Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. Zwblfter Theil. Deutſch von L. v. Alvensleben. Der Salamander. Zweites Bändchen. ———— Leipzig, 1838. Verlag von Htto Wigand. Der Salamander. Ein Roman aus dem Seeleben von Eugen Sue. Deutſch von L. v. Alvensleben. Zweites Bändchen. — e Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. Zwölftes Kapitel. Das Wirthshaus zum heiligen Mareellus. Das Wirthshaus zum heiligen Marctllus iſt ein provengaliſcher Gaſthof, hochſtens eine halbe Stunde von St. Tropez entfernt, ziemlich nahe an der Kuͤſte gelegen, einſam, ruhig, fern von jeder andern menſchlichen Wohnung, geräumig, bequem, mit einem Worte„eine vortreffliche Ta⸗ verne, eine herrliche Taverne, in welcher die Trin⸗ ker weder durch geſellige Ruͤckſichten, noch durch polizeiliche, in ihrem Vergnügen geſtoͤrt werden. Deshalb liebten auch die Seeleute, welche zu⸗ fällig bei St. Tropez Anker werfen, dieſes Wirths⸗ haus ganz beſonders. Nach jedem Feldzuge ſtiegen ſie ſo ſchnell als moͤglich an das Land und eilten wohlgemuth nach dem theuren Marcellus, der ſtets zuvorkommend, heiter und bereit war, ſie auf das Beſte aufzu⸗ nehmen, welcher Meinung ſie auch ſein mochten. In der That war fuͤr die armen Matroſen dieſes Wirthshaus wie eine Geliebte, die man nach langer Abweſenheit ſtets wieder zu finden uͤberzeugt ſein kann, und die man nicht uͤber die Vergangenheit befragt, wenn nur der gegenwaͤrtige Empfang freundlich iſt. Salamander. 1I. 1 —— Der Empfang in dem Wirthshauſe zum hei⸗ ligen Marcellus war immer freundlich; etwas in⸗ tereſſirt zwar, aber was thut das? Der alte Ma⸗ rius, der Wirth, voll Induſtrie und in den ab⸗ ſtracten Wiſſenſchaften bewandert, hatte eine Pro⸗ portionsleiter entworfen, welche ihm mit mathe⸗ matiſcher Gewißheit darthat, daß das Geld fuͤr die Matroſen nur den fuͤnften Theil des Werthes habe, wie fuͤr andere Leute, weil ſie es naͤmlich mit ſolcher ungeheuern Leichtigkeit ausgaben; des⸗ halb ließ er ſie auch mit mathematiſcher Genauig⸗ keit Alles, was ſie bei ihm verzehrten, fuͤnffach bezahlen. Soviel von dem Moraliſchen des Wirthshau⸗ ſes zum heiligen Marcellus. Was das Phyſiſche betraf, ſo war das Haus weiß, mit einer huͤbſchen Terraſſe umgeben, die von einem leichten Zaune eingeſchloſſen war, an den ſich ſchoͤne mittägliche Rebengewinde hinzogen; die Vorhaͤnge waren roth, von einer haͤßlichen Farbe, faſt wie blutroth. Ein beſcheidenes Zeichen, den heiligen Mar⸗ ecellus darſtellend, ſchwebte uͤber der Hauptthuͤr, un⸗ ter einer Art von Schirmdach, welches durch den Vorſprung eines Balcons gebildet wurde. Vor dem Hauſe ſtanden Gruppen von Pla⸗ tanen und Linden und beſchatteten die Steintiſche, welche darunter ſtanden. An dieſem Tage war es ſchon ziemlich ſpat; die Sonne ſank hinter die Berge und beſchien die weißen Mauern des Wirthshauſfes mit goldrothem Glanze; der Himmel war rein, die Luft ruhig, und Alles verkuͤndigte einen ſchoͤnen Sommer⸗ abend. Nichts iſt geeigneter, als ein ſolcher Tag, eine heitere Mahlzeit bis zu dem matten Lichte des Mondes zu verlaͤngern, um mit Entzuͤcken die friſche Seeluft einzuathmen, welche die gluͤhende Stirn kuͤhlt, geroͤthet durch feurigen Wein. enn man das Geſchrei und den Geſang ver⸗ nahm, welche jetzt in dem Wirthshauſe zum hei⸗ ligen Marcellus ertonten, konnte man uͤberzeugt ſein, daß die Seeluft an dieſem Abend manche Stirn abzukuͤhlen haben wuͤrde. Von der Wichtigkeit der dort verſammelten Gaͤſte konnte man untheilen durch: drei abgeſpannte Wagen, welche unter dem dortigen Schuppen ſtanden; durch einen hoͤlliſchen Laͤrmen, von dem die wenigen noch uͤbrigen Schei⸗ ben, die Thuͤren, die Fenſterrahmen zitterten, und ſelbſt das ruhige Bild des heiligen Marcellus; durch die Schuͤſſeln, die leeren und vollen Fla⸗ ſchen, die Glaſer, Stuͤhle und andere Geraͤthſchaf⸗ ken, welche von Zeit zu Zeit durch die drei großen Fenſter des Balcons geflogen kamen, einen unre⸗ gelmaͤßigen Bogen beſchrieben und dann wie Bom⸗ ben hie und da auffielen;: durch die Huͤte, die Kleidungsſtuͤcke aller Art, 1* —— die Leibroͤcke, die Shawls, die Stulpſtiefeln, die Frauenzimmerlocken und fuͤnf bis ſechs Paar Ho⸗ ſentrager, welche denſelben Weg einſchlugen, um den Flaſchen und Tellern Geſellſchaft zu leiſten. Wahr iſt es aber und es fordert ſogar die Gerechtigkeit, dies zu erklaͤren, daß bisher weder Maͤnner, noch Frauen durch die Fenſter geworfen worden waren. Es ſchien indeſſen, als ſolle auch dieſe Art des Wurfgeſchoſſes auf das andere fol⸗ gen; denn, an ein Tiſchtuch gebunden, wurde der Eigenthuͤmer des Hauſes, der Vater Marius, bleich, ſich ſtraͤubend, ſchimpfend und fluchend, zum Fen⸗ ſter heruntergelaſſen. 1 Die unſichtbaren Haͤnde, welche das Ende des Tiſchtuches hielten, taͤuſchten ſich— man kann nicht Alles wiſſen— uͤber die eigentliche Hohe des Hauſes; ſie ließen zu fruͤh los, und der alte Marius legte die 11 Fuß Hoͤhe, welche ihm noch bis zum Fußboden blieben, in gewaltiger Schnelle zuruͤck. u 66 ½ Er fiel auf die Kniee nieder und ſagte in ſei⸗ nem provencaliſchen Accent: WVerwuͤnſchte Hunde von Ponentais“), wir wollen ſehen l n und mit einem Satze war er empor und ſturzte gegen die Thuͤr: ſie war verſchloſſen. 6) Schimpfname der Provencalen gegen die Be⸗ wohner der nördlichen Provinzen. Da erſchien Giromon— ber Matroſe, wel⸗ cher die Menſchen als Commiſſair kleiden wollte, um ſie durchpruͤgeln zu laſſen— Giromon alſo erſchien auf dem Balcon. Dies iſt genug geſagt, um zu zeigen, daß die laͤrmenden Gaͤſte Niemand anders waren, als die Flambarts des Salamanders, welche, wie man weiß, geſtern ihren Sold empfangen hatten. Giromon erſchien alſo auf dem Balcon. Aber, mein Gott, in welchem Zuſtande! Das Geſicht war purpurroth, aufgedunſen, die Augen blitzten; ſeine Haare waren gepudertz der Ungluckliche hatte ſich aus Luxus pudern laſſen;— er war in das feinſte Batiſthemde mit Manſchetten und Ja⸗ bot gekleidet, in weite Beinkleider von Seide und in einen kaſtanienbraunen Leibrock, dem aber be⸗ reits der Kragen, der eine Aufſchlag und die Haͤlfte eines Schooßes fehlte. Er rief Marius, welcher graͤßliche Verwuͤn⸗ ſchungen ausſtieß: »Wir haben Dich gebeten, hinab zu gehen, ſiehſt Du alter Herenmeiſter, weil Du uns durch Dein ewiges; Packt Euch— langweilteſt.« »Aber Schufte, die Ihr ſeid, 44 rief der An⸗ dere, vvIhr ſchlagt ja bei mir alles in Truͤm⸗ mern. c4 vSie ſollen Dir bezahlt werden,« vIhr zerſchlagt meine Tiſche 4 vSie ſollen Dir bezahlt werden 14 Salamander. II. 2 — vNIhr zerbrecht meine Stuͤhle, mein Gläſer meine— 44 vSie ſollen Dir bezahlt ſie ſollen Dir bezahlt werden l« Ihr habt zweimal beinshe mein Funtes Haus in Brand geſteckt!44 vEs ſoll Dir bezahlt werden.« „Aber es iſt gut, daß ich eben daran denke.« vJa, ja, wir wollen Dir Dein Haus bezah⸗ len; dann gehoͤrt es uns und wenn Du das Un⸗ gluͤck haſt, Dich demſelben zu nahen, ſo geht ein Tanz los, wo die Entrechats auf Deinem Ruͤcken getanzt werden. Laß ſehen, wie hoch haͤltſt Du Deine Baraque 6 Und damit wendete Giromon den Kopf auf⸗ merkſam hin und her, pruͤfte das Haus wie ein erfahrner Architect und ſagte: Willſt Du 10,000 Franecs, mit Allem, was darin iſt, und uns dann in Ruhe laſſen? He? Abgemacht! Deine Cajuͤte gehoͤrt uns, und ehe wir fortgehen, machen wir ein Johannisfeuer dar⸗ aus; ja, es iſt gerade heute Johannistag. Und um Dir zu beweiſen, daß die Flammbarts gute Jungen ſind, wollen wir gluͤhende Kohlen a Dein Haupt ſammeln.« Und Giromon, entzuͤckt durch dieſen Gedan⸗ ken, trat in den Saal zuruͤck, ohne auf die Wi⸗ derrede des alten Marius zu achten. Denn Marius war erſchreckt und zitterte, weil — 7— er wußte, daß die Matroſen fahig waͤren, in Gi⸗ romons Vorſchlag einzuwilligen. Funf Minuten darauf kam Giromon mit zwei ſchweren Geldſaͤcken zuruͤck. »Da iſt Dein Geld, Hund von einem OSel⸗ freſſer*). Jetzt gehoͤrt Dein Haus uns. Mache fort, oder wir kommen noch runter, und ſtellen eine Jagd an. Mache, daß Du fortkoͤmmſt. Du biſt uns im Wege, uns und den Damen. Da haſt Du Dein Geld.« Mit dumpfem Metallklange fielen die beiden Geldſaͤcke vor Marius nieder; er raffte ſie auf und ſchrie: vvIhr verjagt mich aus meinem Hauſe, Ihr Raͤuber, Ihr Betruger, Ihr Spitzbuben, Bona⸗ partiſten, die Ihr ſeid! Aber ich weiß wohl, was ich zu thun habe, Ihr Ungeheuer von Ponen⸗ tais Darauf wendete er ſich zu Giromon und ſagte: vvSiehſt Du wohl meine Vorhänge: Sie ſind roth, nun, bald ſollen ſie friſch gefaͤrbt wer⸗ den, und Ihr ſollt die Farbe dazu liefern 446— Er verſchwand mit ſeinen Geldſäcken. Du ſagſt, elender Schuft, wir ſollen die Vorhaͤnge neu färben? Sie gehoren uns, und wir werden ſie faͤrben laſſen, wenn wir wollen, Schimpfwort der Bewohner der nördlichen Provinzen gegen die Provengalen. 2* — hörſt Du? Glaubſt Du etwa, daß wir Deine Diener ſind, Du Hund von einem Oelfreſſer? Ja, ja, mache nur, daß Du, fortkoͤmmſt, ſonſt ware Deine Rechnung gemacht.— Endlich,« ſagte Gi⸗ romon dann mit einem tiefen Seufzer, welcher die innigſte Freude und Zufriedenheit ausdruͤckte, Hend⸗ lich ſind wir bei uns; es iſt doch ein ſchönes Gefuͤhl, im eignen Hauſe zu ſein.« Und er kehrte in dem Saal zuruͤck, mit der Wohlbehaglichkeit, welche ein Eigenthuͤmer auf ſeinem Grund und Boden fuͤhlt. Er kehrte in dem Saal zuruͤck. Welch' ein Schauſpiel, welcher Larmen! Dreizehntes Kapitel. Schöne Künſte. Liebt ihr nicht die impoſanten Symphonieen wo hundert Muſiker ſich vereinen, einen einzige Ton auszudruͤcken, zuſammen geſetzt aus tauſend Toönen; wo hundert Muſiker mit einer einzigen gewaltigen Stimme ein ungeheures Tongedicht leſen welches wechſelsweiſe lebhaft und traurig, keck un leidenſchaftlich iſt? 3 k Liebt ihr nicht dieſe verſchiedenen, ſich entge⸗ gengeſetzten Toͤne, die doch wieder zu einem ver⸗ klingen, zu bewundern? Löſen ſie ſich nicht Alle zu einer entzuͤckenden Melodie auf, die ſanften, klagenden Toͤne der Clarinette, die ſchneidenden Flaͤnge der Saiteninſtrumente, der reine Geſang der Floͤten, der ſonore Klang der Harfe, das kraf⸗ tige Donnern der Pauken— welch' ein Contraſt der Toͤne! Und wenn man bedenkt, daß Alle ſich zuſammen vereinen, daß Alle von gleicher Wich⸗ tigkeit ſind, die Harmonie vollſtaͤndig, ausdrucks⸗ voll und großartig zu machen! Wenn ihr das Alles liebt, ſo werdet ihr auch die ungeheure donnernde Stimme des Bacchusfe⸗ ſtes, welche in dem Gaſthofe des heiligen Mar⸗ cell ertoͤnte, bewundern. Aber ich ſchwoͤre es euch, in der wilden Har⸗ monie war kein einzelner Ton heraus zu erkennen; aber auch ſie hat ihre Forderungen, ihre Regeln; wahre Orgien ſind ſo ſelten! Es muß ſich ſo viel vereinigen, um ihre Melodie vollſtändig zu machen. Es iſt Alles erforderlich, von dem freundlichen Gelächter bis zum Feuer der Wuth; von dem hei⸗ tern Liedchen bis zu Verwuͤnſchungen und Gottes⸗ laͤſterungen; das gellend durchdringende Schreien der Wuth; Frauenſtimmen, hell und klar. Es ſind dazu die dumpfen Seufzer der Maͤnner erfor⸗ derlich, welche beſinnungslos zu Boden ſturzen. — 10— Es bedarf der Fluͤche der Schimpfenden, der Zan⸗ kenden, Worte der Herausforderung, Klatſchen der Ohrfeigen, Todesbetaͤubung. Das Geklirr der Degen, welche ſich kreuzen, iſt gleichfalls von be⸗ wundernswuͤrdiger Bedeutung; aber leider hoͤrt man es nur ſehr ſelten in einem ſolchen Concerte. Auch der Klang der Glaͤſer und Bouteillen, welche zerſchmettern, das Kreiſchen der Gabeln, mit welchen die Betrunkenen auf den Tellern kritzeln, iſt hierzu nothwendig. Auch in dieſer Harmonie iſt Alles wichtig, noͤthig, um ein Ganzes hervor zu bringen, auch ein Kuß, im Dunkeln gegeben und genommen, iſt hierzu erforderlich. Und dieſe ganze vollſtimmige Harmonie ertonte auch in dem großen Saale des Gaſthauſes zum heiligen Marcellz ſo vollſtaͤndig, bizarr und ent⸗ ſetzlich, wie die namenloſen Toͤne, welche in Dan⸗ te's Hoͤlle den Verdammten entſchluͤpfen. Denn die Matroſen des Salamander waren von der Natur ſo gluͤcklich begabt, daß ſie auf bewundernswuͤrdige Weiſe die verſchiedenen Stim⸗ men des Chors improviſirten, der in dem Gaſt⸗ hofe des ehrwuͤrdigen Marius aufgefuͤhrt wurde. Brave Muſiker, geboren fuͤr eine ſolche Muſik! Aber es war nur wenig, die Muſik zu hoͤren, man mußte auch das Gemaͤlde ſehen; denn wenn die Orgien ihre eigne Melodie hatten, ſo fehlte es ihnen auch nicht an einer eigenthuͤmlichen Farbe. — Es war eine gewaltige, finſtere Farbe, leben⸗ dig, ſchneidend, grell; ein Farbenton von unend⸗ licher Wirkung und Kraft: Denn auf den Geſich⸗ tern wurde das Weiß purpurn, das Purpur vio⸗ lett, das Violett blau. Die Augen glaͤnzten nicht, ſie flammten. Die Adern waren nicht aufgeſchwol⸗ len, ſondern ſtrotzten krampfhaft bis zum Zerſpringen. Und das iſt noch nicht Alles. Die Orgien haben auch eine eigene Geſtalt, wie ſie eine eigene Farbe haben. Die Koͤrper ſcheinen kein Knochengebaͤude mehr zu haben, ſo ſinken ſie in einander, in ſich ſelbſt zuſammen; und das iſt Schade, denn wahrlich, die Zeichnung verliert dadurch; wenn aber die Zeichnung mit der Farbe uͤbereinſtimmte, wäre das Ganze goͤttlich. Selbſt die Atmoſphaͤre veraͤndert ſich; ſie wird neblich, heiß, rothgefaͤrbt und verſchleiert das Ge⸗ maͤlde, ihm dadurch einen phantaſtiſchen Eindruck verleihend. Wie doch die Natur zuweilen ſich darin ge⸗ fallt, die Anlagen des Menſchen zu vervollkomm⸗ nen! Die wuͤrdigen Matroſen des Salamander, ſchon ſo glucklich begabt, um eine großartige Muſik zu machen, ſind es nicht minder, um ein Ge⸗ maͤlde darzuſtellen, ein Gemaͤlde, deſſen Zeichnung wahr und kraͤftig, deſſen Ton ausdrucksvoll iſt. Man kann daher auch ſagen: brave Maler, geboren fur ſolche Malerei! Ihr habt gehoͤrt; ſeht nun auch! — In der Mitte eines großen Saales mit ge⸗ ſchwaͤrzten Balken und kaum nothduͤrftig durch das zitternde Licht einiger kupfernen Lampen be⸗ ſchienen, ſtand eine große Tafel, bedeckt mit Truͤm⸗ mern von Glaͤſern, Flaſchen, Schuͤſſeln; der ver⸗ goſſene Wein floß auf der Tiſchplatte umher. Um dieſe Tafel her lag, ſaß, ſtand die Equi⸗ page des Salamander, trinkend und wieder trin⸗ kend, in der bunteſten Kleidung, betrunken, und durch das Uebermaaß des genoſſenen Weines dumm, fuͤhllos, ſtumpf gemacht. Zwiſchen dieſen braunen und purpurnen Ge⸗ ſichtern ſah man die bleichen, marmorartigen Ge⸗ ſichter einiger jungen Maͤdchen, welche ihr un⸗ gluͤckliches Geſchick hierher gefuͤhrt hatte. Von achtzig Matroſen waren dreißig bis fuͤnf und drei⸗ ßig ſchwer betrunken und ſchliefen, der Sinne be⸗ raubt, unter dem Tiſche. Die, welche ihres Verſtandes noch maͤchtig waren, fuͤhrten heitere Reden und brachen einigen vergeſſenen Flaſchen den Hals. Das4 ſagte einer von ihnen, da er eine Flaſche zerſchlagen, von der er kaum das Viertel getrunken hatte,„das nenne ich doch noch Leben« „O4 rief ein Anderer, ſeinen Arm um den Leib ſeiner Nachbarin legend, Idie wirkliche Liebe iſt zudringlich, denn Achtung iſt Gleichguͤltigkeit; — o Thereſe, ich liebe Dich, ich bete Dich an. Ich ſage es laut, ohne Furcht, Dich dadurch zu — beleidigen, denn wir ſind doch, reiflich erwo⸗ gen, keine— Geiſtlichen.« vHe, Pariſer lk ſagte Giromon, Sgiebt man bei Euch in Paris auch ſolche Feſte? Von drei und zwanzig tauſend Francs, die wir geſtern hatten, bleibt uns morgen, wenn wir das Haus nieder gebrannt haben, nicht ein Sous, nicht ein rother, kahler, lumpiger Sous, tauſend Donner!« Und dabei ſchlug er mit einem erſtaunenswerthen Ausdrucke der Freude auf den Tiſch. vUnd man ſoll doch nicht ſagen können,« rief ein Anderer, vman ſoll doch nicht ſagen koͤn⸗ nen, daß nach den Flambarts des Salamander hier noch Jemand eine Flaſche Wein getrunken, noch ein Maͤdchen geliebkoſet hat. Nach uns kommt das Ende der Welt. Das Haus ein Freu⸗ denfeuer, und dann wird man ringsumher ſagen: vDie Equipage des Salamander hat ſich lüſtig gemacht; das ſind noch gluͤckliche Kerle« vUnd das ohne Reue, ohne Gewiſſensbiſſe,« ſtotterte der Pariſer.„Man hat eine Familie— man genuͤgt der Familie und den— den— kurz den Anſpruͤchen der Natur. Die Haͤlfte des Sol⸗ des fuͤr die Natur, die andere Haͤlfte fuͤr die Aus⸗ gelaſſenheit; denn ſiehſt Du, Giromon, wir wollen einmal recht ausgelaſſen ſein.« Das glaub' ich, cordieu lg ſagte Giromon, mit einer Ernſthaftigkeit, welche jedem Richter im Amtsgewande Ehre gemacht haben wuͤrde. —— Aber« erwiderte der Mariſer,»was ſollen wir nun um Deſert machen? Wie waͤre es, wenn wir die Frauen zum Fenſter hinunter wuͤrfen und Kopf oder Schrift ſpielten 24 62 Die Frauen ſahen ſich einander ängſtich an. Mein, Pariſer, nein, das nicht.«c „Wie aber, wenn wir uns unter einander prugelten?6 „O! uͤber den herrlichen Gedanken! Das geht, Pariſer, aber he, Du! gieb doch Achtung, Richard. Der hat auch ſein Segel ſchoͤn aufgeſetzt; er geht ſchon mit dem Schoͤnfahrtſegel. Allons! laß ſchie⸗ ßen, ſo, unter den Tiſch, plumps. Die werden ſich da unten gewiß noch beißen, das iſt ſicher — was giebts da, he, Du, Blonde! Willſt Du wohl nicht die ganze Serviette dem Bernhard in den Mund ſtecken! So mache doch ein Ende! Sieh doch, wie er die Augen aufreißt! Welche Dummheit! Er frißt keine Serviette. Er wird erſticken, ich ſage Dir, er wird erſticken. Na, wie weit ſie ſchon iſt. Ach biſt Du dumm, laufl« vSchoͤn, gut, wieder einer weniger,« ſagte Giromon, indem er Bernhard halb erſtickt zu Boden fallen ſah.»Der Wein wird ſie noch zu Grunde richten, das iſt gewiß; ſie gehn durch den Wein zu Grunde. Und es ſind aͤchte Flam⸗ barts— welch' ein Ungluͤck!— Sag' einmal, Pariſer, wie wäre es, wenn wir ſie raͤucherten, — um ſie ihren ehrwuͤrdigen Verwandten zu erhal⸗ ten? Seid Ihr Andern dabei?« a, ja ſchrien Alle, welche noch auf den Beinen ſtanden.„Ja, ja, wir wollen ſie raͤu⸗ chern, ſie moͤchten ſonſt verderben.« Geraͤuchertes Schweinefleiſch haͤlt ſich beſſer,« ſagte ein Spaßvogel. „Ja, ja, ſo iſts. Uebrigens geſchiehts auch zu ihrem Beſten; ſie werden ſehen, daß ſie es nicht mit Undankbaren zu thun haben.« Die Tafel wurde bei Seite geraͤumt und man legte die ſchwer Betrunkenen kreuzweis in Schich⸗ ten uͤber einander, und umgab ſie dann mit Stroh⸗ huͤten, mit Baͤndern von den Frauenzimmern, mit Servietten, mit Stoͤcken und mit Stroh, welches man aus den Stuͤhlen zog. Die Ungluͤcklichen ließen Alles mit ſich machen, ſtießen einige halberſtickte Klagen aus, ſcherzten, weinten oder lachten; die Unterſten aber, welche die ganze Laſt dieſes menſchlichen Scheiterhaufens trugen, ſtoͤhnten dumpf. vHela ſagte Einer, vman ſchichtet uns auf, wie Vorrathmaſten. Dann werden wir Vorrath⸗ matroſene vHel« ſtoͤhnte ein Anderer, vwer haͤlt mei⸗ nen Ruͤcken fuͤr ſeine Haͤngematte 26 Dieſe und hundert aͤhnliche Aeußerungen un⸗ terbrach der Pariſer, indem er ſchrie: — WVorwaͤrts! Marſch! Vorwaͤrts! Raͤuchert ſie, raͤuchert ſie!« Sie werden dann hundert Jahre laͤnger le⸗ ben 4 ſchrie ein Anderer. Wir ſind doch rechte gute Jungen l« fuͤgte ein Dritter hinzu. vUnd werden ſie ſich wundern,« erwiderte Gi⸗ romon,„wenn ſie erwachen und finden ſich er⸗ halten, als kaͤmen ſie erſt friſch aus der Tonne! Vorwaͤrts! Feuer! Raͤuchert ſie!« Und die Lampe naͤherte ſich dem Haufen Stroh, von welchem ſich die Flamme ſchnell dem Leinen⸗ zeuge und den Kleidungsſtuͤcken mittheilen mußte. Nun? Wie iſts? Wollt Ihr, Ihr Andern? fragte der Pariſer noch einmal. Mordieu! das glaub' ich⸗« etwiderte Giro⸗ mon.»Und dann, mein Junge, erinnere Dich auch daran, daß eine Wohlthat nie verloren iſt.« „Nun, gut denn, vorwaͤrts l« ſagte der Pariſer. Der Docht der Lampe naͤherte ſich den Brenn⸗ ſtoffen. In dieſem, fuͤr die Ungluͤcklichen ſo gefaͤhr⸗ lichen Augenblicke, ertoͤnte vor dem Hauſe furcht⸗ bares Geſchrei, und das ganze Gebaͤude bebte unter den droͤhnenden Schlaͤgen gegen die ſchwere Hausthuͤre. Die Lampe entfiel den Haͤnden des Pariſer und dieſer ſprang mit Giromon an ein Fenſter. Wir ſind verloren lK ſagte Giromon zum riſer, vſieh nurl« „Bahl« rief der Andere; das iſt unſer De⸗ ſert.— Wußten wir ja ſo nicht mehr, was wir anfangen ſollten!— Vierzehntes Kapitel. Le pichon Joueie deis Diables.*) Das Erſtaunen, oder der Schreck Giromons war in der That ſehr gerecht. Bei dem blutrothen Scheine einer großen Menge Pechfackeln, welche die Umgegend des Wirthshau⸗ ſes zum heiligen Marcell erleuchteten, ſah man eine zahlreiche Maſſe phantaſtiſch gekleideter Men⸗ ſchen, und die Strahlen des Lichtes ſpielten ſich hier und dort im Schmucke von Kronen und Goldpapier und Waffen mancherlei Art. Dieſe merkwuͤrdige Menſchenmaſſe erſchien jetzt ruhig und bildete einen ungeheuern Kreis um das Gaſthaus. ¹ Das kleine Spiel der Teufel. So heißt jenes merkwürdige Feſt, welches in der Provence gefeiert wird. — 18— Es war, ich weiß nicht was fuͤr eine Geſell⸗ ſchaft von Maͤnnern in bizarrer Kleidung von Teufeln, Satyrn, Weibern, Göͤttern, Faunen; Alle waren mit Flittern und Lumpen bedeckt, welche den Ausdruck der Wildheit und Rohheit noch ver⸗ mehrten, die aus ihren ſchwarzen Augen, aus ihren braunen, verwitterten Geſichtern ſprachen. Als der anfaͤngliche Laͤrmen ſich vollkommen gelegt hatte, trat aus dem Kreiſe ein Provengale von rieſenmaͤßiger Geſtalt. Er trug Weiberklei⸗ der, und ſtellte, in dieſer mit religiöſen Gebräu⸗ chen gemiſchten elenden Poſſe, die Koͤnigin von Saba vor. Unter der Menge erblickte man auch Pluto und Chriſtus, Proſerpina und die Jung⸗ frau, ohne der zahlloſen Engel, Daͤmonen, Teu⸗ fel und ſo Mehrerer zu gedenken, welche mit Sen⸗ ſen, Heugabeln, Knitteln und dergleichen bewaff⸗ net und zum groͤßten Theile betrunken warenz; denn bei Gelegenheit dieſer Feierlichkeiten wurde fleißig in den verſchiedenen Tavernen Halt gemacht, nachdem alle der allgemeinen Proceſſion des St. Johannistages beigewohnt hatten, einem Gebrauche zu Folge, welcher ſich, wenn ich nicht irre, von Johann I., Grafen von Provence, herſchreibt. Dieſer Gebrauch wird noch jetzt beibehalten und die Ortsobrigkeit ſelbſt ſogar erlaͤßt ein Programm, in welchem der Gang dieſes abſcheulichen Feſtes beſtimmt wird. Das Geſicht der Koͤnigin von Saba war mit — 1— Schminke und Schoͤnpflaͤſterchen bedeckt, ihr gro⸗ ßer ſchwarzer Bart und ihre langen Haare gepu⸗ dert, ein ſchmutzig weißes Kleid ließ die breiten Schultern, die haarigen Arme ſehen; eine Art von ſchlechtem Scharlachmantel fiel von ihren Schul⸗ tern herab, und ihr ungeheurer Kopf war mit einer Krone von Silber bedeckt. Eine ſchwere, rothe, behauene Keule von eich⸗ nem Holze, diente ihr als Scepterz ſie ſchwang dieſen und forderte mit Stentorſtimme Stillſchwei⸗ gen. Dann begann ſie in dem gemeinſten pro⸗ vengaliſchen Platt ohngefaͤhr folgendermaaßen: »Meine Taͤubchen! Es iſt hier ein Haufe von Schurken, von Bonapartiſten, welche an dem hei⸗ ligen Johannistage ein profanes Feſt zu feiern wagen und unſern braven Landsmann, den bra⸗ ven Vater Marius gepruͤgelt und beſtohlen haben. Dieſe Hunde von Franzoſen“), dieſe Ungeheuer von Ponentais, haben ihn aus ſeinem eigenen Hauſe verjagt; aber zum Gluͤck hat er Freunde gefun⸗ den, und wir wollen ihn raͤchen, meine Taͤubchen! „Ja, ja, Rache, Tod! Schlagt die Bona⸗ partiſten todt, die Hundel« heulte und ſchrie der wilde Haufe, indem er gegen die Thuͤre ſturzte, welche aber gluͤcklicher Weiſe von innen verriegelt war. Die provengaliſchen Bauern bezeichnen die Be⸗ wohner der übrigen franzöſiſchen Provinzen allemal, ſie mit ihnen ſprechen, mit dem Namen Fran⸗ en. — „Die Schurken haben die Thure verſchloſſen,« ſchrie die Koͤnigin von Saba, indem ſie mit ihrer Keule gegen die Thuͤre donnerte;„wollt Ihr off⸗ nen, Ihr Hunde die Ihr ſeid? Wir kommen, um den Vater Marius zu rächen 4 „Ja, ja,4 wiederholte der Haufe, vraͤcht den Vater Marius! nieder mit den Bonapartiſten „Man hat ſie aus Toulon verjagt, wir wollen ſie auch hier verjagen „Tödtet ſie, toͤdtet ſie, wie zu Nimes, meine Kinder l« heulte die Koͤnigin von Saba, und die Angeln der Thuͤre erbebten unter ihren Schlagen. In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich ein Fenſter, und an daſſelbe trat Giromon, in der Hand einen Bouteillenhals haltend, welchen er als Sprachrohr brauchte; er ſetzte dieſes ſogleich an den Mund und von oben herab ertoͤnten die Worte: „O ho! Ihr Kanaillen von Oelfreſſern! Was heult Ihr da unten, o holg Dieſe Anrede entfeſſelte einen Sturm von Ver⸗ wuͤnſchungen, aber mit einer Handbewegung hemmte die Konigin von Saba dieſe Unterbrechung und erwiderte: „Du biſt es, Hund von Ponentais, Hund von Bonapartiſten, Du biſt die Kanaille, der einen Greis aus ſeinem eignen Hauſe vertrieben, der am Tage eines religioſen Feſtes ſich ſo gottes⸗ laͤſterlich beträgt. Und wenn Du uns nicht ſogleich die Thuͤre oͤffneſt, ſo wird es rothe Farbe geben. Verſtehſt Du, Jacobiner? Antworte le vDu da, ſiehſt Du,« ſagte kalt und ernſt Giromon, Deinen Rock werde ich zum Seegel nehmen; Deine Beine zu Maſten, Deine Arme zu Raaſtangen, und Deinen Korper zum Schiffs⸗ gerippe; ich ſchmeiße Dich ins Waſſer, ſechs Zoll guten Stahl in den Rippen 4 vSchlagt ihn todt! Schlagt den Hund todt!e ſchrie der Haufe wieder.— Die Königin von Saba ſtellte die Ruhe her und ſprach: vDu ſollſt ſehen, daß— 4 Giromon unterbrach ſie und rief: vWarte Du, ich habe etwas vergeſſen. Wenn Du ein Fahrzeug biſt, werde ich deinen Kopf zur Figur des Vorderdecks machen und Dich tau⸗ fen vle vilain bougre.x. Damit ſchloß Giro⸗ mon das Fenſter, nachdem er der Koͤnigin von Saba noch ein ſehr ausdrucksvolles Geſicht ge⸗ ſchnitten hatte. „Du Hund Dul ſchrie die Koͤnigin von Saba.„Kommt, meine Kinder, wir wollen die Thuͤre einſchlagen, wir wollen es nicht leiden, daß. uns dieſe Bonapartiſten beleidigen.« vJa, ja, ſchlagt ſie todt k ſchrieen hundert Stimmen. und Alle draͤngten gegen die Thuͤre, welche nicht lange Widerſtand leiſtete; ſchon war ein Fach eingeſchlagen, da ſchmetterte von dem Balcon 3 Salamander. II. 3 — die ungeheure, ſchwere eichne Platte des Tiſches auf die Belagerer herab; die Koͤnigin von Saba entging glucklich der Gefahr; aber fuͤnf oder ſechs Daͤmonen und Satyrn lagen zerſchmettert am Boden, der Koͤnig Herodes wurde gequetſcht und der Jungfrau Maria eine Schulter eingeſchlagen. Dieſes Ereigniß verdoppelte die Wuth der Pro⸗ vencalen, kuͤhlte aber ihr Feuer etwas ab. Sie zogen ſich aus dem Bereich aͤhnlicher Wurfgeſchoſſe zuruͤck, um zu berathſchlagen. Aber die Rathsverſammlung wurde durch Gi⸗ romon unterbrochen, welcher mit ſeinem induſtriel⸗ len Sprachrohre wieder am Fenſter erſchien: vHe! Ihr Oelfreſſer K ſchrie er ihnen zu,„wollt Ihr uns unſern Tiſch wiedergeben? Wir muͤſſen noch einige Flaſchen leeren und Euch noch einige Rip⸗ pen einſchlagen« MNieder mit dem Hunde! Toͤdtet ihn le ſchrieen Einige. „Laßt ihn, meine Taͤubchen,« beruhigte die Königin von Saba;„Julian und Johann Ma⸗ ria werden bald zuruͤckkommen la Ihr werdet nichts toͤdten,« rief Giromon. „Ha, Ihr glaubt wohl, die Flambarts werden ſich wie die Schiffsjungen peitſchen laſſen? Ha! Ihr werdet nichts toͤdten, und—6 Giromon konnte nicht fortfahren; ein Schuß, und er taumelte vom Fenſter zuruͤck; ſein 58 Wort war:„Feige Schurken!« 0 Julian und Johann Maria waren zuruͤck⸗ gekehrt, mit Buͤchſen bewaffnet. Gut, ſchön ſo!« heulte die Maſſe, vgut! So ſterben alle Bonapartiſten und Franzoſen l4 Meine Taͤubchen lg ſagte die Königin von Saba, Iſtatt die Thuͤre einzuſtoßen, wollen wir ſie verrammeln; dann ſteigen wir auf die Ter⸗ raſſe; von da koͤnnen wir in den großen Saal kommen, und wollen ſie dann ſchon zurecht ſetzen.« Die Thuͤre wurde nun von außen verrammelt, indem man die Tiſchplatte dagegen legte, ſo daß den ungluͤcklichen Seeleuten jede Flucht ohnmoͤg⸗ lich ward. Im Innern des großen Saales hatte ſich das Schauſpiel veraͤndert: Kein Geſchrei, keine Trun⸗ kenheit, keine Freude mehr. Die Flambarts umringten den armen Giro⸗ mon, welcher einen Schuß in den Hals erhalten hatte, und kaum noch athmete. Der Pariſer knieete neben ihm, und ſtuͤtzte ſei⸗ nen Kopf; die Andern, ſtarr, bleich und unbe⸗ weglich, klotzten ihn mit nichtsſagenden Blicken an. »Meine guten Matroſen,« fagte endlich Giro⸗ mon, mit ſchwacher pfeifender Stimme; des iſt doch aͤrgerlich fur einen Flambart, ſo mancher Pflaume entgangen zu ſein, und nun wie ein tol⸗ ler Hund todtgeſchoſſen zu werden; aber— wo iſt der Pariſer 4 vHier, mein armer, alter Freund.« — Ach ich ſehe ſchon Alles ſchwarz, und er⸗ kenne Dich nicht; ich bin gepritſcht, Pariſer.« ʒ Nein, nein l4 „Doch;— aber hoͤre, verſprich mir Eins—6 „Zugeſtanden, was es auch ſeiz zugeſtanden.« „Nun gut; heirathe meine Frau, Pariſerz ſie hat keinen Anſpruch auf Penſion, und muͤßte nach meinem Tode vor Hunger krepiren und meine kleine Tochter auch; der Gedanke, ſiehſt Du, Ma⸗ troſe, macht mir die Pille bitter. Willſt Du? Nun? Ich weiß wohl, daß es Dir ſauer werden wird—6 „Oh ja, aber das iſt gleichguͤltig; Deine Toch⸗ ter ſoll einen Vater haben,« ſagte der Pariſer, in⸗ dem er ſich mit der Hand das Auge trocknete. „Nun, umarme mich. Gebt mir die Hand Ihr Andern. Lebt wohl, meine Flambarts! Es ſchmerzt mich nur, daß ich dem Lieutenant und Herrn Paul nicht Lebewohl ſagen kann, ehe ich mein Lock ſchießen laſſe. Aber Ihr ſagt es ihnen, denn Ihr werdet ſie ſehen, wenn die Hunde drau⸗ ßen Euch Auge und Zunge laſſen.« Hier wurde ſeine Stimme noch ſchwaͤcher, und nur mit der groͤßten Anſtrengung holte er roͤchelnd Athem. Die Matroſen traten naͤher. Vorwaͤrts!« ſagte Giromon mit Anſtren⸗ gung; dich werde in den Grund gebohrt. Libt 3 wohl, meine alten Fiambarts! Unſte Zeit iſt auch voruͤber. Unſte Flagge erliſcht, die Englaͤnder ſe — geln an uns vorbei; ich will ſehen, ob die Schiffe da oben auch Koͤnigsſeegel haben; lebt wohl, Flam⸗ barts! Ich will ins Waſſer, hoͤrt Ihr? ins Waſ⸗ ſer geworfen ſein, die Kugel eines Sechsunddrei⸗ ßig⸗Pfuͤnders an den Pfoten. Das iſt das Grab eines Seemannes.— Noch einmal, lebt wohl! Leb wohl, Pariſer! Liebe meine kleine Tochter ein wenig und pruͤgle meine Frau nicht zu ſehr, und — meiner Treu! Ihr werdet mich nicht verrathen; drum alſo—: Es lebe der Kaiſer!« Und todt ſank er zuruͤck. vAh, Hunde von Bonapartiſten! Es lebe der Kaiſer! Wartet, wartet! Da iſt etwas fuͤr Euern Schurken von Kaiſer, Euern Schuft von Kaiſer« Und drei Schuͤſſe geſchahen von der Garten⸗ ſeite herein in den Saal. Giromon erhielt noch eine zweite Kugel in den Kopf— verlorener Schuß;— dem Pariſer wurde der Arm ge⸗ ſchrammt und Bernhardt, dem Kanonier, die Schulter zerſchmettert; er ſank fluchend zu Boden. Aber die Hunde werden uns wie die Schiffs⸗ jungen todt ſchießen,« rief der Pariſer. Laßt uns hinaus, Mann gegen Mann, und Giromon raͤchen— werft die Enterhaken, foutre, entert! Wenn Ihr Eure Meſſer nicht habt, ſo nehmt hier die vom Tiſche.« Dabei ſtuͤrzte er die Treppe hinauf, welche nach der Terraſſe fuͤhrte und ſchwang ein furcht⸗ bares Vorlegemeſſer, das er ergriffen hatte. — Aber wehe! die Thuͤre war verſchloſſen, und draußen konnte man die ſchweren Tritte eines Theils der Provengalen hoͤren, welche damit be⸗ ſchaͤftigt waren, die Decke des großen Saales ein⸗ zureißen, waͤhrend die Andern die Fenſter bewachten. Bald fiel ein Hagel von Steinen und Kalk, und man ſah daraus, daß es den Belagerern ge⸗ lungen war, ein großes Loch in die Decke zu bre⸗ chen. Von hier konnten nun die drei Gewehre nach allen Richtungen wirken, und es wurden ſo acht bis zehn der Flambarts außer Wirkung geſetzt. Zum Gluͤck ging bald die Munition aus. »Meine Taͤubchen« ſagte nun die Koͤnigin von Saba, plaſſet uns jetzt die Teraſſenthur off⸗ nen, und ſie vollends abthun. Unſere Meſſer ſind ſcharf, und wir wollen ſehen, ob die Bretagner Butter oder Blut in den Adern haben. vEndlich le ſchrieen die Flambarts.„Endlich, wird der Kampf gleich, wenn wir auch Zwei ge⸗ gen Einen haben.« vIhr habt Blut gewollt: es wird Blut ſetzen,« ſagte, zwiſchen den Zaͤhnen murmelnd, der Pari⸗ ſer, und wickelte ſich eine Serviette um die Fauſt, um das Meſſer feſter halten zu koͤnnen. vIch bin fuͤr Dich bereit, mein Taͤubchen! Du Koch mit dem großen Meſſer,« rief die Ko⸗ nigin von Saba, in den Saal ſpringend, dem Pariſer zu. »Ah, komm, ſchoͤne Frau, daß ich Dir ein — Halsband von Stahl umlege!« ſchrie der Pari⸗ ſer, indem er dem rieſenhaften Provengalen ent⸗ gegen ſprang. Die Uebrigen waren auch in den Saal ge⸗ drungen, entweder auf der Treppe oder durch das Loch in der Decke, und der Kampf begann. Fuufzehntes Kapitel. Ein Soldat.. Sie haben den Weg verrammelt, und die Thür iſt durch Leichen geſperrt. Ein anderer Soldat⸗ Kamerad, mir iſt der Kopf zerſchmettert.— Zu Hülſe! Ich ſehe nichts mehr! Vyron, die Verwandlung des Buckligen. Wie ſchön der Mond hrut Abend ſcheint. Ein Tänzer zu ſeiner Tänzerin⸗ Der Kampf. Tiefes Schweigen! Kein Schrei! Denn ein Schrei verräͤth die empfangene Wunde. Tiefes Schweigen! Schweigend beißen ſie mit den Zaͤhnen um ſich, wenn ſie entwaffnet ſind; ſchweigend erdroſſeln ſie; ſchweigend toͤdten ſie; und ſie tödten viel, denn das Blut ſtrömt uber den Fußboden. Aber kein Schrei! —— Die trunkne, gluhende, wuͤthende Maſſe draͤngte ſich durch einander, ſtieß ſich, ſchlug ſich, ſturzte und ſprang wieder auf. Naͤgel und Zaͤhne, Alles war gut, wenn nur das Blut danach kam. Aber kein Schrei! Tiefes Schweigen! Nur von dem dumpfen Droͤh⸗ nen der ſchweren Fuͤße, welche zum Kampfe gegen den Boden geſtuͤtzt wurden, unterbrochen; die Seuf⸗ zer, welche die Sterbenden unterdruͤckten, das Schril⸗ len zweier Klingen, welche ſich auf derſelben Bruſt begegneten;— denn es war dunkel, nur noch eine Lampe brannte.— Aber tiefes Schweigen! Man hoͤrte keinen Schrei! Die Fenſter waren geoͤffnet und man ſah bei dem ſanften Scheine des Mondes eine lachende Landſchaft, bluͤhende Orangenhaine, einen klaren Bach, welcher ſich durch eine gruͤne Wieſe ſchlaͤn⸗ gelte; in dem Laubwerke der Roſenlorbeeren blitzte das Feuer der Johanniswürmchen, und die Nach⸗ tigall floͤtete ihr ſanftes, klagendes Lied. Die Koͤrper der Verwundeten und Todten be⸗ gannen den Kaͤmpfern im Wege zu ſein. Man trat zwar auf ſie, aber ſie gewaͤhrten keinen feſten Standpunkt und man ſtrauchelte daher oft; in einem Kampfe, Mann gegen Mann, Meſſer ge⸗ gen Meſſer, Zahn gegen Zahn, iſt der ganze Vor⸗ theil auf der Seite deſſen, der, wie jener Pro⸗ vengale, ſich auf beide Kniee legen und mit grau⸗ „ — ſamem Laächeln, mit flammenden Augen, ſeinem Gegner in das Ohr raunen kann: „Du biſt mein! Geh zur Hoͤlle! Da! Mein Dolch iſt noch friſch genug fuͤr einen andern Fran⸗ zoſen 4 Oder wie jener Matroſe, welcher zu Herodes ſagt: „Meine Klinge iſt zerbrochen, aber mit dem Hefte will ich Dir die Zaͤhne einſtoßen. Ha! fuͤhlſt Du's? Ich glaube wohl; denn Deine Zaͤhne packen meine Fauſt wie ein Schraubſtock; aber warte, ich nehme Deinen langen Dolch. Cordieu! der Griff iſt naß! Das iſt Blut— viel Blutle Und bei dem ſanften Scheine des Mondes er⸗ blickte man eine lachende Landſchaft, bluͤhende Orangenhaine, einen klaren Bach, welcher ſich durch eine gruͤne Wieſe ſchlaͤngelte; in dem Laub⸗ werke der Roſenlorbeeren blitzte das Feuer der Jo⸗ hanniswuͤrmchen, und die Nachtigall floͤtete ihr ſanftes, klagendes Lied. Da biſt Du ja endlich l ſchrie der Pariſer der Koͤnigin von Saba zu; Iſeit einer Viertel⸗ ſtunde ſuche ich Dich, um meinen guten Matro⸗ ſen zu raͤchen und Dir das Halsband umzulegen, welches ich Dir verſprochen habe, ſchoͤne Frau l« „Ah! Du biſt wohl eiferſuͤchtig auf meine Gunſtbezeugungen k rief der Coloß mit einem wiehernden Lachen. „Ja, ich will Dein Herz ruͤhren lK erwiderte 3— der Pariſer, und war mit einem Satze bei der Koͤnigin von Saba. »„O! komm, laß Dich umarmen, mein Taͤub⸗ chen; ich will gefaͤllig ſein. Und zum Andenken will ich Deinen Kopf an das Halsband haͤngen. Dabei preßte er den Pariſer mit aller Kraft in ſeine Eiſenarme. Ihre Geſichter beruͤhrten ſich. Eine Sekunde blieben ſie ſo, den heißen Athem gegenſeitig fuͤh⸗ lend. Plötlich oͤffnete die Koͤnigin die Arme und ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, durch Ue⸗ berraſchung und Schmerz erpreßt. Ein Sterbender hatte ſie in das Bein gebiſſen. Der Pariſer trat ſchnell einen Schritt zuruck, erhob ſein großes Meſſer, pfeifend ſank es auf die Bruſt der Koͤnigin hernieder und drang bis an den Griff ein. „Habe ich endlich Dein Herz geruͤhrt, meine Koͤnigin? Helk ſagte der Pariſer, das Meſſer umwendend, um die Wunde zu vergroͤßern. vJa, Hoͤllenhund, Du haſt mich geruͤhrt; aber ich will Dir noch zum Abſchied einen letzten Liebeskuß geben.«« Und mit der Wuth eines Sterbenden ſprang der Provencale auf den Pari⸗ ſer los, und bis ihn mit ſolcher Gewalt in Lippe und Wange, daß ſeine Zaͤhne knirſchend mit de⸗ nen des Matroſen zuſammentrafen; Beide ſturzten zu Boden. — 3 Bei dem ſanften Scheine des Mondes erblickte man eine lachende Landſchaft, bluͤhende Orangen⸗ haine, einen kleinen Bach, welcher ſich durch eine gruͤne Wieſe ſchlaͤngelte; in dem Laubwerke der Roſenlorbeeren blitzte das Feuer der Johannis⸗ wuͤrmchen, und die Nachtigall floͤtete ihr ſanftes, klagendes Lied. „Der Pariſer iſt todt l ſchrie ein Flambart. Rache! Rache fuͤr den Pariſer 1 vRache, Rache fuͤr die Koͤnigin von Saba lx ſchrieen die Provengalen. Und der Kampf wurde blutiger, wilder. Die Kraͤfte begannen auszugehn, und man fing daher an, zu ſchimpfen: es giebt kein beſſeres Huͤlfs⸗ mittel. Aber die Provengalen waren der Zahl nach uͤberlegen, außerdem durch ihre Kleider, ihre Zier⸗ rathen von Pappe im Vortheil; die Matroſen waren durch die Ausſchweifungen des vergangenen Tages erſchoͤpft. Schon begannen ſie, von der Menge gedraͤngt, zu erliegen; ſchon verdoppelte der Erfolg den Muth und die Kraft der Provengalen; da feuerte die Stimme des Pariſers die Matroſen aufs Neue an. Es war ihm endlich gelungen, ſich den Zähnen der Koͤnigin durch Zuruͤcklaſſung ſei⸗ ner halben Lippe zu entreißen. „Muth! Muth læ ſchrie er; Imuͤſſen wir un⸗ 32— ſete Haut hier laſſen, ſo ſollen ſie die ihrige doch auch nicht behalten.« Zugleich ſturzte er ſich auf Proſerpinen und rief: „Ich bin dieſen Abend galant, ich will viele Geliebte umarmen l4 Und von einer Seite kaͤmpfte man nun mit der Wuth und Erbitterung der Verzweiflung, auf der andern mit der Ueberzeugung eines Sieges, den die Matroſen nicht lange mehr ſtreitig ma⸗ chen konnten. Es war eine entſetzliche Schlachterei. In der That gab es Roth, wie die Koͤnigin von Saba geſagt hatte. Und beim ſanften Scheine des Mondes ſah man eine lachende Landſchaft, bluͤhende Orangen⸗ haine, einen kleinen Bach, welcher ſich durch eine gruͤne Wieſe ſchlaͤngelte; in dem Laubwerke der Roſenlorbeeren blitzte das Feuer der Johannis⸗ wuͤrmchen, und die Nachtigall floͤtete ihr ſanftes, klagendes Lied. Aber die Stimme der Nachtigall ertoͤnte nicht mehr allein; ein anderer Ton, ſcharf, durchdringend, ſchneidend, ſchallte jetzt durch die Stille der Nacht. Und dieſer Ton naͤherte ſich immer mehr, wurde immer ſtaͤrker, lebhafter, ausdrucksvoller. Es war der Ton einer Pfeife, am Bord de Salamander wohl bekannt.. — 3 Man konnte merken, daß der, welcher dieſe Gluͤck weiſſagenden Toͤne hervorbrachte, ſehr ſtark lief; denn immer naͤher und näher, ſtaͤrker und ſireſchalte die Pfeife. an vernahm den ſchweren Tritt mehrerer Maͤnner auf dem Raſen. Und ein ziemlich zahlreicher Haufe Seeleute, angefuͤhrt von Paul und La Joie, trat unter dem Schatten der Linden hervor und ſchrie: Muth, Kinder, Muth! Es kommt Unter⸗ ſtuͤtzung! Vorwaͤrts Flambarts! Vorwaͤrts Sala⸗ mander! Vorwaͤrts 4 Paul, welcher die Leiter noch an dem Balcon angeſetzt erblickte, kletterte ſchnell hinauf und La Joie folgte ihm auf den Ferſen; in einer Minute waren alle Neuangekommenen auf dem Balcon und ſprangen in den Saal. Es war Zeit, das ſchwoͤre ich Euch! Sechszehntes Kapitel. D Glück des Wiederſehens! Madame Malibran. Vorwärts Flambarts! WVorwaͤrts Flambarts! Vorwaͤrts Salaman⸗ der!« waren die erſten Worte, welche die Neuan⸗ 34— gekommenen ſchrieen, indem ſie ſich in die Mitte des wuͤthenden, unerbittlichen Gefechtes warfen. Dieſe unerwartete Verſtaͤrkung, der Ton von La Joie's Pfeife, Pauls Stimme, dies Alles ver⸗ einigte ſich, den Matroſen ſolche Kraft, ſolche Ent⸗ ſchloſſenheit zu verleihen, daß der Kampf ſchnell eine andere Geſtalt annahm, nur noch einen Au⸗ genblick dauerte, und ſich zum gaͤnzlichen Vortheil des Salamanders entſchied. Die Matroſen, welche ſtets Stricke und Taue bei ſich fuͤhren, banden die Provengalen, die noch allenfalls zum Kampfe faͤhig geweſen waͤren, und es gab deren nicht viele; dann ging man in das untere Geſchoß hinab, wo die Frauen meiſtens in Ohnmacht lagen und die Betrunkenen hart, feſt und ruhig ſchliefen; denn im Augenblicke des Beginnens der Gefahr hatten ſie ihre Kameraden hier hinab getragen. Die a⸗ men Menſchen beſchwerten ſich ſehr daruͤber, daß man ſie ſo bald weckte. »Seid Ihr unausſtehlich!« ſagte Einer. „Koͤnnt Ihr Euch denn kein Vergnuͤgen machen, ohne ſolchen Spectakel, wie dort oben 24 vDas iſt auch wahr; macht Euch ein Ver⸗ gnuͤgen, aber laßt die Andern ruhig ſchlafen.«4 vUnd ſchießt nicht mehr ſo viel,« ſagte ein Dritter, indem er ſich dehnte und ſich auf die an⸗ dere Seite legte, um weiter zu ſchlafen. „La Joie,« ſagte Paul, vlaß ſie nach den Booten tragen und dort einpacken. 4 — 35 Dann wendete er ſich zu den neuangekomme⸗ nen Matroſen und ſagte: „Ihr Andern bildet von hier bis an die Kuſte eine Kette, bis Alles am Bord iſt und wir ab⸗ ſeegeln; denn ich fuͤrchte, die ganze Gegend kommt uns uͤber den Hals.« Man hob die Koͤrper des armen Giromon und elf Andrer, welche ſchwer bleſſirt waren, auf, und trug ſie auf den Armen bis nach der Kuͤſte, oder fuhr ſie bis dahin auf den Wagen, in wel⸗ chen die Flambarts nach dem Gaſthauſe des hei⸗ ligen Marcell gekommen waren. Die Flambarts, welche ſich noch ſtark genug fuͤhlten, zu gehn, oder die Boote zu lenken, wurden mit den Neu⸗ angekommenen dazu beſtimmt, die Boote an Bord des Salamanders zu bringen. Als die kleine Escadre endlich im Begriff ſtand, unter Seegel zu gehn, machte Paul noch ſorgſam eine Runde, um ſich zu uͤberzeugen, daß keiner der Flambarts mehr in der Taverne ſei; dann gab er das Signal zur Abfahrt. Herr Paul,« ſagte der Pariſer, vich habe noch etwas vergeſſen: die Taverne in Brand zu ſtecken.« Nun, ſo mach, daß Du zuruͤckkommſt; die Sonne wird bald aufgehn und man iſt an Bord beſorgt. c4 Der Pariſer war kaum zwei Minuten abwe⸗ ſend, als er zuruͤckkehrte, indem er ſagte — 85— „Man muß doch ſein Geld nicht fuͤr Nichts und wieder Nichts wegwerfen 1 vVorwaͤrts cc commandirte Paul. La Joie's Pfeife ertoͤnte, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Paul blieb der Letzte und wachte uͤber Alles mit der groͤßten Sorgfalt. Bald kam man zu dem Ufer des Meeres, wo die Boote des Salamanders vor Anker lagen. Die Verwundeten wurden in die Schaluppe gelegt, die Betrunkenen in das große Boot. Paul ließ die Seegel richten und das Steuer auf den Salamander lenken, welcher allmaͤhlig immer mehr und mehr aus dem dichtch Nebel hervortrat. Die friſche kuͤhle Morgenluft ermunterte die Betrunkenen einigermaßen, indem ſie ihnen in das Geſicht wehete, und wenn ſie auch nicht ganz nuchtern wurden, ſo gewannen ſie doch die Heiter⸗ keit wieder. Geſaͤnge, Jubel, Scherz ertoͤnten, und das wiederholte Pfeifen La Joie's konnte ſie nicht zur Ruhe bringen. Die Ungluͤcklichen hatten durch⸗ aus keinen Gedanken von dem, was ſich zugetra⸗ gen, und ihr Freudengeſchrei ſtach grell ab gegen die Seufzer und Klagen der Verwundeten in der Schaluppe, welche ſich nach der Pflege des guten Garnier ſchmerzlich ſehnten. Es bleibt nur noch zu erklren, wie Paul g — — 37— rade ſo zur rechten Zeit ſeinen Flambarts zu Huͤlfe kommen konnte. Nachdem er ſich vom Bord des Salamander fortgeſchlichen, umſchwaͤrmte er bis zu Sonnenun⸗ tergang das Haus Alicens, und wollte dann eben zu dem Schiffe zuruckkehren, a's er auf zwanzig Matroſen, unter Fuͤhrung eines Bootsmeiſters, ſtieß, welche nach St. Tropez geſchickt wurden, um die Equipage des Salamanders zu verſtaͤrken. Zu der kleinen Bucht gelangt, welche äls ge⸗ woͤhnlicher Landungsplatz diente, erſtaunte er nicht wenig, um dieſe Stunde ſaͤmmtliche Boote des Salamander ohne irgend eine Wache zu erblicken. Er begann die Wahrheit zu ahnen; da er⸗ blickte er auf dem Meere einen Menſchen, der ſchwimmend ſich dem Ufer nahete. Er erreichte die Kuͤſte, ſtieg an das Land, und Paul erkannte La Joie. Der Lieutenant hatte ihn, nachdem er den ganzen Tage vergeblich auf Nachricht gewartet, abgeſchickt, um Erkundigungen einzuziehn, und der Equipagemeiſter mußte, da es an jedem Boote fehlte, die Stunde bis zur Kuͤſte ſchwimmend zu⸗ rucklegen. La Joie erzaͤhlte Paul Alles; dieſer bebte vor den Folgen der Deſertion, da er den Haß kannte, welchen die Provengalen und Bretagner gegen ein⸗ ander hegen; er ſetzte ſich daher an die Spitze der Neuangekommenen und durchſuchte in Beglei⸗ tung La Joie's, der ſeine Kleider auf dem Kopfe Salamander. II. 4 — 26— mitgebracht hatte, ſaͤmmtliche Tavernen von St. Tropez, ohne ſeine Flambarts zu finden. Endlich erinnerte ſich La Joie an das Wirths⸗ haus zum heiligen Marcellus, woſelbſt er mit ſei⸗ nem Freunde Bouquin zuweilen geplaudert hatte, und kam ſogleich auf den Gedanken, daß an die⸗ ſem einſam gelegenen und angenehmen Orte die Equipage des Salamanders zu finden ſein moͤchte. Man weiß, daß er ſich nicht irrte, und noch eben zeitig genug kam, die vollige Niedermetzelung ſeiner Flambarts zu hindern, die jetzt in Sicher⸗ heit waren, und mit vollen Seegeln dem Sala⸗ mander zuflogen. Doch Gott iſt Gott und Mahomed ſein Pro⸗ phet, und das Geſchick konnte nicht wollen, daß unter dem Meſſer der Morder eine ſo tapfere Equipage fallen ſollte, ſo vortreffliche Muſiker und Maler, ſo ausgelaſſen in ihren Orgien, ſo ausge⸗ zeichnet im Gefecht. Eine Equipage, welche ſich zu einem einzigen Menſchen geſtaltete; uͤberall derſelbe Wille, daſſelbe Verlangen. Trinken wir? Laßt uns trinken! Schlagen wir ſie todt! Sie murrten nicht gegen ein boͤſes Geſchick, welches einen Tag ausgelaſſe⸗ ner Freude in blutig wilde Metzelei verwandelte. Behuͤte! Sie fragten nur verwundert: Wer haͤtte das geſtern geſagt?* Und dann, was haͤtte aus dem Salamander werden ſollen, waͤre dieſe Equipage untergegangen? Denn ſie iſt ſein Leben, ſein Blut; dieſe Equi⸗ page, welche ſich in den Batterieen, auf den Decks, auf den Maſten, in den unzaͤhligen Verzweigun⸗ gen der Takelage vertheilt, iſt das Blut, welches in den Adern des Schiffes circulirt; es iſt das Blut, welches dem Koͤrper Leben giebt; dieſe Equi⸗ page, durch welche der Salamander Bewegung und Leben gewinnt, iſt ſein Herz, ſein Kopf. Er kommt, er geht, er hat eine Stimme; aber ein Hauch, und jedes Leben verſchwindet von dem Bord. Ein unerklaͤrlicher Laut, ein Hauch, wie er jedem lebenden Weſen entſtroͤmt, ſagt Euch:— Er iſt. Und ohne jenen Hauch wuͤrde der Salaman⸗ der nicht ſein. Man ſehe ihn nur, einſam, traurig, ſeiner Equipage beraubt.— Da iſt Schweigen, der Schlaf des Todes. Wie kalt und farblos er iſt! Wie grabaͤhnlich! Man koͤnnte ihn fuͤr einen je⸗ ner Koͤrper halten, aus denen, wie Balladen ſin⸗ gen, ein Zauberer augenblicklich die Seele ent⸗ fernt hat. Ei, guter Zauberer, haſt Du ihn wieder mit Deinem Stabe beruͤhrt? Mloͤtzlich lebt er wieder, bewegt ſich heiter und munter, und neues Leben rinnt durch ſeine Adern. Er hat ſeine Epiſtenz wieder gewonnen, denn ſeine Equipage iſt wieder am Bord; ſie iſt wieder vertheilt in den Batterien, auf dem Deck, in der Takelage. Er hat ſeine Seele wieder gewonnen, und wie iſt doch gleich ſein Ausſehen veraͤndert! Er iſt nicht mehr traurig, ſchweigend, kalt, farblos und wie von Schaam erfullt, wie ein Maͤdchen, welches keinen Geliebten hat. Er iſt ſtolz, hochmuthig, gluͤcklich; er lacht und wirft ſich in die Bruſt, und laͤßt luſtig ſeine tauſend Wimpel wehen. Und wenn dann die untergehende Sonne ihn mit ihren Strahlen begruͤßt, empfaͤngt er dieſe Huldigung kalt, gleichguͤltig, als wenn ſie ihm gebuͤhrte. * Siebzehntes Kapitel. Die Wahrheit zu ſagen, war es ein trauriger Schlaf, unterbrochen von Seufzern und plötzlichem Erwachen. Julius Janin, die Beichte. Rückkehr. Wie erwaͤhnt, ſchwamm La Joie auf Befehl Peters nach der Kuͤſte, und erhielt dabei den Auf⸗ trag, wenigſtens eins der Boote zuruͤckzubringen⸗ damit die Communication wieder hergeſtellt wer⸗ den koͤnnte. 6 z. = Der Lieutenant, der Faͤhnrich, der Commiſſair und der Doctor waren daher ſehr erfreut, als ſie alle vier Boote mit vollen Segeln ankommen ſahen. »Es wundert mich,« ſagte Peter,„daß der alte La Joie ſeinen Zweck ſo ſchnell erreicht hat.« „Ei, zum Teufel, was willſt Du kc4 ſagte der Doctor; vdes giebt ja auf dem Lande ſo we⸗ nig: Wein und Wein und wieder Wein, das iſt Alles. Sie werden uns daher auch in einem Zuſtande zuruͤckkommen— 46 vIch hoffe, Lieutenant,« ſagte der Commiſſair, daß Sie ein Beiſpiel der Strenge geben werden.« v„Ich kenne meine Pflicht, mein Herr. 6 Aber, ſo ſchweigen Sie doch, Commiſſair, ſagte der alte Garnier; Iwiſſen Sie denn, was 1 ein Seemann iſt? Glauben Sie denn, daß dieſe armen Teufel, wenn ſie nach zwei, drei Jahren einmal an das Land kommen, ein ſo großes Un⸗ 4 recht begehen, wenn ſie ſich einmal einen luſtigen Tag machen? Ich gebe Ihnen, der Sie ſich ſchon jetzt uͤber das Leben am Bord beklagen, nur ſechs Monat, dann wollen wir ſehen.«. Gott verdamme mich, 4 rief Merval, dves 13 giebt Blut und Todte in den Booten 44 »Sagen Sie lieber: Wein und Betrunkene!« ſagte Garnier. 1 MNein, par dieu! Merval hat Recht,«« rief 1⁸ der Lieutenant, ſein Fernrohr abſetzend. vvIch war davon uberzeugt; ein Streit, eine Pruͤgelei mit den Provengalen, einer Meinungsverſchieden⸗ heit wegen. Verwuͤnſcht! Meine armen Flam⸗ barts, meine armen Matroſen! Und Paul, mein Sohn l4 „Beruhigen Sie ſich,« ſagte Merval, ich ſehe ihn, er fuͤhrt das Steuer der Schaluppe. Ihm fehlt nichts.« vTeufel lcc rief der Doctor; vmeine Char⸗ pie, meine Bandagen, mein Verbindezeug! Da iſt viel Blut unnuͤtz vergoſſen worden; aber das iſt gleichguͤltig. c Und der ehrliche Alte eilte nach ſeiner Cajuͤte hinunter. „Sehen Sie, Merval,4 ſagte der Lieutenant, „das iſt nun traurig; da ſind ſie, dieſe braven, ehrlichen Menſchen, deren Betragen ich bei mir ſelbſt entſchuldige, weil ich die Entbehrungen kenne, welche ſie ſo muthig erdulden; und doch muß ich ſie am Bord mit Strenge empfangen, muß ſie ſtrafen.« Bah, bahlas ſagte der Faͤhnrich, vSie behandeln Ihre Matroſen viel zu ſanft; die Eng⸗ laͤnder— 46 Die Englaͤnder, die Englaͤnder haben kein ftanzöſiſch Blut, Herr Faͤhnrich. Mit Peitſchen⸗ hieben werden ſie ins Gefecht getrieben, und das iſt ein trauriger Muth, der ſich nur regt, wenn ſie zwiſchen zwei Gefahren ſtehen, oder wenn ſie mit Rum und Wein voll gegoſſen ſind. Ich habe hier in neun Jahren nur elf Mal Stripſe geben laſſen. Ich kenne meine Flambarts im Feuer und weiß, was ſie da gelten.« vJeder hat ſeine Meinung, Lieutenant. Aber da ſind unſere Leute. 44 In der That hatten die Boote angelegt, doch kein Matroſe ließ ſich auf dem Decke ſehn. Be⸗ ſchaͤmt, verwirrt, ſprangen ſie Alle durch die Lu⸗ ken an Bord, und nur die Verwundeten und der arme Giromon wurden auf das Deck gehiſſt. Paul unterrichtete den Generalſtab von allem, was ſich zugetragen hatte, und der Lieutenant be⸗ fahl dem Equipagemeiſter La Joie, die ganze Equipage auf das Deck zu rufen. Die Matroſen erſchienen mit nied ergebe gtem Kopf, ſorglos und gefaßt. Peter ſtieg auf die Quartierbank, legte ſein Geſicht in ſtrenge Falten und ſagte: „Jeder Matroſe, welcher ohne Erlaubniß den Bord verlaͤßt, kommt acht Tage in die Eiſen; wenn die Verlaſſung des Bords den Anſchein ei⸗ ner Deſertion bekommt, ſo erhalten die Anfuͤhrer zwanzig Tauhiebe. Die Equipage des Salaman⸗ ders befindet ſich in dieſem Falle, nennt mir da⸗ her Eure Anfuͤhrer. Er wußte wohl, der wuͤrdige Offizier, daß er auf dieſe Aufforderung keine Antwort erhalten wuͤrde. „Da ihr Euch weigert, ſie mir zu nennen,« fuhr der Lieutenant fort, vſo bleiben Alle, welche nicht auf der Quartierwache ſind, einen Monat lang, taͤglich 12 Stunden in den Eiſen.— Geht auseinander, marſch!— Backbordwache in die Eiſen!— Capitain d'armes ſorgen Sie dafuͤr.« Dies Alles war der Equipage ſchon im vor⸗ aus ſo bekannt, ſo beſtimmt erwartet, daß kein Gemurmel entſtand, kein Wort geſprochen wurde; und in der That ſchien Peter von dem Befehle peinlicher beruͤhrt, als die Matroſen. „Gute, ehrliche Menſchenls ſagte Peter, in⸗ dem er ſie einzeln nach dem untern Deck hinab⸗ ſteigen ſah; Sfuͤr einen Tag des Vergnuͤgens, und welches Vergnuͤgens! fuͤhren ſie nun zwei, drei Jahre hindurch wieder das haͤrteſte und beſchwer⸗ lichſte Leben, ohne zu klagen! Arme Menſchen!— Aber ich muß nach den Verwundeten ſehen.« Er ging zu dem Doctor, welcher geſchaͤftig hin⸗ und herlief und in der Gallerie, wohin man die Verwundeten vorlaͤufig gebracht hatte, ſchwur und tobte. „Ihr konntet alſo nicht, Ihr dummen Thiere,« ſchrie er,„Eure Stoͤcke oder Saͤbel mitnehmen, um ans Land zu gehen? Euch ſo von den Hun⸗ den zurichten zu laſſen! Es lohnt auch wohl der Muͤhe, ein Bretagner zu ſein und den Stock re gieren zu koͤnnen, um wie das Vich hin gen zu laſſen.« 5 „Aber, Doetor,«« ſagte einer von ihnen, „„wir hatten unſere Meſſer.«6 „Ah ja, Eure Meſſer! Ihr ſeid gute Eſel, daß Ihr Eure Meſſer gegen die Hunde brauchen konntet! Seht einmal hier dieſe Wunde! Ritzen etwa Eure Stecknadeln ſolche? Ich ſage Euch, Ihr ſeid Thiere, Eſel, Beſtien. Und nun hoͤrt, was ich Euch ſage. Wenn ich morgen fruͤh an der Wunde eines von Euch ſehe, daß er dieſe Nacht Schmerzen ausgeſtanden hat, und er hat mich nicht rufen oder wecken laſſen, kurz, wenn ich merke, daß einer von Euch Schmerzen aus⸗ ſteht, ohne mir es zu ſagen, hoͤrt Ihr 4 vJa, Doctor x4 »Nun, dieſer Jemand geht dann 14 Tage in die Eiſen. Das ſchwoͤr' ich Euch zu, denn es iſt nicht das erſte Mal, daß Euch das begegnete, Ihr Ungluͤckskinder.« vAber, Doctor— 44 MNichts von, aber Doctor! Glaubt Ihr denn,« ſagte der ehrliche Alte ganz wild,»glaubt Ihr denn, daß Ihr hier wie die Verdammten leiden ſollt, und ich mich hinter den Ohren kratzen und ruhig ſitzen ſoll, wie ein Moͤnch? Daß ſolche Menſchen, wie Ihr, ſo dumme Thiere Ihr auch ſeid, nicht alle mögliche Sorgfalt verdienen? Iſt Euch nicht mein ganzes Leben gewidmet, Ihr Elenden 26 v„Ja, Doctor, ja l riefen die Andern mit großer Furcht, denn der gute Garnier ſprach ſeine freundlichen Geſinnungen in entſetzlicher Wuth aus. — Ja, Doctor, wir wiſſen, daß Sie unſer alter Doctor ſind, und uns verteufelt pflegen. 44 vDas iſt auch was Rechts; ich wuͤrde mich maulſchelliren, wenn ich es nicht thaͤte. Alſo, meine Kinder, abgemacht! Muth! Es wird nichts ſein; beruhigt Euch, und vergeßt nicht, an die Eiſen zu denken, wenn Ihr mir Eure Schmerzen verbergt.« vNJa, Doctor. 4 Und hierauf ging der ehrliche Garnier brum⸗ mend und zankend wieder zu dem Lieutenant, der einen offenen Brief in der Hand hielt. vUnſer Commandant, der Marquis von Lon⸗ getour, kommt,« ſagte Peter. „NUnd wann 244 Man meldet mir von Toulon ſeine Ankunft auf morgen.« vNHerr Longetour— 44 „Ja, der Marquis von Longetour; ich habe keinen Begriff von dem Namen.« vvIch auch nicht, aber das iſt mir gleich⸗ guͤltig. Ich kehre zu meinen Verwundeten zuruͤck; ich habe vergeſſen ihnen noch etwas zu ſagen. 46 Und waͤhrend des nun folgenden Tages war die Ankunft des neuen Commandanten das einzige Geſpraͤch. Achtzehntes Kapitel. Einem anſtändigen Laſter ergeben, biſt du gluhend, doch nicht ausſchweiſend; verblendet, doch nicht blind. Byron, der Walzer. Welch ein Anzug! Aber dieſer Bräutigam iſt abſcheulich, meine Liebe! Er iſi ein Mann! Frauen⸗Antwort. Hilf Himmel! Welch ein Putz! Welch ein Lurus! Das iſt nicht das gezwungene Benehmen ei⸗ ner daͤniſchen Ourka, lang und ſchmaͤchtig wie ein junges Maͤdchen, oder die ſchwerfaͤllige und vier⸗ eckige Geſtalt einer hollaͤndiſchen Galiotte, unbe⸗ holfen wie eine Wirthſchafterin. Es war etwas Feines, Schlankes, Elegantes, Wolluͤſtiges. — 5 Er putzte ſich wie ein eitles Maͤdchen, der Salamander, ſo viel Geſchmack hatte er. Und eine Corvette, wie der Salamander, folgt nicht der Mode, ſondern er erfindet ſie. Der Salamander war es daher auch, welcher zuerſt weit ausgeſchnittene Bramſeegel trug, zuerſt den innern Rand der Bordluken roth anſtreichen ließ, was gegen die ſchneeweißen Barkhoͤlzer herrlich abſtach. y·ber man mußte dazu auch ſein Benehmen, ſeine Schoͤnheit, ſeine herrliche Geſtalt haben, um ſich ſo ſchmuͤcken zu koͤnnen; kurz, man mußte der Salamander ſein. Ich erinnere mich, daß eines Tages zu Cajao eine engliſche Corvette den Putz der franzoͤſiſchen nachaͤffen wollte. Mein Gott! man haͤtte ſehen ſollen, wie ſie ſich dadurch laͤcherlich machte; es war zum Er⸗ barmen. Die arme Englaͤnderin! Und doch war es daſſelbe Roth an den Lu⸗ ken, derſelbe Ausſchnitt an den Bramſeegeln; aber es fehlte ein gewiſſes Etwas, was den Salaman⸗ der vor andern Schiffen ſeines Gleichen auszeich⸗ nete und das der engliſchen Corvette abging. Ja, man ſah wohl, daß der Salamander ſeinen neuen Gebieter erwartete. Welch ein Ge⸗ ſchmack, welch eine ſorgfaͤltige Reinlichkeit! 2 Wie weiß und nett das Deck iſt, wie ſchlank „ — er ſeine Maſten traͤgt; welch eine Puͤnktlichkeit und Schnelligkeit in den Manoͤvern! Wie ſchoͤn, wie wolluͤſtig, moͤchte ich ſagen, kleiden ihn die Unterſeegel! Aber, was ſeh' ich? Ei, uͤber den Stutzer! Seine beſten Waffen hat er hervorgeſucht, ſeine metallnen Kanonen ſpiegelblank geputzt, daß ſie wie Diamanten blitzen! Mein Gott, ich bin ge⸗ blendet! 2 Und dann hatte er ſich mit allen ſeinen Flag⸗ gen geſchmuͤckt, ſo daß in der blauen Luft das bunteſte Farbenſpiel ſich zeigte. Da ſah man das Blau der Englaͤnder, das Roth der Tuͤrken, das Gelb der Spanier, das Weiß und Blau der Hel⸗ lenen, das Gruͤn und Weiß Chili's, und was weiß ich noch fuͤr welche? In der That, der ſchoͤne Salamander funkelte von Stahl, Gold, Farben und Licht. Und wozu alle dieſe Vorbereitungen? Um den wuͤrdigen und guͤtigen Marquis von Longetour zu empfangen, der Deinetwegen ſein ruhiges Comp⸗ toir, ſein boshaftes Weib, ſein gluͤckliches und unthaͤtiges Leben, ſein Domino, ſeinen Faffee, ſeine beſcheidenen Gewohnheiten verlaſſen hatte. Ach! ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, er wird durch Dich verwirrt, vielleicht ſogar ins Verderben ge⸗ ſtuͤrzt werden. Er, ſo ſanft, Du, ſo hochmuͤthig; Er, ſo furchtſam, Du, ſo unerſchrocken; Er, ſo keuſch, ſo ſchuͤchtern, Du, ſo verliebt, ſo zudring⸗ — 30— lich, allen Schiffen, denen Du begegneſt, Zeichen gebend. Ach und wieder Ach! ich furchte, daß zwiſchen Dir und ihm gaͤnzliche Unvertraͤglichkeit herrſchen wird und daß Du ihn zur Scheidungsklage bringſt. Denn Du wirſt Deinen tapfern und ſtolzen Freund Peter Huet beibehalten wollen. Armer, armer Marquis! Und wenn er ſich nun in Dich vecllilte da Du Dich ſo ſchoͤn gemacht? Du liebſt ihn nicht, und willſt ihn doch verfuͤhren? Wahrlich, die Cor⸗ vetten und die Weiber ſind eingefleiſchte Teufel. In der That war der Salamander nie ſo ſchoͤn, ſo lieblich anzuſchauen geweſen. Alle ſeine Flambarts und neuen Matroſen waren, von Paul gefuͤhrt, ſchoͤn gekleidet, auf dem Deck aufgeſtellt; ſie trugen weiße Beinkleider und blaue Jacken mit blanken Ankerknoͤpfen; ihre rothen Schaͤrpen ſta⸗ chen grell gegen die weißen Hemden ab, deren blaugeſtickte Kragen auf die Jacken herabfielen und braune, kraͤftige Haͤlſe ſehen ließen. Ein klei⸗ ner, niedriger Hut mit ſchmalem Rande, mit wei⸗ ßer Kokarde verziert, und einem breiten, ſchwarzen Bande umgeben, vollendeten die Uniform. Die Schiffsmeiſter, Hochbootsmaͤnner und Bootsmaͤnner waren an den goldnen Treſſen um Aufſchlaͤgen und Kragen zu erkennen. Das tiefſte Schweigen herrſchte am Bord; es ——— Achſelſchnur, auf ſeinen ſchoͤnen Dolch mit elfen⸗ den Lieutenant. war neun Uhr, und um halbzehn Uhr ſollte der Marquis kommen. Auch der Stab war auf dem Deck verſammelt. Peter und die andern Offiziere waren in die Staatsuniform der Marine gekleidet, mit rothen Rabatten und Goldſtickerei auf Kragen und Auf⸗ ſchlaͤgen; ſtatt des Degens trugen ſie einen Dolch, der an ſeidenen Schnuͤren hing. Der gute Doctor trug die Zeichen ſeines Gra⸗ des in Silber auf rothen Sammet geſtickt, und der Commiſſair die ſeinigen in Silber auf blauem Tuch. Paul war ſtolz, wie ein Kind, auf ſeine goldne beinernem Griff, welchen ihm ſein Vater geſchenkt hatte. „Sehen Sie noch nichts, Steuermann?4 fragte der Lieutenant. »„Ja, Lieutenant; ich glaube, da ſeegelt ein Boot mit aufgeſetzter Flagge um die Landſpitze. 4 „Nun, endlich werden wir unſern Comman⸗ danten kennen lernen l« ſagte Peter, das Fernrohr nehmend.„Ja, er iſt es. Faͤhnrich Merval, laſſch Sie Jeden an ſeinen Poſten treten, damit wir unſern Capitain wuͤrdig empfangen.« Dies geſchah. Iſt er dick oder mager 4 fragte der Doctor Meiner Treu, ich weiß noch nicht; in die⸗ — 5 ſer Entfernung kann ich noch nichts erkennen; ſieh Du ſelber. c4 vEr ſcheint mir ſehr mager,« ſagte traurig der Doctor, nachdem er durch das Fernrohr ge⸗ ſehen hatte. Boͤſes Zeichen, was den Tiſch an⸗ belangt.« vAuf Ihre Poſten, meine Herren, auf Ihre Poſten!c4 ſagte der Lieutenant; vvdas Boot wird gleich anlegen.«4 In der That legte das Boot an der Steuer⸗ bordleiter an, nachdem die zwoͤlf kraͤftigen Ma⸗ troſen, welche es ruderten, einen Bogen beſchrieben hatten, ſo daß ſie mit bewunderungswuͤrdiger Ge⸗ nauigkeit ihr Ziel trafen. In dieſem Augenblicke trat Peter in die Oeff⸗ nung der Gallerie; die Pfeife des Equipagemei⸗ ſters La Joie ertoͤnte, die Trommelſchlaͤger wirbel⸗ ten, die Capitainsflagge wurde gehiſſt, und zwei ſchoͤne Seile, mit rothem Scharlach uͤberzogen, glitten am Bord hinab, um dem Ex⸗Kaufmann das Hinaufſteigen zu erleichtern; dieſer hatte ſchon drei Mal gruͤßend ſeinen Hut abgenommen, und ſchien ſehr verlegen, wie er hinaufkommen ſollte. — Neunzehntes Kapitel. Du kennſt ihn wohl; er hat ſo ſein Weſen. Verſtehſt Du? Herrmann. Gut, gut! Ich verſtehe. Schiller, die Räuber. Kameraden, was ſagt Ihr dazu? Hm! Hm!— Oh! Oh! Ich bin gan: Eurer Meinung. Burke, das thörichte Weib. Die Sſpecton. Herr Formon, Marquis von Longetour, hatte ſich waͤhrend der langen Zeit, die er hinter ſeinem Ladentiſch wrlebte, in der Gymnaſtik der Marine etwas vernächlaͤſſigt; er ſchien daher in großer Verlegenheit, eine Leiter hinaufzuſteigen, die, dicht an die Seiten des Fahrzeugs angelegt, kaum ſo viel Raum ließ, die Fußſpitzen einzuſetzen. Indeſſen half er ſich mit den beiden Seilen, welche an den Seiten herabgelaſſen waren, zu der gefahrvollen Erſteigung; aber auf der Hälfte der Leiter machte er einen falſchen Tritt, glitt aus, und wuͤrde ſich wahrſcheinlich todt gefallen haben Salamander. II. 5 oder ertrunken ſein, haͤtte er nicht ſo viel Geiſtes⸗ gegenwart beſeſſen, ſich an den beiden Seilen feſt anzuhalten. Aber, da es ihm nun an einem Stutzpunkte fehlte, blieb er ſo in der Luft hängen. Ein Matroſe aus dem Boote ſetzte ihm aus Achtung den Fuß wieder auf die Leiter und er gelangte ſo, Dank ſei es dieſer Huͤlfe, gluͤcklich auf das Deck. „Was Teufel macht er denn da fuͤr ein Ma⸗ noͤver 4 ſagte der alte ehrliche Garnier,„will er etwa verſuchen, ob die Seile auch feſthalten? Aber er ſcheint wahrhaftig ſehr mager zu ſein.« Ich gruͤße Sie, meine Herren, aber Ihre Treppe iſt wahrlich nicht bequem.«6 Dies waren die erſten Worte, welche der Ex⸗ Kaufmann an die ſämmtlichen, auf dem Deck verſammelten Offiziere richtete. Herr von Longetour ſaß gefangen in einer ganz neuen Uniform, unter einem ganz neuen Hute, trug ganz naue ECpaulets, einen ganfp⸗euen De⸗ gen, ſo neu, daß er noch von jenem leichten Staube bedeckt war, welcher die Jungfraͤulichkeit des Stahles beſtatigen konnte.— Er war glän⸗ zend, flimmernd, blendend ſo, der ſchoͤne gute Formon. „Nein, meiner Treue! Ihre Treppe iſt nicht bequem,« wiederholte er noch einmal, die Offiziere grußend.. „„Wir ſind in Verzweiflung, Herr Commanz dant, daß wir Ihnen keine andere bieten koͤn⸗ nen, c4 ſagte Peter.„NAber, erlauben Sie mir, Ihnen die Offiziere des— Aber, mein Gott, ſo ſehen Sie ſich doch vor, Commandant: Sie fallen ja in den Raum hinunter. 44 Herr von Longetour, welcher drei Schritte zu⸗ ruͤckgetreten war, um ſich ein Anſehn zu geben, wuͤrde ſicher mitten unter der Anrede des Lieute⸗ nants in die Fallthuͤre geſtuͤrzt ſein, waͤre ihm jene mitleidige Erinnerung nicht geworden. »Commandant,« fuhr Peter fort, vwenn Sie ſich die Muͤhe nehmen wollen, nach Ihrer Gallerie hinunterzukommen, ſo will ich Ihnen die Offiziere namentlich vorſtellen.« Aber der Commandant war ſo verbluͤfft uͤber alles, was mit ihm vorging, daß er ſtatt nach dem Hintertheil, nach dem Vordertheil ging; die Offtziere folgten ihm, ohne eigentlich zu wiſſen, was er wolle. »Er wird nach den Kuͤchen ſehen wollen,* ſagte der Doctor; vnun, das iſt kein uͤbles Zei⸗ chen. 4 Endlich erinnerte ſich der Ex⸗Kaufmann, daß ehedem die Gallerie ſich am Hintertheil befand, und kehrte daher, nachdem er die Runde gemacht hatte, nach dem Hackebord zuruͤck. Es iſt wahr, daß dieſer Spaziergang in den Augen der Equipage fuͤr eine Inſpection gelten konnte. 5*— Der Lieutenant ging nun voraus nach der Batterie, wo die Wohnung des Commandanten lag. Der wuͤrdige Marquis trat zu ſich ſelbſt ein, und ſtaunte nicht wenig uͤber den Lupus, den er hier fand. „Das iſt huͤbſch, recht huͤbſchl« ſagte er zu Peter; vaber ſtellen Sie mir nun die Herren Of⸗ fiziere vor, ich bitte.« Peter begann: „Herr von Merval, Schiffsfaͤhnrich.« „Herr von Merval, Fähnrich— Faͤhnrich? — Ah, ich hab's; wir nannten das ſonſt, glaube ich: Capitain de fläte. Und wir trugen, ſo viel ich mich erinnern kann, eine blautuchne Uniform und Weſte mit goldner Treſſe beſetzt; und im Sommer erlaubten uns Sr. Majeſtät, Camelot zu tragen. Das war recht huͤbſch, küͤhl und leicht. — Es freut mich, Herr von Merval, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen 1«6 Und der gute Marquis gruͤßte artig. Peter und der Doctor ſahen ſich uͤberraſcht an; dann fuhr Peter fort: »Herr Paul Huet, Aspirant erſter Claſſe, thut Sffiziersdienſte am Bord.« „Sie nennen ſich auch Huet, Lieutenant 4 „⸗ „Ja, Commandant, es iſt mein Sohnle „Ah ſo! Ein huͤbſcher junger Menſch! Ah! Und er iſt Aspirant? Wir nannten das ſonſt— warten Sie einmal— ja, ich hab's: Flaggen⸗ waͤchter der Marine. Wir hatten Uniform von Koͤnigsblau mit rothem Serge gefuͤttert; Vorſtoß und Kragen und auch die Struͤmpfe waren ſchar⸗ lachroth; wir trugen einen Musketir-Hut, eine Schaͤrpe mit Goldfäden durchwirkt. Wahrhaftig, das ſah recht ſchoͤn aus, und wuͤrde dieſen huͤb⸗ ſchen jungen Menſchen recht nett kleiden.— Nun, wie iſts l« ſagte der ehrliche Commandant, Paul ſanft auf die Backe klopfend; vwir ſind doch recht vernuͤnftig? Papa iſt doch mit uns zufrieden 26 Paul erroͤthete, unterdruͤckte mit Muͤhe ein Gelaͤchter, und gruͤßte achtungsvoll. Peter fuhr fort: Herr Garnier, Oberarzt des Salamanders.« Der alte Doctor trat näher. vAh, ah, mein Herr Doctor! Ich bin ent⸗ zuckt, Sie kennen zu lernen! Ich hoffe, daß wir als gute Freunde mit einander leben werdenz das iſt aber auch Alles: denn vor Ihren Inſtrumen⸗ ten habe ich allen moͤglichen Reſpect.« »„vUnd dennoch, Commandant, glaubt' ich eben, als ich Sie da an den Seilen zwiſchen Him⸗ mel und Waſſer ſchweben ſah, wir wuͤrden bald nähere Bekanntſchaft machen. 44 Garniers Freimuͤthigkeit ließ ſich durch die Zeichen, die der Lieutenant ihm gab, nicht zuruͤck halten. vIn der That, Doctor,« erwiderte der Com⸗ mandant; vich muß komiſche Pirouetten gemacht haben.« „„Ja, wahrhaftig, recht komiſch, Comman⸗ dant, wir haben uns faſt einen Buckel daruͤber gelacht. 44 Peter wurde roth vor Zorn. „Deſto beſſer; ich liebe es, wenn man heiter und luſtig iſt.« v„Oh! aber— 46 Der Lieutenant unterbrach den Doctor, wel⸗ cher im Begriffe war, dem Commandanten etwas zu antworten, und ſtellte dieſem den Commiſſair vor. miſſair am Bord des Salamander.« „Zahlungsbeamter læ ſagte der Commandant, welcher mit ſeinen Erinnerungen von Ehemals noch nicht zu Ende war;»Zahlungsbeamter! Das nannten wir ſonſt: Oflicier de plume. Sie tru⸗ gen graue Uniform mit Kragen von carmoiſin⸗ rothem Sammet.« „Der Herr Commandant ſind zu guͤtig, ſich dieſer naͤhern Umſtaͤnde ſo genau zu erinnern l« ſagte der Commiſſair; vaber bei dieſer Gelegenheit be⸗ kenne ich mit Eifer meine Ergebenheit gegen die regierende Familie, welche die Vorſehung uns wie⸗ der gegeben hat, welche die Vorſehung—4 Aber ſo ſchweigen Sie doch, Commiſſair,« unterbrach ihn der Doctor mit halblauter Stimme. „Herr Gabillot, Zahlungsbeamter und Com⸗ »Man ſpricht zu Ihnen von carmoiſinrothem Sammet, und Sie antworten von der Vorſehung! Das iſt doch dumm zum Heufreſſen.« Der Ex⸗Tabakshaͤndler wollte nicht zuruͤck blei⸗ ben, und ſagte alſo: Niemand, meine Herren, achtet die Familie, welche die Vorſehung uns zuruͤck gegeben hat, hoͤher als ich; ich danke ihr noch uͤberdies das Vergnuͤgen Ihrer Bekanntſchaft, woruͤber ich hoch erfreut bin! Sie ſcheinen mir recht gutmuͤthige Menſchen zu ſein. Nun, ich hoffe, wir werden uns gut mit einander verſtaͤndigen. Ich fuͤhle mich ſchon geneigt, Sie zu lieben, Sie Alle, und Sie wie meine Kinder an mein Herz zu ſchließen. — Wir werden uns gegenſeitige Duldung erwei⸗ ſen, nicht wahr? Und Sie werden mir mit Ihrem Rathe beiſtehen; denn, ſehen Sie, ich bedarf deſ⸗ ſelben gewiß oft. vUnd nun, meine Freunde, um mit einem Worte zu ſchließen, welches gewiß in Aller Herzen ein Echo findet: Es lebe der Konig— Der gute Marquis rief dies, bis zu Thränen geruͤhrt, und warf dabei den Hut in die Luft. Der Commiſſair brach nun in einen ſo lauten unerwarteten royaliſtiſchen Schrei des Lebehochs aus, daß der Doctor einen wuͤthenden Satz machte. Der Lieutenant lag auf der Folter. Er naͤ⸗ herte ſich dem Marquis und fragte ihn, ob er eine ſpeciellere Beſichtigung der Corvette vornehmen wolle. „Nein, nein, mein Freund,« erwiderte Jener, „das wollen wir ſpäter ſehen. Aber vorher moͤchte ich den Braven da oben noch einige Worte ſagen.« Und er ſtieg auf das Deck hinauf, von den Offizieren gefolgt. Die Pfeife La Joie's ſtellte das Schweigen her, und der Marquis nahm das Wort: „Meine braven Freunde, der Koͤnig ſendet mich, um den Befehl uͤber Euch zu fuͤhren, und ich werde Alles thun, um das Vertrauen zu ver⸗ dienen. Ich hoffe uͤbrigens, daß wir recht gut miteinander auskommen werden. Peter huſtete ſtark, und ſah den Marquis an. Dieſer fuhr, ohne ſich irre machen zu laſſen, fort: vUnd Ihr werdet alle meine Kinder ſein.« Die auch ½ ſagte Garnier. Ma, der wird mit ſeinen lieben Kleinen was zu thun bekom⸗ men!« „Denn, meine Freunde,« fchr der Ex⸗Kauf⸗ mann wieder fort,»Ihr werdet ſehen, daß Euer älter Commandant eine ehrliche Haut iſt und Niemand etwas zu Leide thut, Niemanden, hoͤrt Ihr? Im Gegentheile werde ich mich fuͤr Euch viertheilen laſſen, und Euch gegen jeden ſhürn der Euch etwas anhaben will.« Und der wuͤrdige Mann begann vor Ruͤhrung bitterlich zu weinen. Peter nahete ſich ihm, und ſagte leiſe: »„Genug, genug, Commandant; laſſen Sie mich weiter reden. 4 In der That begannen auch die Matroſen, an dergleichen Thraͤnen wenig gewoͤhnt, zu fluͤ⸗ ſtern und unruhig zu werden. »Schoͤn,« ſagte der Marquis und trocknete ſich die Augen. Matroſen,« nahm Peter das Wort, Ider Commandant traͤgt mir auf, Euch zu ſagen, daß er, ungeachtet des Wunſches, Euch gluͤcklich zu machen, doch will, daß fortwährend die ſtrengſte Disciplin am Bord herrſchen ſoll; er will, wie bisher, die geringſten Fehler mit Strenge beſtraft wiſſen. Er hat mir befohlen, Euch zu ſagen, daß Ihr ihn hart und unbeugſam finden werdet, ſo bald Ihr Euch nicht Eures alten Ruhmes wuͤrdig zeigt.— Geht auseinander!— Marſch! — Die dienſtfreie Mannſchaft begiebt ſich wieder in die Eiſen.« Die Geſichter der Matroſen, welche durch die weichherzige Rede des Commandanten etwas aus den gewoͤhnlichen Falten gekommen waren, nah⸗ men ihren eigenthuͤmlichen Ausdruck der Gleich⸗ gültigkeit und Ergebung wieder an; und als ſie in den Arreſt zuruͤckkehrten, ſagten ſie unterein⸗ ander: „Seines gutmuͤthigen Ausſehens ungeachtet ſcheint der Neue doch ein alter Wuͤtherich zu ſein. Habt Ihr gehört, wie er zum Lieutenant ſagte, daß er uns zuſammennehmen ſollte? Das iſt wie⸗ der ein alter Meerwolf das, hart wie Eiſen. Wir wollen uns nicht von ihm beißen laſſen 14 Armer Marquis! Weiß Gott, ſie beurtheilten Dich gewaltig falſch. „Mein lieber Lieutenant,« ſagte der Comman⸗ dant zu Peter, vwollen Sie wohl die Guͤte ha⸗ ben, zu mir herab zu kommen? Ich habe zwei Worte mit Ihnen zu ſprechen.« „Auch ich habe etwas mit Ihnen zu reden, Commandant.« „Nun, ſehen Sie doch, wie ſich das trifft,« ſagte der Er⸗Tabakshaͤndler. und ſie gingen beide miteinander hinab. JZwanzigſtes Kapitel. Der König iſt unfehlbar. Charte. Entdeckung. WVor allen Dingen, mein„lieber Lieutenant, muß ich Sie um Erlaubniß bitten, dieſe verfluchte — Uniform ausziehen zu duͤrfen, denn wahrhaftig, ich erſticke faſt darin.« vNach Ihrer Bequemlichkeit, Commandant; nach Ihrer Bequemlichkeit c4 vAch! endlich bin ich frei! Wie ſchwer das Alles iſt!— Und der Degen, und der verwuͤnſchte Hut, nach dem ich immer ſchielen muß.— Se⸗ hen Sie, lieber Freund, das koͤmmt daher, weil ich ſo lange ſchon Buͤrger, guter Buͤrger geweſen bin, daß ich alle Gewohnheit verloren habe, den Harniſch zu tragen.« vEs iſt alſo wohl lange Zeit her, daß Sie nicht zur See waren, Commandant? 44 »Ob es lange her iſt? Freilich, das will ich meinen. Aber ſehen Sie, mein Freund, vor allen Dingen iſt Aufrichtigkeit noͤthig; alſo hoͤren Sie mich an: vIm Jahre 90 emigrirte ich nach Deutſchland und blieb da bis 1805; da bat ich den Kaiſer um die Gunſt, in den Grad als Schiffslieutenant, welchen ich vor der Revolution hatte, wieder ein⸗ treten zu duͤrfen. Er ſchlug mir mein Geſuch rund ab, und zwar unter dem Vorwande, der nicht ganz unhaltbar war, daß ich in ſo langer Zeit ein wenig außer Uebung gekommen ſein muͤßte, da Wien nicht fuͤr einen Seehafen gelten koͤnne. Aber einer meiner Verwandten, der Her⸗ zog von Saint⸗Are, welcher damals Kammerherr Bonaparte's war, bewirkte fuͤr mich eine Ta⸗ baks⸗Regie. Das war doch einiger Erſatz.« v„Ein Tabaks⸗Bureau la« ſagte Peter mit einem ſchmerzlichen Ausdruck der Ueberraſchung; „Wie! Von einem Tabaks⸗Bureau kommen Sie zu uns? 44 „Ja, mein Lieber. Aber hoͤren Sie weiter. Meiner Treu, ich befand mich in meinem Stande ſehr wohl; ruhig, unbekannt, lebte ich ſo bis zum Augenblicke der Reſtauration; ich hatte mein ehe⸗ maliges Vermoͤgen, meine Titel, meine Hoffnun⸗ gen, denen keine Erfuͤllung winkte, vergeſſen. Da erſchien das Geſetz, welches den fruͤhern koͤniglichen Offizieren die Jahre als Dienſtzeit anrechnete, die„ ſie entweder in der Emigration oder unter der uſurpation verlebt hatten. Anfangs war mir das ganz gleichgultig; aber ſehen Sie, Lieutenant, ich habe einen Teufel von einem Weibe, einen einge⸗ fleiſchten Dämon, 4 fuͤgte er mit leiſer Stimme hinzu, als furchtete er ſelbſt hier am Bord, Eli⸗ ſabeth moͤchte ihn hoͤren.»Nun kam mein Teu⸗ fel von einem Weibe auf den Gedanken, an mei⸗ nen Vetter, den Herzog von Saint⸗Are, zu ſchrei⸗ ben, welcher aus einem kaiſerlichen Kammerherrn ein koniglicher geworden war. Durch den groͤßten. Zufall von der Welt befand ich mich im Beſitz einiger, fuͤr ihn ſehr wichtigen Familienpapiere. Mein Teufel, mein Dämon von einem Weibe trug ihm dieſe anz er empfing ſie, und aus Dank⸗ — 66— barkeit verſchaffte er mir bei der Marine einen ho⸗ hern Grad, als der, welchen ich vor der Revo⸗ lution bekleidet hatte. Sie konnen ſich wohl den⸗ ken, mein Freund, daß ich es ablehnte.« Nun, und weiter, Commandant 244 »Nun, da ſetzte mein wuͤthendes Weib mir ſo lange zu, daß ich endlich den Poſten annehmen mußte; ſie antwortete, wider meinen Willen, an das Miniſterium, und wuͤrde mich gewiß ſelbſt hierher gebracht haben, wenn der gute Gott ſie nicht durch ein heftiges Seitenſtechen in Paris zu⸗ ruckgehalten hatte.« Ei, ei, mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht; Sie ſind in einer ſehr gefaͤhrlichen Lage; denn Sie haben Ihr fruͤheres Geſchaft ganz und gar vergeſſen. 44 »Ganz und gar, mein Lieber.« vUnd das Manoͤver 264 Auch.« vDie Theorie 2«4 „Ebenfalls.« „Dann iſt es wohl unnuͤtz, zu Ihnen von Taktik, von Aſtronomie zu reden?4 »Aber, wo Teufel, haͤtte ich denn das lernen ſollen?— Vor der Revolution war ich ſehr jung; und meiner Treu! die Vergnuͤgungen— Sie be⸗ greifen wohl— ich wiederhole es Ihnen: Wie haͤtte ich das Alles in meinem Tabaksbureau ler⸗ nen ſollen? — 66— „Aber dann, mein Herr, iſt es noch Zeit; danken Sie ab. Sie ſetzen Ihr Leben und das einer tapfern Equipage auf das Spiel. Noch einmal, mein Herr: danken Sie ab. 44 „Abdanken— abdanken— das iſt leicht ge⸗ ſagt. Und meine Frau4 „Ei, cordieu! Ihre Frau wuͤrde, wie ich ſehe, die Epauletts beſſer zu tragen verſtehen, wie Sie. 44 vUnter uns, mein Freund, da haben Sie Recht. Deshalb kann ich auch ohne ihre Zuſtim⸗ mung nicht abdanken; und die wird ſie nimmer geben. „Aber, was dachten Sie denn zu thun, in⸗ dem Sie die Stelle annahmen 264 „Ja, mein Lieber, da blieb mir zweierlei zu thun: Entweder den Tuͤchtigen zu ſpielen, oder meine Unwiſſenheit einzugeſtehn. Im erſtern Falle konnte ich meine Rolle nicht acht Tage lang durch⸗ fuͤhren; im zweiten hatte ich die Moͤglichkeit, ei⸗ nen Ehrenmann, wie Sie, zu treffen«— hier reichte der Marquis dem Lieutenant die Hand hin — ihm Alles zu geſtehen, ihn um ſeinen Rath zu bitten, und mich ſeiner Großmuth anzuver⸗ trauen.« Der Zorn Peters wich einer ſolchen Freimuͤ⸗ thigkeit. Der arme Greis ſah ſo demuͤthig, ſo beſcheiden, ſo aͤngſtlich aus, daß der Lieutenant ge⸗ ruͤhrt erwiderte: „ — vvIhr Vertrauen ſoll nicht getaͤuſcht werden, mein Herr, und ich weiß Ihnen Ihr Geſtaͤndniß Dank. Uebrigens muß ich Sie darauf aufmerk⸗ ſam machen, daß nicht Sie es ſind, der mir kaum Bekannte, dem ich mich widme, ſondern nur Ihre Epauletts, die Zeichen eines Grades, dem ich die hoͤchſte Achtung ſchuldig bin. Es iſt ein Fana⸗ tismus, ich weiß es wohl; aber ſo lange Peter Huet lebt, wird er auch ſeine Sorge, ſeine Hoff⸗ nungen, ſein Leben, und ſelbſt ſeine Ehre, wenn es ſein muͤßte, opfern, um die Ehre unſerer Ma⸗ rine, unſter Flagge, unbefleckt zu erhalten, und daß ein Offizier, der die Capitaͤn⸗Epauletts traͤgt, in den Augen ſeiner Equipage geachtet und ach⸗ tungswerth ſei; denn außerdem, mein Herr, iſt keine Subordination moglich. Um den unbeding⸗ ten, puͤnktlichen Gehorſam, welcher die Seele der Schiffahrt iſt, aufrecht zu erhalten, muß der Vor⸗ geſetzte in den Augen der Matroſen erhaben an Muth und an Kenntniſſen ſein. Deshalb werde ich alle Sorge anwenden, um zu verhindern, daß Sie des Poſtens, welchen Sie bekleiden, nie un⸗ wuͤrdig erſcheinen. Aber noch ein Mal, mein Herr, ſei es Ihnen geſagt, daß Sie ſich ſeichtſin⸗ nig in eine ſehr gefährliche Lage geſtuͤrzt haben. 4 „Aber, Lieutenant, was wollen Sie denn, daß ich dabei thun ſoll? Jetzt iſt es geſchehen; alſo— 4 vJa, mein Herr, ich weiß es; ungluͤcklicher⸗ = 65 weiſe laͤßt ſich das Uebel nicht mehr abaͤndern. Sie ſind ein Edelmann, haben Verwandte, Pro⸗ tectionen; ſchriebe ich an den Miniſter, ſetzte ihm die ganze Lage der Dinge auseinander, ſo wuͤrde ich als Bonapartiſt erklaͤrt, und wohl gar entlaſ⸗ ſen werden. Aber da will ich doch lieber ſelbſt uͤber das Wohl meines Salamanders und meiner Flambarts wachen. Alſo, mein Herr, abgemacht. Aber, um des Himmelswillen, kein Commando⸗ Wort, und beſonders, widerſprechen Sie meinem Commando nicht; in einem Falle, welchen Sie fuͤr dringend befinden, thun Sie, als ſagten Sie mir ein Paar Worte ins Ohr, und ich werde handeln, als ob ich Ihre Befehle vollzoͤge.« „Ja, Lieutenant,« ſagte der Marquis unter⸗ wuͤrfig. vZum Anfange werden Sie einen Tagesbe⸗ fehl, den ich ſchreiben will, unterzeichnen, durch den Sie der Equipage Ihre Zufriedenheit be⸗ zeugen. 44 Ja, Lieutenant.« „Dann werden Sie die in den Eiſen befind⸗ lichen Matroſen begnadigen.«4 „Ja, Lieutenant.« Auch muͤſſen Sie den braven Mutroſn doppelte Portionen an Wein geben laſſen, zum Willkommen fuͤr Sie. Das iſt ſo Gebrauch.«6 „Ja, Lieutenant.« „und beſonders huͤten Sie ſich, wenn wit einmal auf offnem Meere ſind, auf das Deck zu kommen; Sie wuͤrden mir nur im Wege ſein. Doch laſſen Sie mich zuweilen rufen, damit es ſcheint, als theilten Sie mir Ihre Befehle mit. 4« „Ja, Lieutenant.« In dieſem Augenblicke trat der alte Gar⸗ nier ein. Da neigte Peter ſich ehrerbietig vor dem Mar⸗ quis von Longetour und ſagte: vvSie haben mir weiter keine Befehle zu er⸗ theilen, Commandant 244 Befehle?« wiederholte der Er⸗Kaufmann, Sie ſind es im Gegentheile— nein, ich habe nichts mehr ſagen. Doch!— wir haben noch Paſſagiere, unter Andern einen Herrn von Szaffie, der nach Smyrna geht, und zu deſſen Dispoſition die Corvette geſtellt iſt; dann eine Frau von Blene und ein Fräulein von Blene, ihre Nichte; ſie ge⸗ hen auch nach Smyrna, zu dem Vater des jun⸗ gen Maͤdchens, welcher, wie man mir geſagt hat, ein ungeheuer reicher Banquier ſein ſoll. Dieſe drei Perſonen eſſen an meinem Tiſche; was ihre Wohnung anbetrifft, ſo weiß ich nicht— 4 vvIch werde dafuͤr ſorgen, Commandant. 44 vUnd ich, Commandant, ich komme um Sie fuͤr meine Kinder zu bitten,« ſagte Garnier. Die Kranken ſind ſo nahe nach dem Vordertheil ge⸗ bracht worden, daß ich mich im Raume beengt Salamander. U. 6 ſehe. Ich bitte Sie, Befehle deshalb zu ertheilen, Commandant.« „Mein alter Freund, c« ſagte Peter, die Ver⸗ legenheit des Marquis ſehend,„der Commandant, mit dem ich deshalb ſprach, ſagte mir ſchon ſeinen Willen. 46 „Ja, ja, es iſt Alles abgemacht, Doctor,« fiel der Marquis ein. Aber ich hoffe, meine Herren, daß Sie mir die Ehre erzeigen werden, heute mit mir zu eſſen.« „„Wir werden die Ehre haben,«4 ſagte Peter, indem er ſich gegen ſeinen Vorgeſetzten achtungs⸗ voll verbeugte, und ſich dann, von Garnier be⸗ gleitet, entfernte. vEr ſieht recht gutmuͤthig aus,« ſagte der Doctor, vaber es ſcheint mir, als wenn er noch nicht viel Kapwind geſpurt haͤtte.« v„Du irrſt, mein alter Freund, Du irrſtz er iſt ein tuͤchtiger Mann, der ſeine Sache zu ver⸗ ſtehen ſcheint, nur hat er die Gewohnheit, wie er mir ſagte, Alles durch ſeinen Lieutenant zu befeh⸗ len; der iſt gewiſſermaßen nur ſein Sprachrohr, und das iſt ziemlich unangenehm. 44 „Na, wenn er nur ein Seemann iſt. Fuͤrch⸗ teten wir doch ſo ſehr, einen Eſel zu bekommen.« Das zeigt Dir, guter Doctor, daß man an nichts verzweifeln muß.— Doch, was ſeh⸗ ich, ein Boot, und ziemlich beſetzt! Das ſind ſchoͤn⸗ Kranke, gluͤcklicher Doctor.« „Wahrhaftig! das ſind unſere Paſſagiere,« ſagte Garnier, indem er mit der Behendigkeit ei⸗ nes jungen Menſchen nach der Treppe lief. E Achtungsvoll empfing der Faͤhnrich Merval Frau und Fraͤulein von Blene, welche dann durch Peter Huet bei dem Commandanten eingefuͤhrt wurden. Doch wir wollen verſuchen, den Fanatismus Peters für den hohern Stand des Capitains zu erklaͤren, welcher denen uͤbertrieben ſcheinen muß die das Seeleben nicht genauer kennen. Dieſe blinde Ergebenheit gegen ein Beichen, welches einen hohern Grad verkuͤndet, bedurfte kei⸗ nes Commentars, wenn man wuͤßte, wie damals in unſter Marine auf das Ehrgefuͤhl, den esprit de corps, gehalten wurde, und noch jetzt gehalten wird. In der That hat dieſer Fanatismus, wenn er wirklich Fanatismus zu nennen iſt, ſeine beſtimmte und unverwerfl che Logik. Das ganze Weſen des Seedienſtes verlangt, daß am Bord der unbedingteſte Despotismus herr⸗ ſche, daß jeder Befehl blindlings und augenblick⸗ lich befolgt werde; bei einer Landarmee kann es keine verderblichen Folgen haben, wenn ein Befehl, vielleicht um eine Minute oder nur eine Sekunde, in der Ausfuͤhrung beſchleunigt oder verhindert wird; auf dem Meere hingegen kann die geringſte Verzogerung den Untergang des Schiffes mit WMannſchaft und Ladung zur Folge haben. Man wird daher leicht einſehen, daß das blinde Vertrauen, welches jeder Gefahr trotzen ſoll, gehindert, erkaͤltet wird, wenn uͤber die Fähigkeiten des Schiffscommandanten, deſſen bloßes Echo die niedern Offiziere ſind, nur die geringſten Zweifel obwalten. Statt auf das erſte Wort zu gehor⸗ chen, wird man die Befehle bekritteln, und bald wird dann Zweifel, Inſubordination und Empoͤ⸗ rung das maͤchtige und bewundernswerthe Gebaͤude der Seehierarchie umſtuͤrzen, das mit Recht auf Muth und Kenntniſſen erbaut iſt. Indem alſo Peter ſich dem Grade des Mar⸗ quis unterwarf, dachte er eben ſo ſehr an ſich und ſeine Cameraden, als an den Commandantenz denn welchen Gehorſam duͤrfen die niedern Vor⸗ geſetzten zu finden erwarten, ſobald die Fähigkeiten des hoͤheren in Verdacht gezogen werden? Und ſind nicht dieſe Fähigkeiten, in denen jeder Vor⸗ geſetzte dem Untergebenen uͤberlegen ſein muß, das lebende Princip aller nautiſchen Unternehmungen? Iſt ſie nicht der maͤchtige Hebel, durch welchen ein Einziger uͤber das Geſchick von 500 Men⸗ ſchen zu gebieten hat? Auf dem frſten Lande fehlt es den Soldaten niemals an Kennzeichen; er ſieht, wohin man ihn leitet; Staͤdte, Berge, Waͤlder, ſind ihm Fuͤhrer, Richtpunkte; auf dem Meere ſind dies unbekannte Sterne, aſtronomiſche Beob⸗ 1 —5 & achtungen, uͤber dem Faſſungsvermoͤgen der Ma⸗ troſen. Kein Wort uͤber den Weg, den man neh⸗ men will, keine Frage darnach.— Geh!— Er geht.— Halt!— Er haͤlt.— Wage Dein Le⸗ ben an dem Ende einer Raaſtange!— Er wagt es.— Wohin er geht, wo er iſt, er weiß es nicht; er hat nicht einmal das Recht, eine Klippe zu fuͤrchten, und wenn er auch mitten in der Brandung iſt.— Er bringt in dieſer Ungewiß⸗ heit Monate, Jahre zu, durch den Sturm fort⸗ geriſſen, durch die Windſtille feſtgehalten, und weiß nicht, wohin der Sturm ihn reißt, wo die Windſtille ihn feſſelt. Die Matroſen haben eine harte, enge Haͤnge⸗ matte, ſchlechte Nahrung, verdorbenes Waſſer zum Gltränk, Arbeit und Schlaͤge, eine finſtere Bat⸗ terie, wo ſie, eng zuſammen gedraͤngt, der friſchen Luft entbehren; ihr Commandant hingegen wohnt in einem geraͤumigen, reinlichen Gemache; er ge⸗ nießt des ausgeſuchteſten Luxus; die feinſten Ge⸗ richte kommen auf ſeine Tafel; die armen Ma⸗ troſen athmen mit Wohlgefallen den Duft der Speiſen ein, welche des Capitains Bediente, waͤh⸗ rend ſie ſelbſt an ihrem Pockelfleiſch und Schiffs⸗ zwieback kauen, auf reichem Geſchirre an ihnen vorbeitragen. Muͤſſen nun nicht dieſe Menſchen, deren Zahl ſo ganz außer dem Verhaͤltniß zu der Zahl ihrer Offiziere iſt, das feſteſte, unbedingteſte Vertrauen 74 zu dem Muthe, den Kenntniſſen und Faͤhigkeiten ihres Vorgeſetzten hegen, wenn ſie die grenzenloſe Verſchiedenheit ihrer Exiſtenz vergeſſen, das ſchwerſte, muͤhſeligſte Leben fuͤhren und freudig dieſes hun⸗ dertmal auf ein bloßes Wort, ein Zeichen, ein⸗ ſetzen ſollen? Muͤſſen ſie nicht mit dem Begriffe der Subordination den ihrer eigenen perſoͤnlichen Sicherheit und Erhaltung verbinden? Und dieſe Ueberzeugung wohnt ihnen inſtinet⸗ maͤßig inne; denn, ſelbſt ohne es abſichtlich zu wollen, erkennt der Menſch die Ueberlegenheit des Geiſtes uͤber den Koͤrper an; willig gehorchen die Matroſen, denn ſie fuͤhlen es wohl ſelbſt, daß ſie nur die Arme ſind, welche vollſtrecken, der Com⸗ mandant aber der Kopf, welcher denkt und leitet. Die Matroſen hegen, ich weiß es wohl, unbeding⸗ tes Vertrauen zu ihrem Capitain, aber eben des⸗ halb wuͤrden auch die Folgen hoͤchſt verderblich ſein, wuͤrde dieſes Vertrauen auf irgend eine Weiſe erſchuͤttert oder zerſtoͤrt. Das war es, was Peter erkannt hatte; denn er fuͤrchtete, daß die Equipage, wenn ſie ſich von der Unfaͤhigkeit des Marquis uͤberzeugte, ihn, Pe⸗ ter, zu deſſen Stellvertreter erwählen moͤchte. Bei ſeinen Begriffen von der Diſciplin, und bei ſeiner Kenntniß von den Herzen der Seeleute, wußte Peter aber zuverlaͤſſig, daß dieſer erſte Schritt ge⸗ gen die Rechte des Capitains nothwendig die ganze Subordination uͤber den Haufen werfen muͤßte; denn eine ſo verletzte Militairhierarchie gleicht einem Halsbande, von dem man die erſte Perle hinweg genommen hat; alle andern gleiten bald allmaͤhlig nach. Man wird hoffentlich dieſe trockne Abſchwei⸗ fung verzeihen; ich hielt ſie fur nöthig zur vollen Verſtaͤndniß von Peters Charakter; dieſer iſt aber nicht etwa ein reines Phantaſiegebilde, ſondern eine wirklich exiſtirende Perſon, ein pſychologiſches Portrait, zu dem wir zwanzig Originale nennen koͤnnten. Nach einer Stunde kehrte Paul von einem Commando nach der Kuͤſte zuruͤck. Er ſtieg die Strickleiter hinauf; aber als er auf dem Deck ankam, erbleichte er, ſein Geſicht umflorte ſich, und er mufte ſich feſthalten, um nicht zu taumeln. Er ſah Alice! Alice am Bord des Sglamander. Einundzwanzigſtes Kapitel. Sonderbar! Schön wie ſie war ahnete ſie doch, ihrer ſiebzehn Jahre ungeachtet, ihre. Schönheit nicht; ſie wußte nicht, ob ſie ſchön oder braun, klein oder groß ſei; nie hatte ſie an ſich ſelbſt gedcht. Byron, Don Juan. Wie? Du wollteſt Dich mit uns langweilen? S Marc. D. Die beiden Brüder. Die Paſſagiere. Wie ſchoͤn iſt es, ſich ſagen zu können: dies Herz gehoͤrt mir, ganz mirz denn ehe es mir ge⸗ hörte, hat es noch niemals geklopft, war noch nie die Roͤthe auf die Wangen dieſes jungen Mäd⸗ chens getreten, hatte nie ihr feuchtes Auge ſich niedergeſenkt, war ſie nie von einem verfuhreriſchen Gedanken heimgeſucht worden; nie hatte ſie in ihren Traͤumen die Scenen uͤberſchritten, wo ſie den Kopf an den Buſen ihrer Mutter legte. Ach! in der That; dieſe Hetzen, dieſe jung⸗* fräͤulichen Seelen, findet man jetzt nur noch in den Kloͤſtern oder in den Harems. Denn bei unſern Sitten, in unſerm Paris, hat ein Maͤdchen von 18 Jahren, und waͤre es noch ſo vernuͤnftig, noch ſo ſtrenge bewacht, noch ſo keuſch, noch ſo tugendhaft, noch ſo vertrauens⸗ voll gegen ihre Mutter, noch ſo ſtolz gegen ihre Dienſtmaͤdchen, ſchon, wer weiß wie viele, Lieb⸗ ſchaften gehabt! Erſt, von drei bis fuͤnf Jahren, — die Frauen fangen ſo jung ſchon an— Pup⸗ penliebe, Liebe in jeder Minute, Liebe in der Nacht, Liebe am Tage: ohne Vergleich iſt dieſe von allen die lebhafteſte.— Von fuͤnf zu zehn Jahren: Liebe des kleinen Mannes zur kleinen Frau, eine Liebe, welche die großen Aeltern dulden und— beſtaͤrken, weil nichts ſie ſo ſehr amuͤſirt, als dieſe Scenen der Eiferſucht, der Zaͤrtlichkeit und des Schmollens en miniature.— Mit zwölf Jah⸗ ren: Liebe der Schuͤlerin zu dem Zeichnen- oder Muſiklehrer; ſeine Hand gleitet ſo anmuthig uͤber die Taſten, bewegt den Bleiſtift ſo lieblich auf dem glatten Velinpapier; er iſt ſo artig mit der Gouvernante, welche den Lehrſtunden ſtets bei⸗ wohnt!— Mit funfzehn Jahren: Liebe zu dem Nachbar gegenuͤber, zu dem friſchen, blonden Su⸗ pernumerar, deſſen fteundliches rundes Geſicht aus ſeiner Dachluke hinter den gruͤnen Guirlanden von Kreſſe hervorſieht.— Von ſechzehn bis achtzehn Jahren: Ach! Da iſt Alles Eine Ausſchweifung. Oh! Miriaden von Liebſchaften, Miriaden von Taͤnzern aller Baͤlle im Winter, blonde, braune, blaſſe, rothe, große, kleine, geiſtreiche, alberne und dumme.— Es iſt zum Entſetzen!. Dieſe Liebe iſt ſtets keuſch, ich weiß es; ſie 6 verraͤth ſich nicht durch einen Blick, wenn man will; aber es iſt doch immer gedachte Liebe, und ſelbſt dieſe Liebe aͤndert gewaltig die Friſche des Gefuͤhles, jene jungfraͤuliche Zartheit, welche ver⸗ ganglich iſt, wie der Staub einer Blume, einer Frucht. Man ſtaune daher nicht, wenn man nach die⸗ ſem Allen, unter muͤtterlicher Sorge, Maͤdchen von 18 Jahren findet, welche bereits ſo gewandt, verſchmitzt oder verſchlagen ſind, daß ſie einen er⸗ fahrnen Richter in Verzweiflung ſetzen koͤnnten,„ und welche Eurer Leidenſchaft, ſolltet Ihr zufaͤllig Leidenſchaft fuͤr ſie empfinden, nur eine truͤgeriſche Liebe entgegnen koͤnnten; denn die wahre, natuͤr⸗ liche, reine Liebe, haben ſie von der Puppe bis zum Walzer abgenutzt. Wie ſehr ſtach daher Alice's Seele gegen dieſe vor der Zeit verbrauchten Herzen ab!— Sie, ſo rein, ſo jungfraͤulich; Sie, die nur auf dem Balle geweſen war, um zu ſchwören, nie wieder hinzu⸗ gehn; Sie, welche in dem Kloſter durch eine Freundin ihrer Mutter erzogen worden war, und ihr Herz gelaͤutert hatte, ſtatt es zu verderben; Sie, die nur Gott und Chriſtus geliebt hatte, mit edler, goͤttlicher Liebe, reiner Anſchauung, — — welche ihrer jugendlichen Einbildungskraft ein keu⸗ ſches, doch gluͤhendes Feuer verliehen. Was konnte, nach dieſer gottlichen Liebe, eine gemeine, irdiſche Baſtardliebe fuͤr ſie ſein? Denn bei ihr mußte Alles zum Extreme werden, wie bei allen kraͤftigen Seelen: Verbrechen oder Tugend, aber niemals Laſter. Man weiß, daß Alice ihr Kloſter nur ungern verlaſſen hatte; aber der Gedanke einer Reiſe auf dem Meere, und die Hoffnung, ihren Vater wie⸗ der zu ſehen, milderte bald ihren Schmerz. Am Bord des Salamanders angekommen, be⸗ trachtete ſie Alles mit der Neugier eines jungen Maͤdchens, und fand in Paul den aufmerkſam⸗ ſten, eifrigſten Cicerone. Denn Paul beſaß nicht jene alberne Schuͤch⸗ ternheit, welche haͤufig aus dem eignen Bewußt⸗ ſein der Dummkoͤpfe entſpringt, oder Folge einer vernachlaͤſſigten Erziehung iſt. Im Gegentheile war der Aſpirant offen und zutrauensvoll bis zum Uebermaaße. Er ſagte alles, was ihm in den Sinn kam; und da ſein Vater ihm die edelſten Gefuhle eingefloͤßt hatte, zeugte Alles, was er ſprach, von einer ſeltenen Geiſtes⸗ erhabenheit. und die Liebe, welche er fuͤr Alice hegte, ver⸗ aͤnderte ſeine Neigung zur Offenheit nicht, ſondern vermehrte ſie vielmehr noch; fur dieſes reine Herz war die Liebe, wie die Tugend, ein Gefuͤhl, auf Achtung. Er beurtheilte ſein das man ſtolz ſein muß; ein Wort, das man zwar nicht ausſprechen durfte, das man aber doch durch die innigſte Achtung, durch die religioſeſte Ergebenheit, an den Tag legen konnte. Auch Alice bemerkte Paul, aber ohne lebhafte Auftegung; ſie ſuchte ihn auf, doch mit Ruhez ſie hoͤrte ihm mit Vergnügen zu; ſie fuͤhlte Gluͤck, aber kein Entzuͤcken. Zwei Tage nach Ankunft der Paſſagiere am Bord des Salamanders brachte Paul die ganze Zeit, welche ſein Dienſt ihm uͤbrig ließ, in der Geſellſchaft Alice's und der Frau v. Blene zu, welche ihn allerliebſt fand. Paul enthuͤllte ihnen ſeine ganze Seele, ſprach zu ihnen mit der größten Offenheit; er fuͤhlte das Beduͤrfniß, ſich auszuſprechen. Es kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, daß er laͤſtig oder langweilig werden könnte; denn in ſeinen Augen war ſeine Vertraulichkeit ein Zeichen der hoͤchſten Gefuͤhl ſo, weil er ſtolz darauf geweſen ſein wuͤrde, aͤhnliche Vertrau⸗ lichkeit hervorzurufen. Er theilte ihnen daher alle ſeine Hoffnungen mit, erzaͤhlte ihnen alle ſeine Feldzuͤge, ſeine Rei⸗ ſen, mit entzuͤckender Naivetat; ſprach von ſeiner armen Mutter mit Thraͤnen in den Augen und Lächeln auf den Lippen, denn die Erinnerung an ſeinen Vater veraͤnderte den bittern Schmerz in ſanfte Melancholie. — 81— Und Alice weinte und laͤchelte auch, und die gute Frau v. Blene ſagte, ſich die Augen trock⸗ nend:„Kinder, laßt uns von etwas Anderm ſprechen.« Und nun erzaͤhlte Alice ihr Leben, ihre Kind⸗ heit, ihre Freuden und kleinen Leiden; ihren Schmerz, den frommen heiligen Aufenthalt zu verlaſſen; ihre Freude, den Vater wieder zu ſehen; ihre Hoffnungen von der Zukunft. Bei dem Worte Zukunft wurde Paul lebhaf⸗ ter angeregt; er prophezeihte ſich die ſeinige: vIch werde getoͤdtet, oder Admiral werden,« ſagte er. vEs wird heiße Kaͤmpfe, Wunden, einen ausge⸗ zeichneten Ruf geben, und das Alles,« fugte er errothend hinzu, Sfuͤr meine Frau.« vvUnd dieſe Frau wird gluͤcklich durch Sie und ſtolz auf Sie ſeinz«c ſagte Alice. vvSie ſind ſo gut, ſo edel! Sie lieben Ihren Vater ſo ſehr, Herr Paul l« Zuweilen vergroͤßerte auch der Marquis von Formon, ſo wenig Fregattencapitain, aber ein ſo guter Menſch, der wurdige Lieutenant und der alte Doctor, den kleinen geſelligen Kreis; man ſprach dann, man lachte; der Doctor neckte den Com⸗ miſſair; der Faͤhnrich Merval bezeugte Alice ſeine Aufmerkſamkeit, aber dieſe achtete nicht darauf. Alles ging gut; Alice war gluͤcklich, alle Welt war gluͤcklich. Nur wuͤnſchte man ſehr, bald ab⸗ zuſegeln; aber man mußte noch auf Herrn von — Szaffie warten, zu deſſen Dispoſition die Regie⸗ rung, fuͤr eine Reiſe nach Smyrna, die Corvette geſtellt hatte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. will Euch eine Geſchichte erzählen— Still Walter Scott, Peveril von der Höhe. S ſe Es war einige Tage nach Ankunft der Frau von Blone am Bord des Salamander; die Nacht war ſchoͤn, ſchoͤn wie eine Nacht der Provence; nur umzog ſich der Mond mit einem kupferfar⸗ bigen Scheine, und die Hitze wurde faſt erſtickend; denn ploͤtzlich hoͤrte auch der ſchwache, doch friſche Lufthauch auf, der bisher geweht hatte. Das Meer war ruhig, glatt wie ein Spiegel, in wel⸗ chem das Angeſicht des Mondes widerſtrahlen konnte. Meiſter Bouquin ſaß, ernſten Angeſichts, auf der Quartierbank, und um ihn her, theils neben ihm, theils zu ſeinen Fuͤßen liegend, die Matro⸗ ſen der Quartierwache, um eine jener Wunder⸗ erzaͤhlungen anzuhoͤren, mit welchen man ſich ſo gern die Langeweile des Dienſtes vertreibt. Die Einen lagen auf dem Ruͤcken, und hat⸗ ten die Haͤnde gefaltet, die Augen geſchloſſen, als wollten ſie ſo den Honig in den Etzählungen Mei⸗ ſter Bouquins um ſo wohlgefalliger einſchluͤrfen. Die Andern draͤngten ſich an ſeine Seite, die Ellenbogen auf die Knie geſtuͤtzt, den Hals weit vorgeſtreckt, die Augen aufgeriſſen, und ſchienen die Worte des Etzahlers verſchlingen zu wollen. Noch Andere endlich, wahre Sybariten, welche ſich nicht mit einem Genuſſe begnuͤgten, theilten ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen ihrer Pfeife und der Erzaͤhlung, die, ſchon einige Zeit waͤhrend, eben einen Augenblick unterbrochen worden war. .„Stellt Euch alſo vor, meine Jungens,« fuhr der Meiſter Bouquin fort, als er ſeinen Prim⸗ chenbeutel wieder in die Taſche geſteckt, nach⸗ dem er tief hineingegriffen hatte, ſtellt Euch alſo vor, daß der gruͤne Lootſe ein Schiff ausrüſtete. Aber, was fuͤr ein Schiff, meine Jungens! Die Maſte eines Dreideckers wären hoͤchſtens zu ſeinen Holznägeln groß genug geweſen. Und waͤret Ihr nach dem Korbe des großes Maſtes hinaufgeſtie⸗ gen, und Ihr waͤrt an der Steuerbordſeite als 3 Schiffsjungen hinaufgeklettert, ſeht, ſo waͤrt Ihr alt und grau an der Backbordſeite wieder herun⸗ kergekommen. Ja, meine Jungens, 25 Jahre brauchte man, um hinauf⸗, und 25 Jahre, um herunterzuſteigen æ . Hier verriethen die Zuhorer ihre Ueberraſchung und ihre Verwunderung durch die kraͤftigſten Fluͤche. Meiſter Bouquin laͤchelte, ſchob die ungeheure Prime, die ſeine Backe fullte, zurecht, und fuhr„ fort: „Nun, ſeht Ihr, meine Jungens, mit dieſem Schiffe ſegelte der gruͤne Lootſe; und das hätte man ſehn ſollen! In dem furchterlichſten Sturme, bei einem Gewitter, daß man haͤtte glauben ſollen, das Meer muͤſſe in Brand gerathen, bedeckte er ſich mit allen Segeln, als wenn wir den guͤn⸗ ſtigſten Wind haben. Und was waren das fuͤr Segel, Burſche! Was waren das fuͤr Segel! Der gruͤne Lootſe haͤtte in ſein kleines Bramſegel eine ganze Flotte von 100 Schiffen aufnehmen* koͤnnen, und dann die vier Ecken zuſammenknù⸗ pfen, wie ein Schnupftuch, in welches man Ma⸗ ronen thut; und das Alles hatte er mit der groͤß⸗ ten Leichtigkeit in der Hand getragen. Der gruͤne Lootſe verfolgte alſo den kleinen Sloop, den armen kieinen Sloop, welcher weiß und golden war, und himmelblaue Segel hatte. Dieſer floh und floh, und ſette Segel uͤber S⸗ gel auf; aber bah! Was half das? Der grune Lootſe ſegelte immer vorwaͤrts, obgleich er haͤufig unten auflief, denn das Meer war nicht tief ge⸗ nug fuͤr ſeinen Kiel. Er half ſich dann mit ei⸗ nem Bootshaken vorwaͤrts, den er auf den Grund des Meeres einſetzte. Ihr koͤnnt wohl denken, was — 685— das fuͤr ein Bootshaken war!— Mun gut. Mein kleiner, armer weiß und goldner Sloop mit ſeinen blauen Segeln war kaum noch zwei Kanonenſchuͤſſe weit von dem gruͤnen Lootſen entfernt; da— ra⸗ thet, was er machte, der kleine Schelm?— Er legte bei!« vAlbern!4 rief Einer. vAh! der Schurke! die Beſtie! der Hund l riefen Andere, wuͤthend uͤber die Dummheit des kleinen Sloop, und ſprangen von ihren Sitzen in die Hoͤhe. »»Nun, wenn er gezwickt wird, iſt es nur, was er verdient!«« rief Einer, der etwas weniger Enthuſiaſt war. »Es kam ganz anders,« nahm Bouquin wie⸗ der das Wort, nachdem er die dritte Prime an ihren Ort geſchoben hatte.»Der gruͤne Lootſe kam ganz nahe, ganz nahe heran, um nach dem armen kleinen Sloop eine Fiſchangel auszuwerfen, welche 10,000 Mal ſo groß war, als der Haupt⸗ anker eines Dreimaſters.« vHilf Himmel la« rief Einer aus. Ja, ſeht Ihr« ſagte Meiſter Bouquin; ver wollte den kleinen Sloop angeln, wie man eine Sardelle angelt. 4 vAch! Ungeheuer! Kaimann! Pariſer von ei⸗ nem gruͤnen Lootſen l4 vStille doch c« ſchrieen die Zuhoͤrer. vAlſo, meine Jungens, er kam noch etwas Salamander M. 7 — —— — 556 naͤher. Nun alſo, merkt Euch wohl; alle ſeine Segel hingen ſchlapp, und er ſtieß ſich nur mit dem Bootshaken fort; denn es ſtuͤrmte nur ganz gewoͤhnlich, und das war nicht genug, um ſeine Segel zu fullen. Nun gut. Plotzlich— denkt Euch,— faͤngt der gruͤne Lootſe an, ſchießen zu laſſen, immer ſchießen zu laſſen, zwei, drei, zehn, funfzehn Knoten, mit ſchlappen Seegeln und ruͤck⸗ waͤrts.« Hier hatte die Bewunderung ihren Culmina⸗ tionspunkt erreicht, und druͤckte ſich durch Blicke und beredte Geberden aus. Nun gut, meine Jungens,« fuhr Bouquin fort, erfreut uͤber den Eindruck, den ſeine Erklaͤ⸗ rung machte. Alſo das war gut, und Ihr koͤnnt Euch die Freude des kleinen weiß und gold⸗ nen Sloop mit himmelblauen Seegeln denken. Vor Freuden hiſſte er, als Zeichen des Triumphes, an allen ſeinen Maſten Flaggen; aber, denkt Euch, meine Jungens, dieſe Flaggen waren Feuerflam⸗ men von verſchiedenen Farben, welche erſchienen und verſchwanden, und koͤſtlich anzuſehen waren. Aber, das iſt noch nicht Alles, meine Kin⸗ der; auf ſeinem Deck, welches von Silber war, hatte er goldne Kanonen; dieſe wurden von ſchö⸗ nen Weibern, welche eben nur fuͤr die Schaam bekleidet waren, bedient, und mit koͤſtlichem wohl⸗ riechendem Pulver geladen. Nun, ſeht Ihr, meine Jungens, ſtatt des Hoͤllenlaͤrmes, welchen unſere 1 p Sechsunddreißigpfuͤnder machen, wenn ſie ſpeien, ertoͤnte von den goldnen Kanonen des Sloop, wenn ſie abgeſchoſſen wurden, eine koͤſtliche Muſik; der Pulverdampf erfuͤllte die Luft mit Wohlgeruch, und die Flaggenflammen verbreiteten eine ange⸗ nehm duftende Kuͤhlung, wie die Abendluft, welche zu uns heruͤberweht.« Gott der Goͤtter læ rief einer der Sybariten, obei dieſer Equipage von ſchoͤnen Weibern hätte ich Kanoniermeiſter ſein moͤgen. Alle Naͤchte hätte ich in meiner Haͤngematte zwei in die Eiſen ge⸗ legt, wegen Disciplinfehlern; aber im Dienſte, da waͤre ich ganz und gar nicht ſtrenge geweſen, nein, Gott behuͤte vEi, ſo beiß Dir doch die Zunge ab! Poi⸗ rotzae ſchrieen die andern Zuhoͤrer. vAlſo, meine Jungens,« fuhr Bouquin fort; vvon ferne ſah man den Schurken von gruͤnem Lootſen, welcher, gegen ſeinen Willen, immer ſchie⸗ ßen ließ, immer ſchießen ließ.« vAber, wie denn das, Meiſter 264 . XDie Sache hing ſo zuſammen, meine Jun⸗ gens.— Habe ich Euch ſchon geſagt, daß der kleine Sloop alles, was bei uns Eiſenwerk iſt, von reinem, blankem Golde hatte?4 Von maſſivem Gold, Meiſter?64 Freilich; von maſſivem Gold; am ganzen Bord des kleinen Sloop war nicht fuͤr einen Pfif⸗ ferling Eiſen, nicht einmal eine Nadel.« — — 6— „„Aber die Schneider, Meiſter 266 „Aber, dummes Thier, Du haſt ja gehoͤrt, daß die Equipage von ſchoͤnen Weibern nur eben fur die Schaam bekleidet war« erwiderte Poirot, dem dieſer Umſtand ganz vorzuglich im Gedacht⸗ niß geblieben ſein mußte. „Nun alſo, meine Jungens,« fuhr Bouquin fort, der die haͤufigen Unterbrechungen nicht ubel nahm, weil ſie ihm Gelegenheit gaben, oftere Rei⸗ ſen in ſeinen Primchenbeutel zu machen; alſo nun, meine Jungens, war das Schiff des gruͤnen Lootſen voller Eiſen, und der kleine Sloop, wel⸗ cher ein vortrefflicher Seemann war, wußte, daß im 306 Grade noͤrdlicher Breite ein Magnetberg iſt, reiner Magnet, meine Kinder, der 6000 See⸗ meilen im Umkreiſe hat.« „Ei, Meiſter la« ſagte Einer in einem merk⸗ lichen Tone der Unglaubigkeit. Du Hund, Du! wenn's nicht wahr iſt, weshalb zeigte denn die Nadel in unſerer Bouſſole, welche doch von reinem Stahl iſt, immer nach Norden? He?c6 Ein derber Rippenſtoß, welcher dieſen uberzeu⸗ genden Beweisgrund begleitete, ſchloß dem Frager den Mund, und zwar zur großen Zufriedenheit der uͤbrigen Zuhoͤrer, welche ihn auslachten Nun alſo, meine Jungens,« fuhr Bouguin fort, vwerden alle Seefahrer, die nicht die Vor⸗ ſicht anwenden, den Magnetberg zu vermeiden, —— oder ihr Eiſenwerk von Gold zu haben— was die Finanzmaͤnner der Regierung ein bischen in Verlegenheit ſetzen wuͤrde, denn das Ding käme ziemlich theuer zu ſtehen— alſo ſage ich Euch, wenn ſie nicht die Vorſicht anwenden, ihm aus⸗ zuweichen, ſo werden ſie, ſind ſie einmal bis auf 263 ½ Meile, gerade nicht mehr und nicht weni⸗ ger, nahe gekommen, ſeht Ihr, meine Jungens, ſo werden ſie gezwungen, ſchießen zu laſſen, im⸗ mer gerade auf den Magnetberg los; ſind ſie ihm aber einmal bis auf ſieben Stunden nahe gekom⸗ men, ſo ſpringen ſie aus dem Waſſer wie die flie⸗ genden Fiſche, und heften ſich mit einem Satze an den Magnetberg an. Da nun der Magnet keine Kraft auf das Gold ausuͤbt, machen ſich die Schiffe, welche mit Gold bekleidet ſind, nicht ſchlecht luſtig uͤber die andern. »„Deshalb aber ließ der gruͤne Lootſe ſo ſchnell ſchießen, und deshalb legte der kleine Sloop bei. Aber zum Ungluͤck fuͤr dieſen kam aus dem Grunde des Meeres herauf— 4 In dieſem Augenblicke ſtieß Meiſter Bouquin einen durchdringenden Schrei aus: vSacredieu lx rief er, ſich ſchnell nach der lin⸗ ken Huͤfte fährend;„Kinder, es muß was in der Luft vorgehen l vWas, Meiſter? Ruft Euch der gruͤne Lootſe das in das Ohr?6 „Nein, cordien! Burſche, das ſagt mir mein — 5 Barometer, mein Schenkel. Seit meiner letzten Verwundung weiß ich das Wetter voraus, und kann Euch ſagen, daß wir bald zu thun bekom⸗ men werden. Aber, Ruhe noch! Burſche. Setzt Euch! Setzt Euch! Paßt auf! Von der Etzaͤh⸗ lung mag's genug heut ſein. Es handelt ſich jetzt um einen Sturm, und da ſetzt's genug zu thun.« v„Wahrhaftig, Meiſter; der Mond hat eine ſonderbare Farbe. 44 Und ohne etwas zu erwidern, ging Bouquin ſchnell zu dem Commandanten hinunter, wo die Offiziere und Paſſagiere verſammelt waren. Meine Damen,« ſagte Peter, nachdem er durch ein Fenſter geſehen hatte, ves iſt keine Ge⸗ fahr vorhanden; aber, verfuͤgen Sie ſich lieber in Ihre Kajuͤten, das iſt doch wohl rathlicher.« Dann gab er dem Commandanten ein Zeichen, zu bleiben, und ſagte: Kommen Sie, meine Her⸗ ren, wir wollen auf das Deck gehen, und ſehen, was es giebt. Ich kehre ſogleich zuruͤck, Com⸗ mandant, um Ihnen Rapport abzuſtatten, und Ihre Befehle zu empfangen.« Die Damen entfernten ſich mit dem Commiſ⸗ ſair in die Kajuͤte; der Capitain und der Doctor blieben zuruͤck, und Peter ging mit den andern Offizieren auf das Deck. Es war die hoͤchſte Zeit. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Du kömmſt bei einem furchtbaren Wetter, Etrik? Burke. Die Windsbraut. Als der Lieutenant auf dem Deck anlangte, hatte die Pfeife des Meiſters die Equipage be⸗ reits verſammelt. Die Hitze war druͤckend und unertraͤglich, und man hoͤrte das Rollen des Donners, nicht in ſtar⸗ ken, abgeſetzten Stoͤßen, ſondern in einem dumpfen, gleichfoͤrmigen, anhaltenden Tone, wie der Trauer⸗ wirbel eines Tambours. Die Farbe des Mondes wurde immer dunkler, und endlich verbarg er ſich ganz hinter einem dichten Nebelſchleier, der ſich ſchnell am ganzen Himmel ausdehnte, und Alles mit dunkelrothem Scheine beleuchtete. Die langen Wellen, welche, der Ruhe des Meeres ungeachtet, dem Uferlande zurollten, ent⸗ wickelten einen ſolchen Phosphordunſt, daß es ſchien, als bedeckten ſie die ſchwarzen Felſen der Kuͤſte mit Feuerſchaum, und in den Ritzen der Steine hielt ſich noch lange, wenn ſchon die Woge vor⸗ bei war, der helle Schein. Die Fiſche kamen auf die Oberflaͤche des Waſ⸗ ſers, glitten aneinander an, flohen ſich, und ließen auf dem ruhigen, glatten Meere lange Lichtſtreifen zuruck, welche ſich in Kreiſen, Linien und Vier⸗ ecken durchkreuzten. Es verbreitete ſich ein ſtarker Geruch von Erdpech in der bereits mit electriſchen Duͤnſten ge⸗ ſchwaͤngerten Atmoſphaͤre, und es fuhren eine Menge ſchweflichter Miasmakuͤgelchen umher, die ziſchend wie Feuerbraͤnde, in dem Meere erloſchen. Und ein blaͤulicher Blitz zuckte am Himmel hin; ein heftiger Donnerſchlag ertoͤnte uͤber der Corvette. Meine Herren Offiziere, auf Ihre Poſten læ rief der Lieutenant.„Bootsmann, ſind die Ket⸗ ten des Blitzableiters in Ordnung? Sehn Sie nach; es iſt von der hoͤchſten Wichtigkeit. Ich furchte einen Wirbelwind, eine Waſſerhoſe,« ſagte er zu Merval.„Es ſcheint ſich ein Trichter zu bilden. Lieber wollte ich mich dem Schoͤnfahrſee⸗ gel anvertrauen; aber der Wind erhebt ſich nicht, und doch hoͤrte ich ihn ſo gern ſprechen.« vAlles iſt fertig la« ſchrie eine Stimme von dem großen Maſte herunter. Die Pfeife La Joie's erwiderte, daß es gut ſei. „Merval,« ſagte der Lieutenant, vſorgen Sie dafuͤr, daß— 4 Hier wurde Peter durch einen heftigen Don⸗ nerſchlag unterbrochen, der von einem hellen flam⸗ menden Blitze begleitet wurde, der die ganze electri⸗ ſche Maſſe, welche ſich uͤber dem Salamander und um denſelben angehaͤuft hatte, ploͤtzlich zu entzun⸗ den ſchien. In einem Nu waren die Spitzen der Maſten, die Baͤnder der Segelſtangen, die Ketten der Ka⸗ ſtele, kurz, alles was eine Oberflaͤche von Eiſen hatte, mit einer blauen Flamme bedeckt, welche leicht und ſchnell in der Dunkelheit gleich Irrwi⸗ ſchen umherhuͤpfte. vDas iſt das St. Elmsfeuerz« ſagte der Lieutenant.„Geben Sie Acht auf den Helm⸗ ſtock, Steuermann! Das Wetter wird ſehr dunkel.« In der That wurde auch die Luft ſo dicht, ſo undurchſichtig, daß man einander nicht mehr erblicken konnte. „Zuͤndet die Laternen an l« rief Peter. Aber kaum war dieſer Befehl gegeben, als eine ungeheure Luftſaͤule, mit Blitzesſchnelle und Getoͤſe, gerade auf die Corvette zugetrieben wurde. Die Lage des Salamanders war entſetzlich; er erlag der Gewalt des Windes, neigte ſich auf die Seite, und ſchon beruͤhrten die Barkhoͤlzer des Steuerbords das Waſſer. — Peter ſtuͤrzte nach dem Helmſtock. „Das Steuer herrſcht nicht mehr, Comman⸗ dant le ſchrie er, als befrage er ſeinen Vorgeſetzten. Dann fuhr er fort:»„Gut, Commandant!— Kappt den Hintermaſt!— Kappt! La Joie.— Kappt Alle!« La Joie lief nach einem Beile. „Halt!« ſchrie Peter. Halt! Er gehorcht. Schoͤnes Schiff! Tapferer Salamanderla ſagte er, indem er die Corvette ſich ſtolz wieder er⸗ heben ſah. Und das war ein großes Gluͤck; denn kaum hatte er ſein Gleichgewicht wieder gewonnen, als der Typhon mit aller Gewalt auf ihn eindrang, und ihn in die Tiefe des Meeres hinabdruͤcken zu wollen ſchien. Die Stoͤße waren furchtbar; das electriſche Fluidum huͤllte das Deck im eigentlichſten Sinne des Wortes ein; die Kanonen ſchienen in Flam⸗ men zu ſtehn, und das ganze Fahrzeug war mit einem Feuerſcheine umhuͤllt; die Maſten und See⸗ gelſtangen ſchienen die Conductoren einer ungeheu⸗ ern Maſchine zu ſein, welche Feuer und Larmen in die Meereswogen hinableiteten. Mit dem Krachen des Donners vereinigte ſich ein gellender, durchdringender Metallklang; die Raaen knackten, und dieſe Feuermaſſe zeigte ſich um ſo funkelnder, da Meer und Kuͤſte in das tiefſte Dunkel gehuͤllt waren.“ — 5 Als auf einen Augenblick die Dunkelheit durch einen Blitz erleuchtet wurde, erblickte man ein Boot, welches mit aller Macht ſtrebte, durch Ru⸗ dern an die Corvette zu gelangen. Aber man ſah es nur einen Augenblick, denn das ſchreckliche Phaͤnomen waͤhrte nur zwei Mi⸗ nuten; ſchnell flog die electriſche Wolke voruͤber, und die Rhede war wieder in die undurchdring⸗ lichſte Finſterniß gehuͤllt. Nicht ein einziges Wort war am Bord des Salamander geſprochen worden, ſo heftig war die Ueberraſchung geweſen. Da wurde das Stillſchwei⸗ gen durch die Worte unterbrochen: »Ohe! Salamander! Ohelg vWer da?«6 fragte der Lieutenant. „Offizier— Hafenboot.« „Angelegt lax erwiderte Peter. Dann wendete er ſich zu La Joie und ſagte: v„Nun Meiſter, hat der Typhon Sie taub gemacht? Hoͤren Sie nicht? Ein Offizier— Nun! Werfen Sie die Falltaue aus. 44 In der That waren La Joie und die ganze Equi⸗ page durch das ſo unerwartete Ereigniß einen Augen⸗ blick wie betaͤubt geweſen; aber allmaͤhlig kehrte die Ruhe zuruͤck. Es wurden zwei Laternen gebracht. Die Pfeife des Equipagenmeiſters ertoͤnte, und Mer⸗ val naͤherte ſich der Leiter, um den Fremden zu empfangen, der bei ſo ſchlechtem Wetter anlangte. Der Lieutenant war zu dem Commandanten — S6 hinabgegangen, den er auf ſeinem Sopha liegend fand, den Kopf unter die Kiſſen geſteckt, und in einem mitleiderregenden Zuſtande. Merval wartete nicht lange; der Fremde er⸗ ſchien bald auf dem Deck, begleitet von einem Marineoffizier, einem Faͤhnrich, welcher den Offi⸗ zieretat der Corvette vollzahlig zu machen beſtimmt war. Merval begruͤßte ſie; der Fremde dankte und ſagte: Mein Herr, ich bin der Paſſagier, der erwartet wurde. Kann ich den Commandanten ſprechen, und waͤren Sie wohl ſo gut, meinen Kammerdiener und meine Leute, welche noch in der Schaluppe ſind, an Bord bringen zu laſſen 2 v„Ich will die noͤthigen Befehle deshalb ge⸗ ben. Aber Sie koͤnnen von vielem Gluͤck ſagen, daß der Wirbelwind eine andere Richtung nahm, und Sie nicht erfaßte. c4 »In der That, es iſt ſehr gluͤcklich, mein Herr. Doch haben Sie die Guͤte, mich zu dem Commandanten zu bringen.« Merval bat Paul, den Paſſagier zu dem Marquis zu fuͤhren. Es war unmoͤglich, die Zuͤge des Herrn von Szaffie zu ſehn; denn ein großer, ſchwarzer, vom Meerwaſſer ganz durchnaͤßter Mantel, huͤllte ihn ein; er ſchien jedoch lang zu ſein. Kaum war der Fremde zu dem Marquis hinab⸗ gegangen, als Peter wieder auf dem Deck erſchien. vEndlich,« ſagte er zu Merval, Jendlich iſt unſer Paſſagier da, und wenn der Wind es er⸗ laubt, werden wir bald dieſe verwuͤnſchte Rhede verlaſſen.« v„Aber ſo laſſen Sie doch die Schaluppe entladen.«4 Ich habe Ihrem Sohne dazu Auftrag ge⸗ geben,« erwiderte der Faͤhnrich etwas verletzt. vvSie wollen ohne Zweifel von dem dienſt⸗ habenden Aſpiranten ſprechen,«c6 erwiderte Peter kalt, welcher, ſeiner ſtrengen Gewohnheit zu Folge, die Dienſtangelegenheiten ſtets von den Familien⸗ angelegenheiten ſonderte. vvHat er im Dienſte gefehlt, ſo ſtrafen Sie ihn dafuͤr, Herr von Mer⸗ val; Sie ſind ſein Vorgeſetzter.«4 Und der gute Lieutenant wendete ihm den Ruͤcken. Paul war in die Cajuͤte hinabgegangen, um Alice und Frau von Bleͤne zu beruhigen, die durch das furchtbare Phaͤnomen im hoͤchſten Grade er⸗ ſchreckt waren, und, trotz der Troſtgruͤnde des alten Doctors, noch keinen Muth wieder gewinnen konnten. Nach einer Viertelſtunde ſtieg der Marquis auf das Deck hinauf und ſagte: Gottlob! hier kann man doch wieder friſche Luft einathmen; da unten muß man bald er⸗ ſticken.— Ach, hoͤren Sie Lieutenant, wir gehen es ſo. 44 morgen fruͤh unter Seegel; unſer Paſſagier will „So? Nun dann wird er wohl auch dem Winde befehlen, daß er in Nordweſt umſetze« v„Nun, wenn der Wind es erlaubt, mein Freund; das verſteht ſich. c4 vUebrigens iſt es wohl moͤglich; das Wetter iſt noch in der Entſcheidung; es fallen einige ſchwere Tropfen, und wir koͤnnten wohl Nordweſt bekommen.« „Deſto beſſer! haben Sie den Paſſagier ge⸗ ſehn 44 „Nein, Commandant.« vvEr iſt kein Schwaͤtzer; er fragte mich ſeiner Cajuͤte, ließ ſeinen Kammerdiener kommen, gruͤßte mich, und ging.«4 vWas fuͤr ein Geſicht hat er 24 vEin recht huͤbſches; etwas bleich, dabei hoch⸗ muͤthig und ein wenig trotzig; eines von jenen Geſichtern— kurz, er ſieht eben nicht gutmuͤthig aus. 4 „Wahrhaftig, Commandant, das kuͤmmert mich wenig; worauf es mir aber mehr ankommt, das iſt: daß Sie mir dieſe Nacht gewaͤhren.« Aber wozu denn, Lieutenant? Ich habe ge⸗ waltige Luſt, zu ſchlafen.«4 „Das kann wohl ſein, aber Sie werden nicht eher zur Ruhe kommen, bis Sie das ganze Com⸗ mando, unter Seegel zu gehn, gelernt und mir wiederholt haben; es iſt moͤglich, daß Sie das Manoͤver ſchon morgen commandiren, und los⸗ ſagen koͤnnen Sie ſich durchaus nicht.4 vAber, ich will ſagen, daß ich krank waͤre.44 „Bei dem alten Garnier geht das nicht; der wuͤrde Ihnen beweiſen, daß Sie luͤgen.« vAber— 44 vEs giebt kein Aber, Commandant; es muß ſo ſein.— Mein Poſten iſt am Vordertheil, und ich kann dort nicht fort.— Sind die Anker ge⸗ lichtet, kehr' ich wieder zu Ihnen zuruͤck.« vNun, wie Sie wollen, c4 ſagte der gute Longetour ſeufzend; und leiſe fluͤſternd ſetzte er hinzu: v„Das iſt wahrhaftig eine zweite Eliſa⸗ beth, dieſer Teufel von Lieutenant.«4 Als die Matroſen, welche in der Batterie ſchliefen, ſpaͤt in die Nacht hinein noch Licht bei dem Commandanten ſahen, ſagten ſie unter ſich zu einander:„Es iſt ein wuͤthender Kerl, der Alte; gewiß nimmt er jetzt den Lieutenant vor, um zu ſehn, ob er tuͤchtig im Manoͤver iſt.« vSage einmal, Poirot, haſt Du wohl geſehn, wie er ſogleich befahl, den Maſt zu kappen, als die Corvette dem Steuer nicht mehr zu gehorchen ſchien? Ja, der läßt ſich nicht werfen, der wankt und weicht nicht.« vUnd wer ſollte das glauben, wenn man ihn ſo in ſeinem weiten Ueberrock und ſeiner Ot⸗ termuͤtze ſieht?c6 warf ein Dritter ein. 8 — 100— „Nun, das Tau macht nicht das Schiff, wie man zu ſagen pflegt; aber wir werden ihn ja bald arbeiten ſehn, denn es heißt, wir gehn mor⸗ gen unter Seegel v„Meiner Treu, deſto beſſer, denn ich fange an, mich hier gewaltig zu langweilen. g4 Und bald lag die ganze Equipage des Sala⸗ mander, die Matroſen der Quartierwache ausge⸗ nommen, im feſten, tiefen Schlafe. eene Kapitel. Wie, 3 wollteſt Dich mit uns langweilen? Marc C**, die beiden Brüder. E 8 Der Spaziergang, welchen der Faͤhnrich Mer⸗ val am folgenden Morgen von dem Hinterdeck nach dem Vorderdeck, und wieder von dem Vor⸗ derdeck nach dem Hinterdeck machte, wurde von durchdringendem Geſchrei unterbrochen, welches von dem Schiffsſchnabel herauf toͤnte. vWas giebts denn?4 fragte der Faͤhnrich den wachhabenden Bootsmann. Nichts, Herr Faͤhnrich; man macht ſich nur luſtig uͤber Elend; die elende Ratte wird aus ih⸗ rem Raume herauf gekommen ſein.« — 101 »So l« ſagte der Faͤhnrich und ſetzte ſeinen Spaziergang fort, nachdem er geboten hatte, ſich etwas weniger laut luſtig zu machen. Der Raum eines Schiffes iſt der unterſte Theil des Fahrzeuges; er iſt ſeiner ganzen Ausdehnung nach in verſchiedene Abtheilungen und Unterab⸗ theilungen getheilt, in denen das Pulver, das Tauwerk, der Wein und der Zwieback aufbewahrt werden; er iſt ein Magazin, aus welchem fort⸗ waͤhrend geſchoͤpft wird; er iſt die unterirdiſche Stadt, welche der obern Nahrung giebt. Hier lebt eine eigne Bevoölkerung; denn die Raͤumer erſcheinen ſehr ſelten auf dem Deck, beſorgen die angeſtrengteſten Arbeiten, und leben in einer ewi⸗ gen Dunkelheit. Wie bekannt, legt man denen, die ein einſames, abgeſondertes Leben fuͤhren, die uͤbernatuͤrliche Faͤhigkeit bei, im Buche des Schickſals zu leſen. Auf dem Lande ſind die Eremiten, die Schaͤfer, im Beſitz dieſer Gabe, auf dem Meere aber die Raumleute. Will Jemand die Zukunft erforſchen, muß er die Raͤumer beftagen. Iſt irgend etwas verloren gegangen, wendet man ſich an den Raͤumer; dieſer muß es entwe⸗ der durch ſeine ubernaturlichen Kenntniſſe entdecken, oder er weiß vielleicht auf natuͤrlichem Wege den Verſteckort, deren es in dem untern Raume des Schiffes ſo viele giebt. Ueberraſcht irgend eine meteorologiſche Vorbe⸗ Salamander. II. 8 deutung die Matroſen, ſo fordern ſie von dem Raͤumer die Erklaͤrung, denn nach dem Glauben der Seeleute, iſt dieſer keinem fremden Einfluß unterworfen: da er den Himmel nie ſieht und von dem Wetter nichts weiß, muͤſſen ſeine Pro⸗ phezeihungen hoͤchſt unbefangen ſein. Die Loͤwengrube, eine beſondere Abtheilung des Raumes, iſt gewoͤhnlich der Aufenthaltsort, das Putzzimmer, das Speiſegemach des Raum⸗ meiſters. So war es auch am Bord des Salamanders, und Buyck, der Raummeiſter, war ſeiner Loͤwen⸗ grube ſo zugethan, und es lag ihm ſo wenig daran, die fteie Luft einzuathmen und den Anblick der Natur zu genießen, daß er waͤhrend der Zeit, wenn die Corvette ausgebeſſert wurde, nicht an das Land ging, ſondern um die Erlaubniß bat, ſo lange die Kalfaterung waͤhrte, in einem Ponton zubringen zu duͤrfen; und ſobald das Fahrzeug wieder flott wurde, eilte er auch mit der groͤßten Schnelligkeit, von ſeiner Loͤwengrube Beſitz zu nehmen. Meiſter Buyk wurde mit der Zeit ſehr geachtet am Bord, und glich in moraliſcher Hinſicht dem kalten Eiſenboden, mit dem der Raum bekleidet war. Auf einer ziemlich niedern Kiſte kauerte ein Mann, den Kopf auf die Haͤnde geſtuͤtzt. Es war Meiſter Buyk. 103 Statt aller Kleidung trug er weite Hoſen von grauer Leinwand, kein Hemde, ſeiner Gewohnheit nach, denn die Hitze war in dieſen unterirdiſchen Räumen, zu welchen nie die friſche Luft Eingang fand, zum Erſticken. Er war von mittler Groͤße, mager und ſehr muskuloͤs. Die Laterne, welche in ſeiner Loͤwengrube brannte, warf nur einen un⸗ ſichern, roͤthlichen Schein. Er erhob den Kopf. Seine ſparſamen Haare waren grau, ſeine Augen groß und tiefliegend, und aus Nachlaͤſſigkeit trug er einen langen Bart. „Elend l« ſchrie er mit ſtarker Stimme. Keine Antwort. „Elend! Elend! Elend l Schweigen. „Elend! Elend! Elend! Elend l Bei dem vierten Rufe ertoͤnte eine ſchwache Stimme aus der Ferne, mit dem Ausdrucke des Schreckens: »vHier bin ich, Meiſter, hier bin ich.6 Und indem die Stimme ſich immer mehr naͤ⸗ herte, rief ſie wiederholt: vHier bin ich, hier bin ichl« Endlich ſprang ein Knabe von etwa ſieben Jahren mit einem Satz in die Grube.— Es war Elend. Meiſter Buyk blieb ruhig ſitzen und machte nur mit der Hand ein Zeichen. Elend fuͤhlte ein leiſes Beben durch ſeinen gan⸗ 82 — 104— zen Koͤrper rinnen, als er von einem Nagel an der Ecke einer Thuͤr eine Art von Geißel holte, welche aus Tauenden beſtand, in denen, ziemlich dicht, mehrere Knoten geknuͤpft waren. Er reichte dieſe Peitſche dem Meiſter, ließ ſich dann auf ſeine Kniee nieder, und bot ſeinen Ruͤcken dar. Es war ein wahres Elend, dieſen armen, ma⸗ gern, durren, gelben Koͤrper zu ſehen. Meiſter Buyk ſagte: „Ich habe Dich viermal gerufen und Du biſt nicht gekommen.« Und vier ſtarke Schlaͤge empfing das Kind, welches keinen Schrei, keine Klage ausſtieß, dann aufſtand, die Peitſche nahm, ſich heimlich, ohne daß es der Meiſter ſah, damit die Augen wiſchte, ſie wieder an ihren Ort hing, und zu dem Mei⸗ ſter zurück kam, vor welchem es aufrecht ſtehen blieb. »Nun ſage mir, weshalb Du ſo lange gezö⸗ gert haſt 24 Meiſter, man ſchlug mich da oben. 6 „Du luͤgſt! Du ſpielteſt „„Ich ſpielte! Meiſter— ich ſpielte? O mein Gott, ich ſpielte! Wer wollte denn mit mir ſpie⸗ len?cc ſagte truͤbe das Kind, mit einem unaus⸗ ſprechlichen Ausdrucke der Traurigkeit.— Die andern Schiffsjungen ſchlagen mich, wenn ich nur mit ihnen ſpreche; ſie nehmen mir mein Brod; ſie nennen mich die Raumratte. Und eben, Mei⸗ 0 ſter, haben ſie mich gepeitſcht, weil ſie behaupteten, zehn Peitſchenhiebe an einen Schiffsjungen ausge⸗ theilt, braͤchten guten Wind.— Ach! Meiſter, Ihr habt mich wohl recht getauft.— Elend!6 fuͤgte er ſeufzend hinzu, denn zu weinen wagte er nicht, und ſein ganzer blau gepeitſchter, miß⸗ handelter Koͤrper, bebte wie Eſpenlaub; die Hitze war zum Erſticken, und ihn fror dennoch. „Welchen Wind haben wir 24 vvSeit geſtern, Meiſter, Nordweſt.«6 vUnd der Nordweſt weht noch immer 4 fragte Buyk mit donnernder Stimme. vNJa, Meiſter, c« erwiderte furchtſam das Kind. vEr weht noch immer aus Nordweſt,«— ſagte der Meiſter gedankenvoll. vJa, Meiſter. c4 »Wer ſprach mit Dir?« und dieſe Worte wurden mit einer derben Maulſchelle begleitet. Meiſter Buyk verſank in finſteres Sinnen, welches er nur unterbrach, um Figuren und Zei⸗ chen mit Kieſeln, Tauenden oder ſeinen Fingern zu machen. Das Kind ruͤhrte ſich nicht; es fuͤrchtete, ſich nur Pruͤgel zuzuziehn, und hielt ſogar den Athem an. In der That war Elend wirklich ſehr zu be⸗ klagen; der Ungluͤckliche war aus Mitleid an Bord genommen; ſeine Mutter ſtarb im Hoſpitale, und 5 Meiſter Buyk adoptirte ihn, ſo zu ſagen, indem er ihn zu ſeinem Schiffsjungen annahm; als ſol— chen ließ er ihn, das kann man glauben, das Brod theuer bezahlen, welches das arme Kind nicht einmal immer zu eſſen bekam. Elend war ſo ſchmaͤchtig, ſo klein, ſo leidend, daß fur dieſes gebrechliche Weſen durchaus Luft, Sonnenſchein und heiteres Kinderſpiel, ein ſorgloſes Leben, Ruhe und Schlaf, nothwendig geweſen waͤren. Von alle dem aber hatte Elend nichts. Er verließ nur hoͤchſt ſelten den Raum, ſo ſehr furchtete er die andern Schiffsjungen, welche ihn hetzten, quaͤlten und ſchlugen. Das einzige Vergnuͤgen des Be⸗ jammernswerthen beſtand daher darin, ſich waͤh⸗ rend der Nacht, wenn ſein Herr ſchlief, wie ein Geſpenſt auf das Deck zu ſchleichen und in dem Tauwerk umher zu klettern. Dann heiterte ſein armes, leidendes Geſicht, von der friſchen Seeluft beruͤhrt, ſich aufz er em⸗ pfand das Gluͤck eines Kindes, wenn er die Wel⸗ len ſpielend tanzen und ſich an dem Schnabel brechen ſah, den Kiel mit phosphoriſchem Schein umziehend; wenn er die hell am Himmel fun⸗ kelnden Sterne erblickte, und ſich eine Stunde ohne Pruͤgel befand. Aber dieſe Augenblicke des Vergnuͤgens waren nur kurz, ſo ſehr fuͤrchtete er ſich, der entſetzlichen Stimme des Meiſter Buyk nicht gleich folgen zu koͤnnen. Das arme Hirn des bejammerns⸗ — 107— werthen Knaben gerieth daher auch manchmal in Verwirrung. Dann trat ein entſetzliches Lacheln auf ſeine Lippen, ſeine Augen vergroͤßerten ſich auf furchtbare Weiſe, und er ſagte mit ſeiner pfeifenden, ſchwachen Stimme: vDie Kellerratte hat gute Zaͤhne, gute Zahne; ſie wird die Nuß durchfreſſen.« Und indem er dieſe Worte auf unverſtaͤndliche Weiſe ausſprach, drehete er ſich mit entſetzlicher Schnelligkeit um ſich ſelbſt herum; dann endlich erſchoͤpft, ſank er in einen bewußtloſen Schlaf, aus dem ſein Herr ihn mit gewaltigen Schlaͤgen weckte, und ihn ſo wieder zu ſich ſelbſt brachte. Meiſter Buyk befahl ihm vorhin, den Meiſter Bougquin zu ſuchen. Der Burſche ſtieg ſeufzend in die Batterie hin⸗ auf, denn er wußte, was ihn dort erwartete. In der That hatte er ſich kaum gezeigt, als er mit Geſchrei und Schlaͤgen begruͤßt wurde. „Ah, da biſt Du ja, Raumratte! Das iſt fur Dich, Kellerratte,« ſagte Einer. »Der Schurke da iſt es, der die Taue zer⸗ beißt,« rief ein Anderer. »Da, Elend, lege das in Deinen Vorraths⸗ kaſten zu den Rippenſtoͤßen.« Auf die Ratte! auf die Ratte Und alle Matroſen, beſonders aber die Schiffs⸗ jungen der Batterie, verfolgten ihn heulend, und Elend ſchien einer Schlange gleich zwiſchen den 06 Kanonen durchzugleiten, ſo viel Behendigkeit gab ihm die Furcht. Endlich kletterte er auf das Deck, um Meiſter Bouquin zu ſuchen. Neues Ungluͤck! Meiſter Bouquin ſprach mit dem Lieutenant auf dem Hinterdeck, und Elend wußte, welcher Strafe er ſich ausſetze, wenn er dieſen nur den Offizieren vorbehaltenen Theil des Schiffes betrat. Zu ſeinem Gluͤcke endete die Unterredung bald. Meiſter Buyk verlangt Euch zu ſprechen, Meiſter Bouquin,« ſagte der Schiffsjunge. vAh, Du biſt es, elende Ratte? Ich komme; ſage ihm das, und marſch—46 Meiſter Bouquin begleitete dieſe Antwort mit einem Fußtritt, als haͤtte er von der Gewohnheit auf dem Schiffe nicht abweichen wollen. Dann ſtieg er nach der Loͤwengrube hinab, vor ſich hin brummend: „Was wrill denn der alte Hexenmeiſter von mir? Das iſt einer, der ſich ruͤhmen kann, ver⸗ wuͤnſcht philoſophiſch zu ſein ke (Ende des zweiten Bändchens.)