Eugen Sue's ſaͤmmtliche Werke. Dreizehnter Theil. Deutſch von L. v. Alvensleben. Der Salamander. Drittes Bändchen. ————— Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. Salamander. Ein Roman aus dem Seeleben von Eugen Sue. von L. v. Alvensleben. Drittes Bändchen. * Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. ———————————————————.— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Dreimal habe ich die Lenormand um Rath befragt. Sie iſt verrückt, aber ſie ſpricht ſonderbare und ſtaunenerregende Dinge. Der Kaiſer Alexander. Ich kann die überraſchenden Wirkun⸗ gen des zweiten Geſichts nicht laugnen. Walter Scott, Jvanhoe. Prophezeihungen. Nun, was willſt Du denn, Du altes Croco⸗ dill? Du willſt wohl einem Alten mit Deinem Rachen eins verſetzen% ſagte Bouquin, indem er vorſichtig in die Wohnung des Raummeiſters ein⸗ trat.„Aber, sacré Pieu le fuͤgte er hinzu, ves iſt ja ſo dunkel in Deiner Cajute, daß, wenn man hier ein Bidon anſetzte, man nicht wuͤßte, ob man vier oder zwei Flaſchen getrunken haͤtte. Aber da Du einmal vom Trinken ſprichſt« ſagte er zum Salamander MI. 1 — Raummeiſter, der davon keineswegs ſprach, vſo ſchaffe ein Bidon herbei, gleichviel wovon, denn ich habe einen trocknen Huſten, und der Doctor ſagt, ich duͤrfe den durchaus nicht vernachlaͤſſigen. Du weißt, daß ich nicht meinetwegen, ſondern wegen des Doctors, den wir Alle wie einen Va⸗ ter lieben, zu trinken von Dir fordere; denn vor allen Dingen muß ich meinen leidenden Magen befriedigen, das wird dem Doctor Ehre machen.« Und wie zum Beweiſe ſeines krankhaften Zu⸗ ſtandes ließ Meiſter Bouquin den ganzen Sala⸗ mander durch einen derben Huſten, der kraͤftig aus ſeiner Lunge hervorkam, erbeben. Meiſter Buyk, in ſeine Traͤumereien verſenkt, antwortete Bouquin nicht; aber er ſtreckte ſeinen Arm aus, und ſetzte ein Bidon, mit Wein ge⸗ fuͤlt, neben ſeinen Freund. Dieſes Schweigen war zu ſehr nach dem Geſchmacke Bouquins, als daß er daran dachte, es zu unterbrechen; und man hoͤrte nur einen dumpfen, gleichfoͤrmigen Laut, wie den eines rinnenden Brunnens; ein Beweis, wie eifrig Meiſter Bouquin daran dachte, dem medi⸗ ziniſchen Rathe des Doctors nachzukommen. Als Bouquin den Bidon beinahe geleert hatte, fragte er den Raummeiſter: Mun, Alter, was willſt Du denn von mir? vHoͤre, Bouquin,« ſagte der Andere mit der großten Ernſthaftigkeit: vWir haben das Ho⸗ roscop des neuen Commandanten noch nicht g ſtellt, und das iſt noͤthig, da wir vielleicht heute unter Seegel gehen. 44 vDas iſt ganz Recht« ſagte Bouquin, nach⸗ dem er nochmals getrunken hatte, und wohlgefaͤl⸗ lig mit der Zunge an den Gaumen ſchlug. vIch habe Dich alſo herunter rufen laſſen, Bouquin, um von Dir einige Erkundigung uͤder ihn einzuziehen. Nun ſprich, ich will hoͤren; er⸗ innere Dich, mit welchem Winde er an Bord ge⸗ kommen iſt. c4 vMit einem Suͤdweſtwinde, ſo ſtark, als galte es, den Ochſen die Hoͤrner auszureißen.« vWeiter,«« ſagte der Raummeiſter. vEs iſt ein Großer, wie ein Maſt geſtaltet; er traͤgt einen gelben Ueberrock und eine Pelzmuͤtze, wie der Portier des Arſenals.« vvUnd, ſapperment, ſo koͤmmt er auf das Deck des Salamanders, auf das Deck einer bra⸗ ven Kriegs⸗Corvette«4 ſchrie Meiſter Buyk au⸗ ßer ſich. vJa, was das betrifft, Meiſter Buyk, ſo fuhle ich eben ſo gut wie Du, daß das entehrend fur die Equipage iſt, die keinen gelben Ueberrock traͤgt.« Es iſt ein verlornes Schiff,«« ſagte ernſt der Raummeiſter. Glaubſt Du?6. vvUnd der Lieutenant, was ſagt der dazu?«« »Der wuͤthet; verdamm'ch! Der wuͤthet; um 1 X ſo mehr, da die alte Beſtie nicht bequem iſt, und ihre Zaͤhne hat. Nein, bequem iſt er nicht; und ſieht doch dabei ſo gutmuͤthig aus. Nuulich horte ich, daß der Lieutenant ſagte, ganz laut, als ob es alle Welt hoͤren ſollte: Der Commandant iſt ein guter, ein ſehr guter Seemann, nur daß er nicht das Ausſehn davon hat. In der That gleicht er vielmehr dem Onkel des ſeligen Giro⸗ mon, welcher an der Thuͤre von Saint⸗Louis das Weihwaſſer austheilt.« vEs iſt zum Erſtaunen. 44 „und der Zimmermeiſter hat ein Modell ge⸗ ſehn, welches der Commandant gemacht hat, und ſagt, es ſei verflucht ſchoͤn. Uns Andern geht das uber den Verſtand, denn Du hatteſt ihn an Bord ankommen ſehen ſollen. Er glich jenen Spieß⸗ buͤrgern, welche auf der Rhede unſre Schiffe be⸗ ſuchen und uns tauſend Albernheiten fragen. Aber dennoch iſt er ein alter Wuͤtherich, und man darf ſich nicht an ihm reiben.« vvSein Name?64 „Es iſt noch dazu ein Edelmann, ein Ruͤck⸗ koͤmmling, der Marquis von Longetour.« vAlſo, cc ſagte der Raummeiſter, vfaͤngt ſein Name mit L an, er kam bei Sähweſt an Bord, und an welchem Tagea6 vAm Freitag.« vvAn einem Freitag lc6 vund ſtatt gleich nach dem Hintertheil zu ge⸗ — hen, iſt er erſt um das ganze Deck herumge⸗ gangen.« vNDer Teufel lc4 vUnd als die Flagge gehißt wurde, hatte das Tau drei Knoten geſchlagen l« vOh lx4 vund es war dreizehn Tage vor dem Wirbel⸗ winde, mit dem der Paſſagier am Bord kam, den wir nach Smyrna bringen, Du weißt, der ſchoͤne Mann, der ſo ſtolz ausſieht. Und ſieben Tage, nachdem der arme Giromon durch die Schurken von Oelfreſſern ermordet wurde.« vvSieben Tage— 44 „Ach, ich vergaß noch: An demſelben Tage iſt Herr Paul durch die Oeffnung zum falſchen Deck gefallen und hat ſich beinahe todt geſchlagen.« Bei dieſen Worten ſprang Meiſter Buyk wuͤ⸗ thend von ſeiner Kiſte auf. vvGenug! Genug le4 rief er aus, vGenug, Bouquin! Armer Salamander! Arme Corvette! Siehſt Du, Bouquin, der Marquis iſt der Tod der Corvette; und wenn ich ſage der Corvette, ſo ſage ich auch Herrn Pauls; Beide koͤnnen nicht ohne ein⸗ ander leben, denn er wurde an eben dem Tage geboren, als ſie vom Stapel lief. Ja, erliſt ſein Tod, des armen Herrn Pauls Tod, denn dieſer iſt, wie ich Euch ſchon hundert Mal ſagte, der Schutzen⸗ gel der Corvette. Ach armer Salamander!s4 fagte traurig Buyk. vIch habe Dich vom Sta⸗ pel laufen ſehen, ich bin ſelbſt mit Dir vom Sta⸗ pel gelaufen, denn ich war damals ſchon in mei⸗ ner Loͤwengrube inſtallirt. Armer Salamander! Du haſt nicht mehr lange zu leben. 44 Ach, bah! Matroſe, Du faſelſt.« vIch faſeln la« ſagte ſtrenge der Raummei⸗ ſter, vich faſeln!— War es wahr oder nicht, als ich Euch vor dem Kampfe mit der engliſchen Fregatte prophezeihte, daß wenn der Salamander eine Hauptwunde bekaͤme, wuͤrde dics auch bei Herrn Paul der Fall ſein, ja, was noch mehr, dieſelbe Wunde. Nun, wo war die Hauptwunde des Salamander 44 „In den edeln Theilen, in den Backbordflan⸗ ken, unter der neunten Rippe. Ich ſehe ſie noch, als ob ich ſie vor mir haͤtte, und ich glaubte wahrhaftig, wir wuͤrden untergehen.« vNun, wars nicht auch in der Backbord⸗ flanke, wo Herr Paul verwundet wurde? Wenn ich es Euch ſage, Ihr Unglaͤubigen, daß das, was dem Einen begegnet, ſtets auch dem Andern widerfahren, und daß der Marquis den Untergang Beider herbeifuͤhren wird, ſo koͤnnt Ihr mir es glauben; aber Eins laͤßt ſich noch thun, Eins allein— 44 »Und das iſt?6 „Den Commandanten uͤber Bord zu ſchicken, um zu ſehen, ob er ſich mit den Fiſchen vertraͤgt und ob ihm Floßfedern wachſen.«4 ———— 2 * bu ꝛ vDas iſt gerade kein laͤcherlicher Gedanke, doch dazu iſt da oben etwas, das uns daran hindert.« vDie Vorſehung 266 vAch, Albernheit! Nein; der Lieutenant wuͤrde uns zu einem prachtigen Gericht fuͤr die Hayliſche zubereiten; und dann, ſiehſt Du, Meiſter Buyk, wenn das auch iſt, ſo wuͤrde es ſo ſein, wie je⸗ ner Turke ſagte, mit dem ich in Aſien trank, trotz ſeiner— Dings— 4 vSeiner Religion willſt Du ſagen.46 „Ja, ja, ſeiner Religion, die er nicht ſchlecht hinter trank, der Tuͤrke. Und Du mußt geſtehen, Bouquin, daß die tuͤrkiſche Religion ganz dazu gemacht iſt, Neulinge an das Feuer zu gewoͤhnen. Man ſagt ihnen: Werdet Ihr verwundet, ſo wer⸗ det Ihrs; wo nicht, ſo nicht. Und nun gehts blind drauf los!— Ach, ſiehſt Du, ich bin der Meinung der Turken, denn ſie ſehn klar. Laſſen wir unſere Knochen hier, ſo bleiben ſie hierz laſſen wir ſie nicht hier, ſo bleiben ſie auch nicht hier. „Was das betrifft, den Commandanten zu baden, ohne ihm etwas zu ſagen, ſo iſt das eine Poſſe, in die ich mich nicht miſchen will, und ich rathe es Dir nicht einmal, mein Freund, das da oben ganz laut zu ſagen; denn, ſiehſt Du, es giebt an Bord Taue, und ich vermuthe, daß Du Haut auf den Rippen haſt. Doch ich hoͤre die Pfrife des alten La Joie. Aber was giebts denn? Alle Welt eilt auf das Deck; wir gehn — 8— vielleicht unter Segel. Auf Wiederſehn, Alter; ich bedanke mich fur das ſchoͤne Abenteuer.«. Er ließ Buyk allein die Mittheilungen, die er ſo eben empfangen hatte, uͤberlegen. In der That hoͤrte man auch an Bord jenes verwirrte Geraͤuſch, jenes rege Leben, welches in einem Fahrzeuge zu herrſchen pflegt, wenn die ganze Equipage auf das Deck eilt, um irgend ein wichtiges Manoͤver auszufuͤhren. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Das Lichten der Anker. Wie der Lieutenant es vorher geſehen hatte, trat nach dem Typhon Nordweſtwind ein. Alle Vorbereitungen zur Abfahrt waren gemacht, und als Bouquin auf das Deck trat, war die Equi⸗ page dort aufgeſtellt; die Maſtwaͤchter in den Koͤrben; der Faͤhnrich Merval und Paul ſtanden an der Windſpille, und man erwartete nur noch die Ankunft des Lieutenants und des Comman⸗ danten. Der alte Garnier, der Commiſſair und die beiden Fähnriche waren mit dem Neuange⸗ kommenen, dem Herrn von Szaffie, ſehr be⸗ ſchäftigt. „Haben Sie ihn geſehen, Doctor?4 fragte der Commiſſait. Ja. Dieſen Morgen einen Augenblick.« vWas fuͤr ein Menſch iſt er 24 Ein großer Mann,«4 ſagte der neuangekom⸗ mene Offizier, ein alter Faͤhnrich, Namens Bi⸗ daud. vEin großer Mann, mit ziemlich ſtolzem Ausſehen, und einem Blicke, welcher ziemlich ſon⸗ derbar erſcheint „Graue Augen, wie Bonaparte,« fuͤgte der Doctor hinzu; das iſt ſehr ſchoͤn.« Das iſt ſehr haͤßlich,« unterbrach ihn Mer⸗ val, welcher kam, um Theil an der Unterhaltung zu nehmen.—„Ich habe ihn auch eine Minute geſehn, am Fenſter der Gallerie. Er hat ein auf⸗ fallendes Benehmen, eine wahre Weiberhand, aber ſein Geſicht gefaͤllt mir nicht; er ſieht geckenhaft und impertinent aus.« MNein,« ſagte der Doctor, Her ſcheint ſich vielmehr zu langweilen.« »Und man koͤnnte ſagen, ſein Geſicht ſei et⸗ was hart,« fuͤgte Bidaud hinzu. vUnd dennoch ſollte man zuweilen glauben, er waͤre recht gut⸗ muͤthig. Schwatzhaft iſt er nicht; und wenn er ſpricht— ich weiß nicht, aber man moͤchte glau⸗ ben, er mache ſich uͤber Einen luſtig.« Ei, warum nicht garz« ſagte Garnier. „Ja, ſo iſt es. Ich habe ihn von Toulon hierher gebracht, Doctor. Nun gut; ſagte er mir ſchwarz, ſo antwortete ich: ſchwarz, weil es mir ſchwarz ſchien; und ſagte er dann: weiß, ſo ſchien es mir wieder weiß, obgleich das Schwarze mir ſchwarz geſchienen hatte, und das Weiße— 6 „Ah! ſchoͤn l« rief der Doctor, den Faͤhnrich Bidaud unterbrechend; vich weiß nicht obs des Schwarzen wegen iſt, aber was Sie mir ſagen, ſcheint mir verteufelt dunkel.— Mit ſeinem Schwarz und ſeinem Weiß ſollte man ja den Kerl fuͤr grau halten.— Verſtehen ſie etwas davon, Merval 24 vIch? Durchaus nicht. vAh! So iſt's alſo ein Raͤthſel, Herr Bi⸗ daud? Nun dann die Aufloͤſung! Die Aufloͤſung, Herr Bidaud le Zum Gluͤck fuͤr den armen Bidaud erſchienen jetzt der Commandant und Peter auf dem Deck. Der Commandant, geſchmuͤckt, in ſeine Uniform geſpannt, bleich, niedergeſchlagen, mit mattem Auge und in einem Mitleid erregenden Zuſtande. Der Lieutenant ſagte, nachdem er ihn militairiſch gegruͤßt hatte: „Commandant, ich werde Ihr Befehle voll⸗ ziehen.« Und Peter begab ſich nach dei Vordertheile des Schiffes, befahl die Spille zu drehen, um den Salamander uͤber ſeinen Gabelanker zu legen; und ließ den Marquis ganz allein mit ſeinem Sprach⸗ rohre. — 1— Es ſchien dem ungluͤcklichen Commandanten, als waͤren die Augen der ganzen Equipage auf ihn gerichtet; ſeine Haare ſtraͤubten ſich zu Berge, es ſauſte ihm vor den Ohren, und in Gedanken wuͤnſchte er Eliſabeth zu allen Millionen von Teufeln, welche die Hoͤlle bevolkern. Die Stimme des Lieutenants ertoͤnte. Dieſe Stimme war den Ohren des Marquis hundert⸗ mal fuͤrchterlicher, als alle Trompeten des juͤng⸗ ſten Gerichts. „Commandant, wir liegen uͤber dem Anker!« rief Peter. Der Marquis haͤtte ſich in das Meer ſtuͤrzen moͤgen; der Bedauernswerthe hatte nicht ein Wort von dem Unterrichte behalten, den ihm Peter waͤh⸗ rend der Nacht ertheilt, und wohl zwanzig Mal wiederholt hatte. „Commandant,« wiederholte Peter, wir lie⸗ gen uͤber dem Anker l vAh! Wirklich? Nun gut— 4 Nun gut, Commandant?« fragte Fäͤhnrich Bidaud. Nun gut!«— Und der ungluͤckliche Longe⸗ tour umklammerte krampfhaft ſein Sprachrohr; er war außer ſich; Alles wirbelte ihm vor den Augen, und endlich ſagte er mit aller Anſtren⸗ gung: Mun gut, ſo wollen wir abfahren.« „Wie, Commandant?4 ftagte der Lieutenant. Ja. Abfahren wollen wir.« Peter verſtand nichts und rief noch einmal: Aber wir ſind uber dem Anker! Sollen wir nicht den Anker loͤſen 26 Dieſe Frage gab dem Commandanten einen Lichtſtrahl, und er ſchrie nun mit aller Anſtren⸗ gung: MLoͤſ't! Loͤſet! Natuͤrlich; loͤſ't ſogleich l« Der Ungluͤckliche erinnert ſich aber auch an gar nichts. Man muß wahrlich Mitleid mit ihm haben,« erwiderte Peter. Dann naͤherte er ſich dem Commandanten und ſagte ihm leiſe: vSie haben ſelbſt nicht einmal Gedaͤchtniß; es iſt ein Elend! Geben Sie mir Ihr Sprachrohr; ſchnell!— Die Corvette legt ſich auf die Seite.« Aber, mein Freund, ich weiß— 4 „Commandant! Commandant! Wir ſchlagen nach Backbord uͤberle ſchrie Merval mit einer Art von Entſetzen. vIhr Sprachrohr, mein Herrl ſagte Peter noch einmal mit leiſer Stimme. Aber bedenken Sie doch vor den Augen der ganzen Equipage— warten Sie— ich er⸗ innere mich— warten Sie doch— Schlagt los!« Wir laufen auf den Strand le ſchrieen Mer⸗ val und Paul. Jetzt kannte Peter ſich ſelbſt nicht mehr, nahm dem Commandanten das Sprachrohr aus der Hand, ſprang auf die Quartierbank und rief: „Laßt die Segel ſchießen! Hiſſt und befeſtigt — Mars- und Beſamſegel! Und Du, Steuermann, den Helmſtock ganz nach Steuerbord Bei dieſer bekannten Stimme, dieſem kurzen und deutlichen Commando, bewegte ſich die Equi⸗ page mit bewundernswuͤrdiger Genauigkeit, als wuͤrde ſie nur von einer Seele belebt. Die Corvette lief keine Gefahr mehr, und be⸗ gann wieder nach Steuerbord zu gelangen. Um das Manöver vollſtaͤndig zu machen, haͤtte das große und das kleine Fockmaſtſegel befeſtigt wer⸗ den muͤſſen. Peter wußte das beſſer als irgend Jemand; dennoch gab er das Commando dazu nicht, ſondern ſtieg von der Quartierbank herab und ſagte leiſe zu dem Commandanten: „Das Manoͤver iſt ſchlecht, aber das Schiff lͤuft keine Gefahr mehr. Befehlen Sie nun, das große Fockſegel und das Bramſegel zu befeſtigen, Backbord zuruͤck zu braſſen, und erwaͤhnen Sie mit lauter Stimme gegen mich, daß ich dieſen wichtigen Punkt vergeſſen habe.« Der Marquis, entzuckt daruber, ſich fuͤr die ihm widerfahrene Demuͤthigung raͤchen zu koͤnnen, ſetzte das Sprachrohr an den Mund, und gab das Commando ziemlich getreu wieder. Einige techniſche Worte wurden zwar verſtuͤmmelt, aber die Equipage, welche an das Ganze gewoͤhnt war, verſtand das Commando und vollzog das Manoͤ⸗ ver, zum erſten Male bei ſich ſelbſt ſagend: vDas lohnte auch wohl der Muͤhe, daß der — Lieutenant den Commandanten unterbrach, wenn er das vergeſſen wollte. Woran dachte er denn? Der Alte vergißt nichts. Ja er verſteht ſeine Sa⸗ che. Der Lieutenant hat doch Unrecht gehabt, den Commandanten zu unterbrechen, aber der wirds ihm ſchon eintraͤnken l4 Der Wind ſchwellte die großen Segel des Sa⸗ lamander, dieſer gehorchte ihrer Gewalt, und hatte bald die Spitze des Golfes von Grimaud um⸗ ſchifft. Als die Corvette einmal unter Segel war, be⸗ gab ſich der Commandant auf ein Zeichen Peters nach ſeiner Wohnung hinunter, wohin der Lieute⸗ nant ihm bald nachkam. »Wahrhaftig, mein Herr lK ſagte Peter; ves iſt ein Elend, daß Sie ſo wenig Gedächtniß haben.« vvAber Lieutenant,«« erwiderte der Marquis, vodas iſt auch verteufelt ſchwer. Doch, mit Ih⸗ rer Huͤlfe habe ich mich recht gut aus der Sache gezogen; empfangen Sie meinen herzlichen Dank dafuͤr. 46 „Es handelt ſich nicht vom Danke, mein Herrz im Gegentheil muͤſſen Sie mich beſtrafen: denn Ihretwegen habe ich zum erſten Male in meinem Leben gegen die Disciplin gefehlt, indem ich an Ihrer Stelle das Commando nahm, ohne daß Sie mir vor den Augen der Equipage dazu den Befehl gegeben hatten.« Aber es geſchah ja zum Beſten des Dienſtes, mein Freund l vAber, mein Herr, das iſt ein gefaͤhrliches Beiſpiel. Verſtehn Sie denn nicht, daß eine Equi⸗ page, ſaͤhe ſie ſich auch in der Brandung, zwei Finger breit von ihrem Untergange, und deſſelben gewiß, ja daß kein Menſch, ſelbſt kein Offizier das Recht haͤtte, ein Wort an dem Commando des Commandanten abzuaͤndern? Sehen Sie denn nicht ein, mein Herr, daß das, was ich in lobli⸗ cher Abſicht that, auch in ſtrafbarer gethan wer⸗ den koͤnnte? Daß es fuͤr die Disciplin ſchon ein Ungluͤck iſt, was ich that, und daß nur die hoͤchſte Strenge die gefaͤhrlichen Folgen eines ſolchen Schrit⸗ tes abwenden kann 266 „Aber es iſt doch ſonderbar, mein Freund, daß Sie mich zwingen wollen, Sie zu beſtrafen, da— 4 v So wollen Sie mich denn durch Ihre ewi⸗ gen Einwaͤnde bei langſamem Feuer ſterben laſſen? Wollen Sie denn nicht erkennen, daß es ſich hier nicht um Sie, ſondern um Ihren Grad handelt? um das la6 ſchrie Peter heftig, die Epauletts des Marquis ſchuͤttelnd, vvum das, mein Herr? Daß es fuͤr Sie, wie fuͤr uns Alle, eine Frage iſt, die uͤber Leben und Tod entſcheidet? Daß, wenn ein ſolches Vergehen ungeſtraft bliebe, die Equipage, durch ein ſo ſchlechtes Beiſpiel verleitet, morgen ſchon unſere Befehle bekritteln, murren, ſich em⸗ poͤren, und zuletzt mit der Corvette hinſegeln würde, wohin ſie wollte?64 Mun, nun, aͤrgern Sie ſich nicht, mein Freund; ich werde alles thun, was Sie wollen. Nun, laſ⸗ ſen Sie ſehen. Sie ſollen alſo geſtraft werden, weil es Ihnen ſo Spaß macht.« Peter zuckte mitleidig die Achſeln, und ſagte: Glauben Sie denn nicht, mein Herr, daß es ſchmerzlich, aͤußerſt ſchmerzlich fuͤr mich ſein muß, in meinem Alter wegen eines Subordinationsfeh⸗ lers in das Schiffsjournal eingetragen zu werden? Ich, mein Herr, der ich ſo enthuſiaſtiſch fuͤr die Subordination geſtimmt bin? Doch, das thut nichts; denn das Beiſpiel einer ſtrengen Strafe gegen einen Offizier, wegen eines Vergehens gegen die Disciplin, iſt heilſam fuͤr die ganze Equipage, da es nur dazu dienen kann, die hohe Achtung der Subordination nur noch zu vermehren. Und dennoch, mein Herr, iſt das, was Sie jetzt auf meinen Befehl in das Tagebuch ſchreiben werden, das Mittel, die einzige Hoffnung auf Avance⸗ ment, welche mir noch blieb, zu zertruͤmmern!«6 „Nun? Und 4 „Nun, mein Herr, ich weiß das Alles der Ehre des Corps, dem ich angehoͤre, zu opfern, und mein Gewiſſen belohnt mich dafuͤr hinlaͤnglich. Sie ſtehn im Hellen, mein Herr, ich in der Dun⸗ kelheit; wenn es 500 Schiffslieutenants giebt, ſo zäͤhlt man nur 50 Fregattencapitans, und dieſe muͤſſen in den Augen der Matroſen als auser⸗ waͤhlte Maͤnner daſtehen. Außerdem noch, mein Herr, erſcheint ein Fleck immer ſchmutziger auf der geſtickten Uniform eines Commandanten, als auf dem einfachen blauen Rocke eines Subalternoffiziers. c4 »Aber, mein Gott, da ich Sie ſtrafen will, was wollen Sie denn weiter 24 v„Nun, das iſt gutza« ſagte Peter, und der Marquis ſchrieb in das Schiffsjournal, was der Lieutenant ihm dictirte:„„Daß Peter auf dem offnen Deck, im Angeſicht der ganzen Equipage, die Befehle ſeines Commandanten unterbrochen habe, und daß er dafuͤr mit vierzehntaͤgigem Arreſt beſtraft worden ſei. 4 Daſſelbe wurde auch in das Ordrebuch einge⸗ tragen. Man kann von der Wichtigkeit dieſer bei⸗ den Journale urtheilen, wenn man weiß, daß ſie ſtrenge bewahrt, und bei der Ruͤckkehr nach Frank⸗ reich an das Miniſterium geſendet werden, um ſo uͤber das Benehmen der Offiziere Auskunft zu er⸗ theilen, ſo wie als hiſtoriſche Documente, von der Art und Weiſe zu dienen, wie das Fahrzeug ſeine Sendung vollzogen hat. Am Freitag endlich, den 15. Auguſt 1815, gegen 11 Uhr Morgens, verließ der Salamander die Rhede von St. Tropez, und um 5 Uhr ſchon waren die Hoͤhen Corſica's aus dem Geſichte ver⸗ ſchwunden. Salamander. III. 2 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Jung oder alt, unklug oder weiſe, Du, der einer Wolke gleich, von Himmeln zu Himmeln eilt, Dem Inſtinct des Vergnügens oder dem Rufe des Be⸗ dürfniſſes folgſt, Reiſender, wohin ſo weit? Iſt hier denn nicht Deiner Reiſe Ziel? Victor Hugo; Ode XlV. Ah, Ihr glaubt glücklich zu ſein?— Da bin ich!. Mathurin, Bertram. c Gleite, fliege ſchnell uͤber das azurblaue Meer dahin, theurer, ſchoͤner Salamander! Lebe wohl! Frankreich, lebe wohl! Lebe wohl! ſchöne Pro⸗ vence, mit deinen uͤppigen Orangenbaumen, deinen ſpitzigen Meſſern, deinem warmen, wolluͤſtigen Klima, mit deinen ſo gaſtfreundlichen Einwoh⸗ nern; lebe wohl! Noch einmal: Lebe wöhl! 2— 19— Du gehſt nach Smyrna, brave Corvette, nach Smyrna, der reichen Stadt des Orients, der Stadt von Gold und Sonne, der Stadt mit den grun und rothen Kiosks, mit den Marmorbaſfins, erfuͤllt von klarem, wohlriechendem Waſſerz mit den kühlen Schatten der Maulbeer-, Feigen- und Palmbaͤume; der Stadt der Harems und der Traͤgheit, des Opiums und Faffees, der vollkom⸗ menen Stadt, wenn es je eine gab. Oh! uͤber das Leben des Orients! Ueber das Leben des Orients! Einzige Exiſtenz, welche nicht eine lange Taͤuſchung iſt! Denn dort herrſcht nicht das Gluͤck der Theorie und ſpeculative Gluͤckſelig⸗ keit; nein, nein, dort iſt Alles wahres, wirkliches, erwieſenes Gluͤck! Und man glaube nicht etwa, dort nur eine Reihenfolge von Vergnuͤgungen, rein materiell, anzutreffen. Im Gegentheil iſt es das geiſtige Leben, wie jedes traͤge, contemplative.— Denn, kennt man einen Orientalen, der nicht Dichter waͤre? Schoöpft er nicht aus der Dichtkunſt oder Trunkenheit?— denn Trunkenheit iſt zufaͤllige Poeſie.— Schoͤpft der Orientale nicht ſeine Poeſie aus drei Quellen: aus ſeinem Tabak, ſeinem Kaf⸗ fee, ſeinem Opium? Die Proeſie der Pfeife iſt eine luftige, leicht und vergaͤnglich, wie der wohlriechende Duft, der ihr entſteigt. Sie iſt eine verwirrte Harmonie, ein leichter Traum, ein Gedanke, den man ver⸗ 23 läßt und wieder gewinnt; eine anmuthige Geſtalt, welche zuweilen nackt erſcheint, zuweilen halb ver⸗ ſchleiert durch den friſchen Rauch des levantiſchen Tabaks. Dann die Poeſie des Kaffees, ſchon ſtaͤrker, beſtimmter. Die Ideen verknuͤpfen ſich, und ent⸗ wickeln mit wunderbarer Klarheit ein glaͤnzendes Licht. Die Einbildungskraft breitet ihre farbigen Flügel aus, und fuͤhrt Euch nach den hoͤchſten Regionen des Gedankens empor. Dann entfalten ſich vor Eurem Auge die Jahrhunderte, farbreich und fluͤchtig wie die Ufer, welche zu entfliehen ſcheinen, wenn die Wogen Euch fortreißen. Dann entſtehen erhabene Betrachtungen uͤber die Men⸗ ſchen, uͤber die Seele, uͤber Gott; dann nimmt man alle Syſteme, jeden Glauben anz man un⸗ terſucht, pruͤft, man glaubt an Alles. Wäͤhrend dieſes Augenblickes hoher Begeiſterung fuͤhlt man ſich wechſelsweiſe Chriſt, Mahomed, Caſar, und wer weiß, was noch alles. Endlich die Poeſie des Opiums; phantaſtiſche, nervige, krampfhafte Poeſie, letzte Stufe jenes poetiſchen Lebens, welches ſie vollendet. Was Fauſt ſo ſehr geſucht, was Manfted verflucht hat: der Opium gewaͤhrt es. Ihr ruft die Geiſter herauf, die Geiſter erſcheinen Euch. Wollt Ihr abſcheu⸗ lichen Myſterien beiwohnen? Dann iſt es ein hoͤlliſches Drama, btzarr, uͤbernatuͤrlich; dann ſind es namenloſe Weſen, unerklaͤrliche Toͤne, eine Pein, — welche tödten muͤßte, währte ſie laͤnger;— und doch bleibt Ihr immer Meiſter Eurer ſchlum⸗ mernden, fluͤchtigen Geiſteskraft. Mit einem Ge⸗ danken verwandelt Ihr das abſcheuliche Bild in eine entzuckende Viſion der Liebe, der Weiber, des Ruhmes. Habt Ihr dann in jener hohen Sphaͤre ge⸗ ſchwebt, und die goͤttlichen Genuͤſſe des Geiſtes gekoſtet, dann ſteigt Ihr zur Erde hernieder und begebt Euch in Euren Harem. Dort umringt Euch eine Menge ſchoͤner, unterwuͤrfiger, liebender Weiber; denn waͤret Ihr auch noch ſo haͤßlich und mißgeſtaltet, ſie lieben Euch doch. Dort findet Ihr Freuden ohne Zahl, wechſelvoll, zart und auserwählt; dann folgt das materielle Leben auf das intellectuelle. Dann ruht der Geiſt, wel⸗ cher anfangs uͤberreizt war, aus; Ihr werdet ab⸗ geſtumpft; alle Eure Sinne ſchlummern, einer ausgenommen, und dieſer eine ſteigert ſich durch die augenblickliche Abweſenheit der andern; Ihr ſeid gluͤcklich wie ein Narr, und fuhlt das Gluck der Narren. Das iſt nicht etwa eine eitle Theorie, ein nach Gefallen erſchaffenes Utopien. Der Tabak trugt nicht, der Kaffee truͤgt nicht, der Opium truͤgt nicht. Ihre Wirkungen auf unſer Nervenſyſtem ſind zuverlaͤſſig, phyſiologiſch erwieſen und dargethan. Unſere moraliſche Orga⸗ niſation muß ihrem Einfluſſe weichen: traurig oder heiter, gluͤcklich oder ungluͤcklich, muͤſſen un⸗ ſere innerſten Gefuͤhle vor dem Tabaksdampfe, zehn Bohnen Kaffee, oder einem Stuͤckchen Opium weichen. Die Frauen Eures Harems betruͤgen Euch gleichfalls nicht. Ihre friſche Sammthaut, ihr ſchwarzes, ſorgſam gepflegtes Haar, ihre weißen Zaͤhne, ihre roſigen Lippen, ſind Wirklichkeit; ihre gluͤhenden, leidenſchaftlichen Liebkoſungen ſind Wirk⸗ lichkeit; denn in dem Harem erzogen, ſeid Ihr der einzige Mann, den ſie geſehen haben, den ſie je ſehen werden. Alſo, wenn Euer Tabak, Euer Kaffee, Euer Opium von erhabener Wirklichkeit ſind, wenn Ihr reich genug ſeid, um 6000 Piaſter fuͤr eine Geor⸗ gierin zu bezahlen, ſo zeigt mir einen einzigen Be⸗ trug in dieſer rein⸗intellectuellen Exiſtenz, und de⸗ ren wirkliches, vollſtaͤndiges Gluck, nicht auf ſol⸗ chen zerbrechlichen, beweglichen Grundlagen ruht, wie das Herz einer Frau oder eines Freundes iſt, ſondern auf materiellen Gegenſtaͤnden, welche man kauft, und in allen Bazars Smyrna's und Kon⸗ ſtantinopels findet! Und in dieſes vortreffliche Land fuͤhrſt du die ganze Geſellſchaft, welche du in deinem Innern birgſt, mein wuͤrdiger Salamander! Seit fuͤnf Tagen war der Himmel heiter, und man konnte keinen ſchoͤnern, guͤnſtigern Wind ha⸗ —— — ben; ſeit Gedenken war das Wetter nicht ſo gleich⸗ maͤßig gut geweſen. Der gute Marquis gewoͤhnte ſich vollkommen an ſeine neue Exiſtenz. Peter ordnete den Weg an, Peter machte die aſtronomiſchen Beobachtun⸗ gen, Peter commandirte die Manoͤvers, Peter hielt die ſtrenge Schiffsdisciplin aufrecht. Mit einem Worte: Peter that Alles, doch ſo, daß davon ſtets das Ehrenvolle auf den Commandanten fiel. Auf dieſe Weiſe machte er vortrefflich den verantwort⸗ lichen Miniſter eines unfehlbaren Herrſchers. Der alte Garnier quälte beſtändig den Com⸗ miſſair; fluchte, tobte, und ſchimpfte auf ſeine Kinder, wenn ſie das Ungluͤck hatten, ihm ir⸗ gend einen Schmerz zu verbergen. Der Faͤhnrich Merval, welchem es bei Alice nicht gelungen war, machte der Frau von Blene ſeinen Hof. Der neue Offizier Bidaud aß, bezog die Quartierwache und ſchlief. Man weiß, daß Paul Alice liebte, aber die Liebe war tief und religiös; denn die Erinnerung an ſeine Mutter vereinigte ſich mit allen ſeinen Gedanken, und laͤuterte, heiligte dieſe Leidenſchaft; ſie war mit ſeiner ganzen Eriſtenz ſo verwebt, daß er an ſie glaubte, wie an ſein Leben, und daß, wenn er in der Mitte dieſer Freude, welche ihn belebte, an den Tod hätte denken koͤnnen, er nicht geſagt haben würde: ſterben!— ſondern nicht mehr von Alice geliebt werden! Er hatte ſich an dieſe Liebe ſo gewoͤhnt, wie man ſich an ſeine Exiſtenz gewoͤhnt, wie man ſich nicht wundert, daß man lebt; und doch hatte der arme Menſch noch kein Geſtaͤndniß gewagt, weil er glaubte, ſein ganzes Benehmen ſei ein Ge⸗ ſtaͤndniß. Alice ſuchte Paul auf. Sie brachte Stunden lang damit zu, ihn anzuhoͤren, wenn er von ſei⸗ nem Vater, von ſeiner Kindheit, ſeinen Plaͤnen ſprach. Die Thraͤnen traten ihr in die Augen, wenn ſie dieſe reine Seele in den geringfuͤgigſten ſeiner Worte ſich malen ſah. Alice bewunderte ſeinen freimuͤthigen Character, ſo voller Einbildungen, die ſie theilte, welcher nur an die Tugend glaubte und das Laſter ſtets dem Zufalle oder einem boͤſen Geſchicke zuſchrieb. Sie bewunderte ſeine Tapfer⸗ keit, ſeine Kuͤhnheit! Ließ ſic, Paul nicht ofters, nur um ſie an dem Fenſter ihrer Cajüte ſehen zu koͤnnen, mit Todesgefahr an einem Stricke herab? Und das Alles nur wegen eines Blickes, eines Lächelns, eines Zeichens von ihrer weißen Hand.— Wahrlich! ich glaube, daß auch Alice Paul liebte; denn ſie war ganz glucklich uͤber ihr ſtilles, ernſtes Gluͤck. Nur haͤtte ſie ein Geſtaͤndniß ge⸗ wuͤnſcht, das junge Maädchen; denn ſie uberraſchte ihre Tante und den Vater Pauls oft dabei, daß ſie ſonderbare Blicke wechſelten. Sie haͤtte ein Geſtändniß gewunſcht, denn fur ihre gaͤnzliche Un⸗ erfahrenheit lag alle Liebe in dem Geſtaͤndniſſe: Ich liebe Dich. Bis dahin konnte es ja noch Freundſchaft ſein; bis dahin konnte ſie noch zwei⸗ feln. Und die Worte: Ich liebe dich! mußten ein ſo lebhaftes Beben, ein ſo inniges Entzuͤcken hervorrufen.— Das arme Kind ſeufzte daher auch recht nach einem Geſtändniſſe Pauls. Was den Paſſagier betrifft, den man nach Smyrna brachte, Herrn von Szaffie, ſo hatte er einen ſonderbaren Eindruck am Bord des Sala⸗ mander hervorgebracht. Bis dahin hatte die kleine Colonie ſich unter⸗ einander vortrefflich verſtanden. Jeder hatte, um mit einem Gemeinplatze zu ſprechen, ſich ſein Neſt gebaut. Man erfreute ſich an den guten Eigen⸗ ſchaften des Andern, man entſchuldigte deſſen Feh⸗ ler, und dieſe gegenſeitige Duldung machte das Beiſammenleben hoͤchſt angenehm. Was aber den Character dieſer kleinen Geſellſchaft beſonders be⸗ zeichnete, war das gegenſeitige unbedingte Ver⸗ trauen und eine Hingebung ohne Gleichen. Von dem Tage, mit welchem Szaffie an Bord kam, aͤnderte ſich Alles. Er war nicht etwa laͤſtig oder zudringlich; im Gegentheile konnte man keinen artigern, keinen geſittetern Menſchen finden; ſein Benehmen zeigte von Tact und Geſchmack; er war zuvorkommend, nicht muͤrriſch, vergaß ſeinen hoͤheren Stand, und ſicherte ſich dadurch deſto groͤßeren Einfluß. Aber es war in ſeinem ganzen Weſen etwas Sonderbares, Unerklaͤrliches. Er mochte uͤber drei⸗ ßig Jahre alt ſein. Sein Geſicht war regelmaͤßig ſchoͤn, blaß und ernſt. Seine großen Augen hat⸗ ten zuweilen einen hinreißenden Ausdruck der An⸗ muth und Sanftmuth, haͤufiger aber den, bitteren Schmerzes und des Hochmuthes. Sein Wuchs war hoch und ſchlank, und wahrhaft ſchoͤn; die kleinliche Sorge, welche er auf ſeinen Anzug ver⸗ wendete, der von der einfachſten Eleganz zeugte, wuͤrde ihn in phyſiſcher Hinſicht zu einem voll⸗ kommenen Manne gemacht haben, waͤren dieſe nichts bedeutenden, aͤußeren Vorzuͤge nicht vor ſei⸗ ner glaͤnzenden, obgleich bizarren Unterhaltung ver⸗ ſchwunden, welche ſo ſehr hinriß, daß man nur noch daran dachte, ihn zu hoͤren. Aber dieſe Augenblicke glaͤnzender Unterhal⸗ tungsgabe waren bei ihm nur ſelten. Nur zu⸗ weilen belebte ſich ſein Geſicht, ſeine Wangen roͤ⸗ theten ſich dann, und die geiſtreichſten, neueſten, glaͤnzendſten Gedanken entſtroͤmten in reicher Zahl ſeinem Munde. Es waren ſchneidende, grelle Wi⸗ derſpruͤche, die dann ſich in ihm kund gaben: Thraͤnen und Gellaͤchter; die Natuͤrlichkeit eines Kindes und der traurige Spott eines Greiſes; zu⸗ weilen entſetzliche Paradoxen, entſetzliche Wahrhei⸗ ten uͤber den Mann und das Weib; blutiger Scherz uͤber das Menſchengeſchlecht. Dann, als haͤtten die Zuhoͤrer die Achtung gegen ihn verletzt, ſchwieg er ploͤtzlich, verſank wieder in ſein gewoͤhn⸗ 7 ——— liches Sinnen, ſeine gewoͤhnliche Wortkargheit⸗ und entfernte ſich bald, um ſeinen Lieblingsplatz einzunehmen, einen Sitz in einem der Boote, die am aͤußeren Bord der Corvette aufgehangen wa⸗ ren; hier brachte er oft ſtundenlang ſinnend zu. Dieſe Sonderbarkeit war bei dieſem Manne vielleicht das Bewußtſein ſeiner Ueberlegenheit; denn nichts erſchien ihm fremd. Er ſprach von dem Seeweſen mit Peter, von der Phyſiologie mit dem alten Garnier, von der Malerei mit der Frau von Blene, von Muſik mit Alice; aber ſtets mit der groͤßten Kaͤlte, zwar ſehr heftig, aber doch mit einer ſehr ſichtbaren Gleichgultigkeit ge⸗ gen die Perſon, mit der er ſich unterhielt, daß man ſich dadurch zuruͤckgeſtoßen fuͤhlte, und zwar um ſo peinlicher, da der erſte Eindruck, den Szaffie machte, den Wunſch erregte, ſich ihm zu naͤhern. Jederzeit hinderte ſeine Gegenwart die Heiter⸗ keit und zutrauliche Mittheilung. Ging er hin⸗ aus, ſo erleichterte ſich die Bruſt Aller, und das Läͤcheln kehrte wieder auf die Lippen zuruͤck. Fuͤnf Tage nach der Abfahrt von Frankreich hatte man in der Cajuͤte des Commandanten den Kaffee getrunken, und Szaffie war eben hinaus⸗ gegangen, um ſich auf das Deck zu begeben. Nie war ſein Scherz beißender, grauſamer ge⸗ weſen; nie hatte er ſich anfangs zu einer ſolchen Hoͤhe des bitterſten Spottes emporgeſchwungen; nie war er dann zu einer ſanfteren, troͤſtenderen — Philoſophie herabgeſtiegen. Das Extrem dieſer bei⸗ den Syſteme neutraliſirte ſeine eigene Geſinnung, und er hinterließ die Geſellſchaft in einem Zu⸗ ſtande des hoͤchſten Zweifels und der Verwirrung. »Ein Teufel von einem Menſchen! Wo er nur das Alles hernimmt?« ſagte der gute Mar⸗ quis, ſich auf die Lende ſchlagend. vvIch verſtehe von dieſem Menſchen kein Wortze« ſagte der Doctor. vvEr betruͤbt und troͤſtet; man liebt und man haßt ihn; und das Alles in weniger als einer Viertelſtunde. Ich wuͤnſchte wohl, ihn krank zu ſehen, denn auf dem Krankenbette lernt man die Menſchen kennen. Ja, ja, krank moͤchte ich ihn haben 4 6 »Und dann 4 ſagte Alice, pliegt in S Worten eine ſolche Geringſchaͤtzung, eine ſolche Zuverſicht, als wollte er durchaus allen Menſchen ſeine Anſichten aufzwingen, moͤgen ſie nun falſch oder gegruͤndet ſein. Was mich betrifft, ſo bin ich weit entfernt, ſie Alle zu theilen. Einige be⸗ ſonders verrathen eine recht verderbte, abſcheuliche Sfeele. Finden Sie das nicht auch, Herr Paul 4 vAllerdings, mein Fraͤulein. Gleich Ihnen finde ich, daß er die Menſchen zuweilen recht haͤß⸗ lich ſchildert. Und ich beklage ihn deshalb, denn er vermag nicht, zu erkennen, was in den Men⸗ ſchen Schoͤnes, Edles, Großes liegt. Verbrechen und Laſter ſind immer die Schatten des Gemaͤl⸗ des. Sehn Sie, wenn er nur meinen Vater kennte, wuͤrde er gewiß nicht an der Menſchheit zweifeln!— 66 Ein freundliches Lächeln Alice's belohnte dieſen kindlichen Glauben. „Sein Blick,« ſagte Frau von Blène, vhat etwas Verfuͤhreriſches, was man ſich ſelbſt nicht zu erklaͤren weiß.« v„Ich wiederhole es, 46 fiel Alice ein: Hpich bin überzeugt, daß dieſer Menſch entweder ſehr boshaft, oder ſehr ungluͤcklich iſt.«4 und Sie blieb nachdenkend und traͤumeriſch. WVielleicht alles Beides« ſagte der Doctor; „das will ich ſchon erfahren, wenn Gott mir mei⸗ nen Wunſch erhoͤrt, und ihm eine recht derbe Krankheit ſchickt.« „Meiner Treu! Was er ißt, wird ihn nicht krank machen 46 ſagte der Marquis. vAußer einem tuͤrkiſchen Reisbrei, den ſein eigener Koch ihm bereitet, ißt er faſt gar nichts; er trinkt nichts, als das verwuͤnſchte Gebraͤude, welches ſein Kammerdiener ihm macht: kalten Thee mit etwas Champagner vermiſcht.«4 „Welch ein Getränkl« rief der Doctor. Aber ſehen Sie, Commandant, es iſt vielleicht, weil er ſonſt zu viel gelebt hat.4 „Ei, was wollen Sie 64 ſagte philoſophiſch der gute Marquis; vman kann nicht ſein und geweſen ſein—66 vUnd dennoch werden wir eine Partie Schach — 30— ſpielen, Commandant, und haben geſtern eine ge⸗ ſpielt. Antworten Sie einmal darauf.« „„Wahrhaftig, Doctor, ich antworte: wir wollen ſpielen. c4 Sie ſetzten ſich an das Schachbret, und Frau v. Blene nahm ihre Stickerei. Paul war hin⸗ ausgegangen, um ſeine Quartierwache zu beziehen. Alice lehnte ſich an das Fenſter, um die rein und flammend untergehende Sonne zu betrachten. Auch Szaffie betrachtete die untergehende Sonne. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Dann fübl' ich mich verſucht, die Exiſtenz Für bittern Spott einer blinden Vorſehung zu halten, Ihre Sprache mit ihr zu ſprechen, und Aehnlich dem Sterbenden, der verſucht, Durch Lächeln die Todesanaſt zu vetrügen, Meine Vernunft in einen letzten Taumel zu ſtürzen, 3 Und auch mit einem Ausbruch des Geläch⸗ ters zu enden. A. von Lamartine, Harmonien. S zaffie. Peter war auf Quartierwache, als Szaffie auf das Deck kam. Der gute Lieutenant ging ihm entgegen, und — — 3— nachdem er einige Worte mit ihm gewechſelt hatte, gab er vor, einen Befehl ertheilen zu muͤſſen; denn der finſtere Ausdruck im Geſichte des Paſſa⸗ giers war ihm aufgefallen. Das Verlangen nach Einſamkeit malte ſich deutlich auf dieſer ſorgen⸗ vollen Stirn, in dem bittern Lächeln, welches ſeine Unterlippe verzog. Kaum hatte ſich auch der Lieutenant entfernt, als Szaffie ſeinen gewoͤhnlichen Sitz in dem Boote wieder einnahm. Dann ver⸗ barg er ſeinen Kopf in die Haͤnde, und ſchien in tiefes Nachdenken zu verſinken. Szaffie befand ſich jetzt in einem jener ſelte⸗ nen Augenblicke des Nachdenkens und der Offen⸗ heit, wo man gezwungen iſt, Angeſicht gegen An⸗ geſicht mit ſich ſelbſt und ſeinen Thaten und Er⸗ innerungen zu verweilen. Ein ſchnelles Anſchauungsvermoͤgen machte es ihm leicht, ſein ganzes vergangenes und gegen⸗ waͤrtiges Leben mit einem Blicke zu uͤberſehen. Von ausgezeichneter Geburt, und fruͤh ſchon Waiſe, war er ſehr jung in den Beſitz eines be⸗ deutenden Vermoͤgens gekommen. Als er in die Welt eintrat, wurde er mit einer faſt unglaublichen Gunſt empfangen. Sein Geſicht, von einer ſeltenen Schoͤnheit, ſein Reich⸗ thum, ſein vorzuglich gebildeter Geiſt, gewannen ihm einen Empfang in der großen Welt, welcher ſeinem Alter ſelten zu Theil wird. Schnell nutzte er die Friſche der Gefuhle, die 32 reine, keuſche Exaltation, jenen Glauben an Gott, welchen die Vorſehung in das Herz jedes jungen Menſchen legt, ab. Bis zum Greiſesalter be⸗ wahrt Einer dieſe goͤttlichen Gefuͤhle, waͤhrend der Andere ſie an einem Tage verſchwendet. Szaffie hatte ſie verſchwendet, und fuͤhlte ſeine Seele leer und trocken, als er noch nicht zwanzig Jahre alt war. Der Erfolg bei den Weibern war ihm ſo leicht geworden, daß er ſie verachtete; er ſuchte andere Genuͤſſe in dem Ehrgeize, und ein ſonder⸗ bares Mißgeſchick, welches ſich vielleicht durch die Sitten der Zeit erklaͤren laͤßt, machte, daß ihm auch auf dieſer neuen Bahn alles gelang. Nun begann er auf Maͤnner und Frauen mit gleicher Verachtung herabzublicken. Denn durch einen ſonderbaren Widerfpruch in unſerer Conſti⸗ tution pflegen eben die am meiſten auf die Men⸗ ſchen zu ſchmaͤhen, welche ſie gerade am meiſten loben ſollten. Begreiflich iſt es uͤbrigens, daß der Menſch, der ausgezeichnete zumal, Augenblicke bitterer Traurigkeit hat, tiefer Entmuthigung, deren Grund⸗ charakter die Verachtung ſeiner ſelbſt iſt. Wenn er dann denkt, daß er, in ſeinen eige⸗ nen Augen ſo verachtungswerth, von der Welt verzogen, geſchmeichelt, faſt vergoͤttert wird, wahr⸗ ſie haſſen! lich, dann muß er dieſe Welt ſehr verachten — 35— Szaffie verfiel in eine unheilbare Melancholie, denn Alles war ihm gelungen, und er hatte da⸗ her nichts mehr zu erwarten. Seine Gedanken wurden finſter und ſchneidend, und ſeit zwei Jah⸗ ren ſtieg er alle Stufen, die zu dem Selbſtmorde fuͤhren, hinauf und hinab. So weit gelangt, dachte er noch ein Mal uber ſich nach, und ergrundete ſein Herz; aber er fand es todt und fuͤhllos gegen Alles. Zum letzten Male ſtieg er von den Wirkun⸗ gen zu den Urſachen hinauf, und fand ſo in dem Gluͤcke, von welchem er verfolgt worden war, die Quslle der wirklichen oder eingebildeten Uebel, die ihn quaͤlten. Da faßte er in einem Gefuͤhle, das man Mo⸗ nomanie nennen kann, wenn man will, den Ent⸗ ſchluß, dieſe Welt zu verwuͤnſchen und zu bekrie⸗ gen, die, ihn ſo begluckend, ihn doch ſo elend ge⸗ macht hatte. Sein Herz, welches bei den Worten: Liebe, Tugend, Ehegeiz, nicht mehr anklang, antwortete deſto beſſer auf das Wort: Haß.— Und Szaffie jauchzte vor Freude; er hatte in ſeiner Seele eine neue Saite entdeckt, die noch einen Ton von ſich konnte, eine fruchtbare Quelle neuer Ge⸗ fuhle. Sei es nun durch Uebermaaß des Gluͤckes oder durch Kummer, genug, er ſagte zu ſich ſelbſt: Die Welt hat mich elend gemacht; ſie hat alle Salamander. III. 3 meine Gefuͤhle aufgerieben; ich finde ein neues, gluͤhendes, ſcharfes, raſtloſes wieder, und die Welt mag die Folgen davon erdulden. Und von nun an lebte und bewegte er ſich nur noch in dem Gedanken: der Menſchheit alles nur moͤgliche Uebel zuzufuͤgen.— Nicht jenes phyſiſche Uebel, welches die Geſetze verdammen und verfolgen; ſondern jenes Uebel, jenen moraliſchen Mord, welchen ſie dulden, zu welchem die Geſell⸗ ſchaft zuweilen ſogar ermuthigt. eein geiſtiger Morder, wollte Szaffie die Seele tödten und nicht den Korper. „Man glaubt nicht einmal mehr an Satan,« ſagte er; vich werde an ihn glauben machen, und das allein durch die Mittel, welche dem Geiſte des Menſchen von der Natur verliehen ſind.« Und dieſe neue Zukunft, welche er ſich ſchuf, regte die gluhende und verſchrobene Einbildungs⸗ kraft maͤchtig auf. Er fuͤhlte, daß er dazu aller ſeiner Vortheile mehr als je beduͤrfe. Er erſchien daher auch ſchoͤner, verfuͤhreriſcher, vollkommener, als fruͤher, wieder in der Welt, und der fire, herrſchende Gedanke hatte ihm einen eigenthuͤmli⸗ chen Ausdruck verliehen, durch welchen er ſich vor allen Maͤnnern noch weit mehr als bisher aus⸗ zeichnete. Was ihn betraf, ſo war ſeine Rolle leicht: ſein Haß gegen das Menſchengeſchlecht ließ ihn beſtändig gegen die Falſchheit der Menſchen auf — 35— ſeiner Huth ſein, und gewaͤhrte ihm den Vortheil, nie durch ſie uͤberraſcht zu werden. Die empoͤrendſte Gemeinheit, die ſchreiendſte undankbarkeit, fanden ihn ſtets gefaßt und fuͤhl⸗ los. Er beurtheilte die Welt nach ſich ſelbſt, und erblickte daher Maͤnner und Weiber in ſo finſtern Farben, er lieh ihnen ſo abſcheuliche Abſichten, daß die Wirklichkeit immer noch hinter ſeinem Ver⸗ dachte zuruͤckblieb. Aber in Folge eines ſonderbaren Mißgeſchickes hatte Szaffie, neben ſeinem verderbten, abgenutzten Herzen, den Kopf eines jungen Menſchen, die Ein⸗ bildungskraft eines Dichters bewahrt. Eine farb⸗ reiche Phantaſie, welche uͤber Alles den glaͤnzenden Mantel der Poeſie breitet, vereinte ſich mit der großten Verſtellungskunſt, um ihm die Mittel zu geben, jedes Gefuͤhl zu erheucheln, jede Ueberzeu⸗ gung zu erwecken, die zu ſeinem Ziele fuͤhren konnte. Und bei dieſen Eigenſchaften, ſo jung, ſo ſchoͤn, ſo reich, ſo hohen Standes— haͤtte er da ſeinen Zweck nicht erreichen ſollen? Denken zu muͤſſen, daß dieſe jugendlich⸗ſchoͤne äußere Huͤlle, zuweilen von ſo ruͤhrender Melan⸗ cholie bedruͤckt, dieſe Hulle, welche eine zärtliche, reine Seele zu verrathen ſchien, nur Luͤge war!— Daß dieſe Jugend log,— daß dieſes verfüͤhreri⸗ ſche Aeußere, ſo voll Leben und Sanftmuth;— dieſe wohlklingende Stimme, dieſe ſcheinbare Be⸗ wunderung der Tugend und Verachtung des La⸗ 3* ſters,— denken zu muͤſſen, daß dies Alles log! — Denken zu muͤſſen, daß aus dem Grunde ſei⸗ ner leeren, finſtern Seele, von Unglauben und ei⸗ ſiger Kaͤlte erfuͤllt, Szaffie abſichtlich dieſe Luͤgen herauf beſchwor und ſo glaͤnzend verhuͤllte!— Er glaubte daher auch nicht an Freundſchaft; und doch fand die Freundſchaft ihn ſtets wohl⸗ wollend, offen und leicht zugaͤnglich; denn ſein ſcharfer Blick ließ ihn in jedem Menſchen ſchnell die Schwaͤche oder die laſterhafte Neigung erken⸗ nen, auf welche er zu wirken vermochte. Der ganze verfuͤhreriſche und unwiderſtehliche Einfluß ſeines Geiſtes, ſeines Reichthums, ſeiner Stellung, wurde gegen die ſchwache Seite im Charakter eines Jeden gerichtet, wie gering ſie auch ſcheinen mochte; denn er war uͤberzeugt, daß jeder Menſch irgend eine Saite habe, welche bei der Beruͤhrung ſchmerzlich widertoͤne. Auch an die Liebe glaubte er nicht; und doch verſchmaͤhte er nicht, die reinſte, gluhendſte Sprache, die ſinnreichſte Verfuͤhrungskunſt, die zarteſte Sorg⸗ falt und Aufmerkſamkeit, die innigſte Ergebenheit zu erheucheln, um zu ſeinem Zwecke zu ge⸗ langen. Er glaubte nicht mehr an die Liebe; und doch naͤßten ſeine Augen ſich mit Thränen, ſein Herz pochte heftiger, ſeine Lippen bebten; doch wußte er ſeiner Stimme den ſanften, melodiſchen Ton der Liebe zu geben; doch ſtanden die Worte der gl⸗ henden, trunkenen Leidenſchaft ihm zu Gebote; doch ſchmeichelte und liebkoſte er mit jenem eler⸗ triſchen Feuer, welches gleiche Gefuhle des Her⸗ zens verraͤth. Wenn dann ein armes Weib, ſo durch ihn getaͤuſcht, verfuhrt, verlockt, Alles fuͤr ihn vergaß, und, von Reue gefoltert, unter ſchmerzlichen Thraͤ⸗ nen ſagte:»O, mein Gott! ich bin doch wenig⸗ ſtens geliebt lc dann enthullte Szaffie, noch warm von ihren Kuͤſſen, ihr mit dem kälteſten Spotte ſeine grauſame Seele. Er geſtand es ein, daß ſeine Leidenſchaft erheuchelt, und nur ein Mittel war; der Beſitz wieder nur ein Mittel zur grau⸗ ſamſten Peinigung eines vertrauenden, liebenden Weibes. Er fuͤhlte keine Liebe, ſelbſt kein Ver⸗ langen mehr, und nur das machte ihm Vergnuͤ⸗ gen, das Weib in ſeiner Gewalt zu wiſſen, wie man einen Menſchen, deſſen Geheimniß man kennt, zwanzig Mal an einem Tage dem Blutgeruͤſte gegenuͤberſtellt. Und der Elende ergotzte ſich an den blutigen Thraͤnen, welche dann die Weiber weinten; er friſchte die moraliſche Wunde, die er geſchlagen, ſtets aufs Neue wieder auf, und ſah mit Ent⸗ zuͤcken, wie das Herz unter Schmerz, Reue und Liebe zuckte. Wenn er dann dieſes abſcheulichen Schau⸗ ſpiels uberdruͤſſig war, fiel er wieder in ſein fin⸗ ſteres Sinnen zuruck, wie jene Koͤrper, denen der 38 Galvanismus nur augenblickliches Leben verlie⸗ hen hat. Und leider gaben die phyſiſchen und intellectuel⸗ len Vorzuͤge, deren er genoß, und die er ſo ge⸗ ſchickt zu benutzen wußte, nur zu haͤufig Gelegen⸗ heit zur Anwendung ſeines grauſamen Syſtems, und er machte gegen ſchwache, vertrauende, wehr⸗ loſe Geſchoͤpfe, die er mit der ihm verliehenen An⸗ ziehungskraft verlockte, nur zu haͤufig Gebrauch von dieſer Eigenſchaft, um ſie in das Verderben zu ſturzen. Das iſt die unvollkommene Analyſe dieſes Cha⸗ racters, welcher, durch eine gerechte Strafe Gottes, zuweilen in finſtere, reuevolle Betrachtungen ver⸗ ſenkt wurde. In der That wurde Szaffie jetzt, indem er in den bodenloſen Abgrund ſah, den er ſelbſt in ſein Herz gegraben hatte, wie von einem Schwindel erfaßt. Denn er erblickte ſeine Seele nackt, kalt, aus⸗ gedoͤrrt; er hatte ſie grauſam ihres reinen, kind⸗ lichen Glaubens, ihrer friſchen Jugendphantaſie beraubt, jener Phantaſie, welche Gott in uns ge⸗ legt, um, wie ein tauſendfarbiges Prisma, durch ihre Wunderſtrahlen das zu erhellen und zu bele⸗ ben, was die Welt Verzweiflungsvolles bietet. Bei dem Blicke, den Szaffie in ſeine Gedan⸗ kenreihe warf, fand er ſeine Seele leer und finſter, ohne eine einzige Empfindung, bei der er raſten konnte; ohne einen troͤſtenden Gedanken, bei dem — 39— et zu ruhen vermochte, wie auf einer Oaſe, in der Mitte dieſer ungeheuern, ſandigen Wuͤſte. Er fand nichts in ſeiner Seele, als Verzweif⸗ lung und das Nichts; denn er hatte alle Bande zerriſſen, die ihn an das Menſchengeſchlecht feſſeln konnten, und er erblickte ſich allein in der Welt, allein mit ſeinem Haſſe. Uund Szaffie erhob den Kopf⸗ ſein Geſicht war bleicher als gewoͤhnlich, und auf ſeiner Stirn maite ſich ein entſetzlicher Schmerz, wie der der Verzweiflung. „Ohle ſagte er, ſo leben, heißt das auch le⸗ ben? Ich habe von Liebe gelebt!— Jetzt lebe ich vom Haſſe. Aber, wenn dieſes Leben, wie je⸗ nes, abgenutzt iſt, wenn auch einſt dies letzte Ge⸗ fuͤhl erliſcht, denn auch der Haß reibt ſich auf— „Nun wohl, dann 44 fragte er ſich ſelbſt —„dann. „Dann— folgt der Selbſtmord! Ich wuͤrde ihn alſo nur geflohen haben, um zu ihm zuruͤck⸗ zukehren.« k „Und dann?44 „Oh dann— dann— das Nichts!— das Nichts!— Schrecklicher Gedanke!— Nicht mehr ſein! Wenn dennoch mein Leben, todt und kalt, mir zur Laſt wurde; oh⸗ oh, grauſame Narr⸗ heit! Sich in das Nichts zu werfen um dem Nichts zu entrinnen!— Ach, wenn ich wenig⸗ ſtens an die Hoͤlle glauben koͤnnte——— Und er verbarg wieder den Kopf in beide Haͤnde. Dann erhob er denſelben heftig, richtete die Stirn nach dem Himmel, und ſagte mit ei⸗ nem entſetzlichen Laͤcheln: „Nun gut, die Hoͤlle, das iſt doch wenigſtens ein Gefuͤhl.— Kann ich uͤbrigens die andern Menſchen lieben, wenn ich mich ſelbſt verabſcheue? Nein, nein,« ſagte er zaͤhneknirſchend. Alſo er⸗ fuͤlle ich mein boͤſes Geſchick! Und dann— nun gut— dann— komme die Hoͤlle, wenn es eine giebt. Aber nein, es giebt keine!« rief er mit einem ſonderbaren Ausdrucke des Schmerzes und Bedauerns. Und dieſer unbeugſame, rieſenfeſte Charakter ſprang mit einem Satze hinweg uͤber die finſtern Gedanken, die ihn einen Augenblick niedergebeugt hatten, und die ganze Frucht ſeines Sinnens war nur ein bitteres Gefuͤhl gegen die Menſchheit. Er ſtieg auf das Deck hinauf. Der Faͤhnrich Merval, welcher die Quartier⸗ wache hatte, näherte ſich ihm. „Nun, mein Herr,« ſagte der ausgelaſſene, heitere junge Menſch; Iſind Sie vielleicht ein Dich⸗ ter? Dann muß dieſe ſchoͤne Nacht Sie zur Poe⸗ ſie begeiſtern. Vertrauen Sie es mir, uͤber wel⸗ chen Gegenſtand dachten Sie nach?4 „Ueber die himmliſche Barmherzigkeit„mein Herr,«« erwiderte Szaffie mit einem Lächeln, daß der Fähnrich erſtarrte. * Neunundzwanzigſtes Kapitel. Etrik, ich mißtraue dem Gevatter. Burke. Hängematten nieder zum Gefecht. Am naͤchſten Morgen waren ſchon bei Son⸗ nenaufgange ſaͤmmtliche Offiziere der Corvette auf dem Decke verſammelt. Peter richtete ſein Fernglas auf einen ziemlich entfernten Punkt. Neben Peter ſtand der Commandant mit ſtarrem Auge, vorgebeugtem Halſe, beſorgtem Blicke, und ſchien voll Angſt das Reſultat von den Beobach⸗ tungen ſeines Lieutenants zu erwarten. „Ich war davon uͤberzeugt,« ſagte Peter, in⸗ dem er mit einem Fauſtſchlage das Fernrohr zu⸗ ſammenſchobo. Dann wendete er ſich zu dem Marquis. „Commandant, c ſagte er, vich muß Sie auf etwas aufmerkſam machen; ſeit einiger Zeit ſtrei⸗ fen die algieriſchen Piraten umher, und es waͤre wohl moglich— Aber, was iſt Ihnen denn? Sie erbleichen ja 26 — vNein, nein, mein Freund, das iſt ein Ner⸗ venanfall; ich weiß ſchon, was es iſt.«4 vNun gutz ich ſagte alſo, es waͤre wohl moͤg⸗ lich, daß wir auf irgend einen Freibeuter Jagd zu machen haͤtten. Auf jeden Fall will ich alſo Allarm ſchlagen, das Pulvermagazin oͤffnen und die Haͤngematten zum Gefecht abnehmen laſſen.« vO, mein Gott! mein Gott! Kampf? Wir ſind verloren!«6 ſagte der arme Marquis mit leiſer Stimme, die Augen ſtarr aufreißend. vLaſ⸗ ſen Sie uns fliehen, fliehen Kc „Ja, Commandant,« ſagte Peter laut, als ob er den Befehl ſeines Commandanten vollzoͤge, und zu Merval tretend, ſagte er dann:„Laſſen Sie die Leeſegel hiſſen, Faͤhnrich. Der Comman⸗ dant will ſo bald als moͤglich wiſſen, woran wir mit jenem Segel ſind.« vGut, Lieutenant,«4 ſagte der Faͤhnrich. Er befahl das Manoͤver und es wurde ſchnell und puͤnktlich ausgefuͤhrt. vAber« ſagte der Marquis, bleich wie der Tod, und den Lieutenant bei dem Arm nehmend, »ſind Sie auch gewiß feſt uͤberzeugt, daß keine Gefahr zu fuͤrchten iſt?« Ja, Commandant, 44 ſagte Peter wieder mit ſeiner Donnerſtimme und fuhr dann zu Mer⸗ val gewendet, wieder fort:„NFaͤhnrich Merval, der Commandant findet, daß wir noch zu wenig — 4— Leinwand tragen und zu langſam ſegeln. Laſſen Sie die Contreſegel aufſetzen.«4 Das Commando wurde auf das Wort voll⸗ zogen, und die Corvette ſchoß mit entſetlicher Ge⸗ ſchwindigkeit dahin. Und Bouquin ſagte leiſe zu La Joie, welcher ſeine große Pfeife wieder in die Taſche ſteckte: vHaſt Du die alte Seeſchlange geſehn, mit ihrer Pelzmuͤtze da? Setzt der Leinwand auf, ſetzt der! Der Lieutenant liebt die Segel, aber das iſt ein Schiffsjunge gegen den Alten. Aber Du, ſieh doch nur, Matroſe, ſieh! Wahrhaftig, die Bram⸗ ſtangen beruͤhren das Waſſer; iſt das ein Meer⸗ wolf! Wer ſollte ſo etwas in ihm ſuchen 74 Und in der That neigte ſich die Corvette auf die Seite und ſchoß ſchnell wie ein Pfeil dahin. Aber gerechter Himmel, wir werden um⸗ werfen! wir werden umwerfen l« ſchrie der Ex⸗ Kaufmann mit dem erbarmungswuͤrdigſten Geſicht der Angſt. „Noch ein Wort, Commandant, und ich laſſe die Koͤnigsſegel aufſetzen vvIch weiß wahrhaftig nicht, was Sie mit Ihren Koͤnigsſegeln ſagen wollen,«4 erwiderte der arme Marquis; vaber ich kann es mir denken. Nun gut, ich will ſchweigen, ich will ſchweigen. Aber ſagen Sie, wollen Sie wirklich die Pulver⸗ geſchichte oͤffnen laſſen?66 vDas iſt das Werk eines Augenblickes. Ha⸗ ben Sie etwas in der St. Barbara 24 vWie, wo 244 »Ob Sie etwas von Ihren Sachen, Ihren; Koffern, auf dem Eingange zur Pulverkammer ſtehen haben 24 „„Iſt das nahe bei mir?64 Par Pieu! der Eingang iſt unter Ihrem Bette.« vDer Eingang— der Ort, wo das Pulver liegt— wo— die Thuͤr!— Was, ich ſchlafe uͤber dem Pulver? 44 vSie ſchlafen uͤber der heiligen Barbara; und nun, was weiter? Iſt das nicht der Ehrenplatz, mein Herr? Iſt ein Schiffscapitaͤn da nicht an der paſſendſten Stelle, um ſein Schiff in die Luft zu ſprengen, wenn es die Noth erheiſcht?« ⁰ vvIn die Luft ſprengen! Wer ſpricht davon, uns in die Luft zu ſprengen? O, mein Gott! wir ſind verloren lc4 »Wiſſen Sie, Commandant,« ſagte Peter zu dem Marquis, indem er ihn in ſein Zimmer hin⸗ abfuͤhrte, ohne von Jemand gehoͤrt zu werden, wiſſen Sie, mein Herr, daß ich jetzt etwas be⸗ fuͤrchte 24 Und was, Lieutenant 264 Daß Sie eine Memme ſind.« vMein Herr! 64 »Sein Sie ruhig! So lange Peter Lieute⸗ —— nant auf dem Salamander ſein wird, ſo lange er nur noch den Abzug einer Piſtole werkſtellig ma⸗ chen kann, ſo lange, das ſchwoͤre ich Ihnen, ſol⸗ len Ihre Epauletts, ſelbſt gegen Ihren Willen, unbeſchimpft bleiben.« vWas wollen Sie damit ſagen? 66 „Damit will ich ſagen, wenn ich Sie im Begriffe ſaͤhe, einen feigen Streich zu begehen... Sie verſtehen doch, einen feigen Streich*« vNun, und 264 „Nun? dann wuͤrde ich Sie niederſchießen« voO, mein Gott! mein Gott!«4 „Ja, das wuͤrde ich. Ich wuͤrde dafuͤr er⸗ ſchoſſen, das weiß ichz aber Ihre Uniform bliebe doch wenigſtens fleckenlos.« v„Aber, in des Himmels Namen l«6 „Ja, in des Himmels Namen, denken Sie genau an das Alles. Ich habe die Augen ſtets auf Sie gerichtet, und ich gebe Ihnen mein Eh⸗ renwort, mein Seemannswort, daß ich handeln werde, wie ich Ihnen ſage, und Peter hat noch nie ſeinen Eid gebrochen!— Alſo, horen Sie mich: Wir werden das Segel dort erreichen; viel⸗ leicht iſt es nichts, vielleicht ſehr viel. Ich will, Ihrem Befehle gemäß, die Hängematten zum Ge⸗ fecht abnehmen laſſen; in einer halben Stunde ſind wir in Kanonenſchußweite und es iſt mög⸗ lich, daß die Sache heiß wird. Fuͤhlen Sie den — Muth, die Commando's zu wiederholen, die ich Ihnen zufluͤſtern werde?4 Wann?64 „Wenn das Gefecht begonnen hat, im Fall es uͤberhaupt Gefecht giebt.« v„Aber kann ich denn beim Gefechte nicht ruhig hier unten bleiben 266 vAh! gut!— Da es ſo ſteht, mein Herr, ſage ich Ihnen hiermit, daß ich Sie, wir moͤgen nun Kampf bekommen oder nicht, benachrichtigen laſſen werde, wenn wir in Kanonenſchußweite ſind. Dann werden ſie auf das Deck kommen; dort ſehen Sie nach dem Compaß und nach dem Ma⸗ ſtenwerk und ſagen mir hierauf: vLieutenant, neh⸗ men Sie das Commando, und gebe der Himmel, daß unſere Kanonen bald zu ſprechen bekommen — oder etwas Anderes, aber in demſelben Sinne; dann ſetzen Sie ſich auf die Quartierbank, und von da ruͤcken und ruͤhren Sie ſich nicht, bis das Feuer geendet hat. Und denken Sie wohl daran, mein Herr: bei dem geringſten Zeichen der Furcht, der Angſt, bin ich bei Ihnen; ich beobachte Sie jeden Augenblick. Und nun, Commandant, will ich fuͤr Alles ſorgen und erwarte ihre Befehle.« vvAber— 64 Peter verneigte ſich und ging. * Dreißigſtes Kapitel. Da iſt es! Endlich! Schiller, die Räuber. Das Segel. Als Meter aus der Cajuͤte des Commandanten trat, begegnete er in der Batterie ſeinem Sohne. »„Nun, Vater! Iſt es wahr« ſagte Paul, gluͤhend vor Freude. vEs giebt Kampf?« „„Moͤglich, mein Freund. Deshalb aber wirſt Du einen Augenblick mit mir hinunter in meine Cajuͤte kommen. 44 Sie gingen hinab. vPaul la ſagte der Lieutenant, indem er einen Saͤbel nahm, der uͤber ſeinem Lager hing, v»Du wirſt dieſen Saͤbel nehmen; horſt Du? Es iſt eine vortreffliche ſpaniſche Klinge, und der Korb deckt die Hand und den Vorderarm. In einem Enterkampfe iſt das eine koͤſtliche Waffe.c6 vAber Du, Vater?e vDu weißt, daß ich den Säbel des armen Vrömont habe, der vortrefflich iſt. Sind Deine Piſtolen im Stande?66 Ja, Vater.« — „„Bringe ſie mir, daß ich ſie ſehe.«« WVater, ſie ſind in Ordnung.« „Paul, hole ſie mir. c6 „Ja, Vater,« ſagte der Sohn, Peter um⸗ armend. Peter folgte ihm mit den Augen, erhob dieſe dann zum Himmel, und ſagte mit dem Ausdrucke der innigſten Froͤmmigkeit: vO mein Gott! mein Gott! Trenne uns noch nicht von einander lc Paul kam mit ſeinen Piſtolen zuruͤck. Man haͤtte ſehen ſollen, mit welcher Sorgfalt Peter ſie unterſuchte! „Dieſe Batteriefeder iſt zu ſchlaff,«« ſagte Pe⸗ ter, warf die eine der Piſtolen auf ſein Bett, nahm eine andere aus dem Waffenſchranke, unter⸗ ſuchte ſie zuvor genau, und gab ſie dann ſeinem Sohne. vvHier, mein Freund«« ſagte er, vNdie iſt gut. und lade ſie mit zwei Kugeln. Hoͤrſt Du? Und beſonders, Paul, ſpare Deine Schuͤſſe; keine Un⸗ beſonnenheit, wie das letzte Mal. c4 „Aber die blanke Waffe, Vater 4 vDie blanke Waffe, mein Herr, wiegt das Feuergewehr nicht auf, wenn man richtig zielt. Und dann, vor allen Dingen, Paul, bleib Du auf Deinem Poſten. Du verſtehſt mich: auf Deinem Poſten, in der Batterie, und nicht auf dem Deck. 44 — vAber Vater—6 „Mein Herr—4 „Ja ja, Vater, ich bleibe; aber Du, Vater 26 „Mein Poſten iſt auf dem Hinterdeck, wie immer, das Manoͤver zu kommandiren.« „Da biſt Du ſehr zu ſehen, Vater.« vueber die Eiferſucht l ſagte der gute Lieute⸗ nant laͤchelnd. Ein Bootsmann erſchien und ſagte: „Lieutenant, der Offizier von der Quartier⸗ wache laͤßt melden, daß wir beinahe auf Kanonen⸗ ſchußweite an das Segel heran ſind.« 3 vIch werde ſogleich hinauf kommen,« ſagte eter. „Komm, mein Sohn,« rief er Paul zu, als der Bootsmann hinaus warz vumarme mich, und laß uns Maͤnner ſein« Man muß bei aͤhnlicher Gelegenheit einen Va⸗ ter oder einen theuern Freund an das Herz gepreßt haben, um zu wiſſen, von welcher innigen Zaͤrt⸗ lichkeit eine ſolche, vielleicht letzte, Umarmung be⸗ gleitet iſt. Als Peter und ſein Sohn auf dem Deck er⸗ ſchienen, bemerkte man nicht mehr die geringſte Spur von Aufregung an ihnen. Mun, Lieutenant 6 ſagte Merval, ihm das Fernrohr uͤberreichend. vWir wiſſen, was es iſt.« Nachdem man die Flagge des Salamanders aufgezogen, hatte man einen blinden Schuß ge⸗ Salamander MI. 4 0 than, der unbeantwortet blieb; dieſem folgte ein zweiter mit einer Kugel, und deſſen Wirkung war beſſer. iſt gutze ſagte der Lieutenant, indem er eine rothe Flagge an dem Maſte einer großen, langen, ſchlanken Brigg aufhiſſen ſah. „Bouquin hat gut gezielt,« rief Merval, Idie Kugel ſitzt im vollen Holz. Aber ſehen ſie doch: er zieht ja die Segel ein und legt beiz ohne Zwei⸗ fel will er uns ein Boot ſenden, Lieutenant.« Das iſt wohl moͤglich; ich will den Com⸗ mandanten benachrichtigen laſſen.« Man wird das Geſpraͤch noch nicht vergeſſen haben, welches der ungluͤckliche Marquis mit Pe⸗ ter in der Cajuͤte gehalten hatte. Dem Willen dieſes Letztern gemaͤß, war der Exkaufmann auf das Deck gekommen, hatte die verabredete Phraſe ſchlecht und recht geſtottert, und ſich dann auf die Quartierbank geſetzt; aufrecht, unbeweglich, wartete er ſo, den Blick auf Peter geheftet, der ihn nicht aus den Augen ließ. Wahrlich, wenn der Marquis eine Strafe ver⸗ diente, ſo ward ſie ihm reichlich zu Theil waͤhrend dieſer halben Stunde der Erwartung, wo er ſich wie auf der Folter befand, und ohne alle Zer⸗ ſtreuung war, als die, welche Peter ihm gewaͤhrte, indem er von Zeit zu Zeit zu ihm trat und ihm leiſe in das Ohr fluͤſterte: WVergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen ver⸗ ſprochen habe. Bei dem erſten Gedanken an Feig⸗ heit— Sie verſtehen mich 24 Nach dieſer freundſchaftlichen Mittheilung grußte Peter ihn ſtets ehrfurchtsvoll, als wenn er ſich uͤber die wichtigſten Angelegenheiten des Dienſtes mit ihm unterhalten haͤtte. Die Equipage, welche die Ruhe und Unbe⸗ weglichkeit des Commandanten in der Mitte des Lebens, das von einem nahenden Kampfe unzer⸗ trennlich iſt, ſah, hielt fuͤr Kaltbluͤtigkeit und Ver⸗ achtung der Gefahr, was die Folge der Todes⸗ furcht war. Daher fluſterte auch Bouquin dem La Ioie zu, indem er auf den Marquis zeigte: „Sieh nur, wie er ausſieht in der Uniform: wie ein Maulthier, das die Saͤcke traͤgt; und doch iſts, ein Hund, der im Feuer nicht zuckt. Wie ein Maſt ſitzt er da, auftecht, und bewegt ſich nicht, der alte Schelm. Der ſteht gewiß nicht von ſeiner Quartierbank auf. Ja, der Lieutenant mag ihm immer in die Ohren fluͤſtern, er ruͤckt und ruͤhrt ſich dennoch nicht; nicht einmal den Kopf verwendet er.« Bei dem erſten Kanonenſchuß, welchen der Salamander that, als er ſeine Flagge aufſteckte, ſprang der Marquis, obgleich davon benachrichtigt, von ſeiner Bank hoch in die Hoͤhe. „Oh! der alte Haile ſagte Bouquin, La Joie bei der Jacke ziehend. Sieh nur den alten Schurken; da ſpringt er vor Freude, daß der Tanz losgehen ſoll. Iſt der auf das Feuer er⸗ picht, La Joie! he?— Sei nur ruhig, ſei nur ruhig: der Tanz geht ſchon los; und das Kar⸗ taͤtſchenfeuer auch, alter Kugelfreſſer Aber zum Gluͤck fuͤr den Kugelfreſſer, den Wuͤtherich, den Kartätſchenfreund, waͤhrte das Feuer nicht fort; im Gegentheile hiſſte die Brigg, wie wir geſehen haben, nach der etwas barſchen Auf⸗ forderung des Salamanders, die Flagge, und ſendete ein Boot an Bord der Corvette. Nun nahte ſich Peter dem Marquis und ſagte ihm in das Ohr: Ausgenommen den Satz von der Quartier⸗ bank, bin ich ziemlich zufrieden; gehen Sie jetzt hinunter.« Der Ex⸗Kaufmann ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. In dem Boote, welches durch vier Maͤnner regiert wurde, die ſehr anſtaͤndige aͤgyptiſche Klei⸗ dung trugen, das heißt, welche mit einem Hemde vekleidet waren und mit einer Hoſe, die nicht wei⸗ ter als bis zum Knie herab ging, ſaß ein Mann, von etwa vierzig Jahren; er war ziemlich wohl⸗ beleibt, und hatte einen gelben Rock und daruͤber einen olivenfarbigen Kaftan an⸗ Langſam ſtieg er an Bord, grußte den Fähn⸗ rich Merval, der ihm hier zuerſt entgegen trat, und ſagte in ſehr gutem Franzöſiſch, welches j⸗ — 53— doch durch den Accent einigermaßen den Normann verrieth: »Darf ich erfahren, Lieutenant, worin ich Ihnen dienen kann 26 vSie haben etwas lange gezoͤgert, Ihre Flagge zu hiſſen, c6 bemerkte Peter, verwundert, daß der dicke Niedernormann unter tuͤrkiſcher Flagge ſegle. „Wahrhaftig, Lieutenant,« erwiderte Jener, vich ſchlief. Mein Unterhauptmann iſt krank, und ehe ich mich den Beſtien da(er zeigte auf die Egypter), verſtaͤndlich machen konnte, verging gerade ſo viel Zeit, als noͤthig war, eine Ihrer Kugeln(dabei nahm er die Muͤtze ab) in mein Barkholz zu empfangen.« vSie ſind Franzos, mein Herr?66 frugu Peter. vJa, Lieutenant; aus Vire gebuͤrtig.« vvUnd wie koͤmmt es, daß Sie unter turkiſcher Flagge ſegeln 244 „Weil ich auch Tuͤrke bin.« vMein Herr, antworten Sie ernſthaft! Es iſt ein Offizier der königlichen Marine von Frank⸗ reich, der Sie befragt.«4 „Ei mein Gott! Lieutenant, ich bin Tuͤrke aus dem Grunde, weil ich den Glauben gewech⸗ ſelt habe.« vvAh! Sie ſind Renegat a« ſagte Peter, mit dem Ausdrucke der Verachtung. vIhnen zu dienen z« erwiderte Jener, die Muͤtze abnehmend. — vvUnd wohin ſegeln Sie 264 „Nach Gibraltar, mit Korn von Odeſſa. Hier ſind meine Briefe, meine Papiere, Lieutenant, viſirt durch den engliſchen Conſul zu Conſtantinopel.« Alles war vollkommen in der Ordnung. v„Wenn Sie es erlauben, mein Herr,«c ſagte Peter, vNwerde ich einen meiner Offiziere an Bord Ihrer Brigg ſenden, ſie unterſuchen zu laſſen. Das iſt eine Verabredung unter den drei Maͤchten, um wo moͤglich des Piraten Sam⸗Bai habhaft zu werden. C« „Gott ich wollte ſagen Mahomed, moͤge Ihnen beiſtehen, Lieutenant.. Aber wenn Sie mein Schiff unterſuchen laſſen wollen, ſo bin ich gleich bereit dazu, denn ich habe Eile. „„Herr von Merval,«« ſagte Peter, vnehmen Sie das große Boot mit Kriegsbewaffnung, un⸗ terſuchen Sie die Brigg, und ſtatten Sie mir Rapport ab. 44 Die Pfeife La Joie's ertoͤnte. Das Boot wurde ausgeſetzt, bewaffnet, und Merval, von dem Renegaten begleitet, verließ die Corvette. NLieutenant, ich bezeuge Ihnen meine Ach⸗ tung 4 ſagte der Niedernorman, Peter gruͤßend. „Leben Sie wohl, mein Herr,«6 erwiderte dieſer mit eiſiger Kaͤlte, und leiſe ſetzte er, zu Mer val gewendet, hinzu:„„Merval, laſſen Sie die —— Haͤlfte Ihrer Mannſchaft bewaffnet im Boote zuruͤck; und bei der kleinſten Feindſeligkeit gleich ein Signal. Die Brigg iſt, wie Sie wiſſen, unter unſern Kanonen; aber Klugheit iſt dennoch gut.«4 Das Boot verließ den Salamander. Peter verfolgte es mit den Augen. Nach ei⸗ ner halben Stunde kehrte es zuruͤck, und Merval ſtieg an Bord. „Nun, Merval?« fragte Peter. vAlles richtig, Lieutenant; es laͤßt ſich kein Wort ſagen. Es iſt bis unter das Deck mit Korn beladen, nur iſt die Equipage zahlreich; das iſt Alles. Sein Unter⸗Kapitaͤn iſt ein Italiener, und Renegat wie er. Er lag im Bette und war ſehr blaß. Er hat mir in ziemlich ſchlechtem Franzoͤſiſch auf meine ſaͤmmtlichen Fragen geant⸗ wortet, und Alles kam auf das Naͤmliche heraus, was jener dicke Mann uns geſagt hatte.«6 vSie haben keine Waffen geſehen 26 Nein. Nur einige Flinten; weiter nichts. In ſeiner Cajuͤte war es ziemlich reinlich. Fuͤr einen Renegaten ſcheint er ſehr gutmuͤthig zu ſein.«4 „Ja, ja. Aber ich liebe den Religionswechſel nicht; es iſt nur eine Speculation, und das iſt gemein. 4 vvIch bin Ihrer Meinung. Aber da fragt er, ob er abſegeln kann,«4 fuͤgte Merval hinzu, ⸗ — indem er ſeinen Vorgeſetzten auf ein Signal der Brigg aufmerkſam machte. vGeben Sie ihm das Zeichen 246 2 Ja 4 ſagte Peter. Und der Salamander hiſſte eine blau und gelbe Flagge. Kaum hatte die Brigg das Signal erblickt, ſo ließ ſie ihr großes Bramſegel fallen, und be⸗ gann, den guͤnſtigen Wind benutzend, langſam davon zu ſegeln. Dann, als ſie außer Kanonenſchußweite der Corvette war, ließ ſie ploͤtzlich alle ihre Segel, von dem groͤßten bis zum kleinſten, fallen, mans⸗ vrirte dabei mit ſeltener Geſchicklichkeit und Ge⸗ nauigkeit, und ergriff mit der größten Schnellig⸗ keit die Flucht. 3 vDas iſt eine Handelsbrigg, welche beſſer ſe⸗ gelt und manoͤvrirt, als manches Kriegsfahrzeug,« ſagte der Lieutenant mit dem Kopfe ſchuͤttelnd. „Machen wir Jagd 2a« fragte Merval. Nein z« erwiderte Peter. vEs iſt Alles in. der Ordnung. Und dann, ſo ein guter Segler auch der Salamander iſt, ſcheint die Brigg es doch mit ihm aufnehmen zu duͤrfen. Wir kön⸗ nen jett nicht mehr daran denken.« Aber zum Teufel l« erwiderte Merval, vweshalb flieht er denn ſo ſchnell 64 — „Ich weiß es nicht,« entgegnete Peter, und ging zu dem Commandanten hinab, um von den Ereigniſſen Rechenſchaft abzulegen. Und der wuͤrdige Mann, ganz erfreut, der Gefahr glucklich entronnen zu ſein, fragte Peter, ob er nicht die Rationen der Matroſen verdoppeln koͤnne. »„Sehr wohl, Commandant,« ſagte Peter. vEs iſt eben morgen Sonntag, und das wird ſie bei ihrem Balle erheitern; denn ſie haben mich um die Erlaubniß gebeten, tanzen zu duͤrfen, und in Ihrem Namen habe ich es ihnen bewilligt.« vUnd daran haben Sie wohl gethan,«« ſagte der Ex⸗Kaufmann. Als die Nachricht von der freundlichen Abſicht des Commandanten ſich verbreitete, dachte Jeder heiteren Sinnes an den Ball des folgenden Tages. Sechſtes Buch. Einunddreißigſtes Kapitel. Still, Kind, von den Leidenſchaften; ſtill! Wenn Dein Herz murrt, ſo beleidige wenig⸗ ſtens Deine Zunge Gott nicht. Byron, der Himmel und die Erde. Paradoren. Die Taͤuſchung der Equipage des Salaman⸗ ders und ſeiner Offiziere, welche einen blutigen Kampf erwarteten, hatte etwas Traurig⸗Komiſches. Es war wie ein Drama ohne Entwickelung; eine Liebe, die vor der Erhoͤrung zerriſſen wird, ein Ehrgeiz, der auf halbem Wege umkehrt; es war eine jener ſehr haͤufigen Tauſchungen, weſche oft die weiſeſten Berechnungen neckend zerſtoren. In der That, alle dieſe Kampftuͤſtungen, dieſe unbeſtimmten Gefuͤhle der Furcht, welche ſelbſt die Tapferſten hegen, wenn die Frage um Leben oder Tod aufgeworfen werden ſoll; dieſe Zeichen ernſter, — — —* inniger Zaͤrtlichkeit, welche man ſich nur in ſol⸗ chen Augenblicken giebt;— dies Alles nur wegen eines dicken niedernormaͤnniſchen Renegaten, der ſeinen Kornhandel friedlich trieb; ſo viele gluͤhende Gefuhle gezwungen, ſich mit einem Schlage ab⸗ zukuͤhlen!— das war, ich wiederhole es, etwas Trauriges fuͤr Maͤnner, welche, ſchon im Voraus darauf gefaßt, ihr Leben zu opfern, den ſchwerſten Moment uͤberſtanden hatten, den erſten nehmlich, und nur noch den guͤnſtigen Ausgang eines Kam⸗ pfes erwarteten, der in Friedenszeiten ſo ſelten iſt. Daher waren auch alle Stirnen finſter und gefurcht. Beſonders Paul verbarg ſeinen Verdruß nicht, eine ſo ſchoͤne Gelegenheit zur Auszeichnung unter den Augen Alice's verloren zu haben. Der arme Menſch ſprach ſeine Klagen mit einer Bitterkeit aus, die Szaffie auffiel.* Szaffie hatte den Character Pauls bereits be⸗ merkt. Dieſe freimuͤthige, gluͤhende Natuͤrlichkeit ſtach gegen die verderbten Baſtardcharactere, die er bisher kennen gelernt hatte, ſo ſehr ab, daß er das Verlangen fuͤhlte, dies ſo neue, ſo offene Herz zu verderben. Durch eine hoͤlliſche Bosheit getrieben, wollte Szaffie dieſe junge Seele ausdoͤrren— Andere wuͤrden ſagen aufklaͤren— und das, weil ſeine eigene ausgedörrt war; er wollte dem armen Juͤng⸗ linge ſeine poetiſchen Illuſionen, durch welche er — 60— in der Welt nur reine Gefuͤhle und ſanfte Nei⸗ gungen erblickte, entreißen, weil er ſelbſt, Szaffie, nur noch Haß, Laſter und Verbrechen kannte. Denn wie bereits weiter oben erwaͤhnt, ging er darauf aus, die Seele zu todten, und nicht den Koͤrper. Das nannte er: die Dinge im wahren Lichte zeigen. So groß iſt das Nichts der menſchlichen Ge⸗ rechtigkeit, daß ſie mit dem Tode ſtraft, wenn man dem Leibe eine Wunde verſetzt, die entweder heilt, oder auch wohl auf der Stelle toͤdtet; aber ungeſtraft laͤßt ſie die Seele martern, zerreißen, tropfenweis ein heftiges Gift ihr eintraͤufeln, wo⸗ durch ſie bei langſamem Feuer getoͤdtet, und in eine einzige Wunde verwandelt wird, die unheil⸗ bar bis zum Grabe blutet. Mordet das Phyſiſche, und man toͤdtet Euch! Mordet das Moraliſche, und man laͤßt Euch in Ruhe, man lobt Euch ſogar noch zuweilen. Das iſt niedertraͤchtig, wahrhaft niedertraͤchtig. Ein Dolchſtoß, und hochſtens zwei Stunden Schmer⸗ zen, dann iſt Alles vorbei;— aber einem un⸗ ſchuldigen und glaͤubigen Herzen ſeine Unſchuld und ſeinen Glauben entreißen, das heißt einen Dolchſtich verſetzen, deſſen Wunde das ganze Le⸗ ben hindurch offen bleibt. Einem Menſchen, der niederknieend betet: Mein Gott! ich fuͤhre ein trauriges, muͤhſeliges Leben; meine Mutter iſt todt; meine Kinder ſind todt; meine Frau iſt todt; aber ich leide Alles geduldig, denn du biſt gerecht; und wenn ich einſt, nach⸗ dem ich, ohne zu murren, die Pruͤfungen getra⸗ gen, die du mir auferlegteſt, mein Leben ende, werde ich dort oben meine Mutter, meine Frau, meine Kinder, wiederfinden. Ich ſehne mich nicht nach dem Tode; aber wenn du ihn ſendeſt, ſo werde ich ihn ſegnen.« Einem ſo betenden Menſchen zu ſagen:„Wenn Gott iſt, ſo hoͤrt er dich doch nicht; er beſchaͤftigt ſich mit der Schoͤpfung und nicht mit dem Ge⸗ ſchoͤpfe. Deine Familie iſt todt— Nichts!— nach deinem Tode— Nichts! Cabanis und Bi⸗ chat haben es bewieſen. Immer und uͤberall Nichts!— Verſtehſt du? Alſo, ſtatt zu hoffen, vergiß. Der Tod iſt das Ende aller Dinge. Lei⸗ deſt du zu viel, ſo haſt du die Seine! Beklage dich daher nicht, Sybarit lK Nun, wer kalten Muthes eine Seele getodtet hat, die ſo voll Leben und Hoffnung war; wer mit mathematiſcher Berechnung einen ſolchen Men⸗ ſchen zum Selbſtmorde trieb, unausweichliche Folge des moraliſchen Todes und der Ausrottung jedes Glaubens;— wer dies that, ſollte weniger ſtraf⸗ bar ſein, als der Aufbrauſende, Eiferſuchtige, der ſeine Geliebte oder ſeinen Feind toͤdtet? und unter dem Gewichte dieſer grauſamen Ent⸗ zauberung wollte Szaffie die Seele Pauls er⸗ druͤcken. —262— Der ſo ungeduldig erwartete Kampf, welcher ſo vielfache Hoffnungen taͤuſchte, war der Punkt, von welchem er ausging; ſeine grauſame, treffende Neckerei fand in dieſem Exeigniſſe ein treues Bild der Neigungen, durch welche unſer Leben verbittert wird; Paul ſprach ihm vom Ruhme. Da ſchilderte Szaffie ihm die Lage ſeines eig⸗ nen Vaters, Meter Huet, der, tapfer, treu, mit Wunden bedeckt, und unter Siegen im Dienſte grau geworden, jetzt plotzlich einen dummen Menſchen als einen Vorgeſetzten erblickte. Paul, welcher nicht wußte, was er auf That⸗ ſachen erwidern ſollte, ſprach nun von ſeinem edlen und glorreichen Stande, welcher fuͤr die Ungerech⸗ tigkeit der Menſchen Erſatz gewaͤhrte. Da zeigte Szaffie ihm die Entbehrung, die Einfoͤrmigkeit deſſelben, den Despotismus, welcher die ſanfteſten Regungen unterdruͤckte, und das Verhaͤltniß des Sohnes zum Vater in das des Sclaven zum Gebieter verwandelte. Und der arme Junge, welcher dem engen Kreiſe, in den Szaffie ihn zog, entrinnen wollte, ſprach mit dem Enthuſiasmus ſeiner dichteriſchen und ruͤhrenden Glaͤubigkeit, von Liebe, von Talent, von Freundſchaft. Da ſagte Szaffie mit einer entſezlichen Be⸗ ſtimmtheit:»Die Tugend? Das iſt Gold, oder ein mehr oder weniger negatives Temperament. Das Verbrechen? Eine, durch die Geſtalt des 1 1 11* — 5— Hirnſchaͤdels beſtimmte Organiſation. Die Liebe? Ein Nervenreiz. Das Talent? Ein mehr oder minder ausgebildetes Hirn. Und das Alles iſt noch der unedlen Gewalt der Trunkenheit unter⸗ worfen, ſo daß der Hauch Gottes, die himmliſche Kraft, den Kampf nicht beſtehen kann gegen etwas rein Materielles: einen Becher mit Wein. »Die gluͤhendſte Liebe, die innigſte Freund⸗ ſchaft, erliegen und erloͤſchen vor dem Hauche des Fiebers.« Dieſe abſcheuliche Theorie ſetzte den Juͤngling in Schrecken; denn Szaffie malte mit ſo finſtern Farben; er ſtellte ſo grauſam wahrſcheinliche Thatſachen auf; er hatte eine ſo bitter eindringende Beredſamkeit, daß der arme Paul wie vom Schwin⸗ del ergriffen wurde. Einen Augenblick glich er jenem Verruckten, den, ich weiß nicht welcher Dichter ſchildert, und der, beſeſſen von dem Daͤmon des Wiſſens, nicht mehr die zarte, roſige Haut des Weibes erblickte, ihre klaren, glaͤnzenden Augen, ihr Seidenhaar, ſondern deſſen geſchaͤrfter Blick durch dieſe reizende Huͤlle hindurch drang, und die blutigen Adern, die Nerven, welche das Auge bewegten, die Mus⸗ keln, welche dem Koͤrper Kraft verliehen, ſah. Ent⸗ ſetzen! Ein lebender, ſich bewegender Leichnam war es dann, den er erblickte. Aber er ſah wahr, er ſah auf den Grund der Dinge, wie man zu ſagen pflegt. — — und auch Paul begann wahr zu ſehen, auf den Grund der Dinge;— begann zu zweifeln. Die Zweifelſucht iſt ein ungeheurer Schritt zur Enttaͤuſchung. Paul blieb unbeweglich, erſchreckt, durchdrungen von der entſetzlichen Unterredung mit Szaffie, von deſſen tiefem Blicke. Ja, Paul begann, ſtatt zu glauben, zu zwei⸗ feln. Der beißende, ſo beweiſende Spott mußte ewige Spuren in ſeinem lebhaften, empfaͤnglichen Geiſte zuruͤcklaſſen. Ach, man beklage Paul, der bisher noch jener abſtracten Erziehung entronnen war, welche die letzte Stufe der Civiliſation bildet, welche ſich durch ihr eignes Licht verzehrt, und die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft ihrer Illuſion beraubt hat. und dies iſt ein unheilbares Uebelz denn wer kann den verlornen Glauben wiederfinden? Wer ſollte nicht das ganze, kalte und tiefe Wiſſen der Zweifelſucht gern fur einen heiligen Glauben des Kindes geben, welches die Haͤnde vor Chriſtus faltet, und ihn um Verzeihung fuͤr einen kleinen Fehler, oder um ein gluͤckliches Alter fuͤr ſeine Mutter bittet? 5 Wer gaͤbe nicht gern die kalte Vernunft, die verzweiflungsvolle Wiſſenſchaft des Materialismus fur die troſtliche Ueberzeugung deſſen, der an eine andere Welt glaubt, bevolkert durch das, was uns in dieſer theuer war? — * S—— Wer ſollte nicht die bittere Verachtung der Welt, die traurige und ſpottſuͤchtige Fuͤhlloſigkeit, welche uns uͤber jede Täuſchung erhebt, fuͤr jene Zeit der unſchuldigen Leichtglaͤubigkeit hingeben, wo wir uns ſo leicht taͤuſchen laſſen? Ach! wie leer und trocken iſt die Seele dann! In Allem ſieht man nur Selbſtſucht, Berechnung, Ruͤckhalt. Man glaubt an nichts, man liebt nicht, man iſt gezwungen ungluͤcklich! Wie grauſam iſt ein ſolches Leben! und Paul hatte den erſten Fuß auf deſſen Gebiet geſetzt! und dieſer erſte Schritt iſt Alles; denn, ich weiß nicht, welch ein ungluͤcklicher Hang unſers Geiſtes uns dem Ungluͤck mit Wahnſinn entgegen eilen läͤßt; welcher macht, daß wir in einem Au⸗ genblicke Jahre des Gluͤcks und der Hoffnung ver⸗ geſſen, und uns fteiwillig einer thraͤnenvollen Zu⸗ kunft weihen! Sollte denn in dem Grunde der Seele des Menſchen geſchrieben ſein: Du kannſt nur durch ungluͤck groß werden? Sollte denn der ungluͤckliche Geiſt einiger We⸗ nigen ſelbſt in der Verzweiflung Nahrung ſuchen? Man beklage Paul; denn Szaffie, ausgedörrt durch Erfahrungen, verderbt durch den Genuß, hatte wenigſtens noch ſeinen Haß zur Lebensnah⸗ rung; er hatte ihn an die Stelle deſſen geſetzt, was er bei Paul zerſtoͤren wollte. Szaffie war Salamander. III. 5 — einer jener kraͤftigen, beſtimmten Charactere, welche Gott auf die Erde wirft, vollkommen in ihrer Organiſation, zum Guten wie zum Boͤſen. Die Seele Szaffie's glich jetzt dem ungeheuren Krater eines Vulkans; er hatte Alles verſchlungen: friſches Waſſer, Raſen, Baͤume mit ihren kuͤhlen⸗ den Schatten; aber er konnte wenigſtens noch die gluͤhende Lava auswerfen, die in ſeinem Innern brannte. 1 Aber die Seele Pauls war nur eine ſchwache, zarte Blume, die, ihrem urſpruͤnglichen Boden entriſſen, welken und ſterben mußte. Auch fuͤhlte der ungluͤckliche Juͤngling ſein Herz brechen; ſeine Augen netzten ſich mit grau⸗ ſamen Thraͤnen, und er ſagte zu Szaffie: vAch mein Gott, warum haben Sie mir dies Alles geſagt? Wenn Sie wuͤßten, welchen Scha⸗ den Sie mir dadurch zufuͤgen! Welch ein ab⸗ ſcheuliches Wiſſen iſt Ihr Syſtem l Szaffie, mit ſeiner bewundernswerthen Ge⸗ ſchicklichkeit, Gefuͤhle aufzureizen und dann die Begriffe zu verwirren, die er ſelbſt hervor gerufen hatte, erwiderte: daß das betruͤbende Syſtem nicht das ſeinige ſei, ſondern das einiger Maͤnner, welche ſo ungluͤcklich ſind, an nichts zu glauben. „Was mich betrifft,« fuͤgte er mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln hinzu, vich glaube an die Fortſchritte, an die unendliche Vervollkommnung des Menſchen⸗ geſchlechtes.« — 6—= Dann vertheidigte er das neue Syſtem; aber mit ſo ſchwachen, bleichen, kalten Farben, daß da⸗ gegen das fruͤhere dem Geiſte Pauls mit entſetz⸗ licher Klarheit gegenwaͤrtig blieb. Szaffie ließ Paul allein. Befreit von der Gegenwart dieſes hoͤlliſchen Weſens, trachtete Paul, ſich der Finſterniß zu entreißen, in welche ſeine Sesle ſo ſchmerzlich ver⸗ ſenkt war. Er rief ſeine Zaͤrtlichkeit zu ſeinem Vater, ſeine Liebe zu Alice auf. Dieſe ſanften, zaͤrtlichen Erinnerungen ſtellten ſich ſeinem Sinne dar, wie Strahlen der Hoffnung und des Troſtes; aber, wie ein Vogel, deſſen Fluͤgel zerſchmettert ſind, ſtrengte der Ungluͤckliche ſich vergeblich an, dieſes Ziel des vollkommnen Gluͤckes zu erreichen, die Heiterkeit der Seele, welche er zuvor empfun⸗ den, wieder zu gewinnen. Da hatte Paul die erſte dunkle Ahnung deſſen, was ſein Leben in der Folge ſein wuͤrde. Entſetzt, und in Folge einer augenblicklichen göttlichen Eingebung eilte er zu ſeinem Vater. Eine Schildwache ſtand an der Thuͤre zu deſſen Zimmer. Man weiß, daß Peter ſeinem Commandanten befohlen hatte, fuͤr die Inſubordination, welcher er ſich ſchuldig gemacht, mit vierzehn Tage ſtrengem Arreſt zu belegen. Die vierzehn Tage waren noch nicht verfloſſen. 5* „Ich will meinen Vater ſprechen,« ſagte der Sohn mit bebender Stimme. „Herr Paul,«4 ſagte die Schildwache, VFder Lieutenant hat verboten, Jemand zu ihm einzu⸗ laſſen; das iſt der Befehl des Commandanten bei dem ſtrengen Arreſt,« Aber« ſagte Paul, zitternd vor Schmerz, vich ſage Dir, daß ich mit meinem Vater ſprechen will.« „Lieutenant,«4 rief der Matroſe, vNHerr Paul will Sie ſprechen. Soll er eingelaſſen werden 46 „Mein Herr,« ſagte Peter, an der Thuͤr ſei⸗ ner Cajute erſcheinend, im Tone der Unzufrieden⸗ heit, vmein Herr, kennen Sie denn nicht die Ordre der Schildwache 4 WVater, aus Barmherzigkeit! Vater— ich muß Dich ſprechen— ja ich muß— Vater— ich leide ſchmerzlich!« Als der gute Lieutenant die weiche, gebrochene Stimme hoͤrte, war er im Begriffe, zu erliegen. Schon erhob er die Hand, um dem Matroſen zu befehlen, ſeinen Sohn durchzulaſſen, aber ſeine unbeugſame Anhaͤnglichkeit an die Disciplin ge⸗ wann wieder die Oberhand. Es iſt unmoͤglich, Paul, und wenn Du leideſt, ſo geh zu meinem alten Freunde Garnier.« Und er hatte den Muth, die Thuͤre zu ſchließen. »Oh! mein Gott! mein Gott!« ſagte Paul. Und er ſank auf die Stufen der Treppe nie⸗ — 655— der, den Kopf in die Haͤnde verbergend. Dann, wie von einem ploͤtzlichen Gedanken erfaßt, ſprang er auf und rief: MAlice wenigſtens wird mich hoͤren,« und verſchwand. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Schön wie das erſte Weib, welches der lieblichen und gefährlichen Schlange zulächelte, deren Bild ſchon in das verführte Herz einge⸗ graben war; und dann ſelbſt mehr und mehr verführend. Byron, die Braut von Abydos ⸗ Liebe. Der Commandant ſpielte eine Partie Schach mit der Frau von Blene. Alice ſaß träumend in der Gallerie. Dank ſei es der Beſchaͤftigung der Spielenden, Paul kam faſt unbemerkt voruͤber. Er naͤherte ſich Alicen. Sie erſchrack uber ſeine Bläͤſſe, ſeine Aufregung. „Großer Gott! Herr Paul, was iſt Ihnen?6 fragte ſie. v„Oh! Fraͤulein Alice,«4 erwiderte er, vvhaben Sie Mitleid mit mir«4 Das junge Mädchen bebte. Haben Sie Mit⸗ leid mit mir, war faſt ein Geſtaͤndniß. „Erklaͤren Sie ſich, Herr Paul« erwiderte ſie voll Theilnahme, verklaͤren Sie ſich, was iſt Ih⸗ nen?4. vNJa ich bedarf des Gluͤckes, mein Fraͤulein. Ich muß mich an meinen Vater und an Sie fe⸗ ſter anſchließen. Denn ich empfinde es, daß ein entſetzliches Gefuͤhl mich mit ſich fortreißt. Ohl thun Sie mir dar, daß es noch etwas Wahres im Leben giebt, daß nicht Alles Luͤge, Ha Verzweiflung iſt. Oh, lieben Sie mich— aus Barmherzigkeit— lieben Sie mich— oder ich ſterbe!c4 Dieſe Sprache war dem gewoͤhnlichen Character Pauls ſo widerſprechend, daß ſich Alice dadurch bis in das Innerſte ihres Herzens geruͤhrt fuͤhlte. „Aber welche entſetzlichen Gedanken peinigen Sie denn, Herr Paul? Sie, der Sie ſo voll Vertrauen auf die Zukunft, ſo gluͤcklich und Ih⸗ res Gluͤckes ſo gewiß waren 264 v„Ja, ja, ich war es vor zwei Stunden, aber jetzt! Er!— hat Alles umgewandelt.— Er, er allein!— Aber welch eine entſetzliche Macht uͤbt denn dieſer Menſch aus 266 Aber um des Himmeswillen, von wem ſpre chen Sie denn fragte Alice. z vVon Szaffielce erwiderte Paul mit dem Tone des Entſetzens. Alice bebte am ganzen Kbrper. Ja, c4 fuhr Paul fort“—„Er iſt es. 3 — Es iſt Szaffie— dieſer ſonderbare Menſch hat eine ſo verderbliche Beredtſamkeit— alle ſeine Worte fuhlte ich, kalt, ſpitzig, ſchneidend in meine Seele eindringen. Die Lehren meines Vaters, die letzten Wuͤnſche meiner Mutter, Alles erloſch in meinem Gedaͤchtniſſe. Seine Stimme breitete ſich uͤber Alles wie ein Schleier aus.— Und ich war da; ſchwer athmend, in Gedanken verloren, und doch zu ihm hingezogen, hoͤrte ich ihn mit WSchrecken und doch mit Verlangen an; wollte fliehen, und konnte nicht; fuͤhlte den Dolch mei⸗ nem Herzen ſich nahen, und hatte doch nicht den Muth, nur eine Bewegung zu machen, um ihm auszuweichen.— Aber das Alles iſt falſch; es iſt ein Traum, eine Viſion.— Ja, das Gluͤck iſt, denn Sie ſind ja da.— Die Tugend iſt, denn ich habe meinen Vater geſehen.— Oh! er betrog mich; nicht wahr? er betrog mich, als er ſagte, daß es auf Erden kein Gluͤck gaͤbe?— Ach! und es gaͤbe fuͤr mich ſo viel, wenn— Sie mich liebten, denn— ach! mein Fraͤulein, ich habe nicht mehr die Kraft, es Ihnen zu ver⸗ bergen: Ich liebe Sie! Ach! ich liebe Sie! Ach! das Geſtaͤndniß beleidige Sie nicht. Verzeihung lc6 ſagte der Arme,»WVerzeihung! Dies Geſtaͤndniß, ich hätte es vielleicht nie gewagt— aber ich leide ſo ſehr.— Ach!— Hier, nehmen Sie dieſen Ring; er entfiel der Hand meiner geliebten Mut⸗ ter, als ſie mich zum letzten Male umarmte.— Nehmen Sie ihn; es iſt mein Schatz, der theuerſte, den ich auf Erden habe.— Und muß er nicht Ihnen gehoͤren, wenn Sie mich lieben c6— Und mit bezaubernder Schuͤchternheit bot er ihr den Ring dar. Alice! Alice l« rief Frau von Blone, vkomm doch her, und entſcheide den Streit zwiſchen dem Commandanten und mir.4 Paul, mein Freund, dann kommen Sie mir zu Huͤlfe,« ſagte der gute Marquis. Dieſe Worte riefen Paul wieder zu ſich ſelbſt zuruͤck. Zitternd nahm Alice den Ring, ſteckte ihn an ihren Finger, warf einen entzuͤckenden Blickh auf Paul, und trat in das große Gemach.—— Waäͤhrend der folgenden Nacht lag Alice ſchlaf⸗ los in ihrem Bette. Ihr Herz ſchlug heftig; ſie empfand ein unerklaͤrliches Gefuͤhl von Schmerz und Angſt, und fragte ſich mit Entſetzen:? Welch einen hoͤlliſchen Einfluß uͤbt dieſer Menſch aus? Mit einem Worte die Seele Pauls verwandelt zu haben! Dieſe Seele, welche durch die Liebe eines Vaters gebildet, durch die Wuͤnſche einer ſterbenden Mutter gelaͤutert war.— Welch eine Macht!« Dreiunddreißigſtes Kapitel. Aber in n unglück enthüllt ſich die Liebe. Frau v. Girardin; er liebte mich. Liebe und Haß. O, wie ſchon iſt die Nacht auf den Wogen des ruhigen mittellaͤndiſchen Meeres, wenn das Fahrzeug ſorglos ſeine großen, weißen Segel flat⸗ tern laͤßt, getrieben von dem ſchwachen Hauche des erſterbenden Windes! Dann ſchaukelt das Meer das Schiff, wie ein Kind in der Wiege; dann ſpiegeln ſich in den blauen Wogen die Sterne des Himmels; dann ſcheint in der Ferne der Mond mit glaͤnzendem Licht. Und wie ich das Schweigen dieſer Naͤchte liebe! Wie ich das dumpfe, melancholiſche Ge⸗ murmel des ſchlafenden Meeres liebe, das Rau⸗ ſchen der Wellen um die Spitze des Fahrzeuges, dem der duͤrren Blaͤtter unter dem leichten Fuße eines Weibes aͤhnlich! Mit welcher Freude ſehe ich den Salamander ſo vorwaͤrts ſegeln, ſchweigend in der Mitte jener erhabenen Harmonien des Meeres und des Him⸗ mels! Wie ſchoͤn nimmt ſich Alice auf dem Deck der Corvette aus, in weiße Gewaͤnder gehuͤllt; al⸗ lein in dem durchſichtigen Schatten der Nacht, den feuchten Blick in die Ferne ſchweifend! Der vergangene Tag erſchien ihr nur wie ein Traum, und ſie traͤumte in dieſem Traume. Paul liebt mich! dachte ſie. Er liebt mich, er hat es mir geſtanden, und dies Geſtaͤndniß, welches, wie man mir geſagt hat, ſtets lebhaft aufregen ſoll, hat auf mich nur einen ſanften, ru⸗ higen Eindruck gemacht.— Lieben! Iſt das denn weiter nichts?— Liebe ich ihn? O, ja, ich glaube es, denn ſein Geſicht iſt ſo ſanft; er iſt ſo gut, ſo tapfer, ſo edel; er liebt ſeinen Vater ſo ſehr! Er erinnert ſich ſo haͤufig ſeiner Mutter, und wenn er mit mir von ihr ſpricht, iſt ſeine Stimme ſo ruͤhrend!— Und mit mir von einer Mutter ſprechen, heißt alle Gefüͤhle der Traurigkeit und des Truͤbſinnes in mir aufregen.— Und dann dieſer Ring;— er gehoͤrte ſeiner Mutter. Er hat ihn mir gegeben, weil er mich liebt und ich ihn liebe;— denn, ja, ich liebe ihn— ja. Und dennoch dachte ich, daß dies eine Wort unſer gan⸗ zes Weſes erſchuͤttern wuͤrde. Ich glaubte, daß es unſer Leben, unſere Sinne, Alles, unſere Spra⸗ che ſogar verwandeln wuͤrde, die Luft, die wir ein⸗ athmin, die Natur, die wir ſehen. Und doch fuͤhle ich nicht, daß eine Verwandlung mit mir vorge⸗ gangen iſt. Ich lebe, ich athme wie vorher; das iſt derſelbe Himmel, das ſind dieſelben Wogen. Ich bin es noch immer; ich beruͤhre mich, und fuͤhle mich ſelbſt; ich bin es, Alice.— Und ich liebe ihn! Ja, ich liebe ihn, denn ich wuͤnſche ihm nur Gluͤck. Denke ich an ſeine Zukunft, ſo iſt es, um Gott zu bitten, daß er ihn ruhig und glucklich machen moͤge.— Und⸗ wie litt ich ge⸗ ſtern, als ich ihn bekuͤmmert ſah! Als der Arme, der ſo rein und gluͤcklich war, litt und trauerte durch den Einfluß— Hier hielt Alice an, erroͤthete, und verſank ei⸗ nen Augenblick in Sinnen. Dann fuhr ſie fort: Ja, ja, ich liebe ihn; ich ſehe dies wohl, in⸗ dem ich das, was ich fuͤr ihn fuͤhle, mit dem vergleiche, was ich bei Andern empfinde. Der Fähnrich z. B.: er iſt ſchoͤn, brav, wie Paulz aber ſein Herz iſt leer, es iſt eine gemeine, all⸗ tägliche Seele. Ob ihn Gluͤck oder Ungluͤck trifft, kuͤmmert mich wenig. Seine Stimme iſt mir gleichguͤltig, die Stimme Pauls aber liebe ich. Der Faͤhnrich läßt keine Erinnerung in mir zu⸗ ruͤck; Paul aber ſehe ich gern, ich bin gern in ſeiner Naͤhe. Seine Gegenwart liebe ich, waͤh⸗ rend ich die— 8 Hier hielt Alice abermals inne; denn in un⸗ erklarlicher Furcht floh ſie zum zweiten Male ei⸗ — 75— nen Gedanken, zu dem ſie ſtets unwillkuͤhrlich wie⸗ der zuruͤckkehrte. Nun ja, ſagte ſie nach einer Pauſe, wäͤhrend welcher ſie ein Gefuͤhl der Schaam uͤber ſich ſelbſt bekaͤmpft zu haben ſchien, nun ja; weshalb ſollte ich auch vor dieſem Gedanken zuruͤckbeben? Ein Weſen giebt es, welches ich haſſe. Sein Anblick verletzt mich; ſeine Stimme thut mir weh; ich haſſe ihn, ja, ich haſſe ihn!— Ach! wie gern wollte ich Paul ſo ſehr lieben, wie ich ihn haſſe! Ihre Augen gluͤhten, ſie athmete kaum. Ach! fuhr ſie fort. Der Haß verwandelt das Herz ſchneller, als die Liebe! Der Haß, den ich gegen ihn empfinde, hat mich verwandelt! Denke ich— an ihn, ſo ſcheint der Himmel mir truͤbe und finſter, das Meer ſchwarz. Wenn ich furcht⸗ ſam und ſchuͤchtern an ihn denke, ſo iſt es nur, um ihn zu verwuͤnſchen. Und, was hat er mir gethan? Ich weiß es nicht. Aber ſeine Blicke ermuͤden mich; ſeine kalte Hoͤflichkeit verwundet mich.— Er iſt ſo ſtolz, und Paul iſt ſo gut. — Und dann ſein ewiger Spott gegen die Maͤn⸗ ner und die Frauen; ſein bitterer Scherz uͤber das Gluͤck und die Liebe! Aber, was thut mir das Alles?— Und ſeine Blicke haben einen ſo ſtren⸗ gen Ausdruck;— denn ich betrachte ihn, gegen meinen Willen:— ihn und mich verwuͤnſchend. — Und ſein bleiches, trauriges Geſicht verfolgt mich uͤberall— ſeit ich ihn geſehen habe, ſeit ich ihn haſſe. Ja, da ſtand er, gegen die Leiter gelehnt, als ich zum erſten Male auf das Deck ſtieg. Er ſah finſter und nachdenkend aus; er neigte ſich tief vor mir, und nie werde ich den Ausdruck ſeiner großen Augen vergeſſen, welche ſich auf mich hef⸗ teten, um dann nie wieder zu mir zuruͤckzukehren. Nie werde ich den Ausdruck jenes Blickes vergeſ⸗ ſen, den ich faſt korperlich fuͤhlte. Und ich erinnere mich, daß Paul, eben ſo wie ich, durch das uͤberraſcht war, was in dieſem Menſchen Fremdes und Ungewoͤhnliches iſt. Ich ſagte Paul, wie ſein Anblick mir aufgefallen ſeiz er hatte denſelben Eindruck empfunden. Und ſeit jenem Tage— wuchs mein Haß fortwaͤhrend. O, ich gaͤbe die Haͤlfte meines Lebens darum, dies Schiff verlaſſen zu koͤnnen, angelangt zu ſein, ihn nicht mehr zu ſehen— nie, nie mehr zu ſehen! Aber, mein Gott, werde ich ihn je vergeſſen? und Alice verſank in ſchmerzliche Traͤume⸗ rei——— „Sollten Sie unwohl ſein?« ſagte eine ſanfte Stimme. Alice bebte; er war esz es war Szaffie. Zum erſten Male ſprach er mit ihr, mit ihr allein; zum erſten Male hatte ſeine Stimme den Ausdruck der Theilnahme fuͤr ſie. Sie fuhlte ſich ſterben, ihr Herz ſtand ſtill. Vierunddreißigſtes Kapitel. Dennoch giebt es unter Euch himmliſche Weſen. Byron, Don Juan. Aber ach, die St hat nichts, was uns zu⸗ rückſtößt; Die Stimme, die uns verlockt, iſt oſt die ſüß ſte. Frau v. Girardin, Magdalena. — Er ſagt mir:„Ich haſſe dich!“ wie er ſagen würde:„Ich liebe dich!“ Sertus Delaunay, Panayota, ein ungedrucktes Gedicht. Halten Sie mich für glücklich? Alice konnte ihrer Bewegung nicht Herr wer⸗ den, und mußte ſich auf die Bruͤſtung des Schif⸗ fes ſtuͤtzen. „Darf ich Ihnen meinen Arm bieten 26 fragte Szaffie, ſich ihr naͤhernd. „Mein; nein, mein Herr;«« erwiderte ſie mit dem Ausdrucke unwillkuͤhrlichen Entſetzens. Dann fuͤgte ſie hinzu: v„Tauſend Dank, mein Herr!«4 — Sie wollte wieder zur Frau von Blone, aber ſie vermochte es nicht; ſie war an die Stelle ge⸗ bannt. Szaffie gruͤßte ehrerbietig, und ſagte:„Ich ſehe, mein Fraͤulein, daß meine Gegenwart Ihnen laͤſtig iſt, und daß der Widerwille, den ich Ihnen einfloße, Sie hindert, ſelbſt den geringſten Dienſt von mir anzunehmen. Ich entferne mich. Aber erlauben Sie mir, mein Fraͤulein, Jemanden zu Ihnen herzuſenden; denn,« fuͤgte er mit dem Tone der innigſten Theilnahme hinzu: vSie ſcheinen ſehr leidend zu ſein, und es wäre mir ſchmerzlich, ſollte Ihnen die noͤthige Sorge deshalb fehlen, weil ich es bin, der ſie Ihnen bietet.« „Mein Herr, ich befinde mich beſſer, viel beſſer. Aber, ich weiß nicht, wer Sie berechtigt, zu denken— 44 »Zu denken— daß Sie mich haſſen, Alice 24 erwiderte Szaffie. vEine Sympathie, welche ſel⸗ eten truͤgt; eine geheime Stimme, welche uns ſagt, daß unſer eigenes Gefuͤhl erwidert wird. Und Sie ſehen, Alice, daß mich dieſer Inſtinkt nicht betrogen hat.« Alice glaubte zu traͤumen. Szaffie nannte ſie Alice kurz wegz er ſprach zu ihr mit jener Vertraulichkeit, welche nur nach jahrelanger Be⸗ kanntſchaft, oder nach dem Geſtaͤndniſſe gegenſeiti⸗ ger Zuneigung uͤblich zu ſein pflegt. Sie wußte nicht, was ſie antworten ſollte. Sie gerieth in — 6 Verwirrung, und fuͤhlte ihr Herz heftiger pochen; Szaffie ſprach ſchon nicht mehr, als ſie noch im⸗ mer auf ihn hoͤrte. Er nahm wieder das Wort: vEndlich habe ich erfahren, daß Sie mich haſſen, Alice, und auch ich haſſe Sie ſeit dem Tage, an welchem ich Sie zum erſten Male erblickte.« Alice bebte. Ja,« fuhr er fort, vja, denn Sie erinnern mich grauſam an verlorene Gefuhle, an zerſtörten Glauben, an vergangene Traͤume des Gluͤckes und der Liebe. Ja, Alice, Sie waren der Engel, den der Verdammte aus dem Abgrunde der Hoͤlle her⸗ auf erblickte. Jeden Tag vergroͤßerte ſich daher auch mein Haß durch einen neuen Ihrer Vorzuge, † durch einen neuen Ihrer Reize. Ja, ich verwuͤn⸗ ſche Sie, weil ich nicht mehr lieben kann.« Alice erbleichte. vum zu lieben, muß man ein Herz haben, Alice; ein Herz, wuͤrdig des Ihrigen, ein gluͤhen⸗ des, jugendliches Herz, eine reine Seele, zu. der Ihre Seele ſich fluchten koͤnnte, und dann ſanfte, troͤſtende Geſinnungen fände; aber in meiner Seele, Alice,« fuͤgte er mit bitterem Laͤcheln hinzu: vwuͤr⸗ den Sie nichts finden, als Haß, Verachtung und unglauben. Ein Herz, das leer und ausgetrocknet iſt, Alice, iſt ein entſetzlicher Abgrund. Armer Engel! Sie wuͤrden in das Nichts und in Ver zweiflung hinabſinken!« Sn Dann ergriff er die Hand Alice's, deren Au⸗ gen von Thraͤnen erfuͤllt waren, und fuhr mit ſanfter, eindringender Stimme fort: „Aber ich denke mit Freude und Trauer daran, daß es fuͤr Sie eine Zukunft des Gluckes giebt. Ja, Alice, es giebt eine Seele, welche die Schwe⸗ ſter der Ihrigen iſt; ein Herz, welches Ihnen zu⸗ ruͤckgeben kann, was Sie ihm gewaͤhren; ein Knabe, in der Morgenroͤthe des Lebens wie Siez rein, vertrauend und gefuͤhlvoll wie Sie, ſchoͤn wie Sie. Und er liebt Sie, Alice; lieben Sie ihn wieder; Sie muͤſſen ihn lieben.— Und den⸗ noch, Alice, wenn neuer Schmerz in meinem Her⸗ zen Raum gewinnen koͤnnte, ſo wuͤrde er jetzt mit meinen Tagen wachſen; doch mein Herz iſt voll. „Wiſſen Sie, Kind, welch ein bitterer Schmerz darin liegen muͤßte, ſich zu ſagen: Da iſt es endlich, das unſchaͤtzbare Gluͤck, der Traum mei⸗ nes ganzen Lebens, der Traum, von welchem ich ſelbſt nicht mehr traͤumen kann, von Andern er⸗ reicht?— O Alice, Sie wuͤrden meinen Haß verſtehen, litten Sie, was ich leide!« Eine Thraͤne fiel auf die Hand Alice's, welche, kaum athmend, unwillkuͤhrlich ausrief: vvUnd wer, mein Gott, ſagt Ihnen denn, daß ich gluͤcklich bin?66 Und ſie brach in Thraͤnen aus, denn der Auftritt ging uͤber ihre Krafte. Als Frau von Blene auf das Deck kam, Salamander. III. 8 hatte Szaffie eben noch ſo viel Zeit zu ſagen: „Ich glaube, gnaͤdige Frau, Ihre Nichte iſt et⸗ was unwohl.« vHier bin ich, hier bin ich,« rief der gute Doctor. Aber laſſen Sie uns hinab gehen, denn die Abendluft taugt nichts fur ſie.« Fünfunddreißigſtes Kapitel. Das Herz!— Ein Abgrund! Pope. Der Bräutigam. Alice war, ihre Thranen verbergend, in ihr Zimmer hinab gegangen; ſie wuͤnſchte, allein zu ſein, und bat daher ihre Tante, ſich zu entfernen, indem ſie vorgab, ein wenig ſchlafen zu wollen. Wehe! Wehe uͤber michl rief ſie aus, als ſie allein war.„Wehe uͤber mich! Was mußte ich hören! und ich bin nicht geſtorben, gleich zu ſeinen Fuͤßen! Er kann mich nicht lieben, hat er mir geſagt. Er befiehlt mir, einen Andern zu lieben!— Er kann mich nicht lieben!— Soll⸗ ten denn meine Blicke ihm verrathen haben, daß ich Liebe fuͤr ihn hege? O mein Gott! Was wäre denn mein Geſchick, wenn ich ihn liebte, ihn! Ich wuͤrde alſo gedemuͤthigt, zuruckgeſtoßen⸗ verachtet werden! Ich muͤßte mich alſo zu ſeinen Fuͤßen ſchleppen, und ſchreien: Gnade! Gnade! „Und wenn ich ihn liebte, wenn ich ihn mit aller Kraft meiner Seele liebte; wenn ich, getrie⸗ ben durch einen unerklaͤrlichen Einfluß, durch dieſe leidende, betruͤbte Seele angezogen wuͤrde; wenn ich hoffte, ſeine ſchmerzenden Wunden zu heilen; wenn in meinem Herzen eben ſo viel Mitleid als Liebe waͤre? „Er kann mich nicht lieben! Und wenn— doch der Gedanke macht mich erroͤthen, als wenn ein fremder Mund ihn ausſpraͤche— und wenn durch einen verhängnißvollen Widerſpruch, durch eine ſchreckliche Laune meines Geſchickes, ich— ich ihn dennoch vielleicht liebte, gerade weil er mich nicht lieben kann! »„Doch, nein. Nein, o mein Gott, ich bin wahnſinnig! O mein Gott! verzeih mir! Die Seele, die nach deinem Bilde geſchaffen wurde, kann nicht ſo niedrig, ſo verächtlich ſein. Nein, es iſt eine Verirrung meiner Einbildungskraft; ich bin krank; ich habe das Fieber; ich bin wahn⸗ ſinnig, wahnſinnig bis zur Raſerei. vund Paul koͤnnte mich lieben! Paul, den er mir zu lieben befiehlt; es iſt eine offne, edle Seele. Ich werde ihn lieben; ja, ja, ich liebe ihn ſchon. Paul! Paul! wo ſind Sie? Ich liebe nur Sie, Paul?4. . Alice war in einem ſchwer zu beſchreibenden Zuſtande der Exaltation. „Alice! Alice!æ« ſagte eine leiſe Stimme. Sie erſchrak heftig; die Stimme kam von dem offnen Fenſter her. Paul zeigte ſich an demſelben. „Himmel! Paul! Herr Paull rief ſie zum Fenſter ſtuͤrzend.„Wie kommen Sie dahin 2½ „Iſt das nicht mein Platz, ſo oft ich frei vom Dienſte bin? Moͤgen Sie hier ſein, oder nicht, ich beſuche ihn dennoch, denn fuͤr mich ſind Sie ſtets hier; Sie, oder die Erinnerung an Sie. O, laſſen Sie mich hier 6 „Haben Sie mich gehoͤrt, Herr Paul 6 vSo iſt es denn wahr? Ich habe mich nicht getäuſcht? Es war Ihre Stimme? Sie riefen mich 266 6 Mit einem Satze war er in dem Zimmer; Alice konnte nicht leugnen. „Hören Sie, Paul; Sie lieben mich« „Sie haben den Ring meiner Mutter.« „Ich bin deſſen wurdig, Paul, denn ich liebe Sie, Paul, ich liebe Sie. Paul ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen der. Hoͤren Sie mich,« ſagte ſ aſtig, mit auf⸗ geregter Stimme.„Obgleich das Vermoͤgen mei⸗ nes Vaters ſehr beträchtlich iſt, und wir Beide noch ſehr jung ſind, bin ich doch uberzeugt, daß ich ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung er⸗ halten werde. Ihr Vater muß bei meiner Tante um meine Hand werben; ſie wird gewiß einwil⸗ ligen. Dann, Paul, verlaſſen Sie mich nicht einen Augenblick mehr; Sie werden das Recht haben, mich nicht mehr zu verlaſſen, denn wir werden hier verlobt werden, und Sie werden dann bei mir ſein, immer, immer bei mir ſein. Hoͤren Sie, Paul? Wollen Sie das?4 Paul war trunken, toll, außer ſich vor Freude; ſein Traum verwirklichte ſich; das anbetungswuͤr⸗ dige Weib, in dem er die Tugenden ſeiner Mutter lieben ſollte, ſeinen Glauben, ſeinen Gott, es war da: es war Alice, Alice, welche ihm ſagte: dich liebe Dich;« Alice, welche ſagte: vich ziehe Dich, Du armer Juͤngling, vor.« Sie liebte ihn, ſie hatte es ihm ja geſagt. Paul fand kein Wort ihr zu erwidern. Auf den Knieen vor ihr liegend, die Haͤnde faltend, ſchien er zu beten. Dann ſturzte ein Strom von Thraͤnen uͤber ſeine Wangen, und er ſtammelte die Worte:„O, Alice! O, meine Mutter! Du haſt mich erhoͤrt!« Alice vermochte kaum zu athmen. Durch dieſen niSer glaubte ſie der Liebe zu entrinnen, die Bie fuͤr Szaffie empfand, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu koͤnnen. Dieſes Geſtaͤndniß erhob zwiſchen ihm und ihr eine Schranke, die ſie nicht mehr zu uͤberſpringen wagen durfte. Als Braut Pauls, aus eigner Neigung mit ihm — 5 verlobt, waͤre es ein Verbrechen geweſen, eine Schaͤndlichkeit, ihn zu betrugen, und ſie hielt ſich fuͤr unfaͤhig, ſo zu handeln. Wie, Alice læ rief er endlich,„Sie lieben mich 4 vJa, ich liebe Sie, ich liebe nur Sie, Paul. und Sie, Sie lieben mich? O ſprechen Sie es noch einmal aus, dieſes Wort; wiederholen Sie es, damit ich es hoͤre— o! Sie koͤnnen mich lieben, nicht wahr? Das thut mir ſo wohl! Sa⸗ gen Sie mir auch, daß ich Sie liebe, daß ich es Ihnen aus freiem Willen geſtanden habe, und daß, wenn ich Sie belogen hätte, ich nichtswuͤr⸗ dig waͤre. Hoͤren Sie wohl, Paul? Nichtswuͤrdig — nichtswuͤrdig 44 „Ich verſtehe Sie nicht, Alice.« Nein, nein, ich liebe Sie! Sind Sie nicht der Gatte meiner Wahl? Ihre Mutter und die meinige ſind dort oben, und werden unſere Verbin⸗ dung ſegnen— mein Paul, mein guter Paul lC6 Aber Paul hoͤrte Schritte in der Gallerie, faßte die Hand Alice's, und ſchwang ſich durch das Fenſter. „Wenigſtens,« ſagte das junge Maädchen, „wird mich dieſer Gedanke nicht mehr peinigen; jetzt bin ich ruhiger; ich werde ihn vergeſſen!— Oh, meine Tante, ich bin ſehr leidend le ſagte Alice zu Frau von Blene, welche in das Zim⸗ mer trat. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Das Leben iſt eine Reiſe; Trachten wir, ſie zu verſchönern. Geſänge des Kaiſerreichs. Das Scheuerfeſt. Einige Tage waren verfloſſen, ſeit Alice Paul geſtanden hatte, daß ſie ihn liebe. Sie bat ihn nur, ſeinem Vater noch nichts davon zu ſagen. Paul verließ ſie, ihrem Verlangen nach, nicht. Immer nur bei ihr, glucklich, voll Entzuͤcken, hatte er das Geſpräch mit Szaffie ganz vergeſſen; die Freude, welche in ſeiner Seele ſchwebte, hatte die grauſamen und finſtern Gedanken, welche einen Augenblick ſeine Seele beunruhigten, durchaus ver⸗ nichtet. Szaffie zeigte ſich ſehr ſelten auf dem Deck und bei dem Commandanten. Er ſchloß ſich in ſeine Cajuͤte ein, eine leichte Unpaͤßlichkeit vorgebend; das war ganz nach dem Wunſche des ehrlichen Doctors, welcher, wie man ſich erinnern wird, nur eine Krankheit erwartete, um Szaffie kennen zu lernen. Aber die Hoffnung des alten Garnier wurde getaͤuſcht, denn Szaffie lehnte ſeine Pflege ab. — 68 Nur ein Mal hatte Szaffie ſich Alicen ge⸗ naͤhert, um ihr zu ſagen: MAlice, Sie ſind gluͤck⸗ lich, ich ſehe es, Sie lieben ihn. Hatte ich es Ihnen nicht gerathen? Und das iſt das Gluͤck, nicht wahr 24 Er entfernte ſich. Alice erwiderte nichts, aber ſie ableichte „Er hat es mir gerathen. Glaubt er viel⸗ leicht, daß ich Paul nur liebe, weil er mir es gerathen hat? Ich liebe ihn, weil er gut, brav, edel iſt— ich liebe ihn, weil dieſe Liebe mein Gluͤck ausmacht.« Dann, nach einigen Augenblicken des Schwei⸗ gens, faltete ſie die Haͤnde, und rief zum Himmel blickend:»Oh, ſterben! ſterben 1« Und zum erſten Male vielleicht erſchienen ihr die Aufmerkſamkeiten Pauls druͤckend. Seine Ge⸗ genwart belaͤſtigte ſie. Auch ſie ſchuͤtzte eine Un⸗ paßlichkeit vor, um allein in ihrem Zimmer blei⸗ ben zu koͤnnen. „Und Sie haben Unrecht,« ſagte der alte Doctor;„denn ſehen Sie, es iſt heute Sonntag, wir haben dieſen Abend Ball, und das haͤtte Sie unterhalten; unſere Matroſen tanzen unter ſich. Der Tag iſt alſo der Freude gewidmet.« Das beſtimmte indeſſen Alice nicht, und ſie ging nach ihrem Gemache hinab. Und in der That war, wie der Doctor es ge⸗ ſagt hatte, dieſer Tag dem Vergnuͤgen gewidmet. Einer der uͤberzeugendſten Beweiſe davon, war ein gellendes Geſchrei, welches vom Vordertheile der Corvette her ertoͤnte. „Gnade! Gnade le rief eine duͤnne, ſchwache Stimme, von Thraͤnen unterbrochen. vScheuert ſie ab, die garſtige Ratte! Scheuert ſie ab lK« rief der Chor. »„Oh! Ihr thut mir wehl« wiederholte die duͤnne Stimme. v„Weshalb, Du Ungeheuer, biſt Du nicht gekommen, wie die andern Schiffsjungen, Deinen Sauruͤſſel zu waſchen? Du fraßeſt wohl was im Raume an? Hec6 „Ach, mein Gott! Sobald Meiſter Buyk es mir erlaubt hat, bin ich gekommen.« vvEs iſt nicht wahr; ſcheuert ſie ab, die gar⸗ ſtige Ratte c6 „Ja, ja, auf den Sand mit ihr, auf den Sand læ« riefen ein Dutzend Stimmen im Chor, und dazwiſchen tönte das Geſchrei der Schiffs⸗ jungen. „Mein Gott! Mein Gott! Was hab ich Euch denn gethan 4 ſchrie Elend. vDu haſt uns belogen, Du haſt uns dumm machen wollen, und man hat das Recht, ſich zu amuͤſiren, und wir wollen ſehen, welche Farbe die Haut einer Ratte erhaͤlt, wenn man ſie mit Sand reibt.«4 Dieſer Scherz machte die Zuhoͤrer bis zu 90 Thraͤnen lachen, und lautes Bravo uͤbertoͤnte die Stimme des ungluͤcklichen Kindes. Elend ſchlug heftig um ſich, umringt von ei⸗ ner Menge Matroſen und Schiffsjungen. Man hatte ihn gaͤnzlich entkleidet, die Hoſen allein aus⸗ genommen, und machte Anſtalt, ihm den Körper mit einem Scheuerwiſch und mit Sand abzurei⸗ ben*). Endlich ergriffen ihn zwei kraͤftige Matroſen, legten ihn auf einen Vorrathsmaſt, und hielten ihn unbeweglich feſt. „Wartet, Pariſer,« ſagte das arme, elende Weſen, zitternd vor Furcht, zu einem ſeiner Hen⸗ ker, Pariſer, thut mir nicht weh, und ich will Euch mein Brod und meinen Wein geben. Ich habe ja nichts, o mein Gott! ich habe ja nichts, als das, was mir gehoͤrt; aber ich will es Euch geben, wenn es mir nicht vorher ſchon weggenom⸗ men wird.« vIch glaube es wohl, garſtige Ratte,«4 er⸗ widerte Einer; v„Du wuͤrdeſt dann unſern Zwie⸗ back naſchen.«6 Neues tolles Gelaͤchter. Man ſtreute nun feinen weißen Sand auf Elend. „Oh! Ihr ſtreut mir die Augen voll. Ihr *) Dies iſt ein Experiment, welches auf den Schif⸗ fen fehr häufig gemacht wird, beſonders aber bei den Bretagnern gegen die Neulinge. ————— —,— habt mich blind gemacht. Gnade! Barmherzig⸗ keit! Was habe ich Euch denn gethan? Sagt es mir doch! was habe ich Euch denn gethan? Mein Gott!— Mein Gott!— Mein Gott!« ſchrie das Kind mit herzzerſchneidender und zorniger Stimme. „MReibt, reibt nur; er wird gewiß roth; denn, ſeht Ihr, die Waſſerratte iſt darin wie die Landratte. Immer zu le« rief der Pariſer. Neues Gelaͤchter. Und man begann den gan⸗ zen Korper Elends abzureiben, indem man Scheuer⸗ wiſche in Meerwaſſer und dann in den Sand tauchte. Dieſes ſcharfe, aͤtzende Waſſer, welches ſich mit dem feinen, ſchneidenden Sande miſchte, verurſachte dem Ungluͤcklichen einen wuͤthenden Schmerz, denn die beißende Lauge drang in die Riſſe, welche der ſcharfe Sand hier und dort ver⸗ urſachte. „Wollt Ihr mich nicht los laſſen!« heulte das Kind. vEr iſt noch trotzig! Wenn Du gewaſchen biſt, Ratte—66 „O mein Gott! mein Gott! wie ſteh ich aus! O Pariſer, ich bitte Euch, Pariſer, laßt mich los, laßt mich los; ich will Euch alles thun, was Ihr von mir verlangt. Wartet, ich will Sand eſſen, wenn Ihr wollt. Soll ich Sand eſſen? Wollt Ihr es? Aber nur das nicht, nur das nicht.— Aus Barmherzigkeit!— O habt Gnade!— Ach ſeht— meine Bruſt iſt ſchon ganz wund!— Das Reiben waͤhrte fort; ja es verdoppelte ſich ſogar. »Ihr wollt mich alſo nicht los laſſen? Ach mein Gott! wenn meine Mutter doch da waͤre, wenn meine Mutter nicht todt waͤre!« Sein Geſicht nahm einen ſonderbaren Aus⸗ druck an. Der Schmerz wurde zu entſetzlich und ſtechend. »Oh meine Mutter! meine Mutter! Man foltert mich— komm zu meiner Vertheidigung, meine Mutter lg rief er. Und der Ungluͤckliche verlor den Verſtand. Der Schmerz ging uͤber die Kräfte dieſes ſchwaͤchlichen, zerbrechlichen Weſens. „Iſt die garſtige Ratte verruckt? Es iſt keine weibliche Ratte hier; hoͤrſt Du, Burſche 66 Ach, da koͤmmt meine Mutter! Da iſt ſie. Ach laßt mich immer leiden; zerreißt meinen Koͤr⸗ per; aber meine Mutter kömmt, und Ihr werdet ſchon ſehen i4 Und er lachte, der Bejammernswerthe. vvEr iſt verruͤckt! Sieh nur ſeine Augenz«6 ſagte Einer zu dem Pariſer, vdas iſt wie leben⸗ diges Feuer 4 Elend war in der That in jenen Zuſtand der Geiſtesverwirrung gefallen, welcher gewohnlich auf die Mißhandlungen zu folgen pflegte, denen er ausgeſetzt war. Seine Augen glaͤnzten, vergrößer⸗ 63 ten ſich auf eine entſetzliche Weiſe, wurden ſtarr, und ein Laͤcheln, dem der Sterbenden aͤhnlich, uͤberzog ſeine bleichblauen Lippen; die Matroſen hielten ihn noch, aber ſie rieben nicht mehr. Elend fuhr fort: „Meine Mutter, ich bin es, hoͤrſt Du? der kleine Georg, den ſie Elend nennen, ich weiß auch wohl warum, und den ſie den ganzen Tag pruͤ⸗ geln. Du koͤmmſt, nicht wahr? Du bringſt mir leider, denn mich friert; Brod, denn ſie nehmen mir meines, und ich habe Hunger. Du wirſt mich in Deinem Bette erwaͤrmen, nicht wahr, meine Mutter? Und am Morgen wirſt Du mir dann von dem Kuchen geben, den Du immer fuͤr Deinen kleinen Georg bukeſt? Und dann am Sonntage wirſt Du mich zu dem guten Gott beten und das Chriſtuskind kuͤſſen laſſen, nicht wahr? Hier habe ich das Beten verlernt.— Doch nein, nein; Du kannſt ja nicht kommen, Du biſt ja todt, wie mein Vater. Nur Euer kleiner Georg iſt noch nicht todt. Aber man toͤdtet mich, alle Tage ein Bischen; hoͤrſt Du, meine Mutter? Man ſendet mich zu Dir.« Und Elend ſchloß die Augen. Die Matroſen ſahen einander an. Ihr Be⸗ nehmen war nicht die Folge kalter Grauſam⸗ keit, ſondern nur brutaler Ausgelaſſenheit. Sie ſpielten mit dieſem Ungluͤcklichen, wie ein Kind mit einem Vogel, den es zu Tode martert. „ — — 9 Die, welche Elend hielten, hatten Thraͤnen in den Augen; ſie ließen ihn los, und ſetzten ihn auf eine Bank. Dieſe Bewegung brachte das, Kind zur Beſinnung zuruͤck, aber nicht zur Ver⸗ nunft. Er ſprang mit einem Satze empor, und ſich mit ſtaunenerregender Schnelligkeit auf einem Fuße umherdrehend, ſchrie er mit ſchneidender Stimme: „Die Ratte— die Ratte hat gute Zaͤhne— ſie hat die Nuß durchgenagt— durchgenagt— durchgenagt— durchgenagt.« Und er ſchlug mit unglaublicher Schnelligkeit die Zaͤhne gegeneinander. Dann, ſich immer her⸗ umdrehend, kam er zur großen Vorderluke, warf 6 ſich hinab, und verſchwand. Einige Minuten, waͤhrend er zu dem untern Raume hinablief, hoͤrte man ihn noch immer ru⸗ fen:„Durchgenagt die Nuß— durchgenagt; denn die Ratte hat gute Zaͤhne— gute Zaͤhne— 4 Endlich erloſch die Stimme; Elend war in dem untern Raume angelangt. Und obgleich der Ungluͤckliche ſich in dem Zu⸗ ſtande der hoͤchſten Geiſtesverwirrung befand, wurde er doch von einer fixen Idee beherrſcht, der der Rache. Und nur zur Ausfuͤhrung dieſes Gedan⸗ kens ſchien er ſeine Geiſteskraͤfte behalten zu haben. Er ſchluͤpfte in eine Zwiebackskammer, ſchob — ein Faß bei Seite, kroch dahinter, und kauerte ſich an der Wand der Corvette nieder. Mit Huͤlfe eines Bohrers und einer Feile, welche er entwendet hatte, vollendete er jetzt in dem Holzwerke des Schiffes ein Loch von vier Fuß Breite und zwei Fuß Hoͤhe. Er arbeitete daran ſchon ſeit langer Zeit, und dies war es, was er die Nuß durchnagen nannte. Jetzt hielt nur noch der duͤnne Kupferbeſchlag, welcher das Schiff von außen umgab, das Waſ⸗ ſer ab, in daſſelbe einzudringen. Aber mit einem Schlage des Meiſels gegen die erſten Platten dieſes Kupfers konnten leicht auch die andern ge⸗ * loßt, und ſo den Fluthen Eingang geſtattet wer⸗ den, welche den Salamander zum Sinken bringen mußten. 2 Elend nahm den Meiſel— aber er hielt inne, denn er dachte an den Ball des Abends.— Er wartete noch. (Ende des dritten Bändchens.) 4 g14 senqe