Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. Fünfzehnter Theil. Deutſch von L. v. Alvensleben. Der Salamander. Fünftes Bändchen. ——— ——— Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. Der Salamander. Ein Roman aus dem Seeleben von Eugen. Sue. Deutſch von L. v. Alvensleben. Fünftes Bändchen. ——— Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand⸗ Siebentes Buch. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Gott in dem Geſchöpfe anbeten! Ven Amair, ein perſiſcher Dichter. Barca⸗Gana. Es iſt ein ſchoͤner See, der See Tſad; ſein Waſſer iſt ſo klar und durchſichtig, daß man auf dem Sande, der ſeinen Grund bildet, ſchoͤne Schnecken und Muſcheln und zahlreiche rothe Co⸗ rallenzweige erblicken konnte. Zuweilen kommt der Fraih, mit ſeinen him⸗ melblauen Schuppen und goldenen Floßfedern, auf die Oberflaͤche, beißt die langen gelben Wur⸗ zeln des Lotos ab, und zieht die ſchoͤne blaue Blume dieſer Pflanze mit ſich hinab unter die Corallenbaͤnke; oder der weiße Reiher, mit ſchwar⸗ zem Kopfe, ſteht auf ſeinen roſenfarbigen Beinen, Salamander V. 1 mit ſeinem langen Halſe auf ſeine Beute lausrnd, am Ufer des See's, unbeweglich, wie ſeine Bild⸗ ſaͤule in dem Cultus der Hindu. In dem Becken belegen, welches die unzugaͤng⸗ lichen Berge von Burnu bilden, weit entfernt vovn Tripolis und der afrikaniſchen Kuͤſte, erſcheint der See hier rein und unbemerkt, wie ein Thautropfen im Kelch einer Blume. Er iſt umringt von Acazien, Cocusbaͤumen, Palmen und Bananen, deren Laubwerk von viel⸗ fach verſchiedenem Gruͤn in dem durchſichtigen Waſſer des See's ſich ſpiegelt, und ein ſo dichtes Laubdach bildet, daß kaum ein einziger Strahl der Sonne hindurch zu dringen vermag. Die Wieſen, welche ſich an jene Haine an⸗ ſchließen, ſind von ſo friſchem, ſaftigem Gruͤn, daß ſie einen Aufenthalt des Entzuͤckens fuͤr die Peli⸗ kane, Kraniche, Kriechenten und andere Voͤgel bil⸗ den, welche auf ihnen ſpielen, wenn ſie aus dem Waſſer kommen. Aber, mein Gott! welcher Schrei, welche Furcht! Da fliegt die Truppe der Waſſerbewoh⸗ ner zuruͤck auf den See, und rettet ſich auf eine kleine Inſel in der Mitte deſſelben, die mit Tu⸗ beroſen, Lebensbaͤumen und Perlgras bedeckt iſt. Arme Vögel! weshalb flieht ihr? Es iſt doch keine ſo ſchreckliche Erſcheinung, die junge India⸗ nerin Leila, huͤbſch, uͤppig gebaut, dunkeln Haa⸗ res, welche nachdenkend einher ſchreitet, bekleidet „ J N mit einem rothen Gewand von baumwollnem Zeuch, gehalten durch einen Guͤrtel von weißer Seide. Leila hielt in der Hand einen kleinen Korb von Weidenruthen, den ſie mit ſorgfaͤltig gewähl⸗ ten Blumen fuͤllte. Zu einer rothen Magnolia gelangt, wollte ſie dieſelbe ihrer Krone berauben: da ſtieß ſie, innehaltend, einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Hierauf drehte ſie ein großes Bananenblatt zu einer Duͤte, und ließ in dieſelbe ein großes Ei mit rother Schale rollen. Dann nahm ſie ihren wohlduftenden Korb wieder auf, ſetzte ihn auf das Waſſer und ließ ihn darauf hingleiten: ihre Blicke folgten dem duftenden Fahrzeuge. Der ſchwache Hauch der Luft trieb den Korb Legen die Inſel, auf welche ſich die Voögel ge⸗ fluchtet hatten. Trauriger, furchterlicher Schiffbruch!— Leila ſchien dacuͤber in der That von Kummer ergrif⸗ fen, nahni das Ei auf, was ſie in das Blatt ge⸗ than hatte, und blieb mehrmals ſtehen, ehe ſie den Tempel von Lari erreichte. Die Sonne ging beuits unter, als ſie daſelbſt anlangte. Das Innere des Tempels ven Lari bildete ein langes Parallelogram aus wohldufteodem Bam⸗ bus erbaut, deſſen einzelne Staͤbe mit baumwolle⸗ nen Schnuͤren von verſchiedenen lebhaften Fachen 12 verbunden waren. Kaum konnte man aber dieſe Schnuͤre erblicken; denn einige glaͤnzende Wuͤrmer, welche die Reiher, deren Neſter ſich hier befanden, herbeizutragen pflegten, waren das einzige Licht, welches dieſen dunkeln Ort erhellte. Wenn man dieſe Neſter, von einem blaͤulichen Scheine umzogen ſah, haͤtte man faſt vermuthen koͤnnen, daß der Schein von Schnuͤren koͤſtlicher Saphire herruͤhre. Leila ſchritt gegen das innerſte Heiligthum vor. Im Hintergrunde des Tempels, dieſen ſeiner ganzen Breite nach durchſchneidend, hing ein pur⸗ purrother Vorhang von tuͤrkiſchem Damaſt, mit goldenen Blumen durchwirkt. Er ſchien einen Schatz von Licht zu verbergen, denn dunkelrother Schein verbreitete ſich von ihm aus uͤber die naͤch⸗ ſten Bambusſaͤulen; die weiter entfernten Soͤulen waren ſchwaͤcher und ſchwaͤcher erleuchtet, bis ſie zuletzt ganz in das Dunkel zuruͤck traten. Ganz in der Naͤhe des Vorhanges erhob ſich eine leichte Balluſtrade, welche den Eintritt in das Heiligthum zu verwehren ſchien. Die elegante Galleric war mit wunderſamen Arabesken geſchmuͤckt, welche aus Pfauen⸗, Koli⸗ bri⸗ und andren Vogelfedern gebildet waren; die tauſend glänzenden Farben dieſer ſchoͤnen 5en waren auf dunkelm Grunde ſo kunſtvoll ange⸗ brcht, daß man glauben mußte, ſchwarzen Sammt, — n ———— — mit Gold, Rubinen, Perlmutter und Lapis lazuli geſtickt zu ſehn. In der Mitte dieſes Gitterwerks erhob ſich, durch kunſtvoll geſchnitzte Rohrſtäͤbe getragen, eine kleine Platte, welche ziemlich dick, und mit wei⸗ ßem Baumwollenzeuche belegt warz Roſenblaͤtter machten dies Lager weich und wohlduftend. Hierher, in die Mitte der Blumenblaͤtter, legte Leila das heilige Ei. Dann ergriff ſie eine Art Pſalter, welche an zwei Schnuͤren von einem Bambusſtabe herab⸗ hing, und brachte darauf einen Ton hervor, der einen Augenblick das Geſchrei der Vogel uͤber⸗ ſchallte. Dann hing ſie das Inſtrument wieder auf, und entfernte ſich von dem Heiligthume, ruͤck⸗ waͤrtsſchreitend, die Haͤnde uͤber der Bruſt gekreuzt, eine maldiviſche Hymne ſingend. Je weiter das junge Mädchen ſich von dem heiligen Orte entfernte, deſto mehr daͤmpfte ſie, dem Gebrauche gemaͤß, ihre Stimme, ſo, daß ſie, an der Thuͤre des Tempels angekommen, nur noch leiſe murmelnd das letzte Wort der Hymne aus⸗ ſprach. Sobald das Stillſchweigen verkundete, daß der Anbeter Lari's ſich entfernt habe, trat der Oberprieſter, Barca⸗Gana, aus ſeinem Gemache, welches an der Seite des Tempels lag, hervor, näherte ſich dem Vorhange, ſah das Ei, und ſank nieder auf die Knie. —. Barca⸗Gana war ein Mann von ſechzig Jah⸗ ren, von dunkler Olivenfarbe, und ſeine Auge blitzte unter langen Augenwimpern hervor. Die letzten Anhaͤnger eines irrenden Stammes, von dem perſiſchen Golfe heruͤber gekommen, lie⸗ ßen ſich in den unzugaͤnglichen Bergen von Burnu nieder, und Barca⸗Gana brachte hierher den Aber⸗ glauben ſeines Geburtslandes mit; gleich vielen Secten der Aegypter, Hindu und Perſer, betete er Gott in dem Geſchoͤpfe anz der Kranich war der heilige Vogel dieſer Goͤtzendiener. Barca⸗Gana war in einen weiten gruͤnen Kaftan gekleidet, welcher ihn ganz verhuͤllte; von dem Kopfe hing ein Schleier von orangem Krepp herab, mit goldenen, edelſteinbeſetzten Agraffen be⸗ feſtigt. Er nahte ſich dem kleinen Kiſſen, auf welchem das goͤttliche Ei, das Ei des Kranichs lag, und nach mehreren Kniebeugungen begann er, nach ei⸗ nem einfoͤrmigen, abgemeſſenen Rhythmus, in mal⸗ diviſcher Sprache ohngefaͤhr folgende Worte: „Oeffne das Heiligthum; es iſt ein Strahl der Flamme des Himmels, ein Atom ſeines Lich⸗ tes, eine Funke ſeines Feuers. „Erwaͤhlter des großen Scheikhs der gruͤnen Thaͤler, du der du den Keim mit deinem Hauche befruchteſt! „Oeffne das Heiligthum. „Fuͤr dich ſind die heiligen Eidechſen mit blauen Schuppen, und du ſollſt ſie eſſen. „Fuͤr dich ſind die Datteln mit Milch und Honig gefullt, und du ſollſt ſie eſſen; fur dich ſind die uͤppigen Baumwollenlager; fuͤr dich, den der große Scheikh der gruͤnen Thaͤler erwaͤhlte, um durch deine Waͤrme den Keim zu befruchten. „Oeffne das Heiligthum! Mein Haupt iſt mit dem Tallek bekleidet, und meine Schultern mit dem Buakan. „Oeffne das Heiligthum! „Es iſt ein Strahl des himmliſchen Feuers, den du mit deinem Hauche beleben ſollſt, du Er⸗ waͤhlter des großen Scheikh der gruͤnen Thaͤler.« Eine unſichtbare Hand zog den Vorhang zu⸗ ruͤck, und eine ſchimmernde Helle verbreitete ſich durch das Innere des Tempels. Barca⸗Gana ſelbſt war wie geblendet durch das Schauſpiel, welches ſich ſeinen Blicken darbot. Achtundvierzigſtes Kapitel. So iſt die Welt. Ein Böotier. Der Erwählte des großen Scheikh der grünen Thäler. Der Raum, welcher durch die Vorhaͤnge ver⸗ borgen wurde, bildete einen laͤnglichen Halbkreis, und war, wie der uͤbrige Tempel, von Bambus⸗ rohren erbaut, aber mit lebhaft glänzender, rother Farbe bemalt; daruͤber zeigten ſich goldne Ringe, welche Pilaſter und Capitaͤler ſchlanker Säulen vorſtellten. Von der Mitte der Halle, in welcher die grö⸗ nen Gewinde zuſammenkamen, von denen die rothen Saͤulen umzogen waren, hing eine große thoͤnerne Lampe herab, ſo reich bemalt, wie eine etruskiſche Vaſe, und mit klein geſchnittenem Aloe⸗ holz angefüͤllt, deſſen reine weiße Flamme mehr Wohlgeruͤche als Licht verbreitete. In der Mitte dieſes Heiligthumes erhob ſich ein viereckiger Altar, der auf bronzenen Fuͤßen 9— ſtand, und mit den reichſten Teppichen Indiens und Perſiens bekleidet war⸗ Goldene und ſeidene Schleier, Caſchemirs mit lebhaften Farben, in Gold oder Scharlach geſtickte Gaze, vereinigten ſich zu wohlriechenden Drapperieen, dieſe Art von Bett zu umgeben, welches aus vier Polſtern von dem weißeſten und weichſten Kattun beſtand. Auf jeder Seite dieſes Bettes erfriſchten zwei ungeheure Faͤcher von Pfauenfedern die Luft. Auf dieſen Polſtern lag, eine große Krone von Reiherfedern, mit Diamanten beſetzt⸗ auf dem Kopfe, die Schultern mit goldenen Platten beklei⸗ det, die Bruſt, die Arme, den Hals mit ſymboli⸗ ſchen Zeichen behaͤngt, lag alſo, ſage ich, mit nach⸗ denkendem Geſicht, der Ex⸗Kaufmann, der Ex⸗ Fregattenkapitain, der Er⸗Marquis von Longe⸗ tour, fur jetzt Guͤnſtling des großen Scheikhs der gruͤnen Thaͤler. Der wurdige Marquis hatte bedeutend an Koͤrperfuͤlle zugenommen; ſein volles rothes Ge⸗ ſicht verkundete die robuſteſte Geſundheit, und ſein langer, grauer Bart gab ihm ein ungalantes Druidenanſehn. Indeſſen ſchnitt der Gatte Eliſabeths ein ge⸗ waltig zorniges Geſicht, als er ſah, wie Barca⸗ Gana ehrfurchtsvoll den Vorhang empor hob, um das heilige Ei hineinzuſchieben. „Ei, 4 ſagte der Marquis, vwieder eins auszu⸗ bruͤten! Dieſe Thiere halten mich wahrhaftig fuͤr 5 einen Bruͤtofen oder eine Braͤthenne! Sie miß⸗ brauchen ganz verteufelt meine naturliche Hitze, um ihre verwuͤnſchten Reiher auszubruͤten!— Und wenn man mir ſie dann noch ließe! Das waͤre doch eine Geſellſchaft fuͤr mich; die Thiere wuͤrden ſich an mich gewoöhnen; aber nein, ſobald ſie ſich auf den Pfoten erhalten können, nimmt man mir ſie weg. „Nun, es iſt gut, mache nur, daß Du fort⸗ koͤmmſt, altes Thier,« ſagte der Marquis, indem er die Kniebeugungen des Barca Gana ſah, wel⸗ cher ſich aus dem Heiligthume entfernte; vnun bleib ich doch wenigſtens bis um zehn Uhr in Ruhe. vUm zehn Uhr werden ſie mir mit Gewuͤrz gekochte Eidechſen und Datteln, mit Honig und Sahne eingemacht, ſenden. Ich habe eine ver⸗ wuͤnſchte Muͤhe gehabt, mich an dieſe Mahlzeit zu gewoͤhnen, und jetzt befinde ich mich recht wohl dabei; ich habe mich vollkommen an die Eidechſen gewoͤhnt. Es iſt aber doch eine ſonderbare Nah⸗ rung.— WMein Gott! mein Gott! wer haͤtte mir das vor vier Monaten ſagen ſollen, als ich meine Partie Domino im Faffeehaus Saint⸗Gloire ſpielte, daß ich in Afrika Reihereier ausbruten und Eidechſen eſſen wuͤrde. Verdammt! weshalb iſt aber auch der Lieu⸗ tenant ſchaͤndlich genug geweſen, mich in der Cor⸗ vette zu verlaſſen! O! das werde ich ihm nim⸗ mermehr verzeihen; und wenn ich nach Frankreich zuruckkehre— denn wenn er mich nicht verlaſſen haätte, ſo haͤtte der elende Sam⸗Bai, den ſie dum⸗ mer Weiſe entſchlupfen ließen, indem ſie den Re⸗ negaten fur einen Kornhaͤndler von Odeſſa hielten, mich nicht gefunden. Dieſer Schaͤndliche, Abtruͤn⸗ nige, welcher am Abend des Schiffbruchs ſelbſt von irgend einem verfluchten Kreuzzuge zuruͤckkam, wuͤrde dann nicht die Corvette geſtrandet erblickt und ſeine Leute zur Pluͤnderung geſchickt haben, und man häͤtte mich dann nicht in meinem Ver⸗ ſtecke, mehr todt als lebendig, gefunden; dann haͤtte er mich nicht an Bord ſeines Schiffes ge⸗ ſchleppt und an der Kuͤſte als Sclave verkauft, an einen Wuͤthenden, welcher wollte, daß ich Ton⸗ nen fur ihn machen ſollte, der dann, als ich das nicht konnte, mich Waſſer ziehen ließ; aber dazu war ich wieder nicht ſtark genug. Endlich, zum Gluͤck fuͤr mich— das darf ich nach dem An⸗ dern wohl ſagen— endlich hat das Thier mit dem langen Barte mich auf ein Kameel geſetzt, in dieſe Berge geſchleppt, mich auf dieſem ver⸗ wuͤnſchten Bette angebunden, mich mit Flittern behaͤngt, und 33 Tage nun ſchon uͤbe ich hier mein dummes Bruͤtamt aus. Und wie lange wird das dauern, mein Gott? Und die Andern! — Wo ſind ſie jetzt wohl? Und der ſchaͤndliche Lieutenant? Und Alice? Und Frau von Blene? Und die Equipage?— Ertrunken vielleicht!— Da bin ich hier doch beſſer aufgehoben. Aber was iſt das fuͤr ein Beſſer! O Eliſabeth! Eliſa⸗ beth! Zwanzig Mal ſeiſt Du verwuͤnſcht! Das iſt Deine Schuld! Ohne Dich waͤre ich noch in der rue de Grammont und verkaufte Macuba!« Und nachdenkend, traurig, blieb der gute Mann bis zu ſeiner Mahlzeit; dann verſank er in den Schlaf der Gerechten und Auserwaͤhlten des gro⸗ ßen Scheikhs der gruͤnen Thaͤler. 6 Am folgenden Morgen wy e der Marquis durch ein ungewohntes Gerzuſch aus dem Schlafe aufgeweckt. Statt der Stmme, welche gewoͤhn⸗ lich des Morgens ſich in dem Tempel hoͤren ließ, vernahm er europaͤiſche Stimmen Sein Herz klopfte heftig, und er glaubte vor Freude zu ſter⸗ ben, als der Vorhang auseinander gezogen wurde, und drei engliſche Offiziere in rother Uniform ein⸗ traten, gefuͤhrt von Barca-Gana, welcher ſich ein Vergnugen daraus machte, ihnen das Heiligthum d zeigen. Kaum hatte der Marquis ſie erblickt, als er ausrief: vIm Namen des Himmels! wer Sie auch ſein mogen, haben Sie Mitleid mit mir a Die drei Englaͤnder ſan 6 voller Staunen an; ſie waren weit entfernt 1„ unter dieſer Huͤlle einen Europäer zu vern⸗ vvSie ſind ein Franzoſe, m Herr?4 ſagte Einer von ihnen. Ja wohl! Franzoſe und Fregattenkapitain; ſeit 33 Tagen hier zur Strafe meiner Suͤnden. =— * — 6 N 8b — 8 8 3 8S — Aus Barmherzigkeit, nehmen Sie mich mit, retten Sie mich! 4 vEs iſt unmoͤglich, mein Herr,«« erwiderte der gute Englaͤnder, v„Sie mit Gewalt hinweg zu fuͤhren; aber ich begebe mich auf der Ruͤckkehr von einer Reiſe in das Innere Afrika's, welche ich auf Befehl des Lord Bathurſt unternehme, nac) Tripolis; ich werde dort den Conſul Ihrer Nation aufſuchen, und den Einfluß, den der unſrige auf den Dey hat, aufbieten, um Ihnen die Frei⸗ heit zu verſchaffen. 44 vund ich,« erwiderte der Marquis, vwerde, wenn Ihnen dies gelingt, nicht genug Lebensjahre zaͤhlen, um Sie dafuͤr zu ſegnen.« vGuten Muth, mein Herr! In drei Tagen ſind wir in Tripolis, und binnen Kurzem ſollen Sie Nachricht haben. Leben Sie wohl; ich furchte, eine laͤngere Unterhaltung moͤchte fuͤr Sie gefäͤhrlich werden.«4 In der That begann auch Barsa⸗Gana ſchon, die Stirn zu runzeln; allein der Dollmetſcher be⸗ ruhigte ihn vollkommen, und er verbannte jede Beſorgniß, als er die Reiſenden mit ihrem Ge⸗ folge in das Thal hinabreiten ſah. Dieſe Offiziere bildeten einen Theil der Ent⸗ deckungsexpedition, welche der des ungluͤcklichen Major Laing voranging. Durch einen ihrer Doll⸗ metſcher erfuhren ſie, daß in den Bergen von Burnu eine Secte lebe, welche einen von der maho⸗ Salamander. V. 2 — medaniſchen Religion abweichenden Glauben habe, und ſie wollten dieſe Secte kennen lernen; daher das fuͤr den Ex⸗Kaufmann ſo gluͤckliche Zuſam⸗ mentreffen. Barca⸗Gana hatte an dem Marquis einen trefflichen Kauf gemacht. Nach dem Gebrauche aller der Secten in Hin⸗ doſtan, welche die Voͤgel anbeten, ließen auch die Bewohner von Burnu die Eier, aus denen die heiligen Vogel kommen, nie durch die Voͤgel ſelbſt ausbruͤten. Dieſe Voͤgel ſchienen ihnen reinerer Art zu ſein, wenn ſie das zweite Leben, welches durch die Bruͤtung entſteht, den Menſchen vbeti Es wird daher auch fuͤr eine große Ehre gehalten, dies Amt auszuuͤben. Barca⸗Gana glaubte, daß ein Weißer, ein Menſch von einer ſo ſeltenen, außerordentlichen Race, in den Augen der Glaͤubigen ſich in dem heiligen Bette weit beſſer ausnehmen unz eben ſo gut bruͤten wuͤrde. Durch dieſe Anſicht geleitet, kaufte er den guten Marquis, wie ein Marktſchreier ein Pferd von außerordentlicher Farbe kauft, um dadurch Aufſehen zu erregen. Ungluͤcklicherweiſe erfreute ſich Barca-Gana ſeines Bruͤters nicht lange. Die engliſchen Offi⸗ ziere ſetzten bei ihrer Ankunft in Tripolis die eu⸗ Sn Conſuln davon in Kenntniß. Der Dey — „ nurde um die Freilaſſung des Marquis angeſpro⸗ rchen, und auf ſeinen Befehl ging ein Haufe Ara⸗ ber in Begleitung des Conſulatſecretairs ab, um den wuͤrdigen Marquis ſeinen huͤhniſchen Beſchaͤf⸗ tigungen zu entreißen. Der Dey ging ſogar, um ſich dem engliſchen Conſul gefaͤllig zu zeigen, noch weiter. Denn er ließ die Einwohner von Lari decimi⸗ eren, Barca⸗Gana als Goͤtzendiener aufhaͤngen, und Leila in ſeinen Serail bringen. Der Marquis langte, auf einem Kameel des Des reitend, ftiſch und munter in Tripolis an. Drei Tage darauf ging ein Fahrzeug nach Genua ab, und nahm eine Depeſche des Conſuls an die franzoͤſiſche Regierung mit, ſo wie einen Rap⸗ port des Marquis, worin dieſer ſeinen ganzen Unwillen uͤber Peter ausſchuttete, der ihn im Au⸗ genblicke des Schiffbruches in ſeine Cajuͤte einge⸗ ſchloſſen hatte. Er verkundete ſeine nahe Ruckkehr nach Frankreich, ſobald ſich eine guͤnſtige Gelegen⸗ heit dargeboten haben wuͤrde. 2* Wch te 6 B 6 Neunundvierzigſtes Kapitel. Ich fordere Gerechtigkeit und Be⸗ rafung! P. L. Jakob, roi des Ribauds. Die Richter. Der Rapport des Marquis kam zu Cherbourg an, wohin die Handelsbrigg, les deux amis, die Schiffbruͤchigen von dem Floße gebracht hatte, von welchem ſie die Ungluͤcklichen an dem Tage, nachdem ſie von dem hitzigen Seefieber befallen waren, aufgenommen hatte. Seit einiger Zeit war das Kriegsgericht, wel⸗ ches uͤber Peter das Urtheil faͤllen ſollte, verſam⸗ melt; die Anklage war auf den Rapport im Ta⸗ — gebuche des Salamander geſtuͤtzt, welches, wie man weiß, auf das Floß gerettet worden war. Peter war daher des Mordverſuches gegen ſei⸗ nen Commandanten, waͤhrend dieſer mit ſeinen — Dienſtangelegenheiten beſchaͤftigt geweſen, angeklagt. Die Zeugen waren verhort worden, und die weni⸗ gen Matroſen, welche von der Equipage des Sa⸗ lamander uͤbrig blieben, und unter denen ſich auch Bouquin und La Joie befanden, waren gezwun⸗ gen, gegen den Lieutenant zu zeugen, denn die Sache war ſo klar, ſo beſtimmt, daß man den Ernſt derſelben durchaus nicht leugnen konnte. Das theure Document, welches der Marquis uͤber⸗ ſendete, vollendete die Anklage gegen Peter, und beſchleunigte den Prozeß, indem dem Angeklagten noch ein neues Vergehen aufgebuͤrdet wurde. Es war, glaube ich, am 20. November. Ein dichter Nebel breitete ſich uͤber den Hafen aus, und verhuͤllte die auf der Rhede liegenden Fahr⸗ zeuge. Es war acht Uhr, und das große Boot, wel⸗ ches unter dem Leuchtthurme lag, wurde durch ziemlich hohe Wellen hin und her geſchaukelt. Die Bootsleute, welche auf ihren Baͤnken ſa⸗ ßen, die Ruder erhoben, plauderten miteinander, während der Bootsmeiſter im Hintertheile emſig damit beſchaͤftigt war, die Baͤnke zu reinigen, auf welchen wahrſcheinlich Offiziere hohen Grades Platz nehmen ſollten, wie ſich wenigſtens nach der Flagge vermuthen ließ, welche auf dem Boote aufgezogen wurde. Er wurde in ſeiner Arbeit durch einen Ma⸗ troſen unterbrochen, der etwa 50 Jahr alt ſein 18 mochte, faſt weiße Haare, und ein hoͤlzernes Bein hatte, ſchlecht gekleidet war, und einen Sack trug,. welcher andeutete, daß er von einer langen Reiſe kam. „Meiſter,« ſagte der Matroſe, indem er ſeinen Strohhut abnahm;»Meiſter, Ihr ſeid der Pa⸗ tron des Admirals? c4 vJa. Was weiter? 44 vMeiſter, Ihr wuͤrdet mir einen großen Dienſt tbun, wenn Ihr mich an Bord Eures Bootes naͤhmt, um zu ihm zu kommen. 4 »Zu dem Admiral? 44 „Ja, Meiſter.« »»Willſt Du Dein Tau ſchießen laſſen, Al⸗ ter? Das iſt hier das Boot der Generals und der Ober⸗-Offiziere, welche ſich in das Kriegsge⸗ richt begeben. 44 mein Gott! Meiſter,« ſagte der Matroſe, mit einem unglaublichen Ausdrucke der Furcht und Beſorgniß,„welch ein Kriegsgericht 4 vDas Kriegsgericht, welches uͤber den Lieute⸗ nant, Peter Huet, das Urtheil faͤllen ſoll. 44 »Den Lieutenant Huet? ole ſagte der See⸗ mann und verbarg ſein Geſicht in die gefurchten Haͤnde. 2 vDu kennſt ihn alſo?«s ſagte der Patron, der geruͤhrt war, ohne zu wiſſen warum. »Ob ich ihn kenne vvAber, c« erwiderte der Meiſter, vjetzt geh, * S da kommt der General und die Offiziere; an die Ruder, Ihr Andern, und drauf!«« Auf dieſen Befehl ſtanden die Bootsleute auf und hielten ihren Hut mit der einen und das Ruder mit der andern Hand. Der General und fuͤnf hoͤhere Offiziere er⸗ ſchienen. „Platz! 4 ſagte der Admiral, indem er den alten Seemann, welcher unbeweglich ſtehen geblie⸗ ben war, auf die Seite ſtieß. Dadurch zu ſich ſelbſt zuruͤckgerufen, hielt der Alte den General an einem Schooße ſeiner Uni⸗ form zuruͤck. Nun, was giebts? Was Teufel, was will der da? 4 „General, 4 ſagte Gratian— das war der Name des alten Matroſen— General, ich komme von Breſt zu Fuß; Tag und Nacht bin ich gegangen, mit dem daz««— hierbei ſchlug er mit ſeinem Stocke gegen das hoͤlzerne Bein. „Dieſe Reiſe habe ich gemacht, um meinen Lieu⸗ tenant, meinen braven Lieutenant, zu ſehen, der mir Brod giebt und mich ſeit fuͤnf Jahren vor dem Hungertode ſchuͤtzt. O! General, Sie laſſen mich ihn ſehen, nicht wahr, General? Ein alter Matroſe, der ſeinen Offizier liebt, das begreift ſich wohl, nicht wahr, General 264 „Das iſt zu billig, mein Alter,« ſagte der Ge⸗ nergl.„Komm, Du ſollſt Deinen Lieutenant ſe⸗ — hen. Patron, weiſe dem Menſchen einen Platz im Vordertheile an.« »»O! Dank mein General!lg« ſagte Gratian, indem er, trotz ſeinem hoͤlzernen Beine, mit der Lebhaftigkeit eines jungen Menſchen in das Boot ſprang. Der General nahm den erſten Platz zur Rech⸗ ten des Bootes ein; die andern Offiziere ſetzten ſich nach Rang und Anciennitaͤt. Der Bootsmeiſter richtete das Steuer nach dem Admiralsſchiffe. Nach einem Schweigen von einigen Minuten ſagte ein Fregattencapitain zu dem Genenal: Wiſſen Sie, General, daß der Rapport des Capitain Longetour nachtheilig fur Peter Huet iſt« vJa, das iſt wahr, nie hat man ein größer Vergeſſen der Disciplin geſehen. 44 vEin umſtand, der mir auffaͤllt, iſt, daß Hutt, welcher wußte, daß die Kiſte mit den Tagebuͤchern auf dem Floſſe war, ſie nicht in das Meer ge⸗ worfen hat. Das war nicht nur ſehr leicht, ſon⸗ dern es iſt ſogar ein Wunder, daß die Kiſte ſich erhalten hat.« vDas koͤmmt daher, weil Peter Huet ein Ehrenmann iſt, cc erwiderte der General, vvein braver Offizier, der nur einen Augenblick durch die allzu große Liebe zu ſeinem Sohne ſich hinrei⸗ ßen ließ. Das iſt ein Fehler, den man be⸗ ſtrafen muß, den man aber entſchuldigen kann. 4 »Wenn man uͤberhaupt einen ſo gewaltigen Angriff gegen die Disciplin entſchuldigen kann, General,«4 ſagte der gerichtliche Anklaͤger, ein klei⸗ ner, duͤrrer Menſch, mit ſchielenden, gruͤnen Au⸗ gen;»dies war uͤbrigens nicht das erſte Mal, daß Peter Huet ſich gegen die Disciplin verging, wie wir aus dem Rapport des Marquis von Lon⸗ getour ſehen. Die Disciplin war dem Peter Huet verhaßt, ja verhaßt war ihm die Disciplin, dieſe Königin, welche unumſchraͤnkt und tyranniſch herr⸗ ſchen muß,« fugte der kleine Mann hinzu. Mein Herr,«« ſagte der General, mit einer ruhigen Wuͤrde, welche aber dennoch ſeine Unruhe verrieth, vvmein Herr, Sie werden den Angeklag⸗ ten vor dem Kriegsgerichte anſchuldigen.«4 Und das tiefſte Schweigen herrſchte nun auf dem Boote, bis dieſes an dem Bord des Admi⸗ ralſchiffes anlegte. „General, vergeſſen Sie mich nicht,« ſagte Gratian, als er ihn im Begriff ſah, an Bord zu ſteigen. „MNein, mein Braver. Meiſter, laſſen Sie dieſen Menſchen zu Peter Huet fuͤhren. 46 vJa, General.« Funfzigſtes Kapitel. Ein Vater iſt hienieden der einzige — Gott ohne Atheismus Ernſt Legouvs . ungedruckte Gedichte. Der Vater und der Lieutenant. In einer der Schiffscajuͤten, welche nur ſpaͤr⸗ lich erleuchtet war, ſaßen Peter Huet und Paul. Peter ſaß vor einem Schreibtiſche, der mit verſchiedenen Papieren bedeckt war, und zeigte nicht die geringſte Unruhe; aber Paul befand ſich in einem entſetzlichen Zuſtande. Er hielt die beiden Haͤnde ſeines Vaters in den ſeinigen, und heftete die Au⸗ gen, welche durch ſeine Magerkeit noch vergroͤßert wurden, auf Peter. Paul war kaum wieder zu erkennen, ſo ſehr hatten die Leiden auf ihn ge⸗ wirkt. »Aber,« ſagte das Kind, ves iſt unmoͤglich, ſie koͤnnen Dich nicht verurtheilen. 4 vEs iſt ein Capitalverbrechen, Paul,« er⸗ widerte Peter mit dumpfer Stimme. »Aber um des Himmels Willen, erkläre die Wahrheit, Vater!— Sage wie es iſt; daß Al⸗ les falſch iſt; nimm wenigſtens einen Verthei⸗ diger 4 vIch habe Dir geſagt, mein Sohn, daß mein Fehler in den Augen der Welt wirklich war. Wäre er es nicht, ſo wuͤrde ich mich doch jener Disciplin zu opfern wiſſen, in deren Namen man mich anſchuldigt.«« Aber, mein Vater, es iſt abſcheulich, ſo ſter⸗ ben zu wollen.— Gelte ich Dir denn fuͤr gar nichts 24 „Paul, ich bin erſt Offizier, dann Vater; je groͤßer das Opfer iſt, um deſto loblicher iſt es auch, c4 ſagte der fanatiſche und ſtarrkoͤpfige See⸗ mann. Aber mein Gott! weißt Du denn, daß Du ein Verbrechen begehſt!« rief Paul haſtig. WVer⸗ gißt Du denn, daß meine Mutter, wenn ſie Dich ſieht und hoͤrt, Dich verwuͤnſchen muß? Vergißt Du denn, daß ihr letztes Wort war: Lebe fuͤr unſern Paul. Du weißt auch wohl, daß, wenn Du ſtirbſt, ich mir das Leben nehme!« vPaulla ſagte Peter im Tone der väterli⸗ chen Gewalt. „Ja,« wiederholte Paul, Hich werde mich toͤdten, zu Deinen Fuͤßen; denn ich bin der Opfer mude, die ich Dir bringen ſoll. Ich lebe noch, und meine Illuſionen ſind mir eine nach der an⸗ dern entriſſen worden. Ich lebe noch, und Alice iſt vor meinen Augen geſtorben, den Namen eines — Menſchen nennend, der ſie nicht liebte, und den ſie mir vorzog, der ich ſie ſo innig liebte!— Ich bin noch nicht 16 Jahr alt, und ſchon iſt die Welt oͤde und wuͤſt fuͤr mich; ich habe nur noch Dich, Dich allein! Und, um einen feigen und dummen Menſchen achtungswerth erſcheinen zu laſſen, luͤgſt Du, der Du ſo brav und redlich biſt; forderſt einen ſchmachvollen Tod, den Du nicht verdient haſt! Paul, ich thue meine Pflicht.« „Deine Pflicht! Das iſt abſcheulich; Deine Pflicht! Ja, auch Du beweiſeſt es mir, daß auf der Erde Alles nur Egoismus iſt! Weißt Du wohl, Vater, daß ich an Deiner Liebe zu mir zweifeln koͤnnte 24 O! mein Paul! mein Kind! welch eine Aeußerung!«« erwiderte der arme Vater, und Thraͤnen ſturzten ihm uͤber die Wangen. »O! Verzeihung, mein Vater! Verzeihung, mein Vater! Aber hoͤre mich, hoͤre Deinen Paul, den Du ſonſt ſo ſehr liebteſt; es iſt ja fur Dich, um Dich zu bewegen, daß Du lebeſt, weshalb ich Dir dieſes ſage.« Aber ungluͤckſeliges Kind, Du toͤdteſt mich jaz das iſt eine entſetzliche Marter.— Koͤnnte ich denn auch jetzt noch umkehren, wenn ich ſelbſt wollte? Es iſt ein Vergehen, welches vor den Augen der ganzen Equipage ſich zugetragen, eine Klage, eine. erwieſene und durch mich ſelbſt eingeſtandene That⸗. —— ſache. Mein Gott! mein Gott! iſt es denn an Dir, mir Vorwuͤrfe zu machen?— Du mußt es doch gefuͤhlt haben, ob mein Herz gepocht hat, wenn wir uns umarmten, ſo oft es zum Kampfe ging. c4 »Du haſt Recht, Vater« erwiderte Paul, mit einer Ruhe, welche ſonderbar gegen die vorige Aufregung abſtach; ſein Geſicht trug ſogar den Ausdruck ernſter Freudigkeit.—»Du haſt Recht,« ſagte er, vund was ich Dir ſagte, das war fur Dich; jetzt, wo Du mir bewieſen haſt, daß Du Deinem Geſchicke nicht entrinnen kannſt, jetzt werde ich vernuͤnftig ſein.« Peter verſtand ſeinen Sohn nicht, aber ſein Herz brach. Du fuͤhlſt wohl Eines, Vater,« fuhr Pault fort: MAlice iſt todt, nicht wahr? Nach Deinem Tode muß ich, der Sohn eines zum Tode Ver⸗ urtheilten, die Marine verlaſſen und wer weiß wo leben. Geſteh alſo, Vater, aus dem Grunde Dei⸗ nes Herzens, als aufrichtiger Seemann, daß ich verruckt ſein muͤßte, koͤnnte ich daran denken, Dich zu uͤberleben.« v„Paul læs rief Peter erſchreckt. vStelle Dir vor, Vater, daß ich, Dein Sohn, zum Tode verurtheilt waͤre, wuͤrdeſt Du mich über⸗ leben? 4 vvO mein Gott l6 „Mein Vater, im Namen meiner Mutter be⸗ — ſchwoͤre ich Dich, die Wahrheit zu ſprechen, mir die innerſte Meinung Deines Herzens zu ſagen; Vater, wuͤrdeſt Du mich uͤberleben? Peter antwortete nicht; er verbarg den Kopf in ſeine Häͤnde, und ſtoöhnte wie in Todesangſt. „Ich war davon uͤberzeugt,« ſagte Paul. Koͤnnte ich auch einen Gedanken haben, der nicht der Deinige wäre? Und uͤberdies vermoͤchte ich auch nicht zu leben: Du ſiehſt, wie leidend ich bin; ich wurde den Verſtand verlieren;— beſſer iſt es doch, mit Dir zu ſterben.— Vater, heute ſpricht man Dein Urtheil;— alſo auf morgen! Und dort, Vater, wie im Kampfe, werden Vater und Sohn bei einander ſtehen und von demſelben Streiche fallen. Ich frage Dich, kann ich etwas Anderes wuͤnſchen? Kann mein Ehrgeiz Anderes verlangen? Iſt es nicht die natuͤrliche Folge mei⸗ nes gegenwaͤrtigen Lebens?— Aber antworte mir doch, Vater! Mein Gott! Wie traurig und ernſt⸗ haft Du ausſiehſt! Weshalb das?— Aber ſieh doch wenigſtens Deinen Sohn an,« ſagte Paul, ſeinem Vater die Haͤnde von den Augen zie⸗ hend. Peter empfand eine Aufregung, die ſich nicht be⸗ ſchreiben laͤßt; er verſtand das Verlangen ſeines Sohnes! Er fuhlte, das fuͤr daß ungluͤckliche Kind das Leben nicht mehr moͤglich ſei. Er urtheilte ſo nach ſich ſelbſt, und wußte, daß er, gleich Paul, nicht einen Augenblick gezögert haben wuͤrde. —) — NAber ſage doch, Vater, ich weiß nicht, der Kopf ſchwindelt mir, mein Herz ſteht ſtill— eine Ohnmacht— Du ſiehſt— daß— und— Vater— 4 Er erblaßte; ſeine Augen ſchloſſen ſich, und ohnmaͤchtig ſank er in die Arme Peters. Das arme Kind, erſchoͤpft durch die Entbehrungen auf dem Floſſe, durch den Kummer, war aͤußerſt ſchwach; hoͤchſtens ſeit acht Tagen befand er ſich in der Geneſung von einer ſehr langen und ſchmerz⸗ haften Krankheit. Verwuͤnſcht lK rief Peter.„Schon zum drit⸗ ten Male ſeit geſtern wird er ohnmaͤchtig.« Und er trug Paul auf ſein Bett. In dieſem Augenblicke trat Gratian ein. „Mein guter Lieutenant!« ſagte er, Peters Haͤnde ergreifend. v„Du hier, mein alter Gratian? Es iſt der Himmel, der Dich ſendet; hilf mir, hilf mir mei⸗ nen Sohn zum Leben zuruͤckrufen! 46 vEs iſt nur eine Schwaͤche, Lieutenant; et⸗ was Weineſſig, Lieutenant!« vHier.«4 „Es iſt nichts, Lieutenant;« ſagte Gratian. Hoͤre Gratian— Du biſt mir ergeben?66 vIch komme zu Fuß von Breſt, und bin Tag und Nacht gegangen, um Sie zu ſehen, Lieutenant. 4 v„Nun wohl! Sieh, nimm; hier iſt Gold, — 25 Alles was mir geblieben iſt.— MNimm meinen Sohn mit Dir; ſperre ihn ein, bewache ihn, im Guten oder mit Gewalt; doch daß ich ihn nicht mehr ſehe. Mein Urtheil wird heute geſprochen und morgen vollſtreckt. Du begreifſt, Gratian 66 „Ja, Lieutenant,« ſagte der Matroſe mit fe⸗ ſter Stimme. Die Thuͤre oͤffnete ſich: ieutenant, das Kriegsgericht iſt verſammelt,« ſagte der Capitain⸗ d'armes. „Ich kommez« erwiderte der Lieutenant. Der Unteroffizier ging. Da nahte der arme Vater ſich ſeinem Paul, der noch immer ohnmaͤchtig war, und umarmte ihn mit herzzerreißendem Schmerz. Lebe wohl! lebe wohl! mein Paul, mein Kind! Lebe wohl fuͤr immer! Ich werde Dich nicht mehr ſehen; nie, nie!— Und doch!— O doch!— Bald vielleicht!— Wie ich leide! Welche Grauſamkeit!— Aber jetzt iſt es un⸗ moͤglich! Meine eigenen Geſtaͤndniſſe haben die Anklage beſtaͤtigt; es ſind Zeugen da, und Alles iſt aus.— Ruͤckſchreiten iſt nicht mehr moͤglich! — Lebe wohl, noch ein Mal, Paul, mein Kind, lebe wohl! Sterben ohne daß Du mich noch ein Mal umarmt haſt!— Es iſt entſetzlich— entſetzlich!« Und der Ungluͤckliche ſuchte die Lippen ſeines Sohnes, kuͤßte deſſen Haare, deſſen Stirn, und benetzte ihn mit ſeinen Thraͤnen, indem er ihm Lebewohl ſagte. Er ging zur Thuͤre, aber er kehrte noch ein Mal zuruͤck zu ſeinem Sohne, um ihn mit Kuͤſ⸗ ſen zu uͤberſtroͤmen. „Ach ich ſterbe hier! Gratian oͤffne die Thuͤre.« Mit gebrochenem Herzen vollzog Gratian den Befehl, und man ſah nun das Commando, wel⸗ ches beſtimmt war, Peter vor das Kriegsgericht zu fuͤhren. Dieſer Blick rief den Lieutenant zu ſich ſelbſt zuruͤck; er knoͤpfte ſeine Uniform zu, von der die Epauletts und das Ordensband abgenommen wa⸗ ren, trocknete ſich die Augen, nahm ſeinen Hut, und ſagte zu dem Unteroffizier mit feſter Stimme: „Gehen wir, mein Herr l« Die ſchweren Tritte der Wachmannſchaft er⸗ tönten in der Batterie. Vor der Thuͤr der Ca⸗ jute angelangt, in welcher das Kriegsgericht ver⸗ ſammelt war, wurde das Gewehr bei Fuß genom⸗ men, und Peter trat, von zwei Mann escortirt, vor das Gericht. Waäͤhrend dieſer Zeit benutzte Gratian die Schwaͤche und Ohnmacht Pauls, und brachte ihn, von einigen Matroſen unterſtuͤtzt, an das Land. Salamander V. 3 Einundfunfzigſtes Kapitel. Gott allein iſt gerecht. Coran, Vers Kl. Das rie Das Kriegsgericht, welches in der großen Ca⸗ juͤte verſammelt war, beſtand aus einem Admiral, als Praͤſes, drei Schiffscapitains, zwei Fregatten⸗ capitains, und dem Anklaͤger. Als Peter eintrat, ließ man ihn vor dem Praͤſidenten Platz nehmen, worauf dieſer ſich zu dem Anklaͤger wendete, und ſagte:„Mein Herr, machen Sie das Kriegsgericht mit dem Vergehen bekannt.« Der kleine Mann mit den gruͤnen Augen ſtand auf und las was folgt: Meine Herren, im Namen der Disciplin, welche durch einen Mann, der vermoͤge ſeiner Stellung zu ihrer Aufrechthaltung verpflichtet war, ſchwer verletzt ward, fordere ich die ſtrengſte Be⸗ ſtrafung des Angeklagten, Peter Huet, Schiffs⸗ lieutenant der koͤniglichen Marine, welcher ſich be⸗ reits einmal ſchuldig machte, die Befehle des Com⸗ mandanten auf dem offenen Deck zu unterbrechen, um ſelbſt ein Manover zu commandiren, welches dem Heil der Corvette gefaͤhrlich werden konnte. Aber was iſt dieſes Vergehen gegen die andern? Denn in dieſem abſcheulichen Proceſſe verſinken wir von Abgrund in Abgrund. Hoͤren Sie, meine Herren: Im Augenblicke der hoͤchſten Gefahr ver⸗ gaß der Angeklagte, geblendet durch eine egoiſtiſche Liebe fuͤr ſeinen Sohn, die Achtung, die er dem Commandanten ſchuldig war, und die am Bord herrſchende Ordnung ſo weit, von dem Capitain den Befehl zu fordern, den Aſpiranten, ſeinen Sohn, gegen allen Schiffsgebrauch zu retten. Aber wie weit ließ der Angeklagte ſich hinreißen, als der brave Commandant mit der kalten Unbeug⸗ ſamkeit, welche dem Seemann geziemt, ihm die Erfuͤllung ſeines Verlangens verweigerte?— Der Lieutenant, Peter Huet, meine Herren, zog den Dolch, und fuͤhrte damit einen Stoß nach ſeinem Capitain, im Angeſichte der ganzen Equipage, in einem jener entſcheidenden Augenblicke, wo die vollkommenſte Subordination, der unbedingteſte Gehorſam allein das Fahrzeug zu retten vermoͤgen. Sie zittern, meine Herten, Sie zittern vor Ent⸗ ſetzen: Wie werden Sie es erſt dann, wenn Sie von einem andern Frevel hoͤren! Die Corvette iſt abermals in Gefahr, durch die Unwiſſenheit eines Offiziers von der Quartierwache. In dieſem kri⸗ 3* — 3 tiſchen Augenblicke, wo die Gegenwart des Com⸗ mandanten auf dem Deck einem Leuchtthurme gleich iſt, welcher dem Fahrzeuge von weitem zum Fuͤhrer dient, und ſeinen Lauf durch die Klippen hinlenkt, an denen ſich die Wogen in weißem Schaume brechen, als waͤren ſie wuͤthend auf je⸗ nen, der durch ſeine ſegenreiche Flamme die Schiff⸗ bruͤchigen dem tobenden Meere entreißt, indem er weit hin die Wogen, gleich einem Himmelsſterne in der Hand der ewigen Vorſehung, erhellt— 4 Gegen das Ende dieſer Phraſe, welche der An⸗ klaͤger in einem Athem ausſprach, wurde er blau im Geſichte. Nach einem tiefen Athemzuge fuhr er fort: dieſem Augenblicke, meine Herren, ſchloß der genannte Peter Huet ſeinen braven und un⸗ beugſamen Vorgeſetzten, deſſen Widerſtand er wahr⸗ ſcheinlich noch ferner furchtete, in ſeine Cajuͤte ein, und beraubte ſo die Equipage, aus eigenem An⸗ triebe und wiſfentlich, der Befehle und der Talente jenes Offiziers, welcher, wie man ſagt, nach dem eigenen Urtheile des Angeklagten, welches dieſer uͤber die Faͤhigkeiten ſeines Commandanten faͤllte, — welche, ſage ich alſo, das Schiff aus ſeiner gefaͤhrlichen Lage retten ſollten. Scheint es Ih⸗ nen alſo nicht, meine Herren, als wenn der ge⸗ nannte Peter Huet, indem er die Corvette wiſſent⸗ lich des Beiſtandes ſeines Commandanten beraubte, allein den Untergang des Fahrzeuges verſchuldete? „Dies Letztere beſtätigt auch der Marquis von Longetour ſelbſt, welcher mit einer Milde, die ſei⸗ nes ſchoͤnen Charakters wuͤrdig iſt, das Unrecht ſeines Lieutenants ſo viel als moͤglich zu entſchul⸗ digen ſucht. Es iſt hier die Gelegenheit, meine Herren, auf die Verleumdungen zu antworten, welche man uͤber eine achtungswerthe Klaſſe von Offizieren ausgeſchuͤttet hat, die einen Augenblick von jedem activen Dienſte entfernt waren⸗ Sie ſehen, meine Herren, der Marquis von Longetour wird in der Mitte der entſetzlichſten Gefahren ver⸗ laſſen; ſtark durch ſeinen Muth, wartet er; Pira⸗ ten fuͤhren ihn mit ſich hinweg, und ſchleppen ihn in die Mitte Afeika's; dort benutzt er jeden freien Augenblick, um, ungeachtet der zahlloſen Gefahren, Forſchungen und Experimente im Gebiete der Na⸗ turgeſchichte anzuſtellen, wie er ſelbſt uns dies ſchreibt; ſo vereint er die Ausdauer eines Gelehr⸗ ten mit dem Muthe eines Seemannes. Aber kehren wir, meine Herren, zuruͤck zu weniger troſtlichen Gemaͤlden, zu dem Angeklag⸗ ten und deſſen Vergehungen. Im Namen der verletzten Disciplin, meine Herren, proteſtire ich gegen die gunſtigen Geſinnungen, welche dieſes Acten⸗ ſtuck vielleicht bei Ihnen hervorrufen koͤnnte; meine Anklage begruͤndet ſich auf Thatſachen. Das Be⸗ nehmen des Lieutenant Hurt iſt das boͤſeſte Bei⸗ ſpiel, und kann durch die vaͤterliche Zaͤrtlichkeit, welche die Veranlaſſung dazu war, nicht entſchul⸗ —— — 34— digt werden; ich ende, meine Herren, die Anklage mit dem einfachen, aber ausdrucksvollen Satze: ehe man Vater ſein darf, muß man ſich erinnern, daß man Offizier iſt.« Bei dieſen Worten allein ſprang Peter von ſeinem Sitze auf. vIch fordere daher, meine Herren, gegen den genannten Peter Huet die Anwendung des Arti⸗ kels im Poͤnal⸗Codex, als uͤberfuͤhrt, erſtens: der Verletzung der Subordination gegen ſeinen Com⸗ mandanten; zweitens: des Mordangriffs auf die Perſon ſeines Commandanten waͤhrend dieſer im Dienſte war; drittens: wiſſentlich zu dem Unter⸗ gange der Corvette beigetragen zu haben, indem er ſie der Befehle und Gegenwart des Comman⸗ danten beraubte, und dieſen noch außerdem dem Verderben ausſetzte, indem er ihm jeden Beiſtand entzog.« Und der kleine Mann ſetzte ſich wieder. Angeklagter, haben Sie noch etwas zu Ih⸗ rer Vertheidigung zu erwaͤhnen ½ fragte der Ad⸗ miral Peter mit Theilnahme. „Nein, Herr Praͤſident.«4 „Haben Sie einen Rechtsanwalt? „Nein, Herr Praͤſident. 44 vSie beharren in Ihrem Schweigen 24 vNJa, Herr Praͤſident. Ich erklaͤre allein, † vor Gott und den Menſchen, daß ich, waͤre ich nicht verwundet geweſen, und ohne mein Wiſſen — 35— herab geſtuͤrzt, in dem Augenblicke, als wir die Corvette verlaſſen mußten, den Commandanten ſicher nicht eingeſperrt gelaſſen haben wuͤrde. 44 „Aber warum hatten Sie ihn eingeſperrt? 4 „„Das iſt eine Frage, auf die ich nicht zu antworten vermag, Herr Präſident.«6 Der Präſident ging mit den uͤbrigen Mitglie⸗ dern des Kriegsgerichtes hinweg. Peter blieb allein, den Kopf in die Haͤnde gelegt, ganz allein. Die wenigen Flambarts, welche noch auf dem Floſſe verſammelt geweſen, hatte man ans Land beordert, nachdem ſie als Zeugen verhoͤrt worden waren. Das Gericht trat wieder ein, und der Praͤſi⸗ dent las mit bewegter Stimme wie folgt: „Ludwig, von Gottes Gnaden Koͤnig von Frankreich und Navarra ꝛc. „Heute, den 20. November 1815, verſam⸗ melte ſich auf Befehl Sr. Majeſtät am Bord des Admiralſchiffes in dieſem Hafen, nach Anhoͤ⸗ rung der Heiligen⸗Geiſt⸗Meſſe, das Marine⸗Kriegs⸗ gericht in Staats⸗Uniform; nachdem die Debat⸗ ten in Bezug auf Herrn Peter Huet, Ex⸗Lieute⸗ nant der koͤniglichen Marine, geſchloſſen und ale Formalitäten, welche das Decret vom 24. Juli 1806 vorſchreibt, beobachtet worden ſind. „Nach Vernehmung des Anklaͤgers und des Angeklagten berathſchlagte das Kriegsgericht bei verſchloſſenen Thuͤren in Gegenwart des Procura⸗ tors Sr. Majeſtät. Der Herr Präſes des Kriegs⸗ gerichtes ſammelte die Stimmen, welche ſämmtlich das Verfahren als rechtlich erkannten, und ſammt⸗ lich den Peter Huet ſchuldig des Mordverſuches und Angriffes auf die Perſon ſeines Comman⸗ danten erklaͤrten. »In Betracht der andern Anklage verurtheilt das Kriegsgericht, nach Pflicht und Gewiſſen und einſtimmig, den genannten Peter Huet zur To⸗ desſtrafe; das Urtheil ſoll innerhalb der naͤchſten Stunden vollſtreckt werden, und außerdem noch der Angeſchuldigte die Koſten ſeines Proceſſes tragen. Geſchehen, beſchloſſen, geurtheilt und beſtimmt am Bord des Admiralſchiffes in dem Hafen zu Cherbourg, an dem Tage, in dem Monat und Jahre wie oben bemerkt, gegen drei Viertel auf elf Uhr Morgens. »Die Mitglieder des Kriegsgerichtes haben Gegenwärtiges unterzeichnet ꝛc 4 In Erwartung ſeines Urtheils ſprach Peter kein Wort; auf ſeinem Geſichte malte ſich keine Unruhe, denn ſeit langer Zeit war er mit dieſem Gedanken bertraut; doch ſagte er zum Präſidenten des Kriegsgerichts: Mein General, haͤtten Sie wohl die Gnade, mir einige Worte zu gewähren? 4 Ich ſtehe zu Dienſten. Haben Sie die Guͤte uns allein zu laſſen,«c4 ſagte er zu den Mit⸗ gliedern des Kriegsgerichts. „General,« begann Peter, als ſie allein wa⸗ ren, verkennen Sie mich wieder?« „„Ja, Peter,« ſagte der Admiral, ihm die Hand reichend; vich habe Sie im Feuer geſehen, und weiß, wer Sie ſind. Es iſt ein unerklaͤrli⸗ ches Verhaͤngniß, denn ich kenne Niemand, der der Disciplin eiftiger ergeben waͤre, als Sie. 44 General, ich habe einen Sohn.« vIch dachte ſchon daran, Peter; ſeine Zu⸗ kunft darf Sie nicht beunruhigen.« „Seine Zukunft?— Neinz« ſagte Peter traurig. vEr wird ſich erſchießen 14 Mein Freund, dieſer Gedanke— 44 „Er wird ſich toͤdten, General, ich weiß es. Nur wuͤnſchte ich,— wuͤnſchte ich— daß wir nicht getrennt wuͤrden.— Sie verſtehen mich?6 vPeter, mein Freund, ich theile Ihre Furcht nicht. Ihr Sohn— 66 „Er wird ſich toͤdten,« erwiderte Peter. Nur denken Sie an meine Bitte, General; fuͤr uns Beide; mir liegt ſehr viel daran. Ich bin nie ein Scheinheiliger geweſen, aber ich fuͤhle mich uͤberzeugt, daß dort oben etwas lebt.— Das war es, was ich ſagen wollte, General. 4 „In dem Falle, wenn das ungluͤck, welches Sie prophezeihen, ſich zuträgt, ſoll Ihr Wunſch erfullt werden, auf Seemannswort!«6 »Danke General; leben Sie wohll« ſagte Peter, ihm die Hand reichend. vKommen Sie hierher, mein Tapferer!« erwiderte der Admiral, ihm die Arme oͤffnend. vvEs iſt nicht das erſte Mal! War ich es nicht, der Ihnen das Kreuz der Ehrenlegion anhing?« Und die beiden Seeleute umarmten ſich mit aufrichtiger Herzlichkeit. »Leben Sie wohl, leben Sie wohl, General! Denken Sie an unsl« ſagte Peter, indem er den Admiral ſich entfernen ſah. Er kehrte in ſeine Cajuͤte zuruͤck. Sein Sohn war nicht mehr da. Traurig ſetzte er ſich auf den Platz, wo ſein Sohn geſeſſen hatte, und brachte die ganze Nacht unter trüben Betrachtungen zu.— Um elf Uhr Morgens ſollte er auf einem Ponton durch ein Commando Gendarmen erſchoſ⸗ ſen werden! — Zweiundfunfzigſtes Kapitel. Welche Langeweile! Burke. Der Beſſuch. Gratian benutzte die Ohnmacht Pauls, um ihn zu ſeinem Wirthe auf dem Hafenplatze in Chaſſe⸗Marée zu bringen. Man weiß, daß es den Tag vor dem war, an welchem Peter erſchoſſen werden ſollte. Seine Hinrichtung war auf den folgenden Morgen feſt⸗ geſetzt worden. Das Zeichen dazu war der letzte Schlag der elften Stunde der Hafenuhr. Das kleine Stuͤbchen, welches Paul einſtweilen bewohnte, war fuͤr gewöhnlich den Matroſen beſtimmt, wel⸗ che den guͤnſtigen Wind abwarten, um mit einem Handelsſchiffe unter Segel zu gehen⸗ Fetzen ehemaliger Tapeten hingen an den Waͤnden, und gemalte Kupferſtiche, Scenen aus den Kriegen Napoleons darſtellend; ein Stuhl, ein wacklicher Tiſch, ein Bett von Seegras: das war das ganze Meublement des Zimmers. Es lag im vierten Stock, und durch das ein⸗ zige Fenſter, welches auf eine ungeſunde, enge Straße hinausging, drang der Tag durch verblin⸗ dete gruͤne Scheiben, unter denen man viele Bou⸗ teillenboden erblickte, nur ſpaͤrlich herein. Es war Nachmittags um vier Uhr. Der Himmel, duͤſter und von einem November⸗ nebel umzogen, wurde immer duͤſterer und duͤſte⸗ rer, und bald nahm die Dunkelheit ganz Ueber⸗ hand. Paul ſaß, ohne es zu bemerken, auf dem Rande des Bettes. Der arme Junge ſchien, das Haupt herab geſunken, die Haͤnde auf den Knieen liegend, die Fuͤße ſchlaff herabhaͤngend, ſich in ei⸗ nem Zuſtande ganzlicher Fuͤhlloſigkeit zu befinden. Seine Augen waren trocken und brennend. Es ſchlug vier Uhr. Der Ton der Glocke rief ihn aus ſeinen Traͤumereien auf. WVier Uhr læ ſagte er, nachdem er jeden Schlag gezaͤhlt hatte.„Was macht wohl jetzt mein Va⸗ ter?— Noch neunzehn Stunden habe ich zu zäh⸗ len. Das iſt ſehr lange! Ich liebe dieſe Uhr; denn ſie verkuͤndet mir den Todesaugenblick mei⸗ nes Vaters. Sie wird mir ſagen: Paul, biſt Du bereit? Er wartet Deiner. Sie wird mich nicht betruͤgen. Morgen wird fuͤr ihn wie fuͤr mich der letzte Schlag der elften Stunde das Zei⸗ chen zu einer großen Freude ſein, das Zeichen zu einer ewigen Vereinigung. Aber was ſoll ich bis 3 dahin beginnen? Ich habe ſo viel Langeweile! Wenn nur dieſe Nacht, oder morgen, mein⸗ Schwaͤche mich nicht etwa uͤberwaͤltigt! Doch nein, der Himmel iſt zu gerecht, um mir dies Gluͤck zu verweigern,« ſetzte er bitter hinzu. „Wer haͤtte mir das vor ſechs Monaten ge⸗ ſagt? Wahrlich, mein Geſchick iſt hart! Was habe ich denn Gott gethan, daß er mich ſo un⸗ glucklich macht? Und es ſchien mir doch, als haͤtte ich eine ſo lachende Zukunft vor mir! Ich hatte einen Vater, der mich ſo zaͤrtlich liebte; ich war brav, ich war jung; mein Stand gefiel mir; und ich liebte, ach! ich liebte einen Engel!« Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr er dann fort: „Ach, es iſt entſetzlich! Ich weiß nicht, ob der Schmerz, der Kummer und die Krankheit jede Fiber meines Herzens abgenutzt haben, aber ich fuͤhle nicht mehr. Ich denke an Alice, an meinen Vater, der morgen erſchoſſen wird, an mich, der ich morgen mich ſelbſt erſchieße, und ich denke an dies Alles ohne ein grauſames, ſchneidendes Ge⸗ fuhl. Mein vergangenes, gegenwaͤrtiges und zu⸗ kuͤnftiges Leben kömmt mir vor, wie ein Buch, das, nachdem man es geleſen, wohl Erinnerungen, aber keine Eindruͤcke zuruͤck läͤßt. Alles was ich empfinde, iſt Langeweile, und der Wunſch, es moͤchte ſchon morgen ſein.—— „Nein, nein ſagte er nach einer neuen Pauſe. »Mag ich auch an Alles denken, was mir ſonſt —— theuer war, an meine verlornen Hoffnungen, mag ich die grauſamſten Erinnerungen zuruͤck rufen: ich empfinde nichts; weder Haß, noch Verzweiflung, noch Kummer; meine Seele iſt todt, todt in al⸗ len ihren Gefuͤhlen! vEs iſt die Wirkung des hoͤchſten Seelen⸗ ſchmerzes; vielleicht auch die der Krankheit; ſon⸗ derbar iſt es aber doch; vielleicht iſt es auch die Gewißheit, morgen zu ſterben. Aber in der That empfinde ich Langeweile, nur Langeweile.« In dieſem Augenblicke ließ ſich ein kleines Geraͤuſch an der Thuͤr vernehmen. vAch! es iſt der gute alte Gratian,« ſagte Paul.„Er will mich hindern auszugehen; mein Gott, als wenn ich daran daͤchte!4 Die Thuͤre oͤffnete ſich, und in der Dunkel⸗ heit naͤherte ſich ein Menſch. Biſt Du es, Gratian ½ fragte Paul. Nein, Paul,« ſagte eine bekannte Stimme, bei der des Lieutenants Sohn heftig erbebte. „Szaffie l« ſtammelte Paul. Dreiundfunfzigſtes Kapitel. O, ewige Verdammniß! Aber eine Minute des Haſſes! Bertram. Der Vorſchlag. Als Paul die Stimme dieſes Menſchen hoͤrte, welcher ihn an ſeine bitterſten Leiden erinnerte, ja, der ſie ihn durch ſeinen verhaßten Anblick noch einmal erdulden ließ, fuͤhlte er in der Tiefe ſeines erſtorbenen Herzens eine ſchwache Aufregung. Der Bedauernswuͤrdige dachte, der Haß wenigſtens wurde ſeine Seele zu erſchuͤttern vermoͤgen. Doch weit gefehlt; ihre Schnellkraft war fuͤr immer ver⸗ nichtet. Dieſe voruͤbergehende Aufregung war nichts, als Staunen; kaum daß ſie einen Augen⸗ blick waͤhrte; dann fiel Paul wieder in ſeine mo⸗ raliſche Unempfindlichkeit zuruͤck. Gratian erſchien mit einer Lampe. „Laß uns allein,« ſagte Paul zu ihm. Gratian entfernte ſich. Szaffie, abgemagert durch die Entbehrungen, welche auch er erduldet hatte, ſchien noch blaͤſſer —— als gewoͤhnlich; doch es war dieſelbe Ruhe, die⸗ ſelbe Kaltbluͤtigkeit, derſelbe hochmuͤthige und ſpoͤttiſche Ausdruck. „Nun, Paul?4 vNun! Mein Herr, als Sie eingetreten wa⸗ ren, glaubte ich, eine Regung des Haſſes und der Wuth in mir zu empfinden; doch ich habe mich betrogen.— O! wie muͤſſen Sie mich verachten, wie ehrlos muͤſſen Sie mich finden la« ſagte das Kind, bitter lachend,»„denn ich ſehe Sie hier, nahe bei mir, und habe weder die Macht, noch die Kraft, noch ſelbſt den Willen, Sie umzubrin⸗ gen: Verſtehen Sie das 264 Ja, Paul; das mußte ſo kommen. Auf ſolche uͤbermaͤßige Freuden und Leiden folgt das Nichts— der moraliſche Tod. WMan kann dieſen Umſtand auch ſo erklaͤren, wie ſich die Spieler uͤber das Spiel ausdruͤcken: Das Spiel gewaͤhrt zwei verſchiedene Arten des Vergnuͤgens: erſtlich das, zu gewinnen, und nach dem Gewinnen, das, zu verlieren;— denn es iſt hundert Mal beſſer, zu verlieren, als gar nicht zu ſpielen.— So iſt es auch hundert Mal beſſer zu leiden, als in eine ſo gaͤnzliche Erſtar⸗ rung des Geiſtes verſunken zu ſein, wie Sie jetzt, Paul.« v„Ach! das iſt eine große Wahrheit, Szaffie. Denn wenn ich litte, koͤnnte ich Sie haſſen; und wenn ich Sie haſſen koͤnnte, wuͤrde ich Sie toͤdten; aber ich vermag es nicht.«4 Hoͤren Sie mich. Es ſind bald acht Jahre her, als ich, wie Sie, Paul, im Begriff war, mich umzubringen. Wie das Ihrige, war mein Herz kalt und erſtorben, nur mit dem Unterſchiede, daß mich Ueberſaͤttigung des Gluͤckes dahin brachte, wohin Sie das Uebermaaß des Ungluͤcks fuͤhrt — zum Selbſtmord,— doch der Unterſchied iſt ganz gering, der Ausgang iſt der naͤmliche.— Nun will ich Ihnen ein Mittel vorſchlagen, wel⸗ ches mich gerettet hat, denn ich fuͤhle Theilnahme fuͤr Sie, Paul.« v„Was wollen Sie mir ſagen 244 »Wenn Ihr Vater erſt geſtorben ſein wird, was wuͤrde, glauben Sie, das erſte Gefuͤhl ſein, welches in Ihrer Seele aufſtiege, vorausgeſetzt, daß Sie ſich aus Ihrem jetzigen Zuſtande des Stumpfſinnes herauszureißen vermoͤchten? Paul dachte einen Augenblick nach, und ſagte dann: v„Menſchenhaß, und das Beduͤrfniß, mich an Ihnen zu raͤchen.«6 vMenſchenhaß? Gut. Was aber das Beduͤrf⸗ niß der Rache an mir betrifft, ſo iſt das kleinlich und ungerecht. Denn, Alles wohlerwogen, Kind, bin ich es denn geweſen, der die Ereigniſſe lenkte? Habe ich zu Deinem Voater geſagt: Sclave einer eingebildeten Disciplin, opfere Deinem Göͤtzen Ehre, Ehrgeiz, Sohn und Leben? Bin ich es, der zu Alice ſagte: Verachte und quaͤle das ſo reine und Salamander. V. 4 offne Herz Pauls, und liebe mich? Nein, im Ge⸗ gentheile; ich ſagte zu Alice: Es iſt eine Seele, rein und keuſch wie die Deine; ſuche ſie auf, lerne ſie kennen und verſtehen, und liebe ſie; denn meine Seele, junges Maͤdchen, iſt finſter, leer, kalt.— Nun gut, deſſen ungeachtet, oder eben deshalb, Paul, hat ſie Dich verlaſſen, und ſich an mich angeſchloſſen, denn das lag in ihrer Natur als Weib;— deshalb hat Alice, im Kloſter erzogen, und im Beſitze aller Tugenden und edeln Geſin⸗ nungen, mich Dir vorgezogen. Ein verderbtes Weib wuͤrde nicht einen Augenblick gezoͤgert haben: ſie haͤtte Dich gewaͤhlt, Kind. »Du ſprichſt davon, mich zu toͤdten, Paul! War ich es, oder der Hunger, welcher den Gehor⸗ ſam in Empoͤrung, die Liebe in Haß, die Schaam⸗ haftigkeit in verliebte Raſerei verwandelte? Habe ich nicht alle Eure Entbehrungen getheilt? Habe ich nicht, gleich Euch, mein Leben gewagt? Mein einziger Vortheil war, daß ich mit kaltem Blute ſahz denn ich habe Dir bereits geſagt: Nichts uberraſcht mich, weil ich auf Alles gefaßt bin.« vvAber was wollen Sie denn von mir?46 ſagte Paul mit unſicherem Tone. »Hoͤre, Paul. Du biſt ſechzehn Jahre alt, ſchoͤn, muthig; um die Welt zu haſſen, haſt Du die furchtbarſten Gruͤnde, welche je auf dem Haup“ eines Menſchen zuſammengehaͤuft wurden. Dei Beduͤrfniß der Rache muß ſcharf und unve ſoͤhnlich ſein; denn die Menſchen haben D — 15 Vater, Geliebte, Illuſionen und Zukunft ge⸗ raubt. „Komm mit mir, Paulz ich bin reich, meine Erfahrung wird Dir nuͤtzen, wir wollen uns zu einer Bruͤderſchaft des Haſſes vereinigen. Komm, Paul; Du biſt das einzige menſchliche Geſchöpf, an welchem ich Theil nehmen kann, denn Du al⸗ lein kannſt mir zu meinen Abſichten und deren volliger Erreichung dienen. Komm! Ein Weib hat Dich betrogen: Nun wohl, ſo jung, ſo ſchoͤn, ſo erfahrungsreich, ſo enttaͤuſcht, werden jetzt die Frauen Dir gehoͤren, wirſt Du ſie jetzt zu Deinen Fuͤßen ſehn; dann, Paul, dann kannſt Du ſie grauſame Thraͤnen vergießen machen; dann wer⸗ den auch ſie ihr Herz brechen fuͤhlen. Denke daran wohl; Alle Leiden, die Du empfunden haſt, wirſt Du der Menſchheit wieder auferlegen. Weil Dein Herz zertreten wurde, werden alle Wei⸗ ber die Ruͤckwirkung Deiner Verzweiflung empfin⸗ den. Unſchuldig, oder ſchuldbelaſtet, gleichviel! Du haſt Blut geweint; ſie muͤſſen auch Blut weinen. Komm, komm, Paul! Das iſt aber noch nicht Alles: Wenn die Liebe Dir die Macht leiht, dies Geſchlecht zu vernichten, ſo wird der Ehrgeiz Dir die geben, Dich an den Maͤnnern zu räͤchen. Komm, Paul! Ich kann Dir eine glaͤn⸗ zende Carriére eroͤffnen; wir werden dort vielfache Mittel finden, Einfluß auf das Menſchengeſchlecht auszuuͤben; wir werden die Menſchen von einer entſetzlichen Höhe herab beherrſchen; Dein Ver⸗ 4* vielleicht gelingt es uns, nicht mehr nach dem ungluͤck der Menſchen, ſondern nach dem Ungluͤck der Nationen zu rechnen. Verſtehſt Du, Pauls Nach Nationen! Die Rache nach einem ſolchen Maaßſtabe ausuͤben, daß der Schrei des Entſetzens bis auf die Nachwelt hinuͤber dringt!— Komm, Paul! Und wenn Dir das Feld noch nicht aus⸗ gedehnt genug erſcheint, ſo giebt es in Rom noch einen maͤchtigeren Hebel:— Du biſt nicht ver⸗ heirathet, und ich auch nicht! „Komm! ſage ich Dir. Siehſt Du, die Rache iſt auch ſchoͤn bei Dir; denn Du rächſt einen Vater und eine Geliebte. Denke nur, Paul! Die ganze Menſchheit! Welch eine Hekatombe ihren Mahnen dargebracht! Komm, wir wollen dieſe Stadt verlaſſen! Folge mir nach Paris! Komm 6 „Mein, nein, ich muß ſterben; hier mit mei⸗ nem Vater ſterben! c6 Aber, armes Kind, wem wuͤrde denn Dein Tod ſchaden? Es iſt die Handlung eines Tollen, an ſich ſelbſt, ſtatt an der Menſchheit, Rache nehmen! 4 vSehn Sie, Szaffie, ich habe Sie mit Auß⸗ merkſamkeit angehoͤrt; ich habe genau darauf ge⸗ achtet, ob eines Ihrer Worte irgend ein Gefuhl in mir erwecken wuͤrde: Haß, Hoffnung oder Ver⸗ zweiflung: mein Herz blieb ſtumm— ſtumm. 46 Biſt Du davon uͤberzeugt 4 „NFeſt.«4 ſtand wird ſich ausdehnen, Kind, und wer weiß, „Armer Paul, dann beklage ich Dich, denn ich hatte auf Dich gezahlt. Ich konnte es erwar⸗ ten. Ja, es gehoͤrt eine ſtarke, kraͤftige Seele dazu, allen Schlaͤgen des Gluͤckes, wie des Un⸗ gluͤckes, zu widerſtehen; Deine Seele aber war ſchwach und gebrechlich. Noch ein Mal: Ueber⸗ lege es, befrage Dein Herz:— Nichts? nichts 4 „MNichts!«c erwiderte Paul nachdenkend. vNichts! Ich begreife nicht, wie man leben kann, wenn die Welt oͤde iſt.c vAber die Rache, Elender 24 v„Da ich bei Ihrem Anblicke nicht das Verlangen darnach empfinde, iſt mein Herz todt, ganz todt.«4 „Lebe wohl denn, Paul! Lebe wohl!« vvUnd zum erſten Male vielleicht nette eine Thraͤne des Mitleids, oder des Schmerzes, das Auge Szaffie's. Es war aber auch etwas Entſetzliches, dieſen Juͤngling zu ſehen, ſo jung, ſo ſchoͤn, bleich, auß⸗ geloͤſt, ſterbend, todt ſchon, denn der phyſiſche Tod war nur noch ein Ereigniß ohne Betracht; den armen Juͤngling hier ganz allein zu ſehen, in die⸗ ſem ärmlichen Stubchen, ohne einen Freund, ohne einen Verwandten, mitten in der Welt allein; er hatte den Becher des Lebens ſeinen Lippen nur genaͤhert, um ſeine ganze Bitterkeit zu koſten, und verloſchte nun hier, ohne ſich zu beklagen, ohne Reue, ohne zu murren, ſelbſt ohne eine Thrane vergießen zu koͤnnen. — 0 „MNoch ein Mal, lebe wohl lk ſagte Szaffie und verſchwand. vLeben Sie wohl læe erwiderte Paul. Dann ſah er nach der Uhr und ſagte: vEine Stunde wenigſtens waͤre wieder hingebracht.«4 Und man hoͤrte Poſtillione mit ihren Peitſchen knallen, und die Fenſter des Hauſes erbebten von dem Rollen eines Wagens, der ſchnell hinwegfuhr. Vierundfunfzigſtes Kapitel. Auf deine Geſundheit! Auf die deine! Stoß an! Schiller, die Räuber. Gratian. n folgenden Morgen um acht Uhr rief Paul Gratian. Der Matroſe trat ein. „Hoͤre, mein alter Gratian,« ſagte Paul, in⸗ dem er einen Schubkaſten des Tiſches herauszog. Hier ſind, glaube ich, fuͤnf Tauſend und einige Hundert Francs. Es iſt alles, was wir noch be⸗ ſitzen, mein Vater und ich. Ich ſchenke es Dir. vDanke, Herr Paul. c4 »Denn Du begreifſt wohl, wenn man todt iſt, bedarf man nichts mehr.« — 5 vNJa, Herr Paul. 4 „Mein Vater wird heute um elf Uhr er⸗ ſchoſſen.« v„Ja, Herr Paul. Auch ich werde mich um elf Uhr erſchießen. — Aber Du antworteſt ja nicht? Und ich zaͤhle doch auf Dich, mir Waffen zu verſchaffen.« vHerr Paul— 44 „Oder wollteſt Du lieber, daß ich mich mit meinem Halstuche erdroſſeln, oder mir den Kopf auf dem Steinpflaſter zerſchmettern ſollte4 vMein, Herr Paul. 44 „Nun, und was ſonſt?— Du ſiehſt gewiß ein, daß, wenn Du mich auch heute abhaͤltſt, ich doch morgen, oder uͤbermorgen, Zeit und Mittel finden werde; alſo— 4 vNJa, Herr Paul.«« „Gratian, Du haſt mich geboren werden ſehen 6 v„Ja, Herr Paul.« Und der arme Menſch fuhlte ſein Herz ſtille ſtehen.— vJa, Herr Paul, und ich habe Sie gewiegt, umher getragen, auf dieſem hölzernen Beine reiten laſſen, als Sie größer waren.«4 vUnd Du liebteſt mich damals, mein guter, alter Gratian 24 vvAch! ja wohl, Herr Paul«6 „Nun wohl! ſo ſchlage mir nicht ab, warum ich Dich bitte; wäreſt Du zufrieden, wenn man es Dir verweigerte? Wenn Dir nun, ſtatt des einen Beines, Beide abgeſchoſſen wären, wenn . — 5 Du die Ueberzeugung gehabt hätteſt, ſterben zu muͤſſen, wuͤrdeſt Du dann zufrieden geweſen ſein, wenn Dein Camerad Dir die Bitte verweigert haͤtte, Dir eine Kugel durch den Kopf zu jagen, um Deine Leiden abzukuͤrzen?4 **O nein, Herr Paul, das, das iſt eine heilige Pflicht, welche ein Matroſe dem andern ſchuldig iſt. Wenn man einem Freunde Leiden erſparen kann, muß man es thun. Wer es nicht thaͤte, waͤre ein Elender, ein Feigling— 4 »Nun wohl, Gratian, ich bin auch Dein Freund; und Du wollteſt dem Sohne Deines Lieutenants, dem Kinde, das Du wiegteſt, verwei⸗ gern, was Du Deinem Cameraden gewähren wuͤr⸗ deſt: Du verweigerſt mir das, und weißt doch, daß mein Vater erſchoſſen werden ſoll?— Du ſiehſt doch wohl ein, daß ich den Tod meines Vaters nicht uͤberleben koͤnnte, daß ich zu ſehr leiden wuͤrde?— Und Du verweigerſt es mir! Du willſt mich lieber vor Kummer ſterben ſehen, als an einer Kugel, wie jeder brave Soldat en⸗ den ſollte?— Du verweigerſt meine Bitte, ſage, guter, alter Gratian 24 vNun, hoͤren Sie,— nein, Herr Paulz— wenn Sie denn durchaus wollen. Und dann be⸗ greife ich auch— wenn Ihr Vater auf dieſe Weiſe geſtorben iſt,— ſo wuͤrde das ein Schmerz ſein, der nie enden koͤnnte.— Ja, wohl ein bit⸗ terer Schmetz, ein Schmerz fuͤr das ganze Leben, Herr Paul. 44 — 56— „Du ſiehſt wohl, mein guter alter Gratian, daß ich Recht habe; alſo kaufe mir ein Paar Piſtolen, und lade ſie ſelbſt mit zwei Kugelnz hoͤrſt Du? ſelbſt.« vvSein Sie ruhig, Herr Paul,«« ſagte Gra⸗ tian, ſich eine Thraͤne trocknend. „Geh, und ſei vor halb elf Uhr wieder zu⸗ ruͤck.— Hoͤre, Gratian, ich rechne feſt auf Dichz Seemannswort 24 vSeemannswort la ſagte Gratian, nachdem er einen Augenblick gezoͤgert hatte.— Er ging. Es ſchlug neun Uhr. Halb Zehn. Zehn. Und ein Viertel auf Elf hoͤrte Paul mehrere Schritte vor ſeinem Zimmer. Er runzelte die Stirn, denn er fuͤrchtete irgend einen Betrug Gratians; doch dieſer trat ein, die beiden Piſtolen unter ſeiner Jacke, allein er ſchien beſchaͤmt und verlegen. vHerr Paul, 44 ſagte er, die Piſtolen in den Haͤnden drehend, mit niedergeſchlagenen Augen: vvSie hatten mir befohlen, Niemandem etwas zu ſagen. 44 „Sicher; und nun, was haſt Du gethan 6 vvHerr Paul, auf der Straße habe ich Mei⸗ ſter La Joie und Meiſter Bouquin getroffen, zwei Alte vom Floß, welche mir ſagten, daß ſie vorher Sie gern noch ein Mal ſehen moͤchten.«6 NLaß ſie eintreten, Gratian.« La Joie und Bouquin naͤherten ſich ſchuͤchtern. vNun, meine alten Flambarts! Ihr kommt, mir Lebewohl zu ſagen ℳ fragte Paul. vvJa, Herr Paul, 44 erwiderte La Joie; v„denn ſehen Sie, man vergißt die nicht, welche man recht ſehr liebt. Ich bin es, Herr Paul, der Ihnen den erſten Unterricht im Seeweſen ertheilte. Ich war es, der Sie auffing, als Sie verwundet wurden, und Sie haben ſich deſſen erinnert, denn nie haben Sie den alten La Joie gemißhandelt, wie ſo viele junge Offiziere es thun. Ach es iſt traurig, Herr Paul, zu denken, daß nach dem Lieutenant und Ihnen, nur noch Bouquin und ich von den alten Flambarts des Salamander uͤbrig bleiben! Denn Gratian hat mir Alles ge⸗ ſagt, Herr Paul. Das iſt ſchön von Ihnen! So handelt ein guter Sohn und ein braver⸗See⸗ mann, wie Sie es wollen; nur die Weiber und die Pfaffen werden ſagen, daß Sie Unrecht ha⸗ ben. Nun, Herr Paul, wollten ich und Bouquin gerne— aber ich wage es nicht. c4 „Fordere! mein alter La Joie.« vNun wohl, Herr Paul, wir wuͤnſchten irgend ein Andenken von Ihnen zu beſitzen: einen Uni⸗ formsknopf, die geringſte Kleinigkeit nur. Ver⸗ zeihung, Entſchuldigung, Herr Paul; das ſoll fur uns Beide eine Reliquie ſein. 44 Ich verſpreche es Dir, La Joie.« Es ſchlug halb Elf. Geht, meine Freunde, lebt wohll« ſagte Paul, — „Laßt mich jetzt.— Es iſt fuͤr Elf Uhr.— Keinem Menſchen ein Wort.« „Zaͤhlen Sie auf uns, Herr Paul. 44 vUmarmt mich!« Uund weinend umarmten ihn Bouquin und La Joie. Lebe wohl, mein alter Gratian; ich danke Dir.« „Mein armer Herr Paulæ ſagte dieſer.— Alle Drei ſtiegen langſam die Treppe hinab. Es ſchlug drei Viertel auf elf⸗ und Paul ſchrieb was folgt: „Ich toͤdte mich, da ich den Tod meines Va⸗ ters nicht zu uͤberleben vermag. Ich gebe und vermache an Gratian(Jacob), invaliden Matro⸗ ſen, alle das Geld, welches ſich in dieſem Tiſche befindet. Ich wuͤnſche, daß man dem Equipage⸗ meiſter La Joie meinen Uniformsdolch gebe, den man am Bord des Admiralſchiffes in der Cajuͤte meines Vaters finden wird. Auch wuͤnſche ich, daß man dem Kanoniermeiſter Bouquin meine Ach⸗ ſelbandſchnur gebe, welche man an demſelben Orte finden wird. Dieſe kleinen Geſchenke ſollen Zei⸗ chen der Dankbarkeit und Freundſchaft gegen dieſe beiden braven Seemaͤnner ſein. Noch wuͤnſche ich, mit meinem Vater zuſammen beerdigt zu werden. „Geſchrieben am 13. November um drei Viertel auf Elf und zehn Minuten⸗ fuͤnf Minu⸗ ten zuvor, ehe mein Vater erſchoſſen wurde. Paul Hust. ———— Mit dem erſten Schlage der elften Stunde ſpannte Paul ſeine Piſtolen. Seine letzten Worte waren: WVerzeih mir, o mein Gott, wenn es ein Ver⸗ brechen iſt!— Vater, ich folge Dir!— Meine Mutter!— Alice!— 4 Mit dem letzten Schlage der elften Stunde ſank Peter Huet, erſchoſſen, auf dem Ponton zu Boden. Mit dem letzten Schlage der elften Stunde ſank Paul Huet auf den Fußboden des kleinen Stuͤbchens in dem Wirthshauſe von Chaſſe⸗ Marée. Der Admiral vergaß das Verſprechen nicht, welches er ſeinem Waffengefahrten gegeben hatte. Peter und ſein Sohn wurden nicht getrennt. Der Admiral, Gratian, Bouquin und La Joie, waren die Einzigen, welche dem Leichenbegaͤngniſſe des Vaters und des Sohnes folgten. Am Abend waren die drei Matroſen, welche den Schmerz in einer Taverne zu betaͤuben ge⸗ ſucht hatten, etwas betrunken, und ſprachen da⸗ von, Cherbourg anzuzuͤnden, um Peter und ſeinen Sohn zu raͤchen. Der Plan wurde glucklicherweiſe nicht ausgefuͤhrt. Gratian genießt bis an das Ende ſeiner Tage einer anſtändigen Gemaͤchlichkeit. La Joie ſtuͤrzte bei einem Sturme in das Meer, und ertrank. 8 Bouquin ſtarb zu Martinique am gelben Fieber. Fünfundfunfzigſtes Kapitel. Ein Geſellſchaftsſaal. (Scene im Hotel Saint⸗Are, einen Monat nach dem Tode Pauls und ſeines Vaters.) Es iſt einer jener alten und bewundernswuͤr⸗ digen Geſellſchaftsſale der Faubourg Saint⸗Ger⸗ main, welche noch aus dem ſiebzehnten Jahrhun⸗ dert ſtammen. Die tauſend Zwrrathen und Ara⸗ besken der Thuͤren, Decken und Pannaͤle ſind neuerdings wieder vergoldet worden, und nehmen ſich herrlich auf dem blendend weißen Grunde aus. Große Fenſter, mit maͤchtigen purpurſeidnen Vorhaͤngen, gehen nach dem Garten hinaus; grade dieſen Fenſtern gegenuber fuͤhren mehrere Thuͤren in ein Gewaͤchshaus, welches mit den ſchoͤnſten Blumen geſchmuͤckt iſt; weiche Teppiche bedecken den Boden, und hohe Voliéren, mit auslaͤndiſchen Voͤgeln angefullt, erhoͤhen den Eindruck noch mehr. Es iſt Abend. Reiche Candelaber in den Ecken des großen Saales ſcheinen in den Spiegeln wieder, und ver⸗ breiten ein ſchwaches Licht in dem Gewaͤchshauſe, welches nicht anders erleuchtet iſt. Mehrere Familienportraits verkuͤnden, daß dies Hotel von Leuten alten und glorreichen Urſprungs bewohnt wird. — Es ſchlaͤgt ſechs Uhr. Ein Kammerdiener oͤffnet die beiden großen Fluͤgelthuͤren des Salons, und es treten ein: Die Herzogin von Saint⸗Are. Funfzig Jahr alt, im⸗ poſanter Wuchs, geiſtreicher und gutmuͤthiger Aus⸗ druck des Geſichtes, mit Geſchmack und großter Einfachheit gekleidet. Die Grafin d'Hermilly. Neunzehn Jahre, ein entzuckendes Geſicht, die ſchoͤnſten Augen von der Welt, Fuͤße und Haͤnde von ſeltener Schon⸗ heit, bruͤnett, blaß, ſehr weiße Haut, auserwaͤhl⸗ ter Anzug. Seit einem Jahre mit dem Grafen d'Hermilly vermaͤhlt. Arm in Arm treten ſie herein und ſetzen ſich auf eines der Sopha's, welche zu beiden Seiten des Kamines ſtehen. Die Herzogin. Wie gut ſind Sie doch, meine liebe Marie, daß Sie ſo fruͤh kamen, und mir die Langeweile der Toilette verkurzten, indem Sie mir Ihre Thorheiten erzaͤhlten! Die Gräfin. Sie nennen das Thorheiten? Lieber Himmel! weshalb iſt d'Hermilly nicht hier, der mir immer meinen Ernſt zum Vorwurf macht! Die Herzogin. und er hat Recht, Marie. Sie ſind nicht in der Stimmung Ihres Alters. Die Graͤfin. Oder er vielmehr nicht in der des ſeinigen. Die Herzogin. Die Thatſache iſt, daß er das Unrecht begeht, ſich mit dreißig Jahren jung zu glauben, und den Fehler hat liebenswuͤrdig zu ſein, und ſich fuͤr den Gluͤcklichſten der Maͤnner zu halten. Ich wiederhole es Ihnen, Marie, Sie ſind eine Thoͤrin; und wenn er da waͤre, wuͤrde ich Sie in ſeiner Gegenwart ausſchelten. Wuͤr⸗ den Sie es lieber ſehen, daß er wie Herr von Cer⸗ vieur waͤre: immer traurig und mit einem Paſſio⸗ nismus beſchaͤftigt, daß man das Ende der Welt herbei wuͤnſchen moͤchte? Die Graͤfin. Wird er dieſen Abend zu Ihnen kommen, der gute Herr von Cervieux, die⸗ ſer alte Freund meiner Mutter? Die Herzogin. Ja. Doch das iſt nicht Alles; ich habe einen beruͤhmten Mann, einen ſehr beruͤhmten, der erſt kurzlich in Paris ange⸗ kommen iſt. Die Graͤfin(neugierig). Mein Gott, wer iſt denn das? Die Herzogin. Der Marquis von Longe⸗ tour, ein Verwandter des Herzogs von Saint⸗ Are, ein Seemann, ein wahrer Johann Bart.— Das iſt ein ganzer Roman. Die Graͤfin. Erzaͤhlen Sie mir doch die hoͤne Geſchichte. Die Herzogin. Mein liebes Kind, das aͤre viel zu lang. Man ſagt, daß er, durch hiraten gefangen genommen, in das Innere von frika gefuͤhrt wurde, dort die merkwuͤrdigſten dinge von der Welt ſah, und zahlreiche Entdeckun⸗ en in dem Gebiete der Naturgeſchichte machte, enn die Akademie der Wiſſenſchaften will ihn zu ihrem Correſpondenten annehmen. Das Schoͤnſte aber iſt, daß er, wie man ſagt, nur deswegen ge⸗ fangen genommen wurde, weil er ſein rettungslos verlorenes Schiff durchaus nicht verlaſſen volt. Seine Equipage ließ ihn im Stiche, und er hatte den Muth, allein auf dem Schiffe bleiben zu wollen. Die Seeleute haben doch eine ſonderbare Zuneigung zu ihrem Schiffe. Die Graͤfin. Das iſt Treue und Beſtan⸗ digkeit.— Iſt er verheirathet. Die Herzogin. Sehr ſtark.— Und da⸗ bei iſt er ein ſehr einfacher, ſehr guter, ſanfter Greis, doch einer jener feſten Charactere, jener Unbeugſamen, welche erſt in der Mitte der Ge⸗ fahren ihre ganze Kraft zeigen, jener Menſchen, welche durch Hinderniſſe groß werden. Die Graͤfin. Ich bin wirklich ſehr neu⸗ gierig, Ihren Seemann zu ſehen. Die Herzogin. Ich bin ihm wahrlich ſehr zugethan; es wird mir das großte Vergnu⸗ gen machen, ihm heute zu erzählen, daß man ihm, wie ich ſicher hoffe, als Lohn ſeines ſchoͤnen, edlen Benehmens, einen hoͤhern Grad gewaͤhren wird. Uebrigens iſt er durch den Paſſagier, den er nach Smyrna fuhren ſollte, und der ihm die ehrenvoll⸗ ſten Zeugniſſe gab, ſehr unterſtuͤtt worden. Doch das iſt ein zweiter Roman. Die Grüfin. Ei das iſt ja heute ein Tag der Wunder! Die Herzogin. Der Marquis von LoPe tour hat mir ſeinen Paſſagier vorgeſtellt, und ich geſtehe, Marie, es iſt der ſonderbarſte Menſch, den ich noch je geſehen. Die Graͤfin. Auch ein alter Seemann, rauh, haͤßlich, große Narben im Geſicht? Die Herzogin. Er iſt ein Mann von drei⸗ ßig Jahren hoͤchſtens, vom feinſten Tone, von ausgezeichneter Schoͤnheit, originellem, ungewohn⸗ lichem Geiſte; er zeichnet wie ein Engel und iſt ein vortrefflicher Muſiker. Die Graͤfin. Nun, das iſt ja ein wahrer Romanheldl! Die Herzogin. Und beſonders, wenn Sie noch hinzu nehmen, daß er aus ſehr guter Fa⸗ milie ſtammt, ein ſehr bedeutendes Vermoͤgen be⸗ ſitzt, Equipagen vom beſten Geſchmack und die ſchoͤnſten Pferde in ganz Paris hat; und bei dem Al⸗ len haben Sie erſt einen ſehr unvollſtaͤndigen Be⸗ griff von dem Herrn von Szaffie. Die Graͤfin. Ich habe viel von ihm ſpre⸗ chen hoͤren. Sie ſehen ihn bei ſich? Die Herzogin(lachend). Ich weiß wohl, das Neidiſche und Boshafte von einer Entfuͤhrung erzaͤhlen, die von entſetzlichen Umſtaͤnden begleitet ge⸗ weſen ſein ſoll; daß man ihn beſchuldigt, durch Kum⸗ mer den Tod der armen Baronin von Pavy veranlaßt zu haben, und tauſend aͤhnliche Abſcheulichkeiten. Die Graͤfin. Und das Alles iſt unwahr, glauben Sie, Frau Herzogin— Die Herzogin. Der Beweis, daß ich die Salamander V c Quelle dieſer Geruͤchte als hoͤchſt unrein und zwei⸗ felhaft betrachte, iſt, daß ich Herrn von Szaffie bei mir ſche. Ein Kammerdiener(meldend). Der Herr Rittter von Cervieup. (Der Ritter von Cervieux tritt ein. Er kuͤßt der Herzogin die Hand und verneigt ſich vor der Graͤfin d'Hermilly.) Die Herzogin. Wie ſchoͤn von Ihnen, daß Sie etwas fruͤher kommen! Aber Sie werden uns wohl recht traurig ſtimmen, uns große Furcht vor der Zukunft einfloͤßen? Das iſt hier uͤbrigens eine Ihrer Anhaͤngerinnen, die Ihnen mit Vergnuͤgen zuhoͤren wird. Herr von Cervieux(aͤchelnd). Das iſt ein Krieg auf Leben und Tod, Frau Herzogin. Geſtehn Sie aber wenigſtens ein, daß die Trau⸗ rigkeit bei einem Greiſe zuweilen Gewiſſen ſein, oder aus Ueberdruß entſtehen kann. Heute uͤbri⸗ gens will ich, aus Widerſprechungsſucht, heiter ſein; doch wird freilich weniger das Beduͤrfniß des Widerſpruches dieſe große Revolution in meinem Ge⸗ nen eine angenehme Neuigkeit mittheilen zu koͤnnen Die Herzogin. Was wollen Sie ſagen Herr von Cervieux. Ich will weder von neuen Wohlthaten ſprechen, die zu ſpenden ſind; noch von Ihren Morgenbeſuchen, deren Geheimniſſe nur die Armen kennen; noch von der Dankbarkeit bir Wittwen bei Waterloo gebliebener Sn muͤthe hervorbringen, als vielmehr die e — — welche von Ihnen ſo reichlich Unterſtuͤtzung em⸗ pfangen; noch von— Die Herzogin(ungeduldig). Herr von Cervieup! Herr von Cervieur. Ich gehorche. Es iſt nur ein Handbillet des Miniſters, welches er in der Eile ſchrieb. Ich ſprach ihn nur in der Kammer, und da war es, wo er mir dieſes mit Bleiſtift beſchriebene Blatt fuͤr Sie uͤbergab. Die Herzogin(leſend).„Die Ernennung »des Marquis von Longetour zum Grade eines »Schiffscapitains, ſo wie die Verleihung des Kreu⸗ vzes der Ehrenlegion an denſelben, ſind heute un⸗ „terzeichnet.« Herrlich! Tauſend Dank, mein lie⸗ ber Herr von Eervieur! Herr von Cervieux. Keinen Dank, gnaͤ⸗ dige Frauz das iſt nur Gerechtigkeit. Dieſer wuͤr⸗ dige Offizier kaͤmpft mit aller Macht gegen die Gefahr, und als keine Huͤlfe mehr iſt, weigert er ſich, in Folge eines bewundernswerthen Fanatismus, das Schiff, welches der Konig ihm anvertraut, zu verlaſſen; er bleibt, und buͤßt dieſe ſtaunenswerthe Anhaͤnglichkeit durch eine abſcheuliche Gefangen⸗ ſchaft in den Wuͤſten Afrika's, und ſelbſt dort beſchaͤftigt er ſich damit, der Wiſſenſchaft Dienſte zu leiſten.— Sie werden mir geſtehen, daß dies bewundernswerth iſt.— Das hat man mir erzaͤhlt, und ich darf meine Quelle gut nennen. Aber es iſt noch nicht Alles. Der brave Marquis hatte einen ſehr gefaͤhrlichen Menſchen zum Lieutenant; dieſer wollte ihn im Angeſichte der ganzen Equi⸗ 5* page ermorden, wahrſcheinlich empoͤrt uͤber die Fe⸗ ſtigkeit, die er bei unſerm Marquis nicht zu finden erwartet hatte. Es ſcheint nach den Unterſuchungs⸗ acten ſogar, daß dieſer Elende Schuld an dem Un⸗ tergange des Fahrzeuges iſt, welches der Marquis ſchon einmal gerettet hatte. Zum Gluͤck hat die Gerechtigkeit gewaltet, und unſere Marine darf ei⸗ nen Offizier nicht betrauern, auf den ſie ſtolz zu ſein Urſache hat. Die Herzogin. Und dann war Herr von Longetour auch emigrirt; und ein Emigrant kann nichts Anderes ſein, als ein Dummkopf oder ein Feigling.— Wahrlich, es iſt ſchmerzlich, ſo uͤbel verſtanden zu werden, und fuͤr das Gute, welches man auszuuͤben ſtrebt, nichts als Haß und Ver⸗ leumdung zu ernden. Herr von Cervieux. Man haͤlt uns fuͤr Nußknacker, und glaubt unſere Sache in letzter Inſtanz abgethan. Aber der Streit iſt noch nicht beendigt, Frau Herzogin. Frankreich haßt uns, denn ein zerſtoͤrter Glaube laͤßt ſich nicht ſo leicht wieder aufrichten, als ein umgeſtuͤrzter Thron. Die Herzogin. Ach, Sie ſind ein unglůcks⸗ prophet. (Ein Kammerdiener tritt ein und ubergiebt der Herzogin einen Brief.. Die Herzogin(ihn offnend). Sie erlau⸗ ben, Herr von Cervieur? err von Cervieux(verneigt ſich, und un⸗ techält ſich mit der Gräfin d'Hermilly). 66 Die Herzogin. Welch ein Mißgeſchick! Es iſt Schade!(lachend) Doch Alles wohl erwogen, werde ich den guten Herrn von Longetour wohl wieder ſehn, aber ſolch' eine Epiſtel niemals; alſo mag es gut ſein.—(Laut lachend) Die Seeleute ſind doch wahrhaftig ſonderbare Menſchen! Aber man ſagt ja, daß Maͤnner von hohem Muth und ausgezeichnetem Geiſt gewoͤhnlich durch ihre Frauen gelenkt werden. Leſen Sie das laut, Herr von Cervieur, und dann verſuchen Sie es noch, uns traurig zu ſtimmen. Das wird Sie erheitern, Marie; ich weiß nicht, aber ſeit einigen Augen⸗ blicken ſcheinen Sie mir traͤumeriſch geſtimmt. Die Graͤfin. Ich? Keinesweges. Herr von Cervieux(leſend).»Meine vliebe Verwandte, da man unter Freunden und vVerwandten frei ſprechen darf, muß ich Ihnen »geſtehen, daß ich heute nicht das Vergnugen ha⸗ vben kann, bei Ihnen zu eſſen, nicht meines Wil⸗ vlens wegen, ſondern meines Teufels, meiner Eli⸗ „ſabeth wegen, meines verwuͤnſchten Weibes, das »Sie wohl kennen. Ich habe gebeten, gedroht, vaber ich konnte nichts erlangen. Ich weiß nicht, vaus welchem Eigenſinn ſie mir die Erlaubniß ver⸗ vweigert, aber ſie will ſie nicht geben. Da ich davon ſprach, gegen ihren Willen zu Ihnen zu »kommen— denn am Bord meines Schiffes »war es anders— ſehn Sie, Frau Herzogin und vtheure Verwandte, da hat ſie mich eingeſchloſſen, »mit doppelten Schluͤſſeln, und von meinem Ge⸗ „faͤngniſſe aus ſchreibe ich Ihnen dieſen Brief, den vich einem Bekannten auf die Straße hinabwarf, vihn bittend, denſelben ſogleich nach dem Hotel »von Saint⸗Are zu bringen. Legen Sie es daher »mir nicht zur Laſt, meine liebe Verwandte, denn vich waͤre in Verzweiflung, hielten Sie mich fuͤr vundankbar gegen alle die Guͤte, mit der Sie mich „ſeit meiner Ruͤckkehr von Tripolis uberhaͤuft haben. vIch war wohl uͤberzeugt, Ihnen, nach meiner Ankunft vin Frankreich, aus Toulon, acht Tage vor meiner Abreiſe nach Paris, geſchrieben zu haben. Ich „finde den Brief jetzt in dem Secretair Eliſabeths, »welche ihn abzugeben vergeſſen haben wird. Legen vSie es daher mir nicht zur Laſt, meine liebe Verwandte, und beklagen Sie einen armen Ge⸗ „fangenen. Waͤre ich am Bord meines Schiffes „geweſen, haͤtte das Alles nicht geſchehen ſollen. „Daß aber Eliſabeth hiervon nichts erfahre; ich vbeſchwoͤre Sie darum. Bei meiner Ankunft erfuhr ich, daß mein Lieute⸗ „nant erſchoſſen worden iſt. Das iſt ein großes Un⸗ gluͤck, denn er war ein tapferer Offizier; ich hatte vAlles in der Welt gegeben, um ihn zu retten. Die „Schritte, welche ich Sie zu ſeinen Gunſten zu thun „bat, ſind daher unnuͤtz, und ich bin daruͤber in WVerzweiflung; wahrlich, in Verzweiflung. Genehmigen Sie ꝛc. 4 Herr von Cervieux(giebt der Herzogin den Brief zuruck). Die Herzogin. Der vortreffliche Menſch! Er beklagt noch feinen Lieutenant! Herr von Cervieux. Es iſt doch etwas Sonderbares, aber Anerkanntes, daß dieſe Eiſen⸗ freſſer, dieſe in der Mitte der Gefahren unbeugſa⸗ men Menſchen, einmal in das Privatleben zuruͤck⸗ getreten, von der groͤßten Schwäche ſind. Die Herzogin(lachend). Herkules zu den Fuͤßen der Omphale, Herr von Cervieux.— Aber ich muß doch dem armen Margquis antworten. (Sie klingelt, und ein Bedienter tritt ein) Schreibzeug! (Es wird gebracht; ſie ſchreibt.) Mein lieber Verwandter, ich nehme herzlichen vAntheil an Ihrer Gefangenſchaft; die Langeweile vderſelben etwas zu verſuͤßen, ſchicke ich Ihnen hier vein Billet des Miniſters. Uebrigens iſt es mir vdoch ein kleiner Troſt, daß eine Frau, und zwar vIhre Frau, Sie den Despotismus, welchen Sie vam Bord Ihres Schiffes ausgeuͤbt haben ſollen, vetwas büßen laßt. Auf baldiges Wiederſehn, wie vich hoffe; denn Frau von Longetour wird ja »nicht immer unerbittlich ſein.— Herzliches Be⸗ dauern uͤber Ihr Außenbleiben. „Mit den Verſicherungen der auftichtigſten „Freundſchaft, mein lieber Verwandter, bin ich Ihre Herzogin von Saint⸗Are. Die Herzogin(faltet den Brief ſiegelt und ubergiebt ihn dem Diener). An die Adreſſe zu bringen. Herr von Cervieux. Ach der Ungluckliche, wie 68— beklage ich ihn! Füngt Etiſabeth die Correſpondenz auf, wird er ſicher in noch ſtrengeren Verwahrſam gebracht. Die Herzogin. Und vielleicht ſogar bei Waſſer und Brod. Der Kammerd.(meldend). Der Herr Herzog. (Der Herzog von Saint⸗Are kußt der Graͤfin die Hand. Dann entſpinnt ſich ein Geſpräch, welches nur durch die Meldungen des Kammerdieners un⸗ terbrochen wird, der die nach und nach Eintreten⸗ den einzeln nenne. Endlich meldet er) Herr von Szaffie. Die Graͤfin d'Hermilly. Er!— Ach, wie ſchoͤn!— (Zehn Minuten darauf oͤffner ein Hauspoſmei⸗ ſter die beiden Fluͤgelthuͤren, und ruft:) Frau Herzogin, es iſt angerichtet! (Ende des fünften und letzten Bändchens.) 5„ —— S u vnendae