„ — Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. deih und eſebedingungen.. 1. Oflensein der Bibliothek. Die S ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat; 1 Wr.— F 1 V 5 2— F. 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nicht weit von dem Flecken Saint⸗Andöol⸗ de⸗ Clerguemot, in den Niedercevennen, an der oſtli⸗ chen Grenze der Dioceſe von Mende*) in Langue⸗ doc breitet ſich eine ziemlich beträchtliche Ebene aus, welche gegen die eiſigen Winde des Nordens und die feuchten des Weſten durch die waldigen Gipfel des Aygoal, eines der hochſten Berge der Cevennenkette, geſchutzt iſt. Dieſes Thal, im Weſten durch den Gardon d Anduze beſpult, und der belebenden Glut des Su⸗ dens blosgeſtellt, war ſo fruchtbar, daß man es in der platten Landesſprache Hort-Piou“— den Garten Gottes, nannte. Die Proteſtanten, welche die große Mehrzahl der Bewohner dieſer Dioͤceſe bildeten, hatten aber dem„Hort-Piou“ ſeit lan *) Jetzt Departement der Lozére. Krieg in den Cevennen. 1 der, die ger Zeit den bibliſchen Namen„Klein⸗Canaan“ gegeben. Die Gewäſſer des Gardon d'Andüze waren raſch, klar, aber nicht ſehr breit und nicht ſehr tief; nach⸗ dem ſie in zahlreichen Windungen dieſe bezaubernde Ebene befeuchtet hatten, verſchwanden ſie unter den ſchattigen Gewoͤlben eines hundertjährigen Waldes. Durch die ſchnelle Stroͤmung untergraben, und durch das Gewicht ihrer Gipfel geſenkt, hatten ſich einige gewaltige Eichen umgelegt, und vor dem gänzlichen Sturze nur durch die Bäume auf dem andern Ufer bewahrt, ſchienen ſie eben ſo viele uͤber den Fluß geſchlagene gruͤne Braͤcken zu ſein. Weiden trieben ſo uͤppige Schoßlinge, daß ſie zuweilen in der Mitte des Fluſſes ein Geflecht bil⸗ deten, welches das Waſſer in ſeinem Laufe hemmte, ſo daß es nur durch eine Art von Waſſerfall die⸗ ſes Hinderniß uͤberwinden konnte. Pier und dort verbarg ein dichter Moosteppich den wurmſtichigen Stamm der Bäume, und miſchte ſeine ſammetartigen Farben mit denen der bunten Kieſel, uͤber welche die klaren Wogen des Gardon dahinglitten; tauſende von Voͤgeln belebten die Ein⸗ ſamkeit durch ihren Geſang; in der Ferne, in der Ebene des Hort-Diou, hoͤrte man nichts, als das melancholiſche Gelaute der Glocken, welche die Wid⸗ Fuͤhrer der Heerden, mit Stolz um den s trugen. einem ſchoͤnen Juniabend des Jahres 1702 ſaßen zwei Kinder von dreizehn und vierzehn Jah⸗ ren, an dem Ufer des Fluſſes, unter einer kleinen Laubgrotte, welche verſchlungene Zweige der Wei⸗ den, untermiſcht mit Epheu und bluͤhendem Weiß⸗ dorn, bildeten. Eine breite Durchſicht, am Saum des Waldes ausgehauen, ließ in der Ferne einen Theil von Klein⸗Candan erblicken. Im Thale zerſtreut weideten eine große Menge Schafe das gruͤne, uͤppige Kraut. Dieſe Weiden zogen ſich in ſanftem Abhange bis zu dem Gipfel eines Huͤgels, der durch die letz⸗ ten Erhebungen des Berges Aygoal gebildet wird. Ein finſterer Wald begrenzte den Horizont; aus ſeiner Mitte erhob ſich traurig und einſam der hohe Thurm des Schloſſes Mas⸗Arribas. Gabriel Cavalier, das aͤlteſte der beiden Kinder, deren wir erwaͤhnten, war ein kleiner Hirtenknabe von ungefähr vierzehn Jahren; ein lederner Guͤrtel hielt um den Leib ſeine Caſacke von weißer Lein⸗ wand zuſammen, die gewoͤhnliche Tracht der Ceve⸗ nolen. Neben ihm lagen ſein Querſack, ſein breit⸗ randiger Strohhut, ſein eiſenbeſchlagener Schäfer⸗ ſtab, einige Schnuͤre, Angeln, und ein Korb mit mehreren ſchoͤnen Forellen, die er in dem Gardon geangelt hatte. Seine Zuͤge trugen neben ſeltener Schoͤnheit einen ſanften uud traͤumeriſchen Ausdruck; ſeine langen Haare waren blond und gelockt, ſeine Au⸗ gen blau, ſeine Farbe durch die Gebirgsluft ge⸗ braͤunt. Ein kleines Mädchen von zwolf bis dreizehn Jahren, in einem Kleide von weißer Leinwand, ſaß neben Gabriel. Sie hatte einen Arm um den Hals des kleinen Hirten geſchlungen. Sie glich dieſem ſo ſehr, daß man in ihr ungeachtet ihrer feinern Zuͤge, ihrer weißern Haut, ihrer weichern Haare, leicht ſeine Schweſter erkannte. Cöleſte und Gabriel hatten ihr Haupt ſpielend mit Kränzen von Veilchen und wilden Narciſſen umwunden. Sie badeten die niedlichen unbekleide⸗ ten Fuͤße in dem friſchen, klaren Waſſer des Fluſ⸗ ſes, und in Silberkreiſen ſchloß ſich daſſelbe um ihre Beine von antiker Form und Reinheit. Nicht weit von dieſer lieblichen Gruppe putzte eine zahme Taube, weiß wie der Schnee, ihr noch feuchtes Gefieder zierlich mit dem roſigen Schnabel. Die beiden Kinder ſchienen nachdenkend und traurig zu ſein; ſie ſprachen nicht mit einander, ſondern ſchienen in eine tiefe Betrachtung der koͤſt⸗ lichen Landſchaft verſunken zu ſein, die ſich vor ih⸗ ren Augen entrollte. „Woran denkſt du, Schweſter?“ ſagte endlich Gabriel, indem er Coͤleſte zärtlich anblickte. „Ich denke an das Zuſammentreffen des jun⸗ gen Tobias mit dem Engel Raphael; wann wer⸗ den auch wir einen Engel finden, der uns —,—— —,—— das Geheimniß mittheilt, die Mutter unſerer Mut⸗ ter zu heilen?“ fuͤgte Cöleſte ſeufzend hinzu. „Und ich, Schweſter,“ ſagte Gabriel,„ich dachte an die Freude Joſephs, als er ſeinen Bruder Ben⸗ jamin wieder fand, den er ſo ſehr liebte, und den er fuͤr todt hielt.“ Durch dieſe Worte kann man auf den Geiſt und die Erziehung dieſer beiden kleinen Cevenolen ſchließen. Nach dem Gebrauche der Proteſtanten hoͤrten ſie jeden Abend im Kreiſe ihrer Familie die Bibel vorleſen. Sie brachten lange Stunden in der Ein⸗ ſamkeit dieſes wahren gelobten Landes zu. Erzo⸗ gen inmitten eines Gebirgslandes, in welchem erha⸗ bene Schauſpiele der Natur ſo haͤufig ſind, brach⸗ ten ſie das einfache und reine Leben der erſten Men⸗ ſchen zur Anwendung, und fanden eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen den ernſten, impoſanten Zuͤgen ihrer Eltern, und denen, welche die heiligen Bucher den Patriarchen beilegten. Mit einem Worte, dieſe Kinder, deren Einbildungskraft von den wunderba⸗ ren Ueberlieferungen und der Hirtenpoeſie der heili⸗ gen Schrift erfullt war, glaubten nicht, daß die Zeiten ſich geaͤndert hätten; täglich glaubten ſie aus den purpurumſäumten Wolken irgend einen ſchoͤnen Erzengel hervortreten zu ſehen, mit azurnen Fluͤ⸗ geln an den Schultern und dem Heiligenſchein um das Haupt. Sanft, ſchwach und ſchuchtern, liebte Gabriel die Spiele ſeiner Altersgenoſſen nicht, die ſtärker waren, als er. Den Leibesubungen des Wettlaufes oder des Ringkampfes, zog er einen Spaziergang oder Traumereien im Schatten des Gehoͤlzes vor, ſtille Zerſtreuungen, die er ſtets mit ſeiner Schwe⸗ ſter theilte.. Die Sonne begann langſam hinter dem ſchwar— zen Walde der Fichten und Kaſtanien herabzuſin⸗ ken, welche den Berg kronten, als die beiden Kinder in der Ferne das Gebell mehrerer Hunde hoͤrten. „Das ſind die Hunde des Waldhuͤters von Ay⸗ goal!“ ſagte Coleſte erſchrocken, indem ſie ſich an ihren Bruder ſchmiegte. Ploͤtzlich erblaßten die Kinder. Ein ungeheurer Wolf erſchien auf dem Gipfel des Huͤgels, an welchem die Heerde weidete; er hinkte gewaltig, und ſchien ſchwer verwundet zu ſein. Von Schrecken ergriffen nahmen die Schafe ſo⸗ gleich die Flucht nach dem Fluſſe zu, und zwei große, grauhaarige Hunde, ihre Wächter, ſträubten ihr Fell, ſenkten den Schwanz, theilten den Schrecken der Heerde, und folgten ihr, ſtatt ſie zu vertheidigen. Coleſte und Gabriel umſchlangen ſich, und preß⸗ ten ſich voll Entſetzen feſt aneinander. Mit ſtar⸗ rem Blick, die Lippen halb geoͤffnet, ſaßen ſie re⸗ gungslos da. In dieſem Augenblicke kam das Gebell näher; zwei gewaltige Hunde folgten der Fäͤhrte des wil⸗ den Thieres, welchem die Rippen durch einen Schuß zerſchmettert waren, das eine blutige Spur hinter ſich zuruckließ, und hinkend den Saum des Huͤgels entlang lief. Der Wolf machte eine letzte Anſtrengung, um zu entrinnen, doch nachdem er eine Strecke ziem⸗ lich ſchnell gelaufen war, ſturzte er erſchoͤpft nieder. Aber er raffte ſich wieder auf, und indem er ſich auf die kraͤftigen Hinterbeine ſtutzte, wartete er mit weitaufgeriſſenem Rachen, mit gluͤhenden Augen, mit zuruͤckgezogenen Lefzen, ſeine furchtbaren Zaͤhne zei⸗ gend, der muthigen Hunde, und ſtieß dabei wildes, drohendes Geheul aus. Obgleich die beiden Kinder von dem Orte des Kampfes ziemlich weit entfernt waren, fuͤrchteten ſie ſich doch ſehr, und ihre Heerde drängte ſich bloͤckend dicht an das Ufer des Gardon; die beiden Hunde der kleinen Hirten aber hatte inſtinctmaͤßige Furcht ihrer Gattung bei der Annäherung eines Wolfes erfaßtz ſie waren durch den Fluß geſchwommen, und fluͤchteten ſich zitternd zu den Fuͤßen Coͤleſtes und Gabriels. Die beiden Hunde des Waldhuͤters dagegen, die kahn und auf den Angriff abgerichtet waren, woll⸗ ten ſich unerſchrocken auf den Wolf ſtuͤrzen, als eine kraͤftige Stimme, begleitet von lautem Peit⸗ ſchengeknall, ſchrie:„Zuruͤck, Hunde! zuruͤck! Hier, Raab! Hier Balak!“*) *) Im Hebräiſchen bedeutet Raab was ſtark iſt, und Balak was zerſtört. In demſelben Augenblicke erſchien ein Reiter auf dem Saume des Huͤgels. Es war der Religionar*) Ephraim, Wald⸗ huͤter von Aygoal. Er ritt, ohne Sattel, eines jener kleinen Pferde der Camargue, die gewöhnlich voll Feuer und Kraft waren. Dieſes war ganz ſchwarz; ſein langer, flat⸗ ternder Schweif, ſeine dicke, uͤber die Augen herab⸗ fallende Maͤhne, gaben ihm ein wildes Anſehen. Ephraim lenkte das Pferd mit einem groben Zaume von Stricken; ein dickes Stuͤck von einer Eſchenwurzel diente als Gebiß. Die Tracht des Waldhuͤters war nicht minder wild als das Zaumzeug ſeines Pferdes. Ephraim trug eine Art Caſacke aus einem un⸗ gegerbten Wolfsfelle, an dem man noch die Blut⸗ ſpuren von den Adern des Thieres ſah. Ein le⸗ derner Riemen hielt ſein langes Gewehr auf der Schulter; ein Ochſenhorn mit Pulver gefullt, ein Beutel von Ziegenleder mit Schrot und Kugeln, und ein Jagdmeſſer mit holzernem Griffe hingen ihm an der Seite herab; ein Paar Hoſen endlich von grober weißer Leinwand ließen, faſt nackt, ſeine kraͤf⸗ tigen braunen Beine gewahren. Ephraims harte, entſchloſſene Zuͤge verſchwan⸗ den beinahe unter ſeinem dichten, ſchwarzen, ſtrup⸗ pigen Barte. Dieſer Bart ging ihm bis beinahe *) Man nannte die Proteſtanten: Religionare, Cal⸗ viniſten, Fanatiker, Hugenotten. zu den Augen herauf, und gab ihm ein ſo wildes Ausſehen, daß man ihm den Beinamen: der Bär von Aygoal, gegeben hatte. Sein Geſicht war olivenfarbig. Ein breiter Streifen einer Wolfshaut ſchlang ſich zwei Mal um ſeine Stirn, und hielt das dichte krauſe ſchwarze Haar gegen den Kopf⸗ Seine ſchwarzen Augen, die tief in ihren Hoͤhlen lagen, funkelten in finſtrem Glanze. Er war von Mittelgröße, ſtand in der Kraft ſeines Alters, und der gedrungene Bau ſeiner Glieder verrieth eine her⸗ kuliſche Kraft, eben ſo wie ſeine breiten, leicht ge⸗ woͤlbten Schultern. Ephraim floͤßte in ſeiner Gegend eine furchtſame Verehrung ein; man kannte ſeinen Muth, ſeine ſtrengen Sitten, ſeine Froͤmmigkeit. Er bewohnte eine mitten im Walde gelegene Huͤtte und lebte in der tiefſten Einſamkeit; ſeine kurze, kuͤhne, poetiſche, beinahe immer mit finſtern, der Bibel entlehnten Bildern, ausgeſchmuͤckte Rede uͤbte eine gewiſſe wilde Autorität uͤber die Hirten und Holzhauer des Ge⸗ birges; ſie betrachteten ihn wie einen Heiligen, und näherten ſich ihm nie ohne ein ehrfurchtsvolles Schrecken. Auf Ephraims gebietende Stimme blieben die Hunde einige Schritte vor dem Wolfe ſtehen, den ſie wuͤthend anbellten. Ephraim erreichte ſie, ſprang vom Pferde, wel⸗ ches, weit entfernt davonzulaufen, ſeinem Herrn mit verſtäͤndiger Miene folgte. — Der Waldhuͤter nahm ſein Gewehr, ſpannte den Hahn und näherte ſich entſchloſſen dem Wolfe, der noch mit einem letzten aber gewaltigen Satze auf ihn einſpringen wollte. Aber Ephraim ſtieß mit feſter Hand die Muͤndung ſeines Rohres in den offnen Rachen des wuͤthenden Thieres; dieſes biß ingrimmig in das Eiſen, der Schuß fiel, der Wolf ſtuͤrzte. „So enden die reißenden Woͤlfe!“ rief Ephraim in roher Exaltation, und nachdem er dieſe Worte der Schrift ausgeſprochen hatte, ſchwang er ſein Gewehr mit drohendem Weſen. Die Sonne war jetzt hinter dem Walde von Aygoal ganz verſchwunden. Cöleſte und Gabriel, durch den Tod des Wolfes ganz beruhigt, ſammelten eilig ihre Heerden, um ſie nach St. Andéol zuruͤckzutreiben. Die zahme Taube ſetzte ſich auf Cöleſtens Schulter, und Bru⸗ der und Schweſter erreichten den Pachthof ihres Vaters. Noch ein letztes Mal warfen ſie einen ängſtli⸗ chen Blick auf den, ſchon in Zwielicht gehullten Hoͤgel. Ephraim, deſſen Pferd und deſſen Hunde, die auf dem Gipfel des Huͤgels ſtanden, ſtachen ſchwarz gegen das unſichere Licht der Abendröthe ab. Aus der Ferne und von unten geſehen ſchienen dieſe Geſtalten den Kindern von entſetzlicher Große zu ſein. Hände und Kleider des Waldhuters von Aygoal waren mit Blut gefärbt: Er hatte den Wolf ge⸗ oͤffnet. Ungeachtet des gewohnlichen Widerwillens der Hunde gegen das Fleiſch dieſes Thieres, waren die ſeinigen ſo wild und ſo gefräßig, daß ſie mit Gier daruber herfielen. Merkwuͤrdig! Sein Pferd Lepidoth*), das er in wilder Laune daran gewoͤhnt hatte, rohes Fleiſch zu freſſen, leckte, die Nuͤſtern weit aufgeriſſen, mit Gier das Blut vom Graſe auf, und ſtieß dabei un⸗ baͤndiges Gewieher aus. Als der Waldhuͤter mit dem Auftreißen fertig war, rief er Raab und Balak; ſie verließen auf ſeine Stimme den Koͤrper des halb verſchlungenen Wolfes. Gefolgt von den beiden Hunden, deren weißes Fell unter dem Blute, mit dem ſie bedeckt waren, beinahe ganz verſchwand, und auf den Widerriſt Le⸗ pidoth's geſtuͤtzt, ſtieg Ephraim nachdenkend den Hu⸗ gel herab, und kehrte zuruͤck zu ſeiner einſamen Huͤtte. In dem Augenblicke, als Cöleſte und Gabriel die Ebene verlaſſen wollten, wurden ſie von einem neuen Schrecken heimgeſucht. Der hoͤchſte Thurm des Schloſſes Mas⸗Arribas, der am Horizonte em⸗ porragte, weiß wie ein Geſpenſt, verbreitete ploͤtzlich durch eines ſeiner Fenſter zuckende, dunkelrothe Licht⸗ ſtrahlen. *) Lepidoth bedeutet auf Hebräiſch; Blitz. —— „Siehſt du,— ſiehſt du, Schweſter? rief Gabriel zitternd.„Der Thurm des Edelmann⸗Glaſers flammt!— Man ſagt, das ſei ſtets ein Zeichen des Ungluͤcks.“ „Laß uns, ſchnell nach Haus eilen, Bruder“ 1 ſagte Cöleſte. 3 Und die beiden Kinder beſchleunigten ihre Schritte, 1 um St. Andéol noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. II. Der Pachthof von St. Andéol. St⸗Andéol, welches an einer Anhöhe in rei⸗ zender Gegend lag, beherrſchte Klein⸗Cangan. Cö⸗ leſte und Gabriel trieben bald ihre Heerden auf den Pachthof ihres Vaters. Dieſer Paͤchter, Hieronimus Cavalier, einer der geehrteſten Bewohner von St. Andéol, war ein Mann von ernſten, einfachen Sitten, von ſtrengem Character. Gleich allen Proteſtanten herrſchte er mit patriarchaliſcher Gewalt uͤber ſeine zahlreiche amilie. Während der Buͤrgerkriege des vergangenen Jahr⸗ hunderts hatten ſein Vater und ſein Großvater ge⸗ kämpft, um die Rechte der reformirten Religion zu vertheidigen. Ohne die Handlungen ſeiner Vor⸗ eltern zu tadeln, wuͤrde Hieronimus Cavalier ihnen doch nicht nachgeahmt haben. Er glaubte nicht, daß es erlaubt ſei, die Waffen gegen die Koͤnige zu ergreifen, ſelbſt nicht zur Vertheidigung des Glau⸗ bens; er folgte darin gewiſſenhaft der Doctrine der fuͤnf proteſtantiſchen Secten*), welche vor allen Dingen gänzliche Unterwerfung unter den Herrſcher gebot, und den wegen ihrer Religion verfolgten Chriſten nichts ge⸗ währte, als Ausdauer im Leiden und das Maͤrtyrerthum. Hieronimus Cavalier ermahnte daher die Sei⸗ nigen, ſich jedes gewaltſamen Widerſtandes zu ent⸗ halten, aber er ermahnte ſie auch, mit Ruhe und Ergebung eher die grauſamſten Qualen zu erdulden, als auf die Ausuͤbung ihres Cultus zu verzichten. Nach dem Widerrufe des Edictes von Nantes befahl Ludwig XIV. die Kirchen der Proteſtanten zu ſchließen oder zu zerſtoͤren, und decretirte die Strafe der Galeeren oder des Todes gegen jeden Proteſtanten der bei einer Verſammlung oder bei Anhoͤrung einer Predigt betroffen wurde. Ungeach⸗ tet der fuͤrchterlichen Strenge dieſer Edicte wohnte Hieronimus Cavalier gleichwohl jeder Verſammlung bei, welche die vertriebenen Geiſtlichen damals in dem Walde oder in dem Gebirge hielten. Er beſtritt dem Koͤnige weder die Macht noch das Recht, die waffenloſen Proteſtanten niedermetzeln zu laſſen, die fromm herbeikamen, das Wort ihrer *) Calvin, Zwingli, Oecolampadius, Busner und Bullinger. Geiſtlichen zu vernehmen; aber er glaubte auch, daß es den Proteſtanten ftrei ſtehen muͤſſe, ſich ohne Widerſtand niedermetzeln zu laſſen, und durch das Märtyrerthum die ewige Seligkeit der Gläubigen zu erkaufen. Hieronimus Cavalier mißbilligte das Benehmen der großen Menge von Religionaren, welche, den Edicten zum Trotz, ihr Vaterland verließen, um in fremden Laͤndern ihre Religion frei ausuͤben zu können. Er betrachtete die fteiwillige Auswande⸗ rung als eine Schwaͤche, als eine ſtillſchweigende Billigung der willkuͤhrlichen Geſetze, welche die Ge⸗ wiſſensfreiheit antaſteten.—„Als redlicher Menſch und treuer Unterthan in mei⸗ nem Vaterlande leben,“ ſagte er,„das iſt mein Recht, und nur mit dem Tode werde ich auf dieſes Recht verzichten.“ In dem Flecken ſehr geachtet und ſehr beliebt, hatte er ſtets ſeinen ganzen Einfluß aufgeboten, um die Gemuͤther zu beruhigen, welche die neuen Ver⸗ folgungen von Tag zu Tage mehr aufregten. Als die beiden Kinder Cöleſte und Gabriel die Peerden eintrieben, ſaß Hieronimus Cavalier auf einer Steinbank unter einem gewaltigen Kaſtanienbaum, welcher die Thuͤr ſeines Pachthofes beſchattete. Das ſcharf ausgeprägte Geſicht dieſes Greiſes, gebraͤunt durch die Feldarbeiten, hatte einen zugleich ſanften, feſten und ernſten Ausdruck. Er war ungefaͤhr funfzig Jahre alt. Seine langen grauen Haare fie⸗ len auf die Schultern herab. Er trug eine Weſte und ein Wamms von braunem Cadis*), aus der Wolle ſeiner Schafe gemacht, und große Kamaſchen von weißer Leinwand. Neben ihm ſaß ſeine Frau, gekleidet in ein Gewand von ſchwarzer Serge. Auf den Knien hielt ſie einen großen ledernen Beutel voll Geld, aus welchem Hieronimus Cava⸗ lier von Zeit zu Zeit ſchöpfte, denn dieſer Tag war ein Sonnabend, und nach dem Landesgebrauche zahlte der Pächter jedem Arbeiter ſeinen Wochen⸗ lohn. Alle ſeine Leute gehoͤrten zu der reformirten Re⸗ ligion. Sei es nun, daß die Anweſenheit ihres ſ Herrn ihnen imponirte, ſei es, daß ihre Gewohn⸗ heiten dies mit ſich brachten, genug, alle ſahen nach⸗ denkend und beinahe traurig aus. Gewandt und kräͤftig wie alle Bergbewohner, verriethen ihre Blicke eine kalte, aber energiſche Ent⸗ ſchloſſenheit. In weite Kaſacken von grober wei⸗ ßer Leinwand gekleidet, die Fuͤße nackt oder mit Sandalen verſehen, welche mit Schnuͤten an den Fuͤßen befeſtigt waren, den Kopf ehrfurchtsvoll ent⸗ bloßt, hielten ſie ihre Filzhoͤte in der Hand, und gingen einzeln an dem Pächter voruͤber, um das Geld, das er vertheilte, in Empfang zu nehmen; dabei richtete —— *) Cadis eine Art Tuch, das in Languedoc fabricirt wurde, —— er über die Arbeiten, welche die Zeit in Anſpruch nahm, entweder Fragen oder Rathſchläge an ſie. Eine hochbejahrte Frau, deren ehrwuͤrdiges Ge⸗ ſicht der Schmerz zu entſtellen ſchien, ſaß auf einem Armſtuhle vor dem Pachthofe; ſie betrachtete mit einer Art ſanſter Melancholie die letzten Strahlen des ſo friedlich ſcheidenden Tages. Als die Bezahlung der Arbeiter beendet war, naͤherte ſich die Frau des Hieronimus Cavalier die⸗ ſer bejahrten Frau und ftagte mit herzlicher Theil⸗ nahme:„Wie befindet Ihr Euch, Mutter?“ „Noch immer ſehr ſchwach, meine Tochter, aber der ſchone Tag belebt mich etwas.“ Dann fugte ſie hinzu:„Wo ſind denn meine Enkel? Sie feh⸗ len mir hier an meiner Seite.“ Von ihrer Mutter herbeigerufen, ſetzten Cöleſte und Gabriel ſich zu den Fuͤßen der Großmutter nieder, welche voll Liebe ihre zitternden Hände über die hubſchen blonden Köpfe gleiten ließ.“ Hieronimus Cavalier, der neben ſeiner Frau ſtand, welche ſich auf ſeinen Arm ſtutzte, laͤchelte dem lieblichen Bilde freundlich zu. Eine Magd, gleich ihrer Herrin ganz ſchwarz gekleidet, meldete, daß das Eſſen aufgetragen ſei. In jener Zeit beobachteten die Proteſtanten ge⸗ wiſſenhaft das gemeinſame Mahl. Der Greis, von Gabriel unterſtutzt, trug den Armſtuhl der Großmutter vorſichtig in das Haus, und die Arbeiter folgten ihrem Herrn. Krieg in den Cevennen. 2 Die Kuͤche des Pachthofes diente der ßwn zum Speiſeſaale. Das Abendeſſen, welches in hoͤlzernen Schuͤſſeln auf einem groben Tiſchtuche von ſehr weißer Lein⸗ wand aufgetragen war, beſtand aus gebratenem Ham⸗ mel⸗ und Ziegenfleiſch, aus Gemuͤſen in Waſſer gekocht, aus Forellen im Gardon gefangen, aus Schafkäſen und einem Korbe wilder Maulbeeren. Die Kornfruͤchte waren damals in dem Lande ſo ſelten, daß der Pächter und ſeine Familie allein ein ziemlich grobes Haferbrod aßen, waͤhrend die Ackersleute und die Dienſtboten unter ihr Fleiſch und Gemuͤſe gekochtes Kaſtanienmark miſchten. Die Herrſchaft wie die Knechte tranken Brun⸗ nenwaſſer, welches in großen irdenen Kruͤgen abge⸗ kuͤhlt war, denn der Wein wurde als Ueberfluß be⸗ trachtet und zur Feier einiger Familienfeſte aufbe⸗ wahrt, ſo wie um die Gaſtfreundſchaft zu ehren. Oben an dem Tiſche bezeichnete ein Armſtuhl von Eichenholz den Platz des Pächters. Als er hin⸗ ter ſeinem Sitze ſtand, trat Jeder zu dem ſeinigen, und eben wollte Hieronimus Cavalier des Bene- dicite beginnen, als er bemerkte, daß der erſte Platz zu ſeiner Rechten leer ſei. „Wo iſt mein Erſtgeborner?“ fragte er ſeine Frau. Dieſe gab einer Magd ein Zeichen; ſie und kehrte bald darauf mit der Antwort zuruͤck: „Da iſt Herr Johann.“ —— Kaum war der Letztere eingetreten und hatte an der rechten Seite des Paͤchters Platz genommen, als dieſer das Benedicite begann, nachdem er je⸗ doch zuvor geſagt hatte: „Mein Sohn darf ſich nicht ſo erwarten laſſen.“ Die Mahlzeit begann unter tiefem Schweigen. Johann Cavalier, der aͤlteſte Sohn des Päch⸗ ters, zählte zwanzig Jahre. Er ſah ſeinem Bruder Gabriel und ſeiner Schweſter Coleſte ſehr ähnlich: gleich ihnen war er blond und hatte blaue Augen; auf ſeinen Wangen von vollkommnem Oval ſah man den Bart ſproſſen; ſein regelmaͤßiges Geſicht war lebhaft, ausdrucksvoll, kuhn; ſein Wuchs war zwar nur von mittlerer Groͤße, aber es fehlte ihm weder an Kraft noch an Anmuth. Obgleich er wie ſein Vater in braunen Cadis gekleidet war, bemerkte man an ſeinem Anzuge eine Art von Geſuchtheit. Zwei ciſelirte ſilberne Knöpfe und ein ſchoͤnes gruͤnes Band hielten den Kragen ſeines Hemdes von feiner Leinwand; große Ka⸗ maſchen von gelbem Leder zeigten die Umriſſe eines kraͤftigen, ſchoͤngeformten Beines; ſein großer grauer Filzhut endlich, den er beim Eintreten auf eine Bank geworfen hatte, war mit einem breiten Bande umſchlungen, dem aͤhnlich, welches ſeinen Hemdkra⸗ gen hielt, und mit einer großen ſilbernen Schnalle geſchmuͤckt. Dieſe kleinen Abweichungen von der gewöhnli⸗ chen Strenge in der Kleidung der Proteſtanten ſchie⸗ 2* —— nen nicht den Beifall des Paͤchters zu finden, der daruͤber die Augenbrauen mit einem drohenden Aus⸗ drucke zuſammenzog. Es herrſchte in den Familien der Religionare eine ſolche Unterwuͤrfigkeit, ein ſolcher haͤuslicher Ge⸗ horſam, daß die Mahlzeit, ohnehin ſchon ſchweigſam, von dumpfem Truͤbſinn wurde, als Jeder die uͤble Laune des Greiſes bemerkte. Von heiterem, offenem Charakter, wollte Johann Cavalier allein— ſei es nun, daß der Ausdruck in dem Geſichte ſeines Vaters ihm nicht aufgefallen war, ſei es, daß er darauf kein großes Gewicht legte— die Mahlzeit aufzuheitern ſuchen, ungeach⸗ tet der flehenden Blicke ſeine Mutter, welche ihn nur mit Schmerz dieſen Verſuch wagen ſah. „Haſt Du heut einen guten Fiſchfang gehabt, mein kleiner Gabriel?“ fragte er ſeinen juͤngern Bruder.. „Ja, Bruder; ich habe fuͤnf Forellen in dem Gardon gefangen; aber wir haben uns ſehr gefurch⸗ tet, ich und Cöleſte, denn wir ſahen den Thurm des Glasmachers blutroth flammen, und man ſagt, das ſoll immer ein Ungluͤck zu bedeuten haben.“ „Ganz gewiß gilt der alte du Serre, ſo ſehr er auch ein Edelmann⸗Glasmacher iſt, fur einen Zauberer“, ſagte Cavalier heiter,„obgleich er der beſte Menſch von der Welt iſt, nicht wahr, mein Vater?“ „Ich halte Herrn du Serre fuͤr einen guten WProteſtanten und einen Ehrenmann, das weißt Du“, war die ganze Antwort des Pächters. „Und was haſt Du denn weiter noch Schreck⸗ liches geſehen, mein kleiner Gabriel?“ fuhr Cava⸗ lier fort. „Wir ſahen den Waldhuͤter von Aygoal einen Wolf erlegen.“ „Ja, die Hand Ephraims iſt eben ſo ſicher als ſein Blick“, ſagte Johann Cavalier;„ich ſah ihn auf funfzig Schritt mit ſeiner langen Flinte einen Nußzweig herunterſchießen, der kaum ſo dick war, wie mein Daumen.— Es iſt Schade, daß er, ſtatt das Ausſehen eines muntern Waidmannes zu haben, eben ſo wild ausſieht wie das Thier, von dem er den Beinamen trägt“, fuͤgte er lachend hinzu. Dieſer Scherz ſchien dem Pächter unpaſſend, und er ſagte zu ſeinem Sohne, indem er ihn ſtreng anblickte, als wollte er ihm ſeinen geſuchten Anzug zum Vorwurf machen: „Wenn ſich Ephraim mit der Haut der wilden Thiere bekleidet, die er toͤdtet, ſo koͤmmt dies daher, weil er die thoͤrichte Eitelkeit der Welt verachtet; wenn er im Schooß der Waͤlder wohnt, ſo iſt die Einſamkeit dem Gebete und dem Nachdenken guͤn⸗ ſtig.“ „Ohne Zweifel, mein Vater“, erwiderte Cava⸗ valier heiter,„iſt Ephraim ein Heiliger, aber ſieht er nicht, offen geſtanden, ganz wie ein Teufel aus? Ich halte mich fuͤr einen eben ſo guten Proteſtan⸗ ten, als er iſt; meine Buͤchſe trifft eben ſo ſicher und traͤgt eben ſo weit, als ſeine lange Flinte, aber, beim Himmel—“ „Genug, mein Sohn“, ſagte der Greis. „Aber—“ „Genug“, wiederholte der Pächter, indem er mit der Hand eine ſo gebieteriſche Bewegung machte, daß der junge Mann errothend verſtummte. Alle Tiſchgenoſſen hatten den Blick geſenkt, ſo unehrerbietig ſchienen ihnen die Antworten Johann Cavaliers. Nach einigen Minuten des Stillſchweigens nahm der Greis zu ſeinem Sohne gewendet das Wort: „Haſt Du heute die Aufſicht uͤber die Heuernte im Thale St. Eulalie gefuͤhrt? Wie viel Fuder ſind geladen worden?“ „Ich weiß nicht, mein Vater“, erwiderte Ca⸗ valier etwas verlegen;„ich bin nicht dort geweſen.“ „Und weshalb das?“ fragte ſtreng der Greis. „Es iſt morgen das Feſt der Buchſenbruͤder⸗ ſchaft, und da ich ihr Hauptmann bin, mufßte ich nach Saol gehen, um die Scheiben aufſtellen zu laſſen.“ WMit noch drohenderem Tone fuhr der Paͤchter fort: „Haſt Du geſtern bei der Ruͤckkehr von dem Felde den Viehſtund in der Meierei von Vives⸗ Eaux gezählt?“ — 2— „Nein, mein Vater,“ erwiderte Cavalier, in⸗ nerlich dadurch verletzt, dieſes öffentliche Eramen er⸗ dulden zu muͤſſen;„die jungen Leute von Pont⸗de Montvert, die ich Abends in der Handhabung der Waffen unterrichte, haben mich zum Abendeſſen zu⸗ ruͤckgehalten, ſo daß ich nicht bis zur Ruͤckkehr der Heerden in Vives⸗Eaux ſein konnte.“ Dieſer neue Ungehorſam erfullte den Greis mit Unwillen, ſo daß er ausrief: „Und hatte ich Dir nicht verboten, Dich noch ferner dieſen mörderiſchen Uebungen zu uͤberlaſſen, die eben ſo gefährlich als nutlos ſind, und nur fuͤr Muͤſſiggänger und Vagabonden taugen? Friedliche, rechtſchaffene Landbebauer haben es nicht noͤthig, den Gebrauch der Waffen zu kennen. Verbieten nicht die Edicte des Konigs unſers Herrn ſolche Zuſam⸗ menkuͤnfte? Iſt es nicht auffallend, daß mein Sohn meines Verbotes ungeachtet die Geſetze zu verleten wagt?“ Gereizt durch durch die Vorwuͤrfe ſeines Vaters rief Cavalier heftig aus: „Und was kömmt auf die Geſetze an, wenn ſie ungerecht ſind? Hat nicht mein Großvater, mein Urgroßvater den Geſetzen widerſtanden? Haben ſie nicht glorreich das Schwert gegen die Philiſter ge⸗ zogen und gerufen: Iſtael aus den Zelten?“ rief Cavalier, indem er einen ausdrucksvollen Blick auf die Arbeiter richtete, die er durch die Erinnerung dieſes bibliſchen Citates, auf die fruͤheren religiöſen Inſurrectionskriege angewendet, zu erregen hoffte. Aber Alle ſaßen mit finſtern Geſichtern da. Die Großmutter faltete vor Schrecken die Hande, als ſie ihren Enkel ſo verwegen ſprechen hörte, und Frau Cavalier richtete zitternd die Blicke wechſelsweiſe auf ihren Mann und auf ihren Sohn. Allein ruhig in der Mitte dieſes Familienauf⸗ trittes antwortete der Pächter dem Johann Cavalier ſehr ernſt: „Mein Sohn darf keine andere Herrſchaft an⸗ rufen, als die, welche Gott mir uͤber ihn verliehen hat. Ich gebiete, und er gehorcht. Ich habe mit ihm zu ſprechen; er erwarte mich auf meinem Zim⸗ mer“, fuͤgte er mit ſehr herriſchem Tone hinzu. Ungeachtet ſeiner Zuverſicht, ungeachtet ſeines gluͤhenden Charakters, verließ Johann Cavalier ſtumm den Tiſch, und gehorchte, ohne es nur zu wagen, dem ſtrengen Blicke ſeines Vaters zu begegnen; ſo viel Herrſchaft uͤbte die Gewohnheit unbedingter Un⸗ terwuͤrſigkeit aus ſeiner Kindheit noch jetzt auf ihn. Als die Mahlzeit unter dem truͤbſten Schwei⸗ gen beendet war und der Pächter das Gratias ge⸗ ſprochen hatte, ging er zu ſeinem Sohne. II Johann Savalier. Ehe wir in dieſer Erzählung fortfahren, muͤſſen wir einige Worte uͤber das fruͤhere Leben Johann Cavaliers ſagen, der eine der Hauptperſonen unſe⸗ rer Geſchichte iſt. Er war 1680 in Riboute geboren, einem Dorfe der Dioͤceſe von Alais, wo ſein Vater damals ei⸗ nen Pachthof beſaß, den er ſpäter aufgab, um die Meierei von St. Andéol bei Mende zu beziehen. Johann Cavalter hatte eben ſo wie ſein Bruder Gabriel anfangs die Heerden gehuͤtet; bald aber wurde der 17 jaͤhrige Juͤngling durch einen ſeiner Oheime, einen Bäcker, der reich und kinderlos war, nach Anduͤze berufen. Das Leben auf dem Felde ſagte ihm nicht ſehr zu. Seine Einbildungskraft war lebendig, beweg⸗ lich, gluͤhend; ſein Charakter heiter, kuͤhn und ent⸗ ſchloſſen, und vielleicht mehr ehrgeizig als wirklich ſtolz. — 26 Obgleich im Schooße der frommen und ſtren⸗ gen Familie erzogen, die wir zu ſchildern ſuchten, beſaß Johann Cavalier doch weder den träumeri⸗ ſchen Glauben Cöleſtens und Gabriels, noch den ſtrengen Puritanismus ſeines Vaters. Ziemlich puͤnktlich in Erfuͤllung ſeiner Religionspflichten, ver⸗ fehlte er dennoch keine Gelegenheit, ſich zu ergötzen. So verfloſſen zwei Jahre. Mit 19 Jahren war Johann Cavalier, der ſchoͤn, muthig, luſtig, wohlgewachſen war, und ſich gut auszudruͤcken ver⸗ ſtand, der Held aller Handwerker von Anduͤze. Gewiſſe Leute beſitzen von Natur die Fähigkeit, zu herrſchen; bei Cavalier zeigte ſie ſich bereits; er allein leitete alle Spiele und Uebungen ſeiner Zunft. Ueberall beſiegte er ſeine Gefährten im Ringen, Schießen, Laufen. Ein alter proteſtantiſcher Haupt⸗ mann, welcher alle Religionskriege des großen Her⸗ zogs von Rohan, wie die Hugenotten ihn nannten, mitgemacht hatte, gab ihm ſogar einigen Fecht⸗ unterricht. Ein ſcheinbar unbedeutendes Ereigniß änderte die Laufbahn Cavaliers. Es war im Jahre 1699; die Edicte gegen die Reformirten, welche bei ihrer Religion beharrten, wurden von entſetzlicher Strenge. Ludwig XIV. gab Befehl, Garniſonen in die Städte und Dörfer zu legen, in welchem der Fa⸗ natismus, wie man die proteſtantiſche Religion nannte, am eingewurzelſten ſei. Der Flecken An⸗ Se 3 — duze war mit darunter begriffen und eine Com⸗ pagnie Dragoner vom Regimente Saint⸗Serimin, commandirt von dem jungen Marquis von Florac, nahm dort ihr Quartier. Am Johannistage, einem der Feſte, welche in Languedoc am meiſten gefeiert werden, legte Cava⸗ lier ſeinen Handwerksanzug ab, kleidete ſich in ſein ſchoͤnſtes Wamms, und ging zu dem alten Puge⸗ nottenhauptmann, der ihm Fechtunterricht gegeben hatte. Dieſer gute Mann, welcher Dominique Pompidou hieß, hatte eine Tochter von ſo ausge⸗ zeichneter Schoͤnheit, daß ſie allgemein unter dem Nanſen der ſchoͤnen Iſabelle bekannt war. Cava⸗ lier liebte ſie und ſie liebte ihn wieder. Später werden wir ausfuͤhrlich von dieſer keuſchen Liebe ſprechen, die in dem Leben des jungen Cevenolen eine ſo wichtige Rolle ſpielte. Man zuͤndete das Johannisfeuer auf dem Platze von Andtze an. Cavalier ſollte den Hauptmann und ſeine Tochter zu dieſer Feierlichkeit begleiten. In dem Augenblick, als ſie gehen wollten, reichte die ſchöne Iſabelle ihrem Geliebten einen huͤbſchen bluhenden Granatenzweig, den ſie in ihrem Garten gepfluͤckt hatte. Stolz ſteckte Cavalier das Bouquet an den Hut. Der Hauptmann, ſeine Tochter und der junge Bäcker gingen dann zu dem Freudenfeuer. Der Marquis von Florac, der Commandeur der Dragoner, befand ſich auf dem Platze; er ſchien ſehr empfänglich fuͤr die Reize der ſchoͤnen Iſabelle und zwei oder drei Mal ging er an ihr voruber, wobei er ſie ſehr herausfordernd anſah. Trotz des grauen Schnurbartes des alten Haupt⸗ manns, deſſen Haare ſich wuͤthend zu ſträuben ſchie⸗ nen, trotz der drohenden Augen Cavaliers, trotz der verächtlichen Kälte der ſchoͤnen Cevenolin, fuhr der Marquis von Florac fort, das huͤbſche Mädchen mit ſeinen Blicken zu verfolgen. Cavalier gerieth daruͤber außer ſich, ließ Iſa⸗ bellens Arm los, trat ſtolz vor den Marquis hin und ſagte:„Herr Capitain, ich— Aber Herr von Florac unterbrach ihn, indem er hart ſagte: „Das Brod, welches Dein Meiſter mir geſtern füͤr meine Dragoner geliefert hat, war ſchlecht; das fuͤr morgen wird ohne Zweifel eben ſo ſchlecht ſein; doch das wuͤrde nicht geſchehen, Muͤßiggänger, wenn Du bei Deinem Backofen bliebſt, ſtatt zu dem Feſte zu gehen.“ der Ehrfurcht und des Schreckens, welche die Dragoner einfloͤßten, und ohne Ruͤckſicht auf Rang und Grad des Marquis, rief Cavalier, wuͤthend, ſich ſo in Gegenwart der ſchoͤnen Iſa⸗ belle behandelt zu ſehen: „Haͤtte ich einen Degen und freies Feld, Herr Marquis, ſo ſollte dieſe Beleidigung nicht unge⸗ ſtraft bleiben.“ „und was wollteſt Du mit einem Degen ma⸗ chen⸗ Toͤlpel?“ ſagte Herr von Florac mit verächt⸗ lichem Tone;„einen Brotſchieber brauchſt Du. Geh, binde deine Schuͤrze um und kehre an den Beackofen zuruͤck.“ Bei dieſer neuen Beleidigung hielt ſich der junge Bäcker nicht mehr; er zog dem ehrlichen Pompidou den Degen aus der Scheide und ſtuͤrzte ſich auf Herrn von Florac; dieſer aber zeigte Cavalier meh⸗ reren ſeiner Dragoner, die herangetreten waren, und ſagte:„Nehmt den Narren feſt!“ Cavalier war kräftig; es entſpann ſich ein Kampf, ſeine Gefährten kamen ihm zu Huͤlfe, und es gelang ihm, den Soldaten zu entrinnen: Noch in derſelden Nacht verließ er Anduze. Die Folgen des Auftrittes fuͤrchtend, begleitete er einige Religionare, welche vor dem Edicte nach Genf flohen; hier bliebt er achtzehn Monate. In der Schweiz machte er die Bekanntſchaft ei⸗ nes proteſtantiſchen Edelmannes, Namens du Serre, welcher, wie bereits erwähnt, in dem Schloſſe Mas⸗ Arribas die Glasmacherei betrieb. Das Schloß lag auf dem Gipfel des Berges Aygoal in der wilde⸗ ſten und einſamſten Gegend.. Sonderbare Geruͤchte waren uͤber dieſen Edel⸗ mann in Umlauf. Die Kunſt, Glas zu machen, es zu färben, zu malen, gehörte zu ſehr in das Gebiet der Chemie, eine Wiſſenſchaft, welche der gemeine Haufe damals fuͤr eine geheime hielt, als daß nicht der Glasmacher, der mit ſeinen edlen Gehuͤl⸗ fen*) ſehr zuruͤckgezogen lebte, bei ſchwachen Gei⸗ ſtern in den Verdacht der Alchymie und ſogar der Magie hätte kommen ſollen. Die Katholiken ſa⸗ hen alſo in du Serre ſo ziemlich einen Zauberer; viele Proteſtanten aus der Klaſſe des Volkes dage⸗ gen erkannten in dem Glasmacher einen Mann, der durch ſeine ſtrenge Froͤmmigkeit es wohl ver⸗ diente, daß Gott ſich ihm zuweilen offenbare. Sol⸗ chen Zuſammenkuͤnften ſchrieben ſie das auffallende Licht zu, welches dann und wann die Fenſter in dem Thurme des Schloſſes von Mas⸗Arribas er⸗ hellte. Andere ſahen darin böſe Vorzeichen. Unter dem Vorwande, ſeinen Glashandel zu be⸗ treiben, kam du Serre oft nach Genf, ohne von Herrn von Baville, dem Intendenten von Langue⸗ doc, wegen ſeiner haͤufigen Reiſen uͤber die franzö⸗ ſiſche Grenze beläſtigt zu werden. Der Vater Cavalier, welcher in der Nachbar⸗ ſchaft des Glasmachers wohnte, gab dieſem haͤufig das Geld mit, welches er ſeinem Sohne nach Genf ſchickte. Dadurch wurden Johann Cavalier und du Serre zuerſt bekannt, doch bald ſchloſſen ſie ſich enger aneinander. *)„Die Arbeiter für dieſe ſchöne Kunſt ſind ſämmt⸗ lich Edelleute, und nehmen keine auf, die nicht als ſolche anerkannt wurden. Sie haben durch dieſe Kunſt große und ſchöne Privilegien erlangt.“(Von der Glas⸗ macherei, 1657, Haudiguer de Blancourt.) Du Serre, welcher dem Verdacht und der Wach⸗ ſamkeit des Herrn von Baville zu entgehen verſtan⸗ den hatte, war gleichwohl einer von den thätigſten Häuptlingen der proteſtantiſchen Union. Seit dem Widerrufe des Edictes von Nantes ſchickte dieſe ge⸗ heime Geſellſchaft zu gewiſſen Zeiten des Jahres ge⸗ heimnißvoll nach Toulouſe ſechszehn Deputirte, welche dazu beſtimmt waren, den Calvinismus von Ober⸗ und Niederlanguedoc, der Cevennen, des Vivarais und der Dauphiné zu vertreten und ſich uͤber das Wohl der reformirten Religion zu berathen. In dieſen Zuſammenkuͤnften wurden die erſten Grundlagen zu den Verſammlungen der Wuͤſte gelegt; dort war es, wo die Deputirten, die aus den achtungswertheſten Proteſtanten gewaͤhlt worden waren, im Namen ihrer Bruͤder beſchloſſen: durch alle Mittel, welche nicht zu der Emporung fuͤhrten, bei der Ausuͤbung ihres Cultus zu behar⸗ ren; ſich zu verſammeln, um am hellen Tage auf den Truͤmmern ihres Tempels zu beten; Frankreich nicht zu verlaſſen; lieber das Märtyrerthum zu er⸗ dulden, als auf ihren Glauben zu verzichten. Von dem Widerrufe des Edictes von Nantes bis zum Frieden von Ryswick beharrten die Cal⸗ viniſten unerſchütterlich in dieſem Entſchluſſe, ob⸗ gleich mehrere Verſammlungen niedergemetzelt und mehrere Prieſter gehangen, gerädert oder verbrannt wurden, weil ſie den Edicten zum Trotz gepre⸗ digt hatten. 5 — Seit 1700 aber waren die Niedermetzelungen der Religionaren ſo haͤufig geworden und ſo viele Geiſtliche wurden ein Opfer ihres Eifers, daß die Union beſchloß, die Proteſtanten ſollten ſich kunftig nur waͤhrend der Nacht verſammeln, aber noch im⸗ mer waffenlos, noch immer darin ergeben, zu ſtes⸗ ben, ohne ſich zu vertheidigen. Zur Zeit dieſer verdoppelten Verfolgungen traf du Serre in Genf auf Cavalier. Der Edelmann⸗ Glasmacher erkannte in dem jungen Cevenolen Muth, einen energiſchen Willen, Geiſt, Stolz und beſonders die Keime eines unmäßigen Ehrgeizes. An die Zukunft denkend, wendete er ſeine Erfahrung an, um Cavalier nach ſeinen Abſichten zu lenken und zu bilden. Waͤhrend der Zeit, die Cavalier in Genf zubrachte, erwarb er ſich auf den Rath du Serre's einige mathematiſche Kenntniſſe, wohnte voll Eifer den Uebungen der Milizen bei, lernte die Handhabung der Waffen und beſuchte häufig die Verſammlungen der Proteſtanten. Der unterneh⸗ mende Charakter Cavalier's wurde gewaltig durch dieſe Unterhaltungen geſteigert, in denen Einzelne das Loos der Calviniſten und die Grauſamkeit ih⸗ rer Verfolger mit den gerechteſten, aber ſchwärzeſten Farben ſchilderten. Bald wurde er eines der eifrig⸗ ſten Mitglieder der Militantenpartei*). 6) So nannte man die ſehr ſchwache Minorität der Proteſtanten, welche, wie zu den Zeiten Condé's Ein ernſter, tiefer Glaube an ſeine Religion hatte Cavalier ſtets gemangelt. Seine Sitten wa⸗ ren eben nicht ſchlecht, aber auch nicht vorwurfs⸗ frei; ſein abenteuerlicher, beweglicher, kuͤhner Geiſt hatte nichts von der calviniſtiſchen Strenge. Wenn Cavalier aus der Predigt kam, eilte er geradeswegs zu profanen Feſten. Wenn er in Genf zuweilen katholiſchen Edelleuten begegnete, verletzte ihn mehr ihr Stolz, als ihre Religion. In ihnen haßte er noch mehr den Edlen, als den Papiſten; er war nahe daran, die goldenen Sporen und die geſtickten Schaͤrpen dieſer ſtolzen Federbuͤſche zu benei⸗ den, obgleich ſeine Glaubensgenoſſen ihnen dieſen Schmuck als elende Eitelkeit zum Vorwurf machten. Ueberzeugt von der Unmoͤglichkeit, die Natur Cavalier's zu verwandeln, nahm duͤ Serre, wie ein Mann hoͤherer Gattung, ihn mit allen ſeinen Feh⸗ lern, allen ſeinen Eigenſchaften, hin. Um die Exaltation des jungen Cevenolen zu unterhalten und vielleicht noch zu ſteigern, zeigte er ihm in der Reform die religioſe Frage mit der pe⸗ litiſchen verbunden, dieſer vielleicht untergeordnet; die Guͤter, die Freiheit der Proteſtanten, eben ſo angegriffen, wie ihr Gewiſſen. Er zeigte ihm in der Zukunft eine ſociale Wie⸗ dergeburt, gegruͤndet auf den Geiſt und das Recht und Rohan's, ihre gerechten Reclamationen durch die Gewalt der Waffen unterſtützen wollte. Krieg in den Cevonnen. 3 der Pruͤfung, dieſen Fundamentalunterſchied der pro⸗ teſtantiſchen Religion. Er zeigte ihm endlich in der Zukunft nach dem Wunſche Calvins die Kö⸗ nige den drei Ständen des Reiches un⸗ terworfen, drei Staͤnden, zuſammenge⸗ ſetzt aus den wahren Vormuͤndern des Volkes*). Indem du Serre ſo ſprach, entſtellte er die Wuͤnſche und die Grundſätze der Mehrzahl der Pro⸗ teſtanten gänzlich, denn dieſe betrachteten die reli⸗ gidſe Frage nie aus politiſchem Geſichtspunkte. Duͤ Serre aber hatte ſeine Gruͤnde, ſo zu handeln. Seinen Einfluſterungen zu Folge wurde jeder Katholik für Cavalier der Typus des katholiſchen Adels, hochmuͤthig, ausſchweifend, despotiſch, wäh⸗ rend ein Proteſtant der Typus des dritten Stan⸗ des war, rechtſchaffen, arbeitſam und unterdruͤckt. Mit einem Worte, Cavalier betrachtete einen Papi⸗ ſten ungefähr ſo, wie der engherzige Liberalismus des 19. Jahrhunderts zuweilen die Ultraroyaliſten betrachtet hat. Es iſt noch nicht Zeit, die Pläne du Serre's zu entſchleiern, und beſonders die auffallenden, ent⸗ ſetzlichen, unerhörten Mittel, die er zu deren Errei⸗ chung in das Werk zu ſetzen rechnete. Von ihm allein hingen gewiſſe, beinahe wunderbare Moͤglich⸗ keiten ab. Sie konnten die bis dahin ſo friedlichen, *) Briefe Calvins, dem Märtyrerthume ſo ergebenen Volkerſchaften der Cevennen in Maſſe zum Aufſtand bringen. Der Glasmacher wollte daher Cavälier ſtets unter ſeiner Hand haben, um auf den Fall, daß die Stunde, zu den Waffen zu greifen, erſchiene, ihn zu einem furchtbaren Parteihaupte zu machen. Nach beinahe zweijähriger freiwilliger Verban⸗ nung ſchien der Grund, der Johann Cavalier zur Entfernung gezwungen hatte, vergeſſen zu ſein, und du Serre forderte ihn daher auf, nach Frankreich zuruͤckzukehren. Oft beriethen ſich der junge Cevenole und der Glas machende Edelmann mit einigen andern Leu⸗ ten des Landes; aber während der Nacht, an den abgelegenſten Orten und unter dem tiefſten Geheim⸗ niß. Nach den Rathſchlägen duͤ Serre's, der, ohne ſeine Pläne errathen zu laſſen, von dem Glauben an die Möglichkeit eines nahen Aufſtandes nicht fern zu ſein ſchien, hielt Cavalier mit den jungen Leuten ſeines Alters und ſeines Standes viel Umgang. 2 In St. Andéol, in Saol, in Pont⸗de⸗Mont⸗ vert, erwarb er ſich durch ſeinen entſchloſſenen und lebhaften Charakter viel Freunde und Anhaͤnger. Er errichtete ein Buͤchſenſchießen, Ringkämpfe, Spiele der Kraft und Gewandheit, und bald liebten alle jungen Leute der umliegenden Kirchſpiele Johann Ca⸗ valier als einen luſtigen, entſchloſſenen jungen Bur⸗ ſchen und großen Anhänger aller Vergnugungen⸗ 3* . Cavalier Statt fand, nur auf ihre gegenſeitigen Ver⸗ gnuͤgungen ſich gruͤnkete, war ſie doch lebhaft, und ſeine Herrſchaft über ſeine Gefaͤhrten wuchs mit je⸗ dem Tage. Zwar war dieſe Herrſchaft ſcheinbar nur unbedeutend, aber ſie beſtand deshalb nicht min⸗ der. Um ſie zu erringen und zu bewahren, hatte der junge Cevenole die Rathſchläge du Serre's befolgt. Cavalier liebte und verehrte ſeinen Vater, aber er war von der Unbeugſamkeit ſeiner Grundſaͤtze ſo ſehr uͤberzeugt, daß er ihm ſeinen Verkehr mit dem Glasmacher, und beſonders die Hoffnungen, die jener weckte und nährte, ſtets ſorgfäͤltig verbor⸗ gen hatte. Eben ſo ſuchte er ſeinem Vater den Einfluß zu verhehlen, den er auf die Jugend der Nachbar⸗ ſchaft ausubte. Es beſtand ein großer Unterſchied zwiſchen den Religionaren der Ebenen oder Flecken und den Hir⸗ ten und Holzhauern, welche gewöhnlich in den Ge⸗ birgen lebten. Dieſe letzteren hatten ohne Zweifel wegen ihres wilden und contemplativen Lebens, wo nicht mehr Glauben, doch wenigſtens mehr religiöſen Eifer, als die Bewohner des flachen Landes. Ephraim, der Waldhuͤter von Aygoal, der durch die finſtre Strenge ſeines Lebens und ſeine Frömmigkeit bekannt war, uͤbte uber dieſe eine unumſchränkte Herrſchaft aus. Obgleich die Verbindung, die zwiſchen ihnen und — — Die Proteſtanten der Ebene und die Handwer⸗ ker der Flecken, welche civiliſirter waren und mit der Welt mehr bekannt, fanden Ephraim zu puri⸗ taniſch, zu enthuſiaſtiſch. Cavalier dagegen, der jung, ſchön, heiter und kuhn war, ſie in den Waf⸗ fen uͤbte und ſich zur Seele aller ihrer ländlichen Spiele machte, fioͤßte ihnen viel Vertrauen und die innigſte Anhäͤnglichkeit ein. Auf den Fall einer Inſurrection wäre daher Ephraim das Haupt der Calviniſten der Gebirge geweſen, wie Cavalier das der Proteſtanten der Ebene. Seitdem ſeine junge und lebhafte Einbildungs⸗ kraft von den Träumen des Ehrgeizes erfuͤllt war, ſeitdem er leidenſchaftlich nach der abenteuerlichen Laufbahn des Bajol, Merle, Cyprien, ſtrebte, jener Hugenottenhäuptlinge, welche während der Buͤrger⸗ kriege ſo tapfer an der Spitze der aufgeregten Vol⸗ ker gekämpft hatten, hegte Johann Cavalier einen lebhaften Widerwillen gegen das ruhige und einför⸗ mige Leben der Feldbauer. Wir erwähnten ſeiner Liebe zu der Tochter ei⸗ nes alten proteſtantiſchen Hauptmannes. Die ſchoͤne Iſabelle liebte Cavalier ebenfalls zartlich, und als er nach ſeiner Zwiſtigkeit mit dem Marquis von Florac gezwungen geweſen war, ſein Vaterland zu verlaſſen, hatte ſie einen lebhaften Briefwechſel mit ihm unterhalten. Sie und Cavalier erwarteten nur beſſere Tage, um von ihren Eltern die Erlaubniß zu ihrer Ver⸗ bindung zu erbitten. Nach einiger Zeit hoͤrte Iſabelle plötlich auf, ihrem Geliebten zu ſchreiben. Cavalier, der durch dieſes Stillſchweigen beunruhigt und ungluͤcklich war, ſtand auf dem Punkte, unbeſonnen nach Frankreich zuruͤckzukehren, als duͤ Serre nach Genf kam und ihm einen Brief des jungen Mädchens uͤberbrachte. Sie zeigte ihm an, daß ſie mit ihrem Vater nach Rovergue gehen muͤßte und ihm deshalb nur in längeren Zwiſchenräumen Nachricht von ſich geben konnte, daß aber nichts in ihren Gefuͤhlen fur ihn geändert ſei, nichts darin ſich ändern wuͤrde. Der Schmerz Cavalier's war anfangs heftig und grauſam, allmälig aber ertrug er ſeinen Kum⸗ mer mit mehr Muth, ohne deshalb Iſabelle zu ver⸗ geſſen. Von Zeit zu Zeit empfing er von ihr ei⸗ nen Brief voll Betheuerungen ewiger Liebe, und ſo erwartete er ziemlich geduldig das Ende ſeiner Verbannung. Ein minder wahres Gefuhl wurde vielleicht durch die Entfernung und die Schwierigkeiten geſchwächt worden ſein, aber Cavalier empfand fuͤr Iſabelle eine wahre, ernſte und beinahe feierliche Zuneigung; er ſetzte einen innigen Glauben in ihre Liebe. Der ſtolze, edle, heldenmuͤthige Charakter dieſes ſchönen, männlich entſchloſſenen jungen Mädchens flößte ihm eben ſo viel Bewunderung, als Liebe ein; er fuhlte fuͤr ſie eine jener mächtigen Leidenſchaften, an welche — — man alle wichtigen Phaſen ſeines Schickſals knpft, und welche, ſo zu ſagen, dazu dienen, die Zukunft auszuſchmuͤcken. Iſabelle war das Weib, das Ca⸗ valier zur Gattin nehmen wollte, uͤberzeugt, daß ſie entſchloſſen mit ihm ſein gutes, wie ſein boͤſes oder ſein abenteuerliches Geſchick theilen wuͤrde. Bei ſeiner Ruͤckkehr nach Frankreich erfuhr er durch einen Brief Iſabellens, daß ſie gezwungen worden ſei, Rouergue zu verlaſſen, um ihrem Va⸗ ter nach Guyenne zu folgen; vor Ende des Jahres ſollte ſie jedoch in Anduze zuruck ſein. Wenn Cavalier von minder beweglichem Geiſte, minder gluͤhendem Charakter geweſen wäre, wenn die halben Vertraulichkeiten duͤ Serre's ihn weniger beſchäftigt hätten, wenn der ehrgeizige Inſtinkt, der den jungen Cevenolen fortwährend aufregte, ihn nicht traumeriſch und zerſtreut gemacht haͤtten, ſo wuͤrde er bemerkt haben, daß ſeine Familie wie ſeine Freunde ſeine Fragen nach der ſchonen Iſabelle im⸗ mer nur mit einer gewiſſen Verlegenheit beant⸗ worteten. Das kam daher, weil die Stunde einer wichti⸗ gen Entdeckung noch nicht erſchienen war. Seit einiger Zeit beobachtete der alte Cavalier das Benehmen ſeines älteſten Sohnes aufmerkſam; das Geheimniß ſeines Verkehres mit duͤ Serre hatte er nicht erforſcht, aber aus der Exaltation, welche die Ideen Johanns zuweilen verriethen, aus deſſen freierer Haltung, aus dem Widerwillen, den er ge⸗ — — gen die ländlichen Arbeiten ſtets kebhafter äußerte, aus dem Stolz, der unwillkurlich aus ſeinen Reden hervorleuchtete, ſchloß der Pächter, daß ſein Sohn, durch den Ungeſtuͤm ſeines abenteuerlichen Charak⸗ ters hingeriſſen, vielleicht im Begriffe ſtehe, eine gefährliche Laufbahn zu betreten. Die Anſpielung, die Johann am Tage des be⸗ ſchriebenen Abendeſſens auf die kriegeriſche Rolle machte, welche ſeine Vorfahren waͤhrend der Buͤrgerkriege geſpielt hatten, ſteigerte die Beſorgniſſe des Greiſes noch mehr. Die Umſtände wurden ernſt; die Ver⸗ folgung druͤckte immer ſchwerer auf die ungluͤckliche Gegend. Man verkuͤndete die Ankunft des Erz⸗ prieſters der Cevennen, des Abt du Chayla, an der Spitze bedeutender Streitkräfte. Dieſer ge⸗ furchtete Prieſter durchzog Languedoc und ein ent⸗ ſetlicher Ruf ging ihm voran. Unerbittlich ließ er die Decrete ausuͤben, welche uͤber die Proteſtanten, die ſich der ruͤckfälligen Ketzerei ſchuldig gemacht hat⸗ ten, die furchtbarſten Strafen verhängten. Gleich⸗ wohl blieben die Religionaren ruhig, ergebungsvoll; die verbannten Prieſter hatten ihnen beſonders dieſe dumpfe, ſtumme Ruhe der Märtyrer empfohlen. Gott ſollte ſein Volk durch die Stimme ſeiner Pro⸗ pheten benachrichtigen, ſobald der Augenblick erſchie⸗ nen ſei, der es erlaubte, Gewalt mit Gewalt zu⸗ ruͤckzuweiſen. Dieſer Tag kam ohne Zweifel nie, aber Hiero⸗ nimus Cavalier furchtete, gleich einer großen Menge 2. * von Proteſtanten, daß irgend eine unkluge Aeuße⸗ rung, eine Unzufriedenheit an den Tag bringen mochte, die ſo lange unterdruͤckt worden war. Durch die Erfahrung belehrt, wußte er, daß der geringſte Verſuch zur Emporung, das Signal zum Unter⸗ gange, zur Vernichtung der Proteſtanten in Lan⸗ guedoc ſein wuͤrde. Lange uͤberlegte er, was er zu thun hätte, um ſeinen Sohn der Unthätigkeit zu entreißen, um ihm ein thätiges, beſchaͤftigtes Leben zu erſchaffen, und ihn von gefährlichen Verſuchungen zu entfernen. Der Pächter beſchloß endlich, ihn zu verheirathen. Er warf ſeine Augen auf die Tochter eines reichen Pächters von Mende, ſchlug ſeinen Sohn vor, und er wurde angenommen. Alles war zwiſchen beiden Familien ſchon ſo ziemlich geordnet, und noch wußte Johann Cavalier davon kein Wort. Daran gewöhnt, Alles vor ſeinem feſten Wil⸗ len ſich beugen zu ſehen, zweifelte der alte Prote⸗ ſtant nicht daran, daß ſein Sohn ihm gehorchen würde. Er erwartete zwar einige Schwierigkeiten in Bezug auf Iſabelle, aber er kannte ein ſicheres Mittel, dieſes Hinderniß zu beſeitigen. um alſo mit ſeinem Sohne dieſes wichtige Ge⸗ ſpräch zu halten, trat der Pächter mit dem Aus⸗ drucke der Strenge und Unzufriedenheit in die Stube, in welcher Johann Cavalier ſeiner wartete. W. Vater und Sohn. Der Proteſtant ſetzte ſich; Johann blieb vor ſeinem Vater ſtehen; ſein Weſen verrieht Ehrfurcht und Unruhe. „Mein Sohn hat mir eben bei dem Abend⸗ eſſen geantwortet, wie es ſich fur ein ehrerbietiges Kind nicht ziemt,“ ſagte der Greis mit ernſter Stimme. Cavalier bemerkte nicht ohne Betruͤbniß, daß ſein Vater mit ihm in der dritten Perſon ſprach, eine Redeform, die er nur bei feierlichen Gelegenhei⸗ ten anzuwenden pflegte; er antwortete deshalb auch unterwuͤrfig: „Verzeihung, mein Vater; ich bereue es.“ „Es iſt gut. In Zukunft ſpreche mein Sohn nie mehr thoͤrichte Worte vor unſern Arbeitsleuten und Dienſtboten aus. An uns iſt es, ihnen ein Beiſpiel der Unterwerfung unter die Geſetze und un⸗ — ter den Willen des Königs, unſers Herrn und Ge⸗ bieters, zu geben.“ „Uunſers Herrn!“ wiederholte Johann mit hoch⸗ muͤthiger Ungeduld. Nachdem der Pächter ſeinem Sohne einen ſtren⸗ gen Blick zugeworfen hatte, fuhr er fort: „Der Stolz meines Sohnes iſt ſehr groß, aber er muß ihn demuͤthigen.“ „Was wollt Ihr ſagen, mein Vater?“ Der Greis fuhr fort, ſcheinbar ohne dieſe Frage gehoͤrt zu haben: „Ich werde mit Feſtigkeit die Gewalt benutzen, die der Herr dem Vater uͤber ſeine Kinder verleiht, um meinen Sohn der gefaͤhrlichen Bahn zu entrei⸗ ßen, die er eingeſchlagen hat.“ Es lag eine ſo kalte, ſo entſchloſſene Ruhe in dem Tone des Greiſes, daß Johann ſich zugleich verletzt und erſchreckt durch die Ermahnung fuhlte, in welcher ſich der väterliche Wille in ſeinem ganzen majeſtätiſchen Despotismus enthuͤllte. „Ich weiß nicht, von welcher Gefahr Ihr ſpre⸗ chen wollt, mein Vater“, erwiderte er mit etwas weniger demuͤthigem Tone. Aber der Greis fuhr fort, ohne auf das, was Johann ſagte, zu achten: „Seitdem mein Sohn von Genf zuruckgekehrt iſt, beſchöftigt er ſich mit eitlen Dingen. Ich habe 3 44— ihm die Aufſicht meiner Felder uͤbertragen, aber er hat dieſe nicht beaufſichtigt. Er beſucht die Feſte, er bringt ſeine Tage in Unthätigkeit hin, und er er⸗ röthet, glaube ich, uͤber unſer arbeitſames Loos; der Hochmuth, der ihn verderben wuͤrde, wenn ſein Vater nicht mit ſtrengem Blicke uͤber ihn wachte, der Hochmuth beherrſcht ihn; der Gedanke empoͤrt ihn, einen König, einen Herrn zu haben, und das iſt ſehr bös. Der, welcher heut die Herrſchaft ſei⸗ nes Koͤnigs leugnet, wird morgen die feines Vaters beſtreiten, und dann die ſeines Gottes.“ „Könnt Ihr das glauben? Habe ich je die Ehr⸗ furcht gegen Euch verletzt, mein Vater?“ „Mein Sohn kann die Ehrfurcht gegen mich nicht verletzen; aber es genugt nicht, daß er ehrer⸗ bietig ſei, ſondern er muß auch arbeiten, er muß, ſo wie ich, wahrend der Hite des Tages muͤhſam das Feld bebauen, um Abends ruhig und zuftieden vor der Thuͤr ſeines Hauſes, umgeben von ſeiner Familie, ausruhen zu können.“ „Ich ehre die Feldarbeiten, mein Vater, aber es gibt mehr als ein Mittel, ſeinem Vaterlande zu dienen; ich habe in Genf viel gelernt.“ „Mein Sohn hat in Genf nichts gelernt, und hätte er ſich auch manche Wiſſenſchaft erworben, ſo weiß er doch, daß er weder Advokat, noch Arzt, noch Notar, noch Schreiber, noch Procureur, noch Kauf⸗ mann ſein könnte. Er weiß, daß er kein oͤffentli⸗ ches Amt bekleiden kann; die Edicte des Königs wollen das nicht.“*) „Und dieſe nichtswurdigen Edicte empoͤren mich,“ rief Cavalier heftig.„Weshalb dieſe ſchmachvolle Ausſchließung? Weshalb ſind wir ein Volk der Un⸗ terdruͤckten mitten unter einem Volke der Unter⸗ dräcker? Mit welchem Rechte erklärt man uns außer dem Geſetz? Mit welchem Rechte?“ „Und mit welchem Rechte wilſſt Du dem Maͤr⸗ tyrerthume entrinnen, wenn Gott es uͤber Dich ver⸗ hangt? Und wos iſt der heutige Tag im Vergleich zur Ewigkeit? Und was iſt eine voruͤbergehende Verfolgung im Vergleich zu einer ewigen Beloh⸗ nung?“ fragte der Greis mit gluhendem Unwillen. „Aber die Ungerechtigkeit?“ „Iſt ſtreite nicht mit meinem Sohne“, ſagte der Greis, indem er mit der Hand eine gebieteriſche Bewegung machte,„ſondern ich gebe ihm Befehle. Er wird ſeinem Lande dienen, wie ich ihm gedient habez er wird Ackerbauer ſein, wie ich es bin: Ich habe meinen Theil der Arbeit gethan; ich bin alt und fühle das Beduͤrfniß der Ruhe. Er iſt juns, kräftig; er nehme meine Stelle am Pfluge ein und *) Die Ausübungen dieſer Functionen wurde den Proteſtanten durch königliche Ordonnanben vom 11. Juli, 5. und 17. November 1685, 15. Juni 1682, 10. Juli 1685, 11. Juni und b. Auguſt 1686 ver⸗ boten. führe die Furche fort, die ich begonnen habe. Wenn Gott ihn ſegnet, wie er mich geſegnet hat, wird er dann ſeinen Sohn auch wieder ſeine Stelle einneh⸗ men ſehen. Wenn daher das St. Johannisfeſt kömmt, wird mein Sohn dieſen Pachthof unter mei⸗ ner Aufſicht bewirthſchaften, und da er in dem Al⸗ ter iſt, eine Gefährtin zu nehmen, wird er die äl⸗ teſte Tochter des Anton Alais von Mende hei⸗ rathen.“ i Die kurzen, abgeſtoßenen Phraſen, deren ernſter und etwas umſchreibender Ton das fortwährende Le⸗ ſen der heiligen Schrift verrieth, wurden von dem Greiſe mit ſolcher Autorität ausgeſprochen, und der Ton ſeiner Stimme, der Charakter ſeines Geſichtes verriethen ſo ganz ſeine Rechnung auf unbedingten Gehorſam, daß Johann Cavalier dadurch ſprachlos gemacht wurde. Er kam erſt wieder ganz zur Be⸗ ſinnung, als ſein Vater, indem er aufſtand und zur Thuͤr ſchritt, ſagte: „Auf, es iſt jetzt die Stunde zum Gebet.“ „Einen Augenblick, mein Vater,“ ſagte Johann, indem er die Hand des Greiſes erfaßte.„Verzeiht mir, aber ich habe Euch ohne Zweifel falſch verſtan⸗ den. Ihr habt von einer Heirath geſprochen?“ „Ich verkundete meinem Sohne ſeine nahe Ver⸗ heirathung mit der Tochter des Anton Alais von Mende.“ Johann's Geſicht ſprach das tiefſte Staunen aus, indem er rief: 6. —— „Aber Ihr wißt, mein Vater, daß das nicht moglich iſt!“ Der Pächter warf auf ſeinen Sohn einen ſtren⸗ gen, theilnahmloſen Blick, und ohne ihm zu ant⸗ worten, machte er einen Schritt gegen die Thuͤr. „Hoͤrt mich, mein Vater, aus Barmherzigkeit, hoͤrt mich!“ flehte Johann.„Ich kann die Toch⸗ ter des Anton Alais nicht heirathen; Ihr koͤnnt nicht wollen, daß ich ungluͤcklich, daß ich wortbro⸗ chig werde; Ihr wißt, daß Iſabelle mein Wort hat, wie ich das ihrige; Ihr wißt, daß ich ſie liebe, und daß ſie allein mein Weib werden wird.“ „Mein Sohn wird den Namen Iſabellens nicht mehr in meiner Gegenwart ausſprechen; er wird die Frau heirathen, die ich fuͤr ihn ge⸗ waͤhlt habe.“ „Nie!“ rief Cavalier, durch die unerſchotterliche Feſtigkeit ſeines Vaters außer ſich gebracht. Der Päͤchter uberlegte, daß ſein Sohn vernuͤnf⸗ tigerweiſe uͤber das Verbot ſtaunen muͤſſe, nicht mehr an Iſabelle zu denken, ein Verbot, welches durch nichts motivirt zu werden ſchien; deshalb kehrte er mitten in das Zimmer zuruͤck und ſagte mit weniger ſtrengem Tone zu Johann: „Mein Sohn kann nicht glauben, daß ich von ihm etwas verlangen werde, was ſeinem Gluͤcke, ſeinem gegebenen Worte widerſtreitet. Wenn ich ihm ſage, daß er den Namen Iſabellens nicht mehr in meiner Gegenwart ausſprechen ſoll, ſo geſchieht . es, weil er nicht mehr vor mir ausgeſprochen wer⸗ den darf; wenn ich ihm ſage, daß er ſeines Wor⸗ tes entbunden iſt, ſo iſt er deſſen entbunden.“ Cavalier hegte gegen den Charakter ſeines Va⸗ ters die tiefſte Ehrfurcht; ſeine Worte erſchreckten ihn; er fuhlte ſich durch den unerwarteten Schlag zum Wanken gebracht; dann aber durch eine furcht⸗ bare Meugier angeſpornt, ſagte er bleich und außer ſich zu dem Pächter: „Ohne Zweifel, mein Vater, glaube ich Euch; aber ſagt mir, weshalb ich meines Wortes gegen Iſabelle entbunden bin? Weshalb ſoll ich ihren Mamen nicht mehr vor Euch ausſprechen?“ Die Zuͤge Johann's verriethen eine ſchmerzliche Angſt; der Pächter, welcher ſeiner ſcheinbaren Kaͤlte ungeachtet ſeinen Sohn innig liebte, fuhlte ſich da⸗ von peinlich beruͤhrt. Er änderte plötzlich ſeine Sprache, reichte Johann die Hand und ſagte: „Frage mich nicht, mein Sohn.“ Dieſe Bewegung, dieſe einfachen Worte, die Ruͤhrung, die ſein Vater nicht verbergen konnte, ließen Cavalier irgend ein fuͤrchterliches Ungluͤck ah⸗ nen; er erinnerte ſich ſogleich, daß er ſeit zwei Mo⸗ naten keinen Brief von Iſabelle erhalten hatte, und rief voll Verzweiflung: „So iſt ſie alſo todt?“ „Sie iſt nicht todt“, erwiderte der Greis. „Aber ſie iſt krank, ſterbend vielleicht?“ „Sie befindet ſich wohl.“ „Sie lebt— und ich bin meines Wortes ge⸗ gen ſie entbunden? Sie lebt— und ich ſoll ih⸗ ren Namen nie vor Euch ausſprechen, mein Va⸗ ter?“ ſagte Cavalier langſam und als hätte er den Sinn dieſes verhaͤngnißvollen Räthſels erforſchen wollen.—„Iſt ſie denn nichtswuͤrdig? Mein Va⸗ ter, antwortet mir, iſt ſie nichtswuͤrdig?“ Nach einem langen Schweigen, waͤhrend deſſen Johann Cavalier gluhende Blicke auf ſeinen Va⸗ ter heftete, antwortete der Greis mit feierlich erha⸗ bener Stimme, als hätte er einen Fluch ausge⸗ ſprochen. „Sie iſt eine Verworfene!“ Cavalier war durch dieſe Worte wie vernichtet. Als der erſte Taumel der Betäubung voruber war, kehrte der Zweifel zuruͤck und mit ihm die Verzweif⸗ lung. Er liebte Iſabelle ſo ſehr, daß er die Worte ſeines Vaters nicht glauben konnte. „Mein Vater, man hat Euch hintergangen,“ rief er aus.„Was Ihr da ſagt, iſt nicht moͤglich. Seit zwei Jahren ſchreibt mir Iſabelle, daß ſie mich liebt; ſie iſt treu, ſie iſt muthig, ſie wuͤrde ſich nicht zur Luge erniedrigen. Nein, nein, mein Vater, man hat Euch hintergangen.“ Der Pächter erkannte, was ſein Sohn leiden mußte; ſtatt ihm alſo mit Strenge zu antworten, ſagte er mit Sanftmuth: „Mein Kind, glaube mir, man hat mich nicht hintergangen. Wenn ich ſo lange das Schweigen über Krieg in den Cevennen. 4 dieſen nichtswürdigen Verrath bewahrte, ſo geſchah es, weil die Stunde noch nicht gekommen war, Dich davon zu unterrichten; weil es nutzlos war, Dir einen heftigen Schmerz zu bereiten. Ich machte mich dadurch vielleicht der Schwäche ſchuldig und hätte Dir bei Deiner Ruͤckkehr aus Genf Alles ſa⸗ gen ſollen;— jett aber frage mich nicht weiter, ſondern glaube meinem Worte. Mein Kind, ich habe nie einen Unſchuldigen angeklagt.— Ver⸗ giß die Nichtswuͤrdige fuͤr immer; denke an die Verbindung, die ich fur Dich eingeleitet habe; Du wirſt darin Gluͤck und Frieden finden.“ Cavalier taͤuſchte ſich uͤber die Geſinnungen ſei⸗ nes Vaters; zum erſten Male in ſeinem Leben glaubte er, daß der Greis zur Liſt ſeine Zuflucht nehme, um ihn zu der beabſichtigten Verbindung zu bewegen, und daß Iſabelle abſcheulich verleumdet wurde.„Man klagt Iſabelle während ihrer Abwe⸗ ſenheit an“, ſagte er feſt zu ſeinem Vater,„und man ſagt mir nicht, worin ihr Verbrechen beſteht. Ich aber will mich nicht eher verheirathen, ehe ich weiß, was man ihr vorwirft, ehe ich ihre Verthei⸗ digung gehort habe.“ „Mein Sohn!“ ſagte hart der Greis, durch den Zweifel, den Cavalier ausſprach, zu ſeiner gewohn⸗ ten Strenge zuruckgerufen. „und wer ſagt mir überdies,“ führ Johann fort,„daß Ihr nicht Iſabelle dem Verlangen opfert, —,— —— „ mich eine Verbindung ſchließen zu ſehen, welche Euch gefaͤllt?“ „Ungluͤcklicher Unſinniger!“ rief der Greis voll Unwillen,„Du wagſt es, Deinen Vater zu verdach⸗ tigen? So erfahre denn Alles; erfahre, was ich Dir aus Mitleid verbergen wollte! Als Du Anduͤze verließeſt, wurde die Elende von dem Marquis von Florac verfuͤhrt, dem Capitain der Dragoner von St. Sernin, eben dem, welcher Deine Verbannung herbeifuͤhrte. Ueberall verwuͤnſcht, war ſie gezwun⸗ gen, das Land zu verlaſſen.— Willſt Du mir jetzt glauben?“ „Ach, mein Vater, es iſt entſetzlich! Habt Mit⸗ leid mit mir!“ ſagte der Ungluͤckliche, indem er vor dem Greiſe auf die Kniee fiel und ſein Geſicht in beide Hände verbarg, um ſeine Thraͤnen zu erſticken. Zwei Stunden nach dieſer Entdeckung, um Mitternacht, verließ Johann Cavalier vorſichtig den Pachthof. Um von Niemandem gehoͤrt zu werden, ſchritt er ſchnell dem Fuße des Huͤgels zu, auf wel⸗ chem der Waldhuͤter von Aygoal den Wolf ge⸗ todtet hatte. An dieſem Orte ſtand ein ſteinernes Kreuz, welches in der Gegend das Blutkreuz hieß, und ohne Zweifel zum Gedachtniß irgend eines trauri⸗ gen Ereigniſſes errichtet worden war. An dem Punkte, wo es ſtand, kreuzten ſich die vier Haupt⸗ ſtraßen des Hort-Diou. 4* V. Das Blutkreuz⸗ Indem ſich Johann Cavalier zu dem Blutkreuze begab, wo er Ephraim und duͤ Serre zu finden wußte, war er eine Beute der verzweiflungvollſten Gedanken. Seine Wuth gegen Iſabelle und ihren Verfuhrer hatte eine beinahe grauſame Gluth. Bis⸗ her baute er ſo blindlings auf die Liebe dieſes Mäd⸗ chens, er glaubte dieſelbe ſo unbedingt zu beſitzen, daß die plotzliche Enttäuſchung und die Zertruͤmme⸗ rung aller Hoffnungen ihm doppelt ſchmerzlich war. Bald klagte er nur Iſabelle allein wegen des nichts⸗ wurdigen Verrathes an, bald wälzte er dagegen das ganze Gewicht ſeines Haſſes auf Herrn von Florac. Wenn er aber an die abſcheuliche Doppelzungig⸗ keit des jungen Mädchens dachte, welches ihm erſt kuͤrzlich neue Betheuerungen einer ewigen Liebe ſchrieb, dann fand er ſie der Verabſcheuung noch wuͤrdiger, als den Marquis. 4 — 3— Und gleichwohl war Iſabelle bei den ehrgeizigen Träumen Cavalier's ſtets zur Hälfte betheiligt ge⸗ weſen. Durch die Erhabenheit ihres Charakters und ihres Geiſtes ſchien ſie ihrer Geburt ſo ſehr uͤberlegen zu ſein, er hatte eine ſolche männliche Entſchloſſenheit in ihr erkannt, daß dieſes heldenmu⸗ thige Weib in ſeinen thörichteſten Viſionen des Ruhmes, ſtets an ſeiner Seite ſtand. Indem er ſeine Erinnerungen zu Rathe zog, glaubte er ſelbſt zu erkennen, daß ſeine erſten Re⸗ gungen des Ehrgeizes zugleich mit ſeiner Liebe fuͤr Iſabelle erwachten, und daß er daran gedacht hatte, fur ſie ſich aus ſeiner niedern Stellung zu er⸗ heben. Dann wieder ging er von der Heftigkeit des Zornes zu dem entnervenden Schmerze der Erinne⸗ rung uͤber; er gedachte der geringſten Worte des jungen Mädchens, ihrer Aufrichtigkeit und Herzlich⸗ keit, der Strenge ihrer Vorſtellungen, wenn ſie Ca⸗ valier ſeine eitlen, ruhmſuͤchtigen Ideen zum Vor⸗ wurf machte, der verſtändigen und reifen Rath⸗ ſchläge, die ſie ihm in ihren Briefen gab. Dann fragte er ſich, ob ein ſo muthiges Herz zu einem ſo feigen Verrathe herabgeſunken ſein konnte. Wie das faſt ſtets der Fall iſt, uͤberwog die perſoͤnliche Frage die allgemeine: in ſeine Wuth gegen den Marquis von Florac ſchloß Cavalier alle Katholiken ein. Wenn er durch ein Zeichen die — ganze proteſtantiſche Bevölkerung in Aufſtand hätte bringen können, um ſich mit den Waffen in der Hand gegen die Klaſſe des Adels und der Papiſten zu erheben, ſo ware der Auftuhr in dem Augen⸗ blicke ſelbſt erklärt worden. Sein verabredetes Zuſammentreffen mit Ephraim und Abraham duͤ Serre, das er ſelbſt mitten in ſeiner ſchmerzhaften Aufregung nicht vergeſſen hatte, war ihm daher willkommen wie die Rache. Nachdem Cavalier eine Strecke zuruckgelegt hatte, befand er ſich an dem Saume einer weiten, mit Haidekraut bewachſenen Ebene, welche den Wald von Aygoal von den Huͤgeln des Hort-Pion trennte. Vier Wege durchſchnitten dieſe Ebene; auf ihrem Scheitelpunkte erhob ſich ein hohes gothiſches Stein⸗ kreuz. Die Nacht war hell und ſternenklar. Cavalier ſah Jemanden am Fuße des Kreuzes und naherte ſich vorſichtig. „Stoßt in das Horn von Gabaah,“ ſagte der, welcher ihm am Orte des Zuſammen⸗ treffens zuvorgekommen war, mit dumpfer Stimme. Cavalier antwortete auf dieſen Feldruf durch die folgende, demſelben Bibelverſe entlehnte Stelle:„Laſ⸗ ſet die Trompete von Ramah ertoͤnen.“ Hierauf näher tretend, ſagte er nach dem un⸗ ter den Religionaren üblichen Gehrauche:„Guten Abend, Bruder Ephraim. Iſt Bruder Abraham noch nicht da?“ „Moch nicht,“ ſagte Ephraim. In ſeine Gedanken verſunken, wollte Cavalier ſich auf das Fußgeſtell des Kreuzes ſetzen; als er ſich aber demſelben näherte, rief er aus:. „Ephraim, was hängt denn da an dem Pfei⸗ ler? Ein todter Hund?“ Schweigend ſtand der Waldhuͤter auf, nahm aus ſeiner Jagdtaſche Stahl und Stein, ſchlug Feuer an, ſetzte damit eine Pandvoll trocknen Haide⸗ krautes in Brand, ſprang mit einem kräftigen Satze auf das Fußgeſtell und beleuchtete das Kreuz. Ueber dem halb von den Hunden aufgefreſſenen Wolfe, der an dem Pfeiler des Kreuzes hing, wa⸗ ren auf die ſteinernen Arme deſſelben mit Kohle die Worte geſchrieben: „So wird der Erzprieſter von Baal untergehen, ſo werden alle reißenden Woͤlfe enden!“ Cavalier bebte, indem er das wilde Geſicht die⸗ ſes Menſchen ſah, und bei dem Scheine von deſſen Fackel das Todesurtheil las, welches in einem Au⸗ genblicke wilden Enthuſiasmus niedergeſchrieben war. Das Licht erloſch und Alles verſank wieder in Finſterniß. Das tiefe Schweigen der Nacht wurde durch den Schall von Fufßtritten unterbrochen. Ephraim und Cavalier ſtanden auf und lauſch⸗ ten geſpannt; bald erſchien ein Mann. ₰ 56 2 „Brecht in Geſchrei aus gen Betha⸗ ron!“ ſagte Ephraim. „Und Du, Benjamin, wiſſe, daß der Feind auf meinen Ferſen iſt,“ erwiderte der Neuangekommene. „Es iſt der Bruder Abraham,“ ſagten Cavalier und Ephraim, indem ſie ihm entgegen gingen. Abraham duͤ Serre, aus einem edlen und alten Hauſe von Languedoc, war damals funfzig Jahre alt. Er war groß, mager, doch kräftig; tiefe Run⸗ zeln durchfurchten ſein blaſſes Geſicht von ſpötti⸗ ſchem und hartem Ausdrucke; ſeine Stirn und ſeine. Schlaͤfe waren gänzlich von Haar entblößt; ſeine Augenbrauen, grau wie ſein Schnurbart, ſo buſchig, daß ſie die funkelnden Augen beinahe uͤberdeckten. Er trug einen Bauerrock, lederne Kamaſchen, einen großen Strohhut und einen eiſenbeſchlagenen Stock. Von ſeinen truͤben, herrſchenden Gedanken ganz eingenommen, dachte Cavalier, als er du Serre ſah, trotz der wichtigen Verhandlungen, die ſie zuſam⸗ menbrachten, zuerſt nur daran, ſich nach Iſabelle zu erkundigen. „Bruder Abraham,“ ſagte er mit vor Ruͤh⸗ rung zitternder Stimme, indem er ihn bei Seite zog,„mein Vater hat mir Alles von Iſabelle ge⸗ ſagt; er ſagte mir, daß ſie mich unwuͤrdig verrathen hat.— Er ſagte mir, ſie ſei verfuhrt worden,“ fugte Cavalier mit wachſender Wuth hinzu.„Sage mir, iſt das wahr? Iſt das wahr?“ Duͤ Serre betrachtete Cavalier mit Geringſchä⸗ tzung und Verwunderung; ploͤtzlich aber rief er voll Unwillen aus: „Bruder Ephraim, komm hieher, braver Löwe Iſraels; komm und hoͤre den Menſchen uͤber eine, ich weiß nicht was fuͤr welche, Nichtswuͤrdige klagen! Man will ſeine Bruͤder erwuͤrgen, und er denkt nur daran, ein verlornes Liebchen zu beweinen. Glaubſt Du denn, Bruder Johann Cavalier, daß die geheiligte Stunde der Mitternacht uns in der Wuͤſte vereinigt, um ſolche Unwuͤrdigkeiten zu ver⸗ nehmen?“ „Weinet uͤber einen Todten, denn er hat verloren das Licht. Weinet uͤber ei⸗ nen Wahnſinnigen, denn er hat verlo⸗ ren den Verſtand!“ ſagte Ephraim mit fin⸗ ſterm Weſen. Dann fuͤgte er hinzu:„Ich habe es Dir geſagt, Bruder, dies Kind iſt zu ſchwach, es iſt zu jung, es iſt zu eitel, um gleich uns im Weinberge des Herrn zu arbeiten. Der Nachtheil, den er unſrer Sache bringen wird, falle auf Dein Haupt zuruͤck!“ Sei es nun, daß Cavalier die Gerechtigkeit der Vorwuͤrfe duͤ Serre's fuͤhlte, ſei es, daß ſie ihn verletzten, genug er antwortete nicht darauf; aber indem er ſich zu Ephraim wendete, ſagte er voll Stolz: „Wenn Du durch den Ton Deiner Trompete die Hirten der Gebirge und die Holzhauer des Wal⸗ des um Dich verſammeln kannſt, ſo iſt meine 5 Stimme den Arbeitern der Ebene und den Hand⸗ werkern der Flecken bekannt. Man rufe Iſtael aus den Zelten, und man wird ſehen, ob der zu ſchwach, zu jung iſt, der die Jugend von St. Andéol, An⸗ duze und Pont⸗de⸗Montvert in der Handhabung der Waffen unterrichtete.“ „Es iſt nicht noͤthig, die Waffen handhaben zu können, um der Sache des Herrn zu dienen!“ rief Ephraim mit niederſchmetternder Verachtung.„Konnte Simſon die Waffen fuͤhren? Verſtand es David, die Waffen zu fuͤhren? Der Schäfer nehme ſeinen Hirtenſtab, der Landmann nehme den Pflugſchar, der Schnitter nehme das Eiſen ſeinet Senſe, der Muͤl⸗ ler nehme den Dreſchflegel, Weiber und Kinder neh⸗ men die Kieſel der Straße. Wenn die Stimme Gottes ſie fuͤhrt, wird Iſrael triumphiren. Der Glaube— das iſt ſeine Waffe!“ „Duͤ Serre, welcher fuͤrchtete, ein gefährliches Mißverſtändniß zwiſchen Cavalier und Ephraim ent⸗ ſtehen zu ſehen, ſagte zu Erſterem:„Bruder Cava⸗ lier, Du biſt muthig, ich weiß es, und deshalb ſtaunte ich uͤber Deine Schwaͤche. Die Zeit drängt, laßt uns daher unſere Verabredungen treffen. Neues Ungluͤck bedroht uns: in Montpellier, woher ich komme, zieht der Marſchall von Mont-Revel ein bedeutendes Truppencorps zuſammen und überall werden die Milizen ausgehoben, um die neuen Edicte in Ausubung zu bringen, welche uns ſämmt⸗ lich fuͤr Ruͤckfällige erklären.“ „ ,— Gegen wen beſtimmt man dieſe Streitkräfte, da unſere Bruͤder nichts verſtehen, als ſich in den Tod zu fuͤgen?“ ſagte Cavalier mit Bitterkeit. „Dieſes ſtumme und ergebungsvolle Maͤrtyrer⸗ thum erſchreckt Baville,“ ſagte du Serre.„Unwuͤr⸗ dig, die heilige Selbſtverleugnung der Opfer zu er⸗ kennen, glaubt er, daß ſie eine Schlinge verbirgt, und iſt auf ſeiner Huth. Als ich geſtern durch Alais kam, begegnete ich dem Erzprieſter duͤ Chayla; er naͤhert ſich uns mit großen Schritten, indem er unſere Bruͤder in den Blocks) ſpannt; es ſind Weiber, Kinder, junge Mädchen und Greiſe.“ „Und wohin ſchleppt er dieſe Ungluͤcklichen?“ fragte Cavalier. „Nach der alten Abtei von Montvert, in der er mit einer ſtarken Garniſon ſein Standquartier genommen hat, bis er in unfern Bergen die Ke⸗ tzerei, wie die Katholiken unſere Religion nennen, ganz ausgerottet hat. Paul, der wilde Parteigän⸗ ger Paul, begleitet mit ſeinen Mikelets den Erzprie⸗ ſter, auch hat dieſer zwei Compagnien der Drago⸗ ner von St. Sernin bei ſich, welche der Marquis von Florac commandirt.“ Kannte nun entweder duͤ Serre den Namen vom Verfuͤhrer Iſabellens nicht, oder hatte er ihn *) Ceps(Block) nannte man eine Art von Balken, der der Länge nach geſpalten war und zwiſchen deſſen beiden Hälften man die Füße der Gefangenen klemmte. — 6— vergeſſen, genug er war weit entfernt, den Ein⸗ druck vorauszuſehen, den dieſer Name auf Cavalier machte; dieſer fuhlte ſich erbleichen, nahm ſich aber zuſammen, indem er an die letzten Vorwuͤrfe duͤ Serre's dachte, und ſagte mit dumpfer Stimme: „Der Marquis von Florac commandirt die bei⸗ den Compagnien Dragoner, welche den Erzprieſter begleiten „Ja; der Hauptmann ſoll mehr ſorglos als boshaft ſein; er iſt tapfer, aber ausſchweifend, hoch⸗ muͤthig, gottlos, wie alle dieſe geſtiefelten Apoſtel, die man zu unſerer Bekehrung abſendet.“ „Es iſt doch der junge Marquis von Florac, der die beiden Compagnien Dragoner von St. Sernin commandirt, nicht wahr?“ fragte Cavalier noch einmal. „Derſelbe; er iſt höchſtens fuͤnf und zwanzig Jahre alt, hat blondes Haar und ein weibiſches Ge⸗ ſicht,“ ſagte duͤ Serre, ohne zu ahnen, welche Wich⸗ tigkeit dieſe Mittheilungen fuͤr Cavalier hatten. „Er iſt es!“ ſagte Cavalter und verſank in Nachdenken. „Der Erzprieſter von Baal koͤmmt in dieſe Di⸗ öceſe,“ ſagte Ephraim zu ſich ſelbſt;„die Viſion erfullt ſich alſo!“ Viſion, Bruder?“ fragte duͤ Serre. „Dieſe Nacht war ich im Geiſte entzuͤckt,“ er⸗ widerte Ephraim mit finſtrer Exaltation.„Ich ſah, wie der Tod das bleiche Pferd der Apokalypſe ritt. Es ſchimmerte weiß durch die finſtre Nacht. Eine Stimme, ſtark wie das Bruͤllen des Löwen, ſagte zu mir: Der Wolf, der das fleckenloſe Lamm zer⸗ reißt, wird morgen auf dem Felde Gottes erſchei⸗ nen. Du wirſt den Wolf erlegen, Du wirſt ihn an das verfluchte Kreuz haͤngen, und ſein Anblick wird die reißenden Woͤlfe erſchrecken.— Dieſen Morgen zeigte ſich der Wolf, ich habe ihn erlegt, da iſt er.“ Dabei deutete Ephraim auf das Kreuz; dann fugte er mit wildem Tone hinzu: „Wenn jener andere Wolf, der Seelenraͤuber, der Erzprieſter der Cevennen, dort haͤngt, wird die ganze Viſion erfullt ſein. Jede Viſion iſt doppelt,“ fuͤgte Ephraim hinzu, und verſank dann in finſt⸗ res Schweiden. „Hört mich, hoͤrt mich,“ ſagte duͤ Serre.„Iſt der Erzprieſter einmal in Pont⸗de⸗Montvert, im Herzen dieſes Landes, dann wird die Verfolgung ſich verdoppeln. Die Stimme Gottes iſt wie der Sturm; ſie bricht plotzlich mitten in der Ruhe aus. Wenn ſie in einigen Tagen ſich vernehmen ließe, um uns zuzurufen: Zu den Waffen! wuͤrdeſt dann Du, Bruder Cavalier, fuͤr die Bewohner der Ebene ſte⸗ hen, und Du, Bruder Ephraim, fuͤr die Bewoh⸗ ner der Berge?“ „Die Stimme Gottes ertoͤne,“ ſagte Ephraim, „und der Loͤwe Iſraels wird bruͤllen, und er wird ſich auf ſeine Beute ſturzen, und er wird ſie fort⸗ tragen in den Schooß der Waͤlder, ohne daß man ſie ihm zu entreiſen vermag!“ Nach einer Minute des Schweigens ſagte Ca⸗ valier mit kurzer, feſter Stimme: „Ich ſtehe ſo ganz fuͤr die Leute der Ebene, daß ſie morgen mit Sonnenuntergang in den Waf⸗ fen ſein ſollen, moͤge die Stimme Gottes ſprechen oder nicht, und bei Gott, nicht ein Dragoner von St. Sernin ſoll dieſe Berge lebend verlaſſen.“ „Das hieße unſere Sache fuͤr immer zu Grunde richten,“ ſagte duͤ Serre, erſchrocken durch den ent⸗ ſchloſſenen Ton des jungen Mannes.„Beim Him⸗ mel! Thu' das nicht, Johann Cavalier.“ „Ich werde das Schwert nicht aus der Scheide ziehen, bis die Stimme Gottes geſprochen hat, und ſie hat noch nicht geſprochen,“ ſagte Ephraim kopf⸗ ſchuttelnd. „Die Bergbewohner werden alſo den Leuten der Ebene den Ruhm laſſen, die Philiſter aus dem La⸗ ger Gottes zu verjagen!“ ſagte Cavalier ſtolz. „Die Stimme Gottes wird dann ſpäter unſer Thun billigen.“ „Aber ich ſage Dir, daß Du uns in das Ver⸗ derben ſtuͤrzeſt,“ wiederholte duͤ Serre.„Es iſt noch nicht Zeit, die Stunde iſt noch nicht gekommen, es iſt zu fruͤh, zu fruͤh. Ein theilweiſer Aufſtand wuͤrde augenblicklich erſtickt werden.“ „Es iſt ſchon zu lange gezoͤgert worden, zu viel Schwäche gezeigt; die Stunde iſt erſchienen, — denn die ganze Jugend der Ebene wird ſich auf meine Stimme erheben,“ ſagte Cavalier hartnaͤckig. „Und ich,“ rief duͤ Serre mit gebietender Stim⸗ me,„ich ſage Dir, ſtolzer Unſinniger, daß Deine Stimme nicht gehoͤrt werden wird. Unſere Bruͤ⸗ der der Ebene, wie unſere Bruͤder der Berge werden treu bleiben dem Willen ihrer Geiſteshirten, die, auf dem Rade und dem Scheiterhaufen ſterbend, ihnen befohlen haben, nur dann zu den Waffen zu grei⸗ fen, wenn die Stimme Gottes ihnen zurufen wuͤrde: Zu den Waffen!— Unſere Bräder der Ebene lieben Dich, ſie lieben Deinen Muth und Deine Jugend, ich weiß es, aber nicht Einen wirſt Du zu dem bewaffneten Aufſtande bringen, ehe Gott ge⸗ ſprochen hat!“ Duͤ Serre hatte Recht, und Cavalier fuhlte dies. Ungeachtet ſeines Einfluſſes auf die Jugend der Cantone wußte er, daß der letzte Wille der Märtyrerprieſter auf den Geiſt der Bevoͤlkerung all⸗ mächtig wirkte. Daͤ Serre, welcher ſah, welchen Eindruck ſeine Antwort auf Cavalier machte, fugte hinzu: „Ich ſage Dir, erwarte die Stunde mit Geduld, und ſie wird ſchlagen. Dein Degen ſoll nicht im⸗ mer in der Scheide bleiben, Bruder Cavalier. Zu⸗ weilen offenbart ſich Gott den Schwachen; eine ge⸗ heime Stimme ſagt mir, daß große Ereigniſſe nahen; daß merkwurdige Dinge ſich den Augen zeigen wer⸗ — den; daß der Tag nicht mehr fern iſt, an welchem die Menſchen kaum glauben werden, was ſie ſehen.“ In dieſem Augenblick fiel Cavalier duͤ Serre heftig in die Rede, faßte ihm beim Arme und ſagte: „Porcht, horcht!“ Alle lauſchten mit geſpanntem Ohr. Das Heidekraut, welches die Erde bedeckte, bil⸗ tede uͤber dem Boden einen ſo dichten Teppich, daß ein Commando Dragoner den drei Cevenolen ziem⸗ lich nahe hatte kommen können, ohne gehort zu wer⸗ den. In geringer Entfernung aber verrieth es das Klirren ſeiner Waffen. „Die Dragoner!“ rief Cavalier. „Das Geheimniß unſerer Zuſammenkuͤnfte iſt entdeckt!“ ſagte duͤ Serre mit leiſer Stimme;„laßt uns trachten, uͤber die Hecken zu entfliehen. Sonn⸗ abend wieder hier.“ „Ich ſehe weiße Kittel am Fuße des Kreuzes!“ rief eine rauhe Stimme.„Heda, Canaillen, keinen Schritt, oder, mordieu! wir geben Feuer!“ Statt dem Befehle der Dragoner zu gehorchen, ſprangen Ephraim, du Serre und Cavalier uͤber eine dichte Ginſterhecke, welche den Kreuzweg um⸗ zog, und entflohen nach verſchiedenen Richtungen uͤber die Ebene. „Feuer! Feuer!“ commandirte der Fuͤhrer der kleinen Reiterabtheilung. Zwei oder drei Schuſſe blitten durch die Dun⸗ kelheit, aber keiner der Ceven len wurden getroffen. ———— Das Verhör. Cavalier, welcher die Gegend genau kannte, ver⸗ barg ſich bald zwiſchen den dicken Ginſterhecken, welche die Umhegung der Felder von Languedoc bil⸗ den, bald kletterte er die Wände der ſteilen Schluch⸗ ten hinab, und ſo entging er gluͤcklich der Verfol⸗ gung der Dragoner. Gegen Mitternacht kam er in dem Flecken St. Andéol an. Als er ſich dem Pachthofe ſeines Vaters nä⸗ herte, hoͤrte er einen ungewöhnlichen Larm. Mit dem größten Staunen ſah er die Pferde und die Zuchtochſen, ohne Zweifel aus ihren Ställen ver⸗ trieben, auf der Wieſe umherirren oder graſen. In den Fenſtern zeigte ſich Licht und verſchwand wech⸗ ſelsweiſe. Alles verrieth, daß eine große Thäͤtigkeit in dem Hauſe herrſche. Dichte Rauchwolken ſtie⸗ gen aus dem Schornſtein auf. Ein heller Schein, Krieg in den Cevennen. 5 66— der offenbar vom Hofe ausging, warf einen zittern⸗ den Widerſchein auf die Baume und die Gebaͤude. Cavalier, der immer beſorgter wurde, wollte eben auf den Hof treten, als er den Galopp mehrerer Pferde hoͤrte. um nicht uͤberraſcht zu werden, hatte er nur ſo viel Zeit, auf die Steinbank zu ſpringen und von hier in den dichtbelaubten Wipfel eines großen Nuß⸗ baumes zu klettern, deſſen Zweige bis an die Waͤnde des Hauſes gingen. Kaum war er hier verſteckt, als fuͤnf Drago⸗ ner, ohne Zweifel eben die, welche ihn verfolgt hat⸗ ten, an der Thuͤr des Pachthofes vom Pferde ſtiegen. Unordnung und Verwirrung herrſchten in dem ſonſt ſtets ſo regelmäßig ruhigen Hauſe. Eine Abtheilung Dragoner bivouacquirte um ein großes Feuer, welches mitten auf dem Hofe an⸗ gezuͤndet war, denn in dieſem gebirgigen Lande iſt der Nachtthau ſelbſt im Sommer eiskalt. Reiter ſaßen auf den Eggen und Pfluͤgen, die ſie zu dem Feuer getragen hatten, rauchten, plau⸗ derten oder ſangen Caſernenlieder; andere, welche ihre Uniformen ausgezogen hatten, putzten die Pferde, die mit Stricken an eiſernen in die Wand geſchla⸗ genen Nägeln befeſtigt waren; das Sattelzeug lag hier und dort umher. Dieſe Soldaten gehoͤrten zu dem Regiment St. Sernin. Sie trugen gruͤne Uniform mit weißwol⸗ —— ———— — 6 lenen Litzen, ſcharlachrothe Weſte und Hoſen, große ſteife Stiefeln mit ſilbernen Sporen. Auch die Kuͤche bot ein ſehr belebtes Bild. Ein großes Feuer brannte auf dem Heerde. Die Maͤgde des Pächters bedienten zitternd die am Tiſche ſitzen⸗ den Dragoner. Obgleich es Sonnabend und Faſt⸗ tag war, machten dieſe katholiſchen Soldaten, die geſtiefelten Miſſionaire, wie man ſie nannte, unbe⸗ kuͤmmert um die Vorſchriften der Enthaltſamkeit, den kräftigen Reſten von dem Abendeſſen des Päch⸗ ters alle Ehre. Ein Lammsviertel, welches zum Abendeſſen der Fuͤhrer briet, verrieth, daß dieſe eben ſo wenig gewiſſenhaft wären, wie ihre Soldaten. Die fuͤnf Reiter, deren wir erwaͤhnten, wurden mit Neugier begruͤßt, als ſie in die Kuͤche traten. „Nun, Laroſe,“ ſagte einer der Dragoner zu dem Brigadier, welcher der Fuͤhrer der Neuange⸗ kommenen zu ſein ſchien,„haſt Du eine gute Jagd gemacht? Haſt Du einen der krächzenden Raben an den Schwanz Deines Pferdes gebunden?“ „Nein, tauſend Teufel! Durch das Geraͤuſch gewarnt, ſind die garſtigen Vogel davon geflogen, indem ſie ein Aas zuruͤckließen, das ſie ohne Zwei⸗ fel eben zerriſſen, und was noch ſchlimmer iſt—“ Aber Laroſe unterbrach ſich und fragte:„Wo iſt der Herr Marquis?“ „Er iſt oben, mit dem Capitain Poul.“ „Der Capitain Poul! So kommen die Spitz⸗ buben von Mikelets?“ rief Laroſe aus;„ich hoffe, 5 ½ — daß man die Dragoner von St. Sernin nicht mit ſolchem Gewuͤrm wird bivouacquiren laſſen.“ „Nein, nein, beim Teufel; ſie wuͤrden uns ſelbſt die Nägel aus den Stiefeln ſtehlen. Sie wer⸗ den außerhalb ins Lager geſchickt.“ „Mich hungert; wartet auf mich, Ihr Andern,“ ſagte Laroſe.„Ich komme gleich wieder, wenn ich mit dem Herrn Marquis geſprochen habe.“ „Er iſt dort oben,“ ſagte der Dragoner. „Wo Teufel iſt das: dort oben?“ fragte La⸗ roſe. Aber eine der Mägde des Pachthofes erblik⸗ kend, ſchlang er ſeinen Arm um ſie, kußte ſie auf den Hals und ſagte:„Da haſt Du Deine Zah⸗ lung im voraus; jetzt ſage mir, wo mein Capitain iſt, Du huͤbſche Ketzerin.“ Zum Ungluͤck fuͤr die Galanterie des Drago⸗ ners hatte dieſer ſich an eine ehrwuͤrdige Matrone gewendet. Lebhaft verletzt durch die Unverſchaͤmt⸗ heit des Soldaten, wendete ſie ſich um, und zeigte ihm ein bleiches, ſtrenges, runzeliges Geſicht. „Zum Teufel uͤber die Finſterniß in dieſer Hoͤhle! Mann kann wahrhaftig nicht einmal eine Nachteule von einer Turteltaube unterſcheiden,“ rief Laroſe, indem er ſich voll Ekel den Mund wiſchte. Dann fugte er hinzu, indem er das arme Weib roh mit der Spitze der Säbelſcheide vor ſich hin ſtieß „Vorwärts, Marſch, alte Hugenottin; fuͤhre mich zu dem Herrn Marquis von Florac, meinem Ca⸗ pitain.“ —,— ——,— — 59— Die Magd nahm eine Lampe, ſchritt dem Dra⸗ goner auf einer ziemlich dunkeln Treppe voran, kam auf einen Saal und öffnete die Thuͤr eines Zim⸗ mers, in welchem ſich der Pächter, ſeine Frau, ſein Sohn Gabriel und ſeine Tochter Cöleſte befanden. Die Familie antwortete auf die inquiſitoriſchen Fragen des ehrwuͤrdigen Pater Rouleau, eines Ca⸗ puziners und Secretair des Erzprieſters der Ceven⸗ nen, Abt du Chayla. Dieſem Verhoͤre wohnten der Marquis von Florac, Capitain der Dragoner von St. Sernin, und Denis Poul, Fuͤhrer einer Bande Mikelets, bei. Die Stube, in welcher dieſes furchtbare Tribu⸗ nal ſeine Sitzung hielt, hieß in der Familie Cava⸗ lier das Gotteszimmer; ſeit zwei Generationen war dieſer Theil des Hauſes fur die Gäſte beſtimmt, die der Zufall auf den Pachthof fuͤhrte. Alle Fremde, welche ein Aſyl erbaten, arm oder reich, wurden nach dem frommen Gebrauche dieſes Hau⸗ ſes mit derſelben Sorgfalt, mit derſelben Ruͤckſicht aufgenommen, und wohnten in dieſem Zimmer, in welches der Pächter, getrieben von einem ruͤhrenden Gefuhle der Gaſtlichkeit, die wenigen Lurusmöbel ge⸗ ſetzt hatte, die er beſaß. Das Bett mit gewundenen Säulen war mit Vorhängen von flamändiſcher Tapiſſerie geſchmuͤckt, während die andern Betten des Hauſes beſcheiden nur Vorhaͤnge von grober Serge, im Lande ſelbſt gewebt, hatten. Ein großer vortrefflicher Armſtuhl, mit Ohren, und mit ſpaniſchem Leder uͤberzogen, war fuͤr den ermudeten Reiſenden beſtimmt. Ein Tiſch von blank gewichſtem Nußbaumholz, eine ziemlich reich ge⸗ ſchnitzte große Truhe, ein Betſchemel, der neben dem Bette ſtand, machten das Meublement dieſes Zim⸗ mers vollſtändig; auf dem breiten Kaminſimſe ſtan⸗ den zwei große Vaſen von Steingut. Dieſe wur⸗ den jeden Morgen, mochte das Zimmer bewohnt ſein oder nicht, mit den Blumen gefullt, welche die Jahreszeit bot. Eine ruͤhrende Aufmerkſamkeit, welche bewies, daß die Gäſte, bekannt oder unbe⸗ kannt, ſtets erwartet wurden. ueber dem Kamin war mit großen ſchwarzen Buchſtaben auf weißem Pergament der bibliſche Spruch geſchrieben: „Vertheile dein Brod reichlich, und wie auch das „Waſſer, das voruͤberfließt, denn Du wirſt es nach „langer Friſt wiederfinden.“ „Verachte den nicht, der hungrig iſt, „und verſpotte den Armen nicht in ſei⸗ ner Noth.“ Eine kupferne Lampe mit drei Schnaͤbeln beleuch⸗ tete den Auftritt, den wir jetzt beſchreiben wollen. Der Marquis Tancred von Florac, ein ſchoͤner junger Mann von ungefähr funf und zwanzig Jah⸗ ren, in grunem mit ſilbernen Litzen beſetztem Wamms, ſaß halbliegend auf dem Bette. Er ſtutzte nachläſ⸗ ſig den Kopf auf die eine Hand; mit der andern ſpielte er mit dem Ende ſeiner Achſelſchnuͤre von weißem Atlas mit Gold geſtickt. Indem er in ma⸗ ſchinenmͤßiger Bewegung ſein eines Bein hin und her ſchlenckerte, zerriß er mit den Sporen ſeiner ſtei⸗ fen Stiefeln die ſchoͤnen Spitzen von perſiſcher Leine⸗ wand, welche ſeit ſo vielen Jahren unverletzt erhal⸗ ten worden waren. Das huͤbſche Geſicht des Capi⸗ tains verrieth Langeweile, Ermuͤdung, Ungeduld. Denis Poul ſaß in dem fuͤr die Gäſte beſtimm⸗ ten, großen mit Leder uͤberzogenen Armſtuhle; ſehr gleichgultig gegen das Verhor der Proteſtanten, uͤber⸗ legte er nach einer topographiſchen Charte von Lan⸗ guedoc, die er auf einer Ecke des Tiſches vor ſich ausgebreitet hatte, einen Plan zum Marſch und zur militairiſchen Stellung. Dieſer Parteigänger von beruchtigter Grauſam⸗ keit und von einem vielgepruͤften Muthe hatte meh⸗ reren Staaten Europa's gedient; kurzlich hatte er den Krieg in Ungarn gegen die Tuͤrken mitge⸗ macht*). Man haätte glauben ſollen, er ſuche durch * Er war ein Offizier von Verdienſt und Ruf, gebürtig aus Vielle-Dübert bei Carcaſſonne, wel⸗ cher in Ungarn und Deutſchland in ſeiner Jugend ge⸗ dient und ſich in Piemont gegen die Waldenſer ausge⸗ zeichnet hatte, beſonders dadurch, daß er Barbanaga, ihrem Häuptlinge, während des letzten Krieges in ſei⸗ nem Zelte den Kopf abſchnitt. Sein hoher kräftiger Wuchs, ſein kriegeriſches Anſehen, ſeine heiſere Stimme, ſein heftiges ſtrenges Weſen, ſeine blutbefleckte und ſeine auffallende Tracht, ſein ſchon ſo wildes Ge⸗ ſicht noch fuͤrchterlicher zu machen. Faſt alle Theile ſeiner Kleidung, ſo wie ſeiner militairiſchen Ausruͤ⸗ ſtung, ruͤhrten aus der Beute der Beſiegten her, die er getoͤdtet hatte. Neben ihm auf dem Tiſche ſtand eine eiſerne Kappe, an der ein Netz von Stahlmaſchen herabhing, um das Genick zu ſchuͤtzen. Dieſe Art von Helm hatte Poul einem Circaſſier abgenommen, der in den Reihen der Tuͤrken focht. Sein ſchwerer, breiter, armeniſcher Säbel mit ſilberner Scheide und damascirter Klinge war die Trophaͤe ſeines Sieges uͤber einen Emir, den er im Einzelkampfe getoͤdtet hatte. Seinen reichen Tole⸗ nachläſſige Kleidung, ſein vorgerücktes Alter, ſeine ge⸗ prüfte Unerſchrockenheit, der Vortheil ſeiner Erfahren⸗ heit, ſeine gewöhnliche Schweigſamkeit, die Länge und Schwere ſeines armeniſchen Säbels, machten ihn ge⸗ fürchtet. Man konnte daher auch keinen paſſendern Mann wählen, um dieſe Rebellen zu zügeln. Er ritt ein ſpaniſches Pferd, und hatte ſich ge⸗ wöhnt, mit ganz gebogenen Knieen darauf zu ſitzen, um ſich bis zu den Ohren ſeines Pferdes vor oder bis auf die Croupe zurück werfen zu können, wenn es nöthig war, einen tödtlichen Streich auszutheilen oder zu ver⸗ meiden.(Der erneute Fanatismus von dem Prieſter LOuvreleuil, Avignon 1701.) Poul war ein alter Of⸗ fizier, den Herr von Baville mit ſeinem Haufen Mi⸗ kelets nach den Cevennen gezogen hatte. Er war von hohem Wuchſe, ein Mann von Kopf und Fauſt, uner⸗ müdlich, ſtreng, grauſam, unerſchrocken.(Geſchichte des Fanatismus von Bruchs. utrecht, 1737.) — 5— der Dolch hatte er in Flandern einem Hauptmann der Lanzknechte abgenommen. Seine langen Piſto⸗ len hatten Barbanaga, dem Fuͤhrer der Waldenſer, in dem piemonteſiſchen Kriege gehoͤrt. Einem Ge⸗ neral der Kaiſerlichen hatte er die eiſerne damascirte Ruͤſtung abgenommen, die er nach altem Gebrauche uͤber einem abgeſchabten Buͤffelwamms trug, deſſen Aermel von Menſchenblut ekelhaft befleckt waren. Man konnte glauben„das blutige Wamms eines Fleiſchers zu ſehen. Seine großen Corduanſtiefeln endlich, mit langen, durch die Zeit geſchwärzten Spo⸗ ren, verbargen ſeine ſcharlachrothen Hoſen beinahe ganz, denn ſie reichten bis zum halben Schenkel. Seine kurzen, buͤrſtenartigen und abgeſchnittenen Haare waren, eben ſo wie ſein Bart, Augenbrauen und Schnurbart, feuerroth. Ein Lanzenſtoß hatte ihn einaͤugig gemacht; ſein anderes Auge, welches hellblau und glasartig war, färbte ſich bei der ge⸗ ringſten heftigen Aufregung blutroth. Seine Naſe war dick und fleiſchig. Eine dunkelveilchenblaue breite Narbe zog ſich über ſeine Stirn, welche durch das Alter und die Kriegsmuͤhſeligkeiten tief gefurcht war. Denis Poul war damals funfzig Jahre alt, groß, knochig, von entſetzlicher Magerkeit; an einer ſeiner großen kräftigen Hände fehlte der Daumen. Poul hatte dieſen Daumen in Folge einer entſetz⸗ lichen Tortur verloren. Als Gefangener der Tuͤr⸗ ken, wollten dieſe ihn zwingen, ihnen uͤber die Stel⸗ lung der kaiſerlichen Armee genaue Auskunft zu geben; er weigerte ſich deſſen, und um ihn zum Sprechen zu bringen, umwickelten dieſe ihm den Daumen mit ſchwefelgetränkten Lunten, welche lang⸗ ſam das Fleiſch bis auf den Knochen verbrannten, ohne daß dieſer Menſch von unbeugſamem Charak⸗ ter ſich ein einziges Zeichen der Schwäche hätte entſchluͤpfen laſſen. Von ſo viel Heldenmuth er⸗ griffen, und uͤberzeugt, daß Martern ihm kein Ge⸗ ſtändniß entreißen wuͤrden, gaben die Tuͤrken ihm die Freiheit. Ohne Glauben, zügellos, gottlos, von unerbitt⸗ licher Grauſamkeit, aber von blindem Muthe, von eiſernem Willen und ſeinen Banditenhaufen durch das Uebergewicht ſeiner Unerſchrockenheit beherrſchend, ſo war der Capitain Denis Poul, der im Verein mit dem Marquis Tancred von Florac den Befehl erhalten hatte, die Vollſtreckung der neuen Edicte zu unterſtuͤtzen, welche uber alle Proteſtanten die, ge⸗ gen die ruckfälligen Ketzer verhängten Strafen, aus⸗ ſprachen. Der Capuziner Rouleau trug die Tracht ſeines Ordens; er war jung und blaß; ein duͤnner ſchwarzer Bart umſchattete ſein Kinn. Vor dieſem Moͤnche ſtanden Hieronimus Ca⸗ valier, deſſen Frau und deſſen beide Kinder. Die Zuge des proteſtantiſchen Pächters verrie⸗ then nicht die geringſte Furcht; ſie ſprachen eine wuͤrdevolle, entſchloſſene Ruhe aus. Seine Frau theilte ſeine Zuverſicht nicht; zit⸗ ternd, die Augen in Thränen gebadet, hielt ſie ih⸗ ren Mann an der Hand, während Cöleſte und Gabriel ſich voll Schrecken an die Mutter klam⸗ morten. Als Laroſe eintrat, rief ſein Hauptmann ihm zu: „Nun, haſt Du ſie gefangen?“ „Nein, Herr Marquis; ſie haben uns kommen hören, und ſind wie ein Haufen Fledermäuſe ent⸗ flohen; aber ſie waren am Fuße des Blutkreuzes verſammelt, wie man dem Herrn Marquis geſagt hatte. Waͤhrend Peter Loriffet und Lerour ſie durch das Haidekraut verfolgten, ſtieg ich mit dem Lothringer vom Pferde, und da fanden wir am Kreuz einen halbzertiſſenen Wolf.“ „Gottesläſterung!“ rief der Capuziner voll Ent⸗ ſetzen. „Weiter!“ ſagte trocken der junge Capitain. „Nachdem der Lothringer den Wolf gefunden hatte, Herr Marquis, ſagte er zu mir: Brigadier Laroſe, die Nacht iſt ſo hell, daß es mir ſcheint, als ſähe ich Schrift an dem Kreuze.— Um mich davon zu uͤberzeugen, ſchlug ich Feuer, zuͤndete et⸗ was Haidekraut an, und las uͤber dem Wolf auf den Aermen des Kreuzes: So endet der Erz⸗ prieſter von Baal. Sie hatten Baal mit zwei g und einem l geſchrieben, die Dummköpfe,“ ſagte Laroſe in Parentheſe und achſelzuckend.„So enden die reißenden Woͤlfe! Ich fand es zuerſt un⸗ geheuer dumm, den Herrn Abt einen Erzprieſter von Ball zu nennen, denn ich halte den Herrn Abt fuͤr unfähig, ſich den kleinſten Walzer zu er⸗ lauben und—“ „Das ſtand da? Die Worte waren auf das Kreuz geſchrieben: So endet der Erzprieſter von Baal?“ fragte der Capuziner unwillig, indem er den Dragoner unterbrach. „Ja, ehrwuͤrdiger Herr; aber ich halte den Herrn Abt fuͤr unfaͤhig—“ „Genug, genug,“ ſagte der Capuziner, und legte dem Soldaten Stillſchweigen auf. Hierauf ſich zu dem Proteſtanten wendend, ſagte er: „Hoͤrt Ihr, hoͤrt ihr? Und um ſich dieſes ab⸗ ſcheulichen und gotteslaͤſterlichen Verbrechens mit⸗ ſchuldig zu machen, hat Euer Sohn ſich ohne Zwei⸗ fel dieſe Nacht entfernt?“ „Es iſt wahr, daß mein Sohn abweſend iſt, Herr; aber nichts beweiſt, daß er ein Mitſchuldi⸗ ger dieſer Handlung ſei.“ „Wo iſt er denn aber? Weshalb habt Ihr uns bei unſerer Ankunft verſichert, daß er in ſeinem Zimmer ſei?“ „Weil ich ihn dort glaubte.“ „Seit langer Zeit hat der Herr Intendant Euern Sohn und Euch im Auge,“ ſagte der Capuziner. Nach einigen Minuten des Schweigens nahm er aus einer der Taſchen ſeines Gewandes ein klei⸗ nes Buch, welche ohne Zweifel geheime Nachrichten uber dieſe proteſtantiſche Familie enthielt, und fügte, es durchblatternd, hinzu: „Ihr habt den Verſammlungen beigewohnt, welche durch das Edict des Koͤnigs verboten ſind?“ „Ja, Herr.“ „Ihr habt Brouſſon eine Zuflucht gewährt, ehe er in Montpellier die Strafe fur ſeine abſcheuliche Ketzerei empfing?“ „Nie wird die Thuͤr meines Hauſes dem ver⸗ ſchloſſen ſein, der ein Aſyl ſucht.“ „Euer Vater hat in dem Religionskriege unter dem Herrn Herzoge von Rohan bei der Empoͤrung dieſes Herrn gedient? Er hat die Waffen gegen die Truppen des Koͤnigs getragen?“ „Ja, Herr; mein Vater wurde am Tage der Schnitter verwundet.“ „Euer Großvater nahm auch Theil an der calviniſtiſchen Inſurrection, die den Herrn Prinzen von Condé zum Haupt hatte?“ „Ja, Herr,“ fagte der Greis mit einem Seuf⸗ zer;„mein Großvater fiel an der Seite des Prin⸗ zen, auf der Ebene von Coutras.“ „Peſt!“ ſagte der Marquis,„das iſt wenigſtens ein offenes und kuͤhnes Rebellengeſchlecht; aber Ihr, mein braver Hugenott, habt Ihr Euch ſeit dem Widerrufe des Edictes von Nantes nie im Schutze einer Ginſterhecke in den Hinterhalt gelegt, um auf einen armen einzelnen Solbaten zu ſchießen, wie auf einen Haſen im Lager?“ „Meine Seele iſt rein von jeder Feigheit, meine Hände ſind rein von Blut, Herr. Als der Koͤnig unſer Gebieter die Rechte widerrief, welche ſein Vor⸗ fahr uns zugeſprochen hatte, als man unſere Tem⸗ pel ſchloß, hoͤrte ich die Worte unſerer Prieſter in dem Walde oder auf den Bergen. Iſt das ein Verbrechen, ſo geſtehe ich es ein und ruͤhme mich ſeiner.“ „Das Edict, welches dieſes Jahr von Sr. Ma⸗ jeſtät erlaſſen wurde, verkuͤndet: daß es in ſeinem Königreiche keine Proteſtanten mehr gibt,“ ſagte der Capuziner.„Alle werden als bekehrt betrachtet; die, welche ſeit jenem Edicte in der Ausuͤbung ihrer Religion fortfahren, gelten fuͤr Ruͤckfällige und ſind folglich den Strafen unterworfen, welche uber dieſe verhaͤngt werden.“. „Ich habe alle Verfolgungen erduldet, ohne je daruͤber zu klagen;“ erwiderte der Greis;„nie haben ſie meinen Glauben erſchuͤttert. Der Koͤnig betrachtet mich als bekehrt, doch ich bin es nicht, denn nie habe ich meine Religion abgeſchworen; ich ſpreche es laut aus, daß ich in dem Glauben meiner Väter ſterben will und ſterben werde.“ Um die ganze Grauſamkeit der Worte des Ca⸗ puziners zu verſtehen, welche uͤbrigens mit dem Geiſte und mit dem Buchſtaben des koniglichen Edictes vollkommen uͤbereinſtimmten, muß man hier den weſentlichen Inhalt des Geſetes citiren, welches die Strafe gegen die Ruckfälligen uͤber alle Prote⸗ ſtanten verhangte, welche erklärten, daß ſie in ihrer Religion beharren wollten, mochten ſie nun abge⸗ ſchworen haben oder nicht: „Der A ufenthalt derer, die in der vorgeb⸗ „lich reformirten Religion oder von reformirten El⸗ „tern geboren ſind, in Unſerm Koͤnigreiche, „ſeitdem Wir die Ausuͤbung der genannten Religion „verboten haben, iſt ein mehr als hinreichen⸗ „der Beweis, daß ſie die katholi ſch⸗apo⸗ „ſtoliſcheromiſche Religion angenommen „haben, ſonſt wuͤrden ſie weder geduldet, „noch gelitten worden ſein) So wurden die Hugenotten, welche einen Ver⸗ ſuch machten, das Konigreich zu verlaſſen, zu den Galeeren oder zum Tode verurtheilt*). Wenn ſie in Frankreich blieben, ſchoͤpfte man aus dieſem ge⸗ zwungenen Aufenthalte den Beweis, ſie als Be⸗ kehrte zu betrachten; und wenn ſie feierlich erklär⸗ ten, daß ſie in ihrer Religion leben oder ſterben wollten, verurtheilte man ſie als Ruͤckfäͤllige zu all den entſetzlichen Martern, welche uͤber die verhängt 4 Sammlung von Edicten, Erklärungen und Beſtimmmungen gegen die Anhänger der ſogenannten reformirten Religion, Paris 1714. Beſtimmung vom 26. April 1686 gegen die flüchtigen Religionare.— Beſtimmung vom 12. Oc⸗ tober 1687, welche die Galeerenſtrafe in die Todesſtrafe für die verwandelt, welche die Flucht der Neubekehr⸗ ten begünſtigen. — 80 waren, die die Ketzerei einmal abgeſchworen hatten und ſich ihr aufs Neue hingaben. Solche Abſcheulichkeiten beduͤrfen keiner Ausle⸗ gung. Kommen wir daher auf das Verhoͤr des Paͤchters zuruͤck. Der Capitain Poul hatte ſeit dem Anfange die⸗ ſer Scene haͤufige Beweiſe der Ungeduld gegeben; heftig auf den Tiſch ſchlagend, rief er endlich mit rauher, gellender Stimme: „Schickt doch den Schwätzer in den Block, ehr⸗ wurdiger Herr, und preßt ihm die Knoͤchel zuſam⸗ ſammen, bis er ſagt, wo ſein Sohn iſt. Macht ein Ende, das Abendeſſen wartet und mich hun⸗ gert.“ Der Capuziner bat durch eine Bewegung den Hauptmann um Geduld, und ſetzte das Verhoͤr fort. „Habt Ihr Euch dem Edicte gefuͤgt, welches den neubekehrten Religionaren befiehlt, ihre Kinder in der roͤmiſch⸗apoſtoliſchen Religion zu erziehen?“ „Ich wiederhole Euch, Herr, daß ich nicht be⸗ kehrt bin; meine Kinder werden nie eine andere Religion haben, als die ihrer Väter.“ „Die vorgeblich reformirte Religion iſt in Frank⸗ reich abgeſchafft; Ihr bewohnt Frankreich; Iht könnt Euch folglich nicht zu einer Religion beken⸗ nen, welche durch die Edicte des Koͤnigs verboten iſt. Seht Euch wohl vor! Indem Ihr behaup⸗ tet, Eurem Glauben treu zu bleiben, bekennt Ihr Euch ruͤckfällig, da nach dem Edicte Euer Aufent⸗ . — — halt und Frankreich Eure Bekehrung beweiſt. In⸗ dem Ihr daher erklaͤrt, daß Ihr Eure Kinder in der abſcheulichen Ketzerei erzogen habt und auch fer⸗ ner erziehen wollt, ſetzt Ihr Euch den ſtrengſten Strafen aus. Ueberlegt es wohl. Ich will Euch den Tert des Edictes vom 13. September 1693 vorleſen.“— Und der Capuziner las die folgende Stelle: „Wir befehlen den Vaͤtern und den andern Neu⸗ „bekehrten, denen die Erziehung der Kinder obliegt, „dieſe den Biſchoͤfen oder den Vorſtehern Unſerer „Miſſionen zu bringen, wenn ſie dies im Laufe ih⸗ „rer Beſuche gebieten, um ihnen Rechenſchaft von „dem Unterrichte zu geben, den die Kinder in der „katholiſchen Religion empfangen haben; Wir be⸗ „fehlen auch Unſeren Richtern, alle Vorkehrungen und „Maßregeln zur Erfuͤllung dieſes Unſers Willens „zu treffen.“*) Dann betonte der Capuziner langſam das Fol⸗ gende, indem er von Zeit zu Zeit den Pächter mit ſtrengem Blicke betrachtete: 8 „Wir befehlen, die Neubekehrten zu beſtrafen, „die ſich nachläͤſſig darin zeigen werden„Unſere Ge⸗ „bote in Betreff der katholiſchen Erziehung ihrer „Kinder zu befolgen, oder welche die Verwegenheit „haben ſollten, auf irgend eine Weiſe dagegen zu S. die ſchon erwähnte Sammlung. Krieg in den Cevennen. 6 „handeln, durch Strafgelder oder ſtrengere Strafen, „je nach der Dringlichkeit des Falles.“ „Ihr ſeht, daß auch eine groͤßere Strafe ange⸗ wendet werden kann,“ ſagte der Capuziner.„hr verdient ſchon eine ſtrenge Zuͤchtigung, daß Ihr Eure Kinder nicht nach dem Befehle des Koͤnigs erzogen habt; wollt Ihr Euch einer neuen Strafe aus⸗ ſetzen, indem Ihr auf dieſer gottloſen Bahn be⸗ harrt?“ „Ich muß Euch noch einmal wiederholen, daß ich meinen Glauben nie abgeſchworen habe, und daß meine Kinder meinem Beiſpiele folgen werden.“ „Ein guter Galgen oder die Galeeren, das iſt es, was Du verdienſt!“ ſchrie Denis Poul. „Ihr beſteht darauf, dieſe jungen Seelen zu ver⸗ locken, zu verderben, indem Ihr ſie in die abſcheu⸗ liche Ketzerei Calvins ſturzt?“ fragte der Capu⸗ ziner. ₰ „Ich beſtehe darauf, meine Kinder in der Re⸗ ligion meiner Väter erziehen zu wollen.“ „So werden Euch Eure Kinder genommen wer⸗ den,“ fagte der Capuziner. „Mir meine Kinder nehmen!“ ſchrie die un⸗ gluͤckliche Mutter, indem ſie beide mit einer Bewe⸗ gung des Schreckens an ſich preßte. Dann fuhr ſie mit einem zugleich unglaͤubigen und bittenden Tone fort:„doch nein, das iſt nicht möglich!“ „Das Edict iſt beſtimmt“, erwiderte der Ca⸗ puziner. —65— Und in ſeinem furchterlichen Buche blaͤtternd, las er, was folgt: „Ludwig, durch die Gnade Gottes Ks⸗ „nig von Frankreich und Navarra, fuͤr „jett und kuͤnftige Zeiten groß!— Haben „befohlen durch Unſer Edict, erlaſſen zu Fontainebleau, „daß die Kinder Unſerer Unterthanen, welche ſich zu der „reformirten Religion bekennen, in der katholiſch⸗apo⸗ „ſtoliſch⸗roͤmiſchen Religion erzogen werden ſollen; Wir „halten es fuͤr nothig, mit derſelben Anordnung das „Heil denen zuzuwenden, die vor dieſem Geſetze geboren „wurden, und auf die Weiſe in Ermangelung der „Eltern zu handeln, die ungluͤcklicherweiſe in der „Keterei verharren und deshalb nur einen ſchlechten „Gebrauch von der Gewalt machen konnten, welche „die Natur ihnen zur Erziehung ihrer Kinder ver⸗ „liehen hat.“ „O meine Kinder! meine armen Kinder! Hört Ihr, was ſie Euch von Eurer Mutter und Eurem Vater ſagen, die Euch ſo ſehr lieben, die Euch ſtets in der Furcht Gottes erzogen haben?“ rief Madame Cavalier, indem ſie Cöleſte und Gabriel mit den zaͤrtlichſten Liebkoſungen uͤberhaͤufte. „Gott allein lieſt in unſeren Seelen!“ ſagte der Pächter mit ruhigem, ernſtem Tone. „Still!“ rief der Capuziner und fuhr fort: „Aus dieſen und andern Urſachen haben Wir „beſtimmt und erklärt, beſtimmen und erklüren durch „Gegenwaͤrtiges, von Unſerer eignen Hand unter⸗ 6* —— „zeichnet, daß es Unſer Wille und Unſere Meinung „iſt, wie acht Tage nach der Publication dieſes „Unſeres gegenwärtigen Edictes in Unſeren Pro⸗ „vinzen ꝛc. ꝛc. alle Kinder Unſerer ruckfaͤlligen Un⸗ „terthanen, die der ſogenannten reformirten Reli⸗ „gion noch jetzt anhängen, von dem Alter von fuͤnf „Jahren bis zu dem vollendeten Alter von ſechszehn „Jahren, Unſeren Procureuren und denjenigen Un⸗ „ſerer Unterthanen, welche die hoͤhere Juſtiz aus⸗ „uͤben, uͤberliefert werden ſollen, um durch ihre ka⸗ „tholiſchen Verwandten in der katholiſchen Religion „erzogen zu werden.“—„Habt Ihr katholiſche Verwandte?“ „Keinen, Herr,“ entgegnete der Paͤchter, wäͤh⸗ rend ſeine Frau mit entſetzlicher Angſt das Ende des Cdictes erwartete. Der Capuziner fuhr fort: „In dieſem Falle iſt das Edict beſtimmt.“— Und er las: „Wir wollen auf den Fall, wenn dieſe Kinder „keine katholiſchen Verwandten haben, daß ſie „den Haͤnden ſolcher Perſonen uͤberliefert werden, „welche die Richter ernennen, um ſie in der katho⸗ „liſch⸗apoſtoliſcheroömiſchen Religion zu erziehen.“ ²) Dann das Buch zuſchlagend, fuͤgte der Capu⸗ ziner hinzu: „Da Ihr keine katholiſchen Verwandten habt, wird es die Kirche ſein, die gemeinſame Mutter S. die erwähnte Sammlung der Edicte zc. aller Chriſten, welche dieſe unſchuldigen Kinder der Ketzerei entzieht, mit der Ihr ſie anſtecken wollt. Eure Tochter und Euer Sohn werden uns nach Montpellier folgen. Dort werden ſie in ein Klo⸗ ſter gebracht werden, in dem ſie Eure abſcheulichen Lehren abſchwören. Was Euch ſelbſt betrifft, ſo werdet Ihr auch nach Montpellier folgen, wo Ihr von Eurer hartnäckigen Widerſetzlichkeit gegen die Befehle des Konigs Rechenſchaft zu geben habt.“ Blaß, außer ſich, konnte Madame Cavalier das nicht glauben, was ſie horte, und warf ſich dem Capuziner zu Fuͤßen. In dieſem Augenblicke wurde die Thuͤr heftig aufgeriſſen, und eine Magd ſtuͤrzte mit dem Ge⸗ ſchrei herein:„Herrin, Eure Mutter ſtirbt! die An⸗ kunft der Dragoner hat ihr einen furchterlichen Ruͤck⸗ fall zugezogen.“ „Meine Mutter, meine Mutter!“ rief die Frau des Pächters, indem ſie aufſprang und zur Thuͤr eilte, begleitet von ihren Kindern. „Halt!“ rief der Capuziner mit gebieteriſcher Stimme;„der Herr Erzprieſter wird es verſuchen, dieſe Seele dem ewigen Verderben zu entreißen und ſie in den Schooß der wahren Kirche zuruckzufuͤh⸗ ren.“— Dann wendete er ſich zu dem Haupt⸗ mann und ſagte:. „Habt die Guͤte, Herr Marquis, und befehlt, daß Niemand dieſes Zimmer verläßt; ich will den Herrn Erzprieſter aufſuchen.“ — 86 „Chamillard, Chamillard, welch ein unedles Handwerk läßt Du mich treiben!“ rief der Mar⸗ quis ungeduldig.„Gibſt Du mir endlich die Fahne in den Musketairs, ſo habe ich ſie, wie ich glaube, theuer genug bezahlt.“ Hierauf wendete er ſich zu Laroſe und ſagte: „Laß zwei Schildwachen vor die Thuͤr ſtellen, und daß Niemand aus dem Zimmer geht.“ Laroſe ging. „Herr,“ rief der Paͤchter mit ſchmerzlichem Un⸗ willen,„im Namen unſerer ſterbenden Mutter, im Namen der heiligſten Rechte der Menſchen, prote⸗ ſtire ich gegen dieſe Gewaltthat.“ „Aber mein Gott, man ſagt Euch ja, daß meine Mutter ſtirbt!“ ſchrie die Pächterin mit herz⸗ zerreißendem Tone;„Ihr ſeht ja doch, daß wir zu ihr muͤſſen!“ Der Marquis verließ ſchnell das Zimmer, als empoͤrte ihn dieſer Auftritt; Denis Poul folgte ihm, und rief mit unbarmherziger Rohheit:„Endlich rieche ich das Abendeſſen!“ In dieſem Augenblicke erſchienen zwei Drago⸗ ner an der Thuͤr des Zimmers. Der Capuziner entfernte ſich ruͤckwärtsgehend, indem er Hieronimus Cavalier ein gebieteriſches Zei⸗ chen machte, zuruͤck zu weichen. Dieſer wollte ihm folgen, aber die Dragoner kreuzten ihre Musketen, hielten ihn ßuruͤck und ſchloſſen die Thuͤr. „O meine Mutter, meine Mutter, in dieſer letten Stunde verlangſt Du vielleicht nach Deiner Tochter!“ rief Madame Cavalier weinend, und ſank mitten in der Stube auf die Kniee. „Mein Gott, mein Gott, erbarme Dich unſer!“ klagten die beiden Kinder und umſchlangen den Hals ihrer Mutter. Hieronimus allein blieb neben den Weinenden aufrecht ſtehen. Sein ſtrenges Geſicht verrieth die ſchmerzlichſte Aufregung, und als er jetzt plotlich ſeinen aͤlteſten Sohn Johann Cavalier an dem offenen Fenſter erſcheinen und in das Zimmer ſpringen ſah, konnte er einen Schrei der Ueberraſchung nicht unter⸗ drucken. vI. Die Flucht. Der gewaltige Nußbaum, in deſſen Wipfel Jo⸗ hann Cavalier geklettert war, um den Dragonern zu entgehen, reichte bis zu den Fenſtern des Gottes⸗ zimmers. Cavalier hatte leicht von den Aeſten des Baumes in das Zimmer ſpringen können, und die offenen Fenſter hatten ihm erlaubt, Alles mit an⸗ zuhören und mit anzuſehen. Nachdem er die Thuͤr von innen verriegelt hatte, ſagte er traurig zu ſeinem Vater: „Verzeihung, mein Vater. Meine Abweſenheit von dieſer Nacht verſchlimmert das Uebel, aber ehe ich Euch Alles ſage, laßt uns an die Zukunft den⸗ ken. Es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ „Meine Mutter ſtirbt fern von mir! Sie wol⸗ len mir Deinen Bruder und Deine Schweſter ent⸗ fuͤhren“, rief Madame Cavalier, indem ſie verzweif⸗ lungsvoll die Haͤnde rang. — 8— „Ich weiß Alles, Mutter“, ſagte Cavalierz „dieſe Entfuͤhrung muß verhindert werden.“ „Aber durch welches Mittel, mein Gott?“ fragte die weinende Mutter. Cavalier deutete auf das Fenſter. „Cöleſte und Gabriel,“ ſagte er,„ſind Beide leicht und gewandt; ſie werden mir auf den Baum folgen, und von dort ſteigen wir an der Mauer herab; die Hinterthuͤr iſt nicht beſetzt, und bald ſind wir in dem Walde.“ „Im Walde!“ wiederholte ſeine Mutter.„Und wohin willſt Du die armen Kinder fuͤhren?“ „Zu Herrn duͤ Serre, in das Schloß Mas— Arribas.“ „O nein, nein, nicht in das Schloß!“ rief Ma⸗ dame Cavalier mit Schrecken.„Man ſagt, dort ſollen unheimliche, finſtere Dinge vorgehen. Nein, dem Manne vertraue ich meine Kinder nicht an.“ Cavalier ſah ſeine Mutter verwundert an. „Aber mein Vater wird Euch ſagen, daß duͤ Serre und ſeine Frau gute Calviniſten ſind. Ich beſchwore Euch, Mutter, zogert nicht; die Augen⸗ blicke ſind koſtbar. Jene Menſchen konnen zuruͤck⸗ kommen. Nicht wahr, mein Vater?“ Der Greis dachte einige Augenblicke nach und ſagte dann zu ſeiner Frau mit dem Tone der Au⸗ torität, der keine Widerrede zuließ: „Johann hat Recht; ſein Bruder und ſeine Schweſter werden bei dem Glasmacher in Sicher⸗ — heit ſein, und uͤberdies gilt kein Beſinnen. Dieſe unerbittlichen Menſchen wuͤrden uns unſere Kinder entreißen, ſie haben fuͤr ſich die Gewalt und den Willen des Königs. Wir können uns nur fuͤgen, und durch unſer Schweigen, unſere Thränen pro⸗ teſtiren.“ „Uns fuͤgen!“ rief Cavalier mit einem Unge⸗ ſtuͤm, den er nicht zu beſiegen vermochte, und der ihm einen ſtrengen Blick ſeines Vaters zuzog. Dann fuͤgte er hinzu:„Ja, wir muͤſſen uns fuͤgen, noch immer fuͤgen!“ „O, mei Gott, mein Gott, ſie nicht mehr zu ſehen,“ ſagte die ungluͤckliche Mutter ſchluchzend. „Mein Gabriel!—“ und ſie bedeckte ihn mit ih⸗ ren Kuͤſſen;„meine Coleſte!“— und ſie ſchloß ſie in ihre Arme und preßte ſie an ihre Bruſt. Die beiden armen Kinder antworteten, bleich, außer ſich, nur durch Thraͤnen auf die Liebkoſun⸗ gen ihrer Mutter. „Ihr werdet ſie wiederſehen, Mutter, Ihr wer⸗ det ſie wiederſehen!“ rief Cavalier.„Sind die Dragoner fort, wird Herr du Serre ſie Euch wie⸗ der zufuͤhren. Aber die Zeit drängt!“ Ungeachtet ſeiner anſcheinenden Ruhe bedurfte der Pächter ſchmerzlicher Anſtrengung, um bei die⸗ ſem Auftritte ſeine Kaltblutigkeit zu bewahren; ſeine Kinder näherten ſich ihm, um ihn zu umarmen, und er ſagte ihnen mit kräftiger, doch tief geruͤhr⸗ ter Stimme: „Tretet näher, arme Kleine, daß Euer Vater Euch ſegne. Wenn er Euch nicht wiederſieht, ſo wird er weniger beunruhigt uͤber Eure Zukunft ſter⸗ ben, denn Gott verlaͤßt die nicht, die ihr Vater ge⸗ ſegnet hat.“ „Was ſagſt Du?“ rief ſeine Frau. „Mein Vater!“ ſagte Cavalier. Aber der Greis gebot mit einer herriſchen Be⸗ wegung Stillſchweigen, breitete ſeine zitternden Hände uͤber das Haupt ſeiner Kinder, hob dann Cöleſte und Gabriel zu ſich empor, preßte ſie mehrmals ge⸗ gen ſein Herz, und dabei rannen zwei große Thra⸗ nen uͤber ſeine ehrwuͤrdigen Wangen. Cavalier, der zum Fenſter hinausgeſehen hatte, um zu horchen, ob draußen noch Alles ſtill ſei, rief: „Es regnet; das Wetter iſt finſter und guͤnſtig; Mutter, wir muͤſſen fort.“ Nach einem herzzerreißenden Lebewohl ſchwan⸗ gen ſich Coͤleſte und Gabriel, von Cavalier unter⸗ ſtuͤtzt, leicht auf die Aeſte des Nußbaumes, und bald darauf hatten ſie den Boden erreicht. Der Regen fiel in großen Tropfen auf das Laubwerk nieder; der Himmel war ſchwarz und die Nacht finſter. Das Feuer, welches die Dragoner auf dem Hofe angezuͤndet hatten, verbreitete nur einen matten Schein. Die Soldaten ſchliefen. Cavalier, Coleſte und Gabriel verließen den Pachthof, ohne gehort zu werden und ſchlugen ei⸗ nen Hohlweg ein, der zu dem Walde von Aygoal * — 52 fuͤhrte; das Schloß des Edelmann⸗Glasmachers war auf den Hoͤhen dieſes Berges erbaut, eines der erlo⸗ ſchenen Vulkane von Languedoc. Nachdem ſie eine Stunde gegangen waren, ge⸗ langten die drei Fluͤchtlinge an den Fuß der ſteilen Hoͤhen, wo das Gehoͤlz begann. Die Finſterniß war ſo dicht, daß Cavalier furchtete, ſich auf dem Wege nach dem Schloſſe zu verirren; deshalb ſchlug er einen Fußpfad ein, der nach der Huͤtte Ephraims fuͤhrte, um den Waldhoͤter zu bitten, ihn nach dem Thore duͤ Serre's zu geleiten. „Muth, mein Gabriel! Muth, meine kleine Cöleſte!“ ſagte Cavalier zu ſeinem Bruder und ſei⸗ ner Schweſter;„bald werden wir die Huͤtte Ephraims erreicht haben, der bringt Euch nach dem Schloſſe, und dort koͤnnt Ihr von Eurer Anſtren⸗ gung ausruhen, arme Kinder!“ „Wir werden Dich bald wiederſehen, nicht wahr, mein Bruder? Und auch unſere Mutter und un⸗ ſern Vater?“ fragte Gabriel, indem er ſeine Thrä⸗ nen zuruͤckhielt, die zu rinnen beginnen wollten. „Ja, ja, mein guter Gabriel, bald.“ „Bruder,“ ſagte Cöleſte mit leiſer Stimme, „mich friert recht, und ich kann kaum noch gehen.“ „O, der Tag der Rache wird vielleicht kommen!“ fluͤſterte Cavalier mit unterdruͤckter Wuth; dann nahm er ſeine Schweſter auf den Arm und ſagte ſant zu ihr:„Komm, komm, Coͤleſte! Arme Kleine, bad ſind wir da!“ Die Fluchtlinge bemerkten in der Ferne einen hellen Punkt, der oft durch die Aeſte der Bäume verhuͤllt wurde, die der Wind hin und her trieb. Bei der Wohnung des Waldhüters angelangt, ließ Cavalier die beiden Kinder am Fuße einer Eiche, und ging allein weiter. Die Huͤtte, die aus Felsſtuͤcken und Steinen mit Lehmerde verbunden, roh erbaut war, hatte ein Strohdach und ein einziges Fenſter, oder vielmehr ein Loch in der Mauer, durch welches das Licht ſchim⸗ merte, das Cavalier zum Fuͤhrer diente. Eine Fackel, aus einem fetten Kienzweige berei⸗ tet, in einem eiſernen Ringe an die Wand geſteckt, beleuchtete das Innere der Huͤtte. Ephraim theilte ſie mit ſeinem Pferde Lepidoth und ſeinen beiden Hunden Raab und Balak⸗ Die Mauern, mit einer Art von Kalk getuncht, waren beinahe ganz mit Spruͤchen aus der Bibel be⸗ ſchrieben, vorzuͤglich aus den finſtern und furchtba⸗ ren Viſionen der Offenbarung Johannis. Ueber ei⸗ nem rohen Kamine hingen die Jagdwaffen des Wald⸗ huͤters. Am aͤußerſten Ende der Huͤtte ruhte das Pferd auf einer Streu von Haidekraut. Ephraim ſaß neben dem Kamine; ein Eichen⸗ block diente ihm zum Sitze, und ſeine Hunde ſchlie— fen zu ſeinen Füßen; er las andächtig in einer al⸗ ten Bibel, die auf ſeinen Knieen lag. Richt weit von dem Kamine ſtand ſein Bett, ein langer Kaſten aus Fichtenholz, mit Haidekraut angefullt, und in dem er beerdigt werden wolite. Dieſer Menſch, durch den Fanatismus und die Einſamkeit exaltirt, glaubte ſeine Seele von irdiſchen Banden noch mehr loszureißen, wenn er den Sarg, in welchem er fuͤr die Ewigkeit zu ruhen hoffte, ſtets vor Augen hätte. Ein heftiger Windſtoß erſchutterte die Huͤtte bis in ihre Grundfeſten. Ephraim, der aus dem, was er las, eine Anwendung zu machen fand, ſprach mit lauter Stimme die folgende Stelle der Bibel: „In den Zeiten wird der Ruf eines großen Blutbades von der Hohe der Berge ertönen; dieſer Tag wird ſein ein Tag des Zornes und ein Tag der Traurigkeit, ein Tag des Herzpreſſens, der Ver⸗ zweiflung und der Witwenſchaft, ein Tag der Dun⸗ kelheit und Finſterniß, ein Tag der Wolken und des Sturmes, ein Tag, an dem die feſten Städte und die hohen Thuͤrme zittern werden bei dem Tone und Wiederhall der Trompete.“ Cavalier klopfte an die Thuͤre und rief:„Bru⸗ der Ephraim, oͤffne; ich bin es!“ Durch dieſe Stimme erwachten die Hunde und bellten wuͤthend; das Pferd wieherte. Ephraim uberzeugte ſich durch einen ſchnellen Blick durch die Fenſteroffnung, daß es Cavalier ſei, der ein Aſyl fordere, und oͤffnete die Thuͤr. Die beiden Kinder traten jetzt mit ihrem Bru⸗ — der ein. Die Angſt, die Ephraim ihnen einfloͤßte, war groß; ſie preßten ſich an einander, und blickten voll Schrecken umher. Durch wenige Worte theilte Cavalier dem Wald⸗ huͤter die Ankunft des Erzprieſters in St. Andéol und die Drohungen des Capuziners mit, Gabriel und Cöleſte in ein Kloſter zu ſchaffen. Ephraim billigte die Abſicht Cavalier's, und ſchlug ihm vor, ſogleich aufzubrechen, um noch vor dem Tage im Schloſſe des Glasmachers anzulangen. Als die beiden Kinder ſich etwas gewarmt hat⸗ ten, machte man ſich auf den Weg nach Mas— Arribas. Während des muͤhſamen, langen und ſchwierigen Weges ſagte Cavaler leiſe zu Ephraim: „Ich weiß nicht, weshalb meine Mutter ſich furch⸗ tete, meinen Bruder und meine Schweſter duͤ Serte anzuvertrauen. Sie ſagte, in dem Schloſſe gingen finſtere Dinge vor.“ Nach einigen Minuten des Schweigens ant⸗ wortete Ephraim durch die Stelle der Apokalypſe: „Es gibt dort Viſionen— es ſind die Geiſter der Dämonen, die Wunder thun und gehen zu den Königen der Erde, um ſie zu verſammeln zu dem Kampfe des großen Tages des allmächtigen Gottes.“ „Was willſt Du ſagen, Ephraim?“ fragte Ca⸗ valier.„Du kennſt duͤ Serre beſſer, als ich. Sage mir bei Deiner Seele, kann ich ihm die Kinder anvertrauen?“ „Duͤ Serre iſt ein heiliger Diener des Herrn. Wenn es in ſeinem Schloſſe Viſionen gibt, ſo kömmt es daher, weil Gott ihn heimſucht; auch Samuel hatte Viſionen. Die Ziegenhirten des Ge⸗ birges ſagen, daß weiße Schatten und blaue Feuer zuweilen auf der Zinne des Thurmes ſich zeigen. Die Hexe von Endor ließ auch Schatten erſchei⸗ nen!“ fuͤgte der Waldhuͤter mit geheimnißvoller Exaltation hinzu. Cavalier glaubte nicht an Viſionen; aber die ſonderbaren Worte Ephraims erinnerten ihn an die auffallenden Geruͤchte, welche uͤber den Edelmann⸗ Glasmacher in Umlauf waren; da er aber bei dem haͤufigen Verkehr mit duͤ Serre, theils in Genf, theils in St. Andéol, den Edelmann ſtets von of⸗ fenem, redlichem Charakter gefunden hatte, hielt er ſich nicht fur verpflichtet, auf die auffallenden Ant⸗ worten des Waldhuͤters ein großes Gewicht zu le⸗ gen; uͤberdies war es nicht mehr Zeit, ein anderes Aſyl fuͤr die Kinder zu ſuchen; das Schloß war nahe bei St. Andéol, und Cavalier konnte ſeinen Bruder und ſeine Schweſter täglich ſehen. Die Morgenroͤthe begann anzubrechen, als die Fluͤchtlinge die letzte Hoͤhe des Felslabyrinthes er⸗ reichten, in deſſen Mitte einſam das Schloß Mas— Arribas ſtand. Je mehr das Zwielicht verſchwand, deſto beſſer konnte man die wilde, abſchreckende Gegend erken⸗ nen, in welcher dieſe Art alterthuͤmlicher Feſtung er⸗ baut war. Steile, abgeriſſene Felſen, gewaltige Steinbruͤche, halbgeſchloſſene Abgrunde umgaben es, und Alles verkundete, daß dieſer Berg durch irgend eine vulkaniſche Erſchutterung ſeine jetzige Geſtalt erhalten hatte. Auf dem kalkgeduͤngten Boden wuchſen Fich⸗ ten und Kaſtanienbäume kräftig; uͤberall war der Horizont durch einen Oeenn finſtern Laubwerkes be⸗ grenzt, aus dem hier und dort einzelne abgeriſſene Felsmaſſen hervorragten. In der Ferne bildeten die Hoͤhen des Aygoal, indem ſie ſich ſenkten, eine Schlucht, und durch den ſchwindenden Morgennebel gewahrte man hier eine gruͤnende und fruchtbare Ebene, umſchlaͤngelt von einem Fluſſe: das war der Hor-Piou, Klein-Ca⸗ naan, welches die Kinder während der Nacht ver⸗ laſſen hatten, die friedliche Gegend, zu welcher ſie jetzt die verzweiflungsvollen Blicke zuruckſendeten. Das Schloß war nur auf einer Zugbrüͤcke zu⸗ gaͤnglich, die uͤber einen tiefen Abgrund lag. Ephraim zog an einer großen Glocke, die an einem Pfeiler hing; ein ſchwarz gekleideter Diener erſchien an einem niedern Fenſter und fragte was man wolle. Ephraim und Cavalier nannten ſich, die Zugbrucke fiel nieder, und dü Serre kam ſeinen Gäſten entgegen. Als Cavalier ihm den Grund ſeines Beſuches nannte, leuchtete eine unerklärliche Freude aus den Augen des Glasmachers. Krieg in den Cevennen.* Ohne Zweifel um die Kinder zu beruhigen, ſchickte er nach ſeiner Frau. Obgleich ſie eben ſo wie ihr Mann ein Aeu⸗ ßeres von auffallender Strenge hatte, gelang es ihr doch, die Angſt Cöleſtens und Gabriels etwas zu verbannen, und nachdem dieſe noch viel geweint und ihren Bruder zaͤrtlich umarmt hatten, ſahen ſie ihn doch mit nagendem Schmerze ſich entfernen. Ehe wir nach dem Pachthofe zuruͤckkehren, wo die Dragoner die Flucht der beiden kleinen Ceveno⸗ len noch nicht bemerkt haben, muͤſſen wir uͤber den Erzprieſter der Cevennen, eine der wichtigſten Per⸗ ſonen dieſer Geſchichte, naͤhere Umſtaͤnde angeben. VII. Der Erzprieſter der Cevennen. Der Erzprieſter der Cevennen, zu welchem ſich der Capuziner begab, um ihn von dem Todeskam⸗ pfe der Mutter Cavalier's, ſo wie von dem Reſul⸗ tate des Verhors der proteſtantiſchen Familie, zu be⸗ nachrichtigen, hatte ſich in ein kleines Gemach des Pachthofes zuruͤckgezogen. Eine kupferne Lampe, die in einer Wandniſche ſtand, beleuchtete kaum die weißen und nackten Wände dieſes Gemaches. In einer Ecke lag ein Bund Stroh, welches der Erzprieſter auf ſeinen Rei⸗ ſen ſtets mit ſich fuͤhrte, und auf dem er ganz an⸗ gekleidet ſchlief. Dieſer ſtrenge Mann, in ein langes ſchwarzes Gewand gekleidet, betete, knieend vor einem kleinen hölzernen Crucifir, das in der Niſche uber der Lampe hing. Die hohe Stirn des Abtes war kahl und vor⸗ 7* — 100— ſpringend; ſein blaſſes Geſicht, ſeine ſcharf ausge⸗ ſprochenen Zuͤge, ſchienen in Marmor gehauen zu ſein; ſie hatten etwas Lebloſes, Todten- und Grab⸗ artiges. Das Faſten und die Caſteiungen hatten dieſem Geſichte die Spuren tiefer Leiden eingeprägt; ſein Charakter, von impoſanter Traurigkeit und furchterlicher Majeſtät, erinnerte an die finſtern Eingebungen von dem Genie Michel Angelo's. Zuweilen, wenn der Erzprieſter allein war, ſchien er von einem unendlichen Schmerze gepeinigt zu werden. Dann war er nicht mehr der uner⸗ bittliche Apoſtel, bewaffnet mit dem ſchneidenden Schwerte, ſondern ein Suͤnder, der den Himmel um Gnade und Barmherzigkeit anflehte. Dann fullten ſeine großen ſchwarzen Augen ſich mit Thränen, ſeine blaſſen Wangen färbten ſich leiſe, er preßte die Haͤnde gegen die Stirn und rief: „Mein Gott, mein Gott, erbarme dich meiner, denn mein Schmerz iſt groß, groß wie mein Ent⸗ ſetzen!“ Franz von Langlade duͤ Chayla, Prior von Lavalle, Oberaufſeher der Miſſionen von Gevau⸗ dan, Erzprieſter der Cevennen*), damals drei und *) Die Diöceſe von Mende umfaßte Ober- und Nieder⸗Gevaudan. Ober-Gevaudan erſtreckte ſich von dem Allier bis zum Tarn, und Nieder-Gevaudan von dem Tarn bis zu der Diöceſe von Alais. Sie wurde in vier Erzprieſtereien getheilt, und jeder Erzprieſter — 101— funfzig Jahre alt, gehörte einem edlen und kriege⸗ riſchen Geſchlechte Languedocs an. Als ein jungerer Sohn ſeiner Familie war er gegen ſeinen Willen fuͤr die Kirche beſtimmt wor⸗ den. Von reizbarem Temperament, mit jenem gluͤ⸗ hend unruhigen Geiſte begabt, welcher nur unter Schwierigkeiten und Gefahren eine Art bitterer Ge⸗ nugthuung empfindet; als er daher in das Semi⸗ nar trat, mußte er in ſich den verzehrenden Durſt nach großen Ereigniſſen erſticken. Acht Jahre kaͤmpfte er, acht Jahre wollte er durch die umfaſſendſten, tiefſten Studien die verzeh⸗ rende Thaͤtigkeit ſeines Geiſtes und den herriſchen Ungeſtum eines Charakters, der ihn zu großen Tha⸗ ten hinriß, erſticken. Wenn er ſeine Laufbahn mit ſeinen Neigungen und Impulſen verglich, ſah er, daß ſeine Zukunft mit ſeinem geheimen Berufe in beſtändigem Widerſpruche ſtehen wuͤrde, und nach jener innern Ueberzeugung, welche ausgezeichnetere hatte die Aufſicht über die Kirchengemeinden in dem einzelnen umkreiſe, mit dem Rechte, dieſelben ſo oft zu beſichtigen, als der Biſchof für zweckmäßig fand, es zu befehlen. Die Erzprieſtereien waren ſo geordnet: Die Erzprieſterei der Cevennen gegen den Tarn, die von Barjac gegen den Lot, die von Sangues gegen den Allier, die von Javouls gegen die Troire. Die Erz⸗ prieſterei der Cevennen beſtand aus 42 Gemeinden und 13,500 Seelen, die Armen ungerechnet.(Mém. hist. sur le Gévaudan, 1825.) — 102— Menſchen ſelten betrugt, fuͤhlte er, daß er ein gro⸗ ßer Feldherr geworden ſein wuͤrde. Der Muth, der hartnaͤckige Wille, die Unbeug⸗ ſamkeit, die er ſtets bei ſeinen evangeliſchen Miſ⸗ ſionen zeigte, die Gleichguͤltigkeit, mit der er die furchterlichſten Mittel zur Anwendung brachte, um ſeinem religiöſen Glauben den Triumph zu ver⸗ ſchaffen, bewieſen, daß der heldenmuͤthige und we⸗ ſentlich kriegeriſche Charakter des Abbé duͤ Chayla ſich in dem wilden Toben der Schlachten herrlich entwickelt haben wuͤrde. Als er ſein 25ſtes Jahr erreicht hatte, und nicht mit den irdiſchen Waffen kämpfen konnte, ließ ſich der Abbé duͤ Chayla, der nach Gefahren noch immer begierig war, als Miſſionair nach Siam ſchicken. Unter den ſchwierigſten Conjuncturen langte er in Oſtindien an. Erbittert durch den um ſich grei⸗ fenden Eifer einiger der Vorgaͤnger des Abbé, hatte der Koͤnig von Siam mehrere derſelben hinrichten laſſen. Der Eintritt in ſeine Staaten war den Chriſten unter ſtrengen Strafen verboten. Durch ſo viele Gefahren angeſpornt, ſtrebte der Abt du Chayla nach den Palmen des Märtyrerthumes und tauſchte die Wachſamkeit der Siameſen; auf Ge⸗ fahr ſeines Lebens predigte er die katholiſche Reli⸗ gion unter jenen Volkern, und belebte die Keime des Glaubens, welche die erſten Miſſionaire in die See⸗ len einer großen Menge jener Heiden gelegt hatten. Die Bekehrungen waren zahlreich und ſchnell — 103— auf einander folgend; ſeine Strenge und ſein Muth erweckten die Bewunderung der Indianer. Ver⸗ räther lieferten ihn den Soldaten des Gouver⸗ neurs von Bankam aus; ungeachtet ſeiner Eigen⸗ ſchaft als franzoͤſiſcher Miſſionair, welche ihn ge⸗ gen jede ſchlechte Behandlung ſchuͤtzen mußte, wurde er auf die entſetzlichſte Weiſe gemartert. Sein ganzes Leben lang trug er die Narben dieſer furchterlichen Wunden; man hatte ihn mit gluͤhenden Zangen zerriſſen, um ihn zur Verleug⸗ nung ſeines Gottes zu zwingen, aber der unerſchrockene Miſſionair ermuͤdete die Grauſamkeit ſeiner Henker. Der Pflege eines Paria uͤberlaſſen, erlangte er ſeine Geſundheit wieder, und mit der Geſund⸗ heit flammte auch ſein Eifer neu auf. Der Che⸗ valier Chaumont, welcher von Ludwig XIV. nach Siam geſendet wurde, langte um dieſe Zeit dort an. Der indiſche Koͤnig leugnete die Verfolgungen, die der franzöſiſche Miſſionair erlitten hatte, und ſchob die ganze Schuld davon auf den Gouverneur, und um die Rache des Herrn von Chaumont zu beſchwichtigen, ließ er den Henker des Abts den Elephanten Preis geben. Nach Siam gefordert, empfing der Abt duͤ Chayla von dem Superior der fremden Miſſionen einen Brief, der ihn aufforderte, nach Frankreich zuruͤckzukommen. Ludwig RlV. dachte damals dar⸗ an, die Edicte zu erlaſſen, welche auf den Wider⸗ ruf des Edictes von Nantes folgten. — 104— Der Pater Lachaiſe fuͤhlte die Nothwendigkeit, in Frankreich alle die Prieſter zu vereinigen, welche von einem feſten, entſchloſſenen Geiſte beſeelt wa⸗ ren, um ſie zur Vollendung jenes furchterlichen Werkes zu verwenden. Der Abt duͤ Chayla hatte zu viele Beweiſe von Muth und Entſchloſſenheit ge⸗ geben, um nicht die Aufmersſamkeit des koniglichen Beichtvaters auf ſich zu ziehen. Bei ſeiner Ankunft in Frankreich wurde er zum Aufſeher der Miſſio⸗ nen von Gevaudan und zum Erzprieſter der Ceven⸗ nen ernannt. Mit einer beinahe willkuͤrlichen Gewalt beklei⸗ det, entfaltete er einen Eifer und eine Thätigkeit, die ihres Gleichen nicht hatten. Nachdem er lange Conferenzen mit Herrn von Baville, Intendanten von Languedoc, und Herrn von Broglie, dem Comman⸗ danten der Truppen, gehabt hatte, entwarf er, wenn man dies ſo nennen kann, den Plan eines geiſti⸗ gen Feldzuges gegen den Fanatismus, wie man damals die reformirte Religion nannte. Die verſchiedenen Dioͤceſen, die mehr oder min⸗ der von dem Calvinismus angeſteckt waren, wur⸗ den bezeichnet; die Geiſtlichen jeder Stadt, jedes Fleckens, jedes Dorfes, mußten geheime Mittheilun⸗ gen uͤber die Meinungen und religioͤſen Neigungen ihrer Beichtkinder einſenden. Mit dieſen Nachrichten bewaffnet, begann der Erzprieſter der Cevennen ſeine furchtbare Sendung; mit der unumſchränkteſten Vollmacht ausgerkſtet ſetzte er die Geiſtlichen as, deren Eifer ihm lau zu ſein ſchien. In den Diceſen, in welchen keine Kloͤſter waren, errichtete er unter der Aufſicht von Nonnen und Moͤnchen ſeiner Wahl Schulen, in denen die Hugenottenkinder erzogen wurden, welche nach dem zuletzt erwaͤhnten Edicte des Koͤnigs in der katholiſchen Religion unterrichtet werden ſollten. Er ließ die furchterlichen Ordonnanzen des Koͤnigs in Bezug auf die Geiſtlichen und die Verſammlun⸗ gen ſtreng ausfuͤhren. Einen Geiſtlichen, der bei einer Predigt uͤberraſcht wurde, ſchickte der Abt duͤ Chayla nach Montpelliet, und ließ ihn dort leben⸗ dig verbrennen. Viele andere Todesſtrafen trafen Proteſtanten im Umkreiſe ſeines Erzprieſterthumes.. Er ſelbſt uͤberlieferte ſie ſtets der weltlichen Macht, und zeigte ſich uͤberall als ein erklärter Anhaͤnger der ſtrengſten Maßregeln. Selbſt die Lobredrer des Abtes duͤ Chayla kön⸗ nen ſich daher nicht enthalten, indem ſie ſeinen from⸗ men Eifer preiſen, zugleich ſeine Unbeugſamkeit zu tadeln. Der Glaube der Neubekehrten, ſagten ſie, war noch unbefeſtigt und wankend; er hatte die ſchwachen Gefäße nicht hinlaͤnglich geſchont; ſein Eifer fur ſie war wit zu viel Bitterkeit gemiſcht, und dieſe Auffuͤhrung empoͤrte die Gemuͤther und reizte die Religionaren, ein Joch abzuſchuͤtteln, das er ihnen nicht leicht gemacht hatte*). *Brueys, Geſchichte des Fanatismus unſerer Zeiten. — 106— Aus dem Geſichtspunkte des Abtes, der feſt uͤber⸗ zeugt war, daß die reformirte Religion, wenn man ſo ſagen kann, ein unſterbliches Gift ſei, indem es die Seele der Proteſtanten und ihrer Pro⸗ ſelyten fuͤr alle Ewigkeit in das Verderben ſturzte, begreift man, ohne ſie zu entſchuldigen, die gewalt⸗ ſamen Mittel, die er ſtets anwendete, um die Ketze⸗ rei auszurotten. Fuͤr dieſen Menſchen, der in die Religion ſeine kriegeriſchen Meinungen uͤbertrug, war die rein menſch⸗ liche Frage nicht vorhanden. Eben ſo wie ein General kalt die Hälfte ſeiner Armee opfert, um das Heil des Reiches durch einen nuͤtzlichen Sieg zu ſichern, eben ſo opferte der Erz⸗ prieſter ohne Gewiſſensbiſſe, ohne Reue, alle rebel⸗ liſchen Hugenotten, um den Triumph der ewigen Wahrheit zu ſichern und die chriſtliche Religion ge⸗ gen die gefährlichen Angriffe des Calvinismus zu ſchuͤtzen. Zuweilen jedoch ſtieg dieſer Mann von erhabenen Kenntniſſen, von vorwurfsfreier Moral, von helden⸗ muͤthiger Ergebung in die Sache Gottes, in ſeine Seele herab. Dann dachte er an die unerbittliche Strenge, die er ſtets gezeigt hatte, und fragte ſich, ob Milde nicht vielleicht der Haͤrte vorzuziehen geweſen ſei. Dann fuͤhlte er ſich vernichtet durch das Ge⸗ wicht furchtbarer Schrecken. Die Fluthen hugenot⸗ tiſchen Blutes, durch ihn auf dem Rade, auf dem — 107— Scheiterhaufen vergoſſen, ſchienen an ihm herauf⸗ zuwachſen. Er hoͤrte das Geſchrei der Opfer. Er⸗ ſchreckt, wie ein Richter, der Unſchuldige verurtheilt zu haben glaubt, ſank er dann nieder auf die Kniee, und in ſeinem gluͤhenden Gebete flehte er zu Gott, ihn aufzuklären. Die blutigen Vorgange der heiligen Geſchichte genuͤgten ihm nicht, ſeine Strenge zu rechtfertigen. Aber Gott blieb ſtumm und uͤberließ die fuͤrch⸗ terliche Verantwortlichkeit der freien Willkuͤr des Prieſters. Dann von entſetzlichen Zweifeln ergriffen, rief dieſer Menſch in ſeiner Angſt aus:„Was bin ich? Gerecht oder ſtrafbar? Werde ich an dem großen Tage des Gerichtes zur Rechten oder zur Linken Gottes ſtehen? Werde ich verdammt oder losgeſprochen wer⸗ den, weil ich ſo viel Blut vergießen ließ, weil ich dem weltlichen Schwerte ſo viele Opfer uͤberlieferte? Ohne Zweifel iſt es eine weltliche Macht, der ich gehorche; ohne Zweifel ſind es die Edicte des Koͤ⸗ nigs von Frankreich, Ludwigs XIV., welche ſo viele Metzeleien gebieten; wenn ſie aber ungerecht ſind, haͤtte ich mich dann nicht zwiſchen ſein Volk und ihn ſtellen ſollen?— Aber,“ fuhr der Erzprieſter fort,„vielleicht iſt auch die Schwaͤche dem Glauben noch ſchaͤdlicher, als die Strenge? Wenn man ei⸗ nen Baum auch bis auf den Boden ſeiner Aeſte be⸗ raubt, treibt er doch ſtets neue Sproſſen und Zweige, ſobald er noch ſeine Wurzeln hat; es ſind alſo die — 106— Wurzeln der Ketzerei, die man ausrotten muß, und das kann leider nicht ohne gräßliche Martern ge⸗ ſchehen.“ Der Abt duͤ Cha)la war eben in eine dieſer finſtern Betrachtungen verſunken„als der Capuzi⸗ ner ehrerbietig in ſein Zimmer trat. „Gnadiger Herr,“ ſagte er,„eine Ketzerin ſtirbt in dieſem Hauſe.“ „Iſt ſie von den neuen Edicten gegen die Ruͤck⸗ fälligen unterrichtet?“ entgegnete der Erzprieſterſmit ſinſterm Tone. „Ich weiß es nicht, mein Vater.“ „So unterrichtet ſie und die Leute dieſes Hau⸗ ſes davon.“ Der Capuziner ging. Er ließ ſich nach dem Zimmer fuͤhren, in wel⸗ chem die Mutter der Frau Cavalier's ſtarb. Dort⸗ hin berief er feierlich die Diener und die Arbeiter, welche in der Meierei geblieben waren; dann las er mit lauter Stimme die folgende Stelle aus dem Edicte vom 29. April 1686 vor, welches die neuen Befehle des Konigs auf alle Proteſtanten anwend⸗ bar machte: „Wir haben geſagt, und befehlen durch dieſes „von Unſerer Hand unterzeichnete Edict, daß, wenn „irgend einer Unſerer Unterthanen von dem einen „oder andern Geſchlechte, der die vorgeblich refor⸗ „mirte Religion abgeſchworen hat, krank wird, ſich „gegen die Pfarrer oder Geiſtlichen weigert, die — 109— „Sacramente der Kirche zu empfangen, und er⸗ „klärt, datz er in der reformirten Religion ſterben „will, und die genannten Kranken gelangen wieder „zur Geſundheit, der Prozeß ihnen durch Unſere „Richter gemacht werden ſoll, und daß dieſe ſie ver⸗ „urtheilen, die Maͤnner zu immerwaͤhrender Galee⸗ „renſtrafe mit Beſchlagnahme ihrer Guͤter, und die „Frauen zu lebenslänglicher Einſperrung. Was die „Kranken betrifft, die erklaͤrt haben, daß ſie in ih⸗ „rer Religion beharren wollen, und welche die Sa⸗ „cramente der Kirche zuruͤckwieſen, und die in die⸗ „ſer ungluͤcklichen Stimmung ſterben, ſo befehlen „Wir, daß ihren Leichen oder ihrem Andenken der „Prozeß gemacht werde, daß ſie auf der Kuhhaut „nach dem Schindanger gefuͤhrt werden.“*) Die Diener und Arbeiter nahmen die Vorleſung dieſes Edictes mit dumpfem Murren des Schreckens und der Verzweiflung hin. Die Sterbende hatte die Kraft, ſich in ihrem Bette aufzurichten und mit gewaltiger Stimme zu rufen: „Dieſe Drohungen haben mich nicht erſchreckt; ich ſterbe treu dem Herrn!“ Dann ſank ſie zuruͤck auf ihr Lager, rief mit ängſtlichem Tone nach ihrer Tochter, und wies ent⸗ . S die mehrmals erwähnte Sammlung von Edicten ꝛe. — 10— ſchloſſen den Capuziner zuruͤck, der ihr die Sacra⸗ mente bot. Der ehrwuͤrdige Pater kehrte zu dem Erzprie⸗ ſter zuruͤck, ihm Bericht von dem Reſultate ſeiner Sendung zu erſtatten. In dieſem Augenblicke zogen die Mikelets des Capitain Poul in das Dorf. IX. Die Mikelets. Der Flecken St. Andéol, der bisher ſo ruhig war, bot den Tag nach der Ankunft des Erzprie⸗ ſters das Schauſpiel eines Bivouaks. Die Anweſenheit der Mikelets des Capitain Poul hatte den Tumult noch vermehrt. Dieſer Haufe von rohen, undisciplinirten Parteigängern, beſtehend aus Leuten aller Nationen, beſonders aber aus Bergbewohnern von Rouſſillon, lag auf dem Kirchplatze, ziemlich weit von den Dragonern von St. Sernin, denn zwiſchen beiden Truppenabthei⸗ lungen beſtand kein gutes Einverſtaͤndniß. Die Tracht der Mikelets war nicht gleich; dem Beiſpiele ihres Capitaines folgend, kleideten die Mei⸗ ſten ſich mit der Beute, die ſie dem Feinde abnah⸗ men; hier ſah man das rothe Wamms der Pie⸗ monteſen, dort die blau und gelben Roͤcke der Kai⸗ ſerlichen, weiterhin das Panzerhemd der Waldenſer. „ Viele trugen lange Wämſer von grobem wollenem braunem Stoffe, in Rouſſillon Collitry genannt, eben ſolche Hoſen und einen gruͤnen wollenen Guͤrtel. Die einzige Gleichformigkeit ihrer Bewaffnung be⸗ ſtand in einer Patrontaſche mit ledernem Riemen und einer kurzen Buͤchſe mit Radſchloß, deren die Mikelets, vortreffliche Schuͤtzen, ſich ausgezeichnet zu bedienen wußten. Einige trugen Pickelhauben, Andere Filzhuͤte, wieder Andere Muͤtzen; die Einen hatten Kuͤraſſe, Panzerhemden oder auch bloße Bruſtharniſche; An⸗ dere trugen Buͤffelkoller. Die Vertheidigungswaffen waren eben ſo mannigfal tig: Degen, Schwerter, Säbel, Streitäxte, kurz Jeder wählte nach ſeinem eignen Geſchmack und trug ſie an dem Riemen ſei⸗ ner Patrontaſche. Alle aber hatten ein langes Meſ⸗ ſer oder einen Dolch mit hoͤrnernem Griff, ohne den ſie nie marſchirten, und den oft auch bei ihren Haͤndeln Blut faͤrbte. Wahrſcheinlich zum leichtern Erſteigen der Berge waren ſie mit Steigeiſen ver⸗ ſehen. Herr von Baville und Herr von Broglie eann⸗ ten die Vortrefflichkeit der Mikelets in dem Kriege der Parteigängerei und des Hinterhaltes, und hatten ſie daher beſonders ausgewaͤhlt, die Sendung des Erpeieſere in den Cevennen zu unterſtuͤtzen. Der Muth, die Grauſamkeit, die unermuͤdliche Kraft der Mikelets, ihr wildes Ausſehen, floͤßten dem Volke das größte Schrecken ein, und uͤberall hatten — 113— ² ſie auf ihrem Durchzuge truͤbe Erinnerungen zuruͤck⸗ gelaſſen. Es war acht Uhr Morgens; die Mikelets, welche auf dem Hauptplatze des Fleckens lagerten, erwar⸗ teten die Ankunft ihres Hauptmanns, und gehorch⸗ ten einſtweilen einem alten Rottmeiſter, dem ſie den Beinamen„dergute Dieb“ gegeben hatten; dieſer Letztere vereinigte mit den Eigenſchaften eines Fac⸗ totum des Hauptmanns, den er uͤberall auf ſeinen kriegeriſchen Pilgerfahrten begleitet hatte, das Amt eines Schatzmeiſters und Fouriers der Compagnie. Der gute Dieb war nicht ohne Grund ſo genannt worden, und es waren bedeutende Urſachen noͤthig, um ihm einen ſolchen Titel bei einer Bande von Ungeheuern zuzuziehen, deren geringſtes Verbre⸗ chen der Raub war. In der That trieb der gute Dieb, abgekürzt Bon⸗Lar(pon larron) bis zur Wuth die Mono⸗ manie, ſich das Gut Anderer zuzueignen, nicht wie ſein Capitain, der unerſchrockene Poul, durch die Gewalt der Waffen, ſondern durch die Liſt. Denn der Bon⸗Lar war zwar ein guter Schuͤtze, liebte es aber doch nur mittelmaͤßig, ſich in offenem Felde mit dem Feinde zu meſſen. Wenn man an den Ruf der Schelmerei dieſes Elenden denkt, ſo begreift man auf den erſten An⸗ blick nicht leicht, wie der Capitain ihm das Antt eines Schatzmeiſters der Compagnie hatte ubertragen koͤnnen. Aber man muß wiſfen, daß den Hän⸗ Krieg in den Cevennen. 8 — 114— den des Meiſters Bon⸗Lar kein Schatz anvertraut wurde. Gleich den condottieri verpflichteten ſich die Miskelets ihrem Hauptmann fuͤr eine gewiſſe Zeit, gewöhnlich fuͤr zwei Jahre. Wenn ſie in die Com⸗ pagnie eintraten, erhielten ſie ſechs Monate Sold voraus, und den Reſt bei Ablauf ihrer Dienſtzeit. Der Capitain unterhandelte füuͤr ſeine Truppe mit dem Intendanten der Provinz, von dem er den verabredeten Sold empfing. Der Vortheil des Capitains beſtand alſo darin, die Soldaten ſehr theuer zu werben und ſehr gering zu beſolden. Der gute Dieb, der böſe Geiſt des Capitain Poul, diente ihm vortrefflich zur Erlangung dieſes Reſultates, theils durch die Gewandheit, mit der er die Rechnungen fuͤhrte, theils durch die Vorſchuͤſſe zu ungeheuren Zinſen, die er den Mikelets leiſtete. Der Rottmeiſter war ſeinem Capitain auch ſehr nützlich darin, die Unterhaltungskoſten fuͤr ſeine Sol⸗ daten zu ordnen. In feindlichem Lande plunderte man; in Freundesland ſuchte man ebenfalls zu pluͤndern, und waren die Befehle zu ſtreng, ſo be⸗ gnuͤgte man ſich damit, nicht zu bezahlen, was man gekauft hatte. Beſonders bei dieſen letztern Geſchaͤften wurde das dem Bon⸗Lar anvertraute Amt eines Schat⸗ meiſters ſehr wichtig; er mußte Mittel finden, die Gläubiger der Compagnie abzuweiſen, oder ſie zu be⸗ — 115— friedigen, ohne den Beutel zu oͤffnen, denn die Compagnie beſaß nicht eine Obole. Man muß geſtehen, daß Meiſter Von⸗Lar bei ſolcher Art von Liquidationen eine große Erfahren⸗ heit und Gewandheit zeigte. Das Aeußere des guten Diebes war leider nur zu geeignet zu dergleichen Schelmereien. Dieſer Menſch, ein geborner Spitzbube, war 40 Jahre alt, aber fruͤhzeitige, ehrwuͤrdig weiße Haare quollen un⸗ ter einem Filz hervor, den er einem Schreiber, ſei⸗ nem Wirthe in Montpellier, geſtohlen hatte. Bart und Schnurbart waren grau und von nicht min⸗ der ehrwuͤrdigem Anſehen und fielen bis auf ſeinen breiten Umſchlagkragen herab, den er aus einem Unterrocke geſchnitten, welchen er ſeiner Wirthin in Mende geſtohlen hatte. Seine mehr als ehrwuͤrdige Koͤrperfulle platzte überall die Nähte ſeines Wamm⸗ ſes und ſeiner Beinkleider von feinem Segovier. Tuch, welches er zum Dank von ſeinem Wirthe in Alais erhielt, den er einäugig gemacht hatte, indem er vorgab, daß er ihn von einer Augenkrank⸗ heit curiren wollte. Zu dieſem heuchleriſchen Aeußern fuͤge man noch ein läͤchelndes rothes Geſicht hinzu, wel⸗ ches Freimuͤthigkeit und Herzlichkeit athmete, eine gewiſſe kriegeriſche Derbheit, und man hat eine Skizze von dem Meiſter Bon⸗Lar, der ſelbſt unter dieſem Haufen von Miſſethätern fuͤr einen großen Spitbuben galt. 8* Bald ſah der Unteroffizier ſeinen Capitain kom⸗ menz er ſchien außer ſich vor Wuch. „Weißt Du wohl was fuͤr ein Handwerk man uns hier treiben laſſen will?“ rief Poul, ſobald er ſeinen Rottmeiſter erblickte. 1* „Nein, mein gnädiger Capitain,“ ſagte Bon⸗ Lar mit ſuͤßlichem Weſen, indem er ehrerbietig die Hand an den Filz legte. „Man will uns zu Henkern machen! Wäaͤren wir hier allein, ſo gälte es mir gleich; Du weißt wohl, daß wir in meinem Feldzuge in der Ukraine waͤhrend des Krieges gegen die Turken zwanzig in unſerer Compagnie hatten, die im Stande waren, den beſten Henker darin zu unterrichten, die Soͤhne Mahomets die von unſeren Wachen als Spione er⸗ griffen wurden, lebendig zu ſchinden.“ „Wem ſagt Ihr das, mein wuͤrdiger Capitain! Da war unter Andern Juzep der Bärtige und Tcherdyn der Schwarze, die vor Belgrad auf Euren Befehl dem Boſtandi die Hälfte der Hirnhaut ab⸗ nahmen und ihn ſo an den Bachibey zuruckſchickten, um ein Exempel zu erlaſſen. Es iſt meiner Treu unmöglich, eine ſchneller und beſſer gethane Arbeit zu ſehen!“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ ſagte Poul mit einer Art wilder Zufriedenheit;„aber weißt Du, worum es ſich hier handelt? Die Leiche eines al⸗ ten Weibes auf der Kuhhaut fortzuſchleppen.“ —— „Gewiß eine alte Hugenottin, die unbußfertig ſtarb?“ fragte der Unteroffizier. „Ja, die Mutter unſerer Wirthin, welche dieſe Nacht den Erzprieſter und ſeine Moͤnche zum Teu⸗ fel gewuͤnſcht hat, indem ſie laut nach einem Geiſt⸗ lichen ihres Glaubens rief.“ „Einem Geiſtlichen! Ei die gute Frau war ver⸗ ruͤckt! Einem Geiſtlichen! Es bleibt nicht einer in in den Cevennen uͤbrig! Vom Rade und von dem Scheiterhaufen hätte ſie einen fordern ſollen, wenn Rad und Scheiterhaufen ſie hätten zuruͤckgeben koͤn⸗ nen. Ja, aber ſo ſind die Evastochter; ſtets ver⸗ langen ſie nach der verbotenen Furcht,“ ſagte der Unteroffizier. „Waͤhrend der Erzprieſter ſie beichten laſſen wollte und ſie dies verweigerte, ſtarb die alte Frau, und die Seele ging, Eblis weiß wohin, ſagen die Tuͤrken.“ d„Und um die alte Frau dafur zu beſtrafen, daß ſie ihre Seele verderben ließ, ſchleppt man ihre Leiche auf der Kuhhaut fort?“ ſagte der Rottmeiſter ach⸗ ſelzuckend. „Es iſt das Edict des Königs und iſt gut; aber, Tod und Teufel, es kömmt nicht braven Leu⸗ ten, wie meine Mikelets ſind, zu, eine ſolche Laſt zu ſchleppen. Wenn unter dem Felbmarſchall Butt⸗ ler unſere Leute Jemand erſchoſſen oder ſchunden, bekamen ſie doch wenigſtens zwei Tage Sold, die 5 Hinterlaſſenſchaft des Hingerichteten und eine Pinte — 118— Rheinwein zur Belohnung von dem Feldmarſchall,“ ſagte der Unteroffizier, indem er mit der Zunge ge⸗ gen den Gaumen ſchnalzte. „Zum Teufel, meine Mikelets werden das Ge⸗ ſchäft nicht uͤbernehmen!“ ſagte Poul, nachdem er einen Augenblick nachgeſonnen.„Die Puppen in den ſchoͤnen betreßten Wämmſern, die ſie Dragoner von St. Sernin nennen, mogen die Sache uͤber⸗ nehmen, das will ich dem Erzprieſter ſagen, den Gott verdammen moge!“ „und wenn er uns nun dazu zwingt, mein gnaͤdiger Capitain?“ . „Mich zwingen, mich, Poul?“ ſagte der Par⸗ teigänger mit verächtlichem Lächeln;„ich wuͤrde bald die Grenze zwiſchen ſeinen und meinen Willen 7 gelegt haben.“ Der Unteroffizier ſchuͤttelte den Kopf mit zwei⸗ felhaftem Weſen und ſagte zu Poul:„Hoͤrt, Ca⸗ pitain, das Ehr⸗ und Zartgefuͤhl ſind ſchoͤne Dinge, aber bedenkt es wohl, der Sold iſt hier gut und die Bezahlung puͤnktlich; man bezahlt Euch fuͤr Eure Soldaten dreißig Sous täglich, und Ihr gebt ihnen neun; davon ziehen wir ihnen noch zehn fuͤr Un⸗ terhalt und Kleidung ab, Unterhalt und Kleidung, die wir ihnen fuͤr gewöhnlich erlauben auf Koſten Anderer zu nehmen. Es iſt wahr, Ihr ſeid ſo großmuthig, ihnen fuͤr ihren Tabak, ihren Wein und fur die Entſagung aller Annehmlichkeiten des Lebens, den Sou zu erlaſſen, den ſie auf die neun — zulegen ſollten, um quitt zu ſein; das iſt allerdings großmuͤthig, aber dieſe Freigebigkeit richtet Euch doch nicht zu Grunde, und—“ „Biſt Du bald zu Ende?“ rief Poul mit zor⸗ niger Ungeduld. „Noch ein Wort, mein gnaͤdiger Capitain. So wie die Geſchichte geht, iſt es wahrſcheinlich, daß das Religionsthier durch die Schläge, die man ihm verſetzt, wieder auf die Beine koͤmmt, und wenn die Krämer ſich empören, ſo ſchneiden wir außer dem Sold in volles Tuch. Dieſe Bauertoͤlpel le⸗ ben nur von Kaſtanien und haͤufen verteufelte Schätze an. Sie haben immer einige alte Louisd'or oder alte Thaler in einem Topfe oder Strumpfe verſteckt, und wenn Ihr auch nicht mehr Juzep den Baͤrtigen und Tcherdyn den Schwarzen in Eu⸗ rer Compagnie habt, ſo werdet Ihr doch noch im⸗ mer unter Euren Mikelets zwei Schelme finden, welche verſtändig genug ſind, eine Lunte unter dem Daumen dieſer Schafhirten anzuzuͤnden, um ihnen das Geſtaͤndniß zu entlocken, wo das Huhn ſeine goldenen Eier gelegt hat; und das iſt nur noch die kleine Ausbeute unſtes Fiſchzuges. Was fuͤr fette Contributionen werden bei den reichen hugenottiſchen Kaufleuten zu erheben ſein, und bei den Edelleu⸗ ten in den Gebirgen, und bei den Geiſtlichen!— Ich komme zu Ende, mein gnädiger Capitain, ich komme zu Ende,“ fuͤgte der Unteroffizier raſch hinzu.„Wenn Ihr Euch nun weigert, Eure Mi⸗ — 120— kelets die gute Frau in der letzten Kutſche fahren zu laſſen,— wenn Ihr nach Rauſſillon zuruck⸗ kehrt, oder anderswohin geht, ſo werdet Ihr dort, das koͤnnt Ihr mir glauben, nicht die Vortheile finden, die Ihr hier habt, und beſonders dann, wenn man Euch gebieten wird, das Land noch un⸗ barmherziger als ein feindlich erobertes zu behan⸗ deln; denn es wird ſich empoͤren, wir muͤſſen es hoffen, mein Capitain, daß es ſich empoͤren wird.“ Die Vorſtellungen des Rottmeiſters ſchienen einigen Eindruck auf den Parteiganger zu machenz er ſuchte ſeine Soldaten auf, gefolgt von dem gu⸗ ten Diebe, der ſich innerlich dazu Gluͤck wuͤnſchte, die Scrupel ſeines Hauptmanns beſiegt zu haben. Kehren wir jetzt zu dem proteſtantiſchen Pacht⸗ hofe zuruck, der ſo plotzlich in einen Aufenthalt der Trauer und der Verzweiflung verwandelt wor⸗ den war.. S. Die Kuhhaut. Es war Mittag. Hieronimus Cavalier und ſeine Frau, die noch in dem Gotteszimmer eingeſchloſſen waren, vor deſſen Thuͤr ein Dragoner Schildwach ſtand, hatten einen Theil dieſer ungluͤcklichen Nacht unter Gebeten fuͤr ihre beiden Kinder hingebracht. Die Angſt der Madame Cavalier war unbe⸗ ſchreiblich. War ihre Mutter geſtorben? Lebte ſie noch? Arme Frau! Wenn ſie gewußt hätte, daß ihre Mutter, erſchoͤpft durch den Todeskampf und durch das fuͤrchterliche Ringen, das ſie ſo muthig ausge⸗ halten hatte, um ihrem Glauben treu zu bleiben, unter dem Rufe nach ihrer Tochter geſtorben war; geſtorben unter den fuͤrchterlichen Verwuͤnſchungen des Erzprieſters und des Moͤnches, welche ſich ge⸗ zwungen ſahen, gegen eine ſolche Verhaͤrtung mit⸗ — leidslos zu ſein; geſtorben, ſo,— ſie, die gute ehrwuͤr⸗ dige Großmutter, die ihr Leben in der Mitte ihrer verſammelten Familie zu enden hoffte, Allen ihren frommen Segen ertheilend. Mehrmals hatte ſich Hieronimus Cavalier ver⸗ gebens an den Dragoner vor ſeiner Thuͤr gewendet, um von ihm Nachrichten uͤber die Großmutter zu erhalten. Das Fenſter war offen geblieben, aber der buſchige Gipfel des Nußbaumes ließ nur einen Theil des Weges uͤberſehen, der nach dem Pachthofe fuͤhrte. Einige Dragoner kamen voruͤber, ihre Pferde in die Schwemme zu reiten; der Proteſtant und ſeine Frau befragten ſie, aber nur grobe Scherze waren ihre Antwort. Dieſe fuͤrchterlichen Qualen dauerten bis ein Uhr, dann ertoͤnten die Hoboen und Trommeln der Dragoner*); in dem Hauſe herrſchte viel Bewe⸗ gung. Die ſchneidenden wilden Toͤne von den Hör⸗ nern der Mikelets erſchallten in der Ferne, während im Innern des Pachthofes die Stimme der Un⸗ teroffiziere ihre Reiter zum Appel riefen. Eeinen Augenblick dachten die beiden Proteſtan⸗ ten, daß die Truppen St. Andéol verlaſſen wollten. Neugierig und beſorgt traten ſie an das Fen⸗ *) Statt der Pauken und Trommeln hatten die Dragoner Hoboen und Trommeln, weil dieſe Reiterei oft den Dienſt des Fußvolkes verſah. — 123— ſter; das Hoͤrnergeſchmetter der Mikelets kam immer naͤher und näher; der dumpfe Tritt einer Abtheilung Fußvolk verrieth, daß die Parteiganger durch das große Thor, welches weder Hieronimus Cavalier noch ſeine Frau ſehen konnten, auf den Hof der Meierei zogen. Auf den wilden Lärmen, der ſeit einer Stunde im Hauſe herrſchte, folgte plotzlich das tiefſte Schweigen. Dieſes Schweigen ſchien Hieronimus Cava⸗ lier und ſeiner Frau entſetzlich; ſie fuͤhlten ihr Herz von unendlicher Angſt zuſammengepreßt. Plötzlich ließ eine leiſe, klagende, zitternde Stimme, welche aus einem Fenſter unter dem der Unglucklichen zu kommen ſchien, die Worte hoͤren: „Herr, Frau, ſeid Ihr da?“ „Das iſt Martha's Stimme,“ ſagte Cavalier's Frau.„Gott ſei gelobt, jetzt werden wir Nach⸗ richt von meiner Mutter erhalten.“ „Wie geht es meiner Mutter? Befindet ſie ſich beſſer?“ rief ſie hinab. Aengſtlich zum Fenſter hinaus gebeugt, erwar⸗ teten beide Gatten die Antwort Martha's. Nach kurzem Schweigen entgegnete die Magd mit thraͤnenerſtickter Stimme: „Im Namen des Himmels, bleibt nicht am Fenſter!“ „Aber wie geht es meiner Mutter?“ wieder⸗ holte Madame Cavalier. „Herr, um des Himmels willen, laßt die Frau dort forttreten! Mein Gott, mein Gott, bleibt nicht am Fenſter!“ rief Martha mit dem Tone der groͤßten Angſt. „Und weshalb das?“ fragte Hieronimus Ca⸗ valier, während ſeine Frau, die etwas Fuͤrchterli⸗ ches zu ahnen begann, ihn voll Entſetzen anſah. „Das Fenſter! Schließt das Fenſter! Sie bre⸗ chen auf!“ ſchrie die Magd. Und ſie hoͤrten, wie das Fenſter, an dem die Magd geſtanden hatte, ſich ſchnell ſchloß. In demſelben Augenblicke, und noch ehe der Pächter und ſeine Frau, die vor Schrecken ſtarr waren, eine Bewegung machen konnten, kreiſchte das große Thor des Pachthofes auf ſeinen Angeln, die Glok⸗ ken eines Maulthieres ertoͤnten, und die beiden Pro⸗ teſtanten ſahen ſchnell wie eine entſetzliche Erſchei⸗ nung vor dem Fenſter eine Kuhhut vorbei ſchleifen, die mit Stricken an dem Maulthiere befeſtigt war, welches ein Mikelet von abſchreckendem Aeußern ritt. Auf dieſer Kuhhut erkannten ſie die Leiche ih⸗ rer Mutter; die weißen Haare der Matrone, ſchon vom Blute geroͤthet, ſchleppten im Kothe nach. „Meine Mutter!“ ſchrie Madame Cavalier mit einem entſetzliche Angſtrufe, und indem ſie die Aerme gegen die Leiche ausſtreckte. Aus Verzweiflung oder aus Zufal ſtuͤrzte die ungluͤckliche, vom Schmerze hingeriſſen, zum Fen⸗ ſter hinaus und zerſchmetterte ſich den Kopf auf der 125— Steinbank, auf der ſie noch den Tag zuvor, von ihren Kindern umgeben, ſo friedlich geſeſſen hatte. In dieſem Augenblicke zogen die Dragoner und die Mikelets, welche die Vollſtreckung der Sentenz geſichert hatten, in Reihe und Glied voruͤber. In ihrer Mitte ſah man den Erzprieſter. Er ritt auf einem Zelter, und trug ein Wamms von ſchwarzem Ratin und einen ebenfalls ſchwarzen Mantel, der beinahe ſein ganzes Thier bedeckte. Sein bleiches Geſicht, durch die tiefe Aufregung, die ihn ergriffen hatte, noch blaſſer gemacht, trug den Cha⸗ rakter drohender Unerſchrockenheit. Ein kalter Schweiß rann von ſeiner kahlen Stirn; bald warf er einen Adlerblick auf die Bewohner von St. Andéol, die ſich ſtumm und verwirtt um den Pachthof ver⸗ ſammelt hatten, bald ſenkte er unwillkuͤrlich die Au⸗ gen, als wuͤrde er von einer geheimen Reue erfaßt. Der Abt duͤ Chayla hatte dieſe barbariſche Handlung, welche uͤbrigens ganz mit den Edicten und Befehlen des Koͤnigs uͤbereinſtimmte, nicht be⸗ fohlen, ohne lange und grauſam zu ſchwanken. Er glaubte, die Bevoͤlkerung durch dieſes fuͤrchterliche Beiſpiel in Furcht ſetzen zu muͤſſen; er hatte in der Matrone dieſer von der Ketzerei ergriffenen Familie einen ſo unbeugſamen Fanatismus gefunden, einen ſo entſchiedenen Widerwillen gegen die roͤmiſche Kirche, eine ſo gottloſe Entſchloſſenheit, der ewigen Strafe zu trotzen, daß jedes Gefuͤhl des Mitleids in ihm erloſch. Als er aber Madame Cavalier 125— aus dem Fenſter ſtuͤrzen ſah, glaubte er an einen Selbſtmord. Dieſes neue Verbrechen brachte ihn außer ſich. In ſeinem religioͤſen Unwillen gebot er, abermals den Edicten getreu, daß der Leichnam der Tochter, wie der ihrer Mutter, nach dem Schindanger ge⸗ ſchleift werde. Auch dieſer neue Befehl wurde vollzogen. Die Proteſtanten von St. Andéol verſammel⸗ ten ſich an dem Thore des Pachthofes; Alle, Wei⸗ ber, Kinder, Maͤnner, Greiſe knieten in dumpfem, finſterm Schweigen mit entblößtem Haupte nieder; als die verhängnißvolle Haut aus dem Hofe ge⸗ ſchleift wurde, ſangen ſie den Pſalm drr Todten mit feſter, kraͤftiger Stimme. Es iſt unmöglich, den majeſtätiſchen und ver⸗ zweiflungsvollen Eindruck dieſes Geſanges wiederzu⸗ geben. Aus dem Einklange aller dieſer Stimmen, der ſchwaͤchſten wie der ſtärkſten, der zitterndſten wie der friſcheſten, entſtand eine großartige, kalte, dro⸗ hende Harmonie. Es war der ernſte Schrei des Schmer⸗ zes und des dumpfen Unwillens eines unterdruck⸗ ten Volkes. Vergebens gebot der Marquis von Florac ſei⸗ nen Unteroffizieren, dieſe Schreihaͤlſe zum Schweigen zu bringen. Die Drohung, die flachen Säbelhiebe, blieben erfolglos; treu dem Mu⸗ the der Unthätigkeit und widerſtandloſer Ergebung, den ſie bei ihren Verſammlungen zeigten, blieben — 1— die Proteſtanten, dieſer Gewaltthaten ungeachtet, knieen, und ſetzten ihren Geſang fort. Eben ſo vergebens machten die Dragoner einen Angriff im Trabe, um ſie auseinander zu ſprengen. Unter die Hufe der Pferde getreten, gequetſcht oder verwundet, ließen die Cevenolen keine Klage ertö⸗ nen, aber ſie blieben knieen, und die, welche nicht getroffen wurden, ſetzten mit unerſchrockener Kalt⸗ bluͤtigkeit ihren Geſang fort. Als der Pſalm beendigt war, gingen ſie aus⸗ einander.————— Kehren wir zuruͤck zu Hieronimus Cavalier. Ungeachtet ſeiner dringenden Bitten, ungeachtet des furchtbaren Todes ſeiner Frau, noch immer ge⸗ fangen, war der Paͤchter in dem Gotteszimmer al⸗ lein geblieben, durch dieſen neuen Schlag betäubt, auf die Kniee geſunken. Seine inbruͤnſtige Fröͤmmigkeit murrte nicht ge⸗ gen den Willen des Herrn. Er ſah mit feſtem, ergebungsvollem Auge auf die truͤbe Zukunft, wel⸗ che dieſer Tod ihm bereitete; er beugte das Haupt, betete fuͤr die Seele der Mutter ſeiner Kinder, be⸗ tete fuͤr die Seele des Weibes, das er ſo ſehr ge⸗ liebt hatte. Gegen drei Uhr kam der Capuziner, Cöleſte und Gabriel zu holen; die Truppen und der Erz⸗ prieſter wollten den Flecken verlaſſen. Da er die beiden kleinen Cevenolen nicht ſah, — 128— eilte der Moͤnch an das Bette; er zog die Vor⸗ haͤnge zuruͤck und fand nichts. „Wo ſind Eure Kinder? Ihr haftet fur ſie!“ rief er Hieronimus Cavalier zu. Der Greis ſchien ihn nicht zu hoͤren. „Eure Kinder, Eure Kinder!“ wiederholte der Capuziner. Hieronimus Cavalier ſprach, ohne den Moͤnch anzuſehen, die folgenden Verſe der Bibel, mit dumpfer Stimme und indem Thraͤnen ſeine Wan⸗ gen netzten: „Von allen ſeinen Kindern fand ſich keines, das ihn ſtuͤtzte, und keines reichte ihm die Hand zum Beiſtand. Eine Doppelbetruͤbniß wird uͤber uns kommen, und wer wird Mitleid mit uns ha⸗ ben? Der Verheerung folgt der Mord. Wer wird uns troͤſten?“ Der Capuziner verzweifelte daran, von dem Pächter irgend eine Auskunft zu erlangen, und wendete ſich an den Dragoner. „Die Kinder ſind alſo fortgegangen?“ ſagte er zu ihm.„Wie haſt Du ſie dem ertheilten Be⸗ fehle zum Trotz gehen laſſen koͤnnen?“ „Wenn die Kinder fort ſind, ſo muͤſſen ſie durch das Fenſter ſein, denn durch die Thuͤr ſind ſie nicht gekommen,“ erwiderte der Dragoner muͤr⸗ riſch.„Um ſie nicht zu verlieren, hättet Ihr in jeden Eurer Aermel eines ſtecken ſollen; weit ge⸗ nug ſind ſie dazu, ehrwuͤrdiger Herr;“ — „Elender!“ ſagte der Moͤnch unwillig,„Du wirſt mir fuͤr die Flucht der Kinder ſtehen.“ „Ich ſoll dafuͤr ſtehen? Wenn das iſt, ehr⸗ wuͤrdiger Herr, werdet Ihr mir fuͤr den erſten Fehltritt meines Pferdes haften. Das waͤre eben ſo gerecht,“ ſagte der Soldat achſelzuckend, und ohne Zweifel gleichgultig gegen die Drohung des Moͤn⸗ ches wendete er dieſem den Ruͤcken, ohne weiter ein Wort zu ſprechen; dann pfiff er unverſchämt die Melodie des:„Prinz von Oranien,“ und ſchlug mit ſeinen Sporen den Takt dazu. Der Capuziner wendete ſich aufs Neue mit zor⸗ nigem Tone an Hieronimus Cavalier:„Ihr wollt nicht ſagen, wo Eure Kinder ſind? So werdet Ihr im Block bis Montpellier gebracht; das Tri⸗ bunal wird Euch ſchon zum Sprechen zwingen.“ Der emſigen Nachſuchungen ungeachtet fand man natuͤrlich Coͤleſte und Gabriel nicht. Ihr ungluͤcklicher Vater wurde daher auf Be⸗ fehl des Erzprieſters in den Block geſperrt und auf einen der Karren geworfen, auf welchen die gefan⸗ genen Religionare transportirt wurden. Die Einen ſollten unter der Aufſicht des Abtes in dem Kloſter von Pont⸗de-Montvert, dem Cen⸗ tralſitze der Miſſionen der Cevennen, bleiben; die Andern wurden nach Montpellier transportirt, um dort wegen ihrer Verbrechen gerichtet zu werden. Dieſe Gefangenen waren zahlreich; ſie beſtanden aus hugenottiſchen Edelleuten oder Kaufleuten, uͤber⸗ Krieg in den Cevennen. fuͤhrt, daß ſie Frankreich hatten verlaſſen wollen, ungeachtet der Strenge der Edicte, welche dieſe Flucht bei Strafe der Galeeren oder, im Wieder⸗ holungsfalle, bei Todesſtrafe, verboten. Die Frauen und die jungen Mädchen, welche deſſelben Verbre⸗ chens ſchuldig waren, wurden in die Zuchthäuſer geſchickt, hier mit dem ſchamloſen Auswurfe ihres Geſchlechtes vermiſcht, und von der Hand des Hen⸗ kers offentlich gepeitſcht. Eine Cevenolin, Namens Katharine Doux, angeklagt, gepredigt zu haben, ſollte gehangen werden, und wurde es. Ein Geiſtlicher, in dem Augenblicke uͤberraſcht, als er vor einer Verſammlung in den Gebirgen predigte, war dem Scheiterhaufen vorbehalten. Mehrere Kinder beiderlei Geſchlechtes, ihren Fa⸗ milien entriſſen, ſollten in den Kloͤſtern eine katho⸗ liſche Erziehung erhalten. Die Karren, auf denen dieſe Ungluͤcklichen transportirt wurden, waren lang und ſchmal; ein Balken, der ganzen Laͤnge nach geſpalten, nahm zwiſchen ſeine beiden Hälften die Fuͤße der Gefan⸗ genen auf, die ſo weder ſitzen noch liegen konnten und ſich alſo gegen die Seitenwände der Wagen ſtemmten, welche man mitleidig mit Stroh ange⸗ fuͤllt hatte. Männer, Weiber, Kinder waren bunt unter einander auf die Karren geworfen, die von Ochſen gezogen wurden. Dieſe Ungluͤcklichen tröſteten, ermahnten, er⸗ muthigten ſich gegenſeitig, die Verfolgung mit Ge⸗ duld zu ertragen. Von Zeit zu Zeit ſangen ſie ei⸗ nen Pſalm, um ihren Kummer zu zerſtreuen, oder Einer von ihnen las mit lauter Stimme eine Stelle aus der Bibel oder einen Hirtenbrief Ju⸗ rieu's vor, welche der Wachſamkeit der Huͤter ent⸗ zogen worden waren. Es mochte ungefähr vier Uhr ſein, als die lange Reihe der Wagen auf dem Platze von St. Andéol verſammelt war; auf dem erſten Wagen befand ſich Hieronimus Cavalier. Seiner heldenmuͤthigen Faſſung ungeachtet ſchien der Greis niedergebeugt; Thraͤnen benetzten ſeine Wangen, beſonders wenn er einen letzten Blick auf den Pachthof warf, der noch unlängſt ſo ſtill und friedlich geweſen war, auf die reizende Gegend, die er verödet hinter ſich ließ. Seine Frau war einen gräßlichen Tod geſtor⸗ ben; uͤber das Loos ſeiner Kinder war er unge⸗ wiß; alt, ſchwach, allein ſtehend, ſchleppte man ihn ſelbſt in die ſchwarzen, furchtbaren Gefängniſſe von Montpellier. So viele Erſchuͤtterungen vernichte⸗ ten ihn; dennoch aber fand er einen leiſen Troſt in der ruͤhrenden Anhaͤnglichkeit eines ſeiner Arbei⸗ ter, eines gewiſſen Caſtanet, der, den Querſack auf dem Ruͤcken, den Stock und die Hol zſchuhe in der Hand, ſich ſchůchtern dem Karren naͤherte und leiſe zu ſeinem Herrn ſagte: 9* — „Wenn Ihr irgend etwas braucht, Herr, ſo ruft nur Caſtanet; ich werde in der Nähe des Wagens ſein.“ „Man wird Dich da nicht laſſen, mein Freund,“ ſagte Hieronimus;„bleib' in dem Pachthofe. Wenn Du mir folgſt, ſetzeſt Du Dich Gefahren aus. Ich bitte Dich, bleibe in der Meierei.“ „Nein, ſeht, Herr Cavalier,“ ſagte Caſtanet mit ehrfurchtsvoller Feſtigkeit,„ich kann nicht in der Meierei bleiben, wenn man Euch ins Gefäng⸗ niß fuͤhrt.“ Und ohne die Antwort ſeines Herrn abzuwar⸗ ten, trat er dann etwas von dem Wagen zuruck, um in der Nähe zu ſein, wenn der Päͤchter irgend etwas zu befehlen hätte. Um fünf Uhr blieſen die Hoboen der Dragoner zum Aufſitzen und die Colonne verließ den Flecken. Der Brigadier Laroſe und vier Reiter bildeten die Avantgarde, denn obgleich das Land noch ruhig war, fuͤrchtete man doch von Tage zu Tage irgend eine inſurrectionelle Bewegung. Dann folgte der Erzprieſter auf ſeinem Zelter. Er antwortete mit finſterm, zerſtreutem Weſen auf die Fragen des glänzenden Marquis von Florac, der, ſtets ſorglos und leicht, ſeinen kleinen ſpani⸗ ſchen Klepper, den er wäͤhrend des Weges ritt, Ca⸗ priolen machen ließ; ſeine Kriegspferde wurden von den Stallknechten am Zuͤgel gefuͤhrt. Die Compagnie der Dragoner von St. Ser⸗ nin folgte ihrem jungen Capitain, und ritt vor dem Zuge der Wagen mit den Gefangenen; der Capu⸗ ziner, der Capitain Poul und ſein Rottmeiſter, alle Drei zu Pferde, ſchloſſen an der Spitze der Mike⸗ lets die Colonne. Langſam und finſter wie ein Leichenzug ſetzte ſie ſich in Bewegung, unter den Thraͤnen und der Verwirrung der Bewohner von St. Andool, welche den, den ſie ſtets ſo innig ver⸗ ehrt hatten, gefeſſelt wie einen Verbrecher fort⸗ ſchleppen ſahen. Zwei Stunden ungefähr durchzogen die Trup⸗ pen die fruchtbaren Ebenen Klein⸗Canaans; auf dieſe ſo reizende und ſo bebaute Gegend folgten bald die unfruchtbaren ſteilen, vulkaniſch zerriſſenen Berge der Lozére, welche im Norden dieſes be⸗ zaubernde Thal begrenzten, wie der Aygoal im Weſten. Die Sonne fing an, ihre Strahlen ſchräger zu ſenken; die Colonne kam in einen Hohlweg, auf beiden Seiten von ſteilen Felſen eingefaßt, deren Gipfel mit dichtem dornigem Ginſtergeboſch bewachſen war. Die Schatten der Nacht begannen bereits die dichte Schlucht zu erfuͤllen, und die Colonne ver⸗ tiefte ſich immer mehr zwiſchen die Felſen. Mlotz⸗ lich ertönte aus den Luften eine Stimmes tief und gewaltig ließ ſie durch die Stille und Einſamkeit der Nacht die Worte vernehmen: — 134— „Mein Vater, das Blut meiner Mutter ſoll geraͤcht werden, das gelobe ich Dir.— Marquis von Florac, in kurzer Zeit wirſt Du mich ſehen, das ſage ich Dir, ich, Johann Cavalier, der Bak⸗ ker von Anduͤze, der Verlobte Iſabellens!“ Dann wurde wieder Alles ſtumm, und die Co⸗ lonne ſetzte ihren Marſch fort. —,.— V. Wunder. ——— Wir laſſen den Erzprieſter mit ſeiner Escorte und den Gefangen langſam im Weſten gegen die alte Abtei Pont⸗de-Montvert weiter ziehen, und kehren zu dem Schloſſe Mas⸗ Arribas zuruͤck, wohin Cöleſte und Gabriel durch ihren Bruder Jo⸗ hann ſo plotzich gefuͤhrt wurden. Was wir erzählen wollen, wird ſo außerordent⸗ lich, entſetzlich und unglaublich erſcheinen, daß wir in Anmerkungen die wiſſenſchaftlichen und hiſtori⸗ ſchen Noten geben, die zur vollſtändigen Erklärung dieſer Schilderung noͤthig ſind⸗ Cöleſte und Gabriel, welche durch die Drago⸗ ner plötzlich aus dem Schlafe aufgeſchreckt, dann mitten in der Nacht zu Ephraim gebracht wurden, der ihnen ſtets eine große Furcht eingeflößt hatte, und die endlich in dem finſtern Schloſſe des Glas⸗ machers allein blieben, glaubten unter dem Ein⸗ fluſſe eines boͤſen Traumes zu ſein. — 136— Das Zimmer, in welchem ſie ſich befanden, mußte fuͤr ſie ein neuer Gegenſtand des Schrek⸗ kens ſein. Es war ein geräͤumiges Gemach von einem länglichen Viereck, an dem einen äußerſten Ende durch ein einziges ſchmales Spitzfenſter erleuchtet, welches ſich hoch uͤber dem Fußboden befand. Die bunten Scheiben dieſes Fenſters ſtellten in uͤbertriebener Häßlichkeit das Thier der Apoka⸗ lppſe vor, welches in der finſtern Offenbarung Jo⸗ hannis ſo beſchrieben iſt: „Und ich ſah aus dem Meere ein Thier ſich „erheben, das hatte 7 Kopfe und 10 Hörner, und „auf ſeinen Hörnern 10 Kronen; das Thier, das „ich ſah, war aͤhnlich einem Leoparden, ſeine Fuͤße „waren wie die Fuͤße eines Bären, der Rachen „wie der Rachen eines Löwen.“ Durch die mächtige Huͤlfsquelle der durchſichti⸗ gen Farben unterſtutzt, hatte der Maler alle Wun⸗ der ſeiner Kunſt aufgeboten, um den Anblick des Thieres furchtbar zu machen. Der roͤthlichfalbe Koͤrper, mit ſcharzen Flecken, ſtand auf braunen, dickbehaarten Tatzen, mit ſcharfen Krallen bewaff⸗ netz die gewaltigen Köpfe riſſen die drohenden Rachen, von Blut geröthet, weit auf; mitten aus der dich⸗ ten Maͤhne endlich, die uͤber die verzerrten Geſich⸗ ter des Ungeheuers herabfiel, funkelten große graue Augen mit entſetzlichem Glanze hervor. Dieſes phantaſtiſche Thier ſtieg aus einem —————————— — 137— mattſchwarzen Grunde hervor und im untern Theile der Scheibe las man mit flammenden Buchſtaben die folgenden Worte der Apokalypſe: „Es wird freſſen das Fleiſch der Koͤnige, das „Fleiſch der Heerfuͤhrer des Krieges, das Fleiſch der „Mächtigen, das Fleiſch der Pferde und der Reiter, „und das Fleiſch aller Menſchen, Freien und Scla⸗ „ven, Kleinen und Großen.“ Die dunkeln Farben der Scheiben ließen nur ein finſteres zweifelhaftes Licht in das Gemach drin⸗ gen. Die Waͤnde waren mit Eichenholz bekleidet und ſtatt des Bettes lagen am Boden Bahren voll Haidekraut; neben dem Bette ſtand ein Tiſch und eine Bank. Auf dieſer Bank ſitzend hielten Coleſte und Gabriel ſich eng umſchlungen, wie am Tage zuvor am Ufer des friſchen Baches in Hort-Dion, unter ihrem gruͤnen Gewebe von Epheu und bluͤhendem Schlehdorn. Am Morgen, gleich nach der Entfernung ihres Bruders, und ohne ihnen ein einziges Wort zu ſagen, hatte der Edelmann⸗Glasmacher die beiden Kinder in dieſes unheimliche Gemach gefuͤhrt. Seitdem war Niemand gekommen, ſie zu be⸗ ſuchen. Unwillkuͤrlich richteten ſie einen ſtarren, beinahe bezauberten Blick auf das entſetzliche Ungeheuer mit den 7 aufgeſperrten Rachen und den gluͤhenden Augen. — 138— Eine Wirkung des Lichtes, von der ſie ſich keine Rechenſchuft zu geben wußten, ſteigerte noch den Schrecken der beiden kleinen Cevenolen. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, und je nachdem die Sonne hervortrat oder verſchwand, wurde die Durchſichtigkeit der Farben mehr oder minder leb⸗ haft, und die Augen des Ungethuͤmes ſchienen bald Blitze zu ſchleudern, bald ſich zu verdunkeln und zu umſchleiern. Draußen horte man keinen Ton. Das Entſetzen der Kinder erreichte den hochſten Gipfel; beide verbargen ihre Geſichter an des an⸗ dern Bruſt, und riefen mit herzzerreißender Stimme: „Mutter, Mutter!“ Alles blieb ſtill.. „Vater! Bruder!“ riefen ſie dann. Wieder antwortete ihnen daſſelbe Schweigen. Nach einigen Minuten neuer Angſt entriß ſich Gabriel den Armen ſeiner Schweſter und wollte zur Thuͤr eilen, um zu klopfen und nach Huͤlfe zu rufen. Vergebens durchflog er das ganze Zimmer; er ſah keinen Ausgang, nichts was einer Thuͤr glich; uͤberall war das Täfelwerk dicht in einander gefugt. Entſett durch dieſe Entdeckung kehrte er zu ſei⸗ ner Schweſter zuruͤck, umarmte ſie mit unbeſchreib⸗ licher Verzweiflung, und indem beide glaubten, daß ihr letzter Augenblick gekommen ſei, riefen ſie zit⸗ — 139— ternd, weinend, ſchluchzend, noch ein Mal nach ih⸗ rer Mutter, ihrem Vater, ihrem Bruder. Nichts antwortete ihnen. Da warfen ſie ſich nieder auf die Kniee, wen⸗ deten ihre Blicke ab von dem Ungeheuer, das ſie zu bedrohen ſchien und beteten innbruͤnſtig. Etwas beruhigt durch den wohlthaͤtigen Ein⸗ fluß des Gebetes und dadurch von ihrem Schrecken abgebracht, ſuchten die beiden Kinder ſich durch eine unbeſtimmte Hoffnung zu troͤſten. „Wir wollen uns nicht furchten, liebe Schweſter,“ ſagte Gabriel, indem er ſeine Thränen trocknete; „ſieh, wir duͤrfen nur das Fenſter nicht betrachten, auf dem das Ungeheuer iſt, das uns erſchreckt. Sieh mich an, das beruhigt mich, und weshalb ſollten wir uns auch fuͤrchten? Wir haben ja nie etwas Boͤſes gethan; unſer Bruder hat uns hierher ge⸗ bracht, unſer Vater hat uns geſegnet. Alſo wollen wir uns nicht fuͤrchten.“ „Aber, lieber Bruder, wir ſind in dem Schloſſe des Glas“— und die arme Kleine wagte es nicht, das fuͤrchterliche Wort auszuſprechen, und verbarg das Geſicht in beide Hände. „Aber weshalb glaubſt Du denn, daß der Glas⸗ macher uns Böſes thun wuͤrde? Unſer guter Gott wird uns auch nicht verlaſſen; er iſt ſtets mit uns und wird uns beiſtehen. Als Azarias und ſeine Ge⸗ fährten in den gluͤhenden Ofen geworfen wurden, hat da nicht der Engel die Flammen abgewendet, — 140— indem er einen Wind wehen ließ, ftiſch wie der Thau, ſo daß das Feuer Azarias, der Gott ſegnete, nichts Boͤſes thun konnte?“ „Das iſt wahr, Bruder,“ ſagte Cöleſte, indem ſie ihren Schrecken zu beſiegen trachtete;„Azarias wurde aus den Flammen gerettet.“. „Und Daniel? Erinnerſt Du Dich noch, als er mit 7 großen Loͤwen in die Grube geworfen wurde? Da der Herr mit ihm war, haben die Loͤwen ihn verſchont, denn ſiehſt Du, liebe Schweſter, die En⸗ gel des Herrn ſind ſtets mit den frommen und geſegneten Kindern. Alſo furchte Dich nicht mehr; ſieh ich habe auch keine Furcht mehr, und wage es ſogar, hinzuſchauen, ſieh.“ Dabei deutete das Kind entſchloſſen auf das Fenſter. „Ich will verſuchen, mich nicht mehr zu furch⸗ ten,“ ſagte Cöleſte;„Du haſt Recht, Bruder, man kann uns nichts Boͤſes thun wollen.“— Dann fugte ſie, die Aerme uͤber der Bruſt kreuzend, mit leichtem Zittern hinzu:„Mich friert.“ Das hohe, der Luft und der Sonne beraubte Zimmer, war ſelbſt mitten im Sommer eiskalt. „Vielleicht biſt Du auch muͤde, Schweſter? Du haſt die ganze Nacht nicht geſchlafen.“ „Ja,“ ſagte das Kind,„der Kopf thut mir ſehr weh.“ „Leg Dich nieder; dort in den Faſten, Schwe⸗ ſter, ich will Dich mit Haidekraut zudecken.“ — 141— „Wenn ich ſchlafe, ſo bleibſt Du allein, Bru⸗ der, und wirſt Dich fuͤrchten; ich will nicht ſchla⸗ fen,“ ſagte Cöleſte mit liebenswuͤrdiger Entſchloſſen⸗ heit. „Nein, nein, wenn ich nur bei Dir bin und eine Deiner Hände in den meinigen halte, werde ich mich nicht fuͤrchten; ſchlafe nur, Schweſter, ſchlafe.“— Und damit ordnete er das Lager von Haidekraut, ſo gut er konnte. Coleſte legte ſich darauf nieder. Gabriel ſchob die Bank zu dem Kaſten, ſetzte ſich darauf, nahm eine Hand ſeiner Schweſter in die ſeinige, neigte ſich zu ihr nieder und fragte mit Zärtlichkeit:„Wie iſt Dir, Schweſter?“ „Mir iſt waͤrmer; ich fuͤhle mich beſſer, Bru⸗ der.“— Dann fuͤgte ſie mit einem Seufzer hin⸗ zu:„Wann werden wir unſere Mutter wieder ſehen?“ Ihre Mutter? Die ungluͤcklichen Kinder! „Vielleicht morgen, Schweſter; wenn die Sol⸗ daten und die Prieſter von dem Pachthofe fort ſind, wird uns unſer Bruder gewiß abholen.— Aber ſuche zu ſchlafen und Dich zu erwarmen, beſonders aber beruhige Dich.“ Und um ſeiner Schweſter heitere Träume zu verleihen und die peinlichen Gedanken zu verja⸗ gen, von denen ſie beſturmt wurde, ſuchte Gabriel in ſeinem Gedaͤchtniß nach irgend einer freundli⸗ chen Stelle in der Bibel und wiederholte mit ſei⸗ — 142— ner ſchoͤnen kindlichen Stimme die Prophezeihung des Jeſaias, die ſo anfängt: „Der Wolf wird bei dem Lamme wohnen, der „Leopard wird ſich neben das Zicklein legen, der „Löwe und das Lamm werden mitſammen wohnen, „und ein kleines Kind wird ſie alle fuhren.“ Erſchöpft durch die Anſtrengung und die grau⸗ ſamen Erregungen der Nacht und des Tages ſchloß Cöleſte, durch die Stimme ihres Bruders einge⸗ wiegt, allmählig ihre großen blauen Augen und ſchlief ein. Der Tag ſenkte ſich, die Schatten des Abends begannen das große öde Gemach mit Finſterniß zu erfuͤllen; Gabriel fuͤrchtete ſich und preßte feſter die Pand der Schweſter, welche dieſe ihm einſchlafend gelaſſen hatte. Er bedurfte eines gewaltigen Muthes, um Cöleſte nicht zu wecken. Einige Augenblicke ſpäter erſchreckte ihn ein entſetzlicher Gedanke. In dem Schloſſe herrſchte immer noch das tiefſte Schweigen; ſeit dem Morgen war Niemand zu ihnen gekommen: man hatte den beiden Kin⸗ dern keine Nahrung gebracht; Gabriel glaubte da⸗ her, er und ſeine Schweſter waren vergeſſen. Die Nacht wurde ſchwarz; die allmählig immer unbeſtimmter werdenden Farben des Fenſters verloren ſich ganz. Man hätte glauben ſollen, das entſetz⸗ — liche Ungethuͤm verſchwinde in der Dunkelheit, die bald Alles einhuͤllte. Von dieſer furchterlichen Viſion befreit, aber noch dadurch erſchreckt, ſich in der Dunkelheit zu finden, ver⸗ mochte es Gabriel nicht, ſeine Angſt zu uͤberwinden; er näherte ſich daher ſeiner Schweſter und ſagte mit leiſer Stimme:„Schweſter, Schweſter, ſchlaͤfſt Du?“ Coleſte antwortete nicht; ihr Bruder hoͤrte nur ihren ruhigen, ſanften Athem. In Folge heldenmuͤthiger Anſtrengung rief das Kind nicht weiter; es verbarg den Kopf in beide Haͤnde und ſchloß in fuͤrchterlicher Angſt die Augen, um die Dunkelheit nicht zu' ſehen. Nach einer halben Stunde hoͤrte er ein dum⸗ pfes, verworrenes, auffallendes Geſchrei. Bald glaubte man fernes Rollen des Donners zu hoͤren, bald Kettengeraſſel, bald Trauerpſalme, in der Ferne von Kinderſtimmen geſungen, die nichts Menſchliches hatten. Dieſe Stimmen glichen viel mehr einem gewal⸗ tigen Schmerzensſchrei, als einem religioͤſen Gebete. Von Zeit zu Zeit ſchwieg Alles. In der Mitte der Stille, welche dieſem Tumulte folgte, ſprach dann eine andere Stimme, aber gewaltig, furcht⸗ bar, rollend wie der Donner, das auffallende Wort „Vaiédabber“!*) *) Vaisdabber bedeutet auf hebräiſch: Er hat ge⸗ ſprochen! — 144— Nach einer neuen Pauſe wurde dieſes Wort im Chor von den Kinderſtimmen wiederholt. Aber indem dieſe Stimmen das ſonderbare Wort ausſprachen, nahmen ſie einen ſo peinlichen Aus⸗ druck an, daß man hätte glauben ſollen, das Wort verbrenne ihnen die Lippen. Gabriels Stirn uͤberzog ein kalter Schweiß; zum zweiten Male fragte er mit bebender Stimme: „Schweſter, ſchläfſt Du?“ Cöleſte ſchlief noch immer. Gabriel vermochte jetzt nicht länger, ſeine Schrecken zu beſiegen, und indem er ſeine Schweſter in die Arme ſchloß, rief er:„Hoͤrſt Du, Schweſter, hoͤrſt Du?“ Cöleſte fuhr erſchreckt in die Höhe. Neue Gegenſtände des Schreckens nahmen alle geiſtigen Fähigkeiten der beiden ungluͤcklichen Kinder in Anſpruch. Die Entbehrung des Schlafes, das Faſten, die Ereigniſſe, die ſeit dem Morgen ſo ſchnell auf ein⸗ ander folgten, begannen die Ruͤckwirkung auf ihr erſchuͤttertes Gehirn. Den Phaͤnomenen des Traumes beinahe un⸗ terworfen zwang eine unſichtbare Macht ſie, die Gegenſtände ſtarr zu betrachten, welche ſie in ihrem Schrecken hätten fliehen mögen. Die Kinderſtimmen hatten ſich mehr und mehr genähert. Ein anfangs kaum bemerkbarer bläulicher Schein — 145— begann aus einem der Felder des Tafelwerkes her⸗ vorzuzittern. Allmählig vergroßerte ſich der Schein, rundete ſich ab und wurde immer heller und heller. Als er einen Umkreis von 2—3 Fuß gewon⸗ nen hatte, vergroßerte er ſich nicht mehr. Durch die bisher von einem beweglichen Fache verdeckte Oeffnung, die mit einem duͤnnen, leicht himmelblau gefaͤrbten Glaſe verſchloſſen war, das allmaͤhlig hell wurde, waren Cöleſte und Gabriel Zeugen eines merkwuͤrdigen Auftrittes. Durch das Glas von mattbläͤulicher Farbe be⸗ trachtet, ſchien der Auftritt beim Scheine des Mon⸗ des vorzugehen; die Töne, welche durch das Glas geſchwächt wurden, drangen ſo umſchleiert zu den Ohren der Kinder, wie die Farben zu ihren Augen. Sie ſahen einen großen cirkelrunden Saal, der ohne Zweifel durch eine Kuppel ſein Licht empfing, denn ſie bemerkten kein anderes Licht. Ein Menſchenſtelett ſtand mitten in dieſem Saale. In ſeiner entfleiſchten Rechten hielt es eine funkelnde Senſe; ein ſchwarzer Helm bedeckte ſei⸗ nen Schädel und aus den Augenhohlen blitzte ein phosphoriſches Licht; es ritt auf der Geſtalt eines Pferdes, deſſen Kopf unter einem ſtaͤhlernen Stirn⸗ harniſche verſchwand, und deſſen Koͤrper durch eine lange ſchwarze Decke verhoͤllt wurde. „Mein Bruder, mein Bruder,“ ſagte Cöleſte Krieg in den Cevennen⸗ 10 mit erloſchener Stimme, indem ſie ſich feſt an Gabriel preßte,„das iſt der Tod.“ „Mein Gott, mein Gott, verlaß uns nicht,“ ſagte der Knabe, indem er mit beiden Armen ſeine Schweſter umſchlang, aber dabei fortwaͤhrend den ſtarren Schreckensblick auf den entſetzlichen Auftritt richtete. Die Felder des geheimnißvollen Saales, in deſſen Mitte ſich das Skelett befand, ſtellten blutige Ge⸗ genſtände dar, aus der heiligen Schrift entlehnt; ſie waren grob und grell al fresco gemalt. So ſah man das Opfer des Abraham, den Tod des Holofernes, das Märtyrerthum der Macca⸗ bäer ꝛc. Plotzlich ſang der ferne Chor, den Gabriel und Cöleſte ſchon gehort hatten, aufs neue nach einem trauernden Rhytmus den folgenden Pſalmt Gott, weshalb verwarfſt Du mich? Weshalb verbirgſt Du mir Dein Angeſicht? Schon in meinen jungen Jahren ſchmachte ich, Durch tauſend Thränen müd' gequält.. Bei jedem Verſe des Pſalmes kamen die Stim⸗ men naͤher und naͤher. 8 Ein Fach in dem Saale des Skelettes öffnete ſich ſchweigend, und zwei Reihen von Kindern tra⸗ ten mit langſamen Schritten herein, den Kopf ge⸗ ſenkt, die Aerme uͤber der Bruſt gekreuzt. Knaben und Mädchen trugen lange weiße ſchleppende Ge⸗ —— wänder; ihre fliegenden Haare fielen bis auf die Schultern herab; ihre Geſichter waren entſetzlich ab⸗ gemagert; ihre Wangen waren eingefallen, ihre Au⸗ gen hohl, ihr Blick ſtarr und matt; ihr ganzes Ausſehen trug den Ausdruck fortwährender Leiden. Ihre Stimme war nicht rein und ſilberhell, ſondern rauh und krampfhaft. Man haͤtte glauben konnen, eine Prozeſſion von Geiſtern zu ſehen, hätten ſie nicht mit dem Aus⸗ drucke tiefſter Verzweiflung die folgenden Verſe an⸗ geſtimmt: Du ſchöner Tage Licht, leb wohl; Schon ſinkt mein Leben in die Gruft, Und unter denen, die man jetzt begräbt, Wird auch mein Name ſchon genannt. Nach dieſem letzten Verſe ſchwiegen die Kinder abermals. Indem Cöleſte und Gabriel dieſe Trauergeſaͤnge hörten, die bleichen Geſichter, die erloſchenen Blicke betrachteten, glaubten ſie Geſpenſter zu ſehen. Die Aehnlichkeit ihres Alters mit dem dieſer ungluckli⸗ chen Geſchoͤpfe machte das Schauſpiel fuͤr ſie nur noch ergreifender. Die Kinder ſtellten ſich im Kreiſe in dem Saale auf, indem ſie finſtere, verſtorte Blicke umher⸗ warfen. Zwei neue Perſonen erſchienen. Ein Mann von hohem Wuchſe, in einem lan⸗ 10* — 148— gen rothen Gewande, mit ſehr weiten Aermeln: es war duͤ Serre; Und eine Frau, ebenfalls von hohem Wuchſe, ebenfalls roth gekleidet, ebenfalls rauh und von ſtar⸗ ken Zuͤgen: es war ſeine Frau. Bei ihrem Anblicke verriethen alle Kinder einen großen Schrecken; ihre Kniee bebten und halb ge⸗ draͤngt ſchloſſen ſie ſich aneinander. Duͤ Serre naͤherte ſich der Reihe der Kna⸗ ben;— ſeine Frau naͤherte ſich der Reihe der jun⸗ gen Mädchen. Sie nahmen jedes Kind bei beiden Haͤnden und betrachteten es lange,— lange und ſchweigend. Unter dem ſtarren, durchbohrenden Blicke des Glasmachers und ſeiner Frau ſchien das Opfer von entſetzlichen Schmerzen ergriffen zu werden; es gab alle Zeichen der heftigſten Aufregung und zit⸗ terte krampfhaft. Nach einigen Minuten ſagte duͤ Serre und ſeine Frau zu jedem Kinde: Der Geiſt wird Dich heut nicht heimſuchen. Dann gingen ſie zu einem andern. Bei dem vorletzten Opfer in der Reihe der Kna⸗ ben angelangt, ſagte duͤ Serre: Der Geiſt wird Dich heim ſuchen! und dabei hauchte er ihm die Stirn an. Seine Frau ſagte dieſelben Worte zu dem vor⸗ letzten Maͤdchen, und hauchte ihr ebenfalls die Stirn an. — 149— Da ſanken alle Kinder, mit Ausnahme des Kna⸗ ben und des Mädchens, welches duͤ Serre und ſeine Frau bei den Händen hielten, wieder auf die Kniee und riefen: Vaiédabber, vaiédabber! Die beiden Auserwählten, die du Serre und ſeine Frau fuͤr die Heimſuchung des hohen Geiſtes be⸗ zeichnet hatten, begannen alle Symptome eines hef⸗ tigen Anfalles der Starrſucht zu empfinden; ihre Augen vergroßerten ſich auf entſetzliche Weiſe, ihre Pupillen erweiterten ſich, ihre Lippen wurden trocken und bebten. „Der Geiſt köͤmmt, der Geiſt koͤmmt!“ ſagte du Serre mit gewaltiger Stimme zu dem jungen Opfer, das er bei den Haͤnden hielt. „Der Geiſt— kömmt“— wiederhölte das Kind mit dumpfer, ſchwacher Stimme, und wurde von einem leiſen krampfhaften Zittern befallen. „Was fuͤhlſt Du? was fühlſt Du? was fuhlſt Du?“ fragte du Serre, indem er ihm naͤher trat. „Ich fühle den Geiſt mich bedruͤcken! Er ver⸗ brennt mich, da, da!“ Und das Kind preßte mit weit aufgeriſſenen Augen beide Haͤnde gegen die keuchende Bruſt; es warf den Kopf zuruͤck und ſeine Wangen rothe⸗ ten ſich. Das junge Mädchen empfand allmählig dieſel⸗ ben Symptome, und die Frau des Glasmachers widerholte:„Der Geiſt kömmt, der Geiſt koͤmmt!“ Die andern Kinder, welche knieend die Blicke dem Puncte, dieſelben Symptome zu empfinden; die einen zitterten, die andern brachen in Schluch⸗ zen aus; dieſe wurden ſteif, jene rangen die Haͤnde, und alle wiederholten mit leiſer Stimme:„Der Geiſt kömmt, der Geiſt koͤmmt!“ Duͤ Serre, welcher mit aufmerkſamen Blicke dem Fortſchritte der Kriſis bei dem Opfer folgte, das er hielt, naͤherte ſich dem Kinde abermals, hauchte ihm wieder gegen die Stirn und ſagte: „Der Geiſt wird ſprechen!“ „Der Geiſt wird ſprechen!“ wiederholte das Kind mit erſtickter Stimme. Es ſchloß die Augen, ein leichter Schaum be⸗ deckte die farbloſen Lippen, ſein Athem wurde ſchwer und die Stimme pfeifend ſcharf. Das Opfer ſtand noch immer aufrecht, beide Hände in denen duͤ Serres. Die Kriſe ſchien ihren Paroxysmus zu erreichen. Nach einem ziemlich langen Schweigen rief das Kind in abgebrochenen Sätzen und mit geſchloſſenen Augen:„Der Geiſt iſt gekommen!— Er iſt da— er entzuͤckt mich— er S mir das Thor der Ge 6 duͤ Serre „Ich ſehe ſieben goldene Leuchter und in ihrer Mitte Jemand, der dem Sohne des Menſchen gleicht; auf ihre Gefährten gerichtet hielten, ſchienen auf Was ſiehſt Du? Was ſiehſt Du?“ fragte — 451— er trägt ein langes Gewand und iſt umguͤrtet mit einem goldenen Guͤrtel.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ fragte duͤ Serre. „Sein Kopf und ſeine Haare ſind von der Weiße des Schnees und ſeine Augen ſcheinen wie Feuerflammen.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ „Seine Fuße gleichen dem Erz, in dem Schmelz⸗ ofen geröthet, und ſeine Stimme gleicht dem To⸗ ſen der großen Gewaͤſſer.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ „Er hat in ſeiner rechten Hand ſieben Sterne;— aus ſeinem Munde faͤhrt ein zweiſchneidig Schwert; — ſein Geſicht iſt ſo glänzend wie die Sonne;— er ſpricht, er ſpricht!“ In dieſem Augenblicke empfand das Kind eine innere ſo ſchmerzliche Aufregung, daß es ſich heftig zuruckwarf, durch einen epileptiſchen Anfall ganz ſtarr wurde, und ſich den Händen du Serres ent⸗ ziehen wollte; dieſer aber hielt es gewaltſam feſt und fragte weiter: „Und was ſpricht der Geiſt?“ „Ich hore ihn noch nicht,“ erwiderte das Kind, und ſchien zu lauſchen; dann that es einen Satz und rief, als empfände es einen heftigen Schmerz:„Er ſpricht!— er ſpricht!— ſeine Worte ſind Feuer— ſie verbrennen mich— da— da,— im Herzen!“— „Was ſagt der Geiſt? Was ſagt der Geiſt?“ wiederholte duͤ Serre. „Er ſagt: Ich bin der, der lebt, und ich war geſtorben;— ich bin der Erſte und der Letzte;— jetzt leb' ich in den Jahrhunderten der Jahrhunderte, und ich habe die Schluͤſſel zu den Todten und zu der Hoͤlle.“ „Was ſpricht er weiter?“ „Er ſagt: Mein Kind, ſchreibe die Dinge nie⸗ der, die Du geſehen haſt, ſowohl die, die jetzt ſind, als die, die da kommen ſollen.“ „Was ſpricht er weiter?“ „Er ſagt: Mein Kind fuͤrchte nichts von dem, was Du leiden mußt; Satan wird einige von Euch in das Gefängniß werfen, damit Ihr gepruͤft wer⸗ det, und Ihr werdet zehn Tage lang zu leiden ha⸗ ben. Seid treu bis zum Tode, und ich werde Euch die Krone des Lebens ſchenken.“ Und als ſei das ungluͤckliche Kind durch dieſe krampfhafte Erſchuͤtterung erſchoͤpft, fing es an zu ſchwanken; duͤ Serre ſetzte es am Fuß des Ske⸗ lettes nieder, uͤbergab es der Sorgfalt ſeiner Frau, und befragte das junge Mädchen, welches dieſelben Symptome des Somnambulismus gezeigt hatte. „Was ſiehſt Du? Was ſiehſt Du?“ fragte er ſie. „Ich ſehe, wie die Sonne ſchwarz wird und der Mond blutroth, die Sterne des Himmels fallen auf die Erde, wie die gruͤnen Feigen abfallen von einem Feigenbaume, den der Wind ſchuͤttelt; ich — 153— höre die Stimmen ſagen, daß der große Tag des himmliſchen Zornes gekommen iſt.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ ſagte du Serre. „Ich ſehe Wolken von Heuſchrecken, ähnlich den zum Kampf geruͤſteten Pferden;— ſie haben auf dem Kopfe Kronen wie von Gold— Menſchenge⸗ ſichter— Lowenzähne— eiſerne Ruͤſtungen— das Geraͤuſch ihrer Flugel iſt dem der Streitwagen ähnlich.— Auf den Heuſchrecken ſehe ich Reiter, mit Ruͤſtungen von Schwefel und Feuer.“ „Und was ſiehſt Du weiter?“ „Ich ſehe einen Engel;— er hat einen Re⸗ genbogen zur Krone und ſeine Fuͤße ſind wie zwei Feuerfaͤulen.“ Und das junge Maͤdchen zitterte, und ihre ge⸗ ſchloſſenen Augen öffneten ſich zweimal; ihre Hände, die der Glasmacher hielt, zogen ſich zuſammen und ihre Stimme wurde noch bedruͤckter. „Was ſiehſt Du weiter?“ fragte duͤ Serre. Das Kind ſchloß die Augen und antwortete: „Der Engel ſpricht mit einer Stimme, gleich dem Bruͤllen des Loͤwen.“ „Und was ſpricht er?“ „Er ſagt: Mein Kind, Du mußt vor den Voͤl⸗ kern prophezeihen— vor den Menſchen der ver⸗ ſchiedenen Zungen, und vor vielen Königen.“ „Was ſagt er weiter?“ „Er ſagt: Mein Kind, die Zeiten zu dem Zorne Gottes ſind gekommen;— die Zeiten, die Sache der Todten zu richten, und den Dienern des Herrn ihren Lohn zu ertheilen,— d. h. den Propheten, den Heiligen, und denen, welche da fuͤrchten den Namen des Herrn, den Großen wie den Kleinen, und auszurotten die, welche den Glauben entſtellt haben, ihn noch entſtellen.“ „Und wer ſind die, welche Gott zu vertilgen ge⸗ denkt?“ „Die Papiſten, die Anbeter Baals, die, welche unſere Bruͤder verfolgen.“ Duͤ Serre ließ das Kind, welches ſchmerzlich zu leiden ſchien, einen Augenblick athmen, kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirn, ſeine Lippen ſchäum⸗ ten, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich ſchnell. Plotz⸗ lich ſtieß das junge Mädchen einen lauten Schrei aus, ſtuͤrzte nieder, wurde ſtarr und blieb, beide Arme gegen duͤ Serre ausgeſtreckt, vollkommen re⸗ gungslos auf den Knieen liegen. „Der Geiſt hat ſie verlaſſen,“ ſagte er; dann fuhr er fort, den Knaben zu befragen, der immer aufge⸗ regter zu werden ſchien. „Wos ſiehſt Du?“ fragte er. „Ich ſehe einen Engel, der durch die Luft fliegt, und das heilige Evangelium traͤgt, um es denen zu verkunden, welche da wohnen auf der Erde, jeg⸗ lichem Volke, jeglichem Stamme und jeglicher Na⸗ tion. Er will ſprechen— er ſpricht!“ „Was ſpricht er?“ „Er ſagt: Mein Kind, fuͤrchte den Herren, gib —— ihm die Ehre, denn die Stunde ſeines Urtheils iſt gekommen.— Ich ſehe einen andern Engel, der iſt bewaffnet mit einem Schwerte;— er will ſpre⸗ chen— er ſpricht.“ „Was ſpricht er?“ „Er ſagt: Sie wird fallen, Babylon, die große Stadt, ſie wird fallen, weil ſie zu trinken gab al⸗ len Nationen den vergifteten Wein ihrer Verderb⸗ niß. Ich ſehe ſie, ich ſehe ſie!“ „Wie ſieht ſie aus, dieſe Babylon?“ „Sie ſitzt auf einem rothen Ungeheuer und iſt in Purpur gekleidet; ſie iſt geſchmuͤckt mit Gold, mit koſtbaren Steinen und edlen Perlen. Auf ih⸗ rer Stirn ſteht geſchrieben: Die große Baby⸗ lon, die Mutter der Verderbniß der Erde. In der Hand hält ſie ein goldenes Gefäß, das iſt angefüllt mit dem Blute der Märtyrer fuͤr Jeſus — ſie trinkt etwas, ich ſehe ſie, wie ſie ſich an dem Blute berauſcht— ich ſehe, wie ſie wankt— ich ſehe, wie ſie fällt— ſie iſt gefallen, berauſcht durch Blut, die große Babylon.“ „Wer iſt dieſe Babylon?“ „Es iſt die katholiſche Kirche— es iſt ihre Geiſt⸗ lichkeit, berauſcht in dem Blute unſerer Bruͤder. Wie die große Babylon werden ſie fallen— ich ſehe ſie fallen.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ „Ich ſehe eine weiße Wolke, und auf der Wolke ſitt ein Engel— er gleicht dem Sohne des Men⸗ — 156— ſchen— auf dem Kopfe hat er eine goldene Krone — ein goldener Guͤrtel umſchlingt ſeinen Leib— in der Hand halt er eine ſchneidende Senſe.— Ein anderer Engel will ſprechen— er ſpricht.“ „Was ſagt er?“ „Er ſagt zu dem Engel, der auf der Wolke ſizt und die Senſe haͤlt: Bediene Dich Deiner Senſe, und erndte; die Erndte der Erde iſt reif.“ „Welche Erndte ſoll gemäht werden?“ fragte duͤ Serre. „Die Erndte der Anbeter des Baal;— der Pa⸗ piſten, welche den Antichriſt verehren.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ „Ich ſehe, wie der Engel, der auf der Wolke ſitt, mit ſeiner Senſe uͤber die Erde fährt— die Saat iſt geerndtet;— aber der Engel will ſpre⸗ chen— er ſpricht.“ „Was ſpricht er?“ „Er ſagt zu dem Engel, der die Senſe hält: Bediene Dich noch ein Mal Deiner ſchneidenden Senſe; ſchneide ab die Trauben— die Trauben ſind reif.“ „Was ſiehſt Du weiter?“ „Ich ſehe den Engel ſeine große Senſe uͤber die Eide ſchwingen. Jetzt hat er die reifen Trauben geſchnitten— und jetzt wirft er die Trauben in das große Kelterfaß des goͤttlichen Zornes. Jetzt tritt ſie Gott, aber der Wein verwandelt ſich in Blut— die Pferde ſtehen darin bis an die Bruſt.“ — — 157— „Was iſt die Senſe? Was iſt die Erndte? Was iſt der Weinberg? Was iſt der Wein?“ „Die Senſe iſt der Zorn Gottes und die Waffe des wahren Volkes Gottes.— Der Weinberg iſt die Goͤtzendienerei Babylons— die Trauben ſind die Anbeter des Papſtes— der Wein iſt das Blut, das fließen ſoll.“ „Was ſagt die Stimme? Was ſagt die Stimme?“ „Sie ſagt: Das iſt es, was der Gott der Heer⸗ ſchaaren will! Eure Haͤnde waffnen ſich mit Ge⸗ walt, Ihr, die Ihr jett ſeine Worte vernehmt aus dem Munde ſeiner Propheten, in dieſen Tagen, in denen der wahre Tempel Gottes wieder aufgebaut wird. Hoͤret, hoͤret— denn die Binder habe ich zu meinen Propheten gewaͤhlt*)! Kämpft alſo gegen die Philiſter, und Ihr werdet ſie unter die Schwerter werfen, und werdet nicht verwundet werden. Zu den Waffen, Iſrael! Aus den Zel⸗ ten!“ ſchrie das Kind mit donnernder Stimme, rich⸗ tete ſich hoch empor, erhob die Aerme uͤber den Kopf und riß die Augen weit auf, die glanzlos waren, wie die Augen einer Leiche. Dann ſturzte der Knabe in dem Zuſtand gaͤnz⸗ licher Regungsloſigkeit zur Erde. Alle Kinder ſtießen jetzt ein Klagegeſchrei aus und riefen:„Vaiédabber, Vaiedabber!“ *) Prophezeihungen von Amos. Es iſt wohl nicht nöthig, zu erwähnen, daß alle Antworten dieſes fürch⸗ terlichen Catechismus der heiligen Schrift entlehnt ſind. —— Dann verſchwand Alles. Gabriel und Cöleſte waren wieder im Dunkeln. Die Erſchutterung war fuͤr die beiden ſchwa⸗ chen Geſchoͤpfe zu heftig geweſen. Während der Dauer dieſer entſetzlichen Viſion hatte die Ueberſpannung ihrer Kraft ihnen eine fieberhafte, beinahe krampfhafte Heftigkeit verliehen; als aber die Viſion endete, ſturzten ſie vernichtet nieder und verloren Bewußtſein und Gefuͤhl. — — ——————— 6 ———— —— XII. Die Unterredung. Acht Tage nach dem eben beſchriebenen Auf⸗ tritte ſaß du Serre friedlich einem ſeiner Freunde gegenuͤber, der erſt im Schloſſe Mas⸗Arribas angelangt war; beide ſaßen vor einem reich bedeck⸗ ten Tiſche. Durch die offenen Fenſter ſah man in der Ferne, beſchienen von dem aufgehenden Monde, die ſchroffſten Spitzen des Berges Aygoal, welche aus einem Chaos finſtern Laubwerkes, das hier und da durch die ſanften Strahlen des nächtlichen Ge⸗ ſtirnes verſilbert wurde, hervorragten. Ein vorſpringender Fluͤgel des Schloſſes Mas⸗ Arribas zeigte das Fenſter, welches Cöleſte und Ga⸗ briel ſo ſehr erſchreckt hatte, diesmal aber durch Licht von innen erhellt wurde. Duͤ Serre war bequem in einen langen Schlaf⸗ rock gekleidet, und ſein fuͤr gewoͤhnlich hartes und ſpottiſches Geſicht war beinahe lächelnd. Sein Tiſchgenoſſe war ein kleiner, durrer, ſchwarz gekleideter Mann, mit ſanftem, offenem Blick, hei⸗ terem Geſicht, vollen rothen Wangen, und tildete einen auffallenden Contraſt gegen den Schloßherrn. Dieſer Mann, einer der beſten Aerzte von Genf, war der Doktor Claudius. Er hatte ſeine Perruͤcke abgenommen, um es ſich bequemer zu machen. Die Mahlzeit nahte ihrem Ende. Indem die beiden Tiſchgenoſſen mit kleinen Zuͤgen einige Glä⸗ ſer alten rubinfarbigen Crenage tranken, oder einige friſche gruͤne Mandeln knackten, hatten ſie nach der Entfernung der Frau duͤ Serre, die ſo eben hin⸗ ausgegangen war, das folgende Geſpraͤch: „Auf den Gewinn meiner Wette, mein guter Claudius,“ ſagte der Hauswirth, indem er ſein Glas dem des Doktors naͤherte. „Von ganzem Herzen, Abraham, um ſo mehr, da Deine Wette unbezweifelt gewonnen iſt.“ „Hm, hm,“ ſagte duͤ Serre, zugleich zweifelnd und ſpöttiſch. „Wie ſo, hm, hm?“ rief der Doktor;„da iſt nichts zu hm, hm. Ich will noch immer halbpart bei dieſer Wette ſein, und das wird Dir hoffentlich beweiſen, daß ich ſie gut nenne. Ja, gewiß, ich vertheidige ſie, ich wurde ſie vor der ganzen Sor⸗ bonne vertheidigen. Es wäre moͤglich, wie Du ge⸗ gen den Chevalier von Verteuil gewettet haſt, es — 164— waͤre möglich— aber verhuͤte Gott, daß das je ge⸗ ſchehe— wir ſprechen hier blos von wiſſenſchaftli⸗ chen Hypotheſen— es wäre alſo moͤglich, ſage ich, mit Huͤlfe kuͤnſtlicher Mittel bei Kindern von 12 bis 15 Jahren die Phänomene des Enthuſiasmus der prophetiſchen Ekſtaſe hervorzurufen; es wäre ſogar ſehr leicht, den armen kleinen Ungluͤcklichen Anfälle von Starrkrampf oder Epilepſie zuziehen. Wer konnte daran zweifeln? Habe ich Dir nicht zum Beweiſe deſſen, was ich behaupte, die vier Enthu⸗ ſiasmen des Plato herbeigefuͤhrt, die prophetiſche Gabe der Juden, der Bacchanten, die Mänaden, die Sibyllen, die Pythien des Alterthumes? Ach, es iſt nur zu wahr, daß der Menſch gegen den Men⸗ ſchen mit furchtbaren geheimnißvollen Waffen ver⸗ ſehen iſt.— Aber, hoͤre, Abraham, laß uns von etwas Anderem ſprechen. Es iſt ſchon genug, wenn man ſich mit den wirklichen Krankheiten der Menſch⸗ heit beſchäftigt, man braucht nicht noch an die zu denken, welche man ihr durch beinahe holliſche Mit⸗ tel einimpfen koͤnnte, ſo gräßlich ſind ſie.“ Nach einem kurzen Schweigen ſagte du Serre zu Claudius. „Ich will Deinen Irrthum nicht länger miß⸗ brauchen, Claudius. Ich habe meine Wette gewon⸗ nen. Ich habe bewieſen, daß man Pro⸗ pheten machen koͤnne.“ „Das wußte ich wohl,“ rief Claudius mit ei⸗ nem gewiſſen Stotze:„ich hatte die Moͤglichkeit der Krieg in den Cevennen. 11 Sache in den Noten, die ich Dir gab, ſo deutlich bewieſen. Und wer hat denn zu Deinen Gunſten gegen den Chevalier von Verteuil entſchieden? Die mediciniſche Facultät zu Montpellier?“ „Nein, beſſer als das, Claudius.“ „Die Facultät von Paris?“ „Beſſer als das, Claudius.“ „Die Facultaͤt zu Leyden?“ „Beſſer als das, Claudius.“ „Der Leibarzt des Koͤnigs?“ „Oh, tauſendmal beſſer als das, Claudius.“ Auf dem Gipfel des Staunens ſah der Doktor, duͤ Serre an, ohne ihn zu verſtehen. „Aber welche gewaltige Autorität hat denn zwi⸗ ſchen Dir und Deinem Gegner entſchieden?“ „Die Erfahrung, Claudius.“ „Die Erfahrung? Nun freilich, es ſind That⸗ ſachen, Mittel des Verſuches, die ich Dir in mei⸗ nen Noten angegeben habe—“ „Hoͤre mich an,“ ſagte duͤ Serre, indem er den Doktor mit jenem rauhen und zugleich ſpottiſchen Tone anfuhr, der ihm eigen war;„wir ſind ſeit un⸗ ſerer Kindheit mit einander bekannt und Du biſt mein Freund. Die Umſtaͤnde ſind ernſt, und ich darf Dir nichts mehr verbergen, denn der große Augenblick nahet.“ „Der große Augenblick nahet? Und was fuͤr ein großer Augenblick?“ fragte der Doktor ſtaunend. „Der Augenblick—“ und nach einigem Zoͤ⸗ gern fuhr duͤ Serre fort—„Du wirſt es ſogleich erfahren, aber ich muß Dir die Sache von etwas fruher mittheilen. Du ſahſt, ſeit dem Widerrufe des Edictes von Nantes, und beſonders ſeit dem Frie⸗ den von Ryswick, daß die Verfolgungen gegen uns Reformirte erbitterter wurden, als je.“ „Ach, ja wohl, Abraham, das weiß ich, obgleich meine Geſchicklichkeit als Chirurg und meine Er⸗ fahrenheit als Arzt mich bei den Katholiken und unſern Glaubensbrudern gleich beliebt machen; denn ungeachtet der Geſetze, welche mir die Ausubung meiner Kunſt verbieten, verſtehen es die Papiſten ſehr gut, nach dem Ketzer zu ſchicken, wenn ſie lei⸗ dend ſind. Perſoͤnlich habe ich mich daher nicht zu beklagen, und das iſt ganz naturlich, denn ich bin Allen ohne Unterſchied nutzlich.“ „Und darin haſt Du Unrecht, Claudius,“ ſagte du Serre bitter;„Du ſollteſt Dich als treuer, ge⸗ horſamer Unterthan in die Edicte fuͤgen, und wenn ein Katholik zu Dir kommt, ſollteſt Du ihm ant⸗ worten: Der Koͤnig verbietet mir, Euch Erleichte⸗ rung zu verſchaffen.“ „Daran iſt nicht zu denken, Abraham, denn ich ſchwore Dir, daß es mir unmoͤglich iſt, nach dem bloßen Ausfehen einen proteſtantiſchen Glau⸗ bensgenoſſen von dem Katholiken zu unterſcheiden,“ ſagte Claudius unbefangen. „Sei ruhig; man wird Dich in Zukunft den Unterſchied gewahr werden laſſen,“ ſagte du 11* — 164— Serre mit einem Lächeln, welches den Doktor in Er⸗ ſtaunen ſetzte.„Aber ich fahre fort,“ fuͤgte der Glas⸗ macher hinzu;„Die Verfolgung verdoppelte ſich; un⸗ ſere Geiſtlichen, die als Maͤrtyrer ſtarben, geboten unſern Bruͤdern, Alles mit Ergebung zu ertragen, und ſich nie gegen die Gewalt aufzulehnen, als wenn die Stimme Gottes ſie durch den Mund der Pro⸗ pheten zu den Waffen riefe.“ „Arme Hirten! Es iſt wahr; ſie wollten un⸗ ſere Bruͤder hoffen laſſen, daß Gott ſie nicht ver⸗ laſſen werde. Ich ſah David George in Nimes in dem Augenblicke, als die Flammen ſeine Stimme erſtickten, und dennoch rief er:„Fuͤgt Euch in den Märtyrertod, meine Bruͤder; Chriſtus hat ſeinen Glauben nicht verlaͤugnet, ſondern er uͤberlieferte ſich. ohne Klage ſeinen Henkern. Wenn der Herr will, daß ein Volk ſeinen Unterdruͤckern widerſtehen ſoll, wird er ſchon wiſſen, es zu den Waffen zu rufen⸗ Bis dahin wiſſet zu dulden.“ Und der gute Claudius trocknete ſich eine Thräne. „Welch ein ſchoͤner Tag, Claudius, wird das aber auch ſein, wenn die Stimme Gottes ſein Volk zu den Waffen ruft!“ rief du Serre. „Ach, Abraham, die Zeiten der Wunder ſind vorbei,“ rief Claudius;„die Stimme Gottes wird keine Wunder mehr thun.“ „Nein doch, denn Du haſt ihn zum Sprechen gebracht, Du, mein braver Claudius, Du, mein — 165— großer Zauberer, Du, meine Vorſehung in der blon⸗ den Perruͤcke, Du, mein Doktor im Mantel, mein ewiger Vater,“ rief duͤ Serre mit teufliſchem Lachen. Der Doktor ſchuͤttelte unzufrieden den Kopf und ſagte ſehr ernſt zu ſeinem Freunde: „Wir ſind nie derſelben Meinung geweſen, Abraham; ich bin vielleicht kein ganz Rechtglaͤubi⸗ ger, aber ich lache nie uͤber heilige Dinge.“ „Und ich ſpreche ſehr ernſthaft, ehrwuͤrdiger Doktor Claudius; wenn ich Dich meine Vorſehung nenne, ſo koͤmmt es daher, weil Du, ohne es zu wiſſen, die Rolle der Vorſehung geſpielt haſt; wenn ich Dich den ewigen Vater nenne, ſo geſchieht es, weil Du ſeine Stimme zum Sprechen gebracht haſt.“ „Auf Ehre, Abraham, ich verſtehe von alle dem kein Wort.“ „Ich will deutlich ſein. Entſchloſſen, nicht län⸗ ger die Verfolgung zu dulden, uͤberzeugt, daß unſer Volk ſich nur auf die Stimme Gottes empoͤren wuͤrde, und da ich wußte, wie Du ſagſt, daß die Zeiten der Wunder vorbei ſind, wollte ich dennoch, daß heilige Stimmen unſere Bruͤder zu den Waf⸗ fen riefen, weil unſere Ergebung die Wuth Lud⸗ wigs X1V. nicht beſchwichtigt; dazu erſann ich vor drei Monaten den Plan, den ich Dir jetzt mitthei⸗ len will, und zwar durch Dich dazu veranlaßt, denn in Folge eines unſerer langen Geſpräche uͤber die Erſchuͤtterungen des Gehirnes entſtand dieſer Ge⸗ danke.“ — 166— „Ich erinnere mich ſehr wohl jenes Geſpra⸗ ches,“ ſagte Claudius mit immer groͤßerem Stau⸗ nen;„es war bei meiner letzten Reiſe nach Genf, bei Gelegenheit des Briefes von Pascar und uͤber die Enthuſiaſten.“ „Richtig; am naächſten Tage ging ich nach Memlet, und bei meiner Ruͤckkehr von dort erzählte ich Dir die Luͤge, daß ich noch unter dem Einfluſſe unſeres Geſpräches mit dem Chevalier von Verteuil gewettet haͤtte, es ſei moͤglich, jugendliche Koͤpfe bis zum prophetiſchen Enthuſiasmus zu exaltiren.“ „Aber, Abraham, wenn dieſe Wette eine Luge war, wozu haben Dir dann alle die Noten gedient, die ich Dir uͤber die Mittel gab, dieſes traurige Phänomen hervorzurufen? Ich hatte Dir eine beinahe vollſtäͤndige Abhandlung uͤber den wirklichen und geiſtigen Enthuſiasmus aufgeſetzt, denn auf dieſe Angaben ſollteſt Du Deine Beweiſe ſtuͤtzen.“ „Ich habe, Du einfacher und unbefangener Ge⸗ lehrter, dieſe Luͤge gegen Dich erſonnen, um von Dir, ohne Deinen Verdacht zu erwecken, die noͤthi⸗ gen wiſſenſchaftlichen Winke zu erhalten, die zur Erreichung meines Planes noͤthig waren, und ich habe mein Ziel erreicht,“ ſagte duͤ Serre mit ſtol⸗ zer Freude;„denn jetzt, ſiehſt Du, jetzt ware es mir eben ſo moͤglich, in unſern. Bergen die göttliche Stimme ertoͤnen zu laſſen, welche die Cevenolen zu den Waffen rufen ſoll, als es mir leicht waͤre, in das Horn zu ſtoßen.“ — 16— „Abraham, Du entſetzſt mich!“ ſagte Clau⸗ dius ſtaunend. Er begann einen Theil der Mittheilung zu ahnen. „Vernimm, was ich gethan habe,“ fuhr der Glasmacher fort.„Nach dem neuen Edicte des Konigs werden alle Kinder der Religionare in die Klöſter eingeſperrt, um dort auf die Abſchworung ihres Glaubens vorbereitet zu werden. Dieſer grau⸗ ſame Befehl hat alle Cevenolen in Verzweiflung geſturzt. Meine Frau, deren Mildthätigkeit ſtets anerkannt geweſen iſt—“ „Es gibt keine froͤmmere, mitleidsvollere Frau,“ ſagte Claudius. „Meine Frau,“ fuhr duͤ Serre fort,„zog im tiefſten Geheimniß durch unſere Gemeinden; ſie machte den Aeltern, welche furchteten, ſich ihre Kinder weg⸗ genommen zu ſehen, den Vorſchlag, ſie ihr unter dem Siegel ihrer Verſchwiegenheit anzuvertrauen. Sie zo⸗ gerten nicht, ſie uns zu uberliefern: wir ſollten fortfah⸗ ren, ſie in unſerer Religion zu unterrichten; die Papi⸗ ſten hätten ſie dagegen zur Abſchwoͤrung ihres Glau⸗ bens gezwungen.— Als die Kinder einmal in unſerer Gewalt waren, wendete ich Deine vortreff⸗ lichen Lehren an, Claudius; ſie ſind mir gelungen, und deshalb konnte ich ſagen, daß ich Propheten gemacht habe.“ Der gute Doktor ſah duͤ Serre ſtarr an. „Abraham,“ rief er endlich,„das iſt nicht möglich, das haſt Du nicht gethan! Du haſt dieſe Entweihung nicht an der Wiſſenſchaft begangen, die ich Dir anvertraute; Du haſt an den Geſchö⸗ pfen Gottes nicht eine ſo fuͤrchterliche Erfahrung geſammelt; Du haſt nicht—“ „Still!“ unterbrach du Serre den Doktor; „ſie ſingen ihren Abendpſfalm, höre ſie.“ In der That hoͤrte man jetzt denſelben Chor von Kinderſtimmen, denſelben unterirdiſchen Geſang, der Cöleſte und Gabriel ſo ſehr erſchreckt hatte. „Wären Deine Ohren wie die meinigen an die Stimmen gewohnt,“ fuhr der Glasmacher fort, „ſo wuͤrdeſt Du die noch friſchen und ſilberhellen Stimmen von dem Sohne und der Tochter des Pächter Cavalier unterſcheiden können„ deſſen Weib und Schwiegermutter auf der Kuhhaut fort⸗ geſchleppt wurden. Er iſt jetzt gefangen in Pont⸗ de⸗Montvert, und ſeine Kinder waren meine letz⸗ ten Zoglinge.“ „Das heißt, Deine letzten Opfer, Abraham!“ Scheinbar ohne den Doktor gehoͤrt zu haben, fuhr duͤ Serre fort: „Nie habe ich Organiſationen gefunden, welche gegen meine Lehren minder widerſpenſtig waren; nie fand ich eine träumeriſchere, melancholiſchere, den Eindruͤcken des Schreckens zugaͤnglichere Ein⸗ bildungskraft. Nur etwas iſt uns begegnet: ver⸗ gebens haben wir ſie, gleich den andern Kindern, in den blutigſten Stellen der Schrift unterrichtet. In ihrer kataleptiſchen Ekſtaſe, denn ſie ſind ſchon bis zur Ekſtaſe gelangt, ſprechen ſie nie andere Worte aus, als des Mitleids und der Sanftmuth. Dann ſind ſie ſchoͤn wie zwei Erzengel.“ Der Doctor ſtand raſch auf, preßte die Han gegen die Stirn und ſagte: „Mein Gott, mein Gott, wache ich denn? Träume ich? Bin ich nicht das Werkzeug eines hoͤlliſchen Trugbildes?“ „Du wachſt, Claudius; aber ſetze Dich und verdoppele Deine Aufmerkſamkeit.“ Faſt maſchinenmaͤßig ſetzte ſich der Doctor wie⸗ der und ſtuͤtzte den Kopf in die Hand, nachdem er einen verzweifelnden, ſchmerzhaften Blick gen Him⸗ mel gerichtet hatte. „Das Uebrige iſt einfach,“ ſagte duͤ Serre. „Ich habe alle dieſe Kinder der Behandlung unter⸗ worfen, die Du mir in Deinen Noten ſo genau auseinander geſetzt haſt: verlängertes Faſten, Ent⸗ ziehung des Schlafes, tiefe Einſamkeit, nur durch unſichtbare und furchtbare Stimmen unterbrochen, haben den Anfang gemacht, die kindliche Einbil⸗ dungskraft zu verwirren. Einige Doſen Bilſen⸗ kraut und Opium haben ſie auf die Ekſtaſe vorbe⸗ reitet. Dann habe ich ihnen eines Abends, umge⸗ ben von einer flammenden Wolke und umzuckt von Blitzen, als ein neuer Moſes die Prophezeihung des Amos vorgeſprochen: Aus ihren Kindern habe ich mir Propheten gemacht!— Ich ſagte ihnen, Gott hätte mich mit dem heiligen Geiſte be⸗ gabt und mir die Macht verliehen, ihn Allen mit⸗ zutheilen. Ich ſagte ihnen, der Herr hätte ſie er⸗ wählt, um durch mich eine ſo große Gabe zu em⸗ pfangen und ſie unter ſeinem Volke zu verbreiten. Der Schrecken, der Schein des Uebernatuͤrlichen, der mich umgab, der Stolz, den Geiſt der mich zu ſo Uebernaturlichen auserkohr, zu ſehen, hat dann ihr Herz erſchuttert. Ich bin fuͤr ſie mehr als ein Menſch geworden; ein furchterliches Weſen, zwiſchen ſie und den Herrn geſtellt. Nach einiger Zeit redeten ſie bei meinem Anblick irre und verfielen in Verzuͤckung und in unendliche Angſt. Wenn ſie ruhiger wa⸗ ren, ließ meine Frau, da ſie nicht leſen konn⸗ ten, ſie einige Stellen der Propheten auswendig ler⸗ nen, beſonders aber aus der Offenbarung Johannis, deren fuͤrchterliche Viſionen bald fur ihr erſchutter⸗ tes Gehirn Wirklichkeiten wurden.“ „Aber weißt Du, daß das abſcheulicher iſt, als ein Mord,“ rief Claudius aus, indem er voll Un⸗ willen die Hände gen Himmel hob.„Das heißt, den ätheriſcheſten Theil unſeres Weſens antaſten, mit Grauſamkeit eine der koſtbarſten Gaben unſeres Gottes antaſten, das iſt Gottesläſterung.“ „Du biſt ein altes Kind,“ entgegnete der Glas⸗ macher gleichguͤltig;„ich ließ meine Schuͤler auch alle die Stellen der heiligen Schrift auswendig ler⸗ nen, in denen die Rede von dem Antichriſt iſt, von Babylon, von Babylons Reich und Fall, und erklaͤrte ihnen, Babylon ſei die roͤmiſche Kirche, ——— der Antichriſt ſei der Pabſt und der Tag der Ge⸗ rechtigkeit des Herrn nahe. Endlich wurden auch noch alle die Stellen der Schrift, in denen davon die Rede iſt, daß der Herr alle Völker zu den Waffen ruft, dem Gedächtniß dieſer Enthuſiaſten mit unvergänglicher Erſchuͤtterung eingegraben:— In dieſem Augenblicke halten ſie ſich erleſen, dem Volke zuzurufen: Zu den Waffen, Iſtael.“ „Ha, jett begreife ich, jetzt begreife ich Alles,“ rief Claudius und hielt voll Entſetzen das Haupt in ſeinen zitternden Händen. „Das war noch nicht genug,“ fuhr duͤ Serre fort;„ihre Augen mußten eben ſo wie ihr Geiſt von fuͤrchterlichen Viſionen ergriffen ſein. Ich ließ deshalb auf Glas einige der entſetzlichſten Erſchei⸗ nungen der Offenbarung Johannis malen. Was fur andere Kinder ein Spielwerk geweſen wäre,“ ſagte du Serre mit teufliſchem Lächeln,„die Zau⸗ berlaterne, war fuͤr ſie, halb wild und beinahe wahn⸗ ſinnig, eine der entſetzlichſten Pruͤfungen, die ſie zu erleiden hatten. Während der Nacht, in der Mitte ihrer fieberhaften Schlafloſigkeit, ſahen ſie plötlich in der Dunkelheit unbeſtimmte, untaſtbare Bilder aufſteigen, welche in ihren Augen all die abſcheuli⸗ chen Phantome verwirklichten, die ihren Geiſt mit Schrecken fuͤllten.“ „O, mein Gott, mein Gott, weshalb haſt Du dem Menſchen die Wiſſenſchaft verliehen! Ach, der Baum des Wiſſens iſt ein Baum des Todes und der Verderbniß!“ rief der Doctor. „Du biſt ſchwach und furchtſam,“ fuhr duͤ Serre fort;„gleich Prometheus faͤhrſt Du zuruͤck vor dem Anblick Deines Werkes.“ „Nein, nein, nie iſt ein abſcheulicherer, hölliſche⸗ rer Plan in dem Kopfe eines Menſchen entſtan⸗ den,“ rief der Doctor. „Er iſt ſo entſetzlich, ſo heftig, wie die Verfol⸗ gung, durch die er hervorgerufen wurde,“ ſagte duͤ Serre.„Lies die Edicte Ludwigs des Großen ge⸗ gen uns, und vergleiche. Wenn uͤbrigens das Gift als Gegengift dient, wenn das Feuer das Feuer be⸗ kämpft, wenn das gluͤhende Eiſen das Blut dämpft, was thut das? Muß man vor dem Mittel zuruck⸗ beben?— Doch Du biſt noch nicht am Ende deines Mittels,“ ſagte duͤ Serre.„Um mein Werk zu vollenden, dachte ich an das, was Du mir von der Katalepſie geſagt haſt, einer furchterlichen Krank⸗ heit, welche de visn anſteckend iſt, wie Du mir ſchriebſt, Du wuͤrdiger Gelehrter.“ Claudius erhob voll Verzweiflung die Augen gen Himmel. „Die krampfhaften Bewegungen, die Nervenzu⸗ fälle dieſer Krankheit mußten den gemeinen Haufen lebhaft ergreifen, und ich wollte meinen Propheten dieſes neue Mittel der Einwirkung verleihen. Ein Sohn des Holzhackers Samuel war kataleptiſch; meine Frau machte dem Vater den Vorſchlag, ſeine — Heilung zu verſuchen. Sobald wir das Kind im Schloſſe hatten, ließen wir unſere Enthuſiaſten bei ſeinem erſten Anfalle zugegen ſein, nachdem wir ih— nen zuvor mehrere Tage Nahrung und Schlaf ent⸗ zogen hatten; Du wirſt ohne Muͤhe glauben, Clau⸗ dius, daß drei Kinder beinahe augenblicklich einen ähnlichen Anfall bekamen, wie der von Samuels Sohn. Allmählig wurden alle demſelben mehr oder minder unterworfen, und durch ein Phaͤnomen, wel⸗ ches Du ſelbſt mir angedeutet hatteſt, ſchienen, ſo⸗ bald dieſe neuen Beſeſſenen ihren Anfall bekamen, in Folge irgend einer innern Wiederſpiegelung alle die Viſionen der Schrift ſich in ihrem Hirne aus⸗ zubilden, denn ſie beſchrieben dieſelben mit einer ſtau⸗ nenswerthen und ergreifenden Wahrheit.“ „Und ich bin es, ich, der in leichtfertiger Ab⸗ ſicht zu dieſem Gewebe der Graͤuel beitrug,“ t der Doctor verzweift lungsvoll. „Jetzt begreifſt Du meinen Plan,“ rief du Serre lebhaft, ohne dem Doctor zu antworten.„In der erſten Sturmnacht entfeſſele ich meine Prophetenz ſie eilen durch das Gebirge und verbreiten ſich in der Ebene, unter dem Rufe: Zu den Waffen, Iſrael!— Wird nicht fuͤr unſere Cevenolen dieſe Stimme die Stimme Gottes ſein, auf die ſie ſeit ſo langer Zeit warten? Welche andere Macht, als die Gottes koͤnnte die Kinder begeiſtert haben? Und die auffallenden, entſetzlichen Viſionen, die ſie ſchildern, wird die das rohe Volk menſchlichen Mit⸗ teln beimeſſen? Nein, nein, die Ungläubigſten ſelbſt werden es nicht vermoͤgen, das Geheimniß dieſes Enthuſiasmus und dieſer Prophezeihungen zu er⸗ grunden. Der gemeine Haufe wird darin den Athem Gottes erblicken. Unſere Voͤlkerſchaften, die nur auf die Stimme Gottes warten, um ſich zu empoͤren, greifen zu den Waffen; Languedoc ſteht auf, vom Gevaudan bis zu der Lozere, und wir ziehen fuͤr lange Zeit das Schwert aus der Scheide!“ „Und ſo haben wir wieder den Buͤrgerkrieg mit allen ſeinen Gräueln,“ rief Claudius.„Aber ihr werdet erdruͤckt werden; aber ein theilweiſer Aufſtand wird keinen Anklang finden; aber die Truppen des Koͤnigs ſind zahlreich.“ „Die ganzen Cevennen werden ſich zugleich er⸗ heben,“ erwiderte duͤ Serre;„meine Vorkehrungen ſind getroffen. Die Bewohner der Ebene bekommen zum Fuͤhrer Johann Cavalier, einen entſchloſſenen, unerſchrockenen jungen Mann, bei der Jugend beliebt. Die Bergbewohner erhalten zum Fuͤhrer Ephraim, den Waldhuͤter von Aygoal, einen unerbittlichen Fa⸗ natiker.“ „Aber was könnt Ihr hoffen? Was wollt Ihr?“ „Wir wollen unſere Rechte wiedererobern; mit den Waffen in der Hand wollen wir die Wieder⸗ herſtellung des Edictes von Nantes erlangen, wie unſere Väter es erlangt haben; wir wollen gleich Allen unſern Platz unter der Sonne von Frank⸗ reich, unſern rechtmäßigen Antheil von Freiheit, nicht mehr, nicht weniger. Das Mittel, deſſen ich mich bediene, iſt hoͤlliſch, ſagſt Du? Was thut das, wenn es nur dem Faſſungsvermoͤgen unſerer Voͤlker entſpricht. Jedenfalls ſind es doch die Worte, die Prophezeihungen Gottes, die meine Propheten verbreiten werden! Noch ein Mal, was koͤmmt auf den Hauch an, der in die Trompete ſtoͤßt, wenn nur das Kriegsſignal weit hin ertoͤnt?“ rief duͤ Serre mit Enthuſiasmus aus.*) *) Der folgende Auszug aus Brueys möge als Rechtfertigung deſſen dienen, was in den vorhergehen⸗ den Kapiteln geſagt worden iſt: „In der Akademie von Genf entwarf man den Plan, Fanatiker zu bilden, und dü Serre wurde dazu erwählt; man entwarf einen genauen Plan alles deſſen, was dieſe unglücklichen Enthuſiaſten zu ſagen und zu thun haben ſollten. „Die, welche man als vom heiligen Geiſte ergriffen ausgeben wollte, mußten wirklich glauben, es zu ſein, damit ſie die andern um ſo leichter davon überreden konnten, und damit ihr Wahnſinn ſie jeder Furcht vor Strafe überhebe und keine Rückſicht ſie hindere, überall die verführeriſchen Prophezeihungen zu verbreiten, welche das Volk zum Aufſtand bringen ſollten; das heißt, man mußte damit anfangen, die wahnſinnig zu machen, die man zu Propheten bilden wollte, und die Zerrüttung des Geiſtes war die erſte Stufe, welche die erſteigen mußten, die nach der Gabe der Prophezeihung ſtrebten. „Hier eine Beſchreibung des teufliſchen Beginnens, welches zu dieſem Zwecke dü Serre erſann, dieſer neus „Was hör' ich?“ ſagte Claudius ihn unterbre⸗ chend,“ was iſt das fuͤr Geſchrei? Liegt irgend ein Kind in der Kriſis?“ Lehrer des Fanatismus, der in Frankreich die alte Wuth der Anabaptiſten erneuert haben würde, hätte man dem nicht ſchnell abgeholfen. „Dieſer gottloſe Menſch wählte 15 junge Knaben aus, welche er ſich von armen Leuten ſeiner Nachbar⸗ ſchaft geben ließ, die froh waren, ihre Kinder einem Manne anzuvertrauen, der ſo viel Eiſer für die Reli⸗ gion beſaß. Seiner Frau, welche er zur Theilnehmerin ſeines Planes machte, ließ er eine gleiche Anzahl Mäd⸗ chen geben. „Als er in ſeiner Gewalt dieſe unſchuldigen Ge⸗ ſchöpfe hatte, denen ihre Aeltern nach dem Gebrauche der Calviniſten als erſten Unterricht im Chriſtenthume nichts als einen ſtarken Widerwillen gegen die römiſche Kirche beigebracht hatten, ſagte er ihnen, Gott hätte ihn mit dem heiligen Geiſte überſchüttet, und ihm die Macht verliehen, denſelben Jedem mitzutheilen, wenn er wolle, und ſie hätte er auserwählt, ſie zu Propheten und Prophetinnen zu machen, wenn ſie bereit wären, dieſe hohe Gabe auf die Weiſe zu empſangen, die Gott ihm dazu vorgeſchrieben. Die armen Kinder, denen ihr Alter, ihr Mangel an Erfahrung und an Erzie⸗ hung es unmöglich machte, die Argliſt des Verführers zu durchſchauen, glaubten ohne Mühe Alles das, wo⸗ von er ſie überreden wollte, und ganz erfreut dapüber, einſt zu werden, was er ihnen verſprach, unterwarfen ſie ſich blindlings dem, was er von ihnen verlangte. „Dieſer Lügenlehrer, der zu ſo traurigem Gebrauche das anwendete, das die Religion den Menſchen vor⸗ ſchreibt, um ſie zur Frömmigkeit anzuſpornen, ſagte — „O, dies Haus ſcheint mir verflucht zu ſein!!!“ rief Claudius mit verſtörtem Blicke.„Abraham, hierauf, die heiligſte Vorbereitung, Gott wohlgefällig zu werden, und die Gabe der Prophezeihung zu em⸗ pfangen ſei, ſich die Nahrung verſagen; er legte ihnen deshalb ein Faſten von drei vollen Tagen auf und wie⸗ derholte dies ſogar von Zeit zu Zeit. Der Schurke wußte, daß nichts geeigneter ſei, ih⸗ ren Geiſt zu verwirren, weil das Hirn, ausgetrocknet durch den Mangel der Dünſte, deren es bedarf und welche die Nahrungsmittel ihm zuſenden, in Folge über⸗ mäßigen und wiederholten Faſtens allmählig und un⸗ merklich außer Stand geſetzt wird, ſeine Functionen frei zu üben. In dem Grade, in welchem er aus dieſen jugendlichen Köpfen die Vernunft zu vertreiben wußte, erfüllte er ſie mit Chimären und fanatiſchen Viſionen, die für den großen Empörungsplan als Hülfs⸗ mittel dienen ſollten. Von allen Schriften göttlicher Eingebung iſt die Apokalypſe von den Enthuſiaſten am häufigſten miß⸗ braucht worden, weil ihre geheimnißvolle Schreibart, und ihre bewunderungswürdigen Dunkelheiten denen ein freies Feld gewähren, welche ſich nicht ſcheuen, die darin enthaltenen heiligen Orakel zu entweihen. Aus der Sprache dieſes göttlichen Buches bildete dü Serre die für ſeine Zöglinge in der Kunſt zu pro⸗ phezeihen; er ließ ſie die Stellen auswendig lernen, in denen von dem Antichriſt, von der Zerſtörung ſeines Reiches und von der Befreiung der Kirche die Rede iſt; er ſagte ihnen, der Papſt ſei dieſer Antichriſt, das Reich, welches zerſtört werden ſolle, ſei der Papismus, und die Befreiung der Kirche die Wiederherſtellung der reformirten Religion in Frankreich, d. h. der Curſus des Fanatismus, den man in dieſer Schule machen mußte, Krieg in den Cevennen. 12 obgleich die Nacht ſchwarz iſt, laß mein Maulthier und das meines Dieners ſatteln; ich kann keine um den Geiſt der Prophezeihung zu erlangen, war der Apokalypſe entlehnt, und die Gloſſen dieſes Curſus wa⸗ ren aus den prophetiſchen Schriften des Profeſſors von Rotterdam entnommen. Alle Welt weiß, daß die Kinder der Calviniſten, von welchem Stande ſie auch ſein mögen, ſobald ſie das Alter der Vernunft erreicht haben, von ihren Aeltern regelmäßig mit zu den Predigten genommen werden, und daß ſie hier ihre Geiſtlichen oft dieſelben Dinge ausſprechen hören, die dü Serre ſeinen Schülern lehrte; wie roh daher auch ihr Geiſt ſein mochte, hat⸗ ten ſie bald die Lehren gefaßt, die ihnen nicht mehr neu waren, und da das Gedächtniß ſich durch Uebung ſtärkt, beſonders bei jungen Leuten, lernten ſie mit der⸗ ſelben Leichtigkeit mehrere Stellen aus den Pſalmen und den Schriften der Propheten. Das war ſpäter die urſache, als er ſeine Schule geſchloſſen und ſeine Enthuſiaſten entlaſſen hatte, daß einige Perſonen von ben Verſtande, ſelbſt Katholiken, nicht begreifen onnten, wie es möglich ſei, daß junge Knaben und Mädchen aus der Hefe des Volkes, die nicht einmal leſen konnten, Stellen aus der heiligen Schrift herſag⸗ ten, denn ſie überlegten nicht, daß die Kinder der Cal⸗ viniſten, wie ich oben erwähnte, darin unterrichtet wer⸗ den, ſobald ſie nur ſprechen können, und daß es ſogar unter ihnen für die, welche nicht leſen können, üblich iſt, ihre Pſalme und noch viele andere Stellen aus der Schrift auswendig zu lernen. Das war noch nicht Alles: Dü Serre war nicht damit zufrieden, den Geiſt dieſer unglüchlichen Jugend nach ſeinem Wunſche zu bilden, und ihr Gedächtniß mit alle dem anzufüllen, was ihm für ſeine Pläne paſ⸗ — 85— Minute länger hier bleiben; ich kann es nicht; ich fuͤrchte mich!“ ſend ſchien, ſondern er wollte auch noch ihren Körper an Stellungen gewöhnen, welche die Einfältigen unter dem gemeinen Haufen beſtechen mußten, und ſo war er gleich dem Böſen in allen Dingen der Affe der Ge⸗ ſetze Gottes, die uns gebieten, den Herrn mit Geiſt und Körper zu preiſen. Er lehrte ſie daher die Hände über dem Kopfe zufammenzuſchlagen, ſich ſtarr hinten über zu werfen, die Augen zu ſchließen, Bauch und Schlund aufzublaſen, in dieſem Zuſtande regungslos einige Augenblicke zu bleiben, und dann, plötzlich aufſpringend, Alles auszu⸗ ſprudeln, was ihnen in den Mund kam. Was konnten ſie ſagen, als was man ſie gelehrt hatte! Es waren nichts als Schmähungen gegen den Papſt, die Kirche und die Prieſter, Läſterungen gegen die Meſſe, Ermahnungen zur Reue an ſeinen abge⸗ ſchworenen Glauben, wiederholte Zuſicherungen der Varmherzigkeit, und Weiſſagungen von dem nahen Sturze des Papismus und der Befreiung der vorgebli⸗ chen Reformen. Darin übte dieſer nichtswürdige Verführer ohne Unterlaß in der Einſamkeit dieſe armen unſchuldigen Geſchöpfe, und er hatte die boshafte Freude, zu ſehen, daß ſeine Sorgfalt nicht unfruchtbar blieb, und daß die Fortſchritte, welche dieſe kleinen Fanatiker täglich mach⸗ ten, ſeinen Erwartungen ſo ziemlich entſprachen. Wenn einer von denen, die nach der Gabe der Prophezeihung ſtrebten, gleichviel von welchem Ge⸗ ſchlechte, durch das anhaltende Faſten geiſtesverwirrt genug war, ſeine Rolle gut zu ſpielen, ſo verſammelte der Prophetenſchmidt die kleine Heerde, ſtellte den Be⸗ geiſterten in die Mitte, ſagte ihm, daß die Zeit ſeiner 125 „Aber, warte bis morgen, bis es Tag wird.“ „Nein.“ Entzückung gekommen ſei, küßte ihn mit ernſtem und geheimnißvollem Weſen, hauchte ihm auf die Stirn, und erklärte ihm, er habe die Gabe der Prophezeihung empfangen, und die andern, von Staunen und Ver⸗ wunderung ergriffen, erwarteten dann mit Ehrfurcht die Geburt des neuen Propheten, und ſeufzten insge⸗ heim nach dem Augenblicke, der auch ſie in Entzük⸗ kung verſetzen würde. So empfing er Mädchen und Knaben, und als er ſah, daß dieſer Haufe kleiner Enthuſiaſten bereit ſei, ſeinen Flug zu nehmen, als er nur noch mit Mühe den Eifer zügeln konnte, den ſie darthaten, ſich auszu⸗ zeichnen, und nach allen Seiten das Gift zu verbreiten, das ſie bei ihm eingeſogen hatten, verabſchiedete er ſie und vertheilte ſie nach den Orten, an denen ſie, wie er glaubte, am meiſten wirken konnten. In dem Augenblicke ihrer Entfernung verfehlte er nicht, ſie zu ermahnen, dieſelbe Gabe der Prophezei⸗ hung allen Denen mitzutheilen, die ſie derſelben würdig finden würden, nachdem ſie ſie eben ſo darauf vorbe⸗ rreitet hätten; zugleich wiederholte er ihnen die Verſi⸗ cherung, daß Alles, was ſie prophezeihen würden, auch unfehlbar geſchehe. Man kann ſich leicht denken, daß dieſe Fanatiker nicht weit gingen, und daß es nicht lange währte, ehe von ihnen geſprochen wurde. Der Geiſt derer, an welche ſie ſich wendeten, war durch die Eindrücke, wel⸗ che die Weiſſagungen des Propheten von Rotterdam und die Briefe, die derſelbe beſtändig an die Neube⸗ kehrten in Frankreich ſchrieb, und durch die er zur Reue über die Abſchwörung ihres Glaubens ermahnte, — 181— „Bis Morgen nur, bis Morgen.“ „Nein, nein, ſag' ich Dir.“ „Du biſt verruͤckt, Claudius; bleib', es muß ſein. „Ich will augenblicklich fort.“ „Es iſt unmoͤglich.“ „Ich will ſelbſt den Befehl geben,“ ſagte Clau⸗ dius, indem er aufſtand. „Es iſt unmoͤglich,“ rief duͤ Serre und hielt ihn beim Arme. „Abraham, was bedeutet das?“ fragte Clau⸗ dius erblaſſend. hervorgebracht hatte, ſchon hinreichend dazu geſtimmt, ihre Träumereien mit Ehrfurcht anzuhören. Die alſo, deren Einbildungskraft ſchon von ei⸗ ner nahen Erfüllung voll war, und die es im Herzen bereuten, daß ſie ſich hatten bereden laſſen, in die Meſſe zu gehen, trafen nun auf junge Knaben und Mädchen aus der Hefe des Volkes, die ihnen ungefähr daſſelbe ſagten, und die dabei ihre Waare mit den Geſichtsverzerrungen und Stellungen, in denen man ſie unterrichtet hatte, an den Mann brachten; mehr war nicht nöthig, um ſie Wunder ſchreien zu machen und ſie zu überreden, daß der heilige Geiſt durch dieſe jungen Enthuſtaſten ſpreche. (Brueys, Geſchichte des Fanatismus unſerer Zeit, Thl. 1. Bd. 1. utrecht, 1737.) Alle katholiſchen Schriftſteller, unter andern auch LOuverleuil und la Baume, ſtimmen in dieſer That⸗ ſache ein. — 182— „Du wirſt nicht fort von hier! Du kannſt es nicht mehr!“ „Mit Gewalt willſt Du mich zuruͤckhalten?“ „Kennſt Du nicht mein Geheimniß?“ „Dein Geheimniß, Abraham! Du hätteſt es mir nicht ausliefern ſollen; und uͤberdies weißt Du wohl, daß ich es nicht mißbrauchen werde, ſo ab⸗ ſcheulich es auch iſt. Leb' wohl!“ „unmoglich! ſag' ich Dir. Wuͤrde ich' Dir ſolche Mittheilungen gemacht haben, wenn wir uns ſobald trennen muͤßten?“ „Was willſt Du ſagen, Abraham?“ fragte Claudius. „Ich will ſagen, daß wir nach wenig Tagen unter Waffen ſtehen werden; daß die Kugeln und Schwerter der königlichen Truppen uns nicht ver⸗ ſchonen, und wir haben keinen Arzt, um unſere Bruͤder zu pflegen. Du wirſt Dich daher darin fugen, uns erſt mit dem Ende der Inſurrection zu verlaſſen.“ „Sollteſt Du es wagen, mich gegen meinen Willen zuruͤckzuhalten?“ „Es muß ſein, ſage ich Dir! Gleich morgen werden wir mit einander die Cevennen beſichtigen, um zu ſehen, an welchen unzugaͤnglichen Orten ſich die Zufluchtsſtätten fuͤr unſere Verwundeten einrichten laſſen, wie wäͤhrend der Kriege des gro⸗ ßen Herzogs von Rohan.“ — 183— „Abraham, im Namen unſerer Freundſchaft fordere ich Dich auf, mich frei zu laſſen.“ „Deine Kunſt iſt unſerer Sache zu unentbehrlich; Du darfſt daran nicht denken,“ ſagte duͤ Serre mit beſtimmtem Tone. XIII. Die Stimme Gottes. Vor wenigen Tagen erſt hatte duͤ Serre dem Doctor Claudius die furchterlichen Geheimniſſe des Schloſſes Mas⸗Arribas entdeckt. Es war dunkel und eine druͤckende Schwere der Luft verkuͤndete ein nahes Gewitter. Gegen ſieben Uhr Abends kehrte Ephraim zu ſeiner einſamen Huͤtte zuruͤck. Als der Waldhuͤter nur noch wenige Schritte von ſeiner Wohnung entfernt war, fingen ſeine Hunde an, zu knurren und bald bellten ſie wuthend. Der Jäger ſpannte ſeine Buͤchſe, und in dem⸗ ſelben Augenblicke trat Johann Cavalier vor ihn. Die Kleidung Cavaliers war mit Staub be⸗ deckt und zerriſſen, und ſein langer Bart, ſo wie ſein langes um den Kopf haͤngendes Haar verrie⸗ then, daß er einen weiten Weg mehr als Fluͤcht⸗ ling wie als Reiſender zuruͤckgelegt hatte. „Gott ſei mit Dir, Bruder Ephraim,“ ſagte Cavalier. — 185— „Gott ſei mit Dir, Bruder Johann,“ ſagte der Jäger und hing ſein Gewehr wieder uber die Schul⸗ ter.„Und Dein Vater?“ „Iſt gefangen in Pont de Mont⸗Vert. Ich komme von der Abtei.“ „Sind viele unſerer Bruͤder mit ihm gefangen?“ fragte Ephraim. „Man zaͤhlt uͤber 300 in dem Block,“ ſagte Cavalier ſeufzend. Die beiden Cevenolen traten in Ephraims Huͤtte. Lepidoth wieherte bei dem Anblicke ſeines Herrn. Nachdem der Waldhuͤter ſein Pferd geliebkoſet hatte, gab er Cavalier ein Zeichen, ſich auf ein Reisbuͤn⸗ del zu ſetzen, und das Geſpräch wurde fortgeſetzt. „Seitdem dieſer Erzprieſter des Baal Deinen Vater gefangen mit ſich fortgefuͤhrt hat, iſt ein Monat verfloſſen; was haſt Du unterdeſſen ange⸗ fangen, Bruder Johann?“ fragte Ephraim. „Als ich Dich auf den Hoͤhen des Hohlweges von Calviéres verließ, folgte ich der Eskorte der Gefangenen bis nach Pont de Mont⸗Vert. Dort verbarg ich mich in der Umgegend, um wo moͤglich das Mittel zu finden, bis zu meinem Vater zu ge⸗ langen und ihm zur Flucht behuͤlflich zu ſein. Ver⸗ gebens! Die Abtei iſt jetzt befeſtigt; nur uͤber eine Zugbruͤcke gelangt man in das Innere, und das vermag Niemand, ohne verhoͤrt und unterſucht wor⸗ den zu ſein.“ „Alſo verzichteſt Du auf Deinen Plan?“ „Hore mich an, Bruder Ephraim,“ ſagte Ca⸗ valier mit Trauerſtimme.“ Meine Großmutter iſt auf der Kuhhaut fortgeſchleppt worden; meine Mut⸗ ter iſt todt, mein Vater iſt gefangen, meine Bruͤder ſind fluͤchtig, unſere Guter ſind confiscirt;“— und innerlich ſetzte Cavalier hinzu:„und Iſabelle iſt ver⸗ fuhrt.— All dies Wehe ruͤhrt von den Papiſten her.“— Nach einer Pauſe ſetzte Cavalier dumpf hinzu:„Ich bedarf der Rache, einer furchtbaren Rache, und ich werde ſie haben.“ Ephraim ſchuͤttelte den Kopf mit finſterem We⸗ ſen und antwortete: „Gott hat uͤber ſeine Diener harte Pruͤfungen verhaͤngt, und ſie muͤſſen ſie tragen, ohne zu mur⸗ ren. Nicht unſern Haß, ſondern ſeine Sache muͤſ⸗ ſen wir zu rächen bereit ſein, wenn er das Zeichen giebt.“ „O, ſiehſt Du, jetzt, Bruder, bin ich ein ſchlech⸗ ter Chriſt, ich geſtehe es Dir,“ ſagte Cavalier unge⸗ duldig.„Deine Predigt iſt verloren. Dieſe Nacht ſuche ich meine Gefaͤhrten auf. Wenn unſere Spiele, unſere kriegeriſchen Uebungen, uns verſammelten, wie⸗ derholten ſie mir beſtaͤndig: Cavalier, wir ſind Dir ergeben;— Cavalier gebiete, und wir gehorchen. Jetzt werde ich ihnen ſagen: Mein Vater iſt ge⸗ fangen, greift zu den Waffen und befreit ihn mit mir aus den Händen der Papiſten.“ „Ein bewaffneter Aufſtand!“ rief Ephraim; „die Stunde iſt noch nicht gekommen.“ „Wenn ſie ſo ſprechen, wie Du, Bruder Ephraim, daß die Stunde noch nicht gekommen iſt,“ erwi⸗ derte Cavalier nach kurzem Schweigen,„ſo kehre ich allein nach Pont de Mont⸗Vert zuruͤck.“ „Und was willſt Du dort beginnen?“ „Ich ermorde den Erzprieſter und den Marquis von Florac.“ „So wirſt Du nur ein Moͤrder ſein; hätteſt Du gewartet, ſo waͤreſt Du das Schwert Gottes geweſen.“ „Warten! Warten!“ rief Cavalier mit tiefer Bitterkeit;„Deine Haare und die meinigen werden weiß, Ephraim, ehe die Stimme Gottes geſprochen hat, und ehe die meine zu dieſem Prieſter und die⸗ ſem Gotteslaͤſterer geſagt haben wird: Stirb!“ „Du flößeſt mir Mitleiden ein; ich ſchäme mich Deiner,“ ſagte Ephraim mit geringſchaͤtzender Kaͤlte:„Du biſt nichts, als ein zorniger Knabe. Geh; verzichte auf den Ruhm, dem Herrn zu die⸗ nen, um Deinen Zorn zu befriedigen; geh, Du wirſt es bereuen, aber es wird zu ſpät ſein. Denn, ich wiederhole es Dir, wenn die Zeiten noch nicht gekommen ſind, ſo ſind ſie doch nahe; die Erndte iſt reif, und wartet nur noch der ſchneidenden Sichel. Weshalb willſt Du dem Zeichen voraneilen?“ „Und wer ſagt Dir, Unſinniger, daß es erſchei⸗ nen wird?“ — 188— „Alles ſagt es mir,“ entgegnete Ephraim,„Al⸗ les ſagt es mir. Das Rauſchen des Windes im Walde; das Rauſchen des Baches in den Felſen, die gewaltigen Stimmen in der Einſamkeit, das Krachen des Berges waͤhrend der Stille der Nacht, die Flammen, die waͤhrend der Dunkelheit auf ſei⸗ nem Gipfel zucken. Alles ſagt mir, daß die Zeiten nahe ſind, Alles bis zu dem wilderen Wiehern Le⸗ pidoths, Alles bis zu dem wildereren Gebell meiner Hunde; Alles bis auf die rothe Wolke, Die mir zuweilen wie ein Blutſtrom vor den Augen vorbei⸗ fährt.“ Indem Ephraim ſo ſprach, hatte er ſich in ſei⸗ ner ganzen Laͤnge emporgerichtet, ſeine Augen fun⸗ kelten, ſeine Naſenloͤcher waren weit aufgeriſſen, ſeine Haare und ſein Bart ſchienen ſich zu ſträu⸗ ben; er war ſchoͤn durch einen finſtern, wilden Enthuſiasmus. Cavalier betrachtete ihn ſchweigend. Obgleich von der Gewalt der Worte Ephraims ergriffen, ſah er doch darin nur eine aͤberglaͤubiſche Exaltation, die er verwuͤnſchte, weil ſie ſeine Pläne verhinderte. „Horch, horch,“ ſagte Ephraim. Es war das ferne Rollen des Donners, durch das Echo der Berge und des Waldes vervieifältigt. Ephraim ſtand auf, und ſtieß die Thuͤre der Huͤtte zuruͤck. Von der Fläche, auf der ſie erbaut, ſah man in der Ferne das Schloß des Glasmachers auf ei⸗ — 189— nem gekruͤmmten Gipfel. Ein gewundener Fußpfad fuͤhrte dahin durch die abgeriſſenen Felſen des Ay⸗ goal. Der Tag umwoͤlkte ſich; bald wurde die Dunkelheit dichter und ſchnell brach die Nacht herein. Schwarze Wolken, mit Purpur umſäumt, häuf⸗ ten ſich gewaltig uͤber den Thuͤrmen des Schloſſes an, die weiß und bleich emporragten wie Ge⸗ ſpenſter. Die Donnerſchläge, dumpf und lang, wurden immer häufiger und häufiger; blendende Blitze durch⸗ zuckten die Luft. „Das Gewitter wird fuͤrchterlich,“ ſagte Ca⸗ valier. „Vielleicht ertont irgend eine Stimme aus den Wolken,“ ſagte Ephraim und verſank dann wieder in dumpfes Nachdenken. Als die Nacht gänzlich hereingebrochen war, entwickelte ſich der Sturm in ſeiner ganzen erha⸗ benen Wuch. Die beiden Cevenolen betrachteten das große Schauſpiel mit ſehr verſchiedenen Gedanken. Cavalier, der durch den Verrath Iſabellens und durch die fuͤrchterlichen Unglucksfälle, die ſchnell hin⸗ tereinander ſeine Familie getroffen, niedergebeugt, und beinahe uͤberzeugt war, daß das Volk ſich fer⸗ ner auch in den Märtyrertod fugen wuͤrde, fuhlte ſich tief entmuthigt. Die geringſte Widerwärtigkeit ſchlug ihn nie⸗ der, der geringſte Erfolg erhob und vergrößerte ihn. — 190— So war dieſer Character mehr unternehmend als beharrlich, mehr abenteuerlich als feſt, mehr un⸗ erſchrocken als bedachtſam. Wenn die cevenoliſche Jugend ſich weigerte, zu den Waffen zu greifen und ihm nach Pont de Mont⸗Vert zu folgen, ſo dachte Cavalier daran, aus dem Morde eine unfruchtbare Rache zu ziehen, und ſich dann dem Verhaͤngniß zu uͤberlaſſen. Seine Träume des Ruhmes waren ſchon wie eitle Traum⸗ gebilde verſchwunden; durch ſeine perſoͤnlichen Ge⸗ fuͤhle vorwarts getrieben, des Glaubens an die Gött⸗ lichkeit der Sache, die er vertheidigte, entbehrend, konnte Cavalier ſich nicht täglich aus der heldenmuͤthigen Quelle unerſchutterlichen Vertrauens und unbeſieg⸗ barer Hoffnung erkräftigen, welche allein den Gläu⸗ bigen eine uͤbermenſchliche Gewalt verleiht. Ephraim dagegen haͤtte nie an dem Triumphe gezweifelt, den die reformirte Religion an dem Pa⸗ pismus erringen ſollte. Duͤ Serre, den er kurzlich geſehen hatte, und fuͤr den er die groͤßte Verehrung hegte, hatte ihm geheimnißvoll einige Träume mitgetheilt, einige auf⸗ fallende Viſionen, welche die nahe Befreiung des Volkes Gottes zu verkuͤnden ſchienen. Der Geiſt des Waldhuͤters war ſo darauf vor⸗ bereitet, als uͤbernatuͤrlich und gottlich alle die Phan⸗ tome zu betrachten, welche das hoͤlliſche Genie des Glasmachers hervorgerufen hatte. Ephraim, der jedem Stolze, jedem Ehrgeize fremd war, wurde — 191— immer mehr und mehr durch den ewigen Gedan⸗ ken beherrſcht, daß der Tag kommen wuͤrde, an dem es geboten werde, die Feinde Gottes auszurot⸗ ten. Er nahm die finſtere Gluth ſeiner Grauſam⸗ keit, die ihn zu dem Gedanken des Blutbades trieb, fuͤr himmliſche Eingebung, und er wuͤrde die ent⸗ ſetzlichſten Miſſethaten mit roher Gleichguͤltigkeit be⸗ gangen haben. Aber Maͤrtyrer oder Henker, und ſtets ein blindes Werkzeug eines allmächtigen und geheimnißvollen Willens, ſollte Ephraim doch nie einen Augenblick der Schwaͤche, des Zoͤgerns, der Niederſchlagenheit haben. Der Sturm nahm noch immer zu, es regnete nicht und die Dunkelheit war undurchdringlich. Plötzlich zog ein ſonderbares Phänomen die Aufmerkſamkeit Ephraims und Cavaliers auf ſich. Die Thuͤrme des Schloſſes, welche ſie ſeit ei⸗ niger Zeit nicht mehr zu unterſcheiden vermochten, ſtrahlten plötzlich durch die Dunkelheit. Schwefelgelbe Flammen zuckten aus den Fen⸗ ſtern gleich rieſigen Blitzen. Bläuliche Lichter, vom Winde hin und hergetrieben, liefen uͤber die Dä⸗ cher des Gebaͤudes. „Das Schloß duͤ Serres flammt,“ rief Ephraim mit tiefer und beinahe angſtvoller Aufregung. „Er arbeitet ohne Zweifel in ſeiner Glaſerei,“ ſagte Cavalier, der darin nichts Uebernatuͤrliches ſah. „Und an welchem Glaſe arbeitete der Herr, als der Berg Horeb in Donner und Blitz eingehuͤllt — war?“ fragte Ephraim mit heiligem Unwillen. Du wuͤnſcheſt, ſagteſt Du, daß die Zeiten gekom⸗ men ſein moͤchten, und Du verſchließeſt die Au⸗ gen dem Lichte, welches Dir ſagt, daß ſie gekom⸗ men? Du verſchließeſt die Ohren dem Laͤrmen, der Dir ſagt, daß ſie kommen? Iſt es nicht Gott, der die Flammen uͤber die Zinnen dieſes Hauſes anzuͤndet, des Bruders Abraham, der durch die Heiligkeit ſeines Lebens eben ſo hoch uͤber uns er⸗ haben iſt, als die Ceder uͤber das Gras der Wieſe? Sagt man nicht, daß er von dem Geiſte Gottes heimgeſucht wird? Haben nicht die Propheten ver⸗ kuͤndet, daß der Tag des göttlichen Zornes ein Tag der Wolken und des Sturmes ſein wuͤrde, ein Tag der Finſterniß, ein Tag, an welchem die hoͤch⸗ ſten Thuͤrme unter dem Schalle der Trompeten er⸗ zittern wuͤrden?“ Durch ein eigenes Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände, welches ſelbſt Cavalier verwirrte, drangen in dieſem Augenblicke, da eben das Toben des Windes ſchwieg, von dem Thurme des Schloſſes laute Trompetenſtöße heruͤber, daß es von der Gewalt derſelben erdröhnte. Es war ein furchtbarer und feierlicher Ton. Drei Mal ſchmetterten ernſte, kräftige, langange⸗ haltene Kriegsfanfaren; drei Mal wurden ſie bis in das Unendliche durch die tauſend Stimmen des Echos wiederholt. — 193— „Hoͤrſt Du! Hörſt Du!“ ſchrie Ephraim in wildem Enthuſiasmus. Dann kniete er nieder und ſagte mit dumpfer Stimme wie in ſich hin⸗ ein:„Herr, Herr, der Tag Deines Zornes iſt ge⸗ kommen!“ Ohne dieſes ſonderbare Ereigniß einem göttli⸗ chen Wunder zuzuſchreiben, konnte doch auch Ca⸗ valier ſeine Aufregung nicht beſiegen, als er die unſichtbaren Trompeten aufs Neue in der Pauſe zwiſchen zwei Donnerſchlägen in der nächtlichen Dun⸗ kelheit ſchmettern hoͤrte. Ephraim betete noch immer, auf der Schwelle ſeiner Huͤtte knieend. Cavalier, welcher zugleich einem religiöſen In⸗ ſtinkte und einer unerklärlichen Nachahmung der Poffnung nachgab, kniete neben dem Waldhuter nieder. Neue Wunder zeigten ſich. Eine gewaltige, helle, glänzende Feuerſäule ſtieg von dem Gipfel eines der Schloßthuͤrme empor. Ungeachtet des furchtbaren Gewitters wehte in dieſem Augenblicke der Wind nur ſchwach, und ſo ſchien die blendende Flamme ſich bis zu den Wol⸗ ken zu erheben, ihr Widerſchein beleuchtete das Schloß, den Wald, die Berge, den Horizont und breitete ſelbſt uͤber die beiden Cevenolen ſein rothes Licht. Der ſo beleuchtete Aygoal bot ein zugleich ent⸗ ſebliches und prachtvolles Schauſpiel. Plotzlich liefen eine Menge beweglicher Punkte, Krieg in den Cevennen. 13 bläulich hell wie Irlichter, ſchnell theils durch den Wald und die ſteilen Abhänge des Berges, theils den Fußſteig herab, der vom Schloſſe herunterfuͤhrte. Bei dem Lichte der Feuerſaule, die noch immer brannte, ſahen die beiden Cevenolen in der Ferne mehrere weiß gekleidete Geſtalten erſcheinen; ein phosphorartiger Schein umſtrahlte ihr Haupt, das die Haare wild umflatterten. Ephraim war wie vom Schwindel ergriffen; Alles was er ſah, ſchien ihm den göttlichen Willen zu beweiſen. Die Feuerſaͤule erloſch, das Trompetengeſchmet⸗ ter verſtummte; der Donner und die Blitze ver⸗ doppelten ſich, dennoch aber hoͤrte man in einzel⸗ nen Zwiſchenräumen, bald hier, bald dort, wildes unbeſtimmtes Geſchrei. Der Weg, der zu dem Schloſſe fuͤhrte umzog in ſeinen ſteilen Windungen die Huͤtte des Wald⸗ huͤters. Bei dem beinahe fortwährenden Leuchten der Blitze ſahen Ephraim und Cavalier eine der Ge⸗ ſtalten, die ſie in der Ferne bemerkt hatten, dieſen Weg ſchnell herabkommen. Es war ein Kind von ungefähr 15 Jahren; ſein langes Gewand umflatterte es, ſein Haar funkelte in der Dunkelheit; es war blaß wie ein Geſpenſt. Schnell flog es voruber, indem es mit gellen⸗ der Stimme die Haͤnde zum Himmel erhob und — 195— rief:„Zu den Waffen, Iſrael!— Aus den Zelten!“ Dann verſchwand es, den Pfad verfolgend, der zu der Ebene fuͤhrte. Auch Andere kamen voruͤber, ohne anzuhalten. Die Einen riefen:„Ich werde in dem Thale des Götzen Die vernichten, die es bewohnenz Gott hat es befohlen!“ Andere:„Schmiedet Schwerter aus den Schaa⸗ ren Eurer Pfluͤge, Klingen aus dem Eiſen Eurer Rodehacken. Der Schwache ſage: Ich bin ſtark, denn Gott hat ſo geſagt.“ Wieder Andere:„Die Voͤlker erwachen und ſteigen auf die hoͤchſten Punkte! Ich erwarte ſie in dem Thale Joſaphat!“ Wieder Andere:„Toͤdtet, tödtet, daß Keiner entrinne; Greiſe, junge Männer, Jungfrauen und Kinder!“ „Der Papſt iſt der Antichriſt, und die Stunde zum Untergange Babylons iſt gekommen!“ ſagten wieder Andere. „Schlaget, ſchlaget die Papiſten, und Euer Auge laſſe ſich nicht erweichen!“ Mit blitzenden Augen ſchien Ephraim ſich nach dem Blutbade zu ſehnen. „Du hoͤrſt es, Du hörſt es, Iſrael!“ ſchrie er;„Du wirſt Dich auf ihre prophetiſche Stimme erheben. Der Aygoal iſt ein neuer Horeb. Der Geiſt Gottes iſt uͤber die Wohnung des Bruders 4 — 16— Abraham gekommen und feurige Zeichen blitzen auf der Stirn des Propheten!“ Und in ſeinem Enthuſiasmus ſprach Ephraim mit gewaltiger Stimme den folgenden Vers der Richter, der auffallend paſſend war:„Sogleich ſtieß er in die Trompete uͤber dem Berge Ephraim und die Kinder Iſraels ſtiegen herab mit Aod an ihrer Spitze.“ Während dieſer Gewitternacht hatte dü Serre ſeinen Opfern das Thor ſeines Schloſſes geoffnet. Beinahe trunken durch Opium, außer ſich, wahn⸗ ſinnig durch Enthuſiasmus, die Haare gluͤhend durch eine Phosphor⸗Miſchung ſtiegen die kleinen Pro⸗ pheten nach allen Seiten des Berges herab und verbreiteten ſich in der Ebene. Dieſer Auftritt hatte ſo viel Wunderbares, daß Cavalier, ſeiner Ungläubigkeit ungeachtet, bald von derſelben Exaltation ergriffen wurde, wie Ephraim. Das Geſchrei des Krieges und der Empoͤrung un⸗ terſtuͤtzte ſeine gluhendſten Wuͤnſche zu ſehr, als daß er die Urſache dieſer Wunder zu erforſchen ge⸗ ſucht haben ſollte, ſtatt ſich blindlings auf die neue Bahn zu ſturzen, die das Geſchick ihm eroͤffnete. „Du ſpracheſt wahr, Bruder Ephraim; die Zeiten ſind gekommen,“ ſprach Cavalier.„Ver⸗ ſammle die Holzſchläger und die Ziegenhirten des Aygoal, ich will die Jugend der Ebene zuſammen⸗ berufen, und morgen mit Tagesanbruch ſtehen die Cevennen unter den Waffen.“ — 197— In dieſem Augenblicke erſchienen beim Leuchten der Blitze zwei neue Propheten auf der Hoͤhe des Weges, welcher die Huͤtte des Waldhuͤters be⸗ herrſchte; ſie hielten ſich bei der Hand und gelang⸗ ten laufend bei den beiden Cevenolen an. Die fliegenden Falten ihrer langen weißen Ge⸗ waͤnder flatterten hinter ihnen her, ein Lichtſchein um⸗ gab ihr ſchoͤnes blondes Haar, ihre Augen funkel⸗ ten in Enthuſiasmus und ihre Augen waren pur⸗ purroth gefaͤrbt. Sie ſtrahlten in goͤttlicher Schoͤne, ſo daß man haͤtte glauben ſollen, zwei Erzengel ſtiegen den hei⸗ ligen Berg herab. Cavalier erblaßte, denn er erkannte Cöleſte und Gabriel. „Mein Bruder! Meine Schweſter!“ rief er, indem er beide Haͤnde gegen die Kinder ausſtreckte, als ſie ſchnell an ihm voruͤbereilten. Aber Cöleſte und Gabriel erkannten ihn nicht, ſo ſehr waren ſie von ihrer Ekſtaſe hingeriſſen. Sie warfen im Voruͤbereilen Cavalier funkelnde Blicke zu, und ohne zu antworten, riefen ſie dann mit kraftiger prophetiſcher Stimme, indem ſie den Weg zur Ebene verfolgten: „Zu den Waffen, Iſrael! Deine Krieger ſtei⸗ gen in das Thal hernieder, wie der Strom von den Bergen! Zu den Waffen!“ Und noch immer laufend verſchwanden ſie dann in den finſtern Windungen des Fußpfades. — 198— „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ wieder⸗ holte Cavalier betaubt, entſetzt, außer ſich durch ſo viele auffallende Ereigniſſe. Und er eilte Cöleſte und Gabriel nach. „Zu den Waffen! Die Hunde werden das Fleiſch der Moabiter zerreißen! Die Pferde werden im Blute ſchwimmen bis an die Bruſt. Zu mir, Lepidoth, zu mir, Raab, zu mir, Balak!“ rief Ephraim. und er ſchwang ſich auf ſein Pferd, ohne es gezäumt zu haben, rief ſeine beiden Hunde, die ein wildes Gebell ausſtießen, ergriff mit der einen Hand ſeine lange Muskete, mit der andern ſeine Kienfackel, und jagte mit entſetzlicher Schnelligkeit den Abhang des Berges herab, immer den beiden Propheten nach und rief dabei mit donnernder Stimme:„Zu den Waffen, Iſrael! Zu den Waffen!“ In dieſem Augenblicke verdoppelte das Gewit⸗ ter ſeine Wuth, und der Blitz traf das Schloß des Glasmachers. XIV. Toinon, die Pſyche. Während die religiöſe Inſurrection die Bevol⸗ kerung der Cevennen in Aufſtand bringt, wollen wir den Leſer zu einem beſcheidenen Wirthshauſe in Alais geleiten, einer Stadt, die ungefähr 10 Stunden von dem Schauplatze der ſo eben geſchil⸗ derten Ereigniſſe entfernt war. Dieſes Wirthshaus, deſſen Zeichen ein Hirten⸗ kreuz darſtellte, wurde von Thomas Reine, einem guten Katholiken, gehalten. Ohne Zweifel waren ausgezeichnete Reiſende an⸗ gelangt, denn vor der Thuͤr des Gaſthofes ſtand eine abgeſchirrte Poſtchaiſe, ſchweißtriefende Pferde, ein Poſtillon, der das erhaltene Trinkgeld zäͤhlte, und ein Lakai, in der Tracht eines Vorreiters, wel⸗ cher einer muntern flinken Kammerjungfer einige Cartons abpacken half. Ein junger ſehr kleiner, ſehr dicker Menſch, — — 200— mit gemeinem, uͤbermuͤthigem Geſicht und in laͤ⸗ cherlich mit Stickereien uͤberladenen Reiſekleidern fuͤhrte dabei die Aufſicht. Da er fuͤrchtete, daß einer der Kaſten, welche auf dem Verdeck des Wagens ſtanden, nicht vor⸗ ſichtig genug heruntergenommen werden mochte, ſtieg der dicke junge Mann entſchloſſen auf eines der Räder, indem er zu dem Lakai ſagte:„Dick⸗ kopf! Nimm Dich doch in Acht, Mascarille; das iſt ja das Käſtchen mit den wohlriechenden Sachen von Marcoal, und—“ „Ich habe den Herrn ſchon mehrmals gebeten, mich nicht Du zu nennen,“ ſagte der große Lakai, indem er ſeinem Herrn zugleich ehrerbietig und un⸗ verſchaͤmt in das Wort fiel.„Ich habe das Haus des Herrn Herzogs von Nevers nur unter dieſer Bedingung verlaſſen, um bei Ihnen in Dienſte zu treten.“ „Nun, nun, gut, Mascarille, geben Sie nur auf das Kaͤſtchen Acht,“ ſagte der junge Mann errothend. „Sie wiſſen alſo nicht, Herr Tabogreau,“ ſagte das braune Kammerkätzchen boshaft lächelnd, wo⸗ bei es zwei Reihen der ſchoͤnſten Zähne zeigte, „Sie wiſſen alſo nicht, daß Herr von Mascarille ſeinen Herren nur dann erlaubt ihn zu duzen, wenn ſie Herzoge ſind;— und ich weiß nicht ein⸗ mal, ob er dieſes Vorrecht den Herzogen durch Di⸗ plom gewährt.“ „Schweigen Sie, Cerbinette,“ ſagte Herr Ta⸗ boureau zornig. In dieſem Augenblicke ließ eine liebliche Stimme mit dem Ausdrucke wachſender Ungeduld die Worte ertönen: „Herr Taboureau, Herr Taboureau, Herr Ta⸗ boureau!“ Auf den erſten Ruf hatte der gluͤckliche Beſitzer die⸗ ſes ſchönen Namens ſein Auge ſchnell nach dem Fenſter erhoben, aus welchem die Stimme zu kommen ſchien; auf den zweiten Ruf antwortete er:„hier bin ich ſchoͤne Pſyche,“ aber dabei verlor er das Gleichge⸗ wicht, und bei dem dritten Rufe war er ſchwerfal⸗ lig von dem Rade herabgeſprungen, und das Käſt⸗ chen mit wohlriechenden Eſſenzen, das er gehalten hatte, zerſchlug mit lautem Krachen. Bei dem vier⸗ ten Rufe endlich ſtuͤrzte er in das Wirthshaus, indem er antwortete:„hier bin ich, hier bin ich, hier bin ich!“ Denn die huͤbſche Stimme rief noch immer Taboureau, und zwar in einem Tone, der dem höchſten Zorne nahe kam. Als Herr Taboureau in das beſte Zimmer des Gaſthauſes trat, kam ihm Toinon, die Pſyche, denn dieſe war die Rufende, ſehr gereizt durch die Lang⸗ ſamkeit ihres dicken Ritters, entgegen. Toinon war hochſtens 20 Jahr alt; ihr kleiner zierlicher Körper war von jugendlicher Anmuth, von ſo ideeller Vollkommenheit, daß der König Ludwig XIV., vor dem Toinon in einem Zwiſchenſpiele die Pſyche dargeſtellt hatte, ſich nicht enthalten konnte, als er den Tanz dreſes reizenden Geſchöpfes ſah, auszurufen: „Das iſt gewiß Pſyche ſelbſt!“ Von dieſem Tage an nannten die Leute vom Hofe und von gutem Tone Toinon nicht anders, als die Pſyche, und verdunkelte ſie die beruͤhmten Taͤnzerinnen Pöcourt und Desmätins, welche bis dahin in dem Sylphidentanze der goldenen Bild⸗ ſaule, einem Ballet jener Zeit, ihre Nebenbuhlerin⸗ nen geweſen waren. Es war unmoͤglich, etwas Reizenderes und zu⸗ gleich etwas Unſchuldigeres und Muntereres zu ſe⸗ hen, als die friſche und heitere Miene Toinons. Ihre hellbraunen Haare umſchloſſen ihre ſchnee⸗ weiße Stirn. Unter zwei ſchmalen braunen Au⸗ genbrauen funkelten, von langen ſchwarzen Wimpern beſchattet, zwei große graublaue Augen, welche je nach der Laune Toinons vor Bosheit glaͤnzten, oder ſchmachtend ſich mit Thränen fuͤllten. Ein kleines Stutznäschen, ſpoͤttiſch, dummdreiſt, deſſen roſige Spitze bei der geringſten Bewegung ſich kaum merklich bewegte, belebte die reizende Anziehungs⸗ kraft des koſtlichen, runden, weißen, purpurgefaͤrbten Geſichtes, deſſen feuchte, rothe, quellende Lippen Bosheit und Sinnlichkeit athmeten. Toinon kannte weder Vater noch Mutter. Ihre Lebensgeſchichte war einfach. Als Findelkind in ei⸗ ner der Straßen des Marais zu Paris von — Taſchenſpielern aufgefunden, folgte ſie der Ti derſelben bis zum Alter von 15 Jahren. Tages ſah Fruillet, Balletmeiſter des Hot gund, Toinon auf dem Koͤnigsplatze tanzen Anmuth und Kindlichkeit des Maͤdchens fie auf, und er machte den Taͤnzern den Vorſchlag, ſie ihm zu uͤberlaſſen. In kurzer Zeit machte Toinon bei dem Unterrichte dieſes Lehrers reißende Fort⸗ ſchritte; ſie tanzte in allen Zwiſchenſpielen, und wurde endlich von dem Koͤnige bemerkt, der durch ein Wort das Gluͤck des Kindes machte, indem er ſie Pſyche nannte. Von dieſem Tage an und durch dies Wort war Toinen in der Mode. Moraliſch genommen gehoͤrte Pſyche ſtark zu der Schule der Marion Delorme und der Mll. de L'Enclos; wenn ſie gleich ihren ſchoͤnen Vor⸗ bildern im Allgemeinen nicht viel auf Treue hielt, ſo hatte doch auch Toinon ihre Beguͤnſtigten ſtets unter den Männern der vornehmſten Geſellſchaft gewählt. Ihre letzte Liebe, oder vielmehr die erſte und einzige Leidenſchaft, die ſie in ihrem Leben ge⸗ fuͤhlt hatte, war fuͤr den Marquis Tancred von Florac geweſen, den wir an der Spitze der Drago⸗ ner von St. Sernin als Eskorte des Erzprieſters ſahen. Der Marquis Tancred war in jeder Be⸗ ziehung fähig, eine ſolche Neigung einzufloͤßen. Nie⸗ mand that es ihm in der Weite der blonden Pe⸗ ruͤcke, in der nachläſſigen Kuͤhnheit, die Bruſt blos — 204—. zu tragen, in der Pracht ſeiner Equipagen, Kleider und Spitzen zuvor. Er war Mechelner vom Kragen bis zum Kniee, und konnte verfuͤhreriſche Waffen aus ſeinen Tabatieren, Uhren, Gewuͤrzbuͤch⸗ ſen machen, von ſo wuͤthend gutem Geſchmack waren ſie. Stets mit Spaniol voll geſtopft, ſtets be⸗ trunken, ein großer Brellanſpieler, gewandter Fech— ter, gefährlich im Ballſpiel, die Laute ſpielend wie ein Erzengel, eine Courante oder einen Characterpas, wie L'Etany*) ſelbſt tanzend, hatte der Marquis Tancred, ſpoͤttiſch, glaͤnzend, verwegen wie er war, zahlloſe galante Abenteuer gehabt, aber ſtets nur un⸗ ter der feinen Bluͤthe der Frauen vom Hofe, denn wie die Peſt floh er die Robe, die Buͤrgerinnen, und die Schauſpielerinnen. Toinon hatte oft ſeufzend den ſchoͤnen Tancred betrachtet, wenn er ſeine Spitzen, ſeine Bänder und ſeine Peruͤcke hinter den Couliſſen zeigte, von wo er die Schauſpieler unverſchaͤmt unterbrach. Aber der Marquis war gegen die koketten Zuvorkommenhei⸗ ten der Pſyche kalt wie Marmor geblieben. Eine ſo geringſchätzende Gleichguͤltigkeit mußte einen ſo gluͤhenden und thoͤrichten Kopf, wie den der Toinon, außer ſich bringen. Sie verfolgte ihren Plan ſo eifrig und ſo geſchickt, daß der ſchoͤne Tancred faſt wider Willen gluͤcklich wurde. Das Gluͤck veränderte nichts in dem geringſchaͤtzenden *) Ein berühmter Tänzer jener Zeit. — 205— Weſen, durch welches er das arme Geſchöpf fortwäh⸗ rend betruͤbte. Sei es nun Unwille, ſei es Geiſtes⸗ widerſpruch, ſei es wirkliche Liebe, genug, ungeachtet der Unverſchaͤmtheiten, ungeachtet der Haͤrte des Marquis empfand dieſes Mädchen, welches nie ein anderes Geſetz anerkannt hatte, als ihre wechſeln— den Launen, ein inniges, eiferſuͤchtiges aber demuͤ⸗ thiges und ergebungsvolles Gefuͤhl, kurz ſie empfand fuͤr ihn alle die heftigen Symptome einer erſten Leidenſchaft. Die Leute des Hofes, welche ihre ge⸗ wöhnliche Geſellſchaft bildeten, wurden allmählig entfernt. Reich genug, um das Theater zu ver⸗ laſſen, lebte Toinon in der Zuruͤckgezogenheit gluͤck⸗ lich, außer- ſich gluͤcklich, wenn Tancred ihr eine Stunde ſchenkte, ohne ſie zu grauſam uͤber ihren Ge⸗ ſchmack einer buͤßenden Magdalene zu necken. Dieſe von der Seite Tancreds ſorgloſe und bei⸗ nahe rohe, von der Seite Toinons ſchuͤchterne und beinahe ergebene Verbindung währte drei Monate. Nach Verlauf dieſer Zeit ſah ſich der Marquis ge⸗ noͤthigt, zu ſeinem Regimente in Cevennen zu gehen. Die Verzweiflung Toinons war um ſo bitte⸗ rer, da der Marquis Tancred wie ausgelaſſen lachte, als das arme Mädchen von dem entſetzlichen Kum⸗ mer ſprach, ſich von ihm trennen zu muͤſſen. Eines Tags hatte ſie die Unverſchämtheit ſogar ſo weit getrieben, zu weinen, aber der Marguis er⸗ kläͤrte ihr feierlich:„Primo, daß die ſchönſten Au⸗ 6 — 206— gen der Welt häßlich wurden, wenn ſie roth wä⸗ ren; ſecundo, daß dieſes Weſen einer verlaſſenen Ariadne, welches die Tänzerinn in Bezug auf ihn annahm, ſehr lächerlich zu werden drohte. Von dieſem Tage an ſuchte Toinon ſtets hei⸗ ter zu ſcheinen, wenn Tancred ſie beſuchte. Als der Marquis fort war, empfand Toinon die heftigſten Schmerzen; ihre Liebe ſteigerte ſich ſo ſehr, daß ſie auf die Gefahr hin, unbarmherzig fortgejagt zu werden, den Beſchluß faßte, Tancred aufzuſuchen, den ſie dann auch ausfuͤhrte. Claude Taboureau hatte ſie unter folgenden umſtanden zu ihrem Ritter erwählt: Taboureau, der Sohn eines Pächters der Salz⸗ ſteuer, hatte ein ungeheures Vermoͤgen ererbt. Er wollte den großen Herrn ſpielen, und da er ſich in Toinon leidenſchaftlich verliebt hatte, machte er da⸗ mit den Anfang, ihr ein Potoſien zu bieten, aber Toinon ließ ihn wie einen Spießbuͤrger, der er war, vor die Thuͤr werfen. Als aber Toinon ihre Reiſe nach den Ceven⸗ nen antreten wollte, fand ſie die Wege zu gefähr⸗ lich fͤr zwei Frauen allein, denn ſie nahm Nie⸗ mand als ihre Kammerzunfer Cerbinette mit ſich; deshalb ließ ſie Taboureau zu ſich rufen, und ſagte ihm: „Herr Taboureau, Sie behaupten, daß Sie mich lieben.“ — 207— „Mehr als meine Seele, ſchöne Pſyche! So wahr Niemand auf der Welt ſo vortreffliche Pas macht, als Sie, ſo wahr bin ich Ihnen mit Leib und Seele ergeben.“ „Beweiſen Sie es mir. Ich gehe nach Lan⸗ guedoc, den Marquis von Florac aufzuſuchen; da ich mit Cerbinette in meinem Wagen allein bin, furchte ich mich; begleiten Sie mich.“ „Grauſame Tiegerin, was ſchlagen Sie mir da vor?“ „Ein Ja oder ein Nein verlange ich, Herr Taboureau. Ich ſpreche offen mit Ihnen; entſchei⸗ den Sie ſich.“ Nach mehreren fuͤr ſeine Eigenliebe höchſt deh⸗ muͤthigenden Bedenklichkeiten hatte Taboureau end⸗ lich den Vorſchlag Toinons angenommen, indem er dachte, es ſei nichts beſſer, als zu ſeinen Freunden bei einem Spaziergange durch die Tuilerien ſagen zu können:„Ich verreiſe morgen mit der Pſyche!“ Er willigte daher ein, Toinons Cicisbeo zu machen, und reiſte mit ihr ab, indem er ſeinen Lakei Mascarille mitnahm, der den Vorreiter machte und den er dem Herzoge von Nevers um ſchweres Geld abſpenſtig gemacht hatte. Während des ganzen Weges machten ſich Toi⸗ non und ihre Zofe beſtändig luſtig uͤber die ab⸗ ſcheuliche Dicke des Herrn Taboureau, der ſich gleich⸗ wohl in eine Ecke des Wagens ſchmiegte, um — 208— Cerbinetten nicht zu erdruͤcken, die zwiſchen ihm und der Pſyche ſaß. Endlich langten die Reiſenden in Alais an, wo Toinon die noͤthigen Nachrichten zu erlangen hoffte, um den Marquis aufzufinden, denn ſchon in Mont⸗ pellier hatte ſie erfahren, daß die Dragoner gegen die Gebirge der Cevennen vorgeruͤckt wären. Das war alſo Toinon die Pſyche, welche Herrn Tabonreau ſo ungeduldig gerufen hatte. Der Cicisbeo trat ſchnell in das Gaſtzimmer und fand Toinon viel huͤbſcher, viel verfuͤhreriſcher als je, ſo ſchoͤn kleidete ſie ihr Reiſekleid von perl⸗ grauem Taffet mit einem Kopfputz von demſelben Zeuge. XV. Die Nachrichten. „Aber, Herr Taboureau, Sie ſind unertraglich,“ ſagte Toinon, indem ſie mit ihrem kleinen Fuße vor Zorn den Boden ſtampfte;„zum zehnten Male habe ich Sie nun ſchon gerufen.“ „Tigerin,“ antwortete der Cicisbeo ganz außer Athem,„wenn man kein Vogel, kein Sylphe iſt, kann man nicht ſchneller ſein.“ „Ja, gewiß, Sie ſind leicht und ſchnell wie ein Sylphe, ich zweifle nicht daran.— Welche Zeit iſt es?“ Claude zog aus ſeiner Weſte eine uhr, die we⸗ nigſtens zwei Zoll dick war, und antwortete:„Ein Viertel auf vier Uhr.“ „Wir wollen uns nach dem Wege erkundigen,“ ſagte Toinon mit beſtimmtem Tone,“ und um 4 Uhr reiſen wir weiter.“ „Wieder abreiſen! Um vier Uhr!“ ſchrie Tabou⸗ reau;„aber, Tigerin, bedenken Sie ha⸗ Krieg in den Cevennen. 14 ben nicht gefruͤhſtuͤckt, nicht zu Mittag gegeſſen, und nun wollen Sie auch, daß wir nicht zu Abend eſſen ſollen?“ „Mein Gott, fruͤhſtuͤcken Sie, eſſen Sie zu Mit⸗ tag und zu Abend, ſo viel Ihnen gut duͤnkt, aber ſeien Sie um 4 Uhr bereit, das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ „Es waͤre uͤbrigens, glaube ich, ſehr ſchwie⸗ rig, ſchone Tigerin, in dieſem Wirthshauſe das No⸗ thige zu den drei Mahlzeiten zu finden; hochſtens wuͤrde es an Mitteln zu einer einzigen genuͤgen; aber alle Ihre Kiſten ſind abgepackt, und—“ „Nun gut, ſo laſſen Sie ſie wieder aufpacken. Das iſt hinlaͤnglich.“ „Aber, Mademoiſelle!“ rief Taboureau unge⸗ duldig. „Was bedeutet das, mein Herr?“ ſagte die Pſyche mit majeſtätiſch zornigem Weſen.„Sie zö⸗ gern, mir zu gehorchen? Weshalb bleiben Sie? Wer haͤlt Sie bei mir zuruͤck? Wenn meine Art zu reiſen Ihnen unbequem erſcheint, ſo gehen Sie, wenn aber nicht, ſo gehorchen Sie mir.“ „Aber bedenken Sie doch, daß Sie ſeit unſerer Abreiſe von Paris nur eine Nacht in Lyon geblie⸗ ben ſind; Sie muͤſſen gewaltig ermuͤdet ſein; gön⸗ nen Sie ſich daher wenigſtens hier einige Stunden Ruhe.“ „Ich bin nicht ermuͤdet. Das Verlangen, zu S von Florac zu kommen, erweckt eine gluhende — 211— Ungeduld in mir, das iſt wahr, aber dieſe Unruhe wird nicht verſchwinden, ehe ich ihn ſehe, ehe ich es weiß, ob er mir erlaubt, bei ihm zu bleiben. Ich muß deshalb ſo bald als möglich zu ihm gelangen.“ „Sie haben keinen Schatten von Mitleid“ rief der ungluͤckliche Taboureau.„Sie bedenken nicht, grauſames Weib, welche Leiden Sie mir auferlegen, indem Sie ſo ſprechen.“ „Und weshalb ſollte ich anders ſprechen? Habe ich Ihnen den Zweck meiner Reiſe verhehlt? Habe ich Ihnen meine Liebe, die einzige Liebe, die ich je empfand, die ich je in meinem Leben empfinden werde, verhehlt?“ ſagte die Pſyche traurig.„Ich habe mich an Sie wie an einen Freund, wie an einen Bruder gewendet. Sie haben ſich bisher groß⸗ muͤthig und gut gezeigt; doch wenn dieſe Rolle Sie langweilt, ſo gehen Sie.“ „Gehen Sie! Gehen Sie! Sie wiſſen recht gut, daß ich nicht gehen kann; ein teufliſcher Zauber feſſelt mich an Ihre Schritte. Wenn ich mir auch wiederhole, daß Sie mich nicht lieben, daß Sie mich nie lieben werden, daß Sie für einen Andern be⸗ hert ſind, ſo hilft das Alles nichts; ich bin bei Ihnen, das entzuͤckt mich, und das Uebrige ver⸗ geſſe ich.“ „Nun, nun, mein guter Herr Taboureau,“ ſagte die Sirene, indem ſie ihren weichen Ton an⸗ nahm und ihre zarte weiße Hand Taboureau zum Kuſſe reichte:„Täuſchen Sie ſich nicht: Sie blei⸗ — 212— ben bei mir, weil Sie wohl wiſſen, daß ich Sie als meinen beſten Freund liebe, und daß in Er⸗ mangelung eines zaͤrtlicheren Gefüuͤhles die Freund⸗ ſchaft auch ihren Werth hat.“ „Sie lieben ihn alſo recht ſehr?“ ſagte der arme Taboureau mit verzweiflungsvollem Tone. „Ob ich ihn liebe! Ob ich ihn liebe! Doch, nein, nein, Sie wuͤrden mir wieder den Vorwurf machen, daß ich grauſam bin. Sprechen wir nicht. mehr davon, mein Freund.“ „Sie haben recht, Tigerin, denn das iſt ab⸗ ſcheulich! Ich fuͤhle mich von Eiferſucht und Neid verzehrt, und ungluͤcklicher Weiſe macht der Kum⸗ mer mich nicht einmal magerer. Ich glaube wahr⸗ haftig, daß ich aus reiner Wuth noch dicker werde; aber hoͤren Sie meine Rathſchläge an, denn ich er⸗ theile ſie Ihnen in Ihrem eigenen Intereſſe. Ohne Zweifel ſind Sie noch immer reizend, ohne Zweifel ſind Sie noch immer die anbetungswuͤrdige Pſyche, aber zu ihm muͤſſen Sie mit allen Ihren Reizen geſchmuͤckt kommen. Die Anſtrengungen einer lan⸗ gen Reiſe, Ihre Aufregung, Ihre Beſorgniß, haben Ihre Friſche etwas vermindert, waͤhrend ein oder zwei Tage Ruhe ſie Ihnen zuruͤckgeben wuͤrden.“ „Einen Spiegel, einen Spiegel,“ rief Toinon ängſtlich. Vergebens ſuchte Taboureu in dem oͤden, leeren Zimmer nach einem Spiegel. Er wollte deshalb nach dem Wagen gehen, um aus einem Reiſekäſt⸗ — 213— chen das Nöthige zu holen, als auf dem Platze ein ziemlich heftiges Geräuſch entſtand. Taboureau trat an das Fenſter, horchte einen Augenblick und rief dann aus:„Schone Tigerin, da iſt etwas, was uns intereſſirt; hoͤren Sie!“ Toinon eilte an das Fenſter. Auf dem Markte war eine ziemlich große Menge von Bauern und Buͤrgern verſammelt und ſchien in lebhafter Aufregung zu ſein. Faſt Alle ge⸗ hoͤrten der katholiſchen Religion an, und aus dem dumpfen Gemurmel hoͤrte man die Worte hervor: „Zum Teufel die Pſalmenſaͤnger!— Wieder der Buͤrgerkrieg! Weshalb vernichtet man dieſe verwuͤnſch⸗ ten Fanatiker nicht ein fuͤr alle Mal!“ Einige Religionaren, durch ihre ſchwarze oder braune Kleidung kenntlich, hoͤrten, ohne unruhig zu werden, dieſe feindlichen Aeußerungen an, und gin⸗ gen mit ernſtem ruhigem Weſen unter der Gruppe einher. Plötzlich brachen die Buͤrger in das Geſchrei aus:„Es leben die Dragoner von St. Sernin!“ „Das Regiment Tancreds!“ ſagte Toinon und lauſchte mit der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit. In dieſem Augenblicke ſah man eine der Stra⸗ ßen, welche uͤber den Platz fuͤhrten, einen Reiter in Begleitung eines Trompeters kommen; beide tru⸗ gen die Uniform der Dragoner von St. Sernin. Sie konnten ſich kaum durch die dicht gedrängte — 214— Maſſe, welche ſie mit Fragen beſtuͤrmte, einen Weg bahnen. „Herr Dragoner, iſt es wahr, daß die Berg⸗ bewohner ſich im Weſten empört haben?“ ſagte der Eine. „Braver Trompeter, man ſagt,„es ſollen auf dem Berge Aygoal noch entſetzliche Wunder geſche⸗ hen,“ fragte ein Anderer.„Wißt Ihr davon etwas?“ „Wuͤrdiger Brigadier, iſt es wahr, daß die Re⸗ formirten der Ebene von Hort-Pion die katholiſchen Kirchen jenes Landes in Brand geſteckt haben?“ erwiderte ein Dritter. „Scheert Euch zum Teufel in die Hölle,“ rief der Brigadier Laroſe ſtatt einer Antwort; dabei ſpornte er ſein Roß, um es zu Spruͤngen und Ca⸗ priolen zu reizen, und ſich dadurch Platz zu machen. Da er die Nutzloſigkeit ſeiner Bemuͤhungen ſah, denn die Menge wuchs mit jedem Momente, und ſchien entſchloſſen ihre Gewalt zu benutzen um den Brigadier zu zwingen, ihr Nachrichten von der In⸗ ſurektion zu geben, gebot Laroſe ſeinem Trompeter, einige Mal in ſeine Trompete zu ſtoßen, um da⸗ durch die Aufmerkſamkeit der Einwohner zu ver⸗ langen. „Der Dragoner will ſprechen! Still, ſtill,“ rie⸗ fen die, welche die Reiter zunächſt umſtanden. „Ah, ah,“ rief die Menge, mit dem Gemur⸗ mel wachſender Zufriedenheit, und dazu tönte aufs — 215— Neue hier und dort das Geſchrei:„Es leben die Dragoner von St. Sernin!“ Laroſe hob ſich in den Steigbuͤgeln in die Höhe, machte eine gebieteriſche Bewegung und ſagte „Buͤrger und Einwohner, ich fordere Euch auf, mir freien Durchzug zu gewähren, im Namen des Kö⸗ nigs und meines Capitains, des Herrn Margquis von Florac, der mich in aller Eile zu dem Herrn Intendanten nach Montpellier ſendet.“ „Mein lieber Taboureau,“ ſagte Toinon,„ge⸗ hen Sie ſchnell hinunter und ſagen Sie den Sol⸗ daten, daß er hinauf koͤmmt. Geben Sie ihm den Louisd'or hier. Gluͤck des Himmels, ich ſoll Nach⸗ richten von meinem Tancred erhalten!“ Taboureau ging ſeufzend hinunter und wagte ſich durch die Menge, um den Dragoner zu ſpre⸗ chen, der noch immer vergebens durchzu ringen for⸗ derte. „Der Dragoner muß uns ſagen, was ſich im Weſten und in den Bergen zugetragen hat,“ riefen die Hartnäckigen, indem ſie ſich um den Reiter drängten, der ſich mit den Spitzen ſeiner ſteifen Stiefeln und mit den Sporen wehrte, um die Neu⸗ gierigen zuruͤckzutreiben. Als ihm dies nicht gelang, gebot er, im hochſten Gräde ungeduldig, ſeinem Trom⸗ peter, noch ein Mal Apell zu blaſen. „Er will ſprechen, er will ſprechen!“ rief die die Menge mit dem freudigen Tone befriedigter Neugier. „Buͤrger und Einwohner,“ ſagte Laroſe, indem er die Pferdedecke zuruͤckwarf und eine Piſtole aus dem Sattel zog,„da Ihr dabei beharrt, Euch um mich zu drangen, wie eine Heerde verirrter Ham⸗ mel, obgleich ich Euch im Namen des Königs und meines Capitains gebeten habe, mich durchzulaſſen, will es verſuchen, eine Kugel aus meiner Piſtole wie eine verlorene Schildwache vorauszuſchicken, um zu ſehen, ob ſie mir Platz machen wird.“ Dabei zog der Brigadier den Hahn ſeiner Pi⸗ ſtole auf und gebot dem Trompeter, ſeinem Bei⸗ ſpiele zu folgen. Die Wirkung dieſer Drohung war plotzlich und wunderbar; denn der Strom des Volkes draͤngte ſich mit Haſt zuruͤck, weil die, welche dem Briga⸗ dier zunächſt ſtanden, am meiſten fuͤrchteten getroffen zu werden; die beiden Dragoner konnten jetzt frei uber den Platz reiten. Als ſie vor der Thuͤr des Gaſt⸗ hofes waren, näherte ſich Taboureau Laroſe„ druͤckte ihm einen Louisd'or in die Hand und ſagte:„Mein braver Dragoner, dort oben iſt eine hubſche Dame, die ein Wort uͤber Euren Capitain mit Euch zu ſprechen wuͤnſcht, und die hofft, daß Ihr und Euer Trompeter einige Erftiſchungen zu Euch nehmen werdet, deren Ihr gewiß bedurft.“ „Mein Trompeter hat kein anderes Beduͤrfniß, als das, mein Pferd zu halten,“ ſagte Laroſe, in⸗ dem er ſeinem Reiſegefährten die Zugel zuwarf und vom Pferde ſtieg.„Fuͤhrt mich alſo ſchnell zu —,——— der ſchoͤnen Dame, mein braver Herr, denn ich muß noch vor Mitternacht in Montpellier ſein.“ Und zierlich ruͤckte Laroſe ſeine Uniform zurecht, ſtäubte ſein Wamms mit dem buͤffelledernen Hand⸗ ſchuh ab, wiſchte den Staub von ſeinen Stiefeln, drehte ſeinen langen Bart zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger ſeiner linken Hand, und folgte Taboureau. Als der Dragoner in das Zimmer trat, ſah er nicht ohne einige ſinnliche Aufregung auf einem klei⸗ nen, ſehr zierlich geordneten Tiſche eine Paſtete mit vergoldeter Kruſte, ein Brod, weiß wie Schnee und eine beſtäubte Flaſche Burgunder, welche Cerbinette, die ſchwarze Zofe, abwiſchte. Der Cicisbeo ſchnitt ein abſcheuliches Geſicht, als er die einzige Hoffnung ſeines Abendeſſens der Gefräßigkeit des Soldaten preisgegeben ſah. „Aber, Tigerin,“ ſagte er mit leiſer Stimme, indem er ſich Toinon näherte,„es bleibt uns durch⸗ aus nichts uͤbrig, als dieſe Paſtete von Feigendroſ⸗ ſeln mit Rosmarin; ein ſölcher Narr iſt unfähig, eine ſolche Delikateſſe zu wuͤrdigen; ich habe ſelbſt einen Wolfshunger und—“ Aber ohne ihm zu antworten ſagte Toinon, in⸗ dem ſie gegen den Brigadier auf einen Stuhl deu⸗ tete:„Guter Soldat, ſetzt Euch dort, und Du, Cerbinette, ſchenk' ihm zu trinken ein.“ Cerbinette ließ mit Zierlichkeit den Stöpſel von der Flaſche ſpringen, indem ſie ihm mit ihren niedlichen — 218— Fingern ein Schnipschen verſebte und ſchenkte dann dem Dragoner das koͤſtliche rothe Maß ein. Die⸗ ſer, der noch immer ſtand, nahm das Glas in die rechte Hand, gruͤßte mit der linken, und nachdem er das Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte, ſagte er galant zu Cerbinette, wie in einem Im⸗ promptu: „Auf Deine Schönheit trink' ich dies leer, Doch, alle Wetter, ich möchte noch mehr!“ Hierauf beſichtigte er einen rubinrothen Tro⸗ pfen, der noch auf dem Boden ſeines Glaſes zu⸗ ruckgeblieben war, und ſagte dann mit Kennermiene, indem er mit der Zunge in den Gaumen ſchnalzte: „Alle Wetter, das iſt ein kleiner Landwein, der ei⸗ nen Wahnſinnigen zum Trinken bringen könnte.“ „Der Wilde!“ ſagte Taboureau.„Echter Nek⸗ tar von Vaugeot und aus dem Keller von Villau⸗ dry, vom Jahre 1684. Das nennt er Landwein! Ei, Du brauchteſt Wein von Cahors, um Deinen groben Schlund zu kitzeln, Elender, denn Du haſt einen Geſchmack wie ein Trichter.“ „Bediene ihn, Cerbinette,“ ſagte Toinon;„nach einem langen Ritt in den Gebirgen muß der arme Soldat einen tuͤchtigen Hunger haben.“ „Der arme Soldat!“ wiederholte Taboureau geringſchätzend, und fuͤgte dann hinzu:„Ich kann Sie verſichern, ſchoͤne Pſyche, daß eine Reiſe im Poſtwagen, wenn man weder gefruhſtuͤckt noch zu — 8 — Mittag gegeſſen hat, wenigſtens eben ſo viel Ap⸗ petit macht, wie ein Ritt durch die Gebirge.“ und ſchmerzvoll ſah der Cicisbeo, wie Cerbinette die Paſtete zerſchnitt und davon dem Soldaten ein tuͤchtiges Stuͤck vorlegte. „Legt Euch keinen Zwang auf,“ ſagte der wuͤr⸗ dige Laroſe, indem er den Cicisbeo einlud, ihm gegenuͤber Platz zu nehmen.„Habt Ihr Luſt, ſo ſetzt Euch dorthin. Es wird fuͤr Euch ſchon noch genug uͤbrig bleiben.“ Aber Claude, der die Geſellſchaft eines Solda⸗ ten fuͤr zu ſehr unter ſeiner Wuͤrde hielt, dankte dem Soldaten, indem er halblaut rief:„Die Peſt uͤber den Schlingel, der mir von meiner eigenen Paſtete etwas anbietet!“— Dann fugte er hinzu, indem er ſah, mit welcher Thätigkeit Laroſe das erſte Stuck verſchwinden ließ,„der Gierhals achtet nicht einmal auf das, was er ißt, und ſchlingt es hinter, als wäre es ein gemeines Gericht.“ Toinon, welche hoffte, daß ihre freundliche und ſubſtantielle Bewirthung Laroſe mittheilend machen wuͤrde, richtete bald ſchnell nach einander die fol⸗ genden Fragen an ihn: „Sagen Sie mir, Herr Dragoner, wann haben Sie den Herrn Marquis von Florac verlaſſen? Wo er jetzt? Befindet er ſich wohl? Iſt er nicht in Gefahr?“ Laroſe antwortete, freilich mit vollem Munde, aber ſehr kategoriſch, auf dieſe Fragen: — 220— „Ich habe den Herrn Marquis heute Morgen um 3 Uhr verlaſſen; er iſt mit ſeiner Compagnie in Pont de Mont⸗Vert; er befindet ſich wie ein Carmeliter und laͤuft keine Gefahr; die großhuͤtigen Schreihälſe muͤßten denn irgend einen böſen Streich auf die Abtei ausfuͤhren.“ „Was ſagt Ihr, gerechter Himmel?“ rief Toinon erſchrocken,„irgend einen böſen Streich? Erklaͤrt Euch deutlicher.“ Nachdem Laroſe einen Augenblick gezoͤgert hatte,. ſagte er mit leiſer Stimme, indem er auf Tabou⸗ reau deutete:„Hoͤren Sie, meine ſchöne Dame,. es iſt hier Jemand zu viel, und zwar der dicke ge⸗ ſtickte Herr da, der mit dem Auge jedem meiner* Biſſen folgt wie ein Hund, der ſeinen Herrn eſſen ſieht; laſſen Sie ihn doch meinem Trompeter und meinem Pferde Geſellſchaft leiſten; das wird alle 3 Drei unterhalten;— und wenn wir allein mit Mademoiſelle ſind—“ dabei deutete er auf Cerbi⸗ nette,„will ich Ihnen Alles ſagen.“ „Taboureau, mein Freund,“ ſagte die Pſyche, „ſehen Sie doch nach, ob man daran gedacht hat, dem armen Trompeter etwas zu geben.“ „Ei, zum Henker, Madame, der arme Trom⸗ peter braucht nichts, denn dieſer zweite arme Mann, ſein Gefährte, hat fuͤr ſie Beide gegeſſen!“ rief Taboureau mit ausbrechendem Zorne.„Zum Teu⸗ fel mit den armen Soldaten!“ „Ich habe allein mit dem Soldaten zu ſpre⸗ „— — 221— chen,“ ſagte Toinon,„gehen Sie, ich bitte Sie darum.“ „Aber, alle Wetter!“— „Nun gut, ſo gehe ich in ein anderes Zim⸗ mer,“ ſagte Toinon halb ungeduldig, indem ſie aufſtand. Cerbinette oͤffnete die Thuͤr und Taboureau ging zornig hinaus. Der Brigadier ſah ihm ſtirnrunzelnd nach und ſagte dann zu Toinon: „Hätte ich nicht dieſer Paſtete, dieſer Flaſche und Ihnen, meine ſchoͤne Dame, noch etwas zu ſagen, ſo wuͤrde ich auf der Stelle mit dem Dick⸗ wannſt einige Stöße gewechſelt haben, um ihn zu lehren, ſich zu weigern, mit einem Dragoner von St. Sernin ein Glas Wein zu trinken.“ „Achtet auf dieſe Erbärmlichkeiten nicht,“ ſagte Toinon,„ſondern antwortet mir, welche Gefahr Herr von Florac laufen kann.“ „Nun, gut denn, meine ſchoͤne Dame, obgleich mein Capitain mir verboten hat, ehe ich nach Mont⸗ pellier komme, etwas vom Weſten zu erzählen, ſo ſehe ich doch, daß die Toͤlpel von Allem ſo ziem⸗ lich unterrichtet ſind, und daß es morgen kein Ge⸗ heimniß mehr ſein wird; einige Stunden fruͤher oder ſpäter machen alſo nichts aus, und was ich Ihnen ſagen will, werden Sie uͤberdies wohl Nie⸗ mandem mittheilen?“ Toinon ſchuttelte verneinend mit dem Kopfe. ————————— „Nun, ſo erfahren Sie,“ fuhr Laroſe fort,„daß die Pſalmenſänger ſich empoͤrt haben, daß alle Ce⸗ venolen unter Waffen ſtehen, d. h. unter Stöcken, Dreſchflegeln und Heugabeln, denn die Empoͤrer ſollen, wie man ſagt, nicht hundert Musketen ha⸗ ben. Aber das gilt gleich, denn die Bauertolpel ſind ſo wild, daß ſie kopfuber auf einen zuſturzen, mit einer Senſe, an einen Stock gebunden, und einem die ſo dumm durch den Leib rennen, ſo zu⸗ frieden, als wäre es eine wahre Kriegswaffe, z. B. eine Partiſane oder eine Pike! Das heißt, ſehen Sie, meine ſchöne Dame, das iſt zum lachen,“ fuͤgte der Brigadier hinzu, indem er geringſchätzend die Achſeln zuckte. „Heilige Jungfrau, das iſt ja, um die Gaͤnſe⸗ haut zu bekommen,“ ſagte Cerbinette zitternd. „Alſo iſt Herr von Florac der Gefahr ausge⸗ ſetzt, von dieſen Elenden getödtet zu werden?“ rief Toinon mit wachſender Angſt. „Mein Capitain iſt deshalb keiner Gefahr aus⸗ geſetzt, meine ſchöne Dame, aber er kann von ei⸗ nem Augenblicke zum andern aufgefordert werden, dieſe Tölpel zuſammenhauen zu laſſen, denn er iſt in Pont de Mont-Vert mit dem Erzprieſter der Ce⸗ vennen und einer ganzen Maſſe Gefangener im Block. Wenn aber das Gewürm von Mike⸗ lets mitgezählt wird, ſo ſind noch nicht 500 Mann Truppen in der Abtei, und man ſagt, die Empo⸗ rer ſollen ſchon uͤber 2000 Köpfe zählen und die Abſicht haben, die Abtei in Brand zu ſtecken, ihre Bruͤder zu befreien, den Erzprieſter niederzuhauen, und denſelben Dienſt auch meinem Capitain und dem alten Poul zu erweiſen, den ſie fuͤr den Teu⸗ fel in eigener Perſon halten. Davon abgeſehen, iſt eben nichts vorhanden, was man Gefahr nen⸗ nen koͤnnte, doch der Klugheit wegen ſchickt mich mein Capitain nach Montpellier zu dem Herrn von Baville und dem Herrn von Broglio, um Verſtärkungen zu erlangen. „Iſt die Abtei von Pont de Mont⸗Vert ſehr weit von hier entfernt?“ ſagte Toinon nachdenkend. „Zwolf Stunden weit, meine ſchöne Dame; aber was fuͤr Wege! Grade als ginge es zum Teufel!“ „Und haben die Aufruͤhrer die Gegend zwiſchen hier und der Abtei beſetzt?“ fragte Toinon weiter. „Jetzt wenigſtens noch nicht, meine ſchoͤne Dame; ſie wagen ſich noch nicht in das flache Land hinunter, denn, wie man ſagt, haben ihre Propheten, wie ſie ſie nennen, ihnen verboten, einen Fuß uͤber den Umkreis der Diöceſe von Mende zu ſetzen.“ „Was fuͤr Propheten, Herr Dragoner?“ fragte Cerbinette, während ihre Gebieterin in Nachdenken zu verſinken ſchien. „Was die Propheten betrifft,“ erwiderte Laroſe mit geheimnißvollem Weſen,„ſo ſchielt die Ge⸗ ſchichte und hat etwas von Zauberei. Ich habe — 224— keinen geſehen, aber ein Rottmeiſter der 2. Com⸗ pagnie von St. Sernin, der alte Lalanterne, ſah vor acht Tagen einen, der am Gipfel eines Felſens hing. Es ſcheint, ſehen Sie, als wären die Pro⸗ pheten ſo eine Art von Satanskinder, die unter ungeſundem Geſtank Feuer aus Naſe und Mund blaſen; das macht auch, daß die wilden Hugenot⸗ ten ſie ſo ſehr achten und ehren. Es ſcheint, als hätte ſeit einigen Tagen der Teufel eine ganze Bande dieſer Beſeſſenen unter einem Erbeben der ganzen Hoͤlle losgelaſſen.“ Cerbinette faltete voll Entſetzen die Hände und ſagte: „Aber, Herr Soldat, das ſind vielleicht Kobolde?“ „Es muß wohl ſo etwas ſein; denn der alte Lalanterne, welcher ſich in Holland gegen die Eng⸗ laͤnder geſchlagen hat, ſagt, daß die Propheten von derſelben Art ſind, wie dieſe ketzeriſchen Britten, und daß man, bevor man auf einen Propheten oder ei⸗ nen Englaͤnder ſchießt, immer erſt ein Kreuz mit dem Daumen auf den Kolben ſeines Gewehres ma⸗ chen muͤßte. Unter den Führern der aufrähriſchen Hugenotten iſt ein Spitzbube, den der Marquis ſehr gut kennt, ein gewiſſer Johann Cavalier, der Baͤk⸗ ker in Anduze war, und den mein Capitain vor drei Jahren beinahe hätte erſchießen laſſen. Der andere Fuͤhrer dieſer Räuber, der uͤber die Bergbe⸗ wohner gebietet, iſt ein alter Jäger, mit dem Bei⸗ namen der Baͤr von Aygoal.“ — 225— „Wo koͤnnte ich wohl einen Fuͤhrer finden, der mich nach der Abtei von Pont de Mont⸗Vert brächte?“ fragte plötzlich Toinon, welche nicht gehört hatte, was Laroſe ſagte. „Sie wollen nach Pont de Mont Vert gehen? Sie, meine ſchöne Dame? Daran können Sie ge⸗ wiß nicht denken.“ „Wo koͤnnte ich wohl einen Boten finden, noch ein Mal?“ „Nach Pont de Mont⸗Vert gehen!“ wieder⸗ holte Laroſe;„aber bedenken Sie doch, meine ſchöne Dame, daß es beinahe ein Wunder iſt, wenn ich und mein Trompeter auf dem Wege von der Ab⸗ tei hierher nicht angegriffen und ermordet wurden. Der Aufſtand fängt und greift um ſich wie Feuer⸗ ſchwamm, daß man es kaum begreifen kann; die Empoͤrer wachſen in einer Nacht auf allen Seiten hervor wie die Pilze. Morgen vielleicht ſchon ſind die Wege nicht mehr ohne Escorte zu paſſiren, be⸗ ſonders weiter gegen Weſten; in der Gegend nach Montpellier hin, glaube ich, iſt noch Alles ruhig, aber der Teufel ſoll mich holen,“ fuͤgte der Drago⸗ ner hinzu, indem er nach der Richtung deutete, in welcher die Sonne unterzugehen begann,„wenn ich dahin ohne ein wohl bewaffnetes Detachement zuruͤckkehre, eine Vedette zur Avantgarde, eine Ve⸗ dette zur Arrieregarde und mit Seitenpatrouille.“ „So muß ich dieſen Abend, ſo muß ich Krieg in den Cevennen. 15 dieſen Augenblick aufbrechen, während die Wege noch frei ſind,“ ſagte Toinon. Cerbinette ſah ihre Gebieterin zugleich ungläubig und erſchrocken an. „Aber Sie kennen die Raͤuber nicht, meine ſchoͤne Dame,“ ſagte Laroſe ganz verduzt durch dieſe Entſchloſſen;„Sie wiſſen nicht—“ Toinon unterbrach ihn, indem ſie ihm noch ein Goldſtuͤck gab und dazu ſagte: „Ich danke, mein guter Soldat; ich will Euch nicht länger zuruͤckhalten und Eure Gefah⸗ ren vergrößern; lebt ei— Dann ſich beſin⸗ nend fuͤgte ſie hinzu:„Da Ihr ſigt daß die Stra⸗ ßen unſicher ſind, wäre es möglich, daß ich den„ Herrn Marquis von Florac nicht wieder ſähe, Ihr aber werdet gewiß zu ihm kommen. Uebergebt ihm alſo dann dies—“ dabei zog ſie ein kleines Käſt⸗ chen aus der Taſche,„und ſaget ihm, Ihr hättet mich in dem Augenblicke geſehen, als ich aufbrechen wollte, um wo möglich zu ihm zu gelangen. Be⸗ ſonders aber ſagt ihm, wenn es mir nicht gelungen waͤre“— und ſie trocknete eine Thräne, die ihr uͤber die Wange rollte—„ſo hätte es mir weder an feſtem Willen noch an Muth gemangelt.“ Laroſe, der unwillkuͤrlich geruͤhrt war, nahm das Käſichen aus Toinons Haͤnden, und indem er ſie mit Theilnahme und Ehrerbietung anſah, ſagte„ er ſehr ernſt:„Sehen Sie Madame, Laroſe muͤßte„ Arme und Beine verlieren, ſollte er den Befehlen nicht gehorchen, die Sie ihm fuͤr ſeinen Capitain ertheilen.“ Und nach einem militäriſchen Gruße entfernte ſich der Brigadier in ſolcher Verwirrung, daß er nicht zum Lebewohl wieder ein galantes Diſtichen an Cerbinette richtete. Er beſtieg ſogleich das Pferd, und da er die verlorene Zeit wieder einbringen wollte, ſchlug er, von ſeinem Trompeter begleitet, im Galopp die Straße nach Montpellier ein. XVI. Der Führer. Als der Brigadier hinaus war, ſagte Cerbinette zu ihrer Herrin:„Ihr werdet doch wohl hoffentlich nicht daran denken, die Thorheit wirklich zu begehen?“ „Welche Thorheit, Mademoiſelle?“ „Die Thorheit, nach jener Abtei zu gehen, um dort den Herrn Marquis aufzuſuchen. Sich ſo vielen Gefahren ahszuſetzen, hieße Gott verſuchen wollen; wenn wir in die Hände der Ketzer fielen! — Mascarille erzählte mir von dieſen eben Dinge, daß einem die Haut ſchaudert!“ Die Pſyche zuckte mit den Achſeln und ant⸗ wortete ihrer Dienerin ſehr trocken: „Sage dem Wirth, daß er augenblicklich her⸗ auf kommen ſoll.“ Cerbinette ging ziemlich unwillig hinunter und theilte den Befehl ihrer Gebieterin dem Wirthe des Pirtenkreuzes mit, dem wuͤrdigen Thomas Raine, der eben damit beſchaͤftigt war, die verwickelten In⸗ * — 229— ſtructionen des Herrn Taboureau fuͤr ſein Abend⸗ eſſen zu verwirklichen. „Einen Augenblick,“ ſagte der Cicisbeo, indem er einen beträchtlichen Fiſch betrachtete;„da ein glucklicher Zufall dieſe Forelle vom Himmel in Eure Speiſekammer fallen ließ, ſo vergeßt nicht, ſie zu⸗ zubereiten, wie ſie es verdient, d. h. ſie in einer kurzen Bruͤhe von weißem Wein, gewuͤrzt, zu ko⸗ chenz fuͤgt einige weiße Zwiebeln, mit Gewuͤrznel⸗ ken geſpickt, hinzu. Ihr tragt dann auf einer Scheibe geroͤſteten Brotes die gebratenen Wachteln auf, mit Weinblättern gut umwickelt, und als Zwi⸗ ſchengericht das, was Ihr eine Pfanne von wilden Pflaumen nennt, obgleich ich dieſer ſchweren Provin⸗ zial⸗Paſtete ſehr mißtraue,“ fuͤgte Taboureau hinzu, indem er etwas ängſtlich auf den Kuchen zeigte, der eben in den Ofen geſchoben werden ſollte;„das ſieht mir ſehr wenig geblättert aus!“ „Was die Pfanne betrifft, ſo können ſich der gnädige Herr auf mich verlaſſen,“ ſagte der Wirth mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung gegen Ta⸗ boureau, deſſen reichgeſtickte Kleidung ihn bei ihm in gewaltigen Reſpekt ſetzte;„das iſt eine Göt⸗ terſpeiſe.“ „So laßt ſo bald als moͤglich decken, Herr Wirth, denn ich ſterbe vor Hunger. Um Geduld zu ſchö⸗ pfen, will ich einen Gang durch die Stadt ma⸗ chen,“ ſagte Claude, indem er den Wirth verließ; dann fugte er hinzu:„Ich hoffe wenigſtens, daß N — 230— dies Mal kein armer Soldat kommen wird, mein Abendeſſen zu verzehren.“ Thomas Raine ging ſogleich zu der Pſyche hinauf. „Ich moͤchte einen Fuͤhrer nach Pont de Mont⸗ Vert haben und augenblicklich aufbrechen,“ ſagte Toinon zu Thomas. „Nach Pont de Mont⸗Vert, Madame Wiſſen Sie denn nicht, daß die Ketzer im Weſten—“ „Ich weiß Alles, was man davon ſagt, doch das thut nichts; ich will ſogleich nach Pont de Mont⸗Vert aufbrechen, und ſuche einen Fuͤhrer. Kennt Ihr einen, Herr Wirth?“ Thomas Raine zerdruͤckte ſeine Muͤtze zwiſchen den Fingern, kratzte ſich hinter den Ohren und ſagte endlich: „Man fuͤrchtet ſich ſo ſehr vor den Fanatikern, Madame, ſeitdem ſie unter Waffen getreten ſind, daß Sie fuͤr kein Gold der Welt einen Menſchen finden wuͤrden, der bereit waͤre, den Fuß vor die Stadt zu ſetzen. „Aber der Poſtillon, der mich hergebracht hat — kann der mich nicht bis nach Pont de Mont⸗ Vert bringen?“ „Der Poſtillon! Von hier weiter fahren! Und die Nacht bricht an! Ach, Madame, man ſieht wohl, daß Sie hier fremd ſind. Und wenn man den Poſtillons den ganzen Sattel mit Gold be⸗ legte, ſo wuͤrden ſie ſich nicht vyn der Stelle rüh⸗ * —,— — 231— ren. Und die Ketzer! Sie wiſſen alſo nicht, daß der Anblick eines Wagens ſie anlockt, wie der Ho⸗ nig die Fliegen?“ „Welche Feigheit!“ rief Toinon, indem ſie zor⸗ nig mit dem Fuße ſtampfte; nicht einen einzigen Mann von Muth und Entſchloſſenheit finden zu koͤnnen!“ „Wenn Sie bis uͤbermorgen warten wollen, Madame, dann muß von Nimes ein Zug Maul⸗ thiere ankommen, die nach Rouergue gehen; ſie muͤſ⸗ ſen ganz nahe bei Pont de Mont⸗Vert voruber. Wenn Sie ſich nach den beſtehenden Geruͤchten dann noch nach dem Weſten wagen wollen, ſo koͤnnen Sie ihnen folgen.“ „Aber eine Stunde, eine Minute Zoͤgerung, iſt fuͤr mich von verderblichem Einfluſſe. Ich ſage Euch, ich gebe 20, 30 Louisd'or, aber ſchafft mir nur auf der Stelle einen Fuͤhrer.“ Nachdem der Wieth einige Zeit nachgedacht hatte, ſchlug er ſich vor die Stirn und rief:„Viel⸗ leicht wird die arme ſchwarze junge Frau, welche ſagt, daß ſie es ebenfalls ſehr eilig hat, nach dem Weſten zu gelangen, einwilligen, Sie zu begleiten, Madame.“ „Wer iſt dieſe Frau?“ „Ein armes Mädchen in Trauerkleidern, das zu Fuße reiſt. Sie iſt vor ungefähr einer Stunde angekommen und ruht jetzt aus, aber mit Sonnen⸗ untergang will ſie ſich wieder auf den Weg ma⸗ — 232— chen, was man ihr auch dagegen ſagte. Bei dem heiligen Thomas, meinem Schutzpatron, ſie ſieht ganz ſo aus, als fuͤrchtete ſie weder Gott noch den Teufel, weder die Fanatiker noch die Propheten. Was fuͤr ein Mädchen, Jeſus mein Gott! Ein Bruſtharniſch würde ihr beſſer ſtehen, als der Schnuͤrleib.“ „Und wohin geht ſie?“ „Nach St. Andöol de Clerguemot, zwei Stun⸗ den von Pont de Mont⸗Vert. Sie ſehen, Madame, daß es ihr nicht weit vom Wege ſein wird, wenn ſie einwilligt, Sie zu fuͤhren.“ „Und wo iſt das junge Mädchen? Kann ich ſie ſehen? Schickt ſie mir herauf,“ ſagte Toinon lebhaft;„ich werde ihr bezahlen, was ſie verlangt, wenn ſie einwilligt, mir zur Fuͤhrerin zu dienen.“ Thomas Raine ſchuttelte den Kopf. „Das arme junge Maͤdchen ſcheint ſtolzer zu ſein, als die Gemahlin eines Grafen,“ ſagte er. „Als ich ſah, daß ſie zu Fuß reiſte, glaubte ich, ſie ſei nothleidend, und als ſie mir das Stuͤck Brot, das Glas Waſſer und die geröſteten Eieräpfel, die ſie ſehr beſcheidener Weiſe gegeſſen hatte, bezahlen wollte, ſagte ich daher:„Behaltet Euer Geld, mein gutes Mädchen; Thomas Raine hat nicht umſonſt das Hir⸗ tenkreuz zu ſeinem Zeichen genommen. Betet für mich und ich bin fuͤr mein Almoſen reichlich be⸗ zahlt.“— Aber Gott des Himmels„bei dem Worte Gebet und Almoſen warf mir das junge Mädchen ihr Silberſtuͤck mit ſo zornigem Blicke hin, daß ich in Zukunft meinen Gäſten lieber eine doppelte Rechnung machen, als ihnen nur ein Glas Waſſer ſchenken will.“ „Fuͤhrt mich zu dem jungen Mädchen,“ ſagte Toinon, indem ſie aufſtand und ihren Kopfputz zu⸗ recht machte.„Wenn ſie ſtolz iſt, ſo wird ſie mich vielleicht verſtehen.“ „Sie iſt in dem kleinen Stuͤbchen neben dem Kelterzimmer,“ ſagte Thomas Raine.„Der Weg iſt finſter. enn Madame mir folgen wollen, ſo werde ich Madame fuͤhren.“ Toinon folgte dem Wirthe uͤber den Hof in einen ziemlich langen Gang. Thomas Raine hatte ohne Zweifel keine Luſt, ſich dem jungen Mädchen zu zeigen, das er unwill⸗ kuͤrlich beleidigt hatte, und blieb daher ſtehen, indem er mit leiſer Stimme, auf eine halb offene Thuͤre deutend, zu der Pſyche ſagte: „Das iſt ihr Zimmer, Madame.“ Dann verſchwand er. XVII. Die Cevenolin. Toinon, die ihr Entſchluß zu ſehr beſchaͤftigte, um irgend eine Schuͤchternheit zu fuͤhlen, druͤckte leiſe die Thuͤr zu und trat ein. Ohne Zweifel durch die Anſtrengung der Reiſe erſchöpft, ſchlief das junge Mädchen. Sie war ſo ſchön, ungeachtet der Aermlichkeit ihrer Kleidung, und ihre Schoͤnheit hatte einen ſo entſchloſſenen, ſo großen Charakter, daß Toinon ei⸗ nen Augenblick von Bewunderung ergriffen ſtehen blieb. Das Zimmer, klein, finſter„wurde durch ein Ochſenauge erhellt, das ziemlich hoch lag und ein blendendes, doch ſparliches Licht auf das Lager fal⸗ len ließ, auf dem das junge Mädchen ruhte„ge⸗ kleidet in ein langes Gewand von grobem, ſchwar⸗ zem Zeuge; ein Mantel mit Kapuze von demſelben Stoffe, in Nieder⸗Languedoc Gaute genannt, lag neben ihr auf einem Stuhle, mit ihrem eiſenbeſchla⸗ genem Wanderſtabe, einem ledernen Querſacke und beſtaubten Sandalen. Das edle Profil des jungen Maͤdchens ſtach gegen die Schatten des Alkovens hervor, und man hätte glauben konnen, das Modell eines der blauen Geſichter des Murillo und Zurbaran zu ſehen. Ihre Stirn war hoch, die Naſe gerade und etwas lang; ſie hatte aufgeworfene etwas fleiſchige Lippe, ein hervorſpringendes Kinn und beinahe eben ſo gerade Augenbogen als die eben ſo ſchwarzen Brauen, die ſie bezeichneten. Ihre Haare von bläulichem Schwarz, mit glänzendem Schein, etwas in Un⸗ ordnung gebracht durch die Feuchtigkeit des Waſſers, mit dem das junge Mädchen ohne Zweifel das Ge⸗ ſicht gebadet hatte, fielen in natuͤrlichen Locken auf einen Hals von antiker Reinheit. Der friſche Hauch der Jugend ſchmuͤckte ihre Haut, die von der Sonne des Suͤdens vergoldet war. Obgleich ſie blaß war, verrieth das lebhafte Braun ihrer Haut Kraft und Geſundheit. Sie war von hohem Wuchſe, und ihre breiten Schultern, ſo wie ihre kräftigen Huͤften, ließen die Feinheit ihres Wuchſes noch mehr hervor⸗ treten. Die Aermel ihres Kleides, die während ihres Schlafes zuruͤck gefallen waren, ließen ihre kräfti⸗ gen, runden und nackten Aerme ſehen; der eine hing beinahe bis an den Boden herab, der andere ſtutte ihren Kopf. — 236— Ihre Hände, ſo wie ihre ſchönen Fuͤße, bewieſen, obgleich von der Sonne etwas verbrannt, durch die Eleganz ihrer Form, daß ſie ſich fur gewöhnlich weder großer Anſtrengung noch harter Arbeit hingab. Toinon pruͤfte ſchweigend und mit einer Neu⸗ gier, in welche Furcht ſich miſchte, die wilde Schön⸗ heit; plötzlich machte das junge Mädchen eine Be⸗ wegung, und ihr Geſicht, welches bisher im Profil gelegen hatte, wendete ſich Toinon in voller Breite zu. Unter dieſer neuen Anſicht ſchien der Ausdruck ihres Geſichtes der Pſyche finſter, beinahe drohend. Das junge Mädchen träumte; ein bitteres, ſchmerzliches Lächeln verzog ihre Lippen. Sie zog ihre ſchwarzen Augenbrauen zuſammen, ſchuͤttelte zwei⸗ oder dreimal heftig den Kopf; dann noch im⸗ mer traͤumend ſprach ſie leiſe und in abgebrochenen Säͤtzen die folgenden Worte:„Johann— nein, ich bin nicht ſchuldig— Cavalier, ich ſchwoͤre es Dir— mein Vater— todt— der Marquis von Florac— o, nichts⸗ wuͤrdig, nichtswuͤrdig, nichtswuͤrdig!“ Sie ſprach dieſe letzten Worte mit einer ſo lebhaften Heftigkeit, daß ſie plötzlich aus dem Schlafe auffuhr, als ſie das Wort„nichtswurdig“ zum drit⸗ ten Male ſagte. Nie hatte Toinon das junge Maͤdchen geſehen; aber als ſie die Worte hörte,„der Marquis von Florac nichtswurdig,“ war die Pſyche durch eine innere Eingebung uͤberzeugt, durch ein wahres Wun⸗ —— der der Liebe, daß zwiſchen dieſem Mäaͤdchen und Tancred ein verhaͤngnißvolles Geheimmiß beſtehe. Toinon hatte dem Berichte Laroſe's mit Auf⸗ merkſamkeit, mit verzehrender Angſt, zugehört; die geringſten Umſtande ſeiner Schilderung hatten ſich ih⸗ rem Gedaͤchtniſſe eingegraben, und der Name Cavalier, als eines der Rebellenhäupter, war ihr beſonders als der Name eines der gefährlichſten Feinde Floracs ge⸗ genwärtig geblieben. Das junge Madchen hatte nun im Schlafe auch die Worte geſprochen:„C avalier, ich ſchwöre es Dir“; welch ein geheimnißvolles Band konnte nun zwiſchen dieſen drei Perſonen, dem jungen Maͤd⸗ chen, Cavalier und Tancred beſtehen? Die Pſyche durchſchaute das Geheimniß noch nicht, aber an dem ſchmerzlichen Schlage, der ihr Herz durchzitterte, an der Gluth ihres Haſſes, ihrer Eiferſucht, an der ſtechenden Neugier, an ihrem in⸗ ſtinktmäßigen Schrecken, fuͤhlte ſie von dieſem Au⸗ genblicke an, daß Iſabelle— denn ſie war es— die großte Todtfeindin Tancreds ſei. Bei dieſer Beſorgniß mußte Toinon Alles ver⸗ ſuchen, um Iſabelle zu beſtimmen, ihr zur Fuͤhrerin zu dienen, denn ſie hoffte während des Weges ſie auszuforſchen, und von Tancred das Ungluͤck abzu⸗ wenden, das ſie fur ihn furchtete. Iſabelle, welche bei ihrem Erwachen eine Fremde neben ihrem Bette erblickte„ſtand raſch auf. Sie ſchien Toinon ſtehend noch größer als liegend. „Was wollt Ihr?“ ſagte Iſabelle hart, indem ſie ihre ſchwarzen Augenbrauen runzelte und auf die Pſyche einen Blick heftete, ſchwarz und finſter wie die Nacht. „Mit Euch ſprechen,“ antwortete entſchloſſen Toinon, deren große, klare und glaͤnzende Augen ſich vor dem finſtern Blicke Iſabellens nicht ſenkten. Die beiden Frauen von ſo verſchiedener Art pruͤften ſich gegenſeitig ſchweigend, die eine ſtolz, groß, kraftig, die andere klein, zart, nervös. Man hätte glauben ſollen, eine Löwin zu ſehen, im Be⸗ griff gegen eine Schlange loszubrechen. Nach dieſem erſten unwillkuhrlichen Ausdrucke eines dumpfen, ſchlecht verhehlten Haſſes uͤberlegte Toinon, daß ſie mit Liſt und nicht mit Gewalt kämpfen muͤſſe, und daß ſie ſie nicht durch Trotz dazu beſtimmen wuͤrde, ihr zur Fuͤhrerin zu dienen. Die Pſyche rief daher alle Hulfsquellen, alle Täuſchungen ihrer Kunſt zum Beiſtande; als erfah⸗ rene Schauſpielerin ſenkte ſie ſchuͤchtern ihre ſchonen Augen, die ſchnell den zornigen Glanz in einer Thräne engelgleicher Betruͤbniß verloren; ihr kind⸗ licher Mund verzog ſich zu dem ruͤhrendſten, un⸗ ſchuldigſten Lächeln, ihre beiden kleinen Hände er⸗ hoben ſich flehend, ſie beugte ihre Kniee halb und ſagte mit ſanfter, vor Aufregung bebender Stimme: „Verzeihung, aber ach, ich kam, um einen gre⸗ ßen Dienſt von Euch zu erbitten.“ „Ich bin allein, bin arm, ich kann Nieman⸗ dem einen Dienſt erweiſen,“ antwortete Iſabelle trocken. „Wenn Ihr wolltet, ſo köntet Ihr dennoch Alles fuͤr mich thun,“ ſagte die Pſyche, indem ſie auf die Kniee ſank. „Ich bin Proteſtantin,“ ſagte Iſabelle, indem ſie einen Schritt zurücktrat und durch dieſe Erklä⸗ rung die Unterredung beendigt zu haben glaubte. „Und ich auch,“ ſagte Toinon mit leiſer Stimme und einem geheimnißvollen Zeichen. Die Pſyche hatte dieſe Luͤge gewagt, ohne die Folgen davon weiter vorauszuſehen, aber ſie dachte kur an den gegenwärtigen Augenblick, und ihre, durch die Schwierigkeit ihrer Lage exaltirte Stimmung flößte ihr ſchnell eine ziemlich wahrſcheinliche Fa⸗ bel ein. „Ihr ſeid von der reformirten Religion?“ fragte Iſabelle mit minder harter Stimme und indem ſie einen durchbohrenden Blick auf Toinon richtete. „Ach ja; meine Mutter und meine Schweſtern ſind in Pont de Mont⸗Vert gefangen. Ich komme von Paris, um ſie aufzuſuchen, aber der Poſtillon, der mich fuhr, will nicht weiter, aus Furcht vor den Aufruͤhrern, wie ſie ſagen. Niemand will mir zum Fuͤhrer dienen. Der Wirth ſagte mir, daß Ihr nach der Gegend von Pont de Mont⸗Vert ginget. Aus Barmherzigkeit, laßt mich Euch begleiten. Wenn Ihr eine Mutter, einen Vater, eine Schwe⸗ — 240— ſter habt, ſo werdet Ihr begreifen, was ich leide.“ Und weinend umſchlang die Pſyche Iſabellens Kniee. „Steht auf, ſteht auf,“ ſagte Iſabelle geruhrt, dann fugte ſie hinzu:„Ich habe keine Schweſter, ich habe keine Mutter, ich habe keinen Vater mehr, aber Ihr ſeid von unſerm Glauben, und ich muß daher fuͤr Euch Alles thun, was ich fuͤr meine Schweſter thun wuͤrde. Nach kurzem Schweigen ſagte ſie dann zu Toinon: An Eurer Ausſprache hort man, daß Ihr nicht aus dieſer Gegend ſeid.“ Mit der Geiſtesgegenwart, welche gefährliche Lagen zuweilen einfloßen, erwiderte Pſyche ſchnell: „Nein, wir ſind aus Artois. Meine Mutter und meine Schweſtern wollten nach Genf fliehen; aber ſie wurden in Languedoc verhaftet und nach Pont de Mont⸗Vert gefuͤhrt. Als ich das Un⸗ gluͤck erfuhr, reiſte ich von Paris ab, wo ich mit meinem Bruder bei einer meiner Tanten wohnte; eine Kammetjungfer und ein Lakei haben mich be⸗ gleitet, und ich will jetzt das Loos meiner Mutter und meiner Schweſter theilen; mit ihnen gefangen oder mit ihnen frei ſein.“ „Arme Kleine!“ ſagte Iſabelle, indem ſie Toi⸗ non theilnahmvoll anſah, und dann deren beide weiße Haͤnde mit ihren braunen kraftigen faſſend, fügte ſie mit ſchmerzlichem Lächeln hinzu:„Sie ſind ſchön, Sie ſind ohne Zweifel auch reich, und ſchon —— ungluͤcklich! Schon!—“ Dann, als wollte ſie eine peinliche Erinnerung verbannen, ſagte ſie:„Aber Ihr habt weder Kraft noch Muth mich zu be⸗ gleiten.“ „Was wollt Ihr ſagen?“ „Ihr duͤrft nicht daran denken, zu Wagen zu reiſen; denn Ihr wuͤrdet weder einen Poſtillon, noch ein Pferd finden, Euch zu fahren. Die Straße, die ich einſchlage, fuͤhrt durch die Gebirge, durch furchtbare Wildniſſe, aber ſie kuͤrzt den Weg bedeu⸗ tend ab, iſt oͤde und wir ſind beinahe gewiß, Nie⸗ mandem zu begegnen.“ „Und wann kommt Ihr nach Pont de Mont⸗ Vert?“ „Morgen, mit Sonnenuntergang.“ „Und Ihr brecht noch dieſen Abend auf?“ „Noch in dieſer Stunde,“ ſagte Iſabelle. „Ich gehe mit Euch, und morgen umarme ich meine Mutter,“ erwiderte die Pſyche entſchloſſen. „Eure Mutter hat eine edle Tochter,“ ſagte Iſabelle ernſt. „Ich kann meine beiden Leute und meinen Bru⸗ der mitnehmen, nicht wahr?“ fragte Toinon, welche ſich fürchtete, mit Iſabelle ganz allein zu ſein. „Ihr thätet beſſer, nur Euren Bruder allein mitzunehmen, aber handelt ganz wie es Euch gut duͤnkt.“„Euer Bruder iſt ohne Zweifel uner⸗ ſchrocken, fähig, Euch im Fall einer Gefahr zu vertheidigen?“ Krieg in den Cevennen. 16 — 242— Dieſer vorgebliche Bruder war Taboureau; Toinon wagte keine Lüge, deren Entdeckung ſo leicht geweſen waͤre, und antwortete daher:„Sein Stand iſt ein Stand des Friedens und der Sanftmuth, „Sollte er vielleicht Geiſtlicher unſerer heiligen Religion ſein?“ fragte Iſabelle ſtaunend.“ Die Pſyche wollte Claude Taboureau in einen Arzt oder Procureur verwandeln; ſie glaubte ein Wunder zu thun, indem ſie Iſabelle nicht wider⸗ ſprach, und antwortete daher:„Ja, Mademoiſelle.“ „Er iſt Prediger!“ rief Iſabelle mit ehrerbieti⸗ ger Bewunderung;„wie, ſollte er vielleicht einer un⸗ ſerer heiligen Hirten ſein, die unſerer Heerde ſo treu * ſind, und welche von den Geſetzen mit der Todes⸗ ſtrafe bedroht werden? Er wagt es, in dem Au⸗ genblicke zu erſcheinen, in dem unſere Bruͤder auf⸗ ſtehen? Er wagt es, ſo dem Scheiterhaufen oder dem Rade zu trotzen? O, muthige Maͤrtyrer un⸗ ſeres Glaubens, Euer Blut iſt fruchtbar geweſen!“ rief das junge Maͤdchen, indem es voll Enthuſias⸗ mus Hände und Augen zum Himmel erhob.. Toinon erbebte uͤber ihre Unbeſonnenheit, aber es war zu ſpät; da ſie jedoch ihre Unklugheit in et⸗ was wieder gut machen wollte, ſagte ſie leiſe zu Iſabelle:„Still, ſtill! Wenn man Euch hoͤrte! Mein Bruder war gezwungen, weltliche Kleider an⸗ zulegen, um ſo zu verbergen, daß er Geiſtlicher 7 — — — 243— der reformirten Religion iſt, und in Sicherheit zu reiſen.“ „So wird er alſo zu unſern Bruͤdern in den Bergen gehen, während Ihr Eure Mutter und Eure Schweſter aufſucht?“ ſagte Iſabelle mit leiſer Stimme und einem Zeichen des Einverſtäͤndniſſes gegen die Pſyche. „Ja, ja, aber nur ſtill.“ „Nun, ſo laßt uns aufbrechen, ohne Zogern,“ ſagte Iſabelle; es iſt jetzt eine doppelte Pflicht fur mich, Euch zu fuͤhren, denn die Unſern ſind ſeit langer Zeit eines Hirten beraubt, und werden die heiligen Worte Eures Bruders aufnehmen, wie die gluͤhende und ausgedörrte Erde den Thau des Him⸗ mels einſaugt.“ Toinon ſagte haſtig zu Iſabellen: „Erwartet mich hier; ich kann mich in dieſer Kleidung nicht auf die Reiſe machen; ich will da⸗ her den Wirth bitten, mir fuͤr mich und meinen Bruder Bauerkleider zu verſchaffen.“ „Aber die Verkleidung könnte vielleicht den Ver⸗ dacht des Wirthes erwecken?“ ſagte Iſabelle. „Er haͤlt uns fuͤr Katholiken; mit der Nacht brechen wir auf; außerdem werde ich ſein Stillſchwei⸗ gen mit Gold erkaufen, wenn es ſein muß.“ Iſabelle dachte einen Augenblick nach und ſagte dann:„Auf die Nacht alſo kommt Ihr, mich hier abzuholen.“ 16* 244— „Hier alſo,“ ſagte Toinon,„und möge der Himmel Euch einſt belohnen, was Ihr an mir thut.“ „Ich habe viel gegen den Himmel zu ſuͤhnen, ehe meine Thaten mir angerechnet werden,“ ſagte Iſabelle mit feierlicher Traurigkeit. Die Pſyche verſchwand, XVIII. Die Abreiſe. Als die Pſyche in ihr Zimmer zuruͤckkehrte, fand ſie Taboureau mit dem Abendeſſen beſchaͤftigt. „Sollten Sie wohl glauben, Sie doppelte Ti⸗ gerin,“ ſagte der Cicisbeo,„Sie, die Sie mir die Nahrung des Herzens und des Körpers verſagen, daß ich hier kein anderes Licht habe finden koͤn⸗ nen, als dieſe erbaͤrmliche, rauchende und ſtinkende Lampe? Aber ſo ſchlecht ſie auch iſt, ſoll ſie uns doch ein ziemlich wohlſchmeckendes Abendeſſen beleuch⸗ ten, das ich fuͤr Sie habe bereiten laſſen. Ich hoffe, davon wenigſtens meinen Theil zu eſſen, und be⸗ darf deſſen wahrlich, denn beim Himmel, ich ſterbe vor Mattigkeit und Hunger,“ ſagte Claude, indem er ſich wohlgefällig in ſeinem Armſeſſel ausſtreckte. „Und was fuͤr eine vortreffliche Nacht will ich nach dem Abendeſſen in dieſem Wirthshauſe zubringen.— Ich ſchlafe ſchon, wenn ich nur daran denke.“ — 246— In dem Geſichte, in dem Tone Taboureaus lagen ſo viel Ruhe, ſo viel Sicherheit, ſo viel Wohlbehaglichkeit; ein Angriff, ſelbſt der geringſte, auf ſeine Mahlzeit und ſeine Ruhe ſchien ihm ſo unmoͤglich, daß Toinon vorausſah, ſie wuͤrde große Schwierigkeiten zu beſiegen haben, um ihren Ci⸗ cisbeo zu beſtimmen, ihr augenblicklich zu folgen, um zu Fuß einen langen und muͤhſamen Weg durch das Gebirge zuruͤckzulegen. Die Pſyche ſchwankte zwiſchen zwei Verſuchen. Sollte ſie Taboureau plötzlich den betäubenden Vor⸗ ſchlag machen? Sollte ſie im Gegentheil ihn all⸗ maͤhlig darauf vorbereiten? Die Zeit dräͤngte; Maͤßigung lag nicht in ihrem Charakter, und ſie entſchloß ſich daher zu dem Erſtern. Die Sirene nahm ihr melancholiſcheſtes Lächeln an, umſchleierte ihre ſchoͤnen Augen mit Truͤbſinn, und ſich dem Seſſel nähernd, in deſſen Schoß ſich Taboureau verſenkt hatte, ſtutzte ſie ſich mit unbe⸗ ſchreiblicher Anmuth auf die Lehne; ſo den ungluͤck⸗ lichen Cicisbeo uͤberragend richtete ſie einen bewun⸗ dernswerthen Blick der ſchmeichelnden und bittenden Traurigkeit auf ihn, und ſagte mit ihrer ſußeſten Stimme:„Hoͤren Sie, mein lieber Claude, Sie muͤſſen gut und liebenswuͤrdig genug ſein, mir ein großes Opfer zu bringen.“ Voll Entſetzen fuͤhlte Taboureau ſich einer Ohn⸗ macht nahe; er kannte die Pſyche ſo gut, daß er, als er die ſchmeichelnden Worte horte, ſogleich ir⸗ ———— — 247— gend einen neuen und fuͤrchterlichen Anſchlag gegen ſeine Ruhe oder ſeinen Hunger vermuthete. Er hatte einen Anfall von Schwindelz es ſchien ihm, als ſähe er tauhend Drachengeſtalten um ſich herſchweben, welche die gewaltigen Rachen weit auf⸗ riſſen, indem ſie mit gierigen Blicken nach ſeinem Abendeſſen ſchielten; als er aber von ſeiner erſten Ueberraſchung ſich erholt hatte, richtete er ſich in die Höhe und rief:„Ich hoffe doch zum Henker wohl, daß nicht die Rede davon ſein ſoll, wieder einen Theil unſeres Abendeſſens an irgend einen armen Soldaten abzutreten?“ „Nein, nein, mein lieber Claude, Sie ſollen in Ihrem Armſtuhle ſitzend ganz bequem eſſen, und wenn Sie wollen, ſo werde ich Sie bedienen, wie Cerbinette den Dragoner bedient hat.“ Taboureau ſtand diesmal ganz auf und ſagte zu Toinon:„Das iſt nicht natuͤrlich; darunter muß etwas verborgen liegen. Pſyche, antworten Sie mir und ſeien Sie aufrichtig. Ich bin über⸗ zeugt, daß Sie irgend etwas Entſetzliches von mir zu fordern haben.“ „Nun, ja, ich geſtehe es, aber es war eine Thorheit; denken wir nicht mehr daran.“ „Und Sie haben hundertmal Recht, nicht mehr daran zu denken, wenn es irgend etwas iſt, was zwiſchen hier und morgen fruͤh zehn, elf Uhr meine Ruhe nur im Geringſten ſtören könnte, denn ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ich auf den — 248— Morgenſchlaf eines Domherrn rechne. Hören Sie, ſchoͤne Pſyche, ich liebe Sie von ganzem Herzen, das wiſſen Sie wohl; unter allen Ihren Leuten vom Pofe oder aus der großen Welt, unter allen Ihren kleinen Herren mit großen Peruͤcken, unter allen Ihren flatternden Federbuͤſchen wuͤrde trotz Ihrer ſchoͤnen Augen nicht Einer eingewilligt ha⸗ ben, ſo wie ich, uneigennutzig Ihr Cavalier zu ſein; beachten Sie wohl: uneigennutzig. Ich mache Ihnen nicht zum Vorwurf, was ich fuͤr Sie that, denn ich handelte ſo, weil es mir gefiel, und ſollte ich von vorn anfangen, wuͤrde ich es wieder eben ſo machen. Aber, alle Wetter, auch die Ergebenheit hat ihre Grenzen. Ich bin kein Sylphe; ich habe die groben Begierden der Menſchheit, das geſtehe ich, und rechne es mir ſogar zum Ruhme an; des⸗ halb erkläre ich Ihnen auch ganz poſitiv, daß we⸗ der der König, noch Sie mich beſtimmen ſollen, dieſen Armſeſſel zu verlaſſen, als um zu Tiſch oder zu Bett zu gehen.“— Dabei warf ſich Taboureau beinahe wuͤthend auf den Armſeſſel und klammerte ſich an deſſen Lehne feſt. „Sie haben recht,“ ſagte die Pſyche ſanſtz „oh, Sie haben ſich edel, großmuͤthig gegen mich benommen! Sie haben gethan, was Niemand au⸗ ßer Ihnen gethan haben wuͤrde, und welcher An⸗ dere, als Sie, häͤtte wohl eingewilligt, nur der Freund—“ und ſie wiederholte mit Bitterkeit —— „der Freund Toinons, der Pſyche, zu ſein? Welcher Andere als Sie hätte Mitleid mit meiner thorichten Leidenſchaft gehabt? Welcher Andere hätte erkannt, daß wenn irgend etwas meine fruͤhere Auf⸗ fuͤhrung verguten kann, es dieſe verderbliche Liebe iſt, die mich verzehrt, und deren ich durch Opfer wuͤrdig zu werden trachte? Noch ein Mal: welcher Andere als Sie haͤtte das Alles erkannt? Niemand, Niemand! Selbſt nicht der, welcher dieſe unbeſiegbare Leiden⸗ ſchaft erweckt!“ Und eine brennende Thrane fiel auf die Stirn Taboureaus, denn Toinon ſtutzte ſich noch immer auf die Lehne ſeines Stuhles. Obgleich Claude laͤcherlich und albern war, hatte er doch ein vortreffliches Herz. Der herz⸗ liche, ergebungsvolle Ton der Pſyche ruhrte ihn innig. Ohne zu wiſſen, was Toinon von ihm zu fordern haben koͤnnte, fuͤhlte er ſeine Entſchloſſen⸗ heit ſchon ſchwanken. Er wollte jedoch muthig kämpfen und ſuchte daher die Bewegung in ſeiner Stimme zu verbergen, indem er mehrmals huſtete und dann der Pſyche hart antwortete:„Meiner Treu, meine liebe Freundin„ich ſoll Sie doch wohl wahrhaftig nicht beklagen, hoffe ich, wenn Sie Ihre Liebe dem Unrechten ſchenken?“ „Ich verlange nicht, daß man mich beklagt,“ erwiderte die Pſyche traurig.„Ich liebe! Ich liebe, und wenn in dieſem einzigen Worte Abgruͤnde des Schmerzes liegen, ſo enthält es doch auch Schaͤtze der Gluͤckſeligkeit. Es iſt zugleich das Leben und der Tod in meinem Herzen. Ich liebe! Alles, was Ergebung, Anhänglichkeit iſt, reißt mich daher auch fort, exaltirt mich. Faſſen Sie meine Trunken⸗ heit: Ich bin ſo glucklich, eine Pflicht, eine edle Pflicht gegen Tancred erfuͤllen zu konnen!— Ich — ich— bas arme, verlorene und verachtete Ge⸗ ſchoͤpf— ich kann mich bei dieſer Gelegenheit eben ſo muthig liebend zeigen, wie eine Frau, die man ehrt und achtet; ich kann fuͤr Tancred thun, was ſeine Schweſter, ſeine Gattin, ſeine Mutter thun wuͤrde! Sehen Sie, ob ich zoͤgere!— Einen Augenblick, ich geſtehe es, hatte ich den ſelbſtſuͤch⸗ tigen Gedanken, Sie noch jetzt um Ihren Bei⸗ ſtand zu bitten. Verzeihen Sie mir dieſen Ge⸗ danken, mein Freund; haben Sie nicht ſchon zu viel fuͤr mich gethan?— Deshalb— ſag' ich Ihnen Lebewohl— ein recht zärtliches Lebewohl,“ und ſie nahm die plumpen Haͤnde Taboureaus in ihre zarten Häͤndchen.—„Wenn meine Dank⸗ barkeit,“ fuhr ſie fort,„wenn meine unwandelbare Freundſchaft Sie fur alle Ihre Guͤte belohnen kann, ſo iſt ſie Ihnen erworben— fuͤr alle Zeiten er⸗ worben.— Leben Sie wohl!“ Die Pſyche, welche dieſes Geſpräch als Schau⸗ ſpielerin begonnen hatte, wurde zuletzt wahrhaft ge⸗ ruͤhrt. Sie war nicht entartet genug, um gegen das Zartgefuͤhl, gegen die Anhäͤnglichkeit Claudes fuͤhllos zu bleiben; und dann liebte ſie auch, liebte i — — 251— innig, und ſo wie das Feuer Alles läutert, hatte ihre gluͤhende Liebe ſie von ihren fruͤhern Fehlern beinahe gereinigt. Als Taboureau ſeine Haͤnde durch die der Pſyche gedruckt fuhlte, als er die großen Augen der Toinon in Thränen ſchwimmen ſah, konnte er ſeine Schwaͤche nicht beſiegen, und indem er den Kopf ſchuttelte und die dichten Augenbrauen zuſammen⸗ zog, um eine Thraͤne zu verbergen, rief er aus: „Das war es ja eben, was ich fuͤrchtete! Ich bin ſchlimmer als eine Gans— als ein Gimpel— mir iſt jetzt das Herz wie umgewendet, ich habe keinen Schatten von Appetit mehr, und ich glaube, Sie koͤnnten mich dahin bringen, daß ich heute Abend noch in den Reiſewagen ſtiege. Sie ſind eine verwuͤnſchte Zauberin!“ Und der wuͤrdige Cicisbeo ſchritt heftig in dem Zimmer auf und nieder. „Nein, nein, mein Freund,“ entgegnete Toi⸗ non, indem ſie ihre Thraͤnen trocknete;„horen Sie aber, was ich von Ihrer Freundſchaft erwarte: Sie bleiben hier acht Tage mit Cerbinette und Ihrem Diener Mascarille; bin ich bis zu der Zeit nicht zuruͤck, ſo uͤbergeben Sie ein Papier, welches ich ſchreiben will, dem ehrlichen Feuillet, meinem erſten Lehrer im Hotel Burgund. Es iſt eine Schenkung des Wenigen, was ich beſitze; ich verdanke ihm Alles; er iſt nicht gluͤcklich; ich habe keine Familie, und es iſt daher gerecht, daß ich an ihn denke. — 252— Was Sie betrifft, mein Freund, ſo beſtimme ich Ihnen das Meublement des kleinen Cabinets, das ich in Paris meiſtens bewohnte. Es möge Ihnen ein Andenken an die arme Pſyche ſein.“ „Haben Sie denn geſchworen, mich verruckt zu machen?“ rief Taboureau aus.„Was fuür ei⸗ nen Teufelsplan haben Sie denn im Kopfe, daß Sie daran denken, Ihr Teſtament zu machen?“ „Ich reiſe augenblicklich zu Fuß und in Beglei⸗ tung eines jungen Mädchens aus dieſer Gegend, das eingewilligt hat, meine Fuͤhrerin bis zu der Abtei von Pont de Mont⸗Vert zu ſein, wo ich Herrn von Florac zu finden hoffe.“ „Aber Sie haben den Kopf verloren! Weshalb wollen Sie nicht lieber zu Wagen reiſen?“ „Kein Poſtillon will die Stadt verlaſſen; man furchtet die Ketzer.“ „Und ſie fuͤrchten Sie nicht, Sie, mit einer Bettlerin zur Begleitung?“ „Ich habe nicht die Wahl, anders zu reiſen; Cerbinette furchtet ſich, und weigert ſich, mich zu begleiten: uͤbrigens iſt das junge Maͤdchen muthig und kennt das Land; morgen gegen Abend ſollen wir die Abtei erreichen. Wir haben alſo nur eine Nacht zu uͤberſtehen, und was fuͤr Leid ſollte man ubrigens auch zwei Frauenzimmern zufuͤgen?“ „Und Sie wollen in Sammet⸗Pantoffeln und Taffet⸗Mantel gehen?“ „Ich will den Wirth kommen laſſen, um Bauerkleider von ihm zu kaufen.“ „Auch noch eine Verkleidung! Nichts mangelt, und die Ausruͤſtung iſt vollſtändig!— Und Sie konnen glauben, daß ich, Ihr Freund, in dieſe Thorheit willigen wuͤrde? Daß ich Sie ſo fortließe? Aber, ungluͤckliches Maͤdchen, bedenken Sie doch wenigſtens, daß Sie nicht einmal wiſſen, ob Ihr Tancred Sie wird aufnehmen wollen? Und daͤch⸗ ten Sie daran, dieſe gewaltige That fuͤr den ver⸗ liebteſten, den zärtlichſten, den leidenſchaftlichſten An⸗ beter zu vollbringen, der ſie auf den Knieen und mit entgegengeſtreckten Armen erwartete, wie man ſeinen guten Engel erwartet, ſo wuͤrde ich Ihnen dennoch ſagen: Gehen Sie nicht!— Um ſo mehr wiederhole ich Ihnen jetzt, ſchreie ich Ihnen aus vollen Kraͤften zu: Gehen Sie nicht, zum Henker, gehen Sie nicht, da es ſich darum handelt, einen Mann aufzuſuchen, ach, was ſage ich, einen Ti⸗ ger, der Sie vielleicht zuruckſtieße,“ rief Tabou⸗ reau wuͤthend. „Wenigſtens wuͤrde ich ihm dann doch bewie⸗ ſen haben, wie ſehr ich ihn liebe, und wenn er einſt meine Liebe mit der kalten, farbloſen Liebe der Frauen vergleicht, die er mir vorzieht, wird er mich vielleicht beklagen,“ ſagte die Pſyche mit einem Blicke, ei⸗ nem Tone der Exaltation, die ſich unmoͤglich be⸗ ſchreiben laſſen. „und das könnte Ihnen recht viel nutzen, wenn — 254— Sie beklagt wuͤrden, thorichter Eiſenkopf, der Sie ſind,“ rief Taboureau, indem er noch ſchneller auf und niederlief. Nach kurzem Beſinnen ſah Claude wohl ein, daß nichts auf der Welt im Stande ſein wuͤrde, Toinon zuruͤckzuhalten, und es enſtand ein heftiger Kampf zwiſchen der naturlichen Feigheit des Cicis⸗ beo, und der innigen Theilnahme, welche die Pſyche ihm durch die Auftichtigkeit des unwiderſtehlichen Gefuhles einfloßte, von dem ſie beherrſcht wurde. Endlich trug die Pſyche den Sieg davon, und Taboureau ſagte ihr mit einem Reſte uͤbler Laune: „Ich will auf der Stelle eine Ziege werden, wenn ich bei der Abreiſe von Paris darauf gefaßt war, die Tracht eines Bauern aus Languedoc an⸗ zulegen.“ „Was ſagen Sie?“ rief Toinon. „Ei, zum Henker,“ ſagte er, indem er einen Blick auf ſeine geſtickte Kleidung warf,„glauben Sie denn, daß ich Sie in dieſem Anzuge begleiten werde, glänzend wie ein Gluͤhwurm?“ „Sie wollen mich begleiten?“ „Sie wollen mich begleiten!“ aͤffte Claude der Pſyche nach;„und kann ich denn etwas Anderes thun, als Sie begleiten? Kann ich Sie denn mit einer Bettlerin in einem Lande allein laſſen, das voller Wölfe und Wilder iſt?“ „Ach, Claude, Claude, weshalb kann ich Sie nicht liehen!“ rief Toinon, indem ſie ihre Arme um den Hals Taboureaus ſchlang und zwei dröh⸗ nende Kuͤſſe auf die voll gerundeten Wangen des guten Cicisbeo druckte. „Zum Teufel!“ rief dieſer, indem er ſie ſanft zuruckſtieß;„eben machte ſie mich eiskalt vor Ent⸗ ſetzen, und nun ſetzt ſie mich mit ihren hölliſchen Liebkoſungen in Flammen.“ „Ach ſo— ich wußte nicht, entſchuldigen Sie, Herr Claude,“ ſagte das boshafte Madchen mit ei⸗ nem kleinen Knix, wie eine Baͤuerin linkiſch, und doch voll Anmuth. „Ha, verwuͤnſchte Schlange! Eingefleiſchter Teufel!“ rief Claude, indem er ihr mit der Fauſt drohte,„ich erkenne Dich; ſo biſt Du mir in dem Zwiſchenſpiel zum Arzt wider Willen erſchienen. Daran werde ich ſtets denken. Du trugſt ein fleiſch⸗ farbiges Leibchen mit orangen Puffen, und tanzteſt einen Bäuerinnen⸗Pas.“ Es ſchlug an der Kirchuhr neun. „Neun Uhr! Schon neun Uhr!“ rief Toinon. „Mein Freund, wenn Sie mich begleiten wollen, ſo muͤſſen wir aufbrechen. Aber Ihr Abendeſſen?“ „Ei, zum Henker, glauben Sie denn, daß ich ſo einen gefälligen Magen habe, wie ein Strauß? Ich hatte Hunger, aber das Alles hat mir das Herz umgewendet und ſaͤße ich mit Ihnen bei Souvré und Vivonne an der Tafel, ſo koͤnnte ich keinen Biſ⸗ ſen genießen. Nun, es ſtand geſchrieben, daß ich heut nicht zu Abend eſſen ſollte! Ich will nur im⸗ „ mer die Wachteln und den Kuchen in einen Korb thun laſſen; vielleicht finde ich morgen mit Ta⸗ gesanbruch und in der freien Luft nach dem heutigen Faſttage einigen Appetit. Jetzt ⸗ muͤſſen wir uns mit dem Coſtuͤme beſchaͤftigen, nicht mehr, nicht weniger, wie in dem Hotel Burgund; es iſt auffallend, wie mein Herz an der Comodie hängt!“ Eine halbe Stunde darauf war Toinon durch den Anzug eines der Dienſtmädchen in eine Lan⸗ guedocerin verkleidet: rothes Mieder, brauner, wol⸗ lener Rock, Muͤtzchen von ſchwarzem Sammet, Filzhut und drolet(eine Art franzoſiſcher Man⸗ tel) mit einer Capuze. Taboureau trug einen An⸗ zug des wuͤrdigen Thomas Raine: eine Weſte von Serge, lederne Kamaſchen, Rock von Ziegenfell, großer Hut, eiſenbeſchlagener Stock und tuͤchtiger Querſack mit dem koſtbaren Abendeſſen. Mascarille und Cerbinette ſollten die Befehle ihrer Herrſchaft erwarten, und auf den Fall, daß ſie ihnen nach Pont de Mont-Vert nachkommen ſollten, nicht ohne Eskorte reiſen. um zehn Uhr verließen Iſabelle, Toinon und Taboureau in einer ſchoͤnen ſternhellen Nacht und in aller Stille, Alais, und wendeten ſich dem We⸗ ſten zu. XIX. Die Abtei. Pont de Mont⸗Vert war ein ziemlich großer Flecken an den Ufern des Tarn, eines Fluſſes, wel⸗ cher in der Cevennenkette entſpringt. Am oͤſtlichen Ende wieſes Fleckens auf der Straße von Fleſſinet nach Roſere erheben ſich die Ruinen einer alten Abtei. Dieſes Gebaͤude, von zugleich kriegeriſchem und moͤnchiſchem Charakter, war zum Theil während der religioͤſen und Buͤrgerkriege des vorigen Jahr⸗ hunderts zerſtoͤrt worden; es war auf einer Art von Halbinſel erbaut, welche die Windungen eines Armes des Tarn bildeten, der den Fuß der hohen Mauern der Abtei im Norden, Weſten und Oſten beſpulte. Ein einziges Thor, zu dem man auf einer Bruͤcke gelangte, oͤffnete ſich im Suͤden, nicht weit von der Straße nach Fleſſinet. Krieg in den Cevennen. 17 — 258— Von der Kapelle und den Hauptgebauden die⸗ ſer Abtei waren kaum noch einige Spuren uͤbrig. Der innere Kloſterhof mit ſeinen 4 Hauptgallerien, die auf ſchweren roͤmiſchen Bogenpfeilern ruhten, war allein verſchont geblieben. Auf dieſe Gallerien gingen die Thuͤren der Cellen, die jetzt von dem Erzprieſter, von den Leuten ſeines Gefolges, von dem Capitain Poul und den Mikelets bewohnt wurden, welche die pro⸗ teſtantiſchen Gefangenen zu bewachen hatten, die in den geräumigen Kellern der Abtei ſaßen. Die Zahl dieſer letztern war ſehr beträchtlich, denn der Abt duͤ Chayla hatte es nicht gewagt, ſie nach Nimes zu ſchicken, ehe die von Herrn Baville erbetene Verſtaͤrkungen angelangt waren, weil er furchtete, daß der Transport von den Re⸗ ligionaren befreit werden möchte. Am Tage der Verſammlung der Camiſarden auf der Ebene von Rhan⸗Paſtrié, gegen 4 Uhr Abends, trat der Capitain Poul, nachdem er ſeine Mikelets beſichtigt hatte, in die von ihm bewohnte Celle; ſein Rottmeiſter, Meiſter Bon„Larron folgte ihm. Der Capitain Poul trug als Schlafrock einen alten turkiſchen Pelz, der von einer Beute während des Krieges in Ungarn herruͤhrte und ein ſchar⸗ lachrother Hut bedeckte ſein glattes Haar. Dieſer ſonderbare Kopfputz verlieh ſeinen ſchon von Natur finſtern Zugen einen noch wildern Ausdruck. In⸗ — 259— dem er in ſeine Celle trat, warf er ſich mit muͤr⸗ riſchem Weſen in einen ausgeſchnitzten Holzſtuhl von Buchsbaumholz, der ohne Zweifel einem der ehemaligen Wuͤrdenträger der Abtei gehoͤrt hatte. Meiſter Bon⸗Larron, welcher die uͤble Laune ſeines Capitains ſah, erwartete ehrfurchtsvoll, daß jener das erſte Wort an ihn richte. Endlich rief Poul, indem er zornig auf den Tiſch ſchlug:„Zum Teufel ſei das Handwerk, das wir hier treiben! Seit ſechs Wochen haben wir die Abtei nicht verlaſſen, als ein Mal, um das flache Land zu durchſtreifen, und, bei Mahomed, der Zug hatte einen ſchoͤnen Ausgang: die Niedermetzelung des alten Pächters und ſeiner Frau!“ „Sprecht davon nicht, Capitain,“ ſagte der Un⸗ teroffizier achſelzuckend.„Das war eine alberne Ein⸗ bildung von dem ſtarrkopfigen Robin, dem Mau⸗ resken; er bildete ſich ein, auf dem Pachthofe das Huhn mit den goldenen Eiern zu finden. Der Dummkopf! Ich glaube, er wäre im Stande ge⸗ weſen, alle Leute auf dem Felde des Paͤchters in Fragezeichen zu verwandeln. Uebrigens iſt die Un⸗ ternehmung doch nicht ganz ohne Lohn geweſen, denn unſere Leute haben ſich mit Leibwäſche aus⸗ geruͤſtet, und Gott weiß, daß ſie die bedurften, denn ſie iſt nie zum Lurus bei ihnen geworden.“ „Geh' zum Teufel! Unſere Leute werden hier träge. Werden etwa die Hunde dadurch gewandt und kraͤftig, daß ſie die Heerden bewachen, die zur 7 — 260— die Schlachtbank beſtimmt ſind? Ich erſticke hier und ſterbe vor Langerweile zwiſchen den vier Mauern. Dieſer Erzprieſter iſt ſtummer und kälter als die ſteinerne Bildſäule unten auf dem Grabe des al⸗ ten Abtes. Wenn der unverſchaͤmte Marquis hier iſt, ſo bringt er ſeine Tage hin, die Laute zu ſpie⸗ len, ſeine Perruͤcken zu probiren, Schleifen zu bin⸗ den und ſich die Naͤgel zu poliren. Die Wunder des Berges Aygoal, wie die Ketzer ſie nennen, ſchienen einen Aufſtand zu verkuͤnden, aber nein, ſie ſind zu feig, ſie wagen es nicht; nichts regt ſich, nichts wird ſich ruͤhren.“ „Glaubt das nicht, Capitain. Geduld, Geduld. Robin, der Maureske, der dieſen Morgen mit zehn unſerer Leute nach der Gegend von Fleſſinet eine Recognoscirung unternommen hat, fand alle Häu⸗ ſer verlaſſen. Wo ſind die Bewohner? Gewiß in irgend einer der Höhlen ihrer Berge verſammelt, von wo ſie wie eine Heerde Woͤlfe auf uns herabſtür⸗ zen werden.“. „Ach, bah! Die Leute waren zur Erndte.“ „Aber Ihr vergeßt, mein gnaͤdiger Capitain, daß alle Felder der Proteſtanten durch einen gewiſ⸗ ſen Schnitter geerndtet worden ſind, der kein Korn mehr nachzuerndten laͤßt, und nur eine Minute Zeit braucht, um einen Acker Landes ſo kahl zu machen, wie mein Filz iſt.“* „Was willſt Du ſagen? Was fuͤr ein Schnitter?“ — 261— „Ei, das iſt der Herr Feuer.“ „Du erinnerſt mich in der That daran, daß der Weizen auf der Ebene von Pont de Mont⸗ Vert auf den Befehl des Intendanten niederge⸗ brannt werden ſoll.“ „Dadurch könnt Ihr Euch von Eurem Truͤb⸗ ſinn befreien, mein gnädiger Capitain. Die Nacht ſcheint ſchoͤn werden zu wollen? Die Flamme wird ſich dadurch nur noch heller und glaͤnzender ausneh⸗ men; das wird, Gott ſei bei mir, ein wahres Erndte⸗ und Freudenfeuer werden. Die Geſchichte wird unſere Leute etwas aufheitern, die ohnehin melancholiſch zu werden anfangen.“ „Weißt Du was?“ ſagte Poul nach kurzem Sinnen.„In dem tuͤrkiſchen Kriege ließ der Feld⸗ marſchall Buttler ſechs polniſche Reiter mit dem Steigriemen zu Tode peitſchen, weil ſie ein reifes Kornfeld auf dem feindlichen Gebiete vernichtet hatten.“ „Aber der Feind war ein Muſelmann, Capi⸗ tain, und die Prieſter ſagen uͤberall, daß die Ketzer noch tauſendmal verdammter und verdammungs⸗ werther ſind, als die Tuͤrken.“ „Das iſt moglich; ich bin kein Theolog. Aber zum Teufel mit dem Aufenthalte hier; ich fuͤhle mich ganz matt und krank.“ Dieſe Klage des Capitain Poul erweckte die mediziniſchen und pharmazeutiſchen Neigungen ſei⸗ nes Unteroffiziers. Getreu ſeiner Gewohnheit, aus — 262— jedem Quartiere, das er verließ, irgend ein An⸗ denken mitzunehmen, hatte Meiſter Bon-Larron bei dem Apotheker in Uzés eine Kiſte mit Medi⸗ camenten mitgehen heißen. Er wollte dieſen Raub zum Nutzen ſeiner Compagnie verwenden, und ließ ſich daher einfallen, die kranken Mikelets zu be⸗ handeln, indem er einige der namenloſen Tro⸗ pfen, die er beſaß, unter einander miſchte, wie der Zufall es fuͤgte. Die wechſelnden Wirkungen die⸗ ſer ſonderbaren Arznei waren bald verderblich, bald auch nicht, hatten aber den Unteroffizier keineswegs irre gemacht; er ſetzte ſeine Experimente muthig fort, und wollte auch jetzt die Gelegenheit ergrei⸗ fen, ſie an ſeinem Capitain zu uͤben. „Ihr fuͤhlt Euch matt? Nun, wenn Ihr wollt, ſo ſetze ich Euch einen kleinen Trank zuſammen, der vortrefflich gegen die Hypochondrie iſt. Unter den Flaſchen meiner Apotheke iſt eine mit Tropfen, ſo glaͤnzend wie Cryſtall; ſchon das bloße Anſehen muͤßte einen Todten erwecken und ergötzen.“ „Die Peſt erſticke Dich mit Deinem Tranke! Alle meine Mikelets, die aus Deiner Poͤllenkuche gekoſtet haben, ſind krepirt.“ „Wenn meine Atzeneien bei den Starrköpfen nicht anſchlugen, Capitain, ſo kommt es nur da⸗ her, daß ſie zu viel oder zu wenig nahmen; da ich Euch aber ſelbſt die gehoͤrige Portion von den gläͤnzenden Tropfen geben wuͤrde, die ich fuͤr ſo ſtärkend halte—“ ——— ———— —— „Und ich werde Dir ſelbſt hundert Streiche mit dem Ochſenzimer, geben, wenn Du es wagſt, noch ein Mal von Deinem Giftragout zu ſprechen und es an meinen Soldaten zu probiren. Verſtehſt Du mich?“ „Ich verſtehe vollkommen, mein gnͤdiger Ca⸗ pitain, obgleich nichts unſchuldiger iſt, als das kleine Mittelchen, das ich Euch vorſchlug.“ Der Capitain wollte ſeinem Unteroffiziere ſehr derb antworten, als auf dem Hofe ein großer Larm entſtand. Poul verließ ſeine Eelle, und ſah den Brigadier Laroſe, von Mikelets umgeben. Er ſtieg vom Pferde, war blaß, mit Blut und Staub be⸗ deckt; ſeine in Unordnung gerathene Uniform und ſeine geſchwaͤrzte Muskete, die am Sattel hing, verriethen hinlaͤnglich, daß zwiſchen den Aufruͤhrern und den Dragonern ein Gefecht Statt gefunden ha⸗ ben mußte. Der Brigadier ſchien zornig und betruͤbt. „Draͤgt mich doch nicht ſo!“ ſagte er, indem er die Mikelets heftig zuruckſtieß, welche ihn neu⸗ gierig umſtanden und mit Fragen beſtuͤrmten.„Ich habe nichts Gutes mitzutheilen, und Alles, was Ihr bekommen koͤnnt, ſind einige derbe Puff. Wenn Ihr mich nicht zu dem Erzprieſter laßt,— Der Capitain Poul drängte ſich— ſeine Mikelets und fragte den Brigadier, was er fuͤr Neuigkeiten braͤchte. „Das will ich dem Herrn Erzprieſter ſagen⸗ — 264— erwiderte barſch Laroſe.„Wollt Ihr es wiſſen, Capitain, ſo folgt mir.“ „Weißt Du nicht, mit wem Du ſprichſt?“ ſchrie Poul heftig, gereizt durch die mangelnde Ehr⸗ furcht des Brigadiers. „Ich weiß noch beſſer, mit wem ich ſprechen muß, um den Befehlen meines Capitains zu ge⸗ horchen,“ erwiderte der Dragoner, indem er die Richtung nach der Celle, die der Abt du Chayla bewohnte, einſchlug. Ungeachtet ſeines Zornes fuͤhlte Poul, daß er von einem ſolchen Starrkopf, wie Laroſe, nichts er⸗ fahren wuͤrde, und er folgte ihm daher in die Celle. Der Abt duͤ Chayla arbeitete mit dem Kapuzi⸗ ner, ſeinem Secretär, als der Brigadier mit ſeinem Parteiganger eintrat. „Gnädiger Herr,“ rief Laroſe,„mein Capitain, der Herr von Florac, iſt todt oder gefangen. Der Cornet iſt ganz gewiß todt. Von unſerer Com⸗ pagnie ſind nicht 20 Dragoner mehr am Leben. Vielleicht ehe noch eine Stunde vergeht, werden wir hier angegriffen werden.“ „So zeigen ſie ſich endlich!“ rief Poul mit wilder Freude. „Ja, ja, und Ihr werdet ſie vielleicht nur zu bald ſehen,“ erwiderte der Brigadier, als wirkte der Schrecken noch auf ihn. Seiner gewoͤhnlichen Kaltbluͤtigkeit ungeachtet wurde der Abt von dieſer Nachricht ergriffen. „Was ſagt Ihr? Erklärt Euch!“ ſagte er zu dem Dragoner. „Ihr wißt, gnaͤdiger Herr, daß ich auf Befehl meines Capitains nach Montpellier geritten war, mit Briefen von ihm und Euch an den Herrn Marſchall von Montrevel.“ „Nun?“ ſagte der Abt beſorgt. „Ich habe auf dem Wege keinen andern Unfall gehabt, als das Zuſammentreffen mit einer huͤbſchen Dame, die mich nach meinem Capitain fragte und mir vortrefflichen Wein zu trinken und von einer Paſtete zu eſſen gab.“ „Aber die Briefe, die Briefe!“ rief der Abt, Laroſe unterbrechend. „Recht, gnaͤdiger Herr; der Wein iſt getrun⸗ ken, alſo ſprechen wir nicht mehr davon. Ich kam alſo nach Montpellier und uͤbergab meine Briefe an Herrn von Baville. Herr von Baville ſagte mir, ich moͤchte mich in der Kuͤche erfriſchen laſſen, und ſollte am nachſten Tage mit zwei Compagnien Füͤſeliere vom Regimente Calviſſon, welche man Euch, gnaͤdiger Herr zur Verſtärkung ſendete, auf⸗ brechen.“ „Und dieſe Truppen?“ fragte der Erzprieſter. „Dieſe Truppen? Davon ſind Dreiviertel ge⸗ blieben, und der Reſt nach allen Seiten geflohen, jetzt aber wahrſcheinlich einzeln von den Fanatikern niedergemetzelt.“ — 266— „Die Rebellen haben Euch alſo angegriffen? Sie haben alſo bedeutende Streitkräfte?“ „Und wenn es ihrer 10,000, 20,000 wären,“ ſchrie Poul mit verächtlichem Tone,„ſo wären es doch immer nur 20,000 Bauern oder Kuhhir⸗ P ten. Mordieu, ich möchte wohl ſehen, wie ſie gleich einer Wolke Muͤcken auseinanderſprengten, wenn% ich ihnen die Pickelhauben meiner Mikelets zeigte.“ Laroſe wollte den Parteigänger fuͤr dieſe Prah⸗ lerei eben derb zurechtweiſen, aber der Abt fragte weiter: „Wo wurdet Ihr angegriffen?“ „Fuͤnf Stunden von hier, auf der Straße nach„ Nimes, auf dem Orte, den man die Schlucht von* Saint⸗Andre⸗d'Ancize genannt hat; wir trafen dort den Marquis von Florac, meinen Capitain, der uns mit einer Compagnie entgegen kam. Dieſen Mor⸗ gen von hier aufgebrochen, hatte er einen großen Umweg gemacht, um die Gegend zu recognosciren, indem er uns aufſuchte.“ „Er iſt in der That heute fruͤh mit Tagesan⸗ bruch von hier aufgebrochen,“ ſagte der Abt. „Nach einem Halt von einer halben Stunde machten wir uns wieder auf den Weg nach Pont de Mont⸗Vert und verfolgten das Defils. Wir hatten zwei Stunden zuruͤckgelegt und waren dem Ausgange nahe, als ein Reiter unſerer Vedetten der Avantgarde ſich zu uns zuruͤckzog, um dem Herrn Marquis zu melden, daß man am Ausgange des — Defilés am Saume eines Gcehoͤlzes eine ziemlich große Menge unbewaffneter Menſchen erblicke. Mein Capitain commandirte Halt und ſchickte mich auf Recognoscirung voraus. Ich fand ungefähr hun⸗ dert Bauern und Bergbewohner, welche mit ent⸗ bloßtem Kopf einem ſchwarz gekleideten Manne zu⸗ hoͤrten, der ihnen predigte.“ „Welche Verwegenheit! Am hellen Tage! Bis unter den Augen der Truppen!“ rief der Abt. „Noch iſt die Verwegenheit nicht daz die koͤmmt erſt ſpäter, Ihr ſollt ſchon ſehen,“ erwiderte trocken Laroſe.„Ich kehrte im Galopp zuruͤck, dem Mar⸗ quis zu melden, daß eine Predigt gehalten wuͤrde.“ „Nimm 10 Dragoner mit, ſagte mein Capitain, und jage die Narren auseinander; leiſten ſie Wi⸗ derſtand, ſo reite ſie nieder, aber laß nur im hoͤch⸗ ſten Nothfall ſchießen, denn dieſe Metzeleien em⸗ poͤren mich.“— Ich nehme 10 Mann mit mir und reite vorwaͤrts; der Prediger ließ ſich nicht ſtö⸗ ren.— Im Namen des Koͤnigs, rief ich ihnen zu, zieht Eure Hoſen ſtramm, und macht, daß Ihr fort kommt, Canaillen; wo nicht, ſo ſollt Ihr die Hufe unſerer Pferde fuͤhlen.—„Zieht Eures We⸗ ges, mein Bruder, und laſſet in Frieden die Soͤhne des Herrn, ſeine Barmherzigkeit anflehend fuͤr die Lei⸗ den, die ſie erdulden,“ ſagte der Prieſter.—„Wie, ich ſoll meines Weges ziehen, Keterhund!“ ſchrie ich, indem ich auf ihn zuritt, um ihn beim Kragen zu faſ⸗ ſen;„erſt wenn ich Dich an den Schweif meines — Pferdes gebunden habe, will ich meines Weges ziehen, und du mit mir.“ Indem ich ſo ſprach, faßte ich mei⸗ nen Mann.—„Meine Bruͤder,“ ſchrie er,„nie⸗ der auf die Kniee und ſtimmt den Befreiungspſalm der Kinder Iſraels an!“— Und die Schreihaͤlſe und Schreihaͤlſinnen— denn es waren auch Weiber und Kinder mit in der Verſammlung— ſangen aus voller Kehle ihren verdammten Pſalm nach ei⸗ ner Melodie, welche den Teufel unter die Erde brin⸗ gen koͤnnte.— Ungeduldig uͤber das Geplärre ſprengte der Marquis mit einigen Reitern im Gal⸗ lopp herbei; er wollte die Sänger mit Kolbenſchläͤ⸗ gen zum Schweigen bringen, aber das nutzte nichts; ſie haben im Puncte der Religion ein zu dickes Fell. Trotz aller Kolbenſtoͤße ſangen ſie fort, nur daß ſie bei jedem Puffe detonirten, um einem die Ohren zu zerreißen. Als der Pſalm zu Ende war, ſagte der Prediger, den zwei meiner Dragoner zu binden anfingen, zu dem Herrn Marquis:„Im Na⸗ men des lebendigen Gottes proteſtire ich gegen die Gewaltthat Eurer Soldaten. Wir ſind harmlos und beten Gott an, wie unſere Väͤter ihn angebe⸗ tet haben; laßt uns frei.“—„Ja, ja, laßt uns frei, wir thun nichts Boͤſes,“ wiederholten die Pſal⸗ menſänger.„Im Namen des Koͤnigs, geht augen⸗ blicklich auseinander, oder ich laſſe auf Euch ſchie⸗ ßen, wie ich ſchon hätte thun ſollen,“ antwortete mein Capitain.— Was Ihr aber nimmermehr werdet glauben wollen, mein gnädiger Herr, iſt, daß — 259— der Prediger, den ich eben an dem Schweif meines Pfer⸗ des binden wollte, dem Herrn Marquis antwortete: „Und ich, ich fordere Euch noch ein Mal im Namen des lebendigen Gottes auf, Euch zu entfernen, Euch und Eure Truppen, und uns in Frieden beten zu laſſen.“— Ihr werdet geſtehen, gnädiger Herr, daß wenn die Räuber ſich einfallen laſſen, die Maréchauſſ e fortzuſchicken, da wird die Sache zu komiſch; der Marquis machte daher eine Schwen⸗ kung, um nicht in zu großer Naͤhe zu ſchießen und ließ ungefähr auf 30 Schritte eine Salve geben.“ „Wirklich? Hat er ſich endlich dazu entſchloſſen? Das iſt ein wahres Gluͤck,“ ſagte Poul lachend. „Aber ohne Zweifel gab er Befehl, in die Luft zu ſchießen.“ „Plotzich,“ fuhr Laroſe fort, mit ſeiner Erzäh⸗ lung zu ſehr beſchäftigt, um auf die Unterbrechung des Parteigängers zu achten,„plotzlich hörten wir einen Geſang, der unter der Erde zu ſein ſchien; ein fuͤrchterliches Feuer, von dem Gehölze aus, nahm uns in die Flanke; wir waren in einen formlichen Hinterhalt gefallen.“ „Ein Aufſtand mit bewaffneter Hand. Ach, wie viel Blut, wie viel Blut wird wieder fließen!“ rief der Abt, indem er ſeinen finſtern Blick gen Himmel richtete. „Und die Infanterie, hoffe ich, hatte ſich doch wohl auf dem Huͤgel in Schlachtordnung aufge⸗ ſtellt?“ rief Poul. 5 „Ungluͤcklicher Weiſe nein,“ ſagte Laroſe;„ſie war Gewehr beim Fuß im Defil“ ſtehen geblie⸗ ben. Wer häͤtte denn einen Angriff erwartet? Gleich nach ihrer Salve ſtuͤrzten die Fanatiker, 2— 3000 an der Zahl, aus dem Walde hervor, griffen uns wuͤthend an und warfen uns in den Hohlweg; wir ritten hier unſere Infanterie uͤber, welche in Sturmſchritt hervorkam, und hinderten ſo ihr Feuer. Um uns vollends zu uͤberwinden, erſchienen eine Menge der Spitzbuben an dem Saume des Defilés, von wo ſie uns mit Flintenſchuͤſſen und Felsſtuͤcken zudeckten, die ſie auf uns herabroll⸗ ten. Der Eingang des Hohlweges, durch den wir haͤtten entkommen koͤnnen, wurde hartnaͤckig von ei⸗ nem Haufen dieſer Wuͤthenden vertheidigt, die zum Fuͤhrer einen eingefleiſchten Teufel hatten, einen gewiſſen Johann Cavalier, ehemals nach Genf ent⸗ flohen.“ „Der Sohn des Hieronimus Cavalier, der hier im Block liegt? Des Pächters von St. Andéol?“ rief der Abt, der ſich nicht ohne ein geheimes Ent⸗ ſetzen an den Auftritt in dem Pachthofe erinnern konnte. „Er ſelbſt, gnädiger Herr. Aber die Banditen muͤſſen durch irgend einen alten Soldaten in der Handhabung der Waffen unterrichtet ſein; denn nie habe ich ein beſſer unterhaltenes Pelotonfeuer geſehen, als dieſes war: man haͤtte glauben ſollen, den Wirbel einer Trommel zu hoͤren, Dreimal wurden wir durch 2% S — — — —— den Durchgang gezwungen, dreimal zuruͤckgeworfen. Die Schlucht war ſo eng, daß kaum ſechs Mann neben einander Platz hatten; wir waren dem Fuß⸗ volk im Wege, das Fußvolk uns; wir fielen wie die Fliegen. Endlich ſagte mein Capitain zu mir; „Laroſe, wir wollen noch einen letzten Angriff ver⸗ ſuchen; koömmſt Du durch, ſo ſieh zu, daß Du die Abtei erreichſt, um dem Herrn Erzprieſter Kunde von unſerer Niederlage zu bringen.“ In dem Augenblicke, als er dieſen Befehl gab, ließ das Feuer der Fana⸗ tiker etwas nach; wir ſtuͤrmten mit ſolchem Unge⸗ ſtum auf ſie ein, daß wir einige uͤber den Haufen ritten und ſie zum Theil auseinander ſprengten. Sie ſchloſſen ſich ſogleich wieder, aber zum Gluͤck hinter mir; ich war durch. Indem ich bewe Spo⸗ ren einſetzte, blickte ich mich um; da ſah ich, wie mein tapferer Capitain vom Pferde ſturzte und der Cavalier mit gezogenem Säͤbel auf ihn zu ief. „Iſt der Marquis todt? Iſt er gefangen?“ „Ich weiß es nicht, gnädiger Herr; hätte ich die geringſte Hoffnung gehabt, ihm beizuſtehen ſo wuͤrde ich ihn nicht verlaſſen haben; aber ich ſah, wie die Rebellen ſich nach dem Angriffe wieder dicht zuſammenſchloſſen und in das Defil einruͤckten, wobei ſie mit lauter Stimme ihre Pſalmen ſangen. Die Infanterie iſt gewiß niedergehauen worden. Was die Cavallerie betrifft, ſo werden die wenigen uͤbrig gebliebenen Dragoner wohl den andern Aus⸗ — 272— gang des Defiles erreicht haben. Alles, was wir hoffen duͤrfen, iſt, daß einige der Fluͤchtlinge Mont⸗ pellier erreichen und dort Larm ſchlagen. Der Herr Marſchall wird Truppen in hinreichender Menge ſchicken und wir werden entſetzt.“ Poul hatte den Bericht Laroſes mit der groß⸗ ten Aufmerkſamkeit angehoͤrt; er ſchien ernſt nach⸗ zudenken und ſeine geringſchatzende Verwegenheit zu vergeſſen. „Dieſe Elenden eroͤffnen den Feldzug mit einem glaͤnzenden Vortheil uͤber die regulären Truppen; das taugt nichts,“ ſagte er kopfſchuͤttelnd.„Das Pferd, das einmal ungeſtraft nach ſeinem Herrn beißt, wird gefährlich und unbezähmbar.“ „Aber Ihr ſeid verwundet!“ ſagte der Erzprie⸗ ſter zu dem Brigadier, indem er das Blut an ſei⸗ ner Uniform bemerkte.“ „Ja, gnaͤdiger Herr, in der Schulter, glaub' ich, aber es hat nur wenig zu bedeuten, denn ich fuͤhle es nicht. Ach, gnaͤdiger Herr, was fuͤr ein Krieg, was fuͤr ein Krieg! Ich habe den in Hol⸗ land und in der Pfalz mitgemacht, aber nie ſah ich eine ſolche Wuth. Ich bemerkte einige von den Fanatikern, die keine andere Waffe hatten, als in jeder Hand ein Felsſtuͤck; damit ſtuͤrzten ſie ſich blindlings in unſere Reihen und ſchlugen die Ver⸗ wundeten vollends todt. Man tödtete dieſe Ra⸗ ſenden auf den Leichen ihrer Opfer, das iſt freilich wahr, aber es war doch ein fuͤrchterlicher Anblick.“ — a „———— —— „Was meint Ihr Capitain?“ ſagte der Erz⸗ prieſter mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe zu Poul. „Welche Anordnungen haltet Ihr fuͤr zweckmäͤßig, um unſere Gefangenen fuͤr den Fall zu ſichern, daß die Rebellen die Abtei angreifen ſollten?“ „Ich will noch ein Mal Alles in Augenſchein nehmen und auf das Beſte ſorgen, Herr Abt. Was Dich betrifft, mein Burſche, ſo ſag' von alle dem meinen Mikelets kein Wort; Du möͤchteſt ſie mit deiner paniſchen Furcht anſtecken.“ „Wenn die Dragoner von St. Sernin den Ruͤcken wendeten, ſo geſchah es, weil auch tapferere Soldaten, wie die Mikelets, gewichen ſein wuͤrden; da iſt von paniſchem Schrecken nicht die Rede,“ erwiderte Laroſe muͤrriſch. „Ich zweifle nicht an Deinem Muthe, noch an dem Deines Capitains,“ ſagte Poul;„aber es iſt eine gewiſſe Gewohnheit noͤthig, um mit kaltem Blute den Angriff dieſer Wuͤthenden aufzuhalten. Ich habe geſehen, wie halbwilde Bulgarenhorden, nur mit Keule und Schleuder bewaffnet, die älte⸗ ſten und beſten kaiſerlichen Truppen in Unordnung brachten; aber das war nicht von Dauer, die Tak⸗ tik und Disciplin trugen bald den Sieg uͤber dieſe rohen Horden davon.“ „Ich zahle auf Euch, Capitain, um die Ver⸗ theidigung der Abtei und die Obhut unſerer Ge⸗ fangenen zu ſichern,“ ſagte der Erzprieſter zu Moul. „Ihr, Laroſe, ſücht den Laienbruder auf, der mich Krieg in den Cevennen. begleitet; er beſitzt einige Kenntniſſe in der Wund⸗ arzneikunſt und kann Euch die erſte Sorgfalt widmen.“ Der Parteigäͤnger und der Brigadier gingen; der Abt duͤ Chayla blieb allein mit ſeinem Se⸗ cretait. XX. Der Angriff. Die Nacht war klar, ſternenhell, ruhig; die Ge⸗ baͤude der Abrei ſtachen ſchwach gegen das Blau des dunklen Firmamentes ab. Einige helle Strahlen blitzten aus den Fenſtern durch die Dunkelheit, und ſpiegelten ſich in den Gewaͤſſern des Tarn. Ein⸗ zelne Lichter funkelten auch aus der dunklen fernen Maſſe der einzelnen Haͤuſer hervor, welche zur Rech⸗ ten des Kloſters erbaut waren; links von demſel⸗ ben trat ein waldbewachſener Huͤgel undeutlich aus der Finſterniß hervor. Die Straße von Fleſſinet nach Roſére, welche zu dem Thore der Abtei fuͤhrte, war trotz der Nacht durch ihre kalkige Farbe zu er⸗ kennen. Nachdem dieſe Straße ſich uber braune öde Ebe⸗ nen hingezogen hatte, verlor ſie ſich am Horizonte zwiſchen zwei Huͤgeln. Almahlig verſchwanden die Lichter in dem Flecken, 18* — 26— es ſchlug 11 Uhr und nur noch die Fenſter in der Abtei blieben erleuchtet. Plotzlich wurde die Stille der Nacht durch ei⸗ nen dumpfen, fernen Lärm getrubt. Dieſer Lärm naͤherte ſich, wurde beſtimmter: es war der Fußtritt einer großen Menge Menſchen; eine ſchwarze Maſſe zeigte ſich an dem Saume des Horizontes; die kreidige Weiße des Weges von Fleſſinet verſchwand bald unter den finſtern, ſchwei⸗ genden, eilenden Fluthen der Menge, welche ſich ſchnell in die Ebene ergoß, wie ein Strom, der die Ufer uͤbertritt. Plötzlich rief eine ſtarke, kräſtige Stimme:„Halt, Bruͤder!“ Die Maſſe hielt ſchweigend, ungefähr 500 Schritt von der Abtei, an. Ephraim, denn er war es an der Spitze von 2000 bewaffneten Holzhackern und Bergbewohnern, die er auf der Ebene von Rhan⸗ Jaſtri verſammelt hatte;— Ephraim beſtieg eine Er⸗ höhung, von welcher er die Verſammlung uͤberragte. Ichabod, ſein junger Prophet, ſtand neben ihm, blaß, abgemagert, athemlos durch den anſtrengenden Marſch. Waͤhrend des Weges hatte Ephraim ihn nicht verlaſſen; das wilde Kind wurde immer mehr und mehr von dem Einfluſſe des Waldhuͤters eingenom⸗ men, wie dieſer von dem ſeinigen. In den Augen des Waldhuͤters von Aygoal war Ichabod heimgeſucht von dem Herrnz in den Augen Ichabods war Ephraim einer von den ———— Vollſtreckern des gottlichen Zornes, die in den fin⸗ ſtern Weiſungen des Glasmachers ſo oft genannt wurden. Geheimnißvolle, innige, ohne Zweifel magne⸗ tiſche Verbindungen, begannen zwiſchen den Gedan⸗ ken dieſer beiden Geſchöpfe zu entſtehen, die durch einen gemeinſamen und wilden Enthuſiasmus verlockt wurden. Zuweilen ſchien der Blick Ephraims das prophe⸗ tiſche Kind zu bezaubern, deſſen irre Gedanken dann in die finſterſten Prophezeihungen ausſchweiften, nach denen es, von kataleptiſcher Kriſis ergriffen, zu Bo⸗ den ſtuͤrzte. Aber ſtets mit einer Art von unterwuͤrfigem Schrecken ſenkte Ephraim ſeinerſeits die Augen vor dem ſtarren, gluͤhenden Blicke Ichabods, wenn die grelle Kinderſtimme unter den furchtbarſten Prophe⸗ zeihungen der Schrift, Iſrael laut zu der Unter⸗ druͤckung der Kinder Belials auftief. Die Religionaren, welche Ephraim und Ichabod umſtanden, erwarteten ſchweigend die Befehle ihres Fuͤhrers. „Bruͤder,“ fagte der Waldhuͤter, indem er mit ſeiner Axt nach der Abtei deutete,„Eure Väter, Eure Schweſtern, Eure Muͤtter, Eure Kinder, Eure Weiber liegen dort im Block. Der Wolf, der See⸗ lenraͤuber, der Erzprieſter von Baal, haͤlt ſie dort gefangen. Er iſt von Mikelets umgeben, von de⸗ nen, wolche Biacremé⸗Frugéres und ſein Weib nie⸗ — 278— dermetzelten. Blut fordert Blut. Ichabod, Ichabod, was ſagt Dir der Geiſt? Gebietet er das Opfer?“ Und Ephraim erwartete die Worte des Pro⸗ pheten; dieſer ſprach bald mit heftiger, kurz abge⸗ brochener Stimme, die folgenden Stellen aus dem Buche des Jeſaias: „Ich gebiete Dir, mein Kind, meine Fahne zu „erheben auf einem hohen Berge, und die Stimme „erſchallen zu laſſen, um meine Krieger zu rufen.— „Ich habe meine Krieger kommen laſſen, damit ſie „die Verkuͤnder meines Zornes ſeien.— Brechet in „Geſchrei aus, denn der Tag des Herrn iſt nahe, und „die Große des Verderbens wird der Gewalt des All⸗ „mächtigen gleich kommen.“ „Der Tag iſt erſchienen, der grauſame Tag, der „Tag des Zornes, des Unwillens und der Wuth, die „Erde zu entvolkern, und zu vertilgen die Bos⸗ „haften.“ „Man wird gieriger ſein nach dem Blute der „Menſchen als nach dem Golde. Wer innerhalb der „Mauern Babylons gefunden wird, muß getodtet „werden. Alle die, welche es vertheidigen, ſollen fal⸗ „len unter dem Schwerte!“ Je länger Ichabod ſprach, deſto heftiger wurde ſeine Aufregung, deſto ſchneidender und kraͤftiger ſeine Stimme. Der Schweiß rann ihm uͤber die Stirn und als ſein Aufruf vollendet war, ſtutzte er ſich auf Ephraim, als waͤre er gänzlich erſchoͤpft. ——————— Sogleich ſchrie der Waldhuͤter mit feierlicher, weithintönender Stimme:„Bruͤder, der heilige Geiſt ſpricht durch den Mund ſeines Propheten; wer in⸗ nerhalb der Mauern Babylon gefunden wird, ſoll getödtet werden; wer es vertheidigt, ſoll fallen unter dem Schwerte!— Was iſt die Abtei? Iſt ſie nicht Babylon?“ „Nach Babylon, nach Babylon,“ ſchrieen die Bergbewohner, die Ephraim zunächſt ſtanden, indem ſie ihre Waffen ſchwangen; nieder mit den Pa⸗ piſten!“ „Der Wille des Herrn geſchehe,“ ſagte der Waldhuͤter;„vorwaͤrts, Bruͤder.“ „Bruder, wie ſollen wir angreifen? Wie ſoll unſere Schlachtordnung ſein?“ fragte Esprit⸗Se⸗ guier im Augenblicke des Aufbruches Ephraim. „Wie wir angreifen? Welche Schlachtordnung?“ wiederholte dieſer mit einer Art geringſchätzendem Staunen.„Wie greift der Loͤwe ſeine Beute an? Welcher Ordnung folgt der Adler, wenn er auf ſeine Opfer niederſtößt? Dem Einen gab Gott ſeine Zaͤhne, dem Andern ſeine Krallen; Beiden ihren Muth und ihre Kraft, indem er zu ihnen ſprach: Gehet, zerreißet Schafe oder Stier, Taube oder Schlange.— Bruͤder, Bruͤder, Babylon liegt vor uns; Babylon iſt unſer, denn Gott iſt mit uns.“ „Ja, Gott iſt mit uns,“ wiederholten ſeine Begleiter, exaltirt die Worte Ephraims,„Babylon iſt unſer!“ „Vorwärts Brauͤder, vorwärts; die Stunde iſt gekommen!“ wiederholte er und ſchritt ſchnell gegen die Abtei vor. An der einen Hand hielt er Icha⸗ bod, mit der andern ſchwang er ſeine Apt. Die ganze, kaum bewaffnete, undisciplinirte Maſſe, ohne Plan des Kampfes, ohne Taktik, aber an⸗ geſpornt durch einen gluͤhenden Enthuſiasmus, ſtuͤrzte ſich dem Fuͤhrer nach, der eben ſo unerfahren war, als die Uebrigen. Die Strecke, welche die Aufruͤhrer von der Abtei trennte, war bald zuruckgelegt. Sie gelangten zur Bruͤcke, ohne auf den geringſten Widerſtand zu ſtoßen, und bemerkten jetzt erſt, daß am aͤußerſten Ende und an den Seiten derſelben hohe und ſtarke Palliſaden aufgeführt worden waren. Die Rebellen, welche in dichter Maſſe vor den Palliſaden und längs den Ufern des Tarn ſtanden, beriethen ſich mit leiſer Stimme daruͤber, was ſie zu thun hätten, um dies unerwartete Hinderniß zu beſeitigen, als Ephraim zuerſt ſeine ſchwere Axt er⸗ hob und einen furchtbaren Streich gegen die Baum⸗ ſtämme fuhrte, welche die Palliſaden bildeten, indem er dazu ausrief:„Ich will ſie bis zum Himmel erſchuͤttern!“ Die Holzhacker ahmten dem Beiſpiele des Wald⸗ huͤters nach. Ihre Aexte fielen auf die Rinde der Eichenſtämme nieder, als ein wohlgenährtes Gewehr⸗ feuer, durch die Zwiſchenräume der Palliſaden ge⸗ fuhrt, einige der Religonaren außer Kampf ſetzte. Die Arbeiter hielten einen Augenblick inne; die Verwundeten und Todten wurden an das Ufer des Fluſſes getragen, hinter eine Reihe ven Weiden, welche ihnen Schutz gegen die Flintenkugeln ge⸗ währten. „Schlaget, ſchlaget ohne Unterlaß an die Pforte des Tempels, und ſie wird ſich öffnen,“ rief Icha⸗ bod, den der Anblick des Blutes außer ſich zu brin⸗ gen ſchien, und eine Axt ergreifend ſchlug er auf die Palliſaden los. Zufällig fielen wieder mehrere Schuͤſſe ohne ihn zu treffen. „Der Herr iſt mit uns!“ ſchrie Ephraim;„er ſchuͤtzt den, der ſein Wort fuͤhrt.“ Dieſe Worte verdoppelten den Eifer der Bela⸗ gerer; ungeachtet des moͤrderiſchen Feuers, welches ihre Reihen lichtete, arbeiteten ſie wuͤthend an der Zerſtoͤrung der Palliſaden, und ſprachen nur leiſe mit einander, um von den Worten des Propheten und den Befehlen Ephraims nichts zu verlieren. Dieſes dumpfe Schweigen, nur durch die Flin⸗ tenſchuͤſſe und die Axtſchlaͤge unterbrochen, war ent⸗ ſetzlicher, als das wuͤthendſte Geſchrei hätte ſein können. Wieder waren zwei Kamiſarden unter dem Feuer der Mikelets gefallen, als Ephraim gebot: „Bruͤder, einige von Euch mögen ſich auf die Kniee werfen und ſo die Stämme abhauen; die Schuͤſſe der Philiſter können uns dann nicht errei⸗ — 282— chen. Unſere Bruͤder ziehen ſich hinter die Weiden zuruͤck, bis der Eingang erzwungen iſt.“ Die Fanatiker gehorchten; Esprit⸗Seguier und fuͤnf oder ſechs mit Aerten bewaffnete Kamiſarden blie⸗ ben bei dem Waldhuͤter, und die Palliſaden, ſo an ihrem Fuße angegriffen, wurden mächtig erſchuͤttert. Die Schießſcharten waren in Mannshoͤhe an⸗ gebracht und wurden jetzt beinahe nutzlos; nur ſehr ſchwer konnten die Mikelets auf die knieenden Ka⸗ miſarden ſchießen. Endlich gelang es dieſen nach den größten An⸗ ſtrengungen ſich einen Weg zu bahnen. Die Bäume ſturzten praſſelnd nieder und unter dem raſenden Geſchrei der Kamiſarden:„Iſtael, Iſrael!“ Ephraim an ihrer Spitze, erkletterten ſie ſogleich die Truͤm⸗ mer der Palliſadirung und ſtuͤrzten ſich auf die Bruͤcke. Dieſe Brucke, welche ungefaͤhr 20 Fuß breit und 10 lang war, fullte ſich bald mit Emporern, welche das Thor der Abtei angriffen, das von innen durch die Mikelets, die ſich in das Kloſter zuruͤckge⸗ zogen hatten, verrammelt worden war. Plotzlich beleuchtete ein heller Schein die Ge⸗ baͤude der Abtei, die Ebene, den Horizont; eine entſetzliche Exploſion erfolgte und die Gewaͤſſer des Tarn traten ſiedend uͤber die Ufer. Die Bruͤcke war auf Befehl Pouls unterminirt worden und ſprang mit einem entſetzlichen Getoͤſe in die Luft, —— — 283— indem ſie eine große Menge der Kamiſarden tod⸗ tete oder verwundete. Zum ungluͤck war die Erſchuͤtterung ſo heftig, daß die beiden ſchweren Thore der Abtei dadurch nach der Seite der Belagerer mit ſammt den Mauerſtuͤcken, an denen ſie hingen, niedergeſturzt wurden. Die Exploſion hatte die Bruͤcke gerade in der Mitte zerriſſen; als die Religionaren ſich von ihrem Schrecken erholt hatten, gingen ſie uͤber den Riß, der hoͤchſtens 4 Fuß breit war, indem ſie ſich des Thores wie einer fliegenden Bruͤcke bedienten und drangen dann in wilder Verwirrung in das Kloſter. Zu ihrem großen Staunen fanden die Kami⸗ ſarden den Hof keer.. Die Wirkung der Mine war ſo fuͤrchterlich ge⸗ weſen, daß ſie jeden. Augenblick eine neue Exploſion vermutheten. Sie blieben unentſchloſſen ſtehen und befragten Ephraim und den Propheten mit ihren Blicken. Der Furcht unzugaͤnglich, rief der Waldhuͤter: „Bruͤder, auf die Kniee! Laßt uns Gott da⸗ fuͤr danken, daß er unſere Waffen ſegnete.“ „Bruder,“ ſagte leiſe Esprit⸗Seguier zu Ephraim, weshalb wollen wir nicht die Philiſter tödten und ihr Blut Gott darbringen? Wenn Sie uns ent⸗ kommen?“ „Muͤſſen ſie nicht, um die Abtei zu verlaſſen, uͤber dieſen Hof und über dieſe Bruͤcke? Umſtroͤmt —— nicht der reißende und tiefe Fluß die Gebäude auf allen Seiten? Iſt nicht das einzige Fahrzeug, das ihnen zur Flucht dienen könnte, vernichtet? Laßt uns beten, Bruͤder, laßt uns beten; unſere ſchmet⸗ ternden Stimmen mögen die Söhne Baals, die ſich zitternd hinter dieſen Mauern verborgen haben, mit Schrecken erfuͤllen! Unſer Geſang ſei für ſie die Trompete des letzten Gerichtes!— Ich werde Feuer werfen in das Haus Hazaels und der Pa⸗ laſt Flanadas ſoll von dem Feuer zerſtort werden. Ich werde Feuer legen an die Mauern von Gaza und es wird ſeine Palläſte in Aſche verwandeln, ſagt der Herr.“ „Feuer!“ rief Esprit⸗Seguier mit wilder Freude; „ja, ja Bruder, es bleibe von dieſem Ninive kein Stein auf dem andern.“ „Und die gerötheten Fluthen mögen verſchlin⸗ gen, was Eiſen und Feuer verſchonte,“ fuͤgte Ephraim hinzu. Dann kniete er nieder und hob mit mächtiger Stimme den Erlöſungspſalm an, welchen die Ka⸗ miſarden, knieend gleich ihm, im Chor mit furchtba⸗ rer Stimme wiederholten. XXI. Der Märtyrer. Während des Angriffes auf die Abtei war der Erzprieſter in ſeiner Celle geblieben, in der er knieend betete. Eine Lampe warf ihren flackernden Schein auf ſeine Marmorſtirn und ſeine farbloſen Schläfe, wäͤhrend ſeine tiefen Augenhoͤhlen und der uͤbrige Theil ſeines abgemagerten Geſichtes im Schat⸗ ten lagen. Bei dem erſten Laͤrm des Kampfes war er in ſeine gewoͤhnliche furchtbare Angſt verfallen; er bebte vor Entſetzen, indem er an die unerbittliche Strenge dachte, die er ſtets gezeigt hatte. Von zu unbeugſamem Muthe, um die ſterbliche Rache der Religionaren zu fuͤrchten, war es nicht das Maͤr⸗ tyrerthum, welches er ſcheute, ſondern die Stunde zu dem Richterſpruche Gottes. Zuweilen riß die kriegeriſche Gluth ſeines Cha⸗ — 286— rakters, die er ſtets bekäͤmpft hatte, ihn unwillkür⸗ lich hin. Er wollte käͤmpfen, er wollte das Kreuz in die eine Pand, das Schwert in die andere neh⸗ men, und ſich unter die Angreifenden ſturzen. Bald aber machte er ſich dieſe kriegeriſchen Neigungen wieder als Gottesläſterung zum Vorwurf, und ver⸗ ſank auf's Neue in einen Abgrund voll Schrecken und Verzweiflung. Plotzlich wurde das Fenſter ſeiner Celle ein⸗ geſchlagen. Poul erſchien an demſelben; ſein Bart und ſein Schnurbart waren vom Pulver geſchwaͤrzt; er trug ein Panzerhemd uͤber ſeinem Buͤffelwamms und auf dem Kopfe eine eiſerne Pickelhaube. In der Hand hielt er eine noch rauchende Muskete. „Das Floß iſt fertig; kommt,“ ſagte er mit leiſer Stimme und ſehr raſch,„kommt ſchnell.“ „Ihr gebt die Abtei und die Gefangenen auf?“ rief der Erzprieſter unwillig. „Ich habe Alles gethan, was ein Soldat thun kann, nicht mehr, nicht weniger,“ entgegnete Poul. „Kommt, kommt.“— Als der Parteigänger ſah, daß der Abt ſich nicht von der Stelle ruͤhrte, fugte er heftig hinzu:„Jede verlorene Secunde koſtet Euch ein Jahr von Eurem Leben. Wollt Ihr kom⸗ men oder nicht?“ „Nie werde ich die Seelen verlaſſen, die ich der Keterei entreißen ſoll.“ — —— —— — — 287— „Ihr werdet ſelbſt gleich eine Seele ſein, wenn Ihr nicht mitkommt.“ „Ich befehle Euch zu bleiben, und—“ „Zum Teufel, deſto ſchlimmer fuͤr Euch!“ er⸗ widerte der Fuͤhrer der Mikelets und verſchwand. Der Capitain war weder von dem Alter noch von dem Charakter, ſeine militäriſchen Pflichten bis zur Exaltation zu treiben, bis zur gänzlichen Selbſt⸗ verlaͤugnung. Ein alter Söldner im wahren Sinne des Wortes, redlich auf ſeine Weiſe, zahlte er un⸗ erſchrocken mit ſeiner Perſon und der ſeiner Leute, aber er ging nie uͤber die Grenzen des Moͤglichen und Nothwendigen hinaus. Er hatte geſchickt und tapfer den Kamiſarden Widerſtand geleiſtet, ſo lange Widerſtand nuͤtzlich war; als die Palliſadirung, die Bruͤcke und die Thore geſprengt waren, erkannte er die Unmoͤglichkeit, ſich laͤnger gegen ſo uͤberlegene Streitkraͤfte zu halten. Die Nacht war finſter und er durfte nicht einen Kampf Mann gegen Mann eingehen. Die Cellen, von einander iſolirt, konn⸗ ten nicht vertheidigt werden. Die Unordnung be⸗ nutzend, welches das Springen der Mine unter den Kamiſarden hervorgebracht hatte, bewirkte er klug ſei⸗ nen Ruͤckzug, indem er ſeine Verwundeten mit ſich nahm und einen unterirdiſchen Gang verrammelte, der von dem Hofe des Kloſters nach dem aͤußern Garten fuͤhrte, welcher durch den hier ſehr ſchnel⸗ ſehr reißenden und ſehr tiefen Fluß beſpult wurde, ———————— — 288— Poul wußte, daß die Barrikade des Ganges die Kamiſarden einige Zeit zuruͤckhalten wuͤrde, und ſchaffte alle ſeine Leute auf ein großes Floß, wel⸗ ches vor dem Angriff innerhalb weniger Stunden aus Brettern zuſammen gezimmert worden war, um auf den Fall der Niederlage die Flucht zu ſichern. Als der Erzprieſter ſich geweigert hatte, ihn zu beglei⸗ ten, ſchiffte der Parteigänger ſich einige Klafter uͤber einer der ſchnellen Windungen des Tarn ein, und die Heftigkeit der Ströͤmung trieb das Floß an das entgegengeſetzte Ufer. Poul und ſeine Mike⸗ lets erreichten das freie Feld. Als die Rebellen ihren Pſalm geſungen hatten, pflogen ſie einen kurzen Rath. Das tiefe Schwei⸗ gen, welches in der Abtei herrſchte, machte ſie be⸗ ſorgt: ſie furchteten in einen neuen Hinterhalt zu fallen. Ephraim bemerkte zuerſt, daß der Gang ver⸗ rammelt war. Nach ziemlich langer Anſtrengung wurde er geſprengt und die Kamiſarden ſtuͤrzten ſich wild hinein. Im Garten angelangt durchſtreiften ſie ihn nach allen Richtungen, ohne etwas zu finden. Das Licht, welches aus dem Fenſter des Abtes ſchimmerte, zog ihre Aufmerkſamkeit an. Dieſes Fenſter war beinahe dem Boden gleich; Poul hatte es offen gelaſſen, als er ſich entfernte. Ephraim trat näher, ſah den Erzprieſter, ſchäumte vor Wuth wie ein Tiger, und war mit einem Satze im Zimmer. — 2890— Ichabod und einige Kamiſarden waren ihm ge⸗ folgt. Als hätte der Waldhuͤter beweiſen wollen, daß das Leben des Prieſters ihm gehoͤre, legte er ſeine breite Hand auf die Schulter des Abtes, und rief mit dem Tone wilden Triumphes und grauſa⸗ men Spottes, indem er auf die Flucht der Mike⸗ lets hindeutete:„Deine Tapfern, Theman, werden von Schrecken ergriffen, denn ein großes Bluthad wird Statt gefunden haben auf dem Berge des Je⸗ ſaias!“ Der Erzprieſter blieb ſitzen, die beiden Hände auf die Lehne ſeines Stuhles geſtuͤtzt. Er war ſo wuͤrdig, ſo ruhig, ſo erhaben impoſant, als hätte er in ſeinem Kapitel von Laval in feierlicher Verſamm⸗ lung den Vorſitz gefuͤhrt; er wendete langſam den Kopf, und ohne Ephraim zu antworten warf er ihm einen Blick voll ſolcher Majeſtät, voll ſo un⸗ erſchrockener Reſignation zu, daß der Waldhuͤter da⸗ vor die Augen ſenken mußte. „Tod, Tod, dem Sohne Belials,“ ſchrieen die Kamiſarden, indem ſie in die Celle ſtürzten. „Brüder, Gerechtigkeit ſoll werden; meine Vi⸗ ſion muß ſich erfullen,“ ſagte Ephraim,„aber vor allen Dingen muͤſſen wir die Soldaten entdek⸗ ken, die uns vielleicht eine Schlinge legen, und un⸗ ſere Bruͤder befreien. Der Tod des Erzprieſters von Baal wird ihren Augen ſuͤß ſein. Esprit⸗ Seguier,“ fugte der Kamiſarde hinzu, indem er ſich Krieg in den Covennen. 19 — 290— an ſeinen Lieutenant wendete,„kneble dieſen Sa⸗ tan, ich komme zuruͤck.“ Die Nachſuchungen Ephraims waren vergebens, er entdeckte die Mikelets nicht. Als er in die Kel⸗ ler hinabging, um die gefangenen Proteſtanten zu befreien, ſagten ihm einige derſelben, daß ſie durch die Luftloͤcher geſehen hätten, wie die Soldaten ſich auf einem Floß einſchifften. Ueber dieſen Punkt beruhigt, ging Ephraim wie⸗ der hinauf, begleitet von den Ungluͤcklichen, welche der Erzprieſter im Block gehalten hatte. Als ſie hoͤrten, daß ihr Verfolger in der Ge⸗ walt der Rebellen ſei, brachen faſt Alle in Geſchrei des Mordes und der Rache aus. Hironimus Ca⸗ valier, einige Frausn, junge Mädchen und Kinder, die eben ſo menſchlich dachten, wie der Paͤchter, ver⸗ ſuchten vergebens ſich den blutduͤrſtigen Abſichten der größern Menge zu widerſetzen; ſie wurden nicht ge⸗ hoͤrt. Da ſie dem entſetzlichen Schauſpiele nicht bei⸗ wohnen wollten, das zu erwarten ſtand, fluͤchteten ſie ſich in eine der verlaſſenen Cellen. Der Erzprieſter, welcher geknebelt auf ſeinem Stuhle ſaß, die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, wurde von zwei Cevenolen auf die Mitte des Klo⸗ ſterhofes getragen. Vier Piken wurden in die Erde geſteckt und daran vier Kienfackeln befeſtigt, welche ein roͤthli⸗ ches Licht auf den fuͤrchterlichen Auftritt warfen. Die Bogen des Kloſterganges ſchienen mit Blut gefärbt ⸗ ——— — W— zu ſein und traten roth aus dem ſchwarzen Schat⸗ ten der Gallerie hervor. Die Sterne glaͤnzten am Himmel; in der Ferne hoͤrte man das Rauſchen des Fluſſes, denn die Kamiſarden bewahrten ein furchtbares, beinahe feier⸗ liches Schweigen. Sie glaubten, einen Strafbaren zu zuchtigen und nicht, einen Unſchuldigen zu morden. Rechts neben dem gebundenen Erzprieſter ſtand Ephraim, auf ſeine Apt geſtutt; links neben ihm, in eine rothe Tunica gekleidet, die Augen zum Him⸗ mel erhoben, die Arme uͤber der Bruſt gekreuzt, krampfhaft zitternd, ſtand Ichabod. Der Abt ließ uͤber die drohende Menge einen ernſten Blick gleiten; er hoffte, daß ſein Maͤrtyrer⸗ thum vielleicht von Gott als Suͤhne ſeiner zu gro⸗ ßen Strenge angenommen werden wuͤrde. „Bruͤder,“ ſagte Ephraim mit ſchallender Stimme,„die von Euch, welche in den Block ge⸗ worfen worden ſind, moͤgen Plaß nehmen in der erſten Reihe, denn Euch gehoͤrt er an. Die von den Streitern des Ewigen, welche in ihren Fami⸗ lien getroffen worden ſind, nehmen ebenfalls Platz in der erſten Reihe, denn auch ihnen gehort er an.“ Die Befehle Ephraims wurden mit finſterem Schweigen befolgt; der Waldhuͤter von Aygoal lei⸗ tete die Zubereitungen zu dem blutigen Opfer mit entſetzlicher Kaltbluͤtigkeit. Man hätte glauben ſol⸗ len, einen Prieſter zu ſehen, der eine religioſe Feier⸗ lichkeit anordnet. 19 8 — 292— Der Erzprieſter wurde von einem engen Kreiſe umgeben, der aus ſeinen erbitterteſten Feinden beſtand, welche rachegierige Blicke auf ihn ſchleuderten. „Du haſt durch das Schwert getödtet, und wirſt durch das Schwert getoͤdtet werden,“ ſagte Ephraim zu dem Abt duͤ Chayla.„Du ſollſt in Verwirrung geſtuͤrzt werden wegen der Mordthaten, die Du begangen haſt, und wegen der Gewalt⸗ that, die Du Dir zu Schulden kommen ließeſt ge⸗ gen Jacob, Deinen Bruder.— Du ſollſt fur ewig untergehen.“ „Mein Bruder,“ ſagte der Abt,„Du enthei⸗ ligſt die Worte des Herrn. Begehe keinen neuen Mord, keine neue Gotteslaͤſterung. Nicht mein Le⸗ ben mache ich Dir ſtreitig, denn das gehort Gott an; Deine Seele will ich Dir retten. Schwore Deine verderbliche Ketzerei abz kehre zur wahren Kirche zu⸗ ruͤck. Die Gnade des Herrn iſt unerſchoͤpflich. Ich ſage es Euch in dieſem letzten Augenblicke: ſchwört ab, ſchwoͤrt ab; Ihr ſollt Gnade finden, o, meine Bruͤder; ſtuͤrzt Euch nicht in das ewige Verderben.“ Der Abt ſprach dieſe Worte mit feſter, milder Stimme, mit einem Tone voll zaͤrtlichen Mitleids. Die Annäherung des Todes, die unerſchoͤpfliche Hoff⸗ nung, daß ſeine Martern ihm durch die gottliche Barmherzigkeit angerechnet werden wuͤrden, ſpannte dieſe unbeugſame Seele ab. Die erhabene Milde des Chriſtenthumes ließ ihn ein inniges Mitgefuͤhl fur ſeine Henker empfinden. 35 — 203— Die Kamiſarden brachen voll Unwillen in ein heftiges Gemurmel aus, indem ſie hoͤrten, wie der Erzprieſter ſie ermahnte, ihren Glauben abzuſchwoͤren. Ephraim uͤberſchrie das drohende Gemurmel mit den Worten:„Brader, Brüder, hoͤrt, die Stimme Gottes wird ertoͤnen; Ichabod, Ichabod, was ſagt der Geiſt?“ Das Kind ſprach mit kurzer, ſcharfer Stimme die folgenden Verſe der Schrift, welche ſich auch auf den Erzprieſter anwenden ließen. „Du ſollteſt nicht Freude daran finden, die Be⸗ truͤbniß Deines Bruders zu ſehen, an dem Tage, als der Fremde uͤberliefert wurde, loch Dich ergotzen, zu ſehen den Untergang der Kinder Iſraels, noch dich unverſchämt bruͤſten, als ſie von Leiden be⸗ druͤckt wurden;— Du ſollſt fur ewig untergehen!“ „Er ſterbe! Er ſterbe!“ ſchrieen die Kamiſarden, ihre Waffen ſchwingend. Ichabod fuhr fort:„Du durfteſt weder einzie⸗ hen in die Stadt meines Volkes am Tage ſeines Unterganges, noch ihm rathen an dem Tage, als man es vertilgte;— Du ſollſt fuͤr ewig untergehen!“ Ichabod ſchwieg und ſank erſchöpft, keuchend, zu Ephraims Fuͤßen nieder. „Zum letzten Male, meine Bräder, ſchwoͤrt ab Eure verdammungswerthe Ketzerei!“ ſchrie der Erzprieſter.„Ach, weshalb kann nicht mein Tod wie der Chriſti Euch erretten, ſtatt Euer Verderben zu beſchleunigen; wie wollte ich mein Maͤrtyrerthum ſegnen. Meine Bruder, noch iſt es Zeit, ſchwört ab und kehrt zuruͤck zur Verehrung des wahren Gottes.“ Bei dieſen Worten erreichte die Wuth der Ka⸗ miſarden den hochſten Gipfelz die ganze Gewalt Eph⸗ raims war noͤthig, um ſie abzuhalten„den Erzprie⸗ ſter auf der Stelle niederzumetzen. „Meine Bruder,“ ſchrie der Waldhuͤter,„Streich fuͤr Streich, Blut fuͤr Blut. Jeder von Euch, wel⸗ cher einen Verwandten beweint, der durch die Phi⸗ liſter getödtet worden iſt, treffe dieſen Sohn Belials. Jede Wunde habe ihren Namen.“ Dieſer Vorſchlag wurde mit wilder Trunkenheit aufgenommen. Die Religionaren, welche den Tod eines der Ihrigen zu rächen hatten, traten vorz es entſtand ein langſamer, trauriger Marſch. Ephraim reichte Esprit⸗Seguier, welcher an der Spitze dieſer finſtern Prozeſſion ſtand, einen Dolch. Der Proteſtant traf zuerſt den Erzprieſter mit feſter Hand, indem er dazu ſagte:„Das iſt fur meinen Bruder, den Du in der Verſammlung von Alte⸗Fage an dem Thore von Alais niedermetzeln ließeſt. Sei verflucht!“ Und mit dieſen Worten uͤbergab er den Dolch an einen zweiten Proteſtanten, Namens Laporte. Der Streich war nicht tödtlich. Der Etzprie⸗ ſter ſtieß keinen Schrei aus, erhob die Augen zum Himmel und ſprach mit feſter Stimme und mit dem Tone inniger Ergebung den folgenden Vers des Bußpſalms: —,—— — 295— „De profundis clamavi ad te, Pomine; Do- mine, exaudi vocem meam.“*) Laporte trat vor, traf den Erzprieſter und ſagte: „Das iſt fuͤr meinen Sohn, den Du in Mont⸗ pellier lebendig raͤdern ließeſt. Sei vekflucht!“ Und er uͤberreichte den Dolch an Caduine von Anduſe. Der Abt verlor viel Blut aus dieſer zweiten Wunde; er ließ den Kopf auf die Achſel ſinken und hatte noch die Kraft, obgleich mit zitternder und geſchwaͤchter Stimme zu ſprechen: Libera me de sanguinibus, Dens, Deus sa- lutis meae; et esultabit lingun men justitiam tuam.“**) Caduine von Anduſe traf hierauf den Erzprie⸗ ſter und ſprach:„das iſt fuͤr meinen Vater, den Diener des Herrn, den Du in Nimes verbrennen ließeſt. Sei verflucht!“ Dieſer lette Streich war tödtlich. Der Erzprieſter ſchloß die Augen, ſtammelte die Worte: 8 us der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir, Herr, höre meine Stimme. Errette mich von meinen Sünden, Gott, Gott meines Heils, und meine Zunge wird Deine Gerechtig⸗ keit preiſen, „Miserere mei Deus— secundum magnam — misericordiam tuam.“*) Und er ſtarb.— Ungeachtet des Todes des Abtes machte die moͤrderiſche Prozeſſion der Reli⸗ gionaren noch nicht Halt. Alle die, welche gegen den Erzprieſter Repreſſa⸗ lien auszuuͤben hatten, trafen deſſen Leichnam mit derſelben Feierlichkeit, indem ſie dieſelben Worte der Anklage und des Fluches ſprachen. Sein Koͤrper erhielt 52 Wunden, wovon 24 todtlich waren**). Nach dieſer entſetzlichen Hinrich⸗ tung verließen die Religionaren, von Ephraim ge⸗ fuhrt, die Abtei. Sie ſchleppten den Leichnam des Erzprieſters auf den Kreuzweg der vier Straßen. Hier wurde er an dem Blutkreuze aufgehangen. So erfullte ſich die Viſion Ephraims, welcher zum letzten Mal mit ſchallender Stimme ausrief: *) Erbarme Dich, Gott, meiner nach Deiner gro⸗ ßen Barmherzigkeit. ) Jeder Streich wurde von den Worten beglei⸗ tet:„das iſt für die Verurtheilung von dem oder für den Tod von dem;— aber da die Gewaltthaten, de⸗ ren man ihn ankkagte, zu zahlreich waren, um für jede eine Stelle auf ſeinem Körper zu finden, mußte man dieſen blutigen Anklagen ein Ende machen. Ein Pfarrer, welcher Geſchichtſchreiber war, ſchreibt, daß der Leichnam 52 Wunden und darunter 24 tödtliche gehabt hätte. (Geſchichte der Kamiſarden, Buch I.) — 297— „So enden die reißenden Woͤlfe! So ging der Etz⸗ prieſter von Baal unter!“ Faſt alle Hugenotten, welche an dieſem Morde Theil genommen hatten, zogen ſich in die unzu⸗ gänglichen Gebirge der Cevennen unter Anfuͤhrung Ephraims zuruͤck und bildeten hier ein Putzi gercorps. Der Buͤrgerkrieg war jetzt erklärt. Die Ermordung des Erzprieſters der Cevennen durch die Leute Ephraims und die Niedermetzelung der Dragoner von St. Sernin durch die Leute Johann Cavaliers, das waren die erſten und blu⸗ tigen Herausforderungen, welche die Kamiſarden der koͤniglichen Gewalt und Ludwig XIV. hinwarfen. Der große König iſt durch ſeine abſcheulichen Verfolgungen, durch die unerhoͤrten Grauſamkeiten, die er ſeit dem Widerrufe des Ediktes von Nantes unabläſſig gegen dieſe ungluckliche Bevoͤlkerung aus⸗ ubte, Gott zur Rechenſchaft verpflichtet, iſt der Ge⸗ ſchichte Rechenſchaft ſchuldig fuͤr die Ströme von Blut und die namenloſen Graͤuel, welche Europa waͤhrend dieſes Krieges mit dem fuͤrchterlichſten Entſetzen erfullten. Ende der erſten Abtheilung. Druck von Sturm und Koppe in Leipzig.