— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreih. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ift auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * rz. Sue's Eilfter Theil. ₰ 6 Deutſch 4 von 1 ℳ L. v. Alvensleben. Der Salamander. Erſtes Bändchen. Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. Der Salamander. Roman aus dem Seeleben von 1 Eugen Sue. 3 Deutſch von L. v. Alvensleben. l venvcen . Leipzig, 1838. 6 Verlag von Otto Wigand. 23 — Rechtswegen, und ohne Ruckhalt, der Kritik an, Hätte ich auch keinen andern Beweis, daß die Seele nicht materiell iſt, als den Triumpb der Böſen und die Unterdrückung der Gerechten in dieſer Welt, ſo würde das allein mich abhalten, zu zweifeln. Rouſſeau; Emil. Paris, den 15. Januar 1832. Jede literariſche Arbeit muß, wie ich meine, zwei beſondere Theile haben: Erſtens, das Drama, die Fabel, den beſchrei⸗ benden Theil, den man den Koͤrper des Wer⸗ kes, das Materielle, nennt; Dann, demſelben Vergleiche treu bleibend, das Moraliſche, Philoſophiſche, welches man die Seele, den Gedanken, oder das Spiri⸗ tuelle des Werkes nennen koͤnnte. Der Koͤrper des Buches gehoͤrt nun vvn denn der Verfaſſer muß ſeine Stellung als Schriftſteller in ſeiner ganzen Ausdehnung anneh⸗ men; aber es ſcheint mir, daß er das Recht hat, die moraliſche Frage ſeines Werkes zu vertheidigen. Ich muß auf dieſem Unterſchiede beharren, weil man mir den Vorwurf gemacht hat, daß Salamander. I. 1 6 ich bisher ſyſtematiſch das Laſter unterliegen und die Tugend triumphiren ließ. Hier iſt meine Antwort darauf. Ich bin ſtets uͤberzeugt geweſen, daß man einer andern Logik folgen muͤſſe, als der, welche in den Dramen und Romanen beobachtet wird, wo gewoͤhnlich der Verfaſſer der goͤttlichen Ge⸗ rechtigkeit vorgreift, und ſchon hienieden Jeden 5 nach ſeinen Werken belohnt; ſo die Hoffnung auf die Freuden oder die Furcht vor den Stra⸗ fen jener Welt vernichtend, indem er ſchon hier einen Himmel und eine Hoͤlle parodirt, und ₰ nach ſeinem Gutduͤnken ſagt: Der faͤllt Gott, der dem Satan anheim. Ich habe darin eine Pro⸗ fanation des erhabenen Gedankens des Chriſten⸗ thums erblickt, welches dieſes Leben als ein Problem betrachtet, deſſen Aufloͤſung nur Gott allein ge⸗ buͤhrt. Dieſer Gedanke einer gerechten Vergeltung „ iſt an und fuͤr ſich ſelbſt die chriſtliche Religion. Aber wenn man dieſen gottlichen Gedanken menſchlich behandelt, ſo verfaͤlſcht man ihn; denn die Folge, die man daraus zieht, um ſie auf die Menſchheit anzuwenden, wird jeden Tag durch die That Luͤgen geſtraft, ſowohl durch 4 das Privatleben, als durch das oͤffentliche. Da man ſtatt nach dem Kopfe des geſelligen Kor⸗ pers, nach deſſen Beinen ſieht, die im Kothe ſtehen; da man mit dem Namen eines Ver⸗ brechers nur den gemeinen Moͤrder belegt, der toͤdtet, um zu leben, oder aus Rache, iſt es ge⸗ wiß, daß Polizei und Henkersknecht, fruͤher oder ſpaͤter, die raͤchende Gottheit ſpielen. Wenn man am hellen Tage einen Men⸗ ſchen, der ein blutiges Meſſer in der Hand fuhrt, feſthaͤlt und auf das Blutgeruſt bringt, glaubt man eine Wahrheit zu beweiſen; man verkuͤndet mit lauter Stimme als eine morali⸗ ſche Thatſache, daß das Verbrechen ſchon auf dieſer Erde beſtraft wird. Das iſt eine bittere Taͤuſchung, eine grau⸗ ſame Luͤge, und eine unmoraliſche Paradore. Es iſt eine Touſchung und eine Luͤge; denn es giebt andere Verbrechen, welche den Namen weit mehr verdienen, welche weit haͤufiger vorkom⸗ men, und doch niemals auf dem Schaffote enden. Für die Art Verbrecher giebt es im Gegen⸗ theil ein Leben voll Glanz und Ehre, Lob, Auszeichnung, Achtung, Genuͤſſe des Lurus und 1 des Stolzes, glaͤnzenden Ruhmes mit einem Namen, welcher auf die Nachwelt forttoͤnt. Aber fuͤr dieſe giebt es auch eine große und gewaltige Strafe, groß wie die Ewigkeit, doch erſt nach dem Tode; denn man wuͤrde die Ge⸗ rrechtigkeit Gottes laͤſtern, wollte man behaupten, daß er ſchon hienieden ſtrafe. Entgegnet man mir, daß das Bild des beſtraften Laſters und der begluͤckten Tugend auf Erden moraliſch iſt, ſo ſage ich: Nein; und meiner Anſicht nach iſt unter allen Paradoren die unmoraliſcheſte, die falſcheſte, die emporendſte:»Eine Wohlthat iſt hienieden nie verloren.« Eine Wohlthat iſt nie verloren!— Ja, eine Wohlthat iſt wohl verloren; man kann es glau⸗ ben; man muß es ſogar, und es iſt auch leicht. Man betrachte die Undankbarkeit als den ein⸗ zigen Schmelztiegel, in welchem ſo manche Tu⸗ gend, ſo manche ſelbſtſuchtige Handlung gelau⸗ tert wird. Laßt Euch hundertmal betruͤgen, und thut zum hundert und erſten Male wohl, und ich werde Euch fuͤr einen Menſchen halten, der wegen der Tugend tugendhaft, wegen der Wohlthat wohlthätig iſt. Aber rechnet Ihr auf Dankbarkeit, ſo iſt dies eine Speculation, ein Mißbrauch. Denn es giebt nichts Unwuͤrdige⸗ res, als eine tugendhafte Handlung aus eigen⸗ nuͤtziger Abſicht. Das heißt, mit den guten Sitten ein gutes Geſchaͤftchen machen wollen. Sollten die undankbaren Menſchen jemals ſel⸗ tener werden, ſo ſollte man das Muſter derſel⸗ ben ſorgſam aufbewahren, als moraliſchen Zweck, wie Probirſteine wahrer Tugend; denn uͤber die Nothwendigkeit der Laſter ließe ſich ein merk⸗ 4½ wuͤrdiges Buch ſchreiben. Man zeige daher vor allen Dingen Wahres und die Wahrheit; doch ſo wie ſie ſich in den Salons und bei den Be⸗ hoͤrden zeigt, kein Utopien, kein geträumtes Land. Man zeige das Laſter, wie es iſt: ſchoͤn, kuͤhn, gluͤcklich, unverſchaͤmt, heiter, wolluͤſtig, das eigene und fremde Leben bis zur Neige ge⸗ nießend, alt, geehrt, und in Frieden in ein rei⸗ ches Marmor-Mauſoleum hinabſteigend, bei dem Klange der Orgel, unter Grabgeſaͤngen, Klagen und Thraͤnen; denn es hinterließ ein faſt königliches Vermoͤgen. Man zeige die Tugend mit Schmach bela⸗ , haͤßlich, bettelnd demuthig, verkannt, bleich und mager, auf faulendem Stroh den Hungertod ſterbend, und ohne Thraͤnen, ohne Gebete, ohne Schmerz in die Grube geworfen; denn die Tu⸗ gend hinterlaͤßt nie ein koͤnigliches Vermoͤgen. Eine große Lehre muß dieſe Contraſte zu⸗ ſammen ſtellen; dann wird ſelbſt der Harther⸗ zigſte eine Thraͤne fuͤr die Tugend und Verach⸗ tung fuͤr das Laſter haben. Dann erſcheint nicht Alles mit dieſem Er⸗ denleben beendigt; dann wird ſelbſt der Un⸗ glaͤubigſte auf den Gedanken gerathen, daß die goͤttliche Gerechtigkeit bei ſo vielen Verbrechen nicht ſchlafen kann, und daß zwiſchen dieſem und jenem Leben ein Unterſchied Statt findet. Aber wenn man roh das Laſter beſtraft, und die Tugend alle Augenblicke auf den Thron er⸗ hebt; wenn man einen Finanzpaͤchter an die Stelle Satans ſetzt, ſo muß man ſich wohl fragen: wozu nun noch Himmel und Hoͤlle? Jede Rechnung iſt abgeſchloſſen, und man weiß nicht, ob man nicht vielleicht das Ungeheuer auf Koſten des Gerechten beklagt. Man ſchil⸗ dere daher das Leben in ſeinen wirklichen Farben; dann kann man wohl der Entzauberung angeklagt —— 7— werden, aber nicht der Unmoralitaͤt; denn vor allen Dingen wird das Gemaͤlde wahr ſein, und die Wahrheit enthaͤlt allemal eine moraliſche Lehre. Nun koͤmmt es nur noch darauf an, zu wiſſen, ob das Wahre ſich auch ſagen laͤßt? Hier, glaube ich, iſt der Augenblick gekom⸗ men, einen andern Gemeinplatz anzugreifen, welcher ſehr verbreitet iſt: Nicht jede Wahrheit iſt gut zu ſa⸗ gen. Doch, doch; jede Wahrheit iſt gut zu ſagen, in einem Jahrhunderte, welches ſich ruͤhmt, beſtimmt, proſaiſch und materiell zu ſein; in einer Zeit, wo man vor allen Dingen klar ſieht. Oh, es iſt nicht mehr die Zeit blinden Glau⸗ bens, tugendhafter Ueberredungen, troſtender Illu⸗ ſionen; unſer Jahrhundert iſt ſo, wie das achtzehnte uns die Erbſchaft uͤberlaſſen: kalt, nackt, trocken. Wir haben unſerer Geſellſchaft das kraͤftige Symbol»Baum der Wiſſenſchaft« beigelegt; wir haben dieſen Baum bis zu ſeinen tieſſten und bitterſten Wurzeln unterſucht. Wir wiſſen alſo, und es ſind nicht mehr Worte, welche uns beherrſchen!— Was be⸗ deuten jetzt Monarchie und Religion? Kreuz und Krone?— Wir haben das Alles in un⸗ ſeren eigenen Haͤnden abgewogen; wir haben es von allen Seiten betrachtet, wie das Kind das Spielwerk unterſucht, deſſen innere Ein⸗ richtung es erſchreckt. Dann, als wir das Ge⸗ heimniß erforſcht hatten, haben wir Alles zer⸗ ſchlagen, und geſagt:„Klein und erbaͤrmlichla Nun haben wir den Grund der Dinge in Wahrheit erkannt, und ſagen daher laut und öffentlich, daß die Zeit der Symbole voruͤber iſt. Es iſt eben ſo gut, eine anerkannte Luſtdirne von ihrer Keuſchheit, als uns von Illuſionen ſpre⸗ chen zu hoͤren. Wir und Illuſionen! Guter Gott! Und doch ſpricht man davon noch zuweilen; man beſchuldigt uns, die Soͤhne des neunzehn⸗ ten Jahrhunderts, daß wir traurig, traͤumeriſch ſind, und die Zeit entzaubern wollen. Die Zeit entzaubern! Welche Verirrung! Iſt es denn auch unſer Fehler, wenn das achtzehnte Jahrhundert uns zu dem gemacht hat, was wir ſind? Wenn wir gelernt haben, im Voltaire und Dupuis zu buchſtabiren, und wenn wir das geheime Fach der Schmach aller Regierungsſyſteme, welche in einem halben Jahrhunderte auf einander folg⸗ ten, auffanden? Iſt es unſre Schuld, daß, da die Buch⸗ druckerkunſt, das Pulver und das Lutherthum ſchon ſeit dem zwoͤlften Jahrhundert das geſell⸗ ſchaftliche Gebaͤude untergruben, daß die Erplo⸗ ſion ſo ſehr in unſter Naͤhe Statt fand, und uns mit ihren Truͤmmern bedeckte? Iſt es un⸗ ſere Schuld, daß wir in der Mitte tiner zu Truͤmmern gegangenen Geſellſchaft vegetiren? daß wir trachten, uns aus den großartigen Ruinen neue Wohnungen zu erbauen? Iſt es unſte Schuld, wenn wir an der Zu⸗ kunft zweifeln, daß wir, Atheiſten in der Po⸗ litik, nicht an eine andre Welt glauben, und mehr als je von der Umgeſtaltung des geſell⸗ ſchaftlichen Koͤrpers auf andern Grundlagen traͤu⸗ men, wie von einem Utopien, das bis zu un⸗ ſerm Jahrhunderte Utopien geblieben iſt? Und in der That iſt es wohl logiſch, uns irgend etwas Neues zu begruͤnden, da unſer Glaube erloſchen, unſre Andacht zerſtoͤrt, unſer Geiſt abgenutzt, unſre Civiliſation verfallen, unſer Egoismus ungeheuer iſt? Eine jede Geſellſchaft 10 hat ihr Ende; und eine neue Geſellſchaft begrun⸗ den zu wollen, iſt an und fuͤr ſich ein Traum! Ich glaube, es heißt den Tod fuͤr das Le⸗ ben, das bittre Laͤcheln des Greiſes fur das hei⸗ tre des Kindes nehmen,— gruͤnden! Als wenn es nicht des Duͤngers beduͤrfte, um den Boden fruchtbar zu machen! Als ob der Umſturz, das Chaos der Neuerungen in dem morgenlaͤndiſchen Reiche nicht der Entwickelung der chriſtlichen Geſellſchaft ein Ziel geſetzt haͤtte! Und dann hat auch ein dichteriſcher Schriftſteller geſagt: An⸗ fangs war die Civiliſation in Aſien, dann in Afrika, dann in Europa, und gegenwaͤrtig ge⸗ hoͤrt ſie Amerika an;z denn nur in Amerika allein ließe ſich etwas gruͤnden; dort, auf einem rei⸗ chen, uͤppigen Boden, bevoͤlkert durch eine neue und kraͤftige Nation, erhebt ſich eine neue Ge⸗ neration, lebhaft und maͤchtig, welche die Welt beſiegen und viele Jahrhunderte aͤndern wird. Denn jene Generation iſt frei von den beiden Staͤnden, welche die aͤltere und neue Welt ge⸗ ſtuͤrzt haben: von Sclaven und von Bettlern. Vielleicht reibt auch eine zu große Civili⸗ ſation die Geſellſchaft auf, wie eine zu große Production den Boden ausmergelt, ſo daß er mehrere Jahre wuͤſt liegen muß, um zu neuen Kräften zu gelangen. Es ſcheint mir jetzt ſchwer, ohne ploͤtzlichen Wechſel die ehrgeizigen Anſich⸗ ten aufzugeben, oder in der Folgerung die mo⸗ raliſchen Gedanken eines frivolen Romanes zu rechtfertigen. Ich glaube dargethan zu haben, daß das Ungluͤck der Guten auf dieſer Erde ſo anerkannt und erwieſen iſt, daß man ihnen als Lohn das Gluͤck im Himmel anweiſt; daß das Gluͤck der Boshaften ebenfalls ſo erwieſen iſt, weil man ſie dafur durch ewige Qualen ſtraft; daher muͤſſen die Thatſachen vor allen Dingen wahr ſein. Nun bleibt nur noch die Frage zu eroͤr⸗ tern, ob in einer Zeit, wie die unſrige, ein moraliſcher Gedanke ſich nur in der Wahrheit bewegen kann, ohne die Gefahr und die Furcht, zu entzaubern. Ich erwidere darauf, daß, wenn unſre Ge⸗ ſellſchaft ihrem Untergange nahe iſt, kein Un⸗ gluck mehr dadurch entſtehen kann, ihr die Wahr⸗ heit vorzuhalten; eben ſo wie man einem zum Tode Verurtheilten ohne Haͤrte ſagen darf:„Du mußt ſterben.« Uebrigens glaube ich auch, daß die Symptome der Aufloͤſung in unſeren Sit⸗ ten, unſerer Literatur, unſern Kuͤnſten, in den Geſetzen unſerer Regierung, ſich eben ſo deut⸗ lich ausſprechen, wie der Tod auf dem Geſichte eines Sterbenden; und daß unſere Geſellſchaft ihren Zuſtand durch ihr Ausſehen weit mehr verraͤth, als irgend ein Buch durch Wot dies darthun koͤnnte. Die wenigen Worte, welche mir nun noch zu ſagen bleiben, beziehen ſich weder auf den Inhalt noch die Form dieſes Buchs; nur auf den Eindruck, den es hervorbringt. Indem ich zuerſt den Verſuch gemacht habe, die See⸗Literatur in Frankreich einzufuͤhren, mußte ich alle einzelnen Theile dieſer nz beruͤhren. Nicht um zu ſagen: Dies gehoͤrt mir, ſon⸗ dern nur, um an jedem bekannten Ufer eine Flagge außzuſtecken, damit die Aufmerkſamkeit aller derer, die mir folgen, erweckt werde, um ihnen die Mittel an die Hand zu geben, einen Hafen zu bilden, wo ich nur eine Bucht entdeckte. — Den erſten Theil meines Strebens habe ich erfuͤllt. In dem„Kernok« habe ich den Pi⸗ raten, in dem»Gitano« den Conterbandirer, in dem»Atar⸗Gull« den Negerhändler, und in dem„Salamander« endlich den Seeſol⸗ daten zu ſchildern geſucht. Wenn die Ereigniſſe und die Zeit mir es erlauben, ſo wird zunaͤchſt mein Zweck ſein, in der Mitte hiſtoriſcher Begebenheiten jene Men⸗ ſchen zu zeichnen, deren Muſter, wie ich glaube, man ſchon kennt. So wird die Seegeſchichte ſein, von der ich bereits geſprochen habe“), und welche die ganze franzoſiſche Marinegeſchichte vom ſechszehnten bis neunzehnten Jahrhundert umfaſſen wird, eine Reihe hiſtoriſcher Romane enthaltend, von denen bereits einige entworfen ſind. Auch muß ich erklaren, indem ich die Haupt⸗ perſon dieſes Buchs, den Marquis von Longe⸗ tour, in einer beſondern Claſſe waͤhlte, folgte ich weder dem Geiſte der Verleumdung noch der Rache, welches ſtets der ſchlechteſte Geſchmack *) Plick und Plock. Vorrede zur zweiten Ausgabe. Salamander. I. iſt, ſondern benutzte nur Geſchichte und Thatſachen. Wenn ich den Helden in dieſer Claſſe waͤhlte, ſo geſchah es, weil die Ereigniſſe von dem Jahre 1815 mir Gelegenheit boten, den ſchoͤnſten Muth, den der Duldung, zu ſchildern, der eben ſo bewundernswerth als unbekannt iſt. Dieſer Muth iſt in unſerer Marine charak⸗ teriſtiſch, und es ſchien mir daher, daß ich, mich auf die Wahrheit ſtuͤtzend, einen Menſchen opfern duͤrfte, um alles zu zeigen, was die Er⸗ gebung, von der unſere Marine ſo viele Bei⸗ ſpiele liefert, in dem herrlichſten Lichte erſchei⸗ nen laſſen kann. Ich gebe dieſe Erklaͤrung nur deshalb von mir, weil jetzt weder Gerechtigkeitsliebe noch Muth dazu erforderlich iſt, Menſchen anzugrei⸗ fen, die nicht mehr den Eigennutz beſitzen, wel⸗ cher Frankreich gegen ſie empoͤrte, und welche fuͤr ihre Irrthuͤmer oder ihre politiſche Weisheit beſtraft worden ſind. 6u gen Sue. N—— F *— Erſt es Buſch. Erſtes Kapitel. Die Tabakshandlung⸗ In der Mitte der rue de Grammont war im Jahre 1815 eine ſehr frequente Tabakshand⸗ tungz es fehlte nichts in derſelben; eine ſtets bren⸗ nende Lampe ſtand auf dem Tiſche, daneben die ungeheure Tabaksdoſe, und vor dem Laden eine vier Fuß hohe Statue, welche einen Tabaksſchnu⸗ pfer darſtellte, der die Priſe, welche er zwiſchen Daumen und Zeigefinger hielt, mit Wolluſt ein⸗ zuſaugen ſchien. Eine Menge von Ruſſen, Preußen⸗ Baiern und Englaͤndern beſuchten den Laden, um auf der Wache die Langeweile vertreiben zu koͤnnen, und Herr von Formon lieferte ihnen unſchuldige Zerſtreuungsmittel an Tabak, Cigarren oder Priſen. An einem ſchoͤnen Juliabende war die Luft heiter, der Himmel rein und die Atmoſphaͤre von Staubwolken erfullt, welche die Hufe der Pferde aufwuͤhlten; glänzende Equipagen kreuzten ſich, 3 und die wogenden Federn auf den Tzſchako's der 2 — 16 ₰ Fremden flutheten zwiſchen den weißen Baͤndern und Schleiern der Frauen, welche damals allge⸗ mein getragen wurden. Die Boulevards ſah man durch Schleifen von allen Farben wie mit einem Schmelz uberzogen, und mitten darunter die glaͤn⸗ zenden Dolmans der ruſſiſchen Garde⸗Koſaken, die maleriſche Kleidung der ſchottiſchen Jaͤger, die finſtere Farbe der Todtenkopfs-Huſaren, durch welche die andern reichgeſtickten Uniformen nur noch mehr hervorgehoben wurden. An eben dieſem Abend wurde der Laden des Herrn Formon nicht leer, aber die taͤglichen Kaͤu⸗ fer ſuchten vergebens nach dem gutmuͤthigen und langen Geſichte des Kaufmanns. Der Commis Franz erwiderte auf alle Fragen, die man des⸗ halb an ihn richtete, mit einem geheimnißvollen Weſen, wodurch die Neugier nur noch mehr ge⸗ reizt wurde:»Wenn Sie nur den Tabak ſchnu⸗ pfen, welchen mein Herr von jetzt an noch ver⸗ kaufen wird, ſo nieſen Sie ſchwerlich jemals wieders Einem unbaͤrtigen Kriegsmanne, der mit ſtar⸗ ker Stimme Cigarren forderte, ſagte Franz: Waͤre mein Herr hier, ſo wuͤrden Sie, die Hand am Hute, nahen, ſtatt daß Sie jetzt mit Ihrem großen Saͤ⸗ bel, der doch keinem Kinde etwas zu Leide thut, auf den Ladentiſch ſchlagen⸗ wie ein Schmidt auf den Ambos.« Noch hundert aͤhnliche Reden fuͤhrte Sth . Jedermann war uͤber das Verſchwinden des Herrn Formon, deſſen Geduld und Sanftmuth ihn in dem ganzen Stadtviertel beliebt gemacht hatten, verwundert. Die Abweſenheit des Kaufmannes wird weniger in Erſtaunen ſetzen, wenn man den komiſchen Auftritt kennen lernt, der ſich in dem kleinen Zimmer zutrug, welches ſich gleich uͤber dem Laden befand und von Herrn Formon be⸗ wohnt wurde. Der wuͤrdige Mann ging unruhig in ſeinem Zimmerchen auf und nieder, näherte ſich bald dem Fenſter, um einen Blick hinaus zu werfen, bald ſetzte er ſich wieder, und ſah voll Ungeduld nach der Wanduhr. Herr Formon war etwa 50 Jahre alt, groß und mager; ſpaͤrliche graue Haare umgaben ſeine niedrige, runzelvolle Stirn; ſeine Augen waren von hellgrüner Farbe, ſein Kinn ſpitz, ſein Mund ſehr weit von ſeiner aufgeſtuͤlpten Naſe entfernt; und alle dieſe Zuge vereint, gaben ſeinem Geſichte den Ausdruck der Dummheit. vEliſabeth,« ſagte er, vor einer Frau von etwa 40 Jahren ſtillſtehend, welche, auf einen kleinen Tiſch niedergebuͤckt, ſehr eifrig ſchrieb,„Eli⸗ ſabeth, was denkſt Du von dieſer Verzoͤgerung? Schon halb neun und noch keine Nachricht! Man wird meinen Vetter getäuſcht haben, und das waͤre mir auch recht.« Eliſabeth machte eine heftige Bewegung, und .— 18— warf die Feder fort: Getaͤuſcht— getaͤuſcht! Du wuͤnſcheſt es wohl 24 »Nun, nun, aͤrgere Dich nur nicht: das ſcha⸗ det Dir mehr als mir, Du weißt es ja.« Mich aͤrgern læ ſchrie ſie, und ihre kleinen ſchielenden Augen blinzten unter den breiten Strei⸗ fen einer Backenhaube hervor.„Mich aͤrgern! Und habe ich etwa nicht das Recht dazu? Hab' ich nicht, Deines Widerſtrebens ungeachtet, daran gearbeitet, Dich in eine anſtaͤndigere Lage zu brin⸗ gen? Dich Deinem gemeinen Comptoir zu ent⸗ rreißen, wo Du Dein ganzes Leben zubringen koͤnn⸗ teſt, ohne zu erroͤthen, Virginier und Macuba zu verkaufen 24 „Liebe Freundin, der Macuba ſteht uͤber dem Virginier; ſage alſo lieber: Macuba und Virgi⸗ nier zu verkaufen. 4 „Welche Albernheit! Und Du ſchaͤmſt Dich nicht Deines gemeinen Geſchmackes 24 Mein, nein, ich befinde mich ſehr wohl da⸗ bei; ich erfahre Alles, was in dem Stadtviertel vorgeht; man liebt mich hier; denn um gerecht zu ſein, darf man wohl ſagen, daß ich Gutes thue, und einem Jeden diene, wo ich kann; ich habe meine kleinen, ruhigen, unſchuldigen Ge⸗ wohnheiten: Morgens meinen Milchkaffee, Abends meine Partie Domino und eine Flaſche Bier; ich habe niemals Sorge, denn mein Handel traͤgt mir ſo viel ein, daß ich fuͤr die Zukunft nicht zu — — ſorgen brauche. Beim Teufel, wenn das nicht Gluͤck iſt, wo ſoll man es dann ſuchen? Und noch vergaß ich, meiner vortrefflichen, liebenden Lebensgefährtin zu erwaͤhnen,« fuͤgte er, den An⸗ genehmen ſpielend, hinzu. Die Ungeduld der vortrefflichen Lebensgefaͤhr⸗ tin kannte jetzt keine Graͤnzen mehr. Sie ſprang von ihrem Stuhle auf, ergriff ihren Mann beim Arme, und zog ihn an das Ende des Zimmers. Hier riß ſie einen Vorhang von einem Portrait, welches einen Marine-Offizier vorſtellte, in einer Uniform, die dem vorigen Jahrhunderte angehoͤrte. Ueber dem Bilde, in den Rahmen geſchnit⸗ ten, glaͤnzte ein reiches Wappenſchild, blaue Sterne im rothen Felde, und von 2 Loͤwen gehalten; daruͤber prangte die Krone eines Marquis. „Sieh le ſagte ſie, den armen Formon heftig ſtoßend, daß er auf das Sopha niederfiel,„ſieh, betrachte das Bild und ſtirb vor Schaam, indem Du bedenkſt, was Du warſt und was Du ſein ſollteſt.« Der Kaufmann ſeufzte, indem er das Auge auf das Portrait richtete, ſchuͤttelte mit dem Ko⸗ pfe, trocknete ſich eine Thraͤne, und ſagte mit dem Tone des Vorwurfs: „Schon wieder das Portrait; welche Abſcheu⸗ lichkeit, Eliſabeth, unablaͤſſig ſolche Erinnerungen zu wecken! Das Alles iſt vorbei und kann nicht wieder kommen, eben ſo wenig, wie wir die Hoff⸗ nung hegen, unſer Gut Longetour, wo ich eine ſo gluͤckliche Jugend verbrachte, wieder zu erhalten. Armes altes Schloß, wo ich die Hand mei⸗ nes ſterbenden Vaters druͤckte, wo ich die weißen Haare meiner Mutter kußte, welche zu mir ſprach: NAlbert! Du wirſt gluͤcklich ſein, denn Du biſt ein guter Sohn lcc— Arme, wohlthaͤtige Mut⸗ ter, allen Ungluͤcklichen ſo theuer, ſie haben Deine Aſche in den Wind geſtreuet, Dein Grab zerſtoͤrt, und unſer altes, an Erinnerungen ſo reiches Schloß, niedergebrannt.,! Oh!—4 Hier ſchwieg der gute Menſch einen Augen⸗ blick, und ſagte dann, ſich mit der Hand uͤber die Stirne fahrend:»Bah! bah!.. Das Alles iſt vergeſſen; alſo laß uns nicht mehr davon ſprechen, ich bitte Dich. Du weißt, Eliſabeth, ich habe andere Neigungen, andere Gewohnheiten angenommen; die Unbedeutendheit ſagt meinem Alter und mei⸗ nem Charakter mehr zu. Ich bin nie ehrgeizig geweſen; laß mich hier ſterben, ruhig, in Frieden. Gieb die Schritte auf, die Du unternommen haſt; Du weißt beſſer als irgend Jemand, in welche peinliche Lage Du mich bringſt, wenn man ge⸗ waͤhrt, um was Du in meinem Namen anſuch⸗ teſt, doch ganz ohne meinen Willen.« vDu kommſt mir ſehr ſonderbar vor, c6 er⸗ widerte ſeine Frau zornig. vIſt es denn fuͤr Dich allein, daß ich um den maͤchtigen Schutz — 21— angeſucht habe, den uns die Reſtauration wieder gegeben hat? Wahrlich nicht; fuͤr Dich verlohnte es ſich nicht der Muͤhe. Es geſchieht fuͤr unſern Namen. 44 vUnſern Namen!« ſagte der Kaufmann mit einem Anfluge von Unwillen. vUnſern Namen! Du koͤnnteſt wohl ſagen, meinen Namen. Und wenn ich willig auf meinen Titel Verzicht leiſte, ſo kannſt Du es auch; denn Du, die Du auf Deinen Titel ſo ſtolz biſt—6 v„Nun, vollenden Sie doch, mein Herr, voll⸗ enden Sie doch.c4 MNun gut, ich ſage es Dir nicht um Dich zu aͤrgern, denn Du biſt die Gattin meines Her⸗ zens, meiner Wahl; aber Dein Vater war doch nur Bordenwuͤrker in der Rue aux Ours 4 Obgleich er dieſe letzten Worte faſt unver⸗ ſtaͤndlich ausſprach, haͤtten ſie dennoch von uͤblen Folgen ſein koͤnnen, waͤre nicht in eben dem Au⸗ genblicke Franz mit einem dicken Briefpackete ein⸗ getreten.„Madame, Madame,« ſagte er, ſchnell eintretend, vdas hat ein Gensd'arm fuͤr Sie ge⸗ bracht.« vvGehen Sie, 4x ſagte Eliſabeth mit gebie⸗ tender Stimme; dann riß ſie heftig das Couvert auf, waͤhrend ihr Mann mit Ungeduld die Nach⸗ richt erwartete. „Bravo l« rief ſie freudig aus, nachdem ſie geleſen hatte. Man hat mich nicht hintergangen, man hat mir Wort gehalten. Dann trat ſie gra⸗ vitaͤtiſchen Schrittes vor ihren Mann hin und ſagte:„Herr Formon, Marquis von Longetour, endlich können wir unſere Titel wieder annehmen.4 »»Unſere Titel lac murmelte der Marquis zwiſchen den Zaͤhnen. „Dank ſei es dem machtigen Schutze unſerer Familie.« NUnſerer Familiela ſeufzte wieder der Kaufmann. NUnſerer Familie verdanken wir es auch, daß Dir der Rang eines Garde⸗ Kapitains gewaͤhrt worden iſt; denn die Zeit, welche Du in der Emi⸗ gration oder in Deinem elenden Comptoir verleb⸗ teſt, wird Dir als wirkliche Dienſtzeit angerech⸗ net. Ueberdies wirſt Du auch noch zum Com⸗ mandanten einer Kriegs⸗Corvette ernannt, und em⸗ pfaͤngſt einen bedeutenden Auftrag; da nimm, lies 14 Der Marquis war ſtumm und verdutzt. End⸗ lich rief er aus: »Was? Eliſabeth, eine Corvette? Eine Kriegs⸗ Corvette mir, der ich ſeit 20 Jahren nicht zur See geweſen bin? Mir, der ich vor der Revolu⸗ tion nur eine Ueberfahrt von Rochefort nach Ba. vonne gemacht habe? Dos iſt ja albern! Hol⸗ Dich der Teufel!— Du biſt die verruͤckteſte Frau, die ich je gekannt habe,« fugte er endlich, außer — ſich, hinzu.— NIch lehne das Commando ab,« ſagte er, und warf die Depeſche auf den Tiſch. v„Du lehnſt es ab?«« ſagte die Marquiſe wie dumpf in ſich hinein, und ließ ihren Mann die ſpitzen Naͤgel fuͤhlen.— v„Du lehnſt es ab 24 wiederholte ſie. vNein, nein, das glaube ich nicht«« Dabei hielt ſie fortwaͤhrend den Arm ihres Mannes feſt, knipp ihn mit ihren langen duͤrren Fingern, und laͤchelte dabei auf wahrhaft teufliſche Weiſe. 5 Der arme Formon, uͤberzeugt durch die Ge⸗ wohnheit der Unterwerfung, ſo wie durch die Furcht, welche ſeine Frau ihm einfloͤßte, murmelte halblaut: „Schoͤn, ſchoͤn, Eliſabeth, ich nehme es an.« vDas iſt recht. Nun unterzeichne auch die⸗ ſes Dankſagungsſchreiben an das Miniſterium, welches ich ſchon im voraus aufgeſetzt habe.«4 vAlſo willſt Du es ganz beſtimmt, Eliſabeth? Bedenke doch—6 vUnterzeichne c4 vIch bin verloren la rief er ſchmerzlich aus, und warf die Feder weg. vvEndlich,«4 ſagte die Marguiſe, Sowerden wir einen Rang wieder einnehmen, den wir nie — haͤtten verlaſſen ſollen; folge mir Marquis. 46 „Lebe wohl, lebe wohl, du gluͤcklichſte Zeit meines Lebens la ſagte traurig der Extabakshaͤnd⸗ ler, indem er ſeiner Frau nachging. Einen Monat ſpaͤter reiſte der Marquis von — —— Longetour nach Toulon ab, um ſein Commando zu uͤbernehmen. So kam es alſo, daß Herr Formon keinen Schnupftabak und keine Cigarren mehr verkaufte. Zweites Kapitel. Sanct⸗Tropez. Herauf! herauf! ſchoͤne Sonne der Provenge, herauf! Schon faͤrbt ſich der Horizont, an dem du glaͤnzen ſollſt, mit lichterem Blau. Herauf! Bedecke mit deinem Schleier von Purpur und Licht die hohen Gebirge Corſica's, und vergolde die traͤgen Gewäſſer des Golfes von Fréjus. Doch ſchon zertheilen Deine Strahlen die ʒit⸗ ternden und kuͤhnen Nebel, welche das Meer be⸗ deckten, ſich dir entgegendraͤngend. Dir, ſuͤße Sonne, welche uns von Italien die Waͤrme und die Wolluſt heruberbringt! Aber die Provenge ſteht Italien nicht nach; ſeht dort unten die gruͤnen Maſſen mit goldigen Blumen beſaͤt, angenehme Wohlgeruͤche aushauchend; jene weißen Haͤuſer mit rothen Dächern, jene Kalk⸗ felſen. Sollte man nicht glauben, eine Villa Toscana's zu ſehen? Es iſt Hyeéres„das frucht⸗ bare Hyores, welches mit Wonne ſeine ſchoönen 2 —— — Hrangenwaͤlder und ſeine lieblichen Landhaͤuſer ſich in den blauen Wogen des mittellaͤndiſchen Mee⸗ res ſpiegeln ſieht. Oh! unſere Provengalinnen, welche ihr uͤppi⸗ ges Haar unter dem dichten Netze einer gruͤnen Reſilla bergen, welche ihre vollen, braunen Bu⸗ ſen in enge ſchwarze Mieder mit rothen Schnuͤren zwaͤngen,— unſere Provengalinnen wiegen wohl die Italienerinnen des Arno auf. Unſere provencaliſchen Maͤdchen haben auch am Abende ihre Taͤnze am Ufer des Meeres, ihre heftigen, lebhaften uͤppigen Taͤnze. Auch hier hoͤrt man des Abends, wenn der Mond mit ſil⸗ bernem Scheine die Myrthenwaͤlder beleuchtet, und der Wohlgeruͤche duftende Abendwind ſchweigt, das ſuͤße Gefluͤſter gluͤhender Kuͤſſe, das zaͤrtliche Gekoſe der Liebe, von einem Schweigen unterbro⸗ chen, welches zu Traͤumen verlockt, und den Koͤr⸗ per mit ſanftem Zittern durchbebt. Doch ſchon verlaͤngert die unterſinkende Sonne, welche ſich auf St. Tropez herabzulaſſen ſcheint, die Schatten der Felſen von Quarz, Granit und Porphyr, welche den Golf von Grimaud umzie⸗ hen, in dem der kleine Hafen ſich befindet. Blitzend funkelten in allen Farben die mit Glimmer reich durchwachſenen Felſen, und auch in dem Sande des Meeres glaͤnzte und flimmerte es, als waͤre es Silber- und Goldſtaub. Ruhiger und ehrwurdiger Hafen von St. Tro⸗ —— pez, Geburtsort eines braven Admirals, des edlen Suffren, es bleibt dir von deinem ehemaligen Glanze nichts, als deine beiden Thuͤrme, geröthet durch eine gluͤhende Sonne, geſpalten, halb ver⸗ fallen, aber geſchmuͤckt mit einer gruͤnen Krone von Epheu und mit Gewinden von blaubluͤhendem Convolvulus. Wie oft haben die abſcheulichen Saracenen, dem Schutze der Grafen von Provenge trotzend, ihre Schiffe an dem Fuße deines Leuchtthurmes angelegt, ihre Schiffe, in die ſie die jungen Pro⸗ vengalinnen geſchleppt hatten, die auf den Scla⸗ venmaͤrkten· von Tunis und Smyrna ſtets ſo ge⸗ ſucht waren! Arme junge Maͤdchen von St. Tropez! Fuͤr Euch giebt es keine Hoffnung mehr, Euren wei⸗ nenden Familien durch irgend einen abſcheulichen Piraten entriſſen, und voll Beſorgniß, und doch neugierig, in den reichen Palaſt eines Emirs ge⸗ bracht zu werden! Fuͤr Euch keine Hoffnung mehr, Eure niedern PHuͤtten zu verlaſſen, Eure Binſenmatten, Euer ſalziges Meerwaſſer, und dagegen die wohlduften⸗ den Bäder, die Teppiche von Caſchemir, die glaͤn⸗ zenden Gefaͤße mit mauriſchen Gemaͤlden zu ge⸗ winnen! Ihr guten Maͤdchen, ich begreife Euren Schmerz! — Sonſt wartete man voll Hoffnung auf die Entfuͤhrungszeit, denn die Ankunft der Piraten — gab wenigſtens die Ausſicht auf glaͤnzendes Giluͤck. Und auch du, armer Hafen von St. Tropez, biſt zu beklagen! Man ſieht nicht mehr auf dei⸗ nen Gewaͤſſern die ſchoͤnen Fahrzeuge mit Schar⸗ lachwimpeln, die ſonſt dir reges Leben gaben; nein, es iſt nur zuweilen ein ſchwerfaͤlliger Kauffahrer, ein magerer Myſtik, und wenn durch Zufall eine ſchlechte Goélette mit duͤnnem und gedrängtem Korper unter deinem Leuchtthurme anlegt, ſo ge⸗ räth der ganze Flecken in Auftuhr. Und bei der heiligen Krone der Jungfrau! Er war in Auftuhr, ich ſchwore es Euch, am 17. Juni 1815; denn das Fahrzeug, welches ſich auf ſei⸗ ner Rhede ſchaukelte, war: weder eine Tartane mit lateiniſchen Seegeln; noch ein Boot mit ſeinen beiden Fockſeegeln, leicht und fliegend wie das Halstuch einer Frauz noch ein Dogerboot mit ſeinem ungeheuern Toppmaſtſeegel; noch eine Mulette mit ihren ſieben dreieckigen Seegeln; noch eine venetianiſche Gondel, weiß und ver⸗ goldet, mit purpurnen Vorhaͤngen;z noch ein Holck, welcher ſeine beiden gewalti⸗ gen Seegel ausbreitet, wie die Fluͤgel des Leviathan; noch ein Paduano, ſtolz auf ſein ſchachbrett⸗ artig geordnetes Seegelwerk: noch ein Prahaut⸗plary von Macaſſar; 28 noch ein Balur von den Sundainſeln; noch ein Piahap von der Magellansſtraße; noch ein Dickholz von den Antillen; noch eine engliſche Yacht; noch ein Catimarou; noch ein Hucker; noch eine Palme; noch ein Prahm; noch eine Biscayenne; noch eine Becaſſe; noch ein Mulet; noch eine Balancelle; noch eine Chelingue; noch ein Champan; noch ein Houari; noch ein Dinga; noch eine Prague; noch eine Caque; noch eine Yolle; noch kurz, es war es war 5 der Salamander! Drittes Kapitel. Der Salamander. Der Salamander! Schoͤner Name, anmuthi ausdrucksvoll; zierlich, wie die elegante Corvett — 6— die ſo ſchnell, ſo leicht, ſo fein in ihren Formen, ſo gedraͤngt in ihrem Segelwerke, ſo ſchlank in ihren Maſten war! Schnell, ſchnell wie ein Fiſch, gehorſam dem Steuertuder, auch im kleinſten Hafen leicht zu wenden! Bedeckte man ihn bis zu den Spitzen der Maſten mit Segeln, ſo neigte er ſich auf die Seite und flog mit der Schnelligkeit einer Sec⸗ moͤve dahin. Aber der Salamander war nicht blos ein Schnellſegler, ein Paradefahrzeug; nein, cordieu! Kaum entfaltete der Wind ein feind⸗ liches Segel, ſo ſprach er laut und kraftig, weit und ſtark. Mit Recht durfte ich daher ſagen, daß ſein Name ausdrucksvoll geweſen ſei. Ausdrucksvoll, ja! Man haͤtte ſie ſehen ſollen, dieſe ſtolze Corvette, im Jahre 1813, donnernd, wuͤthend, mit flatternden Segeln, unter dem Winde manoͤvrirend, trunken huͤpfend unter den Blitzen, welche ihre dreißig metallenen Feuerröhre ſpieen! Bei dieſen Fruerſtrömen, dieſem Hagel von Kugeln und Kartaͤtſchen, welche ſie aus ihren Bat⸗ terien ſchleuderte, hätte man ſie fuͤr den Krater eines Vulkanes, für ein Feuermeer halten ſollen, deſſen wahrer Salamander ſie war. Man haͤtte ihn ſehen ſollen dieſen Salaman⸗ der, den Böſewicht, wie er eine engliſche Fregatte mit ſeinen Enterhaken faßte, ſeinen Enterhaken, Salamander, 1. 3 —— —— ů—. roth und gluͤhend, ſo lebhaft waren die Salven, ſo gut wurden ſie unterhalten; da hätte man ihn ſehen ſollen! In dieſem graͤßlichen Kampfe zeigte er ſich ſei⸗ nes Namens wuͤrdig. Schon mit der Fregatte dicht zuſammen, gab er noch ein Mal Feuer, ſo nahe, daß die Kanoniere der beiden Schiffe ſich nit dem Setzkolben die Köpfe einſchlugen, ſich die Hebebaͤume entriſſen, und einander von einem Deck zu dem andern hinuͤber erdolchten. Drei Mal brachen die Enterhaken; drei Mal faßte er den Englaͤnder aufs Neue, erbittert wie er, unerſchrocken wie er! Da brach Feuer aus am Bord der Corvette. Es blitzte, wand ſich auf dem Decke hin, klet⸗ terte an dem Tauwerke hinan, ziſchte durch das Segelwerk, und griff die Maſten an. Aber am Bord bemerkte man es kaum; man dachte nur daran, den Englaͤnder in den Grund zu bohren. Auch war eine Explofion nicht zu befurchten; kein Korn Pulver blieb in der Kammer. Siebenſtuͤ⸗ diger Kampf fordert Munition, wenn eine Lage kaum auf die andere wartet! Unerſchrockener Salamander! Das Feuer ſtieg in ſeine Eingeweide hinab;z aber er kämpfte fort, ſparte ſeine letzte Salve, wie ein Verſchwender ſein letztes Goldſtuͤck, und wartete nur auf die Gele⸗ genheit, den Englaͤnder zu vernichten. Endlich— endlich! Der Feind bot ſein Hin 5 tertheil dar: der Salamander blitzte, Kanonen don⸗ nerten, das Eiſen raſſelte— Hurrah! in den Grund gebohrt!— Hurrah!— Kein Englaͤn⸗ der mehr! Hurrah! Viele Leichname ſchwammen in dem Keſſel, welchen die ſinkende Fregatte bildete; Truͤm⸗ mer des Segelwerkes und der Maſten ſchwam⸗ men umher, und das war Alles. Nun erſt dachte man daran das Feuer auf dem eigenen Schiffe zu löſchen, und es gelang. O! Wie war er veraͤndert, der tapfere, wuͤr⸗ dige Salamander! Er ſtreckte nicht mehr ſtolz ſeine Maſten in die Luft, entfaltete nicht mehr ein Segelwerk, blendend weiß wie der Schleier einer Frau; man ſah nicht mehr die blitzenden Batterieen, die bun⸗ ten Farben auf dem Hinterdeck. Nein, ſo ſah er nicht mehr aus!— Alles war verbrannt, zerriſſen, durchloͤchert durch den Kugelhagel, geroͤthet durch das Blut, geſchwaͤrzt durch das Pulver, rauchend, leckz aber dennoch gewann der Tapfere den Hafen, die drei⸗ farbige Flagge an das Hinterdeck genagelt; denn von Maſten blieb ihm nicht mehr, als auf einem Ponton zu finden ſind. Das Tauwerk hing uͤber die Barkhaͤute herab, welche von tauſend Kugeln durchloͤchert waren! Und dennoch, wie ſchoͤn ſtand dem Stutzer dieſes Negligée! So ſieht man zuweilen auf dem Balle ein lebhaftes junges Maͤdchen, mit glaͤnzenden Augen, mit roſiggefaͤrbter Sammethaut; ihr ſchlanker Wuchs iſt in durchſichtige Gaze gehuͤllt; ihr Haar iſt in zierliche Locken geordnet; der Guͤrtel ſitzt glatt und feſt, man könnte die Falten ihres Kragens zaͤhlen. Alles an ihr iſt Heiterkeit, Freude, kindliches Ent— zucken; zufrieden laͤchelt ſie, ſelbſt noch im raſchen Walzer. Dieſe Heiterkeit, dieſe Regelmäßigkeit des An⸗ zuges gefallen, ich gebe es zu; aber ungleich rei⸗ zender fände ich etwas weniger Eleganz bei auf⸗ geloͤſtem Guͤrtel, in Unordnung gerathenem Haar⸗ putz; nichts Reizenderes, als jene leichte Blaͤſſe, jene ſanfte Traurigkeit, jener ſchmachtende Blick; kurz, jene bezaubernde Unordnung aller Reize, welche beweiſt, daß— Genug, der Salamander war nach dem Kampfe tauſend Mal dichteriſcher, maleriſcher, bezaubernder. Die zwanzig Matroſen, welche gllein, obgleich verwundet, im Stande geblieben, ihn zu regieren, leiteten ihn daher auch mit Liebe und Achtung auf die Rhede von Toulon, wo er ausgebeſſert werden ſollte. 6» Es war in der That eine ſchwierige Sache, ein Schiff in dieſem Zuſtande auszubeſſern: von dem Vordertheile bis zum Steuerruder war nut eine Wunde, ein Loch. — Aber er hatte ſich ein unſterbliches Monument geſetzt, und war noch immer der Salamander. War man nicht feig wie ein Spion, ſo wurde man muthiger, indem man nur den Fuß auf den Salamander ſetzte: Denn man athmete hier einen Geruch ein, einen Pulverdampf, der an tapfere Thaten mahnte, und das Herz lauter und edler ſchlagen machte. Dieſe durchloͤcherten Bretter, dieſe durch Ku⸗ geln demontirten Kanonen, dieſes vom Blute ge⸗ ſchwaͤrzte Deck: Alles hatte eine ſtarke und mach⸗ tige Stimme, welche eine unſerer glaͤnzendſten Ser⸗ thaten erzaͤhlte. Mordieu, ja! was dieſe Feuer⸗ taufe uͤberlebt hatte, was von der alten Equipage noch uͤbrig blieb, das konnte, ſchwore ich Euch, Nuulinge einweihen! Die Reſtauration fand daher auch den Sala⸗ mander wiederhergeſtellt; ſtolz, muthig, kampfluſtig. Er wußte wohl, der Uebermuͤthige, daß er in ſeinem Innern 120 tapfere Matroſen barg, unter andern 19 von der alten Equipage, welche am Bord mit dem Namen der Flambarts bezeichnet wurden. Zu dieſen fuͤge man ein hundert Ma⸗ rineſoldaten aus der kaiſerlichen Ergarde hinzu, und man hat einen Begriff von der Equipage di uͤhnen Fahrzeuges. n mußte dieſe ſchoͤnen Geſichter ſehen: ge⸗ arbt, vom Pulver geſchwaͤrzt, Eiſen⸗ Herculesſchultern, und dabei Kinder⸗ — herzen, unerſchrocken und unbekuͤmmert, unterneh⸗ mend und gut. Doch dieſe Teufel von Matroſen liebten Na⸗ poleon, obgleich ſie wußten, daß er die Marine nicht beguͤnſtigte; ſie hatten ihn in jenem verhaͤng⸗ nißvollen Feldzuge in Rußland geſehen, dem ſie gleichfalls beiwohnten; ſie hatten geſehen, wie er ſein Brod, ſeine Kleider mit den Soldaten getheilt, und ſie liebten ihn, weil ſie in ihm ihre Eigen⸗ ſchaften wieder erkannten: Muth und Herzensgute. Als ſie im Jahre 1815 von den Begebenhei⸗ ten zu Rochefort, von dem edlen und ſchoͤnen Vorſchlage des tapfern Commandanten Collet, und daß der Kaiſer den Bellérophon beſtiegen, hoͤrten, weinten ſie vor Wuth, und wurden finſter und muͤrriſch. Dann hoͤrten ſie von den blutigen Reactio⸗ nen im Siden, und murrten. Einige Häͤndel hatten mit den Einwohnern von Toulon Statt, und um neue Streitigkeiten zu verhindern, ſchickte man die Corvette nach dem Hafen von St. Tro⸗ pez, um dort den Augenblick der Abfahrt zu er⸗ warten. Die arme theure Corvette! Nicht wie ſonſt verließ ſie die Rhede: die Kanonen aus den Luͤcken ſchauend, die Segel ſtolz aufgezogen, und auf der hochſten Maſtſpitze die glorreiche Flagge befe⸗ ſtigt, wie ein Zeichen der Herausforderung; — — — 7 Nein, mordieu! Traurig und wie beſchamt ſegelte ſie ab, faſt ohne Artillerie, leicht bewaffnet. Sie hatten ihn gleichſam caſtrirt, unſern Sa⸗ lamander, die Elenden! Nichts blieb ihm, als ſein Name, der noch die Englaͤnder beben machte; nichts blieb ihm, als ſeine Equipage von Flam⸗ barts und Matroſen der Exgarde, traurig und ſtill, wie er ſelbſt. Das finſtere Fahrzeug, welches ſich ganz allein in dem Hafen von St. Tropez langweilt, iſt er. Es iſt der Salamander, den die Sonne mit ihren erſten Strahlen beſcheint. Viertes Kapitel. Peter Huet. Sobald die Sonne an dem Horizonte herauf⸗ ſtieg, wurde Roveille geſchlagenz und die Flagge gehißt. Erhabener, heiliger Gebrauch! Iſt es nicht etwas Großes, Dichteriſches, die Flagge, begruͤßt durch die erſten Strahlen des jungen Tages, mit der Sonne zugleich ſich erheben zu ſehen? Ein Pfiff, lang, gellend, gedehnt, ertoͤnte, und die Matroſen kamen einzeln, mit bloßen Fuͤßen, mit Buͤrſten, Kleien, Sand verſehen, und began⸗ nen das Deck der Corvette zu reiben, zu buͤrſten, und zu putzen, ſo daß es bald weiß war und glaͤnzend wie Marmor. Ein Offizier, in einen weiten blauen Mantel gehuͤllt, eine Muͤtze mit goldener Treſſe auf dem Kopfe, kam auf das Deck, und ſetzte ſich neben dem Hackebord nieder. Hier nahm er ſeine Muͤtze ab, und die Sonne beſchien nun ein braunes, ſcharf markirtes Geſicht. Er ſchien etwa 40 Jahre alt zu ſein; ſeine Zuͤge waren nicht eben ſchoͤn, druͤckten aber einen offenen muthigen Charakter aus, und gefielen dadurch ſogleich; die Bewegun⸗ gen einer ſchlecht verhehlten Ungeduld verriethen jedoch, daß er ſich nicht in dem gewoͤhnlichen, ruhigen Zuſtande befinde. Bald ſprang er auf, und ging mit haſtigen Schritten umher, bald ſetzte er ſich wieder, und dabei hoͤrte man ihn mit lei⸗ ſer Stimme ausrufen: WVerteufeltes Kind!— Verwuͤnſchtes Kind« Eine neue Perſon erſchien auf dem Deck. Es war ein kleiner Mann, dick, ſchwerfaͤllig, mit hell⸗ blondem Haar;z er trug eine gruͤne Brille auf einer langen Naſe, eine Uniformsmuͤtze, und einen grauen Ueberrock. SGuten Morgen, lieber Lieutenant« ſagte der kleine Mann.. — 3— „„Ah! guten Morgen, Commiſſair, cc er⸗ widerte der Offizier. Selbſt wer durchaus kein Phyſiognomiker ge⸗ weſen, haͤtte auf ſeinem ſchoͤnen und ausdrucks⸗ vollen Geſichte leſen koͤnnen, daß er den Commiſ⸗ ſair nicht mit Vergnuͤgen ſehez dennoch wurde die Unterhaltung fortgeſetzt. vSchoͤncs Wetter, mein lieber Lieutenant, eine blendende Sonne.« v»In der That, ſehr ſchoͤn. 44 Nach einer Pauſe von einigen Minuten brach der Lieutenant zuerſt wieder das Schweigen.„Com⸗ miſſair,« ſagte er, vich bin der einzige Offizier des Salamander von dem ehemaligen General⸗ ſtabe deſſelben.(Hier ſeufzte er.. Die Equipage, welche ich ſeit 11 Jahren nicht verlaſſen habe, fordert taͤglich von mir den ruͤckſtaͤndigen Sold. Koͤnnen Sie nicht nach Toulon darum ſchreiben 24 Mein lieber Licutenant, Ihre Wuͤnſche ſind ſchon voraus geſehen worden. Ich erhielt geſtern Befehl und Geld, und denke, heute den Sold auszuzahlen. 44 vAh! Sie ſind ein braver Mann, Commiſ⸗ ſair; meine Matroſen werden dieſe Nachricht mit Freuden hören. Die armen Menſchen— man muß ſie wenigſtens bezahlen— ſie haben es wohl verdient. Und ſeitdem man uns verjagt—4 »Verzeihen Sie, Lieutenant; man verjagt — 3— Sie nicht. Aber dieſe Equipage ſcheint mir et⸗ was—66 vUnd was 24 vNein— nein— das wollte ich nicht ſa⸗ gen; aber man koͤnnte denken, daß— 64 vUnd was koͤnnte man denken 26 vNein, nein, Sie verſtehen mich nicht. Aber die Menſchen ſcheinen mir eine Ordnung der Dinge zu betrauern, welche nicht mehr iſt, und ſie ha⸗ ben Unrecht— 46 MLaſſen Sie uns abbrechen, Commiſſair. Sa⸗ gen Sie mir, haben Sie meinen Sohn an das Land gehen ſehen 24 Das Geſicht des Offiziers nahm den Aus⸗ druck großer Trauer an, und die Frage ſchien ihm peinlich geworden zu ſein. „Wen? Herrn Paul 4 vvJa, ja, meinen Sohn. c4 „Nein, mein lieber Lieutenant; ich glaubte ihn an Bord. Iſt er nicht hier? MNein; und ſeine Abweſenheit beunruhigt mich, denn er iſt ohne meine Erlaubniß an das Land gegangen. Ich werde ihn als Vater und als Offizier beſtrafen.«4 NAber ſind Sie auch feſt überzeugt—6 „WVollkommen,«« erwiderte der Offizier un⸗ geduldig. vDummkopfle murmelte er vor ſich hin. vNAls wenn die Unruhe eines Vaters auch noch Ungewißheit moͤglich laſſen koͤnnte.«4 vDa koͤmmt Herr von Merval,« erwiderte del Commiſſair;»der kann Ihnen vielleicht mehr ſagen.« NIch weiß genug, Herr Commiſſair. 4 Der Neuherzukommende war ein junger Faͤhn⸗ richz blond, buͤbſch, friſch, elegant, und obgleich es noch ſehr fruͤh war, hatte er doch ſchon die Uniform feſt zugeknoͤpft, ſeine neuen Epaulettes blitzten in der Sonne, und ein huͤbſcher Dolch mit Perlenmuttergriff hing an einer ſchwarzſeid⸗ nen Schnur mit goldenen Quaſten. Als er den Hut abnahm, um den Lieutenant zu gruͤßen, ſah man eine Fuͤlle ſchöngelockter blon⸗ der Haare, welche einer Frau Ehre gemacht ha⸗ ben wuͤrden. vHow do you do k« ſagte er lachend zu dem Offizier. vSehr gut, mein lieber Merval. Aber, was iſt das fuͤr eine verteufelte Gewohnheit, daß Sie mich ſtets engliſch anreden? Die Sprache, ſehen Sie, junger Menſch, gefällt mir nicht.« vEine alte Kriegseiferſucht, lieber Lieutenant« Ei, ei, Sie haben Unrecht. Ich habe, Gott ſei Dank, die Englaͤnder genug geſehen, und kann Sie verſichern, daß es ehrliche Teufel ſind.« Und tuͤchtige Seeleute, tuͤchtige Seeleute,« ſagte der Commiſſair; vSeeleute, um es uns ein⸗ zutraͤnken. Ja, ja.4 40 Der Lieutenant warf ihm einen verachtlichen Blick zu, errothete, erwiderte aber nichts. „Ja, ja, mein lieber Commiſſair,« ſagte der Fähnrich, vaber in dieſer Hinſicht nehmen wir es mit ihnen auf.« Der Lieutenant, welcher ſich nach der alber⸗ nen Aeußerung des Commiſſairs barſch abgewendet hatte, ſagte jetzt: vIch halte es nicht mehr aus, ich muß ans Land ſchicken. O mein Sohn, mein Sohn!« Dann wandte er ſich zu einem Boots⸗ mann und ſagte:„Rufen Sie mir den Equipa⸗ genmeiſter La Joie.« Fuͤnf Minuten darauf wuchs lang und durr, aus der Thuͤr zum untern Verdeck herauf, eine Geſtalt hervor, näherte ſich dem Lieutenant auf zwei Schritte, nahm die Leinwandmuͤtze ab, brachte die lange ſilberne Pfeife zur Unterlippe, und ſtand ſo, weitere Befehle erwartend, da. Dies war der Equipagenmeiſter La Joie, ein Flambart des Salamander, ein aͤchter Flambart. Es war unmoglich, ſich etwas Traurigeres, Muͤr⸗ riſcheres und Häßlicheres vorzuſtellen, als dieſen Menſchen. Er war gelb, duͤrr, welk, kahlkoͤpfig und eckig. „Tritt naͤher!l« ſagte der Lieutenant. Die große Geſtalt trat einen Schritt naͤher. Noch naͤher doch!« Sie trat nun dicht an den Lieutenant heran, und dieſer ſagte ihr etwas in das Ohr. —,— — La Joie machte ein ausdrucksvolles Zeichen, ſetzre ſeine Muͤtze wieder auf, ſagte kein Wort, ließ aber einen ſcharfen, abgeſetzten Pfiff ertoͤnen, welcher, in die Schiffsſprache uͤberſetzt, bedeutete: »An Bord die Mannſchaft des Mittelbootes 1e Fuͤnf Minuten darauf, nicht fruher, nicht ſpaͤ⸗ ter, waren die zwoͤlf Mann, welche die Equipage dieſes Bootes bildeten, auf ihrem Poſten, die Ruder erhoben, gegen Backbord der Corvette ge⸗ lehnt. Meiſter La Ioie ſtieg hinab, ſetzte ſich an Backbord des Bootes, nachdem er achtungsvoll die mit Lilien geſtickte blaue Decke, welche daruͤber lag, aufgehoben hatte; dann that er einen kurzen Pfiff; die Ruder ſenkten ſich; es war ein Ton, und kein Tropfen Waſſer ſpritzte in die Höhe⸗ Wieder ein Pfiff, und die Ruder bewegten ſich in einem Tacte, daß man häͤtte glauben ſollen, ſie wurden zu einer Zeit durch eine Ma⸗ ſchine in Bewegung geſetzt. La Joie richtete das Steuer nach dem Hafen, und verſchwand bald hinter dem Leuchtthurme. 3 weites Buch⸗ Fünftes Kapitel. Der Stab. Der Kuͤchenmeiſter hatte gemeldet, daß das Fruͤhſtuͤck aufgetragen ſei, und der Commiſſair, der Lieutenant und der Faͤhnrich gingen in die Cajuͤte hinab, wo ſie am Tiſche ſchon den Schiffs⸗ arzt fanden, einen Mann von etwa funfzig Jah⸗ ren, mit rothem Geſicht, den Kopf mit dichtem, krauſem, doch grauem Haar bedeckt. „Moͤge Dich der Teufel holen! Peter l« ſagte der Doctor zum Lieutenantz»ſchon ſeit einer Stunde wartet das Fruͤhſtuͤck. Es wird nun kalt ſein, und unſer provencaliſcher Koch dann ſagen, daß er nichts dafuͤr kann.« „Nun da ſind wir, guter Doctor, da ſind wir4 ſagte der Commiſſair. „Beruhige Dich,« ſagte der Lieutenant, indem er den Ehrenplatz am oberſten Ende der Tafel einnahm. Waͤhrend einiger Augenblicke hoͤrte man nichts, als das Geraͤuſch der Gabeln und Teller. Der Doctor unterbrach dies, indem er ſagte; „ — 43— Wie iſt's, Peter? Weiß man endlich, wann unſer neuer Commandant ankommen wird? Es muß ein tuͤchtiger Kerl ſein, der dies Schiff fuͤh⸗ ren ſoll. Die Equipage iſt gut, aber verteufelt ſtarrkoͤpfig. Das liebt die Ehre, hat Feuer⸗ und Waſſer⸗Probe ausgehalten; es ſind eingefleiſchte Teufel, aber gut, brav, und man muß ſie regie⸗ ren, wie Du ſie regierſt, Peter, mit eiſerner Ru⸗ the. Aber, ich will mich haͤngen laſſen, wenn ich verſtehe, wie das kömmt; dennoch ließen ſie ſich Alle fur Dich in Stuͤcken hauen. Ich hoffe uͤbrigens, man wird zu ihrem Befehlshaber einen alten, harten, kalten, unbeugſamen Seemann ge⸗ waͤhlt haben, von unerſchutterlichem Willen im Dienſte, aber ſehr gut außer demſelben. Weißt Du, wer der neue Commandant iſt, lieber Pe⸗ ter? Wo er herkommt? Wie er heißt 4 »Man hat mir ſeinen Namen geſagt,« erwi⸗ derte der Lieutenant gleichgultig. vEs iſt der Ba⸗ ron, oder der Marquis, oder der Graf von Lon⸗ getour, Marquis glaube ich. Wahrhaftig, ich ver⸗ irre mich immer in ihren verdammten Titeln; und die ſind auch ſo lacherlich, als wenn man ſagen wollte: der Ritter Maſt, oder die Grafin SFlagge.— Aber Verzeihung! Verzeihung, Mer⸗ val lK ſagte der Lieutenant, dem jungen Faͤhnrich treuherzig die Hand reichend, vich vergaß, daß auch Sie— Graf ſind, glaub' ich.« Der peinliche Ausdruck, welcher einen Augen⸗ genblick das Geſicht des Fahnrichs geroͤthet hatte, verſchwand, und er druͤckte die dargebotene Hand des Lieutenants. Ich bin Schiffsfaͤhnrich am Bord des Salamander, und ſtolz darauf, unter dem Beshle eines ſo tapfern Offiziers, wie Sie, Lieutenant, zu ſtehen.« Der Herr iſt in der That Graf,« ſagte der Commiſſair, ich habe, ſeinen Namen auf meiner Liſte. Eckbert Dieudonné Vincenz Baunair, Graf von Merval 6 »Es iſt gut, Commiſſair,« ſagte der Faͤhn⸗ rich erroͤthend; vich weiß meinen Namen.« „Ja, mein Herr! aber Sie ſind Graf, und das iſt ein ſchoͤner Titel. Ich moͤchte ſchon Graf ſein; und Sie dort, Doctor?« Schweigen Sie doch, Commiſſair,« ſagte der Doctor; Sie ſind dumm, wie eine Gans.« He? Wie? Was 6 ſagte der kleine Mann, und wurde roth wie ein Paradiesapfel. „Ich ſagte, Sie waͤren dumm wie eine Gans,« wiederholte der Doctor gelaſſen, indem er den Commiſſair ſcharf anſah. „Nun, nun, aͤrgern Sie ſich nicht,« ſagte der Lieutenant lachend.„Sie wiſſen, Commiſ⸗ ſair, daß der Doctor kein Blatt vor den Mund nimmt. So kenne ich ihn ſchon 23 Jahre, und Sie werden ihn nicht aͤndern.« MNein, par Dieu lx ſagte der Doctor. So wie Sie mich hier ſehen, habe ich dem Admiral** — — —— geſagt, daß er ſich wie eine Memme benommen haͤtte; daß durch ſeine Feigheit eine Menge braver Leute zuſammen geſchoſſen waͤren. Und ich wußte das, leider! nur zu gut; denn ich, ſelbſt verwun⸗ det, habe ſie amputirt, verbunden, gepflegt, wie meine eigenen Kinder. Alſo ſehen Sie wohl, Commiſſair, daß ich Ihnen ſagen kann, Sie ſind dumm wie eine Gans, da ich einem Admiral geſagt habe, er waͤre eine feige Memme.« Nun genug, Doctor,« Peter, den Com⸗ miſſair, welcher auf gluͤhenden Kohlen zu ſitzen ſchien, bemitleidend. Nun, Commiſſair, ſeid nicht boͤſe k ſagte der Doctor. vIch meine es nicht ſchlimm mit Euch. Schlagt ein. Nur einen Feldzug mit einander, und Ihr werdet ſehen, daß der alte Gar⸗ nier ein guter Kerl iſt; aber was ihm das Herz bedruckt, das muß uͤber die Zunge; was ich ſagte, ſeht Ihr wohl, daß mußte geſagt werden.« »Hat der neue Commandant ſchone Waffen⸗ thaten vollbracht?6 fragte der Faͤhnrich. »Meiner Treu læ ſagte Peter, vich kenne ihn nicht. Longetour— kennſt Du das, Doctor? Longetour. 24 „Nicht ſo viel als den Fiſch, deſſen Schwanz ich hier vor mir habe; und Sie, Merval 4 fragte der Doctor den Fahnrich. vIch kenne ihn auch nicht.« Es waͤre aber doch Schade, die Equipage zu Salamander. 1. 4 verderben; es iſt ſo viel mit den Leuten anzufan⸗ gen, wenn man ſie nur zu fuͤhren verſteht. Aber ich bin ruhig; man kennt den Salamander, und wird uns nur einen Seemann ſenden.« vA propos, 4 ſagte der Doctor, indem er ſich auf den Tiſch niederbeugte, und mit der Spitze ſeines Meſſers Figuren auf den Teller kritzelte; vund Sie, Merval, wo haben Sie gedient? Kom⸗ men Sie aus der Schule von Toulon oder von Breſt 4 „Mein Herr« ſagte der Faͤhnrich, vmeine Familie hat ihren rechtmaͤßigen Herrſcher nie ver⸗ laſſen, und ich bin meiner Familie gefolgt.« Ah, ich verſtehe; Sie haben den Englaͤndern gedient. Junger Menſch, das iſt nicht huͤbſchz« fagte der Doctor, den Kopf ſchuͤttelnd. „Mein Herr! Mein Herrl« rief der Faͤhnrich erblaſſend. vIch ſage, das iſt nicht huͤbſch,« wiederholte der Doctor, ruhig ſeine Figuren fortkritzelnd. Der Streit erweckte Meter, welcher in Traͤu⸗ mereien verſunken war.—„Nun! Ihr Herren fragte er.. „Der Doctor beleidigt mich,« ſagte der hef⸗ tige junge Mann.» Merval! Merval!« ermahnte der Lieutenant. vIch ſage nur,'s iſt nicht huͤbſch, den Eng⸗ laͤndern zu dienen; das iſt Alles.« „Sie werden mir Rechenſchaft dafuͤr ge⸗ 8 ——,— ben, und das ſogleich e ſchrie der Faͤhnrich auf⸗ ſpringend. »Oh! oh! oh l« ſagte der Doctor fortkritzelnd; „der alte Garnier ſchifft nun ſchon fuͤnf und zwan⸗ zig Jahre, und ein Kind wird ihm keine Furcht einfloßen. Junger Menſch, ſeit Trafalgar habe ich viele Schlachten geſehen, und bin fuͤnf Mal verwundet worden, was mir dies Endchen rothes Band eingebracht hat. Mein Freund Peter da kann Ihnen ſagen, ob ich mich fuͤrchte, einen meiner Matroſen im Feuer zu verbinden; aber ich ſchlage mich nicht fuͤr Lappalien. Und dann, ſehen Sie, bin ich auch von meinem Leben den armen Menſchen Rechenſchaft ſchuldig, die ich nun ſeit 11 Jahren pflege; das ſind meine Kinderz ſie ſetzen Vertrauen in mich, denn ſie finden ſtets den alten Garnier zur Huͤlfe bereit, wenn fie lei⸗ den. Ich gehoͤre alſo mir nicht ſelbſt an; fra⸗ gen Sie dieſe um Erlaubniß. Aber ich bin Ih⸗ nen deshalb nicht boͤſe, ſchlagen Sie ein. Nur haben Sie den Engländern gedient, daran haben Sie meiner Anſicht nach Unrecht gethan, und das iſt nicht huͤbſch. Das iſt Alles.« Mervall« ſagte der Lieutenant, dich bitte Sie, ſch befehle Ihnen, mich anzuhören.« Durch gute oder ſchlechte Gruͤnde gelang es, den Fähnrich zu beruhigen, welcher voll guter Ei⸗ genſchaften, herzlich, brav, und kein Händelmache 4* 48 warz er reichte zuerſt dem Doctor die Hand zur Verſoͤhnung. „Ich habe Ihnen geſagt, was ich dachte,« er⸗ widerte dieſer, die dargebotene Hand herzlich ſchut⸗ telnd; pjetzt koͤnnen wir hundert Jahre mit ein⸗ ander ſegeln, ſehen Sie wohl, und ich werde den Mund nicht wieder offnen; aber das mußte ich Ihnen ſagen.« Ein Bootsmann erſchien und ſagte: Mieute⸗ nant, das Mittelboot legt an; Herr Paul iſt am Bord.« „Endlich læ rief der Lieutenant.»Sagt Herrn Paul, daß er auf mein Zimmer gehen ſoll, und laßt das Boot entmannen.« Peter Huet gab das Beiſpiel, und man ſtand vom Tiſche auf. „Sie werden den Sold meiner Leute doch nicht vergeſſen, Herr Commiſſair?« ſagte er zu dieſem. „Um Mittag fange ich an, Lieutenant; Sie koͤnnen das bekannt machen.« 3 „Das genuͤgt,« ſagte Peter Huet und ging zu der Batterie hinauf; denn waͤhrend der Abwe⸗ ſenheit des Commandanten, den man erwartete, bewohnte er deſſen Zimmer. Finde ich Sie endlich, mein Herr! Das iſt ſehr gut,« ſagte er, die Thuͤr offnend, zu dem ſei⸗ ner wartenden Aſpiranten. Sechſtes Kapitel. „Bei dem Anblicke der Todesgualen läutert ſich die chriſtliche Seele wie in einem Feuer; ſie wirft das ab, was an ihr Irdiſches und zu Gefithwolles iſt, ſelbſt in den unſchuloigſten Neigungen. Voſſuet, Leichenreden. Der Aſpirant. Ein Wort uber dieſes Kind; denn kaum 16 Jahre zaͤhlte er, und alle Illuſionen dieſes Alters, ſo heiter, ſo kindlich, ſo friſch, ſo dichteriſch, waren ihm eigen.— Er hatte eines jener jung⸗ fräulichen, freimuͤthigen Herzen, ſo voll edlen Glau⸗ bens, daß er bei der Erzaͤhlung einer ſchoͤnen That, oder eines muthvoll ertragenen Mißgeſchickes weinte; — er weinte vor Freude oder aus Mitleid; denn dieſe reine, unſchuldige Seele glaubte Alles, be⸗ wunderte Alles. Fuͤr ihn war das Leben ein farbenſpielendes Prisma, gefärbt durch das unerkannte Verlangen nach Liebe, Gluͤck und Ruhm: fuͤr ihn war Alles Sonne und Fruͤhling, Vertrauen und Tugend. Fuͤr dieſes Kind war das Ideal der reinſten Verehrung, wahrer Anbetung, nächſt ſeinem Va⸗ ter, eine Frau. Für ihn war eine Frau ein religioͤſer Glaube, ſein Ziel, ſeine Zukunft, das ewige Gluck, welches Gott ihm als Lohn ſeiner keuſchen Jugend auf⸗ bewahrte. Ewig! Ja. Denn ſeinem Glauben nach konnte er die angebetete Frau dann nie wieder verlaſſen, weder in dieſer noch in jener Welt. Gutes Kind! Leben in ihrem Leben, ſterben in ihrem Tode!— und fuͤr euch Beide, lebende Engel,— dann der Himmel.— Dies war ſein ganzer Traum. Edler Traum, heilige, unſchuldige Hoffnung dieſes jungen Herzens! Die Erinnerung an ſeine zaͤrtliche Mutter hatte ſeine Liebe gelaͤutert. Dieſe religioͤſe Erinnerung miſchte ſich in alle ſeine Ge⸗ danken, ſobald er an die Frau dachte, die er einſt lieben wuͤrde. Er betrachtete es als eine heilige Pflicht, fur ſie jene tiefe, zaͤrtliche Liebe zu fuͤh⸗ len, welche ſeine Mutter einſt fuͤr ihn gefuhlt hatte. Denn ſie lebte nicht mehr, dieſe redliche Mutter. Meter hatte ſie verloren, als ſein Sohn erſt acht Jahre alt war, und nahm dieſen mit ſich an Bord des Salamander. So wurde der arme Kleine fruͤh der muͤtter⸗ lichen Sorge einer Frau beraubt, welche auf ihn die ganze Liebe uͤbertrug, die ſie dem abweſenden Gatten nicht bezeigen konnte. Man weiß es: wenn eine Mutter fuͤr den Gatten furchtet, iſt ſie doppelt zaͤrtlich gegen das Kind. Seit dem Tode ſeiner Mutter hatte Paul ſei⸗ nen Vater nicht mehr verlaſſen. An Bord erzo⸗ gen, in der Schule jenes rauhen, wilden Lebens, — erinnerte er ſich doch ſtets jener fruͤheren Tage, und ſchoͤpfte aus dieſer Erinnerung die ſchoͤnſten Gefuͤhle. Als er noch Kind war, machte ſein Vater ihn ſchon auf die herrlichen, großartigen Natur⸗ ſchauſpiele aufmerkſam, die ſich unabläſſig vor ſeinem Blicke entfalteten. Bald mit dem Toſen des Sturmes vertraut, lächelte Paul nur, wenn dieſer ſeine donnernde Stimme erhob. Zuweilen nahm der alte La Joie ihn auf ſei⸗ nen Ruͤcken, und trug ihn auf die Spitze des hoͤchſten Maſtes hinauf; hier gewohnte er ſeine kleinen Haͤnde daran, ſich an das rauhe Tauwerk zu halten, und lehrte ihn ſo ſpielend die Gebräuche des ſchweren Standes. Ein Vergnuͤgen war es, Paul zu ſehen, wenn er in ausgelaſſener Luſtig⸗ keit bis an das Ende eines Taues kletterte und hier ſorglos uͤber dem Abgrunde ſchwebte. Solche Spiele, ein ſolches Leben, entwickelte ſchnell die phyſiſchen und moraliſchen Eigenſchaf⸗ ten; das Herz ſtaͤhlt ſich unter dieſen fortwähren⸗ den Gefahren. Kaum war daher Paul zehn Jahr alt, als Peter ihn der Kinderwaͤrterin entnahm, wie er ſich ausdruͤckte, um ſelbſt ſeine Erziehung zu leiten. Das Beiſpiel vereinigte ſich mit der Theorie; der junge Menſch machte reißende Fortſchritte, wurde zum Aſpiranten ernannt, und empfing ſeine erſte — 52— Wunde in einem der glorreichen Kaͤmpfe des Sa⸗ lamander. Sein Vater ſah ihn ſtuͤrzen, blutend, zer⸗ ſchmettert, wendete ſich kalt ab, und vollendete das Kommando, welches er begonnen hatte. Aber nach dem Kampfe, als er das Sprach⸗ rohr bei Seite geſtellt und damit den harten, un⸗ beugſamen Charakter des Seemanns abgelegt hatte, weinte und ſchluchzte dieſer Mann, der im feind⸗ lichen Feuer von Eiſen und Stahl zu ſein ſchien, an dem Lager ſeines Kindes, wie eine zaͤrtliche Mutter. Ganze Naͤchte brachte er bei ihm zu, allein ihn pflegend und wartend, ſeine geringſten Wuͤnſche erſpaͤhend, aufmerkſam, ſorgfaͤltig, den unertraͤglichſten Launen des Leidenden ſich fugend, und nur muͤhſam die Thraͤnen bezwingend, wenn Paul in ſeinen Fieberphantaſieen ihn nicht erkannte und doch nach ihm rief. O welch ein herber Schmerz ſprach ſich dann in der Stimme des liebevollen Vaters aus, wenn er leiſe ſagte: vIch bin ja hier, mein Paul, mein Kind!— mein Gott! mein Gott! ich bin ja hier, ich bin es— es iſt meine Hand.— Es iſt die Hand Deines Vaters, die Du in Deinen hei⸗ ßen, trocknen Haͤnden haͤltſt, Paul, mein Paul, mein Kind!— Er kennt mich nicht mehr!— Ach ich bin ſehr ungluͤcklich!— Paul hoͤrte ihn nicht und rief immer: vMein Vater, mein Vater l Ruͤhrender, himmliſcher Ruf, letzter Schrei — 1668— der Hoffnung und Liebe, welcher den dichten Ne⸗ bel herben Seelenleidens durchdringt, und einem Kinde den Glauben giebt, ſein Vater könne, gleich Gott, ſeine Tage verlaͤngern! Aber der Tod erreichte dieſes ſchoͤne Herz nicht. Paul genaß, und ſein Vater wurde faſt wahnſin⸗ nig vor Freude. Waͤhrend ſeiner langſamen Ge⸗ neſung verließ er ihn nicht einen Augenblick. um ihn zu unterhalten, erzählte er ihm von ſeinen weiten und wundervollen Reiſen und harten Käm⸗ pfen. Wenn dann ein wohlthaätiger, erquickender Schlaf die Augenlider Pauls ſchloß, ſchwieg er, athmete kaum, neigte ſich uͤber ſeine Haͤngematte, betrachtete ihn mit Liebe, mit Anbetung faſt, und konnte ſich der Freudenthraͤnen nicht enthalten; denn Freudenthraͤnen waren es, die der Vater weinte, wenn ſein Kind in einem laͤchelnden Tone ſeinen Namen rief. Als Paul wieder im Stande war, einem neuen Feldzuge beizuwohnen, verließ er den Hafen, um gegen die engliſche Fregatte zu kaͤmpfen. Dies war der letzte Kampf der Corvette vor 1814. Hier empfing in dem blutigen, furchtba⸗ ren Kampfe, Peter eine gefaͤhrliche Verwundung, und nun pflegte Paul ſeiner eben ſo ſorgſam, als er fruͤher von ihm gepflegt worden war. Peter genaß, und dies war ein Feſt fuͤr die Equipage. Denn Peter Huet war eben ſo ſehr geliebt als gefuͤrchtet, und verdiente in der That dieſe beiden ſo entgegen geſctzten Gefuͤhle einzuflößen, wegen ſeiner Strenge im Dienſte und wegen der Zuneigung, welche er außer demſelben ſeinen Leu⸗ ten gewidmet hatte. Seit langer Zeit ſchon ver⸗ ſtanden ſie ſeinen Charakter. Die Matroſen haben in dieſer Hinſicht einen Inſtinct, welcher ſie nie⸗ mals betruͤgt. Koͤnnte uͤbrigens die Eiferſucht in einer ſo edlen Seele Raum gewinnen, ſo waͤre Peter vielleicht eiferſuͤchtig auf ſeinen Sohn geweſen, wegen des Einflußes, den er auf ſeine Leute ausubte! Es iſt ein auffallender Widerſpruch in der Natur und dem Charakter der Menſchen, daß die ſtärkſten, die rauheſten, die furchtbarſten ſelbſt den ſchwachen und harmloſen gehorchen. Iſt es vielleicht das Bewußtſein jener rohen Art von Ueber⸗ legenheit, welche ihr Geſchick, ihren Willen in ſchwache Haͤnde legt, die dann leichter zu zerbrechen ſind? Vielleicht glaubt auch der Kraäftige, welcher dem Schwachen gehorcht, dadurch zu beweiſen, daß ſeine Unterwerfung unabhaͤngig iſt. Zauberähnlich war aber jedenfalls der Einſluß Pauls am Bord; er uͤbte eine wunderſame Herr⸗ ſchaft aus, er, das ſchwache Kind, uͤber dieſe 3 Eiſenmaͤnner, welche zwanzig Schlachten beige⸗ wohnt hatten, und Gefahr gar nicht mehr kannten. Und dann glaubten dieſe kräftigen, doch aber⸗ glaͤubiſchen Menſchen auch an die Weiſſagung * eines alten Raummeiſters, welcher behauptete, daß die Exiſtenz, das Geſchick des Salamanders mit der Exiſtenz und dem Geſchick des Aſpiranten ver⸗ knuͤpft wäre. Nie war daher auch das Fahrzeug reinlicher, netter, als wenn Paul den Dienſt hatte. Kurz, er wurde fuͤr den Schutzengel des Salamanders gehalten. Auch war er gut, muthig, unerſchrocken, groß⸗ muͤthig; und bei ihm entſprach das Außere der Schönheit ſeiner Seele. Er war von mittler Groͤße, aber von ſchlan⸗ kem, angenehmem Wuchſe, und ſein Benehmen bezeugte ſeinen Stand: kuͤhn, frei, offen. Seine reichen braunen Haare beſchatteten eine hohe Stirn, weiß und glatt, wie die eines jungen Maͤdchens; ſeine ſchwarzen Augen waren lebhaft, durchdrin⸗ gend, geiſtreich; ſeine Adlernaſe, ſein wohlgeform⸗ ter Mund, das Kinn mit dem Gruͤbchen, Alles vereinigte ſich, ihm den Ausdruck des Stolzes und der Hoheit zu geben. Dazu nehme man eine friſche, geſunde Geſichtsfarbe, welche bei der lei⸗ ſeſten Auftegung zu dunkler Roͤthe ſtieg; einen werbenden, ſorgſam gepflegten Schnurrbart, welcher die rothe Oberlippe beſchattete, und man hat die reizende Geſtalt eines Kindes, welches die Koͤpfe aller jungen Maͤdchen in St. Tropez zu verdre⸗ hen geeignet warz beſonders wenn er in ſeiner huͤbſchen blauen Uniform mit goldnen Epaulets 56 erſchien, und ſein ſchlanker Wuchs durch das Kup⸗ pel hervorgehoben wurde, in welchem ſein gekruͤmm⸗ ter Dolch nachlaͤſſig herab hing. Aber Peter ließ den jungen Menſchen nicht„ ans Land; vorzuglich weil er wußte, daß die Leute des Salamander, wegen ihrer unverhohlen aus⸗ geſprochenen Meinung verhaßt waren. Er wußte, daß die Provengalen, exaltirt in ihren Geſinnun⸗ gen, die Equipage des Salamander nur mit Un⸗ willen ſahen, und als guter, zärtlicher Vater, furchtete er fuͤr ſeinen Sohn. Der Sohn theilte aber dieſe Furcht nicht; und da nach den Befehlen des Lieutenants kein Boot den Bord verlaſſen durfte, war Paul am Mor⸗ gen an der Strickleiter herabgeklettert, und die kleine Strecke von dem Fahrzeuge bis zur Kuͤſte geſchwommen. Siebentes Kapitel. Ein Vater iſt hienieden der einzige Gott ohne Atheismus. Ernſt Lagouvé, Poeſien. Der Vater und der Lieutenant. ir verließen Peter und ſeinen Sohn in der Haupkmannscajuͤte der Corvette. »Werde ich erfahren, mein Herr,« ſagte Pe⸗ ter, indem er ſich ziemlich weit von dem jungen Menſchen niederſetzte, vwerde ich erfahren, wes⸗ halb Sie den Bord ohne Erlaubniß verließen 4 Dieſen Vorwurf machte der Offizier, und der Vater ſetzte hinzu: »Und auf die Gefahr zu ertrinken, ungluͤck⸗ liches Kind l4 Vater, ſiehſt Du, ich will Dir ſagen— 46 bei dieſem Worte nahte Paul ſich ſchuchtern ſei⸗ nem Vater, ſtutzte ſich mit einer Hand auf die Lehne eines Stuhls und ergriff mit der andern die Hand Peters. Der gute Lieutenant fuͤhlte bei dieſem, mit ſanfter Stimme und Unterwerfung, ausgeſproche⸗ nem Worte: Vater, 4 ſeinen Muth ſinken. Um daher den Liebkoſungen ſeines Sohnes ſich zu entziehen, ſchob er ftig ſeinen Stuhl zuruͤck und ſagte ſtreng; vEs handelt ſich hier vom Dienſte, mein Herr, nennen Sie mich Lieutenant und tre⸗ ten Sie zuruͤck. 4 So, dachte er, werde ich wenigſtens nicht ſchwach werden. Der Sohn machte ein anmuthig boshaftes Geſicht, erroͤthete und aͤnderte den Ton. Seine Stimme, anfangs zitternd und ſchwach, wurde jetzt rauh und kurz. Stolz erhob er den Kopf und antwortete feſt: vLieutenant, ich habe den Bord verlaſſen, weil ich mich langweilte. Ich habe Unrecht ge⸗ than und erwarte meine Strafe.«4 „Ich will wiſſen, mein Herr, was Sie auf dem Lande machten!« „Lieutenant, erlauben Sie mir, dieſes zu verſchweigen; ich habe im Dienſte gefehlt; ſtrafen Sie mich.« „Mein Herr4 ſagte Peter mit Feſtigkeit. „„Lieutenant, mein militairiſches Leben geht Sie an, mein Privatleben meinem Vater.«6 „Nun wohl, mein Sohn, ſo fordere iche— vDas iſt etwas anderes, Vater, Du ſollſt Alles wiſſen.«4 Dabei war die Stimme wieder weich und unterwuͤrfig. „Ich muß ihm nachgeben,« ſagte Peter zu ſich ſelbſt. Haͤtte ich den Vorgeſetzten gemacht, ſo wuͤrde ich nichts erfa en haben, denn er hat einen verteufelt feſten Charakter. So werde ich doch wenigſtens Alles erfahren. Aber ich will ihn nicht anſehen, ſonſt moͤchte ich ihn lieber umar⸗ men, als ausſchelten. Er gleicht ſo ſehr ſeiner Mutter l „Nun, Paul, ſprich.« Der Sohn näherte ſich dem Vater, und dies⸗ mal konnte er beide Arme auf die Lehne des Stuh⸗ les ſtuͤtzen; dann neigte er ſich zu Peter hinab, umarmte ihn und ſagte mit leiſer Stimme und einem vernehmlichen Seufzer: ² „— 5 vSiehſt Du, Vater, ich glaube, ich bin verliebt. 44 vDas iſt was Schoͤnes l4 vvDu weißt wohl, Vater, daß ich vor acht Tagen mit der Schaluppe Faͤſſer aus der Nieder⸗ lage holte. Während meine Leute die Tonnen in die Schaluppe brachten, ging ich am ufer umherz und dort unten— warte, Du kannſt es von hieraus ſehen; es iſt das kleine Gartenhaus in der Mitte der Orangenbaͤume. 44 Gut, ja, ich ſehe es: Weiter.« vSiehſt Du, Vater, da erblickte ich— ein wunderhuͤbſches Maͤdchen. Sie betrachtete— ja, Vater, ich weiß wahrhaftig nicht, was ſie be⸗ trachtete. cx vNun 24 v„Nun, Vater, verbarg ich mich hinter einem Felſen, damit ſie mich nicht ſehen könnte, und von da aus blickte ich uber eine Stunde nach ihr hinuͤber. Mein Herz klopfte heftig, und mein Blick trubte ſich, als ich zuruͤck kehrte, ſiehſt Du, Vater, da ſchien es mir, als hätte ich Dich noch einmal ſo lieb. 44 vEi, alſo deshalb blieb die Schaluppe ſo lange?4 ſagte Peter in einem Tone, welcher ſeine Aufte⸗ gung nur ſchlecht verbarg.« vLieutenant, 44 erwiderte Paul, mit jenem verteufelt kurzen Tone, vich habe Ihnen dafuͤr Gruͤnde angegeben, welche Sie gut hießen. 4 60 „Er mißbraucht die Liebe ſeines Vaters, der verwuͤnſchte Junge.— Paull« „Aergere Dich nicht, Vater,«c ſagte Paul, v„Du ſollſt Alles erfahren. Geſtern Abend habe ich mich an der Strickleiter hinab gelaſſen, meine Kleider in ein Kaͤſtchen gethan, welches ich vor mir herſchob, und ſo bin ich an das Land ge⸗ ſchwommen.«4 »Welche Unvorſichtigkeit! Du weißt ja, Un⸗ gluͤcklicher, daß Deine Wunde Dich oͤfters hindert, Deinen Fuß beim Schwimmen zu benutzen.« vvAch, Vater! daran zu denken hatte ich keine Zeit. Und dann hoffte ich, ſie zu ſehen«4 Nun, haſt Du ſie geſehen 2½ fragte Peter, ohne zu bedenken, daß dieſe Frage eben nicht ſehr viel Strenge verrieth. vMNein, Vater!c „und was Teufel haſt Du denn waͤhrend der ganzen Nacht angefangen k4 „Ich bin ſpaziren gegangen, um ihren Gar⸗ ten und vor ihren Fenſtern. Ich wuͤrde noch da ſein, nach ihr zu blicken, wenn nicht das alte Ungethuͤm, La Joie, mich uͤberraſcht haͤtte; und,«« fugte er im Tone der groͤßten Liebe und Zärtlich⸗ keit hinzu, vwenn ich nicht befuͤrchtet haͤtte, Dich zu ſehr zu beunruhigen.46 vund das iſt Alles, Paul? die ganze Wahr⸗ heit 4 vIch luͤge niemals, Vater.«4 — 61— vSchoͤn; aber das Alles iſt gar nicht ſchon. Du weißt, mein Kind, daß die Provengalen den Salamander nicht lieben; es gehen ſonderbare Dinge im Suͤden vor; dieſe Bauern ſind boshaft, und ich fuͤrchte fuͤr Dich, wie fuͤr meine Matro⸗ ſen. Verſprich mir daher, das Schiff nicht mehr zu verlaſſen.« „Nein, Vater, das kann ich Dir nicht ver⸗ ſprechen, denn ich werde ans Land gehen, und ſollte es auf gluͤhenden Kohlen ſein, aber ohne daruͤber meinen Dienſt zu vernachlaͤſſigen. 44 Verwuͤnſchter Trotzkopf!— aber ſo geh' we⸗ nigſtens nicht ohne Waffen.« »„Ja, Vater, das verſpreche ich Dir c4 vIch bin unberantwortlich ſchwach gegen Dich, Paul, und Du wirſt es mir gewiß noch zum Vorwurf machen.— Uebrigens, lieber Sohn, da Du die Disciplin verlett haſt, wirſt Du 24 Stun⸗ den in Arreſt gehen, aber ich werde Dir Geſell⸗ ſchaft leiſten.« vGuter, lieber Vater 44 ſagte Paul, ihn umarmend. Schoͤn, ſchoͤn,« erwiderte der gute Lieute⸗ nant;„aber wenn Du wuͤßteſt, welche Unruhe ich ausgeſtanden habe! Die ganze Nacht habe ich nicht geſchlafen. Lieher Freund, ich habe Nie⸗ mand mehr auf der Welt, als Dich; bedenke das« Er zerdruͤckte eine große Thraͤne, welche ihm Falamander 1. 5 6— ins Auge getreten war, denn es wurde an die Thuͤr geklopft. Herein!« ſagte Peter, indem er ſich gegen die Fenſter der Gallerie wendete, damit man ſeine feuchten Augen nicht ſehen ſollte.»Was giebt's 4 vvLieutenant, cx ſagte ein Bootsmann, vyder Commiſſair laͤßt fragen, ob er mit der Soldzah⸗ lung beginnen kann. 44 Freilich; laßt die Equipage davon in Kennt⸗ niß ſetzen.« 05 1 Achtes Kapitel. Sie haben nur geringen Gehalt, aber die Priſengelder ſind ſo peträchtlich, daß nichts ge⸗ wöhnlicher iſt, als ſchneller Reichthum. Diderot, Reiſen. Der Sord. nr Nach dem Befehle des Lieutenants hatte der Commiſſair den Sold ausgezahlt, und das ſtrenge Schweigen, welches fuͤr gewoͤhnlich am Bord des Salamanders herrſchte, wurde jetzt durch das Geld⸗ geklimper, welches aus allen Ecken des Schiffes ertoͤnte, unterbrochen. 6 — 653 »Endlich,« ſagte der Commiſſair, welcher zu ſeiner amtlichen Verrichtung ſeine blaue Uniform, mit rothen und ſilbergeſtickten Aufſchlägen ange⸗ zogen hatte; vendlich,« wiederholte er, indem er die Liſten und Papiere zuſammen nahm, diſt die⸗ ſer verwuͤnſchte Sold bezahlt. Drei Jahre Ruͤck⸗ ſtand!— Es war wahrhaftig Zeit; denn mit ſolchen wuͤthenden—4 in dieſem Augenblicke ließ ein dumpfes, undeutliches Murren an der Thuͤr ſich vernehmen und der Monolog des Commiſſairs wurde dadurch unterbrochen. »Nun.. ſchon wieder« ftagt er; was giebts, was will man?6 Das Gemurmel wurde nun deutlicher, und ging in die Worte uͤber: vMein Commiſſair— ich bin es— mein Commiſſair—4 Welcher Ich? Wer biſt Du? Was willſt Du?« Haſtig ſprang der Commiſſair auf, ging nach der Thuͤre, ergriff den läſtigen Beſucher bei einem Schooße ſeiner Jacke, fuͤhrte ihn zu dem Lichte des Fenſters und konnte ihn hier nach Ge⸗ fallen betrachten.. D pin Es war ein Kopf, eines Rembrandt wuͤrdig. WMan ſtelle ſich einen Menſchen mittler Groͤße, doch von kräftigem Körperbau, vor, mit faſt vio⸗ lettem Geſicht, ſo purpurroth war esz dies Ge⸗ ſicht war von einem dicken ſchwarzen Backenbart umzogen, der ſich auf beiden Seiten an dichtes 5* — 64— weißes Haar anſchloß, das, kurz geſchoren, ſtarr emporſtand, wie die Borſten in einer Buͤrſte. Eine ungeheure Narbe, welche auf der Stirn begann, zog ſich üͤber die Augenbraue, das Auge» (er war einaͤugig), die linke Backe, bis uͤber den Bart hinab; die Narbe war ſo tief, daß man den kleinen Finger haͤtte hinein legen koͤnnen. Obgleich es im Monat Juni und die Hite unertraͤglich war, trug dieſer Menſch dennoch zwei Hemden; eins von rother Leinwand, und darunter ein weißes, deſſen ſchoͤn geſtickter Kragen auf den des rothen herabfiel. Außerdem trug er eine Jacke von blauem Tuche, am Kragen und an den Aer⸗ meln mit goldner Treſſe beſetzt; weite Beinkleider von grobem Stoffe vollendeten ſeinen Anzug. Als der Commiſſair ihn zu dem Fenſter zog, ließ er dies geſchehn, ging aber nur langſam und mit ſeinem einen Auge wie beſchaͤmt auf den Zahlungsbeamten blickend. vAch! Du biſt es, Meiſter Bouquin. Nun? was willſt Du? ſo antworte doch! Mein Commiſſair,« ſagte der Bootsmei⸗ ſter, indem er die blauquarrirte Leinwandmütze, welche er in der Hand hielt, in hundert Formen zog; vmein Commiſſair— es iſt— es ge⸗ ſchieht, weil ich glaube, man hat mich be⸗ ſchummelt.« — 65 Ja, mein Commiſſair, man flibuſtert mich; ich habe nicht meinen Theil erhalten.« »Was?— Wie 26 „Drei Jahre Ruͤckſtand à 700 Fres., macht 2400 Fres., und ich habe nur 1749 Frcs., 2 Sous und 2 Liards bekommen.« Dabei zeigte er einen großen Beutel, welchen er unter dem Arme hielt. vAch, das heißt, Du willſt eine Berechnung haben 4 vNein, mein Commiſſair, verzeihen Sie, keine Berechnung, ſondern mein Geldle Nichts iſt gerechter als das, mein Junge, nichts gerechter. Gottes Tag! Wenn man mich faͤhig hielte, auch nur im Geringſten Aufklaͤrung zu verweigern, das waͤre ſchoͤn; nein, nein, Ihr verdient Euer Geld zu redlich, meine tapfern, meine wuͤrdigen Freundez nein, Ihr verdient Euer Geld zu ehrenvoll, als daß man Euch nicht auf den Sous, was ſage ich, auf den Sous?, nein, auf den Liard Rechenſchaft ablegen ſollte, um zu beweiſen, daß man Euch kein Unrecht thut. Hoͤrſt Du wohl, Meiſter Bouquin« Und nach dieſem Ausrufe wiederholte er: vnein, man thut Euch nicht um einen Liard Unrecht.« vWir wiſſen's, wir wiſſen's, mein Com⸗ miſſair.« »Was, Ihr wißt's 246 vvJa, ich ſage nur, wir wiſſen's, weil Ihr Vorgaͤnger gerade ſo ſprach; allein das mag wohl zu Ihren Manoͤvern gehoͤren; wie zu unſerm „Hiß, legt die Segel bei« Sprechen Sie nur weiter, Herr Commiſſair, ich höre ſchon. „Nun gut alſo. Die 700 Fres. machen ſo und ſo viel auf den Monat, ſo und ſo die Woche, ſo und ſo viel auf den Tag. Nun giebt es aber Schaltjahre, und Monate von 28 Tagen; dann wechſelt auch der Cours des Geldes haͤufig, und die ſpaniſchen Piaſter, welche Du bekommen haſt, gelten 47 Centimen Agio gegen die Fuͤnffranken⸗Stuͤcke; das macht— Du paßſt doch auf?« Ja, Commiſſair,« ſagte der Andere, indem er ſich die Lippen bis aufs Blut biß und größter Aufmerkſamkeit der Rede des Commi zu folgen ſuchte. „Das macht, c nahm nun der Commiſſair, mit groͤßter Zungenfertigkeit, wieder das Wort, „da, nach Fuͤnffranken⸗Stuͤcken berechnet, dieſes Agio an der ganzen Summe abgeht, welche der Staatsſchatz Dir gewiſſenhaft auszahlt,— hoͤrſt Du, Meiſter Bouquin?— ganz genau,— um damit die Integral⸗Summe des Soldes zu tilgen — Du verſtehſt mich doch— ich hoffe, daß das klar genug iſt.« vDer ruͤckſtändige Sold— ja Commiſſair, davon verſtehe ich etwas.« Dabei druckte der Un⸗ gluͤckliche die Stirn, als wollte er in ſein widerſpenſti⸗ ſirs d. —— . — ges Gehirn die Rede des Commiſſairs gleichſam hinein preſſen.* „Nun,« fuhr der Andere fort,„da ſind nun ſchon Deine 700 Fres, dem unvermeidlichen Stei⸗ gen und Fallen des Curſes unterworfen, wegen des Wechſels der ſpaniſchen Piaſter; da nun auch die Thaler zu 6 Fres. ihrerſeits wieder bedeutend verlieren, ſo macht dies, dem Werthe der ſpani⸗ ſchen Piaſter gegenuͤber geſtellt und in Beracht der Schaltjahre und der Monate zu 28 Tagen—, ſo geht daraus unumgaͤnglich hervor— Du ver⸗ ſtehſt mich doch? Ich lege Dir keinen Zwang an; wenn es Dir nicht klar genug ſcheint, ſo ſag' es nur, Meiſter Bouquin; aber Du verſtehſt mich wohl 6 Ja, Commiſſair.«4— Dabei riß er das Auge auf, daß man davor haͤtte erſchrecken moͤgen. Mun, ich fahre alſo fort. Aus den Schalt⸗ jahren und den Monaten von 28 Tagen geht nun nothwendig hervor, und iſt anerkannt und ausgemacht, daß nach Abzug des Agio, welches die ſpaniſchen Piaſter gewinnen und wegen der Verringerung des Soldes, wegen der Schaltjahre und der Monate von 28 Tagen, und wenn man die Balance zieht, das heißt, immer zu Deinem Vortheile.. Du verſtehſt mich aber doch noch?— Alſo, wenn man zu Deinem Vortheile die Kro⸗ nenthaler, und das Agio iſt bedeutend, ungeheuer ſogar, gegen die ſpaniſchen Piaſter verwechſelt, ſo — iſt der Gewinn dabei wenigſtens 475 Fres. Rech⸗ neſt Du nun dieſe 475 Fres. zu den 1719, welche Du erhalten, ſo macht das 2194 Fres. Nun ſollſt Du aber, merkſt Du wohl? wie Du ſelbſt ſagſt, nur 2100 Fres. haben. Iſt das richtig 2.. Nun, antworte doch, iſt das richtig 4 vJa, das iſt wahr, mein Commiſſair; man iſt mir nur 2100 Fres. ſchuldig,« erwiderte Bou⸗ quin, indem er ſich den Schweiß abwiſchte, der ihm in dicken Tropfen uͤber das Geſicht rann. „Nun wohl, Du ſiehſt alſo, daß Du im Ge⸗ gentheile noch 94 Fres. herauszahlen ſollteſt, denn Du haſt es ſelbſt geſagt, daß Du nur 2400 Fres. zu fordern haſt, ich nicht, ich habe Dir 94 Fres. mehr gegeben. Du ſiehſt alſo, mein Junge, daß —,— ich dieſe zuruck fordern koͤnnte, ich ſollte es viel⸗ leicht fogar, um Dich zu ſtrafen, daß Du glau⸗ ben konnteſt, die Regierung habe Dir zu wenig Sold gegeben. Doch ich will es diesmal noch nicht thun, weil Du ein guter Kerl biſt. Aber laß Dir das zur Lehre dienen; behalte Deine 94 Fres. und betrachte ſie als ein Geſchenk, aber ſegne die Ordnung der Dinge, welche uns wieder gegeben iſt. So, Meiſter Bouquin; nun kannſt Du gehen, und ſollte vielleicht irgend einer Dei⸗ ner Kameraden noch Aufklaͤrung wuͤnſchen, ſo ſchicke ſie nur zu mir, ich will ihnen ſagen, was ſie zu wiſſen verlangen. O, mein Gott! da gilt kein 7. „ * ——— — 6— Vorzug; was man Einem thut, muß man dem Andern auch thun.« Bei dieſem Worte nahm der Commiſſair, ein Liedchen trällernd, ſeine Liſten unter den Arm, ging in ein Nebenzimmer, ſchloß die Thuͤr hinter ſich zu, und ließ Bouquin, verwirrt, verdutzt zu⸗ ruͤck, und was noch mehr iſt, uͤberzeugt von der Großmuth und Uneigennuͤtzigkeit, welche die Re⸗ gierung gegen ihn ausgeubt hatte. vSacre Dieu lx ſagte er, ſich die Stirne wi⸗ ſchend;„da wollt' ich doch wahrhaftig lieber bei dem heſtigſten Sturme drei Riſſe im großen Se⸗ gel zunaͤhen, als den Commiſſair noch einmal ſo gut verſtehen. Sapperment, hat der eine Zunge! Es ſcheint mir aber doch, als hätt' ich zu viel bekommen, und ſollte noch 94 Fres. heraus zahlen. Was hat mir denn nun der alte Kaim Joie vorgeheult, daß der Commiſſair uns Schiffsjungen geſchoren hatte 24 Und der redliche Menſch eilte ſchnell zum Mei⸗ ſter La Ivie. vSiehſt Du wohl, Matroſe,« ſagte Bouquin, als er ihn erblickte,„ſiehſt Du wohl, wir haben uns geirrt! Es ſcheint mir doch, daß die Agio⸗ tage— und Schaltjahre, und die, die, die,— gleichviel, der Name thut nichts zur Sache,— aber das macht, daß ich 94 Fres. zu viel erhal⸗ ten habe, anſtatt daß ich glaubte, 450 zu verlie⸗ ren. Und wenn die Regierung nicht gut ſeemän⸗ —— niſch geſinnt waͤre, muͤßten wir gewiß den Ueber⸗ ſchuß herauszahlen. Alſo, ſiehſt Du wohl, hat der Commiſſair gerade geſegelt.« Statt aller Antwort betrachtete La Joie den Meiſter Bouquin einen Augenblick, zog dann ſeine große Pfeife aus der Taſche und that zwei kurze Pfiffe darauf. Ei,« ſagte Bouquin, welcher den Sinn die⸗ ſer Sprache vollkommen zu verſtehen ſchien, vich will das Tau der Flagge als Halsband tragen, wenn's nicht wahr iſt.« Neue pfeifende Antwort, welche Bouquin wie⸗ der verſtehen mochte, denn er entgegnete: »Ach, Du biſt eigenſinnig, wie ein Meer⸗ ſchwein; da Du ſo biſt, ſiehſt Du, La Joie, da haͤtteſt Du lieber ſelbſt gehen koͤnnen.« Und Bouquin ſtieg auf das Deck hinauf, ſeinen Freund mit der langen Pfeife in der Batterie laſſend. Man muß namlich wiſſen, daß La Joie, Equipagenmeiſter der Corvette, der ſchweigſamſte und wortkargſte Menſch war. Er hatte es ſich zur Gewohnheit gemacht, nur ſo wenig, als ir⸗ gend moͤglich, zu ſprechen, und meiſtens antwor⸗ tete er ſeines Gleichen oder Geringern durch ſeine Pfeife, welche man nach und nach verſtehen ge⸗ lernt hatte; dies wird weniger uͤberraſchend erſchei⸗ nen, wenn man bemerkt, daß mehrere Schiffsbefehle mit der Pfeife gegeben werden, deren gellender Ton ſelbſt das ſtaͤrkſte Toben des Windes durchdringt. † 6* £ . Fuͤr Meiſter La Joie war ſo die Pfeife eine neue Sprache, der er den Ausdruck der Heiterkeit, der Traurigkeit, des Zornes und der Zufriedenheit geben konnte; eine Sprache, der man alle Ge⸗ fuhle verſtehen konnte, von denen der alte See⸗ mann angeregt wurde. An der Art und Weiſe, wie er das Inſtru⸗ ment an den Mund ſetzte, um ein Manover zu kommandiren, an den mehr oder minder rauhen, oder mehr oder minder gedehnten Toͤnen, die er der Pfeife entlockte, erkannte die Equipage ſogleich den Grad ſeiner Laune. War der Ton gedehnt, verziert, mit Trillern ausgeſchmuͤckt, welche heiter auf und ab ſtiegen, und klangvoll nachtoönten, dann ſagten die Ma⸗ troſen:„Heute giebt's gute Wache; bei Meiſter La Joie iſt guͤnſtiger Wind.« War im Gegentheile aber der Ton kurz und trocken, dann hieß es: WPaßt auf, wir werden Sturm bekommen; es wird tuͤchtige Fuß⸗ und Rippenſtoße ſetzen, wenn Ihr nicht Achtung gebt. Und dieſe meteorologiſchen und phyſiologiſchen Prophezeihungen wurden in der Regel durch den Erfolg beſtaͤtigt. Aber an dieſem Tage fand nur Hoffnung und Heiterkeit Raum in den Seelen der Matroſen, denn ſie hatten ja ihren Sold be⸗ zahlt erhalten. * Neuntes Kapitel. Das Problem. Wenn es in der Welt Gluͤck giebt, ſo war es dieſen Tag am Bord des Salamander. Gluͤck! Phantaſtiſches und doch wirkliches Weſen, welches Jeder unter einer andern Geſtalt anruft! Wenn gegen Ende des Tages, bei Sonnen⸗ untergang, die Atmoſphaͤre in allen Farben ſpielt, und ſich zu immer tieferm und tieferm Roth faͤrbt, und man dann eine Wolke mit unſichern Umriſ⸗ ſen, goldumſaͤumt, am Himmel dahin ſegeln ſieht, ſo hat dieſe nur eine Geſtalt, und dennoch leiht man ihr tauſende. Fuͤr den Einen iſt ſie eine gothiſche Saͤule; Jener bewundert in ihr einen Baum mit goldenen Aeſten und purpurnen Blaͤt⸗ tern; Der wieder eine Rieſengeſtalt in faltigen Ge⸗ waͤndern; Dieſer endlich den Kopf eines reizenden Maͤdchens auf einem Schwanenhalſe. So iſt es auch mit dem Glucke, dieſem idea⸗ len und doch wirklichen Weſen; wahr, wie das Licht und der Ton, und doch unergreifbar wie Beide, mit jedem Augenblicke wechſelnd, nimmt das Gluͤck verſchiedene Geſtalten an, und bewahrt doch keine. — 73— Denn was iſt das Gluͤck? Iſt es ein zarter Weibermund, welcher Dir ſuͤße Worte der Zaͤrt⸗ lichkeit zufluͤſtert? Iſt es eine weiche, zitternde Hand, welche die Deinige nicht flieht? Iſt es ein traulicher Spaziergang auf ſchwellendem Raſen, unter dichtem Laubdache, mit verſchlungenen Ar⸗ men und leiſem Gefluͤſter, wo Alles Liebe und Ausdruck iſt und doch nicht ausgeſprochen wird? Oder ſollte das wahre Gluͤck, das dauernde, welches die Seele in himmliſche Wonne wiegt, erſt nach dem Genuſſe folgen! Wenn das Weib, noch gluͤcklich durch das Opfer, welches ſie gebracht, das Geſtaͤndniß der Liebe ausſpricht, ſelig, daß ſie ihre Zukunft auf das Spiel ſetzt, obgleich ſie voraus ſieht, daß ſie bit⸗ tere Thraͤnen deshalb wird vergießen muͤſſen: macht dies die Frauen gluͤcklich, weil ſie zu leiden be⸗ ſtimmt ſind? Oder iſt es Gluͤck, wenn nach dem Geſtaͤndniß, ſie auf Deinem Knie ſitzt, und laͤ⸗ chelnd ſagt: IJetzt iſt meine Ehre Dir verfallen! — Mein Leben biſt Du, mein Gedanke biſt Du, meine Seele biſt Du!— Sieh, jetzt kannſt Du mich mit einem Worte zur ungluͤcklichſten der eiber machen, mit einem Worte kannſt Du mich tödten!— Engel, angebeteter Engel! Meine Liebe iſt keine Liebe mehr, es iſt ein neues Ge⸗ fühl; ein Gefuͤhl, welches alle andern toͤdtet, ver⸗ ſchlingt, ohne welches meine Exiſtenz in Nichts zerfloſſe.« — —— Oder ſollte das Gluͤck vielmehr in Verachtung des menſchlichen Betruges beſtehen, weil man Je⸗ den kennt, durchſchaut? Ihr findet ein junges Maͤdchen, ſchoͤn, elend, am Abgrunde des Laſters hintaumelnd und im Begriffe hinunter zu ſtuͤrzen. Ihr habt Mitleid mit ihr, Ihr entreißt ſie der Gefahr; Ihr ſalbt ihren Koͤrper mit Wohlgeruͤ⸗ chen; Ihr kleidet ſie; Ihr ſucht dieſem Koͤrper eine Seele zu geben, und ſie mit Dankbarkeit zu durchdringen. Dann, Dank ſei es Euernrinen, uneigennuͤtzigen Bemuͤhungen, bildet ſich ihr Geiſt, ihre Anmuth wäͤchſt, ihre Schoͤnheit wird voll⸗ kommen, Ihr freut Euch laͤchelnd Eures Werkes. Aber eines Abends iſt Euer Werk mit einem Lakaien entflohen. Doch Ihr zuckt mit den Schul⸗ tern, und ſagt lachend: Ich erwartete das la und nicht eine Faſer Eiss efese wird ſchmerzlich beruhrt. Sollte das etwa Gluc ſein? Oer vielleicht beſſer noch: Ein Freund Eurer Kindheit, mit dem Ihr alle Eure Guͤter gemeinſchaftlich machtet, Ihr Alles beſitzend, er Nichts; ein Freund, den Ihr mit Eurem Schwerte vertheidigt; ein Bruder, mit dem Ihr weintet, wenn er litt; ein ſolcher guter, zaͤrtlicher Freund benutzt eine Reaction, um Euch auszupluͤndern und auf das Blutgeruͤſt zu liefern. Wenn er dann koͤmmt, um Eure Hinrichtung mit anlehn, fragt Ihr ihn:»Wo bleibſt Du denn — 55— ſo langes Du waͤrſt bald zu ſpät gekommenz denn in Deinem ausgetrockneten Herzen iſt weder fuͤr Haß noch fur Rachſucht Raum. Sollte das etwa Gluͤck ſein? Sollte es in dem moraliſchen Tode des Herzens beſtehen, welcher unzugänglich fuͤr das Gefuͤhl der Freude und des Schmerzes macht? DOder findet ſich das Gluͤck vielmehr in der Mitte des Luxus und deſſen Freuden? Iſt es ein furſtliches Haus, königliche Landguͤter, Hunde und Pferde, glaͤnzende Livreen, ſchoͤne Jagdgewehre und die Jagd mit ihren Fanfaren, bei denen das Herz lauter ſchlaͤgt? Jo die Jagd die Jagd! Biaßt ihr Jaͤger! fend erſchallen! Alles iſt Freude und Entzuͤcken; die Hunde bellen, die Hoͤrner ſchallen, die Pferde wiehern, und ſtampfen ungeduldig auf den Boden. Halloh! Talbot, mein gutes Rage⸗Pferd, vor⸗ waͤrts, mein Liebling! Du unter dem Vollblut ausgeſucht, mit fleckenloſem Stammbaum, der Du auf weißem Marmor in meinem Stallo ſtehſt! D mein guter, edler Talbot! mit dem Gelde, was Du mich koſteſt, haͤtte ich 20 Maͤdchen ausſtat⸗ ten, wie viele uneigennuͤtzige Handlungen ausuͤben koͤnnen; aber wie fein iſt auch Dein Haar, glatt und kurz, wie kräftig ſind Deine Feſſeln, wie — ſchlgns und hoch Deine Fuße, wie gerundet Deine — 76 Kruppe. Ei, mein Talbot, wie haͤtte ich ein Pferd, wie Dich, zu theuer bezahlen koͤnnen! Vorwärts! Ueberfliege Graben und Zäͤune in kräftigem Sprunge. Vorwaͤrts, mein Talbot! Trage mich ſchnell, wie im Rauſche. Aber indem ich von Trunkenheit ſprach, faͤllt mir ein: ſollte vielleicht das Gluͤck bei einem trun⸗ kenen Menſchen zu finden ſein, der ſeinen Ver⸗ ſtand vertrunken hat, und nun nicht mehr denkt, ſieht, hoͤrt? Sollte das Gluͤck bei dem Buͤrger ſchlafen, dem Kleinkraͤmer, der ſtets dick, fett, rund, zu⸗ frieden, heiter und fröhlich iſt? Bei dieſem Bur⸗ ger, deſſen Frau bereits alternd, aber doch noch ſtets von ihrem Gatten angebetet, kurz und mür⸗ riſch iſt, aber die weißen Zaͤhne zeigt, ſo bald der erſte beſte Ladenjunge unter dem Comptoirtiſche ihr Knie droͤckt? Bei jenem Gewuͤrzkraͤmer, der ſeine Tochter Azeide, ſeinen Sohn Theobald nennt und ihn als Artilleriſten oder Uhlanen kleidet? Bei dieſem Gewuͤrzkraͤmer, welcher ſtets Wähler, ſtets Abonnent des Conſtitutionel iſt, Geſchworner, Unteroffizier der Nationalgarde, Liebhaber komi⸗ ſcher Opern und Vaudevilles, ſo wie der länd⸗ lichen Natur von Prés⸗Saint⸗Gervais? Bei dieſem Gewuͤrzkrämer, welcher den Voltaire lieſt, flucht, Tabak ſchnupft; welcher nie in die Meſſe geht, weil er ein ſtarker Geiſt und die Religion nur fuͤr das Volk gut iſt? Sollte dieſer Gewuͤrz⸗ kraͤmer das eingefleiſchte Gluͤck ſein? Dieſe lange und ermuͤdende Betrachtung uͤber dies unauffindliche Ding war nothig, um die Bizar⸗ rerie und die Thorheit des verſchiedenartigen Gluckes verſtehen zu konnen, welches ſich am Bord des Salamanders zeigte. Die meiſten der Matroſen waren in der Bat⸗ terie verſammelt, liegend, ſizend, ihr Geld zäh⸗ lend und wieber zaͤhlend und es dann in die lan⸗ gen Geldboͤrſen hinab ſenkend. Dann warteten Alle der Stunde, wo ſie ihre ſonderbare Theorie der Vergnuͤgen in Ausubung bringen konnten. Sie verſprachen ſich, ſchworen ſich zu, ſich dieſes Geldes ſo bald als moͤglich zu entledigen. Daruͤber alſo war man einig; doch wurde zuvor dem Lieutenant Peter und dem alten Garnier ein Beſuch abgeſtattet, um ihnen fur Vater, Mutter, Frau oder Kinder die Haͤlfte des Geldes zu uͤber⸗ geben. Dies war ein anerkannter, feſt beſtehen⸗ der, heiliger Gebrauch. Nachdem das abgemacht war, athmeten ſie leichter und konnten ſich nun, mit voller Ueberlegung, der Wahl der lauteſten Vergnuͤgungen uberlaſſen. Hurtah la ſagte Einer, ſeinen Geldbeutel ſchwingend; vhier iſt genug, um 30 Bidonen des beſten Capweines zu kaufen, der lange genug ge⸗ Salamander. 1. 6 lagert hat, um in die Kehle eines ehrlichen Ma⸗ troſen zu laufen 1« Bei allen Alcauetas von Cadixl« ſagte ein Anderer, die Rundung ſeines Beutels liebkoſend, „das iſt hier die ſchoͤnſte, glatteſte Haut, die ich noch je ſtreichelte; da ſeh' ich die ſchoͤnſten ſchwar⸗ zen Augen, den weißeſten Buſen. O, komm, Roſa, Thereſe, Toni, laß dich umarmen; komm, mein gutes Maͤdchen! Mit dir muß in zwei Ta⸗ gen dieſes Thalerloch trocken ſein. Komm, Roſa, Thereſe, Toni, laß dich umarmen lg Und er umarmte Roſa, Thereſe und Toni in der ehrwuͤrdigen Perſon ſeines alten Geldbeutels. vUnd Du, Giromon,« ſagte einer der Ma⸗ troſen zu einem Cameraden, vwas willſt denn Du mit Deinem Gelde anfangen 24 Der Gefragte, welcher eben ſein Geld gezählt hatte, rief: Ider verwuͤnſchte Kerl hat mir einen Zopf gemacht!«— Es war vielleicht außer dem alten Bouquin der Einzige, der ſein Geld gezaͤhlt hatte. Ich,« ſagte Giromon ernſt,„ich werde in Toulon eine Commiſſairsuniform, einen Com⸗ miſſairshut, einen Commiſſairsdegen, kurz die ganze Equipage eines Commiſſairs kaufen. Dann werde ich zu einem Buͤrger, einem Soldaten oder einem Kalfater ſagen: vDu, kleide Dich jetzt als einen Commiſſair« vund dann?4 fragten mehrere Stimmen. vUnd dann werde ich ihm ſagen: nun will * ich dir Geld geben, ſo viel du verlangſt; dann mußt du dich aber auch pruͤgeln laſſen, daß dir die Haut platzt. Das iſt dafuͤr, daß du mich flibuſtert haſt, daß du mir vom Morgen bis zum Abend einen Zopf gedreht haſt.— Seht ihr, ſo werde ich mir einbilden, daß ich mich an einem aͤchten Commiſſair raͤche, an einem Raͤuber von Commiſſair, daß ich ihm vergelte, was er mir ge⸗ raubt hat; und dies erleichtert doch. c6 vAch, praͤchtig, praͤchtig, Giromon,« ſagte der erſte Frager. Willſt Du, daß ich dabei ſein ſoll, willſt Du mich mit dazu laſſen 26 „Nein; mach Dir ſelbſt einen, einen fal⸗ ſchen Commiſſair, wie ich. Einer waͤre nicht genug fuͤr zwei, er mocht's nicht aushalten, oder wir muͤßten einen Rieſen dazu nehmen. 46 „Ich,« ſagte ein Anderer, vich will alle Mu⸗ ſikanten, die ſich in St. Tropez befinden, zuſam⸗ mentrommeln, und ſie ſollen Alle hinter mir her⸗ ziechen: Violinen, Clarinetten, Jagdhoͤrner, Bäſſe, Trompeten, Pianos, das Alles eine Muſik wie beſoſſen, die ſollen mir dann aufſpielen!— wart' einmal!— ſie ſollen mir aufſpielen— eine koſt⸗ liche Melodie, die ich weißs—„Zerſchlagt euch die Rippen und trinket: Grog,«— oder die— von: Knospe der Liebe—6 vAch, nicht doch Pariſer,s6 ſagte ein An⸗ derer,„Du mußt Jeden eine andere Melodie ſpielen laſſen, das klingt beſſer.c6 — 0— »Ja, Du haſt auch Recht, Jeder eine andere Melodie. Ach, welch' ein Gluͤck! und das waͤh⸗ rend ich gehe, eſſe, trinke, ſchlafe, wenn—6 vvAch, das Alles, c« ſagte ein Kanonier, ihm in die Rede fallend, v„das Alles wiegt doch das Gluͤck nicht auf, die verwuͤnſchte Uniform abzu⸗ legen und buͤrgerliche Kleider anzuziehen. Einen Leibrock, einen dreieckigen Hut und Stiefeln; ach ja, Stiefeln! Stiefeln! Das iſt doch zu ſchoͤn fuͤr Menſchen wie wir, die wir das ganze Leben barfuß auf dem verwuͤnſchten Decke herumgehen muͤſſen. c2 »Und dann Hoſenheben l« rief Giromon. vvJa, Hoſenheben; welch' ein Entzuͤcken! die will ich mir gewiß kaufen! Nur ein einziges Mal in Calcutta habe ich welche getragen.«« vJa4 rief der Pariſer,„Calcutta, das iſt noch ein Land! Erinnerſt Du Dich noch, Giro⸗ mon? Ach, Calcutta, angebetetes Land! Land des Gluͤcks, wo man zwei Indianer fuͤr eine Hand voll Reis durchpruͤgeln kann!— Welch ein fanf⸗ tes Leben! Immer im Palankin, auf dem Ka⸗ meel oder auf dem Elephanten; und dann die Frauen, Gott der Goͤtter! Was ſind das fuͤr Ba⸗ vaderen, und gar nicht angezogen, die einem mit Pfauenſchweifen Wind zufaͤcheln.« vUnd welche Nahrung! Das nenn ich noch Nahrung! Piment, ſo ſtark, daß man, wenn * — 81— man es gegeſſen hat, gleich die Haut von der Zunge ziehen kann la vvAch, das war noch ein Gluͤck ac ſagte er mit einem Seufzer des Bedauerns. Dieſe und hundert ahnliche Reden wurden ge⸗ fuhrt, die hier wiederzugeben, zu lang werden wuͤrde. Die Nacht uͤberraſchte die Equipage in der Mitte ihrer lachenden Plaͤne, bei jenem heiteren Geſchwaͤtz, in welchem dieſe ehrlichen Naturmen⸗ ſchen ſich ganz ſo zeigten, wie ſie waren. Zehntes Kapitel. Der Salamander hat geſtern ſeinen Sold empfangen. Fremder, Kuͤnſtler und Reiſender, der du plötz⸗ lich anhältſt, deinen Knotenſtock aufſtuͤtzſt, dein Geſicht trockneſt und aufmerkſam auf den dum⸗ pfen Larmen lauſcheſt, der aus der Ferne verwir⸗ rend zu dir heruͤberdringt, furchte keine Gefahr, nur— warte noch einen Tag, bis du hinein⸗ —— gehſt nach St. Tropez, denn: der Salamander hat geſtern ſeinen Sold empfangen. Reiſender, die Nacht iſt ſo ſchoͤn, ſo ſanft, ſo klar; die Aloes und Orangen hauchen ſo ſuͤße Wohlgeruͤche aus; der Himmel iſt ſo blau, die Sterne funkeln! Setz' dich nieder an dem Fuße jenes wilden Maulbeerbaums mit ſeinen ſammet⸗ artigen Blaͤttern; ſetz' dich nieder, bleib auf der Kuppe dieſes Huͤgels ſitzen und vielleicht ſiehſt du noch vor Tagesanbruch ein dir fremdes, ſonder⸗ bares Schauſpiel, denn: der Salamander hat geſtern ſeinen Sold empfangen. Vielleicht wird die ſanfte Ruhe, welche du auf jenem von Thimian und Quendelkraut duftenden Raſen findeſt, ein wenig unterbrochen werden. Vielleicht werden deine durch den Schlaf ge⸗ ſchloſſenen Augenlider ſich ploͤtzlich oͤffnen, weil durch ihre Huͤlle ein roͤthlich durchflackernder Schein dringt. Du wirſt dann die Augen aufſchlagen, und die Kuͤſte, der Golf, das Meer und der Himmel werden erleuchtet ſein, bedeckt mit purpurflammen⸗ dem Scheine; St. Tropez wird brennen, und Fluͤche, Geſchrei, Gelaͤchter und lauter Freuden⸗ jubel, Geſaͤnge und Verwuͤnſchungen werden ſich mit dem Gelaͤute der Glocken, dem Wirbeln der Tamboure, den Gewehrſchuͤſſen und Allarmzeichen vermiſchen. Moͤglich wenigſtens, daß der Brand ſeinen Flammenmantel uͤber die Stadt ausbreitet, 5 — denn: der Salamander hat geſtern ſeinen Sold empfangen. Oder, du bringſt die Nacht ruhig zu, ſteigſt morgen von den Höhen hinab, und triffſt in die Stadt. Du haſt doch wohl ſchon zuweilen die Spuren geſehen, welche ein Wirbel- oder Sturm⸗ wind hinterließ? Es ſind abgedeckte Daͤcher, ausgeworfene Fen⸗ ſter, eingedruͤckte Wandfaͤcher, zerſchmetterte Thu⸗ ren, abgeriſſene Fenſterladen, welche vom Winde hin- und hergeworfen werden. Es ſind Träm⸗ mer, welche die Straßen bedecken, Steinhaufen, zerbrochene Dachziegel. Nun, ohngefaͤhr ein ſolches Schauſpiel wird ſich dir auch hier bieten. Du wirſt eine ſchuͤch⸗ terne Frauengeſtalt gewahren, welche hinter dem Vorhang hervor, einen fluchtigen Blick auf die Straße hinabwirft. Du wirſt Kinder ſehen, welche, weniger furchtſam, die Hausthuͤr öffnen, erſt ſich vorſichtig umſchauen und dann dreiſter heraustre⸗ ten, um einen Matroſenhut, eine lange ſilberne Pfeife, einige Goldſtuͤcke oder ein reichgeſticktes Halstuch aufzunehmen. Denn der Salamander war hier, und wenn du die Kinder fragſt, werden ſie dir naiv antworten: Es iſt nichts, mein Herr, aber— der Salamander hat geſtern ſeinen Sold empfangen. Und das Alles koͤnnte ſich verwirklichen; denn bis in die Nacht hinein hat geſtern die Equipage ihre Vorſätze uberlegt und berathen; aber ſie muß⸗ ten auch ausgefuͤhrt werden. Nun wußte man aber, daß der Lieutenant unbeugſam war und nur ſehr ſelten die Erlaubniß, an das Land zu gehen, ertheilte; es kam daher auf die Mittel an, auch ohne ſeinen Willen dorthin zu gelangen. MNun wirſt du aber wiſſen, Fremder, daß es leichter iſt, ein funfzehnjahriges Mädchen zu finden, das moraliſch noch Jungfrau iſt; einen Freund, der deine Geliebte reſpectirt; ein Pferd ohne Feh⸗ ler; ein Buch ohne Vorrede; einen Sonnenunter⸗ gang ohne Poeſie; einen Supernumerar in den erſten Ranglogen; ein unterhaltendes didactiſches Gedicht; einen Fluß ohne Waſſer(ich ſpreche weder von den ſpaniſchen, noch von den engliſchen Gaͤr⸗ ten); als eine Equipage von Seeleuten, welche Geld haät, abzuhalten, ſich an das Land zu be⸗ geben. Und: Der Salamander hat geſtern ſeinen Sold empfangen. Gegen Mitternacht alſo verließ der Faͤhnrich der Wache, welcher Alles vollkommen ruhig und ein herrliches Meer ſah, das Deck und ging in ſein Zimmer hinunter, nachdem er dem Equipage⸗ meiſter La Joie empfohlen hatte, uber das Fahr⸗ zeug zu wachen. Meiſter La Joie wachte, ſo gut er konnte; aber das Wetter war ruhig und heiter, fuͤr das Schiff nichts zu furchten und er wurde auch uͤber⸗ dies von dem geringſten Gerauſch erwacht ſein; „ & 3— 85— er ließ daher die Augenlider herabſinken, buͤckte ſich auf der Quartierbank zuſammen und ſchlief ein. Sogleich eilte ein Schiffsjunge, welcher zwi⸗ — z n zwei Geſchuͤtzen verſteckt geweſen war, hinab, üm davon die Matroſen zu benachrichtigen, welche ſich ganz angekleidet in ihre Hängematten gelegt hatten. Mit einem Satze waren ſie aus ihren ſchwebenden Betten; die Leute von der Quartier⸗ wache verließen gleichfalls das Deck, und die ganze Guipage, ausgenommen die Meiſter und Offi⸗ iere, welche in ihren Zimmern ſchliefen, verſam⸗ melte ſich in der Batterie. Die Geſchuͤtzluken wurden zugemacht, die drei Boote der Corvette aus⸗ geſetzt, Flambarts und Andere, 94 an der Zahl, ſtiegen hinab und entfernten ſich, ohne das ge⸗ ringſte Geraͤuſch zu machen, denn ſorgfaͤltig waren die Ruder umwickelt. Nach einer halben Stunde wa⸗ ren ſie am Lande, die Offiziere und die Schiffsmeiſter in die Unmoͤglichkeit ſetzend, ihnen nachzukommen, denn ſie hatten alle Boote mit ans Land genommen. Dieſe Flucht war ganz in der Ordnung der Dinge, war ganz naturlich; ſie war eine richtige phyſiſche Folge des magnetiſchen Einfluſſes, welchen der Klang der Piaſter auf die Natur der Matro⸗ ſen ausuͤbt. Dieſem allgemeinen Geſetze jener am⸗ phibienartigen Weſen, Sonnten auch dieſe wuͤrdi⸗ gen Matroſen nicht entgehen; und: der Salaman⸗ der hatte ja geſtern ſeinen Sold empfangen. Dem Studium eines Phyſiognomikers waͤre ————— es ein wurdiger Gegenſtand geweſen, das Geſicht des Meiſter La Joie zu ſehn, als er, durch die friſche, kuͤhle Morgenluft erweckt, ſich in ſeinem Mantel ſchuttelte, die Muͤtze aus der Stirne zog, ſich die Augen rieb und um ſich blickend, zum erſten Male die zehn Matroſen der Quartierwache nicht auf dem Deck gewahrte. Er glaubte zu traͤumen. Der ehrliche Meiſter ging rings um das Deck, aber er ſah nichts, gar nichts. »Die Schurken l« ſagte er,„gewiß ſind ſie hinunter gegangen, ſich ſchlafen zu legen. Das iſt etwas ſtark. Wir werden, wie es ſcheint, ein Tänzchen mit einander machen muͤſſen, und das ſoll ihnen anzeigen, daß es dabei etwas heiß zu⸗ gehen wird,«C ſagte er, ſeine lange Pfeife an die Lippen ſetzend. Was fuͤr ein furchterlicher Ton, ſchneidend, durchdringend, hart, gebieteriſch und drohend! Nie, glaub' ich, hatte ſeine Pfeife eine ſo donnernde Stimme gepfiffen; ſie glich der Poſaune des jung⸗ ſten Gerichts. Als der Pfiff ertoͤnt war, ſteckte Meiſter La Joie die Pfeife wieder in die Taſche. Vertrauens⸗ voll erwartete er den Erfolg ſeines Signals, kreuzte die Arme, ſchuͤttelte den Kopf unwillig und ſprach ſchreckliche Verwuͤnſchungen aus. 6 Aber nicht das geringſte Geraͤuſch ertönte auf dem Schiffe; athemlos ſchien es auf dem Meere zu ſchlafen. Alles ſchweigend; tiefes Schweigen. Meiſter La Joie ſprang auf; ſeine Augen⸗ brauen zogen ſich zuſammen, und zum erſten Male ſeit 13 Jahren irrte ein leiſes, kaum merk⸗ bares Laͤcheln uͤber ſeine Lippen. vSie haben verteufelte Furcht, ſie trauen ſich nicht herauf,« ſagte der ehrliche Kerl. Es iſt doch huͤbſch,« ſagte er, wohlgefaͤllig ſeine Pfeife betrachtend, vmit dem Dinge da acht⸗ zig Kerle, die weder Feuer, noch Waſſer fuͤrchten, mehr zittern zu machen, als Sturm oder Kartät⸗ ſchenhagel es koͤnnten; es iſt doch huͤbſch, ein Seemann zu ſein.« Nachdem er ſich von dieſen Aeußerungen der Eitelkeit hatte hinreißen laſſen, horchte Meiſter La Joie noch ein Mal. Immer daſſelbe Schweigen. vSie haben ſich verkrochen, wie die Maus in ihr Loch und ruͤhren ſich nicht; ſie wiſſen wohl durch meinen Pfiff, daß der erſte, welcher ſeine Fratze auf das Deck ſteckt, einen Empfang kriegen wird, daß er vor Angſt nicht wiſſen ſoll, wohin.« Noch immer herrſchte gleiches Schweigen. vAh« ſagte Meiſter La Joie, welcher ſich zufaͤllig in ziemlich guter Laune befand, vich habe vielleicht zu derb gepfiffen. Das iſt wohl moͤg⸗ lich, denn es hat mir ſelbſt lange nicht ſo ſcharf geklungen. Nun, ich muß es etwas ſanfter machen; wir muͤſſen doch zu Ende kommen. Die Sonne iſt aufgegangen und die Flagge noch nicht gehiſſt.« Und nun ließ er einen Pfiff ertoͤnen, der, wenn — 88— auch nicht ganz heiteres, doch leidliches Wetter verkuͤndigte. Immer daſſelbe Schweigen. Da haͤtte man Meiſter La Joie ſehen ſollen, wie er, mit weit aufgeriſſenen Augen, ſich auf den Rand der Thuͤre ſtützte und hinab ſah, dann durch alle Farben ging, von der bleichſten Blaͤſſe, bis zum tiefſten Purpur. Wieder ſetzte er nun die Pfeiffe an den Mund, ſchnell abgeſtoßen, zornig, wuͤthend toͤnte ſie. Sein Fuß ſtampfte dazu den Tact ſo wuͤthend, als haͤtte er das Deck durchſtoßen wollen. Aber immer gleiches Schweigen, Todtenſtille. Außer ſich endlich, buͤckte er ſich, um eine Luke aufzuheben: ohnmoͤglich! Sie war von innen verſchloſſen. Alle— alle Luken waren zu. Da eilte er zum Packbord, beugte ſich hinuͤber, ſah hinab und erblickte die Boote nicht mehr. Nun⸗ mehr wurde ihm, doch zu ſpaͤt, die ſchreckliche Wahrheit klar. Nun ſprang er umher, ſchrie, ſchaͤumte vor Wuth. Hebebaͤume, Stangen, kurz alles, was ihm unter die Haͤnde kam, flog polternd auf das Deck hin. Bei dieſem Hoͤllenlaͤrm erwachten die Offiziere und der Lieutenant, und ſtanden haſtig auf Wie bei einem Schuſſe, oder beim Feuerlarm in der Nacht, ploͤtzlich alle Bewohner des Hauſes aufgeſchreckt werden, und dann zu allen Fenſtern ſtuͤrzen und fragen: Was iſt's? Was giebt's? So war es auch hier; bei dem wuͤthenden Lar⸗ men des Meiſter La Joie zeigten der Lieutenant, der Doctor, der Commiſſair, der Faͤhnrich und einige Schiffsmeiſter, weiche am Bord geblieben waren, ihre ſchlaftrunknen Geſichter an den Fen⸗ ſtern, dem Steuerbord, den Luftlöchern der Galle⸗ rie und beugten ſich nach dem Deck hinauf. vSage doch, La Joie, haſt Du das hitzige Fieber? Wahrhaftig, man muß dem Kerl zur Ader laſſen, 4 ſagte der gute Doctor. „La Joie! La Joie! Was bedeutet der Lar⸗ men*4 rief mit ſtrenger Stimme der Lieutenant. Fort, Lieutenant, Alle fort, die Hunde, Alle ans Land, in den Booten. 44 Aber wer denn 26 Die Equipage, Lieutenant, Alle ans Land, die Raͤuber!44 »Wir haͤtten es vermuthen ſollen,« ſagte der Lieutenant,„ſie haben Geld— aber ſage, La Joie, iſt denn auch die Yolle fort 24 „»Daran dachte ich nicht, c« ſagte La Joie und lief ſchnell nach dem Vordertheile. vAuch fort,« rief er, vaber nicht durch die, ſondern durch Herrn Paul. Ich habe hier ein Stuck von feinem Achſelband gefunden, welches an einem Nagel ſitzen geblieben iſt.« WVerwuͤnſchtes Kind!s ſagte Peter, vwelch' ein Beiſpiel K — 90— vAber, was ſollen wir nun machen, Lieute⸗ nant? Was ſollen wir anfangen?4 ſagte La Joie und biß ſich an den Naͤgeln. „Warten, warten. Sie werden ſchon zuruͤck⸗ kommen, daran zweifle ich nicht. Was ich aber fuͤrchte, das ſind die Haͤndel, die Streitigkeiten, die Schlaͤgereien mit den Provengalen. Und mein Sohn, mein Sohn kann dabei ſein! Verwuͤnſcht, verwuͤnſcht! »Na,« ſagte der gute Doctor,„die Ungeheuer werden mir wohl mit zerbrochenen Rippen, mit eingeſchlagenen Zaͤhnen zuruͤckkommenz ich muß nur die Charpie und mein Verbindezeug parat legen.« vvUnd nicht unnuͤtz, Doctor, dafur ſteh' ich Ihnen, 4 ſagte La Joie.„vIch will darauf ſchwoͤren, daß in St. Tropez Hirnſchädeldinge vor⸗ gehen; daß die Meſſer ſpielen, und eben ſo viel Blut als Wein fließen wird. Und man haͤtte das erwarten ſollen, wie der Lieutenant ſagt, denn: der Salamander hat ſeinen Sold empfangen. 44 5 ——— 2 Dritt6 B uſch. Elftes Kapitel. In einer ſchweren, heißen, druͤckenden Som⸗ mernacht, bei dem zweifolhaften Scheine einer matt⸗ flackernden Lampe, welche lange Schatten auf die Wände eines beſcheiden meublirten Stuͤbchens warf, lag ein junges Maͤdchen, halbſitzend auf ihrem Bett, ſtuͤtzte das Geſicht auf ihre Hande und ſchien in tiefe Traͤumereien verſenkt. Ihre Arme waren blos, von blendender Weiße, in den ſchoͤnſten Formen, anmuthig und uͤppig, eines jener zarten Weſen verrathend, welche, in olge eines ſonderbaren Eigenſinnes der Natur, faſt immer eine kräftige, von lebhaften Leidenſchaf⸗ ten bewegte Seele in ſich ſchließen. Die langen Flechten ihres kaſtanienbraunen Haares flſſen aufgeloͤſt uͤber ihren ſammetweichen „ — Hals und verhuͤllten ſo ihr Geſicht; denn man ſah von demſelben nichts, als das roſige Kinn mit dem Gruͤbchen und der zarten Haut. Wie ſich kraͤftig aufruttelnd, hob ſie ſich em⸗ por, ſeufzte tief und ſtreckte die Arme aus; dann ſah ſie nach einer goldenen Uhr, welche uͤber ihrem Lager neben einem Kreuze von Elfenbein, beſchat⸗ tet von einem Zweige geweihten Buchsbaumes, hing. vErſt zwei Uhr,« rief ſie aus, vzwei Uhr? — Ach, welche Nacht! welche Nacht! Nie hat mir die Zeit ſo lang geſchienen. Ich weiß nicht, mir iſt ſo heiß,— ich erſticke;— mag ich auch noch ſo tief Athem holen, es fehlt mir dennoch die Luft; und meine Haͤnde brennen. Mein Gott! mein Gott! was iſt mir denn 24 Und ſchnell druckte ſie ſich in die Kiſſen, kreuzte die Arme und ließ den Kopf ſinken. Und bei dem unſichern Scheine der flackern⸗ den Lampe erſchienen nun ihre Zuͤge unbe⸗ ſtimmt und wechſelvoll; bald war ihr Geſicht hell beleuchtet, bald in Dunkel gehuͤllt; man haͤtte ſagen koͤnner, das Wechſelnde oder die wechſelnde Beleuchtung verliehe dem reizenden Geſichte bald den Ausdruck ſanften Ernſtes, bald den tiefes Schmerzes. Aber waren es auch die Schatten des Lichtes, . . 8 6 welche dieſe jugendliche Stirn bald erleuchteten, bald verdunkelten? War es nicht vielmehr die jung⸗ fraͤuliche Seele, deren Gefuͤhle ſich hier malten, bald finſter, bald heiter, bald gluͤcklich, bald leidend? Denn wer lernte je das Herz eines Maͤdchens kennen, den tauſendmal tieferen Abgrund als das Herz eines Weibes? Zwiſchen Beiden beſteht der Unterſchied, wie zwiſchen dem Ideale und der Wirklichkeit. Bei einer Frau iſt die Zukunft ſicher, beſtimmt, begraͤnzt; bei einem jungen Maͤd⸗ chen iſt Alles verſchleiert, Unſicherheit, Hoffnung und Schrecken, Freude und Kummer. Ihre Seele gleicht einer Aeolsharfe, deren Saiten von dem leiſeſten Hauche bewegt werden; ihre Harmonie iſt unvollſtaͤndig, folgelos, verwirrt, und dennoch regt ſie zum Entzuͤcken oder zur Trauer an. vAch le ſeufzte Alice, wie gern wollte ich nicht denken! Blume, Baum oder Vogel ſein; mich in die Luͤfte ſchwingen oder am ufer eines Baches bluͤhen. Ja, eine Blume moͤcht' ich ſein, eine Blume, welche bluͤht und welkt, ohne die Mutter zu betrauern.« vUnd doch, wie einſam muß eine Blume ſein! Und wenn die Sonne untergeht, welch' eine Trauer fuͤr ſie! Dort, an dem Ballkleid, welches ich geſtern trug, ſind Blumen!— Sieht man die Wieſen⸗ bluͤmchen mit ihren gruͤnen Blaͤttern, mit ihren Salamander. J. 7 lebhaften Farben, ſo ſollte man glauben, ſie wa⸗ ren etwas Beſtehendes. Welch' eine Luͤge aber! Doch jene dort werden ihren trugeriſchen Glanz noch lange bewahren, wenn die aͤchten laͤngſt ver⸗ dorrt ſind.« Ich weiß nicht, welch' ein fluͤchtiger Gedanke ihr in dieſem Vergleiche den Vortheil einer fal⸗ ſchen und kalten Kokette uͤber ein liebendes, hin⸗ gebendes Madchen gab. „Der Ball« ſagte ſie dann wieder, und bei dem bloßen Worte ſchon verlor ſich ihre Melan⸗ cholie, ihre Augen glaͤnzten, und wie durch Zufall flackerte auch in demſelben Augenblicke ihre Lampe beller—„der Ball! er war ſo ſchoͤn, der Ball! Der Tanz im bunten Gewirre, heiter und lebhaft; Frauen im glaͤnzenden Schmucke, laͤchelnde Frauen und lächelnde Männer; doch nur der Mund laͤchelte: auf der Stirn ſpiegelten ſich Langeweile und Gleichguͤl⸗ tigkeit. Die Diamanten funkelten, die Wohlgeruͤche dufteten, tauſendfach brachen ſich die Strahlen der Lichter in den cryſtallnen Kronleuchtern; und doch weiß ich nicht, weshalb dies Alles nur meine Au⸗ gen beſchaͤftigte; meine Seele blieb leer und er⸗ innert ſich an nichts. Denn die Seele hat kein Gedächtniß fuͤr bloßen Laͤrm, eitle Farbe.— O, mein Gott, wie traurig iſt es doch, keinen Gegen⸗ ſtand der Erinnerung zu haben!— O, wie trau⸗ rig iſt ſo das Lebin! wie traurig ſagte Alice. — 5— Und ſchon fullten ihre ſanften blauen Augen ſich mit Thränen, und ſeufsend wendete ſie ſich in ihrem Bette um und legte ihre beiden Haͤnde mit verſchlungenen Fingern uͤber den Kopf. Die Lampe war dem Erloͤſchen nahe; die Schat⸗ ten kaͤmpften mit dem erſterbenden Lichte. In dieſem Augenblicke fiel der Blick Alicens auf den Zweig des geweihten Kreuzes uͤber ihrem Bette. Dort,« ſagte ſie mit leiſer Stimme, viſt das Cruzifir meiner Mutter, welches ſie mit ſterbenden Lippen kußte, der geweihte Zweig, der auf ihrem arge ruhte 4 Und eine Thraͤne rollte uͤber ihre bleiche Wange. »Dies Cruzifix hat mich nicht verlaſſen, we⸗ der im Kloſter, noch hier. Im Kloſter! Wes⸗ halb nahm man mich von dort weg? Mir war dort ſo wohl! Wie gefielen mir dort die Kirchen⸗ feſte und der Weihrauchduft! Mit welcher Freude trug ich die Fahne der heiligen Jungfrau, ganz weiß und mit Gold geſtickt! Wie gern ſang ich in Geſellſchaft meiner Gefaͤhrtinnen die ſchoͤnen geiſtlichen Lieder beim Klange der Orgel! Welch' eine ſchone, ernſte Muſik iſt doch die Orgel! Zu⸗ weilen mußte ich ſelbſt beben bei ihren Klaͤngen. Und die Roſen, welche wir am Frohnleichnams⸗ —— feſte brauchten! Und die Kleider, welche wir für die armen Frauen naͤhten! Und die Hymnen, welche wir an Chriſtus ſangen, der ſich fuͤr das Heil der Welt opferte! Welch' eine Gotteserge⸗ bung! Mit welcher innigen Liebe ſang ich das Lob Chriſti!— Ihm ewig in ſeinem Tempel zu dienen, ihn anzubeten, mein ganzes Leben hin⸗ durch! Denn hier, hier fuͤhl' ich,« ſagte ſie, beide Haͤnde, wie ſchmerzlich auf den hochwogenden Bu⸗ ſen preſſend, vja, hier fuh ich das unendliche Bedurfniß der Liebe und des Opfers 4 Nach einem augenblicklichen Schweigen fuhr ſie in ihrem Selbſtgeſpraͤche fort: „Weshalb mich von dem Kloſter, von Frank⸗ reich hinwegfuͤhren? Ich wuͤrde im Kloſter ſo gluͤcklich geweſen ſein! Chriſtus zu lieben und tag⸗ lich zu ihm zu beten! Giebt es ein Gluͤck, wel⸗ ches größer iſt, als das des Gebetes zu ihm? Ja, und vielleicht fuͤr Jemand anders. Doch wie un⸗ gerecht bin ich; ſoll ich nicht meinen Vater wieder ſehen, der mich als Kind verließ. Und doch macht dieſe Reiſe mich wider Willen traurig, bedruckt mich; allein der Gedanke, meinen Vater zu ſehen, hei⸗ tert mich zuweilen auf.— O, mein Gott, habe Erbarmen mit mir, wenn dieſe Reiſe fuͤr mich verderblich ſein ſoll!“ 3 und die Lampe erloſch. In langen Zwiſchen⸗ — raͤumen nur flackerte ſie noch auf und zeichnete dunkle, phantaſtiſche Schatten an den Wanden. Alice fuͤhlte ihr Herz bedruͤckt. Sie fuͤrchtete ſich beinahe, und durch das Verlangen getrieben, welches die Weiber zuweilen fuhlen, ihr Geſchick den Haͤnden des Schickſals zu vertrauen, und durch deſſen Ausſpruch die Zukunft zu erforſchen, rief ſie in ſeltſamer Ueberſpannung, doch mit ſtar⸗ ker Stimme: vIch bin fuͤr ewig dem Ungläck auf dieſer Erde gewidmet, wenn die Lampe verliſcht, ehe ich dreimal geſagt habe:« »Meine Mutter, die Du im Himmel biſt, bete zu Gott fuͤr Dein Kind l4 Und bleich, mit bebender Stimme rief ſie: „Meine Mutter, die Du im Himmel biſt, bete zu Gott fuͤr Dein Kind l« Die Lampe flackerte und warf ein ſchwaches Licht von ſich. »Meine Mutter, die Du im Himmel biſt, bete zu Gott fuͤr Dein Kind l Die Lampe flammte wieder hell auf. Alice fuͤhlte ihr Herz von einer furchtbaren Laſt erloͤſt rtrauensvoll fuhr ſie fort: Neine Mutter, die Du im Himmel—4 —— Da blitzte die Lampe noch einmal ziſchend auf und verloſch dann gaͤnzlich. „Ach, meine Mutter, ich bin verloren!« rief ſie mit herzzerſchneidendem Tone. Dann ſank ſie zuruͤck in die Kiſſen und bedeckte, heftig weinend, das Geſicht mit den Haͤnden. Einige Minuten waren ſo verfloſſen, da erhob ſie, kraͤftig entſchloſſen, den Kopf, als wolle ſie mit ſchmerzlicher Wonne der Dunkelheit gewah⸗ ren, die ihr eine finſtere Zukunft weiſſagte. Aber wie groß war ihre Ueberraſchung und Freude, als ein heller Strahl der Sonne ihr in die Augen drang, die den elfenbeinernen Chriſtus und den geweihten Zweig hell, wie mit einem Heiligen⸗ ſcheine beleuchtete. Das Himmelslicht gab der Trauernden Heiterkeit und Zufriedenheit wieder. „O, meine Mutter! Du haſt Dein Kind er⸗ hört,« rief ſie trunken vor Freude, und erhob ſich dann, um knieend dem Heiland zu danken. Erſchoͤpft, ermuͤdet durch die verwachte Nacht und die mancherlei wechſelnden Gefuͤhle während derſelben, ſchloß ſie die noch feuchten Augen, oͤff⸗ nete die Lippen und ſtammelte ſchlaftrunken: „Meine Mutter— die Engel im Himmel— Gluͤck!«— Uund zwiſchen einer Thraͤne und dem Laͤcheln entſchlief ſie. — 99— Schlummere, junges Maͤdchen, ſchlummere! Moͤge der Himmel es geben, daß die heraufſtei⸗ gende Sonne Dir einen recht ſchoͤnen Tag bringe! Schlafe, Alice; ein Traum„anmuthig und rein wie Dein Herz, erfteue Dich! Schlafe Kind! Vielleicht wirſt Du noch nicht die ſo unruhigen, ſchlafloſen Naͤchte betrauern. Armes Kind! Nachdem Du die Luft der glän⸗ zenden und geſchmuͤckten Welt, wo Alles Blume, Duft und Licht iſt, Trunkenheit und Wolluſt, gluhendes Verlangen und choͤrichte Liebe eingeath⸗ met haſt, wirſt Du vielleicht noch nicht dieſe lan⸗ gen Stunden der Einſamkeit und truͤben Traͤu⸗ mereien vermiſſen. Vielleicht wirſt Du, in der Mitte einer ausgelaſſenen, doch luͤgneriſchen Hei⸗ terkeit, dieſe ſanften Thränen zuruͤckwuͤnſchen, die Du eben vergoſſeſt, indem Du an Deine Mutter dachteſt. Vielleicht wirſt Du Deine eigne Welt, die Du nach Deinem Ideale fuͤr Dich ſelbſt ſchufeſt, die Du auf Deine Weiſe bevolkerteſt, in der Du die unumſchraͤnkte Herrſcherin wareſt, die ihre Schoͤ⸗ pfungen wieder vernichten konnte, ſchmerzlich be⸗ trauern. Schlafe, Alice! Koͤnnte Dein jungfraͤuliches Herz ſich der Qualen erfreuen, die Du verurſachſt, ſo wurde ich Dir ſagen, daß ſeit geſtern Abend der Sohn des Lieutenants vom Salamander, — 100— Paul, der ſchoͤne und ſchuchterne Paul, den Du nicht kennſt, weinend und ungluͤcklich am Fuße der Felſen ſitzt, welche die Mauer Deines Oran⸗ gengartens umgeben; daß er ſtets hofft, Deine Engelsgeſtalt werde ihm in dem Schatten der dichtbelaubten Baͤume erſcheinen. (Ende des erſten Bändchens.)