Das Zwiſchendeck. Das Böſe herrſchte da in ſeinem weiten Reiche; Was athmet und was denkt, begann zu leiden; Und Erde, Himmel, Seel' und Stoff,— Alles ſeufite, die Stimme der Natur War nur ein langer Seußer. v. Lamartine. Medit. Man weiß, daß der Capitain Brulart ſein ganzes Geraͤth an Bord der Katharina bringen ließ, das heißt, ſeinen ſchmuzigen, von Fett und Wein triefenden Tiſch, ſeine alte Kiſte, in der er gar nichts hatte, das blaue, beſchmuzte, zerriſſene Hemd, welches er auf dem Leibe trug, ſeinen Knuͤttel— oder Faͤcher fuͤr Eſel, wie er ihn ſcherzweiſe nannte — und ſeine große zinnerne Kanne, welche drei Pinten hielt. In des unglucklichen Benvit's Kajuͤte einge⸗ richtet, wunderte er ſich uͤber den Reichthum, den ſie enthielt. Zuerſt bemaͤchtigte er ſich des Stroh⸗ huts, ſchmuͤckte ihn mit dem alten Kornblumen⸗ kranze, und ſetzte ihn auf; dann zog er eine Jacke Atar⸗Gult. I. 1 und Pantalons an; Alles war ihm viel zu kurz und zu weit, auch war er nicht ſparſam mit Schimpfwortern und Fluͤchen auf den fruͤhern Be⸗ ſitzer; endlich nahm er es aber nicht ſo genau, und befand ſich wohl dabei; auch ſagte er bei ſeinem Erwachen den andern Morgen, indem er ſich wohlgefaͤllig in dem kleinen Spiegel betrachtete: „Es iſt wahr, Kleider machen Leute!« Nachdem er mit gutem Appetit eine Scheibe getrockneten Fiſch, etwas hollaͤndiſchen Käſe, und zwei bis drei Maaß Branntwein zum Fruͤhſtuck verzehrt, ſtieg er in das Zwiſchendeck hinab, die Neger zu muſtern. Seit dem vorigen Tage waren die großen Na⸗ maken ein wenig vernachlaͤſſigt; wie konnte es auch anders ſein; es hatte ſich ja ſo Vieles ereignet, daß man unmoͤglich an Alles denken konnte. Ge⸗ gen Mittag alſo kam der Capitain Brulart hinab; das Zwiſchendeck war auf Koſten des untern Rau⸗ mes erweitert, denn von dem Vorderſteven bis zu dem Hinterſteven war es, glaube ich, fuͤnfunddreißig Fuß lang und funfzehn Fuß breit, und wohl zehn Fuß hoch. Der Tag fiel nur durch die große, doppelt vergitterte Luke ein. Brulart begann ſeine Inſpection. Zuerſt kam er an die Kinder; arme ſchwache Creaturen, die in dieſem Handel mit Menſchenfleiſch ſo zu ſagen als Scheidemuͤnze dienen. Die Kinder ſpielten hier ſo, wie ſie am kuͤhlen ſchattigen Ufer des rothen Fluſſes auch geſpielt hätten. Mein Gott, es war — —— ja nichts fur ſie veraͤndert: nur daß ſtatt des Him⸗ mels, der ihnen Tags zuvor gllaͤchelt hatte, heute die ſchwere Decke des Schiffes uͤber ihnen lag, daß ſtatt der blendenden Sonne, die ſie mit Waͤrme und Licht umgeben hatte, durch die dichtvergitterte Luke nur wenig Luft und Licht eindrang. Sie fragten ſich in ihrer naiven Sprache nur, indem ſie auf die Decke und die Gitter zeigten, weshalb der Himmel ſo ſchwarz und ihnen ſo nahe ſei, und die Sonne ſo blaß und kalt; und dann fragten ſie ſich, warum dieſe garſtigen Eiſenringe ihre ſchon wunden, geſchwollenen kleinen Fuͤße einzwaͤngten; und auch, warum ſie ſchon ſeit drei Tagen ihre Muͤtter nicht geſehen, die ihnen gerade ein ſchoͤnes Halsband von Kolibrifedern verſprochen hatten, und eine buntere Schuͤrze als alle Steinchen des rothen Fluſſes. Endlich aller dieſer Fragen und des Wei⸗ nens muͤde, waͤlzten ſie ſich, ſchlugen ſich unter⸗ einander, wahrſcheinlich um geduldiger die Eßſtunde abzuwarten; denn man hatte ſie ſeit zwei Tagen ein wenig vergeſſen, und ſie litten großen Hunger. Brulart ging voruͤber, und ohne es eben ab⸗ ſichtlich zu thun, zerquetſchte er durch einen Tritt mit ſeinem breiten, ſchweren Stiefel einem dieſer Kinder beinahe das Bein. Es war hier ſo finſter. Der arme Kleine ſchrie erbaͤrmlich. vEin anderes Mal ziehe Pantoffeln an, aftika⸗ niſche Ratte,« ſagte Brulart, und ging nach der 1* — Mitte des Schiffes, ſehr unzuftieden uͤber dieſe kleinen Negerchen, die ſich ſo ſchlecht verkaufen; — jedoch hier machte ſeine uͤble Laune einem zu⸗ friedenen Laͤcheln Platz, denn hier fing die maͤnnliche Abtheilung an. Das Licht fiel auf dieſer Stelle ſenkrecht ein, alſo konnte er ſie leicht unterſuchen. Es waren ſtarke, kraͤftige Maͤnner; der Skla⸗ venhaͤndler betrachtete auch mit wahrer Freude ihre breite Bruſt, ihre nervigen Arme, ihre breiten Schultern und Ruͤcken, ihre gelenken, muskuloͤſen Beine; man konnte, gefeſſelt wie ſie waren, nicht einmal die Kraft dieſer geſunden jungen Weſen recht beurtheilen; der Aelteſte von ihnen war noch nicht dreißig Jahr alt. Sie hatten nicht die gluͤck⸗ liche und unbefangene Sorgloſigkeit der Kinder; denn ſie ſahen, wie ich glaube, beſſer als jene, ihre Lage ein. Oft, wenn ſie in ihrem Kraal um die weißliche Flamme der brennenden Aloes oder Palmen ſaßen, die einen ſo wohlriechenden Rauch verbreiten, hatten ſie einen Alten erzaͤhlen horen, daß einige Stämme des Nordens ihre Gefangenen, ſtatt ſie zu verzeh⸗ ren, den weißen Maͤnnern verkaufen, welche ſie nach ihrem Lande mitnehmen— weit— ſehr weit — mehr ſagten ihre Nachrichten nicht; aber ihre Unwiſſenheit vergroͤßerte die Furcht nur; auch wa⸗ ren, wie bereits geſagt, die Namaken des ſeligen (eider! glaube ich, darf man ſagen: ſeligen) Capitain Benoit duͤſter und traurig. Die Einen ſaßen, den Kopf auf die Bruſt haͤngend, die Zehen in der Handz mit truͤbem, ſtierem Blick unbeweglich da. Andere machten ihre Arme ſteif, biſſen die aͤhne zuſammen, und man bemerkte, ich weiß nicht welche innere Mundbewegung; aber von Zeit zu Zeit blieſen ſie ihre Backen auf, ihre Augen wurden blutig, und man hoͤrte eine Art dumpfes Brauſen ſtoßweiße ihrer keuchenden Bruſt ent⸗ ſtroͤmen. Sie ſuchten, wie ſich wenigſtens vermuthen läßt, ihre Zunge zu verſchlucken; eine ſehr ge⸗ woͤhnliche Todesart der Wilden wie man ſagt. Einige, der Laͤnge nach hingeſtreckt, ſchienen ganz ruhig; von Zeit zu Zeit zogen ſie mit der groͤßten Heftigkeit ihre Beine zuruͤck, als wollten ſie dadurch den Ring, an welchen ſie gekettet wa⸗ ren, ſprengen; das war einfaͤltig und ein Beweis der dummkoͤpfigen Unwiſſenheit der Wilden, denn dieſe gut genieteten Reife waren durchaus nicht elaſtiſch. Andere endlich, und das war die Mehrzahl, lagen auf der Seite und ſchliefen, doch ihr Schlaf wurde haͤufig von krampfhaften Bewegungen un⸗ terbrochen, die entweder die Folge des Leibſchnei⸗ dens waren, oder heiterer Ruͤckerinnerungen an die Ufer des rothen Fluſſes. Wie z. B. die Er⸗ innerung eines raſchen muntern Namakentanzes, nach dem Klange des Inum⸗Inum, im Schatten Atar⸗Gull. II. der Mimoſen, wenn die ſinkende Sonne die Spi⸗ ten der Baͤume erleuchtet, die Voͤgel der Luͤfte ihre Abendlieder zwitſchern und der Waldgeſang der Didrike und der Kapſperlinge ſich mit dem entfernten dumpfen Gebruͤlle der Loͤwen und Pan⸗ ther eint. Oder wenn das abſcheuliche Nilpferd, wie die alte Gottheit dieſes afrikaniſchen Fluſſes, brauſend die Wellen theilt, ſeinen ſchwarzen geharniſchten von Waſſer triefenden Leib zeigt, der mit gruͤnem Schilf und Seeroſen bedeckt iſt, deren blaue Blu⸗ men auf den breiten ſilbernen Wogen treiben— und dann die Erinnerung an ein Feſt im Kraal, an welchem der Haͤuptling eine große Elephanten⸗ jagd fuͤr den folgenden Tag verſprach. Tanze nur, tapferer Kaffer, tanzez deine Pfeile ſind geſchaͤrft, dein Beil funkelt und dein Bogen iſt glaͤnzend; tanze, denn die Sonne gehet unter, aber der Mond leuchtet, und Narina liebt es ſo ſehr, das bleiche Leuchten des Mondes! Das war der Traum Einiger von ihnen; denn wie die Geſichter der Wachenden finſterer und kummervoller wurden, ſo ſtrahlten die einer Menge der Schlaͤfer in Gluͤck und Wonne. Be⸗ ſonders Einer, Atar-Gull, ein großer junger Ne⸗ ger mit krauſem Haare, dehnte ſein freundliches, offenes Geſicht, daß es eine Luſt war, die Backen ſich aufblaſen, die Ohren ſich bewegen, ſeine Haͤnde den Tact ſchlagen zu ſehen. Ein unbegreiflicher „ . Ausdruck von Gluͤckſeligkeit ruhte dabei auf ſeiner ſchoͤnen Geſtalt; ohne zu reden, oͤffnete er den Mund und ließ zwei Reihen der ſchoͤnſten weißen Zaͤhne ſehen— der arme Junge war in ſeinem Traume ſo ſelig! „Ich will dich lehren, mir ins Geſicht lachen, ſchwarzer Hund,« ſchrie Brulart, dem dieſe uͤbel angebrachte Froͤhlichkeit laͤſtig war, und mit ei⸗ nem Schlage ſeines Eichenſtockes erweckte er den Schlaͤfer. Es war wirklich ein herzzerreißender Anblick, dieſen Menſchen zu ſehen, ich meine dieſen Neger; noch eben ſo heiter, ſo zuftieden, bewahrte er einen Augenblick den Ausdruck ſeiner truͤgeriſchen Froͤh⸗ lichkeit; dann fiel ſein Blick auf ſeine Feſſeln, und augenblicklich ſah man ſeine duͤſtere Verzweif⸗ lung, und zwei große Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen herab. Er erkannte ſeine jetzige Lage wieder in ihrem wahren Lichte und fuͤhlte wie die Andern einen gewaltigen Hunger, denn auch ihn hatte man etwas vernachlaͤſſigt. Brulart gelangte endlich an das Ende des Schiffes nahe am Vordertheil. Dort waren die Weiber eingepfercht. „Ha! ha le ſagte der Seeraͤuber; vhier end⸗ lich das Serail, tauſend Donner des Teufels! Hier muß man ſehen koͤnnen. Cartahut, geh, hol mir eine Schiffslaterne,« rief er ſeinem Schiffsjun⸗ gen zu. Die Laterne kam, und Brulart ſchaute!— 2 Wahrlich, waͤre nicht einer meiner Großonkel Domherr zu Rheims und ein ſehr heiliger Mann geweſen, ſo wuͤrde ich hier, auf mein Wort, ein recht huͤbſches und erotiſches Bild entwerfen. Denkt Euch einige zwanzig Negerinnen, ſaͤmmt⸗ lich von dem Alter eines guten Ochſen; nicht etwa braͤunliche, ſchmutzige Kafferinnen, öhlig, ſchmierig, mit einem garſtigen, wolligen Kopfe;— nein! Es waren ſchlanke, große junge Mädchen, kraͤftig und fleiſchig, mit langen, duͤnnen Naſen, hoher Stirn, glattem Haar, glaͤnzend wie der Fittig des Raben. Und welche Augen! wahrhaft ſpaniſche Augen, groß und ſchön mit einem ſam⸗ metartigen Augapfel, welcher auf einem ſo feuch⸗ ten, ſo durchſichtigen Grunde glaͤnzte, daß er faſt blaͤulich ſchien. Und der Mund— Ebenholz, Elfenbein und Korallen. Haͤttet Ihr ſie ſo geſehen, alle Wetter, dieſe Namakinnen, von Brulart's Schiffslampe wun⸗ derlich beleuchtet. Haͤttet Ihr geſehen, wie das ſchwankende Licht die ſchlanken anmuthvollen Koͤrper uͤberflog, die es zu vergolden ſchien.— Einige, mit einer bunten Negerſchuͤrze von lebhafen Farben halb bedeckt, zeigten ihre bloßen, runden, vollen Schultern; Andere kreuzten ihre ſchö⸗ nen Arme uͤber einem feſten, wogenden Buſen; dieſe hier— Ach! waͤre nicht einer meiner Großonkel Dom⸗ herr zu Rheims, und ein ſehr heiliger Mann ge⸗ weſen! Man liebt, ich weiß es, eine feine, weiche, elaſtiſche Haut, die unter unſerem liebkoſenden Munde erbebt. Man umſchlingt gern einen ſcho⸗ nen weißen Hals, auf deſſen himmelblauen Adern goldgelockte Seide ſpielt. Man liebt es, unter einem Kuſſe roſige Au⸗ genlieder zu ſchließen, deren lange Wimper ein blaues Auge beſchatten, hell und lachend wie der Himmel eines Maitags. Man liebt, ich weiß es, eben ſo ſehr Purpur und Perlen in Elfenbein, als in Ebenholz, eingelegt. Man liebt die ſchuͤchterne Haltung, den ſitt⸗ ſamen Gang, die leiſe ein jungfraͤuliches Gewand bewegen. Man liebt aber auch einen kleinen niedlichen Fuß, der in einem Atlasſchuh durch den feinen, geſtickten ſeidenen Strumpf ſchimmert. Aber zum Henker! warum in aller Welt uͤber dieſe ſchwarzen Schoͤnheiten, feurig wie eine afri⸗ kaniſche Stute, wild und ſcheu wie eine junge Tigerin, warum uͤber dieſe den Bann ſprechen? Ja, haͤttet Ihr ſie nur fuͤr Ibrahims Harem geſchmuͤckt geſehen, mit ihren rothen, mit Silber durchwirkten Schleiern, ihren goldenen Ringen, den Ketten von glaͤnzenden Steinen, die auf ihrer dunkeln Haut wie ein Blitz aus duͤſtern Wetter⸗ wolken ſchimmerten! — Ja! haͤttet Ihr ſie wuͤthend geſehen, mit flie⸗ genden Haaren, keuchenden Naſenloͤchern, den Buſen hochwogend, ihre feuchten Augen oͤffnend, halb ſchließend, und ſie wieder offnend, mit Blicken, die nicht ſehen und aufs Gerathewohl zuͤndende Blitze ſchießen— Haͤttet Ihr ihre wahnſinnigen Biſſe gefuͤhlt, — ihr Geſchrei krampfhafter Wuth gehoͤrt.— Haͤttet Ihr— Aber, mein Gott! ich vergaß meinen Groß⸗ onkel, den Domherrn, einen ſehr heiligen Mann, und auch den Capitain Brulart. Dieſer hatte ohne Zweifel den Vergleich zwi⸗ ſchen den ſchwarzen und den weißen Schoͤnen ſelbſt gemacht, den ich ihm entlehne, denn er rief Car⸗ tahut zu: vFuͤhre mir dieſe zwei Puͤppchen hin⸗ aufz« und ſowohl um ſie aufzuwecken als um ſie zu bezeichnen, gab er Jeder einen Schlag mit ſeinem Stocke. Sein Befehl wurde ſogleich vollfuͤhrt; Carta⸗ hut loͤſte ihre Feſſeln und trieb ſie vor ſich her, beide traurig, beide verſchaͤmt, halb nackt; die ar⸗ men Maͤdchen! Als der Capitain Brulart ſie die engen Stu⸗ fen der Leiter hinaufſteigen ſah erheiterte ſich ſein glaͤſerner Blick und glaͤnzte wie ein Licht durch das Horn einer Laterne. Er ſtieg auch hinauf; als er aber an den Verſchlag des Hinterdeckes kam, blieb er ploͤtzlich — —2 bei dem Anblicke eines ſchauderhaften, ſeltſamen Schauſpieles ſtehen. Elftes Kapitel. Atar⸗Gull. In keinem Falle verſteht es der Menſch, ſich mit ſei⸗ nem Bedürfniſſe der Wolluſt, des Reichthums, der Macht zu begnügen, er verlangt mehr, als er er⸗ reichen kannz ſeine Habſucht iſt keiner Mäßigung fähig. Montaigne.— Buch II. Kav. 12. Es giebt Helden im Böſen wie im Guten. Larochefoucauld. Ich denke, man wird ſich des großen ſchoͤnen Negers Atar-Gull erinnern, welchen der ſelige Herr Benoit dem Maͤkler abkaufte, und der eben auf ſo ungeſtuͤme Weiſe von Brulart aufgeweckt wurde, weil ihm dieſer Schwarze, wie er behaup⸗ tete, ins Geſicht lachte. Der war es auch jetzt wieder, der die Aufmerkſamkeit des Capitains auf ſich zog. Aus Gruͤnden von den andern Schwarzen ge⸗ trennt, lag er der Laͤnge nach vor einer Thuͤre, die in ein Kaͤmmerchen am Hinterdeck des Schif⸗ fes fuͤhrte. Als Meiſter Brulart an ihm voruͤber⸗ ging, glitt er aus, ſtrauchelte und fiel, wie ein — — Heide fluchend, nieder. Er richtete ſich wieder auf und ſah, daß ſeine Haͤnde ganz mit Blut befleckt waren und Atar-Gull faſt athemlos dalag. Er trat naͤher und fand nach genauem Un⸗ terſuchen, daß der Ungluͤckliche ſich die Adern des 3 Arms geoͤffnet hatte— und zwar mit ſeinen eig⸗ nen Zaͤhnen! Die noch blutenden Biſſe bewieſen es hin⸗ laͤnglich. »Hund K ſchrie der Sklavenhaͤndler!„du machſt dir da einen Spaß, der mich zweihundert Piaſter koſtet; warte nur, wenn ich dich erſt ge⸗ mäſtet habe, ſoll deine Rechnung gut ausfallen. 4 — Und indem er den Kopf durch die Luke ſteckte, rief er: Holla, Cartahut! Der Schiffsjunge kam herab. Geh hinauf, nimm aus dem Koffer die bei⸗ den Tabacktaſchentuͤcher des alten Viehs, das man wahrſcheinlich in dieſem Augenblicke am ufer des rothen Fluſſes zerkaut; der Hund muß teufliſch zähe ſein, die kleinen Namaken haben aber gute„ Zähne— nun, wohl bekomme es ihnen, das iſt ihre Sache;— hole du mir nur die Tuͤcher und außerdem noch den Kautaback, welchen du in ei⸗ nem alten Schuh findeſt, der am Backbord ne⸗ ben dem Sprachrohr haͤngt, denn ich muß hier wohl den Doctor machen.«* Der Capitain Brulart hatte aus einem ſehr einfachen Grunde keinen Chirurgus bei ſich: war — man am Bord der Hyane zum Beiſpiel ein Mann an ſeinem Bord in ei⸗ ner Schlacht verwundet, ſo hatte derſelbe vierund⸗ zwanzig Stunden, um ſich herzuſtellen; war er nach Verlauf dieſer Zeit nicht geneſen— ins Meer mit ihm! Was ſo kleine Erkaͤltungen anlangt, uͤber welche unſere ſchoͤnen Frauen klagen, deren weißer Buſen in Cachemir, Sammet, Seide und Pelz gehuͤllt iſt; dieſe kleinen zierlichen Kokettenhuſten, die man ſelbſt dann ſchwer heilt, wenn man un⸗ aufhoͤrlich Bonbons aus einem allerliebſten Doͤs⸗ chen nimmt— was nervoͤſe Kraͤmpfe betrifft, und jene ſuͤße Melancholie, die den Glanz zweier ſchoͤnen Augen umſchleiert, u nit einem blaͤu⸗ lichen Scheine umgiebt— ebel kannte Zuweilen geſchah es, oſt ſogar, daß Brulart einen Menſchen, der mit Lumpen und Koth be⸗ deckt, todttrunken und von Speck und Stockfiſch uͤberfullt war, an den Beinen aufhaͤngen ließ, waͤhrend man ihm derbe Stockſchlaͤge als Ver⸗ dauungsmittel beibrachte. Wenn Einer von einem vertrauten Freunde, einem Bruder, mitten im unſchuldigen Streite uͤber den Vortheil eines geraden oder krummen Dolches mit einer eiſernen Stange einen Schlag auf den Kopf bekam, ſo heilte Brulart dieſen Schlag durch Anwendung einer verdauenden auf die Fußſohlen,»denn« ſagte er, vein Schmerz vertreibt den andern.« Dann, um das Gleichgewicht herzuſtellen, ward die Kur auf dem Ruͤcken wiederholt; weil ſo der Schmerz von dem Kopf in die Fuͤße, von den Fuͤßen in den Ruͤcken zog, mußte er auf dieſer Wanderung nach und nach ſeine ganze Staͤrke verloren haben.— Wo nicht, ſo ſchien es auch erwieſen, daß er nicht zu heilen ſei, und da Bru⸗ lart keine unnuͤtzen Maͤuler an ſeinem Bord fuͤt⸗ tern wollte— ins Meer mit ihm! Man jehe daß der Capitain einen Chirurg ſehr gut entbehren konnte, weil ſeine Kenntniſſe ſehr ſichere und Mi tel an die Hand ga⸗ ben; als bkam, umwand Bru⸗ nderbarer Geſchicklichkeit e, nachdem er auf die ge⸗ oͤffneten Adern zw mpreſſen auflegte, gekaut von Cartahut, der„weil er den Teig nicht ſchnell genug gekaut hatte, fuͤnf Fußtritte bekam, die ein Elephant gefuͤhlt haben wuͤrde. Jetzt,« ſagte Brulart zu zweien der Seinen, vbindet mir die Haͤnde dieſes Schwarzbraunen und bringt ihn auf das Deck, denn er muß an die Luft— 4 Man ſchleppte Atar-Gull, der beinahe leblos war, hinauf, und der Wind, der hier ſcharf blies, machte, daß er die Augen wieder aufſchlug. Er war, wie man weiß, ein Mann von ho⸗ 3½ lart gleichwo Atar⸗Gull's — 5— her, kraͤftiger Geſtalt, mit einem Worte, er war eben ſo koloſſal in ſeiner Art, als Brulart in der ſeinigen. Auf einen Wink des Capitains wich die ganze Mannſchaft auf das Vorderdeck zuruͤck, und er blieb allein, ſeinen Gefangenen zu betrachten. Atar⸗Gull wendete den Blick nicht von ihm, und heftete unverwandt und feſt ſeine Augen auf ihn. Es herrſchte zwiſchen dieſen beiden Leuten, ich weiß nicht welche verborgene Verwandtſchaft, welche geheime Uebereinſtimmung, welche ſeltſame Sym⸗ pathie, die aus ihrer aͤußern Bildung hervorging; unwillkuͤrlich ſtaunten ſie ſich gegenſeitig an, denn Beiden wareu in allen ihren Zuͤgen jene Kraft, jene Staͤrke und der unbezaͤhmbare Charakter aufge⸗ druͤckt, welche bei den Wilden das Ideal der Schoͤnheit ausmachen. Dieſe beiden Maͤnner mußten ſich lieben oder haſ⸗ ſen; lieben, nicht mit lugenhafter, ſchuͤchterner Freund⸗ ſchaft, wie wir ſie in unſern glaͤnzenden Palaͤſten kennen, die man mit wenigem Golde pruͤft, die bei einem Worte, einem Ehebruche oder einer Ohr⸗ feige erſchrickt, ſondern mit jener großen maͤchtigen Freundſchaft, die Schlag fuͤr Schlag giebt, Blut fuͤr Blut, die ſich mitten im Gemetzel und Blut⸗ bad zeigt, wenn Kanonen donnern und das Meer brauſt, und die verlangt, daß man ſich mit pul⸗ verſchwarzen Lippen kuͤſſe und mit blutgerotheten — Armen umfange— und dann— wenn Pylades zum Tode verwundet iſt,— ein kraͤftiger Ab⸗ ſchied, ein ſicherer Dolchſtoß, um eine langſame Todesqual zu enden; ein furchterlicher Schwur der Rache, den man haͤlt, vielleicht eine Thraͤne — und Oreſt bleibt mit ſich ſelbſt in Frieden. So mußten Brulart und Atar-Gull ſich lie⸗ ben, ſo, oder ſo ſich tödtlich haſſen, denn bei die⸗ ſen beiden Maͤnnern mußte Alles grofartig ſein. Sie haßten ſich— dieſer Eindruck war plotzlich, gleichzeitig— doch aͤußerte er ſich bei Jedem auf ganz verſchiedene Art, Brulart's Augen blitzten und ſeine Lippen erbleichten. Atar⸗Gull blieb dagegen ruhig, kalt, und ein unnachahm⸗ lich liebliches Lächeln ſchwebte um ſeinen Mund; ſein Blick, der eben ſeinen Gegner ſtarr verfolgte, wurde flehend, furchtſam; mit dem Ausdrucke tie⸗ fer Unterwerfung ſtreckte der Neger ſeine Arme Brulart entgegen. Und dennoch fuͤhlte Atar-Gull einen unver⸗ ſoͤhnlichen Haß; jedoch lehrte den Wilden ſeine Verſchlagenheit, daß, um dieſen Haß zu befriedi⸗ gen, er ihn lange Zeit durch dunkle Windungen fuͤhren muͤſſe, und die Verſtellungskunſt, welche eben ſo groß und inſtinktmaͤßig im Naturzuſtande als in der verfeinertſten Civiliſation iſt, kam ihm auf eine wunderbare Weiſe zu Huͤlfe. „Er iſt feige— er fuͤrchtet mich, er fleht um Gnadeg ſagte ſich Brulart; pich ſtellte ihn hoͤ⸗ * her; doch es iſt wahr, das Volk iſt zu roh, um Zorn oder Haß zu uͤben.« Dieſe Ueberzeugung fuͤhrte ihn zum Untergange; denn von dieſem Tage an gewann Atar-Gull ei⸗ nen ungeheuern Vortheil. 3 Der Capitain hielt ihn alſo ſeiner Feindſchaft unwuͤrdig, und kehrte ihm den Ruͤcken. Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung; er erinnerte ſich, daß ſeine Schwarzen ſeit geſtern keine Nahrung bekommen hatten, er rief den Ma⸗ laien, welcher bei dem Tauſche des ungluͤcklichen Benoit als Dolmetſcher gedient hatte, und gab ihm ſeine Befehle. Eine Stunde ſpaͤter erhielten die großen Na⸗ maken Waſſer, Stockfiſch und Schiffszwieback, alsdann kamen ſie in Abtheilungen von zwolf bis funfzehn auf das Vorderdeck, um friſche Luft zu ſchopfen. Die armen Neger erfreuten ſich an den wohl⸗ thaͤtigen Sonnenſtrahlen; ſie vergaßen den dicken, feuchten Dunſt des unterſten Schiffsraumes, und lachten in ihrer Dummheit, als ſie den blauen Himmel wiederſahen— den Einer dem Andern zeigte. Der Malaie kam wieder herauf, als die dritte Abtheilung der Frauen hinabſtieg— denn auch die Frauen, von denen wir fruͤher ſprachen, nah⸗ men an dieſem wohlthaͤtigen Spazierggnge Theil. — 6— vCapitain— 4 ſagte der Malaie zu Brulart, und raunte ihm etwas ins Ohr. Gleich— jetzt bin ich beſchaͤftigt,« antwor⸗ tete der Capitain, der ſehr aufgebracht ſchien.— Komm hierher, du langer Duͤrrer,« dieſe Worte richtete er an einen Matroſen, dem man dieſen Beinamen gegeben hatte, ich weiß nicht wes⸗ halb, denn er war klein und dick.„Komm hier⸗ her,« wiederholte er, vAas, wie haſt du dich un⸗ terſtehen koͤnnen, eine der Damen, die dort hinun⸗ terſteigen, anzuruͤhren? Kennſt du mich nicht— und daß meine Befehle heilig ſind 24 O! heilig— heilig— 4 Er wollte eben noch eine abſcheuliche Laſterung hinzufuͤgen, als Brulart's große Hand ſie in ſei⸗ nen häßlichen Mund zuruͤckſchlug. »So, glaubſt du, ich habe meine Ladung zu deinem Vergnügen, daß du deinen Spaß damit treibſt und mir ſie verdirbſt 6 vEntſchuldigt, Ihr habt ja elbſt Zwei in Eurer Kammer; das iſt wohl etwa Anderes, und was Euch gefaͤllt, ſoll uns nicht gefallen?« ſagte der unverbeſſerliche lange Duͤrre, indem er zwei ſei⸗ ner ausgeſchlagenen Zaͤhne aufhob, und das Blut, das in Stroͤmen aus ſeinem Munde floß, ſtillte. »So! du raiſonnirſt, mein Puͤppchen?— Du willſt ſie— nun, du ſollſt ſie haben— 4 »Die Negerin— 4 ſagte der lange Dürre. Ja! 4 — ½ * — Und in dieſem Ja lag eine fuͤrchterliche Ironie, vor der den Matroſen unwillkuͤrlich ſchauderte. „Doch vorher— ſollſt du, mein Junge, einen kleinen Spazierritt machen— das wird deinen Ap⸗ petit zum Abendeſſen befoͤrdern.— Setzt ihn aufs Pferd,« ſagte Brulart, auf den ungluͤcklichen lan⸗ gen Duͤrren zeigend.— Da entſtand eine große Freude am Bord der Brigg. Denn wenn man bei dieſen Leuten Mitleid oder Erbarmen zu finden glaubte, ſo irrte man. Eine Zuͤchtigung vertrieb ihnen die Zeit, denn das Schreien der Beſtraften beluſtigte immer etwas — doch wog das lange keine Todesſtrafe auf— ja!— eine Todesſtrafe! das war ein Anderes, denn bei einer Todesſtrafe erbte man— und nicht jeder Tag war ein Feſttag! Zehn Minuten darauf machte der lange Duͤrre ſeinen Spazierritt. Das heißt, man hatte ihm den Stock der Schiffswinde zwiſchen die Beine geſteckt, nachdem man ihn dergeſtalt in die Hoͤhe gezogen hatte, daß ſeine Fuͤße die Erde nicht beruͤhrten; dann hing man an jedes Bein, in Ermangelung der Kugeln, einen der ſchweren Steine des ſeligen Herrn Benoit, und endlich, dem Befehle des Capitains zu Folge, gab man der Schiffswinde eine raſche drehende Bewegung, faſt wie die beim Reifenſchlagen; der einzige Unterſchied beſtand darin, daß der lange Duͤrre, ſtatt die Fuͤße im Steigbuͤgel zu haben, an jedem Fuße ein Gewicht von hundert Pfund ſchleppte. Daher fingen die Gelenke an, ſich zu dehnen und zu krachen, als wenn er geviertheilt wuͤrde. Er ſchrie— ſchrie, und es war ein ſchneiden⸗ des Schreien, krampfhaft, ſtoßweiſe. Siehſt du, langer Duͤrrer,« ſagte Einer, dem vor Lachen die Thraͤnen in die Augen traten,„du biſt noch im Wachſen— 4 Hui, hui, ſporne dein Pferd, langer Duͤrrer, du haſt ja ein Paar merkwuͤrdige Sporen,« ſagte ein Anderer, indem er auf die Steine zeigte, die beinahe die Beine von den Lenden riſſen. „Du kannſt dich kuͤnftig als Stabstrompeter der Cavalerie anwerben laſſen, denn ſicher biſt du zwei Zoll groͤßer geworden,« ſchrie ihm ein itter zu. eulen uͤber den entſetzlichſten Schmerz. Brulart ſetzte ſeine Unterredung mit dem Ma⸗ laien fort. vDu ſagſt alſo, daß zwei von den ſchwarz⸗ braunen Weibern nicht heraufwollen? 4 MNein, Capitain, ich ſage nicht wollen, ich ſage koͤnnen— weil ſie todt ſind.« »Teufel!— ſind es gute?« 3. Die Eine war nicht ſchlecht, die Andere ſo ſo; ein bischen mager« 2 Genug, es war ein Kreuzfeuer von Spaͤßen und“ vUnd ſchon den dritten Tag— Donnerwetter — alle Teufel! da ſpielen ſie mir einen boͤſen Streich— ſind ſie denn von der Hitze oder vom Hunger geſtorben? 4 vIch glaube, von der Hitze und vom Hunger.« vSchaffe ſie ſogleich fort, damit ſie mir die Andern nicht verderben.« vDas iſt ſehr wohlgethan, Capitain, denn ſie fangen ſchon an zu verderben.« Zehn Minuten darauf erſchienen zwei Matroſen auf dem Verdecke, die Leichname der Negerinnen tragend, die in eine Negerſchuͤrze, ſo zu ſagen, eingewickelt waren. Man war im Begriff, ſie uͤber Bord zu werfen. Einen Augenblick!« rief Brulart. Man ließ ſie auf das Verdeck fallen, welches dumpf wiederhallte; da erſcholl ein ſchwacher Klage⸗ ton aus einem der Leichentuͤcher. Die Matroſen ſahen ſich an. »Der verm. Malaie hat ſich wahrſcheinlich ge⸗ irrt,« ſagte Brulart; ver meint, es iſt aus mit ihnen, und ſie ſind erſt dazu im Zuge— laß ſehen—« 2 Bei dieſen Worten riß er die Schuͤrze herab, welche eine der Negerinnen kaum verhuͤllte, und — ein ganz kleines Kind entfiel dem Schooße ſeiner Mutter. Atar⸗Gull. II. 3 2 Das war, wenn man ſich der Rechnung van Hop's erinnert, eine der beiden kraͤftigen Nege⸗ rinnen. Das elende, ſchwaͤchliche Geſchoͤpf verdoppelte ſein mattes Schreien, und klammerte ſich an den Leib ſeiner Mutter, die es nicht mehr hoͤren konnte. Brulart ſchien faſt erweicht. „Du, Malaie,« ſagte er, gehe hinunter und hole die andere Negerin, die ein Kind hat, herauf.« Er nahm indeſſen das neugeborne Negerchen in ſeine Haͤnde. Die Negerin ſtieg vor Furcht, daß man ſie ſchlagen wollte, am ganzen Leibe zitternd und ihr Söhnchen feſt in ihre Arme druͤckend, herauf. Als ſie die beiden Leichname ſah, ſtieß ſie einen leiſen traurigen Schrei aus, kniete nieder, und fing an, einige Worte nach einer ſonderbaren Melodie zu ſingen. »Du, Malaie,« ſagte Brulart,„bringe ihr bei, daß ich ſie nicht habe kommen laſſen, den Todtengeſang zu leiern, ſondern daß ſie das kleine Negerchen hinnehmen und es mit dem ihren ſaͤu⸗ gen ſoll.« Der Malaie reichte ihr das Kind. Da nimm,« ſagte er in ihrer Sprache; Ider blaſſe Anfuͤhrer befiehlt dir, deine Milch zwiſchen deinem Sohne und dieſem hier zu theilen.« Die junge Frau blickte ihn erſtaunt an, und antwortete, den Kopf ſchuͤttelnd: Ol! das kann ich ——— —, —,— ————————— — nicht, denn dies Kind iſt der Erſtgeborne einer Jungfrau.« „Nun, was ſchadet das?2 4 »O nein, das kann ich nicht— ſeine Muttr iſt todt,— ſie iſt dort oben nach dem großen Kraal gegangen! ihr Kind muß mit ihr ſterben— ſonſt— wer wuͤrde ihr in dem großen Kraal bei⸗ ſtehen— der armen Mutter— wenn es nicht ihr Kind thaͤte? Es muß ſterben! Der erſte Sohn einer Jungfrau darf nie ſeine Mutter verlaſſen.« Und darauf ſtimmte die junge Frau wieder ihren leiſen traurigen Geſang an, alsdann kuͤßte ſie das kleine Kind, welches ſie anlaͤchelte, indem es die Aermchen entgegenſtreckte. Der Malaie erklaͤrte Brulart dieſe Unterre⸗ dung.— vAh! pah— dummes Zeug l« ſagte er muͤr⸗ riſch— Igehe nach deinem großen Kraal, es iſt vielleicht beſſer fuͤr dich— 4 Und das Negerchen flog uͤber Bord und ver⸗ ſchwand in den Wellen! „Wos ſie betrifft, ſo laß ihr den Ruͤcken ein bischen trommeln, weil ſie ſich unterſtand, mir zu widerſprechen. 4 Man ſchlug die arme Negerin, und obgleich ſie ihr Kind mit den Armen bedeckte, konnte ſie es doch nicht ganz gegen die Peitſchenhiebe ſchuͤtzen; ſie ſchrie mehr wegen des Kindes als ihretwegen. Geſchrei begleitete das des langen Dur⸗ — ren, zur großen Ergötzung der Mannſchaft, die das Concert vollkommen nach ihrem Geſchmacke fand. Da endlich der Mann zu Pferde die Beſinnung verlor, hielt man an. Man hob ihn herunter, legte ihn aber auf das Verdeck, da er nicht auf den Beinen ſtehen konnte. »„Der gute Reiter,« ſagte ein Spaßvogel, ver iſt ermuͤdeter, als wenn er zehn Meilen gemacht haͤtte!« „Haltet das Maul, Canaillen« ſchrie Brulart. Man ſchwieg.— Benoit's Brigg und die Goelette ſetten zu⸗ ſammen ruhig ihren Weg fort; der Wind war guͤnſtig und die Sonne ging glaͤnzend unter, ein reiner klarer Himmel, nicht eine einzige Wolke, ein ruhiges Meer bei warmer Luft. „Ihr ſaht es Alle,« begann der Capitain, wie der Herr, der dort vom Pferde ſtieg, meinen Befehlen widerſprach, und ihr wißt, mit welcher Muͤnze ich ſo etwas gewoͤhnlich bezahle— doch will ich heute mild ſein.«. Die Mannſchaft ſchauderte. „Ich will, ſtatt ihn zu beſtrafen, ihn be⸗ lohnen.« Die Matroſen ſahen einander an, und drei der Muthigſten erblaßten. „Damit es euch alſo Allen zum Beiſpiel diene, ſo höre, langer Duͤrrer— 4 — Der lange Duͤrre erhob mit Muͤhe den Kopf, und oͤffnete die halb erloſchenen Augen. „Du wollteſt die Negerinnen koſten— 4 Der Ungluͤckliche ſeufzte tief— er dachte nicht mehr daran, ich ſchwoͤre es. „Das iſt eine Idee, wie eine andere; du biſt uͤbrigens in den Jahren, wo man liebt, deshalb tadle ich dich nicht, und um dir einen Beweis davon zu geben, ſollſt du— ſtatt einer— zwei haben, mein Lieber! Der Ungluͤckſelige verſtand den Sinn dieſer Worte nicht, wohl aber die Mannſchaft; ſie war in dem erſten Augenblicke wie niedergedonnert von der ſo kalt berechneten Abſcheulichkeit— doch bald darauf die ſpaßhafte Seite der Sache einſehend, erheiterte ſie ſich, und ein Lächeln, womit Einer den Andern anſteckte, verbreitete ſich uͤber die Ge⸗ ſichter, die einen Augenblick verfinſtert geweſen waren. „Man binde ihn ſammt den beiden todten Weibern mit Stricken auf einen Huͤhnerkaſten— und— ins Meer.« „Lebend?« fragte der Malaie aͤngſtlich, der ein Freund des langen Duͤrren war, und ihn von Herzen liebte. „Das verſteht ſich von ſelbſt,« antwortete Brulart, indem er in ſeine Cajuͤte zuruͤckkehrte. Nun hoͤrte man durcheinander abgebrochene — 5 Worte, Fluche, Gottesläſterungen, Bitten um die Inquiſitoren zu erweichen, Gelaͤchter, Schluchzen, abſcheuliche Spaͤße, durchdringendes Geſchrei, und endlich— einen dumpfen Fall ins Meer, wovon das Waſſer auf das Verdeck ſpritzte. Brulart bog ſich uͤber den Dahlbord, ſeiner Mannſchaft den Huͤhnerſtall, den ſie ſchon hinter ſich zuruckließen, mit dem elenden langen Duͤrren zeigend, deſſen Augen blitzten, der ſich trotz der Stricke auf den Leichen wand und drehte— un⸗ ter wuͤthendem Heulen das nichts Menſchliches hatte. „Das mag Euch zum Beiſpiel dienen, meine Kinder— ſagte der Capitain und fuͤgte laͤchelnd hinzu:„Er wird nicht Hungers ſterben le Zehn Minuten darauf erſchien der Huͤhnerka⸗ ſten nur noch als ein lichter Punkt im Ocean, denn die untergehende Sonne beleuchtete ihn mit ihren Strahlen, und als ſie ins Meer tauchte und die Nacht heraufgekommen war, verſchwand er den Blicken ganz. Da ſah man ein Licht in Brulart's Gemach brennen; das Licht und das Zuruͤckziehn, wel⸗ ches die Neugier der Mannſchaft ſo ſehr beſchaͤf⸗ tigte; was machte er ſo jede Nacht? und weshalb verſchloß er ſich ſo ſorgfältig, denn am Bord der Brigg wie der Goelette hatte er bei Todesſtrafe verboten— und er hielt Wort— ſeinem Cabi⸗ net zu nahen, mit Ausnahme eines ſehr wichtigen, 2 † — unvorhergeſehenen Falles, und dabei hatte er ſich noch das Recht vorbehalten, nachher zu urtheilen, ob der Vorfall wirklich ſo wichtig war; und fand er dies ungluͤcklicherweiſe nicht— ins Meer mit Dem, der, ſeinen Befehl vergeſſend, ſich vor acht Uhr Morgens ſeiner Thuͤre naͤherte. Zwölftes Kapitel. Das Geheimniß. Ich begreife davon nichts. Voyeldieu's Mutik. Brulart hatte die Thuͤre ſeiner Cajuͤte ſorg⸗ faͤltig verſchloſſen, verriegelt und verrammelt. Von außen war Alles ruhig, nicht das min⸗ deſte Geraͤuſch, außer zuweilen das Schlagen des Tauwerks, das Anſtreifen der Segel, das Rollen der Wellen, welche gegen den phosphorleuchtenden Kiel des Schiffes ſchlugen, das war Alles, was man hoͤrte. Er horchte auf, ſah wieder nach, ob ihn Nie⸗ mand belauſche, und ging endlich nach ſeiner gro⸗ ßen Kiſte. Er oͤffnete ſie. Man haͤtte zuerſt glauben ſollen, daß dieſer 28 alte große Kaſten gar nichts enthalte, jedoch ent⸗ deckte man, ihn genauer unterſuchend, einen dop⸗ pelten Boden. Er hob ihn auf. Und aus einer Ecke dieſes Verſtecks nahm er ein Kaͤſtchen mit ruſſiſchem Leder uͤberzogen. Auf dieſem reich verzierten Kaͤſtchen befand ſich ein ſchoͤnes Wappen. Es war vielleicht Brulart's Wappen.—2 Brulart zog die Fenſtergardinen feſt zu, und ſetzte das koſtbare Kaͤſtchen auf ſeinen ſchmierigen, fettigen Tiſch, den er ans Bette ſchob. Er ſtreckte ſich halb darauf hin, nachdem er veraͤchtlich den Hut, den Kranz und die Jacke des ſeligen Herrn Benoit von ſich geſchoben hatte. Dann nahm er den Deckel des Kaͤſtchens hin⸗ weg, und ſeine Augen glaͤnzten in einem eigen⸗ thuͤmlichen Feuer. Sein gewoͤhnlich rauhes, wildes Weſen ſchien eine dicke Rinde abzuwerfen, und ſeine ſcharf ge⸗ zeichneten Zuͤge wurden wirklich ſchoͤn, weil ploͤtz⸗ lich ein unnachahmlich-liebenswuͤrdiger Ausdruck ſich darin zeigte; er ſtrich mit der Hand ſein lan⸗ ges Haar zuruͤck und zog ehrfurchtsvoll ein klei⸗ nes, ſchoͤn geſchliffenes Kryſtallflaͤſchchen hervor, welches unter Gold und Edelſteinen, die es ver⸗ zierten, beinahe verſteckt war. Dann hielt er das wunderbare Kleinod an ſeine dampfende, ſtinkende Lampe, und betrachtete „ . „ bei dem roͤthlichen Scheine derſelben, wieviel es noch enthalte. Es war eine zaͤhe Fluͤſſigkeit, von einer etwas dunkleren, etwas glaͤnzenderen Farbe, als Kaffe. Sie ſchien fuͤr ihn von ſehr hohem Werthe zu ſein, denn als er ſah, daß das koſtbare Fläſchchen noch zu drei Viertheilen gefuͤllt war, ſtrahlten ſeine Augen in der lebhafteſten Freude. Er kuͤßte es mit Liebe und Anbetung, wie man die Hand einer Jungfrau kuͤßt; dann legte er es, nicht auf den ſchmutzigen Tiſch, o nein, ſon⸗ dern auf ein mit Silber und Perlen geſticktes, kleines ſchwarzes Sammetkiſſen.— Er nahm dann aus dem Kaͤſtchen auch eine kleine goldene Schale, und ein ziemlich großes Flacon von demſelben Metall. Waͤhrend dieſer ganzen Ceremonie lag in den Zuͤgen Brulart's ſo viel Sammlung und Anbe⸗ tung, wie in denen eines Prieſters, der den Kelch aus dem Tabernakel nimmt. Nachdem er nun behutſam die kleine Phiole geoͤffnet hatte, troͤpfelte er langſam die Fluͤſſigkeit aus, die in Perlen, wie Rubinen glaͤnzend, nie⸗ derfiel. Er zaͤhlte zwanzig Tropfen; dann fuͤllte er die Schaale mit einer andern Fluͤſſigkeit, klar und durchſichtig, wie Kriſtall, die aber von den Tro⸗ pfen eine roͤthliche Goldfarbe annahm. Und er fuͤhrte die Schaale an ſeine gierigen 30 Lippen, ſchlurfte langſam, indem er die Augen ſchloß und ſeine große Hand auf die Bruſt druck⸗ te; darauf legte er mit derſelben Behutſamkeit und Sorgfalt, die er bei der Herausnahme gezeigt hatte, beide Fläͤſchchen und die Schaale wieder in das Käſtchen, und dieſes in den großen Kaſten⸗ Und als er ſich wieder aufrichtete, da haͤtte ſich jedes Auge vor ſeinem begeiſterten Blicke, der heller als das Licht der Lampe ſtrahlte, zur Erde ſenken muͤſſen. Er war ſchon, großartig, bewun⸗ dernswerth; ſeine Lumpen, ſein langer Bart, alles dies verſchwand vor dem Gefuͤhle der unendlichen Gluͤckſeligkeit, das auf ſeiner eben noch ſo duſter gerunzelten Stirne ſtrahlte— jetzt war die Stirne rein und glatt wie die eines jungen Maͤdchens— „Fort, Erde!— Himmel, kömm herab zu mir!— 4 rief er, ſich auf das Lager werfend, aus. gehn Minuten darauf war er feſt eingeſchlafen. Er hatte die Doſis Opium genommen, die er jeden Abend trank. In einer Verſchrobenheit, die ſich durch den täglichen Genuß dieſes Getraͤnkes leicht erklaͤren läßt, hielt er zuletzt die in dieſem Opiumrauſch erzeugten wundervollen Gaukeleien der Phantaſie, ſeine wahnſinnigen Taͤuſchungen und entzuͤckenden Viſionen fuͤr ſein wahres, wirkliches Leben, deſſen unbeſtimmte und verworrene Erinnerungen den Tag uͤber, mitten zwiſchen Greuelſcenen, zu⸗ — ——½————————————— —— weilen wie Blitze durch ſein Gedaͤchtniß zuckten; ſowie die Erinnerung eines gluͤcklich verlebten Ta⸗ ges oft unſere fuͤrchterlichſten Traäume ergotzt. Sein wahres Leben dagegen unter dieſen Raͤu⸗ bern, unter Mord und Diebſtahl, kam ihm wie ein Traum vor, wie ein druͤckender Alp, den er ſorglos gewaͤhren ließ, und der ihn, wie Noth⸗ wendigkeit oder augenblickliche Eingebung es heiſchte, zu Greuelthaten trieb, ohne Ueberlegung, ohne Ge⸗ wiſſensbiſſe, oft mit heimlichem Vergnuͤgen, wie man mitten in einem böſen Traume ſich zuweilen ſagt—„Was kuͤmmerts mich— ich werde wohl⸗ behalten erwachen!«— Mit einem Worte— es war die verkehrte Welt. 3 An die Stelle des Beſtimmten trat das Phan⸗ taſtiſche. Ein Traum nahm die Stelle des Wirkli⸗ chen ein. Das iſt dunkel; ich weiß es. Aber— man verſuche nur Opium, ſo wird man mich bald verſtehen. Man glaube ubrigens einem erfahrenen Manne aufs Wort! Dreizehntes Kapitel. Opium. Hört, meine Kinder, die entſetzliche Mähr; Bewahret ſie wohl, gleich heiligem Wink; Ihr könnt Euren Enkeln ſie einſt noch erzählen, Wenn längſt ſchon das Alter das Haar Euch gebleicht. Delphine Gay, der Wunderthurm. Ol! ſuͤße entzuͤckende Trunkenheit des Opiums, reine, liebliche Trunkenheit, moraliſche, erhebende, ja poetiſche Trunkenheit! Neben das wrirkliche, traurige, truͤgeriſche, ſchmerzhafte Leben zauberſt du ein phantaſtiſches, glaͤnzendes, bluͤhendes Daſein! Da giebt es keinen Kummer; leicht von Traum zu Traum geſchaukelt, genießt man ohne Reue — man lebt einen langen ununterbrochenen Feſt⸗ tag, eine Liebe ohne Zaͤhren— einen Fruͤhling ohne Winter. Bald machen wir eine heitre Fahrt auf dem ſchoͤnen See, am Fuße des alten Sitzes unſerer Vorfahren, umgeben von gruͤnem Raſen, auf dem junge Maͤdchen mit fliegenden Gewaͤndern tanzen. — Bald iſt ein verfuͤhreriſches Geſchwaͤtz im Schat⸗ ten hundertjaͤhriger Baͤume, wo man ſo leiſe plau⸗ dert und ſich ſo naͤhert, daß die Lippen zitternd ſich beruͤhren. Oder wir jagen der perlmutter- und ſmaragd⸗ gruͤnſchillernden Waſſernymphe nach, indem wir das alte Lied trallern, das wir einſt von der Mut⸗ ter erlernten. Oder als Gegenſatz ſo friſcher, junger, duf⸗ tiger Bilder, haben wir auch oft fremdartige, ſchreckliche Erſcheinungen, die uns durch Angſt und Schrecken faſt erſticken. Dann iſt es beinah, als fuͤhlten wir Furcht, wie ſonſt an heitern Herbſtabenden, wenn der Großvater ſchaurige Maͤhrchen und Sagen erzaͤhlte. Doch wie reizend werden durch dieſen falſchen augenblicklichen Schrecken die wolluͤſtigen Liebko⸗ ſungen der blaſſen, ſanften, aͤtheriſchen Frauen, die alle Traͤume unſerer feurigen Jugendjahre ver⸗ wirklichen; Ihr wißt noch, wie ihr damals auf dem einſamen Lager ſeufzend laget, und verge⸗ bens das unbekannte geheimnißvolle Weſen her⸗ beiriefet, von dem man mit funfzehn Jahren im⸗ mer traͤumt. O! dagegen erſcheint die Trunkenheit des bren⸗ nenden Punſches gemein, trotz der hundert blaͤu⸗ lichen Perlenmutterflammen, ihrer Opalfeuerſtrahlen, die kniſternd Funken ſpruͤhen, indem ſie um den Rand der weiten Schaale laufen. —— Vergeßt den Champagnerrauſch, laßt den Schaum des Champagners verfliegen, laßt den Wein uͤber den braunen Hals der Flaſche ſpru⸗ deln. Was braͤchte eine ſolche Trunkenheit? unzu⸗ ſammenhaͤngende Gedanken, einen ſchweren Kopf, erloſchene Vernunft, einen thieriſchen Zuſtand; das ſind die Folgen ſolcher gemeinen Orgien. Der Opium dagegen! ſeht— hier dieſen Brulart! Wuͤßtet Ihr, was er traͤumt! Das iſt ein ſeltſamer Menſch! grauſam und niedertraͤchtig, hat er durch Laſter und Verbrechen eine unwiderſtehliche Herrſchaft uͤber ſeine verwor⸗ fenen, entwuͤrdigten Geſellen gewonnen; nie hat er einen edlen, troͤſtenden Gedanken; man kann ſagen, daß er ſcherzend, ſataniſch lachend den Koth aufwuͤhlt, um zu erproben, bis zu welchem Grad ſich der Menſch herabwuͤrdigen kann. Dies Leben, ſein taͤgliches Scheinleben, ſein phyſiſches Leben, ſein Leben als Raͤuber, als Sklavenhaͤndler, das ihn noch an den Galgen bringen wird— Doch jitzt traͤumt erz der Geiſt, die Seele, haben die unedle Huͤlle abgeſtreift, und ſein zwei⸗ tes Leben beginnt— ſchoͤn, lachend, geſchmuͤckt mit Blumen, und Frauen mit praͤchtigen Schloͤſ⸗ ſern, mit Geſaͤngen von Liebe und Ruhm;— ein Leben, um das wir alle ihn beneiden muͤſſen, ja ge⸗ wiß, denn der Rauſch des Opiums ſtellt ihn auf —,—— — 3 die Stufe einer unerreichbaren Höhe; alle Schätze der Welt, die Macht aller Monarchen koͤnnen uns nicht den tauſendſten Theil der Genuͤſſe in unſerm wirklichen Leben verſchaffen, in denen jetzt dieſer Raͤuber, in Lumpen gehuͤllt, ſchwelgt. Und nicht blos eine Stunde, einen Tag, ein Jahr, nein, die Haͤlfte ſeines Lebens bringt er in dieſer Himmelsſphäre wie ein Gott zu. Was ſein wirkliches Leben betrifft, das iſt, wie geſagt, nur ein boſer Traum, der Druck des Alps fuͤr ihn. Denn, mein Gott!— was ſind die Men⸗ ſchen von ſolcher Hoͤhe herab geſehen, und von ſolchen Erinnerungen begluͤckt!— nichts als Stoff zu Contraſten, Koth neben einem Edelſteine, um deſſen Glanz zu heben! So dachte Brulart.— Wir koͤnnen uns da⸗ von uͤberzeugen, indem wir dem Traume folgen, der den Ausdruck des Vergnuͤgens und Entzuͤckens uͤber ſeine Zuge verbreitete. Traum. Eine reizende Villa ſpiegelte das Laub ihrer gruͤnen Baume, ihre majeſtaͤtiſchen Saͤulengaͤnge in dem adriatiſchen Meere, deſſen Wellen ihre Marmorſtufen beſpuͤlten. Eine Menge reich ver⸗ goldeter Gondeln, mit Zelten und purpurnen Vor⸗ haͤngen geſchmuͤckt, lagen angebunden an den Flie⸗ ſen, ungeduldig ſich ſchaukelnd, und ſchlugen die Wogen mit ihren großen, glaͤnzenden Flugeln, welche die Stelle der Segel und Ruder ver⸗ traten. Man hoͤrte eine melodiſche Muſik— volle ſchwebende Toͤne wie die einer Harmonika— luf⸗ tig, wie die von der Aeolsharfe. Schoͤne, blaſſe Maͤdchen mit ſchwarzen Au⸗ gen und Haaren, und mit lieblichem Laͤcheln auf den Roſenlippen, ſetzten ſich in die Gondeln und ſpielten auf Lyra's von Ebenholz. Die ſuße, ſchwermuͤthige Harmonie lockte Thraͤ⸗ nen in ſeine Augen, ſuͤße Thraͤnen, wie man ſie beim Wiederſehen eines Freundes weint. Da bewegten ſich die Gondeln, ſchwellten ihre ſilberblinkenden Segel vor dem duftigen Hauche, der aus großen Orangen- und Jasminhainen die herrlichſten Wohlgeruͤche herubertrug, und langſam entfernte ſich die kleine Flotte. Im Hintertheil jeder Gondel war ein Platz leer geblieben, auf welchen die Maͤdchen unauf⸗ hoͤrlich Blumen ſtreuten, die ſie zerpfluckten, waͤh⸗ rend ſie mit leiſer Stimme, ich weiß nicht wel⸗ che geheimnißvollen Worte nach einer Melodie ſan⸗ gen, die das Herz klopfen machte. Aber die Gondeln lebten vor Freude, wende⸗ ten die Segel, bildeten einen Halbkreis, und flo⸗ gen einem kleinen Nachen mit weißem Segel ent⸗ gegen, welche von einem einzigen Manne gelenkt wurde. ——— —— —— Dieſer Mann war Brulart,— aber er war ſchoͤn, edel, praͤchtig— Mit einem Stoße ließ er ſeinen Nachen ver⸗ ſchwinden, ſprang in eine der Gondeln, und er⸗ reichte den Palaſt, von den blaſſen, ſchwarzaͤugi⸗ gen Maͤdchen, die ihre entzuckenden Geſaͤnge fort⸗ ſetzten, umgaukelt. und indem er ſich mit Wonne auf die von ihnen abgepfluͤckten Blumen hinſtreckte, zog er ei⸗ nes der Maͤdchen auf ſeinen Schoos. „O! komm! wie freut mich deine ſuͤße Stimme und dein liebliches Laͤcheln— loͤſe in dem Winde dein Haar, daß es koſend meine Stirn beruͤhrt— gieb— ol! gieb mir einen Liebeskuß von deinem ſchoͤnen Munde— ich bedarf deſſen, denn ich habe ſo viel gelitten. Statt Eurer, meine Schwe⸗ ſtern, ſah ich im Traume ſchwarze haͤßliche We⸗ ſen! Statt unſeres hellen klaren Sees, dieſer blu⸗ migen Geſtade— ſah ich ein trauriges, nebelbe⸗ decktes Meer, einen grauen, duͤſtern Himmel! und ein Schiff ohne Vergoldung, ohne Purpur, ohne Frauen— ich ſah einen Mann, der ſich uͤber Leichname kruͤmmte, indem er fuͤrchterlich ſchrie— ſtatt Eurer ſanften Melodien, Eurer ſuͤßen Reden, hoͤrte ich rauhen, mißtoͤnenden Laͤrm! Und dann, o Graͤuel!— mich ſah ich, mich ſelbſt mit Lumpen bedeckt, hier und dort mitten unter dieſem verworfenen Haufen niedriger Menſchen, ihre Sprache mit ihnen redend, ihre Scherze be⸗ Atar⸗Gull. II. 4 — 36— lachend, mit ihren Dolchen mordend— mich, der ich edel und ſo ſtolz bin! O wrelch ein Traum, wrelch erſchrecklicher Traum! Ich will ihn vergeſſen; ja, ſeine ſchon entferntere Erinnerung ſoll ganz und gar erloſchen — kommt her, ihr Lieben! kommt meine Schwe⸗ ſtern! Steigt mit mir dieſe Stufen hinan; laßt uns unter dieſe praͤchtig erleuchtete Kuppel treten, laßt uns zum Mahle niederſitzen, an dem von Gold, Kryſtall und Blumen ſchimmernden Tiſche« Alles verſchand. Wie durch einen Zauberſchlag befand er ſich in einem unabſehbaren Garten, voll von Baͤumen, die unter der Laſt des reifen Obſtes gebogen waren. Er war durſtig, ſeine Zunge war rauh und trocken, ſeine Kehle brannte. Er griff nach einer goldgelben Orange und verſuchte, ihr die duͤnne Schale abzuziehen, aber bei jedem Stuͤckchen, das er abloͤſte, blutete die Orange, wie aus einer friſchen Wunde. Es war wirklich Blut, ſchwarzes Blut, dick und heiß. Er fuhr zu ſchaͤlen fort und ſeine Haͤnde wa⸗ ren ganz mit Blut bedeckt. Er riß das letzte Stuͤck herab. Da fuͤhlte er ſich ploͤtzlich in den Finger ge⸗ biſſen, ein wuͤthender Biß, wie von eines Men⸗ ſchen Munde, wie mit ſpitzigen Zaͤhnen, krampf⸗ haft zuſammengebiſſen, — 839— Und er ergriff die Flucht. 2 Er ſchuttelte heftig ſeine Hand, in welche die Drange noch immer biß, und an dem Finger nagte. Er fuͤhlte die kalten ſcharfen Zaͤhne, die auf den Knochen kamen, und uͤber die funkelnden Kno⸗ chenhaut kreiſchend hinglitten. Und die Zaͤhne rollten den Knochen zwiſchen ſich hin und her, wie zwiſchen zwei Sägeklingen. Der Knochen ſpaltete ſich. Da ſpuͤrte er, wie die eiſigen Zaͤhne bis auf das Mark drangen, und ein fuͤrchterlicher Froſt durchrieſelte alle ſeine Glieder. Und das Mark wurde getheilt,— wie der Knochen. Auf einmal fuͤhlte er den warmen feuchten Hauch eines Frauenmundes, der ſeine gluͤhenden Lippen beruͤhrte, und eine ihm wohlbekannte Stimme fluſterte in ſein Ohr: vFuͤrchte nichts, ich ſchuͤtze dich— erwarte mich—4 Und abermals verſchwand Alles. Er befand ſich in einem großen Zimmer, aus⸗ geſchlagen mit amaranthfarbigem, golddurchwirktem Seidenſtoffe; beleuchtet durch einen unſichtbaren Brennpunkt, dem helles, klares Licht entſtromte. Im Hintergrunde erhob ſich ein Prachtbette von Sandelholz mit den ſchoͤnſten Verzierungen von Perlmutter und Elfenbein ausgelegt, mit ei⸗ ner reichen Spitzendecke bedeckt, und durch weite Vorhaͤnge von rother Seide fiel ein mattes, ge⸗ heimnißvolles Licht auf das Lager. Leichte duftende Woͤlkchen ſtiegen aus zierlich gearbeiteten Rauchgefaͤßen von reichem Metall em⸗ por, und milderten den hellen Glanz der praͤchti⸗ gen Gemaͤlde, die ſie zu verſchleiern ſchienen. Und dieſe wolluͤſtigen Gemaͤlde machten, daß ſein Blut ſtuͤrmte und ihm nach dem Kopfe trieb. Man hoͤrte gehen und er verbarg ſich in ei⸗ nem kleinen Verſteck, nahe bei dem Alkoven. Aber von da konnte er Alles ſehen. Sie trat ein, von ihren Frauen begleitet. Sie war vielleicht eine Koͤnigin, denn ſie trug auf ihrer edlen, ſchoͤnen Stirne ein ſtrahlendes Diadem. Und als ſie auf ihrer Toilette die Lilie fand, die er hingelegt, laͤchelte ſie Bald aber wurde ſie ungeduldig, heftig, ſchmähte mit ihren Frauen, weil Blumen, Perlen, Schmuck, Alles, ihr mit peinlicher Langſamkeit abgenommen wurde! Endlich fiel das ſchwere blaue Gewand, von Gold und Edelſteinen ſtarr, zu ihren Fuͤßen nie⸗ der, und ließ die breiten, runden alabaſternen Schultern mit ihrem kleinen Gruͤbchen entbloͤßt. Man ſah ihren anmuthigen Hals, den uͤppigen Haarwuchs, der glaͤnzend und zierlich aufgekaͤmm war. Sie wandte ſich. Ihr Geſicht von vollkommenem Oval hatte einen ſtrahlenden Ausdruck;z ihre großen blauen ⸗ —B — — ——— Augen leuchteten feucht und glaͤnzend unter kaſta⸗ nienbraunen ſchmalen, ſchoͤn gewoͤlbten Augenbrauen, welche gluͤhende Sehnſucht ein wenig runzelte. Ihr Buſen hob ſich heftig, ſo daß ihr Schnuͤr⸗ leib ſeufzte. Sie legte ihr ſchoͤnes Bein auf ein Knie und loͤſte, oder riß vielmehr mit Heftigkeit die langen ſeidenen Baͤnder entzwei, welche einen zierlichen Atlasſchuh hielten. Endlich ſchickte ſie ihre Frauen weg und, welche Grille! folgte ihnen bis an das Ende eines Gan⸗ ges, der an ihre Zimmer ſtieß. Nachdem ſie die Thuͤr deſſelben ſorgfaltig ver⸗ riegelt hatte, flog ſie, leicht wie ein Vogel, in ihr Schlafgemach zuruͤck.— »O! mein Geliebter, mein einzig Geliebter,« fluͤſterte ſie, ſich in ſeine Arme werfend, die er ihr entgegenſtreckte, er fing ſie auf, und fuͤhlte won⸗ netrunken die elektriſche Beruͤhrung des vollkom⸗ menſten Koͤrpers. oͤre,«C redete ſie mit leiſer Stimme, vheute — uͤberall erſcholl dein Lob, uͤberall nannte man deinen Namen, mein Angebeteter, uͤberall ſprach man von deinem Muth, deinem edlen Charakter, von deiner Schoͤnheit— und gluͤcklich, ſtolz ſagte ich mir, dieſer Muth, dieſer Edelſinn, dieſe Schoͤn⸗ heit, Alles iſt mein— mein— mein Arthur l« »O! meine Marie, welch ſuͤßes Erwachen— traͤumte ich nicht, mein Engel, du haͤtteſt mich verrathen, ermordet, was weiß ich wehr? kannſt du mir verzeihen, ſprich 4 »Nein, nein! du wirſt von meinen Kͤſſen erſtickt ſterben,« ſprach ſie, indem ſie wie ein jun⸗ ger Panther ſprang und ihn mit verliebter Raſe⸗ rei in die Lippen biß. „O! komm, komm,« rief ſie, und man hůrte die goldenen Ringe der ſeidenen Vorhaͤnge rollen— Aber Tauſendmillionen Donnerwetter,« bruͤllte der Malaie vor der Thuͤre der Kajuͤte, an der er mit allen ſeinen Kraͤften ruttelte, viſt er denn todt?— Capitain— die Goelette iſt in Gefahr, denn der Einaͤugige ſignaliſirt, daß Jagd auf uns gemacht wird!— Capitain— Capitain l Dieſer hoͤlliſche Laͤrm erweckte endlich Brulart aus ſeinem phantaſtiſchen Schlafe.— vSchon l4 ſchrie er ſchmerzhaft(wie ich glaube), indem er durch die Spalten ſeiner Vorhaͤnge gukte. Mit dem Erwachen war Alles entflohen, es blieben ihm nur unzuſammenhaͤngende verworrene Erinnerungen, die ihn noch mehr betruͤbten. Der Gott fiel wieder zum Raͤuber herab. Und ohne ſich nur die Muͤhe zu geben, ſeine mit Riegeln und Schloͤſſern verſehene Thuͤre zu oͤffnen, ſtieß er ſie mit dem Fuße ein, als der Malaie noch klopfend davorſtandz dieſer flog von dem Stoße zwanzig Schritt weit zuruͤck. Zu ſeinem Gluͤcke, denn Brulart hätte ihn ſonſt erdroſſelt. Doch wie ward dem Capitain, als er die Goelette beilegen ſah, und den Einaͤugigen ihm zurufen hoͤrte: vNun, Ihr ſeid wohl taub, Capitain; ſeit einer Stunde ſchreie ich mir den Hals heiſer; man macht Jagd auf uns; ich glaube, es iſt eine Fre⸗ gatte; da iſt nicht lange zu zaudern— ich komme zu Euch, wir muͤſſen uns daruͤber berathen— geſchwinde— denn ſie hat guten Wind, und wir ſpielen ein boͤſes Spiel— habt Acht— ſeht Ihr das Signal, das ſie eben wieder gab 24 Blitz k ſagte Brulart. Vierzehntes Capitel. Die Fregit tee. Es kömmt über's Meer der Herzog bei gutem Wind, Mit ſeiner ganzen Macht, wenn ſie nicht ertrinkt, Robert Wace. Roman von dem Könige und den Herzögen der Normandie. »Aber zum Henker, das iſt graßlich—4 rief der erſte Lieutenant jener Fregatte, welche dem Einaͤugigen und Brulart ſo zuſetzte. »Mir wird ganz uͤbel, und meine Tante hat mir eigentlich alle heftigen Gemuͤthsbewegungen verboten,« ſagte mit floͤtender Stimme der Com⸗ miſſair des Schiffs, ein kleiner, junger, geſchnie⸗ gelter, friſirter und parfuͤmirter Mann, der beſtän⸗ dig Handſchuhe trug, ſelbſt bei Tiſche. „Das kann die beſte Verdauung ſtoren,« ſagte der rothwangige, wohlbeleibte Doctor, der luͤſtern war, wie eine vierzigjaͤhrige Frau, die zwei Lieb⸗ haber hat, oder noch mehr. vSo einen Raͤuber muß man viertheilen! wenn man ihn hat'« verſetzte der Lieutenant wie⸗ der; laß doch hoͤren, fuͤrchte dich nicht— er⸗ zaͤhle uns recht genau— willſt du noch einmal trinken, mein Junge 6— vIch halte es nicht aus— ich bekomme die Ohnmacht davon— die Beine zittern mir ſchon; zum Gluͤcke habe ich meinen Eſſig— meinen Aether— rief der Commiſſair, und eilte davon. vIch bleibe,« ſagte der Doctorz»da wir den Stoß einmal ausgehalten haben, werde ich nun nicht beſſer und nicht ſchlechter verdauen; ich ver⸗ laſſe Sie, mein lieber Pleyſton, nicht,« fugte er hinzu, die Hand des Lieutenants freundſchaftlich druͤckend. „Laß hoͤren— ſprich,« ſagte dieſer in fran⸗ zoſiſcher Sprache zu einem, blaſſen, magern Men⸗ ſchen, der vor Angſt und Kaͤlte am ganzen Leibe zitterte. Es war der lange Duͤrre, dem die engliſche 2 —— Fregatte, der Cambrian, von 44 Kanonen, mit den zwei todten Negerinnen auf dem Huͤhnerkaſten feſtgebunden begegnet war, und den ſie den Tag nach ſeinem Unfalle mitleidig an Bord aufgenom⸗ men hatte. Es war hohe Zeit, das verſichere ich. Das Verhoͤr ging in der großen Cajuͤte vor ſich, und die Verhoͤrenden waren, wie bereits er⸗ waͤhnt, der Doctor und der Lieutenant. Der lange Duͤrre nahm wieder das Wort, indem er ſich oft beſtuͤrzt umſah:„Ja, mein Herr Lieutenant, ſo verhalt es ſich; alſo mit Reſpect, er hat den Skla⸗ venhändler aufgebracht, die Neger und das Schiff genommen, den Capitain und die ganze Mann⸗ ſchaft gegen Schwarze vertauſcht, und am Ende, mit Reſpect, hat er ihn in ein Land ausgeſetzt, wo man ihn mit ſeinen Matroſen aufgefreſſen hat, mit ihren Hoſen, ihren Schuhen, Jacken, und Alles mit; denn das Volk iſt viel zu wild, um ſie zu rupfen. Nun, das war hart zu beißen,« meinte der Doctor. »Stille doch, Doctor—6 verſetzte der Lieute⸗ nant: Hfahre fort, mein Junge.« Alſo, mein Herr Lieutenant, wie wir das nun vollbracht und die Brigg genommen hatten, ſo laͤßt unſer Capitain ſeine Sachen dort hinbrin⸗ gen, und richtet ſich ein— gut— alſo, einmal wie man die Schwarzen aufs Deck fuͤhrt, damit — ſie ihre Portion Luft und Sonne erhalten— gut — alſo wie die Weibsbilder wieder zu ihrem La⸗ ger herunterſteigen— Herr Lieutenant, das war eine Geſchichte zum Lachen— alſo kriege ich Eine bei den Haaren und gebe ihr einen Kuß— gut — ich gebe ihr noch einen Kuß— wieder gut — aber da, da hat mich— der— Capi— tain (der lange Duͤrre fing bei dieſer Erinnerung ſo heftig zu zittern an, daß ihm die Zaͤhne im Munde klapperten) der Capi— tain— hat— mich— geſehen— und weil— er— es— verbo— ten hatte, laͤßt er mich auf die Schiffswinde wie auf ein Pferd ſetzen, und große Steine an die Beine haͤngen— und nachher— auf den Huͤhnerkaſten binden, mit den— zwei—6 Hier konnte der Aermſte nicht weiter, er verlor die Beſinnung⸗ Nun, Doctor— zu Eurer Apotheke« Laßt ihn ſich nieder legen, er iſt moraliſch angegriffen, nur moraliſch, Orangenbluͤthenwaſſer, beruhigende Mittel.« „Ichuͤberlaſſe ihn Eurer Sorgfalt, mein Freund,« ſagte der Lieutenant, vich gehe indeß zum Paſcha“), um ihm dies Alles zu berichten« upt Der Lieutenant Pleyſton ging durch die Bat⸗ *) So nennt man im vertraulichen Ton den Commandanten. — 47— terie nach der Cajuͤte, ſagte der Schildwache einige Worte, und trat ein. Wie am Bord jeder Fregatte ging er durch den Geſellſchaftsſaal, ließ das Schlafgemach zur Rechten, das Arbeitszimmer zur Linken, und ge⸗ langte in die Gallerie oder den Salon unter dem Hackebord. Hier befand ſich der Commandant, Sir Ed⸗ ward Burnet. Dieſer Salon hatte das Anſehen einer Biblio⸗ thek und eines Muſeums; uͤberall Gemaͤlde, Bu⸗ cher, Karten, kurz der Aufenthalt eines Gelehrten und Kuͤnſtlers. Ein junger Mann von dreißig Jahren, in einer elegant geſtickten Uniform, lag auf einen weichgepolſterten Sopha hingeſtreckt— er blaͤtterte in einem Bande von Shakſpeare— auf ſeinem perſiſchen Teppich lagen noch andere Buͤcher umher, Volney, Sterne, Swift, Mon⸗ tesquieu, Corneille, Moore, Byron ꝛc.— und man ſah, daß der Leſer, auf Abwechſelung aus⸗ gehend, da und dort einen Gedanken, eine Idee, eine Anekdote erbeutet hatte— wie ein wahrer Epikuraͤer, der, die Leckerbiſſen waͤhlend, von Al⸗ lem koſtet. Als der Lieutenant eintrat, erhob Sir Burnet den Kopf, und man ſah das ſchoͤne Geſicht des glaͤnzenden und modernen Officiers. vAh! guten Morgen, mein lieber Pleyſton,« rief er, indem er dem Eintretenden mit vieler Hoͤf⸗ ————— lichkeit die Hand reichte;»Nun, was giebt es Neues? Nehmen Sie Platz. Trinken Sie ein Glas Madeira mit mir.« Er ſchellte; ſein Kammerdiener trug auf und entfernte ſich wieder. »Immer Madeira, Commandant, und zwar allein fuͤr mich, denn Sie trinken nur Waſſer; keine Pfeife, nicht einmal ein Pftiemchen—4 ſetzte Pleyſton hinzu, indem er das ſeinige im Munde verbarg. Sie ſehen aber, mein guter Lieutenant, daß ich Wein habe, und was den Tabak betrifft— ſo habe ich ganz vortrefflichen.« Fuͤr uns Andere— wie Ihren Madeira. 4 „Genug davon; was giebt es Neues 24 Nichts eben, Commandant, als daß der Un⸗ gluͤckliche, den wir aufgefiſcht haben, Alles, was er uns zuerſt ſagte, wieder beſtätigt.« vDas iſt unbegreiflich, eine unerhoͤrte Grau⸗ ſamkeit; welchen Strich haͤlt der Seeraͤuber 24 vEr ſegelt nach Jamaika, Commandant.« »Wir muͤſſen ihn einholen, wenn wir denſel⸗ ben Weg verfolgen; laſſen Sie noch die Beiſegel der Fregatte hiſſen; ſo iſt es moͤglich, daß wir ihn noch vor Nacht erreichen, dann wollen wir uͤber den Nichtswurdigen ein gutes und ſchnelles Gericht halten.— Sonſt giebt es nichts, Pley⸗ ſton— 24 Nichts, Commandant.« * — „Welch langweiliges Geſchaͤft, Jagd auf See⸗ lenverkaͤufer zu machen; das iſt um vor Langer⸗ weile zu ſterben. »Ei, Commandant, Sie kehrten freilich lieber nach Ihrem London zuruͤck— bei dem Wettren⸗ nen zu Newmarket— reich und jung— ein huͤbſcher Mann— da vergeht die Zeit unbemerkt. Nein, das nicht, mein lieber Lieutenant; mir waͤre ein guter Feldzug lieber.« „Dafuͤr ſind Sie belohnt; mit dreißig Jahren ſchon zwei Schlachten, fuͤnf Wunden und Fregat⸗ tencapitain, das macht Luſt.« „Nein, mein Freund, das erfreut nicht, be⸗ ſonders wenn man Veteranen wie Sie, ſo lange auf niederer Stufe bleiben ſieht; doch Sie wiſſen, ich habe es uͤbernommen, Ihnen Gerechtigkeit zu verſchaffen, und—4 2 Eine neue Perſon trat ſtuͤrmiſch ein; ein ge⸗ meines Geſicht, vierzig Jahr, groß, dick, ſchwer⸗ faͤllig und von dummem, plumpem Ausſehen. Es war einer von den verdienſtloſen Officie⸗ ren, die, weil ſie ihrer Unwiſſenheit zufolge lange in niederem Ragne dienen, einen inſtinktmaͤßigen Neid und Haß gegen Alle naͤhren, die jung und ihnen uͤberlegen ſind; die ewige Leier dieſer Men⸗ ſchen heißt: vIch bin alt, alſo habe ich Rechte.« — Was Verdienſt, Faͤhigkeiten, oder geleiſtete Dienſte betrifft, davon iſt nicht die Rede. vIch glaube,«4 ſagte der Eintretende, faſt ohne 50 ſeinen Vorgeſetzten zu gruͤßen, vich glaube, man ſieht die zwei Schiffe, auf die Sie ſeit dieſem Morgen Jagd machen laſſen; doch die Nacht wird hereinbrechen, bevor man ſie erreichen kann— aber, alle Hagel, das iſt Ihre Schuld, Comman⸗ dant.« vSie vergeſſen, mein Herr, daß das Wetter zu ſtuͤrmiſch war, und alſo nicht erlaubte, mehr Segel zu brauchen«— »Nein! man haͤtte wohl mehr Segel brauchen koͤnnen; ich denke wenigſtens ſo und kann doch denken, was mir beliebt— unſere Gedanken ſind frei, da wir nicht Sklaven ſind. Aeltere Offiziere, wie ich bin, duͤrfen wenigſtens ſagen, was wir denken— und unſere Meinung—4 Das iſt ein Recht, welches ich Ihnen nicht ſtreitig machen will; ich hoͤre dankbar den Rath erfahrener Leute an; aber ich habe nach meiner Ueberzeugung gehandelt, und gab dem erſten Lieu⸗ tenant eben den Befehl, die Beiſegel zu hiſſen.« „Jetzt iſt es zu ſpaͤt, ich finde es nun zu ſpaͤt, das iſt meine Meinung.« »Herr Jacquey,« nahm ungeduldig der Com⸗ mandant wieder das Wort; vſeit einiger Zeit neh⸗ men Sie ſich viel bei mir heraus; ich befehle hier allein, thue, was mir recht ſcheint, und rathe Ihnen ſehr, das zu bedenken.« »Commandant,« ſagte Pleyſton leiſe, vSie wiſſen, daß er grob und dumm iſt wie ein Eſel.« —— Wieber Lieutenant, gehen Sie, laſſen Sie meine Befehle vollziehen,« verſetzte der Commandant. Pleyſton ging. „Sie ſind uͤbler Laune, Herr Jacquey; ich begreife, Laß es in Ihrem Alter hart iſt, nur einen untergeordneten Poſten zu bekleiden; Ihre Kameraden aber) ſelbſt Pleyſton, ein verdienſt⸗ voller Offizier— „Der iſt ein Kriecher; Sie ſagen das nur, weil er Ihnen ſchmeichelt.« „Sie beleidigen mich, ſo uͤber einen Offizier zu reden, der mir nahe ſteht.« Das bedauere ich, aber das iſt meine Mei⸗ nung— ich bin noch vom alten Schlage— ein gerader Seemann— und ſage, was ich denke.« „Herr Jacquey, man kann zu gleicher Zeit. ein alter Seemann und doch ein Verleumder ſein, wenn man einen rechtſchaffenen Kameraden falſch anklagt. Mit Bedauern bin ich gezwungen, Sie zu beſtrafen, und Ihnen auf acht Tage Arreſt zu geben.« „Tauſenddonnetwetter, beſtraft von einem Kinde — einem Schiffsjungen.« Der Commandant erblaßte, ſeine Lippen zit⸗ terten, aber er antwortete mit der groͤßten Ruhe: „Herr, Sie verlieren den Verſtand, Sie ver⸗ geſſen, daß jeder meiner Grade mit einer Wunde oder einer That erkauft iſt, die man auszuzeich⸗ nen wuͤrdigte; machen Sie mich daher nicht errs⸗ then, indem Sie mich zwingen, mich ſelbſt ruh⸗ men zu muͤſſen. Es iſt nicht edel von Ihnen, mich hier anzugreifen, da Sie wiſſen, daß weder Zeit noch Ort, noch meine Stellung mir erlauben, Ihre Beleidigungen zu heantworten; za ich aber vor Allem Capitain dieſes Schiffs bin, ſo befehle ich Ihnen, mein Herr, einen ganzen Monat in ſtrengem Arreſt zu bleiben; Sie ſehen, ich gehe nachſichtig mit Ihnen um, denn Sie haben mich hier in meinem Zimmer beleidigt, ich haͤtte Sie vor's Kriegsgericht ſtellen köͤnnen.— Ich wuͤnſche allein zu ſein 4 Der Commandant ſetzte ſich ruhig nieder und las. »Aber Donnerwetter—4 »Herr,« ſagte der junge Offizier, indem er aufſtand; des thaͤte mir ſehr leid, wenn ich ge⸗ zwungen wäͤre, den wachthabenden Offizier zu rufen— 4 Der Lieutenant Jacquey gab dieſer Feſtigkeit endlich nach, und ging fluchend. Solche Auftritte ſind mir ſehr zuwider,« ſagte Sir Edward, vaber unmoͤglich kann man ihnen Alles nachſehen, weil ſie alt und unwiſſend ſind.« Die gegebenen Befehle wurden ausgefuͤhrt und beflugelten den Cambrian; bei Sonnenuntergang war die ſchoͤne Fregatte nur noch zwoͤlf Meilen von der Brigg und Brulart's Goelette entfernt. Die Neugier hatte das Offiziercorps auf das Verdeck gelockt, denn die Geſchichte des langen Duͤrren war Allen bekannt, und man erwartete den Augenblick mit hoͤchſter Ungeduld, wo man ſich der beiden Schiffe und des nichtswuͤrdigen Brulart bemaͤchtigen wuͤrde. Indeſſen zeigte die Mannſchaft des Cambrian nicht denſelben Abſcheu gegen die Miſſethaten, wie die Offiziere, und ſprach uͤber Brulart, wie die Frauen von den Menſchen ſprechen wuͤrden, die man ſchlechtweg:»Taugenichts« nennt. „Er iſt ein Kaufmann,« ſagte Einer,»welch ein Kopf— 4 „Gleichviel,« verſetzte ein Anderer; ver hat Haare auf den Zähnen, dem macht keine Schlacht und kein Sturm ein Auge blinken.« „Wenn er gehangen wird, bekoͤmmt er ſeinen verdienten Lohn, aber deshalb iſt es doch Schade um ihn, denn es geht ein tapferer Kerl aus der Welt,« ſagte ein Dritter. Als die Sonne untergegangen war, fuhr man fort, die Katharine und die Hyaͤne mit Nacht⸗ fernglaͤſern zu beobachten, vermittelſt deren man ihre Manveuver ſehen konnte. „Kommen Sie, Pleyſton, laſſen Sie uns zu Nacht eſſen,« ſagte der Doctor; vich habe Hunger wie ein Wolf; wir haben unter andern eine Fleiſchpaſtete und gefuͤllte Rebhuͤhner, die ſehen aus— ſie ſehen aus, ſage ich Ihnen, daß man Atar⸗Gull. II. 5 davor niederknieen, und ſie vor lauter Ehrfurcht mit entblößtem Haupte eſſen moöchte.4 vEi, Alter— alter Doctor, geh, du ver⸗ ſchlingſt allein alle Leckerbiſſen, die du deinen Patien⸗ ten unterſagſt! auch haſt du einen honetten Bauch! eine wahre Vorrathskammer! Kommen Sie, Com⸗ miſſair, kommen Sie doch; was machen Sie da« »Was ich mache? Ich ſehe nach den infamen Schiffen. Es droht uns keine Gefahr, nicht wahr, Lieutenant? Sie mogen aber erſchrecklich ausſehen; Großer Gott! wenn meine Tante wuͤßte, welchen Gefahren ich ausgeſetzt bin 14 »Wahrhaftig, der Commiſſair mit ſeiner Tante iſt ſehr komiſch! Gewiß, wenn Sie eine Haube aufſetzen und Roth auflegen, werden Sie Ihrer Tante vollkommen gleichen. Sein Sie doch ein Mann, zum Henker! Aber Sie wiſſen wohl nicht, daß Sie, wenn die Schiffe erſt mit einer neuen Equipage bemannt ſind, den Auftrag bekommen, ſich an Bord zu begeben, um ein Inventarium uͤber die Neger und Seeraͤuber aufzunehmen 24 „Gerechter Gott!— ich an Bord?— das muß ja verpeſtet ſein; nein, nimmermehr, ich gehe nicht— um mir da etwa eine derbe Krankheit zu holen— meine Tante hat mir oft genug ge⸗ ſagt, daß ich vorſichtig ſein ſoll!« Pleyſton, du bringſt dich ums Leben,« rief der Doctor beim Herabſteigen in die Cajüte aus; nun, ich verſpreche dir, dich zu pflegen, wenn du krank wirſt.« vIch folge ſchon, Alter«— und mit komiſcher Geberde wandte ſich der Lieutenant zum Commiſ⸗ ſair— Gnaädige Frau, darf ich Ihnen meinen Arm anbieten, Sie zu Tiſche zu fuͤhren? — vHalten Sie immer nur nach Weſtnordweſt und benachrichtigen Sie mich, wenn wir uns bis auf einen Kanonenſchuß dem Piraten genaͤhert haben,« ſagte der Commandant zum wachthaben⸗ den Offizier, indem er ſich entfernte. Funfzehntes Kapitel. Eine Liſt. Heiliger Gott! er ſtößt uns hierher, und ver⸗ läßt uns dann mitten in der Noth! Victor Hugo.— Notre⸗Dame de Paris. Ol o! der pfifige Gevatter— darüber wer⸗ den wir bei der Nachtwache lachen miſſen. Burke.— La femme folle. Fruͤh um vier Uhr war die Fregatte hoch⸗ ſtens nur noch eine Meile von der Katharine und der Hyaͤne entfernt; uͤbrigens hatten die großen weiten Segel und die Lichter im Schiffe, welche durch die klare, durchſichtige tropiſche Nacht glaͤnzten, den Einaͤugigen den ihn verfolgenden Feind nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren laſſen. Brulart's beide Schiffe legten bei, und der Einaͤugige ging an Bord der Katharine. Brulart hielt mit dem Malaien im Hinter⸗ grunde der Cajuͤte Rath. »Es bleibt uns nichts zu thun,« ſagte der Einaͤugige, vals wo moͤglich zu entwiſchen.« Das iſt wahr,« verſetzte der Malaie. vEſel, Hunde l« ſchrie Brulart; die Fregatte wird Euch gewaͤhren laſſen, nicht wahr? Sie macht Schritte wie mit Storchbeinen. Du, Ein⸗ aͤugiger, antworte: Wie viel Schwarze koͤnnte man noch in die Goelette hineinpacken 24 vJe nun, wenn man ſie ein bischen draͤngen will— ungefaͤhr dreißig.« Nicht mehr 4 Nein, mehr nicht; dann haben ſie nicht ein⸗ mal die Ellenbogen frei. Man muͤßte ſie denn auf die Seite ſchichten.« Nehmen wir vierzig; ſie ſind ja nicht zu Balle hier, und um ſich niedlich zu machen.« „So koͤnnen wir funfzig nehmen,« ſagte der Einaͤugige wieder. Gut; alſo funfzig, die du hier aus den gro⸗ ßen Namaken waͤhlſt; die ſchichteſt du auf die eine und die kleinen Namaken auf die andere Seite, damit ſie ſich unter einander nicht auffreſ⸗ ſen— du verſtehſt mich 4 »Ja, Capitain.« „Du, Malaie, nimmſt waͤhrend deſſen Alles, was uns noch von Pulver am Bord der Goelette uͤbrig iſt, bis auf eän Faß, und ſchaffſt es hier⸗ her— verſtehſt du mich?« „Ja, Capitain.« „Macht ſchnell; Ihr ſollt mich fuͤhlen, wenn binnen einer Stunde nicht Alles vollbracht iſt— 6 Der Einaͤugige ſtieg in den Raum der Ka⸗ tharine hinab, waͤhlte, Atar-Gull mit inbegriffen, etwa funfzig Neger und Negerinnen aus, verdop⸗ pelte ihre Ketten, und ließ ſie zu zehn nach und nach in einem Boote an den Bord der Goelette bringen, wo man ſie, gehorig gefeſſelt, fuͤrs erſte auf dem Verdeck ließ. Der Malaie oͤffnete die Pulverkammer der Hyaͤne, die ſehr wohl verſehen war, und ließ un⸗ gefaͤhr ſechshundert Pfund Pulver, in kleinen Faͤſ⸗ ſern, auf das Verdeck der Katharine bringen. Brulart heftete indeß ſein ſcharfes Auge, das die Finſterniß der Nacht zu durchbohren ſchien, unverwandt auf die Fregatte, die immer naͤher kam, und an einem ploͤtzlich aufleuchtenden Licht⸗ ſchein— es war wahrſcheinlich ein Signal— konnte er mit Sicherheit die Entfernung abneh⸗ men, die ſie noch von ihm trennte.— „Tauſenddonnerwetter, ſchrie er, ves bleibt — 56— uns gerade nur noch Zeit, einmal Athem zu ho⸗ len— Einaugiger— Einaͤugiger— hierher, Hund, hierher.« Der Einaͤugige kam. „Laß die ganze Mannſchaft, die Schwarzen mit einbegriffen, am Bord der Goelette ein⸗ ſchiffen.« »Die Schwarzen ſind ſchon dort.« „Gut.— Du ganz allein und der Malaie bleibt mit mir hier— 4 Der Einaͤugige ſchauderte. vUnd laß einen der alten Matroſen Alles be⸗ reit halten, ſobald wir am Bord der Hyaͤne ſein werden, weiter zu ſegeln.« Dieſe Befehle wurden mit groͤßter Geſchwin⸗ digkeit vollzogen, und nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde blieb Brulart mit dem Einaͤugigen und dem Malaien ganz allein auf dem Deck der Katharine, die ſich ruhig auf dem Oeceane ſchaukelte. Die Hyaͤne lag indeß ſtill, und erwartete nur Brulart's und ſeiner beiden Gehuͤlfen Gegenwart, um unter Segel zu gehen. Der Einaͤugige und der Malaie ſahen ſich oft an, und wechſelten bedeutende Blicke, indem ſie Brulart betrachteten, der auf ſeinen dicken Knuͤtte geſtuͤtzt, ernſt zu uͤberlegen ſchien. Dieſes hoͤlliſche Kleeblatt, halb von der Schiffs⸗ laterne beleuchtet, die Cartahut maſchinenmaͤßig ſchaukelte, hatte einen eignen Ausdruck. Brulart's Geſicht bekam bei dem roͤthlichen Sch ine ein ent⸗ ſetzlich boshaftes Ausſehen; man bemerkte an den Runzeln, die ſich nach allen Richtungen auf ſeiner breiten Stirne kreuzten, bald verwiſchten und wie⸗ derkehrten, daß er uͤber einen Ausweg nachſann, aus ſeiner ſchwierigen Lage zu kommen. Endlich, indem er Cartahut mit ſeinem Stocke derb auf den Ruͤcken ſchlug, ſchrie er, freudig und triumphirend: „Ich hab es— ich hab es— aha! Dame Fregatte, Sie wollen aus meinem Topfe naſchen — ſchon gut! Sie ſollen meine Suppe koſten.« „Ihr Beide,« ſagte er dem Einaͤugigen und dem Malaien, die ſich leiſe von irgend einem Mord oder Raub unterhielten vihr Beide folgt mir— nehmt Beile— doch zuerſt wollen wir dieſe Pulverfaͤſſer in den Raum hinabtragen.« Als dies geſchehen war, nahmen ſie vorſichtig von jedem Pulverfaſſe den Deckel. Dann banden ſie drei bis vier Faͤſſer mit Ka⸗ beltauen und Ketten zuſammen. Darauf legte Brulart eine geladene Piſtole, deren Lauf er in das Pulver ſteckte, auf eines der Faͤſſer. Dann band er eine lange Schnur an den Druͤcker dieſer Piſtole. Waͤhrend dieſes kitzlichen Unternehmens blickten ſeine beiden Gehuͤlfen ſich ſchaudernd an, denn die geringſte Bewegung haͤtte ſie in die Luft geſprengt. 6 Aber Brulart beſaß eben ſo viel Kaltblutigkeit als Geſchicklichkeit. „Gehen wir jetzt hinauf,« fuhr er fort, das Ende der Schnur feſthaltend, vUnd du Cartahut, du bleibſt hier.« Der ungluckliche Schiffsjunge ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. »Nun, nun,« ſagte Brulart, ich will dich nicht ganz und gar hier laſſen; du ſollſt nur hier den Eingang recht zukalfatern— wir wol⸗ len dich auf dem Verdeck erwarten« und dann ſtieß er ſeine beiden Vertrauten mit den Ellenbo⸗ gen an, als wollte er ſie von einem ſcherzhaften Vorhaben unterrichten. Ich vergaß zu ſagen, daß noch ein oder zwei Dutzend Neger, die der Einaͤugige nicht mit an Bord der Goelette genommen hatte, in dem un⸗ tern Raume zu uͤckblieben. Cartahut verſchloß und verrammelte die kleine Lukenklappe und ſtieg dann aus der großen hinauf. Ehe Brulart die große Luke zumachte, befeſtigte er die Schnur darunter, welche mit ſeiner Mine in Verbindung ſtand, und legte den Deckel zur Haͤlfte auf die Oeffnung. Begreift Ihr 4 fragte er die beiden Andern, die ſeinen Bewegungen mit ungeduldiger Neugier folgten. Nein, Capitain.« „Ihr ſeid Dummkoͤpfe— ich— doch wir — „„ wollen an Bord der Hyaͤne davon reden; du, Ein⸗ äugiger, laß das Schiff ſo in dem Zuſtande, wie es iſt, und folge mir.« Nun ſtiegen alle Drei in die Jolle hinab, welche neben der Katharine angelegt war; Carta⸗ hut folgte, der diesmal gluͤcklich entkam, und der Malaie und der Einaͤugige ruderten aus allen Kräften; ſie erreichten die Hyane in einem Augen⸗ blick und kaum war Brulart auf dem Verdecke angelangt, als er mit ſeiner ſtarken, donnernden Stimme rief: „Braſſet am Backbord, faßt den Wind von hinten, zieht alle Segel auf, alle, wenn wir auch davon umſchlagen muͤßten— aber macht ſchnell, denn die Dame koͤmmt uns zu nahe.« Und da die Nacht heller geworden war, zeigte er auf die Fregatte, die zwei oder drei Kanonen⸗ ſchuſſe weit entfernt war. Die Hyäne ſpuͤrte bald dieſen Zuwachs von Segeln und flog, von einem friſchen Winde be⸗ guͤnſtigt, mit unglaublicher Schnelligkeit auf der Oberfläͤche des Meeres dahin. „Wie, Capitain, Ihr verlaßt die Kathatine 24 riefen der Einaugige und der Malaie. „Das will ich meinen— und zwar aus fol⸗ gendem Grunde: Wie Ihr ſeht, bleibt ſie ruhig im Windſtriche der Fregatte liegen; wir ſind zwei, die Fregatte iſt allein und kann nur eins waͤhlen; ſie eilt zuerſt zu dem Schiffe, das ſtill liegt; das — erregt kein Mißtrauen, ein wahres Kauffahrtei⸗ ſchiff; die Fregatte koͤmmt nahe, ſie ruft, keine Antwort; hieruͤber aͤrgerlich, ſchickt ſie Mannſchaft an Bord, man ſteigt hinauf, findet Niemand; man geht an die kleine Luke— verſchloſſen, ver⸗ riegelt; man geht an die große— gut, ſagen ſie, die iſt halb geoͤffnet; um ſie ganz zu oͤffnen, hebt man den Deckel, die Schnur zieht die Piſtole, der Schuß geht los— Heiſſa, ſechshundert Pfund Pulver in Brand. Das iſt Antwort fur die neu⸗ gierigen Sucher l4 »Welch ein Mann!— 4 ſagten die Blicke des Einaͤugigen und des Malaien. WVerſteht ihr? Der Brander platzt, macht die Fregatte faſt rhedelos und tödtet ihr wenigſtens eine Menge Leute; ſo nahe iſt es ein Segen fuͤr uns. Sie denkt nicht daran, uns zu verfolgen, und wir benutzen ihre Beſtuͤrzung, ſegeln davon, und ſind in zwei Tagen in Jamaika.— Zu trinken Und bei ſich ſelbſt ſagte er: Welch abſcheu⸗ licher Traum! Das Deck der Hyaͤne gewaͤhrte ein ſonderba⸗ res Schauſpiel: von Schwarzen und Matroſen uͤberladen, mehr denn doppelt ſo viele Menſchen als Platz darauf hatten; es war wirklich ein An⸗ blick zum Erbarmen, den dieſe Schwarzen darbo⸗ ten; in Ketten lagen ſie umher, wurden geſtoßen, — 6 bei dem Manoͤvriren des Schiffes mit Fuͤßen ge⸗ treten, und von den Matroſen geſchlagen. „Ehe zehn Minuten verſtreichen,« murmelte Brulart, werdet Ihr die Wirkung meiner Kunſt ſehen.« Und kaum hatte er dieſe Worte geendet, als ein ungeheures Licht den Himmel und den Ocean erleuchtete, eine gewaltige dichte, weiße Dampf⸗ ſaͤule ſich ſchneckenartig emporwand, und das Zim⸗ merwerk der Goelette von dem fuͤrchterlichen Ge⸗ praſſel krachte. Die arme Katharine war in die Luft geſprengt, wahrſcheinlich den Cambrian mit ihren flammen⸗ den Truͤmmern bedeckend, und vielleicht den jun⸗ gen tapfern Commandanten toͤdtend, mit ſeinem guten gefraßigen Arzte und ſeinem kleinen Com⸗ miſſair, trotz der Vorſicht, welche die Tante em⸗ pfohlen hatte. Adieu! arme Katharine, ich weihe ihr ein letztes Andenken! So iſt es denn um dich geſchehen; und wohl dir, dem Schickſale deines Capitains gefolgt zu ſein, des guten wuͤrdigen Benoit, denn was waͤre aus dir, arme Brigg, ohne ihn geworden?— Ein infames Piratenſchiff— du, die du gewohnt biſt, die keuſchen Fluche des beſcheidenen Claudius Bo⸗ romeus Martial zu vernehmen, innerhalb deiner Waͤnde waͤren vielleicht die gemeinſten niedrigſten Gottesläſterungen erſchallt! Schändliche Saufge⸗ — 60— lage haͤtten das jungfraͤuliche Weiß deines Bodens beſchmutzt, deine Maſte waͤren vor Unwillen dar⸗ uber erbebt. Statt an deinen glaͤnzenden Haken Jacke und Pantalon deines Ordnung liebenden Herrn haͤngen zu ſehen, der ſeine beſcheidene Gar⸗ derobe ſchonte, haͤtten ſich dieſe Haken vielleicht unter der Laſt der daran aufgehaͤngten Leichname gebogen. So ruhe in Frieden, Katharine, du haſt ein wuͤrdiges Grab gefunden, tauſend Mal iſt ein Grab im kuͤhlen durchſichtigen Ocean eines im heißen Magen der kleinen Namaken vorzuziehen. Und gewiß, Benoit wurde dies auch ſagen, wenn er noch lebte, wenn er nicht aufgefreſſen worden waͤre, der arme Menſch. Adieu denn noch einmal— adieu Katharine — moͤgen die Wellen dir leicht ſein. Die Freude, das Jauchzen ſind nicht zu be⸗ ſchreiben, welche dies Ereigniß am Bord der Hyaͤne erweckten. Es war ein Jubelſchreien, ein Haͤnde⸗ klatſchen, daß das Schiff davon haͤtte umſchlagen moͤgen; Brulart beſonders war in ſeiner Freude ausgelaſſen; er ſprang, er tanzte, als er ſeine Liſt ſo gelungen ſah. Bei Sonnenaufgang hatte er die Fregatte aus den Augen verloren. Zwei Tage darauf ſchiffte er die Ladung ſei⸗ ner Neger in Jamaika, nahe bei der Bucht Car⸗ 65 bet, aus, an der Beſitzung Herrn Wil's, eines recht⸗ ſchaffenen Pflanzers, eines ſeiner aͤlteſten Kunden. Das heißt, von den Schwarzen die aus der Katharine gerettet waren, blieben ihm nur ſieben⸗ zehn und Atar⸗Gull. Die Ladung der Goelette hatte weniger gelitten, es blieben noch zwei Drit⸗ theile; im Ganzen waren es etwa ſiebenundvierzig Neger und Negerinnen, die er, einen in den an⸗ dern gerechnet, das Stuͤck zu funfzehnhundert Francs verkaufte; das war geſchenkt. Tom Wil zahlte baar, jedoch rieth er ihm, zur Vorſicht nicht zu lange in der Colonie zu verweilen.— Brulart befolgte dieſen Rath ohne Zoͤgern, da er ſich ohnehin noch recht gut des Scherzes, den er an der Fregatte veruͤbte, erinnerte; alſo ging er bald nach St. Thomas unter Segel, indem er ſich vornahm, ſeine Tontine zu erneuern, ſobald ſich nur eine Gelegenheit darbiete, denn wie ihm Tom Wil ſagte, mußte er, da er ſeine Tochter zu verheirathen gedachte, den Haushalt derſelben mit Sklaven verſehen; dieſe Lieferung verſprach er Brulart, wenn er billig waͤre. Brulart ſegelte alſo ab, und man hörte einige Zeit nicht wieder von ihm ſprechen. Sechszehntes Kapitel. Der Pflanzer. nur lacht, und die man nie bekl 9 Diderot's Romane. Es giebt gewiſſe Perſonen, über welche man agt. Zucker, Kaffee, Baumwolle, Indigo, Numm, Natafia:— Ausfuhr.— 0000000000— Brutto Koſten: oo0000000— Gewinn: 00000 B. Poivre, politiſche Hekonomie, Der gute Herr Wil war ein rechtſchaffener und wackerer Mann, einer der reichſten Pflanzer in Jamaika; er war reich, denn ſeine Pflanzungen erſtreckten ſich von dem Vorgebirge von Acoma bis Carbet; er war gut, denn ſeine Nachbarn verſchrien ihn als ſchwach gegen ſeine Schwarzen. Gewiß iſt, daß Herr Wil die Times hielt; auch hatte die den Schwarzen freundliche Geſin⸗ nung dieſes Blattes philanthropiſche Empfindun⸗ gen bei ihm erweckt, die vielleicht ewig in ſeinem Herzen verborgen geruht hätten, waͤre ihr Keim nicht durch das Leſen dieſes achtbaren Blattes hervorgelockt worden; dieſe Lecture verglich der Pflanzer dichteriſch dem wohlthätigen Thau, der dem Wachſen des Zuckerrohrs foͤrderlich iſt; denn er war nicht ohne Bildung und las, wie geſagt, —— ———.—————————— + — mehr als das Geſetzbuch der Schwarzen oder den Preiscourant von Jamaika. Eints Morgens, etwa zwei Monate nach Bru⸗ lart's Beſuch, wollte Herr Wil ſeine Zuckerpflan⸗ zung bei der Bucht der Bananen beſuchen, deren Werkſtätten faſt alle mit des ſeligen Herrn Be⸗ noit's Schwarzen beſetzt waren. Große und kleine Namaken lebten hier in der beſten Eintracht, die Strenge des Aufſehers hatte allen Haß vernichtet, und ſie die feindlichen Geſinnungen, die ſie gegen einander hegten, vergeſſen laſſen. Herr Wil ritt eines Morgens aus; vor ihm gingen baarfuß zwei Neger mit kurzen breiten Säͤbeln; dieſe treuen Diener, mit einfachen leine⸗ nen Hoſen bekleidet, ſollten dem Mauleſel ihres Herrn einen beſſern Weg bahnen, indem ſie Di⸗ ſteln und Dornen abhieben, Straͤuche, die ihn verletzen konnten, aus dem Wege räumten, und hauptſaͤchlich die in dieſem Theile der Pflanzung ſo haͤufigen kriechenden Thiere vernichteten, die das arme Vieh todtlich ſtechen konnten; Herr Wil wuͤrde dieſes ſchoͤne Thier nicht fuͤr dreihundert Goldſtucke verkauft haben, einen ſo leichten Trab hatte es. Als er zur Pflanzung kam, ward gerade ein an einen Pfahl gebundener Neger gepeitſcht. vHalt! Tomy,« ſagte Herr Wil,„was hat dieſer Sklave verbrochen 24 Herr, er koͤmmt aus dem Grfaͤngniß, er — 6 war Marrone*). Funfzig Peitſchenhiebe kom⸗ men ihm von Rechtswegen zu; da Ihr aber ſo gutig waret, alle Strafen auf die Haͤlfte herabzu⸗ ſetzen, ſo bleiben ihm nur fuͤnfundzwanzig, und ich bin bei dem zwölften— 4 »Fahre fort,« ſagte der Titus, und ging un⸗ ter dem lauten Beifall ſeiner Neger, die auf einen ſo milden Herrn wirklich ſtolz waren, weiter. Er trat in die Zuckermuͤhle; dieſe Maſchine beſteht aus zw.i großen ſteinernen Cylindern, die ſich um ihre Achſe drehen, ſo daß dazwiſchen ein Raum bleibt, in welchen man Buͤndel Zuckerrohr ſchiebt, die man immer weiter vordruͤckt, wie die drehenden Steine ſie faſſen und zerreiben. Da der Pflanzer uͤber die Palmblaͤtter ging, mit denen der Boden belegt war, wurde er von einer jungen Negerin, welche Zuckerrohr unter die Steine ſchob, nicht gehoͤrt. Aber das arme Maͤdchen ſah nicht nach der Muͤhle. Ihre Augen waren auf einen jungen, ſchönen, großen Neger mit lebhaften Augen, weißen Zaͤh⸗ nen, ſchwarzer glaͤnzender Haut gerichtet. Atar⸗Gull, denn er war es, naͤherte ſich ihr, um ihre rothen Lippen zu beruͤhren; ſie aber buͤckte dann ſchnell den Kopf, und der Mund ihres Geliebten traf nur noch ihr krauſes Haar. So nennt man die Neger, welche ihren Herren entlaufen, und ſich in den Wäldern verbergen. Dann lachte das arme Maͤdchen laut auf, ihn ſo betrogen zu ſehen— die beiden Walzen faßten indeß immer die Buͤndel Zuckerrohr, und ſie, mit der Zeit der Umdrehung vertraut, ſchob den Reſt gedankenlos nach, nur mit den zaͤrtli⸗ chen Scherzen ihres Liebhabers beſchaͤftigt. Vater Wil ſah dies Alles mit an; er fuhlte große Luſt, die beiden Muͤßiggänger ein wenig zu zuͤchtigen, doch hielt er ſeinen Zorn zuruͤck. Narina,« ſagte Atar⸗Gull in ſeiner ſchoͤnen, weichen, ausdrucksvollen Kafferſprache, Narina, du verweigerſt mir einen Kuß, und doch habe ich dir die ſchonſten Halsbaͤnder von rothen Beeren gemacht; habe dir ein Madrastuch geſchenkt“ wie es die ſchoͤnſte Mulattin nicht hat; wie oft nahm ich dir nicht deine Laſten ab;z dieſe tiefen Narben ſind ein Beweis, daß ich nicht ſelten die von dir verwirkte Strafe uͤbernahm, wenn du die Lieb⸗ lingstaube unſeres Herrn entfliegen ließeſt— fuͤr dies Alles gieb mir einen Kuß— einen einzi⸗ gen—6„: Narina war nicht undankbar, nein; ſie reichte daher auch laͤchelnd ihre Korallenlippen hin— doch ſchrie ſie zugleich ſo entſetzlich auf, daß der Pflanzer, welcher ſchon den Aufſeher ſuchen wollte, um die träge, lachende Negerin ſeinen Peitſchen⸗ hieben zu uͤberliefern, umkehrte. Nur mit ihrer Liebe beſchaftigt, ſtreckte ſie wie bisher immer die Hand bewußtlos nach der Muͤhlez Atar⸗Gull. II. 6 — 70— die Ungluckliche hatte nicht bemerkt, daß kein Zucker⸗ rohr mehr zu mahlen war, und in dem Augen⸗ blicke, da Atar⸗Gull ſie kuͤßte, ſchob ſie ihre eigne Hand zwiſchen die beiden Walzen, die ihre nachziehende Bewegung fortſetzten und ſelbe ſogleich zermalmten, der Arm folgte ſchon der Hand, als der Neger nach dem Rettungsbeile“) ſprang und mit einem raſchen Hiebe den untern Arm von dem obern trennte, der auch ſogleich zermalmt zwiſchen den beiden Steinen verſchwand. Auf das Geſchrei der beiden Schwarzen und des menſchenfreundlichen Wil kam der Aufſeher herbei. Narina wurde in die Krankenſtube gebracht, wo man ſie aufs beſte pflegte. Bei einem weniger menſchlichen Pflanzer wurde ſie nach ihrer Herſtellung eine derbe Zuͤchtigung erhalten haben, denn ſie verlor doch nur einen Arm, der Eigenthuͤmer aber hundert Goldſtüͤcke. „Was verfuͤgt Ihr uͤber dieſen Schelm?4 fragte der Aufſeher; ver hat wohl etwas verdient, weil er die Arbeit geſtoͤrt und eine Eurer Skla⸗ vinnen verdorben hat.« 1 „Sein Betragen 24 116 Was das betrifft, Herr Wil, ganz vortreff⸗ lich; arbeitet wie ein Buͤffel, etwas ſchweigſam, *) Ein Beit, welches in jeder Mühte hängt, um Unfällen der Art, die häufig vorkommen, abzuhelfen. „ —%— aber ſanft wie ein Lamm, und hat nicht mehr Galle als eine Taube« „Wirklich?« Dann nehme ich ihn mit mirz das dumme Vieh, der Cham, dem ich die Aufſicht uͤber meine Hunde ubertrug, wird täglich unbrauch⸗ bater— ich werde dir ihn fuͤr die Werkſtätte her⸗ ſchicken fur dieſen da; ſpricht er etwas engliſch?« „Er faͤngt an, ſpricht einige Worte ſchlecht, verſteht aber alle Zeichen.« „Gut, abgemacht, ich nehme ihn mit; aber vorher, um Verſehen der Art nicht ungeſtraft zu laſſen, laß ihm Eins aufzählen— eine Kleinig⸗ keit— blos als Beiſpiel, und mach raſch, denn meine Frau und Jenny erwarten mich mit dem Fruͤhſtuͤck, und ich will vor der Hitze heimkehren.« Alſo, Herr Wil, das Dutzend— Wie, das Dutzend?« Ja,« antwortete der Aufſeher, indem er ſeine Meitſche ſchwang.. Ah!— wahrhaftig, ich verſtand dich nicht; ja, ja, das Dutzend— und alsdann ſchicke ihn mir ſogleich.« Atar⸗Gull wurde alſo angebunden und gepeitſcht. Seine Ruhe, ſein ſanftes Laͤcheln verließen ihn keinen Augenblick; man hörte keine Klage, keinen Seufzer; er empfing die Hiebe faſt mit einer freu⸗ digen Zuftiedenheit.—. Und in der That gelang dem armen Jungen Alles nach Wunſch; ſeit einem gewiſſen Vorfall 6* verfolgte er nur einen Zweck, den naͤmlich, ſich Herrn Wil zu naͤhern und wo moglich in ſeinem Hauſe angeſtellt zu werden, denn er naͤhrte jetzt einen ſehr beſtimmten Haß gegen zwei Menſchen: Gegen Brulart und den Pflanzer. Und ſein Haß gegen Brulart war ſogar noch blaß und kalt im Vergleich mit dem, den er gegen den menſchenfreundlichen Wil hegte. 94 Auch trugen ſeine verſtaͤndige, arbeitſame, un⸗ terwuͤrfige und geregelte Auffuͤhrung ſchon ihre Fruͤchte, denn vor der Beſtrafung, und damit er ſie geduldiger ertruͤge, hatte der Aufſeher ihm er⸗ klaͤrt, daß der Herr ihn mitnehmen wuͤrde, und daß er ſeiner guten Auffuͤhrung dieſe unerwartete Gnade verdanke. Wie haͤtte er demnach nicht hundertfach die Hiebe ſegnen und die Riemen kuͤſſen ſollen, die ihn zerfetzten? Als die Strafe vollzogen war, ſchnuͤrte Atar⸗ Gull ein Buͤndel von ſeiner kleinen Habe, und lief, den Steigbuͤgel des Herrn Wil zu halten, der, uͤber ſeine Thätigkeit und Gutmuͤthigkeit erfteut, ihn mit wohlwollendem Laͤcheln leicht auf die Wange Atar⸗Gull ging fort, ſelbſt ohne Narina zu ſehen; es handelte ſich ja nur um Liebe! Was iſt aber die Liebe neben einem tiefen, lebhaften, afrikaniſchen Haß? Als der Pflanzer bei dem Carbet ankam, —— —— brannte die Sonne ſtark; er vermißte ſeinen großen Sonnenſchirm, und fuͤhlte ſich auf ſeinem Maul⸗ eſel ſehr unbehaglich, als eine wohlbekannte Stimme ihn freudig erbeben machte. Er ritt durch eine lange Allee von breiten Ta⸗ marinden, um welche ſich Lianen ſchlangen, als von einer Seite her ein allerliebſtes, munteres, hupfendes, roſiges junges Maͤdchen heranlief— Es war Jenny. und hinter ihr kam ein ſchoͤner junger Mann, der den erſehnten Sonnenſchirm trug; er fuhrte eine etwas gebeugte Frau mit grauem Haar am Arm. Dies waren Theoderich und Madame Wil. „Nimm dich in Acht, nur langſam, meine Jenny,« rief der Pflanzer;„das Maulthier wird dich treten!« Und in der That ſtuͤrzte ſich die junge Naͤrrin auf die Hand ihres Vaters, die ſie zärtlich kuͤßte; ohne auf die Tritte des Maulthiers zu achten. Der große Strohhut fiel herab und ihre ſchoͤnen Augen verſchwanden faſt unter der Fuͤlle des herr⸗ lichen blonden Haares. „Armer Vater,« rief ſie aus, indem ſie einen zärtlich⸗beſorgten Blick auf den Pflanzer richtete; wie du erhitzt biſt— wir hatten den Sonnen⸗ ſchirm ganz vergeſſen— es iſt aber Theoderichs Schuld.« Jenn— dn willſt deinen Theoderich anklagen? 4„ Madame Wil kam naͤher.— „Mein Freund, du mußt ermuͤdet ſein. Wollen Sie abſteigen, Herr Wil? 4 fragte Theoderich theilnehmend. Nein, meine Kinder, nein, mir iſt ſehr wohl; wie ſollte ich Ermuͤdung bei ſo liebevollem Em⸗ pfange fuͤhlen— doch will ich lieber den uͤbrigen Weg zu Fuße machen— mit Euch.« Drr Pflanzer ſtieg ab, ſtreichelte das Maulthier mit ſeiner fetten Hand, und uͤbergab es einem der Neger, die ihm gefolgt waren. vWas iſt das fuͤr ein Neuer?« fragte Ma⸗ dame Wil, auf Atar-Gull zeigend. vEin Diamant, ein wahrer Diamant, wie mir Jakob verſichert; ich will ihm die Stelle des traͤgen Cham*) geben.« Iſt dieſer Sklave auch ſicher? lieber Mann. vDu weißt, Jakob verſteht ſich darauf; kommt, kommt, laßt uns eilen, ich verſpuͤre einen ſtarken Hunger«—. *) Man darf ſich nicht wundern, die Neger mit bibliſchen oder mythologiſchen Namen benannt zu hö⸗ ren. Sobald eine Koppel Neger in der Colonie an⸗ kommt, tauft man ſie; ſo heißen die einer Pflanzung z. B. Hiob, Cham, Japhet u. ſ. w., die einer andern Vulkan u. ſ. w., nach der Laune ihres errn. 1————— — »Den kannſt du beftiedigen, mein Kind,« ſagte Madame Wil mit komiſchem Ernſt,„denn Tony hat ſich heute uͤbertroffen— du bekoͤmmſt Seekrebſe in ſpaniſchem Pfeffer, einen Palmenkohl in Kraftbruͤhe, und—6 »„Still, ſtill, Frau, ich will nichts vorher wiſſen, du raubſt mir die Ueberraſchung.— Aber ſieh nur Jenny und Theoderich! die lieben Kin⸗ der— ſind ſie nicht wie Eins fuͤr das Andere geſchaffen— wie ſchoͤn ſind ſie; das heiß ich ge⸗ wachſen, he!— iſt meine Jenny nicht eins der ſchoͤnſten Maͤdchen auf Jamaika?« „Du kannſt wohl unſere Jenny ſagen,« verſetzte Madame Wil. 1 Der Pflanzer umarmte zur Antwort ſeine ge⸗ liebte Frau. Endlich zu Haus angelangt, verſammelte ſich die Familie in dem kuͤhlen und geraͤumigen Speiſe⸗ ſaal froͤhlich zu einem praͤchtigen Fruͤhſtuͤck. Nachdem Herr Wil ſeinen Thee getrunken hatte, befahl er, Cham zu rufen; und nach Verlauf einer Viertelſtunde erſchien derſelbe, am ganzen Leibe zitternd. Der Pflanzer, halb auf ſein Sopha hingeſtreckt, hielt eine praͤchtige Jagdflinte ſpielend in den Haͤn⸗ den: Cham,« redete ihn der Herr an,6 ich be⸗ merke deine Nachläſſigkeit immer mehr und mehrz erſtlich wirſt du mager, ſtatt daß ein guter Sklave immer wohl ſein muß, damit ſein Herr Ehre mit ihm einlegt, und er als Beweis des Wohlſtandes ſeines Herrn diene; meine Jagdhunde magern auch ab, daher habe ich dir die Aufſicht darber genom⸗ men; ich hatte dir ihre Reinigung aufgetragen, und auch die beſorgſt du ſchlecht; alſo verbiete ich dir, je den Fuß wieder hier bei mir in das Herrenhaus zu ſetzen; geh hin, und nimm Theil an den Arbeiten der Uebrigen. Atar⸗Gull,« ſagte er, auf den Schwarzen zeigend, der ſchon in Aus⸗ uͤbung ſeines Amts zu den Fuͤßen des Pflanzers ſaß, und ihm mit einem Faͤcher Kuͤhlung zuwehte, vAtar⸗Gull ſoll deine Stelle einnehmen. 4 Der arme Cham ließ traurig den Kopf haͤngen und ſagte mit leiſer Stimme: WVerzeiht, Herr, verzeiht, verzeiht; ich habe nur ſeit neun Tagen meinen Dienſt vernachlaͤſſigt, bis dahin—6 Bis dahin warſt du mein treuer Diener, das iſt wahrz« ſagte der Pflanzer, indem er Atar⸗ Gull ein Stuͤck Zucker hinwarf, um welches dieſer ſich mit einem niedlichen Loͤwenhuͤndchen balgte, vaber ſeit Kurzem hat dich nur meine Nachſicht geſchuͤtzt, daß du nicht unter den Peitſchenhieben des Aufſehers umgekommen biſt; denn, ſtraf mich Gott, ich weiß nicht, warum du ſo veraͤndert biſt.« Cham ſagte nach ſichtbarem inneren Kampfe, mit der groͤßten Angſt: »Weil mein Sohn ſeit neun Tagen verſchwun⸗ den, und ich nur an dieſen grauſamen Verluſt „ — denken kann; ich liebte ihn ſo ſehr, meinen Erſt⸗ gebornen.« „Dein Sohn iſt verſchwunden? ſchrie der gute Wil, der ſich auftichtete und mit ſeinem Ge⸗ wehr auf Cham zielte; zum großen Gluͤck war es nicht geladen— Cham war wenigſtens drei⸗ hundert Gourden werth—„Dein Sohn iſt ver⸗ ſchwunden, Elender? Ein kleiner Congo⸗Neger von der beſten Race! Nicht genug, daß du meine Hunde verkommen läßt und dich ſelbſt abma⸗ gerſt, laͤßt du mich auch deinen Sohn verlieren! Elender! willſt du mich denn ganz und gar zu Grunde richten?— Wenn bis morgen um dieſe Stunde dein Sohn nicht wieder herbeigeſchafft iſt, und du in ſpäteſtens vierzehn Tagen nicht gehoͤrig zunimmſt, ſo kannſt du dich auf eine derbe Strafe gefaßt machen. Geh, daß ich dich nicht mehr ſehe, und du, mein treuer Atar-Gull, da haſt du eine Uhr, die ich dieſem Vieh zudachte; es ſei eine Be⸗ lohnung und Aufmunterung. Fort, Cham, oder, bei Gott, du ſollſt fuͤhlen, wie ſchwer der Kolben meiner Flinte wiegt.« Cham warf im Gehen einen wuͤthenden Blick auf ſeinen Nebenbuhler, der ſich einer kindiſchen Freude uͤberließ, und die Uhr an ſein Ohr hielt, um dem Picken des Werkes zu horchen. So iſt alſo Atar-Gull bei dem Pflanzer in Gunſt. —— Siebenzehntes Kapitel. Der Vater und der Sohn. Kennſt du die Marter, wenn in langen Näch⸗ ten das Blut in deinen Adern kocht, dein Herz zu berſten droht, dein Kopf zerſpringen will und du mit den eignen Zahnen deine Hände nagſt, bittere Qualen, die dich ohne Unterlaß wie auf einem glübenden Roſt herumwerſen. Bictor Hugo.— Notre-Dame de Paris. Ees iſt, glaube ich, nothwendig, den Grund des Haſſes zu erklaͤren, den Atar⸗Gull gegen Wil hegte, deſſen Benehmen doch nicht, wie das Bru⸗ lart's, geeignet ſchien, eines Sklaven Erbitterung auf das Hoͤchſte zu ſteigern. Die Sache verhaͤlt ſich ſo: Einige zwanzig Tage nach Ankunft der großen und kleinen Namaken in der Colonie, ſpeiſte Herr Wil bei einem reichen, betriebſamen Pflanzer, Herrn Beufrey, zu Mittag. Mit dem Deſert, der Zeit der Vertraulichkeit, entfernten ſich die Damen, und jede Frau ward durch eine Flaſche alten trefflichen Madeira's erſetzt — das war das einzige Mittel, ſich fur die Ent⸗ fernung des ſchoͤnen Geſchlechts zu entſchädigen. Die Unterhaltung fiel auf die Neger, die Pflan⸗ zungen, die Moͤglichkeit des Verluſtes und Ge⸗ winns, und bald zogen die Herren Wil und Beufty allein die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich, denn man ſetzte in ihre Einſichten und langjährigen Er⸗ fahrungen ein großes Zutrauen. Beufry. Sagt mit, Wil, ſeid Ihr mit Euerm Ankauf zuftieden? Wie ſind die Neuen— machen ſie ſich ein bischen?— Sehr gut, ſehr gut! Der Teufels Brulart hat's los, er verſteht es, ſie auszuwählen— ich habe nur fuͤnf davon verloren. Beufry. Gott verdamm mich, wenn ich weiß, wie er ſie um dieſen Preis geben und doch ſeine Rech⸗ nung dabei finden kann. Wil. Das kuͤmmert mich wahrhaftig wenig; es iſt ſeit anderthalb Jahren ſchon die dritte Ladung, die er mir liefert, und er hat mich noch nie be⸗ trogen— das heißt— ja— doch einmal— o! da hat er mich fein angefuͤhrt— Beufry und die andern Gaͤſte. Erzahlt uns das, Herr Wilz das iſt nuͤtzlich.— 65 Wil. Nun denn, ich will es frei bekennen: vor drei Monaten ſchob er mir bei ſeiner vorletzten Lieferung einen alten, ſteinalten Neger unter, dem er mit Kohlen das Haar ſchwarz gefaͤrbt, und den er mit Mehl, oder Gott weiß was ſonſt, gemaͤſtet hatte.— Genug; drei Tage nach ſeiner Abfahrt ſchicke ich meine Schwarzen ins Meer zum Ba⸗ den, und mein altes Thier koͤmmt mit ſchneeweißen Haaren zuruͤck; nach Verlauf von fuͤnf Tagen ver⸗ ſchwindet das kuͤnſtliche Fett, denn er war aufge⸗ blaſen und ich bemerkte an den Zaͤhnen und Fal⸗ ten um Stirn und Augen, daß es ein Kerl von wenigſtens ſechzig Jahren iſt, und ſo ſchwach, ſo ſchwach, nicht im Stande, mir irgend einen Dienſt zu leiſten, und dabei frißt der Spitzbube wie ein Geier; genug, er iſt ein muͤßiges Pferd in meinem Stalle— der funfte, den ich fuͤr Nichts naͤhre— wenn man ſie mit funfzehnhundert bis zweitau⸗ ſend Francs bezahlt hat, iſt das gerade nicht zum Lachen— Beufry. Euer Brulart iſt ein Schuft; ich habe aber ein gutes Mittel, daß ich nicht allein meine alten unbrauchbaren Neger nicht mehr zu fuͤttern brauche, ſondern mir meine Auslage, und noch daruͤber er⸗ ſtattet wird— 6 — 81— Wil und die andern Gäſte. Sagt wie— das iſt ja wunderbar. Beufry. Ganz und gar nicht; es iſt ſehr einfach. Ihr wißt, die Regierung zahlt zweitauſend Francs fuͤr jeden Neger, der zur Strafe fuͤr Mord und Raub hingerichtet wird, damit der Eigenthuͤmer deſſelben, aus Furcht, den Werth zu verlieren, ihn nicht der gerechten Strafe entziehe. Wil. Nun— Beufry. Nun denn— die armſeligen Schwarzen, be⸗ ſonders wenn ſie alt werden, tragen faſt immer eine kleine Suͤnde auf dem Herzen, es iſt nicht anders möglich; alſo kann man immer ſicher ſein⸗ ſich nicht zu irren, und ſtellt zwei Zeugen auf, die ausſagen, daß ſie ihn z. B. ſtehlen ſahen. Die Beweiſe bleiben nicht aus; man wirft den alten Kerl ins Gefangniß, und, findet man ihn ſtraf⸗ bar, was gewohnlich der Fall iſt, ſo wird er ohne Weiteres gehangen und— man zahlt Euch zwei⸗ tauſend Francs. Wil(nit Abſcheu). Teufel— Teufel— —= 82— Beufry. Thut nur nicht ſo zimperlich; ſtatt eines un⸗ benutzten Capitals, was Euch noch obendrein die Zinſen auffrißt— erlangt Ihr durch mein Ver⸗ fahren ein nutzbares Capital, was Euch ſieben bis acht Procent einbringt— das iſt ja gar kein Verhältniß.— S Wil. Das iſt wahr, aber es iſt etwas hart— zu (Er macht eine Pantomime des Hängens.) Beufry. Ha! zum Henker, wenn von einem Menſchen die Rede waͤre, wuͤrde ich kein Wort ſagen, meine Grundſaͤtze, hoffe ich, ſind bekannt; ich denke, bei dem letzten Brande hinlaͤnglich bewieſen zu haben, daß ich mich einiger Humanität ruͤhmen kann. * W Das iſt wahr; denn nicht genug, dem armen Colſtrop und ſeinen zwei Kindern das Leben ge⸗ rettet zu haben, habt ihr auch aus Euern eignen Mitteln ihm ſeine Kaffeepflanzung wieder aufbauen helfen— aber aufhaͤngen laſſen— hm— Mein Gott, habt Ihr doch einen harten Kopf! — Nehmen wir an, ein Geſetz ſage: Jeder kranke Mauleſel z. B. ſoll getoͤdtet und dem Eienthi 7* — 83— mer zur Schabloshaltung der Werth ausgezahlt werden; wenn Ihr nun einen alten Mauleſel, der im Stalle liegt und nicht arbeitet, fuͤr krank aus⸗ geben koͤnnt, werdet Ihr es nicht thun? Werdet Ihr nicht zweihundert gute klingende Goldſtucke, die Euch funfzehn oder zwanzig einbringen, einem elenden alten Thiere vorziehen, das Euch halb ſo⸗ viel auffrißt, ohne den mindeſten Dienſt zu leiſten? Alle Teufel, ſeid doch conſequent; warum wollt Ihr nicht mit einem Neger wie mit einem Maul⸗ eſel verfahren? Mehre Stimmen. Ins Er hat Recht— das iſt ſo klar wie zwei mal zwei vier— Wil. Zum Henker, das ſehe ich wohl ein, ich mag eben ſo ungern wie Andere mein Geld unbenutzt liegen laſſen, und weil Beufty die Sache ſo ein⸗ leuchtend darſtellt— und weil ihr Andern ſie nicht mißbilligt— Mehre Stimmen. Im Gegentheil; wir werden es kuͤnftig eben ſo machen. . Wil. Wahrlich, ich ſehe nicht ein, warum ich mein * aus dem Fenſter werfen ſoll; was mich „ — 8— bis jetzt abhielt, ſeht, das war reine Menſchlich⸗ keit— vor allen Dingen haͤlt man auf einen guten Ruf, und wenn man Familienvater iſt, wenn man ſeit vierzig Jahren einen unbeſcholte⸗ nen Wandel fuͤhrte, ſo ſieht man darauf, ſich den erworbenen guten Ruf zu erhalten— Beufry. Ich kann nicht mehr thun, als mich ſelbſt als Beiſpiel aufſtellen. Ich gebe nach, mein Freund; ich ſehe es ein, daß ich bis jetzt ein ſentimentaler Narr war; aber ſagt mir, iſt das Zeugniß von zwei Weißen hin⸗ reichend? Beufry. Von zwei Weißen, oder auch von vier Mu⸗ latten, um Euer unbenutztes Capital loszuwerden. Der Gerichtsſchreiber bezahlt Euch alsdann den Gehaͤngten in klingender Muͤnze. Nicht ſpäter als morgen werde ich einen Ver⸗ ſuch machen— So, meine Herren; genug von Geſchaͤften ge⸗ ſchwatzt! Unſere Damen werden Langeweile haben, laßt uns noch ein Glas Madeira trinken und dann zu den Damen in die Gallerie gchen— —— ——— Wil, ich nehme Euch zu meiner Partie Tricktrack in Beſchlag. Wil. Ihr wollt alſo Eure Revanche? Gut, ich bin bereit; laßt uns aber nicht zu lange ſpielen, denn meine Tochter iſt nicht ganz wohl. Fuͤnf Tage nach dieſer Unterredung zaͤh te der gute Wil, indem ihm einige kleine Seufzer ent⸗ ſchlupften, zehn Haͤufchen, jedes von vierzig Gold⸗ ſtuͤcken. Ja, in jenem Lande gehen die Proceſſe und Hinrichtungen einen raſchen Gang, Dank ſei es den Colonial-Gerichten. Die Huͤtte des alten Hiob war aber veroͤdet. — Nur zwei oder drei Kinder ſaßen weinend an ſeiner Thuͤre, denn der arme alte Hiob, der zur Arbeit unfähig war, ſetzte ſich gern in die Sonne und machte von Palmenholz Spielzeug fuͤr alle kleinen Neger ſeiner Nachbarſchaft. Wenn ſie ihn kommen ſahen, ſprangen ſie ihm entgegen, ſchlu⸗ gen in die Haͤnde und ſchrieen und jubelten: Va⸗ ter Hiob!— Da kommt der gute Hiob. Auch beweinten ſie den alten Neger, deſſen Leichnam am Galgen hing, und der auf dieſe Weiſe ſeinen Herrn nicht mehr in Unkoſten ſetzte. Der Abend, der auf den Tag der Hinrichtung folgte, war ſchoͤn; es war eine ſchone, helle, tro⸗ Atar⸗Gull. IM. 7 — 5 piſche Nacht, vom ſanften Schimmer des Mon⸗ des beleuchtet. Bei dem letzten Glockenſchlage waren die Schwarzen niedergekniet; Herr Wil, ſeine Frau und Tochter waren mit ihrem Beiſpiel vorange⸗ gangen, indem ſie das allgemeine Gebet mit lau⸗ ter Stimme begannen. Es war ein großes, erhebendes Schauſpiel, den Herrn und den Sklaven ſich gleich vor dem Schoͤpfer beugen zu ſehen, und ſie unter dem Azur⸗ gewoͤlbe des Himmels, der vom Glanze der Sterne ſtrahlte, daſſelbe Gebet ſprechen zu hoͤren. Ringsum ertoͤnte nicht das geringſte Geraͤuſch — man hoͤrte nur die tiefe ſonore Stimme des Pflanzers, und von Zeit zu Zeit den ſilberhellen Ton Jennys, wenn ſie eine heilige Strophe mit ihrer Mutter wiederholte. Die Palmbaͤume wiegten ſchweigend ihre gro⸗ ßen, glaͤnzenden Blaͤtter, und die Bluͤten der Faffeeſtaude, die ſich in der Kuͤhle der Nacht oͤffneten, verbreiteten die herrlichſten Wohlgeruche. Nach dem Gebete zerſtreuten ſich die Neger auf der Heide, theils dort umherzuirren, theils aus⸗ zuruhen, denn das war ihnen erlaubt. Atar⸗Gull konnte waͤhrend der Nacht nicht ſchlafen. O! Nachts liebte er allein umherzuſtreifen; das war der einzige Augenblick, wo er die Maske ſeiner niedrigen Unterwuͤrfigkeit, ſeines ſuͤßen, ſanf⸗ ten Laͤchelns, ablegen konnte. Da mußte man ihn ſpringen ſehen, athemlos, keuchend, ſich wie ein raſender Loͤwe bruͤllend waͤl⸗ zend, und wuͤthend in die Erde beißend, indem er ſich der Schmach, der Hiebe jedes Tages erinnerte! Indem er an Brulart dachte, den er fruͤher oder ſpaͤter wiederzuſehen hoffte; an den Pflanzer, der ihn pruͤgeln ließ, und ihm ein beleidigendes Mitleid ſchenkte, eine Zuneigung, wie man ſie zu einem Vieh hat, wie der Herr zu ſeinem Hunde! dann blitzten ſeine Augen in der Dunkelheit der Nacht und ſeine Zaͤhne knirſchten. Und welche Gewalt uͤbte er uͤber ſich aus! Mit ſeinem wilden, ungezaͤhmten Charakter, mit dieſer verzehrenden Entſchloſſenheit laͤchelte er den Tag uͤber bei jedem Schlage, den er ewyfing, und kuͤßte die Hand, die ihn ſchlug. Um zu dieſem unglaublichen Reſultate zu ge⸗ langen, bedurfte es einer fixen, beſtimmten, un⸗ wandelbaren Idee, welcher der Neger Alles auf⸗ opferte. Das war die Rache! Noch war dieſe Rache nur durch Brulart's Grauſamkeit und durch die Wuth erweckt, Sklave zu ſein; aber welche furchtbare Kraft erhielt ſie, großer Gott! als er wußte, was der Leſer jetzt er⸗ fahren ſoll. Im raſchen Laufe ſprang der unglcktiche hin und wieder, als wolle er vor ſich ſelbſt ent⸗ rinnen.— Umſonſt erquickte die reine balſamiſche Luft und die ſuͤße Einſamkeit der Nacht ſeine Sinne. Er lief ohne Raſt, bis er an eine oͤde Stelle kam, uͤber der des Mondes Licht wie ein weißes Tuch ausgebreitet lag. In der Mitte derſelben erhob ſich ein Galgen— An dem Galgen hing ein Schwarzer; das war der alte Hiob. Atar-Gull, welcher aus den duͤſtern Gaͤngen heraustrat, die dieſen großen freien Platz umga⸗ ben, wurde von der Helle geblendet, mit welcher die langen Graͤſer der Heide und der Hintergrund von Tamarindenbaͤumen verſilbert waren. Doch bald wurde er von einem unerklaͤr⸗ bar ſchmerzhaften Gefuhle uͤberwaͤltigt, als er vor ſich dieſen ſchwarzen Galgen mit dem ſchwar⸗ zen daran haͤngenden Koͤrper ſah, die ſich Beide deutlich auf den hell glaͤnzenden Blättern des Wal⸗ des wie im Schattenriß abzeichneten. Er ging naͤher heran— Dann noch naͤher— Seine Beine ſchwankten— er fiel— mit dem Geſichte gegen den Boden.— Nachdem er einige Minuten in dieſer Stel— lung geblieben war, erhob er ſich, und ſchoß wie ein Tiger mit einem Sprunge auf den Gal⸗ gen zu. — 89— Hier ſtieß er einen Schrei aus— einen Schrei, deſſen Ausbruch man verſtehen wird, wenn man erfaͤhrt, daß der Ungluͤckliche in dem Ge⸗ haͤngten— ſeinen Vater erkannte. Seinen Vater, wie er verkauft, Opfer des Sklavenhandels, und vielleicht früͤher von Brulart auch einem Benoit geſtohlen. Es blieb Atar-Gull kein Zweifel mehr, als er eine Art Talisman oder Fetiſch wiedererkannte, den der Alte immer am Halſe trug. Den Strick losſchneiden, welcher den Leich⸗ nam an dem Galgen befeſtigte, ihn auf ſeinen Ruͤcken nehmen und mit dieſer koſtbaren Laſt in den Wald fliehen, war das Werk eines Augen⸗ blicks fuͤr Atar⸗Gull. Es giebt Schmerzen, welche der Dunkelheit und der tiefſten Einſamkeit beduͤrfen. Den folgenden Tag fand Atar⸗Gull ſich beim erſten Schlage der Glocke ſchon in der Werkſtaͤtte ein, immer mit demſelben guten, freien offenen Geſichte, mit ſeinem ewigen Laͤcheln, wobei er ſeine weißen ſcharfen Zähne zeigte. Dies alſo der Grund, warum Herr Wil mit Brulart das Privilegium theilte, ohne Unterlaß Atar⸗Gull's Gedanken zu beſchaͤftigen. Cham, welchen Atar⸗Gull zu ſeinem Vertrauten erwählt hatte, Cham, der durch funfjaͤhrigen Aufenthalt in der Colonie und im Hauſe des Herrn Wil, von der Art, wie die Pflanzer ſpeculiren, unterrichtet war, hatte ihm theilnehmend die Urſache von dem Tode ſeines Vaters verrathen. Was des alten Hiobs Leichnam betrifft, ſo fand man ihn nie wieder; man glaubte, daß die Giftmiſcher ſich deſſelben zu einer ihrer geheimen Zaubereien bemaͤchtigt hätten. Man begreift nun wohl den Haß des Schwar⸗ zen gegen den wuͤrdigen Pflanzer, und wie groß ſeine Freude war, als er hoffen durfte, durch ſei⸗ nen vertrauten Dienſt Gelegenheit zur Rache zu finden. Auch erwarben ſein Eifer, ſeine Ergeben⸗ heit und Arbeitſamkeit in den fuͤnf Probemona⸗ ten Herrn Wil's Zuftiedenheit dergeſtalt, daß der⸗ ſelbe ihn das Muſter eines guten Dieners nannte, ihn zu ſeinem Kammerdiener machte, und ihm ſein ganzes Vertrauen ſchenkte. Eine ſo plötzliche Vorliebe iſt uͤbrigens ein charakteriſtiſcher Zug der Pflanzer. So wurde Atar⸗Gull die Aufſicht uͤber die Anſtalten zu dem Feſte uͤbertragen, welches der Vermaͤhlung der ſchönen Jenny mit Theoderich zu Ehren gefeiert werden ſollte. Ende des zweien Bändchens.