Eugen Sue's aͤmmtliche Werke. Zehnter Theil. — Deutſch von L. v. Alvensleben. Atar⸗Gull. Drittes Bändchen. Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. Atar⸗Gull. Roman von Eugen Snue. Deutſch von L. v. Alvensleben. Drittes Bändchen. Leipzig, 1838. Verlag von Otto Wigand. Achtzehntes Kapitel. Das Feſt. Durch ſanften Druck, durch zauberiſch Verühren, Durch ftüchtgen Blick, beredter als der Mund, PVerſtanden füße Zwieſprach ſie zu führen, So etwa wie die Singevöalein buntz Perſtändlich ihnen nur und einzig ihren Gefühlen durch der Liebe Allmacht kund; Holdfüße Reden, deutungslos nur Jenen, Die fremd ſind oder wurden ſolchen Tönen. Dies Alles machte Kindern ſe verwandt, Und kindlich ſollten immerfort ſie fühlen. Byron.— Don Juan, 4. Geſ. St. 1. ſg. Ueberſ. von Bärmann. Gluchlicher Theoderich! gluckliche Jenny, end⸗ lich iſt der heißerſehnte Tag Eurer Verlobung da! Schlage deine ſchoͤnen Augen nicht nieder, Jenny, laß das ganze Gluͤck, das du empfindeſt, darin glaͤnzen, der froͤhlich ſtrahlende Ausdruck begluckt deinen Geliebten, der ſich in einen dunkeln Win⸗ kel der weitlaͤufigen Säle des menſchenfreundlichen Wil zuruͤckzog, und ſeine Blicke nicht von dir wendet, ſo ſehr. Atar⸗Sul. MI. 1* Wuͤßteſt du, wie ſich ſein Herz erweitert, in⸗ dem er die Huldigungen ſieht, die man dir dar⸗ bringt; wie er ſich an dem Zauber weidet, den deine Schoͤnheit, deine Sanftmuth auf die Menge, die immer neidiſch oder ungerecht iſt, ausuͤben! Meine Zukunft iſt auf ewig gegruͤndet! ſagte er zu ſich ſelbſt; ich werde eine lange Reihe froͤh⸗ licher Tage ruhig verleben! Sie und ich, mein ganzes Daſein iſt in dieſen zwei Worten enthal⸗ ten! Wahrlich, ich bin ganz gluͤcklich! Seine Augen waren thraͤnenfeucht, indem er Jenny mit Liebe und Dankbarkeit betrachtete. Dieſer reizende liebliche Eindruck war ſympathetiſch, denn in demſelben Augenblicke heftete Jenny auch ihre großen feuchten Augen auf ihn. Aber ein dritter Blick kreuzte, ſo zu ſagen, dieſe beiden und theilte ſich zwiſchen den beiden Verlobten. Das war der Blick Atar⸗Gulls! Er ſtand in einer Fenſtervertiefung, und in⸗ dem er den Negern ihre Beſchaftigung anwies, behielt ſein Mund immer das ſtereotype Lacheln, welches wir kennen; er blickte Theoderich und Jenny mit freudiger Miene an. »Ol« dachte er bei ſich ſelbſt, vwie gluͤcklich ſind ſie, reich, ſchoͤn und jung— und ihr Va⸗ ter? er iſt durch ihr Gluͤck auch gluͤcklich— ein Vater!— ein Vater iſt fur dieſen Weißen ein zärtlicher Freund, ein Mann, der ihm Gold und ein ſchönes junges Maͤdchen giebt, eine reiche Pflanzung und viele Sklaven.— Fur mich!— iſt ein Vater ein Leichnam, an einem Galgen haͤngend!— Ihr Leben beſteht aus Augenblicken, die raſch voruͤbereilen, denn ſie berechnen die Zeit nicht nach Stunden, ſondern nach Beluſtigungen. Fuͤr mich iſt das Leben eine Sklaverei, Ar⸗ beit und Schläge. Aber, auch ich beſitze ein Gluͤck; denn ich halte in meinen Sklavenhaͤnden, auf der Spitze meines Meſſers, ihre frohliche glaͤnzende Zukunft! Ich ſage mir, daß ich im Stande bin, augen⸗ blicklich, wenn es mir beliebt, das Hochzeitbett in einen Sarg zu verwandeln, ihr Kind in eine Waiſe und den Braͤutigam in einen Witwer, ihre Frohlichkeit in Thraͤnen zu verwandeln. Mein Gluck beſteht darin, daß ich mir wie⸗ derhole: es wird ein Tag kommen! ein Tag, an dem durch mich— durch mich ganz allein, dieſe Familie ausgerottet wird! Und doch ſoll der Letzte von ihnen mir noch die Hand druͤcken und mir zuſtammeln: Guter, rechtſchaffener Diener, ich ſegne dich.« Dabei blieb ſein ſanfter geruhrter Blick immer dergeſtalt auf Theoderich und Jenny geheftet, daß er dem ihrigen begegnete, und ſie ſich zuwinkten: „Guter Atar⸗Gull!— Das iſt ein treuer, er⸗ gebener Sklave. 4 Raſch, Faullenzer,« rief der gutmuͤthige Wil, dem Neger freundlich das Ohr kneipend,„dort geht der Dienſt langſam; man ſieht wohl, daß du nicht da biſt.«— Atar⸗Gull verſchwand, ſich verbeugend, und gehorchte mit bewundernswerther Eile. Alle Pflanzer von Jamaika ſchienen in dem geräumigen und bequemen Hauſe von Jenny's Va⸗ ter verſammelt, kaum konnte die ſchoͤne Wohnung die Menge der Gaͤſte faſſen. In der großen mit Cedernholz ausgelegten Gallerie, von tauſend wohlriechenden Kerzen er⸗ leuchtet, praͤſentirten praͤchtig gekleidete Neger Ana⸗ nas und Waſſermelonen, die in dem Eiskeller erfriſcht waren; lange, ſuͤße Bananen, Goiaven, Ingwer, Roſenaͤpfel und eine Menge in Zucker candirte, wie Diamanten glaͤnzende Fruͤchte; dann ließen zwei Mulattenhaushofmeiſter große Bowlen Punſch, von Rum und Tafia bereitet, und dazu kleine Scheiben Palmenkohl, mit Vanille und Zucker beſtreut, herumreichen. Wahrhaftig, der Saal des menſchenfreundlichen Wil war einem Paradieſe zu vergleichen. Hier draͤngten ſich ſchalkhafte Creolinnen, mit ſchwarzen blitzenden Augen, munter, gelenkig, leicht, wie Granadas Toͤchter; an ihrem lebhaften La⸗ chen, an der pikanten Nachlaͤſſigkeit ihres Anzugs erkannte man die braunen Frauen von Jamaika. Einige, in tauſendfarbigen Haͤngematten lie⸗ gend, ließen ſich ſanft ſchaukeln, und den Boden kaum mit ihren niedlichen Fuͤßchen beruͤhrend, wehten ſie ſich lachend mit den bunten Federn ih⸗ rer Faͤcher Kuͤhlung zu. Andere verſammelten ſich zu unſchuldigem, frohlichem Geplauder, wie Mädchen es lieben; da hoͤrte man leiſes Lachen erſchallen, durch die Ge⸗ genwart der ernſten Eltern nur wenig zuruͤckge⸗ halten. und naͤherte ſich etwa ein verwegener junger Mann dieſer reizenden Gruppe von ſchalkiſchen, lebhaften Geſichtern, weißen Schultern, duftendem Harr, Flor, Baͤndern und Blumen, ſo floh Al⸗ les, und zerſtob wie ein Schwarm Turteltauben bei der Annaͤherung eines Huͤhnergeiers. Der gute Wil und ſeine Frau kamen und gingen, empfingen dankend die Gluͤckwuͤnſche von allen Seiten und waren freudetrunken uͤber ihr Kind. Ein herrliches Feſt, mein lieber Wil,« ſagte Beufty(der Mann, der fuͤr 2000 Francs ſeine Neger aufhaͤngen ließ), verlauben Sie mir, Ih⸗ nen hier einige Herren vorzuſtellen: Herr Pleyſton, erſter Lieutenant der Fregatte, der Cambrian, welche ſo eben auf unſerer Rhede vor Anker ge⸗ gangen iſt; Herr Peel, Doctor, und Herr Delby⸗ Commiſſair deſſelben Schiffs. „Sein Sie willkommen, meine Herren, Sie koͤnnen mir nur angenehm ſein, beſonders an ei⸗ nem Tage, wie der heutige.« Das war ein Theil von dem Stabe der Fre⸗ gatte, welche Brulart, wie wir wiſſen, durch die arme Katharine, die er als Brander brauchte, in die Luft zu ſprengen verſuchte. Nachdem man einige Artigkeiten gewechſelt hatte, wandte ſich der Pflanzer an den Commiſ⸗ ſair, deſſen feine Stimme und weibiſches Anſehen ihm am meiſten Vertrauen einfloͤßten. WVerzeihen Sie die Frage, mein Herr, aber da einer meiner Correſpondenten aus Portsmouth mir als einen der ausgezeichnetſten Offiziere unſe⸗ rer Marine Sir Edward Burnet, den Comman⸗ danten des Cambrian, empfohlen, und da ich ſo⸗ gar einige Auftraͤge fuͤr ihn habe, ſo bin ſo frei, Sie zu fragen, ob wir nicht heute Sir Edward hier ſehen werden 24 »Ach Gott! mein Herr,« rief der kleine junge Mann erblaſſend aus, ich bitte Sie um alles in der Welt, reden wir von etwas Anderem; ſehen Sie, wie es mich angreift, wenn ich nur an die furchtbare Begebenheit denke l« Und wirklich zitterte der Commiſſair am gan⸗ zen Leibe. Mein Gott, ich bedaure von Herzen,4 ſagte der hoͤfliche Pflanzer,„daß ich ohne mein Ver⸗ ſchulden Ihnen, wie es ſcheint, ſehr traurige Er⸗ innerungen zuruͤckrufe— waͤre ein Ungluͤck ge⸗ ſchehen, dem—4 vUm Gottes Willen, reden Sie nicht davon—4 6 — ſagte der junge Mann, ſich in der Menge ver⸗ lierend.— 3 „Der Teufel,« dachte Wil,»das beunruhigt mich; da muß ich einen Andern, der weniger ner⸗ venſchwach iſt, befragen« Und er wurde eben das volle rothe Antlitz des Doctor Peel gewahr, der mit Beufty plauderte, in einer Hand ein Glas Punſch und in der andern eine Scheibe Palmenkohl haltend. „Ach! mein Herr,« antwortete der Aeskulap auf die Frage des Pflanzers, vach! mein Herr,« dann leerte er mit einem langen, lauten Seufzer ſein Glas, wiſchte ſich den Mund und nahm Wil beim Arm—„das iſt eine ganz fuͤrchterliche Ge⸗ ſchichte: hoͤren Sie zu Ihrem Schrecken—6 „Wir fanden, vor fuͤnf Monaten etwa, funf⸗ zig Meilen von Jamaika, einen Matroſen, uͤber den Leichnamen von zwei Negerinnen auf einem Huͤhnerkaſten feſtgebunden, auf dem Meere.« „Schrecklich!« ſagte Wil. „Ich bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Wir nehmen den Ungluͤcklichen aufs Schiff, und er er⸗ zaͤhlt uns, daß ein nichtswuͤrdiger Seeraͤuber, in deſſen Dienſten er war, ihn wegen einer kleinen Uebertretung ſeiner Befehle auf die angegebene Weiſe ins Meer werfen ließ, und daß der Raͤuber nach Jamaika ſegelt. Unſer armer Commandant, ein braver, tapferer junger Mann, laͤßt ſogleich dieſelbe Richtung nehmen, und noch in derſelben Nacht, gegen vier Uhr, ſignaliſirt man zwei Fahr⸗ zeuge, die man gar bald als die Brigg und die Goelette erkennt, von dem infamen Spitzbuben und einem ſeiner Spießgeſellen befehligt. Wir ſpannen alle Segel auf und ſind mit Tagesan⸗ bruch nur noch zwei Kanonenſchuͤſſe weit entfernt. 1 Was erblicken wir aber nun?— die Goelette„ uͤbermaͤßig mit Segeln belaſtet, mit dem Winde davoneilen— aber ſo ſchnell— mit einer Schnel⸗ ligkeit, wovon man keinen Begriff hat— das andere Schiff zuruͤcklaſſend.— Hier war nicht lange zu erwaͤgen; wir konnten nur eins von bei⸗ den waͤhlen, wie Sie denken werden. Der Com⸗ mandant ließ alſo die Fregatte quer gegen den Wind halten, um das zuruͤckgebliebene Schiff zu bemannen und dann auf die Goelette weiter Jagd zu machen. Wir nahen alſo auf Flintenſchuß⸗ weite und man ſchickt vierzig Mann, gut bewaff⸗ net, unter Leitung eines Lieutenants, ab, um ſich des Schiffs zu bemaͤchtigen, welches ſtill da lag, wie ein todter Fiſch. Mein Gott, ich ſehe ſie* noch vor mir, wie wenn es jetzt geſchaͤhe; ſie na⸗ hen und ſteigen alle an Bord des Fahrzeugs, bis auf vier Mann, die in der Schaluppe zuruͤckblei⸗ ben.— Der Lieutenant, auf den Laufplanken angelangt, vertheilt ſeine Mannſchaft in zwei Cor⸗ poralſchaften, und da er in dem unterſten Raume ſchreien hoͤrt, bofiehlt er der erſten, durch die kleine Luke hinabzuſteigen; aber umſonſt, ſie war von — innen verriegelt. Ein Cadet ruft:„Herr Lieute⸗ nant, die große Luke ſteht halb offen.« Nun, ſo öffne ſie ganz, ruft ihm der Offizier zu; der arme Junge buͤckt ſich, hebt mit Muͤhe die ſchwere Luke auf— und— großer Gott!— 4 ſchrie der Doctor erblaſſend— „Nun! nun?4 rief der gute Wil. „Da, Herr Wil, wie er nur an der Luke zieht, hoͤren wir einen furchtbaren Knall und ſind augenblicklich mit Truͤmmern, mit Feuer und Flammen bedeckt; das Verdeck der Fregatte iſt mit Leichen, Splittern von Maſten und Segel⸗ ſtangen beſaet; unſer Bogſpriet in. tauſend Stuͤcke, unſer braver junger Commandant von einem un⸗ geheuern, durch die Exploſion der Brigg aus der Luft geſchleuderten Balken zerſchmettert.« „Allmaͤchtiger Gott! das war alſo ein Brander 24 „Leider ja! Ein Brander, den der verdammte Seeräuber in der Hoffnung zuruͤckließ, mit Hulfe dieſer graͤßlich⸗teufliſchen Erfindung Zeit zum Ent⸗ rinnen zu gewinnen; das Ungeheuer hat ungluͤck⸗ licherweiſe richtig gerechnet; Funftig der Unſern wurden verwundet, fuͤnfunddreißig ohne unſern jungen Commandanten getoͤdtet, ein ſo talentvoller Offizier— Genug, der niedertraͤchtige Raͤuber iſt uns entronnen, wie Sie leicht denken koͤnnen; dar⸗ auf hielten wir in Portorico an, da wir zum —— Glück in der Naͤhe waren, um uns ausbeſſern zu laſſen, und nun ſind wir hier, um Waſſer ein⸗ zunehmen, und nach England zuruͤckzuſegeln. vDas iſt Alles, was ich Ihnen uͤber unſern vortrefflichen ungluͤcklichen Capitain, Sir Edward, mittheilen kann— 4 ſchloß der Doctor, indem er eine Thrane trocknete und um ein Glas Punſch bat. »Nach Allem, was ich gehoͤrt habe, zu ur⸗ theilen,« ſagte der Pflanzer zu ſich ſelbſt,»ſo war der infame Kerl kein anderer als Brulart. Das iſt ſo einer von ſeinen Streichen— aber alle Teufel, warum laſſen ſie ſich auch einfallen den Sklavenhandel hindern zu wollen?— Dafuͤr ſtraft ſie die himmliſche Gerechtigkeit.« Nach und nach zogen ſich die Gaͤſte zuruͤck und nach Mitternacht blieb Herr Wil allein mit ſeiner Familie. Seiner altherkoͤmmlichen ehrba⸗ ren Gewohnheit zufolge, kuͤßte er ſeine Tochter auf die Stirn und ſegnete ſie nach dem Abend⸗ gebete, welches Alle vereint verrichteten. Bald lag die redliche Familie im Schlafe, von Hoffnungen auf den kommenden Tag ge⸗ wiegt, denn uͤbermorgen war der ſchoͤne Tag der Hochzeit Theodorichs und Jennys.. vAtar⸗Gull,« ſagte der gute Wil, ehe er ein⸗ ſchlief; vdu haſt dich heute uͤbertroffen, nimm da⸗ fuͤr das. Er gab ihm eine ſchoͤne Uhrkette. * — S Der Neger warf ſich weinend zu den Fuͤßen ſeines Herrn nieder und kuͤßte ſie. vSchon gut! geh e ſagte der Pflanzer,»geh, leg dich nieder, mein Junge; du Ruhe noͤ⸗ „ thig.« Atar⸗Gull ging. Er verließ geheimnißvoll das Haus, und rich⸗ tete ſeine Schritte nach dem Walde der Wolfsge⸗ virge, denn dort hielten die Giftmiſcher dieſe Nacht ihre Zuſammenkunft. Bald gelangte er an den Fuß der Huͤgel, welche dieſer Bergkette zur Widerlage dienen. Neunzehntes Kapitel. Der Giftmiſcher*) O, dort in jener hehren Welt, in jenen ſüuhen des Glücks, in deiner ſel'gen Ruh, ind! Frhel deiner Mutter Kuß und änen Biſt nicht im nn eine Waiſe du? Victor Hugo, s. B. 15. Ode. — Es war Nacht, man hoͤrte nur das Geraͤuſch der langen Blaͤtter des Palmbaums, vom Winde —,—— *) Es gab auf allen franzöſiſchen und engliſchen An⸗ tillen noch im Jahre 1822 die Secte der Giftmiſcher; Atar⸗Gull. II. 2 bewegt, das ſchmetternde Geſchrei der Anolis, oder den Klageton der Holztaube. Atar⸗Gull erklimmte mit unendlicher Anſtren⸗ gung die ſpitzen Felſen des Schwefelbergs, der im Nordweſten von Jamaika liegt. y Bald hielt er ſich an Lianen, die von rothen Granitmaſſen herabhingen; bald ſchwang er ſich mit Huͤlfe eines eiſenbeſchlagenen Stockes, deſſen er ſich mit großer Gewandtheit bediente, von einer Felſenſpitze zur andern, und wer ihn ſo uͤber den tiefen Abgruͤnden haͤtte haͤngen ſehen, wuͤrde vor Schrecken erbleicht ſein.. Einmal glitt er, von der Anſtrengung erſchöpft, den Abhang einer jaͤhen Schlucht herab; als er einen Stuͤtzpunkt ſuchte, glaubte er dicht neben ſich einen der ſchoͤnen Cactus mit roth und blauen Blumen zu ſehen, erfaßte ihn ſchnell— doch dieſe, eine Art heimliches Gericht bildend, beſtand aus entlaufenen Negern, die ſich zu beſtimmten Zeiten in unzugänglichen Schlupfwinkeln, die nur die Sklaven der Inſel kannten, verſammelten. Sort brachte jeder Sklave den Grund ſeiner Klage vor, erklärte ſeine Beweg⸗ Si zur Rache, und nachdem er den erforderlichen id geleiſtet hatte, erhielt er das Gift, deſſen er be⸗ durfte, um Vieh oder Weiße zu tödten. Die letzten Giftmiſcher wurden im Jahre 1823 in Guadeloupe hingerichtet. Die hier vorkommenden ſchaudererregenden Details, ſind aus Protokollen, Aus⸗ ſagen, oder Anklagen gezogen, die ſich in der Kanzlei zu St.⸗Pierre auf Martinique befinden. S 3 „ „—————— warf er ſogleich mit Schaudern dieſen kalten kle⸗ brigen Koͤrper weit von ſich; es war eine große Schlange, deren Farben im Mondenſcheine ſchil⸗ lerten. Weiter hinabſturzend, kam Atar⸗Gull zu einem dichten ſtarken Buſch, an den er ſich feſtklam⸗ merte; da ſah er zehn Fuß tiefer unten einen Pfad; er ſprang hinab, fiel, und erkannte den Weg, der ihn ſicherer auf die Spitze des Berges fuͤhrte; endlich langte er nach unerhoͤrter Anſtren⸗ gung, zerſchlagen und blutig, dort an. Hier war der Berg von Palmen, Aloes und Bananen bedeckt, die noch keine Axt beruͤhrte, die ganze Vegetation ringsum ſo uͤppig prangend, daß der Neger nie durch die tauſend, ſich rankenden und nach allen Seiten hin verſchlingenden Ge⸗ waͤchſe zu dringen vermocht haben wuͤrde, wenn ihm nicht ſein gutes breites Meſſer einen Weg durch dieſes Dickicht gebahnt haͤtte. Als er ganz in der Ferne einen roͤthlichen Schein erblickte, lächelte er auf eine eigne Weiſe, ſtand ſtill, ſteckte das Meſſer in den Guͤrtel und horchte. Man hoͤrte nichts, als das Geſchrei der Anolis und den Klagegeſang der Holztauben. Atar⸗Gull befand ſich auf einem faſt gebahn⸗ ten Wege, den er verfolgte, immer aufmerkſam horchend. Bald hoͤrte er in weiter Ferne leiſe einen feier⸗ 1 — 14— lichen, ſeltſamen Geſang— er verdoppelte ſeine Schritte. Der Geſang wurde vernehmlicher— Atar⸗ Gull ging raſcher vorwaͤrts. Plotzlich hoͤrte der Geſang auf, Alles war ei⸗ nen Augenblick ſtill. Dann hoͤrte man wie das Geſchrei eines Kin⸗ des, erſt entſetzlich ſchneidend, dann convulſiviſch, wie von einem Sterbenden. Der wunderliche feierliche Geſang wurde immer lauter, und Atar⸗Gull lief immer ſchneller nach dem rothlichen Scheine, der einen Theil der Rieſenbaͤume des Waldes purpurn faͤrbte, indeß die andern ge⸗ gen den erleuchteten Grund ſchwarz abſtachen. Der Neger kam endlich an den Ort, gab ſich durch ein geheimes Zeichen zu erkennen, welches darin beſtand, in ſeine beiden Zeigefinger zu bei⸗ —,— ßen und den kleinen Finger beider Haͤnde auf den Augenwinkel zu legen. Er ſetzte ſich auf ſeinen Platz, blickte umher, und wartete, bis die Reihe an ihn kam. Auf einem großen kahlen Flecke im Walde waren eine Menge Neger verſammelt, alle nieder⸗ gekauert, die Arme kreuzweis uͤbereinander gelegt, die Blicke begierig auf drei Schwarze geheftet, welche ein ehernes Gefäß umgaben, das auf glü⸗ henden Kohlen ſtand. Daneben, auf der Spitze eines langen Rohres, ſteckte ein friſcher, blutender Kopf. „— Es war der Kopf von Cham's Sohn, deſſel⸗ ben Sklaven, den Atar-Gull in der Gunſt des Pflanzers zu jener Zeit erſetzt hatte, als er uͤber den Verluſt ſeines Kindes ſeine Pflichten ſo ver⸗ nachlaͤſſigte. Der uͤbrige Koͤrper des kleinen Negers kochte in dem Keſſel. Denn außer zwei weißen Perlhuͤhnern, fuͤnf maͤnnlichen Schlangenkoͤpfen, drei Palmenwuͤrmern, einer ſchwarzen Holztaube, einer großen Menge Giftpflanzen war es, damit der Zauber vollſtän⸗ dig ſei, noch noͤthig, ſich ein Kind von fuͤnf Jahren zu verſchaffen, aber gerade von fuͤnf Jah⸗ ren, nicht mehr, nicht weniger. Daher hatten ſich die Giftmiſcher des armen Kleinen bemaͤchtigt, als er ſich eines Tages bei Sonnenuntergang an den oͤden Ufern des Salé verirrt hatte, indem er ſchoͤnen blauen Papagayen nachlief. Die drei Schwarzen hatten ihr Werk beendet; ſie zogen den Keſſel vom Feuer, und ſtellten ſich auf Felsbloͤcke. Atar⸗Gull trat vor. »Was willſt du, mein Sohn 6 redete ihn einer der drei Neger an, deſſen Stirn mit weißem krauſem Haar faſt ganz bedeckt war. „Tod und Verderben uͤber die Pflanzung der Nelſonbucht; Tod dem Vieh, Verderben der Ernte und den Gebaͤuden l« —— Aber man ſagt, daß der Pflanzer Wil menſch⸗ lich mit ſeinen Schwarzen umgeht; bedenke, mein Sohn, daß die Giftmiſcher gerecht in ihrer Rache ſind—4 Atar⸗Gull, der dieſe Entgegnung, die jene rohe Rechtlichkeit eingab, welche zu allen Zeiten, von den Chriſten an bis zu den Carbonaris, den furchtbaren Vereinigungen der Schwachen gegen die Starken eigen war, vorausgeſehen hatte, antwortete: „Daher, mein Vater, fordere ich nicht den Tod der Menſchen. Der Herr iſt ein guter Mann, unſere Huͤtten ſind reinlich und geſund, die Fruͤchte unſerer Gaͤrten ſind unſer Eigenthum, und nie nimmt man vor dem zwoͤlften Jahre unſeren Frauen die Kinder weg. Stockfiſche und Maniok werden uns reichlich ausgetheilt, und es iſt eine Luſt, uns jeden Sonntag am Ufer des Meeres laufen und ſpringen und ins Waſſer tauchen zu ſehen, um die Muͤnzen zu apportiren, die unſer Herr hineinwirft.« „Was die Peitſche des Aufſehers anbetrifft,« ſagte Atar-Gull mit ſeinem gewohnten Laͤcheln, „mit der ſpielen unſere Kinder, wenn ſie Schild⸗ kroͤten am Ufer auf dem Sande umdrehen wollen, und zwanzig von uns haben ihre Freilaſſung aus⸗ geſchlagen, um bei dieſem guten Herrn bleiben zu koͤnnen.« „Was willſt du alſo 4 rief ungeduldig der alte Neger. „———— —„ ———————— „— —„ »„Du wirſt mich gleich verſtehen, wurdiger Vater; der Pflanzer Wil iſt reich, und will bald, wie es heißt, nach Europa zuruͤckkehren; dann wird vielleicht ſeine Pflanzung von einem boͤſen Weißen gekauft, welcher neue Riemen an die Henkerspeitſchen machen laͤßt; deshalb ſchicken die Schwarzen der Nelſonbucht mich zu dir, dich zu bitten, unſerm guten Herrn ſeine Ernte und ſein Vieh zu verderben, damit der gute Herr, zu Grunde gerichtet, nicht im Stande ſei, die Inſel zu verlaſſen und wir ihn noch lange behalten, die⸗ ſen geliebten Herrn.« In dieſer Foderung lag eine logiſche Conſe⸗ quenz; Atar⸗Gull ſpielte ſeine Rolle klug, denn es war moͤglich, daß ſelbſt mitten unter den hef⸗ tigſten Feinden der Weißen ſich ein Spion oder Vrrraͤther verberge. Indem er auf dieſe Weiſe die ſchreckliche und gewiſſe Rache der Giftmiſcher auf ſeinen Herrn leitete, hielt er ſich doch einen Weg zur Vertheidigung offen, und konnte in ſei⸗ ner wilden und egoiſtiſchen Anhaͤnglichkeit eine Entſchuldigung finden, die fuͤrwahr um ſo großer ſchien, je ſeltſamer das von ihm vorgeſchlagene Mittel war; deshalb unterließ er es auch, von ſeines Vaters Ermordung zu reden; man hätte ſonſt eine perſoͤnliche Rache in ſeiner Bitte ent⸗ decken koͤnnen. Da ſchrie der alte Neger auf eigne Weiſe laut auf, und ſeine zwei Gefaͤhrten ahmten dieſes Ge⸗ ſchrei mit Andacht nach. Nichts,« ſagte er, viſt ſeltner, als ein guter Weißer, als ein guter Herr, und damit unſere Bruͤder nicht bei des Pflanzers Wil Abreiſe die⸗ ſen rechtſchaffenen Herrn durch einen grauſamen erſetzt ſehen, willigen wir ein, Tod und Verder⸗ ben uͤber ſeine Pflanzung wie uͤber ſein Vieh zu ſchicken, damit er verhindert werde, die Colonie zu verlaſſen; die Guten ſind ſo ſelten, daß man ſie um jeden Preis erhalten muß.4 Hierauf ließ er Atar⸗Gull niederknien, und fragte ihn:»Schwoͤrſt du bei dem Monde, der uns beleuchtet, bei dem Schooße deiner Mutter und den Augen deines Vaters, Stillſchweigen zu bewahren uͤber Das, was du ſahſt 24 vIch ſchwoͤre es.« Weißt du, daß du bei dem geringſten Ver⸗ rathe unter dem Meſſer der Soͤhne der Wolfs⸗ gebirge faͤllſt 4 vIch weiß es.« WVerbindeſt du dich eidlich, dem Haſſe deiner Bruͤder zu dienen, ſelbſt Frau und Kinder zu opfern, wenn es ſein muß, um an einem unge⸗ rechten und grauſamen Pflanzer Rache auszu⸗ uͤben 24 vIch ſchwoͤre es.« „So geh! Dir ſoll Gerechtigkeit werden.« Darauf ging einer der beiden Neger, die neben — 19— dem Aiten ſtanden, mehre Buͤndel Giftpflanzen zu holen, deren Wirkung ſicher und ſchnell war. Er tauchte ſie in den Keſſel, zog ſie ſogleich wieder heraus, uͤbergab ſie Atar⸗Gull und erklaͤrte ihre Eigenſchaften.. Dann tauchte er ein Rohr in den Keſſel, be⸗ ruͤhrte ihn damit an Augen, Stirne und Bruſt, und ſagte: Mit Huͤlfe dieſes Zaubers iſt die Wirkung deiner Gifte geſichert— leb wohl, Sohn— Ge⸗ rechtigkeit und Kraft— wir ſtehen dir bei; der gute Herr wird zu Grunde gerichtet« Gerechtigkeit und Kraft,« riefen die Neger im Chore aus. Das ausgebrannte Feuer warf nur noch einen matten unſichern Schein; die Neger gingen aus⸗ einander, indem ſie ſich auf ſiebzehn Tage, von da ab gerechnet, wieder zu treffen verſprachen, und Atar⸗Gull machte ſich auf den Weg zur Pflan⸗ zung ſeines lieben Herrn. Endlich naht die Rache,« brullte der Schwarze wie ein Schakal; vzuerſt vernichte ich deinen Reich⸗ thum, damit du hier bleibſt, hier, damit ich deine Thraͤnen einzeln fallen und das Elend uͤber dich kommen ſehe; deine Schwarzen ſollen ſterben, dein Vieh ſoll verderben; deine Gebaͤude ſollen in Aſche ſinken, und du ſollſt endlich auf den Punkt von Ungluͤck gelangen, dir nichts uͤbrig bleibt, als ich allein, ein treuer, ergebener Diener, und dann— 4 Hier ſtieß Atar⸗Gull einen hoͤlliſchen Freuden⸗ ſchrei aus. Die Sonne verkuͤndigte ſich ſchon durch einen hellen Schein, als der Neger bei dem Hauſe des Pflanzers anlangte. Zwanzigſtes Kapitel. Der Hochzeitsmorgen. Ich vergaß, die Verwirrung meiner Seele zu verbergen; Er ſah es, und ſeine Augen, voll ſanften Feuers Regten ihr zu meinem Lohne zärtlich an, Und mein Herz verlor ſich in dieſem Zauber. Du ſelbſt ſah'ſt lächelnd meine Marter Mit Mutterblick, doch auch mit einem Blicke der Mitſchuldigen. Delphine Gay.— Poetiſche Verſuche. Als Atar⸗Gull den letzten Abhang des Ber⸗ ges erreichte, war die Sonne ſchon aufgegangen, und die Felſen des Gebirges warfen ihre gewal⸗ tigen Schatten weit hin. Wie er durch eine Art von Bucht ſchreiten wollte, gebildet von einigen maͤchtigen Granitbloͤ⸗ cken, die einen kleinen gruͤnen Platz umgaben, und durch die ein kleiner Bach floß, ſich im hohen Graſe verlierend, hoͤrte er das ſchneidende Ziſchen einer Schlange, und blieb ſtehen. Ein dumpfes, anhaltendes Rauſchen bewog ihn faſt zugleich, empor zu blicken, und er ſah ei⸗ nen Secretaris“), der die Schlange mit ſeinen Fluͤgelſchlagen umkreiſete, und ſich ihr allmaͤlig immer mehr und mehr naͤherte. Die Schlange fuhlte die Ungleichheit ihrer Kräfte mit denen des Vogels, und wandte die ihr eigne Klugheit und ruhige Gelenkigkeit an, zu entfliehen, und in ihr nahes Loch zu ſchluͤpfen. Aber der Raubvogel errieth ihre Abſicht, ſchoß mit einem Male herunter, warf ſich ihr mit ei⸗ nem Sprunge in den Weg und hielt ſie auf, in⸗ dem er ihr einen ſeiner großen Fluͤgel mit dem knochenartigen Auswuchſe entgegenſtreckte, deſſen er ſich ſowohl als Keule wie als Schild bedient. Da richtete die Schlage ſich wuͤthend in die Hohe, die bunten lebhaften Farben ihrer Haut glaͤnzten in der Sonne wie Gold- und Azurringe — Wuth und Gift blieſen ihren Kopf auf, ihre Augen roͤtheten ſich, und ſie ſperrte den drohen⸗ den Rachen laut ziſchend auf. Der Secretaris ſtreckte einen ſeiner Flügel aus, naͤherte ſich von der Seite ſeiner Feindin, welche nach ihm ſchielend, ihren Leib links und rechts *) Eine Art Seeadler. —— ſchwenkte, den Angriffsbewegungen des Vogels folgend. Dieſer ſprang auf ſie zu— da buckte die Schlange ſich plotzlich, indem ſie ihn zu um⸗ winden und zu beißen verſuchte. Aber der Secretaris gab ihren ſpitzen Zaͤhnen das knoͤcherne Ende ſeines Fluͤgels Preis, faßte ſie mit den Klauen, und ſpaltete ihr den Kopf mit einem furchtbaren Hiebe ſeines Schnabels. Die Schlange bewegte heftig den Schwanz und ſchlug damit den Boden— ſie rollte ſich— wand ſich — blieb endlich ohne Bewegung liegen und ſtarb. Da erneuerte der Vogel ſeinen Angriff, und zerhackte ſeiner Beute mit Wuth den Kopf, als ein Schuß ihn zu Boden ſtreckte. Atar⸗Gull erbebte, wendete ſich um, und ſah Theoderich auf einem Felſen uͤber ſich, ſeine Flinte in der Hand. He! Atar⸗Gull, 4 ſagte der junge Mann, von der Spitze des Felſens herabkommend, das war gut getroffen? Was ſagſt du dazu?4. Gut geſchoſſen, ſehr gut getroffen, aber ſchade, die Secretaris befreien uns von dieſen gefaͤhrlichen Schlangen— ſeht nur dieſe hier— 6 und der Schwarze zeigte das todte Thier hin, es beim Schwanze haltend, das wohl ſieben bis acht Fuß lang war und vier Zoll im Durchmeſſer hatte. »Alle Teufel! das thut mir leid, denn es wimmelt hier von dem abſcheulichen Gewuͤrm; —— ich gaͤbe wahrhaftig tauſend Gurden darum, wenn es kein einziges mehr auf der Inſel gäbe.« „Ihr habt recht, Herr; ſie ſtechen das Vieh oft tödtlich.« „Ja, Atar⸗Gull, und dann auch, weil meine Jenny ſich noch immer ſo ſehr vor dieſen Thieren fürchtet; jetzt zwar weniger als fruͤher, wo ſchon der Name hinreichte, das arme Kind vor Schre⸗ cken blaß zu machen. Ihre Eltern und ich, wir verſuchten ſchon auf alle moͤgliche Weiſe, ſie von dieſer Furcht zu heilen; wie oft legten wir ihr todte und ausgeſtopfte Schlangen auf den Weg. Das bewirkte doch ſo viel, daß ſie jetzt anfaͤngt, ſich weniger zu fuͤrchten— 4 Das iſt das einzige Mittel, Herr,« ſagte Atar⸗Gull; vſo gewoͤhnen wir in unſern Kraals unſern Frauen und Kindern die Furcht ab; doch mir fällt ein— hier dieſe— wenn Ihr ſie dazu braucht,« fuhr er fort, indem ſeine Augen einen eignen Ausdruck annahmen—»„doch muß man ihr zuvor den Kopf abſchneiden, wenn ſie auch todt iſt, kann man nicht Vorſicht genug anwen⸗ den— 4 „Braver Menſch le ſagte Theoderich. Dann half er dem Schwarzen bei der Arbeit, damit ſein unſchuldiger Scherz ohne alle Gefahr ſei; der Kopf fiel zu Boden. Gut,« dachte Atar⸗Gull bei ſich, es iſt ein Weibchen. —— vKomm,« ſagte Theoderich, vmach ſchnell, da⸗ mit wir nach Hauſe kommen, ehe man uns ſieht; trag die Schlange, Atar-Gull, und folge mir— 4 Die Wohnung war ganz nahe; Theodorich ging voran und der Schwarze, der die Schlange beim Schwanze hielt, ſchleifte ſie uͤber das Gras, welches ſich beugte und unter der Laſt des Leich⸗ nams eine blutige Furche bildete. Sie kamen bei dem Hauſe an. Es hatte, wie die Wohnungen aller Pflanzer, nur ein Erdgeſchoß und ein Stockwerk. In dem Erdgeſchoſſe waren die Schlafzimmer von Herr und Frau Wil und ihrer Tochter Jenny. Ein doppelter Sommerladen und eine Jalouſie ſchuͤtzten gegen die verſengende Hitze des tropiſchen Himmels. Theoderich ſchlich auf den Zehen herbei, hob einen Fluͤgel der Jalouſien auf und fand die La⸗ den nur angelehnt. Jenny war nicht im Zimmer, ſie betete wahr⸗ ſcheinlich mit ihrer Mutter. Da ſchob Theoderich die Laden zuruͤck, ſetzte ſich auf die Fenſterbank, nahm die Schlange aus Atar⸗Gull's Haͤnden, welcher als letzte Vorſichts⸗ maßregel noch den Hals derſelben auf den großen Steinplatten vor dem Fenſter zertrat. Dann verſteckte Theoderich die Schlange, deren lebhafte Farben durch den Tod ſchon verblichen waren, unter einem kleinen Tiſche, ließ den Fen⸗ ſtervorhang herab, machte die Jalouſie und die Laden wieder zu und ſchlich fort. Als er ſich zu Atar⸗Gull wandte, der alle ſeine Bewegungen mit großer Aufmerkſamkeit beob⸗ achtete— wurde er heftig beim Arme gefaßt— „Aha! ertappe ich dich, ſchlauer Fuchs,« ſagte eine tiefe Stimme mit lautem Gelaͤchter, es war die des Pflanzers— MNicht ſo laut, Herr Wil, nicht ſo laut,« ſagte Theoderich,„Jenny koͤnnte es horen— „Nun— verliebter Narr, wenn auch?6 vSie ſoll aber nicht; ich habe einen unſerer alten Späße bereitet, ſie von ihrer ungluͤcklichen Furcht zu heilen.« „Ah!— eine Schlange; nun das iſt ein Hauptſpaß! Wie worden wir ſie auslachen. Es iſt aber doch keine Gefahr mehr zu fuͤrchten?« „Der Kopf iſt abgeſchnitten, der Hals zertreten, Vater Wil.« „So bin ich ruhig, mein Sohn.— Komm, wir wollen uns hinter die Stubenthuͤr verſtecken, und ſie feſt zuhalten, da werden wir das Geſchrei der Meluſine hoͤren,« antwortete der gutmuͤthige Vater, der ſich recht leiſe zu ſchleichen bemuͤhte, um ohne Geraͤuſch die Galerie zu erreichen, an welche die Stube ſeiner Tochter ſtieß. Die andere Thuͤr fuͤhrte in das Zimmer der Mutter— — Und den Athem anhaltend, den Griff der Thuͤr feſt druͤckend, wechſelten ſie frohliche Blicke und horchten. Atar⸗Gull, der an ſeine Arbeit ging, laͤchelte mehr als gewoͤhnlich. Jennys Zimmer war ein ungemein reizender Aufenthalt! Man ſah, daß die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit es ausgeſchmuͤckt hatte.— Die Liebe, die an An⸗ betung grenzte, welche dieſe ſchone ſanfte Tochter ihren beiden Eltern einfloͤßte, war ſelbſt in der kleinſten Anordnung ſichtbarz die ausgeſuchte Zier⸗ lichkeit dieſes Aufenthalts machte ihn zur Woh⸗ nung eines echten Schooskindes. Nach Landesſitte waren die Waͤnde ſtatt der Tapeten mit Gips uͤberzogen, der ſo glatt, ſo glaͤnzend polirt war, daß man ihn fuͤr den ſchon⸗ ſten pariſchen Marmor haͤtte halten koͤnnen. Im Hintergrunde ſtand, mit durchſichtigem Flor umhangen, das jungfräuliche, weiße, auf vier zierlich gearbeiteten Kupferſaͤulen ruhende Bett von Citronenholz. Ringsherum waren Blumenkaſten von Ma⸗ hagoni aufgeſtellt, welche auf Bronzefuͤßen ruhten, und in denen eine Menge jener ſchoͤnen geruchlo⸗ ſen Camelien bluͤhten, die man ohne Schaden die Nacht uͤber im Zimmer erhalten kann. Die niedlichen Stuͤhle endlich, deren Sitze aus koſtbarem Baſt geflochten waren, ſtanden auf einer — feinen Schilfmatte, die durch ihre bunten, leb⸗ haften, glaͤnzenden Farben einem Blumenbeete glich. Nur ſchwach und unſicher drang der Tag durch die ſeidenen Vorhaͤnge, Jalouſien und angelehnten Fenſterladen— das Fenſter war der großen Hitze wegen halb geoͤffnet. Es herrſchte in dieſem niedlichen Gemache ein ſußer, ſanfter Duft, der Hauch eines Maͤdchens, ein Anblick der Unſchuld, der die Seele entzuͤckte. Das kleine Bette, ſo friſch, ſo weiß; die Waͤnde ſo glatt; die ſtrahlenden Blumen; das angenehme Helldunkel, die ſchweigende Harfe, die Feſtkleider hier und da umherliegend, der Spiegel, und das heilige Kreuz, die Bänder, der einfache Schmuck, mit einem Worte, alle dieſe unbedeu⸗ tenden Dinge, ſo unſchaͤtzbar fuͤr ein junges Maͤd⸗ chen, alle waren Zeugen von gluͤcklichen Tagen voll Unſchuld und Liebe. Die Thuͤre oͤffnete ſich und Jenny trat herein. Die Mutter, die ſie begleitete, hatte zaͤrtlich den Arm um den ſchlanken Leib ihrer Tochter geſchlun⸗ gen, die im Gehen ihr Koͤpfchen auf den muͤtter⸗ lichen Buſen ſenkte. „Komm, mein Kind,« ſagte Frau Wil, vlege dich wieder nieder, wir haben unſer Gebet verrich⸗ tet und es iſt noch früh— man ſieht es dei⸗ nen Augen an, du haſt dieſe Nacht wenig ge⸗ ruht.« Atar⸗Gull. III. 8 Sie ließ ihre Tochter auf das Bette nieder⸗ ſitzen, und ſetzte ſich neben ſie. »Ja, Mama, ich geſtehe es, ich habe dieſe Nacht wenig geſchlafen; denn ſieh, das Gluͤck ſtört den Schlaf— ich liebe ihn ſo ſehr— er iſt ſo gut gegen dich und gegen meinen Vater— mein Theoderich,« ſagte das junge Maͤdchen mit ihrer reinen Silberſtimme, indem ſie das graue Haar ihrer Mutter küßte, welches ſie laͤchelnd mit ihren dichten blonden Locken vermiſchte. „Laß doch, Jenny, du verdirbſt mir meinen Kopfputz—6 „Sieh, Mama, ich wollte, ich haͤtte dein Haar und du das meine 4 »O die Naͤrrin!— warte, du ſollſt es ent⸗ gelten—4 ſagte die zärtliche Mutter, indem ſie Jenny auf die weiße, halb entbloͤßte Schulter einen leiſen Schlag gab. 6 0 »Ganz im Ernſt, Mama, dann waͤrſt du jung und ich ware alt, und ſo ſturbe ich vor dir—6 Sie ſchlang liebkoſend ihre beiden Arme um die Mutter, die ihren Kopf abwandte, damit die Tochter die Thraͤnen der Ruͤhrung nicht gewahr wuͤrde. S „Wie, Mama— du weinſt— mein Gott, mein Gott, ich habe dir weh gethan l— 2 Jenny hielt mit flehendem Blicke die Haͤnde hin. 2 Geliebtes, theures Kind— fluͤſterte die Mutter, ihre Tochter mit jenen muͤtterlichen Kuͤſ⸗ ſen bedeckend, die man gern mit Jahren von Lei⸗ den erkaufte, wenn man keine Mutter mehr hat! Nach dieſem ruͤhrenden Auftritte zog Frau Wil ſich zuruͤck, und bat ihre Tochter, noch et⸗ was zu ſchlummern. vIch ſchlafe ſchon, Mama« antwortete ſie, indem ſie ſich auf das Bette warf, und ſchnell ihre ſchoͤnen Augen ſchloß, obgleich ein ſchalkhaftes Laͤcheln ſie Luͤgen ſtrafte. und die Thuͤr zu der Stube ihrer Mutter ſchloß ſich.— Dann öfue Zenn tangſam erſt ein Auge, dann das andere, richtete ihren ſchoͤnen Kopf auf — den ganzen Körper— horchte— mit großen weit geoffneten Augen, wie eine junge Huͤndin im Hinterhalte, und da ſie nichts ſich regen hoͤrte, war ſie mit einem Sprunge von dem Bette vor einem kleinen Toilettentiſch mit Spiegel. Da zog ſie Baͤnder hervor, Blumen, Flor, und indem ſie mit halber Stimme das Lied ſang, welches Theoderich ſie gelehrt hatte, verſuchte ſie, ſich ſo zu putzen, wie es ihm gefiel. „Laß ſehen,« ſagte ſie, vheute muß ich mich putzen; aber morgen— ja! morgen— ſchoͤner Tag— ich Gluͤckliche— und doch ſchlägt mein Herz ſo heftig, wenn ich an Morgen denke, aber nicht aus Furcht— nein— gewiß nicht— O!l mein Theoderich, werde ich ſo ſchoͤn ſein? Sagl« ſ. buͤckte ſie ſich ſo nahe, ſo nahe auf den kleinen Spiegel, um die Blumen und Baͤn⸗ der, die ihrem Geliebten gefallen ſollten, genau zu beſehen, daß der friſche, reine Hauch ihres Mundes die helle Flaͤche des Spiegels truͤbte— Dann fuhr ſie mit ihrem niedlichen weißen Finger uͤber die feuchte Stelle— und ſchrieb traͤumend und laͤchelnd den Namen Theoderich. Ein leichtes Gerauſch, das ſie vom Fenſter her hoͤrte, machte ſie beben— ſie wendete den Kopf raſch dorthin— ihre Wangen faͤrbten ſich rother, weil ſie ihr liebſtes Geheimniß be Doch plötzlich erbleichten ihre Lippen, ſie ſtreckte krampfhaft die Arme aus, verſuchte außzuſtehen — aber vergebens— Sie fiel heftig zitternd auf ihren Stuhl zuruͤck— Das ungluͤckliche Kind hatte den ſcheußlichen, misgeſtalteten Kopf einer Schlange erblickt, welche durch die Laden und Jalouſien gleitend, den Vor⸗ hang aufhob und kriechend hervorkam;— dann verſteckte ſie ſich einen Augenblick in dem vor dem Fenſter angebrachten Blumenkaſten. Dieſes au⸗ genblickliche Verſchwinden ſchien Jenny ihre Kraͤfte und Beſinnung wiederzugeben, ſie ſturzte ſich nach der Thuͤre der Gallerie, klammerte ſich an das Schloß, verſuchte es zu oͤffnen und ſchrie:„Zu —— Huͤlfe! Mutter— liebe Mutter— zu Huͤlfe! — eine Schlange—4 Umſonſt.— Vater, Mutter und Bräutigam hielten die Thuͤre von Außen zu, und ſie hoͤrte ihres Vaters Stimme, der ſcherzend rief: „Ja, ja, ſchreie nur, rufe, und lerne huͤbſch, dich nicht furchten— kleine Närrin— ſie wird dich nicht fteſſen— nimm doch Vernunft an— großer Gott! wie biſt du ſo kindiſch! „Sei vernuͤnftig, meine Jenny,« rief die lic⸗ bende Mutter, vheile dich nun ein fuͤr alle Mal von deiner Furcht—6 Selbſt ihr geliebter Theoderich fuͤgte hinzu vIch bin es, meine Jenny, der Schuld daran iſt; du wirſt mir die Muͤhe mit einem ſußen Kuſſe lohnen! Denn mein Engel, ich that es zu deinem eignen Beſten—6 Sie glaubten alle Drei, daß ſie die todte Schlange fuͤrchte, welche ſie dem armen Kinde hingelegt hatten, um ſie dadurch an den Anblick zu gewoͤhnen. Jenny ſtieß einen graͤßlichen Schrei aus und fiel an der Thuͤre zu Boden. Die Schlange war uͤber den Rand des Ka⸗ ſtens gekrochen und waͤhrend ihr Schwanz ſich noch mitten zwiſchen den Blumen bewegte, gei⸗ ferte ihr halb geoffneter Rachen Schaum uͤber Jenny— Sie kroch näher— ſah ihr Weibchen todt— zertreten unter dem kleinen Tiſche liegen und ließ ein langes, hohles Ziſchen ertönen. Mit unglaublicher Schnelligkeit umſchlang ſie Jennys Beine, Leib und Schultern; das arme Kind war in Ohnmacht gefallen. Der klebrige, kalte Koͤrper der Schlange legte ſich um den Bu⸗ ſen des jungen Mädchens, und biß es in die Bruſt. Durch den Schmerz dieſer tödtlichen Wunde wurde die Ungluͤckliche wieder in's Leben zuruͤck⸗ gerufen; ſie oͤffnete die Augen, und ſah nichts als den grauen Kopf der blutigen Schlange und ihre vor Wuth flammenden Augen. vMutter, liebe Mutter—4 rief ſie mit er⸗ ſtickter, ſterbender Stimme— Auf dieſen krampfhaften, roͤchelnden Ruf der Sterbenden antwortete Gelaͤchter— 1 Jetzt konnte man Atar⸗Gull's ſcheußliches Ge⸗ ſicht ſehen, der ſo, wie vorhin die Schlange, eine Ecke des Vorhangs aufhob. Er lachte, der Schwarze!!! Jenny rief nicht mehr— ſie war todt.— »Wir wollen aufmachen, denn die allzu große Angſt kann ihr gefaͤhrlich werden,« ſagte der gut⸗ muͤthige Wil, den Bitten ſeiner Frau und Theo⸗ derichs nachgebend. Er wollte oͤffnen— Aber der Leichnam ſeiner Tochter hinderte ihn daran— Er gab einen kraͤftigen Stoß und fuͤhlte ſich ohnmaͤchtig, als er in das Zimmer ſtuͤrzte, ſeine Frau und Theoderich in groͤßter Bewegung hinter ihm— Sie ſahen ihr Kind am Boden— todt— Wie ſie hereintraten, entſchlupfte die Schlange durch das Fenſter— N. B. Ich will hier dieſe geſchichtlich wahre Begebenheit und Atar⸗Gull's Antheil daran er⸗ laͤutern. Es waren ihm, wie allen Negern, die Ge⸗ wohnheiten der Thiere der Gegend bekannt; als er Theoderich vorſchlug, die todte Schlange in Jennys Zimmer zu tragen, ging ihm ein Strahl der Hoffnung auf. Er wußte, daß dieſe Thiere ſich immer zu Paaren halten, und wenn das Maͤnnchen in ſein Loch zuruͤckkͤmmt und ſein Weibchen nicht wiederfindet— es daſſelbe ſuchen und vielleicht ſeine Spur verfolgen werde. Daher nahm er, wie geſagt, ſorgfältig das Weibchen bei dem Schwanze, damit der blutige, zertretene Theil, den er auf dem Boden ſchleifte, die Spur des Männchens leite— So geſchah es— Die Schlange kam in ihr Loch zuruͤck, und da ſie das Weibchen nicht fand, verfolgte ſie die Spur, langte am Fuße des Fenſters im Erdgeſchoſſe an, wo der Neger mit teufliſcher Vorſicht noch einen Theil des Koͤrpers zertreten hatte, klimmte hinan, hob die Gardine auf, kroch in die Stube, er⸗ wuͤrgte Jenny und eilte wieder nach ihrer Hoͤhle. — 5— Atar⸗Gull hatte richtig gerechnet, der Haß irrt ſich ſelten. Einundzwanzigſtes Capitel. Die Abreiſe. Ha! der Schmerz darüber, raubt mir das Leben. Scribe. Etwa zwanzig Tage nach Jennys Hinſcheiden ſchoß die untergehende Sonne ihre ſchraͤgen Strah⸗ len in Frau Wil's Schlafzimmer, das kleine Ge⸗ mach hell erleuchtend und vergoldend. Im Hin⸗ tergrunde lag eine Frau in einem ſorgfaͤltig ver⸗ haͤngten Bette, und ein Greis in Trauerkleidern ſtuͤtzte das Haupt der Kranken. Ein Neger ver⸗ ſcheuchte mit einem großen Fächer die Inſekten, die Frau Wil haͤtten laͤſtig werden koͤnnen, denn ſie war es, welche der tiefe Gram auf das Kran⸗ kenlager geworfen hatte. Sie oͤffnete die Augen— ihr erſter Blick fiel auf ihren Gatten, der ſie aufmerkſam und be⸗ ſorgt betrachtete.. vIch fühle mich beſſer, obgleich ſehr matt, mein Freund—4 ſagte ſie mit leiſer, hohler Stimme; Muth læ — 56— Statt der Antwort nickte der Pflanzer bei⸗ ſtimmend und druͤckte die zitternde Hand ſeiner Frau. Den ungluͤcklichen hatte der Anblick der Leiche ſeiner Tochter ſo heftig erſchuͤttert, daß er keinen Laut hervorbringen konnte; ſeine Zunge war vom Schlage gelaͤhmt; er blieb ſeitdem ſtumm⸗ Frau Wil verſtand ſeinen Blick und verſetzte: „Muth, weshalb?— großer Gott, der Tod ſchreckt mich nicht mehr— im Gegentheil, ich wuͤnſche ihn herbei— denn ich werde ſie dann we⸗ nigſtens bald wiederſehen— meine Jenny—4 Die arme Mutter ſprach den Namen mit ei⸗ nem durchdringenden Schrei aus, der ihre letzten Kraͤfte zu erſchoͤpfen ſchien. Herr Wil, dem der weinende Atar⸗Gull bei⸗ ſtand, brachte ſie mit Huͤlfe des Riechflaͤſchchens wieder zu ſich. WVerzeih mir, guter Wil, ich hatte dir ver⸗ ſprochen, den Namen unſerer armen Tochter nicht mehr zu nennen; ich weiß, wie wehe ich dir und dem treuen Diener thue, ich meine unſern theuern Freund, Wil, denn ſolche Dienſte kann nur ein Freund leiſten: einundzwanzig Tage ohne Schlaf, unermuͤdet, ohne die Gefahr in Anſchlag zu brin⸗ gen, der er ſich ausſetzte, um Theoderich aufzuſu⸗ chen.— Wie iſt es mit deiner Wunde, Atar⸗ Gull, wird ſie beſſer?4 fragte Frau Wil mit ſchwacher Stimme. —— „Gut, ſehr gut, meine beſte Herrin— ſprecht nur nicht— es greift Euch an—4 vUnd wenn ich bedenke,« murmelte ſie, daß Theoderich ſeit jenem ungluͤcklichen Tage, wo er aus der Stube ſturzte, die graͤßliche Schlange zu verfolgen, verſchwunden iſt—« Der Pflanzer betete, ſein Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckend, knieend am Bette ſeiner gelieb⸗ ten Frau. Er wurde durch das Schreien des Schwarzen aus ſeiner Andacht erweckt. 2 err— Herr— die Frau— ſie ſtirbt.« Die Schwaͤche der beklagenswerthen Mutter nahm in der That ſichtbar zuz alle innere Kraft dieſer zaͤrtlichen, liebenden Seele war durch den Verluſt ihrer Tochter gebrochen. Ihr letzter Au⸗ genblick nahte— ſie machte ein Zeichen, daß ſie zu reden wuͤnſche— der Pflanzer und der Neger knieten neben ihr nieder und horten ihr ſtill zu. »Lieber Mann, 4 ſagte ſie mit erloſchener, ſterbender Stimme, verlaß die Inſel— der un⸗ geheuere Verluſt, den du durch den Tod faſt aller deiner Heerden und eines betraͤchtlichen Theiles dei⸗ ner Sklaven erlitten haſt, macht deine Abreiſe nothwendig— denke nicht, dein Vermoͤgen hier wiederzuerlangen; zu viele Erinnerungen braͤchten dich hier ums Leben— mache das Wenige, was noch von unſerer Habe uͤbrig bleibt, zu Gelde— geh fort— nimm Atar⸗Gull mit dir— er iſt —— ein treuer Freund— geh nach Europa— lieber Mann— es iſt die letzte Bitte einer Sterbenden — gewaͤhre ſie mir— ſchwöre, verſprich es mir — im Namen meiner Jenny—6 Sie hatte hoͤchſtens noch eine Minute zu leben. Der Pflanzer preßte ſeine Lippen auf die ſchon eiskalte Hand ſeiner Frau, und weinte bitterlich. Auf eine Bewegung, welche Frau Wil machte, nahte ſich ihr Atar⸗Gull, das Kopfkiſſen zu er⸗ hoͤhen. Er kniete wieder nieder, ihren zuruͤckſinkenden Körper zu unterſtuͤtzen, indem er laut ausrief; varme gute Herrin— gute Herrin—4 Indem er aber die Sterbende anblickte, konnte er einen graͤßlichen Ausdruck der Freude nicht ver⸗ bergen, und plötzlich ſchien Frau Wil, entſetzt, wie durch einen wunderbaren Inſtinkt geleitet, die graͤßliche Heuchelei, welche ſich ſo eben ſelbſt ver⸗ rieth, zu durchſchauen. Wie durch einen Blitzſtrahl hatte ſich Atar⸗ Gull's ſcheußliches Geheimniß ihrem Sinne ent⸗ faltet. Die ungluckliche Frau riß die Augen voll Entſetzen auf, richtete ſich in die Hoͤhe und ſchrie mit erſtickter Simme, ihre Arme ausſtreckend, mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke: Wil— Wil— Atar⸗Gull— nicht— Jenny«— ihre — 35— Kräfte verließen ſie, ſie war nicht im Stande, zu enden. Herr Wil, welcher glaubte, ſie wolle ihm Atar⸗ Gull nochmals empfehlen, gab durch ein Zeichen ſeine Zuſtimmung zu erkennen. Vater, mein Vater,« ſagte Atar⸗Gull leiſe, die Opfer ſollen dir dort oben nicht mangeln; die Rache beginnt.« Man entfernte Herrn Wil mit Gewalt aus dem Schlafgemach ſeiner Frau. Atar-Gull be⸗ handelte ihn, wie fruher Frau Wil; er ſorgte mit ſo vielem Eifer fuͤr ihn, und zeigte ſo viele Selbſt⸗ verleugnung, daß der Gouverneur, um ihm ein beſonderes Zeichen ſeiner ehrenden Anerkennung zu geben, eigenhaͤndig auf den von dem Pflanzer geforderten Freibrief das ſchmeichelhafteſte Lob uͤber ſeine Treue und tugendhafte Anhaͤnglichkeit an ſeine Herrſchaft ſchrieb. Endlich, zwei Monate nach dem Tode ſeiner Frau, machte Herr Wil das Wenige, was er noch beſaß, zu Gelde, bezahlte ſeine Schulden, und ſchiffte ſich mit ſeinem treuen Schwarzen auf der Fregatte, der Cambrian, die nach England zuruͤckging, nach Portsmouth ein. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 8uſammentreffen⸗ Eine Wohlthat geht nie verloren. Volksſprichwort. „Nun, nun, zum Henker, nur nicht ganz den Muth ſinken laſſen, Herr Wil,« ſagte der Doctor zu dem tief gebeugten Pflanzer; vermannen Sie ſich, das Ungluͤck, wie graͤßlich auch, iſt nun ein⸗ mal geſchehen und nicht mehr zu aͤndern. Sein Sie alſo vernuͤnftig; in weniger als vier Wochen ſind wir, wenn's gut geht, in Portsmouth; ſeit den fuͤnf Tagen, daß wir Jamaika verlaſſen ha⸗ ben, iſt das Wetter uns immer guͤnſtig geweſen; wir kommen nun in die Paſſatwinde, und ein ſo herrliches Wetter, ein ſchoͤner Himmel und ein ſpie⸗ gelglattes Meer, das Allcs macht Hoffnung und Muth— Ihre Unpäßlichkeit wird nicht immer dauern, Sie bekommen Ihre Sprache gewiß wie⸗ der— Sie haben ſie durch eine heftige Gemuͤths⸗ bewegung verloren, dagegen giebt es Mittel.« So ſprach der gute heitere Arzt des Cambrian, indem er Herrn Wil zum Beweiſe fuͤr ſeine Be⸗ hauptung darauf aufmerkſam machte, wie raſch die Fregatte die Fluthen durchſchnitt. Sie ſaßen, wie Reiſende oft bei ſchoͤnem Wetter zu thun pfle⸗ gen, am Hackbord und vertrieben ſich die Zeit, indem ſie ins Waſſer ſahen. Der Pflanzer reichte dem Arzte die Hand mit dankbarem Blicke, ſchuͤttelte traurig den Kopf, auf den Himmel zeigend, indem er bei dem Andenken ſeiner Frau und Tochter die Augen trocknete. Der Doctor fing von Neuem ſeine verbrauch⸗ ten Troſtreden an, als Atar⸗Gull, der eine Thee⸗ kanne trug, auf dem Verdecke erſchien. Hier,« ſagte er ehrerbietig zum Pflanzer, vhier iſt Lindenbluͤthenthee mit Tamarinde, den man Euch verordnet hat.« Herr Wil machte ein Zeichen, daß er keinen Durſt habe. Gleichviel, Herr,« verſetzte der Schwarze, mit dem Ausdrucke des Unmuths, der dem ergebenen Diener ſo wohl ſteht,„gleichviel— es wird Euch gut thun— nicht wahr, Herr Doctor 24 »Ganz gewiß— trinken Sie— trinken Sie, Herr Wil l4 Und der Pflanzer verſchluckte den Trank, dem vereinigten Willen gehorchend; er dankte ſeinem treuen Diener durch Zeichen. vDas ſcheint mir ein ſehr aufmetkſamer Diener zu ſein,« ſagte der Atzt. Der Pflanzer hob ſeine Augen und Hände gen Himmel, als wolle er ſagen: Ein Engel iſt es! „Nun ſage Einer noch Boͤſes von den Negern 4 Der Pflanzer zuckte die Achſeln. Atar⸗Gull kam zuruͤck, und zwar jetzt, um ſeinem Herrn eine volle Tabacksdoſe zu bringen, wenn die ſeinige etwa leer waͤre. Der Pflanzer begegnete mit einem faſt ſtolzen Blicke dem beifaͤlligen des Arztes. „Ha! welche Aufmerkſamkeiten!« ſchien der Eine zu ſagen. „Außerordentlich! bewundernswerth!« entgeg⸗ nete der Andere. Waͤhrend dieſer ſtummen Unterhaltung blickte Atar⸗Gull in die Ferne; er hielt mit der Hand uͤber den Augen die blendenden Sonnenſtrahlen ab, ſah wieder aufmerkſam nach dem Horizont, und ſchrie endlich laut auf: Dort, dort unten, Herr, ein Boot— 4 Der Doctor und der Pflanzer richteten ſich auf, folgten mit den Augen der Richtung, nach welcher der Schwarze wies, ſahen aber nichts. „Du irrſt, mein Junge,« verſetzte der Arzt, vlaß dir aber vom Bootsmann ein Fernglas ge⸗ ben, damit wir uns uͤberzeugen.« Und wirklich rief der Doctor nach kurzem Beobachten: Er hat wahrhaftig recht, Herr Wilz es iſt ein kleines Boot, und wenn ich nicht irte, iſt ein Menſch darin— Bootsmann— meldet es dem wachthabenden Offizier.« —— „Sehen Sie nur, ſagte der Doctor, als Letz⸗ terer kam, Hein verlaſſener Nachen auf offnem Meere; was mag das ſein? 4 »Ohne Zweifel der Reſt einer verungluͤckten Schiffsmannſchaft— ſie haben gewiß Huͤlfe no⸗ thig. Ich will den neuen Commandanten um Erlaubniß fragen.« Der Offizier ſtieg hinab, kam faſt ebenſo ſchnell wieder herauf, und rief dem Steuer⸗ manne zu: „Steure auf jenen ſchwarzen Punkt zu, den du dort unten ſiehſt.— 4 Je mehr ſich die Fregatte dieſem naͤherte, deſto deutlicher unterſchied man den kleinen Nachen, der in uͤblem Zuſtande zu ſein ſchien, da der Menſch, der ſich darin befand, ununterbrochen bemuͤht war, das eindringende Waſſer auszuſchöpfen. Der Cambrian legte einen Piſtolenſchuß ent⸗ fernt bei, und rief ihn auf Engliſch an. Der Mann in dem Nachen gab Zeichen, daß er es nicht verſtehe. „Laßt den Mann kommen, den wir aufgenom⸗ men haben und der als Matroſe bei uns dient,« ſagte der Lieutenant; der ſpricht Spaniſch und Franzoͤſiſch; den wird er vielleicht verſtehe. Der lange Duͤrre kam aufs Verdeck, man fuͤhrte ihn auf das Hinterdeck, und zeigte ihm den Mann in dem Nachen. — Der Ungluͤckliche erblaßte, ſtotterte und fiel zu Boden. Er hatte Brulart erkannt. Auch der gute Wil erkannte ſeinen Negerlie⸗ feranten. Und auch Atar⸗Gull hatte Den erkannt, dem er noch außer dem Pflanzer ſeinen ganzen afrika⸗ niſchen Haß geweiht hatte; doch blieb er, ſeinem Vorſatze getreu, ruhig und kalt. Der gute Wil ſtieg in den großen Saal hinab, ſich wenig um das Wiederſehen kuͤmmernd. Der lange Duͤrre verlangte ſogleich den Lieu⸗ tenant Pleyſton, der Franzoſiſch verſtand, heimlich zu ſprechen; waͤhrend er zu ihm ging, ſtieg Bru⸗ lart mit der gewohnten Leichtigkeit eines geuͤbten Seemannes an Bord. Er trug noch immer die uns bekannte Kleidung, hatte ſein koſtbares Käͤſtchen bei ſich, und wurde augenblicklich von der Mannſchaft des Cambrian neugierig umgeben. Als er aber ſprechen wollte, fuͤhlte er ſich von hinten gepackt. Er fiel fluchend auf das Deck nieder, und war in weniger als zwei Minuten geknebelt und gebunden, wie er es fruͤher dem armen Claudius Boromaͤus Martial gethan hatte. Trotz ſeines Straͤubens brachte man ihn nach dem großen Be⸗ rathungsſaal, wo er den Stab der Fregatte ver⸗ ſammelt fand, um einen Tiſch gereiht, auf deſſen Atar⸗Gull. III. 4 einer Seite der lange Duͤrre ſtand, den er ſogleich erkannte, auf deſſen anderer er Herrn Wil be⸗ merkte, welchem er freundlich zuwinkte. „Man verhoͤre ihn,« ſagte der Commandant, vund Sie, Commiſſair, ſchreiben ſeine Antworten nieder; zum Gluͤck kann der Lieutenant Pleyſton uns als Dolmetſcher dienen.« Der kleine Commiſſair ſchickte ſich zum Schrei⸗ ben an, und fragte drei Mal, ob das Ungeheuer auch recht feſt gebunden ſei. Das Verhoͤr begann— Der Lieutenant. Niedertraͤchtiger Seeraͤuber, erkennſt du hier den Matroſen, den du auf ſo grauſame Weiſe in das Meer werfen ließeſt? Brulart. Das iſt der lange Duͤrre— eines meiner Laͤmmer— Der Lieutenant. Ganz recht; aber was du vielleicht nicht er⸗ kennſt, das iſt dieſe Fregatte, die Jagd auf dich machte, und die du durch deinen hoͤlliſchen Bran⸗ der faſt in den Grund gebohrt haͤtteſt— Brulart(mit Staunen und Zurriedenheit.) Ah!— Bah!— wie! Ihr ſeid es, die ———— —— mein mechaniſches Kunſtſtuͤck koſtetet?— ſo ſo— ſchon gut— Gnit gdämpfter Stimme Ich verſtehe; nun, ſo iſt meine Sache abgemacht er macht die Be⸗ wegung des Hängens mit der Hand). Der Lieutenant. So ziemlich— du geſtehſt alſo— Brulart. Alles.— Geſtaͤnde ich nicht, wuͤrdet Ihr mich doch haͤngen. Der Lieutenant. Wie kam es, daß du allein in dem Boote warſt? Brulart. Meine Mannſchaft war es ſatt, war meiner uͤberdruͤßig, mit einem Worte, ſie empoͤrte ſich⸗ durch die Anſchläge meines Gehuͤlfen, eines ver⸗ fluchten Hundes, der Einaͤugige genannt.— Man knebelte mich, ließ mich in den Nachen hinab, gab mir eine Flinte und Blei mit, und fuͤr zwei Tage Lebensmittel, und ſo ſctzte man mich auf die offne See, ein Scherz, wie ich ihn oft genug machte. Der Lieutenant. Haſt du weiter nichts zu ſagen? 4 Brulart. Weiter nichts, als daß Ihr einen kurzen Pro⸗ zeß machen mögt, denn es iſt ein abſcheulicher Traum. Der Lieutenant. cbei Seite) Das nennt er einen Traum!— So empfiehl deine Seele Gott dem Allmaͤchtigen, denn, mein Junge, vor Sonnenuntergang wirſt du ge⸗ hangen. Brulart. Gut. Der Lieutenant. Fuͤhrt ihn fort in den unterſten Schiffsraum, Ketten an Haͤnden und Fuͤßen— Apropos— was iſt das fuͤr ein kleines Kaͤſtchen?— Teufel! eine Grafenkrone— wohl ein Diebſtahl? Brulart. Cachend) Ein Diebſtahl?— Zum Henker, das iſt mein eignes Wappen, Ihro Gnaden. Der Lieutenant. Ei mein Gott! welch huͤbſches Flaͤſchchen— ſehen Sie doch, Doctor, was es enthält— Der Doctor. Opium— es iſt Opium— —— Der Lieutenant⸗ Wollte er ſich vergiften? Der Doctor. Ol damit haͤtte er ſich höchſtens ſchlaͤfrig ge⸗ macht; zum Vergiften iſt mehr noͤthig, als das. Brulart. Laſſen Sie mir das Kaͤſtchen; es iſt Alles, was ich beſitze. Sie koͤnnen es ſpaͤter doch neh⸗ men; uͤbrigens, unterſuchen Sie es nach allen Seiten; es enthaͤlt keine Waffen: man ſchlaͤgt ei⸗ nem Werurtheilten nichts ab— alſo— Der Lieutenant. Gum Commandanten) Er verlangt, daß man ihm das kleine Kaͤſt⸗ chen laſſe; der Doctor verſichert, es ſei keine Ge⸗ fahr dabei. Der Commandant. So laſſe man es ihm. Der Lieutenant. Da nimm; wohl bekomm es dir— Fuͤhrt ihn fort! Als er fort war, las der Commiſſair die Fra⸗ gen und Antworten ab; man ſtimmte, und der Korſar wurde einſtimmig verurtheilt, bei Sonnen⸗ untergang an der großen Raa des Cambrian ge⸗ haͤngt zu werden. —— Brulart wurde in den unterſten Raum ge⸗ bracht; es war elf Uhr, und die Hinrichtung war fur ſechs Uhr feſtgeſetzt. Um drei trank er den Reſt ſeines Flaͤſchchens und fiel, bald eingeſchla⸗ fen, auf den kalten, feuchten Boden nieder. Der Opium wirkte, und er traͤumte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Traum. Ihr ſprecht davon ganz ſchön,“ erwiderte d„doch wenn Ihr, wie ich, gehangen ättet——— „Gehangen, Ihr?“ „Gehangen!“ Julius Janin.(Der todte Eſel.) O mein Engel, wache über mich! A. M.— Roman. In dieſem Traume war er verjuͤngt. Er zaͤhlte nur ſechzehn Jahre. Geſichter, ſanft und bleich, mit großen melancho⸗ liſchen Augen, welche zuweilen ein ſeltſames Feuer belebt. Er war Seecadet, der arme Junge, und be⸗ fand ſich am Bord des v„Schwane einer Brigg, die leicht und ſchoͤn war, wie ihr Name. — Er hatte eines jener intereſſanten jugendlichen —— Er erwachte und rief: „Wie, mich haͤngen— mich haͤngen— mich, den Pirat, alt und häßlich— ach— welch bo⸗ ſer Alp!— 4 Und in ſeiner Haͤngematte ſanft geſchaukelt, ſchlief er nicht mehr; er dachte, ich weiß nicht an welche vornehme Dame, die er, wie ich glaube, in Breſt kannte— und ſeine gluͤhende, träumeriſche, ſechszehnjaͤhrige Fantaſie, gaukelte um das liebliche Bild— um ihre hohe konigliche Geſtalt— um ihren impoſanten Blick und ihre ſchwarzen Au⸗ genbrauen, die den unſchuldigen Juͤngling mit einer gewiſſen Scheu erfullten— um ihre zarte⸗ weiße Hand, die er einmal beruͤhrt hatte— ein einziges Mal— wodurch er ſeltſam bewegt wurde — wolluſtig und ſchrecklich zugleich. Bei dieſen Ruͤckerinnerungen ſchlugen alle ſeine Pulſe, ſein Kopf gluͤhte— und ſeine Augen ſchwammen in Thraͤnen. „Gott, mein Gott,« rief er, ſich in ſeiner Haͤngematte aufrichtend, wie ungluͤcklich bin ich — welche Exiſtenz! der Ocean, und immer nur der Ocean! rohe, wilde Matroſen, mit häßlichen, widerlichen Geſichtern, ein kaltes egoiſtiſches Leben, ein wahres Prieſterleben, ohne Liebe und ohne Frauen! und dennoch ſchlaͤgt mir das Herz im Buſen— und der Anblick einer Frau erſchoͤttert mich— es draͤngt mich ohne Unterlaß, zu den Fußen einer Frau zu leiden, zu weinen; ich habe * ja keine Mutter mehr! Ich bin allein, verlaſſen; Jemand muß ich doch lieben— ein Frauen⸗ mund muß mich troſten, oder mich bedauern l4 Da ertönte plötzlich ein Kanonenſchuß. Er ſprang vom Lager auf, griff eilig nach ſeiner blauen Jacke mit einer kleinen Goldſtickerei, nach ſeinem ſchoͤnen Dolche, ſeinem blanken Beile und dem gewichſten Hut, der das braune Haar, gelockt wie das eines jungen Mädchens, barg, und eilte auf das Deck. Als die alten Matroſen ihn ſahen, ſtießen ſie ſich gegenſeitig mit den Ellenbogen an, denn er war ein kuͤhnes und unerſchrockenes Kind, der Erſte im Feuer, beim Entern. O! es wohnte ein kraͤftiger Geiſt in dieſer zarten Huͤlle— und mehr als ein Mal war ſein jugendlicher Arm den Englaͤndern ſehr ſchwer erſchienen. Er befand ſich mitten in einem ſchrecklichen Gemetzel; das ſchoͤne Schiff, der Schwan, war von einer engliſchen Corvette angegriffen, und ei⸗ ſerne Enterhaken hielten die beiden Schiffe zu⸗ ſammen. Zur Enterung!— Zur Enterung! Und durch Feuer, Kugel⸗ und Kartaͤtſchenha⸗ gel ſtuͤrzt der Cadet, das blitzende Beil in der Fauſt; auf ſeinen Ruf ſammelt ſich die Mann⸗ ſchaft in Reihe und Glied, und der Feind über⸗ läßt ihm das Vordertheil des Schiffes, auf das er enterte. — 36— Der Capitain der Brigg;— todt.— Der Lieutenant;— todt— Die Mannſchaft;— todt!— Er allein und wenige auserleſene Matro⸗ ſen ſind uͤbrig; er ſpringt auf das feindliche Schiff; man draͤngt und ſtoößt ſich; man zertritt die Ster⸗ benden; das Blut fließt;— die Kanonen ſpeien Kartatſchen;— der Cadet ſelbſt— ſtuͤrzt am Hauptmaſt der engliſchen Corvette nieder— aber mit einem Dolchſtoße hatte er den feindlichen Capitain zu Boden geſtreckt. Der Englaͤnder iſt genommen, Victoria, Hur⸗ rah! Victoria, es lebe der junge Held! Seine Wunde iſt aber bedenklich; man will in den Ha⸗ fen einlaufen, das Schiff auszubeſſern. Der Wind heulte, das Meer tobte und ein entſetzliches Unwetter warf das Schiff an einen Felſen. Eine gewaltige Woge ſchleuderte den jun⸗ gen Mann ßerſchmettert und blutend an das Ge⸗ ſtade. Er erhob ſich mit Muͤhe und ſuchte in einer Höhle, die ihm ein matter Schein entdeckte, einen Zufluchtsort. Er tappte kriechend in der Dunkel⸗ heit umher, von Kryſtall und Granitſtuͤcken, die den Boden bedeckten, verletzt. Ein ſanfter roſiger Schimmer ſpiegelte ſich plotzlich in den glänzenden Facetten des Tropſſteins. Bald befand er ſich in einer weitlaͤufigen Grotte, wo Diamanten, Topaſe und funkelnde Rubmen durch ihren Glanz blende⸗ ten, in Geſtalt von geſchliffenen Garben, Ringen und Pyramiden. 3 Auf einem Throne, aus einem einzigen Smaragd geſchnitten, ſaß eine majeſtaͤtiſche Gott⸗ heit. Eine Krone von Feuerſternen flammte in ihrem ſchwarzen Haare; aus bunter Emaille war der Thierkreis auf ihrem goldnen Guͤrtel; eine weiße Tunika, ein blauer Schleier, reich mit Sil⸗ ber und Perlen geſtickt, und himmelblaue San⸗ dalen, vollendeten die prachtvolle Bekleidung. vIch erwartete dich,« redete die Gottheit den Juͤngling an, und ließ ihn neben ſich ſitzen. vSieh, dies Reich iſt meinz die Stuͤrme toben und brul⸗ len auf mein Geheiß; die beherzteſten Seefahrer ſ. kann ich ſchrecken; dein Schiff iſt auf meinen Wink an den Felſen geſcheitert— ich hegte Ver⸗ langen, dich zu ſehen— denn du biſt mein Sohn — ſieh, urtheile, und ſei ſtolz auf die Macht dei⸗ ner Mutter.« Plötzlich hoͤrte man einen erſchrecklichen Laͤrmen; alles Licht erloſch, eine toͤdtliche Kälte verbreitete ſich in der Hoͤhle, die Erde erbebte; es iſt der Nordwind, welcher heult, und deſſen melancholi⸗ ſches Pfeifen von einem Echo zum andern er⸗ ſchallt.— »Ich will, daß die Windſtille wieder eintrete,« ſagte die Gottheit,»daß die Zephyre ſchmeichelnd* meinen Sohn umgaukeln.« Eine linde Waͤrme, ſuͤßer Duft, helles Licht und ein leiſes Säͤuſeln, ähnlich dem Rauſchen des Schilfes, traten an die Stelle des tobenden Orkanes. Leichte Woͤlkchen, wie von verdichteter Luft, aus Gold, Purpur und Sonnenſtrahlen ge⸗ woben, mit Roſen und Jasminſtaub beladen, ſchwebten mitten in der Grotte, und zerrannen⸗ einen wunderbaren Duft und blendendes Licht ver⸗ breitend. Der Juͤngling, von dieſem durchſichtigen, duf⸗ tigen Wohlgeruche umgeben, ſchwelgte in einem Meere von Seligkeit; ſein aufgeregter Zuſtand be⸗ ruͤhrte alle ſeine Sinne, alle ſeine Gefuͤhle, und machte ihn jcdem Genuſſe empfanglich. Und die Gottheit beugte ſich zu ſeinem Ohr und ſagte: 6„Dieſe unausſprechliche Seligkeit iſt dennoch nichts, im Vergleiche zu der, die dich bei ihr er⸗ wartet, denn ſie liebt dich— und du biſt einer einer Söhne; ich laſſe dich auf der Erde zuruͤck, aber ich wache uͤber dich.« „ Da kuͤßte die Gottheit ſeine Stirn— und Alles verſchwand— Er befand ſich in einem uͤppigen Bette mit leich⸗ ter Eider⸗Decke, von Spiegeln und ſeidenen Vor⸗ haͤngen umgeben; ſein Kopf ruhte auf einem praͤch⸗ tigen, mit Spitzen äberzogenen Kiſſen, und ſie „ war neben ihm, ſie, deren Andenken ihn ſo oft entzuckte. Sie, die ihn nach der Zuſage der Gott⸗ heit lieben ſollte. — Sie kniete neben ihm, ihre ſchoͤnen Augenbrauen von Beſorgniß zuſammengezogen, und ihm einen ſuͤßen, duftenden Trank reichend. »O! mein Gott,« rief er aus, vo! Sie ſind es— wo bin ich aber?— habe ich denn ge⸗ träumt?— die prachtvolle Grotte— die Gott⸗ heit— 4 vArmer Juͤngling, erholen Sie ſich,« ſagte die ſchoͤne Frau, vein ſchrecklicher Sturm hat Ihr Schiff zertruͤmmert; Sie lagen halb todt am Ge⸗ ſtade nahe bei einer Grotte, wo Fiſcher Sie fan⸗ den, und Sie hierher zu mir nach Breſt brachten; Ihre Wunde war ſo gefaͤhrlich, daß ich mir es als eine Gunſt erbat, Sie ſelbſt pflegen zu duͤrfen. vAch— ja; aber als ich Sie ſah, ſchoͤne Frau, hatte ich meine Wunde vergeſſen.« Und er ſchlug mit einem beſcheidenen Aus⸗ drucke die Augen ſchuͤchtern nieder. Sie laͤchelte und dachte: Er kömmt mir vor, wie ein junges Maͤdchen, ſo jung, ſo ſchoͤn, und doch zitterte die ganze Mannſchaft alter Matro⸗ ſen, die er ins Feuer fuhrte, bei dem Tone ſeiner Stimme— wie auch ich zittere— 6 dachte ſie erroͤthend. »Ol ſagen Sie— werde ich Gluͤcklicher noch lange hier verweilen 24 »Bis Sie gaͤnzlich hergeſtellt ſind, mein Freund— 4 vAch!« rief er und blickte die reizende Geſtalt ſeiner Schutzgottin mit Entzuͤcken an— dann wurde er blaß— ſeine Sinne ſchwanden— er beſaß noch nicht genug Kraft, ſo viel Gluͤck zu ertragen. 6 Gerechter Gott— er faͤllt in Ohnmacht—4 ſchrie die ſchoͤne Frau, indem ſie mit aller Ge⸗ walt ſchellte. Vierzehn Tage ſpäter war er hergeſtellt; noch etwas blaß, doch kleidete ihn dieſe Blaͤſſe ſehr gut— wie die Dame mit den ſchwarzen Augen⸗ brauen behauptete. Als er eines Tages vor dem Bilde der An⸗ gebeteten, in fuͤßen Träumen verſunken ſaß, trat ſie ins Zimmer. Noch nie war ſie ihm ſo rei⸗ zend erſchienen. Arthur— 4 ſprach ſie, und ließ ſich auf ei⸗ nem weichen Divan nieder, vich habe Ihnen et⸗ was Angenehmes mitzutheilen— kommen Sie, ſetzen Sie ſich her zu mir— aber zittern Sie doch nicht immer ſo— 6 Der Juͤngling wagte nicht, die Augen aufzu⸗ ſchlagen; ſein Herz ſchlug hoͤrbar— „Man gewährt Ihnen zu Ihrer Geneſung ei⸗ nen Urlaub von drei Monaten; dann treten Sie mit hoͤherem Range Ihren Dienſt wieder an; dieſe drei Monat,« fugte ſie leiſe hinzu— vbringen wir— auf meinem Landgute zu— ſind Sie es zufrieden?— 6 — 86— Arthur blieb ſtumm und blaß— an ſo viel Gluck konnte er nicht glauben.— „Da Sie weder Verwandte noch Freunde ha⸗ ben, uͤbernahm ich es, dies zu veranſtalten, ohne Sie deshalb vorher um Rath zu fragen; nun, Arthur, zittern Sie doch nicht ſo— bin ich denn nicht Ihre Freundin— Ihre Mutter— armer Arthur— 4 Sie ergriff des Juͤnglings Hand und zog ihn zu ſich— »Jal« rief er, zu ihren Fuͤßen niederſinkend; vja! Sie ſind mir Alles— Sie haben ſich ganz allein meiner angenommen— alle zaͤrtlichen Ge⸗ fuhle, deren mein Herz faͤhig iſt, gehören nur Ihnen; ich liebe Sie wie eine Mutter, wie eine Schweſter, wie eine Freundin; nur Sie, Sie ganz allein— ich bete Sie wie meine Gottheit an, Sie ſind mein Glaube und meine Liebe—4 Arthur war ganz außer ſich, er kußte die Knie, die Haͤnde, die Fuͤße der jungen Frau, deren Bu⸗ ſen hoch wallte— und die mit bewegter Stimme ausrief: vArthur, mein Freund— ich glaube an deine Dankbarkeit— ich glaube— genug— ʒ —— Arthur— 4 Er befand ſich auf dem Landgute ſeiner Be⸗ ſchutzerin. Hier waren friſche Quellen, ſchattige Laub⸗ gaͤnge, eine tiefe Einſamkeit, der Park mit hohen Mauern umgeben; die Dienerſchaft beſtand nur aus einer alten ergebenen Haushaͤlterin und einem tauben Gaͤrtner. Sie hatte ihm etwas verſprochen, das er mit grenzenloſer Ungeduld erwartete. Die Zimmer des Schloſſes waren geraͤumig und gothiſch, aber einſam, bequem und ſtill. Er ſah die junge Frau halb liegend auf ei⸗ nem jener alten Armſeſſel, die ſo bequem und ſo gemaͤchlich ſind. In ein feines Morgenkleid von weißem Mouſſe⸗ lin, gehuͤllt, unter welchem ein rundes zierliches Bein, ein allerliebſtes Fuͤßchen mit himmelblauem Pantoffel hervorgukte— den runden Arm um Arthurs Hals geſchlungen, heftete ſie den feuchten Blick auf ihn. „Du wirſt mich alſo immer lieben— Arthur?6 ſprach ſie entzuͤckt, und kuͤßte ihn auf die Stirn. „Ewig! mein Leben gehoͤrt dir—4 rief der feurige Jungling, und ſchlang ſeinen Arm um den goͤttlichen Leib ſeiner ſchoͤnen Schweſter, Mut⸗ ter oder Freundin, wie er ſie nannte. Sie bog ſich zuruͤck— da entfiel ihr der Kamm, und das uͤppige Haar rollte uͤber den Hals, uͤber die Schultern und Arme, in tauſend glaͤnzenden braunen Locken herab— Arthur kußte im trunkenen Entzuͤcken, theilte, flocht das ſchoͤne Haar, und bedeckte ſich damit das Geſicht. Sie ließ ihn bebend und traͤumend gewaͤhren; 58 aber plotzlich fuͤhlte ſie die Lippen des Juͤnglings auf die ihrigen ſich preſſen. Vrrraͤtheriſch hatte er ſich in dem dichten Haar der jungen Frau verſteckt; dann theilte er es, und ſein ſchoͤnes Geſicht ſchaute mit einem Male aus der Seide hervor— ſo erhaſchte er einen ent⸗ zuͤckenden Kuß— Eils ſagte ſie mit einem aleriiebſt ſchmol⸗ lenden Ausdrucke— dei! du hintergehſt mich— ——— Arthur, warte, ich werde dich dafuͤr erdroſſeln— Und indem ſie Arthurs Kopf an ihr klopfen⸗ des Herz zog, umſchlang ſie des Juͤnglings Hals mit ihren Haarflechten, die ſie laͤchelnd feſter zu⸗ ſammenzog. »Ol« rief er und kuͤßte ihren Lilienbuſen— Boͤſe, du bringſt mich um— du ziehſt zu ſtark, ich erſticke— wie in meinem Traume der ver⸗ gangenen Nacht— was thuſt du— dir— mein Leben— ich ſterbe— mein Engel——4 In dieſem Augenblicke des Traumes wurde Brulart wirklich am Bord des Cambrians ge⸗ haͤngt; die Laſt ſeines Koͤrpers, die mit aller Ge⸗ walt den Strick feſtzog, welcher durch die Leeſe⸗ gelſpieren gezogen war, bewirkte die Erdroſſelung. In dem betaͤubenden Zuſtande, worin er ſich durch den Trank ſeiner Doſis Opium verſetzt hatte, ging er zwiſchen Schlafen und Wachen, wie ein Nachtwandler einher; er war ſeinen Fuͤhrern un⸗ willkuͤhrlich gefolgt, halb traͤumend, auf ſie ge⸗ ———— —— ſtuͤtzt, mit geoͤffneten Augen, ohne zu ſehen, hatte er ſich anbinden, aufwinden und haͤngen laſſen, ohne nur den mindeſten Widerſtand zu leiſten, ſo ſehr war er in ſeine wunderbaren koſtlichen Träume verſunken. Man haͤngte den Körper, doch der Geiſt war abweſend. Der Doctor bemerkte als ein phyſiologiſches Wunder, daß die Geſichtszuͤge des Deliquenten, die bis dahin kalt und ruhig geblieben waren, in dem Augenblicke des Strangulirens einen eigen⸗ thuͤmlichen Ausdruck von Gluͤckſeligkeit annahmen. Dieſe Erſcheinung erklaͤrt ſich aus Brulart's Traͤumen und vornehmlich aus der Wirkung des Haͤngens.(Man ſehe Wietionnaires des Sciences médicales.⁊) Nachdem die Gerechtigkeit vollſtreckt war, wurde der Koͤrper des Piraten, mit zwei Kugeln an den Fuͤßen, in das Meer geworfen. Im Uebrigen bot die Ueberfahrt nichts Be⸗ merkenswerthes, und nach vierzig Tagen erreichte der Cambrian die Kuͤſte Englands. Atar⸗Gull landete mit ſeinem Herrn. Der Commandant der Fregatte ertheilte dem Neger das ehrenvollſte Zeugniß, der durch ſeine Sorgfalt fuͤr den ungluͤcklichen Wil die Bewun⸗ derung der ganzen Equipage gewonnen hatte. Herr Wil verweilte aber in England nur kurze Zeit; denn ſeine Geldmittel waren zu gering, und Atar⸗Gull, III. 5 60 auf den Rath Atar⸗Gull's und des Doctors, der ihn zuweilen in Portsmouth beſuchte, reiſte er nach Frankreich ab, wo man, wie es hieß, viel wohlfeiler leben konnte, als in England. „Endlich,« ſagte Atar-Gull zu ſich ſelbſt, „werde ich meine Rache vollenden— O! ſie ſoll ſchrecklich, und vor allem— langſam ſein— ich haͤtte ihn ermorden koͤnnen— der Tod waͤre aber eine wahre Wohlthat im Vergleiche des Lebens, das ich ihm zu bereiten gedenke.« Vierundzwanzigſtes Kapitel. Rue Tirechappe. Kurz, mein Kind, dem gutem Diener genügte es nicht, dem Greiſe die rührendſte Sorgtalt zu erweiſen, er ernährte ihn auch mit ſeinem Brote; das zeigt dir, daß man aie den Dienſtboten hark begegnen ſoll. Erzählungen für Lolo.— Von einem Akademiker.— Man denke ſich eines jener geſchwaͤrzten, al⸗ terthuͤmlichen Haͤuſer des alten Paris, mitten in der Straße Tirechappe. Neun Stockwerk hoch, braun angeſtrichen und ſchmutzig, hervorſtehende Balken, ſchmale kleine Fenſter, dunkle ſteile Trep⸗ pen, ein wahres Labyrinth, zu welchem man nur — mit Huͤlfe eines Strickes zum Anhalten gelangen kann, der von Schmutz und Alter glaͤnzt. Eine Republik armer Leute, welche kommen und gehen, in regſamer Thäͤtigkeit herauf- und herabſteigen, und in dieſen Stockwerken, Einer dicht neben dem Andern, wie die Bienen in ihren Zellen, wohüen. Als Mittel⸗ und Stuͤtzpunkt aller dieſer ſich ab⸗ arbeitenden, abmuͤhenden Weſen, eine alte zahn⸗ loſe, muͤrriſche, ſchwatzhafte Thuͤrhuͤterin, eine je⸗ ner Typen, welche Henri Monnier ſo meiſterhaft darſtellt. Es war Abend; ein bejahrter, ſchwarz geklei⸗ deter Mann ſtieg muͤhſam die ſteile Treppe herab⸗ ſich an dem beſagten Stricke tuͤchtig feſthaltend. Als die Thuͤrhuͤterin ein ungewohntes Geraͤuſch vernahm, welches zu dieſer Stunde, wo im Hauſe ſchon Alles zu ſchlafen pflegte, auffallend war, öffnete ſie haſtig das Fenſterchen ihrer Hoͤhle, und ſtreckte zuerſt ihren haͤßlichen gelben Arm, der ein Stuͤmpfchen Licht hielt, und dann ihr verdrießli⸗ ches, runzliches Geſicht heraus. Wer kömmt da herunter?— Antwortet doch — zu dieſer unpaſſenden Zeit—6 Ich bin es, ich, der Doctor—4 antwortete eine tiefe Baßſtimme. Der Cerberus bemuͤhte ſich nun, ſeinen ſchar⸗ fen, kreiſchenden Ton in ein freundſchaftliches Ge⸗ klaäff zu verwandeln. „Ah! mein Gott, Sie ſind es, Herr Doctor? 5 62 Sie htten mich rufen ſollen, Ihnen zu leuchten; Nun! wie geht es mit dem alten Stummen?— der faͤhrt ſchwer ab— wird er es noch lange machen?4 fragte ſie, und ſtellte ſich breit vor den Doctor, um ihn ſo zu noͤthigen, ihr zu antwor⸗ ten, oder ſie mit Gewalt bei Seite zu ſchieben. „So ſo— ſo ſo, Frau Bougnol—4 »Doch gewiß nicht aus Mangel an Aufmerk⸗ ſamkeit,« ſagte ſie mit muͤrriſchem Ausdruck; vaber er iſt ſo eigenſinnig, und doch hat er ſeinen Ne⸗ ger, Herr Doctor; das iſt ein Menſch zum An⸗ beten;— wenn man ſieht, wie er uͤber ſeinen Herrn ſich ſelbſt vergißt.« »Es iſt wahr, ein ſehr treuer Diener, der ihn nicht einen Augenblick verlaͤßt. 4 vUnd dabei iſt er ein guter Junge, der Ne⸗ ger; ſo Bedienter eines alten Knauſers zu bleiben, der ihm nichts giebt— denn der Bediente er⸗ naͤhrt im Gegentheil ſeinen Herrn; von ſeinem eigenen Verdienſt—6. „Er iſt ein tugendhafter Diener, Frau Bou⸗“ gnol, und das iſt ein Beiſpiel, dem die Andern leider nicht immer folgen.« vUnd obendrein muß es nicht wenig langweilig ſein— ein Stummer— nicht moͤglich mit ihm zu plaudern— und, im Ganzen genommen, koͤnnte er ſprechen, ſo waͤre es daſſelbe, denn iſt es nicht, als furchtete der Neger, man moͤchte ihm ſeinen Herrn auffreſſen: Niemand kann ſich ihm naͤhern.« — Wahrſcheinlich will er das Verdienſt der Pflege mit Niemandem theilen,« verſebte, von der langen Unterredung ermuͤdet, der Arzt, indem er geſchickt einen Weg zwiſchen Wand und Pfoͤrtne⸗ rin ſuchte. Aber dieſe, welche ſeine Bewegungen genau beobachtete, behielt ihre Stellung immer ge⸗ rade vor dem Feinde, vereitelte ſeinen Ruͤckzug und fuhr fort: „Was hat der arme Alte eigentlich fuͤr eine Krankheit, Herr Doctor? Iſt es wahr, daß er toll iſt?— Die erſten zwei Monate, die er hier im Hauſe wohnte, befand er ſich wie ein Gott, und nun iſt er ſchon ſeit faſt einem Jahre ſo elend, daß er nicht ein einziges Mal auf die Straße herabgekommen iſt.« vUnd wird vielleicht nie mehr herabkommen,« verſetzte der Arzt, traurig den Kopf ſchuͤttelnd, in⸗ dem er einen Verſuch machte, ſich mit Gewalt durchzudraͤngen. „Großer Gott, wird er ſterben?4 rief unruhig die Pfoͤrtnerin; Sſehen Sie, dann muß ich den Niethzettel aushängen, Herr Doctor, denn die Ziehzeit iſt vor der Thuͤr.« 5 „Ich ſage nicht, daß er ſterben wird— ich ſage nur, daß ich ihn ſehr bedenklich finde—6 Hier benutzte der Doctor einen unbeachteten Augenblick der Frau Bougnol, klammerte ſich ſchnell an den Strick und glitt hinab, faſt ohne mit den Fuͤßen die Stufen der Treppe zu beruͤh⸗ ren, mit der Gewandheit eines Matroſen, der ſich an einem Taue herunterlaͤßt. Gleichviel,« ſagte die Thuͤrhuͤterin, vich will zu dem alten Stummen hinauf, um wo moͤglich etwas zu erfahren.« Und nachdem ſie ihr Stuͤbchen ſorgfaͤltig ver⸗ ſchloſſen hatte, fing ſie an zu ſteigen, jedoch nicht ohne bei jeder Etage anzuhalten und auszuruhen; endlich erreichte ſie das ſiebente Stockwerk und befand ſich vor einer kleinen grauen Thuͤre. Hier putzte ſie ihr Licht, ſtopfte ſich die Naſe voll Taback und zog leiſe an einer Klingelſchnur, an der ein Haſenlauf hing. Einen Augenblick darauf öffnete ſich die Thuͤre, ſo weit, als noͤthig war, einen dicken, ſchwarzen, krauſen Kopf, mit rother Muͤtze, durchzulaſſen. Das war Atar⸗Gull. vWas wollen Sie, Madame d« fragte er mit barſchem Tone. „Herr Targu, ich wollte mich nach dem Be⸗ finden Eures guten Herrn erkundigen,« antwortete mit erzwungener Artigkeit Frau Bougnol. „Mein Herr iſt krank, ſehr krank,« ſagte der redliche Diener mit einem Seufzer, welcher der Thuͤrhuͤterin das Herz zerriß; er ſelbſt trocknete eine Thraͤne— vWas iſt zu machen, Herr Targu, man muß Vernunft annehmen, alle Welt weiß ja, daß Ihr Euern Herrn ernaͤhrt— der Herr Maire ſagte ——— — 6— auch, als er wegen des armen Mannes hier war, daß er die Regierung uͤber Eure Auffuͤhrung be⸗ richten werde, denn fruͤh oder ſpaͤt wird eine gute That belohnt— und das— 6 „Dank,« ſagte Atar⸗Gull und ſchlug ihr die Thur vor der Naſe zu. Sie kletterte ſchimpfend wieder hinunter. Als Atar⸗Gull ſich wieder eingeſchloſſen hatte⸗ blieb er noch ein Weilchen in dem kleinen Ge⸗ mache, das an die Treppe ſtieß— horchte auf⸗ merkſam— ehe er in die Stube trat, die groͤßer war. Hier ſah man zwei alte leere Koffer, einen Stuhl und eine Matte, auf der er ſchlief. Er ſtieß leiſe die Thuͤre der andern Stube auf, und trat ein. Dieſe zeigte das grellſte Bild der Armuthz— zwar nicht einer unreinlichen, widrigen Armuth⸗ denn die wenigen geringen Meubel waren reinlich und geputzt, die Fenſterſcheiben klar und durch⸗ ſichtig, ein Armſtuhl von Stroh, auf welchem zwei duͤnne Kiſſen lagen, ſtand am gruͤn beſchat⸗ teten Fenſter, vor welchem ſich ſpaniſche Kreſſe an Faden in die Hoͤhe rankte. Auf einem Bette, aus einer einzigen Matratze und einem Strohſacke beſtehend⸗ ſchlief Herr Wil. Großer Gott, wie veraͤndert! Er glich nur noch ſeinem Schatten. Das ſonſt ſo volle, froh⸗ liche, rothe Geſicht war jebt lang, gelb und ma⸗ 66 ger; die duͤnnen Haare waren ganz weiß, ſelbſt im Schlafe bewegten faſt unausgeſetzte krampf⸗ hafte Zuckungen ſeine Augenbrauen, und die Ober⸗ lippe, davon emporgezerrt, zeigte die geſchloſſenen Zaͤhne. Atar⸗Gull ſtand am Fuße des Bettes, die Arme kreuzweiſe uͤbereinander geſchlagen, und be⸗ trachtete ihn mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck, von Freude und befriedigtem Haſſe gemiſcht— ſeine Rache war vollkommen.— Ja! man muß wiſſen, daß der ſchwaͤrzeſte, ungeſundeſte, fuͤrchterlichſte Kerker dem Pflanzer gegen dieſe kleine reinliche Stube als ein Palaſt, ein koͤnigliches Schloß, vorgekommen waͤre. Ja man muß wiſſen, daß die langſamſte, furchterlichſte Tortur, die gräßlichſte Todesart, dem Pflanzer als unausſprechliches Gluͤck erſchie⸗ nen waͤren, im Vergleiche zu der unterwuͤrfigen und achtſamen Ergebenheit ſeines Sklaven! Man urtheile! Das Vermoͤgen, welches Herr Wil noch beſaß, war ſo gering, daß er, wie wir„ wiſſen, in England damit nicht auskommen konnte, und ſich deshalb entſchließen mußte, nach Paris zu ziehen. Er ſuchte eine entfernte, einſame Straße, um wohlfeil zu wohnen; der Wirth des kleinen Gaſthofes, in welchem er abgeſtiegen war, wies ihn nach der rue Tirechappe. Wil's Niedergeſchlagenheit und Schwermuth vermehrten ſich taͤglich; gleichguͤltig gegen Alles, —— miethete er dieſe Wohnung, weil ſie die erſte war, die er beſah. Wie ungluͤcklich er ſich auch fuhlte, ſo glänzte doch zuweilen eine Thräne des Dankes in ſeinen Augen, die er der ſeltenen Ergebenheit ſeines Skla⸗ ven weihte; Atar⸗Gull's Anblick tröſtete ihn uber die furchterlichen Ruͤckerinnerungen an Jamaika. In den erſten zwei Monaten ihres Aufenthal⸗ tes in Paris blieb ſich der Schwarze in ſeinem Betragen immer gleich, nur daß er eine außeror⸗ dentliche Gewandtheit aufbot, alle Perſonen, die ſich ſeinem Herrn naͤhern wollten, zu entfernen; dies wurde ihm um ſo leichter, da der Pflanzer auch nicht ein einziges Wort franzöſiſch verſtand; Atar⸗Gull hatte nur gerade ſoviel davon erlernt, als erfoderlich wat, um das Allernothwendigſte zu verlangen. Bald darauf verminderte ein Bankerott das kleine Kapital des Pflanzers ſo ſehr, daß ſein ge⸗ ringes Einkommen nicht mehr ausgereicht haben wurde, haͤtte nicht Atar⸗Gull den Tag über einige Aufträge beſorgt und den Bewohnern des Hauſes kleine Dienſte geleiſtet, von deren Ertrag er zur großen Bewunderung der Hausgenoſſen und der Nachbarn Herrn Wil unterſtuͤtzte. Herr Wil hatte alſo keine Zerſtreuung, als daß er zuweilen— obſchon ſelten— einen klei⸗ nen Spaziergang, auf Atar⸗Gull's Arm geſtuͤtzt, machte, oder ſich mit Niederſchreiben ſeiner Lei⸗ densgeſchichte beſchaͤftigte, in welcher er unaufhoͤr⸗ lich das gute Betragen ſeines Sklaven lobte, und die Sorgfalt nicht genug preiſen konnte, welche dieſer ihm beſonders ſeit der Zeit ſeines Aufent⸗ haltes in Frankreich bewies. Eines Tages, etwa zwei Monate nach ihrer Ankunft in Paris, machte er ſeinem Diener ein Zeichen, ſich neben ſein Bett zu ſetzen, und ließ ihn das erwaͤhnte Tagebuch leſen, welches auf je⸗ der Seite Atar⸗Gull's Namen trug, und ihm in den ruͤhrendſten Ausdrucken die groͤßten Lobſpruche ertheilte. Das Tagebuch ſchloß mit folgenden Worten: MNach meinem Tode ſoll mein treuer Diener dieſen Beweis meiner Anhaͤnglichkeit und Erkennt⸗ lichkeit empfangen; denn da der Himmel mir meine Familie entriſſen, bleibe ich allein auf der Welt, einſam auf fremdem Boden, und Niemand wuͤrde mich beweinen, wenn ich nicht meinen treuen Freund haͤtte, der mich bedient, mich ſelbſt von ſeinem geringen Verdienſt erhaͤlt— wenn ich ihn nicht haͤtte, mir die Augen zu ſchließen und mir eine Thraͤne zu weihen—6 Nachdem Atar⸗Gull geleſen, nahm er die Blaͤtter und ſchloß ſie auf das Geheiß des Pflan⸗ zers in ein Kaſtchen, von welchem er den Schluͤſ⸗ ſel behielt— Doch am folgenden Tage ereignete ſich in der einſamen traurigen Stube, zwiſchen dem guten — 59— wuͤrdigen Manne und ſeinem treuen Diener der furchtbare, unbegreifliche Auftritt, den man im folgenden Kapitel leſen wird. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Atar⸗Gull. Ach, hätteſt du geſehn, wie ich ihn traf, 0 Du hätteſt für ihn auch die Fitſsſeſt⸗ die ich ihm * zeige. Täglich kam er mit fanſtem Weſen zur Kirche Und warf ſich mir gegenüber auf beide Knie nieder. Orgon, Tartuff. A. K. Sc. 6. Es war Abend— die Sonne ging unter— der Pflanzer hatte ſein frugales Mal geendet, und da er, wegen gaͤnzlicher Lahmung weder gehen noch ſich der Haͤnde bedienen konnte, ſo hatte ſein Schwarzer ihn an das Fenſter geſchoben, wo Herr Wil gern noch die letzten Sonnenſtrahlen durch die Fenſterſcheiben ſcheinen, und die Blumen vor demſelben vergolden ſah. Dieſe vom Feuer der untergehenden Sonne gerothete Atmosphäre, dieſe kalten blaſſen Blumen, welche auf einige Augenblicke hell und lebhaft er⸗ glänzten, riefen dem armen Pflanzer ſeinen ſcho⸗ nen Himmel von Jamaika zuruͤck, ſeine gruͤnen Palmen, ſeine duftenden Aloes, ſeine bluͤhenden Camelien, genug, die ganze reiche und uͤppige Ve⸗ getation— nach und nach verſammelten unter den Rieſenbaͤumen ſich ſeine gute zaͤrtliche Gattin, ſeine ſanfte Jenny, ſein rechtſchaffener, offener Theoderich und ſchmerzlich erinnerte er ſich ihrer langen Spaziergaͤnge Abends nach dem Gebete, der unſchuldigen Spiele bei den rauſchenden mun⸗ tern Feſten, die er ſeiner Tochter gab— er ge⸗ dachte ihrer unbefangenen Liebkoſungen, ihrer aus⸗ gelaſſenen Munterkeit— und endlich der reizenden Ausſicht in die Zukunft auf Gluͤckſeligkeit, Reich⸗ thum und Liebe; und dieſe ganze Zukunft des Gluͤckes, des Reichthumes, der Liebe war in zwei Monaten durch ein verhaͤngnißvolles Geſchick ge⸗ brochen, gemordet worden! Denn er, einſt einer der reichſten Pflanzer von Jamaika, er ſah ſich gezwungen, von den Almo⸗ ſen eines Negers zu leben, eines Sklaven, mit dem er, Tom Wil, eine ſchlechte, traurige, duͤſtere Wohnung theilte, er, deſſen große prachtvolle Be⸗ ſitzungen ehemals mit Menſchen belebt waren, die bei ſeiner Stimme zitterten— Welche Erinnerungen!— Sein bleiches Antlitz verduͤſterte ſich daher auch mehr und mehr, und die ſchrägen Sonnenſtrahlen, welche es ſcharf beleuchteten, hoben die Schwer⸗ muth noch ſichtbarer hervor, und zeigten ſeinen tiefen, unausſprechlichen Kummer, der das grau⸗ ſamſte Herz erweicht haͤtte. —— Bald entrollten Thraͤnen ſeinen Augen; er üieß ſein kahles, ehrwuͤrdiges Haupt in ſeine zit⸗ ternden Haͤnde ſinken, und vertiefte ſich in duͤſte⸗ res Sinnen. Die Nacht war indeß ganz hereingebrochen. Atar⸗Gull ging, um die Thuͤre, die auf die Treppe fuͤhrte, ſorgfaͤltig zu verriegeln, und beob⸗ achtete dann dieſelbe Vorſicht in der Stube ſeines Herrn: Er zuͤndete eine Lampe an, welche nur ein ſchwaches, unſicheres Licht verbreitete, naͤherte ſich dann dem Pflanzer, der noch immer in Nachden⸗ ken verſunken da ſaß, und betrachtete ihn einen Augenblick!— Dann gab er ihm mit ſeiner großen derben Hand einen ſtarken Schlag auf die Schulttr, und ſchreckte ihn plötzlich auf; denn der ehrliche Wil war endlich eingeſchlummert. Zum erſten Male erbebte der Herr bei dem Anblicke ſeines Sklaven. Der Auftritt hatte aber auch etwas Seltſames und Schreckliches. Ritten in der geraͤumigen und niedrigen Stube, kaum von dem flackernden röthlichen Scheine der Lampe beleuchtet, ſtand die athletiſche Geſtalt Atar⸗Gulls aufrecht, mit Flammen ſpruhendem Blicke, die Arme kreuzweiſe uͤbereinander geſchla⸗ gen und ein holliſches Laͤcheln auf den verzerrten —— Cippen; die Zaͤhne ſchlugen dumpf aneinander, wie die eines hungrigen Tigers. Man ſah von dieſem ſchwarzen Koloß eigent⸗ lich nur zwei ſtiere weiße Augen, einen ſtrahlen⸗ den Punkt, der wie Phosphor im Dunkeln leuch⸗ tete. Es war auch das erſte Mal, daß ſich der Ne⸗ ger erlaubt hatte, ſeinem Herrn ſo vertraut auf die Schulter zu ſchlagen, und dieſer blickte ihn daher mit Staunen an. Hoͤre, Weißer— 4 rief Atar⸗Gull mit hoh⸗ ler Stimme— Phoͤre wohl— eine ſonderbare Geſchichte— 6 Dieſes Dutzen, dieſer rauhe und doch beinahe feierliche Ausdruck verwirrten den Pflanzer; er blickte voll Angſt den Neger an, welcher ſo fort⸗ fuhr: Der erſte Weiße, den ich haßte, war jener Mann, den man am Bord der engliſchen Fre⸗ gatte aufknuͤpfte. Er hatte mich gekauft, geſchlagen und ver⸗ kauft— Er hat ſeine gerechte Strafe empfangen⸗ Der zweite Weiße, den ich haßte, aber mit einem Haſſe, ſo brennend wie Feuer, ſo ſcharf wie die Spitze eines Meſſers, ſo ausdauernd wie der Agios, der taͤglich bluͤht— biſt du, du, Tom Wil, Coloniſt und Pflanzer von Jamaika. Der Pflanzer wollte ſich aufrichten, fiel aber, ſchwach wie er war, mit einem dumpfen Seußzer in ſeinen Lehnſtuhl zuruͤck. Der Neger fuhr fort: „Spare deine Seufzer fuͤr ſpäter; jetzt iſt es noch nicht Zeit dazu. Tom Wil, Pflanzer von Jamaika, Tom Wil, der Millionen beſaß, ein zärtlicher Vater, ein gluͤcklicher Gatte war— bald wirſt du ſeufßzen, wirſt du Blut weinen. Sieh, ſollte ich den Haß gegen den Sklaven⸗ haͤndler, den man gehangen, mit dem zu dir ver⸗ gleichen, Tom Wil, ſo konnte ich ſagen, daß ich ihn wie einen Bruder liebte. Und doch ſprang mein Herz vor Freude, als ich ihn hinrichten ſah. Genug, Tom Wil, weißt du, was du mir zu Leide thateſt? Weißt du es? Fuͤr Gold haſt du mein Blut verkauft—— ein armer Greis, der nur noch wenige Tage zu leben hatte, der nichts von dir verlangte, als et⸗ was Mais und Sonne—— fuͤr Gold haſt du ihn hinrichten laſſen wie einen Raͤuber, einen Moͤrder. Es war mein Vater— Tom Wil, der alte Hiob.— Er war mein Vater! Verſtehſt du jette Der Pflanzer athmete kaum, und ſtarrte Atar⸗ Gull an, wie geblendet von deſſen Blick. „Damals, ſiehſt du,« fuhr der Schwarze fort, vmußte ich meinen Haß, der mir das Herz zer⸗ nagte, verbeißen; den Tag uͤber diente ich dir lä⸗ chelnd und kuͤßte mit Freudenthraͤnen deine Hand, die mich geſchlagen hatte. Ich weinte wirklich vor Freuden, Tom Wil— denn jeder Schlag, jede Demuͤthigung, die ich er⸗ fuhr, befoͤrderten meine Rache um einen Schritt. Endlich ward mir dein Zutrauen! ſogar deine Zuneigung! Endlich!— 4 heulte der Schwarze mit einem entſetzlichen Gelaͤchter— „Ich war es, der dich vor den Richterſtuhl der Giftmiſcher zog, der deine Herden, deine Schwar⸗ zen und ſelbſt meinen und Narina's Erſtgebornen vergiften ließ, um allen Argwohn von mir zu ent⸗ fernen, dem guten treuen Diener.« Jetzt machte Atar⸗Gull eine Pauſe, er ſchwieg, wie um ſeine grauſamen Mittheilungen einzeln recht langſam und ſchmerzhaft in das Herz des Pflanzers zu traͤufeln, der zu traͤumen glaubte. Dann fuhr er fort— »Und ich war es, Tom Wil, der deine Be⸗ ſitzungen, und auch das Haͤuschen, das du mir geſchenkt hatteſt, in Brand ſteckte, und welcher dann in den Flammen umherlief, damit man kei⸗ nen Argwohn ſchoͤpfe— das that ich, der gute treue Diener.« Hier machte er eine neue Pauſe. »Und ich war es auch, Tom Wil, der durch Liſt die Schlange, die deine Tochter toͤdtete, in ihr Zimmer lockte; ich der gute, treue Diener—4 Der Pflanzer richtete ſich mit uͤbernatuͤrlicher Anſtrengung auf, mit drohendem Blicke ging er auf Atar⸗Gull zu, aber er hatte kaum zwei Schritte gethan, als er zu Boden ſank. Atar⸗Gull blieb gleichguͤltig ſtehen, ſah auf ſeinen Herrn herab, welcher ſich zu ſeinen Fuͤßen kruͤmmte und ſchluchzte und ſtöhnte.— Er fuhr fort: »Der Tod deiner Tochter raubte dir die Spra⸗ che, Tom Wil; das war der Himmel meiner Rache ſchuldig.— Ich war es noch, der Theode⸗ rich nach den Wolfsbergen fuͤhrte— geh, geh hin und frage die Abgruͤnde dieſer Schlucht— wel⸗ chen Koͤrper man erdolcht und verſtuͤmmelt hinab⸗ warf. „Den Tod deiner Frau und deinen Untergang, Alles, Alles habe ich allein vollbracht, Tom Wil — und das iſt noch gar nichts— jett erſt be⸗ ginnt deine Qual, jetzt erſt ſchluͤrft mein Vater dort oben die Rache! vHoöre weiter, Tom Wil; ſeitdem wir hier ſind, habe ich alle Welt von dir entfernt; man haͤlt mich fur den allertreueſten Diener, den es giebt, du ſelbſt haſt es ubrigens da niedergeſchrieben— 4 Er zeigte auf die Caſſette, in welcher das Te⸗ ſtament des Pflanzers verſchloſſen war— Atar⸗Gull. UI. 6 »Du biſt ſtumm und kannſt mir nicht wider⸗ ſprechen. vDu wirſt nicht mehr ſchreiben, denn ich ver⸗ laſſe dich keinen Augenblick mehr, auch ſind jetzt deine Haͤnde gelaͤhmt. vUnd jeden Tag, jede Stunde, wirſt du den Henker deiner Familie vor Augen haben, Den, der dich zu Grunde richtete. vUnd Nachts will ich dich aufwecken, damit du beim Scheine dieſer Lampe ſtets den Henker deiner Familie und den Urheber deines Ungluͤckes erblickteſt! Allenthalben wird man mich loben, preiſen, als ein Muſter treuer Diener aufſtellen, und ich will dich pflegen, ich will dein Leben mit Muͤhe erhalten, weil es mir unſchätzbar theuer iſt, theu⸗ rer, als mein eignes; du mußt zu meiner Genug⸗ thuung lange leben, lange leben fuͤr meine Rache; ewig, wenn es in meiner Macht ſtaͤnde; und träte ein Fremder zu dir ein, ſo wäre es, um mich zu loben, mich, der ich alle die Deinen, deine ganze Familie ausrottete, der ich dich ſtumm und un⸗ gluͤcklich machte— denn ich war es, ich, hoͤrſt du, Tom Wil, ich allein habe alles Ungluͤck uͤber dich gebracht— ich ganz allein— 4 So bruͤllte der Neger, ſchaͤumend wie ein Ti⸗ ger und ſprang dabei wild in der Stube umher, mit Geberden, die nichts Menſchliches mehr hatten.— —,—————— = Als dieſer Ausbruch der Raſerei voruͤber war, beſchaͤftigte er ſich wieder mit dem Pflanzer, der durch die Erſchuͤtterung ohnmaͤchtig geworden war. Er hob ihn auf, legte ihn ſorgfaͤltig auf ſein Bett, und ließ ihn Eſſig einathmen. Tom Wil ſchlug erſtaunt, verwirrt, die Au⸗ gen aufz der arme Mann glaubte, von einem bo⸗ ſen Traume zu erwachen; und als er ſich wieder von ſeinem Sklaven bedient ſah, laͤchelte er ihn mit dem Ausdrucke der Dankbarkeit freund⸗ üich an. Aber dieſer las aufmerkſam in den Geſichts⸗ zugen des Pflanzers, was in ſeiner Seele vor⸗ ging, und um ihm nicht die allerkleinſte troͤſtende Taͤuſchung zu laſſen, begann er wieder, indem er ihm mit Heftigkeit die Hand druͤckte: vIch bin es ganz allein, Tom Wil, der deine Frau und deine Tochter tödtete— du haſt nicht geträͤumt, Tom Wil, ich bin es— 4 Was der ungluͤckliche Pflanzer litt, iſt leichter zu fuͤhlen als zu beſchreiben; auch erhielt ſeit die⸗ ſem ſchrecklichen Augenblicke Atar⸗Gulls grauſame Sorgfalt allein noch ſein ſchwankendes Leben. Einmal wollte er ſeinem qualvollen gemarterten Leben ein Ende machen, und weigerte ſich, Nah⸗ rung zu nehmen. Da zwang ihn Atar⸗Gull mit Huͤlfe zweier Mitbewohner des Hauſes, einige Loͤffel Bouillon einzuſchluͤrfen, und der arme Pflanzer hoͤrte einen 6* 78 der Nachbarn ausrufen: Wie tugendhaft muß der arme Neger ſein, einen ſolchen alten Eigen⸗ ſinn ſo zu bedienen.« Endlich, nach ſechs Monaten dieſer ſchreckli⸗ chen Exiſtenz, war die Geſundheit des Pflanzers ganz erſchoͤpft, und da ſein Verſtand ſogar litt, ließ ſein Sklave einen Arzt kommen. Nach einem ſeiner Beſuche wurde dieſer, wie wir bereits berichtet haben, von Frau Bougnol's Neugier beim Herabſteigen der Treppe angehalten, da ſie Nachrichten uͤber den alten Stummen ver⸗ langte. Der Pflanzer verlor bald ganz und gar den Verſtand, und einige lichte Augenblicke ausgenom⸗ men, in welchen das Schreckliche ſeiner Lage ſich ihm in ſeinem ganzen Lichte darſtellte— verfiel er in voͤlligen Wahnſinn, zuweilen ſogar in Ra⸗ ſerei— und dann nahm Atar⸗Gull zu der Zwangs⸗ jacke ſeine Zuflucht.— Auf ſolche heftige Anfaͤlle folgten dann ge⸗ woͤhnlich wenige Augenblicke der Ruhe; und der Doctor entfernte ſich eben, als ein ſolcher Wuth⸗ ausbruch des ungluͤcklichen Wil voruͤber war. — —— —— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Daufe. Ein Bruder iſt ein Freund, den die Natur uns ſchenkt. Legouvé. Einige Tage nach dem erwaͤhnten Beſuche des Arztes war das ganze Haus in der rue Tirechappe in Bewegung; ein ſeltſames Gemurmel kam, ging, ſtieg von Stockwerk zu Stockwerk; vor allem ließ ſich die kreiſchende Stimme der Thuͤrhuͤterin bel⸗ lend vernehmen, die ſcheltend den Einen und den Andern anfuhr.»Die dummen Neugierigen,« ſagte ſie,„die den armen alten Mann nicht ru⸗ hig werden ſterben laſſen.« Wirklich war Herr Wil ſehr krank; in Folge eines heftigen Ausbruches der Raſerei hatte ihn der Schlag getroffen, und er befand ſich in einem beaͤngſtigenden Zuſtande der Kraftloſigkeit und Er⸗ ſtarrung. Auf Befehl des Arztes waren die Fenſter ge⸗ öffnet, denn der Geruch der Arzneien hatte die 5— Luft noch mehr verdickt, als ſie es ohnehin ſchon war. Zu den Fuͤßen des Bettes ſtand Atar⸗Gull, ſeine Blicke ſtarr auf den Sterbenden geheftet. Er wollte nicht einen ſeiner Blicke verlieren. Ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Traurig⸗ keit lag auf des Negers Stirne— er ſah ſeine Beute entſchluͤpfen, ſein Opfer ſterben. O! er haͤtte mit Freuden die Haͤlfte ſeiner uͤbrigen Tage dafuͤr gegeben, die des Pflanzers um eben ſo viel zu verlaͤngern— aber Gott iſt gerecht! In der andern Ecke des Zimmers ſaß der Arzt nachdenkend; zuweilen erhob er den Kopf, und be⸗ trachtete Atar⸗Gull mit Bewunderung. Das alſo,« ſagte der Aeskulap, vſind die Weſen, denen wir in unſerm kalten, grauſamen Egoismus faſt den Namen Menſch verſagen, die wir auf ſo harte Weiſe zu Sklaven und Laſtthie⸗ ren herabwuͤrdigen, und dennoch, dieſer— welche Ergebenheit! welche zarte Sorgfalt— armer Menſch, wie druͤckt ſich die Trauer in allen ſei⸗ nen Zuͤgen aus, die Angſt in ſeinen Blicken.— O! ſeine Blicke verlaſſen den Herrn keine Sekunde. — D Menſchheit! Menſchheit! wie falſch ſind deine Urtheile, wie grauſam deine Vorurtheile—6 Der redliche Arzt wuͤrde wahrſcheinlich in Ge⸗ danken dieſe negro⸗philoſophiſche Betrachtung noch lange fortgeſetzt haben, haätte nicht ein Schrei des Schwarzen den Gang ſeiner Gedanken unter⸗ brochen. Er ſtand raſch auf und naͤherte ſich dem Sterbenden. „Nun, nun,« ſagte er auf Engliſch, vwie iſt Ihnen denn, mein Freund?— Nur Muth— nur Muth— 4 Der Pflanzer wendete den Kopf nach ihm, mit trockenem, gluͤhendem Blicke; mit einer ſo wuthenden Bewegung, als ſeine Kraftloſigkeit nur erlaubte, zeigte et auf den Schwarzen, der ſtumm und unbeweglich am Fuße ſeines Bettes ſtand. „Ich ſehe, ich ſehe, mein Freund,« ſagte der Arzt; vich weiß, daß er ein braver, wuͤrdiger Die⸗ ner iſt— aber wie der Herr, ſo der Diener, und bei einem ſo guten Herrn, wie Sie— 4 Die Augen des Pflanzers leuchteten von un⸗ gewohntem Feuer, er ſtrengte ſich an, eine vernei⸗ nende Bewegung zu machen und ſchuttelte den Kopf, welcher ſogleich wieder ſchwer auf das Kiſ⸗ ſen zuruͤckfiel. „Ja, ja, Sie ſind ein guter Herr,« nahm der unerſchutterliche Aeskulap das Wort, Hein eben ſo guter Herr, wie er ein guter Sklave iſt— ein guter Freund wollte ich ſagen.« Herr Wil war von Fieber und Schmerzen ſo ſchwach, daß er keine Bewegung mehr machen konnte, nur ſeine Augen, die ſich mit Thränen fullten, hob er gen Himmel, und ſchien Gott mit ſeinen Blicken anzurufen:„Du hoͤrſt es, mein Gott, du, der du die Wahrheit kennſt; donnere doch!— 4 Aber kein Donner erſchallte, und der Doctor, der auf ſeine eigne Weiſe die Thraͤnen und die ſtille Aufforderung deutete, fuhr fort: „Ja, lieber Freund, erleichtern Sie ſich durch Thraͤnen der Dankbarkeit, empfehlen Sie dem Schoͤpfer Ihren vortrefflichen Sklaven— das iſt natuͤrlich— das ſind wohlthaͤtige Thraͤnen, nicht wahr? Dabei reichte der wurdige Arzt Atar⸗Gull ſeine Hand, indem er ſeine naſſen Augen trocknete. vIch wage es nicht, Herr Doctor,« ſagte der Neger verſchaͤmt— Wie, mein Freund, ich ehre mich ſelbſt, in⸗ dem ich die Hand eines Muſters der Tugend und Aufopferung druͤcke,« ſagte der Arzt und ſchloß Atar⸗Gull an ſein Herz. Dieſes Schauſpiel uͤberſtieg die Kraͤfte des Pflanzers. Sein bleiches, gelbes Geſicht wurde roth, dun⸗ kelroth, violett. Er riß die Augen weit auf, und ſein Aug⸗ apfel ſchien zu verſchwinden. Er ſtieß einen rauhen heiſeren Kehlton aus— ſein Mund ſchaͤumte— ſeine Glieder erſtarrten. vEr bekoͤmmt wieder ſeinen Anfall von Ra⸗ ſerei, Herr Doctor,« ſagte der Neger;„geſchwind die Jacke.« Mein,« antwortete der Arzt, vnein, ſie iſt überfluſſig; dieſer Anfall, dieſe Anſtrengung reibt ſeine letzten Kraͤfte auf— er iſt ſchwach, ſeine letzte Stunde naht— warum es Euch verbergen, mein Freund— vielleicht— ſchon in einer Stunde — verliert Ihr Euern Herrn— auf immer— nun— nun— Muth gefaßt— ſeid vernuͤnf⸗ tig— hoͤrt mich— 8 Aber Atar⸗Gull hoͤrte ihn nicht mehr. „Schon— ſchon— 4 heulte er, und waͤlzte ſich auf dem Boden! ver ſoll ſchon ſterben, er— und es iſt noch nicht ein Jahr, daß er mit mir hier iſt; nein, nein, das iſt nicht moͤglich, das darf nicht ſein 14 Er ſprang drohend auf; Wuth in ſeinen Bli⸗ cken, packte er den Arzt mit ſeiner ſtarken Hand, und hob mit der andern einen Stuhl uͤber das kahle Haupt deſſelben, indem er mit lauter Stimme ſchrie: „Er ſoll noch nicht ſterben! es iſt noch zu fruh — hörſt du— es iſt noch zu fruͤh— und laͤßt du ihn ſterben, ſo koſtet es dich dein Leben.« und er ſchwang heftig den Stuhl. „Er ſoll nicht ſterben— nein, er ſoll nicht ſterben,« antwortete bleich und zitternd der Arzt; dich verſpreche es Euch.« — Atar⸗Gull ließ den Stuhl wieder nieder⸗ fallen und ſetzte ſich auf den Boden neben dem Pflanzer nieder, das Geſicht in ſeinen Haͤnden bergend. „Solcher Treue ſind nur die Neger faͤhig,« ſprach der Arzt, indem er ſein Halstuch und ſeinen Kragen wieder in Ordnung brachte; Igrenzt es nicht an Raſerei? Aber es bleibt bewunderns⸗ werth— wenn man es erzaͤhlt, wird es Niemand glauben; jetzt ſcheint er nachdenkend, niedergeſchla⸗ gen— dieſen Augenblick will ich benutzen, mich aus dem Staube zu machen. Mit dem armen Pflanzer iſt es aus— der Todeskampf naht, und obgleich ich es verſprach, trage ich doch kein Ver⸗ langen, Zeuge davon zu ſein.« Der gute Doctor ſchlich ſich suspenso pede davon, ſo wenig Geraͤuſch wie moͤglich machend, um den Schwarzen nicht in ſeinem Nachdenken zu ſtoren. Er athmete freier, als er ſich auf der Treppe ſah, obgleich er ſich noch dem Feuer der Fragen der Frau Bougnol und der Gevatterinnen in je⸗ dem Stockwerke ausgeſetzt ſah. Als Atar-Gull wieder zu ſich kam, ſuchte er den Arzt vergebens, und ſchrie, als er ihn nicht fand: „Er iſt fort, alſo keine Hoffnung mehr— 4 Er richtete ſich auf, den Pflanzer, der im To⸗ deskampfe lag, zu betrachten. Er riß dem magern, ſchon leichenaͤhnlichen Wil die duͤnne armſelige Decke ab, um nichts von dem ſchauderhaften Schauſpiele zu verlieren. Der Pflanzer, in der aͤußerſten Entkraͤftung, und abgezehrt, bewegte ſeine Haͤnde nach allen Seiten, als wolle er etwas üͤber ſich decken; eine gewoͤhnliche Bewegung der Sterbenden. „O wie leicht ſtirbſt du,« verſetzte der Schwarze, „du ſtirbſt in einem Bette— du— du haſt nur acht Monate gelitten— du— du warſt nicht zum Lachen gezwungen, waͤhrend dir der Haß das Herz fraß— du. Wie— ſo haͤtten Jahre der Unterwuͤrfigkeit, der Qualen, der Sor⸗ gen mir nur gedient, dich nicht mehr als acht Monate zu martern— acht Monate nur? Das iſt elend; o! die Weißen, die Weißen! Ihr ver⸗ fluchtes Gluͤck iſt mir ein Dorn im Auge!« Bei dieſen Worten oͤffnete ſich die Thuͤre.— Ein Prieſter mit zwei Chorknaben und ein Gefolge von Frauen traten herein. „Was wollt Ihr d« ſchrie ihnen Atar⸗Gull entgegen. „Dieſem Chriſten in ſeiner letten Stunde bei⸗ ſtehen,« antwortete der Prieſter; vihn troͤſten, ſei⸗ nen Tod erleichtern—6 „Ihn troͤſten in ſeiner letzten Stunde,« bruͤllte der Schwarze; vo! nein, nein, er iſt toll— Ihr konnt ihn nicht troͤſten.« „Großer Gottle ſagte der Prieſter mit einem — Ausdrucke des tiefſten Mitgefuͤhls; Igroßer Gott, nimm ihn in dein heiliges Paradies auf!le vEr iſt ein Moͤrder, er hat meinen Vater ums Leben gebracht,« ſchrie Atar⸗Gull ganz außer ſich, und warf ſich uͤber das Bett des Pflanzers. »Hoͤren Sie nicht auf ihn, Herr Abbé,« ſagte die Thuͤrſteherin; der arme Herr Targu hat aus Schmerz uͤber den Verluſt ſeines Herrn ſelbſt den Verſtand verloren; ſeit der Zeit, daß er hier bei uns im Hauſe wohnt, pflegt er ihn wie ſei⸗ nen Vater, er ernaͤhrt ihn; Tag und Nacht ver⸗ ließ er das Krankenlager nicht— der Schmerz bringt ihn außer ſich— den armen Jungen le „Ach, mein Herr ls rief Atar⸗Gull, ſich zu des Prieſters Fuͤßen werfend und heftig weinend; vach, mein Herr, machen Sie, daß er leben bleibe; es heißt ja, daß Ihr Gott gut und gerecht ſei— daß er lebe— der Pflanzer, daß er leben bleibe; er muß noch leben, ich muß ihn noch lebend ha⸗ ben. Sie wiſſen nicht, daß ich ganz allein durch ihn noch an dem Leben haͤnge; o! machen Sie, daß er nicht ſterbe— noch nicht— ich will meine Fetiſche, die Fetiſche meiner Vorfahren mit Fuͤßen treten— ich will mich zu Ihrem Glau⸗ ben bekennen— aber daß er nicht ſterbe— daß er lebe!— aus Barmherzigkeit, laſſen Sie ihn leben l Guter, wackrer Diener,« verſetzte der geruͤhrte Prieſter; Gott ruft ihn zu ſich— der Men⸗ —— ſchen Wille kann nichts dagegen thun— die Re⸗ ligion kann ihn Euch nicht wiedergeben, aber ſie kann Euch uͤber ſeinen Verluſt tröſten.« „Der Miethsmann ſtirbt, nicht wahr, Herr Abbé 4 fragte die Bougnol— dich kann den Miethzettel aushaͤngen, nicht wahr?4 Der Geiſtliche entwand ſich den Haͤnden Atar⸗ Gull's, und nahte dem Pflanzer. Drr ungluͤckliche Wil war nicht mehr im Stan⸗ de, den Prieſter zu vernehmenz er empfing unbe⸗ wußt das heilige Sakrament und verſchied—— In dem Augenblick, als er den Geiſt aufgab, trat der Arzt herein. Der Neger ſturzte nieder, als wuͤrden ſeine Beine unter ihm weggezogen. Laſſen Sie uns dieſen Augenblick benuten, ihn von hier wegzubringen,« ſagte der menſchen⸗ freundliche Arzt; vich will es uͤber mich nehmen.« „Nein, ich,« verſetzte der geiſtliche Herr, dich bitte Sie ſehr, Herr Doctor, uͤberlaſſen Sie mir das gute Werkz er verſprach mir faſt, unſerm heiligen Glauben beizutreten.« Das iſt ein Grund, gegen den ich nichts einzuwenden habe,« antwortete der Arzt,„doch will ich meinerſeits den Behoͤrden des Kirchſpiels Bericht abſtatten, denn obgleich ſo große Tugenden im Himmel den Lohn empfangen, ſo muͤſſen wir ſie doch auch auf Erden nicht vergeſſen.« „Ich ſehe, wir verſtehen uns,« ſagte der tu⸗ — S8— gendhafte Prieſter, indem er dem Doctor freund⸗ ſchaftlich die Hand druͤckte. Atar⸗Gull, der ohne Beſinnung war, wurde zu dem Geiſtichen getragen, und der Commiſſair kam, die armſelige Habe des Pflanzers zu ver⸗ ſiegeln. Man fand in dem kleinen Kaͤſtchen das be⸗ wußte Tagebuch, deſſen wir fruͤher erwaͤhnten, welches Atar⸗Gull's ungemeſſenes Lob enthielt, und ihn zugleich zum rechtmaͤßigen Erben des Pflom zers ernannte. Den zweiten Tag nach des ungluͤcklichen Wil's Dahinſcheiden entbloͤßten die Leute ihre Haͤupter vor dem Armenleichenwagen, der nach dem Kirch⸗ hofe des Oſten vorüberfuhr. Ein Neger, der hef⸗ tig weinte, folgte, auf einen Geiſtlichen und einen Mann mit weißem Haar, den Doctor, geſtutzt. Etwa zwei Monat ſpaͤter, als Atar⸗Gull hin⸗ laͤnglich in unſerer Religion unterrichtet war, wurde er feierlich, mit dem Namen Bernhard Auguſtin, in der heiligen Genovevakirche getauft. Den Abend des Aſten Auguſts ſagte der wuͤrdige Prieſter, welcher ihn bei ſich aufgenommen hatte, ihm von einer impoſanten Ceremonie, bei welcher der Neu⸗ bekehrte die Hauptrolle bekommen ſollte; Dank ſei es den Bemuͤhungen des Arztes, der von den Bewohnern der rue Tirechappe und des Stadt⸗ * viertels unterſtuͤtzt wurde, welche Alle, ſo wie er, von Herrn Targu's tugendhaftem Betragen gegen ſeinen verſtorbenen Herrn erbaut waren. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Tugendpreis. — Die Tugend iſt eine unſchätzbare Sache. Der Marquis— Vaudeville. Noch eine Abſicht, welche wir vernünftigerweite dem edlen Stifter zuſchreiben können, iſt die, daß er die Unglücklichen bekehren wollte, die nicht an die Tugend glauben. Rede des Baron Cuvier. Es war am 25ſten Auguſt***, als bei lachendem Sonnenſchein, der hell durch die ſchoͤne Kuppel in den Saal der feierlichen Ver⸗ ſammlung der Academie ſtrahlte, die auserle⸗ ſenſte pariſer Geſellſchaft gedraͤngt auf den Baͤnken ſaß, ungeduldig, die Unſterblichen von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, und allegoriſche Verſe, Lehrgedichte oder politiſche Erzaͤhlungen vorleſen zu hoͤren, welche die Geduld der Zuhoͤrer ganz un⸗ vermerkt bis zu dem Berichte der Commiſſion lei⸗ ten ſollten, die den Preis austheilt, den der ver⸗ ſtorbene Herr von Montyon fuͤr die Tugend aus⸗ geſetzt hat. — Dann ſollte man auch den gekroͤnten Dichtern, den Guͤnſtlingen Apollos, den Lieblingen der Mu⸗ ſen, Palmen reichen.. So gruͤßte zum hunderteſten Male der Lieb⸗ ling der Muſen, Herr***, die eingeſchlafene Ver⸗ ſammlung ſehr beſcheiden, indem er den Praͤſi⸗ denten umarmte, der ihm einen gruͤnen Eichen kranz auf die Ohren ſetzte, indem er ihm ſagte Macte animo. Aller Augen ſtanden voll Thraͤnen, und der gekroͤnte Dichter nahm ſich feſt vor, auf ſo ſchoͤ⸗ nem Wege nicht ſtehen zu bleiben; ſich bald, und immer mit aller Kraft, vor den wurmſtichigen Wagen des Versgottes zu ſpannen, und gut oder ſchlecht zu ziehen. Dem Poeten verlangte nach ſeinem Buͤndel Lorbern, nach ſeinem Theile Lob⸗ reden und klaſſiſcher Melopeen. Ein langes dumpfes Gemurmel durchlief den Saal; man ſetzte ſich zurecht, um, das Programm auf dem Schooße, die Haͤnde in einander gelegt, die Augen aufmerkſam auf den Praͤſidenten grich tet, mit Bequemlichkeit den Bericht der Commiſ⸗ ſion zu hoͤren, welchen dieſer der Verſammlung vorzuleſen ſich anſchickte. Bald herrſchte das tiefſte Stillſchweigen, und der Praͤſident begann langſam, und mit toͤnender Stimme: „Meine Herren l4 3 »Die Commiſſion, beauftragt, die Anſpruͤche — 5— Derer zu unterſuchen, die ſich um den Tugend⸗ preis bewerben, welchen der verſtorbene Herr Mon⸗ tyon gruͤndete, hat, nach der ſtrengſten und ge⸗ wiſſenhafteſten Pruͤfung, einſtimmig erkannt, daß dieſes Jahr der Preis von zehntauſend Francs, dem Herrn Herrn Bernhard Auguſtin Atar⸗Gull, Neger, gebuͤrtig von der afrikaniſchen Kuͤſte, drei⸗ ßig Jahr und einige Monate alt, zuerkannt werde. Eine kurze und gedrangte Nachricht uber ſein ganzes Leben, welches mit unbegrenzter Aufopfte⸗ rung ſeinem Herrn geweiht war, wird, wie ich hoffe, einen Beweis fuͤr die Unparteilichkeit der Commiſſion geben. „Bernhard Auguſtin Atar-Gull wurde vor etwa fuͤnf Jahren, ein Opfer des Sklavenhan⸗ dels, nach Jamaika verkauft, wo ſeine gute Auf⸗ fuͤhrung, ſeine Unterwuͤrfigkeit, ſein Fleiß, bald die Aufmerkſamkeit ſeines Herrn auf ſich zogen, der ihm ſein ganzes Zutrauen ſchenkte. „Ploͤtzlich wurde der Pflanzer Tom Wil von unerwarteten und ſchrecklichen Ungluͤcksfaͤllen heim⸗ geſucht; der Tod ſeiner Tochter, ſeiner Frau und ſeines Schwiegerſohnes, folgten raſch auf einan⸗ der; er verlor zur ſelben Zeit ſein bedeutendes Ver⸗ moͤgen, und ſah ſich gezwungen, Jamaika zu ver⸗ laſſen, um den traurigen Erinnerungen zu ent⸗ fliehen, die ihm unfehlbar das Leben geraubt haben wuͤrden. »„Da, meine Herren, hatte der Pflanzer in die⸗ Atar⸗Gull. 1MI. 7 —— ſem Jammer das unſchaͤtzbare Gluck, in Atar⸗ Gull einen ſichern, ergebenen und unermuͤdeten Freund zu finden, welcher ſich ganz fuͤr ihn auf⸗ opferte. „O! meine Herren, wie viel andere Sklaven haͤtten an ſeiner Stelle ſich heimlich uͤber die Drangſale gefreut, die Den ereilten, der ſie ge⸗ kauft, der ſie von ihrer Heimath, ihren Lieben, getrennt hatte. Nicht ſo, meine Herren, Atar⸗ Gull, den nur ein Gedanke beſchaͤftigte, der der Liebe und Dankbarkeit, die er ſeinem Herrn, der ihn mit Wohlwollen behandelt hatte, ſchuldig war. „Und, beiläufig geſagt, meine Herren, ſolche Handlungen widerlegen mehr als ganze Baͤnde, die man daruͤber ſchreiben koͤnnte, die kalte grau⸗ ſame Logik der Skeptiker, welche noch immer die geiſtige Entwickelung der Schwarzen in Zweifel ziehen, und unter ſcheinbarem und paradoxem Vor⸗ wande zu behaupten wagen, daß der infame Skla⸗ venhandel nothwendig und gerecht ſei. Doch, meine Herren, kommen wir wieder auf Atar⸗Gull zuruͤck. „Er hatte den Freibrief, den ihm ſein Herr verſchaffte, benutzen konnen; doch that er es nicht, ſondern folgte mit Seibſtverleugnung und Auf⸗ opferung dem Pflanzer nach Europa, nach Eng⸗ land, nach Frankreich und Paris. „Hier in Paris iſt es beſonders intereſſant, den Beweiſen ſeiner Anhaͤnglichkeit zu folgen, die ſo kräftig in ihrem Ausdrucke als tief begruͤndet waren. — 35 Die geringen Einkuͤnfte des Pflanzers waren bereits erſchoͤpft; da arbeitete der Neger Tag und Nacht, um einen kranklichen Greis zu erhalten⸗ den eine lange Reihe von Ungluͤcksfaͤllen in einen ſtets gereizten und aufgebrachten Zuſtand verſetzte, was wohl ſehr verzeihlich war; und dieſes Unge⸗ mach ertrug der arme Schwarze ohne Murren, ohne die geringſte Klage. „Was ſoll ich Ihnen ſagen, meine Herren? Der ungluckliche Pflanzer, ſeiner Sprache beraubt, konnte bald ſeine Glieder nicht mehr brauchen; ſein Geiſt ward irre, und einige lichte Augenblicke abgerechnet, lebte er noch eine lange Zeit in voll⸗ kommenem Wahnſinn. „Endlich erlag der Pflanzer ſo vielem Un⸗ gluͤcke und ſo herben Leiden. „Und nun, meine Herren, zeigte ſich erſt, wie weit die Dankbarkeit und Liebe dieſer ungebildeten Naturmenſchen geht. „Kaum hatte der wuͤrdige, treffliche Arzt, der den Kranken unentgeltlich behandelte, dem Diener ſeines Herrn nahenden Tod verkuͤndet, als dieſer ganz außer ſich gerieth, und in einem Anfalle ſehr verzeihlicher, vielleicht bewundernswerther Ra⸗ ſerei ausrief: vEr ſoll nicht ſterben— das Ee ben iſt mir nur um ſeinetwillen lieb— wenn du ihn ſterben laͤßt, bringe ich dich um.«6 Dieſe Worte, dieſe tiefen, energiſchen Klagen, mit der Glut eines Aftikaners ausgeſtoßen, werden, — hoffe ich, in den Herzen Derjenigen wiederhallen, welche eigenſinnig darauf beſtehen, auf die Schwar⸗ zen veraͤchtlich herabzuſehen. „Indeß war, meine Herren, bald alle Hoff⸗ nung vernichtet, und der Diener Gottes kam dem ungluͤcklichen ſeinen heiligen Troſt zu verleihen— oder beſſer geſagt, dem gluͤcklichen Pflanzer, denn iſt Der nicht glucklich zu nennen, der Alles ver⸗ liert, und doch noch einen Freund, einen Bruder, einen Sohn wie Atar-Gull beſitzt? „Es iſt aber merkwuͤrdig, in welcher geheim⸗ nißvollen Beziehung eine edle, erhabene Seele, in welcher Huͤlle ſie ſich auch befinden mag, zu einer Religion ſteht, deren Umfang ſo groß und maͤch⸗ tig iſt. Im Namen unſter Religion, im Namen der Religion Chriſti, ſchwur dieſer Schwarze ſei⸗ nen Götzendienſt ab, und verlangte die Erhaltung ſeines Herrn! „Meine Thränen fließen, ſie ſind ſuß! Giebt es wohl ein ruͤhrenderes, erhabeneres Bild, als wenn man ſich einen armen Neger vorſtellt, der, wie durch Inſtinkt einer liebenden Seele geleitet, allen Troſt, alle Hoffnung erraͤth, welche in einer Religion, die er nicht kennt, vorhanden iſt, die ſich aber ſeinem Geiſte verworren offenbart, wie die heiligen myſtiſchen Offenbarungen, die plotzlich unſere Kirchenvaͤter erleuchteten? „Endlich, meine Herren, ließ ſich Atar-Gull, um wuͤrdig ein Leben, das er ganz ſeinen Mit⸗ — menſchen weihet, zu beſchließen, in unſerer Reli⸗ gion unterrichten und taufen; wir zaͤhlen nun ei⸗ nen guten Chriſten mehr unter uns. „Was die Commiſſion hauptſaͤchlich beſtimmt, die Blicke der Geſellſchaft auf dieſen wuͤrdigen Mann zu ziehen, iſt ſeine Seelengroͤße, ſein erha⸗ bener Charakter, die bei Atar⸗Gull maͤchtig ge⸗ nug waren, ſeinen angeborenen Haß zu bekampfen. „Ja! wäre nicht ein ſolches Betragen ſchon von einem unſerer Mitburger, der in unſern Sit⸗ ten, Gebraͤuchen und Geſetzen erzogen iſt, der groß⸗ ten Lobeserhebungen und Belohnung wuͤrdig? Wie hoch ſteht nun vollends dieſer Ehrenmann⸗ wenn wir bedenken, daß er ein halber Wilder iſt, der ganzen Heftigkeit ſeiner Leidenſchaften uͤberlaſ⸗ ſen, ohne Zuͤgel, ohne Bildung, ohne Glauben, ohne Unterricht, der ihn die ſchreckliche Kluft ver⸗ geſſen lehrt, welche die Peitſchenhiebe und die Grau⸗ ſamkeit der Pflanzer zwiſchen ihm und einem Wei⸗ ßen geſchaffen, der ihn lehrt, ſich einem Weißen mit Leib und Seele zu weihen, und ihm eine kindliche Liebe zu beweiſen! „Ich glaube, Sie werden, meine Herren, die Wahl der Commiſſion nur billigen, und mit uns uͤbereinſtimmen: Iſt Hrn. Montyon's edle Seele von Dem unterrichtet, was wir hienieden thun, ſo muß ſie befriedigt ſein, denn wir waren ſo gluck⸗ lich, die beiden Gedanken, die ihn ſtets beſchaͤftig⸗ ten, und denen er ſterbend ſein ganzes Vermögen 9 weihte, zu verwirklichen, naͤmlich: Ungluͤcklichen Gutes zu thun und zur Nacheiferung anzu⸗ ſpornen. (Anhaltender Beifall.) „ Jetzt haben wir nur noch die Aktenſtuͤcke bekannt zu machen, welche uns uͤbergeben worden ſind. 1. Das eigenhaͤndig geſchriebene Teſtament Herrn Wil's ſetzt in den ſchmeichelhafteſten Aus⸗ druͤcken Atar⸗Gull zum einzigen Erben ſeiner klei⸗ nen Habe ein. 2. Der Freibrief des Negers, mit weitlaͤuftigen Anmerkungen des Gouverneurs von Jamaika ver⸗ ſehen, welche die vortrefflichen edeln Eigenſchaften Atar⸗Gulls auf die vortheilhafteſte Weiſe ſchildern, die ehrenvollen Zuͤge anfuͤhrend, durch welche er ſich dieſes Lob erwarb. 3. Ein Certifikat des Capitains der engliſchen Fregatte, der Cambrian, welche den Pflanzer mit ſeinem treuen Sklaven nach Europa zuruͤckfuͤhrte. — Dieſes Certifikat, von ſaͤmmtlichen Offizieren unterzeichnet, ertheilt dem Neger wegen ſeines aus⸗ gezeichneten Betragens gegen den Pflanzer die groͤßten Lobſpruͤche. 4. Eine Bittſchrift, von den Mitbewohnern des Hauſes, worin der ſelige Herr Wil wohnte, unterzeichnet, und von den angeſehenſten Bewoh⸗ nern des Stadtviertels unterſtuͤtzt, welche beſtatigt, — 9— wie Atar⸗Gull ſeinem Herrn ergeben war, und worin auf ſeine Belohnung angetragen wird. 5. Noch beſondere Notizen des Arztes, der Herrn Wil in ſeiner letzten Krankheit behandelte, und welcher zuerſt die Behörde auf dieſe fuͤr die Menſchheit ſo ehrenvollen Thatſachen aufmerkſam machte. 6. Ein Brief von Herrn Duval, Prieſter zu St.⸗Genoveva, welcher Atar-Gull in den Grund⸗ lehren der chriſtlichen Religion unterrichtet hat, und von deſſen muſterhafter Auffuͤhrung ſowohl, als von ſeiner ruͤhrenden, aufrichtigen Ergebung ſehr erbaut iſt.— „Dieſes, meine Herren, ſind die Gruͤnde, auf welche die Commiſſion ihr Urtheil ſtuͤtzt; wir ſchmeicheln uns, Ihres Beifalls wuͤrdig zu ſein, indem wir ſo den uns ertheilten heiligen Auftrag auf das Gewiſſenhafteſte erfullen. vHiernach iſt der Tugendpreis von zehntau⸗ ſend Francs, den Herr Montyon gruͤndete, Herrn Atar⸗Gull(Bernhard Auguſtin) zuerkannt.« Es iſt unmoͤglich, den Enthuſiasmus zu ſchil⸗ dern, den dieſer lange Bericht in der Verſamm⸗ lung hervorbrachte. Es war, als haͤtte die Civi⸗ liſation einen neuen Sieg uͤber die Barbarei da⸗ vongetragen. Eine Sammlung, die ſogleich in dem Saale fuͤr den guten Neger veranſtaltet wurde, betrug zwei⸗ tauſend Francs, welche man dem Praͤſidenten uͤber⸗ — gab; am Abend redete man in ganz Paris nur von Atar-Gull, dem vortrefflichen Sklaven. Während dieſer ganzen Sitzung ſaß im Hin⸗ tergrunde einer dunkeln Loge, durch einen rothen Vorhang verdeckt, finſter und ſtill in ſich gekehrt ein aufmerkſamer Zuhoͤrer. Das war Atar⸗Gull. „Ole dachte er zuweilen, viſt mir gleich mein Opfer entſchluͤpft— habe ich meine Rache nicht vollkommen an einem Einzelnen vollfuͤhren koͤnnen, ſo raͤche ich mich jetzt um ſo mehr an dieſer gan⸗ zen Geſellſchaft von Weißen!— „Ol ich bemitleide, ich verachte ſie, dieſe Phil⸗ anthropen, dieſe Auswahl der feinſten Pariſer— die von einem armſeligen Sklaven, einem Neger, welcher noch Zeichen der Meitſchenhiebe auf ſeinem Ruͤcken hat, am Narrenſeil gefuͤhrt werden. „O! wie laͤcherlich fuͤr mich— wenn ich jetzt plotzlich aufſtände— wenn ich ihre noch feuchten Blicke auf mich zoͤge— Wenn ich dieſer geruͤhrten Menge die Worte zuriefe, die ich dem Pflanzer Tom Wil ſagte! „Bei ihrem Gotte! ein ſonderbares Schau⸗ ſpiel— „Ich haͤtte wohl Luſt dazu— „Ein herrliches Reſultat, auf mein Wort!—4 wurde ich ihnen zurufen.„Der Mord, die Heu⸗ — chelei und Gotteslaͤſterung— von der Religion und Tugend gekrönt— „Doch nein! Thor, Thor, der ich bin— ich erniedrige mich, und ſollte mich in meiner gan⸗ zen Groͤße aufrichten, mit ſtolzer Miene ſollte ich dieſer Menge zurufen: „Nachdem man meinen Vater wie ein Vieh gekauft hatte, hat man ihn wie einen Raͤuber ge⸗ hangen, weil er zu alt war, um ſein Brot durch muͤhſame Arbeit zu verdienen. Ich hatte ſein Leben und ſeinen Tod zu raͤchen. Fuͤr einen guten Sohn iſt Rache Tugend. »Wenn Ihr alſo die Beweggruͤnde meiner Handlungen erwaͤgt, mein Sklavenleben in An⸗ ſchlag bringt, meine Martern zaͤhlt, ſo muͤßt Ihr geſtehen, daß der Tugendpreis wohl verdient und wohl ertheilt wurde. „Ich nehme ihn! Vater— biſt du zufrieden? — Erwarte mich— bald folge ich Dir— 4 In der That ſtarb Atar-Gull bald als Chriſt am Heimweh. Ich weiß, es iſt faſt einfaͤltig, wenn ich hier erklaͤre: daß mir nie der ſchaͤndliche Gedanke in den Sinn kam, die geringſte ſpottende oder belei⸗ digende Anſpielung auf die treffliche Stiftung zu machen, durch welche einer der tugendhafteſten Maͤnner, die es je gab, die ganze Menſchheit ehrte. Das iſt ſo klar, ſo augenſcheinlich, daß es fuͤr einen Pleonasmus gelten muͤßte, es noch beſonders zu ſagen. Ich ſchreibe dieſe wenigen Worte nur, um im Voraus boshaften Auslegern meiner Grundſätze zu antworten. Mein einziger Zweck war, einen Beweis auf⸗ zuſtellen, daß der Beſuch des Polizeigefreiten nicht die nothwendige Aufloͤſung von dem Leben eines jeden Tartuff iſt, mag er nun civiliſirt oder roh ſein, und die alte, alte Wahrheit darzuthun: „Daß das urtheil der Menſchen nicht unfehlbar iſt.« Ende des dritten und letzten Bändchens. Bei Otto Wigand, Buchhändler in Leipzig iſt ſo eben vollſtaͤndig erſchienen: Die Stadt⸗ und Landſchule eine Sammlung aller Schulwiſſenſchaften fuͤr Lehrer und Schuͤler, nach den beſten Quellen und Huͤlfsmitteln fuͤr mittlere und hoͤhere Claſ⸗ ſen bearbeitet und herausgegeben von einer Ge⸗ ſellſchaft deutſcher Lehrer und Erzieher unter Redaktion der Diakonen L. Würkert und W. Haan. 9 ſtarke Bände in gr. S. mit vielen Abbildungen. 1837. Preis 6 Thlr. 16 Gr.(In Parthien auf einmal ge⸗ nommen noch billiger.) Inhalt dieſer 9 Baͤnde. Chriſtliche Glaubens- und Sittenlehre. Bibliſche Geſchichte. Chriſtliche Religionsgeſchichte. Religioͤſe Gedichte und Denkſpruͤche. Geſanglehre oder Anweiſung zum Singen in Kirche und Haus. H. Naturgeſchichte. Naturlehre. III. Geographie. Weltgeſchichte. IV. Arithmetik. Muͤnzen, Gewichte und Maße. Faßliche Geometrie. Mechanik und Maſchinenbauweſen. Technologie. V. Deutſche Sprache. Briefſteller. Anzeigen, Quittungen, Atteſtate, Obligatio⸗ nen und Wechſel. Kurze Erklärung der gewoͤhnlichſten Fremd⸗ woͤrter. VI. Wanderbuch oder kurzer Wegweiſer durch die Hauptſtaͤdte der ganzen Erde. VII. Koͤrperlehre. Seelenlehre. Geſundheitslehre.. Belehrung uͤber die Gifte. Botanik. Bergbau. Schiffahrt. VII. Voͤlkerkunde. IN. Mythologie. Populaͤre Aſtrönomie. Deutſche Claſſiker.— k Ein ſolches Werk bedarf von Seite des Verlegers wohl keiner weitern Empfehlung! Zwanzig tüchtige Schulmänner bringen in dieſem großartigen Werke, alle diejenigen Schulwiſſenſchaften, welche jetzt Niemand, — der in der Welt ſein Fortkommen ſucht— entbeh⸗ ren kann, in einer verſtändlichen, klaren Sprache, dem jetzigen Standpunkte gemäß!— Mehr denn 30 öffent⸗ liche Blätter haben dieſes Werk gewürdigt und will⸗ kommen geheißen.— Papier und Druck ſind gut! Der Preis billig.— Somit glaubt der Verleger die deut⸗ ſche Literatur mit einem Werke bereichert zu haben, welches Segen und Nutzen bringen wird. Otto Wigand. 6——————— H8 S* S