Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. QAution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Kponhenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Aogeſehen von ſeinem ſpeciellen Theile, ſeiner See⸗ aufgabe, vervollſtändigt dieſer Roman in meinem Sinne die allmälige und philoſophiſche Entwickelung einer Idee, die ich in dem Atar⸗Gull aufgeſtellt und dann im Sala⸗ mander verfolgt habe. Es iſt ein ganz anderes Gefühl, als das der Eitelkeit, welches mich zwingt, von dieſen Werken zu ſprechen, die ohne Zweifel bereits vergeſſen ſind. um aber meinen Zweck deutlich auseinanderzuſetzen, muß ich der Erinner⸗ ung des Leſers dieſe beiden Romane zurückrufen, welche mit dem vorliegenden ſo innig durch die Einheit der An⸗ ſichten verbunden ſind, welche mir eine unerſchütterliche und faſt unwillkürliche Ueberzeugung aufdringt. Jedes Jahrhundert hat ſeinen unauslöſchlichen Aus⸗ druck und Character, und es ſchien mir, als ſei jetzt der hervorſtechendſte und beſtimmteſte Zugunſerer moraliſchen Die Seewarte v. Koat⸗Vön. I. 1 Philoſophie— eine tiefe und bittere Enttäuſchung — welche ihre Quelle in den tauſend geſelligen und politi⸗ ſchen Täuſchungen hat, deren Spielwerk wir waren und für welche der Beweis in dem organiſchen und conſtituti⸗ ven Materialismus unſerer Zeit liegt. Indem ich dieſe Meinung aufſtelle(welche dem von mir verfolgten Syſtem zur Grundlage dient), glaube ich wenig Widerſprecher zu finden, denn die Mehrzahl hat mit einer unbegreiflichen Zufriedenheit geſagt, wiederholt, proclamirt und bewieſen, daß unſer gluckliches Jahrhun⸗ dert den ungeheuern Vorzug hat, überaus poſitiv zu ſein. Nach der Bedeutung, welche die liberal fortſchreitende und philoſophiſche Parthei dieſem Worte giebt, ſcheint mir, als ſeien poſitives und materialiſtiſches Jahrhundert oder enttäuſchtes und atheiſtiſches*) ganz gleich. Da dieſe Wahrheit einmal von den Einen mit Freude und Stolz, von den Andern mit Schmerz anerkannt iſt, wollen wir fortfahren. Dieſe Enttäuſchung, die uns bedrückt, iſt begreiflich, ſeitdem der Philoſophismus, dieſe traurige und unver⸗ * Es würde als ein ſchwaches Argument dienen, wolte man der geringen Anzahl von Perſonen von religiöſem Glau⸗ ben Erwähnung thun; das Geſeß iſt der wahrſte und innerſte Ausſpruch einer Geſellſchaft. Mit dem Tage alſo, an wel⸗ chem im öffentlichen königlichen Gerichtshofe eingeſtanden und proclamirt wurde, daß das Geſetz atheiſtiſch ſei, iſt die Frage entſchieden. meidliche Folge des Lutheranismus, die Ungläubigkeit pre⸗ digte, ein Leichentuch zwiſchen dem Himmel und der Erde ausbreitete und das göttliche Licht den Menſchen raubte; ſeitdem halten dieſe den Himmel für leer, weil man ihnen denſelben raubte, und ſie kriechen nun im Elend und in der Dunkelheit dahin. Da ſie keinen Himmel mehr anzufle⸗ hen hatten, waren ſie gezwungen, die Stirn zu ſenken und den Blick auf die Erde ſowie rings um ſich her zu richten. Da ſie nichts Anderes mehr zu thun haben, als ſich zu haſſen und zu beneiden, haben die Menſchen ſich ein⸗ ander näher geſehen, Angeſicht in Angeſicht, und der Menſch das Herz des Menſchen tief ergründet und es analyſirt Fiber für Fiber. Der Menſch iſt vor Entſetzen zurückgebebt, denn ſeine Entdeckungen waren gräßlich. Er ſah in den Andern wieder, was er in ſich ſelbſt fand: Stolz— Haß— Neid!— und da der heilige, heilſame Glaube nicht mehr da war, dieſe organiſchen Laſter unſerer Natur durch die Hoffnung auf ewigen Lohn oder durch die Furcht auf ewige Strafe in Ergebung, Liebe und Barmherzigkeit zu ver⸗ wandeln; und da die Menſchen ſich nicht mehr an Gott wenden konnten, wenn er ihnen eine Falſchheit, eine Täuſchung, eine Marter mit Demuth zu ertragen gebot, damit dieſe Schmerzen ihnen eines Tages angeboten würden;— Da der Menſch nur an ſich ſelbſt glaubt, und ſeine Rache nicht dem Zufall einer göttlichen Gerechtigkeit an⸗ vertrauen wollte, hat der Menſch dem Vei Täu⸗ 1 — ſchung für Täuſchung, Falſchheit für Falſchheit, Marter für Marter zurückgegeben. Weil der Menſch in ſeinen Hoffnungen betrogen wurde— weil er gelitten hat, mußte die Menſchheit die Rückwirkung ſeiner Wuth tragen. Dieſes Prinzip wird durch den Charakter Brulards im Atar⸗Gull*) ent⸗ wickelt. Weil der Menſch mit Bitterkeit die Nichtigkeit weltlicher Vergnügungen erkannt hat, mußten die, wel⸗ che ihm nahe kamen, dieſe frühzeitige Enttäuſchung thei⸗ len und jede ſüße lachende Illuſion durch ſeinen unſaubern Hauch getrübt werden; Weil ein Menſch verzweiflungsvoll oder ohne Glau⸗ ben war, mußte die Menſchheit verzweifelt und ohne Glauben ſein. Dieſes Prinzip iſt durch den Charakter Szaffie's im Salamander entwickelt. Und das zwar weil, ſobald kein heilſamer Glaube * *) Dehnt man die Entwickelung des Charakters auf einen Theil der Geſellſchaft aus, ſo findet man ihre Anwendung, wenn man an die unerhörte und blutige Rache denkt, welche die Metzeleien von 1793 herbeiführte.. **) Bezieht man die Folgerung dieſes Charakters auf einen Theil der Geſellſchaft, ſo findet man ihre Anwendung, wenn man daran denkt, mit welcher Grauſamkeit Voltaire oder die philoſophiſche und enchelopädiſche Schule ohne Unterlaß den troſtreichſten, edelſten Glauben angegriffen und herabge⸗ ſetzt haben und welches Uebel ſie unſerer Generation dadurch zufügten. mehr dem unwiderſtehlichen Inſtinkte, der den Menſchen zu Rache treibt, einen heiligen und mächtigen Zügel an⸗ legt, die Rückwirkung dieſer Rache trunken, wüthend und blind iſt, weil ſie in Ermangelung der Strafbaren die unſchuldigen erreicht und oft das Herz und den Keim kommender Jahrhunderte angreift. Der unwiderlegliche Beweis dafür ſind die ſchmerz⸗ lichen Symptome, die in unſern Tagen ein unendliches Bedürfniß des Glaubens kund thun. Dieſes glühende und inſtinktmäßige Bedürfniß eines religiöſen Glaubens und die verzweiflungsvolle Ohn⸗ macht, ſich bis zu einem wahren und innigen Glauben zu erheben, werden in vorliegendem Romane durch den Abbe von Cilly entwickelt. Dieſes Kapitel richte ich an Sie, mein lieber Vic⸗ tor, an Sie, deſſen höheres, ſcharfes, ernſtes Urtheil ſich durch eine zuweilen rauhe und ſtrenge, aber ſtets rechtliche Würdigung ausſpricht. An Sie, mein Freund, der die Größe, die Billigkeit, den Abel einer Frage vermuthen läßt, allein dadurch, daß man Sie dieſelbe vertheidigen ſieht. An Sie, deſſen Schriften und Kritiken einen ritterli⸗ chen und großmüthigen Charakter tragen, der eben ſo fern von den literariſchen Sitten unſerer Zeit iſt, wie eine große Geſtalt van Dyks, mit Büffelleder und Stahl be⸗ deckt, von den heutigen Moden. Sie haben mir oft die Art von verzweiflungsvollem Syſteme zum Vorwurf gemacht, das mich zwang, zu nackt einige Bilder von betrübender Wahrheit zu malen; oder vielmehr Sie, nhe der Sie mich kennen, Sie beklagten mich, daß ich in meinem Alter ſchon die Erfahrung und eine ſo eingewurzelte Ueberzeugung von dem Nichts der IFlluſionen gemacht hätte. Indem Sie mit mir über die mildthätigen Ariſtarchen lachten, die mich ein wildes Thier nannten, das man niederſchlagen müſſe, wenn man es fände, oder die mir — — ein wohlverdientes Ende auf irgend einem Blutgerüſte prophezeiten, ſagten Sie mir: „Ich geſtehe gleich Ihnen, daß die Menſchheit faſt „immer dem, der ſie ſtudirt, ein abſcheuliches und ab⸗ „ſtoßendes Schauſpiel bietet; aber wozu ſolche Bilder „aufſtellen! Die Kunſt und die Poeſie haben hienieden „auch eine heilige und tröſtliche Sendung zu erfüllen: „einen glänzenden und phantaſtiſchen Schleier über jede „verzweiflungsvolle Wirklichkeit zu werfen. „Denn die Natur ſelbſt ſcheint die ärgerlichen Gegen⸗ „ſtände verhüllen zu wollen. Auf einem Grabe läßt ſie „den Raſen wachſenz über einem Leichnam Blu⸗ „men———! „Nein, nein, die Wahrheit, die Sie zeigen, iſt zu „enttäuſchend, iſt zu unbarmherzig. Wozu nützt es, ſo „alle Illuſionen zu zerſtören, und welchen Zweck können „Sie dabei haben, mit ſolcher grauſamen Ausdauer bei „Ihrem Werke zu verharren?“ Jetzt, da falſch oder wahr meine Idee vollſtändig iſt, kann ich Ihnen ſagen, mein Freund, welchen Zweck ich mir vorſetzte, denn ich glaube ihn erreicht zu haben. Ich wollte die liberale, philoſophiſche und Fortſchritts⸗ Parthei dahin bringen, durch das Organ einiger ihrer achtungswertheſten und ausgezeichnetſten Schriftſteller zu erkennen: ² Daß es für den Menſchen auf Erden kein Glück giebt, wenn man ihm jede Illuſion raubt. Ich wollte den ſonderbaren und bedeutungsvollen Widerſpruch eines Jahrhunderts aufdecken, welches den 6 alten religiöſen und monarchiſchen Glauben, dieſe einzige reine und fruchtbarſte Quelle der edelſten, troſtreichſten, glaubwürdigſten Illuſionen unter die Füße getreten hat, und gleichwohl überall und um jeden Preis neue Illuſio⸗ nen fordert;— eines Jahrhunderts, welches jetzt darüber unwillig iſt, daß das Poſitive und Wahre, worauf es ſich ſo eiferſüchtig und ſtolz zeigte, politiſche Syſteme in die Geſellſchaft und aus der Geſellſchaft in die Kunſt über⸗ trug. Was ſoll aus dem Menſchen werden, ſagen Sie, wenn Ihr ihm eine Illuſion nach der andern entreißt? Es wird aus ihm werden, was Ihr aus ihm gemacht habt, was er iſt: Ein trauriges mürriſches Weſen, welches Alles dem materiellen Glücke der Welt unterord⸗ net; ſelbſt wenn er ſeinen groben und ſinnlichen Durſt ſättigen konnte, ſelbſt wenn er die Höhe der Macht, der Wiſſenſchaft und des Ruhmes erreichte, wird er doch ſtets noch die mächtige Leere in ſeiner Seele fühlen, wel⸗ che keine menſchliche Eitelkeit auszufüllen vermag. Man verlangt Illuſionen*) in der Kunſt, ſo ſetze man ſie zunächſt in die Sitten; denn die Kunſt iſt ſo zu ſagen nur der Geiſt, der moraliſche Ausdruck des ge⸗ ſelligen Körpers. Und geſtehen Sie, mein Freund, giebt es etwas pro⸗ *) Wir bedienen uns hier des Wortes Illuſionen, um von dem Glauben zu ſprechen, weil dieſer beſonders als Illu⸗ ſion von dem Philoſophismus angegriffen wurde. Die Frage, ob der wahre und innige Glaube zu dem Glücke des Menſchen nothwendig iſt, bedarf keiner Erörterung. ſaiſcheres, etwas enttäuſchenderes als die jetzige Geſell⸗ ſchaft? Soll man zu dem Dichter ſagen: Beſinge die troſtreiche und heilige Religion, wenn man den Abend zuvor ſtraflos Tempel und Altar durch gottesläſterliche Orgien entweihte! Oder ſoll man zu dem Dichter ſagen: Beſinge den König, jenes majeſtätiſche, unverletzliche Weſen, deſſen königliche Binde Gott weihte! Und man wiederholt doch täglich, daß man den König bezahlt? und daß er ein bezahlter Beamter ſei, wie ein Präfect, der arbei⸗ ten müſſe, um ſeinen Gehalt zu verdienen? Soll man zu dem Dichter ſagen: Beſinge das Va⸗ terland, ſeine Einrichtungen, ſeinen Ruhm, ſeine Wiſ⸗ ſenſchaft?— Man weiß zu gut, was das gilt, was es koſtet, denn 500 Auserwählte legen laut und öffentlich Rechnung über Einnahme und Ausgabe des Staates ab. Soviel wird an dem Straßenkoth und an dem Unrath gewonnen— ſoviel an dem Schweiß der Strafgefangenen — ſoviel an der Proſtitution des weiblichen Geſchlechtes — ſoviel an der Cotterie und den Pfandanſtalten, welche die Galeere füllen und die Morgue oͤffentliche Ausſtellung gefundener Leichen) verſorgen— ſoviel an der ungeſun⸗ den Luft der Stadt,— ſo viel an dem Rechte, die un⸗ geſunde Luft einathmen zu dürfen. Das iſt die Einnahme; nun kommt die nusgabe. Für einen Gott und deſſen Diener ſoviel— fur eine Gerechtigkeit ſo viel— für den Ruhm ſoviel— für den Unterricht und die Wiſſenſchaft ſoviel— 5 Dann addirt man das Alles zuſammen, ein Gott— ein König— eine Gerechtigkeit— ein Ruhm— ein Unter⸗ richt— eine Wiſſenſchaft— Summa Summarum: So⸗ viel.— Von Heller zu Pfennig; gerade wie eine Kauf⸗ mannsrechnung. Iſt die Bilanz zwiſchen Einnahme und Ausgabe nicht ganz richtig, ſo zwackt man am Ruhme, kürzt an der Gerechtigkeit und erſpart an Gott. Sollen wir jetzt noch in das Privatleben eindringen? Was findet man hier?— Eine neidiſche, egoiſtiſche und rohe Eiferſucht, einen kindiſchen und lächerlichen Ehrgeiz, auf den die Macht ſpeculirt, indem ſie ihn mit geringen Koſten befriedigt; Einen ungezügelten Ehrgeiz, der durch den dummen und abſcheulichen Grundſatz angeſpornt wird: Alle dürfen nach Allem ſtreben! Aber zu Allen zu ſagen, Ihr dürft Anſpruͤche machen, Alles zu ſein: König, Fürſt, General, Finanzmann, Ero⸗ berer oder Geſetzgeber— heißt das nicht, das Prinzip der Gleichheit der Intelligenz aufſtellen— heißt das nicht, den individuellen Stolz eines jeden Menſchen auf die ent⸗ ſetzlichſte Höhe ſchrauben? Daher antwortete auch dieſer Stolz: Wie, Ihr ſprecht von der Fähigkeit dieſer und von der Unfähigkeit jener?— von den Rechten dieſes und von der Unzuläſſigkeit jenes? Aber wer ſagt Euch denn, daß ich unfähig bin? Wer beweiſt Euch, daß meine Kenntniſſe die jenes nicht auf⸗ wiegen!— Iſt Eurer Platz heilig geworden, da er der Eurige geworden iſt!— Alle können auf Alles Anſpruch machen!— Ich mache alſo meinerſeits darauf Anſpruch, da alle ſtärker ſind als Ihr, ſo wird die Gewalt ent⸗ ſcheiden, wenn die Fähigkeit es nicht vermag. Aber Ihr habt euer Recht— ſagt Ihr. Euer Recht! und wer hat es geheiligt? Gott? Rein. Gott miſcht ſich nicht mehr in die Angelegenheiten dieſer Welt.— Ich hätte eine göttliche Ausſtrömung, eine Gewalt durch Gott legitimirt, geachtet; aber ſobald ſie nur rein menſchlich, geheiligt durch Menſchen wie Sie und ich, wird es eine rein menſchliche Frage, die ich eben ſo gut entſcheiden kann als Ihr. Wollt Ihr behaupten, ich habe nicht die nöthigen Fähigkeiten, Miniſter, Geſetzgeber oder Beamter zu werden? Ich habe nicht die Fähigkeit! Aber wer ſagt das! Ihr!— Weshalb ſollte ich Euch mehr glauben als meinem Bewußtſein, das mir ſagt: Du biſt fähig! Die Mehrzahl, ſagt Ihr, antworte, ich ſei nicht fähig; alſo iſt es nur noch eine Frage der Zahl, jener Elemente, welche die rohe Gewalt bilden.— Ich werde warten oder Anhänger werben und dann wollen wir wei⸗* ter ſehen. und man darf nicht etwa behaupten, daß dieſe Urtheile dumm oder albern ſind; leider ſind ſie ſtreng logiſch und conſequent mit dem conſtitutiven Principe, welches die Gleichheit und Souveränität Aller aufſtellt. Dieſes giebt in der That Allen das Recht, die Regierungsform zu ändern oder zu modificiren. Sobald ein Menſch nur noch den Menſchen über ſich hat, was kann ihn dann von der Ausübung ſeines Rechtes anders noch abhalten, als die Gewalt? Sobald 1 aber eine Geſellſchaft auf einer Baſis ruht, die ſo wech⸗ ſelnd, ſo gefährlich, ſo roh iſt, als die Gewalt, was iſt dann ihre Zukunft, als eine immerwährende Fortſetzung von Unruhen und Reibungen, veranlaßt durch Die, welche ihr anerkanntes Recht benutzen und deshalb auch ihren Tag der Gewalt haben wollen? Denn jetzt iſt Alles nivellirt. Es giebt nicht mehr jene großen, tiefen geſelligen Unterſchiede, welche die Claſſen von einander abſondern und machten, daß jedes Individuum ſich friedlich ſeine eigene Laufbahn bildete und einen edlen Stolz darin ſetzte, der Erſte ſeiner Corpo⸗ ration, ſeines Handwerkes oder ſeiner Claſſe zu werden. — Ein unſchuldiger Ehrgeiz, den ein vorwurfsfreies Be⸗ tragen faſt immer krönte⸗ Und dieſe geſellſchaftliche ungleichheit, die ſo weiſe durch das Recht und die Gewohnheit beſtand, um von en Maſſen das Fieber entfernt zu halten, von dem ſie jetzt verzehrt werden, dieſe ungleichheit war nicht ſo ganz nzugänglich, daß nicht ausgezeichnete, aber wahrhaft ausgezeichnete Fähigkeiten zu Allem hätten gelangen können. Hinderte dieſe geſellſchaftliche ungleichheit, welche von den Philoſophen des 18. Jahrhunderts ſo auffallend angegriffen wurde, diejenigen, die ſelbſt zum dritten Stan⸗ de gehörten, die kein Vermögen, keine Familie hatten, in die beſte Geſellſchaft und die größte Welt eingeführt zu werden, wenn ſie hier die Würde ihres Characters zu bewahren wußten? Hat dieſe geſellſchaftliche ungleichheit, geheiligt durch —,— —— — 13 den Gebrauch und das Geſetz, Vanban und Fabert, Du⸗ quesne und Duguay-Trouin und Johann Bart abgehal⸗ ten am Hofe Ludwig XIV. eben ſo zu erſcheinen, wie die größten Herren? Hat dieſe ungleichheit die unbedeu⸗ tendſten Leute gehindert, zu allen Zeiten die höchſten Wür⸗ den des Kirchen- und Beamtenſtandes und des Degens zu erlangen? Nein! Dieſe ungleichheit hat dieſe wahre oder kräftige ueberlegenheit nicht abgehalten. Mit einem Satze hat ſie ſtets die Schranken überſprungen, welche ſo weiſe geſetzt waren um die Mittelmaͤßigkeit zu zügeln, die ohnedies nach Allem ſtreben und Allen gewiß ſchaden würde. Ja, es heißt, des Verſtandes ermangeln, wenn man behaupten will, daß ein König, ſo abſolut, ſo durchdrun⸗ gen von ariſtokratiſchen Ideen er auch ſein mag, jemals den ungeheueren Fehler begangen habe, das Genie nicht zu benutzen, weil es von gemeinem Stande war. Denn die meiſten Miniſter ſind aus dem dritten Stande hervorgegangen, und das zwar in den ſtolzeſten Zeiten der Monarchie. Ohne Zweifel hatte dieſes Prinzip der geſelligen Un⸗ gleichheit, wie jede menſchliche Einrichtung, ſeine ſchwache Seite; aber man bedenke, daß ſtatt den blinden Ehrgeiz der Mittelmäßigkeit anzuſpornen, dieſes Syſtem ihn unterdrückt, ohne deshalb das wahre Talent zu hin⸗ dern, ſich auf den Gipfel des geſellſchaftlichen Gebaͤudes zu ſchwingen. Man bedenke endlich, daß um die Ruhe und das Glück eines ganzen Volkes zu ſichern, man nicht laͤcher⸗ liche, alberne oder übertriebene Anſprüche opferte und zwar ohne Furcht, den Keim irgend eines Genie's zu erſticken; denn die großen Männer haben ihrer Zeit nie gemangelt, weil es die menſchliche Macht überſteigt, ihre göttliche Sendung zu hindern. Jetzt vergleiche man das moraliſche Reſultat dieſer beiden Syſteme: Das, welches unerläßliche Bedingungen und Garan⸗ tieen erfordert, um an gewiſſen Claſſen der Geſellſchaft Theil zu nehmen, gewiſſe Aemter zu erlangen; Oder das, welches eine, allen ſchlechten und ungere⸗ gelten Leidenſchaften unbegrenzte Laufbahn eröffnet, in⸗ dem es das verderbliche Paradoxon aufſtellt: Alle können auf Alles Anſpruch machen. Iſt dieſes nicht die urſache der furchterregenden Symptome, die ſich auf allen Seiten zeigen, jenes ge⸗ häſſigen Neides, der ſo kühn alle erworbenen Rechte bedroht? Iſt es nicht die fruchtbare Quelle aller der bitteren Täuſchungen, welche die Einen zum Aufſtande, die An⸗ dern zu bewaffneter Empörung treiben? und nicht über die Verirrten, die kein anderes Un⸗ recht haben, als zu wollen, daß man ihnen die unſinnigen Verſprechungen erfüllt, darf man Anathema rufen. Nein, die, welche für ewig die Verachtung und die Verwünſchung Frankreichs verdienen, ſind jene Ge⸗ wandten, welche, zur Macht zu gelangen, und ſie ſich zu theilen, einſt zu dem Volke ſagten: Du biſt ſou⸗ verain; und die jetzt bleich und zitternd, die Stirn in —,—— Schweiß gebadet, ihm die Souveränität ſtreitig machen, die es mit ſeiner lauten, furchtbaren Stimme ſtolz for⸗ dert! Schmach und unglück dieſen! Denn ſie ſind es, die uns einer Zukunft entgegen treiben, die ſo entſetzlich iſt, daß man kaum wagt, die Augen darauf zu richten! Wehe denen, die, ſehr verrückt oder ſehr boshaft, mit einigen leeren, doch tönenden Worten: Fortſchritt, Auf⸗ klärung, Wiedergeburt— in Frankreich und ganz Eu⸗ ropa die Keime einer entſetzlichen Anarchie ausgeſtreut haben!————————————— Aber Sie ſehen, mein Freund, daß der Unwille mich fortreißt und mich meinem Ziele entfernt. Ich kehre um. Ich wollte meine traurige und bittere Ueberzeugung wenigſtens dadurch nützlich machen, den Zuſtand unſerer Zeit zu ſchildern. Ich verſuchte, ihr Abſcheu vor ihrem Materialismus, ihrer Poſitivität, ihrer Wahrheit einzuflößen, ohne et⸗ was Anderes zu thun, als daß ich in die Kunſt dieſen Materialismus, dieſes Poſitive, dieſes Wahre legte, auf das unſer Jahrhundert ſo ſtolz iſt. Wenn unter den Stürmen, die uns von allen Seiten bedrohen, ein heitrerer Tag vorauszuſehen waͤre, könnte man dann nicht logiſch hoffen, da man die Nothwendig⸗ keit der Illuſion, der Poeſie und der Größe in der Kunſt, die doch nur der moraliſche Ausdruck einer Geſellſchaft iſt, anerkennt;— wolle man auch Poeſie, Illuſion und Größe in den geſelligen und politiſchen Sitten; und die alte religiöſe und monarchiſche Conſtitu⸗ tion Frankreichs; und das alte geläuterte reli⸗ giöſe Syſtem, wiedergeboren durch den Katholi⸗ cismus, könne eines Tages durch unſere dringen⸗ den Bedürfniſſe des Glaubens, des Troſtes und der Freiheit antworten. Das alſo, mein Freund, ſind die Abſichten, aus denen ich von einem Syſteme nicht abweichen wollte, welches mir überdies die unerſchuͤtterlichſte Ueberzeugung auf⸗ drang. Außerdem bin ich noch des Principes gewiß, welches mich ſtets leitete: daß der Ausſpruch irgend einer Wahr⸗ heit, wie täuſchend ſie auch ſei, der Menſchheit ſtets als moraliſche Lehre nützen könne. Eugen Sne. eine Dame, die, von einem Stallmeiſter begleitet, von Fal⸗Goöt hinan, der bei der kleinen Stadt Erſtes Buch. Erſtes Kapitel. Was kann ſie ſeh'n?— Was wird ſie ſagen? Göthe, der Großcophta, Bd. III. S. 9. Die Amazone. Gegen Ende des Monats September 1780 ritt die Kuͤſte des Oceans verlaſſen und ſich tiefer in das Land begeben zu wollen ſchien, den ſteilen Berg Saint⸗Rénan und ziemlich nahe jenem Kuͤſtenſtrich der Bretagne gelegen iſt, welcher ſich den Inſeln Oueſſant, Melenes, Quemenes und Beniquet ge⸗ genuͤber erſtreckt, und jenen engen Canal bildet, den man passage du four nennt. Auf des Berges Gipfel angelangt, hielt dieſe Dame einen Augenblick ihr Roß an, wie um das majeſtaͤtiſche Schauſpiel zu genießen, welches ſich ihren Blicken darbot. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. I. 2 * In der That ging die Sonne im Weſten hin⸗ ter den Felſen der ſchon in den warmen Abend⸗ duͤnſten gebadeten Inſeln unter, und warf lange rothliche Lichtſtrahlen auf die Wogen zuruck, welche ſich ſanft am Ufer brachen. Im Norden erhob das Schloß von Kervan ſeine Thurmchen, deren hohe bleibedeckte Spitzen in den letzten Strahlen des Tages blitzten und uͤber die unermeflichen gruͤnen, aber bereits dunkeln Maſſen der Waldungen von Ar⸗Foel⸗Cout her⸗ vorragten. Im Oſten breiteten ſich lange Wieſen aus, von lachenden lebendigen Hagedornhecken durchſchnitten, die alle Felder der Bretagne abtheilen, und die von tauſend Blumen ſtrahlenden Raſenplätze wurden von den Gebirgen von Arrés mit ihren abſchuͤſſi⸗ gen, mit Eiben und Fichten bepflanzten Haiden umguͤrtet. Im Suͤden endlich lag Saint⸗Rönan mit ſei⸗ ner gothiſchen Thurmſpitze und ſeinem Glocken⸗ thurm von grauem Stein mit zackiger Zinne; es war ſchon verſchleiert durch die Daͤmmerung und den duͤnnen Nebel, der ſich auf den kleinen Fluß Hel⸗Arr herabſenkte, deſſen kalte und klare Ge⸗ waͤſſer im Grunde dieſes Thales ſanft dahinfloſſen. Die Frau, von welcher wir ſprachen, war mit einem ſchwarzen Amazonenkleid nach engliſcher Mode bekleidet, welches eine hohe Geſtalt umſchloß, und durch die Bewegung, welche ſie machte, indem ſie ———— — 1 ₰ den Schleier ihres Caſtorhutes zuruͤckwarf, konnte man ein jugendliches, regelmäßig ſchoͤnes, bleiches und gebraͤuntes Geſicht erblicken. Nachdem ſie den einen ihrer gemsledernen Handſchuhe ausgezogen hatte, ſtrich ſie mit einer zarten und kleinen Hand uͤber ihr ſchwarzes Haar, welches ſie glatt, ohne Puder uͤber der Stirn trug, und legte ſie uͤber die ſtarken Augenbrauen, ohne Zweifel, um den Eindruck von den zu lebhaften Strahlen der ſinkenden Sonne zu ſchwaͤchen. Man kann ſich nicht vorſtellen, wie viel Leben und Glanz jenes letzte goldene Leuchten der Sonne dieſem blaſſen und ſchönen Geſicht verlieh; wie die warmen Reflexe dieſes brennenden Lichtes mit dem ausgeſprochenen Charakter dieſes Geſichtes harmo⸗ nirten; man haätte es eines der ſchoͤnen Gemaͤlde Murillo's nennen koͤnnen, deren maͤchtiger Eindruck ſich nicht eher in ſeinem ganzen Glanze offenbart, als bei dem gluhenden Lichte einer ſpaniſchen Sonne. Als die Amazone einige Minuten aufmerkſam nach Nordweſt geblickt hatte, flatterte, eine Art Signal, ein weißer Schleier einen Augenblick von der Spitze eines zertrummerten Thurmes, welcher ſich auf Felſen nahe am Geſtade erhob; dann ver⸗ ſchwand es wieder. Bei dieſem Anblick funkelten die Augen der Amazone, ihre Stirn rothete ſich, purpurn färbten ſich die Wangen und ſie druͤckte heftig ihre Haͤnde an die Lippen, wie um einen Liebeskuß hinuͤber zu ) 8 — — ſenden; dann, die ſchwarzen Augenbrauen zuſam⸗ menziehend, ließ ſie den Schleier fallen, gab ihrem Zelter einen Peitſchenſchlag und ritt im Galopp mit erſchreckender Schnelligkeit den jähen Abhang des Fal⸗Goöt hinunter. —„Die Frau Herzogin bedenken nicht!“ rief der Stallmeiſter, ſeiner Gebieterin immer folgend und ſich ihr mehr naͤhernd,„die Coronella hat gute Fuͤße„ allein dieſer Weg iſt abſcheulich!“ Dies ward in einem reinen Kaſtilianiſch mit dem Tone ehrfurchtsvoller Vorſtellung geſprochen, welchen zuweilen ein alter und treuer Diener an⸗ nimmt. —,Schweigt, Perez,“ entgegnete die Herzogin in derſelben Sprache, während ſie den Lauf ihrer Stute noch möglichſt beſchleunigte. Der alte Stallmeiſter ſchwieg, und aus der un⸗ ruhigen und peinlichen Sorgſamkeit, mit der er, faſt ohne ſich um ſein eigenes Pferd zu bekuͤmmern, jeder Bewegung der Coronella folgte, konnte man auf die Theilnahme ſchließen, die er fuͤr ſeine Ge⸗ bieterin hegte. Allein, wie der Greis geſagt: dieſe hatte gute Fuͤße; denn ſie war von einem arabiſchen Hengſt mit einer jener Stuten der Sierra erzeugt, deren Race jetzt ſo geſchätzt und koſtbar iſt. Daher that auch, trotz der unebenen Stellen, Sumpfloͤcher und Erdgruben, welche alle Wege von Nieder⸗ Bretagne furchen, die Coronella nicht einen Fehl⸗ tritt. ——— Gleichwohl athmete Perez nicht eher frei, als bis er ſeine Gebieterin, unten am Fuße des Ber⸗ ges angelangt, eine tiefliegende Einfahrt verfolgen ſah, welche zum Schloß von Kervan fuͤhrte. Perez ſchien 50 Jahre alt zu ſein; ſein Aeußeres war ausgetrocknet, mager, von der Sonne verbrannt, wie ein Suͤd⸗Spanier; ſein dreieckiger Hut, flach und ausgeſchweift, mit einer rothen Kokarde, ließ ſeine gepuderten und gebrannten Haare ſehen; er war mit ſchwarztuchenem Rocke und Weſte beklei⸗ det, trug Beinkleider von weißem Leder, und ſeine hohen, biegſamen Stiefeln lagen am Knie an. Das einzige Zeichen der Dienſtbarkeit, welches er an ſich trug, war ein Wappenſchild, welches das halb gruͤne, halb rothe Wehrgehaͤnge mit Goldtreſſen ſchloß, an dem ſein Jagdgewehr hing; dieſelben Wappen⸗ zeichen befanden ſich auch auf den Buckeln des Ge⸗ biſſes und der ſchwarzen Satteldecke am Pferde. Dieſem folgte ein ſehr großer, grauer, langhaͤriger Windhund. Sobald die Herzogin nahe genug am Thorgit⸗ ter war, ließ Perez ſeinem Pferde den Zuͤgel ſchie⸗ ßen, zog die Muͤtze, als er an ſeiner Gebieterin voruberkam, und meldete ihren Leuten ihre An⸗ kunft. Auch erwarteten ſie, als ſie vor dem Schloſſe ſtihſtand und, ſich auf ihres Stallmeiſters Schul⸗ ter ſtutzend, auf den Boden ſprang, ehrerbietig ihre Kammerdiener und Bediente, auf der Treppe vor dem Eingange in die Gallerie aufgeſtellt, welche ſie durchſchritt, um ihre Gemaͤcher zu erreichen. Die Diener waren in Trauer gekleidet, und Achſelſchnuͤre von breiten gruͤnen und rothen Ban⸗ dern mit Goldſpangen wehten auf ihrer linken Schulter. Der alte Stallmeiſter uͤbergab die Pferde den Händen des Reitknechts und ging in den Stall, um ſelbſt daruͤber zu wachen, daß die Coronella mit der aͤußerſten Sorgfalt behandelt werde. Als er gewiß war, daß dieſer Lieblingsſtute nichts fehle, kam er wieder, und blieb nahe an der Brucke, welche den Ehrenhof vom Vorhofe des Schloſſes trennt, ſtehen. „Gott behuͤte Euch, Donna Juana,“ ſagte der Stallmeiſter zu einer Frau, die, eben ſo bejahrt als er, ſpaniſch, mit ſchwarzer Mantilla, Rock und Halskragen bekleidet war. „Guten Tag, Perez was giebt es Neues?“ „Nichts „Immer auf dieſen Felſen?“ fragte Juana, in⸗ dem ihre Hand nach Weſten deutete. „Immer. Die Frau Herzogin ſteigt nach ei⸗ nem langen Stillſchweigen vom Pferde, ſie verfolgt einen Fußſteig mitten durch die Felſen, verſchwin⸗ det— und ich warte eine Stunde— manchmal zwei— allein, beim S. Jago, noch nie ſo lange wie heute.“ * —————— „Gott bewahre mich! Perez, ich glaube es; auch ich befand mich in einer toͤdtlichen Unruhe; allein zu was dienen dieſe Spaziergänge nach dem Mee⸗ resufer? Die Frau Herzogin hegte dieſen Geſchmack doch vor dem Tage nicht, o „Ihr wißt, Juana,“ unterbrach der Greis mit einer Bewegung der Ungeduld ſeine Frau,„daß ich nichts Verborgenes vor Euch habe; allein das Ge⸗ heimniß meiner Gebieterin gehoͤrt nicht mir; uͤber⸗ dies bin ich nicht in deſſen Beſitz, und hätte ich auch nur den Kopf zu wenden, um es zu erfahren ſo wuͤrde ich dies nicht thun.“ „Heilige Jungfrau! ich glaub's; ſo lange wir verheirathet ſind, Perez, habt Ihr mir nie etwas mitgetheilt; eben ſo wenig uber den ſeligen Herrn Herzog—“ „Als Ihr mir uͤber die Frau Herzogin, nicht wahr, Juana?“ ſetzte der Greis hinzu;„alſo wol⸗ len wir jetzt unſer Stillſchweigen vereinen, um die Geheimniſſe des Hauſes Almeda zu bewahren— wenn das Haus Almeda Geheimniſſe hat,“ fugte er nach einer Pauſe haſtig hinzu. 3 ½ Und indem er Donna Juana den Arm gab, erreichten ſie das Schloß; die Nacht war ſehr dunkel. „Ich bin gleich wieder bei Euch, Perez,“ ſagte Juana, die ihren Gatten verließ, um uͤber die Gal⸗ lerie zu gehen;„ich muß fort, um Alles zum Schla⸗ fengehen der Frau Herzogin zu bereiten.“ 3weites Kapitel. Come segue la lepre il cacciatore A freddo, al caldo alla montagna, al lito Ne piu la stima poi che presa vede E sol dietro a chi kugge affretta il piede. (Ariosto, Cant. 10. Stanz. 7.) Der Thurm von Koat⸗Vön. Der Thurm von Koat⸗Vön, welcher den Abend vorher ſo lebhaft die Aufmerkſamkeit der Herzogin von Almeda erregt hatte, erhob ſich, wie ſchon ge⸗ ſagt, auf den hohen Felſen der Weſtkuͤſte von Bretagne. Dieſes, anfangs zu einer Seewarte beſtimmte Gebaͤude war ſpäter aufgegeben und vom Inten⸗ danten der Bretagne an Joſeph Rumphius, einen ſternkundigen Mathematiker, uͤberlaſſen worden, um die meteorologiſchen und bydrographiſchen. Be⸗ obachtungen, mit welchen ſich dieſer ſeit geraumer Zeit beſchaͤftigte, zu erleichtern, und da Kvat⸗Vén nicht weit von dem Städtchen St. Rénan lag, wo Rumphius wohnte, fand er dieſe Warte ußerſt be⸗ 5 quem. Auch waren die verſchiedenen kreisfoͤrmi⸗ gen Gemächer, welche dieſe Bequemlichkeit aus⸗ machten, gewohnlich mit Quadranten, Aſtrolabien, Uhrwerken, Globen, Fernroͤhren und andern ohne alle Ordnung hingeworfenen Inſtrumenten an⸗ gefullt. Aber jetzt bewohnte Rumphius den Thurm von Koat⸗Vön nicht mehr, und es waren auch alle Werkzeuge der aſtronomiſchen Wiſſenſchaft in eine Art Haͤuschen verwieſen worden, welches ſich auf dem Forſt des Gebaͤudes befand, und die nuͤtz⸗ lichen Mobilien, die alle jene gelehrten Geraͤthſchaf⸗ ten erſetzten, bezeugten hinlaͤnglich, daß die Be⸗ ſtimmung des Thurmes fuͤr jetzt verändert war und daß ſein neuer Herr, ſich mehr mit der Erde beſchaͤftigend, verſucht hatte, das Gebaͤude bewohn⸗ bar zu machen. Die vier langen und ſchmalen Fenſter, die, nach Suͤd, Nord, Oſt und Weſt durchgebrochen, den geraͤumigen und einzigen Saal, aus dem der erſte Stock beſtand, erhellten, waren mit langen Vorhaͤngen geziert; dann ſtanden einige Seſſel und ein breiter, vortrefflicher Lehnſtuhl mit Armlehnen und einem ſehr hohen Ruͤckentheile um einen gro⸗ ßen, mit Schriften und theologiſchen Buͤchern be⸗ deckten Tiſch. Es war den Tag nach jenem, an dem die Her⸗ zogin ſich ſo unvorſichtig auf den Abhang des Fal⸗ Goöt gewagt hattez die Sonne ſpiegelte ſich im Meere, welches ein ungeſtuͤmer Landwind ſpielend aufregte, und der Guͤrtel der Inſeln und Klippen, deren dunkle Kaͤmme den Horizont begrenzten, zog ſich mitten durch den perlenden Schaum, der ih⸗ ren Fuß kuͤßte. Dennoch lag eine gewiſſe tiefe Schwermuth in dem Anblicke dieſes reinen, einfoͤrmigen Himmels; das Gefuhl einer unbezwingbaren Traurigkeit wurde dadurch erzeugt, und man hätte zu ſehn gewuͤnſcht, daß die weißen Flocken irgend eines Gewoͤlks an dieſem immer gleichen Blau ſich entwickeln moͤch⸗ ten, gleich als haͤtte man auf den Anblick, auf die Geſtalten dieſes Gewoͤlkes, auf ſeine Contraſte ge⸗ rechnet, um die Seele von dem verwundenden Hin⸗ ſtarren abzuziehn. Mit Recht; denn ein immer blauer Himmel, ein Himmel ohne irgend eine jener ergreifenden und langen Unterbrechungen von Licht und Schat⸗ ten, von Sonne und Finſterniß— o wie traurig iſt ein ſolcher Himmel! ja, traurig; es iſt ein Le⸗ ben ohne Freude und Thränen, ohne Liebe und Haß! Es war zwei Uhr, und um dieſe Zeit ſchwieg Alles auf dem Strande, war Alles ſtumm zu Koat⸗Vön. Nur das klagende Geſchrei des Tarek miſchte ſich manchmal in das dumpfe und regelmäßige Gemurmel der hohen Wogen, die ſich ſchwerfaͤllig an der Kuͤſte brachen zuwei⸗ len rauſchten die feuchten Fittige einer Seemoͤve —— an die kleinen, mit Blei eingefaßten Fenſterſchei⸗ ben dieſes Thurmes, oder es ſtreifte wohl der Eis⸗ vogel an das Marienglas derſelben, wenn er Moos⸗ ſtuͤckchen und Seegras in die Hoͤhlungen des Ge⸗ maͤuers trug, wie er ſie fuͤr den Winter einſam⸗ melt. Auch ſah man nach langen Zwiſchenräumen, mitten durch die ſonderbar geſtalteten Zacken der dunkeln Felſen, ein weißes und von der Sonne vergoldetes Segel blitzen, vorbeiwehen, dann ver⸗ ſchwinden, gleich jenen Erſcheinungen der Liebe und Jugend, welche zuweilen in ein verbluͤhtes und vor der Zeit gealtertes Herz ſchimmern. Allein dieſe tiefe Grabesſtille wirb plötzlich un⸗ terbrochen; eilige Tritte hallen auf der Wendel⸗ treppe wieder, welche nach den obern Stockwerken fuͤhrt; die Thuͤr des großen Saales wird heftig aufgeriſſen, ein Mann tritt mit den Worten ein: „das iſt ſie“ und eilt, ſich in den Lehnſtuhl zu werfen. Dieſer Mann ſchien hoͤchſtens 25 Jahre zu zaͤhlen; ſeine ungepuderten Haare, lang und kaſta⸗ nienbraun, fielen, ſtatt nach der damaligen Mode nach hinten gezwungen zu ſein, auf ſeine Schul⸗ tern herab. Seine Stirn war weiß und erhaben, ſeine Augen groß und geiſtvoll, ſeine Naſe fein ge⸗ formt und gerade, ſeine Lippen ſchmal, und das runde Kinn war ſo friſch und warm, ſeine Geſichts⸗ farbe ſo zart, daß ihn viele Frauen um dies ſchoͤne Antlitz beneidet haͤtten. Vielleicht wuͤrden einige kleine Zuͤge um die Augenwinkel einen offenen und frohen Charakter verkuͤndet haben, hätten nicht die tiefen Falten, die plotzlich die Stirn des jungen Mannes durchkreuz⸗ ten, ſeinem lieblichen Antlitz einen leidenden und kummervollen Ausdruck verliehen. Sein einfacher Anzug von dunkler Farbe ließ ſeinen herrlichen Wuchs bemerken; doch näherte ſich die Kleidung, dem ſtrengen Schnitte nach, der eines Geiſtlichen. Er ſtuͤtzte ſeinen Kopf auf eine Handz ſein Geſicht ward immer bleicher; er begann ganz andaͤchtig und aufmerkſam in einem unge⸗ heuren Quartbande mit Schließhaken von Kupfer, der aufgeſchlagen auf dem Tiſche lag, zu blättern. Er mußte äußerſt vertieft in dieſe Beſchäͤfti⸗ gung ſein; denn die Thuͤr des Zimmers offnete ſich, ohne daß er es im mindeſten zu bemerken ſchien. Es war die Herzogin von Almeda, welche an dieſer Thuͤr erſchien. ———— —— Drittes Kapitel. Adeline, die ſehr gereizt dadurch ſchien, daß man auf ihre Einwürfe etwas zu erwiedern hatte, wie⸗ derholte hier, wie ſo viele Andere thun, denſelben Grund, den ſie ſo eben angeführt hatte. Byron, Don Juan. XV. G. Verſuchung. Einen Augenblick blieb die Herzogin auf der Thuͤrſchwelle ſtehen; dann band ſie ihren Hut auf, nahm in ab, legte ihn auf einen Stuhl und ſchritt leiſe und ſo nahe an den jungen Mann heran, daß ihre Wange beinahe die ſeinige beruͤhrte, der immer noch in ſein Nachdenken verſunken war. Neugierig, zu ſehen, was ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſtark feſſelte, erhob ſie den Kopf und erblickte ihr eigenes Bild... ihr Bild, mit Bleiſtift ent⸗ worfen und von vollkommener Aehnlichkeit.— O unausſprechliche Luſt! Freude des Himmels! Auch friſche Spuren von Thränen erblickte ſie! Da warf die Herzogin, wie mit einer plötzli⸗ chen Bewegung des Stolzes, den Kopf zuruͤckz ihre blaſſen Wangen belebten ſich und ein unbegreif⸗ licher Ausdruck von Gluͤck und Stolz ſtrahlte auf ihrer Stirn; vielleicht war es ſelbſt ein Gedanke von Hochmuth, der die Lippen verzog und den Blick ſtaͤhlte, welchen ſie auf den jungen Mann mit weib⸗ lichen Zugen, mit ſo zartem Körperbau warf, waͤh⸗ rend ſie, ihre langen braunen Wimpern ſenkend, die Arme auf der Bruſt kreuzend, mit der ganzen Groͤße ihrer edlen und erhabenen Geſtalt, welche der Amazonenanzug noch erhöhte, den Juͤngling uberragte. Denn dieſe Frau war eines jener ſpaniſchen Muſtergebilde einer reichen und uͤppigen Natur. Ol welche ſturmiſche und aufbrauſende Leidenſchaft, welche verzehrende und unverſoͤhnliche Eiferſucht regte ſich in dieſen Formen, die trotz ihrer feinen Bildung kräftig ausſahen! Und dieſes dichte und feine Haar,— dieſe leuchtenden und gebogenen Augenbrauen,— dieſer faſt unmerkliche, ſanfte Flaum, der die korallenrothe, ein wenig vorſprin⸗ gende Lippe noch mehr erhob! 5 O Rita! Rita! der Jahre zaͤhlſt du acht und zwanzig; die Sonne Havanna's hat deine ſchonen, wolluſtig gerundeten Achſeln goldig gefärbt;— Rita! ſoll man ihn beklagen oder beneiden, um deſſen willen du zu Pferde, nur von einem Reiter begleitet, hereilſt? Du trittſt in einen alten, zer⸗ truͤmmerten Thurm— du, die erlauchte Herzo⸗ gin!— deren erſte Diener Edelleute ſind; du, die 7 —— ſtolz erhabene Enkelin und Wittwe ſpaniſcher Gran⸗ den; du, deren Vorältern, als Abkömmlinge San⸗ cho's II., Anſpruͤche auf Kaſtiliens Krone haben! Bei der Bewegung, die Rita macht, erwacht der ſchoͤne Einſiedler des Thurmes von Koat⸗Vön wie aus einem Traume und erblickt, das Haupt emporhebend, endlich die Herzogin, auf die Arme des Lehnſtuhls geſtuͤtzt, die Herzogin, die ihn an⸗ betend betrachtet. „Ach! Du biſt es,“ ſagt er mit Liebe,„Du warſt da „Ja, ich, Heinrich! ich, Dein verſuchender Geiſt,“ ſagt ſie laͤchelnd und kuͤßt ſeine Stirn. „O ſtill, ſtill!“ entgegnet der junge Mann, indem er ſie ſanft von ſich draͤngt, waͤhrend ein duͤſteres Gewoͤlk ſich uͤber ſeine Stirn verbreitet. „Kind!“ entgegnet die Herzogin und ſchlingt ihre Arme um Heinrichs Hals,„immer zaghaft, wie ein junges Mädchen! Laß uns ſehen, ich will Dich uͤberfuͤhren und Dein aͤngſtliches Gewiſſen beruhigen!“ Und Rita, auf den Knien Heinrichs ſitzend, ſtuͤtzte ihr Haupt auf ſeine Schulter. Dann aber, als er nachdenkend und tiefſinnig blieb und ſeine Hand in den gluͤhenden Haͤnden der Herzogin zu 6is zu erſtarren ſchien, ſprach ſie mit Ungeduld: liebſt Du mich denn nicht mehr?“ „Heinrich, ſo empfaͤngſt Du mich wieder?— Und Heinrich zeigt ihr ihr Bildniß.„O Rita! kann ich es?— Euch nicht lieben.. habt Ihr nicht mein Leben umgeſtaltet.. und dieſes neue Leben, das Ihr mir gegeben, beſteht es nicht ganz in der Liebe zu Euch? Euch lieben heißt jetzt fuͤr mich— leben —„Du haſt alſo keine Klagen mehr, Hein⸗ rich?“ fragte die Herzogin, mit dem langen Haar ihres Geliebten ſpielend. „Doch, Rita, doch!— wenn Ihr nicht mehr hier ſeid, ſo empfinde ich bittere Reue, weil ich ge⸗ gen ein geheiligtes Geluͤbde verſtoßen habe, weil ich vielleicht einem zuruͤckgezogenen und frommen Le⸗ ben entſage, für das ich geboren war. Weit entfernt von der Welt auferzogen, ſchlummerten meine Triebe, meine Sinne, meine Gedanken, Al⸗ les ruhte in mir; Rita, ich fuhlte nur eine Liebe, die zum Himmel!— Mein Glaube befeſtigte ſich in der Einſamkeit; mein einziges Ziel war das Kloſter; ja, Rita, das Kloſter! Wenn Ihr, wie ich, die Abtei von Kendem da unten mit ihren alten Eichenwäldern und ihren hohen Felſen geſehen hät⸗ tet; wie ich, den Meeresſturm unter den duͤſtern Bogenwölbungen ihrer Gallerien klagend vernom⸗ men haͤttet; Ihr wuͤrdet all' den Reiz verſtehen, den dieſe Zukunft, welche ich mir geſchaffen, fuͤr mich hatte!— der ſich in dem Wunſche mir dar⸗ bot, dort mein unwandelbares und friedſames Le⸗ ben zuzubringen. Denn das Leben wäre mir un⸗ — 5 getrut und ruhig unter dem Schatten der Abtei verfloſſen, wie der Bach verborgen im Dickicht der Gebuͤſche dahin rieſelt.— Schwach, ſelbſt Dul⸗ der, haͤtte ich die Schwachen und die Leidenden ge⸗ liebt; bald war mein Leben im huͤlfreichen Berufe fur dieſe abgelaufen;— und einſt erloſch es ohne Gewiſſenskummer und ohne Furcht.— Einſt, Rita, hingeſtreckt in meiner Zelle, noch mit dem Blicke die langen Streifen des Oceans erſpaͤhend, noch ein letztes Mal verſuchend, die erhabenen Har⸗ monien des Seewindes zu hoͤren, haͤtte ich dieſe Welt ohne Erinnerungen verlaſſen und ohne Furcht!“ Und Heinrich barg an Rita's Buſen ſein Antlitz. „O!“ ſprach dieſe,„wenn Du wuͤßteſt, mit welcher trunkenen Luſt, mit welchem Stolze ich dieſes Geſtaͤndniß hoͤre! Wenn Du wuͤßteſt, Hein⸗ rich, wie ſuͤß es iſt, ſich zu ſagen: dieſe ſchwache und furchtſame Seele, die ihre Flugel bei der ge⸗ ringſten Beruͤhrung in der Welt einzieht, will ſie nur entfalten, um ſich gen Himmel zu ſchwingen! Dieſes Herz, das ſich Gott widmete, hat ſich mir geweiht; ich bin ſein Gott geworden; es gehoͤrt mirz ich bin ſein! Ja, Heinrich, Du gehörſt mir, mir gehoͤren auch Deine Thraͤnen und Deine Kla⸗ gen, die mich zur gluͤcklichſten der Frauen machen; gluͤcklich! ach ja, ſehr, ſehr gluͤckich! Und den⸗ noch, mein Heinrich, wie wenig gleichen ſich unſre Charaktere! Ich, die des Mannes kraͤftige und Die Seewarte v. Koat⸗Vön. I. feſte Gedanken hegt, waͤhrend Du die ſanfte Schuͤck⸗ ternheit eines Weibes zeigſt; ich, die Deinen Ge⸗ wiſſenskummer, Deine kindlichen Schrecken hätte beſiegen ſollen, um Dir zu beweiſen, daß es auch hier unten ein Gluͤck giebt!— Nun wohlan, Hein⸗ rich; vielleicht iſt es gerade dieſer ſchroffe Gegenſatz zwiſchen uns Beiden, der die Heftigkeit meiner Liebe noch vermehrt; dieſer, der einzigen Liebe, welche ich je empfunden; dieſer Liebe, die mich ſo ſtolz er⸗ hebt, mich die Huldigungen der Menſchen fuͤr im⸗ mer verachten laͤßt; wenn ich dennoch ein unaus⸗ ſprechliches Gluͤck fuͤhle, hier zu ſein, unterthaͤnig, als Sklavin zu Deinen Fuͤßen, auf ein einziges Wort der Liebe aus Deinem Munde harrend, es von Dir erbittend aus Gnade und Barmherzig⸗ eit Und die Herzogin ſank allmaͤlig zu Heinrichs Fuͤßen, faltete zitternd ihre ſchoͤnen Haͤnde und blickte anbetend zu ihm hinauf. In dieſem Augenblicke ergoß ſich ein hinrei⸗ ßender Ausdruck von Schwermuth und Luſt uber Heinrichs Geſicht; ſeine Augen waren thränenfeucht, und den Kopf neigend, lehnte er auf Rita's Stirn die ſeinige. Man hatte jetzt behaupten koͤnnen, daß der warme und liebegluhende Hauch dieſer leidenſchaft⸗ lichen Frau plotzlich den bloͤden Knaben beſeelte, und daß er aus den Spen der Spanierin das Feuer geſogen, das in ſeinen Augen funkelte, das auf einmal ſeine Wangen roͤthete. „O Rita!“ ſprach er, ſich mit Kraft aufrich⸗ tend,„ſieh, wie mich Dein Zauber umfaͤngt; Rita, ſieh, welches Feuer Dein Mund mir einhaucht, wie es mich berauſcht;— denn in den Augenblicken der hoͤchſten Entzuͤckung, Du ſiehſt es, Rita, regt meine Phantaſie ſich auf und reißt mich mit ſich fort; meine Sinne gewinnen eine unerhoͤrte Em⸗ pfindſamkeit; ſieh! jetzt ſchlaͤgt mein Herz, mein Kopf denkt, meine Gedanken werden lebendig; ich fuͤhle jetzt erſt, daß ich lebe; jetzt erſcheint mir die Sonne glaͤnzender ſchöner das Meer, die Blumen duftender, der Voͤgel Geſang lieblicher; jetzt erfaſſen mich Gedanken des Ruhmes und des Krieges; jetzt ſchwindet das Andenken an meine Geluͤbde der Einſamkeit und Zuruͤckgezogenheit, wie ein fer⸗ nes Traumgebild!— jetzt begeiſtert mich ein ge⸗ wiſſes Feuer, mich zieht eine mir unbekannte Ge⸗ walt mit ſich fort; doch dieſes Kleid iſt mir ver⸗ haßt; der Anblick dieſer Buͤcher ekelt mich anz dieſe Einſamkeit ſinkt druͤckend auf mich nieder— ich fuͤhle ein Verlangen nach Glanz, nach Aufre⸗ gung— ich wuͤnſchte, das Geſchrei der Streiten⸗ den zu hoͤren, das Raſſeln der Waffen— ich moͤchte, ich— was weiß ich ich moͤchte ein Schwert ergreifen.. Mein Gott! ein Schwert. Ruhm. einen Namen, einen großen Namen, den man nur mit Neid und S ausſpräche 3* Und das ganze Weſen Heinrichs hatte eine un⸗ begreifliche Umwandlung erlitten; ſeine Geſtalt von Mittelgroͤße hatte ſich emporgerichtet; ſein trauri⸗ ges und ſcheues Weſen war einer Miene unge⸗ woͤhnlicher Kuͤhnheit und Unerſchrockenheit gewichen; ſeine Stellung war achtunggebietend; ſein Adler⸗ blick hatte einen ſolchen Glanz und etwas Durch⸗ dringendes, daß die Herzogin ihn nicht ertragen konnte. Zum erſten Mal wohl ſchlug ſie die Au⸗ gen vor denen Heinrichs nieder; ſo war er zum Bewundern.— „Ach!“ rief ſie, indem ſie ihm um den Hals fiel,„ach, wie ſchoͤn biſt Du, Heinrich, mein En⸗ gel! wie herrlich ſteht dieſer unerſchrockene Blick Deinen Augen! ach, wie lieb' ich dieſe Kuͤhnheit, die in Deinen Blicken ſtrahlt! und wie koͤnnte ich ſie nicht lieben, Heinrich? Iſt ſie nicht mein Werk? Ja, dieſe Gedanken des Ruhmes, ich habe ſie Dir eingefloͤßt; ſie kamen zu Dir mit Deiner Liebe fuͤr mich;— dieſes Feuer, das Dich begeiſtert, Du ſegſt es aus meinen Lippen ach!“ ſagte ſie faſt weinend,„ich liebe Dich! ich liebe Dich mit derſelben zärtlichen Eiferſucht, mit eben ſo viel Ei⸗ genliebe und Stolz, wie die Mutter ihr Kind.. Und dann, wenn Du wuͤßteſt, wie begierig ich in dieſen neuen Empfindungen, die ich in Dir er⸗ weckte, die Zuͤge meiner eignen ſuche; ach, ich ſuche ſie auf, wie die Mutter ihre Geſichtszuͤge in denen Du biſt mir ihres angebeteten Sohnes ſucht.— ja auch noch mehr ſchuldig, Heinrich, als Liebe— Du ſollſt mich wie eine Herrin lieben und wie eine Erzeugerin— hoͤrſt Du, Heinrich, es gilt Deine Ehre— eine ſolche Liebe iſt ja etwas Hei⸗ liges und Geweihtes; und dann will ich nicht, daß dieſes Ausſehen, was mir gefaͤllt, andern Frauen gefalle, und da ich Dich einmal dieſer verhaßten Einſamkeit entriſſen habe, nicht wahr, Heinrich, Du verſprichſt mir, fuͤr die ganze Welt der trau⸗ rige Einſiedler von Koat⸗Vén zu bleiben;— fuͤr mich allein wirſt Du dieſen funkelnden Blick Dei⸗ nes Auges bewahren, dieſe lebhafte und uner⸗ ſchrockene Miene!— Doch wie thoͤricht bin ich!“ fuͤgte ſie mit einem Laͤcheln hinzu, das unter Thraͤ⸗ nen glaͤnzte,„meine Liebe allein iſt ſo maͤchtig, Dich ſo hoch zu berauſchen, nut Du biſt gewoͤhn⸗ lich ſo kalt, ſo ſchweigſam, daß ich ja die einzige Frau bin, die ſich zu Dir hinneigen kann. Geh, armes Kind! Deine Blaͤſſe, Deine Schwermuth wird die Andern weit genug verſcheuchen„. denn dieſe Blaͤſſe, dieſe Schwermuth kann nur mir ge⸗ fallen, ach! nur mir allein, ich ſchwoͤre es Dir,“ ſagte die Herzogin mit jener Miene inniger Ueber⸗ zeugung, welche alle Frauen annehmen, wenn ſie zu ihrem Geliebten von dem Reiz oder dem Laſter ſprechen, welche nach ihrer Meinung ihre Neben⸗ buhlerinnen gerade verfuͤhren muͤſſen. —„Ich habe oft daran gedacht, Rita,“ ſagte Heinrich mit duͤſterm Ausſehn— ja, ich habe oft gedacht, daß nur Du mich lieben kannſt— und dieſer Gedanke war zuweilen ſehr bitter; höre, Rita, Du ſiehſt wohl ein, daß das Kloſterleben mir jetzt unmoͤglich wird; mein Leben biſt Du nunmehr, iſt Deine Liebe. Aber, Rita, ſage mir, wenn Du Dich aͤnderteſt, wenn Du mich nicht mehr liebteſt, Du, die Einzige, die mich lieben kann?“ „Heinrich!— Heinrich!“ —„Sag', ſiehſt Du es, was alsdann, wenn Du Dich aͤnderteſt, das Leben fuͤr mich wäre? Die⸗ ſes Leben, das Du mir heute ſo ſchön und ſo la⸗ chend machſt. dieſe Zukunft, die Deine Liebe mit Ehrgeiz und Ruhm ausmalt. dieſes ſchoͤne Daſein, das mich begeiſtert, mich belebt, ich ver⸗ danke es nur Dir; Du haſt es ausgeſprochen: wenn Du Dich von mir entfernteſt, wuͤrde ich ins Nichts zuruͤckfallen, nicht mehr in mein ſonſt ſo ruhiges und friedliches Leben, ſondern in ein Leben graͤßli⸗ cher Reue, untroͤſtlicher Erinnerungen, die vielleicht lange, lange anhalten wuͤrden, Rita!“— —„Wohlan! ſo hoͤre, Heinrich!“ antwortete die Herzogin mit einer ungewoͤhnlichen Begeiſterung, „dieſe Furcht haͤtte mich nicht beſchlichen, ſiehſt Du, weil ich, Dich nach mir beurtheilend, mir ge⸗ ſagt haben wuͤrde: vermiede er mich, ich wuͤrde ihn tödten!“ und dann, nach einem Augenblick des 1 Stillſchweigens:„wuͤrdeſt Du denn mich nicht toͤdten, wenn ich untreu wurde, Heinrich?“ — — 85 „Ja, ja,“ ſagte Heinrich eifrig;„ja; und wa⸗ rum nicht?“ fuͤgte er bitter laͤchelnd hinzu,„Du haſt mich auf den Plan meines ganzen Lebens verzichten laſſen— weshalb ſollteſt Du aus mir keinen Meuchelmoͤrder machen koͤnnen?„ Und dann der Gedanke, daß Du vielleicht in eines An⸗ dern Arm— uͤber mich lachen, uͤber das leicht⸗ glaͤubige Kind lachen koͤnnteſt, welches fuͤr den Glauben an eines Weibes Liebe Zukunft und glau⸗ bige Zuverſicht in die Winde zerſtreut, heilige Ge⸗ luͤbde gebrochen hat!— nein, Rita, Du haſt wahr gedacht— ich wuͤrde Dich morden!“ Und Heinrichs Zuͤge hatten faſt etwas Wildes, als er die Herzogin heftig am Arm ergriff und die gluͤhenden Augen auf ſie heftete. „Aber,“ rief ſie mit unbegreiflicher Begeiſterung aus, indem ſie ihn mit gluͤhenden Kuͤſſen bedeckte; „aber Du willſt mich ja vor Gluͤck naͤrriſch machen, naͤrriſch aus Liebe fuͤr Dich! Engel, angebeteter Engel, mein Einfluß auf Dich iſt wie ein Wunder! Entweder der Himmel oder die Hoͤlle haben mir ihn gewaͤhrt, aber er iſt vorhanden— in einem Monate, Heinrich, Dich dahin gebracht zu haben.. Dich, den kindlichen, den ſchuͤchternen, glaͤubigen Juͤngling— Dich mit dem ſanften und furchtſa⸗ men Charakter. Dich dahin gebracht zu ha⸗ ben achl welch eine Liebe!“ ſagte endlich Rita mit einer Art Erſtickung ihrer Luſt, gleich als ob ſie ſich durch ſo viele Beweiſe von Leidenſchaft ver⸗ nichtet fuhlte. „Ach! es iſt wahr, Rita; ich ſage, wie Du, zuweilen, zuſammenbebend: welch eine Liebe!“ Und die Herzogin richtete ſich gerade auf, aus⸗ drucksvoll und gebieteriſch; ſie reichte Heinrich ihre Hand und ſagte: „Heinrich! in drei Tagen hier wirſt Du mich erſt recht erkennen!“ —„Was wollt Ihr ſagen, Rita?“ —„In drei Tagen, Heinrich!—“ —„Drei Tage, ohne Dich zu ſehen?—“ —„Es muß ſein, aber dann wieſt Du nicht mehr an mir zweifeln; und ich werde Dich um weiter nichts bitten, als um ein einziges Wort, um einen einzigen Eid, um den, dieſen Thurm zu verlaſſen und auf immer dem Dir auferlegt geweſenen Be⸗ rufe zu entſagen.“ —„In drei Tagen!“ ſprach Heinrich mit tief⸗ ſinniger Miene—„in drei Tagen! nun ich will es — aber Abends— um Mitternacht.—“ —„Um Mitternacht? warum?“ —„Um Mitternacht, Rita, ich bitte Dich drin⸗ gend darum.„ und dann kommt es mir vor, als liege in dem Abends beim Sternenglanze, mit⸗ ten in dem maͤchtig ergreifenden Schweigen der Nacht und dem Gemurmel des Oceans geleiſteten Schwure ſo etwas Geheiligtes!— O Rita! man — * =— mußte zwiefach niederträchtig ſein, wollte man an dieſer Stunde zum Meineidigen werden!“ —„So ſei es um Mitternacht!“ antwortete Rita nach einem Augenblick des Nachdenkens. Und ſo wandte ſie ſich, Heinrich, der in tiefen Ge⸗ danken ſtehen blieb, die Hand reichend, der Thuͤre zu. Und dieſer unerwartete, faſt feierliche Auftritt miſchte etwas Befangenes, etwas Zuruͤckhaltendes in das Lebewohl der Liebenden, welches immer ſo zaͤrtlich geweſen. Die Herzogin erreichte ihren Stallmeiſter wie⸗ der, und war längſt verſchwunden, als ihr Gelieb⸗ ter immer noch ein weißes Tuch auf der Spitze des Thurmes von Koat⸗Vön wehen ließ. Viertes Kapitel. Ihr ſtammt von hohen Herren, Freundin; In meinem Stamme belaſtet man mit Schmach Das Weib, das weint, und aus dem Grunde, Es könnte meinem Hauſe ein Feigling geboren werden. Alfred de Vignyz Fr. v. Soubiſe. Die Herzogin von Almeda. Die Herzogin von Almeda, eine Kreolin von Havanna, war noch ſehr jung an den Herzog von Almeda verheirathet worden. Dieſe Verbindung war eigentlich Rita's Willen zuwider, denn ſie em⸗ pfand einen ſehr großen Geſchmack für das religioſe Leben; allein genothigt, ihrer Familie zu gehorchen, ergab ſie ſich, und nur die Pflichten einer unge⸗. heuchelten Froͤmmigkeit beſchaͤftigten bis zu dem Augenblicke ihr Herz, wo ſie nach Frankreich kam. Der Herzog von Almeda war ein Greis von außerordentlichem Geiſte; allein er widmete ſich verblendet wie ſo viele Leute deſſelben Standes durch den falſchen Schein, den in dieſer Zeit die v encyklopädiſche Schule von ſich warf, getaͤuſcht durch die anſcheinende Liebe fuͤr Menſchheit und Weltburgerthum, nach welcher ſie ſtrebte, ganz und gar der Verbreitung dieſer neuen Lehren. Den merkwurdigen Schwindel theilend, der damals die Vernunft eines Theils des franzoſiſchen Adels auf den ſpeculativen Raum der gefaͤhrlichſten Traͤume⸗ reien von Staatenidealen irre fuhrte, beſchleunigte er nach Verhaͤltniß ſeiner Mittel die vorſchreitende Entwickelung der Ideen, die ſpaͤter allen Ariſtokra⸗ tien und allen politiſchen Gewalten ſo verderblich werden ſollten. Die bitteren Spoͤtteleien, mit denen er ſeine Frau wegen deſſen, was er ihren Aberglauben nannte, uͤberſchuͤttete, hatten auf dieſelbe, ſo lange ſie in Spanien lebte, keinen Einfluß. Die welt⸗ liche und geiſtige Macht der Geiſtlichkeit war da⸗ ſelbſt noch ſo wirkſam, die Gläubigkeit des Volkes noch ſo ſtark, daß Rita, verſunken in dieſe Atmo⸗ ſphäre voll Andacht, umringt von Leuten, die ihre Ueberzeugungen theilten, bei jedem Schritte den aͤußern Symbolen ihrer Religion begegnend, ihren Glauben in ſeiner ganzen Reinheit bewahrte. Allein als ſie, in Verſailles angelangt, einige Zeit mitten unter den Feſten und Ergoͤtzlichkeiten eines geiſtreichen, vertraulichen und glaͤnzenden Hof⸗ lebens zugebracht hatte, begann dieſer ſtarke Glaube, betäͤubt durch jenen blendenden Wirbel, zu ſchwanken. Und dann war auch, was das Aeußere betrifft, die Religion in Frankreich nicht mehr ſo, wie die paniens; es waren nicht mehr jene hohen, duͤſtern, tiefen Kirchen mit ihren von Gold und Edelgeſtein flimmernden Reliquienkäſtchen, die, allein ein ſchwa⸗ ches und zweifelhaftes Licht einſaugend, mitten in der Finſterniß wie eine himmliſche Flarheit ſtrahl⸗ ten; es war nicht mehr jener ernſte und majeſtaͤ⸗ tiſche Geſang der Maͤnche; es war nicht mehr die ganz in Schmerz gehuͤllte Menge, welche auf dem kalten Geſtein der Kirchen in Schatten und Schwei⸗ gen niederkniete, mit Andacht die Perlen des Ro⸗ ſenkranzes zahlend. In Frankreich ſuchte die, in ihrem Geiſte ver⸗ ſpottete, beleidigte Religion durch den ihrem Cultus entlehnten Glanz das Auge zu beſtechen; die Kir⸗ chen waren gefallſuͤchtig aufgeputzt; aber ſie hatten zum Theil jene bewundernswerthen runden Schei⸗ ben verloren, die ein ſo geheimnißvolles Dunkel darin herrſchen ließen; und dann ging man zur Meſſe, um zu ſehen und geſehen zu werden; die Sonne ſchoß ihre heitern Strahlen mitten durch die hohen Fenſter, Alles mit Licht uͤberſchwemmend, und ſtrahlte von dem Sammt, dem Gold und der Seide wieder, womit ſich eine lachende und geraͤuſch⸗ volle Menge bedeckt hatte, deren Pracht die des Altars beſchamte; und ferner ſprach ſchon laut der Geiſt der Philoſopheme, unterbrach mit Scherzre⸗ den die geheiligten Myſterien; und endlich waren es Dpernmädchen, welche die heiligen Lieder ſangen. —,— Hierzu kam, wie man wohl geſtehen muß, daß Rita's religiöſe Geſinnungen eher erworben, als angeſtammt oder durch innere Selbſtberathung an⸗ geeignet waren. Mit einer ſtets beweglichen und gluͤhenden Einbildungskraft begabt, war ſie beſon⸗ ders durch die prunkvollen aͤußern Zeichen des Chri⸗ ſtenthums, durch deſſen eindrucksvolle und gewich⸗ tige Ceremonien begeiſtert worden; ſie, die nichts erlitten, hatte auch nichts von den Echo's jenes Abgrundes zu erflehen, in den Pascal ſich geſturzt hatte. Von der Religion fuhlte ſie nur die Poeſie. Vom bodenloſen Weltmeer ſah ſie nur die lachende und azurblaue Woge, die auf deſſen Oberflaͤche ſpielt, und wiegte ſich, berauſcht vom Weihrauch, in dem fernen Getoͤs der Orgelharmonien. So wußte auch Rita, wenn die ihres Eheman⸗ nes Geſellſchaft bildenden Philoſophen ihren from⸗ men Glauben mit dem eiſigkalten Materialismus zu bekaͤmpfen anfingen, nicht, was ſie erwiedern ſollte. Man redete in Zahlen zu ihr; ſie antwor⸗ tete in Entzuͤcken. Den Wundern, auf welche ſie ſich berief, ſetzte man unwandelbare Geſetze der Natur und Aſtronomie entgegen; und ſo ſchwieg die arme Frau, da ſie, ſie mochte ſich wenden wo⸗ hin ſie wollte, nur kalte Vernunftſchluͤſſe oder gei⸗ ßelnde Spoͤttereien fand; aber beſtuͤrzt war ſie, denn die anſcheinende Klarheit gewiſſer Einwuͤrfe hatte ſie, obgleich nicht durchaus uͤberzeugend, den⸗ noch betroffen. — —— S————— S*—„ 1 . Nun wollte ſie, als fuͤhlte ſie durch einen un⸗ bewußten Trieb die Groͤße deſſen, was ſie verlor, zu ihrem erſten Glauben ſich wieder fluͤchten.... allein es war nicht mehr Zeit... der herzloſe und rohe Geiſt der Kluͤgelei hatte mit ſeinem ausdoͤr⸗ renden Peſthauche jene entzuͤckenden Gebilde von Azur und Licht verwelkt... die Schaaren der En⸗ gel, mit flammenden Fluͤgeln, und Lieder ſingend ohne Ende.. Alles war dahingeſchwunden. Und das iſt leicht zu begreifen: der Mann mit maͤchti⸗ gem Geiſt oder bewahrtem Glauben kann ſiegreich käͤmpfen und ſogar den Gegnern ſeine heilige Ue⸗ berzeugung aufdringen, wenn er ſie mit ſich hin⸗ wegfuͤhrt in ſeine Sphäre durch den Zauber einer hinreißenden Beredſamkeit; allein Rita, deren leben⸗ diger und heißer Geiſt ohne Tiefe war, Rita, die, wie ich geſagt, vielleicht eben ſo an die Poeſie der Religion glaubte, wie an dieſe ſelbſt, vermochte ihre Angreifer nicht zu bekaͤmpfen. Sie ward es endlich muͤde, in jenen Streite⸗ reien unaufhoͤrlich Unrecht zu bekommen; ihre Ei⸗ genliebe ward dadurch gereizt, daß ſie immerfort verfaͤngliche Vernunftſchluͤſſe ihren ungeordneten Gruͤnden entgegengeſetzt ſah; ſie zweifelte zuletzt an ſich ſelbſt und an ihrem Glauben. Vom Zweifeln bis zur Unglaͤubigkeit iſt aber nur ein Schritt; Rita that ihn, und wurde zum Freigeiſte. Der Unglaube mußte anfangs ein ſo aufgereg⸗ tes inneres Weſen, wie das Rita's, lebhaft ergrei⸗ — —— fen. In Wahrheit findet man beim erſten An⸗ blick einen unſeligen Reiz in dieſem, wie man wähnt, mit Gott ſelbſt unternommenen Streite; denn die Empoͤrung des abtruͤnnigen Engels hat allerdings eine wilde Poeſie in ſich. Es erfordert beſonders Kuͤhnheit, die Goͤtter zu laͤſtern, wenn Jupiter mit Donnerſchlaͤgen antwortet; man muß ein Atheiſt ſein wie Ajar, oder den Kampf gar nicht beginnen. Allein, betrachtet man jenen Atheismus des 18ten Jahrhunderts, der immerhin ſeine gewaltige Stimme erheben mochte, ohne daß Gott ſie hoͤrte, ſo erregt derſelbe Ekel und Mitleid, weil er ver⸗ nunftlos iſt und ſelbſt feig, denn ſeine Bekenner glaubten an ein Nichts jenſeits des Todes und hat⸗ ten, waͤhrend ihres Lebens, ſelbſt die Baſtille nicht mehr zu fuͤrchten. So dauerte Rita's Unglaͤubigkeit, da die Gott⸗ heit den ihr von Rita angebotenen Kampf nicht einging, auch nur kurze Zeit; ihr folgte die Gleich⸗ gultigkeit, und ſonach fuͤhlte nun die Herzogin von Almeda weder Liebe noch Haß gegen den Himmel. Ich verweile deshalb ſo lange auf dieſer Um⸗ geſtaltung in Rita's Leben, weil von dieſem Au⸗ genblicke an ihr Daſein ein ganz anderes ward. Weil dieſe ſo lebendige und ſo leidenſchaftlich auf⸗ geregte Einbildungskraft, die bisher in den Vorſtel⸗ lungen des Unendlichen und des Ewigen, welche dem gluͤhenden Herzen eine unermeßliche Laufbahn öffnen, Nahrung gefunden; weil dieſe Einbildungs⸗ kraft das, was man ihr gegen die vernichtete Glaͤu⸗ bigkeit ausgetauſcht, ſehr ſchnell erſchoͤpft hatte, fand ſie ſich dahin gebracht, von ihrem eigenen Feuer zu zehren. Weil Rita bisher dem Einfluſſe irdiſcher Lei⸗ denſchaften entgangen, war ſie beſſer daranz allein jetzt vermochte ſie, die von einer ſolchen Hoͤhe Perabgeſturzte, die Bewegungen der Freude und der Angſt, wenn ihr glühendes Herz noch dazu em⸗ porſtreben wollte, nur in der Liebe aufzuſuchen; denn in dieſer giebt es ja noch einen Glauben und eine Religion! Und fuͤr Rita zumal mußte es ſo ſein; für Rita, die, einmal liebend, mit Selbſtſucht, mit Wahn⸗ ſinn, mit nicht zu beſaͤnftigender und wilder Eiferſucht geliebt haͤtte, fur Rita, die ihrer Liebe geopfert haͤtte, was ſie dem Himmel hatte opfern wollen, Wuͤrde, Glucksguͤter, Vaterland. Allein nicht alſo liebte man damals in Frankreich; auch empfing Rita, die Keinen fand, der ihr einer ſolchen Leiden⸗ ſchaft, wie ſie deren faͤhig war, wuͤrdig erſchien, ob⸗ gleich ſie von Huldigungen umringt war, mit Ver⸗ achtung und Geringſchaͤtzung die ihr gewidmeten Aufmerkſamkeiten; blieb mitten in der Sittenver⸗ derbtheit rein und lebte einig mit dem Herzog von Almeda bis zu dem Augenblicke, wo ein unvermu⸗ theter Tod den Gemahl abrief, und Rita der Frei⸗ heit wiedergegeben wurde. Rita bedauerte des Her⸗ zogs Verluſt nicht ſehr, doch mußte ſie, der Schick⸗ — lichkeit halber, die Trauerzeit auf ihrem Landſitze verleben; den Hof verließ ſie uͤbrigens ohne Be⸗ truͤbniß; die hoffäͤrtige Strenge ihrer ſittlichen Grundſätze naͤmlich hatte ihr den Haß Aller zuge⸗ zogen, und ungeachtet der Verleumdungen Einiger, die behaupteten, Rita's Sproͤdigkeit ſei nur Verſtel⸗ lung, war doch die allgemeine Meinung daruͤber einſtimmig, daß die Herzogin von Almeda eine vollkommene Reinheit der Sitten bewahrt, allein eine ſo unertraͤgliche und ſo hochmuͤthige Reinheit, daß ſelbſt die ungebundenſte Lebensart ihr weniger Feinde zugezogen haben wuͤrde, als ihre beleidigende Tugend. So bezog Rita, von dieſem Haſſe ermuͤdet, und durch nichts in Verſailles oder Paris zuruͤckgehal⸗ ten, das Schloß Kervan. Seit ihrem Aufenthalte in Frankreich hatte ſie ſich noch nie in einer ſo vollkommenen Einſamkeit befunden. Hier war es nun beſonders, wo ſie mit Reue ihre glaͤubigen Gedanken von ehemals zu⸗ ruͤckwuͤnſchte; allein es war zu ſpät. Der Herzo⸗ gin, aufgeregt und unmuthig, vergingen die langen Stunden unter den Leiden eines unbekannten Ue⸗ bels, unter dem Sehnen nach einem eben ſo un⸗ bekannten Gluͤcke; ſie nahm ſichtbar ab; die Thraͤ⸗ nen hoͤhlten ihre Wangen; ohne Huͤlfe, ohne Zu⸗ flucht vor dieſem herben Gram, gegen dieſe angrei⸗ fende Aufregung, die ſie verzehrten, tauchten hun⸗ dert Mal ſelbſt Gedanken des Sel moch in ihrer Die Seewarte v. Koat⸗Vöén. I. 4 Seele auf; dennoch, ſei es, daß ihr der Muth ge⸗ brach, ſei es, daß ein geheimes Vorgefuͤhl ſie zu⸗ ruͤckhielt,— ſchleppte ſie ihr Daſein ſo elend fort bis zu dem Augenblick, wo ein merkwuͤrdiger Zu⸗ fall ſie mit Heinrich bekannt machte. Eines Tages kam eine ihrer Frauen, ihr zu melden, daß Fiſcher, welche einen zertruͤmmerten am Meeresufer ſtehenden Thurm betreten haͤtten, daſelbſt einen Juͤngling von außergewöhnlicher Schoͤnheit, dem Tode nahe, gefunden und, bekannt mit der Menſchenfreundlichkeit der Frau Herzogin, ins Schloß gekommen waͤren, um Beiſtand zu ſuchen. Dieſe Begebenheit reizte den romantiſchen Cha⸗ rakter der Herzogin; ſie antwortete nichts; aber noch denſelben Tag wendete ſie, von Perez beglei⸗ tet, ihre Schritte nach dem Thurm von Koat⸗Vön. Hier erblickte ſie Heinrich zum erſten Male. Ge⸗ ruͤhrt von der ſanften Schwermuth, die dem ſchoͤ⸗ nen und edeln Geſichte dieſes Juͤnglings einge⸗ druͤckt war, ſetzte Rita mit innerer Bewegung die urſache ihres Beſuches auseinander:— da ſie vernommen, daß Sorgfalt und Theilnahme ihm nutzlich ſein durften, eile ſie her, ihm ihren Bei⸗ ſtand anzubieten. Heinrich dankte ihr mit Zärt⸗ lichkeit; fügte aber hinzu, er hoffe, deſſen bald nicht mehr zu beduͤrfen. Seine Geſchichte war einfach; als Waiſe von ſeinem Oheim, einem greiſen Geiſt⸗ lichen, auferzogen hatte er ihn nicht eher verlaſſe als bis ihm der Tod denſelben entriß. Alleinſte⸗ hend in der Welt, ohne Vermogen, ohne alle Stuͤtze, blieb Heinrich nichts ubrig, als einem Berufe zu folgen, den er fuͤr den wahren hielt, dem Rufe ins Kloſter. Gleichwohl wollte er, bevor er ſich un⸗ widerruflich entſchied, ſich in der Ertragung der Einſamkeit, der Faſten und Kaſteiungen des Moͤnchs⸗ lebens pruͤfen, und hatte ſich deshalb auf einige Zeit in jenen Thurm zuruͤckgezogen. Allein ſeine Kraͤfte hatten ihn verlaſſen, er ver⸗ fiel in Krankheit; und ſo waͤre er, da ſein alter Diener ihn ebenfalls verließ, weil er ſeine Sorg⸗ ſamkeit nicht mehr vergelten konnte, ohne den un⸗ verhofften Beſuch der Fiſcher unbekannt geſtorben. „Es kommt mir jetzt wenig darauf an,“ fuͤgte er zuletzt hinzu,„denn ich fuͤhle es, mein Lebenslicht erliſcht, und bald werde ich, eine arme Waiſe, im Himmel eine Mutter wiederfinden, die ich auf Er⸗ den nicht habe kennen ſollen!“ Dieſe ſchwermuͤthige Ergebung, dieſes Verlaſ⸗ ſenſein, dieſes Mißgeſchick, welches den Juͤngling niederbeugte, deſſen Antlitz ſo kindlichrein warz Alles dies machte auf die Herzogin einen tiefen Eindruck, und ſie fuͤhlte gleich anfangs ein inniges Mitleid fuͤr jenen Ungluͤcklichen. Von dieſem Tage an begann fuͤr Rita ein neues Leben; mit einem ſonderbaren Widerſpruche em⸗ pfand die ſtolze Herzogin, die ſo vielen glaͤnzenden und prunkvollen Huldigungen widerſtanden, bei 4 8 „ dem Anblicke dieſes leidenden und ungluͤcklichen Weſens ein ihr unbekanntes Gefuͤhl in ihrem Her⸗ zen entſtehen; und wenn die Geckenhaftigkeit in ihrem groͤßten Putze, wenn das ausgezeichnetſte Hoͤflingsbetragen, die modernſte Anmaßung nicht einen einzigen beachtenden Blick von Rita hatten erlangen koͤnnen. ſo blieb Heinrich's trauervol⸗ les und bleiches Antlitz ihr tief ins Herz gegraben; dieſe nur einmal erblickten Zuge folgten ihr uͤberall, und die Toͤne dieſer ſanften und ſchuͤchternen Stim⸗ me hallten ſtets in ihrem Buſen wieder. Rita war bei dieſer Liebe ſo gluͤcklich, daß ſie gar nicht daran dachte, dieſelbe zu bekaͤmpfen. Selbſtſtän⸗ dig, unermeßlich reich: wer konnte ſie abhalten, Heinrich anzugehören? Und dann er, ganz allein, verlaſſen, ohne Verwandte, ohne Freunde; mußte er ihr nicht angehören, ganz, ihr allein? Befand er ſich nicht in vollkommener Abhaͤngigkeit von ihr? Empfing er nicht Alles von ihr?— War ſie fer⸗ ner nicht die Einzige, die ihn liebte? Denn ſie konnte ja die Liebe nicht anders erfaſſen. Ja! Rita waͤre nach dem Tode der Mutter oder Schweſter Heinrich's begierig geweſen, hätte er noch ſeine Mutter oder eine Schweſter gehabt; denn die Liebe, wie Rita ſie empfand, war ein Egoismus, faſt bis zum Wahnſinn; ſo ausſchlie⸗ ßend war ihre Liebe! Je mehr nun Rita Heinrich kennen lernte, je mehr liebte ſie ihn! Ganze Stun⸗ den lang horte ſie auf die vertraulichen Eroͤffnun⸗ 82 gen ſeines natuͤrlichen und unſchuldigen Gemuͤthes; ſah ſie nach und nach dieſes Herz, welches ſich ſei⸗ ner ſelbſt noch unbewußt war, ſich entfaltenz fuhlte ſie ſelbſt, was ſie empfand und was ſie in Hein⸗ rich erweckte; denn eben ſo, wie ihm, waren ihr die Empfindungen der Liebe noch unbekannt; und ſo war es ein Austauſch entzuͤckender Mittheilun⸗ gen uͤber jede neue Entdeckung, welche Beide in ihren eigenen Herzen machten.. Und dann war Heinrich ſo ſcheu, ſo furchtſam, und da er um nichts bat, mußte man ihm ja Alles anbieten. Waos ſoll ich noch weiter ſagen? Die wahn⸗ ſinnigſte, die heftigſte, die heißeſte Liebe ergriff Rita. Bei ihrem Alter mußte die Entwickelung einer ſo uberſpannten Leidenſchaft ſchrecklich ſein; ſo ſchwand auch jedes Nachdenken vor ihrem unerſchuͤtterlichen Wunſche, Heinrich zu beſitzen; und Wuͤrde, Reich⸗ thum, ihre Stellung in der Welt vergeſſend, faßte ſie den Entſchluß, Heinrich ihre Hand zu bieten, obgleich dieſer ihr geſtanden, daß er zwar von einem adeligen, aber ganz unbemittelten Hauſe der Bre⸗ tagne ſtamme. „Ach! was kuͤmmert mich ſein Vermoͤgen!“ ſagte Rita zu ſich,„iſt er nicht von Adel? Auch kann ja ich, die einzige Tochter eines Grand von Spanien, Heinrich Titel und Namen meines Va⸗ ters geben! Ja;z denn ich wuͤnſche, daß er Alles von mir empfange, Alles, ſelbſt ſeinen Namen, den Namen, den er ſo ruͤhmlich fuͤhren wird— denn er iſt ſchoͤn, edel, geiſtvoll. Heinrich.. und ich kenne nicht einen Edelmann, der ihm gliche.. und dann liebt er mich ſo innig— ach! mit An⸗ betung— ich fuͤhle es wohl hier— in meinem Herzen— ich liebe ihn ja zu ſehr, äls daß es an⸗ ders ſein könnte; und hat er, die arme Waiſe, mir nicht Alles zum Opfer gebracht, was er der Welt opfern konnte? Seinen Glauben, den er beſchwo⸗ ren; ſeine Zukunft, die er ſich ſo ungetruͤbt und ſo friedlich geträumt... und wer weiß,“ ſagte Rita mit innerem Schreck,„wer weiß, ob es nicht ſein wahres Gluͤck iſt, was er mir aufgeopfert!“ Endlich hatten die drei Tage, die ſie von Hein⸗ rich zur Ueberlegung verlangt, ihren Willen noch vollſtändiger, noch feſter gemacht. So nahm ſie auch am dritten Tage, ſobald die Nacht eingebro⸗ chen war, ihren Ueberwurf, verließ ihr Betzimmer, das mittelſt eines Zwiſchenganges in die Kapelle fuͤhrte, und kam zu Perez, der ſie erwartete. Sich auf den Arm ihres Stallmeiſters ſtuͤtzend, machte ſie zu Fuß den Weg vom Schloſſe nach der Mee⸗ reskuͤſte, verließ Perez, als ſie bei einem großen Felſen angelangt waren, und wendete ſich nach dem Thurme zu. Heinrich ſtand ſchon an der Pforte auf einer Art Abſatz, der als Grundlage zur Treppe diente; er war aber ſo gekleidet, daß Rita ihn nicht ſogleich erkannte und furchtſam ſtehen blieb. „Rita— Rita es!“ ſagte er mit ſanfter Stimme. Kaum pen er aber die erſte Sylbe ihres Namens ausgeſprochen, als die Her⸗ zogin, ihren Geliebten erkennend, ſchon in ſeinen Armen lag. —„Heinrich, warum dieſer duſtere Anzug?“*) —„War es nicht dieſes Kleid, das ich nehmen wollte, ehe ich Dich kannte? Rita. ich wollte es noch ein Mal und zwar das letzte Mal anlegen.. um Dir dadurch noch vollſtaͤndiger das Opfer zu bringen zuͤrneſt Du mir deshalb?“ —„Nein, ach nein! aber komm!“ ſagte Rita, auf die Treppe eilend.— Heinrich hielt ſie ſanft zuruͤck:„Hoͤre,“ ſagte er, ſeine Lippen auf Rita's Lippen preſſend,„ich wollte dort oben allein ſein, wenn Du eintraͤteſt; noch ein Mal wollte ich Deine Tritte auf der Treppe hallen hoͤren, noch ein Mal das Rauſchen Deines Kleides. wollteſt Du wohl?“ —„Ja, ja! aber um Dir zu ſagen,“ erwiederte Rita in freudiger Haſt; ſo ſehr beeilte ſie ſich, ihrem Geliebten das theure Geheimniß anzuvertrauen, „um Dir zu ſagen, Heinrich. meine Hand komme ich Dir anzubieten— einen unermeßlichen Reichthum— einen Titil. einen erlauchten und *) Heinrich trug eine Mönchskutte, deren herabgezo⸗ gene Kapuze faſt ſein ganzes Geſicht verſteckte. glaͤnzenden Titel... Alles Dir anzubieten fuͤr Dich, Alles fuͤr Dich!“ —„Geliebter Engel,“ unterbrach ſie Heinrich und kuͤßte ihre Stirn,„gleich, gleich!“ —„Ja, ja, aber eile. ſieh, Heinrich;— ich kann nicht eine Minute mehr ausharren,“ ſagte die Herzogin mit der Ungeduld eines Kindes. Und Heinrich verſchwand in dem Dunkel des Thurmes. Eine Minute ſpaͤter ſtand Rita an jener Thuͤr, die ſie trotz der Finſterniß ſo gut erkannte. Sie oͤffnet dieſelbe und ein Schrei des Er⸗ ſtaunens und faſt des Erſchreckens entſchlupft ihrem Munde. Fünftes Kapitel. Durch alle nur erdenkbaren Opfer will ich Dich erringen, und erringen ohne allen Vorbehalt. Diderot; Inconſequenz. Th. V. p. 356. Uebervaſchung. Rita's Ueberraſchung war ſehr natuͤrlich; denn der duͤſtere Saal und Thurm von Koat⸗Vön war nicht mehr zu erkennen. Seine feuchten und durch das Alter geſchwaͤrzten Mauern verbargen ſich jetzt hinter eleganten Bekleidungen von purpurrother Seide, die das Zimmer um die Hälfte kleiner er⸗ ſcheinen ließen. Und dann verbreiteten eine Un⸗ zahl von Leuchtern, Vergoldungen und Spiegeln, welche die Flammen von tauſend Wachskerzen zu⸗ ruͤckwarfen, eine Helle, die uͤberall in dieſem run⸗ den Gemache wiedergläͤnzte. Der ſchuͤchterne und ſchwermuͤthige Heinrich war in einen feingekleideten und kecken Edelmann umgewandelt, welcher jetzt der Herzogin die Hand bot, um ſie zu einem Lehnſeſſel zu fuͤhren, der neben einer reich beſetzten, ganz mit vergoldeten Gefaßen, Blumen und Kryſtallvaſen beladenen Tafel ſtand. Ja, es war wirklich Heinrich. Nur war er ſtatt des Moͤnchsanzuges, den er, wahrſcheinlich um ſeine Kleider zu verbergen, umgeworfen gehabt, prachtvoll mit einem blauchangirenden Taffetrocke mit Goldſtickerei und mit einer Weſte von Silber⸗ ſtoff bekleidet; es war Heinrich; blendend funkelte das Feuer der Diamanten unter den langen Spi⸗ tzen ſeiner Manſchetten, auf den Kniebaͤndern, auf den Schnallen ſeiner Schuhe mit rothen Abſatzen, und auf dem Griffe ſeines Degens. Es war Heinrich, der mit Gewandtheit und vollendeter Anmuth dieſen Anzug eines vornehmen Herrn trug, dieſes durch den Maltheſer- und Lud⸗ wigs⸗Orden noch gehobene Kleid, das mit breiten Quaſten von weißem geſtickten Atlasband verziert war; ein hinlängliches Zeichen, daß er diente. Aber ach! Heinrich's Antlitz hatte den leiden⸗ den und trauervollen Ausdruck nicht mehr, welcher Rita ſo hoch entzuͤckt hatte. Jetzt waren ſeine Zuͤge frohſinnig und ſpoͤttiſch laͤchelnd; ſeine Blicke, welche die Herzogin faſt ſtets zu Boden gerichtet und von den langen Wimpern verſchleiert geſehen, ſeine Blicke funkelten jetzt von Muthwillen und Munterkeit, und das Gewoͤlk von weißem und wohlriechendem Puder, welches Heinrich's Haare bedeckte, vermehrte noch den Glanz ſeiner ſtechend ſchwarzen Augen. —„Ich weiß nicht, ob ich wache oder ob ich traͤume, Heinrich!“ rief die Herzogin zitternd und mit einem Gefuͤhl unwiderſtehlicher Furcht und Beklommenheit aus. —„Die Frau Herzogin wird Alles erfahren,“ antwortete Heinrich ehrerbietig, indem er jene aus⸗ geſuchte Hoͤflichkeit der damaligen Zeit nachaffte, welche mit Frauen nicht anders als in der dritten Perſon zu ſprechen erlaubte. Rita warf ſich mit den Worten in einen Lehn⸗ ſtuhl:„Sprechen Sie, mein Herr, um des Him⸗ mels willen, ſprechen Sie!“ „Zuerſt,“ meinte Heinrich,„wird die Frau Her⸗ zogin mir die Frage erlauben, ob dieſelbe ſchon vom Grafen von Vaudrey reden hörte?“ „Viel, mein Herr,— als ich nach Verſailles kam.“ „Nun denn; ſo wird die Frau Herzogin viel⸗ leicht mit Erſtaunen erfahren, daß ich ſelbſt der Graf von Vaudrey bin.“ „Sie, mein Herr?— Sie, Heinrich?— aber damals— mein Gott!... was bedeutet.. aber der Graf von Vaudrey, ſagte man mir, diente ja zur See, und war in Amerika. es iſt unmoͤg⸗ lich. um Gottes Erbarmen, Heinrich, ſagen Sie, was ſoll dieſes Geheimniß?“ „Allerdings, Frau Herzogin, diente ich in Ame⸗ — 60— rika's Meeren, wo ich zu dem Geſchwader des Herrn Admiral von Guichen gehörte; allein nach zwei Campagne⸗Jahren bin ich nach Frankreich zu⸗ ruͤckgekehrt. es iſt ungefähr zwei Monate her.“ „Herr Graf,“ ſagte Rita ungeſtuͤm und erhob ſich von ihrem Sitze,„welches war die Urſache die⸗ ſer Vermummung?— denn ich gehe— mein Kopf wird irre... Heinrich!... um Alles in der Welt!. treiben Sie nicht laͤnger Ihr Spiel mit einem armen Weibe!... und wozu uͤbrigens dieſe Luͤge? was bedeutet... „Belieben Sie ſich wieder zu ſetzen, Frau Her⸗ zogin,“ ſprach Heinrich mit unbegreiflicher Kaltbluͤ⸗ tigkeit,„Sie ſollen Alles wiſſen...“ Rita ſetzte ſich mechaniſch auf den Lehnſtuhl. „Die Frau Herzogin entſchuldigen mich, wenn meine Erzaͤhlung bis zu einer etwas entfernteren Zeit zuruͤckgeht; allein es iſt nothwendig wegen der voll⸗ kommenen Verſtändlichkeit deſſen, was folgt. Es ſind ungefaͤhr zwei Jahre her, daß der Herr Mar⸗ ſchall von Richelieu, ſo etwas von einem Verwand⸗ ten und ein ſtarker Goͤnner von mir, mit Schmerz bemerkend, wie die freien und kurzweiligen Ueber⸗ lieferungen der Regentſchaft und des Zeitalters Ludwigs XV. verloſchen und ſich in dem uns ver⸗ ſchlingenden, reißenden Strome der neuen Ideen verlieren, den Gedanken faßte, eine Geſellſchaft, oder, wie jetzt unſere Anglomanen ſagen wuͤrden, einen Klubb zu ſtiften, in welchem vor Allem jedes Mitglied aus gutem Hauſe ſein ſollte; den Vorſitz behielt ſich der Marſchall ſelbſt. „Die Mitglieder dieſes Klubbs ſollten beſonders dahin ſtreben, dieſe moderne Scheinheiligkeit zu ent⸗ ſchleiern, welche, anſtatt frei und offen wie ehemals zu bekennen, daß ſie das Vergnuͤgen ſuche, die Sproͤde ſpielt, die That laͤugnet und ſich, zu ihrer Rechtfertigung, hinter der Autorität von ich weiß nicht was fur angeblich natuͤrlichen, ſchickſalsvollen, ſympathetiſchen, unwiderſtehlichen und andern Ge⸗ ſetzen, die mir gerade zum Gluͤck entfallen ſind, verſchanzt, dergeſtalt, daß, wenn man ſeinen Gat⸗ ten betruͤgt, man zu ihm ſagt: das hat nichts auf ſich, mein Freund; das ſtand geſchrieben, oder auch: das iſt ſo in der Natur; denn bei den Wil⸗ den macht man es noch ganz anders oder auch noch: es iſt der Strom des Magnetismus, der mich fortgeriſſen hat. „Mithin iſt es der Lauf der Welt, das Geſchick oder die Natur, der man ſich ergeben.. und der Liebhaber zaͤhlt fuͤr nichts. Alle dieſe ſchoͤnen Dinge werden mit hochtrabenden Worten, mit ro⸗ manhaften Phraſen untermengt, die auf Niemand Eindruck machen; denn, gewaͤnnen die Sitten da⸗ bei, ſo wäre dies ſehr langweilig, doch auch ſehr ehrenwerth. Aber keinesweges, die Sitten ſind dieſelben; ſie verlieren nur jenen Anſtrich von Ele⸗ ganz, Geiſt und Kunſt zu leben, welcher, ſo zu ſagen, die Moral der Sittenloſigkeit bildete, mit — einem Worte, man ſchaͤndet uns die Verderbtheit; man— erlauben Sie mir den Ausdruck— wuͤr⸗ digt ſie zur Gemeinheit herab.“ „Herr Graf, mir iſt nicht bekannt—“ „Doch, Frau Herzogin, ohne Zweifel war dies einſt Alles ſo ungefahr im vertrauten Kreiſe, und, nachdem der Vorhang heruntergelaſſen, konnten wir von Tugend zu den armen Teufeln ſprechen, die ſo etwas wirklich noͤthig haben, um gluͤcklich zu ſein. Jetzt will man Gleichheit in der Liebe, wie in der Politik. Alle Frauen halten ſich fuͤr Ju⸗ lien, ſuchen ſich andere St. Preux, nehmen ſie, gleichviel, Gott weiß woher!— und weil ſie einen Troßknecht, anſtatt einen Herzog und Pair, zum Liebhaber auswaͤhlen, ſo nennen ſie das: das ver⸗ haßte und unmoraliſche Vorurtheil der Ge⸗ burt ſtuͤrzen, oder die Verſchmelzung der Rangordnungen bewirken. „Wahrhaftig! ich begreife ſehr wohl, daß wir auf dieſe Art im vollen Zuge dahin gelangen, die große Familie der Herren von der Encyclopädie zu bilden— allein wir duͤrfen eine ſolche Entwür⸗ digung nicht ertragen; daher muß man, zu ihrer Verhinderung, den Frauen das Nichtige und Ge⸗ fährliche ihrer vorgeblichen Neigungen fuͤr die Leute aus dem Staube zeigen und durch irgend einen jener unter dem Namen rouerie bekannten Strei⸗ che der Treuloſigkeit den guten alten Geſchmack endlich wieder zuruͤckbringen.“ „ Hierbei erblaßte die Herzogin auffallend. „Einige Zeit vor meiner Abreiſe nach Amerika ward ich als Mitglied in dieſe koͤſtliche Geſellſchaft aufgenommen; in einem unſerer letzteren Gefechte verwundet, ward ich vom Admiral beauftragt, De⸗ peſchen an Sr. Majeſtaͤt nach Frankreich zu uͤber⸗ bringen. „Waͤhrend meines Aufenthaltes in Verſailles hörte ich eine ziemlich grauſame Lobrede auf Ihre Weisheit, gnaͤdigſte Frau, und, im Vertrauen ge⸗ ſagt, Sie hatten ſie wohl verdient.— Wie moch⸗ ten Sie glauben, ſich nicht eine Schwachheit vor⸗ zuwerfen zu haben, und wie war es Ihnen mög⸗— lich, nicht den geringſten Ruͤckhalt in dem Beken⸗ nen Ihrer ſtrengen Grundſaͤtze zu beobachten? Allein das war ein Cynismus von Tugend, den die Welt ſchicklicherweiſe nicht dulden konnte,— denn zwei Dinge giebt's, die ſie nie verzeiht: den Maͤnnern das Uebergewicht, den Frauen die guten Sitten.“ „Fahren Sie nur fort, mein Herr!“ ſagte Rita kalt. Heinrich verbeugte ſich und fuhr weiter fort. „So war, gnädige Herzogin, nach der Anſicht der Minderzahl Ihre Klugheit die Verſchwiegenheit Ihrer Geliebten; dies ging ſo weit, daß, ſah man einen glänzenden Musketier an des Konigs Pforte, oder einen großen Herrn bei des Koͤnigs Lever— die Boshaften behaupten wollten, es geſchehe aus Gewohnheit, daß man ſagte: Es iſt doch vielleicht der gute Ruf der Frau Herzogin, der jetzt den Po⸗ ſten bezieht,— oder, ob das nicht am Ende die Tugend der Frau Herzogin iſt, die jetzt die Ver⸗ beugung vor Sr. Majeſtät macht.— Allein die Mehrzahl, welche guten Grund hatte, gut unter⸗ richtet zu ſein, gerade darum, weil ſie der Reinheit Ihrer Grundſaͤtze gewiß war, hatte Ihnen einen ſo unheilbaren Haß oder Neid geſchworen, daß man mich, der erſt angekommen und von Ihnen nicht gekannt war, beſchwur, meine Kraͤfte gegen Ihre ſo furchterliche Tugend zu verſuchen. „Ich geſtehe Ihnen, gnaͤdigſte Frau, anfangs ſchwankte ich; während ich kaum drei Monate in Frankreich zuzubringen hatte, mußte ich vielleicht zwei davon zum Gelingen meines Unternehmens aufopfern; auch liefen Sie ſchon, bei meiner Un⸗ entſchloſſenheit, große Gefahr, Ihr ganzes Leben hindurch tugendhaft zu bleiben, als ich, bei einem Abendeſſen mit dem Prinzen von Gueméné und ſeiner Geliebten bei dem Herrn von Soubiſe, den lebhafteſten Wunſch fuͤhlte, dieſes Madchen zu be⸗ ſitzen.— Das Maͤdchen wie der Prinz ſchlugen es mir ab, und Gueméné meinte: Theuerſter Graf, bezähmen Sie die widerſpenſtige Spanierin, und Lelia iſt die Ihre, wenn es Ihnen gelingt; wo nicht, ſo gehoͤrt der Wettrenner, den Sie von Lau⸗ zun gekauft haben, mir.— „Ich wettete— und damals war es, wo ich mich entſchloß, Ihnen, Madame, meine Huldigung darzubringen.“ Während der Graf von Vaudrey alle dieſe Unverſchämtheiten mit dem aufgeraͤumteſten und ungezwungenſten Tone hervorbrachte, ſpielte Rita unwillkuͤrlich mit einem der auf dem Tiſche be⸗ findlichen Meſſer, ſprach aber kein Wort; die Au⸗ genbrauen allein wurden durch ein faſt unmerk⸗ liches Zittern bewegt. „Frau von St. Croir,“ fuhr der Graf fort, „eine Ihrer heftigſten Feindinnen, gab mir ſchaͤtz⸗ bare Mittheilungen uͤber Ihren romantiſchen und exaltirten Charakter; ſo war mein Plan bald ge⸗ faßt. Ein alter Hofmeiſter von mir, der wuͤrdige Aſtronom Rumphius, lieh mir dieſen einſam ſte⸗ henden Thurm; ich ließ mich hier nieder, und bald, Dank ſei es der Geſchicklichkeit meines Laͤu⸗ fers, hoͤrten Sie vom Einſiedler zu Koat⸗Vön ſprechen. Die Folgen meiner Wunde, die Be⸗ ſchwerden mancher Ausſchweifungen, hatten mein Geſicht, welches die ungepuderten Haare noch ver⸗ juͤngten, bleich gemacht; da haben Sie alle Ge⸗ heimniſſe des Phyſiſchen, welche ich der Jugend⸗ lichkeit entlehnte.— Der Seewind, der Sterne Leuchten, eine ungluckliche Vorbeſtimmung, die Geluͤbde des Mönchsthumes— die Schwermuth — die Traurigkeit— die Unſchuld— die Schuͤch⸗ ternheit— Alles lieh meinen Reden einen ganz neuen Reiz— die Liebe bewirkte das Uebrige, und Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 5 6 ich war gluͤcklich— denn gluͤcklich war ich, Frau Herzogin—“ Rita blieb ſtumm. „Sie waren auch glucklich, Madame, und wer⸗ den es noch ſein; denn, war das Gluͤck fuͤr Sie die Gewißheit, mich mit der Kraft der Liebe einem heiligen Berufe entriſſen, mir ſelbſt mein ſtolzes und kuͤhnes Herz enthuͤllt und mir endlich eine glänzende Zukunft mit Reichthum, edlem Stande und Ruf geſichert zu haben— ſo ſein Sie zufrie⸗ den, gnädigſte Frau! kraft des innern Triebes eines ſehr ſympathetiſchen Herzens, bin ich allen Ihren Wuͤnſchen zuvorgekommen. Seit bald vierzehn Jahren, daß ich die Ehre habe, in der Flotte des Königs zu dienen, hat ſich mein Kloſterberuf, ich ſchwoͤre es Ihnen zu, ſehr umgeſtaltet; ich beſitze 50,000 Thaler Einkuͤnfte— und Se. Majeſtät hat mich gerade jetzt zum Commandeur einer Dero Fregatten ernannt.— Hier haben Sie meine Zu⸗ kunft nach Ihren Wuͤnſchen— und nun noch, Scherz bei Seite, Frau Herzogin, wir haben Beide Gluͤck genoſſen,— Sie die Taͤuſchung und ich das Vergnuͤgen, ſelbige zu erzeugen.— Verlaſſen wir uns als gute Freunde, denn ein tẽte-16te eines Monates muß Ihre Liebe erſchoͤpft haben, wie es die meinige erſchoͤpft hat.— Leben Sie alſo wohl, Frau Herzogin, und wenn wir uns je wiederſehen, ſo verſprechen wir uns, dann uͤber die Kinderei unſerer jungen Jahre zu lachen, eine Kin⸗ derei, die dennoch einen moraliſchen Zweck hatte. Sie ſehen es, Rita, mit einigen Worten, einigen Redensarten— in einem Monate hatte ich Sie dahin verleitet, mir Rang, Titel und Vermoͤgen zu opfern, mir, den Sie fuͤr ganz ungekannt und ohne alle Stellung hielten— bekennen Sie, wie hoch Sie geſpielt haben.— Moͤge Ihnen dies als Bei⸗ ſpiel dienen— und danken Sie dem Himmel, daß ich glucklicherweiſe nicht im Stande bin, Ihr An⸗ erbieten zu mißbrauchen oder zu benutzen, denn ich habe, noch vor meines aͤlteren Bruders Tode, meine Geluͤbde als Maltheſerritter abgelegt!—“ „Herr Graf,“ ſprach Rita, bleich wie der Tod, nach einem Augenblicke des Stillſchweigens,„das iſt ein ſchändliches Betragen;— eine Niedertraͤch⸗ tigkeit, die eines Edelmannes unwuͤrdig—“ „Ach, lieber Gott! Frau Herzogin, unſer alter Marſchall hat deren wohl andere begangen und ſeine Herzogskrone ſitzt immer noch gerade und feſt auf ſeiner ehrwuͤrdigen Stirn; und uͤberdies,“ ſetzte der Graf mit Hochmuth hinzu,„fallt nicht alles dieſes unter Perſonen von gleichem Stande vor?“ „Herr Graf!“ antwortete Rita mit einer zit⸗ ternden Stimme, die allein ihre angenommene kunſtliche Ruhe Lugen ſtrafte,„Sie thun mir ſehr wehe; allein zum Ungluͤck fuͤr Sie ſind Sie der Einzige, der es weiß, denn ich werde Alles laͤugnen; mein guter Ruf iſt, wie man Ihnen geſagt hat, 5 6 ausgemacht, und Sie gelten fur einen Geck!— Bedenken Sie das!“ „Doch!“ ſagte der Graf,„wenn ich richtig rechne, bleibt das Facit fur alle Welt ein junger Mann, der mit den Gunſtbezeigungen einer hub⸗ ſchen Frau uͤberſchuͤttet wurde;— ich habe naͤm⸗ lich Zeugen!—“ „Zeugen, mein Herr?“ ſagte Rita mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln. „Zeugen, meine Gnädige!— Der alte Ritter von Lépine, der ſich ſeit einem Monate in das La⸗ ternenhaͤuschen dieſes Thurmes verbannt und durch die in dieſen Saal fuͤhrende Thuͤre kein Wort un⸗ ſerer Unterredungen uͤberhort hat.— Gueméné haͤlt zu viel auf ſeine Geliebte, als daß er nicht ſeine Sicherheitsmaßregeln hätte nehmen ſollen.“— „O mein Gott, mein Gott!“ rief die Herzogin vernichtet; dann ſich erhebend ſagte ſie mit gluͤhend rothen Wangen und flammenden Augen, aber mit Wuͤrde im Ausdrucke zu Heinrich: „Ich ſetze nun voraus, Herr Graf, daß dieſes grauſame Spiel lange genug gewährt hat; Sie haben lange genug die einer Frau, und zwar einer Frau meines Ranges ſchuldige Achtung vergeſſen. Mein Perr, ich weiß nicht, ob Sie der Graf Vau⸗ drey, ob Sie es nicht ſind; was ich weiß, iſt, daß ich Sie hier allein, leidend und ungluͤcklich gefun⸗ den habe; daß ich beſtraft bin, wenn das tieß Mitleid, das ich füͤr ein wirkliches oder vorgeblich Ungluͤck empfunden, einem Verbrechen gleich be⸗ ſtraft werden ſoll— mein Herr, daß, wenn jene Liebe, die ich ohne Vorwiſſen fuͤr ein Weſen fuͤhlte, welches ich verlaſſen und ohne alle Huͤlfe auf dieſer Welt glaubte, auch ein Verbrechen iſt.. der haͤrte⸗ ſten Folter wuͤrdig.. daß ich dieſe Qualen er⸗ trage denn ich habe Sie geliebt, Heinrich,“ ſagte Rita, gegen ihren Willen weinend,„ich habe Sie geliebt mit aller Stärke des Mitleids, welches Ihr Ungluͤck mir einfloͤßte; ich habe Sie geliebt mit aller nur moöͤglichen Hoffnung, Sie zum Gluͤck⸗ lichſten der Menſchen zu machen— geliebt, Hein⸗ rich!— ach, ſo ſehr geliebt!—“ Heinrich fuͤhlte ſich tief bewegt.— „Und wenn ich her kam, Ihnen meinen Reich⸗ thum, meine Titel, meine Hand anzubieten, in der Meinung, Sie waͤren ganz unbekannt und arm.. wenn ich Sie ſo innig liebte wenn ich auch noch ſo ſehr liebe! denn ich liebe Dich immer noch,“ ſchluchzte Rita convulſiviſch, indem ſie auf die Knie ſank,„ich liebe Dich immer noch; was Du mir eben geſagt, es haͤtte mich toͤdten ſollen! aber es iſt Deine Stimme, die das ſagt, und ich liebe ſie zu ſehr, als daß ich ſterben konnte ach! und dann kann es ja gar nicht ſo ſein, ſiehſt Du, Hein⸗ rich glaube mir, glaube meiner Liebe! ich ſchwoͤre es Dir zu!— bei Gott!— wenn ſie mich nicht hätte verlernen laſſen, an Gott zu glauben; denn, Heinrich, auch das kommt noch dazu„ſieh, ich glaube nicht mehr an Gott, an nichts mehr— nur Dich habe ich auf der Welt... Wenn ich noch die Zuflucht zum Gebete haͤtte, wenn ich nur we⸗ nigſtens noch einen Namen anrufen konnte, waͤh⸗ rend ich gemartert werde! Aber nichts!— nein! nichts, gar nichts, als Verzweiflung oder Tod! Ich that Dir nie etwas zu Leide! Ich wollte Alles Dir opfern, was einer Frau von meinem Range nur moͤglich iſt... Ich lag zu Deinen Fuͤßen, ich liege noch da!— Ich war Deine Geliebte, ich wollte Dir ganz angehoͤren— Dein Weib wer⸗ den— nun denn, ich will es nicht mehr, Hein⸗ rich; ich will werden, was Du nur willſt, daß ich ſein ſoll— ſprich, Heinrich! aber liebe mich— nur liebe mich!“ Und weinend küͤßte ſie, wie berauſcht, Heinrich's Haͤnde;— eine Thräne entquoll ſeiner Augenwim⸗ per, ſein Herz brach im Buſen; er neigte ſich zu Rita hinab;— da ließ ein ſchlecht unterdruͤcktes Gelaͤchter hinter der Tapetenwand ſich hoͤren. Nur Heinrich vernahm es, und beſchaͤmt uͤber ſeine Ruͤhrung, gewann er ſeine ganze Kaltbluͤtig⸗ keit wieder und ſprach: „Stehen Sie auf, Frau Herzogin! Was giebt es denn ſo Verzweifeltes? Wir haben uns einen Monat lang geliebt; unſere Laune iſt verrauſcht, und ich ſagte Ihnen, was Sie vielleicht Andern geſagt haben, gnädigſte Frau: Stillſchweigen und Lebewohl!—“ „Glauben Sie es nicht! Das iſt eine ſchaͤnd⸗ liche Verleumdung!“ rief Rita außer ſich, ganz außer Faſſung.„Glauben Sie es nicht, Heinrich!“ und ſie ſchleppte ſich kniend zu ihm hin. Bei dieſer Bewegung erhoben ſich die Behaͤnge rings um den Saal und ließen die erſtaunte Her⸗ zogin laut auflachende und:„Bravo, Bravo!“ rufende Maͤnner und Frauen erblicken:„Bravo, Graf Vaudrey! Du haſt die Wette gewonnen! Der Streich iſt einzig!“ Die Herzogin erhob ſich, ſtieß den Grafen hef⸗ tig von ſich zuruͤck, ſtuͤrzte, in dieſem Augenblicke mit einer uͤbernatuͤrlichen Staͤrke begabt, der Thuͤre zu und verſchwand, ehe einer der Gäſte ſich ihrer Flucht widerſetzen konnte. „O ich Elender!— ſie wird ſich todten!“ rief Heinrich aus und wollte Rita nachſturzen. „Sich deswegen toͤdten?— Gehen Sie doch! Sie wird zu leben verſtehen!“ ſagte der Herzog von St. Ouen, waͤhrend er Heinrich hinderte, ihr zu folgen.„Meine Damen, vereinen Sie ſich mit mir,“ fuͤgte er, ſich zu ſechs allerliebſten Frauen⸗ zimmern, die den Tiſch umgaben, wendend, hinzu, „in Wahrheit, ich erkenne ihn nicht mehr, den ar⸗ men Graf Vaudrey— Was wuͤrde der Marſchall ſagen?“ „Die Lehre iſt vielleicht doch zu ſtark! Und dann,— wenn ich wirklich ihr erſter Geliebter waͤre?“ dachte Heinrich bei ſich, als ſeine Eigen⸗ liebe wieder laut wurde, als er ſich den Ausbruch von Rita's Zärtlichkeit zurief— „Ach was!“ ſagte er,„ich habe zu viel Beſchei⸗ denheit, um mir die Ehre einer Entlarvung zuzu⸗ ſchreiben!“ und dann, ſeine ganze Fröhlichkeit wie⸗ der gewinnend, fuͤgte er hinzu: „Ueberdies haben Sie Recht; wir ſind immer die Erſten— aber wie die Koͤnige, die Erſten des Taufnamens— und dann, meiner Treu! giebt es ja ſo viel Heinriche, daß es wie ein Gluͤcksſpiel iſt.“ Hierauf wandte er ſich an den Ritter von Lépine:„Ritter, Du wirſt es Gueméns ſagen, wie gewiſſenhaft ich mir ſeine Geliebte gewonnen habe!“ „O gewiß, Du haſt mich mit Recht verdient,“ ſagte der verfuhreriſcheſte Wettpreis von der Welt, Heinrich's Arm erfaſſend. „Sage ihm dies Alles nur bei Tiſche, Lelia!“ rief der Ritter,„ſpeiſen wir, ſpeiſen wir!“ „Ja, ſpeiſen wir!“ rief Alles mit einer Stimme. Sechſtes Kapitel. Bis ich über dieſe Ungewißheit aufgeklärt bin, will ich den Irrthum beibehalten, der mir geboten ward. Shakeſpeare, die Irrungen. A. M. Eine Abendmahlzeit. Und man ſetzte ſich zum Souper. — Aber zu welch einem Souper!— einem ele⸗ ganten Souper, fuͤr Speiſe⸗ und Weinkenner, aus⸗ gelaſſen, verſchwenderiſch, wie jedes richtig verſtan⸗ dene Souper ſein muß; denn das Abendeſſen ver⸗ hält ſich zur Mittagstafel, wie der witzige Geiſt zum geſunden Verſtande, der Liebhaber zum Gat⸗ ten, die Poeſie zur Proſa. Dann ſpeiſt man Mittags bei dem allgewoöhn⸗ lichen Scheine des Tages; aber zum Souper— ach! zum Souper bedarf es jener goldglaͤnzenden Helle der Wachskerzen, die allein erleuchten, Colo⸗ rit verleihen, die Toilette einer Frau vervollſtandi⸗ gen kann; die an ſich ſchon eine gewiſſe hinreißende und ausgelaſſene Trunkenheit der Freude einzuflo⸗ ßen vermag. Edle und anbetungswuͤrdige Helle, die du dich in Lichtſtrahlen brichſt, in Feuerfarben erglänzeſt, in Strahlenbuͤſcheln blitzeſt, einzig und allein gleich⸗ ſam um dieſe von dir geliebten Gegenſtände noch mehr zu heben, die ſchwarzen, ſie umgebenden Schatten noch dichter zu machen! Statt dich, bleich und truͤbe, uͤber Alles und aller Orten auszubreiten, wie das Zwangslicht des Tages, ohne Vorliebe und ohne Auswahl, liebſt du es, die feingeſchliffenen Kryſtalle blitzen zu laſſen — mit Wohlgefallen auf dem funkelnden, den Blondinen ſo theuern Opale zu ſpielen, oder auf dem Diamantſtern zu ſtrahlen, der an der Stirn der Bruͤnetten funkelt;— auch leuchteſt du wie⸗ der auf der ausgezackten Kante goldener Spangen — brichſt deine Strahlen ſanft auf den gewaͤſſer⸗ ten Falten eines reichen Stoffes; alles Uebrige aber iſt in jenes liebelockende Halblicht oder in eine tiefe Dunkelheit getaucht. So iſt es jetzt in dem großen, vormals ſo ein⸗ ſamen Saale des Thurmes von Koat⸗Vön! Erleuchtet auf dieſe Weiſe, war es unmöglich, etwas Koketteres, etwas Ueppigeres zu ſehen, als jene verfuͤhreriſchen Mädchen, von Edelſteinen be⸗ deckt, die ſich auf die wogende Feder ihrer blonden gepuderten Haarfriſuren hefteten und in Guirlan⸗ den von Rubin und Smaragd auf die niedlichſten Haͤlſe von der Welt, auf ſo fleiſchige Hälſe mit durchſichtigen Adern herabfielen.— Bei ihrem Anblick ſchon waͤre man, meiner Treu, verſucht worden, dieſe langen und duͤnnen Taillen zu umſchlingen, deren feine Zeichnung den Uumfang der Halbreifröcke noch mehr hervorhob.— Man fuͤhlte ſich verſucht, dieſe weißen und runden Arme zu kuͤſſen, welche ſo friſch aus dem Bauſch reicher Spitzen hervorquollen, die mit der feinſten Stickerei bis an das Gruͤbchen des Ellenbogens reichten.— Ja, wahrhaftig! es war Zeit, dieſe weiten Klei⸗ der von ſchwerem, mit vielfarbigen Blumen wie das Gefieder der Holztaube gebluͤmtem Atlas zu zerknittern; dieſe langen Kleider, welche einen ſeide⸗ nen Strumpf mit goldenem Zwickel und kleine Sam⸗ metpantoffeln, ſchwarz mit hohen Abſätzen, Alles von blitzenden Flitterchen uͤberſäet, ſehen ließen. Man mußte bis auf jene unbaͤndige Fluth von azurblauen oder ſcharlachenen Baͤndern gehen, wel⸗ che die engen Leibchen von Silbergaze bunt ſchmuͤck⸗ ten, mußte das nackte Fleiſch jener ſchoͤnen Achſeln von der Kaͤlte zittern fuhlen, deren Alabaſter durch kleine Schminkpflaͤſterchen noch erhoͤht wurde, die, ſchwarz wie Ebenholz, auf dem weißen Grunde an⸗ gebracht waren. Man ſehe die brennende Wolluſt in den halb⸗ geſchloſſenen Augen, ſo leuchtend bei dem Gegen⸗ ſatze der purpurnen Wangen— und ſo muthwil⸗ üg heiter durch den Geiſt der Weine!— Sehet! denn dieſe guten Maͤdchen verſchmähen es nicht, 6 ₰ das lebendige Roth ihrer Lippen recht oft unter dem weißen Schaume des ſprudelnden Weines zu ver⸗ ſtecken. Froͤhlichkeit!— Trunkenheit!— Auf, zu einer entzuͤckenden Orgie;— und luſtig und toll!— meine gnaͤdigen Herren! Nicht doch!— ſehen Sie, jene ausgelaſſenen, hinreißenden Feſtgelage voll Leben, jene herrlichen, theuern Orgien, deren frohliches, aber fernes An⸗ denken noch zuweilen uͤber unſre vergeudete Jugend leuchtet— jene Orgien gehoͤren dem funfzehn⸗ bis achtzehnjährigen Alter, wenn man aus dem Ka⸗ dettenhauſe oder der Akademie tritt, wie man in der alten Zeit ſagte— Ach! ja, da iſt Alles in dieſen Orgien voll freien ungebundenen Frohſinnes, Alles Verzuͤcken, Vorſpiel zum Gluͤcke! Was köͤmmt auf die Speiſen an? man wirft die Schuͤſ⸗ ſeln zum Fenſter hinaus— was kuͤmmert uns der Wein? man zerbricht die Flaſchen— was geht uns das Wirthshaus an, wenn der Nachtwächter uns darin faͤngt? Was die Frauen betrifft, ſo iſt irgendwo, ich weiß nicht von wem, geſagt worden: „Es giebt gar keine häßlichen Weiber fur Monche und Schuͤler!“ Kurz, eine Orgie dieſer Zeit war ein fröhliches, ſorgenloſes, unzuͤchtig entbloͤßtes Freudenmaͤdchen, welches die Laternen zerbricht, die Wache ſchlaͤgt, im Gefaͤngniß ausſchläft, wie eine Verruckte lacht und nur die Stunde erwartet, wieder von neuem anzufangen. Wenn man ſpaͤter von Gelagen geſättigt iſt, ſo feiert man deren wohl auch noch, aber man iſt ſtill, wähleriſch, befangen; man haßt das Geraͤuſch; man wird zum Leckermaul, zum Schwaͤtzer; man zergliedert die Liederlichkeit, man legt ſie aus; das iſt das kaltbluͤtige Laſter, ohne Ueberſprudeln, was ſich fur Leute ſchickt, welche mit ſich ſelbſt zu Ra⸗ the gehen und keine Kinder mehr ſind. Dann hat man auch Maͤdchen zum Abendeſſen, weil es ſo hergebracht iſt; Mädchen von unterhaltender Ein⸗ falt oder von kurzweiligem Cynismus; aber man ſpricht wenig mit ihnen; man hat ſie ſo zum Prunke, wie einen Confectaufſatz, eine reiche Schuͤſſel. Dieſe ganze lange Abſchweifung fuͤhrt uns aber auf die Vermuthung, jenes Abendeſſen werde viel⸗ leicht eine ſehr ruhige Fröhlichkeit athmen, vielleicht ſelbſt manchmal von einem duͤſtern, traͤumeriſchen und politiſchen Weſen ſein; denn fuͤr verſtaͤndige Leute mußte die Zukunft duͤſter erſcheinen, und das Aufſtrahlen der amerikaniſchen Unabhaͤngigkeit als der erſte Blitz, der den ſchon drohenden Himmel durchkreuzte. Die Gaͤſte dieſes Abendeſſens waren nämlich: der Graf von Vaudrey; der Ritter von Lépine, Schiffscapitain; der Marquis von Rullecourt, Oberſt der Koͤnigs⸗Dragoner; der Herzog von St. Ouen, Rittmeiſter der leichten Reiterei, bevor Herr von . St. Germain die rothe Leibgarde ſo unklug umge⸗ ſtaltet hatte; der Vicomte von Monbar, Garde⸗ Oberſt, und endlich Baron von Mallebranche, Ma⸗ jor von der Artillerie.* Die ſechs Frauen waren die Leichtfertigſten von der Oper, die damals an der Tagesordnung waren. „Gewiß iſt mein Preis wenigſtens allerliebſt,“ ſagte Heinrich zu Rullecourt, auf Lelia zeigend, „ſind wir nicht Thoren? Wir martern uns mit galanten Streichen, mit Sorgen, mit Berechnun⸗ gen, um betrogen zu werden, wenn wir Geliebte aus der großen Welt nehmen; wenn wir auch huͤbſche Frauen beſitzen, die uns ohne alle Unkoſten täu⸗ ſchen, ſo verdienen wir doch, was uns widerfährt.“ „Da iſt gar kein Zweifel,“ rief der Ritter von Löpine,„die Frauen der großen Welt taͤuſchen uns nur, um die Sittlichkeit zu raͤchen.“ „Das ſpricht der Groll gegen die Herzogin aus Ihnen,“ ſagte St. Ouen. „Nun, wahrhaftig! ſoll ich denn keinen hegen, nachdem ich mich einen ganzen Monat ins Later⸗ nenhaͤuschen dieſes Thurmes verbannt habe?— Mußte man denn nicht ganze Packladungen auf fuͤrchterlichen Wegen herbeikommen laſſen, um die⸗ ſen Saal in Stand zu ſetzen, Sie bei Ihrer An⸗ kunft heute Morgen zu St. Rénan zu empfan⸗ gen?— Ach, waͤren meine Anſpruche nicht einſt von der Herzogin ſo hart zuruͤckgewieſen worden—“ „Und wir Andern! Hat uns denn nicht auch das Vergnuͤgen hergefuͤhrt, der Niederlage unſrer Feindin beizuwohnen?“ ſogten die Maͤnner. „Alſo nur fuͤr mich allein ſoll ich kein Erbar⸗ men finden?“ rief Heinrich,„fuͤr mich, euern Raͤ⸗ cher, der ich hier einen Monat von zweien verliere, die ich in Frankreich zu verleben habe! Ach! hätte ich mich nicht ſo lebhaft fuͤr dieſe Schelmin, die Lelia, intereſſirt, hätte ich nicht eines Glanzſtrei⸗ ches nothig gehabt, um meine erfolgreichen Thaten in der Welt vorzubereiten— hätte ich nicht ſaͤen muͤſſen, um zu ernten, wie der Weiſe ſagt—“ „Ich zweifle ſehr,“ fiel ihm Mallebranche da⸗ gegen ein,„daß Dein verwegener Streich bei den Weibern viele Myrthenbluͤthen an der Sonne der Bewunderung aufbluͤhen laſſen wird, wie der Narr, der Dorat ſagen wuͤrde.“ „Welch ein Irrthum, guter Mallebranche! Die Frauen lieben uns immer des Kummers halber, den wir ihnen machen, und zwar aus Ziererei. Die Thraͤnen kleiden ſie ſo gut, verleihen ihren Au⸗ gen ſo viel Glanz! Und dann iſt ein huͤbſcher Hals ſo reizend, wenn er unter Schluchzen ſich bewegt!— Gewiß, der Schmerz iſt ihre Vertheidigung und Staͤrke; daher weiß auch eine huͤbſche Frau, die ihren Beruf erkennt, daß nichts ſie weniger kleidet, als das Gluͤck man muß das ewige Laͤcheln nur Haͤßlichen uͤberlaſſen, die weiter nichts als ſchoͤne Zäͤhne beſitzen die durchaus Garſtigen behelfen ſich mit der Tugend!—“ „Er hat Recht,“ ſagte Lelia,„wohlverſtanden, zum Theil. es giebt Frauen, die es gern ha⸗ ben, geſchlagen zu werden; einer meiner Freundin⸗ nen behagt dieſer Beweis von Zuneigung ſehr, und wenn ſie mit zerriſſener Haube, mit zerrauftem Haar und faſt ganz entbloͤßtem Koͤrper einhergeht, dann erſt, ich ſchwöre es Euch, gewinnt ſie ein be⸗ deutendes Uebergewicht.“ „Und Du haſt keine Gewiſſensbiſſe, Du Ver⸗ brecher?“ fragte Corally, eine liebliche Blondine, fuͤr welche, wie man ſagte, Herr von Bouillon 500,000 Livres verſchwendet hatte.. „Ach ja! die Gewiſſensbiſſe!“ ſchrie Alles mit einer Stimme. „Was, Teufel! ſoll ich Gewiſſensbiſſe haben? Habe ich, Vaudrey, mich nicht aufgeopfert? Habe ich ihretwegen die Komodie nicht beſſer geſpielt, als es ſelbſt der Schlingel, der Molé, gethan haͤtte?— Peſt! rechnet Ihr das fur nichts?“ „Aber wenn ſie Dich liebte?“ „Wenn ſie mich liebte! Nun freilich, eines von zwei Dingen muß ſein— entweder ſie liebt mich noch, und das waͤre, nach meinem Betragen, unwuͤrdig, und dann verdiente dieſe unmoraliſche Schwäche gar kein Erbarmen; oder ſie haßt mich und ſinnt auf Rache. Wie ſie es nur immer ver⸗ mag, unſre Rollen ſind gleich; uͤberdies fange ich noch endlich an, mich zu uͤberzeugen, daß ſie eine falſche und liſtige Buhlerin iſt, die ſich uͤber zwan⸗ —— — zig arme Teufel luſtig gemacht hat, wie ich mich über ſie; und dann iſt mein Verbrechen nur Ge⸗ rechtigkeit.“ „Aber, wenn ſie nun keine Buhlerin iſt?“ „Ach, was: aber!— Nun, ſo will ich mein Ehrenwort, mein perſonificirtes Ich ſelbſt dafur verbuͤrgen; was thut mir das? Was kann ſie un⸗ ternehmen? Mich morden wollen? Nun, beim Him⸗ mel, ich habe oft genug einem Tode getrotzt, der weder von ſo guter Stelle, noch von einer ſo ſcho⸗ nen Hand kam— ſprechen wir alſo von andern Sachen!— Von der Oper!— Was macht die Guimard?“ „Suchet die auf der Gnadenliſte!“ antwortete St. OQuen. „Wie? ſie gehoͤrt immer noch Herrn von Ja⸗ rente? Und hat ſie ſich im Aeußern veraͤndert?“ „Immer noch mager, wie eine Seidenraupe!“ rief Virginie,„und gleichwohl ſollte ſie auf einem ſo ſaftigen Blatte fett werden!“ „Zum Teufel!“ ſagte Heinrich,„Sophie Ar⸗ nour wuͤrde Dir das Wort beneiden, Mädchen! Ha, a propos, Sophie! Und die Italiener; was machen Die?“ „Sie ſpielen drei Mal die Woche; aber der ganze Haufe beſitzt eine entſetzliche Keuſchheit— das lebt ganz unter ſich; Sänger und Sängerin⸗ nen, Alles iſt verheirathet; dennoch hat der Mar⸗ ſchal von Lorges ſo eben Colombe dieſer ſchoͤ⸗ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 6 nen und unſchicklichen Ehecolonie entfuͤhrt,“ ſagte Lelin. „Und die Duthé?“ „Immer noch in der Mode; aber die Quincy, ihre Kammerfrau, wetteifert mit ihr.— Beim letz⸗ ten Long⸗Champ hatte ſie einen Zug von vier herr⸗ lichen Englaͤndern mit einem rothſaffianenen Ge⸗ ſchirr, mit Silber geſtickt und mit Rhein⸗Perlen⸗ muſcheln beſetzt; allein man muß ſagen, der Poli⸗ zei⸗Lieutenant hat Ordnung geſtiftet!—“ „Und Roſalie?“ „In Deutſchland,“ ſagte Lelia.— „Wie,“ entgegnete Heinrich,„ſie hat ihre ſchoͤne petite maison zu Thermes verlaſſen, in welchem ich zwei tauſend Louisd'or verſchwendet habe?“ „Nein, nicht ſo!— ich verſtehe unter Deutſch⸗ land den Gefandten, den Grafen von Merey⸗Ar⸗ genteau, der ſie unterhaͤlt— er iſt ganz toll auf ſe „Und die Granville?“ fragte Heinrich, der mit ſeinen Erinnerungen noch nicht zu Ende war. „Ah! Granville!“ antwortete Llia;„der iſt ein gutes Abenteuer mit einem Finanzier und dem ſchoͤnen Lauzun begegnet.“ „Lauzun— geht doch—“ ſagte Virginie,„der iſt Moͤnch und hat Herzensabenteuer!— er rich⸗ tet ſich zu Grunde!—“ „Das war vor ſeiner Verirrung,“ erwiederte Lelia,„die Granville war, wie Ihr Alle wißt, ſchön wie ein Engel und wurde von Mouron unterhal⸗ ten. Der neugebackene Edelmann verabſcheute Lau⸗ zun und hatte hundert Mal von ihr verlangt, daß ſie den ſchoͤnen Herzog aufgeben ſollte; aber ſie hielt ſich mit allen Kraͤften, ſo daß einmal der Finanzier, benachrichtigt, wie ſich Lauzun bei ſei⸗ nem Abgotte befinde, zu ihr geht, und ihre zaͤrt⸗ liche Unterhaltung unterbricht. Lauzun, erzuͤrnt, behandelt den Mouron wie einen Flegel, einen Un⸗ verſchämten, einen Schuft, ſtößt ihn in ein Neben⸗ zimmer, ſchließt die Glasthure deſſelben hinter ihm zu, ſteckt den Schluͤſſel in ſeine Taſche, macht den Finanzmann zum Zeugen eines Auftrittes, zu dem man gewoͤhnlich keine zu nehmen pflegt, pruͤgelt dann noch Mouron den Ruͤcken voll und wirft ihn auf die Straße. Seitdem nennen wir auch unſte Unterhalter nicht anders mehr als Mourons.“ „Das iſt herrlich,“ riefen alle aus Einem Munde. „Aber das Beſte iſt,“ ſagte Lelia,„daß einen Monat ſpaͤter Mouron dem Lauzun 2000 Louis⸗ d'or zu ſeiner Reiſe nach Ungarn lieh.“ „Das iſt ſehr einfach, meine Liebe,“ ſagte Rulle⸗ court,„der Einfaltspinſel mußte wohl den Herzog von Lauzun dafur entſchädigen, daß dieſer es ſei⸗ ner nicht unwuͤrdig gefunden, in ſeinem Geſchmacke mit einem Mouron zuſammenzutreffen.“ „Ach, da wir gerade von Lauzun ſprechen, und die Herzogin von S.... 6* „Von der Herzogin, lieber Graf, kann ich Ih⸗ nen etwas Aehnliches zum Beſten geben, wie Lelia von der Granville; es handelt ſich um die comédie frangaise.“ „Was ſagen Sie?“ „Der Lump, der Cairval, iſt naͤmlich an Lau⸗ zun's Stelle getreten.“ „Ah!“ ſagte Heinrich,„alſo machen ſich die Frauen gar an ſolche Art— an Schauſpieler!“ „Haͤufig, haͤufig, und da Lauzun allein um das Geheimniß Clairvals mit der Frau Herzogin von S. wußte, boten der Herzog von C. und die Herzogin von G., ſeine Schweſter, Alles auf, von Lauzun Beweiſe fur jene Liebſchaft zu erhalten; er weigerte ſich deſſen, allein Herr von C. erbrach ihr Cabinet, man fand darin Clairvals Briefe, und die Herzogin wurde ins Kloſter geſteckt.“ „Seht da den Unterſchied, ihr Maädchen,“ meinte Heinrich zu den Damen von der Oper,„man wird Euch ſolcher Lumperei wegen nie ins Kloſter ſchik⸗ ken: beklagt Euch nun noch uber Eure Lage!“ „Wir beklagen uns auch nicht; wir klagen nur uͤber die Nebenbuhlerei; die„vornehmen Damen pfuſchen uns ins Handwerk,“ wie die Geliebte Ri⸗ chelieu's ſagt.“ „Ach! Richelieu!— weißt Du, was mit dem vorgeht?“ fragte Rullecourt Heinrich,„er iſt im Begriff, zu heirathen!“ „Wie ſo denn?—“ „Ich weiß nicht; aber das muß eine grauſame Rache ſein, denn ſeine Frau iſt abſcheulich haͤßlich!“ „Aber was vielleicht noch ſpaßhafter iſt, als das Geſicht ſeiner Frau, iſt die ruhrende Art und Weiſe, mit welcher er das Univerſalvermächtniß ei⸗ ner ſeiner ehemaligen Maitreſſen empfing, die ſei⸗ netwegen ihre ganze Familie enterbte.“ „Ach, bei Gott!“ rief der alte Marſchal aus, „wenn alle Frauen, mit denen ich eine Nacht ver⸗ lebt, daſſelbe thaͤten, ich wurde reicher als der Koͤnig!“ „Und die Art, wie er ſeinem Sohne ſeine Ver⸗ heirathung anzeigte,“ fiel Rullecourt ein. „Herr Herzog von Fronſac,“ ſagte Richelieu zu ihm,„ich beſitze mehr Höflichkeit als Sie; Sie haben mir Ihre Heirath nicht gemeldet, und ich zeige Ihnen die meinige anz Sie haben keine Kin⸗ der, und ich rechne darauf, trotz meiner achtzig Jahre, eines zu bekommen, welches ein beſſeres Subject als Sie ſein wird; allein, Herr Herzog, das beunruhige Sie weiter nicht; wir wollen einen Abbé daraus machen.“—„Wahrhaftig, Herr Marſchall,“ entgegnete Fronſac,„Sie thaͤten beſſer, wenn Sie einen Cardinal daraus machten; denn die haben der Familie nicht geſchadet!“ „Ach, Richelieu! Richelieu!“ ſagte Mallebranche, der nuͤchtern geblieben war, lebhaft,„Richelieu, du demokratiſcher Cardinal! Wohin haſt du uns ge⸗ bracht!“ „Wohin? Nun, wahrlich, zu unſerm Ruin, zum Sturz der Monarchie, zu dem Frankreichs!—“ ſagte Rullecourt, langſam ſein Glas wieder fullend. „Es iſt wirklich wahr, wie der da ſagt,“ aͤußerte St. Duen,„Richelieu hat das Lehnweſen vernich⸗ tet, und die Höflinge ſind an die Stelle der Lehn⸗ manner gekommen, und an die Stelle der Höf⸗ linge— meiner Treu, ich weiß nicht, was!— Etwas Scheußliches und Laſterhaftes— ein Mit⸗ telding von Tiger und Affen— wie Einer die Philoſophen nannte...“ „Ach, die Philoſophen! Wahr iſts, daß ſie ihr Ziel erreicht haben— es konnte nicht beſſer geſche⸗ hen—“ ſagte Monbar, während er in kleinen Zu⸗ gen trank,„ſie haben die Monarchie verſchlungen, wenigſtens fehlt nicht viel daran, das iſt ausge⸗ macht;— aber jetzt, wo das Ungeheuer vollge⸗ ſtopft iſt, darf es nicht mehr ſchreien;— wenn die Rieſenſchlange voll iſt, ſchlaͤft ſie— moͤgen ſie ihre Monarchie ausſchlafen— aber uns mit ihren Buͤchern verſchonen!“ „Ach, geht doch“— ſchrie Mallebranche Philoſophen die Monarchie umſturzen? B meine Perren, das heißt ihnen zu viel E thun!— Die Encyklopädie ſoll Karls de ßen Thron umwerfen? Das wäre zu ſpaßh War dieſe Monarchie nicht ſchon ſeit dem c erſchuͤttert, den Luther der Kirche Roms verſetzte Iſt ſie nicht mit Ludwig XIV. verblichen, und durch dieſes großen Koͤnigs Fehler?— Und weil der in ſeinem Laufe dahinſtuͤrmende Loͤwe zerſchmet⸗ tert in den Abgrund faͤllt— meinen Sie, ihn hätte das Kraͤchzen der ſeinen Leichnam umkreiſenden Raben getoͤdtet?— Die Philoſophen ſollen Frank⸗ reichs Koͤnigthum vernichten? Nein, neinz ſagen Sie das nicht! Teufel, ſie wuͤrden es ſonſt glau⸗ ben,— und dieſe Lumpenkerls wuͤrden mit der Rolle von Reichszerſtörern recht zufrieden ſein— das unreine Gewuͤrm, das im Grabe ſich kruͤmmt, wuͤrde vor Freude aufſchwellen; glaubend, es habe den kräftigen Krieger gemordet, den man in ſeiner Eiſenruͤſtung in den Sarg legte.“ „Seht doch einmal,“ ſprach St. Ouen,„wie er das Philoſophengeſchmeiße angreift; ſollte man nicht meinen, er habe ihre letzte Schmaͤhſchrift uͤber unſte Seemacht geleſen?“ „Das iſt eine Schande mehr, ihr Herren!“ äußerte Rullecourt,„und man ſollte ſolche Luͤm⸗ mel durchprugeln, wenn ſie den Stock werth waͤ⸗ ren, den man an ihren Rippen zerbraͤche!“ „Aber was erſt ſchaͤndlich iſt,“ bemerkte Malle⸗ Franche,„das iſt, wie ſie im Namen Frankreichs edeln Muth beſchimpfen, die Elenden! Im Namen Frankreichs, hoͤren Sie wohl? ſo daß ein Engländer in einem fran öſiſchen, in Frank⸗ reich gedruckten, verkauften, verbreiteten Buche zei⸗ gen kann:„an dem und dem Tage waren die Franzoſen feig).“ „Und das iſt nicht wahr,“ entgegnete Rulle⸗ court,„man iſt nicht feig geweſen, allein diejeni⸗ gen, welche ſich brav gehalten haben, waren von einer Claſſe, die man um jeden Preis aus der Volksgunſt verdraͤngen mußte;— hat das Haupt der Partei das Signal gegeben, ſo ſtimmt die ganze Rotte in den verlangten Ton ein— ja, und waͤh⸗ rend kuhne und hochherzige Edelleute ihre Bruſt dem engliſchen Kartätſchenfeuer entgegenſtellen, ſchmaͤht der zuſammengeraffte Haufe von Schwätz⸗ ern, erbärmlichen Advocaten, auf dem Stroh ihrer Dachkammern hockend, ungeſtraft auf ſo viel Kuͤhn⸗ heit und Muth.—“ „Ja, die Philoſophen,“ ſagte Lelia,„das ſind die Eſſer— ich ernaͤhre funf, und ſie nennen mich Venus!“ „Geſtatte ihnen noch mehr, und ſie erheben Dich zur Minerva, liebes Kind,“ erwiederte der Her⸗ zog von St. Ouen;„Herr von Voltaire, der doch gewiß ein Philoſoph war, hat ſich noch ganz ande⸗ ₰ rer Redensarten gegen die Pompadout und die „bedient, um ein„von“ und die Wuͤrde ei⸗ ammerjunkers zu erlangen.“ *) Man ſehe die ſeit dem Gefecht bei Hueſſent, der Einnahme von Markinique u. ſ. w. erſchienenen Bücher und Schmähſchriften. 4 1 1 „Solcher Philoſophen ſtreiten ſich drei, meine Mutter zu ehelichen,“ rief Virginie,„allein ſie will keinen von ihnen,— ſie bleibt bei ihrem Stande; Ihr muͤßt wiſſen, mein Vater war Leibkutſcher des Prinzen von Lambesc.—“ „Deine Mutter hat das Herz auf dem rechten Flecke, Virginie,“ ſagte Rullecourt,„und von dieſem Tage an ſichre ich ihr 50 Piſtolen Penſion zu!“ „Ach! was ſind das fuͤr Ungeheuer, die Philo⸗ ſophen!“ meinte Corally,„ſagte mir nicht einmal einer ſogar, es werde der Tag kommen, wo es keine Oper mehr geben wuͤrde?“ „Keine Oper mehr!“ ſagte ich zu ihm;„keine Oper mehr? Aber, mein Herr— wenn es keine Oper mehr gaͤbe, zu was wuͤrde es dann nuͤtzen, ein huͤbſches Maͤdchen zu ſein?“ „Sie hat wahrhaftig Recht,“ ſprach Heinrich, „unterdruͤckt die Oper, und es bleibt nichts als die Natur mit ihren huͤbſchen Maͤdchen auf dem Arme — Verwirrung entſteht— ohne Ausweg.— Aber das iſt die burgerliche Haushaltung in ihrer ganzen Reinheit, mein Kind!“ „Das fuͤhrt uns ganz herrlich auf eine Suͤnd⸗ fluth von jungen, huͤbſchen Maͤdchen,“ meinte St. Ouen. „Ein Philoſoph— ha! ich weiß wohl,“ ſagte Virginie,„das iſt einer, der nichts hat und alle Andern beneidet, denn ich beſinne mich, daß eine ſolche Kellerratte, die aus St. Lazarus kam, ein⸗ mal zu mir ſagte: Der Beweis, daß ich Philoſoph bin, iſt, daß ich im Schmutze wate und Buͤcher in meinen Beinkleidern habe, waͤhrend Ihr fahrt und von oben bis unten an eurem Kleide Stickereien tragt— das iſt eben Ungerechtigkeit— denn Stickerei und Kutſchen ſind fuͤr alle Welt geſchaf⸗ fen.— Gott bewahre, antwortete ich, vielmehr der Schmutz und das Elend ſind fuͤr Jedermann vorhanden. Ihr habt Euern Theil, alſo ſchweigt!“ „Darin hatte er doch Recht,“ erwiederte Lelia, „dieſe unſinnigen Stickereien, die man unten am Kleide anbringt, dienen zu nichts, als die Glieder wund zu reiben.“ Bei dieſer Naivetaͤt bemaͤchtigt ſich ein tolles Gelaͤchter der Tiſchgaͤſte; die muthwillige Froͤhlich⸗ keit theilte ſich Allen mit; man trinkt; man be⸗ rauſcht ſich, man ruͤckt naͤher an einander, man druckt ſich; die Kopfe erhitzen ſich und man ſpricht zuletzt engliſch; womit man damals in dem Roth⸗ waͤlſch der ausſchweifenden guten Geſellſchaft die unzuͤchtigſte und derbſte Sprache bezeichnete. .— Zweites Buch. Siebentes Kapitel. Ich grüße den gelehrten Doctor. Göthe, Fauſt. Einſamkeit. Ein ſchwacher Roſenſchimmer verkuͤndete kaum der Sonne Aufgang. Die Sterne blitzten noch am Himmel; eine ſcharfe und friſche Morgenluft rauſchte leicht in den Blaͤttern. Alles athmete Schweigen und Ruhe, und die Atmoſphaͤre war von dem aromatiſchen Duft jener koſtlichen Pflan⸗ zen geſchwaͤngert, die nur den koſenden Nachtwin⸗ den die Schaͤtze ihrer Wohlgeruͤche anvertrauen. Ganz am Ende des Städtchens Rénan, an dem Ausgange ſeiner duͤſtern und krummen, von hohen Haͤuſern mit hervorſpringenden Balken be⸗ ſetzten Gaſſen, dehnte ſich, ungefahr hundert Schritte vom Thore, ein ziemlich großes Gemaͤuer aus, welches dichte Gebuͤſche von Bäumen rings umgrenzten. Dieſer in eine Menge von Raͤumen abgetheilte Bau war mit Epheu, Winde und Mauerraute be⸗ kleidet, die, in den Ritzen Wurzel ſchlagend, allent⸗ halben in Buͤſchen, Guirlanden und Kronen von verſchiedener Farbe bluͤhten. Wenn man eine kleine, faſt ganz von Wurm⸗ ſtichen durchlöcherte Thuͤre, die man im Winkel dieſes Gemaͤuers erblickte, aufſtieß, befand man ſich in einem wildverwachſenen, ganz bedeckten Gar⸗ ten, der faſt ohne alle abgeſteckte Gaͤnge war. Hatte man ſich aber nur erſt, dem in dieſem ſtar⸗ ken Dickicht ſich kreuzenden Gezweige zum Trotz, durch dieſe abſchreckende Einzaͤunung hin durchgear⸗ beitet, ſo war auch das dem Blicke entgegentretende Gemaͤlde wohl geeignet, fur das muͤhſame Unter⸗ nehmen reichlich zu entſchaͤdigen. Denn fuͤr einen Freund der Einſamkeit war dies eine bezaubernde Gegend. Stellt euch ein kleines, ein Stockwerk hohes Haus vor, das, von allen Seiten frei, mitten auf einem dichten Raſenplatze ſtand, der, gruͤnend bis an die Mauern, eine ziemlich große Terraſſe bil⸗ dete, ganz von Roſen, Jasmin und Geißblatt be⸗ deckt.— Aber die Daͤmmerung war bereits dem Tage gewichen; ſchon röthete die Fluth eines goldigen Lichtes die hohen Baumwipfel dieſes lachenden und ſchweigſamen Gartens. Und in dem Maße, wie die Sonne höher am Horizont heraufſtieg, began⸗ nen auch die Blätter der im Morgenthau gebade⸗ ten Blumen zu glaͤnzen; jedes Grashaͤlmchen wiegte ſeine funkelnde Perle. Und dann verbreitete ſich ein gewiſſes verwor⸗ renes und endloſes Geraͤuſch in der Luft; ein ge⸗ wiſſes herumſchweifendes Summen verkuͤndete das Wiedererwachen der Natur; und bei dieſem Auf⸗ rufe einer erhabenen Weltharmonie ſchuͤttelten die Schmetterlinge den bunten Staub von ihren Fluͤ⸗ geln, Myriaden von leuchtenden Inſecten ſchwan⸗ gen ſich auf, wie ein Gewoͤlk von Sternchen; die Voͤgel ſangen im Laube der Gebuͤſche, und der zit⸗ ternde Vorhang von durchſichtigem Dunſt, der den Wipfel der Eichen und Pappeln badete, ſchwand almälig, und ihre gruͤnen Blätter zeichneten ſich ſchaͤrfer auf dem blauen Hintergrunde des Him⸗ mels ab, der mit jedem Augenblicke lebhafter und reiner wurde. Die Thuͤr im Erdgeſchoſſe jenes Haͤuschens oͤffnete ſich, und das Tageslicht erhellte ein kleines Vorgemach, welches dieſe Wohnung in zwei Theile ſchied. Die Perſon, welche dieſe Thuͤr offnete, war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, gekleidet in einen ſehr reinlichen Berkanrock von dunkler Farbe; dieſer Mann trug kein gepudertes, ſondern ſorgfaältig in einen Knoten geſchlungenes Haar, — 0 was man damals mit dem Namen erapaux be⸗ zeichnete, war mager, zuſammengeſchrumpft und vom Alter gekruͤmmt, uͤberdies auch noch fuͤrchter⸗ lich mit Pockengruben gezeichnet, denn zahlloſe Narben durchſchnitten ſein elendes Geſicht. Er hielt einen Teller und einen Napf mit dicker, noch rauchender Milch in der Hand, welche er ſorg⸗ ſam umruͤhrte. Er naherte ſich einer dieſes Vor⸗ zimmer mit dem andern verbindenden Thuͤr, hielt ſein Ohr an deren Schloß, lauſchte einen Augenblick— dann, als er nichts vernahm, zog er ſich auf den Fußſpitzen wieder in die Kuͤche zuruͤck, die gerade gegenuͤber lag. Drei oder vier Mal wiederholte er dies, aber bei jedem Wege nahm ſein Geſicht einen erhoͤhten Ausdruck von Beſorgniß an, und ſeine Geberden zeugten von einer innern heftigen Ungeduld, die er jedoch zu mäßigen ſuchte; ſo fuͤrchtete er dem An⸗ ſcheine nach, das geringſte Geräuſch zu machen.. Als er zum fünften Male, immer die Milch⸗ ſchuſſel in der Hand, vorſchritt.. oͤffnete ſich end⸗ lich die Thuͤre, und er ſtieß einen kleinen Schrei freudiger Ueberraſchung aus, indem er ſagte: „Mein Gott! lieber Bruder, was ſeid Ihr doch heute ſpät aufgeſtanden! Und wie war u ich!— Hier iſt die Milch, mein Bruder!.. ge⸗ nießt ſie nur gleich, ſie iſt noch recht warm.. Bruder, lieber Bruder!“ ⸗ 4 — 9 Abér der Bruder hoͤrte nicht, und ſchritt nach dem Garten, während der andere Bruder, immer die Schuͤſſel noch haltend, ihm furchtſam folgte. Der Bruder, dem die Milch geboten wurde, war der weiſe Aſtronom Rumphius, gerade mit tiefen Unterſuchungen uͤber die Aſtronomie und Religion der Hindus beſchaͤftigt; ein ganz kleines, braunes, olivenfarbiges Maͤnnchen, deſſen Ober⸗ leib, im Vechaͤltniß zu den daran befindlichen Ar⸗ men und Beinen, uͤbergroß war. Außerdem hatte Rumphius eine entſetzlich lange, von Schnupftaback beſudelte Naſe, dichte graue Augenbrauen und den ungeſchickteſten Gang, den man ſich vorſtellen kann. Die Kniebänder ſeiner abgetragenen, ſchwarzen Beinkleider waren nicht gebunden; ſein Strumpf, denn er trug nur einen, wand ſich ſpiralfoͤrmig um eines der Beine, waͤhrend das andere ganz nackt war; uͤberdies trug er an einem Fuße einen Pan⸗ toffel, an dem andern einen Schuhz ſein Hemd war offen, ſein Hals entblößt, und indem er den einen Arm in einen Aermel ſeines Hausrockes von grauem Boy geſteckt hatte, flatterte der andre Aer⸗ mel in der Luft, wie der Dolman eines Huſaren; endlich hingen ſeine Haare, ſtruppicht und grauge⸗ gemiſcht, ohne alle Ordnung unter einer alten, ehe⸗ mals blaudamaſtenen Muͤtze hervor, die ganz ſchief aufgeſetzt war. Sulpizius, der an ſeines Bruders vollig theil⸗ nahmloſem Ausdruck merkte, daß derſelbe in irgend 6 einer abſtracten Betrachtung vertieft ſei, dachte nicht erſt, ihn durch den einfachen Ton ſeiner Stimme daraus zu reißen; daher geleitete er, nach ſeiner Gewohnheit, ſeinen Bruber unmerklich gegen die Mauer des Hauſes bis zu dem Augenblick, wo Rumphius, ſich leicht an dieſes Hinderniß ſtoßend, wieder zu ſich ſelbſt kam, eine Minute lang wieder zur Erde herabſtieg und Sulpizius ſtarr anſah, der dieſen Zeitpunkt mit Geſchicklichkeit benutzte, um ihm ſeinen theuern Milchnapf in die Hand zu bringen, welchen Rumphius auf einen Zug leerte. Allein durch unverzeihliche Zerſtreuung war der arme Sulpizius, den Napf vergeſſend, niederge⸗ kniet, um den Anzug der Beine ſeines Bruders zu vollenden, die Kniebaͤnder zuzuſchnallen u. ſ. w. Nun aber hatte Rumphius, nachdem er getrunken, ſeine Hand maſchinenartig bis zu der Hoͤhe hinauf⸗ gebracht, wo er den Napf genommen, und, da er auf nichts ſtieß, um ihn niederzuſetzen, ſeinem ei⸗ genen Gewichte uͤberlaſſen, und der Napf fiel und zerbrach. Das Geraͤuſch richtete Sulpizius wieder in die Hoͤhe.„Ach! mein Gott!— mein Bruder! Du mußteſt mich rufen,“ ſagte er in dem Tone ſanfter Zurechtweiſung—„da liegt nun der Napf in Stuͤcken!“ —„Ja, wahrhaftig!“ ſagte Rumphius mit ganz erſtaunter Miene,„er iſt zerbrochen!— Nun, Sulpizius, eben ſo iſt aber das kindliche Dpfer, welches die Anbeter Wiſchnu's ihrem Gotte brin⸗ gen— ein ganz einfacher zerbrochener Topf! wäh⸗ rend ſie Nandy⸗Kichara, den Koͤnig der Vogel, an⸗ rufen, der ſchoͤne Fluͤgel, einen ganz fein zugeſpitz⸗ ten Schnabel hat und Schlangen verzehrt.— Sie zerbrechen ein Geſchirr von Thon, nachdem ſie daſſelbe ehrerbietig mit beiden Naſenlochern und der großen Zehe beruͤhrt haben— weißt Du aber wenigſtens, Sulpizius, daß das ſehr alten Urſprungs iſt?— denn man halt dafuͤr, daß dieſer Nandy⸗ Kichara einer der ſieben Sterne iſt, die— ſeit⸗ dem Hier verlor ſich die Stimme des Aſtronomen unmerklich und er beendigte wahrſcheinlich die De⸗ finition fur ſich ſelbſt;— denn nach ſeiner Ge⸗ wohnheit völlig zerſtreut, vergaß er immer den, mit welchem er ſprach, verfiel wieder in ſein Nachden⸗ ken und ſchwang ſich mit neuer Inbrunſt bis zu den Kreislinien der ſymboliſchen Planeten und Trabanten des Wiſchnu. Bemerkend, daß ſeines Bruders Gedanken nicht mehr auf dieſer Erde waͤren, verſuchte Sulpizius nur noch, den widerſpenſtigen Arm des Aſtrono⸗ men in den Aermel des Schlafrockes zu brin⸗ gen— aber es war vergeblich— und der Aer⸗ mel fiel nach wie vor nach Huſarenmanier herab. Sulpizius begnuͤgte ſich nun, ſeufzend, die Ue⸗ berreſte ſeines theuern Gefäßes zu ſammeln, und Die Seewarte v. Koat⸗Veén. I. 7 — 98— Rumphius begab ſich tifer ins dicke Gebüſch i nes Ganges, der etwas freier als die andern war,* waͤhrend er bald langſam, bald mit übereilten Schritten vorwärts ging. — — — Achtes Kapitel. Der, für welchen Eines Alles iſt, der Alles auf dieſes Eine bezieht, in ihm Alles ſieht, wird un⸗ erſchütterlich ſein, und ſein Herz wird im Frie⸗ den Gottes bleiben. Nachahmung J. C. B. I. C. 3. Zwei Bruͤder. Joſeph Rumphius, beruͤhmter Optiker zu Breſt, war der Vater des Sulpizius und ſeines gelehrten Bruders. Da er in dem aͤltern Sohne, welchen er Sulpizius bei weitem vorzog, große und fruͤhe Anlagen zum Studium der abſtracten Wiſſenſchaf⸗ ten entdeckt hatte, ſo ermunterte, entwickelte brachte er dieſen koſtbaren Beruf der Natur ſo zur Reife, daß ſein Erſtgeborner, nachdem er zur Vollendung ſeiner wiſſenſchaftlichen Ausbildung in Paris ge⸗ weſen, bald ein ausgezeichneter Aſtronom und Ma⸗ thematiker wurde. Sulpizius im Gegentheil, mit ſeinem beſchraͤnk⸗ ten Geiſte, mit ſeiner lammgleichen Sanftmuth, hatte ſeinen Vater, trotz der ſchreienden Ungerech⸗ * — 100— tigkeiten, die ihn dieſer ertragen ließ, nicht einen Augenblick verlaſſen. Er bewachte in Breſt den Laden, beſchaͤftigte ſich mit der Beſorgung des Haͤuslichen, und ſpäter, als der alte Rumphius ſein Geſchaͤft aufgab, und ſich in ſein Haͤuschen zu St. Rénan zuruͤckzog, folgte er ihm ungeachtet ſeiner harten Parteilichkeit dahin, druͤckte ihm die Augen zu und weihete ſich dann ſeinem Bruder mit derſelben Hinneigung und Selbſtentſagung, die er darin dem Vater bezeigt hatte; denn Sulpizius war eines jener reinen und ſeltenen Weſen, eine jener koſtbaren Erſcheinungen der Charakterbildung, die nicht unterlaſſen koͤnnen, fúr Jemand zu leben, und die, wenn ſie dieſen frommen Beruf nicht aus⸗ zuuͤben hätten, ſich fragen wuͤrden, wozu das Le⸗ ben wäͤre? Bruder Rumphius war ordentlicher Lehrer der mathematiſchen Wiſſenſchaft an der Seekadetten⸗ ſchule zu Breſt, als der Graf Vaudrey ſeinen Sohn zum Eintritt in den Seedienſt vorbereiten wollte. Der Graf, der des Aſtronomen Wiſſen ruͤhmen ge⸗ hört hatte, ſchlug demſelben vor, den oͤffentlichen Unterricht zu verlaſſen und ſich ganz Heinrich's Er⸗ ziehung zu widmen, indem er ihm fuͤr ſeine Sorg⸗ falt einen annehmlichen Gehalt verſprach, der ihn ſelbſt in den Stand ſetzte, ſich fur die Folge ſeinen Lieblingsſtudien und der Erholung zu uberlaſſen, ohne erſt zum Zeitverluſt mit den Lehrſtunden ge⸗ noͤthigt zu ſein. — 101— Rumphius nahm dies an und ſetzte Heinrichen in den Stand, ſich als Volontair unter den Be⸗ fehlen des Herrn von Souffren im Jahre 1770 einſchiffen zu kͤnnen. Als Herr von Breugnon zum Friedensabſchluß mit dem Kaiſer von Ma⸗ rokko abging, war Heinrich zwoͤlf Jahre alt. Rumphius, ſeines Zoͤglings entledigt, bezog alſo ſein kleines Haus zu St. Rönan, welches er nicht eher verließ, als wenn er, irgend meteorolo⸗ giſche Beobachtungen anzuſtellen, nach dem Thurm zu Koat⸗Vön ging. Im Grunde war Rumphius vom beſten Ge⸗ muͤthe und ebenſo vertraͤglich im Leben, wie es ein Mann ſein kann, der ſeine ganzen Gedanken, Al⸗ les, was er Helles und Auffaſſendes im Geiſte be⸗ ſitzt, anwendet, ſich in einer Sphaͤre von Studien der erhabenſten Gattung zu behaupten, und beſaß, wenn er wieder auf der Erde fußte, nichts, als ei⸗ nen ſchweren, duͤſtern, ermuͤdeten Kopf und gerade ſo viel thieriſchen Trieb, ſich unwillkuͤrlich den Auf⸗ merkſamkeiten, mit denen ſein Bruder ihn umgab, zu uͤberlaſſen. Sulpizius hatte es nämlich uͤbernommen, ſo zu ſagen fuͤr Rumphius materiell zu leben; ja, der arme, geiſtesbeſchraͤnkte Menſch, der aber dafuͤr ein um ſo trefflicheres Gemuͤth beſaß, war hierin ſo weit gekommen, daß er ſeinem Bruder ſelbſt die Verbindlichkeit erſparte, ſich wegen ſeiner Sorgfalt zu Dank verpflichtet zu halten; ſo viel Bereitwil⸗ ligkeit und Geſchicklichkeit er auch bei der Abwar⸗ tung ſeines Bruders bezeigte, ſo ſchien doch Alles nur ganz einfach und natuͤrlich. Und gleichwohl hatte Rumphius eine Manie, eine grauſame Manie an ſich, deren Folgen Sul⸗ pizius zuweilen bittere Thraͤnen auspreßten. Wenn Rumphius, nach einem, den tiefſinnig⸗ ſten Unterſuchungen und abſtracteſten Arbeiten ge⸗ widmeten Tage, den ganzen darauffolgenden in ei⸗ nem Abgrunde von Berechnungen und Hypotheſen verloren hatte, fuͤhlte er oft Abends, nach dem Mittagseſſen, gleichſam das Beduͤrfniß, ſeine er⸗ ſtarrten Lebensgeiſter aufzuregen, ſein Blut zu peit⸗ ſchen, um die ſchwere Verdauung zu befoͤrdern. Es iſt wahr, Kaffee haͤtte dieſen Zweck vollkommen er⸗ fuͤllt; allein unſer, die unſeligen Wirkungen, welche der gewoͤhnliche Gebrauch dieſes Erheiterungstran⸗ kes wohl haben kann, recht gut kennende Aſtro⸗ nom fuͤrchtete ihn zu ſehr; daher ſuchte er, zum Erſatze dafuͤr, ſeinen Bruder, waͤhrend er dieſen mit Bitterkeit mißhandelte, zu lebhaftem, dreiſten, kräftigen Widerſprechen zu verleiten und ſomit ei⸗ nen heftigen, hitzigen Streit herbeizufuͤhren, wel⸗ cher, durch den Geiſt den Körper aufregend, in den Organen eine heilſame Bewegung hervorbringen mußte, die der Wirkung des heißeſten und ſtark⸗ ſten Mokkatrankes gleich kaͤme, ohne irgend eine ſeiner nachtheiligen Folgen zu aͤußern. Aber ach! ſehr oft ſetzte Sulpizius Sanftmuth — 103— und Maͤßigung ſeines Bruders Verdauung auf furchtbare negative Proben, und, nach zwanzig fruchtlos gebliebenen Verſuchen, einen Streit her⸗ beizuziehen, endigte zuletzt der verzweifelte Rum⸗ phius damit, daß er ſeinen Bruder der Zuruͤck⸗ haltung wegen ſchmaͤhte, die derſelbe bei ihrem Streite, wie er behauptete, nur aus Verſtellung beobachte,„einer Zuruͤckhaltung, welche er lediglich aus bloßer Widerſetzlichkeit, aus reiner Liebe zum Widerſprechen annehme,“ fugte der Aſtronom hinzu. Es begreift ſich, fur einen Menſchen von die⸗ ſem Charakter iſt nichts grauſamer, als mit ſich allein ſtreiten zu muͤſſen; es giebt nichts, das Feuer der Streitſucht, die ſich außerdem ſelbſt aufreibt und verzehrt, wiederzubeleben, als eine harte Er⸗ wiederung, ein grober Einwurf. Zum ungluͤck verſtand der arme Sulpizius nicht ein einziges Wort von dieſer ſonderbaren Laune ſeines Bruders, und je mehr er ſich als ei⸗ nen Widerſpenſtigen angreifen ſah, je mehr beei⸗ ferte er ſich, den kleinſten Wuͤnſchen, den gering⸗ ſten Einwendungen des Rumphius zuvorzukom⸗ men. Inde irae(daher aller Zank); denn das engelſanfte Weſen hatte nicht ein einziges Mal in ſeinem Leben Nein! antworten koͤnnen. Wie ſchon geſagt, war Rumphius, dieſe Au⸗ genblicke der Streitſucht abgerechnet, ein guter Menſch; ich wuͤrde, wenn es nöthig waͤre, ſelbſt bezeugen, daß er, waͤre ſein Bruder je genöthigt geweſen, zu ſeiner— des Rumphius— Gelehr⸗ ſamkeit ſeine Zuflucht zu nehmen, um irgend Beo⸗ bachtungen uͤber die ſchiefe Bahn der Ekliptik oder uͤber horizontale Lichtſtrahlenbrechung anzuſtellen,— ich zweifle nicht— ſein ganzes Wiſſen und all ſeine Erfahrung zu ſeines Bruders Verfuͤgung ge⸗ ſtellt haben wuͤrde. Allein er ſchaute von einer ſolchen Hoͤhe auf den armen Sulpizius herab; er wußte, wie dieſer ganz und gar in die Kleinlichkeiten des materiellen Lebens, welche er ſo unedel und ſo gemein fand, vertieft war, daß er, ohne undankbar zu ſein, das Betragen ſeines Bruders vollig nach der Ordnung fand; ein gewiſſer innerer Trieb ſagte ihm, daß, bei ſeiner hohen Stellung im Reiche des geiſtigen Erkenntniſſes, es ziemlich einfach ſei, wie ein Ge⸗ ſchopf der niederen Region ſich damit beſchaͤftige, ihn trinken, eſſen und ſchlafen zu laſſen, und ihm im Nothfalle ſelbſt als Mittel diene, den Koͤrper zu reizen, die Verdauung zu befördern... Er war— ich wiederhole es— Sulpizius ſehr zugethanz allein, da er in der Welt kein Ver⸗ gnuͤgen, keine Muͤhe und keine Pflicht kannte, die ſich nicht auf Mathematik bezog,— hätte Sulpi⸗ zius jemals eine Gleichung oder Differential⸗Rech⸗ nung aufzulöſen gehabt.. dachte er. dann erſt wuͤrde er einen Bruder gefunden haben.. Am Abend deſſelben Tages, wo der Napf ſo ſchmaͤhlich zerbrochen worden war, erwartete Sul⸗ — 105— pizius, der ſchon das Mittagseſſen gehuͤtet und die mäßige Mahlzeit mit der gewiſſenhafteſten Sorg⸗ falt bereitet hatte, ſeinen Bruder; denn die Stunde hatte ſchon lange geſchlagen. Bald ordnete er, um ſeine Ungeduld zu ſtillen, die Salzfaͤßchen, die Gedecke mit noch mehr Eben⸗ maß bald putzte er das Kryſtall der Glaͤſer noch heller. ſtellte ſeines Bruders bequemen Lehnſeſſel(er ſelbſt hatte nur einen gewöhnlichen Stuhl) ſo, daß ſelbſt der Widerſchein der unterſin⸗ kenden Sonne ihn nicht belaͤſtigen konnte;— dann ging er in die Kuͤche,— aus der Kuͤche an ſeinen Sitz, ans Fenſter— und alles dies ohne einen Laut, ohne eine Klage; ſelbſt die Seufzer erſtickend, die ihm das Schickſal der beiden ſchoͤnen, ganz fri⸗ ſchen Fiſche, die auf dem Roſte zuſammentrockne⸗ ten, auspreßte. Endlich erſchien Rumphius und ſein Bruder zitterte— denn des Weiſen Miene iſt mehr als gewoͤhnlich erſchoͤpft, ermattet.— Sulpizius hatte ſchon das Vorgefuͤhl der Streitſucht.. „Guten Abend, lieber Bruder!“ ſagte Sulpi⸗ zius, des Rumphius Hand druͤckend. „Guten Abend, Bruder!“ antwortete Rumphius liebreich. „Wollt Ihr eſſen, lieber Bruder? da Ihr den ganzen Vormittag gearbeitet habt, muß Euer Kopf ermattet, ganz ſchwer ſein!— die Ruhe iſt Euch noͤthig.—“ — Wenn Rumphius ſchon mit ſeinem Eſſen zu Ende geweſen waͤre, haͤtte er wenigſtens dreierlei Stoff zum Zank in dieſer Aeußerung gefunden— er praͤgte ſie ſeinem Gedächtniſſe ein, ſagte kein Wort und aß. „Ich, lieber Bruder,“ fuhr Sulpizius ſchuͤch⸗ tern fort,„ich habe dieſe Seebarben geroͤſtet und zubereitet— wie ſie unſer Vater liebte... erin⸗ nerſt Du Dich noch, Bruder?“ Rumphius machte eine bejahende Geberde. „Ach, wie froh wäre ich, wenn Ihr ſie gut faͤndet!“— Rumphius antwortete dadurch, daß er ſeinen Teller hinhielt. Man mufßte jetzt ſehen, mit welcher innerlichen Freude, mit welchem Wohlbehagen der arme Sul⸗ pizius ſeinem Bruder von den Fiſchen vorlegte; ſo gluͤcklich war er, zu ſehen, daß etwas deſſen Eßluſt aufregte. „Wißt Ihr, mein Bruder,“ ſprach Sulpizius mit einem Anflug von Stolz, indem er ſein Eſſen unterbrach und ein in graublaues Papier einge⸗ ſchlagenes Heft hervorholte, welches er, Rumphius freudig anſehend, aufſchlug,„wißt Ihr, mein Bru⸗ der, das iſt der„Merkur von Frankreich“, der ſo viel Schoͤnes von Euch ſagt und...“ „Ach was! Dummheiten!“ brachte Rumphius, ſeine Fiſchgräten benagend, hervor—„haſt Du noch etwas zu eſſen?“ * — 107— „Ja, lieber Bruder!— Gefulltes und einen Platzkuchen von Roggenmehl, den ich noch warm erhalten habe, wie Ihr ihn ſo gern eſſet!“ und Sulpizius erhob ſich, um dieſes neue Gericht zu holen.— Waͤhrend er ſeinen Stuhl zuruckſtieß, knarrte derſelbe. „Ach! welch' abſcheulicher Lärm!“ ſprach Rum⸗ phius, der nun, nach dem haſtig verſchluckten Eſſen, ſchon das brennende Beduͤrfniß nach einem Wider⸗ ſpruche fuͤhlte.— (Man verzeihe es dem Gelehrten, das Wetter war ſo ſchwuͤl, ſo heiß, ſeine Nerven waren ſo ge⸗ reizt, er ſah eine muͤhſame Verdauung voraus.) „Verzeihe, lieber Bruder!“ aͤußerte Sulpizius herumſpringend. „Wenn Du nur nicht den ſonderbaren Eigen⸗ ſinn hegteſt, wir haͤtten dann einen Bedienten zu unſerer Aufwartung; das wuͤrde dieſes abſcheuliche Quietſchen der Stuͤhle vermeiden, was mich jeden Augenblick außer mir bringt.“— „Aber, mein Bruder!“ wagte Sulpizius zu entgegnen,„Ihr habt mir ja ſelber verboten, Je⸗ mand anzunehmen, weil Ihr befuͤrchtet, daß man Eure Buͤcher, Eure Schriften oder Eure Inſtru⸗ mente anruͤhren—“ „Ha! das heißt alſo ſo viel,“ erwiederte Rum⸗ phius, ganz entzuͤckt uͤber die Wendung, welche das Geſpräch nahm—„das heißt ſo viel, als: heute will ich Das, morgen Jenes!— Ich bin ein 08 Beſeſſener, ein Narr; ich widerſpreche mir unauf⸗ hoͤrlich ſelbſt; ich bin zum Einſchließen reif!— Man muß mir Duſchbaͤder auf den Kopf geben.— Ja, ja wohl! Duſchbader auf den Kopf!— ach! man ſoll mir Duſchbäder auf den Kopf geben!“— rief Rumphius immerfort, waͤhrend er ſchon ganz aufgeregt war. „Aber, mein Bruder!— bas ſagt ja Niemand, ſo etwas denkt ja Niemand!— Ihr wollt, daß wir einen Diener haben; gut! wir werden einen nehmen— ich hatte Unrecht;— vergebt mir mei⸗ nen Fehler!“ Dieſe Nachgiebigkeit war keinesweges nach Rumphius Geſchmack;— von dieſer Seite aus dem Streite gebracht, begann er denſelben wieder von einer andern. „Sulpizius,“ ſagte er nun weiter,„Du ſagteſt mir eben, ich ſaͤhe ermattet aus; ſcheine ich Dir wirklich etwas leidend?“ Fragen waren das, was Sulpizius am meiſten in der Welt furchtete— benn es war ihm unmoͤg⸗ lich, die Antwort zu errathen, die Rumphius ver⸗ langen moͤchte. Er beſchraͤnkte ſich daher auf die Erwiederung: „Ihr ſahet etwas angeſtrengt aus, aber jetzt kommt es mir nicht mehr ſo vor!“ „Das ſoll wohl heißen,“ entgegnete Rumphius, „als ſtellte ich mich ermattet, um mich bedauern zu laſſen?!— Und wer konnte mir denn dieſe — 109— leidende Miene vertreiben!— Das Mittagseſſen— Alſo heißt das, mir ganz ruͤckſichtslos ſagen, wie ich hoffe, daß ich nur bei Tiſche meine Ermattung vergeſſe— daß ich aus meinem Magen einen Abgott mache; ſage doch auch gleich, ich berauſche mich;— ich richte mich mit Unmaͤßigkeit zu Grunde. nenne mich doch einen Tiberius, ein epikuraͤiſches Schwein, einen Vitellius— Sar⸗ danapal!“— „Ich ſage das ja gar nicht, Bruder!.“ „Ach! dieſen Grund habe ich gern: Du ſagſt das nicht! Ja, ja!— es fehlte weiter nichts als das— Du ſagſt das nicht. ich glaube es wohl; wenn Du es aber ſagteſt.. ha! aber! ja, ich denke mir es, wenn Du es ſagteſt. ja dann wuͤrde ich Dich behandeln, wie Du es verdienteſt. daß „Aber, Bruder, da ich es nun nicht ſage... „Da haſt Du's! Immer mir noch widerſpre⸗ chen!— da ſiehſt Du es!— Das iſt nichts als Widerſpenſtigkeit von Deiner Seite!— Bloße Wuth, zu ſtreiten,— zu zanken! Ich frage Dich nun endlich, wer immer noch einmal anfängt! Denn ich, ich ſage Dir, daß ich vermuthe. alſo, von der Vorausſetzung ausgehend, kann ich Dir wohl ſagen, wie Du Unrecht haſt; daß Du die Rechte ſelber ganz unerhort verkennſt, die Du Dir uber mich anmaßeſt— daß u. ſ. w.„daßu. ſ. w.“ Nun ließ Rumphius, immer von ſeiner Ver⸗ muthung ausgehend, ſeiner Laune in der Hoffnung — 110— freien Lauf, daß er Sulpizius Unwillen erwecken wuͤrde; aber der arme Bruder, unveraͤnderlich ſich an den Umſtand feſthaltend, daß es ja nur eine Vermuthung ſei, von der ſein Bruder ausgehe, blieb unangreifbar, und im Augenblicke, wo Rum⸗ phius, außer Athem, ſeine philippiſche Rede mit den entruͤſtenden Worten ſchloß:„aber Du biſt nur ein ſchlechter Bruder— ein Judas!“— weil er auf eine Antwort zaͤhlte, die ihm neue Kraft ge⸗ ben ſollte, antwortete der ſanfte Sulpizius laͤchelnd und mit dem kaͤlteſten Gleichmuth auf der Welt: „Das heißt, Ihr ſetzet nur voraus, wenn ich ein Judas wäre. Denn wir ſind von einer Voraus⸗ ſetzung ausgegangen, mein Bruder, und wie ſehr ich Euch liebe, wiſſet Ihr ja!“— Unſer Aſtronom ſchwieg; der Zorn, der ſeinen Blutumlauf ſchon bearbeitete, erkaltete plotzlich. Dieſe Antwort hatte Eis auf das Feuer geworfen. Er mußte von neuem anfangen, und da dieſe neue Abweiſung Rumphius noch mehr reizte, ſo ware er gewiß erſtickt, hätte er nicht das Mittel gefun⸗ den, den Streit neu zu beleben; er ſuchte daher und fand. „Ach! Sulpizius,“ ſprach er zu ſeinem Bru⸗ der,„was ſagteſt Du mir doch vom franzöſiſchen Merkur?“ „Man erhebt dort eine große Lobrede auf Eure Arbeiten, lieber Bruder, uͤber die indiſche Aſtro⸗ nomie!“ —— Der Aſtronom athmete wieder auf⸗ „Ja, da faͤllt mir eben ein,“ meinte er zu Sul⸗ pizius,„Du wirſt doch hoffentlich nicht laͤugnen, daß das Bild des wahren Guru von der Secte des Siva, wie ich dies ubrigens behauptet und be⸗ wieſen habe, aus der Vedanta Sara entnommen ſei?“— „Nein, mein Bruder!— aber Ihr wißt ja, daß ich von Eurer Gelehrſamkeit viel zu entfernt bin, als daß ich etwas von allen dieſen Wiſſen⸗ ſchaften verſtaͤnde und daß.. „Es ſei!— reiner Eigenſinn! Du weißt das ſo gut, wie ich;— aber die Hitze des widerſpenſti⸗ gen Geiſtes fuhrt Dich irrez gehen wir weiter!— Iſt nicht, der Vedanta Sara zufolge, und, wie ich bereits geſagt, der wahre Guru derjenige, der mit eigenen Augen Gocarnam und Caleſtry geſehen hat?— Aber nur ein Lump, ein Dummkopf, ein erbärmlicher Kerl kann den Pringuery dem Gocarnam und Caleſtry hinzuſetzen; dieſer Lump, dieſer Strohkopf, dieſer Elende, das iſt Hoötquel, der dieſe Ketzerei durch die Tamulariſche Gramma⸗ tik des Vaters Breschio zu beweiſen ſich anmaßt— aber ſo antworte doch, Sulpizius; Du biſt ja ganz unthaͤtig! Du ſiehſt ja, wie Hoötquel mich belei⸗ digt. mir widerſpricht. und Du kannſt hier un⸗ beweglich, ohne Theilnahme daſtehen!— ach! Du biſt vielleicht daruͤber ganz außer Dir?— gewiß, ganz außer Dir— jal das iſt gut..“ — 112— „Hoötquel hat Unrecht, wie mir ſcheint, mein Bruder,“ ſagte ganz ſchnell Sulpizius, der Alles aufwendete, um in ſeines Bruders Anſichten einzu⸗ gehen, und der aus Erfahrung wußte, in welchen Zuſtand von Erbitterung dieſen der bloße Name ſeines gelehrten Widerſachers verſetzte, welchen Rum⸗ phius mit jenem unheilbaren Haſſe verabſcheute, wie ihn oft die Lehrer verſchiedener Meinungen auf einander werfen. „Gewiß hat er ſehr Unrecht, mein Bruder,“ wiederholte Sulpizius. „Hoötquel haͤtte Unrecht?— durchaus nicht; er hat in Betreff der Vedanta Recht!“ fiel Rum⸗ phius ein, uͤber dieſen kuͤhnen Streich eben ſo er⸗ freut, wie der Schachſpieler uͤber einen geſchickten Zug in einer ſchwierigen Stellung. „Ich irrte mich alſo, lieber Bruder,“ ſeufzte Sulpizius,„da hat Hoötquel Recht.“ „He! jetzt frage ich Dich endlich,“ rief Rum⸗ phius in der hoͤchſten Freude,„he! er haͤtte Recht? he! Hoötquel ſoll Recht haben?— alſo ich, ich bin's, der Unrecht hat?— gut!— das iſt ſo viel, als ich waͤre ein Eſel,— herrlich!— ein Dumm⸗ kopf!— noch beſſer; meine Arbeiten waͤren die ei⸗ nes Verruckten!— gut genug, Euer Kuͤchenfeuer damit anzubrennen!— Das iſt wunderſchoͤn! Und wer ſagt mir das? Mein eigener Bruder! Ja, wahrlich, Hoötquel wurde ſich nicht beſſer aus⸗ druͤcken!— Aber weißt Du, was ich dieſem — 113— Hoötquel erwiedern wuͤrde, oder vielmehr Dir;— denn jetzt biſt Du und Hoötquel nur Einer— weil Du ſeinen Irrglauben annimmſt, weil Du ihm gegen mich Recht giebſt—“ ſagte der Aſtro⸗ nom, waͤhrend er auf den verbluͤfften Sulpizius ſeine ſchon funkelnden Blicke heftete,„ha, er hat Recht; gut, weil er Recht hat... Du biſt alſo Hoötquel, Du ſtellſt ihn vor; Du ſollſt mir an ſeiner Stelle antworten!— Du ſollſt Dich jetzt vertheidigen— Du biſt's, wollt' ich ſagen— ſoll ich noch Ruͤckſichten nehmen, noch mich in Acht nehmen, Dich, einen Hoötquel, zu dutzen;— wir wollen ſehen, Hoötquel, Du Lumpenkerl, Du Ein⸗ faltspinſel, da Du Recht haſt: welches iſt der wahre Guru— der von der Secte des Siva?— Iſt es nicht derjenige, der ſich in allen heiligen Teichen gebadet hat, in jenen wie der Suria⸗puchkanary, ichendra⸗puchkanary, indra⸗puchkanary?— He, antworte mir!— Iſt das nicht der wahre Guru?— he?!“ „Es iſt der wahre Guru! ja, ja! mein Bru⸗ der,“ ſagte Sulpizius,„der eigentliche wahre Guru!“ „Nenne mich nicht Bruder, Du, der Du Hoöt⸗ quel biſt; nenne mich nicht Deinen Bruder! Wenn es alſo nun der wahre Guru iſt, warum willſt Du, daß er nicht eher der wahre Guru iſt, als wenn das Geſicht des Pringuery zu dem des Gocarnam und Caleſtry hinzugeſetzt wird?— nun, antworte!— he! antworte, geantwortet muß Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 8 — 114— ſein!“ ſchrie Rumphius, ſchon ganz uͤber und uͤber zornig. „Aber ich weiß ja nicht... ich kenne ja nicht. ſagte der ungluckliche Sulpizius, der ſich in den entſetzlichen Namen von Guru, Gocarnam, Prin⸗ guery und Indra⸗Puchkanary verlor. „Was! Du weißt es nicht!“ ſagte Rumphius, deſſen Blut endlich kochte,„ach! Du weißt es nicht! ach! Du weißt es nicht, daß Guru Meiſter oder Leiter bedeutet... die Koͤnige die Guru's ih⸗ rer Reiche ſind— he! Du weißt es nicht,“ ſchrie der Aſtronom wuͤchend,„und Du kannſt kalten Blutes, froͤhlichen Herzens die Arbeiten eines ar⸗ men Gelehrten, der in der Einſamkeit lebt und eine Unzahl ſolcher Boͤſewichter von Hoõtquels auf⸗ wiegt, mit der Fleiſchgier eines wilden Thieres, ei⸗ nes Tigers angreifen?— Ach! Du weißt es nicht und glaubſt, dieſer Grund reiche hin, mich ungeſtraft anfallen zu können!“ brällte Rumphius ganz außer ſich, im hochſten Grade der Wuth und ſeiner Verdauung! „Ich beſchimpfe Euch keinesweges, mein Bru⸗ der!“ „Ich ſage Dir, Du beſchimpfeſt mich, mich,“ rief Rumphius aus allen Leibeskräͤften,„Du hoͤh⸗ neſt mich, Hoötquel,— und doch mußt Du ge⸗ ſtehen, daß Du nicht den geringſten Begriff von dem haſt, was ein wahrer Guru iſt— bekenne, Elender,“ heulte Rumphius, ſeinen Bruder beim 5— Rocke ſchuͤttelnd— allein ſeine Kräfte verließen ihn und der Aſtronom ſtuͤrzte, faſt ganz erſchoͤpft, keuchend in die Arme des Bruders, der ihn auf ſeinen Lehnſeſſel niederſetzte.— Der arme Bru⸗ der trocknete niederkniend den Schweiß, der von der Stirn des Weiſen herabfloß, deſſen Augen halb geſchloſſen waren. „Beruhigt Euch, mein Bruder,“ ſagte Sulpi⸗ zius,„beruhigt Euch, ich hatte Unrecht; ach ja! ich habe Euch widerſprochen; verzeiht— ver⸗ zeiht!—“ „Nicht doch, Sulpiz, ich bin Schuld,“ ſprach Rumphius, deſſen Abſicht erreicht war,„die Hitze des Streites hat mich fortgeriſſen; ich war mit meinen Gedanken ganz entfernt;— aber Du weißt es wohl, iſt einmal der Streit voruͤber, ſo denke ich nicht mehr daran;— verzeihe mir, Sulpiz; denn Du biſt das beſte der Geſchoͤpfe, die je von den Goldgebirgen von Maha⸗Meru herabſtiegen, wie Brama ſagt... „Wie gut ſeid Ihr, lieber Bruder,— aber mein Gott, bin ich nicht zu gluͤcklich, Euer Bru⸗ der zu ſein! Ihr, ſo beruͤhmt, ſo gelehrt!— und den geringſten Widerſpruch zu vermeiden, iſt all' mein Beſtreben,— ach, gewiß, mein Bruder, darum traget es mir auch nicht nach, wenn ich, wider Willen. ich..“ Und Sulpizius hatte Thraͤnen in den Augen; er konnte nicht weiter ſprechen. 8* — 116 „O ſchweig davon, Sulpiz,“ meinte Rumphius, der ebenfalls ſeine Augen feucht werden fühlte,„ſei ſtille!— Du beſchaͤmſt mich wegen meiner ſelbſt, weil ich mich ſo hinreißen laſſe!—“ und der Aſtro⸗ nom fuhr mit ſeiner knoͤchernen Hand über die Augen. „Ach! reden wir nicht mehr davon, ich bitte“ ſagte Sulpizius,„kommt, mein Bruder, legt Euch nieder! Ihr arbeitet ſo viel;— wie thut Ihr Euch Schaden!“ Und Sulpizius betrat nicht eher ſein Kaͤmmer⸗ chen, als bis er ſeinen Bruder eingeſchlafen ſah, und die Worte: Guru, Pringuery.. Hoötquel.. nur noch nach langen Abſätzen aus deſſen Bruſt ſchluͤpften, die durch den Ausbruch ſeines heftigen Zornes frei geworden war. Sulpizius wollte eben ins Bett ſteigen, als zwei oder drei kraͤftige Schlaͤge an die Hausthuͤr ihn zuruckhielten. Er befurchtete weiter nichts, als man moͤchte ſeinen Bruder aufwecken. In aller Eile ging er, zu ſich ſprechend:„Man iſt durch den Gar⸗ ten gegangen oder durch das Gäßchen hereingekom⸗ men;“ dann, durch die ſtarke Thuͤr des Vorzim⸗ mers ſprechend, fragte er:„Was will man? Wer iſt da?“ „Seid Ihr nicht der Aſtronom Rumphius?“ ſprach eine Stimme. „Ich bin deſſen Bruder; er ſchlaft; redet um Gottes willen leiſer.“— „Gebt ihm dieſen Brief, den ich Euch unter der Thuͤre zuſtecken werde; er muß, bei Vermei⸗ dung des größten Ungluͤcks, den Brief ſelbſt an den Grafen von Vaudrey beſtellen— hoͤrt Ihrz daß er ja ſelber den Brief in die Haͤnde dieſes Herrn bringt, der jetzt in Paris iſt; ſchwoͤrt Ihr's bei Eurer Seligkeit?“ „Ach Gott, ja, ich ſchwoͤre es,“ ſagte Sulpi⸗ zius, am ganzen Leibe zitternd. „So gebt Acht,“ ſprach die Stimme,„der Brief kommt von Seiten Ihrer Durchlaucht, der Herzogin von Almeda!“ Hierauf glitt ein Brief unter der Thuͤre durch, und Sulpizius horte, wie der Unbekannte ſich ent⸗ fernte. Neuntes Kapitel. Ein großer Wolluͤſtling iſt unglücklicher und mehr zu beklagen, als der Letzte und Gemeinſte des Volkes“ Maſſillon. Haͤusliches Leben. (780). Hötel de Vaudrey— dies waren die mit goldnen Buchſtaben auf eine ſchwarze Marmor⸗ platte geſchriebenen Worte, welche an dem Vorder⸗ ſims einer der ſchonſten Wohnungen in der Uni⸗ verſitaͤtsſtraße von Paris prangte. Ein ſteinernes Adelsſchild mit einer Grafenkrone erhob ſich uͤber dem reichen Getafel einer großen geſchnitzten Pforte von Eichenholz. Auf jeder Seite dieſes von ſtarken Steinen ein⸗ gefaßten Thores dehnte ſich ein Gitterwerk mit ver⸗ goldeten Pfeilern aus und endete an zwei Pavil⸗ lons, deren Ruͤckenmauern ſich mit dem Hauytge⸗ bäube vereinigten. Dieſer Bau nahm den Hintergrund eines uner⸗ meßlichen Ehrenhofes ein. Die Gebaͤude, welche an die beſprochenen Pa⸗ villons ſtießen, enthielten die Ställe und Geſinde⸗ wohnungen, von der Seite des Ehrenhofes mit Bogen und blinden Fenſterkreuzen maskirt. In der That, der Anblick dieſes Hötels war majeſtätiſch; die beiden langen Reihen hoher Fen⸗ ſter mit kleinen Scheiben ſprangen hell aus den durch die Zeit geſchwarzten Mauern hervor; eine breite, zirkelförmige, ziemlich hohe Treppe fuͤhrte zur großen Glasthuͤre des Hausflures,“ und die Wipfel der Pinien und Kaſtanienbäume, die eine Art Kup⸗ pel uberragten, mit einer Uhr in der Mitte, und auf dem Forſt des Gebaͤudes angebracht, ließen vermuthen, daß auf der Hinterſeite des Gebaͤudes ein weiter Garten ſich hinab erſtrecke. Es war ungefahr acht Tage nach jenem Auf⸗ tritte im Thurme zu Koat⸗Vön.— Eben ertoͤnte im Hotel die Mittagsſtunde, als ein heftiger Schlag mit dem Thuͤrhammer die große Pforte erſchutterte. Dieſer wuͤthende Schlag bewog einen mächtig langen, rothen, blatternarbigen Schweizer in ſeinem Armſeſſel aufzuſpringen; er war bewundernswuͤrdig gepudert, und trug einen Haarbeutel, eine gruͤne, auf allen Nähten mit Treſſen von den Farben und Wappen von Vaudrey beſetzte Livree; nach dem Gebrauch war dieſes prächtige Kleid mit geſtickten Senkeln und einem breiten, ſilberbefranzten Wehr⸗ — 120— gehaͤnge, voller Wappenſchilder, verziert; an dieſem hing ein Degen mit großer Quaſte. Der Sohn dieſes Schweizers, ein Knabe von vierzehn Jahren, ebenfalls gepudert und in dieſelbe Livree als Vorreiter gekleidet, ſchickte ſich an, die Thuͤr zu oͤffnen, während der Vater ſich auf ſeine Beine brachte, ſeinen goldgeſtickten Hut aufſetzte und ſeine lange, mit rother, blau⸗ und golddurch⸗ wirkter Quaſte verzierte Hellebarde ergriff. Man klopfte noch ſtärker und mehrere Male. „So ſiehe doch, Lorrain, wer der Schlingel iſt, der ſich ſo weit vergißt, auf dieſe Art an die Pforte des Hötels Vaudrey zu klopfen,“ ſprach der Schwei⸗. zer mit wichtiger Miene. ˙ Lorrain nahm, entzuckt uͤber den Befehl, ſeine Peitſche und lief, trotz ſeiner Sporen und ſchweren, am Beine anliegenden, oben weiten Stiefel, um zu ſehen, wer der Schlingel wäre, der ſich ſo vergäße. Man klopfte immer noch mit Heftigkeit. Lorrain ſtieß die Pforte halb auf und gewahrte ein mageres Maͤnnchen, in einem grauen Reiſe⸗ mantel mit rundem Kragen, ſpitzem Hute und Rei⸗ ſeſtiefeln. Dieſe Perſon hielt den Thorſchlaͤgel in der Hand, welchem er ſo grauſam mitſpielte.. und blickte, als verfolgte er etwas mit ſeinen Au⸗ gen, in die Luft, ohne jedoch deswegen ſein hoͤlli⸗ ſches Gelaͤrme zu unterbrechen. „So ſagt doch! he!— ſeid Ihr denn einem Käfig der St. Lorenz⸗Meſſe entlaufen?“ ſchrie der — 121— Rnave muthwillig, wie ein Bedienter von vorneh⸗ mem Hauſe, und ließ ſeine Mitſche um die Ohren des Unbekannten knallen. „St. Lorenz?!“ entgegnete der kleine Mann, welcher von dem zu ihm Geaͤußerten nur das letzte Wort zu hoͤren oder zu verſtehen ſchien,„St. Lo⸗ renz? nein. nein! Heinrich von Vaudrey. den Grafen„will ich ſehen,“ erwiederte er, immer die Augen auf den Himmel heftend. „Sprecht doch, Vater!— es iſt ein Verruͤck⸗ ter.„rief Lorrain aus voller Lunge. Bei dieſem unſchicklichen Geſchrei trat der Schweizer aus ſeinem Thorverſchlage; er war vor Zorn kirſchroth, wie ſeine Schärpe..„Willſt du ſtill ſein, du Böͤſewicht;— ſo ein Geſchrei auszu⸗ ſtoßen! wenn man in einem Hauſe von gutem Anſtand eine Maus laufen hoͤren ſoll— ſo auf⸗ zuſchreien auf der Straße, an der Pforte zum Hö⸗ tel Vaudrey:— Gehe hinein, mache, daß du fort⸗ kommſt; du bringſt Schande und Verzweiflung uͤber deine Familie!—“ Und faſt hätte der anſtandliebende Schweizer unſern Rumphius vergeſſen; denn dieſer war es, begleitet von einem Savoyarden, der ſein duͤnnes Reiſeraͤnzchen trug; zum Gluͤcke, daß der Aſtronom den Schweizer beim Degen feſthielt, als dieſer ge⸗ rade die Thuͤr zuſchließen wollte. „Graf von Vaudrey!?“ ſagte Rumphius, dies⸗ mal jedoch den anſehend, mit welchem er ſprach⸗ — „Ach!— ich habe ja wohl die Ehre, Herrn von Rumphius zu begruͤßen,“ ſagte nun der Schweizer mit dem Ausdrucke ehrerbietiger Bekanntſchaft, „Monſieur belieben ohne Zweifel einige Tage im Hötel verweilen zu wollen;— wiewohl der Herr Graf fuͤr Niemand dieſen Vormittag ſichtbar ſind — ſo will ich doch Monſieur anmelden Und der Schweizer ging, nachdem er den Sa⸗ voyarden bedeutet hatte, ſchnell durch die Gänge zu eilen, um nicht den Hof zu verunzieren, wie⸗ der in ſeine Loge zuruͤck und ließ einen ſcharfen und anhaltenden Ton auf einem Pfeifchen erſchallen; auf dieſen Klang oͤffnete ſich die große Glasſchei⸗ benthuͤr des Hausflures und man ſah durch die Fenſter die Geſtalten von fuͤnf bis ſechs Bedienten, eben ſo wie der Schweizer gekleidet, gepudert, mit Haarbeuteln, rothen Beinkleidern, ſeidenen Struͤm⸗ pfen und ſilbernen Schnallen auf den Schuhen. Dis Diener muſterten neugierig Rumphius, welcher, in ſeiner Zerſtreuung, zickzack vorwaͤrts ging, den Sand mit ſeinem Regenſchirm aufkratzte, den Himmel betrachtete, bald ſtehen blieb, wahrſchein⸗ lich irgend eine Gleichung berechnend, bald ſeinen Marſch wieder fortſetzte, um abermals ſtehen zu bleiben. Plötzlich fuhr ein Wagen ſo ſchnell aus einem der mit den Staͤllen zuſammenhaͤngenden Bogen⸗ gänge heraus, daß, ohne den wiederholten Zuruf des Kutſchers, Rumphius fuͤr immer den Wiſſen⸗ ſchaften entriſſen worden waͤre. Aber gluͤcklicherweiſe ſprang der Aſtronom auf die Seite— dem Kutſcher gelang es, die Pferde anzuhalten, ſie in Schritt zu bringen, und der Wa⸗ gen ſtellte ſich laͤngs der Vortreppe auf. Die Pferde waren praͤchtig; ihr Geſchirr ſchwarz, der Wagen grau, ohne Wappen und Namenszug, der Kutſcher ohne Livree, ebenfalls grau gekleidet, und ein eben ſo angezogener Lakai ſtand neben dem Wagen. Endlich klimmte Rumphius die Treppe hinauf. — Die Thuͤr des Flures knarrte und ein Bedien⸗ ter ſtieg, vor dem Aſtronomen hergehend, eine breite Stiege mit ſchwerem vergoldeten Gelaͤnder und ungeheurer Woͤlbung hinauf, welche zu den innern Gemaͤchern fuͤhrte; denn Heinrich hatte fuͤr gewohn⸗ lich die großen Viſitenzimmer nicht inne. Der Bediente uͤberließ Rumphius dem Geleite eines alten Kammerdieners, der es uͤbernahm, den⸗ ſelben einzufuͤhren. „Ach, Herr Rumphius,“ ſagte der bejahrte. Diener,„der Herr Graf wird ſich recht freuen, Sie zu ſehen— wollten Sie wohl einen Augen⸗ blick hier verziehen?— Ich will Sie anmelden und Ihr Zimmer in Stand ſetzen!—“ Und der Aſtronom wartete in einem herrlichen Saale von laͤnglich⸗runder Geſtalt— die Meubles und Waͤnde waren mit gruͤnem, groß? und weiß⸗ — 124— gebluͤmten und mit Perlen verzierten Damaſt uͤber⸗ zogen: Alles in Spangen und Schnoͤrkeln von Gold eingefaßt. Nach einem Augenblick kehrte der Kammerdiener zuruck und offnete die beiden Thuͤrflugel, indem er Herrn von Rumphius anmeldete. „Ach! mein Gott!— der Herr Graf!— ich ſtöre gewiß,“ ſagte Rumphius, als er ſah, daß Heinrich nicht allein war. „Keinesweges, mein lieber Rumphius, Sie ſtö⸗ ren mich gar nicht— ſetzen Sie ſich!“— und dann, ſich zu einem allerliebſten Frauenzimmer mit ſchwarzen Haaren, weißem, uͤppigen und roſigen Ausſehen wendend, deren Geſicht von Muthwillen und Ausgelaſſenheit gluͤhte,—(es war Lelia, der Wettpreis des Prinzen von Gueméné, der Tiſch⸗ gaſt von Koat⸗Vön)—„Meine Liebe, der Wagen ſteht unten— ich werde Dich vielleicht morgen zum Abendeſſen mit Fronſac und Escars bitten— leb' wohl, mein Kind!“ Und ſie leichtfertig ins Kinn kneipend, grußte er ſie mit vertraulicher Geberde. Lelia laͤchelte, huͤllte ſich in ihre Tuͤcher und ging der Thuͤr zu;— dann ſich wieder herumwer⸗ fend, ſtellte ſie ſich vor Rumphius, der ſich geſetzt hatte, machte ihm mit der ernſteſten Miene eine tiefe Verbeugung und war in zwei Spruͤngen an der Thuͤr. S — Bei dieſer unerwarteten Verbeugung hob ſich der arme Mann ganz erſchreckt in die Höhe, und erwieberte dieſelbe mit dem ehrerbietigſten und lin⸗ kiſcheſten Gruße, den nur ein Aſtronom machen kannz allein er war mit ſeinem Buͤckling noch nicht halb fertig, als Lelia ſchon verſchwunden war. Heinrich ſeinerſeits lachte— lachte bis zum Waͤl⸗ zen in ſeinem Schlafrocke von praͤchtigem, blauen, mit Gold durchwirkten Lampas*). „Sie iſt doch wahrhaftig allerliebſt, dieſe kleine Lelia,“ rief Heinrich, während er noch in Zwiſchen⸗ rumen auflachte,„wundernett mit ihrer Reverenz — und Du, Rumphius— Du mit der Deini⸗ gen— Du warſt ebenfalls vortrefflich!“— „Meiner Treu, Herr Graf!“ ſagte Rumphius, der, ein Mal aus ſeinen Zerſtreuungen gebracht, nie die Faſſung verlor und den treuherzigſten Gleich⸗ muth von der Welt beſaß,„meiner Seel', Herr Graf, ich habe mein Compliment nach meinen beſten Kraͤften vor der gnaͤdigen— gemacht— ohne Zweifel eine Ihrer gnädigen Verwandten? ſie hat wahrhaftig ein recht anſtaͤndiges Ausſehen.“ „Ach! wenn Du wieder anfäͤngſt... ſo weiche ich Dir.. ſprach Heinrich,„zu viel Lachen thut mir fur's Erſte weh..“ „O hoͤren Sie doch, Herr Graf!— ich ſehe —. Schweres chineſiſches Seidenzeug. A. d. Ueberſ. — 126— dieſe Dame in Ihrem Schlafzimmer.. am Mor⸗ gen Ihr Wagen ſteht zu deren Befehlen. „Aber, Du alter Gelehrter, haſt Du nicht be⸗ merkt, daß mein Wagen ohne Livree war und daß ich ihn hier unten am hellen Tage vor meinen Leu⸗ ten auffahren laſſe?—“ „Ahal ich begreife,“ meinte Rumphius mit einem Lächeln voll Schalkſinn, Muthwillen und Scharf⸗ blick,„ich errathe. ſo wie Wiſchnu es geſtattet, es iſt Yaruhdah— baßwys, ein Trabant der Ve⸗ nus; mit andern Worten, es iſt die Frau Gräfin — zur linken Hand... Und der keuſche Gelehrte erroͤthete, nachdem er dieſe Worte geſtammelt, als ob er ſich eine empoͤ⸗ rende Unzuͤchtigkeit auszuſprechen erlaubt haͤtte. „Zur linken Hand!— ſo iſt's,“ entgegnete Heinrich ernſt,„pardien, ſo iſt's; aber deshalb braucht man nicht zu errothen, Rumphius, obgleich Eure Rede ein wenig frei war und ſtark nach be⸗ ruͤchtigten Häuſern riecht... Teufel, zur linken Hand!— hm! Ihr werdet ja Eyniker, mein Leh⸗ rer— zur linken Hand!“ „Ol ich wäre untröſtlich, gnaͤdigſter Graf,“ ſagte Rumphius beſturzt,„in Verzweiflung, wenn ich mich ſo unanſtändig in meinen Aeußerungen gezeigt hätte;— ich wäre troſtlos, wenn..“ „Nein, Rumphius; man muß wählen;— ent⸗ weder fortfahren, die Frauen und ihre Gunſtbezeu⸗ gungen zu fliehen, wie Ihr bis jetzt gethan habt, wenigſtens habt Ihr mir es geſagt; keuſch, rein und ohne Flecken bleiben...“ „Ich betheure Ihnen von neuem, Herr Graf...“ „Oder frei herausſagen, ich bin ein offenbarer Wuͤſtling, ein Gaſſenſtreicher. ein Libertin ohne Scham „Ich?— ohl ich?— Herr Graf!“ ſagte der Aſtronom, außer ſich vor Beſchaͤmung,„ich!.. „Geh' doch!— ſiehſt Du nicht, daß ich ſcherze, daß ich das nur ſage, um Dich zu quälen... mein auter alter Freund?— Ach! ſo!— ich bin ent⸗ zuckt, Dich wiederzuſehen, weil ich Dir ſagen laſſen wollte, hieher zu kommen, erſt, um Dir fuͤr Deinen Thurm von Koat⸗Vön, fuͤr Deine Sternwarte, zu danken, welche meine Leute wieder in Stand geſetzt haben „Und der Herr Graf haben doch wohl beobach⸗ tet, was Sie wuͤnſchten?“ „Mehr als ich wollke.— Waͤhrend eines gan⸗ zen Monats obſervirt„ „War es die Jungfrau?— die Zwillinge?— der Steinbock oder die Wage?“ fragte Rumphius, „ach Schade!— wenn Sie ſich haͤtten der Stern⸗ kunde widmen wollen, Herr Graf, mit Ihren An⸗ lagen! wohin wären Sie nicht vorgeſchritten!— aber nein doch, Sie haben ſich ja damit begnuͤgen wollen, was den Neid ſo vieler Andern erweckt; denn ich erinnere mich auf eine Himmelsweite...“ „Ach! laß mich mit Deinen Himmelsfernen zu⸗ frieden und hoör' auf mich!— Als ich von Deinem verteufelten Thurm zuruͤckkehrte, wuͤrde ich Dich in St. Rönan beſucht haben, hätte ich Zeit dazu ge⸗ habt;— ungluͤcklicherweiſe konnte ich es nicht.. aber hoͤr' jetzt, was ich Dir vorſchlagen will— der Koͤnig hat mir eine Fregatte anzuvertrauen geruhet; ich glaube, wir gehen nach Indien. wenigſtens hat mir es ein Freund geſchrieben, der erſter Se⸗ cretaͤr bei dem Marinebureau iſt... Und Heinrich hob die Walze eines großmaͤchti⸗ gen Schreibepultes, zierlich mit Elfenbein ausge⸗ legt, um darin dieſe Schrift zu ſuchen... Waͤhrend dieſer Zeit warf Rumphius einen Blick auf das Schlafzimmer ſeines fruͤheren Zög⸗ lings. Es war mit karmoiſinrothem Stoffe beklei⸗ det. Die Decke erſchien, durch die Menge von Arabesken, die ſich darauf im eigentlichen Sinne kreuzten, wie mit Gold geſtickt. Die Spiegel und Getäfel waren in lange Rahmen eingefaßt, welche Palmen vorſtellten, deren gebogene Aeſte ſich auf dem Gipfel in einander ſchlangen und Gruppen von Liebesgoͤttern und Tauben trugen— Alles dies matt vergoldet auf polirtem Grunde und von ausgezeichnetem Reichthum. Ueber dem Kamine waren Miniaturbilder auf⸗ gehaͤngt und gegenuͤber ein großes Gemälde von Lebrun, Heinrich's Mutter darſtellend, eine Frau von ſeitener Schoͤnheit, als jagende Diana ge⸗ kleidet. — Das Himmelbett mit goldnen Franzen ſtand auf einer Erhoͤhung, die mit Tiger⸗ und Loͤwen⸗ fellen bedeckt war, welche Heinrich ohne Zweifel von ſeinen Reiſen mitgebracht hatte. Die andern Meubles, welche eben ſo aus dem fruͤhern Jahr⸗ hundert herzuruͤhren ſchienen, waren, wie man ſie damals fertigte, breit, viereckig, maſſiv und mit polirten Vergoldungen. Unter andern bemerkte man eine praͤchtige me⸗ chaniſche ſtehende Wanduhr, in Ebenholz geſchni⸗ tzelt, von einer ausgewählten Arbeit, eines der Mei⸗ ſterwerke Adrian Morand's— zwei kleine ſil⸗ berne, ganz mit Smaragden bedeckte Hähne kraͤh⸗ ten die Viertelſtunden nach Arien von Lulli. Die⸗ ſes koſtbare Stuͤck war von Ludwig XIV. an Hein⸗ rich's Großvater geſchenkt worden. Auch ſtand ein Ankleidetiſch da von Porzellan von Sévers, mit bewunderswerthen Gemaͤlden und blendendem Schmelz von ſo lebhaften als bunten Farben. Aber Alles trug jenes ſo ernſte Gepräge des Alterthums, welches zeigte, wie Heinrich die Reli⸗ gion und die Ppeſie der Erinnerungen verſtehe. Endlich erblickte man durch die langen, halbgeoff⸗ neten Vorhaͤnge die hundertjaͤhrigen Baͤume des Gartens, deren Laub vom Herbſt ſchon zu bleichen begann. „Ach! da iſt das Schreiben!“ ſagte Heinrich— „verſtehe wohl, wenn es von meinem Freunde ab⸗ haͤngt, werde ich fuͤr's Erſte Befehle Amerika Die Seewarte v. Koat⸗Vön. I. — uͤberbringen und von da, wenn Herr von Guichen mich nicht zuruckhaͤlt, mich zu dem Ritter von Suff⸗ ren nach Indien begeben; denn es iſt wahrſchein⸗ lich, daß man ihm eine Flottenabtheilung giebt. Wenn Du Dich alſo noch immer mit der indiſchen Aſtronomie beſchäftigſt, willſt Du wohl mit mir gehen?— es iſt eine ſchoͤne Gelegenheit, die ſich nicht ſo wieder findet!— nun, willſt Du?“ Rumphius glaubte zu träͤumen; er kam nicht wieder zu ſich; das war ja ſein theuerſter, ſein lebhafteſter Wunſch— nach Indien zu reiſen— nach der Wiege der Sternkunde, und dahin mit ſeinem Gönner, ſeinem Zögling zu reiſen— das war um naͤrtiſch zu werden. Er vermochte auch ſeine Dankbarkeit Heinrichen nicht anders zu be⸗ weiſen, als durch abgebrochene Worte, durch halb⸗ erſtickte Phraſen ohne allen Zuſammenhang.. „Wie? Herr Graf!— Linghams ſehen?— Wiſchnu's Tempel.. Wie?. Ach! wie glucklich waͤre ich, hoͤrte ich die Braminen das geheiligte Djon ausſprechen„ mit dem rechten Naſen⸗ loche!—“ —„Der Teufel hole mich, meiner Treu', wenn ich weiß, mit welchem Naſenloche ſie das ausſpre⸗ chen; aber Du nimmſt meinen Vorſchlag an, und das iſt die Hauptſache; ich werde Dir den be⸗ ſtimmten Zeitpunkt meiner Abreiſe, bevor Du nach Breſt zu mir kommſt, ſagen laſſen das iſt ab⸗ — — 131— gemacht..— Ah! ſo!— erlaube, daß ich nach meiner Toilette verlange...“ —„Wie denn. Herr Graf! Tiruwalluwen billigt —„Ach, mein Gott!— welch teufelmäßiger Name! aber wie faͤngſt Du es nur an, dieſe Na⸗ men da auszuſprechen, ohne zu gahnen wenn man Dich hoͤrt, ſollte man meinen, Du knackteſt Nuͤſſe auf.“ „Ha! Herr Graf! da ſpreche ich ganz andere aus,“ rief Rumphius mit einer empoͤrenden Abge⸗ ſchmacktheit,„als Paltanatu⸗Sullaͤ und Sa⸗ rowi⸗gnaͤ⸗moarty und Karyma... „Genug, genug!— lieber Rumphiusz ich be⸗ zweifle Deine Gelehrſamkeit ja gar nicht!“ „O da giebt es noch, wenn ich fortfahren woll⸗ te,“ ſagte Rumphius,„die Holle des Wiſany⸗cal⸗ patylaquila... „Ich bin von Deinen Kenntniſſen uͤberzeugt! — aber bitte!..“ und Heinrich klingelte und ſein getreuer Germeau ſchickte ſich zu ſeiner Amtspflicht an, ihn zu friſiren und zu raſiren, waͤhrend zwei andre Kammerdiener ihm alles zur Ausfuͤhrung dieſer wichtigen Dienſtverrichtungen Noͤthige darreichten... „Wie Du ſiehſt, mein guter Rumphius,“ ſagte der Graf,„habe ich heute noch ſo mancherlei zu thun!“ „Auf dem Marineminiſterio, Herr Graf?“. „Ach! Gott bewahre! man hat genug an die 9* Marine zu denken, wenn man am Bord iſt... Nein, ich habe eine Wette gegen Lauzun; ich habe namlich einen meiner Zoglinge gegen ſeinen Talbot ge⸗ ſetzt, den er erſt letzthin, trotz des Krieges, aus England hat kommen laſſen—“ „Wie, Herr Graf? einen Ihrer Zoglinge, Ih⸗ rer Seekadetten?— ah! da iſt alſo dieſer Talbot ein wohlbeſchlagener Patron„. „Ach! herrlich!. ach! beſchlagen,“ ſagte Hein⸗ rich, in ein neues Gelaͤchter ausbrechend,„ach! aber ja, beſchlagen!— ganz und gar beſchlagen, um ſo mehr, als Talbot ein Hengſt iſt und mein Zögling auch. er kommt von meinem Gute zu Vaudrey, wo ich ein Geſtuͤte habe.. verſtehſt Du?“ „Ei vollkommen! ich dachte, es gelte einen aſtronomiſchen Zweikampf,“ ſagte Rumphius in ſeiner unerſchutterlichen Kaltbluͤtigkeit. „Und ohne zu rechnen, daß ich weit mehr Kunſt⸗ griffe und mehr Geld habe aufwenden muſſen, den Jokey des Herrn von Polignac abſpenſtig zu ma⸗ chen. Aber endlich habe ich ihn, und wir werden den Talbot gegen meinen Amadis ſehen.— Nach⸗ her muß ich zur Cour bei Sr. Majeſtat, den Mar⸗ ſchall Richelieu beſuchen, meinen guten lieben alten Ohm, Biſchof von Surville ſehen, und dann muß ich hier zum Ballet ſein, denn ich habe Puyſegur und Cruſſol beſtellt, um nachher bei Soubiſe zu ſpeiſen. Morgen Vormittag fruhſtuͤcke ich im Gaſt⸗ hauſe mit dem kurzweiligen Kerl, dem Rivarol, — —6 — 133— und dem Narren, dem Marmontel; nach dem Fruͤhſtuͤcke muß ich dabei ſein, wenn das arme Fraͤulein von Clarency den Schleier nimmt— ganz Paris wird da ſein, um die Motetten von Mondorville zu hoͤren, und dann muß ich auch noch nach Verſailles zum Mittagseſſen beim Fuͤr⸗ ſten von Montbarry.— Den Donnerſtag bin ich mit bei des Koͤnigs Jagd.— Nun, bei Gott! ich habe zwanzig Pferde im Stalle. und finde doch, daß dieſe nur gerade zureichend ſind urtheile ſelbſt!“ —„Welche Toilette befehlen der Herr Graf?“ fragte der Kammerdiener,„das Wetter iſt ſchoͤn.“ —„Nun„den fleiſchfarbenen Sammet mit Flittern. nein, nein!— die Stickerei von Lyon, die letzte, die mir Lenormand mitgebracht hat..“ —„Und was fuͤr Spitzen, Herr Graf— eng⸗ liſche oder Mechelner?“ fragte Germeau mit wich⸗ tiger Miene. „Mecheln doch, aber nein, ich denke. fuͤr dieſes Pferderennen. doch nicht„ dieſen Morgen in Chenille. einen ganz einfachen gruͤ⸗ nen Frack— engliſch.. und dann nicht weiter zierlich geputzt— ſondern ganz prunklos.— Aber wahrhaftig, mein armer Freund, ich bitte Dich we⸗ gen dieſer kindiſchen Kleinlichkeiten, die Dir wohl Mitleid einfloͤßen, um Verzeihung. einmal wie⸗ der zur See, werde ich mir ſchon Deine Achtung wieder gewinnen.— Ha! ſo!— Dein Zimmer iſt bereit; Du biſt hier, wie zu Hauſe— Du wirſt dem Haushofmeiſter den Befehl wegen des Mit⸗ tagseſſens geben, im Falle ich Dir nicht Geſell⸗ ſchaft leiſten ſollte.. Aber da faͤllt's mir ein: wel⸗ chem gluͤcklichen Zufalle habe ich denn Deinen lie⸗ ben Beſuch zu verdanken?— und wie geht es denn Deinem trefflichen Bruder?“ Und Heinrich warf im Aufſtehen einen Blick auf den Spiegel und ſagte:„Wahrhaftig! dieſer verdammte Kerl hat ſich ſelbſt uͤbertroffen; noch nie war ich ſo nach meinem Geſchmack friſirt, als heute!—“ Bei des Grafen Frage ſprang Rumphius mit einem Satze von ſeinem Lehnſtuhle auf:„Ach! was bin ich fuͤr ein Narr!— Dummkopf!— das ſind meine Zerſtreuungen; die erſte Sache, die ich vergeſſe, iſt der Gegenſtand meines Beſuches!—“ und in ſeiner Taſche wuͤhlend, zog er den Brief heraus, welchen Perez ſeinem Bruder uͤbergeben hatte;„hier iſt ein Brief, den ein Mann nach St. Rénan gebracht hat, waͤhrend ich geſchlafen. Mein Bruder hat ihn erhalten, ich glaube in der Nacht um eilf Uhr. er kommt von jener ſeligen Her⸗ zogin, die geſtorben iſt, ſagte mein Bruder; denn ich weiß nicht. „Wie? geſtorben?— welche Herzogin iſt.„ rief Heinrich. „Ja! eine ſpaniſche Herzogin an unſter Kuͤſte.“ „Geht,“ ſprach Heinrich zu ſeinen Leuten und dann, auf Rumphius zutretend:„aber weißt Du auch, was Du da ſagſt?— wenigſtens„ „Aber ich ſage es wie es iſt, Herr Graf,“ ant⸗ wortete der Aſtronom ganz erſchreckt. „Was iſt, was wirklich iſt?— aber nein, es iſt nicht moͤglich; es iſt nicht, es kann nicht ſein;“ und Heinrich betrachtete ängſtlich den verhaͤngniß⸗ vollen Brief.„Todt—“ wiederholte er noch ein Mal. „Ja! fur diesmal todt!— ganz ſicherlich todt; — Beweis davon iſt, Herr Graf, daß man ein prachtvolles Leichenbegaͤngniß angeſtellt hat, wobei die Armen viel Geld bekamen; und daß es der Pfarrer von St. Johannis zu St. Rönan, ein alter Freund von mir, iſt, der ihr das Abendmahl gereicht und ihren letzten Athemhauch empfangen hat.— Sie iſt ganz einfach an einem ſchreckli⸗ chen, wie mir ſcheint, uͤbel beachteten Blutſturze geſtorben. Denn die Krankheit war ſo reißend ſchnell, daß man nicht einmal Zeit hatte, einen guten Doctor zu holen.. Es kam wohl einer. aber es war zu ſpaͤt!“— „Oh! das ware gräßlich,“ ſprach Heinrich;“ „denn nach Allem bin ich gewiß, ſie hat nur mich geliebt; ihre Hingebung ohne Schranken; ihre Opfer, ihre Verzweiflung; Alles bewies mir es; — 5 und fuͤr ſo viel Liebe habe ich vielleicht ihren Tod herbeigefuͤhrt!—“ Dann das Siegel mit Heftigkeit aufreißend, rief er aus: „Ja!— es iſt von ihr!“— — Zehntes Kapitel. Das Herz?— Eine hohle Muskel. Bichat, von dem Leben und dem Tode. Herzensſchilderung. Heinrich las den Brief. Die Schriftzuͤge, an⸗ fangs noch ziemlich gut geſchrieben, wurden am Ende ſo ungeſtaltet und ſo in einander fließend, daß man leicht ſehen konnte, wie die Herzogin ſchon im Sterben geweſen ſein mochte, als ihrer Hand die Feder entfallen. Beſonders war die erſte Zeile ganz eilig geſchrieben, gleichſam als ob Rita befurch⸗ tet haͤtte, daß es ihr an Zeit mangeln werde. „Heinrich! ich habe Dich getaͤuſcht; Alles, was „man Dir von mir erzaͤhlt hat, iſt wahrz koͤnnteſt „Du mir jetzt verzeihen? „Ja! ich habe Liebhaber gehabt; Heinrich, Sie „ſind nicht an meinem Tode Schuld;— das habe „ich Ihnen noch bekennen wollen; und ich beſorgte, „nicht Zeit mehr dazu zu behalten; ich fuͤhle mich „ſo ſchlecht;— mein armer Kopf iſt ganz ver⸗ — 138— „wirrt— kaum ſehe ich noch ich habe ſo ſehr „geweint!— Sie ſind ſchuldlos an meinem Tode; „ja, ich allein trage die Schuld; Heinrich, ich habe „ihn gewollt! ich, ich allein; machen Sie ſich keine „Gewiſſensunruhe; ich wiederhole es Ihnen: Sie „haben nichts dazu beigetragen; ich habe alles das „Boͤſe verdient, was Sie mir zugefuͤgt!— „Leben Sie wohl! leben Sie wohl!— denn „es wird finſter vor meinen Augen!— meine Hand „erſtarrt zu Eis— lebe wohl, Heinrich! habe i Dann nichts weiter; nichts als einige unleſer⸗ liche Federzuͤge. Bloß unten an dieſem Briefe, welcher die getrockneten Spuren zahlreicher Thraͤ⸗ nen an ſich trug, waren von einer andern Hand die Worte geſchrieben: „Geſtorben den 13. October, um 3 Uhr 2 „Minuten des Morgens.“ „Mein lieber Rumphius,“ ſagte Heinrich nach einer ziemlich langen Pauſe,„ich moͤchte gern al⸗ lein ſein;— entſchuldiget mich!“ Und er warf ſich in einen Lehnſtuhl, waͤhrend ſich der Aſtronom, ganz zerknirſcht von dem Kum⸗ mer ſeines Zoͤglings, leiſe entfernte. Des Grafen bitterſter Gedanke nach Durchle⸗ ſung dieſes Briefes war der:„Ich bin nicht ihr einziger Geliebter geweſen!“ Dann warf er mit eben ſo viel Zorn, als ob er das Billet eines Ne⸗ benbuhlers zerriſſen haͤtte, den Brief ins Feuerz — 139 dieſen Brief, der ihn faſt vor ſeinen eigenen Au⸗ gen und vor denen der Welt rechtfertigen konnte,— er verwuͤnſchte ihn; denn er fuͤhlte einen innern Aerger, wenn er ſich dachte, er haͤtte nichts zu die⸗ ſem Tode beigetragen. So war der Eindruck, den die erhabene Un⸗ wahrheit Rita's hervorbrachte, die ſich im Grabe noch erniedrigt hatte, um ihrem Geliebten eine Ge⸗ wiſſensangſt zu erſparen. Und dies mußte auch ſo ſein; denn der Menſch hat nur Gefuͤhl fur das, was die ſchwache Seite ſeiner Selbſtſucht oder Ei⸗ telkeit empfindlich kitzelt oder zwickt. Zu ihm ſa⸗ gen:„Du biſt lächerlich, aber nicht furchtbar,“ iſt eine Beleidigung; das heißt, an ſeiner Geiſteskraft zweifeln; das heißt, ihn wie einen Schuͤler behan⸗ deln, ihn, der ſich fur einen Erwachſenen haͤlt, und den man in die Schule zuruckſchickt. Denn bei dem Verbrechen giebt es Schrecken, und fuͤr das Alberne nur Spott; man will lieber gefurchtet ſein, als ausgeziſcht werden; es iſt noch moͤglich, ſich als Macbeth glaͤnzend zu kleiden; wer aber wollte ſich als einfaͤltiger Tropf anziehen?— wer endlich wollte nicht lieber Kain ſein, als Peter⸗Michel? „Ich war alſo betrogen,“ wiederholte Heinrich füͤr ſich. Dieſe Ueberzeugung konnte das Bittere ſeiner Reue wo nicht vertilgen, doch mindeſtens ſchwächen; allein er mußte ſich ſagen:„Rita's Herz hatte nicht fur mich allein geſchlagen; ſie hat mich getaͤuſcht, als ſie mir das Gegentheil ſagte!“— Es galt alſo nun den Kampf zwiſchen der Selbſt⸗ ſucht und der Eitelkeit:„Halte dich fuͤr betrogen,“ fluͤſterte die Selbſtſucht,„und du wirſt ruhig ſchla⸗ fen!“„Halte dich fuͤr ein Ungeheuer von Treulb⸗ ſigkeit,“ ſagte die Eitelkeit,„und wenn du nicht ſchlafen kannſt, ſo troͤſte dich mit dem Gedanken, daß ſie lieber ſtarb, als deiner Liebe entſagte.“ Die Eitelkeit behielt Recht;— auch betrachtete Heinrich Rita's Brief als letzten und unwiderruf⸗ lichen Beweis ihrer heißen und verſchmaͤhten Liebe, welche die ungluͤckliche Herzogin ins Grab gebracht hatte; und, der Verneinung Rita's ungeachtet, uͤbernahm er die ſchreckliche Verantwortung ihres Todes. So verſetzte ſich Heinrich ſeit dieſem Tage, ſeit dieſer Ueberzeugung in den Glauben, fuͤr ſich ſelbſt, fuͤr ſich, den Schaͤndlichen, Eidbruͤchigen, faſt zum euchelmoͤrder Gewordenen jene trauervolle Ver⸗ achtung, jenen von eitlem Wahn angefuͤllten Schau⸗ der mit Recht zu hegen, der ſo hoffaͤrtig jedes menſchliche Weſen bis zur Verzweiftung qualt, wenn man nach unerlaͤßlicher Vorbereitung zu ihm geſagt hat: „Nun! du Böſewicht!— mit deinen Schel⸗ menſtreichen, deiner grauſamen Sorgloſigkeit, biſt du alſo Schuld an dem Tode dieſer ſchoͤnen Frau...“ Oder auch: „Ach! mein Gott!— Frau von. ohne daran zu denken, oder vielleicht, waͤhrend Sie daran dach⸗ —,——————— — 1 ten, haben Sie eine ſchreckliche Feuersbrunſt ent⸗ zuͤndet— der arme hat ſich ſo eben den Kopf zerſchmettert— und er ſtarb, indem er Ih⸗ ren Namen ausſprach!“ und ſagen: es bedarf alſo mehr nicht, um euch mit dem beneidetſten Rufe auszuſtatten; ihr braucht euch ſogar nicht einmal die Muͤhe zu geben, den Guͤrtel der Venus zu loͤſen, wie man ſich zu dieſer Zeit ausdruͤckte.— Elftes Kapitel. Ich habe die Liebe, die Eiferſucht, den Haß, den Aberglauben, den Zorn, bei den Weibern zu ei⸗ nem ſolchen Grade ſteigen ſehen, wie er ſich bei den Männern nie zeigt. Beſonders in ſolchen Augenblicken ſetzen die Frauen in Staunen, ſchön wie ein Seraph Klopſtocks, fürchterlich wie ein Teufel Miltons. Die Namenloſe. Es iſt Nacht.— Faſt dem Hötel Vaudrey gegenuͤber ſteht ein ganz unanſehnliches Haus. Im Schlafgemache einer beſcheidenen Wohnung des dritten Stockwerks ſitzt eine Frau vor einem Tiſche ſie lieſt. auf dem Tiſche liegt ein kleiner Spiegel; ſie ſelbſt, in einen großen braunen Mantel gehuͤllt, hat das Geſicht mit einer ſchwarz⸗ ſammtnen Maske bedeckt und ſcheint in tiefes Nachdenken verſunken; doch waͤhrend heftige Zu⸗ ckungen, denen ſie nicht zu gebieten vermag, ihre Maske in zitternde Bewegung verſetzen, fuͤhrt ſie in langen Zwiſchenräumen ihre Hand uͤber die — 143— Stirn und druͤckt dieſelbe.— Da blitzen ihre Augen durch die Oeffnungen der Maske und mit dumpfer Stimme ruft ſie ſich ſelbſt zu:„nicht doch! keine Schwaͤche!“ Darauf fällt ſie in ihr voriges Sinnen zuruͤck und beginnt wieder zu leſen. Sie lieſt in einem ſonderbaren Buche; es iſt „die Abhandlung uͤber die Gifte,“ von Ben⸗Afiz, einem arabiſchen Arzte, ins Spaniſche uͤberſetzt von Joſeph Ortez; ein Buch, angefuͤllt mit einer ſo entſetzlichen Wiſſenſchaft, daß die Inquiſition daſ⸗ ſelbe verdammte, und befahl, es uͤberall wegzuneh⸗ men und zu verbrennen, und Philipp V. mehr als 1000 Quadruples zum Ankauf aller nur aufzufin⸗ denden Exemplare verwendete, um ſie zu ver⸗ nichten. Dieſes fuͤrchterliche Buch iſt die Lectuͤre jener rau.— Nach einiger Zeit erhebt ſie ſich von ihrem Sitze, geht an einen großen Secretair, oͤffnet die⸗ ſen, und zieht aus demſelben ein Käſtchen hervor, welches ſie auf den Tiſch ſtellt. Waͤhrend ſie das Käſtchen aufmacht, ſcheint ſie mit Wohlgefallen ſeinen Inhalt zu betrachten— es enthaͤlt eine Menge von Wechſeln und Anwei⸗ ſungen auf die erſten Banquierhäuſer Europa's, und zwar fuͤr eine unermeßliche Summe. Dann, die Pelerine ihres Mantels aufhebend, zieht ſie eine kleine ſtarke und geſchloſſene Stahl⸗ * kette aus ihrem Buſen hervor, an welcher ohne alle Ordnung mehr Juwelen haͤngen, als nothig waͤren, das koͤnigliche Diadem eines Monarchen zu ſchmuͤcken. Und dieſe koſtbaren Steine funkelten ſo ſtark, daß die ganze Geſtalt der Frau zu leuch⸗ ten ſchien, als der bleiche Schimmer des einzigen, dieſes Zimmer erhellenden Wachslichtes auf die Diamanten, Rubinen und Smaragden fiel. Man haͤtte ſie den Brennpunkt eines Lichtmeeres nennen konnen, tauſend blendende Strahlen in allen Far⸗ ben des Prisma zuruͤckwerfend. Indeß laͤßt ſie die ſchwere Kette fallen, welche nun, faſt ganz in die Falten ihres braunen Klei⸗ des vergraben, nicht mehr leuchtende Strahlen um ſie her verbreitet, und mit einem Seufzer fragte ſie ſich ſelbſt:„Werde ich wohl genug haben?“ Nach einem Augenblicke des Schweigens fuͤhrte ſie von neuem ihre Hand zur Maske, verſuchte ſie zu heben, und ſprach mit leiſer Stimme:„Wenn es noch Zeit waͤre Aber ſie ließ die Hand ſinken, denn ſie hoͤrte die erſte Thuͤr der Wohnung oͤffnen— dann die zweite, und endlich auch die zum Schlafgemach.— Ein Mann trat herein und gruͤßte ſie ehrfurchtsvoll; ſie dankte mit einer Kopfneigung; einen Augenblick ſah man an der Thuͤre einen jener langen grauhaarigen Jagdhunde aus den Gebirgsgegenden erſcheinen zaber auf ein Zeichen ſeines Herrn, zog er ſich knurrend zuruͤck. Der Eintretende legte einen großen Mantel und ſeinen breitbeſetzten Hut ab, und man konnte jetzt ſein hageres, braunes und kupfrichtes Geſicht ſehen. Es war Perez, ſchwarz gekleidet; in zwei Monaten ſchien er zehn Jahre gealtert zu ſein. Die Frau mit der Maske— war Rita— die verſtorbene Herzogin von Almeda. „Nun, Perez?“ ſagte ſie. „Nun, gnaͤdige Frauz; ich habe die Liſte, welche Sie verlangt haben.“ „Gieb, gieb!“ rief Rita lebhaft, das Papier der Hand ihres Stallmeiſters entreißend;— und ſie las, während Perez das Kaͤſtchen wieder ver⸗ ſchloß und an ſeinen Ort ſtellte. Sie las. Es waren Namen und Adreſſen; der Biſchof von Surville— Lelia— der Ritter von Lepine dann „Perez, Du haſt Zutritt in dieſen Haͤuſern?“ „Bald, gnaͤdigſte Frau Herzogin—“ „Und meine Kleider. YPerez! unſere Ver⸗ kleidungen?“ „Morgen werden Sie dieſelben erhalten, gnaͤ⸗ digſte Frau;“ dann nach einer Pauſe und ſich Rita naͤhernd,„Fjedoch duͤrfte es noͤthig ſein, dieſe Larve abzulegen.. Rita antwortete nicht.— „Alles muß beendigt werden„und 1 ſind unnuͤtze Qualen.“ Rita blieb ſtumm. Die Seewarte v. Koat⸗Vön. 1. 10 „Was geſchehen, iſt vorbei! gnaͤdigſte Frau!— uberdies waͤre es jetzt zu ſpät...—“ „Sage mir, Perez,“ entgegnete Rita, ihn un⸗ terbrechend,„ſage mir— Du haſt doch mein Lei⸗ chenbegängniß geſehen;— war es prachtvoll?“— „Praͤchtig, gnaͤdigſte Frau!“ „Und hat man Muthmaßungen, Perez?“— „Nein, gnädige Herzogin! Sie wiſſen ja, nach der Entfernung Ihrer Frauen, die Sie vor Ihrem Tode in Ihr Zimmer kommen ließen und Sie fur ihre Sorgfalt belohnten,— ſind wir, ich und Juana, allein bei Ihnen geblieben, bis zu dem Augenblicke, wo der Prieſter kam. Das Zim⸗ mer war dunkel. Sie ſchienen im Sterben zu liegen; er reichte Ihnen das Abendmahl. dann ging er fort.„ hierauf haben wir Beide, Juana und ich, allein bei Ihnen gewacht, und nachdem wir die letzten Pflichten erfuͤllt, Ihrem ausdruͤckli⸗ chen Befehle gemaͤß, allein den Sarg ins Gewoͤlbe der Kapelle, die an Ihr Betſtubchen ſtoßt, hinab⸗ geſenkt.. Am andern Tage war der Sarg auf dem Wege nach Spanien, von Juana und den erſten Dienern Ihres Hauſes begleitet, die ihn nach dem Schloſſe von Sibſyra, in Ihr Familienbe⸗ graͤbniß, brachten.“— „Alſo keinen Verdacht, Perez;— hat Nie⸗ mand Verdacht?“ „Nein, gnaͤdigſte Frau; die Unkenntniß des Arztes, den wir geholt, um noch zu helfen 4 — W— Sie wiſſen uͤberdies Alles;— aber bei St. Jago! nehmen Sie die Maske ab!—“ „Hat er meinen Brief erhalten, Perez?“ „Ja, Frau Herzogin; der Aſtronom hat den Brief vor zehn Tagen beſtellt;— ich wahlte die⸗ ſen Mann, weil er, wie man mir ſagte, Ihren Prie⸗ ſter und Ihren Arzt kennt.. und weil er nicht ermangelt haben wird, ihm das Naͤhere uͤber Ih⸗ ren Tod zu erzaͤhlen.“ „Und was hat er geſagt? er?“ „Er?— oh! er iſt acht Tage allein geblieben, ohne Beſuch anzunehmen;— aber nach Allem muß er ſich ſchon wieder getroͤſtet haben, denn, wie mir ſein alter Kammerdiener mitgetheilt, iſt er jetzt faſt ausgelaſſen froͤhlich.“ Hier konnte Rita einen leichten Ausruf des Schmerzes nicht unterdruͤcken; ſie fuhrte ihre Hand zum Geſicht. „Dieſe Larve. in des Himmels Namen— immer noch die Larve,“ rief Perez,„nehmen Sie dieſelbe ab, Frau Herzoginz es iſt noͤthig!“ Nach einem Augenblick des Schweigens ſprach Rita mit leiſer und zitternder Stimme zu ihm; „Du wirſt mich ſehr feig finden, Perez;— ich ſterbe faſt vor Beſchaͤmung;— ich geſtehe es:— ich wage es kaum!“ „Sie wagen es nicht?“ „Nein, Perez. ich wage es nicht„ich fuͤrchte. 10* — 148— „Furcht! Sie gnaͤdige Frau!— Furcht! vor zwanzig Tagen ſagten Sie noch ſo herzhaft:— „Perez, ich werde mich an ihm raͤchen, hoͤrſt du?— Aber damit meine Rache vollkommen und gewiß ſei, muß er glauben, ich ſei geſtorben;— und er wird mich fuͤr todt halten, Perez;— doch iſt das nicht genug, ich muß auch unkenntlich ſein. Aber daß er mich von Angeſicht ſehen kann, ohne mich wieder zu erkennen— wie das anſtellen, Perez?“— Oh! da hatten Sie keine Furcht; und als ich Sie ſo muthig, ſo entſchloſſen ſah,— da habe ich Ih⸗ nen von einem geheimen Mittel erzaͤhlt, das ich von Lima mitbrachte; von einem brennenden Aetzungs⸗ mittel, welches die Indianer anwenden, um Leibe unauslöſchliche Merkmale außzudrcken. „O Perez, Perez!“— „Sie hatten auch nicht mehr Furcht, als Sie zu mir ſagten:„Meiner Rache habe ich meinen Namen, meinen Rang,— mein Leben aufgeopfert; auch dieſen Ueberreſt von Schoͤnheit will ich opfern, die doch ein wenig ſpaͤter unter ohnmaͤchtigen Thraͤ⸗ nen verbluͤhen wuͤrde;“ auch haben Sie nicht mehr geſchwankt— und dieſe Maske hat Ihr Antlitz bedeckt und jetzt haben Sie Furcht!— Furcht! — weil nichts mehr von Ihrer blendenden Schoͤn⸗ heit uͤbrig iſt. Furcht!— weil dieſe Maske nicht mehr erloſchene und unkenntliche Zuͤge ver⸗ huͤlt! ℳ6 „Ach ja!— ſo iſt's!— ja! es iſt der Ge⸗ — 149— danke, mich ſo entſtellt zu ſehen, der mich zu Eis erſtarrt. Ja, ich habe Furcht!— ja, es iſt ſchreck⸗ lich, ſchrecklich zu denken.. Perez, ich weiß es. ach! ich bin feig, ſehr kleinmuͤthig; aber ich habe Furcht... Als Du nicht dawarſt. ich wagte meine Maske nicht abzunehmen aber jetzt wollte ich. Ach! ſieh!— meine Gedanken entſchwinden mir!. ich werde irre, irre!— O Heinrich, Heinrich!.. Gott, was hatte ich dir gethan?—“ Und die ungluckliche Frau druckte ihren Kopf unter herzzerreißenden Schmerzeslauten in beide Haͤndez dann ſich mit Heftigkeit aufrichtend, rief ſie:„Doch, Perez!— Biſt Du auch Deines ge⸗ heimnißvollen Mittels ſicher?— Weißt Du, daß ich die Maske oft ſchon verruͤckt habe 2—“ „Noch einmal bitt' ich, Gnaͤdigſte, meine theure Gebieterin!— die Schmerzen, die Sie empfinden, ſind Beweis, daß es keine, keine Huͤlfe mehr —„Ohl das iſt nicht wahr; nein, Perez— es kann nicht ſein „Aber nochmals, bei St. Jago!— habe ich nicht Ihre Befehle, Ihren Willen befolgt?“ „Abſcheulicher, mußteſt Du ſie denn befolgen?“ — ſagte die Herzogin faſt wahnſinnig;— es war der letzte Ausruf der Eitelkeit einer jungen, ſchoͤ⸗ nen Frau, die noch in ihr athmete—„mußteſt Du nicht Mitleid haben mit einem armen, durch Liebe und Haß verleiteten Geſchoͤpfe?— mußteſt Du mich nicht lieber taͤuſchen— mir ſagen, ich habe es gethan, ohne daß es geſchehen war!— O! ich leſe es in Deinem Geſichte, Perez, guter, treuer Diener!— Du haſt mich belogen, nicht?— Haſt mich getäuſcht?— Du haſt Dir ſelbſt geſagt: die arme Frau iſt wahnſinnig; wir wollen Mitleid ha⸗ ben; denn ihr Vorſatz iſt zu teufliſch;— das Er⸗ wachen aus dieſem Traume wuͤrde zu ſchrecklich ſein.— Aber Du antworteſt ja nicht, Perez, Du ſagſt nichts; Du ſtehſt da, unbeweglich!— ach!— aber Du erſchreckſt mich mit Deinem Schweigen! Sprich doch, Ungluͤcklicher, ſprich!“ rief die Herzogin, ſeinen Arm ergreifend. „Moͤge meine Gebieterin, moͤgen Ew. Excel⸗ lenz mir vergeben, was ich jetzt thue; aber ſolch' ein Auftritt iſt zu herzzerreißend fuͤr Sie und mich. ſehen Sie jetzt ſelbſt, Frau Herzogin!“ Mit dieſen Worten zerriß Perez die Schnuͤre der Maske, und dieſe fiel hera Und Perez, der einen Schrei des Staunens und des Schreckens nicht zuruͤckzuhalten vermochte, bedeckte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden und ſank zu den Fuͤßen ſeiner Herrin nieder, um ihr den Anblick ſeiner Thraͤnen zu entziehen. Denn die⸗ ſer ſonſt eiſerne Menſch liebte ſie mit jener mecha⸗ niſchen, vollkommenen, uneigennuͤtzigen Hingebung eines Dieners, die nur der Anhänglichkeit des Hun⸗ des an ſeinen Herrn verglichen werden kann; ja, Perez hatte ſich mit Leib und Seele Rita's Rache⸗ „ —,—————————————— plan geweiht, mit derſelben blinden Wuth, mit wel⸗ cher der Hund bei ſeines Herrn Ruf auf ein wil⸗ des Thier losſtuͤrzt.— Rita blieb einen Augenblick ohne alle Bewe⸗ gung, die Augen ſtarr, vor ſich hinblickend, ohne etwas zu ſehen. Dann zu ſich ſelbſt kommend, war ſie mit ei⸗ nem Sprunge an dem kleinen Tiſche. ergriff den Spiegel, warf einen fluchtigen Blick darauf— und ſank vernichtet in einen Lehnſtuhl„ Zwei große Thraͤnen floſſen auf ihre benarbten Wangen herab; die unglͤckliche Frau war ſo un⸗ kenntlich geworden, daß nur Perez allein in der Welt in dieſen ſo entſetzlich entſtellten Zuͤgen die Herzogin von Almeda erblicken konnte. Rita weinte ſehr und unterbrach ihr herzzer⸗ reißendes Schluchzen nur, um den Spiegel mit bei⸗ den Haͤnden zu nehmen, ſich darin zu betrachten, und ihn mit dem Ausrufe von ſich zu werfen: „Ach! Gott... mein Gott!— es iſt vollen⸗ det!.. Alles vorbei!. nichts mehr!.. Alles dahin, Schoͤnheit, Name, Wuͤrde es bleibt mir nichts, nichts mehr uͤbrig.. „Als die Rache, Frau Herzogin!“ ſprach Perez, der ſeine Thraͤnen vertrocknen fuͤhlte, ſehr ernſt. Bei dieſem Zuruf richtete Rita den Kopf in die Höhe, trocknete ſich die Thränen mit ihren Häͤnden und ſagte mit feſter Stimme: „Bitte, mein guter Perez!— verzeihe meine Schwäche— meine Ungerechtigkeit!— aber ich war ſchoͤn, ein Weib. und Du mußt dieſen letzten Blick auf eine ſo glaͤnzende, ſo hoffnungsvolle Vergangen⸗ heit entſchuldigen.. jetzt iſt Alles vergeſſenz Du ſollſt ſehen, ob es mir an Feſtigkeit fehlt.. Hierauf nahm ſie den Spiegel wieder und be⸗ trachtete ſich eine Minute lang, ohne die geringſte Bewegung ihres Innern zu verrathen.. „Nun, Perez!“ fragte ſie dann;„zeige ich jetzt noch Furcht?“ und mit ſicherer Hand legte ſie den Spiegel auf den Tiſch. Perez kuͤßte den Saum ihres Gewandes. „Ach! Du haſt wahr geſprochen, Perez; mir bleibt noch die Rache der Haß„frei und frank, ohne Feſſel denn ich fuͤhle nicht eine einzige Empfindung des Mitleids mehr, die mich hindern könnte. nicht eine Hoffnung auf eine beſſere Zukunft mehr, die mich ſchwanken laſſen koͤnnte. Ach! meine Rache iſt von dieſer Welt und ich werde ſie nimmer vergeſſenz mein Haß knuͤpft mich auf immerdar an ſie, wie der Henker den Meuchler zu dem Banditen ge⸗ ſellt;— wies meine Rache vergeſſen?— während jeden Augenblick die entſtellten Zuͤge mir zurufen: raͤche dich!— er hat dir Alles entriſſen, Schoͤnheit, Wuͤrde, Liebe, Ehre; räche dich!— er hat dich todt verlaſſen ohne die Ruhe des Grabes, lebend verlaſſen ohne die Freude der Welt; räche dich!— denn du — 153— warſt ſchoͤn; raͤche dich!— denn du, jetzt ein ernied⸗ rigtes, armes, namenloſes Geſchoͤpf, du beſaßeſt ei⸗ nen Namen, gefeiert in ganz Spanien; räche dich!— du hatteſt ein königgleiches Daſein; und jetzt wird dein Leben ein unſtätes, elendes ſein, nur der Er⸗ fullung des einen Geluͤbdes geweiht, unaufhoͤrlich das verzehrende Feuer der einen Leidenſchaft anzu⸗ ſchuͤren, der Rache!“ „Aber wenn er ſtirbt, gnaͤdigſte Frau!— wenn er ſtirbt, bevor Sie geraͤcht worden.. ſagte Perez ploͤtzlich mit Schaudern⸗ „Oh!— er wird nicht ſterben, Perez!“ rief Rita faſt mit dem Ausdrucke eines prophetiſchen Geiſtes der Ueberzeugung.„Er wird, er kann nicht ſterben!— ſiehſt Du, in meinem Herzen hier, da iſt ein Glaube, eine Gewißheit der Zukunft, die mir ſagt: er wird nicht ſterben!— Und dann, verſtehſt Du, Perez, es muß auch etwas Unnenn⸗ bares ſein, etwas Uebermenſchliches, etwas— wie nenne ich es nur— Hoͤlliſches, was mich zu dem verleitete, was ich gethan— etwas, was mir die Ge⸗ wißheit giebt, daß ich mich rächen werde! Denn was ich empfinde, iſt wie ein zweites Geſicht, wie die Erinnerung an einen Traum des Zukuͤnfti⸗ gen— ja, ja! ich fuͤhle es hier!— ich bin ge⸗ wiß, mich geraͤcht zu ſehen, ſobald es Zeit ſein wird. Ja, ſieh, Perez! ich bin deſſen ſo ge⸗ wiß, daß ich ja ſagen wurde, wenn auch Gott oder Satan nein ſagten.—“ —— Und Perez glaubte ihr; denn in ihren Geber⸗ den, ihren Worten, dem Ausdrucke ihres Antlitzes lag jene unerklaͤrliche Ueberzeugung, welche das Be⸗ wußtſein einer geheimen Offenbarung verleiht; eine pſychologiſche Erſcheinung, welche die Vernunft zu⸗ geben muß, ohne ſie ergruͤnden zu koͤnnen. „Und dieſe Rache, gnädigſte Frau, wird doch recht fuͤrchterlich ſein?“— „Oh, Perez!“ ſprach Rita mit gräßlichem Lä⸗ cheln,„bieſe Rache!— doch halt, ſage mir, Pe⸗ rez!— Du weißt doch von Kain, dem Verworfe⸗ nen, dem Verfluchten...2 „Ja,“ erwiederte Perez, von Rita's Flammen⸗ blicken erſchreckt. „Du weißt wohl.. Kain mit dem Zeichen auf der Stirn. Kain, den ein blutiges Verhaͤng⸗ niß mit einem Kreiſe der Vernichtung und der Ver⸗ zweiflung umzog, aus dem er nie heraus konnte.. weil er verdammt war, in deſſen Mitte zu blei⸗ ben. „Nun?“ ſagte Perez mit klopfendem Herzen. „Nun!— Kain, der Verworfene das iſt er; das Verhaͤngniß.. das werde ich ſein!“— Drittes Buch. Zwölftes Kapitel. Man thut oft Gutes, um ungeſtraft Böſes thun zu können. (121. Maxime von Larochefoucauld.) Ich habe oft geſagt: Das Unglück der Menſchen kommt daher, weil ſie ſich nicht ruhig im Zimmerzuhalten wiſſen. Pascal, Gedanken. Art. VII. Graf Heinrich von Vaudrey⸗ Mohamed,— St. Auguſtin,— Pascal,— Rouſſeau,— M. Jaquotot,— der göttliche St. Simon und noch viele Andere(denn heut zu Tage giebt es der Goͤtter und Weiſen eine große Anzahl) betrachten die Erziehung mit Recht fuͤr ein zweites Daſein, deſſen der Menſch ſich erfreut. Schon um ſein phyſiſches Leben vollſtaͤndig zu machen, behaupten ſie, iſt ihm dies andere morali⸗ ſche noͤthig. Mir nun iſt dieſe Behauptung ſtets ſo wahr als bewundernswerth erſchienen; nur iſt, meiner — 156— Anſicht nach, die Wahl ſolcher Geiſteserzeuger mit großer Schwierigkeit verbunden, wie groß auch die Zahl der Prätendenten immer ſein mag.— Zur Zeit unſerer Erzählung waren in dieſer Wiſſen⸗ ſchaft die Aebte die Vorkämpfer, und manche unter ihnen zaͤhlten zwoͤlf bis funfzehn ſolcher Geiſtesge⸗ ſchöpfe, mehr oder minder lebensfähig, ohne dabei ihrer todtgebornen Kinder und ihrer Baſtarde zu gedenken. Aber dieſe zweite Natur iſt beſonders anhäng⸗ lich; wie ſehr die Welt ſich auch an ihr reibt, ver⸗ änoern wird ſie ſie doch nicht. Ja gewiß immer wird man im Gedanken⸗ und Thatenſyſtem des reifern Alters mit Erſtaunen die Grundzuͤge dieſer zweiten Väter erkennen. In der erſten Jugend iſt Seele, oder Geiſt, oder Perz, wie man's auch nenne, biegſam und empfaͤnglich, indem die Leidenſchaften ſich erſt ent⸗ zuͤnden und auflobern; nach und nach verfliegt die Gluth; die Seele wird kalt und hart, wie Stahl. Bei Einigen floß dieſe Lava in eine edle oder abſcheuliche, doch tuchtige und feſte Form; bei An⸗ dern aber ſprudelte der Stoff ein wenig und ver⸗ ſchwand dann in Nichts. Doch iſt dies keine Vorrede zu einem Erzie⸗ hungs⸗Elementarbuch fur ſolche, welche Götter in die Welt ſetzen wollten, noch die Annonce eines ſpeciellen Etabliſſements, um Brutuſſe zu entwoͤh⸗ nen, die ihre Amme beißen, oder Lykurge zu erzie⸗ ———,— — hen, welche im ſiebenten Jahre ſchon ihren Eifer für die Unterdruͤckung der Maͤßigkeit und des Dul⸗ dens eidlich gelobten, gleichſam, als wären dies Angriffe auf die individuelle Freiheit und Wuͤrde des Menſchen. Dies ſoll mich vielmehr nur hinleiten auf die erſte Erziehung des Grafen Heinrich von Vaudrey und auf ſeine augenſcheinliche Unſtetigkeit in ſeinen Principien, die ihn in Bezug auf die verſtorbene Herzogin von Almeda in ein ſo falſches Licht ſetzte⸗ Heinreich von Vaudrey, der jungere Sohn eines angeſehenen Hauſes, ward bei ſeiner Geburt zum geiſtlichen Stande beſtimmt, und zwar nach der Ordnung der Geburt und in Folge des erhabenen, geſelligen Begriffs, welcher die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft verbindet, mit an⸗ dern Worten, nach dem ſogenannten Recht der Erſtgeburt. Denn ehedem gruͤndete man mit vieler Muͤhe mit Eiſen und Granit ein feſtes Gebaͤude auf Fel⸗ ſengrund, und nicht etwa fur ſich; denn oftmals rief der Tod den Bauherrn ab, bevor noch der letzte Stein ſolch eines Gebaͤudes gefuͤgt war;— ſondern man baute fur ſeine Kinder und Kindes⸗ kinder. Dieſe erhabene Heiligung der Zukunft, dieſe edle und ſegensreiche Sitte, welche die Wiege einer Familie unveraͤußerlich und heilig machte;— ſie war Barbarei und Rohheit. — 158— Ehemals ſtellten ſich religisſe und politiſche Sa⸗ tzungen der uͤbermaͤßigen Entwickelung der Bevol⸗ kerung entgegen, um die allzu große Anzahl der Sproͤßlinge zu mindern, die, was auch die Utopi⸗ ſten ſagen moͤgen, doch nur beſtimmt ſind, hienie⸗ den der Entſagung und dem Elend zu leben. Auch der moraliſche Zwang, der den Reichen ſo wie den Armen traf, und nur dahin zweckte, die Zahl des Menſchengeſchlechtes mit den wenigen Ueberreſten des verfallenen Wohlſtandes der Menſch⸗ heit in Gleichgewicht zu bringen, und ſo eines Je⸗ den Theil zu mehren. war Barbarei und Roh⸗ heit. Heut zu Tage aber baut man mit Kalk und Koth ein Haus fuͤr Tagesfriſt, gerade wie jene thoͤrichten Alten, deren ſchmutziger Sinn, wenn er daruͤber zur Rede geſetzt wurde, ſich mit einem „was geht mich die Zukunft an?“ entſchuldigte. Und wahrlich, ſie haben Recht; was geht es ſie an? Heut zu Tage hat man mit Religionsſachen, Erinnerungen und Vaterlandsliebe genug zu ſchaffen. Liegt deine Mutter begraben, dort unter dem friſchen Gruͤn der Aue, wo ſie ſo gern ſaß und dich als kleines Kind auf ihrem Schoße wiegte;— 0 wahrlich, wenn es der edlen Induſtrie einfaͤllt, ihre Eiſenbahnen uͤber jenen geweihten Boden zu legen, wo du allabendlich beteſt, ſo wird dir jene Indu⸗ ſtrie die Gebeine deiner Mutter abwaͤgen, dreifach dir ihren Werth bezahlen, und dann ihre Aſche in — 159— den Wind ſtreuen; du aber darfſt nicht mit ihr hadern. In ganz Frankreich iſt kein einziger Winkel, wo die Induſtrie nicht einen Kanal, einen Weg oder eine telegraphiſche Linie(denn ſo weit iſt dieſe hoch⸗ belobte Induſtrie fortgeſchritten) hin verlegen kann. Und waͤre man da nicht ein Thor, ein Haus zu bauen, oder einen Baum zu pflanzen, da man ja ſtets Gefahr laͤuft, es am folgenden Morgen nicht mehr ſein nennen zu duͤrfen? Dieſer aͤußerſte und verhängnißvolle Angriff auf Familiengluͤck, auf die Moral, auf die Religion der Zukunft und Vergangenheit, auf das heilige Eigenthumsrecht— das nennt man— Staats⸗ vortheil. Jener niedrige oͤffentliche Egoismus endlich, welcher Alles zu Aller Schaden angreift; jener ſcheußliche und zerſtorende Gedanke, es muͤſſe Alles feil ſein, Alles verkäͤuflich, bezahlbar und kaͤuflich; es muͤſſe das, was dem Menſchenherzen noch am heiligſten, am reinſten iſt, es muͤſſe jenes Gefuhl, das ihn allein noch an das Land knuͤpft, die Liebe zur Grabesſtätte und zur Wiege, mit Gold bezahlt werden koͤnnen, um es der eiteln Hoffnung einer unmöglichen Verbeſſerung des reinmateriellen Wohl⸗ ſtandes zu weihen, das, ja das iſt— die Civiliſa⸗ tion, das iſt das Fortſchreiten unſerer Zeit! Doch nicht genug!— heut zu Tage giebt es Menſchen, die kraft ihres Amtes(man nennt ſolche — 160— Wichte— Oekonomiſten oder Menſchenfreunde) euch ernſt oder mit einer unſchuldigen und voll⸗ kommenen Zufriedenheit ins Geſicht ſagen duͤrfen: „Ach! mein Herr— welches Gluͤck! Sehen Sie doch, wie, Dank ſei es unſern Ermuthigungen, die Bevoͤlkerung ſich mehrt, wie die Menſchheit wächſt; wie es wimmelt— es iſt ein wahrer Ameiſenhau⸗ fen, mein Herr. Und, Dank ſei es unſrer ewig unvergeßlichen Revolution! Hat ſie nicht tauſend und abermal tauſend Feſſeln zerbrochen, die dem Wachsthum der Bevoͤlkerung wehrten? hat ſie nicht jene trägen Moͤnche aus ihren Kloͤſtern auf⸗ geſcheucht, und ſie zum Kinderzeugen genöthigt?— Kinder, mein Herr, Kinder ſind der Reichthum des Staats!. „Gab denn nicht auch der Kaiſer, der ſich dar⸗ auf gar wohl verſtand, den Weibern, die ein Dutzend lebender Kinder gebaren, eine Prämie?“ So wer⸗ den dich jene tollen, ausgefeimten Hengſte fragen. Ja, ja, ich glaube es, der Kaiſer liebte die Men⸗ ſchen,— wie der Fleiſcher— ſein Schlachtvieh.— Einen Unglucklichen aus blinder Menſchenliebe anreizen, ſich eine Ehegenoſſin zu waͤhlen, mag er nun im Stande ſein, ſeine Familie zu ernaͤhren oder nicht, heißt, bei Gott, weiter nichts, als ihm zurufen:„Zeuge Kinder!— Was liegt daran, ob ſie hungern; vielleicht befreit der Hungertod dich von ihnen. Wenn die Menſchheit zu voll iſt, laͤuft ſie uͤber; der Kanäle ſind viel dazu da, als Peſt, Krieg, Blattern, Cholera, Ausſchweifung, Wolluſt u. ſ. w. und bald iſt das Gleichgewicht wieder hergeſiellt. „Denn im Grunde iſt es einerlei, nicht zeugen, wie ſonſt, oder fuͤr Peſt und Krieg zeugen, wie heut zu Tage. Das Nichts kommt nie zu kurz; nur, daß heut zu Tage der Menſch den Duͤnger macht, der Boden dabei gewinnt und fett wird. „Zeuge Kinder, ſage ich dir, ſchluͤrfe den Becher der Liebe bis zur kothigen Hefe; verkupple dein Elend mit fremdem Elend, eines ſolchen Bundes Kind iſt das Verbrechen— was liegt daran? Gal⸗ gen und Guillotine ſind da, ſich damit zu belaſten! — O du dankenswerthe Guillotine, du wohlfeile Huͤlfe gegen das Elend unſter Zeit, wie ſo herrlich entledigſt du den Koͤrper des Staates des verdor⸗ benen Blutes, das ihn erſtickt! Abſchaffen will man dich?— Das iſt grauſam, iſt Verbrechen am Men⸗ ſchengeſchlecht, und Mord der Zukunft vieler An⸗ dern.“ Ja, dies ſind die Folgen jenes ungluͤcklichen Sophismus, daß das Staatsgluͤck, nach dem Wachs⸗ thum der Bevolkerung beurtheilt, die Zeugung junger Buͤrger beguͤnſtigen muͤſſe, es koſte was es wolle. Dies. dieſe gaͤnzliche Unkunde der Geſetze der Natur, dieſes blinde Wuͤthen, das uns an den Rand des Verderbens bringt, das iſt— Civiliſa⸗ tion! Die Seewarte v. Koat⸗Vén. 1. 11 — 162— Allerdings ſcheint mir dieſe Civiliſation ſehr an⸗ muthig und erhaben zu ſein, noch mehr aber vor⸗ theilhaft fur die Geburtshelfer, Todtengräber, Scharf⸗ richter, Dorfmaurer, und fuͤr die Gouvernements unſrer Zeit, die uns mit aller Manier ruiniren. Doch kann denn das Fortſchreiten unſrer Zeit theuer genug bezahlt werden? Dies iſt noch ein troͤſtender Gedanke fuͤr die Menſchheit, der Thraͤ⸗ nen aus den Augen eines Menſchenfreundes her⸗ vorlocken duͤrfte.— Von den Budgets bis zu den Verbrechen macht in Frankreich jetzt Alles reißende Fortſchritte. Aber uͤber die Bewunderung des Fortſchreitens haͤtte ich faſt unſern Heinrich vergeſſen. Heinrich, der juͤngere Sohn ſeiner Familie, ſollte alſo in den geiſtlichen Stand treten; aber ſein polterndes, eigenſinniges, wolluͤſtiges, eitles und jähzorniges Weſen, die beleidigenden Antrage, die er den Kammermaͤdchen machte, ſo wie ſeine gar wenig kloͤſterliche Stimmung, Alles ſchien ihn viel⸗ mehr zum Seeſoldaten und Maltheſerritter zu be⸗ ſtimmen. Man erwog alſo die Folgen ſeiner Stellung als Nachgeborenen, und die intereſſante Zukunft ſeiner nicht unbedeutenden Schaar von Laſtern, die in den finſtern, feuchten Kloſtermauern verblutet und verkruͤppelt waͤren, ſollten im Gegentheil freie Luft athmen, ſich unter den Sonnen aller Laͤnder entfalten, auf der Azurfluth aller Oceane ſich her⸗ — 163— umtreiben und ſo ſchoͤne und kraͤftige Eigenſchaften werden. Der wuͤrdige Aſtronom Rumphius hatte Hein⸗ rich etwas Latein, Franzoͤſiſch und Mathematik bei⸗ gebracht; aber mit dem zwoͤlften Jahre fängt ja die Erziehung kaum erſt an, und ſo duͤrfen wir dem Einfluſſe jenes jungfraͤulichen und ehrbaren Gelehrten den Keim der regelloſen Leidenſchaften, die ſich leider nur zu ſchnell bei dem jungen Rit⸗ ter entfalteten, nicht zuſchreiben. Im Jahre 1767 Ende Aprils verließ Heinrich das Schloß von Vaudrey, wo er ſeine Jugendzeit zugebracht hatte, doch ohne den letzten Segen und die thraͤnenfeuchte Umarmung ſeiner Mutter mit hinwegzunehmen; denn ſchon lange war ſie nicht mehr, und er mußte des ſuͤßen Gedankens entbeh⸗ ren, daß allabendlich eine zärtliche Stimme zu Gott fuͤr ihn beten wuͤrde. Dies war aber fuͤr Heinrich um ſo ſchlimmer, da er ſelbſt, wie es ſchien, Gott gar ſelten anrufen wuͤrbe, wenigſtens auf keine ſeinem Seelenheile foͤrderliche Weiſe. Doch Gottes Barmherzigkeit iſt ja ohne Ende, und wenn Heinrich auch die zar⸗ ten und frommen Ermahnungen ſeiner Mutter nicht mit ſich nahm, ſo gab ihm doch ſein Vater, der Graf von Vaudrey, vormals General⸗Lieutenant und Ordensritter, noch manche Lebensregeln mit auf den Weg, und fuͤhrte Un ſiit nach Breſt, wo er ihn dem Schutze des Ritters von Suffren, eines ſeiner vertrauteſten Freunde, anvertraute. „Leb' wohl, Junker,“ ſprach der Graf von Vau⸗ drey zu ſeinem Sohne,„vergiß nie, was du deinem Koͤnig, deiner Fahne und deinem Namen ſchuldig biſt; auch huͤte dich, ich beſchwoͤre dich bei Gott, vor ehrloſen Thaten.“ Alſo im zwoͤlften Lebensjahre ſchon ſchiffte ſich Heinrich als Freiwilliger mit der Fregatte l'Union ein, welche der Herr von Suffren kommandirte, und die von dem Grafen von Blugnon mit Frie⸗ densverhandlungen nach Marokko geſendet wurde. Sehr gefielen Heinrich's anmuthiges, lebhaftes, geiſtreiches Geſicht, ſeine gewandte Entſchloſſenheit, ſein durchdringender Blick dem Herrn von Suffren, der auch ſogleich das Kind dem aͤlteſten der See⸗ officiere, mit dem er Dienſt und Studien theilen ſollte, anempfahl. Daß ein Poſten von 12 bis 15 Seeofficieren, wovon der aͤlteſte kaum achtzehn Jahr alt war, und die dennoch insgeſammt hundert Mal mehr, als die Mehrzahl erwachſener Maͤnner gelebt hatten (wenn naͤmlich Raͤnke und Ausſchweifungen auch leben heißen); daß eine ſo unruhige, kecke, tolle, ausgelaſſene, uͤbermuͤthige und wilde Geſellſchaft ganz geeignet war, fuͤr die Entwickelung von Hein⸗ rich's feurigem und ſtuͤrmiſchem Charakter eine treffliche Schule abzugeben, daran zweifelt wohl * W — 4 — 165— Niemand. Auch zeichnete ſich Heinrich hierin gar bald vortrefflich aus. Und dies war in der That ein großes Gluͤck fuͤr Heinrich; denn wahrhaftig, fuͤr den Menſchen iſt nichts unnuͤtz, die Laſter ſo wenig als die Tugen⸗ den; nur muß man ſie lenken und beherrſchen.— So auch bei Heinrich.— Waͤre er zu Hauſe im vaͤterlichen Schloſſe geblieben, dann wuͤrde er gewiß ein eigenſinniges, ſtoͤrriges, befangenes, unduldſa⸗ mes, uͤppiges Kind geblieben ſein. Aber auf der See, wo er herrſchen und gehor⸗ chen mußte, wo ihn die Gefahren eines Abenteu⸗ rerlebens umdrohten, mußte da nicht ſchon das Kind faſt zum Manne werden? Dort bleiben die Laſter nicht Laſter, ſondern ſie werden koſtbare Ei⸗ genſchaften. Der Eigenſinn wird Feſtigkeit, der Zorn wird Muth, der Stolz edler Ehrgeiz, die Un⸗ ruhe eifrige Wißbegierde. Darum, biſt du launiſch und ſchwärmeriſch, ſo danke es Gott, armes Kind. So wahr ein Gott lebt, in unſerm Daſein gleicht nie das Heute dem Morgen, nie der Morgen dem Abend.— Ha! ſiehſt du, wie ſo reich das Leben iſt, wie ſo unkter⸗ haltend in ſeinen Contraſten, daß es ſelbſt den An⸗ forderungen der langweiligſten Kokette Trotz bieten koͤnnte? Heinrich alſo war von ſeinen Kameraden gern geſehen. Zwar war er wenige Tage noch etwas ſchuchtern und bedenklich, aber bald ſchickte er ſich — 166— in ſeinen Stand, und ſchon einen Monat nach ſei⸗ ner Einſchiffung ergluͤhten ſeine holden Wangen nicht leicht mehr im Purpur der Schaam, auch dann nicht, wenn er und ſein Freund, der junge Marquis von la Jaille, ſich von der Fregatte weg⸗ ſchlichen, ein Faffeehaus beſuchten und da, ihren zarten Diskant zum Contrabaß zwingend, Punſch und Taback forderten. Seine Wangen ergluͤhten nicht mehr, wenn ſie Abends, Beide unter einem Thore verſteckt, ein verſpätetes Stubenmaͤdchen abfingen, und ihr ſo viel Kuͤſſe raubten, als das entzuͤckte Opfer ſich ohne Verletzung der Moral rauben laſſen durfte. Auch hatte Heinrich, als er kaum zwei Mo⸗ nate auf der Fregatte war, ſchon ſechs Mal im Arreſt geſeſſen, und ſich zwei Mal geſchlagen; hatte ferner eines Abends, mittelſt eines Seils, das er kunſtlich uber eine ſehr ſteile Straße gezogen hatte, eine ehrbare Geſellſchaft von Buͤrgern unter Jam⸗ mern und Schreien hinſtuͤrzen laſſen, waͤhrend ſein Oreſtes, la Jaille, und die andern Taugenichtſe, den Buͤrgerklubb die Gaſſe herunter hetzten. Aber Heinrich kletterte auch bereits am großen Maſte hinauf, wie der flinkſte Schiffsjunge, wußte alle Namen des Tauwerks, zog ein Segel ein, wie ein Matroſe, rief den Bootsknecht in einem Athem, und, was noch mehr war, er verſtand ihn und wurde von ihm verſtanden. S — 5 ——— — 167— Leicht laͤßt ſich's nun denken, daß der junge Ritter von Vaudrey durch Thätigkeit, Feuer und Muth gar bald das erſetzte, was ihm an Feſtigkeit und Ernſt fehlte. Feſtigkeit! Ernſt!— nagelneue Tugenden ſind dies, und doch ſo alt wie die Welt; ſeltene und jungfräuliche Perlen, die ſich ſo beſcheiden— faſt haͤtte ich geſagt, ſo verſchaͤmt— unter den Lor⸗ beeren der Scipione und der Bayard's verbergen. Die Zukunft taͤuſchte ſolche Erwartungen nicht. Mit funfzehn Jahren hatte Heinrich zwei Schlach⸗ ten, einem Schiffbruche beigewohnt und zeigte ſtolz ſeine erſte Wunde. Mit ſechszehn Jahren ſchiffte er ſich nach Malta ein, um dort auf den Galeeren des Glaubens Streifzuͤge zu machen; ſtets unter dem freilich ſehr wenig ſeraphiniſchen Fluͤgel des tapfern Sufften. Darauf wurde er 1774, zur Zeit des Krieges der Unabhaͤngigkeit, Schiffsfaͤhnrich, ſchlug ſich wie ein Löwe, und empfing, indem er ſich an Bord des Admiral Byron ſchwang, zwei ſchwere Lanzenſtoͤße. Es war dies zur Zeit des beruͤhmten Gefechtes ge⸗ gen den Grafen d'Eſtaing. Am 17. April 1780 endlich befreite er in ei⸗ ner Schlacht als Schiffsofſicier des Grafen von Graſſe dos Schiff Robuſtus aus einer entſetzlichen Lage, wobei er ſeine vierte Wunde empfing, und er wurde zum Lohn fuͤr ſeine That, trotz ſeiner Ju⸗ gend, zum Ritter des Ludwigsordens und zum Schiffslieutenant erhoben. Wie groß aber der Einfluß der Selbſtſtaͤndig⸗ keit iſt, bezeugten die Schmeicheleien, die der junge Graf von den Escadre-Officieren empfing, als er durch den Verluſt ſeines Vaters und Bruders 1779 Alleinherr und Haupt ſeines Hauſes geworden war. Nach dem Zeugniſſe der Herren von Suffren, von Graſſe und d'Eſtaing verſprach Heinrich als Marineofficier die glaͤnzendſte Zukunft, und ſein einziger Fehler war, nach jener Maͤnner Behaup⸗ tung, die kalte Verwegenheit, mit der er ſein und ſeiner Matroſen Leben auf's Spiel ſetzte, und die es deutlich an den Tag legte, wie werthlos vor ſei⸗ nen Augen ſein und Anderer Leben ſei.— In allem Andern blieb er unuͤbertroffen, ſowohl in der Kenntniß ſeiner Kunſt, als auch in unbezwingli⸗ chem und dennoch beſonnenem Muthe, der einen tuͤchtigen Officier verraͤth. Aber ach! da gerathe ich in die ſchreckliche Lage eines Menſchen, der ein Pferd zu vermiethen, ein Haus zu verkaufen, eine Buhlerin abzutreten, zu⸗ vor mit Entzuͤcken die Reize, das Vergnuͤgen, die uͤberſchwenglichen Eigenſchaften jedes Gegenſtandes hergezaͤhlt hat, und ſich ploͤtzlich durch das ſchreck⸗, liche Wort, welches unſern Freund ſo wuͤthend machte, durch jenes hoͤlliſche, ſo veihnn „aber“ feſtgebannt findet. „ — Ohne Zweifel war Heinrich ein vollendeter, tapferer, ſchoͤner, geiſtreicher Seeſoldat, aber, aber, wenn er dem Schiffsprediger ein Geſtändniß haͤtte ablegen ſollen, haͤtte er ſagen koͤnnen:„Vater, Al⸗ les habe ich vollbracht, Alles habe ich gethan, nur Verrath, Diebſtahl und Mord noch nicht.“ War das auch ein Wunder? Dieſes arme Rind harte ſo jung ſeinen Vater verlaſſen; von ſei⸗ nem zwölften bis zu ſeinem fuͤnf und zwanzigſten Jahre lebte es ſo zu ſagen das Leben eines er⸗ wwachſenen Mannes, durchkreuzte Spanien, Italien, „„ BGriechenland, Indien, die Colonien und Gott weiß welch anderes Land noch, wo er uͤberall, theils trch Schonheit, theils durch Witz, theils durch ſein Geld ſich bei ehrſamen Buhldirnen oder liebe⸗ ſchmachtenden Hofdamen beliebt machte. Wenn er ſo in ſuͤßen Kuͤſſen der Tuͤrkin⸗ nen, Griechinnen, Indianerinnen, Spanierinnen ſchwelgte; wenn ihm ſelbſt oft die Zeit zum Ver⸗ gnuͤgen fehlte,— wenn er in ſeinem funfzehnten Jahre ſchon zwanzig Mal dem Tode getrotzt, in Blut gewatet, die Schrecken eines Schiffbruches geſehen oder ein Dutzend Englaͤnder beim Entern erdolcht hatte; da hatte denn doch gewiß ſein Herz das Recht, von ſeiner erſten Unſchuld ein wenig ſchwinden zu läſſen. Gerade ſolch ein thaͤtiges, uneingeſchränktes und gefahrvolles Leben iſt es, wo der Menſch ſeine Be⸗ ſonnenheit, ſeine Liebenswuͤrdigkeit oder Feſtigkeit — — 0— zeigen kann. Nur in ſteten Contraſten, in Ueber⸗ fluß und Mangel, bei Feſtgelagen und Schlachten, bei Wuͤnſchen und ihrer Befriedigung, zeigt ſich der Werth des Menſchen. Das gerade iſt jene Periode, wo ſich am leich⸗ teſten ein Gedanke der erſten jungen Liebe im Ge⸗ muͤthe entfaltet; ein Gedanke, der, in der Einſam⸗ keit erzeugt, von dem Gefuͤhle der Verlaſſenheit genährt wird, und wie alle jene entzuͤckenden Lie⸗ besſchwaͤrmereien eines funfzehnjährigen Weſens, vielleicht der erſte oder einzige poetiſche Aufflug der Seele iſt. Das iſt die Liebe, die reizende, die ſchamafte, die beſcheidene, welche oft der Gegen⸗ ſtand der Liebe ſelbſt nicht kenntz denn gar oft weiß das Herz ſelbſt nicht, wen es liebt, und doch läßt jene Liebe das Menſchenherz nie leer, ob⸗ gleich es, ſchwankend zwiſchen Wehe und Wohl, ſeiner ſelbſt ſich nicht bewußt iſt. Ha! wenn doch die Liebe den Religionen gliche, wenn ſie doch nie lebhafter und gluͤhender auf⸗ loderte, als wo die Gottheit ein verſchleiertes Ge⸗ heimniß bleibt! Hiezu denke man ſich, daß es keineswegs Hein⸗ rich's Schuld war, wenn er fur die Frauen jene tiefe Achtung, die ihnen gebuͤhrt, nicht fuͤhlte. Hatte er doch in ſeiner Abgeſchiedenheit, in ſeiner Jugend, wo er faſt eine Waiſe war, nie fuͤr Mutter oder Schweſter jene Achtung, jene feu ige und heilige Zuneigung empfunden, deren Weſen * — 171 der ſpätern Liebe ein gewiſſes zarteres und reineres Etwas, ein gewiſſes Gefuͤhl der Dankbarkeit und Achtung verleiht; und das Geſchlecht, dem man eine Mutter oder eine Schweſter verdankt, und das man dafur als heilig und unverletzlich achtet, konnte deshalb nicht ſo vor ſeinen Blicken er⸗ ſcheinen. Ueberdies hatte Heinrich, wenn er an den Bu⸗ ſen eines Maͤdchens ſank, nicht erſt den Sinnen⸗ reiz abgewartet. In ihm hatte ſein zu ſchnell rei⸗ fender Geiſt das Entgegenkommen der Liebe ver⸗ nichtet, und dieſe zarte Saite mangelte ſeinem Her⸗ zen gaͤnzlich. Frei von Haß und von Verachtung gegen die ſchoͤne Welt, beurtheilte er ſie demnach bloß nach ſeinem eignen Gefuͤhle, und ihm galt das Vergnuͤgen Alles, die Seele nichts. Auch war er gegen ſie anſtaͤndig und liebevoll; aber ſein Herz in eine Feſſel ſchmiegen, dazu hatte er weder den Willen noch das Vermoͤgen. So wie er die Treuloſigkeit, womit man ihn kraͤnkte, in ſeinen Augen nur als eine länaſt vermuthete Sinnesän⸗ derung, oder als die Befreiung von einer Burde betrachtete, ſo wenig nahm er ſich auch ſeine eig⸗ nen Treuloſigkeiten zu Herzen. Auch ſein Verhältniß mit der Herzogin ſchien ihm ganz gleichgultig; denn da Heinrich ganz und gar fur ſeine Zeit paßte, ſo wäͤhnte er, da die Her⸗ zogin nicht ſein gehoͤre, aller Schuld quitt und le⸗ dig zu ſein.— Und dennoch wuͤrde man im acht⸗ zehnten Jahrhundert wohl vergebens nach einer Frau wie Rita ſuchen, vergebens in dieſem Jahr⸗ hunderte, wo die Philoſophie, jene reine und ſtrah⸗ lende Fackel des Verſtandes, jene zweite Mutter der geretteten Menſchheit, noch zwiſchen Untergang und Herrſchaft kaͤmpfte, wo jene Philoſophie ihr giftiges Oel in den allgemeinen Brand goß, wo ſie eine Unzahl aberwitziger, ruchloſer und zoten⸗ ſchwangerer Buͤcher verbreitete, die ihren Anſichten nach eine Geſellſchaft verdarben, der ſie noch mit kuͤhner Frechheit ihre Verdorbenheit vorwarf, als ſie ſpaͤter dieſelbe durch ihre Henker zum Schaffot geleitete. Jenes Jahrhundert war es, wo ein Voltaire vergoͤttert ward, der Frankreich in ſeinem reinſten und unbefleckteſten Ruhme verhoͤhnt, der mit toller Wuth eine Johanna d'Arc angegriffen, und ſich ſo ganz als Einer von jenen erbaͤrmlichen und ohn⸗ mächtigen Freigeiſtern bewieſen hat, die das, was ſie nicht entehren können, beſchimpfen; fuͤr jenes Jahrhundert ſchrieb Diderot:„die Juwelen und die Nonne;“— Crébillon das Sopha;— Vadé ſein Theater; Piron ſeine Ode und Beaumarchais ſein Drama. Im achtzehnten Jahrhundert prunk⸗ ten Helvetius, Condorcet und die Encyklopädiſten mit ihrem Atheismus und mit ihren Zoten; im achtzehnten Jahrhundert war es, wo die unſeligen Leidenſchaften eines ganzen Volkes, das ſchon an Gott und Religion nicht mehr dachte, zu gähren anfingen; wo der beſte der Konige und die tugend⸗ hafteſte der Koͤniginnen durch Verleumdungen ent⸗ wuͤrdigt wurden, die der philoſophiſche Schwarm in der Sprache der Halle gegen ſie ausſpie. Richtig kann man von einem Weibe, welches eine fluchtige Leidenſchaft fuͤr Ernſt zu halten ver⸗ mochte, nur dann ſchließen, wenn man die ſchmaͤh⸗ liche Geſchichte Clairval's und Jeanott's kennt, wenn Laclos's Buch fur den Spiegel jeder Geſell⸗ ſchaft gilt, und Herr von Sade bewundert wird, weil er Diners mit ſpaniſchen Fliegen gab, welche die vornehmſte Geſellſchaft von Marſeille in eine ſo beluſtigende Unruhe verſetzten. Wayrlich, in jenem ungluͤcklichen Jahrhundert, unter jenen ſaturnaliſchen Schrecken und Tollhei⸗ ten, die dem Todeskampfe eines Narren glichen, hieß jede Unmoralitaͤt Sitte, hatte jedes Laſter Buͤrgerrecht. War nicht damals der Entſcheidungspunkt je⸗ ner langen Entwuͤrdigung der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft gekommen, welcher mit Luther begann?— mit Luther, den Voltaire und ſeine Spießgeſellen ſo erbaͤrmlich nachaͤfften? Beſaß auch Luther einen außerordentlichen Stolz, hielt er auch bei Unterſuchungen nicht Stand, und war ſein Haß gegen Alles, was zu ſeiner Zeit mit dem Namen Religion bezeichnet wurde, im ho⸗ hen Grade uͤbertrieben, ſo war er doch wenigſtens der Erſte, der die holliſche Kuͤhnheit beſaß, jenen mächtigen Fuͤrſten⸗und Pfaffen⸗Klubb, deſſen Leichnam Voltaire und ſeine Schule ſo herzlos miß⸗ handelten, öffentlich anzugreifen und ihm den To⸗ desſtoß zu verſetzen. Doch dies Alles abgerechnet, war doch jene Zeit, wenn man dieſelbe nicht als Moraliſt, ſondern als Menſch betrachtete, ſicherlich gar keine üble Pe⸗ riode, und unſer Held, der eben kein großer Mo⸗ raliſt war, wußte ſich prächtig darin zu ſchicken; denn da er die kommenden Ereigniſſe unwillkurlich vorausſah, hatte er ſein Gluck auf Lebenszeit ge⸗ ſtellt, und ſchwaͤrmte ſo Tag aus Tag ein von Vergnuͤgen zu Vergnuͤgen. So ſcheint es mir denn, als ware er hinlänglich gerechtfertigt. Was will man dazu fagen? Nach zwei Kriegs⸗ jahren kommt unſer Heinrich nach Verſailles. Seine Verhältniſſe ſind unterbrochen. Er kann ſich etwa nur zwei oder drei Monate in Frankreich aufhal⸗ ten, er muß ſich alſo wohl wieder ein wenig in Schwung und Ruf bringen, etwa durch einen Hauptſtreich. Er muß den Ruhm eines uner⸗ ſchrockenen Seeſoldaten durch den eines originellen Abenteurers vervollkommnen; und dies war zu je⸗ ner Zeit wahrlich keine leichte Aufgabe.— Der ſchone Lauzun ſpielte mit Erfolg den Romantiſchen; der Marquis von Vaudreuil den Phlegmaticus; der Prinz von Gueméné den Verſchwender; Tilly den Musketair, Cruſol den erhabenen Geiſt; wahr⸗ haftig, Vaudrey ſpielte den Herrſcher, und meines — — — 175— Erachtens benahm er ſich in dieſer Rolle gar nicht ubel. Uebrigens war Heinrich der beſte Menſch auf Gottes Erdboden, denn von Jugend auf ſorglos und luſtig, beſaß er nicht wahre Selbſtſtaͤndigkeit genug, um die menſchliche Natur haſſen oder lie⸗ ben zu koͤnnen, und wie liebenswerth und edel er auch immer war, ſo mangeite ihm doch gluͤcklicher⸗ weiſe jene ſchaͤdliche Thaͤtigkeit des Anſchauungs⸗ geiſtes, welcher den Menſchen zwar mit einem ein⸗ zigen tiefen und ſchnellen Blicke das Weltall um⸗ faſſen laͤßt, und die menſchlichen Freuden und Hoff⸗ nungen in den zwei Worten:„Nichts und Tand“ darſtellt, aber dadurch die Seele auf ewig in den unermeßlichen Abgrund des Glaubens oder der Verzweiflung ſtuͤrzt. Nein, der Graf von Vaudrey war nicht ſcharf⸗ ſichtig genug, um die Bahn, die er wandelte, mit einem einzigen Blick zu uͤberſehen, ſondern luͤſtern haſchte er nach jedem Geſichtspunkte, den er an ſeiner Seite entdecte, ſtatt ſeine Blicke ernſthaft auf den fernen Horizont zu werfen. Mit einem Worte, Heinrich gehoͤrte zu jenen von der Prädeſtination ſo wunderbar geleiteten Menſchen, die Geiſt, aber kein Genie, Sinn, aber kein Gefuͤhl, Laſter, aber keine Laͤcherlichkeiten be⸗ ſitzen; zu jenen bevorzugten Menſchen, denen ſelbſt einige Fehler verziehen werden, und die unter all⸗ gemeinem Applaus eine lange Carriere der Liebe, des Ruhms und des Vergnuͤgens durchlaufen, waͤhrend ſie freilich hier und da einige friſche Graͤ⸗ ber, entehrte Familien, trauernde, mutterloſe Kin⸗ der hinter ſich laſſen. Aber kann man ihnen ſolche Kleinigkeiten vor⸗ werfen? Sind ihre Maͤngel nicht verfuͤhreriſch? Sie ſind ja grauſam mit ſo viel Artigkeit, verſchwen⸗ deriſch mit ſo viel Edelſinn, tapfer mit ſo viel Leich⸗ tigkeit; faͤhig, ihr Leben zwanzig Mal auf's Spiel zu ſetzen, um nur die durch ein Wort oder durch einen unfeinen Blick gekraͤnkte Ehre einer Buhle⸗ rin zu raͤchen, obgleich ſie vielleicht, ohne Bedenken, aus erbaͤrmlichem Duͤnkel demſelben Weibe den Dolch in die Bruſt ſtoßen wuͤrden. Doch, was kann das Alles beweiſen? In der That doch nur ſo viel, daß ein Weib, das fluchtige Leidenſchaft fur Ernſt nimmt, eine Thoͤrin iſt; daß ſie Untreue mit Untreue vergelten muß, und, bei Gott, daran wird doch ſicher Niemand ſterben, nein, im Gegen⸗ theil!— Dies iſt ein treues Bild Heinrich's. Das ganze Daſein des Grafen war nur helden⸗ muͤthiges Streiten zur See und fluͤchtiger Genuß aller Freuden zu Lande. Dies den Angriffen der moraliſchen Welt unzugaͤngliche Weſen zu vervoll⸗ kommnen, kamen noch der Ausdruck der tiefſten und unheilbarſten Schwaͤchen, die in der Moral und Phyſik ſtets am Brete ſind, die Gleichguͤltig⸗ keit, und jenes:„Was kuͤmmert's mich?“ hinzu; denn Heinrich konnte mit dem Ausdrucke der inner⸗ ſten Ueberzeugung zu Jedem ſagen:„Was kuͤm⸗ mert's mich, wenn ich jetzt ſterben muß? Wenig⸗ ſtens nehme ich den ſuͤßen Troſt mit hinweg, mir nie etwas verſagt, und nie einen Wunſch gefuͤhlt zu haben, den ich nicht befriedigt haͤtte; von Kind⸗ heit auf dachte ich an den Tod, von Kindheit auf gewoͤhnte ich mich, alle meine Phantaſien zu uͤber⸗ treffen, und doppelt zu leben, denn mir bangte, es moͤchte mir die Zeit fehlen, genug zu leben, und die Thorheit jener Narren, die das Vergnuͤgen fuͤr ſpätere Zeit aufſparen, konnte ich nie nachahmen. Die Unſinnigen, fur ſpätere Zeit! als ob der vor⸗ eilende Tod ſie nicht treffen und ihnen ſo den Irr⸗ thum ihrer menſchlichen Speculationen beweiſen konnte.“ Zu dieſem kurzen Abriſſe der praktiſchen und theoretiſchen Moral Heinrich's, zu dieſer Skizze denke man ſich noch ſeinen Charakter als Seeſol⸗ dat, naͤmlich das abſolut⸗despotiſche Weſen, den eiſernen Willen, den unerhoͤrten Muth, die tiefſte Verachtung, mit der er ſein, ſeiner Matroſen oder ſeiner Officiere Leben auf's Spiel ſetzte, den frechen ariſtokratiſchen Stolz, und das treue Conterfei des Grafen Heinrich von Vaudrey ſteht vollendet da. Dreizehntes Kapitel. Denn jedes Ding hat mehrere Licht⸗ und Schattenſeiten. Montaigne, B. 1. G. 7. Ein Saal. Die Scene ſpielt in Paris in der Vorſtadt St. Germain, im Hauſe der Gräfin von Emard.— Der Marquis hat ſo † eben ſeine geiſtreiche Erzählung von Heinrich's und der Herzogin Abenteuer, den Vorfällen im Thurme, dem Tode Rita's u. ſ. w. geſchloſſen, und durch ſie nicht nur Unterhaltung, ſondern auch Stoff zur Theilnahme ge⸗ liefert. Das Benehmen des Grafen von Vaudrey ſchien etwas unpaſſend. Deshalb wünſchten mehrere Damen, die ſo eben bei der Gräfin zum Beſuch waren, ihn kennen zu lernen, und entfernten ſich, in der Hoffnung, Herrn von Vandrey noch am nämlichen Abende auf einem Feſte, welches Frau von Vaudemont gab, zu treffen. Demnach blieben bei der Gräfin nur ihre beiden vertrau⸗ teſten Freunde, Ritter von Berſy und der Marquis von Elmont— Die Gräfin ſelbſt war noch in den beſten Ja nicht ſagen wollen, daß V udrey dieſen Abend hier er⸗ Ich habe es ih ich den Grafen von — — 179 warte.„Ich wuͤnſchte mir ihn lieber in minder zahlreicher Geſellſchaft. Aber, Ritter, munter! Er⸗ heitern Sie uns ein wenig, denn in der That, jene Geſchichte iſt ruͤhrend. Der Ritter. Nun, da möchte ich Ihnen, meine Gnaͤdige, ein Anekdoͤtchen von Lauraguais erzaͤhlen.— Der Marquis. Wieder etwas von Lauraguais? Seine Schwaͤnke ſind unerſchoͤpflich. Gerade wie die Millionen des Herrn von Gueméné: Je mehr er verthut, deſto mehr hat er— Die Gräfin. Schulden naͤmlich! O du armſeliger Prinz mit deinem faſt koͤniglichen Gefolge!— Aber, Herr Ritter, Sie wollten ja ein Geſchichtchen erzaͤhlen.. Der Ritter. Nun denn: Vor einigen Tagen ſtellt Laura⸗ guais eine große Berathſchlagung mit vier Facul⸗ taͤts⸗Doctoren an, empfaͤngt ſie im Hötel von Brancas, und legt ihnen allda ganz ernſthaft die Frage vor: Ob die Langeweile auch toͤdtlich werden koͤnnte„. Die hochgelehrten Herren bejahen dies insgeſammt, und nach einer langen Vorrede, die eben nicht arm an Kunſtausdruͤcken war, ver⸗ 12 — 180— ſichern ſie ihm mit aller Gewißheit, daß es eine moraliſche und phyſiſche Moͤglichkeit ſei, vor langer Weile zu ſterben. Die Familie von Brancas näm⸗ lich war uͤberhaupt hypochondriſch und melancho⸗ liſch, und ſo glaubten denn die Aerzte, dieſe Con⸗ ſultation beziehe ſich auf einen Verwandten Laura⸗ guais, und verordneten daher, daß man als einzi⸗ ges Mittel zur Heilung nur ſuchen ſolle, den Kran⸗ ken zu zerſtreuen, oder koͤnne man der Urſache die⸗ ſer Lethargie und dieſer verzehrenden Verdrießlich⸗ keit auf die Spur kommen, ſo ſollte man ſie wo moͤtlich aus ſeinen Augen entfernen. Die Graͤfin. Nun, und weiter? Der Ritter. Verſehen mit dieſem formgerechten Certificat eilte Lauraguais, der in Liebe und Eiferſucht fuͤr Sophie Arnour ergluͤhte, zu einem Polizei⸗Com⸗ miſſär, legte das Certificat dort nieder, und fuhrte ſchwere Klage gegen ſeinen Nebenbuhler, den Herrn von Barentin, der, wie er ſagte, durch ſeine beſtän⸗ dige Zudringlichkeit, womit er Sophien beſturmte, zuverlaͤſſig dieſe unnachahmbare Schauſpielerin durch lange Weile und Verdruß ins Grab bringen wuͤrde. Lauraguais ſuchte alſo bei der Behoͤrde, die über das Wohl der Buͤrger wachte, an, daß es obge⸗ nanntem Barentin unterſagt wurde, jemals wieder — =——,— — 181— Sophien zu beſuchen, unter Androhen derſelben Strafe, welche Moͤrdern bevorſtehe. Die Graͤfin. Das iſt gottlich! Aber wiſſen Sie auch, HerrRit⸗ ter, daß ſolch ein Urtheil ein offenbares Vorſpiel iſt? Der Marquis. Freilich, bald wird man, aus Fuͤrſorge fuͤr das Staatswohl, alle langweilende Geiſter einſperren. Die Graͤfin. Im Grunde ſollte jeder Langweilige außer dem Geſetz erklaͤrt werden. Der Ritter. Oder vielmehr fuͤr von der Geſellſchaft ausge⸗ ſchloſſen; das wuͤrde gewiß noch beſſer ſein. Die Gräfin. Und wem, Herr Ritter, trauen Sie wohl die Erfindung dieſes Schwankes zu? Der Ritter. Herrn von Fronſac. Der Marquis. Er iſt geſtern in Trianon ſehr witzreich gewe⸗ ſen, der liebe Fronſac. Die Graͤfin. 4 Sie waren geſtern dort? Was gaben ſie im Theater der Koͤnigin? Der Marquis. Den Abend auf dem Lande. Ihre Majeſtät ſpielte die Babet, die Graͤfin Diana die Mutter Thomas, die Damen: von Guiche, von Polignac, von Polaſtron die jungen Maͤdchen; der Graf von Eſter⸗ hazy den Amtmann, und die Greiſe ſpielten die Herren von Bezenval, von Coigny, von Cruſſol— Die Graͤfin. Und den Colin? Der Marquis. Den gab der Graf von Artois, der, auf 2 gerade ſo ſingt, wie er ſich ſchlaͤgt, naͤmlich derb und aushaltend. Die Plätze koſteten ſchier einen Louisd'or, und die ganze Einnahme war zum Be⸗ ſten der armen Waiſen beſtimmt, die Ihre Maje⸗ ſtät ſo huldreich beſchutzen. Ein Kammerdiener(anmeldend). Der Herr Baron und die Baronin von Cernan. (Der Baron und die Baronin treten ein.) Die Gräfin(zum Ritter). Ach guter Gott!— Frau von Cernan mit ih⸗ —.— — rem Gemahl!— czur Baronin) Guten Abend, Theuerſte!—(zum Baron) Iſt es doch faſt ein Jahr⸗ hundert, ſeit Sie mich nicht beſuchten, Herr von Cernan. Der Baron eihr die Hand küſſend). Sie ſind allzu guͤtig, daß Sie dies bemerkten, meine Gnaͤdige! und zu ihren Fuͤßen will ich um Verzeihung flehen. Die Baronin. Glauben Sie ihm kein Wort, beſte Freundin; Herr von Cernan kommt nicht Ihretwegen · Die Gräfin. Da ich Sie in ſeiner Begleitung ſah— durfte ich wohl daran zweifeln, Caͤcilie! Die Baronin(ohne auf die Winke des Barons zu achtew. O, Sie irren! Er wollte nur Herrn von Vau⸗ drey kennen lernen, den Sie, ſeiner Ausſage nach, erwarten⸗ Der Baron(lächelnd). Da Frau von Cernan meine Aufmerkſamkeit fur Sie ablehnen will, ſo bedient ſie ſich dieſes Vorwandes, und ich bin albern genug, es einzuge⸗ ſtehen. Die Gräfin. Wenigſtens iſt dieſer Vorwand ſehr gut ge⸗ waͤhlt, denn in der That, ſeit ſeinem entſetzlichen Abenteuer iſt Herr von Vaudrey mehr auf dem Platze als jemals. Es iſt ſchrecklich, daß man es ſagen muß, aber es iſt doch ſo. Ich ſehe ihn oft, ſeine Mutter war eine meiner vertrauteſten Freun⸗ dinnen, und ich kann Ihnen verſichern, daß er der liebenswuͤrdigſte Menſch iſt, den man ſich den⸗ ken kann. f Die Baronin. Aber, verzeihen Sie, ſeine Auffuͤhrung war doch immer anſtoͤßig, und mir ſcheint er im Ge⸗ gentheil des tiefſten Haſſes wuͤrdig zu ſein. Die Gräfin. Ja, theures Kind, wenn er nur nicht zu jenen Menſchen gehörte, die man bei dem bitterſten Haſſe noch anbetet. . Der Baron. 5 Laßt er ſich ſchon wieder unter den Leuten ſehen? Der Marquis. Nein, aber er ſteht, glaube ich, im Lager, wo⸗ hin er ſich nach jener Begebenheit auf vierzehn — 185— Tage fluͤchtete, und bald wird man ihn wieder er⸗ blicken, denn dieſe Zeit iſt um. Die Baronin. So iſt es denn doch wahr, daß die Herzogin vor Verzweiflung geſtorben iſ Der Marquis. Vor lauter Verzweiflung, und das war ſehr gut. Der Ritter. Gluͤcklicher Vaudrey! Dergleichen kann nur ihm begegnen; er wollte den Wahnſinnigen ſpie⸗ len und— Die Gräfin. Ach, ſchweigen Sie ſtill, es iſt ſchrecklich!— Und wer, um Gottes willen, haͤtte denn, wenn er jemals die Herzogin ſah, ſich traͤumen laſſen, daß dieſes thoͤrichte Weib vor Liebe ſterben wuͤrde? Ich erinnere mich ihrer recht wohl; ich ſpeiſte mit ihr beim Marſchall von Luxembourg; ſie hatte eine edle Miene; ihre Augen funkelten vor Stolz; ihr Pals war ſchlank, doch ſchwarz gebrannt; ihre Au⸗ genbrauen waron zu dunkel, zu groß.— Der Baron Sie ſoll ſich auch menſchenſcheu geſtellt haben, hoͤrte ich. — 186— Der Ritter. Lächerlich! Sie uͤberhaͤufte mit lauten Vor⸗ wuͤrfen viele Frauen, die für beſſer als ſie galten, denn unter uns geſagt, die Tugend iſt leicht, wenn man weder Herz noch Geiſt hat. Der Marquis. Und doch, ſcheint mir, hat ſie Vaudrey's Scherz gar ſehr als Ernſt genommen. Die Gräfin. Frei geſagt, bin ich weit entfernt, des Herrn von Vaudrey Benehmen entſchuldigen zu wollen; doch wenn ich bedenke, mit welcher kalten Verach⸗ tung, mit welchem beleidigenden Hohn die Gräfin die aufrichtigſten Schmeicheleien aufnahm, mit wel⸗ cher unverſchaͤmten Anmaßung ſie von andern Da⸗ men ſprach, ſo ſehe ich es, obgleich ich ſie ſehr be⸗ daure, dennoch lieber, daß dies ihr begegnet iſt, als jeder Andern. Die Baronin. Aber denken Sie nur, was ſie hat leiden muͤſſen! Die Graͤfin. Ohne Zweifel.— Deshalb beklage ich ſie auch, aber noch mehr wuͤrde ich ſie beklagen, wenn ſie ſich vor ihrem Fehltritte duldſamer gezeigt hätte. — 187— In meinem Alter, theures Kind, kann man jeden Gedanken frei ausſprechen. Ich kenne die Welt, und bin uͤberzeugt, daß es ſchwerer iſt, Verzeihung für ſeine Vorzuge zu erhalten, als füͤr ſeine Fehler. Und dies aus einem ganz einfachen Grunde, weil nämlich Beſcheidenheit und Humanität faſt immer den ſtrengen Menſchenherzen fehlt.— Der Ritter. Die Frau Gräfin hat Recht, und dann auch, welch erbaͤrmlicher Geſchmack!.. denn ehe Vau⸗ drey ſich zu erkennen gegeben hatte, da meinte ſie ihn nicht zu lieben, ſie liebte nur, ſo zu ſagen, ei⸗ nen Unbekannten, der gleichſam vom Himmel her⸗ abgeſchneit ſchien. Das, werden Sie mir zugeſte⸗ hen muͤſſen, zeugt von Schlechtheit. Der Marquis. Oder von der Hoffnung einer geheimen Lieb⸗ ſchaft. Solch ein Geliebter konnte leicht verbor⸗ gen gehalten werden, und deshalb halte ich mit vielen Andern die Herzogin nicht fur hart, ſondern fur ſchlau. Auch ſcheint mir Vaudrey's Schuld nach alle dem ſehr verzeihlich; denn was konnte er dafuͤr, daß es der Herzogin gefiel, aus einem Luſtſpiel ein Trauerſpiel zu machen? Die Gräfin. Vorzuͤglichen Grund aber zur Nachſicht giebt 188— uns Herr von Vaudrey durch das Verdienſt, die Kraͤnkungen, die ſich die Herzogin gegen Jeder⸗ mann erlaubte, an ihr geraͤcht und ihre unuͤber⸗ ſchwengliche Tugend bloßgeſtellt zu haben; denn man muß ſich nicht beſſer ſtellen, als man iſt. Der Baron. Dennoch, gnaͤdige Frau, gilt es, zu veredeln.. nach moraliſcher und politiſcher Vollkommenheit zu ſtreben. Der Ritter cleiſe zur Gräfin). Das iſt ſchoͤn! Ich wette, vor fuͤnf Minuten hat der Baron von Amerika geſprochen. Der Baron. Sehen Sie— in Amerika—(die Gräfin ver⸗ birgt ſich hinter ihrem Fächer) in Amerika, ſehen Sie, werden die Menſchen beſſer. Das beweiſt ihre Emporung; ſonſt waren ſie vom Mutterlande ab⸗ haͤngig; auf einmal aber ſagen ſie zu ſich:„Pah, wir wollen nicht mehr von dem Mutterlande ab⸗ hängen und ſie haͤngen nicht mehr von ihm ab! Wiſſen Sie auch, daß das etwas ganz Erhabe⸗ nes iſt? Der Ritter. Noch erhabener aber wird es ſein, wenn ſie die Oberhand behalten. 166 Der Baron. Sie werden ſie behalten; denn ihre Sache iſt unſer Aller Sache. Die Graͤfin(lachend). Wie? Herr von Cernan, auch unſte Sache? Der Baron. Ja, gnaͤdige Frau, das iſt die Sache der gan⸗ zen Welt; der Aufruhr wird ſiegen, weil der Auf⸗ ruhr die bewundernswertheſte Tugend iſt. Erſtens iſt dieſe Tugend leicht und die Stimme der gan⸗ zen Welt, alle Kenntniſſe, und ſodann iſt ſie na⸗ tuͤrlich; denn ihr Keim liegt im menſchlichen Her⸗ zen. Auch ich empoͤrte mich ſchon als Kind ge⸗ gen meinen Hofmeiſter, ich empoͤrte mich gegen meine Gouvernante, gegen. Die Graͤfin. Verzeihen Sie, wenn ich Sie in dem Laufe Ihrer Empoͤrungen unterbreche; aber wogegen, ſa⸗ gen Sie mir, wogegen ſollen wir uns emporen? Wir, der Adel?— Der Baron. Nun, gegen uns ſelbſt, edle Frau, gegen un⸗ ſern eignen Stand. Das iſt dann eben das Be⸗ wundernswerthe; es wird dann noch viel erhabener ſein, als in Amerika. — 190— Der Ritter. Nun faſſe ich vollkommen das politiſche und das Empoͤrungs⸗Syſtem des Barons. Wir werden den Pöbel rufen und ihn bitten, unſere Schloͤſſer in Brand zu ſtecken, uns zu morden. So weit iſt mir's klarz aber was ſoll dann ge⸗ ſchehen? Der Baron. Dann?— Nun, wenn wir unſere unſeligen Titel und ſchmählichen Reichthuͤmer der Vernich⸗ tung preisgegeben haben, dann werden wir Alle gleich, Alle Bruͤder ſein. Ich werde der Dutzbru⸗ der meines Stallknechts. Iſt das nicht erhaben? Der Ritter. Aber dann? Der Baron. Nun dann, dann wird Frankreich ein uner⸗ meßlicher Garten ſein, voll von Fruͤchten und Blu⸗ men, an denen Jeder Theil hat. Wir werden Schaͤfer, dieſe Damen Schaͤferinnen ſein. Tu⸗ gendhaft wird Jeder ſein; weiße Kleider wird die Jugend, blaue werden die jungen Eheleute tragen; trauern wird man um ſeine Freunde. Das wird göttlich, wird ein goldnes Zeitalter werden. Leſen Sie nur den Condorcet. — 1 Der Ritter. Aber dann? Der Baron. Nun, mein Theurer, was fragen Sie noch mehr? In einem irdiſchen Paradieſe, keiner andern Geſetze, als der Naturgeſetze beduͤrftig, werden wir leben; eſſen werden wir bloß, wenn uns hungert; ſchlafen, wenn wir muͤde ſind; o wie ſchoͤn wird das ſein! Der Ritter. Aber die Laſter, wo wollen Sie dieſe hinthun? Der Baron. Wenn die Laſter zugleich mit der Frohne, der Acciſe und den Herrenrechten untergehen, können ſie da wohl noch in einer gleichſam neugeborenen Geſellſchaft exiſtiren, in einer Geſellſchaft, die von Freiheit, von Feldfruchten und von Gleichheit lebt? Die Gräfin Geiſe zum Marquis). Er macht mir viel Spaß. Caut) Und die Re⸗ ligion, Herr Baron, ſoll die auch mit untergehen? Der Baron(mit gufriedenheit)⸗ Meiner Treu! Sie fuhlen gar wohl, daß wir nicht mehr in jenen Zeiten des Fanatismus und Aberglaubens leben, wo die Geiſtlichkeit den Geiſt — der Volker benutzte, um ihnen den grobſten Un⸗ ſinn als Wahrheit aufzubuͤrden. In jener Zeit der Barbarei, wo ſie dem Ungluͤcklichen weiter nichts zu ſagen wußten, als:„Der Menſch iſt nur gebo⸗ ren, um zu leiden; tragt alſo in dieſem Leben eure Leiden mit Geduld, und nach eurem Tode wird euch die ewige Glͤckſeligkeit werden.“— Und ach, die ungluckſeligen Thoren, ſie glaubten es! Welt⸗ kundig iſt es, daß ſie es glaubten, daß ſie litten, ohne zu murren; nur mit dem elenden Troſte der Poffnung auf eine leere Chimäre, die die Fackel der Philoſophie jetzt in Aſche verwandelt hat; auch darf jetzt der Ungluckliche, den das Dunkel der Un⸗ wiſſenheit nicht mehr umhuͤllt, und muß ſogar denken:„ich leide in dieſem Leben freilich viel, aber nach dem Tode iſt Alles aus.“ Sie werden mir eingeſtehen, daß es ſehr angenehm ſein muß, dem Pfarrer ſeines Dorfes auf der Naſe herum zu ſpazieren; denn jetzt„ſind die Prieſter nichts mehr, als ein Wahn des gemeinen Volkes, und ihre ganze Macht beſteht in unſrer Leichtgläubigkeit.“ So ſpricht jener große Mann, jener Halbgott; doch was ſage ich Halb⸗ gott, jener Gott ſeines Jahrhunderts, Voltaire, der goͤttliche Voltaire. Der Ritter. Aha, aber was wird mit dem Andern? — 193— Der Baron. Mit welchem Andern? Der Ritter. Nun mit dem alten Gott, der bloß ſo guͤtig war, Himmel und Erde zu ſchaffen. Geht er auch mit unter? Der Baron. Das iſt noch nicht entſchieden. Geſtern ſprach ich mit Laclos, der meinte, man berathſchlage ſich eben daruͤber bei Condorcet. Binnen acht Tagen werden wir wiſſen, woran wir ſind, und ob man ihn beibehaͤlt oder nicht. Der Ritter. Nun, dann moͤchte ich Sie bitten, daß Sie mich benachrichtigen, ſobald Sie wiſſen, ob ſie ihn beibehalten; denn ich bin ſehr begierig, ihren Be⸗ ſchluß kennen zu lernen. Und dann moͤchte ich doch meine Leute nicht mehr ſo unnuͤtzerweiſe in die Meſſe ſchicken. Der Kammerdiener(meldend). Der Herr Graf von Vaudrey.* (Allgemeine Vewegung der Neugier und des Staunens.) Heinrich ctritt ein und küßt der Gräfin die Hand). Die Seewarte v. Koat⸗Vén. 1. 13 —— Die Gräfin. Sagen Sie mir— Heinrich, ich habe mit Ihnen zu ſprechen; reichen Sie mir Ihren Arm. Die Gräfin tritt in ein an den Saal ſtoßendes Cabinet, deſ⸗ ſen Thürem offen ſtehen; der Beſuch folgt gruppenweiſe. Heinrich iſt prachtvoll, in ein Gewand von hochrothem Sammet gekleidet, mit Gold geſtickt und beſetzt. Seine ruhige und ſorgloſe Miene, die gerade das ſchroffe Ge⸗ gentheil von der erwarteten iſt, macht großen Effect. Die Barotin Cäcilie von Cernan iſt zwanzig Jahr alt, ſchön wie ein Engel, geiſtreich, bisweilen ſchwärmeriſch, oft ſogar gedankenlos und blöde. Der Baron von Cer⸗ nan iſt dreißig Jahre alt, lang und ſehr ſtark, nachläſſig, tapfer, ſteinreich und der Philoſophie ſehr zugethan. Der Baron Gu ſeiner Frau). In der That, liebe Frau, mein Benehmen iſt auffallend; ich kenne Herrn von Vaudrey nicht, und meine Bitte wird ihm ſehr unbeſcheiden vor⸗ kommen. . Die Baronin. Nun, ſo thun Sie dieſelbe lieber gar nicht, mein Gemahl. Der Baron. Aber Sie haben mich ja dazu verpflichtet. Die Baronin. Ich? Keineswegs; ich meinte nur, die Graͤfin — 195— habe des Herrn von Vaudrey Mutter ſehr gut ge⸗ kannt und fuhle daher fur ihn große Freundſchaft, ſo daß Ihr Anliegen, von ihrem Munde vorgetra⸗ gen, vielleicht nicht unerhoͤrt bliebez das war Alles. Der Baron. Sein Sie doch ſo guͤtig, und tragen Sie dieſe Bitte ſelbſt vor. Die Baronin. Welche Thorheit! Wo denken Sie hin? Der Baron. Sie ſind eine vertraute Freundin der Frau von Emard, Sie können dieſelbe leicht fuͤr mich inte⸗ reſſiren. Von Seiten einer Dame iſt ſo etwas ſtets minder anſtoͤßig. Wir ſind, ſammt unſrer Artigkeit und unſern Formen, noch ſo laͤcherlich. Ja, in Amerika.— Die Baronin. Wohlan! ich willige ein, aber wahrhaftig, ich bin zu gutmuͤthig. Der Baron. Still, da tritt eben die Graͤfin wieder in den Saal. Die Baronin ſetzt ſich neben die Gräfin und ſpricht einige Minu⸗ ten lang mit ihr. Die Gräfin ſieht Cäcilien boshaft an; Cäcilie erröthet lebhaft und die Gräfin kuͤßt ſie auf die Stirn. 13⁸ —5— Der Baron(bei Seite). Bravo, das geht ja herrlich! meine Bitte iſt im beſten Zuge. Die Gräfin(ſich zu Heinrich wendend, der mit dem Ritter ſpricht und lacht, und ihm einen Seſſel neben ſich anweiſend). Heinrich, ſetzen Sie ſich hieher, ich habe mit Ihnen zu ſprechen, Sie zu bitten; nachdem ich Sie ſo lange ausgeſcholten habe, fuͤrchte ich, wird es ſehr kuͤhn ſein— Heinrich lächelnd). Dies iſt nur eine etwas ſchnelle Mahnung an das Lectionshonorar; aber dieſe Lection war ſo an⸗ genehm, ſo liebenswuͤrdig, daß ich mich nicht wei⸗ gere und in Alles willige.— Die Gräfin. Selbſt dann, wenn dieſe Bitte mich nicht per⸗ ſoͤnlich anginge, ſondern eine huͤbſche Dame, die Sie von ganzer Seele haßt... (Die Baronin erroͤthet; Heinrich bemerkt es durch einen Seitenblick und antwortet gleichgultig:) Heinrich. Unter uns, gnädige Frau! Haß und Liebe fin⸗ den mich jetzt ſehr lau; ſonſt waͤre ich ſtolz und entzuͤckt geweſen, mich gehaßt zu wiſſen, in der — ſonderbaren Hoffnung, dieſen häßlichen Eindruck in ein ſuͤßes Gefuͤhl verwandeln zu koͤnnen; aber bei Gott! die Liebe bringt ſo viel Läſtiges, ſo viel unangenehme Folgen mit ſich, daß ich mich gaͤnz⸗ lich aͤndere, und ich will nur noch fuͤr Ihre alte und wahre Freundſchaft leben, welche allein mich zur Einwilligung in Ihre Bitte bewegt. Die Baronin(ſteht ärgerlich auf und beſieht ſich die auf dem Clavier liegenden Noten, wobei ſie leiſe ſpricht): Welche erbaͤrmliche Albernheit, welche Fuͤhl⸗ loſigkeit, welche Sorgloſigkeit! Nach ſeiner nieder⸗ trächtigen Auffuͤhrung mit jenem armen Weibe iſt es ſchmaͤhlich— Der Baron(theiehmend). Nun, liebe Frau, wie weit ſind wir? Die Baronin(unwillig). Ach Gott, mein Herr, ich weiß es nicht; glau⸗ ben Sie denn, daß ich mich damit beſchaͤftige.2 De rBar on(außer Faſſung abgehend). Es iſt wahrlich ſehr ſpaßhaft, daß ich, der Sprößling eines Hauſes, bas wenigſtens hoͤher als das Haus Vaudrey ſteht, mich genoͤthigt ſehen ſoll, ihn zu bitten, und daß man will, ich ſolle der Gleichheit nicht angehören. Ja, in Amerika— 198 Die Graͤfin(welche lange Zeit mit Heinrich heimlich geſprochen hatte). Ja, mein theuerſter Heinrich, er ſtirbt vor Ver⸗ langen, nach Amerika zu gehen, denn man hat ihm geſagt, daß Sie dorthin reiſten, und er bittet Sie alſo, ihn an Bord Ihres Schiffes zu nehmen. Eine fixe Idee abgerechnet, die Ihnen viel Spaß machen wird, iſt er ein allerliebſter Mann. In der That, Heinrich, wenn Sie mir dieſe Gunſt be⸗ willigen koͤnnten, ohne Ihrer Ordre zu ſchaden, ſo wuͤrden Sie mich dadurch unendlich verpflichten. Heinrich. Mit Vergnuͤgen; auch ſehe ich gar kein Hin⸗ derniß dabei, nur will ich erſt mit dem Marſchall von Gaſtries daruͤber ſprechen. Die Graͤfin. Tauſend Dank, theurer Heinrich! Laſſen Sie uns jetzt dieſe angenehme Nachricht Frau von Cer⸗ nan hinterbringen. Heinrich(zu Cäcilien mit kalter Mienc). Wenn ich die Abſichten der Frau von Cernan hätte vorherſehen koͤnnen, ſo wuͤrde ich Ihre Bitte im Voraus bewilligt haben, gnädige Frau, weil dieſer kleine Dienſt eine Gelegenheit giebt, Ihnen meine ganze Ergebenheit an den Tag zu legen. . — Die Baronin (mit trockner Miene ſich verbengend). Mein Herr! Im Namen des Herrn von Cer⸗ nan ſage ich Ihnen fuͤr Ihre Guͤte tauſend Dank, doch ſchätze ich mich gluͤcklich in der Meinung, daß wir nur dem Einfluſſe unſrter gemeinſchafttichen Freundin, der Gräfin von Emard, Ihre gütige Zu⸗ ſage verdanken. Heinrich(immer noch kalt). Vielleicht wurden Sie, gnädige Frau, diesmal ungerecht gegen unſre vortreffliche Freundin ver⸗ fahren, wenn ſie bloß ihrem Einfluſſe den Eifer zuſchreiben wollten, mit welchem ich Ihre Befehle erfuͤlle. Die Baronin erroͤthet und verbeugt ſich, Heinrich ſpricht den ganzen Abend nicht mehr mit Frau von Cernan. — Eben als man mit dem alten Herzog von Lermos abgehen will, faßt Cacilie dieſen beim Arm und ſpricht ganz laut zur Graͤfin: Die Baronin. Speiſen Sie morgen beim Marſchall von Ca⸗ ſtries? Die Graͤfin. Nein, aber warum dieſe Frage, meine Theuerſte? Die Baronin. Weil ich dazu eingeladen bin und Sie gern dahin begleitet haben wuͤrde. — 200— Die Graͤ fin(ie auf die Stirn kuſſend). Loſes Kind, wie koͤnnen Sie mich ſo necken, da Sie doch meinen Abſcheu vor Diners kennen? Heinrich(bei Seite). Da ich gerade mit dem Marſchall von Caſtries wegen Herrn von Cernan zu ſprechen habe, werde ich mich morgen gleich einladen laſſen.— Die Baronin entfernt ſich, ohne Heinrich eines Blicks zu wuͤrdigen. Heinrich(bei Seite).* Alles geht gutz jetzt raſch wieder zu Cruſſol, der muß mit mir bei Lelien ſoupiren.(er geht ab.) Vierzehntes Kapitel. Verſailles. Verſailles!— wie viel Groͤße, wie viel Er⸗ baͤrmlichkeit, wie viele Erinnerungen liegen in die⸗ ſem Worte!— Verſailles, wie ſo aͤhnlich biſt du jenen Maͤhrchen des Orients, wo jeder Gedanke ſich in Liebe wiegt,— jenen holden Feenmährchen, die unſre harmloſe Jugend bewundert,— jenen magiſchen Diamanten⸗ und Blumen⸗Palaͤſten, von Genien und Flammenfittigen bevölkert!— Ver⸗ ſailles, ja, du biſt eines von jenen Meteoren, die den ganzen Himmel uͤberſtrahlen, biſt der ſchonſte Aufſchwung der Fuͤrſtenpoeſie, die mit Gold, Bronze und Porphyr ſchreibt!— In dieſer gigantiſchen Schoͤpfung wird Alles wahrhaft coloſſal und faſt prophetiſch. Verſailles, du warſt einſt eine armſelige Staͤtte, ein elender, unbekannter, trockner, quellen- und ſchattenloſer Weiler. Da ſprach ein Mann:„ Hier, wo jetzt dieſes einſame Doͤrfchen liegt, will ich ein Denkmal bauen, daß ganz Europa daruber ſtaunen ſoll,— ich will es in ſeiner Pracht, wie in ſeinem Ruhm ſo hoch erhoͤhen, daß ſein Glanz, wenn er mit mir verge⸗ het, doch ein maͤchtiges Andenken hinterlaͤßt, wor⸗ auf Jahrhunderte ſtolz ſein werden. Wunder will ich erſchaffen durch den Zauber der Kuͤnſte, die Nä⸗ tur will ich unter meinen Willen beugen; hier auf dieſem kahlen und ſteinigen Boden. Tauſend und abertauſend Fontainen werden ihre Waſſer in Mar⸗ morbecken ausſtroͤmen, dichte Laubgewoͤlbe werden hier ihre blätterreichen Zweige ſchaukeln. Um die⸗ ſes Denkmal herum ſoll ſich bald eine koͤnigliche, prachtvolle Stadt erheben, welche die Fuͤrſten ach⸗ tungsvoll durch ihre Geſandten begruͤßen werden; denn ich will, daß der heute noch unbekannte Name Verſailles morgen ſchon ſchwer wiege in der Waage des Weltgeſchicks!“ Doch, welcher Sterbliche gebeut ſolch ein Wun⸗ der?— Ludwig XIV.— Wer iſt ſein Miniſter? — Colbert.— Wer fuͤhrt jenes unermeßliche Werk aus?— Manſard,— Le Brun,— Le Notre,— Puget. Und Alles wird achtunggebietend, wie Verſail⸗ les. Wählt der Koͤnig ein Sinnbild, ſo iſt es die Sonne,— braucht er Bildwerk an die Portale ſeines Palaſtes, ſo iſt es das ſteinerne Conterfei ſeiner Siege, und neben ſeinem Stuhle liegen Oeſtreichs Adler und Caſtiliens Leu gefeſſelt. Verſailles hat eine Kapelle,— ein Boſſuet predigt darin,— Verſailles hat ein Theater— und ein Moliöre ſpielt darauf. In den Hoͤrſalen toͤnt die Stimme eines Condé, eines Montmo⸗ renci, eines Villars, eines Marſchall von Sachſen, eines la Rochefaucoult, eines Guiſe, eines Duras, eines Crillon, eines Noailles, eines Vendöme, eines Biron und Anderer. Es iſt dies die ganze erhabene Ariſtokratie, noch blutend von den Strei⸗ chen Richelieu's, der ſie im Namen des Königs von Frankreich decimirte. Deſſenungeachtet draͤngt ſich jener alte, reiche, unabhaͤngige und auf ſeinem Gebiete faſt ſouveräͤne Adel auch jetzt noch um die Stufen des Thrones, denn der Koͤnig von Frankreich iſt ihm mehr als ein Koͤnig, ein geheiligtes Prinzip, wie die Ehre und die Tugend. Da ſtirbt Ludwig XIV., und mit ihm ſtirbt Verſailles. Denn du ſollteſt eine fuͤr Frankreich und dein Geſchlecht verhaͤngnißvolle Wahrheit ausſprechen, großer Koͤnig, als du, die Zuchtruthe in der Hand, riefſt:„Der Staat, das bin ich.“ Ja, du warſt der Staat;— ja, du warſt die Monarchie;— ſeit deiner unverſoͤhnlichen Spal⸗ tung mit Romz ſeit du im Wahne deiner Unuͤber⸗ windlichkeit die Macht an dich riſſeſt, ſtatt ſie von Gott zu empfangen,— ſeit du eine einzige hin⸗ faͤllige und despotiſche Gewalt aufſtellteſt, und je⸗ nen hohen, Alles regierenden Dreibund, jene drei unſterblichen Maͤchte verdraͤngteſt, die allein die Zukunft einer Monarchie heiligen koͤnnen: Gott, — Koͤnig,— Volk. Auch dein Staat, o großer Koͤnig, mußte mit dir untergehen, weil du aus jenem goͤttlichen, als welcher er vor Aller Augen gilt, einen menſchlichen gemacht hatteſt, weil die Monarchie weiter nichts war, als du, du, o Held, du, o Halbgott, deſſen Blick ein Jahrhundert von Wundern ſich entfalten. hieß.— Das Sinnbild der Sonne nahmſt du an, und wie die Sonne eines Tages haſt du die Welt mit deinem gläͤnzenden Lichte geblendet; am Abend aber gingſt du majeſtätiſch zu einem dunkeln Un⸗ tergange nieder, und der letzte Schein warf nur noch einen blaſſen Strahl auf die Krone deiner Nachkommen; dann kam die Nacht, die duͤſtre, die unerbittliche Nacht, die Nacht voll Blut, voll Sturm und Ungewitter, und barg unter Truͤm⸗ mern Frankreichs uralten Boden. Und ſiehe, nach des großen Koͤnigs Tode bleibt Verſailles prunkvoll und öde, glaͤnzend, aber ver⸗ laſſen, wie jene ſtolzen Schloſſer, welche die Ar⸗ muth unſter Zeit nicht bewohnen kann. Denn auf das Jahrhundert der Große folgte die Regentſchaft. was aber haͤtte die Regent⸗ ſchaft mit ihren Roués in jenen endloſen Galle⸗ rien, wo Boſſuet's Stimme gedonnert hatte, ma⸗ chen ſollen? Die Regentſchaft in Verſailles? Das klang wie bittrer Spott;— die Regentſchaft mit ihren Gelagen, mit ihren verruchten Schwelgereien, mit ihrer weltkundigen Religionsverachtung!— Wahrlich, die Regentſchaft, die die Nation vollends bis in's Herz vergiftete, die konnte in Verſailles nicht wohnen. Ludwig XV. durfte als ein ſo großer Koͤnig nur wollen; aber es ward ihm vergällt; er ver⸗ ſuchte es wohl, aber er, ſein Hof, ſeine Gelehrten, ſeine Kuͤnſtler waren nicht mehr im Stande, Ver⸗ ſailles wuͤrdig zu beleben; das glaͤnzende Andenken des großen Jahrhunderts erhob jenen Palaſt in in eine zu hohe Sphaͤre, die Luft iſt dort zu ſcharf, die Atmoſphaͤre ſeines Ruhmes zu lebhaft fur dieſe ſchwindſuͤchtigen und verdorbenen Herzen; ſolch' eine Groͤße ſchmettert ſie nieder; ſolch' eine Ueber⸗ ſchwenglichkeit laͤhmt ſie; da fluͤchtete ſich auch der Hof nach Trianon. Dort war wenigſtens Alles plangemaͤß fuͤr ihn; Alles niedlich, Alles Flitter, kokett, geſchminkt, roſig, bepudert, parfuͤmirt, dort war ein niedliches Echo fuͤr die kreiſchende oder heiſere Stimme eines Kabinetsatheiſten; denn man war uͤberſaͤttigt mit Laſtern, und mußte wohl eine fremde Ruchloſigkeit anhoren, um ſelbſt wieder Luſt dazu zu bekommen. Anfangs hatte der Atheismus freilich viel Anziehendes, und man befand ſich wohl dabei; bald aber ward man, wie es mit allen Din⸗ gen der Fall iſt, deſſelben uͤberdruſſig, und warf die Brocken unter's Volk.— Nach Ludwig XV., nach jener Herrſchaft der Maitreſſen und der Guͤnſtlinge, kommt die Regie⸗ rung eines biedern, tugendhaften Königs; die Re⸗ gierung einer jungen, geiſtreichen, edelherzigen und frohſinnigen Koͤnigin, die, ſtark genug durch ihre Reinheit, nicht nöthig hatte ihre unſchuldigen Vor⸗ zuͤge zu verbergen. Wie ſehr aber auch Verſailles von Bewohnern wimmele, es bleibt doch ſtets öde und verlaſſen. So ungefähr hätte Heinrich von Vaudrey den⸗ ken können, als er ſich nach Verſailles begab, um dort beim Marſchall von Caſtries zu ſpeiſen. Nur glaube ich, waren damals die Gedanken des Grafen nicht ſo ernſter und melancholiſcher Art. Sanft geſchaukelt in einem praͤchtigen Wagen, 3 den vier andaluſiſche Roſſe zogen, waͤhrend ſein Leibjaͤger vor dem Wagen her ſprengte, dazu noch in der ſuͤßen Hoffnung, die Baronin Cäcilie von Cernan beim Miniſter anzutreffen;— in einer ſolchen Lage dachte Heinrich wahrſcheinlich nicht an die Urſachen von dem Falle der Reiche. Der Graf fuhlte das lebhafteſte Verlangen nach Cäcilien; denn Lelia gefiel ihm nicht mehr, und er hatte ſich bereits eine angenehme Zerſtreuung mit einer Procuratorsfrau des Chatelet zu machen ge⸗ ſucht. Aber ſeit der Mann, dem dies ungemein ſchmeichelhaft war, und die Schreiber, denen dies viel Spaß machte, ſo wie alle andere Glieder jenes Hauſes, gegen Heinrich ſo zuvorkommend und ſo verzweifelt nachgiebig waren, ward er dieſer Buh⸗ lerei von Herzen uͤberdruͤſſig, und machte zur Be⸗ truͤbniß des Mannes, der Frau und der Schreiber nach ungefähr acht Tngen der ganzen Freundſchaft ein Ende. Bei ſo geſtalteten Dingen mußte ihm ein Ein⸗ verſtändniß mit der Baronin von Cernan um ſo wuͤnſchenswerther ſcheinen, da Cäciliens Abneigung gegen ihn ziemlich bedeutend zu ſein ſchien. Kaum war er in Verſailles angekommen, als er ſich dem Marſchall von Gaſtries vorſtellte, und ihm das Anliegen des Barons von Cernan mit⸗ theilte: „Obgleich Se. Majeſtaͤt das hartnaͤckige Vor⸗ „urtheil, welches einen Theil ſeines Adels fur dieſe „Sache intereſſirt, ſehr ungern ſieht,“— war die Antwort des Miniſters,—„ſo ſehe ich doch lieber „Ihren Baron in Amerika als hier, und deshalb, „theuerſter Graf, nehmen Sie ihn in Gottes Na⸗ „men mit; doch, ich glaube, Frau von Cernan „ſpeiſet heute bei mir, und wenn Sie daher noch werziehen wollten, ſo wuͤrden Sie mit ihr ſelbſt „uͤber die Anſichten ihres Gemahls ſprechen koͤn⸗ en Heinrich nahm es an. Das war es ja, was er wollte!— Bald darauf kam die Baronin. So reizend war ſie noch nie. Gekleidet in ein mit — 208— Silber geſticktes chineſiſches Atlaskleid, blond gepu⸗ dert, en frimas coiffirt, mit langen Spangen, die um ihren ſchönen Hals ſich zogen, deſſen Lilien⸗ farbe ein Strom von Diamanten, welche auf brei⸗ tem, rabenſchwarzen Schmelze gluhten, noch mehr hob, konnte man wohl nirgends ein ſo anmuthiges und wuͤnſchenswerthes Zuſammentreffen von Rei⸗ zen finden. Heinrich gruͤßte ſie mit hoͤfiſcher und kalter Ar⸗ tigkeit, und machte ſie, ohne ſonſt ein einziges ſchmeichelhaftes Wort hinzuzufuͤgen, mit der Ein⸗ willigung des Marſchalls in die Bitte des Barons bekannt. Cäcilie, ſo ſchon dem Grafen abhold, ohne zu wiſſen, warum, war außer ſich uber dieſen neuen Beweis der Gleichgultigkeit, ja faſt der Verachtung des Grafen. Aber ihr Grimm ward noch heftiger, als ſie bei Tafel den Grafen zum Nachbar erhielt. Da nahm ſie ſich vor, Heinrich, was er auch ſagen wuͤrde, nicht zu antworten, und ſpann eine ſehr lebhafte Unterhaltung mit ihrem Nachbar zur Lin⸗ ken, einem alten Parlamentsrathe, an. Heinrich unterhielt ſich indeſſen ſehr launig mit ſeiner Nachbarin zur Rechten, der ſchoͤnen Mar⸗ quiſe von Vaillé. Der gute Parlamentsrath wollte gar nicht recht auf die Schwätzereien Caciliens hören, denn alle Gedanken der Frau von Cernan waren ſo ſonder⸗ bar und unzuſammenhaͤngend, daß er faſt nichts — 209— davon verſtand.— Ein ganz andrer Fall war es mit der Marquiſe von Vaillé. Dieſe gab ſich Heinrich vollkommen hin, und nie hatte ſich des Grafen Geiſt ſo lebhaft und ſo glaͤnzend gezeigt, als jetzt. Natuͤrlich mußten alle Bemuͤhungen des armen Parlamentsrathes, der dem Faden von Caͤciliens Unterhaltung zu folgen ſuchte, vergeblich ſein, da dieſe auf Heinrich hörte und kauderwalſch ant⸗ wortete. Heinrich beinahe grade gegenuͤber, an der an⸗ dern Seite der Tafel, ſaß ein engliſcher Officier, ein bluͤhend ſchoͤner Mann, geiſtreichen Blicks, aber, wie es ſchien, von tiefer Wehmuth befangen, zerſtreut, traͤumeriſch und, allem Anſchein nach, ſich gar nicht bewußt, daß er an vornehmer Tafel ſpeiſe.— „Kennen Sie dieſen Officier?“ frug Cäcilie den Rath, und dies war die einzige klare und ver⸗ ſtäͤndliche Frage, die ſie bis jetzt that. „Ja, gnaͤdige Frau, es iſt Sir Georges Gor⸗ don, engliſcher Seeofficier und Kriegsgefangener; ſein Auswechſelungsſchein iſt eben unterzeichnet, er iſt frei und kann nach England zuruͤckkehren, wenn er will.“ „Aber fuͤr einen Gefangenen, der ſeine Freiheit wieder erlangte, iſt ſein Blick ſehr traurig!“— „Sehr traurig,“ antwortete der Rath,„man Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 14 — 210— ſelite meinen, auf ſeinem Herzen laſte ein ſchwerer Kummer; doch was könnte dieſes ſein?“ „Wie? Sie errathen das nicht? Sie mit Ihrer Menſchenkenntniß, Herr Rath?“ „Nein, edle Dame, da muͤßte ich wahrſagen und zaubern koͤnnen.“ „Wahrſagen!— O, was gabe ich darum, wenn ich eine Wahrſagerin, eine Fee wäre,“ erwiederte Cäcilie,„im Grunde der Herzen leſen konnte!“— und unwillkuͤrlich fiel ihr Blick auf Heinrich. Doch ſich ſchnell faſſend, fugte ſie hinzu:„Um zum Beiſpiel das Geheimniß des Kummers, der jenen armen Englaͤnder ſo ſchwer druͤckt, zu erforſchen. Si wahrhaftig, neugierig koͤnnte ich ſein, das Geheimniß zu erfahren; ich wußte nicht, was ich darum gäbe!“ „Dazu, edle Dame, brauchen Sie keine Fee zu ſein, und es iſt fur Sie nichts leichter zu erfah⸗ ren, als das, was in den Herzen aller derer, die Sie ſehen, geſchrieben ſteht; denn duͤrfte man darin wohl etwas Andres leſen, als ein ſchmachtendes: „Ich liebe Dich“?“— verſetzte ſcherzend der Rath mit einer zur Zeit Ludwigs XV. gar ſeltenen Ga⸗ lanterie. Kein Wort von dieſer Unterhaltung war Hein⸗ rich entgangen, welcher ſelbſt auch auf die traurige und zerſtreute Miene des Sir Georges aufmerkſam geworden war. Nur hatte er gelächelt, als Cäci⸗ l ihre Neugierde wegen des Geheimniſſes jenes — 2 melancholiſchen Gefangenen ſo offen äußerte, und hatte mit vieter Leichtigkeit der Marquiſe von Vaillé den naͤmlichen Wunſch entlockt. Da erhob der Graf ſeine Stimme, wandte ſich zu Frau von Veaillé und zu Cäcilien, und ſagte mit großer Nachläſſigkeit:„Wenn ich jung waͤre, meine Damen, wuͤrde ich bei meiner Seele darauf geſchworen haben, daß ich jenes Geheimniß, wel⸗ ches Sie ſo ſehr intereſſirt, beſaͤße. Ja, ohne Zweifel, haͤtte ich ſolch' einen Wunſch aus dem Munde einer Schoͤnen gehoͤrt, ſo haäͤtte ich Alles gewagt, ihn zu befriedigen, ſei es durch Klugheit, durch Gewalt, oder durch Zutrauen. Ich wuͤrde das Geheimniß erfahren, und, ſtolz ob meines Sie⸗ ges, es zu den Fuͤßen meiner Goͤttin niedergelegt haben. Aber in meinem Alter,“ fuͤgte er hinzu und blickte funkelnden Auges auf Cäcilien,„iſt man, Gott ſei Dank! in dieſem Punkte nicht mehr ſo romanhaft, und uͤberlaͤßt ſolche Dinge juͤngern Leuten zum Probeſtuͤck.“ „Welch' thoͤrichter Wahn!“ ſprach die Mar⸗ quiſe,„ich, in der That, wuͤrde mich durch einen ſolchen Beweis der Hingebung an meine Launen ſehr geſchmeichelt fuͤhlen, zum Lohn vielleicht ein andres, viel ſuͤßeres Geheimniß offenbaren.“ Cäcilie wurde hlutroth, ſprach kein Wort, ſon⸗ dern wandte ſich zum Rath, und wollte ihm eben wahrſcheinlich wieder einmal den Sinn von einer ihrer abgebrochenen Reden, die mit Fug und Recht 14* — 212— fur Räthſel gelten konnten, zu errathen geben, als ein Secretaͤr des Marſchalls eintrat, und ihm De⸗ peſchen uberreichte, die ſo eben ein Courier gebracht hatte. Der Marſchall von Caſtries bat die Damen um Erlaubniß, die Papiere öffnen zu durfen, ſtieß unwillkuͤrlich einen Schrei des Erſtaunens aus, und las dann den Inhalt mit lauter Stimme. Es betraf derſelbe das bewundernswuͤrdige Ge⸗ fecht der Iphigenie, welches der Graf von Kerſaint beſtand, indem er bei Nacht mitten in das Ge⸗ ſchwader des Admiral Rodney eindrang, und, ob⸗ gleich von drei Fregatten verfolgt, doch Zeit genug gewann, ſie nach und nach zu bekaͤmpfen und in den Grund zu bohren. Kaum hatte der Marſchall von Caſtries die Depeſchen zu Ende geleſen, als er, wohl fuhlend, welch, unangenehmen Eindruck dieſe Nachricht auf Sir Georges machen muͤßte, hinzufuͤgte:„Ich bitte um Verzeihung, Herr Capitän, aber Sie ſehen, wir ſind ſo ſtolz auf einen uͤber Ihre Nation er⸗ rungenen Vortheil, daß dieſe Nachricht einem alten Soldaten, wie mir, den Kopf wirblich macht, und mich außer Stand ſetzt, dieſe Begebenheit mit der Ihrer Lage gebuhrenden Ruckſicht vorzutragen. Dies meine Entſchuldigung, Sir Georges; laſſen Sie dieſelbe gelten?“ Bei dieſen Worten war die Stimme des Miniſters ſehr liebevoll. Sir Georges errothete und blickte den Marſchall mit ſtaunender Miene an. „Der paßt gar nicht zur unterhaltung,“ dachte Heinrich,„mit ſeiner Todtenbläſſe und platoniſchen Phyſiognomie, mit ſeiner Runzelſtirn, die ſich alle Augenblicke verzieht! Wahrlich, mir geht's wie jenen Damen, ich moͤchte wohl wiſſen, was er auf dem Herzen hat.“ „Ich bitte um Erlaubniß, dieſe Depeſchen Sr. Maijeſtät mittheilen zu durfen,“ ſprach der Mini⸗ ſter, und hob die Tafel auf. Die Geſellſchaft aber ging in den Salon zuruͤck. Heinrich bot ſei⸗ nen Arm der Marquiſe, und Caͤcilie nahm den des Rathes in Beſchlag. Die Baronin wollte vor Aerger berſten; denn während des ganzen Mahles hatte Heinrich kein Wort mit ihr geſprochen. „Kennſt Du jenen engliſchen Officier?“ fragte der Graf den Herzog von St. Ouen, mit dem er die Fahrt nach Koat⸗Vön gemacht hatte, und zeigte auf Sir Georges. „O, ganz genau,“ erwiederte St. Ouen.„Ich traf ihn bei Genlis, wo er ſehr emſig war. Auf Ehre, er iſt ein guter Spielerz er heißt Georges Gordon.“ „Alle Wetter! Von dem habe ich oft reden hören; la Jaille hat ſeine Brigg genommen. Weißt Du auch, daß dieſer Georges ein unerſchrockner Seemann iſt, der ſich wie ein Löwe ſchlägt? — 21 4 Stelle mich lernen.“ „Nichts leichter,“ verſetzte St. Ouen, und ſie näherten ſich Sir G durch ein Fenſter blickte. „Alles iſt im beſten Gange,“ ſprach Heinrich ihm doch vor; ich moͤchte ihn konnen bei ſich;„Frau von Cernan iſt außer ſich, und ſo⸗ bald ich das Geheimniß des Sir Georges weiß, iſt ſie mein.“ Mit dieſem Gedanken naͤherte er ſich Sir Ge⸗ orges. . eorges, welcher regungslos Funfzehntes Kapitel. Die Marquiſe. Das iſt ein gefaͤhrlicher Poſten, Marquis. Der Marquis. Wir haben Muth. Goethe, Großcophta. A. II. Sc. 4. Verſchiedene Arten, ein Geheimniß zu erforſchen. „Sir Georges,“ ſagte St. Ouen,„erlauben Sie, daß ich Ihnen vor Ihrer Abreiſe einen meiner beſten Freunde vorſtelle, den Grafen von Vaudrey, koͤniglichen Schiffs⸗Lieutenant, welcher Ihre Be⸗ kanntſchaft ſehnlichſt wunſcht.“ Hierauf empfahl er ſich Sir Georges und ließ ihn mit dem Grafen allein. Tief beugte ſich der Englaͤnder vor Heinrich, ſah ihn trocken und ftoſtig an, und ſprach kein Wort. „Pardien.. Sir Georges,“ begann Heinrich mit ſeiner gewöhnlichen Gewandtheit,„es ſchmerzte — 216— mich tief, als der Marſchall die Depeſchen mit ei⸗ ner ſolchen Undelicateſſe vorlas, aber, auf Ehre, Sie muͤſſen uns ſolche Aeußerungen verzeihen, denn Ihre Gefangennehmung, theuerſter Sir Georges, kam uns theuer genug zu ſtehen, da mein Freund, der Marquis von la Jaille, zwei ſchwere Kopfwun⸗ den mit einer Hellebarde davon trug, und faſt drei Viertheile ſeiner Mannſchaft verlor, um ſich das glorreiche Vergnugen zu bereiten, das brittiſche Schiff, ich glaube es war der Triumph, zu er⸗ beuten.“ „Der Triumph, Herr Graf,“ erwiederte der wortkarge Englaͤnder. „Wie kalt Sie auch ſein moͤgen, ſoll es mich doch nicht von der Behauptung abbringen, daß Sie der Held der großartigſten Waffenthaten dieſes Krieges geweſen ſind, Sir Georges.“ „Mag dem auch ſo ſein, wie Sie ſagen, Herr Graf; ich hatte in meiner Gefangenſchaft genug Zeit, es zu vergeſſen.“ „Aber jetzt ſind Sie ja frei, Sir Georges, und dennoch ſehen Sie ſo traurig und leidvoll aus; was Teufel iſt daran Schuld?“ „Herr Graf—,“ ſprach Sir Georges mit urde. „Verzeihen Sie, Sir Georges, aber ich ſpreche freimuͤthig, wie ſich's unter Seeſoldaten und jun⸗ gen Leuten geziemt; wahrhaftig, ich muß es frei geſtehen, ich wuͤrde entzuͤckt ſein, wenn Sie mir — 217— erlaubten, mich unter ihre Freunde zu zählen; denn, „ ſo wahr Gott lebt, Herr Capitän, es wuͤrde mir unend⸗ liches Vergnuͤgen machen, wenn ich Ihnen einmal Mann gegen Mann begegnete, und wir mit glei⸗ chen Kraften, bei guͤnſtigem Winde, mit gehoͤrigen Kanonenſchiffen offen mit einander koſen koͤnnten.“ „Sie erweiſen mir zu viel Ehre, Herr Graf,“ erwiederte ernſt Sir Georges. „Aber, mein Gott, nennen Sie mich doch nicht Herr Graf; nennen Sie mich einen Thoren, einen Narren, einen Schwätzer, wie Sie wollen. Seien Sie nur nicht ſo froſtig, Sir Georges; was habe ich Ihnen denn gethan? Sie ſind ein Gefange⸗ ner, ein Fremder, ich ſehe Sie im Augenblick, wo Sie fröhlich ſein ſollten, bekuͤmmert. Sie ſind von mir gleichen Alters, Standes, Ranges, und ohne Bedenken biete ich Ihnen, obgleich ich Sie zum erſten Male ſehe, meine Dienſte anz dies mag al⸗ lerdings gegen das Herkommen verſtoßen, ich gebe es zu; aber ich biete Ihnen ja meine Freundſchaft als rechtlicher und freier Edelmann; nehmen Sie ſie eben ſo anz denn, wahrhaftig, Sir Georges, deshalb können Sie mir nicht zurnen!“ Dabei er⸗ griff Heinrich herzlich ſeine Hand. Sir Georges erwiederte den Druck und ver⸗ ſetzte, immer noch kaltbluͤtig, ohne jedoch eine leichte Ruͤhrung verbergen zu koͤnnen:„Ich bin durchaus nicht gefuͤhllos fur die Theilnahme, die Sie an meinem Schickſale bezeugen, Herr Graf, und weiß Ihnen unendlichen Dank dafür; nur ſchmerzt es zu Ihrer Freundſchaft zu nehmen.“ Hiermit gruͤßte er Heinrich ehrerbietigſt und verließ den Saal. „Aha! der iſt ein Narr,“ rief der Graf,„er hat ſo etwas Zweideutiges in ſeiner Phyſiognomie, und das intereſſirt mich jetzt wenigſtens eben ſo mich, daß ich nicht im Stande bin, meine Zuflucht* ſehr, als Frau von Cernan. Ich muß ihm nach — denn, bei Gott, erfahren muß ich, was er—“ Eilig folgte er Sir Georges, und fand ihn un⸗ ten auf der Treppe der Fuͤrſtengallerie, im Augen⸗ blicke, wo er nach ſeinem Bedienten rief. „Sir Georges,“ ſprach Heinrich, und faßte ihn beim Arm,„ſo durfen Sie mir nicht entſchluͤpfen. Sie muͤſſen mich hoͤren; ich muß durchaus mit Ihnen ſprechen; denn ich habe Ihnen zu ſagen—“ „Was haben Sie mir zu ſagen, Herr Graf?“ fragte der Englaͤnder mit ſeiner verteufelten⸗Kalt⸗ bluͤtigkeit. „Alle Wetter, ich habe Ihnen zu ſagen—“ „Nun, ich hore, mein Herr.“ Da ſah Heinrich alle ſeine Angriffe zuruͤckge⸗ ſchlagen, und wußte kein Mittel mehr, um ihm das Geheimniß, worauf er ſehr brannte, zu ent⸗ locken, als plotzlich, wie ein Blitz, ein trefflicher Ge⸗ danke durch den Geiſt von Sufften's Zögling fuhr. „Ich habe Ihnen zu ſagen,“ fuhr Heinrich leb⸗ haft fort,„daß ich nuͤnſche, naͤhere Erklaͤrungen uͤber das Gefecht Ihres Schiffs zu erhalten. Doch 0 verlaſſen wir dieſe Gallerie und gehen in jenen Garten.“ Sie gingen, und waren bald ganz allein auf der Esplanade, welche ſich vor dem neuen Vorge⸗ baͤude des Palaſtes ausbreitet. Der Englander wußte noch nicht, was Hein⸗ rich wollte. „Ja, mein Herr,“ wiederholte Heinrich, entzuckt üver ſeinen Einfall,„mein Freund, der Marquis von la Jaille, hat mir verſichert, Sie hätten in demſelben Augenblicke, wo er, ſonder Argwohn, ſich Ihrem Schiffe näherte, weil Sie Ihre Flagge ein⸗ gezogen hatten, auf ihn ſchießen laſſen, und nur dieſe erbärmliche Argliſt hatte Ihnen den Vortheil verſchafft.“ Da wurden die Wangen des Britten hochroth vor Zornz ſein Blick funkelte, doch noch immer ſprach er mit ſcheinbarer Ruhe:„Der Herr Mar⸗ quis von la Jaille hat gelogen, Herr Graf!“ „Gelogen!“— rief Heinrich,„gelogen! Wiſſen Sie auch, Herr, daß dieſe Beleidigung mich faſt verſoͤnlich trifft, da ich der Buſenfreund des Herrn von la Jaille bin?“ „Nehmen Sie das, wie Sie wollen, Herr Graf; Ihre Fragen waren mir ſchon lange unertraͤglich!“ „Herr!“ rief Heinrich,„folgen Sie mir!— In den Baumgängen von St. Cloud muß herrli⸗ cher Mondſchein ſein; wir gehen erſt zum Fuͤrſten von Montbarrey und nehmen dort Secundan⸗ ten mit.“ „Wie Sie wollen, Herr Graf,“ ſprach Geor⸗ ges, und verneigte ſich gegen ihn. Darauf beglei⸗ tete er Heinrich zum Fuͤrſten von Montbarrey. „Wahrlich, es wurde mich ſehr ſchmerzen, wenn ich ihm ſein verfluchtes Geheimniß nicht ablocken könnte,“ dachte Heinrich,„denn dieſer Englaͤnder. intereſſirt mich in der That ſehr, und ich habe nie eine lebhaftere Zuneigung zu Jemandem gefuͤhlt.“ Als ſie zu dem Fuͤrſten kamen, fand Sir Ge⸗ orges dort den Lord Fellow, erklaͤrte ihm mit eini⸗ gen Worten die ganze Sache, und wenig Minuten darauf rollten zwei Kutſchen durch die Straßen von Paris dahin, in der einen Lord Fellow und Sir Georges, in der andern Heinrich und Rulle⸗ cour. Nahe bei Chenil⸗Neuf machten ſie Halt. „Wenn es Ihnen gefällig iſt, Herr Graf,“ ſprach Sir Georges, und ſtellte ſich Heinrich ge⸗ genuͤber.— Die Secundanten gaben das Zei⸗ chen und klirrend kreuzten ſich die Klingen. Sichtbar ſchonte Heinrich, ein Meiſter in der Fechtkunſt, das Leben ſeines Gegners; denn er wollte ihn nur leicht verwunden. Aber in dem Augenblicke, wo er einen Stich des Sir Georges parirt hatte, blieb er in der Parade liegen; jener benutzte die Bloͤße, und bra Heinrich einen ſo heftigen Stoß bei, daß er auf der Stelle nieder⸗ ſank. — „Genug, genug, meine Herten!“ riefen die Se⸗ cundanten. „Ach! ja! genug—“ rief Sir Georges, und vlickte auf Heinrich, der halb kniend ſich auf ſeinen Degen ſtuͤtte.„Ach, Perr Grafl Herr Graf!“ fuhr Sir Georges fort,„warum haben Sie mich ſo grundlos gefordert? Bei meiner Ehre ſchwore ich es Ihnen, nicht das Gefuͤhl des Haſſes, nein, ein ganz anderes, zog mich zu Ihnen.“ „Bei Gott, mich auch,“ ſtöhnte Heinrich,„und gerade deshalb mußte ich—“ Er fiel in Ohnmacht. Vier Stunden nachher befand er ſich in Paris in ſeiner Wohnung, und um ihn herum ſtanden ängſtlich harrend die Wundaͤrzte. Sechzehntes Kapitel. Zeigte ich einige Grobheit, ſo entlehnte ich ſie von meiner Rolle. Shakeſpeare, 12te Nacht. Act 1. Sc. 5. Das Geheimniß. Den Tag nach ſeinem Duell ſchlummerte der Graf von Vaudrey in jenem großen, mit rothem D i in welchem er den Aſtronomen ſo freundlich aufgenommen hatte. Noch war Rumphius zugegen, und las, den Kopf auf den Arm geſtutzt, aufmerkſar ungeheuren Folianten, wobei er Loffel in einer neben ih Aber in dieſer Beſchafti dige Herr eine ſo automatiſche B ſelbſt Vaucanſon hätte ſtaun ͤſſ Die Hand bewegte den Löffel, der Arm die Pand, und Alles griff magiſch in einander, wo⸗ inge ndiges Drehen erzeugt nin einem durch auf dem Boden der Taſſe, die Wunderd bewirken ſollte, ein beſtä wurde. „Ach, lieber Gott im Himmel! was haben Sie denn da gemacht, Herr Rumphius?“ rief beſturzt der alte Kammerdiener Grosbois, und faßte den Gelehrten beim Aermel. „He, was giebt's, was beliebt? Ich ſteh' zu Dienſten, bin gleich fertig, will nur hier in dem ehrwurdigen Vater Hortius uͤber Brama nachſe⸗ hen, was er uͤber den Traktat des Guru denkt. Tarpa Gamana, der die Frage ſtellt, ſpricht da⸗ von, ob man mit der Frau ſeines Guru oder ſei⸗ nes Vorgeſetzten Umgang hegen dürfe,“— ſprach der Aſtronom, Grosbois ſtier anblickend und hart⸗ naͤckig genug mit ſeinem Loöffel immer wieder in die Taſſe fahrend. „Aber, Herr Rumphius,“ rief der Diener,„was tatſchen Sie denn mit Ihrem Loffel in dieſe Taſſe? Sie haben doch gar nichts darin umzuruͤhren. Se⸗ hen Sie nur, Sie haben ja Saft und Tränkchen daneben gegoſſen; ſehen Sie, der ganze Marmor ſchwimmt und der Teppich auch dazu! So geht ir's allemal; es iſt mir aber ſchon recht; warum gebe ich Ihnen auch etwas zu thun?“ „Ja, wahrlich, es iſt ſo, wie er ſagt, wahrhaf⸗ tig!“ rief Rumphius, und überzeugte ſich mit un⸗ glaublichem Ernſte von der That.„Ich habe Al⸗ les daneben gegoſſen; ja, Grosbois, in der Veikula findet ſich ein ganz ähnliches Symbol.— Die Palmenſuppe faͤllt neben das Becken, ſpricht das 1 Carma: die Palmenſuppe faͤllt neben—“ „Aber hier iſt ja gar nicht von einer Palmen⸗ ſuppe die Rede, Herr Rumphius. Schon ſeit ei⸗ ner Stunde ſollte der Herr Graf den Trank ge⸗ nommen haben. Aber, wie ſchon geſagt, es iſt mir ſchon recht, ſo geht mir' allemal, wenn ich Sie allein laſſe!“ „Allein, Grosbois, allein! das iſt auch der wahre Guruz allein muß man ſein, wenn man den Wiſchnu mit wuͤrdigem Blicke betrachten will und—“ Eben wachte Heinrich auf, und weckte den Aſtronomen aus ſeinen Zerſtreuungen.„Wo bin ich? wie viel Uhr iſt es? Iſt es Nacht oder Tag?“ fragte Heinrich. „Endlich redet er wieder,“ rief eine Stimme, und Sir Georges naͤherte ſich dem Verwundeten. „So wahr Gott lebt, Sir Georges, Ihr An⸗ blick thut mir wohl. Aber, alle Wetter, Sie ha⸗ ben eine kräftige Fauſt; doch bald, hoffe ich, wird Alles wieder gut fein.“ „Nein, Herr Graf, nein, es hat keine Gefahr,“ ſagte Sir Georges,„die Wundaͤrzte haben keinen Augenblick an Ihrem Wiederaufkommen gezweifelt. Nur ein einziger Theil war ſchwer verletzt. Da⸗ her ſein Sie ohne Sorgen, leben Sie wohl, Herr Graf; ich wollte Sie vor meiner Abreiſe noch ein Mal ſehen. Jetzt befurchte ich nichts mehr fuͤr Ihr Leben; leben Sie wohl.“ große Ceremoniengeſetz des Brama, das Nitti⸗ —— „Sie reiſen nach England?“ fragte Heinrich. „Nach England?“ wiederholte Sir Georges, und duͤſtrer ward ſein Blick.„Ja, nach Eng⸗ land,“ erwiederte er darauf. „Laßt uns allein,“ ſprach Heinrich zu Rum⸗ phius und zum Kammerdiener. Darauf wandte er ſich zum Capitän:„Hoͤren Sie mich, Sir Ge⸗ orges. Als ich Sie zum erſten Male ſah, war mir Ihr Ruf als unerſchrockener Seeheld wohl be⸗ kannt, und ich fuͤhlte Bewunderung fuͤr Ihren Muth und Ihr glaͤnzendes Gefecht; dieſem Um⸗ ſtande ſchreibe ich das beſondere Intereſſe zu, das Sie mir von allem Anfange einfloͤßten. Ohne ein großer Menſchenkenner zu ſein, Sir Georges, las ich doch gleich in Ihrem Aeußern, daß ein ſchwe⸗ rer Kummer auf Ihrem Herzen laſtete. „In der Hoffnung, mir Iht Zutrauen zu er⸗ werben, und ſo Ihnen vielleicht durch troͤſtenden Zuſpruch nuͤtzlich werden zu koͤnnen, verſuchte ich einige Wege und Mittel, welche aber mit Fug und Recht von Ihnen abgewieſen wurden, da Sie mich noch nicht genug kannten, um mir Ihr Geheim⸗ niß anvertrauen zu können. Darauf mußte ich ein anderes Mittel verſuchen, und durch eine un⸗ verſchämte Verleumdung meines armen Freundes la Jaille, der Sie gewiß ſo bewundert, wie nur Jemand Sie bewundern kann, fand ich Gelegen⸗ heit, mich mit Ihnen zu ſchlagen; doch nahm ich mir vor, Sie nicht zu verwunden, und mich nur Die Seewarte v. Koat⸗Vön. 1. 15 226— defenſiv zu verhalten. Bei dieſer Spielerei konnte ich um's Leben kommen, es iſt wahr, aber daran denke ich bei ſolchen Dingen ſehr wenig. Jetzt werden Sie mich fragen, wie jenes Duell und das Intereſſe, das Sie mir einfloͤßen, zuſammenhängt? Ich will es Ihnen erklaͤren, Sir Georges. In Frankreich, Herr Capitän, ſind zwei Ebelleute, ſo⸗ bald ſie ſich, ohne die Geſetze der Ehre zu verletzen, einer Lumperei wegen geſchlagen haben, Freunde auf Leben und Tod, als wären ſie ſchon zwanzig Jahre lang die innigſten Freunde geweſen. „Jetzt,“ fügte der Graf lächelnd hinzu,„jetzt, Sir Georges, da wir ſchon zwanzig Jahre lang die innigſten Freunde ſind, werden Sie mich wohl wuͤrdig finden, Ihr Geheimniß zu theilen; denn Sie haben eines, und leiden, davon bin ich uͤber⸗ zeugt, vielleicht nur deshalb, weil Ihnen ein Freund fehlt, dem Sie ſich anvertrauen können.“ Sir Georges ward einen Augenblick durch ſol⸗ chen Edelmuth und ſo viel Zartgefühl innigſt ge⸗ ruͤhrt. Heinrich's Häͤnde ſchloß er in die ſeini⸗ gen und blickte ihn, keines Wortes faͤhig, wehmuͤ⸗ thig an. „Demnach, Sir Georges,“ begann Heinrich von Neuem,„wenn Sie, ohne die Ehre zu ver⸗ letzen, oder ein heiliges Gelubde zu brechen, mir Ihr Hetz öffnen koͤnnen, ſo thun Sie es im Na⸗ men der Freundſchaft; denn mein ſonderbares Stre⸗ ben, mich Ihres Vertrauens wuͤrdig zu machen, —— — 227 entſprang aus einer geheimen Ahnung, daß ich Ih⸗ nen in Etwas behuͤlflich ſein koͤnnte. Darum frei heraus damit! Iſt's ein Weib, das Sie verlaſſen muſſen, wir wollen ſie entfuͤhren. Iſt's ein Ehe⸗ mann, der Ihnen im Wege ſteht? wir wollen ihm Zerſtreuung machen.— Iſt's— „So viel Edelſinn kann nicht unvergolten blei⸗ ben, Herr Graf,“ unterbrach Sir Georges Hein⸗ rich;„weil Sie dieſes Geheimniß, das mit mir zu Grabe gehen ſollte, zu wiſſen wuͤnſchen, ſo ſol⸗ len Sie es erfahren. Herr, geſpielt habe ich, ge⸗ ſpielt, auf Ehre; und eine betraͤchtliche Summe verloren, 4000 Louisd'or! Lord Gordon, mein Va⸗ ter, iſt Gouverneur in Indien. Nun aber iſt es mir unmöglich, die Summen, deren ich bedarf, um dieſe heilige Schuld vor meiner Abreiſe zu bezah⸗ len, aufzubringen; denn ich muß mit einem auf Friſt geſtellten Paſſe nach England zuruckkehren, und fuͤrchte den Ruf eines Schuftes mit mir neh⸗ men zu muͤſſen. Die Hoffnung, unſern Geſand⸗ ten zu treffen, trieb mich zum Marſchall von Caſt⸗ ries. Ungluͤcklicherweiſe war er eben nicht in Ver⸗ ſailles. Ihm gllein konnte ich mich, unſern Fa⸗ milienverhältniſſen gemäß, anvertrauen. Dies, mein Herr, iſt das ganze Geheimniß; daß ich morgen ſchon bezahlen und abreiſen ſoll, und daß ich's morgen noch nicht kann, das brennt mir auf dem Herzen. Jetzt, mein Freund, wiſſen Sie Alles. Dank fuͤr Ihre Theilnahme, leben Sie wohl! Zu⸗ 15. — 228— frieden, daß ein Freund mehr mich bedauert, werde ich zu ſterben wiſſen.“ „Hoͤll' und Teufel!“ rief Heinrich,„dacht' ich's doch, daß Ihr Vertrauen zu Etwas gut ſein wuͤrde; wenn auch nicht fuͤr Sie, doch fur mich!“ Staunend blickte Sir Georges Heinrich an. „Sonder Zweifel— aber ſtill— unter Freun⸗ den muß man behutſam reden. Hoͤren Sie mich, Sir Georges, ich habe 50,000 Thlr. Einkuͤnfte und einen rechtſchaffenen Verwalter, der mir das WMeinige ſchier verdoppelt. In zwei Jahren bin ich kaum ſechs Monate lang zu Lande, und kann daher das Geld zum Fenſter hinauswerfen; denn ich weiß, hol' mich der Teufel, nicht, wie es zu⸗ geht, daß ich immer einige tauſend Louisd'ors uͤbrig behalte, ohne noch in Anſchlag zu bringen, daß mir fur ploͤtzliche Unfaͤlle ein Onkel, der Biſchof von Surville, uͤbrig bleibt, welcher unermeßlich reich iſt, und ſich ſtets gegen mich beklagt, daß ſeine Stelle eine wahre sinerura iſt; nun können Sie ſich ſehr verdient um mich machen, Sir Georges; die Gel⸗ der ſtehen in Frankreich eben nicht ſicher, daher habe ich ſchon lange Zeit Luſt gehabt, mehrere Summen der indiſch⸗engliſchen Compagnie anzu⸗ vertrauen, und da nun Ihr Vater Gouverneur jener Beſitzungen iſt, ſo wuͤrden Sie wohl die Guͤte haben, mir Actien zu verſchaffen. Da dieſe baar bezahlt werden muͤſſen, ſo werde ich Ihnen einige 100,000 Livres bei Sicht auf Bourette, den — 25 Oberpächter, ausſtellen, dem Sie dann von Eng⸗ land aus die Actienſcheine zuſchicken wuͤrden, wenn Sie die große Gefälligkeit gegen mich haben, meine Commiſſion beim Comptoir der Compagnie zu uͤber⸗ nehmen.“ Sir Georges machte eine Bewegung, als wenn— „Schlagen Sie mir's nicht ab,“ ſagte Heinrich ſanft.„Koͤnnte ich nicht dereinſt auch engliſcher Gefangener werden? Alſo ſeien Sie nicht egoiſtiſch, Sir Georges! Zaudern Sie, mir dieſen Dienſt zu erweiſen? Auf Ehre, ich werde nicht undankbar ſein, wenn ich jemals Gelegenheit finde, Ihnen wie⸗ der nuͤtzlich zu werden.“ Er hatte dieſes Anerbieten mit ſo viel Zartge⸗ fuͤhl gethan, daß Sir Georges es nicht abſchlagen konnte. Er fiel Heinrich um den Hals, und die beiden Juͤnglinge ſchwärmten in gleichen Gefuhlen. Ihre ſchonen Seelen verſtanden ſich, und Georges nahm es an; denn bei ſolchen Herzen giebt es we⸗ der Wohlthat noch Verpflichtung; Empfaͤnger und Geber ſind gleich gluͤcklich. Sir Georges bezahlte ſeine Schuld und reiſte am nämlichen Tage noch nach England ab.—. Als Heinrich allein war, rieb er ſich entzuͤckt die Haͤnde. „Ich wußte es wohl,“ rief er,„daß ich das Geheimniß erfahren wuͤrde.— Jett iſt Cäcilie mein.“ Siebzehntes Kapitel. Quod finxero, timent. Lucan, l. 486. 3 Die Namenloſe. 1 O geſegnet ſeiſt du, wuͤthende, trunkene, wahn⸗ 6 ſinnige Verzweiflung! Du, die du, wie Roland, die hohen Fichten niederreißeſt und knickſt, die du Felſen in Truͤmmer ſchlägſt!— Du die du den Ruf wilder Freude ausſtoßeſt, wenn du deine Bruſt, zerwuͤhlt von deinen ſchmerzgekruͤmmten Nägeln, bluten ſiehſt! Geſegnet ſeiſt du!— Denn deine Kräfte und deine Geiſter erſchöpfend, erſchopfeſt du dich ſelbſt, und Tod oder Beruhigung folgt deiner Raſerei. Du aber, du ſtille, ſchleichende Verzweiflung,“ die du tropfenweis und langſam, und doch ewig in bleiernen Thraͤnen auf das Hetz fällſt; die du fuͤr jeden Pulsſchlag eine kalte und ſchneidende Herzensangſt haſt;— du, o du ſeiſt verflucht! Ja, wahrlich, traurig iſt jener unheilbare Schmerz, aber noch hundert Mal trauriger die Wuth, die man fuͤhlt, weil man nicht mit ſich zu⸗ gleich das ganze Weltall in jenes fahle Leichentuch einhullen kann, worin der Geiſt erſtarrte. Wer vermochte alle jene verruchten Gedanken zu nennen, die im Hirne eines leidenden und haß⸗ vollen Weſens, eines Weibes, wie Rita, keimen, aber glucklicherweiſe wieder verſchwinden! Was muße ſie leiden, wenn der Strahl der Sonne in ihr Auge drang, wenn der freudige und tolle Laͤrm einer großen Stadt ihr Ohr erreichte, wenn ſie jene prächtigen Equipagen, welche ihre Beſitzer zu feſt⸗ lichen Freuden trugen, erblickte! Mein Gott! was mußte das arme Weib fuhlen, wenn in der Abend⸗ tuft die fernen Klaͤnge eines Balles oder Concertes in ihrem Ohre verhallten! Aber nichts kann ſchrecklicher ſein, als der Ge⸗ danke, daß, während Andere lachen, ſingen, von Liebe und vergangenen oder noch zu hoffenden Ver⸗ gnuͤgungen ſprechen, man allein traurig und troſt⸗ los iſt. In der That, bei ſolch einem Grade des Men⸗ ſchenhaſſes, wuͤrde man Nero's blutigen Fluch uͤber die Welt begreifen, wenn man nicht dadurch ſeine Ernte im Keime verduͤrbe. Rita wohnte ſtets in dem kleinen Zimmer, wel⸗ ches der Wohnung Vaudrey's grabe gegenuͤber lag. Sie war dieſen Abend ganz allein; denn Perez war im Hauſe des Grafen, und fragte, wie Hein⸗ * rich ſich befinde, denn Rita wußte ſchon den Aus⸗ gang jenes Duells. „Perez kann kommen,“ ſprach ſie,„ich erwarte ihn ohne Furcht. Meine Ahnungen täuſchen mich niemals. Er ſollte ſterben koͤnnen, bevor meine Rache vollkommen befriedigt ware? Iſt das moͤg⸗ lich? Spricht nicht eine innere Stimme in mir: Nur deiner Rache gehoͤrt er an mit Leib und Seele?— Iſt dieſer Wille nicht ſo ſtark, ſo un⸗ bedingt, daß er gleichſam dem Schickſal gebieten koͤnnte? Nein, das iſt toller Wahn. Aber ich denke es dochz ja, ich denke, er könne nicht ſterben, weil ich's nicht will, weil es noch nicht Zeit iſt, daß er ſterbe. Und dieſer feſte Glaube iſt meine Macht, iſt meine Kraft. Dieſer feſte Glaube haͤlt mich aufrecht, und ſtählt meinen Arm; er nur giebt mir jenes wunderbare Vertrauen auf die Zukunft; er nur giebt mir die unermeßliche Macht, Alles zu ſein, was meinem Zwecke mich naͤher bringt, wie—“ Da trat Perez ein. „Gelobt ſei Jeſus Chriſt, Frau Herzogin, er iſt gerettet, ſeine Wunde iſt nicht gefaͤhrlich.“ „Ich wußte es,“ erwiederte Rita ruhig und ge⸗ laſſen;„es mußte ſo ſein. Jetzt aber, Perez, da ſein Leben außer Gefahr iſt, kommt es darauf an, unſte Plaͤne auszufuͤhren. Alles iſt ſchon vorbe⸗ reitet, ſo, daß wir des Erfolges ſicher ſein könnenz denn ſiehſt Du, wohl iſts möglich, daß ein gerech⸗ ter und ſtrafender Gott da droben wohnez ich aber — will hienieden ſeine Rolle ubernehmen. Es iſt ſicherer, und bei meinem Haſſe ſchwoͤre ich es, nie mals ſoll ein Gott der Rache unerbittlicher gewe⸗ ſen ſein. Hoͤre mich, doch zittere nicht: 8 „Wenn ich mich ſchnell und unvollkommen hatte räͤchen wollen, ſo wuͤrde ich ihn gemordet ha⸗ ben. Doch das wollte ich nicht. Mir ſchien es beſſer, wenn geſchaͤhe, was ich Dir ſchon geſagt habe, wenn namlich das Verhangniß unverſoͤhnlich ihn uͤberall verfolgte, und ihn in einen Kreis von Nichts und Schrecken einſchloſſe, daß Niemand ſich erkuͤhnen darf, dieſem Verworfenen ſeine Hand als Freund zu reichen.— Leben ſoll er, Perez, er ſoll leben, doch verlaſſen, einſam und geaͤchtet un⸗ ter den Menſchen. Denn wer wird, wenn er ſieht, wie das Schickſal Alles unbarmherzig verfolgt, was ſich jenem Verfluchten, dem Liebe und Freundſchaft nur Wahn ſind, zu nahen wagt,— ſprich, Perez,— wer wird dann noch ſicherfrechen, ihn mit einem einzi⸗ gen Worte der Hoffnung oder des Troſtes zuerfreuen E“ „Ha! dieſe Rache iſt ſchauderhaft, edle Frau!“ „Ach ja, ſchauderhaft, ſo ſchauderhaft, wie ge⸗ recht. Aber ſage mir, Peres, was wuͤrdeſt Du denken, wenn eine Stimme zu Dir ſpraͤche: In drei Tagen wird Dein Freund, Deine Geliebte, Dein einziger Verwandter, der Dir uͤbrig bleibt, geſtor⸗ ben ſein?— Geſtorben,— weil ſie Dich liebten, geſtorben, weil ſie Dir nahe ſtanden, geſtorben, weil ein finſter waltendes Geſchick Dich uͤberall ver⸗ — 234— folgte und verfolgen wird, und durch Dich ſelbſt alle die, welche Dich umgeben, ins Elend ſtuͤrzt?— Du wuͤrdeſt lachen, nicht wahr, Perez? Du wuͤr⸗ deſt meinen, dieſe Stimme iſt die eines Wahnſin⸗ nigen? Aber, wenn drei Tage nach dieſer Weiſſa⸗ gung Dir der Freund, die Geliebte und der Ver⸗ wandte geſtorben waͤren,— Perez, wuͤrdeſt Du dann noch lachen?“ „Was wollen Sie damit ſagen, edle Frau?“ „Wuͤrdeſt Du lachen, wenn ein unerklaͤrbarer und ploͤtzlicher Tod eines unermeßlich reichen Ohms, deſſen einziger Erbe Du wurdeſt, ſchmählichen Arg⸗ wohn auf Dich wuͤrfe? Wuͤrdeſt Du lachen, wenn durchaus nicht uͤbelgemeinte Liebkoſungen dieſem Leu⸗ mund immer mehr den Schein der Wahrheit liehen, wenn dieſe Scheinzeichen in boshafter Zuſammen⸗ ſtellung mächtig genug waͤren, Dich in der Mei⸗ nung des Volkes als den Moͤrder zu bezeichnen, ohne Dich laut anklagen und Dir dadurch Mittel zu Deiner Rechtfertigung an die Hand zu geben?— Und wenn nun durch unerklaͤrbaren Zufall Dein Freund und Deine Geliebte zur beſagten Stunde ſtuͤrben, und bloß darum, weil ſie an Dir hin⸗ gen!— Wuͤrdeſt Du lachen, wenn ein unter den Leuten ſchleichendes Geruͤcht Dich brandmarkte, daß man mit Schrecken auf Dich zeigte, im Wahne, daß Alles, was Du geliebt oder gehaßt, todt iſt;— wenn Du, ſelbſt nie zur Erkenntniß dieſes hoͤlli⸗ ſchen Geheimniſſes gelangend, durch ſo viele ſich — gegen Dich vereinigende Beweiſe gezwungen waͤ⸗ reſt, Dir ſelbſt zu geſtehen, daß das urtheil der Welt, wie falſch und hart es auch immer ſei, den⸗ noch als logiſch, natuͤrlich und wahr ſich darſtellt; wenn Du Dich ſcheu und den Fluch Deines Na⸗ mens wohl kennend, Dich ſelbſt ſo jung, ſo ſchoͤn, ſo reich, ſo beruͤhmt, und dennoch ſo verlaſſen und faſt von jener Welt, die Du einſt vor Deinen Fü⸗ ßen liegen ſahſt, geaͤchtet ſäheſt:— Hal! dann⸗ wurdeſt Du dann nicht wahnſinnig werden, indem Du den unauflosbaren Knoten jenes Dich zer⸗ ſchmetternden Verhängniſſes ſuchteſt? Wuͤrde nicht jede Minute Dir Todesmarter, grauſame, ſchmaͤh⸗ liche Todesmarter ſein?“— „Achl wohl grauſam genug; doch, edle Frau, das iſt nur ein Traum.“ „Nein! Perez, es wird kein Traum ſein, Wirk⸗ lichkeit ſoll's ihm werden; aber eine ſo furchtbare Wirklichkeit, wie jene ſchreckensvollen Traͤume, die jemals einen Menſchen in des Fiebers heftigſtem Wahnſinne quaͤlten. Hoͤre mich; nach Deinen Aus⸗ ſagen reitet ſein vertrauteſter Freund, der Ritter von Lepine, täglich zur Frau von Valentinois nach Paſſy, und hat da bloß einen einzigen Reitknecht bei ſich.“ „Täͤglich, edle Frau.“ „Du haſt Dir eine Zuſammenkunft mit dem Wen⸗ jener Lelia, geſichert, welche auch dort war?“ „Ja, edle Frau.“ „Sein Oheim, der Biſchof von Surville, muß ſeinen Neffen abholen, damit er einige Zeit bei ihm verweilen und die Heilung ſeiner Wunde abwarten kann?“ „Ja, eble Frau.“ „Die Fürſtin von Vaudemont giebt uͤbermor⸗ gen einen Ball in ihrem Garten?“ „Ja, edle Frau.“ „Darauf grundet ſich mein Plan. Der Graf von St. Germain hat die Zauberei auf's Tapet gebracht, und es vergeht kein Feſt mehr, welches nicht ſeinen Zauberer hätte, um durch deſſen Weiſ⸗ ſagungen die Gäſte zu unterhalten. „Nun geh' zum Verwalter der Fuͤrſtin, und ſage ihm, es ſei ein Italiener da, und erbiete ſich, das Aemtchen zu übernehmen. Er verlange erſt nach gethaner Arbeit ſeinen Lohn; wie viel? ſei ihm gleichguͤltig, da er uͤberhaupt ſich durch ſeine Ausſpruͤche vor einer ſo glänzenden Verſammlung Ruf erwerben wolle.“ „Ja, edle Frau.“ „Dieſer Italiener werde ich ſein, meine Klei⸗ dung wird mich unkenntlich machen, der ganze Hof wird bei dieſem Feſte ſein, und er, als Freund der Fuͤrſtin, wird ſicher nicht fehlen. Ich zweifle kei⸗ nen Augenblick, daß er nicht auch kommen ſollte, mich uber ſeine Zukunft zu befragen;— das iſt jebt Mode, und was Mode iſt, das thut er— dann, ſiehſt Du, Perez, dann will ich zu ihm ſprechen: „Dein Stern iſt verderblich fuͤr die, welche du liebſt, oder deren Gluͤck du be⸗ neideſt. Binnen drei Tagen werden dein Freund, Deine Lelia, und der Biſchof von Surville todt ſein. Alſo hat auch dein Haß deinen Bruder gemordet; alſo hat auch deine Liebe die Herzogin gemordet.“ „Seinen Hohn und Spott uber ſolche Worte kannſt Du Dir denken.— Aber, wenn Du mir treu biſt, o Perez, ſo wird binnen drei Tagen ge⸗ ſchehen, was ich vorausgeſagt.“ „Ich erwarte Ihre Befehle, edle Frau.“ „Nun wohl, hoͤre mich. Der Ritter von Le⸗ pine, Du kennſt ihn, Perez, ſein Freund, der wackere Edelmann, der ſich ſo großherzig zu jenem ehren⸗ feſten Bunde gegen ein armes Weib ſchlug, jener Ritter muß, wenn er zur Frau von Valentinois nach Paſſy reitet, bei unermeßlich tiefen und ewig ſchweigenden Steinbruͤchen vorbei, und er iſt faſt allein.“ „Wahr iſt's, edle Frau,“ antwortete Perez mit einem ſonderbaren Lächeln,„er geht faſt immer allein. „Dann,“ fuhr er fort, und ſtreichelte mit ſei⸗ nen Haͤnden den grauzottigen Kopf ſeiner großen Dogge,„dann habe ich hier den Etrik, der ſchon mehr als einen Stier bei der Kehle gefaßt hat, und der ſich, Sie können's glauben, edle Frau, auf ein Wort, auf einen Wink von mir, als eine tuͤchtige Dogge an des Pferdes Hals werfen, und ſich in ſeine Weichen und Bugen einhauen wuͤrde. Und wenn nun Roß und Mann in demſelben Augenblick einen gefäͤhrlichen Weg am Rande ei⸗ ner ſteilen Steingrube paſſirten, meinen Sie nicht, edle Frau, daß die Gefahr groß genug und des Ritters Tod gewiß ſein wuͤrde?“ „Ja, ja, ich kenne den Etrik als eine aͤchte Sierra⸗Dogge,“ antwortete Rita dumpf. Dann fuhr ſie nach einer Pauſe fort:„Aber jenes Maͤd⸗ chen, Perez, Lelia?“ „Sie haͤlt mich fur einen ſehr reichen Peruvia⸗ ner, und ich habe ihr ſo viel Geld gegeben und ihr noch ſo viel verſprochen, daß ſie mich morgen zu ſich laſſen will. Dann, edle Frau, kann ich mich auf das Joſe⸗Ortes⸗Gift verlaſſen; das iſt ſicher, läßt keine Spur und wirkt nur in einer Zeit, die man ſelbſt beſtimmen kann, indem man die Doſis vermehrt oder vermindert.“ „Das iſt gut,“ rief Rita lebhaft.„Den Bi⸗ ſchof aber“— da hielt ſie inne, fuhr mit der Hand uͤber die Stirn, und rief dann zitternd:„Ach, den Biſchof zu morden, Perez, das iſt ſchauderhaft, das iſt entſetzlich! Jenes Madchen war doch wenigſtens Urſache; denn, um ſie zu beſitzen, hat er mich ſo ſchrecklich betrogen. Jener Ritter war auch Schuld daran, und als ſeine Schuldgenoſſen muß auch ſie die — ——————— —— Rache treffen. Tod und Rache uͤber ſie, uͤber ſie Beide, Jeden zu ſeiner Stunde!— Doch er, der arme Greis, was hat er mir gethan? Warum ſoll er mein Opfer ſein? Ha, dieſer Gedanke, Perez⸗ dieſer Gedanke iſt entſetzlich!“— Und ihr Haupt in ihre Haͤnde verbergend, ſtand Rita vernichtet da, in ſchrecklicher Hoͤllenangſt. Doch plötzlich erhob ſie ihr Haupt wieder, ihre Au⸗ gen funkelten, und mit maͤchtigen Schritten ging ſie durch das Gemach. „O, ich ſchwaches Herz,“ rief ſie,„ich kann noch von Mitleid ſprechen? Von Mitleid! Hat man es gegen mich bewieſen, als man, die reinſte und innigſte Liebe verhöhnend, mir in's Geſicht ſpuckte, und mich mit Fuͤßen trat? „Mitleid! Habe ich es gegen mich gefuͤhlt, da ich mich dem Abſcheu und dem vermeintlichen Tode preisgab? Und jetzt ſollte ich Mitleid fuͤr einen Greis fuͤhlen, deſſen Tod ſo verhaͤngnißvoll, ſo ver⸗ derblich fuͤr ihn ſein kann, weil er es bemerklich macht, wie ſchnell und paſſend gerade die ſterben, deren Erbe er iſt, weil man dann ſich fragen wird, warum ſein aͤlterer Bruder gerade während der Zeit ſtarb, als Heinrich in Frankreich war?— Nein, nein! und ſtellte ſich mir die Hoͤlle mit al⸗ len ihren Teufeln entgegen, ich muß meine Rache vollenden.— Wehe, wehe uͤber den, der ihr in den Weg tritt! — 240— „Alſo, ſonder Zagen, Perez! Wir wollen dem Biſchof von Surville in ſein Gebiet folgen. Dort werden wir in dem Dorfe ſchon Mittel finden, uns ihm zu naͤhern, und dann, Perez!“— Da klopfte man heftig an die Thuͤr des Hau⸗ ſes, und herein tönte das Geklirr der Flintenkol⸗ ben, die man niederſtampfte, und eine wilde Stimme rief:„Im Namen des Königs, macht auf!—“ —* Achtzehntes Kapitel. Die vortreffliche Polizei des Lycurg, in der That ungeheuer durch ihre Vollen⸗ dung, iſt der Beachtung wohl werth. Montaigne, B.. C. 4. Der Herr Commiſſair. Rita's kleines Gemach hatten einige zwanzig Soldaten erfuͤllt, von einem Sergeanten der Helle⸗ bardierer gefuͤhrt. Einige murmelten unter einan⸗ der, und zeigten auf Rita; Andere machten ſich ge⸗ genſeitig ſtillſchweigend auf die verſchiedenen Meu⸗ bel des Zimmers aufmerkſam. An einem kleinen Tiſche ſaß ein Mann von haͤß⸗ licher, dicker Geſtalt, in einem ſchmutzigen ſchwarzen Rocke.— Das war der Commiſſair. Vor ihm ſtanden Perez und Rita. „Ihre Namen?“ fragte ſie barſch der ſchwarze ann. „Perez von Sibeyra,“ erwiederte Perez. „Ihr Stand?“ „Wechsler.“ Die Seewarte v. Koat⸗Vén I. 16 —— „O, Wechsler— ein Wechsler iſt viel. Wahr⸗ haftig, ein herrlicher Wechſel! Ihre Papiere?“ „Ich habe keine, ich habe ſie verloren.“ „Das kann ich nicht glauben,“ ſprach er, und wandte ſich ſodann zu Rita: „Sie aber, meine Schoͤne, ziehen Sie doch Ihre Haͤnde weg, und verbergen Sie nicht Ihr ſchoͤnes Geſicht. Wohlan, Ihr Name?— Nun, ſo reden Sie doch,“ fuhr barſch der Polizeimann fort, ſtand halb auf, und wollte die Haͤnde der Herzogin, die ihr Antlitz immer noch verbarg, weg⸗ reißen. „Elender! Bei Gott im Himmel! Ruͤhre ſie nicht an! horſt Du?“ ſchrie Perez, und fiel uber den Commiſſair her.. „Faßt ihn, und bindet ihm die Hände,“ gebot dieſer ſeinen Leuten mit kalter Haͤrte. Perez ward gebunden. Darauf wandte ſich der ſchwarze Mann wieder zu Rita, und ſprach:„Du aber, Du Schoͤne, kannſt uns nun Dein Geſicht leicht ſehen laſſen; denn, bei Gott, das brauchſt Du nicht zu verbergen; da⸗ ran iſt eben nichts Schoͤnes. Wohlan, Dein Name? Dein Stand?“ —— — Rita ward purpurroth; ihre Augen ſpruͤhten Blitze; doch kein Wort ging uͤber ihre Lippen. „Du ſchweigſt immer noch? Das iſt herrlich; wir wollen doch ſehen, ob die Diaͤt zu St. Laza⸗ rus und die Zuchtmittel, deren Starrkoͤpfe ſich dort — 243— erfreuen, mehr Macht haben werden, als mein Ver⸗ fahren. Im Spital wirſt Du Dich ſchon ent⸗ ſchließen, mein Kind.“ „In's Spital! Sie! Sie! O mein Gott, das iſt ſchrecklich!“ rief Perez und weinte. „Schweig! Iſt ſie was Beſſeres, als die An⸗ dern ihres Gelichters? Sie wird Handeiſen tra⸗ gen muͤſſen, und, nicht wahr, dann wird man ſie nicht mehr für eine Fuͤrſtin halten?— Friſch, bindet ihr die Haͤnde, wie ihrem Mitſchuldigen; . ſeht aber dabei auf Eure Taſchen; denn ſie iſt — ———— eine verwegene Diebin.“ „Mich anzuruhren wirſt Du nicht wagen,“ rief Rita, und trat mit ſo viel Wuͤrde und Hoheit vor den Polizeidiener, daß er fuͤr den Augenblick ganz verdutzt war. Als er ſich aber wieder ſammelte, ſpottete er: „Wahrhaftig, die ſpielt die Furſtin gar nicht uͤbel!— Doch, macht fort, und bindet ſie!“ Zwei Soldaten naäherten ſich. Da warf ſich Perez nieder auf die Knie, und ſchluchzte:„O, edle Frau, um Gottes Barmherzig⸗ keit willen, widerſetzen Sie ſich nicht!“ Todtenbleich ward Rita, ſtreckte die Haͤnde den Feſſeln entgegen, und murmelte nur mit tiefer, ſchmerzlicher Stimme:„O Heinrich! Heinrich!“ „Aber, weſſen klagt man uns denn an?“ fragte Perez. . 16* — 6— „Du biſt ſehr neugierig,“ verſetzte der Com⸗ miſſair.„Aber ſo neugierig, wie Du biſt, war auch der Herr Polizei⸗Inſpector. Denn gleich bei Eurer Ankunft in Paris haſt Du und Deine Mit⸗ ſchuldige großen Argwohn erregt, und deshalb folgte man Eurer Spur. Da bemerkte man nichts, als Hin⸗ und Hergelaufe, Goldſpenden rechts und links; ein ſtetes Spioniren nach den angeſehenſten Perſonen, und dies Alles verrieth ſchlechte Abſich⸗ ten; doch in St. Lazarus wird man Euch ſchon geſpraͤchig machen. Jetzt die Schluſſel zu dieſem Secretaͤr!“ „Ich habe ſie nicht.“ „Brecht den Secretaͤr auf,“ rief der Commiſſair ſeinen Leuten zu.„Denn ich muß hier Alles un⸗ terſuchen, und hoffe, einen Diebſtahl dieſes ſaubern Paares zu entdecken.“ Da ſchlug der Sergeant mit ſeiner Hellebarde auf das Schloß des Secretars, daß es aufſprang. Hierauf oͤffnete der Commiſſair das Käſtchen, welches die ungeheuern Reichthuͤmer umſchloß, die Rita zu Geld, theils zu Gold, theils zu engliſchen Banknoten gemacht hatte. ar „Ei, ſo habe ich doch endlich die Elſter im Neſte erwiſcht!“ rief er entzuͤckt.„Das iſt ein offenbarer Diebſtahl, und woher habt Ihr dieſe ungeheure Summe, Ihr Schurken?“ „Das iſt mein Gut,“ antwortete Perez,„ich bin Wechsler.“ —— —— „Ja, ja, Dein Gut. Schreiber, verſiegle Er alle dieſe Meubeln und jenes Kaͤſtchen, das ich ſodann dem Herrn Polizei⸗Inſpector uͤbergeben will. Die Vogel hier erwartet ihr Käfig, und vielleicht kann man, denn der Teufel weiß, wie ſie zu die⸗ ſem Gelde gekommen ſind, und ob nicht Blut an dem Allen klebt—“ „Herr, zum letzten Male,“ rief Perez,„be⸗ haupte und beſchwoͤre ich vor Gott, daß dieſe Summe mein rechtmaͤßiges Gut iſt, und daß, wenn anders von Verbrechen und Diebſtahl die Rede ſein darf, dies Weib hier unſchuldig iſt. Mir, mir ganz al⸗ lein gehoͤrt dies Gold. Jene Schritte, die den Argwohn einer Obrigkeit erregen konnten, waren allein mein Werk. Ich will Ihr Gefangener ſein; doch dieſe Frau muͤſſen Sie freilaſſen!“ „Iſt ein Lohnkutſcher da?“ fragte der Com⸗ miſſair, Perez keiner Antwort wuͤrdigend. „Ja, Herr Commiſſair,“ antwortete der Ser⸗ geant. „So bringt denn dieſe beiden Verbrecher in Sicherheit. Indeſſen will ich und mein Schrei⸗ ber mit noch Zweien von Euch alles das, was wir gefunden haben, gerichtlich aufſetzen.“ So ward Rita in's Spital, Perez aber nach St. Lazarus abgefuͤhrt. In der That, es muß ſchrecklich ſein, ſich in dem Augenblicke, wo man auf dem Punkte ſteht, ſeine Rache durch den feinſten aller Pläne ſättigen zu können, ſo unvermuthet auf lange Zeit von dem nahen Ziele zuruͤckgeworfen zu ſehen. Aber leider vergeſſen die Verſchworenen, die Verliebten, die Dichter oder ſolche Rachegeiſter, wie Rita, faſt immer die einfachſten und gewöhnlich⸗ ſten Vorſichtsmaßregeln, im Wahne, es gehoͤrten dieſe nicht in die hohe Sphaͤre ihrer erhabenen Combinationen. Die Polizei aber iſt ſo bewundernswerth in ih⸗ rer Strenge, daß ſie ſogar den Einſiedler durch läſtige Fragen nach ſeinen Papieren auf ſeinen Felſen zurucktreiben könnte. Denn in der Civili⸗ ſation giebt es eine Zeit, wo man nur noch mit hoher Conceſſion des Staates ein Menſchenfeind ſein darf.— Neunzehntes Kapitel. Eine Frau iſt ein Vogel. Pſychologiſche Studien. Launen. Man ſtelle ſich ein Boudoir vor, tapeziert mit weißem Atlas, welcher mit großen, roſenfarbenen. Blumen von Damaſt durchwebt und mit eben ſol⸗ chen Vorhaͤngen verziert iſt, an welchen ſich ein Beſatz großer Perlen hinzieht, die auf einer wun⸗ dervollen Goldſtickerei glänzen; deſſen Fenſterſchei⸗ ben, nach Art der gothiſchen, geſchliffen und hell⸗ roth gefaͤrbt ſind, und nur zur Hälfte das Tages⸗ ücht in das liebliche Gemach eindringen laſſen, ſo daß der geheimnißvolle, zarte, roſige Schein dem der Dämmerung an einem ſchoͤnen Sommerabende gleicht. Dieſes Kabinet war mit jenen auslaͤndiſchen, alterthuͤmlichen und jetzt wieder modiſchen Taͤnde⸗ leien im reichſten Maße verſehen. Da ſtanden ja⸗ — paniſche Vaſen von gruͤnem und goldenem Porzel⸗ lan, voll von friſchen, duftigen Blumen; japaniſche Glaſuren, roth und ſchwarz; japaniſche Carricaturen, ſo abſcheulich und brennend bunt gemalt, wie man ſie ſich nur vorſtellen kann. Ferner ſtanden da auf einem porphyrenen Kamine etliche chineſiſche Vaſen von buntem Glaſe, wovon das Paar gegen hundert Louisd'or koſtete. Dieſen Schmuck des koſtbaren Gemachs erhoͤhten noch die nutzlicheren Gegenſtaͤnde, nämlich ein praͤchtiges Klavier von Marchand, eine Harfe von Legris, die damals fuͤr eine Seltenheit galt, und auf einem kleinen, alter⸗ thuͤmlichen Tiſchchen eine Schachtel mit Paſtellfar⸗ ben und weißem, aufgeſpannten Velinpapier. Die Gottheit dieſes Tempels lag nachlaͤſſig auf ein großes, tiefes, rundes Kanapee hingeſtreckt.— Es wär die Baronin von Cernan⸗ Niemals hatte ihr anmuthiges, gewandtes und launiſches Geſicht einen eigenſinnigern und bos⸗ haftern Ausdruck gezeigt. Alle Nerven dieſes em⸗ yfindſamen Weibes waren gereizt und geſpannt. Ihr einfaches, weißes Kleid und ihr kunſtloſer Kopfpuz ſtand ihr vortrefflich, Sie las in einem kleinen, in rothem Maro⸗ quin gebundenen, ſtark mit Gold verzierten Buche. Nach fuͤnf Minuten warf ſie das Buch weg. Es war„das Sopha“ des juͤngern Herrn von Crebillon. — 240— Darauf ſtand Cäcilie auf, ſetzte ſich ſchnell an ihr Klavier und fing an, eine neue Romanze des Herrn von Laborde zu ſingen, jenes beruͤhmte: Lu⸗ bin und Lubine oder der tyranniſche Schaͤfer. Schon nach wenigen Accorden ſchlug Caͤcilie zornig das Klavier zu, denn ſie konnte nicht ſin⸗ gen. Ihre Stimme zitterte, und ihre Finger irr⸗ ten unſtaͤt auf den Taſten umher. Jene Romanze zerriß ſie, trat ſie mit Fuͤßen, zerſtampfte ſie, ſchlug mit ihren niedlichen Fäuſtchen auf's Klavier, und barg mit dem Ausrufe:„O, mein Gott, wie un⸗ gluͤcklich bin ich!“ ihr Geſicht in den Pfuͤhlen des Sopha's. Fuͤnf Minuten nachher lachte Caͤcilie wieder aus vollem Halſe, und hielt auf ihren Knien ihre wundernette Zerbine, den Spitz mit ſeinen langen, ſilberglaͤnzenden, glatten, parfuͤmirten Seidenhaaren. Mit Huͤlfe eines rothen Bandes ſchmuͤckte die Frau von Cernan ihre Zerbine, und obgleich Zer⸗ bine ſonſt ſehr eigenſinniger und tolpiſcher Art war, ſo ließ ſie es ſich doch ganz ruhig gefallen, als Cä⸗ cilie ſich erzuͤrnte, und mit ihrer kleinen Sammet⸗ hand die arme Zerbine maulſchellirte, ſie von ſich ſtieß, und ſich an den Tiſch ſetzte, auf welchem die Paſtellfarben ſtanden. Damit war es freilich eine andere Sache.— Ich weiß nicht, welche Zuge unter den Farbenſtif⸗ ten Cäciliens erſchienen, aber nach einigen, wahr⸗ ſcheinlich fruchtloſen, Verſuchen flog der Carton durch die Luͤfte, mit ihm die Paſtellfarbenſchachtel, die im Wirbel auf eine von jenen ſchoͤnen chineſi⸗ ſchen Glasvaſen ſtuͤrzte, daß die Stuͤcken auf ei⸗ nen tuͤrkiſchen Prachtteppich niederklirrten. Als Cäcilie die koſtbare Vaſe in Truͤmmern ſah, da ſtieg ihr Zorn auf's hoͤchſte und ward zu jener blinden Wuth, die verliebten Schwaͤrmerin⸗ nen oder verzogenen Kindern ſo eigen iſt, daß ſie, wenn ſie einen Gegenſtand in ihrer Wuth zerbro⸗ brochen haben, noch zehn, zwanzig und alles Ueb⸗ rige zertruͤmmern koͤnnten, worin ihnen nur das Schwinden ihrer Kraft Schranken ſetzt, ſo wie der bluttrunkene Soldat nicht eher aufhoͤrt zu ſchlach⸗ ten, bis er ſeinen Arm nicht mehr heben kann. Caͤcilie gab ſich ſo dem ganz unlogiſchen Ge⸗ danken, daß, wenn man Etwas zertruͤmmert hat, man alles Andere auch zertruͤmmern muͤſſe, mit aller Kraft hin, und wie nun Alles zerſchlagen war, da konnte ſie freilich nichts Beſſeres thun, als in Ohnmacht fallen. Gluͤcklicherweiſe hatten ihre Frauen dieſen hoͤl⸗ liſchen Lärm gehoͤrt, und kamen herbeigelaufen, loſten ihrer Gebieterin die Kleider, und beſprengten ſie mit ungariſchem Koͤnigswaſſer. Da ſchlug Cä⸗ cilie die Augen auf und kam wieder zu ſich. Eine ihrer Frauen blieb bei der Baronin, und uͤberreichte ihr, ehe ſie wegging, geheimnißvoll einen Brief, den Cäcilie, als ſie kaum Adreſſe und Sie⸗ gel erblickte, in's Feuer warf. Darauf wollte ſie —— ihn wieder ſehen, und zog ihn, trotz der Gefahr, ſich die Finger zu verbrennen, aus dem Kamine. Dieſer, obgleich erſt ſo verachtete Brief, war dennoch ein Liebesbrief. Aber dieſe Liebe, wie gluͤ⸗ hend auch, war doch ſo rein, ſo unintereſſirt und uͤberſpannt, daß nicht nur eine Mutter keinen An⸗ ſtoß daran gefunden, ſondern auch ein vernuͤnfti⸗ ger Ehemann ſich dadurch ſehr geſchmeichelt gefuͤhlt haben wuͤrde. Dieſer platoniſche und ſeltene Lieb⸗ haber war trotz deſſen Oberſt⸗Lieutenant beim In⸗ fanterieregimente von Burgund, und ſtand jetzt eben zu Nevers in Garniſon. Er beklagte ſich uͤber Caͤciliens langes Stillſchweigen und ſchmach⸗ tete nach einem Briefe, der all' ſein Hoffen und Troſt war. Cäcilie zerzauſte das Billet, und warf's wiederum in's Kamin. „O, wie unglucklich bin ich doch!“ rief ſie. „Da iſt nun der Herr von St. Cyr, der mich aus Herzensgrunde liebt. Es iſt einer der beliebteſten und liebenswuͤrdigſten Maͤnner, den ich kenne. Nie habe ich ihm Etwas zugeſtanden, nie hat er mich um Etwas gebeten und doch iſt ſeine Liebe ſonder Gleichen, und dennoch, warum? weiß ich ſelbſt nicht, kann ich—“ Da trat der Kammerdiener ein.„Der Cou⸗ rier des Grafen von Vaudrey hat ſo eben dieſen Brief an die Frau Baronin gebracht,“ ſprach er und uͤbergab Cäcilien einen Brief. —— „Laßt mich allein,“ rief ſie, griff gierig nach dem Briefe, las ihn, und— er war von Heinrich. „Als ich beim Marſchall von Caſtries die Ehre hatte, mit Ihnen zu ſpeiſen, äußerten Sie:„„Was „„wuͤrde ich darum geben, wenn ich erfahren „„konnte, warum in dem Blicke jenes Englaͤn⸗ „„ders ſo viel Wehmuth liegt;— wie froh „„wuͤrde ich ſein, wenn ich dieſes Geheimniß „„wuͤßte!““ Dieſe Worte, je unbedeutender fuͤr „Sie, deſto wichtiger fur mich, da ſie einen Ihrer „Wuͤnſche betrafen, vergaß ich nie; das Geheimniß „habe ich erforſcht; ich kenne es; wann aber werde „ich es Ihnen offenbaren können?“— „Daz iſt alſo die Urſache des Duells mit je⸗ nem Englaͤnder!“ rief die Baronin,—„und bloß fur mich, fuͤr mich, die ich mich fur verachtet hielt! — Ha, ich moͤchte raſend werden.“ Dann ſprang ſie an ihren Tiſch, und ſchrieb in aller Eile das einzige Wort:„Augenblicktich,“ klingelte und ſagte zu ihrem Lakei:„An den Herrn von Vaudrey.“ Kaum war der Bediente fort, als Cäcilie uͤber das Unſchickliche in ihrer Antwort, die ſie Heinrich gegeben, ſich bitter zu ärgern anfing. Das ge⸗ fuhlvolle und lebhafte Weib hatte ſich durch das ploͤtzliche Gefuhl der Freude, des Erſtaunens und des Glucks hinreißen laſſen. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, ſah ſie ein, wie zwei utig ihr Benehmen war, Da weinte ſie vor Wuth, und ließ, wie ge⸗ woͤhnlich, ihren ganzen Zorn an dem aus, der die Urſache zu dieſem ihren Benehmen geweſen war. Denn, ſich ſonderbar genug widerſprechend, liebte ſie Heinrich als Liebhaber, haßte ihn aber als Menſchen. Deshalb, glaube ich, irrt man gar ſehr, wenn man annimmt, daß die Weiber einen Mann bloß wegen der an andern Weibern begangenen Treu⸗ loſigkeiten lieben. Dafuͤr haben ſie, ſo zu ſagen, zu viel Gemein⸗ geiſt. Es liegt, glaube ich, in ihrer Auffuͤhrung min⸗ der Liebe als Neugier, Frauenſtolz und unſtäte Poffnung auf Rache, oder Vertrauen auf ihre Obermacht, die, ihrer Meinung nach, ſie uͤber das gewoͤhnliche Schickſal erhebt; und indem ſie dem Treuloſen Rechte zugeſtehen, wiſſen oder meinen ſie vielmehr, einen volſtaͤndigen Einfluß uͤber ihn zu erlangen, den ſie ſpaͤter zu brauchen hoffen, um die gemeinſchaftliche Sache zu raͤchen, und dieſes Streben iſt wunderbar genug. Dazu kommt un⸗ glucklicherweiſe, wenn, wie es oft der Fall iſt, der Treuloſe zugleich liebenswürdig iſt, noch der Egois⸗ mus, und das Weib, ohne auf gemeinſchaftliche Rache zu denken, giebt ſich ihrem Privatgluͤck hin und laͤßt ſich in ſuͤße Traume einlullen, ſo daß ſie nicht glaubt, eben ſo, wie die Andern, betrogen zu werden, weil ſie ſchoͤner als Andere iſt; bis ſie der⸗ — 254— einſt aus ihrem Traume erwacht, und, ihr Ge⸗ ſchlecht nicht verleugnend, Rache glüht. Cäcilie quaͤlte die ſchrecklichſte Angſt, und bald nahm ſie ſich vor, Heinrich mit Verachtung und Hohn zu empfangen und ihn ſein zuverſichtliches Zutrauen entgelten zu laſſen; bald wollte ſie ſich guͤtig und zart zeigen, und ihm wenigſtens fur jene ritterliche Aufopferung, die ihn, bloß wegen eines von ihr zufällig hingeworfenen Wortes, in Lebens⸗ gefahr gebracht hatte, danken, aber ihm Alles, ſelbſt die Hoffnung, verweigern. Waͤhrend ſo Stolz und Liebe in ihrem Buſen kaͤmpften, meldete man den Grafen von Vaudrey. — Zwanzigſtes Kapitel. Das Unerwartete. Montaigne. Die Zuſammenkunft. „Das alſo war das Geheimniß des Sir Geor⸗ ges?“ ſprach Cäcilie zu Heinrich, der an ihrer Seite ſaß,—„jenes Geheimniß, fur deſſen Ent⸗ deckung Sie ſo kuhn Ihr Leben wagten, und bloß fur eine elende Laune, bloß fuͤr mich?“ „Ja, fuͤr Sie allein, fur Sie, Cäcilie!— Ha, Verzeihung! Doch goͤnnen Sie mir die Freiheit, Sie Cäcilie nennen zu durfen; das„gnädige Frau“ klingt ſo froſtig,“ erwiederte Heinrich mit ſuͤßer und ſchmachtender Stimme, und mußte dafuͤr das Er⸗ ſtaunen der Baronin bemerken, die mit trockner Miene ihm antwortete: „Sie vergeſſen ſich, Herr Graf.“ „Ach nein, ich vergeſſe mich nicht, denn es iſt mir zur Gewohnheit geworden, die ich, bei Gott, nicht laſſen kann, weil ſie erſtens ſo ſuß, und zwei⸗ tens ſchon zu lange mir eigen iſte „Wie?“ „In der That, ſie waͤhrt ſchon, ſeit ich Sie ſah, ſeit mein Herz fuͤr Sie ſchlug. Denn augen⸗ blicklich, wenn die Erinnerung an Sie mich ent⸗ zuckt, wenn ich, allein mit meinen Gedanken, mit Ihnen rede, Sie anbete— glauben Sie wohl, daß ich dann:„gnädige Frau“ ſage? Nein, dann ſpreche ich: Caͤcilie; Cäciliel Cäcilie, glauben Sie einer innigen und wahren Liebe und beurtheilen Sie dieſelbe nicht nach den ſchwachen Beweiſen, die ich Ihnen gegeben. Ohne Hoffnung, eines Blicks von Ihnen gewuͤrdigt zu werden, wagte ich mein Leben fuͤr Sie. Doch das war Kleinigkeit! Fuͤr Ihre Liebe wuͤrde ich ſo gern mehr als mein Leben, meine Freuden, meine Leidenſchaften, meine Hoffnungen opfern; aber ach, ich liebe Dich ſo ſehr, ich liebe Dich ſo ſehr, daß es ein Gluͤck fuͤr mich ſein wuͤrde, Deinen kleinſten Launen zu ge⸗ horchen; ich liebe Dich ſo ſehr, Caͤcilie, daß ich von Dir eine Gelegenheit mir erflehen wurde, Dir mein Alles zu opfern!“ „Herr Graf!“ rief ernſt Cacilie und entwand Heinrich's Haͤnden die ihrige. „Ja, ſo ſpreche ich zu mir, wenn ich nicht bei Dir bin, Caͤcille. Warum wehren Sie mir es, dies hier vor Ihnen offen zu denken? Ha, wenn Sie wuͤßten, wie ſehr Ihre Kälte mich kraͤnkte, wie tief Ihr veraͤchtlicher Blick mich traf, als Sie mich, der ich mich ſchon gluͤcklich wähnte, um einen — 1 — 257— geringen Dienſt von Ihnen erſucht zu werden, mit einer ſo froſtigen Artigkeit empfingen? Da, o Cä⸗ cilie, da verwuͤnſchte ich jenen Vorfall, der mich ſo beneidenswerth macht, jenen Ruf, deſſen ver⸗ derbliche Größe vielleicht den Argwohn in Ihr Herz pflanzte.— Vielleicht, ſprach ich zu mir, wird ſie nur eine gemeine Liebe in jener brennenden Leiden⸗ ſchaft, die mich verzehrt, erblicken, während es die erſte, die einzige wahre Liebe iſt, die ich je fuhlte. Ja, Cäcilie, glauben Sie— 4 Da unterbrach ein gellendes Gelaͤchter der Ba⸗ ronin den Grafen, der auf einem kleinen Schemel zu Cäciliens Fuͤßen ſaß, in ſeinen Liebesphan⸗ taſien. Trotz des unmaͤßigen fortwahrenden Lachens, verrieth Heinrich's Miene dennoch weniger Aerger als Erſtaunen. Er raffte ſich auf, warf ſich in das Sopha, und nachläͤſſig ſeinen Kopf ſchuttelnd, ſprach er: „So wahr Gott lebt, Frau Baronin, ſolch' ein Gelaͤchter koͤnnte einen gewoͤhnlichen Liebhaber aus der Faſſung bringen; aber, auf Ehre, Sie ſind ungerecht, denn niemals habe ich mit mehr Recht:„erſte Liebe“ ſagen koͤnnen, außer einmal bei der Frau eines Quaͤkers in Amerika, und ſpä⸗ ter bei einer Buͤrgermeiſterstochter. Aber, ent⸗ decken Sie mir doch, ich bitte, die Urſache Ihrer Heiterkeit!“ Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 17 Da zwang ſich Cäcilie zu einem noch heftigern Gelaͤchter und verſetzte: „Wie, Herr Graf, Sie finden es nicht äußerſt ſpaßhaft, daß Sie, der Mann mit dem verderbli⸗ chen Rufe, Sie, das beneidete Muſter aller Fante des Hofes, thoricht genug geweſen ſind, Ihr Leben auf's Spiel zu ſetzen, auf das bloße Wort eines Weibes, das nie an Sie dachte, denkt, noch den⸗ ken wird?“ „Ich verſichere Ihnen, gnadige Frau,“ ſprach Heinrich mit bewundernswerther Kaltbluͤtigkeit,„daß, wenn ja unſer Verhäͤltniß fuͤr Jemand ſpaßhaft ſein kann, es dies nur fuͤr mich iſt.“ „Wahrhaftig, Sie ſpielen den Phlegmatiker meiſterhaft!“ erwiederte die Baronin, doch aͤrgerte ſie ſich heimlich uͤber Heinrich's Ruhe. „Es iſt, bei Gott, kein Spiel, und warum, das will ich Ihnen ſagen. Erſtens, ſagen Sie, habe ich mein Leben auf's Spiel geſetzt; mein Ruf, glaube ich, iſt wohl werth, daß ich mir mit Fug und Recht alle Entwuͤrdigung verbitten darf; ſomit iſt davon gar keine Rede mehr. Ferner habe ich gehofft, meine Dienſte Ihnen nicht umſonſt ange⸗ boten zu haben; Sie nehmen ſie nicht an,— das iſt ganz naturlich; ich lache daruͤber,— das iſt noch naturlicher, weil, meiner Anſicht nach, nur ein einziger Mann in der Welt ſich, ohne ein Tropf zu ſein, daruͤber aͤrgern konnte, daß ein Weib ihn verſchmaͤhte oder verabſchiedete.“ K 8 8 8— 6 ————— — 259— „Und wer war denn das, mein Herr?“ fragte haſtig die Baronin. „Das war Adam; denn dieſer war im Para⸗ dieſe mit unſrer gemeinſchaftlichen Mutter allein. Jetzt zu dem, was ich Lächerliches in jener Scene finde; naͤmlich, als ich Sie juͤngſt beim Marſchall von Caſtries den Wunſch, das Geheimniß jenes Englaͤnders zu wiſſen, aͤußern hoͤrte, begleitete ich, meinerſeits, meine ſchone Nachbarin, die Marquiſe von Vaillé, die ganz unwillkuͤrlich den naͤmlichen Wunſch ausſprach, und dem gemaß vor wenig Tagen eben ſo wie Sie den verbindlichen Brief er⸗ halten hat: „Als ich die Ehre hatte, mit Ihnen beim Herrn „von Caſtries zu ſpeiſen, außerten Sie u. ſ. w „Aber minder undankbar als Sie, gnädige Frau, hat ſie mir eine ſuße Belohnung verſprochen. Hatte ich doch ſchon Anſpruͤche auf die Erkennt⸗ lichkeit eines artigen Weibes, dem ich einen Dienſt geleiſtet.— Sie ſehen alſo, daß eine fuͤr mich ganz gleichgultige Sache mir die Freundſchaft eines braven Edelmannes, die Hoffnung auf die Liebe einer wunderlieblichen Marquiſe und den Haß eines ſchönen Weibes eingetragen hat; denn das ſehe ich gar wohl, gnaͤdige Frau, meine Kälte kommt Ihnen unerwartet und bringt Sie in Zorn. Ge⸗ ſtehen Sie alſo, daß ich mich gar nicht zu beklagen habe, indem ich fuͤr einen aen laͤngſt geheilten Degenſtich zugleich Freundſchaſt, Liebe und Haß ernte. Denn ich bin ſtolz und thöricht genug, mir einzubilden, daß Sie, gnaͤdige Frau, mir die Ehre erzeigen werden, mich zu haſſen.“ Cäcilie ſtand vernichtet. Sie rechnete bei dem Grafen auf Aerger und Zorn, und fand nur un⸗ reizbares Phlegma, kalten Spott und Ruhe. Die Gefuͤhle folgten ſich ſo lebhaft in ihrem kleinen, hitzigen, launiſchen Köpfchen, daß ſie, trotz ihrer uns hinlaͤnglich bekannten Liebe fuͤr Heinrich, ihn lieber hätte martern und quaͤlen wollen. Vielleicht rechnete ſie auch auf Verlegenheit ſeinerſeits, um ihn dann nach Belieben begnadigen oder verdam⸗ men zu können; unglucklicherweiſe geſchah nichts von alle dem, die Ueberraſchung vernichtete alle jene ſchoͤnen Plaͤne, und als Heinrich ſich ihr nahte, ihr die Hand zu küͤſſen und ſich zu empfeh⸗ len, da rief ſie: „Bleiben Sie, mein Herr, bleiben Sie, ich muß durchaus mit Ihnen ſprechen. Bleiben Sie, ich will—“ 3 und Cäciliens Stimme zitterte und verrieth ihre Bewegung. „Wie gluͤcklich wuͤrde ich geweſen ſein, wenn ich ſolch' einen Befehl vor wenig Augenblicken er⸗ halten hätte,— antwortete Heinrich—„aber jetzt— 7 „Nun! jetzt?“ „Ach, jetzt ſehe ich wohl, daß Sie nur Ihr — — —* — 261— Spiel und Ihren boshaften Scherz mit mir trei⸗ benz daß Sie mich mißbrauchen, mich zu Ihren Fuͤßen ſehen und mich da, wie vorhin, verhoͤhnen wollen; aber Ihre Lehre iſt gut, ich will ſie be⸗ nutzen.“ „Ach, ich bin ſehr ungluͤcklich!“ rief Cäcilie, und Thraͤnen ſtürzten aus ihren Augen. „Wiſſen Sie, gnädige Frau,“ verſetzte Hein⸗ rich, immer noch mit gefuͤhlloſer Kälte,„daß ein Anderer, als ich, ſich durch dieſe Thraͤnen tauſchen laſſen konnte?“ „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß ich ungluͤck⸗ lich bin,“ rief Caͤcilie,„daß ich weine, weil ich wei⸗ nen muß, ja weinen, denn ich haſſe und verachte mich eben ſo ſehr, wie ich Sie haſſe und verachtez ich verachte mich, weil ich, die ich ſo ſtark mich waͤhnte, ſo ſchwach vor Ihnen mich fand;z ſo ſchwach, daß ich Sie die Urſache errathen ließ, warum— Mein Gott, das iſt ſchrecklich!“ „Bravo, Frau Baronin, bravo! Mademoiſelle Raucourt koͤnnte nicht ſchoͤner ſprechen, und wenn ich nun denke, daß ich ganz allein hier bin, um eine ſo ſchoͤne Scene zu genießen, um einem Ta⸗ lent, das ſich ſo ploͤtzlich, ſo tief und ſo glaͤnzend entfultet, zu huldigen!“ ſagte Heinrich, immer noch mit kaltem Spott. „Ach, das iſt zum Raſendwerden!“ rief Caͤ⸗ cilie außer ſich.„Er prahlt mit ſeiner Weiber⸗ kenntniß, und kann keine wahre Thraͤne von einer nen, daß unter jenem Laͤcheln tiefer Kummer ver⸗ borgen war, nicht einſehen koͤnnen, was ich leiden mußte, um ſo zu lachen. Doch ja, waren nicht die Frauen, deren Bekanntſchaft Sie machten, leichtfertige, herzloſe Schauſpielerinnen? Oder iſt Ihr Mißtrauen, mein Herr, ſo groß und ſo blind, daß Thraͤnen, wie dieſe, Ihnen nichts ſagen?“ Sie legte Heinrich's Hand an ihre gluͤhende und thraͤnenfeuchte Wange.„Sagen dieſe nichts? Be⸗ weiſen dieſe nichts?— Nun denn, mein Herr, ſo gehen Sie,— gehen Sie, denn Sie floßen mir Abſcheu und Mitleid ein.“ „Das„Gehen Sie“ macht ſich wunderſchoͤn,“ erwiederte Heinrich,„und der Gedanke, mit meiner Hand die Thraͤnen zu trocknen, wuͤrde auf dem Theater erſchrecklichen Effect machen. Schade, daß Sie nur fuͤr mich allein ſpielen, gnädige Frau, und daß ich das ganze Stuͤck voraus weiß.“ Welchen Eindruck dieſe Antwort auf ein ſo leidenſchaftliches und eigenſinniges Weib machen mußte, wie Caͤcilie war, läßt ſich leicht denken.— Sie ſprach kein Wort, wurde todtenbleich, trocknete ihre Augen, nahm Heinrich's Hand in die ihrigen und begann, zitternd wie Espenlaub, mit dumpfer, ſchluchzender Stimme: „Herr von Vaudrey, ich muß Ihnen, ohne zu erroͤthen, ein Geſtaͤndniß thun, welches mich vor falſchen unterſcheiden; er hat nicht einſehen tön⸗ Schaam umbringen könnte; von jenem Tage an, — wo ich Sie ſah, machten Sie auf mich einen leb⸗ haften Eindruck, den Ihre Kalte noch vermehrte. Das Billet, das Sie mir ſchrieben, machte mich wonnetrunken. Wenn ich Ihnen ſagen wollte, warum ich Sie mit Freude und Verdruß erwartete, warum ich lachte und warum ich weinte, ſo wuͤrde ich Ihnen Aufſchluß uͤber das geben, was ich ſelbſt nicht begreife; und wenn ich Ihnen endlich ſage, daß ich Sie dennoch liebe, ja, innig liebe, wenn ich Ihnen ſolch ein Geſtaͤndniß thue, wenn ich mich ſo erniedrige und wegwerfe, iſt das noch nicht ge⸗ nug? Herr von Vaudrey, iſt das noch nicht ge⸗ nug, um einen Augenblick Thorheit und Uebermuth zu ſuͤhnen? Nun, glauben Sie mir jetzt? Ach, ſo reden Sie doch, Herr von Vaudrey, nicht wahr, Sie glauben mir?— Reden Sie doch!— Barm⸗ herziger Gott, warum ſollte ich denn luͤgen?“ „Doch vielleicht, um eine jener Wetten zu ge⸗ winnen, die man mit ſich ſelbſt eingeht,“ erwiederte Heinrich,„vielleicht auch dachten Sie an einen glucklichen Liebhaber, den ich nicht kenne, und meinten: wenn Herr von Vaudrey zu meinen Fuͤ⸗ ßen lag, wird mein Geliebter mir treu ſein, oder wohl auch, wird er dann nicht mehr zweifeln, daß ich ihm untreu werden konnte, wenn ich ſonſt wollte, oder ſonſt etwas— und ſo ſuchen Sie, wie Jean⸗Jacques, die Segel klug auszuſpannen. Das iſt ganz natuͤrlich!“ „O mein Gott!“ rief die Baronin mit einem⸗ Nusdrucke des Schreckens, der Heinrich ruͤhrte; denn im Grunde hatte er ein gutes Herz, und ſo fuͤgte er auch die Worte hinzu: „Doch, Cäcilie, ein Mittel giebt's noch, mich von Ihrer Liebe zu uͤberzeugen: Seien Sie heute die Meinige!“— Da trat der Kammerdiener ein, und meldete — den Herrn Baron. Ein undzwanzigſtes Kapitel. ermia. Ich vetheure Dir, daß ich Dich mehr liebe, als ſie Dich lieben kann. Lyſander. Sprichſt Du ſo, dann komm bei Seite, und beweiſe es mir. Shakespeare, Sommernachtstraum A. III. Sc. 1. Das Mittel. „Wie mir Ihre Frauen ſagten, ſind Sie un⸗ wohl geweſen,“ ſagte Herr von Cernan und kuͤßte Cäcilien's Hand,„aber ich ſehe mit Vergnuͤgen, daß es jetzt beſſer geht; doch ſind Sie immer noch ein wenig blaß.“ Darauf gruͤßte er Heinrich und fuhr fort:„Ich bin entzuckt, Sie zu treffen, Herr Graf; denn ich komme ſo eben von Verſailles, und der Marſchall von Caſtries hat mich gebeten, Ih⸗ nen dieſe Depeſchen einzuhaͤndigen. Sie ſeien ſehr preſſant, meinte er, darum ſehen Sie dieſelben durch; Frau von Cernan erlaubt es Ihnen.“ — 266— „Ach, das iſt der Befehl, mich ſchleunigſt auf meinen Poſten zu verfuͤgen,“ rief Heinrich,„wo moͤglich binnen zweimal vier und zwanzig Stunden abzureiſen, und in Breſt neue Befehle zu erwar⸗ ten. Dieſe Abreiſe kommt mir ſehr ſchnell,“ fuͤgte er hinzu, und ſein Blick traf den der Baronin. „Alle Teufel!“ rief der Baron,„und ich, wie ſoll ich in zweimal vier und zwanzig Stunden ſchon reiſefertig ſein?“ „Ach, ich glaube kaum, daß wir Beide zugleich abreiſen muͤſſen, denn in einer hier beigefuͤgten Note wuͤnſcht der Marſchall von Caſtries mich nur des⸗ halb ſo ſchnell nach Breſt, um dort ſelbſt die Aus⸗ ruͤſtung meiner Fregatte leiten zu koͤnnen. Es iſt dies naͤmlich ein Verſuch, ein neues Artillerie⸗Sy⸗ ſtem zu organiſiren.“ „Ach, dann werde ich Zeit genug haben, mich vorzubereiten,“ verſetzte der Baron,„und ich will nicht auf mich warten laſſen. Aber ich verlaſſe Sie, gnädige Frau,“ ſprach er zu ſeiner Gemahlin; „denn die Stunde des Condorcet⸗Klubbs naht.“ Der Baron ging. „In zwei Tagen reiſen Sie ab,“— ſagte Cäcilie. „Ja,“ erwiederte Heinrich heiter,„und nehme Ihren Mann mitz dafuͤr, das muͤſſen Sie ſelbſt geſtehen, ſind Sie mir eine Entſchaͤdigung ſchul⸗ dig; denn es iſt von mir ſehr edel, indem ich ſo vielleicht einen beguͤnſtigten Liebhaber gluͤcklich mache.“ Wäͤhrend dieſer Worte blickte Heinrich gedan⸗ kenlos in das Kamin, und bemerkte den Brief des platoniſchen Hauptmanns. Sich buͤcken, ihn auf⸗ heben, ihn leſen, war das Werk eines Augenblicks. „Ha, bei Gott! ich habe recht gerathen. Nun, gnaͤdige Frau, hatte ich Unrecht, als ich Ihren Proteſtationen nicht glauben wollte?“ rief Heinrich und zeigte ihr den Brief. „Was aber, was ſagt dieſer Brief, deſſen ich mich ſchaͤmen durfte, mein Herr?“ erwiederte Caͤ⸗ cilie ſtolz. „Er ſagt mir, gnädige Frau, daß dieſe Scene ſchon lange genug gewaͤhrt hat, ſo daß ich fuͤrchte, Ihnen koſtbare Augenblicke zu rauben, und mich entferne—“ „Sie kommen nicht von der Stelle, mein Herr, bevor Sie nicht Alles gehoͤrt haben,“ rief Cäcilie. „Ja, allerdings machte mir Herr von St. Eyr den Hof, bevor ich Sie kannte; er hat mir mehrmals geſchrieben, ich ihm geantwortet; doch andre Be⸗ weiſe meiner Liebe empfing er nie von mir, glau⸗ ben Sie es;— aber nein, Sie werden es nicht glauben, weil Sie nichts von mir glauben,“ rief Cäcilie und weinte. „Cäcilie, ich wuͤrde an Ihre Liebe glauben, wenn Sie mir einen unverwerflichen Beweis davon geben wollten. Sie lieben mich, ſagen Sie; nun denn, beweiſen Sie es mir. In zwei Tagen ziehe ich in einen gefährlichen Krieg; vielleicht ſehe ich Sie nie wieder— o koͤnnte ich doch, holde Caci⸗ lie, mindeſtens die Erinnerung mit mir nehmen, daß ich ein Mal wenigſtens uͤberzeugt war, geliebt zu werden, innig geliebt zu werden!— Denn ich weiß es wohl, von Ihrer Seite wuͤrde es ein gro⸗ ßes Opfer ſein; aber welche unermeßliche Liebe wuͤrde dies beweiſen, und wie edel wuͤrde es ſein, ſo Kleines mit ſo Großem zu belohnen, und einen Menſchen mit einem ſo unverhofften als unerhör⸗ ten Gluck zu uͤberhaͤufen! Aber ach, ich bitte Sie um Etwas, Cäcilie, ohne Hoffnung, es zu erhal⸗ ten; ich weiß, daß ſolch' ein Opfer die Kräfte Ih⸗ res Geſchlechtes uͤberſteigt, und daß, ſeit es eine Liebe auf Erden giebt, nie ſolch' ein Beweis der Liebe gegeben worden iſt; und alſo bitte ich Sie darum, Caͤcilie, gleich dem Atheiſten, der von Gott ein Wunder verlangt, um ſich zu bekehren und ihn anzubeten.“ Darauf kuͤßte er Cäciliens Haͤnde und weinte ſelbſt, wie es ſchien. „Ach, das iſt unmoͤglich,“ rief Cacilie, faſt be⸗ wußtlos, verloren in tauſend und aber tauſend Ge⸗ fuͤhlen, die ſo heftig ſich in ihr regten.„Zudem halten auch die Vorbereitungen zur Reiſe meinen Gemahl mehr als je hier zuruͤck, und Sie ſehen ſelbſt, daß es nicht moͤglich iſt.“ „Das iſt ein Vorwand,“ rief Heinrich. „Ein Vorwand, mein Gott!— ein Vorwand!“— „Nun, Cäcilie, wenn es kein bloßer Vorwand iſt, ſo weiß ich ein Mittel, das uns aus aller Noth — 269— hilft,“ verſetzte Heinrich nach kurzem Nachdenken. „Sie haben oft an Herrn von St. Cyr geſchrie⸗ ben?“ „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt.“ „Er hat Ihre Briefe?“ „Ich denke es.“ „Sie haben die ſeinigen?“ „Ja. „Nichts darin kann Sie compromittiren?“ „Nein, bewahre Gott! da, hier ſind ſie, leſen Sie.“ „Nun denn, ſo nehmen Sie dieſe Briefe, und wenn Ihr Gemahl wieder kommt, werfen Sie ſich ihm zu Fuͤßen, geſtehen Sie ihm dieſen Briefwech⸗ ſel, ſagen Sie ihm, daß Sie, weil Sie ihn im Begriffe nach Amerika abzureiſen ſehen, ihm ein Geheimniß, das Sie drucke, offenbaren wollen; geſtehen Sie ihm, daß Sie unklug gehandelt ha⸗ den, doch, daß Sie am Rande des Abgrundes, im Augenblicke des Hinabſtuͤrzens, zuruͤckgeſchaudert ſeien, daß Ehre, daß Pflicht Sie zuruͤckgehalten haben. „Zum Beweis dafuͤr uͤbergeben Sie ihm die Briefe des Herrn von St. Eyr, und bitten ihn um die Erlaubniß, waͤhrend ſeines Aufenthalts in Amerika in ein Kloſter gehen zu duͤrfen.“ „Nun, was weiter? das klingt huͤbſch!“ „Oh, Sie unſchuldige, kindliche Seele!— Dar⸗ auf bitten Sie inſtändig Ihren Gemahl, augen⸗ blicklich nach Nevers zu reiſen, Ihre Briefe aus den Haͤnden des Herrn von St. Cyr zuruͤckzuholen und ihm die ſeinigen wieder zu uͤberliefern. Ganz gewiß reiſt heute Abend oder morgen fruͤh der Ba⸗ ron ab; ſo gewinnen wir vier und zwanzig Stun⸗ den, ganz fuͤr uns, Cäcilie, und Sie gewinnen durch jenes großherzige Geſtaͤndniß noch obendrein den Vortheil, daß Ihr Gemahl in Zukunft felſen⸗ feſt an Ihre Treue glauben wird.“ „Ha! aus ſolchen Plaͤnen,“ rief Cacilie,„ſpricht Ihr boͤſer Geiſt, jener verruchte Daͤmon. Nie, nie kann ich darein willigen, lieber ſterben, lieber Sie an meiner Liebe zweifeln ſehen———— Der grauende Morgen traf den Baron von Cernan ſchon auf der Straße nach Nevers, und er dachte bei ſich—„Sicher kann ich in Amerika keine ſo tugendhafte Frau finden. Am Rande des Abgrundes zuruͤckzuſchaudern, mir ſo kuͤhn ein ſol⸗ ches Geſtändniß zu thun! Aber wahrlich, ich ſchätze mich ſehr gluͤcklich, mit einem ſo feinen Manne, wie Herr von St. Cyr iſt, zu thun zu haben, denn wahrhaftig, nicht ohne Ruͤhrung kann ich jene Stelle ſeines letzten Briefes leſen.“ Und der Baron las: „Nein, gnaͤdige Frau, nein, ich verlange „nichts und werde nie etwas verlangen. Habe „ich nicht ſchon Alles? Habe ich nicht ſchon „Ihre Liebe? Lieber wollte ich einen hundert⸗ „fachen Tod erleiden, als nur daran denken, „Sie zum Hochverrath an den heiligſten Pflich⸗ „ten zu verfuͤhren, als Ihre Ruhe im mindeſten „zu gefährden, und die Ehre eines Biederman⸗ „nes, der in jeder Hinſicht gluͤcklich zu ſein ver⸗ „dient, zu beflecken.— Lieben Sie ihn von Her⸗ „zen, edle Frau, Sie haben keine Heuchelei zu „befuͤrchten, denn eine Liebe, wie die unſere, „kann die Seele nicht entwuͤrdigen, nur adeln; „man wird deshalb nie ſchamroth, man iſt „ſtolz darauf, weil nur Reinheit und Unſchuld „in jener hehren Sympathie liegt, welche zwei „Seelen, die, erhaben uͤber die materiellen Lei⸗ „denſchaften dieſer Welt, ſich verſtehen, zu er⸗ „heben vermag.“— „Es iſt bewundernswuͤrdig,“ rief der Baron und legte die Briefe in ein Portefeuille,„der Herr von St. Cyr iſt ein Mann von altem Schrot und Korn, und ich wage weder gegen ihn noch auch gegen meine Frau feindſelig aufzutreten.“ Eben brach die Nacht an, als der Baron Ne⸗ vers erreichte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Auf wie verſchiedene Arten wird die Zeit benutzt! St. Auguſtin, Beichten B. I. G. 2. Drei Scenen einer Nacht. Erſte Scene. Dieſe Scene ereignete ſich in Paris, waͤhrend jener Nacht, in welcher der Baron von Cernan nach Nevers kam. Es war eine rabenſchwarze, kalte, ſtuͤrmiſche Nacht; ſtromweis floß der Regen nieder, und heftige Windſtoße peitſchten ihn auf die Däͤcher der Haͤuſer, die vom Waſſer trieften; die Straßen waren leer, und ſelten unterbrachen Fuß⸗ tritte das eintoͤnige Rauſchen der herabfallenden Tropfen. Am Ende der Vorſtadt St. Antoine lag das ſonſt ſogenannte Hospital, der Zufluchts⸗ und ber, die bei Diebſtaͤhlen oder andern Verbrechen ertappt worden waren. Aufbewahrungsort fur offentliche Dirnen, fuͤr Wei⸗ Da ſaß in engem Gewahrſam die Herzogin von Almeda. Durch die finſtre, regneriſche Nacht wurden die Umgebungen dieſer traurigen Statte zur furch⸗ terlichen Einoͤde. Ein enges und krummes Gäͤßchen lief laͤngs der Mauer hin, die einen der aͤußern Vorhoͤfe die⸗ ſes Gefaͤngniſſes einſchloß. In jenem Gäßchen lauerte, tief in einen Man⸗ tel gehuͤllt, ein Menſch, wie es ſchien, auf irgend ein Zeichen; denn alle Augenblicke dehnte er den Hals, blickte ſtarr nach der Hoͤhe der Mauer, und lauſchte auf das geringſte Geraͤuſch. Nach einer Viertelſtunde fiel ein Stein, an welchen ein langes Seil gebunden war, zu den Fuͤßen des Mannes im Mantel nieder, der alsbald ſeine Kappe abwarf, den Stein aufhob und das Seil leicht ſchuttelte, das man ohne Zweifel jenſeit der Mauer feſthielt; denn ein gleiches Schötteln erwiederte das Zeichen.— Da befeſtigte Perez,— denn dieſer war es,— eiligſt an das Seil ein an⸗ deres voller Knoten, in welchen kleine Eiſenklam⸗ mern eingeknuͤpft waren, gab das Zeichen von Neuem, und das Seil glitt uͤber die Mauer hin. In demſelben Augenblicke ſchienen Regen und Wind ihre Wuth zu verdoppeln, das Waſſer ſtuͤrzte in Stroͤmen nieder, deren Silberglanz mitten im Dunkel der Nacht ein bemerkbarer Reif zu ſein ſchien. Der Orkan heulte gewaltig, und knickte Die Seewarte v. Koat⸗Vén. 1. 18 —— die kahlen Zweige einiger Bäume, deren Wipfel die Mauer uͤberragten, morſch zuſammen. Da fiel ein zweiter Stein, und Perez ergriff mit ſtarkem Arm das Ende der Strickleiter, und ſtaͤmmte ſich kraftig, denn bald bemerkte er an der plotzlichen Anſpannung des Seils, daß der Gefangene jenſeit der Mauer bereits darauf geſtiegen war; wenige Minuten dauerte dieſes Aufſteigen, als auf einmal eine heftige Erſchuͤtterung der Leiter Perez in To⸗ desſchreck verſetzte, und während er hierauf immer noch mit aller Kraft das Ende derſelben feſthielt, gab das Seil auf einmal nach und glitt groͤßten⸗ theils in ſeine Haͤnde. Perez ſtieß einen Schrei, des Entſetzens aus. Seinen Schrecken kann man ſich leicht den⸗ ken; denn er glaubte, daß in dem Augenblicke, wo das Seil ſo plotzlich ſchlaff geworden war, Rita,. zu ſchwach, um den Forſt der Mauer zu erreichen, gefallen waͤre, ſich vielleicht beſchädigt, vielleicht gar todt gefallen habe. Fuͤrchterlich mußte hierbei die ihr ſo treue Seele leiden. Zitternd vor Schrecken druͤckte er ſein Ohr an die Mauer, die ihn von Rita trennte. In Todesangſt kruͤmmte er ſich, † und ſuchte durch die ſtummen, fuͤhlloſen Steine den Huͤlferuf der unglucklichen Herzogin zu verneh⸗ men, wobei der Gedanke ihn peinigte:„Dort iſt ſie, auf dem nämlichen Boden, auf der naͤmlichen Flaͤche, wie ich, hinter dieſer Mauer, die kaum ſo ſtark wie mein Arm iſt, und ich hoͤre nichts! und ich ſehe nichts!—“ Das war ein ſchrecklicher Au⸗ genblick.— Da fiel ein Strahl der Hoffnung in Perez's Seele. Ein Stein glitt neben ihm nieder, die Lei— ter ward längs der Mauer zuruͤckgezogen und wie⸗ der ſtraff. Er nahm ſeine vorige Stellung wieder ein. Fuͤnf Minuten darauf erſchien Rita in Manns⸗ kleidern auf dem ſchwindlich hohen Forſt der Mauer, und ſtieg vorſichtig herab. Bald war die Herzogin frei, und Perez lag ihr zu Fuͤßen und kuͤßte ihre Haͤnde; doch ſprechen konnte er nicht, ſein Herz war zu voll. „Perez, Perez!“ rief Rita,„Du gute, treue Seele, wie ſoll ich Dir jemals vergelten—“ Da ward ſie ſchwach, wankte und ſank ohn⸗ maͤchtig nieder.— Der Regen ſtroͤmte noch immer, der Wind verdoppelte ſeine Heftigkeit. Perez befand ſich in einer peinlichen Angſt; denn wie leicht konnte ihn nicht eine Polizei⸗Patrouille uͤberraſchen! Deshalb wandte er alle Mittel an, Rita wieder zum Be⸗ wußtſein zu bringen. Da ihm dies nicht gelang, entſchloß er ſich, ſie fortzutragen, nahm ſie auf ſeine Arme, und ging ſo einige Schritte. Bald brachte die Kaͤlte der durchnaͤßten Kleider und der ihr in's Geſicht ſchlagende Regen die Her⸗ zogin zu ſich. Sie oͤffnete die Augen und fragte Perez:„Wo bin ich?“ 18* Perez blieb ſtehen.— „Laß mich ein wenig mich ſammeln, Perez,“ ſprach ſie,„lehne mich an dieſe Mauerz denn ich fuͤhle mich ſchwach, ſehr ſchwach. Der Fall war mir ſehr ſchmerzhaft, meine Haͤnde triefen von Blut— und der Kopf auch— ach, ich glaubte, niemals wieder aufſtehen zu koͤnnen.— Doch wohlan, Perez, Muth!— Du ſiehſt, die Hoͤlle ſelbſt ſteht mir bei, und das Unwetter iſt uns guͤn⸗ ſtig; wohlan, Perez! Hoffnung, Muth!— ich ſagte Dir es wohl, daß noch nichts ganz verloren—“ Und in dieſer feſten Ueberzeugung fand das un⸗ gluͤckliche Weib alle ihre Kraͤfte, alle ihre Geiſtes⸗ gegenwart wieder, und ſchritt nunmehr feſten Trit⸗ tes fort, geſtuͤtzt auf Perez's Arm, zerquetſcht, be⸗ ſchmutzt, triefend von Waſſer und Blut, und er⸗ reichte ſo unter dem Geleite ihres Stallmeiſters die Straße der Vorſtadt St. Antoine; denn Perez hatte aus Vorſicht keinen Wagen in die Naͤhe des Spitalgaͤßchens bringen wollen, um nicht Verdacht zu erregen. Er hoffte, einen Wagen in der Vor⸗ ſtadt St. Antoine zu finden, wo man deren ge⸗ woͤhnlich traf, da in dieſem Viertel petites-maisons großer Herren lagen; denn klug genug bediente man ſich damals der Fiaker, um ſich in jene ge⸗ heimnißvollen Stätten zu begeben, indem man in ſo prunkloſen Wagen, auf welche Niemand achtete, das Incognito beſſer bewahren konnte. Schon gaben Perez und die Herzogin die Hoff⸗ ⸗ (N nung auf, einen zu treffen, als ſie kaum 20 Schritte weit einen bemerkten, der in das St. Marcell⸗ Gäͤßchen fuhr. „Raſch, gnaͤdige Frau,“ rief Perez,„vielleicht iſt jener Fiaker leer.“ Bald waren ſie dem Wagen ſo nahe, daß ihr Rufen ihn erreichen konnte. „Halt an!“ rief Perez im vollen Laufe. Der Kutſcher gab keine Antwort. „Halt an! wenn Dein Wagen leer iſt,“ rief Perez noch ein Mal, und hatte bereits den Fiaker erreicht. Auf Pereß's Ruf flog das Fenſter eines der Wagenſchlaͤge zuruͤck. „Mein Wagen iſt voll,“ rief der Kutſcher, und hieb auf die Pferde, welche Perez am Zaume hielt. „Ha, das muß ich ſehen!“ rief die Herzogin, und ſturzte ſich auf den Wagenſchlag, deſſen Fen⸗ ſter offen war. Da ſtreckte ploͤtzlich ein Menſch den Kopf durch dieſes Fenſter, und rief:„Hoͤll' und Teufel, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt, mein Herr, ſo gehen Sie Ihrer Wege.“ Die ungluͤckliche Herzogin ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und ſank ſimet Fener Mann, er war es— es war Heinrich mit einem dicht verhuͤllten weiblichen Weſen. Auf den Schrei der Herzogin ließ Perez den Zuͤgel der Pferde fahren, und ſprang ihr zu Huͤlfe. Der Kutſcher ſchwang die Peitſche; der Fiaker rollte dahin, und Perez konnte noch folgende Worte Heinrich's vernehmen:„Beruhige Dich, ſuͤßer En⸗ gel, beruhige Dich, Caͤcilie, es war ein Betrun⸗ kener, der ſich verſpätet hat.“ Zweite Scene der nämlichen Nacht. Das Kabinet einer petite maison im St. Marcell⸗ Gäßchen. Eine verborgene Ampel ergoß von der Hoͤhe der gewoͤlbten Decke ein geheimnißvolles Licht uͤber das koſtbare Zimmer. Hell und lodernd kniſterte in dem granitenen, mit Goldſimſen verzierten Kamine ein großes Feuer. Die eng verſchloſſenen Fenſter waren mit dichten Atlasvorhängen verhuͤllt. Die Luft war geſchwaͤngert mit den Wohlgeruͤchen der Blumen, die in einem anſtoßenden Gartenhauſe ſtanden. Die Waͤnde des Kabinets waren mit weißem, blau⸗ und ſilberblumigen Sammt ausge⸗ ſchlagen. Das Heulen des Unwetters drang durch die doppelten Fenſter und dichten Vorhaͤnge nur ſchwach und wie aus weiter Ferne herein. Das heulende Rauſchen erhoͤhte durch ſeinen Contraſt die Harmonie dieſer Scene des Entzuk⸗ kens; denn, wie man ſagt und ich auch gern glaube, es iſt ein unausſprechlicher Genuß, draußen den —FÜGHᷓ,kã,——— ⸗— —— 27 Wind heulen, den Regen rauſchen zu hoͤren, waͤh⸗ rend man in einem niedlichen, wohlverſchloſſenen Kabinet, beim hellen Feuer des Kamins, halb lie⸗ gend bei der Frau eines Andern, den Kopf in ihrem Schoße, von Liebe koſ't, indem man noch ein koͤſt⸗ liches Mahl und eine lange Nacht der gluͤhenden und verbotenen Luſt zu erwarten hat. In jenem uͤberſchwenglichen Entzuͤcken nun ſchwelgte Heinrich in dem Kabinet ſeiner petite maison, das wir ſo eben beſchrieben haben. Heinrich ſaß ſchmachtend zu Cäciliens Fuͤßen, ihre Haͤnde verſchlangen ſich, und luͤſtern ruhte ſein Blick auf ihr. „Ha! noch zittre ich, Heinrich,“ ſprach Frau von Cernan.„Jener Menſch war entſetzlich.“ „Aber, theurer Engel, denkſt Du denn, daß Leute, die um dieſe Zeit auf den Gaſſen herumlau⸗ fen, holde und feine Leutchen ſind?“ „Scherzen Sie nicht ſo, Heinrich, ich bin nur allzuſehr erſchrocken.“ „Aber uͤber was, holder Engel? Ein Betrun⸗ kener haͤlt unſern Wagen auf, das iſt was Gewoͤhn⸗ liches. Dieſer Menſch iſt ein Grobian, das iſt auch ſehr natuͤrlich.— Darum ſei ohne Furcht, ich liebe Dich ja ſo ſehr, ja, ich liebe Dich, Caͤ⸗ cilie, innig, ach ſo innig! Uns umſchlang das Band der Liebe ſo ſchnell und wunderbar, daß es kein gewöhnliches und gemeines ſein kann.“ „Heinrich, Heinrich!— Wie viel ſolcher Lie⸗ bes ſchwuͤre haben dieſe Waͤnde ſchon gehoͤrt?“ „Dann, Cäaͤcilie, haͤtteſt Du ſchon ein Mal mein ſein muͤſſen; dann hätten dieſe Fenſter dieſe„ holden Augen, dieſen roſigen Mund, dieſen uͤppi⸗ gen Wuchs gewiß ſchon ein Mal abgeſpiegelt. Aber nein, heut' ward ihnen zum erſten Mal die⸗ ſes Gluͤck, und ſieh, deshalb beneide ich dieſes Glas; doch nein, nein, im Gegentheil, ich liebe es, ich liebe es, ſo wie ich das Echo lieben wuͤrde, das mir den ſuͤßen Hall Deiner Stimme vielfäͤltig wie⸗ dertoͤnte.“ „In der That, Heinrich, es iſt ein Traum,“ lispelte Caͤcilie, und ihre Augen ſchloſſen ſich all⸗ maͤlig,„und doch kann ich kaum fuͤr einen Traum es halten.“ „Ja, Caͤcilie, ja, mein Engel, es iſt ein Traum, ein goldener Traum, glaube mir es. Ja, wenn Du Dich einſt dieſes Tages des Gluͤcks und der Liebe erinnern wirſt, moͤge Dein Herz Dir ſagen: Dieſes Gluͤck war fluͤchtig, jene Liebe leidenſchaft⸗ lich, jene Gluth berauſchend, ja, es war ein Traum.“. Und dann fuhr Heinrich laͤchelnd fort:„Sei uͤber⸗ zeugt, Caͤcilie, daß eine ſo wirkliche Wirklichkeit einem Traume nur ſelten ſo gleicht.“ „Ach, ſchweig „Nun denn, ja, ich will ſchweigen, holder En⸗ gel, ich will ſchweigen, meine Kuͤſſe werden fuͤr mich ſprechen. Ein langer Kuß, von den Spitzen —— Deiner zarten, ſammtenen Finger aufſteigend durch dieſen vollen Lilienarm, wird er Dir nicht deutli⸗ cher, als ich es kann, zufluͤſtern: Dieſe ſchoͤne Hand, dieſen goͤttlichen Arm, ich liebe ſie!— Ich will ſchweigen, und wenn meine Lippen Deine Wimpern ſchließen, wird dieſer liebegluͤhende Druck deutlicher, als meine Stimme es vermag, Dir zu⸗ fluͤſtern: Ach, dieſe reizenden Augen mit jenen herz⸗ treffenden Blicken, ich liebe ſie, ich liebe ſie!— Ich will ſchweigen—“ „Ach nein, rede, Heinrich, rede! Ach, wie toͤnt Deine Stimme mir ſo ſuͤß und hold! Doch ſage mir, Heinrich, warum jedes Wort aus Deinem Munde, dem Ohre laͤngſt verklungen, ſo lange in meinem Herzen noch nachhallt? Woher das Wohl⸗ gefuͤhl und die Schwaäche, die mich ergroift? War⸗ um ich mich nicht vor dem Tode furchte, und käme er morgen oder heute ſchon? Nie, ach nie, fuͤhlte ich ein ſolches Gluͤck. Woher kommt jenes Wohl⸗ bohagen, das mich durchgluͤht, woher jene ſtuͤrmi⸗ ſche und gluͤhende Regung, die mir das Blut durch die Adern treibt und mit jedem Deiner Kuͤſſe ma⸗ giſch ſteigt? Ja, wenn Du meine Augen kuͤſſeſt, das iſt Wonne; wenn Du meine Haͤnde kuſſeſt, das iſt Wonne, Wonne zum Sterben, Wonne, Goͤtter neidiſch zu machen. Woher dies? ſprich, Heinrich!“ „Woher, meine Caͤcilie?“ rief Heinrich, und umſchlang mit ſeinen Armen Cäciliens Leib, und — ſein Haupt ſank an ihren Buſen.„Woher dies? — Sieh', Du folgſt dem Rufe Deines Herzens, das Dir zufluͤſtert:„Er liebt Dich!“— weil zwei Herzen, die ein Gott fuͤr einander ſchuf, ſich ge⸗ genſeitig entfalten, weil—“ Heinrich vollendete ſeine Rede nicht; denn eben knarrten die Doppelthuͤren des Kabinets in ihren Angeln, oͤffneten ſich, ohne daß Jemand ſich zeigte⸗ und boten den herrlichen Anblick auf einen niedli⸗ chen Speiſeſaal dar, deſſen Waͤnde von Gold und Scharlachbildern ſtrahlten. Ein großes Feuer brannte in einem Marmorkamine, welches Blumen um⸗ bluͤhten, die ihre bunten Farben mit dem Schein der Wachskerzen vermaͤhlten, die in Kryſtall-Kan⸗ delabern ſtrahlten. Die Tafel war auf einem beweglichen Boden, wie ſonſt gewoͤhnlich, errichtet, und zwei kleine Sei⸗ tentiſchchen, die das zur Beſetzung der Tafel No⸗ thige trugen, machten jede laͤſtige Bedienung un⸗ noͤthig. „Ich will Dir ein ſchweres Geſtaͤndniß thun,“ rief Heinrich mit ſchamvollen Blicken, und ſetzte ſich hart neben Cacilien an die Tafel,—„naͤm⸗ lich, ich habe erſchrecklichen Appetit.“— „Und ich,“ erwiederte Cacilie mit noch ſchamvol⸗ lerem Blick,„wage es kaum, Dir zu ſagen, daß ich faſt vor Hunger 633. 4 „Ei, wie ſchoͤn, Caͤcilie, ſetze Dich dort hin, neben mich.— Bei Gott, die Liebe iſt ein ſchones * — 283— Ding, aber ein koͤſtliches Mahl und die Liebe ſind zwei ſchoͤne Dinge.“ Darauf ſpeiſten ſie, und mit Erroͤthen muß ich's geſtehen, ſie aßen tuͤchtig.— Auch darf ich nicht verſchweigen, daß durch jene verwuͤnſchte Ober⸗ gewalt der Natur uͤber das Gefuͤhl ihre Augen immer funkelnder, ihre Wangen immer roſiger wurden, Caͤciliens Lippen in dunklerm Karmin brannten, und ihre Perlenzaͤhne in der Farbe der Lilien glaͤnzten. Da wich der leiſe Anklang ſuͤßer Schwermuth, der anfangs die Herzen feſſelte, vor einem unge⸗ zwungenen Lächeln der Liebe, bis endlich eine Spiel⸗ uhr in harmoniſchen Toͤnen die Mitternacht ver⸗ kuͤndete, und Heinrich ausrief:„Schon Mitternacht, Caͤcilie!“ Kaum war dies Wort uͤber ſeine Lippen, da ſchloſſen ſich hinter ihnen die Doppelthuͤren des Kabinets, und leer und oͤde war es im Speiſeſaal. Dritte Scene. Faſt zur naͤmlichen Stunde und in derſelben Nacht ereignete ſich eine andere Scene in Nevers in einem Zimmer des Herrn von St. Cyr. Herr von St. Eyr war 30 Jahre alt; er hatte blondes Haar, lebensfriſche Farbe und einen ele⸗ ganten Wuchs; ſchoͤn, ſehr ſchoͤn waren ſeine Geſichtszuͤge, ſeine Augen ruhig, ſein Kopf nicht niedergebeugt, ſein Antlitz edel und ausdrucksvoll, ſeine Reden ernſt und kalt und voll von einer Ma⸗ jeſtät, die ſich ſogar bei jeder Priſe Schnupftaback im glaͤnzendſten Lichte zeigte. Es iſt Mitternacht. Herr von St. Cyr, noch im Schlafrock, hat ſo eben durch ſeinen Bedienten ſich die Haare toupiren laſſen. Er entlaͤßt ihn, ſetzt ſich zum Kamin, ergreift ein Portefeuille von gruͤnem, mit einer Guirlande von Sinnblumen und Immortellen geſtickten Atlas, zieht daraus ein Packet Briefe hervor, breitet ſie auf der Tafel aus, und lieſt ſie mit Nachdenken. Es ſind Caͤciliens Briefe. „Und immer noch keine Antwort auf meine beiden letzten Briefe!“ rief Herr von St. Cyr, nachdem er ſeine Liebescorreſpondenz wohl zehn Mal durchgeleſen hatte.—„Ein ſonderbares Weib, ja ſonderbar, denn mitten unter jener Leichtfertigkeit der Sitten, die jetzt einreißt, iſt ſie eine von den Wenigen, welche rein bleibt, und ſo, meiner Anſicht nach, mehr Achtung verdient, als ein durchaus tugendhaftes Weib.— Wenigſtens kaͤmpft meine Cäcilie;— ja, ich kann ſagen: meine Cäcilie,— . 8 9. L wenigſtens kaͤmpft und ringt meine Caͤcilie— ach, wie viel Wohl und Wehe liegt in dem Gedanken: ſie liebt mich, doch noch mehr liebt ſie die Tugend. Ach, dies iſt einer von jenen Vorzuͤgen, die ent⸗ zuͤcken und dennoch zur Verzweiflung bringen kon⸗ — — 285— nen.— Bald ſechs Monate ſind's, ſeit ſie meine Liebe billigt, und noch habe ich kein anderes Zei⸗ chen von Gegenliebe als ihre Briefe. Was ſage ich? Keinen andern Beweis! O, ich Ungluͤcklicher! Ha! und iſt es nicht genug, mein Gott, die aus⸗ richtige Zuneigung dieſes hehren und goͤttlichen Weibes zu beſitzen? Keinen andern Beweis— und welchen koͤnnte ich noch wuͤnſchen? Ha! ich Ver⸗ ruchter, ſollte ich wuͤnſchen, ſie zu entehren, ſie in ihren Augen zu erniedrigen, ihr vor den Blicken ihres Gemahls eine bange Schamroͤthe abzwin⸗ gen, ſie ſchrecklichen Gewiſſensbiſſen preisgeben; und warum?— Weil ich mir das Recht genom⸗ men haͤtte, das ein thieriſcher Beſitz uns bietet, waͤhrend ich jetzt ſchuldlos des hoͤchſten Genuſſes mich erfreue, und mir ſagen kann: ſie iſt rein, ſie iſt tugendhaft, ſie iſt wuͤrdig ihres Gemahls und meiner. Solche Liebe, die uns umſchlingt, iſt frei von dem Urtheil dieſer Welt; denn ſie iſt nicht von dieſer Welt; iſt eine keuſche Liebe, eine edle und erhabene Liebe, die nicht das ſtolze Laͤcheln der Tugend verſcheucht, weil man ihr die niedrigen und erbaͤrmlichen Luͤſte der Sinne geopfert hat. O Liebe!“— Ungluͤcklicherweiſe ward dieſer ruͤhrende Mono⸗ log durch das Rollen eines Poſtwagens, der vor der Thuͤr des Hauſes anhielt, und durch den her⸗ einſtuͤrzenden Diener des Herrn von St. Cyr un⸗ terbrochen, der blaß, wie der Tod, ihm kaum ſchnell genug zurufen konnte:„Der Herr Baron von Cer⸗ nan iſt da, er folgt mir auf den Ferſen.“ Da ſpazierten denn, wie durch einen maͤchtigen Zauber, die Briefe wieder in das gruͤne Porte⸗ feuille, und als Herr von Cernan in's Zimmer trat, fand er Herrn von St. Cyr kalt und ruhig vor ſeinem Kamin ſtehen. Herr von St. Cyr. Welchem gluͤcklichen Zufalle verdanke ich den Beſuch des Herrn von Cernan? Der Baron von Cernan. Mein Herr, ich bitte, wollten Sie wohl guͤ⸗ tigſt Ihre Leute entfernen? (Der Bediente geht.) Herrvon St. Cyr. Sie kommen in einer ſchrecklichen Nacht, mein Herr. Sie muͤſſen einen wichtigen Beweggrund haben. Der Baron von Cernan. Allerdings ſehr wichtig, mein Herr; doch ohne alle Umſtaͤnde und deutſch geſprochen, mein Herr; Sie haben an meine Frau geſchrieben, dieſe hat Ihnen geautwortet,— ich weiß Alles. — 287— Herr von St. Cyr. Mein Herr— Der Baron von Cernan Ceigt ihm ein Packet.) Alles laͤugnen iſt unnuͤtz, mein Herr; hier ſind Ihre Briefe. Herr von St. Cyr. Ich begreife jetzt den Zweck Ihres Beſuchs, mein Herr, und ſtehe Ihnen zu Bitſten⸗ wenn's beliebt. Der Baron von Cernan. Hoͤren Sie mich, mein Herr. Als geſtern meine Frau hoͤrte, daß ich bald nach Amerika rei⸗ ſen wuͤrde, warf ſie ſich mir zu Fuͤßen, und weinte zwar nicht, doch das Verlegene in ihrer Miene, ihre Bläſſe, ihre Bewegung ließen mich leicht ah⸗ nen, daß ſie mir ein wichtiges Geheimniß entdecken wolle;— in der That, mein Herr, ſie hat mir Alles geſagt, ihre Reue und ihre Angſt geſtanden, Alles geſtanden, mein Herr; ſie hat mir Ihre Briefe gegeben, und mich fußfaͤllig beſchworen, augenblick⸗ lich abzureiſen, um ſie Ihnen wiederzugeben, die ihrigen von Ihnen mir auszubitten, und ſie ſo der Gefahr zu entreißen, die ihr waͤhrend meiner Ab⸗ reiſe drohte, mit der Bitte, es ihr zu erlauben, daß ſie waͤhrend meines Aufenthalts in Amerika ſich —— — 268 in ein Kloſter fluͤchten duͤrfe. Ihre Briefe, mein Herr, habe ich geleſen, und wie bitter auch ſolch' eine Entdeckung einem Ehemann ſein muß, fand ich doch große Beruhigung darin, daß ich ſah, mein Weib ſei noch rein, und Sie haͤtten, weit entfernt, dieſem verhaͤngnißvollen Gluͤcksſtern blind zu fol⸗ gen, im Gegentheile, Caͤcilien in der Liebe zu ih⸗ rer Pflicht ermahnt, und ſich mit einer reinen und uneigennuͤtzigen Neigung begnuͤgt. Mit einem andern Manne, als Sie, mein Herr, waͤre kurzer Prozeß geweſen; ich waͤre hieher gekommen, hätte Ihnen Vorwuͤrfe gemacht, Ihnen den Hals ge⸗ brochen, oder mir ihn von Ihnen brechen laſſen. Mit Ihnen, Herr von St. Cyr, verfahre ich an⸗ ders, mit Ihren Briefen ſo—(der Baron wirft ſie in's Feuer)— und nun hoffe ich von Ihrer Recht⸗ lichkeit ein gleiches Opfer. Herr von St. Cyr. Sie handeln als Biedermann, mein Herr, und ich bedaure nur, daß ich nicht auf eine ſo ſchmei⸗ chelhafte als rechtliche Weiſe es Ihnen vergelten kann; dies ſind die Briefe der Frau von Cernan.— Herr von St. Cyr wirft Cäciliene Briefe ins Feuer.) Der Baron von Cernan. Jetzt, mein Herr, danke ich Ihnen fuͤr Ihr ed⸗ les Verfahren, das ich wohl zu ſchaͤtzen weiß; denn Männer, wie Sie, mein Herc, ſind jetzt ſelten. — 289— Herr von St. Cyr. Mein Herr, es iſt um Lebens und Sterbens willen Er reicht dem Varon die Handy ſchlagen Sie ein, laſſen Sie uns Freunde ſein, ich bin deſſen werth, und hoffe, mich deſſen noch werther zu zeigen. Der Liebhaber und der Ehemann umarmen ſich mit Extaſe.) Der Baron von Cernan. Jetzt, mein Herr, leben Sie wohl. Herr von St. Cyr. In dieſem moͤrderiſchen Unwetter,— was faͤllt Ihnen ein? Sie kommen morgen früh genug. Der Baron von Cernan⸗ Morgen, mein Herr, morgen,— und mein Weib und meine Cacilie, die auf mich wartet,— morgen— und ihre Angſt— morgen— und in dieſer Stunde wird ſie die Haare ſich raufen, troſt⸗ los, jammernd, denkend an die Folgen unſter Zu⸗ ſammenkunft, waͤhnend, daß wir vielleicht ſchon im Begriff ſind, uns gegenſeitig die Hälſe zu brechen? Ach, die Ungluͤckliche! Herr von St. Cyr. Jetzt verſtehe ich Ihre Haſt, mein Herr. Eben hoͤre ich den Wagen rollen, darum noch ein Mal, Gott befohlen, Gott befohlen! Die Seewarte v. Koat⸗Vén. I. 19 Der Baron von Cernan. Gott befohlen, Herr von St. Eyr; doch ehe ich gehe, will ich Ihnen noch etwas mittheilen, was ein ſo kluger Mann, wie Sie, nicht mißdeuten wird. Morgen werden Sie nach Paris kom⸗ men, allda will ich Sie der Frau von Cernan vor⸗ ſtellen; denn ich bin uͤberzeugt, daß ſie waͤhrend„ meiner Abweſenheit keinen beſſern Mentor finden wird, als den Freund, der meines Vertrauens und meiner Achtung ſo wuͤrdig iſt. „ Herr von St. Cyr(mit bewundernswerthem Ausdruck von Beſonnenheit und Würde). Darauf hatte ich gerechnet, mein Herr! Der Baron von Cernan(ihn umarmend). Ihr ganzes Benehmen entſpricht Ihrem Na⸗ men, dem Namen St. Cyr. Herr von St. Cyr eihn noch ein Mal umarmend). Sie haben mich verſtanden, Cernan. (Der Baron geht, und die Poſtkutſche rollt die Pariſer Straße dahin.) ² Herr von St. Cyr callein). Siehe, ſo hat durch ein redliches und rechtli⸗ ches Benehmen ein Band, das drei Perſonen in Tod und Verzweiflung ſtuͤrzen konnte, die Bande der Ehre und der Tugend, die ſie umſchlingen, nur — 291— noch enger geknuͤpft. Doch ganz anders iſt's mit einer verbrecheriſchen Liebe;— was man auch im⸗ mer ſagen mag, die Tugend iſt ein ſchoͤnes, ſchatzens⸗ werthes Ding und hat ſich ſo eben als ſolches be⸗ waͤhrt. Herr von St. Eyr ſchlief den ruhigen Schlaf eines Biedermannes. Als dieſe Nacht, die ſo verſchiedenartig benutzt worden war, dem grauenden Morgen wich, da offnete ſich geheimnißvoll mit dem Schlage der ſechsten Stunde des Morgens die Thuͤr der petite maison des Grafen von Vaudrey, und Cacilie, tief verſchleiert, ſchluͤpfte in einen Fiaker. Schon fruͤh um 11 Uhr kam auch der Baron von Nevers zuruͤck, und umarmte freudig ſein Weib, das er blaß und kraftlos fand, wie er es wohl erwartet hatte. 19* 7 nh. Tauchnitz jun. N Druck vn 65 78 8 g1½ s1.e 8