guten und ſchlechten Vorbedeutungen, durch Eure thörich⸗ ten Erzählungen vom St. Elmsfeuer, von Here⸗ reien u. ſ. w. dumm gemacht hat; aber ſeht Ihr, bei mir haftet das nicht mehrz ich habe ein zu har⸗ tes Fell, alter Schwaͤtzer.“— Und indem er den Meiſter vertraulich auf die Schulter klopfte, ſchob er ihn in das falſche Ver⸗ deck hinab. „Du haſt ſehr Unrecht, Du Hottentotte, denn die Weiſſagungen ſind wie der Barometer..... beide verkuͤnden das Gute und Schlimme, ſo wie — 198— ich es unſerm Proviantmeiſter ſagte, dieſem Spa⸗ nier, der immer traurig iſt, wie ein Todter, und den man niemals zu ſehen bekommt; immer ſteckt er allein in ſeinem Loche. Der wuͤrde gewiß nicht die Nachkommenſchaft Adams bekommen, wenn die Worte Kinder waren,“— fuͤgte der buͤrgerliche Kanonier hinzu, indem er noch einmal einen Blick auf ſeine Batterie warf, welche er ſo erfinderiſch ſeinen Kramladen nannte. Es war ungefaͤhr um 4 Uhr Nachmittags. Die Januarſonne glaͤnzte am reinen Himmel und ſenkte ſich langſam vom Horizonte herab, welchen ſie mit einem lebhaften, glühenden Roth faͤrbte. Die Sylphide ſchiffte mit Anmuth auf dem herrlichen Meere und ließ zu ihrer Linken und hinter ſich die hohen Geſtade der Bretagne, welche die letzten Strahlen der Sonne vergoldeten. Ae Augen waren gegen die Kuͤſten gerichtet, der eine Erinnerung oder einen Schmerz eß. Denn eine ſolche Abreiſe iſt ſtets ein feierlicher Augenblick, in Kriegszeiten beſonders, wenn man ſein Land verlaßt, ſeine Lieben, ſeine Gewohnheiten, fuͤr eine eben ſo ungewiſſe, eben ſo verſchleierte Zukunft, als es der durch den Nebel verborgene Ocean iſt. Dieſes ernſthafte und tiefe Gefuͤhl erkaltet den Muth nicht, aber es verſetzt den gefuhlloſeſten Men⸗ ſchen in eine ernſte und ſchwermuͤthige Traͤumerei. — — Auch iſt der erſte Tag einer Abreiſe am Bord immer traurig, beſonders ſo lange man noch das Land ſieht, welches laͤchelnd erſcheint, wie ein Freund, der Euch das letzte Lebewohl ſagt; oder zornig, wie ein am Ufer ſtehender Glaͤubiger, welcher ſeinen Schuldner oder luſtig, wie der Schuldner, welcher ſeinen Glaͤubiger abreiſen ſiehtz oder in Thraͤnen, wie ein junges Mädchen, welches nur noch die Erinnerung eines eben ſo ſuͤßen als grauſamen Fehlers hat. wie alle Fehler eines jungen Maͤdchens. Oder.. aber die Geſchichte dieſes wunder⸗ vollen Prisma, welches ſo verſchiedenartig die Erde färbt, wäre die Geſchichte des menſchlichen Herzens. Allein, wenn man einmal auf der offenen See iſt, uͤberlaͤßt man ſich ganz dieſem neuen Leben, mit ſeinen Zufällen, ſeinen Gefahren, und dieſe ewig neu auflebenden Gemuͤthsbewegungen, von denen man ganz ergriffen iſt, goͤnnen uns kaum die Zeit, uns unſern Erinnerungen hinzugeben. Ungeachtet ſeines frivolen Charakters war der Graf dieſen Eindruͤcken nicht entgangen; auch ſtieg er, nachdem er dem Lieutenant ſeine Reiſebefehle gegeben hatte, in ſeine Gallerie herab, und dort, auf das blauſammtne Kiſſen geſtuͤtzt, welches ſein vergoldetes Fenſter ſchmuͤckte, warf er einen langen Blick auf die Kuͤſten dieſes Frankreichs, wo er ſo viele froͤhliche Augenblicke zugebracht hatte, als — 200— Monval, durch den Kammerdiener gemeldet, ein⸗ trat, und ihm ſagte: „Commandant, die Kuͤſtenwache verlangt uns ie Paroleab „Nun gut, ſo geben Sie ſie, mein Herr,“— ſagte Heinrich, ärgerlich, in dieſem Augenblicke und in dieſer Stimmung geſtört zu werden;—„was iſt denn das fuͤr eine neugierige Wache?“.. „Es iſt die, welche man kuͤrzlich auf dem Thurme von Koat⸗Veön aufgeſtellt hat, Comman⸗ dant; ſehen Sie, da erblickt man ſie von hier.“ Es wuͤrde ſchwer ſein, die Wirkung zu ſchil⸗ dern, welche dieſer Name, in dieſem Augenblicke, zu dieſer Stunde, in dieſer Gemuͤthsbewegung aus⸗ geſprochen, auf Heinrich hervorbrachte; er verzog ſeine Augenbrauen, gruͤßte den Officier mit einer Handbewegung, gleichſam um ihn außzufordern, ihn zu verlaſſen, und begann, mit großen Schrit⸗ ten in der Gallerie auf und ab zu gehen. Dieſe Gallerie, welche von dem Geſchmack des Herrn Doquin zeugte, bildete ein langes Viereck, deſſen Wände mit einem dichten Stoff von blauem da⸗ maſtartigen Atlas, eingefaßt von breiten Goldleiſten, bekleidet waren; ein prächtiger tuͤrkiſcher Teppich be⸗ deckte den Fußboden, und zwei breite Ruhebänke von vergoldetem Holz zogen ſich an jeder Seite der mittleren Thuͤr hin, welche durch einen Vorhang von demſelben Stoffe wie die Tapete verſchleiert wurde. Dieſen Ruhebänken gegenuber in der Laͤnge — 201— des Zimmers oͤffneten ſich die vier Fenſter des Hin⸗ tertheils vom Schiffe mit ihren Sammetkiſſen und ihren Drapperien, welche anmuthig uͤber eine Art Pfeil gezogen und von reich geſchmuͤckten goldnen Franzen zuſammengehalten waren. An jedem Ende dieſer Gallerie ſah man eine Spiegelthuͤr; die eine fuhrte in ein Toilettenzimmer, die andere in ein Badegemach. Die beſondere Eintrittsthur, welche, wie erwaͤhnt, mit einem Vorhang verſchleiert war, bildete den Eingang zum Speiſeſaal;— links be⸗ fand ſich das Schlafzimmer Heinrich's, welches in nichts dem ausgeſuchteſten Putzzimmer nachſtand. Endlich ging dieſem Speiſeſaale noch ein erſtes Zimmer voran, in welchem ſich ſein Haushofmei⸗ ſter und ſeine Kammerdiener aufhielten. An der Thuͤre dieſes Zimmers, in der Batterie, hielten zwei mit Lanzen bewaffnete Matroſen Wache, und See⸗ leute, auf Baͤnken ſitzend, erwarteten die zu geben⸗ den Befehle des Commandanten. In der Galle⸗ rie befand ſich uber jeder Ruhebank ein durchſichti⸗ ger Compaß, an der Decke aufgehaͤngt, damit der Commandant, ſitzend oder liegend, immer der Rich⸗ tung, welche das Schiff nahm, folgen konnte. Und auf Erhoͤhungen, welche zwiſchen den Fen⸗ ſtern aufgeſtellt und kunſtvoll mit Perlmutter, El⸗ fenbein und Silber ausgelegt waren, befanden ſich die reichen Waffen Heinrich's, ſeine Karten, ſeine Seeinſtrumente, eine kleine Sammlung von frei⸗ ſinnigen Werken und Moderomanen, und alle be⸗ bannte Werke der Strategie und Seetaktik, ſowohl in franzoſiſcher, engliſcher als ſpaniſcher Sprache; denn Heinrich beſaß auch die praktiſche Kenntniß dieſer zwei letztern Sprachen, da er lange Zeit in den Beſitzungen dieſer verſchiedenen Laͤnder gelebt hatte. Endlich war inwendig an jedem Fenſter ein kleines Behältniß von erhaben ausgemeißeltem Holz⸗ werk, welches die koſtbarſten Blumen enthielt, die der treue Germeau mit großer Sorgfalt pflegte; auf Rolltafeln an der Decke mit goldnen Ketten befeſtigt, glaͤnzte eine ausgezeichnete Auswahl von Porzellan aus Sevres und von boͤhmiſchem Kry⸗ ſtall, mit ihren Schaalen und rothlichen Loffeln. Endlich verdienen der Erwaähnung noch die leichten chineſiſchen Vorhänge, beſaͤt mit Cardinal⸗ voͤgeln mit blendendem, ſcharlachrothen, ſilberfarbi⸗ gen und blauen Gefieder; dieſe Voͤgel ſchienen lebendig und an den wohlduftenden Blaͤttern der Blumen zu ſchweben, von welchen jedes Fenſter ſchimmerte. Unter den Zimmern ſämmtlicher Kriegs⸗ ſchiffe, ſo ſchoͤn ſie auch ausgeſchmuͤckt ſein moch⸗ ten, konnte keines dieſer zierlichen Pracht gleich kom⸗ men. Nur Heinrich hatte bei ſeinem bedeutenden Vermoͤgen in dieſem kleinen Raume einen ſo ge⸗ ſchmackvoll ausgeſuchten Lurus entfalten koͤnnen. Geſtutzt alſo auf eines der Fenſter dieſer glaͤn⸗ zenden Gallerie begann Herr von Vandrey, des unruhigen Auf⸗ und Abgehens uͤberdruͤßig, den Thurm von Koat⸗Vön zu beobachten, welchen man, ohngeachtet des zunehmenden Schattens der Nacht, an der Kuͤſte erblickte. Denn in der That, bei dem Anblicke dieſes Thurms, welcher ihm ſo ploͤtzlich die Erinnerung an das Abenteuer mit der Herzogin zuruckrief, hatte Heinrich, wenn auch nicht bitterer, doch wenigſtens trauriger Gedanken ſich nicht enthalten koͤnnen,.. Gedanken, deren Trauer ſuͤße und wehmuͤthige Er⸗ innerungen zugleich in ihm zuruͤckließ. Denn, wie ſchon erwaͤhnt, empfindet man nie⸗ mals ſchmerzliche Qualen bei dem Gedanken, daß man durch ſeine Unbeſtaͤndigkeit oder ſeine Verach⸗ tung einer Frau den Kummertod bereitete. Dieſe ſchrecklichen Qualen wuͤrden vielmehr den peinigen, welcher glauben muͤßte, die Verlaſſene troͤſte ſich uͤber ſeine Unbeſtaͤndigkeit und Verach⸗ tung, und befinde ſich in einem eben ſo langen als froͤhlichen Leben vollkommen gluͤcklich. Aber was ich hier von den Maͤnnern ſage, iſt noch in hoͤherem Grade auf die Frauen anwend⸗ bar; denn nach einem ungetreuen Geliebten verab⸗ ſcheuen ſie in der Welt nichts mehr, als einen ge⸗ troͤſteten Liebhaber. Kurz, die Sonne war ſchon ſeit langer Zeit am Horizont verſchwunden, und noch immer blickte der Graf nach Frankreichs Kuͤſten. Aber Heinrich war nicht der Einzige, bei wel⸗ — chem der Thurm von Koat⸗Vön Betrachtungen und Erinnerungen erweckt hatte. Auch Rumphius, der ſo viele Näͤchte auf deſſen Platform zugebracht, um die Geſtirne zu beobachten! — und Sulpitz, der gute Sulpitz, welcher dort eben ſo oft uͤber ſeinen Bruder gewacht. — Endlich Rita und ihr Stallmeiſter. — Funfzehntes Kapitel. Dieſe Ueberraſchungen der Traurigkeit, dieſe kurzen Ausſchweifungen der Ein⸗ bildungskraft, helfen mir gewiſſermaßen, das Unglück von einer Schulter auf die andere zu nehmen, und dadurch die Laſt minder drückend zu machen. Baron von Hauſſez, Philoſophie der Verbannung. Die Bodlerei. Bodlerei heißt der Theil des falſchen Verdecks, welcher ſich uͤber dem erſten Plan des unterſten Schiffsraumes ſchließt, unter der Luke des Vorder⸗ theils gelegen. Von dieſem Orte aus werden Lebensmittel an das Schiffsvolk vertheilt. Hier wohnt auch ge⸗ woͤhnlich der Schreiber des Proviantmeiſters. Die Bodlerei iſt ein duͤſterer, finſterer, ſchmu⸗ tziger Ort, anſteckend gemacht durch die Ausduͤnſtun⸗ gen der darin eingeſchloſſenen Lebensmittel; ein er⸗ ſtickender Raum, wohin die Luft und das Tages⸗ licht niemals dringen; ein ſchmales und feuchtes Gefäͤngniß, deſſen Waͤnde unaufhoͤrlich von den Wogen gepeitſcht werden, welche ſich an ſeinem Vordertheile brechen. Hier war es, wo Rita und Perez ſeit ſechs Tagen in einem kleinen, niedrigen, kaum acht Schuh langen Zimmer mit einander wohnten. Die Herzogin, in maͤnnlicher Kleidung, lag auf einer Pritſche; Perez, zu ihrem Haupte ſitzend, ſchien ihr ſeine Sorgfalt zu widmen; denn durch das Luftloch dieſer Art von Keller hatte auch die ungluͤckliche Herzogin, wie Heinrich, ja in demſel⸗ ben Augenblicke mit ihm, den Thurm von Koat⸗ Vön geſehen, welcher ihr, weiß an dem durch die annaͤhernde Nacht verdunkelten Himmel hervor⸗ tretend, wie ein Geſpenſt in ſeinem Leichentuch erſchienen war. „Ich fuͤhle mich beſſer, Perez,“ ſagte die Her⸗ zogin,„„beſſer„„3 allein ich konnte der ſchrecklichen Gemuͤthsbewegung nicht widerſtehen, welche der Anblick dieſes verwuͤnſchten Thurms in mir erweckte ach Perez Yerez, wer haͤtte mir geſagt, als ich vor ſechs Monaten ſo gluͤcklich, mit ſo vieler Freude im Herzen dort⸗ hin kam, um ein Weſen zu troͤſten, welches ich leidend und verlaſſen glaubte; als ich mir eine ſo ſchoͤne Zukunft traumte, als ich mich zum erſten Mal aufleben fuͤhlte.... ach! Perez, wer haͤtte mir da geſagt, daß ich heute dieſe Orte wiederſe⸗ hen ſollte, aber vergeſſen, verwelkt, haͤßlich, unbe⸗ kannt, ſchiffend auf dieſem Meere, auf welches wir, er und ich, ſo oft unſere Augen gerichtet hiel⸗ ten, wenn wir von unſrer Liebe ſprachen; auf die⸗ ſem Meere, welches wir ſo ſchoͤn und ſo groß fan⸗ den, deſſen Rauſchen unſere Kuͤſſe unterbrach! Ach! welch ſchrecklicher Gedanke, Perez„„„ wie iſt es moͤglich, daß ich bei Sinnen bleibe„. Wenn ich den Verſtand verlore... Die Herzogin ſchwieg jetzt, nahm aber bald wieder mit bewegter Stimme das Wort: „Ach! ich leide, ich erſticke.„mein Gott, wie iſt die Luft, die man hier einathmet, ſo verpeſtet und ſchwer!“— und mit herzzerreißen⸗ dem, ſchmerzvollen Tone rief ſie aus:—„Ach, mein Schloß Kervan, meine gruͤnenden Wieſen, meine ſchattigen Wäldchen, o Madrid! ſein Prado! ſeine ſchönen Sommernaͤchte! o mein faſt königli⸗ ches Leben! meine Ländereien meine Pa⸗ laͤſte wo ſeid ihr?.. Aber was ſage ich? Wozu dieſe Klagen gehoͤrt nicht den⸗ noch alles dies noch mir?„. Bin ich nicht fort⸗ waͤhrend die Herzogin von Almeda, und was hilft mir eine fruchtloſe Rache?... Ich werde dieſen Menſchen durch einen meiner Diener tödten laſſen, und dann wird es beendigt ſein; ich werde meinen Rang, meine Titel wiederfinden; ich werde nicht mehr mit Dirnen in's Gefaͤngniß geworfen, nicht — mehr mißhandelt, noch durch Soldaten im Kothe herumgeſchleppt werden; ich werde nicht mehr in einem Schiffe mit Matroſen eingeſchloſſen ſein; ich werde die Sonne ſehen, Baͤume; ich werde mein Haus, meine Edelleute, meine Frauen wie ehemals haben, weil ich immer noch die Herzogin von Almeda bin, ich,“ rief Rita in wahnſinniger Begeiſterung.— Denn die neuen Gemuͤthsbewegungen, die ſie niedergedruͤckt, die Klagen, der Haß, die Lei⸗ den hatten fuͤr einen Augenblick ihre Vernunft zer⸗ ruttet. „Die Frau Fiezötin von Almeda iſt todt, edle Frau; todt, hoört Ihr?“— ſagte Perez mit dumpfer und hohler Stimme in der un⸗ biegſamen Kaltbluͤtigkeit, die ihn charakteriſirte. Dieſe wohlbekannte Stimme brachte Rita wie⸗ der zu ſich ſelbſt, und ihre abgezehrten Haͤnde feſt auf ihre Stirn druͤckend, ſprach ſie:— „Ach! verzeih, Perez, ich verirrte mich, ich ſtieß Klagen aus; aber nach Allem, was ich gelit⸗ ten habe, iſt dies einer armen Frau wohl erlaubt, nicht wahr? Aber, ſieh' doch, nach meinen Klagen zu urcheilen,“— fuͤgte ſie mit einem bit⸗ tern und in ſich verſchloſſenen Laͤcheln hinzu,— „ſieh' doch! daß ich wohl von Gott begeiſtert gewe⸗ ſen bin, mich fuͤr todt auszugeben und meine Zuge zu verändern als Herzogin und in meiner 6 — 200— Schoͤnheit, ſiehſt du wohl, haͤtte ich die ſchreckli⸗ chen Qualen nicht ertragen.... Bei dem erſten Verſuche wuͤrde ich feig meine Rache aufgegeben, ich wuͤrde ihn nur getodtet habenz während ich, je mehr ich leide, je mehr ich ertrage, mich deſto we⸗ niger entſchließen kann, ihn zu toͤdten. Ihn toͤdten! Ihn toͤdten. was wäre dies im Vergleich zu meinen Leiden, zu meinen Leiden, und dann iſt es noch immer Zeit dazu. „Nein, nein, erſt muß er entehrt, verrathen, gemartert werden, und das Gift, welches wir in die Lebensmittel ſeines Schiffsvolks miſchen, ſoll zu dieſem Ende fuͤhren. Ach! ich bin deſſen ge⸗ wiß,„ſieh, Perez, lies noch ein Mal,“ ſagte die Herzogin, indem ſie das Buch des Joſe Ortez aufſchlug und Perez jene Zeilen zeigte: „Und ihre Geſichter wurden braun und blau, „und ihr Schlaf war von fuͤrchterlichen Traͤumen „beunruhigt; ſie verloren ihre Kraͤfte und die Froͤh⸗ „lichkeit; aus Tapfern wurden ſie Feige, ihre jun⸗ „gen Haͤnde zitterten wie bei Greiſen, ſie wurden „mager und wie Geſpenſter, ihre verirrten Augen „rollten in ihren Hoͤhlen, und ſie ſtarben in einem „fuͤrchterlichen Wahnſinn.“ Sie ſchlug das Buch mit Heftigkeit zu:— „Sage, Perez, wenn dieſe Ungluͤcklichen ſich auf ſolche Weiſe uberfallen ſehen, und er allein davon befreit ſein wir, welche Rache werden ſie nicht an ihm nehmen,... welche ſchreckliche Ideen wird Die Seewarte v. Koat⸗Vön. 1. 14 der Aberglaube nicht in dieſen rohen Leuten er⸗ wecken? Und dann, ſiehſt du, Perez, nicht meine verſchmähte Liebe allein fordert jetzt Rache, nicht nach dieſem Menſchen ſehne ich mich,.. nein, nach meinem Namen, nach meinem Vermoͤgen, nach meinem praͤchtigen Leben, kurz nach meinem Wohlſein, meinem Wohlſein, deſſen ganzen Werth ich jetzt erſt erkenne, da ich in Elend und Schmach lebe. Es iſt fuͤrchterlich, es iſt feig, es eingeſtehen zu muͤſſen; aber es iſt wahr: Ich habe zu viel auf meine Kräfte vertraut; ich war nicht rein genug zu einer ſolchen Rache, oder vielmehr, er iſt der⸗ ſelben nicht wurdig, er— „So viele Klagen um ihn allein, waren zu eh⸗ renvoll fuͤr ihn.. ſollte ich ihn bedauern, und dieſes ſchmutzige und entehrende Leben, welches ich fuhre, fuͤr nichts rechnen? Nein, nein, alles dies, Perez, alles dies gilt jetzt eben, ſo viel und mehr vielleicht noch in meiner Wuth, als ſein ſchaͤndli⸗ cher Verrath. Der Bach iſt zum Strom gewor⸗ den, Perez, ein Strom, der in ſeinem Laufe Alles mit ſich fortreißen wird;„ denn wenig liegt mir an den Mitteln; ich will mich ſchrecklich rä⸗ chen ſchrecklich, weil ich Alles geduldet, Al⸗ les ertragen habe; Alles ertragen, Perez, den Druck der Feſſeln, den Koth, den man mir ins Geſicht warf, die Schlaͤge, die man mir gegeben, mir, Pe⸗ rez; Deiner Gebieterin.... Schläge! mir!.. Hoͤlle, Fluch, o! Aber wenn es dht ein unſäglicher Genuß waͤre, gegen das, was ich ihm bereite,. ſo wuͤrde ich ihm das Herz aus⸗ reißen, dieſem Menſchen, um es zu verſchlingen ganz blutend Und Rita, ſich halb erhebend, ihre Arme aus⸗ ſtreckend, war ſcheußlich anzuſehen. ihre wild⸗ umherblickenden Augen rollten in ihren Höhlen und ſchmerzliche Zuckungen bewegten ihre Glieder. In dieſem Augenblicke hoͤrte man eine Glocke anſchlagen;— es war die Glocke zum Abend⸗ gebet. „Was iſt das, Perez?“ ſagte Rita, welche der Schall wieder zu ſich brachte. „Es iſt die Stunde des Gebets, edle Frau; denn dieſe Leute da beten. „Wohlan, ich, ich werde auch beten,“ rief die Herzogin;—„aber ich werde zu Satan beten, zu dem Gotte des Boͤſen. Satan, du, der einzige und wahre Gott dieſer ſchaͤndlichen Welt, denn der an⸗ dere iſt ein grauſamer Spott, ich flehe Dich an Satan, ich habe mich Dir ergeben,„ver⸗ laß mich nicht, Satan!“ Und Rita kannte ſich ſelbſt nicht mehr. „Beruhigt Euch, edle Frau, beruhigt Euch,“ ſagte Perez,„ich hoͤre Jemanden.“* und Perez, eine Schiffslaterne ergreifend, ſtuͤrzte nach der Thuͤr, oͤffnete ſie,.. aber er ſah nichts. 14* Die Finſterniß des falſchen Verdecks blieb ſtumm. Als er zu Rita zuruͤckkam, fand er ſie wie vernichtet in gaͤnzlicher Entkräftung, welche, als Folge ihres aufgeregten Zuſtandes, etwas Ruhe in die Sinne der ungluͤcklichen Frau brachte. Sechzehntes Kapitel. Nimm eine Krötenpfote und drei Schwalbenaugen. Der kleine Albert. Der Zauber. In dem Augenblicke, wo die Herzogin den Sa⸗ tan anrief, hatte ſich, wie man weiß, ein leichtes Geraͤuſch hoͤren laſſen., Obgleich Perez in der Dunkelheit des falſchen Verdecks nichts zu unterſcheiden vermochte— ſo hatten ſich doch zwei Perſonen daſelbſt verborgen und Alles gehoͤrt, ohne etwas zu verſtehen, und obgleich Rita und ihr Stallmeiſter nie anders als ſpaniſch ſprachen, ſo war doch ein einziges Wort von den beiden Neugierigen aufgefangen worden; — dieſes Wort war„Satan,“ die beiden Neugie⸗ rigen aber waren Daniel und der Loſophe. Man erinnert ſich vielleicht noch, daß in Folge, ich weiß nicht welcher Entwendung eines Roſen⸗ 5 — kranzes, Daniel fur dienlich erachtet hatte, den Lo⸗ ſophen durch eine Menge Fauſtſchlaͤge zu ärgern, wie Meiſter Kergouöt ſich ausdruckte. Der Loſophe aber, voll Groll wie ein Dichter, hatte ſich vorgenommen, an Daniel Rache zu neh⸗ men; und um dahin zu gelangen, hatte er damit begonnen, daß er die ihm von dem Bretagner ſo koͤniglich gereichten Fauſtſchlaͤge vergaß, und es durch Liſt und Heuchelei dahin brachte, ſich ſein Zutrauen im hoͤchſten Grade zu erwerben. Man weiß auch noch, daß Daniel ſich als ei⸗ nen der verblendeteſten und der unerſchrockenſten Zuhoͤrer Meiſter Kergouöt's zeigte, wenn dieſer ſchaͤtzungswerthe Buͤrger⸗Kanonier die fuͤrchterlichen Geſchichtchen erzaͤhlte, deren Helden immer der „hollaͤndiſche Luftſpringer,“„das Feuer des Teufels,“ oder„der verdammte Lootſe“ waren. Bei einer ſolchen Ideenverbindung, die feuri⸗ rigen und beſchraͤnkten Geiſtern ziemlich gemein iſt, traͤumte Daniel, ungeachtet ſeines religioͤſen Glaubens, jetzt von nichts weiter als von Hepereien, Zauberkuͤnſten, Damonen und Leuten, welche den guten oder den ungluͤckbringenden Geiſtern erge⸗ ben waͤren. Nicht eine ſeiner Anlagen entging dem Loſo⸗ phen, welcher, ohne einen feſten Zweck zu haben, ſie immer aufmunterte, indem er dachte, ſie zu ſei⸗ nem Beſten oder zu ſeiner Rache zu benutzen; da gab ein ziemlich gewöhnlicher Umſtand ihm bie Hoffnung, Beides zu befriedigen. Perez duͤſtere Miene, die gaͤnzliche Abgeſchie⸗ denheit, in welcher er lebte, ſeitdem er an Bord war, ſeine fremde Ausſprache, ſeine Ungluͤck weiſ⸗ ſagende Kleidung, hatten ziemlich lebhaft auf den Geiſt der Matroſen gewirkt, welche in ihren muͤßi⸗ gen Stunden ſich immer mit den geringſten Din⸗ gen und Vorfällen beſchaͤftigen, und deren Wich⸗ tigkeit mit ihrer gewoͤhnlichen Uebertreibung noch er⸗ hoͤhen;— außerdem hatte ſein auffahrendes We⸗ ſen gegen das Schiffsvolk nicht beigetragen, ihm das allgemeine Wohlwollen der Seeleute zu er⸗ werben, welche nach ihrer Gewohnheit, den Leuten Beinamen zu geben,— ihn auf den Vorſchlag des Loſophen— wegen ſeiner duͤſtern und ſtren⸗ gen Geſtalt, Grand-gibet(den langen Galgen) tauften. Der Loſophe hatte keinen andern Beweggrund des Haſſes gegen Perez Crand-gibet, als den Aer⸗ ger, von dieſem Spanier einſt bei einem Verſuche, ſich in die Bodlerei zu ſchleichen, um Lebensmittel zu ſtehlen, uͤberraſcht worden zu ſein. Es lag außerdem mehr Spott als uͤbelwollende Abſicht in dem Betragen des Loſophen gegen Pe⸗ rez,— allein, ich weiß nicht durch welches Miß⸗ geſchick Daniel einſt dem Loſophen bemerklich machte, daß Crand-gibet niemals dem Abend⸗ und Mor⸗ gengebete beiwohne, welches von dem ganzen Schiffs⸗ volk in Gemeinſchaft verrichtet wurde. Dieſer Umſtand war ein Lichtſtrahl fuͤr den Loſophen, welcher, da er auf die Leichtglaͤubigkeit und Aufrichtigkeit des armen Bretagners rechnete, jetzt anfing, ihm die abgeſchmackteſten und ſchreck⸗ lichſten Geſchichten von Perez zu erzaͤhlen, um ihm durch eine Menge von aͤhnlichen Beiſpielen, eins immer duͤmmer als das andere, zu beweiſen, daß Grand. gibet ein uͤbernatürliches Weſen wäre, wel⸗ ches Verbindung mit dem Teufel haben muͤßte, weil er niemals dem Gebete beiwohnte, und daß er nach ſeinem Willen Einen bereichern oder Ei⸗ nem ſchaden, Einen zum Großadmiral, Kaiſer und was weiß ich Alles— machen koͤnnte kurz, nachdem er den armen Daniel durch alle nur moͤg⸗ liche Mährchen betaͤubt hatte, geſtand er ihm end⸗ lich, daß vermittelſt eines Zaubers, welchen er, der Loſophe, als Eingeweihter in die Geheimniſſe der Magie, beſäße, er den Bretagner zum Zeugen der Unterredung des Grand gibet mit dem Teufel ma⸗ chen, und ihn vielleicht ſelbſt an ſeiner Macht Theil nehmen laſſen wuͤrde. So war der Plan des Loſophen und ſo der Umſtand, der deſſen Ausfuͤhrung erleichtern zu wol⸗ len ſchien. Rita hatte ſich an einem Abend eingeſchifft, und faſt Niemand als der Lieutenant und der Schrei⸗ ber, welcher ihre Gegenwart als Proviantgehuͤlfe — .. am Bord bezeugt hatte,— Niemand, ſage ich, ver⸗ muthete, daß Perez einen Gefaͤhrten haͤtte. Der Loſophe jedoch, welcher uͤberall und beſonders um die Bodlerei herumſtreifte, in der Abſicht, nach ſei⸗ ner Gewohnheit dort Wein oder Branntwein zu ſtehlen, hatte mehreremale die Verwuͤnſchungen oder die Thraͤnen der Herzogin gehoͤrtz er beſchloß da⸗ her, den geheimnißvollen Gefährten des Perez fuͤr den vertrauten Geiſt des Grand-gibet auszugeben und ſich ſo uͤber den leichtgläubigen Bretagner luſtig zu machen; doch indem er ihn den Zauber, welchen er ihm verſprach, ſehr theuer bezahlen ließ. Wirklich fuͤhrte der Loſophe Daniel drei oder vier Mal an die Thuͤre des Perez, und da der Neuling jene Stimme hoͤrte, welche dem Spanier in einer unbekannten Sprache, bald zornig, bald mit Ergebung antwortete, ſo glaubte er feſt, daß Grand-gibet einen vertrauten Daͤmon habe, und ging alſo blindlings in glle die Fallen, welche der Loſophe ihm gelegt hatte. Diesmal aber war es noch weit ſchlimmer, als Daniel deutlich den Namen des Satan wiederho⸗ len hörte!...„Nun!“ ſagte der Loſophe zu ihm,„Du ſiehſt, ob ich Dich belogen habe?— Sie ſprechen in der Sprache des Teufels, welche weder Du noch ich verſtehen; aber Grand-gibet hat ihn Satan gerufen, mit trotziger Stimmez ich hoffe, daß das klar iſt; er hat ihn oft genug wie⸗ derholt„ Satan, Satan, Satan ₰ 218 Wenn das kein Herenmeiſter iſt, ſo biſt Du einer, Daniel.“ „Genug ſchon, daß er den Namen Satans ausgeſprochen hat,“— nahm der unbefangene Bre⸗ tagner das Wort, indem er ſich mit einem Gefuͤhl des Schreckens bekreuzte.—„Er hat es geſagt, aber was kann er denn am Bord mit dem Teufel machen wollen, dieſer Lumpenhund, dieſer Grand- gibet?“ „Du fuͤhlſt wohl, mein Lieber,“— antwortete der Loſophe,„daß dies ſein Geheimniß iſt; und ich, der ich ſo zu ſagen erſt Lieutenant in der Magie bin, ich werde mich nicht ruͤhmen, Dir zu ſagen, daß ich es weiß.„waͤhrend ich nichts weiß; denn, vor Allem muß man niemals einen Freund hintergehen,. einen wahren Freund, wie Du, Daniel.“ „Es giebt alſo auch Lieutenants in der Ma⸗ gie, wie in der Marine, Loſophe?“— fragte Da⸗ niel mit der groͤßten Theilnahme. „Es ſind ganz dieſelben Grade, mein Lieber; aber z. B. faͤllt niemals eine Ungerechtigkeit in der Magie vor, niemals. Wenn Du ein guter Zau⸗ berer biſt, nun, ſo avancirſt Du mit Recht zu ei⸗ nem beſſeren Zauberer, was ſo viel ſagen will, als Du wirſt Lieutenant in dieſer Kunſt.— Wenn Du ein beſſerer Zauber biſt, ruͤckſt Du auch in die Klaſſe der ſehr guten, was ſo viel ſagen will, als wirklicher Corvetten⸗Capitain wenn Du ein ſehr guter Magier biſt, wirſt Du ein beruͤhmter, und ſo fort.“ „Du biſt alſo ein beſſerer Schwarzkunſtler, Loſophe?“ „Seit ſieben Jahren, drei Monaten und einem Tage. Aber der Herr Graf von St. Germain, welcher die Epcellenz der Zauberer iſt, d. h. ſo viel als wirklicher Admiral, hat mir verſprochen, mich bei der erſten Vakanz zum ſehr guten Zauberer zu befoͤrdern.“ „Und woran ſieht man das, wenn man beſſe⸗ rer Zauberer iſt?“— fragte neugierig Daniel.. „Aber, mein Lieber, das iſt ganz einfach: das ſieht man daran, daß man ein beſſerer Zaube⸗ rer iſt!... Woran ſieht man, daß Du Daniel biſt, Du?. Daran, daß Du Daniel biſt, nicht wahr?.. Nun, das iſt ganz daſſelbe!“ „Ganz richtig,“— ſagte der Bretagner, ſehr aufgeklaͤrt durch dieſe einleuchtende Definition.— „Aber, ſage mir, Loſophe, zu was wird der Zauber helfen, welchen Du mir gegen einige Verguͤtung zeigen willſt?“ „Das wird Dir erſtens dazu helfen, den Teu⸗ fel zu ſehen, und wenn es auch nur das wäͤre, ſo iſt es ſchon ſchmeichelhaft, in den Salons, oder in der Geſellſchaft von huͤbſchen Frauen, welche Du durch Dein angenehmes Aeußere zu beſuchen be⸗ rufen biſt, ſagen zu koͤnnen;. das iſt das Angenehme, denn, wie der Weiſe ſagt, Uebung macht den Meiſter. Was den Nutzen betrifft... wenn Du einmal wiſſen wirſt, daß dies der Teu⸗ fel iſt, ſo wirſt Du ihm nicht trauen.“ „Werd' ich auch dem Grand gibet mißtrauen muͤſſen, Loſophe?“— „Ich glaube es gern: dieſer Grand-gibet, ſiehſt Du, iſt vielleicht noch ſchlimmer, als der Teufel; weil, Alles wohlerwogen, es einmal des Teufels Gewerbe iſt, Teufel zu ſein; er kann's nicht an⸗ ders machen, weil er einmal dazu von dem Ewigen beſtimmt worden iſt, waͤhrend es bei dem Grand- gibet reine Bosheit iſt, ſiehſt Du?...... wahre abgeſchmackte Sache. Auch wuͤrdeſt Du es ſo⸗ gleich wiſſen, ob 6randgibet ein Zauberer oder ein Vetter des hollaͤndiſchen Luftſpringers ware. Und den Zauberer wuͤrdeſt Du niemals an⸗ ſehen können, ohne feſt uͤberzeugt zu ſein, daß Du Deinen Roſenkranz in der Taſche haſt; dann wird er Dir niemals etwas anhaben koͤnnen.“ Das Wort„Roſenkranz“ erinnerte den No⸗ vizen an die alten Streitigkeiten, indem er aus⸗ rief:—„Warum hatteſt Du mir denn den mei⸗ nigen genommen, um ihn an den Schwanz Dei⸗ nes Hundes zu hängen, verwuͤnſchter Kerl?... „Es war des Zaubers halber,“— ſagte gravi⸗ tätiſch der Loſophe,—„des Zaubers, von dem ich wußte, daß Du ihn verlangen wuͤrdeſt. Als Lieu⸗ tenant in der Zauberei errathe ich die Zauber, welche man von mir verlangt.“ „Was brauchſt Du, um Deinen Zauber zu machen, Loſophe?“ „Um meinen Zauber zu machen, Daniel,“— ſagte der Loſophe, ſich ſammelnd und an ſeinen Fingern die noͤthigen Ingredienzen herzaͤhlend,„um dieſes wunderbare Unternehmen zu bewerkſtelli⸗ gen, um meinen Zauber zu machen, muß ich zuerſt eine ſchwarze Henne haben, aber ſchwarz wie Tinte; das iſt das Weſentlichſte:— nachher fuͤnf Seiten von einem Meßbuche,— einen holländiſchen Kaͤſe, — ein Sechs⸗Frankenſtuͤck, drei Faden,— ein 24 Sousſtuͤck, ſieben,. verſtehſt Du wohl, ſieben Maaß Branntwein, noch ein Sechs⸗Frankenſtuͤck, aber ein gehenkeltes,— ein Paar wollene Struͤm⸗ pfe,— und ein Stuͤck Rindfleiſch fuͤr St. Möé⸗ dard,— aber beſonders nicht zu mager, und ohne Knochen.“ „St. Médard gehoͤrt alſo auch zum Zauber?“ „Ei! und ob er dabei iſte Ich habe ihn noch beſonders getauft, ſage ich Dir, und Dir ſelbſt dazu Deinen Roſenkranz genommen, zu der Zeit, als Du ſo ungerecht gegen mich geweſen biſt,.. mit großen Fauſtſchläͤgen in den Ruͤcken... nicht als wollte ich ſie Dir vorwerfen, dieſe Fauſt⸗ ſchlaͤge, das glaube ja nicht, Daniel!— im Ge⸗ gentheil, ſie waren mir außerordentlich ſchmeichel⸗ haft, weil ſie mir, da ich errieth, daß Du mein Freund werden wuͤrdeſt, deutlich bewieſen, daß ich einen ſehr kräftigen Freund haben wuͤrde.“ 222— „Das hat ſich Alles ſo recht zuſammengetroffen, Loſophe; aber ſage mir doch, Loſophe, brauchſt Du ſchlechterdings eine Henne zu dem Zauber?“ „Ich muß eine Henne haben und noch dazu eine ſchwarze, Daniel.“ „Was die Henne betrifft,“— ſagte Daniel, indem er ſich hinter den Ohren kratzte,— „ſo iſt ſie ſchwer aufzutreiben; jedoch in den Stei⸗ gen des Commandanten giebt es eine Menge Huͤh⸗ ner; aber, es iſt ſchlecht, zu ſtehlen, Loſophe! o! das iſt ſchlecht!... „Aber das heißt nicht ſtehlen, weil es zu ei⸗ nem Zauber beſtimmt iſt, mein Lieber; und wenn es zu einem Zauber iſt, ſo erlaubt es die Re⸗ ligion;.. die Religion hat ſelbſt das Recht, Einen dazu zu zwingen!“ „Glaubſt Du, Loſophe? aber in den Steigen habe ich nur weiße... Huͤhner geſehen, und eine ſchwarze brauchſt Du? Eine pechſchwarze, wie Du ſagſte“ „Ach! lumpiger Bretagner, biſt Du ſo verna⸗ gelt?“ ſagte der Loſophe aufgeregt—„ich brauchte eine ſchwarze ohne allen Zweifel, allein in dem Falle, wo es nur ſchwarze gäbe, wird es auch keine weiße geben; alsdann wuͤrde eine ſchwarze eben ſo unumgaänglich noͤthig, als eine weiße, wenn es nur weiße gäbe; nun ſiehſt Du wohl ein, daß im Ge⸗ gentheil eine ſchwarze gar nichts taugen wuͤrde, eine ſchwarze wuͤrde abſcheulich ſein, und den Zau⸗ ber zunicht machen, weil ſie ſchlechterdings weiß ſein muß. Hilf Himmel, was haſt Du fuͤr einen harten Kopf? Es iſt eine weiße, ſage ich Dir, eine weiße, und je weißer ſie iſt, deſto beſſer wird der Zauber.“ „Nun gut! ſo will ich einer weißen den Hals umdrehen, deſto ſchlimmer. „Richtig, aber Du mußt beſonders den Kopf und die Pfoten in Deine Haͤngematte legen.“ „In meine Haͤngematte? gehoͤrt das auch noch zum Zauber?“ „Alles zum Zauber; wie einfaͤltig Du biſt! Ich will Dir das erklaͤren: mit den Pfoten der Henne, ſiehſt Du, Daniel, zwingſt Du den Teufel, vor Dir herzugehen, und mit dem Kopf ſiehſt Du ihn; es iſt, wie mit dem Kaͤſe, mit dieſem lockſt Du ihn durch den guten Geruch an; mit dem Brannt⸗ wein umgiebſt Du ihn mit Flammenz die wolle⸗ nen Struͤmpfe dienen dazu, daß man in dieſen Flammen gehen kann, ohne die Fuͤße zu verbren⸗ nen; mit dem Faden bindet man ihn an, und durch die Blaͤtter aus dem Meßbuch noͤthigt man ihn zu ſprechen; aber ich ſage Dir dies, Dir al⸗ lein, Daniel, weil Du mein Freund biſt; ſei nicht ſo einfaͤltig, es Andern zu ſagen.“ „Und die zwei Sechs⸗Frankenſtuͤcke und das 24 Sousſtuͤck,“ fragte Daniel,„was geht das den Teufel an, Loſophe?“ „Das iſt, um ihn zu beſtechen, mein Lieber,.. um ihn zu beſtechen durch vieles Gold!“ „Aber St. Médard, Loſophe, was hat der mit dem Teufel zu ſchaffen, nebſt ſeinem Stuͤcke Rind⸗ fleiſch, nicht zu mager und ohne Knochen?“ „Sieh! Du biſt ein luͤſterner, eigennuͤtziger Menſch, Du, Daniel!. Muß das arme Thier nicht vor der Sache zu Kraͤften kommen, um mich vertheidigen zu können, wenn der Teufel wuthete; denn man hat ihn wuͤthen ſehen „St. Meédard wird alſo dem Teufel etwas an⸗ haben, Loſophe?“ „Ob er ihm etwas anhaben wird,„Du Dummkopf, natuͤrlich;.. ſeitdem er Deinen Ro⸗ ſenkranz an dem Schwanze gehabt hat,„hat er beinähe den Rang eines Chorknaben, und er kann um ſo mehr den Teufel bethoͤren, je weniger der Teufel einem Hunde mißtraut.“ Es war unmoͤglich, mit mehr Ordnung, Ge⸗ nauigkeit und Klarheit auf die verfaͤnglichen und ſcharfen Fragen Daniels zu antworten, welcher, verſichert einen vortrefflichen Handel zu machen, aus einem langen ledernen Beutel, den er auf dem bloßen Leibe trug, zwei Sechs⸗Frankenſtuͤcke und ein Drei⸗Frankenſtuͤck hervorzog, welche er dem Lo⸗ ſophen gab, indem er von ihm die Muͤnze verlangte, welche ihm auf die drei Livres zu gute kamen. „Sprechen wir davon nicht,“ ſagte der Loſophe mit der Miene der groͤßten Uneigennuͤtzigkeit, in⸗ dem er dem Daniel die Hand druͤckte und die 15 Livres in die Taſche ſteckte,—„ſprechen wir da⸗ von nicht, Daniel; wenn der Zauber gelingt, ſo iſt es etwas Anderes, denn Du weißt wohl, daß ich nicht geizig genug ſein wuͤrde, um Dir ein Wort daruber zu ſagen; noch ein Mal, Daniel, ſprechen wir nicht vom Gelde, oder Du wuͤrdeſt mich krän⸗ ken Der Neuling, uͤberzeugt von der Großmuth des Loſophen, beſchäftigte ſich nur noch mit den Mitteln, die nöthigen Materialien zuſammenzu⸗ bringen, um den Zauber zu bewerkſtelligen. „Was den Kaͤſe und den Branntwein betrifft,“ — ſagte er,—„ſo werde ich meine tägliche Por⸗ tion aufſparen; Faden findet man uͤberall und ich habe ein Meßbuch von meiner ſeligen Mutter, worin ich nicht leſen kann. Wollene Struͤmpfe habe ich, da meine Couſine Jvonne ſie mir beim Ablaßfeſt von Plougaſtell gekauft hat; von dem Rindfleiſch ſoll St. Médard meine Portion dieſen Abend bekommen. Aber Du verſicherſt mich doch, daß damit„ „Daniel“— ſagte der Loſophe,—„wenn Du mir Alles gegeben haſt und ich den Zauber been⸗ digte, werde ich Dich den Teufel ſehen laſſen, und wenn Du ihn ein Mal geſehen haſt, wirſt Du ihm mißtrauen; und da Du ihm mißtrauen wirſt, wird er keine Macht uͤber Dich haben, oder wenn er welche hat, ſo wird es ſein, um Dich mit Vorthei⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. II. 15 — 226— len, mit Ehrenſtellen, mit Ruhm, vielleicht mit Königreichen zu uͤberhaͤufen,.. oder ſelbſt Dich zum romiſchen Kaiſer zu machen; aber, es iſt veſ⸗ ſer, nicht darauf zu rechnen, roͤmiſcher Kaiſer zu werden, weil das ſelten iſt.“ „Aber wenn ich den Teufel nicht ſehe, wie dann, Loſophe?“ „Wenn Du ihn nicht ſaͤheſt, ſo wäre der Zau⸗ ber fehlgeſchlagen, weil die Henne nicht weiß genug geweſen wäre, um ihn zu blenden: alsdann muͤßte man es wiederholen, und immer wieder, bis es geht.“ „Ol ja, Loſophe; und nachher werde ich Dir von meiner Seite in die Haare kommen, bis es geht,“— fuͤgte Daniel mit ſanfter Miene hinzu, indem er ſeine kräftigen Fauſte zeigte. „Nun gut! Es ſei, ich erlaube es Dir, Da⸗ niel,— ſagte der Loſophe ruhig,—„und ich werde Dich ſelbſt dazu nöthigen, wenn der Zauber nicht gelingen will ja, Daniel, ich will Dich ſelbſt einen Zettel unterzeichnen laſſen, durch welchen Du Dich verbindlich machen ſollſt, mir den Ruͤcken zu zerſchlagen, mich durchzupruͤ⸗ geln, wenn der Zauber nicht gelingen ſollte. alſo, Du kannſt ſehen, ob mir der Gedanke, Dich zu hintergehen, in den Sinn kommt.“ Was war auf ſolche Beweiſe von Offenheit zu antworten? Auch Daniel erlaubte ſich, uͤber⸗ zeugt und beruhigt, keine Frage mehr. — 227— „Werd' ich den Zauber verrichten ſehen, ich, Loſophe?“ „Nein, mein Lieber, Du kannſt ihn nicht ſe⸗ hen; denn Du wuͤrdeſt ihn nicht ſehen, wenn ich ihn auch in Deiner Gegenwart machte; man muß Zauberer ſein, um ſehen zu konnen, wenn auch nur in den niedrigſten Graden; aber man muß einer ſein.“ „Und welches iſt der niedrigſte Grad?“ „Der Matroſengrad in der Magie, Daniel?“ „Ja, Loſophe.“ „Das iſt ja ganz einfach, mein Lieber! Weil der hoͤchſte Grad in der Kunſt die Excellenz iſt, nun, ſo iſt der niedrigſte Grad der Schwarzkuͤnſt⸗ ler v.. Magier..— ſagte der Loſophe mit einer bewunderungswuͤrdigen Kaltblutigkeit.. „Koͤnnte ich nicht ein v.. Magier werden?“ fragte der ehrgeizige Daniel. „Allerdings: jetzt, da Du Dir einen Zauber haſt machen laſſen, kannſt Du es; Du biſt es ſo⸗ gar Dir und Deiner achtungswerthen Familie ſchul⸗ digz aber es koſtet die Augen aus dem Kopfe.“ In dieſem Augenblicke wurde das Geſpräch unterbrochen: man zog zum zweiten Male die Glocke zum Gebete. „Ach, das Gebet!“ ſagte Daniel, nach der Lei⸗ ter ſtuͤrzend. „Warte doch auf mich!“ rief der Loſophe.— 15 Als er Daniel hinaufſteigen ſah, fuͤgte er lei⸗ ſer hinzu:„Verdammter Bretagner, ich will mich ſchon fuͤr Deine Fauſtſchläge raͤchen; traͤgt mir das doch ſchon 15 Livres ein und giebt mir und St. Möédard einen Zuwachs„ Geh nur hin! lumpiger Bretagner,.— fuͤgte er noch hin⸗ zu, als er ſich zum Abendgebet unter das Schiffs⸗ volk miſchte,„Lumpenhund von einem Bretagner! Du kannſt verſichert ſein, in der Haut eines ver⸗ dammten Thieres zu krepiren, wenn man Dich nicht ſchon lebendig begraͤbt.“ Siebzehntes Kapitel. Du biſt ein von Argliſt erfülltes Geſchöpf. Mein Gott! Mein Gott! Was iſt zu thun, Herr Burin? Burke, das thörichte Weib. Die Berathung. Seit acht Tagen war die Sylphide von Breſt ausgelaufen und kam raſch vorwaͤrts, denn der Nord⸗Weſt ließ nicht nach, ihren Lauf zu begun⸗ ſtigen. Obgleich ſie ſich ziemlich nahe bei den Gewaͤß⸗ ſern befand, welche als Verſammlungspunkt der engliſchen Kreuzer dienen, ſo hatte ſie doch noch kein feindliches Schiff geſehen. Aber, ach! beſſer wäre es fur die Fregatte ge⸗ weſen, zehn Linienſchiffen zu begegnen, ſich von Feuer und Flammen umgeben zu ſehen, oder in das Meer zu verſinken, als dieſe todtenaͤhnliche und eiſige Ruhe zu genießen, welche ſie einem unermeß⸗ lichen Grabe aͤhnlich machte. Denn Perez hatte den Plan Rita's ausgefuͤhrt. Da eine ziemlich ſtarke Doſis von Tſchettik un⸗ ter das Mehl, woraus man das Brot fuͤr das Schiffsvolk buk und in den Branntwein, den es trank, gemiſcht worden war, ſo hatten ſich bald ſchreckliche Symptome gezeigt... Am Morgen des achten Tages endlich verſam⸗ melte Heinrich einen Rath, beſtehend aus dem Lieu⸗ tenant, dem Doctor und dem Abbé. Das Geſicht Heinrichs, gewoͤhnlich ſo lebhaft und ſo fröhlich, verrieth ein Gefuͤhl von Kummer und tiefer Niedergeſchlagenheit. Der Lieutenant und der Doctor ſchienen ganz in ſich verſunken zu ſein, der Abbé allein behielt ſeine angeborne Ruhe und Kaltbluͤtigkeit. Als Jeder Platz genommen hatte,— ſagte Heinrich:„Meine Herren,— ſeit drei Tagen veſonders wird das Schiffsvolk von einer unerklar⸗ lichen Krankheit ergriffen, was denken Sie davon, Herr Doctor? und welche neue Beobachtungen ha⸗ ben Sie uͤber dieſe befremdende Epidemie ange⸗ ſtellt?“ „Ich denke,— Herr Commandant,“ ſagte der Doctor Gédeon, welcher unter dieſen ernſthaften umſtaͤnden die Politik und Philoſophie ganz zu vergeſſen ſchien,—„ich denke, daß dies eine unbegreifliche Krankheit iſt, deren Wirkungen ich zwar ſehe, aber deren Urſachen mir unerklärlich ſind; was ich bei den Kranken bemerkt habe, iſt: daß ſie mit einer großen Muͤdigkeit, mit Kopf⸗ ſchmerzen und Schwindel begonnen hat; am on⸗ deren Tag traten Verzuckungen ein, Verluſt des Appetits und ein gluͤhender Durſt; den Tag nach⸗ her zeigte ſich eine außerordentliche Schwäche und ein Schlaf, beunruhigt durch fuͤrchterliche Traume heute dauern dieſelben Zufaͤlle fort, aber heftiger; ſo viel habe ich beobachtet, Herr Grafz.. aber, was ich furchte, iſt, daß die Krankheit ſich verſchlimmert, denn es herrſcht bei unſern Leuten eine große Abſtumpfung; mit Muͤhe nur kann ich ſie bewegen, ein wenig Nahrung zu ſich zu neh⸗ men. Das Sonderbarſte iſt, daß alle geſunde Matroſen von dieſer Krankheit ergriffen, fuͤnf oder ſechs Kranke aber, welche das Bett huͤten, und die ich in ſtrenger Diaͤt halte, davon ausgenommen ſind.“ „Es kann dieſes Uebel doch unmoͤglich von verdorbenem Waſſer herruͤhren?“ fragte der Com⸗ mandant;„denn, kaum ſeit acht Tagen eingeſchifft, muß es ſo geſund als moͤglich ſein.“ „Ohne Zweifel“— nahm der Doctor das Wort,—„iſt das Waſſer vollkommen gut und klar; Sie haben uͤbrigens ſo gut wie wir, Com⸗ mandant, bei unſerm Beſuch in der Bodlerei ge⸗ ſehen, daß die Lebensmittel vortrefflich waren, und daß der Proviantmeiſter, dieſer Spanier, nichts vernachlaͤſſigte, um das falſche Verdeck zu luͤften, und ſich alle erdenkliche Muͤhe gab, die Vorräthe vor Verderbniß zu ſchuͤtzen; noch ein Mal, Com⸗ mandant, ich kann nicht klug daraus werden „Und Sie, Lieutenant, was ſind Ihre Bemer⸗ kungen?“ ſagte Heinrich;—„wie iſt das Schiffs⸗ volk in moraliſcher Hinſicht beſchaffen?“ „Herr Commandant, kaum haben wir genug Leute, um die Fregatte unter dem kleinen Segel⸗ werk manoͤvriren zu laſſen. Sie ſind wie ent⸗ nervt, ohne Muth und ohne Kraft; und ſelbſt die Bande der Disciplin ſcheinen nachzulaſſen.— Ich bin außerdem durch die Polizei des Schiffs unter⸗ richtet, daß eine dumpfe Reizbarkeit, ich weiß nicht welcher Art, herrſche, deren Gegenſtand ich nicht kenne; aber beſonders unter einer gewiſſen Anzahl von Matroſen, welche näͤchtliche Vereine bilden, von denen ich bis jetzt weder den Ort noch den Zweck habe entdecken können. Da man oft Dro⸗ hungen, Verwuͤnſchungen gehoͤrt hat, ſo habe ich geglaubt, einigen auserwählten Maſt⸗Wachtern Be⸗ fehl geben zu muͤſſen, ungeachtet ihres kränklichen Zuſtandes auf der Hut zu ſein, in dem Falle, daß die Rebellen etwas gegen den Stab verſuchen ſollten.“ „Und Sie, mein Herr Abbé, konnen Sie uns einige einzelne Fälle mittheilen oder ſonſt einen guten Rath geben?“ —— „Das, was ich wiſſen koͤnnte, wäre mir unter dem Siegel der Beichte anvertraut worden, Herr Graf, und es iſt mir nicht erlaubt, es zu entdecken,“ — ſagte der Schiffsprediger. „Alle Teufel!— mein Herr,“ rief der Lieute⸗ nant,„es handelt ſich hier nicht um Heuchelei, Scheinheiligkeit und Verſtellung! es gilt das ge⸗ meinſchaftliche Wohl, dieſes gilt...... „Was den guten Rath betrifft,“— fuhr der Abbé fort, ohne daß er die Unterbrechung des Lieu⸗ tenants zu bemerken ſchien,—„was den guten Rath betrifft, Herr Graf,— wenn die ungluͤck⸗ liche Lage, in der ſich die Equipage befindet, von einer phyſiſchen Urſache herruͤhrt, ſo iſt das Sache des Arztes; iſt die Urſache eine moraliſche, ſo kommt es Ihnen zu, ſie durch den Einfluß zu bekämpfen, den Sie uͤber den Geiſt Ihrer Seeleute beſitzen muͤſſen. Ich werde mich uͤbrigens beeilen, Herr Commandant, in den verdrießlichen Umſtaͤnden, worin ſich die Equipage befindet, zu Huͤlfe zu kom⸗ men und durch die Lehren einer Religion beruhi⸗ gen, welche aus Hoffnung und Ergebung beſteht.“ „Und ich, Herr Commandant!“ rief der Doctor Gedeon, erfreut, eine Gelegenheit zu finden, den Abbé, welcher nie mit ihm ſprach, zu ärgern und ihm einen Hieb zu verſetzen,„ich erklaͤre Ihnen, daß ich mich nicht mehr mit meinen Kranken ab⸗ gebe, wenn der Herr Abbé ſich das Anſehen giebt, ſie durch ſeine Poſſen und ſeine Thorheiten von 234— Religion erſchrecken zu wollen; ſo lange ſie am Leben ſind, gehoͤren ſie mir; einmal todt, mache er mit ihnen was er wolle. Denn, da es nach dem Tode weiter nichts mehr giebt, als Materie, wie die Religion nichts iſt....“ „Schweigen Sie, mein Herr!“— ſprach Hein⸗ rich mit ſtrengem Tone, indem er den Doctor un⸗ terbrach, deſſen wuͤthendes Geſpräch nicht vermochte, den Abbé außer Faſſung zu bringen,—„ſchweigen Sie;— was Sie da ſagen, iſt aͤußerſt unſchicklich. Der Herr Abbé buͤrdet Niemandem ſeinen guten Rath auf. Die, welche Zuflucht zu ihm nehmen, ſchaͤtzen ſich ſehr glucklich, ihn zu finden; was Sie betrifft, ſo werden Sie meine Matroſen pflegen, weil Sie dazu hier ſind. Sie verſtehen mich, mein Herr, und wenn Sie ſich noch einmal er⸗ laubten, in meiner Gegenwart und ſo unanſtändig einen ſo ernſthaften und hohen Stand zu beleidi⸗ gen, als den des Herrn Almoſeniers, ſo werde ich gezwungen ſein, Sie zu beſtrafen, mein Herr, und zwar mit Strenge.... „Es ſcheint mir, Herr Commandant,“— ſagte Jean Thomas,—„daß ein ſolcher Streit die Gren⸗ zen der Disciplin uͤberſchreitet, und daß, wenn der Schiffsprediger nicht zufrieden iſt,„derſelbe....“ „Das ſcheint Ihnen ſehr zur ungelegenen Zeit, — mein Herr,“ ſagte Heinrich, indem er Thomas unterbrach,—„und ein fuͤr alle Mal wiſſen Sie: Ich dulde nie, daß Jemand ſich die geringſte Be⸗ 235— merkung uͤber meine Worte und Handlungen er⸗ laube. Ich habe ſchon, Herr Thomas, Zeichen von Unzufriedenheit und uͤbler Laune an Ihnen wahrgenommen. Damals waren Sie nur kin⸗ diſch, allein in der verdrießlichen Lage, in der wir uns jetzt befinden, wuͤrde das geringſte Zeichen des Ungehorſams ein ſehr gefährliches Beiſpiel geben; auch bedinge ich mir Gehorſam ohne Widerſpruch, in all und jeder Hinſicht, mit einem Wort: Gehor⸗ ſam ohne alle Zögerung,— ſonſt, mein Herr, werden Sie mich hart und ſtreng finden!“ „Ich weiß, daß der Herr Commandant das Recht hat, mir Arreſt zu geben,“ ſagte Thomas mit ironiſcher Miene—„Arreſt, obgleich ich 40 Jahre alt bin; aber ungluͤcklicherweiſe veraͤndern die Beſtrafungen ein Kind von dieſem Alter nicht mehr!“ Heinrich antwortete kalt: „Wenn ein Kind von dreißig Jahren ſich nicht aͤndert, wiſſen Sie, was einem Commandanten, dem man nicht gehorcht, zu thun uͤbrig bleibt, Herr Thomas? Wenn man ihm nicht in der Minute, in der Secunde gehorcht; wiſſen Sie es 2 „Das haͤngt,“— ſagte Thomas mit unver⸗ ſchaͤmter Miene. „Das häͤngt in der That von dem Charakter ab, alſo nach dem meinigen, mein Herr, werd' ich Ihnen bei dem geringſten Zeichen des Ungehor⸗ ſams von Ihrer Seite eine Kugel durch den Kopf jagen.“ „Tod und Teufel, Commandant, das muͤßte ich ſehen,“— rief Jean Thomas, indem er wuͤ⸗ thend aufſprang,— wider ſeinen Willen uͤber die Grenzen der Achtung und des Gehorſams fortge⸗ riſſen, welche er einem Vorgeſetzten, wer er auch ſein mochte, ſtets bezeigte; allein er theilte den Zu⸗ ſtand des Leidens und des allgemeinen Elends, von dem der Graf allein ausgenommen zu ſein ſchien. „Setzen Sie ſich, mein Herr,“ ſagte Heinrich mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit von der Welt,„die Sitzung iſt noch nicht aufgehoben.“ Hierauf ſich an den Doctor und den Schiffs⸗ prediger wendend, welcher Letztere gefuͤhllos bei die⸗ ſer Scene geblieben war,— eben ſo gefuͤhllos, als wenn ſie ihn gar nichts angegangen wäre,— nahm der Graf das Wort: „Fahren Sie fort, meine Herren, ſorgſam uͤber das Schiffsvolk zu wachen; berichten Sie mir uͤber die geringſten Zufaͤlle, und ſuchen Sie beſonders, ich bitte Sie, meine Herrn, die Moralitaͤt unſerer Matroſen zu befoͤrdern. Herr Doctor, ich habe meinem Haushofmeiſter Befehl ertheilt, meinen Keller und meine Speiſekammer zu Ihrer Verfuͤ⸗ gung fuͤr die Kranken zu offnen; vernachlaͤſſigen Sie nichts, ich empfehle es Ihnen nochmals, und ſuchen Sie uns aus bieſer verhaͤngnißvollen Lage zu zie⸗ hen. Meine Herren, die Sitzung iſt aufgehoben.—“ Man ſtand auf. „Tauſendmal Verzeihung, wegen jenes unſchick⸗ lichen Ausfalls des Doctors,“ ſagte der Graf zum Abbé, welcher vortrat, um ſich ihm zu empfehlen. „Der Herr Graf ſind zu guͤtig,“ erwiederte die⸗ ſer,„aber ich habe nichts von Allem verſtanden; ich ſpreche dieſe Sprache nicht.“ Und er ging hinaus, begleitet von dem Doctor, welcher ſagte: „Aha! er ſpricht vielleicht gar tuͤrkiſch„ Der Lieutenant wollte ſich zuruͤckziehen, als der Graf zu ihm ſagte: 8„Sie werden 14 Tage in Arreſt gehen, mein err.“ Thomas machte eine Bewegung, die er aber gleich wieder unterdruͤckte, zuruckgehalten durch ſeine unwillkuͤrliche Achtung fuͤr die Disciplin; aber eine Thräne des Zorns und der Demuͤthigung zitterte in ſeinen Augen. Heinrich wurde es gewahr, und ſagte zu Jean Thomas, indem er ihn an die Thuͤr der Gallerie zuruckbegleitete: „Herr Thomas, wenn einer meiner Officiere ſich ungerecht beſtraft glaubt, ſo nehme ich keinen Widerſpruch an, ſo lange er an meinem Bord iſt; — doch bin ich nach vollendeter Expedition ſtets gewöhnt, meine Epauletts in die Taſche zu ſtecken, um fuͤr das Unrecht, das ich unwillkurlich zugefugt haben koͤnnte, Genugthuung zu geben.—“ — 238— „Ich danke Ihnen fur dieſes Anerbieten, Com⸗ mandant; allein ich habe meiner Mutter den Schwur gethan, niemals den Degen aus Rache, oder wegen einer perſönlichen Genugthuung zu ziehen.— Sie legen mir den Arreſt auf,— es ſteht in Ihrer Macht;— ich werde mich demſelben unterwerfen, weil ich muß.—“ Er gruͤßte den Commandanten und entfernte ſich. Achtzehntes Kapitel. Schöne Wiſſenſchaft, auf mein Wort. Schiller. Der Tſchettik. Wir haben ſchon erwaͤhnt, ſeitdem Perez blind⸗ lings den Befehlen der Herzogin Gehorſam gelei⸗ ſtet, erkannte man die ungluͤckliche Equipage der Sylphide nicht mehr. Man hoͤrte nicht mehr jene frohlichen Geſaͤnge, jenes Geſchrei, jene Laͤſterungen, welche die Gegen⸗ wart der Officiere kaum zuruͤckhalten konnten, nicht mehr jene Plaudereien auf dem Vordertheile des Schiffs, jene ſpaßhaften Geſchichten, deren Homer der Loſophe war. Die Erzaͤhler ſchwiegen, gleich den Voͤgeln, welche ihren Geſang bei der Annaͤhe⸗ rung eines Gewitters einſtellen.... Die ehemals ſo bluͤhenden, ſo vollen Geſtalten waren eingefallen und abgemagert, die ſo gelenkigen und kraͤftigen Glieder waren traͤge und wie zer⸗ ſchmettert. Zutrauen,— Fröhlichkeit— waren verſchwunden; man ſah die unglucklichen Matroſen ſich in dieſem beſchraͤnkten Raume abſondern und ſcheue und mißtrauiſche Blicke auf einander werfen. Die ganze Macht, die Drohungen, die Ver⸗ ſprechungen des Commandanten und der Officiere konnten die Seeleute zwingen, nur mit Muͤhe die ſo viel als möglich vereinfachten Manövres zu machen. Die Meiſter ſelbſt verloren jeden Tag an ihrem Anſehen und waren beinahe daruͤber unbekummert; ſo ſehr hatte die phyſiſche Abſtumpfung auf ihre moraliſche Lage Einfluß. Meiſter Frank, ſonſt im⸗ mer lebhaft und aufbrauſend, ſchien wie erſtarrt zu ſein. Der buͤrgerliche Kanonier ließ ſich ungeſtraft gefallen, daß man ihn unter das Militaͤr zaͤhlte, und. ſprach jetzt wie jeder Andere. Der Loſophe und ſein Hund theilten den all⸗ gemeinen Zuſtand der Schwaͤche, und weder die Violine des Tanzmeiſters, noch das Bellen des St. Möodard reizten ferner die zarten Nerven des buͤrgerlichen Kanoniers. Rumphius und Sulpizius, die mit dem Com⸗ mandanten aßen, waren von der allgemeinen Krank⸗ heit verſchont geblieben, von welcher der Aſtronom, verſunken in ſeine Berechnungen und Betrachtun⸗ gen, nichts ahnte. Sulpizius eilte, ſo oft er glaubte ſeinem Bru⸗ der unnütz zu ſein, ſich zur Verfuͤgung des Doctors „ zu ſtellen, indem er ihn demuͤthig bat, ihm zu erlau⸗ ben, die ſchwaͤchſten Kranken zu pflegen, und er ent⸗ ledigte ſich dieſer Pflicht mit der ihm eignen engel⸗ gleichen Sanftmuth. Von Einem zum Andern gehend, munterte er die Aengſtlichſten auf und ſuchte ſie zu beruhigen, welches ihm auch bisweilen gelang, und dadurch hatte er es endlich ſo weit gebracht, daß das Schiffsvolk, welches nach ſeiner Gewohnheit ihm den Beinamen„Bon-Jesus,“ ſo wie dem Perez den„Grand-gibet“ gegeben hatte, ihn wahrhaft anbetete. Das Sonderbarſte war das Abſtechende zwi⸗ ſchen dieſer chriſtlichen und frommen Benennung und den Fluͤchen und Laͤſterungen, welche ſie be⸗ gleiteten, gleichſam als kräftige Beweiſe von Be⸗ wunderung und Dankbarkeit von Seiten der Ma⸗ troſen. Bald hieß es:— das iſt ein gutes L. dieſer BonJesus, oder:— dieſer ver Bon- Jesus verdient, beim Teufel, recht verehrt zu werden. Aber ach! ungeachtet ſo vieler Sorgen und ſo vieler Ergebenheit, nahm die Geſundheit der Equi⸗ page taͤglich ab, und die Herzogin war dem Ziel ihrer Rache ziemlich nahe.... Ungefähr zwei Stunden nach Aufhebung der Berathſchlagung, begann der Wind, welcher bis dahin ziemlich kraͤftig von Nord-Oſten geweht hatte, an Staͤrke nachzulaſſen, wurde immer ſchwä⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. II. 6 cher, und nach Verlauf einer Stunde trat gänzliche Windſtille ein. Der reine Horizont truͤbte ſich dabei im We⸗ ſten, und als die Sonne unterging, verſchwand ſie hinter einem breiten Guͤrtel dichter, ſchwarzblauer Wolken,. welche ſie da und dort mit einem Strahl gluͤhenden Roths faͤrbte;.. uͤbrigens war die Windſtille vollkommen,. und nicht der geringſte Luftzug ſchwellte die Segel;— die Wellen waren ruhig und die Fregatte ſchlich nur dahin. Man ſchlug den Zapfenſtreich und der Schiffs⸗ prediger ſtieg auf das Verdeck, um das Abendgebet zu verrichten. Der Commandant, die Officiere erſchienen auf dem Hinter⸗Caſtell in Uniform, und der Equipage⸗ meiſter ließ die gewöhnliche Pfeife ertönen, welche den Augenblick dieſer frommen Uebung anzeigte. Die Matroſen ſtiegen herauf; die Einen konn⸗ ten ſich kaum auf den Beinen erhalten, die Andern, welche ſtaͤrker waren, unterſtuͤtzten die Schwäͤchern. Das Gebet wurde mit der ernſthafteſten Auf⸗ merkſamkeit angehoͤrt, denn die Sonderbarkeit der Uebel, welche das Schiffsvolk ſeit einigen Tagen heimſuchten, hatte alle dieſe, wenn auch nicht reli⸗ giöſen doch wenigſtens aberglaͤubiſchen Gemuͤther auf ernſthafte und traurige Gedanken gelenkt. Unter den eiftigſten Betbruͤdern machten ſich Daniel und funf oder ſechs ſeiner Landsleute be⸗ — 243— merkbar, gebuͤrtig, wie er, aus Abrevrak, welche ſeit dem Anfang der Epidemie ſich nicht verließen, und ſo mitten in dem Zuſtande des allgemeinen Mißtrauens, welcher einer der Hauptcharaktere die⸗ ſer ſonderbaren Krankheit zu ſein ſchien, eine kleine, feſt unter ſich vereinte Geſellſchaft bildeten. Meiſter Kergouöt miſchte ſich oft in dieſe Art von Clubb, welcher ſeine Verſammlungen bei Nacht in dem falſchen Verdeck hielt, und der Anſchließung dieſes Meiſters verdankten Daniel und ſeine Freunde eine Art ſtillſchweigenden Schutzes, der ſie in den Stand ſetzte, ſich ungeſtraft zu verſammeln, denn der Meiſter machte ſie auf die Kundſchafterei bes Lieutenants aufmerkſam.. Der Grund dieſer Parteilichkeit des chen Kanoniers fuͤr Daniel und ſeine Freunde war ganz einfach. Da Meiſter Kergoust vollkommen an allem vergangenen, gegenwaͤrtigen und zukuͤnf⸗ tigen Aberglauben hing, ſo fand er ein unerwar⸗ tetes Gluͤck darin, an Daniel und ſeinen Freun⸗ den Zuhoͤrer zu finden, die am meiſten geneigt waren, ihn anzuhoͤren und ſich uͤberzeugen zu laſ⸗ ſen. Auch trug der buͤrgerliche Kanonier, der ſich bisweilen mit ſeinen Proſelyten vereinigte, noch dazu bei, durch ſeine ſchrecklichen Erzaͤhlungen ihre leicht⸗ gläubigen und beſchraͤnkten Koͤpfe zu entflammen. Nach dem Gebete ſtiegen die Matroſen duͤſter und ſtillſchweigend in die Batterie hinab, um da⸗ ſelbſt ihre Haͤngematten zu wſeſe 1* — Die halbe Wachmannſchaft blieb auf dem Ver⸗ deck, wo Heinrich getheerte Leinwand und Zelte hatte aufhaͤngen laſſen, um die Wache weniger er⸗ muͤdend zu machen, obgleich ſie um die Hälfte der Zeit verkuͤrzt war. Der Lieutenant war mit St. Sauveur auf dem Verdeck. Heinrich zog ſich, in grauſamer Ver⸗ zweiflung uͤber die Schwäche ſeines Schiffsvolks, in ſeine Gallerie zuruͤck; und an ein Fenſter ge⸗ lehnt, beobachtete er den Untergang der Sonne, welcher ihm eine unruhige Nacht zu verkuͤnden ſchien. In der That die Sonne warf, beinahe unter⸗ gegangen, nur noch einen roͤthlichen Schein, und ihre letzten Strahlen faͤrbten kaum den Saum der großen finſtern Wolken, welche mit jeder Minute an Hoͤhe zunahmen, und ſich nach und nach auf der tiefen krummen Linie des Horizonts entwik⸗ kelten. Es herrſchte vollkommene Windſtille... Heinrich ſah voraus, daß der Wind nach Weſten umſetzen, daß aber noch Zeit genug vergehen wuͤrde, ehe er ſich erhobe. Er blieb alſo in ſeiner Stel⸗ lung, den dunkeln Himmel betrachtend, und dachte an das Mißgeſchick, welches uͤber ſein Schiffsvolk zu herrſchen ſchien. Beſonders furchtete er, Kriegs⸗ ſchiffen zu begegnen, die ihn zu einer ſchimpflichen Flucht gezwungen, oder in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt hätten, ſeine Fregatte in die Luft zu ſprengen; denn Heinrich haͤtte nicht einen Augenblick gezo⸗ gert, es zu thun, feſt entſchloſſen, der geringſten Demuͤthigung der koͤniglichen Flagge auszuweichen. Der Abbé ging am untern Bord ſpazieren,— und der Lieutenant, welcher auf die Quartierbank geſtiegen war, beobachtete ebenfalls das Wetter mit aͤngſtlicher Aufmerkſamkeit. Da ereignete ſich ein merkwuͤrdiger Auftritt bei der Bodlerei. Ehemals, wie heut zu Tage, befand ſich im falſchen Verdeck der Schiffe eine kreisfoͤrmige Gal⸗ lerie, eine Art von Gang, welcher, das Innere des Schiffes umgebend, ſo zwiſchen den Flanken und einer Art Gitterverſchlage, der die Saͤcke und die Equipirungsſtuͤcke enthielt, einen leeren Raum ließ. Dieſe Gallerie war beſtimmt, den Dienſt der Calfaterer und der Zimmerleute während des Kam⸗ pfes zu erleichtern, damit ſie bequemer die Lecks verſtopfen koͤnnten, welche ſich in dem unter dem Waſſer gehenden Theile des Schiffs zeigten. In dieſer dunkeln Freiſtaͤtte hielten Daniel und ſeine Landsleute ihre nächtlichen Zuſammenkuͤnfte. Da dieſen Abend keiner der Landsleute Da⸗ niels auf Wache war, hatten ſie ſich, ſechs an der Zahl, nach dem Gebete hier verſammelt. Da aber zwei neben einander in dieſer engen Gallerie ſich nicht ſetzen konnten, ſo hatten ſie ſich einer hinter den andern geſetzt, und Daniel allein, „ — 246— in ſeiner Eigenſchaft als Redner, drehte ſeinen Zuhoͤrern das Geſicht zu. Dieſer dunkle Gang war nur durch den röth⸗ lichen Strahl einer Lampe erleuchtet, welche nahe bei dem Hel brannte. Die Geſtalt des ſonſt gewoͤhnlich frohlichen und offenherzigen Daniel trug einen duͤſtern und ſchmerz⸗ lichen Ausdruck; er ſchien ſehr nachdenkend, ſeine Wangen waren hohl, ſowohl durch die Wirkung der Krankheit, als in Folge der thoͤrichten Mitthei⸗ lungen des Loſophen, welche einen lebhaften Ein⸗ druck auf ſeine gluͤhende und leichtgläubige Phan⸗ taſie gemacht hatten. Da er auf dieſe Erſcheinungen und uͤberna⸗ tuͤrlichen Erzählungen ein hohes Vertrauen ſetzte, ſo befand ſich Daniel in einem Zuſtande gaͤnzli⸗ cher Verblendung, welche die ſonderbaren, am Bord ſich zugetragenen Exeigniſſe noch vergroͤßert hat⸗ ten.— Auch machten ſeine aufbrauſende und kurze Rede, ſein zerſtreuter und bisweilen funkeln⸗ der Blick, ſeine aberglaͤubiſchen Vorſtellungen einen Propheten niedern Ranges aus ihm, deſſen Ein⸗ fluß nichts deſto weniger auf ſeine Landsleute, jene ſechs Matroſen, unmittelbar und maͤchtig wirkte, welche, da ſie ſich ſeit der Epidemie mit ihm ver⸗ einigt hatten, faſt maſchinenmäßig ſeine Furcht, ſeinen Aberglauben, ſeine Zweifel und ſeine Plaͤne theilten, und nur ein Wort, nur ein Zeichen von ihm erwarteten, um blindlings ſeine Befehle aus⸗ — 247 zufuͤhren; denn in ſchwierigen Umſtänden wird der dumme oder der vernuͤnftige Menſch, welcher auf ſeine eigene Fauſt einen Plan faſſen will, immer Haͤnde finden, um ihn zur Ausfuͤhrung zu bringen. Daniel hielt alſo in der niederbretagniſchen Bau⸗ ernſprache folgende Rede: „Matroſen, lieben Burſche, Landsleute, bitten wir zuerſt unſere heilige Mutter von Recouvrance, unſere Fuͤrſprecherin zu ſein, wenn es Euch be⸗ liebt, und uns zu erleuchten,.. Und jeder Matroſe, Daniel nachahmend, wel⸗ cher ſeinen Roſenkranz kuͤßte, ſagte mit leiſer Stimme:— „Heilige Mutter von Reconvrance, ſei unſere Fuͤrſprecherin und bitte fuͤr uns, nach deinem Wil⸗ len!„ Dann herrſchte Stillſchweigen, und Daniel fuhr fort: „Matroſen, lieben Burſche, Landsleute, waren wir nicht froͤhlich, wie ein Lugger bei Windſtille, wenn er den Weſtwind kommen fuͤhlt, als wir un⸗ ſere Saͤcke an Bord gebracht hatten?... „Das iſt wahr,“ antworteten ſeine Zuhoͤrer mit leiſer Stimme.— „Waren wir nicht ſtark und kraͤftig, ſo kraͤf⸗ tig, unſer Schiff mit einer Guirlande von Englaͤn⸗ dern zu ſchmuͤcken, welche wir gewunden hätten, indem wir den Einen an den Andern mit den Aermen, die wir als Bindfaden benutzt, befeſtigen konnten?“ „Wahrhaftig!“ bejaheten die Zuhoͤrer. „Hatten wir nicht ſolchen Appetit, daß wir den Koch ſelbſt in den Keſſel geworfen haͤtten, um die Suppe ſtaͤrker zu machen?“ k „Hol' der„. erſcholl es aus Aller Munde. „Was ſind wir aber jetzt?. Matroſen, Leute ohne Hunger, Weichlinge, welche den Hai⸗ fiſch vergiften.“ „Wahr!! Daniel, wahr!“ ſagten die Zuhoͤrer. „Wohlan! Matroſen, wißt Ihr, warum wir ſo heruntergekommen ſind? weil Zauberei im Spiele iſt!... wir befinden uns auf einem behexten Schiffe, das iſt klar.. warum? Wuͤrden wir ſonſt ſo krank ſein, wie wir es ſind, Alle, Lands⸗ leute... Alle 7 Iſt das vernuͤnftig? kann das was anders ſein, als Zauberei, welche von heute bis morgen Euch auf's Commando, eine Equi⸗ page von ſtarken Burſchen, in elende Hunde ver⸗ wandelt; noch ein Mal, es iſt Zauberei,„es kann nichts anderes ſein.“ „Ja, ja, das iſt bekannt;... uͤbrigens hat es Meiſter Kergoust geſagt,“ wiederholte der ganze Chor.* „Alſo! Landsleute, das muß ein Ende nehmen, wir muͤſſen dies aͤndern, ſo lange wir noch die Kraft dazu haben, weil uns morgen vielleicht der Teufel holt; das Aergerlichſte iſt aber, daß, wenn man auf einem bezauberten Schiffe ſtirbt, man ver⸗ dammt wird,“ ſagte Daniel, ſich bekreuzend. „Verdammt!“ ſagten die Matroſen, indem ſie ſein Zeichen nachahmten. „Verdammt!“— nahm Daniel wieder das Wort,„verdammt wie Hunde. Meiſter Kergouöt, der Weiſe, hat es mir geſagt; alſo, damit dies ein Ende nehme, Matroſen, iſt nur Eins zu thun; das iſt, denjenigen zu ergreifen, der uns den Zauber angethan; aber das iſt noch nicht Alles,— da es immer der Teufel in Perſon iſt, oder einer ſeiner Diener, welches ſoviel ſagen will, als ein Lehrling ſeiner Equipage, ſo darf man nicht ermangeln, ihm einen geweihten Roſenkranz um den Hals zu wer⸗ fen, welcher ihn ohne Gnade in den Abgrund des Meeres hinabzieht, in Folge der Laſt, welche ihm die Religion giebt, die, wie Ihr wohl wißt, ihm aͤußerſt zuwider iſt, nach dem, was mir der Loſophe davon geſagt hat.— Ohne dies wuͤrdet Ihr ihn vergeblich in's Waſſer werfen;.. je oͤfter Ihr ihn wuͤrdet hineinwerfen, deſto oͤfter wuͤrde er wie⸗ der kommen;z.. anſtatt daß mit einem geweihten Roſenkranze am Halſe und ein Paar Kettenkugeln in den Klauen, man keine Sorge tragen darf, daß er wieder erſcheine.. „Aber Daniel, wenn der Teufel einen Roſen⸗ kranz zum Gewichte hat, zu was helfen denn die Kugeln?“ fragte ein Matroſe. „Dummkopf,“ ſagte Daniel,„weil der gewei⸗ hete Roſenkranz ihn Dir und mir gleich macht; es bedarf alſo wohl der Kugeln, ſonſt wuͤrde er auf das Waſſer wieder heraufkommen, wie wir Beide. Auch dies hat der Loſophe geſagt.“ „Richtig,“ bekraͤftigten die Zuhoͤrer. „Kurz,“ ſagte Daniel mit einer ſchreckener⸗ regenden Stimme,„wollt Ihr ſo fortfahren? Wol⸗ len wir in unſerer Lage verharren? Wollt Ihr kre⸗ piren? Ja oder nein!— Oder wollt Ihr den Ruhm erwerben, ſagen zu koͤnnen, daß wir unſere Kameraden und unſern braven, angebeteten Com⸗ mandanten gerettet haben?“ „Ja, ja, es iſt unſer Wille,“ ſagten die ſechs Bretagner. „Wohlan! nun will ich Euch ſagen, was zu thun iſt.. „Der Loſophe, welcher Lieutenant in der Ma⸗ gie iſt, hat mir anfangs ein Zauberſpiel gemacht, das nicht angeſchlagen hat, weil die Henne nicht weiß genug war;— aber da ich ihn dann in Guͤte ſo ſehr mit dem Ellenbogen geſtoßen habe, daß ich ihm beinahe ein Auge aus dem Kopfe geſchlagen,— hat er ſich eines Andern beſonnen und mir einen andern Zauber mit einer grauen Henne gemacht, welcher gelang, ſo daß ich durch ein Loch, wie ich Euch erblicke, ſah, daß ich ſah.... „Nun! was? was? Daniel,“ fragten die Matroſen. „Den Teufel „Den Teufel!.... wie das? Daniel den Teufel!“ „Beim CGrand-gibet, durch ein Loch, wel⸗ ches in der Thuͤre der Bodlerei war.“ „Beim Grand-gibet!“ wiederholten die Zu⸗ hoͤrer Daniels mit einem tiefen Schrecken.. indem ſie ſich unwillkuͤrlich gegen die Thuͤr der Bodlerei wendeten, wo Perez und Rita wohnten. „Beim Crand-gibet... nahm Daniel wieder das Wort,„ich habe ihn geſehen, ein wah⸗ res Ungeheuer mit einem großen ſchwarzen Ge⸗ wande, welches ſeine Klauen, und mit einer Muͤtze, die ſeine Hoͤrner verbarg. Der Böͤſewicht plau⸗ derte mit Grand-gibet, wie wenn ſich's um nichts handelte. Aber er ſprach in einem Kauderwelſch, das ſo ſtark nach Schwefel roch, daß ich daruͤber beinahe geborſten waͤre, weil ich mir das Huſten verhielt, ſo daß ich geglaubt hätte, der Loſophe brenne Schwefelhoͤlzchen an, wenn es nicht der Teufel ſelbſt geweſen wäre. Der Geruch der kau⸗ Sprache muß ſehr ſtark geweſen ſein, e2. In dieſem Augenblick hörte man ein leichtes Geraͤuſch, und ein Schiffsjunge, der als Wache ausgeſtellt war, kam, und verkuͤndigte die Ankunft des Meiſter Kergoust. „Meine Kinder,“ ſagte dieſer zu den Matro⸗ ſen,„man muß ein Tau legen laſſen.das Wetter wird ſchlecht, und es koͤnnte wohl kom⸗ — 252— men, daß uns bald ein huͤbſcher voller Wirbelwind von Weſten den Kopf zerzauſte. Man wird Alle hinaufrufen, wir muͤſſen bereit ſein.“ „Wir kommen, Meiſter Kergoust,“— ſagte Daniel;„aber Ihr, der ſo viel erfahren, ſaget uns doch, was Ihr in Indien geſehen habt; Ihr wißt ſchon, am Bord der Brigg Belle-Jeanne.“ „Wohlan! meine Kinder,“— ſagte der Mei⸗ ſter, welcher dem Vergnuͤgen, eine Geſchichte zu er⸗ zaͤhlen, nicht widerſtehen konnte.—„Die Brigg la Belle⸗Jeanne hatte am Bord einen Cipayen, welcher, wahrſcheinlich in der Abſicht, ſeine Frau Gemahlin zu ärgern, ihr ſchreckliches Gift beige⸗ bracht hatte, welches ihren Tod auf ſo abſcheuliche Weiſe herbeifuͤhrte, daß ſie ihm bloß ſagte„Du biſt ein Lumpenhund, dies wird dir Ungluͤck bringen.“— Von da an, meine Burſche, wurde der Cipaye Matroſe am Bord der Belle⸗Jeanne, und ſeit dieſer Zeit verging nicht ein Tag, wo die Belle⸗Jeanne nicht den Vortheil eines weißen Wir⸗ bels oder eines Sturmes hatte, ſo daß eines Tags der Cipaye, welcher deſſenungeachtet kein ſchlechter Seemann war, durch einen Windſtoß von der Spitze der großen Segelſtange fortgeriſſen wurde. Und nun! ſeit dieſer Zeit hat die Belle⸗Jeanne immer herrliche Fahrten gehabt, weil der Cipaye verdammt und durch ſeine Verdammung auch dem Schiffe gefaͤhrlich war— und da einmal dieſer Verdammte weg war, war auch Alles vorbei.— 253— Ganz natuͤrlich, meine Kinder— aber, zum Bei⸗ ſpiel,“ fuͤgte Meiſter Kergouöt mit einer ernſthaf⸗ ten Miene hinzu,—„beſonders, meine Burſche, muß man ſich mit ſolchen bezauberten Menſchen nichts zu thun machen, oder ſie beleidigen, weil, wenn man ſich irrte, derjenige, der ſich in der Speiſekammer der Haifiſche befindet, ohne es zu verdienen, das Recht haben wuͤrde, es ubel zu neh⸗ men, um ſo mehr, da er dort zu bleiben gezwun⸗ gen waͤre.“ „Aber,“— ſagte Daniel, indem er mit einem Blicke ſeinen Zuhoͤrern Stillſchweigen auflegte:— „an was erkennt man einen behexten Menſchen, Meiſter Kergouöt?. „Den erkennt man,“— ſagte der Meiſter mit einer ernſthaften, gewichtigen Miene:—„den er⸗ kennt man daran, daß er Jemand bezaubert hat;— alſo, wenn ein Menſch Jemanden bezaubert, ſo iſt er ein behexter Menſch.“ Was dieſen Schluß betraf, ſo zeigte ſich Mei⸗ ſter Kergouöt als Schuͤler des Loſophen, wie man ſieht; eine conſequente Lehre, wenn es in ſeiner Logik eine gab. Auch uͤberraſchte die Klarheit die⸗ ſer Definition Daniel und ſeine Zuhoͤrer unge⸗ mein. „Aber hier,“ nahm der Bretagner das Wort, „Herr Kergouöt, wen halten Sie hier fuͤr den Hexenmeiſter?— denn Hexerei iſt hier im Spiele, nicht wahr, Meiſter?“ „Was die Behexung betrifft, ſo findet dieſe wirklich hier Statt, unbeſtreitbar,“— ſagte der Kanonier;—„denn Jedermann fuhlt die Folgen davon, und ich merke ſelbſt etwas in mir, als wenn ich keine Knochen mehr unter der Haut haͤtte; aber was den Hepenmeiſter anlangt, ſo bin ich hierin noch nicht ganz mit mir einig; denn das iſt eine ſehr kitzliche Sache. Jemanden uͤber Bord zu ſchicken, um ihn in der großen Taſſe aufzuls⸗ ſen; ſo iſt hier wohl Jemand.— aber,“ indem er ſich bei einem ſtarken Windſtoße, der das Schiff erſchutterte, unterbrach,—„ſeht, Kinder,“— ſagte der Meiſter:„das iſt ein ſchlechter Tag heute, um von ſo etwas zu ſprechen. ſeht, fuhlt ihr? das Schiff faͤngt an, ſich auf die Seite zu legenz da kommt der Wirbelwind. Hinauf, Burſche, hinauf!l ich gehe wieder in meine Werk⸗ ſtatt.“ Und Meiſter Kergouöt eilte zur Batterie. „Wohlan! meine Burſche,“— rief Daniel, vihr habt es gehoͤrt, der Meiſter hat es wohl ge⸗ ſagt, daß Zauberei im Spiele wäre, und daß man den Hexenmeiſter erkennte, wenn eine Behexung vor ſich ginge. Wohlan! es iſt eine Behepung vorhanden, wie ich befurchtete; und wer anders iſt der Hexenmeiſter, als dieſer Grand-gibet? Weil er mit dem Teufel befreundet iſt,. weil er Matroſe bei ihm iſt das iſt noch ſo ein Sturm, um uns zu verderben; das iſt ſein letzter Streich, ———————— ——— —— den er verſucht, das Ungeheuer; es iſt vielleicht unſere letzte Stunde, wenn wir nicht der Sache mit dieſem Lumpenhunde ein Ende machen. Wohlan, vorwaͤrts! wir muͤſſen ein Ende machen, Burſche!“ — ſchrie Daniel faſt im Wahnſinne, indem er auf⸗ ſtand und mit der einen Hand ſeinen Roſenkranz und mit der andern ein unter ſeiner Weſte ver⸗ borgenes Pack Stricke ergriff.— „Ins Waſſer mit dem Crand-gibet,“ rief er; „ſteht auf, Burſche, ſteht auf! die Stunde iſt gekommen;“ und Alle ſtanden auf. Daniel, durch ſeinen Aberglauben, die Krank⸗ heit, durch die Furcht, durch das Echo des bruͤllen⸗ den Sturmes auf's aͤußerſte gereizt, zeigte mit der Fauſt nach der Thuͤr der Bodlerei, welche man am Ende der Gallerie erblickte. Nichts iſt ſo elektriſch, als die Furcht, der Zorn, und der Aberglaube.— Dieſe ungluͤcklichen Ma⸗ troſen, gewohnt, in Allem eine uͤbernatuͤrliche Ur⸗ ſache zu ſuchen, gereizt uberdies durch ein dunkles, unerklaͤrbares Gefuͤhl von Schmerz und Krankheit, feſt uͤberzeugt, daß dieſe Art von Aufopferung des Hoͤllenbocks ihrer Angſt und ihren Leiden ein Ende machen wuͤrde, nahmen nicht Anſtand, Alles zu vollziehen, was der fanatiſche Daniel ihnen vor⸗ ſchrieb. „Ja, ja,“ riefen Alle mit verhaltener Wuth, —„ins Waſſer mit Grand-gibet, ins Waſſer!.. „ „Stille! Burſche, ſtille!— rief Daniel, die Hand mit gebieteriſcher Miene er⸗ hebend,—„Stille! hört den Sturm; es iſt die Stimme des guten Gottes. Aber, was wir beginnen wollen, iſt vielleicht ſchlecht,“. fugte er niederkniend hinzu, denn ein unbeſchreib⸗ liches Gefuͤhl von Schrecken kämpfte in ſeinem Herzen mit der Wuth gegen Grand-gibet. Und alle Matroſen, deren Handeln, Thun und Wollen nur von Daniel abzuhaͤngen ſchien, ſchwie⸗ gen, erſchrocken wie er, und warfen ſich auch, ein⸗ ander furchtſam anſehend, auf die Knie nieder. In der That, die Sylphide krachte in ihren Grundfeſten, und das Pfeifen des Sturmes, wel⸗ cher mitten durch das Takelwerk bruͤllte, hallte im falſchen Verdeck wieder. Aber indem dieſes dumpfe Getöſe ſich verlaͤngerte, ſchien es den Zorn oder die Furcht Daniels zu verdoppeln, der mit einer unbegreiflichen Begeiſterung und mit verzweifelter Miene rief:„Nein, nein, im Gegentheil, der gute Gott will es, der gute Gott befiehlt es. es muß ſo geſchehen wir werden bei Grand- gibet eintreten, ihn ergreifen, ihn feſtbinden; ich theneeeüeeu werde ihm meinen Roſenkranz um den Hals hän⸗ gen und in's Meer„ „In's Meer,„in's Meer, ließen ſich einige Stimmen vernehmen... „Folgt mir alſo!“ rief Daniel. —— Und in der Dunkelheit herumtappend, hielten ſich die ſechs Elenden an der Wand des Schiffes an, und begaben ſich, Einer den Andern an der Hand fuͤhrend, ſchweigend nach dem von Perez bewohnten Theile des Schiffs. Angekommen an der Thuͤr der Bodlerei, guckte Daniel noch ein Mal durch das Loch, welches er hier angebracht hatte. Was er da ſah und den andern Matroſen zeigte, mußte die aberglaͤubiſche Furcht dieſer Un⸗ gluͤcklichen noch vermehren. Der ſchwache Schein einer in einer Glaskugel eingeſchloſſenen Lampe erleuchtete allein den Auf⸗ tritt, welcher in der Bodlerei Statt fand. Perez, das Geſicht mit Thraͤnen benetzt, kniete vor der Herzogin, welche mit einer Art Puderman⸗ tel oder Negligékleid von ſchwarzer Wolle verhuͤllt war. Stehend, ihr blaſſes und verſtörtes Geſicht durch eine breite ſchwarze Muͤtze faſt verdeckt, hatte ſich Rita mit der rechten Hand auf das Buch von Joſe Ortez geſtuͤtzt, welches geoffnet auf einem Tiſche lag. B Rita's eingefallene Geſtalt ſchien ſich aus ihrem langen, ſchwarzen Gewande aufrichtend, einen Zau⸗ ber auf den zu ihren Fußen ſich kruͤmmenden Pe⸗ rez zu werfen, und gewährte einen ſchauderhaften Anblick, ähnlich einer phantaſtiſchen Erſcheinung.. Die Herzogin ſprach ſpaniſch: Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 17 — 2⁵8— „Nun wohl, Du ſiehſt es, Perez, Alles gelingt uns, wir ſind am Ziele unſerer Rache, es handelt ſich gegenwaͤrtig nur darum, die letzte Hand ans Werk zu legen, und ihn dem Schiffsvolke als die Urſache dieſes ſchrecklichen Ungluͤcks zu bezeichnen: die Gelegenheit iſt guͤnſtig;„bis jetzt habe ich Dein Bedenken getheilt;.. der Zuſtand dieſer Leute war nicht ernſthaft genug; aber heute, in dieſer Stunde zoögerſt Du noch? Du zoͤgerſt waͤhrend dieſes brullenden Gewitters? es iſt abſcheulich! Perez! beim Sa⸗ tün „Beim Satan!.. hoͤrt Ihr? Macht das Zeichen des Kreuzes und dann vorwaͤrts!“— ſagte Daniel, durch dieſe befremdende Scene bis zum Wahnſinn wuͤthend gemacht. Und mit einem Stoße ſeiner maͤchtigen Schul⸗ ter warf er die Thuͤr der Bodlerei ein. Bis hieher hatte das Getoͤſe, welches die Waͤnde der Fregatte, die ſich unter dem Andrang des Sturmes kruͤmmte, erſchuͤtterte, Perez verhindert, die Gegenwart Daniels und ſeiner Gefaͤhrten zu argwoͤhnen, allein als er die Thuͤr fallen ſah und die ungluͤckdrohenden Geſtalten erblickte, welche her⸗ einbrachen, ſtuͤrzte er ihnen mit den Worten ent⸗ gegen:—„Elende! was wollt Ihr? „Ergreift den Grand-gibet,“— rief Daniel ſeinen Landsleuten zu,—„ich und zwei Andere wollen dieſen faſſen,“— ſchrie der Bretagner, in⸗ — 259— dem er ſich auf Rita ſtuͤrzte.—„Warte, Höl⸗ lenbrand,. Beelzebub, Du ſollſt mir nicht ent⸗ wiſchen,. bei unſrer lieben Frau!“— heulte Daniel und ſchlang mit Wuth den Roſenkranz um Rita's Hals. Waͤhrend zwei ſeiner Landsleute ſie banden und knebelten, thaten die vier Andern daſſelbe mit Perez, welcher ihnen keinen Widerſtand entgegenſetzen konnte. Alles dies geſchah mit der Schnelligkeit eines Gedankens. Die zwei Schlachtopfer lagen auf der Erde, gebunden, umwickelt, daß ſie nicht eine Be⸗ wegung machen, nicht den ſchwaͤchſten Schrei aus⸗ ſtoßen konnten. Der Sturm wurde fuͤrchterlich, und mitten in der Gefahr bemerkte man ohne Zweifel die Abwe⸗ ſenheit der ſechs Matroſen auf dem Schiffe nicht. „Erwartet mich,“ ſagte Daniel,— und ging eiligſt hinaus. Die Geſichter der ſechs Matroſen waren mit einer todtenaͤhnlichen Bläſſe bedeckt,.. der Schweiß rieſelte von ihren Stirnen, ihre Haare ſtraͤubten ſich auf dem Kopfe WMit einem Gefuͤhle unbeſchreiblichen Schreckens bekreuzten ſie ſich mit der einen Hand unaufhoͤrlich und zeigten ſich Ei⸗ ner dem Andern Perez und Rita, welche, auf der Erde liegend, dieſen Wuͤthenden noch den Schrecken einfloßten, den der von Netzen umſchlungene Tiger verurſacht. 17½ — 260— Nach Verlauf einiger Augenblicke kam Daniel mit einem großen getheerten Stuͤck Leinwand und zwei Kettenkugeln, welche er aus der Batterie ge⸗ holt hatte, zuruͤck.. „Der Sturm iſt trocken, Matroſen,“ ſagte er,.. „inis Meer, in's Meer mit dem Zauberer,. es iſt noch Zeit!“— Als ſie dieſe letzten Worte hoͤrten, oͤffneten Pe⸗ rez und Rita, wie aus einem fuͤrchterlichen Traume erwachend, die Augen;— kein Wort, keine Ge⸗ berde war ihnen moͤglich. „Ha! ihr niedertraͤchtigen Teufel!. un⸗ gluͤckbringende Zauberer!“— ſagte Daniel im wu⸗ thenden Wahnſinne, indem er Perez und Rita in jenes ungeheure Stuͤck Leinwand, wie in ein großes Leichentuch, einwickelte..„Ha! Teufels⸗ kinder! ihr bezaubert arme Matroſen; aber ihr hat⸗ tet nicht auf meinen Roſenkranz gerechnet; der Lo⸗ ſophe hat es mir wohl geſagt. „Nun, Matroſen,“ fuͤgte er hinzu,„bindet das feſt zu, ſteckt ihnen den Kopf hinein, haͤngt die Kugeln an die Fuͤße und tragt das Ganze durch die kleine Lucke hinauf.“ Dies geſchah. Man kam in der öden Batterie an, da alle Matroſen auf das Verdeck beordert waren. Daniel oͤffnete, ungeachtet der Gefahr, ein Windloch. Die vier Maͤnner, welche die ſchreckliche, ſich von innen bewegende Laſt trugen, ſetzten ſie auf die Luckenlade nieder, ſo daß die eine Haͤlfte außer⸗ halb und die andere Halfte innerhalb des Schiffs hing. „Auf die Knie!“ ſagte Daniel, indem er ſeine Muͤtze abnahm,„und laßt uns unſter lieben Frau von Recouvrance danken... 3 Die vier Matroſen hielten die convulſiviſch zuk⸗ kende Buͤrde. Die zwei andern Seeleute ahmten Daniel nach und ſprachen:—„wir ſagen Dir Dank, liebe Frau von Recouvrance, die Du uns von der Zauberei und den Zauberern erloͤſ't... Dann bekreuzten ſie ſich und ſtanden wieder auf. Daniel aber rief:„In's Waſſer!.. in's Waſſer!„ Und die Wuͤthenden ſtießen ihre Buͤrde vollends hinaus. Sie verſchwand mitten unter dem Toben der Wogen Und es war geſchehen um Perez und um Rita um die Herzogin von Almeda und ihren treuen In dieſem Augenblicke drang durch die offene Luckenlade eine ungeheure Woge in die Batterie und uͤberſchwemmte ſie theilweiſe.. „Das iſt Satan, welcher Abſchied von uns nimmt,“ ſchrie Daniel, indem er den Laden ſchloß, — —„nun laßt uns hinaufgehen; und reinen Mund gehalten!... das Schiff iſt gerettet!“ Als ſie auf das Verdeck hinaufſtiegen, fanden ſie das Schiffsvolk duͤſter, traurig, und alle Segel eingezogen, denn obgleich ein Wetter war, bei wel⸗ chem man mit Marsſegeln niedrig manoͤvriren konnte, waren doch die Leute ſo matt, daß Heinrich befohlen hatte, ohne Segel dem Wetter auszuwei⸗ Der Graf ſtand, ſein Sprachrohr in der Hand, auf der Quartierbank und gab ruhig ſeine Befehle — ſein Geſicht, erleuchtet durch das ruͤckſtrahlende Licht des Compaßhaͤuschens, verrieth nicht die ge⸗ ringſte Bewegung. Voruͤbergehend und verander⸗ lich, wie die Stuͤrme dieſer Gewaͤſſer ſind, nahm der Wirbelwind bald an Heftigkeit ab und legte ſich.. Er ließ nichts zuruͤck, als das ſichtbare Wogen des Meeres, und zwei Stunden nachher, als der Wind nach Norden umſprang, befand ſich die Sylphide wieder auf der Fahrt. „Ich weiß nicht,“ ſagte Heinrich zu Monval, indem er das Verdeck verließ, ſobald er ſah, daß der Sturm ſich gelegt,—„ich weiß nicht, warum dieſer ſo ſchnell voruͤbergegangene Sturm mir von einer gluͤcklichen Vorbedeutung ſcheint; es iſt eine Narrheit, wenn man will; aber eine innere Stimme ſagt mir, daß unſer Elend ſeinem Ende nahe ſeiz und, da wir uns bald unter den Paſſatwinden be⸗ finden, wird ihr Einfluß heilbringend fur unſere; Seeleute ſein;.. kurz, ich bin weit weniger traurig geſtimmt, als bisher.. „Ich theile aufrichtig Ihre Wuͤnſche,“ erwie⸗ derte der Officier. „Zum Henker!“— ſagte Heinrich, als er ſei⸗ nen Haushofmeiſter erſcheinen ſah,„machen Sie etwas Beſſeres, kommen Sie, mein Abendeſſen mit mir zu theilen,„„denn ich fuͤhle in mir einen verteufelten Appetit, da ich, ohne zu wiſſen wie, dieſer verdammten Cpidemie bis jetzt entgangen bin; Sie werden uͤber die Talente meines Koches, welcher fruher beim Herrn von Gövres war, ein gunſtiges Urtheil fällen.“ Und Monval, des Grafen Einladung anneh⸗ mend, ſtieg mit ihm hinab. Herr von Miran hatte die Wache. Den andern Morgen um acht Uhr, in dem Augenblicke, wo die Lebensmittel an die Equipage vertheilt werden ſollten, gingen die dazu beorderten Matroſen in die Bodlerei. Man wartete vergeblich auf Grand-gibet. Da er ſich nicht zeigte, ſo ſtellte man die ge⸗ naueſten Nachſuchungen am Bord an, um ihn aufzufinden,— was jedoch unmoͤglich war.— Dann glaubte man mit vieler Wahrſcheinlichkeit, daß er durch einen Zufall bei dem Sturme in das Meer gefallen ſei, und die Nacht und das Getoͤſe des Sturms verhindert haͤtten, es zu bemerken und ſein Geſchrei zu horen. Er wurde am Bord der Sylphide wenig be⸗ dauert, und man ſprach gar nicht von ſeinem Ge⸗ hülfen, da ihn faſt Niemand kannte. Diejenigen, welche ihn vor der Abreiſe von Breſt geſehen hat⸗ ten, glaubten, daß er am Lande geblieben ſei, weil man unetwartet ſchnell unter Segel gegangen war. Daniel und ſeine verbuͤndeten Landsleute beo⸗ bachteten das tiefſte Stillſchweigen über dieſe Be⸗ gebenheit, und kamen nicht einmal in Verſuchung, es zu entdecken, bis das Schiffsvolk ſeine Kraͤfte und ſeine Geſundheit wieder erlangt hatte; denn da nach dem Verſchwinden des Perez und der Her⸗ zogin die Lebensmittel nicht mehr vergiftet waren, ſo horten die erſchreckenden Symptome, welche ſich gezeigt hatten, ſogleich auf. Dieſe heilſame Umgeſtaltung des phyſiſchen und moraliſchen Zuſtandes ſeiner Epuipage erfullte Hein⸗ rich mit Freude und erregte in ihm die gluͤhendſte Begierde, ſich mit dem Feinde meſſen zu koͤnnen. Man ſetzte einen Gehuͤlfen des Hochbvotsman⸗ nes an die Stelle des Perez ein, deſſen Tod in dem Tagebuche des Schiffes auf folgende Weiſe geſetzlich eingetragen wurde: „Den 15. Februar 1781.— Da der ſogenannte Charles Dalés, ein Spanier, und durch den Herrn General⸗Proviant⸗ verwalter zur Vertheilung der Lebensmit⸗ tel am Bord der Sylphide beſtellt,— ſich weder in der Bodlerei, noch an irgend ei⸗ — — 265— nem andern Orte des Schiffes aufgefun⸗ den, ſo vermuthet man, daß der beſagte Charles Dalés, waͤhrend eines Wirbelwin⸗ des, welcher die verwichene Nacht ſchreck⸗ lich getobt hat, durch einen Windſtoß uͤber Bord geriſſen worden ſei, ohne daß man dieſen ungluͤcklichen Zufall haͤtte ahnen können.— Zur Steuer der Wahrheit ha⸗ ben dies, nebſt dem Schreiber, der Herr Commandant, der Herr Lieutenantu. ſ. w. unterſchrieben. So ſtarb Perez von Sibeyra, ſo ſtarb die Her⸗ zogin von Almeda. Ungluckliche Herzogin, die du von einer ſolchen Hoͤhe ſo tief herabſankeſt! Arme Rita, deren Daſein ſo glaͤnzend, ſo pracht⸗ voll geweſen war! Arme Frau, welche, bevor ſie den Grafen kannte, durch ihren Rang und ihre Reichthuͤmer mit den größten Haͤuſern Frankreichs wetteiferte!... So zu enden! Nach Monaten eines bittern, ehrloſen und erbaͤrmlichen Lebens— ſo zu enden! Erſtickt, ertraͤnkt, ohne ein Wort aus⸗ ſprechen, ohne nur ihren Moͤrdern zurufen zu kännen „Saget ihm, daß ich hier war;. er zittere „wenigſtens, wenn er erfaͤhrt, daß er, unter ſeinen „Fuͤßen gekruͤmmt, ganz nahe bei ſich, in ſeinem „Schiffe, eine unverſoͤhnliche Feindin hatte, welche „ihn hätte tödten konnen, die ihn aber nicht getödtet 5— hat, weil dies nur ein Tod geweſen waͤre, während „ſie ihm einen tauſendfachen, von tauſendfachen „Martern begleiteten Tod zugedacht hatte. „Wenn er dieſer furchterlichen Gefahr entgan⸗ „gen iſt, ſo wiſſe er wenigſtens, daß ſie ihm drohte, „denn man ſtirbt bisweilen an Beklemmung bei „dem Anblicke der ſchrecklichen Gefahr, der man „entronnen iſtz... er wiſſe beſonders, daß nur „der tiefſte und unheilbarſte Haß es war, welcher „mein Leben friſtete;.. daß ich mich nicht mehr „mit blutigen Thraͤnen nach ſeiner Liebe ſehnte, „die ich verachtete, ſondern nach meinem Range, „meinem Namen, meinem Vermoͤgen; er „wiſſe es, ja, er wiſſe es Nein, Frau Herzogin, nein, der Graf von Vau⸗ drey weiß nichts von alle dem, er wird nie etwas davon erfahren.— Wenn er in muͤßigen Stunden an Sie denkt, ſo werden ſeine Gedanken ſuͤß und ſchmeichelhaft ſein; ſie werden ihn an einen Engel von Liebe und Ergebenheit erinnern, welcher mit dem Namen„Heinrich“ auf den Lippen dieſe Welt verließ;.... an eine anbetungswuͤrdige Frau, welche lieber auf ihr Daſein verzichten wollte, als ohne die Liebe desjenigen leben, der ſie doch ſo ſchaͤndlich getaͤuſcht hatte. Wenn er an Sie denkt, ſo wird es nur geſche⸗ hen, um die Erinnerung der Genuͤſſe durchzugehen, welche Sie ihm ehemals bereiteten, um ſich zu er⸗ innern und zu den Genoſſen ſeiner Ausſchweifun⸗ — 267— gen zu ſagen:„Ich zahlte unter meinen Geliebten eine ſpaniſche Herzogin, deren Zaͤhne blendend weiß, deren Wuchs göttlich, und deren Haare prächtig waren;.... aber dieſe unvergleichliche Frau iſt aus Verzweiflung geſtorben, weil ich ſie vernach⸗ läſſitte Mit einem Worte, Ihr Bild wird ſich ſeiner Phantaſie nie anders, als lachend, wolluͤſtig, gol⸗ den, aber des Contraſtes wegen, eingefaßt von einem ſchwarzen Todtengewande darſtellen. Nein, Frau Herzogin, nein; der Graf wird nie erfahren, wie ſehr Sie ihn gehaßt haben; er wird nicht die tauſendfachen Todesqualen erleiden, welche Sie ihm zudachten. Sie mußten dieſe tau⸗ ſendfachen Todesqualen erleiden; Sie, die Sie auf Schoͤnheit, Rang, Vermoͤgen Verzicht leiſteten; Sie, die ein Polizeidiener mit Freudenmaͤdchen und Dieben gepaart, Sie, die ein Kerkermeiſter ge⸗ mißhandelt, Sie, Frau Herzogin, keuſch und reinz.. Sie, die Sie nur einen einzigen Fehler be⸗ gingen,.. einen erhabenen Fehler, denn rein und edel iſt die Liebe, welche eine Frau auf dem Gipfel des menſchlichen Gluckes fuͤr ein Weſen empfindet, das ſie fuͤr niedrig, fromm, leidend und ergeben haͤlt,.. Ihre Liebe fur den unglucklichen Heinrich im Thurm von Koat-Véön; ja es war dies faſt die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde; die Liebe Gottes zu ſeinem Geſchopfe. Kurz, dieſe Liebe wollten Sie durch die Geſetze —— geheiligt ſehen; Sie wollten Ihre Verbindung mit heiligen, unverletzlichen, ewigen Banden umſchlie⸗ ßen, um die Schätze der Welt und Ihres Herzens dem zu ſichern, in welchem, wie Sie glaubten, eine ſchoͤne Seele wohne.... Und deſſen ungeachtet mußten Sie ſterben, ei⸗ nen ſchrecklichen Tod ſterben: die bittere Verzweif⸗ lung, der ſchmerzliche Haß, die moraliſchen und phyſiſchen Qualen, welche Sie erduldet, ſollten faſt die Grenzen der Moͤglichkeit uͤberſchreiten.— Sie ſollten die grauſamſten Taͤuſchungen erfahren: die Taͤuſchung der Liebe, der Rache; denn ein gleiches Vertrauen wie auf Ihren Geliebten, ſollten Sie auch auf Ihre Rache ſetzen, ein Vertrauen, als wäre dieſelbe ein Orakel... Ja! aber dieſer Glaube ſollte dennoch täuſchen, und die im wahnſinnigen Haſſe ausgebruͤteten Pläne ſollten durch den gewöhnlich⸗ ſten Zufall, durch das Vergeſſen eines Paſſes, durch die dumme Leichtglaͤubigkeit eines Matroſen ſcheitern. Ihr Tod ſollte ſchrecklich und unbekannt ſein, Niemand Sie beklagen, Niemand erfahren, was die Herzogin von Almeda vor und ſeit ihrem Tode gelitten hat. Ihren Tod vor der Welt, als große Dame, verſpottete, beſchimpfte und verleumdete man, und ſeit langer Zeit ſpricht man nicht mehr davon. Ihren Tod!— er hat doch die Eigenliebe Derer, die Sie haßten oder beleidigten, beftiedigt. Ihr Tod!— er war fur Heinrich ein Vermittler 5 in ſeinen neuen Liebeshaͤndeln mit Frau von Cer⸗ ——— nan; er hat ihm die Freundſchaft des Sir Georges erworben und Anlaß zu dem ſchönen Zweikampf gegeben, wo Heinrich ſo ehrenvoll den Herrn von Cernan toͤdtete und den Herrn von St. Eyr ver⸗ wundete. Ihr Tod!— er verwandelte den Grafen in den groͤßten Modeherrn ſeiner Zeit, ohne der Schwer⸗ muth zu gedenken, in welche er ihn verſetzt, wenn er lange Weile hat oder das Wetter truͤbe iſt; und ſo verdankt ihm Herr von Vaudrey einen Reiz und eine Zerſtreuung mehr. Das Schrecklichſte iſt, daß Sie ſo viel geduldet haben, daß Sie fuͤr einen Gecken geſtorben ſind; fuͤr einen huͤbſchen, ziemlich geiſtreichen Mann von edler Abkunft; er iſt tapfer und reich, aber kein Genie, kein edler Mann; kurz, Sie gaben Ihr Le⸗ ben fuͤr einen jener reizenden Maͤnner hin; fuͤr eine jener goldnen, aber unſchmackhaften Fruͤchte, welche in Menge an der matten Sonne der Hoͤfe reifen. O! es iſt furchterlich! fuͤrchterlich fuͤr Sie, Rita, ich glaube es wohl; aber das wird ſtets die Folge der Leidenſchaft ſein, wenn ſie mit dem Egois⸗ mus in Kampf geraͤth, und nicht in einer Religion voll Hoffnung und Ergebung ihr Ungluck zu ver⸗ geſſen ſucht. Es geſchieht auch, weil die unerforſchliche Vor⸗ ſicht gewohnlich ſolche Art Menſchen, wie der Graf, — beſchuͤtzt.— Ja, ſie haben immer das, was man Gluͤck nennt; ſie geben ſich in dieſem großen Spielhauſe der Menſchheit gute Karten.— Sie betruͤgen und gewinnen;— es iſt gehaͤſſig, aber ſie haben doch Genuß davon. Es iſt nicht recht, aber doch faktiſch. Stellen Sie es in Abrede und ich nenne nur:— Lucullus, Alcibiades, Falkland, Rocheſter, den Regenten, Buckingham, Ludwig den XV., Grammont, Lauzun, Richelieu.. und noch tauſend Andere. Gewiß, dieſe ehrenvol⸗ len Maͤnner mußten wäͤhrend ihrer langen Lauf⸗ bahn von Ausſchweifungen, von Vergnuͤgungen und Schwelgereien vielen Haß erregen, viele Eifer⸗ ſucht entzuͤnden.. was war die Folge? Nichts. — Sie haben lange Zeit ruhig in ihrer Wolluſt geſchwelgt, und ſind eben ſo ruhig dahingegan⸗ gen Aber wie wird auch ihr Erwachen ſein!! Noch ein Mal, Rita's Tod iſt unwiderruflich, — ſie ſtarb zur rechten Zeit; ihr Tod war beſtimmt; ihre Freuden und ihre Leiden hatten dem Grafen ſo viel als moͤglich genuͤtzt, wozu ſollte ſie alſo noch leben?„ Wenn ich ſage: der Graf und Rita, ſo ſpreche ich von dem Egoismus und der Entſagung, von dem Starken und Schwachen, von dem Boͤſen und dem Guten. Denn was ſtellt in den Augen der von der Natur bewundernswerth begabten und auserwaͤhl⸗ ten Weſen der große Haufen der Menſchen anders vor, als jene Orange, welche Friedrich ſo ſchoͤn zerdruͤckte, nachdem er ihren Saft ausgeſogen; was iſt ſie anders, als eine gefällige und angenehme Beute, welche von jeher dem Egoismus anheim⸗ gefallen iſt? Dem Egoismus! dieſem funkelnden, kalten und diamantharten Mittelpunkte, dieſem magneti⸗ ſchen Pole, von welchem alle demuͤthige Weſen vrielleicht durch die unwiderſtehliche Macht des Geſetzes der entgegengeſetzten Eigenſchaften an⸗ gezogen werden. Denn in der That, es iſt ein ſonderbarer Ge⸗ danke, daß in jedes menſchliche Weſen ein Natur⸗ trieb gepflanzt iſt, welcher es als handelnden oder als leidenden Theil zum Boͤſen treibt, welcher ſagt: wenn du nicht Henker biſt, ſo ſei Schlachtopfer. Alſo,„ſchaut hinaus in eine ſchoͤne Som⸗ mernacht, wenn ein ſanfter Weſtwind weht, und die alten Eichen lieblich unter ſeinem Hauche rau⸗ ſchen; wenn jede Blume, ihre Wohlgeruͤche aus⸗ duftend, ihren thaubefeuchteten Kelch oͤffnet; wenn jedes Blatt, jeder Grashalm den Myriaden von Schmetterlingen und Inſekten eine friſche und aro⸗ matiſche Freiſtätte darbietet, deren leichtes Mur⸗ meln, vermiſcht mit dem Rauſchen der Baume, die ſtumme Sprache der Naͤchte erzeugt. Herrſcht — 272— dann nicht Gluͤck und Freude in jener, von den Blättern einer Roſe oder dem Kelche einer Viole gebildeten, Freiſtätte?* Unendliche Spiele auf der Scheibe eines Gaͤn⸗ ſebluͤmchens, verliebte Kaͤmpfe in der goldnen Tiefe einer Lilie!.. Aber bringet eine goldne Lampe mitten in die ſe Scene voll Freuden, laſſet plotzlich ihre blendende Flamme ſchimmern.... Warum wird jeder Schmetterling, jedes Inſekt in dieſem Augenblicke ſeine Blume, ſeinen Honig und ſeine Wohlgeruͤche verlaſſen, um dem falſchen Glanze dieſes ubelriechenden und tödlichen Lichtes nachzufliegen? Seht, das Eine naͤhert ſich ihm, es flieht, es kehrt zuruck, es flieht wieder; allein die Flamme iſt ſo ruhig, ſo ſchoͤn, ſo blendend, daß es nicht mehr widerſtehen kann: es ſtuͤrzt ſich hinein„ und verſchwindet; verſtuͤmmelt, verbrannt, ſtirbt es un⸗ ter ſchrecklichen Qualen. Tauſende werden eben ſo ſterben, eben ſo leiden, eben ſo verſchwinden... Die Flamme wird jedoch deshalb weder weniger rein noch weniger hell ſein... ſie wird immer anziehend, verhaͤngnißvoll bleiben. So iſt der Egoiſt, der Geck, der Schwelger immer von einem falſchen, verfuͤhreriſchen Glanze umgeben; ſo werden ſchwache Geſchoͤpfe immer lei⸗ den und ſterben, verblendet durch die luͤgneriſche und glaͤnzende Außenſeite! Warum das? Warum fuͤhlt ſich das reine und gefuͤhlvolle Herz immer unwiderſtehlich zu einer ſchlechten Seele hingezogen? Warum wird ſich der Vogel ewig in den Ra⸗ chen des Baſilisken ſtuͤrzen? Warum wird jenes duͤſtere Symbol der ver⸗ fuͤhreriſchen Schlange und der verbotenen Frucht— wahr wahr bis an's Ende der Welten bleiben? Denn es giebt auf dieſe Art drei ober vier ſchreckliche Wahrheiten, welche die Sittengeſchichte des Menſchengeſchlechtes in ſich faſſen und ſeinen traurigen Leidenſchaften als ewige Axen dienen. Noch ein Mal, warum dieſe unabaͤnderlichen Siege des Egoiſten, des Gecken, des Schwelgers, lauter unfoͤrmliche Spielarten einer und derſelben Gattung? Falſche und niedrige, thoͤrichte und gemeine Weſen, welche fuͤr den Mann von Herz und Geiſt das ſind, was der Schein einer Lampe gegen den Glanz der Sonne iſt,„was ein erkuͤnſteltes Licht, welches brennt, ohne zu befruchten, gegen die blendenden Strahlen des Geſtirns ſein kann, von dem Welten belebt werden. Das iſt wahr, hundert Mal wahr! wer laͤugnet es? Der Geck iſt ein Elender im Vergleich zu dem Mann von Genie; der Schein einer Lampe iſt häßlich im Vergleich zur Pracht der Sonne. Aber wie Viele giebt es wohl, die ſich mit dem Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 18 Lichte der Sonne begnuͤgen? Wie Viele giebt es, die ſich im Dunkeln ihren Gedanken hingeben und, die Geheimniſſe der Nacht durchſchauend, mit Wonne die Stimme der Einſamkeit hoͤren? Wie Viele giebt es, welche ſich mit der Liebe einer reinen und erhabenen Seele begnuͤgen, welche Gefallen daran finden, ihre Traͤumereien zu ver⸗ wirklichen, und eine unvertilgbare Freude, in der Stille den Schlag eines edeln Herzens zu beo⸗ bachten? O! die Zahl Solcher iſt ſehr klein, denn die meiſten lieben die erkuͤnſtelte Helle der Wachskerzen mehr, als die Finſterniß einer ſchoͤnen Nacht;— mehr das betäubende Geſchwätz eines Dummkopfs, als die tiefe und ernſte Betrachtung eines geiſtrei⸗ chen Mannes. Dies ſetzt, wie ich glaube, hinreichend den uber⸗ triebenen Werth der Wachskerzen und der Gluͤcks⸗ ritter auseinander. Der Graf gehoͤrte unter die Zahl der Letztern; er war ein unverſchaͤmter, egoiſtiſcher Geck;— und als ein ſolcher konnte er Anſpruͤche auf das empoͤrendſte Gluͤck machen. Rita, liebend und ihm ganz hingegeben, Rita, deren Herz edel und groß war, konnte, mußte ſo⸗ gar.„ſterben, wie ſie ſtarb, wenn man anders den Geſetzen der Erfahrung und deſſen, was man die menſchliche Vernunftlehre nennen koͤnnte, glauben darf. Sterben nach ſchrecklichen Qualen..., waͤh⸗ rend der Graf auf dem Fußboden, der ſie von ihm trennte, ſpoͤttiſch, froͤhlich, unbekuͤmmert und eitel, an ſie eben ſo wenig dachte, als wenn ſie nie ge⸗ lebt haͤtte, mit ſeinen rothen Abſaͤtzen auf- und ab⸗ ging, und wer weiß, von welcher verworrenen Zu⸗ kunft traͤumte, in der hier und dort anmuthige Frauengeſtalten auftauchten, auf kriegeriſchen Tro⸗ phaͤen ruhend. 18* Sechſtes Buch. Neunzehntes Kapitel. Vorwärts!— Meinen rothen Rock und meine blauen Beinkleider! Alfred de Müſſet,— Wovon die Mädchen träumen. Haͤngematten nieder zum Gefecht. Acht Tage nach Rita's Tode befand ſich die Sylphide unter dem Winde der Azoren„die Kraͤfte ihrer Equipage waren wieder geſtaͤrkt, die Geſundheit der Matroſen wieder in voller Bluͤthe, und wenn ſie zufaͤllig von der ſeltſamen Krankheit ſprachen, der ſie ſo gluͤcklich entgangen waren, ſo geſchah es nur, um uͤber ihre ausgeſtandenen Lei⸗ den zu ſcherzen, oder dem Sulpizius Bon Jesus ihre Dankopfer darzubringen, welchen ſie, ohne zu wiſſen warum, fur ihren Schutzgeiſt hielten. Denn in den Augen dieſer Matroſen muß eine jede uͤbernatuͤrliche Wirkung, im Guten ſo wie im Boͤſen,— ein ſichtbares und handgreifliches Sinn⸗ bild haben, von welchem das Gluͤck und Ungluͤck ausgeht. So hatte denn, nach ihrer Meinung, Bon-Jesus das Schiff gerettet, deſſen Untergang Grand-gibet ſo boshaft beſchloſſen. Die Sylphide ſchiffte alſo, wie ſchon geſagt, unter dem Winde der Azoren, und zur Zeit des Kriegs hatte dieſer Seeſtrich eine ſehr gute Lage, ein gluͤckliches Treffen zu liefern, welches gewoͤhn⸗ lich auf den Tod oder die Gefangenſchaft eines der Helden des Stuͤcks hinauslaͤuft. Denn dieſer Ort iſt mit einem Worte der Kampfplatz der meiſten Seegefechte, einzelner und blutduͤrſtiger Kaͤmpfe, von denen der Himmel und der Ocean die einzi⸗ gen Zeugen ſind. Es war ungefaͤhr 8 Uhr des Morgens, ein friſcher und angenehmer Wind wehte von Nord⸗ Oſten; der Himmel ſpiegelte ſich mit bewunderns⸗ werther Reinheit in der Azurblaͤue des Meeres, und der leichte Nebel, welcher ihn anfangs verſchleiert hatte, zerſtreute ſich bei den Strahlen der Sonne. Der Ocean bot eine unermefliche Flaͤche von kreisfoͤrmigen Wellen dar, auf deren Mittelpunkte ſich die Sylphide zeigte, ſo daß man am Bord der Fregatte, auf welche Seite ſich auch das Auge wen⸗ den mochte, am Horizonte ſtets die wellenfoͤrmige Linie der Wogen erblickte, deren gruͤne Farbe den — 278— ſchönſten Contraſt mit dem Blau bes Himmels bildete. Seit ungefaͤhr zwei Tagen, ſeit denen der Graf ſich in der Naͤhe dieſes Verſammlungsortes der Kreuzer befand(denn die Azoren bilden den Schei⸗ depunkt von verſchiedenen Fahrſtraßen), hatte er ſeine Aufmerkſamkeit und Thatigkeit verdoppeltz.... ſein Schiffsvolk, zum Kampfe geruͤſtet, war auf Alles vorbereitet; die Lunten rauchten in den Kufen, die Taue und Anker waren aufgezogen,.die Waͤnde hingen voll Waffen, Pyramiden von Aex⸗ ten und Piken warfen in verſchiedenen Abtheilun⸗ gen auf dem Verdeck und der Batterie einen glaͤn⸗ zenden Schein. Seit dem Aufgange der Sonne ging Jean Tho⸗ mas, mit einem vortrefflichen Sehrohr verſehen, auf dem Verdecke auf und ab, und beobachtete aufmerkſam von Minute zu Minute alle Gegenden des Horizonts. Ein Steuermann kam und meldete ihm, daß der Commandant ihn in ſeinem Schlafzimmer er⸗ warte. Ungeduldig ſein Perſpektiv zuſchiebend, verließ der Lieutenant das Verdeck, nachdem er Miran dringend anbefohlen hatte, den Windſtrich zu beo⸗ bachten und uͤber die Wachen genaue Aufſicht zu fuͤhren. Als Jean Thomas in dem Zimmer ſeines Vor⸗ geſetzten anlangte, fand er ihn nachlaͤſſig in einem —— —— — Armſtuhle ausgeſtreckt, und mit einem praͤchtigen, mit Silberblumen durchwirkten blauen Schlafrock bekleidet. Der getreue Germeau, der eben die Toi⸗ lette des Grafen beendigte, hielt die Puderquaſte von Schwanenflaumen in den Haͤnden, welche ganz weiß vom Puder à la maréchale war, waͤh⸗ rend zwei andere Kammerdiener warteten, wenn er die ihm zu ſeinen Amtsverrichtungen nöthigen Gegenſtaͤnde fordern wuͤrde. „Was Teufel! Germeau,—“ ſagte Heinrich in uͤbler Laune;—„Germeau, Du wirſt nach⸗ laͤſſig,. ſieh, wie ich friſirt bin,„„ſieh hier die Locke, welche mir das linke Ohr bedeckt, woaͤhrend jene dort kaum bis an die Schläfe reicht„ an was denkſt Du denn? Wenn wir nun, wie ich jeden Augenblick erwarte, auf den Feind ſtoßen,„Marr! wie wuͤrde ich ausſehen?— Und welche ſchlechte Meinung wuͤr⸗ deſt Du dieſen Englaͤndern von dem Talent eines franzoͤſiſchen Kammerdieners geben? In der That, Germeau, Du haſt nicht einen Schatten von Na⸗ tionalgeiſt,.. Dir liegt gar nichts an dem Gluͤcke Deines Herrn.—“ Aber Jean Thomas endlich ge⸗ wahr werdend, ſagte der Graf: „Ach! Sie ſind's, Herr Lieutenant,— bitte tauſend Mal um Verzeihung; ich hatte nicht die Ehre, Sie zu ſehen.“ „Ich ſtelle mich Ihren Beſchlen, Herr Com⸗ mandant.“ — 280— „Sehr ſchoͤn,.. ich ſtehe gleich zu Ihren Dienſten, Herr Lieutenant; entſchuldigen Sie mich einen Augenblick, denn dieſer nichtswuͤrdige Ger⸗ meau friſirt mich zum Todtaͤrgern; ſehen Sie, ur⸗ theilen Sie ſelbſt,. komme ich Ihnen ſo nicht abſcheulich vor, Lieutenant?“— ſagte Heinrich, indem er ſich zu Jean Thomas wendete. „Ich verſtehe mich nicht auf dergleichen,“— antwortete Thomas kalt,—„ich glaube auch nicht, daß dieſe Wiſſenſchaft zum Seedienſt gehort.“ „O! ganz richtig,“— nahm Heinrich das Wort, indem er ſich umwendete,—„Sie halten von dieſen eiteln Dingen nichts, mein Herr.. der Geſchmack iſt verſchieden; Herr von Buffon kann nicht ſchreiben, ohne ſeine Spitzenmanſchet⸗ ten, ich kann nicht ſchlagen, ohne ſo gekleidet zu ſein, als wenn ich zu einer Spielpartie zum Koͤnig ginge. Vorwaͤrts, Germeau!“ „Ich nehme mir die Freiheit, dem Herrn Gra⸗ fen zu bemerken,—“ ſagte ehrfurchtsvoll der Kam⸗ merdiener,—„daß der Herr Graf ſo viele Bewe⸗ gungen machten, zum Fenſter hinauszuſehen, daß es nicht von mir abhing, ihn nach Wunſch zu fri⸗ ſiren.“ „Laß gut ſein, Alter, ich werde mich jetzt ruhig vechalten!... Nun, Herr Thomas, was giebt's heute Morgen Neues? werden wir gluͤcklicher ſein, als geſtern? denn bei Gott!.. wir treiben ein ungluͤckliches Spiel; ſeit zwei Tagen in 5 dieſen Gewäͤſſern zu ſein, ohne nur einem Kriegs⸗ ſegel zu begegnenz. es iſt zum Verzweifeln!“ „Die Wachen haben bis jetzt nichts ſignalirt, Herr Commandant; aber nach Ihren Befehlen iſt Alles auf den Fall eines Kampfes vorbereitet.“ „Gut, Herr Lieutenant; behalten Sie dieſelben Vorfuͤgungen bei, die Schiffslaternen, die Kufen, die Ruͤckzugs⸗Takel, die Gewehre, die Stuͤcke mö⸗ gen fortwahrend auf das geringſte Signal bereit ſein, und die Pulverkammern offen bleiben....— Hier unterbrach ſich der Graf und ſagte unge⸗ duldig zu Germeau:„Aber ſetze doch dieſe Locke weiter herunter!.... weiter herunter; Du machſt mich raſend,. erbaͤrmlicher Wicht!.. „Wir behalten doch die Bramſegel bei, Com⸗ mandant?—“ fragte Jean Thomas, ſeine Unge⸗ duld kaum baͤndigend. „Nein, Herr Lieutenant, nein, wir ziehen ſie ein; ſie mogen jedoch aufgedrehet bleiben, ſo wie auch die Kakatoös; ich liebe die hohen Segel nicht; man wird zu weit bemerkt, und man bezweckt da⸗ mit nur, den Feind zu erſchrecken, oder auch eine Neugier in ihm aufzuregen, welche zuweilen fuͤr die recht fatal iſt, die deren Gegenſtand ſind aber zum Teufel, mein Haarbeutel ſteht ja ganz in die Hoͤhe! Germeau... „Commandant,.. Commandant, zwei Ste— ſchrie St. Sauveur, indem er eiligſt in das Zimmer des Grafen ſtuͤrzte; denn dieſer junge Mann konnte die Begeiſterung nicht verbergen, welche die Hoffnung eines nahen Kam⸗ pfes in ihm erregte. „Ei, mein Gott!—“ ſagte Heinrich ganz ru⸗ hig,—„iſt es denn noͤthig, ſo ſtark zu ſchreien und ſo einen Laͤrm zu machen bei dieſer Nach⸗ richt? was ſind's denn fuͤr Segel?.. „Commandant,—“ erwiederte St. Sauveur etwas beſtuͤrzt,—„die Wache auf dem Fockmaſt hat ſie erſt dieſen Augenblick ſignalirt... man haͤlt ſie fuͤr einen Schooner und einen Kutter.“ „Ein Schooner und ein Kutter, ſehr we⸗ nig—“ ſagte der Graf verächtlich.—„Es muͤß⸗ ten denn Spione von irgend einem andern großern Schiffe ſein; denn in dieſe Gewaͤſſer wagen ſich ſo kleine Schiffe ſelten allein.... Endlich iſt dieſe verdammte Locke am rechten Platze,—“ rief Hein⸗ rich mit Wohlgefallen, indem er ſeine gekraͤuſelten Haare mit einem kleinen goldnen Meſſer, mit Perlmutter-Griff, geordnet hatte, das er ſtets bei ſich fuͤhrte. Hierauf gab er Thomas Befehl, die Schiffe zu beobachten, und ihm dann nahere Nachricht zu hinterbringen... Der Lieutenant empfahl ſich und ſtieg, von der Schiffswache begleitet, auf das Verdeck hinauf. * „Germeau,—“ ſagte Heinrich, indem er auf⸗ ſtand und ſich in einem prächtigen Spiegel beſah, —„Germeau, gieb mir meine große geſtickte Uni⸗ —- form,.. meine ſeidnen Schnuͤre und meine diamantenen Ordenskreuze; denn, bei Gott! heute oder niemals bietet ſich die Gelegenheit dar, Toi⸗ lette zu machen und den Englaͤndern zu zeigen, daß wir in Verſailles Geſchmack beſitzen.“ In dem Augenblicke, als der Graf ſein reiches Gewand anlegte, trat St. Sauveur ein, und dies⸗ „mal ruhiger... „Commandant, der Lieutenant laͤßt Ihnen ſagen, daß man außer dem Kutter und dem Schoo⸗ ner ſo eben auch eine Schnau und eine Fregatte ſignalirt.“ „Vortrefflich ich hatte es errathen, dieſe Fregatte gefaͤllt mir, ſie ſcheint nicht unbedeutend zu ſein; denn wenn es ruhmvoll iſt, einen Haifiſch zu harpuniren, ſo iſt es armſelig, die Harpune auf einen fliegenden Fiſch zu werfen. Und dieſe Schiffe ſegeln mit unſerm Winde, mein Herr?—“ fragte der Graf, welcher ſein mit koſtbaren Steinen be⸗ ſettes Ludwigskreuz befeſtigte und mit beſonderer Aufmerkſamkeit darauf ſah, daß ſein blaues Kleid die reiche goldne Stickerei ſeiner Scharlachweſte nicht zu ſehr bedeckte. „Ja, Herr Commandant, die Segel ſind uns uͤber Wind,—“ ſagte St. Sauveur. „Noch beſſer; was man auch ſagen mag, ich will lieber unter dem Winde kaͤmpfen; der Artille⸗ riedienſt iſt ſo bequemer und im Kampfe iſt das Neigen des Schiffs dem Gebrauche der Batterien — 284— keineswegs hinderlich.—“ Hierauf wandte er ſich an Germeau und ſagte:„Gieb mir meine Uhr mit der Perlenkette, meinen Solitaͤr, und meine Smaragddoſe, aber fuͤlle ſie mit ſpaniſchem Taback, denn die Englaͤnder ſchnupfen nur ſolchen, und wenn ich das Gluͤck habe, mit einem dieſer Gentlemen zuſammenzutreffen, ſo muß ich ihm nach dem Kampfe etwas nach ſeinem Geſchmacke anbieten koͤnnen; denn wir werden mit ihnen zu⸗ ſammenkommen, Herr v. St. Sauveur,—“ ſagte der Graf, ſich mit Lebhaftigkeit gegen den Officier der Wache wendend,„wir werden mit ihnen zu⸗ ſammenkommen, den Saͤbel in der einen, das Pi⸗ ſtol in der andern Hand; es ahnet mir, und um zu ſehen, ob ich mich nicht taͤuſche, haben Sie die Guͤte, dem Lieutenant zu ſagen, daß er die Leute an die Stuͤcke ſtellen, die Bramſegel und die Ka⸗ katoös aufziehen und auf den Feind ſteuern laſſen ſoll.. ich werde augenblicklich ſelbſt hinaufkom⸗ men.“ St. Sauveur gruͤßte und ging hinaus, uͤber die merkwuͤrdige Ruhe faſt betroffen, welche ſein Vorgeſetzter in ſolcher Lage zeigte. „Findeſt Du nicht, Germeau,—“ fragte der Graf,„daß die Schoͤße dieſes Kleides nicht gut fallen?. Der Kammerdiener unterſuchte dies mit der groͤßten Sorgfalt, und ſagte nach einigen Augen⸗ blicken:„Der Herr Graf haben Recht; der Herr — — 285 Graf koͤnnen dieſen Rock nicht anbehalten. Gluͤck⸗ licherweiſe habe ich mich vorgeſehen, denn Lenor⸗ mand hat uns drei große neue Uniformen gemacht, Herr Graf.“ „Gut, ſpute Dich und komm in die Gallerie zuruck, denn ich will dort einige Waffen ausſuchen, um entern zu koͤnnen.“ Nachdem der Graf auf die reiche Waffenſamm⸗ lung, welche ſeine Gallerie zierte, einen langen mu⸗ ſternden Blick geworfen, legte er zuerſt ein vor⸗ treffliches Paar Doppelpiſtolen, deren Batterie er probirte, bei Seite. Nachdem er ſie ſorgfaͤltig un⸗ terſucht und geladen hatte, nahm er noch einen krummen, ziemlich kurzen, aber ſehr breiten Saͤbel, deſſen dicker Korb und wundervoll gearbeiteter Griff die Fauſt und faſt den ganzen Vorderarm deckten. — Er bog die Damascener⸗Klinge von grauer und matter Farbe, unterſuchte ihre Spitze und Schaͤrfe, und ſtellte die naͤmlichen Verſuche mit einem prach⸗ tigen tuͤrkiſchen Dolche mit ſpitzer Klinge an, welche er noch zu den andern Waffen legte. Bald darauf erſchien Germeau mit dem neuen Kleide, welches ausgezeichnet gemacht war. „Das laſſe ich mir gefallen!“ ſagte der Graf, ſich im Spiegel beſehend,—„ſo kann man ſich präſentiren nun, meinen Hut mit den weißen Federn und mein Sprachrohr!— Dieſen gewalti⸗ gen Haufen von Waffen gieb einem Steuermanne und ſag ihm, daß er Alles auf meine Quartier⸗ bank lege,“— fuͤgte er hinzu, mit Muͤhe den ſchweren ledernen Gurt in die Hoͤhe hebend, wel⸗ cher den Saͤbel, die Piſtolen und den Dolch ent⸗ hielt.. Dann hing Heinrich nachlaͤſſig eine weißſeidene Scheide mit goldnem Griff uͤber die Schultern; es war jedoch nur eine Klinge von Fiſchbein an dieſem Scheindegen, welche man damals Federn nannte, ohne Zweifel wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit. „Ach,“ ſagte der Graf noch,„beinahe haͤtte ich vergeſſen..„ gieb mir lieber die Doſe vom Ad⸗ miral Byron; es wird von beſſerm Ge⸗ ſchmack zeugen, wenn ich einem Englaͤnder Taback anbieten ſollte.“ Und noch einen wohlgefalligen Blick auf das Ganze ſeiner Toilette werfend, pfluckte er aus ſei⸗ nem Blumenkaſten eine ſehr ſchoͤne Roſe, nahm ſie in den Mund(dieſe vertrat bei ihm die Stelle des wollenen Knaͤuls, welchen Moritz von Sachſen — und des Zahnſtochers, den Coligny noͤthig hatte) und ſtieg auf das Verdeck. In dem Augenblicke, als er erſchien, waren die Kanoniere auf den Caſtellen, die Maſtwache in den Maſten, die Matroſen am Fuße der Wandleitern, und der Lieutenant auf der Quartierbank. Bei dem Anblicke des Grafen, dieſes jungen und feurigen Capitains, der ſo ſchoͤn, ſo zierlich mit Gold und Diamanten, mit Azur und Schar⸗ — lach bedeckt war; bei dem Anblick dieſes großen Herrn, welcher ſich mit ſeiner gewoͤhnlichen An⸗ muth und Ungezwungenheit auf dem Verdecke zeigte, konnten ſich die Matroſen kaum der Be⸗ wunderung enthalten. Man wuͤrde ſich taͤuſchen, wenn man glaubte, daß ſolche ſinnliche, durch allen Glanz einer Pracht von gutem Geſchmack noch erhoͤhte Vorzuͤge nicht eine große Wirkung auf die lebhafte und rohe Ein⸗ bildungskraft der Seeleute hervorbringen. Da ſie mit ſich ſelbſt in ſtetem Widerſpruche lebten, ſo machte gleichſam inſtinktmäßig die Poeſie der Contraſte einen bedeutenden Eindruck auf ſie. Dieſer ausgeſuchte Putz am Bord eines Schif⸗ fes, dieſe Salontoilette mitten auf dem Deean, mußte ſie daher ſehr uͤberraſchen. Auch fuͤhlten ſich dieſe einfach gekleideten, ſchmuckloſen Menſchen faſt von einem gewiſſen Stolz hingeriſſen, als ſie ihren Commandanten in ſo praͤchtiger Kleidung er⸗ ſcheinen ſahen.— Denn um ins Feuer zu gehen, putzte ſich ihr Capitain ſo heraus.. und wenn ſie uͤbrigens dem Commandanten unterworfen wa⸗ ren, hing auch er ſeinerſeits von ihrem Muthe ab, „ſeine Kaltbluͤtigkeit von ihrer Kaltblutigkeit ſein guter Ruf von ihrem blinden Gehor⸗ ſam, mit einem Wort, ſie gehoͤrten ihm, wie er ihnen angehoͤrte; auch waren ſie ſtolz auf ihn, ſtolz auf ſeine Pracht, ſtolz auf ſeine Anmuth, eben ſo ſtolz wie auf die Sylphide, auf ihre Schoͤnheit und ihren glaͤnzenden Schmuck. Kurz, ich wiederhole es, es war ein Gefuͤhl von Stolz und Bewunderung, welches alle die gu⸗ ten, obgleich rauhen Geſichter bei dem Erſcheinen des Grafen mit Freude erfuͤllte. denn in der That, auf dem Antlitz Heinrichs herrſchte ſo viel Ruhe und Zuverſicht; es lag ein Ausdruck von ſolcher Feſtigkeit in den Zuͤgen ſeines mit der Roſe ſpielenden Mundes, ſo viel ſorgloſe Unerſchrocken⸗ heit in ſeinen ſchwarzen blitzenden Augen, daß die begeiſterte Liebe dieſer braven Seeleute zu ihm leicht begreiflich war, beſonders wenn ſie das Aeußere des Lieutenants mit dem des Grafen verglichen. In der That, Jean Thomas ſtach von dieſer glaͤnzenden Perſonificirung der damaligen Ariſto⸗ kratie in Allem ab;„ ſeine kurze und dicke Taille, ſeine gemeinen Zuͤge, ſein nachlaͤſſiges Haar, ſeine Kleidung, welche aus cyniſcher Abgeſchmackt⸗ heit alt und ſchmutzig war, vollendeten das Bild einer gemeinen und faſt abſtoßenden Geſtalt, ein Hauptgrund, weshalb Jean Thomas bei dem Schiffsvolke verhaßt war, welches zwiſchen dem phyſiſchen und moraliſchen Charakter dieſes Man⸗ nes und zwiſchen ſeinen unreinlichen Kleidern und ſeinem rohen Tone die vollkommenſte Uebereinſtim⸗ mung fand. Die jungen Officiere, obſchon ſehr ſorgfaltig auf ihre Haltung bedacht,... kamen doch dem Commandanten an Zierlichkeit und gutem Ge⸗ ſchmack nicht gleich. Als der Graf auf dem Verdeck angekommen war, ſprang er gewandt auf ſeine Quartierbank, und beobachtete von da aus mit ſeinem langen Perſpektive einige Zeit die Stellung und das Ma⸗ noͤvre des Feindes, welchem man ſich zuſehends naͤherte. „Potz tauſend!“ ſagte Meiſter Frank, indem er, wie vom Himmel gefallen, die Toilette des Gra⸗ fen betrachtete.—„Das heißt ein Commandant, das nenne ich mir geſchniegelt und gebuͤgelt bei meiner Treu, ich werde blind, ſo viel Gold und Juwelen hat er auf dem Leibe. wahrhaftig, es iſt ſchmeichelhaft, von einem ſolchen Capitain befehligt zu werden! Ich wollte wetten, ſeine Floͤhe können nicht einen Sprung machen, ohne mit den Fuͤßen in der tauſendfach Gold- und Diamanten⸗ blitzenden Stickerei, welche blendet, wie Sonnen⸗ ſtrahlen, haͤngen zu bleiben.“ „Mein Freund,“ ſagte Kergouöt, der Buͤrger⸗ kanonier, welcher die Inſpection fuhrte,„wenn Ihr Kenntniß von der großen Welt haͤttet, ſo ſolltet Ihr wiſſen, daß ein Commandant niemals Floͤhe hat. alſo trifft Eure Behauptung nicht, Mei⸗ ſter Frank,“— fuͤgte der Kanonier hinzu, in⸗ dem er mit wohlgefälliger Miene ſeinen Tadel be⸗ lachte Die Seewarte v. Koat⸗Vön. II. 19 — „O, Meiſter Kergouöt,“ nahm Frank unbefan⸗ gen das Wort,—„ſeht,„ich, ich habe von Floͤhen geſprochen, weil ich welche habe,. das iſt Alles.“ „Zum Henker! ich weiß es wohl,“ rief der Buͤrgerkanonier,„aber laßt uns von etwas Anderm ſprechen, Freund Frank.— Seht, da naͤhern wir uns dem Feinde. Aha! es ſcheint, als wenn ich Arbeit in meinem Kramladen be⸗ kommen ſollte! Denn es kommen Kaufleute auf uns zu.“ „O, wenn Ihr dieſe fuͤr Kaufleute haltet, Mei⸗ ſter Kergoust,“ ſchrie Frank, in ein Gelaͤchter aus⸗ brechend,„dann habt Ihr die Augen, wo ich die Nie⸗ ren habe, und Eure Beinkleider als Brille. „Ich nenne dieſe Fregatte, dieſen Kutter, die⸗ ſen Schooner und dieſe Schnau Kaufleute,*) Meiſter Frank,“ ſagte Kergoust, indem er dieſe Gegenſtaͤnde mit einer Art von Nachdruck und Bitterkeit aufzaͤhlte,—„ich nenne ſie Kaufleute, weil ſie kommen, um ſich in meinem Gewoͤlbe ei⸗ nen Vorrath von Kanonen⸗ und Flintenkugeln zu holen, womit ich ihnen ſogleich dienen will,. und ich werde gut meſſen, Eins zu auf's Dutzend. Der Buͤrgerkanonier ſtieg faſt aufgebracht auf Frank in ſeine Batterie hinab, weil er in die *) Das Original hat hier ein unüberſetzbares Wort⸗ ſpiel. Sicherheit ſeiner Augen und in ſeine Seekenntniſſe einen Zweifel zu ſetzen ſchien Aber Frank, der ihn bei dem Schoß ſeines ka⸗ ſtanienfarbigen breiten Rockes noch eben in dem Augenblick erwiſchte, wo er durch die kleine Lucke verſchwinden wollte, rief:„Halt, Kergouöt, verlaͤßt man ſo einen alten Matroſen?... Seht Ihr nicht, daß es bloß Spaß war?.. Denn ich weiß ſehr wohl, daß Ihr einen Seeraben an ſcharfem Geſicht uͤbertrefft, Potz Element!.... Kergouöt, man muß nicht ſo von einander ſcheiden, wenn man vielleicht nur noch einen Katzenſprung bis zum Grabe hat! Reicht mir alſo Eure Hand;.. noch eine Hand, bei Gott!“.. „Ihr habt Recht, Frank,. mein lieber Frank,“ — ſagte der Kanonier, indem er wieder hinaufſtieg, um noch ein Mal freundſchaftlich die ſchwielige Hand des Equipagemeiſters zu drücken.—„Ein todter Hund beißt nicht mehr, wie man ſagt. Ohne Groll, alter Frank!“ Pierauf ſtieg der Kanonier in ſeine Batterie hinab. In dieſem Augenblick konnte man die vier Kriegsſchiffe mit unbewaffneten Augen deutlich ſe⸗ hen. Heinrich drehte ſein Fernglas zu, nahm die Roſe aus ſeinem Munde, und ſagte mit lauter Stimme zur Equipage, indem er mit der Spitze ſeines mit weißen Federn beſetzten Hutes auf den Feind zeigte: 1 — 292— „Kinder, laßt uns eilen, dieſe vier Englaͤnder zu nehmen, denn man erwartet uns in Amerika; und wenn wir einmal dort ſind, verſpreche ich Euch, außer Eurem Antheil an der Priſe, hundert Louis⸗ d'or, um auf die Geſundheit des Königs zu trin⸗ ken es lebe der Koͤnig! meine Freunde, er lebe!“. „Es lebe der Koͤnig!“— wiederholte die Equi⸗ page mit Begeiſterung; denn dieſe wenigen Worte hatten die beſte Wirkung hervorgebracht. Die Zu⸗ verſicht, mit welcher der Graf die Schiffe, mit de⸗ nen man erſt kaͤmpfen ſollte, wie ſchon genommen betrachtete, bewies das ganze Zutrauen, welches er in ſeine Equipage ſetzte. Und dieſe Anmaßung brachte die maͤchtigſte Triebfeder des Menſchen und beſonders des Seemanns, die Eigenliebe, ins Spiel. Hierauf wandte er ſich an den Lieutenant:„Ge⸗ hen Sie auf das Vordertheil,„. Herr Lieute⸗ nantz ich bitte Sie darum, hoͤren Sie aufmerkſam auf meine geringſten Befehle,“— ſagte Heinrich. Jean Thomas begab ſich an ſeinen Poſten. „Herr von Miran,.. Sie werden die Manoͤvres leiten. Sie, Herr von St. Sauveur, wer⸗ den die Guͤte haben, den Herrn von Monval zu fragen, ob Alles in der Batterie bereit ſei, wo Sie Lieutenantsſtelle vertreten moͤgen.“ „Die Mannſchaft iſt an ihren Stuͤcken, Com⸗ mandant,“ rapportirte St. Sauveur. — 2203— Heinrich erhob ſeine edle Geſtalt, und rief mit blitzenden Augen und begeiſtertem Muthe, ſich an ſeine Officiere wendend:„Wohlan, meine Herten, laſſen Sie uns an den Ruhm Frankreichs denken, und uns als Edelleute zeigen! Es lebe der Koͤnig!“ „Es lebe der Koͤnig!“ wiederholten alle Of⸗ ficiere. „Jetzt, Herr von Miran, die große weiße Flagge aufgezogen und dieſe Handlung durch einen Kano⸗ nenſchuß bekräftigt Er rufe laut und weit hin:„Frankreich;“ wir wollen ſehen, was dieſe Unbekannten barauf antworten werden.“ Und in demſelben Augenblick erhob ſich maſe⸗ ſtätiſch an dem Hißtau eine unermeßliche weiße Flagge. „Die Huͤte herab, meine Herren,“— ſagte Heinrich mit Nachdruck, indem er ſein Haupt ent⸗ b„und Ihr, Tambours, ruͤhrt die Trommel... Die Tambours wirbelten, Officiere und Ma⸗ troſen entbloͤßten mit heiliger Ehrfurcht vor dieſem königlichen Sinnbild, welches langſam laͤngs des Hißtaues aufſtieg, ihr Haupt. In dem Augen⸗ blick, wo die Flagge feſt ſtand, ertonte auf der Oberflaͤche des Oceans ein Kanonenſchuß.. Kaum war er verhallt, als die vier Schiffe die engliſche Flagge aufzogen, und den Kanonenſchuß erwiederten. — „Sieh da, dieſe Herren beſitzen Lebensart,“ ſagte Heinrich, da er das Manoͤvre des Feindes wahrnahm;„ſie erwiedern unſere Artigkeit; ſie nennen ſich und antworten:„England“... „Herr von Miran, laſſen Sie Jagd auf ſie achen 3wanzigſtes Kapitel. Doria hat Fiesko beſiegt. Schiller. Kam pf. No. 1. Die Batterie. Ich habe am Bord unſerer Schiffe die Be⸗ merkung gemacht, daß die letzten, einem See⸗ kampfe vorhergehenden Augenblicke ſich ſtets durch die tiefe Stille auszeichnen, welche das Schiffsvolk beobachtet, durch den ſonderbaren Ausdruck einer gewiſſen unruhigen Neugier oder des Nachdenkens welches auf Aller Antlitz gelagert iſt. Je mehr man ſich einem entſcheidenden Augen⸗ blicke naͤhert, deſto ernſthafter werden in der That die Gedanken des Menſchen. Die edle Begeiſte⸗ rung, welche die Gewißheit eines Kampfes entzun⸗ — 296— det, ergießt ſich, und geht eine Stunde vor dem Kampfe in Freudengeſchrei uͤber. Aber wenn uns nur noch zehn Minuten von dem Beginn des Kampfes trennen, behaͤlt vor allem Andern die Liebe zum Leben die Oberhand. Man zittert nicht, im Gegentheil, man wird nachdenkend; man ſieht ruhig der Annaͤherung eines Gluckswechſels entge⸗ gen; und in einer ſolchen Stunde wird man, wie ich hoffe, dem Tapferſten erlauben, die Bemerkung zu machen, daß die Kanone fuͤr ihn eine Frage auf Leben und Tod entſcheiden ſoll. Alſo iſt nach meiner Meinung dieſer kalte Kampf des beſonnenen Muthes gegen den erhal— tenden Naturtrieb der ſchoͤnſte Muth, den ich mir denken kann, und er zeichnet vor allen die franzö⸗ ſiſche Nation aus. Der ſicherſte Beweis davon iſt, daß man unſere Seeleute niemals vor dem Kampfe berauſcht. Sie ſchlagen ſich mit der groͤß⸗ ten Vernunft und ſehen allen Gefahren, welchen ſie trotzen ſollen, muthig ins Auge. Bei andern Nationen im Gegentheil berauſcht man ſie halb, um ihnen gleichſam die Gefahr zu verſchleiern; man flößt der Equipage bei einem ſol— chen Zuſtande eine ungeſtuͤmere und blindere Kuͤhn⸗ heit ein, aber man raubt ihnen dadurch das Koſt⸗ barſte bei einem Seegefechte:— die Beurtheilungs⸗ kraft und die Kaltbluͤtigkeit, unumgaͤnglich noth⸗ wendige Eigenſchaften, wenn es ſich nicht allein * darum handelt, Menſchen, ſondern auch noch Feuer, Waſſer, Winde und Felſen zu bekämpfen. Moͤgen in einer Feldſchlacht immerhin ganze Regimenter berauſcht ſein, ſo iſt die Gefahr gerin⸗ ger; man will nur die Maſſen durchbrechen. Man ſtuͤrzt ſich blindlings hinein; man dringt vor oder bleibt zuruͤck. Man geht aufrecht oder man ſtrau⸗ chelt, wenigſtens fehlt der feſte Boden nicht. Am Bord aber kann ein Seil, ein einziges unvorſichti⸗ gerweiſe losgelaſſenes Tau, eine dem Steuerruder falſch gegebene Richtung, die Sicherheit des Schiffs und des ganzen Schiffsvolks auf das Spiel ſetzen; man wird alſo die unumgängliche Nothwendigkeit der Nuͤchternheit begreifen. Dieſe feierliche Stille, der imponirende Vorlaͤu⸗ fer eines Kampfes, herrſchte ſo auch am Bord der Sylphide, waͤhrend ſie die kleine Entfernung durch⸗ ſegelte, welche ſie noch von dem Feinde trennte. Die Englaͤnder hatten immer den Wind. Der Kutter diente als Vortrab und Kundſchafter die⸗ ſer kleinen Diviſion. die Fregatte und die Schnau bildeten das Mitteltreffen, und der Schoo⸗ ner folgte als Reſervecorps. Die Batterie der Sylphide gewährte einen praͤch⸗ tigen Anblick. Alle Ober- und Unterkanoniere ſtanden gerade, ſtillſchweigend und unbeweglich bei ihren Kanonen. Lunten rauchten von Entfernung zu Entfernung in den Waſſerkufen. Die Schiffs⸗ jungen, welche die Kanonen mit Pulver zu verſor⸗ — 298— gen hatten, waren mit ihren Stuͤckpatronen am Eingange der Pulverkammer aufgeſtellt. Alle Luk⸗ kenladen der Decke und des Fußbodens der Bat⸗ terie waren, die mittlern ausgenommen, verſchloſ⸗ ſen, welche Letztern zur Verbindung zwiſchen dem untern Raume der Batterie und dem Verdecke dienten. Denn dieſe Art eines breiten viereckigen Ziehbrunnens, welcher ſenkrecht die verſchiedenen Stockwerke des Schiffes durchkreuzte, ging vom unterſten Schiffsraume bis aufs Verdeck. In dieſem leeren Raume wurde mit Winden ein Gurt⸗ ſtuhl herauf- und herabgelaſſen, um die Verwun⸗ deten zu holen und ſie in die Tiefe der Fregatte hinabzubringen, wo ſie in großerer Sicherheit den zeitlichen Sorgen des Dr. Gédeon und den geiſtli⸗ chen Troſtungen des Schiffspredigers anvertraut waren. Monval, mit der Batterie beauftragt, ſtand am Fuße der Winde, auf ſeinen bloßen Degen geſtutzt, mit welchem er Feuer kommandiren wollte; denn wenn einmal der Kampf ſich entſponnen hatte, war es unmöglich, ſich anders als durch Zeichen ver⸗ ſtaͤndlich zu machen. Kergouẽt hatte ſeinen Poſten neben Monvalz— ſo wie der Graf, konnte auch der Buͤrgerkanonier ſich nicht ſchlagen, ohne ſeine Toilette gemacht zu haben; auch hatte der wuͤrdige Meiſter, nachdem er von dem Loſophen raſirt, gepudert und pomadi⸗ ſirt worden war, ein elegantes kaſtanienfarbenes — Fleid mit Stahlknoͤpfen angezogen, welches von der Weiße ſeiner mit einer Weinguirlande geſtickten Weſte von Bazin koͤſtlich abſtach; hierzu kamen noch Beinkleider von Gemſenleder, grauſeidene chine⸗ ſiſche Struͤmpfe, ein Halskragen und ein battiſte⸗ nes Jabot, lange Manſchetten, welche er zu groͤße⸗ rer Bequemlichkeit zuruͤckgeſchlagen hatte; zaͤhlt man nun noch den breiten dreieckigen Hut hinzu, ſo hat man ein vollkommenes Bild von dieſem buͤrgerli⸗ chen Kanonier. Man haͤtte, mit einem Worte, dieſen galanten Mann fuͤr einen der friedfertigſten und beſcheiden⸗ ſten Buͤrger der Straße von St. Denis gehalten, wenn er nicht ein Paar Doppelpiſtolen und einen breiten und blitzenden Säbel ohne Scheide, zum Entern, in ſeinem Gurte gefuͤhrt haͤtte. Ich ſage nichts von der Streitaxt, welche er ergriffen hatte, aber nur der Haltung wegen,— wie er,— nach ſeinem eignen Ausdrucke,— ſei⸗ nen Stock oder ſeinen Regenſchirm in die Hand genommen haben wuͤrde... Indem Meiſter Kergoust ſich dem Fähnrich näherte und ihn ehrfurchtsvoll gruͤßte, ſagte er: „Wuͤrden Sie mir wohl erlauben, Herr von Mon⸗ val, dieſen Kindern zwei Worte zu inſinuiren?. die Art kennt mich;. und vor der Sache wurde das vielleicht keine üble Wirkung hervor⸗ bringen. „Immer zu,—“ entgegnete Monval... 300— „Meine Herren,—“ ſagte der Meiſter,— „mit der Erlaubniß unſers Officiers will ich an Euch eine Frage thun.. wir haben eine Rech⸗ nung abzuſchließen mit vier Schiffen, nicht wahr? aber das iſt nicht die Folge, daß ſie vier ge⸗ gen eins ſind, denn hier habt Ihr die Ur⸗ ſache warum:„ein buͤrgerlicher Kanonier wiegt vier Landſoldaten auf, nicht wahr, meine Herren?“ Ja, 3, Meiſter,“ erwiederten lärmend die Kanoniere, erfreut, das Stillſchweigen, welches ihnen, beſonders in dieſem Augenblicke, zur Laſt wurde, brechen zu können. „Vier Sechsfrankenſtuͤcke,“ fuhr Meiſter Ker⸗ gouöt fort,„ſind nicht mehr als ein Louisd'or werth?“ „Nein, nein, Meiſter,“ ſagten die Matroſen. „Nun gut, meine Herren, lieben Kinder, ſeht durch das Schießloch, und Ihr werdet einen Schoo⸗ ner, eine Schnau, einen Kutter und eine eng⸗ liſche Fregatte erblicken, dies macht gerade die Muͤnze einer franzöſiſchen Fregatte, wie die Sylphide iſt, aus. Alſo, wir Kaufleute wiſſen wohl, daß die großen Stuͤcke immer mehr Werth haben, als die Muͤnze.„ „Kaufleute Kaufleute,“— murmelte der Hochbootsmann Rapin,„ja,— Kaufleute, welche mit Beilſchlgen, mit Kartätſchen, mit glu⸗ henden Kugeln handeln...“ — 301— „Und dann, meine Kinder,“ ſagte Meiſter Ker⸗ gouöt,„iſt das Gluͤck auf unſerer Seite; die Weiſ⸗ ſagungen.„4 „Genug, genug, Meiſter,“— nahm Monval, den Kanonier unterbrechend, das Wort;„was die Weiſſagungen betrifft, Kinder, ſo iſt die beſte Weiſ⸗ ſagung fur die Wegnahme eines Schiffs ein guter Schuß, welchen man ihm in's volle Holz oder in ſein Takelwerk zuſchickt.. deshalb heißt richtig zielen, richtig errathen. Jetzt Ruhe!“ „Der Officier hat Recht,“— ſagte ganz leiſe Lukas zu Jvon, einem Matroſen,—„man macht ſich ſeine Weiſſagungen ſelbſt. ſiehſt du, Jvon, das iſt ſichererz es iſt gerade ſo, als der Lo⸗ ſophe den Gibard fragte, um ihn zu vexiren:„Wer hat Euch Euren Zopf gemacht, Gibard? und der verw... Gibard derb antwortete:„Wer mir meinen Zopf gemacht hat? ich habe mir ihn ſelbſt gemacht, Loſophe.. Ungluͤcklicherweiſe wurde Lukas in der Erinne⸗ rung der ſo feinen, ſcharfſinnigen und beißenden Erwiederung unterbrochen, denn das Sprachrohr, welches mit dem Verdecke und der Batterie in Verbindung ſteht, ließ folgenden Befehl des Gra⸗ fen vernehmen: „Nieder, Kanoniere! Jeder in die Richtlinie;. und gebt nicht ohne Befehl Feuer.“ Monval wiederholte dies Commando, und alle Kanoniere legten ſich ſogleich an ihre Stucke. — 302— Meiſter Kergouöt und Monval, die allein ſte⸗ hen blieben, ſtellten ſich auch in Schutz hinter die Erdwinde. Die Lage, welche man die Kanoniere nehmen ließ, bewies deutlich, daß von einer Secunde zur andern die Kugeln des Feindes in die Batterie reg⸗ nen wuͤrden; daß aber der Commandant, welcher das Feuer noch nicht anzufangen wuͤnſchte, nicht unnothigerweiſe das Leben ſeiner Equipage auf's Spiel ſetzen wollte. Da einmal die Rede davon iſt, ſo iſt es um den Poſten eines Kanoniers eine ſonderbare Sache, weil et von allen Manoͤvres, welche das Schiff macht, faſt nicht eines ſieht, nicht weiß, ob es flieht oder vorwaͤrts geht, und kaum die Wirkung ſeiner Schuͤſſe beurtheilen kann. Gefuhllos, wie ſeine Kanone, entſcheidet er uͤber das Schickſal eines Kampfes, und iſt demſelben daher ſo fremd, daß ihm nach dem Kampfe oft die geringſten Umſtaͤnde davon unbekannt ſind. Wie ſchon geſagt, der Befehl, ſich niederzule⸗ gen, verkuͤndete den Kanonieren der Sylphide, daß ſie gefaßt ſein ſollten, eine feindliche Ladung zu empfangen; es war kein Athemzug mehr zu hoͤ⸗ ren, und jeder Matroſe empfand ein ſonderbares Gefuͤhl von Erwartung und Ungeduld, welches dem ſehr ähnlich zu ſein ſcheint, das man im Thea⸗ ter fuͤhlt, wenn man weiß, daß ein Flintenſchuß — 303— fallen ſoll, ohne jedoch zu wiſſen, in welchem Au⸗ genblick und in welcher Richtung. „Nun, meine Herren,—“ ſagte Meiſter Ker⸗ gouöt ſcherzend,—„da Ihr Euch jetzt niederge⸗ legt habt, ſo laßt Euch nicht etwa einfallen, ein⸗ zuſchlafen und ſtaͤrker zu ſchnarchen, als Euere Kanonen... „Potz Element, Meiſter Kergoust,“ ſagte der Beibootsmann Rapin,—„dafuͤr kann man nicht gut ſtehen, und wenn man einmal einen Schuß erhalten hat, ſo wette ich, daß es weichliche Kerle giebt, die Memmen genug ſind, lieber gar nicht mehr aufzuſtehen.“ Meiſter Kergouöt, ſtatt zu antworten, ergriff Monval beim Arme, und zog ihn hinter Bakbord, indem er rief:„Vorgeſehen!“ In dieſem Augenblick wurde die Linie von Waſſer und Horizont, welche man durch die Schieß⸗ locher ſah, von der engliſchen Fregatte verdeckt. Ein heller Feuerſchein blitzte uber den Wogen; man hoͤrte einen fuͤrchterlichen Donner, und ſau⸗ ſend flogen einige Kanonenkugeln in die Batterie, waͤhrend andere, die Kraft verlierend, von außen ſtecken blieben, und die Wände des Schiffes er⸗ ſchuͤtterten. Hierauf ſah man an der Stelle der verſchwun⸗ denen engliſchen Fregatte eine dunkle Rauchwolke, welche der Wind der Sylphide zutrieb. „Die Kanoniere bleiben noch in der vorigen Lage,—“ wiederholte das große Sprachrohr. Als die erſte Betaͤubung voruͤber war, wende⸗ ten die Kanoniere ihre Koͤpfe, ohne jedoch aufzuſte⸗ hen, nach allen Seiten hin, um die Wirkung die⸗ ſer Ladung zu entdecken, und indem Meiſter Ker⸗ gouöt den Hals ausſtreckte„ ſagte er zu Mon⸗ val:„Es iſt eben kein großer Schaden geſchehen, wie ich glaube; Splitter„ und oaber ja! Herr Lieutenant, da verläßt eben ein armer Teu⸗ fel ſeinen Poſten, und ein anderer waͤlzt ſich, und zappelt wie ein Wahnſinniger nun, nun Ihr Andern,“ ſagte er, indem er ſich an ſeine Kanoniere wandte,—„haltet ihn doch, Ihr fuͤrch⸗ tet Euch wohl gar, er moͤchte Euch beißen?„ „Das iſt einer von den Schlaͤfern, von welchen ich ſo eben ſprach, Meiſter Kergouöt,—“ nahm Rapin das Wort.—„Er hat einen ſchlechten Traum, aber nicht doch,.. jetzt iſt er ruhig... noch ein Karpfenſprung, und dann biſt du gebak⸗ ken; gute Nacht, Alter. ſo iſt's recht! der Kerl iſt wie ein Hund krepirt, krepirt, ohne daß er ſich nur hat die Stiefeln durch den Pfaffen ſchmie⸗ ren laſſen.“ Und er war wirklich todt, denn eine Kanonenku⸗ gel war ihm in die Seite gedrungen, und hatte ihm den hintern Theil der Hirnſchale weggeriſſen. „Heda! den Stuhl!—“ ſchrie Meiſter Ker⸗ gouöt durch die Lucke in das Verdeck hinauf. — 305— „Es iſt Jemand darauf!—“ antwortete eine klare und verſtellte ſpoͤttiſche Stimme.— Und in demſelben Augenblicke kam der Stuhl herab und auf ihm der verwundete Loſophe, welcher St. Meédard in ſeinem Arme hielt. „Halt doch, halt, Loſophe,—“ ſagte Meiſter Kergouöt, indem er den Stuhl unterwegs aufhielt und ihn auf den Fußboden der Batterie zog. Waͤh⸗ rend er hierauf dem Lieutenant der Magie den Körper des geſtorbenen Matroſen zeigte, ſagte er: ſei doch ſo artig, und nimm hier den ar⸗ men Peter mit es wird eine Reiſe erſparen und Dir Geſellſchaft verſchaffen...“ „Mein Handkutſchchen ſteht Euch zu Dien⸗ ſten, Meiſter Kergout; ruͤcke zu, St. Médard, mache dieſem Herrn Platz,—“ ſagte der Loſophe, auf den Todten zeigend, welchen er mitnahm. Jetzt verſchwand er, rufend:„Ho! He!... Hu! auf⸗ geſchaut!... Platz meiner Equipage. Kopf weg da unten!... Und der Todte, der Hund und der Lebende gelangten in die Tiefe des unterſten Raumes hinab. Einige Minuten nachher wurde der noch feuchte und blutbefleckte Stuhl wieder heraufgezogen, und blieb bei der Batterie ſtehen;. zwei Kanoniere ſtanden auf und ſetzten in der Eile ihren verwun⸗ deten Kameraden darauf. „Meiſter,“ ſagte Monval, indem er Kergouẽt den Ort zeigte, wo der Kanonier getoͤdtet worden Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 20 — 306— war,—„Meiſter, laſſen Sie doch dies Blut weg⸗ waſchen,. ſolche Spuren taugen nicht fur die Augen der Equipage!—“ „Schiffsjunge,—“ ſchrie der Meiſter einem Stuͤckknecht zu,—„laß deinen Patronenkorb ſte⸗ hen, komm mit einem naſſen Beſen hierher, und mache hier rein. ſo ſteh doch nicht auf, Dumm⸗ kopf, du mußt auf allen Vieren kriechen.—“ Hier⸗ auf wandte er ſich an ſeine Kanoniere und ſagte, indem er ihnen die blutigen Spuren zeigte:„Zum Teufel!. was wollt Ihr, meine Kinder?“.. dergleichen fällt in jedem Kramladen vör; man kann keinen Handel treiben, ohne daß Waare zer⸗ brochen oder verloren wird„deshalb ſind wir nicht mehr Soldaten,— der Staat verliert! und das iſt Alles.“ Der Schiffsjunge kam, trocknete das Blut, welches wie in breiten Rinnen im Schiffe herab⸗ floß, auf, und begab ſich wieder auf ſeinen Poſten. Noch immer war es ſtill wie vorherz aber nach Verlauf einiger Minuten wurde dieſe Ruhe durch ein ſo ſtarkes Stampfen auf dem Verdeck unterbrochen, daß die Batterie erzitterte; die hellts⸗ nende Stimme Heinrichs, welche man noch vorhoͤrte, ließ folgende Worte vernehmen:„Legt um!... „Legt um!“ wiederholte die ſtarke Stimme Jean Thomas. „Nun ſind wir auf dem rechten Flecke,“ ſagte Monval, der aus dieſem Manoͤvre errieth, daß der — 307— Graf ſich nahe genug bei dem Feind glaubte, um ſein Feuer beginnen zu koͤnnen. Die Sylphide blieb einige Augenblicke in un⸗ entſchiedener Richtung, bis ſie durch den Helmſtock in Bewegung geſetzt wurde dann neigte ſie ſich von der Rechten zur Linken; kaum war dieſes Manoͤvre ausgefuͤhrt, als durch das Sprachrohr die Worte ertoͤnten: „Feuer!.. Feuer!„ Steuerbord!. „An Euere Stuͤcke, Kinder; zielt auf's volle Holz, und Feuer auf den Englaͤnder.— Feuer...“ — wiederholte Monval. Auf dieſen Befehl erhoben ſich die Kanoniere mit Wuth.„die Ladung ward abgebrannt, und die Sylphide erbebte in ihrem Gerippe. Von dieſem Augenblicke an horte man Schuß auf Schuß.— Eine dichte Rauchwolke verbrei⸗ tete ſich in der Batterie; denn da die Sylphide unter dem Winde kaämpfte, hatte ſie dieſen Nachtheil.— Monval und Meiſter Kergoust laufen von einem Stuͤcke zum andern, um die Leute anzufeuern; bei jeder Ladung dringt das Geſchrei„es lebe der Ko⸗ nig“ bis in den unterſten Schiffsraum.— Zu dieſem begeiſternden Geſchrei, zu dem Kanonen⸗ donner, geſellen ſich die Klagen der Verwundeten, der dröhnende Wiederhall der Kanonen auf ihren Unterlagen, die mißtoͤnenden Stimmen der an dem Eingange der Pulverkammer ſtehenden Schiffs⸗ jungen, welche mit großem Geſchrei 2 — 308— verlangen, das Wirbeln der Trommeln und die gegenſeitigen Zurufe der Matroſen. Die ſchwereren Artillerieſtuͤcke der Sylphide werden mit unglaublicher Schnelligkeit gehandhabt. Die Kanoniere ſtrecken die Hälfte des Koͤrpers uͤber die Schießſcharten hinaus, um den Ladeſtock beſſer ſpielen zu laſſen. Alles dies geſchieht wie in einem wuͤthenden, doch mechaniſchen Wahnſinn.— Alle Manoͤvres ſind geordnet, wie bei einem blinden Exercitium;— aber ſie ſind lebhaft, hitzig;— ſie ſind gegen einen blinden Kampf, was die Wirk⸗ lichkeit gegen eine Erzaͤhlung, was das Echo gegen den Schall iſt, welcher es hervorbringt; man ſollte glauben, daß Alles ſich belebe, daß die Kanonen brullen, die Takel von ſelbſt erſtarren, und die Syl⸗ phide ſich wie eine wuthende Tigerin gebehrde... Aber mitten unter dem ſchrecklichen Tumulte dieſes blutduͤrſtigen Kampfes, ſieht man ploͤtzlich den Stuhl der Verwundeten, ſtatt daß er leer aus dem Schiffsraume, wie gewoͤhnlich, heraufkam, mit dem ſtets ruhigen Rumphius erſcheinen, welcher, ein Thermometer in der Hand und einen Heber zwiſchen den Zaͤhnen, ſich ſo gut er konnte an den Stricken des Stuhles feſthielt.— Dieſer ungluͤckliche Aſtronom, welcher mitten unter dem Lärm Gelegenheit gefunden hatte, Sul⸗ pizius zu entwiſchen, war auf den Stuhl geſtiegen, ohne daß Jemand daran gedacht hatte, ihn zu ver⸗ 1 3 — 309— hindern, um auf dem Verdecke ſeine Experimente mit dem Drucke der Luft zu machen. Der Stuhl ging alſo hinauf; Rumphius ſtieg ab und befand ſich auf dem Verdecke, mitten im ſtaͤrkſten Kampfe; mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit von der Welt wählte er den Bogſprietmaſt als einen zu ſeinen Experimenten vollkommen geeigne⸗ ten Platz, fluͤchtete ſich dahin, und verſchwand hin⸗ ter der Maſtumhegung. Kampf. Nro. 2. Das Verdeck. Das obere Verdeck der Sylphide bot einen weit verſchiedenartigern Anblick dar, als ihre Batterie, welche einer bedeckten und verſchanzten Feld-Bat⸗ terie glich. Von außen belebte das Manoͤvre der Segel, das Feuer aus den Steinſtuͤcken, deren gäh⸗ nende Muͤndungen ſich gegen die Batayolen ſtutzten, die Vorbereitungen zum Entern, dieſes Gemaͤlde; was ihm aber eine eigenthuͤmliche Farbe verlieh, war der dicke und gelbe Schwefeldampf, der es in ein Halbdunkel verhuͤllte, ſo daß die gluͤ⸗ — 310— hende Sonne der Azoren, welche dieſen Dunſt nicht mehr durchdringen konnte, nur noch wie eine blut⸗ rothe, ſtrahlenloſe Scheibe erſchien. Auf dem Vor⸗ dertheile der Fregatte war der Haufen der Matro⸗ ſen duͤnner geworden. Unter denen, die noch uͤbrig geblieben, verſtopften die Einen in der Eile einige Loͤcher, welche die engliſche Artillerie in den Boll⸗ werken gemacht hatte, die Andern ſchraubten das Viſier auf den Kanonen feſter. Am Hintertheile der Fregatte befand ſich Heinrich, ruhig auf ſeiner Quartierbank ſitzend; er hielt ſich mit der einen Hand an dem Tau des Hintermaſtes, mit der an⸗ dern zeigte er einer Gruppe von Bootsmannern, wovon einige mit Ladung der Flinten beſchäftigt waren, ein zerſchoſſenes Tauwerk. Der Graf blieb ruhig, aber die Hitze des Kampfes faͤrbte ſeine Wan⸗ gen, entzuͤndete ſeinen Blick. Hierauf faßte die engliſche Fregatte ein wenig den Wind, ohne Zweifel, um leichten Schaden wieder gut zu machen. Heinrich ahmte ihr Manoͤvre nach, ohne ſich jedoch zu ſehr zu naͤhern, und nahm auf dieſe Weiſe eine Art von ſtillſchweigendem Waffenſtillſtand an, um neue Verfuͤgungen zu tref⸗ fen, oder die Taue auszubeſſern. Die drei kleinen mit der Fregatte vereinten Schiffe blieben immer in einiger Entfernung, und verurſachten der Sylphide durch ihr leichtes, weit⸗ tragendes Geſchuͤtz nicht unbedeutenden Schaden; da ſie aber das Manoͤvre ihres Hauptſchiffes ſahen, — 311— ahmten ſie es nach, und einige Minuten ſchwieg die Artillerie auf dieſem Felde des Gemetzels. Faſt in demſelben Augenblicke kam der Kalfa⸗ terer auf das Verdeck.— Ungeachtet ſeiner ganzen Kaltbluͤtigkeit errieth man an ſeiner Blaͤſſe, daß er eine wichtige Entdeckung machen werde. Er na⸗ herte ſich ſchnell dem Grafen und ſagte ihm zwei Worte in's Ohr... Heinrichs Antlitz blieb ruhig;. er zog ſeine Augenbrauen zuſammen, ſetzte ſein Sprachrohr an den Mund und rief Jean Thomas. Der Lieutenant eilte auf dieſen Befehl herbei. Heinrich ſagte ihm einige Worte in's Ohr, worauf Thomas, dem Kalfaterer folgend, mit die⸗ ſem durch die kleine Luckenlade auf dem Vorder⸗ theile des Schiffes verſchwand. Die wenigen Worte aber, welche der Kalfaterer ganz leiſe zu Heinrich ſprach, bedeuteten, daß die Sylphide unter dem Waſſerſpiegel zwei Kanonen⸗ ſchuſſe erhalten hätte, und ſich ein fuͤrchterlicher Leck zeige, ſo daß, wenn die Pumpe nicht retten könnte, die Fregatte von einem Augenblick zum an⸗ dern der Gefahr ausgeſetzt waͤre, unterzugehen... Heinrich hatte alſo dem Lieutenant befohlen, bei dem wichtigen Manoͤvre zu ſein, welches der Kalfaterer ausfuhren ſollte, um dieſem Uebelſtande abzuhelfen.. Allein der Graf beſaß eine ſolche Gewalt uͤber ſich ſelbſt, daß ſein gefuͤhlloſes Antltz keine Unruhe — 312— . verrieth. Hierauf wandte er ſich an Miran, wel⸗ cher einige Befehle an Meiſter Frank gab, der den großen Maſtkorb unterſucht hatte und ſo eben herabſtieg. „Nun, mein Herr!“ ſagte er zu ihm, indem er ſeinen betreßten Hut abnahm und ſich leicht die Stirn abwiſchte,„das iſt ein ſchoͤnes Stuͤck Arbeit fuͤr uns, bei Gott! ſeit meinem letzten Kampfe mit dem Robuſte habe ich kein ſo wohl genaͤhrtes Feuer geſehen; dieſe Englaͤnder ſchlagen ſich gut; wir koͤnnen einige gute Manovres von ihnen lernen, die uns ſehr nuͤtzlich ſein werden... aber ſehen Sie doch, wie durch dieſen Pulverdampf die Sti⸗ ckereien beſchwärzt werden,... es iſt abſcheulich; man ſieht aus, als kaͤme man aus einer Schmiede,—“ fuͤgte der Graf hinzu, indem er mit der Spitze ſeines Fingers einen Aufſchlag ſei⸗ nes Kleides abſtäubte. „Ohne in Anſchlag zu bringen,“ ſagte Miran, „daß Ihre ſeidnen Struͤmpfe ganz voll Blut ſind; aber es iſt doch nicht das Ihre, Commandant?“ „Nein, der verteufelte Bootsmann, wel⸗ cher mit der Naſe auf dem Verdeck liegt, wird mich im Fallen beſpritzt haben denn wir verlieren Leute, Herr von Miran, und in nicht ge⸗ ringer Zahl.“ Da der Graf ſeine Unruhe nicht unterdrucken konnte, ſagte er, mit dem Fuße ſtampfend:„Bei 1 ¹ — 313— Gott!.... der Lieutenant laͤßt lange auf ſich warten. Da kommt die Fregatte auf uns zu.“— Er näherte ſich dem Fähnrich, und rief ihm mit leiſer Stimme zu:„Laſſen Sie von dem, was ich Ihnen anvertrauen werde, kein Wort fallen.“ Aber bevor der Graf noch ausgeſprochen hatte, erſchien der Lieutenant wieder auf dem Verdecke, ging auf Heinrich zu und ſagte:„Es iſt Alles wieder in Ordnung,„ Commandant!“ „Schoͤn, Herr Lieutenant,—“ erwiederte der Graf mit innerer Freude,„kehren Sie auf das Vordertheil des Schiffes zuruͤck...“ Der Graf wandte ſich hierauf mit den Worten wieder an den Faͤhnrich:„Wiſſen Sie, was uns ſo eben begegnet iſt, Herr von Miran? Ein Leck unter der Waſſerlinie. fuͤnf Minuten noch— und wir ſanken. Jetzt wollen wir,“ fuhr der Graf fort, indem er auf ſeine Quartierbank ſprang,— „dieſem engliſchen Edelmanne die Haͤlfte Wegs erſparen; laſſen Sie gegen den Wind ſtechen, Fähnrich, und Sie, Bootsmann, benachrichtigen Sie den Commandanten der Batterie, ſeine Leute an die Stuͤcke zu ſtellen...“ Heinrich behielt fortwaährend die Fregatte im Auge, welche mit vollen Segeln auf ihn zukam, ohne Zweifel, um ihn von vorn zu umſegeln,. aber die Sylphide hatte einen ſo ausgezeichneten Lauf, ſie benutzte ſo ſehr den Vortheil des Windes, daß der Englaͤnder ſie nicht uͤberfahren konnte,— — 314— und obgleich die beiden Schiffe nur einen halben Kanonenſchuß von einander entfernt waren, begann doch kein Capitain das Feuer von Neuem, indem jeder wußte, wie wichtig und entſcheidend eine ähn⸗ liche Ladung war. Die tiefſte Stille herrſchte am Bord, als plotz⸗ lich der Stuhl fuͤr die Verwundeten mit Sulpi⸗ zius herauf kam, der blaß und zerſtoͤrt, mit fliegen⸗ den Haaren erſchien.... Auf dem Verdeck ange⸗ langt, ſuchte der vortreffliche Bruder Rumphius, fand ihn aber nicht; als er Heinrich erblickte, lief er auf ihn zu und rief: „Herr Graf, wo iſt mein Bruder?„ um des Himmels willen, wo iſt mein Bruder?.. Aber Heinrich, welcher ſeit einigen Sekunden das Manoͤvre der engliſchen Fregatte mit einer gleichſam verſchlingenden Aufmerkſamkeit beobach⸗ tete, ſtoͤßt Sulpizius zuruͤck, ohne ihn einer Ant⸗ wort zu wuͤrdigen, ſtuͤrzt zu dem Helmſtock, ſchiebt den dabei ſtehenden Bootsmann auf die Seite, und mit geſchickter und zuverſichtlicher Hand bewerk⸗ ſtelligt er, daß die Sylphide ſo gut als moͤglich den Wind gewinnt, und ruft mit kraͤftiger Stimme der Equipage zu:„Zieht die Seile der untern Segel und der Maſtkörbe flach an und haltet die Saum⸗ taue ſtraff!... munter,„munter, Kin⸗ der! beim Teufel, es handelt ſich um die Entſcheidung des Kampfes! Bei dieſem kraͤftigen Commando, bei dem An⸗ — 315— blick der unglaublichen Entſchloſſenheit, mit welcher der Graf gehandelt hatte, ſtatt zu reden, ge⸗ horchte die für einige Augenblicke beſturzte Equi⸗ page auf's Puͤnktlichſte ſeinen Befehlen, und die Sylphide kam faſt in den Wind zu ſtehen, ſo hitzig war ſie. Die Urſache, warum der Graf ſelbſt das Steu⸗ erruder ergriff, war, daß er nach einigen, kaum merklichen Anzeigen in den Manoͤvern der feind⸗ lichen Fregatte, oder vielmehr durch ein inneres Gefuͤhl ſeiner Kunſt, welches nur die Seeleute ver⸗ ſtehen, in eben dem Augenblicke geahnet hatte, die engliſche Fregatte, welche die Sylphide im Begriff ſah, ſie zu uͤberfahren, wolle durch ein geſchicktes Manovre zuruͤckweichen, um ſie von der Seite an⸗ zugreifen und ihr ſo einen furchtbaren Schaden beizubringen, indem ſie ihr Kettenkugeln zuſenden wollte, welche, durch und durch dringend, ihre Bat⸗ terie und ihr Verdeck in ihrer ganzen Laͤnge ge⸗ ſaͤubert haben wuͤrden. In ſolchen entſcheidenden Augenblicken iſt eine gewonnene Sekunde von unſchaͤtzbarem Werthe, und eben darum wollte der Graf lieber ſelbſt das Steuerruder regieren, als es einem Bootsmann anvertrauen, und fur den gluͤcklichen Erfolg zittern. Als dieſes Manoͤvre beendigt war, nahm der Graf ſein Sprachrohr wieder, ſtieg zuruck auf die Quartierbank und ſah mit einem unbeſchreiblichen Stolze, daß er nicht allein die Pläne der feindli⸗ chen Fregatte vereitelt, ſondern ihr ſelbſt noch genug Vortheil abgewonnen hatte, um im Stande zu ſein, den Lauf zu ändern und ſie unter den Wind zu bringen, indem er ihr den Weg abſchnitt. Mit innerlicher Freude rief er:„Wir gewinnen Vorſprung vor der Fregatte, Herr von Miranz... wir aͤndern den Lauf,.. und in dem Augen⸗ blicke, wo ich den Befehl geben werde, am Hinter⸗ theil die Richtung zu verändern,— laſſen Sie Feuer geben aus der Batterie; aus dem Caſtell, von den Maſten, Feuer aus allen Orten; denn wir werden die Seite dem Vordertheile dieſer unverſchämten Fregatte entgegenſetzen; ſie ſoll ihr unkluges und kuͤhnes Manovre theuer bezah⸗ len „Legt um!“— rief dann Heinrich mit voller, aber doch gedaäͤmpfter Stimme, damit es der Feind nicht hoͤre. Bei dieſen Worten vertheilte ſich die aufmerk⸗ ſame Mannſchaft zu den Schiffborbloͤchern und an die verſchiedenen Punkte der Vorder⸗ und Hin⸗ tertheile, hielt dieſe Tauwerke in der Hand und lauſchte dem geringſten Zeichen. „Vorwaͤrts!.“ ſagte Heinrich;—„Du, Bootsmann, leiſe den Helmſtock herunter, und Sie, Herr von Miran, laſſen Sie den Hintermaſt befe⸗ ſtigen und die Fockſeile los!. Immer zu jett! Das Manoͤvre wurde mit einer ſeltenen Sicher⸗ — 317— heit ausgefuͤhrt: nur ließ man vorn die Fockſeile nicht nach. und der Lauf der Fregatte wurde dadurch aufgehalten. Alles hing von dieſer Schwenkung ab, und Heinrich, der ſeine Befehle im Vordertheile durch Jean Thomas ſo ſchlecht ausgefuͤhrt ſah, rief, auf ſeiner Bank mit den Fuͤßen ſtampfend, im heftig⸗ ſten Zorn:„Aber, zum Teufel, Lieutenant, die Fock⸗ ſeile ſchlaffer!„. und wenn er nicht gehorcht, ſo ſchießen Sie ihn nieder, den Hund, Herr von Mi⸗ ran!“ Faſt in demſelben Augenblicke, wo Miran gegen das Vordertheil des Schiffes ſtuͤrzen will, wird das Manoͤvre ausgefuͤhrt... Die Fregatte wendet ſich, und nach den Befehlen des Grafen feuert die Artillerie. Ein Feuerſtrom bricht aus den Schieß⸗ loͤchern, aus dem Caſtell, aus den Maſtkoͤrben her⸗ vor, unter dem wiederholten Geſchrei:„Es lebe der Koͤnig!“ der Kampf mit der engliſchen, tapfer widerſtehenden Fregatte beginnt von Neuem. Wir muͤſſen die Aufmerkſamkeit der Leſer auf ein Manoͤvre zuruͤckfuͤhren, welches dieſer Salve voranging, um ein ſonderbares Ereigniß zu er⸗ klären. Man wird ſich erinnern, daß Rumphius, den Händen ſeines Bruders entwiſcht, auf das Verdeck der Fregatte gekommen war, und von da aus den Bogſprietmaſt zu ſeinem Obſervatorium erwaͤhlte, — 318— der ihm um ſo mehr dazu geeignet ſchien, weil er ſich ſo am Ende des Hebels befinden wuͤrde. Mit einer unerklaͤrbaren Kaltblutigkeit, mit einer faſt an Thorheit grenzenden Verwegenheit,— wenn man nicht wuͤßte, wie ſehr die allzugroße Liebe zur Wiſſenſchaft uns alles Andere vergeſſen macht,— uͤberließ ſich der Aſtronom, auf dem getheerten Tuche des Bogſprietmaſtes ſitzend, ſeinen Experimenten, mitten unter dem mörderiſchen Feuer der Fregatte. Während der wenigen Augenblicke des Waffen⸗ ſtillſtandes, welchen die beiden Schiffe ſich bewil⸗ ligt hatten, ſchrieb Rumphius das Reſultat ſeiner Beobachtungen, welche conſtatirten, daß die Explo⸗ ſion die Luftſäule mit einer Schnelligkeit zertheilte, wie+†: 11:+ 1= 200. Da ſtieg Sulpizius, faſt außer ſich vor Schreck, auf das Verdeck herauf, und fragte Heinrich verge⸗ bens, wo Rumphius waͤre. Eben ſo, wie der Graf, war auch das Schiffsvolk ſo ſehr mit dem Ma⸗ novre beſchaͤftigt, daß ſich ein Matroſe kaum die Zeit nahm, Sulpizius zu ſagen:„wenn Sie Ihren Bruder ſuchen, Herr Bon-Jesus, der iſt da oben auf dem Theertuche des Bogſpriets und blaͤſ't in eine Phiole.. Sulpizius folgte dem Fingerzeig, und gewahrte den gegen alles Andere gefuͤhlloſen Aſtronomen, welcher eine Menge algebraiſcher Zei⸗ chen und geometriſcher Figuren auf ein Stuͤck Pa⸗ pier kritzelte. — 319— Der Lieutenant Jean Thomas fragte den gu⸗ ten Sulpizius, mit ſeinem gewoͤhnlichen rauhen Tone:„Was wollt Ihr hier auf dem Verdecke, Herr?„ſteigt in den unterſten Raum hinabz hier iſt kein Platz fuͤr Euch!“ „Ich werde nur mit meinem Bruder hin⸗ abſteigen,“ erwiederte entſchloſſen Sulpizius.. „Ich weiß nicht, wo Euer Bruder iſt; aber ich weiß, daß jeder Paſſagier in dieſem Augenblicke in dem unterſten Schiffsraum ſein muß. Steigt alſo hinabz... Ihr haltet das Manoͤvre auf,“— rief Thomas, indem er Sulpizius zuruͤckſtieß. Aber Sulpizius wich nicht zuruͤck, ſondern be⸗ gann, Rumphius zu rufen. Dieſer aber, hinter den Fockſeilen faſt verbor⸗ gen, und ganz in ſeine Berechnungen vertieft, hoͤrte die durch das Knarren der Winden halb ubertaubte Stimme des Bruders nicht denn in dieſem Augenblicke gab der Graf Befehl, daß man das Schiff wenden ſolle. Um dieſe Schwenkung auszufuͤhren, iſt es un⸗ umgaͤnglich noͤthig, ſich der dreieckigen ſogenannten Fockſeile zu bedienen, welche den Maſt bewegen, hinter den ſich Rumphius gefluͤchtet hatte. Die Huͤlfe dieſer Seile iſt alſo ſchlechterdings nothig, um zu lenken; und in dieſem Augenblicke beſonders konnte eine verfehlte Wendung den Untergang der Sylphide nach ſich ziehen. —— „Noch ein Mal, wollt Ihr das Verdeck ver⸗ laſſen, erbaͤrmlicher Narr!“— ſchrie Jean Tho⸗ mas, indem er Sulpizius beim Kragen ergriff; „Ihr werdet ein Manoͤvre verhindern, welches man im Augenblick befehlen wirdz.... und wenn ich es nicht ausfuͤhre, ſteht mein Leben auf dem Sp „Nein, nein, ich werde dieſe Stelle nur mit meinem Bruder verlaſſen,“ ſagte Sulpizius, welchem ſeine aufopfernde Liebe zu ſeinem Bruder faſt ubernatuͤrliche Kräfte einfloßte, ſtieß den Lieu⸗ tenant zuruͤck, ſtuͤrzte nach dem Bogſprietmaſt, ſtieg auf das getheerte Tuch und rief aus Leibeskraͤften. „Rumphius!“. dann klammerte er ſich an den Fockſeilen feſt und erkläͤrte, ohne ſeinen Bru⸗ der nicht von der Stelle zu weichen. In derſelben Zeit befahl der Commandant, die Fockſeile ſchießen zu laſſen:.. da aber Sulpizius ſich an eben dieſen Seilen feſthielt, ſo wurde dies Manovre unmoglich. Jean Thomas ſprang in einem Zuſtande von Erbitterung, der ſich nicht beſchreiben laͤßt, nach einer Axt, welche immer nahe beim Bätting bereit liegt, und rief Sulpizius drohend zu:„Packe Dich fort, oder Du biſt ein Kind des Todes!“ „Ich will bei meinem Bruder bleiben, ℳ antwortete Sulpizius, Thomas, ohne zu erblaſſen, mit unerſchrockener, gefaßter Miene anblickend. In dieſem Augenblicke rief Heinrich im Tone des ſchrecklichſten Zornes: „Aber, Lieutenant, ſo laſſen Sie doch die Fock⸗ ſeile ſchießen,... Sie halten die Wendung auf.“ Die Lage des Lieutenants war fuͤrchterlich; es handelte ſich um das Heil der Fregatte, um einen gluͤcklichen Ausgang des Kampfes, um ſein eigenes Leben. Jean Thomas beſann ſich nicht lange; mit einem Apxthieb ſchlug er Sulpizius herab.. Der Ungluͤckliche oͤffnete die Arme„ließ die Seile los, und konnte nur die Worte ſagen: „Bruder, Verzeihung„. Dann fiel er herab ins Meer. Aber die Fregatte hatte um⸗ gelegt. Alles dies ereignete ſich in weniger Zeit, als man zu deſſen Beſchreibung braucht. So ſchreck⸗ lich auch das Schickſal des Sulpizius war, hatten die Seeleute doch keine Zeit, ihm ihr Mitleid zu ſchenken, denn in demſelben Augenblicke ertoͤnte uͤberall das Commando:„Feuer!“ Die Begeiſter⸗ ung des nahen Kampfes ließ ſie nicht an das Ver⸗ gangene denken. In der That, der Kampf wurde moͤrderiſcher, entſcheidender. Die Lage, welche die Sylphide dem Feinde zugeſchickt, hatte ihm bedeutenden Schaden verurſacht;— ſein großer Maſt war zerſchmettert, und das Takelwerk in Stuͤcken zerriſſen. Durch ſein Manoͤvre hatte der Graf die Fre⸗ gatte von dem Schooner getrennt, denn dieſes kleine Die Secewarte v. Koat⸗Vén. I. 1 — 322— Fahrzeug, welches mit einer langen Kanone ausge⸗ ruͤſtet war, beunruhigte die Sylphide ſehr, ohne von ihr etwas zu befurchten zu haben. Die Ka⸗ nonen der Letzteren, welche nicht ſo weit trugen, konnten ihn nicht erreichen; er war die Weſpe, welche den Loͤwen ſticht. „Wir wollen der Sache mit dieſem Fahrzeuge ein Ende machen,“ ſagte Heinrich ungeduldig.— „Herr von Miran, gehen Sie auf daſſelbe los; wir wollen es in den Grund bohren!“ Dieſes Manövre war unvorſichtig, denn, indem er auf den Schooner losging, gab Heinrich das Hintertheil der Sylphide dem Feinde preis; allein die engliſche Fregatte war zu uͤbel zugerichtet, um dieſen Vortheil benutzen zu koͤnnen,— Heinrich ſteuerte gerade auf den Schooner los, ohne daß dieſer ihm ausweichen konnte. Ungeachtet der bekanuten Schnelligkeit dieſer Art Fahrzeuge, erreichte die Sylphide es dennoch, gewann den Wind, griff es von der Seite an, er⸗ hielt ſelbſt einen fuͤrchterlichen Stoß, vernichtete die Vorderſteven des Schooners, und das ſchwache Fahrzeug, gedraͤngt von der eiſernen Laſt der Syl⸗ phide, ſank, ohne daß nur ein Mann ſich retten konnte. Da rief eine der Wachen, welche ſelbſt waͤhrend des Kampfes an den Steuerrudern poſtirt waren: „Zwei Kriegsſchiffe im Winde gegen uns Dieſe Worte veraͤnderten den gefaßten Plan, und Aller Augen wandten ſich nach der Spitze des Bramſtengmaſtes. „Wie ſtark?“— fragte Heinrich begierig. „Ich glaube, es ſind... Zzwei Schiffe,“... erwiederte die Stimme von oben, auf jedes Wort die groͤßte Betonung legend, um verſtändlicher zu werden. „Ich muß es ſehen,“ ſagte Heinrich. Und ſeinen Hut und ſein Kleid neben ſeine Waffen auf das Verdeck hinwerfend und ſein lan⸗ ges Perſpektiv um den Hals haͤngend, erreichte er die Bramſtange mit der Schnelligkeit eines Schiffs⸗ jungen,— ſtellte ſeine Beobachtungen an und kam zuruͤck, indem er unerſchrocken mit der groͤßten Leichtigkeit laͤngs eines Maſtſeiles herabglitt. „Herr von Miran,“ ſagte er, ſich eilig wieder ankleidend.„in die hohe See! ſetzt die Bei⸗ und Gegenſegel bei, kurz Alles, was wir nur von Segeln tragen koͤnnen, wir wollen die Flucht er⸗ greifen.— Der Sieg iſt unſer, die Fregatte ent⸗ maſtet und der Schooner in den Grund gebohrt; ergreifen wir alſo die Flucht, denn der Gedanke, gegen Schiffe von vier und ſiebzig Kanonen Stand zu halten, waͤre unſinnig; nach ihren ausgeſchweif⸗ ten Bramſtengen halte ich ſie fuͤr Englaͤnder.“ Kampf. N5 3. Der Raum. Auf den Rauſch folgt der Kopfſchmerzz auf oas Studium die Abſpannung; auf die Geliebte folgt die Gattin; nach dem Kampfe geht's in den unterſten Schiffsraum. Man weiß, daß waͤhrend und nach dem Kampfe die Verwundeten, die Todten und die Sterbenden in die Tiefe jenes Raumes gebracht werden. So⸗ nach enthaͤlt derſelbe das genaue Facit deſſen, was der Sieg koſtet. 3 Waͤhrend des Kampfes in der Batterie, auf dem Verdecke, mitten im Feuer, beim hellen Tage, in der freien Luft, begeiſtert uns die Ehrbegierde, das Pulver berauſcht, die Eitelkeit ſteigt in den Kopf, und der Anblick des Gemetzels erweckt in uns jenen blutduͤrſtigen Naturtrieb, jenen unwider⸗ ſtehlichen Hang zum Morde, womit die Natur kluglich jeden Menſchen begabt hat, um ihm die Mittel an die Hand zu geben, ſich gegen ſeines Gleichen zu vertheidigen, und auch, um dem furcht⸗ — 325— baren Ueberfluſſe der Menſchengattung zu ſteuern. Und dann faͤrbt und verſchoͤnert auch waͤhrend des Gefechtes der Zauber des Wortes Ruhm Alles; es ſind nicht mehr ſchmerzhaft blutende Wunden, ſon⸗ dern— edle, purpurfarbene Quellen, welche die Lorbeeren des Vaterlandes benetzen, daß ſie gruͤnen; wenn man getoͤdtet wird, ſtirbt man nicht, im Gegentheil,— man lebt in der Geſchichte!— und ſo viele andre huͤbſche Dinge, welche einen dummen Bauer in einen Hel⸗ den, einen erhabenen Helden verwandeln, wel⸗ cher nicht aus Haß oder aus Hunger tödtet, ſo wie es ein wildes Thier thun wuͤrde, ſondern wel⸗ cher toͤdtet, weil man es ihm befiehlt: eine bewun⸗ derungswuͤrdige Uneigennuͤtzigkeit, der ſicherſte Be⸗ weis, wie wenig der Menſch Egoiſt iſt. Aber ach! nach dem Kampfse fuͤhlt Achilles nach ſeiner Ferſe; der Halbgott faͤllt in den unterſten Schiffsraum, dieſen dunkeln, ſtinkenden, kothigen Schiffsraum, mit ſeinen klebrigen Pfutzen geron⸗ nenen Blutes, ſeinen Wundaͤrzten, bewaffnet mit Meſſern, welche das lebendige Fleiſch durchſchnei⸗ den, mit Saͤgen, welche auf den feuchten Knochen „knirſchen, mit gluͤhenden Eiſen, welche die Adern brennen, mit Kneipzangen, welche die Nerven zu⸗ ſammenzwicken; dieſen grauſen Ort mit ſeinem Ge⸗ ſchrei der Wuth und des Schmerzes, ſeinem Röͤ⸗ heln der Todesangſt, ſeinem warmen, blutigen, leichenaͤhnlichen Geruche, gleich jenem des Schlacht⸗ — hauſes eines Fleiſchers:— mit einem Worte, der unterſte Raum iſt der gemeine, ſcheußliche, pro⸗ ſaiſche Theil des-Ruhmes, dieſes ſchönen, poetiſchen, himmliſchen Ruhmes, der ſo ſtrahlend zum blauen Himmel emporſchwebt, unter dem laͤrmenden Schalle der Trompeten der Göttin Fama mit ihrem gol⸗ denen Helme, ihren weißen Fluͤgeln und ihren gruͤ⸗ nen und unſterblichen Palmen. Kommt,— ſteigt hinab mit mir auf das falſche Verdeck und in den unterſten Raum der Sylphide, in dieſes duͤſtere Reich, wo der Doctor Gédeon als Souverain herrſcht. Laternen, umſponnen mit einem dichten Draht⸗ gitter, ſind an den Pfeilern des falſchen Verdecks aufgehaͤngt, welches kaum ſechs und einen halben Fuß hoch iſt; dieſe Laternen werfen nur einen roͤth⸗ lichen und zweifelhaften Schimmer von ſich, der da und dort, mitten in der Finſterniß, wie ein blaſſes, durch einen dicken Nebel verſchleiertes Licht erſcheint; mitten durch dieſes Palbdunkel ſieht man, ſitzend oder ſtehend, verwundete Matroſen, deren Kopf oder Glieder in mit Blut befleckte leinene Tuͤcher gehuͤllt ſind; man ſieht dienende Matroſen oder die Gehuͤlfen des Doctors herumlaufen. Vorn an dem Bakbord iſt eine große getheerté Leinwand, welche eine unförmliche Maſſe darbie⸗ tet; fuͤr den Augenblick iſt dies der Kirchhof; dieſe Leinwand bedeckt die Leichname derjenigen, an wel⸗ chen der Doctor kein Lebenszeichen mehr findet. — 327— Neben dieſer Leinwand betet der Schiffspredi⸗ ger, vor einem kleinen Crucifix kniend, fuͤr die See⸗ len der Abgeſchiedenen... ⸗ Dem Steuerbord gerade gegenuͤber— ſieht man die Hauptvorrichtung des Doctors: naͤmlich eine lange und ſchmale Tafel, auf welcher eine, mit ei⸗ ner gewichſten, von Blut triefenden Leinwand be⸗ deckte Matratze ausgebreitet iſt; unter der Tafel befindet ſich eine große, halb mit Kleien gefullte Wanne, um das Blut aufzunehmen, und daruͤber eine Laterne mit drei Wachskerzen, welche an die⸗ ſem Orte des falſchen Verdecks den einzigen hellen Schein verbreitet. Auf dieſer Tafel ſtreckt man die Patienten aus, welche der Doctor mit ziemlicher Geſchicklich⸗ keit operirt. Auf der andern Seite und ganz nahe an der Tafel befinden ſich Bettſtellen von Eiſen, um die Matroſen aufzunehmen, die man amputirt hat, oder deren Wunden ſehr gefaͤhrlich ſind. Der Doctor Gédeon, den Kopf mit einem Tuche umwickelt, die Arme entbloͤßt, vor ſich eine große Schuͤrze, angefullt mit ſeinen furchterlichen Werkzeugen, war ſo eben mit der kuͤnſtlichen Am⸗ putation der Schulter eines Segelmeiſter⸗Gehuͤlfen fertig, welcher dieſe grauſame Operation mit bewun⸗ derungswuͤrdiger Kaltbluͤtigkeit ausgehalten hatte. MNur als die Klinge des ſchmalen und ſpitzigen Meſſers auf die letzten Flechſen kam, welche noch — den Arm an der Schulter feſt hielten, konnte der Matroſe einen ſchrecklichen Schrei des Schmerzes nicht zuruͤckhalten. „Gebt ihm etwas zum Beißen,“ ſagte Gé⸗ deon,„das wird ihm den Schmerz erleich⸗ tern.“ Der Loſophe, der verwundet war, und wartete, bis die Reihe des Verbands an ihn kaͤme, ſteckte in den Mund des Leidenden ein dickes, zuſammen⸗ gerolltes Stuͤck Leinwand. „Nur noch eine Sekunde, und ich bin fertig, lieber Junge,“ ſagte Gédeon. In der That, er war fertig, und der Matroſe hatte in der ganzen Zeit, ſeit jenem durchdringenden Schmerzensruf, nichts als kurze, abgebrochene Seuf⸗ zer hoͤren laſſen; aber er hatte die Zahne mit ſol⸗ cher Gewalt zuſammengebiſſen, daß die Rolle Lein⸗ wand durch und durch zerriſſen war. Der linke Ober⸗ und Vorderarm war abge⸗ loͤſt, und ein Gehulfe trug ſchnell dies Alles unter die große Leinwand fort. „Der kann verſichert ſein,“ ſagte der Loſophe, „daß er keinen Krampf mehr in dem Ellbogen be⸗ kommt, wenn er ſich auf die linke Seite eg Der Doctor verband jetzt die ungeheuere Wunde des Matroſen, und ſich hierauf zu dem Loſophen wendend, ſagte er zu dieſem:„Nun wollen wir ſe⸗ hen, was Dir fehlt!... — „Doctor,“ antwortete der Loſophe und zeigte auf ſein Bein,—„wir Beide, St. Médard und ich, haben einen Schuß erhalten; ſeht, dem armen Thiere wurde die Hälfte des Ohres weggeriſſenz ich zog eben ein Maſtſeil an, als uns dies begeg⸗ nete ich hatte das Bein in der Luft, und St. Médard bellte wie wuͤthend auf den Feind; aber nicht wahr, mit dem Ohr des St. Möédard wird es nichts zu bedeuten haben?.. „Glaubſt Du, dummer Kerl, daß ich Deinen Hund verbinden werde?“ ſagte Gédeon,„es iſt ſchon genug, daß ich es bei einem thue nun! nun.. warum erſchrickſt Du? Wo zum Teufel willſt Du hin?— Warum macht er ſich denn ſo hinkend mit ſeinem Hunde aus dem Staube, bevor er verbunden iſt?—“ fragte der Doctor einen ſeiner Gehuͤlfen. „Ich will Euch die Sache aufklaͤren,“ ſagte Daniel, indem er ſich naͤherte, denn auch er war durch ein Stuͤck Holz am Kopfe verwundet wor⸗ den,—„er fuͤrchtet, daß ich ihm eins verſetze, der Lumpenhund.“ „Ihm eins verſetzen?“ „Ja, Doctor,—“ ſagte Daniel, und hob ſeine kraͤftige Fauſt bedeutungsvoll in die Hoͤhe. „Ach! ich verſtehe; laß ſehen, ſtelle Dich hierher, ich will Dich verbinden; warum willſt Du denn Deinen Kameraden ſchlagen?„ — 330— „Stellen Sie ſich vor, Doctor,„vor dem Kampfe ſchlug mir dieſes Thier von einem Loſo⸗ phen vor, mir einen Zauber zu verſchaffen, welchen ich ihm mit drei Thalern bezahlen ſollte, und ver⸗ möge deſſen ich nicht Gefahr laufen wurde, ver⸗ wundet zu werdenz da er ſelbſt Lieutenant in der Magie iſt, ſo konnte er ol aber Pimmelele⸗ ment, Ihr druͤckt mir ja den Kopf entzwei,“ ſchrie Daniel, ſich unterbrechend,.... und fuhr mit beiden Haͤnden nach dem Hirnſchaͤdel... „So nimm doch Deine Haͤnde weg, Lummel!... verhalte Dich ruhig, oder ich laſſe Dich anbinden.“ „Ja, aber Ihr habt mich ins Gehirn geknippen man ſollte meinen„und am Gehirn bin ich ſehr empfindlich.. „Hat man ſchon ſo etwas Dummes gehört? Aber laß ſehen, erzaͤhle mir vollends Deine Ge⸗ ſchichte, das wird Dich zerſtreuen,“ nahm der Doe⸗ tor wieder das Wort. „Ja, Doctor, meine Schmerzen ſoll mir der Loſophe doppelt und dreifach bezahlen; ſo ſoll ſich die Sache endigen... Da der Loſophe mir ſchon ein Mal einen Zauber gemacht hatte, der ſehr gut ablief, ſo ſetzte ich kein Mißtrauen in ihn, und habe ihn bezahlt; als ich ihn nun bezahlt hatte,* ließ er mich etwas Schwarzes, wie Tinte, hinun⸗ terſchlucken, aber ich ſage Ihnen, es ſchmeckte ſo abſcheulich, ſo ſchlecht, daß ich darauf das heftigſte Bauchgrimmen empfand und das Flaͤſchchen nicht . — 331— austrinken konnte.„Das iſt ſehr gut, Daniel,“ ſagte der Lumpenhund, der Loſophe, zu mir;„je mehr Du Bauchgrimmen bekommſt, deſto ſicherer wirſt Du vor Hieb und Schuß ſein.“ Ich, ich glaube es, und gehe mit aller Ruhe mit entbloͤßtem Kopfe ins Feuer, und gut,. das Erſte, was ich erwiſche, iſt ein großes Stuͤck Holz an den Kopf, obgleich der Schuft mir bei ſeiner Ehre als Zauberlieutenant geſchworen hatte, daß, wenn ich mich ſelbſt an die Muͤndung einer Kanone ſtellte, die Kanone eher durch das Zuͤndloch losbrennen wuͤrde, als mir Schaden thun, und daß „Geh! Du biſt ein Dummkopf; nun biſt Du verbunden. Packe Dich fort! denn da kommt der Lieutenant, welcher mich noͤthig zu haben ſcheint,“ ſagte der Doctor. „Schoͤnen Dank, Doctor,“ erwiederte Daniel; ſich hierauf an eine Gruppe Matroſen wendend, fragte er ſie:„Habt ihr nicht den Loſophen geſe⸗ hen?“ „Ja wohl; er iſt durch die kleine Lucke hinauf⸗ geſtiegen.“ „Aha! ich will dich ſchon kriegen, Lumpen⸗ hund!“ ſagte Daniel und ſchlug denſelben Weg ein. „Nun!—“ fragte Gédeon den Lieutenant,— „was fehlt Dir, armer Freund Jean?.. „Ich weiß nicht, es ſteckt hier im Arm, wie ich glaube, eine Kugel;—“ und der Lieutenant zog ſeine Uniform aus, riß ſein blutiges Hemd auf, und entbloͤßte Bruſt und Arm; Geédeon unter⸗ ſuchte, befuͤhlte, ſondirte die Oeffnung der Wunde und ſagte:„Es iſt wirklich eine Kugel, wo haſt Du ſie denn erhalten?—“ „Im Vordertheile des Schiffs, am Fuße des Bogſprietmaſts, zwei Minuten, nachdem,“ und ſich unterbrechend, drehte der Lieutenant ſchnell den Kopf herum und fuhr mit der Hand nach der Stirn. „Nun? nachdem. was denn?—“ fragte der Doctor, indem er ſich anſchickte, die Kugel heraus zu ziehen. Nachdem ich jenen Ungluͤcklichen mit der Axt herabgeſchlagen hatte... den Bruder des ge⸗ lehrten Narren...“ „Wie? Thomas,“ ſagte der Doctor ganz ver⸗ wundert, indem er ſeine Inſtrumente fallen ließ... „wie Du hätteſt den Herrn Sulpizius getoͤd⸗ tet? dieſen armen Teufel, der immer wie ein Hund vor der Thuͤr ſeines Bruders lag... geh, Du machſt Spaß. Du haſt das nicht gethan! Thomas.„ „Ja, ich bin ſehr luſtig und in der That recht aufgelegt zum Spaßen,“ ſagte Thomas mit bitterm Lächeln;—„aber wir wollen abbrechen davon. iſt meine Wunde gefährlich?. „Ach, ich war feſt uͤberzeugt, daß es nur Dein Spaß war,“ entgegnete der Doctor,„laß ſehen, was ſich dieſe ſchurkiſche Kugel, dieſes kleine, nied⸗ „ — 333— liche Ding erlaubt hat,“ fugte er dann ſcherzend und ganz beruhigt hinzu:„O! ſie hat Dir nicht ſo ſehr mitgeſpielt; ſie hat's gnaͤdig gemacht, die verwunſchte Kugel, ſie iſt in der Muskel des Ell⸗ bogens ſtecken geblieben. das iſt nur Spaß, ich will ſie Dir herausnehmen und Du kannſt ſie als Petſchaft einfaſſen laſſen.. Apropos, und der Commandant, das Ungeheuer! iſt alſo nicht verwundet?“ „Warum ſoll der es ſein? Bei der Hoͤlle, ich glaube, daß ihn die Kugeln auch als den Herrn Grafen reſpectiren; dieſer unverſchaͤmte Hofmann hat ſich gerade und ſtolz auf ſeiner Quartiervank, mitten unter dem Feuer auf dem gefaͤhrlichſten Poſten erhalten, und nichts,. nichts. „Ja, ja, es iſt der Muth der Eigenliebe, es iſt Zufall,“ ſagte Gödeon,—„ℳr hat ſich nicht von der Stelle geruͤhrt, weil er geſehen wurde; aber das iſt auch das Ganze; wenn man ſtehen bleibt, wie eine Grenzſaͤule, iſt man nicht See⸗ mann,„ man iſt darum noch kein guter See⸗ n „Du irrſt, Doctor, er iſt Seemann... Donner und Wetter, ein guter Seemann; ſeine Manovres haben ſich fuͤr gut bewaͤhrt; er beſitzt Kaltbluͤtigkeit, Unerſchrockenheit, Ueberſicht; man muß geſtehen, er iſt ein ſehr guter Officier, obgleich Graf und Hofmann...“ —— „Nun, ſiehſt Du, Thomas!“ ſagte Geédeon, indem er mit dem Verband fertig war,—„in die⸗ ſem Falle iſt er nicht mehr Graf als Du und ich, ſeine Mutter mußte eine luſtige Dirne ſein, Du verſtehſt mich, es rinnt gemeines Blut in den Adern dieſes Menſchen, Thomas!“ „Doctor, wo iſt der Prieſter?“ fragte ein Bootsmann den Gédeon,„mein Kamerad Lu⸗ kas ringt, mit dem Tode und verlangt nach ihm!“ „Lukas? Mit dem dauert es keine Viertelſtunde mehr,“ ſagte der Doctor,—„eine Kartaͤtſche hat ihm das Wirbelbein zerſchmettert, laß ihn alſo ruhig als Philoſoph ſterben, ſtatt ihm durch dieſen ſchwarzen Vogel da den Kopf warm machen zu laſſen. Zu was helfen dieſe heuchleriſchen Mummenſchanze, Dummkopf, da es weder Gott noch Teufel giebt?“ „Seht, Doctor, mit Reſpect zu reden, Ihr raͤſonnirt wie ein Kameel; wenn ich auf die See gehe, bin ich ſehr zufrieden, wenn mir meine Frau gluͤckliche Reiſe wuͤnſcht, obgleich dieſer fromme Wunſch kein Mittel gegen die Stuͤrme iſt, und was ſollte es alſo ſchaden, wenn dieſer Prieſter dem Lukas auch eine gluͤckliche Reiſe wuͤnſcht?—“ fuͤgte der Matroſe hinzu, indem er ſich entfernte, um den Abbé zu ſuchen. „Seht, Thomas,“ wendete ſich der Doctor zum Lieutenant, welcher, tief in Gedanken verſun⸗ ken, dieſes Zwiegeſpraͤch nicht gehoͤrt hatte,—„ſeht, 5 . wie man das menſchliche Geſchlecht zum Thiere er⸗ niedrigt; dieſer dumme Kerl, anſtatt zu glauben, daß er in das Nichts zuruͤckkehrt, aus dem er ent⸗ ſtanden iſt,„. ſetzt ſich eine Menge Poſſen von Ewigkeit in den Kopf, und glaubt, daß ſeine elende Organiſation aus etwas Anderm als thieri⸗ ſchem Stoff beſteht das iſt abſcheulich,.„ ſchrecklich, aber es kann nicht von Dauer ſein, was zum Teufel!..„dafur ſind die Encyklo⸗ padiſten da „Hierher, Abbé!“ rief der Matroſe Jvon, in⸗ dem er vor dem Doctor vorbeiging und den Schiffs⸗ prediger zu ſeinem Kameraden fuͤhrte, welcher, kaum von ſeinen Wunden hergeſtellt, ſo eben eine toͤdt⸗ liche erhalten hatte. In dieſem Augenblicke ertnte in der Batterie ein Trommelwirbel;— die Leiter, welche von dort herab nach dem falſchen Verbeck fuͤhrte, wurde plotzlich erleuchtet; denn auf jeder Stufe war ein Matroſe mit brennender Laterne aufgeſtellt. Der Commandant, begleitet von ſeinem Stabe, ſtieg herab, um Muſterung zu halten⸗ Es waͤre ſchwer, den Abſtand zu ſchildern, wel⸗ cher waͤhrend einiger Minuten zwiſchen dieſer ſo erhellten Leiter und dem finſtern falſchen Verdecke Statt fand. In der That, es würde ein prächtiges Ge⸗ maͤlde geben. 2 — 336— Die hell erleuchtete Leiter fuͤhrte ſchraͤg von der Batterie in das dunkle falſche Verdeck, und durchkreuzke es wie ein Sonnenſtrahl, welcher, durch die Spalte eines Fenſterladens dringend, ſeinen goldnen Schein mitten in die Finſterniß eines ver⸗ ſchloſſenen Zimmers wirft... Statt der Staͤubchen, welche funkeln und auf die Sonnenſtrahlen herabdruͤcken, ſah man auf der von Licht ſtrahlenden Leiter die Bewegungen der Officiere von der Fregatte, blau und ſcharlachroth gekleidet, blitzend von Stickereien und Stahl, mit Bäͤndern verziert, gepudert, duftend, fröhlich und laͤrmend. Und nun erinnere man ſich an das, was in dieſem falſchen Verdecke iſt, das ſie beſuchen wol⸗ len, und was man kaum mitten durch die Finſter⸗ niß unterſcheiden kann;— es ſind Todte, Ster⸗ bende, zerſtreute Glieder, blaſſe Geſtalten, auf blu⸗ tigen Tuͤchern liegend, oder unter ſchrecklichen Ver⸗ zuckungen ſich kruͤmmend... Rufet dieſes Gemaͤlde hervor, und Ihr werdet nicht laͤugnen koͤnnen, daß der Contraſt uͤberra⸗ ſchend iſt, und zu tiefen und ernſten Betrachtun⸗ gen Anlaß giebt. Der Graf und ſein Stab kamen alſo, um die Verwundeten zu beſuchen. Heinrich, ganz begeiſtert von ſeinem erfochte⸗ nen Siege, plauderte und lachte mit ſeinen Offi⸗ cieren, und als er den Fuß auf die letzte Stufe — der Leiter ſetzte, ſagte von Miran zu ihm„Bei Gott, Commandant, das war ein Kampf, deſſen Erzählung Ihnen zärtliche Blicke zu Verſailles verſchaffen wird, denn die hubſchen Damen. „Still, meine Herren, man betet hier fuͤr die Todten,—“ ſagte gravitätiſch der Abbé, indem er den jungen Mann unterbrach, und auf den Korper des Matroſen zeigte, der mit einem bluti⸗ gen Tuche bedeckt war. Der Graf, ein wenig verdrießlich uͤber die Be⸗ merkung, ſagte trocken:—„An mich, Herr Abbé, richtete der Herr Marquis von Miran das Wort.“ „Und an Sie wie an ihn, mein Herr, richtete ich das Wort,—“ erwiederte der Abbe. Heinrich, eine Bewegung der Ungeduld unter⸗ druckend, ſagte zu ſeinen Officieren:„Ich moͤchte gern mit dem Herrn Abbé ein Wort allein ſpre⸗ chen, ich bin gleich wieder bei Ihnen, meine Herren.“ Und indem er ſich dem Schiffsprediger nä⸗ herte, zog er ihn an die Wand des Schiffs, ſo daß er von ſeinem Stabe nicht konnte gehoͤrt werden. „Herr Abbé—“ ſagte der Graf,—„Niemand achtet mehr, als ich, Ihr heiliges Amt, Niemand iſt mehr geneigt, Ihnen beſonders die Achtung zu zollen, welche Ihre Stellung gebietet; aber ein Mal fur alle Mal erkläre ich Ihnen, daß mir die Be⸗ merkungen, welche mir vor meiner Egquipage laut Die Secwarte v. Kvat⸗Vén. H. 22 — 338— Vortheil ich daraus zu ziehen weiß; laſſen Sie ſich alſo nicht mehr einfallen, ich bitte Sie, ihr den Glauben beizubringen, daß noch ein Anderer uͤber mir ſtehe, indem Sie mir Stillſchweigen ge⸗ bieten.. und ſtolze Miene des Abbé von einer veraͤchtlichen Unbekuͤmmertheit, und ſein Blick war ſo durchdrin⸗ gend, daß Heinrich zwei Mal ſich genoͤthigt ſah, die Augen niederzuſchlagen. Commandant!—“ ſagte der Abbé.—„Wo Ihr blutiges Geſchäft endigt, faͤngt mein heiliges Amt an; Sie brechen die irdiſche Huͤlle, ich, ich geleite das Recht, ich, Ihnen Stillſchweigen zu gebieten, wenn Sie die Achtung gegen diejenigen vergeſſen, welche nicht mehr ſind..— und der Abbé, ohne auf die Antwort des Grafen zu warten, kniete bei dem Leichnam nieder. begab ſich zu ſeinem Stabe, der uͤber dieſes lange Zwiegeſpraͤch verwundert war. Heinrich hielt die Muſterung uͤber die Verwun⸗ deten, hatte Mitleid mit ihrem Ungluck, verſprach gemacht werden, nicht gleichguͤltig ſein koͤnnen. Sie ſehen, daß ſie ſich bis jetzt gut beträgt, und welchen Waͤhrend Heinrich's Geſpraͤch zeugte die ſchoͤne „Ich muß Sie doch davon uͤberzeugen, Herr die Seele in die hoͤhern Regionen. Ich habe alſo „Ich werde die Lehre benutzen, Abbé,“ ſagte Heinrich, drehte ſich auf ſeinen Abſätzen herum und — 339— Penſionen, Gnaden⸗ und Gunſtbezeugungen, re⸗ dete von Empfehlungsſchreiben an die Miniſter und den König, und verließ dieſe guten Leute ganz begeiſtert und bereit, wieder von Neuem zu begin⸗ nen; hierauf ſtieg er wieder in ſeine Gallerie. Dort angekommen, warf ſich der Graf auf ein Ruhebett, indem er rief:„Germeau, oͤffne alle Fenſter, ruͤcke einen Blumenkaſten naͤher, begieße mich mit wohlriechendem Waſſer, denn dieſer fuͤrch⸗ terliche Geruch verfolgt mich uberall.. ei! wel⸗ cher Frohndienſt! dieſes falſche Verdeck iſt wie ver⸗ peſtet, es iſt in der That da nicht auszuhalten; ich mochte mich lieber zehn Stunden ſchlagen, als nur zehn Minuten dieſen Geſtank einathmen ich kann nicht begreifen, wie es die Leute dort aus⸗ halten koͤnnen, um darin zu leben!.. Aber, bah! die Art Menſchen hat keine feinen Ner⸗ Indem er hierauf die Liſte der Verwundeten und Geſtorbenen durchſah, welche der Doctor ihm übergeben hatte, las er:— Todte, funfzehn,— leicht Verwundete, zwei und zwanzig;— Ampu⸗ tirte und ſchwer Verwundete, eilf. „Teufell!—“ ſagte der Graf das Pa⸗ pier zerknillend,„eilf Amputirte„das iſt ärgerlich;.„. Und, Gott ſei Dank, ich hoffe noch manchen guten Kampf zu beſtehen, bevor ich nach Amerika komme,„ wo ſö0 ich aber dieſe W unnuͤtzen und laͤſtigen Leute hinſtecken?. Warum, beim Teufel, blieben ſie nicht lieber gleich auf der Stelle todte„. In Wahrheit, man kann ihnen dies, ohne gerade ganz unempfindlich zu ſein, gern wuͤnſchen, denn was wird ihnen, ein⸗ mal verſtuͤmmelt, ihr Leben noch nuͤtzen? „Was fuͤr Vergnuͤgen kann man an dem Le⸗ ben eines Invaliden finden?... Am Bord hel⸗ fen ſie ſo gut wie nichts, ja ſie ſind nur im Wege ..(der Teufel hole das Amputiren!) Ach, ich erinnere mich recht gut an die Worte des St. Ouen, als er ſein Regiment befehligte:—„Er wollte lieber hundert Reiter als zehn Pferde ver⸗ lieren, denn jene muͤßte das Land, dieſe aber ſeine Boͤrſe wiedererſetzen;“ aber man kann dieſen armen Teufeln auch nichts anhaben, daß ſie amputirt find; kurz, ſie haben ſich als ſehr tapfer bewaͤhrt. Ihre Kameraden moͤgen ihnen ähnlich zu werden ſuchen, und wenn ſie mich nicht bis zum Ende des Kampfes als Schiffscapitain ſehen, ſo koͤnnen ſie von Ungluͤck ſagen, und gewiß,—“ ſagte der Graf lächelnd,—„ſie ſind dieſer Gunſt wuͤrdig, denn ſie wetteifern gleichſam mit ihren Kanonen und Segeln in dem Gehorſam und der Selbſt⸗ verläugnung. Aber, beim Himmel, was ſind die Schiffe, die Kanonen, die Segel und die Matro⸗ ſen anders, als blinde Werkzeuge, deren ſich der Mann von Kopf nach Willkuͤhr bedient?.. Aber es giebt auch fuͤr den Mann von Kopf nichts * 5 Elenderes, als ein zerbrochenes Werkzeug... Der Teufel hole die Amputirten!.... Nach dieſem Selbſtgeſpräͤch nahm der Graf ein Bad von Roſenwaſſer, hielt eine gute Mahl⸗ zeit, ſtreckte ſich auf ſein Ruhebett und entſchlief, eingewiegt von den ſuͤßeſten Träumen. Ein und zwanzigſtes Kapitel. O edle Fähigkeiten! O, Kräfte der Seele, erhebt Euch, und träufelt in dies fliehende Herz das heilige Oel des Gewaltigen, und belebet ſeine Flam⸗ me neu, daß es heut vergeſſe, was es geſtern träumte. Sainte⸗Beuve, Joſeph Delorme. Des Weiſen Herz iſt nicht von Erz. Nachdem der Graf einige Stunden geſchlum⸗ mert hatte, wachte er auf, und ließ den Lieutenant kommen, um von ihm die naͤhern Umſtaͤnde uͤber den Tod des Sulpizius zu erfahren; denn man wird wohl das ſchreckliche Ende des Ungluͤcklichen noch nicht vergeſſen haben, welchen Jean Thomas unter jenen dringenden Umſtaͤnden dem Wohle der Fregatte aufgeopfert hatte. „Ich bin zu Ihrem Befehle, Commandant,“ ſagte der Lieutenant und trat in die Gallerie. . — 343— „Wollen Sie ſich ſetzen, mein Herr, und die Guͤte haben, mir die Beweggruͤnde von Ihrem Benehmen gegen den ſeligen Herrn Sulpizius Rum⸗ phius etwas naͤher auseinanderzuſetzen?“ „Sie hatten den Befehl gegeben, Herr Com⸗ mandant, die Fock⸗Seile ſchießen zu laſſen; dieſer Menſch klammerte ſich an dieſelben an und ver⸗ hinderte ſo die Ausfuͤhrung der Wendung. Ihr Befehl war ſtreng, die Gefahr drohend. Ich han⸗ delte, wie ich handeln mußte.“ „Aber bei Gott!. es iſt ja ein abſcheuli⸗ cher Todſchlag, den Sie da begangen haben... Herr; und davon reden Sie mit ſo kaltem Blute?„ „Ich habe keinen Todſchlag begangen, Comman⸗ dant; ich habe nur das Manoͤvre befordert!. „Aber konnten Sie denn nicht, Herr, bevor Sie zu dieſem ſchrecklichen und letzten Mittel die guflucht nahmen, es mit Gelindigkeit, durch guͤt⸗ liches Zureden verſuchen?“ „In dieſer drohenden Gefahr dachte ich nur an die Art, nicht an guͤtliches Zureden; das Eine iſt ſicher, das Andere aber ungewiß; denn jene han⸗ delt, dieſes ſpricht.“ „Aber, mein Herr, der Menſch war ja ganz ſchwach, unbewaffnet, konnte ſich nicht vertheidi⸗ gen!“ „Eine Sekunde noch, Herr Commandant, und die Fregatte war verloren; ich that meine Pflicht; wenn Sie noch zweifeln, ſo ſtellen Sie mich vor ein Gericht; ich habe Zeugen.“ „Es ſei, mein Herr, Ihr Benehmen war, ſtreng genommen, untadelhaft, aber ich beklage Sie„ „Weder Mitleid noch Bewunderung koͤnnen mich ruͤhren, Herr Commandant; nicht von den Menſchen erwarte ich ein Urtheil uͤber mein Be⸗ nehmen; das iſt Sache meines Gewiſſens....5 „Das betraf Sie, mein Herr; aber iſt denn der Bruder des armen Sulpizius von deſſen Tode unterrichtet?“ „Ich weiß es nicht, Commandant.. „Wenn er es noch nicht wiſſen ſollte, ſo muß man ihm dieſes Ereigniß mit Vorſicht beizubringen ſuchen, und ich weiß keinen andern, als den Prie⸗ ſter, welcher dieſe traurige Botſchaft auf ſchickliche Weiſe uͤber ſich nehmen koͤnnte. Aber, apropos, waren Sie nicht verwundet, Herr Lieute⸗ nant?“ 2 „Ja, Herr Commandant.“ „Dies iſt ein neuer Anſpruch, den Sie ſich auf die Dankbarkeit des Vaterlandes erwerben, denn es iſt auf ſolche Officiere, wie Sie ſind, ſtolz.“ „Ich rechne eben ſo wenig auf die Dankbar⸗ keit des Vaterlandes, als auf die der Menſchen; mein Betragen iſt einfach, und verdient keine Lo⸗ beserhebungen. Ich habe meine Pflicht gethan, und das iſt Alles. Haben Sie mich nichts wei⸗ — ter zu fragen, oder mir zu befehlen, Herr Com⸗ mandant?“ „Nein, Herr Lieutenant;.. haben Sie nur die Guͤte, den Schiffsprediger zu bitten, ſich zu mir zu bemuͤhen.“ „Ich habe Lakaien in Ihrem Vorzimmer geſe⸗ hen, Herr Commandant,“— erwiederte Thomas, empfahl ſich und ging. „Geh. grober Rigoriſt.. brutaler Sol⸗ dat,.. ſagte der Graf, indem er Thomas ſich entfernen ſah,„welchen verhaßten Charakter hat dieſe Beſtie!“— fuͤgte er hinzu;„man weiß in der That nicht, wie man mit ihm daran iſt; in⸗ deſſen iſt er als Seeſoldat gut und brav, allein ſein Aerger, nicht adlig zu ſein, verdirbt Alles.. Der Kerl nimmt gegen mich den Ton, wie gegen einen Troßbuben an, weil er wuͤthend iſt, nicht Edelmann zu ſein, und was Teufel kann ich da⸗ fuͤrs ich wenn ich ſeine Frau Mutter ge⸗ kannt hatte, bevor er auf der Welt war„ dann wäre es etwas Anderes;... aber ich bin viel zu gut, daß ich mich ſo lange mit dieſer Art beſchaͤftige... Ich muß den Abbé kommen laſ⸗ ſen, um mit dieſer verteufelten Geſchichte des Sul⸗ pizius zu Ende zu kommen; ich hatte in der That ſehr Unrecht, mir mit ihm und ſeinem Bruder eine ſolche Laſt aufzulegen; aber ich bin einmal zu gut; Gott, wie gluͤcklich leben die Egoiſten; ſie erſparen ſich alle dieſe Unruhe.“— Er klingelte Germeau. — 346— men „Dieſer Prediger iſt das zweite Original,“ nahm der Graf das Wort,—„aber der hat wenigſtens Lebensart! Bei meiner Seele, man kann nicht gebil⸗ deter ſein, denn Alles verraͤth in ihm einen Mann von Geburt; aber wie, zum Teufel, brachte er es nur bis zur duͤrftigen Stelle eines Schiffspredi⸗ gers? auf der andern Seite iſt er ſtreng, und ſpricht mit Stolz und Feſtigkeit.. Er hat mich, bei Gott, auf dem falſchen Verdecke ſehr hart zu⸗ recht gewieſen, aber ſeine Stellung erlaubt ihm manche Freiheit, welche ich mir von keinem An⸗ dern wuͤrde gefallen laſſen und er weiß Le⸗ bensart bringt mich nur, ich ſchaͤme mich, es zu geſtehen, durch ſeine veraͤchtliche Artigkeit außer Faſſung; ſein durchdringender Blick macht mich bisweilen betroffen, denn man ſollte glauben, er errathe oft unſere geheimſten Gedanken.“ In dieſem Augenblicke trat der Prieſter ein. Nachdem Heinrich ſeinen Gruß erwiedert hatte, bat er ihn, ſich niederzulaſſen. „Ich habe nach Ihnen geſchickt, Herr Abbé, um Ihnen einen ziemlich unangenehmen Auftrag zu ertheilen. Es handelt ſich darum, meinem ehe⸗ maligen Hofmeiſter, Herrn Rumphius, den Tod ſeines Bruders zu verkuͤnden; es wäͤre vielleicht gut, ihm ſeine Todesart zu verhehlen, und ihm bloß zu ſagen, daß er ins Meer gefallen ſei; ich . „Man laſſe ſogleich den Schiffsprediger kom⸗ —— es übrigens ganz Ihrer Willkuͤhr, Herr bbé.“ „Ich werde mich dieſem Auftrage unterziehen, Hert Commandant,“ ſagte der Schiffsprediger, in⸗ dem er wieder aufſtand. „Sie verlaſſen mich ſchon, Abbé?“ „Ich ſehe nicht ein, Commandant, was ich hier noch nutzen koͤnnte, und uͤberdieß habe ich noch ei⸗ nigen Sterbenden in der Batterie Troſt zuzuſpre⸗ chen.“ „Sind es Amputirte, Herr Abbé?“— fragte lebhaft Heinrich; und ohne auf die Antwort des Prieſters zu warten, fuhr er fort:„nun! und wie geht's mit den Andern heute?“ „Leider, Herr Commandant, wird die Atmo⸗ ſphaͤre des falſchen Verdecks und des unterſten Raums immer verpeſteter; zu den Wunden ſchlägt der Brand, die Schmerzen nehmen zu, das Fie⸗ ber greift um ſich und die Uebel verſchlimmern ſich „Schlechter Troſt, Herr Abbé!.. „Troſt?“. nahm der Prieſter das Wort. „ich glaube, Sie ſcherzen; was beduͤrfen Sie des Troſtes, ich bitte Sie, Sie, ein großer Herr, der mitten unter dieſen vergoldeten Moͤbeln, dieſen Spiegeln und dieſen Blumen nur auf neue Tri⸗ umphe ſinnt?... Die, Herr Commandant, welche unbekannt in der ſtinkenden Finſterniß ſterben, in⸗ dem ſie eine verdorbene Luft einathmen, kurz, jene —— ——— —— — erhabenen Thoren, welche ſich verſtümmeln laſſen, um Ihre gräfliche Krone mit einer neuen Perle, oder Ihre Epauletts mit einem Stern mehr zu ſchmuͤcken... Jene bedürfen des Troſtes, nicht 3 Sie, Herr Graf „Aber in Wahrheit, Herr Abbé, ſollte man mich nicht fuͤr gefuhllos wie einen Fels halten, und glauben, die Leiden meiner Matroſen erregten nicht mein innigſtes Mitleiden? Glauben Sie nicht, daß ich, bei Gott! tauſend Louisd'or auf der Stelle geben wuͤrde, wenn meine Equipage ſo geſund, ſo vollzählig waͤre, wie zur Zeit, als ich die Rhede verließ, und ich nicht einen Amputirten an meinem Bord haͤtte?“ „Das kann ſein, Herr Commandant, jeder Rei⸗ ter zieht ein friſches und kraͤftiges Pferd einem ar⸗ men, zu Schande gerittenen vor, was in Wahrheit ein ſehr aufrichtiges Mitleid fur das zu Schanden gerittene Pferd beweiſt, Herr Graf.“ „Das iſt moglich, Herr Abbé,“— erwiederte⸗ Peinrich trocken;—„aber der Reiter iſt da, um das Pferd zu reiten, ſo wie das Pferd da iſt, um geritten zu werden; die Hauptſache iſt, daß der Reiter ſein Ziel erreicht,. ſollte er auch zwan⸗ zig Pferde deshalb zu Tode reiten.“ „Ich ziehe den rohen Egoismus vor, mein Herrz er iſt zwar gehaͤſſiger, aber nicht ſo erbärm⸗ lich, wie ihr heuchleriſches Mitleid von vorhin.“ — 349— „Wiſſen Sie wohl, Herr Abbé,“— rief Hein⸗ rich mit Heftigkeit,—„daß Sie auf befremdende Weiſe die Freiheit mißbrauchen, welche Sie durch Ihren heiligen Stand genießen?“ „Herr Graf, meine Stellung verlangt, daß ich laut eine ſtrenge und offene Sprache führe; deſto ſchlimmer fuͤr die, welche dadurch beleidigt wer⸗ den Heinrich nahm, wieder ruhiger geworden, das Wort:—„Beruhigen Sie ſich, Herr Abbé; ein Mann von meinem Range fuͤhlt ſich nur belei⸗ digt, wenn der Beleidiger ſeines Gleichen iſt; im entgegengeſetzten Falle gleitet die Beleidigung wie von Marmor an ihm ab.... „Nun gut! Herr Graf, wenn es des Beweiſes bedarf, daß man von Ihrem Range iſt, um Ih⸗ nen die Wahrheit ſcharfer und beißender ſagen zu können, ſo moögen Sie wiſſen 4 „Was, Herr Abbé?.. rief der Graf, den der letzte Punkt intereſſirte. Aber der Abbé brach, wie beſchaͤmt uͤber die Worte, die ihm entſchluͤpft waren, die Rede ab und fuͤgte kalt hinzu: „Ich mache mir uͤbrigens wenig aus dem Range, aus der Verachtung oder dem Haſſe, Herr Graf; ich erklaͤre noch ein Mal, daß ich die Wahr⸗ heit ſprechen muß,. und ich werde es thun.“ „Es ſei, Herr Abbé,. rief Heinrich außer Faſſung—„aber Sie wiſſen, daß Sie gegen al⸗ Wahrheit ſprechen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß es feig iſt, ſich an Leuten zu reiben, welche Sie nicht zur Rechenſchaft fordern koͤnnen.. denn das heißt, die Ungleichheit Stellung miß⸗ brauchen.“ len Zorn geſchuͤtzt ſind, und weil wir einmal die „Was Sie hier ſagen, iſt nicht richtig, Herr Graf, und ein Mal fuͤr alle Mal behalten Sie ſtets das im Sinne: Sie ſind eben ſo ſehr ge⸗ ſchuͤtzt gegen meinen Zorn, als ich es gegen den Ihrigen bin. Denn wenn Sie mich beleidigten, ſo koͤnnte ich als Prieſter von Ihnen eben ſo we⸗ nig Genugthuung mit dem Degen in der Hand fordern, als Sie als Laie ſelbige von mir fordern koͤnnten, wenn ich Sie beleidigte; unſere Stellung iſt alſo gleich, nur iſt uns jeder phyſiſche und rohe Kampf unterſagt; aber, um die Wahrheit trium⸗ phiren zu laſſen, bleiben uns die Waffen des Ver⸗ ſtandes, und darin erkenne ich die Ueberlegen⸗ heit, auf welche Sie mich verweiſen wollen, nicht an.“ Dieſe vernuͤnftige, ruhige und gewandte Ant⸗ wort brachte den Grafen wieder zu ſich ſelbſt; da meldete man Rumphius an. „Ach, um Gott,“— rief der Grafz„Herr Abbé, das iſt gerade der arme Teufel; ſchonen Sie ihn, bringen Sie ihm Alles mit Vorſicht bei, denn im Grunde iſt er ein vortrefflicher Menſch...“ . — 351— Rumphius trat jetzt ein, blaß, ganz außer ſich, mit fliegenden Haaren die Abweſenheit des guten, ihm ſo ergebenen Sulpizius machte ſich ihm ſchon zu fuͤhlbar. „Gerechtigkeit und Rache, Herr Graf!“— ſagte der Aſtronom, und warf ſich mit gefalteten Haͤnden und verzweiflungsvollen Mienen vor Hein⸗ rich auf die Knie nieder.„Ach, Herr Graf, wenn Sie nur einiges Mitleid, einige Anhaͤnglichkeit noch an Ihren alten Lehrer haben, ſo werden Sie ihm die Gerechtigkeit angedeihen laſſen, um die er Sie fußfällig bitet.“ „Da haben wir's,“ ſagte Heinrich, indem er den Abbé anſah, welcher den Aſtronomen mit gleichgultiger, kalter Miene betrachtete. „Ach, Herr Grafl das iſt eine Abſcheulichkeit,“ — fuhr Rumphius mit einer von der groͤßten Ge⸗ muͤthsunruhe bewegten Stimme fort,..—„e8 iſt ſchrecklich! Der dieſes Verbrechen begangen hat, muß eine Seele haben, wuͤrdig eines Sourga, ei⸗ nes Paria, eines Ungeheuers ach, Herr Graf, das wird mein Tod ſein,„. ja, mein „Ich begreife Ihren Schmerz, mein guter Rumphius,“ ſagte Heinrich,„er iſt gerecht und des Mitleids wurdig aber was wollen Sie? In einem ſolchen Augenblicke.. die Disci⸗ plin.. das Heil des Schiffs.. 8 —— ber moͤgen hundert Schiffe untergehen! Die, welche darauf ſind, mögen, wie die Seelen des Naraca, von dem Ausſatz zehntauſend Jahre lang heimge⸗ ſucht werden, als daß ein ſolches Verbrechen un⸗ geſtraft bleiben ſollte! Herr Graf, wenn Sie mir nicht Gerechtigkeit ſchaffen, ſo giebt es vielleicht einen Gott im Himmel, einen gerechten und raͤchen⸗ den Gott, welcher nicht dulden wird, daß ein ar⸗ mer Greis an dem, was er am liebſten auf der Welt hatte, verwundet werde, daß man ihm das raube, was den Troſt und die Hoffnung ſeines Le⸗ bens ausmacht!.... was ſoll jetzt aus mir wer⸗ den? was ſoll ich beginnen, warum noch le⸗ ben?— In meinem Alter ſchleudert mich dieſer Verluſt allein in eine Welt hinaus, der ich fremd geworden bin; denn wer wurde wohl heut zu Tage Antheil an einem armen alten Gelehrten nehmen? O, mein Gott!. gerechter Gott!.. ich bin ganz unglucklich, und ich fuhle es, daß ich die⸗ ſen unerſetzlichen Verluſt nicht uberleben werde; in ihn hatte ich meine ganze Zukunft geſetzt, ihm meine ganze Liebe, mein ganzes Leben geweiht! o, mein Gott! nein, ich kann es nicht uͤberleben: es iſt vorbei,—“ murmelte Rumphius, und große Thränen fielen aus den krankhaften Augen des Aſtronomen, welcher ſein Geſicht mit den Haͤnden bedeckte, und tiefe Seufzer ausſtieß. — „Das Heil des Schiffs?“ ſchrie Rumphius und erhob ſich mit zorniger Geberde...„lie⸗ Heinrich war bewegt, denn Rumphius Schmerz ſchien ſo aufrichtig, ſo bitter und ſo druckend, er ſtach ſo ſehr von dem egoiſtiſchen und unbekuͤm⸗ merten Charakter ab, den man ihm bisher zuge⸗ ſchrieben, daß es unmoglich war, die herzzerreißende Gemuͤthsbewegung dieſes Unglucklichen nicht zu theilen. „Nun, troͤſten Sie ſich,—“ ſagte Heinrich, „beruhigen Sie ſich, mein lieber Rumphius; Sie haben noch nicht Alles verloren; es bleibt Ihnen noch ein Freund, welcher uͤber Sie wachen, mit Ihren Leiden Mitleid haben,„ſie erleichtern wird,. denn er liebt Sie; Sie wiſſen es; zah⸗ len Sie auf meine. Aber Rumphius ließ den Grafen ſeine Rede nicht vollenden,— trocknete ſeine zornfunkelnden Augen und ſchrie mit Heftigkeit: „Sprechen Sie mir nicht von ihm, Herr Graf, ſprechen Sie nicht von dieſem elenden, von dieſem falſchen Bruder, von dieſem unwuͤrdi⸗ gen Sulpizius;... ich will ihn in meinem Leben nicht wieder ſehen... „Wie? was ſagen Sie?—“ ſtotterte der erſtaunte Graf,—„Sulpizius „Sprechen Sie nicht von ihm, Herr Graf,—“ fugte der Gelehrte mit vermehrter Wuth hinzu,— „es iſt aus zwiſchen dieſem Niedertraͤchtigen und mir, denn nur er verurſacht meine Verzweiflung, nur er wird Schuld an meinem Tode ſein Die Seewarte v. Koat⸗Vén. IHI. 23 ———— S — — 354— hineinkam? wo war er, dieſer unwuͤrdige Bru⸗ der? zu ſchlafen, ich weiß nicht wo?.. und waͤhrend dieſer Zeit ſchlich ſich ein hoͤlliſcher Boͤſewicht bei mir ein, und mordete mich, indem er mir mein Manuſeript ſtahl.. ein unſchätzba⸗ res Manuſcript uͤber die Aſtronomie und die Re⸗ ligion der Hindus, ein Manuſcript, welches den Kern, die Eſſenz meiner dreißigjaährigen Arbeit enthielt, ein Manuſeript voller Berechnungen und geometriſchen Aufloͤſungen, wovon mir jetzt nicht eine Spur uͤbrig bleibt, ein Werk, in wel⸗ chem ich die ungeheuern Schätze meiner Gelehr⸗ ſamkeit und meiner Forſchungen aufgehäuft hatte, und, o weh! weh! ſo groß iſt die Trockenheit, die Unermeßlichkeit dieſer Arbeiten und dieſer Wiſſen⸗ ſchaft, daß mein Gedaͤchtniß gegenwärtig nicht mehr den tauſendſten Theil zu behalten im Stande waͤre; ich hatte es gemacht wie der Geizige; jeden Tag hatte ich in dieſes Werk Alles, was ich an Wiſſenſchaften gewonnen, eingetragen, da ich mei⸗ nen Kopf nicht mit Gedächtnißſachen belaſten und ihn frei und offen fuͤr die Aufnahme der Fruͤchte von neuen Studien erhalten wollte. Ja, Herr Graf, es bleibt mir nichts mehr uͤbrig, nichts mehr von Allem. Sie verſtehen, nicht wahr?.. nichts, das will ſagen, daß ich bei dieſer Arbeit ſeit dreißig Jahren ergraut bin, daß ich meine Tage und 63 warum hat dieſer Elende mein Zimmer verlaſſen, ſtatt hier zu bleiben, ſtatt zu wachen, daß Niemand * meine Naͤchte hingebracht habe fuͤr... ein Nichts, .— Nichts!. und dazu hat es nur einer Minute bedurft, nur der Abweſenheit eines Elen⸗ den, welcher nicht einmal den Inſtinkt des Hundes hat, dem man eine Thuͤr zu bewachen giebt; aber um des Himmels willen, Gerechtigkeit, Herr Graf, Gerechtigkeit! Laſſen Sie mir mein Manuſeript zuruͤckgeben, oder ich werde daruͤber ſterben, aber den Niederträchtigen verfluchen, wel⸗ cher die Urſache meines Unterganges iſt, dieſes fuͤr die Wiſſenſchaft unerſetzlichen Verluſtes. ach! verfluchter!... tauſend Mal verfluchter Sulpi⸗ zius! aber wo iſt er? wo iſt er?“— ſchrie der Aſtronom in dem Zuſtande der ſchrecklichſten Verzweiflung,„man ſuche ihn, man lege ihm eine Strafe auf, die ſeiner Frevelthaten wuͤrdig iſt!“ Und Rumphius durchlief ſtarken Schritts, mit vor Zorn funkelndem Auge, ſeine grauen Haare ganz verwirrt, das Geſicht von der Sonne ver⸗ brannt, die Gallerie: ein merkwuͤrdiger Anblick!— Das Bewußtſein und die Verzweiflung des Ge⸗ nies waren auf ſeine hohe Stirn geſchrieben; ſeine Sprache war wohlklingend, beredt, und ſein demu⸗ thiger und gebuͤckter Gang hatte einer ſtolzen und ehrfurchtgebietenden Haltung Platz gemacht. Peinrich, ſo ausſchweifend, ſo gefuͤhllos, ſo egpiſtiſch, ſo eitel er auch war, erblaßte furchtbar, und konnte nicht ein Wort hervorbringen. 23 — 356— Man haͤtte dagegen glauben ſollen, der Abbé habe gleich anfangs die wahre Urſache von Rum⸗ phius Verzweiflung errathen, denn das blaſſe Ge⸗ ſicht des Prieſters zeigte keine Theilnahme, und kalt antwortete er dem Aſtronomen, welcher fort⸗ waͤhrend fragte, wo Sulpizius waͤre: „Sulpizius iſt todt, mein Herr! Er ſtarb, in⸗ dem er Sie rief, er ſtarb, indem er Sie den Gefah⸗ ren entreißen wollte, die er fuͤr Sie befuͤrchtete; er ſtarb auf dem Verdecke, durch einen Axtſchlag getoͤdtet,.. er ſtarb ohne geiſtlichen Troſt.“ „Todt?“ ſchrie Rumphius mit geſteigertem Zornz „todt?.. Gewiß hat er ſeinen Tod gefunden, als er auf das Verdeck ſtieg, um mich in meinen Arbeiten zu unterbrechen,„ alſo wird man mich auch waͤhrend dieſer Zeit beſtohlen haben. O! der Elende!... der, anſtatt in meinem Zimmer zu bleiben und mein Manuſcript zu bewachen. ſich ſo thoricht das Leben nehmen läßt; o! hoͤrte man je von einer einfältigern, verwuͤnſchenswerthern Todesart, als dieſer?“ „Aber, was Sie da ſagen, iſt ja abſcheulich,“ rief der Graf, der ſich nicht mehr halten konnte,— „bedenken Sie doch, daß er fuͤr Sie geſtorben iſt, erbarmlicher Egoiſt... „Fuͤr mich geſtorben?—“ ſchrie Rumphius mit einem bittern Lächeln der Verzweiflung,.. „fuͤr mich?— Sie ſcherzen. Zu was hilft nir ſein Tod?... Er hat mich um die Frucht mei⸗ ——.— ⸗ . ner dreißigjahrigen Forſchungen gebracht!... Er iſt todt! Ei, was liegt mir an ſeinem Tode, und welches Gewicht hat ein ſo beſchraͤnkter Geiſt in der Wagſchale der Wiſſenſchaft? Eriſt todt!... Eroſtrates mußte auch ſterben, und wer verwuͤnſcht nicht den Eroſtrates?.... Er iſt todt!... Ein ſolcher Dummkopf! Ein ſchoͤnes Suͤhnopfer fur die beleidigte Wiſſenſchaft!... Er iſt geſtor⸗ ben!. thoͤricht geſtorben, indem er mich ſeiner blinden und einfaͤltigen Ergebenheit aufopferte,. denn wer ſoll mich jetzt pflegen? Wer wird nun fur mich die kleinlichen Sorgen des irdiſchen Le⸗ bens, an die ich nicht denken kann, auf ſich neh⸗ men?.. Man möchte naͤrriſch werden vor Wuch, wenn man ſieht, daß ein ſo dummes Betragen Vertheidiger findet,.... denn kurz, mein Herr, ein Opfer iſt nur dann lobenswerth, wenn es ſei⸗ nem Zwecke entſpricht; und was hilft mir ſein Tod?. Mur ſein Leben konnte mir nuͤtzlich ſein; aber daraus kann man ſehen, was dieſe Dummköpfe unter Ergebenheit verſtehen„. „Aber noch ein Mal, Sie erbaͤrmlicher Egoiſt, er ſtarb, indem er Sie dem Tode entreißen wollte, — ſagte Heinrich,—„wenn er geſtorben iſt, ſo war es bloß fuͤr Sie!.... „Was Sie da ſagen, erregt mein Milleid, Herr Graf,—“ ſchrie, heftig mit dem Fuße ſtampfend, Rumphius, der ſich nicht mehr zuruͤckhalten konnte, —„or ſtarb, weil er mich dem Tode entreißen — 358— wollte;... aber ſtand dies in ſeiner Macht?— Nein, denn er kannte meinen unerſchuͤtterlichen Willen, er konnte alſo nur mein Loos theilen, und zu was half das?.. War es nicht beſſer, daß der Elende als treuer Waͤchter des Schatzes, welchen ich ihm anvertraut hatte, mein Manuſcript verthei⸗ digte? Dann, Herr Graf, wenn dieſes Manu⸗ ſcript gerettet war, konnte ich ſterben, ich, ich... denn ich lebte in meinem Werke wieder auf,.. ſagen Sie, Herr Graf,... ſagen Sie, mit wel⸗ chem Rechte erlaubte ſich dieſer Dummkopf, mein Schickſal zu aͤndern?... Was ging es ihn an, ob mein Koͤrper von den Wuͤrmern zerfreſſen wurde oder nicht, wenn meine Werke ewig leben ſoll⸗ ten?. Denn wenn der Menſch in ſich einen unſterblichen Geiſt hat, der ihn uͤberlebt, iſt das nicht das Werk, was er nach ſeinem Tode hinter⸗ laͤßt? Sr den Gelehrten, verſtehen Sie wohl, Hir Graf, iſt die Unſterblichkeit der Seele die Unſterblichkeit der Wiſſenſchaft! Die⸗ lichkeit des Werkes, in welchem er die gatz ſeigt. moraliſchen Kraͤfte concentrirt hat kes, welches unſterblich wird, des ches Jahrhunderte fortlebt, wahr⸗ rielle Huͤlle in einem Tage aufgeloſt Ja, der niedertraͤchtige, der verhaßte S durch ſeine thörichte Ergebenheit meinen unſterbli⸗ chen Theil getoͤdtet, Herr Graf, er hat ihn 6 nun wird mein Name, der in der Zukunft ge⸗ „ . ———————— 1 glanzt hätte, in eben ſo tiefer Dunkelheit verbor⸗ gen bleiben, als der ſeinige; keine menſch⸗ liche oder goͤttliche Macht kann mich der Vergeſ⸗ ſenheit der Zeitalter entreißen, mich,. mich, der ich auf dem Punkte ſtand, fuͤr immer in den Jahrhunderten fortzuleben!.... Mich, der ich fuͤr dieſen Ruhm die Freuden der Welt und des Familienlebens geopfert hatte, mich, der ich mich ſeit dreißig Jahren von den Menſchen abgeſondert hatte, o!. das iſt abſcheulich! fuͤrchterlich!.... aber es fällt mir ein; vielleicht hat auch eine ſchreckliche Eiferſucht jenen Elenden zu dieſer Handlung bewogenz.„ er wird mein Werk zerſtoͤrt und ſich nachher den Tod gegeben haben. aber! mein Kopf, mein Verſtand verirrt ſich!... mein Manuſcript!.. mein Manuſcript!“....— ſchrie Rumphius und verließ faſt im Wahnſinn die Gallerie. Heinrich konnte nicht ein Wort hervorbringen; ſein Athem war beklommen; er glaubte zu traͤumen. „O, Abbé!„.. kann denn in dem Herzen eines Menſchen ein ſo gefuͤhlloſer Eoois hrr⸗ ſchen?. ſagte endlich der Graf, und faltete mit Schrecken die Haͤnde. Der Abbé, in deſſen Zuͤgen während dieſer Scene nicht die geringſte Theilnahme zu leſen war, fagte zum Grafen nichts als die Worte: „Sie haben, wie ich glaube, wenig Kenntniß von Ihrem eignen und dem mönſchlichen Herzen v — 360— uͤberhaupt; Sie haben viel geſehen, ſelten beobach⸗ tet, und niemals uͤberdacht, mit einem Worte, Sie ſind noch ſehr zung, Perr Graf, daher begreife ich ſehr gut Ihre Verwunderung.“ Dieſe verächtliche Ruhe, dieſe Kaltbluͤtigkeit nach einem ſo erſchuͤtternden Auftritte, kuͤndigte eine ſo grauſame Gefuͤhlloſigkeit oder eine ſo trau⸗ rige Lebenserfahrung und Menſchenkenntniß an, daß es dem Grafen wie ein Schleier vor den Au⸗ gen lag; denn, wie geſagt, der Abbé ſchien erſt dreißig Jahre alt zu ſein. Heinrich konnte dem Schiffsprediger nur Folgendes erwiedern: „Wie? Herr Abbé? der furchterliche Egoismus dieſes Menſchen ſetzt Sie nicht in Erſtaunen?“ „Wenn Sie die Wiſſenſchaft in ihren tiefſten Geheimniſſen erforſcht hätten, Herr Graf, wenn Sie den furchterlichen Schwindel ihrer Berauſchung empfunden haͤtten, ſo wuͤrden Sie wiſſen, daß verjenige, welcher ſich mit Leib und Seele dieſer verhaͤngnißvollen Gottheit widmet, alle ſeine Gei⸗ ſteskräfte, alle ſeine Naturtriebe, alle ſeine Be⸗ duͤrfniſſe, alle ſeine Wuͤnſche, alle ſeine Begierden, alle ſeine Sinne einer einzigen, fixen und gluͤhen⸗ den Leidenſchaft aufopfert;... einer menſchen⸗ ſcheuen, ausſchließlichen, unverſoͤhnlichen Monoma⸗ nie, deren hervorſtechender Charakter ein grauſa⸗ mer Egoismus und ein uͤbermaͤßiger Stolz iſt.“ „Aber nicht alle Gelehrten gleichen dem Rumphius, Herr Abbée — 361— „Alle, ohne Ausnahme, Herr Graf, alle,— wenn ſie, wie er, die Frucht der unermeßlichen Ar⸗ beiten ihres ganzen Lebens durch die natuͤrliche und erhabene Aufopferung eines Sulpizius verloren und auf immer vernichtet ſähen.“ „Ein ſchrecklicher Gedanke, Abbé,. daß die blinde Liebe zur Wiſſenſchaft einen Menſchen zum Barbaren machen kann;.. es iſt gehaͤſſig,.. in Wahrheit, Herr Abbé,.. ſehr gehaͤſſig... man erroͤthet faſt, Menſch zu ſein, wenn man ſol⸗ che Ungeheuer ſieht...“ „Man erroͤthet, Menſch zu ſein?...“ wieder⸗ holte der Abbé mit bitterer Ironie.„Und mit welchem Rechte erroͤthen Sie, Herr Graf, mit wel⸗ chem Rechte brandmarken Sie dieſen egoiſtiſchen und grauſamen Gelehrten, der den Tod ſeines Bru⸗ ders beweint.... wie Sie den Tod oder die Ver⸗ ſtuͤmmelung Ihrer Matroſen beweinen;... dieſe blinde Wuth zur Wiſſenſchaft erſchreckt Sie;.. ich habe Sie nicht ſo gefuͤhlvoll geſehen, Herr Graf, als Sie nach dem Kampfe, ſorglos und leichtfertig ſich von Liebe und Weibern unterhaltend, in das falſche Verdeck Ihrer Fregatte herabſtiegen;. es gab doch dort, Herr Graf, Gegenſtaͤnde genug, welche Ihr Gefuͤhl erwecken und Ihre Nerven er⸗ ſchuͤttern konnten Die blinde Wuth der Wiſ⸗ ſenſchaft erſchreckt Sie?... Haben Sie denn die Ungluͤcklichen vergeſſen, welche viel gelitten,e und unbekannt geſtorben ſind, um Ihnen einen großen, —— weltbekannten Namen zu hinterlaſſen, dieſe Leute, welche mit ihren blutigen Händen Ihnen eine Krone flochten, und den Geiſt aushauchten, ohne einen Klagelaut, zufrieden, dieſe Krone auf Ihrer Stirn ſtrahlen zu ſehen;..„da ſie wiſſen, Herr Graf, mit welcher Dankbarkeit Sie die be⸗ wunderungswuͤrdige Aufopferung dieſer Menſchen belohnen!.. Der grauſame Egoismus des Rum⸗ phius erſchreckt Sie, Herr Graf. wohlan!.. kommen Sie, ſteigen Sie mit mir hinab in das dunkle, verpeſtete falſche Verdeck, ſehen Sie die von dem Rumpfe abgeriſſenen Glieder, die zucken⸗ den Koͤrper, die verſtuͤmmelten Leichname; dann vielleicht wird dieſes Reſultat der blinden Leiden⸗ ſchaft nach Ruhm Sie nachſichtiger machen gegen die blinde Wuth der Wiſſenſchaft; denn der Gelehrte, Herr Graf, laͤßt wenigſtens Andern ſeine Belehrungen und die Wiſſenſchaft zuruͤck; der Ge⸗ lehrte iſt wenigſtens der Gruͤnder ſeines Ruhmes, während Sie, Herr Graf, nur Mord und Verwuͤ⸗ ſtung zuruͤcklaſſen! und Ihr bedauerhswerther Ruhm gehoͤrt nicht einmal Ihnen ganz, denn der gemeinſte, der brutalſte der Matroſen kann mit vollem Rechte ſeinen Theil davon in Anſpruch neh⸗ men. Aber ich muß Sie verlaſſen, Herr Graf, denn ich hoͤre die Glocke; die Stunde des Gebets ruft mich auf das Verdeck.“ Und den Geafen eiligſt gruͤßend, entfernte ſich der Abbé. — 363— Heinrich blieb lange Zeit in Nachdenken ver⸗ ſunken; die Unterhaltung mit dem Prieſter, der Auftritt mit Rumphius, hatten ihn ſtark bewegt. „Hm, was kann er am Ende von mir denken, dieſer Abbé?“ ſagte er dann zu ſich ſelbſt,„daß ich Egoiſt bin, und daß ich meine Equipage mei⸗ nen Wuͤnſchen nach Ruhm und einem großen Na⸗ men aufopfere?. Aber iſt das nicht ganz na⸗ tuͤrlich und die Geſchichte aller militairiſchen An⸗ fuͤhrer? Er ſetzt meinen Stand unter den des Gelehrten, was liegt mir daran! Mein Stand gefällt mir.. ja, aber ich finde es unangenehm, neben oder fern von mir,.. die Entfernung thut nichts zur Sache,„ Jemanden zu haben, der eine ſo geringe Meinung von meinen Verdien⸗ ſten hegt, und ich weiß nicht, warum ich ſo viel Gewicht auf die Stimme dieſes Prieſters lege.. ich, der ich auf jedes Urtheil uͤber mich verächtlich herabſehe. Bei Gott, ich muß ihn auf das Kapi⸗ tel uͤber die Weiber bringen und auf dieſe Art in ſeinen Augen gewinnen; wenn's auch nicht im Gu⸗ ten iſt, ſo mag es im Schlechten ſein. Bis jetzt hat er in mir nur den Seemann geſehen; ich will ihm nun den Weltmann zeigen, und bei Gott, die keuſchen Ohren des wuͤrdigen Abbé werden an den verwuͤnſchten Geſtändniſſen, welche ich ihm ablegen will, ein bedeutendes Aergerniß nehmen; wenn es auch nur waͤre, um ihm zu beweiſen, daß der Mann, welcher, wie ich, eine Menge ernſthafter, — 364— luſtiger oder tragiſcher Abenteuer beſtanden hat, bei alle dem nicht ein gemeiner Menſch iſt;— und auf den Seekompaß ſehend, fuͤgte er hinzu: „die Sylphide iſt wieder auf ihrer Bahn; ich will ietzt meinen Rapport an den Miniſter machen.“ 7 Zweiund zwanzigſtes Kapitel. Wer hätte das geglaubt? Fragmente eines Akademikers. Das Zuſammentreffen. Man wird ſich erinnern, daß am Morgen jenes Tages, nach dem Kampfe, worin der Graf den Schooner in den Grund gebohrt und die engliſche Fregatte faſt ganz entmaſtet hatte,— die Sylphide im Angeſicht zwei engliſcher Schiffe von vier und ſiebenzig Kanonen die Flucht ergriff. Es war Nacht;— der Graf, nachdem er lange Zeit uber die Unterredung mit dem Abbé nachge⸗ dacht, hatte ſich niedergelegt, und ſeinem Kammer⸗ diener ſehr dringend empfohlen, ihn zu wecken, wenn ſich etwas Neues am Bord ereigne. Die Sylphide ſegelte ſo gut, daß aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach die beiden Schiffe ſie aufgegeben oder aus dem Geſicht verloren hatten, denn nach den Befehlen Heinrichs waren alle Feuer ausge⸗ loſcht worden. Die Schraͤnke verbargen das Licht des Kompaſſes, kein Schein konnte alſo die Gegen⸗ wart deregut in dieſen gefaͤhrlichen Gewäſſern verrathen⸗ Obgleich ſich die Sylphide ſehr in der Nähe geſchlagen, ſo hatte ſie doch keinen bedeutenden Schaden erlitten. Man hatte neue Segel aufge⸗ zogen, ihr Fockmaſt, welcher durchſchoſſen war, wurde mit Wangen befeſtigt; die abgehauenen Taue waren gewechſelt worden, kurz, die Fregatte konnte ohne Furcht jedem Schiffe von gleicher Kraft die Spitze bieten. Das Meer war ruhig, der Wind friſch, und die Matroſen, welche, in der Batterie liegend, auf den Fall des Lärmſchlagens fortwaͤhrend zum Kampfe bereit waren, ſuchten neue Kräfte in einem erquik⸗ kenden Schlafe. Mit Ausnahme der zum Mansvre durchaus noͤthigen Mannſchaft, ſchlummerten auch die auf das Deck beorderten Kanoniere. Unter den Verwundeten, die auf dem falſchen Verdeck lagen, ſchienen noch zwei Matroſen ihre Leiden und den Schlaf zu vergeſſen. Es waren Daniel und der Loſophe. Seit län⸗ ger als einer Stunde ſetzte der Bretagner dem Pa⸗ riſer und St. Möédard nach, welche mit einer be⸗ wundernswürdigen Geſchicklichkeit mitten unter den Betten und Lagern herumkrochen, und ſo der hart⸗ naͤckigen Verfolgung des zu naturlichen und leicht⸗ glaͤubigen Adepten in der Zauberei entgingen. Aber . — endlich fand der Loſophe einen Ausgang, welchen er offen glaubte, verſchloſſen. Daniel verdoppelte ſeine Schritte, ergriff ihn mit ſeiner ueh Hand und ſagte: „Warte, verfluchter Hundl jetzt hab'ich Dich..“ „Das will ſagen, ich habe Dich, Daniel,“— ſagte der Loſophe, indem er den Bretagner beim Kragen nahm;„es iſt ſchon eine Stunde, daß ich Dich ſuchte.“ „Du ſuchteſt mich?.. fragte Daniel, erſtaunt uͤber dieſe Unverſchämtheit, und hielt den Arm des Loſophen fortwaͤhrend wie in einem Schraubeſtock „Ja, ich ſuchte Dich, und wollte Dir ſagen, daß Du ein abſcheulicher Kerl biſt„„daß es Deine Schuld iſt, daß ich verwundet bin.“ „Ein ſtarkes Stuͤck!“ meinte der erſtaunte Da⸗ niel.—„Ich ein abſcheulicher Kerl?. Und Du wagſt es, mir das zu ſagen?„. Du Erz⸗ lumpenhund?.. Während Du die Frechheit hatteſt, mir fur drei Thaler eine ſchlechte Phiole zu verkaufen, die mich gegen Verwundung ſicher ma⸗ chen ſoll, war ich faſt der Erſte Verwundete.“ „Daniel, Daniel, Du biſt ein elendes jekt... ſagte der Loſophe mit erſchrockener Miehe: „Daniel, mit Dir wird's ein ſchlechtes Ende neh⸗ men!. Aber ſteh' mir Rede haſt Du Alles getrunken, was in der Flaſche war?.. — fuͤgte der Loſophe hinzu, indem er die Arme mit einer gewichtigen und drohenden Miene uͤber⸗ einander ſchlug. „Nein, ich habe nicht Alles getrunken.. nein, beim heiligen Petrus; man wuͤrde mich eher in Stuͤcken zerhauen haben, ehe ich einen Schluck mehr getrunken hätte,..— ſchrie Daniel, der ſchon bei dem Gedanken an jenes abſcheuliche Ge⸗ traͤnk ſeine Eingeweide ſich kruͤmmen fuͤhlte. „Ah, Du haſt nicht Alles getrunken... und doch verlangſt Du noch, daß der Zauber wirken ſoll, erbaͤrmlicher Wicht?... Und biſt im Be⸗ griff, mich der Gefahr auszuſetzen, daß der Herr Graf von St. Germain, unſer Oberhaupt in der Zauberei welcher allwiſſend iſt, mich beſtrafe, weil es ſcheinen konnte, als wenn ich einen falſchen Zau⸗ ber machen und einen Freund betruͤgen wolltez.... ich ſoll durch Deine Schuld verwundet worden ſein, und Du glaubſt, daß die Sache nichts zu bedeuten hat, Daniel?... Nein, nein, es muß ein Exem⸗ pel ſtatuirt werden, denn in der That, das geht in's Weite! Daniel war beſturzt; der Loſophe richtete an ihn die nämlichen Vorwuͤrfe, mit welchen er denſelben niederſchlagen wollte. Das ernſthafte und herriſche Anſehen des Loſophen imponirte ihm; auch nahm er mit gemäßigterem Tone das Wort und ſagte „Aber kurz, Loſophe, ich habe doch einen Schluck aus der Phiole getrunken.. und der ſchmeckte ſo ſchlecht, daß ich das fuͤrchterlichſte Bauchgrim⸗ — men bekam; das iſt wahr„ und deſſen bin ich doch verwundet worden! „Aber, dummes Thier, ſo kann ich Dich bloß nennen, Daniel, aber, dummes Thier, was iſt denn Deine Wunde?„Ein Ritzz.„und ich habe vom Maſtbaum herabgeſehen, was Dich ver⸗ wundet hat; das mußte Dich wie Glas zermal⸗ men! es waren ſechs gluͤhende Kettenkugeln!.... und ſechs gluͤhende Kettenkugeln haben Dir nichts weiter als einen Ritz verurſacht; was wäre es ge⸗ weſen, wenn Du die ganze Phiole ausgetrunken haͤtteſt?. ſtatt Dich zu verletzen, haͤtten Dir die ſechs Kugeln ganz leiſe den Kopf gekrabbelt, wie man ihn den Papageien krabbelt, oder ſie hat⸗ ten ſich fur Dich auch in Roſenguirlanden verwan⸗ delt; aber nein, ſtatt deſſen, ſtatt ſich den Kopf krabbeln oder ſich mit Roſen bekraͤnzen zu laſſen, will der Herr lieber einen Ritz im Kopfe haben, Jeder nach ſeinem Geſchmack; aber Du haſt einen ziemlich rohen Geſchmack, Daniel.“„ „Aber ich haͤtte lieber mit Blumen bekräͤnzt ſein wollen, Loſophe; auf mein heiliges Ehrenwort, ich haͤtte das vorgezogen!“ „Noch ein Mal, ſage ich, Jeder nach ſeinem Geſchmack. aber darin erkenne ich Deinen ſchlechten Geſchmack, daß Du mir bei Sr. Excellenz dem Oberzauberer Strafe zuziehen willſt; hinſicht⸗ lich ſeiner Gerechtigkeit iſt der ein ſtrenger und un⸗ beſtechlicher Herr. Ich, einfach wie ein Kind, hatte Die Seewarte v. Koat⸗Vén. 11. 24 — 370— ihm anz unſchudig durch die Luͤfte angekuͤndigt, daß ich Dir einen Zauber gegeben, um Dich gegen Verwundung zu ſchuͤtzen. Gut, das heißt ſo viel als: Daniel wird nicht berwundet werden. Aber was ſieht er ſtatt deſſen? Er ſieht, daß Du ungeachtet des Zaubers verwundet hiſt. Er rechnet mir die Schuld an, und ſiehe da er ſchickt mir in der Geſtalt eines Schuſſes einen gruͤnen Dra— chen mit rother Zunge und feurigen Fluͤgeln, um mich zu beſtrafen und zu verwunden.. Du ſiehſt alſo, daß es Deine Schuld iſt, Luͤmmel, dummes Thier, Ochſe!“ Und der Loſophe ſchien fuͤrchterlich aufgebracht zu ſein. Daniel fing an zu zittern und glaubte wirklich, Unrecht zu haben.—„Beim Himmel... Loſophe, ich.. ich glaubte zuͤrnen zu koͤnnen, weil ich verwundet worden bin,—“ ſagte der Bre⸗ tagner mit demuͤthiger Geberde. „Aha, Du glaubteſt das, Elender! wohlan!.. kannſt Du leſen?.. „Du weißt wohl, daß ich es nicht kann, Lo⸗ ſophe.“ „Nun wohl ſo lies alſo dies.—“ Und der Unverſchaͤmte fuͤhrte Daniel zu einer Laterne, zog ein ziemlich voluminoͤſes Manuſcript aus ſeiner Weſte, welches mit feiner und enger Schrift ge⸗ ſchrieben und voll ſonderbarer Zeichen war, die der Bretagner fuͤr die cabbaliſtiſchſten S von der Welt hielt. — 371— Wehe, Wehe! es war das koſtbare Manuſcript des Rumphius, welches der verdammte Loſophe während der Abweſenheit der beiden Bruͤder geſtoh⸗ len hatte, indem er auf das gelbe, mit ſymboliſchen, algebraiſchen und mathematiſchen Figuren bedeckte Papier Rechnung machte, um jenem Betrogenen eine hohe Idee von ſeiner Macht beizubringen... „Nun! was lieſt Du daraus?—“ fragte von Neuem der Loſophe mit lauter Stimme und zeigte mit dem Finger auf die furchterregenden Sei⸗ ten des Buchs. „Aber ich leſe gar nichts darin,„ ſagte Daniel—:„weil ich nicht leſen kann.“ „Nun gut! ich will Dir den Gefallen thun, und ſtatt Deiner leſen,„das iſt ſo die Ver⸗ ordnung fuͤr uns Zauberer. Hoͤre alſo wohl auf: „Jeder Lumpenhund, welcher, wenn er nur halb „den ihm von einem Magier gegebenen Zauber „vollendet hat,. dieſen Magier durch Se. Ex⸗ „cellenz wird beſtrafen laſſen„ſoll ſelbſt ſo be⸗ „ſtraft werden, daß er entweder ein Eisbaͤr wird, „welchem tauſend Donnerwetter in den Leib fahren, „und dies geſchieht während ſieben mal hundert „tauſend und neun Jahren!“ Daniel ſchauderte und bekreuzte ſich, denn er hatte die letzte Strafe hinlaͤnglich nach dem Schluck aus der Phiole kennen gelernt. „Oder,—“ fuhr der Loſophe mit wichtiger Miene fort, indem er ſich immer ſtellte, als leſe er 372— in dem Buche,—„oder ſo, daß er zwei Sechs⸗ „livreſtuͤcke giebt, um etwas Erfriſchendes zu kau⸗ „fen, und ſo den gruͤnen Drachen mit rother „Zunge, der den Zauberer wird gebiſſen haben, an „ſeinen Poſten zuruͤckſchickt.“ Der Loſophe ſchlug gravitätiſch ſein Buch zu, ſteckte es in ſeine Taſche, und ſah Daniel mit der Zuverſicht eines Richters an, der einen Schuldigen im Verhoͤre hat. Der Bretagner war ſehr bewegt und erſchrok⸗ kenz er ſtotterte,. ploͤtzlich richtete er den Kopf in die Hoͤhe und rief entſchloſſen:„Bah!.. Bah!. das iſt mir einerlei. wenn ich be⸗ ſtraft werde, ſo ſoll man mir es zuſammen bezah⸗ len, und ich will unterdeſſen immer anfangen, Dir den Ruͤcken durchzubläuen, Loſophe.—“ Er holte nach dem Loſophen aus, welcher unerſchrocken ant⸗ wortete:„Ich koͤnnte Dich mit einem Hauche zu Pulver machen; aber ich will mich llieber ſchlagen laſſen; ich freue mich außerordentlich dar⸗ uͤber, denn fuͤr jeden Fauſtſchlag wirſt Du zehn Millionen hundert Milliarden Jahrhunderte hindurch Leibſchneiden mehr haben.“ Dieſe Drohung blieb nicht ohne Wirkung; Da⸗ niel ſtand einen Augenblick mit aufgehobener Fauſt, und der Loſophe fuhr fort:„Aber nicht doch! ſchlag'“ nur immer zu! ſchlage mich todt,„ ſage ich Dir, Du haſt geſehen, ob es eintraf oder nicht, was ich Dir von dem Grand-gibet vorausgeſagt habe, und ob, nachdem er und der Teufel ins Waſſer geworfen waren, nicht Jedermann wieder geſund wurde, ſtatt halbtodt zu bleiben wie vorher, ob 7 Aber der Loſophe unterbrach ſich, denn es ver⸗ breitete ſich plotzlich auf dem falſchen Verdeck ein ſtarker Brandgeruch.. „Ah! Du wagſt es, uͤber mich, den Zauber⸗ lieutenant, die Fauſt zu erheben wohlan, riechſt Du den Schwefelgeruch, Schuft? da kommt der Teufel, um mich zu vertheidigen und Dich zu S „Gnade!.. Gnade! Loſophe,—“ ſagte Daniel außer ſich, und warf ſich auf die Knie. Aber dieſer Auftritt wurde bald durch das ſchreck⸗ liche Geſchrei der Verwundeten unterbrochen, welche, da ſie einen ſchwarzen und dichten Rauch durch eine der Thuͤren dringen und das falſche Verdeck damit angefuͤllt ſahen, alle Kraͤfte anſtrengten, ſich aus ihren Betten zu retten. Endlich hallte der fuͤrchterliche Ruf:„Feuer!“ von dem falſchen Verdeck in die Batterie und von da auf das obere Verdeck, wie ein langer Schmer⸗ zensruf wieder. Die Equipage iſt auf den Fuͤßen. Der Gene⸗ ralmarſch wird geſchlagen, die Officiere erheben ſich; Heinrich, ploͤtzlich aus dem Schlafe geſtoͤrt, kleidet ſich in Eile an und erſcheint auf dem fal⸗ ſchen Verdeck. Aber er behielt ſtets ſeine Ruhe und war ſeiner ganz Herr. „Iſt Jeder an ſeinem Poſten?“ rief er mit ſtarker Stimme, indem er auf die Quartierbank ſprang;„Sie, Herr von Miran, laſſen die Fregatte auf die Seite legen und die Luftlocher verſchließen, um jeden Zug zu vermeiden. Ihr, Meiſter Frank, laßt die Pumpen in Stand ſetzen; laßt ſie ſpielen. Zwanzig auserleſene Maſtwaͤchter moͤgen zum Feuer hinabſteigen, der uͤbrige Theil der Equipage aber bleibe auf dem Verdeck; die Verwundeten moͤgen in die Batterie geſchafft werden, wenn das Feuer die Raͤumung des falſchen Verdecks erheiſcht.“ Alles dieſes wurde in kuͤrzerer Zeit befohlen und ausgefuͤhrt, als man zu deſſen Beſchreibung braucht. Und die Equipage blieb unbeweglich in einzel⸗ nen Gruppen auf dem Vordertheile der Fregatte ſtehen. Dieſer Unfall war ſo unvermuthet entſtanden daß die noch halb ſchlaftrunkenen Menſchen die ſchreckliche ihnen drohende Gefahr kaum begreifen konnten; Einer vrängte ſich an den Andern, und die Todtenſtille, die uͤberall herrſchte, wurde nur durch das abgemeſſene Geraͤuſch der Pumpen un⸗ terbrochen, welche unaufhoͤrlich ſpielten. Der Graf, eben ſo wenig von dem Umſichgre⸗ fen des Feuers unterrichtet, ging unruhig auf dem Hintertheile des Schiffes auf und ab, denn in di⸗ ſem kritiſchen Augenblicke gebot ſeine Pflicht, auf dem Verdecke gegenwaͤrtig zu ſein. „Das Feuer greift um ſich, Commandant,“ ſagte leiſe der Lieutenant, der aus der Luckenlade hervorkam. „Aber wo iſt der Hauptpunkt deſſelben?“ fragte der Graf aͤngſtlich. „Im Hintertheile,“ erwiederte Jean Tholnas, „in dem letten Zimmer am Backbord in dem, welches unmittelbar uͤber der Pulverkammer liegt.“ „Das iſt ja das Zimmer des Rumphius,“ ſagte der Graf ſchnell. „Ja, Commandant; ich habe geſucht, das Feuer an dieſem Orte concentriren zu laſſen, indem ich alle Thuͤren ſchließen und die Pumpen dahin rich⸗ ten ließ„. Der Stuͤckmeiſter Kergoust hat ſich der Rettung des Schiffs faſt aufgeopfert, denn er ſtieg in die Pulverkammer hinab„ „Befehlen Sie ihm doch, Lieutenant,“— ſagte Heinrich—„das Pulver in das Waſſer zu wer⸗ fen, ſobald er die Fugen des Fußbodens vom Feuer angegriffen ſieht,„ aber nur in der aͤußerſten Noth. Sie werden ſich uͤbrigens ſelbſt verſichern, ob dieſer verzweifelte Entſchluß das einzige Mittel iſt, welches uns zur Rettung des Schiffs uͤbrig bleibt.“ Als der Lieutenant ſich ſchnell entfernte, um dieſen Befehl zu geben, kam ihm eben St. Sauveur in den Weg und rief herbeieilend: — 376— „Das Feuer greift um ſich, Herr Comman⸗ „Schweigen Sie,.. Unglucklicher,“— ſagte Heinrich, ihn beim Arm ergreifend und ihm die Hand auf den Mund legend,...„um des Him⸗ mels willen, ſchweigen Sie!“„. Hierauf wandte er ſich an die immer noch lautlos daſtehenden Ma⸗ troſen und ſagte:„Man wird Herr uͤber das Feuer, Kinder! Es iſt nur eine Wachskerze, welche alte Papiere ergriffen hat.... Alſo, Freunde, begießet immerhin das Verdeck.. es iſt wenig⸗ ſtens eine gute Vorſichtsmaßregel; Niemand gehe in die Batterie hinab.. Meiſter. laßt be⸗ waffnete Schildwachen an die Lucken ſtellen.“— Hierauf wandte er ſich an einen Bootsmann, der ſein Vertrauen beſaß, und ſagte ganz leiſe zu ihm: „Geh in meine Gallerie hinab und bringe mir ei⸗ nen Säbel und ein Paar geladene Piſtolen, die Du auf einem Geſtelle am Backbord findeſt... Und der Graf ging wieder auf dem Hinter⸗ theile auf und ab, von Zeit zu Zeit dem dumpfen und verworrenen Getoͤſe aus dem Innern des Schiffs aufmerkſam lauſchend. Die Nacht war rabenſchwarz, die Sterne, hin⸗ ter leichten weißen Wolken verborgen, funkelten nur hie und da, und ein friſcher Nordwind wehte in das Takelwerk der immer noch auf der Seite lie⸗ genden Sylphide. —— Der Rauch fing an, durch die Spalten der Lucken zu dringen, und von Zeit zu Zeit hoͤrte man ein leichtes Krachen,„das Gefuͤge der Fregatte wurde immer duͤrrer, und ein ſcharfer und ſtarker Geruch von geſchmolzenem Pech ver⸗. breitete ſich ringsum. Der Lieutenant ſtieg von Neuem herauf. „Nun?“ ſagte Heinrich zu ihm. „Commandant, das Feuer greift um ſich, aber ich habe die Breterwaͤnde des Zimmers, wo es am heftigſten iſt, mit naſſen Matratzen und getheerter Leinwand behängen laſſen. Das iſt aber noch nicht Alles; das falſche Verdeck bietet einen ſchreck⸗ lichen Anblick dar: die ungluͤcklichen Verwundeten, Verſtuͤmmelten oder Sterbenden ſchleppen ſich mit furchterlichem Geſchrei mitten durch den dicken „Tod und Hoͤlle! verflucht waͤren die Verwun⸗ deten,“ ſchrie Heinrich,—„was ſoll ich dabei thun, Lieutenant? In der Batterie ſind ſie den Pumpen im Wege... Das Schiff vor Allem das Heil des Schiffs, Lieutenant; zweihun⸗ dert kampffähige Leute duͤrfen nicht einem halben Schock Sterbender aufgeopfert werden.“ In demſelben Augenblick kam Monval her⸗ auf, und ſagte ganz beſturzt zu Heinrich:„Das Pulver iſt in's Waſſer geworfen, Commandant.“ „Das iſt ein Ungluͤck, mein Herr, ein großes Ungluͤck in Kriegszeiten, aber es mußte ſein!“ — 378— St. Sauveur erſchien faſt zur ſelben Zeit und ſagte zu Heinrich mit leiſer Stimme:„Comman⸗ dant, das Feuer iſt auf einen Punkt zuſammenge⸗ drängt, die drei Waͤnde des Zimmers ſind mit naſſen Matratzen und Lappen behangen, und von dieſer Seite iſt nichts mehr zu befuͤrchten. Aber nun zehrt das Feuer an der Schiffsverkleidung. In dieſem Augenblicke drang eine Feuerſaͤule am Backbord einen Fuß hoch uͤber das Waſſer hervor; die furchterliche Scene, bis jetzt duͤſter und dunkel, wurde plotzlich von einem lebhaften Schein erleuchtet, welcher die ganzen Untertheile der Maſt⸗ holzer, ſo wie die Maſte ſelbſt, die Segelſtangen und die Segel purpurroth fäͤrbte; die Tauwerke ragten aus dieſem Feuer dunkel und ſchwarz her⸗ vor; ein langer und zitternder Lichtſchein, der ſich fernhin uͤber das Meer verbreitete, ekleuchtete die Oberflaͤche der ſchwärzlichen Wogen des Oceans. Die Matroſen glaubten ſich verloren, die Liebe zum Leben behielt uͤber die Subordination die Oberhand; Meiſter Frank eilte herbei, Heinrich zu melden, daß mehrere Matroſen die Boote ins Meer ſetzen wollten. Der Graf ſprang von der Quartierbank herab und befahl den Officieren, zum Feuer hinabzuſtei⸗ gen, und, die beiden Piſtolen, die man ihm ge⸗ bracht hatte, in der Hand, ſchritt er nach dem Vor⸗ dertheile des Schiffes. „Wer ſpricht davon, ohne meine Befehle ein Boot auszuſetzen?“— fragte er mit feſter Stimme und hielt die Piſtolen hinter ſeinem Ruͤcken. „Man ſpricht nicht davon, man thut es,“— ſagte eine Stimme, welche ſich aus einer kaum von den Strahlen der Flamme erleuchteten Gruppe hoͤren ließ... „Und wer thut es,“ fragte kaltblutig Heinrich⸗ „Ich,“— erwiederte die nämliche Stimme; der Graf naͤherte ſich und ſah einen Matroſen, beſchäftigt, die Takel loszumachen, welche das kleine Boot zuruͤckhielten. Die andern Matroſen, weniger entſchloſſen, und abgehalten von der Gegenwart des Grafen, ſahen ihm zu, vielleicht nur eine Unentſchloſſenheit von ſeiner Seite erwartend, um auf die Seite des Rebellen zu treten. „Ach, Du biſt's,“— ſagte Heinrich, leiſe den Hahn ſeines Piſtols ſpannend. „Ja, ich bin's, und ich will lieber im Waſſer ſein, als hier braten,..— erwiederte der Ma⸗ troſe, indem er ſich bei der Abtakelung des Boots gar nicht ſtoren ließ. Bei dieſen Worten hielt der Graf den Lauf ſeines Piſtols an das Ohr dieſes Unverſchämten, zerſprengte ihm das Gehirn, wendete ſich an die andern Matroſen, welche ſich bei dem Knall des Schuſſes eiligſt entfernt hatten, und ſagte:„So — 380— ſoll jeder Rebell behandelt werden, der dieſem nach⸗ ahmt!“ Aber dieſe energiſche Handlung imponirte den andern Matroſen; mit dumpfem Murren fluchte⸗ ten ſie ſich auf das Vordertheil des Schiffs. Der Lieutenant ſtieg herauf, ſein Geſicht war geſchwärzt und die Haare verbrannt.... Der Commandant zog ihn gegen das Bollwerk und raunte ihm mit dumpfer Stimme ins Ohr:„Se⸗ hen Sie, mein Herr, ſehen Sie die offene Lucke! wie konnten Sie vergeſſen, dieſelbe verſchließen zu laſſen?... Sie ſind durch dieſen Fehler Schuld an dem Untergange des Schiffs.“ „Donner und Wetter, ich habe Unrecht, Commandant, ich geſtehe es,“ ſagte Thomas, in⸗ dem er einen Strick um den Leib band, welchen Meiſter Frank feſthielt; er ließ ſich daran von au⸗ ßen an der Fregatte hinab, um dieſe Oeffnung zu verſtopfen, aus welcher unaufhoͤrlich roͤthliche und gluͤhende Flammen und eine Wolke von Funken emporſpruͤhten. „Ein Schiff,. unter dem Winde gegen uns, und ganz nahe...“ rief plotzlich die Wache auf dem Fockmaſt. Bei dieſem Worte wendete ſich der Graf um, und ſah, einen Flin⸗ tenſchuß von der Fregatte, die weiße und verwor⸗ rene Maſſe, welche ein Kriegsſchiff mitten durch den dunkeln Schatten der Nacht darbietet. . „Die Lucke iſt verſchloſſen,“— rief der Lieu⸗ tenant und ſprang wieder auf das Verdeck; aber der Graf ſagte zu ihm mit dem Ausdruck der ſchmerz⸗ lichſten Verzweiflung: „Sehen Sie dies Schiff, Lieutenant, es iſt vielleicht ein Englaͤnder, und wir haben ſo eben unſer Pulver in's Waſſer geworfen;.. ver⸗ wuͤnſcht!.... Der Schein des Brandes wird uns verrathen haben.. „Ship a hoy! Pither friend or ennemy,— vour vessel is on fire— do you want Poats, or any othör assistance“ 5) ertoͤnte eine Stimme aus dem unbekannten Schiffe, welches ſich eben, parallel mit dem Hintertheile der Sylphide, auf die Seite gelegt hatte. „Hoͤlle! das iſt eine engliſche Fregatte,“ ſagte Thomas. „Sie bietet uns ſehr freundſchaftlich ihre Huͤlfe anz wir wollen ſie zuerſt annehmen, dann werden wir das Weitere ſehen.“ Hierauf ergriff Heinrich ſein Sprachrohr und antwortete in engliſcher Sprache:„Wir ſind Fran⸗ zoſen, und haben Feuer am Bord; ſchickt uns eine *) Heda Schiff! Freund oder Feind,— Euer Schiff brennt;— braucht Ihr Boote, oder irgend eine andre Hülfe? Pumpe in Eurer Schaluppe, um ſie durch das letzte Loch unſeres Hintertheils ſpielen zu laſſen, und ich, Commandant dieſer Fregatte, bitte Euch um einen Waffenſtillſtand, bis das Feuer an mei⸗ nem Bord geloöſcht iſt.“ „Das iſt nicht mehr als billig, Commandant, ich wollte Ihnen eben dieſen Waffenſtillſtand vor⸗ ſchlagen,“— antwortete eine Stimme, welche auf Heinrich einen lebhaften Eindruck hervorbrachte. Und in demſelben Augenblicke hörte man am Bord der engliſchen Fregatte eiligſt Befehle geben; die Pfeifen ertöͤnten, das Takelwerk knarrte, und zehn Minuten nachher wurde eine Schaluppe in's Meer geſetzt; ſie ſtach ab und ſtellte ſich am Hin⸗ tertheile der Sylphide auf. „Haben Sie die Guͤte, mein Herr,“— ſagte Heinrich zu dem Officier, welcher das Fahrzeug befehligte,—„haben Sie die Guͤte und laſſen Sie den Schlauch Ihrer Spritze in das Loch, wel⸗ ches man öffnen wird, hineinſtecken und die Pumpe ſpielen.„ und Meiſter Frank, der diesmal hinabſtieg, öffnete das Loch, welches von Neuem eine Feuerflamme ausſpie; dieſes erlaubte vollkom⸗ men, den ſchwarzen Schiffsſchnabel und die weiße Batterie der engliſchen Fregatte zu unterſcheiden, deren rieſenfoͤrmiger Schatten auf den von ei⸗ nem gluͤhenden Roth gefaͤrbten Wogen ſich abſpie⸗ gelte. — 383— Aber das Feuer wurde mit Huͤlfe der engli⸗ ſchen Pumpe, welche von außen ſpielte, während die Spritze der Sylphide von innen thätig war, in wenigen Augenblicken geloͤſcht; denn als man ein⸗ mal das Loch verſchloſſen hatte, und der Luftzug nicht mehr Statt fand, verminderte ſich die Aus⸗ dehnung des Brandes bedeutend. Als die Gefahr voruͤber war, ſtellte ſich die engliſche Schaluppe ganz in der Nähe der Syl⸗ phide auf, und Heinrich, ſich an den Officier wendend, welcher dieſes Fahrzeug kommandirte, fragte dieſen:„Koͤnnte ich wohl erfahren, mein Herr, welchem Commodore ich die ſo edel ge⸗ leiſtete Huͤlfe verdanke, und welchen Namen Ihre Fregatte fuͤhrt?“ „Unſer Commodore iſt der ehrenwerthe Sir Georges Gordon, und der Name unſerer Fregatte Lively,“ antwortete ein Officier auf Franzoſiſch. „Sir Georges,„der Sohn des Lord Gor⸗ don, Gouverneur in Indien?“— ſchrie Heinrich, ganz erſtaunt, den engliſchen Gentleman wieder anzutreffen, den er, um ſein Geheimniß herauszu⸗ locken, einſt zum Duell gefordert, und welchen er ſich auf ſo feine Art verbindlich gemacht hatte. „Allerdings, Herr Capitain,“ entgegnete der engliſche Officier. „Nun denn, mein Herr,“ ſagte Heinrich— „ſo haben Sie die Guͤte, Sir Georges zu benach⸗ richtigen, daß ihm einer ſeiner ergebenſten Freunde, der Graf von Vaudrey, morgen beim Anbruch des Tages einen Beſuch an ſeinem Bord abſtatten werde. Auch laſſe ich Ihrem Commandanten bei meiner Ehre als Edelmann verſichern, daß ich unter dem Geſchuͤtz ſeiner Fregatte bleiben und ſie nicht an⸗ ders verlaſſen werde, als gezwungen.. „Ich werde unſern Commandanten von Ihren Aufträgen in Kenntniß ſetzen,“ ſagte der Englän⸗ der und entfernte ſich unter dem eintönigen Schlag der Ruder. „Sir Georges hier.„bei Gott, ein beſonderer Gluͤcksfall!“ ſagte Heinrich, und nicht lange, ſo ließ die bekannte Stimme des Sir Ge⸗ orges ſich hoͤren: „Ah, guten Tag, mein theurer Graf; ich bin ganz entzuͤckt, Ihnen dieſen geringen Dienſt er⸗ wieſen zu haben; ich nehme Ihre Bedingungen an, und bitte Sie, morgen mit einigen von Ibren auserwaͤhlten Officieren den Thee an meinem Bord zu trinken. Ich werde die ganze Nacht mit ein⸗ gezogenen Segeln Weſt⸗Suͤdweſt ſteuern.“ „Tauſend Dank, mein lieber Georges,“— er⸗ wiederte Heinrich froͤhlich,—„ich werde Sie nicht verlaſſen und herzlich gern Ihrer guͤtigen Einla⸗ dung Folge leiſten.“ „Auf morgen alſo, lieber Graf!“ ſagte Sir Georges. „Morgen, mein lieber Georges,“— entgeg⸗ nete Heinrich. Und die beiden Fregatten lavirten die ganze Nacht hindurch, wie zwei freundliche Fahrzeuge, welche, ſich gegenſeitigen Schutz gewaͤhrend, zuſam⸗ men ſchiffen. Die Seewarte v. Koat⸗Vön II. 85 Drei und zwanzigſtes Kapitel. „An Ihnen, meine Herren von der franzöſiſchen Garde,“ ſagte ein engli⸗ ſcher Officier, indem er grüßte. „Wir thun es nicht; ſchießen Sie ſelbſt zuerſt, meine Herren,“ entgegnete ein Offſicier der franzöſiſchen Garde. Schlacht von Fontenoy. Der Lively. Die Fregatte Lively, von Sir Georges Gor⸗ don kommandirt, war ein Schiff ungefahr von der nämlichen Staͤrke wie die Sylphide, mit einer den engliſchen Schiffen eignen Nettigkeit, aber mit weit weniger Eleganz und Zierrath ausgeruͤſtet, als die franzoſiſche Fregatte, denn ſie glich durch ihren duͤſtern und ernſten Anblick mehr den heutigen Schiffen. Heinrich hatte die Einladung ſeines alten Freun⸗ des nicht vergeſſen, und mit Anbruch des Tages, ſobald man die Reveille ſchlug, verlangte er ſeine —— — 387— Toilette, kleidete ſich prächtig an und ließ den Lieu⸗ tenant bitten, zu ihm herabzukommen. „Mein Herr,“ ſagte der Graf zu Jean Tho⸗ mas,„durch einen ſonderbaren Zufall treffe ich ei⸗ nen braven und, wuͤrdigen engliſchen Edelmann, mit einem Worte, einen biedern Feind, den ich gern unter die Zahl meiner Freunde rechne. Ich werde an ſeinem Bord fruͤhſtuͤcken. ich nehme den Marquis von Miran mit; Ihnen empfehle ich die größte Aufſicht uͤber die Equipage. Sie wer⸗ den ſich unter moͤglichſt eingezogenen Segeln in dem Fahrwaſſer der Fregatte halten.“ „Ich werde Ihre Befehle vollziehen, Comman⸗ dant,“ antwortete Jean Thomas, ohne ſich die geringſte Bemerkung uͤber das ſonderbare Beneh⸗ men ſeines Vorgeſetzten zu erlauben.. „Laſſen Sie durch meine Bootsleute meine Yolle ausrüſten, und bitten Sie den Herrn von St. Sauveur, mich zu benachrichtigen, wenn die Schaluppe bereit iſt,“ fugte Heinrich noch hinzu. Der Lieutenant empfahl ſich und ging. „Ein ſonderbarer Zufall!“ ſagte der Graf, in⸗ dem er ſeine Toilette noch ein Mal muſterte;. „wer haͤtte mir vor drei Monaten zu Verſailles geſagt, daß ich Sir Georges mitten in den Azoren antreffen wuͤrde? Aber bei den Azoren faͤllt mir etwas ein, ich habe nun das Recht, wie ich glaube, die letzten Inſtruktionen des Miniſters zu entſiegeln.“ — 388— Und Heinrich nahm ſeine Depeſchen aus einem geheimen Fache, erbrach die drei Staatsſiegel und fand unter dem Umſchlage zwei verſiegelte Packete „ Auf dem einen dieſer Packete ſtanden die Worte:„Dieſes Packet ſoll zuerſt geoͤffnet werden.“ Heinrich oͤffnete es und las: „An den Herrn Grafen von Vaudrey, Lieutenant der königlichen Schiffe ꝛc.“ Nr. 1.„Nach den Befehlen Sr. Majeſtaͤt „wird der Herr Graf von Vaudrey, bei Anſicht „dieſer Depeſchen, die an den Herrn Chevalier von „Destouches verbrennen.“ Nr. 2.„Der Herr Graf von Vaudrey wird, „anſtatt nach Amerika zu gehen, von dem Tage „an, wo er dieſen Befehl eroͤffnet hat, einen Mo⸗ „nat lang in den Gewaͤſſern der Azoren kreuzen; „nach Verlauf dieſer Zeit wird er ſich auf die Höhe „der Inſeln des Cap⸗Vert begeben, und dann erſt „das Packet Nr. 2. entſiegeln.“ Der Miniſter Staatsſekretaͤr im Departe⸗ ment der Marine und der Colonien, Mar⸗ ſchall Herzog von Caſtries. Am Ende der Depeſche waren folgende Worte eigenhaͤndig vom Marſchall geſchrieben: „Unter uns, mein lieber Graf, Sie ſind „mit Suffren nach Indien beſtimmt; an „den Inſeln des Caps werden Sie ſich mit —— „ihm vereinigen; aber reinen Mund ge⸗ „halten... Herz. v. C. „So etwas erwartete ich,“— ſagte Heinrich, —„denn in Kriegszeiten verbirgt der ſcheinbare Zweck einer Miſſion immer einen andern. Herr⸗ lich!.... Einen Monat herumzukreuzen! Zum Todtärgern!... Allein es iſt immer ſehr freund⸗ ſchaftlich von dem Marſchall, daß er mir die gute Nachricht mitgetheilt hat, welche mir Geduld ver⸗ leihen wird, dies abzuwarten; in dreißig Tagen ſoll ich alſo das zweite Packet eroͤffnen, deſſen Inhalt mir nun ſchon bekannt iſt.“ Indem er hierauf ein Wachslicht verlangte, ver⸗ brannte er in dem Kamin ſeiner Gallerie die an den Chevalier von Destouches beſtimmten In⸗ ſtruktionen, und verſchloß ſorgfaͤltig die Papiere, welche ihm, ohne die wohlwollende Offenheit des Miniſters, ſeine letzte Beſtimmung mitgetheilt haͤtten. Der Patron der Yolle, in die Livrée des Gra⸗ fen gekleidet, trug uͤber die Schulter ein breites Wehrgehaͤnge aus ſilbernen Ketteln, mit Heinrichs Wappenſchild geſchmuͤckt. Sobald Heinrich am Steuerbord, und von Miran am Backbord dieſer eleganten Schaluppe Platz genommen hatten, begannen die Bootsknechte, welche mit weißen Pantalons, grünen, mit Silber — 390— beſetzten Jacken(die graͤfliche Livrée) und brei⸗ ten ſcharlachrothen Guͤrteln bekleidet waren, mit Schnelligkeit gegen die engliſche Fregatte zu ru⸗ dern, Alle mit entbloͤßtem Haupt. „Aber es fehlen ja drei Mann von Deiner Equipage!“ ſagte Heinrich heftig zum Schiffspa⸗ tron„„Warum dies? Die Zahl meiner Bootsmaͤnner muß immer vollſtaͤndig ſein.“ „Commandant,“ nahm der Patron, wie Es⸗ penlaub zitternd, das Wort und ſalutirte, mit der Ruͤckſeite ſeiner linken Hand an der Stirn, den Grafen,„weil, mit Reſpekt zu ſagen, Lucas und Carnicol getödtet worden ſind, und Jaudry ver⸗ wundet iſt unter dieſen Umſtänden...“ 3t „Schon gut,.. ſagte Heinrich ungeduldig; „aber das iſt unertraͤglich,“ fuhr er mit aͤrgerlicher Miene fort,.„immer etwas Neues;... da mußte die Equipage der Yolle wieder vollzaͤhlig gemacht werden; ich komme am Bord des Sir Georges mit neun Bootsleuten an... wie wird das ausſehen?...—“ Hierauf wandte er ſich gegen ſeinen Begleiter und fragte: „Welchem Officier war denn die Ausruͤſtung der Schaluppe anbefohlen?“ „Dem Perrn von Monval,“ entgegnete Miran. Heinrich bezeigte wiederholt ſeine Ungeduld,— doch als ſein Zorn ſich nach und nach legte, be⸗ gann er, ſich mit ſeinem Begleiter zu unterhalten. Man beobachtete mit pruͤfendem Blick den Lively, . — 391— und das Reſultat war, daß es unmoͤglich ein beſſer ausgeruͤſtetes Schiff geben koͤnne, als dieſe herr⸗ liche Fregatte. Nach viertelſtuͤndiger Fahrt naͤherte ſich die Yolle Steuerbord. Der Lively hatte umgelegt und Sir Georges zeigte ſich auf dem Verdeck und warf Heinrich ſelbſt zwei Falltaue von rothem Sammt zu, um ihm an den Bord ſteigen zu helfen. Bevor der Graf ſeine Yolle verließ, befahl er ſeinem Patron, ſich wieder zur Sylphide zu bege⸗ ben, und ihn zuruͤckzuholen, wenn er die weiße Flagge auf dem engliſchen Schiffe aufſtecken ſehen wuͤrde. Und im Nu war der Graf, begleitet von Mi⸗ ran, auf dem Verdecke des Lively, und fand dort die Officiere der Fregatte hinter Sir Georges auf⸗ geſtellt. „Meine Herren,“ ſagte Letzterer zu dieſen, in⸗ dem er Heinrichs Hand druͤckte,„ich ſtelle Ihnen den Herrn Grafen von Vaudrey vor; Sie wiſſen, daß ich ihm die Ehre, Sie zu kommandiren, ver⸗ danke; auch hat ſich meine Dankbarkeit gegenwär⸗ tig verdoppelt.“ Heinrich erwiederte dies mit einem hoͤflichen Gruße und ſagte: „Glauben Sie wohl, Sir Georges, daß ich mich eben ſo doppelt gluͤcklich ſchaͤtze, Ihnen den geringen Dienſt erwieſen zu haben, welchen Sie erwaͤhnten, weil er Ihnen ein ſolches Commando — verſchafft hat? Aber ich bin gegenwaͤrtig Ihnen, ſo wie dieſen Herren fuͤr die große Bereitwilligkeit, mit der Sie mir bei dem unglucklichen Brande zu zu Huͤlfe kamen, zu Dank verpflichtet.“ Nach dieſen Empfangsformlichkeiten folgten der Graf und von Miran Sir Georges in ſeine Gallerie. Dieſe Gallerie kam der der Sylphide nicht im geringſten gleich; ſie war von grauer und weißer Farbe, man ſah weder Gold, noch Atlas, noch Sammt; mit einfachen Vorhaͤngen von Nanking, mit einer gruͤnen Borde beſetzt, waren die Fenſter behangen; der Fußboden, ſorgfältig gereinigt, war blendend weiß, aber ohne Teppiche; Charten, Pläne und Waffen bedeckten die Wände, und einige ei⸗ chene, geſchmackvolle und aͤußerſt einfache Meubles vollendeten das ernſte Bild dieſes Gemachs. „Sie ſehen, mein lieber Graf,—“ ſagte Sir Georges zu Heinrich,—„daß unſere Admiralität nicht ſo verſchwenderiſch iſt, wie die Ihriges ſie iſt eine alte geizige Puritanerin, welche ihren Fregatten nur das Nothwendigſte bewilligt....“ „O, mein lieber Georges,“ ſagte der Graf laͤ⸗ chelnd,„meiner Meinung nach handelt Ihre Pu⸗ ritanerin gegen ihre Fregatten wie eine alte ergraute Kokette; der Schoͤnheit ihrer Toͤchter gewiß, ver⸗ ziert ſie dieſe nicht mit eitelm Schmuck, denn ſie weiß wohl, daß ein niedlicher Wuchs beſſer iſt, als ein ſchoͤner Guͤrtel.“ „Aber wenn man Beides zugleich, den niedli⸗ chen Wuchs und den ſchoͤnen Guͤrtel hat,—“ ſagte Sir Georges, indem er Heinrich an ein Fen⸗ ſter fuͤhrte und ihm die Sylphide zeigte, deren goldnes Hintertheil in der Sonne glaͤnzte;.... denn das Ungefaͤhr des Kampfes und die Geſchick⸗ lichkeit Heinrichs hatten dieſen zarten Theil ſeines Schiffes verſchont. „Gehen Sie, gehen Sie, Sir Georges, Ihr Aufenthalt in Frankreich hat Sie zu einem eben ſo gefaͤhrlichen Schmeichler gemacht, als der geiſt⸗ reichſte unſerer Hoͤflinge iſt;... aber erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den Herrn Marquis von Miran, einen meiner ausgezeichnetſten Officiere, vorſtelle.“ „Ich ſchaͤtze mich glucklich und bin ſtolz, mein Herr Marquis, auf die neue Verbindlichkeit, welche mir der Herr Graf dadurch auflegte,“ entgegnete Sir Georges, und gruͤßte von Miran mit der äußerſten Artigkeit. In dieſem Augenblicke traten zwei andere eng⸗ liſche Officiere in die Gallerie, und die Unterhal⸗ tung blieb bis zu dem Augenblicke allgemein, wo der Haushofmeiſter meldete, daß der Thee aufge⸗ tragen ſei. Man ging in den eben ſo ein⸗ fach, wie die Gallerie, ausmeublirten Speiſeſaal; die Gäſte ſetzten ſich an einen Tiſch, auf welchem ein reiches, mit dem Wappen Sir Georges verzier⸗ tes Silbergeſchirr ſtand. — 394— Der Thee war nur ein Vorwand zu dieſem prächtigen Fruͤhſtucke, bei welchem die delikateſten Gerichte und die ausgeſuchteſten franzoͤſiſchen Weine in reichlichem Maße aufgetragen wurden. „Nun, Sir Georges,—“ begann jetzt Hein⸗ rich,„ſeit wie lange kreuzen Sie in dieſen Ge⸗ wäſſern? „Wir kommen erſt an, lieber Graf, und Sie „O! ich kam auch erſt an, aber ſehr ſchnell; denn zwei engliſche Schiffe von vier und ſiebenzig Kanonen noͤthigten mich, nach einem Kampfe, den ich ungefähr achtzig Meilen von hier beſtand, die Flucht zu ergreifen.“ „Ich vermuthete wohl, daß Sie ſich geſchla⸗ gen haͤtten, lieber Graf, denn ich ſah Ihre Bark⸗ hoͤlzer durchloͤchert und einige Zerſtoͤrung in Ih⸗ rem Takelwerk; mit wem waren Sie im Kampf, wenn ich fragen darf?. „Mit einer engliſchen Fregatte, die weniger ſtark war, als die meinige; wir gingen Beide mit ziemlich gleichem Verluſte aus einander,„ er⸗ wiederte Heinrich, mit eben ſoviel Takt als Deli⸗ kateſſe, um die Eigenliebe ſeiner jetzigen Wirthe nicht zu beleidigen. „Aber, Commandant, Sie ſprechen ja nicht. von den drei... ſagte Miran. Von der dreifachen bedeutenden Haverei, welche ich erlitten habe,—“ nahm Heinrich ſchnell das . —— Wort, indem er Zeichen gab, welche Miran ſogleich verſtand. „Ach, ich wollte aus Eigenliebe nicht davon ſprechen,—“ fuhr der Graf laͤchelnd fort,—„aber da Sie mich verrathen, Herr von Miran, muß ich es wohl geſtehen, daß ich den großen und den klei⸗ nen Maͤrsmaſt verloren habe, und mein Vorder⸗ ſteven ſehr gelitten hat.“ So geſchickt auch die Unterbrechung des Gra⸗ fen war, ſo ließ ſich Sir Georges doch nicht dadurch taͤuſchen, denn ein zweifelhaftes Lächeln umſchwebte ſeinen Mund; hierauf nahm er das Wort: „Und welchem Umſtande, mein lieber Graf, ſchreiben Sie den Brand zu, der mir das Vergnu⸗ gen verſchafft hat, Sie hier zu ſehen?“ „O! Sir Georges, das iſt ein ganzer Roman; ich hatte jenen Gelehrten mit eingeſchifft, welchen Sie vielleicht bei mir in Paris geſehen haben.“ „Ja, ja, jenen zerſtreuten Aſtronomen, welcher Ihren Kammerdiener ſo quaͤlte.. Ich beſinne mich vollkommen auf ihn.“ „Derſelbe,—“ ſagte Heinrich, und nachdem er ſo kurz wie moͤglich die Aufopferung und den Tod des Sulpizius, Rumphius Gleichguͤltigkeit daruͤber, ſo wie ſeine Wuth wegen des verlornen Manuſcriptes erzaͤhlt hatte, fuhr der Graf fort: „Da nun dieſer Narr von Aſtronomen ſich allein befand, und ſeinen armen Bruder nicht mehr * — 396— hatte, der ſeine Thorheiten immer wieder gut machte, trug ſeine Unbeſonnenheit ihre Fruͤchte. Es ſcheint, als habe er, trotz meines Befehls, das Feuer uͤberall auszuloͤſchen, ein Wachslicht bei ſich behalten, und ſo mag, waͤhrend er unter ſeinen al— ten Papieren nach dem Manuſcripte ſuchte, welches man ihm geſtohlen hatte, das Feuer in ſeinem Zimmer ausgekommen ſein... Statt nun ſo⸗ gleich um Huͤlfe zu rufen, hat er, wahr⸗ ſcheinlich in ſeiner unheilbaren Zerſtreuung, ſeine Nachforſchungen fortgeſetzt. Das Feuer entwickelte ſich alſo mit groͤßerer Gewalt, und ohne Ihre ver⸗ bindliche Huͤlfleiſtung lief ich große Gefahr, meine Fregatte verbrennen zu ſehen, mein lieber Sir Ge⸗ orges.“ „Und der Aſtronom?“ fragte einer der Wirthe. „O! was den Aſtronomen betrifft, der iſt mit einigen Brandwunden davon gekommen; ich habe ihn aber einſtweilen in das Hel ſperren laſſen.“ Als nach einigen Augenblicken der Graf den Marquis von Miran und die engliſchen Officiere in eine lebhafte Unterhaltung verflochten ſah, ſagte er ganz leiſe zu Sir Georges:—„Ich wuͤnſchte, einen Augenblick mit Ihnen allein zu ſprechen...“ „Ich bitte tauſend Mal um Verzeihung, meine Herren,“ wandte er ſich dann aufſtehend an die Geſellſchaft,..—„ich bitte tauſend Mal um Verzeihung, daß ich Sie fuͤr einen Augenblick der Gegenwart des Sir Georges beraube.“ . — 397— und ſie zogen ſich Beide in die Gallerie zu⸗ ruck. „Da wir jetzt ohne Zeugen ſind,—“ ſagte Sir Georges mit Entzucken,—„erlauben Sie mir, mein lieber Heinrich, daß ich Ihnen wiederholt danke, Ihnen noch ein Mal die Hand druͤcke;.. denn Sie koͤnnen nicht glauben, wie gluͤcklich ich mich ſchätze, Sie wiederzuſehen... und ich, Sir Georges,“ erwiederte Heinrich, „ich kann Ihnen auch nicht beſchreiben, wie groß meine Freude daruͤber iſt; nur einen Vorwurf habe ich Ihnen zu machen, und der iſt, daß Sie ſich ſo ſehr uͤbereilt haben, mir die Paar tauſend Louis⸗ d'or zuruͤckzuſchicken.“ „Sprechen Sie nicht mehr davon, wenn ich bitten darf,—“ antwortete Sir Georges, als wollte er gleichſam eine unangenehme Erinnerung aus dem Geoaͤchtniſſe verbannen.— Dann nahm er wieder das Wort und ſagte:„Sehen Sie, mein lieber Graf,... indem ich zugleich dem gluͤckli⸗ hen ungefaͤhr danke, welches mir das lebhafte Ver⸗ gnugen bereitet, Ihnen die Hand zu druͤcken,. kann ich mich bisweilen doch nicht des Bedauerns erwehren, daß es Statt gefunden hat.“ „Und warum dies, zum Teufel, Sir Ge⸗ orges?“ „Warum? warum? Aber in einer Stunde, Heinrich, in einer Stunde,. werden wir da nicht mit einander im Handgemenge ſein?.. 4. — 398— „Nun! gerade das entzuͤckt ic denn, unter uns geſagt, mein lieber Georges, ein Kampf, ſo hitzig, ſo moͤrderiſch als Sie ihn auch vorausſetzen, wird nie etwas Anderes als ein Kampf ſein, in welchem Jeder von uns ſeine Fregatte ver⸗ wendet, wie bei einem Wettrennen ſein Pferd. Weder Sie noch ich werden die Kanonen losbren⸗ nen,.. weder Sie noch ich eine Flinte abſchie⸗ ßen, nicht wahr?... Alſo, wenn eine Kanonen⸗ oder Flintenkugel mich oder Sie tödtet,. wer⸗ den wir, bei Gott! wohl uͤberzeugt ſein, daß weder Sie noch ich den geringſten Antheil daran haben; noch ein Mal, nicht Sir Georges wird ſich mit Heinrich, ſondern die Sylphide wird ſich mit dem Lively ſchlagen.“ „Aber das Entern, mein lieber Graf, das En⸗ tern 2 „Nun! wenn unſere gegenſeitigen Kugeln uns ſchonen, und es zum Entern kommt, ſo wollen wir bei unſerm Ehrenwort uns ſchwoͤren, das keiner von uns den Säbel auf den andern erhebe; das kann in nichts auf den Ausgang des Kampfes ein⸗ wirken, denn Ihr Schiffsvolk muß eben ſo ſehr auf Sie rechnen, als das meinige auf mich; indem wir uns Beide ſchonen,.. uͤben wir denſelben Ein⸗ fluß auf unſere Matroſen aus.... „Zugeſtanden,—“ ſagte Sir Georges, indem er Heinrich bei der Hand ergriff;—„aber außer dieſer Uebereinkunft...“ — 399— „Außer dieſer Uebereinkunft einen Kampf auf Leben und Tod, einen blutduͤrſtigen Kampf, ohne Stillſtand noch Raſt.... Ich wuͤnſche, mein lie⸗ ber Georges, daß Sie den Werth meiner Equipage kennen lernen. Ach! ungluͤcklicherweiſe ſind meine beſten Matroſen amputirt oder verwundet auf dem Lager,„als wenn die Kerle eine ſo edle Gele⸗ genheit nicht haͤtten abwarten koͤnnen; aber kurz, ich werde mein Moͤglichſtes thun, um Ihnen meine Matroſen in Thaͤtigkeit zu zeigen...“ „Und ich, mein lieber Graf, ich werde eben ſo darauf ſehen, Ihnen zu beweiſen, daß meine John⸗ Bulls auch ein wenig Kraft beſitzen... Aber er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen den Vortheil des Windes anbiete.“ „Frei geſprochen, Sir Georges, ich benutze ihn niemals; bei jeder Gelegenheit, wenn ich die Wahl haͤtte, wuͤrde ich mich unter dem Winde aufſtel⸗ „Immer viel Zartgefuͤhl, Heinrich.“ „Auf mein Ehrenwort, ich will mich lieber un⸗ ter dem Winde ſchlagen, mein lieber Georges,. auf mein heiliges Ehrenwort.... „Ich glaube Ihnen,... ich werde alſo den Vortheil des Windes behalten, mein lieber Graf, und ich wuͤrde dieſen Tag um Alles in der Welt nicht hingeben: Alles iſt ſo in der Ordnung; erſt druͤcken wir einander die Haͤnde und nachher ſehen wir unſere beiden Fregatten mit einander im Kampfe.“ — „Ach! verwuͤnſcht, Tod und Hoͤlle!“— rief ploͤtzlich der Graf, indem er heftig mit dem Fuße ſtampfte,—„und ich vergaß,.. o! das Pul⸗ ver das Pulver „Was wollen Sie damit ſagen?“.— fragte Sir Georges ganz erſtaunt. „Ich will damit ſagen,“— nahm der Graf das Wort, indem er ſeinen Freund mit dem Aus⸗ drucke einer wuͤthenden Verzweiflung anblickte,— „ich will ſagen, daß ich der Unglucklichſte unter den Menſchen bin, denn ich moͤchte vor Wuth und Scham narriſch werden, wenn ich daran denke, daß anſtatt des ſchoͤnen Kampfes, der uns begeiſtert, mir kein anderes Mittel uͤbrig bleibt, als Sie fei⸗ gerweiſe bitten zu muͤſſen, mich entwiſchen zu laſ⸗ ſen, oder meine Fregatte anzubohren und mich mit ihr unter Ihren Augen in den Wellen zu be⸗ graben.“ „Aber ſo erklaͤren Sie ſich doch,“— rief Sir Georges erblaſſend. „Nun wohl, Sir Georges,“— entgegnete Heinrich mit dumpfer Stimme,—„wäͤhrend des Brandes war ich genöthigt, mein Pulver in das Waſſer werfen zu laſſen;.... begreifen Sie nun meine Verzweiflung?... es bleibt mir kein Koͤrn⸗ lein uͤbrig,. nicht einmal ſo viel, als man auf die Pfanne einer Piſtole braucht;.... begreifen Sie es, Sir Georges?“ —— — 401— „Nun, ſo kann ich Ihnen doch endlich in et⸗ was fuͤr den Dienſt, welchen Sie mir erwieſen ha⸗ ben, meine Dankbarkeit beweiſen, mein lieber Hein⸗ rich,“— rief Sir Georges freudig aus. Und eiligſt einem Lakai klingelnd, befahl er ihm, auf der Stelle ſeinen Lieutenant herzuſchicken. „Sie errathen nicht?“ ſagte Sir Georges zu Heinrich, als der Lakai fort war. „Nein,„„bei meiner Seele„ „Heinrich!„ich will mein Pulver mit Ih⸗ nen theilen!“*) „O! Sir Georges, Sir Georges, das iſt ſehr edel, ſehr großmuͤthig,“ rief der Graf, indem er mit Bewunderung die Haͤnde faltete. Der Lieutenant Sir Georges trat ein... „Lieutenant,“ ſagte der Letztere zu ihm,„ſteigen Sie in die Pulverkammer hinab, und laſſen Sie das Pulver, welches ſich dort vorfindet, in zwei gleiche Theile abtheilen.“ „Sehr wohl, Commandant,“ ſagte der Officier. „Einen dieſer Theile laſſen Sie hierauf an den Bord der Fregatte bringen, die in unſern Gewäſ⸗ ſern ſchifft.“ *) Dieſe Thatſache iſt hiſtoriſch.— Im Kriege von 1781 vollbrachte der Capitain, welcher die engliſche Cor⸗ vette den King⸗Georges kommandirte, dieſe ritterliche That, weshalb er durch den Admiralitätsrath caſſirt wurde. Die Stewarte v. Koat⸗Vön. II. 26 „Wie beliebt, Commandant?“— fragte der Officier, welcher die Befehle ſeines Vorgeſetzten falſch verſtanden zu haben glaubte. „Ich befehle Ihnen, Herr Lieutenant, einen der beiden Theile Pulver an den Bord jener Fregatte bringen zu laſſen,“— wiederholte Sir Georges mit feſter Stimme, indem er dem verwunderten Lieute⸗ nant die in der Naͤhe befindliche Sylphide zeigte. Der betroffene Officier empfahl ſich und ging hinaus, um dieſe Befehle zu vollziehen, in der Ue⸗ berzeugung, daß Frankreich mit England Frieden gemacht, oder daß kuͤrzlich ein Buͤndniß zwiſchen dieſen beiden Maͤchten geſchloſſen worden ſei. Kaum war der Lieutenant fort, als der Graf ſich Sir Georges in die Arme warf. „Ei! mein Freund,“ ſagte dieſer,„iſt es denn nicht daſſelbe? Thue ich nicht eben das, was ſie fuͤr mich gethan haben? Pulver oder Geld,— was iſt das fuͤr ein Unterſchied? Sie haben meine Ehre gerettet, wie ich jetzt die Ihrige rette.“ „Ach! Georges, Georges,“— ſagte Heinrich, —„jetzt bin ich Ihnen ewigen Dank ſchuldig; nie werde ich meine Schuld abtragen können!“ „Wenn Sie glauben, mir in etwas Dank ſchuldig zu ſein, Heinrich,. ſo koͤnnen Sie viel, unendlich viel fuͤr mich thun.“ „O! ſagen Sie, reden Sie, Ge⸗ orges.“ „Hoͤren Sie mich an, Heinrich, Sie ſind deſſen wuͤrdig, was ich Ihnen anvertraue; denn ich kenne Ihre edle Seele... Sehen Sie, mein lieber Graf, wir Engländer ſehen die Liebe von einer ernſthafteren Seite an, als Sie; ich weiß es und geſtehe auch, daß wir uns durch dieſe Schwachheit lächerlich machen; Sie werden aber uͤber mich nicht ſpotten.“ „Georges!“ „Gut alſo, Heinrich; ich kam eben aus Indien, als Sie mich in Verſailles ſahenz auf der Ueber⸗ fahrt in Gefangenſchaft gerathen, wurde ich auf Buͤrg⸗ ſchaft und Ehrenwort nach Paris geſchickt, um da⸗ ſelbſt meine Ausloͤſung abzuwarten; zu Pondichery in Indien ließ ich eine Perſon zuruͤck, mit der ich mich nach dem Kriege verbinden ſoll.... Dies iſt eine Liebe, welche ſich von lange herſchreibt, Hein⸗ rich, eine Liebe, die eben ſo rein als tief und ge⸗ genſeitig iſt, eine ernſthafte Liebe, welche Sie zum Lachen bringen wuͤrde, Sie, welche aber fuͤr mich die ganze Zukunft in ſich ſchließt; da indeß, mein lieber Heinrich,“— fuhr Sir Georges vor Trau⸗ rigkeit läͤchelnd fort,—„meine Zukunft leicht durch den nahen Kampf abgekuͤrzt werden koͤnnte „Welcher Gedanke! Georges.. „Sehen Sie, Heinrich, ich habe ſeit einiger Zeit denn, wiſſen Sie, daß dieſes Mal— Aber ſich ſchnell beden⸗ kend, als hätte er dem Wunſche, dem Grafen etwas 263 anzuvertrauen, widerſtanden,— nahm Georges mit einer kälteren Miene wieder das Wort:— „Nichts, nichts, Kindereien, Heinrich;... Aber noch muß ich Sie um etwas bitten. Ich wuͤnſchte alſo, daß, ſollte ich während des Kampfes getödtet werden, Sie mir verſpraͤchen, Briefe nebſt einem Portrait ſelbſt in die Haͤnde dieſer jungen Perſon zu uͤbergeben; denn Sie werden, ohne allen Zweifel, nach Pondichery gehen, da Sie mir vertraut haben, daß Ihre Fregatte die Beſtimmung nach Indien hat; und da uͤberdies Pondichery jetzt in Ihrer Gewalt iſt, ſo wird die Familie der Mademoiſelle Horn-Praöt, welche holläͤndiſch iſt, als neutral; dort geblieben ſein.“ Wenn ich nach Pondichery komme, ſo ſchwore ich Ihnen bei meiner Ehre, Georges, daß ich Ihre Briefe ubergeben werde. Aber wenn ich nicht de hin komme?“ „Dann werden Sie dieſelben Jemandem anver⸗ trauen, der eben ſo ſicher iſt, als Sie; denn Sie moͤgen an der Isle⸗de⸗France, oder an der Kuͤſt von Coromandel vor Anker gehen, ſo werden Si immer Pondichery ganz nahe ſein.“ „Ich ſchwoͤre Ihnen alſo, Ihre Befehle zuj vollziehen, mein lieber Georges; aber wo ſind dieß Briefe?“ „Sie werden ſie da finden,. in dem Fut⸗ ter meiner Weſte;... denn wenn Sie mein Schif entern, moͤchte ich ſie nicht gern in einem Moͤbel — X = laſſen, das der Gefahr, umgeworfen oder zerſchla⸗ gen zu werden, ausgeſetzt iſt.“ „Genug, Georges, aber beim Himmel, Sie werden Ihre Briefe ſelbſt uͤberbringen, und nach geſchloſſenem Frieden werde ich die Ehre ha⸗ ben, nach London zu kommen und der Lady Gor⸗ don meine Aufwartung machen.“ „Gott gebe, Heinrich!“— ſagte Georges trau⸗ rig.—„aber noch etwas, Heinrich, wenn Ma⸗ demoiſelle Horn⸗Praöt Sie fragen ſollte....“ „Was? Sagen Sie, Georges.“ „Nein, nein, ich wuͤrde nicht wagen.. nein, nichts, nichts, Heinrich,“— nahm Georges nach ziemlich langer Zoͤgerung das Wort,—„nichts, ich wollte Sie nur bitten, als biederer Freund zu bezeugen, daß ich mich tapfer vertheidigt habe, wie ich es zu thun gedenke.“ 8 „Nun wohl denn! Aber, Georges, Sie beſitzen einen ſeltnen Egoismus, Sie ſprechen nur von ſich, ſollte man nicht glauben, daß aller Gluͤcks⸗ wechſel nur auf Ihrer Seite waͤre? Und ich, habe ich nicht auch meinen letzten Willen auszuſpre⸗ chen? Ja, Georges, denn wenn ich unterlige, wuͤn⸗ ſche ich, daß meine Waffen Ihnen angehoͤren. Werden Sie ſie annehmen?.... „Mit Dank, Heinrich,“— ſagte Geor⸗ ges, dem Grafen die Hand tet⸗ Aber die beiden Freunde wurden durch den Lieutenant des Lively unterbrochen, der ſeinen Commandanten — 406— benachrichtigte, daß eben die letzte Sendung Pulver abgehe. Der Graf und Sir Georges begaben ſich wie⸗ der zu den engliſchen Officieren... Eine Stunde nach dieſer Unterredung wehte einen Augenblick die weiße Flagge auf der engliſchen Fregatte; auf dieſes Zeichen kam die Yolle Heinrichs herbei, ihn wieder abzuholen. „Wohlan, auf baldiges Wiederſehn, meine Herrn!“— ſagte Heinrich zu den Officieren des Lively, welche ihn bis an das Ende des Schiffes begleiteten.—„Ich geſtehe Ihnen, ich wuͤrde es als die ſchoͤnſte Waffenthat meines Lebens anſehen, wenn ich einen kleinen Vortheil uͤber den Lively davon truͤge.“ „Und wir, lieber Graf,—“ ſagte Sir Geor⸗ ges,—„wir wuͤrden unſere Niederlage faſt als ruhmvoll betrachten, bei dem Gedanken, daß wir wenigſtens mit der Sylphide gekämpft haben.“ „Herr Marquis,—“ ſagte einer der engliſchen Officiere zum Herrn von Miran,—„ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen einige Kiſten Apfel⸗ ſinen fuͤr Ihre Verwundeten an Bord zu ſenden, denn ein portugieſiſcher Dreimaſter hat uns eine große Menge zuruͤckgelaſſen....“ „Ich danke Ihnen tauſend Mal im Namen der Verwundeten,“— ſagte Miran,—„und ich muß geſtehen, daß meine Kameraben, wenn ſie die artige Aufnahme erfahren, die uns am Bord des Lively ————————.— zu Theil geworden iſt, mich um die Gunſt benei⸗ werden, welche mir Herr von Vaudrey bewil⸗ ligt hat, indem er mir befahl, ihn zu begleiten.“ Nach dieſen gegenſeitigen Komplimenten langte Heinrich an ſeinem Bord in dem Augenblicke wie⸗ der an, wo die Schaluppe des Lively eben ihre dritte Sendung Pulver und Pommeranzen ausge⸗ laden hatte. Heinrich ließ den zwanzig engliſchen Schalup⸗ penfuͤhrern funfzig? Louisd'or Trinkgeld verabreichen, und befahl dem Jean Thomas, das Schiff eine andere Wendung nehmen zu laſſen, um die Vor⸗ bereitungen zum Kampfe treffen zu koͤnnen, den Kanonieren aber, die Geſchuͤtze mit zwei Kugel n zu laden. Die Equipage der Sylphide konnte uͤber alle dieſe Ereigniſſe, welche ihnen ſo widerſprechend und unerklaͤrl ich erſcheinen mußten, nur ſtaunen, und ihre Bewunderung ergoß ſich in den ihr eigenthuͤm⸗ lichen Aeußerungen. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Das iſt das Geſchick des Krieges. Burke,— Aneida. Die Vogelperſpective. Das Ueberraſchendſte, außer dem Kanonendon⸗ ner, iſt bei einem Seegefechte die duͤſtere Ruhe, welche das Aeußere der ſich wuͤthend bekampfenden beiden Schiffe darbietet. Auf dem feſten Lande ſieht man die Regimen⸗ ter ſich langſam mit ihrem Walde von Bajonnetten in Bewegung ſetzen; man ſieht Kanonen, welche auf ihren Laffetten wiedertoͤnen, im Galopp vorbei⸗ fahren, die Reiterei, in einen Staupwirbel gehuͤllt, dahin ſprengen, die ſich in allen Richtungen kreu⸗ zenden Ordonnanzen, Bagage-, Munitions- und Proviant-Wagen, Ambulanzen ꝛc. langſam ihres Weges ziehen, auf einem von Hecken, Wieſen, Waldern oder Fluͤſſen durchſchnittenen Boden; tau⸗ ſend Zufälle, die vom Platze und von der Anord⸗ nung herruͤhren, umgeben endlich dieſes ſchon ſo vollſtaͤndige, ſo bewegliche, ſo belebte Gemalde. Aber auf der See! auf der See!. Welch ein Unterſchied! Welch imponirendes Schau⸗ ſpiel bietet der einſame, blutduͤrſtige Kampf von zwei Schiffen dar, dieſen Atomen im Verhaͤltniß zu dem unermeßlichen Raume, welche uͤber grund⸗ loſen Tiefen auf Leben und Tod gegen einander wuͤthen. Eine Beſchreibung ſolch eines Gemaͤldes zu geben, hieße deſſen Wirkung vernichten. Man muß ihn ſelbſt beobachtet haben, von der Höhe eines Berges, aus einem Luftſchiff herab, den Kampf der beiden feindlichen Fregatten, um uͤber denſelben urtheilen zu koͤnnen. Seht, wie er ſo leer iſt, ringsum, der Horizont — er liegt in tiefſter Einſamkeit begraben; der Himmel iſt rein und heiter, das Meer herrlich, denn die ſchaͤumende Spitze jeder kleinen gruͤnen Woge ſcheint von der Sonne verſilbert zu ſein. Der Wind iſt friſch genug, um die hellſchimmern⸗ den Segel der Fregatten ſanft zu ſchwellen, ohne den Schiffen ein zu großes Hinneigen nach der einen oder der andern Seite zu verurſachen. Der ſchoͤne goldene Kiel, welchen ihr dort un⸗ ten unter den wellenförmigen Falten einer weißen Flagge erblickt, das iſt die Sylphide. Jenes ganz ſchwarze, gravitätiſche und duͤſtere Schiff dagegen, das ſo ernſt die breite rothe Flagge mit vier blauen Feldern trägt, iſt der Lively. — 410— Obgleich nur auf Kanonenſchußweite von ein— ander entfernt, hat doch noch keine der beiden Fre⸗ gatten einen Schuß gethan; Sir Georges beim Winde oder rechts, der Graf unter dem Winde oder links. Die beiden Schiffe nähern ſich einander ent⸗ gegengeſetzt, wie zwei Wagen, die ſich auf einer Straße kreuzen:— nämlich ſo, daß das Vorder⸗ theil der Sylphide dem Vordertheil des Lively entgegenſteht. Aber in dem Augenblicke, wo die franzoͤſiſche Fregatte in gleicher Linie mit der engliſchen ſteht, ſtreicht ſie mit Anſtand auf halbem Maſt ihre weiße Flagge und erhebt ſie ſogleich wieder. Es iſt dies eine Hoflichkeitsbezeigung des Gra⸗ fen von Vaudrey, welche den Sir Georges veran⸗ laßt, zuerſt zu ſchießen. Die rothe Flagge neigt und erhebt ſich ihrer⸗ ſeits;— Sir Georges erwiedert den Gruß und nimmt das ritterliche Erbieten des Grafen an. Fuͤnf Minuten nach dieſen gegenſeitigen Artig⸗ keiten befinden ſich die beiden Fregatten auf Flin⸗ tenſchußweite einander gegenuͤber. Ein breiter Feu⸗ erſtreif durchzuckt die Luft und erleuchtet die ſchwarze Flanke des Lively: das Zeichen des beginnenden Kampfes. Eine gleiche Feuerlinie leuchtet auf der rechten Seite der Sylphide, welche ſo dem feind⸗ lichen Schuſſe antwortet. —— Hierauf ſetzen die beiden Fregatten ihren Weg fort, die eine gegen Oſten, die andere gegen Weſten, am Orte des Kampfes eine dichte bläͤuliche Rauch⸗ wolke zuruͤcklaſſend, aus welcher die Sonne mit den prismatiſchen Schattirungen des Opals wider⸗ ſtrahlt. Nachdem jedes Schiff eine halbe Seemeile in ſeiner Richtung durchlaufen, wendet es um und kommt auf den Feind zuruͤck, gleich wie in einem Turniere zwei edle Kaͤmpfer ſich wenden, um ein zweites Rennen zu beginnen.— Nur hat ſich dies⸗ mal der Raum, welcher die beiden Schiffe trennt, wenn ſie einander gegenuͤber kommen, um Vieles vermindert, denn jetzt ſind ihre Flanken kaum einen halben Piſtolenſchuß von einander entfernt. Abermals ſind die Fregatten mit einem Feuer⸗ ſtreifen umguͤrtet, waͤhrend ſie ſich kreuzen;— aber das iſt noch nicht Alles; eine Menge kleiner Licht⸗ ſcheine, welche von der Hoͤhe der Maſte und von dem Verdeck her praſſeln, verkuͤndigen, daß das Kleingewehrfeuer ſich mit dem der Artillerie verei⸗ nigt.— Die Schiffe ſegeln einander voruͤber; man ſieht einen der aufgerichteten Maſte des Lively einen Augenblick wanken, dann niederſtuͤrzen, in⸗ dem er ſeine Segel mit ſich fortreißt. Aber ſieh da, die Sylphide benutzt geſchickt das ungluͤck ihres Feindes, wendet ſich zuerſt um und naͤhert ſich allgemach mit gleichem Winde dem Li⸗ vely, welcher, da er nicht Zeit gehabt hat, dieſelbe Schwenkung zu machen, dem Geſchuͤtze der fran⸗ zoͤſiſchen Fregatte das Hintertheil und die Verklei⸗ dung des Schiffes preisgiebt. Da nun das Hintertheil die ſchwächſte und verwundbarſte Seite eines Schiffes iſt, ſo drang die Lage der Sylphide der Länge nach hinein; ſie verbindet damit ein lebhaftes Musketenfeuer, ſegelt an dem immer noch unbeweglichen engliſchen Schiffe vorbei, und wendet ſich ein zweites Mal, ſo daß die beiden Fregatten ſich wieder in ihrer erſten Stel⸗ lung befinden und die Vordertheile einander entge⸗ genſtehen. Nachdem der Lively ſeinen Schaden wieder aus⸗ gebeſſert hat, geht er auf die Sylphide los, und ſteuert mehr links, um die Entfernung, die ſie im Augenblicke ihres parallelen Zuſammentreffens tren⸗ nen wird, dadurch noch abzukurzen. Die Sylphide, welche aus dieſem Manoͤvre erraͤth, daß der Englaͤnder das Entern verſuchen will, nimmt die Herausforderung großmuͤthig an, und weicht mit Anſtand rechts ab. Die beiden Fregatten ſtoßen der Laͤnge nach neben einander zuſammen, wechſeln noch, faſt auf Piſtolenſchuß⸗ weite, eine letzte Lage, und die eiſernen Enterhaken oder Klauen fallen nieder, um die beiden Schiffe an einander zu klammern. Darauf druͤcken und umſchlingen ſie ſich, wie zwei kraftvolle Fechter in dem Augenblicke des Kampfes: die Enterung iſt bewerkſtelligt. — — 13— Das Musketenfeuer beginnt und praſſelt einen Augenblick; denn der Gebrauch der Kanone wird unmoͤglich; bald aber erliſcht Alles, Alles ſchweigt, und auf dies Getöſe folgt die duſtere Stille der blanken Waffe;.. denn nun bedient man ſich des Sabels, des Dolchs, der Axt, der Pike, der Naͤ⸗ gel und der Zähne. Von dem Entern ſelbſt kann man ſich leicht einen Begriff machen. Man darf ſich nur vorſtel⸗ len, daß ſich auf jeder Fregatte dreihundert Mann Schiffsvolk befinden, und daß ſich dieſe ſechshun⸗ dert Mann mit der blanken Waffe in einem Raume von hundert und zwanzig Fuß Länge und acht und dreißig Breite...(Länge und Breite des Verdecks eines dieſer Schiffe) erwuͤrgen, und daß dieſer Raum, durch die Laffetten, die Schaluppen und die Leichname, noch um den dritten Theil ver⸗ ringert iſt. Aber von der Hoͤhe eines Vogelflugs oder Ruhm⸗ flugs(wenn man ſo ſagen kann) verwiſchen ſich alle dieſe kleinlichen Nebenumſtaͤnde, und ein Seekampf, oder das Entern, bietet dem Auge das verfuhreriſcheſte Gemalde dar, welches man ſich denken kann. Nachdem dieſes Gemetzel zwanzig Minuten ge⸗ dauert hatte, wurde die rothe Flagge plotzlich her⸗ abgelaſſen, nicht, um ſich wieder zu erheben und ſtolz zu gruͤßen, wie vor dem Kampfe.— Nein, ihr Niederlaſſen war ſchimpflich, verzweifelt, blutig, — um nicht wieder zu erſcheinen; und an ihrer Stelle erhob ſich majeſtätiſch eine breite weiße Flagge, ähn⸗ lich derjenigen, welche auf dem Hißtau der Syl⸗ phide wehte, nur daß dieſe Letztere durchlöchert und zerfetzt war: das uͤbliche Zeichen, daß die franzöſi⸗ ſche Fregatte, nachdem ſie die engliſche durch En⸗ tern erobert, von ihr Beſitz nahm. Die beiden Fregatten löſen hierauf die Haken von einander ab, bleiben auf der Seite liegen, ſetzen ihre Schaluppen aus, und eine Stunde hindurch findet ein fortwaͤhrender Austauſch von Booten Statt. Dies bedeutet, daß man das Schiffsvolk des Lively als kriegsgefangen in den unterſten Raum der Sylphide einſperrt, und der Lively die Halfte von der Equipage der Sylphide als Beſatzung er⸗ haͤlt. Hierauf beſſern die beiden Fregatten ihren Schaden wieder aus und beginnen dann, ruhig mit einander zu ſchiffen, wie zwei Freundes⸗Segel, die ſie nun auch waren; denn der Lively wurde von dieſem Augenblicke an unter die Fregatten Sr. Ma⸗ jeſtat des Koͤnigs von Frankreich gerechnet. Doch wenn wir jetzt die beiden Hauptperſonen des Gemäldes in der Nähe betrachten, ſo erinnern ſie uns unwillkurlich an den Anblick einer belager⸗ eten Feſte nach dem Sturme. Da man waͤhrend der Beſchießung aus ſeiner Batterie nicht herauskommt, kann man ſich auch keinen Begriff von der Verwuſtung machen, welche dieſe Achtundvierzigpfuͤnder verurſachen. Denn bei jedem Schuſſe, der die Bekleidung der Wälle trifft, ſieht man nur ein wenig Staub in die Hoͤhe fliegen, ſonſt nichts. Die Mauer ſcheint eben ſo unbeſchaͤdigt als den erſten Tag... Aber ſobald einmal die Breſche vollendet iſt, und man ſich den Mauern nähern kann, traut man ſeinen Augen nicht mehr; die Walle, welche in der Ferne ſo ganz ſchienen, bieten nur noch Steine, Riſſe, Truͤmmer, abgeſprengte Bruchſtuͤcke darz jede Kugel hat ihre Frucht getragen, der Platz iſt ſeiner Mauern beraubt. So die beiden Fregat⸗ ten. Betrachten wir ſie in der Nähe, ſie, die uns von weitem ſo unbeſchaͤdigt ſchienen, ſo bemerken wir die Spuren der Kugeln in den uͤber dem Waſ⸗ ſer gehenden Theilen des Schiffes, die Maſte ſind durchlöchert, die Segelſtangen verſtuͤmmelt, die Se⸗ gel und Taue zerriſſen; und das prächtige Hinter⸗ theil der Sylphide, durch das Feuer geſchwärzt, ge⸗ ſpalten, gleicht dem alten vergoldeten Taͤfelwerk, welches, wenn man es in der Ferne ſieht, noch einen gewiſſen Glanz hat, das aber, in der Nähe ſchuppicht und ſchmutzig, von ſeinem Alter zeugt. Die Gallerie des Grafen, die elegante, geſchmack⸗ volle Gallerie, war dem Ungluͤck auch nicht entgan⸗ genz Schuͤſſe waren hineingedrungen und hatten das Kryſtall und Porzellan zerſchmettert, die ſeide⸗ nen Vorhaͤnge zerriſſen, den Teppich durchloͤcher und die Blumenkaſten, deren Erde auf dem Fuß boden zerſtreut war, zerſchlagen; die durchſichtigen Rollvorhaͤnge von reich verziertem Atlas hatte das Pulver geſchwärzt und verbrannt, von den vergol⸗ deten Kanapees war kaum noch eine Spur vorhan⸗ den. Die aus Roſen⸗ und Sandelholz gefertigten Buͤcherbrete waren wie zermalmt, und die blauda⸗ maſtenen Vorhaͤnge lagen wie Lumpen in eine Blutpfuͤtze getaucht. Denn der Kampf war in der That blutig ge⸗ weſen; zwei Mal war die mörderiſche Fluth des Enterns auf das Verdeck und in die Batterie der Sylphide gedrungen, und hatte, wie die Fluth der Wogen, Tod und Verwuͤſtung hinter ſich zu⸗ ruckgelaſſen. In dieſer Gallerie, welche noch jetzt vor dem Donner des Geſchutzes zu zittern ſchien, lagen hier und dort Leichname zerſtreut, welche man nicht Zeit gehabt hatte, hinwegzuſchaffen; Waffen in Stuͤcken, Taue, Propfe, Balkenſplitter... Auf einer wäh⸗ rend des Kampfes herbeigebrachten Kanone, welche als Reſervegeſchuͤtz dienen ſollte, ſaß der Graf von Vaudrey, ohne Weſte, ohne Kleid, im blutigen ₰ Hemd,„der treue Germeau hielt ihn in ſeinen Armen, und der Doctor Gédeon, ſehr beſchäftigt, fuͤhlte mit einer Sonde in eine breite rothliche Oeff⸗ nung, welche kurz unter dem rechten Sl des Grafen von einander klaffte. Monval, den Arm in der Schaͤrpe, e St. Sauveur, den Kopf mit einer Binde umwickelt, „ — ſtutzten ſich Einer auf den Andern, und ſchienen ihre eigenen Leiden zu vergeſſen, ſo groß war ihre Aufmerkſamkeit auf die geringſten Geberden, den geringſten Ausdruck in der Phyſiognomie des Doctors. In dem Hintergrunde, an der Thuͤr der Gal⸗ lerie erblickte man eine Gruppe Neugieriger, und unter ihnen Meiſter Frank, den Schiffspatron Heinrichs, einige Hochbootsleute und Matroſen, welche hier Nachrichten uͤber den Commandanten erwarteten, und durch die Piken zuruckgehalten wurden, die zwei Schildwachen gekreuzt hielten, um die Stelle der waͤhrend des Kampfes zerſchmetter⸗ ten Thuͤr zu erſetzen. Der Doctor Gédeon, eitel und wichtig wie je⸗ der Menſch, welcher weiß, daß er mit einem Worte, durch ein Zeichen, die Geſichter derjenigen, deren Augen auf ihn geheftet ſind, verduͤſtern oder erhei⸗ tern kann, zog die Sonde aus der Wunde und hielt ſein Ohr ganz nahe an ihre Oeffnung. Nach einem Augenblicke peinlicher Stille.. nahm er ſein Ohr weg, hielt es wieder hin,. horchte noch ein Mal,„und ſagte endlich, in⸗ dem er ſorgfaͤltig ſeine Sonde an einem Zipfel ſei⸗ ner Schuͤrze abwiſchte: „Die Wunde iſt nicht tief, es iſt keine Ge⸗ fahr, Herr Graf Es waͤre ſchwer, die Wirkung zu beſchrei⸗ ben, welche dieſe wenigen Worte hervorbrachten; Die Serwarte v. Koat⸗Vén. IM. ein Freuden- und Hurrah⸗Geſchrei ertoͤnte auf dem ganzen Schiffe. Heinrich wurde geruͤhrt davon; eine Thraͤne glanzte in ſeinen Augen. „Bei Gott! meine Herren,—“ ſagte er,— „ich muß geſtehen, daß ich mehr Vergnuͤgen fuͤhle, dieſe Beweiſe von Anhaͤnglichkeit zu hoͤren, als, indem ich die rothe Flagge fallen ſah, um der unſrigen Platz zu machen...—“ Dann fugte er traurig hinzu...—„Armer Sir Georges.. Ach! meine Herren,„die engliſche Marine hat einen großen Verluſt erlitten, denn die Verthei⸗ digung und der Tod dieſes unerſchrockenen See⸗ mannes waren glorreich.—“ Und als wollte er ſich dieſe traurigen Gedanken aus dem Sinne ſchla⸗ gen, fugte der Graf hinzu:—„Herr von Mon⸗ val, laſſen Sie den Lieutenant in Kenntniß ſetzen, daß, waͤhrend mein Kammerdiener und Tapezierer dieſe Gallerie ein wenig in Ordnung bringen, ich mich an den Bord meiner Priſe hegeben werde; denn ich glaube, daß die Gallerie des Lively nicht ſo ubel zugerichtet iſt, wie die meinige.“ Jean Thomas, als der zweite Officier am Bord, hatte das Commando der engliſchen Fre⸗ gatte uͤbernommen. „Dieſe Veränderung kann doch dem Herrn Gra⸗ fen keinen Schaden bringen?“ fragte Germeau furchtſam den Doctor Gédeon. „Nicht den geringſten;—“ antwortete der Aes⸗ culap,—„ich werde uͤbrigens den Herrn Grafen . — 419— begleiten, wenn er es erlaubt, denn ich moͤchte gern meinen Freund Jean Thomas beſuchen, welcher, wenn auch nur leicht, durch das Unthier von ei⸗ nem engliſchen Commodore verwundet worden iſt.“ „Um des Himmels willen, ſchweigen Sie,.. ſchweigen Sie, Herr Doctor,—“ rief Heinrich ſchnell,—„erinnern Sie mich nicht an dieſen fuͤrchterlichen Auftritt!— Armer Georges,“— fuͤgte er dann, mit ſich ſelbſt ſprechend, hinzu... —„guter, biederer Georges, es war nicht mehr Zeit, als ich zu ihm gelangte, und er mir mit ſeiner ſanften Stimme traurig entgegen rief: „„Ich ſagte es Ihnen wohl, daß ich kein Gluͤck „„haͤtte, mein lieber Graf,„aber Sie werden „„bezeugen, daß ich meinen Lively tapfer verthei⸗ „„digt habe,„nicht wahr?„ Leben Sie „„wohl, mein lieber Graf;. mein Schickſal „„und das Ihrige ſind ſonderbar.. Vergeſſen „„Sie nicht Ihre Verſprechungen. Nehmen Sie, „„hier iſt der Brief und das Portrait.„Und dann fuͤgte er noch die fuͤr mich rathſelhaften Worte hinzu:„„Ich habe.. mein Schick⸗ „„ſal verdient denn ich bin meineidig „„geweſen„.—““„Was wollte er damit ſagen?—“ ſchloß der Graf und verſank einen Au⸗ genblick in duͤſteres Sinnen..„Tod und Hoͤlle!“ begann er dann wieder,„einen ſo biedern, ſo groß⸗ herzigen Mann auf ſolche Weiſe umkommen zu ſe⸗ hen; man moͤchte den Verſtand drüber verlieren!“ 27 „Beruhigen Sie ſich, Herr Graf,—“ ſagte der Doctor,—„Sie verſchieben den Verband... Aber die Schaluppe ſteht eben bereit, und wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo wollen wir uns an Bord des Lively verfuͤgen.“ Und Heinrich verließ, auf den Arm Germeau's und des Doctors geſtutzt, die Sylphide, deren Ober⸗ befehl er einſtweilen dem Marquis von Miran an⸗ vertraute. In dem Augenblicke, wo der Graf den Fuß auf das Verdeck ſetzte, wendete er ſich an Meiſter Frank, der ihm, die Muͤtze in der Hand, gefolgt war, und ſagte zu ihm: „Wie geht's mit Meiſter Kergouöt?“ „So ſo, mein Commandant, ſeine rechte Hand iſt ein wenig verſtuͤmmelt, denn er hat den Dau⸗ men und drei Finger durch einen Kartätſchenſchuß eingebuͤßt, und wartet daher auf den Doctor, um zu erfahren, was das iſt und was daraus werden ſolle. „Nun! Doctor,—“ ſagte Heinrich,—„die Wunde dieſes armen Teufels ſcheint mir bedeuten⸗ der als die des Lieutenants zu ſein; wie ware es, wenn Sie mit ihm den Anfang machten?“ „Ich wollte Ihnen eben den nämlichen Vor⸗ ſchlag thun, Commandant, denn Thomas iſt nur durch einen Stoß des engliſchen Commodore, deſ⸗ ſen Dolch auf einer der unterſten Ribben abgeglitten iſt, ein wenig aufgeritzt; denn der Commodore...“ „ —— „Schon gut, Doctor,—“ ſagte Heinrich un⸗ geduldig und beſtieg die Schaluppe. Frank und der Doctor begaben ſich hierauf nach Kergouöt's Zimmer. Der wuͤrdige Meiſter, obgleich in einem Bette ſitzend, war, ſeiner Ge⸗ wohnheit nach, ſorgfaͤltig gepudert, und der Loſophe war ſo eben mit dem Raſiren fertig. Am Fuße des Bettes ſtand Daniel, welcher eine Flaſche und ein Glas in der Hand hielt und ſich eben an⸗ ſchickte, dem Meiſter zu trinken einzugießen. „Zum Teufel aber auch!... Dein Raſirmeſ⸗ ſer kratzt und beißt ordentlich,. Loſophe,“ ſagte der buͤrgerliche Kanonier, indem er vorſichtig mit der Hand uͤber den Backen fuhr, denn die Haut war, nach den Abweichungen des ſchartigen Meſ⸗ ſers des Loſophen, hier und da verletzt.— „Was das anbelangt, ſo kann es wohl ſein, daß mein Raſirmeſſer beißt, Meiſter, denn an Zah⸗ nen fehlt es ihm eben nichtz. Gott ſei Dank, .. es iſt eine wahre Saͤge; auch habe ich ihm den Beinamen Schinder gegeben.“ „Ei, das iſt ſehr angenehm fuͤr Deine Kun⸗ den, Du erzdummer Kerl!“.. rief der Kano⸗ nier wuͤthend; aber da er eben Gédeon erblickte, ſagte er:„Ach! Sie ſind es, Herr Doctor! Es freut mich, Sie zu ſehen, und ich habe die Ehre, Ihnen meinen unterthaͤnigſten Reſpekt darzubrin⸗ gen,—“ dabei verneigte er ſich ſehr hoͤflich„. „Nun?“ fragte Gédeon,..„Was fehlt uns denn. an dieſem Haͤndchen?. „Ach Gott! eine Kleinigkeit,—“ erwiederte Kergouöt, indem er ſeinen mit einer Art Pflaſter von Werg umwickelten Arm zeigte.—„Gegen das Ende der Geſchichte wurde es ein wenig warm; alle meine Gehuͤlfen von der Vorderkanone lagen auf dem Bodenz ich wollte ſelbſt laden, und da hat mich ein Traubenſchuß geſtreift; es fehlen mir nur vier Finger und ich glaube, daß dies nichts zu bedeuten haben wird, denn ich habe ſchon eine Art Mittel angewendet.“ —„Und was zum Teufel habt Ihr denn auf⸗ gelegt?—“ ſchrie Gédeon mit Schrecken, indem er mit der Spitze ſeiner Scheere das Packet ge⸗ theerten Flachſes, welches die Wunde verbarg, ab⸗ zog. Auf dieſe Frage verſchwand der Loſophe ploͤtzlich, auf den Zehen fortſchleichend, und ließ den Schinder in ſeine Taſche rutſchen. „Was ich auf meine Wunde gethan habe?“ fragte der Kanonier. —„Ja, ja, dieſen Haufen Unrath, den ich da ſehe,—“ ſagte der Doctor ungeduldig... „Herr Doctor, mit Reſpekt zu melden, das iſt kein Unrath, es iſt etwas Vortreffliches, ein ſehr einfaches Mittel, zu Lima unter dem Einfluſſe des Saturns und des Suͤdkreuzes zuſammenge⸗ ſetzt; es beſteht bloß aus Loͤwenſchwanz, Meer⸗ ſchwalbenaugen, einem Tigerweibchenzahne und Ele⸗ 3— phantenfett; das Uebrige iſt nur Hundegras und Curry, mit Rhinocerosurin benetzt.“ „Und wer hat Euch dieſes ſchoͤne Mittel ver⸗ ordnet?“. „Man hat mir es nicht umſonſt gegeben, Herr Doctor; der Loſophe war gutmuͤthig genug, es an mich wieder abzutreten; er hatte dieſes Mittel von der Nichte eines Caziken, einer Dame, die er im Suͤden kennen gelernt, und es ſcheint ſogar, daß der Cazike nur ſeinen Verwandten, oder den ver⸗ trauteſten Freunden ihrer Bekanntſchaften von die⸗ ſem Mittel gab, und daß, mit Ausnahme obiger Perſonen, Niemand davon bekam.“ „Und in Eurem Alter, Meiſter Kergoust, laßt Ihr Euch ſolche Albernheiten weiß machen?“ „Ich bin kein Kind, Herr Doctor,—“ ſagte der Kanonier gereizt,„ich weiß einen Unterſchied zwiſchen Marktſchreierei und einem ſo natuͤrlichen Mittel, wie dieſes iſt, zu machen!...“ In Gedanken fuͤgte der buͤrgerliche Kanonier hinzu:„Es iſt doch nur Handwerksneid, und nichts Anderes.“ „Wie Ihr wollt,—“ ſagte Gédeon,—„ganz nach Eurem Belieben; aber wenn ich Euch einmal verbunden habe, und ich ſehe dieſe Quackſalberei wieder, ſo könnt Ihr Euch behandeln laſſen, von wem Ihr wollt..„ Und der Doctor ſchickte ſich an, den Verband auf die Hand des Meiſters zu legen. In dieſem Augenblicke trat der Hochbootsmann Rapin lär⸗ mend in die Stube, mit ſtrahlendem Geſichte, die Muͤtze in der Hand, und ſagte, indem er ſich dem Kanonier näherte und den Kopf mit triumphiren⸗ der Miene ſchuttelte: „Nun! Meiſter Kergouöt.. Nun! man ſagt, daß es mit Euch gut geht; deſto beſſer; Eure Kanoniere und ich, wir flattern daruͤber wie junge Tauben, wenn ſie ſich paaren... Aber ſagt doch, Meiſter, iſt das buͤrgerlich, he?... daß Ihr Euch die Hand durch die Kartätſche verrenkt habt.. da habt Ihr nun die vierte Wunde? Hel. iſt das buͤrgerlich?.. So ſagt doch, ob das burger⸗ lich iſt, das, Meiſter,.. Het“ „Aber wie unertraͤglich iſt doch der Menſch da mit ſeinem He!—“ rief Meiſter Kergoust. Dann nahm er etwas kaltblutiger das Wort, und ſagte mit Achſelzucken zu Gödeon:„Ich hoffe, Herr Doctor, es iſt unmöglich, auf dem duͤmmſten Huͤh⸗ nerhofe einen Gaͤnſerich zu finden, der mehr Gaͤn⸗ ſerich waͤre, als dieſer hier; aber ſeht, Rapin, unter Buͤrgern iſt man ſich Achtung ſchuldig; ich will Euch alſo antworten und Euch in Eurem eigenen Intereſſe uberzeugen, daß Ihr dumm, ja der duͤmmſte Menſch von der Welt ſeid„. Hoͤret mich alſo aufmerkſam an, mein Freund Rapin ich habe zu Breſt einen intimen Freund, Herrn Joliot, Gewuͤrzhaͤndler und Chocoladenfabrikant; dieſer Herr Joliot iſt weit entfernt, Soldat, und . — — — 25 beſonders Kanonier ſein zu wollen; denn er hat die Gewohnheit, zu ſagen, wenn er von der Un⸗ vorſichtigkeit ſpricht, die man begeht, indem man Feuergewehre ladet,„daß er nicht ruhig in ei⸗ nem Fahrzeuge ſein koͤnnte, wenn er wuͤßte, daß ſich auf dem Grunde des Waſſers eine ſogar un⸗ geladene Flinte befaͤnde, weil man nicht weiß, was geſchehen kann;„alſo werdet Ihr nicht ſagen, daß mein Freund Joliot Soldat und Ka⸗ nonier ſei, nicht wahr?“ „Bei Gott nicht,.. Meiſter, ein Gewuͤrz⸗ haͤndler bleibt immer ein Gewuͤrzhaͤndler.“ „Gut, Rapin, ſehr gut, indeſſen, als mein Freund Joliot einſt ſeine Cacgomaſſe gquetſchte, kam er mit einer Hand unter ſeine Kurbe, und ließ da, ſo wie ich, die vier Finger und den Dau⸗ men!.. Nunz iſt er deshalb Soldat oder Ka⸗ nonier?“ rief Kergoust mit triumphirender Miene, „wenn Ihr darauf antworten koͤnnet, ſo ant⸗ wortet, Rapin, antwortet, ich erlaube es Euchz ich gebe Euch das Recht dazu,.. unter Buͤrgern kann man,. ſoll man ſich Alles ſagen, und ſoll ſich mit der groͤßten Hoͤflichkeit gegenſeitig auf⸗ klären; ich kann uͤbrigens die Wahrheit hoͤren, und ehre ein vernuͤnftiges Wort, aus welchem unreinen und ekelhaften Munde es auch kommen mag, um mich zu erleuchten... —„Ihr ſeid ſehr hoͤflich, Meiſter Kergoust,—“ — 426— ſagte Rapin, indem er ſich die Lippen abwiſchte, „und.. Ihr urtheilt wie ein Meerigel.“ „Ein Meerigel!—“ ſchrie Kergouöt und machte einen ſolchen Satz auf dem Bette, daß der Doctor daruͤber fluchte. „Ja, wie ein Meerigel, der keinen geſunden Verſtand oder geſoffen hat,. nahm Rapin kalt das Wort,„denn ſeht Ihr, Meiſter, es iſt eben ſo wenig ein Grund, daß Ihr ein Gewuͤrzhaͤndler ſeid, weil Euch ein militäriſcher Schuß die Hand weggeriſſen hat, als es ein Grund fuͤr den Gewuͤrzhaͤndler iſt, ſich fuͤr einen Kanonier zu hal⸗ ten, weil ihm ſeine Pfote zerquetſcht wurde, indem er ſeine. buͤrgerliche.. Chocolade machte.“ „Aha! So iſt es,“ ſagte Meiſter Kergouöt,— „nun gut denn, weil es ſo iſt, ſo erweiſet mir die Freundſchaft, an Euren Poſten zu gehen und da⸗ fuͤr zu ſorgen, daß Eure Kanonen gereinigt und die Batterie wieder in Stand geſetzt werden, ſtatt hier zu plaudern, und uns von Euren empotenden Dummheiten zu unterhalten, an denen man ſchon genug hat, wenn man ſie ſieht... Dummkopf, Eſel, Schaf, rohes, ungeſchliffenes Thier, das Ihr ſeid.“ „Aber, Meiſter„ Ihr habt mir geſagt...“ —„Keinen Widerſpruch mehr, und macht, daß Ihr fortkommt,..—“ nahm Kergoust das Wort, welcher jede Unterſuchung, von der er vor⸗ ausſah, daß er dabei nicht glaͤnzen wuͤrde, gewoͤhn⸗ lich auf dieſe Weiſe kurz abbrach. Der Doctor erbat ſich, nachdem er mit ſeinem Verbande fertig war, von Monval eine Schaluppe, um ſich an den Bord des Lively zu ſeinem Freunde Thomas zu begeben. Die Beſchädigungen der beiden Fregatten wur⸗ den bald wieder hergeſtellt, und die beiden Schiffe fuhren fort, in den Gewäͤſſern der Azoren mit ein⸗ ander zu kreuzen, befehligt vom Grafen von Vau⸗ drey, welcher am Bord der Sylphide die Comman⸗ dantenflagge aufgeſteckt hatte. S — — = ₰ — S * — — — — S — — — * — S 578 e1. oeq.e