iv von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.: 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 6 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſ aufz Mnat: 1 N— Pf 1 N N 6 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersätz. 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Ein Paar vor! Tolbeca. Se Sa. Am Abend gingen die Matroſen, etwas be⸗ trunken, ſehr heiter, ſehr laͤrmend, auf das Deck; zwei Bretagner von Plosrmel ſpielten den Natio⸗ naldudelſack, deſſen Ton nicht ſehr harmoniſch, ſondern ſcharf und kreiſchend iſt. Fuͤr den Ball war die Militairdespotie faſt Lanz verſchwunden: der Schiffsjunge ſtand dem Quartiermeiſter, von dem er oft gezuͤchtigt worden war, gegenuͤber. Die Recruten ſtanden neben den Flambarts, und Meiſter La Joie ſelbſt machte mit ſonderbarer Ernſthaftigkeit ſeine kuͤnſtlichen Pas an der Seite ſeiner erwählten Taͤnzerin, des Meiſters Bouquin, welchen er, in einem ganz un⸗ gewoͤhnlichen Anfalle von Luſtigkeit, Madame Bouquine nannte⸗ Salamander 1v. 1 Einige der aͤlteſten Flambarts, welche entwe⸗ der den Tanz uͤberhaupt nicht mehr liebten, oder die Taͤnzerinnen nicht nach ihrem Geſchmacke fanden, ſahen dem Schauſpiele zu, auf der Ta⸗ kelage ſitzend, und ihre einzige Unterhaltung war, ungeheure Tabakswolken, abwechſelnd durch den Mund und die Naſe, von ſich zu blaſen. Der gute Commandant freute ſich uͤber die allgemeine Luſtigkeit; er war mit der Freude der guten Menſchen ſehr zuftieden, nur damit nicht, daß er in ſeine Uniform eingepreßt ſein mußte. »Wetten wir, Meter,« ſagte der alte Garnier zu dem Lieutenant, Iwetten wir, daß ich den Commiſſair zum Tanze auffordere 6 vSie ſind nicht galant, Doctor, 44 ſagte Frau von Blene. »Gnädige Frau, ich bin zu alt, und uͤberlaſſe dieſe Ehre dem Commandanten und dem erſten Lieutenant.« 4 vSie ſehen, Commandant, 4 ſagte Frau von Blene, vman muß das Gluͤck der Mittelmaͤßigkeit beneiden; denn wenn die Macht ihre Reize hat, ſo hat ſie auch ihre Langeweile.« Gnaͤdige Frau, c erwiderte der Marquis, ſich an die Galanterie des vorigen Jahrhunderts, erinnernd, vgnaͤdige Frau, in Erwartung der Langeweile will ich der Reize genießen, c« und er nahm artig ihre Hand. 3 »Welche Thorheit, Commandantl« ſagte ſie. „Tanzen in unſerm Alter.. 4 vDas Herz altert nicht,«c erwiderte Herr von Longetour. »Das Herz? Wohl, Commandant; aber hier handelt es ſich um die Beine.g vNun, ſo geben Sie von dem Herzen etwas an die Beine ab. c4 Darauf ließ ſich nichts erwidern; man mußte ſich ergeben; aber Frau von Blene ergab ſich noch nicht ſogleich. »Wahrlich, Commandant, 4 ſagte ſie; vich muß es ablehnen. Meine Nichte iſt krank und—4 vKeinesweges,« ſagte der Doctor; vich komme eben von der Cajuͤte des Commandanten; ich habe an ihrer Thuͤre gehorcht, und ſie ſchlaͤft ganz ruhig. Alſo, gnaͤdige Frau, keine Ausrede.— Commiſ⸗ ſair, wollen Sie mir das Vergnuͤgen machen, die⸗ ſen Contretanz mit mir zu tanzen 24 vAch, Sie ſcherzen,« ſagte der Commiſſat. vKeineswegs; Sie ſehen doch, daß der Com⸗ mandant und Frau v. Blene ein vis à vis haben muͤſſen, und Sie ſind ſehr ſchoͤn,« erwiderte der Doctor.„Ja, Commiſſair, es fehlt Ihnen wei⸗ ter nichts, als ein Bolivar und Marabouts.« Aber 4 ſagte Merval, vwie wäre es, wenn wir Fraͤulein Alice weckten 24 Ja, wirklich,« ſagte der gute Lieutenant, deſ⸗ ſen Augen Paul ſuchten. In dieſem Augenblicke ſchwieg der Dudelſack, die Taͤnzer ſchoͤpften Athem, und es herrſchte ein ploͤtzliches Schweigen, wie dies haͤufig auch in den zahlreichſten, heiterſten Geſellſchaften zu ge⸗ ſchehen pflegt. Da hoͤrte man ein helles, grelles, ſchneidendes Grlaͤchter, welches vom Himmel zu kommen ſchien. Zugleich ertoͤnten, von der Hoͤhe des Maſtes herab, die Worte: vAh! ah! ah! Die Ratte hat gute Zaͤhne; ſie hat genagt,— die Nuß durchge⸗ nagt,— die Nuß iſt durchgenagt, ſeht nach dem Loche,— die Ratte hat gute Zaͤhne.« Die Equipage, die Offiziere, Alles ſtutzte, und ſah ſich um, woher dieſe Worte kaͤmen. Da hoͤrte man das Geraͤuſch eines ſchweren Koͤrpers, der in das Meer fiel. Der Lieutenant lief zu dem Hackebord, ſah hinuͤber und ſchrie: „Ein Menſch im Meere!«— Dann fuͤgte er mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit hinzu:„Zu den Pumpen! Zu den Pumpen!« Es iſt unmoͤglich, die Wirkung zu beſchreiben, welche dieſe Worte hervorbrachten, die von Mund zu Mund wiederholt wurden. „Zu den Pumpen! Zu den Pumpen! ſchrie wieder der Lieutenant, nach dem Vorderdeck ſtur⸗ zend.— Wollt Ihr denn ſinken, ohne wenig⸗ ſtens einen Verſuch zur Erhaltung Eures Lebens zu machen?« e Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als Buyk, der Raummeiſter, auf dem Deck erſchien. vVier Fuß Lecklæ ſchrie er. Der Raum fuͤllt ſich K »Zu den Pumpen! Alle an die Pumpen l wiederholte der Lieutenant. Die Boote in das Meer, und Todesſtrafe fuͤr den, welcher das Schiff verlaͤßt, ehe die Reihe an ihm iſt.« Dieſe bekannte Stimme, und die Pfeife des Meiſter La Joie, ſtellten ſo viel Ordnung wieder her, als man hoffen durfte. Die Pumpen ka⸗ men in Gang, und man beſchaͤftigte ſich damit, die Boote auszuſetzen. In dieſem Augenblicke wollte Paul das Deck verlaſſen; ſein Vater be⸗ merkte es. Auf Ihren Poſten, mein Herr, nach dem Vorderdeck K rief er ihm zu. vAber, mein Vater! Alice— 44 »Mein Herr, verſtehen Sie mich« wiederholte Peter mit donnernder Stimme. Paul konnte kein Wort erwidern. Hingeriſſen durch die Gewohnheit blinden Gehorſams eilte er nach ſeinem Poſten. Er traf auf die Tante Ali⸗ ce's, welche ſich vergebens anſtrengte, die dichte Reihe der Matroſen, die ihr den Weg verſperrte, zu durchbrechen. Die braven Leute hingen ſich an die Stricke der Pumpen. »Sie koͤnnen nicht hindurch,« ſagte Paul zur Frau von Blene. Aber um des Himmels Willen! Meine Nichte! Alice!— 44 vSie iſt in Sicherheit, gnaͤdige Frau; wenn die Corvette ſinkt, werden zuerſt die Frauen gerettet.« vAber, mein Gott! mein Gott! Ich will ſie ſehen, ich muß hindurch. 44 Es iſt unmoͤglich, gnadige Frau. Sie wer⸗ den den Dienſt hindern, und die wenige Ausſicht zur Rettung, welche uns noch bleibt, haͤngt von den Pumpen ab.— Vorwarts! Vorwaͤrts, meine Jungens! Muthlæ rief Paul den Matroſen zu, indem er ihnen mit dem Beiſpiele der großten Anſtrengung voran ging. Der Lieutenant, ſein Sprachrohr in der Hand, ſtand ruhig in dieſer entſetzlichen Gefahr. Von Minute zu Minute ſah er hinab zu den Fort⸗ ſchritten des Waſſers, welches bereits die Batterie erreichte; dann gab er wieder Befehle, Unordnung zu verhindern. Die Equipage war durch ihn ſo ſehr an den puͤnktlichſten, ſtrengſten Gehorſam gewoͤhnt worden, daß dies Mansver, wovon das Leben Aller ab⸗ hing, eben ſo ſchweigend, mit eben ſo vieler Kalt⸗ bluͤtigkeit ausgefuͤhrt wurde, als waͤre es das un⸗ bedeutendſte Exercitium geweſen. Der Lieutenant war ſo ſehr beſchaͤftigt geweſen, daß er ſich um den Commaubu en gar nicht bekuͤmmern konnte; dieſer hatte den Kopf durchaus verloren, und zeigte ſeine Feigheit unumwunden. — ———— Peter ſuchte den Er⸗Kaufmann mit den Augen; eben wurde die Yolle ausgeſetzt. Der Marquis, welcher dies ſah, war eben im Begriff ſich hin⸗ einzuwerfen, als Peter ihn an einem Schooße ſei⸗ nes Rockes zuruͤck hielt. »Wo wollen Sie hin, mein Herr 24 er ihn. vEi, parbleu! Ich rette mich, wie Sie ſe⸗ hen. So laſſen Sie mich doch los; wir gehen ja unter. c4 »Elender læ murmelte der Lieutenant, indem er ihn mit Gewalt auf das Deck zuruͤckfuͤhrte. vvIch bin Ihr Gmmandant, und ich befehle Ihnen, mich loszulaſſen! c4 rief der Andere, ſich ſtraͤubend. »Weißt Du denn nicht, Ungluͤcklicher, daß der fragte Erſte, welcher den Bord vor den Frauen und den Schiffsjungen verläßt, mit dem Tode beſtraft wirde Weißt Du nicht, daß der Commandant der Letzte, hoͤrſt Du wohl? der Letzte iſt, der das Fahrzeug verlaſſen darf?« Aber ich will nicht ſterben, ich! Nun gut, ja, ich habe Furcht; ich bin des Commandanten⸗ poſtens unwuͤrdig; ich nehme meine Entlaſſung. Aber nun. laſſen Sie mich auch retten g6 erwi⸗ derte der Marquis. Und der Erkaufmann trachtete, ſich den Hän⸗ en Peter zu entreißen, welcher fuͤrchtete, daß die Equipage den Kampf bemerken mochte. Rette ſich wer kann! Rette ſich wer kann 6 ſchrie der Marquis, außer ſich; indem die Corvette ſich neigte und zu ſinken ſchien. vSchweig l ſchrie Peter, dem Marquis den Mund zuhaltend.„Schweig, Nichtswuͤrdiger! Dieſer Ausruf der Feigheit wird ſtets mit dem Tode beſtraft. Er ſoll es auch hier werden, denn ich habe es Dir verſprochen, daß Du Deine Epau⸗ lettes nicht entehren wirſt.« Außer ſich und wuͤthend zog Peter ſeinen Dolch, um den Commandanten nieder zu ſtoßen. Aber gluͤcklicher Weiſe glitt die Klinge ab, und ſtreifte nur den Arm des Greiſes. vLieutenant! He! Lieutenant! 4 ſchrie La Joie, indem er ſich auf Peter ſturzte. „Der Elende will mich ermorden!«« ſchrie der Marquis bleich und zitternd. Peter kam wieder etwas zu ſich ſelbſt, und ſagte mit dem Tone erheuchelten Zornes: „Weshalb, Commandant, wollen Sie auch nicht meinen Sohn retten und ihm den Befehl ertheilen, ſich auf der Yolle einzuſchiffen!« Durch dieſe geſchickte Luͤge, durch dieſe ſeinem Peah nnter natuͤrliche Erklaͤrung, ret⸗ te A 65 Commandanten, aber ſich etbſt ſurzte er dadurch in das Verderben. »Aber Sie wiſſen, Lieutenant, daß die Offi⸗ ziere ſich ſtets zuletzt einſchiffen, und Paul iſt Of⸗ fizier;« ſagte La Joie, indem er noch immer Pe⸗ ter mit den Armen feſt umſchlungen hielt. „Entfernen Sie ſich, Meiſter;« ſagte Peter zu La Joie, indem er ſich zu beruhigen ſchien. Meine Liebe zu meinem Sohne hat mich hin⸗ geriſſen. Ich bin ſtrafwuͤrdig, Commandant, und unterwerfe mich meinem Geſchick; hier iſt mein Dolch.« Der Marquis nahm verdutzt, maſchinenmaͤßig, den Dolch an. In dieſem Augenblicke ſturzte Meiſter Bou⸗ quin außer Athem herbei:»„Commandant, es iſt genug, wenn die Pumpen das Waſſer ganz her⸗ ausſchaffen. Meiſter Buyk hat ſich am Bord hinunter gelaſſen und verſucht jetzt, eine Bleiplatte auf den Leck zu nageln.« Hier die Befehle des Commandanten;x nahm Peter kaltblutig das Wort;»Die Pumpen hal⸗ ten nichk ein! Herr von Merval, laſſen Sie das große Marsſegel gegen den Fockmaſt braſſen; wir wollen beilegen, um unſern Zuſtand etwas kennen zu lernen. Laſſen Sie in den Vorbereitungen fortfahren, welche getroffen worden ſind, die Scha⸗ luppe auszuſetzen, Herr Bidaud, und gehen Sie in den Raum, um zu ſehen, wie viel Waſſer wir gewinnen. Meiſter Bouquin, daß Ordnung in der Batterie herrſche! Laſſen Sie bei dem Takel Wache halten. Wenn die Umſtaͤnde es fordern, entledigen wir uns unſerer Artilleries; und Sie, — Meiſter Calfater, verſtaͤndigen ſich mit dem Zim⸗ mermeiſter, um das Leck unverzuͤglich auszufuͤllen.« Dieſe genauen, beſtimmten, umſtaͤndlichen Be⸗ fehle, wurden mit der gewoͤhnlichen feſten Stimme gegeben, und Peter verrieth nicht die geringſte Be⸗ wegung; aber die Gefahr ſchien noch immer un⸗ geheuer. Achtunddreißigſtes Kapitel. Eine Gelegenheit, mein lieber Tom! Byron, Memoiren. Nein, das Feuer des Himmels iſt we⸗ der glihender noch ſchneller, als das, welches mich in dieſem Au⸗ 5 genblicke erfaßte. Rouſſeau, Julie. Der Schiffbruch. Lange hatte Alice geweint; entzuckt, gequält durch die Erinnerung an Szaffie, die ſie nicht zu fliehen vermochte; hatte die innige Liebe, welche ſie zu ihm hegte, verwuͤnſcht, und zwanzig Mal den Tod herbei gerufen; dann ſchlief ſie ein, er⸗ ſchoͤpft durch den Schmerz. Erweckt durch den Tumult, welcher auf dem Deck herrſchte, hoͤrte ſie die entſetzlichen Worte: vDie Corvette iſt verloren, wir ſinken l4 Mein Gott!— Mein Gott Was iſt das ſchrie ſie, ſich halb erhebend.. Die Thuͤre der Cajuͤte oͤffnete ſich. vUm des Himmels Willen! Meine Tante e Es war Szaffie. Er machte die Thuͤre wieder zu, und ſagte: „Wir ſind verloren, Alice; ehe zehn Minuten ver⸗ gehen iſt die Corvette untergeſunken.« vWas ſagen Sie 244 „Ein Leck hat ſich gezeigt; wir ſind verloren; ſehen Sie ſelbſt Und in der That waren die Stuͤckpforten, welche ſich fuͤr gewöhnlich zwei Fuß uͤber das Waſſer erhoben, nur noch einen Fuß von deſſen Spiegel entfernt, und ſenkten ſich noch immer mehr. vEs iſt wahr, wir muͤſſen ſterben lK ſagte Alice nachdenkend. Und ihre Wangen färbten ſich purpurn, und ein Blitz gluͤhte in ihren Augen, welche noch feucht von den letzten Thraͤnen waren. Sterben 4 ſagte ſie.„So hat der Himmel mich erhoͤrt! und ihr Geſicht funkelte vor Freude. Szaffie näherte ſich ihr, und nahm ihre gluͤhenden Hande in die ſeinigen. — 11— vUnd weil wir ſterben muͤſſen, Alice, bin ich zu Dir gekommen, um mit Dir zu ſterben. Und ich wuͤrde mein Leben fuͤr dieſen Tod geben, ſollte es auch von neuem beginnen, lang und gluͤcklich.« In dieſem Augenblicke ertoͤnte auf dem Deck ein lauter Schrei des Entſetzens, und die Stuͤck⸗ pforten ſenkten ſich bis auf den Spiegel des Waſſers. Hoͤrſt Du, Alice?« ſagte er, ſie leidenſchaft⸗ lich an ſich preſſend. vJa, ich hoͤre. Oh, Szaffie! So werde ich denn endlich ſterben, und mit Ihnen l«4 Ja, mit mir.« Und ſein Mund heftete ſich auf den Mund Alices. Bei dieſer gluͤhenden, electriſchen Beruͤhrung, bei dieſem brennenden Kuſſe, wirbelte Alice der Kopf. Das Feuer haftete auf ihren Lippen, ihr ganzes Weſen draͤngte ſich in dieſer Liebkoſung zuſammen, und, außer ſich, ſank ſie in die Arme Szaffie's. »Oh! geſegnet ſei der Tod, der ſich naht,« fluͤſterte ſie,„wenn er mir ſo viel Zeit und Kraft laͤßt, Dir zu geſtehn, daß ich Dich liebe, Szaffie, daß ich Dich liebe, Dich, der nicht mehr lieben kann! Aber am Rande des Grabes darf man dieſes Geſtaͤndniß ablegen, ohne ſich dadurch zu beſchimpfen. Nicht wahr?4 1 vvOh, Alice! die Liebe, das Gluͤck wird s — ℳ)„n — 6 6 7 5 getoͤdtet haben, ehe jener Tod uns erreicht«c Und er bedeckte ſie mit gluͤhenden Kuͤſſen der Wolluſt. vJaß aber glaubſt Du, daß ich, ehe wir ſter⸗ ſben, noch die Zeit habe, Dich einen Schmerz, ei⸗ nen Kummer vergeſſen zu laſſen? Dich, den ich nbete und doch zu haſſen glaubte? Dich haſſen! Dich, meinen Däͤmon und Engel! Dich, meine Thranen und mein Entzuͤcken! O, ſage mir, daß Du nicht mehr leideſt, daß Du mir meinen Haß zeihſt. Denn mein Haß,4 fuhr ſie in heftiger⸗ Aufregung fort, vmein Haß, das fuͤhle ich jetzt deutlich, mein Haß war nur Liebe, glühende, aber unterdruͤckte Liebe! Meine Seele! Mein Szaffie! Hoͤrſt Du? Es war Liebe! »vUnd bei mir auch, Alice, meine Alice! WMein Haß war Liebe, war die Verzweiflung, it meinen Kuͤſſen nicht Deine Augen, Deinen Mund, Deine Haare, Dich, Dich ganz, meine Alice, verſchlingen zu koͤnnen. 44 und bebend, berauſcht, wand Alice ſich unter ſeinen leidenſchaftlichen Liebkoſungen. a, Szaffie,4 ſeufzte ſie mit erſtickter Stim⸗ me;„Du haſt es geſagt, dieſe gluͤhende Wolluſt wird uns noch vor den Fluthen tödten. Dank dem Himmel l , Alice, Dank dem Himmel, oder der Höͤlle 4 ber Himmel und die Hoͤlle biſt Du, Szaf⸗ ſie! Du berauſcheſt mich und liebſt mich nicht, Salamander. 1v 2 rewe⸗ keine Gefahr fuͤr uns herrſcht; wenigſtens hatte ich herunter ging.« 14 meine Liebe!— Aber was thut mir das! Ich, liebe Dich, ich ſterbe mit Dir. Noch lieber haͤtte ich fur Dich ſterben moͤgen. Willſt Du, daß ich mich fuͤr Dich in ewiges Verderben ſtuͤrzen ſoll? Sage, willſt Du, daß ich mich fuͤr Dich der ewi⸗ gen Verdammniß hingebe? Wirſt Du dann an meine Liebe glauben*4 fragte ſie ihn mit zuſam⸗ mengebiſſenen Lippen. vvJa,46 ſagte Szaffie, ſich mit einem ent⸗ ſetzlichen Ausdrucke der Ironie erhebend; vvja, laͤ⸗ ſtre Gott! laͤſtre Gott!«6 In dieſem Augenblicke ſchlug eine Welle durch das Fenſter. »„Oh, Szaffiel« ſchrie Alice. Und heftig ſchlang ſie ihre beiden Arme um ſeinen Hals, hef⸗ tete ihren Mund auf den ſeinigen, und ſank in Ohnmacht. Szaffie trug ſie ſchnell in die Batterie; dann hielt er an und ſagte: vIch hoffe aber doch, daß mir der Lieutenant die Verſicherung gegeben, als Dann betrachtete er ſie läͤchelnd. Wieder Eine, welche nach ihrem Erwachen nicht mehr an die Liebe glauben— wahr ſehen wird.— Wie viel Kummer erſpare ich ihr!— Noch ſi jung, und ſchon dem Irrthume entriſſen!— Welch eine Zukunft der Koketterie, wenn ſie ihr 4 3 5 „Aber wo ſoll ich Frau von Bloͤne finden, um ihr dieſe theure Laſt zu uͤbergeben 24 Neununddreißigſtes Kapitel. Heilige Einfalt, davon iſt nicht die Rede. Veweiſe, ohne ſelbſt etwas davon zu wiſſen. Göthe, Fauſt. Wäre die Naſe der Clevvatra kürzer gewe⸗ ſen, ſo hätte die ganze Erde eine andere Ge⸗ ſtalt gewonnen. Pascal, Gedanken. Das Sagebuch. In der That begannen die Pumpen, des Waſ⸗ ſers Herr zu werden, als Szaffie zu Alicen hinab ſtieg; es war gelungen, die Fenſter des Hinter⸗ bords zu ſchließen, und die Corvette auf die dem Leck entgegengeſetzte Seite zu legen, um dieſelbe auszubeſſern. Nach einer Stunde war die Ruhe am Bord wieder hergeſtellt, der Salamander ſetzte ſeinen Lauf fort, Peter gab Merval ſeine letzten Inſtructionen, und ging dann zum Marquis hinunter. Bei ſeinem Anblicke fuͤhlte der Commandant ein gewaltiges Herzdruͤcken. „Mein Herr,« ſagte Peter, vverzeihen Sie 6— mir; ich bin auf dem Punkte geweſen, ein Ver⸗ brechen zu begehen; aber Sie haben es gewollt.«— Der gute Longetour erhob ſich, und erwiderte: vvSie haͤtten meine grauen Haare achten ſollen, nur meine grauen Haare; denn, daß ich als Com⸗ mandant Ihre Verachtung verdiene, das fuͤhle ich wohl, ſo wie, daß Sie Alles thun, was in Ih⸗ ren Kraͤften ſteht, um meine Albernheiten in den Augen der Equipage zu verdecken. Ich weiß, daß ich, Dank ſei es Ihnen, ſogar dafuͤr gelte, als verſtaͤnde ich etwas von der Sache; daß Sie ſich in dem Augenblicke ſelbſt, wo meine Feigheit Sie empoͤrte, fuͤr mich aufgeopfert haben. Ich weiß das Alles, mein Freund; aber deshalb muß ich auch einen Augenblick der Heftigkeit entſchul⸗ digen. Geben Sie mir Ihre Hand, und es ſei nicht weiter die Rede davon.«4 „Wahrlich, mein Herr,« ſagte Peter, ihm die Hand druͤckend, vich habe nicht den Muth, Ih⸗ nen daruͤber zu zuͤrnen; und dennoch, wiſſen Sie, wovon Sie die Urſache ſein werden 26 „MNein, mein Freund; durchaus nicht, durch⸗ aus nicht. 44 „Ihretwegen, mein Herr, wird mein arme Kind, mein armer Paul, bald eine Waiſe ſein. v„Großer Gott!— Erklaͤren Sie ſich!cc »Wollen Sie dies hier leſen?« fragte Peter indem er dem Marquis ein Buch uͤbergab. Der Commandant nahm und begann: ——FÜZ v„Jeder Offizier, welcher in dem Gefechte, voder bei einem Schiffbruche, ſich weigert, einen Befehl des Commandanten zu vollziehen: jeder Of⸗ „fizier, welcher den Degen waͤhrend des Dienſtes „gegen ſeinen Vorgeſetzten zieht, wird— 46 Der Commandant konnte nicht weiter leſen; er erbleichte, und mußte ſich auf die Lehne ſeines Stuhles ſtuͤtzen. Peter nahm das Buch und las weiter: „wird mit dem Tode beſtraft«— Und er legte das Buch auf den Tiſch. Der Commandant ſank erſchoͤpft in den Stuhl zuruͤck. Peter kreuzte die Arme und ſagte: vSie ſehen, mein Herr, das Geſetz iſt be⸗ ſtimmt; nun habe ich aber meinen Dolch gegen Sie gezuͤckt; oder, waͤhlen wir einen beſſern Aus⸗ druck: ich wollte Sie, den Commandanten des Schiffes, ermorden, auf dem offenen Decke, im Angeſicht der ganzen Equipage, und das in einem Augenblicke, wo die ſtrengſte, die unbedingteſte Disciplin am Bord herrſchen muß. Ich wieder⸗ hole es Ihnen, das Geſetz iſt beſtimmt: Todes⸗ ſtrafe!« Aber das iſt unmoͤglich; außer La Joie hat villeicht Niemand Sie geſehen; uͤbrigens werde ich auch nicht klagen; alſo—66 „Alles hat im Angeſichte der Matroſen Statt gefunden, und wenn Sie nicht klagen, ſo wird — dies jedenfalls das oͤffentliche Geruͤcht thun, und ich ſelbſt werde mich angeben.« »»Und ich, mein Herr, werde laut erklaͤren, daß dies Alles nur geſchehen, weil ich mich wie eine Memme betragen habe, weil ich das Schiff verlaſſen wollte, und weil Sie, Herr Lieute⸗ nant, ſich dem widerſetzten, und daß alſo ich es bin, der den Tod verdient hat. Ich bin weder an das Feuer noch an das Waſſer gewoͤhnt, das iſt wahr,«4 rief der wuͤrdige Marquis, ſich erhe⸗ bend, aus; Hich fuͤrchte mich vor dem Schiff⸗ bruch und vor den Kugeln, das iſt wieder wahr; aber es ſoll niemals geſagt werden, daß ich ſchaͤnd⸗ lich genug waͤre, einen braven Offizier, einen Fa⸗ milienvater, einen tuͤchtigen Seemann wie Sie, Peter, erſchießen zu laſſen.«4 Und zum Beweiſe des Geſagten warf der ehr⸗ liche Menſch ſich, in Thraͤnen aufgeloͤßt, in die Arme des Lieutenants, welcher voll Ruͤhrung er⸗ widerte: Beruhigen Sie ſich, Commandant. Sie ſind gut, gefuͤhlvoll; Sie haben Eigenſchaften, welche ich ehre; in jeder Lage der Welt, die den Poſten eines Fregattencapitains ausgenommen, wuͤrden Sie gut und ehrenvoll Ihren Platz ausgefuͤllt ha⸗ ben. Das iſt nun ein Ungluͤck; doch der Fehler iſt geſchehen, und es giebt kein Mittel dagegen. Aber ich ſchwoͤre Ihnen bei Gott und meiner Ehre, daß ich in meinen letzten Augenblicken nicht —— ———. M 2 den geringſten Haß gegen Sie im Herzen tragen werde.« „Oh mein Gott! mein Gott!la« ſagte der gute Commandant, heiße Thraͤnen vergießend. „Wehe! wehe uͤber mich!— Noch ein Mal, Peter,46 fuhr der Marquis, ſich die Thraͤnen trocknend, fort: vves kann, es darf nicht ſein.«6 Statt aller Antwort nahm Peter das Tage⸗ buch des Commandanten und ſchrieb Folgendes hinein: „Peter Huet, 42 Jahre alt, zu Quimberlé „geboren, Ritter der Ehrenlegion, Schiffslieute⸗ vnant, und mein Untergebener am Bord der Cor⸗ vvette Sr. Majeſtaͤt»der Salamander,« vergaß „ſich heute ſo weit gegen mich, Schiffscapitain „des Koͤnigs, Commandanten der genannten Cor⸗ vvette, bei Ausuͤbung meines Amtes und in Uni⸗ „form, einen Dolchſtoß gegen mich zu fuͤhren. „Dieſes Verbrechen wurde ausgeuͤbt, weil ich mich vweigerte, Befehl zu geben, damit ſein Sohn, „Aſpirant am Bord der Corvette, ſich retten koͤnnte. vIch habe fuͤr morgen einen außerordentlichen „Kriegsrath zuſammenberufen, um uͤber dies Ver⸗ „brechen ein Urtheil zu ſprechen, und zweckmaßige „Maaßregeln zu ergreifen, da der Angeſchuldigte „ſchon ein Mal die Subordination ſchwer ver⸗ vietzte, indem er auf offnem Decke mich im Com⸗ „mando unterbrach. Vorlaͤufig habe ich befohlen, „daß der genannte Peter Huet die Verrichtungen „ſeines Amtes niederlege und, bis auf weitere Ver⸗ „fuͤgung, ſein Zimmer, als Gefangener, nicht vverlaſſe. Gegeben am Bord des Salamander, den ꝛc. zc. Unterzeichnet: der Fregatten-Capitain des Koͤnigs, Com⸗ mandant am Bord des Salamander. 44 Peter ſtand auf und ſagte zu dem Comman⸗ danten.»Wollen Sie das unterzeichnen? Ich habe es ſelbſt geſchrieben, weil Sie die noͤthige Form nicht gekannt haben wuͤrden.« »»Niemals, niemals a rief der Marquis nachdem er geleſen hatte. vIhr Widerſtand iſt unnuͤtz,« ſagte Peterz »denn in eben dieſem Augenblicke trägt der Fähn⸗ rich Bidaud das Ereigniß ganz eben ſo, und auf meinen Befehl, in das Schiffsjournal ein, und dieſes hat gleiche Autoritäͤt mit Ihrem Tage⸗ buche.« Dann44 ſagte der Marquis, vwerde ich darunter die ganze Wahrheit ſchreiben. 44 »Mein Herr« ſchrie Peter, roth vor Zorn, „Sie wuͤrden es wagen, den feigſten Streich, der je am Bord de franzoͤſiſchen Marine begangen wurde, in die Journale einzutragen? Wiſſen Sie, daß dieſe Tagebuͤcher einſt vielleicht hiſtori⸗ ſche Actenſtucke ſind 4 vAber Sie tragen doch eine Luge ein 744 „Dieſe Luge entehrt mich nicht. Man kann 5 7 1 —————— —— immerhin im Tagebuche des Salamanders leſen: Peter Huet', hingeriſſen durch die Liebe zu ſeinem Sohne, vergaß ſich ſo weit, die Hand gegen ſei⸗ nen Commandanten zu erheben; er iſt beſtraft worden, und muthig geſtorben.— Aber man ſoll nicht leſen: Ein Schiffscapitain der franzoͤſi⸗ ſchen Marine iſt der Erſte, der Einzige geweſen, welcher am Bord ſeiner Corvette gerufen hat: Rette ſich wer kann! 8 Nein, nein; und ſollte mich der Blitz auf der Stelle vernichten, ſo werden Sie doch kein Wort hinzufuͤgen, ſondern dies ohne Zoͤgerung un⸗ terſchreiben; denn, wiſſen Sie wohl, mein Herr, daß Sie ſchon uͤber eine Stunde mit einem zum Tode Verurtheilten von der Hinrichtung ſprechen? — Und,« ſagte Peter, ſich beruhigend, vmir waͤre . ein anderer Gegenſtand des Geſpraͤches lieber.« Weinend unterzeichnete der Commandant. vGut« ſagte Peter.»Nun habe ich Sie noch um etwas zu bitten: es iſt, daß mein Sohn nicht erfahre, was ſich zugetragen hat; ſein Alter verhindert, daß er Mitglied des Kriegsgerichtes ſei, und ich kenne die Equipage, meine wackeren Flam⸗ barts;— das arme Kind wird nichts erfahren, ehe wir in Smyrna angekomwen ſind, wo die Diviſion ſich befindet, vor der das hoͤhere Gericht gehalten werden kann, welches das letzte Urtheil uͤber mich ſpricht.— Noch eit Wort, Comman⸗ dant: Seit fuͤnf Jahren unterſtuͤtze ich einen alten, — invaliden Matroſen, einen braven, ehrlichen Men⸗ ſchen, der auf der ganzen Welt nur mich hat, der Theil an ihm nimmt. Er heißt Gratian und wohnt in Breſt. Verſprechen Sie mir, meine Stelle bei ihm einzunehmen; denn ſonſt muͤßte er Hungers ſterben. „Nun das iſt abgemacht; leben Sie wohl, Commandant. Ich begebe mich in meine Cajuͤte. Paul werde ich ſagen, Sie haͤtten mich eines Dienſtverſehens wegen in Arreſt geſchickt. Bidaud wird fuͤr die Fahrt des Schiffes ſorgen, ich glau⸗ be, daß er es vermag.« Peter ging, und der Marquis blieb, in ſchmerz⸗ liches Nachdenken vertieft, zuruͤck. Vierzigſtes Kapitel. Ach, dieſe Thränen! Wenn Du wüßteſt, daß davon Ströme vergoſſen werden. Byron, Caen. V So biſt du denn endlich wieder auf dem Wege, mein theurer, wuͤrdiger Salamander. Du wurdeſt freilich durch die Abſicht Elends etwas in deinem Laufe gehemmt. Armer Elend! Schlummre in . Frieden in deinem durchſichtigen Grabe. Dein Gedanke war gut; aber, Kind, du haſt die Aus⸗ fuhrung deſſelben zu ſchnell verkuͤndet. Nur zwei Minuten Stillſchweigen noch, und deine Abſicht waͤre, uͤber dein kindiſches Erwarten, gelungen. Weshalb warfſt du dich in das Meer? Weshalb warteteſt du nicht auf der Spitze des großen Ma⸗ ſtes den Erfolg ab? Allmalig hätteſt du die Cor⸗ vette ſinken ſehen, und dieſe Menge, von der du ſo oft gepruͤgelt wurdeſt, dieſe Menge, welche du, das ſchwache Kind, von der Hoͤhe deines Maſtes beherrſchteſt, Jugend, Liebe, Schoͤnheit, Ruhm und Talent, gingen zu deinen Fuͤßen unter; und du, den man verachtete, der ſchwache Schiffsjunge, ſahſt, ein Rieſe, von der Hoͤhe auf den Todes⸗ ampf und Untergang herab. Und auch der Maſt, allmaͤlig ſinkend, wäͤre nach und nach verſchwunden. Endlich waͤre der Augenblick erſchienen, wo du, allein noch auf der Oberflaͤche des ungeheuern Meeres ſchwimmend, auf den Fluthen des Oceans zu wandeln geſchie⸗ nen haͤtteſt, wie der heilige Jacob. Und nun zu ſagen, daß du ungeſchickt alle dieſe Vortheile gegen das Vergnugen hingabſt, von der Hoͤhe deines Maſtes herab einige erbaͤrmliche Worte von einer Nußſchale, welche die Ratte durchgenagt hat, zu rufen! Aber ſegle! ſegle! guter Salamander! Wir nähern uns der Kuͤſte von Aftika, und der Wind iſt guͤnſtig. Wer ſollte, wenn er dich ſo ruhig, ſo gelaſſen ſieht, glauben, daß du in deinem Innern heftige Leidenſchaften, gebrochene Herzen, Todesgedanken, Angſtgeſchrei und Thraͤnen ver⸗ birgſt? Das Alles macht weder deinen Raum finſte⸗ rer, noch dein Segelwerk ſchlechter, dein Anſehn trauriger! Man ermorde ſich in deinem Innern, man weine blutige Thraͤnen; deine Huͤlle, kalt und rein, verraͤth davon nichts.. Dieſe Welt im Kleinen, welche noch vor we⸗ nig Tagen ſich an deinem Bord drangte, bewegte, ſich liebend ſuchte; die Neigungen, die Freund⸗ ſchaft, die Liebe, die auf dem Salamander herrſch⸗ ten, waren vielleicht dazu beſtimmt, im nachſten Augenbli munter die Fuße getreten, vernichtet, zer⸗ malmt zu werden. Aber was ſag ich, guter Salamander? Viel— leicht ſoll im Gegentheile eine helle, heitere Sonne, nach jener verhaͤngnißvollen Nacht uͤber deinen Be⸗ wohnern aufgehen; eine Sonne, deren blendende Strahlen ſich auf den ruhigen Wogen tauſend⸗ faltig brechen; eine wohlthätige Sonne, welche mit ihrem Lichte erwaͤrmt und belebt. Denn wie Paul zu Szuaffie ſagte, iſt nicht immer Winter und Nebel. Es iſt auch ein Fruͤhling und eine Sonne, oder, beſſer es giebt auch eine Vergeltung. — — Denn wenn Alice, noch einem heftigen Ner⸗ venanfalle zur Beute, von dem ſie befallen iſt, ſeit Szaffie ſie halb ſterbend in die Batterie trug, um ſie der Sorge ihrer Tante anzuvertrauen; Wenn Alice, ihrer Beſinnung beraubt, krampf⸗ haft bebt und ſchmerzlich lacht, von entſetzlichen Fieberphantaſien gequält; Wenn Paul, kaum athmend, die Augen in Thraͤnen gebadet, Tag und Nacht auf der Schwelle ihrer Thuͤre zubringend, aͤngſtlich horchend glaubte, daß ſein Herz ihm brechen muͤſſe, ſo oft das un⸗ gluͤckliche Maͤdchen einen krampfhaften Angſtſchrei ausſtieß: Alice, welche, ihrem eigenen Verſpre⸗ chen nach, ſeine Braut war, die Braut deſſen, dem ſie aus freier Wahl ſich verlobt; Wenn Peter Huet, allein in ſeiner Cajuͤte, den Kopf in die Haͤnde geſtutzt, darau nkt, daß er in einem Monat wie ein Verbrecher erſchoſſen werden ſoll, weil ſein Vorgeſetzter ſich wie eine Memme betragen hat; Wenn der arme Marquis, mit Entſetzen ſeine Lage uͤberdenkend, ſich, der ohne alle Bosheit iſt, als Urſache von dem Tode ſeines Lieutenants er⸗ blickt, den er von ganzem Herzen liebt, und den er dennoch nicht retten zu koͤnnen ſchmerzlich be⸗ dauert; Wenn die Equipage in dumpfem Schweigen im Voraus von dem Schlage ergriffen ſcheint, der Peter erwattet; Peter, den die Matroſen be⸗ —— klagen, ohne ihn zu entſchuldigen: ſo tief iſt bei ih⸗ nen, durch Peters eigene Bemuͤhungen, der Abſcheu vor der Inſubordination gewurzelt; Wenn die ehrlichen Menſchen Paul mit mit⸗ leidigem Auge betrachten, und ihr Geſpraͤch ab⸗ brechen, wenn er ſich ihnen naht, ſo daß der Arme am Bord dedaEinzige eſt, der das Geſchick, das ſeinen Vater erwartet, nicht kennt; Weunder gute Garnier, Alice vaterliche Sorge gewaͤhrend, zu ſich ſelbſt ſagt:„Das iſt nicht klarz darunter liegt irgend eine Schaͤndlichkeit verborgen; Peter iſt unfähig, ſich ſo weit gegen den Com⸗ mandanten vergeſſen zu koͤnnen; und dennoch hat man geſehen. Armer, armer Peter! Wer haͤtte gedacht, daß du ſo enden ſollteſt! todtgeſchoſſen wie ein Hundz« cttn. Wenn der Commiſſair, die Faͤhnrichs Merval und Bidaud, obgleich ſie wenig mit den allge⸗ meinen Gefuͤhlem Hpathiſirten, ſich doch der am Bord allgeminLhemſchenden Traurigkeit nicht zu entziehen vermochten;— Wenn endlich ſo vieler Kummer, ſo viele truͤbe Betrachtungen, in dem Innern des ſonſt ſo hei⸗ tern Salamander herrſchten; ſo ging dagegen, in Folge jener Vergeltung, Szaffie kalt und theil⸗ nahmlos umher, und ſein Adlerblick ruhte forſchend auf Allen. Sein tiefer Haß umſchloß das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht; und alles, was daher, mittelbar oder unmittelbar, das Menſchengeſchlecht ins Un⸗ gluͤck ſtuͤrzte, war daher fuͤr ihn eine Quelle der Freude, ein Gegenſtand des Studiums. Ich weiß nicht, durch welch ein hoͤlliſches Vor⸗ gefuhl er abſcheuliche Ereigniſſe ahnete; der Him⸗ mel war finſter und bedecht,die Winde begannen zu pfeifen, das Meer breuſte dund hohl. Und wie die Tiger durc Leiflichen Inſtinkt zu den Wohnungen d erbenden ge⸗ fuͤhrt werden, ging Szaffie auf dem Deck der Corvette umher, und rief ſchon in Gedanken fin⸗ ſtere Bilder auf demſelben hervor. Seine Schritte waren ſchwer und droͤhnend, wie die der Geiſterſtatue des Comthurs im Don Juan. Er war bleich, und ein ſpoͤttiſches Lächeln irrte uͤber ſeine Lippen. vIch habe nie an Ahnungen geglaubt,« ſagte er zu ſich ſelbſt.»Wer et mir nun, daß ich die feſte Ueberzeugung hal abende ſchreck⸗ licher Ereigniſſe zu ſtehen? Sonderbar! Ich em⸗ pfinde ein ſtechendes, ſchneidendes, durchdringendes Gefuͤhl, von welchem ich mir ſelbſt nicht Rechen⸗ ſchaft ablegen kann. vUnd wenn ich ſtuͤrbe!— Sterben! Schon ſterben!— Es waͤre abſcheulich!— Oh nein, nein; ich vertraue meinem Sterne. Und dann muͤßte ja auch Satan weinen, wie die guten Leute ſagen,« fuͤgte er in Gedanken hinzu. Einundvierzigſtes Kapitel. Das Böſe, das wir thun, zieht uns nicht ſo viel Haß und Verfol⸗ gungen zu, als unſere guten Ei⸗ genſchaften. La Rochefoeauld, Maximen. Swiſt, der weder jung, noch ſchön, noch reich, noch ſelbſt liebenswür⸗ dig war, flößte die beiden außer⸗ ordentlichſten Leidenſchaften ein, von denen man je ſprechen hörte, die Vaneſſas und Stellas. Byron, Memoiren. Sh i e Der Wind wehte heftig aus Norden; der Himmel war finſter, das Meer unruhig, und der Wind ſtraͤubte die langen braunen Haare Pauls empor, der, auf ein Geſchutz geſtuͤtzt, in ſchmerzli⸗ ches Sinnen verloren zu ſein ſchien. Sein ſonſt roſiges, ruhiges und lächelndes Geſicht war mit Todtenblaͤſſe bedeckt; Thraͤnen, kaum getrocknet, zeigten ſich auf ſeinen Wangen, —————— und ſeine gluͤhenden A. blickten ſtarr auf einen Ring, den er in der Hand hielt. Der Kopf des armen Menſchen wirbelte; es war der Ring ſeiner Mutter, den Alice ihm zu⸗ ruͤckgegeben hatte, indem ſie dabei ſagte: NIch bin deſſen nicht wuͤrdig, Paul vergeſſen Sie mich.« Hinter Paul, dieſen betrachtend, ſtand Szaffie unbeweglich. Er nahte. „Was iſt Ihnen, Paul ½ fragte er.„Sie ſcheinen betruͤbt.« Paul bebte, verbarg ſeinen Ring und erwi⸗ derte:„Mir iſt gar nichts, mein Herr. 46 „Ihr Geſicht iſt aber doch veraͤndert. Iſt es, weil der Commandant Ihren Vater mit einigen Tagen Arreſt beſtraft hat?«—(Paul kannte, wie man weiß, den Vorfall mit dem Dolche und deſſen Folgen nicht). Aber, 4 fuhr Szaffie fort, „das iſt eine natuͤrliche Folge der militaͤriſchen Hierarchie. Der Feige beſtraft den Tapfern; das iſt ganz in der Ordnung. Ihr Voater opfert ſich fuͤr dieſen albernen Greis, denn ich weiß Alles, und zum Dank fuͤr ſein Opfer wird er vielleicht eines Tages in das Verderben geſtuͤrzt werden. Doch, das Alles iſt„ natuͤrliche Gang der menſch⸗ lichen Dinge, Paus vDas iſt wahr Laſter, Verbrechen, Schande, das ſind die einzige⸗ Dinge, 6 nie Salamander. 1V. 3 6 — welche man ſtets ſo findet, wie man ſie ſich vor⸗ ſtellt.«6 Ei, Paul, was hat das zu ſagen? Die Weisheit iſt Ihnen ſeit jenem Tage ſchnell ge⸗ kommen, mein Kind.« vJa, 4 entgegnete Paul ſpitzig, mit bitterem Lächeln, v„das koͤmmt daher, weil ich jetzt wuͤr⸗ dig bin, Sie zu verſtehen. Ja, ich beginne, an Allem zu zweifeln, an mir ſelbſt. 44 Paul, das iſt ein großer Schritt.«— vJa, an Allem zu zweifeln, mein Herr; mich zu fragen, ob es nicht unmoͤglich ſei, daß ein Eid, den man auf die Aſche eines Todten abgelegt, auf eine heilige Erinnerung,— aber ſagen Sie mir, Sie, den die Erfahrung unterrichtete: um von ei⸗ nem Weibe geliebt zu werden, iſt es wohl nicht genug, redlich und treu zu ſein, nur fuͤr daſſelbe zu leben, in ihm ſeine Zukunft, ſeinen Glauben, ſeinen Gott zu erblicken?— Nicht wahr, das iſt nicht genug? Aber, aus Barmherzigkeit! Ant⸗ worten Sie! Antworten Sie! 44 Hoͤren Sie, Paul. Denken Sie ſich einen Mann, von ausgezeichnetem Geiſt, von vollkom⸗ mener Schoͤnheit, von koͤniglichem Reichthum, von der groͤßten Herzensguͤte. Nun gut! Paul—4 vAber, mein Herr, iſt denn das Alles er⸗ forderlich, um geliebt zu werden?«6 Das Alles, Paul, ſchuͤtzt oft noch nicht da⸗ — 3 NW vor, einem gemeinen, dummen und mißgeſtalteten Menſchen geopfert zu werden.« v„Oh, mein Herr, das iſt ein grauſamer Scherz! 44 vIch ſcherze nicht, ich ſpreche die Wahrheit! — Paul, es iſt den Leidenſchaften des Weibes, wie des Mannes, nicht gegeben, ſich an einen Ge⸗ genſtand feſſeln zu laſſen, wie vollkommen er auch ſein moͤge; die Thaͤtigkeit des menſchlichen Geiſtes wird es ſelbſt nicht einmal geſtatten, in dem Be⸗ ſitze eines idealen Weſens beſtaͤndig zu ſein. Alſo, Paul, wenn ein Weib ſelbſt einen vollkommenen Mann kennen lernte, wuͤrde ſie nicht bei ihm ſte⸗ hen bleiben; und da ſie nichts uͤber ihm finden konnte, wuͤrde ſie unter ihm waͤhlen, ſie wuͤrde ſich vom Contraſte angezogen fuhlen. Iſt man aber einmal bei den Contraſten, ſo ſind die grell⸗ ſten auch die beſten; das iſt die Geſchichte der Frau Joconde' Haben Sie Joconde geleſen, Paul? 4 „„Nein, mein Herr. 44 „Nun wohl: Joconde war ein Prinz, ſchoͤn, reich. Er verlaͤßt ſeine Frau, um eine Reiſe zu machen. Sie iſt noch warm von ſeinen Kuͤſſen, da kehrt er plotzlich zuruck und findet ſie auf ei⸗ nem Lager mit einem ſeiner Bedienten, der dumm, haͤßlich und mißgeſtaltet war. Das iſt, wie ich ſagte, das unwiderſtehliche Beduͤrfniß der Contraſte; das iſt das alte Gleich⸗ 3 S —— ruhmten Namen, ſeine Schoͤnheit, ſein Talent, niß von der verbotenen Frucht in moraliſcher An⸗ wendung.« v„O! esſt entſetzlich, entſetzlich!6 klagte Paul, den Kopf in beide Haͤnde bergend. »Und ich wiederhole es Ihnen, was ſich von phyſiher Mißgeſtaltung ſagen laͤßt, findet auf moraliſche noch viel mehr ſeine Anwendung; doch das iſt ſchwerer zu verſtehen. vUm wieder auf den vollkommenen Menſchen zuruͤck zu gehen, ſo ſtellen Sie ſich vor, Paul, daß unſer Ideal leidenſchaftlich in ein junges, ſchoͤnes Weib verliebt ſei, und dieſes Weib wird“ tauſend Mittel beſitzen, den Mann unter ihre Füße. zu treten, deſſen Erhabenheit ſie ſtets verletzt und beleidigt, und ſie wird dieſe Mittel anwenden. Denn in dem Weibe giebt es nur ein* fes, un⸗ wandelbares Gefuhl, das der Eigemliebe. »Denken Sie alſo, Paul, daß ſie m einem einzigen Kuſſe einen Thoren, einen Cretin, groͤßer als jenen großen Mann machen könnte; großer,. Paul, beſonders in des großen Mannes eigenen Augen, wenn er ſich einem Cretin geopfert ſieht, einen Cretin das Gluͤck genießen ſieht, das ihm verweigert wurde. Dann, Paul, ſollten Sie die Qualen ſehen, das Geſchrei des großen Mannes hören, welcher nur noch leidenſchaftlicher liebt, ſeit er ſich verlaſ⸗ 3 ſen ſieht. Er verwuͤnſcht ſeinen Ruhm, ſeinen be⸗ — ,——— ——————— — 33—* ſeinen Reichthum; er, ein Byron, Bonaparte, Dante, oder was weiß ich, er verwuͤnſcht, er ver⸗ abſcheut ſich; durch den hoͤlliſchen igenſinn jenes Weibes iſt er, der große Mann, dohin gebracht, daß er mit Freuden ſein Blut, ſeine Seele wenn er es koͤnnte, dafur geben wuͤrde, nur eine S unde, eine Stunde, vielleicht ſein ganzes Leben hindurch, dumm zu ſein; denn ſeine Angebetete liebt ja die Dummen, liebt nicht die großen Maͤnner. vund glauben Sie, Paul, daß es ein Weib giebt, welches faͤhig waͤre, dem Entzuͤcken zu wi⸗ derſtehen, ſich ſagen zu koͤnnen; durch eine fluch⸗ tige Laune, geboren, indem ich meine Haare kaͤm⸗ me, oder eine Schaͤrpe zurecht legte, habe ich, ein ſchwaches Weib, unbekannt und ohne Namen, den Mian, welcher der Stolz, der Ruhm und Glanz iner Nation, eines Welttheiles, eines Welt⸗ alls iſt dahin gebracht, daß er die göttlichen Ga⸗ ben verſuͤnſcht, um welche die Maͤnner ihn be⸗ neiden, dir Weiber ihn bewundern; dahin, auf den Knieen, mit gefaltenen Haͤnden und Thraͤnen in den Augen, zu beten: Mein Gott! mein Gott! Mache mich eben ſo erbarmlich, als du mich hoch gehoben haſt, dann wird ſie mich viel⸗ leicht lieben!— Nein, nein, Paul, keine Eva's⸗ Tochter wird dieſer Verſuchung widerſtehen.« „Aber um des Himmels Willen! Was ſoll man denn glauben? Was ſoll man denn thun?44 Ein alter Hindu⸗Vers ſagt: Auf Alles ge⸗ faßt ſein, um uͤber nichts zu ſtaunen.« „„Aber das iſt der Zweifel, die Unglaͤubig⸗ keit, welche das Herz verzehrt. c4 „Ja, Paul, ſo lange man noch ein Herz hat. Aber nachher, wenn man kein Herz mehr hat, wenn es ausgedoͤrrt, fuͤhllos, kalt, todt iſt, dann ſpottet man des Betruges der Welt, denn dann iſt dieſes Herz nur noch eine fuͤhlloſe Maſſe, welche man dem Spiele der Welt hinwirft und dabei lacht.« „Aber das iſt abſcheulich! 46 ſchrie Paul, wie außer ſich.„vUm geliebt zu werden, ſind alſo Tugend, Liebe, Keuſchheit, Ehre, nichts? So waͤre Verderbniß, Laſter erforderlich? 66 „Ja, Paul; das Laſter, das anmuthige La⸗ ſter, gefaͤllt den Frauen ſehr. Das Laſter genuͤgt zu einer gewoͤhnlichen Verbindung; doch zu einer großen, wilden Leidenſchaft, zu einer heißen, gluͤ⸗ henden, iſt das Verbrechen erforderlich. „Eine verderbte Seele reizt und unterhaͤlt ſie, eine verbrecheriſche erſchreckt ſie. Bei den Weibern aber iſt die Liebe faſt immer Schrecken oder Neu⸗ gier. Lauzun und Richelieu ſind fuͤr das Laſter, die kuͤhnen Raͤuber Calabriens und Spaniens ſind fuͤr das Vberrechen meine Beiſpiele, Paul.« vAlſo, cc ſagte Paul, deſſen Herz von dem entſetzlichen Gefuͤhle zuſammen gezogen wurde, vvum mit ihr gluͤcklich zu ſein— 44 »Oh, Paul! da verlangen Sie viel. Um — glucklich zu ſein, muß man in dem Weibe nichts als ein Ding erblicken; um ſeiner Eigenliebe zu genuͤgen, oder gegen Betrug geſichert zu ſein, es nur ein Mal beſitzen und dann ſagen: danke, oder lebe wohl, und haͤufig wechſeln.«— Aber wenn man liebt; wenn man mit Ent⸗ zucken, mit Leidenſchaft liebt c „Sie fragen nach dem Mittel, gluͤcklich zu ſein? Das wahre Gluͤck iſt negativ: es beſteht in der moraliſchen Fuͤhlloſigkeit. Man muß da⸗ her auch ſchnell, gleichviel wann und bei wem, dieſes Uebermaaß und Entzuͤcken, von dem Sie ſprechen, abnutzen.« Aber, in des Himmels Namen, was bleibt dann uͤbrig?66 „Dann? Sinne, die zu befriedigen ſind, ſo viel man Sinne hat, und ſpaͤter der Zeitvertreib, mit kaltem Blute die unerklaͤrlichen Weſen zu analyſiren, und ſie nach Belieben von den unbe⸗ deutendſten Gefuͤhlen, den ſanfteſten, zu den leb⸗ hafteſten, ſchmerzlichſten, zu treiben; dann, ihnen zu erzaͤhlen, daß unſere Leidenſchaft nichts war, als pſychologiſches Studium, daß wir aus ihrer Seele, mochte ſie nun gluͤcklich oder leidend ſein, ein Buch bildeten, in welchem wir laſen, und das wir, nachdem wir es geleſen hatten, nach Gut⸗ duͤnken entweder zuſchlugen oder zerriſſen. 4 Paul war in einem Zuſtande, der ſich unmoͤg⸗ lich beſchreiben läßt. Zum zweiten Male hatte dieſer holliſche Menſch ihn gefeſſelt. Was aber dem Herzen Pauls die Bitterkeit dieſer ſchmerzli⸗ chen Paradoxen noch fuͤhlbarer machte, war die Erinnerung an das Betragen Alice's, ſo wie ein dunkler Verdacht, ein unerklaͤrlicher Argwohn, daß ſie, die ſo rein, ſo liebend ſchien, dennoch als ein Beiſpiel fur dieſes grauſame Syſtem gelten koͤnne. Aber noch einen letzten, verzweifelten Verſuch machte er, dem Spieler gleich, welcher mit ſeinem letzten Louisd'or zugleich ſein Leben auf die Karte ſetzt. Mein Herr,«4 ſagte er mit dumpfer Stim⸗ voverlaſſen wir das Allgemeine, und kommen ir zu dem Perſoͤnlichen, zu mir; ſehen Sie, nein Herr, ich liebte ein junges Maͤdchen, ſchoͤn, rein, keuſch. Ich liebte ſie mit Leidenſchaft, mit Hochachtung, denn ich liebte ſie im Namen meiner Mutter, mein Herr, verſtehen Sie wohl? im Na⸗ men der Tugenden meiner Mutter! Eines Tages litt ich, oh ich litt ſehr! Ich mußte meinen Schmerz ausſchuͤtten, mußte Jemand ſagen, habe Mitleid mit mir!— Ich ging zu meinem Va⸗ ter, er wollte mich nicht ſehen. Da ging ich zu ihr, und Sie wiſſen es vielleicht, nie wuͤnſcht man ſo ſehr, geliebt zu werden, als wenn man leidend iſt. Das Geſtaͤndniß entſchluͤpfte mir mit meinen Thraͤnen, und ſie wies mich nicht zuruͤck. Im Gegentheile ſagte ſie mir einige Tage darauft Paul, ich liebe Sie; Paul, aus freiem Wille age ich Ihnen, daß ich Sie liebe; Paul, be dem Ringe Ihrer Mutter nenne ich Sie vor Gott meinen Verlobten. Paul, wenn ich Sie betruͤgen könnte, wäre ich nichtswurdig, hoͤren Sie, Paul? nichtswuͤrdig! Sie koͤnnen alſo, mein Herr, ſich einen Begriff von meiner Freude, meinem Ent⸗ zuͤcken machen. Ich wagte nicht, ſo viel von ihr zu hoffen, ich forderte nicht ſo viel. Weshalb haͤtte ſie mir es geſagt, wenn es nicht wahr ge⸗ weſen waͤre? Sie hatte durchaus keinen Grund, mich zu betruͤgen. Nicht wahr?— Und dennoch, dieſen Morgen, ach!— dieſen Morgen— 46 und Paul verbarg den Kopf in beide Haͤnde. „Nun, Paul« fragte Szaffie kalt, vdieſen Morgen giebt Alice Ihnen Ihren Ring zuruͤck und ſagt: Paul, vergeſſen Sie mich. 4 Paul fuhr empor, als wenn ihn eine Schlange geſtochen hatte.. vSie wiſſen das?46 „Ja. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß das Herz des Weibes ſo geſchaffen ſei? Paul, Sie ſind jung, Sie haben eine edle, reine vertrauende Seele. Sie glauben an Alles, Sie bewundern Alles; aber hier ſehen Sie vor ſich einen Mann, der keiner troſtlichen Ueberzeugung mehr faͤhig iſt, der an nichts mehr glaubt, nichts mehr lieben kann, ſondern die Menſchheit unverſoͤhnlich haßt.« Und Szffie ſchien ſich zu vergroͤßern, je wei⸗ ter er ſeinen abſcheulichen Charakter enthuͤllte. „und Du haſt geglaubt, Du waͤreſt geliebt? 38— Du treues, herzliches Kind, da neben Dir ein ver⸗ derbter, laſterhafter Menſch ſtand? Du glaubteſt geliebt zu werden, da ein Weib zwiſchen einem Engel und einem Teufel zu waͤhlen hatte 4 v„Mein Gott! mein Gott! Der Kopf zer⸗ ſpringt mir.— Was wollen Sie ſagen? Wer iſt dieſer Mann, dieſer Teufel c4 vIch l vSie lcx Und Paul taumelte zuruͤck auf ein Geſchuͤtz. Dann ſprang er mit einem Satze empor, er⸗ griff gewaltſam den Arm Szaffie's und ſchrie: vDu luͤgſt! Oder, wenn Du die Wahrheit ſprichſt, ſo bringe ich Dich um! 4 »Kind« ſagte Szaffie, indem er ſich von Pauls Hand losmachte; pich unterrichte Dich, ich klaͤre Dich auf; ich verbinde mit der Lehre das Beiſpiel; und Du willſt mich ermorden? Deinen Lehrer? Das iſt nicht Recht. Doch da koͤmmt Jemand, beruhige Dich; denke an den Ruf meiner Alice.« Und Szaffie ging zu dem Commandanten hinein. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Seid Ihr davon auch überzeugt? ußſer Leben hängt davon ab. Ganz überzeugt. Göthe, Fauſt. ungewißheit. vCommandant,« ſagte der bejahrte Bidaud, vich ſchaͤtze die Entfernung auf funfzehn Stunden von der Bank Teérim.« vund ich,« ſagte Merval, Iſchaͤtze die Entfer⸗ nung hoͤchſtens auf zwei Stunden.«. Und der verteufelte Lieutenant, der mich zwingt, ihn in Arreſt zu ſetzen, und nun nicht da iſt, dachte der Marquis; das iſt doch ein zu grauſa⸗ mer Egoismus. vund Sie, Commandant? Wie weit ſchäten Sie die Entfernung 26 „Meine Schaͤtzung*4 Der Marquis wuͤnſchte ſich zum Satan. „Meine Schaͤtzung?— Warten Sie.« „Ach da iſt ja Ihr Seekartenbuch, Com⸗ mandant. Soll ich nachſehen?6 Nein, neinz4 rief haſtig der Marquis,„naͤ⸗ hert ſich— der des Herrn Bidaud— ja ja, ſie trifft damit vollkommen uͤberein. Das iſt der Aelteſte, dachte er, das muß auch der Kluͤgſte ſein; und das zieht mich aus der Verlegenheit. Ueberdies macht es einen ſchlech⸗ ten Eindruck, den Juͤngern Recht zu geben. Alſo, Commandant, billigen Sie meine Fahrt?« fragte der alte Bidaud. „Ja, mein Freund.« Das iſt genug, Commandant,« ſagte Mer⸗ val, indem er ſich zuruͤckzog. In dieſem Augenblicke war es, als Szaffie zu dem Marquis eintrat. Guten Tag, Commandant K ſagte er. „Guten Tag, mein theurer Paſſagier. 44 „Befindet ſich Fraͤulein von Blene beſſer 4 fragte Szaffie, indem er auf die Thuͤre zu dem Zimmer der Damen zeigte. »»Der Doctor ſagt, der Nervenanfall ſei faſt voruͤber. Das war die Furcht. Uebrigens iſt ſie auch ſehr dankbar fuͤr das, was Sie zu ihrer Rettung gethan haben; denn in ihrer Fieberphan⸗ taſie hat ſie beſtaͤndig nur nach Ihnen gerufen. Dam! das iſt, weil ſie ohne Ihre Huͤlfe Gefahr gelaufen waͤre, in ihrer eigenen Stube zu ertrin⸗ ken. Aber eine Wohlthat iſt nie verloren, wie man ſagt. 42 — »„Sie haben ſehr Recht, Commandant; aber ich hoͤre Geraͤuſch bei den Damen.« „Es iſt wahrſcheinlich Frau von Blene, welche ihre Nichte in die Gallerie führt, um ſie friſche Luft einathmen zu laſſen. c6 In der That trat auch Alice ein; bleich, lei⸗ dend, und auf den alten Garnier geſtutzt. „Sachte, ſachte,« ſagte der gute Doctor. Sie ſind noch ſo ſchwach, Fraͤulein, und— 4 Alice ſtieß einen heftigen Schrei aus; ſie hatte Szaffie erblickt. Gluͤcklicher Weiſe hielt Frau von Blene ſie noch, wendete dann den Kopf, und indem ſie Szaf⸗ fie erblickte, ſagte ſie: „Mein Gott! Verzeihen Sie, mein Herr, Sie Ihre Gegenwart hat einen ſolchen Eindruck auf meine arme Alice— 4 v„Ich will mich entfernen.« „Nein, mein Herr, ich danke Ihnen ſo viel, Alice auch, fuͤr das, was Sie an ihr gethan; Ihr Anblick wird ihr alſo nur wohlthaͤtig ſein. Ihr erſter Anblick allein regte ſie unwillkuͤhrlich auf.« Und in der That warf auch Alice, wieder zu ſich ſelbſt gekommen, auf Szaffie einen Blick mit jenem wunderbaren Ausdrucke der Traurigkeit, der Hingebung, des Gluͤcks und der Liebe, der den Kummer verraͤth, in welchem die Frauen ſich ſo gluͤcklich fuhlen. — Szaffie nahte ihr, und fragte mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen, trocknen, eiskalten Hoͤflichkeit, nach ihrem Befinden. Nicht einen Blick von denen, die ſo viel ſagen, richtete er auf Alice; keine Theilnahme lag in ſeiner Stimme, keine Thräne glaͤnzte in ſeinem Auge; er zeigte nichts, als die Artigkeit der feinen Welt, einer ihm ganz gleich⸗ guͤltigen Frau gegenuͤber. »Es iſt jetzt nichts mehr,« ſagte der Doctor. vDas Fraͤulein iſt wieder hergeſtellt; das Ganze war nur ein Nervenanfall und ohne Gefahr. Aber erlauben Sie, meine Damen, Sie zu verlaſſen; meine Kinder erwarten mich.« Der gute Doctor entfernte ſich. »Ei,« ſagte der Marquis,„Alles geht gut. Bald werden wir ohne Unfall in Smyrna anlan⸗ gen. Wie waͤre es, Frau von Blone, wenn wir unterdeß, wie gewoͤhnlich, unſte Partie machten? Die verwuͤnſchten Ereigniſſe haben uns darin ganz und gar unterbrochen.« „Gehen Sie immer, meine Tante,« ſagte Alice, welche ſah, daß dieſelbe noch zögerte; vich fuhle mich vollkommen wohl; von hier kann ich Sie ſehen und hoͤren. Wenn ich etwas bedarf, werde ich Sie rufen.« Frau von Blene ging in das große Gemach, welches von der Gallerie nur durch einen leichten Verſchlag mit zwei Thuͤren, getrennt war. Szaffie blieb allein mit Alice. — 3 *O, Szuffiel« ſagte ſie, den Kopf in beide Haͤnde bergend. v»Sind Sie leidend, mein Fraͤulein?e4 fragte er mit eiſiger Kaͤlte. vDas fragen Sie, Szaffie?6 fragte Alice leiſe. Was bleibt mir jezt noch? Die Schande læ vFinden Sie nicht, mein Fraͤulein, daß in dem Herzen der Frauen die Liebe nur eine ſehr untergeordnete Stelle einnimmt? Zuerſt die Tu⸗ gend; dann, der Anſtand; dann, die Ruͤckſichten; dann, was weiß ich noch Alles; und hinter alle dem her kommt erſt die Liebe. Und doch nennen Sie ſie noch Schande! Wahrlich, die Frauen wenden das lebhafteſte Gefuͤhl ihres Geiſtes und und ihrer Seele nicht dazu an, zu lieben, ſondern ſich ein Syſtem fuͤr ihre Leidenſchaften zu ordnen, ſich eine bequeme, beſcheidene Liebe zu bilden, eine ruhige Neigung, welche nach den Pflichten oder Vergnuͤgungen an die Reihe koͤmmt. Für jedes iſt ein Tag, eine Stunde. In ihrem Merkbuche lieſt man: Zu der und der Stunde will ich meine Pflichten als Maͤdchen, als Gattin, vergeſſen. Iſt die Stunde voruber, ſo betet man ſeine Mutter, ſeinen Gatten wieder an, und ſagt: Mutter, ſegne deine Tochter. c4 Alice glaubte zu traͤumen. Dieſer kalte Scherz ſetzte ſie in Verwirrung; das arme Kind wußte nicht, was es antworten ſollte. vvIch,«x fuhr Szaffie fort, vywenn ich von 44 einem Weibe geliebt werden ſollte, wuͤrde verlan⸗ gen, daß ihr die Liebe zu mir uͤber Alles gehe. Dieſe Liebe muͤßte laut und offen eingeſtanden werden; gleichviel, ob ſie Maͤdchen oder Frau waͤre; ſie muͤßte dieſer Liebe Ruf, Anſtand, Tu⸗ gend opfern.«4 „Großer Gott, Szaffie rief Alice leiſe, muß man Sie denn ſo lieben 24 Jaza ſagte Szaffie, mit dem Ausdrucke des Hochmuthes und des Scherzes. „Nun wohl,« ſagte Alice; ſo will ich Sie ſo lieben. Ja,« wiederholte ſie, und ihre Augen fullten ſich mit Thraͤnen, vwenn Sie es verlan⸗ gen, will ich im Angeſichte des Himmels ſagen: Ich liebe ihn; ich liebe nur ihn. Ich habe mich fuͤr ihn in das Verderben geſturzt; ich habe Tu⸗ gend, Ehre, Pflichten vergeſſen; jetzt iſt ſeine Liebe meine Ehre, meine Tugend, mein Ich Ja ich werde ſagen, Szaffie: Ich bin ſtolz, gluͤcklich durch ihn, um verachtet ſeinetwegen zu ſein.« Und ſie nahm die Hand Szaffie's, die ſie kuſſen wollte. Er entzog ſie ihr. vUnd wer ſagt Ihnen, daß Sie geliebt ſein wuͤrden, daß Sie geliebt ſind?44 fragte er bitter. „O, wie Du ſagteſt, Szaffie: jener Inſtinct, welcher uns verrath, daß er erwidert wird. Die Liebe iſt es, welche mir das ſagt, die Liebe und die Erinnerung an meinen Fehltritt— nein, nein, Szaffie, an mein Gluͤck, wollte ſch ſagen.« Aber die Liebe truͤgt, junges Maͤdchen 44 vIch verſtehe Sie nicht, Szaffie,« ſagte Alice zitternd. Nun wohl, ſo lerne mich verſtehen— 44 In dieſem Augenblicke wurde die Gallerie des Commandanten heftig aufgeriſſen und der Lieute⸗ nant erſchien. Hoͤlle! Teufel! Verwuͤnſcht« ſchrie er. Der elende Bidaud hat ſich verrechnet! Wir muͤſſen auf der Bank von Térim ſein. Ihr Seekarten⸗ buch, Commandant Schnell! Schnell lk Und ohne auf die Fragen des Marquis und Szaffie's zu antworten, ergriff Peter einen Com⸗ paß, machte eine Berechnung, und eilte auf das eck. Es iſt erwaͤhnt worden, daß Peter, als er in den Arreſt ging, die Berechnung der Fahrt dem Faͤhnrich Bidaud anvertraute, den er dazu fuͤr faͤhig hielt. Bidaud aber hatte ſich, entweder aus Irrthum, oder aus Unwiſſenheit, verrechnet, und glaubte viel weiter von der Bank entfernt zu ſein, als es in der That der Fall war. Seit zwei oder drei Stunden aber änderte ſich die Farbe des Waſſers ſichtlich; man fing eine Menge Fiſche, und lange Kraͤutergewinde, welche uͤberall umherſchwammen, verriethen, daß man uͤber einer Untiefe ſegle. Paul wurde aus dem Zuſtande des Stumpf⸗ ſinnes, in welchen das Geſpräch mit Szaffie ihn Salamander 1v. 4 geſtuͤrzt hatte, durch Meiſter La Joie aufgeruttelt, welcher, ihn ehrfurchtsvoll beim Arme faſſend, ſagte: vHerr Paul, ich glaube, wir werden auf die Bank von Térim auflaufen— ſehen Sie doch dieſes Waſſer, dieſe Kraͤuter— cordieux! der Herr Lieutenant waͤre beſſer hier, als in ſeiner Cajuͤte. ⁊ Paul betrachtete das Waſſer, und erkannte die ganze Gefahr, welche dem Auge Bidauds ent⸗ ging, weil dieſer feſt davon uberzeugt war, noch weit von der Bank entfernt zu ſein. nachrichtigte ſeinen Vater, der zu dem Comman⸗ danten und von da auf das Deck eilte, um ſich uͤber die Gefahr Gewißheit zu verſchaffen. Auf ſeinen Befehl hatte Meiſter Bouquin das Senkblei ausgeworfen. Todtenſtille herrſchte am Bord. Der Arsſpruch entſchied uͤber das Geſchick Aller. Nun la ſagte Peter, voll Beſorgniß zu Bou⸗ quin, welcher ſich zu der Stuͤckpforte hinaus beugte, vnun, wie viel 4 Achtzehn Klafter, Lieutenant, 44 ſagte der Bootsmeiſter, indem er das Senkblei zuruͤck zog. Einen Augenblick zeigte ſich auf dem ſonſt ſo ruhigen Geſichte Peters der Ausdruck des Schmer⸗ zes, der Ergebung, der Verzweiflung. Dennoch ſprang er auf die Quartierbank und commandirte mit ſeiner gewoͤhnlichen Kaltbluͤtigkeit. Diesmal uͤbertrat Paul den Befehl und be⸗ Sein kurzer, abgeſtoßener, gebieteriſcher Ton, verkuͤndete aber, daß das Mansver von der hoch⸗ ſten Wichtigkeit ſei: „Leeſegel angezogen lx ſchrie er; vSteuermann, vor den Wind! Bouquin! wie viel4 vFunfzehn Klafter, Lieutenant. 4« Vor den Wind, Steuermann! Alles vor den Wind! Hoͤren Sie fugte er mit ungewohnlicher Heftigkeit hinzu,— und er richtete gluͤhende Blicke auf das Segelwerk. uffet! luffet Alle k Man war auf der Bank von Térim. Es war nicht mehr Zeitz faſt in derſelben Zeit, als man die Corvette luffte, ſtieß ſie auch auf; dann ſegelte ſie wieder ein Weilchen, ſtieß zum zweiten Male auf, und dann zum dritten Male. Endlich ſtand ſie an einem Orte, wo das Loth knum 7 Ellen angab. Der letzte Stoß bebte in den Herzen Aller nach. 2b. — — Dreiundvierzigſtes Kapitel. Unſterblicher Menſch, bewundere die Schön⸗ heiten der Natur, und ſage in der Freude Deines Herzens; Alles iſt mein! Vewundere ſie, während es Deinen entzückten Augen noch geſtattet iſt, ſie zu ſeben.— Es wird ein erſcheinen, an dem ſie nicht mehr Dein ind. Byron, Lara. Die Sandbank. Bei dem erſten Stoße der Corvette auf die Sandbank ſtieß die Equipage einen lauten Schrei des Schreckens aus. Bei dem zweiten war Alles ſtill. Bei dem dritten ertoͤnte kein Schrei, aber ein dumpfer Seufzer entrang ſich jeder Bruſt. Indeß lag in dieſem Seufzer doch wenigſtens noch Hoffnung. Beim vierten Stoße aber, als der Salaman⸗ der, plotzlich gehindert in ſeinem Laufe, in allen Theilen krachte, da toͤnte ein einziger, gellender, herzzerreißender Schrei. Dann ſchwieg die Equipage; dieſer Schrei war der Inſtinct des Lebensprincipes geweſen, welcher einen Augenblick uͤber Gewohnheit und —— Willen die Oberhand gewann. Dieſer Schrei wurde durch den Menſchen ausgeſtoßen, und nicht durch den Seemann; er war der letzte Ausdruck einer Natur, welche jetzt der Selbſtverleugnung wieder wich, der Kaltbluͤtigkeit in der Mitte aller der Gefahren, von welchen man ſich umringt ſah. Die Equipage wurde wieder ruhig und beſon⸗ nen. Die Pfeife des Meiſter La Joie ertonte, und Jeder ging an ſeinen Poſten, ohne die Ge⸗ fahr zu fuͤrchten, ohne ſie zu verachten. Man wartete auf den Lieutenant, welcher zu dem Commandanten hinab gegangen war. Hier fand er Alice und deren Tante in einem ſchwer zu beſchreibenden Zuſtande. Meine Damen« ſagte Peter, ves iſt noch nicht Alles ganz verloren, obgleich viel zu fuͤrch⸗ ten iſt. Haben Sie die Guͤte, unter Leitung des Doctors in den Raum hinab zu gehen.« Alice und ihre Tante folgten dem Rathe. »Mein Herr,« ſagte Peter zu Szaffie,„der Beiſtund eines Mannes von Muth kann unter ſolchen Umſtaͤnden nur wuͤnſchenswerth ſein. Wol⸗ len Sie mir auf das Deck folgen 4 vvZu Ihrem Befehle, mein Herr,«« ſagte Szaffie, vvich will nur noch einige Papiere zu mir ſtecken. 44 Er trat einen Augenblick in ſeine Cajuͤte, ſteckte eine Geldboͤrſe zu ſich, ergriff ein ziemlich großes Käͤſtchen, und ging auf das Deck. Peter blieb allein mit dem Commandanten, der bleich, außer ſich, gaͤnzlich aufgeloͤßt war. Mein Herr,« ſagte Peter zu ihm,„Ihre Unwiſſenheit iſt Schuld an dem Untergange der Corvette, indem Sie Bidaud gegen Merval Recht gaben. Die Straße, welche dieſer bezeichnete, war die einzig gute. Doch das iſt nichts Ueberraſchen⸗ des und mußte ſo kommen.— Ach! mein Herr! mein Herr! Die unklugen Goͤnner, durch welche Sie zu Ihrem Poſten ernannt wurden, haben ſich vielleicht ſchweres Ungluͤck vorzuwerfen. Das Ue⸗ bel läßt ſich nicht mehr abwenden; aber da ich nicht Luſt habe, den Auftritt von neulich durch Sie wiederholt zu ſehen, werden Sie dieſes Zim⸗ mer nicht verlaſſen.« Der gute Marquis fuͤhlte ſich von einer un⸗ endlichen Laſt befreit. „Legen Sie ſich zu Bette. Ich werde ſagen, daß bei dem letzten Stoße eines Ihrer Meubles umgefallen iſt, und Sie ſo ſchwer verletzt hat, daß Sie nicht auf dem Deck erſcheinen koͤnnen. 4 vvSind wir denn verloren, Lieutenant 244 vEs iſt wohl moͤglich. Doch da Sie keicht aus Furcht dennoch auf das Deck kommen koͤnn⸗ ten, werde ich Sie hier einſchließen. Wenn Nie⸗ mand mehr am Bord iſt, als Sie und ich, werde ich kommen, um Ihnen zu oͤffnen, und wir be⸗ ſteigen dann mit einander zuletzt die Boote; das iſt ſo in Ordnung.« — vAber, mein Gott!e« ſagte der Marquis, aufſpringend; vvwenn nun—64 Peter war ſchon hinaus, und der Marquis hoͤrte nur, wie er nach einander drei Thuͤren ver⸗ ſchloß. Als Peter wieder auf dem Deck erſchien, trug er ſeine Staatsuniform, wie am Tage des Ge⸗ fechtes oder eines Feſtes. Er ſtieg auf die Quartierbank. Kinder,« ſagte er, vnoch iſt nicht Alles ver⸗ loren! Aber es iſt Ordnung erforderlich, bei dem was wir unternehmen, um die Corvette wieder flott zu machen. Der Commandant iſt eben ſchwer verletzt worden, und kann nicht erſcheinen; aber ich habe ſeine Inſtructionen empfangen. Bleiben unſere Anſtrengungen erfolglos, dann werden wir, nachdem wir unſere Pflicht gethan, die Corvette verlaſſen, und zuerſt die Frauen, dann die Kran⸗ ken, die Schiffsjungen, die Rekruten in Sicherheit bringen; dann kommt Ihr, dann die Offiziere, und der Commandant und ich zuletzt. Ich rechne auf Euch, zaͤhlt Ihr auf mich l Dann wendete er ſich zu dem Steuermann: „Meiſter, hiſſt die große Flagge Frankreichs 4 Und die weiße große Flagge entfaltete ſich lang⸗ ſam in der Mitte des religioͤſen Schweigens der ganzen Equipage. Peter zeigte ſie ſeinen Leuten und ſagte: Meine braven Matroſen, denkt dar⸗ an:— Weiß oder dreifarbig iſt es ſtets die Flagge Frankreichs; ſeid ihrer wuͤrdig.— Es lebe Fri reich« vvEs lebe Frankreich la4 rief die ganze Equi⸗ page mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit, und Jeder ging an ſeinen Poſten. Die Bank, auf welche die Corvette aufgelau⸗ fen war, beſtand aus Schlamm und Muſchelwerk. Das Schiff blieb einen Augenblick in der Furche ruhig liegen, welche es ſich gebildet hatte. Wenn der Wind nicht ſtaͤrker wurde, und das Meer nicht unruhig, durfte man ſich daher noch einige Hoffnung auf Rettung machen. Unter der thaͤtigen Leitung Peters, welcher ſich zu verviel⸗„ faͤltigen ſchien, begann man in dumpfem Schwei⸗ gen die wichtigen Rettungsarbeiten. Man erleich⸗ terte die Corvette von jeder Laſt; man warf die Artillerie uͤber Bord, alle Segel wurden aufgeſetzt, und Alles gethan, um den Salamander wo moͤg⸗ lich der gefaͤhrlichen Lage zu entreißen. Der Raummeiſter hatte wohl recht prophezeiht. Matroſe,« ſagte Meiſter Bouquin zu La Joie, „die Corvette iſt verloren.« vWas willſt Du 244 erwiderte La Joie, in⸗ dem er ein Kabeltau feſt an den Ankerring band; vwas willſt Du? Die Corvetten ſind wie die Matroſen: ſie dauern nicht ewig; das iſt wie Glas: zerbraͤche es nicht, ſo hielte es zu lange.«6 „Sieh, La Joie, da unten iſt eine Wolke, ich gewaltig ſchielen muß. Ha! uͤber ie Beſtie; das iſt Wind, ganz gewiß.« vvSieh nicht hin, und hilf mir das Staß des großen Maſtes anziehn. 44 „Ja, Matroſe; aber das bringt dem Lieute⸗ nant Ungluck, daß er den Commandanten hat er⸗ dolchen wollen.« Das bringt ihm Gluck, ſage vielmehr. Was, Bouquin! bei einem Schiffbruch kann er doch ertrinken, und das waͤre mir lieber, als erſchoſſen zu werden; das mag fuͤr die Soldaten gut ſein. c vSieh, La Joie, dahinten haben ſie den An⸗ ker ausgeworfen; nun werden wir ſehen, ob das die Corvette losmacht; jetzt iſt der entſcheidende Augenblick. Und dann, wie der Tuͤrke ſagt: Ge⸗ ſchiehts, ſo wirds geſchehnz geſchiehts nicht, ſo wirds nicht geſchehn.« Paul, Merval, Bidaud waren in der vorderen Batterie; ſie hatten die Befehle Peters vollſtreckt; in einiger Entfernung waren Anker ausgeworfen, und man verſuchte nun, das Schiff mittelſt der Kabeltaue zu den Ankern hin und von der Bank abzuziehn und ſo es wieder flott zu machen. In der That bewegte es ſich auch einige Fuß zuruͤck. Ungluͤcklicherweiſe aber bot der ſchlammige Grund den Ankerſpitzen keinen feſten Halt; ſie wichen, und der Salamander ruͤhrte ſich nicht mehr. Peter ließ nun zwei Maſte an jede Seite ſetzen, um die Corvette zu ſtuͤtzen, im Fall ſie ſch ſollte. Dann ſah er den Horizont ſich mit rothlichen, ſchnellſegelnden Wolken bedecken, und erkannte, daß es Wind geben wuͤrde, denn die Wogen gin⸗ gen ſchon hoͤher und hoͤher. Der Salamander, bisher unbeweglich, empfing jetzt einige leichte Stoͤße durch die Gewalt der wachſenden Wellen. Peter ſah einen Augenblick nach dem Hori⸗ zonte, zog die Bouſſole zu Rathe und ſagte: vAl⸗ les iſt aus. Dem Winde nach zu urtheilen, bleibt uns kaum eine Stunde, ein Floß zu er⸗ bauen, und das iſt unſere letzte Hoffnung.« Die gefahrvolle Lage gewann dadurch einen Anſtrich des Bizarren, daß in den Augen der Matroſen ſich die Gefahr unter keiner drohenden Geſtalt zeigte: Der Himmel war noch rein; das Meer ſchoͤn, die Corvette lag noch unbeweglich feſt. Es war nicht. einer jener gewaltſamen, ploͤtz⸗ lichen Schiffbruͤche, in denen die wuͤthenden Wel⸗ len, das Schiff mit ſich fortreißend, es an Felſen zerſchmettern; nein, es war einer jener ruhigen Schiffbruͤche, ſchrecklich, wie kalter Zorn; ein Schiffbruch, deſſen allmaͤlige Fortſchritte ſich mit mathematiſcher Gewißheit berechnen ließen; es war ein Tod, den man genau auf die Stunde be⸗ ſtimmen konnte. Man konnte ſich ſſagen: Die Wolken ſind ungefähr zehn Stunden entfernt; dort bildet ſich der Sturm, und in einer Stunde iſt er am Bord; dann wird das jetzt ſo ruhige Meer von der Gewalt des Windes gepeitſcht; jede Woge hebt die Corvette empor, um ſie, verrin⸗ nend, wieder auf die Bank niederſchmettern zu laſſen, und in zehn Minuten iſt es dann aus mit dem Salamander. Dieſe Betrachtung bewog Peter, die Erbauung eines Floſſes zu befehlen. Staffie beobachtete Alles mit der groͤßten Kalt⸗ bluͤtigkeit, beinahe laͤchelnd, denn er ſah irgend ein ſchreckliches Ereigniß kommen; und obgleich ihm in dieſem Drama, wie allen Andern, eine Rolle zugetheilt werden mußte, zitterte er doch nicht; die vortheilhafteſte Seite ſeines Characters war ein unbeugſamer Muth und eine gaͤnzliche Todesverachtung; dieſe erklarte ſich durch ſein Le⸗ ben hinlaͤnglich. Auch ſagte er ſich: WVielleicht ſehe ich endlich die Civiliſation der rohen Natur unterliegen; die reinſten Gefuͤhle im Kampfe gegen den thieriſchen Inſtinct. Vielleicht erfahre ich, wie ſehr in un⸗ ſerer organiſchen Schaale der Geiſt dem Koͤrper unterthan iſt, die Seele dem Thiere. Ei, das muß ein merkwuͤrdiges Schauſpiel ſein! Und uͤberall ließ er ſeine durchdringenden Blicke umher ſchweifen. vKinder,« hatte Peter geſagt, vich darf es —— Euch nicht verbergen, daß kein Mittel mehr bleibt, die Corvette zu erhalten. Laßt uns an einem Floß arbeiten, denn davon haͤngt jetzt unſere Hoff⸗ nung ab, die Kuͤſte zu erreichen. Die Equipage ſah klar, daß Alles verloren ſei. Wohl zeigte ſich ein augenblicklicher Schmerz, den guten Salamander verlaſſen zu ſollen, auf dem ſie ſo lange gelebt hatten; aber das Gefuͤhl des Nothwendigen gewann bald wieder die Ober⸗ hand, und mit dem ſie characteriſirenden Gleich⸗ muthe, begannen die Matroſen, an dem Floſſe zu arbeiten. In dieſem ſahen ſie nichts anderes, als ein neues, nur etwas weniger bequemes Fahr⸗ zeug, und das war Alles. vIch bin noch nicht an dem Bord eines Floſ⸗ ſes geweſen; und Du, Pariſer 24 fragte ein Rekrut. vvZwei Mal; eine praͤchtige Schiffahrt. Luft, ach! herrliche Luft; das iſt nicht wie unter dem verwuͤnſchten Deck, wo man faſt erſticken moͤchte Und dann iſt man ganz auf dem Waſſerſpieh Burſche, ganz auf dem Waſſerſpiegel; daher kar man ſich den Spaß machen, die Hayfiſche bei dem Schwanze zu ziehen, und wenn man in ſ nem Bette liegt, ſo darf man nur die Hand aus⸗ ſtrecken, um Pelamiden zu faſſen; das iſt doch gewiß ſchmeichelhaft.«4 Willſt Du wohl das Maul halten, Pariſer, und arbeiten, Caronge 4 ſagte La Joie. vUnd Du, Rekrute, he!— Seht mir doch den Bougre an, der iſt mit den Haͤnden ſo geſchickt, wie die Sau mit dem Schwanze.« vvDas macht,«« ſagte der Pariſer, vweil nicht alle Welt das Gluͤck hat, in der Hauptſtadt geboren zu ſein, und ein ausgezeichneter, tuͤchtiger, verwuͤnſchter— 44 Ein derber Fauſtſchlag des Meiſters unter⸗ brach dieſe eitle Namenaufzaͤhlung. Willſt Du nicht Deine Zunge halten, Hund von Neger, Ausreißer, Kaiman; willſt Du wohl an dem Floß arbeiten, da uns weiter nichts bleibt? Mit Recht hat man Dich Pariſer*) genannt! Willſt Du wohl arbeiten, ohne zu ſprechen, ſag' ich Dir 24 vvEs geht, es geht, Meiſter, ich hab's ver⸗ ſtanden,«« ſagte der unverbeſſerliche Pariſer. vvSie haben es mir ins linke Ohr durch die Backe zu⸗ gefluͤſtert.«4 „Schnell ſchritt der Bau des Floſſes vorwaͤrts; nker den Maſten, welche die Hauptmaſſe bilde ließ Peter einige Reihen leere Faͤſſer gen, um das Floß zu erheben und uͤber ſer zu erhalten. Das Ganze w Fugen mit duͤnnem Holze a *) Die Benennung Pariſer faſt allgemein als ein Schimpf Bretern bekleidet, um ihm eine ſo glatte Ober⸗ fläche, als moͤglich, zu geben; rings herum wurde von Pfählen, zwiſchen denen Taue ſich hinzogen, ein Barriere gebildet. Dann wurden noch einige Feuerkatzen auf das Floß niedergelaſſen, um Signale geben zu koͤn⸗ nen; ſo gut als moͤglich wurde ein kleiner Fock⸗ maſt angebracht, um das Bramſegel zu befeſtigen. Dann ſchaffte man noch Pulver, eine Buſſole, ei⸗ nen Compaß, auf das Floß, und hierauf wurde die gebrechliche Maſchine mit einem Tau an dem Hintertheile der Corvette befeſtigt. Kaum waren die Arbeiten beendigt, als das Meer, welches bisher ſchon bedeutend hoͤher gegan⸗ gen war, ſehr ungeſtuͤm und ſtuͤrmiſch zu werden anfing. Der Wind war trocken und heftig, und die Wellen, welche ſich an der Sandbank brachen, begannen die Corvette zu erſchuͤttern. Peter erbleichte, und befahl, die niedern Maſte zu kappen, um das Schiff zu erleichtern. In dieſem Augenblicke kam der Raummeiſter Deck und meldete, daß der Kiel berſte. at begannen auch die Wogen, immer erdend, den Salamander zu Hoffnung zur Erhaltung der Peter befahl die augenblickliche Abfahrt. Und unſere Saͤcke lK ſagten die Matroſen. Der Sack eines Matroſen enthaͤlt ſein ganzes Vermoͤgen, alle ſeine Habe. vJetzt iſt nicht Zeit, an Eure Saͤcke zu den⸗ ken,« ſagte Peter, vich verbiete Jedem, zum Un⸗ terdeck hinab zu gehn. Jeder auf ſeinen Poſten, an ſeine Nummer; die Maſtwaͤchter und Be⸗ frachter auf das Floß l Und kein Matroſe dachte weiter an ſeinen Sack. „Fähnrich,« ſagte Peter zu Merval,„Sie laſſen ſogleich die Kranken in die Schaluppe ſchaf⸗ fen, dann die Frauen, die Schiffsjungen, die Re⸗ kruten, die Matroſen. Sie werden dann das Floß bugſiren; der Commandant und ich, wir ſchiffen uns zuletzt ein.« Jetzt ſah er in der Ferne einen Schaumberg, durch den Sturm getrieben, naͤher kommen, und ſchrie:„In die Boote, in die Boote, die Zeit draͤngt= Und es war ein bewundernswerthes Schau⸗ ſpiel, dieſe Menſchen, ernſt, ſchweigend, auf ihre Poſten treten, und dann einzeln das Schiff ver⸗ laſſen zu ſehn, auf dem alles, was ſie in der Welt beſaßen, zuruͤckblieb, waͤhrend ſie unberechen⸗ baren Gefahren entgegengingen, ohne eine Klage, ohne ein Wort des Murrens; Alles ging mit ei⸗ ner Ruhe und Ordnung, wie bei einem Mansve⸗ ſo ſtark war die Disciplin, welche Peter am Bord de Salamander eingefuͤhrt hatte. „ Als die Boote mit ihren Equipagen beſetzt waren, ſchaffte man die Kranken an Bord. Der alte Garnier begleitete ſie, erliegend unter dem Gewicht einer ungeheuren Kiſte, welche er Niemandem aufbuͤrden wollte.„Es ſei fuͤr ſeine Kinder,« ſagte er. „Vorwaͤrts, meine Kinder, vorwaͤrts e fugte er hinzu; Idie Bewegung wird Euch gut thun; und dann wechſelt Ihr auch die Luft. Im Gan⸗ zen genommen gewinnt Ihr nur dabei.4 Indem er dieſe ſonderbaren Troſtſpruͤche an ſie richtete, ſuchte der gute Doctor ſeine Kranken in der Schaluppe ſo gut als moglich unterzu⸗ bringen. Dann erſchienen Alice und ihre Tante, be⸗ gleitet von ihren Dienerinnen. Sonderbar! Alice war ruhig, gefaßt, kaltblu⸗ tig, und ermuthigte ihre Tante. Aus dem Ent⸗ ſetzlichen ihrer Lage ſelbſt ſchoͤpfte ſie Kraft; nur als ſie Szaffie erblickte, erbleichte ſie. Man ſetzte die Frauen in einen Armſtuhl, unb ließ ſie ſo, Eine nach der Andern, auf das Floß hinunter.* Paul commandirte auf demſelben. Der Ungluͤckliche hatte durch das, was ſich zugetragen, ſo wie durch die Thätigkeit, die ſein Dienſt erforderte, ſeinen Kummer faſt vergeſſen. Der Anblick Alice's rief ihm denſelben wieder in das Gedaͤchtniß zuruͤck. Sein Herz brach; er wendete die Augen„o, und eine gluͤhende Thraͤne rann ihm uͤber die Wangen. Alice ſaß dicht neben ihm, ihn faſt beruͤh⸗ rend. Es war ein Augenblick des grauſamſten Schmerzes. Das Sprachrohr Peters ertoͤnte und man horchte auf. »Iſt Jeder auf ſeinem Poſten 24 vJa, Lieutenant, cx ſagte Merval; ich er⸗ warte Ihre Befehle. 4 Ja, Lieutenant, 44 ſagte Bidaud; vpich bugſire die Schaluppe und erwarte Ihre Be⸗ fehle. c4 Ja, Lieutenant,«« ſagte auch Paul, v„das Floß iſt bereit und ich erwarte Ihre Befehle, um das Tau zu kappen. 44 »Sind die Bouſſolen und die Inſtrumente da 74 fragte wieder der Lieutenant. vvIch habe ſie in der Schaluppe,« ſagte Merval. vIſt die Kiſte mit den Schiffsta gebuͤchern da?« vSie iſt am Maſt des Floſſes befeſtigt, c« ſagte Paul. vNun gut,« rief Peter, vſo mogen die Un⸗ Salamander. IV. 5 terbvotsmaͤnner Appel halten, um ſich zu uͤberzeu⸗ gen, daß kein Mann mehr am Bord iſt.« Der Appel wurde gehalten; die Equipage war vollzaͤhlig, ausgenommen die ſechs Maſtwächter, welche die Yolle bemannten, auf der Peter mit dem Commandanten dem Floß nachfahren wollten. „Fertig zum Kappen der Tauelg rief nun Peter und ſeine Stimme bebte horbar; Bouquin erhob das Meſſer uͤber das einzige Tau, welches das Floß noch an der Corvette hielt. Kappt l rief Peter. Das Tau wurde durchſchnitten, und das Floß entfernte ſich, durch die Boote bugſirt. Dieſes letzte Commando ging den Matroſen am meiſten zu Herzen; das Tau war das letzte Band, welches ſie an den Salamander knuͤpfte; einmal durchſchnitten, war fuͤr ſie keine Hoffnung mehr und zwiſchen ihnen und der Corvette Al⸗ les aus. Es war uͤbrigens Zeit, denn die Wellen wur⸗ den entſetzlich. Eine unter andern kam von der Seite, faſt in gleicher Hoͤhe mit dem Fockmaſt der Corvette, daher gerauſcht. Als ſie auf den Widerſtand traf, den die Sandbank ihr bot, ver⸗ doppelte ſich ihre Kraft und Heftigkeit, und ſie verſetzte der Corvette einen ſolchen Stoß, daß ſie dieſelbe bald umgeworfen haͤtte, und daß Peter „ und ſeine ſechs Matroſen niederſturzten, Peter wollte zu dem Commandanten hinab⸗ en — 6 gehen, um ihn aus dem Arreſt zu befreien und ſich mit ihm in die Yolle einzuſchiffen. Als er den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe ſetzte, wurde er mit ſolcher Gewalt gegen den Kranz der Thuͤre geworfen, daß er ſich am Kopfe ſchwer ver⸗ letzte und ohnmaͤchtig und blutend zu Boden ſtuͤrzte. Szaffie war auch am Bord geblieben, denn er wollte Alles bis zum Ende ſehen. Er hob jetzt Peter auf, band ihm ſein Tuch um den Kopf, und ſagte zu den Matroſen, welche ganz erſchrocken uͤber das Ungluͤck des Lieutenants waren: WVorwaͤrts! ſchafft uns in das Boot; das Meer iſt boͤs, das Floß ſchon weit, und wir werden Muͤhe haben, zu demſelben zu gelangen.« Man ließ den armen Lieutenant in die Yolle hinab, welche von den Wellen oft bis zu dem Ta⸗ kelwerk hinauf gehoben wurde. Szaffie warf noch einen letzten Blick auf das Deck und ſagte dann mit einem abſcheulichen Laͤcheln: »Was mir gefaͤllt, iſt, daß der gute Mar⸗ quis dableibt; der wird ſich ganz allein ſchoͤn langweilen.« Das Boot entfernte ſich von dem Salaman⸗ der, und erreichte bald das Floß, auf welches man Peter ſchaffte, der noch immer ohnmaͤch⸗ tig war. Der Marquis wurde vergeſſen; mein Gott! ja; die Leute des Floſſes waͤhnten ihn in der 5 5 Schaluppe, und die Leute der Schaluppe glaubten ihn auf dem Floß. In der That aber war er am Bord des Sa⸗ lamander. Arme Corvette! Aller Augen richteten ſich nach ihr, welche noch zuweilen ſich dem Blicke zeigte, wenn die Wellen gerade ſanken; ihre ungeheure weiße Flagge entfaltete ſich gegen den finſtern Himmel wie ein Leichentuch. Als das Floß einmal aus der Naͤhe der Bank entfernt war, ſegelte es beſſer; das Meer war zwar heftig, aber es ließ ſich doch halten, da die Wellen ſich nicht mehr auf einem hoͤhern Boden brachen. Nach einer Stunde etwa ſah man die Cor⸗ vette nicht mehr, ſondern nur noch zuweilen, in langen Zwiſchenraͤumen, ihre Flagge; dann aber ſah man nichts mehr, denn die Nacht nahte, und das Wetter wurde finſter, ſehr finſter. Vierundvierzigſtes Kapitel. Das iſt ein Geiſt, den die Natur ae⸗ gen mich entfeſſelt hat, um mich zu unterdrücken. Kaum faſſe ich eine Hoffnung, ſo ſturzt die höl⸗ liſche Schlange ſich auf meinen Weg. Maria Stuart. Sommernacht. Es iſt eine ſanfte Klarheit, die Klarheit des Mondes, welcher ſich hell und rein im Waſſer ei⸗ nes ruhigen See's ſpiegelt; aber wenn er, von dichten Wolken eingehuͤllt, nur in langen Zwi⸗ ſchenraͤumen erſcheint, roth und blutig wie ein finſteres Meteor, ach, dann iſt ſein Licht eine Trauerfackel, wurdig einer Nacht des Sturmes und der Verzweiflung. Eine ſchreckliche Nacht war dieſe.— Die Wogen, hoch, ungeſtum, ſchwarz, mit weißem Schaume umſaͤumt, waͤlzten ſich daher, thurmhohe Berge, mit tiefen Abgruͤnden dazwi⸗ ſchen, durch welche hindurch man den verſchleier⸗ ten Horizont des mittellaͤndiſchen Meeres er⸗ blickte. Und welch ein Laͤrmen!— Wenn zuweilen der Sturm ſeine donnernde Stimme maͤßigte, und dann nichts als das dumpfe Seufzen der Wellen ſich hoͤren ließ, geſchah dies nur, um nach dem Schweigen mit verdoppelter Wuth wieder loszu⸗ brechen. Dann war es ein gellendes, metallarti⸗ ges Pfeifen, ein ſchweres, rollendes Donnern, kurze Schlaͤge, ſchnell aufeinander folgend. Es waren die Wellen, welche ſich an dem Floß brachen. Denn das Floß ward uͤber den gaͤhnenden Abgrund hingetrieben, umhergeworfen von den to⸗ benden Wogen. Das Floß gam allein; die Boote, welche es bugſirt hz hn, konnten der Gewalt des entfeſſelten Meeres ziicht widerſtehen. Sie waren untergegangen, mit Merval, Bi⸗ daud, Ladung und Equipage. Sie waren untergegangen; die Bouſſolen und die Lebensmittel mit ihnen!— Der Koͤrper und die Seche des Floſſes! Und das Floß trieb vor dem Ungeſtuͤm des Sermes dahin; ſein Maſt war ſchon zerbrochen, gelittert, hinabgeworfen. Aber die zuſammengefugten Balken boten der Gewalt des Windes keine Flaͤche dar, und es konnte daher nicht untergehen; nur wurde es bei jedem Schlag, des Meeres von den Wellen uber⸗ deckt. — Und ſchon fuͤnf Tage währte dieſer Sturm. Es war auch nicht mehr die muntere, tapfere, gehorſame Equipage des Salamander, welche ſich auf der gebrechlichen Maſchine befand; es war eine abſcheuliche, verwuͤnſchte Menſchenmaſſe. Es waren Weſen ohne Namen, farblos, ver⸗ weſend, vom Waſſer durchnaͤßt, mit gluͤhenden, wilden Augen, langem Barte, zerlumpter Kleidung, und einem abſcheulichen Laͤcheln auf den geſprun⸗ genen, blutenden Lippen; denn ſeit fuͤnf Tagen wurden ſie auch vom Hunger verzehrt. Es waren Menſchen, der ganzen gebieteriſchen Gewalt des Todes hingegeben; außer dem In⸗ ſtinct der Lebenserhaltung war bei ihnen Alles todt. Es gab keine Hoffnung mehr ſ ain einem ſchleunigen Tode. Doch nein. Der Hunger zerriß ihre Einge⸗ weide; der Durſt verbrannte ihre Gurgel; ihre Wunden, friſch und blutig, wurdel durch das ſcharfe Salz des Seewaſſers noch ſchmerzender; ſie haben die Wuth im Herzen und die Gottes⸗ läſterung im Munde; aber dennoch halten ſie feſt am Leben, mit krampfhafter Gewalt. Bis auf dieſen Punkt gekommen, war der Selbſtmord ih⸗ nen unmoͤglich; denn zum Selbſtmorde gehoͤrt Ueberlegung, und ſie uͤberlegten nicht mehr. Und dann entſteht auch der Gedanke an den Selbſtmord ſelten in der Mitte de Entbehrungen 686 und des Elends.— Er bedarf uͤppiger, berau⸗ ſchender Genuͤſſe, der Wohlgeruͤche der Blumen und koͤſtlicher Weine. Alle wirklichen oder ge⸗ traͤumten Genuͤſſe muß man auf einen einzigen zu⸗ ſammendraͤngen, damit den goldenen, von Edel⸗ ſteinen funkelnden Becher fullen, und dann, nach⸗ dem man dieſe Ambroſia bis auf den letzten Tro⸗ pfen geſchlurft, ſagen: Der Becher iſt leer!— Lebe wohl!— Denn nur dann wird das Leben zum Ekel, wenn es alle Sinne abgeſtumpft hat. Aber in der Mitte der abſcheulichſten Uebel, wenn dem Menſchen kaum noch ein Hauch des Lebens bleibt, o! dann pflegt man dieſen, dann ſucht man ihn, den letzten Funken, wieder zur Flamme anzublaſen. Auch hielten ſie feſt am Leben, die am Bord des Floſſes waren; um die dreißig noch Lebenden zu naͤhren, blieb nichts, als drei Brode und ein kleines Fäßchen Wein. Durch einen allgemeinen Beſchluß konnten dieſe Ungluͤcklichen der ſchrecklichen Eriſtenz ein Ziel ſetzen; aber nein— nein— man mußte leben,— le⸗ ben von Thraͤnen, Haß, Marter und Verbrechen; aber was that das?— Man lebte doch der Lebensinſtinct verlangte es ſo. Es gab nicht mehr Vater und Sohn, Matro⸗ ſen und Offiziere, Frauen und Maͤdchen; nur Menſchen, welche Hunger hatten, gab es noch, — und welche, um zu eſſen, Alles unternehmen konnten. Wohl dem Starken, wehe dem Schwachen! Nur Einer ſchien uͤber dieſe furchtbaren Be⸗ duͤrfniſſe erhaben zu ſein: es war Szaffie. Sein Geſicht allein war nicht veraͤndert. Er blieb der⸗ ſelbe, ruhig, theilnahmlos, kalt. Aufrecht gegen den Stumpf des Maſtes ge⸗ ſtutzt, heobachtete er. Bei jeder Welle, von der das Floß uͤberſtroͤmt wurde, buͤckten die Einen den Kopf, Andere ſuch⸗ ten die Gewalt der Wellen dadurch zu mindern, daß ſie ihnen Truͤmmer von Balken und Brettern entgegen hielten; wieder Andere thaten durchaus nichts, ſich dem Ungeſtuͤm der Fluthen zu ent⸗ ziehen. Mit offenen, furchtbar entzuͤndeten Au⸗ gen, ſtarrem Blicke, in einer Art von Stumpfſinn, lagen ſie da, und biſſen auf ein Endchen Tau, das der Zufall ihnen in den Mund gefuͤhrt, und welches ſie nicht wieder losließen. Dort lachten Welche, deren Beine, zwiſchen die Balken des Floſſes geklemmt, zerbrochen waren; Schmerz und Hunger hatten ſie verruͤckt gemacht. Die Mehrzahl ſtand, dicht aneinander gedraͤngt, in der Mitte des Floſſes, einer ſeelenloſen Maſſe gleichend. Am Hintertheile waren Paul, ſein Vater, der alte Garnier, Alice, ihre Tante, und Szaffie. Durch einen inſtinctmaͤßigen Reſt der Sub⸗ ordination hatte man die noch uͤbrigen Lebensmit⸗ tel unter der Aufſicht der Offiziere gelaſſen. Der Lieutenant lag ausgeſtreckt, geſchutzt durch eine Reihe leerer Faͤſſer, und eingehuͤllt in einen orientaliſchen Kaftan; er betrachtete Paul, welcher ſeinerſeits Alice anſah. Alice, zuſammengekauert, vom Waſſer durch⸗ naͤßt, bebend vor Froſt, den Kopf auf ihre Knie geſtuͤtzt, dis ſie mit ihren abgemagerten Armen umſchlang, heftete ihren Blick ſtarr auf Szaffie. Frau von Blene ſah nichts, dachte nichts; ſie war in gaͤnzlichen Stumpfſinn verſunken. In dieſem Augenblicke ſchien die Gewalt des Sturmes ſich zu verdoppeln; das Floß, durch un⸗ geheure Wellen gehoben, welche es von der Seite faßten, hatte zuweilen eine faſt perpendiculaͤre Rich⸗ tung. Von den fuͤrchterlichen Stoͤßen wurden die atroſen, durch die Gewalt fortgeriſſen, bald nach dem Vordertheil, bald nach dem Hintertheil ge⸗ worfen. Vergebens trachteten die Offiziere, einige Be⸗ fehle zu geben, um die Maſſe wieder nach dem Mittelpunkte zuſammen zu draͤngen. Man gehorchte ihnen nicht. In dieſem ſchrecklichen Augenblicke glaubten die Matroſen ſich in Todesgefahr, und nachdem ſie einige Worte mit einander gewechſelt, gingen, krochen, ſchlichen ſie, mit Hacken und Piken be⸗ waffnet, gegen das Hintertheil des Floſſes heran. „Wir wollen den Wein,« rief La Joie, ſeine Hacke ſchwingend, vwir wollen uns beſaufen, um in Ruhe zu crepiren.« Peter erhob ſich, ſchlang ſeinen Arm um die Tonne, und ſtreckte den andern, eine Piſtole ergreifend, den Ankommenden entgegen, indem er riefz vElende! es iſt unſere einzige Huͤlfe; wir muͤſſen ſie ſchonen. 44 „Dein Piſtol geht nicht los, es iſt naß l ſchrie La Joie, indem er mit ſeiner Hacke die Muͤndung deſſelben niederſchlug; vwir wollen den Wein.« „Den Wein! den Wein l« ſchrieen die An⸗ dern.»Den Wein oder den Tod!« vvIhr wagt, Euch zu empoͤren 146 ſchrie der Lieutenant, indem er nach einer Waffe ſuchte. „Hier giebts keine Offiziere mehr, wir ſind die Staͤrkern, wir wollen den Wein haben« vNein lc4 „Ja l4 Und La Joie trat, Peter bedrohend, vor. Paul ſturzte auf ihn zu, aber La Ioie ſchmet⸗ terte ihn mit einem Schlage zu Boden. Peter wollte ſeinen Sohn rächen, aber auch er wurde verwundet. Blutend und wuͤthend ſuchten ſie nun ſich zu treugebliebene Ma aufen geworfen, nach dem Vorderthei In dieſem Tumulte ſtuͤrzte bis an den Bord d eer, Alicen die Haͤnde e Aber Alice ſah ſtand leiſten zu aller Gewalt an vertheidigen, unterſtuͤtzt durch den troſen; aber ſie ſie ertrinken, konnen, denn ſie einen Pfahl klammern, um nicht Doctor und zwei wurden uͤber den unter die Fuͤße getreten und le getrieben. Frau von Blene, es Floſſes gedrängt, in das ntgegen ſtreckend. ohne ihr Bei⸗ mußte ſich mit auch in das Meer zu ſtuͤrzen. vZu trinken 4 rief La Joie, indem er blutend mit einer Hand ei hielt, und mit d hinreichte. vZu trinken, zu er andern einen trinken! 44 ſchrieen die An⸗ dern,„wir wollen be nd ſie ſtuͤrzten ſi mes begannen ſie zu ſi wie die Geſaͤnge eines Bei dem ſoffen ſt erben. 44 Stur⸗ ngen, unzuſammenhaͤngend, Verruͤckten. roͤthlichen Scheine des Mondes ver⸗ taumelnd, zu kanzen; ſchwer betrun⸗ wurden auf dem die naͤchſte Woge ſie einen Schrei Der Pariſer, ſchwer betrunken, erblickte Alice neben einem leeren Faſſe kauernd. „Da, trinkl« ſagte er, ihr ſeinen eiſernen Be⸗ cher hinreichend. Alice trank mit Entzuͤcken bis zum letzten Tropfen; Roͤthe und Hitze ſtiegen ihr ins Ge⸗ ſicht. vDu wirſt ſchoͤn,« ſtotterte der Paxiſer, vkomm kuͤſſe mich.« Und der Matroſe heftete ſeinen Mund auf den Alice's, welche, ihn ſchwach zuruͤck ſtoßend, ſagte: „Ach! der Wein hat mir ſehr wohl gethan; ach! ich habe noch Durſt«——— vSieh doch, Paul le ſagte Szaffie. Und er zeigte auf Alice und den Matroſen. „Siehſt Du, Paul?4 Und er beugte ſich zu dem Ohre des Ungluͤck⸗ lichen, welcher an einer Wunde in der Schulter entſelich litt. „Siehſt Du, ich hatte es Dir wohl geſagt. — Glaube nur noch an Etwas! Subordination, Schaam eines jungen Madchens, Liebe, Anhaͤng⸗ lichkeit, Alles das weicht den unwiderſtehlichen Anforderungen des Hungers und des Durſtes! Edle Geſinnungen, welche von einem unedlen Be⸗ duͤrfniſſe abhaͤngen, welche— vAber Du hoͤrſt mich ja nicht, Du wirſt ja ohnmaͤchtig! Oh! Du ſollſt mich wohl hoͤren,« ſagte er mit hoͤlliſchem Lacheln. Er ließ ihn an einer ſtarken Eſſenz riechen, die er bei ſich hatte, und brachte ihn ſo zur Beſinnung. vAch! aus Barmherzigkeit! geh, geh, laß mich,« ſtammelte Paul. Ich rette Dich, Kind, Nimm! Iß læ Szaffie hatte mit der großten Heimlichkeit die Kiſte geoffnet, die er von dem Bord des Sala⸗ mander mitgenommen, zog ein Stuͤck einer feſten aſſe daraus hervor, und gab es Paul. Paul fuͤhrte es gierig zu ſeinen Lippen; dann, wie durch goͤttliche Eingebung, brach er es in drei kleine Stuͤckchen, und ſchleppte ſich zu ſeinem Vater; Alice war zu weit entfernt: er konnte ſie nicht erreichen. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Und das iſt das Leben? Byron, Cain. O, meine goldnen Träume! Schiller, die Räuber. Ein Segel! Ein Segel! Zwei Tage darauf hatte der Sturm ſich völ⸗ lig gelegt. Der Himmel war blau, die Luft rein; die Sonne ging auf. Der Wein war verſchwendet, der Zwieback un⸗ ter die Fuͤße getreten, verdorben worden. Man hatte dann Leder, Huͤte, Schuhe gegeſſen. Man hatte wuͤthend das Meerwaſſer getrun⸗ ken; man hatte Naͤgel und Bleiſtuͤcke in den Mund genommen, in der Hoffnung, daß die me⸗ talliſche Friſche den Durſt ſtillen wuͤrde. Man hatte Hanf und Leinwand gegeſſen. Es war ein neues Blutbad entſtanden, um ſich eine Moͤve ſtreitig zu machen, welche ſich am Bord niedergelaſſen. Man hatte den alten Garnier aufgegeſſen, der geſtorben war, ſeine Kinder verwuͤnſchend. Man hatte zwei Drittheile des Pariſers ge⸗ geſſen, welchen das Loos getroffen. Aber dieſe ſchreckliche Nahrung hatte die Tage derer, welche ſie genoſſen, noch mehr abgekuͤrzt. Kaum konnten zwei oder drei Matroſen und Szaffie ſich noch auf den Beinen erhalten; die Augen ſtarr auf den Horizont gerichtet, betrachte⸗ ten ſie deſſen neblichte, unbeſtimmte Ferne mit det groͤßten Aufmerkſamkeit. Sie glaubten ein Segel zu erblicken. Ein Segel! Szaffie beſonders ließ ſeine Augen nicht von dem Gegenſtande weichen, denn auch er begann das Entſetzliche dieſer Lage zu theilen. Im Augenblicke des Schfffbruches hatte er ſich, durch leicht zu erklaͤrende Vorſicht, mit einer ſehr nahrhaften, und in einen kleinen Raum ge⸗ draͤngten, Subſtanz verſehen*). Dadurch war er bisher den Qualen des Hungers entgangen, aber ſeine Exiſtenzmittel nahmen ab, er verlor die Hoff⸗ nung, das Floß an die Kuͤſte Afrika's geworfen zu ſehn, denn es wehte ein ſo heftiger Landwind, daß ſie immer weiter von dem Ufer abgetrieben wurden. Es war daher mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdruck der Freude, als er ſchrie: vEin Segel! Ein Segel lg Dieſes Zauberwort: ein Segel, toͤnte ſelbſt in den Herzen der Sterbenden wieder. Erloſchene Augen gewannen neuen Ausdruck, die Verwunde⸗ ten richteten ſich mit Muͤhe in die Hoͤhe und ſa⸗ hen nach der Gegend, wohin Szaffie zeigte. Andere falteten die Haͤnde, noch Andere lach⸗ ten laut; Einige waren gluͤcklich genug, Thrinen zu gewinnen. Das Wort: ein Segel, glich linderndem Bal⸗ ſam, in die aͤtzenden Wunden getraͤufelt; der Schmerz wurde beruhigt, und man vergaß ſelbſt den Hunger. Die Hoffnung verloͤſchte jeden Haß, und bei ——— ) Gegquetſchtes Wilbfleiſch, mit Zucker getun Auf ihren Jagden nehmen die Indier keine andern Lebensmittel mit. Eine Unze von dieſer Subſtanz ge⸗ nügt einen Tag zur Nahrung des kräftigſten Menſchen, ſ wenn dieſer die angeſtrengteſte Leibe dem Gedanken an Rettung ſchwanden alle gewalt⸗ ſamen Gefuͤhle. Dieſe Menſchen, noch eben erſt ſo grauſam, ſo wild, ſuchten ſich auf, naͤherten ſich einander, reichten ſich die Haͤnde, und umarmten ſich mit Freudenaͤußerungen, welche aus dem Grunde der Seele kamen. Einigen, welche zu ſchwach waren, um an dieſer allgemeinen Trunkenheit der Freude Theil zu nehmen, riefen ihre Kameraden in das Ohr: Wir ſind gerettet: ein Segel! „Mein Gott, ja, ein Segel l Paul und ſein Vater wechſelten einen himm⸗ liſchen Blick und umarmten ſich mit dem Gefuͤhle des tiefſten, innigſten Gluͤckes. Alice lag in einem krampfhaften Schlafe, welcher ſich durch heftige Zuckungen verrieth. Sie hoͤrte nichts. Armes Kind! Ein Segel!— Das Wort wurde wiederholt, geſungen, geſtammelt, mit Freudengeſchrei ausge⸗ ſtoßen, mit ſtets wachſendem Entzuͤcken. Denn allmaͤlig wurde das krettende Fahrzeug immer ſichtbarer, und bald erblickte man, von den Strahlen der Sonne hell beſchienen, das Segel⸗ werk einer Fregatte. Ach! welch ein bewundernswuͤrdiger Augen⸗ blick war es, als jede Ungewißheit ſchwand, und dieſes Zeichen des Heiles mit Jubelgeſchrei be⸗ gruͤßt ward! Salamander. IW. 6 — 6 — Da fuͤhlten jene Matroſen, die noch eben erſt ſo hart, ſo gottlos, ſo grauſam geweſen waren, ſich von religioͤſer Dankbarkeit durchdrungen. Die armen Leute! Ihre durch lange Leiden entmuthigte Seele konnte ſo große Freude nicht ertragen; die Freude uͤberwaͤltigte ſie, und ſie em⸗ pfanden das Beduͤrfniß, ſich durch ein Gebet des Dankes und der Liebe Luft zu machen. In dem Augenblicke, als die Bretagner einen Geſang, zum Danke unſerer lieben Frau von der guten Huͤlfe, ſingen wollten, rief Peter: Auf die Knie, Kinder, auf die Knie lg Und alle knieten nieder, ihre gluͤhenden Au⸗ gen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, und es war ein er⸗ habenes Schauſpiel, dieſe bleichen, leidenden, er⸗ ſchoͤpften Menſchen zu ſehn, welche zitternd ihre abgemagerten Haͤnde falteten, um Gott fuͤr dieſe Huͤlfe zu danken. Majeſtätiſch war das einfache Gebet dieſer unerſchrockenen Menſchen, welches ſich in der Mitte der unabſehbaren Wogen erhob, um die aufge⸗ hende, erhabene Sonne zu begruͤßen. Sie glaubten eine gottliche Weiſſagung in dem Glanze dieſes flammenden Sternes zu erblicken, ihnen nach der dunkeln Nacht, die ſie uͤberlebt, Geduld, Ruhe und Frieden fuͤr ihre entſetzlichen Leiden zu bieten. Und die Fregatte ſteuerte vollem Winde auf das Floß los. Wir verlaſſen das „ Floß,« ſagte Peter mit ſeinem gewohnlichen trock⸗ nen Tone der Disciplin, vwir verlaſſen das Floß in derſelben Ordnung, wie wir es beſtiegen haben. Zuerſt die Frauen, dann die Schiffsjungen, dann die Rekruten, dann die Matroſen, dann die Offi⸗ ziere.«— Die Offiziere waren er und ſein Sohn. vvJa, ja, guter Lieutenant, 44 erwiderten die Leute mit freudiger Unterwerfung; denn mit der Hoffnung und Ueberzeugung der allgemeinen Ret⸗ tung, war auch die Subordination, die Zunei⸗ gung, die Liebe, die Achtung, welche ſie fur den Lieutenant hegten, zuruckgekehrt. WVater,« ſagte Paul,„Du wirſt nicht ſtark genug ſein, um an Bord zu ſteigen, aber mit einem Stuhle wird es ſchon gehen.« v„Mein Paul, mein Kind,«« erwiderte Pe⸗ ter, ihn umarmend, vvich weiß nicht, welch eine geheime Stimme mir ſagte, daß wir noch nicht von einander ſcheiden wuͤrden. Und wahrlich, der Himmel konnte uns nicht trennen; denn alle Abende hetete ich heimlich zu ihm um Dich, mein Kind, und der⸗ Himmel verlaͤßt nie die, welche aufrich⸗ tigen Herzens zu ihm beten; Du ſiehſt es, Paul.« „O! meine Mutter hatte mir es wohl ge⸗ ſagt,« erwiderte das Kind, mit dem Ausdrucke des innigſten Vertrauens, der größten Zaͤrtlichkeit, die Haͤnde ſeines Vaters kuͤſſend. „Nun!— nun!— ſieh doch, Du, ſich« ſagte Szaffie, indem er, mit dem Ausdrucke der 6 Beſorgniß, einen Matroſen auf die Fregatte auf⸗ merkſam machte. vO la ſagte der Matroſe, 2vfie wird ſchon kommen; doch nein, nein, o— o— o la6 „Hoͤlle! Entſetzen lK ſchrie plotzlich Szaffie, indem er heftig mit dem Fuße ſtampfte. vWas giebts, was giebts 264 „Sie hat uns nicht geſehn, und nimmt eine andere Richtung, Ihr lieben Saͤnger,« ſchrie Szaffie mit donnernder Stimme, flammenden Au⸗ gen, die Zaͤhne knirſchend, als wollte er ſie ſich ausbrechen. vEs iſt unmoͤglich le rief Peter. Und es war wahr. Die Fregatte lavirte, wendete das Steuer, und nahm, als ſie den vollen Wind gefaßt, eine an⸗ dere Richtungz bald entfernte ſie ſich, wurde klei⸗ ner und kleiner und verſchwand endlich ganz am Horizonte. So lange noch eine Linie vom Segel der Fre⸗ gatte uͤber der Flaͤche des Waſſers ſich zeigte, blieb auch noch ein Schimmer der Hoffnung in den Herzen der Ungluͤcklichen zuruͤck, denn ſie kon⸗ ten und wollten nicht an eine ſo entſetzliche Tau⸗ ſchung glauben. 3 Aber als nichts mehr am Hortzonte zu ſehen war, nichts, gar nichts, als die Sonne, welche Strahlen auf das blaue, ruhige Meer herabſenkte, ach! da war ihre Lage die entſetzlichſte, die vet⸗ — zweiflungsvollſte, in welche ein Menſch je kommen kann. Auch folgte hier, wie in ähnlichen Faͤllen im⸗ mer, gaͤnzlicher Stumpfſinn auf die Hoffnung, welche einen Augenblick geleuchtet hatte. Dieſe Erſchlaffung des Körpers, wie des Gei⸗ ſtes, waͤhrte einige Minuten. Man häͤtte ſagen koͤnnen, die Ungluͤcklichen bedurften dieſer Friſt, um von der ungeheuern Hoͤhe der Hoffnung in den bodenloſen Abgrund der Verzweiflung hinabgeſtuͤrzt zu werden, um die ganze Bitterkeit der hölliſchen Taͤuſchung zu ſchmecken, um das ganze Entſetzen ihrer hoffnungs⸗ loſen Lage zu erkennen. Als nun endlich dieſe Ueberzeugung das Herz Aller durchdrungen hatte; als das Meer und der Horizont ganz oͤde wurden; da machte die Ver⸗ zweiflung ſich Luft in den graͤßlichſten Gottesla⸗ ſterungen gegen den Himmel, den man nur erſt angefleht hatte; die Menſchen, die ſich noch eben freudig umarmten, brachen jetzt in ein Geſchrei der entſetzlichſten Wuth aus. Der Haß und der Hunger, vorher durch die Hoffnung einen Augenblick eingeſchlaͤfert, erhoben ſich jetzt wuthender und blutiger als je. Und als wollten die Ungluͤcklichen ſich an ſich ſelbſt fur das gemeinſame ungluͤck raͤchen, ſtuͤrzten ſie uͤber einander her, ſchlugen ſich, zerriſſen ſich, — 85— der furchterlichſte Wahnſinn bemaͤchtigte ſich ller.—————— Szaffie ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus, durch den Schmerz ihm entlockt, und ſturzte ohn⸗ maächtig nieder. Einer der Unglucklichen verſuchte, ihm mit einem Meſſer den Fuß abzuſchneiden.———— Am folgenden Tage war dieſer Anfall der Wuth voruber; der Hunger hatte Alle beſiegt. Peter und ſein Sohn lagen neben einander; ihre Vernunft begann ſie zu verlaſſen; Alles drehte ſich mit ihnen im Kreiſe. Sie hatten den Schwindel. Aber uͤber Alles herrſchte ein wahrer Tiger⸗ hunger. Paul« ſagte Peter mit rauher, heiſerer Stimme, vmich hungert ſehr; wo hatteſt Du das her, was Du mir geſtern gabſt? vVon Szaffie. 44 »Hat er noch mehr 24 „Ich weiß es nicht.«4 „Komm, wir wollen ſehen, und es ihm neh⸗ men; wir ſind Zwei.« Und kriechend ſchleppten ſie ſich zu Szaffie, der regungslos dalag. Peter ſetzte ihm das Knie auf den Bauch und den Dolch an die Gurgel, waͤhrend Paul ihn durchſuchte. Paul fand das Kaͤſtche Peter ſah es oͤffnen. „ — — Gieb! Gieble ſagte er zu ſeinem Sohne. vWarte lc4 MNein, gieb l« vEs gehoͤrt mir l ſagte Paul, ſeinem Vater das Wenige entreißend, welches das Kaͤſtchen noch enthalten hatte. vIch muß davon haben, oder—4 ſchrie Pe⸗ ter, und warf ſich mit wildem Geheul auf ſeinen Sohn. Es entſtand ein abſcheulicher Kampf. Sie erweckten Szaffie. „O! Ihr habt mich beſtohlen, Ihr wolltet mich ermorden! Du ſiehſt, Paul,« ſagte er mit ſchwacher Stimme, dem Erfolge dieſes entſetzlichen Kampfes entgegen ſehend, vjetzt wird der Dolch zwiſchen Dir und Deinem Vater entſcheiden.— So— nun— o, uͤber den ſchoͤnen Stoß, der Dich beinahe zum Vatermörder gemacht haͤtte.— Nun gut! Iß jetzt, iß« Die Nacht bedeckte dieſe entſetzliche Scene mit ihrem Schleier.—— Am folgenden Tage erwachte Szaffie aus ei⸗ ner Art von Schlafſucht, und glaubte ſich von einem furchtbaren Alp bedruͤckt. Sechsundvierzigſtes Kapitel. und ich, ich ſterbe! Ich ſterbe! Nein, Gott, Du biſt nicht gerecht! Friedrich Soulis, Chriſtine. Der Wahnſinn iſt nichts, als die Concentra⸗ tion aller Ideen in das Extrem eines einzi⸗ gen Gedankens. Cabanis, Phyſik und Moral. Das hitzige Seefieber. Es war Mittag. Die faſt ſenkrecht uͤber ih⸗ ren Häuptern ſtehende Sonne Afrika's ſendete mit ihrer ganzen Gewalt die ſengenden Strahlen auf das ruhige, glatte Meer herab. Das Floß, unbeweglich auf der glatten Flaͤche ru⸗ hend, ſpiegelte ſich mit allen ſeinen Theilen darin ab. Die ſchwache Bruſtung der Fäßer und Pfaͤhle war durch den Sturm faſt gaͤnzlich vernichtet wor⸗ den, und das Floß erhob ſich hoͤchſtens noch einen Fuß uͤber das Waſſer, von jeder Bruͤſtung entbloßt. Hier und dort lagen Fetzen der Kleidung, Stuͤcke Tauwerk, einzelne Bretter, auf dem Floſſe umher, und dazwiſchen Waffen und Geraͤthſchaf⸗ ten verſchiedener Art. Außer den ſchwer Verwundeten waren alle Matroſen auf den Beinen; ihre Augen blitzten, — 85 ihre Lippen waren roth, die Farbe ihres Geſichtes war lebhaft. Statt der ſanften, durchdringenden Waͤrme aber, welche dieſe äußern Zeichen verrie⸗ then, waren ſie in kaltem Schweiß gebadet, und ihre Glieder ſtarr und ſteif. Aber außer dieſem Widerſpruche und einem ſchre⸗ ckenerregenden Ausdrucke ihrer Augen, verrieth nichts die langen Qualen, welche ſie ausgeſtanden hatten. Einige ſuchten die Ordnung ihres Anzuges wieder herzuſtellen, flickten ihre zerriſſenen Jacken aus, banden ihre Halstucher und ſagten: Der Lieutenant wird die Inſpection beginnen, da muͤſ⸗ ſen wir in Ordnung ſein.« Andere glaubten, in der Ferne eine Stadt zu erblicken, die, von Gold und Marmor erbaut, ſich im Halbkreiſe erhebe. Das iſt Smyrna! das iſt Smyrnal« ſag⸗ ten ſie; Iſo ſind wir denn endlich angekommen. Gott, wie ſchoͤn das iſt! Seht die ſilbernen Kup⸗ peln, dieſe Brunnen, dieſe Orangenhaine! Und Weiber, welche uns winken! Komm, Matroſe, komm! Gieb mir Deinen Arml« Und ſie gingen vorwärts nach dem Bord des Floſſes zu, als wenn die Bretter und das Meer eine zuſammenhängende Oberflaͤche wären, traten hinab, und wurden vom Meere verſchlungenz ei⸗ nige Luftblaſen ſtiegen auf, immer weiter und weiter zogen ſich die Kreiſe, und das Meer wurde wieder ruhig. — 56— Dort ſaßen Mehrere um ein leeres Faß, und glaubten an einer reich beſetzten Tafel zu ſitzen. „Gieb mir ein Stuͤck von dem Huhn, Matroſe,« ſagte Einer. „„Da haſt Du, es iſt koͤſtlichz«« erwiderte der Andere, indem er that, als ob er davon aͤße. Welch ein Wein! Welch weißes Brod læ vWelch friſches Fleiſch e vIch thue mir hier recht was zu Gute! Man iſt nicht immer am Lande l4 Dort tanzten Andere. Zwei Matroſen hatten einander zum fluͤchtigen Walzer umſchlungen, der auf dem Floß begann und im Meere endigte. Andere glaubten die Huͤtte zu erblicken, in der ſie geboren waren, ihre Weiber, ihre Kinder, Al⸗ les was ihnen theuer war. Sie wurden weich geſtimmt, kuͤßten ihre Kinder auf die Stirn, und verſprachen, nicht wieder zur See zu gehen. Aber dies Alles wurde mit Thraͤnen in den Augen, mit läͤchelnder Lippe ausgeſprochen, wie in der innigſten Ueberzeugung. Die Fieberphan⸗ taſieen ſprachen ſich in ſo uͤberzeugendem, natuͤr⸗ lichem Tone aus, das ein Blinder Alles fuͤr Wahrheit gehalten haben wuͤrde. Eines von den Symptomen dieſes Fiebers iſt, daß es den Hauptwunſch des Kranken, ſeine in⸗ nerſten Gedanken, an das Licht bringt. Daher kam die Wahrheit, welche die Ungluͤcklichen in die Beſchreibung ihrer Traͤume legten. — 5— Bei dem Anblicke dieſes abſcheulichen, ſo kalten und ernſten Wahnſinns blieb Szaffie ſtarr vor Staunen. Er hatte, eben ſo wie Paul, etwas Nahrung zu ſich genommen, und theilte daher den exaltirten Zuſtand Jener nicht, die Folge von den ſengenden Strahlen der Sonne und der Ruͤckwirkung eines ausgehungerten Magens auf den geſchwaͤchten Kopf; das hitzige Seefieber verwirrte ihm nicht das Hirn, wie jenen Unglucklichen. Szaffie und Paul waren die Einzigen, welche in der Mitte dieſer entſetzlichen geiſtigen Orgien noch ihre Beſinnung hatten. Obgleich durch lange Entbehrungen geſchwaͤcht, hatten ſie doch noch Geiſteskraft genug behalten, um Alles zu ſehn, Alles zu hoͤren; Paul beſon⸗ ders, geſtäͤrkt durch das Bischen Nahrung, welches er am vorigen Tage ſeinem Vater abgerungen hatte. Er fuͤhlte den ſchrecklichſten Schmerz uͤber das Schauſpiel, welches ſich ſeinen Blicken bot, und welches durch die Erſcheinung Alice's noch ab⸗ ſcheulicher wurde. Alice, zerſtoßen, beſudelt, die Haare in Unord⸗ nung, bleich, elend, abgemagert, aber die Wan⸗ gen mit lebhafter Roͤthe bedeckt, die Augen fun⸗ kelnd in ubernatuͤrlichem Feuer, erhob ſich lang⸗ ſam zwiſchen den beiden Tonnen, zwiſchen denen ſie bisher, halb verhuͤllt von dem Mantel, den Peter ihr gelaſſen, gelegen hatte. Sie trat naͤher. Paul verbarg den Kopf in die Haͤnde. Alice ſchien Jemand mit den Augen zu ſu⸗ chen; dann, als ſie Szaffie erblickte, ſtieß ſie mit uͤbernatuͤrlicher Kraft die Matroſen, welche ſie hiel⸗ ten, zuruͤck, und gelangte zu Szuaffie. 2O, Szuffie la ſagte ſie mit ſchwacher, ſanf⸗ ter Stimme, ſich zaͤrtlich uͤber ihn neigend, Du gehoͤrſt mir an, Du biſt mein Geliebter, mein an⸗ gebeteter Geliebter, den ich allein mit ganzer Seele liebe.« Paul wollte ſich entfernen, aber der Ungluͤck⸗ liche konnte es nicht; die moraliſche Kraft, zu hoͤ⸗ ren, hatte er, aber zur Flucht mangelte ihm die phyſiſche. „Ich glaubte Paul zu lieben, den armen En⸗ gel;— ich taͤuſchte ihn. Er war fuͤr mich eine Schweſter, eine Gefaͤhrtin, eine ſchwache, zaͤrtliche Seele; weiter nichts. Aber Du, o Du« ſagte ſie, ſich ſtolz erhe⸗ bend,„Du, Du biſt mein Geliebter; jeder Dei⸗ ner Blicke iſt fuͤr mich eine Freude, eine Qualz und dann, Deine Liebkoſungen brennen und be⸗ rauſchen.— Ol ſeit dem Tage, an welchem ich, den Tod furchtend, mich Dir hingab, ganz hingab, habe ich Deine Liebkoſungen immer gefuͤhlt! Ihr Eindruck iſt geblieben und waͤhrt noch fort— ſeit jenem Tage iſt mein Leben nur ein fortgeſetztes Vergnuͤgen geweſen, denn Deine Kuͤſſe,— Deine Fuͤſſe brennen mir noch auf den Lippen.« * * — „O! o! wer ſterben konnte!« rief Paul mit erloͤſchender Stimme. „Wer ſpricht von Sterben?— Leben will ich, Szaffie, mit Dir leben. Komm, Szaffie, komm! Meine Tante iſt todt, glaube ich, wie mein Vater, wie meine Mutter, wie fur mich die ganze Welt todt iſt, ſeit dem Tage, an welchem meine Liebe zu Dir entſtand. Komm, komm, ich gehoͤre Dir an!— Siehſt Du jenes blaue Zimmer dort? das iſt das meinige.— Jenes Bett mit weißen Vorhaͤngen; es iſt meines, Dei⸗ nes wollte ich ſagen. Dieſe Blumen, die du liebſt, babe ich in die Alabaſtervaſen geſteckt. Komm, mein Geliebter, denn Du biſt mein Geliebter, was kuͤmmert mich die Verachtung der Welt? Ich be⸗ darf der Welt nicht, um Dir zu ſagen: Du biſt mein Leben, meine Seele! Was kummert mich die Welt?— Die Welt, das biſt Du.— Komm, Szaffie! Komm, um zu ſterben, um wieder auf⸗ zuleben, um wieder zu ſterben, in der Mitte der berauſchenden Wolluſt, welche mich verzehrt; denn ſeitdem— ſeitdem— es iſt nicht mehr Blut— Be⸗ gier, Begier iſt es, was in meinen Adern ſtroͤmt!« Die Augen Szaffie's funkelten; dann that Alice, als kleide ſie ſich aus: vSieh,« ſagte ſie, „dieſes ſchwarze Kleid, welches meine Haut ſo weiß machte— es fällt.— Wie läſtig, wie grauſam dieſe Schnuͤrſenkel ſind— ſieh, ſiech— ich habe ſie zerriſ⸗ ſen.— Dem Winde gebe ich mein langes braunes —— —— Haar preis, das Du ſo liebſt— es falle auf meine Schultern herab!— Jetzt, o! komm jetzt, meine Liebe, komm— ich erwarte Dich— o komm doch K Und das ungluͤckliche Maͤdchen that, als ſtiege ſie ins Bette, hob den Fuß in die Höhe und— ſtuͤrzte in das Meer. Paul ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, erhob ſich halb, und ſtreckte die Arme Alicen nach; aber er war zu ſchwach, um aufſtehen zu koͤnnen. „Rette ſie doch, Ungeheuer le ſchrie er Szaffie zu, indem er auf Alice zeigte, die noch ein Mal auf die Oberflaͤche des Waſſers kam und beide Haͤnde empor ſtreckte. Sie ſtirbt gluͤcklich,« ſagte Szaffie mit dumpfer Stimme, und eine Thrane glänzte in ſeinen Augen. MAlice!— Alice!— Mein Vater!— Alice l4— ſchrie Paul, indem er ſich ſchmerzlich wand und kruͤmmte. Dieſe Stimme, das Wort: Vater, entriß Pe⸗ ter ſeinem Sinnen; denn der Ungluͤckliche, welcher durch ſein Kind der Nahrung beraubt war, theilte die allgemeine Raſerei. Der Lieutenant bildete ſich ein, den Stand der Sonne auszumeſſen, und that dies mit der groͤßten Sorgfalt. vSogleich, Paul,« ſagte er, vſogleich, mein Kind; ſiehſt Du, der Salamander muß nur erſt auf der richtigen Straße ſein. Der Comman⸗ dant hat mir den Punkt genau angegeben, denn er iſt brav und erfahrungsreich, der Commandant.« Dann that er, als thue er die Inſtrumente wie⸗ — der fort, und ſagte hierauf: vPaul, jetzt gehoͤre ich Dir an, mein Kind, mein geliebter Sohn, der Du mir Alles biſt, den ich gepflegt habe, wie er mich. O mein Paul, Sorge fuͤr Sorge, Leben fuͤr Leben l Dieſe letzte Aeußerung erſchuͤtterte Paul heftig; o, er verwuͤnſchte ſich ſelbſt! „Paul, mein Kind— ich leide! Ich weiß nicht, wie es koͤmmt, aber ich bin am Kopf und im Arm verwun⸗ det.— Sieh!— Ich weiß nicht, wer mir das ge⸗ than hat, aber es ſchmerzt.— Mein Kind, komm; komm, mein Paul; wenn ich Dich in meiner Naͤhe ſehe, leide ich nicht mehr. Wir werden bald in Smyrna anlangen. Und dort,« fugte er mit leiſer Stimme hinzu, vwerde ich Dir eine gute Neuigkeit mittheilen. Ich habe fur Dich die Hand des Fraͤulein Alice von ihrer Tante erbeten; nun, Du wirſt ja ſehen.— Gutes Kind! Wenn ich daran denke, daß Du gluͤcklich ſein wirſt! Dein Gluͤck iſt mein einziger Wunſch, mein Gedanke in jeder Stunde. Siehſt Du, o Paul, wenn dies Gluͤck Dir wuͤrde, welch eine Freude fuͤr meine alten Tage! Umarme mich alſo, Undankbarer l« Der Lieutenant beugte ſich uͤber ſeinen Sohn, und dieſer bebte, als er ſich von den eiskalten Lip⸗ pen ſeines Vaters beruͤhrt fuͤhlte. Dann erhob Peter ſich wieder und rief: Gleich, Commandant! Ich bin zu Ihrem Befehl l« Er ſetzte ſich in die Mitte des Floſſes, wo er mit Jemand zu ſprechen ſchien. 2 Elen! Hoͤlle!— Den Tod! den Tod!« ſchrie Huul. Ich bin ehrlos!« vWesh Tod 2a« fragte Szaffie. 2Du biſt auf den hoͤchſten Gipfel des Wiſſens gediehen, da⸗ hin, ſelbſt und Andere zu verachten; denn, Paul, Du weißt es— Du haſt es geſehn und wirſt es glauben— da— 44 Er hielt inne, denn er begann ſchwach zu wer⸗ den; ſeine Gedanken verwirrten ſich. Aber beherrſcht durch ſein abſcheuliches Syſtem, wollte er daſſelbe bis zum Ende bis zum Grabe verfolgen. Nun gut, Du ſiehſt es, 46 fuhr er mit dumpfer bgebrochener Stimme fort; vDu ſiehſt— es iſt erwieſen:— Die Materie ſiegt uͤber den Geiſt— der thieri⸗ ſche Inſtinet iſt der ſtarkſte. Ehre, Achtung, Liebe, Keuſchheit— Vater⸗ und Sohnesgefuͤhl— Alles ſchweigt, ſobald der Hunger ſpricht. Alice— Dein Vater!— 44 »„O! laß mich, geh le ſchrie Paul.— Geh, Du biſt Satan l vWollte Gott lc« erwiderte Szufſe. Und ein letztes bitteres Laͤcheln verzerrte ſeine Lippen. Achl«— ſagte Paul mit ſterbender Stimme und verſuchte, ſich uber den Bord hinab in das Meer zu waͤlzen. (Ende des vierten Bändchens.)