Leihbibliothełk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von* Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Keſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 torgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W— W 1W 2 W . Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ ———,———,— 3½ An Herrn Fenimore Covper. Werden Sie mir verzeihen, mein Herr, daß ich den ſchmeichelhaften Brief hier oͤffentlich be⸗ antworte, den Sie ſo guͤtig waren, mir in Be⸗ zug auf mein erſtes Werk zu ſchreiben? Ein junger Mann, der ſo eitel iſt, die ganze Welt zu Vertrauten ſeines literariſchen Beifalls zu machen, verdient zwar deshalb Tadel, aber ich fuͤhle dennoch das Beduͤrfniß, einige Erlaͤu⸗ terungen uͤber dieſes neue Werk zu geben, und ich glaubte, ſie wuͤrden weit mehr Gewicht und Werth dadurch erhalten, daß ich dieſelben an Sie richte, der Sie den Seeroman auf eine ſo originelle Weiſe geſchaffen haben, der Sie mit Goethe und Scott den ſeltenen Ruhm thei⸗ len, eines der Vorbilder fremder Literatur unſerer Zeit zu ſein. Ich bin wie Sie uͤberzeugt, daß Frankreich, erkennte es die Kroͤfte, die Huͤlfsquellen, die Atar⸗Gull. I. 1 Mittel, die es zur Beſchuͤtzung und Erweiterung ſeines Handels in ſeiner Marine beſitzt, ſich mit jeder europaͤiſchen Macht auf dem Meere meſſen koͤnnte. Dieſe innige Ueberzeugung iſt es, die mich ermuthigte, einige Seeſtuͤcke bekannt zu machen; denn da ich Ihnen folge, war ein ſo maͤchtiger Beweggrund erforderlich, dies ſchwierige Unter⸗ nehmen zu wagen. Ich habe lange geſchwankt, ob ich nicht zum Stoff dieſer Romane einige der glaͤnzenden Waf⸗ fenthaten waͤhlen ſollte, an welchen die Annalen unſerer Marine ſo reich ſind; doch ich zog es vor, als Maler von Genre-Bildern beſcheiden aufzutreten. Spaͤter, wenn das Publikum durch dieſe Stkizzen bekannter mit der Sprache, den Aus⸗ druͤcken und den Gebraͤuchen der Seefahrer iſt, kann es einem rein⸗geſellſchaftlichen Stoffe von groͤßerem Umfange und allgemeinerem Intereſſe auch eine groͤßere Aufmerkſamkeit widmen, da es dann durch das Fremdartige und Eigenthuͤm⸗ ger zerſtreut wird. liche dieſer Gewohnheiten und Gebraͤuche weni⸗ —— S „ 5 — Vielleicht finden Sie, daß ich in Atar⸗Gull zu ſehr die Freiheit mißbrauchte, die Sie uns zugeſtehen, und Entſetzen erregende Mordthaten darſtellte, um dadurch das Intereſſe des Leſers zu erwecken; ich wehrte mich aber vergeblich gegen den unſeligen Einfluß des ſchrecklichen Stoffes, welchen ich gewaͤhlt hatte, und wie in Shakſpear's Macbeth hatte auch meine Grau⸗ ſamkeit keine Schranken, da ein Verbrechen noth⸗ wendig aus dem andern hervorging. Daher furchte ich auch ſehr, daß man mich fuͤr einen verabſcheuungswuͤrdigen Menſchen 3 halten wird, der aus Wohlgefallen Grauſam⸗ keiten ſchildert. Und dennoch wollte ich durch dieſe nur zu treue Schilderung des Negerhandels, der Skla⸗ verei und ihrer Reſultate, nicht etwa eine abge⸗ nutzte Polemik uͤber Rechte erheben, die Viele beſtreiten, ſondern Thatſachen, Zahlen angeben, durch welche jede Partei ihre Rechnung belegen kann. Es bleibt dann nur noch die Addition zu machen. Jetzt will ich Ihnen den Plan vorlegen, dem ich folgen zu muͤſſen glaubte, um dies Buch vollſtaͤndig zu machen. 1 Erlauben Sie mir nur eine Frage. Iſt es Ihnen nicht ſchon oft begegnet, daß Sie zufaͤllig einen Menſchen trafen, den Sie nicht kannten, und den Sie dennoch mit neu⸗ gieriger Aufmerkſamkeit betrachteten, weil ſeine Phyſiognomie Sie feſſelte? Die originelle Wendung einiger Redensarten ſetzte Sie in Erſtaunen, und Sie lauſchten be⸗ gierig; fuͤhlten Sie dann nicht, gefeſſelt durch ein hinreißendes, lebhaftes Geſpraͤch, eine ge⸗ wiſſe Sympathie fuͤr dies ſonderbare Weſen, welches, wie vereinzelt mitten in der geraͤuſch⸗ vollen Welt daſtehend, Ihnen beinahe fantaſtiſch erſchien, weil ſo viel Unerwartetes, ſo viel An⸗ ziehendes und Geheimnißvolles in dieſem Zu⸗ ſammentreffen lag? Und dann ſchlug ein Laͤſtiger Sie auf die Schulter. Sie wandten den Kopf mit Verdruß weg— und, o Ungluͤck!— der Unbekannte war vielleicht Byron, Chateaubriand, Bonaparte? Und er war verſchwunden— Sie ſahen ihn nicht wieder— nie wieder— und Sie erin⸗ nerten ſich ſeiner immer mit einem Gefuͤhle ſanf⸗ ten Truͤbſinnes, mit innigem Bedauern. Mit S* einem Worte, jener Abend, jene Stunde der Unterredung blieben merkwuͤrdig in Ihrem Leben, nicht wahr? Erlauben Sie mir, Ihnen zum Beweiſe des Geſagten zwei Ereigniſſe zu erzaͤhlen, die mich perſoͤnlich betreffen: es iſt weder von Byron, noch Chateaubriand, noch von Bonaparte die Rede, aber doch von ausgezeichneten Maͤnnern. Ich war einſt zu St.⸗Pierre, in Martinique, und da unſere Fregatte den folgenden Tag un⸗ ter Segel gehen ſollte, ging ich am Abend, um Abſchied zu nehmen, zu einer trefflichen Fami⸗ lie, deren eifrige, ruͤhrende Sorgfalt mich von einem grauſamen Tode gerettet hatte. Nach einigen Augenblicken freundſchaſtlichen Plau⸗ derns meldete man den Pfarrer von***. Stellen Sie ſich einen noch jungen Mann vor, blaß, mit hervorragender Stirn, lebhaften ſchwarzen Augen, einer barſchen kurzen Rede, doch dabei dem Tone und Anſtande der beſten Geſellſchaft. Man unterhielt ſich uͤber Politik.— Ich erwartete von dem Geiſtlichen ein trocknes, lang⸗ weiliges Geſpraͤch, oder auch ein verachtendes —— Stillſchweigen.— Keineswegs: der Prieſter ſprach lange, und ſeine kraͤftigen, ſcharfen Aus⸗ drucke, ſeine klaren Ideen, die kraͤftig und neu waren, ſetzten mich in großes Erſtaunen. Man ſprach uͤber ſchoͤne Kuͤnſte, uber Mu⸗ ſik, Malerei: er zeigte wieder Scharfſinn, Kennt⸗ niſſe und geſundes Urtheil; und ich denke noch daran, wie er unter andern eine ſeltſame poe⸗ tiſche Abhandlung uͤber den Einfluß vortrug, den die Vielgoͤtterei und das Chriſtenthum auf die Kuͤnſte ausuͤben, ganz zum Vortheil des letztern. Man redete uͤber Statik, Geometrie und Mechanik; er ſprach wie ein geuͤbter Practiker, und der Pflanzer, bei welchem ich mich befand, fragte ihn ſogar, weshalb er nicht die herrliche Zuckermuͤhle, die er erfunden hatte, im Großen ausfuͤhren laſſe. Genug, mein Freund, den mein Erſtaunen unterhielt, beredete uns, nach dem Pfarrhauſe zu gehen. Ich glaube, es war ſchon Mitternacht. Dort ſang uns der Geiſtliche eine ſeiner Compoſitionen vor; zeigte uns ſeine Gemaͤlde; war ſo gefallig, uns eine handſchriſtliche Ab⸗ ——— W————— — — „———— ————————— handlung uͤber Glaubensfreiheit vorzuleſen, und erklaͤrte uns ſeine vereinfachte Zuckermuͤhle. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Dieſer Prieſter vereinigte in ſich alle Wunder des menſchlichen Verſtandes und Wiſſens. Einfach, arm und gut, von einer unermuͤdeten Geiſtesthaͤtigkeit, ſchlief er faſt nicht, ſondern brachte ſein ganzes Leben damit zu, die Wurzeln des Baumes der Wiſſenſchaft auszugraben; mit einem Worte, er war faſt ein Fauſt, bis auf die Verdammniß (ich glaube dies wenigſtens). Genug, die Stunden verſtrichen ſchnell; ich blieb bis 3 Uhr Morgens in dieſen Zauber ge⸗ bannt; um 5 Uhr war ich auf dem Wege nach Jamaika, und ſollte dieſen ſonderbaren Geiſt⸗ lichen nie wiederſehen. Vielleicht hat er ſeine Tage unter dem brennenden tropiſchen Himmel beſchloſſen, denn ſeine Geſundheit war durch Studien geſchwaͤcht— vielleicht liegt dieſes glaͤnzende Genie unter einem einfachen Steine begraben. — Ein anderes Mal ſah ich in Griechen⸗ land, einige Tage vor der Schlacht bei Navarin, in Antiparos, einen Abkoͤmmling des beruͤhmten Panajotti, einen Guͤnſtling des Weſſir Kropoli eine ganze Stunde. Dieſer unerſchrockene Greis hatte maͤchtig zu dem Aufſtande ſeines Landes mitgewirkt; er war ein Bekannter von Byron, er glich Canaris, hatte einen ausgezeichnet feinen Verſtand, ein gerades, gediegenes Urtheil; er unterhielt mich ſehr weitlaͤufig uͤber Griechen⸗ land, und noch nie wurden die wahre Lage dieſes unglucklichen Landes, ſeine Zukunft, ſeine Huͤlfsquellen, auf eine poetiſchere Weiſe darge⸗ ſtellt, als durch dieſen alten Griechen mit lan⸗ gem, weißem Haar und dem maleriſchen Anzuge. Auf dem Fragmente eines Marmordenkmals mit verwitterter Bildhauerarbeit ſitzend, prophe⸗ zeite er die Zukunſt ſeiner Nation, welche immer ein Mittel oder ein Vorwand in den Haͤnden der europaͤiſchen Maͤchte war.“ Ich verließ ihn, und ſah dieſen ſonderbaren Mann nur ein einziges Mal wieder, und zwar den Tag nach der Schlacht des 20. Octobers, als er in einem Nachen ſchnell an unſerm Schiff voruͤberfuhr und ſich, wenn ich nicht irre, als Geſandter der griechiſchen Regierung zum Admirale begab. Dieſe lange, ermuͤdende Abſchweifung ſoll den Satz aufſtellen, daß gewiſſe Naturen, bald merkwuͤrdig durch eine gewaltige Organiſation, bald durch Laſter oder Tugend ausgezeichnet— aber immer auffallend, hervorſtechend und von eigenthuͤmlicher Art— unſer Daſein im raſchen Fluge durchkreuzen, jenen Meteoren gleich, die wir nur einen Augenblick ſehen und die dann auf ewig erloͤſchen. Alſo, fragte ich mich, warum ſollte man nicht, beſonders in Seeromanen, die einen un⸗ endlichen Kreis umfaſſen, deren Scenen oft durch tauſende von Meilen von einander ge⸗ trennt ſind, einen Verſuch machen, etwas ganz Unerwartetes anzubringen, wie ploͤtzliche Er⸗ ſcheinungen, die einen Augenblick glaͤnzen, und dann erloͤſchen um nie wiederzukehren? Warum ſollte man nicht, ſtatt der ſtrengen Einheit des Intereſſes zu folgen, welches uͤber eine gewiſſe Anzahl von Perſonen verbreitet iſt, die im Anfange des Buchs auftreten und mit oder wider Willen am Ende deſſelben erſcheinen, um ihren Theil zur Entwickelung mit beizutra⸗ gen,— warum, ſage ich, ſollte man nicht, um eine philoſophiſche Idee oder eine geſchichtliche Begebenheit zu entwickeln, die durch das ganze Buch geht, Perſonen ſchildern, die zur abſtrac⸗ ten Moral, welche den Hauptgegenſtand des Werks ausmacht, nicht nothwendig ſind; warum ſollte man ſie nicht nach Umſtaͤnden oder dem logiſchen Erfoderniſſe der Begebenheiten wieder aufgeben duͤrfen?— Auf dieſe Weiſe wird viel⸗ leicht der Leſer den Eindruck empfinden, den ich hervorbringen wollte, den Eindruck, der durch die unerwartete Erſcheinung eines außerordent⸗ lichen Menſchen entſteht, welchen man nur ein Mal ſah und deſſen man ſich gleichwohl immer erinnert. Ich weiß, daß ein bedeutendes Talent dazu gehoͤrt, in dem einen Drittheil der Handlung das Intereſſe des Leſers an eine Perſon zu feſſeln und wenn man dieſe verſchwinden laͤßt, das Intereſſe auf die uͤberzutragen, welche ihre Sltelle einnimmt, um ſo zur Entwickelung des Ganzen zu gelangen. Wenn dies aber gelungen iſt, glaube ich die unvermeidliche Klippe uͤberſtiegen zu haben, wel⸗ che die Seeromane bieten, und die durch Ent⸗ — 8 fernungen und Begebenheiten wenigſtens die Einheit des Intereſſes und des Ortes ſehr er⸗ ſchweren muͤſſen. Denn bevor ein Fahrzeug am Orte ſeiner Beſtimmung anlangt, beruͤhrt es tauſend verſchiedene Orte: dort ſind fremde, ungewohnte Sitten, die unter einander keine Verbindung zeigen, und dennoch wohl tauſend Begebenheiten darbieten, alle von ungeheuerem Intereſſe, woraus ſich ein ſchoͤnes Buch machen ließe; das Schiff faͤhrt ab, man ſieht ſich nicht wieder, die angehende Freundſchaft iſt unter⸗ brochen, die Liebe in ihrem erſten Keime zer⸗ ſtoͤrt. Adieu Einheit der Begebenheiten! Kurz, wie ſchon geſagt worden, iſt es nicht auch Einheit des Intereſſe, wenn eine Bege⸗ benheit oder eine moraliſche Idee, die durch das ganze Buch geht, den Ereigniſſen wie den Per⸗ ſonen als Stuͤtzpunkt und Faden der Vereini⸗ gung dient? Und kann der Seeroman nicht allein aus Epiſoden beſtehen, die in jeder andern Art von Erfindung unpaſſend waͤren? Ich weiß es, einem ſolchen Talente, wie das Ihre, iſt es gelungen, die gewaltigen Scenen, die Sie beſchrieben haben, in einen Rahmen zu faſſen, in den Kreis der Einheit zu bannen und ſo ein Problem zu loͤſen, das jedem Andern unauflosbar bleibt; aber weil ich die Unmoͤg⸗ lichkeit erkenne, dieſe Hoͤhe zu erreichen, bemuͤhe ich mich, das entgegengeſetzte Syſtem, welches ich angenommen habe, zu entſchuldigen. Ich hoffe zu glauben, daß Sie, mein Herr, in all' dem Geſagten nicht die geringſte Idee finden, irgend eine Theorie aufſtellen oder be⸗ gruͤnden zu wollen; ich will nur der Kritik be⸗ gegnen, die mir mit Recht vorwerfen koͤnnte, daß ich es verſucht habe, in dieſem Buche drei Perſonen hervorzuheben, ſtatt daß ich die ganze Aufmerkſamkeit des Leſers haͤtte auf eine einzige richten ſollen. Ich kann dieſen nur allzu langen Brief nicht ſchließen, ohne Ihnen noch einmal meinen ver⸗ bindlichſten Dank fuͤr die Aufmunterung auszu⸗ ſprechen, die Sie ſo guͤtig waren, meinen un⸗ vollkommenen Skizzen zu gewaͤhren. Paris, den 15. Mai 1831. Eugéne Sue. Erſtes Buſcch. Erſtes Kapitel. Wo fühlt man wohler ſich, Als in dem Schooß der Seinen? Altes Lied. Die Katharina. Seht jene Brigg! Sie gleitet ſchuchtern uͤber das tropiſche Meer, denn kaum vermag dies ſchwache und kuͤhlende Luftchen ihre großen grauen Segel zu ſchwellen. Hoͤrt das dumpfe, melancholiſche Murmeln des Otceans! Man glaubt das verworrene Geraͤuſch eeiner erwachenden großen Stadt zu hoͤren. Seht, wie die Wellen in großen Zwiſchenraͤumen ſich er⸗ rollen; zuweilen ſpritzt ein weißer, ziſchender Schaum von den durchſichtigen Spitzen zweier Wellen, die, ſich begegnend, aneinanderſtoßen, ſich vereint erhe⸗ ben und nach leichtem Zuſammentreffen als feuchter Staub zerſchellen. tar⸗Gull. F. 2 heben und mit Ruhe ihre gewaltigen Kreiſe ent⸗ 8— Ol wie funkelnd und perlmutterglaͤnzend iſt die⸗ ſer Rand von Schaum, der ſich an den braunen Seiten des Schiffes bricht! Wie ſchimmert das Kupfer der Beſchlaͤge in goldigem Widerſchein durch das klare, grune Waſſer! Wie ſanft glaͤnzt die Sonne hinter den ſchwellenden Segeln, die weithin ihre zitternden Schatten werfen! Ja, beim Himmel! es iſt eine herrliche Brigg, die ſich hier auf dem traͤgen Meere leicht ſchaukelt, und zu ſpielen ſcheint, wie ein Goldfiſchchen bei ſchoͤnem Wetter. Beim leichten Wehen des Seeluftchens ſezt ſie ruhig ihren Weg in der Richtung nach Suͤdoſten fort, wie es ſcheint, von Europa kommend, wo ſie ihre ganze Fracht geloſcht hat; denn ſie ſegelt blos mit Ballaſt und zeigt faſt zwei Fuß Kupfer uber dem Waſſer. Am Bord herrſcht die druͤckendſte Hitze und des Aequators gluͤhende Sonne verkohlt gleichſam das Verdeck trotz des doppelten Zeltes, welches uͤber daſſelbe ausgeſpannt iſt. Alles auf dieſem Fahrzeuge iſt reinlich, ſauk und glänzend; überall herrſcht die groͤßte Ordnun die ſich mit aͤngſtlicher Sorgfalt bis auf die 6 ringſten Gegenſtaͤnde erſtreckt. Die Fenſter der Kajuͤte waren dem erfriſchend Luftzuge geoffnet. Leicht bewegte er bald die Fenſt vorhänge von perſiſchem Zeuge, bald den Fliegenfli deſſen leichte Falten die Haͤngematte umgaben. —— —— — — — Die Moͤbel dieſer niedlichen Kajuͤte waren ſehr einfach: zwei Stuhle, einige mathematiſche Inſtru⸗ mente, ein Sprachrohr, ein Koffer, ein Tiſch, und auf dem Tiſche zwei Glaͤſer und eine Flaſche Ge⸗ niovre. Ueber der Thuͤr hing das Bild einer wohlbe⸗ leibten Frau, welche einem dicken, pausbackigen Kinde, das ihr eine Roſe reicht, zulaͤchelte, und im Hintergrunde des Gemäldes ſaß eine Angorakatze mit lebhaften Augen und aufgehobener Pfote, die mit einem Knaͤuel Garn ſpielte. Welch ein Bildniß! Frau! Kind! Roſe! und Katze! Alles matt, leblos, falſch und plump, haͤßlich, geziert, und dennoch hatte es einen natur⸗ lichen Ausdruck, der nicht ganz ohne Reiz war. Trotz der unfoͤrmlichen Malerei erkannte man ein gutartiges Weib, zufrieden und heiter; auch das dicke Kind, roth wie die Roſe, die es hielt, ſchien Gluͤckſeligkeit und Freude zu athmen.— Und uͤber dem Gemälde wat ſorgfaͤltig an einem Nagel ein alter vertrockneter Kornblumenkranz aufgehängt. Die Mannſchaft der Brigg, von der Hitze er⸗ mattet, hatte ſich unter das Verdeck zuräckgezogen; Alles ſchlief am Bord, ausgenommen der Steuer⸗ mann und drei andere Seeleute, die am Fuße des großen Maſtes lagen. Der Bootsmann ließ jetzt die Schiffsglocke acht Mal ertönen, indem er mit ſtarker Stimme rief: Auf, ihr Burſche, die Schiffswache abgeloͤſt!« 2* Der Laͤrm, den dies verurſachte, hatte wahr⸗ ſcheinlich den Bewohner der Kajuͤte aufgeweckt; denn der Flor um die Haͤngematte ward ſtark be⸗ wegt, man hoͤrte huſten, brummen, und ein Mann ſtieg daraus hervor, nachdem er ſich wohl zwanzig Mal die Augen gerieben und auf eigne Weiſe gegaͤhnt hatte. Es war Herr Claudius Borromaͤus Martial Benoit, Capitain und Eigenthuͤmer der Brigg: Die Katharina, welche dreihundert Tonnen hielt, und mit Kupfer beſchlagen war. Herr Benoit war kurz und unterſetzt, von leb⸗ hafter Farbe, etwas kahl, hatte eine dicke rothe Naſe, aufgeworfene Lippen, ein zuruͤckſpringendes Kinn, glatte, volle Wangen, und kleine hellblaue Augen, aus welchen eine vollkommene Ruhe leuchtete; im Ganzen hatte er das rechtſchaffenſte Geſicht von der Welt. Sein Anzug beſtand aus einer Jacke und Pantalons von geſtreifter Leinwand; und wenn er ein Madrastuch um den Hals geſchlungen, ſein ergrauendes Haar mit einem großen Strohhute be⸗ deckt hatte, und auf dem Verdeck in ruhiger und geſetzter Haltung erſchien, laͤchelnd, zufrieden, die Arme auf den Ruͤcken gekreuzt, haͤtte man ihn fuͤr einen wohlhabenden Landmann halten koͤnnen, der des Sonntag Morgens in ſeiner Laube den Duft der bluͤhenden Lindenbaͤume einathmet, und, auf der Raſenbank ſitzend, ſich an ſeinen noch von Thautropfen glänzenden Blumen ergoͤtzt, hatten dem nicht das gluͤhende Feuer des Aequators und die druͤckende Hitze auf dem Decke widerſprochen. „Nun, mein Junge,« redete er den Bootsmann an, indem er ihn freundlich in das Ohr kniff,„die Katharina ſegelt ja beſcheiden vor dem Winde, wie eine zuͤchtige Jungfrau vor ihrer Mutter hergeht.« Denn Herrn Benvit's Vergleiche waren immer ſittſam. „Ja, Capitain; ſie dreht ſich aber wie eine Lendenlahme, die Garſtige. Seht nur das Schwan⸗ ken!— und das—4 „Zum Henker, mein Junge, wenn wir einige Centner Eiſen mehr im Schiffsraume haͤtten, ſo gäbe das der armen Katharina eine beſſere Hal⸗ tung; laß aber nur unſere Ladung kommen, ſo wirſt du ſie ſo wenig ſchwanken ſehen, wie den Linnenſchrank, der in Nantes in meinem kleinen Eßzimmer ſteht,« ſagte der gute Capitain treuher⸗ zig, indem er einen ſehnſuͤchtigen Seufzer unter⸗ druckte. In demſelben Augenblicke ſprang ein großer, magerer, brauner Mann von der Strickwand des Fockmaſtes auf das Verdeck herab. vIch habe das Segel nicht wiedergeſehen,« ſagte er zu dem Capitain Benoit, indem er ihm ſein Fernrohr zuruͤckgab, ves muß in dem Nebel ver⸗ ſteckt ſein, denn er verdickt ſich teufelmäßig, und die Sonne, die iſt verdunkelt!« Es iſt wahr, Freund Simon, die Sonne iſt 3 dunkel wie die Bratpfanne, worin meine Katharine mir die Macaroni bereitet, die ich ſo gern eſſe (hier ſtieß er abermals einen Seufzer aus); jedoch die Goelette— die beunruhigt mich.« WVerſchwunden, Capitain, verſchwunden; ich war erſt beſorgt, daß es ein Kriegsſchiff ſei; doch nein: die Takellage iſt wie das verwirrte Haar eines ſchmuzigen Schiffsjungen, Maſt, Maſtkorb, Bramſtange, um den lieben Gott ſelbſt ſcheitern zu laſſen, wenn er ſich auf ihr einſchiffte, und— 4 vSimon, Simon, du faͤngſt ſchon wieder an! Ich kann dich nicht Gott wie ein Heide läſtern hoͤren; du machſt den Philoſophen, und das wird dir noch einen boͤſen Streich ſpielen.« »Nun gut, ſtille;— indeß ſage ich Euch, dieſe Goelette iſt ſicherlich kein Kriegsſchiff; uͤber⸗ haupt beſuchen die engliſchen und franzoſiſchen Kaper niemals dieſe Seite der Linie; furchtet alſo nichts.« vIch fuͤrchte auch nichts; denn ich habe grade dieſen Strich gewaͤhlt, um keine Concurrenten zu haben, und deshalb gehen meine Geſchaͤfte eben nicht ſchlechter. Noch ein oder zwei Tage, und wir ſind beim Vater van Hop; der wird übrigens verteufelt knauſerig; das Ebenholz*) iſt aufgeſchla⸗ gen. Ja, ja! die gute Zeit iſt nicht mehr, wo ich fuͤr einige Kiſten Plunder ſo viel einhandelte, 2 So nennen die Sklavenhändler die Ladungen von Negerſtlaven, die ſie auf der Küſte einnehmen. und mein Schiff ſo voll lud, daß man keinen Fuß zur Erde ſetzen konnte.« „Damals,« verſetzte Simon, vja damals war der Verluſt nur ein Spaß.« vEin Drittel, Simon, auf ein Drittel Verluſt kann man immer rechnen; denn ſiehſt du, das Ebenholz wirft ſich, wenn es im Schiffsraume liegt, durch Feuchtigkeit und Hitze.« „Aber, Capitain, das geſunde iſt dann auch beliebt, und man kann es ohne Furcht, daß es ſplittert, in Jamaika zur Verfertigung von Schau⸗ feln und Karren verkaufen,« antwortete Simon lachend. Hansnarr, es iſt deshalb auch fuͤr die Herren der Colonien immer eine ſehr geſuchte Waare.« Alle Teufel, glaubt Ihr denn, Capitain, der Hanf brauche nicht mehr Zeit, zu wachſen, als man noͤthig hat, ſich ſeiner als eines Strickes zu bedienen, und der liebe Gott duͤrfe nur blaſen, um— 4 vSchon wieder, Simon! Willſt du denn gar nicht aufhoͤren? Schweig', ſonſt wirſt du uns von dort oben etwas Schlimmes zuziehen; halt's Maul, und komm' lieber, von meiner Katharine zu plau⸗ dern, und einen Schluck Gin zu trinken.« Der Capitain ging mit ſeinem Gehuͤlfen in die Kajuͤte, wo ſie ſich an den Tiſch ſetzten. „Sieh, Simon,« ſagte Benoit, auf das Bild zeigend, welches das kleine Gemach ſchmuckte, viſt 24 es nicht, als wenn meine Katharine uns anſaͤhe, und Thomas? das nenne ich ahnlich! bis auf WMimi mit der gehobenen Tatze, die mich zu er⸗ kennen ſcheint; und der Kranz, den ſie mir zu meinem Nabenstage ſchenkten, am St.⸗Claudius⸗ tage— Ihr Guten, Lieben, ich denk' an Euch! 4 Er ſeufzte tief, der wuͤrdige Mann. vIhr konnt Euch in der That ruͤhmen, Ca⸗ pitain, ein guter Familienvater zu ſein,« ſagte der Andere mit dem Ausdrucke wahrer überzeugung. „Ja4 antwortete Benoit, vwenn dieſe Reiſe noch geendet iſt, will ich meinen Kohl pflanzenz denn im Ganzen genommen, was verlange ich? Ich habe keinen Ehrgeiz. Lieber Gott! ein kleines, weißes Häuschen, mit gruͤnen Fenſterladen, eine Laube von Akazienbaͤumen, in welcher ich mit ein paar guten Freunden und meiner lieben Katharine zu Mittag eſſe— meine liebe Katharine, theure Gattin!« Bie Augen des Capitains Benoit blitz⸗ ten vor Vergnuͤgen, indem er verliebt das Bildniß anſah, das er ſeine Gattin nannte. vDas iſt wahr, Capitain, Eure Frau, ja! Eure Frau iſt werth, daß Ihr ſie liebt; ſie hat, alle Teufel, einen Buſen— 4 vSimon, halt, Simon! WVerzeiht, Capitain; daran iſt der Gin Schuld, er iſt ſtark, das ſteigt Einem zu Kopfe; propos von Gin, Capitain.— Aber ſeht doch, welche Windſtille, welch' herrliches Wetter, an dem ſich — — 3 — 25— das Herz erfreut!— 4 propos von Gin, ſagt man, und es iſt wahr, daß es nichts Beſſeres fuͤr die Geſundheit gäbe, als einen Tannzapfen und eine Handvoll Cayennepfeffer zuſammen in Zucker⸗ branntwein gekocht; alsdann mit Rum oder Ge⸗ nisvre gemiſcht, und zum Teufel, Capitain, da iſt es Einem leid, daß man den Hals nicht weit aufſperren kann, weit wie einen Windſchlauch, um ſich mit ganzen Stroͤmen zu begießen.« vWetter! das muß brennen l4 ſagte Benoit kopf⸗ ſchuͤttelnd. Man muß ihm den Fluch vWetters ſchon verzeihen; es war der einzige, deſſen er ſich bediente. „Keineswegs, Capitain, das iſt wie Sammet, weich wie der Flaum einer jungen Moͤve, ein Magenbalſam. Ich habe einen Seefahrer gekannt, Namens Becket, der ſich mit dem Getraͤnke eine erſchreckliche Erkaͤltung kurirte, die er ſich in Neu⸗ foundland auf einer Eisbank geholt hatte.« Die Geſchichte iſt ſo wahr, wie es wahr iſt, daß meine Katharine nur ein Auge hat. Simon, mein Junge, auf deine Geſundheit »Ihr könnt es glauben oder nicht, wie Ihr wollt.— Auf Eure Geſundheit, Capitain! Aber ſeht nur das Wetter.« vEs iſt wahr, Simon! welch' eine herrliche Stille; es wird faſt kuͤhl! O, die ſchoͤne Sonne! — Auf deine Geſundheit!— So ein Wetter, ſiehſt du, das macht Durſt.« 5— Das iſt eine phyſiſche Wahrheit, Capitain. Wenn Ihr einen feuchten Schwamm in die Sonne legt, koͤnnt Ihr die Sache beobachten. Auf die Eure!« 2 Hoͤre, Simon, du kommſt mir wie ein trocke⸗ ner Schwamm vor; du feuchteſt dich ſchoͤn an,« antwortete der Capitain, der anfing luſtig zu wer⸗ den, ſehr luſtig, man kann nicht luſtiger ſein. „Sag' mal, Simon— 4 vCapitain?4 vWenn du geſcheit biſt, und wenn der Vater van Hop mich nicht zu ſehr ſchindet, ſo koͤnnen wir auf dem Ruͤckwege von Jamaika etwas an⸗ halten.« Der gute Benoit ſprach mit ſolcher Leichtigkeit von der Fahrt uͤber faſt den vierten Theil des Erd⸗ balls, als ſagte er:— Wenn wir aus der Vor⸗ ſtadt zuruͤckkommen und ich einen guten Handel gemacht habe, ſo wollen wir in ein Wirthshaus einkehren und etwas zu uns nehmen.— „Wirklich? Iſt's wahr? vAuf mein Wort, Simon! und dann zwei oder drei luſtige Tage; Poſſen«— ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, ſeinen Mund mit der linken Hand geheimnißvoll bedeckend. wollen lachen, ich bringe meinen Sold in zwei Tagen durch; luſtig ſoll es hergehen, Kutſchen, Weiber, Apfelſinen, Handſchuhe und Struͤmpfe, Ganz recht, Capitain, recht tolle Spaͤße, wir — — Uhrketten, ein Kaſtorhut und Hoſenträger! Und mit aller Angſt zum Henker!« „Du haſt auch recht; zum Henker damit! erwiderte Benoit, der halb trunken war, und mit ſeinem Becher von weißem Blech auf den Tiſch ſchlug.„Ja, wir wollen uns gut unterhalten! Das nenn' ich ſchoͤnes Wetter!— Ah! uff! Meine Katharine muß aber nichts merken; Wetter« vAlle Teufel, das glaube ich, Capitain!— Auf ihre Geſundheit! Wir landen in Cadiz.— Heiſſa, Capitain! ich ſehe Euch ſchon auf dem Platze San⸗ Antonio. Donnerwetter! da giebt es Weiber, mit Augen ſo groß wie die Kluͤſen einer Fregatte, und Zaͤhne ſo weiß wie Elephantenzaͤhne; denn, wie's in dem Liede heißt: V una popa, 8 Caramba Como un hergantin. Man muß ſein Leben genießen! Am Ende des Maſtes iſt ja der Korb!« vDu haſt Recht, Simon; von einem Tage zum andern kann man ſeinen letzten Schluck thun muͤſſen, und, zum Henker, man thut Recht, wenn man— 4 Bei dieſen Worten wurde der Capitain durch einen gewaltigen Larmen unterbrochen; die Brigg warf ſich ſo ſehr auf die Backbordſeite, daß das Ende der untern Ragen einen Fuß tief ins Waſſer kam.. Benoit und Simon erwarteten dieſen gewal⸗ tigen Stoß ſo wenig, daß ſie dadurch gegen die Schiffswand geſchleudert wurden. »Der Wind ſpringt um! 4*) ſchrie Benoit, der ploͤtzlich wieder nuͤchtern war, und aus der Kajuͤte ſturzte. Das verkuͤndet einen Sturm; da giebt es zu lachen!« ſagte Simon, indem er ſeinem Ca⸗ pitain folgte. *) So ſagt man, wenn der Wind plötzlich um mehrere Grade in der herrſchenden Richtung ſich än⸗ dert. Erfahrene Seeleute ſehen das umſetzen des Windes durch die vorhergehende Windſtille voraus. Das iſt wichtig, um nicht Maſten und Takellage zu verlieren, denn gewöhnlich ſetzt der Wind mit fuͤrcht⸗ barer Heftigkeit um. * Zweites Kapitel. Es erbleichte der Himmel zur Hälfte, And der Wind ſchwand in den Segein, Stimm⸗ und regungslos, und die Schatten Bedeckten mit ihrem grauen Schleier Himmel und Waſſer zugleich. Und auch in meiner Seele, allmählich erblaſſend, Schwand das irdiſche Geräuſch Mit dem Lichte des Tages, und Etwas In mir, wie in der Natur, weinte Und betete, klagte und ſegnete wechſelsweiſe. Lamartine: Harmonien 11, 11. Der Sturm. Glucklicher Seemann! Dein Leben iſt ſo wech⸗ ſelvoll; eben noch Windſtille, Sonnenſchein, ein ſanftes Schaukeln, gleich dem des rothen Ahorns, in deſſen Blumenranken die junge Indianerin ihr Kind wiegt. Sorgloſigkeit, erſchlaffende Ruhe, Geplauder in den Tag hinein; dann folgen heitere Erinnerungen deines Lebens auf dem Lande, alte Geſaͤnge aus dem Vaterlande, und eine Flaſche gepfefferter Geniévre, der das Herz erfreut und es mit Stroͤmen von Poeſie uͤberſchwemmt; guter Seemann, die Hoff⸗ nung iſt deine Poeſie! Die Hoffnung zeigt dir Ge⸗ 36 fechte, aus welchen du ſiegend hervorgehſt; ſie zeigt dir Zechgelage, einen ſichern Landungsplatz, wo dein Schiff ruhen kann, waͤhrend du am Lande Piaſter ausſtreuſt, Gold und Silber, die fremd⸗ artigſten Muͤnzen; du haſt davon ſo verſchiedene Sorten, mein Freund, der Himmel weiß, wo du ſie hernimmſt. Der Genisvre laͤßt dich Alles durch ſein Prisma ſehen, gelb und glaͤnzend wie der Topas. Er laͤßt dich deinen Feind erdolchen, dein Gold ſichern, die Wangen eines huͤbſchen Maͤdchens kuͤſſen; hier ſind Zechinen; da nimm— da nimm, nimm, zum Henker, kaufe dir Kleider mit Beſätzen, wie die Gemahlin eines Admirals, putze dich, und gieb mir den Arm!— Doch ploͤtzlich bedeckt ſich der Himmel, der Ocean brauſt, der Wind heult; verlaß dein noch halb gefuͤlltes Glas, vollende weder deine Plaͤne, noch deine Lieder, noch dein Laͤcheln; runzle deine Stirn und teotze dem Tode, denn er iſt drohend. Auch am Bord der Katharina war man all⸗ gemein der Meinung, daß man vom Tode bedroht werde. Die Mannſchaft kam ſtill und truͤbe auf das Deck. Denn man ſtand der Gefahr noch nicht gegenuͤber, man erwartete ſie erſt; aber die Ge⸗ wißheit ihres Kommens hatte alle Geſichter ver⸗ finſtert. Die Brigg hatte ſich ſtolz wieder aufgerichtet, obgleich ſie durch den Windſtoß ihr kleines Mals⸗ — 3— ſegel verloren hatte; aber die Wellen begannen zu ſchwellen; der Himmel bedeckte ſich mit rothlichen Duͤnſten, wie der Dampf einer Feuersbrunſt, und breitete einen grauen, truͤben Schleier uͤber den eben noch ſo friſchen, ſo blauen Ocean. vDas iſt eine Probe von dem, was uns der Orkan verſpricht; er wird Wort halten, ſagte Benoit, der ſich darauf verſtand; auch waren kaum die Segel eingerafft, als ſich ein dumpfes Heulen vernehmen ließ, und eine ungeheure, duͤſtere, ſchwarze Wolkenmaſſe, die den Himmel mit dem Meere zu verbinden ſchien, ſchnell von Nordweſten kam, ſie⸗ denden Schaum vor ſich her treibend, ein ſchreck⸗ liches Zeichen von der Wuth der Wellen, die mit dem Sturme kommen. Benoit und Simon druckten ſich die Haͤnde, und wechſelten bedeutende Blicke. Ihre Geſichter, vor wenigen Augenblicken noch ſo nichtsſagend, wie der leichte Wind, der in dem Tauwerke ſpielte, ſchienen aus einem erſchlaffenden Schlummer aufgeweckt; denn dieſe gewoͤhnlichen Menſchen, dieſe Zwerge bei ruhigem Wetter, wuch⸗ ſen maͤchtig mit dem Unwetter, und richteten ſich bei dem erſten Toben des Sturmes als unerſchrok⸗ kene Rieſen empor. Aller kleinliche, niedere Ausdruck verſchwand aus dem Geſichte des Capitains; ſeine Stirn, auf wel⸗ cher Dummheit gethront hatte, erhob ſich glaͤnzend, und ſchien mit unglaublicher Kuͤhnheit den Himmel 4 herauszufordern. Sein unbedeutender Blick wurde lebhaft, ein Laͤcheln der Verachtung und Ueberle⸗ genheit gab dem albernen Munde einen bewun⸗ dernswuͤrdigen Ausdruck. In dem entſcheidenden Augenblicke, der uͤben Tod und Leben verfugt, verſchwinden die kleinlichen Unterſchiede der aͤußern Schoͤnheit, und nur die Seele allein ſpiegelt ſich auf dem Geſichte; und iſt ſie im Augenblicke der Gefahr maͤchtig und kraftvoll erwacht, ſo wird ſie ſtets einen edeln, großartigen Charakter in den Zuͤgen des Mannes ausdruͤcken, der den Kampf gegen die aufgebrach⸗ ten Elemente wagt. vKinder« rief der Capitain mit kraͤftiger Stim⸗ me, denn ſchon brullte der Wind ſtärker als der Donnerz„Kinder, furchtet nichts, es iſt nur Wind und Waſſer; zieht das Marsſegel auf! Simon, lauf nach dem Vorderdeck, und laß uns verſuchen, das Schoͤnfahrſegel mit dem großen Segel an dem niedern Reff zu halten, du mußt die Halſen ſtraff anziehen. Holla! Bootsmann, das Ruder unter den Wind, ſtellt euch, wenn es ſein muß, zwei und drei ans Steuer; denn ich glaube, der Wind iſt gegen das Schiff erzurnt wie ein halsſtarriger Bube gegen ſeinen Vater; doch wollen wir i nicht nachgeben, das waͤre ein boͤſes Beiſpiel.« Kaum hatte Benvit dieſe Worte geſprochen, als der Sturm an Bord kam. Furchtbare Wellen, die ſich brachen, warfen die Katharina lange Zeit —— — 3— herum; ſie verſchwand ſogar in einem Regen von Schaum, erregt durch die Heftigkeit des Sturmes, der durch die Takellage pfiff, während das Krachen des Gebaͤlkes in ſo heftigen, ſchnellen Stoͤßen folgte, wie der Hammer auf den Ambos; das ungluckliche Schiff ward von gewaltigen Waſſermaſſen uͤber⸗ ſchwemmt, die mit furchterlichem Gepraſſel auf das Deck niederſturzten, und es der Laͤnge nach rein fegten, auf rieſenhaften Wellen es bald in die Hoͤhe hoben, bald in den Abgrund ſtuͤrzten, der es jeden Augenblick zu verſchlingen drohte. „Haltet euch an die Tauwand und an die Ragelbaͤnke!« ſchrie Benoit. vEs iſt nichts! das erfriſcht bei der Hitze!— ſo iſt die Katharine fur morgen rein gewaſchen. He! Ihr! das Steuer unter den Wind!— Luv an— Luv an!— oder— 4 Er konnte nicht ausreden, denn ein Waſſerberg, der ſich bis zur Hoͤhe des Maſtkorbes erhob, riß die Dunette los, rollte uͤber das Verdeck, welches er mit Splittern bedeckte, und riß von dem Vor⸗ derdeck zwei Maͤnner mit ſich fort, die ſogleich in den Wellen verſchwanden. Dieſe Beiden hatten kuͤrzlich zwei Schweſtern aus Nantes geheirathet, beide jung und ſchoͤn; ſie hegten fuͤr einander eine feſte, wahre Matroſenfreundſchaft; ſie bezogen die Schiffswache immer vereint, betranken ſich, pri⸗ gelten ſich zuſammen; der Eine hatte geheirathet, um es zu machen wie der Andere, und der Andere 3 warf ſich ins Waſſer, ſeinen Freund zu retten, Atar⸗Gut, 1. 3 2 oder es zu machen wie er— zu ertrinken. So endeten ſie, wie ſie begonnen hatten— vereint. Simon hatte ſich feſt an ein Hißtau geklam⸗ mert; als die Welle voruͤber war, erhob er ſich ſtolz. Von ſeiner unerſchrockenen Stirn rieſelte das Waſſer, ſein Haar klebte auf dem Geſichte. Ein Matroſe, der von der letzten Welle mit Heftigkeit gegen die Schiffswand geworfen war, hatte den Arm gebrochen, und jammerte entſetzlich. vWillſt du das Maul halten, Kerll« rief ihm Simon zu, voder du ſollſt den erſten Walffiſch ²) verſchlingen, der auf das Deck fällt!« Sein Jammergeſchrei wurde nur groͤßer. vWas kuͤmmerts mich,« ſagte Simon, vmache dich luſtig, wenn du willſt.« an Er mußte ja den armen Verwundeten ein wenig troͤſten und erheitern. Hoͤre, mein guter Caiot,« ſagte der Capi⸗ tain Benoit zum Steuermann, vdas Ruder unter den Wind!— Aufgepaßt læ »Oh, Capitain l« antwortete dieſer, indem er ſich die Stirn trocknete, vſo lange das Schiff ſteuert, haben wir keine Noth, das ſchaukelt ja, mit Reſpekt zu reden, wie—— na, es iſt eben ſo gut, das Spiel zu treiben, wie ein anderes. 4 Vorgeſehen! Vorgeſehen, Capitain!« ſchie Simon, als er mit Getöſe eine ungeheuer große *) Die erſte Welle. Welle daherkommen ſah, die ſich drohend thurmtez waͤhrend des kurzen Augenblicks, daß die Spitze derſelben das Gleichgewicht hielt, ſtand ſie aufrecht, doch warf der heftige Sturm ſie ſogleich niederz ſie brach in ſich zuſammen, rollte ſchwerfaͤllig herab, und trieb einen weißen Schaum vor ſich her, der ſich mit Gepraſſel auf das Hintertheil des Schiffes warf, welches wieder unter dieſer donnernden Welle verſchwand. Die Erſchuͤtterung war ſo heftig, daß die Hacke des Steuerruders, von dem Leuwagen geſtoßen, der Ruderpinne einen entſetzlichen Stoß gab; die drei Maͤnner, die das Steuer hielten, wurden zu Boden geſchleudert, und in Folge dieſes ungluͤcklichen Er⸗ eigniſſes war das Schiff dem Winde preisgegeben; das große Segel fing an den Wind von vorn zu faſſen. Benoit trat aus der ablaufenden Welle hervor, das Bildniß ſeiner Frau, welches er aus den Truͤm⸗ mern der Dunette aufgefiſcht hatte, feſt an ſich druͤckend:„Ich laſſe meine Katharine nicht ſo leicht entfuͤhren,« ſagte erz Idenn meine arme Frau— 6 Er redete nicht aus, als er den traurigen Zu⸗ ſtand ſeines Schiffes ſah.»Wir ſind verloren!« rief er, und mit einem Sprunge ſtuͤrzte er nach dem Steuer, um das Schiff zu regieren. Unmoͤglich; es war zu ſpaͤt! Der große Maſt widerſtand kaum noch zwei⸗ Secunden; er bog ſich, krachte und brach mit einem 3 ungeheuern Raſſeln, indem er das Tauwerk nach der Windſeite durchriß; er fiel auf die Schanzdecke des Backbords, von da in das Meer, und riß die Takellage mit ſich, die ihn noch an das Schiff hielt. Das Schreckliche dieſer Begebenheit war, daß der Maſt, der noch immer durch das Takelwerk an das Schiff gehalten wurde, von den aufge⸗ brachten Wellen unaufhoͤrlich wie ein Mauerbrecher gegen daſſelbe ſtieß, und auf dieſe Weiſe einen Leck zu machen drohte, der es in Grund bohren mußte. Das Tauwerk zu zerhauen, das den Maſt an das Schiff feſthielt, war das einzige Mittel zur Rettung. Da hilft kein Ueberlegen, da droht Gefahr, es gilt unſere Haut,« ſagte Benoit, indem er ſich mit einem Taue an die Wand band, und, ſein Beil in der Hand, ſich mit einem Sprunge auf die Schanzdecke ſchwang. vKatharine und Thomas,« rief der brape Mann, der das Dahlbord beſteigen wollte, ves iſt fuͤr euch Er ſchwang ſich empor, aber eine eiſerne Fauſt faßte das Tau in dem Augenblicke, als er hinab⸗ ſpringen wollte, und Benoit blieb eine Secunde in der Luft ſchweben, bis ſein Freund Simon ihn auf das Deck niederzog. vSchurke« ſchrie Benoit, Iwillſt du denn die Brigg umſchlagen laſſen 4 und dabei holte er mit —— — — — dem Beile gegen Simon aus, der aber dem Schlage geſchickt auswich. „Teufel! Ihr werdet hitzig, Capitain; ich wollte Euch nur ſagen, daß das hier nicht Eure Arbeit iſt. Ihr ſeid nicht ruhig genug dazu, das Anden⸗ ken an Katharine und Thomas wird Euch blenden.« Und hiermit ſprang er ſelbſt auf die Schanz⸗ decke. Guter Simon« rief Benoit, der ihn am Beine zuruͤckhalten wollte, vſchwoͤre mir— 4 „Heiliges Donnerwetter, tauſend Millionen Teu⸗ fel, wollt Ihr mich wohl loslaſſen? Sacrament!— 4 „Du ſollſt nicht ſo fluchen, binde dich aber feſt, ich bitte dich um Gotteswillen, binde dich feſt.« Simon hoͤrte ihn nicht, denn er war ſchon in das Meer geſprungen, ſuchte den Maſtbaum zu erreichen und ſich an ihn anzuklammern, um ihn von ſeinem Tauwerke zu befreien. Der Wind legte ſich, aber die See ging noch ſehr hoch. »Armer Simon, das heißt arbeiten,« ſagte Benoit, der ſeinen Gehuͤlfen quer uͤber den runden Balken wie auf einem Pferde ſitzen ſah, ſich mit Muͤhe feſthaltend, indem er von jeder Welle gegen die Wand des Schiffes getrieben wurde. Simon, der jeden Augenblick zerſchmettert wer⸗ den konnte, ſchwebte in der ſchrecklichſten Gefahr. „Noch einen Beilſchlag, Simon,« ſchrie Benoit, vund wir ſind gerettet! O Gott!— Simon!— Simon!— huͤte dich, ſiehſt du die Welle?— ins Meer— wirf dich ins Meer!— du wirſt— Simon!— Ach!— 4 Der Capitain ſtieß einen entſetzichen Schrei aus, und hielt die Hand vor die Augen. Simons Kopf war zwiſchen dem Maſtbaum und der Schiffswand zerſchmettert; aber die Brigg war durch ſeine Kaltbluͤtigkeit aus einer ſehr ge⸗ fährlichen Lage gerettet. Der Sturm legte ſich nach und nachz er faͤllt unter dem Wendekreiſe eben ſo ſchnell, als er ſich erhebt; der Wind erhielt eine beſtimmte Richtung, und die Wolken flogen nach Süden hin. Nachdem Benoit einige Augenblicke ſeinem Schmerze und dem Mitleid gegoͤnnt hatte, ließ er das Verdeck von den Truͤmmern des Takelwerks und des Holzes reinigen, die es bedeckten, das Fockſegel anziehen, und indem er einen guten Wind benutzte, wendete er ſein Schiff nach Suͤdoſt. Der großartige Ausdruck in dem Geſichte Be⸗ noits ſchien, wie man leicht denken kann, mit der Gefahr und dem Sturme verſchwunden. Als der periodiſche gelinde Wind wieder blies, das Schiff wieder ruhig ſeinen Weg verfolgte, wurde er wieder der plumpe, gemeine, unbedeutende Geſell. Aber ehrlich war erz er trieb den Sklavenhandel ſo ge⸗ wiſſenhaft, auf ſo rechtliche Weiſe, wie man nur irgend ein Geſchaͤft treiben kann; denn er ſchien ihm nicht ſchlechter, als der Handel mit Vieh oder ————————— — Colonialwaaren; er dachte nur daran, ein maͤßiges Vermoͤgen zu erwerben, um ſeine Tage in Ruhe beſchließen zu koͤnnen und die Seinen nach ſeinem Tode verſorgt zu wiſſen. Er brachte die ganze Nacht ſchlaflos zu, indem er mehr an Simon als ſelbſt an ſeine Katharine dachte. Simon reiſte ſchon manches Jahr mit ihm; Simon war mit allen ſeinen Eigenheiten bekannt, war ihm ergeben, beſorgte mit einer Geduld, mit einer Menſchlichkeit, die den Capitain entzückten, auf das ſorgſamſte die Einſchiffung der Schwarzen; niemals fehlte es an Lebensmitteln fuͤr die Neger, und durch ſeine vaͤterliche Furſorge kam die Ladung immer geſund und wohlerhalten in den Colonien an, unvermeidlichen Abgang abgerechnet. Simon war ſein Factotum. In Nantes fuͤhrte er Thomas ſpazieren, oder er ging, den Korb am Arme, mit Madame Benoit auf den Markt; genug, Simon war dem Capitain ein unſchaͤtzbarer Gehuͤlfe, ein treuer und ergebener Freund. Auch hatte Meiſter Benoit ſich bis zum Anbruch des Tages mehr als ein Mal die Augen getrocknet, und ſo ſaß er noch da in ſeinen Schmerz verſun⸗ ken, als die Schiffswache rief:„Land Backbord e Schon 4 ſagte Benoit, indem er auf die Bank der Schiffswache ſtieg, vich dachte nicht, der Kuͤſte ſo nahe zu ſein; zum Gluͤck iſt ſie flach. Du, Steuermann, mit Viertelwind nach dem Berge dort — 40— mit dem Palmengebuͤſch, bis du an die Einfahrt des Fiſchfluſſes köͤmmſt.« vSo ſind wir endlich da 4 ſagte der Capitain; bwenn nur der Vater van Hop mir zu neuem Maſtenwerk und neuer Takellage helfen kann;— von dem Ebenholze ſpreche ich nicht,— denn er iſt der pfiffigſte Mäkler an der afrikaniſchen Kuͤſte; der Gevatter kennt die beſten Winkel— er wird mich aber ſchinden. Ach! mein armer Simon, hätte ich ihn wenigſtens noch bei mir; aber nein — nie mehr!— Guter Gott, nie mehr!— Das iſt hart— 4 Der gute Mann durchnäßte ſein drittes buntes Taſchentuch, welches ſorgfaͤltig von ſeiner lieben Katharine mit einem K und einem B gezeichnet war. D 5 Drittes Kapitel. Der Mäkler. Der Handel, ja, mein Herr! der Handel iſt das Band der Nationen, die Brüderſchaft der großen Familie, die Vorſorge des Armen, die Sicherheit des Reichen.— Ach, mein Herr, der Handel!! Wandryk, Verſuch einer vraktiſchen poli⸗ tiſchen Dekonomie. Die aufgehende Sonne, hell ſtrahlend, blickte liebkoſend auf die Flaͤche des Oceans, wie um ihn uͤber das Unwetter der Nacht zu troͤſten; das dumpfe Murmeln der noch bewegten Wellen war dem letzten Knurren eines Hundes zu vergleichen, der ſich bei dem Anblicke ſeines Herrn beruhigt. Die Katharina wurde, um in den Fiſchfluß einzulaufen, welcher gegen Suͤden der weſtlichen Kuͤſte von Afrika fließt, von der Schaluppe an dem Schlepptau ſtromaufwaͤrts in eine kleine Bucht des Fluſſes bugſirt, welche eine Kruͤmmung deſſel⸗ ben bildete. Dieſer ſchlaͤngelte ſich langſam durch einen ma⸗ jeſtätiſchen Wald. In ſeinem ruhigen, klaren Waſſer ſpiegelten ſich der blaue Himmel und gruͤne Baͤume, bedeckt mit Vögeln und Fruͤchten von allen Farben. Hier die Mimoſa mit zarten, gezackten Blät⸗ tern, der Ebenholzbaum mit ſeinen ſchoͤn geformten gelben Girandolen, der Sabris mit rothen Bohnen, vom wilden Aprikoſenbaume geſtutzt; dort nach dem Strome gebeugte Weiden, der ihr langes, glattes, ſilberglaͤnzendes Haar mit ſich fortzieht, waͤhrend biegſame Rankengewächſe ſie mit purpurnem Blu⸗ mennetz umſchlingen. Zuweilen durchbrach ein maͤchtiger Sonnenſtrahl plötzlich das dunkle Laub, es theilweiſe vergoldend, ſo daß man den Kopf und den orangengelben Hals des Didrick hell glänzen ſah, waͤhrend ein lau⸗ niſcher Schatten dieſes magiſche Farbenſpiel hart abſchnitt, und den Reſt des Koͤrpers mit den lan⸗ gen weißen Federn ſeines Schweifes matt ver⸗ ſchleierte. Wenn ein heller Strahl durch eine ſchmale Oeffnung plotzlich in ein dunkles Zimmer dringt, ſieht man ſogleich um die Achſe deſſelben einen Schwarm flimmernder Atome fliegen. So glänzte Alles, was im Walde von dieſem Strome des Lichtes getroffen ward, in tauſend Strahlen; rothe Papageien ſchwangen ihre ſammet⸗ ſchwarzen Fluͤgel; rothe Flamingos; goldgelb⸗ und azurblaue Colibris; ſcharlachrothe Cardinalvogel mit ihrem ſtattlichen, glaͤnzenden Federbuſch. Dann verweilte der ſchoͤne Strahl auf der Oberflaͤche des Fluſſes, in dem er ſich ſpiegelte, und beſchien einen Augenblick die weißen Seelilien, die blaue Glockenblume, das duftende ſchwimmende Haus von Myriaden Inſekten, deren durchſichtige Leiber wie Rubinen und Smaragden funkelten. Endlich erloſch er, wie unwillig, einen blendenden Schein auf der Oberflaͤche des Fluſſes zuruͤcklaſſend, der gegen den gruͤnen, durchſichtigen Schatten, wel⸗ chen die dicken Baͤume des Ufers warfen, auffallend abſtach. Als die Brigg den zu ihrer Landung beſtimm⸗ ten Platz erreicht hatte, fuhr der Capitain mit drei Matroſen in einem kleinen Boot auf dem Strome mehr nach Oſten, und gelangte bald an eine Ufir⸗ ſtelle, die zum Landen gelegen ſchien. „Legt bei, legt bei, Jungen,« rief Benoit, indem er von der Hinterbank, auf welcher er ſaß, aufſtand, dem Steuer einen leichten Stoß gab, und den Windſtrich, mit dem er ſich eingeſchifft hatte, zur Landung benutzte. Leg' das Boot an, Caiote ſagte er dann zu einem jungen Schiemann,„und wenn ich in einer Stunde nicht zuruck bin, ſo kehre an Bord zuruͤck, und komm morgen ftuͤh, mich hier abzuholen« Mit einem Bret, welches von dem Voote aus ans Ufer geworfen wurde, trat Benoit dann an das Ufer, und verfolgte einen ſchmalen Fußweg, deſſen Kruͤmmungen ihm voͤllig bekannt ſchienen. »Wenn nur,« dachte unſer Mann, indem er — 44— ſich mit dem breiten Rande ſeines Strohhuts fä⸗ chelte, vwenn nur, beim Teufel! van Hop noch in ſeiner alten Behauſung iſt; er muß zwar wiſſen, daß dies die Zeit iſt, in welcher ich nicht ausbleibe — vierzehn Tage fruͤher oder ſpaͤter. Es iſt ein närriſcher Kerl, der Vater van Hop; er lebt da mitten im Walde wie in ſeiner Heimath; hat ſeine alten Gewohnheiten in Nichts veraͤndert; daruͤber konnte mein armer ſeliger Simon ſo herzlich lachen — Ach! man muß ſich wohl endlich faſſen.« Man hoͤrte einen Hund bellen. z„Gut'k ſagte Benoit, vich erkenne die Stimme es alten Cäſarz ſo muß alſo der Alte noch in ſeinem kleinen Landhauſe ſein.« Das Hundegebell ertonte naͤher, und man er⸗ kannte noch eine grelle, durchdringende Stimme, die ſchimpfend rief: PHier, Cäſar, hier; fährſt du nicht einen Menſchen wie einen Panther an?4 Der Fußſteig, den der Capitain der Katharina verfolgt hatte, bildete hier einen ſcharfen Winkel; daher befand er ſich plotzlich vor einem von roͤth⸗ lichen Steinen gebauten, mit Ziegeln gedeckten Hauſe; ſtarke eiſerne Gitter beſchutzten die Fenſter, und ein ſtarkes Pfahlwerk ſchien den Eingang zu ſichern. „He! guten Tag, guten Tag, Vater van Hop,« ſchrie Benoit, der dem Eigenthuͤmer des Hauſes freundſchaftlich die Hand reichte; doch dieſer erwi⸗ * derte nichts, ſondern trat mit Unmuth einen Schritt zuruck, wie um ſeine Thuͤr zu ſperren. Man ſtelle ſich einen kleinen, duͤrren Mann vor, mager, einem Marder aͤhnlich, aber reinlich und ſorgfaͤltig gekleidet,— was man geſtriegelt nennen kannz wenn er ſeinen ziemlich alten Filzhut abnahm, ſah man eine kleine ſorgfaͤltig gekaͤmmte blonde Peruͤcke; er trug eine Art grauen Mantel mit Kragen, eine chokoladenfarbene Weſte mit Me⸗ tallknoͤpfen, und Beinkleider von dunkelm Man⸗ cheſter; etwas beſtaͤubte Stolpenſtiefel, ſehr weiße Waͤſche, und ſehr große Petſchafte von amerikani⸗ ſchen Fruͤchten vollendeten den Putz. Er blieb ruhig und furchtlos auf der Schwelle ſeiner Hausthuͤr ſtehen; nur hielt er wie ſpielend die Muͤndung ſeiner vortrefflichen Doppelflinte vor ſich hin, zog den Hahn auf, und ließ ihn knacken. Dann pfiff er ſeinem Hunde, der auf Meiſter Benoit paßte. Wie,« ſagte dieſer, vwie, Vater van Hop, Ihr erkennt mich nicht? Ich bin's— ich, Benoit— Euer Freund Benoit! Zum Henker, ſetzt doch Eure Brille auf!« Das that der Alte vorſichtig, alsdann rief er mit ſehr hollaͤndiſchem Accent: Wie, Gevatter Benoit, Ihr feid es?— Ihr kommt ja ſehr zeitig— das ſage ich nicht als Vorwurf; im Gegentheil, ich bin hoch erfreut, Euch zu begruͤßen; durch welchen Zufall aber— 6 ————— „Zufall? der Zufall des Nordoſtwindes, der mich entmaſtete, und mich hierher zu Euch trieb, wie wenn der Teufel mit vollen Backen in die Segel geblaſen haͤtte.« vIch bedauere, mein lieber Capitain, bedauere herzlich; doch tretet noͤher, laßt Euch nicht laͤnger von der Sonne braten, tretet naͤher, und nehmet Etwas zu Euch, einen Elephantenfuß,— einen Schnitt Buͤffelruͤcken— oder von der Giraffe— Holla! heda! Cham, Stropp, Faullenzer, kommt, bedient uns! Um dem Herrn zu gehorchen, erhoben ſich auf dieſen Ruf zwei Mulatten langſam von einer Matte, auf der ſie geſchlafen hatten. Nachdem Benoit und van Hop einige ceremo⸗ nioſe Complimente gewechſelt hatten, wie z. B.: Nach Euch— nein, ich bin zu Hauſe— es wird nicht geſchehen u. ſ. w., traten ſie in ein uͤberaus reinliches, ganz auf europaͤiſche Weiſe eingerichtetes aus. Als die beiden alten Freunde ſich an einer blank⸗ gebohnten, reichlich beſetzten Tafel niedergelaſſen hat⸗ ten, fing die Unterredung folgendermaßen an: »Ihr ſagt alſo, Capitain Benoit, daß Euer großer Maſt— 4 »Fort iſt, Vater van Hop, fort; doch was mir viel mehr als mein ganzes Maſtwerk nahe geht, das iſt der arme Simon, Ihr wißt— 4 „Nun der, welchen Ihr den armen Simon nennt, iſt—« 1 „Todt, im Meere— todt wie ein braver See⸗ mann, indem er das Schiff rettete— Ach!— 6 Hier ſtieß der Vater van Hop einen dumpfen Ton hervor, der ungefaͤhr ſo klang, wie: Pah! und die vollkommenſte Gleichguͤltigkeit ausdruckte; das war ſeine Gewohnheit ſo, wenn er eine Frage, oder etwas erzaͤhlen hoͤrte, was nach ſeiner Mei⸗ nung weder Theilnahme noch Antwort verdiente. Pah! um eines Menſchen willen braucht das Schiff nicht gleich beizulegen; doch wenn der große Maſt fehlt, ſo iſt das ein Anderes. Ich kann Euch Euern Simon nicht wiederſchaffen, aber wie ich glaube, werde ich Euch einen guten Maſt geben koͤnnen; laßt mich einmal nachſehen.« Dann zog er aus einem Schubkaſten langſam ein dickes Regiſter hervor, worin er einige Zeit blaͤtterte, legte ſeinen magern Finger auf ein Blatt, und fuhr fort: 8 „Ja, ich habe, was Euch Noth thut, braver Capitain; es iſt der Maſt einer engliſchen Cor⸗ vette, die der Wind kuͤrzlich ans Ufer warfz den habe ich in meinem Magazin— wir ſetzen ihn zu tauſend Francs an— Het Das heißt ge⸗ ſchenkt „Den Henker auch! geſchenkt— geſchenkt— Ihr habt alſo jetzt ein Magazin 4 „Pah le verſetzte van Hop, indem er mit Be⸗ ſcheidenheit lächelte.„ Seht nur, wenn ich ein Magazin ſage— ſo meine ich einen Verſchlag, einen Winkel, wo ich ſammelte, was ich aus den Truͤmmern hervorzog. Ihr wißt, ich halte auf Ordnung; bei mir iſt alles verzeichnet und ein⸗„ geſchrieben; und dann dachte ich, es koͤnnte einer meiner Kunden in Noth kommen, man muß nicht nur an ſich allein denken.« „Sehr delikat, und obendrein bringt es bei Gelegenheit tauſend Francs ein.« vPah le meinte der Maͤkler. »Doch ſagt mir, Vater van Hop, wenn mein Schiff erſt ausgebeſſert iſt, ſo muß ich auch eine„ Ladung haben.« Da blitzten die kleinen grauen Augen des Alten vor Vergnuͤgen, ſeine ſpitze Naſe ſchien, wie von einem wunderbaren Geruche getroffen, zu ſchnopern. Er ging, noch ein anderes Regiſter zu holen, TN No. 2. bezeichnet, und nachdem er es einen Augen⸗ blick durchlaufen, ſagte er laͤchelnd: „Ich habe, was Ihr ſucht, Capitain; ich wollte„ es Euch nur nicht fruher verſprechen, bis ich mein Kaufbuͤchlein nachgeſchlagen, denn ich habe Herrn Drake auch eine Ladung verſprochen, dem engliſchen Capitain, der in vierzehn Tagen hier eintreffen wird, und ich halte auf mein gegebenes Wort.— Kennt Ihr Herrn Drake nicht, Capitain 6 „Nein.« 207 vEr iſt ein liebenswuͤrdiger junger Mannz er ,— — ſchielt, hat ein Bischen rothes Haar, aber ein gutes Herz; ein vortrefflicher Menſch, dem es nicht auf zwei Schwarze mehr oder weniger ankoͤmmt; er hat Vermoͤgen, und treibt den Sklavenhandel nur aus Liebhaberei; denn man muß ſich doch mit irgend etwas beſchaͤftigen.« vSeinem Vaterlande dienen,« ſetzte Benoit hinzu; doch kommen wir wieder auf meine Ladung zuruͤck.« vJa, lieber Capitain, dieſe Ladung iſt die beſte, die Gelegenheit jetzt die vortheilhafteſte; ſeit einem Vierteljahre bekriegen ſich die großen und kleinen Namaken ununterbrochen, und der Konig der großen Namaken, mein Nachbar, mit dem ich von Euch ſprach, Capitain, und der die Ehre, Eure Bekannt⸗ ſchaft zu machen, wuͤnſcht,«— ſagte van Hop, indem er ſich mit einem hoͤflichen Buͤckling von ſeinem Stuhle erhob. vIhr ſeid ſehr guͤtig meldet ihm meine Ergebenheit,« antwortete Benoit, der Lebensart hatte. Alſo, der Koͤnig Taroo hat eine ausgeſuchte Partie kleiner Namaken vom rothen Fluſſe, die er ſehr wohlfeil ablaſſen will; es ſind ganz junge Neger, jedoch nicht zu jung, von zwanzig bis dreißig Jahren, mit Schultern und Bruſt, ſo etwas muß man ſehen; ſehr leicht zu ernaͤhren, was ſelten iſt; ſie ſind ſanft, ſehr ſanft; mein Gott, ſie laſſen ſich mit einer Peitſche mit einfachem Riemen fuͤhren Atar⸗Gull. I. 4 — — wahre Laͤmmer. Mit einem Worte,— es iſt ein Goldhandel,— der ſagt Euch zu, nicht wahr 4 »Iſt eine Proviſion fuͤr Euch dabei, wie das letzte Mal 24 Pahle ſagte der Maͤkler;„da ich Euch jeden Augenblick erwartete, ging ich nach dem Kraal (Dorf) Taroo's, und bat ihn zu unſerm gemein⸗ ſchaftlichen Beſten, ſeine Gefangenen gut zu halten, ſie auf das Beſte zu pflegen; und es iſt wahr, ich beſuchte ſie neulich— ſie ſind prachtig, ſpeck⸗ fett; ich rieth dem Taroo, ſie mit Knospen von Flaſchenkurbis zu mäſten; das reinigt das Blut und giebt der Haut einen ſchoͤnen Glanz.« Die Flaſchenkurbisknospen ſind nicht zu ver⸗ achten, aber ſeht, Vater van Hop, von Zeit zu Zeit zwei bis drei Feigen und ein großes Glas friſches Waſſer, das iſt vielleicht noch beſſer.— Aber vor allen Dingen darf man das Waſſer nicht vergeſſen, ſonſt verſtopfen die Feigen; und dann, auf dem Lande iſt es auch nicht uͤbel, wenn man ſie ſchwitzen laͤßt, das nimmt das ſchlechte Fett weg, und, wie das Spruͤchwort ſagt: Ein fetter Neger taugt nichts.« »Kann ſein, Capitain, Jeder ſchiert ſeinen Hund auf ſeine Weiſe,« verſetzte van Hop, etwas be⸗ leidigt. vEi, Vater van Hop, nicht daß ich ſagen wollte Euer Recept waͤre nichts werth; im Gegentheil, — Ihr verſteht Euch darauf, und das ſehr gut; Ihr ſeid ein Pfiffikus.« „Pah!— Capitain, der Gouverneur vom Cap hat mich um einer Lumperei wegen fortgejagt; ge⸗ zwungen, mich funfzig Stunden weit zu entfernen, ſo ließ ich mich in dieſer Wohnung nieder, die ich einem Pflanzer abkaufte, der die Umgebung fuͤrch⸗ tete; ich ſtehe mich vermittelſt einiger Geſchenke außerordentlich gut mit den benachbarten Horden; ſie haben keinen Grund, mir uͤbel zu wollen, weil ich ihnen behuͤlflich bin, ſie von ihren Gefangenen zu befreien: ſo diene ich am Ende den Leuten allen, denn fruͤher fraßen ſie ſich unter einander auf, wie die wilden Thiere, und die Namaken vom rothen Fluſſe machen ſich noch immer ſolchen Spaß, weil ſie keinen Ausweg zur Ausfuͤhrung ihrer Gefan⸗ genen haben.« Gut,« dachte Benoit bei ſich, vich habe große Luſt, ein Bischen dort umherzuſchleichen. Das iſt ein gelobtes Land, ich bin ſicher, dort das Eben⸗ holz fuͤr nichts zu bekommen.« Dann ſagte er mit lauter Stimme: Wie, ſie freſſen ſich unter einander? Brrrrr— Henker! Brrrrr— mir ſchaudert's.« Das glaube ich; auch muß man ſehen, wie ſich die großen Namaken zur Wehre ſitzen; ſie todten ſich lieber ſelbſt, ehe ſie ſich ihren Feinden ergeben.« „So muß man hoffen, daß die kleinen Na⸗ 4* maken ſich am Ende doch civiliſiren,« bemerkte verſtaͤndig Benoit;„durch den Verkauf— 4 »Zum Henker, das bringt doch wenigſtens Etwas ein l« vIch gebe mir die groͤßte Muͤhe, das den Europaern zu erklaͤren: Wenn ſie ſich nicht ver⸗ kauften, ſo wuͤrde man ſie nicht kaufen. Sagt dagegen etwas lc Hoͤrt, Capitain, Ihr koͤnnt mir's glauben, in Euerm Europa ſind ſie viel ſchlimmer als die Neger. Doch was bringt Ihr zum Tauſche mit 4 vWie gewoͤhnlich, allerlei kurze Waaren, Glas⸗ ſachen, Schießpulver, Flinten, Blei im Block und Eiſen in Stangen. 4 „Sehr gut; ſo wollen wir, mein Freund, vor allen Dingen Euer Schiff in Stand ſetzen; waͤh⸗ rend der Zeit werde ich den Koͤnig Taroo vorbe⸗ reiten, daß er ſeine Schwarzen herbringe. Doch hoͤrt, Ihr bleibt mir huͤbſch zum Abendbrot und zur Nacht hier, das verſteht ſich von ſelbſt. Mor⸗ gen mit Sonnenaufgang kehrt Ihr zu Eurem Schiffe zuruͤck, und ich gehe nach dem Kraal; abgemacht! Ihr wißt, ich bin raſch in Geſchäften.« Die beiden Handelsleute ſchwatzten noch lange, ſpeiſten gut zur Nacht, und legten ſich etwas be⸗ rauſcht zu Bette. 2 —— Viertes Kapitel. Der Marktplatz. „Bei Gott, Gevatter, die junge Kuh und das Kalb für 50 Thaler?“ „Nein, 55.“ „50.“ „6 das iſt geſchenkt.“ o „Laßt uns theilen, Gevatter, und 52 machen. Alsdann trinken wir einen Krug Wein, und verzehren einen Brotkuchen zuſammen. „Toy, Gevatter! Gott ſteh mir bei.“ „Tov, Gevatter, Gott ſteh mir bei.— Der Han⸗ del iſt geſchloſſen.“ Conam⸗Hec, Bretagniſche Sitten. Zwei Tage nach der Zuſammenkunft des Ca⸗ pitain Benoit und des wuͤrdigen van Hop wiegte ſich die Katharina auf dem ruhigen Waſſer des Fiſchfluſſes; und durch den Maſt der engliſchen Corvette, welchen die Fluth bis zur Brigg getragen hatte, war es unmoͤglich, die Spuren des Stur⸗ mes an ihr zu entdecken. Das Ruͤſterwerk und die Planken wurden von dem Verdecke des Schiffes abgenommen, damit eine friſche, geſunde Luft den untern Raum durchziehe, waͤhrend die Mannſchaft die Faͤſſer mit reinem, friſchem Waſſer fuͤllte. Man wird einen großen Vorrath davon brauchen!!! Es war faſt Mittag, und der Capitain Benoit, leicht gekleidet, damit beſchäftigt, das Oberdeck ſeines Schiffes wieder in Ordnung zu bringen, und eine Menge Naͤgel an ihren beſtimmten Plaͤtzen einzuſchlagen; dann hielt er mit ſeiner Arbeit inne, um einen Augenblick das Bild ſeiner Katharine und ſeines Thomas zu betrachten, worauf er von Neuem zu reiben, zu buͤrſten und einzurichten anfing. Sehr ungelegen riß ihn der vorn am Schiffe wachthabende Matroſe aus dieſer ruͤhrenden, beſchei⸗ denen, haͤuslichen Beſchaͤftigung, um ihm zu mel⸗ den, daß eine Pirogue(Art Kahn) dem Leebord nahe. Es war einer der Mulatten van Hop's, der mit einem Gruß an Benoit beſtellte: „Mein Herr erwartet Euch, Capitain vEndlich! Iſt die alte Schlange alſo ange⸗ kommen? ich rechnete nicht mehr darauf. g „Capitain, er kommt dieſen Augenblick vom Kraal zuruͤck mit vielen Schwarzen und dem Koͤ⸗ nig Taroo, der ſie escortirt; ſie warten auf Euch, Capitain, und die Waaren.« vCaiot,« ſagte Benoit zu ſeinem Schiemann, einem großen, huͤbſchen Jungen, der den ungluͤck⸗ lichen Simon als Lieutenant des Capitains erſetzte, Caiot, laß die Schaluppe ausruͤſten, ſchiffe neun — Mann ein, und die Kiſten und Ballen, die du in dem unterſten Raum des Schiffes findeſt.« Fertig la ſagte Caiot nach Verlauf einer hal⸗ ben Stunde. Hoͤre, mein Junge,« verſetzte der Capitain, vich laſſe dich am Bord zuruͤck, damit du das Zwiſchendeck recht luften laͤßt; bereite die Ketten und Handſchellen, daß alle dieſe Sachen rein, ordentlich und anſtaͤndig ſind, damit ſie ſich hier wie in ihrer Heimath befinden— oder beinahe ſo.« „Seid ohne Sorge, Capitain, es ſoll geputzt werden, daß man ſelbſt verſucht wird, Haͤnde und Fuße hineinzuſtecken; ich werde den Herren ihr Bett ausfegen laſſen, und ſie muͤßten ſehr unbillig ſein, wenn ſie nicht zufrieden wären, denn die Betttuͤcher werden keine Falten ſchlagen, das ſchwoͤre ich Euch.« „Recht ſo, mein Junge, vor allen Dingen Menſchlichkeit, denn, ſiehſt du, es ſind doch eigent⸗ lich Menſchen, ſo wie wir, und eine gute That findet fruͤh oder ſpaͤt ihren Lohn,« fuͤgte Benoit mit großem Ernſte hinzu. Nachdem die Waaren in der Schaluppe geſchich⸗ tet waren, und einige Matroſen ihren Platz ein⸗ genommen hatten, ſtieg Herr Benoit in ſeine Jolle hinab, und indem er vor der Ladung herfuhr, kam er bald bei van Hop an, der ihn an ſeiner Haus⸗ thuͤr erwartete. „Nun, wo bleibt Ihr, Capitain; heran, Ihr Faullenzer!4 — 6— »So heißt Ihr wohl eher, Vater van Hop, zwei Tage, zwei ganze Tage— 4 vIhr irrt ſehr, wenn Ihr glaubt, daß mit die⸗ ſen Kerlen leicht Geſchaͤfte zu machen ſind; ſie ſind pfiffiger als man denkt, Teufel! Genug, der Koͤnig Taroo iſt endlich da in meinem Haͤuschen; Ihr koͤnnt ihn ſehen, und Euch mit ihm verſtaͤndigen — aber Eure Waaren? vMeine Schaluppe bringt ſie; ich habe Einen in der Jolle zuruͤckgelaſſen, der den Andern den Weg hierher weiſen ſoll.« vUnd die Waaren?4 »Kommen mit; ſeid unbeſorgt.« vGut, ſehr wohl, ſo will ich Euch Sr. Ma⸗ jeſtät vorſtellen.« vAber Gevatter, ich habe nicht Toilette gemacht, um der Majeſtaͤt vorgeſtellt zu werdenz ich habe einen langen Bart wie ein Sapeur, und bin in kurzer Jacke— 4 »Seht doch, ſeht doch— wollt Ihr nicht etwa Eroberungen machen?— Eitler alter Menſch,« rief der Maͤkler mit Laune, indem er Benoit in das Haus hineinſchob. Hier ſaß der Koͤnig Taroo majeſtaͤtiſch auf dem Tiſch Gzum großen Mißvergnugen van Hop's), die Beine kreuzweiſe untergeſchlagen wie ein Schneider, und aus einer maͤchtigen Pfeife rauchend. Der Koͤnig war ein ſehr haͤßlicher Neger, etliche vietzig Jahre alt, und nach ſeinem beſten Vermo⸗ m——— 6 ———— 2—— —— gen herausgeputzt; ein alter dreieckiger Hut, mit kleinen Kupferplatten geziert, prangte auf ſeinem erhabenen Haupte; er hatte einen großen Stock mit verſilbertem Knopfe in der Hand, und ſeine ganze Bekleidung beſtand aus einem rothen Lappen, der ihm kaum die Huͤften umgurtete. Da der Maͤkler recht gelaͤufig namakiſch ſprach, ſo diente er als Dolmetſcher, und nach einer Stunde lebhafter Verhandlung war man es von beiden Sei⸗ ten zufrieden, ſich den Einſichten van Hop's zu vertrauen, der einen Contract auſſetzen ſollte; in Folge dieſes Uebereinkommens holte er aus ſeinem nußbaumenen Secretair ein hornenes Schreibzeug hervor, und ſchnitt behutſam eine Feder; nachdem er ſie wohl zwanzig Mal ganz nahe betrachtet, tauchte er ſie endlich zur großen Freude Benvit's, deſſen Ungeduld aufs Aeußerſte geſtiegen war, in das Dintenfaß. Dann las er mit leiſer Stimme Benoit Fol⸗ gendes vor, nachdem er es dem Koͤnig Taroo vor⸗ laͤufig uͤberſetzt hatte. vvIn der Wohnung des— zu—— den— u. ſt w. Ich, Paul van Hop, Bevollmaͤchtigter, verkaufe im Namen von— Taroo(leerer Raum fuͤr den Taufnamen), Haupt des Kraals von Kanti⸗Opow, Stamm der großen Namaken, an Herrn Benoit —(Claudius Borromaͤus Martial), Capitain der Katharina, wie folgt: Zwei und dreißig Neger von der Rage der kleinen Namaken, geſund, kraͤftig und wohlgebaut, zwanzig bis dreißig Jahre alt, macht in Zahlen: 32 Neger. Item: Neunzehn Negerinnen, ungefaͤhr von demſelben Alter, wovon Zwei ſchwanger ſind und Eine ein Kind von wenigen Monaten hat, welches der Verkaͤufer großmuͤthig in Kauf giebt, macht in Zahlen: 19 Negerinnen. Item: Elf Negerkinder beiderlei Geſchlechts von neun bis zwoͤlf Jahren, macht in Zahlen: 11 Ne⸗ gerkinder. Total: 32 Neger, 19 Negerinnen, 11 Neger⸗ kinder««—— Der Mäkler betonte ſeine Addition, als ſagte er: Total: 32 Francs, 19 Sous, 11 Centimes, vwelche er dem beſagten Benoit(Claudius Bor⸗ romaus Martial) ausliefert, gegen— 44 Hier wurde der Makler in ſeiner unterbrochen. »Mein lieber van Hop« ſagte ber Capitain, „fuͤgt noch hinzu: und der Frau Katharine Bri⸗ gitte Loupot, ſeiner Ehehaͤlfte, da wir in Göter⸗ gemeinſchaft ſtehen.« vDas lohnt nicht der Muͤhe— Herr Benoit.« „Doch, doch, das bin ich meiner guten Frau ſchuldig.« „Wie es Euch beliebt.« Da der Fuͤrſt Taroo ſich von van Hop den — Gegenſtand des Streites erklaͤren ließ und ihn nicht begriff, trank er zwei Gläſer Rum. Nachdem der Maͤkler Benoit's Verlangen nach⸗ gegeben, und den Namen Frau Katharine Brigitte Loupot hinzugefuͤgt, fuhr er fort: vGegen: Drei und zwanzig vollſtaͤndige Flin⸗ ten, mit Ladeſtock und Bajonnet; fuͤnf Centner Schießpulver; zwanzig Centner Stangeneiſen; funf⸗ zehn Centner Blei in Bloͤcken, und ſechs Kiſten Glaswaaren, Armbaͤnder, Halsbaͤnder von Kupfer und Meſſingdraht, die er ſich verpflichtet, mir, Paul van Hop, zu uͤbergeben, der ich als Bevoll⸗ maͤchtigter des Koͤnigs Taroo unterhandle. Item: Fuͤr Commiſſionsſpeſen u. ſ. w. verpflich⸗ tet ſich beſagter Benoit, mir innerhalb vier und zwanzig Stunden tauſend Francs gangbarer Muͤnze auszuzahlen. Ohne Praͤjudiz des abgeſchloſſenen Handels fuͤr die gelieferten Materialien zur Aus⸗ beſſerung und Bemaſtung des Schiffes. Doppelt ausgefertigt u. ſ. w. 44*) Als dieſer Contract vorgeleſen war, ſchuͤttelte der König Taroo ſein Haupt; als Zeichen ſeiner Zuſtimmung erhob er einen Arm und knipp Ka⸗ tharinens Gemahl in die Naſe, welcher dieſe ko⸗ Dieſer Vertrag iſt geſchichtlich; er befindet ſich im Duplicat in der Canzlei des Gerichtshofes zu St.⸗ Pierre auf Martinique als Beleg eines Proceſſes gegen einen Neger. — 60— nigliche Huld durch einen ſehr höflichen Buͤckling erwiederte. »Da iſt die Feder, Capitain,« ſagte van Hop; unterzeichnet.« vDas iſt Alles in Ordnung; doch bevor ich zeichne, moͤchte ich erſt unſere Herren und Damen in Augenſchein nehmen. 4 »Da habt Ihr Recht, Capitain, ich rathe Euch nicht, die Katze im Sacke zu kaufen— kommt hierher— Ihr konnt hier nach Belieben unter⸗ ſuchen.« Er fuͤhrte ihn zu dem Gehege, wo man die Schwarzen vor der Hand eingeſperrt hatte. Maͤnner, Frauen und Kinder waren auf den Boden hingeſtreckt, die Haͤnde auf den Ruͤcken mit einem Stricke gebunden, welcher ſich auch um die Fuͤße, um das Gehen nicht zu verhindern, mit loſen Knoten ſchlang, und dann wieder in die Hoͤhe um den Hals gewunden, und mit dem Ende an einem ſtarken Palmbaum befeſtigt war, welchen man ſie als Vorſichtsmaßregel waͤhrend des Gehens auf den Schultern tragen ließ. Benoit unterſuchte wie ein geuͤbter Kenner die Schwarzen. Um die Biegſamkeit ihrer Glieder zu beurthei⸗ len, reckte er ihnen die Gelenke, bis ſie krachten; dann mußten ſie den Mund aufſperren, damit er ihre Zaͤhne, Zahnfleiſch und Gaumen unterſuchen konnte; ſie mußten die Augenlider auf⸗ und zu⸗ machen, um ihn zu uͤberzeugen, daß der Augapfel klar und rein ſei. Er betrachtete mit Aufmerk⸗ ſamkeit ihre Fußſohlen, um ſich zu uͤberzeugen, daß keine Spur von Eiern der Stechlaͤuſe oder an⸗ derer ſchaͤdlicher Inſekten in der Haut ſichtbar ſei, welche boͤſe Krankheiten nach ſich ziehen— zuwei⸗ len den Starrkrampfz er ſchlug ihnen leiſe an das Bruſtbein, und horchte, ob die Bruſt gut gehoͤhlt ſchalle; er ſtuͤtzte ſein Knie auf ihre Bruſt, ohne jedoch zu ſtark zu druͤcken— deſſen waͤre der gute Mann nicht faͤhig geweſen!— blos um zu be⸗ urtheilen, ob trotz dieſes Druckes ihr Athem noch leicht und ſtark ſei.— Genug, er beſchaͤftigte ſich auf dieſe Weiſe noch lange mit ihnen, um allen ihren Fehlern oder guten Eigenſchaften nachzufor⸗ ſchen. Bei dieſem langen, gewiſſenhaften Examen, den wir hier zum Theil beſchrieben, hatte Benoit zu⸗ weilen zufrieden gelächelt; zwei Mal ſogar pfiff er, als Zeichen der Bewunderung bei dem Anblick eines großen, ſtarken Mannes; dann zog er im Gegentheil ſeine Augenbrauen zuſammen, und ein kräftiges Hm, Im, oder eine ſtarke Biegung des Kopfes nach der linken Schulter, gaben Beweiſe ſeiner Unzufriedenheit. Nach einigem Nachdenken und wahrſcheinlichem Ueberſchlag ſeines Handels, rief er dem Vater van Hop zu: Gevatter, ich ſchließe den Handel ab, und Ihr macht ein Goldgeſchaͤft— 4 — 5— »Pah!— Hoͤrt, Capitain, betrachtet doch, ehe Ihr fortgeht, dieſen Schalk da, ich bitte Euch, den mir der Koͤnig Taroo geſchenkt hat. Es iſt einer der ſchoͤnſten Neger, den ich in meinem Leben verkaufte; ſeht nur, er iſt ſtark wie ein Biſamochs, groß wie eine Giraffe; aber er iſt Euch ſtoͤrriſch, ja ſtorriſch; der König ließ ihn halb todt ſchlagen, damit er ſich ſeiner Beine bediene, hierher zu ge⸗ hen, und war am Ende doch gezwungen, ihn wie einen jungen ſtoͤrrigen Stier fortſchleppen zu laſſen, — ſeht nur— 4 Er zeigte ihm einen Neger, der, obgleich zu⸗ ſammengebogen, da ſeine Häͤnde mit den Fuͤßen zuſammengebunden waren, doch ausgezeichnet groß ſchien. vIch glaube,« fuhr van Hop fort, ver iſt der Anfuͤhrer des feindlichen Kraals, ein kleiner Na⸗ make; er iſt halsſtarrig, jedoch werden vierzehn Tage am Bord und in den Colonien ihn ſanft wie ein Lamm machen.« Nachdem Taroo ſich reichlich mit Branntwein erfriſcht hatte, war er ihnen gefolgt; er trat naͤher, und der Anblick ſeines Feindes entzuͤndete ohne Zweifel ſeinen Zorn und Haß aufs Neue. Er ſchimpfte und drohte dem kleinen Namaken, doch dieſer ſchloß mit einer ſtoiſchen Wuͤrde die Augen, und antwortete auf ſeine Schmaͤhungen nur mit einem ſanften Trauergeſange. Dieſe Kaltblutigkeit erbitterte den Koͤnig Taroo ——— — ſehr; er ſchleuderte einen Stein nach dem ungluͤck⸗ lichen Schwarzen, da er ihn aber nicht traf, haͤtte er wahrſcheinlich noch einmal geworfen, wenn ihn nicht van Hop bei dem Arme genommen und ihm in ſeiner Sprache geſagt hätte: Haltet ein, großer Koͤnig; der Gefangene iſt jetzt mein Eigenthum, und Ihr werdet ihn mir verderben; das leide ich nicht«—— Taroo hoͤrte nicht auf, zu ſchreien und zu drohen; er wiederholte die Worte Atar⸗Gull un⸗ aufhoͤrlich in ſeinem wilden Geheule. »Was zum Henker ſchreit er denn?« fragte Benoit. vEs iſt ſein Name; wie es ſcheint, heißt er Atar⸗Gull.« WPoſſirlicher Name! Die erſte kleine Katze, die Mimi, die Angorakatze meiner Frau, zur Welt bringt, Vater van Hop, nenne ich— wie ſagt Ihr doch? 4 vAtar⸗Gull; ſprecht mir nach und gebt Acht: Atar⸗Gull— 4 vAtar⸗Gull.« Recht, ſehr gut— Atar— Gull.« vIch wiederhole es bis morgen: Atar⸗Gull, Atar⸗Gull, es bleibt immer ein pudelnaͤrriſcher Name. Nun, wieviel fordert Ihr fuͤr den Schalk?4 »Wißt Ihr was? Weil Ihr es ſeid, und theuern Ehehaͤlfte zu Liebe: Hundert Pia⸗ er!« 64 »Hundert Piaſter!— und was kann ich denn noch verdienen? Großer Gott, hundert Piaſter, hundert Piaſter! vIhr verkauft ihn in Jamaika fur dreihundert; ſeht nur, wie er gebaut iſt! welche Schultern, wel⸗ che Arme! er iſt zwar ein wenig mager, doch wenn er wieder zunimmt, ſollt Ihr ſehen; ich ſchwoͤre Euch, es iſt ein praͤchtiges Geſtell.« vAchtzig Piaſter, ſo ſei der Handel geſchloſſen, Vater van Hop, wahrhaftig, ich begehe eine Thor⸗ heit; nun, es bleibt unter uns, ich kaufe von dem Verdienſte Segel, einen tuͤrkiſchen Shawl fuͤr meine Frau, und laſſe Thomas ein Schiffchen machen; der Junge kennt kein groͤßeres Vergnuͤgen, als das Seeweſen.« „Topp— Ihr macht mit mir, was Euch beliebt, aber Ihr ſeid ein ſo braver Gatte und Hausvater— man kann Euch nichts abſchlagenz ſo ſei es um achtzig Piaſter— es iſt geſchenkt.« Nachdem der Handel geſchloſſen und die Waa⸗ ren an van Hop uͤbergeben waren, denn Taroo lag, von dem vielen genoſſenen Rum betrunken, wie todt am Boden, bekamen die Neger eine kleine Erfriſchung, und die Leute des Taroo begleiteten die acht Matroſen Benoit's, um die verkauften Neger bis an den Landungsplatz der Katharina zu bringen; dort ſollten ſie eingeſchifft oder aufgehißt werden, nach eines Jeden gutem oder boͤſem Willen. —— Was Atar⸗Gull betraf, eine feine Schlange, wie ihn der Koͤnig Taroo nannte, ſo ließ ihn Be⸗ noit bis an Bord der Schaluppe tragen, indem er ihn ganz beſonders der Aufſicht des Schiffmeiſters empfahl. Nachdem alle dieſe kleinen Vorkehrungen ge⸗ troffen, die Gelder gezahlt, die Waaren uͤbergeben waren, hatten Benoit und van Hop nichts weiter mit einander zu thun, als Abſchied zu nehmen bis auf Wiederſehen, um ſo mehr, da der Capitain die Fluth und den friſchen Wind benutzen wollte; zu⸗ folge des ſehr richtigen Grundſatzes, daß der Wind auf Niemand wartet, reichte er alſo dem Maäkler freundſchaftlich die Hand, und ſagte: vLebt wohl, Vater van Hop— auf Wieder⸗ ſehen!« Der Himmel laß es bald geſchehen, mein lie⸗ ber Capitain 4 Gott erhalte Euch!« Er druͤckte ihm noch einmal die Hand.„Es iſt ein Vergnuͤgen, Geſchäͤfte mit Euch zu machen, Vater van Hop!« vWie mit Euch, braver Capitain. Es geht mir nahe, Euch abreiſen zu ſehen; aber nur noch zwei oder drei Jahre hier auf der Kuͤſte, und dann ſollt Ihr mich mit Euch nach Europa nehmen 4 Gewiß, das iſt ein Wort— das wird eine luſtige Fahrt werden; wir wollen lachen, nun— doch ich verplaudere meine Zeit, und ſollte ſchon am Bord ſein— Lebt wohl, lebt wohl, Alter« Atar⸗Gull. 1. 5 Sie hielten ſich umſchlungen, als wollten ſie ſich erdruͤcken; es war ein ruͤhrender Anblick, um ein Felſenherz zu erweichen. „Halt, genug, Vater van Hop, Ihr macht mich wie ein Kind weinen— lebt wohl,« ſagte Benoit raſch, und mit einem Sprunge war er in der Jolle, welche ſchnell von der Stroͤmung des Fluſſes fort⸗ geriſſen wurde. Noch einmal Lebewohl, guter Capitain,« rief ihm van Hop nach, mit der Hand winkend, vmeine Empfehlung Eurer lieben Frau, gluckliche Reiſe la vAuf Wiederſehen, Gevatter,« antwortete Be⸗ noit, der ſeinen Strohhut ſchwenkte, ſo lange er nur den Maͤkler am Strande ſehen konnte. Nach Verlauf von zwei Stunden waren die Schwarzen gehoͤrig eingeſchifft, geordnet, im Raume der Katharina eingepackt, die Neger im Backbord, die Negerinnen im Steuerbord; nur die Kleinen ließ man frei. Atar⸗Gull wurde abgeſondert in Ketten gelegt. Es iſt unnoͤthig, zu bemerken, daß die Schwar⸗ zen in dumpfer Fuͤhlloſigkeit Alles uber ſich erge⸗ hen ließen: ſie ließen ſich fuͤhren, aufhiſſen und am Bord des Schiffes feſſeln, indem ſie nichts Anderes glaubten, als daß man ſie freſſen wurde; wie gewoͤhnlich beſtand auch hier ihr ganzer Muth darin, ſich ruhig zu verhalten. Bevor Benoit die Anker lichtete, wurden noch Stockfiſch und Schiffszwieback vertheilt, ſowie Waſſer mit ein wenig Rum vermiſcht. Faſt kein Neger wollte Etwas anruͤhren, was den wackern Capitain nicht uͤberraſchte, denn es war ihm be⸗ kannt, daß die Schwarzen auf der Reiſe gewoͤhn⸗ lich die erſten fuͤnf bis ſechs Tage ohne zu eſſen zubringen, und in dieſer Zeit iſt der Verluſt am meiſten zu befurchten; iſt ſie einmal uͤberſtanden, ſo iſt er, die uͤbeln Folgen von Hitze oder Feuch⸗ tigkeit abgerechnet, im Verhaͤltniß nur geringe. Endlich ging der Capitain Benoit, gegen drei Uhr Nachmittags, mit einem guten friſchen Suͤdoſt⸗ wind unter Segel, und um ſechs Uhr, bei Sonnen⸗ untergang, zeigte ſich die Kuͤſte von Afrika nur noch wie ein ſchmaler Nebelſtreifen in der Ferne. — Fünftes Kapitel. Der unbekanntte. — Reich wollt Ihr ſein? Sie war es, die Falſche, zweimal ſo ſehr, als ſie zu ſein verdiente. — und auch Ihr werdet es ſein: weil Ihr liebet das Gold, müßt Ihr geh'n, Gold Euch zu ſuchen. Diderot.— Das iſt keine Fabel. Th. VII. Schlafe, ruhe in Frieden, braver Capitain, ſtrecke deine ſteifen Glieder auf der feinen weißen 5* Leinwand, von der Hand deiner Katharine gewebt. Siehſt du ſie in langen Winterabenden am lo⸗ dernden Feuer ſitzen, das feuchte Auge ſtarr vor ſich hinblickend? Zuweilen verlaͤßt ſie die Arbeit, um dein Bild ſehnſuͤchtig zu betrachten, indem ihre Hand mit Thomas dickem, ſtruppigem Haare ſpielt, waͤhrend Mimi ſtumm und ernſt ihr buntes, ſei⸗ denes Fell leckt. Gewiß berechnet die tugendhafte Ehehaͤlfte mit Angſt das Ende deiner Reiſe! Auch liebſt du ſie innig, deine wackere Frau, und trotzeſt fuͤr ſie un⸗ zaͤhligen Gefahren; fuͤr ſie ergiebſt du dich, Ca⸗ pitain Benoit, mit Leib und Seele einem barba⸗ riſchen Handwerke, und giltſt fuͤr einen Raͤuber, einen niedrigen Verkaͤufer von Menſchenfleiſch, du — Aermſter, deſſen Seele ſo einfach und rein iſt! Es iſt wahr, du wirſt vor Gott eine erſchreckliche Rechnung abzulegen haben!— doch mindeſtens haſt du deiner Katharine ein ſorgenfreies und an⸗ genehmes Leben bereitet. So wirſt du getroſtet ſein, ehrlicher Mann, und mitten in den Flammen des Fegefeuers laͤchelſt du gewiß noch, wenn du viel⸗ leicht deine Katharine zwiſchen den blondgelockten Cherubim mit goldverbraͤmten blauen Flugeln ſitzen ſiehſt. Iſt die Ruͤckkehr eines ſolchen Mannes nicht ein freudiges Ereigniß in einer Familie? Dennoch kann ich nicht mit Gewißheit beſtim⸗ men, ob Katharine auf dieſe gluckliche Ruͤckkehr hoffte, oder ob ſie dieſelbe furchtete; vielleicht weiß er es beſſer— jener große Marinekanonier, der dort behaglich in Herrn Benoit's Lehnſtuhle aus⸗ geſtreckt liegt, Herrn Benoit's Pudelmuͤtze auf dem Kopfe, von Hertn Benoit's Tabak aus Herrn Be⸗ noit's beſter Pfeife rauchend, waͤhrend Thomas und Mimi den Eindringling abwechſelnd mit furchtſa⸗ mer und zorniger Miene anſehen. Denke ich, daß, waͤhrend der rechtſchaffene Ca⸗ pitain mit dem Vater van Hop unterhandelt, waͤh⸗ rend er dem Sturme Trotz bietet, Katharine— ihm— Pah— pah— ſchlafe! Schlafe, Claudius! Schlafe, Borromaͤus! Schlafe, Martial! Traͤu⸗ me, traͤume von dem Gluͤcke durch die Treue dei⸗ ner Frau.— Ein gluͤcklicher Traum, ſiehſt du, Bruder, das iſt das Zuverläſſigſte in unſerm fro⸗ hen Erdenleben! Schlafe, der Wind wird ftriſch, deine zweite Katharine iſt unterwegs, und dieſe— iſt mit Kupfer beſchlagen!— Gute, gute Katharine! dieſe iſt auch nicht kokett. Lieber Gott, jedes Jahr einmal mit Theer angeſtrichen, einige neue Segel, etwas Tauwerk, das iſt Alles, was ſie zum Putz und zur Rein⸗ lichkeit bedarf, und ſie iſt immer gut und folgſam. Ol! wackerer Benoit, an dieſe allein haͤtteſt du dein Herz haͤngen— ſtatt deines dicken Thomas hatteſt du dir einen kleinen Sloop zulegen ſollen, 70 der lebhaft, leicht und kuͤhn dein Schiff umſchwaͤrmt haͤtte, wie ein junger Alcyon ſeine Mutter. Dieſe Katharine haͤtte zehn, zwanzig, ja dreißig Kanoniere aufnehmen koͤnnen, ſie haͤtten dich nicht eiferſuͤchtig gemacht— gewiß nicht, im Gegentheil, ſie waͤren dir willkommen geweſen, wie es die fol⸗ genden Begebenheiten zeigen werden. Schlaf immer! Die Sonne wird hell und ſtrahlend aufgehen, wenn ich jenem leichten purpur⸗ ſchimmernden Dunſte glaub nn, der im Oſten mit der ſcheidenden Nacht kaͤmpft, und vor dem die Sterne bereits zu bleichen beginnen. Schlafe, Capitain; dein Gehuͤlfe, dein zweiter Simon, dein treuer Caiot, wacht fur dich, wacht fuͤr Alle. Seit einigen Augenblicken waren er und ſein Fernrohr unablaͤſſig nach Suͤdoſten gerichtet, und ſpaͤheten nach dieſer Richtung mit unermuͤd⸗ licher Neugier. vIch gaͤbe auf acht Tage mein Viertelmaaß Wein darum,« ſagte Caiot zu ſich ſelbſt, vwenn die Sonne hoͤher ſtaͤnde; bei allen Heiligen des Calenders, mir ſcheint doch, als ſaͤhe ich— nein — doch ja— zum Teufel, der Nebel!— wenn die Sonne aufgeht, werde ich ſicher— nun wieder — Aha, es daͤmmert endlich; komm doch— komm herauf— ah— endlich iſt ſie da!— und wie roth dieſen Morgen!— aber ja— ja— ich unterſcheide ganz genau— es iſt eine Goelette, hoͤchſtens eine Meile von uns entfernt— aber— doch— in meinem Leben habe ich nicht ſolche Segel geſehen— welche Unterſegel— welche Marsſegel, welche Bemaſtung nach hinten— 4 Und indem Caiot alle dieſe ſonderbaren Eigen⸗ ſchaften herrechnete, nahm ſein Geſicht nach und nach den Ausdruck des Erſtaunens an, mit einem leichten Anflug von Schrecken gemiſcht. „Aber,« ſagte er, indem er von Neuem ſein Fernglas richtete, ves ſieht aus, als wenn ſie un⸗ ſerer Richtung folgt s ob ſie in unſerm Waſſer ſegelt!— Gebt euch keine Muͤhe!— Aber melden will ich es dem Capitain doch.« WMit einem Sprunge war Caiot an der Kajuͤ⸗ tenthuͤr, und nachdem er wohl ſieben Minuten einen Laͤrmen machte, als ob er einen Canonicus aus dem Schlafe wecken wollte, oͤffnete ſich langſam die Thuͤre, und Meiſter Benoit erſchien auf dem Verdecke, ganz erſtaunt und verdutzt, ſich reckend, ſeine vom Schlafe noch ſchweren Augen reibend, indem er die ausdrucksvolle Pantomime durch oh! — brrrr— ah!— es iſt kuͤhl— brrr u. ſ. w. verſtaͤrkte.„Teufelsjunge von Caiotl ſagte endlich der Capitain, welcher klare und deutliche Begriffe zu bekommen anfing. Ich bin nicht aberglaͤubiſch, aber es ſcheint mir nicht paſſend, die aufgehende Sonne mit einem Fluche zu begruͤßen, mit ſo einem„Teufelsjungenz« denn ewig denke ich zitternd an das Loos des ar⸗ — 72— men Simon— moͤgen die Flammen der Hoͤlle ihn nicht zu ſehr brennen. „Teufelskerl,« rief der Capitain nochmals aus, vich ſchlief ſo feſt; nun, was iſt's, was willſt du 4 vIch fuͤrchte— ſeht hin, Capitain, da iſt eine Goelette, die will, wie es ſcheint— 4 Großer Gott— eine Goelette— iſt es viel⸗ leicht die naͤmliche, die ich mit dem armen Simon ſchon beobachtete? 4 Moͤglich, Capitain, da as Fernglas— 4 Gieb, gieb her, mei ge— ah!— ja — zum Henker— ſie iſt es, und du ſagſt, daß ſie uns zu verfolgen ſcheint? „Seht nur ſelbſt, Capitain. 4 Das will nichts ſagen; man kann dieſelbe Fahrt machen, ohne deshalb den Leuten wie Die⸗ ben nachzuſchleichen.« »Wenn Ihr meinem Rathe folgt, Capitain, ſo nehmen wir ein Viertel Wind mehr, wenden das Schiff, wenn es ſein muß, und macht die Gorlette alle unſere Manoͤver nach, ſo können wir verſichert ſein, daß ſie uns verfolgt; he4 Warum ſollte ſie Jagd auf uns machen? es iſt ja kein Kriegsſchiff, das den Sklavenhandel hin⸗ dern ſoll; iſt es ein Seeraͤuber, ſo wird er uns bald anſehen, woher wir kommen, und daß bei uns nichts fuͤr ihn zu holen iſt. vTeufel! gebt Acht, Capitain— ſeht— ſie naͤhert ſich— ſie erreicht uns— die hat Beine — nmmn u —, 35— „ — und immer gerade auf uns los geſegelt. Da ſieht man den Eigenſinn,« ſagte Caiot, indem er den Zeigefinger ausſtreckte. „Hoͤre, mein Junge, faß den Wind, laß ſchie⸗ ßen, dann legen wir um— und wenn ſie uns noch immer folgt, ſo fragen wir, was ſie will, nicht wahr?— Das iſt offen.« Nach dieſer Entſcheidung fing die Katharina an, zu laviren. Habt Ihr Eu Nachts bei bedecktem Him⸗ mel, in den lange unkeln, engen Straßen von Cordova befunden? Schlendernd, ohne darauf zu horchen, hoͤrtet Ihr von den bteiten Steinen des Trottoirs den hellen, gleichmaͤßigen Widerhall Eurer Tritte. In ſuͤße, verliebte Gedanken verſunken folgtet Ihr Euerm Wege, indem Eure Einbildungskraft, auf Abwegen vielleicht, hier eine gruͤne Jalouſie, dort einen ſchwerſeidenen Vorhang aufhob— was weiß ich? als ein anderes Gerauſch, welches dem Widerhall Eurer Schritte glich, erſt einem entfern⸗ ten Echo, alsdann naͤher, und endlich ganz nahe, aus einer reizenden Traͤumerei Eure Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Da hobt Ihr Euern Kopf, rucktet Eure Mutze aus den Augen, indem Ihr in der Taſche den niedlich geſchnitzten Griff einer Piſtole ſuchtet— . Vater Ortiz's, aͤlteſten Waffenſchmieds von To⸗ ledo, Meiſterſtuͤck— und ſtolz hemmtet Ihr Eure Schritte. Hinter Euch zogerte man auch. Ihr verdoppeltet die Euern— Man verdoppelte ſie ebenfalls. Ihr verließt das Trottoir links— Man verließ es auch. Ihr ginget rechts hinuͤber— Man ging auch rechts. Ihr kamt auf die linke Seite zuruͤck— Man kam auch auf dieglinke Seite. Endlich muͤde, und in der Mitte der Straße gingt, denn in nien iſt die Maͤhe der Hausthuͤren gefaͤhrlich, wendet Ihr Euch be⸗ herzt um, indem Ihr den Laſtigen anredet:„Mein Herr Cavalier, was wollen Eure Gnaden 6 Und Ihro Gnaden konnten im Dunkeln doch das von Vater Ortiz damascirte Rohr blinken ſehen. Da fing das Drama an, ſich auf eine eigne Weiſe zu entwickeln oder zu verwickeln. Nun wohl! ganz ebenſo wie Ihr in der Straße von Cordova, machte es die Katharina auf dem Oceanez ſie lavirte, ſie drehte, wandte ſich, die verdammte Goelette lavirte, drehte, wandte ſich auch. Da nun dem Capitain Benoit kein Zweifel mehr uͤber ihre Abſichten blieb, ſo ahmte er doch Eure kecke Prahlerei nicht nach; erſtlich, weil er keine Kanonen am Bord hatte, und weil er bei den verſchiedenen Wendungen der Goelette bemerkt hatte, daß ſie Kanonen, und zwar viele, beſaß. — 36— Ueberdies hätten die Jahre und die Erfahrung dieſen alten grauen Kopf gereift; daher befahl Benoit ſeinem Caiot, alle Segel des Schiffes aufzuſetzen, um durch die Flucht dem unberufe⸗ nen Fremden zu entgehen. Dies iſt eines der Mittel, das Ihr in Cor⸗ dova auch zur Entwickelung des Dramas haͤttet anwenden koͤnnen. Das Schiff Meiſter Benoit's ſchwamm wie ein Fiſch, aber die Goelette flog wie ein Vogel, und man ſah, daß noch nicht ihre ganze Kraft entwickelte, ſich mit einer gewiſſen Entfernung be⸗ gnuͤgend. Und indem ſich das fliehende Schiff mit Segeln bedeckte, folgte ſie ruhig, ohne An⸗ ſtrengung. vDas iſt hoͤlliſch,« rief Benoit aus, der dieſe Manoͤver nicht begriff, und die ungeheure Ueber⸗ legenheit der Goelette wahrnahm— Ida ſie ſchnel⸗ ler ſegelt, als wir, warum benutzt ſie ihren Vor⸗ theil nicht, und ſagt mir gerade heraus, was ſie will— ſtatt mit meiner armen Katharina zu ſpielen, wie die Katze mit der Maus*4 Der arme Mann wußte nicht, wie richtig er urtheilte. Capitain— habt Acht— ſeht, ſie oͤffnet den Mund,« ſagte Caiot, der den Blitz ſah, welcher einem Kanonenſchuſſe vorausgeht— vbemuͤhen Sie ſich nicht,« rief er, und ſah in die Hoͤhe, wo ein langes Pfeifen das Tauwerk erſchutterte. „Scharf geſchoſſen 14 Das iſt dumm l« ſchrie Benoit, roth vor Zorn, vzum Henker, was ſind das fuͤr Schufte von Wilden! und nicht eine Kanone am Bord,« heulte der Capitain, indem er an den Daumen nagte, vhat man aber je geſehen, daß ein Neger⸗ ſchiff von einem Seeraͤuber angefallen wird? Und es kann nichts Anderes ſein K Ein zweiter Blitz zuckte und ihm folgte nicht ein Pfeifen, ſondern ein dum fer matter Ton; es war eine Kugel, die in das arkholz ſchlug. »Ei! Henker— Henker— Henker von Goe⸗ lette— ſie wird mich in Grund bohren, und ich werde ſinken, wie ein gefuͤllter Schlauch.« vCapitain,« ſagte Caiot, bleich wie die ganze Mannſchaft, welche die wiederholten Salven auf dem Verdeck verſammelt hatte, und die ſehr auf⸗ geregt uͤber den Vorfall ſtritt, vCapitain, ſie will Euch vielleicht bitten, beizulegen 24 Es iſt moͤglich, doch iſt es hart. Nun denn, ſo braßt Steuerbord; Steuer unter den Wind l Die Segel ruhten, die Brigg lag unbeweg⸗ lich; da hoͤrte das Feuern an Bord der Goelette auf, die ganz nahe an die Katharina herankam, und man hoͤrte durch ein großes Sprachrohr die Worte: »Heda, Brigg!— Schickt ein Boot mit dem Capitain an Bord.« »Mit Euerm Capitain!« wiederholte Benoit ————— ironiſch; vich gehe nicht weiter!— Hat er mich zum Beſten, der ohne Flagge, ohne Erkennungs⸗ zeichen, der wie ein Seeraͤuber ausſieht? Ei ja, nicht uͤbel— arme Katharine— wenn du wuͤß⸗ teſt, daß in dieſem Augenblicke«— Benoit's Selbſtgeſpraͤch ward von Neuem durch das Sprachrohr der Goelette unterbrochen, welches mit derſelben Betonung und demſelben Maße die Worte wiederholte: »Ohe! im Schiffe— Schickt ein Boot an Bord, mit Euerm Capitain.« und dann ſah man einen angezuͤndeten Lun⸗ tenſtock am Rande der Goelette. N Unausſtehlich, zum Henker«— ſchrie Be⸗ noit, vich hoͤre jaz« und indem er einer Antwort auszuweichen ſchien, fragte er ſeinerſeits mit gro⸗ ßer Gelaͤufigkeit: „Ohe! in der Goelette, wo kommt Ihr her? — Was wollt Ihr vom Capitain?— Warum ſteckt Ihr nicht Eure Flagge aus?— Von wel⸗ cher Nation ſeid Ihr?— Ich kenne Euch nicht! — Ich bin Franzoſe!— Ich reiſe von Nantes nach Jamaika!— Ich habe keinem einzigen Schiffe begegnet l Das Sprachrohr der Goelette, deſſen weite Oeffnung man deutlich ſah, ließ den Strom der Worte und Fragen ganz enden, und nach einem Augenblicke Stillſchweigens wiederholte die tiefe Stimme mit derſelben Betonung: — 8— »Ohe! im Schiffe— ſchickt ein Boot an Bord, mit Euerm Capitain.« Und ein Kanonenſchuß, der Niemand traf, begleitete zur Bekraͤftigung die letzten Worte. »Der Hund, er iſt ſtoͤrrig!a ſagte Benoit, vich muß wohl anbeißen. Ach! mein armer Si⸗ mon, Simon, wo biſt du?— Die Jolle ins Meer, Caiot, und vier Maͤnner zum Rudern. „Capitain,« ſagte Caiot, Itraut ihm nicht; er ſieht wie ein Corſar aus g »Was zum Henker kann er uns nehmen; er hat vielleicht Waſſer oder Lebensmittel noͤthig 24 »Das iſt auch moͤglich— die Jolle iſt fertig, Capitain.« Und der ungluͤckliche Benoit ſtieg hinab, kaum bekleidet, ohne Waffen, ohne Hut, in demſelben Augenblick, als das verwuͤnſchte Sprachrohr noch einmal mit derſelben Betonung wiederholte: »Ohe! im Schiffe— ſchickt ein Boot mit Euerm Capitain an Bord.« WMit Euerm Capitain!— der Capitain darin! dummer Teufel, er iſt darin— er kommt— habt Geduld!e brummte Benoit, wie ein aͤrgerlicher Bedienter, der dem unermuͤdeten Laͤuten der Glocke ſeines aſthmatiſchen, gichtiſchen Herrn folgt. „Gebt nur den Schwarzbraunen das Futterz« ſagte Caiot, vſie ſchreien wie die Schakals.« Sechſtes Kapitel. Die Hyäne. Es iſt für's Ohr gar ſonderlich empfindlich Solch ein Piſtolenſpannen, wenn Ihr wißt, Es zielt auf Euch der Lauf, der ganz verbindlich Entfernt von Euch an zwanzig Schritt wohl iſt. Byron. Don Juan IV. 41. Je mehr ſich Benoit der Goelette naͤherte, deſto mißtrauiſcher ward er, beſonders da er ganz nahe war und die unheimlichen Geſellen unter⸗ ſcheiden konnte, die auf die Schanzdecke gelehnt, aufmerkſam den Bewegungen ſeines Bootes folgten. Der Capitain der Katharina ſah auch mit un⸗ bemerkbaren Herzklopfen zwei kleine blaͤuliche Woͤlk⸗ chen, die ſich wirbelnd uͤber die Karonaden zogen, und von den noch feindlichen Geſinnungen dieſes ſonderbaren Fahrzeuges zeigten. Endlich legte Claudius Borromäus Martial an der Goelette an. Es geſchah, glaube ich, an einem Freitag des Monats Juli 18.. um 7 Uhr neunundzwan⸗ zig Minuten Morgens. — 0— In dem Augenblicke, als er ſich anſchickte, an Bord zu ſteigen, erſcholl ein ſtarker, ſcharfer, lang anhaltender Ton einer Pfeife; dieſe Schiffs⸗ hoͤflichkeit, die als Ehrenbezeigung immer die An⸗ kunft eines Mannes von Stande verkuͤndigt, be⸗ ruhigte unſern guten Capitain ein wenig. „Sie ſind doch nicht ſo ungeſchliffen, wie ſie ausſehenz« ſagte er, indem er ſich an dem Fall⸗ tau, welches man ihm hoͤflich herabgeworfen hatte, aufwand. Er langte auf dem Verdecke der Hyäne an— ſo hieß die Goelette. Dort hätte ſich Benoit ge⸗ wiß ohne den Hoͤflichkeitspfiff, waͤhrend er die Stricklaͤuter erkletterte, ſehr beſorgt gefuͤhlt, denn er konnte jetzt mit Muße die abſcheuliche Mann⸗ ſchaft betrachten. Welche Geſtalten, großer Gott! Es iſt wahr, die Mannſchaft der Katharina beſtand auch nicht aus lauter ſchuͤchternen Juͤng⸗ lingen, die ihre gute alte Mutter zum erſten Male verließen und ihren frommen Segen mit ſich nah⸗ men; die ſich bei der bloßen Erinnerung an ihre ehrwuͤrdigen weißen Haare die Augen trockneten, und ihr jeden Morgen mit Ehrfurcht und Freude die Hand kuͤßten, indem ſie ſagten: Guten Mor⸗ gen, Mutter! Sie hatten vor der Abfahrt wohl nicht Alle zu der Jungfrau, welche die armen Schiffer be⸗ ſchuͤtzt, ein heißes Gebet gemurmelt, und unbefan⸗ gen einen einfachen Blumenkranz an ihrem Al⸗ — — 86— tare aufgehaͤngt. Und wenn die Sonne Abends, hinter einer Decke von Purpur und Gold ver⸗ ſchwindend, das Meer in einen feurigen Ocean zu verwandeln ſchien, der das Schiff mit Glanz bedeckte, ſo hatten gewiß Wenige die Gewohnheit, auf dem Verdecke niederzuknien und ihre Stim⸗ men dankbar zu einer geiſtlichen Hymne zu ver⸗ einigen, deren ruͤhrende Worte mit der erhabenen Harmonie der Natur uͤbereinſtimmten. Es waren wohl auch nicht lauter keuſche Bil⸗ der, die ihrer feurigen Einbildungskraft laͤchelten, wenn ſie Abends, in ihren Haͤngematten ſich ſchau⸗ kelnd, einſchliefen. Gewiß, ſie hatten nicht die friſchen, roſigen, ju⸗ gendlichen Geſichter, nicht die reinen, offnen Stir⸗ nen, die ſich beim eiſten Anblick einer Frau mit gluhendem Roth uͤberziehen; nicht den ſchuͤchter⸗ nen Blick, der, von langen, ſeidenen Wimpern beſchattet, Jahren ſanft melancho⸗ liſch zu ſagen ſcheint:— Ol wie wuͤrde ich die Frau lieben, die mich nicht verſchmaͤhte; aber, mein Gott, welche Frau wird ſich meiner er⸗ barmen? Sie vielleicht? Armer Juͤngling! Wenn er nur wuͤßte!— Doch um wieder von Benoit's Schiffsvolk zu reden: ſo war es nicht; ſeine Matroſen zeigten ſich zuweilen als Gottesläſterer, zuweilen als Trunken⸗ bolde, zuweilen als Zänker, hatten zuweilen ſelbſt Atar⸗Gull. 1. 6 Mordluſt, waren zuweilen Spieler, zuweilen Diebe, den Negerinnen zuweilen nachſtellend, den Spanierin⸗ nen, den Indianerinnen, den Japaneſerinnen, den Amerikanerinnen, den Gaiterinnen, und ſelbſt den Namakinnen, den großen und kleinen, das hing von der Reiſe ab, die ſie machten. Aber, großer Gott! welch ein Unterſchied mit der Mannſchaft der Hyaͤne!— welche Menſchen! oder vielmehr, welche Dämonen! Häßlich, unreinlich, im höchſten Grade zerriſ⸗ ſen, mit Lumpen bedeckt, ſchwarz von Pulverdampf und Schmutz, verbrannt, kupfrig, narbig; mit langen Haaren und Barten, wuͤthenden hohlen Augen, langen Nägeln, und Fluͤchen! Spaͤßen! Den ehrlichen Benoit mußte eine Gaͤnſehaut dabei uͤberlaufen; denn trieb er, h in man will, auch einen kleinen Handel, den einige Leute miß⸗ billigen, ſo trieb er ihn doch auf ne ordentliche Weiſe, gewiſſenhaft, und uͤberh ſehr richtig bemerkte, trieb er d lonien wegen; denn, wenn es eine Colonie giebt, giebt es keinen Zucker, keinen Caffe, keinen In⸗ digo ꝛc. Solche Betrachtungen ſturmten in Menge auf den Capitain Benoit ein, als er ſich auf dem Verdecke der Hyäne befand. Das Verdeck ſelbſt hatte, ſo wie alle dieſe ab⸗ ſcheulichen Geſichter, einen eignen Ausdruck, eine eigenthuͤmliche Phyſiognomie. — 83— Hier lag ein verwirrtes, unordentliches Takel⸗ werk, da und dort lagen Waffen, damit man ſie immer zur Hand habe; ein feuchter, kothiger Boden hatte auf einigen Stellen große ſchwarzrothe Flecken, Kanonen zum Schießen bereit, aber mit Schmutz und Roſt bedeckt, und auf einigen Laffetten die⸗ ſelben ſchwarzrothen Flecken, mit von der Sonne vertrockneten, verhaͤrteten, haͤutigen Reſten vermiſcht, welche Benoit ſchaudernd als Feken von Menſchen⸗ fleiſch erkannte! Ach! da ſehnte er ſich nach dem weißen, rei⸗ nen, netten Verdecke ſeines Schiffes, nach ſeinem glatten, geregelten Takelwerke, nach den gruͤnen Jalouſien ſeiner kleinen Kajuͤte, nach ſeinen huͤbſchen kattunenen, buntgebluͤmten Gardinen, nach dem leichten Flor, der ſeine Haͤngematte beſchattete, auf der er ſo gut ſchlief— nach dem Glas Gyn, das er langſam in Geſellſchaft ſeines armen Simon ſchlurfte, indem er von Katharinen und Thomas plauderte, von ſeinen freundlichen Ausſichten, ſeinen beſcheidenen Wuͤnſchen und ſeiner Hoffnung, einen ſchoͤnen Herbſtabend ſeines Lebens im Schatten der Akazien, die er ſelbſt gepflanst hatte, zu beſchließen, von zwei oder drei Generationen kleiner Benoits umgeben. O! großer Gott, Montaigne hat wohl recht: Das Schickſal macht uns muͤrbe! „Du haſt lange genug geſchnaubt, ehe du dich entſchloſſen haſt, altes Meerſchwein,« redete ihn 6* 84— ein Einäugiger mit ſchauderhafter Miene anz der Verworfene war mit zerriſſenen Beinkleidern kaum bedeckt, ſein altes, ſchmieriges Hemde von rother Wolle war mit einem Stricke umguͤrtet, durch welches die Schneide eines großen Meſſers mit hoͤlzernem Griff geſteckt war. Benoit nahm ſeine Wuͤrde und ſeinen Muth zuſammen, und antwortete mit Ruhe:„Ihr hattet ſechzehn Kanonen und ie eine; Henker, auf dieſe Weiſe iſt es leicht, ffe anzuhalten.« vDeshalb, Dickwan nuß auch gerade ſteuern; denn das Rech imerer ouf der Seite der Kanonen, und du ſie ſt, ob wir vernuͤnftig ſind.« So ſprach er, indem er darauf hindeutete, daß das Caſtell gut geſpickt war. vAber,« verſetzte Benoit mit Ungeduld,»Ihr habt mich angehalten; was wollt Ihr von mir? Ich verliere den Wind! Werdet Ihr mich noch lange ſo zum Narren haben 24 Darauf kann der Commandant allein ant⸗ worten; beruhige dich indeſſen, und nage an dei⸗ nem Kabeltau; das wird dich abhalten, mit den Zaͤhnen zu knirſchen.« »Der Commandant! So, Ihr habt hier alſo einen Commandanten? Das muß ein ſchmucker Junge ſein!4 rief Benoit vorlaut mit veraͤchtlicher Miene. — 85— „Halt's Maul, altes Aas, oder ich reiße dir die Zunge aus, und werfe ſie den Haifiſchen vorl« Hoͤlle und Teufel!« ſchrie der ungluͤckliche Capitain; vgenug, was wollt Ihr von mir?— Wollt Ihr Waſſer, wollt Ihr Lebensmittel*4 „Waſſer und Lebensmittel? gebt immerhin Waſſer und Lebensmittel, ſogar Rum, das kann nicht ſchaden.« „Nun, ſo ſagt es gleich heraus— ohe!— du, Johann Ludwig,« ſchrie Benoit einem ſeiner Matroſen zu: Slege um, und hole in der Jolle— 4 „Du,« ſchrie der Einäugige dem eilenden Ma⸗ troſen zu,„du, Johann Ludwig, wenn du Miene machſt, abzuſtoßen, ſo ſchicke ich dir zwei Kugeln auf den Pelz!« „O! verdammter Saͤgefiſch! Ihr wollt alſo weder Waſſer noch Lebensmittel?« Altes Vieh! wir werden ſchon Alles von dei⸗ nem Bord ſelbſt abholen.« „Ich raſe— 4 ſagte Benoit. „Was ich dir ſage! Du ſollſt es ſehen, und noch dazu ohne dich.« Der Capitain der Katharina blinzte mit den Augen, anſtatt zu antworten, blies ſeine linke Backe auf, hielt die Zunge daran und ſchlug leicht mit der Spitze ſeines Zeigefingers auf die ſo gemachte Erhoͤhung. Dieſe, wie uns duͤnkt, ſehr unſchuldige Panto⸗ mime ſchien aber dem einaͤugigen Schuft eine Be⸗ — leidigung, denn mit der flachen, breiten Hand, die ſchwarz und haarig war, warf er den armen Be⸗ noit auf das Verdeck nieder, ausrufend: „Was, haͤltſt du den Einaͤugigen fuͤr einen Schiffsjungen?— Hoͤrt, bindet mir dieſes Vieh!e Das geſchah ſogleich, trotz Benoits Schreien und Toben. Seine Matroſen wurden von dem Ein⸗ aͤugigen und ſeiner artigen Mannſchaft in Reſpect gehalten. Ein abſcheulicher, dicker, krauſer Kopf kam aus der Luke hervor, und rief:„Einaͤugiger, Einaͤugi⸗ ger! der Commandant fragt, was das auf dem Verdecke fuͤr eine Wirthſchaft iſt?« „Wir bringen das alte Krokodill, das die Brigg ſteuert, zum Schweigen.« Der dicke Kopf verſchwand; bald aber kam er wieder zum Vorſchein. »Hel« rief der abſcheuliche Schiffsjunge, vhe! Einaͤugiger, der Commandant befiehlt, daß man ihm den Patron bringe.« Der chrliche Benoit wurde ohne Umſtaͤnde her⸗ untergeſchleppt, und befand ſich vor einer kleinen Thuͤre, die zu dem Herrn und Commandanten der Hyaͤne fuͤhrte. Da hoͤrte der Ungluͤckliche eine Stimme, ach, eine Donnerſtimme, welche heulte: vSchneidet ihn wie eine Waſſermelone mitten durch, den alten Lump, wenn er ſich widerſett. Ah, man hat ihn gebracht!— Nunn, ſchleppt ihn mir herein, und ich will das Weiße ſeiner Augen ſehen.« 1 Claudius Martial Borromaͤus dachte an ſeine Katharine, ſeinen Thomas, knöpfte ſeine Jacke zu, fuhr mit der Hand durch ſein graues Haar, hu⸗ ſtete zwei Mal, ſchnaubte ſich— Er trat ein. Siebentes Capitel. Meiſter Brulart. Vielleicht, meine Herren, wiſſen Sie nicht, was der Pfahl iſt?— Jules Janin.— Der todte Eſel. Ich bebte und glaubte, meine letzte Stunde wäre gekommen. P. Merimse.— Die Einnahme der Schreckſchanze. Wahrlich, er iſt es werth, die Hyaͤne und ihre ſcheußliche Mannſchaft zu befehligen! Das war der erſte Gedanke Benoit's, als er ihm gegenuͤber ſtand. Denkt Euch einen Mann von athletiſcher Ge⸗ ſtalt; ein blaſſes, bleifarbiges Geſicht, faltige Stirn, lange, duͤnne Naſe, dicke, rabenſchwarze Augenbrauen, hellblaue, glaſige Augen, deren Blick kaum zu ertragen warz ein breites, eckiges Kinn⸗ hohle Backen; ſtarken, nicht allzu langen Bart; — 6— blaſſe, duͤnne Lippen, die ſich faſt immer krampf⸗ haft zitternd bewegten und zwei Reihen der ſchon⸗ ſten Zaͤhne zeigten. Seine ganze Kleidung beſtand in einem gro⸗ ben, abgenutzten blauen Hemde, gewoͤhnlich mit einem Strick um die Huͤften gegurtet; daher konnte Benoit nach Belieben die ungeheure Staͤrke der braunen, rauchen muskuloͤſen Glieder bewundern. Nur ſeine Haͤnde, ſo ſchwarz und ſchmutzig ſie auch waren, zeigten durch ihre ſchlanke und zarte Form, daß der Mann nicht von gemeiner Ab⸗ kunft war. Der Commandant Brulart— denn er hatte einen Namen und nannte ſich Brulart— man ſagt ſogar, es ſei ein alter Name, ein geſchicht⸗ licher Name, welcher ſchon unter Franz I. beruͤhmt war, und mehr als einmal die Feldherren Karls V. zittern machte. Was mich anbetrifft, ſo glaube ich ſolche Sagen nie;— ſoviel iſt jedoch gewiß, daß Herr Brulart auf einem alten Koffer ſaß, und daß vor ihm ein kleiner unreinlicher Tiſch ſtand, auf welchen er ſich ſtuͤtzte, als er Benoit eintreten ſah. Alſo, den Kopf in beiden Haͤnden, die Ellen⸗ bogen auf dem Tiſche, den hellen durchdringenden Blick auf unſern Freund gerichtet, ſchickte er ſich zur Unterredung an. Benoit, der ihn der Muͤhe des Anfangens überheben wollte, nahm mit Wuͤrde das Wort: 68* »Werde ich endlich erfahren, warum—4 doch unterbrach ihn Brulart's ſtarke Stimme: „Warum Hund, antworte du ſelbſt,— warum haſt du ſo lange gezoͤgert, bis du deinen „ Seedrachen beilegteſt 24 Bei dieſen Worten faͤrbte ſich Herrn Benoit's Stirn in gerechtem, lebhaftem Unwillen; vielleicht haͤtte eine ihm perſoͤnlich zugefuͤgte Beleidigung ihn wenig geruͤhrt, doch ſein Schiff beſchimpfen — ſeine Katharina! ſein ſchönes Schiff einen See⸗ drachen nennen!— das war mehr, als er ertra⸗ * gen konnte; auch verſetzte er mit Heftigkeit:»Mein Schiff iſt kein Seedrache, hoͤrt Ihr das, Grobian! und waͤre mein Maſt nicht ſo ſchwer, ſo wollte ich Euerm Fahrzeuge manches Segel vorgeben.« Brulart machte mit ſeinem fuͤrchterlichen Ge⸗ laͤchter die Goelette zittern, und ſetzte, ohne ſeine Stellung zu veraͤndern, hinzu:„Du verdienſt, altes entmaſtetes Gerippe, daß ich dich an eine Logleine binden laſſe, und dich ſo ins Meer ſchleudere, da⸗ mit dich meine Goelette nachſchleppe; ſo koͤnnteſt du am beſten beurtheilen, wie ſchnell ſie geht, aber ich ſpare dir etwas Beſſeres auf— ja, mein Alter, noch etwas Beſſeres« ſagte Brulart, als er Be⸗ noit's erſtaunte Miene ſah.„ Aber es iſt noch nicht Zeit dazu; jetzt ſage mir, wo kommſt du her?4* vIch komme von der afrikaniſchen Kuͤſte, ich treibe Sklavenhandel, ich habe bereits meine Ladung, und gehe nach Jamaika, meine Schwarzen zu ver⸗ kaufen. 4 vDas wußte ich Alles beſſer, als du; ich fragte dich nur, um zu ſehen, ob du luͤgſt.« „Ihr wußtet es 2 4 „Ich folge dir ſeit Goree.« „Alſo Ihr waret es, den ich vor dem Sturme ſah— in dem Nebel— 4 vEin wenig; ſo ſchlage ein, Gevatter, willkom⸗ men!l« ſagte Brulart— indem er die Hand aus ſeinem dicken ſchwarzen Haare zog— vaha! wir treiben Sklavenhandel! auch ich— nun das freut mich.« „Ich dachte es wohl, daß wir uns verſtehen wuͤrdenz« ſagte Benoit, etwas beruhigt durch die Gleichheit des Gewerbes. Doch ſage, wo haſt du deine Schwarzen her⸗ geholt? der Sturm trennte uns, und ich fand dich erſt dieſe Nacht wieder.« Von der Kuͤſte, bei der Muͤndung des Fiſch⸗ fluſſes; ein Anfuͤhrer des Kraals der großen Na⸗ maken hat ſie mir verkauft; es iſt ein Theil der Beute, die er im Kriege mit den kleinen Namaken machte.« vSo! wirklich? 4 Mein Gott, ja; und ich hatte ſogar den Plan, wenn ich nicht meine volle Ladung gefunden haͤtte, bis zum rothen Fluſſe hinabzufahren, der ungefaͤhr 30 Meilen ſuͤdlich vom Fiſchfluſſe liegt.« —— vWeshalb? 4 vum meine Ladung mit großen Namaken voll zu machen, denn ſie haben auf beiden Seiten Ge⸗ fangene; die großen Namaken verkaufen die kleinen, und die kleinen Namaken freſſen die großen auf, wenn ſie ſie fangen „So! ſie freſſen ſie auf!« Sie freſſen ſie, daß es eine Luſt iſt!« ant⸗ wortete Benoit ganz treuherzig, indem er etwas munterer wurde.„Daher ſeht Ihr, Commandant, da ſie ſie freſſen, werden ſie ſie wohl auch verkau⸗ fen, und noch dazu wohlfeil; ich zeige Euch einen unbekannten vortrefflichen Winkel, wo Ihr einkau⸗ fen koͤnnt.« „HO! ich nehme meine Ladungen Schwarzer anderwaͤrts; das iſt eine Sache fuͤr ſich, eine Art Leibrente, die ich zinsfrei mache— 4 »Ohale rief Benoit, ſeine kleinen Augen weit aufſperrend; veine Tontine— kann ich auch Theil daran nehmen?4 Ei, mein Freund, das thuſt du ſchon!« vSchon?— 4 „Ja wohl; doch ſage, Freund, wann haſt du den Fiſchfluß verlaſſen?« Geſtern Abend— doch die Tontine— 6 „Gut; wie weit ſchaͤtzeſt du dich entfernt vom Fluſſe? 4 vungefaͤhr zwanzig Meilen weit— aber die Tontine, die— 24 92 vUnd du weißt es gewiß, daß die kleinen Namaken vom rothen Fluſſe große Namaken zu Gefangenen gemacht haben?4 „Gewiß, ganz gewiß; der Anfuͤhrer Taroo hat es mir ſelbſt geſagt. Ihr ſeht, Commandant, ich verſtehe mein Fach. Jedoch Alles, was ich ſonſt fuͤr Euch thun kann, iſt, daß ich Euch ſechs Tonnen Waſſer und zwei Faͤßchen mit Zwieback gebe; Ihr werdet es ſelbſt einſehen, da ich, außer zwanzig Perſonen meiner Mannſchaft, noch faſt achtzig Schwarze an Bord habe, daß ich Euch viel gebe. — So wahr meine Frau Katharine heißt, ich laſſe mir fuͤr Euch zur Ader!« „Richtig l« verſetzte Brulart mit einem eignen Lachen. MNicht einen Pfifferling mehr kann ich geben, 4 fuͤgte Benoit mit Beſtimmtheit hinzu. vUnd dennoch ſchwoͤre ich dir, ich, bei allen Ribben, die ich ſchon zerbrach— 4 ſchrie Brulart, und erhob ſeinen Kopf aus den Haͤnden; „Bei allen Schaͤdeln, die ich ſchon ſpaltete—« Und er richtete ſich auf; „Bei allen Kehlen, die ich ſchon abſchnitt— 4 Und er ging auf Benoit zu; „Bei allen Schiffen, die ich ſchon pluͤnderte— 4 Und er ſah dem ungluͤcklichen Capitain ſcharf in die Augen; vbei alle dem ſchwoͤre ich dir, daß du viel mehr fuͤr mich thun wirſt, du Herr mit den großen Namaken.« „Koͤnnteſt du mich verrathen 24 fragte Benoit, bleich wie der Tod. »Ob— ich— dich— ver— rathe?— 4 Und kaum hatte Brulart dieſe Sylben geendet, die er ganz beſonders dehnte, als er ein mephiſto⸗ pheliſches, oder noch beſſer ein wahres Hyaͤnen⸗ gelaͤchter erſchallen ließ. vHa, Lumpenkerl, hundsfottiſcher Seeraͤuber!« ſchrie der ehrliche Benoit, und ſprang ihm nach der Gurgel. Brulart faßte ſeine beiden Arme mit eherner Fauſt, während er mit der andern Hand den Strick loͤſte, der ihm als Guͤrtel diente, und in wenigen Augenblicken war Benvit ſo feſt gebunden, daß er auch nicht die geringſte Bewegung machen konnte; hierauf legte ihn Brulart quer uͤber ſeine große Kiſte, indem er ihm zurief:„Nun wollen wir gleich lachen, Gevatter.« Er ſtieg auf das Deck, von den Fluͤchen, dem Geheul des ungluͤcklichen Benoit begleitet, der auf der Kiſte wie ein Fiſch auf dem Sande zappelte. Achtes Kapitel. Arthur und Marie. „O“— rief ihr der Sterbende zu;„o! meine Anna, ſchneide die Locken meiner kangen Haare ab, die den dei⸗ nen gleichen.“ „So kann ich,“ ſagte das ſanfte Mädchen leiſe zu ſich ſelbſt,„meinen Anbetern Ringe ſchenken, ohne mein eignes Haar zu berauben.“—„Mein Geliebter,“ ver⸗ ſeßte ſie dann laut, ich ſchwöre es dir, ſie follen mir in mein ſchon geöffnetes Grab folgen.“ Eine Zähre glänzte in dem erlöſchenden Auge des Sterbenden. Geſchichtlich.) Um ein fur alle Mal die wahren oder falſchen Geruchte uͤber Brulart zu enden, fuͤhren wir hier Thatſachen an, welche auf die Geſchichte ſeines Lebens nur in dem Sinne ſich beziehen, als der 6 Held der Begebenheit denſelben alten geſchichtlichen Namen fuͤhrt, der ſchon unter Franz I. beruͤhmt war, und womit man Brulart beehrte, wie ſchon, bemerkt worden. Der Graf von*** hatte, kaum ſiebenund⸗ zwanzig Jahre alt, ſchon einen ziemlich ſturmiſchen Lebenswandel gefuͤhrt; von der Natur mit außer⸗ ordentlichen phyſiſchen und geiſtigen Kraften begabt, hatte er, wie jung er auch war, durch heftige Leiden⸗ ſchaften und durch Ausſchweifungen ſein anſehnliches vaͤterliches Erbe ſchon bedeutend vermindert. Zufaͤllig ſah er in der vornehmen Welt, die er wenig aufſuchte, ein wunderſchoͤnes junges Mäd⸗ chen, das aber kein Vermoͤgen beſaß. Und wieder zufaͤllig verliebte er ſich leidenſchaft⸗ lich in ſie; es war ſeine erſte wahre Liebe. Die erſte Liebe eines Wuͤſtlings iſt, wie man weiß, eine wahnſinnige Leidenſchaft, die heftigſte, die man ſich denken kann. Dem wunderſchoͤnen Maͤdchen gefiel dieſe wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft; da ſie jedoch eben ſo anſtaͤndig als ſchoͤn war, und da ihre Tante, welche ſie er⸗ zogen, ſich vier Mal verheirathet, und dabei natuͤr⸗ licherweiſe Gelegenheit genug gefunden hatte, ſehr große Erfahrungen einzuſammeln, ſo geſtattete man vor der prieſterlichen Einſegnung weder Kuß noch Haͤndedruck. Der Graf von*** hatte an Marie— ſo hieß das wunderſchoͤne Maͤdchen— heißes Blut, uͤber⸗ ſpannte Begriffe, und uͤberhaupt einen entſchiedenen Hang zum Lebensgenuß bemerkt, welche, um ſich vollkommen zu entwickeln, nur den Beſitz eines glaͤnzenden Vermoͤgens erwarteten. Bevor ſie den Ehecontract unterſchrieben, ſagte er ihr ungefähr folgende Worte: Marie, ich beſitze Fehler, Laſter, wohl gar laͤcherliche Seiten— 6 2 — Das junge Maͤdchen lachte, indem es zwei Reihen kleiner weißer Perlen ſehen ließ. »Marie, ich bin heftig, aufbrauſend, ein Haͤn⸗ delmacher, und bis jetzt war ich eben ſo ungluͤcklich im Duelle wie in der Liebe— 4 Das junge Madchen ſeufzte, indem ſie ihn mitleidig ruͤhrend anblickte. Mit welchen Augen! — wie kleideten die Seufzer dieſen jungfraͤulichen Buſen! »Marie, ich hatte viel Geld, ſehr viel Geld; aber Pferde, Hunde, die Tafel und Weiber haben einen großen Theil davon aufgezehrt— 4 Das junge Maͤdchen lächelte gleichguͤltig, in⸗ dem es die ſchoͤnen runden Achſeln zuckte. „Marie, es bleiben mir, wie ich glaube, nur noch dreimalhundert und einige tauſend Franes; du biſt neunzehn Jahre alt, wirſt ganz neue Ein⸗ druͤcke empfangen; das Leben in der großen Welt iſt etwas Neues fuͤr dich; der Luxus, die Ver⸗ 5 gnuͤgungen, der betaͤubende Strudel einer großen Stadt iſt dir noch unbekannt; es iſt natuͤrlich, daß dich die Genuſſe reizen werden. Ich habe, deine Wuͤnſche zu befriedigen, wenig Gel und viele Fehler,— und dennoch willſt bu mich: Das junge Mädchen hielt ihm mit ſeiner klei⸗ nen runden Hand den Mund zu. Der Graf von*** heirathete ſie; ſeine Freunde lachten ſehr daruͤber. Die Graͤfin, bis dahin kalt und zuruͤckhaltend, uͤberließ ſich dem ganzen Wahn⸗ ſinn einer erſten Leidenſchaft; bruͤnett, jung, feurig, ſympathiſirte ſie bald mit der gluͤhenden Seele, dem heftigen Charakter ihres Gemahls. Seltſam genug, der Beſitz ſchwaͤchte ihre Trunkenheit nicht, und jeder Tag uͤberbot den vorhergehenden an Vergnuͤ⸗ gungen. Der Graf beſaß, wie geſagt, bei ſeiner Ver⸗ heirathung noch die ganz huͤbſche runde Summe von hunderttauſend Thalern, obgleich ſein Vermoͤgen ziemlich geſchmolzen war. Doch da der Graf ſein Idol anbetete, ſo ſtrahlte dieſer Abgott von Edel⸗ ſteinen. Marie war nur in Atlas und Cachemir gehullt, und nie wagte ſich der niedliche Fuß auf das harte Straßenpflaſter oder in den Staub der Spaziergaͤnge hinaus. So ſchmolz das ungluͤckliche Erbtheil ſichtlich zuſammen. Einſt— vier Monate nach ihrer Verheirathung, es war gegen drei Uhr Nachmittags, und der Graf war Tags zuvor von einem kleinen Ausfluge nach Hauſe zuruͤckgekehrt— lagen Beide, ſchoͤn in ihren blaſſen, abgeſpannten Zuͤgen, auf dem Ruhebette. „Arthur,« ſagte Marie, indem ſie ihr langes, ſeidenes, ſchwarzes Haar mit ihren etwas mager gewordenen weißen Fingern ordnete; vArthur, nur noch einen Monat in dieſem Gluͤcke— und dann ſterben; dann, mein Engel, haben wir alle Genuͤſſe erſchoͤpft, von der ſußen Schwaͤrmerei an bis zum erſchütternden convulſiviſchen Krampfe; in benei⸗ Atar⸗Gull. I. 5 —— denswerthem Wohlleben hat ſich unſere Trunkenheit immer neu geſtaltet; wir ſind zu gluͤcklich— ſo kann es unmoͤglich bleiben— laß uns der Stunde der Reue, die vielleicht nahe iſt, zuvorkommen! Willſt du? rede, Geliebter, wollen wir bald zu⸗ ſammen ſterben?— ein gluͤhendes Kohlenbecken, Weihrauch duftend, Mund feſt an Mund, ſo ent⸗ ſchlafen wir vereint in unſerer gewohnten Umar⸗ mung— 4 Das liebliche Geſchöpf, den Kopf in ihren Händ⸗ chen haltend, die Gruͤbchen der Ellenbogen auf die reichen Kanten des Kopfkiſſens geſtuͤtzt, heftete ihre großen ſchwaͤrmeriſchen Augen auf das bleiche Ant⸗ litz ihres Gatten. Arthur richtete ſich mit ſeinem ganzen Oberleibe in die Höͤhe, ſein Blick flammte, und ein unglaub⸗ licher Ausdruck des Staunens und der Freude ſtrahl⸗ ten auf ſeiner Stirne;— er war in eine ent⸗ zuͤckende Seligkeit verſunken— dieſen Gedanken hatte auch er ſchon gehabt, vor fuͤnf Tagen ſchon, denn eigentlich hatte er ſchon mit zwanzig Jahren Alles genoſſen, was man mit einem kraͤftigen Koͤr⸗ per, einer vulkaniſch brennenden Einbildungskraft und Tonnen Goldes nur genießen kann;— die Leidenſchaft, die er fur ſeine Frau empfand, ſchien alle ſeine fruͤhern Leidenſchaften zu vereinen, denn er liebte ſie wie vormals die Pferde, Hunde, das Spiel, den Wein und die Operntaͤnzerinnen oder andere Dirnen. Auch war das elende Vermögen ſo herabgeſun⸗ ken, daß man der allergroͤßten Noth entgegenſah. Ebenſo war der ſchoͤne Einklang verſchwunden, der bis jetzt zwiſchen Wollen und Koͤnnen herrſchte — wie die Scudery geſagt haben wuͤrde;— was hatte er alſo beklagen koͤnnen? Arthur antwortete daher auch nichts. Es giebt Eindrucke, von welchen keine menſchliche Sprache im Stande iſt, Rechenſchaft abzulegen;— zwei große Zaͤhren rollten uͤber ſeine welken Wangen— das war ſeine ganze Antwort. Mariens Ergebung hatte einen ſo unbegreiflichen Einfluß auf dieſe energiſche Natur, daß ſie fur einige Zeit zu einer unerhorten, faſt ubernaturlichen Hoͤhe geſteigert ward; ich muß jedoch geſtehen, daß dieſer magiſche Einfluß ſich dennoch nicht bis auf ſein Vermogen erſtreckte, denn vierzehn Tage nachher war es verſchwunden! o! ganz und gar dahin— und er— guͤtiger Gott! at h vAlſo heute,« ſagte Marie, die, obgleich etwas ſchmaͤchtig, doch noch immer ſchoͤn war; vor ihrer Heirath war ſie faſt ſtark zu nennen, ſie hatte Farbe— „Dieſen Abend— 4 antwortete er zaͤrtlich. „Haſt du geſchrieben?— 4 fragte ſie. vSei ruhig, liebe gute Marie, man ſoll Nie⸗ mand in Verdacht habenz« ſo langten ſie ruhig, ſogar froͤhlich im Geholze von Ville⸗d'Avray an, denn ſie hatten den Plan des Erſtickens aufgege⸗ 7. ben; das iſt gar zu gewohnlich, da man durch ein gutes, raſch wie der Blitz wirkendes Gift, im an⸗ genehmen kuͤhlen Schatten ſitzend, die Welt ver⸗ laſſen kann; es war gerade im Juli.« vDas iſt kein Weib, das iſt ein Engel,« rief Arthur, als er Marie ganz gluͤcklich, laͤchelnd, ein kleines Flaͤſchchen von duͤnnem, leicht zerbrechlichem Glaſe oͤffnen ſah, welches mit einer ſmaragdgruͤnen Fluͤſſigkeit gefuͤllt war. Sie ſtreckten ſich Beide unter einer alten dick belaubten Eiche hin, die einſam ſtand; die Luft war ſchwuͤl, der Himmel klar, die Sonne im Un⸗ tergehen. vSprich, mein Angebeteter, wie wir dieſen herr⸗ lichen, erloͤſenden Trank theilen wollen 4 ſagte die junge Frau, indem ſie ihren weißen, runden Arm um den Nacken ihres Gatten ſchlang, ihn auf die Stirn kuͤſſend. vIch weiß nicht, mein Engel,« antwortete gleichguͤltig Arthur; an ihrem Buſen ruhend, zaͤhlte er unter ſeinen Lippen die Schlaͤge ihres Herzens. »So hoͤre l« verſetzte ſie mit einem in Leiden⸗ ſchaft brennenden Blicke, indem ein wollͤſtiger Schauer ihr ganzes Weſen zu durchzucken ſchien, vhore, mein Arthur, was ich dir vorſchlage; laß uns Beide dieſes duͤnne Glas in den Mund neh⸗ men— und wir zerbrechen es mitten in dem Ent⸗ zucken eines Kuſſes— du weißt wohl— 6 — 101— .»„Ja, ganz recht— komm— komm her— 6 rief Arthur. Die Sonne ging unter. Den folgenden Tag erwachte der Graf bei ein⸗ brechender Nacht wie aus einem fuͤrchterlichen Trau⸗ me, die Zunge roh und trocken, der Hals brennend; die Pulsadern klopften, als wollten ſie ihm den Schädel ſprengen. Er befand ſich auf demſelben Platze wie Tages zuvor. Er fuhlte ſeine Eingeweide durch tauſend Stiche zerriſſen. Da fing er an, ſich zu winden, zu ſchreien, er biß in die Erde, denn er fuͤhlte die entſetzlichſten Schmerzen. In einem kurzen ruhigen Moment ſuchte er mit Todesangſt nach Mariens Leichnam.— Er war fort.— Die heftigſten Schmerzen kamen wieder, er wand ſich aufs Neue, er heulte und ſchrie ſo heftig⸗ daß ein Forſter es zufällig hörte, ihm aufhalf⸗ und ihn mit ſich nach Hauſe nahm, wo er ihn wie einen eignen Sohn pflegte. Die unglaublich ſtarke Natur des Grafen widerſtand dieſem heftigen Stoße, und nach vierzehn Tagen befand er ſich faſt außer Gefahr. Aber was war aus Marien geworden? Das konnte er nicht erfahren. Eines Morgens brachte der ehrliche Forſtmann ſeine kleine Rechnung fuͤr die dem gnaͤdigen Herrn geleiſteten Dienſte,— welche die Menſchenliebe des uneigennuͤtzigen Wirths auf zehn Francs täglich anſetzte,— er brachte auch, ſeinen Gaſt zu zer⸗ ſtreuen, eine Nummer des Journal de Paris. Der Graf fing an zu leſen, und ſein Geſicht bekam einen ſeltſamen Ausdruck. »Zweihundert Francs Belohnung Demjenigen, der bei Herrn M***, Straße***, ein großes weißes Windſpiel zuruͤckbringt; es hat gelbgefleckte Ohren, iſt ſehr boͤs und beißig, und heißt Vair⸗ daw.« Das war es doch nicht, was den Grafen ſeine Zaͤhne mit ſolcher Heftigkeit zuſammenbeißen ließ, daß ſie knirſchten?— weiter: »Ein gewiſſer Chavard wurde zu fuͤnffaͤhriger Zwangsarbeit und Brandmarkung verurtheilt, weil er naͤchtlicherweiſe, durch Einbruch mit bewaffneter Hand, Kohlköpfe und ein weißes Kaninchen geſtoh⸗ len hat; weil jedoch Chavard vor dieſem Verbrechen in gutem Rufe ſtand, da er Witwer, Vater von ſechs kleinen Kindern iſt, und ſich von ſeiner Haͤnde Arbeit ernaͤhrte, welche er bei einem Banquier ver⸗ lor, der Millionair iſt und ſich jetzt der neuerfun⸗ denen Dampfmaſchine bedient, ſo wurde ihm, dieſer Umſtaͤnde wegen, die Brandmarkung erlaſſen ꝛc. 4 Dieſes Zeichen einer ſehr fortgeſchrittenen Civi⸗ liſation war auch nicht der Grund, warum der Graf erbleichte und ſeine blutrothen Augen in ihren Hohlen rollte; alſo war es etwas Anderes, und ich glaube, wir haben es hier: Seit etwa vierzehn Tagen iſt der Graf Arthur v.** aus ſeiner Wohnung entwichen; man hat allen Grund zu glauben, daß er ſeinem Leben durch 3 einen Selbſtmord ein Ende machte, und daß Zer⸗ ruttung ſeines Vermoͤgens und haͤuslicher Kummer ihn zu dieſem Aeußerſten getrieben; dieſe Vermu⸗ thung wird um ſo wahrſcheinlicher, da man ver⸗ ſichert, daß die Frau Graͤfin von** Tages zuvor, oder an demſelben Tage, da ihr Gemahl verſchwun⸗ den, in Begleitung eines reichen Herrn verreiſt, und dem Vernehmen nach den Weg nach Mar⸗ ſeille eingeſchlagen hat.« Das war es ſicher, was den Grafen ſchaudern machte, und ihn dann ohne Beſinnung auf ſein Lager warf. Waͤhrend dieſer ſchmerzlichen Ohn⸗ macht, die ihn ſchwer wie der Alp in einer heißen Sommernacht druckte, glaubte er ſchaudererregende, phantaſtiſche Geſtalten zu ſehen, deren gegenſeitiges Naͤhern eine eigene Bedeutung zu haben ſchien, gleich als waͤren ſie beſeelte Zeichen einer unbekann⸗ ten Sprache. Und er las die folgenden Worte, welche fun⸗ kenſpruͤhend ſich raſch drehten, ſchnell wie das Rad einer Muͤhle: „Eine junge ſchoͤne Frau entſagt dem Aufwande und dem Vergnuͤgen nie,— beſonders nicht, um ſich ums Leben zu bringen— ſie hat dich zum Beſten gehabt, du Narr— ſie liebte dein Gold, als du welches hatteſt— ſie liebte deine Jugend und Schoͤnheit, als du jung und ſchoͤn warſt.— Die Frucht iſt ausgedruͤckt, ſie wirft die Schale weg— ſie liebt einen Andern, der Gold hat, wie du es beſaßeſt, der ſchon iſt, wie du ſchoͤn warſt — ſie wollte dich los ſein— ſie rechnete erſt auf deine einfaͤltige Ueberſpannung— und dann auf deinen Untergang— auf ihre Kaltbluͤtigkeit und Schlauheit, waͤhrend du dich deinem letzten wahn⸗ ſinnigen, krampfhaften Entzuͤcken uberließeſt— und ſie lacht dich nun aus mit ihrem Geliebten— mit ihrem Geliebten— ihrem Geliebten— denn ſie haͤlt dich fuͤr todt— todt— todt— 4 Hier erwachte der Graf wieder zu voͤlliger Be⸗ ſinnung, richtete ſich mit Entſetzen, unbeweglich an allen Gliedern, gewaltig in die Hoͤhe, um dann wieder mit ſchaͤumendem Munde, großen, weit offe⸗ nen, ſtieren Augen quer uͤbers Bett zu fallen; er war faſt ohne Pulsſchlag und roͤchelte dumpf.— Und ſo war es wieder der gute Foͤrſter, der ihn aus dieſer neuen Kriſe rettete, der ihn mit neuer Sorgfalt uͤberhaͤufte, mit Theilnahme und Anhaͤnglichkeit, und nur zehn Francs den Tag gerechnet. Als der Graf wieder aufſtehen und gehen konnte, gab er ihm einen Brillant zum Verkauf, bezahlte ihn und entfloh. Seitdem hat der gute Forſtmann nie wieder von ihm reden hoͤren. Haͤtte er jedoch die Zeitung von Marſeille geleſen, waͤre ihm viel⸗ leicht folgender Artikel aufgefallen: Eine entſetzliche Miſſethat verſetzt unſere ganze Stadt in große Beſtuͤrzung. Vor einiger Zeit war die verwitwete Frau Graͤfin von*** mit einem 3 — 105— Verwandten unſeres Erzbiſchofs, Herrn von**, hier angekommen. Dieſe Dame reiſte angeblich ihrer Geſundheit wegen, und lebte hier in der hoͤchſten Geſellſchaft. Geſtern bei Sonnenuntergang hoͤrte man ein entſetzliches Schreien in den Zimmern der Frau Graͤfin, welche am Hafen, im Hotel der Geſandtin wohnt. Man erbrach die Thuͤr, und fand die Graͤfin von vielen Dolchſtichen verwundet, in ihrem Blute ſchwimmend; ſie konnte ihrem Reiſegefaͤhrten nur noch die Worte zuſtammeln: vIch hielt ihn fuͤr todt, aber er lebt— er hat mich ermordet— fuͤrchte Alles von ihm— ich liebte nur Dich— Liebe«—— Hier verſchied ſie.— Ihre Beerdigung fand dieſen Morgen Statt; man ſucht den Moͤrder uͤberall auf, welcher, wie man ſagt, der Gemahl der Dame iſt, Graf Ar⸗ thur v.***, den man todt glaubte; doch hegt man wenig Hoffnung, ihn zu entdecken, da mehrere Zeugen vorgeſtern Abend, gleich nach geſchehenem Morde, einen Mann geſehen haben wollen, der ſehr ſchnell dem Hafen zueilte, und man weiß, daß denſelben Abend ein Schiff mit ſardiniſcher Flagge unter Segel ging. Sehr ſtarke Vermuthungen ſprechen auch dafüͤr, daß dies Ungeheuer aus Eifer⸗ ſucht ſein Leben in den Wellen beſchloſſen habez der Steckbrief, der am Rathhauſe angeſchlagen iſt, lautet: Fuͤnf Fuß zehn Zoll groß— ſehr mager — langes, blaſſes Geſicht— ſchwarze Augenbrauen, ſchwarzer Bart, ſchwarzes Haar, ſehr hellblaue Au⸗ — 106— gen— weiße Zähne— breites Kinn— mit einem gruͤnen Oberrocke und einem runden Hut bekleidet.« Wir haͤtten unſere Leſer mit ſo langen Aus⸗ zuͤgen aus Zeitungen verſchonen koͤnnen, wenn uns nicht, wie wir bereits ſagten, das Zuſammentreffen der Namen aufgefallen waͤre. Obgleich der Steckbrief in vielen Punkten der des Commandanten Brulart ſein koͤnnte, und um ſo mehr, da bereits ſeit dieſer Begebenheit zehn Jahre verſtrichen ſind, und das Alter des Grafen Arthur v.***, wenn er lebte, ganz daſſelbe von Brulart waͤre, der, wie ich glaube, jetzt in ſeinem ſiebenunddreißigſten Jahre ſteht; wagen wir gleich⸗ wohl nicht, etwas Beſtimmtes daruͤber auszuſpre⸗ chen, ſondern wir uͤberlaſſen dem Scharfblicke des Leſers die Muͤhe, ſich ſelbſt daruber aufzuklaͤren. Doch ſo viel wiſſen wir gewiß, daß Brulart— Graf oder nicht— auf das Deck des Schiffes ſtieg, und den ehrlichen Benoit auf der großen Kiſte nach Herzensluſt zappeln und fluchen ließ. * ——. — Neuntes Kapitel. Geh beim Fackelſchein der Hoffnung Bis zum Todesſchatten, Verſichert, daß meine Vorſehung Deinen Schritten keine Schlinge legt; * Jede Morgenröthe rechtfertigt ſie, Das Weltall vertraut ihr, Und der Menſch allein hat daran gezweifelt; Aber meine väterliche Rache Wird den ungläubigen Zweifel In den Abgrund meiner Güte ſchleudern. v. Lamartine, Meditationen VIII. Als Herr Brulart auf dem Verdecke der Hyäne erſchien, war mit einem Male wie durch einen Zauberſchlag Alles ſtill; und wahrlich, war dieſer Menſch auch nicht herablaſſend und freundlich gegen ſeine Mannſchaft, ſo war er wenigſtens ge⸗ bieteriſch und fuͤrchterlich in den Augen ſeiner Equipage. Sein offenſtehendes Hemd ließ einen braun⸗ verbrannten Hals und nervigte, an ſchwere An⸗ ſtrengung gewoͤhnte Glieder blicken. Er ſtutzte ſich auf einen gewaltigen Eichen-Knuͤttel, den er von * — 108— Zeit zu Zeit in ſeiner Hand ſchwenkte, als ſei er das duͤnnſte Rohr. »Wo iſt der Einaͤugige, Schufte 24 fragte er. Der Einaͤugige kam heran. »Setze die Schaluppe aus, nimm 15 Mann, zwei Böller, und bemanne das Fahrzeug dieſes Herrnz die Hunde dort in der Jolle kannſt du auch mit an Bord nehmen, und ſie mit der uͤbri⸗ gen Mannſchaft des Schiffes zu den Schwarzen in Ketten legen. Ihr funfzehn koͤnnt das Schiff manoͤvriren; achtet genau auf meine Befehle und folgt mir— dich ernenne ich zum Fuͤhrer des Schiß⸗ fes; ſorge fuͤr die Nahrung der Negerz fort!«— Herrn Brularts Befehle wurden puͤnktlich voll⸗ zogen; nur daß Caiot, als er die bewaffnete Mann⸗ ſchaft ſich der Katharina zu bemaͤchtigen, ankommen ſah, thoͤricht genug einigen Widerſtand leiſten wollte; daher wurde er und, wie ich glaube, noch zwei Andere getodtet; der Einaͤugige meinte weislich, daß es ihm keinen Schaden bringe, Einige weniger zu huten und zu fuͤttern. Die Hyaͤne zog ihre Segel auf, und indem ſie den Wind ſcharf nahm, legte ſie nach Suͤden um, als wollte ſie die Kuſte Afri⸗ ka's wieder erreichen. Benoit merkte an der Bewegung des Schiffes und an dem Lärmen auf dem Verdecke, daß die Goelette ſich wieder auf den Weg mache. Der Wind wehte friſch, die Hyaͤne ſegelte viel ſchneller ——.——— —— B — als die Katharina, und jene war daher genothigt, die Segel halb einzuziehen, damit dieſe folgen konnte; gleichwohl bedeckte ihr neuer Commandant, der Einaͤugige, ſie mit Segeln. vHe! Steuermann, nach Oſtſuͤdoſt,« rief Bru⸗ lart;»gieb Acht, daß das Schiff ſich nicht auf die Seite legt, ſonſt ſollſt du mich fuͤhlen« Dann ſtieg er wieder zu ſeinem Gefangenen hinab. vAh! Spitzbube, Seeraͤuber, Hundsfott!« ſchrie ihm dieſer entgegen, ſobald er ihn erblickte; vja, haͤtte ich nur Kanonen und meinen braven Simon gehabt, du wuͤrdeſt mich nicht wie einen Meeraal in ſeinem Loche gefangen haben.« „Doch, Gevatter.« Nein! zum Henker, nein l „Wie es dir beliebt; aber ich habe einen ho⸗ netten Durſt— 4 Brulart ſtieß ſeinen Knuͤttel auf den Boden; der haͤßliche, dickkoͤpfige Schiffsjunge erſchien, und kaum hatte Herr Brulart ein Zeichen mit der Hand nach dem Munde gemacht, ſo ſtand auch ſchon eine große Kanne Rum auf dem Tiſche. Der Capitain der Katharina lag noch immer gebunden auf der Kiſte, ohne ſich ruͤhren zu koͤnnen. vHoͤre, Kamerad,« begann Brulart, nachdem er ſich ein großes Glas eingeſchenkt hatte; Vhoͤre, laß uns zum Zeitvertreib etwas ſpielen; willſt du? — 110— Alle Voͤgel fliegen— boch nein, du biſt ge⸗ bunden; doch, jett weiß ich's, laß uns rathen ſpielen; alſo rathe— ja, ich hab's! rathe, was ich mit dir und deiner Mannſchaft anfangen werde?« »Henker, was weiß ich? Uns berauben, Böſe⸗ wicht.« „Nein, weiter.« vUns gefangen halten, Ungeheuer.« »Nein, immer zu.« »Oder gar uns umbringen, denn du biſt zu Allem fähig.« Recht; aber noch nicht Alles.« „Tauſendmillionen Donner— muß ich da unbeweglich liegen in Tauen wie ein Anker am Ankerhaken; es iſt um ſich die Zunge abzubeißen.« vDu ergiebſt dich, das heißt, du giebſt es auf? Du kannſt nicht rathen? Nun gut! ſo hoͤre.« Er leerte noch ein großes Glas, und Benoit ſchloß die Augen. Doch er ermannte ſich:„Ich will dich nicht hoͤren, elender Lumpenkerl, ⁊ ſchrie er; vich will dich ſchon zu reden hindern, das ſollſt du ſehen,« und er fing an zu ſchreien, zu fluchen, zu ſingen, zu heulen, um Brulart's Stimme zu uͤbertoben, und ſeine grauſamen Spaͤße nicht zu hoͤren. Ein paar Matroſen, von dieſem hoͤlliſchen Lär⸗ men erſchreckt, ſtuͤrzten nach der Thuͤr der Ka⸗ — juͤte, da ſie glaubten, daß Einer den Andern um⸗ bringe. »Wollt ihr Canaillen wohl oben bleiben,« ſchrie ihnen Brulart entgegen; vhört ihr nicht, daß der Herr ſich die Zeit vertreibt, und namakiſche Ro⸗ manzen ſingt? Warte, verfluchter Muſikant, warte nur!« Und der arme Benoit fuhr mit ah! ahl oh! oh! in allen Tonarten fort, um ſich zu be⸗ täuben und die Stimme ſeines Wirths zu uͤber⸗ ſchreien. „Halt, genug!4 rief Brulart; vdas iſt ein Spaß fuͤr einen Augenblick; du ſchreiſt dich heiſer.« Ei⸗ nen Augenblick darauf war Benoit geknebelt; ſeine Augen wurden blutroth und traten ihm aus dem Kopfe. „So recht, halte dich ruhig, und ich will dir erzaͤhlen; nun ſollſt du auch erfahren, was ich mit dir und deiner Mannſchaft im Sinne habe. So hore denn, daß ich vormals ſo ein Narr war, die Schwarzen an der Kuͤſte zu kaufen; wie wohlfeil ich ſie aber auch immer einhandelte, ſo waren ſie doch noch zu theuer. Eines Tages, als meine Getreuen und ich faſt den letzten Heller verzehrt hatten, und uns zum Einkaufe keine Baarſchaft uͤbrig blieb, erfand ich die Tontine, von der ich dir bereits ſagte. Nun, ſo halte dich doch ruhig, du wirſt dir ſchaden; jetzt alſo treibe ich mich laͤngs der Kuͤſte umher, und wenn mir ein Sklaven⸗ — 2— händler begegnet, den ich befrachtet glaube— krak, fo nehme ich ſeine Ladung in meine Tontine und, wie ich die Ehre hatte, dir zu ſagen, den Sklaven⸗ haͤndler mit ſeiner ganzen Mannſchaft amortiſire ich; auf dieſe Weiſe koſten mich die Schwarzen nur die Nahrung, und ich kann ſie wohlfeiler als Andere in den Colonien verkaufen; ſiehſt du, ſo ſteht die Sache; jedoch, wie ich dich von den großen und kleinen Namaken erzählen hoͤrte, iſt mir, bei Gott, noch etwas Beſſeres eingefallen; du wirſt lachen. 4 Benoit erbleichte. »Wir haben die Richtung nach Oſifuͤdoſt, das heißt, wir ſegeln etwas noͤrdlich von dem rothen Fluſſe, wohin wir wollen, das heißt, zu den klei⸗ nen Namaken, deren Bruͤder, Verwandte und Freunde du kaufteſt.« Benoit machte eine heftige, krampfhafte Be⸗ wegung. WVerſtehe mich recht! Eines meiner Laͤmmer ſpricht ſehr gut malaiſch und namakiſch; den ſetze ich in meine Schaluppe mit dir und deiner Mann⸗ ſchaft, und ſchicke euch zuſammen ans Land, indem ich den kleinen Namaken erklaͤren laſſe, daß du der weiße Mann biſt, der ſie ſeit langer Zeit kauft, wenn ſie von ihrem Feinde, dem Anfuͤhrer der großen Namaken, gefangen werden. Nun denke nur, wie ſie ſich freuen werden, ſich fur das ſchreck⸗