* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Biblivt ek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mt. 50 Pf 2 F— Pf. „„— 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Krieg in den Cevennen. II. 1 I. Montpellier. Die Stadt Montpellier, der Sitz der Genera⸗ lität von Languedoc, ſchien ſeit einiger Zeit in ei⸗ nen dumpfen Starrſinn verſenkt zu ſein; der Han⸗ del ſtockte, alle Vergnuͤgungen waren unterbrochen; das Gras wuchs in den Straßen lEguillerie, de Caſtres, duͤ Pile⸗Saint Gilles, du Cheval⸗Blanc, denn dieſes Stadtviertel, beſonders von den Prote⸗ ſtanten bewohnt, war öde und verlaſſen. Die mei⸗ ſten Magazine, Comptvire und großen Waarenla⸗ ger, ehedem von Calviniſten gehalten, waren ge⸗ ſchloſſen. Während Grabesſtille in dieſem Theile der Stadt herrſchte, war dagegen der Platz der Canour⸗ gue, der gewoͤhnliche Verſammlungsort des Adels und der Burgerſchaft der Katholiken, ein Ort der Unruhe und des Tumultes. Man trat voll Be⸗ ſorgniß zu einander, um ſich nach Nachrichten von. 1* dem Aufſtande der Fanatiker zu erkundigen. Un⸗ gefäͤhr ein Jahr war ſeit der Ermordung des Etz⸗ prieſters der Cevennen verfloſſen; der Aufſtand hatte ungeheuere Fortſchritte gemacht; man konnte Mont⸗ pellier nicht ohne Escorte verlaſſen und die Kami⸗ ſarden ſendeten ihre Kugeln bis vor die Thore der Stadt. Ein Blutgeruͤſt, ein Scheiterhaufen und ein Galgen waren fortwährend auf der pince du Murché errichtet; es verging faſt kein Tag, an welchem nicht mehrere Hinrichtungen der Religionaren die auptſtadt von Languedoc mit Blut tränkten. Der katholiſche Pobel drängte ſich zu dieſen abſcheulichen Schauſpielen mit wilder Gier und ver⸗ folgte mit ſeinen Verwuͤnſchungen die Ketzeropfer, denn der religiöſe Haß hatte ſeinen höchſten Gipfel erreicht. Aber die Buͤrgerſchaft wohnte dieſen Hin⸗ richtungen nicht bei, obgleich ſie vollkommen die uͤbermäßige Strenge der Behörden gegen die Huge⸗ notten billigte, welche, wie ſie ſagte, die einzigen Urheber des öffentlichen Ungluͤcks waren. An einem Fruͤhlingstage des Jahres 1704 gin⸗ gen mehrere Buͤrger auf dem Platze Canourgue auf und nieder; unter ihnen bemerkte man Mei⸗ ſter Janet, einen Parfuͤmeriefabrikanten, beruͤhmt durch ſeine Verpollkommnung des Waſſers der Kö⸗ nigin von Ungarn, mit dem er faſt ganz Europa verſah. Er war Capitain der Buͤrgermiliz; er härte dieſe Stelle gekauft, ſeitdem das neue Ebict — die Verkäuflichkeit ſolcher Poſten verordnete. Der Schatz war beinahe ganz erſchoͤpft und Ludwig XIV. verſteigerte deshalb alle Aemter meiſtbietend. Meiſter Janet war ein großer, aufgedunſener, rother Menſch, mit rundem Geſicht und kleinen meergrunen Augen, halb durch dichte Augenwimpern bedeckt, die eben ſo wie ſein Bart und ſein Henr quatre grau waren. Meiſter Janet, heiter und ruhmredig, liſtig im Handel, doch voll Of⸗ fenheit in ſeinem Privatverkehr, war ein Muſter der katholiſchen Buͤrgerſchaft jener Zeit. Sein Vermögen, das ſchon beträchtlich war, vermehrte er bedeutend durch verſchiedene Ankaͤufe um geringen Preis, als der König das Vermögen der fluͤchtigen Proteſtanten einzog. Mit dem Gelde war ihm auch der Ehrgeiz gekommen; Meiſter Ja⸗ net kaufte daher das Recht, den Degen tragen zu duͤrfen, ſo oft die Buͤrgermiliz zuſammenberufen wurde. Sein Rang als Buͤrgercapitain verwirrte ihm den Kopfz er hielt ſich fuͤr eine wichtige Per⸗ ſon, beſonders ſeit dem er ſich mit den Geheim⸗ niſſen der vornehmen Welt bekannt gemacht hatte, durch das eiftige Leſen der Regeln der chriſt⸗ lichen Wohlanſtändigkeit, ſo wie anderer Abhandlungen uͤber practiſche Artigkeiten, die damals ſchon ſehr veraltet, aber in den Pro⸗ vinzen viel verbreitet waren. Der wurdige Fabri⸗ kant des Waſſers der Königin von Ungarn ging nie aus, ohne in der Taſche eines dieſer klei⸗ nen Vuͤchelchen zu haben, die ihm als Vademecum dienten; und er fuͤhrte ſie bei dem geringſten An⸗ griffe auf die Geſetze der Etikette an. Der Syndikus der Gruͤnſpan⸗Fabrikanten,(der Verkauf dieſes chemiſchen Produktes war damals einer der wichtigſten Handelszweige von Montpel⸗ lier) Namens Thomas Bignol, begleitete Meiſter Janet, deſſen Schwiegerſohn und Lieutenant in der Buͤrgermiliz er war, das Letztere zu ſeinem großen Mißvergnuͤgen. Die Charaktere des Capitains und ſeines Lieu⸗ tenants boten einen eben ſo großen Contraſt, wie ihre Geſichter und ihre Kleider. Der Capi⸗ tain war ſchwatzhaft, eitel, vermeſſen, der Lieute⸗ nant, demuͤthig, ſchweigſam, ſchuͤchtern: der Schwie⸗ gervater war durch Wohlbeleibtheit aufgedunſen und roth, der Schwiegerſohn runzlich und blaß vor Ma⸗ gerkeit. Der Parfuͤmeriefabrikant trug ein langes Fleid und einen kurzen Mantel, nach den Regeln der Wohlanſtändigkeit, welche um dieſe Zeit z. B. verlangte, daß das Wamms von der Farbe des Hutes und die Perruͤcke von der Farbe der Stie⸗ feln ſei. Der Gruͤnſpanhaͤndler war beinahe nach⸗ läſſig in ein altes Wamms von ſeidenem Stoffe gekleidet, grau auf grau broſchirt, das er, Gott weiß wo, gekauft hatte, und trug eine kleine runde, gelbliche Perrucke, welche ſeinen Zuͤgen den ſonder⸗ barſten Ausdruck von der Welt verlieh. Zwei andere Buͤrger von Montpellier traten zu dem Capitain und ſeinem Lieutenant; der eine Wachsfabrikant und Bleicher, der andere der reichſte Gerber in der Stadt*). Die Unterhaltung dieſer achtungswerthen Buͤr⸗ ger drehte ſich bald um die Angelegenheiten der Zeit, um den Handel eines Jeden und beſonders um die Beſorgniſſe, welche die Kamiſarden er⸗ weckten. Meiſter Janet wurde gewoͤhnlich von andern Buͤrgern mit Ehrerbietung angehoͤrt; ſein Rang brachte ihn zuweilen in Beruͤhrung mit Herrn von Baville, dem Schrecken der Hugenotten, dem furch⸗ terlichen Intendanten, deſſen Namen ſelbſt die Ka⸗ tholiken nur zitternd ausſprachen, ſo viel Furcht floßte ſein unerbittlicher Charakter ein. An eben dieſem Tage war Meiſter Janet zu dem Intendanten berufen worden: es handelte ſich um die Dienſtreihe der Compagnie, deren Capitain der Parfuͤmeriehändler war; ſie ſollte am Thore der Stadt bei der nahen Ankunft des Marſchall Villars unter Waffen ſtehen. Dieſer beruͤhmte Feldherr kam, um ſich an die Spitze der Truppen von Languedoc zu ſtellen, denn der Aufſtand der Proteſtanten wurde gewal⸗ tig ernſt. „Bei dem Stabe des heiligen Roch, einer der *) Dieſe beiden Handelszweige gehörten damals zu den bedeutendſten in Montpellier. —— koſtbarſten Reliquien unſerer glorreichen Stadt, frage ich Euch, Meiſter Janet, was Teufel fur ein Lied ſingt Ihr uns da?“ rief der Gerber.„Iſt das moͤglich? Sollte der König den Marſchall Vil⸗ lars, den beſten ſeiner Generale, gegen dieſe elenden Ketzer ſenden?“ Meiſter Janet ſah den Gerber geringſchaͤtzend an.„Darauf koͤnnte ich Euch viel antworten, Ge⸗ vatter,“ ſagte er endlich.„Zuerſt nach den Regeln der Wohlanſtaͤndigkeit und der chriſtlichen Artig⸗ keit, welche die oberſte Perrſcherin des Buͤrgers wie des Edelmannes iſt, des anſtändigen Menſchen wie des Herren, des Prinzen wie des Narren, iſt es unanſtändig, zu fragen: was Teufel ſagt Ihr da. — Dann wenn Buͤrger wie wir, von unſern Ex⸗ cellenzen, unſern gnadigen Herren, den Marſchal⸗ len von Frankreich ſprechen„ muͤſſen wir immer ehrfurchtsvoll ſagen: Sr. Excellenz, der Herr Mar⸗ ſchall, und nicht kurzweg: der Marſchall von Villars.“ „Trallala! Ich will lieber, daß es zu kurz iſt als zu lang, Gevatter,“ rief der Gerber, indem er die Achſel zuckte.„Dieſe Höflichkeiten ſind ver⸗ lorene Worte und Albernheiten. Darauf achte ich grade ſo viel;— und dabei biß er ſich auf die Nagel;—„wenn man mich nur verſteht, ſo ſcheer' ich mich um das Uebrige den Henker.“ Meiſter Janet erroͤthete vor Unwillen, zog ſein kleines Buch aus der Taſche und ſagte zu dem Gerber: „Um Euch zu beweiſen, Gevatter, wie unan⸗ 3 ———— e— — ſtändig Euer Benehmen und Eure Worte ſind, will ich Euch den Artikel uͤber die Hoͤflichkeiten in Bezug auf den Kopf vorleſen.— Hoͤrt: Capi⸗ tel 3. Von der Paltung des Koͤrpers. Von der Naſe, Artikel 2,— nein, nein, das iſt es nicht. Ach ja, hier, von dem Kopfe. Nun hoͤrt: Zuckt nie die Achſeln zum Beweiſe der Geringſchätzung. Nehmt nie den Nagel zwiſchen die Zähne, um Ver⸗ achtung zu zeigen.“ 3 „Gut, gut, ich habe Unrecht,“ rief ſchnell der Gerber, welcher die Gelehrſamkeit des Meiſter Ja⸗ net im Punkte der Höflichkeit fürchtete.„Ich habe Unrecht, ſo wahr die Lohe von Eichenrinde die beſte iſt. Im Punkte der Höflichkeit ſeid Ihr ein Ge⸗ lehrter und ich bin nur ein Eſel. Aber ſagt, hat Euch denn der Herr Intendant wirklich verſichert, daß der Koͤnig den Marſchall ſchickt? Nein, nein,“ ver⸗ beſſerte ſich der Gerber ſchnell,„ich wollte fragen, ob der König wirklich Se. Excellenz, den Herrn Mar⸗ ſchall von Villars gegen dieſe Fanatiker, die Gott verdammen moͤge, ſchickt.“ 2 Meiſter Janet, den der gute Wille ſeines Ge⸗ vatters ruͤhrte, antwortete:„Ich wiederhole Euch, daß der Herr Intendant die Worte ausgeſprochen haben: Der Herr Marſchall von Villars wird vollen⸗ den, was die Herren von Broglio und Montrevel begonnen haben. Dieſe Ketzer muͤſſen bis auf den Letzten vertilgt werden; ſie bringen der Provinz zu viel Nachtheil. Alles geräth in Folge ihres ſchänd⸗ lichen Aufſtandes in Verfall.“ „Das iſt nur zu wahr,“ rief der Gerber.„Seit dieſem Buͤrgerkriege bleiben mir meine Felle auf dem Halſe; man kommt weder aus Barcelona, noch aus Catalonien, ſie zu holen. Man ſollte glau⸗ ben, die Provinz wäre von der Peſt befallen, ſo ſehr fliehen die Ausländer ſie; und doch iſt das Le⸗ der von der hoͤchſten Nothwendigkeit. Große Her⸗ ren, Kriegsleute, Richter, Buͤrger, Alle tragen Stie⸗ fel, Schuhe oder Lederwämmſe. Ach, welche Zei⸗ ten, welche Zeiten! Verwuͤnſcht ſeien die Ketzer!“ Ja wohl, welche Zeiten!“ ſagte der Schwie⸗ gerſohn des Meiſter Janet.„Ich bin in Gruͤn⸗ ſpan vergraben, und doch brauchen ihn Maler, Apotheker, Chirurgen, Aerzte. Der Gruͤnſpan iſt auch ein Gegenſtand erſter Nothwendigkeit, ſo gut wie das Leder.“ Und der Lieutenant ſchnaubte ſich, wobei er ei⸗ nen ſo ſchneidenden, pfeiffenden Ton laut werden ließ, daß der Parfuͤmeur ausrief: „Mein Herr Schwiegerſohn und Lieutenant, ich habe Euch ſchon oft den Artikel 2 des Capitels 5 von der chriſtlichen Wohlanſtändigkeit citirt, welcher von dem Geraͤuſch des Mundes und der Naſe han⸗ delt, und worin ausdruͤcklich empfohlen wird, nie Trompeten, Oboen oder andere Blasinſtrumente mit der Naſe nachzuahmen, indem man ſich auf eine lärmende und unanſtändige Weiſe ſchnaubt, unge⸗ — 11— rechnet noch, daß Ihr, nachdem Ihr Euer Taſchen⸗ tuch uͤber das Geſicht gebreitet habet, während die⸗ ſer unanſtaͤndigen Operation das Ganze beſcheiden mit dem Hute verdecken muͤſſet.“ „Ohne unanſtaͤndige, unartige oder böſe Abſicht habe ich unwillkuhrlich mit meiner Naſe ein Blas⸗ inſtrument nachgeahmt, mein Herr Schwiegervater und Capitain,“ antwortete demuͤthig der Gruͤnſpanhändler. „Und erlaubt Ihr Euch auch, ohne boͤſe Ab⸗ ſicht ein Kleid zu tragen, welches ſo wenig zu Eu⸗ rem Stande paßt?“ fragte Meiſter Janet, indem er das ſeidene Wamms ſeines Schwiegerſohnes, wel⸗ ches er noch nicht bemerkt hatte, beſichtigte.„Und was wuͤrdet Ihr ſagen, wenn ein Handwerker ſich einfallen ließe, einen Rock von Tuch zu tragen, ſtatt eines Rockes von Cadis; wenn eine Handwerkerin es wagte, ein Taffetkleid zu tragen, wie Eure Ma⸗ demoiſelle Frau?“*) „Meiner Treu, mein Schwiegervater und Ca⸗ pitain, ich wuͤrde gar nichts ſagen,“ erwiderte der Gruͤnſpanhaͤndler. „Und Ihr haͤttet Unrecht, mein Herr Schwie⸗ gerſohn und Lieutenant; Ihr muͤßtet dem Handwer⸗ ker, der Handwerkerin ſagen, was die Edelfrau das Recht haͤtte Eurer Mademoiſelle Frau zu ſa⸗ *) Nur die Edelfrauen wurden Madame genannt.— Dieſer unterſchied in der Kleidung wurde in den Pro⸗ . 8 vinzen noch lange Zeit ſehr gewiſſenhaft beobachtet. gen, wenn ſie ſich erlaubte, eine Sammetrobe zu tragen; was Euch ein Edelmann ſelbſt ſagen könnte, da Ihr Euch gegen die Geſetze der Wohlanſtändig⸗ keit und Klugheit erlaubt, ein ſeidenes Kleid zu tra⸗ gen; denn wenn Ihr wollt, daß die Kleinen Euch ehren, ſo muͤßt Ihr die Großen ehren.“ „Mein Herr Schwiegervater und Capitain, ich habe dies Wamms auf der place du Marché ge⸗ kauft;*) es gehoͤrte dem hugenottiſchen Edelmanne, *) Der gewöhnliche Ort der Hinrichtungen.— In einem Manuſcript jener Zeit liest man:„Das Schaf⸗ fot iſt beſtändig auf dem Platze dü Marché aufgeſtellt. Man hat hier drei dieſer Unglücklichen dieſe Woche ge⸗ rädert. Dieſe Leute ſprechen nie anders, als nach der Tortur; deshalb gibt man ſie jetzt auch Allen, die ge⸗ wöhnliche, wie die außergewöhnliche.(Brief 4, vom 10. Mai 1704.)— Dieſes Manuſcript, welches wir noch oft zu erwähnen Gelegenheit haben werden, iſt eine Samm⸗ lung von Briefen, welche den Titel führt: Sehr treue Memoiren und Tagebuch von einem Theil deſſen, was ſich vom 11. Mai 1703 bis zum 1. Juni 1705 mit den Fanatikern, auch Kamiſarden genannt, zugetragen hat, geſchrieben, und, Brief für Brief, von der Frau Demet der Incarnation, damals Gehülfin im großen Urſulinnen⸗Kloſter an den ehrwürdigen Vater Mars von St. Claude geſchickt, damals Prior der alten Car⸗ meliter von Clermont in der Auvergnez dieſe Memoi⸗ ren habe ich ſtets dem Herrn von Champigny, damals Biſchof von Clermont, und dem Herrn Poul d'Ormeſſon und dem Intendanten Leblanc mitgetheilt. und ſie ha⸗ ben ſie ſtets ſehr wahrhaftig und klug gefunden. (Manuſcriptenſammlung der königlichen Bibliothek.) der am Donnerstage gerädert wurde. Das war eine prächtige Gelegenheit.“ „Schämt Ihr Euch nicht?“ rief Meiſter Janet. „Pfui, pfui; macht, daß Ihr fortkommt und ent⸗ ledigt Euch auf der Stelle dieſer Ketzer⸗ und Gal⸗ genkleidung.“ „Aber mein Herr Schwiegervater und Capitain, entledigt Ihr denn Euch auch der ketzeriſchen Pacht⸗ hoͤfe von Vives⸗Eaur und St. Eulalin, welche Ihr von den confiscirten Guͤtern der Familie Cavalier von St. Andéol gekauft habt?“ fragte entſchuldi⸗ gend Bignol. „Mein Herr Schwiegerſohn und Lieutenant, Ihr ſeid nur ein Rindvieh,“ rief Meiſter Janet, indem er den Gruͤnſpanhändler zornig anblickte; „ſchweigt, um Gotteswillen ſchweigt.“ „Ach, apropos, von Johann Cavalier, dem ver⸗ fluchten Fuͤhrer der Fanatiker. Habt Ihr gehoͤrt, daß er den Titel eines Grafen von Vau⸗Nage an⸗ genommen habe?“ fragte der Wachsfabrikant den Meiſter Janet. „Ihr irrt Euch,“ ſagte der Gerber;„Juͤrſt der Cevennen läßt er ſich nennen, der Ungläubige.“ „Wenn dem unverſchämten Narren wird, was er verdient, ſo wird er ſich bald Graf vom Galgen, Herr vom Scheiterhaufen und Prinz vom Rade nennen. Aber Geduld, Geduld; ſind nur Sr. Ex⸗ cellenz, der Herr Marſchall von Villars erſt hier, ſo werden dieſer Cavalier, dieſer Hund von Huge⸗ — nott und ſeine räuberiſche Moͤrderbande es nicht mehr 14 Tage treiben,“ ſagte Meiſter Janet mit wichtiger Miene. „Gott moge Euch erhören, Capitain,“ ſagte der Wachshaͤndler,„aber der Herr von Broglio und Sr. Epcellenz der Herr Marſchall von Montrevel haben doch mit dem Rebellen nicht zu Ende kom⸗ men koͤnnen.“ „Ich hoͤrte einen Offizier vom Batallion der Marine, der der Niederlage von d'Eſtables de Rive⸗ d'Oſt entging, wo die Verfluchten 3 Regimenter der königlichen Truppen ſo vernichteten, daß in Allem nicht 200 Mann davon kamen, dieſer Ca⸗ valier hätte da eine Schlachtordnung gehabt, wie ſie eines wahren Generals wuͤrdig geweſen wäre,“ fuhr der Wachshändler fort.„ „Mir,“ ſagte der Gerber,„hat ein Kreuzträger der Bande des Eremiten*), der mit Cavalier Mann gegen Mann gefochten hat, betheuzrt, er wäre we⸗ nigſtens ſechs Fuß groß und truge beſtaͤndig eine Art ſchwarzen Ueberwurfes mit rothen Tropfen, und bediene ſich zum Kampfe eines Drreſchflegels, beſte⸗ hend aus einem mit Blei ausgegoſſenen Lodten⸗ kopfe, an einer Stange befeſtigt.“ Meiſter Janet zuckte geringſchätzend die Achſel *) Ein katholiſches Freicorps, welches ein Eremit organiſirt hatte und welches gegen die Kamiſarden ei⸗ non erbitterten Krieg führte. und ſagte:„Koͤnnt Ihr ſolche Albernheiten glau⸗ ben? Der Herr Intendant ſagte mir noch dieſen Morgen, Cavalier wäre ein kleiner Menſch, ſchwarz, unterſetzt, rauh wie ein Bär.“ „Ich glaube, Ihr irrt aus einer gewaltigen Täuſchung, mein Schwiegervater und Capitain,“ entgegnete Thomas Bignol, entzuckt uber ſeine Hof⸗ lichkeit.„Ein anderer Fuͤhrer dieſer Banditen, den ſie Ephraim nennen, ein ehemaliger Waldhuͤter von Aygoal, iſt ſchwarz und rauh, denn man nannte ihn im Lande den Bären von Aygoal. Wie man ſagt, iſt Cavalier weder groß noch klein, weder ſchon, noch häßlich, weder alt noch jung, weder braun noch blond, weder fett noch mager, weder gut noch bos⸗ haft, weder fromm noch gottlos, weder—“ „Da Ihr noch duͤmmer als unhoͤflich ſeid, mein Schwiegerſohn und Lieutenant,“ ſagte der Parfuͤ⸗ meriehaͤndler geringſchätzend, indem er Thomas Big⸗ nol in das Wort fiel,„will ich mich darauf beſchraͤn⸗ ken, Euch zu bitten, uns mit Eurer wunderlichen Beſchreibung unbehelligt zu laſſen.“ Dann zu ſei⸗ nen beiden Gevattern ſich wendend, fugte Meiſter Janet hinzu:„Ich ſage Euch, und Ihr könnt mir glauben, er iſt ſchwarz und unterſetzt; er gleicht wie ein Waſſertropfen dem andern, dem Fanatiker, der neulich gerädert wurde.“ „Wann? Seit 3 Wochen iſt alle Tage gerä⸗ dert und gehangen worden. Hinrichtung Morgens, Hinrichtung Abends,“ ſagte der Wachshändler. „Freitag Morgen,“ erwiderte Meiſter Janet,„der welcher ſeinen Tod dem Koͤnige, der Gerechtigkeit und dem Henker nicht verzeihen wollte, ehe er gehangen wurde.“*) „Ja, ja, ich habe von der Hartnäckigkeit des Ungluͤcklichen ſprechen horen; er wollte auf die ge⸗ wöhnliche und außergewoͤhnliche Tortur nichts ant⸗ worten. Er war wuͤthend hartnaͤckig.“ „Hört, unter uns, Gevattern, wißt Ihr was? Ich glaube, man ſollte verſuchen, etwas Milde an⸗ * Das war vor der Hinrichtung der Gebrauch. Der Henker erfüllte dieſe Formalität, indem er die 3 Fragen that, wie das die folgende Stelle des erwähn⸗ ten Manuſcriptes beweiſt: Von 6 Perſonen, welche an dieſem Tage die Strafe für ihre Verbrechen empfingen, ahmten 3 dies Beiſpiel des guten Diebes nach, eine Frau, die gehangen, ein Mann„der gehangen, und ei⸗ ner, der gerädert wurde. Es iſt nicht unpaſſend, Euch mitzutheilen, daß der Henker, als er den unglücklichen hängen wollte, ihn, wie es der Gebrauch iſt, fragte, ob er ſeinen Tod dem Könige, der Gerechtigkeit und ihm verziehe. Der Unglückliche antwortete ihm barſch: Nein. Der Henker ſagte darauf, indem er ihm den Strick umlegte und den Stoß verſetzte: Nun, ſo geh zum Teufel.— und nie iſt ein Gehangener ſchneller abgethan worden.(Briefe, Nimes den 20 Juli 1703.) Neulich wurden 2 der Unglücklichen ganz lebendig verbrannt, 3 gehangen und eben ſo viele gerädert: das Alles bringt ſie nicht zu ſich zurück. Es ſcheint, als würden ſie dadurch nur um ſo mehr gereizt.(Nimes, den 26. Auguſt 1703.) —————————— — — uwenden. Es ſind Ketzer, das weiß ich wohl, Re⸗ bellen gegen den König, wenn Ihr wollt; aber im⸗ mer haͤngen, raͤdern und verbrennen, und ſogar Weiber, das ſcheint mir denn doch ein Bischen wild,“ ſagte der Wachshändler. „Die Weiber,“ rief Meiſter Janet,„das ſollen eben die Schlimmſten ſein! Hat nicht neulich der Trommelſchlaͤger ſein Spiel ruͤhren muͤſſen, damit man die gottesläſterlichen Ermahnungen der Letzten nicht hoͤren konnte, jener Prophetin von der Bande Rolands? Denn die Häuptlinge und die Anfuh⸗ rer dieſer Schufte wachſen in einer Nacht wie die Morcheln. Meiner Treu, deſto ſchlimmer fur ſie. Man rädere ſie, man hänge ſie, man verbrenne ſie, und man hat meiner Treu Recht: Sie haben un⸗ ſerm Pandel genug Schaden gethan. Wer bittet ſie denn uͤbrigens auch, ſich bewaffnet zuſammen zu rotten und die Unanſtändigkeit und Unhoͤflichkeit ſo weit zu treiben, ſich gegen die Befehle des Koͤnigs aufzulehnen?“ „Sie ſagen, Gevatter,“ erwiderte der Wachs⸗ haͤndler,„daß ſie ihre Religion ausuͤben wollen und nicht unſere. Sie ſagen, der König hätte ihnen will⸗ kuͤrlich die Gewiſſensfreiheit entzogen, welche die Edicte ihnen zugeſtanden; und, Alles wohl erwogen, Gevatter, muſſen wir unter uns wohl eingeſtehen, daß ſie darin nicht ganz Unrecht haben.“ „Nein, nein, ſie haben Unrecht, tauſendmal Un⸗ recht,“ ſchrie der Parfuͤmeriehändler.„Und weshalb Krieg in den Cevennen. II. 2 18— haben ſie Unrecht? Weil ſie ungebildet ſind! Und weshalb ſind ſie ungebildet? Weil ſie die Grund⸗ ſaͤtze des unſchaͤtbaren Coder verkennen, der mich nie verlaͤßt; hatten ſie ihn gekannt, ſie würden ſich nie revoltirt haben.— Gewiß,“ fuͤgte Meiſter Ja⸗ net hinzu, indem er das Staunen ſeiner beiden Ge⸗ vattern ſah, und ſein koſtbares Buch aus der Taſche zog,„hoͤrt nur; ich ſchlage das vortreffliche Werk an der erſten beſten Stell uf, und was leſe ich? Es iſt im hoͤchſten Grade galant, vor al⸗ len Dingen die Zufriedenheit und Be⸗ quemlichkeit der Andern ſeiner eignen vorzuzie hen.— Nun, iſt das nicht deutlich? Was ſagte ich Euch? Wenn dieſe Ungläubigen galant genug geweſen wären, ihrer verabſcheungs⸗ werthen Keterei die Zufriedenheit und Be⸗ quemlichkeit unſerer heiligen Prieſter vorzuzie⸗ hen, von denen ſie bekehrt werden ſollten, wuͤrden ſie ſie dann wohl unanſtändig gezwungen haben, ihnen von Berg zu Berg, von Pöhle zu Hoͤhle, nachzu⸗ traben und zu gallopiren, um endlich noch ermordet zu werden, wie der ſelige Märtyrer, der Abt dü Cayla?— Nun? iſt das deutlich?“ „Ihr habt Recht, Meiſter Janet, das iſt ein merkwurdiges Buch,“ ſagte der Wachshändler voll Bewunderung. „Das iſt noch nicht Alles; ich fahre fort,“ ſagte der Parfuͤmeur, ſtolz auf den errungenen Erfolg. „Was leſe ich jetzt? Man muß Abſcheu vor —— Allem hegen, was einen Andern ärgern oder verdrießen kann.— Paätten dieſe un⸗ klugen Rebellen Abſcheu vor Allem gehabt, was den Koͤnig, unſern guten Herrn, aͤrgern kann, wuͤrden ſie dann wohl hartnaͤckig die Bekehrung zuruͤckge⸗ wieſen haben, die er von ihnen verlangte? Hätten ſie ſich gefurchtet, zu thun, was den Koͤnig ver⸗ drießt, wuͤrden ſie ſich dann wohl erlaubt haben, ſeine Truppen anzugreif ind zu ſchlagen? Hät⸗ ten ſie ihn gezwungen, gegen ſie, die gemeinen, ver⸗ abſcheuungswerthen Canaillen einen ſo beruͤhmten Krieger zu ſenden, als Sr. Excellenz, der Marſchall von Villars? Nein, nein, ohne Zweifel nicht. Iſt es alſo nicht ein unſchätzbares Werk, welches die verirrten Gemuͤther dieſer fuͤrchterlichen Fanatiker zum Guten hätte zuruͤckfuͤhren koͤnnen, welches dies noch koͤnnte, wollten ſie ſich nur ganz einfach den Regeln der Wohlanſtändigkeit und Artigkeit fuͤgen, welche die Hoͤflichkeit vorſchreibt?“ „Ach ja, aber ſeht, das iſt es grade, was ſie nicht werden thun wollen, mein Capitain und Schwiegervater, denn waären ſie anſtaͤndige Men⸗ ſchen, ſo waͤren ſie eben keine Ungehener,⸗ bemerkte ſehr weiſe Thomas Bignol. „Mein Schwiegerſohn und Lieutenant, ich habe Euch ſchon einmal gebeten, uns in Ruhe zu laſſen; fahrt Ihr fort, ſo mache ich Euch Platz,“ ſagte der Parfuͤmeriehandler, indem er einen zornigen Blick auf den verſtummenden Gruͤnſpanhaͤndler warf. 2 2— „Es ſcheint,“ ſagte der Gerber,„als hätte ſich eine neue Bande dieſer Ungeheuer in der Gegend von Uzés gezeigt. Aber dieſe ſind noch wilder als die andern. Man nennt ſie die ſchwarzen Kami⸗ ſaroen, weil ſie ſich die Geſichter ſchwärzen, um ſich ein noch furchterlicheres Ausſehen zu geben. Sie werden von einem ehemaligen Fleiſcher aus Uzés, Namens Marius, gefuͤhrt. Man ſpricht von nichts, als ihren entſetzlichen Grauſamkeiten.“ „Gott des Himmels,“ ſagte Meiſter Janet,„als ob es mit den gewoͤhnlichen Kamiſarden nicht ge⸗ nug wäre, kommen nun noch außergewoͤhnliche.“ „Hört, Gevattern,“ ſagte der Gerber mit dem Tone eines Drakels und nachdem er lange uͤberlegt hatte, ehe er ſprach:„Ich bin zwar eben kein großer Po⸗ litiker, aber mir ſcheint es doch, als koͤnnte man ſie nur dadurch ausrotten, daß man ſie ganz ver⸗ tilgt.“ „In dem, was Ihr da ſagt, Gevatter, liegt et⸗ was Wahres,“ entgegnete der Parfuͤmeriehändler; „ich bin auch Eurer Meinung: Man muß ſie bis auf den Letzten vertilgen.— Mir thun ſie dies Jahr fuͤr mehr als 1000 Piſtolen Schaden.“ „Ich bin vor allen Dingen Chriſt,“ ſagte der Wachshaͤndler, welcher von den vier Spießbürgern die philantropiſcheſten Anſichten zu haben ſchien. „Individuell habe ich gegen die Fanatiker nichts, aber in Maſſe verabſcheue ich ſie.“ „Grade wie ich,“ ſagte der Gerber;„ich habe da⸗ — bei weder Erbitterung, noch Bosheit, mein Gott! Ich weiß wohl, daß ich mich weder an Peter noch an Paul halten kann, weil die Revolution daran Schuld iſt, daß ich fuͤr 1000 Piſtolen Leder weni⸗ ger verkaufte. Deshalb verlange ich auch nicht die Beſtrafung eines einzelnen, ſondern Aller ohne Un⸗ terſchied; ich bin ein eben ſo guter Chriſt wie der Gevatter, und habe wie er gegen die Fanatiker in⸗ dividuell gar nichts.“ „Uebrigens iſt es doch ein Gluͤck fuͤr uns,“ fuhr der Wachshaͤndler fort,„zum Intendanten einen ſo fuͤrchterlichen Mann zu haben, wie der gnädige Herr von Baville iſt. Was fuͤr ein Ausſehen er Euch hat! Was fuͤr Augen! Was für einen Blick! Und wenn ich bedenke, daß es dennoch Ketzer gegeben hat, die es wagten, ihm Schmähungen grade in das Geſicht zu ſagen.— Wenn er mit mir nur ſpraͤche, ſo wuͤrde mir ſchon zu Muthe ſein, als ob ich den Strick um den Hals fuͤhlte.“ „Das kömmt daher, weil er ein Geſicht hat, d. h. es iſt nicht grade unbedingt ſein Geſicht, wenn Ihr wollt, denn man wuͤrde nicht wiſſen, daß er der beruͤhmte unerbittliche Intendant iſt, der Koͤnig von Languedoc, wie man ihn nennt, denn ſein Ge⸗ ſicht fällt einem nicht mehr auf, als das eines An⸗ dern; aber wenn man weiß, wer er iſt, koͤmmt es einem fuͤrchterlich und entſetzich vor,“ ſagte ſehr ſinnreich der Gerber. „Habt Ihr ſagen hören,“ fragte mit geheim⸗ nißvollem Tone der Wachshändler,„daß der Herr Intendant bei der Geburt blutrothe Nägel hatte; daß er deshalb ſo unerbittlich iſt, weil ſeine Frau Mutter, als ſie mit ihm in geſegneten Umſtänden war, vor einem Blutgeruͤſt voruͤberging?“ „Iſt es denn wahr, daß er blutrothe Nägel hat, Meiſter Janet?“ fragte der uͤber dieſe Mittheilung erſchrockene Gerber. „Was die Nägel betrifft, Gevattern, ſo kann ich Euch daruͤber nichts ſagen, denn der gnädige Herr hat mich immer behandſchuht empfangen, wie es die Hoͤflichkeit erfordert.“ „Seht Ihr, Gevattern, er trägt immer Hand⸗ ſchuhe,“ ſagten der Gerber und des Wachshändler, indem ſie ſich voll Entſetzen mit den Ellenbogen an⸗ ſtießen.“ „Was ich aber für beſtimmt habe behaupten hoͤren,“ fuhr der Gerber mit ernſtem Tone fort, unter dem er ohne Zweifel beißenden Spott verbarg, Hiſt, daß der Herr Intendant am Tage einer Pinrich⸗ tung immer rohes Fleiſch ißt, um ſich wilder zu ſtimmen, und aus Furcht, daß ſeine natuͤrliche Gut⸗ muͤthigkeit ihn verfuͤhren möchte.“ „Und weiß man, was fuͤr eine Art von Fleiſch es iſt, das er an ſolchen Tagen verzehrt?“ fragte der Wachshändler eben ſo ſehr von Neugier, als von Schrecken getrieben. „Man ſagt, es ſei Fleiſch von den wilden Stieren der Canargue,“ entgegnete der Parfuͤme⸗ händler mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit. „Das iſt ganz natuͤrlich,“ bemerkte der Wachs⸗ händler,„denn wenn der Herr Intendant Lamm⸗ fleiſch äße, ſo wuͤrde das ſchwerlich ſeinen Zweck er⸗ füllen, ihn unbarmherzig zu machen.“ Die wuͤrdigen Spießbuͤrger wollten dieſes in⸗ tereſſante pſychologiſche Studium uͤber Herrn von Baville noch weiter fortſetzen, als der Hufſchlag mehrerer Pferde, die im Gallop herangeſprengt ka⸗ men, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. „Das iſt ein Courier unter Begleitung eines Kommandos der Dragoner von St. Sernin,“ ſagte Meiſter Janet;„ich erkenne den Brigadier Laroſe, einen Reiter, welcher dem Blutbade bei Col d'Ancize entging.“ „Und hat man Nachrichten von dem Marquis von Florac, ihrem Capitain, dem ſchönen jungen Mann?“ fragte der Wachshaͤndler.„Weiß man, was aus ihm geworden iſt?“ „Man weiß es noch immer nicht; der arme Herr iſt todt oder gefangen,“ ſagte der Gerber. „Aber wohin geht denn der Courier? Auf die In⸗ tendanz ohne Zweifel.“ „Seht doch, Meiſter Janet,“ fuhr der Gerber fort,„die Thore der Intendanz ſtehen ſonſt immer offen, und heut ſind ſie geſchloſſen.“ „Aha, der Courier kloßft an. Die Thore wer⸗ — 24— den geoͤffnet; gut!— Aber da werden ſie ſchon wieder zugemacht.“ „Was fuͤr Nachrichten bringt der Courier? Gute oder ſchlechte?“ ſagte der Parfuͤmeur ſeuf⸗ zend.„Ach, Gevattern, Gevattern, in was fur ei⸗ ner Zeit leben wir. Aber die Sonne geht hinter dem Thurme von St. Paul unter, und obgleich auf den Straßen von Montpellier nichts zu fuͤrchten iſt, liebe ich es doch, wenn die Nacht anbricht, in meinem Hauſe zu ſein, ſtatt draußen. Täglich fin⸗ det man drohende Anſchläge, ſogar an den Thoren des Herrn Intendanten, angenagelt; es muͤſſen ſich alſo waͤhrend der Nacht Kamiſarden in die Stadt ſchleichen, und da es mir ein Graͤuel wäre, mich einem dieſer Ungeheuer, die ich verabſcheue, gegen⸗ uber zu erblicken, bleibe ich zu Hauſe,“ ſagte ſtolz der Capitain der Buͤrgermiliz, indem er ſich den Schnurbart ſtrich. „Das kömmt daher, ſeht Ihr wohl, weil Ihr von Natur ſehr feig ſeid, mein Schwiegervater und Capitain; das iſt ganz natuͤrlich, denn Ihr gehört zur Miliz, und da die Mitglieder der Miliz größe⸗ rer Gefahr ausgeſett ſind, als die andern Buͤrger, muͤſſen ſie ſich auch mehrfach fuͤrchten,“ ſagte un⸗ gezwungen Thomas Bignol, der lange geſchwie⸗ gen hatte. „Hoͤrt mein Schwiegerſohn und Lieutenant,“ rief der Capitain außer ſich, indem er Thomas Bignol vor ſich hertrieb, nich glaube, wenn man — — — mir morgen ſagte, daß Ihr Euren ganzen Vorrath von Gruͤnſpan verſchluckt hättet, ſo wuͤrdeſich Euch nicht beklagen, denn Ihr ſeid laͤſtig und unausſteh⸗ lich. Gott verzeihe mir dieſen mörderiſchen und unhöflichen Gedanken, aber Eure Albernheit ließ ihn keimen, aufgehen und wachſen.“ Und mit einem kurzen Gruße gegen die An⸗ dern kehrte Meiſter Janet nach ſeiner Wohnung zuruͤck; ihm folgte ſein Schwiegerſohn und Lieute⸗ nant, den der geringe Erfolg ſeiner Bemerkung et⸗ was zu conſterniren ſchien. II. Der Intendant. Nicolas Lamoignon von Baville, jener Beamte, den das Volksvorurtheil als ſo fuͤrchterlich darſtellte, war einer der ausgezeichneteſten Männer des 17. Jahrhunderts. Seit 20 Jahren beherrſchte er Languedoc bei⸗ nahe unumſchränkt, nachdem er zuvor Intendant von Pau, von Montauban und von Poitiers gewe⸗ ſen war. Sein umfaſſendes, hohes, ſtrahlendes Genie, ſein eiſerner Wille, die Unbeugſamkeit ſeiner politi⸗ ſchen Anſichten, die unermudliche Thätigkeit ſeines Geiſtes, ſein Much, ſein Scharfſinn, ſeine furchter⸗ liche Spottſucht, ſeine Arbeitsfähigkeit, erſchreckten die Miniſter Ludwigs XlN ſtets ſo ſehr, daß ſie dieſem ausgezeichneten Manne nie erlaubten, ſich dem Hofe zu nahen. Sie furchteten zu ſehr, daß er an demſelben Wurzel ſchlagen und ſich ſelbſt er⸗ hebend ſie in ſeinem Schatten erſticken möchte. 5 —— Sie zogen es vor, ihm in ſeiner Provinz eine ſolche Autorität zu laſſen, daß man ihn dort den Koͤnig von Languedoc nannte. Der Marſchall von Villars ſagte von ihm:„Er iſt nicht dazu geſchaffen, Intendant der Finanzen und der Juſtiz zu ſein, ſondern General einer Ar⸗ mee, denn er iſt ſtets bereit und hat nie Eile.“ Man kann ſich uͤbrigens jetzt keine Vorſtellung davon machen, mit welcher ungeheuren Vollmacht damals der Intendant einer Provinz verſehen war. Als Commiſſair und Rath des Koͤnigs, Inten⸗ dant der Juſtiz, der Polizei und der Finanzen, konnte er gegen die Mitglieder der Gerichtshoͤfe, gegen die Geiſtlichkeit, gegen die Maire und gegen die Schoͤppen einſchreiten. Er berief die Verſamm⸗ lungen der Städte und des Volkes, um die Muni⸗ cipalbeamten abzuſetzen, die ihm ſtrafbar ſchienen. Mit der Oberaufſicht der Kriegsleute beauftragt, ſtanden unter ſeinen Befehlen die Garniſonen, die Milizen, die Prövots, die Balleis, die Seneſchalls; er machte den Rebellen' den Prozeß; er wohnte den Sitzungen des Gouverneurs der Provinz mit berathender Stimme bei und war fuͤr ſeine Hand⸗ lungen nur dem Conſeil des Koͤnigs verantwortlich. Man begreift wohl, daß eine ſolche Macht der despotiſcheſten Willkuͤr ziemlich nahe kömmt, wenn ſie ſich in Zeiten der Unruhe in den Haͤnden eines Mannes concentrirt, welcher ſeiner Kraͤfte und der Zuſtimmung ſeines Hofes ſo gewiß iſt, wie Herr von Baville es war. Das Intendanturgebäude von Montpellier ſtand, wie erwaͤhnt, auf dem Canourgucplatze. S Dieſes impoſante Gebaͤude, von Quaderſteinen aufgefuhrt, war, wie faſt alle Häuſer der Stadt, mit einem teraſſenformigen Belvedere verſehen, auf dem man im Sommer die Friſche des ſogenann⸗ ten Vent-Corbin einathmete, eines Windes, der ſich in der Regel gegen 9 Uhr Abends erhebt. Zwei Soldaten von der Fuͤſelircompagnie des Intendanten, in grauen Rocken mit rothen Kra⸗ gen, ſtanden vor dem Thore des Hotel Schildwache. Die Wohnung des Herrn von Baville hatte ein ſtrenges und großartiges Ausſehen. Eine breite Treppe von Languedocer⸗Marmor, deren hohe Kup⸗ pel, einfarbig nach Art des Devitte gemalt war, fuͤhrte zu einer Reihenfolge von 8 Sälen, welche auf der einen Seite in eine lange Gallerie auslie⸗ fen, auf der andern in eine große Bibliothek, die mit einer Kapelle zuſammenhing. In dieſen gewaltigen Gemächern ſah man we⸗ der brochirte Tapeten, noch goldene Crepinen. Nach den Anſichten des Herrn von Baville paßte ſich die⸗ ſer funkelnde Luxus nicht fuͤr die Wohnung eines Beamten; in einer ſolchen mußte Alles ernſt und impoſant ſein, wie ſein Charakter. Tapeten, Thuͤrvorhänge, Fenſtergardinen waren daher von amarantfarbigem Sammet, mit breitem —— — —„ S — — Hermelinbeſatz. Heilige Familien von Lebruͤn, meh⸗ rere Familiengemälde von Mignard gemalt, einige römiſche Merkwuͤrdigkeiten, bei den Nachgrabungen gefunden, die unlaͤngſt in Arbes und Nimes vor⸗ genommen worden waren, ſchmuͤckten die Zimmer. In einem der Säle des Hotels ſah man ein prachtvolles Bild des erſten Präſidenten Wülhelm von Lamoignon, gemalt von Philipp von Cham⸗ pagne. Die Malerakademie hatte dies Bild Herrn von Baville verehrt, als Dank fuͤr einen beruͤhm⸗ ten Prozeß, den er in ſeiner Jugend gewann und den er fuͤr Girard Van⸗-Opſtal, Mitglied dieſer ge⸗ lehrten Geſellſchaft, fuhrte. Wenn, wie fuͤr gewoͤhnlich, die Thore der In⸗ tendanz offen ſtanden, heute aber geſchloſſen waren, ſo kam es daher, weil Herr von Baville mit einer gewiſſen innerlichen Feierlichkeit den Geburtstag ſei⸗ nes Vaters beging, des beruͤhmten Wilhelm von Lamoignon, erſten Präſidenten des Parlamentes von Paris, geſtorben 1677. Dieſes Feſt war eines der edlen Traditionen in dieſer alten richterlichen Familie, in welcher, wie Flöchier fagt, die Mitglieder geboren zu werden ſchienen, um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu uͤben, in welcher die Tugend ſich mit dem Blute mittheilte, durch gute Rathſchläge erhielt und durch große Beiſpiele angeſpornt wurde. Der Bruder des Herrn von Vaville, Chriſtian Franz von Lamoignon, Genergladvokat bei dem Par⸗ lamente von Paris, war mit ſeinem Sohne und ſeiner Tochter nach Montpellier gekommen, um einige Tage hier zuzubringen, und dem Feſte bei⸗ zuwohnen. Herr von Lamoignon zeigte ſich in Allem ſei⸗ ner Geburt wuͤrdig. Bei dem Parlamente ruͤhmte man ſeine Rechtſchaffenheit, ſeine Kenntniſſe, ſeine ſeltene Beredſamkeit, während ſein ſicherer, gebilde⸗ ter Geſchmack, die Anmuth ſeines Geiſtes, der Reiz und die Zuverläſſigkeit ſeines Umganges, ihm die Freundſchaft Racines, Boileaus und Molières gewonnen hatte, mit denen er im vertrauteſten Um⸗ gange lebte. Nach einem frommen Familiengebrauche hatte Herr von Lamoignon ſich ſeit längerer Zeit damit beſchaͤftigt, die Lebensgeſchichte ſeines Vaters zu ſchreiben, eine edle Aufgabe, die ſtets dem älteſten Sohne dieſes Hauſes zufiel. Dieſe Biographie des erſten Präſidenten Wil⸗ helm von Lamoignon war kuͤrzlich vollendet und bei dieſer ſehr paſſenden Gelegenheit vorgeleſen worden. Die Nachkommen dieſes beruͤhmten Mannes hatten mit dem Beben edlen Stolzes die denkwoͤr⸗ digen Worte deſſelben bei dem Prozeſſe Fouqué's aufbewahrt, deſſen Tod Ludwig XiW. um jeden Preis wollte: Ein Richter ſpricht ſeine An⸗ ſicht nur ein Mal aus, und zwar, wenn er auf dem Clientenſeſſel ſitzt. Dieſe ſchoͤne und ſtolze Antwort gab der Präſident dem Miniſter Colbert, welcher im Namen des Koönigs in ihn drang, fuͤr den Tod zu ſtimmen oder ſein Urtheil wenigſtens vorher auszuſprechen. Nicht weil er zu Fouqués Freunden gehörte, ſondern weil er ihn fuͤr unſchuldig hielt, wagte es Wilhelm von Lamoignon dem Zorne des Koͤnigs zu trotzen, indem er ſich weigerte, den Vorſitz zu fuͤhren, als Ludwig XlV. darauf beſtand, zu Be⸗ richterſtattern des Prozeſſes zwei Räthe ernannt zu ſehen, die der Oberintendant mit Recht verwor⸗ fen hatte. Vergebens ſtellten die Freunde des erſten Prä⸗ ſidenten demſelben vor, welchem gewaltigen Haſſe er ſich ausſetze, vergebens forderten ſie ihn auf, den Vorſitz zu fuͤhren; unerſchutterlich in ſeinem mu⸗ thigen Entſchluſſe, antwortete Wilhelm von La⸗ moignon ſtets:„Ich habe meine Hände rein erhalten, und will ſie nicht beſudeln.“ Es war ein ruͤhrendes und ſchönes Schauſpiel, die beiden Generationen fromm verſammelt zu ſe⸗ hen, um die edle Schilderung von dem Leben ihres Vaters und Großvaters anzuhoren. Herr von Baville ſaß zwiſchen ſeiner Frau und ſeinem Sohne. Dieſer junge Mann, von ſanften, melancholiſchen Zugen, ſchien durch einen geheimen Kummer bedruͤckt zu werden. Waͤhrend er mit der größten Aufmerkſamkeit zuhoͤrte, fuͤllten ſich ſeine Augen mehrmals mit Thränen. Herr von Baville war 56 Jahr alt, von mitt⸗ lerer Groͤße und trug ein reiches ſchwarzes vene⸗ zianiſches Gewand; ſeine außerordentlich geiſtrei⸗ chen Züge ſchienen mehr durch die Arbeit, als durch das Alter angegriffen zu ſein; ſein feſter, durchboh⸗ render Blick, ſeine kräftige, entſchloſſene Stimme, die ſtolze und impoſante Haltung ſeines Kopfes, verliehen ihm einen Ausdruck voll Wuͤrde, Feinheit und Kraft, zuweilen jedoch gemildert durch ein Laͤ⸗ cheln der Sanftmuth oder des Spottes. Fräulein Julie von Lamoignon, braun und friſch, mit großen ſchwarzen Augen, mit roſigem, etwas ſpottiſchem Munde, trug eine lange Robe von leinengrauen Taffet, mit orangen Schleifen be⸗ ſett. Ihre Tante, Frau von Baville, trug eine Carmeliterrobe. unter den ſuͤßen Freuden dieſes Familienfeſtes dachte der Intendant von Languedoc, umringt von den Seinigen, den Tag zuzubringen. Sah man ihn wechſelsweiſe ſo heiter, ſo gut, ſo freundlich ſpöttiſch, ſo hatte man den fuͤrchterlichen und ge⸗ furchteten Veamten nicht wieder erkannt, deſſen Name eine ganze Provinz zittern machte. Herr von Baville machte ſich einen Spaß dar⸗ aus, ſeine Nichte, Fräulein Julie von Lamoignon zu quälen, indem er ſie mit boshafter Ausdauer fragte, weshalb ſie die orangen Farbe ſo liebte, die Farbe der Bänder, welche das Leibchen des jungen Maͤdchen ſchmuͤckte. „Aber, lieber Onkel, ich verſichere Euch,“ ſagte 33 — 33— räulein von Lamoignon,„daß ich fur dieſe Farbe ben ſo wenig Vorliebe hege, wie fur eine andere.“ „Wie,“ rief Herr von Baville lachend,„und ſeit Du hier biſt, trägſt Du doch nur dieſe Farbe? Vorgeſtern hatteſt Du an dem allerliebſten Kleide orange Bäͤnder! Geſtern auf dem andern, huͤb⸗ ſchen meergruͤnen Kleide wieder orange Bänder, und in Deinen ſchoͤnen braunen Haaren haſt Du beſtändig orange Bander.— Ei, ei, meine liebe Julie,“ ſagte Herr von Baville, indem er ihr ſcher⸗ zend mit dem Finger drohte,„ich furchte, dieſe Wahl iſt nicht Sache des Geſchmackes, ſondern der Erinnerung.“ „Welche Thorheit,“ ſagte Julie erröthend. „Höre Bruder,“ ſagte der Intendant zu Herrn von Lamoignon,„Du mußt mir zu Huͤlfe kom⸗ men. Denke nach; haſt Du unter allen Leuten der voruehmen Welt, die Dich beſuchen, nicht irgend eine ſtattliche blonde Peruͤcke, nicht irgend einen blonden Stutzer bemerkt, der auch immer mit Bän⸗ dern von dieſer verliebten Farbe geſchmuͤckt iſt?“ „Warte, warte,“ ſagte Herr von Lamoignon lächelnd und indem er ſich zu beſinnen ſchien.„In der That, der junge Raoul von Courville, ein ſehr guter Edelmann, ein Ehrenmann, und uͤberdies der Sohn meines beſten Freundes, iſt bis jetzt, da Du mich darauf aufmerkſam machſt, wie ich mich beſinne, immer mit dieſer Farbe bedeckt.“ „Wie, Raoul von Courville, der Jugendge⸗ ſpiele Deines Sohnes, mein Bruder,“ ſagte Krieg in den Cevennen. I. 3 „ 1— Herr von Baville, indem er ſich uͤberraſcht ſtellte. „Wie, der huͤbſche Raoul, der beinahe mit Julie er⸗ zogen worden iſt? Oh, dann ſcheint mir nichts na⸗ turlicher,“ fuͤgte er boshaft laͤchelnd hinzu;„Alles erklärt ſich vortrefflich. Sie hatten dieſelben Leh⸗ rer, denſelben Unterricht, und ihr Geſchmack iſt na⸗ tuͤrlich eine Folge der gemeinſchaftlichen Erziehung.“ „Mein Gott, mein Gott, Ihr ſeid recht bos⸗ haft, Oheim,“ ſagte Fräulein von Lamoignon, in⸗ dem ſie ungeduldig und zuͤrnend mit dem kleinen Fuße ſtampfte. „Ei,“ ſagte Herr von Baville, indem er auf⸗ ſtand und ſich auf die Lehne ſeiner Nichte ſtuͤtzte, mit einem Ausdrucke voll Anmuth und Guͤte, „nun ſagſt Du eben, ſo wie die ganze Provinz, daß ich boshaft bin. Komm, ich will meinen Frieden mit Dir ſchließen; nein, Raoul trägt dieſe Bän⸗ der nicht als Zeichen der Erinnerung an Dich; nein, nein, Du trägſt ſie als ein Zeichen der Er⸗ innerung an ihn! Biſt Du nun zufrieden?“ „Keineswegs, im Gegentheil,“ entgegnete Julie, indem ſie unwillkuͤrlich lächeln mußte.„Was Ihr da ſagt, iſt ja noch viel ſchlimmer.“ „Was kann ich aber thun, um meine Begna⸗ digung zu erwirken?“ fragte Herr von Baville. „Ach, jetzt habe ich es: wenn Du es mir ver⸗ zeihſt, ſo ſollſt Du mit Meiſter Janet, dem Capi⸗ tain der Stadtmiliz, eſſen, vorausgeſetzt jedoch, daß ————— Du, ſo wie Dein Bruder, mir verſprichſt, ernſthaft und geſetzt zu bleiben.“ „Iſt denn Meiſter Janet fuͤr die Ernſthaftig⸗ keit ſeiner Zuhoͤrer ſo gefährlich?“ fragte Fräulein von Lamoignon. „Er hat mich ſogar oft beinahe aus der Fuſſung gebracht. Denkt Euch Kinder in ihm die alte Ab⸗ handlung der chriſtlichen Wohlanſtändigkeit in Fleiſch und Bein, Peruͤcke und Spitzen. Vor acht Ta⸗ gen empfing ich ihn in dem Cabinet, in welchem mein Bild haͤngt; da Meiſter Janet darauf halt, gewiſſenhaft die Regeln der Hoͤflichkeit zu beobach⸗ ten, dieſe aber verbietet, dem Bilde des Hausherrn den Ruͤcken zuzuwenden, befand ſich der gute Mann in einer gewaltigen Verlegenheit, denn ich ſaß mei⸗ nem Bilde grade gegenuͤber. Ihr bättet Meiſter Janet ſehen ſollen; er trippelte hin und her, als ſtuͤnde er auf gluͤhenden Kohlen; er ſtellte ſich zur Seite, zu dreivierteln, bog den Koͤrper vor, bog ihn zu⸗ ruͤck, und endlich außer ſich und in Schweiß ge⸗ badet, weil er die beiden der Hoͤflich⸗ keit gegen das Portrait und das Original nicht in Uebereinſtimmung zu bringen wußte, faßte er mu⸗ thig den Entſchluß, mir zu antworten, indem er den Kopf ſeitwaͤrts nach dem Bilde drehte.“ Dieſe Schilderung begleitete Herr von Baville mit einer hoͤchſt ergötzlichen Pantomime, und ſie erweckte ein ausgelaſſenes Wgte welches aber durch den Eintritt des Secretairs des Intendanten unterbrochen wurde. „Gnädiger Herr, der Courrier iſt angekommen,“ meldete der Secretär. „Die Geſchaͤfte rufen,“ ſagte Herr von Ba⸗ ville,„mein Sohn komm. Bald ſollſt Du das Ende von der Geſchichte des Meiſter Janet, des Milizcapitains hoͤren, meine kleine Fee Orangine,“ fügte der Intendant gegen ſeine Nichte gewendet heiter hinzu. Dann begab er ſich in ſein Cabinet, wohin ihm ſein Sohn folgte, deſſen melancholi⸗ ſches und beinahe finſteres Weſen auffallend mit der ſtillen Freude kontraſtirt hatte, von der die andern Mitglieder der Familie beſeelt wurden. III. Politik. „Ich werde ſchellen, wenn ich Eurer bedarf, Suͤrval,“ ſagte Herr von Baville zu ſeinem Se⸗ cretair; dann ſetzte er ſich an einen großen Tiſch, der mit Papieren bedeckt war, und auf dem die kuͤrzlich von Paris angelangten 5 geord⸗ net lagen. Juſt von Baville, ſpäter unter dem Namen von Courſon bekannt, blieb maſchinenmäßig gegen den Sockel einer großen Standuhr gelehnt. „Was ſehe ich,“ rief Herr von Baville, nach⸗ dem er einen neuen Brief entſiegelt hatte;„mein Sohn, Du biſt zum Intendanten von Rouen er⸗ nannt worden. Der Koͤnig uͤberhaͤuft uns mit ſei⸗ ner Gnade.“ „Ich, mein Vater?“ ſagte Juſt beinahe er⸗ ſchrocken. „Du, mein Sohn! Du, der einfache maitre des requéttes am Gerichtshofe von Montpellier. Das iſt eine ungehoffte Gunſt. Ich bin uͤberzeugt, daß der Kanzler in Folge einer zartſinnigen Auf⸗ merkſamkeit dieſen in unſerer Familie ſo gefeierten Tag hat abwarten wollen, um uns die angenehme Nachricht zu melden. Kommen Sie, kommen Sie, Herr Intendant, und laſſen Sie ſich Ihrer Mut⸗ ter und Ihrem Oheim unter Ihrem neuen Titel vorſtellen,“ ſagte Herr von Baville, indem er auf⸗ ſtand und ſeinen Sohn mit Herzlichkeit umarmte. Juſt von Baville ſchien die Freude des Inten⸗ danten nicht zu theilen; in dem Augenblicke, als ſein Vater in den Salon treten wollte, ſagte er mit bittendem Tone: „Auf ein Wort!“„ Perr n Baille ſah ſeinen Sohn uͤber⸗ raſcht an. „Wahrlich, Juſt,“ ſagte er,„ich begreife Deine Kälte nicht; der Koͤnig vertraut Dir ein bedeuten⸗ des Amt an, faſt gar nicht zu erwarten für Dein Alter, und man ſollte beinahe glauben, Du ſäheſt darin eine boͤſe Nachricht.“ „In der That habe ich auch alle Urſache, mich daruͤber zu betruͤben, denn ich fuͤrchte, Euch bei dieſer Gelegenheit grauſam zu mißfallen.“ „Mir mißfallen? So wäre es das erſte Mal in Deinem Leben! Ich ſage es mit innerer Zufrie⸗ denheit, daß nie ein Vater auf ſeinen Sohn ſtol⸗ zer ſein durfte, als ich auf Dich. Dein Charakter iſt edel, Dein Verſtand gebildet, erhaben, Deine Kenntniſſe ſelten fuͤr Dein Alter, Deine Auffuͤhe rung tadellos. Ich mache Dir, wie Du weißt, nur einen einzigen Vorwurf, und das iſt, meinen Anſichten zu blindlings zu folgen, ohne ſie je zu widerlegen.— Aber, ſage mir, weshalb Du mir bei dieſer Anſtellung zu miffallen fuͤrchteſt, die ſo viele Andere Dir beineiden muͤſſen?“ „Ich fuhle mich verpflichtet, dieſe Anſtellung ab⸗ zulehnen,“ ſagte Juſt von Baville, indem er ſich muͤhſam ſelbſt bezwang. „Ablehnen!“ rief Herr von Baville mit dem hochſten Staunen;„erkläre Dich, mein Sohn.“ „Der Tag iſt erſchienen, Euch eine große Ent⸗ deckung zu machen; aber werde ich den da⸗ zu haben?“ „Beim Himmel, ich hoffe doch, daß kein ent⸗ ehrender Grund darin obwaltet,“ rief Herr von Baville, indem er dunkel erröthete. „Nein, beruhigt Euch, mein Vater,“ Juſt mit einem Tone voll Traurigkeit und Wuͤrde. „Ich glaube Dir, ich glaube Dir, mein Sohn, aber ſprich.“ „Ihr habt mir oft den Vorwurf gemacht, daß ich Eure Anſichten zu blind theilte; werdet Ihr mir jetzt die Kuͤhnheit meiner Worte verzeihen koͤnnen?“ „Ich hore!“ Und die Zuͤge des Herrn von Baville druͤckten eine ſchmerzhafte Neugier aus. „Seit einiger Zeit habt Ihr mich mit der Lei⸗ tung dieſer Provinz vertraut gemacht. Die fuͤrch⸗ terlichen Befehle, welche in allen Herzen Schrecken verbreiteten, wurden von meiner Hand geſchrieben — und ich geſtehe Euch jetzt, daß meine Hand, während ich ſie ſchrieb, oft heftig gezittert hat; oft erröthete meine Stirn—“ und Juſt zögerte einen Augenblick. „Fahre fort,“ ſagte Herr von Baville, ohne aufgeregt zu werden. „Soll ich Euch geſtehen, daß dieſe Befehle mir willkurlich, blutdurſtig, gottesläſterlich vorkamen? Und doch kannte ich Euch als gerecht, religiös und gut. Obgleich ich außerhalb von Euren Freunden oder Euren Untergebenen umringt war, horte ich doch Euren Namen ſtets nur mit Entſetzen ausſprechen; und kehrte ich dann in unſer Haus zuruck, ſo fand ich in Euch den zärtlichſten, liebevollſten Vater. In Eurem gefurchteten Tribunale war Euer Blick un⸗ erbittlich, Euer Ton unbeugſam, und ſpracht Ihr mit meiner Mutter oder mit mir, ſo war Eure Stimme voll Sanftmuth, Euer Blick voll Milde.“ Herr von Baville reichte ſeinem Sohne die Hand, die dieſer ehrfurchtsvoll kußte. „Ach, wenn Ihr wuͤßtet, wie entſetzlich es fur einen Sohn iſt, ſeinen Vater anklagen zu muͤſſen! Erſchreckt durch den Gedanken, trachtete ich zuwei⸗ len, gegen die Proteſtanten ungerecht zu werden. In ihrer Ergebung wollte ich nur Heuchelei ſehen in ihrer demuͤthigen Vorſtellung nur Verwegenheit. Starben ſie als Märtyrer ihrer Religion und bete⸗ ten noch auf dem Scheiterhaufen: Herr, mein Gott, verzeihe unſern Henkern! Herr, mein Gott, beſchuͤtze unſern König! So ſah ich in dieſem Muthe nur eine gottloſe Verworfenheit; dieſe Wuͤn⸗ ſche, dieſe Verzeihung, waren nichts als ein gottloſer Spott. Bald aber emporten ſich meine Vernunft, mein Herz, das edle Blut, das ich von Euch em⸗ pfing, gegen dieſe Ungerechtigkeit. Dann verſank ich aufs Neue in einen Abgrund des Zweifels und der Bitterkeit, denn in meinen Augen waren Eure Befehle barbariſch und ungerecht,“ ſagte der junge Mann mit leiſer und bebender Stimme. „Und haſt Du den König nie angeklagt?“ ſagte . Perr von Baville.„Sein Wille war es doch gleich⸗ wohl, den ich vollzog.“ „Ich kenne die ſtolze Unabhäͤngigkeit Eures Charakters; nie haͤttet Ihr Euch zum blinden Werk⸗ zeuge eines Willens gemacht, den Ihr dem Lande * fuͤr verderblich hieltet. Die Befehle des Königs vollziehen laſſen, hieß, ihnen Eure glänzende Bei⸗ ſtimmung geben.“ „Dieſer Gedanke iſt edel und gerecht; Du täu⸗ ſcheſt Dich nicht,“ ſagte Herr von Baville.„Aber weshalb verbargſt Du mir bisher Deine Furcht, Deine Serupel, Deine Zweifel?“ .„Ich wollte nicht eher davon ſprechen, als bis ich einen Entſchluß fuͤr die Zukunft gefaßt hätte. . — Ehe ich mich dazu beſtimmte, wollte ich noch nach⸗ denken; verzweifelnd klagte ich das Schwanken mei⸗ nes Geiſtes an, der ſich nicht, wie der Eurige, bis zu einer gewiſſen Hoͤhe erheben konnte, von wo man die menſchlichen Dinge ohne Zweifel anders beurtheilt. Meine Gedanken erſchoͤpften ſich bis zum Schwindel, indem ſie dies furchterliche Geheim⸗ niß erforſchen wollten. Vergebens bat ich den Him⸗ mel, mich aufzuklären: alle Begeiſterungen, die mir von oben kamen, ſchienen nur noch mehr die furch⸗ terliche Verfolgung zu verdammen, deren Mitſchul⸗ dige wir waren. Ach, mein Vater, mein Vater,“ ſagte Juſt, indem er dem Intendanten zu Füßen fiel,„verzeiht Eurem Sohne; jetzt wißt Ihr Al⸗ les. Ihr ſeht, daß ich die Functionen nicht aus⸗ uͤben kann, die der König mir uͤberträgt. Nicht alle Proteſtanten ſind in Languedoc, und nie werde ich einem Herrn dienen, deſſen Grauſamkeit mir Abſcheu einfloͤßt.“ Herr von Baville ſchien geruͤhrt; er hob ſeinen Sohn auf, umarmte ihn zärtlich und gab ihm ein Zeichen, ſich zu ſetzen.. Juſt hatte ſich bisher, wenigſtens ſcheinbar, ſo gleichgultig gegen das Loos der Hugenotten ge⸗ zeigt, daß der Intendant von ſeinem Staunen nicht zuruͤckkommen konnte. Herr von Baville war uͤber⸗ dies von zu ſtrengem Charakter, ſeine Ueberzeugun⸗ gen waren zu feſt begruͤndet, er war zu ſehr an blinden Gehorſam gewöhnt, als daß er den Ge⸗ danken, ſeine Handlungen, ſelbſt in den Augen ſeines Sohnes zu rechtfertigen, je hätte hegen können. Fortgeriſſen durch die Geſchäͤfte, des guten Rech⸗ tes der Sache, der er diente, gewiß, hatte der In⸗ tendant nie die Zeit gehabt, nie das Beduͤrfniß gefuͤhlt, eine unfruchtbare Selbſtpruͤfung vorzu⸗ nehmen. Daß die Ruhe ſeines innern haͤuslichen Lebens auffallend mit ſeiner entſetzlichen Verwaltung con⸗ traſtirte, kuͤmmerte ihn wenig; er hielt den Schrecken fuͤr heilſam und wendete ihn als ein heftiges und furchtbares, aber nothwendiges und entſcheidendes Mittel an. Geheimnißvolle Anomalie, die uͤbrigens wohl geeignet war, Juſt aufzufallen. Herr von Baville, in ſeinem Privatleben von reinen Sitten und ſanft, zeigte ſich unbeugſam in der Anwendung der blutigſten Maßregeln; er fuͤhlte weder Galle noch Bosheit gegen die Leute, die er verurtheilte; der religiöſe Haß leitete ihn nicht irre; zuweilen beklagte er ſogar die Opfer der Verfolgung, und dennoch uͤbernahm er ohne Gewiſſensbiſſe, ohne Reue, jede Verantwortlichkeit der barbariſcheſten Edicte. Ungeachtet deſſen, was ſo eben vorgefallen war, zweifelte Herr von Baville nicht daran, daß die Liebe ſeines Sohnes fuͤr ihn ſich ſtets gleich blei⸗ ben wuͤrde. Dennoch hatten die Anklagen Juſt's ihn ſchmerzlich beruͤhrt. Obgleich dieſer die Annahme der Intendanz von Rouen verweigert hatte, hoffte ſein Vater, indem er ihm die Gruͤnde ſeines ei⸗ genen Benehmens auseinander ſetzte, ihn von ſei⸗ ner ungerechten Anſicht zuruͤckzubringen, und ihm Ideen einzufloͤßen, die weniger epaltirt waͤren und fuͤr den Lauf der Geſchäfte geeigneter. Mit Zaͤrtlichkeit, Ruhe und Wuͤrde, und erſt nach einem ziemlich langen Stillſchweigen, antwor⸗ tete daher Herr von Baville ſeinem Sohne: „Ich danke Dir fuͤr Deine Offenheit. Deine Ehrfurcht und Deine Liebe fuͤr mich ſind groß; ſie ſind durch die Uebertreibung edler Geſinnungen nicht erſchuͤttert worden, die ohne Zweifel großmuͤthig ſind, die aber ohne Gegengewicht einen verderblichen Einfluß auf Deinen Geiſt ausuͤben könnten. Du trittſt in finſtern, ſtuͤrmiſchen Tagen in das Leben ein; unſere Zeit iſt eine Zeit furchtbaren Kampfes, und— doch nein, dieſe Zeit iſt wie jede andere, jede Zeit wird ihr gleichen. Der Menſch wird ſtets der Menſch bleiben. Die beiden entgegengeſetzten Prinzipe, die ſich jetzt mit Erbitterung bekämpfen, haben ſich die nicht ſtets bekämpft, werden ſich die nicht ſtets bekämpfen? Unter einer Form oder un⸗ ter einer andern wird der Grund des Kampfes ſtets derſelbe bleiben und nur der Name ſich ändern! Stets wird es das Boͤſe ſein, welches gegen das Gute kämpft, die Empoͤrung gegen die Macht, der Stolz gegen die Unterwerfung, der Diener gegen den Herrn, der Unterthan gegen den Koͤnig, das Geſchoͤpf gegen ſeinen Gott.“ „Aber, mein Vater, dieſer Krieg iſt kein Buͤr⸗ gerkrieg, ſondern ein Religionskrieg. Hätte man die Gewiſſensfreiheit der Religionaren nicht angetaſtet, haͤtte man ſie nicht durch unerbittliche Strenge zur Verzweiflung gebracht, wuͤrden ſie ſich dann wohl em⸗ poͤrt haben?“ fragte Juſt mit ehrerbietiger Feſtigkeit. „Wenn die Erfahrung Deinen Verſtand ge⸗ reift haben wird, mein Sohn, wirſt Du den gan⸗ zen Sinn dieſer ſpitzfindigen Verſchiedenheit einſe⸗ hen. Wer katholiſch ſagt, ſagt monarchiſch; wer proteſtantiſch ſagt, ſagt republikaniſch; und jeder Re⸗ publikaner iſt ein Feind der Monarchie. Frank⸗ reich iſt aber weſentlich, und noch mehr ſogar, geo⸗ graphiſch monarchiſch. Seine Macht, ſein Gluͤck, ſein Leben hängen weſentlich von dieſer Regierungs⸗ form ab. Das theokratiſche Element, welches in ſeine geſellige Organiſation eindringt, hat ihm 14 Jahr⸗ hunderte der Exiſtenz verliehen; was die Druiden begonnen haben, vervollkommneten die Biſchoͤfe. Wir werden daher nie die Reform dieſe herrliche Hie⸗ rarchie der politiſchen Gewalt angreifen laſſen, welche die Größe und Kraft Frankreichs ausmacht. Un⸗ ſere Koͤnige ſind die erſtgebornen Soͤhne der Kirche. Wenn die Kirche ſie ſalbt, wenn ſie ihr Recht gött⸗ lich macht, um es unantaſtbar zu machen, ſo muͤſ⸗ ſen unſere Könige ihrerſeits dafur die Kirche gegen die Ketzerei vertheidigen; ließen ſie die unfehlbare Macht 6— des heiligen Stuhles antaſten, ſo wuͤrde man bald auch die unfehlbare Macht des heiligen Thrones angreifen. Noch ein Mal: wer die Tiara läugnet, laͤugnet die Krone; wer den Papſt läͤugnet, laͤugnet den Koͤnig.“ „Aber behauptet nicht der Koͤnig ſelbſt durch ſeine Erklaͤrung der vier Artikel, mehr Oberhaupt der gallicaniſchen Kirche zu ſein, als ſogar der Papſt? Stellt er nicht den heiligen Vater in Ver⸗ dacht? Unterwirft er nicht die Biſchoͤfe den Parla⸗ menten durch die Appellation gegen die Urtheils⸗ ſpruͤche geiſtlicher Gerichte?“ „Und wer ſagt Dir, daß das nicht ein großer, ein verderblicher Irrthum ſei? Oh, Boſſuet weiß nicht, was fuͤr einen Streich er dem Koͤnigthume, deſſen unwandelbare Autorität auf der Gnade Got⸗ tes ruht, verſetzt hat, als er geſtattete, daß die Un⸗ fehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche ungeſtraft angetaſtet werden durfte.“ „Aber der Papſt iſt nur ein Menſch, und ſeine Unfehlbarkeit nichts als eine Fiction.“ „Ich bin auch nur ein Menſch, und meine. Beſchluͤſſe ſind dennoch unumſtoͤßlich! Der letzte Richter eines Seneſchallamtes iſt nur ein Menſch; der letzte Dorfrichter iſt ein Menſch und oft ein Dummkopf, und waͤre Pascal, Moliére oder New⸗ ton ſeiner Gerichtsbarkeit unterworfen worden, ſo wuͤrde ſein Urtheilsſpruch gegen dieſe großen Min⸗ ner vollzogen worden ſein und hitte vollzogen wer⸗ den muͤſſen. Ohne Zweifel wäre es peinlich, Pas⸗ cal ungerecht durch einen dummen Dorfrichter ver⸗ urtheilt zu ſehen, aber wie viel Gutes verdankt man nicht der Gerechrigkeit fuͤr einen bewundernswerthen Irrthum, welchen heilſamen Zuͤgel, welche Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr die Ruhe Aller! Wende dieſes Urtheil auf die hochſten geſellſchaftlichen Combinationen an, und Du wirſt von der Nothwendigkeit gewiſſer Fictionen uͤberzeugt ſein. Ach, mein Sohn, die Menſchheit iſt unvollkommen! Von zwei Uebeln muß man das kleinſte wählen; und dann glaube an die große Wahrheit: in Bezug auf die Regie⸗ rung iſt Alles das, was in der Theorie bewunderns⸗ werth ſcheint, in der Praxis in der Regel unaus⸗ fuͤhrbar.— Was iſt in der Theorie ſcheinbar gerechter und weiſer, als die Wahl⸗Souverainität? Und in der Praxis iſt es gleichwohl eine unmog⸗ liche Monſtruoſität. Zum Heil der Könige, fuͤr den Frieden, fuͤr das Gluck der Voͤlker, muß daher die Kirche unfehlbar ſein oder als unfehlbar betrach⸗ tet werden. Dieſe goͤttliche Quelle, aus der jede Macht, jede Ordnung, jede Moral, jede Religion entſpringt, muß eben durch ihren himmliſchen Ur⸗ ſprung gegen jede Beſudelung geſchuͤtzt ſein; der Unſinnige, das Ungeheuer, welches an dieſer Wahr⸗ heit, an dieſer bewunderungswuͤrdigen Fiction, wenn Du willſt, Zweifel erwecken wollte, wuͤrde Verwir⸗ rung, vielleicht den Tod, in die chriſtliche Geſell⸗ ſchaft bringen; und leider iſt es das, was Luther gethan hat.“ Juſt hatte die religioͤſe Frage, die ihn ſo leb⸗ haft beſchaͤftigte, noch nie aus dem politiſchen Ge⸗ ſichtspunkte betrachtet, welchen ſein Vater ihm jetzt entwickelte. Die Logik des Herrn von Baville, welche lebendig und dringend war, begann ſeine Ue⸗ berzeugung etwas zu erſchuͤttern; er liebte, er ver⸗ ehrte ſeinen Vater; es war ihm entſetzlich ſchmerz⸗ lich geweſen, ihn der Barbarei anzuklagen, und er mußte daher beinahe mit Eifer alle Gruͤnde auf⸗ nehmen, welche die ubermäßige Strenge rechtferti⸗ gen konnten, die der Intendant ausuͤbte. Dennoch zoͤgerte er, ſich den Bemerkungen ſei⸗ nes Vaters zu ergeben und entgegnete ſchuͤchtern: „Ich glaubte, Luther hätte nur das Aergerniß und die Laſter der katholiſchen Geiſtlichkeit reformi⸗ ren wollen.“ „Und um einige Mißbräuche abzuſtellen,“ rief Herr von Baville unwillig,„hat Luther Europa erſchuͤttert, und dem religioͤſen wie dem monarchi⸗ ſchen Glauben einen toͤdtlichen Streich verſetzt! Die Reformation hat mehr Blut vergoſſen, als je die Religionskriege. Und der 30 jährige Krieg! Und der Buͤrgerkrieg in Flandern und in England! Und das Blutbad der Bartholomaͤusnacht! Und die Er⸗ mordung Maria Stuarts! Und die Ermordung Heinrichs i1I.! Und die Ermordung Heinrichs* 1 Und die Hinrichtung Carls I. von England! Wer hat ſie verurſacht? Wer hat ſo viele entſetzliche Fälle veranlaßt? Die Reformation und wieder die Reformation! Spanien allein hat durch die heil⸗ ſame, durch die herrliche Einrichtung der ſo unwuͤr⸗ dig verleumdeten Inquiſition ſich gegen den allge⸗ meinen Umſturz geſichert. Aber, um wieder auf Frankreich zuruͤck zu kommen, wer hat da den un⸗ gluͤckſeligen Krieg veranlaßt, der jetzt dieſe Provinz verheert, verarmt, mit Blut tränkt? Iſt es nicht die Reformation geweſen?“ „Aber hätte man das Edict von Nantes nicht widerrufen, ſo wuͤrden die Proteſtanten unterwuͤrfig und friedlich geblieben ſein; erſt in Folge von Ge⸗ waltthaten, von Hinrichtungen, haben ſie ſich em⸗ poͤrt. Ach, der gute, der große Heinrich hatte an⸗ dere Anſichten von der Toleranz,“ ſagte Juſt mit Bitterkeit. „Der gute, der große Heinrich hat eben ſo ſehr politiſchen Ruckſichten nachgegeben, als einem Reſte der Anhänglichkeit fuͤr die, deren Ketzerei er fruher theilte. Wenn er die Ruhe Frankreichs waͤhrend ſeiner Regierung ſicherte, ſo waffnete er dafuͤr die Hand Ravaillacs und hinterließ den Koͤnigen, die ihm folgten, furchtbare Verlegenheiten.“ „Aber ſind nicht in unſern Zeiten die Refor⸗ mirten bis zum Widerrufe des Edictes von Nan⸗ tes friedlich geweſen? Hat nicht Colbert ſelbſt tauſendmal ihre Arbeitſamkeit, ihre Rechtſchaffenheit geruͤhmt?“ „Uund wer ſagt Dir, Kind, daß der Widerruf des Edictes von Nantes nicht ein Fehler ſei, ein Krieg in den Cevennen. II. 4 50— großer Fehler? Wer ſagt Dir? daß ich ihn nicht bekampft hätte?“ „Ihr habt ihn bekämpft?“ rief Juſt von Ba⸗ ville aus. „Ich habe die Unzeitmäßigkeit dieſer Maßregel bekämpft, aber nicht das Prinzip, welches ſie dictirte,“ entgegnete der Intendant und fuͤgte dann mit feier⸗ lichem Tone hinzu:„In meiner Seele wie in mei⸗ nem Gewiſſen ſpreche ich dem Könige, unſerm Perrn, das Recht zu, in ſeinen Staaten religiöſe Einheit zu verlangen; als aͤlteſter Sohn der Kirche, die ihn ſalbte, iſt es ſeine Pflicht als Katholik, wie ſein Vortheil als Fuͤrſt, dieſe Einheit zu wollen; aber ich glaube auch, daß die Stunde, dieſe große Maßregel zu faſſen, noch nicht gekommen warz ich glaube, daß die Mittel, die man anwendete, um die Bekehrungen zu beſchleunigen, tadelnswerth waren.“ „Und dennoch habt Ihr dieſe Maßregel, dieſe in Euren Augen ſo tadelnswerthen Mittel—“ Juſt ſtockte. „Ich habe ſie mit meiner ganzen Macht zur Anwendung gebracht, willſt Du ſagen, nicht wahr? Das ſcheint Dir ſchlecht!— Hoͤre mich, mein Sohn; dieſe Lehre iſt groß und wird Dir heil⸗ ſam ſein. Der König konnte und mußte einſt das Edict von Nantes widerrufen, aber indem er den Widerruf uͤbereilte, gefährdete er den Erfolgz das iſt meine Meinung. Da aber die Maßregel, die ich tadle, einmal vollzogen war, was blieb mir da — zu thun? Sollte ich— nicht fuͤr eine heilige Frage der Prinzipe, ſondern nur fuͤr eine gelegent⸗ liche Frage, den Dienſt meines Herrn in einer Zeit verlaſſen, in welcher ich ihm ganz beſonders nuͤtz⸗ lich ſein konnte? Sollte ich ihn in einem Augen⸗ blicke der Unruhe und Gefahr aufgeben, oder mußte ich ſo handeln, wie ich gehandelt habe: den Be⸗ ſchluß Sr. Majeſtät als eine boͤſe, aber jetzt un⸗ widerrufliche Thatſache betrachten, die Wirkungen deſſelben ſtreng verfolgen und dieſe Provinz durch eine Strenge retten, die ich für heilſam halte? Ant⸗ worte mir, mein Sohn, was konnte ich thun?“ ſagte er, indem er Juſt mit dem Ausdrucke der Zäͤrtlichkeit und Wuͤrde anſah. In den Zuͤgen, in der Sprache des Herrn von Baville lag ſo viel Erhabenheit, eine ſo edle Zuver⸗ ſicht, er ſchien ſo uͤberzeugt von der Gerechtigkeit der Sache, der er ſein Leben gewidmet hatte, er ubernahm ſo tapfer die Verantwortlichkeit des Un⸗ rechtes, welches nicht ſein war, ſein Betragen war ſo ſtreng conſequent zu ſeiner aufgeklärten Anhäng⸗ lichkeit fur den Koͤnig und die Monarchie, daß Juſt ſich beinahe beſiegt fuͤhlte. Von dem Geſichtspuncte aus, auf welchen Herr von Baville die Frage geſtellt hatte, beurtheilte Juſt die Handlungen des Inten⸗ danten anders. Er ſchämte ſich ſeines erſten Ver⸗ dachtes und rief, indem er auf die Kniee fiel: „Ach, mein Vater, ich konnte Euch der Barba⸗ rei, der Ungerechtigkeit anklagen!“ 4* — „Ich geſtehe Dir, mein Kind, daß dieſer Vor⸗ wurf mir wehe gethan hat, ja, ſehr wehe,“ ſagte Herr von Baville, indem er ſeinen Sohn guͤtig aufhob. Dann fuhr er fort, indem er einen ſchmerz⸗ lich⸗truben Blick auf ihn richtete:„Aber das mußte ſo ſein; hat nicht der rechtſchaffene Mann, der ſich treu dem Dienſte ſeines Koͤnigs und ſeines Vater⸗ landes widmet, ſtets grauſame Pruͤfungen zu er⸗ dulden? Wer hinderte mich, wenn ich feig, oder meiner Ueberzeugung meineidig geweſen wäre, auf die Befehle Sr. Majeſtat durch eine glaͤnzende Ab⸗ dankung meines Poſtens zu antworten? Dadurch hätte ich zugleich mein Gewiſſen, meine Pflicht und den Beiſtand verrathen, den ich meinem Herrn ſchuldig bin; aber die Welt iſt ſo beſchaffen, daß ſie nicht laut genug meine Unabhaͤngigkeit, meinen Muth, meine Menſchlichkeit wuͤrde haben ruͤhmen können; die Geſchichte haͤtte mich hoch geprieſen und jetzt wird ſie mich vielleicht verurtheilen. Und dennoch, fuͤgte Herr von Baville mit Bitterkeit hinzu,„weiß man nicht, wie viel muthige Erge⸗ benheit fuͤr ſeine Pflicht und Anhaͤnglichkeit an das allgemeine Wohl noͤthig iſt, um den Kampf der Ruhe, den Haß der Volksthuͤmlichkeit, die Ver⸗ dammung vielleicht der Apotheoſe vorzuziehen!“ Und er ließ niedergeſchlagen den Kopf ſinken. „Ach, mein Vater, welch ein fuͤrchterlicher Ge⸗ danke,“ rief Juſt, indem er die Haͤnde ſeines Va⸗ ters mit ſchmerzlicher Aufregung kuͤßte. Dieſer aber beſiegte bald einen Anfall der Ent⸗ muthigung, welcher der natuͤrlichen Feſtigkeit ſeines Charakters ſo ſehr widerſprach, und ſagte, indem er den Kopf ſtolz erhob: „Schreibe die Geſchichte meinen Namen neben den eines Jeffries und des Laubardemont, falle ich unter dem Ketzerdolche oder nicht, mich kuͤmmert es wenig; denn ich habe meine Pflicht erfullt, und eine edle Pflicht, mein Kind. Glaube mir, Du würdeſt mich nicht ruhig, gluͤcklich im Kreiſe mei⸗ ner Familie ſehen, gleichguͤltig gegen die Beſchuldi⸗ gungen roher Grauſamkeit, mit denen man mich verfolgt, unbeugſam in meinem Willen, wenn ich nicht jeden Tag neue Zufriedenheit und neue Kraft aus meinem Gewiſſen ſchöpfte, welches mir ſagt, daß ich dem Koͤnige und Frankreich redlich diene.“ In dieſem Augenblicke klopfte ber Secretair des Herrn Baville an die Thuͤr und der Inten⸗ dant gebot ihm, einzutreten. „Gnädiger Herr,“ ſagte der Secretair,„ſo eben kam ein Courrier; er iſt dem Herrn Marſchall von Villars nur um eine kurze Strecke voraus.“ „Auf baldiges Wiederſehen, mein Sohn,“ ſagte Herr von Baville, indem er Juſt die Hand reichte; „wir werden dieſe Unterhaltung fortſeten, und ich hoffe, Dich zu uͤberzeugen und zu verſtändigeren Anſichten zu bringen.“ Der Intendant ging. Juſt war zwar von der unbeugſamen Politik ſeines Vaters noch nicht ganz bekehrt, aber er konnte ſich wenigſtens nicht enthalten, die edlen und mu⸗ thigen Ueberzeugungen zu bewundern, welche ſtets das Benehmen des Herrn Baville dictirt hatten. IV. Der Einzug. Am Tage nach der Unterhaltung Juſt's von Baville mit ſeinem Vater hielt der Marſchall von Villars ſeinen feierlichen Einzug in Montpellier. Zum erſten Male ſeit langer Zeit hatte die Stadt ein gewiſſes feſtliches Anſehen gewonnen. Die Buͤr⸗ germiliz war unter den Waffen; eine große Menge Neugieriger bedeckte den Ulmenplatz, uͤber den der Mar⸗ ſchall durch das Thor der Sonnerie kommen ſollte. Die Leute vom Volk und die Handwerker, welche an ihren grauen Filzhuͤten, ihren Cadis⸗Wämm⸗ ſern und ihren Struͤmpfen von naturfarbiger Wolle kennbar waren, draͤngten ſich in den Straßen, oder erkletterten die Bäume, um die Feſtlichkeit beſſer ſe⸗ hen zu können. Die Frauen, beinahe ſaͤmmtlich bruͤnett, trugen die zierliche Kleidung von Languedoc; ein weißer Schleier umgab ihren Kopf und war un⸗ ter dem Kinne zuſammengeknuͤpft. Um den Hals — trugen ſie ein goldenes oder ſilbernes Kreuz, daruͤber mit einem Schmetterling von demſelben Metall, ein komiſcher Verein eines heidniſchen und eines chriſtlichen Symboles. Ihre Kleider, die auf der Bruſt viereckig ausgeſchnitten waren, hatten keine Aermel, die ihres Drolets aber, einer Art Pelz von greller Farbe, waren ſehr eng, und am Hand⸗ gelenke mit kleinen in Kupfer oder Silber ciſelirten Knoͤpfen zugeknöpft. Hier und dort ſah man, unter die Handwer⸗ werker gemiſcht, eine ziemlich große Menge von Schwarzhuͤten, wie man damals die reichen Buͤrger nannte, welche eng anliegende Wämmſer und beſcheiden mit Baͤndern beſetzte Hoſen trugen; auf einen Kragen von blendender Weiße fiel ihr breites Halstuch herab. Mit Taffethaͤubchen und Kleidern von einfacher Farbe angethan, beſchleunig⸗ ten die Frauen dieſer braven Buͤrger den Schritt, voll Ungeduld, einen guten Platz zu finden, um den Marſchall ſehen zu können„ von dem man ſagte, daß er zu den ſchönſten und galanteſten Herren des Hofes gehoͤre. Anderwaͤrts wieder bemerkte man mehrere Land⸗ edelleute, in rothen Roͤcken, der Farbe, deren ſie ſich gewohnlich zu feſtlichen Begebenheiten bedienten,*) Bei öffentlichen Feierlichkeiten war die Geiſt⸗ lichkeit violet gekleidet, der Adel roth und der dritte Stand ſchwarz.. — ſtolz auf ihren Degen und ihr Bandelier, ihre Schaͤrpe und ihren Federbuſch. Die Meiſten ritten kleine Landpferde. Einige hatten ihre Frauen hinter ſich auf der Croupe, und Alle an dem Sattelhaken eine Mus⸗ kete oder Piſtolen hängen; Andere waren von ih⸗ ren Ackerknechten oder ihren bewaffneten Bedienten begleitet, denn die Landſtraßen waren nicht ſicher. Moͤnche aller Orden, und Soldaten der verſchiede⸗ nen Truppencorps, die in Montpellier ſtanden, be⸗ lebten endlich noch die bunte Menge durch ihre ma⸗ leriſchen Trachten. Nur eine Klaſſe von Katholiken fuͤrchtete die Ankunft des Marſchalls, deſſen ritterliche Tapferkeit und großmuͤthigen Character man beſonders pries: das waren die Soͤhne des Kreuzes. Dieſe Parteigänger, welche noch gefurchteter wa⸗ ren, als die Mikelets, vereinten mit der Wuth zur Pländerung die wildeſte religiöſe Eraltation. Ein alter Edelmann aus Languedoc, Namens Laſagiotte, hatte ſie als Freicompagnie organiſirt. Nach einem ſehr ſtuͤrmiſchen Leben hatte dieſer Menſch die Ere⸗ mitenkutte angelegt und ſich Bruder Gabriel ge⸗ nannt. Er hatte ſich in die tiefſte Einſamkeit in der Nähe von Sanniéres zuruckgezogen. ²) *) Wir führen in Bezug auf dieſen Menſchen hier aus der ſchon mehrfach erwähnten Manuſcriptenſamm⸗ lung den Auszug eines Briefes an: Von gluͤhendem Eifer fur die Sache des Ka⸗ tholicismus entzuͤndet, in ſeinem Beſchluſſe durch den Biſchof Flſchier von Nimes beſtärkt, zog der Einſiedler in das Feld. Seine Grauſamkeiten wur⸗ den ſo groß, daß Cavalier, der damals Generaliſſi⸗ mus im Lager des Ewigen war, wie er ſich „Ich muß Euch mittheilen, daß der Eremit ſeine „Compagnie vergrößern will. Er hat nur 100 Mann; „er will 225 Reiter haben, und behauptet, damit 600 „Kamiſarden die Spitze bieten zu können. „Er iſt ein rechtſchaffener Menſch, ſehr brav und „ſehr muthig. Er hat lange im Regiment Navarra „gedient. Legte er auch ſeine Kutte ab, ſo behielt er „doch ſeine Farben bei; er trägt einen Wamms von „der Farbe ſeiner Kutte'und weder Perücke noch De⸗ „gen. Er hat gute Sattelpiſtolen und eine Keule. Er „reitet beſtändig auf einem kleinen Pferde. Seine Sol⸗ „daten lieben ihn ſehr. Er vertheilt freigebig unter „ſie, was er erhalten kann, iſt durchaus nicht eigen⸗ „nützig, und ſagt es laut, daß er nur ſo lange des „Unterhaltes bedarf, als er dient, weil er dann wieder „in ſeine Einſiedelei zurückkehren würde, um hier ganz „nach ſeinen Wünſchen zu leben. Unlängſt war er in „St. Niamers; hier verhaftete er 5 Schelme, die als „Kamiſarden wohl bekannt waren; er wollte ſie an dem⸗ „ſelben Orte hinrichten, wo Andere den armen Pfarrer „des Dorfes ermordet hatten. Ihr wißt vielleicht, daß „man ihn in einen Abgrund ſtürzte, der ſich hier be⸗ „findet. Er behandelte die Schelme eben ſo und ſtürzte „ſelbſt einen nach dem andern in eben den Abgrund, „in welchen man den Pfarrer geworfen hatte.“ Mimes, den 4. Februar 1704.) . nennen ließ, an Herrn von Baville ſchrieb: wenn er der Roheit des Eremiten kein Ziel ſetzte, wuͤrde er, Cavalier, keinem Katholiken mehr Quartier ge⸗ ben. Er endete ſeinen Brief mit der Verſicherung, daß ſeine Truppen den Verbrechen fremd wären, welche die ſchwarzen Kamiſarden des Marius begangen hätten, an denen er im Gegentheil ein glänzendes und furchterliches Beiſpiel vollſtrecken wollte. Denn dieſe Räuber, ſagte er, entehren die Sache der wahren Krieger Gottes. Eben ſo wie die uͤbrigen Bewohner von Mont⸗ pellier durch die Neugier herbeigezogen, den Einzug des Marſchalls ſehen zu wollen, ſtand Gabriel auf dem Ulmenplatze. Das Volk betrachtete ihn mit einem Gefuͤhle des Schreckens und der Bewunde⸗ rung. Noch kräftig und ſtark war er ungefaähr 60 Jahr alt; ſein langer grauer Bart verlieh ſeinem verwitterten Geſichte einen wilden Ausdruck. Er trug ein braunes Gewand mit einer Kapuze und ſtutzte ſich auf einen dicken Knotenſtock, der unten in ein eiſernes Kreuz auslief. In der Schlacht be⸗ diente er ſich nie eines Schwertes, ſondern nur die⸗ ſer Keule und ſeiner Piſtolen. Als hätte der Zufall zwei Menſchen von glei⸗ chem Muthe und gleicher Grauſamkeit einander nähern wollen, traf Denis Poul, der ſich eben in Montpellier befand, auf dem Ulmenplatze mit Bru⸗ der Gabriel zuſammen. Beide wechſelten einen neu⸗ gierigen und beinahe bewundernden Blick, denn der —— Hauptmann der Mikelets hatte dem Fuͤhrer der Söhne des Kreuzes nichts zu beneiden. Den Denis Poul begleitete ſein Rottmeiſter, der Bonlar, der augenblicklich ſeine Uniform abge⸗ legt hatte, um ein altmodiſches ſehr galantes Kleid von lilla Gros de Tours anzuziehen; auf jedem der unmäßig breiten Schoͤße dieſes Rockes war ein voll⸗ ſtändiges Orcheſter muſikaliſcher Inſtrumente ge⸗ ſtickt. Der geheimnißvolle Urſprung dieſes Klei⸗ dungsſtuͤckes iſt nie vollkommen aufgeklärt worden, aber da keine Reclamation gemacht wurde, genoß Meiſter Bonlar ſeine Eroberung ungeſtört. Zu dieſem Rocke trug er eine ſchwarze Peruͤcke und darüber einen dreieckigen grauen Hut mit etwas verblichener rother Feder. „Ich glaube, mein gnädiger Hauptmann,“ ſagte der Unteroffizier,„wir wuͤrden wohlthun, uns dem Thore der Sonnerie zu naͤhern; zuerſt wurden wir dort mit mehr Gemaͤchlichkeit den Einzug des gro⸗ ßen Kriegers ſehen koͤnnen, den man erwartet, und dann könnten wir auch das unterhaltende Schau⸗ ſpiel genießen, die Compagnie der Buͤrgergarde in Reih' und Glied aufgeſtellt zu ſehen, und nach der Ziege, welche die Trommel ſchlägt, der Sau, welche ſpinnt, dem Kaninchen, das ſich todt ſtellt, gibt es nichts Spaßhafteres, als einen Spießbuͤrger unter Waffen.“ Dieſer Scherz brachte Denis Poul zum lächeln, — und dem Rathe des Bonlar folgend, ſchritt er dann dem Thore zu. Meiſter Janet, der Parfumeriehändler, war im ganzen Glanze ſeines militäriſchen Schmuckes, da aber die ſuͤdliche Sonne gluͤhend heiß branmte, hielt er ſeinen Helm von funkelndem Stahl unter dem Arme, während ein großes, roth und blau gewuͤrfel⸗ tes Taſchentuch, leicht umgeſchurzt, ſeinen Schädel gegen die Strahlen der Sonne ſchuͤtzte. Sein lederner mit Wolle gefuͤtterter Rock ging ihm bis auf den halben Schenkel herab, und ſein geſticktes Bandelier von Buͤffelleder trug ſein un⸗ gluͤckſeliges Schwert. Dieſer lange Stoßdegen war dem Bürger ſo ſehr im Wege, daß er, ihn beſtaͤn⸗ dig am Gefäße haltend, ihn fortwährend hin und her⸗ bewegte, wie ein Steuerruder, um ſich bald rechts bald links einen Stuͤtzpunkt gegen die andrängende Volksmaſſe zu verſchaffen; der unverſchämte Rott⸗ meiſter der Mikelets ſagte daher, dieſe unſchuldige Waffe ſei für den Buͤrgercapitain, was der Schwanz fur die Fiſche. Beinkleider von braunem Cadis, citronengelbe Struͤmpfe, welche die runden Formen ſeiner tuchti⸗ gen Waden zeigten, und graue Schuhe mit ſchar⸗ lachrothen Bandroſen vollendeten den Putz des Mei⸗ ſter Janet. Die andern Buͤrger waren weder gleichformig gekleidet, noch gleichfoͤrmig bewaffnet; Jeder equi⸗ pirte ſich auf eigene Koſten nach ſeinem Geſchmack und ſeinem Vermoͤgen. Einige beſaßen ſehr ſchöne damascirte Waffen, Andere Buͤchſen mit Radſchlöſſern, welche in dem Laden eines Alterthuͤmlers an ihrem Platze geweſen waͤren; wieder Andere endlich, die ohne Zweifel ei⸗ nen Kampf Mann gegen Mann fuͤrchteten, trugen zu deſſen Zuruͤckweiſung Hellebarden von uͤbermaͤßi⸗ ger Länge. Im Schatten ſitzend, ſtehend oder liegend erwar⸗ tete die Mehrzahl dieſer Spießbuͤrger mit Ungeduld die Ankunft des Marſchalls. Der Schwiegerſohn und Lieutenant des Capi⸗ tains, welcher in einem gewaltigen Buͤffelwamms faſt ganz verſchwand, trug auf dem Kopfe einen jener alten oben ſpitzauslaufenden Helme, welche die Garden des großen Herzogs von Rohan während der Burgerkriege des vergangenen Jahrhunderts an⸗ genommen hatten. Die Unterhaltung zwiſchen den Buͤrgern ſchien ziemlich lebhaft zu ſein und der Capitain dieſer ach⸗ tungswerthen Compagnie ſah ſehr zornig aus. Von Zeit zu Zeit deutete er mit wuͤthender und unhofli⸗ cher Geberde auf eine Gruppe Dragoner von St. Sernin, in deren Mitte der Brigadier Laroſe ſtand, welcher hoͤhniſch lachte. Als der Rottmeiſter der Mikelets ſich den Buͤrgeroffizieren näherte, fuhr er nach Art eines Leckermaules mit der Zunge uͤber die Lippen und durch eine maſchinenmäßige Bewe⸗ . —— gung ſperrte er die gewaltigen Taſchen auf, welche jeder Schoß ſeines Rockes unter der reichen Sticke⸗ rei verbarg. In der Hoffnung, ungeſtraft irgend einen Dieb⸗ ſtahl ausfuͤhren zu koͤnnen, miſchte ſich der Meiſter Bonlar unter die Milizmänner und ſagte zu einem derſelben mit honigſuͤßem Tone: „Konntet Ihr mir wohl Euren Capitain zei⸗ gen, Kamerad? Wenn ich Euch Kamerad nenne, ſo geſchieht es, weil ich ungeachtet meiner buͤrgerli⸗ chen Kleidung ein Kriegsmann bin, wie Ihr, näm⸗ lich Hellebardir⸗Rottmeiſter in der Freicompagnie der Mikelets des Hauptmann Poul.“ Der Buͤrger fuͤhlte ſich ſehr geſchmeichelt, als Kriegsmann und Kamerad von einem der Unter⸗ offiziere dieſer tapfern Schaar behandelt zu werden; er gruͤßte ſehr freundlich und indem er mit den Augen Meiſter Janet ſuchte, zeigte er ihn ſehr bald dem Mikelet und ſagte dabei:„Kamerad, der Ca⸗ pitain iſt der dicke Mann dort, in den citronengel⸗ ben Struͤmpfen, dem ledernen Wamms und mit dem gewuͤrfelten Taſchentuch uͤber dem Kopf.“ „Verzetht, mein gefalliger Kamerad,“ ſagte der Mikelet, indem er ſich ſtellte, als ſaͤhe er Mei⸗ ſter Janet nicht,„aber ich bin in der Tuͤrkei durch die Exploſion einer furchtbaren Mine etwas kurz⸗ ſichtig geworden. Meine Augen ſind ſchwach, und ich bemerke, wie es ſcheint, dort wohl Filzhuͤte, Helme und Federbuͤſche, aber nicht das geringſte kleinſte ge⸗ wuͤrfelte Tuch.“ „Seht, da, Kamerad,“ ſagte der Buͤrger, nahm den Rottmeiſter beim Arme und zeigte mit dem Finger auf den Parfuͤmeriehändler. „Ja, jetzt ſehe ich ihn,“ entgegnete der unver⸗ ſchämte Spitzbube, indem er zugleich die Uhr des argloſen Buͤrgers in ſeine Taſche prakticirte. „Jetzt bleibt mir nichts, als Euch zu danken, Kamerad,“ fuͤgte Bonlar mit einem achtungsvol⸗ len Gruße ki „Ei, Ihr wollt uͤber mich lachen,“ entgegnete der She mit der ſchoͤnſten Verbeugung.„Ihr ſeid mir bafuͤr gar keinen Dank ſchuldig, Kamerad, und ich fuͤhle mich Euch im Gegentheil verpflichtet, daß Ihr mir erlaubtet, Euch dieſen kleinen Dienſt zu erzeigen.“ „Es iſt unmoͤglich, dies mit mehr Freundlich⸗ keit und Großmuth zu thun, Kamerad,“ entgeg⸗ nete der Mikelet mit unwandelbarer Ernſthaftigkeit. „Wenn ich Euch in irgend etwas nuͤtzen kann, ſo verfuͤgt ohne alle Umſtände uͤber mich. Ich habe auf meinen Kriegszuͤgen einige vortreffliche Mittel geſammelt, und obgleich ich kein Arzt bin, ſo ruͤhme ich mich doch, beſſer als irgend ein Mitglied der Fa⸗ cultät Hypochondrie, Pleureſie, Paralyſie und Diſ⸗ ſenterie heilen zu koͤnnen. Wenn Ihr zum Gluͤck fuͤr meine Dankbarkeit an einer dieſer Krankheiten leiden ſolltet, ſo wendet Euch nur an mich.“ — „Ihr ſeid zu liebenswuͤrdig, Kamerad,“ ſagte der Buͤrger.„Fuͤr den Augenblick bedarf ich Eu⸗ rer Dienſte nicht; wenn ſich aber die Gelegenheit bieten ſollte—“ „Sie wird ſich bieten, Kamerad, zweifelt daran nicht, beſonders, wenn Ihr, wie man ſagt, gegen die Kamiſarden in das Feld ziehen muͤßt. Nun, dann rechnet ganz auf mich.“ Nach einem nochmaligen Gruße trat Bonlar zu Meiſter Janet und ließ den Buͤrger ganz ſtarr vor Staunen uͤber ſeine Artigkeit ſtehen. Der Parfuͤmeriehaͤndler war ſo zornig, daß er fuͤr den Augenblick die heiligen Regeln der chriſtli⸗ chen Wohlanſtaͤndigkeit ganz vergeſſen hatte. Seine Gevattern, der Gerber und der Wachshaͤndler, ſuch⸗ ten ſeinen Zorn, der ſich beſonders gegen den Bri⸗ gadier Laroſe ergoß, zu beſchwichtigen. „Zum Teufel!“ ſchrie der Parfuͤmeriehaͤndler, „glauben denn dieſe Treſſenroͤcke, daß ſie uns un⸗ geſtraft beleidigen können? Sind wir die Buͤrger unſerer Stadt, oder ſind wir es nicht? Nein, Ge⸗ vattern und Nachbarn, laßt uns nicht dulden, daß dieſe Gruͤnroͤcke uns Geſetze geben.“ Der Rottmeiſter näherte ſich ehrerbietig den Par⸗ fuͤmeur und ſagte:„Erlaubt, tapferer und gnädi⸗ ger Herr Hauptmann, Euch im Namen meines Capitains zu begruͤßen.“ „Wer Teufel iſt Euer Capitain?“ rief der ge⸗ Krieg in den Cevennen. II. 5 reizte Parfuͤmeriehändler mit ganz kriegsmänniſcher Derbheit. „Mein Capitain iſt Denis Poul.“ „Peſt, das iſt ein Tapferer! Alle Wetter, was ſteht ihm zu Dienſten?“ rief Meiſter Janet, wel⸗ cher mit Helm und Buͤffelwamms auch den rauhen Ton des Soldaten annehmen zu muͤſſen glaubte. „Mein Capitain hat mir befohlen, Euch zu ſa⸗ gen, Herr Hauptmann, wenn Ihr einen Secun⸗ danten brauchtet, in einem Kampfe zu Fuße oder zu Pferde, auf Hieb⸗ oder Stoßdegen, auf Dolch oder Kugeln, ſo wäre er Euer Mann, denn Ihr ſcheint ihm ganz einer jenen kuhnen Kämpfer zu ſein, welche es lieben, ihren rechten Fuß mit dem linken ihres Gegners zuſammenbinden zu laſſen, um ſo bis zum Tode zu kämpfen.“ „Und bei dem Tode, von dem Ihr ſprecht, Un⸗ teroffizier,“ rief Meiſter Janet mit drohendem Tone, indem er heftig ſeinen Helm uͤber das blau und roth gewuͤrfelte Taſchentuch ſtulpte,„leicht möglich, daß ich das nicht zuruͤckwieſe. Wißt Ihr, was der unverſchämte Dragoner-Unteroffizier da mir ſo eben geſagt hat?“ „Nein, mein tapferer Capitain, aber es war ohne Zweifel eine Grobheit, welche der Neid ihm eingab, denn man weiß, daß die Dragoner von St. Sernin auf die kriegeriſche Haltung der Buͤr⸗ gergarde ſehr eiferſuchtig ſind.“ ———,— „Das iſt wohl möglich; aber um wieder auf den Schuft zuruͤckzukommen, ſo ſtellt Euch vor, Rottmeiſter, er trat erſt ſo unterwuͤrfig zu mir heran, daß ich glaubte, er wollte mir nur eine ein⸗ fache Pflicht der Hoͤflichkeit bezeigen.—„Es iſt ſehr heiß, Capitain,“ ſagte er.—„Es iſt wirk⸗ lich ſehr warm, Dragoner,“ antwortete ich ihm.— „Deshalb könntet Ihr mir wohl zu meiner Erfri⸗ ſchung eine Scheibe von der ſchöͤnen Melone ge⸗ ben, die Ihr unter dem Arme haltet, Capitain.“ —„Was fur eine Melone, Dragoner?“ fragte ich und ſah herunter. Der Unverſchämte meinte meinen Helm, den ich zu groͤßerer Bequemlichkeit unter dem Arme hielt. Hat man ſchon je eine ſolche Frechheit geſehen?“ rief Meiſter Janet und fuͤhlte ſeinen Zorn neu erwachen, weil der Briga⸗ dier Laroſe mit ſonderbar höhniſchem Weſen näher trat, indem er mit ſeiner Reitpeitſche gegen ſeine ſteifen Stiefel ſchlug. „Nun, Capitain,“ ſagte unverſchäͤmt der Dra⸗ goner,„Ihr habt Euch alſo entſchloſſen, Eure ehr⸗ wuͤrdige Kugel wieder in den Eiſentopf zu ſtecken? Nehmt Euch in Acht, denn die Sonne brennt heiß und Euer Kopf wird darin kochen, wie ein Ei in einem Flaſchenkeſſel.“ „Zieht von Leder, zieht von Leder, Capitain; haut dem Schelm das Geſicht auseinander und laßt ihn dann Spießruthen laufen,“ ſchrie der Bon⸗ 5 8 — 68—= lar, indem er den friedlichen Buͤrger unter den Arm faßte, nur in der Abſicht, einen Tumult herbeizu⸗ führen und durch denſelben beguͤnſtigt, leichter das Pulverhorn des Capitains entwenden zu können, deſſen ſchoͤne Arbeit und dicke ſeidene Quaſten ſeine Habgier reizten. „Wir werden uns bei Deinem Capitain bekla⸗ gen, unverſchämter Soldat,“ rief der Gerber;„weißt Du nicht, welche Achtung man der Buͤrgerſchaft der Stadt ſchuldig iſt?“ „Der Herr Intendant ſoll erfahren, wie Du die Buͤrgergarde zu behandeln wagſt,“ ſagte der Wachshaͤndler. „Weil mein Schwiegervater und Capitain feiger iſt als ein Haaſe im Lager, und eben ſo wenig bö⸗ ſes thut, als ein Schaf im Wochenbett, wagſt Du es, ihn zu beleidigen?“ ſchrie Bignol, der bisher ein tiefes Schweigen beobachtet hatte.„Mach' Dich doch an Leute, die Dir antworten können, feige Memme.“ Meiſter Janet warf einen Zornblick auf ſeinen Schwiegerſohn und Lieutenant, und ſei es nun, daß deſſen Bemerkung ihn tief gedemuͤthigt hatte, ſei es, daß das Murren ſeiner Compagnie ihn reizte, genug, er trat entſchloſſen auf den Drago⸗ ner zu und ſagte:„Unverſchaͤmter Schuft, ich for⸗ dere Dich auf, Dich von hier zu entfernen oder ich laſſe Dich augenblicklich durch meine Compagnie arretiren.“ — 69— „Seht Euch vor,“ fluͤſterte der Bonlar;„ich bemerke einen Dolch bei ihm.“ Dabei umſchlang er den Buͤrgerhauptmann, wie um ihn zu beſchu⸗ tzen, mit dem linken Arme, waͤhrend ſeine rechte Hand geſchickt das Pulverhorn von der Kette los⸗ machte und es in den Abgrund ſeiner Taſche glei⸗ ten ließ, der Uhr des andern Buͤrgers Geſellſchaft zu leiſten. Dieſer erſte Erfolg machte den Mikelet kuͤhner, und er dachte, nichts konnte vortheilhafter und zu⸗ gleich komiſcher ſein, als dem Buͤrgercapitain Helm und Degen zu ſtehlen. „Brave Buͤrger,“ ſchrie der Mikelet, indem er ſelbſt das Beiſpiel gab,„umgebt Euren Capi⸗ tain; ſchließt Euch an ihn an, wie die Wespen an die Drohne.“ „Ja, ja,“ ſchrieen die Buͤrger in wildem Tu⸗ mult,„man ſoll unſern Capitain nicht beleidigen, oder man muͤßte uͤber unſere Leichen.“ „Seht, wie die Henne und die Kuͤchlein es wagen, den Sperber anzugreifen,“ ſagte Laroſe mit einem geringſchätzenden Lächeln auf die Buͤrger. „Jetzt ſeid ohne Barmherzigkeit, braver Hektor, unerſchrockener Achill! Nehmt ihn beim Kragen,“ rief der Bonlar, indem er dem Meiſter Janet ei⸗ nen tuͤchtigen Stoß gab. 5 Der Stoß war ſo heftig, daß dem Bürger⸗ hauptmann der Helm vom Kopfe fiel; der Mikelet war verwegen genug, ſich deſſelben zu bemächtigen, — und da er während des Gedränges auch ſchon das Bandelier mit dem Degen von den Schultern des Parfuͤmeriehandlers losgehakt hatte, bewirkte er ei⸗ nen geſchickten Ruͤckzug, indem er unter die Menge ſchluͤpfte und die Buͤrgermiliz mit den Dragonern den Streit ausmachen ließ. Das Handgemenge drohte eben ſehr heftig zu werden, als Trompeten ertönten, die Glocken zu läuten anfingen, die Trommeln wirbelten und ſich von allen Seiten das Geſchrei erhob:„ „Es lebe der Marſchall Villars!“ Meiſter Janet ſammelte in aller Haſt ſeine Miliz und ließ ſie ſich richten; aber in dem Au⸗ genblicke, als die Dragoner der Avantgarde von der Escorte des Marſchalls im Thore der Sonnerie er⸗ ſchienen, bemerkte der Parfuͤmeriehändler, fteilich etwas ſpät, daß ſein Pulverhorn, ſein Taſchentuch, ſein Helm, ſein Bandelier und ſein Degen fort waren. Der Zug nahte. In ſeiner Verzweiflung opferte der Hauptmann die Wuͤrde ſeines Schwiegerſohnes und Lieutenants. Er nahm herriſch die zugeſpitte Eiſenkappe Bignol vom Kopfe, bemächtigte ſich deſ⸗ ſen Degens, deſſen Scheide er ihm jedoch ließ, und konnte, Dank ſei es dieſen gezwungenen Anleihen, ſeine Compagnie kommandiren, um ſie das Ge⸗ wehr vor dem Marſchall präſentiren zu laſſen, der bald, von ſeinem Generalſtabe, umgeben erſchien. Ludwig Hektor, Marquis von Villars, war damals 46 Jahr alt. Seine Zuͤge, die noch den hoͤchſten Adel trugen, waren in ſeiner Jugend von ausgezeichneter Schoͤnheit und Anmuth geweſen. Seine ſchoͤnen ſchwarzen Augenbrauen wolbten ſich kuͤhn; ſeine Naſe war von griechiſcher Reinheit; ſein Mund, von zugleich gebieteriſchem und geiſt⸗ reichem Ausdruck, wurde von einem kleinen brau⸗ nen Schnurbart beſchattet. Sein Wuchs, von ſel⸗ tener Eleganz, hob die Pracht ſeines Gewandes von nacaratfarbigem Sammet, mit Silber geſtickt, noch mehr hervor. Ueber die Schulter trug er das große blaue Ordensband. Ein Buſch langer weißer Fe⸗ dern wiegte ſich auf ſeinem Hute, der mit einer rei⸗ chen ſpaniſchen Spitze beſetzt war. Der Marſchall, ehemals erſter Page des großen Marſtalles, lenkte als gewandter Reiter ein herrli⸗ ches Schlachtroß, einen Mohrenkopf, den er an dem blutigen Tage von Hochſtädt geritten hatte. Das Volk, welches durch ein glänzendes Aeußere ſtets beſtochen wird, begruͤßte den Marſchall mit zahlloſen Vivats. Man konnte nicht muͤde werden, ſeine ſtolze Haltung und die Pracht ſeiner Gewänder zu be⸗ wundern. Es war uͤberdies ein ſchoͤnes Schau⸗ ſpiel, zu ſehen, wie die Sonne mit ihren Strahlen das blendende Gefolge des Marſchalls vergoldete. Die Schärpen, die Federbuͤſche flatterten im Winde; die Pferde, ſchöumten durch die Trompeten und — Trommeln belebt. Die Edelleute, Stallmeiſter und Pagen des Herrn von Villars, eben ſo prachtvoll gekleidet als er, folgten auf die Offiziere der Com⸗ pagnie ſeiner Garde. Die wuͤthendſten Vivatſchreier überbietend machte ſich Meiſter Janet dem Marſchall bemerkbar, wel⸗ cher, durch die auffallende Geſtalt des Hauptmanns und ſeiner Buͤrger verwundert, einen Augenblick ſein Pferd anhielt und Herrn von Lalande, General der Cavallerie fragte:„Wer ſind denn die Leute da, und beſonders der Menſch mit den citronen⸗ gelben Struͤmpfen und der ſpitzen Pickelhaube, der ſo gewaltig ſchreit und ſo roth iſt?“ „Das iſt der Capitain der Buͤrgermiliz und ſeine Compagnie, Herr Marſchall,“ erwiderte Lalande halblaut und lächelnd. Herr von Villars betrachtete einen Augenblick die ehrlichen Buͤrger, welche, Meiſter Janet an ih⸗ rer Spitze, ſich in die Bruſt warfen, um eine krie⸗ geriſche Haltung anzunehmen, als ſie ſahen, daß ſie ein Gegenſtand fuͤr die Aufmerkſamkeit des Marſchalls ſeien. „Ei, ei,“ ſagte Herr von Villars leiſe zu La⸗ lande,„wenn die Kamiſarden die Stadt angrei⸗ fen, wer Teufel wird dann die Buͤrgerwache be⸗ ſchuͤtzen?“ „Vielleicht die Gänſe des Capitols, gnädiger Herr,“ ſagte der General, indem er ein boshaftes Lacheln mit dem Marſchall wechſelte, der deshalb * — — — fuͤr das neue Vivatgeſchrei der Buͤrgergarde mit nicht minder freundlichem und wohlwollendem We⸗ ſen dankte. Bald darauf ſtieg der Marſchall mit ſeinem Gefolge im Hotel des Parkes ab. 4 V. Der Marſchall von Villars. —— Die proteſtantiſche Inſurrection, deſſen einfluß⸗ reichſtes Haupt Johann Cavalier war, mußte ſehr mächtig, dieſer Fuͤhrer ſehr gefährlich ſein, daß der Konig gegen ihn und die Rebellen einen Mann wie den Marſchall von Villars ſendete.. Je unbeſtreitbarer die Wichtigkeit dieſes Letztrn als Feldherr und Unterhaͤndler war, deſto mehr ver⸗ groͤßerte dies ſeinen Gegner. Der ſeltene Verein dieſer beiden Eigenſchaften lenkte die Wahl Ludwigs XIV., oder vielmehr die der Frau von Maintenon, auf den Marſchall, als ein General in die Cevennen geſchickt werden mußte. Die Partei der Janſeniſten hatte einen Augen⸗ blick die Oberhand uͤber die Partei der Jeſuiten ge⸗ wonnen, deren gluͤhendes und unerbittliches Haupt der Pater Lachaiſe, der Beichtvater des Konigs war. Die Erſten glaubten, durch Sanftmuth und Tole⸗ ranz könnte man dem Buͤrgerkriege ein Ende machen; die Letztern hingegen bezeichneten Schrecken und Vertilgung als die einzigen Mittel, die Proteſtan⸗ ten zu bezwingen. Frau von Maintenon beſaß zu viel Zartgefuͤhl, zu viel Erhabenheit des Geiſtes, um ſich nicht den Janſeniſten zu nähern, ſelbſt wenn auch ihr perſonliches Intereſſe nicht in ihnen mäch⸗ tige Verbuͤndete gegen den wachſenden und verderb⸗ lichen Einfluß gefunden hätte, den der Pater La⸗ chaiſe täglich mehr gewann. Die janſeniſtiſche Partei, welche voll Sanftmuth und Toleranz war, zäͤhlte in ihrem Schoße alle die erhabenen Truͤmmer von Portroyal, die friedliche und gelehrte Zufluchtsſtätte, die durch Ludwig XIV., welcher ihre Bewohner fortfuͤhren und den Pflug uͤber ihre Truͤmmer gehen ließ, ſo grauſam zerſtoͤrt und verheert wurde. Die Elite der gelehrten und aufgeklärten Män⸗ ner des Hofes gehoͤrte dem Janſenismus an, und viele Mitglieder der Geiſtlichkeit bekannten ſich zu denſelben Grundſaͤtzen; unter ihnen kann man Fé⸗ nélon nennen, und einen der geehrteſten Prälaten der Kirche, den Cardinal Noailles, deſſen hohe Tu⸗ gend, ruͤhrende Froͤmmigkeit, großes Wiſſen, ein⸗ fache und kräftige Beredſamkeit, der ſchoͤnſten Zeiten des Chriſtenthums wüͤrdig waren. Man muß zum Lobe der Frau von Maintenon ſagen, daß ſie die fürchterlichen Epceſſe, welche auf den Widerruf des Edictes von Nantes folgten, bit⸗ ter beklagte; ſie wollte wenigſtens trachten, die ver⸗ derblichen Folgen eines Schrittes zu mildern, den ſie vielleicht nicht hätte hindern koͤnnen, den ſie aber doch hätte bekaͤmpfen ſollen. Um dieſes Ziel zu erreichen, ſetzte ſie ſich dem furchterlichen Haſſe des Pater Lachaiſe und der Härte des Königs aus, und bot mit ihrer vollende⸗ ten Gewandtheit die geringe Herrſchaft, die ſie noch uͤber Ludwig XIV. beſaß, auf, um die Ernennung des Marſchalls von Villars zum kommandirenden General der Cevennen zu erlangen; ſpäter wird man ſehen, von welcher ungeheuren Wichtigkeit dieſe Wahl war. Wir wollen jetzt fluͤchtig die militairiſche und politiſche Laufbahn des Marſchalls ſchildern. Der Vater des Herrn von Villars, der nach der romanhaften Sitte jener Zeit wegen ſeiner rit⸗ terlichen Galanterien den Beinamen Orondate er⸗ halten hatte, war Geſandter in Turin geweſen. Sein Sohn, von welchem hier die Rede iſt, wurde als Page des großen Marſtalles erzogen, machte mit 16 Jahren ſeinen erſten Feldzug und empfing ſeine erſte Wunde als Freiwilliger bei der Belage⸗ rung von Zuͤtphen. Er zeigte hier eine ſo glänzende Tapferkeit, daß der große Condé ausrief:„Man kann nirgends ei⸗ nen Schuß thun, ohne daß der kleine Junge aus der Erde hervorkoͤmmt, um mit dabei zu ſein.“ Turenne und Luxembourg waren ſeine Lehrer —— — 77—— in der Kriegskunſt, und ſein militäriſches Genie, durch ſolche Meiſter gepflegt, entwickelte ſich ſchnell. In dem Feldzuge im Elſaß, bei dem Gefecht von Kochberg, bewies er, daß er den kaltblutigen Blick des Taktikers mit dem ſiedenden Muthe des Par⸗ teigängers zu vereinigen wußte. Neben der kuͤhnen Unerſchrockenheit, die ihn characteriſirte, beſaß er eine liebenswuͤrdige Heiterkeit und eine ritterliche Gluth; unter den groͤßten Gefahren fand er ſtets irgend einen Einfall voll Witz und guter Laune. So warf er bei dem Gefechte von Kochberg ſeinen Kuͤ⸗ raß fort, ehe er an der Spitze ſeiner Reiter ein feindliches Carré angriff, indem er dabei rief:„Ich brauche keinen Kuͤraß; meine Leute haben auch keinen.“ Ein andermal— ſchon als Marſchall von Frankreich— leitete er wäͤhrend eines ſtrengen Winters die Belagerung von Kehl. Er ſchrieb an Herrn von Chamillard:„Ich bringe einen Theil der Nacht mit dem Soldaten in den Tranchken zu; wir trinken Branntwein mit einander, ich erzaͤhle ihnen Geſchichtchen und mache ſie glauben, daß nur die Franzoſen es vermoͤgen, im Winter und bei ab⸗ ſcheulichen Wetter eine Feſtung zu nehmen.“ Herr von Villars beſaß einen entſchloſſenen Character, einen richtigen, durchdringenden, klaren Verſtand, einen ſehr feinen Takt, und beſonders einen ungemeinen Zauber, der ihm bei politiſchen Verhandlungen wunderbare Dienſte leiſtete. Wenn er in ſeinem gewoͤhnlichen Umgange eine vollkom⸗ mene Anmuth und Leutſeligkeit zeigte, ſo wurde er von vernichtendem Stolze, ſobald man die Wuͤrde des Koͤnigs von Frankreich nur im Geringſten an⸗ taſtete. Nach dem Frieden von Nimwegen wurde Lud⸗ wig XIV. aufgebracht uͤber die zahlreichen Galan⸗ terien des Herrn von Villars, und ſchickte ihn auf den Geſandtſchaftspoſten nach Wien, mehr, um ſich eines laſtigen Nebenbuhlers zu entledigen, als um Talente zu benutzen, die er nicht ahnete. Der Zweck dieſer Unterhandlungen war, den Kurfuͤrſten von Baiern, den Schwager des Dau⸗ phins, von dem Intereſſe Oeſtreichs abzuziehen. Mit wunderbarem Scharfſinn, Feinheit und Ge⸗ wandtheit, erfuͤllte Herr von Villars die Abſichten des Cabinets von Verſailles vollkommen. Zum Un⸗ gluck hinderten die Ereigniſſe, welche das Augsbur⸗ ger Buͤndniß herbeifuͤhrte, Frankreich, die Vortheile zu benutzen, welche Herr von Villars mit ſo vieler Uoberlegenheit errungen hatte. Nachdem Herr von Villars bis zum Frieden von Ryswick als General gedient hatte, wurde er aufs neue als Geſandter nach Wien geſchickt und zwar mit dem ſehr ſchwierigen und ſehr kitzlichen Auftrage, bei der Theilung der ſpaniſchen Erbfolge uͤber das Intereſſe Frankreichs zu wachen. Carl l. war ſterbend und Oeſtreich, mehr als irgend eine Macht dabei intereſſirt, daß Spanien keinem franzöſiſchen Prinzen zufalle, mußte Alles aufbieten, um die ernſte Möglichkeit zu verhindern. Nach dreijährigem Aufenthalte in Wien, unter den ſchwierigſten Verhältniſſen, gelang es Herrn von Villars nicht nur, einen Theil der Pläne zu hinter⸗ treiben, welche dagegen geſponnen worden waren, daß die ſpaniſche Krone nicht auf das Haupt ei⸗ nes franzoſiſchen Prinzen komme, ſondern auch, den Kaiſer zu bewegen, auf die italieniſchen Beſitzungen zu verzichten, welche der ſterbende Carl II. ihm ver⸗ macht hatte. Bei dem ſpaniſchen Erbfolgekriege von ſeiner Geſandtſchaft zuruͤckgekehrt, machte Herr von Villars glänzende Feldzuge in Italien; mehrere große Siege gewannen ihm 1702 den Marſchallsſtab, dem er dann durch die Einnahme von Kehl und 1703 durch den blutigen Sieg bei Hochſtädt Ehre machte. Nach ſo vielen wichtigen Unterhandlungen, ſo vielen glänzenden Triumphen, wurde Herr von Villars auf den Antrieb der Frau von Maintenon dazu erwaͤhlt, dem fuͤrchterlichen Buͤrgerkriege ein Ende zu machen, welcher den Suͤden Frankreichs in Trauer ſturzte. Wie jede Medaille ihre Kehrſeite hat, ſo muß man erwähnen, daß man dem Marſchall eine große Habgier zum Vorwurf machte und eine zu blinde Unerſchrockenheit, welche Urſach war, daß er zuwei⸗ len nutzlos das Leben ſeiner Soldaten opferte. Sein Stolz war uͤbermäßig, und er hatte halb⸗ ſcherzend geſagt, man wendete ſich an ihn wegen . Beendigung des Buͤrgerkrieges, wie man ſich an einen beruͤhmten Empiriker wendet, um einen Kran⸗ ken zu retten, den die Aerzte aufgegeben haben.— „Ich kann nicht uberall ſein,“ hatte Herr von Villars geſagt, als er die Niederlagen der koͤniglichen Trup⸗ pen in Languedoc, ſo wie die Hoffnung die man auf ihn ſetzte, erfuhr. Mit ſeinem vollkommenen Takt, ſeiner Men⸗ ſchenkenntniß und der Gewohnheit ſo wichtiger In⸗ tereſſen, die er lange verfolgt hatte, fuͤhlte der Mar⸗ ſchall aber wohl, daß er die groͤßte Ungeſchicklichkeit begehen wuͤrde, wollte er einen ſolchen Uebermuth gegen einen Mann wie Herr von Baville zeigen, und er nahm ſich vor, im Verkehr mit demſelben die groͤßte Mäßigung zu beobachten. Herr von Baville ſeinerſeits ſah die Ankunft des Herrn von Villars nicht ohne Beſorgniſſe. Er wußte, daß derſelbe ſehr zu den Freunden der Frau von Maintenon gehoͤrte, und ſeine Erfolge in Deutſch⸗ land machten ihn gefaͤhrlich. Der Intendant war daran gewohnt geweſen, Herrn von Broglio und Herrn von Montrevel ſo ganz in ſeiner Gewalt zu haben, daß er nicht ohne Bedauern die Nothwen⸗ keit fuͤhlte, gegen Herrn von Villars ein anderes Benehmen zu zeigen. Mit Zwang und Mißtrauen bereiteten ſich da⸗ her dieſe beiden Männer auf ihre erſte Zuſammen⸗ kunft vor. 5 VI. 6 Die Unterredung⸗ Waͤhrend Herr von Villars ſich umkleidete, kam ſein Lieblingspage, der Chevalier Gaſton von Mercoeur, ſein weitlaͤufiger Verwandter, von Herrn von Baville zuruͤck, dem er die Empfehlung des Marſchalls uͤberbracht hatte. Nichts konnte huͤbſcher, munterer, ſchelmiſcher ſein, als das Geſicht Gaſtons. Er war kaum 18 Jahr alt, hatte ſchoͤne ſchwarze Augen, herrliches blondes Haar, rothe und weiße Wangen, und ei⸗ nen Wuchs, ſo fein und ſo ſchlank, daß viele Frauen ihn darum haͤtten beneiden können. Er trug die Farben des Marſchalls, einen orangen Rock, mit ſilbernen carmoiſinroth⸗geſtreiften Treſſen. Nach der Mode jener Zeit war der Page außer⸗ ordentlich bloß, und ſeine pruͤchtige Halsbinde von Mechler Spitzen nachlaͤſſig à la Saloppe um⸗ Krieg in den Cevennen. M. 6 geſchlungen.*) Ein Buſch weißer Federn ſchmuͤckte ſeinen Filzhut. Seine ſcharlachrothen Hoſen ſta⸗ chen gegen ſeine glaͤnzenden ſchwarzen Maroquin⸗ ſtiefeln mit vergoldeten Sporen ab. Ein reiches geſticktes Bandelier trug ſeinen Degen, und von ſeiner Schulter fiel eine Achſelſchnur von weißem und carmoiſinrothem Atlas mit ſilbernen Franzen beſetzt. Kurz, ſein ganzes Aeußere verrieth den vollkommenen Stutzer, von ſeiner Spitzencravatte bis zu ſeinen geſtickten Knopfloͤchern. „Gnaädiger Herr,“ ſagte Gaſton,„Herr von Baville wird ſich ſogleich zu Ew. Epcellenz begeben.“ „Wie hat er Dich empfangen? Ohne Zweifel mit Herablaſſung?“ fragte der Marſchall, welcher wußte, wie wichtig die geringſten Umſtände ſind, um das Gelingen gewiſſer Plaͤne daraus zu er⸗ kennen. „Gnaͤdiger Herr,“ entgegnete der Paße,„er hat mich wie ein echter Gerichtsbeamter empfangen, mit ſo ſchwerfaͤlligem Weſen, als hätte er ſein Richter⸗Baret und ſeine Alongen-Peruͤcke auf dem Kopfe. Aber, was fuͤr eine traurige Woh⸗ nung iſt ſein Hotel. Das riecht auf eine Stunde nach dem Parlamente. Ich glaubte auf der In⸗ ſel St. Louis zu ſein, bei der alten Frau von Die große Nachläſſigkeit im Anzuge gehörte in jener Zeit zu dem Ton der höhern Stände. — . — 83— Thou, und als ich eintrat, ergriff mich ein ge⸗ waltiges Gähnen, das ich nur mit der groͤßten Muͤhe unterdruͤckt habe.“ „Man ſagt, Herr von Baville ſoll ein hochmuͤ⸗ thiges, ſtolzes Weſen haben?“ fragte Herr von Villars, ziemlich verdrießlich uͤber die unverſchaͤmte Bemerkung ſeines Pagen. „Ach, gnaͤdiger Herr, ſagen Sie vielmehr, ein trockenes, raues Weſen, aber nicht ſtolz. Was ſollte auch den Leuten vom Schwerte bleiben? Der Rabe gleicht Gott ſei Dank dem edlen Fal⸗ ken eben ſo wenig, als ein Gerichtsrock einem Mann von Stande.“ „Herr von Mercoeur,“ ſagte der Marſchall mit ſtrengem Tone,„waͤhrend meines Aufenthaltes in Languedoc werden Sie und Ihre Cameraden dem Herrn von Baville die tiefe Ehrfurcht und die volle Achtung bezeigen, wie mir ſelbſt, und die ihm zukommen. Sie verſtehen mich? Ich bin hier ſeines Gleichen und nicht ſein Vorgeſetzter. Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß die Schel⸗ mereien und das geringſchaͤtzende Weſen eines Hof⸗ pagen in dieſer Provinz und unter den ernſten Umſtänden, in denen wir uns befinden, nicht paſſend wären. Sie duͤrfen deshalb nicht erro⸗ then, Gaſton,“ ſetzte der Marſchall ſanfter hinzu; „Sie haben Verſtand, werden die Urſachen der Be⸗ fehle, die ich Ihnen ertheile, vollkommen einſe⸗ hen, und mich verpflichten, wenn Sie dieſelben 6* Ihren Cameraden und meinen andern Domeſtiken mittheilen.*) Wer dieſe Weiſung vergeſſen ſollte, wuͤrde augenblicklich aufhoͤren, mir anzugehoͤren.“ In dieſem Augenblicke oͤffnete ein Kammer⸗ diener des Marſchall die beiden Fluͤgel der Thuͤre und meldete: „Der Herr Intendant!“ Der Page verbeugte ſich tief und ging, mehr gereizt als verwirrt durch die Vorwuͤrfe ſeines Ge⸗ bieters. Der Marſchall und der Intendant blie⸗ ben allein. So unlenkſam Herr von Baville auch ſein mag, dachte der Marſchall, wird er doch, wie ich nicht zweifele, durch mein Entgegenkommen, ich moͤchte ſelbſt ſagen, durch die Herablaſſung, die ich, der große Herr, ihm zeigen will, beſtochen werden; es iſt zum Gelingen meiner Plane no⸗ thig, daß ich ihn mir gleich von allem Anfang wohlwollend ſtimme. Und Herr von Villars fand in dem gewoͤhn⸗ lich ſo nichtsſagenden Austauſch der Hoͤflichkeiten das Mittel, ſeine ganze Anmuth, die ganze Co⸗ quetterie ſeines Geiſtes, zu entwickeln und den Intendanten auf die zarteſte Weiſe zu loben. * Wir machen darauf aufmerkſam, daß das Wort Domeſtik in dem Lehnherrlichen Sinn von Haus zu verſtehen iſt; die Edelleute, die Junker waren Do⸗ meſtiken der Herren, von denen ſie abhingen. —— Perr von Baville, der ſehr fein, ſehr ſcharfſich⸗ tig war, kannte die Welt und die Höflinge zu gut, um ſich durch dieſe vergoldeten Worte beſtechen zu laſſen. Er ſchmeichelt mir, folglich fuͤrchtet er mich oder will mich beherrſchen.— Das waren die Ge⸗ danken, welche die uͤbergroße Artigkeit des Mar⸗ ſchalls in ihm erweckte. „Wahrlich,“ ſagte Herr von Villars,„die Fana⸗ tiker muͤſſen durch einen unbeſieglichen Zauber be⸗ ſchuͤtzt werden, weil es Ihnen, Herr Intendant, noch nicht gelang, die Rebellion zu unterdruͤcken.“ „Man erwartete Sie in Languedoc, um dieſen Zauber zu bannen,“ Herr Marſchall.„Sie konn⸗ ten nicht uͤberall ſein,“ entgegnete Herr von Baville. Die ſauerſuͤße Schmeichelei des Intendanten er⸗ innerte boshaft an die uͤbermuͤthige Aeußerung des Perrn von Villars, in Bezug auf ſeine Sendung in die Cevennen. Der Marſchall erkannte vollkommen die Ab⸗ ſicht des Herrn von Baville, und antwortete heiter mit der vollkommenſten Gutmuͤthigkeit: „Man hat Ihnen alſo meine unverſchamten Aeußerungen hinterbracht? Daß ich nicht uͤberall ſein koͤnnte? Daß man mich hierher ſchickte, wie einen Em⸗ piriker in verzweifelten Fällen zu einem Kranken?— Nun, ja, Herr Intendant, ich geſtehe, daß ich die Anmaßung habe, zu glauben, wir beide, Sie und ich, wir werden ausrichten, was bisher noch Keiner vermochte, und dann verſtehe ich auch, unter uns, mein Gewerbe als Charlatan ſehr gut. Ich weiß, daß die wunderbaren Zufälle, von denen man oft ſpricht, nichts weiter ſind, als die geſchickte und ver⸗ ſtaͤndige Behandlung einer Sache, an der man zu bald verzweifelte. Eben ſo wird es bei dem ſein, was hier geſchehen wird. Ich mache Sie daher darauf aufmerkſam, daß ich von allen unſern zu⸗ kuͤnftigen Unternehmungen den Ruhm nehmen und Ihnen das Verdienſt laſſen werde.“ „Die Wahl koͤmmt Ihnen zu, Herr Marſchall,“ entgegnete ziemlich trocken Herr von Baville. Dann fuͤgte er hinzu:„Sprechen wir, wenn es Ihnen ge⸗ fallig iſt, von dem Dienſte des Koͤnigs.“ „Das iſt mein gluͤhenſter Wunſch,“ entgegnete der Marſchall von Villars;„ich rechne auf Sie, um die Wahrheit kennen zu lernen. Sie wiſſen, daß in Verſailles Alles vergrößert oder verkleinert wird, je nachdem dieſe oder jene Partei herrſcht. Sind es die Janſeniſten, der ehrwuͤrdige Cardinal von Noaille und die Frau von Maintenon, ſo iſt dieſe Rebellion ein Aufflackern, das nur durch Mäßigung allein gedämpft werden kann; gewinnen dagegen die Jeſuiten und der Pater Lachaiſe wieder die Oberhand, ſo verlangt es das Heil des Konigs, das Geſchick der katholiſchen Kirche, die Zukunft der Monarchie, alle Fanatiker ohne Barmherzigkeit aus⸗ zurotten. Was mich betrifft, ſo komme ich aus Deutſchland und weiß nichts von Languedoc. Ich 1 — —— habe unbedingte Vollmacht. Der König hat mir Strenge empfohlen und Frau von Maintenon Milde. Sie ſehen, ich gleiche ein wenig dem Men⸗ ſchen des guten Lafontaine, der kalt oder warm blaſen kann. Wenn ich die Wahrheit kenne, wenn ich eine unparteiſſche, klare, verſtändige Ueberſicht der vergangenen Thatſachen habe, das heißt, wenn ich die Ehre hatte, Sie zu hoͤren, Herr Intendant, werde ich meine Plaͤne Ihrer Erfahrenheit vorle⸗ gen, deren Autorität ich gern anerkenne.“ Herr von Baville verneigte ſich, um dem Mar⸗ ſchall fuͤr ſeine Artigkeit zu danken, nahm dann aus ſeiner Brieftaſche eine topographiſche Karte von Lan⸗ guedoc und breitete ſie auf einen Tiſch. „Es iſt unmoͤglich,“ ſagte er zu Herrn von Vil⸗ lars,„ſich einen Begriff von dem Aufſtande und den militäriſchen Operationen der Kamiſarden zu machen, wenn man ihre Bewegungen nicht auf dem Ter⸗ rain ſelöſt verfolgt. Sie wiſſen das beſſer, als ir⸗ gend Jemand, Herr Marſchall. Ich ſpreche nicht von den erſten Urſachen der Inſurrection; der Wi⸗ derruf des Edictes von Nantes iſt eine vollendete und außer allem Widerſtreit liegende Thatſache. Die Ermordung des Erzprieſters der Cevennen in Pont de Mont⸗Vert, die Niedermetzelung einer Compagnie der Dragoner von St. Sernin, ſind zwei ebenfalls unbeſtreitbare Thatſachen. Dieſe Attentate ſind das Signal zur Inſurrection geweſen. Jetzt kommt es darauf an, zu wiſſen, ob nicht jedes Mittel gut iſt, —— dieſem Buͤrgerkriege ein Ende zu machen, der heim⸗ lich durch Holland und England genährt wird, und doppelt gofährlich iſt, weil er das Innere Frank⸗ reichs verheert, und den König zwingt, die Gren⸗ zen zu entbloͤßen, um hierher betraͤchtliche Streit⸗ kraͤfte zu ſenden. Finden Sie nicht, Herr Mar⸗ ſchall, daß die Frage ſo zu ſtellen iſt?“ „Ich betrachte ſie ganz wie Sie, Herr Inten⸗ dant. Aber welches ſind die einflußreichſten Haup⸗ ter unter den Kamiſarden? Iſt nicht darunter ein gewiſſer Cavalier, von dem man in Verſailles viel geſprochen hat?“ „Ja, Herr Marſchall. Cavalier und Ephraim ſind die beiden Hauptanfuͤhrer, aber zwiſchen ihnen iſt ein großer Unterſchied. Cavalier iſt ſehr jung; er fuͤhrt Krieg als Soldat und nicht als Raͤuber; oft giebt er den Gefangenen Pardon, Ephraim nie. Dieſer unbeugſame Fanatiker hat den Bergbewoh⸗ nern ſeine wilde Exaltation einzuflößen gewußt. Er iſt das eingefleiſchte Blutbad.“ „Und die Propheten dieſer Leute? Was iſt das? Eine Taſchenſpielerei? Marionetten, deren Faden die Fuͤhrer halten?“ fragte Herr von Villars lächelnd. „Das iſt ein Geheimniß, welches man bisher noch nicht zu erforſchen vermochte, Herr Marſchall. Iſt es eine Taſchenſpielerei, ſo ſind die Fuͤhrer nicht die Mitſchuldigen davon, ſondern die Betrogenen. Man hat einige dieſer Propheten verbrannt; der älteſte war nicht uͤber 16 Jahr;z ihr Enthuſiasmus * — 89— grenzt an Delirium. Ihr Glaube war aufrichtig, denn die grauſamſten Martern haben ihnen nichts entriſſen. Sie werden die Protokolle ihrer Ver⸗ hore und ihrer Hinrichtungen ſehen, Herr Mar⸗ ſchall. Die heiligſten Märtyrer des Chriſtenthu⸗ mes ſind nicht heldenmuͤthiger geſtorben, als dieſe Kinder.“ „Das iſt alſo ernſt,“ ſagte Herr von Villars, „viel ernſter, als ich dachte. Ich glaubte darin irgend ein ſchmachvolles Geheimniß zu finden, welches man der Bevölkerung enthuͤllen könnte, irgend eine ernſt⸗ hafte Poſſenreißerei, dem Gelächter des Publikums preis zu geben; denn Sie wiſſen, daß man bei uns noch mehr durch Lächerlichkeit ausrichtet, als durch das Schwert. Ich werde Ihnen ſpäter die Mittel vor⸗ legen, die ich verſuchen möchte, um dieſen verderb⸗ lichen Kampf zu beenden; Sie werden ſie vielleicht nicht ſehr kriegeriſch finden. Ja,“ fuͤgte er lachelnd uͤber das Staunen des Herrn von Baville hinzu, „aber ehe ich mich hieruͤber ausſpreche, wuͤnſche ich einen genauen Begriff von den militairiſchen Un⸗ ternehmungen der Kamiſarden ſeit dem Beginn der Inſurrection zu haben.“ „Nach der Ermordung des Erzprieſters der Ceven⸗ nen in Pont de Mont⸗Vert, ſeit der Niedermetzelung der Dragoner bei Col d'Anzize,“ fuhr Herr von Ba⸗ ville fort,„ließ Herr von Broglio, die Börfer, welche den Empoͤrern zur Zuflucht hätten dienen koͤnnen, militairiſch beſetzen. Die Aufruͤhrer hatten ſich in die Berge gefluͤchtet und machten von hier aus mehrere Cinfälle in das flache Land, um den Ka⸗ tholiken die Thiere wegzutreiben, Lebensmittel, Waf⸗ fen und Munition zu erbeuten. Bei einem dieſer Ein⸗ fälle traf die Bande Ephraims bei Canoulé auf zwei Schwetzerregimenter von Courten; nach einem moͤrderiſchen Gefechte wurden unſere Truppen geſchla⸗ gen und alle Gefangenen niedergemetzelt. Ephraim begnadigte nur zwei Menſchen, einen Offizier und einen Soldaten; ſie ſollten Herrn ven Broglio die Niederlage mittheilen. Der Winter kam und die Wege wurden ungangbar. Kuͤhn gemacht durch die Rebellion und durch die Entfernung unſerer Streit⸗ kräfte, fuͤhrten die Proteſtanten der Berge und die der Ebene ihre Tempel zum Theil wieder auf. Die Kamiſarden errichteten Magazme von Lebensmit⸗ teln und Munition in unzugänglichen Höhlen der obern Cevennen, ſo wie auch Feldlazarethe fur ihre Verwundeten; dieſe wurden mit Leinwand und Arz⸗ neimitteln reichlich verſehen. Proteſtantiſche Frauen pflegten abwechſelnd die Kranken.“ „Das Alles beweiſt ein vollkommenes Erkennen der Beduͤrfniſſe des Krieges, ſo wie der Hilfsmittel des Landes. Gewoͤhnlich glauben die Rebellen, eben ſo kuͤhn als unvorſichtig, Alles gethan zu haben, wenn ſie das Schwert aus der Scheide zogen und fuͤr ewige Zeiten ihre Sache durch irgend ein großes Verbrechen gefährdeten; dieſe Anordnungen voll Klug⸗ heit aber ſichern die Zukunft der Revolte. Sie — 91— verkuͤnden ein bemerkenswerthes militairiſches Ver⸗ ſtaͤndniß.“ „Anfangs glaubte ich, Herr Marſchall, irgend ein alter Rebell, ergraut in den Buͤrgerkriegen, leite im Verborgenen die Bewegungen der Fanatiker; aber nein, dieſe Maßregeln, die Organiſation der Streit⸗ kraͤfte der Revoltirten, ruͤhren von Cavalier her. Was mich in dieſer Meinung hätte beſtätigen ſollen, iſt, daß der Stolz und die kindiſche Eitelkeit dieſes Fuh⸗ rers von Tag zu Tage wachſen.“ „Wirklich? Und wie das?“ „Dieſer Menſch beſitzt die ganze und unverſchamte Einbildung eines Emporkömmlings, der den großen Herrn ſpielen moͤchte; ſeine Erfolge im Kriege ha⸗ ben ihm den Kopf verwirrt; er laͤßt ſich, wie man ſagt, Prinz der Cevennen nennen, und ſeine Leute nahen ſich ihm nur mit der groͤßten Ehrfurcht.“ „Wäre es wahr!“ rief der Marſchall.„Vor⸗ trefflich, vortrefflich. Ich bitte, fahren Sie fort. Was Sie da ſagen, entzuͤckt mich.“ „Neben dieſen Lächerlichkeiten,“ fuhr Herr von Baville fort,„hat Cavalier, wie man geſtehen muß, einige gute Eigenſchaften. So hat er mir zum Beiſpiel geſchrieben, ſo lange man mit ſeinem Va⸗ ter, den wir noch gefangen halten, milde umginge, wuͤrde er den Krieg großmuͤthig fuͤhren; erfuhre er aber, daß man ſeinen Vater mit Strenge behan⸗ delte, ſo wuͤrde er ohne Mitleid ſein; obgleich es nicht ſehr politiſch iſt, den Forderungen eines Re⸗ * bellen nachgeben zu ſcheinen, behandelt man ſeinen Vater doch mit Ruͤckſicht, und dieſer Schonung, glaube ich, muß man die Art von Redlichkeit zu⸗ ſchreiben, mit welcher Cavalier gegen uns Krieg fuhrt.“ „Immer beſſer, immer beſſer,“ ſagte Herr von Villars, welcher etwas zu uͤberlegen ſchien. „Im vergangenen Jahre, mit der Ruͤckkehr des Fruͤhlings,“ fuhr Herr von Baville fort,„bat ich Herrn von Chamilard um genug Truppen, die Re⸗ volte mit einem einzigen Streiche beendigen zu koͤn⸗ nen; er konnte ſie mir nicht gewaͤhren. Statt da⸗ her die Rebellen in den Bergen zu umzingeln, wa⸗ ten wir gezwungen, uns auf die Defenſive zu be⸗ ſchraͤnken. Die Zahl der Kamiſarden vergroͤßerte ſich täglich und ihre Kuͤhnheit wurde uͤbermäßig. So erfuhren wir z. B. eine ihrer Unternehmungen auf Alais, und Herr von Julien verließ in aller Eile Nimes mit 3 Regimentern Infanterie und 5 Compagnien Dragoner, die Stadt der Obhut der Buͤrgermiliz anvertrauend. Kaum war Herr von Julien fort, als Cavalier aus dem Gehoͤlz von Asperas hervorkam, in welches er ſich in Hinter⸗ halt gelegt hatte, und eine Recognoscirung bis zu den Thoren der Stadt unternahm. Die Miliz ging ihm entgegen und wurde in Stuͤcken gehauen; ihre Ueberbleibſel erreichten Nimes in wilder Flucht, paniſches Schrecken verbreitete ſich durch die Stadt, man läutete die Glocken, man zog die Zugbruͤcken . auf und Cavalier hatte die Verwegenheit, ſich in der Vorſtadt feſtzuſetzen und ſeine Truppen dort bis zum naͤchſten Tage auf Billets bei den Katholiken einzuquartiren.“ „Nach dem, was ich bei meinem Einzuge in Montpellier von der Stadtmiliz geſehen habe,“ ſagte Herr von Villars, indem er an Meiſter Janet dachte,„begreife ich dieſe Niederlage ſehr gut. Aber die regulaͤren Truppen werden ſich doch, wie ich hoffe, von dem paniſchen Schrecken nicht haben mit fortreißen laſſen?“ „Die Truppen des Koͤnigs, Herr Marſchall, ſind mitunter ſehr demoraliſirt, und Sie koͤnnen nicht glauben, was fuͤr alberne Geruͤchte bei den Soldaten uͤber die Kamiſarden in Umlauf ſind. Die⸗ ſes ſind Dämone, Zauberer, oder doch allerwenig⸗ ſtens unverwundbare Weſen. Unſere Truppen mar⸗ ſchiren deshalb auch nur mit Widerwillen gegen die Rebellen. Waͤhrend Cavalier uns auf der Seite der Ebene neckte, hielten Ephraim, und ein neuer Häuptling, Namens Roland, die obern und die niedern Cevennen beſetzt. Herr von Montrevel hatte in ſeiner Statthalterſchaft Montpellier unge⸗ fahr 15000 Mann unter ſeinem Befehle; die Trup⸗ pen der Kamiſarden zählten hoͤchſtens 10000 Mann, aber die Rebellen waren von unſern ge⸗ ringſten Bewegungen mit unglaublicher Genauigkeit unterrichtet. Sie vermieden jedes Hauptgefecht und verſchwanden nach dem geringſten Nachtheile. Ihre — genaue Kenntniß des Landes, die Einverſtändniſſe, die ſie unterhielten, dienten ihnen wunderbar bei ihren Marſchen und Gegenmarſchen, ihren Angrif⸗ fen und ihren Ruͤckzugen; in allen Dörfern der Cevennen, die faſt nur von Proteſtanten bewohnt wurden, fanden ſie Lebensmittel und Waffen. Un⸗ ſere Truppen dagegen wurden entweder falſch berich⸗ tet oder gänzlich irre geleitet. Bei unſerer An⸗ näherung entflohen die proteſtantiſchen Bauern mit ihren Heerden in die Gebirge und nahmen ihre Le⸗ bensmittel mit, oder vernichteten ſie. Weder Gold noch Drohungen konnten die Gefangenen bewegen, uns die Zufluchtsorte, die Magazine, die Lazarethe der Kamiſarden zu verrathen, oder uns uͤber deren Bewegungen aufzuklaͤren. Unſere Truppen mar⸗ ſchirten nur bei Tage und mit der groͤßten Vorſicht, aus Furcht in Hinterhalte zu fallen. Wenn un⸗ ſere Streitkräfte vereinigt waren, trennten ſich die 3 Corps der Kamiſarden unter Cavalier, Ephraim und Roland, loſten ſich bis in das Unendlichſte auf und zerſtreuten ſich nach allen Seiten. Wenn wir dagegen, ihre Bewegungen nachahmend, zahlreiche Detaſchements bildeten, um ſie zu verfolgen, ſo zo⸗ gen ſie ſich mit uͤberraſchender Schnelligkeit zu ei⸗ nem einzigen Corps zuſammen, und fielen uͤber un⸗ ſere Truppen her, die ſie einzeln angriffen und uͤber welche ſie dann den Vortheil der Menge hatten. So wurden wir bei dem Uebergange von Bijour, bei Sauve, bei Eſtables du Rive⸗d'Oſt gaͤnzlich geſchlagen, und ſelbſt bis unter die Kanonen von Alais, einer befeſtigten Stadt, in deren Nähe Cavalier un⸗ verſchämt genug war, mit großem Pompe die Oſtern zu feiern, ein Hauptfeſt der Kamiſarden, verfolgt. Ein ander Mal ließ die Bande Ephraims die Be⸗ wohner von Genouvillac uͤber die Klinge ſpringen. Das blutigſte Gefecht aber fand in der Nähe von uzés bei Vergeſſer ſtatt.“ „War das nicht da, wo die Marine⸗Regimen⸗ ter und die Dragoner von Fiz⸗Marcon gänzlich niedergemacht wurden?“ fragte Herr von Villars. „Ja, Herr Marſchall; es blieben nicht 20 Mann uͤbrig. Alle Offiziere, 2 Oberſten, 3 Ma⸗ jors und 1 Brigade⸗General, Herr von la Jon⸗ quiére, wurden getoͤdtet. Dieſer neue Triumph machte die Rebellen noch kuͤhner und ſie bedrohten Montpellier. In dieſer äußerſten Gefahr ſchrieb ich an den König; ich ſette Sr. Majeſtät ausein⸗ ander, daß, ſo lange die Emporer in den Kirchſpie⸗ len der Cevennen Beiſtand faͤnden, die Revolte nicht zu unterdrucken ſein wuͤrde. Es war unmöglich, die Kamiſarden bis in ihre unzugänglichen Oerter zu verfolgen oder ſie dort zu erreichen. Man mufßte ſie daher in ihren Bergen umzingeln, ſowohl um ſie auszuhungern, als um ſie von der umgebenden Be⸗ volkerung abzuſchneiden. Der Koͤnig billigte dieſe Anſichten, denn er gab mir Befehl, durch Pulver und Feuer alle Kirchſpiele zu vernichten, deren Hin⸗ wegſchaffung fuͤr noͤchig erachtet werden konnte, —= 5— um zwiſchen den Kamiſarden und den uͤbrigen Be⸗ wohnern von Languedoc eine Art Scheidewand von Ruinen aufzufuͤhren.“ „Hat man dieſen Befehl des Koͤnigs buchſtaͤb⸗ lich befolgt, oder nur einige Häͤuſer zerſtört, um die Ketzer in Furcht zu jagen?“ fragte Herr von Villars. Perr von Baville nahm einen Bleiſtift, beſchrieb auf der Karte von Languedoc, die vor ihm auf dem Liſche lag, ein Dreieck, und ſagte mit der größten Kaltbluͤtigkeit von der Welt: „Sie ſehen, Herr Marſchall, daß die drei Berg⸗ ketten des Aygoal, der Lozére und der Seranne, aus denen die obern und niedern Cevennen beſte⸗ hen, ungefähr ein längliches Dreieck bilden, deſſen Schenkel der Aygoal und die Seranne ſind und deſſen Grundlinie aus den Bergen der Lozere beſteht.“ „Sehr richtig. Dieſes Gebirgsland iſt ohne Zweifel der Mittelpunkt von den Operationen der Rebellen?“ „Ja, Herr Marſchall. Auf einer Strecke von 12 bis 15 Lieus ſind nun alle Zugänge dieſes Drei⸗ eckes vollkommen verwuͤſtet; nahe an 500 Doͤrfer der Proteſtanten ſind vernichtet, und die 20000 Einwohner, welche ſie bevölkerten, in die Ebene zuruͤckgedrängt.“ „Bei dem lebendigen Gott,“ rief Herr von Villars aus,„das war ein energiſches, aber ein —— entſetliches Mittel! Der Koͤnig hat zweimal die Verheerung der Pfalz befohlen. Das war ein noth⸗ wendiges Uebel. Die Spuren dieſer furchtbaren Execution werden noch lange hinter uns zuruͤckblei⸗ ben. Aber es war ein feindliches Land— wäh⸗ rend eine ſolche Verheerung in Frankreich— in Frankreich, ach, das iſt abſcheulich!“ fuͤgte Herr von Villars hinzu, welcher ſeine ſchmerzliche Ueber⸗ raſchung nicht zu verbergen vermochte. „Indem Sie anerkennen, daß die Verheerung der Pfalz ein nothwendiges Uebel war,“ ent⸗ gegnete Herr von Baville mit ſeiner unwandelbaren Ruhe,„haben Sie dieſe energiſche Maßregel gerecht⸗ fertigt. Weshalb ſollte man bei einem Buͤrger⸗ kriege, der viel gefaͤhrlicher iſt, als ein auswärtiger Krieg, vor der Nothwendigkeit derſelben Mittel zu⸗ ruͤckbeben? Wenn das Feuer eine ganze Stadt zu vernichten droht, darf man dann zoͤgern, ein Stadt⸗ viertel niederzureißen, um die uͤbrige Stadt von dem Heerde des Brandes zu trennen? Ohne Zweifel ſind dieſe äͤußerſten Mittel ſtets beklagenswerth; ohne Zweifel bedurfte der Koͤnig eines großen Mu⸗ thes, um ſolche Befehle zu geben; ohne Zweifel mußten ſeine Diener, um dieſe Maßregeln zu voll⸗ ziehen, einen feſten Glauben in die verhaͤngnißvolle Dringlichkeit derſelben ſetzen. Dieſen Glauben habe ich gehabt, und laut uͤbernehme ich mit Herrn von Montrevel die Verantwortlichkeit dieſer Hand⸗ lungen.“ Krieg in den Cevennen. II. 7 „Aber dieſe haben doch wenigſtens den Erfolg gehabt, den man ſich verſprach?“ ſagte Herr von Villars. „Die Zerſtörung der Ortſchaften hat, wie je⸗ des Ding, gute und boſe Reſultate herbeigefuhrt; es war viel Zeit erforderlich, um ſie zu vollenden. Die Haͤuſer waren faſt ſämmtlich ſehr ſolide erbaut. Es wurde ſchwer, ſie niederzureißen, und Axt wie Mine zogen die Vernichtung in die Länge. Herr von Montrevel bat um die Vollmacht, die Bör⸗ fer niederbrennen zu duͤrfen, nach der Meinung, die Herr von Julien ausgeſprochen hatte*). Die Be⸗ fehle des Königs ließen nicht lange auf ſich war⸗ Hier ein Brief des Feldmarſchall von Julien über dieſen Gegenſtand: Pont de Mont⸗Vert, den 20. September 1703. „Ich erhielt, gnädige Frau, Ihren Brief vom 17. unter großer Vewegung. Wir fangen morgen an, 31 Kirchſpiele, die zu den obern Cevennen gehören, und die der König zur Vernichtung verurtheilt hat, der Erde gleich zu machen. Ich für meinen Theil habe 12 be⸗ kommen, mit allen Dörfern und Weilern von drei an⸗ dern, deren Hauptorte man erhalten will, weil Trup⸗ pen darin liegen. Der Marſchall von Montrevel hat in ſeinem Bezirke 16 raſiren zu laſſen, und Herr von Canillac 3, mit 225 Dörfern in der Nähe des Aygoal und des Esperou. Dieſer Letztere fing geſtern an, weil er vorgeſtern 1000 Mann Miliz bekommen hat, die von den Küſten von Languedoc mit den nöthigen Werk⸗ zeugen zur Demolirung der Häuſer gekommen waren. ten: das Feuer trat an die Stelle des Brecheiſens und die Vollziehung war bald beendigt.“ „Alſo ſind nahe an 500 Dörfer zerſtort wor⸗ Die 2000 Mann Miliz aus Gevaudan ſind heute einge⸗ troffen, ſo daß man morgen früh die Hand an das Werk der Vernichtung legen wird. Die ganze Bevöl⸗ kerung iſt entflohen; nur ein Theil der Weiber, kleinen Kinder und Greiſe hat ſich unterworfen, zitternd, daß man ſie erwürge; aber wir haben keine Luſt, ihnen Bö⸗ ſes zu thun. Der König will ſie anderwärts ernähren laſſen, ihre Wohnungen aber demoliren. Wir ſind für lange Zeit beſchäftigt, wenn man ſich nicht des Feuers bedient, wie ich vorgeſchlagen habe. Ich wünſche, daß dieſe große und ausgedehnke Züchtigung die Frucht tra⸗ gen möge, die man ſich davon verſpricht, aber ich er⸗ warte nichts Gutes. Wäre ich Gebieter geweſen, ich hätte alle Bauern der vier Kirchſpiele fortſchleppen laſ⸗ ſen, und das in einer paſſenderen Jahreszeit vollzogen, ohne ein einziges Haus zu vernichten. Ich ſehe vor⸗ aus, daß die Sache ſehr lange dauern wird, wenn man meinen Vorſchlag nicht in Ausführung bringt. Aber ich lobe Gott für Alles! Ich füge hier einen Quatrain bei, welchen Herr Guillaumain, Adöokat in Nimes, auf eine Stute gemacht hat, welche die Kamiſarden einem Prieſter weggenommen hatten, und welche mit Sattel und Zeug zu ihrem Herrn zurückkehrte, während die Rebellen ſie ganz bloß fingen! Hier erfolgt der erbärmlich ſchlechte Quatrain. Genehmigen Sie eec. von Julien. (Das mehrerwähnte Mamſcript, Brief an Frau von Merez, von der Incarnation, Aſſiſtentin des gro⸗ ßen Urſelinerinnen⸗Kloſters in Nimes.) 5* — 100— den, und 20000 ungluͤckliche Einwohner aus ihren Häuſern verjagt?“*) rief Herr von Villars. *) Anzahl der zerſtörten Dörfer: 18 in dem Kirchſpiel von Frugères;— 5 in dem Kirchſpiel von Lozère;— 4 in dem Kirchſpiel Gri⸗ zac;— 15 in dem Kirchſpiel Caſtagnols;— 11 in dem Kirchſpiel Vialas;— 6 in dem Kirchſpiel Ju⸗ lien⸗de⸗Poins;— 8 in dem Kirchſpiele St. Moritz v. Ventalou;— 14 in dem Kirchſpiele St. Franz von Ventalou;— 7 in dem Kirchſpiele St. Hilair⸗de⸗La⸗ vit;— 6 in dem Kirchſpiele von St. Andéol⸗de⸗Cler⸗ guemot;— 28 in dem Kirchſpiele St. Prival⸗de⸗Val⸗ lonque;— 10 in dem Kirchſpiele St. André⸗d'An⸗ cize;— 19 in dem Kirchſpiele St. Germain⸗de⸗Cal⸗ verte;— 26 in dem Kirchſpiele St. Etienne⸗de⸗Val⸗ francesque;— 9 in dem Kirchſpiele Princes⸗de⸗Mont⸗ vaillant;— 16 in dem Kirchſpiele Florac. Andere Dörfer und Gemeinden, die in dieſer Liſte nicht mit inbegriffen ſind, aber auch zerſtört werden ſollten und es wirklich wurden, waren: Frugdres,— Pompidou,— St. Martin⸗de⸗l'An⸗ cize,— St. Martin de⸗Campſelade,— St. Laurent⸗ de⸗Tröves,— Vebron,— Rouſſes,— Barre,— Montlezon,— Bousquet⸗de⸗la⸗Barthe,— Balmes,— St. Eulien⸗d'Arponon,— Lanagnas,— St. Croix⸗de⸗ Valfrancesque,— Gabriac,— Moiſſac,— St. Ro⸗ man,— St. Martin⸗de⸗Bobeaur,— Melouſe,— Col⸗ let⸗de⸗Doze,— St. Michel⸗de⸗Doze. Im ganzen, ſagt ein Geſchichtſchreiber, wurden alſo 466 Dörfer und Weiler zerſtört, bewohnt von 19,500 Menſchen. Aber ich glaube, daß er ſich täuſcht, und daß die zerſtörten Ortſchaften mehr Bewohner hatten, als er ſagt, denn 1698 zählte man in der Diö⸗ — 101— Ein katholiſcher Autor, der Prieſter LOuvreleuil, beſchreibt in ſeiner Geſchichte des Fanatismus die Folgen von dieſer Vernichtung durch das Feuer ſo: Dieſe Expedition glich einem Gewitter, welches auf einem fruchtbaren Felde nichts zu verwöſten uͤbrig läßt. Die Häuſer, die Scheunen, die Hutten, die einzeln liegenden Meierhofe, die Ställe, kurz alle Gebäude, ſanken unter dem Feuer, wie unter der Schneide des Pfluges die Feldblumen, das Unkraut und die wilden Wurzeln ſinken. „Ja, Herr Marſchall, aber Dank dieſer furchter⸗ lichen Maßregel ſind die Rebellen jetzt, freilich ohne ſich an Zahl vermindert zu haben, doch wenigſtens in ceſe von Mende, zu der faſt alle die zerſtörten Ort⸗ ſchaften gehörten, 18189 Proteſtanten, die Edelleute un⸗ gerechnet.(Geſchichte der Kamiſarden, Buch 6.) Fléchier ſchrieb in Bezug auf dieſe Expedition an Herrn von Montrevel: Der Plan, den Sie zur Aus⸗ führung bringen, iſt ſtreng und wird ohne Zweifel nütz⸗ lich ſein; er vernichtet das Uebel bis zur Wurzel, er zerſtört die Zufluchtsörter der Aufrührer und ſchließt dieſe in Grenzen ein, in denen es leichter ſein wird, ſie im Zaum zu halten und ſie aufzufinden, aber obgleich wir wohl darauf gefaßt waren, daß die Rebellen we⸗ gen Ihrer Expedition gegen dieſelben in die Ebene ein⸗ fallen und einige Unordnungen in unſerer Nachbarſchaft begehen würden, konnten wir uns doch nicht einbilden, daß ſie ſo viele Grauſamkeiten ausüben und bis unter unſern Augen die Kirchen, die Dörfer und die beſten Beſitzungen niederbrennen würden.(Brief Flöchiers, September, 1703.) den ihnen angedeuteten Raum zuſammengedraͤngt. Cavalier hat ſein verſchanztes Lager in den Ber⸗ gen von Seranne, welche die Ebene von Anduͤze und Vivarais begrenzen. Ephraim haͤlt den Ay⸗ goal und die Grenzen von Rouergue beſetzt, und Roland die Berge von der Lozére, auf den Gren⸗ zen von Gevaudan. Die drei Hauptoperationspunkte, welche mit den drei Winkeln des Ihnen beſchriebe⸗ nen Dreiecks zuſammentreffen, ſtehen mit einander durch Zwiſchenpoſten und kleine Detaſchements in Verbindung. Sie ſehen, daß ſich die Rebellen ih⸗ rer Stellung nach auf drei Provinzen werfen koͤn⸗ nen, in denen ſchon ſehr ernſte Unruhen Statt ge⸗ funden haben. Mit einem Worte, Vivarais, Rouergue und Gevaudan ſtehen auf dem Punkte, ſich bei dem Triumphe der Inſurrection ebenfalls zu empoͤren.“ „Dieſer Plan zum Feldzuge iſt in jeder Bezie⸗ hung der Praͤliminarien wuͤrdig, die mir ſchon auf⸗ gefallen ſind. Man erkennt in dem Ganzen die⸗ ſer Dispoſitionen einen hohen militairiſchen Geiſt,“ ſagte Herr von Villars mit nachdenkendem Weſen, indem er den Andeutungen, die Herr von Baville ihm gab, auf der Karte folgte. „Um zum Ende zu kommen, Herr Marſchall, erwaͤhne ich, daß in dieſem Augenblicke die Inſur⸗ genten einen Flaͤchenraum von 8 Stunden unzu⸗ gaͤnglicher Gebirge beſetzt halten. Hundert entſchloſ⸗ ſene Kamiſarden wuͤrden genuͤgen, die Defilées, durch die allein man zu ihren Verſtecken gelangen kann, —— ——— zu vertheidigen und zu verſperren. Indem ihre Häuptlinge gegen uns den Krieg fuͤhrten, haben ſie ihn gelernt. Es ſind nicht mehr grobe Bauern, die ſich blind auf unſere Truppen ſtuͤrzen, ſondern ſie kennen jetzt die Taktik des Gebirgskrieges. Sie ſind 10 bis 12000 Mann ſtark, wohl bewaffnet, wohl equipirt und beinahe disciplinirt, beſonders die Banden Cavaliers. Ihre Cavallerie iſt 500 Pferde ſtark; ſie haben Lebensmittel und Munition fur ein Jahr. Die Truppen, uͤber welche Sie disponiren konnen, belaufen ſich auf 17000 Mann, und hier der Etat derſelben.“ Der Intendant ſuchte unter ſeinen Papieren danach und uͤbergab ihn dem Herrn von Villars.*) *) Dieſe Truppen waren: Das Dragoner Regi⸗ ment Fitz⸗Marcon,— das neue Dragoner Regiment St. Sernin,— 2 Bataillone von Hennegau,— 2 von Royal⸗Comtois,— 1 von Soiſſonais,— 1 von Dauphiné,— 1 von Labour,— 1 von Marſeille,— 1 von Tournon,— 1 von Lafare,— 1 von Breſſon,— 1 von Turnand,— 1 von Dugna;— 3 Compagnien Mikelets,— 4 von der Marine,— 2 von den Galee⸗ ren,— 3 Regimenter Schweizer von Courten,— 2 von Charolais,— 1 von Froulay, außerdem 32 Provinzial⸗ Füſelier⸗Compagnien. Die Bürgkrtruppen, und endlich die Banden unter dem Namen der Söhne des Kreuzes unter dem Anführer Florimont.— Dieſe Truppen, welche einen Effectivbeſtand von ungefähr 17000 Mann bildenten, wurden commandirt von den Generallieu⸗ tenants von Lalande und von Iulien; von den 4 Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung ſagte dieſer zu dem Intendanten: „Sie ſehen, Herr von Baville, daß ungeachtet der furchterlichſten Maßregeln, ungeachtet der Verheerung eines ganzen Landes, die Fanatiker in dieſem Augen⸗ blicke vielleicht mächtiger ſind, als je zuvor. Ihre Er⸗ folge ſind das boͤſeſte Beiſpiel fuͤr die andern Pro⸗ vinzen, die insgeheim von den Emiſſarien des Aus⸗ landes bearbeitet werden. Ich glaube, wie Sie, daß dieſer Revolte um jeden Preis ein Ende zu machen iſt, nur weicht das Mittel, welches ich dazu vorſchlagen will, gänzlich von den bisher an⸗ gewendeten ab.“ Herr von Baville ſah Herrn von Villars ſtau⸗ nend an. „Die Rebellen durch die Gewalt zu vernichten, waͤre ohne Zweifel ein großer Streich, aber ſie wuͤr⸗ den als Märtyrer ſterben, ihr Blut eine neue In⸗ ſurrection befruchten und der Buͤrgerkrieg wäre in Languedoc unvertilgbar, ſo lange noch ein Keim des Aufruhrs bliebe. Wenn es dagegen gelaͤnge, die proteſtantiſche Partei in der Achtung gänzlich herab⸗ zuſetzen, und zwar in der Perſon ihrer Fuͤhrer, in⸗ marécheaux de camp: dem Marquis yon Canillac, dem Marquis Fitz⸗Marcon, von Courten und von Pré⸗ foſſe; und von den 10 Brigadiers: Vergetos, von Plancque, von Marcelin, dem Marquis von Rouville, Courten, Tournon, Grandval, Menon und von Mayon. Geſchichte der Kamiſarden, Buch VI. Th. 11) dem man dieſe bewoͤge, die Waffen zu ſtrecken, ſo wurde die Schmach derſelben auf ihre ganze Sache zuruͤckfallen; dieſe Ruckſicht hätte fur die Folge eine ungeheure Wichtigkeit. Offenbar iſt Cavalier die Seele dieſes Krieges. Stolz und eitel im hoͤchſten Grade, läßt er ſich den Prinzen der Cevennen nen⸗ nen. Sie ſehen, daß Stolz und Ehrgeiz ſtets die Klippen fuͤr den Mann des Volkes ſind, den der Zufall zum Haupte einer Revolte machte. Der Rauſch der Macht und Gewalt iſt ſehr gefuͤhrlich fuͤr einen jungen Kopf. Weshalb ſollte Cavalier uͤber gewiſſe Verfuhrungen erhaben ſein?“ Herr von Baville fing an, die Abſichten des Marſchalls von Villars zu erkennen. Wie jedem Menſchen, der ſich ſeit langer Zeit daran gewoͤhnt hat, eine Frage nur aus einem einzigen Geſichts⸗ puncte zu betrachten, widerſtrebte es dem Intendan⸗ ten, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß Gewalt und Schrek⸗ ken bisher ohnmächtig geweſen waͤren, die Revolte zu beſiegen, und daß man daher vielleicht andere Mittel verſuchen muͤßte. Er blieb daher auch kalt bei dieſer Eroͤffnung des Marſchalls und entgegnete: „Welches ſind aber Ihre Pläne in Bezug auf unſere militäriſchen Operationen? Ordnen Sie dieſe gänzlich dem Gelingen Ihres Planes unter, deſſen ganze Ausdehnung, wie ich geſtehe, ich noch nicht zu faſſen vermag?“ „Ich bin der Meinung, uns zuerſt auf einen Offenſivkrieg vorzubereiten, um bereit zu ſein, mit großerer Kraft handeln zu koͤnnen, wenn der Plan, den ich vorſchlagen will, ſcheitern ſollte.“ „Und dieſer Plan, Herr Marſchall?“ „Es handelt ſich darum, einen ſichern, ver⸗ ſchwiegenen, gewandten, einſchmeichelnden Menſchen zu finden, den wir an Cavalier abſenden koͤnnen. Dieſer Emiſſar wuͤrde mit Vollmacht zu Verſpre⸗ chungen verſehen, welche faͤhig waͤren, den jungen Fuͤhrer der Rebellen zu blenden, und ihn zu bewe⸗ gen, ſich dem Koͤnige zu unterwerfen. Der Koͤnig hat mir unbedingte Vollmacht gegeben; ich kann Alles gewaͤhren: Reichthuͤmer, Groͤße, Wuͤrden, kurz, ich kann die Traͤume der thoͤrichteſten Einbil⸗ dungskraft, des uͤbertriebenſten Ehrgeizes, verwirk⸗ lichen.“ „Ach, Herr Marſchall,“ rief Herr von Baville, „Sie kennen dieſe Menſchen nicht. Der Fanatis⸗ mus iſt ihnen in das Herz gewachſen, und nie wuͤrden Sie durch Beſtechung etwas von ihnen erlangen.“ „Aber laͤßt ſich nicht Cavalier Prinz der Ce⸗ vennen nennen?“ „Das iſt eine Kinderei, ein alberner Gedanke, nichts weiter.“ „Und eben durch ihre Kindereien, durch ihre Albernheiten ſind die groͤßten Maͤnner zu faſſen; das wiſſen Sie eben ſo gut als ich. Und zum Gluͤck fuͤr meine Pläne iſt von allen Schwaͤchen der Stolz die gefaͤhrlichſte, weil er ſich mit dem ſchonſten Schein bekleiden läßt. Ich bin uͤberzeugt, daß Cavalier die Titelſucht, welche ihn dazu treibt, ſich lächerlicher Weiſe Prinz der Cevennen nennen zu laſſen, fuͤr die edle Gluth eines löblichen Ehr⸗ geizes haͤlt. Wieder zum Gluͤck beſitzt dieſer Bauer einige gute und löbliche Eigenſchaften. Das ſind vortreffliche Saiten zum Anſchlagen. Es handelt ſich nur darum, ſie ſanft und zu rechter Zeit zu beruͤhren, mit Salbung von den Gräueln des Buͤr⸗ gerkrieges zu ſprechen, von dem Ruhme, dem Vaterlande den Frieden wiederzugeben, von der Gnade des Königs, von ſeiner Dankbarkeit, welche ſo weit gehen könnte, ein großes militäriſches Genie in den höchſten Graden zu verwenden, die Feinde Frankreichs zu bekämpfen, ſtatt in dem Lande ſelbſt einen gotteslaſterlichen Krieg zu unterhalten. Es handelte ſich darum, dieſem jungen Ehrgeizigen eine blendende Perſpective zu zeigen, an deren Ende man auf eine Grafenkrone deutete, auf herrſchaftliche Be⸗ ſibungen, auf hohe militäriſche Wuͤrden, und ſelbſt, wenn es ſein muͤßte— am äußerſten Horizonte,— auf den mit goldenen Lilien geſchmuͤckten Sammet⸗ Stab, den mehr als ein Gluͤcksſoldat als Preis ſei⸗ ner Thaten erhalten hat. Nun, Herr Intendant, was halten Sie davon? Scheint Ihnen das Alles nicht fähig, andere Koͤpfe noch zu verrucken, als den des Johann Cavalier?“ „Sie irren, glaube ich, in Bezug auf den Cha⸗ rakter dieſes Parteigängers, Herr Marſchall. Wenn — 108— er dieſe Anträge zuruckweiſt, wie ich nicht bezweifle, ſo wird dieſe Verſuchung ſeinen Stolz nur noch unlenkſamer machen. Bedenken Sie, in welchem Grade er ſich ſeine eigene Wichtigkeit ubertreiben, wird, wenn er ſich als den Gegenſtand ſolcher Zu⸗ vorkommenheiten erkennt.“ „Und was thut das? Verſuchen wir es immer⸗ hin. Das Schlimmſte iſt, wieder in die Lage zu⸗ ruͤckzuſinken, in der wir uns jetzt befinden, und dann waͤre es noch immer Zeit, mit der außerſten Kraft zu handeln, denn ich ſtimme mit Ihnen darin uͤberein, daß es zur Ruhe Frankreichs noth⸗ wendig iſt, dieſen Heerd der Inſurrection zu zerſtoͤ⸗ ren. Ohne Zweifel wird das ſchwer ſein, aber es wird uns gelingen, und ſollte ich von dem Koͤnige 20, 30, 40,000 Mann verlangen, um die Fana⸗ tiker in ihren Bergen zu umzingeln, und eine re⸗ gelmaͤßige Treibjagd auf ſie anzuſtellen, wie auf eine Heerde Woͤlfe. Nur bitte ich Sie dringend darum, ehe wir zu dieſem aͤußerſten Mittel ſchreiten, mei⸗ nen Plan zu verſuchen. Gelingt er, ſo erhalten wir eine große Anzahl braver Soldaten und bra⸗ ver Offiziere, und dann bedenken Sie auch, daß die moraliſche Wirkung einer ſolchen Unterwerfung un⸗ geheuer waͤre.“ „Sollte ſich Cavalier jemals unterwerfen, Herr Marſchall, ſo wuͤrde es nur geſchehen, indem er Buͤrgſchaft fuͤr die Wiederherſtellung der reformir⸗ ten Religion und fuͤr die freie Ausuͤbung der buͤr⸗ — 109— gerlichen Rechte der Proteſtanten erlangte, zweifeln Sie daran nicht. Daß Ludwig XIII. bei ſeiner geſunkenen Macht zuweilen mit dem Herzog von Rohan, dem Haupte der Calviniſten, wie Macht zu Macht unterhandelte, mag noch hingehen; aber daß Ludwig der Große ſich ſo weit erniedrige, mit Jo⸗ hann Cavalier zu unterhandeln— ach, Herr Mar⸗ ſchall, es wäre ſehr gefaͤhrlich, die königliche Wuͤrde ſo tief herabzuſetzen. Das Volk wuͤrde ſich einſt dieſes Vorganges erinnern. Es haßt, aber es ehrt und furchtet eine wuͤrdige und ſtrenge Macht; eine ſchwache, feige, verachtet es, und trotzt ihr. Die Verachtung des Volkes aber iſt die Revolte; ein Zugeſtändniß, das man ihm macht, iſt nur das erſte Glied einer ſchmachvollen und ſchweren Kette, die es auflegt, und die man dann lange Zeit zu tragen ſich entſchließen muß.“ „Aber erwägen Sie, Herr Intendant, daß, wenn es uns moglich iſt, Cavalier dahin zu bringen, die erſten Schritte zu einer Ausſohnung zu thun und die Waffen niederzulegen, um mit nns zu unter⸗ handeln, er ſich dadurch folgerecht unterwirft. Was die Garantien betrifft, die er für ſeine Religionsge⸗ noſſen in Anſpruch nehmen wuͤrde, ſo können die⸗ ſelben Staatsgrunde,— zugegeben, daß der König ſich zu einigen augenblicklichen Zugeſtaͤndniſſen gegen die Rebellen bewogen finden ſollte— welche den Wi⸗ derruf des Edictes von Nantes, trotz der beſchwore⸗ nen Vertraͤge, heiſchten, abermals in Anſpruch ge — 110— nommen werden.— Vor allen Dingen iſt es nothwendig, die freiwillige Unterwerfung eines ſo einflußreichen Oberhauptes, als Cavalier iſt, herbei⸗ zufuͤhren. Gelingt uns dies, ſo wird der Auftuhr ſich von unſerm Streiche nicht erholen.“ In dieſem Augenblicke hörte man an die Thuͤr klopfen; Herr von Villars rief:„herein,“ Gaſton von Merceour trat ein, uͤbergab dem Marſchall ei⸗ nen Brief, und entfernte ſich wieder. Auf der Adreſſe des Briefes ſtand: Sehr dringend fuͤr den Dienſt des Koͤnigs. „Sie erlauben, Herr Intendant,“ ſagte der Marſchall zu Herrn von Baville, und las: „Gnädiger Herr, wenn Sie ſich noch Toinons, „der Pſyche, erinnern, die Sie ehedem Ihres Bei⸗ „falles wurdigten, ſo erzeigen Sie ihr die Gnade, ſie „einen Augenblick zu empfangen; ſie hat Ihnen „Dinge von großer Wichtigkeit anzuvertrauen. Es „handelt ſich um den Dienſt des Konigs.“ Ihre demuͤthige Dienerin Toinon. „So iſt alſo das arme Maͤdchen nicht todt, wie man glaubte?“ rief Herr von Villars.„Mei⸗ ner Treu, deſto beſſer, denn ſie iſt ein gutes Ge⸗ ſchöpf. Aber jetz fällt mir ein,“ fugte Herr von Villars hinzu, indem er ſich an Herrn von Ba⸗ ville wendete:„Was iſt denn aus dem ungluͤckli⸗ chen Marquis von Florac geworden? Frau von — 11— Maintenon intereſſirt ſich ſehr fur ihn. Weiß man etwas uͤber ſein Geſchick?“ „Durchaus nichts, Herr Marſchall; ſeit dem Ueberfalle der Dragoner beim Col⸗d'Ancize iſt er verſchwunden. Alles läßt ſeinen Tod vermuthen, und dennoch hat man ſeinen Leichnam nicht ge⸗ funden.“ „Vielleit kann uns Toinon etwas von ihm ſa⸗ gen. Um dem armen Marquis nachzulaufen hat das Mädchen, welches wahnſinnig in ihn verliebt war, Paris mit einem gewiſſen Taboureau verlaſ⸗ ſen, einem ſehr reichen und ſehr lächerlicher Buͤrger, von dem man ſeither auch nichts wieder ge⸗ hort hat.“ „Ich erinnere mich in der That ganz dunkel daran, gehört zu haben, daß vor einem Jahre ein junges Mädchen in Begleitung eines Mannes Alais verkleidet verließ. Ja, ja, richtig„ſie hatten ſo⸗ gar einen Diener und eine Dienerin zuruͤckgelaſſen, denen ich einen Geleitsſchein zur Reiſe nach Paris gab. Da ihre Herrſchaften nicht kamen, ließen ſie mir hier einen Wagen und einige Koffer, welche ohne Zweifel den Leuten gehoͤren, von denen Sie ſprechen. Ich ließ Alles verſiegeln. Gewiß iſt das arme Mädchen der Gefangenſchaft der Ka⸗ miſarden entflohen. Ihre Mittheilungen können ſehr wichtig ſein. Während Sie ſie empfangen, Herr Marſchall, erlauben Sie mir, mich zu ent⸗ fernen; ich muß meinen Courrier expediren. Ich werde das uͤberlegen, was Sie mir geſagt haben. Zuverlaͤſſig waͤre die Unterwerfung Cavaliers von großer Wichtigkeit. Zum Ungluͤck ſehe ich nur nicht, wem ſich eine ſo delicate Sache anvertrauen ließe. Indeß werde ich daruͤber nachdenken.“ „Auf baldiges Wiederſehn, Herr von Baville,“ ſagte Herr von Villars freundſchaftlich;„jett, da ich Sie geſehen habe, zweifle ich nicht mehr an dem Erfolge unſerer Unternehmung.“ Ehe wir nun aber die Unterredung zwiſchen dem Marſchall und Toinon mittheilen, muͤſſen wir die Leſer mit dem bekannt machen, was der Pſyche und ihrem Begleiter begegnete, nachdem ſie Alais, wie wir am Schluſſe des XVIII. Capitels(im 1. Theile), ſahen, verlaſſen hatten. VII. Die Reiſe. Nachdem unſere drei Reiſenden einige Zeit die Straße von Alais nach Pont de Mont⸗Vert mit⸗ ten durch fruchtbare Ebenen verfolgt hatten, betra⸗ ten ſie die Defilées der Cevennenkette. Je weiter ſie ſich nordweſil ich wendeten, deſto rauher wurde ihr Pfad. In dieſer ungeheuren Ein⸗ ſamkeit zeigte Alles das Bild der Umwälzung und des Chaos; die großen Erſchuͤtterunen vulkani⸗ ſcher Ausbruͤche hatten Felſen auf Berge gehaͤuft; von Strecke zu Strecke waren weite Krater um bo⸗ denloſe Abgruͤnde gebildet. Um Mitternacht ging der Mond hell und glän⸗ zend auf; ſein ſanftes, mildes Licht konnte jedoch den wilden Ausdruck einer engen Schlucht nicht mindern, welche Iſabelle, Toinon und Taboureau erkletterten. Die ſteilen, zerriſſenen Spitzen der ½ wl 2 Krieg in den Cevennen. II. 8 das Defilée uͤberragten, waren in bläulichen Dunſt gebadet; hier und dort hingen gewaltige Bloͤcke Kalkſpath, weiß und durchſchimmernd, in großer Hohe uͤber dem Wege, und warfen die Strahlen des Mondes leicht ſchimmernd wie Rieſenfenſter zuruͤck. Tief war das Schweigen der Nacht; das Echo wiederholte deutlich die Schritte der drei Reiſenden auf dem verkalkten, durch vulkaniſche Stroͤmungen unterhoͤhlten Boden. Bis jetzt hatte Toinon es nicht fur zweckmä⸗ ßig gehalten, Taboureau den Verdacht und die Angſt mitzutheilen, welche Iſabelle ihr in Bezug auf Tancred einfloßte, und eben ſo wenig hatte ſie ihn mit der Fabel bekannt gemacht, durch die ſie das junge Mädchen beſtimmte, ihnen zur Fuͤhrerin zu dienen. Die Pſyche hatte dem Cicisbeo bisher ſogar verborgen, daß er in den Augen der Ceveno⸗ lin fur einen proteſtantiſchen Geiſtlichen galt. Sie furchtete, Iſabelle mochte das Schweigen brechen, welches ſie ſeit der Abreiſe von Alais be⸗ wahrt hatte, und Taboureau dann ungeſchickt ant⸗ worten; deshalb theilte ſie ihm durch wenige Worte mit, was er wiſſen mußte. In ſeiner Unbefangenheit billigte es Claude ſehr, daß Toinon ihn fuͤr einem Geiſtlichen der re⸗ formirten Religion ausgegeben hatte. Der einzige Unfall, der ſeiner Meinung nach zu furchten ſtand, war das Zuſammentreffen mit einer Ketzerbande, und in einem ſolchen Falle betrachtete er ſich als 4 mit einem, in den Augen der Proteſtanten unver⸗ letzlichen Charakter bekleidet. Ungeachtet dieſer Buͤrgſchaft war Taboureau den⸗ noch von gänzlicher Beruhigung weit entfernt. Der Anblick dieſer Wuͤſteneien, die durch das Dämmer⸗ licht, welches ſie verſchleierte, noch impoſanter wurden, machte einen unangenehmen Eindruck auf ihn; bald verurſachten die phantaſtiſchen Geſtalten der Felſen, durch den Mond auf eigenthuͤmliche Weiſe beleuchtet, ihm gewaltigen Schrecken; bald verdop⸗ pelte der unbeſtimmte ferne Laͤrm, den die geheim⸗ nißvollen Stimmen großer Einſamkeiten während der Stille der Nacht mit einander auszutauſchen ſcheinen, die Beſorgniſſe des Cicisbeo. Toinon, welche durch ihre Liebe, durch die fie⸗ berhafte Gluth, die ſchwachen und nervoͤſen Ge⸗ ſchoͤpfen ſo viel Kraft verleiht, exaltirt wurde, furch⸗ tete nichts. Sie gab ſich ganz dem Entzuͤcken hin, Tancred zu uͤberraſchen, fuͤr ihn Muͤhſeligkeiten und Gefahren zu trotzen; ſie entwarf ſich tauſend gol⸗ dene Träume: er mußte ſie mit Guͤte aufnehmen, denn in dieſem wilden Lande hatte ſie keine Ne⸗ benbuhlerin zu fuͤrchten; um ihm mit groͤßerer Be⸗ quemlichkeit folgen zu konnen, legte ſie männliche Kleider an, und war ſein Page, ſein Diener, jeden⸗ falls aber doch in ſeiner Nahe. Die einzige Angſt, von der ſie zuweilen ergriffen wurde, war der Ge⸗ danke, daß Tancred ſie ſchlecht aufnehmen, ſie wohl gar fortjagen könnte; aber die Pſyche wendete von — 15 dieſem ſchwarzen Grunde der Verzweiflung den Blick ſchnell wieder ab, denn ſie wollte ihren Muth nicht durch truͤbe Ahnungen ſchwächen. Die Pſyche und ihr Cicisbeo hatten den Schritt etwas verkuͤrzt, um freier mit einander ſprechen zu können; Iſabelle ging voran. Das finſtere Schweigen, welches die Cevenolin hartnaͤckig bewahrte, läßt ſich leicht begreifen: nach dreijähriger Abweſenheit ſollte ſie Cavalier wieder ſe⸗ hen! Ohne zu wiſſen, ob er eines der Haͤupter von den Rebellen ſei, zweifelte ſie doch nicht daran, daß er einen thätigen Antheil an dem Aufſtande ge⸗ nommen hatte. Iſabelle wollte nach St. Andöol gehen, wo ſie Cavalier zu finden hoffte; täuſchte ſie ſich darin, ſo wollte ſie ihn aufſuchen; ſie hatte ihm fuͤrchterliche Entdeckungen zu machen; ſie hatte ihm ein Benehmen zu erklären, deſſen verderblicher Schein gegen ſie war. Iſabelle wußte endlich noch, daß der Marquis Tancred von Florac, den ſie un⸗ verſoͤhnlich haßte, eine Abtheilung der koniglichen Truppen gegen die Fanatiker commandirte. So viel Stoff zum Nachdenken mußte die Cevenolin hinlänglich beſchäftigen, um ſie gleichgultig gegen ihre Reiſegefährten zu machen; leicht konnte ſie da⸗ her durch die Luͤge, welche Taboureau in einen Geiſtlichen und Toinon in eine Proteſtantin ver⸗ wandelte, hintergangen werden. Ohne Zweifel mußte bei längerer Dauer der Reiſe die Rolle der Pſyche und Taboureau's vjel 6 ———,— ſchwerer zu ſpielen werden, als ſie bisher gewe⸗ ſen war.. Ein Ereigniß näherte die drei Reiſenden ein⸗ ander, und knuͤpfte ein Geſpräch zwiſchen ih⸗ nen an. Ein Felsblock, der ohne Zweifel ſchon längſt durch die Zeit untergraben war, loſte ſich von dem Gipfel eines der beiden Berge, welche die Straße einzwengten, ab, und rollte mit Donnergetoͤſe den ſteilen Abhang herunter, bis er mitten auf dem Wege in tauſend Stuͤcke zerſprang. Bei dem von dem Echo wiederholten Getoſe er⸗ bleichten Toinon und Taboureau. „Wir ſind verloren!“ ſchrie Taboureau. Iſabelle blieb einen Augenblick ſtehen, gab den beiden Gefaͤhrten ein Zeichen, ſich nicht von der Stelle zu bewegen, und lauſchte, indem ſie ſich zur Erde niederbeugte. Nach einigen Minuten richtete ſich die Ceveno⸗ lin wieder empor, und ſagte zu Taboureau:„Das iſt ein Felsſturz, wie ſie in unſern Bergen haͤufig vorkommen, heiliger Hirte; laßt uns unſern Weg fortſetzen.“ Der Cicisbeo, den der Schrecken betäubte, hatte ſeine Rolle vergeſſen; als er ſich heiliger Hirte nen⸗ nen hoͤrte, ſah er daher Iſabelle ſtaunend an. „Bedenken Sie doch, daß Sie fuͤr einen Geiſt⸗ lichen gelten,“ fluͤſterte ihm die Pſyche leiſe zu, in⸗ dem ſie weiter gingen. — 118— „Ja ſo,“ ſagte Claude und ſchlug ſich vor die Stirn. ½ Nachdem ſie einige Minuten gegangen waren, ſagte Iſabelle, in der bibliſch⸗allegoriſchen und Bil⸗ derſprache, welche den Proteſtanten eigen war, mit truber, ernſter Stimme zu dem Cicisbeo: „Die Propheten haben allen Denen geboten, welche gegen Edrelon wohnen, ſich der Berge zu bemächtigen, uͤber die man nach Jeruſalem kom⸗ men kann, und die Kinder Iſrael's haben den Be⸗ fehl vollzogen.“ Claude Taboureau war im Puncte der heili⸗ gen Geographie von der vollkommenſten Unwiſſen⸗ heit, und begriff nicht, welch ein Zuſammenhang zwiſchen Iſrael, Jeruſalem, Edrelon, den Propheten und den gegenwärtigen Umſtaͤnden Statt finden konnte; er ſah die Cevenolin ganz verduzt an, und ſagte dann auf gut Gluͤck hin mit billigendem Tone: „Und ſie haben meiner Treu wohl daran ge⸗ than, dem Propheten zu gehorchen, mein liebes Maͤdchen.“ „Und Eure Ankunft, heiliger Hirte, wird ſie mit Freude erfullen. Die Trauben ſind reif. Eure Stimme wird ſie während der Leſe auftecht erhalten!“ „Zum Henker,“ fluſterte Claude leiſe Toinon zu,„was will ſie denn mit den Trauben und mit der Leſe ſagen? Hält ſie mich etwa gar fuͤr einen Sänger?“— Dennoch entgegnete er mit Sal⸗ — 119— bung:„Ich werde mein Möglichſtes thun, um un⸗ ſern Bruͤdern während der Leſe zu gefallen. Was ubrigens meine Stimme betrifft, ſo iſt das nur ein beſcheidener Bariton; aber, wie man zu ſagen pflegt, kann ja ſelbſt das ſchonſte Mädchen nichts ge⸗ ben, als was es hat,“ fuͤgte Taboureau hinzu, indem er ſchelmiſch lachte, denn er wuͤnſchte das Geſpräch etwas aufzuheitern, welches ſeinem Geſchmacke nach mit der traurigen Gegend, in der ſie ſich befanden, viel zu fehr uͤbereinſtimmte. Toinon knipp ihn in den Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen, denn ſie fürchtete, die Ceve⸗ nolin moͤchte ſich durch dieſe auffallende Sprache verletzt finden; aber Iſabelle hatte nichts gehoͤrt. Ploͤtzlich blieb ſie vor einem Grabhuͤgel ſtehen, der in einer Felsſpalte roh aufgeworfen war. Toinon und der Cicisbeo hielten es fur klug, ihrem Beiſpiele zu folgen. „Hier wurde der Pfarrer Candomergue ermor⸗ det,“ fagte Iſabelle mit finſterer Stimme. „Oh, der Pfarrer Candomergue wurde— mitten in dieſen Felſen ermordet?“ ſagte Claude mit einer gewiſſen ängſtlichen Aufregung. „Niedergemetzelt in der Mitte ſeiner Bruͤder, denen er das Wort Gottes verkundete, wie Ihr es unſern Bruͤdern verkuͤnden werdet, heiliger Hirte. Ja, der Muth der Kämpfer, bewaffnet mit dem Schwerte, iſt nichts im Vergleich zu Eurem Mu⸗ the, Ihr religibſen Organe des Herrn! Die Gluth der Schlacht reißt die Soldaten mit ſich fort, wäh⸗ rend Ihr ruhig mitten im Blutbade nur Freuden⸗ gefuͤnge zu dem Herrn erhebt, während Ihr ihm nichts als Euer koſtbares Blut als Suͤhnopfer zu bieten habt!“ Taboureau naherte ſich Toinon, indem er Iſa⸗ belle mit vielem Widerwillen anſah; er begann es ſehr ſtark zu bereuen, daß er ſo leichtſinnig die Rolle eines Geiſtlichen uͤbernommen hatte, durch die er ſich ſo vielen Gefahren ausgeſetzt ſehen konnte. Deshalb ſagte er auch leiſe zu der Pſyche:„Wahr⸗ lich, ich will lieber fuͤr einen einfachen Proteſtan⸗ ten gelten; das iſt vielleicht nicht ſo glänzend, als Geiſtlicher, aber es ſcheint mir unendlich viel ſiche⸗ rer zu ſein.“ „Unmöglich,“ ſagte Toimnon;„Sie wuͤrden Al⸗ les verderben. Und was thut es denn auch? Mor⸗ gen Abend ſind wir in Pont de Mont⸗Vert.“ Und ohne Zweifel um Claude zu beruhigen, ſagte ſie dann zu Iſabelle: „Aber die Zahl der Geiſtlichen, die wir ſeit ei⸗ niger Zeit zu beklagen haben, iſt zum Gluͤck nicht beträchtlich?“ „Nicht beträchtlich?“ wiederholte Iſabelle mit einem bittern Lächeln.„Ja, ohne Zweifel; weil es dem Henker an Opfern fehlte; weil die meiſten unſerer Geiſtlichen ſchon auf dem Scheiterhaufen oder dem Rade geendet hatten. Wenn die Moa⸗ biter unſere Pirten nicht mehr niedermetzeln, ſo 1 kommt es daher, weil keine mehr uͤbrig blieben; Ihr wißt dies nur zu ſehr, wuͤrdiger Hirte, Ihr, viel⸗ leicht der letzte der heiligen Verbannten, welche ſich heldenmuͤthig dem Maͤrtyrerthume widmen. Aber was koͤmmt auf das Maͤrtyrerthum an? Sind doch ſeine Palmen gruͤn und unvergänglich!“ ſagte Iſabelle mit finſterer Exaltation. Der Cicisbeo wurde immer unruhiger durch die furchtbaren Farben, mit denen die Cevenolin die fromme Sendung ſchilderte, die er ihrer Meinung nach zu hatte. Er naͤherte ſich der Pſyche und fluͤſterte ihr zu:„Hören Sie, unter uns, ich verabſcheue das große Mädchen da mit ihrem maͤnn⸗ lichen Weſen; es liegt etwas Finſteres in ihrem Geſichte. Hm, ich finde ſie ganz merkwuͤrdig mit ihren gruͤnen Palmen und mit ihrem Märtyrer⸗ thume.— Ach, Pſyche,“ fugte er mit bekuͤmmer⸗ tem Tone hinzu,„das wird ein ſchlechtes Ende neh⸗ men. Hole der Teufel Herrn von Florac und alle Marquis der ganzen Welt!“ „Ohne Zweifel ſind die Palmen des Maͤrtyrer⸗ thumes glorreich,“ ſagte Toinon, um Taboureau aus der Verlegenheit zu ziehen,„aber unſere wuͤrdige Fuͤhrerin wird der Schweſter des heiligen Hirten den gluͤhenden Wunſch verzeihen, daß ihr Bruder noch lange leben moͤge, um das Wort Gottes zu verkuͤnden.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ fiel Taboureau ein;„ich wuͤnſche das Wort Gottes ſo lange als moͤglich zu verkuͤnden. Weil die Geiſtlichen ſelten, ſehr ſelten ſind, muß man die uͤbrig bleibenden fromm bewahren,“ fuhr er mit dem Tone des Ora⸗ kels fort!„Ich habe meine Gruͤnde, ſo zu ſprechen: ich gehoͤre mir ſelbſt nicht an.“— Dann ſetzte er hinzu:„Aber, ſagen Sie mir doch, mein liebes Maͤdchen, es iſt wohl keine Wahrſcheinlichkeit da⸗ fuͤr, daß wir von hier bis Pont de Mont⸗Vert irgend Jemand begegnen?“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, unſere Bruͤder muͤß⸗ ten denn die Moabiter angegriffen haben, wie man in dem flachen Lande lieſt; dann könnten ſie ſich wohl nach dieſer Seite ausdehnen, um dieſe Berge zu beſetzen.“ „Mit Ihnen haben wir zum Gluͤck nichts zu fuͤrchten;“ ſagte Toinon zu Iſabellen. „Juͤrchten! Und was ſolltet Ihr fuͤrchten? Mit Segenſpruͤchen, mit Jubelgeſchrei werden unſere Bruͤ⸗ der uns begruͤßen, denn dieſer heilige Hirte iſt mit uns. Die Soͤhne Iſraels werden nicht genug Stimmen haben, eine Predigt von ihm zu erbitten, und ihn anzuflehen, ſie augenblicklich das Wort Gottes vernehmen zu laſſen.“ „Sie ſehen, welcher Gefahr Sie mich durch Ihre verwuͤnſchte Luge ausſetzen,“ ſagte Claude mit verzweiflungsvollem Tone leiſe zu Toinon.„Ich kann von einem Augenblicke zum fandern gezwungen wer⸗ den, dieſen Ungluͤcklichen die Stimme des Herrn ver⸗ nehmen zu laſſen und ihnen eine Meſſe zu leſen.— Was Teufel ſoll ich ihnen denn ſagen?“ und auf die Gefahr hin, Alles zu verderben, ſagte er raſch:„Aber zum Gluͤck, mein liebes Mäd⸗ chen, halten die königlichen Truppen die Rebellen eng umzingelt, und wir können ſo eher auf ein Detaſchement Dragoner treffen, als auf eine Bande Proteſtanten.“ Iſabelle blickte Taboureau mit dem größten Stau⸗ nen an. „Mein Bruder, was ſprichſt Du?“ rief Toinon, erſchrocken uber die Wendung, welche die Unterhal⸗ tung nahm Zum Gluͤck richtete Iſabelle, zu ſehr mit ihrem nahen Zuſammentreffen mit Cavalier beſchaͤftigt, nicht ihre volle Aufmerkſamkeit auf das Geſpräch. In der Frage Taboureaus ſah ſie eine Art Unge⸗ duld nach dem Maͤrtyrerthume, und das erſchien ihr ſehr heldenmuͤthig; deshalb antwortete ſie auch dem Cicisbeo mit großer Ehrfurcht: „Heiliger Hirte, ich ſehe, daß Ihr Euch mehr danach ſehnt, unſern Henkern zu begegnen, als unſer Bruͤdern. Auch Daniel drängte es, in die Loͤwengrube geworfen zu werden, und Azarias in den gluͤhenden Ofen, denn man ſingt mitten unter Martern noch glorreicher zu dem Herrn.“ „Martern!“ rief Claude,„ach, ſo laſſen Sie mich doch endlich mit Ihren Martern zufrieden. Sind Sie denn verruͤckt? Glauben Sie wirklich, wenn wir auf eine Abtheilung Dragoner ſtießen, wuͤrde ich ihnen ſagen—“ „Und was thut das?“ fiel Toinon Taboureau in das Wort.„Nichts beweiſt, daß wir Proteſtanten ſind, und wir wuͤrden, wie wir ſchon auf der gan⸗ zen Reiſe thaten, ſagen, daß wir Katholiken ſind.“ Iſabelle blieb plotzlich ſtehen, ſchleuderte auf die Pſyche einen niederſchmetternden Blick, und ſagte zu Taboureau, mit dem Tone geringſchätzenden und finſtern Mitleids: „Beklaget dieſes Kind, denn es iſt ſchwach; be⸗ klaget es, denn die Muͤhſeligkeiten der Reiſe, und der Schmerz, die Ihrigen gefangen zu wiſſen, ha⸗ ben ihren Geiſt angegriffen. Sie ſchlägt Euch ei⸗ nen Meineid vor, heiliger Hirte; ſie begreift in ih⸗ rer Verirrung nicht, daß Ihr wohl, um zu Eu⸗ ren Bruͤdern zu gelangen, die vergoldeten Kleider der Baalsſoͤhne anlegen konntet, daß Ihr auf dem geweihten Schauplatze dieſes heiligen Krieges aber die falſchen Goͤtter unter die Fuße tretet! Sagen, daß wir Katholiken ſind!“ rief Iſabelle mit wachſen⸗ dem Unwillen.„Als Dalila den Simſon und Ju⸗ dith den Holofernes eingeſchläfert hatte, ſind ſie da nicht wieder Töchter des Herrn geworden, um die Stunde der Rache ertonen zu laſſen? Uns fuͤr Ka⸗ tholiken erkläͤren!“ Und Iſabellens Zorn verdoppelte ſich.—„Wenn wir auf konigliche Truppen trä⸗ fen, dann wuͤrde, mit donnernder Stimme wie die Trompete von Zion, Dein Bruder und ich den — 125— Moabitern zurufen: Ruhm ſei dem Herrn der Heer⸗ ſchaaren! Wir ſind Proteſtanten!— Und Du ſelbſt, Du ſeibſt, armes Kind, wuͤrdeſt Deine ſchwache Stimme der unſrigen zugeſellen, wenn Du ſäheſt, wie wir eine ewige Gluͤckſeligkeit durch einen mu⸗ thigen und ergebungsvollen Tod erkaufen!“ Aus alle dem entſprang fuͤr Claude das fol⸗ gende Dilemma: Wenn er einer proteſtantiſchen Partei in die Haͤnde fiel, ſo mußte er durch ſeine Unfähigkeit zu predigen als ein falſcher Prieſter er⸗ kannt werden; fiel er einer katholiſchen Partei in die Haͤnde, ſo konnte er, ungeachtet ſeines Läug⸗ nens, in Folge ſeiner Verkleidung und der wilden Exaltation Iſabellens fur einen proteſtantiſchen Geiſt⸗ lichen gehalten werden. Er ſchwankte zwiſchen dieſen beiden gleich furch⸗ terlichen Moͤglichkeiten, als Toinon, welche ſeit ei⸗ nigen Augenblicken aͤngſtlich zu lauſchen ſchien, plotz⸗ lich ausrief: „Horcht, horcht, ich hoͤre viele Menſchen⸗ ſtimmen!“ VIII. Die Predigt. In dem Augenblicke, als dieſe Stimmen ſich vernehmen ließen, befanden ſich die drei Reiſenden in einer ſo finſtern Schlucht, daß man kaum die Morgenröthe zu bemerken vermochte, welche anzu⸗ brechen begann. Am aͤußerſten Ende dieſes Defilées, einer Art naturlicher Gallerie, welche von zwei ſchroffen Fels⸗ waͤnden gebildet wurde, uͤber die ſich ein dichtes Ge⸗ wolbe von den Aeſten der Kaſtanienbäume zog, die auf dem Gipfel wuchſen, ſah man am Horizonte den Morgen ſchimmern und die Sterne erbleichen. Nachdem Iſabelle aufmerkſam dem fernen Ge⸗ räuſche gelauſcht hatte, welches ſich noch immer ver⸗ nehmen ließ, rief ſie aus: „Das iſt die Stimme Iſraels, das ſind unſere Braͤder! Sie ſingen den Befteiungspſalm!“ „Wir ſind verloren!“ ſagte Tabourean zu Toi⸗ — 127— non mit leiſer, zitternder Stimme.„Wahrlich, ich mache Ihnen meinen Tod nicht zum Vorwurf, meine liebe Freundin, aber Sie ſind eine wuͤthende Hirnloſe.“ „Vorwärts, vorwärts, heiliger Hirte,“ rief Iſa⸗ belle.„Unſere Bruͤder ſind ohne Zweifel auf dem Rhan⸗Jaſtrie verſammelt; dieſe Schlucht fuͤhrt uns dahin.“ Toinon und Taboureau zoͤgerten noch ihre Schritte zu beſchleunigen, als eine Stimme, die aus einer der Spalten des Weges hervorzukommen ſchien: „Wer da?“ ſchrie. In demſelben Augenblicke erſchien eine Geſtalt, von der man nichts erkennen konnte, als die un⸗ beſtimmten Umriſſe, ſo groß war die Dunkelheit noch, ploͤtzlich vor Iſabellen. Dieſer Menſch ſchwang eine Senſe, deren Klinge, an einer langen Stange befeſtigt durch die Dunkelheit blitzte. Die Stimme wiederholte noch einmal:„Werda?“ „Zwei Toͤchter Iſraels, die zu ihren Bruͤdern ge⸗ hen und ein heiliger Hirte,“ ſagte Iſabelle. „Der Herr ſei mit Euch!“ erwiderte der Menſch, indem er ſeine Senſe erhob.„Unſere Bruͤder ſind in Waffen auf dem Rhan⸗Jaſtrie verſammelt. Das 3 eines Dieners des Herrn wird ihnen ſuͤß ein.“ Dann ſtieß der Proteſtant einen rauhen Schrei auf welchen das Wort Eriel(Huͤlfe Gottes) olgte. — 128— Der Ruf und das Wort wurden durch zwei andere Schildwachen wiederholt, die ohne Zweifel ebenfalls in dem Hohlwege ſtanden, und, ſo wie der Mann mit der Senſe, beauftragt waren, durch Feldruf, Allarm- oder Sammelzeichen zu geben. Toinon und Taboureau blieb nichts Anderes zu thun, als Iſabellen zu folgen, und ſie fuͤgten ſich darin. Der Cicisbeo ſtarb vor Angſt; die Pſyche war fuhllos gegen die Gefahren, denen ſie vielleicht ent⸗ gegenging, und dachte nur mit Verzweiflung daran, daß ſie Tancred wahrſcheinlich in langer Zeit nicht wuͤrde ſehen koͤnnen. Der Tag kam ſchnell herauf. Als die drei Reiſenden das aͤußerſte Ende des Hohlweges erreichten, beleuchteten die erſten Strah⸗ len der aufgehenden Sonne den Horizont. Das Schauſpiel, welches ſich hier dem Blicke Toinons und Taboureaus bot, war von ſo impo⸗ ſanter und truͤber, ſo wilder und fuͤrchterlicher Ma⸗ jeſtäͤt, daß Beide ſtarr vor Staunen ſtehen blieben. Das Defilse, welches ſie verlaſſen hatten, lief auf eine der obern Flächen des Rhan⸗Jaſtrie aus, eines der erloſchenen Vulkane der Cevennenkette. So weit der Blick reichte, bemerkte man nichts als einen rauhen Boden, mit vulkaniſchen Baſalt⸗ maſſen bedeckt, und mit ſchwarzen harten Schorben⸗ ſtuͤcken, deren ſcharfe Spitzen hier und dort hervor⸗ ragten. —— —— Blaſſe roſtfarbige Flechten, die einzige Vegeta⸗ tion dieſer Wuſte, zogen ſich uͤber gewaltige Blocke von grauem Granit, die ohne Zweifel irgend eine unterirdiſche Zuckung mitten in dieſes entſetzliche Chaos geſchleudert hatte. Stroͤme poroͤſer röthli⸗ cher Lava, ſeit Jahrhunderten erkaltet, zogen ſich von dem Krater des Rhan⸗Jaſtrie herab, durchſchnit⸗ ten nach allen Richtungen die weite Fläche und ver⸗ loren ſich in verſteinerten Cascaden auf die niederen Abhaͤnge. Eine wuͤrdige Titanentreppe! Jede ih⸗ rer Stufen hatte eine Hoͤhe von 300 Fuß, und ihr Fuß verſchwand in dem feuchten Morgennebel. Die erſten Strahlen des Tages vermochten trotz ihres Glanzes nicht, dieſer todten wilden Natur Schmuck zu verleihen; ſie dienten nur dazu, das Entſetzen dieſer Einſamkeit zu erhoͤhen, indem ſie bei jedem Schritte die Verheerungen des furchtbaren unterirdiſchen Feuers enthuͤllten, welches die Einge⸗ weide des Bodens zerriß oder deſſen Oberfläche ver⸗ kohlte. Im Norden verloren ſich die ſteilen Gipfel die⸗ ſer verbrannten Kette am Horizonte; im Suͤden er⸗ offnete der erloſchene Krater des Vulkans, gähnend, und von der Schwaͤrze des Rußes, ſeinen bodenlo⸗ ſen Abgrund; im Oſten ſtieg der obere Kegel des Rhan⸗Jaſtrie empor, ein ſteiler, weißlich, kalkiger Berg, mit mehrern Schieferſchichten truͤbe geſtreift. Die Sonne ging hinter der ſteilen Höhe auf, welche Krieg in den Cevennen. I. 9 ihren Rieſenſchatten auf die ebene Flaͤche warf; zwiſchen zwei Felſen endlich, mit Kaſtaniengebuͤſch bewachſen, ſah man das finſtere Defilée, an deſſem Eingang Iſabelle, Toinon und Taboureau noch ſtanden. Eine große Menge knieender Religionaren er⸗ fullte die geräͤumige, von der Natur gebildete Es⸗ planade; faſt alle gehörten zu der Klaſſe der Berg⸗ bewohner oder der Holzhauer. Die einen trugen Kittel von grober weißer Leinwand, von denen man ihnen ſpäter den Namen Kamiſarden gab, und an⸗ dere waren mit Thierfellen bedeckt. Obgleich ſie knieten, hatten ſie ihre Waffen nicht von ſich ge⸗ than; einige trugen Musketen, die meiſten aber wa⸗ ren mit Senſen, Piken, Aexten, Hacken bewaffnet, auf die ſie ſich ſtuͤtzten und deren friſch geſchärfte Eiſen in der Sonne funkelten. Seitdem die Schildwachen Eriel gerufen hatten, war der Geſang der Religionaren verſtummt, und das tiefſte Schweigen herrſchte in dieſer Einſamkeit. Die Rebellen, die im Halbkreiſe lagen, ſchienen die Neuangekommenen mit wilder Aufmerkſamkeit zu betrachten. Die ſtumme und finſtere Beobachtung dieſer Maſſe von Menſchen hatte etwas Fuͤrchterliches. Die Pſyche erblaßte und Taboureau konnte kei⸗ nen Schritt vorwaͤrts thun. Iſabelle wollte eben auf ihre Bruͤder zugehen, als dieſe, ohne Zweifel durch die Unehrbietigkeit die⸗ ſer Fremden verletzt, welche ſtehen blieben, dumpf zu murren anfingen, und endlich in das allgemeine furchtbare Geſchrei ausbrachen:„Auf die Kniee, auf die Kniee!“ Iſabelle und ihre beiden Gefährten knieten ſo⸗ gleich nieder; der unterbrochene Geſang wurde fort⸗ geſett und die folgende Strophe endete den Pſalm: „Völker werden fürchtend zittern Vor Deiner heilgen Majeſtät, Und die ſtolzen Kön'ge alle Deiner Lanze Eiſen fürchten.“ Die wilde und gewaltige Harmonie der Stim⸗ men dieſer Menſchen, die oͤde Gegend, Alles gab dem Auftritte einen majeſtätiſch⸗furchtbaren Cha⸗ rakter. Nach Beendigung des Pſalmes ſtanden alle Ce⸗ venolen auf. Dieſe bildeten lebhafte Gruppen, Jene legten ſich in den Schatten, um zu ſchlafen; An⸗ dere ſetzten ſich auf die Erde, und ſchliffen an ir⸗ gend einem Granitblock die Spite oder Schneide ih⸗ rer Waffen. Ephraim, das Haupt dieſer Verſammlung, lehnte ſich an einen Felsblock. Neben ihm ſtand ein Knabe von ungefahr 15 Jahren, blaß, abgemagert, mit dünnem, ſich ſträubendem Haar, wild und irr um⸗ herrollendem Auge, und finſterem, faſt immer durch ſchmerzliche und krampfhafte Zuckungen zuſammen⸗ gezogenem Geſichte. Er war barfuß und trug 9* ein langes rothes in Fetzen um ihn her hängendes Gewand, mit einem Guͤrtel, aus Wurzeln gefloch⸗ ten, geſchloſſen. Dieſer Knabe, einer der kleinen Propheten duͤ Serre's, hatte von Ephraim den Namen Ichabot erhalten. Unter allen Opfern der fuͤrchterlichen Ver⸗ ſuche des Glasmachers war vielleicht keines ſo ganz eraltirt worden, als dieſer Knabe. In einem faſt fortwaͤhrenden Zuſtande der Entzuͤckung, beinahe wahnſinnig, brach Ichabot, der ohne Zweifel von boshafter Natur war, beſtändig in Prophezeihungen von Metzeleien und in erbarmungsloſe Ermahnun⸗ gen aus. Seine Einbildungskraft, durch ſeine wuͤ⸗ thende Monomanie irre geleitet, zeigte ihm nichts als Scenen des Mordes und des Blutbades; ſeine grelle ſchneidende Stimme citirte daher auch bei je⸗ der Gelegenheit die blutigſten Stellen der Schrift. Ephraim glaubte, er ſei vom Geiſte des Herrn ergriffen, und hatte für ſeine Befehle oder Rath⸗ ſchlage eine um ſo religioͤſere Ehrfurcht, da ſie faſt ſtets der Wildheit des ehemaligen Waldhuͤters von Aygoal wuͤrdig waren. Als das Gebet endete, ſchritt Iſabelle, welcher Toinon und Taboureau folgten, entſchloſſen auf Ephraim zu, welchen Iſabelle kannte. „Was ſeh' ich?“ rief dieſer Letztere, indem er mit einer Regung des Widerwillens zuruͤcktrat; „die Tochter Dominique Astiers, die, welche gegen unſern Bruder Cavalier meineidig war! Die, welche —— ſich durch die vergoldete Sprache der Moabiter ver⸗ fuͤhren ließ!“ „Ihr muͤßt mich anklagen, Ephraim;“ ant⸗ wortete Iſabelle mit Feſtigkeit,„denn die Stunde meiner Rechtfertigung iſt noch nicht gekommen⸗ Wo iſt Cavalier?“ „Wuͤnſche ſeinen Anblick nicht, denn er wuͤrde Dir verderblich ſein! Ungluͤckliche, geh, geh hinweg mit Deiner Schande. Die verlorenen Tochter von Tyrus und Sidon ſind unter den Töchtern Iſraels verjagt worden,“ antwortete Ephraim. Ichabot, der ohne Zweifel ermuͤdet war, ließ ſich an dem Fuße eines Felsblockes nidergleiten, und halb ſchlafend warf er von Zeit zu Zeit auf die Fremden und beſonders auf Taboureau einen un⸗ ruhigen und wilden Blick. Eine ziemlich große Menge von Rebellen hatte ſich der Gruppe genähert, als ſie Ephraim mit lau⸗ ter Stimme ſprechen horten; ihre finſteren Geſich⸗ ter, von wildem Enthuſiasmus belebt, hatten einen drohenden Ausdruck. Die Pſyche und ihr Cicisbeo, welche mit Schrecken den ſchlechten Empfang ſahen, der ih⸗ rer Gefaͤhrtin zu Theil wurde, hielten ſich ſchuch⸗ tern hinter derſelben. Iſabelle, welche ohne Zweifel durch ihre Un⸗ ſchuld ſtark war, antwortete Ephraim ſtolz:„Der Gerechte wird den Tag des Urtheils nicht mit mehr — 134— Vertrauen erwarten, als ich den Augenblick erwarte, vor Johann Cavalier zu erſcheinen.“ „Wehe Dir, wenn Du Gott läſterſt!“ ſagte Ephraim mit ungläubigem und muͤrriſchem Tone. Dann fuͤgte er hinzu, indem er auf Toinon und Taboureau deutete:„Wer ſind dieſe Menſchen?“ „Dieſer,“ ſagte Iſabelle,„iſt ein Diener un⸗ ſerer heiligen Religion; ſeine Mutter iſt in Pont de Mont⸗Vert gefangen.“ „Und mein Bruder und ich, wollen zu ihr, um ihr Loos zu theilen, Herr Capitain,“ beeilte ſich Toinon hinzuzuſetzen, indem ſie dem wilden Ephraim ihre reizenſte Verbeugung machte. Aber der Waldhuͤter von Aygoal antwortete auf dieſe Coquetterie mit verächtlichem Lächeln und ſagte hart:„Die Moabiter nennen ſich unter einander Herr und Capitain, in dem Lager des Ewigen ken⸗ nen wir dieſe Eitelkeit nicht, ſondern ſind Alle Bru⸗ der.“ Dann das Rauhe ſeiner Stimme mildernd, ſagte er zu Taboureau:„Der Herr ſei mit Euch, heiliger Hirte. Ach, es iſt lange her, ſeit wir Got⸗ teswort entbehren!“ Seit dem Beginn dieſer Scene war die Angſt Taboureaus fortwährend geſtiegen; als er Ephraim, deſſen Aeußeres ſo entſetzlich war, einen hellen durch⸗ bohrenden Blick auf ſich richten ſah, verlor er den Kopf, vergaß ſeine Rolle und indem er ahnete, daß er noch mehr zu furchten hätte, wenn er den Charak⸗ ter eines Geiſtlichen, den man ihm zutraute, pro⸗ — 135— fanirte, rief er aus, indem er mit gefalteten Hän⸗ den nieder auf die Kniee ſank:„Gnade, Gnade, mein tapferer und wuͤrdiger Herr! Ich bin nicht, was Ihr denkt.“ „Was biſt Du denn?“ ſagte Ephraim, indem er mit der verkehrten Hand dem Cicisbeo den Hut vom Kopfe ſchlug, um ſeine Zuͤge beſſer ſehen zu konnen. „Verzeihung, daß ich den Hut nicht abnahm, mein lieber Herr, aber die Aufregung— der Anblick dieſer Herren— Ihrer achtungswerthen Freunde—“ „Wer biſt Du? Wer biſt Du?“ entgegnete Ephraim mit donnernder Stimme, während der Kreis der Aufruͤhrer ſich immer dichter um ihn zu⸗ ſammenzog. „Claude, Hieronimus, Bonifaz, Taboureau, Buͤrger von Paris, der demuͤthigſte, gehorſamſte Ihrer Diener, der Gott ſei Dank ſo viel hat, Ih⸗ nen ein gutes Löſegeld zu bezahlen, wenn Sie es verlangen,“ „Biſt Du von unſerer Religion?“ fragte der Waldhuͤter. „Nein, ich bin Katholik, meine braven Herren; ich will lieber aufrichtig ſein!“ „Katholik!“ ſchrieen die Religionaren. 5 „Aber ich halte durchaus nicht auf dieſe Eigen⸗ ſchaft, und werde Proteſtant, wenn es Euch das ge⸗ ringſte Vergnuͤgen machen ſollte, meine braven Her⸗ — 136— ren; ich wuͤrde ſelbſt Tuͤrke werden, wenn Ihr woll⸗ tet, und zwar von Grund meines Herzens,“ ſagte Claude haſtig, indem er glaubte, die Aufruͤhrer da⸗ durch zu verſoͤhnen. Dieſe fanden die Erklärung zu ploͤtzlich, und ließen unwilliges Gemurmel hoͤren; einige ſprachen ſogar das Wort Spion aus. Iſabelle ſah ſtarr vor Staunen die Pſyche eben ſo verwundert als zornig an. Indem ſie ſie bei der Hand faßte und ſie ſo um eine ganze Kopfs⸗ länge uͤberragte, rief ſie aus:„Du haſt mich alſo belogen?“ „Nun, ja,“ erwiderte entſchloſſen die Pſyche, indem ſie ihren ganzen Haß gegen Iſabelle erwachen fuhlte, und mit Stolz die Auftuͤhrer anblickte, die ſie umſtanden, denn es waren ja die Todtfeinde Tancreds.„Nun, ja, ich habe Euch belogen. Ich wollte nach Pont de Mont⸗Vert gehen, fand kei⸗ nen Fuͤhrer, und um Euch zu beſtimmen, mich da⸗ hin zu geleiten, brauchte ich dieſe Luͤge.“ Dann ſich an die Rebellen wendend, ſagte die Pſyche mit feſtem Tone:„Jetzt macht mit uns, was Ihr wollt.“ „Und was wolltet Ihr in Pont de Mont⸗Vert, in dieſem neuem Babylon?“ rief Ephraim. „Das werdet Ihr nicht erfahren,“ entgegnete Toinon kuͤhn, indem ſie einen bedeutungsvollen Blick auf Taboureau warf. Als dieſer ſah, wie wenig — „ ——, ——,— 3 —— Fruͤchte ſeine Aufrichtigkeit ihm trug, ſagte er, in⸗ dem er aufſtand: „Es iſt der Pſyche und mir leider unmoͤglich, die Ehre zu haben, Ihnen zu ſagen, was wir in Pont de Mont⸗Vert wollten, meine lieben Herren. Aber wenn ein Loͤſegeld von 2000, von 4000 Louisd'or Ihnen angenehm ſein kann, ſo mache ich mir ein Vergnuͤgen daraus, es Ihnen anzubieten. Meine Unterſchrift iſt eben ſo gut, wie baares Geld, und—“ Nachdem Ephraim einen Augenblick nachgedacht hatte, gab er ein Zeichen, und zwei Aufruͤhrer tra⸗ ten zu ihm heran.—„Fuͤhrt dieſen Philiſter und ſeine Gefaͤhrten zu dem ſchwarzen Brunnen,“ ſagte er;„der Geiſt Gottes wird über ihr Loos ent⸗ ſcheiden.“ Da Widerſtand unmoglich war, wurden Toinon und Taboureau hinter einen gewaltigen Felsblock zu einem erloſchenen Krater gefuͤhrt, einem finſtern Abgrund, deſſen Tiefe das Auge nicht zu ermeſſen vermochte. „Ach, Pſyche, Pſyche,“ ſagte der arme Claude, „ich will Ihnen Ihren thörichten Streich nicht zum Vorwurf machen, aber Sie haben uns in eine furch⸗ terliche Lage gebracht. Sie haben mich einen Phi⸗ liſter genannt; als ich von Loſegeld ſprach, horten ſie nicht einmal auf mich. Da ſtehen wir nun neben einem abſcheulichen Loche, deſſen Boden man nicht ſehen kann; ſie ſagen, der Geiſt des Herrn ſoll uͤber unſer Loos entſcheiden. Was wird aus Alledem werden?“ „O, Tancred, Tancred,“ rief Toinon mit ver⸗ zweiflungsvoller Exaltation. In dieſem Augenblicke gaben die Schildwachen ein neues Signal, dem ſie hinzufuͤgten:„Bruder Cavalier und ſein Haufe.“ * IX. Wiedererkennung.. Als Iſabelle den Namen Cavalier hörte, erbebte ihr Herz; ſie lehnte ſich gegen den Felsblock, deſſen Kante ſie halb verbarg, und betrachtete den jungen Cevenolen⸗Häuptling mit tiefer Melancholie. Dieſer kam in Begleitung der Seinigen durch eines der zahlreichen Defilden, welche von den un⸗ tern Bergabſaͤtzen zu der geräumigen Fläche des Rhan⸗Jaſtrie fuͤhrten. Das Aeußere Cavaliers und der meiſten Reli⸗ gionaren, welche ſeinen Haufen bildeten, ſtach auf⸗ fallend gegen das Ephraims und ſeiner Bande ab. Die Erſtern waren mehr als Buͤrger, wie als Bauern oder Bergbewohner, gekleidet; faſt Alle hat⸗ ten Kriegswaffen in gutem Zuſtande; ſie ſchienen an die Handhabung gewöhnt; Guͤrtel von verſchie⸗ denen Farben hoben das Finſtere ihrer Kleidung. Einige ſuchten ſich ſogar eine militairiſche Haltung zu geben, und trugen Federbüſche oder Achſelſchnure. Groͤßtentheils gehoͤrten dieſe Rebellen der Claſſe der Handwerker oder Kleinburger an. Gewandt, kräftig, durch ihre Haltung an die Stadtmiliz erinnernd, ſchienen ſie von einem eben ſo gluͤhenden, aber minder wilden Enthuſiasmus beſeelt, als die rauhen Bergbewohner Ephraims. Cavalier, der mit einer Art militairiſcher Ele⸗ ganz gekleidet war, trug ein Buͤffelwamms, einen Filzhut mit ſchwarzen Federn, eine Schaͤrpe von der⸗ ſelben Farbe, als Zeichen der Trauer um ſeine Mut⸗ ter, wildlederne Beinkleider und große Stiefel von Corduan mit vergoldeten Sporen. Sein Pferd hatte er am Fuße des Rhan⸗Jaſtrie gelaſſen. Sein Guͤrtel trug einen Degen und einen Dolch von ziemlich reicher Arbeit. Sein lebhaftes, kuͤhnes Geſicht, durch den ſchnel⸗ len Marſch noch mehr belebt, druͤckte den Stolz des Commandos aus. Er trat feſt auf. Seine gebie⸗ teriſche, beinahe hochmuͤthige Haltung unterſchied ihn von ſeinen Begleitern. Links neben ihm ging Coͤleſte, rechts Gabriel, Beide weiß gekleidet; ſein Bruder und ſeine Schwe⸗ ſter dienten ſeinem Haufen als Propheten, wie Ichabot der Truppe Ephraims. So groß war der Unterſchied der beiden Haͤupt⸗ linge der Kamiſarden, um uns eines Ausdruckes zu bedienen, mit dem man die Aufruͤhrer zu be⸗ zeichnen begann. Obgleich ſie dazu beſtimmt waren, gegen einen gemeinſchaftlichen Feind zu wirken, erkannte man doch leicht, daß die Mittel zum Handeln bei jeder dieſer Abtheilungen verſchieden ſein wuͤrden. Cavalier mußte mit ſeiner Miliz von Hand⸗ werkern und Buͤrgern einen regelmäßigeren, menſch⸗ licheren Krieg fuͤhren. Die wilden Bergbewoh⸗ ner des Waldhuͤters, mit Senſen, Aexten, Meſ⸗ ſern bewaffnet, mußten als Parteigaͤnger dienen, und ſich von unerbittlicher Grauſamkeit zeigen. Obgleich kein Mißverſtandniß zwiſchen beiden Haufen Statt fand, erkannte man doch leicht, daß das geſuchte Aeußere der Leute Cavaliers, die ſtrenge Geringſchätzung Cphraims und ſeiner Bergbewoh⸗ ner erweckte, welche meiſtens, gleich ihm, in Thierfelle gekleidet waren. „Der Herr ſei mit Dir, Bruder Ephraim,“ fagte Cavalier zu dem Waldhuͤter von Aygoal, während ſein Haufe in einiger Entfernung Halt machte. „Gott behltte Dich vor jeder Verſuchuug, Bru⸗ der Cavalier,“ ſagte Ephraim, indem er einen Blick geringſchätzenden Mitleids auf die Kleidung des jungen Cevenolen warf.„Du biſt puͤnktlich bei dem Zuſammentreffen. Sind das alle unſere Bruͤder aus den Kirchſpielen der Ebene?“ „Alle. Und ſind das alle unſere Bruͤder von den Bergen?“ „Alle. Das Lager des Ewigen iſt jetzt gebil⸗ 142— det; der Weinberg wird von Klageſtimmen ertoͤnen, denn der Herr der Heerſchaaren hat geſagt, daß er hindurchfahren wird, wie ein Sturmwind.“ „Iſt unſer Bote von Pont de Mont⸗Vert zu⸗ ruͤck? Weiß man, ob die Verſtärkungen von Trup⸗ pen im Weſten erſchienen ſind? Denn es iſt ſehr wichtig, Bruder, die Vereinigung dieſer Truppen mit denen, welche der Marquis von Florac kom⸗ mandirt, zu hindern.“ „Der Bote iſt noch nicht von Pont de Mont⸗ Vert zuruͤck, und ſeit geſtern weiß man nichts aus dem Weſten, aber wir muͤſſen bald unterrichtet wer⸗ den,“ ſagte Ephraim. Plötzlich erblaßte und erroͤthete Cavalier wech⸗ ſelsweiſe; ſeine Augen funkelten vor Wuth, und er war unfaͤhig, ein Wort zu ſprechen. Er hatte Iſa⸗ belle bemerkt, die auf ihn zukam. Mit einer unwillkuͤrlichen Bewegung legte er die Hand auf den Griff ſeines Dolches, zog ihn halb aus der Scheide, ſtieß ihn aber ſogleich wie⸗ der hinein, und rief mit eben ſo viel Staunen als Wuth: „Ephraim, Ephraim, wer hätte geglaubt, daß dieſe Nichtswuͤrdige es wagen wuͤrde, ſich unter un⸗ ſern Bruͤdern zu zeigen!“ „Sie ſagt, daß ſie nicht ſtrafbar iſt. Das wahr⸗ haft reine Weib bleibt feſt auf ſeinen Fuͤßen, wie goldene Säulen auf ſilbernem Sockel. Pruͤfe ſie wie der Gluͤhofen das Gefaß des Töpfers pruͤft, wie Truͤbſal die Gerechten vruͤft,“ ſagte Ephraim, und entfernte ſich achſelzuckend, als wären ſolche Dinge ſeiner unwuͤrdig. Iſabelle hatte ſich Cava⸗ lier mit langſamen Schritten, ſchuͤchtern, aber ohne Schaam, genähert. Ihre Haltung war die des Schmerzes, nicht die der Reue. „Geh, geh, Elende!“ ſchrie Cavalier mit dem Fuße ſtampfend.„Ich hatte Deine Nichtswuͤrdig⸗ keit vergeſſen! Dein Anblick erneuert meine Wuth! Geh, noch einmal ſag' ich es Dir, oder ich ent⸗ larve Dich ohne Mitleid im Angeſicht aller unſe⸗ rer Bruͤder.“ „Was ich Dir zu ſagen habe, kann ich vor allen unſern Bruͤdern ſagen. Ich verlange kein Mitleid von Dir, ſondern Gerechtigkeit, nur Ge⸗ rechtigkeit!“ entgegnete Iſabelle mit truͤber, ruhi⸗ ger Wuͤrde. „Die Gerechtigkeit, die Du verdienſt, iſt mein Haß, meine Verachtung! Noch ein Mal, geh!“ „Gerechtigkeit! Nichts als Gerechtigkeit:“ wie⸗ derholte Iſabelle, indem ſie bittend die Hände fal⸗ tete und Cavalier naͤher trat. „Du zwingſt mich dazu?“ rief dieſer, und in⸗ dem er die Stimme erhob und ſo laut ſchrie, daß er von der großten Menge der Kamiſarden verſtan⸗ den werden konnte, die ſich allmälig genähert hatte: „Meine Bruͤder, meine Bruͤder, Ihr ſeht dieſes Mädchen? Sie iſt ſchon, ihre Haltung iſt edel und ſtolz, nicht wahr? Ihre Stirn und ihr Blick ge⸗ — 144 bieten Achtung. Sie iſt von unſerer Religion: ihr Vater iſt ein alter Soldat, der unter dem großen Rohan tapfer gekämpft hat.“ „Mein Vater iſt todt!“ ſagte Iſabelle mit ei⸗ nem tiefen Seufzer. „Ihr hoͤrt es,“ fuhr Cavalier fort,„ihr Vater iſt todt, geſtorben wahrſcheinlich vor Schaam und Verzweiflung, denn Ihr kennt noch nicht die ganze verabſcheuungswuͤrdige Schwaͤrze, die ganze Gemein⸗ heit der Seele, welche ſich hinter dieſem Aeußern verbirgt! Ihr wißt nicht, daß ihr Vater und der meinige uns vor drei Jahren miteinander verlobt hatten. Damals liebte ich dieſes Mädchen; ach, ich liebte ſie leidenſchaftlich, denn ich hielt ſie fuͤr die edelſte, die tugendhafteſte unſerer Schweſtern. Eines Tages in Anduͤze ging ich mit ihr und ih⸗ rem Vater ſpazieren; ihretwegen wurde ich durch einen Papiſten beleidigt, durch den Offizier, welcher jetzt die koͤniglichen Truppen in Pont de Mont⸗ Vert kommandirt, durch den Marquis von Florac. Ich wurde beleidigt, nichtswuͤrdig beleidigt, aber was war zu thun? Ich war Handwerker, Ketzerz Ihr ſeht wohl ein, ein Handwerker, ein Ketzer, iſt ein Ding, das man beſchimpft, und dann auf die Galeeren oder an den Galgen ſchickt. Aber ob⸗ gleich ich Handwerker, obgleich ich Ketzer war, wollte ich den Menſchen, der mich in das Geſicht geſchla⸗ gen, toͤdten; ich ſprang nach dem Degen des Va⸗ ters dieſer Elenden, die Soldaten des Marquis fie⸗ len uͤber mich her, meine Freunde befteiten mich, ich floh und wanderte nach Genf aus. Wie war nun, waͤhrend ihr Bräutigam verbannt war, die nichtswuͤrdige Auffuͤhrung dieſes Mädchens. Wißt Ihr das?“ ſagte Cavalier, indem er ſich unter⸗ brach, und einen Blick vernichtender Geringſchaͤ⸗ tzung auf Iſabelle richtete. Dieſe hatte ihn mit tiefem und wachſendem Schmerze angehoͤrt, denn die Cevenolen, welche die⸗ ſem eigenthuͤmlichen Auftritte beiwohnten, ſchienen durch ihr Murren das junge Mädchen ebenfalls anzuklagen. Iſabelle fuͤhlte ihr Gewiſſen ſich empoͤren, und ſtark durch ihre Unſchuld unterbrach ſie Cavalier, mit gluͤhender Wange, mit funkelndem Auge, mit gebieteriſcher Bewegung, mit ſtolzem Worte in dem Augenblicke, als er die Frage wiederholte:„Wißt Ihr, wie ihre Auffuͤhrung war?“ „Ihre Auffuͤhrung? Ich will es Euch ſagen, ich ſelbſt,“ rief die junge Cevenolin.„Gott hoͤrt mich, Gott ſieht mich; er weiß, ob ich je gelogen habe.— Als Johann Cavalier gezwungen war, nach Genf zu entfliehen, beſtimmte ich meinen Va⸗ ter durch zahlloſe Bitten, zu meinem Bräutigam nach der Schweiz zu gehen. Eines Nachts bra⸗ chen wir auf, aber jener Menſch, der Cavalier be⸗ leidigt hatte, ließ uns ohne Zweifel durch ſeine Sol⸗ daten beobachten. Zwei Stunden von Andüze wurden mein Vater und ich verhaftet. Meine Krieg in den Cevennen. II. 10 — 146— Bräder wiſſen, welchen Strafen die Flüchtlinge un⸗ terworfen werden, die man fängt: die Männer kommen auf die Galeeren, die Frauen in das Ge⸗ fängniß. Ich war in Verzweiflung, daß ich mei⸗ nen armen Vater zu der Flucht beredet hatte, nicht meinetwegen, ſondern ſeinetwegen. Er war ſo alt, ſo leidend durch ſeine Wunden; und dann ſind die Galeeren fuͤr einen Soldaten ſo gräßlich!— Da ſuchte der Mann, der meinen Verlobten beſchimpft hatte, uns in unſerm Hauſe auf, in welchem er uns als Gefangene bewachen ließ. Wir ſollten ſpä⸗ ter nach Nimes abgefuͤhrt werden. Ich glaubte, er käme, um uͤber unſer Ungluͤck zu ſpotten. Dem Anſcheine nach war dem nicht ſo. Er beklagte uns, und beſchuldigte wegen unſerer Verhaftung nur den blinden Eifer ſeiner Soldaten; er tabelte ſo⸗ gar ſich ſelbſt daruͤber, daß er ſeine Wuͤrde vergeſ⸗ ſen und durch die Beſchimpfung Cavaliers ſeine ei⸗ gene Ehre gekränkt hätte, weil Cavalier außer Stand geweſen ſei, ſich zu rächen. Ungeachtet ſeiner Reue zeigte ich dieſem Menſchen die ganze Verachtung, die er mir einfloͤßte; ich ſagte ihm, daß ſeine Bos⸗ heit allein all' das Uebel veranlaßt hätte, und ver⸗ langte als Suͤhne dafuͤr von ihm die Freiheit mei⸗ nes Vaters. Er war ſie mir ſchuldig; er konnte den Greis nicht auf die Galeeren ſchleppen laſſen. Am erſten Tage antwortete er mir nicht; am näch⸗ ſten Tage kam er wieder und fand mich allein.“ „Ihr koͤnnt Euren Vater von der Galeere er⸗ — retten,“ ſagte er zu mir.—„Was muß ich dazu thun?“—„Mir erlauben, Euch taͤglich zu ſe⸗ hen.“—„Aber ich haſſe Euch, ich verachte Euch; Euretwegen iſt mein Verlobter verbannt; Euretwe⸗ gen iſt mein Vater gefangen, ſind wir einer be⸗ ſchimpfenden Strafe ausgeſetzt.“—„Ihr moͤgt mich haſſen, Ihr mögt mich verachten, aber laßt mich Euch jeden Tag ſehen,“ antwortete er mir, „und Euer Vater iſt gerettet.“—„Ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß das ſeine Worte waren,“ ſagte Iſabelle mit feierlichen Tone, indem ſie die Hände erhob. Cavalier machte eine Bewegung finſteren Un⸗ glaubens. Iſabelle fuhr fort:„Was dieſer Menſch ver⸗ langte, war mir abſcheulich, ſein Anblick war mir verhaßt, aber vergebens flehte ich ihn an; er blieb unerſchütterlich, und nun gab ich nach. Ich opferte meinen Ruf, meinen Widerwillen, der Rettung mei⸗ nes Vaters— dieſem aber verhehlte ich nichts. „Einige Tage lang kam dieſer Menſch ſo zu uns. Er war vornehm, jung, reich, und that al⸗ les Mögliche, meinen Widerwillen zu beſiegen, als hätte er nicht gewußt, wen ich liebte!“ Iſabelle warf auf Cavalier einen Blick voll Zärtlichkeit und Wuͤrde; dann fuhr ſie fort:„Die⸗ ſer Menſch verdoppelte ſeine Zuvorkommenheit ge⸗ gen meinen Vater, obgleich dieſer kalt und gering⸗ 10* — 148— ſchätzend gegen ihn blieb.— Das Alles war nichts, als eine Berechnung abſcheulicher Heuchelei; der Menſch wollte mich zu ſeinem Opfer machen und dabei ohne Zweifel mich fuͤr ſeine Mitſchuldige gel⸗ ten laſſen.“ Bei dieſen Worten fing Iſabellens Stimme an, zu beben, und ſie fuhr ſchneller fort, als ver⸗ brenne ihr jedes Wort die Lippen: „Ein Mal kam er Abends, wie gewöhnlich; er verkuͤndete uns, daß er am nächſten Morgen mit ſeinen Truppen aufbrechen wuͤrde; er ſagte uns Le⸗ bewohl. In dem Augenblicke, als er uns zu ver⸗ laſſen ſchien, verſteckte er ſich in einem finſteren Gemache. Er hatte eine Frau, die uns diente, be⸗ ſtochen; ſpäter habe ich dies erfahren. Ich weiß nicht, was ſie mir in mein Getränk gethan hat⸗ ten, aber ich verſank in einen Todtenſchlaf. Am nächſten Morgen war ich entehrt.“ Die Cevenolen, welche Iſabelle anhorten, ſtie⸗ ßen einen einſtimmigen Schrei des Unwillens aus. Die Stimme, der Ausdruck in den Zuͤgen des jun⸗ gen Maͤdchens, trugen zu ſehr den Charakter der Wahrheit, als daß man einen Augenblick an dem hätte zweifeln können, was ſie betheuerte. Cavalier ſturzte auf ſie zu, das Auge funkelnd vor Wuth, das Geſicht entſtellt durch tauſend wi⸗ derſtreitende Empfindungen. Er nahm ihre beiden Hände in die ſeinigen und rief:„Du ſagſt die — 149— Wahrheit, nicht wahr? Du ſagſt gewiß die Wahr⸗ heit?“ „Gott hoͤrt mich,“ entgegnete Iſabelle, indem ſie ihre Augen gen Himmel richtete.* „Fahre fort, fahre fort, armes Mädchen,“ e Cavalier mit bebender Stimme.„Ich glaube i „Als ich erwachte, war der Nichtswuͤrdige da! Außer mir, wie wahnſinnig, rief ich mit lautem Geſchrei nach meinem Vater; er kam, bewaffnet; es entſpann ſich ein Gefecht. Mein armer Vater war ſchwach und alt; ſein Degen wurde zerbro⸗ chen. Man ſchenkte ihm das Leben,“ rief das junge Maͤdchen mit ſchneidender Bitterkeit.„Man begnadigte ihn! Und der entwaffnete, beſiegte Greis blieb bei ſeiner entehrten Tochter! Der Nichtswur⸗ dige war verſchwunden! Einige Monate ſpäter rei⸗ ſten mein Vater und ich fort, um der Schande zu entgehen,“ fuͤgte Iſabelle hinzu, indem ſie ſich das Geſicht mit beiden Händen bedeckte. „Und Dein Vater, Dein Vater?“ rief Ca⸗ valier. „Er ſtarb vor Verzweiflung. Als er todt war wollte ich Euch wieder ſehen, Cavalier, um Euch Alles zu ſagen, mich gegen die Verleumdungen zu rechtfertigen, die meiner nicht geſchont hatten, denn der Schein war gegen mich. Während des Weges erfuhr ich, daß unſere Bruͤder ſich emport hätten, und dieſe Berge beſetzt hielten. Gott hat mich zu — 150— Euch geleitet, um mich zu rechtfertigen, doch ich weiß nicht, ob mein Zweck erreicht iſt.“ „Oh, ich glaube Dir, ich glaube Dir; doch wir werden geraͤcht!“ ſagte Cavalier, indem er Iſabelle ſtutzte, welche eine ſo heftige Erſchuͤrterung einer Ohnmacht nahe brachte. N. Der Bote. Die Kamiſarden hatten mit finſterem Unwillen die Etzahlung Iſabellens angehört. Ihr ſo lange unterdruͤckter Haß brach in Verwuͤnſchungen aus. Plötzlich wurde der Feldruf von den Schildwa⸗ chen mehrmals wiederholt. Ein Menſch in einem zerfetzten weißen Lein⸗ wandkittel, die Fuͤße mit Sandalen bekleidet, mit Staub bedeckt, kam haſtig herbei, und nachdem er fragte, wo Ephraim und Cavalier wären, trat er zu dem erſten dieſer beiden Fuͤhrer. „Welche Nachrichten?“ fragte dieſer. „Die Mikelets trennen ſich von den Dragonern,“ entgegnete der Bote, welcher von Pont de Mont⸗ Vert kam.„Der Erzprieſter bleibt mit den Ge⸗ fangenen und dem Capitain Poul in der Abtei, während der Marquis von Florac mit ſeinen Dra⸗ gonern den Truppen entgegengegangen iſt, die, wie man ſagt, von Nimes kommen.“ — — 152— „Geſegnet ſei der Herr!“ rief Ephraim.„Die Moabiter trennen ſich von den Philiſtern, und Eilboten werden ſich treffen, um ſich zu verkuͤn⸗ den, daß Babylon von einem Ende bis zum an⸗ dern eingeaͤſchert wurde. Bruder Cavalier, Bru⸗ der Cavalier!“ Der junge Cevenole, der durch die fuͤrchterliche Schilderung Iſabellens noch betäubt war, und wechſelsweiſe von Wuth, Schmerz, Mitleid be⸗ ſtuͤrmt wurde, ſah bald dumpf, bald mit herzzer⸗ reißender Angſt das arme Geſchöpf an, das die lange unterdruͤckten Thraͤnen nicht mehr zuruͤck⸗ zuhalten vermochte, und ſich heftig weinend an dem Fuße eines Felsblockes niedergeſetzt hatte. Plötzlich rief die Stimme Ephraims ihn zu ſich ſelbſt zuruͤck. Der Waldhuͤter von Aygoal unterhielt ſich mit Esprit Séguier, einem Holzhauer, der eben ſo wild war, wie er, und den er ohne Zweifel eben deshalb vor den Andern ausgezeichnet hatte. Als Cavalier ſich mit langſamen Schritten Ephraim näherte, wobei er ſich noch von Zeit zu Zeit umdrehte, um einen truͤben Blick auf Iſa⸗ belle zu werfen, trat Esprit Sözuier beſcheiden zu⸗ ruck, und die beiden Haͤuptlinge blieben allein. „Der Bote iſt angekommen,“ ſagte Ephraim; „der Erzprieſter bleibt mit den Mikelets in der Abtei, und der Marquis von Florac geht den Truppen entgegen, die von Nimes kommen ſollen.“ „Mir der Marquis, Dir der Erzprieſter!“ rief Cavalier mit triumphirender Wuth.„Gott uͤberliefert ihn mir— endlich.“ Dann fuͤgte er hinzu:„Wo iſt der Bote?“ Ephraim wendete den Kopf, gab ein Zeichen, und der Bergbewohner trat heran. „Haſt Du in der That die Dragoner die Ab⸗ tei verlaſſen und den Weg nach Nimes einſchla⸗ gen ſehen?“ fragte Cavalier haſtig. „Ja, Bruder Cavalier; ich ſah ſie mit ihren Trommeln, ihren Oboen und ihrem Capitain an der Spitze.“ „Um welche Stunde?“ „Dieſen Morgen bei Sonnenaufgang traf ich ſie bei Saint⸗Maurice de Ventalou.“ „Bei dem Schwerte Gottes, wenn wir vor den Dragonern bei dem Col⸗Saint⸗André⸗d'An⸗ cize ſind, ſo ſoll nicht einer entkommen!“ rief Ca⸗ valier nach einigen Minuten des Beſinnens, denn er kannte die Lage der Cevennen beſſer als irgend Einer. Den Aufſtand ſchon ſeit langer Zeit erwar⸗ tend, hatte er mit Sorgfalt und Ueberlegung die Topographie des Landes ſtudirt.„Nicht ein Dra⸗ goner wird entkommen!“ wiederholte erz„ſie muͤſ⸗ ſen durch dieſen Engpaß, um auf das flache Land zu kommen, und Weiber, Kinder, die dort im Hinterhalt lägen, wuͤrden genügen, um eine ganze Armee zu vernichten!“ — 154— Ephraim blieb einige Augenblicke in Nachden⸗ ken verſunken, und ſagte dann mit finſterem Weſen: „Meine Viſion wird erfuͤllt werden. So en⸗ den die reißenden Wölfe, hat ſie geſagt. Es iſt moglich, daß noch dieſe Nacht der Erzprie⸗ ſter von Baal, dieſer Seelenräuber, am Blutkreuze gekreuzigt wird, nachdem ſein Blut in dem Hai⸗ dekraut dampfte.“ „Kein Quartier,“ rief Cavalier,„denn es ſind die wilden Mikelets, welche die Abtei beſetzt halten!“ Ephraim antwortete ihm durch die folgende Bibelſtelle:„Der Herr hat gegen uns ein Volk aus den fernſten Ländern kommen laſſen, boshafte Menſchen und von un⸗ bekannter Sprache, die weder von Ehr⸗ furcht fuͤr die Greiſe noch von Mitleid fuͤr die Kinder vom zarteſten Alter er⸗ griffen wurden.“ Dann fuͤgte der Waldhuͤ⸗ ter mit dem Ausdrucke finſterer Verachtung hinzu: „Aber auch die Wolfe ſind boshaft— aber auch ihr Geheul iſt wild— aber auch ſie ken⸗ nen weder Mitleid noch Barmherzigkeit und doch at meine Büuͤchſe und mein Meſſer die Heerden oft von ihnen befreit.“ Vielleicht,“ ſagte Cavalier zoͤgernd,„ollten wir unſere Streitkraͤfte vereinigen, um die Abtei anzugreifhn, oder die Dragoner?— Unſer Feind iſt getheilt.— Vereinigen wir uns, um ihn zu vernichten.— Komm' mit mir nach den Col —— dAncize, Bruder Ephraim, und wenn die Dra⸗ goner aufgerieben ſind, ziehen wir Beide gegen die Abtei.“ „Und wenn die Dragoner vorausgeeilt ſind? Wenn wir ſie nicht bei dem Col dAncize treffen? Wenn ſie ſich mit den Verſtaͤrkungen aus Ni⸗ mes vereinigt haͤtten? Koͤnnten ſie nicht vor uns Pont de Mont-Vert erreichen? Dann wäre der Augenblick, unſere Bruͤder, Deinen Vater, zu be⸗ freien, voruͤbergegangen.“ „Mein Vater! Mein Vater! Du haſt Recht. Hoͤre Ephraim, laß mir die Expedition gegen die Abtei. Der Haß verblendet mich in der That. Koͤmmt es mir nicht zu, meinen Vater zu be⸗ freien?— Du— Du gehſt, um die Dragoner zu vernichten und Florac zu tödten— doch nein, nein— tödte ihn nicht: Du mußt mir ſchwö⸗ ren, ihn nicht zu toͤdten— er gehört mir. Du haſt vernommen, was Iſabelle ſagte; alſo empfiehl Deinen Leuten, Ephraim, ſeiner zu ſchonen, denn ich muß dieſen Menſchen haben, hörſt Du, ich muß ihn haben!“ „Die Viſion, welche der Herr mir ſendete, muß ſich vor allen Dingen erfullen. Sie hat mir e geſagt, daß der Erzprieſter durch das Schwert Herrn umkommen wuͤrde.— Er muß umkom⸗ ½ men. Mir der Erzprieſter!“ fuͤgte er dem Laͤcheln zu. 1 „Du willſt es?“ wil⸗ * — 156— „Ich will es.“ „So ſei es denn.— Laß uns aufbrechen— die Sonne ſteigt uͤber den Gipfel des Rhan⸗Jaſtrie.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich aufs Neue der Feldruf hoͤren, und ein Bewohner aus dem flachen Lande erſchien. Sein Geſicht war blaß und ent⸗ ſtellt; er trug eine Muskete und einen Freßbeutel. Als er Johann Cavalier erblickte eilte er auf ihn zu, und rief: „Ach, Bruder, Bruder Cavalier, es gibt kein Mitleid, kein Erharmen mehr fuͤr uns; in der Ebene— erwuͤrgt man uns— man ſchleift un⸗ ſere Häuſer— man zuͤndet unſere Ernten auf dem Halme an.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Geſtern iſt Poul, der holliſche Poul, an der Spitze eines Detachements ſeiner wilden Mikelets aus der Abtei gezogen. Zehn von ſeinen Leuten drangen in den Pachthof des Bienaimé Frägöres, und verlangten ſein Geld von ihm. Fruͤgéres ſagte, daß er keines hätte; da haben ſie ihn und ſeine Frau auf eine Bank feſtgebunden und ihnen brennende Lunten unter die Nägel geſteckt, um ſie zu dem Geſtändniß zu zwingen, wo ſie ihr Geld verborgen hätten.“ „Die Nichtswuͤrdigen!“ rief Cavalier. „Da Bienaimé Fruͤgéres und ſeine Frau kein Geld hatten, und hartnaͤckig bei dieſer Behauptung blieben, wurden die Mikelets wuͤthend und metzel⸗ — 157— ten ſie nieder— mit Säbelhieben— zwei Greiſe — ſo gut— ſo allgemein verehrt im ganzen Lande.“ „Und Du haſt das geſehen?“ ſagte Ephraim. „Ach, ja wohl, Bruder, ich und die andern Nachbarn Fruͤgéres gingen in ihr Haus, nachdem ſich die Mikelets entfernt hatten, und da fanden wir ſie todt, ihn und ſeine Frau,— zerhackt von Saͤbelhieben. Dieſen Abend beerdigt man ſie. Ich habe meine Wohnung verlaſſen, und komme, um mich Euch anzuſchließen, Brüder; denn lieber will ich gleich den Wölfen in den Bergen umherirren, als in einer Ebene leben, in welcher täglich das Blut unſerer Bruder fließt.“ Die, welche dieſe Erzählung horen konnten, nahmen ſie mit einem Ausbruche der Wuth auf. Ephraim ſtand nachdenkend daz ploͤtzlich be⸗ lebte ein Blitz wilder Freude ſein Auge und er ſagte: „Abraham bot dem Herrn das Blut ſeines Sohnes als Suhnopfer, und wir haben ihm das Blut von zwei Philiſtern als Wiedervergeltung fuͤr die Ermordung des Bienaim Fruͤgéres und ſeiner Frau zu bieten.“ „Was willſt Du ſagen?“ fragte Cavalier. „Ein Mann und eine Frau der Moabiter, welche ſich nach Pont de Mont⸗Vert begeben woll⸗ ten, ſind unſere Gefangenen.“ Und nun erzählte Ephraim an Cavalier die Ge⸗ ſchichte von der Verkleidung Toinon's und Tabou⸗ reau's, welche noch immer von zwei Kamiſarden neben dem ſchwarzen Brunnen bewacht wurden. „Und Du willſt dieſe Leute tödten?“ ſagte Cavalier. Das Blut der Opfer iſt dem Herrn angenehm,“ entgegnete Ephraim. „Die Bahn der Repreſſalien iſt zuweilen fuͤrch⸗ terlich,“ ſagte Cavalier mit Widerſtreben,„und meiſtens, Bruder, bedenke das, ſind es nutzloſe Grau⸗ ſamkeiten.“ „Er wagt von Gnade zu ſprechen in dem Au⸗ genblicke, in welchem das Blut unſerer Bruͤder noch raucht!“ ſchrie Ephraim mit donnernder Stimme, indem er auf Cavalier deutete.„Und ſein Vater liegt im Block, und ſeine Mutter und die Mutter ſeiner Mutter ſind auf der Kuhhaut nach dem Schindanger geſchleppt worden!“ Ein dumpfes Gemurmel der Billigung folgte den Worten des Waldhuͤters von Aygoal. Der junge Häuptling ſenkte die Augen. Ephraim hatte in ihm einen fuͤrchterlichen Schmerz neu be⸗ lebt, von dem Cavalier nur durch das thätige Leben ab⸗ gelenkt worden war, welches er ſeit einiger Zeit fuͤhrte. Die Erinnerung an die ſchändliche Gewalt⸗ that, deren der Marquis von Florac ſich ſchuldig gemacht hatte, ſteigerte die wuͤthenden Gefuhle des Cevenolen noch mehr; mit Abſcheu dachte er daran, daß Iſabelle fuͤr ihn, der ihr einſt mit ſo heiliger — 159— Liebe zugethan war, nur noch ein Gegenſtand ſchmerzlichen Mitleids ſein konnte. Mit Entſetzen dachte er daran, daß jene Zukunft der Liebe, voll Vertrauen, Ruhe und Ernſt, die er ſo oft ge⸗ traͤumt hatte, fuͤr ewig verloren war. Bei dieſen Gedanken fuͤhlte Cavalier ſich von Wuth ergriffen, und indem er Ephraim die Hand reichte, ſagte er: „Du haſt recht, Ephraim; in Strömen iſt das Blut unſerer Bruder bisher gefloſſen. Die Suͤhne beginne.“ „Ehe wir das Opferbeil ſchaͤrfen,“ ſagte Ephraim, „wollen wir den Geiſt Gottes zu Rathe ziehen. Das Prophetenkind ſpreche.“ Und er deutete auf Ichabot, der am Fuß eines Felsblockes ſchlummerte. „So ſpreche es denn,“ ſagte Cavalier;„doch laß uns eilen, denn die Sonne ſteigt hoher.“ „Man fuͤhre zuerſt den Moabiter herbei und dann die Moabiterin,“ ſagte Ephraim zu Esprit Soguier. Zwei Kamiſarden holten Toinon und Tabou⸗ reau, die bisher dem Auge Cavaliers durch einen gewaltigen Felsblock entzogen worden waren. „ XI. Prophezeihungen. Die Art oͤffentlicher Beichte, welche Cavalier durch deſſen Braut abgelegt worden war, erklärte Toinon den Sinn der geheimnißvollen Worte, die Iſabelle in Alais waͤhrend ihres Schlafes ausge⸗ ſprochen hatte:„Der Marquis von Florac — nichtswuͤrdig.“ Die Pſyche fuͤhlte gegen dieſes junge Maͤdchen eine mit Haß gemiſchte Eiferſucht. Aufgeregt durch die Verachtung, mit welcher Iſabelle von dem Marquis ſprach, wuͤrde Toinon ihr verziehen ha⸗ ben, wenn ſie Tancred geliebt hätte; aber daß ihn verachtete, verzieh ſie ihr nicht. Taboureau ſchwebte zwiſchen Leben und Eod. Obgleich er innerlich ſeine verderbliche Gefäͤlligkeit gegen die Launen der Pſyche verwuͤnſchte, war der vortreffliche Menſch doch weit entfernt, ihr Vor⸗ wuͤrfe zu machen, ſondern ſuchte vielmehr ſie zu be⸗ * — 161— ruhigen, denn ſie konnte ſich nicht darüber tröſten, Claude in eine ſo verzweiflungsvolle Lage gebracht zu haben. „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte der gute Cicisbeo; „beruhigen Sie ſich, theure Tigerin; komme ich da⸗ von, ſo werde ich ſo zufrieden ſein, dieſer fuͤrchter⸗ lichen Gefahr entronnen zu ſein, daß ich nicht daran denke, Ihnen die Vergangenheit zum Verbrechen zu machen; im Gegentheile, denn ich danke Ihnen die ſchoͤnen Schilderungen, die ich den Genoſſen mei⸗ ner Soupers in der Rue St. Avoye von den uͤber⸗ ſtandenen Gefahren machen kann. Komme ich nicht davon“— und Taboureau ſeufzte—„was freilich, wie ich geſtehe, im hochſten Grade ärgerlich wäre, da ich kaum 30 Jahr alt bin und 100000 Thaler Ren⸗ ten habe— komme ich alſo nicht davon, ſo fürchte ich mich meiner Treu viel zu ſehr, als daß ich nur daran denken könnte, Ihnen wegen meines böſen Geſchickes Vorwuͤrfe zu machen. Was ſoll man übrigens thun? Sich in ſein Geſchick fugen, denn, Alles wohl erwogen, iſt das Leben doch nur ein Ueber⸗ gang— eine Reiſe!“ Taboureau beendete eben dieſe ſo traurig⸗philo⸗ ſophiſche Bemerkung, als zwei Bergbewohner ka⸗ men, ihn vor Ephraim zu fuͤhren. Während der Klagen Claude's hatte die Pſyche, von einem unvergänglichen Gefuͤhle der Coquetterie angetrieben, ihren Anzug, der durch die Reiſe etwas gelitten hatte, wieder in Ordnung gebracht; ſie glät⸗ Krieg in den Cevennen. II. 11 * — 162— tete und lockte ihre Haare, indem ſie ſie uͤber ihre huͤbſchen Finger rollte; ſie ſtutzte ihren braunen Rock zurecht, zog die ſchwarzen Schnuͤrbaͤnder ihres rothen Mieders feſter, ſtäubte ihre ſchwarzen Corduan⸗ Schuhe ab, welche ihren Anzug vollendeten, und ſo ziemlich zu ihren nieblichen Fuͤßchen paßten, denn ſie hatten einem zwoͤlfjäͤhrigen Kinde gehoͤrt. Die beiden Kamiſarden fuͤhrten alſo Claude, der ihnen zitternd folgte, nachdem er noch einen letten verzweiflungsvollen Blick auf die Pſyche ge⸗ worfen hatte, wobei er ihr ſagte:„Leben Sie wohl, Tigerin, leben Sie wohl Toinon! Der arme Claude war weder ſchoͤn, noch adlig, noch tapfer, aber er liebte Sie ganz gewiß fortwaͤhrend.“ Der Cicisbeo ſtand bald vor Cavalier und Ephraim. Dieſe hatten Ichabod an ihrer Seite und be⸗ fanden ſich in der Mitte eines großen Kreiſes, den die Rebellen bildeten. Die Bergbewohner und die Leute der Ebene, unter denen ſich die Nachricht von der Ermordung Bienaimé Fruͤgéres verbreitet hatte, erwarteten den Ausgang von dem Urtheilsſpruche uͤber den Katho⸗ liken mit wilder Ungeduld. Faſt alle Kamiſarden waren entweder in ihren Familien oder in ihren Freunden durch die uner⸗ bittliche Strenge der Geſetze getroffen worden; meh⸗ rere der Ihrigen waren unter Martern oder un⸗ ter dem Säbel der Dragoner umgekommen. Sie betrachteten daher auch die Hinrichtung Taboureau's — 163— als eine gerechte, wenn gleich furchterliche Repreſ⸗ ſalie der Grauſamkeiten, welche die Katholiken ge⸗ gen die Proteſtanten begangen hatten. Claude, der blaß, entſtellt, durch Furcht aufge⸗ löſt war, konnte ſich kaum auf den Beinen erhal⸗ ten; er zitterte an allen Gliedern und ſtutzte ſich auf den Arm ſeiner beiden Wächter. Dieſe Zeichen des hoͤchſten Schreckens waren weit entfernt, dieſe Leute von wilder Unerſchrockenheit zu ſeinen Gun⸗ ſten zu ſtimmen. „Dieſer Moabtter hat es gewagt, den Namen eines Dieners des Herrn zu entheiligen; er geſteht, daß er Katholik iſt; er geſteht, daß er ſich nach der Abtei von Mont⸗Vert begibt; von dieſer Abtei, von dieſer Hohle der Verderbniß, von dieſer Beikirche Babylons, nach der dieſer Moabiter gehen wollte, iſt geſtern Poul wie ein wuͤthender Wolf ausgezo⸗ gen, um zwei arme Greiſe niederzumetzeln. Das Blut fordert Blut. Der Tag des goͤttlichen Zornes iſt gekommen. Lange genug hat Iſrael auf die Streiche nur durch Seufzer geantwortet.“ „Ja, ja, er ſterbe der Philiſter! Er ſterbe!“ ſchrieen die Kamiſarden, indem ſie ihre Waffen ſchwangen.„Sein Tod ſuͤhne den Tod des Bie⸗ naims Fruͤgéres und ſeiner Frau.“ „Die Streiter des Herrn mogen ſein Haupt den Papiſten hinwerfen, als Pfand des Kampfes auf Leben und Tod zwiſchen den Kindern Gottes 11* — 164— und den Soͤhnen Baals,“ ſagte Esprit Soéguier, der Lieutenant Ephraims. „Er iſt ſchon durch unſere Bruͤder verurtheilt,“ rief der Waldhuͤter mit ſchallender Stimme;„aber„ der Geiſt des Menſchen kann irren, während der Geiſt Gottes unfehlbar iſt. Aus Deinen Kin⸗ dern will ich Propheten machen, hatke der Herr vorher geſagt, und er erfullte ſein Verſprechen zu Gunſten Iſraels; aus Kindern machte er Pro⸗ pheten,“ fugte der Waldhuter hinzu, indem er auf Ichabod deutete;„der Geiſt Gottes wird alſo durch ſeinen Mund ſprechen.“ Dieſer fuͤrchterliche Auftritt wirkte maͤchtig auf„ das kranke Hirn Ichabod's, reizte ſeine irre Ein⸗ bildungskraft und brachte mehrere der Phaͤnomene der Verzuͤckung hervor, denen er eben ſo wie die andern Opfer duͤ Serre's unterworfen war. Schon fuͤhlte er die Annäherung einer Enthuſiasmuskriſis, welche in einem Anfalle von Katalepſie enden mußte. Zwei bis dreitauſend Menſchen, von der Goͤtt⸗ lichkeit ſeiner Eingebungen uͤberzeugt, hefteten auf ihn ehrfurchtsvolle und beinahe ſcheue Blicke. Von. ſeinem Urtheilsſpruche hing eine Frage uͤber Leben und Tod ab. Er ſelbſt war feſt uͤberzeugt, daß die Viſionen, die inneren Stimmen, Echos und Erin⸗ nerungen der Bibelſtellen, mit denen man ſeinen verwirrten Geiſt uberladen hatte, eben ſo viele Aus⸗ ſpruͤche des goͤttlichen Willens wärenz ſolche Um⸗ — 165— ſtände mußten den Parorysmus ſeines Anfalles herbeifuͤhren. Aufrechtſtehend, den Kopf hintenuͤbergeworfen, die Augen geſchloſſen, hatte Ichabod die Hände zum Pimmel erhoben; ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich ſchnell und heftig; er war gruͤnlich⸗blaß; kalte Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn; von Zeit zu Zeit ließen ſeine krampfhaft zuckenden Augenli⸗ der ſeine ſtarre verloſchene Pupille gewahren. Die Cevenolen beobachteten dieſe Phaͤnomene, die ihnen als uͤbernatuͤrlich erſchienen, mit frommem Schrecken. Alle entblößten ihr Haupt und knieten nieder. Taboureau ſank ebenfalls auf die Kniee und faltete ringend die Haͤnde, ſowohl aus phyſiſcher Unmoglichkeit, ſich länger auftecht zu erhalten, als in einer Bewegung maſchinenmaͤßiger Nachahmung. Ueberzeugt, bald ſeinen letzten Augenblick erreicht zu haben, richtete er an den Himmel eines jener Ge⸗ bete ohne Namen und ohne Worte, welche mehr der Verzweiflungsſchrei des Inſtinktes der Erhal⸗ tung ſind, als eine religioͤſe Eingebung. „Der Geiſt koͤmmt!— Da iſt der Geiſt, da iſt der Geiſt!“ ſagte endlich das Kind. Es ſchien einen Augenblick zu lauſchen, und bald, als wieder⸗ holte es die Worte, die es im Innern vernahm, fuhr es dann mit rauher„ greller, abgeſtoßener Stimme fort:„Mein Kind, mein Kind, ich ſage Dir, dies iſt der Tag des Herrn; der Ewige wird wuthen uͤber das ſchlechte Volk, er wird den Goͤtzen⸗ dienſt ausrotten, er wird ihn zerreißen wie der Loͤwe, der auf Beute ausgeht. Mein Kind, mein Kind, ich werde die Voͤgel des Himmels berufen, das blutige Opfer zu verſchlingen, daß man mir bereitet. Sie werden das Fleiſch des Moabiters verſchlingen, wie ſie das Fleiſch meiner Kinder, meiner Auserwaͤhlten, verſchlungen haben. Die Ad⸗ ler und die Geier werden die Stuͤcke davon in die Neſter ihrer Kleinen tragen. Mein Kind, ich ſage Dir, der Moabiter muß ſterben, damit die jungen Raubvögel ihre Aetzung erhalten. Babylon, Ba⸗ bylon! Zerſtöret Babylon! Nicht Einer entkomme, mein Kind, nicht Einer! Der Wirbelwind meines Sturmes entzuͤndet ſich an den vier Ecken der Erde. So geſchehe mein Wille, mein Kind, ich ſage es Dir, ich ſage es Dir!“ Indem Ichabod dieſe letzten Worte ausſprach, wurde ſein Athem immer bedruͤckter, weißer Schaum trat auf ſeine Lippen, ſeine Glieder wurden ſteif, ſeine Stimme erſtickte, ſein Kehlkopf trat uͤberma⸗ ßig auf, ſeine Stirn wurde bläulich⸗weiß und bald ſchlug er in dem Zuſtande voͤlligen Starrkram⸗ pfes um. Die Cevenolen, welche durch dieſes Schauſpiel ergriffen, entſetzt waren, glaubten zu hören, wie die Stimme Gottes Blut forderte, und riefen mit enthuſiaſtiſcher Wuth:„Tod dem Götzendiener!“ — 167— „Die Stimme Gottes verurtheilt ihn, wie die Stimme der Menſchen ihn verurtheilt hat,“ ſagte Esprit Séguier. „Du haſt es gehoͤrt, dem Geiſte Gottes wird Dein Opfer angenehm ſein“ ſagte Ephraim zu Taboureau.„Bete, bete. Ehe die Sonne den Gipfel jenes Felſens erreicht hat, wird Deine Seele vor ihrem Richter ſtehen.“ Taboureau brach in ſich ſelbſt zuſammen, und der Athem ging ihm aus. „Fuͤhrt ſeine Mitſchuldige herbei,“ ſagte Ephraim;„wer den Wolf verdammt, verdammt auch die Woͤlfin. Die Stimme Gottes hat uͤber die Moabiterin das Urtheil geſprochen.“ Die Pſyche wurde von zwei Cevenolen in die Mitte des gewaltigen Kreiſes gefuͤhrt. Sie ging mit feſtem Schritte, und ſchoͤpfte eine truͤgeriſche Kraft aus ihrer fieberhaften Auf⸗ regung und aus der Gluth ihres Haſſes. Ihr großes Auge ſuchte funkelnd und kuͤhn Iſabellen, der ſie in dieſem fuͤrchterlichen Augenblicke haͤtte trotzen moͤgen. Da ſie die Cevenolin nicht ſah, richtete ſie ihren zornfunkelnden Blick auf Cava⸗ lier, dieſen andern Todfeind Tancred's. Cavalier aber fuͤhlte eine dunkle Roͤthe ſeine Stirn bedecken, als er das jugendliche, reizende und entſchloſſene Geſicht ſah, den ſchlanken Wuchs, deſſen Zartheit und Anmuth die Tracht von Lan⸗ guedoc ſo vortheilhaft hob, als er das Ganze — 168— in einer vollkommenen und fuͤr ihn neuen Eleganz erblickte; er fuͤhlte im Herzen einen gewaltigen, elektriſchen, unerklaͤrlichen Schlag. Faſt erſchrocken durch dieſen ſo ploͤtzlichen Ein⸗ druck ſchrieb er dem entſetzlichen Looſe der Beklagens⸗ werthen ſein tiefes und ſchmerzliches Gefuͤhl des Mitleids fuͤr ſie zu; er erkannte mit Schrecken die Unmoͤglichkeit, ſie jetzt, und da der Prophet geſprochen hatte, dem Tode zu entreißen. Obgleich er an keine goͤttliche Eingebung glaubte, oder vielmehr, obgleich er ſich das Wunder von dem Enthuſiasmus der kleinen Propheten nicht zu erklaͤren wußte, fuͤhlte Cavalier dennoch, daß die ganze Gewalt der Inſurrektion eben darin lag, und daß die Stimme Gottes, wahr oder falſch, die einzige war, welche die Cevenolen in dem er⸗ bitterten Kampfe, den ſie beginnen wollten, auf⸗ recht erhalten konnte. Er durfte daher im An⸗ fange des Krieges nicht daran denken, gegen die Gebote der Propheten auch nur den geringſten Angriff zu wagen. Und doch kam es ihm gräßlich vor, das rei⸗ zende junge Maͤdchen ſterben zu laſſen. Ephraim und faſt alle Bergbewohner waren fuͤhllos gegen den Reiz der Schoͤnheit, und be⸗ trachteten die Pſyche mit grauſamer Ungeduld; unter den Bewohnern der Ebene wuͤrden vielleicht einige ein Gefuͤhl des Mitleids fuͤr ſie empfunden haben, aber die noch ſo friſche Erinnerung an die — 169— Ermordung des Bienaimé Fruͤgéres, ſo wie ihr blinder Glaube an den durch den Propheten aus⸗ geſprochenen Willen, erſtickte dieſes Gefuͤhl des Wohlwollens. „Du wirſt mit Deinem Mitſchuldigen ſter⸗ ben. Die Stimme Gottes hat uͤber Dein Ge⸗ ſchick entſchieden; beeile Dich; verrichte Dein Ge⸗ bet!“ ſagte Ephraim. Die fieberhafte Röthe der Pſyche verwandelte ſich in die Weiße des Marmors; ſie zitterte, und all' ihr Muth, all' ihr Leben, ſchienen ſich in ihre Augen zu draͤngen, welche in unglaublichem Glanze funkelten. „So werde iſt ſterben,“ ſagte Toinon mit feſter Stimme;„aber ein Weib ermorden— das iſt ſehr feige.“ „Verrichte Dein Gebet,“ gebot Ephraim, ohne ihr zu antworten;„ſtirb als Chriſtin, und Du ſollſt ein Grab erhalten, das die Deinigen ſeiner Mutter und ſeiner Großmutter verſagten, die auf der Kuhhaut fortgeſchleift wurden“— Dabei deutete der Waldhuͤter auf Cavalier. „Aber ich habe Euch ja nichts Böſes gethan,“ rief Toinon;„ich bin allen dieſen Greueln fremd.“ „Was hatte der Chriſt Boͤſes gethan? Du wirſt die Verbrechen der Deinigen buͤßen und Dein Blut zu ihrer Suͤhne gereichen. Verrie te Dein Gebet.“ Die Pſyche ſah, daß ſie kein Mitleid mehr erwarten durfte, und ihr letzter Gedanke war fuͤr Tancred. „Ich werde ſterben,“ ſagte ſie zu Ephraim„ mit tief erſchuͤtterter Stimme;„kann ich nicht vorher noch einige Worte ſchreiben, koͤnnt Ihr ſie nicht— an eine Perſon gelangen laſſen— die ich Euch nennen will?“ „Denke an das Heil Deiner Seele,“ erwiderte Ephraim,„denke an das ewige Buch, in welches Gott Dein Leben eingeſchrieben hat.“ „Aber dieſes Halsband“— und ſie knuͤpfe ein ſchwarzes Sammtband von ihrem reizenden Halſe los —„kann ich das nicht uͤbergeben laſſen— an—“ „Denke an Deine Seele, denke an Deine Seele,“ wiederholte Ephraim.„Die Erde wird Deinen Koͤrper bedecken.“ „Nun wohl,“ ſagte die Pſyche mit dem Ausdrucke der Verzweiflung und weinend,„aber noch ehe die Erde meinen Koͤrper bedeckt— wenn ich todt bin, wer wird mich dann in das Lei⸗ chentuch huͤllen? Ihr ſeid großmuͤthiger als die Meinigen, ſagt Ihr? Nun wohl, ſo gewaͤhrt mir eine letzte Gnade. Die Frau, die mich hierher ge⸗ leitete, werde mit dieſer traurigen So ⸗ tragt. Laßt mich ihr einige Worte ſage 6 „Es geſchehe, wie Du bitteſt,“ ſagt e Ephrain und ſeine Augen ſuchten Cavalier. Cavalier war verſchwunden. „Iſabelle,“ rief Ephraim. Iſabelle trat heran. „Dieſe Moabiterin will mit Dir ſprechen; ſie wird ſterben; hoͤre ſie an.“ Iſabelle ſah die Pſyche ſtaunend an und näherte ſich ihr. Ephraim entfernte ſich. Der Kreis war ſo gvoß, daß die beiden Frauen mit einander ſprechen konnten, ohne gehört zu werden. In dem Augenblicke ihres Todes wollte Toinon um jeden Preis noch ein letztes Zeichen der Erin⸗ nerung an Tancred gelangen laſſen. In Folge ei⸗ nes leicht begreiflichen Zartgefuͤhles zog ſie es vor, ſich zu dieſem Zwecke an ein Frauenzimmer zu wen⸗ den— an Iſabelle. Obgleich ſie den Haß der Cevenolin gegen den Marquis von Florac kannte, rechnete ſie doch auf die Großmuth des jungen Maädchens, ſo wie auf die Theilnahme, welche ſie ſelbſt in dieſem fuͤrchterlichen Augenblicke einflößen mußte. „Ich habe Euch hintergangen, um Euch zu bewegen, mir zur Fuͤhrerin zu dienen,“ ſagte die Pſyche;„in dieſem aͤußerſten Augenblicke bitte ich Euch deshalb um Verzeihung.“ „Ich verzeihe Euch,“ ſagte Iſabelle traurig. 2„Uebrigens habe auch ich Euch um Verzeihung zu bitten, denn indem ich Euch hierher geleitete, habe ich unwillkuͤrlich Euren Tod veranlaßt.“ „Wenn Ihr deshalb einiges Mitleid fuͤr mich hegt“ ſagte Toinon,„ſo koͤnnt Ihr mir einen großen Dienſt erweiſen— den letzten, den man mir auf dieſer Erde leiſten wird.“ „Sprecht, ſprecht, ungluͤckliches Maͤdchen!“ „Verſprecht mir— daß Ihr nach meinem Tode mich in das Leichentuch huͤllen wollt— daß Ihr allein meinen Koͤrper beruͤhrt.“ Und bei dieſem fuͤrchterlichen Gedanken bedeckte Toinon ihre von Thränen uͤberſtrömenden Augen mit beiden Händen. „Ich ſchwoͤre es Euch.“ „Verſprecht mir auch, eine Flechte meines Haa⸗ res abzuſchneiden— ſie mit dieſem Sammtbande zu umſchlingen— und ſie— an“— hier ſtockte die Pſyche. „An Eure Mutter gelangen zu laſſen, arme Kleine?“ fragte die Cevenolin theilnahmvoll. „Nie habe ich meine Mutter gekannt.“ „An Euren Vater?“ „Nie habe ich meinen Vater gekannt.“ „An einen Eurer Verwandten?“ ch habe keinen Verwandten.“ Iſabelle ſah Toinon mit truͤbem Staunen an, die Pſyche aber ſagte mit feierlichem Tone: „Ehe ich Euch ſage, wem Ihr dieſes letzte Pfand meiner Zärtlichkeit uͤberbringen ſollt, muͤßt ———— — — 173— Ihr mir ſchwoͤren, meine Bitte zu erfuͤllen, und dieſes Vermaͤchtniß der Perſon zu uͤbergeben, die ich Euch nennen werde. Bedenkt, daß es der letzte Wunſch einer Sterbenden iſt.“ „Bei dem Andenken meines Vaters und mei⸗ ner Mutter ſchwöre ich, Eure Befehle zu erfullen,“ ſagte Iſabelle. „Wenn es Euch ſelbſt unmöglich wäre, dieſer Pflicht zu genugen, ſo durft Ihr ſie nur einer Per⸗ ſon uͤbertragen, deren Ihr eben ſo ſicher ſeid, als Eurer ſelbſt.“ „Ich ſchwoͤre es Euch.“ Die Augen der Pſyche erglänzten in Hoffnung. „Nun wohl, wenn Ihr mich ſterben ſahet, wenn Ihr mich in das Grab ſenktet, gehet zu dem, fuͤr den ich ſterbe. Ja, um zu ihm zu ge⸗ hen, bat ich Euch, mir zur Fuͤhrerin zu die⸗ nen. O, aus Barmherzigkeit— er wiſſe wenig⸗ ſtens, wie ſehr ich ihn liebte.— Der Tod wird mir minder gräßlich erſcheinen, wenn ich hoffen darf, daß ein Gedanke der Trauer von ihm mir folgt, wenn ich uͤberzeugt bin, daß dieſes letzte Pfand der leidenſchaftlichſten Liebe, der groͤßten Beſtändigkeit, ihm uͤbergeben wird.“ „Aber dieſer Mann— wer iſt es?“ fragte Iſabelle, indem ſie ihre Thranen trocknete, denn ſie fuhlte ſich innig geruͤhrt durch die Verzweiflung Toinon's. Die Pſyche wollte eben Tancred's Namen aus⸗ ſprechen, als ein lauter Schrei der Kamiſarden ſie davon zuruckhielt. Iſabelle und Toinon wendeten den Kopf und ſahen Cavalier ſich nahen. Mit langſamen, majeſtätiſchen Schritten kam er heran, Cöleſte und Gabriel an der Hand, Beide in lange weiße Gewaͤnder gekleidet. XII. Die Geißeln. Die Kamiſarden nahmen Cöleſte und Gabriel mit neuem Gemurmel der Ehrfurcht und Bewun⸗ derung auf. Toinon und Taboureau hatten einen Schimmer der Hoffnung, als ſie dieſe beiden jungen Geſchöpfe erblickten, deren reizende Zuge zugleich Sanftmuth und unbeſchreibliche Melancholie ausſprachen. Während ihres Aufenthaltes im Schloſſe Mas⸗ Arribas hatten Cöleſte und Gabriel eben ſo wie die andern Opfer der hoͤlliſchen Berechnung des Glas⸗ machers viel gelitten. Beide trugen einen unter den Cevenolen zu verehrten Namen, und ihre Prophezeihungen muß⸗ ten im Augenblicke des Aufſtandes zu viel Einfluß auf die Proteſtanten uͤben, als daß du Serre einen Augenblick hätte zögern können, ſie ſeinen furchter⸗ lichen Verſuchen ebenfalls zu unterwerfen. Nie hatte er uͤberdieß Naturen gefunden, die der Entwickelung ſeiner verderblichen Experimente gunſtiger waren: Ohnehin ſchon zur Melancholie und Träumerei geneigt, gingen Coleſte und Gabriel von Schrecken zu Schrecken, ſo daß ſie ſich bald in einem beinahe ununterbrochenen Zuſtande der Verzuͤckung befanden. In den Augenblicken ihrer Ekstaſe und ihres Somnambulismus trugen jedoch ihre Prophezeihun⸗ gen ſtets den unvergänglichen Stempel der natuͤr⸗ lichen Guͤte ihres Charakters; es wurde bereits fruͤ⸗ her geſagt, daß dieſe zärtlichen, unverkuͤnſtelten Ge⸗ muͤther ſich ſeit der fruͤheſten Kindheit mit der be⸗ zaubernden Poeſie gewiſſer Stellen der heiligen Schrift ſo vertraut gemacht hatten, daß die kunſt⸗ liche Exaltation, in die man ihr Hirn verſetzte, die ſanften Bilder, mit denen ihre Einbildungskraft er⸗ fullt war, nur noch bewundernswerther machte. Vergebens hatten du Serre und ſeine Frau auch dieſe Kinder die blutigſten Verſe der Prophe⸗ ten und der Apokalypſe auswendig lernen laſſen; trat der Augenblick des Enthuſiasmus einmal bei ihnen ein, ſo vergaßen ſie dieſe finſtern Lehren, und ſtatt der entſetzlichen Drohungen der Rache und Strafe ließen die reinen und kindlichen Stimmen die goͤttlichen Worte der Verzeihung, der Liebe, der Hoffnung vernehmen. Da nichts mannichfaltiger iſt, als die Wirkun⸗ gen kataleptiſcher Anfälle, zeigten die Kriſen, dene — 177— auch Cöleſte und Gabriel unterworfen waren, burch⸗ aus nichts Widerliches. Sie verkundeten ſich durch die Roͤthe ihrer Wangen, durch das Feuer ihrer Blicke und durch eine gänzliche Regungsloſigkeit; aber gewiſſe Weſen ſind mit angeborner Anmuth begabt, welche ſich uͤber alle ihre Bewegungen erſtreckt, und ſo waren die Stellungen, in denen Coͤleſte und Gabriel während der Dauer ihrer Anfälle ſo zu ſa⸗ gen verſteinerten, faſt immer ſchon; man haͤtte glauben ſollen, zwei herrliche, durch ein Wunder be⸗ lebte, Bildſäulen zu ſehen. Die Schoͤnheit, die Sanftmuth, der prophetiſche Enthuſiasmus dieſer beiden Kinder gewannen ihnen eine religiöſe Verehrung bei den Leuten Cavaliers, welche den allgemeinen Aberglauben in Bezug auf die kleinen Propheten theilten. Seit der furchtbaren Sturmnacht, während wel⸗ cher alle dieſe Kinder ſich im Lande verbreitet hat⸗ ten, indem ſie Iſrael zu den Waffen riefen, war der Berg Aygoal ein neuer Sinai fuͤr die Prote⸗ ſtanten geworden. Cavalier war zwar dem Scheine nach, und aus Politik, eben ſo gläubig, eben ſo fanatiſch, wie Ephraim, bei ſich ſelbſt aber ſchwankte er beſtändig zwiſchen ſeinem geheimen Unglauben und der Un⸗ läugbarkeit der Wunder, die er ſich nicht zu erklä⸗ ren wußte, und unwillkürlich betrachtete er ſeinen Bru⸗ der und ſeine Schweſter mit einer Art aͤngſtlicher Krieg in den Cevennen. H. 12 — Cavalier wollte wenigſtens verſuchen, Toinon zu retten, und deshalb hatte er Cöleſte und Gabriel aufgeſucht; er wußte aus Erfahrung, daß gewaltige und plobliche Erſchuͤtterungen oft ihre prophetiſchen Kriſen hervorriefen. So hatten dieſe ungluͤcklichen Kinder, ſeitdem ſie ſich mit ihm vereinigten, mehrere Anfälle gehabt, indem ſie nach und nach von der Verhaftung ihres Vnters, dem Tode ihrer Mutter und dem ihrer Großmutter hoͤrten. Die bloße Erinnerung an dieſe Handlung einer ſo entſetzlichen Grauſamkeit ſturzte ſie in eine Art von verzweiflungsvollem Stumpfſinne, aus dem ſie nur nach einem Anfalle der Katalepſie erwachten. „Man will einen Mann und eine Frau er⸗ wuͤrgen, ſogleich, vor Euren Augen, und ihre Leich⸗ name dann auf der Kuhhaut fortſchleifen, denn der Geiſt des Herrn, durch die Stimme Ichabods re⸗ dend, hat dieſes Opfer verlangt;“— ſo hatte Ca⸗ valier zu den beiden Kindern geſprochen. Cöleſte und Gabriel ſahen einander voll Ent⸗ ſetzen an, und riefen dann: „Wir wollen dieſen Mord nicht ſehen!“ „Ihr muͤßt es, arme Kinder! Wenn Ihr ihn hindern wollt—“ „Nein, nein,“ rief Coleſte, indem ſie das Ge⸗ ſicht mit den Händen bedeckte.„Dieſe blutigen Körper auf der Kuhhaut— das erinnert mich— o meine Mutter, meine Mutter!“ „ „ — — „Und unſere Großmutter!— Unſere Groß⸗ mutter!“ fiel Gabriel ein, den die bloße Erinnerung an dieſes entſetzliche Ereigniß beinahe ſchon verwirrte. „Gott iſt gut und barmherzig, ſein Geiſt floßt auch Frieden und Verzeihung ein,“ ſagte Coͤleſte. „Mein Bruder— mein Bruder— dieſer Mord— wozu dieſer Mord?— Ach, es iſt ſchon zu viel Blut gefloſſen— der Geiſt, der milde Geiſt des Herrn hat das geſagt?“ fuͤgte Coͤleſte hinzu, indem ſie ihre Blicke irr' umher ſchweifen ließ. Als Cavalier die Kinder unter dieſem maͤchtigen Eindrucke ſah, hoffte er, daß der Anblick von den Vorbereitungen zu der Hinrichtung Toinons und Taboureaus das Mitleid der beiden kleinen Prophe⸗ ten vielleicht hinreichend anregen wuͤrde, um einige Worte der Barmherzigkeit aus ihnen hervorzurufen. Das war der Beweggrund ihres Erſcheinens an dem Orte der Hinrichtung. Die Kamiſarden glaubten, die beiden Kinder kämen, um gleich Ichabod dem Morde der Katho⸗ liken beizuwohnen, und verdoppelten deshalb ihr Todesgeſchrei. Bei dieſem neuen Ausbruche der Wuth machte Taboureau, der mit leichenblaſſem Geſicht, mit furch⸗ terlich vectn Zuͤgen, mit wild gerungenen Haͤn⸗ den, auf den Knieen lag, noch eine letzte gewaltige Anſtrengung und rief:„Gnade! Gnade! Mein Vermoͤgen— nehmt mein ganzes Vermoͤgen, wenn Ihr mir das Leben ſchenkt.“ 12* — 180— Ephraim lächelte geringſchätzend und ſagte: „Esprit Söguier, laß die Gewehre unſerer Bruͤ⸗ der laden. Dieſe Moabiter ſollen den Tod der Soldaten ſterben. Es iſt Zeit, daß die Hand des Herrn ſich auf ſie niederlaſſe.“ Auf das Gebot Ephraims ladeten einige Berg⸗ bewohner ihre Gewehre. „Habt Ihr Euer Gebet verrichtet?“ fragte Ephraim die beiden Verurtheilten mit donnernder Stimme. Cavalier hatte die Augen ſtarr auf Cöleſte und Gabriel gerichtet, und ſchwebte in grauſamer Angſt, da er die Wirkung nicht vorauszuſehen vermochte, welche dieſer fuͤrchterliche Auftritt hervorbringen wuͤrde. Die beiden Kinder hielten ſich bei der Hand; ihre engelgleichen Geſichter waren bleich und ent⸗ ſtellt; der Schrecken vergroͤßerte ihre ohnehin ſchon großen blauen Augen. Sie zitterten, und preßten ſich feſt aneinander. Sechs Bergbewohner traten hervor; ihre Lun⸗ ten rauchten. Die Aufruͤhrer traten zur Seite und bildeten zwei Reihen; am äaͤußerſten Ende dieſes Ganges ſtanden Toinon, Taboureau und Iſabelle. „Verbinde ihnen die Augen, Bruder, denn ſie fürchten ſich,“ ſagte Ephraim zu Esprit Séguier mit dem Ausdrucke grauſamer Geringſchaͤtzung. Ta⸗ boureau hatte nicht mehr ſo viel Kraft, Gnade zu — 181— ſchreien. Er beugte ſeine Stirn der verhängniß⸗ vollen Binde zu. Der erwaͤhlte Henker näherte ſich der Pſyche; ihr Blick ſuchte Iſabellen; dieſe war nicht mehr da: Sie hatte nicht die Kraft gehabt, dem grauſamen Schauſpiele beizuwohnen. Als ſie ſie nicht erblickte, ſagte Toinon mit verzweiflungsvollem Tone:„Ach, auch das nicht einmal— nicht einmal eine letzte Erinnerung!“— Dann ergriff ſie Claudes Hand, kuͤßte ſie fromm, und ſagte:„Leben Sie wohl, mein Freund; verzeihen Sie mir in dieſer letzten Stunde Ihren Tod.“ „Ich verzeihe Ihnen. Gott ſei meiner Seele gnädig!“ fluͤſterte der Cicisbeo mit ſchwacher Stimme. Toinon reichte jetzt auch ihre ſchneeweiße Stirn der Binde dar; dann druͤckte ſie beide Haͤnde an die. Lippen und ſchien Kuͤſſe in die Ferne zu ſenden, indem ſie dabei leiſe fluͤſterte: „Tancred— mein Tancred— das iſt fuͤr Dich!“— Dann ſammelte ſich Toinon, und betete. „Bruͤder,“ gebot Ephraim mit feierlicher Stimme, „laßt uns den Sterbepſalm ſingen. Ihre Seele werde dadurch getröſtet, da ihr Koͤrper unterge⸗ hen ſoll.“ Und Alle ſtimmten mit finſterem, dumpfem Tone den folgenden Vers des Sterbepſalms an: — 182— 5h gehe zu den Todten ein, Ach, ſcheidend aus dem Leben, Wie ein Gemordeter, um den ſich Gott nicht kümmert, Und den er durch das Rückzieh'n ſeiner Hand Hineinſenkt in das Grab. Dieſer Todtengeſang wurde durch die Echos des Rhan⸗Jaſtrie bis in das Unendliche wiederholt. Die Kamiſarden machten ihre Gewehre fertig. Die Geſichter Cöleſtes und Gabriels, bisher bleich und eiſig, belebten ſich ploͤtzlich, ihre Wangen färbten ſich, ihre bisher ſchuͤchternen und aͤngſtlichen Blicke wurden glänzend und begeiſtert. Sie ſchie⸗ nen ſich zu vergrößern, indem ſie ihre ſchoͤnen blon⸗ den Koͤpfe ſtolz erhoben. Bei dieſen Symptomen des Enthuſiasmus em⸗ pfand Cavalier eine unbeſchreibliche Freude; er machte Einige der Seinigen auf das prophetiſche Ausſehen der Kinder aufmerkſam. Ephraim wollte den Befehl zur Hinrichtung ge⸗ ben, als er ein wachſendes Gemurmel vernahm. „Der Geiſt des Herrn wird nochmals ſprechen,“ ſagten die Kamiſarden, indem ſie ehrfurchtsvoll auf die beiden jungen Cevenolen deuteten, Exal⸗ tation immer ſichtbarer wurde. „Die Hinrichtung muß verſchoben Sen, bis die Stimme Gottes ſich noch einmal vernehmen ließ, um ſie zu gebieten!“ rief Cavalier. Der Waldhuͤter von Aygoal glaubte nicht, daß —,— „———— — 183— der Ausſpruch Ichabods durch dieſe neue Verkuͤn⸗ dung des goͤttlichen Willens widerlegt werden wuͤrde, und ſo hatte er nichts gegen die Verſchiebung der Hinrichtung.„Die Stimme des Herrn,“ ſagte er,„iſt ſtets heilig und unſern Ohren ſtets koſtlich; die Trompete hat mehr als ein Mal die Stunde zur Niedermetzelung der Philiſter verkuͤndet.“ „Der Geiſt wird ſprechen“ rief Cavalierz„auf die Kniee, meine Bruͤder, auf die Kniee!“ Alle knieten nieder. Coͤleſte, die zuerſt zu dem Parorysmus bes En⸗ thuſiasmus gelangte, ſagte mit ſanfter, wohlklingen⸗ der Stimme und indem ſie ihre ſchoͤnen Augen ſchloß:„Mein Kind, ich ſage Dir— heut, mein Kind, will ich kein Blut;— ein Opfer will ich nicht— geopfert ſoll Niemand werden. Die Blumen des Fel⸗ des, das ſind die Gabe, die ich verlange— der Ge⸗ ſang der Voͤgel, das iſt der Opfergeſang, den ich will. Wenn der boshafte Wolf Deine Lämmer zerreißt,— toͤdte ihn mitleidslos— aber ich ſage Dir, mein Kind, ich ſage Dir diesmal, Gnade und Barmherzigkeit fur die, welche da ſchwach ſind und entwaffnet; Gnade und Barmherzigkeit fuͤr die Weiber und fuͤr die Kinder.— Iſrael wird ohne Mitleid ſein, aber fuͤr die Krieger, die mit der Lanze und mit dem Schwerte bewaffnet ſind.— Bald wird eine große Schlacht geſchlagen werden, und dann, nachher, wird der Weinſtock ſeine Fruchte — 184— tlägen, die Erde wird ihre Halme treiben, der Him⸗ mel wird ſeinen Thau niederſenken, und der Frie⸗ den auf der Erde bluͤhen.— Bis dahin Mitleid — Gnade— Barmherzigkeit!“ Bei dieſen letzten Worten wurde Cöleſte's Athem ſchwer; das Kind warf mit krampfhafter Bewegung den Kopf zuruͤck und ſank im Zuſtande völliger Re⸗ gungsloſigkeit nieder auf die Kniee, beide Haͤnde ge⸗ faltet, und ihr Geſicht halb der aufgehenden Sonne zugewendet, welche ſie mit einem goldenen Heiligen⸗ ſcheine zu umgeben ſchien. Sah man das anbe⸗ tungswuͤrdige Geſchoͤpf ſo knieen, ſo hätte man glauben ſollen, es ſei eine jener Engelsgeſtalten, welche aus Marmor gemeißelt auf Graͤbern beten. Von Staunen ergriffen ſah Ephraim Cöleſte mit wilder Verwunderung an; aber ſeine Ehrfurcht gegen den Ausſpruch des gottlichen Willens war ſo tief, daß er ſich damit begnuͤgte, zu ſagen:„Der Herr allein leitet uns; geheimniß iſt ſeine Stimme.“ Bei dieſen Worten der Gnade glaubten Toi⸗ non und Taboureau, deren Augen noch immer ver⸗ bunden waren, eine Stimme vom Himmel zu hoͤ⸗ ren; eine neue Hoffnung warf einigen Schimmer in den ſchwarzen Abgrund, in den ihre Seele ver⸗ ſunken war. Sprachlos vor Staunen, unentſchloſſen, blickten die Kamiſarden einander anz ihr roher Verſtand wußte ſich keine Rechenſchaft von dieſem offenbaren — 185— Widerſpruche in den Worten der beiden prphe ⸗ zu geben. Ploͤtlich zeigte Gabriel, der noch nicht geſpro⸗ chen hatte, dieſelben Symptome der Exaltation wie ſeine Schweſter, und rief, indem er die Haͤnde ge⸗ gen den Weſten mit einer zugleich gebieteriſchen und aufmerkſamen Bewegung ausſtreckte: „Mein Kind, ich ſage Dir, mein Kind, ein großer Lärmen von Zinken ertönt in dieſer Rich⸗ tung, Kriegswagen und Ruͤſtungen klingen, die Streitroſſe wiehern— Iſrael, Iſrael, das iſt die Stunde, zu dem Gott der Heerſchaaren zu beten — das iſt die Stunde, Dich auf den Kampf vor⸗ zubereiten; aber ich ſage Dir, ich ſage Dir, ſchone der Schwachen und der Kinder.— Ich ſage Dir, ein gerettetes Leben kann ein anderes retten.— Muth, mein Kind!— Auf Leiden folgt die Freude— Du wirſt einen gruͤnen Obſtgarten ſe⸗ hen, der zu allen Jahreszeiten Fruͤchte trägt; ſein Laubwerk wird den Schmuck Deines Hauſes aus⸗ machen; er wird beſtändig bluͤhen und Du wirſt die Frucht neben der Bluͤthe pfluͤcken koͤnnen.— * Jeruſalem, Jeruſalem, freue dich, denn der Winzer koͤmmt, der an dem Weinberge arbeiten wird; ſiehe den, der Deine Mauern wieder auffuͤhren wird; aber ergreife das Schwert, ohne zu zoͤgern, denn die Stunde verinnt und die Kriegswagen eilen vor⸗ uͤber; dieſen Abend mit Sonnenuntergang ſind Dir die Moabiter entronnen.— Zum Schwert! Zum * 5— Schwert!— WMein Kind, ich ſage Dir heut: Triff den Starken, doch ſchone des Schwachen! Ein Sturm entwurzelt die Bäume, reißt die Thuͤrme nieder, regt die großen Waſſer auf; aber ich ſage Dir, er verſchont die Kräuter des Feldes*).“ Indem Gabriel dieſe Worte mit immer ſchwa⸗ cher werdender Stimme ſprach, ſtuͤrzte er neben ſei⸗ ner Schweſter nieder. Cavalier, der den tiefen Eindruck ſah, den dieſe Worte auf die Kamiſarden gemacht hatten, rief aus: „Der Herr ſagt es Euch durch die Stimme ſeiner Kinder, zu den Waffen! Die Philiſter ent⸗ kommen uns, wenn wir noch länger zoͤgern. Der Herr iſt in ſeiner Barmherzigkeit durch unſern Ge⸗ *) Dieſe beiden Prophezeihungen ſind faſt wört⸗ lich aus einem ſehr merkwuͤrdigen und ſehr ſeltenen Buche entlehnt, welches den Titel führt: Phéätre sac6 des Cévennes, ou Récit des diverses merveilles nou- vellement opérées dans cette partie du Languedoc; Londres, Robert Roger, Black- Friars, 1707, in 8. (Heiliger Schauplatz der Cevennen oder Beſchreibung der verſchiedenen Wunder, welche ſich kürzlich in dieſem Theile von Languedoc zugetragen haben.) Angebunden an dieſen Schauplatz der Cevennen iſt ein anderes, ebenfalls ſehr merkwürdiges Buch: Prophetiſche Ver⸗ kündigungen des Elias Marion, eines der Häuptlinge der Proteſtanten, welche in den Cevennen die Waffen ergriffen hatten, oder Reden aus ſeinem Munde unter dem Einfluſſe des heiligen Geiſtes, und während er ſprach, getreu nachgeſchrieben. Eben daſelbſt und gleich⸗ falls ſehr ſelten. — 187— hormſam geruͤhrt worden; er hatte geſagt: Treffet, und wir wollten treffen;“ dabei deutete Cavalier auf die beiden Verurtheilten, welche noch immer knieten, „dann aber hat er ſich erbarmt. Als Abraham das Opfermeſſer uͤber dem Haupte ſeines Sohnes ge⸗ ſchwungen hielt, war Gott zufrieden und ſagte: Genug!— Der Herr gebietet uns, ihrer zu ſcho⸗ nen, alſo laßt uns ſie verſchonen, und als Geißeln bewahren; ſollte einer der Unſern in die Häͤnde der Moabiter fallen, ſo hat der Herr es geſagt: Ein Leben rettet ein anderes Leben!— Aber die Stimme des Herrn ruft uns;— zu den Waffen, Ceveno⸗ len! Zu mir, die Leute der Ebene! Fuͤr uns die Dragoner von St. Sernin!— Zu den Waffen, Ihr Bewohner der Berge! Fuͤr Euch die Abtei von Pont de Mont⸗Vert! Der Herr iſt mit uns; er S ſagt, daß die Stunde verrinnt,— zu den Waffen alſo! Zu den Waffen!“ „Zu den Waffen,“ ſchrieen wie mit einer Stimme die Bewohner der Ebene voll Enthuſias⸗ mus, indem ſie aufſprangen, und ſich um Cava⸗ lier ſchaarten. Die Bergbewohner, welche durch dieſen Kriegs⸗ ruf gleichfalls exaltirt wurden, antworteten darauf. Ephraim, jetzt uͤberzeugt, daß der Herr die Begna⸗ digung der beiden Opfer gebot, ſagte zu Esprit Soguier:„Der Wille des Herrn iſt unendlich; laß die beiden Moabiter binden; ſie werden uns folgen.“ Dann rief er mit donnernder Stimme: „Zu den Waffen, Ihr Bruͤder von den Ber⸗ gen, zu den Waffen! Gekommen iſt der erſte Tag der Ernte, und ſie wird furchterlich ſein, denn die ſchneidende Senſe iſt in den Haͤnden der Arbeiter des Herrn. Zu den Waffen!“ Auf die Stimme ihrer Fuͤhrer drängten ſich die Kamiſarden in wildem Tumulte zu denſelben, um ihnen nach den beiden entgegengeſetzten Abhängen des Rhan⸗Jaſtrie zu folgen; der eine ſtieg gegen Weſten hinab, wo die Abtei von Pont de Mont⸗ Vert lag, der andere gegen Oſten, wo ſich das De⸗ filbe des Col d'Ancize befand. Toinon und Taboureau, die ſo unverhofft be⸗ freit worden waren, wurden unter die Obhut von zwei kräftigen Bergbewohnern geſtellt, und ſo zu ſagen durch dieſen furchtbaren Wirbel mit fort⸗ geriſſen. Cavalier, der ſich ganz der kriegeriſchen Gluth, dem Haſſe und der Rachgier hingab, rief Ephraim in dem Augenblicke, als er den Abhang des Rhan⸗ Jaſtrie hinabeilte, mit donnernder Stimme zu: „Bruder Ephraim, mir der Marquis!“ „Bruder Cavalier, mir der Erzprieſter!“ ant⸗ wortete Ephraim. „Vorwaͤrts!“ rief Cavalier, und ſetzte ſich an die Spitze ſeiner Leute, nicht ohne noch einen letzten und langen Blick auf Toinon gerichtet zu haben: ——— —— — „Sie iſt— Wie W ſe iſt!“— Bald hatten— Fihre der mit ihren Haufen die oͤde Ebene des Vulkans ver⸗ laſſen, und die Stille des Todes herrſchte aufs Neue in dieſer Einſamkeit. Wie dann Ephraim die Abtei ſtuͤrmte und Ca⸗ valier die Dragoner vernichtete, haben wir bereits vernommen. XIII. Der Page. Nachdem Toinon und Taboureau in Beglei⸗ tung Iſabellens den Kamiſarden in die Hände ge⸗ fallen waren, hatte man ſie in einem der unzu⸗ gänglichen Zufluchtsoͤrter, welche die Aufruͤhrer mit⸗ ten im Gebirge beſaßen, gefangen gehalten. Tabou⸗ reau hatte ſich, wie wir bereits ſahen, fuͤr ſo reich ausgegeben, und erſchien uͤberdies ſo wenig gefähr⸗ lich, daß die Fanatiker ihn als eine Geißel betrach⸗ teten, die der Muͤhe der Aufbewahrung wohl lohnte; gleich Toinon wurde er einem neuen Häuptlinge, Namens Cavayrac, anvertraut, der beſonders damit beauftragt war, die Magazine und Lazarethe der Rebellen zu organiſiren und im Nothfall zu ver⸗ theidigen, waͤhrend Ephraim, Cavalier und Roland die Angriffe fuhrten. Toinon und Taboureau waren ſeit einem Jahre gefangen, als ein Kamiſarde ſich durch ihre Ver⸗ —— — 191— ſprechungen verfuhren ließ, ihnen zur Flucht behulf⸗ lich war, und ſie bis zu den Thoren von Montpel⸗ lier begleitete. Hier erfuhr Toinon die Ankunft des Marſchalls von Villars, den ſie fruͤher oft in dem Theater des Pötel Burgund und in der Oper geſehen hatte, denn der Marſchall war ein großer Liebhaber der Oper und des Ballets; ſie ſchrieb ihm deshalb, um eine Unterredung von ihm zu erbitten. Sie wollte ihm Mittheilungen uͤber das Ge⸗ ſchick Tancreds machen, denn ſie zweifelte nicht dar⸗ an, daß der Marſchall Alles auf der Welt thun wuͤrde, um Herrn von Florac zu befreien. Wir fuͤhren den Leſer in ein beſcheidenes Wirths⸗ haus von Montpellier, in welches die Pſyche und ihr Cicisbeo aufgenommen worden waren, doch nicht ohne große Schwierigkeiten, ſo erbärmlich war ihre äußere Erſcheinung. In einem kleinen finſtern Stuͤbchen erwarte⸗ ten Toinon und Taboureau ungeduldig die Ant⸗ wort des Marſchalls. Die Pſyche war ärmlich in einen alten Rock von grobem, braunem Cadis ge⸗ kleidet und trug eine Art Mieder von rothwol⸗ lenem Zeuge. Dank ihrer natuͤrlichen Anmuth aber erſchien Toinon ſelbſt in dieſer erbärmlichen Tracht reizend. Ihre ſchonen kaſtanienbraunen Haare legten ſich in zwei Flechten an ihre ſchneeweiße Stirn an, ſtatt wie fruͤher, coquett ftiſirt zu ſein. Dieſer Haar⸗ — 192— putz gab ihrem pikanten Geſichte einen offenen, faſt kindlichen Charakter. Ihre runden Wangen, durch die Sonne von Languedoc etwas gebräunt, hatten nichts von ihrer gleichmäßigen atlasglatten Feſtig⸗ keit verloren. Ihre großen, graublauen Augen blick⸗ ten noch immer glaͤnzend unter den langen ſchwar⸗ zen Wimpern hervor, obgleich das arme Kind oft, ſehr oft, geweint hatte. An alle Genuͤſſe der Eleganz und des Lurus gewöhnt, hatte das Mädchen, ſtatt in der Gefangen⸗ ſchaft zu verbluͤhen, ſich durch die nomadiſirende Exiſtenz, die es ein Jahr lang mitten in der Ein⸗ ſamkeit fuͤhrte, im Gegentheil verjungt, gekräftigt. Taboureau, der einen alten, theilweis zerriſſe⸗ nen Ziegenpelz trug, Beinkleider von Serge und alte lederne Kamaſchen, hatte eine neue Fuͤlle an⸗ geſetzt. Dank ſeinem abenteuerlichen Leben und den Gefahren, denen der gute Cicisbeo ausgeſetzt gewe⸗ ſen war, ſchien er viel entſchloſſener zu ſein, als fruher. Sein lachendes Geſicht erheiterte ſich durch das Gluͤck, frei zu ſein. „Wiſſen Sie wohl, Tigerin,“ ſagte er zu der Pſyoche, welche ſich in Ermangelung eines Spie⸗ gels in der grau angelaufenen Fenſterſcheibe zu be⸗ ſehen trachtete, um ihre Haare glatt zu machen, „wiſſen Sie wohl, daß die Ankunft des Mar⸗ ſchalls von Villars fuͤr uns ein großes Gluͤck iſt? Zwanzig Mal habe ich mit ihm ſeine Partei Lanz⸗ — 193— knecht oder Quinola bei Langlé ²) oder bei mir ge⸗ macht, und der tapfere Marſchall hat mir, im Vor⸗ beigehen geſagt, in einem Winter uͤber 5 bis 6000 Piſtolen abgewonnen. Alle Wetter, das ſind Er⸗ innerungen, die man ſo leicht nicht vergißt. Ich will ihn geradezu um 100 Piſtolen bitten, einen Reiſewagen zu kaufen, denn der Teufel weiß, was Mascarille und Cerbinette mit dem unſrigen ange⸗ fangen haben, und binnen acht Tagen ſind wir in Paris. Jetzt, Toinon, da wir aus den Klauen dieſer Elenden befreit ſind, muß ich Ihnen geſtehen, daß ich dieſes Jahr des Mangels nicht allzu ſehr beklage. Peſt, das Leben wird mir jetzt gewaltig ſuß erſcheinen. Wenn ich daran denke, daß ich in einem guten Bette ſchlafe, von einem Tiſchtuch und mit Silberzeug eſſen, eine Peruͤcke und Spitzen tra⸗ gen, in die Oper und das Hotel Burgund gehen, meine Soupers, mein ſchoͤnes Haus in der rue Sainte-Avoye, meinen Badeſaal, meinen Garten, wieder finden ſoll, ach, ſehen Sie, Pſyche, dann koͤmmt es mir vor, als ſollte ich alle dieſe Dinge zum erſten Male genießen. Ich glaube wahrhaf⸗ tig, ich muß Ihnen noch dafuͤr danken, daß Sie *) Ein Menſch von geringem Herkommen, dem aber ſein hohes Spiel und ſeine vortrefflichen Soupers Eingang bei der vornehmſten Geſellſchaft erworben hatten, und der ſelbſt zum Spiel des Königs Zutritt erhielt. Krieg in den Cevennen. II. 13 mich in den Stand ſetzten, die Exiſtenz herrlicher als je zu finden!“ „Mein Freund, wie großmuͤthig und redlich Sie ſind!“ ſagte Toinon, indem ſie geruͤhrt die Pände Taboureau's druͤckte.„Während dieſes Jah⸗ res der Muͤhſeligkeiten und Gefahren habe ich nie von Ihnen einen Vorwurf oder eine Klage gehoͤrt, nie ein bitteres Wort, und wie viel haben Sie gleichwohl meinetwegen gelitten? Wie viel Entbeh⸗ rungen, wie viele Gefahren ausgeſtanden?“ „Zum Teufel, wo hätte ich denn den Muth hernehmen ſollen, mit Ihnen zu zurnen, da ich Sie ſelbſt mit ſo vieler Ergebung leiden ſah? Konnte denn ein Dickwanſt, wie ich, ſich erlauben„nur zu muckſen, wahrend Sie, ſo zart, ſo ſchwach, ſich ſo tapfer zeigten wie ein kleiner Löwe? Nie haben Sie an ſich gedacht, ſondern immer nur an den ungluͤcklichen Florac, deſſen geheimnißvolles Geſchick nach dem Wenigen, was wir davon wiſſen, ohne Zweifel entſetzlich iſt. Wahrlich, Pfyche, man muͤßte ein Ungeheuer ſein, wäre man durch Ihr Beneh⸗ men nicht geruͤhrt worden, und Sie wiſſen, daß Claude Taboureau hier etwas hat, was ſchneller klopft, wenn von Ihnen die Rede iſt.“ Und der Cicisbeo legte geruͤhrt Toinon's Hand auf ſein Herz. „Vortrefflicher Menſch!“ rief Toinon, indem ſie auf Taboureau einen thränenfeuchten Blick hef⸗ tete. Dann ſagte ſie mit einem truͤben Tone, wel⸗ — 195— cher ganz ihr Bedauern ausdruckte, die Liebe Ta⸗ boureau's nicht erwidern zu koͤnnen:„Ach, glau⸗ ben Sie mir, Claude, ich bin recht ungluͤcklich!“ Taboureau verſtand ſie. Sein gutes dickes Ge⸗ ſicht nahm einen traurigen, ärgerlichen Ausdruck an.„Und wer ſagt Ihnen denn, Mademoiſelle,“ rief er aus,„daß ich auf eigennuͤtzige Weiſe handle? Habe ich Ihnen ſeit einem Jahre wohl das Recht gegeben, zu glauben, daß ich, auch nur bei mir felbſt, Ihnen einen Vorwurf daruͤber machte, mich nicht lieben zu konnen? Habe ich Ihnen ein Wort von meiner Liebe geſagt, deren Lächerlichkeit ich ſelbſt zuerſt erkannte?“ „Claude, mein Freund, zuͤrnen Sie mir nicht.“ „Aber ich will Sie auszanken, Mademoiſelle, denn Sie verdienen es. Sie verleumden einen recht⸗ ſchaffenen Menſchen, der Ihnen zugethan iſt, wie ein Bruder. Glauben Sie etwa, Mademoiſelle,“ rief der Cicisbeo immer gereizter und als machte er Toinon einen blutigen Vorwurf,„glauben Sie etwa, daß Sie nicht durch die thoͤrichte Leidenſchaft, durch Ihren Muth, intereſſant genug ſind, um Ih⸗ nen anhaͤngen zu konnen, auch ohne daß man in Sie verliebt iſt?“ „Nun gut, ja, Claude, ich hatte Unrecht. Ich wollte Sie nicht betruben. Verzeihen Sie mir!“ — Und ſie ſtutzte ihre kleinen weißen Haͤndchen mit flehendem Weſen auf Taboureau's Arm. „Hm, hm,“ ſagte der Cicisbeo, indem er ſeine 13* — 196— dichten Augenbrauen mit einem Reſte des Zornes zuſammenzog,„was ich gethan habe, that ich, weil es mir ſo gefällig war, verſtehen Sie, Mademoi⸗ ſelle? Wären Sie einaͤugig, krummbeinig oder buck⸗ lich geweſen, ich wuͤrde eben ſo gehandelt haben, das muͤſſen Sie nur wiſſen.“ Bei dieſer Uebertreibung konnte die Pſyche ſich nicht enthalten, durch ihre Thränen zu lächeln. Sie ſagte zu Taboureau mit koquettem Weſen, indem ſie ihre feine Taille dehnte, wie eine Eidechſe, die ſich in der Sonne ſpiegelt:„Was das betrifft, Claude, ſo glaube ich Ihnen nicht. Sie ſind zu eitel auf die geringen Reize, welche Ihre kleine Freundin beſitzt, Ihr Kind, wie Sie mich nennen, wenn Sie nicht aufgebracht ſind.“ „Sie wiſſen nicht, was Sie ſprechen, Sie Da⸗ mon im Unterrock und in der Stirnhaube,“ rief Taboureau, halb lachend, halb noch zornig. In die⸗ ſem Augenblicke offnete der Wirth die Thuͤr; er hielt achtungsvoll ſeine Mutze in der Hand. Nach⸗ dem er ehrerbietig gegruͤßt hatte, meldete er, daß ein Page des Herrn Marſchalls von Villars im Auf⸗ trage Sr. Epeellenz mit Mademoiſelle Toinon zu ſprechen wuͤnſche. „Endlich,“ rief Taboureau,„werde ich dieſen Kittel ablegen können und eine neue Haut anzie⸗ hen, wie man ſagt.“ Gaſton trat mit der Zuverſicht eines Hofpagen ein. Ohne Clande eines Blickes zu wuͤrdigen, trat „— „— — — 197— er auf Toinon zu, die er oft hatte tanzen ſehen und rief unverſchämt: „Hilf Himmel, meine Schoͤne, was fuͤr eine abſcheuliche Verkleidung iſt das? Und doch findet man ſelbſt unter dieſem groben Rocke die verfuͤhre⸗ riſche Pariſer Taänzerin wieder. Sie iſt bei Gott noch ſchoͤner geworden und ganz geeignet, aufs Neue alle Koͤpfe zu verdrehen,“ rief der Page, in⸗ dem er Toinon's Hand ergriff, und auf ſie ſelbſt einen frechen Blick richtete, uͤber den ſie vor Schaam erroͤthete. Durch das Bewufßtſein deſſen, was ſie fuͤr Tan⸗ cred gelitten, war das arme Mädchen ſich ſelbſt wie geläutert erſchienen: die Sprache und das Weſen des Pagen erinnerten ſie an die ganze Erniedrigung ihrer Lage. Mit dem vollkommenen Takt, den die Natur allein verleiht, den aber der Umgang mit der Welt entwickelt, verbarg indeß die Pſyche ihren Unwillen, indem ſie leiſe ihre Hand zuruͤckzog. Mit eben ſo viel Zuverſicht und feinem Scherz, als wäre ſie in ihrem reizenden Salon der rue Saint-Honoré, um⸗ geben von der Bluͤthe der feinen Welt, ſagte ſie dann zu dem Pagen, der eben noch ausrief:„Sie iſt wirklich reizend ſo!“ „Ohne Zweifel an den Herrn“— und dabei deutete Toinon auf Taboureau, der den Pagen, auf⸗ gebracht durch deſſen Vernaͤchlaͤſſigung, muͤrriſch an⸗ ſah,„richtet Herr von Mercoeur ſeine Schmeiche⸗ — 198— leien uͤber meine Schönheit? Er konnte aber kein parteiiſcheres Zeugniß anrufen, denn Herr Tabou⸗ reau iſt der beſte und theuerſte meiner Freunde,“ fugte ſie mit feſtem und wuͤrdevollem Tone hinzu. Etwas gereizt durch dieſe Zurechtweiſung in Ge⸗ genwart Taboureau's verneigte ſich der Page gegen dieſen kalt und hochmuͤthig, und Claude erwiderte den Gruß mit der Zuverſicht eines Millionairs, der ſeinen Werth in einem Jahrhundert kennt, in wel⸗ chem das Gold Alles iſt. „Ich kuͤſſe Ihnen die Hände, mein lieber Herr,“ ſagte er;„ich bin gekleidet wie ein Bettler, und deshalb behandeln Sie mich wie einen Lump. Auf der einen Seite haben Sie recht, auf der andern aber unrecht. So wie Sie mich hier ſehen, habe ich in meinen Kiſten Geld genug, um alle Stoffe der rue Saint-Penis und die rue Saint-Denis noch ſelbſt mit in den Kauf zu bezahlen, wenn es mir Spaß machte. Doch beſuchen Sie mich in Paris, und obgleich ich nur ein Buͤrgerlicher bin, werden Sie bei mir mit der beſten Geſellſchaft des Pofes und der Mode ſoupiren, denn mein Koch iſt vortrefflich, ich ſpiele ſo hohes Spiel, als man will, und fordere das Geld nie zuruͤck, das ich verborge.“ Gaſtön von Mercoeur verdroß die Unverſchaͤmt⸗ heit Taboureau's, und er antwortete ſehr ſtolz:„Ich ſoupire nur bei Leuten, die ich kenne.“ „Das iſt gerade, wie die Menſchen, welche ſa⸗ gen, daß ſie nie nuͤchtern etwas eſſen,“ entgegnete — —— S— —— — 199— Taboureau, ſehr unbekuͤmmert um die Inpertinenz des Pagen. Dieſer betrachtete Claude als einen ſeiner unwuͤr⸗ digen Gegner und ſagte zu Toinon:„Der Perr Marſchall erwartet Sie vor der Thuͤr haͤlt ein Wagen.“ Toinon huͤllte ſich in einen groben Manteh und Taboureau nahm ſeinen Hut, allein der Page ſagte zu ihm:„Der Herr Marſchall erwartet nur Ma⸗ demoiſelle.“ „Das iſt moglich, mein lieber Herr, aber ich habe mit Villars zu ſprechen; er kennt mich ſeit langer Zeit, und auch meine Louisd'ors, die er oft genug in ſeine Taſche geſteckt hat, wenn wir mut einander ſpielten. Ich rechne auf ſeine Boͤrſe, mich aus dieſem abſcheulichen Thierfelle zu ziehen, das mich entſtellt, und das mir Ihre Geringſchatzung zu⸗ zog, mein lieber kleiner Herr,“ fuͤgte Taboureau mit komiſcher Demuth hinzu. Da die Pſyche die Unentſchloſſenheit Gaſton's ſah, ſagte ſie feſt:„Herr Taboureau hat dem Herrn Marſchall ebenfalls wichtige Mittheilungen zu ma⸗ chen, und ich bitte Sie daher, daß er uns beglei⸗ ten darf.“ „Es ſei, Mademoiſelle,“ ſagte der Page. Toinon ging, und ihr folgte Taboureau, wel⸗ cher, geſtuͤtzt auf ſein Alter, ohne Umſtaͤnde vor dem Pagen in den Wagen ſtieg, der ſie alle Drei zu dem Marſchall von Villars brachte. XIV. Der Bericht. Herr von Villars empfing Toinon mit wohl⸗ wollender Freundlichkeit, denn die Schauſpielerinnen jener Zeit, welche genug Takt beſaßen, ſich nur mit Leuten aus guter Geſellſchaft zu umgeben, wurden von den Maͤnnern, welche dieſe Umgebung bildeten, gewöhnlich mit vieler Ruͤckſicht behandelt. Die Freundlichkeit des Marſchalls, welche ſo ſtark gegen die Familiarität des Pagen abſtach,— die Traditionen der Achtung, die man Frauenzim⸗ mern jedes Standes ſchuldig iſt, fingen an, ſich zu verlieren— gab der Pſyche ihren ganzen Muth, ihre ganze Geiſtesgegenwart wieder. Herr von BVillars erkannte Taboureau nicht ſogleich: Claude mußte erſt mit lautem Gelaͤchter ſagen?„Alle Wetter, Herr Marſchall, es ſcheint, als ſei meine Verkleidung vollkommen und Ihr un⸗ — 201— wuͤrdiger Diener, Ihr ehemaliger Wirth aus der rue St. Avoye ganz unkenntlich?“ „Wie, ſind Sie es, Sie, mein lieber Herr Ta⸗ boureau?“ rief der Marſchall, indem er Claude herz⸗ lich die Hand reichte.„Ich bitte tauſendmal um Verzeihung wegen meiner Ungeſchicklichkeit, wer ſollte denn aber auch unter dieſen Lumpen den Lucullus der rue St. Avoye ſuchen?“ „Das iſt ſehr wahr, was Sie da ſagen; man erkennt die Amphytrione nur an ihrer Tafel wie⸗ der,“ ſagte Taboureau, indem er Herrn von Villars die Hand ſchuttelte, mit mehr Wahrheit als gutem Geſchmack. In jener Zeit von ſo ariſtokratiſchem Rufe machten hohes Spiel, die Jagd und eine gute Tafel alle Staͤnde gleich; und wenn die Steuerpächter, wie man alle Finanzmaͤnner und die Reichgewor⸗ denen nannte, nicht in die Sphäre der großen Her⸗ ren eindrangen, wenn ſie den Hof nur wenig und widerſtrebend beſuchten, ſo kam es daher, weil ſie es in ihrem rohen Stolze vorzogen, die großen Herren bis zu ſich herunterſteigen zu laſſen, ſie durch ihren Luxus zu erdrucken, ſie glänzend zu be⸗ wirthen, ihnen ihre Boͤrſe zu oͤffnen, mit einem Worte, mit geringſchätzender Sorgloſigkeit Alles an Sie zu verſchwenden, ohne von ihnen dagegen et⸗ was annehmen zu wollen. Die Hofleute verſpotteten die Finanzmänner, aßen ihre Mahlzeiten, ſteckten ihr Geld ein, und behandelten ſie wie das goldene Kalb. Die Finanz⸗ — 202— mäͤnner dagegen zuckten die Achſeln, behandelten die Hofleute als Paraſyten, duzten ſie, mißhandel⸗ ten ſie fortwährend durch ihre Vertraulichkeit, denn ſie wußten ſehr gut, daß der, welcher gibt, ſtets uͤber dem ſteht, welcher empfängt. Der große König ſelbſt, welcher dienſtfertig die Gärten von Verſailles an Samuel Bernard zeigte, ihn um ſeine Anſicht bat, dieſe mit Herablaſſung anhoͤrte, ihn mit Aufmerkſamkeiten umgab, ihn mit Schmeicheleien betäubte, um eine bedeutende An⸗ leihe bei ihm zu machen, und Samuel, der kalt und ſtolz die Geringſchätzung ſo weit trieb, der Er⸗ niedrigung des Monarchen ſelbſt durch die ſtolzen Worte ein Ziel zu ſetzen: Ew. Majeſtät machen mich verlegen, und vergeſſen, daß Sie mit einem Ihrer Unterthanen ſprechen;— Ludwig XIV. und Samuel Bernard ſchildern nach königlichem Maß⸗ ſtabe vortrefflich die gegenſeitige Stellung der Fi⸗ nanzleute und vieler Hofleute jener Zeit. Ohne dieſe Abſchweifung wuͤrde der Leſer viel⸗ leicht die vollkommene Zuverſicht nicht begreifen, mit welcher der Cicisbeo einen Mann von dem Range des Marſchalls von Villars behandelte; nicht etwa, daß dieſer Letztere je aus der Borſe Claudes ge⸗ ſchoͤpft hätte, aber er liebte ſehr ein hohes Spiel, und hatte in Taboureau einen Spieler gefunden, der ſich ſtets gleich blieb und jeder Zeit auf die an⸗ ſtandigſte Weiſe zur Revange bereit war. „Meine liebe Pſyche,“ ſagte Herr von Villars, — 203— „wo kommen Sie denn in dieſem Aufzuge her? Ihr Abenteuer iſt ja wahrhaftig ein ganzer Roman. Waͤhrend der kurzen Zeit, die ich in Verſailles zu⸗ brachte, war nur davon die Rede, und alle Ihre alten Freunde nahmen den innigſten Antheil daran, das ſchwoͤre ich Ihnen. Erzaͤhlen Sie mir doch dieſe Geſchichte, und ſpäter ſagen Sie mir dann, was Sie fuͤr den Dienſt des Koͤnigs thun koͤnnen.“ Nachdem die Pſyche dem Marſchall erzaͤhlt hatte, wie ſie in den Defilées von Rhan⸗Jaſtrie den Ka⸗ miſarden in die Haͤnde gefallen war, fuhr ſie fort: „Man fuͤhrte uns auf abgelegenen, faſt unbetrete⸗ nen Wegen in die Mitte unzugänglicher Berge, bis zum Eingange einer in den Fels gegrabenen Hoͤhle. Hier blieben wir gefangen, um als Geißeln zu die⸗ nen. Herr Taboureau galt fuͤr meinen Bruder; die Menſchen, die uns bewachten, waren mehr roh als boshaft. So brachten wir einige Wochen hin, ich ſtets grauſam beſorgt um das Geſchick des Herrn von Florac, von dem ich noch nichts gehort hatte.“ „Und ich,“ ſetzte Claude hinzu,“ ſuchte Cham⸗ pignons im Mooſe und Honigſcheiben in den hoh⸗ len Baͤumen wie ein wahrer Sylvan, Alles nur fuͤr die liebe Pſyche, denn es zerriß mir den Ma⸗ gen, wenn ich ſie zu der beſtändigen Koſt des ein⸗ geſalzenen Fleiſches gezwungen ſah! Das arme Kind konnte ſich nicht daran gewoͤhnen. Es gelang mir endlich, eine Art kleiner Kuchen zu bereiten, aus Kaſtanienmark, mit Honig vermiſcht, und à la „ sauvage gebacken, auf einer am Feuer gluͤhend gemachten Eiſenplatte. Ich kann Ihnen zuſchwoͤ⸗ ren, daß ſie ſehr delicat waren. Ich werde dieſe Erfindung durch meinen Kuͤchenmeiſter vervollkomm⸗ nen laſſen und ſie dann Kamiſardenkuchen taufen.“ „So können Sie uͤberzeugt ſein, in der Nach⸗ welt fortzuleben,“ ſagte lachend Herr von Billars. Dann fragte er die Pſyche:„Waren die Leute, die Sie bewachten, zahlreich?“ „Zwölf bis funfzehn,“ erwiderte Toinon.„Bald langten faſt täglich Maulthiere an, beladen mit Lebens⸗ mitteln und Kriegsmunition, begleitet von andern Aufruͤhrern, welche in dem Felſen eine Art großen Gewölbes ausbrachen und ausmauerten, um darin die Vorräthe aufzubewahren, die ſie gebracht hatten.“ „Und da war es, gnädiger Hert,“ ſagte Claude mit einem Seufzer,„wo ich meine erſte Lehrzeit als Maurerhandlanger verlebte, denn ich mußte par- b eu mit an ihrem verwuͤnſchten Gewölbe arbeiten. So wie Sie mich hier ſehen habe ich den Felſen ausgehoͤhlt, Steine zerſchlagen, Moͤrtel bereitet, als wäre ich ſeit meiner zarteſten Jugend daran gewohnt geweſen.“ „Man hat Sie alſo gezwungen, zu arbeiten, mein armer Taboureau?“ ſagte Herr von Villars. „Gezwungen nicht grade, aber man gab mir zu verſtehen, wenn ich meine Aufgabe nicht machte, wuͤrde ich regelmäßig jeden Morgen eine tuchtige — — — 205— Baſtonade erhalten. Ich weiß nicht, was ich bei die⸗ ſem Reizmittel Alles zu vollbringen vermocht häͤtte.“ „Freilich,“ ſagte Herr von Villars, laͤchelnd uber die Natuͤrlichkeit Claudes,„treiben die Kaiſerlichen ihre Soldaten auch mit Stockſchlägen zum Siege.“ „Und ich bin uͤberzeugt, daß ſie zum Siege ge⸗ hen, dazu gehen, wie ich nach meinem Gewoͤlbe: Sehr muthig!— Fragen Sie nur die Pſyche.“ „Ohne Zweilfel, mein Freund, haben Sie ſich ſtets eben ſo muthig als ergebungsvoll gezeigt.“ „Aber wiſſen Sie denn etwas von dem armen Florac?“ fragte der Marſchall. „Ich hatte noch nichts von ihm gehoͤrt,“ er⸗ widerte Toinon traurig,„als eines Morgens mit einer neuen Verſtaͤrkung von Kamiſarden und einem neuen Transport von Kriegsmunition auch ein neuer Fuͤhrer anlangte. Da ich ihn weniger roh als die an⸗ dern Rebellen fand, wagte ich die Frage, ob ein Gefecht zwiſchen den Aufruͤhrern und den Truppen des Königs Statt gefunden hätte.—„Mehrere“ er⸗ widerte er mir;„unter andern bei Pont de Mont⸗ Vert, wo der Erzprieſter der Cevennen durch die Unſtigen gerichtet worden iſt. Und dann ein Gefecht bei dem Col d'Ancize; da ſind die Dragoner von St. Sernin zuſammengehauen.“—„Und ihr Capitain? rief ich aus, iſt er todt, iſt er verwun⸗ det?“—„Der Marquis von Florac iſt weder todt 9 noch verwundet,“ antwortete der Menſch mit finſterem Weſen.—„Er lebt alſo?“—„Ja, er lebt; er muß —— leben: das iſt der Märtyrer Johann Ca⸗ valiers.“ „Was bedeutet das?“ rief Herr von Villars ſtaunend;„was wollte er damit ſagen?“ „Ach, gnadiger Herr, ich weiß es nicht,“ erwi⸗ derte die Pſyche weinend.„Nie habe ich etwas Anderes erfahren koͤnnen, weder von dieſem Men⸗ ſchen, noch von ſeinen Gefaͤhrten; ein Einziger ſagte mir eines Tages, als ich mich nach Herrn von Florac bei ihm erkundigte:„Der papiſtiſche Marquis iſt nicht todt, ſonſt wuͤrde Bruder Cavalier Trauer um ihn anlegen.“—„Und weshalb das?“ fragte ich ihn.—„Weil das Leben dieſes Papiſten das Le⸗ ben der Rache des Bruders Cavalier iſt, und weil Bruder Cavalier nur fuͤr dieſe Rache exiſtirt.“— „Alſo iſt das Loos des Capitains wohl ſehr fuͤrch⸗ terlich?“ rief ich aus.— Da antwortete mir der Menſch die furchterlichen und geheimnißvollen Worte, die ich noch zu hoͤren glaube: Jeder Tag des papiſtiſchen Marquis zollt der Rache das Bruder Cavalier ſeine Thraͤne und ſeinen Blutstropfen, und doch wird er noch lange leben.“ Und Herrn von Villars zu Fuͤßen fallend rief Toi⸗ non aus:„Ach, gnädiger Herr, erbarmen Sie ſich ſeiner, Sie, der Sie Alles koͤnnen, entreißen Sie ihn den fuͤchterlichen Martern, denen dieſe Unge⸗ heuer ihn ohne Zweifel unterwerfen! Geben Sie ihn ſeiner Mutter, die er ſo ſehr liebt, dem Koͤnige, —,—— — 207— dem er ſo tapfer gedient hat, zuruͤck. Gnade, ach Gnade fuͤr ihn, gnädiger Herr!“ flehte die Pſyche mit herzzerreißendem Tone, die Augen von Thränen uͤberſtroͤmend. „Armes Kind,“ ſagte Herr von Villars, innig geruͤhrt und indem er Toinon aufhob,„beruhigen Sie ſich. Herr von Florac lebt, das iſt das We⸗ ſentlichſte. Obgleich ich dieſes fuͤrchterliche Geheim⸗ niß nicht zu durchdringen vermag, ſcheint mir doch die uͤberlegte Grauſamkeit ſeiner Feinde eine zwar traurige, doch ſichere Buͤrgſchaft zu ſein, daß ſie ſein Leben nicht antaſten werden, wenigſtens nicht ſo bald. Frau von Maintenon und der Koͤnig ha⸗ ben mir geſagt, welchen Theil ſie an dem Geſchick Tancreds nehmen. Die Frau Marquiſe von Flo⸗ rac, ſeine Mutter, iſt untröſtlich, und hat mich be⸗ ſchworen, nichts zu ſparen, um ihren Sohn wieder zu finden. Ich werde Alles in der Welt thun, dies zu erreichen.“ Während die Pſyche ihren Thranen fteien Lauf ließ, ſagte Herr von Villars zu Herrn Tabou⸗ reau:„Sie ſind alſo ſtets an demſelben Orte ge⸗ blieben?“ „Beſtandig, gnädiger Herr,“ ſagte Taboureau, indem er von Zeit zu Zeit Toinon voll Ruͤh⸗ rung anblickte.„In dem Grade, in welchem die Inſurrektion um ſich griff, ſtieg auch die Wichtig⸗ keit ihrer Magazine. Ich bin uͤberzeugt, daß ſie dort Lebensmittel fuͤr länger als ein Jahr ange⸗ —— häuft haben, und dazu Pulver, Blei und Waffen in ungeheurer Menge. Es iſt ein wahres Arſenal.“ „Es waͤre ein entſcheidender Schlag, ihnen dieſe Huͤlfsmittel wegzunehmen,“ ſagte Herr von Villars nachdenkend, und fuͤgte dann hinzu:„Wuͤrden Sie wohl den Weg wieder finden, auf dem Sie hier⸗ her gekommen ſind?“ „Und zum Teufel, wozu ihn wieder finden?“ rief der Cicisbeo.„Es iſt vollkommen genug, ihn ein Mal gekannt zu haben. Sie halten mich doch wohl hoffentlich nicht fuͤr dumm genug, Herr Mar⸗ ſchall, zu glauben, daß ich abermals in dieſes Wes⸗ penneſt ſtechen koͤnnte?“ „Indem Sie uns die Mittel erleichterten, dieſe Munitionsvorraͤthe wegzunehmen, haͤtten Sie dem Koͤnige einen ungeheuren Dienſt leiſten koͤnnen,“ ſagte Herr von Villars ernſt,„und Sr. Majeſtät wuͤrden nicht ermangelt haben, Sie dafuͤr zu be⸗ lohnen.“ „Mich belohnen!“ rief Taboureau.„Ich bin recht ſehr der Diener Sr. Majeſtät und der Ihrige, aber ſagen Sie mir, was koͤnnte denn der Koͤnig fuͤr mich thun, um mich zu bewegen, meinen Hals und meine 100000 Thaler Renten fuͤr ihn auf das Spiel zu ſetzen? Mich zum Marquis machen? Ei, ſeht doch! Der Herr Marquis von Taboureau. Der Name wuͤrde einen ſtolzen Klang haben! Ge⸗ ſtehen Sie nur, Herr Marſchall, daß ich ſchon laͤcherliche Eigenſchaften genug beſitze, ohne noch —— —— —— —— — 209— dieſe neue ſo theuer zu kaufen. Ich ſollte noch ein Mal den Kopf in den Wolfsrachen ſtecken? Die Peſt auch, nein, das will ich wohl bleiben laſſen. Und baͤte mich die Pſyche ſelbſt darum, ſo wuͤrde ich ihr ſagen: Meine ganz Charmante, ich kuſſe Ihnen die Hände, aber wir ſind ein Mal der Ge⸗ fahr entronnen, und man muß Gott nicht ver⸗ ſuchen.“ „Aber,“ fuhr Herr von Villars fort, indem er ſich zu Toinon wendete, welche ihre Thränen zu trocknen bemuͤht war,„haben Sie nicht oͤfters die Flucht verſucht, ehe ſie Ihnen gluͤckte?“ „Verſucht haben wir ſie wohl mehrmals, doch ſtets vergeblich. Die Hoffnung hielt mich auftrecht: ich dachte, die königlichen Truppen wuͤrden fruͤher oder ſpäter die Rebellen ſchlagen und dann Herr von Florac befreit werden. Zu andern Zeiten wieder dachte ich, der Zufall oder der Wille Cavaliers wuͤrde dieſes gefuͤrchtete Rebellenhaupt nach den Ber⸗ gen fuͤhren, die wir bewohnten, und da man ſagte, daß er Herrn von Florac ſich ſtets nachſchleppt, ſegnete ich im Voraus den Zufall, der mich auf dieſe Weiſe Tancred nahe bringen koͤnnte.“ „Aber ich kann mir den unerbittlichen Haß Cavaliers gegen den Marquis nicht erklären,“ ſagte der Marſchall.„Man ſchildert dieſen Kamiſarden menſchlicher als die andern Fuͤhrer; man erwaͤhnt ſelbſt von ihm einige Zuge der Großmuth.“ „Die Pſyche hat vergeſſen, Ihnen das Wich⸗ Krieg in den Cevennen. II. 14 tigſte zu ſagen,“ nahm Taboureau das Wort.„Als Florac in Anduͤze in Garniſon ſtand, hat er zum Zeitvertreib, im Guten oder mit Gewalt, denn das iſt nicht klar, die Gunſt eines Mädchens errungen, welches in dem Flecken unter dem Namen der ſchonen Iſabelle bekannt, und nichts weniger, als die Braut dieſes Johann Cavalier war. Das Uebrige werden Sie jetzt begreifen.“ 3 „Ja, ich begreife, ich begreife jetzt Alles“, ſagte Perr von Villars, welcher in dieſem Augenblicke in tiefes Nachdenken zu verſinken ſchien.„Aber,“ fuhr er fort,„gilt Cavalier in der That unter den Seinigen fuͤr eitel und ſtolz?“ „Fur ſtolz wie ein Pfau, fuͤr eitel wie eine Elſter,“ rief Claude.„Iſt es den Ungluͤckſeligen nicht ſogar eingefallen, ſich Prinz der Cevennen nennen zu laſſen? Die Fanatiker, deren Gefan⸗ gene wir waren, gehörten nicht zu ſeiner Bande, und legten ſich deshalb auch keinen Zwang auf, zu ſagen, was ſie von dem Stolz des Bauerntölpels dachten. Sie halten ihn fuͤr ihren beſten, oder viel⸗ mehr fuͤr ihren einzigen Feldherrn, aber ſie bekla⸗ gen es, daß er die irdiſche Eitelkeit, d. h. Federn und Stickereien, eben ſo ſehr liebe, wie ein Baals⸗ ſohn; ſo ſprechen ſie nämlich in ihrer abſcheulichen Mundart.“ Nachdem Herr von Villars lange nachgedacht, und mehrmals aͤußere Zeichen einer ſehr lebhaften innern Zufriedenheit gegeben hatte, rieb er ſich die . . . — 211— Hände und ſagte dann zu Claude:„Entſchuldigen Sie mich, mein lieber Herr Taboureau, wenn ich Sie bitte, mich einen Augenblick mit unſerer Freun⸗ din allein zu laſſen. Es handelt ſich um eine Sache, die fuͤr den Dienſt des Koͤnigs von großer Wich⸗ tigkeit iſt.“ Der Cicisbeo ging, mit einem verwunderten Blicke auf den Marſchall. Toinon, welche ihre großen Augen trocknete, ſchien nicht weniger ver⸗ wundert und der Marſchall blieb allein mit der Pſyche. 14* XV. Die Sendung. „Mein liebes Kind,“ ſagte Herr von Villars, indem er die Hände Toinons in die ſeinigen nahm, und ſie mit theilnahmvollem, feierlichem Tone anre⸗ dete.„Sie koͤnnen Herrn von Florac das Leben retten, Sie koͤnnen ihn der Freiheit wieder geben.“ „Gerechter Himmel, was ſagen Sie, Herr Mar⸗ ſchall,“ rief die Pſyche, deren Geſicht bei dieſer Nach⸗ richt vor Hoffnung ſtrahlte; dann fugte ſie niederge⸗ ſchlagen hinzu:„Aber ich bin eine Närrin! Was kann ich, das arme Mädchen, thun, um ihn zu retten? Ach, wenn es nur darauf ankäme, mein Leben fuͤr ihn zu geben! Doch nein, nein, ich kann ja nichts fuͤr ihn thun.“ „Ich wiederhole es Ihnen„Sie koͤnnen Herrn von Florac retten und fuͤr immer die Dankbarkeit ſeiner armen Mutter gewinnen, die durch das, was Scee. —— — 213— Sie fuͤr ihren armen Sohn bereits gethan haben, ohnehin ſchon innig geruͤhrt iſt.“ „Ach, gnädiger Herr, ſprechen Sie die Wahr⸗ heit?“ rief die Pſyche entzuͤckt.„Seine Mutter! Sie hat meinen Namen ausgeſprochen? Sie kennt meine Ergebenheit fuͤr ihren Sohn? Sie iſt davon geruͤhrt worden?“ „Mehr als ich Ihnen beſchreiben kann, mein liebes Kind,“ verſicherte der Marſchall, welcher ſeine Urſachen zu dieſer Luͤge hatte.„Doch das iſt noch nicht Alles. Sie koͤnnen nicht nur Herrn von Florac der Zärtlichkeit ſeiner Mutter zurückgeben, ſondern auch dem Könige einen hoͤchſt wichtigen Dienſt leiſten.“ „Tancred retten? Dem Könige einen Dienſt lei⸗ ſten? Ich verſtehe Sie nicht, Herr Marſchall,“ ſagte die Pſyche immer verwunderter. „Verſtehen Sie mich wohl,“ erwiderte der Mar⸗ ſchall von Villars:„Sie koͤnnen nicht daran zwei⸗ feln, daß eine wilde Eiferſucht Cavalier ſo grauſam gegen Herrn von Florac macht, weil er, wie man ſagt, ſonſt menſchlich und großmuͤthig iſt. Mit ei⸗ nem Worte, weil der Kamiſarde dieſe Iſabelle noch liebt, iſt ihm die Rache ſo koſtbar, denn die Eifer⸗ ſucht ſtirbt mit der Liebe.“ „Das iſt wahr,“ ſagte die Pſyche, welche in ihrem Herzen unbeſtimmte Gefuͤhle des Haſſes ge⸗ gen Iſabelle neu erwachen fuͤhlte. — 214— Herr von Villars folgte aufmerkſam den Ein⸗ druͤcken, welche ſich in den Zuͤgen der Pſyche ſpie⸗ gelten, und ſprach langſam die folgenden Worte aus, um zu ſehen, welche Wirkung ſie bei Toinon machen wuͤrden: „Aber man darf ſich nicht täuſchen. Cavalier hat ein doppeltes Intereſſe dabei, Herrn von Florac gefangen zu halten. Er haßt ihn als Nebenbuhler und als einen der tapferſten Offiziere der königlichen Truppen. Nimmt man daher auch an, daß die Martern des Herrn von Florac enden, ſo wird deshalb doch ſeine Gefangenſchaft noch gefährlich bleiben. Ueberdies iſt er als Geißel wichtig. Die Wechſelfälle des Krieges ſind grauſam: wir werden gegen die Rebellen einen Vernichtungskrieg fuͤhren. Fuͤrchterliche Beiſpiele ſind aufs Neue erforderlich. Dann muß man auf entſetzliche Repreſſalien von Seiten der Raͤuber gefaßt ſein, und wenn Tancred in ihrer Gewalt bleibt, wie ich befurchte—“ „Sie werden ihn morden, o mein Gott, ſie werden ihn morden!“ rief die Pſyche verzweiflungs⸗ voll. „Das ſteht leider zu fuͤrchten. Wenn dagegen die Kamiſarden z. B. die Waffen ſtreckten, ſo wuͤrde der König ihnen eine Amneſtie gewähren, deren erſter Artikel die Auslieferung der Gefangenen be⸗ dingte, und namentlich die Tancred's.“ „Aber dieſe Wuͤthenden werden die Waffen nie — 215— ſtrecken, wenn Sie wuͤßten, gnaͤdiger Herr, welcher Fanatismus ſie beſeelt..“ „Ich fuͤhle, daß eine uͤbergroße, eine wunder⸗ bare Gewandtheit dazu noͤthig ſein wird, dieſes Re⸗ ſultat zu erlangen, nicht durch die Gewalt der Waf⸗ fen, ſondern durch ein anderes, ſichereres Mittel, die Ueberredung, oder richtiger vielmehr, die Beſtechung. Cavalier iſt der einflußreichſte Fuͤhrer der Kamiſar⸗ den und hält deren Geſchick in ſeinen Händen; auf ihn allein muͤßte man daher zu wirken ſuchen. Nehmen Sie nun an, daß durch die Wirkung der Verfuͤhrung, von welcher ich geſprochen habe, Ca⸗ valier dahin gebracht wuͤrde, Iſabelle zu vergeſſen und ſich dem Koͤnige zu unterwerfen. Wäre dadurch nicht Tancred frei und Languedoc dem Frieden zu⸗ ruͤckgegeben?“ „Ohne Zweifel, gnädiger Herr,“ entgegnete die Pſyche,„aber was kann ich fuͤr ſo große Staats⸗ intereſſen thun? Ach, wenn Ste wuͤßten, wie grau⸗ ſam es iſt, von lachenden und gluͤcklichen Träumen zu ſprechen, wenn man durch die verzweiflungsvollſte Wirklichkeit bedruͤckt wird!“ Der Marſchall zogerte einen Augenblick, ehe er antwortete. Bis hieher hatte er gewandt gehan⸗ delt, indem er zunächſt der Pſyche zeigte, daß das Geſchick Floracs von dem Erkalten der Leidenſchaft Cavaliers zu Iſabelle, ſo wie von der Unterwer⸗ fung dieſes Kamiſardenhauptes, abhänge; er wollte, ſo zu ſagen, die Fäden zuſammenziehen, welche die — 216— Ereigniſſe leiten konnten, Toinon die Handhabung derſelben zeigen und ihr dann ſagen: das Geſchick Ihres Geliebten liegt in Ihren Haͤnden; Sie kön⸗ nen ihm das Leben retten und dem Kriege ein Ende machen. Der Vorſchlag, welchen Herr von Villars der Pſyche zu machen hatte, war ſehr kitzlich. Bei der großen Kenntniß der Leidenſchaften und der Welt, welche der Marſchall beſaß, ſah er leicht ein, daß die innige Liebe des jungen Maädchens fuͤr Tan⸗ ered ihre Seele gelaͤutert und ihre Begriffe erho⸗ ben hatte, und er wollte ihr jetzt eine ſchmachvolle Rolle antragen! Je mehr er aber ſeine Abſicht pruͤfte, deſto mehr erkannte er, daß vielleicht Toinon allein im Stande wäre, ſeinen Plaͤnen zur Wieder⸗ herſtellung des Friedens den gewuͤnſchten Ausgang zu verſchaffen. Er rief daher zu ſeinem Beiſtande alle Huͤlfsquellen ſeines Geiſtes auf, die ihm bei Unterhandlungen ſo wichtige Dienſte geleiſtet hatten, welche ſich allerdings in hoheren Wirkungskreiſen be⸗ wegten, aber kein hoͤheres Intereſſe betrafen; er gab daher allmälig ſeinem Geſichte einen trauernden, theilnehmenden Ausdruck, ſeiner Stimme den Ton väterlicher Guͤte, und da er wußte, daß das beſte Mittel zur Verwerfung der Einwurfe, die man machen kann, iſt, ſie ſelbſt aufzuſtellen, ſagte er zu der armen Pſyche mit melancholiſchem Tone: „Ehe ich Ihnen vertraue, was mir noch zu ſa⸗ gen bleibt, mein liebes Kind, ehe ich Ihnen ein — 2— Staatsgeheimniß von der größten Wichtigkeit an⸗ vertraue, eine Maßregel, uͤber die ich vor meiner Abreiſe oft und lange mit dem Könige geſprochen habe, iſt es unerlaͤßlich, daß Sie einſehen, ich wende mich nicht an die thoͤrichte und leichtſinnige Pſyche von ehedem. In dieſem Falle könnte mein Vorſchlag Sie verletzen. Ich wende mich im Gegentheile an ein muthiges Weib, welches in den Augen Aller durch ſeine edle Anhaͤnglichkeit geläutert iſt; an ein Weib, deſſen Namen die ehrwuͤrdige Mutter des Herrn von Florac mit Ruͤhrung und Dankbarkeit ausgeſprochen hat.“ Eine große Thräne rann uͤber die Wange Toi⸗ nons; der Marſchall fuhr fort: „Jetzt will ich Ihnen offen und ohne Um⸗ ſchweif ſagen, wie Sie eine Provinz retten, und die ewige Dankbarkeit des Königs gewinnen kön⸗ nen, indem Sie Herrn von Florac die Frei⸗ heit geben.“ „Ich, ich,“ ſagte Toinon;„Sie ſpotten, gna⸗ diger Herr!“ „Nichts iſt ernſthafter; Sie werden das gleich einſehen: Cavalier iſt jung und ehrgeizig; ich bin uͤberzeugt, daß er gewiſſen Anerbietungen nicht wi⸗ derſtehen wurde, wenn ſie ihm geſchickt durch eine ſichere, gewandte, treue Perſon gemacht wurden, die ihm Alles ſagen könnte, ohne daß er daraus Argwohn ſchoͤpfte — durch eine Perſon, die ſelbſt an dem Gelingen der Unterhandlungen das höchſte Intereſſe hätte. — 218— Nun gut, mein Kind, ich ſehe nur Sie, welche dieſe Eigenſchaften in ſich vereinigt, die um ſo koſtbarer ſind, da Ihr Anblick allein hinreichen wird, Iſabelle fuͤr Cavalier gleichgultig zu machen; und Sie wiſſen, daß von dem Auygenblicke an, wo der Kamiſarde dies junge Mädchen nicht mehr liebt, ſeine Eiferſucht keinen Gegenſtand mehr hat. Mit einem Worte, wenn dieſer Bauer ſich in Sie verliebte, und Sie ihn dahin bringen könnten, ſich dem Konige zu unterwerfen, ſo wäre Tancred frei und Languedoc dem Frieden wieder gegeben.“ Nach einem Augenblicke vernichtender Ueberra⸗ ſchung verbarg die Pſyche, von Scham niederge⸗ beugt, ihren Kopf in beide Haͤnde, und durch das Schluchzen, welches ſie nicht zu unterdrucken ver⸗ mochte, hoͤrte Herr von Villars die folgenden mit gebrochener Stimme ausgeſprochenen Worte:„O, mein Gott, welche nichtswuͤrdige Rolle!— Habe ich eine ſolche Schmach verdient?— Doch mir kann man ja Alles zumuthen!“ Dieſer Schmerz war ſo wahr, daß Herr von Villars davon geruͤhrt wurde, und eben⸗ ſowohl um Toinon zu beruhigen, als um zu ſei⸗ nem Zwecke zu gelangen, ſagte er ſanft: „Mein armes Kind, Sie ſind ungerecht; erin⸗ nern Sie ſich daran, daß ich Ihnen zu allem An⸗ fang ſagte, nicht an die Toinon von ehedem, ſon⸗ dern an die Toinon von jetzt, wendete ich mich. Verdiene ich Ihre Vorwuͤrfe? Gewiß nicht! Sie ——— ——————— — 219— kommen zu mir, Sie beſchwoͤren mich, Herrn von Florac das Leben zu retten. Thue ich etwas An⸗ deres, als Ihnen das Mittel dazu anzugeben? Ja, was noch mehr iſt, ich biete Ihnen vielleicht Gele⸗ legenheit, ihn zu ſehen, oder ſich ihm wenigſtens zu nähern, wenn das, was man Ihnen geſagt hat, wahr iſt und Cavalier wirklich den ungluͤcklichen Florac ſtets mit ſich ſchleppt.“ „In ſeine Maͤhe, gnädiger Herr!“ rief die Pſyche mit herzzerreißendem Tone.„Aber er, Tan⸗ ered, was wuͤrde er dann von mir denken? Zuge⸗ geben ſelbſt, daß es mir durch dieſe ſchändliche In⸗ trigue gelingt, ihn zu retten, ſo wuͤrde er mich wie das verworfenſte Geſchöpf verachten!— Staͤnden Sie an der Stelle des Herrn von Florac und er⸗ langten durch mich Ihre Freiheit wieder, erfuͤhren aber dann, daß ich eine ſolche Rolle geſpielt habe, ſagen Sie, ſagen Sie mir, gnaͤdiger Herr, wuͤrden Sie noch Liebe fuͤr mich fuͤhlen? Und wenn ſelbſt Gott Ihnen Zeugniß ablegte, daß ich uͤber die Mittel nicht zu erroͤthen hätte, die ich anwendete, um Sie dem Tode zu entreißen, wuͤrden Sie meine An⸗ hänglichkeit mit Liebe vergelten?“ Herr von Villars erkannte in dieſem Weibe eine ſolche Exaltation, ein ſo großes Beduͤrfniß der Selbſterhebung, den gluͤhenden und edlen Stolz al⸗ ler beſſern Naturen, die von ihrer natuͤrlichen Höhe herabgeſtuͤrzt ſind, daß er, ſelbſt auf die Gefahr hin, Toinon unendlich wehe zu thun, indem er ſie in — 220—. die Nothwendigkeit ſetzte, das größte in ihrets ſtehende Opfer zu bringen, das ihrer Liebe fuͤr Tan⸗ cred, entgegnete: „Ich weiß, mein armes Kind, daß Sie auf alle Täuſchungen gefaßt ſein muͤſſen. Eine edle, großmüthige Pflicht iſt oft ſehr ſchmerzlich zu erful⸗ len und wird oft ſogar grauſam belohnt. Sie ha⸗ ben mich gebeten, Florac zu retten. Ich ſchlage Ihnen ein Mittel vor, welches ich füͤr unfehlbar halte, doch Sie allein können wiſſen, wie weit Ihre Ergebung geht. Entweder Sie ſetzen ſich der Ge⸗ fahr nicht aus, Tancreds Liebe zu verlieren, und er bleibt ein Opfer der grauſamſten Martern, er ſtirbt vielleicht; oder Sie wagen den Verluſt ſeiner Liebe, und er verdankt Ihnen Leben und Freiheit. Da ich weiß, daß Sie es ſind, an die ich mich wende, d. h. das muthigſte Herz, das uneigennuͤtzigſte, wel⸗ ches ich kenne, ſage ich Ihnen nichts von der Dank⸗ barkeit des Koͤnigs, wenn es Ihnen gelingt, indem Sie Tancred retten, Languedoc von den Uebeln zu befreien, die es zerreißen. Wohl aber ſage ich Ih⸗ nen, daß die Frau Marquiſe von Florac, ſeitdem ſie ihren Sohn verloren hat, ihre Tage in Verzweiflung und Thränen hinbringt, und daß die, welche ihr den angebeteten Sohn züruͤckgäbe—“ „Genug, gnädiger Herr, genug,“ rief Toinon lebhaft, indem ſie ihre Thränen trocknete.„Ich begreife jetzt Alles. Das Opfer iſt ungeheuer, das fuhle ich. Ihnen zu ſagen, was es koſtet, iſt mir — — — 221— unmoͤglich. Aber genug— ich willige ein— ich will Cavalier ſehen;— ich will Ihre Inſtructio⸗ nen befolgen,“ ſetzte ſie mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung der Selbſtbeherrſchung hinzu. „Und ich erwartete von Ihnen nichts weniger,“ rief Herr von Villars, indem er die Pſyche mit Innigkeit umarmte.„Ich war feſt uͤberzeugt, daß ich Gehor finden wuͤrde, wenn ich mich an Ihr Herz wendete. Ach, mein Kind, Sie vermögen es nicht, die Größe des Dienſtes einzuſehen, welchen Sie dem Koͤnige und Frankreich leiſten können.“ „Ich muß Ihnen gleichwohl geſtehen, gnädiger Herr,“ entgegnete Toinon niedergeſchlagen,„daß ich fuͤrchte, es wird mir nicht gelingen, es wird mir nicht moͤglich ſein, den Haß zu beſiegen oder viel⸗ mehr nur zu verbergen, welchen der Henker des Herrn von Florac mir einfloßt, der, welcher ihn vielleicht den Tag zuvor auf irgend eine grauſame Weiſe gemartert hat.“ Wie erſchreckt durch dieſen Gedanken fuͤgte die Pſyche hinzu:„Doch nein, nein, gnädiger Herr; Sie ſehen wohl, daß es un⸗ möglich iſt. Damit Cavalier Iſabelle vergeſſe, da⸗ mit er mir einiges Vertrauen zeige, damit ich ihn auf Ihre Vorſchläge vorbereiten kann, muß ich den Abſcheu verhehlen, den er mir einfloͤßt, was ſag' ich, ich muß ſogar koquett fur ihn ſein. Ach, gnädiger Herr, welch' ein Wort, welch' ein Wort bei einer Frage von Tortur und Tod! Erſcheint es nicht als ein blutiger Spott?“ — 222— „Eben deshalb, mein Kind, weil es eine Frage von ſolcher Wichtigkeit betrifft, muͤſſen Sie nicht bei dieſen Ruͤckſichten ſtehen bleihen. Sie ſprechen von dem Abſcheu, von dem Haſſe, den Cavalier Ihnen einfloͤßt, aber bedenken Sie doch, daß nie eine Rache fuͤrchterlicher war, als die Ihrige. In⸗ dem Sie nur koquett gegen ihn ſind, retten Sie Tancred, reißen Cavalier von dem Mädchen ab, 6 —————— das er liebt, bringen ihn dahin ſeine Bruͤder zu verrathen, und wenn ſo viele Opfer vollbracht ſind, bezahlen Sie ihn durch Ihre Verachtung! Und was iſt nöthig, um das Alles zu erlangen? Nichts, als daß Sie ſich zeigen und ſich lieben laſſen. Denn ſo ſchoͤn und verfuͤhreriſch wie Sie ſind, zweifle ich nicht, daß Cavalier Sie mit Leidenſchaft lieben wird; die Liebe muß die uͤbermuͤthigen Anſpruͤche dieſes ländlichen und unbefangenen Menſchen noch ſteigern. Das geringſte, nicht zärtliche, ſondern nur wohlwollende, Wort von Ihnen muß ihn zu Ih⸗ ren Fuͤßen bringen.“ „Aber wie kann ich bis zu dieſem Menſchen gelangen, ohne ſeinen Argwohn zu erwecken?“ ſagte Toinon zögernd. „Ich habe daruͤber nachgedacht. Es iſt ein kuͤhner Streich, aber Sie ſind entſchloſſen. Er hat mit ſeinem Haufen einen Punkt der Cevennen he⸗ ſetzt, uͤber den er faſt als Herrſcher gebietet. Sie nehmen hier einen Wagen und einen ſichern Be⸗ — 223— gleiter; Herr von Baville wird uns zuverläͤſſige Nachrichten geben, die es Ihnen erleichtern, in die Hände der Leute Cavaliers zu fallen, deſſen Vor⸗ poſten ſich bis auf die Ebene erſtrecken; ſtehen Sie einmal vor ihm, dann werden Sie an Tancred den⸗ ken und ihn retten.“ „Aber ich vergaß, daß Cavalier mich kennt: er hat mich waͤhrend meiner Gefangenſchaft mit Ta⸗ boureau geſehen.“ „Was thut das?“ ſagte Herr von Villars, „Ihre Gefangenſchaft und Ihre Flucht können nur ſeine Theilnahme an Ihrem Geſchick erwecken. Sie ſagen ihm, daß Sie von Montpellier aus durch Rouergue nach Lyon und von da nach Paris hät⸗ ten reiſen wollen, und daß ein ungluͤcklicher Zufall Sie wieder in ſeine Hände fuͤhrte. Sie nehmen einen Titel an, z. B. den einer Grafin von Mer⸗ val, ſind Witwe und Herrin uͤber Ihre Hand.“ „Wie viele Luͤgen! Wie viele niedrige Intri⸗ guen,“ ſprach die Pſyche dumpf in ſich hinein. „Aber Tancred zu retten, den Segen ſeiner Mutter zu erringen! Die Dankbarkeit des Koͤnigs zu gewinnen!“ „Gott moͤge mich beſchutzen,“ ſagte Toinon mit Bitterkeit, und fügte dann hinzu:„Gnädiger Herr, ich werde Ihre Befehle befolgen.“ „Noch dieſen Abend ſollen Sie meine Inſtru⸗ etionen erhalten; ich werde mich daruber mit Herrn — 94— von Baville verſtaͤndigen. Sie bleiben hier, um jeden Verdacht zu entfernen. Iſt Ihre Equipage im Stande, ſo erhalten Sie meine letzten Weiſun⸗ gen. Muth, mein Kind, Muth. Ruhen Sie von ſo vielen Mühſeligkeiten, ſo vielen Auftegungen aus, und hoffen Sie!“ —————— XVI. Die Reue. Waͤhrend die Pſyche ſich im Vertrauen mit Herrn von Villars unterhielt, war Taboureau in einem Vorzimmer geblieben, in welchem ſich Ga⸗ ſton von Mercoeur mit mehrern Edelleuten und Offizieren des Marſchalls befand. Der Page war gegen die Pſyche noch immer aufgebracht, und ſtarb uͤberdies vor Verlangen, Taboureau zu quälen, deſſen Zuverſicht und Fa⸗ miliarität ihm ſehr mißfallen hatten. Mit einem Inſtinkte teufliſcher Bosheit er⸗ rieth Gaſton, daß er Taboureau, ungeachtet der Sorgloſigkeit, mit der er gepanzert zu ſein ſchien, ſchwer verletzen könnte, wenn er ihn an gewiſſen ſehr reizbaren Punkten angriffe. Als Claude in den Salon trat, warf der Page ſeinen Gofährten einen Blick zu, welcher zu ſagen ſchien: Haltet Euch bereit, uͤber das Opfer Krieg in den Cevennen. I. 15 — 226— zu lachen, welches ich Euch liefern werde.— Dann naͤherte er ſich dem Cicisbeo und ſagte mit ſußlichem, ſchmeichelndem Weſen, indem er demuͤ⸗ thig die Augen ſenkte:„Mein Herr, ich habe mich eben etwas heftig gegen Sie geaußert; verzeihen Sie das meiner Jugend.“ Claude war durch dieſes Benehmen geruͤhrt, reichte herzlich dem Pagen die Hand und ſagte: „Ei, mein ſtolzer Federhut, wollen Sie mich wie einen Greis behandeln? Zum Henker, unter jun⸗ gen Leuten, wie wir, ſind kleine Neckereien in der Ordnung; nur ſetze ich eine Bedingung auf un⸗ ſere Ausſohnung,“ fuͤgte der Cicisbeo mit ko⸗ miſcher Wichtigkeit hinzu:„daß Sie naͤmlich bei mir in der rue Sainte- Avoye zu Abend eſſen, obgleich Sie nur bei den Leuten ſoupiren, die Sie kennen.“ „Herr Taboureau uͤberhaͤuft mich mit Guͤte,“ ſagte der Page, mit erheuchelter und ſpoͤttiſcher Ehrfurcht.„Ich werde ſeine koſtbare Einladung nicht vergeſſen, denn ich erklaͤre Euch, meine Freunde,“ fuͤgte er hinzu, indem er die Hand auf Taboureaus Schulter legte und ſich gegen die Gruppe der Edelleute wendete,„ich erkläre Euch, daß ich dieſen Herrn fuͤr den tugendhafteſten und keuſcheſten Menſchen in ganz Frankreich, ja ſogar in der ganzen Chriſtenheit, halte.“ Die Edelleute verneigten ſich tief vor Claude. Dieſer war durch die Uebertreibung etwas ver⸗ — 227— wundert, und fing an, irgend eine Schelmerei zu vermuthen; aber der Finanzmann war ſeit langer Zeit zu ſehr daran gewöhnt, ſich uber die Stiche⸗ leien der Hofleute luſtig zu machen, um ſich da⸗ durch ſehr einſchuͤchtern zu laſſen. Er antwortete deshalb heiter, indem er ſeinerſeits ſeine gewaltige Hand auf die Schulter des Pagen legte:„Und ich, meine Herren, erklaͤre Ihnen, daß ich dieſen Unverſchaͤmten fuͤr den boshafteſten Affen in ganz Frankreich und ſelbſt in der ganzen Chriſten⸗ heit halte.“ Gaſton von Mercoeur war ärgerlich uͤber das vertraute Weſen Claudes, machte mit einer leich⸗ ten Bewegung ſeine Schulter frei von der ſchwe⸗ ren Hand des Cicisbeo und ſagte mit ſchlecht ver⸗ hehltem Unwillen: „Wenn ich Sie fuͤr den tugendhafteſten und keuſcheſten Menſchen der Chriſtenheit erklaͤre, mein Herr, ſo geſchieht es, weil meiner Meinung nach der Ritter von der traurigen Geſtalt, in keuſcher Flamme fuͤr die Dulcinea entzuͤndet, die Schäfer von Racan, welche nicht minder keuſch fuͤr ihre Phyllis brannten, unerhoͤrte Wuͤſtlinge im Ver⸗ gleich zu Ihnen ſind, Herr Tourtereau, Herr Ta⸗ boureau, wollte ich ſagen.“ Die Edelleute laͤchelten boshaft uͤber das Wort⸗ ſpiel Gaſtons auf den Namen Claudes. Der arme Cicisbeo bemerkte aus der Wendung, welche das Geſpraͤch nahm, daß er in eine Schlinge 15* gefallen ſei, und trachtete, ſich muthig daraus zu befreien. Seinen Scherzen fehlte es ſowohl an Feinheit als an attiſchem Salze, keineswegs aber an einem derben, obgleich zuweilen etwas rohen, natuͤrlichen Verſtande. Er kuͤmmerte ſich wenig darum, mit Anmuth zu treffen, wenn er nur ſtark traf. „Und ich,“ entgegnete er daher,„ich halte Sie fuͤr den boshafteſten Affen der Chriſtenheit, weil ich uͤberzeugt bin, um ein Liebesbriefchen Ihres Herrn zu uͤberbringen und abzugeben, und den Ehemann nach der einen Seite zu locken, waͤh⸗ rend auf der andern Ihr Herr ſeiner Frau Sü⸗ ßigkeiten vorſchwatzt, giebt es Keinen, der ſo ver⸗ wegen iſt als Sie, mein Herr in der orangen Livrée mit carmoiſinrothen Borten.“ Claude wußte wohl, daß er den Pagen ver⸗ letzen wuͤrde, indem er die Worte Herr und Livrée ſtärker betonte. Die Art von Dienſtbarkeit, wel⸗ cher ſich die jungen Leute von ſehr guter Geburt in den Haͤuſern der großen Herren unterwerfen mußten, war eine von den Unannehmlichkeiten ihrer Lage. Gaſton erroͤthete vor Unwillen und ſagte ſtolz: „Die, welche ſagen,„mein Herr“, von dem Pagen aus edlem Geſchlecht, welcher von dem großen Herrn ſpricht, bis zu dem großen Herrn, der von dem Koͤnige redet, konnen ihrerſeits ſagen Knecht, wenn ſie von Bauern und Buͤrgern ſprechen.“ — 229— „Oho, wir Bauern und Buͤrger ſind ſchon nicht mehr ſo ganz Knechte!“ erwiderte Claude mit lautem Gelaͤchter.„Ich will ſterben, wenn ich je, wie Sie, mein kleiner Herr, Liebesbriefchen getragen oder fuͤr irgend Jemand den geringſten Auftrag verrichtet habe. Es iſt freilich wahr, daß unſere Kinder, wenn ſie 15 Jahre alt geworden ſind, leider nicht mein Herr ſagen koͤnnen, wenn ſie von dem großen Herrn ſprechen, deren Dome⸗ ſtiken ſien ſind; aber dafuͤr tragen ſie wenigſtens keine Livréen und ſetzen ſich in unſere Wagen, ſtatt hinten aufzuſteigen*).“ Claude Taboureau hatte ſich unvorſichtiger Weiſe durch dieſe Worte mit den Edelleuten vom Hauſe des Marſchalls in Feindſchaft geſetzt, denn ſie konn⸗ ten einen Theil ſeiner Neckereien auf ſich beziehen. Einer von ihnen, Herr von Saint⸗Pierre, er⸗ ſter Stallmeiſter des Marſchalls von Villars, ein Mann von großer Tapferkeit und ſehr reizbar, ſtand auf, und ſagte ſtirnrunzelnd zu Claude:„Hoͤren Sie, Herr Tourtereau, ſollten Sie ſich etwa ein⸗ fallen laſſen, ſtatt ſanft zu girren, wie Ihr Name verkuͤndet, mit dem Schnabel hacken zu wollen? In dem Falle, mort Dieu, werden Sie hier zehn Sperber fuͤr eine Taube finden, verſtehen Sie mich?“ *) Man weiß, daß bei der Königskrönung, ſo wie bei andern großen Feierlichkeiten die Pagen hinten auf den Wagen ſteigen. — 230— „Saint⸗Pierre, Saint⸗Pierre,“ ſagte Gaſton, indem er zwiſchen Claude und den Stallmeiſter trat, „beim Himmel, kein Wort weiter! Laßt mich Herrn Taboureau antworten. Wir ſcherzen mit einander, ich greife an, er vertheidigt ſich, und die Waffen muͤſſen gleich ſein.“ Dann wendete er ſich gegen den Cicisbeo, welcher, ſehr wenig bekuͤmmert um den Zorn des Herrn von Saint⸗Pierre, dieſen mit der groͤßten Ruhe anſah. „Sie ſprechen von Dienſtbarkeit, Herr Tabou⸗ reau ſagte er, par bieu, Sie muͤſſen ſich darauf verſtehen. Sie erklären ſich nicht zum demuthigen Knecht eines Prinzen oder eines Königs, ſondern einer Springerin, die vor einem Jahre Jeder fuͤr einen Thaler auszupfeifen das Recht hatte.“ Der Page hatte richtig gezielt. Taboureau fuhlte den Streich: Er drang ihm ſchmerzhaft in das Herz. Dennoch ſuchte Claude gute Miene zum böſen Spiele zu machen und erwiderte mit erzwungener Heiterkeit:„Ei, zum Henker, es hat nicht Jeder, wer will, eine ſolche Geliebte.“ Gaſton lächelte triumphirend; er ſtand ſeiner Rache nahe.„Eine ſolche Geliebte!“ wiederholte er.„Ei, zum Teufel, wie verſtehen Sie das, Herr Tourtereau, Verzeihung, Herr Taboureau. Ich hoffe doch, daß Sie Toinon nicht compromittiren wollen, indem Sie ſolche Anſpruͤche vorſchutzen und dadurch Ihr Recht auf den ſchoͤnen Titel des keuſcheſten — Menſchen der Chriſtenheit verlieren, deſſen ich Sie noch immer wuͤrdig halte? Meine Herren, ich mache Sie zu Richtern. Die lächerliche und thoͤrichte Lei⸗ denſchaft der Pſyche fuͤr Florac iſt eine hinlänglich bekannte Sache. Der Marquis ſelbſt hat uns da⸗ durch einen Winter lang ſehr ergoͤtzt, indem er uns bei einem Abendeſſen die lamentabeln Briefe dieſer Tänzerin zeigte, welche, und zwar mit gutem Rechte, nach der buͤßenden Magdalene ſchmeckten.“ „Wenn Herr von Florac das gethan hat, ſo iſt er ein Nichtswuͤrdiger,“ rief Claude, deſſen Herz brach. „Still, ſtill,“ ſagte der Page mit verzweifelter Kaltbluͤtigkeit, indem er den Finger auf den Mund legte; ſtill, Herr Taboureau, Sie muͤſſen ſich nicht zu ſolchen Grobheiten gehen laſſen, denn man koͤnnte ſie gegen den armen Florac wiederholen, wenn wir ihn je wiederſehen ſollten.“ „Das waͤre mir ſehr gleichguͤltig, verſtehen Sie mich?“ rief Claude in einem Anfalle heldenmuͤthi⸗ gen Feuers. „Ohne Zweifel,“ entgegnete der Page, ſtets mit derſelben unausſtehlichen Ruhe,“ ohne Zweifel waͤre Ihnen das ſehr gleichgultig, aber Herrn von Flo⸗ rac wuͤrde es nicht gleichgultig ſein. Er iſt ein Mann von Stande, Sie ſind ein Buͤrgerlicher; Sie beleidigen ihn; er kann ſich mit Ihnen nicht ſchlagen; alſo waͤre er gezwungen, Sie zu—“ und Gaſton machte eine unverſchaͤmt, freche Bewe⸗ — 232— gung mit dem rechten Arme. Dann fuhr er fort: „Pfui, pfui doch, Herr Taboureau; nach einem ſolchen Unfalle, wuͤrde— obgleich Sie ſo hoch ſpielen als man will, obgleich Ihre Kuche vortreff⸗ lich iſt und Ihre Borſe ſtets geffnet, wie Sie ſo eben ſagten, nicht ein Mann mehr aus der guten Geſellſchaft zu Ihren reizenden Soupers in der ue Sninte-Avoye kommen; und ich, der ich Ihre liebenswuͤrdige Einladung von vorher, zu benutzen hoffe, halte mehr als irgend Jemand darauf, daß man zu Ihnen gehen kann, ohne ſich zu ſehr zu compromittiren.“ Taboureau erſtickte vor Wuth. Gaſton von Mercoeur ſprach nur zu wahr. Ein Duell zwi⸗ ſchen einem Buͤrgerlichen und einem Manne von Stande war damals unmöglich. Der ungluͤckliche Claude griff in ſeiner Ver⸗ zweiflung zu dem gewoͤhnlichen Huͤlfsmittel der Menſchen, die ſich geſchlagen ſehen: er wurde ärger⸗ lich und ſagte ſtolz zu dem Pagen: „Ihre Scherze uͤberſchreiten die Grenzen des Anſtandes, mein Herr. Wenn Herr von Florac mich beleidigen ſollte, ſo wuͤrde ich ſchon wiſſen, was ich zu thun haͤtte. „Sie haben recht, Herr Taboureau,“ ſagte Ga⸗ ſton.„Es iſt Zeit, an den Tanz zu denken, wenn die Muſik beginnt, und uͤberdies haben uns die Abſchweifungen den Hauptpunkt unſerer Unter⸗ haltung aus dem Geſichte verlieren laſſen. Um dieſen Herren zu beweiſen, daß Don Quirote, Amadys und Seladon im Vergleich zu Ihnen nur alte Haudegen waren, wollte ich ſagen, daß ſeit einem Jahre und daruͤber mit der pracht⸗ vollſten Uneigennuͤtzigkeit, mit der anbetungswuͤr⸗ digſten Ehrfurcht, Sr. Unſchuld, der Herr Ta⸗ boureau, der Cavaliére servente, um den höflich⸗ ſten Ausdruck zu gebrauchen, einer Tänzerin iſt, die einem Liebhaber nachlaͤuft, welcher nichts mehr von ihr wiſſen will. Nun, iſt das nicht ſchön, meine Herren? Iſt das nicht bewundernswerth? Iſt das nicht eine wohlbegruͤndete und hinlänglich treue Dienſtbarkeit? Wir dienen doch wenigſtens nur den großen Herren und den Koͤnigen. Schoͤnes Verdienſt, par Pieu! Der Buͤrger thut aber nichts halb; er erklärt ſich muthig zum Knecht einer Springerin, und begleitet die Maitreſſe eines An⸗ dern durch Berg und Thal. Und als ein wohlge⸗ zogener Buͤrger, der er iſt, hat er keinen andern Zweck, als den vornehmen Herrn wieder zu finden, dem er nachläuft, um ihm ſeine Dulcinea zuzu⸗ fuhren.— Nun, meine Herren, hatte ich Un⸗ recht, Ihnen den Herrn als den keuſcheſten Men⸗ ſchen der ganzen Chriſtenheit vorzuſtellen?“ Der Page wollte die Hand unverſchämt wieder auf Taboureau's Schulter legen, aber außer ſich vor Zorn und purpurroth vor Schaam faßte Claude die Hand Gaſton's und zog ſie ſo derb herunter, daß dem Pagen des Gelenk knackte. — 234— „Perr!“ rief Gaſton mit drohendem Tone. „Herunter mit der Hand! Genug der Unver⸗ ſchaͤmtheit, oder beim Himmel, mein junges Stutzer⸗ chen, ich ſchlage Ihnen die Knochen, als echter Buͤrger, der ich bin, mit Fauſtſchlägen entzwei, da es mir doch einmal verboten iſt, den Degen zu fuͤhren!“ rief Claude heſtig, und bereit, ſeine Koͤr⸗ perkraft zu gebrauchen, um ſich an dem Pagen zu rächen. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thur des Zimmers, in welchem ſich der Marſchall von Vil⸗ lars mit der Pſyche beſprochen hatte. Der Marſchall trat heraus und ſagte zu Claude, deſſen Aufregung er nicht bemerkte:„Mein lieber Taboureau, wollen Sie herein kommen? Unſere Freundin hat Ihnen einige Worte zu ſagen.“ „Das trifft ſich ja ganz wundervoll, Herr Marſchall,“ ſagte Claude mit unterdruͤckter Wuth. Er folgte dem Marſchall, und ließ den Pagen und die Edelleute ſehr ergötzt durch dieſen Auf⸗ tritt zuruͤck. Der Cicisbeo trat in das Cabinet des Mar⸗ ſchalls. „Die Pſyche iſt dort,“ ſagte Herr von Villars, indem er auf eine Seitenthuͤr deutete.„O, wir haben viel Neues; ein unerwartetes Gluͤck! Sie will mit Ihnen ſprechen. Was mich betrifft, ſo ———— — 235— muß ich augenblicklich einen Courrier an Sr. Ma⸗ jeſtaͤt abſenden.“ Und auf ein Zeichen des Herrn von Villars trat Taboureau in das Zimmer, in welchem Toi⸗ non ſeiner wartete. XVII. Das Lebewohl. Taboureau war außer ſich. Die Bosheit des Pagen hatte ihre Frucht getragen. Claude war gut, er hatte großmuͤthige Neigungen, aber wie faſt alle Menſchen, emporte auch ihn der Gedanke, eine lächerliche Rolle zu ſpielen; und uͤberdies war ſeine Liebe fuͤr die Pſyche mehr verhehlt und unterdruckt, als erloſchen. Die grauſamen Spoöttereien Gaſton's in Bezug auf Florac hatten die Eiferſucht des Ci⸗ cisbeo gereizt; Claude verkannte Alles, was Schoͤ⸗ nes und Edles in ſeiner Anhänglichkeit füͤr Toinon lag, und ſah davon nur noch die Seite, welche Gelegenheit zum Spotte bot. Er fand ſich einfaͤl⸗ tiger und verdiente ſeiner Meinung nach die unver⸗ ſchämten Neckereien Gaſton's; er hatte ſich zum Don Quirote eines Mädchens gemacht, das ihn verlachte: er mußte das Gelaͤchter von ganz Paris werden. Die beiden ſchlechteſten Rathgeber des ——— — Menſchen, Eiferſucht und Stolz, waren in ihm ver⸗ letzt und machten ihn wuͤthend. Toinon, welche mit dem eben gefaßten Ent⸗ ſchluſſe beſchaͤftigt war, bemerkte nicht ſogleich die Verſtoͤrtheit in den Zuͤgen Taboureau's und deſ⸗ ſen Zorn. Als er eintrat, ſtand ſie ſchnell auf, warf ſich ihm weinend in die Arme und ſagte mit erſtickter Stimme: „Ach, mein Freund, mein einziger Freund— wenn Sie wuͤßten, was man von mir verlangt! Um des Himmels Willen, verlaſſen Sie Ihre arme Pſyche nicht!“ Taboureau war ſo grauſam verletzt worden, daß er ohne das geringſte Mitleid Toinon hart zuruͤck⸗ ſtieß, ſich aus ihren Armen frei machte, und mit noch immer zornbebender Stimme ſagte: „Wahrlich, ich habe mich wie Ihr Freund be⸗ nommen, und dabei meiner Treu ein ſchoͤnes Hand⸗ werk getrieben.“ Es lag ſo viel Geringſchaͤtzung in den Worten Claude's, daß das arme Maͤdchen bebend zuruͤck⸗ taumelte und erſchrocken ausrief:„Mein Gott, mein Freund, was iſt Ihnen denn?“ „Was mir iſt?“ rief er, indem er endlich ſei⸗ nem Unwillen den Zuͤgel ſchießen ließ;„was mir iſt? Daß ich ein Schafskopf bin, ein Rindvieh, eine Gans, wie ein Dummkopf in alle ihre Schlin⸗ gen gegangen zu ſein; daß ich nicht ſah, wie ich — 238— eine eben ſo ſchmachvolle als lächerliche Rolle ſpielte, indem ich Sie begleitete, als Sie Ihren albernen Marquis aufſuchten.“ „Sind Sie es, der ſo zu mir ſpricht?“ ſagte die Pſyche mit dem ſchmerzlichſten Staunen;„Sie, Claude?“ „Ja, Claude*) iſt mein Name, und ich ver⸗ diene ihn in der That. Sie wiſſen das uͤbrigens ſehr gut,“ rief der Eicisbeo mit wachſender Wuth. „Gewiß, ich bin ein Claude, ein wahrer Claude, daß ich mich durch Ihre ſuͤßen, heuchleriſchen Mie⸗ nen, durch Ihre Crocodillthränen fangen ließ, wie ein echter galanter Mercur mit Ihnen das Land zu durchziehen.“ Die Pſyche war ſtarr vor Staunen über dieſe plotliche Umwandlung in der Sprache und in dem Benehmen Taboureau's, und ſah ihn ſprachlos an. Niedergeſchmettert durch dieſen neuen Schlag des Schickſals, ſagte ſie endlich faſt maſchinenmäßig: „Aber worin habe ich Sie betrogen? Worin bin ich heuchleriſch geweſen? Mein Gott, habe ich Ihnen denn nicht Alles geſagt, als ich Ihnen den Vor⸗ ſchlag machte, mich zu begleiten?“ „O, gewiß,“ entgegnete Taboureau mit verbiſſe⸗ nem Unwillen,„Sie haben mir nichts verborgen; zum Henker, Sie ſind die Aufrichtigkeit ſelbſt. Ich war das doppelte Rind, der dreifache Gimpel, das *) Albern, dumm. — 239— ich mich noch allzu ſehr geehrt fuͤhlte, der Made⸗ moiſelle als Cicisbeo zu dienen, mich zu einer Rolle zu erniedrigen, welche der letzte Ihrer Genoſſen, der Seiltaͤnzer, nicht gemocht haͤtte, und das Alles nur, um einem unverſchämten Marquis nachzu⸗ laufen, einem Landſtreicher, der zum Gluͤck in die⸗ ſem Augenblick von den Kamiſarden, die Gott ſegne, rauh genug behandelt wird. Ja, ich ſage es aus dem Grunde meines Herzens, es leben die Kami⸗ ſarden!“ rief Taboureau in ſeiner Wuth gegen Florac insbeſondere, und gegen den Adel im all⸗ gemeinen.„Ja, ja, Morbleu, es leben die Ka⸗ miſarden, wenn ſie den unverſchämten Marquis alle die Martern erdulden laſſen, die ich ihm wuͤnſche.“ Der Zorn Taboureau's hatte eine ſo komiſche Seite, daß Toinon ihn nicht fur ganz ernſt halten konnte. Sie war an den Charakter ihres guten Cicisbeo gewöhnt, und wußte, daß ſie ihn ſtets durch einige ſanfte Worte beſchwichtigte; deshalb wollte ſie auch jetzt ſeine Hand ergreifen; aber Ta⸗ boureau ſtieß ſie veraͤchtlich zuruͤck und ſagte:„Ihre Verfuͤhrungskunſte ſind ohne Zweifel unwiderſteh⸗ lich, meine Liebe, aber die Zeit dazu iſt voruber!“ Bei dieſer neuen Beleidigung wurde die Pſyche blaß wie der Tod. Sie beſaß zu viel Scharfſinn, um nicht zu erkennen, daß Taboureau diesmal wahr⸗ haft aufgebracht gegen ſie ſei. Sie konnte den Grund der plötzlichen Verände⸗ rung, die ſie tief betruͤbte, nicht errathen. — 240— In dieſem Augenblicke beſonders, wo ſie einen ſo ernſten, ſo wichtigen Entſchluß faſſen ſollte, be⸗ durfte ſie eines Freundes, der ihr beiſtand, ſie aus dem Chaos ihrer Gedanken zu erretten. Sie liebte Taboureau zu aufrichtig, ſie verdankte ihm zu viel, um nicht durch den Vorwurf der Doppelzuͤngigkeit, den er ihr machte, ſchmerzlich betruͤbt zu werden. Sie antwortete ihm daher mit einer ſanften, trauervollen Wuͤrde:„Ich ſehe Sie ohne Zweifel heut zum letzten Male, mein Freund. Ja, mein Freund, wiederholte ſie auf eine gerinſchätzende Be⸗ wegung Taboureau's;„ich gebe Ihnen dieſen Na⸗ men mit Vertrauen, denn wenn Sie fuͤr mich der edelſte der Maͤnner waren, ſo fuͤhle ich mich durch meine Dankbarkeit, durch meine Achtung fuͤr Sie, all' der Opfer werth, die Sie mir brachten.“ „Ich fuͤhle mich dadurch unendlich geſchmeichelt, Mademoiſelle; das ehrt mich ohne Zweifel wuͤthend,“ entgegnete Claude mit dem Tone bitteren Spottes. „Ach, ich kann Ihnen leider nicht beſſer zeigen, was ich fuͤr Sie empfinde, Claude,“ ſagte die Pſyche mit Thränen im Auge,„da aber meine Worte Sie beleidigen, ſprechen wir nicht mehr davon. Wenn meine Gefuͤhle fuͤr Sie auch in mein Inneres zu⸗ ruͤckgedrängt ſind, ſo werden ſie deshalb nicht min⸗ der zärtlich, nicht minder lebendig ſein.— Hoͤren Sie mich zum lebten Male an, ich beſchwoͤre Sie darum.“ — 241— „Zum letzten Male, ja gewiß, zum letzten Male, zum allerletzten beſtimmt!“ rief Taboureau, indem er ungeduldig mit dem Fuße ſtampfte,„denn ich habe mein Handwerk bis uͤber den Hals ſatt.“ „Ich ſtehe auf dem Punkte, einen ſehr wichti⸗ gen Schritt zu thun,“ ſagte die Pſyche;„er iſt ſo ernſt, daß ich ihn Ihnen anvertrauen kann, ja ſo⸗ gar muß.“ Und durch wenige Worte machte ſie Claude mit dem Antrage des Herrn von Villars bekannt. Indem Toinon ſprach, verloren die Zuͤgen Ta⸗ boureau's allmaͤlig ihren Ausdruck des Zornes, der ubertriebenen Geringſchätzung. Staunen, Mitleid, Unwille, belebten wechſelsweiſe ſein Geſicht, und als Toinon endlich ſchwieg, rief er aus:„Aber, Un⸗ gluͤckliche, Sie ſturzen ſich ja ganz in das Verder⸗ ben! Sie wiſſen nicht, was fuͤr ein Handwerk es iſt, das man Sie da treiben läͤßt Ein Engel wuͤrde ſich fuͤr immer beſchimpfen, wenn er eine ſolche Rolle uͤbernaͤhme.“ „Ich kann Tancred retten!“ antwortete Toinon mit dem Ausdrucke erhabener Selbſtverlaͤugnung. Dieſe Worte entzuͤndeten anfangs die ganze Wuth Taboureau's neu; bald aber vergaß er ſeinen Zorn, indem er die Tiefe einer Neigung zu erfor⸗ ſchen trachtete, die ihm unerklaͤrlich erſcheinen mufßte. Das konnte nicht anders ſein. Wenige See⸗ len ſind faͤhig, zu begreifen, daß die Liebe ſich je zu der erhabenen Hartnackigkeit, zu der bewunderns⸗ Krieg in den Cevennen. II. 16 — 242— werthen Monomanie der blinden Ergebenheit zu erheben vermag, welche, auf die Religion angewen⸗ det, Märtyrer und Heilige ſchafft. Der gemeine Haufe will ſtets, daß die Liebe, welche man empfindet, der gleich ſei, welche man einfloßt. Das iſt ein grober Irrthum. Die leidenſchaftlich geliebten Menſchen, welche wenig oder gar nicht wieder lieben, ſind häufig zu entſchuldigen, denn faſt immer ſind ſie unſchul⸗ dig an dem cxaltirten Gefuͤhle, welches ſie einflo⸗ ßen. Wenn die Liebe wie der Glaube zur firen Idee wird, ſteigert ſie ſich zu uͤbermenſchlichen Pro⸗ portionen, welche der Menge unbegreiflich ſind. Menſchen von gemäßigtem Glauben, Gleichgkl⸗ tige oder Atheiſten im Betreff der Religion, werden die Ausdauer des heiligen Laurentius auf ſeinem Roſte ſtets uͤbertrieben, thoricht oder dumm finden. Man moͤchte behaupten, daß eine der furchter⸗ lichen Bedingungen des Fanatismus in der Liebe oder Religion iſt, ſeinen Lohn nie auf dieſer Erde zu finden. Es iſt nur zu wahr, daß das Opfer das Opfer ruft; daß die Vergangenheit die Zukunft bedingt; daß man um ſo mehr Ergebenheit zeigen will, je mehr man ſchon gezeigt hat; daß man ſeinem verhaͤngnißvollen Werke mit wachſender Gluth anhaͤngt. Je mehr man gelitten hat, deſto mehr hofft man auf das Ende des Schmerzes; man — vergißt die zuruͤckgelegte Strecke, weil das Ziel nahe ſcheint. Taboureau, der von ziemlich beſchraͤnktem Geiſte war, theilte das allgemeine Vorurtheil. Einen Au⸗ genblick noch befand er ſich unter dem Einfluſſe der Neckereien des Pagen, und da er die Pſyche nicht zu begreifen vermochte, ſtand er auf dem Punkte, ihren muthigen Entſchluß irgend einer gemeinen Nebenabſicht beizulegen; bald aber gewann ſeine na⸗ tuͤrliche Guͤte die Oberhand, und er ſah in Toinon nur noch eine Thoͤrin, an der er fuͤr immer ver⸗ zweifeln mußte. Feſt entſchloſſen, die Pſyche zu verlaſſen, der Muͤhſehligkeiten und Gefahren, denen er ausgeſetzt war, uͤberdrußig, beſchämt durch die Dienſte, die er ihr geleiſtet hatte, aber noch immer einen Reſt der Anhänglichkeit fuͤr ſie bewahrend, konnte er ſich nicht enthalten, Mitleid mit dieſer ſo muthigen und ſo ergebungsvollen Leidenſchaft zu fuͤhlen, und er hatte nicht die Kraft, Toinon unter dem Eindrucke des Zornes und der Verachtung zu verlaſſen. Die Pſyche ſaß auf einem Armſtuhle; ihr Kopf ſank auf die Bruſt herab, ihre Hände ruhten er⸗ ſchlafft auf den Lehnen des Seſſels; ihre gro⸗ ßen Augen waren zſtarr und mit Thraͤnen er⸗ fuͤllt an den Boden geheftet, und ihr Athem rang ſich gepreßt zwiſchen den halbgeoffneten Lippen hervor. 16* — Taboureau betrachtete einige Augenblicke ſchwei⸗ gend dies herzzerreißende Bild. Toinon ſtand allein in der Welt, ohne Freunde, ohne Stutze, verachtet von Allen, ſelbſt von denen, welche ſie zu ihren Zwecken benutzten, vielleicht auch ſogar von dem, um deſſentwillen ſie ſich bis zum Hel⸗ denmuthe erhob. Sie ging, nach einem Jahre uͤberſtandener Gefahren und Leiden, neuen Gefah⸗ ren und neuen Leiden abermals zu trotzen. Der gute Cicisbeo fuͤhlte ſich tief ergriffen, aber es kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, Toinon auf dieſer neuen Excurſion zu fol⸗ gen, eben ſowohl weil er noch durch die Wir⸗ kung von dem Spotte Gaſton's litt, als weil er geglaubt hatte, eine ſehr gefaͤhrliche Rolle zu ſpie⸗ len, wenn er ſich den Abſichten der Pſyche an⸗ ſchloͤſſe.. Taboureau bereute die Rohheit ſeiner letzten Worte um ſo mehr, da er ſie durch nichts ver⸗ geſſen machen oder entſchuldigen konnte. Er naͤherte ſich Toinon mit verlegenem Weſen, und ſagte mit bebender Stimme:„Wahrlich, Pſyche, wir koͤnnen nicht ſo von einander ſcheiden.“ Bei ſeinen ſanften Worten erhob Toinon raſch den Kopf, faltete die Haͤnde und rief:„So ver⸗ zeihen Sie mir alſo, mein Freund?“ „Ihnen verzeihen? Und was denn, mein Gott! Armes Kind!“ ſagte Taboureau, indem er ſie ſchmerzlich anſah. — 245— „Ich weiß es nicht.— Den Verdruß, den ich Ihnen unwillkuͤhrlich verurſacht habe. Denn außerdem, davon bin ich uͤberzeugt, wuͤrden Sie, der ſtets ſo gut war, nicht hart und ungerecht gegen mich geweſen ſein.“ „Sprechen wir nicht mehr davon, Toinon. An mir iſt es, Sie um Verzeihung zu bitten; ich habe Sie grauſam behandelt, und das in einem Augenblicke, in welchem Sie Ihrer ganzen Kraft, Ihres ganzen Vertrauens in das edle Gefuͤhl, das Sie leitete, bedurften, um die Unternehmung zu wagen, die Sie vorhaben. Alles, was ich Ihnen in dieſer Beziehung ſagen koͤnnte, Toinon, wuͤrde vergebens ſein, denn ich kenne ihre Exaltation. Gott beſchuͤtze Sie Sie ſind thoͤricht, aber edel und großmuͤthig. In Ihnen lag der Keim der ſchönſten Anlagen. Wenn Sie ſich nicht beſſer entwickelt haben, ſo iſt es nicht Ihre Schuld; verlaſſen von Allen, ohne Aeltern, ohne irgend einen Fuͤhrer, iſt es ſchon ein wahres Wun⸗ der einer guten Natur, daß Sie nach dem Leben, welches Sie fuͤhrten, noch das ſind, was Sie ſind. Arme Kleine!“— Und Taboureau verbarg eine große Thraͤne.—„Aber,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„was nutzt es, davon zu ſpre⸗ chen, und ſich zu erweichen? Heißt das nicht, unſer Lebewohl noch peinlicher machen? Muth alſo, Muth.“ „Ja, Muth,“ ſagte Toinon, mit zuſammen⸗ ———— — 246— gebiſſenen Lippen, um das Schluchzen zu unter⸗ druͤcken, an dem ſie faſt erſti kte. In Ihrer Lage war die Freundſchaft Claude's ein Schatz fuͤr ſie, und ſie fuhlte, daß ſie dieſen fuͤr immer verlor. Zu zartſinnig und zu ſtolz, um Tabourenau glauben zu laſſen, daß ſie ihn konnte zuruͤckhalten wollen, ſagte ſie mit halberſtickter Stimme: „Mir bleibt nur noch ein letzter Dienſt von Ihnen zu erbitten, mein Freund. Der Koͤnig und der Theater⸗Director haben das, was man ehedem die Leiſtungen der Pſyche nannte, ſo groß— muͤthig belohnt, daß ich bei dem Notar Duͤpont 50,000 Thaler deponiren konnte. Dies kleine Ver⸗ moͤgen will ich nach meinem Tode meinem alten Balletmeiſter hinterlaſſen.“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Claude;„Sie ver⸗ geſſen, daß ich vor Ihrer Abreiſe von Paris Ihre Angelegenheiten in Ordnung brachte. Es iſt zwi⸗ ſchen Duͤpont und mir abgemacht worden, daß ich Ihnen das Geld gebe, deſſen Sie waͤhrend ihrer Reiſe beduͤrfen koͤnnen, und daß er es mei⸗ nem Intendanten auf einen Empfangſchein von Ihnen zutuͤckerſtattet.“ „Um die Unternehmung, die ich wagen will, zu Ende zu bringen, brauche ich Geld,“ ſagte die Pſyche; nach kurzem Schweigen fuͤgte ſie dann hinzu, indem ſie vor Schaam erroͤthete und mit dem Tone ſchmerzlicher Demuͤthigung:„Herr von — 2— Villars bot mir im Namen des Koͤnigs an— ach, mein Freund, Sie kennen mich!“ „Ich verſtehe Sie, ich verſtehe Sie,“ ſagte Claude, indem er Toinon's Haͤnde druͤckte;„ſtets zartſinnig bis zum Uebermaaß; Sie ſollen das Geld haben, das Sie brauchen. Ich will Herrn von Villars um 300 Louisd'ors bitten, als wäre es fuͤr mich; davon laſſe ich Ihnen 200 auszah⸗ len, Sie ſchicken mir Ihren Empfangſchein nach Paris, Duͤpont gibt mir das Geld zuruͤck, und Alles iſt abgemacht.“ „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen tauſend⸗ mal, mein guter und großmuͤthiger Freund. Leben Sie wohl, noch ein Mal, und fuͤr immer!“ „Ach, wie ſchwach ich bin,“ ſagte Taboureau, indem er ſich mit der Hand uͤber die feuchten Au⸗ gen fuhr.„Muth!“ Und der vortreffliche Menſch rief mit erſtickter Stimme, indem er gegen Toinon die Hände aus⸗ breitete:„Leben Sie wohl, armes, theures Kind, leben Sie wohl, und leben Sie nochmals wohl.“ Vom Schmerz zerriſſen warf Toinon ſich Ta⸗ boureau um den Hals, ohne eines einzigen Wortes fähig zu ſein. Claude ließ endlich ſeinen Thränen freien Lauf, nahm den Kopf Toinon's zwiſchen ſeine gro⸗ ßen Haͤnde, kuͤßte ihre Stirn, ihre Haare mit dem Ausdrucke der ſchmerzlichſten Zaͤrtlichkeit, machte — —— ——————————— — 6 ſich dann mit gewaltiger Anſtrengung los und lief wie ein Wahnſinniger davon. Eine Stunde darauf uͤbergab Herr von Vil⸗ lars Toinon 200 Louisd'ors und das folgende Billet: „Ich beſteige den Wagen und reiſe; leben Sie wohl. Ich bin der feigſte und ungluͤcklichſte aller Maͤnner, daß ich Sie verlaſſen kann. Taboureau. In der That hatte Taboureau einen Wagen gekauft und war auf der Stelle nach Paris ab⸗ gereiſt, da er ſeiner eigenen Schwaͤche mißtraute. — — —— — Xvn. Die Abreiſe. Als Toinon ſich nach der Abreiſe Taboureau's ihrem verhaͤngnißvollem Entſchluſſe allein gegenuber erblickte, war ſie wie betäubt. Unwillkuhrlich hatte die Pſyche bis zum letzten Augenblicke gehofft, daß Claude ſie doch vielleicht nicht verlaſſen wuͤrde; zu zartdenkend, einen ſol⸗ chen Dienſt von ihm zu verlangen, wuͤrde ſie ihn mit der unbeſchreiblichſten Dankbarkeit ange⸗ nommen haben. Ein Gefuhl gemeiner Furcht war es nicht, was ſie ſo lebhaft wuͤnſchen ließ, einen ſo guten, ſo er⸗ gebenen Freund in ihrer Nähe zu erhalten. Das ungluͤckliche Weib haͤtte Alles auf der Welt dafur gegeben, einen Zeugen ihrer Handlungen zu haben, der es im Fall der Noth vermocht hatte, die Rechtfertigung in den Augen Tancred's zu uber⸗ — 250— nehmen, wenn dieſer je von einem verletzenden Arg⸗ wohne ſich ergriffen zeigen ſollte. Sie ahnete die ungeheuren Schwierigkeiten, die ſie dabei finden wuͤrde, Cavalier allmaͤlig von der Partei der Fanatiker loszureißen; ſie fuͤhlte, wenn dies gelingen ſollte, mußte ſie eine große Freiheit des Geiſtes, eine vollkommene Ruhe des Herzens und die Ueberzeugung haben, daß der Marquis ihr Benehmen nicht einſt auf ſchmachvolle Weiſe aus⸗ legen wuͤrde. Einen Augenblick ſtand Toinon auf dem Punkte, auf das peinliche Unternehmen zu verzichten, ſo uͤber⸗ groß und ſchmerzlich erſchien es ihr. Zum Gluͤck finden kräſtige Naturen da, wo ſchwache und ge⸗ meine entmuthigt werden, in ihrem Edelmuthe eine neue Entſchloſſenheit. Es iſt eine zugleich traurige doch ſchöne Sache, daß dieſe ſtrafbare Liebe, die Frucht eines ſtrafbaren Lebens, eine herrliche und wuͤrdevolle Exaltation hervorrief, die eine edlere Sache und ein hoͤheres Ziel verdient hätte. Wie alle Menſchen, die daran gewohnt ſind, mit dem Ungluͤcke abzurechnen, wußte die Pſyche in ihrer erhabenen Uneigennuͤtzigkeit einen Erſatz fur den Untergang ihrer theuerſten Hoffnungen zu finden. Sie verlor ſich ſelbſt ganz aus dem Auge. Am Ende der gefahrvollen Laufbahn, die ſie betreten wollte, ſah ſie nichts, als das Heil Tancred's. — 251— Mit der herzzerreißenden Demuth zärtlicher, aber verſchmähter Seelen hielt ſie ſich noch fuͤr zu gluͤck⸗ lich, Florac dem Maͤrtyrerthume oder dem Tode um den Preis ihres eigenen Gluͤckes entreißen zu koͤnnen. Toinon trocknete deshalb muthig ihre Thränen. „Du mußt Dich auf den Weg machen,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt.„Vorwärts, vorwärts, arme Kleine. Du biſt jetzt allein. Rufe daher alle Huͤlfsquellen Deines Geiſtes zu Deinem Beiſtande auf. Schöpfe aus der Aufrichtigkeit Deiner Liebe den Muth und die Kuͤhnheit, die Dir zum Gelingen erforderlich ſind. Rette Tancred, rette Tancred! Und ſtoͤßt er Dich dann als ſeiner unwuͤrdig zuruͤck, und ſtirbſt Du, das Herz durch Verzweiflung gebrochen, indem Du ſeinen Namen ausſprichſt, ſo wird der Tod Dir noch ſüß ſein, denn Du haſt Deine Pflicht gethan.— Widmet er Dir dann eine Thräne des Schmerzes, nennt ſeine Mutter Dich ohne Verachtung, ſo wirſt Du Gott danken, daß er Dir dieſe letzte Belohnung gewaͤhrte!, Nachdem der Marſchall von Villars ſich lange mit dem Herrn von Baville berathen hatte, kehrte er zu Toinon zuruͤck. Bei der Gefangenſchaft Ta⸗ boureau's und der Pſyche war, wie erwaͤhnt, Mas⸗ carille, als er ſeinen Herrn nicht zuruͤckkehren ſah, nach Montpellier gegangen, und hatte hier den Hän⸗ den des Intendanten den Wagen und die Sachen ——— anvertraut, die ſein Herr ihm uͤbergeben hatte. Dieſe Gegenſtände befanden ſich noch in dem Ho⸗ tel der Intendanz; die Pſyche fand ſich daher im Beſitz aller zu ihrer Toilette nothwendigen Dinge. Herr von Villars wollte den Entſchluß Toinon's augenblicklich benutzen, und ihre Abreiſe beſchleuni⸗ gen; dieſe wurde deshalb fur denſelben Tag mit Anbruch der Nacht feſtgeſetzt. Eine der Frauen der Frau von Baville„auf die der Intendant ſich ganz verlaſſen konnte, wurde der Pſyche zuge⸗ theilt. Um den Rang, um die Wichtigkeit, Toinon's dar⸗ zuthun, hielt Herr von Villars es für nöthig, ſie durch 4 Dragoner von St. Sernin unter dem Commando unſeres alten Laroſe escortiren zu laſſen. Es wurde den Soldaten hei der ſtrengſten Strafe unterſagt, auf den erſten Angriff der Kamiſarden den gering⸗ ſten Widerſtand zu leiſten; ſie ſollten ſogleich mit verhaͤngtem Zuͤgel entfliehen und den Wagen ver⸗ laſſen. Zu dieſem Zwecke gab man ihnen ftiſche, kräftige Pferde. Ein entſchloſſener Menſch, der die Gegend voll⸗ kommen kannte, und der Herrn von Baville mehr⸗ mals als Spion gedient hatte, die Bewegungen der Kamiſarden zu erforſchen, erhielt den Auftrag, den Wagen ſo zu fuͤhren, daß er in die Haͤnde der Fa⸗ natiker fallen mußte. Die Vorpoſten von dem Haufen Cavalier's hielten die letzten Höhen vomden Bergen der Seranne beſetzt, welche die Ebenen von — 253— Anduͤze beherrſchen. Es war daher außer allem Zweifel, daß die zahlreichen Vedetten in dem flachen Lande ſchon aus der Ferne den ſo wohl escortirten Wagen bemerken und ihn wegnehmen wurden. Der Titel, den Toinon annehmen ſollte, mußte ſie auf jeden Fall als eine wichtige Geißel erſchei⸗ nen laſſen. Perr von Baville und Herr von Villars be⸗ trieben die Vorbereitungen mit der größten Heim⸗ lichkeit und Thätigkeit, und um 6 Uhr Abends war Alles beendet. Um den Verdacht der Spione Ca⸗ valier's nicht zu erwecken, die ſich oft in Montpel⸗ lier einſchlichen, und welche die Reiſende, die ihrem Oberhaupte in die Haͤnde fallen ſollte, aus dem Ho⸗ tel der Intendanz haͤtten kommen ſehen konnen, wurde der Wagen zerlegt nach einem Hauſe der Vorſtadt getragen, aus welchem Toinon abfahren ſollte. Ihre Escorte ſollte ſie in einiger Entfer⸗ nung von der Stadt finden, in einem Hohlwege, in welchem die Dragoner einzeln zuſammen zu kom⸗ men den Befehl erhielten. Nach einer letzten Unterredung mit Herrn von Baville und Herrn von Villars begab ſich Toinon gegen 8 Uhr Abends in elegantem Reiſekoſtume nach dem Hauſe der Vorſtadt, von wo ſie nach Anduͤze abfahren ſollte. Sie fand den Wagen bereit und den Poſtillon auf ſeinem Pferde; 5 Minuten darauf verließ ſie 1 —— Montpellier; 10 Minuten vor der Stadt traf ſie den Brigadier und ihre Escorte. Laroſe wußte nichts von der Unternehmung, als daß er das tiefſte Schweigen uͤber das Abenteuer beobachten und bei dem erſten Angriffe der Kami⸗ ſarden mit verhaͤngtem Zuͤgel entflichen ſollte; dem braven Soldaten fiel es daher ſehr ſchwer, die Sache zu begreifen. Die Nacht war ſchön und ruhig. Madame Baſtien, welche wegen der Folgen dieſer Reiſe ſehr beſorgt war, obgleich ſie aus Ehrfurcht vor den Befehlen des Herrn von Baville eingewilligt hatte, Toinon zu begleiten, beobächtete ein truͤbes Schwei⸗ gen, und Toinon war in ihre Gedanken zu ſehr vertieft, um es unterbrechen zu wollen. Ungefaäͤhr ſeit einer halben Stunde hatten die Reiſenden Montpellier verlaſſen, als anfangs fer⸗ nes und undeutliches, allmälig aber immer naäher kommendes Geſchrei ſich hören ließ; und bald un⸗ terſchied man die Worte: „Halt, halt, im Namen des Herrn Marſchall!“ Ungeachtet der Autorität dieſes Namens befahl Laroſe, welcher einen Ueberfall furchtete, dem Po⸗ ſtillon, ſeinen Weg mit zweien der Dragoner zu verfolgen; von den beiden andern Dragonern ge⸗ folgt, und mit aufgehobenem Säbel, ritt der Bri⸗ gadier den Rufenden entgegen; und ſchon unter⸗ ſchied man deutlich den Galopp von zwei Pferden und die Stimmen von zwei Menſchen. — 255— Laroſe erkannte zu ſeinem großen Staunen ei⸗ nen von den Pagen des Herrn von Villars, Gaſton von Mercoeur, und ſeinen Begleiter, Claude Tabou⸗ reau, der, auf einem Poſtpferde hängend, ganz au⸗ ßer Athem gekommen war. „Im Namen des Marſchalls, laßt den Wagen halten,“ gebot der Page; und auf Taboureau deu⸗ tend, fuͤgte er dann hinzu:„Der Herr hier wird die Damen begleiten.“ Beim falben Dämmerlichte der Nacht erkannte der Brigadier Taboureau, den er ſeit Alais nicht mehr geſehen hatte, und il⸗ indem er ſich der herrlichen Mahlzeit erinnerte, die er auf Koſten Clau⸗ de's gehalten:„Ei, das iſt ja der Paſtetenmann!“ „Ihr ſeid vielmehr der Paſtetenmann,“ antwor⸗ tete Taboureau,„denn wenn ich mich recht erinnere, ſo ſeid Ihr es, der ſie mit ſcharfen Zähnen ver⸗ zehrte,“ ſagte der Cicisbeo, welcher ſeine gute Laune wiedergefunden zu haben ſchien. Dann zu dem Pagen ſich wendend, ſagte Claude mit mehr Wuͤrde, als man ihm haͤtte zutrauen ſollen: „Herr von Mercoeur, wenn ich in meinem Scherze gegen Sie zu roh war, ſo haben Sie ſich dafuͤr hinläͤnglich gerächt. Aus falſcher Schaam vor Ihrem Spotte wäre ich aus Furcht, fuͤr auf⸗ richtig und tugendhaft zu gelten, beinahe ein Schelm geworden. Aus Furcht, in Paris zum Gelächter einiger kleinen Marquis zu werden, die ich Du nenne, wenn ich ihnen 100 Louisd'ors borge — 256— und ſie an meinem Abendeſſen Theil nehmen laſſe, haͤtte ich beinahe ein gutes, redliches Geſchoͤpf ver⸗ laſſen, das meine Achtung verdient; ja, mein Herr,“ ſagte Taboureau feſt, indem er das ſpottiſche Lä⸗ cheln des Pagen ſah,„meine Achtung und die Ih⸗ rige, und die—“ „Auf Wiederſehen, Don Galaor, edler irren⸗ der Ritter, wuͤrdiger Amadys,“ antwortete der Page mit ironiſcher Salbung, ohne das Ende von der Rede Taboureau's abzuwarten. Dann wendete er den Kopf ſeines Pferdes nach Montpellier zu, und erreichte bald die Stadt. „Nun, geh zum Teufel, von dem Du ſtammſt, denn Du biſt gewiß der boshafteſte und ſchamloſeſte Taugenichts, den ich je geſehen habe,“ rief Claude bei der plötzlichen Entfernung des Pagen; dann fugte er heiter hinzu, indem er ſeine gewaltigen Haͤnde gegen einanber rieb:„Jetzt will ich meiner Belohnung entgegeneilen; denn ich laſſe mich hän⸗ gen, wenn die arme Pſyche nicht bei meinem Wie⸗ derſehen vor Freuden ſpringt.“ Und ſeinem Gaule die Hacken einſetzend, hatte der Cicisbeo bald den Wagen erreicht, den Laroſe halten ließ. „Nun, Teufelin, Hexe, die Sie ſind,“ rief er, indem er ſich dem Wagen näherte,„gebe ich Ih⸗ nen nicht einen verzweifelten Beweis dafuͤr, daß ich Recht hatte, als ich Ihnen ſagte, ich wäre als Claude geboren und wuͤrde als Claude ſterben?“ Die Pſyche ſtieß einen gellenden Schrei aus ——————— — 2 warf ſich aus dem Wagen.„Sie ſind es, Sie, mein Freund? Mein Gott, was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Es iſt geſchehen, zum Henker, daß ich eben ankomme und ganz gerädert bin; um ſchneller vor⸗ wärts zu kommen, habe ich meinen Wagen zwei Poſtſtationen von Montpellier ſtehen laſſen und Courrierpferde beſtiegen, nichts als einen Mantelſack mit mir nehmend.“ Und der Cicisbeo ſtieg muͤhſam vom Pferde. „Deshalb, Tigerin,“ fuhr er fort,„muͤſſen Sie mir auch, wie ehedem, einen kleinen, d. h. einen gro⸗ ßen Platz machen; und Sie meine Liebe,“ ſetzte er zu der Dame Baſtien gewendet hinzu,„muͤſſen ſich ſo viel als moͤglich zuſammendraͤngen.“ Die Pſyche glaubte zu träͤumenz ſie begriff noch nicht, ſie wagte nicht zu begreifen⸗„Aber, mein Freund,“ ſagte ſie, als ſie ſah, daß Taboureau An⸗ ſtalt traf, in den Wagen zu ſteigen,„Sie wollen alſo mit uns reiſen?—“ Und Toinon's Herz ſchlug zum zerſpringen. „Nun, par Dieu, das will ich hoffen,“ ent⸗ gegnete er,„denn ich erkläre mich außer Stande, noch länger mit Ihrer Escorte neben dem Wagen herzutraben, Frau Gräfin und liebe Schweſter,“ rief der Cicisbeo, indem er ſo luſtig in den Wa⸗ gen ſprang, daß er Madame Baſtien beinahe er⸗ druͤckt hätte. „Sie begleiten mich?“ rief die Pſyche, welche Krieg in den Cevennen. I. 17 an ihr ungehofftes Gluͤck noch immer nicht glau⸗ ben konnte. „Ja, ja, und hundert Mal ja. Kann ich Sie denn allein mitten in dieſer teufliſchen Intrigue taſſen? Eine Stunde hinter Montpellier war ich ſtolz auf meinen Entſchluß; zwei Stunden war ich weniger damit zufrieden; mit vieren ſchämte ich mich daruͤber, mit ſechſen nahm ich Poſtpferde, um zu⸗ ruͤckzukehren. In Montpellier ſah ich den Mar⸗ ſchall. Er gab mir Ihren Weg an. Ich werde fuͤr Ihren Bruder gelten, und nichts iſt natuͤrlicher! Was die Welt betrifft, ſo mag ſie davon ſagen, was ſie will, ich ſpotte daruͤber. Sie ſind ein bra⸗ ves Mädchen; es iſt mir gefällig, zu thun, was ich thue, und das Uebrige ſcheert mich den Kuckuck. Man wird doch ſtets der gehorſame Diener mei⸗ ner 100,000 Thaler Rente ſein, und ich begehe nicht eine Schlechtigkeit, indem ich ſie verlaſſe.“ Es giebt Freuden, Entzuͤckungen, die ſich nicht beſchreiben laſſen. Toinon vermochte nur einige unzuſammenhaͤngende Worte auszuſprechen, indem ſie die Haͤnde Taboureau's kußte, die ſie mit ihren Thraͤnen benetzte. Der gute Cicisbeo, welcher das Decorum beob⸗ achten und vor der Dame Baſtien nicht zu geruͤhrt erſcheinen wollte, ließ ein oft wiederholtes„Hm, hm,“ ertoͤnen. Dennoch konnte er ſich nicht ent⸗ halten, in jenem Aufſchwellen der Seele, welches ein edles Gofuͤhl verurſacht, auszurufen:„Die, — welche von Laͤcherlichkeit ſchwaßen, moͤgen nach ſol⸗ cher Auftegung kommen!“ Nachdem er ſich etwas beruhigt hatte, ſagte er mit lautem Gelächter:„Jetzt aber, liebe Schweſter, laſſen Sie uns an unſere Angelegenheiten denken. Die Lage iſt neu. Hä, hä, wir laufen denen nach, die uns gefangen nehmen ſollen!“ Laroſe naͤherte ſich dem Wagen und fragte: „Und was ſoll ich mit dem Pferde machen?“ „Das Pferd, mein wuͤrdiger Genoſſe von der Paſtete? Laßt meinen Mantelſack herunternehmen und vorn auf dem Wagen befeſtigen; dann gebt dem Bucephalus die Freiheit; er wird ſeinen Weg nach Hauſe ſchon allein finden.“ Geſagt, gethan. Der Wagen machte ſich wie⸗ der auf den Weg, unter der Eskorte der Dragoner, um in die Gegend von dem Lager Cavalier's zu gelangen, welche die Reiſenden mit Anbruch des Tages zu erreichen dachten. 578 e1i ↄnenue⸗