Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gieſen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von II jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſpliennüſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Wertht deſſelben entſprehende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zürückgabe von mir zurückerſtattet . wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————..——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefähr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Viertes Kapitel: Der Kampf der Pflichten Fünftes Kapitel: Eine Unterredung Sechſtes Kapitel: Wiederſehen „ Siebentes Kapitel: Enthüllungen Seite 122 153 Achtes Kapitel: Hinunter. Neuntes Kapitel: Eine Beileids⸗Viſite Zehntes Kapitel: Zum Schluſſe Erstes Aupitel. Berathungen und Folgen. Ueber ein Ding wird viel geplaudert, Viel berathen und lange gezaudert, Und endlich gibt ein böſes Muß Der Sache widrig den Beſchluß. Goethe. Noch nie war die Stimmung des Fürſten ſo aufgeregt geweſen, noch nie hatte er ſich mit einer ſo rückhaltsloſen Leidenſchaft ausgeſprochen, als an dem jenem Ereigniſſe folgenden Tage. Es bedurfte der ganzen Beſonnenheit ſeiner Miniſter, um ihn von Gewaltſchritten zurückzu⸗ halten, zu denen er mit Heftigkeit drängte. Seine Mutter ſollte noch heute die Stadt verlaſſen, dieſe ſelbſt in Be⸗ lagerungsſtand erklärt und das Kriegsgericht zur Geltung gebracht werden; kurz, es lag in ſeiner Abſicht, die ganze Maſchinerie rückſichtsloſer Gewalt in Bewegung zu ſetzen. Leſſen's Einfluß wirkte dem entgegen, denn die Anwendung der offenen Gewalt lag nicht in ſeinem Charakter— der Erfolg blieb immer zweifelhaft, und wenn er fehlſchlug, ſo war es nicht unmöglich, daß der allgemein verhaßte Ca⸗ Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 1 binetsrath dem Volke als verſöhnendes Opfet Preis ge— geben wurde— vielleicht ſogar die Gräfin— wer konnte bei dem ſchwankenden, veränderlichen Charakter des Fürſten dafür einſtehen, daß nicht ein ſolcher Umſchlag erfolge? Jetzt hielt ihn gerade der Widerſpruch feſt, und der ihm innewohnende ſtarre Eigenſinn war die ſicherſte Bürgſchaft, daß er bei andauerndem Widerſpruche nicht nachgeben würde. Deßhalb widerrieth Leſſen jede gewaltſame Maß⸗ regel; er that dies in ſeiner gewohnten Weiſe, nicht gerade⸗ zu, ſondern durch Vermittlung der Gräfin, mit welcher er ſchon am Morgen eine lange und vertrauliche Unterredung gehabt, und zwar ſo, daß der Regent immer mehr oder weniger die Aenderung ſeiner Anſicht ſich ſelbſt beimeſſen mußte. Auch der Geheimerath von Stuhm erſchien zur beſtimmten Zeit und wurde zum erſten Male wieder in den engeren Rath des Fürſten aufgenommen. Man bedurfte ſeiner und vergaß daher wenigſtens für den Augenblick, daß man dies bis jetzt nicht gethan hatte. Die treue An⸗ hänglichkeit des Geheimenrathes an das Haus ſeines Fürſten ließ ihn die ihm widerfahrenen Kränkungen ebenfalls ver⸗ geſſen. Unbefangen und offen, wie es ſeine Art war, ſprach er ſeine Meinung aus, die, jeder Gewaltmaßregel entgegen, dahin ging, man ſolle den ganzen Vorfall mög⸗ lichſt ignoriren, ſelbſt von weiteren polizeilichen und ge⸗ richtlichen Unterſuchungen abſtehen und die Zeit ruhig wirken laſſen. — — Das heißt unſere Schwäche offen ausſprechen! rief der Fürſt; nein, man muß dieſem Pöbel zeigen, daß man ſich Derartiges nicht gefallen laſſen will, die Schuldigen rückſichtslos verfolgen, damit ihnen die Luſt zu revolutio⸗ nären Demonſtrationen ein für alle Mal genommen werde! Das könnte man, bemerkte der Geheimerath ruhig, aber das Zerwürfniß zwiſchen Volk und Regierung wird dadurch geradezu offen gelegt und unheilbar gemacht. Ich würde dem ganzen Vorfalle abſichtlich nicht die geringſte Wichtigkeit beilegen, ihn wirklich als einen nichtsbedeuten⸗ den Pöbel⸗Erceß behandeln, was er ja auch war. Dann wird der damit etwa verbundenen Abſicht am meiſten die Spitze abgebrochen. Wie befindet ſich der Officier? fragte der Regent nach einiger Zeit; wenn ich wenigſtens den Schurken, welcher es gewagt hat— Der Lieutenant von Malberg iſt wieder ganz wohl, Cw. Hoheit, fiel Leſſen ein; ſeine Verletzung rührt haupt⸗ ſächlich vom Sturze ſeines Pferdes her. Die Herren meinen alſo? fragte der Regent, nachdem er wieder eine Zeit lang geſchwiegen. Sich vorläufig paſſiv zu verhalten, erwiederte der Ge⸗ heimerath; ich glaube wenigſtens, daß dies die allgemeine Anſicht iſt. Nun, meinetwegen, ſagte der Regent, nachdem ſich auch die Miniſter in ähnlicher Weiſe ausgeſprochen hatten; 1— Sie ſind ja überhaupt jetzt die verantwortlichen Organe, ſetzte er mit einem bitteren Lachen hinzu, ich, der Fürſt, komme nur ſo nebenbei noch in Betracht! Ich füge mich daher, obgleich ich nicht überzeugt bin! Die ſo beſprochene Angelegenheit gewann aber doch eine andere Geſtalt und Bedeutung. Noch an demſelben Tage wurde der Miniſter wegen des Vorfalles in der Kammer interpellirt und es kam dabei zu ſehr aufregenden Reden und Auftritten. Das Einſchreiten des Militärs nannte man einen Act der brutalſten und roheſten Gewalt gegen eine harmloſe und wehrloſe Bevölkerung, die ſich verſammelt habe, um ihrer Fürſtin ihre Hochachtung und Verehrung zu bezeugen. Statt dieſen Beweis von Loyalität und Patriotismus an⸗ zuerkennen, habe man aus allgemein bekannten, leider ſehr beklagenswerthen Urſachen die Leibgarde auf Weiber und Kinder einhauen laſſen, die, friedlich aus dem Theater kommend, gar nicht im Stande geweſen wären, den Platz ſo ſchnell, als es gefordert worden, zu verlaſſen; man habe von den Waffen ohne irgend welche Veranlaſſung Gebrauch gemacht, daher die Gewalt auf eine unerhörte Weiſe gemiß⸗ braucht. Der Miniſter möge ſich erklären, welche Maß⸗ regeln getroffen ſeien, um diejenigen, welche ſolche geſetz⸗ loſe Befehle gegeben und ausgeführt, zu beſtrafen, weil er ſonſt ſelbſt verantwortlich ſein würde und unter Anklage geſtellt werden müſſe. Natürlich wurde die Entgegnung des Miniſters, der ſich bemühte, das Einſchreiten des Militärs als eine geſetz⸗ liche Nothwendigkeit bei fortgeſetztem, thätigem Wider⸗ ſtande darzuſtellen, mit großer Entrüſtung aufgenommen, es kam zu ſehr heftigen Auftritten, deren Schluß darin be⸗ ſtand, daß der Antrag mit großer Majorität angenommen wurde, den Miniſter, der ſich ſelbſt als den Urheber dieſes unerhörten Mißbrauches der Gewalt bekannt habe, in An⸗ klageſtand zu verſetzen. Dadurch war der Plan, den ganzen Vorfall der Ver⸗ geſſenheit anheim fallen zu laſſen, allerdings unmöglich gemacht. Der Mitregent war förmlich außer ſich, als er noch ſpät am Abende dieſe Kammer⸗Verhandlung erfuhr, deren Beendigung er in fieberhafter Aufregung erwartet hatte. Es wurde ſofort am anderen Tage ein Miniſterrath ge⸗ halten, der vom Morgen bis ſpät in den Nachmittag hin⸗ ein dauerte. In der Stadt herrſchte eine dumpfe Gährung, und Gerüchte der übertriebenſten Art drängten ſich. Gegen Abend hieß es allgemein, die Kammer werde am anderen Tage aufgelöſt werden. Es war dies ein dem Fürſten nach der Verfaſſung zuſtehendes Recht, und ungeachtet der herrſchenden Aufregung war faſt keine Stimme, welche die Befugniß des Fürſten, dieſes Recht auszuüben, beſtritten hätte. Im Gegentheile, man erblickte darin eine Aner⸗ kennung und Aufrechterhaltung der Verfaſſung, und ſo ſchr und allgemein man auch die Maßregel ſelbſt bedauerte, ſo erkannte man doch, daß jeder ſich deßhalb äußernde Wider⸗ ſpruch ungeſetzlich ſein würde. Die Auflöſung der Kammer erfolgte wirklich am anderen Tage. Lautlos und ſchweigend hörte man die einleitenden Worte des Miniſters an, welche er mit etwas unſicherer Stimme ſprach. Die ganze Verſamm⸗ lung erhob ſich von ihren Sitzen, als die Ordre des Mit⸗ regenten verleſen wurde; dann ſchloß der Präſident die Sitzung und brachte dem Regenten ein dreifaches Hoch, in welches jeder der Anweſenden laut und ernſt ein⸗ ſtimmte. Noch an demſelben Abende trat die Regierung ſcharf und entſchieden gegen die Mitglieder der aufgelöſten Kammer äuf, die man, weil ſie ſich ohne polizeiliche Er⸗ laubniß zu einer Beſprechung verſammelt hatten, gewaltſam aus einander trieb. Nach wenigen Tagen war es wieder ſehr ſtill und ruhig in der fürſtlichen Reſidenz geworden, welche die Kammer-Mitglieder eilig verlaſſen hatten und die ſonſt von fremden Reiſenden wenig beſucht wurde. Dieſe Ruhe ſagte aber gerade dem Fürſten zu; man war die Kammer und ihre ſo ſehr unangenehme Oppoſition los, wenigſtens für einige Zeit, man kam einmal wieder zu Athem und konnte mit Muße die geeigneten Maßregeln berathen, um nach drei Monaten eine beſſere Kammer zu erhalten. Der Mitregent erkannte jetzt erſt recht, nachdem 7 er ſich zum erſten Male während ſeiner kurzen Regierung ohne Zugabe einer ſeine Macht beeinträchtigenden Kammer befand, wie angenehm dieſer Zuſtand ſei und wie thöricht daher ſein Vater gehandelt hatte, ſich dieſe, die fürſtliche Gewalt beſchränkende moderne Inſtitution abtrotzen zu laſſen. Wie ſchön wäre es geweſen, wenn man ſie wieder ganz hätte beſeitigen können! Der Mitregent war auch einer ſolchen Gewaltmaßregel— oder einem ſolchen Staats⸗ ſtreiche, wie man es nennt, nicht im mindeſten abgeneigt. Hatten doch die beiden deutſchen Großmächte Oeſterreich und Preußen bisher nicht daran gedacht, die feierlich ge⸗ gebenen Verheißungen, eine Volksvertretung einzuführen, ins Leben zu rufen; das Metternich'ſche Regiment war von der Juli⸗Revolution ganz unberührt geblieben, und die unbedeutenden Ausſtrahlungen derſelben in Preußen hatte man durch die Gewährung eben ſo unbedeuten⸗ der Conceſſionen wieder unſchädlich gemacht; ſonſt war Alles ruhig beim Alten geblieben, man fing im Gegen⸗ theile an, die Zügel der Regierung wieder ſtraffer anzu⸗ ziehen. Nur die kleineren deutſchen Staaten hatten ſich verleiten laſſen, den Umſtänden nachzugeben, und dadurch ſich ſogar das Mißfallen der beiden größeren zugezogen. Man konnte daher mit Gewißheit annehmen, in ihnen einen Rückhalt zu finden, wenn man den begangenen Fehler wieder gut machte,— warum ſollte man es daher nicht thun? Dies waren ungefähr die Beweggründe und Er⸗ wägungen des Mitregenten, welche es ihm als den ange⸗ meſſenſten Schritt erſcheinen ließen, die Verfaſſung wieder ganz zu beſeitigen. Man kam dadurch auf einmal aus all dieſen Wirrniſſen, Unannehmlichkeiten und dem ſteten Aerger heraus, die ererbte fürſtliche Gewalt wurde in ihrer ganzen, unbeſchränkten Machtvollkommenheit wieder herge⸗ ſtellt, und man konnte ruhig und ohne die ſo höchſt unan⸗ genehme Einmiſchung der Kammer fortregieren.„Es war ein Ziel, aufs innigſte zu wünſchen“, und mit Einem Erlaſſe abgemacht. Leſſen beſtärkte den Regenten in dieſer Anſicht, denn er hatte ſehr wohl erkannt, daß ſeine Stellung, ſelbſt ſeine Perſon der Kammer eine ſehr mißliebige ſei, und er daher, ſollte die Macht derſelben zunehmen, ihr ſehr leicht zum Opfer fallen könne. Die Ausführung ſcheiterte jedoch an dem entſchiedenen Widerſpruche der Miniſter und des Geheimenrathes von Stuhm, welcher wieder in das engere Vertrauen des Fürſten aufgenommen war. Man berief ſich einfach darauf, daß der Regent die Verfaſſung feierlich beſchworen und ſie daher auch zu halten habe, und wollte den Grund, daß der Bruch von der Kammer ſelbſt ausgegangen, indem ſie die verfaſſungsmäßigen Rechte der Krone verletzt und ange⸗ griffen hätte, nicht gelten laſſen. Die Miniſter ver⸗ weigerten geradezu ihre Zuſtimmung zu einer ſolchen Maß⸗ — regel und baten, im Falle ſie dennoch ausgeführt werden ſolle, um ihre Entlaſſung. Menſchen von einem heftigen Charakter, der mit Selbſt⸗ überſchätzung und Nichtachtung der Rechte Anderer gepaart iſt, beſitzen faſt niemals den wirklichen und wahren Muth. Sie ergehen ſich aber gern in nutzloſen Drohungen und kommen zuletzt gewöhnlich zu halben Maßregeln. So geſchah es auch hier. Der Regent gab, obgleich mit anſcheinend heftigem Widerſtreben, nach; man beſchloß, die Verfaſſung vorläufig nicht zu beſeitigen, aber alle der Regierung zu Gebote ſtehenden Mittel anzuwenden, um beſſere Wahlen zu erhalten. Die der Regierung in dem 8 kleinen Lande zu Gebote ſtehenden Mittel waren allerdings ſehr umfaſſender Art. Alle Beamten und was irgend da⸗ zu gerechnet werden konnte, Pfarrer, Lehrer, Gemeinde⸗ Vorſteher, waren mehr oder weniger von ihr abhängig, die Cenſur wurde auf das ſtrengſte gehandhabt,— wie leicht war es daher, auf die Wähler einzuwirken, ſie einzu⸗ ſchüchtern und ſelbſt zu zwingen, im Sinne der Regierung zu wählen! Die ganze Maſchinerie der Regierungsgewalt wurde deßhalb in die lebendigſte Bewegung geſetzt, und ſie ar— beitete mit einer bisher nie da geweſenen Thätigkeit. Wahl⸗ Reſcripte, mit Drohungen ſpäterer Maßregelung gefüllte Anweiſungen an die Beamten jeder Kategorie, die von jedem Einzelnen unterſchrieben werden mußten, Er⸗ mahnungen an die ländliche Bevölkerung, welche die Geiſt⸗ lichen von den Kanzeln zu verleſen hatten, Belehrungen in den Zeitungen, die Widerlegungen nicht aufnehmen durften, verbreiteten ſich durch das ganze Ländchen, bis in die ent⸗ fernteſten, abgelegenſten Ortſchaften, und man gab ſich bald der freudigen und erhebenden Ueberzeugung hin, ſich auf dem ſicheren Wege zur Erreichung des erſtrebten Zieles zu befinden. Das Land nahm dies alles ſchweigend in Empfang, es hatte ja keine Stimme zum Reden. Ausländiſche Zeitungen, welche auch nur geringe, mißliebige Aeußerungen enthielten, wurden ſogleich verboten, und Perſonen, die, wie dies in einigen Städten geſchah, ihre Stimme gegen ſolche Gewaltmaßregeln erhoben, ſofort verhaftet und unter die Anklage des Hochverrathes geſtellt, was für ſie, bei dem ſchleppenden Gange der Juſtiz, eine langjährige Unter⸗ ſuchungshaft in Ausſicht ſtellte. In der Reſidenz lebte der Hof während dieſer Zeit an⸗ genehm weiter. Der Regent bekümmerte ſich wenig mehr um ſeine Mutter, deren Widerſtreben gegen ſeine Heirath für jetzt ja auch ziemlich gleichgültig blieb. Den größten Theil ſeiner Zeit verbrachte er in Umgange mit ſeiner Frau, welche ein ſehr freundlich in der Nähe gelegenes Luſtſchloß bezogen hatte, den übrigen benutzte er dazu, die Truppen zu inſpiciren und paradiren zu laſſen. Leſſen befand ſich jetzt in ſeinem eigentlichen Elemente — und wurde dem Regenten immer unentbehrlicher. Sämmt⸗ liche die Wahlen beeinfluſſenden Erlaſſe waren von ſeiner gewandten Feder redigirt, und er verſtand es, für jede Art derſelben den paſſenden Ton zu finden. Der Regent ver⸗ handelte daher faſt ausſchließlich mit ihm und machte ihn zum Träger ſeines Willens mit Beſeitigung der Miniſter, die ſich dies jedoch nur mit wachſender Mißſtimmung ge⸗ fallen ließen. Haben Sie nähere Nachrichten aus dem ſüdlichen Landestheile und von der Univerſitätsſtadt? fragte der Regent ſeinen Geheimen Cabinetsrath an einem Morgen, wo dieſer, wie gewöhnlich, zum Vortrage bei ihm erſchien. Im Ganzen ſind die Berichte ſehr dürftig, Ew. Hoheit, erwiederte Leſſen, man ſpricht ſich wenig aus, nur in den Familien und in Privat⸗Geſellſchaften, wo man ſicher iſt. Man hält ſich ſchweigſam, aber eine gewiſſe Verſtocktheit, ja, ich möchte faſt ſagen, Erbitterung iſt unverkennbar. Ich dächte, wir hätten für heute nun genug gearbeitet, bemerkte lächelnd der Fürſt; ſprechen wir daher von etwas Anderem, ich verderbe mir ſonſt meine Laune für den ganzen Tag, und meine Gemahlin hat wieder Mühe und Noth mit mir, was ohnedies der Fall iſt. Wie geht es denn Ihrer Frau, lieber Leſſen? ſie macht ſich ja außer⸗ ordentlich ſelten. Noch immer ſo ſchüchtern, ſo— zurück⸗ haltend? Es liegt dies leider in ihrem Weſen, Ew. Hoheit. Ah— Sie müſſen dieſes Weſen ändern; bei einem ſo klugen, gewandten Manne hängt das nur von ſeinem Willen ab. Doch nicht ſo ganz, die angeborne Natur des Men⸗ ſchen iſt ſchwer zu verändern. Sie ſcheinen ja ſchon wirklich Erfahrungen in dieſer Beziehung gemacht zu haben. Warum bringen Sie Ihre Frau nicht öfter an den Hof? Die Gräfin von Schöneck würde erfreut ſein, ihre Jugendfreundin recht oft zu ſehen; ſie hat dies ſchon mehrmals geäußert, ich glaube auch ge⸗ gen Sie. Die Frau Gräfin iſt ſehr gnädig, aber meine Frau iſt einmal ſehr ſchüchtern— ſie würde eine unpaſſende Rolle ſpielen, denn ſie weiß ſich immer noch nicht recht in ihre hieſigen Verhältniſſe zu finden. Ah, wie iſt das denkbar? Als ich ſie neulich ſprach, habe ich nur bemerkt, daß ſie als Frau noch weit hübſcher geworden iſt; ſie macht Ihrem Geſchmacke alle Ehre. Ew. Hoheit ſind ſehr gnädig. Ich wünſche, daß ſie öfter meine engeren Cirkel beſuche, ſagte der Fürſt beſtimmt, daß ſie meiner Gemahlin Geſell⸗ ſchaft leiſte, die ſich auch zuweilen noch etwas einſam vor⸗ fommt. Theilen Sie ihr das mit und veranlaſſen Sie, daß mein Wunſch bald in Erfüllung gehe. Cw. Hoheit geſtatten vielleicht, erwiederte Leſſen, daß ich noch um einigen Aufſchub bitte. Weßhalb? Meine Schwiegereltern werden heute zum Beſuche hier eintreffen und einige Zeit hier bleiben. Für mich iſt das gerade keine große Annehmlichkeit, denn Schwiegereltern ſind immer eine mehr oder weniger überflüſſige Zugabe— es ließ ſich jedoch nicht ändern, da meine Frau dieſem Be⸗ ſuche mit einer großen Sehnſucht entgegenſieht. Nun, ſo laſſen Sie dieſe Sehnſucht durch einen mehr⸗ tägigen Umgang geſtillt werden, dann erwarte ich aber mit Beſtimmtheit die Erfüllung meines Wunſches, oder viel⸗ mehr des Wunſches meiner Gemahlin, ſetzte er mit einer leichten Verlegenheit hinzu. Leſſen ſchritt bald darauf nach Beendigung der Audienz mit vergnügter Miene ſeiner Wohnung zu. Er hatte ſich von Neuem überzeugt, daß ſein Einfluß auf den Fürſten im Steigen ſei und es ihm bei kluger Behandlung nicht ſchwer ſein werde, denſelben noch mehr ſteigen zu laſſen— bis zum Miniſter, dem Ziele ſeiner Wünſche. Warum ſollte er dafſelbe nicht erreichen? Die Hauptſchwierigkeiten auf dieſer Bahn waren überwunden, es ſtand ihm jetzt ſo viel Spannkraft zu Gebote, daß er ſeinen Glückswagen auch noch die letzte ſteile Höhe hinaufziehen laſſen konnte. Es gehörte dazu nichts als Klugheit, Benutzung der Ver⸗ hältniſſe, und vor Allem richtige Erfaſſung des Charakters — des Fürſten, was allerdings ſeine Schwierigkeiten hatte, da er es ſich nicht verhehlte, daß bei einem ſo heftigen, egviſtiſchen, rückſichtsloſen und eigenſinnigen Manne, eben ſo gut wie gegen Andere, auch gegen ihn ſelbſt jeder Be⸗ weis von Wohlwollen oder Gnade plötzlich in das Gegen⸗ theil umſchlagen könne. Doch dieſe Erwägung kümmerte ihn für den Augenblick noch wenig; er vertraute ſowohl auf ſich ſelbſt als auf die Gräfin, an welcher er, wie er wußte, eine treue Verbündete beſaß, weßhalb er auch be⸗ ſchloß, ſeiner Frau den Befehl des Fürſten unumwunden mitzutheilen und ſie zur Ausführung deſſelben mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln zu veranlaſſen. Es war ihm zwar ſo vorgekommen, als wenn die von dem Fürſten beſonders hervorgehob e Schönheit ſeiner Frau für dieſen das Hauptmotiv zu dem ihm ertheilten Befehle gegeben hätte— er lächelte ſelbſtgefällig, als ihn dieſer Gedanke durchflog; denn die Schönheit ſeiner Frau hatte für ihn ſelbſt durch den Beſitz den größten Theil ihres Reizes ver⸗ loren, und eine kleine Intrigue wäre eine pikante Abwechs⸗ lung des bereits vielfach zur Langenweile neigenden ehe⸗ lichen Verhältniſſes geweſen. Aber daran war bei Cäci⸗ liens Charakter und Anſchauungsweiſe gar nicht zu denken, was, ohne daß er es ſich eingeſtand, doch das befriedigende Gefühl geſchmeichelter Citelkeit bei ihm erzeugte. Ein Weib ſteigt immer im Werthe in den Augen des Mannes, ſobald ihr von einem Anderen gleichfalls gehuldigt wird— darin liegt allein das Geheimniß des Erfolges der Coquet⸗ terie, welche es verſteht, dieſe Schwäche des Mannes bei mehren zugleich auszubeuten und durch Gewähren und Verſagen im richtigen Momente im Kleinen und Großen zu erhalten und ſich dienſtbar zu machen. zweites Wyitel. Im Hauſt.- Anfangs wollt ich faſt verzagen Und ich glaubt', ich trüg' es nie, Und ich hab' es doch getragen— Aber fragt mich nur nicht: wie. Heine. Eugenie: Biſt du in deinem Hauſe Fürſt? Gerichtsrath: Ich bin's! Und Jeder iſt's, der Gute wie der Böſe. Goethe. Als Leſſen ſeine Wohnung betrat, welche angenehm an einem großen Platze lag, kam ihm Cäcilie nicht, wie ſie das ſonſt immer that, freundlich entgegen, denn ſie war noch mit den Einrichtungen zum Empfange ihrer Eltern beſchäf⸗ tigt. Leſſen's Eitelkeit fand ſich dadurch verletzt, und an die Stelle des behaglichen Gefühls, welches ihn bis jetzt durchwärmt hatte, trat üble Laune. Der Beſuch ſeiner Schwiegereltern war ihm überhaupt unangenehm, und je mehr er ſich Zwang anthun mußte, dies gegen Cäcilie nicht kund werden zu laſſen, um ſo mehr ſteigerte ſich dieſes Gefühl in ſeinem Innern. Cäcilie hatte, ſeit der Tag der Ankunft ihrer Eltern feſtſtand, faſt keinen anderen Gedanken mehr. Noch nie war ſie ſo heiter, ſo lebendig, ſo thätig geweſen. Sie be⸗ ſchäftigte ſich faſt mit nichts Anderem, als mit den Anord⸗ nungen und Einrichtungen, welche ſie für nöthig hielt, um den Eltern den kurzen Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen. Namentl lich war ſie bemüht, mit der größten, nur der Liebe eigenen Sorgfalt Alles für ihren Vater ſo einzurichten, daß er ſo weit als irgend möglich nichts von ſeinen gewohnten kleinen Bequemlichkeiten vermiſſe. Leſſen hatte zu dem allem, wenn auch mit einer etwas gezwungenen Freundlichkeit, gelächelt und ſie gewähren laſſen. Er hatte mehr gethan und ſie ſogar deßhalb ge⸗ lobt, denn er konnte nicht umhin, den Ausdruck dieſer kind⸗ lichen Liebe bei ſeiner Frau anzuerkennen— im Stillen aber ärgerte er ſich darüber; denn er mußte ſich ſagen, daß die Liebe zu ihm, ihrem Manne, ſich zu einer ſolchen zarten und hingebenden Aeußerungsweiſe noch niemals aufge⸗ ſchwungen habe. Noch nie hatten die Augen ſeiner Frau ſo voll innerer Freude geglänzt, wie ſeit einigen Tagen, noch nie war ſie ſo lebendig, ſo mittheilſam, ſo ge⸗ weſen; ſie konnte wieder ſcherzen und ſingen, und ſelbſt das heitere fröhliche Lachen, welches ihn, ehe ſie ſeine Braut geworden, ſo oft entzückt hatte, war, wenn auch nur für kurze, flüchtige Momente, wieder zurückgekehrt. Und jetzt, da er geſchäftsmüde und abgeſpannt nach Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 2 Hauſe kam, war ſie ſchon wieder mit den Einrichtungen zum Empfange ihrer Eltern beſchäftigt, die doch, wie er ſich ſagte, nun endlich einmal fertig ſein mußten. Sie trat ihm nicht, wie dies ſonſt immer ihre Gewohnheit war, freundlich und mit der Frage nach ſeinem Ergehen entge— gen— nein, ſie war oben auf dem Gaſtzimmer, und ſelbſt als er ihr hatte ſagen laſſen, daß er gekommen ſei, währte es noch eine geraume Zeit, ehe ſie endlich erſchien. Sei nicht böſe, lieber Leſſen— ſie nannte ihn nie bei ſeinem Vornamen— ſagte ſie dann, indem ſie einen Korb fortſtellte, ſei nicht böſe, daß ich nicht unten war, als du kamſt; es ſiel mir noch ein, daß der Papa daran gewöhnt iſt, vor ſeinem Bette einen kleinen Teppich zu finden, da habe ich den meinigen hingelegt; auch war der Waſchtiſch noch nicht ganz in Ordnung. Nun wüßte ich aber wirk⸗ lich nichts mehr, fuhr ſie nachdenkend fort— ganz ſo wie zu Hauſe wird er es zwar nicht finden, aber ich denke, er ſoll nichts Weſentliches vermiſſen. Glaubſt du nicht auch? Oder fällt dir noch etwas ein? Es hat Alles ſeine Grenze, erwiederte Leſſen verdrieß⸗ lich; es iſt recht hübſch und anerkennungswerth mit der kindlichen Liebe, aber eine Frau darf deßhalb die Pflichten gegen ihren Mann nicht vernachläſſigen. Sei nicht böſe, bat ſie wieder eingeſchüchtert, die Freude, meine Eltern wiederzuſehen.... 6 O. 4„ S 5 Ich will dir dieſe Freude durchaus nicht verkümmern, ſagte er hart, o bgleich ſie bereits anfängt, alles vernünftige Maß zu überſchreiten; aber ich will deßhalb auch nicht in meiner Häuslichkeit ſo beeinträchtigt werden, daß den aller⸗ gewöhnlichſten und nöthigſten Anforderungen nicht mehr entſprochen wird. Warum iſt noch nicht gedeckt? fragte er mit ſteigender Erregung; es iſt faſt zwei Uhr! Sollen wir heute vielleicht gar nicht eſſen und nur von der Freude leben, deine theueren Eltern wiederzuſehen? Iſt noch nicht gedeckt?— Es ſoll ſogleich geſchehen— ich begreife nicht, weßhalb das Wahchen Du haſt ſie ja noch vor einer aten Stunde fortge⸗ ſchickt und ſie iſt ſo eben erſt zurückgekehrt. Allerdings, ſie hat eine F laſche Himbeerſaft geholt; der Vet Der Vater, der noch gar nicht hier iſt, kann warten, bis der Mann gegeſſen hat, rief Leſſen heftig— es iſt ja kaum mehr auszuhalten! Sie ſah ihn beſtürzt an und begann dann eilig, mit iſe bebenden Händen, den Tiſch zu decken. Du nicht! befahl er; wir haben dazu unſere D Domeſtiken. Er riß heftig an der Klingelſchnur. Decke Sie, herrſchte er das eintretende M dädchen an, und unterſtehe Sie Sich nicht noch einmal, dies zu unterlaſſen, wenn es Zeit iſt— ſonſt ſchicke ich Sie fort, verſtanden! Schweigend ſetzten ſich die beiden Gatten z zu Tiſche. Mi eit unſicherer Hand ſchöpfte Cäcilie die Suppe aus, denn es war das erſte Mal, daß Leſſen ſich ſo rückſichtslos be— nommen hatte. Ungenießbar! rief er, den Löffel fortwerfend; verſalze⸗ nes Spülwaſſer! Sie mußte es im Stillen anerkennen, die Suppe war ſchlecht und auch verſalzen; ſie hatte ſich heute nicht um das Eſſen bekümmert, und ſo ſehr ſie ſich auch durch das harte Weſen ihres Mannes gekränkt fühlte, ſie empfand das Ver⸗ langen, ja, ſelbſt das Bedürfniß, ihn zu verſöhnen und wieder milde zu ſtimmen, denn der heutige Tag durfte durch keinen Mißton verkümmert werden. Vergib mir, lieber Leſſen, bat ſie daher, ihm ihre kleine Hand über den Tiſch hinreichend, ſei heute nicht böſe— ich bekenne meine Schuld— aber ſei mir nicht böſe— ich habe mich ſo ſehr auf den heutigen Tag gefreut. Freue dich, ſo viel du willſt, ſagte er, den dieſe unaus⸗ geſetzte Beziehung auf den erwarteten Beſuch von Neuem in Zorn brachte; ich habe nichts dagegen, daß du dich freueſt, aber der Menſch muß auch eſſen, beſonders wenn er den ganzen Morgen gearbeitet, ſich abgemüht und ſich abgeärgert hat. Nehme Sie dieſe Brühe fort! herrſchte er das wieder eintretende Mädchen an— hinaus damit! Wir wollen dieſe unerquickliche Scene nicht weiter aus⸗ malen, welche damit endete, daß Leſſen's Zorn ſich immer mehr ſteigerte, er auch die übrigen Speiſen ungenießbar fand, ſchließlich aufſprang und mit den Worten: Alſo wird heute gehungert! das Zimmer verließ. Die verehrten verheiratheten Leſer und Leſerinnen wer⸗ den ohne unſer Zuthun vollkommen befähigt ſein, ſich die Fortſetzung und das Ende dieſes ehelichen Auftrittes aus der Erfahrung zu ergänzen, denn leider ſind ſelbſt begabte und gebildete Männer gerade in den kleinlichſten Dingen des Lebens roh und rückſichtslos, beſonders da, wo ſie ſich bewußt ſind, daß nur der eigene Wille und das eigene Er⸗ kennen ihre Handlungen zu regeln hat. Es gibt allerdings wenige beneidenswerthe Ausnahmen, aber die Meiſten ver⸗ fallen der unvollkommenen menſchlichen Natur, und wenn ſie ſich auch unaufhörlich ſelbſt ſagen: des Zornes Ende iſt der Reue Anfang— es fruchtet doch nichts, der Zorn ſchießt immer wieder aus dem vom Temperament erwärm⸗ ten Boden der Selbſtüberhebung empor, und je nachgiebiger und ſanfter eine Frau iſt, um ſo üppiger und ſchneller ent— wickelt ſich dieſe Wucherpflanze. Dies gilt von den ſoge⸗ nannten guten und gebildeten Männern— von den ande— ren gar nicht zu reden!— Wenn wir daher zugeben müſſen, daß derartige oder ähnliche Scenen auch in den glücklichen Chen, wo die Gat⸗ ten die beiderſeitige Liebe verbindet, leider nicht fehlen, ja, daß es ſogar ſcheint, als vermöge die Natur ſelbſt in der Liebe eben ſo wenig wie in der Pflanzenwelt einen ſteten Sonnenſchein zu ertragen, ſondern bedürfe zuweilen des Regens oder eines Gewitters, nach deren Vorüberziehen die Luft ſich wieder um ſo erfriſchender und labender ath⸗ met, ſo unterlag hier die Anwendung dieſes im Allgemei⸗ nen richtigen Satzes doch einer weſentlichen Beſchränkung. Denn es war nicht die wahre und innige Liebe, welche Leſſen und Cäcilie verband, ſie, die ſo leicht den klaren, blauen Himmel des Vertrauens und der Hingebung nach kleinen, vorübergegangenen Stürmen wieder herſtellt und bei deren Mangel dieſer Himmel überhaupt ſtets verſchleiert und bewölkt erſcheint— es war ein ganz anderes Band, welches dieſe beiden Herzen in eine ſo enge und unauflös⸗ liche Gemeinſchaft gefeſſelt hatte. Er war, durch ihre lieb⸗ lich jugendliche Mädchenſchönheit, durch ihr ſanftes, hin⸗ gebendes und zugleich ſo fröhliches und heiteres Weſen angezogen, nach längerer Ueberlegung zu der Einſicht ge— kommen, daß ſie für ihn das Ideal einer häuslichen und zugleich ſeinen ſonſtigen Anforderungen entſprechenden Frau ſein werde. Wie immer hatten ſich dieſe Verſtandes⸗ Betrachtungen mit den Ausſtrahlungen ſeiner Sinne ver⸗ miſcht, die er zwar nicht gelten laſſen wollte, die aber doch bei ihm eben deßhalb das Hauptmotiv bildeten. Der ruhige Beſitz hatte hierin bald eine Aenderung hervorge— bracht— er fand nicht, was er erwartet, keine reizvolle, pikante Unterhaltung, kein geiſtreiches Aufleuchten, keine Coquetterie— nichts, als freundliches, duldendes Empfan⸗ gen. Sie war und blieb ſchüchtern, in ihrer Theilnahme für ihn lag ſtets ein gewiſſer Zwang, ſie hörte ſeine langen, geiſtvollen Erörterungen an, mit denen er ihren Verſtand bilden— zu ſich heranbilden— wollte, wie er es nannte — zerſtreut, ohne Theilnahme, und beantwortete dann ſeine Fragen, als ob ſie während deſſen ſich mit ganz anderen Dingen beſchäftigt habe.. Sie hatte kein Verlangen, in Geſellſchaften zu gehen, gegen die Cirkel des Hofes einen entſchiedenen Widerwillen, ſo daß ſie nur, wenn er es faſt befehlend verlangte, ſich dazu entſchloß, ihm dahin zu folgen. Gegen die Gräfin, die ihr mit der Hetzlichkeit einer Jugendfreundin entgegenkam, hatte ſie ſich mit Zurückhaltung und Verlegenheit benom— men, ſo daß es Leſſen vorgezogen, ſie von dem Hofe fern zu halten. Sonſt konnte er keine begründete Klage gegen ſie geltend machen, denn ſie that alles, was er verlangte, aber auch nicht mehr, nichts von freien Stücken, nichts, um ihm eine unvorhergeſehene Freude zu machen, und alle jene kleinen und doch ſo werthvollen Aufmerkſamkeiten, welche allein nur die Liebe erfinden und bereiten kann, fehl— ten gänzlich, ſie hatte nie daran gedacht. Er im Anfange — dann auch nicht mehr, denn ſolche Ueberraſchungen und Zärtlichkeiten waren von ihr ja auch niemals nach ihrem von ihm ſehr hoch angeſchlagenen Werthe anerkannt worden. Die heutige Scene war daher von ſeiner Seite eigent⸗ lich der Ausbruch eines Gewitters wozu ſich der Stoff in einer ſchon lange ſehr ſchwülen Atmoſphäre angeſammelt hatte. Es gehörte deßhalb auch nicht zu denen, deren raſch vorüberziehende dunkle Wolken die nur kurze Zeit getrübte Sonne ſchon mit einem glänzenden Rande umſäumt— nein, es ſchien ſich ein grauer Regenhimmel für lange Zeit danach ausſpannen zu wollen. So ſtand es bei ihm. Bei ihr war dies anders. Ihr Hauptſchmerz beſtand darin, daß dieſes gerade heute, am Tage des Eintreffens ihrer Eltern, ſtattgefunden hatte, denn ſie durfte bei ihrem Vater keinen Zweifel darüber auf⸗ kommen laſſen, daß ſie glücklich ſei. Ach, wie würde ihn dies geſchmerzt haben— ſie mußte heiter, fröhlich, unbe⸗ fangen ſein, wie ſonſt— ganz wie ſonſt— denn er hatte ein ſcharfes Auge— und jetzt? Es war ja faſt unmög⸗ lich! Während der ſechsmonatlichen Dauer ihrer Ehe hatte ſie mehr geweint, als in ihrem ganzen früheren Leben zu⸗ ſammen, immer aber heimlich und ohne daß er es geſehen. Beſonders in der erſten Zeit, in den erſten Wochen, ehe ſie es ertragen und dulden gelernt, mit ihm allein und fern von den Ihrigen zu ſein, in ſo ganz veränderten, ganz fremden Verhältniſſen, ohne den Vater und ohne die Mut⸗ ter. Vor ihrem Manne, vor ſeiner Liebe und deren Aeuße⸗ rungen fürchtete ſie ſich, es war ihr am wohlſten, wenn ſie allein ſein konnte, allein mit ihren Gedanken, mit ihren Frinnerungen, mit ihren Träumen. Dann konnte ſie ſich auch ungeſtört und ungehindert ausweinen und wieder heiter und fröhlich ſcheinen, wenn er zurückkam; denn ſie wußte, er machte ihr ſonſt zärtliche Vorwürfe und fragte, ob ſie nicht glücklich ſei, und das mußte ſie vermeiden. Das geſchah aber nur in der erſten Zeit; als ſie dann, ungeach⸗ tet ſie ſich abmühte, doch ernſter und ſchweigſamer wurde, als das Lächeln ihres Mundes verſchwand oder ſich nur gezwungen einſtellte, da wurde auch er anders. Er be— läſtigte ſie weniger mit ſeinen Zärtlichkeiten, was ſie dank— bar anerkannte, er ſprach und erzählte auch nicht mehr ſo viel, was ihr auch nicht unangenehm war, aber er wurde auch kälter, gemeſſener und rückſichtsloſer, was ſie mit einer ruhigen Ergebung hinnahm, welche ihn am meiſten ärgerte und verletzte. So rückſichtslos, wie heute, war er noch nie geweſen; er hatte wenigſtens vor den Dienſtboten ſtets den Schein bewahrt und war oft mitten aus einer heftigen Rede oder aus einer vorwurfsvollen Belehrung in einen heiteren Scherz übergeſprungen, wenn zufällig einer der Dienſtboten eingetreten war, denn es durften keine Gerüchte von etwai— gen Zerwürfniſſen in ſeiner Ehe in Umlauf kommen; er ſelbſt ſprach draußen ſtets mit einer auffälligen Begeiſte⸗ rung von ſeiner Frau— aber heute hatte er auch die Grenze überſchritten.— Gerade heute, wo die Eltern kommen ſollten! Sie ßand mit tiefem Schmerze und gefalteten Händen vor dem abgeräumten Tiſche. Ach, wie wohl wäre es ihr geweſen, wenn ſie ſich ſo recht hätte ausweinen können, aber ſie durfte es nicht, der Vater würde es jedenfalls be⸗ merkt haben! Gewaltſam kämpfte ſie die eigenwilligen Thränen zurück, ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, holte tief Athem und ging dann zögernden Schrittes der Thür zu, welche nach ihres Mannes Zimmer führte. Es thut mir ſehr leid, ſagte ſie mit leiſe bebender Stimme, an der Thür ſtehen bleibend, daß gerade heute nicht Alles ſo war, wie es hätte ſein ſollen— ich werde bemüht ſein, daß du künftig keine Veranlaſſung zu ähn— lichen Klagen haſt. Sei mir deßhalb nicht mehr böſe— du weißt, ich hatte heute noch Manches zu beſorgen— es wird nicht wieder vorkommen— ich war zerſtreut, der Ge⸗ danke und die Freude, meine Eltern wiederzuſehen, beſchäf⸗ tigten mich— wenn du einige Rückſicht nehmen wollteſt — vielleicht ſchon der Eltern wegen.... Dieſe wiederholten und ſtets in den Vordergrund tre— tenden Beziehungen auf den Beſuch ſeiner Schwiegereltern ärgerten ihn von Neuem und blieſen die Flammen des Zornes in ſeinem Innern wieder an, die er ſchon aus Grün⸗ den der Klugheit zu unterdrücken bemüht geweſen war. Höre, Cäcilie, ſagte er daher, ohne ſeine liegende Stel— lung auf dem Sopha zu verändern, die kindliche Liebe iſt recht anerkennungswerth, ſie zeugt von einem guten und dankbaren Herzen; es hat aber Alles ſeine Grenzen, und wenn die Frau gar keine anderen Gedanken hat, wenn ſie ihren Mann deßhalb als reine Nebenſache betrachtet, ihm nicht einmal die tägliche, ohnehin dürftige und in der Regel mangelhaft zubereitete Nahrung gibt, ohne welche er nun doch einmal leider nicht eriſtiren kann, ſo beweiſt ſie eben dadurch, daß der Mann bei ihr in zweiter Reihe ſtehe, was mit ihren Pflichten geradezu unverträglich iſt. Das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne folgen, ſo ſteht es ſchon in der Bibel— das haſt du zwar gethan, du biſt mir gefolgt— aber nur mit dem Körper, nicht mit dem Herzen und mit der Seele! Verſuche es nicht, meine Meinung deßhalb ändern oder berichtigen zu wollen, fuhr er fort, als ſie Miene zu einer Erwiederung machte; die Kunſt der Verſtellung iſt dir noch neu, obgleich du angefangen haſt, Studien darin zu machen! Glaubſt du, ich beobachte dich nicht genau, wenn ich mich auch nicht ausſpreche? Es iſt zuweilen beſſer und noth— wendig, zu ſchweigen und ſeine Meinung für ſich zu be⸗ halten, wie du es ja auch thuſt— ſchon lange. Du haſt meine Erwartungen leider ſehr getäuſcht, denn ich habe mir ein ganz anderes Bild von unſerer Ehe gemacht. Ich glaubte, es würde mir gelingen, deine beſchränkten Mäd⸗ chen⸗Anſchauungen zu erweitern, dich zu einer klugen, geiſt⸗ reichen Frau heranzubilden, die ihr Licht und auch ihre kör⸗ perlichen Vorzüge nicht unter den Scheffel ſtellen, ſondern leuchten laſſen würde, ſo daß ich mit Stolz und von An⸗ deren beneidet zu dir hinblicken könnte. Von dem allem nichts! Du biſt träumeriſch, in dich abgeſchloſſen, meine eigenen Angelegenheiten haben kein Intereſſe für dich, du haſt eine ſtete Scheu, dich öffentlich oder in Geſellſchaften zu zeigen, deine Heiterkeit hat ſtets etwas Gezwungenes, dein ſonſt ſo fröhliches Lachen iſt verſtummt— was ſoll ich mit einer ſolchen Frau? Ich bedarf bei meinen vielen und unangenehmen Geſchäften einer Frau, die mich auf⸗ heitert, mit der ich Dinge reden kann, über die ich ſonſt ſchweigen muß, die ſich für mich, meine Angelegenheiten, meine Plane intereſſirt und mir darin rathend zur Seite ſteht; ſtatt deſſen beſitze ich ein ſentimentales, ſchüchternes, weinerliches Weſen, das immer noch ſeine Vergangenheit nicht vergeſſen kann— und mich herzlich langweilt, und das iſt das Schlimmſte! Ich werde verſuchen, mich zu beſſern, ſagte ſie, mit ihren Thränen kämpfend; es iſt mir noch Alles ſo neu, ſo ungewohnt, ſo— es wird ſich finden— du mußt Nach⸗ ſicht haben, lieber Leſſen, und beſonders heute. Laß uns heute nicht weiter darüber ſprechen, fuhr ſie mit niederge⸗ ſchlagenen Augen fort, während die ſeinen kalt an ihr hin⸗ gen, heute nicht— ich bitte dich darum. Warum heute nicht? fuhr er auf; glaubſt du, es wäre mir genehm, dieſes Thema nochmals von vorne mit dir anzufangen? Nein, es iſt gut, daß wir uns einmal gründ⸗ lich ausſprechen. Der Beſuch deiner Eltern iſt mir im Ganzen nicht unangenehm, ich werde Gelegenheit nehmen, auch mit deinem Vater zu reden— Ach, Leſſen, rief ſie in ſichtbarer Angſt, das wollteſt du thun? Warum ſollte ich es nicht thun? Ich habe mir nichts vorzuwerfen— ich— Höre, unterbrach ſie ihn mit vor Freude aufleuchtenden Blicken, es kommt ein Wagen! Sie ſprang an das Fenſter. Sie ſind es! Sie ſind es! rief ſie dann und flog, ohne eine weitere Antwort ihres Gatten abzuwarten, aus dem Zimmer. Der Wagen hielt vor der Thür und der alte Erin ſtieg eilig aus, ſchon aus der Ferne mit den Blicken ſeine Toch⸗ ter ſuchend. Sie wollte ihm bis an den Wagen entgegen eilen, aber ſie vermochte es nicht, zögernd blieb ſie im Hausflur ſtehen. Als Cäciliens Vater dann den Hausflur betrat, als ſie ihn wiederſah, ſtürzte ſie auf ihn zu und ſchlang ſtür⸗ miſch ihre Arme um ſeinen Hals. Ach, mein lieber, lieber, guter Vater! rief ſie und brach dann in ein lautes und krampfhaftes Weinen aus. Alle ihre Bemühungen, alle ihre Vorſätze waren nun doch vergebens geweſen; ſie konnte nicht anders, ſie ver⸗ mochte den Thränen nicht zu gebieten, und nun, da ſie ſo unaufhaltſam und gewaltſam hervorbrachen, nun mußte ſie ſich willenlos ergeben. Mein Kind, mein herzliebes Kind, rief der alte Erin beſorgt, die halb Ohnmächtige in ſeinen Armen haltend, was iſt dir, was haſt du? Es iſt nur die Freude, dich wieder zu ſehen, hauchte ſie unter fortgeſetztem Weinen; ach, laß mich, laß mich, lieber Vater, es wird bald, ſehr bald vorübergehen. Sei ruhig, liebe Cäcilie, ſagte er freundlich und be⸗ müht, vor Allem dieſe heftige Aufregung ſeines Kindes zu beſeitigen; ſei doch ruhig— du haſt ja deine Mutter noch gar nicht begrüßt. Sie ließ ihren Vater los und umarmte ihre Mutter, welche ſichtlich betroffen dieſem Empfange zugeſehen hatte. Als dieſe ihr dann leiſe zuflüſterte, ſie möge ſich faſſen, ruhig ſein— da wurde ſie es auch wieder, wenigſtens ge⸗ lang es ihr, dieſe gewaltſame Auftegung zurückzudrängen. Wäre die Mutter allein gekommen, es würde dies alles nicht geſchehen ſein, ihre Worte beruhigten ſie oder erkälte⸗ ten ſie vielleicht. Es freut mich unendlich, mein beſter Schwiegervater, tönte jetzt Leſſen's Stimme von der Treppe herab, Sie und die Mutter endlich einmal in meinem Hauſe begrüßen zu können— unſere gute Cäcilie hat Sie ſchon lange mit Sehnſucht erwartet. Sehen Sie nur, wie die Freude ſie aufregt, ich könnte faſt eiferſüchtig auf Sie werden, ſetzte er lächelnd hinzu; aber meine kleine Frau iſt einmal nicht anders, und das iſt es gerade, was ſie mir doppelt theuer macht. Aber nun kommen Sie, kommen Sie hinauf, hier iſt kein paſſender Ort, das Wiederſehen zu feiern. Dich muß ich heute natürlich ganz dem Vater überlaſſen, ſetzte er mit einem halb ſpöttiſchen Blick auf ſeine Frau hinzu; ich bitte um Ihren Arm, verehrte Frau Schwiegermutter. Sie gingen hinauf. Cäcilie geſtützt von dem Arme ihres Vaters, deſſen Blicke noch immer beſorgt auf ihr ruhten, denn zum erſten Male tauchten Zweifel darüber in ſeiner vertrauenden Scele auf, ob ſeine Tochter auch wirklich glücklich ſein möge. Mit der Sympathie, welche zwiſchen zwei verwandten Herzen beſteht, hatte ſie das erkannt und bemühte ſich nun, jede bei ihrem Vater deßhalb etwa ent— ſtehende Beſorgniß zu verſcheuchen. Nun, mache es dir bequem, rief ſie mit heiterem Lachen, während die Thränen noch an ihren langen Wimpern hin⸗ gen, mache es dir bequem, lieber Vater, und du auch, liebe Mutter, Ihr ſeid lange gefahren und werdet der Ruhe und Erholung bedürfen. Hier, ſetze dich in dieſen Lehnſtuhl, — es iſt meines Mannes Sorgenſtuhl, in welchem er jetzt ſchon zuweilen in tiefe Gedanken verſunken ſitzt,— den er dir heute aber gern abtritt— nicht wahr, lieber Leſſen, ſetzte ſie mit einem reizenden, halb verlegenen Lächeln hin⸗ u, heute ſind alle Sorgen fort— alle! Er ſah ſie mit einem faſt verwunderten Blicke an, ſo liebenswürdig war ſie lange nicht, eigentlich noch niemals geweſen— warum war ſie nicht immer ſo? Sie will mich bei Ihnen anſchwärzen, beſter Schwie— gervater, erwiederte er daher, ſehen Sie, wie boshaft ſie geworden iſt— als ob ſie nicht immer die Macht hätte, meine Sorgen fort zu tändeln! Aber ſo iſt ſie, fröhlich, wie ein Kind, und mit den Thränen auch noch immer gleich bei der Hand— Regen mit Sonnenſchein— noch immer wie ſonſt. Beruhigt drückte der alte Erin ſeiner Tochter Hand, die noch immer in der ſeinen ruhte; er war wieder überzeugt, daß ſein Kind recht glücklich ſei. Nun will ich aber den Kaffee beſorgen, ſagte Cäcilie, über die, ſie wußte ſelbſt nicht weßhalb, plötzlich der alte Muthwille gekommen war; nicht nur euretwegen, ſonder auch meines armen Mannes wegen, der noch gar nicht einmal zu Mittag gegeſſen hat. Sie haben noch nicht zu Mittag gegeſſen? fragte Erin. Nein, Papa, er hat noch nicht zu Mittag gegeſſen und iſt gewiß deßhalb ſehr hungrig; es war Alles ver⸗ dorben, Alles, die Suppe, das Fleiſch, das Gemüſe, der Braten; nicht wahr, liebe Mutter, ſo etwas ſollte in einer ordentlichen Wirthſchaft nicht vorkommen; aber es wird auch nicht mehr vorkommen! Ach, das iſt allerdings ſehr unangenehm, lachte der alte Erin, indeſſen, in der erſten Zeit der Ehe— mun, ich will nicht davon reden. Weißt du noch, Kind, einmal ſogar an meinem Geburtstage, den erſten, den wir feierten, du hatteſt nichts, als eine alte Gans oder einen alten Gänſerich, aber— Du ſollteſt doch ſo etwas vor den Kindern nicht erzäh⸗ len, unterbrach ihn ſeine Frau. Nicht erzählen? Siehſt du, lieber Leſſen, ſcherzte Cäcilie weiter, bei jungen Frauen iſt ſo etwas unvermeidlich, dafür ſind ſie aber auch jung; ſpäter— doch ich beſorge den Kaffee und für dich beſonders viel Butterſemmel. Er ſah ihr erſtaunt nach,— war ſie doch mit Einem Male ganz verändert, und wie vortheilhaft verändert! Warum kann ſie nicht immer ſo ſein? fragte er ſich wie⸗ derum in Gedanken. Bald kehrte ſie mit dem Kaffee zurück, und heiter und fröhlich ſtärkten ſich Alle, Leſſen beſonders, an dem jeden Anforderungen entſprechenden, belebenden und erquickenden Tranke. Wie angenehm verfloſſen für Cäcilie die Tage des Be⸗ ſuches ihrer Eltern! Sie war wieder fröhlich und heiter, wie ſonſt, und wenn ſie mit ihrem Vater ſpazieren ging und ihm die Schönheiten der Gegend zeigte, konnte ſie wie⸗ der ganz harmlos plaudern. Leſſen ließ ſie gewähren, er war, wie immer, in Gegenwart Anderer beſonders rück⸗ ſichtsvoll und zuvorkommend gegen ſie und ſeine Schwie⸗ gereltern, dor, fehlte in ſeinem Weſen jenes unnennbare Etwas, jener Duft, der nur von der wahren Blume der Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 3 Liebe und Zuneigung ausgehaucht, aber niemals bei der künſtlich gemachten gefunden wird. Das harmloſe, faſt kindliche Gemüth des alten Erin wurde dennoch getäuſcht, nicht ſo ſeine Frau. Sie erkannte, daß Manches in der jungen Ehe nicht ſo ſei, wie es ſein ſollte, und daß Beide ſich bemühten, dies zu verheimlichen; er, weil er es vielleicht für beſſer hielt, ſie aus Liebe zu ihrem Vater, um keine Sorge ihretwegen bei ihm entſtehen zu laſſen. Sie ſchwieg daher gleichfalls gegen ihren Mann und ſtimmte in die Aeußerung der Freude über das Glück ſeines Kindes mit ein. Als der alte Erin jedoch faſt eine Woche im Hauſe ſei⸗ ner Kinder ſich befunden hatte, fingen auch in ſeiner Seele einige Zweifel an aufzuſteigen, denn die Liebe hat immer ein ſcharfes Auge, und was ſie nicht ſieht, das ahnt und fühlt ſie. Biſt du auch ganz glücklich, mein gutes Kind? fragte er daher einſt, als er ſich mit Cäcilie auf einem einſamen Spaziergange befand; die Zeit, in welcher du dich jetzt be⸗ findeſt, iſt die Blüthezeit des ganzen Lebens; ſie muß nicht nur die Gegenwart erfüllen, ſondern von ihrem Ueberfluſſe auch das Zurücklegen für die Jahre des Herbſtes und des Winters geſtatten. Biſt du auch recht und ganz glücklich? Gewiß, lieber Papa, erwiederte ſie mit etwas unſicherer Stimme, mir fehlt nur Eines, eure Gegenwart. Ach, wenn wir zuſammen an einem Orte leben könnten, ich dich täglich ſehen, dich täglich ſprechen dürfte— Das wäre ſehr, ſehr ſchön! ſagte er mit einem tiefen Seufzer; aber es läßt ſich doch einmal nicht machen, und“ dein Mann muß dir Vater und Mutter erſetzen. Ja, mein Kind, fuhr er zärtlich ihre Hand drückend fort, ſo iſt es nach den Geſetzen der Natur. Das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne folgen, ſo ſteht es ja ſchon in der Bibel, ſie muß und ſoll in ihrer eigenen neuen Häuslichkeit Erſatz für das Verlorene finden— bei den Eltern, die allein und einſam zurückbleiben und das Kind, welches ihr höchſter und werthvollſter Schatz geweſen, einem fremden Manne zu Eigenthum geben müſſen— bei ihnen iſt das freilich ganz etwas Anderes! Die Wiederholung derſelben Worte aus dem Munde ihres Vaters, welche ihr Mann im Zorne gegen ſie geltend gemacht hatte, erfüllten Cäcilie, ſie wußte ſelbſt nicht weß⸗ halb, mit einem jähen Schreck, der dann durch die letzte Aeußerung in Schmerz verwandelt wurde. Sie durfte denſelben aber nicht laut werden laſſen, denn die Stimmung ihres Vaters war ja ohnehin traurig genug. Vielleicht komme ich recht bald auf längere Zeit zum Beſuche zu euch, ſagte ſie daher tröſtend; Leſſen wird wohl nichts dagegen haben, beſonders wenn du ihn darum bitteſt. Das will ich gern thun, bemerkte nachdenklich der alte 3* Erin; ich habe auch ſchon daran gedacht, ob ich meine Stellung daheim nicht aufgeben und zu euch hieher ziehen ſoll. Wir ſind alt, und malen könnte ich hier ja auch. * O, thue das nicht, thue das ja nicht! rief ſie mit ſicht⸗ barer Angſt; ach, nein, ſetzte ſie ruhiger hinzu, es würde dir hier, fern von deinen Freunden gewiß nicht gefallen! Aber ich wäre bei dir, mein Kind, wir könnten uns täglich ſehen— Nein, nein, rief ſie, du darfſt nicht daran denken! Wenn ich ein Mann wäre, ich würde nie und nimmer an dieſem Orte oder in dieſem Staate leben! Er ſah ſie bei dieſen, von ihr mit großer Erregung ge⸗ ſprochenen Worten verwundert an, denn ihre ſonſt ſo ſanf⸗ ten Augen hatten ſich, während ſie ſprach, mit einem un⸗ gewöhnlichen Glanze gefüllt. Wenn du ein Mann wäreſt? wiederholte er; was willſt du damit ſagen? Ich möchte dann nicht in einem Lande leben, wo Recht und Geſetz nur nach der Laune eines eigenwilligen und dünkelhaften Fürſten gehandhabt werden, wo— Kind, Kind! rief ihr Vater faſt beſtürzt, was führſt du für Reden? Wenn das dein Mann hörte— weiß er denn, daß du ſolche Anſichten haſt? Leſſen, meinſt du? Nein, lieber Vater, der weiß das natürlich nicht— es war auch nur eine unbedachte Aeuße⸗ rung von mir, ſetzte ſie lächelnd hinzu, da ſie die Unruhe 2 ihres Vaters jetzt erkannte; du kannſt ſicher glauben, ich bekümmere mich gar nicht um alle dieſe Dinge,— was gehen ſie mich auch an? Indeſſen, wenn man täglich davon reden hört, ſo wird man unwillkürlich mit daran betheiligt. Davor mußt du dich ſehr hüten, mein Kind, bemerkte der alte Erin, ſeine Tochter noch immer beſorgt anſchend. Es mag hier Manches geſchehen, was beſſer nicht oder an⸗ ders geſchähe, indeſſen, du mußt dich davon fern halten, und beſonders bedenken, daß es die Pflicht der Frau iſt, mit ihrem Manne in allen weſentlichen Dingen übereinzu⸗ ſtimmen. Ja, das ſage ich mir auch, und deßhalb ſchweige ich und denke.— Sie gingen längere Zeit ſchweigend und Jeder mit ſei⸗ nen Gedanken beſchäftigt, neben einander. Der alte Erin hatte jetzt erkannt, daß das eheliche Verhältniß ſeiner Toch⸗ ter mehre tiefe Schattenſeiten habe, ſo ſehr ſie ſich auch be— mühte, dies zu verdecken. Dieſe Erkenntniß ſtimmte ihn traurig und bewog ihn zugleich, ſich weitere Gewißheit dar⸗ über zu verſchaffen. Habt ihr denn ſonſt noch Geheimniſſe vor einander? fragte er daher, ſie feſt anſehend. Geheimniſſe? erwiederte ſie lachend, du meinſt Leſſen und ich? Was ſollten wir für Geheimniſſe haben, Papa? Und das, worüber wir ſprechen, iſt auch kein Geheimniß zwiſchen uns, wir reden oft darüber; er nennt mich dann eine Thörin, worin er wahrſcheinlich Recht hat, obgleich ich weiß, daß er ſelbſt Manches thun muß, was er gern unterließe; aber es geht einmal nicht anders, dafür iſt er Geheimer Cabinetsrath, und ich die Geheimeräthin, ſetzte ſie muthwillig hinzu, die doch auch eine Meinung und eine Anſicht haben muß, wenn ſie ihre Stellung ausfüllen ſoll. Er wurde wieder zweifelhaft und deßhalb beruhigter. Später redete er darüber mit ſeiner Frau, welcher es ge⸗ lang, ſeine Beſorgniſſe ganz zu zerſtreuen, obgleich ſie ſelbſt völlig darüber im Klaren war, daß Cäcilie nicht glücklich ſei. Auch ſie ſprach mit ihr deßhalb, aber ſie vermied es, tiefer auf die Sache einzugehen, denn ſie ſcheute ſich vor einem Ausbruche der Gefühle ihres Kindes, weil ſie anfing, Reue darüber zu empfinden, daß ſie ihrer Verbindung mit Leſſen das Wort geredet. Ich kann mir denken, ſagte ſie daher, daß du dir zu⸗ weilen verlaſſen und einſam vorkommſt und dich zu uns und deinem früheren Leben zurückſehnſt. Das iſt aber immer ſo beijungen Frauen, das Ungewohnte, das Fremde, das viele Alleinſein, wenn der Mann, wie der deinige, viel außerhalb beſchäftigt iſt, bringt das mit ſich. Du mußt in dem Glauben Erſatz finden, daß du nun eine eigene Häuslichkeit beſitzeſt, vielleicht bald eine eigene Familie, ſetzte ſie lächelnd hinzu, und daß du ja doch nicht immer im elterlichen Hauſe hätteſt bleiben können. Das gibt ſich — auch alles ſpäter, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Laß dich daher nicht von augenblicklichen Stimmungen be⸗ herrſchen. Zeige deinem Manne ſtets ein heiteres, fröh— liches Geſicht, und bedenke zugleich, daß du deinen Eltern, und namentlich deinem Vater, keine größere Freude bereiten kannſt, als daß du ihn die feſte Ueberzeugung deines Glückes mit in die Heimath nehmen läßt. Das ſoll er, das kann er, liebe Mutter, erwiederte Cäcilie mit niedergeſchlagenen Augen; ich würde ſehr be⸗ trübt ſein, wenn er es nicht thäte. Nun, das freut mich, mein Kindz es ſchien mir, als ob einige Zweifel deßhalb bei ihm aufgeſtiegen wären, es wird dir nicht ſchwer werden, ſie wieder zu zerſtreuen. Die Stunde der Abreiſe rückte indeſſen immer näher, ſchon zwei Mal hatte ſich der alte Erin durch die Bitten ſeines Kindes bewegen laſſen, noch ein paar Tage zuzu⸗ ſetzen, eine längere Zögerung war jedoch nicht möglich, und morgen in aller Frühe ſollte die Abreiſe erfolgen, ſo war es feſtgeſetzt. Leſſen hatte ſich in der letzten Zeit, ſeine viel⸗ fachen Geſchäfte vorſchützend, noch ſeltener gemacht, als bisher; es war ihm entſchieden unangenehm, den innigen Herzensverkehr ſeiner Frau mit ihrem Vater und ihre zu⸗ nehmende Traurigfeit über deſſen Abreiſe zu ſehen. Am letzten Tage kam er jedoch früher, als dies ſonſt geſchah, nach Hauſe, und ſchien beſonders heiter und auf⸗ geweckt. — 0 Wir müſſen uns vornehmen, gar nicht von Ihrer Ab⸗ reiſe zu reden, mein beſter Schwiegervater, ſagte er, und du, liebe Cäcilie, mußt auch gar nicht daran denken. Im Herbſte werden wir Sie beſuchen, und ſollte ich dann, was leicht möglich iſt, da ich nun einmal ein Sclave bin, nicht längere Zeit bei Ihnen verweilen können, ſo werde ich als folgſamer Gatte und guter Sohn deinen Wünſchen nicht entgegen ſein, Cäcilie, deinen Aufenthalt zu und ohne mich dort zu bleiben. Ach, wie gut du biſt, ſagte ſie mit einem freudig dank⸗ baren Blicke; der Abſchied wird mir wirklich nun nicht ſo ſchwer fallen. Wer ſpricht ſchon wieder vom Abſchiede? Wenn g⸗ ſchieden ſein muß, ſo geſchehe es ohne viel Reden, in nutzloſe Gefühls⸗Aufregungen, mit Einem Male, kurz— dann iſts vorbei und man iſt darüber hinweg, man weiß ſelbſt nicht, wie. Sind Sie nicht meiner Meinung? wandte er ſich an Erin, der ihm ſchweigend und mit einer gezwungen heiteren Miene zugehört hatte. Vollkommen, vollkommen! Sie haben ganz Re cht, und wir wollen es ſo machen, ganz ſo machen, hörſt du, mein Kind? Sie nickte ſtumm und wehmüthig lächelnd mit den Kopfe. Morgen früh fahren Sie fort, ſprach Leſſen weiter, und ich werde Sorge tragen, daß du einige außergem ——— Zerſtreuungen haſt, damit du deinen Gedanken gar keine Audienz geben kannſt. Es paßt ſich vortrefflich, daß wir morgen Abend zum Fürſten eingeladen ſind. Morgen ſind wir zum Fürſten eingeladen? fragte Cä⸗ cilie beſtürzt. Ja, mein Kind, es trifft ſich gerade ſehr gut. Morgen, wo die Eltern abreiſen? Morgen ſoll ich in Geſellſchaft gehen, und zum Fürſten— zu der Gräfin? Nun natürlich iſt die Geſellſchaft in den Räumen ſeiner Gemahlin, wo ſollte ſie ſonſt ſein? Sie beſteht indeſſen nur aus dem engeren auserwählten Cirkel, in welchen einge⸗ führt zu werden du dir zur Ehre anrechnen mußt. Morgen? Morgen kann ich unmöglich gleich in Ge⸗ ſellſchaft gehen, ſagte Cäcilie, indem ſie angſtvoll zu ihrem Vater aufblickte; du wirſt das nicht von mir verlangen, Leſſen, und noch dazu bei der Gräfin. Sehen Sie, ſo iſt ſie! rief Leſſen, dem es ſchwer wurde, ſeiner üblen Laune nicht ganz den Zügel ſchießen zu laſſen. Seien Sie nicht ungehalten, beſter Schwiegerſohn, be⸗ gütigte der alte Erin; Sie müſſen einige Nachſicht mit ihren, allerdings hier nicht gerechtfertigten Gefühlen haben — ſie kann immer noch die Vergangenheit nicht vergeſſen. Aber du haſt Unrecht, mein Kind, fuhr er mit liebevollem Tone fort, durchaus Unrecht. Was hat unſere Abreiſe mit dieſer Geſellſchaft zu thun? Im Gegentheile, ich theile vollkommen die Anſicht deines Mannes, daß dieſes gerade als ein günſtiger Zufall zu betrachten iſt. Du wirſt dich zerſtreuen, mein Kind, deine Gedanken werden von Betrach⸗ tungen abgelenkt, an welchen ſie doch nicht länger haften ſollen und können. Außerdem biſt du das der Stellung deines Mannes ſchuldig, und es würde mich betrüben, wenn du deine Weigerung fortſetzen ſollteſt. Das würde dich betrüben? fragte ſie mit zitternder Stimme. Gewiß, mein Kind, es würde mich ſehr beunruhigen, und dieſe Unruhe mich auf der ganzen Rückreiſe begleiten. O, ich will dich nie betrüben, lieber Vater! rief ſie. Ich werde mitgehen, du kannſt ganz ruhig ſein, ich werde mitgehen, und kein Wort des Widerſpruches ſoll mehr von mir gehört werden! Ich danke dir, mein Kind, aber du mußt auch fröhlich und heiter dabei ſein, wie es ſich für eine junge Frau paßt. Ganz fröhlich und heiter, erwiederte ſie mit einem Lächeln, welches den um ihren Mund zuckenden Schmerz nur unvollkommen verbarg. Und ich danke Ihnen, verehrteſter Schwiegerwater, ſagte Leſſen hart, daß Sie meine Frau bewogen haben, den Wünſchen ihres Gatten nachzukommen und ihre Pflichten gegen denſelben zu erfüllen. So ſehr man auch gegenſeitig bemüht war, die letzten Stunden des gemeinſamen Beiſammenſeins heiter zu ver⸗ leben, es gelang nicht. Stimmungen laſſen ſich nicht er— zwingen, bei Verſuchen, es zu thun, blickt der Zwang immer durch und bringt oft das Gegentheil von demjenigen hervor, was man beabſichtigt. Leſſen, der hier am wenig⸗ ſten innerlich betheiligt war, der ſich ſogar freute, daß dieſer ihm längſt läſtig gewordene Beſuch endlich aufhöre, war daher auch derjenige, der das oft in's Stocken gerathende Geſpräch wieder in Gang brachte und durch ſein Unterhal⸗ tungs⸗ und Erzählungstalent, in welchem er jetzt von kei⸗ ner Seite beſchränkt wurde, die langſam und doch wieder ſo ſchnell hinrollenden Stunden auf leidliche Weiſe aus⸗ füllte. Als dann am andern Morgen Cäciliens Eltern abfuh⸗ ren, war dieſe, ungeachtet aller Vorſtellungen und unge⸗ achtet ihrer eigenen, noch ſo feſten Vorſätze, aufgelöſt in Schmerz. Nach dem letzten Gruße, nach dem letzten Wehen mit dem ſchon von Thränen feuchten Tuche eilte ſie auf ihr Zimmer, um ſich auszuweinen, ſo recht und ganz auszu⸗ weinen. Leſſen ließ ſie gewähren, er machte nicht den An⸗ fang eines Verſuches, ſie zu tröſten oder zu beruhigen. Er ſetzte ſich an die Arbeit und verließ einige Stunden ſpäter ſeine Wohnung, um auf das Miniſterium zu gehen, ohne ſie aufgeſucht oder noch einmal geſehen zu haben. Drittts Anpitel. Eine Soirée intime. Und hab' ich einſam auch geweint, So iſt's mein eig'ner Schmerz. Gvethe. Wenn Dir, geneigte Leſerin, die Liebe Cäciliens zu ihrem Vater und die Art und Weiſe der Aeußerung vielleicht etwas übertrieben und überſchwänglich vorgekommen iſt, ſo bitten wir Dich, die Verhältniſſe und deren Einwirkung auf ſie vollkommen und richtig zu würdigen. In ihrem jungen, ſich ſelbſt noch nicht erkennenden, unſchuldigen Herzen hatte ſich die Blüthe der Liebe zu Horſt bis zur Knospe entwickelt, es hätte nur noch eines warmen, leuch⸗ tenden Sonnenſtrahles bedurft, um ſie in ihrer ganzen farben- und duftvollen Schönheit ſich entfalten zu laſſen. Aber der Himmel verſchleierte ſich und die Knospe wurde nicht zur Blume. Von ihr ſelbſt zuerſt nicht erkannt, ſtand ſie heimlich und verborgen in dem Garten ihres Her⸗ zens, dicht unter dem hohen, grünenden Baume der Kin⸗ desliebe, der Liebe zu ihrem Vater, unter deſſen breiten und ſchützenden Schatten ſie ſelbſt aufgewachſen war. Der Knospe durfte ſie nicht warten und pflegen, aber des Baumes, in deſſen unmittelbarer Nähe dieſelbe ſtand— ſie gab ſich vielleicht dabei der ſüßen Täuſchung hin, daß ſie alle Sorgfalt und Liebe nur dem Baume zuwende und jene Knospe unbeachtet laſſe— können wir ſie deßhalb verdammen oder auch nur tadeln? Als ſie ſich dann in erwachendem Bewußtſein an der Seite eines ungeliebten Gatten wieder fand, als es all⸗ mählich immer klarer und lichter vor ihre Seele trat, daß ihr Leben ein verfehltes und ihre Beſtimmung Dulden und Entſagen ſei— da wurde auch ihre Vergangenheit für ſie lichter und klarer, und die Erinnerungen an die kurze Zeit des in ihrem Herzen erblühten Lebensfrühlings ihr höchſtes Glück. Es war nicht mehr ein dunkles, ſelbſt nicht ver⸗ ſtandenes Gefühl, ſie war ſich bewußt geworden, was ihr hätte zu Theil werden kön nen,— und was nun für immer verloren blieb. Der Menſch hofft ſo lange er lebt, und über das Leben hinaus. So war es auch mit Cäcilie. Sie wußte nicht, was ſie hoffte, aber ſie hoffte dennoch. Und als dann ihre Eltern kamen— ach, da lebten die Tage jenes kurzen Lebensfrühlings wieder lebendig in ihrem Herzen auf, wie oft, wie lange, ſich ſelbſt dabei tadelnd und verdammend, und doch ſich wieder dieſem ſchmerzlichen Glücke hingebend — dachte ſie an ihn. Ein großer Theil ihrer dem Vater zugewandten Zärtlichkeit galt eigentlich ihm— das kam allerdings nicht bei ihr zum Bewußtſein und zur Erkennt⸗ niß, aber es war ſo. Du findeſt die Aeußerungen der Liebe Cäciliens zu ihrem Vater jetzt wohl mehr begründet, geneigte Leſerin, wenn auch vielleicht weniger anerkennungswerth um ihrer ſelbſt willen; uns liegt aber die Aufgabe ob, treu und wahr zu ſchildern, und wir durften daher auch die Schwäche dieſes Herzens nicht verbergen und verſchleiern, eine Schwäche, welche in Deinen Augen kaum der Entſchuldi⸗ gung bedürfen, vielmehr die Trägerin derſelben Dir nur näher bringen und werthvoller machen wird. „Meiden Sie den Umgang mit ihr, ſie iſt Ihrer nicht würdig“, ſo hatte er einſt zu ihr geſagt, als ihr unbefange⸗ nes Gemüth den Leichtſinn und die Intrigue in dem Weſen ihrer Jugendfreundin noch nicht erkannt hatte— aber ſeine Worte waren damals ſchon ein genügender Grund geweſen,, danach zu handeln. Jetzt war ihr allerdings das Richtige derſelben längſt aus eigener Wahrnehmung klar geworden, aber jene Worte hafteten noch immer feſt in ihrem Erinnern wie ein theures Vermächtniß, deſſen Befolgung ſie ſich mehr als je zur Pflicht machte. Daher hauptſächlich ihre Abneigung und ſelbſt ihre entſchiedene Weigerung, ue Cirkel der Gräfin zu beſuchen. Heute mußte ſie nun doch hingehen, ſie hatte es wn Vater verſprochen, ihrem Manne zugeſagt— ſie that es mit ſchwerem Herzen. Leſſen war den Tag über ſchweigſam und theilnahmlos geweſen— ſie hatte das dankbar anerfannt; gleich nach Tiſche ging er aus und kehrte erſt in den ſpäten Nachmit⸗ tagsſtunden zurück. Es wäre mir lieb, ſagte er, wenn du heute auf deinen Anzug einige Sorgfalt verwenden wollteſt, wie es ſich für die Geſellſchaft des Fürſten geziemt; welches Kleid willſt du anziehen? Welches Kleid? Ich denke das ſchwarzſeidene. Ach, warum nicht gar! Das paßt allenfalls zum Viſitenmachen, aber nicht für eine junge Frau in einer Abend⸗Geſellſchaft, und dazu in einer gewählten. Wie du meinſt, erwiederte ſie; ſo habe die Güte, meinen Anzug zu beſtimmen. Wie wäre es mit deinem Brautkleide? Es hängt ſchon ein halbes Jahr lang unbenutzt in deinem Schranke und wird bald außer Mode kommen. Mein Brautkleid? fragte ſie mit einem leichten Er⸗ ſchrecken, mein Brautkleid ſoll ich anziehen? Aber du haſt Recht, ſetzte ſie mit plötzlich verändertem Tone hinzu, mein Brautkleid wird ſich ganz gut zu dieſer Geſellſchaft paſſen, ich werde es anziehen. Gut, ſagte er mit befriedigtem Lächeln, du wirſt recht hübſch und vortheilhaft darin ausſehen, vergiß aber auch nicht, daß dazu ein fröhliches und heiteres Geſicht gehört, wie es einer jungen und ſchönen Frau geziemt. Beginne bald mit deiner Toilette, fuhr er fort, nachdem er verge⸗ bens eine Zeit lang auf eine Erwiederung ſeiner letzten Aeußerung gewartet hatte, und ſei in einer Stunde bereit, ich werde dich dann abholen. Ich habe dir einige Came— lien beſorgt, die du in das Haar ſtecken kannſt. Blumen? Wird das nicht zu auffällig ſein? fragte ſie wieder mit beſorgter Miene. Ach, warum nicht gar, ſagte er ärgerlich; alle Damen tragen Blumen oder Kränze im Haar, du würdeſt auf⸗ fallen ohne dieſelben. Ich dachte, du würdeſt meine Sorg⸗ falt einmal anerkennen, denn friſche Camelien ſind das einfachſte, was du tragen kannſt— aber davon iſt nun feine Rede— ich bin auch bereits vollſtändig daran ge⸗ wöhnt. Alſo beeile dich und laß mich nicht warten. Sie ſtand noch eine Zeit lang in tiefem ver⸗ loren, als er ſie verlaſſen hatte, dann ging ſie, ihr Braut kleid zu holen, welches bis jetzt die ganze Zeit unbe⸗ rührt gehangen hatte. Ein wehmüthiges, ſchmerziche Gefühl durchzitterte ihr Herz, als ſie es nun wieder un erſten Male in der Hand hielt. Der Glanz des Atlaſſes war an einzelnen Stellen der Bruſt leicht getrübt— an den Stellen, wohin ihre Thränen am Tage der Hochz gefallen waren— ihre Augen hafteten jetzt darauf, unt 3 0 vor ihre Seele. Welche Braut weinte nicht an ihrem Hoch⸗ zeitstage?— Sonnenregen! Labender, erquickender Thau auf die Gluth des Herzens— Blumen des Entzückens halbgeahnter, halbgekoſteter Wonnen! Solche Thränen waren es nicht geweſen, die den Glanz des Atlaſſes ihres Kleides getrübt hatten— bittere, heiße Tropfen des Schmerzes; Perlen, geweiht der Entſagung, dem Abſchiede von ihrer heiteren Kindheit, und von allem, was ihr lieb und werth war! Und heute, heute, da ihre Eltern ſie ver⸗ laſſen hatten, da ſie ſich wieder einſamer denn je im frem⸗ den Lande, im fremden Hauſe fühlte, heute ſollte dieſes Kleid zum erſten Male ſie wieder ſchmücken! Gewaltſam kämpfte ſie chre Empfindungen zurück— ich ſoll ja heiter und fröhlich ſein, flüſterte ſie mit bebender Stimme vor ſich hin— und welches Kleid als gerade dieſes könnte wohl beſſer zu dieſer Heiterkeit und Fröhlichkeit paſſen? Eilig rief ſie dem Mädchen, um nicht länger mit ſich allein zu ſein, und ließ ſich ankleiden. Leſſen ſchickte die Camelien und ſie ſteckte zwei davon ins Haar. Als ſie fertig war, betrachtete ſie ſich im Spiegel. Welches Weib liebte nicht ihre Schönheit? Die Schönheit des Weibes iſt ihr Ehrgeiz, ihr Ruhm, ihre Ordenskette— ſie iſt für ſie alles das, wonach der Mann ſich abmüht, und das er als eitlen Plunder bei Seite legt, wenm er es erreicht hat; die Schönheit des Weibes iſt zugleich der verlockendſte Kampfpreis, den zu erringen, zu genießen und zu zerſtören Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 4 der Mann erſtrebt— und gerade darin allein liegt wieder ihr Werth für das Weib. Auch Cäcilie konnte ein Gefühl des Wohlgefallens nicht unterdrücken, als ſie ihr Bild im Spiegel ſah. Das üppige, lichtbraune, von Natur gelockte Haar fiel in reichen Wellen um die reine, hohe Stirn und umrahmte ihr edles, claſſiſch ſchönes Profil, die ſanften, ſeelenvollen Augen erglänzten in einer freudigen Auftegung, und um den kleinen Mund mit den korallenrothen Lippen ſpielte ein taum merkliches, aber reizendes Lächeln. Der weiche, weiße Atlas, vorn mit einer breiten Spitze garnirt, um⸗ ſchloß leicht ihre ſchlanke, ſylphenartige Taille und wallte dann in breiten, reichen Falten um ihre edle Geſtalt bis zur Erde hinab. Du biſt heute wirklich reizend, kleine Frau, ſagte Leſſen, der leiſe eingetreten war, indem er ſie umſchlang und ihren Nacken küßte, wirklich reizend— und wirſt dich nun aber auch überzeugen, daß ſelbſt die ſchönſten Frauen ihren Anzug nicht vernachläſſigen dürfen. Kleider machen Leute, mein Kind, das iſt ein altes, wahres Sprüchwort; aber willſt du nicht die goldene Kette und die Armbände anlegen? Nicht mehr, Leſſen, ſagte ſie wieder ernſter, du warſ ja ſelbſt mit mir zufrieden, und ich habe auch deine Came lien angeſteckt— Aber nur zwei. Mehr würde mir nicht kleiden, es würde zu gedrückt ausſehen. Nun, du mußt das beſſer wiſſen, und ich will nichts mehr tadeln und nichts mehr wünſchen. Sei nur recht heiter, recht zuvortzmend gegen den Fürſten und die Gräfin, und ich werde g ganz mit dir zufrieden ſein. Hier iſt dein Mantel, der Wagen wartet. Der Hof hielt ſich auf einem, eine kleine halbe Meile von der Reſidenz gelegenen Schloſſe auf. Die innere Ein— richtung deſſelben war äußerſt lururiös, denn der Fürſt ſchien, indem er ſie herſtellen und ergänzen ließ, zeigen zu wollen, daß die Eigenſchaft ſeiner Gemahlin als ſolche die Hauptſache ſei und es keinen Unterſchied mache, ob ſie aus einem ihm ebenbürtigen fürſtlichen Geſchlechte ſtamme oder nicht. Die allgemeine Meinung ließ ſich dadurch jedoch nicht beirren, ſie verharrte in ihrer Abneigung und Nicht⸗ achtung gegen die Gräfin. Wäre der Regent ein volks⸗ thümlicher Fürſt geweſen, hätte er, indem er eine Tochter des Volkes zu ſeiner Gemahlin wählte, die Schranken und Vorurtheile zerbrochen, welche ſeine Wahl einſchränkten, hätte er ſie zu ſeiner wirkl lichen Gemahlin, zur Fürſtin des Landes gemacht, und wäre ſie ſelbſt ein edles, ſolcher Auszeichnung würdiges Weib geweſen— wie würden ihr die Herzen des Volkes zugeflogen ſein! Aber wie der Fürſt in allen Dingen ſchroff ſeinem Volke gegenüber ſtand, 4* ſo auch hier. Niemand war darüber in Zweifel, daß ihn nur eine gewöhnliche, ſinnliche, von ihr klug ausgebeutete Neigung zu dieſem Schritte bewogen habe, für den man eine Form und einen Namen gefunden, der hier doch das eigentliche Weſen dieſer Verbindung nur ſehr durchſichtig verhülle. Die Gräfin blieb in der öffentlichen Meinung verhaßt, obgleich ſie ſich wenig zeigte, zurückgezogen lebte und ſich anſcheinend gar nicht um die Regierungsgeſchäft bekümmerte— ſie blieb verhaßt, vielleicht ſchon deßhalb, weil man zu unangenehme und naheliegende Erfahrungen an ihrer Vorgängerin gemacht hatte. Leſſen's Wagen hielt unter dem Portale des Schloſſes, er half Cäcilien beim Ausſteigen und fühlte das leiſe Beben ihrer Hand, als er ſie durch das glänzend erleuchtete, mit einem Ueberfluß von reich gallonirten Bedienten ausgt ſtattete Veſtibul führte. Bald darauf traten ſie in die Geſellſchafts-Räume. Inm letzten Zimmer befanden ſich der Fürſt und die Gräfin. Mit niedergeſchlagenen Augen ohne aufzublicken, durchſchritt Cäcilie an der Hand ihres Mannes dieſen kurzen und doch für ſie ſo peinlichen Weg dann blieben ſie ſtehen, weil der Fürſt und die Gräfin ſich im lebhaften Geſpräche mit anderen Perſonen befanden⸗ Cäcilie benutzte dieſe kurze Zeit, um ſich zu ſammeln, un wie dies oft in ſolchen Lagen geſchieht, ihre Zaghaftigki verſchwand plötzlich, denn ihr kam dies alles gemacht, un natürlich, theatermäßig vor. 3 Nettchens Blick fiel jetzt auf ſie, und zugleich trat ſie ihr mit gewinnender Freundlichkeit entgegen. Sehe ich Sie endlich einmal, liebe Leſſen, ſagte ſie, ihr die Hand reichend, wobei ihr Blick mit raſcher Beob⸗ achtung über ihre ganze Geſtalt und ihren Anzug flog; ich ſollte eigentlich böſe auf Sie ſein, daß Sie Sich ſo ſelten machen, indeſſen das würde mir ſchwer fallen. Sie ſind ſehr gnädig, Frau Gräfin, erwiederte Cäcilie in einer ſo unbefangenen Weiſe, daß Nettchen, welcher dieſer veränderte Ton ſelbſt einige Mühe machte, darüber faſt erſtaunte; vielleicht ſchenken Sie mir aber einige Nachſicht, weil Sie Sich erinnern, daß es ſtets zu meinen Gewohnheiten oder Fehlern gehörte, zurückgezogen zu leben. Man wird oft durch die Umſtände gezwungen, ſeine alten Gewohnheiten zu verändern, bemerkte Nettchen, durch das ihr zugemuthete Erinnern nicht angenehm berührt; wir befinden uns Beide in dieſer Lage und müſſen den Ver⸗ hältniſſen Rechnung tragen. Es wird mein Beſtreben ſein, Ihre Lehren zu be⸗ folgen. Kommen Sie, brach Nettchen dies beziehungsvoll ge⸗ wordene Geſpräch ab, kommen Sie, ſetzen Sie Sich zu mir und laſſen Sie uns plaudern. Ihre Eltern waren hier, wie ich von Ihrem Herrn Gemahl gehört, da haben Sie gewiß recht viel Neues aus der Heimat erfahren und können mir erzählen. Denken Sie noch oft zurück an die früheren Zeiten? fragte ſie, indem ſie Cäcilie nach einem einſamen Sitze in der Fenſterniſche führte. O, gewiß, erwiederte dieſe mit unverkennbarer Be⸗ wegung, ſie werden mir immer unvergeßlich bleiben! Du warſt ſtets eine kleine Schwärmerin, Cäcilie, ſagte Nettchen mit einem leichten Seufzer, und ich kann mit denken, daß es Manches gibt, wobei deine Erinnerungen gern verweilen; bei mir iſt dies nicht der Fall, und es hat auch ſein Gutes, daß es nicht ſo iſt. Die Liebe meines Gemahls gewährt mir vollſtändigen Erſatz für die verlor⸗ nen flüchtigen Mädchenfreuden— ich ſehne mich nicht da⸗ nach zurück. Ich bin froh und innerlich beglückt, daß es ſo iſt, und es ſollte mir leid thun, wenn es bei dir anders wäre, denn die Liebe des Mannes bleibt des Weibes höch⸗ ſter Schatz und höchſtes Gut, ſetzte ſie mit Emphaſe m biſt du nicht auch meiner Meinung? Es unterliegt dieſes alles keinem Zweifel. Aber du ſagſt das ſelbſt in einem zweifelhaften T Tone. Es wird mir vielleicht etwas ſchwerer, wie Ihnen, di Vergangenheit zu vergeſſen und den neuen Verhältniſſen Rechnung zu tragen. Liebe Cäcilie, ſagte Nettchen, ihre Hand ergreifend, warum nennſt du mich jetzt, da wir allein ſind, noch „Sie“? Wenn es auch nöthig iſt, daß wir in Gegenwart Anderer das trauliche„Du“ vermeiden— es würde ſch die einmal nicht paſſen und leicht zu Mißdeutungen Veran⸗ m laſſung geben— wenn wir aber unter uns ſind, können wir in der alten Weiſe mit einander reden, nicht wahr? e⸗ Willſt du mir den Gefallen thun? Wenn Sie es befehlen— te Wenn ich es befehle? fragte Nettchen mit einem finſte⸗ ir ren Blicke; ich hätte allerdings eine andere Antwort auf en ein ſo freundliches Anerbieten erwartet. at Laſſen Sie mich offen ſprechen, ſagte Cäcilie, indem es ihr Auge Nettchens forſchenden Blick ruhig aushielt; wenn e⸗ ich einmal Du und einmal Sie ſagen müßte, ſo würde ⸗ dies meine Vorſtellungen verwirren, in welchen doch das es„Sie“in ſeiner Hauptgeltung ſtehen bliebe. Ich kann zu 6 einem Menſchen nicht abwechſelnd„Sie“ oder„Du“ ſagen, wenn mir das letztere von Herzen kommen ſoll, denn das„Du“ iſt die Sprache des Vertrauens und der Freundſchaft, und es würde mich ſtets ſchmerzen, wenn ich dieſe verläugnen ſollte. Nun, ſo laſſen wir es denn beim„Sie“, Frau Cabi⸗ netsräthin, erwiederte Netichen kalt, indem ſie aufſtand; n dort kommt mein Gemahl, ich glaube, Sie haben ihn noch gar nicht begrüßt. Der Fürſt näherte ſich raſchen Schrittes und erwiederte dann mit ſichtbarer Ueberraſchung die Verneigung Cäci⸗ t liens. Es war unverkennbar, daß ihr Anblick ihn be⸗ troffen machte, denn er hatte ſie nie ſo ſchön geſehen. Sie — ſtand in ſeiner Vorſtellung als ein unbedeutendes Weſen, ausgeſtattet mit einigen wenig anlockenden Reizen des Körpers und noch weniger anziehenden langweiligen Eigen⸗ ſchaften des Geiſtes, als eine von jenen Frauen da, die in der gewöhnlichen Miſere der Häuslichkeit ihre Welt finden, für alles Uebrige aber unbrauchbar, und für einen geiſtreichen oder auch nur des Genuſſes und der Auf⸗ regung bedürftigen Mann auf die Dauer unerträglich werden. Jetzt mußte er ſich wenigſtens geſtehen, daß er ſich hin⸗ ſichtlich der Beurtheilung ihrer körperlichen Vorzüge in einem ihm ſelbſt ſchwer erklärlichen Irrthume befunden habe. Sie war unbedingt die ſchönſte Frau, die er ſeit langer Zeit geſehen hatte, und über dieſer Schönheit, als ſie jetzt vor ſeinen forſchenden Blicken tief erröthend daſtand, lag ein eigenthümlicher Zauber. Niemand, der ſie ſo ſah, würde in ihr eine Frau erkannt haben, denn ſie war ein Bild unſchuldsvoller Reinheit, mädchenhafter Jungfräu⸗ lichkeit. Es ſetzte ihn dies in Erſtaunen, weil er keine Ahnung davon hatte, daß der wahren, edlen Weiblichkeit dieſe Eigenſchaften immer zu eigen bleiben. Ich freue mich, die Wahrnehmung zu machen, ſagte er ſehr freundlich, daß Ihnen die hieſige Luft gut bekommt, meine gnädige Frau, denn Sie ſehen ſehr wohl und blühend aus. Cw. Hoheit ſind ſehr gnädig, erwiederte Cäcilie, indem ſie ihre Augen vor den eigenthümlich auf ihr haftenden Blicken ihres Landesherrn niederſchlug. Ach, meine Gnade iſt unſchuldig daran, ſcherzte dieſer, oder vielmehr machtlos, ſolche Wirkungen hervorzubringen; es wäre allerdings ein beneidenswerthes Loos, wenn uns Fürſten die Macht verliehen wäre, ſolche Gnaden zu ſpen⸗ den, man würde gewiß ng ſehr umfaſſenden Gebrauch davon machen! Leider iſt es aber nicht der Fall. Wir Fürſten können den Männern Macht und Ehre verleihen, können ſie auszeichnen, mit Orden ſchmücken, ſo daß die anderen Menſchen ſie beneiden und ſich vor ihnen beugen — aber die weibliche Schönheit können wir ebenfalls nur bewundern— wir haben darin vor allen übrigen Sterb⸗ lichen nichts voraus— nichts, vielleicht das Einzige, daß es uns vergönnt iſt, dieſe Bewunderung rückhaltsloſer aus⸗ ſprechen zu dürfen. Die Frau Cabinetsräthin, bemerkte Nettchen, welche der etwas gewaltſamen Phraſe ihres Mannes lächelnd zu⸗ gehört hatte, während Cäcilie ſichtlich verlegen ſchwieg, die Frau Cabinetsräthin hat noch wenig Erfahrung in der feinen Schmeichelei des Hofes gemacht und ſcheint deine eben ſo wahre als geiſtreiche Andeutung gar nicht verſtan⸗ den zu haben. Ich möchte das bezweifeln, mein Kind, ſagte der Fürſt, mit einem fragenden Blicke auf Cäcilie; Sie können dar⸗ über allein Auskunft geben, gnädige Frau. Es ſchien mir, erwiederte Cäcilie mit etwas unſicherer Stimme, daß Ew. Hoheit andeuten wollten, auch die Macht der Fürſten unterliege in manchen Dingen einer gewiſſen Beſchränkung. Sehr richtig, meine gnädige Frau! rief der Fürſt; Sie haben mich ganz und vollſtändig verſtanden, und ich freue mich, daß es mir e iſt, mich Ihnen klar zu machen; ich wäre ſonſt gern bereit, Ihnen die Richtigkeit des von mir aufgeſtellten Satzes näher zu beweiſen. Es ſcheint hiernach nicht nothwendig zu ſein, bemerkte Nettchen. Nun, vielleicht ein ander Mal; aber da kommt ja auch endlich Stuhm, fuhr er fort, nach dem Eintretenden hinblickend, und wieder ohne ſeine Frau, ſetzte er un⸗ muthig hinzu. 6. Der Geheimerath näherte ſich, indem er aus einigen Entfernung dem Fürſten und der Gräfin ſeine Verbeugung machte. Näher, mein lieber Geheimerrath, ſagte der Fürſt Sie kommen allein? fragte er dann mit einem finſteren Blicke. Ich muß meine Frau entſchuldigen, Hoheit, entgeg⸗ nete dieſer, ſie iſt leider unwohl geworden, ſie leidet an Migräne, einem Uebel, welches plötzlich kommt und dam leider ſehr heftig und gewaltſam auftritt. Ich will wünſchen, daß die Migräne Ihrer Frau bald e — 6 und dauernd aufhören möge,— Sie ſehen hieraus, meine gnädige Frau, wandte er ſich wieder an Cäcilie, wie richtig meine vorher ausgeſprochene Anſicht war, ſelbſt über die Migräne mancher Frauen haben wir Fürſten keine Macht und müſſen es uns gefallen laſſen, daß ſie gewöhnlich zu einer Zeit eintritt, wo wir es am wenigſten wünſchen. Laſſen Sie es gut ſein, Herr Geheimerrath, fuhr er fort, als dieſer im Begriffe ſtand, etwas zu erwiedern; drücken Sie Ihrer Frau Gemahlin mein Bedauern aus— ich wünſche baldige und gründliche Beſſerung, ſetzte er mit Nachdruck hinzu. Wie ich mich erinnere, wandte er ſich wieder an Cä⸗ cilie, ſind Sie die Tochter eines berühmten Malers, den ich ja perſönlich kennen zu lernen Gelegenheit hatte, ein ſehr liebenswürdiger, geiſtreicher und doch anſpruchsloſer Mann; Sie ſind unter dem Einfluſſe und gleichſam in der Luft der Kunſt aufgewachſen, da wird es Sie gewiß in⸗ tereſſiren, die Gemälde zu ſehen, welche ich für dieſes Schloß, den zeitweiligen Wohnſitz meiner Frau, angekauft habe. Ich verſtehe von dieſen Dingen nicht viel und möchte mich gern etwas belehren laſſen, ſetzte er verbind⸗ lich hinzu. Wenn es Ihnen gefällig iſt, ſehen wir dieſe Bilder einmal an, fuhr er fort, ihr ſeinen Arm reichend; wir werden bald zurückkehren. Cäcilig durfte dieſer Aufforderung, welche halb wie Befehl klang, keine Weigerung entgegenſetzen; leiſe legte F ſie ihren Arm in den des Fürſten und ging von ihm ge⸗ führt in eines der Nebenzimmer, deſſen große Flügelthüren weit geöffnet waren. Nettchen blickte ihnen mit einer ſpöttiſchen Miene einen Augenblick nach, und als ſie dann Beide vor einem Bilde ſtehen ſah, auch bemerkte, daß Cäcilie ihren Arm wieder dem des Fürſten entzogen hatte, wandte ſie ſich mit einem freundlichen Lächeln dem Geheimenrathe von Stuhm zu. Es thut mir recht leid, ſagte ſie, daß Ihre Frau Ge⸗ mahlin unwohl iſt. Mir noch mehr, gnädige Frau; ich glaube, Sie ſind davon überzeugt. Ich weiß, was Sie ſagen wollen, bemerkte Netchen ernſter, und ich hätte Urſache, Ihrer Frau Gemahlin zu zürnen; aber ich kann es nicht, ich weiß ſelbſt nicht, weßhalb. 3 Es würde mich auch ſehr ſenen⸗ wenn Sie es könnten. Davon bin ich ebenfalls überzeugt; ich kann der Frau eines Mannes nicht zürnen, der mir ſo viele und unzwei⸗ deutige Beweiſe von— Wohlwollen, von Zuneigung ge⸗ geben hat. Sie glauben kaum, wie glücklich Sie mich dadurch machen. 6 Warum ſollte ich nicht daran glauben, erwiederte — ſie, ihn feſt und lange anſehend und ihm ihre Hand zum Kuſſe reichend, wenn das Gefühl des Glückes gegen⸗ ſeitig iſt? Vielleicht kommt die Zeit, wo wir uns freier, offener ausſprechen können, ſagte der Geheimerath mit leiſe beben⸗ der Stimme. Vielleicht, erwiederte ſie mit niedergeſchlagenen Augen; die Zeit bringt ja ſo Vieles— Erwartetes und Unerwar⸗ tetes— Erſehntes und längſt Gefürchtetes— ſie kann ja auch dies„Vielleicht“ bringen. Aber, fuhr ſie fort, ich will ſelbſt zu Ihrer Frau Gemahlin gehen und mich mit ihr ausſprechen. Sie ſoll mich kennen lernen, vielleicht gelingt es mir, ihren Haß gegen mich in Zuneigung zu verwandeln. Ihren Haß? rief der Geheimerath beſtürzt; o, glauben Sie nicht, daß meine Frau Sie haſſe, wie wäre das mög⸗ lich— es wäre ja ſchrecklich— wie können Sie nur ſo etwas denken? Wie ich ſo etwas denken kann? Ich fühle es, mir ſagt es eine innere Stimme, und doch habe ich nichts gethan, dieſen Haß zu verdienen; ich bin mir wenigſtens nichts bewußt. Was ſollten Sie gethan haben? ſagte der Geheime⸗ rath, deſſen Aufregung ſichtlich zunahm; an Allem iſt das leidige Zerwürfniß mit der Fürſtin-Mutter ſchuld, der meine Frau nun einmal mit einer großen Anhänglichkeit zugethan iſt— aber Sie befinden Sich auch in einem voll⸗ ſtändigen Irrthume, es iſt nicht perſönliche Abneigung gegen Sie, gewiß nicht, wie könnte das ſein? ſondern nur— wie ich geſagt— nichts weiter, gewiß, nichts weiter. Um ſo leichter wird eine Ausgleichung ſein, nach der ich nun einmal, ich weiß ſelbſt nicht weßhalb, ein uner⸗ klärliches Verlangen trage. Als ich Ihre Frau Gemahlin neulich ſah, als ihr Blick ſo kalt und eiſig auf mir ruhte — empfand ich einen ſtechenden Schmerz und das dringende Bedürfniß, von dieſer Frau nicht mit Geringſchätzung be⸗ handelt zu werden— vielleicht Ihretwegen, Herr Gehei⸗ merrath, ſetzte ſie lächelnd hinzu; es iſt abermals„ein Vielleicht“«. Wollen Sie mich bei Ihrer Frau Gemahlin anmelden? Anmelden? Ja, ſehr gern— aber— aber laſſen Sit ihr noch einige Zeit— ſie iſt jetzt wirklich ſehr angegrife und leidend— nervös aufgeregt— ich will ſie vorbe reiten— Vorbereiten? fragte Nettchen gereizt; bedarf es zu Annahme meines Beſuches wirklich einer ſo langen Vo bereitung? Durchaus nicht, o, durchaus nicht— aber— So melden Sie mich denn auf übermorgen bei Ihre Frau Gemahlin, Herr Geheimerrath, ſagte ſie beſtim das Weitere wird ſich finden. Doch da kommen mei Gemahl und die Frau Cabinetsräthin,— die Kunſtſtudien ſcheinen beendet zu ſein. Der Fürſt führte Cäcilie, auf deren Wangen ein tiefe⸗ res Roth lag, wieder in den Kreis ſeiner Frau zurück; ich habe recht Vieles gelernt, ſagte er verbindlich, und ſage Ihnen meinen aufrichtigen Dank; es würde mir ſehr an⸗ genehm ſein, Ihnen meine Dankbarkeit dafür beweiſen zu können. Der Fürſt wandte ſich jetzt einigen anderen geladenen Gäſten zu, welche ſchon lange in der ſehnſüchtigen Erwar⸗ tung dieſer Gunſt ſchweigend oder leiſe mit einander flüſternd an den Wänden herumgeſtanden hatten. Das Geſpräch, obgleich immer in jenen gehaltenen Tönen ge⸗ führt, welche nur zuweilen durch die lauter geſprochenen Worte des Fürſten oder ſein rückhaltsloſes Lachen unter⸗ brochen wurden, bei welchen Epochen ſich die Mienen faſt aller Anweſenden gleichfalls in ein übereinſtimmendes Lächeln zurecht legten, wurde etwas belebter. Auch die Gräfin erfüllte nun ihre Obliegenheit, mit jedem Anwe⸗ ſenden einige freundliche, nichtsbedeutende Phraſen zu wechſeln— über das Wetter, oder über die Gegend, in welcher der Angeredete heimiſch war, oder über die Be⸗ ſchäftigung, der er oblag— kurz, man ahmte auch hier, wie man es überhaupt in allen Dingen der Form nach that, den Gebräuchen und den Regeln nach, welche an größeren Höfen herrſchen, wo die Umſtände dies recht⸗ fertigen und die damit unvermeidlich verbundene geiſtloſe Langeweile entſchuldigen. Die Flügelthüren eines anſtoßenden, bisher geſchloſſen gehaltenen kleinen Saales öffneten ſich— das Souper war ſervirt. 8 Der glänzend erleuchtete, von Silber und Kryſtall ſchimmernde, von einem Schwarm betreßter Bedienten um⸗ 6 ſtandene Tiſch ſah recht einladend aus, nur war er zu groß und zu breit und mit zu viel Couverts belegt, um eine Ausſicht auf ein fröhliches, genußreiches Mahl zu gewähren, bei welchem die Theilnehmer bekanntlich nicht unter der Zahl der Grazien und nicht über derjenigen der Muſen ſein ſollen— und hauptſächlich weder die Grazien noch die Muſen fehlen dürfen. Der Fürſt reichte Cäcilie den Arm und führte ſie zu Tiſche, die Ehre, ſeine Frau zu führen, dem Miniſter des Aeußern zutheilend. Es war dies eigentlich gegen die Etiquette, mit der man es ſonſt ziemlich genau nahm. Der Fürſt ließ jedoch hinſichtlich ſeiner Perſon häufig Aus⸗ nahmen zu, und heute war ja keine ſolenne Geſellſchaft, ſondern eine Soirée intime. Die Unterhaltung erhob ſich jedoch wenig über ein ge⸗ dämpftes Geſpräch von Nachbar zu Nachbar, die ſtete Be⸗ wegung der vielen Bedienten und das raſche, mit Geräuſch verbundene Serviren ließen zuweilen ein erhöhtes Schwir⸗ ren aufkommen, aber es verſank bald wieder in das bis⸗ * — 65 * herige, rückſichtsvolle Piano, welches dann durch das ullge⸗ meine Aufſtehen, ſobald der Fürſt ſich erhob, beendet wurde. Paarweiſe ſchritt man wieder in die Nebenzimmer, wo der Fürſt es für angemeſſen hielt, noch jedem der An⸗ weſenden, der Reihe nach, einige kurze Worte zum Schei⸗ den zu ſagen. Ihre Frau macht ja gewaltige Fortſchritte, lieber Leſſen, flüſterte die Gräfin dieſem zu; ich fange faſt an, eiferſüchtig zu werden. 8 So thöricht werden Sie gewiß nicht ſein, erwiederte dieſer in demſelben vertraulichen Tone; gönnen Sie ihm doch dieſe harmloſe Spielerei. Stille Waſſer ſind tief! Sie ſollten das auch bedenken, mein Freund. Dies Waſſer nicht— und dann fließt es nicht, es hat keine Bewegung— kein Leben, keinen Wellenſchlag— die Sonne ſpiegelt ſich zuweilen in der glatten Oberfläche, und dann glänzt ſie— das iſt Alles! Aber ſolcher Glanz blendet ein unerfahrenes Auge. Immer nur auf eine kurze Zeit. Und ſelbſt auch ein erfahrenes. Dann auch nur auf eine kurze Zeit; jeder Menſch, auch der klügſte, iſt dem Irrthume und der Täuſchung unterworfen. Wenn wir uns Beide nur iett nicht in dieſem Zuſtande biſinden. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 5 Beruhigen Sie Sich darüber— und verlaſſen Sie Sich ſchließlich auf mich— Ihren treu ergebenen Freund.—— Nun, mein Kind, fragte Leſſen ſeine Frau, als er mit ihr im Wagen ſaß und ſich ſelbſt ſchweigend in eine Ecke zurückgelehnt hatte, wie haſt du dich amüſirt? Ich freue mich ſehr, daß es vorüber iſt. Du haſt dich ganz zu meiner Zufriedenheit benommen und wirſt auch gefunden haben, daß es dir gar nicht ſchwer fällt. Ich hätte dir das kaum zugetraut. Fahre nur ſo fort. Der Fürſt war ja ſo freundlich und gnädig gegen dich; was hattet ihr denn ſo lange allein zu ſprechen, als du mit ihm in dem anderen Zimmer warſt? Er wollte mein Urtheil über die Bilder, wovon er nichts verſteht— ich werde übrigens künftig nie mehr— über⸗ haupt habe ich jetzt deinen Wunſch erfüllt und hoffe, daß du mich nun auch für recht lange Zeit nicht mehr in eine ſolche Geſellſchaft führſt. Du biſt ja ganz aufgeregt. Nicht im mindeſten, ſagte ſie langſam, nur müde, denn ſie erkannte ſehr wohl, daß es für ſie am beſten ſei, zu ſchweigen. Biertes Aapitel. Der Kampf der pflichten. Wallenſtein: Sanft wiegte ſich bis heute dein Geſchick; Du konnteſt ſpielend deine Pflichten üben.— So kann's nicht immer bleiben. Feindlich ſcheiden Die Wege ſich. Mit Pflichten ſtreiten Pflichten. Du mußt Partei ergreifen in dem Krieg.— Schiller. Wir müſſen jetzt zu einer Perſon unſerer Erzählung zurückkehren, die wir längere Zeit aus den Augen verloren haben, obgleich, wie wir geſehen, Cäciliens Gedanken oft von ihr erfüllt geweſen ſind: wir meinen Horſt. Nach einem kurzen Beſuche bei ſeinen Eltern war er bei dem ſeinem Vater unmittelbar vorgeſetzten Oberförſter, nach gut beſtandenem erſtem Eramen, als Oberförſter⸗Candidat ein⸗ getreten, in welcher Stellung er, unter Anfertigung mehrer praktiſcher Arbeiten, zwei Jahre zu verharren hatte, um dann das Oberförſter⸗Eramen zu machen. Das erſte dieſer Lehrjahre war jetzt verfloſſen, und der junge Horſt hatte ſich den Ruf eines tüchtigen, allgemein geachteten und von * 5 den Wilddieben gefürchteten Forſtmannes erworben. Sein Vorgeſetzter, der Oberförſter Holzbach„war ein im Forſt⸗ dienſte ergrauter Mann, heftig, eigenwillig, voller An⸗ maßung und Willkür gegen Untergebene, dagegen kriechend und unterthänig gegen Vorgeſetzte. Dennoch ließ ſich mit ihm verkehren, da er in ſeinem Fache tüchtig und nicht ohne Verdienſte war und diejenigen ſeiner Untergebenen, für welche er eine Vorliebe empfand, mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln vertrat. Allerdings mußten ſich dieſe ſeine Lieblinge auch Manches von ihm gefallen laſſen, manche Rückſichtsloſigkeit überſehen und vor Allem ſtets die Autorität ihres Vorgeſetzten als die eigentliche Quelle aller ihnen zukommenden Verbeſſerungen und Vortheile aner⸗ kennen. Untergebene, welche das nicht thaten, die ſeinen oft willkürlichen Anordnungen eine eigene Anſicht oder gar einen eigenen Willen entgegenſetzten, verfolgte er und ſuchte ihnen auf jede mögliche Weiſe zu ſchaden. Horſt ſtand zu dieſem Manne in einem eigenthümlichen Verhältniſſe. Im Anfange war es mehrmals zu ziemlich heftigen Erörterungen zwiſchen ihnen gekommen, denn der junge Oberförſter⸗Candidat hatte ſeine eigene Meinung in Dingen, die er als richtig erkannt, nicht aufgegeben. Die tüchtige und praktiſche Art, mit welcher er aber dann die Befehle ſeines Vorgeſetzten ausgeführt, auch wenn dieſe 1 ſeinen eigenen Anſichten entgegen waren, überhaupt ſein ruhiges, ernſtes, abgeſchloſſenes Weſen hatten dem Ober⸗ 4 — 69— förſter imponirt und ihm ſtillſchweigend Achtung abge⸗ nöthigt, ſo daß er den jungen Horſt, obgleich er eigentlich nicht zu ſeinen Lieblingen gehörte, mit mehr be⸗ handelte, als ſelbſt die letzteren. Vielleicht trug hierzu auch das Lechiliiß bei, in 8 welchem er zu Horſt's Eltern ſtand. Der Hegemeiſter Horſt, obgleich zu den Untergebenen des Oberförſters ge⸗ hörend, befand ſich doch in einer Art von Ausnahmr⸗ Stellung, ſtand auf gleicher Bildungsſtufe mit ſeinem Vorgeſetzten und war, wie bekannt, nur durch äußere Ver⸗ hältniſſe verhindert worden, die letzte Stufe zu der ſoge⸗ nnannten höheren Carribre zu erſteigen. Horſt's Mutter war ebenfalls eine ſehr gebildete und achtungswerthe Frau. Die Familien hatten daher, ſchon durch ihre Waldeinſam⸗ * keit veranlaßt, bis der Oberförſter vor einigen Jahren † Witwer geworden, viel mit einander verkehrt, und auch ietzt war der Letztere, ſeiner langjährigen Gewohnheit gemäß, häufig zum Beſuche in dem Hauſe des Hege⸗ meiſters. Der Oberförſter ſah vaet dem jungen Horſ Manches nach, was er bei Anderen nicht gethan hätte, und Horſt, dder dies fühlte, wurde gerade deßhalb wieder rückſichtsvoller und nachgiebiger, als er dies ſonſt vielleicht geweſen ſein würde. 11½ Die Waldungen, zu welchen dieſe Oberförſterei ge⸗ hörte, lagen in meilenweitem Zuſammenhange auf einem zugleich die öſtliche Grenze des Fürſtenthums bildenden Gebirge. Es befand ſich keine Stadt in der Nähe; der Verkehr nach außen, ſelbſt der Holzabſatz dahin, war ſehr gering, ſo daß vieles Holz verkohlt und zur Theerbereitung verwandt werden mußte. Die ſparſame Bevölkerung dieſer Walddörfer beſtand daher faſt lediglich aus Holzhauern, Köhlern und Theerſchwelern und bildete eine für ſich abge⸗ ſchloſſene, mit der Außenwelt wenig in Berührung kom⸗ mende Kaſte. Nur in dem letzten Jahre war auch hierin eine Aende⸗ rung eingetreten, denn die politiſchen Wirren, welche das Land durchzuckten, hatten ihre Ausſtrahlungen ſelbſt bis in dieſe einſame Waldgegend und deren Bevölkerungen er⸗ ſtreckt. Man hatte ja wählen müſſen. Man hatte ver⸗ ſucht, den Leuten den Zweck dieſer für ſie ganz unverſtänd⸗ lichen Operation erſt klar zu machen, und ſie hatten dann gewählt, ohne jedoch einen Begriff von Verfaſſung, Kam⸗ mer u. ſ. w. in ſich aufzunehmen. Ihre Wahl war einſtimmig auf diejenigen Perſonen gefallen, welche ihnen von den Oberförſtern und dann weiter von den unteren Forſtbeamten bezeichnet worden, und die zwei daraus hervorgegangenen Kammer⸗Mitglieder hatten ſich daher durch die loyalſte Geſinnung ausgezeichnet. — Jetzt war das anders geworden. Bei dem Mangel jeglicher Preßfreiheit konnte durch Zeitungen, deren Zahl ohnedies äußerſt beſchränkt war, namentlich auf dieſe Leute, — —— von denen die meiſten des Leſens unkundig waren, nicht eingewirkt werden. Die im Stillen wohlorganiſirte und äußerſt thätige Oppoſition wirkte daher durch ausgeſandte Emiſſäre, welche in kluger Benutzung der örtlichen Ver⸗ hältniſſe und in wohlberechnetem Anpaſſen an das Be⸗ griffsvermögen der zu Bearbeitenden ihre Thätigkeit voll⸗ zogen. Auch durch dieſe abgelegenen Wälder und Dörfer zogen daher jetzt häufig fremde Leute, Hauſirer, Kohlen⸗ händler und Andere, welche vortheilhafte Kaufs- und Ver⸗ kaufs⸗Anerbietungen machten, in den Wirthshäuſern länger als nöthig verweilten, ſich dort freigebig bewieſen und bei dieſen Gelegenheiten dem Zwecke ihrer Sendung nachkamen. Sie bedienten ſich dazu allerdings ſehr eigenthümlicher Mittel. Der Mitregent habe den alten Fürſten mit Ge⸗ walt aus dem Lande getrieben, redete man den Leuten vor, jetzt ſolle die Fürſtin auch fortgejagt werden. Alles ge⸗ ſchähe der Gräfin wegen, die gar nicht die Frau des Fürſten ſei, ſondern nur ſeine Maitreſſe. Sie treibe einen unerhörten Aufwand, eſſe nur von Silber und bade ſich in Wein. Der Regent, der ganz von ihr beherrſcht werde, könne nicht ſo viel Geld ſchaffen, als ſie brauche; die Steuern ſollten daher erhöht und— alle dieſe Waldungen verkauft werden. Dadurch würde hier in den Dörfern na⸗ türlich jeder Verdienſt aufhören und ein Jeder an den Bettelſtab kommen. Der alte Fürſt, der dies vorausge⸗ ſchen, habe deßhalb die Kammer eingerichtet, ohne welche der Regent keine Steuern auferlegen und keine Forſten ver⸗ kaufen dürfe. Die Kammer habe dies auch verweigert und ſei deßhalb von dem Regenten aufgelöſt worden; jetzt ſolle eine neue zuſammenkommen, und dazu ſeien die Wahlen. Wenn die neue Kammer aus Männern beſtehe, die dem Regenten zuſtimmten ſo ſei es um die Waldungen ge⸗ ſchehen. Die Oberförſter und die Förſter wüßten dies ſehr wohl, und wenn ſie ihrer Ueberzeugung folgen dürften, ſo würden ſie Niemanden wählen, der einer ſo verderb⸗ lichen Abſicht das Wort rede— aber ſie könnten nicht anders, ſonſt würden ſie fortgejagt— ſie müßten ſo thun, als ob ſie für den Fürſten wählen wollten, im Herzen wünſchten ſie aber ſelbſt das Gegentheil, und Jeder, der anders wählte, thäte den Forſtbeamten, deren Exiſtenz von der Erhaltung der Wälder abhange, einen großen Ge— fallen. So und ähnlich waren die Mittel, welche die Oppoſition anwandte, um die Bevölkerung dieſer ein⸗ ſamen Walddiſtricte ihren Zwecken dienſtbar zu machen. Inzwiſchen liefen die Wahlverordnungen der Regierung bei den Oberförſtern ein und befahlen ihnen, die energiſch⸗ ſten Mittel zur Erzielung guter Wahlen anzuwenden. Für die Beamten ſelbſt enthielten ſie die Drohung der Anwen⸗ dung unnachſichtlicher Strenge gegen diejenigen, welche ihrer Pflicht gegen ihren Fürſten und Herrn nicht im ganzen Umfange des Wortes nachkommen ſollten. Man ſtellte vie ſofortige Amtsſuspenſion und Einleitung der Unterſuchung in Ausſicht und dehnte dieſe und ähnliche Maßnahmen auch auf alle diejenigen Arbeiter aus, welche in Brod und Lohn der Regierung ſtanden. Man focht beiderſeitig mit ſehr unlauteren Waffen und bediente ſich in dem bevorſtehenden Kampfe jedes, auch des unerlaubteſten Vortheiles. Der Oberförſter berief ſein ganzes, ihm untergebenes Forſtperſonal, ſo wie ſämmtliche Holzhauer, Köhler und Theerſchweler-Meiſter, und las den Verſammelten dann mit lauter Stimme die an ihn ergangene Regierungs⸗Ver⸗ fügung vor, welche mit der Warnung endete, daß alle die— jenigen, welche ſich der Wahl etwa enthalten ſollten, eben ſo wie diejenigen, welche gegen die Regierung gewählt, behandelt würden. Ihr habt nun den Befehl Sr. Hoheit unſeres gnädigen Fürſten gehört, fuhr er mit erhobener Stimme fort; die Verfaſſung, von der ihr nichts verſteht, iſt an ſich ein Un⸗ ſinn und wird hoffentlich bald wieder abgeſchafft. Jetzt ſoll aber nun doch noch einmal gewählt werden. Ihr habt euch das vorige Mal verſtändig benommen und werdet es auch jetzt thun, das weiß ich, und es iſt daher eigentlich ganz unnöthig, daß über dieſes Zeug ſo viel Worte ver⸗ ſchwendet werden. Wäre übrigens Einer oder der Andere unter euch, in deſſen verworrenem Kopfe ſich jene hochver— rätheriſchen Ideen eingeſchlichen haben ſollten— von meinen Beamten kann dabei natürlich nicht die Rede ſein—, der wird fortgej agt! Auf der Stelle fortgejagt! Danach richtet euch! Glaubt nicht etwa, wenn ihr ſpäter an den Hunger⸗ pfoten ſaugt und eure Weiber und Kinder mir etwas vor⸗ winſeln, ich würde meinen Entſchluß ändern. Wer gegen unſern Fürſten und Herrn ſtimmt, das heißt, wer einen Anderen wählt, als den ich euch bezeichnen werde, wird fortgejagt und verliert Amt und Brod! Dabei bleibt es unwiderruflich! Nun geht nach Hauſe und denkt über meine Worte nach; ihr wißt, ich laſſe nicht mit mir ſpaßen — und ſchere mich den Teufel darum, was ſpäter aus ſo einem hochverrätheriſchen Lump und ſeiner ganzen Sipp⸗ ſchaft wird. Am künftigen Montag iſt die Wahl; wer nicht kommt, wird gerade ſo behandelt, als ob er gegen Se. Hoheit unſern Herrn und Fürſten gewählt hätte, das vergeßt nicht! Nun geht! Guten Morgen! Schweigend verließen die Anweſenden den Platz vor der Oberförſterei, und ihre dunklen Geſtalten verſchwanden bald in den nach verſchiedenen Richtungen ſich abzweigen⸗ den ſchattigen Waldwegen. Komm, Robert, ſagte der alte Horſt, ein kräftiger Mann in der zweiten Hälfte der Fünfzig, du kannſt mich ein Stück Weges begleiten. Ich habe auf drei Tage Urlaub genommen, Vater, ich gehe mit dir heim. Das freut mich ſehr, denn ich möchte mich einmal gründlich mit dir ausſprechen; ſo wollen wir dem Ober⸗ förſter Adieu ſagen. Ich dachte, Sie würden zu Mittag hier bleiben, ſagte dieſer— der Ziemer von einem Spießer dreht ſich am Feuer. Meine Frau erwartet mich— ich habe auch Arbeiter beſtellt an der hohen Eiche, denen ich Anweiſung er⸗ theilen muß. Ach, die Kerle können warten! Ein anderes Mal, Herr Oberförſter; zheute geht es nicht.* Nun, ich will Sie natürlich nicht zwingen, ſagte dieſer empfindlich. Morgen früh um ſechs Uhr werde ich die neuen Culturen im Fuchswinkel beſichtigen und Sie dort erwarten. Sie werden mich daſelbſt finden, Herr Oberförſter; die junge Pflanzung gedeiht ſehr ſchön. So will ich Sie denn weiter nicht aufhalten. Der alte Horſt beſtieg ſein Pferd und ritt, ſeinen Vor⸗ geſetzten grüßend, langſam auf dem Wege fort, welcher nach der ungefähr zwei Meilen entfernten Förſterei, ſeinem Wohnſitze, führte. Robert, im kurzen grauen Jagdrocke mit grünem Kragen, den breiträndigen Hut mit einigen Auerhahn-Federn geſchmückt und die Büchſe über der Schulter, ſchritt neben ihm hin. Seine hohe, ſchlanke und doch kräftige Geſtalt, ſein offenes, ſchönes, jetzt — ernſtblickendes männliches Geſicht, deſſen Lippen und Kinn ein dunkler, noch jugendlicher Bart umſäumte, ließen ihn als das ideale Bild eines Waidmannes er⸗ ſcheinen. Was ſagſt du zu dem allem, Robert? fragte der alte Horſt nach einiger Zeit, als der Weg ſie durch einen wun⸗ dervollen Buchenwald führte, deſſen ſchlanke, glatten Stämme die grünen Blätterkronen hoch oben wie das Ge⸗ wölbe eines Domes trugen, während auf dem Boden ein⸗ zelne Sonnenlichter mit den dichtwachſenden, üppigen Farrenkräutern ſpielten und wo die faſt heilige Stille nur durch das leiſe Flüſtern des Windes in den Blättern oben, wie von fernen Orgelklängen, unterbrochen wurde— was ſagſt du zu dem allem? Was ſoll ich dazu ſagen? man könnte darüber lachen, wenn man ſich nicht ärgern müßte. Es iſt weder zum Lachen, noch zum Aergern, mein Sohn; die Sache iſt vielmehr ſehr ernſt, und man wird wohl überlegen müſſen, wie man zu handeln hat. Die Regierung hat kein Recht, uns zu befehlen, wie wir wählen ſollen! Es iſt dies nichts als ein Mißbrauch der Gewalt, eine Verletzung und Verhöhnung der Ver⸗ faſſung. Darüber kann kein Zweifel obwalten— aber es han⸗ delt ſich hier auch nicht vom Rechte, ſondern eben von der Gewalt, und es iſt für uns die Frage— eine Lebens⸗ frage, Robert— ob wir uns der Gewalt beugen wollen oder nicht. Wir haben die Verfaſſung beſchworen, Vater! Es wäre ein Eidbruch, wenn wir gegen unſere Ueberzeugung ſtimmten! Auf dieſe unſere Ueberzeugung kommt es eben an, und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Sache ihre zwei Seiten hat. Eine Kammer, welche die Rechte unſeres Fürſten beeinträchtigt, welche über ihre eigenen, ihr ver⸗ faſſungsmäßig zuſtehenden hinausgeht, verdient keine Unterſtützung. Gewiß nicht, aber hat ſie das in irgend einer Weiſe gethan? Sie hat die Rechte des Volkes vertheidigt, iſt der Willkür und der Anmaßung mit Energie entgegengetreten; ihre Mitglieder ſind, ihre eigene Perſon unberückſichtigt laſſend, frei und rückſichtslos ihrer Ueberzeugung gefolgt. Ich blicke mit Stolz, mit hoher Achtung auf unſere Vertreter, die Erſten, welche nach langem, drückendem Unrecht berufen waren, dieſe Pflicht wieder auszu⸗ üben, und die ſie in vollem Sinne des Wortes ausge⸗ übt haben. Das iſt ungefähr auch meine Ueberzeugung, erwie⸗ derte der alte Horſt, nachdem Beide wieder eine längere Zeit geſchwiegen hatten— es wäre mir lieb, wenn ich ſie ändern könnte, aber es ſcheint nicht zu gehen. Das freut mich, lieber Vater, und ich habe auch nichts Anderes von dir erwartet, ſagte Robert, ſeinem Vater die Hand ſchüttelnd. Du glaubſt alſo, wir dürften dem Befehle der Regie⸗ rung nicht gehorchen? fragte der Vater wieder, ohne bei dieſer Frage einen Seufzer unterdrücken zu können. In dieſem Falle, glaube ich, iſt es unſere Pflicht, es nicht zu thun, denn wir haben auch die Verfaſſung be⸗ ſchworen. Sind dir auch die Folgen einer ſolchen Handlungs⸗ weiſe klar geworden? Drohungen, Vater, leere Drohungen! Die erſte Auf⸗ gabe der neuen Kammer wird es ſein, dieſes geſetzloſe Verfahren der Regierung zum Gegenſtande der Unter⸗ ſuchung zu machen und die Anklage gegen die Miniſter zu erneuern. Du irrſt, mein Sohn; die Regierung iſt feſt ent⸗ ſchloſſen, dieſe Drohungen auszuführen, ja, ſie hat dies ſchon theilweiſe gethan, um zu zeigen, wie ſehr ſie Ernſt machen will. Ich war in der vorigen Woche unten in Steinfeld und ſprach dort einen alten Freund, den Ge⸗ richtsrath, den man ohne jede Veranlaſſung von Albern⸗ hauſen dorthin verſetzt hat, nur, weil er in der aufgelöſten Kammer zur Oppoſition gehörte; der Mann fühlt ſich dort ſehr unglücklich, weil er aus dem Kreiſe ſeiner zahlreichen Freunde und Verwandten herausgeriſſen iſt— er hat mich aber über Vieles aufgeklärt. Auf die neue Kammer ſetzt er zwar ebenfalls große Hoffnungen und bietet Alles auf, um wieder Mitglied derſelben zu werden— er war aber dennoch überzeugt, daß die Regierung nicht nachgeben, ſondern es auf das Aeußerſte ankommen laſſen werde.— Ueber die Wahlen bin ich ſelbſt mit mir noch nicht einig, mein Sohn. Es liegt mir ob, hier zwei ſchwere Pflichten genau gegen einander abzuwägen— meine Eriſtenz, die deiner Mutter und deine eigene— und mein Eid auf die Verfaſſung. Auf der einen Seite opfere ich Alles, ich werde meine alten Tage und diejenigen deiner guten Mutter mit Kummer, ſelbſt mit Nahrungsſorgen erfüllen, deine ganze Zukunft gefährden, während ich mir auf der anderen ſagen muß, daß meine Stimme doch am Ende wenig nutzen oder ſchaden kann, und nur das Gebot der Ehre, nur der geſchworene Eid—— doch laſſen wir das für jetzt; ich werde mit mir zu Rathe gehen— Alles genau abwägen— Alles. Eines verſprich mir, Robert, wenn du es kannſt— ſollte ich mich auf jene Seite neigen, ſollte ich meine Ueberzeugung höheren Rückſichten zum Opfer bringen— ſo tritt mir nicht entgegen— mache dieſes Opfer nicht durch dein Verfahren wieder nutzlos— denn das wäre dann das Allerſchlimmſte und würde mich ſehr unglücklich machen. Ich verſpreche dir das, lieber Vater, erwiederte Robert, obgleich es mir ſehr ſchwer fallen wird, gegen meine Ueberzeugung zu ſtimmen. Wir gehören, indem wir uns durch perſönliche Rückſichten leiten laſſen, von dieſem Augenblicke an zu den Kämpfern des Unrechtes und der Gewalt.— Ob uns ein ſolcher Schritt Segen bringen würde— ich bezweifle es. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden, Robert, bemerkte der alte Horſt, indem er ſich unruhig auf ſeinem Pferde hin und her bewegte— ich werde mit mir zu Rathe gehen und habe dein Verſprechen. Nachdem ſie ihren Weg noch ungefähr eine Stunde fortgeſetzt hatten, erreichten ſie, aus dem Walde tretend, eine lichte Höhe, welche ihnen die Ausſicht auf die unten im Thale liegende Förſterei geſtattete. Das Haus lag mit ſeinen Nebengebäuden, beſchattet von hohen, alten Eichen, in einem jener ſtillen Gebirgsthäler, deren Anblick uns ſtets anheimelt und die Empfindung der Ruhe und des Friedens in uns erzeugt. Das rothe Dach des Hauſes leuchtete, an einzelnen Stellen von der Mittagsſonne beſchienen, herauf, die Wieſen, welche an beiden Seiten des eilig dahinfließenden Baches mit dieſem das Thal hinunter⸗ zogen, ſahen wie ein ſchimmernder, grüner Teppich aus, hier und da von Moſaik unterbrochen, welche die dunkeln Schatten der an ihrem Rande ſtehenden Bäume darauf zeichneten; etwas weiter unten wogten die Kornfelder im Mittagswinde, wie die Wellen des leiſe bewegten Meeres, und das ganze Bild wurde eingerahmt von den weichen und anmuthigen Linien, mit welchen die waldbewachſenen Höhen ſich ſcharf gegen den tiefblauen Himmel ab⸗ hoben. Unwillkürlich hielt der alte Horſt ſein Pferd an und blickte ſchweigend in das ſich vor ihm öffnende Thal hinab, während ein leiſer, ſchmerzlicher Zug um ſeinen Mund zuckte. Wie oft hatte er auf dieſer Stelle geſtanden und von ihr, ſo wie von vielen anderen in das ihm bis in die kleinſten Einzelnheiten bekannte Thal hinabgeblickt— und doch konnte er heute noch immer ſein Auge nicht davon abwenden! Auch Robert ſchien von ähnlichen Gefühlen ergriffen. Er ſtand auf ſeine Büchſe gelehnt neben ſeinem Vater, geſenkten Hauptes und in tiefes Sinnen verloren. Sage der Mutter nichts von unſerem Geſpräch, Ro⸗ bert, unterbrach der alte Horſt nach einiger Zeit das beiderſeitige Schweigen, ſie würde ſich nur unnöthig ängſtigen. Du haſt Recht, lieber Vater, erwiederte der Sohn mit einem Seufzer, den er vergeblich zu unterdrücken bemüht war; es würde auch nichts nutzen. In jenem Hauſe dort unten, fuhr der alte Horſt wie im Selbſtgeſpräche fort, wohne ich jetzt dreißig Jahre — ſeit wir uns verheirathet. Du biſt da geboren, Robert, und das Grab deiner kleinen Schweſter, die du nie gekannt haſt, liegt dort unter jener jetzt in der Sonne ſchillernden Eiche am Garten.— Zuerſt war Guſtav vom See. Wogen des Lebens. IMl. 6 —— es mir hier zu enge, zu einſam, zu ungenügend für meine Thätigkeit— das hat ſich alles gegeben und gefunden. Ich habe abgeſchloſſen in mir und mit der Welt da draußen, dieſes ſtille Thal und der Wald mit ſeinen Bäumen iſt meine Welt geworden— ich habe nur noch zwei Wünſche: mit deiner Mutter zuſammen, ſo wie es Gott beſtimmt, hier in Frieden zu ſterben und vorher dich noch als einen tüchtigen und ſelbſtändigen Forſtmann zu ſehen, vielleicht an der Seite einer lieblichen Schwieger⸗ tochter, damit ihr mir das Bild der eigenen Jugend noch einmal lebendig vor die Seele führt, ſetzte er wehmüthig lächelnd hinzu— aber heute iſt mit's ums Herz, als müßt' ich Abſchied von dem allem nehmen— als— doch das ſind thörichte, unmännliche Gedanken, unterbrach er ſich ſelbſt in einem gezwungen heiteren Tone— thörichte Gedanken, Robert, nicht wahr? Gott wird Alles zum Beſten lenken, erwiederte dieſer, ohne dabei jedoch einen tiefen Seufzer unterdrücken zu können; ſein Wille allein beſtimmt die Schickſale der Menſchen, ſetzte er mit der Gläubigkeit hinzu, welche allen im Umgange mit der Natur lebenden Menſchen inne⸗ wohnt— unſere Pflicht iſt es, dasjenige zu thun, was wir für recht und gut erkannt haben— das Weitere liegt in ſeiner Hand! Die Mutter erfährt alſo vorläufig nichts, wiederholte der alte Horſt nach kurzem Schweigen, indem er ſein Pferd fortſchreiten ließ, und wie ich mich entſchließen werde— ſo handelſt du auch, Robert? Ich folge deinem Beiſpiele, Vater— wie ich es von Kindheit an gewohnt bin. Die Mutter war durch die unerwartete Ankunft ihres Sohnes auf das freudigſte überraſcht, und ihr Glück ſtei⸗ gerte ſich noch mehr, als ſie erfuhr, daß Robert drei Tage bleiben werde. Der Tag verging in gewohnter, ruhig heiterer Weiſe, und man plauderte noch immer unter der alten Linde, als die Nacht ſchon lange ihren ſterngeſtickten, dunkeln Mantel über das friedliche, ſtille Thal ausge⸗ breitet hatte. Schon am frühen Morgen war jedoch Alles wieder in gewohnter Weiſe lebendig, und der Hegemeiſter zog ſich dienſtmäßig an, um zur verabredeten Zeit mit ſeinem Vorgeſetzten am beſtimmten Orte zuſammenzu⸗ treffen. Willſt du mich begleiten, Robert, fragte er dieſen, oder haſt du etwas Anderes vor? Gern; wenn es dir recht iſt, gehe ich mit bis zur Raffelhöhe, aber nicht zu den Culturen— ich möchte gern die drei Tage ohne die Geſellſchaft des Ober⸗ förſters ſein. Wie du willſt, lachte der Vater, ſo komme denn; aber was willſt du ferner beginnen? Vielleicht ſchieße ich unten im Höllenthale einen Sit es ſollen ja noch vier abgeſchoſſen werden. 6 ——— Da hätteſt du früher aufſtehen müſſen; die Hirſche wer⸗ den lange zu Holze gezogen ſein. Nun, ich habe ja nichts zu verſäumen. Nach einem herzlichen Abſchiede verließen Vater und Sohn die Förſterei und gingen gemeinſchaftlich bis zu dem verabredeten Punkte, wo ſie ſich trennten. Robert ver⸗ folgte einen längs der ſteilen Berglehne hinablaufenden Pfad und gelangte nach einiger Zeit in das Höllenthal, den wildeſten und romantiſchſten Theil des Reviers. Ein von der Höhe in eiligen Sprüngen herabkommender Bach wand ſich hier durch enge, ſteil abfallende Felſen, die oft kaum ſo viel Raum übrig ließen, um an den glatten Vor⸗ ſprüngen dicht am Waſſer den Weg fortſetzen zu können. An einer Stelle, wo das Thal ſich etwas erweiterte und eine enge Seitenſchlucht in daſſelbe mündete, wo auch das wilde Waſſer, durch ein natürliches Wehr gefeſſelt, von ſeinem tollen Jagen ausruhte und teichartig, ſich kaum bewegend dahinfloß, ſetzte er ſich unter einem bewachſenen, ihn verbergenden Felſen nieder, ſpannte die Hähne ſeiner Büchſe und legte ſie ſchußfertig vor ſich auf die Knie. Er wußte, daß hier die Hirſche gern zur Tränke an das Waſſer hinabkamen und aus dem Holze auf die ſchmale Wald⸗ wieſe hinaustraten. Still und bewegungslos ſaß er ſo längere Zeit, mit der geſpannten Aufmerkſamkeit eines er⸗ fahrenen Jägers auf jedes Geräuſch achtend. Aber er hörte nichts. Nur das ferne Rauſchen des Waſſers, das Flüſtern des Windes oben hoch in den Kronen der Bäume, das Girren einer wilden Taube oder der ſchrillende Ruf eines Holzhähers unterbrach die tiefe Stille. Der Vater hat Recht, murmelte er leiſe vor ſich hin— es iſt zu ſpät, ſie ſind längſt zu Holze gezogen. Da ſchlug ein ungewöhnliches Geräuſch von oben aus der Schlucht an ſein Ohr— jetzt knickte ein Aſt und es kam hinab. Langſam erhob er die Büchſe, im nächſten Augenblicke mußte das Thier aus dem Holze heraustreten. Aber enttäuſcht und ärgerlich legte er das Gewehr wieder nieder, denn nicht ein Hirſch, ſondern ein Menſch zeigte ſich ſeinen Blicken. Der Angekommene ſah ſich wild und ängſtlich um und ſchien dann einen Verſuch machen zu wollen, den Bach zu überſchreiten. Das Waſſer iſt hier zu tief, rief Horſt aufſtehend, Ihr könnt an dieſer Stelle nicht hindurch. Der Fremde machte eilig einen Verſuch, in das Holz zurückzuſpringen, wurde aber durch Horſt daran ver⸗ hindert. Stehen bleiben, rief dieſer, oder ich ſchieße! Wie kommt Ihr hieher? Was habt Ihr hier zu ſuchen? Horſt, du biſt's? rief der Andere mit freudiger Stimme— nun, dich führt Gott oder der Teufel ſelbſt in dieſe abgelegene Schlucht— ſage mir vor Allem, aber ſchnell, ſchnell, wie komme ich über dieſen Bach?« Ferdinand! rief jetzt Horſt ebenfalls im höchſten Er⸗ ſtaunen; wie kommſt du hieher und wie ſiehſt du aus? Erſt laß mich über das Waſſer, dann ſollſt du Alles wiſſen; wir dürfen nicht ſo laut zu einander reden, es könnte uns Beiden Gefahr bringen. So gehe etwa fünfzig Schritte aufwärts, ich werde dir folgen.— So weit wäre ich und hoffe, auch noch weiter zu kom⸗ men, ſagte Ferdinand, indem er über den Bach ſprang; du mußt mir helfen, Robert, es kann unmöglich mehr weit bis zur Grenze ſein. Aber, mein Gott, wie ſiehſt du aus, deine Kleider ſind zerriſſen und deine Hände blutig! Sie ſind hinter mir— ſie hetzen mich wie ein vogel⸗ freies Stück Wild, die ganze Meute der Gewalt iſt hinter mir, Gensd'armen und Waldläufer— ich bin durch Dor⸗ nen und Geſtrüpp gerannt— zeige mir den nächſten Weg zur Grenze oder ich bin verloren, rief er, ſich wieder angſt⸗ voll umſehend. Verloren? fragte Horſt; was haſt du denn gethan? Gethan? Ich erzähle dir das alles unterwegs, nur komm, fort, fort, ehe es zu ſpät wird. Erſt will ich wiſſen, was du gethan haſt, ſagte Horſt beſtimmt, und von deiner Antwort wird mein ferneres Handeln abhängig ſein. Das iſt die Freundſchaft! lachte der Andere— auch ſo ein Ding mit einem hochklingenden Namen, aber ſonſt nichts als eine leere Schale. Ich bin ein ſogenannter po⸗ litiſcher Flüchtling! Genügt dir das, um dein bedenkliches Gewiſſen zu beruhigen? Gibſt du mir darauf dein Ehrenwort, daß... Zum Teufel, ja, ich gebe dir mein Ehrenwort— du hältſt mich am Ende wohl gar für einen gemeinen Dieb oder Mörder? lachte er höhniſch auf. So komm, ſagte Horſt kalt— folge mir ſchweigend und tritt ſo leiſe auf, als möglich; vermeide es auch, auf dürre Zweige zu treten— verhalte dich überhaupt ſo ruhig, wie du kannſt. Schweigend und geräuſchlos ſtiegen ſie in einer engen Schlucht empor. Oben blieb Horſt lauſchend ſtehen. Dann führte er ſeinen Gefährten raſch über eine Lichtung; ſie be— traten einen dichten Wald, in welchem ſie nach einiger Zeit einen Fußpfad kreuzten, auf dem ſie weiter gingen. Auf der Höhe des Bergrückens gelangten ſie an einen breiten, von einem tiefen Graben begrenzten Fahrweg. Hier iſt die Grenze, ſagte Horſt— an der anderen Seite des Grabens biſt du im Auslande. Nun denn hinüber in das andere deutſche Vaterland, welches hier Ausland heißt! rief Ferdinand ſpöttiſch, indem er über den Graben ſprang; vorläufig wäre ich alſo wieder ſicher. Komm' noch ein Stück mit, damit ich dir erzählen kann. wurde, war jedoch nicht verſtändlich. Horſt folgte mit einigem Widerſtreben. Nachdem ſie ungefähr fünfhundert Schritte in dichtem Unterholze fortgegangen waren, ſetzten ſie ſich an den Fuß eines Baumes, da Horſt erklärte, nicht weiter mitgehen zu wollen.* Haſt du vielleicht etwas zu eſſen oder zu trinken bei dir? fragte Ferdinand; ich habe ſeit geſtern Morgen nichts genoſſen, als einige Waldbeeren. Schweigend reichte ihm Horſt ſeine Jagdflaſche und ein Butterbrod, welches ihm ſeine Mutter vorſorglich mit⸗ gegeben hatte. Haſtig und voll Gier trank und aß der Andere. Du möchteſt wiſſen, weßhalb ich verfolgt werde, ſagte er dann, ihm die leere Flaſche zurückreichend— es hat mir wohl gethan, ich danke dir— es iſt eigentlich eine geringe Veranlaſſung. Ich war mit dabei in Albernhauſen an jenem Abend, wo man auf die wehrloſen Menſchen vor dem Theater einhieb, und ſchlug jenen brutalen Officier vom Pferde— das iſt die ganze Geſchichte! Du warſt mit dabei? fragte Horſt finſter; was haſt du überhaupt hier im Lande zu ſuchen? Was ich hier zu ſuchen habe? Still! flüſterte Horſt— ich höre Stimmen! Deutlich ſchallten geſprochene Worte von dem Grenz⸗ wege herüber, den ſie vor Kurzem überſchritten hatten, auch das Geräuſch klappernden Metalles. Was geſprochen Sie ſind es, flüſterte Ferdinand— ich will fort. Horſt hielt ihn ſchweigend zurück. Das Geräuſch währte noch eine Zeit lang, dann entfernte es ſich und hörte bald ganz auf. Nun geh', ſagte Horſt, es iſt keine Gefahr mehr. Ich danke dir, Robert— die Hunde ſcheinen wirklich meine Spur verloren zu haben. Die Grenze hat dich geſchützt. Alles hat ſein Gutes, ſelbſt dieſe Deutſchland zer⸗ ſtückelnden Grenzen! lachte der Andere. Hüte dich, ſie wieder zu überſchreiten— du haſt hier nichts zu ſuchen. Was ich drüben zu ſuchen habe, das iſt meine Sache, und dieſe Sache wird zu Ende geführt werden, für ſie oder für mich zu irgend einem Ende! rief Ferdinand, indem er. drohend die Hand ausſtreckte. Immer noch dieſe tollen Ideen! Ich weiß, daß dein ſiſchblutiges Herz kein Verſtändniß für mein Empfinden hat, niemals gehabt hat, ich verlange das auch nicht; aber darauf kannſt du dich verlaſſen— Rache will ich haben, Rache an ihr, an dieſer falſchen, nichtswürdigen Perſon, die... Verſchone mich mit deinen tollen, wahnſinnigen Phraſen, unterbrach ihn Horſt kalt— denn ich habe wirk⸗ lich kein Verſtändniß dafür. Was kümmert dich die Gräfin? ſetzte er ſpöttiſch hinzu; ſie iſt des Fürſten Gemahli — —— ich wüßte wirklich nicht, weßhalb du ihr dieſes Glück ver⸗ kümmern wollteſt. Wenn ich nun aber doch dazu entſchloſſen ſein ſollte— doch wozu mit dir über ſolche Dinge reden? Das Gewitter ſteckt in der Luft, es zieht ſich überall zuſammen, und wenn es losbricht, dann bin ich wieder da!— Dann ſoll ſie ihren theuren, geliebten Ferdinand noch einmal wiederſehen — die falſche Schlange, die... Lebe wohl, ſagte Horſt, ſich abwendend. Laß dich drüben nicht wieder ſehen— ich führe dich wenigſtens nicht mehr über die Grenze. Geh' zum Teufel, murmelte Ferdinand, indem er ſeinen Weg in entgegengeſetzter Richtung fortſetzte— es war gut, daß ich ihn traf, ſie hätten mich ſonſt doch am Ende noch in dieſem verdammten Walde gefangen. Horſt trat an derſelben Stelle bis an den Rand des Grabens, wo ſie denſelben überſchritten hatten. Der Bo⸗ den iſt feucht, ſprach er dann vor ſich hin, man kann ſpüren — ich muß vorſichtig ſein. Er ging innerhalb des Gebüſches, in dem er ſich be⸗ fand, längs der Grenze fort, bis dieſe durch einen darauf ausmündenden Fahrweg gekreuzt wurde. Dieſen betrat er und ging dann im Hufſchlag der Pferde weiter, um ſeine eigene Spur ſo viel als möglich unkenntlich zu machen. Bald vermiſchte ſie ſich mit den Spuren der⸗ jenigen, die kurze Zeit vor ihm den Grenzweg gegangen — 5 waren; er erkannte aber daraus, daß es vier Perſonen geweſen. Abſichtlich ſchlug er jetzt den Weg nach den Culturen ein, wo er den Oberförſter, ſeinen Vater und mehre Arbeiter traf. Faſt gleichzeitig erſchienen, von einer anderen Seite kommend, zwei Gensd'armen und zwei Waldläufer. Nun, fragte der Oberförſter, habt ihr den Kerl erwiſcht? Nein, Herr Oberförſter, ſagte einer der Waldwärter, er iſt über die Grenze, oben am Schollenloch— es muß ihm Jemand den Weg gezeigt haben. Wie das? Wir folgten ſeiner Spur bis in das Höllenthal, er konnte nur einen geringen Vorſprung haben; oberhalb der kleinen Wieſe war er über den Bach, da kam ein Anderer zu ihm, und Beide ſind die Schlucht hinauf, über die Kieferlichtung in den Wald, dann auf den Pfad von Walm bis zur Grenze hinauf und hinüber. Wißt ihr das gewiß? Wir haben genau abgeſpürt. Du wollteſt ja in das Höllenthal hinab, Robert, ſagte der alte Horſt; haſt du nichts geſehen? Sie waren im Höllenthale? fragte jetzt der Oberförſter geſpannt. Ich wollte hinab, erwiederte der junge Horſt ruhig, ich bin aber am Dünsberge fortgegangen bis in die Ward⸗ — wieſe, weil ich glaubte, dort vielleicht einen Hirſch an⸗ pirſchen zu können— es hat ſich aber nichts gezeigt. Es iſt ſchade, daß Sie nicht Ihrem erſten Vorſatze ge⸗ treu geblieben ſind, die Canaille wäre Ihnen gerade vor das Rohr gelaufen— aber wiſſen möchte ich doch, wer dort unten auf ihn gewartet haben kann und ihn über die Grenze geführt hat.„ Solch Volk hat immer ſeine Helfershelfer, Herr Ober⸗ förſter, bemerkte der Waldwärter. Das iſt ſchlimm genug, fuhr dieſer zornig auf, daß ſich hier in meinem Walde ſolch Geſindel aufhalten kann! Wenn ihr Kerle nicht ſo faul wäret und beſſer aufpaßtet, ſo wäre das gar nicht möglich— aber ich werde euch Beine machen und euch das Faullenzen anſtreichen, ihr Tage⸗ diebe! Sind ſie Beide hinüber? fragte er nach einiger Zeit weiter. Beide, erwiederte der an derartige Zornausbrüche ſeines Vorgeſetzten bereits gewöhnte Waldwärter. So mag ſie Beide der Teufel drüben holen! Es thut mir leid, wandte er ſich dann an die beiden Gensd'armen, daß es nicht geglückt iſt; machen Sie Ihren Rapport deß⸗ halb an den Herrn Landrath und ſagen Sie ihm, daß mei⸗ nerſeits nichts verſäumt worden iſt. Die beiden Gensd'armen entfernten ſich und auch die Anderen brachen bald auf, da die Beſichtigung der Cultu⸗ ren beendet war. — 93 Die Pflanzung macht Ihnen alle Ehre, Herr Hege⸗ meiſter, ſagte der Oberförſter mit außergewöhnlicher Freund⸗ lichkeit; wenn der Herr Ober-Forſtmeiſter kommt, ſo wird er ſeine Freude daran haben. Das Wetter war günſtig, Herr Oberförſter; es iſt oft beim beſten Willen nicht möglich, eine junge Pflanzung ganz ohne Lücken aufzubringen. Ich weiß, ich weiß; es kommt aber doch hauptſächlich auf die Hand an, die ſie pflegt. Nun, bei Ihnen iſt man das nicht anders gewohnt, Ihr ganzes Revier iſt ja eine Muſter⸗Wirthſchaft— doch hier geht mein Weg ab, Herr Hegemeiſter; alſo auf Wiederſehen am Montage bei den Wahlen— ich denke, hier bei uns wird es keinen Einzigen von der hochverrätheriſchen Sorte geben. Schweigend g gingen Vater und Sohn eine Zeit! ang weiter. Du warſt doch im Höllenthale, Robert, ſagte dann der alte Horſt, nicht wahr, ich habe mich nicht ge— täuſcht? Ich war dort und habe den Flüchtling über die Grenze gebracht, antwortete ruhig der Sohn. Wie ich mir gedacht; aber was hat dich dazu be⸗ ſtimmt? Es war ein Bekannter von der Univerſität her, dem ich dieſen Dienſt nicht verſagen konnte— ich habe ſonſt kein Intereſſe für ihn. Wenn dich nur Niemand geſehen hat; du hörteſt, wie genau ſie abgeſpürt. Ich ging noch eine Strecke mit ihm hinüber und mit großer Vorſicht wieder zurück; ſie glauben daher, daß es Zwei geweſen, die ihren Weg gemeinſchaftlich in das Aus⸗ land genommen. Du könnteſt große Unannehmlichkeiten haben, wenn man dich geſehen hätte, bemerkte nochmals voll Unruhe der alte Horſt. Ees iſt aber nicht der Fall geweſen, du kannſt darüber ruhig ſein. Am beſtimmten Tage verließ der junge Horſt wieder das Haus ſeiner Eltern, ohne mit ſeinem Vater nochmals hinſichtlich ihres Benehmens bei den Wahlen geſprochen zu haben. Es bleibt bei unſerer Verabredung, Robert, ich ver⸗ laſſe mich feſt darauf, war das Einzige geweſen, was ſein Vater noch über dieſen Gegenſtand geäußert hatte. Dann hatten ſich Beide inniger und länger, als es ſonſt zu ge⸗ ſchehen pflegte, die Hand geſchüttelt, und Robert war gegangen. Es iſt einer der ſchwerſten Gänge, die ich je in meinem Leben gemacht habe, ſprach der Hegemeiſter vor ſich hin, als er am Morgen des Wahltages ſeinen Hirſchfänger umſchnallte— der liebe Gott wird Alles zum Beſten lenken. Das wird er, ſagte ſeine Frau, die ungeſehen jene Worte gehört hatte; wenn du auch gegen mich geſchwie⸗ gen haſt, ich kenne doch deine Gedanken und deine Sorgen— es wäre ja auch traurig, wenn es anders wäre. Hat Robert mit dir geſprochen? fragte der alte Horſt erſchrocken. Nein, lieber Mann; ihr ſchient ja abſichtlich Beide mir euer Vertrauen nicht ſchenken zu wollen. Wir wollten dich nicht unnöthig beunruhigen— aber was iſt denn deine Meinung? Handle nach deinem alten Grundſatze, ſagte ſie, ihn ruhig anſehend: Thue Recht und ſcheue Niemand— das iſt meine Anſicht. Aber wenn ſie uns denn auf unſere alten Tage von Haus und Hof jagen, Robert entlaſſen.... Das wird alles nicht geſchehen, lächelte die Frau— einer einfachen Wahl wegen wird man nicht zu ſolchen Ge⸗ waltmaßregeln ſchreiten— doch ich will dir nicht rathen, ſetzte ſie bedenklich werdend hinzu; am Ende iſt ja auch wenig daran gelegen, wen du wählſt, deine Stimme allein entſcheidet ja doch nicht. Das thut ſie allerdings nicht, aber nach der meinigen werden ſich Viele richten, und wenn Jeder ſo dächte, ſo würde die gute Sache ſtets unterliegen, denn Jeder hat für ſich nur Eine Stimme. 6— Nun, du mußt ſelbſt am beſten wiſſen, was du in dieſem Falle zu thun haſt— wenn du wirklich glaubſt, daß es ſo ſchlimme Folgen haben könnte— auch für Robert, dann würdeſt du dir ſpäter doch am Ende Vor⸗ würfe machen müſſen— bedenke das, lieber Mann, und laß dich nicht von einer augenblicklichen Aufregung beſtimmen. So leb' denn wohl, ſagte er, ſie umarmend— Gott wird mir die rechte Erkenntniß ſenden— auf Wiederſehen! Eine große Maſſe Menſchen waren zur Wahl in einem unfern der Waldungen gelegenen Marktflecken verſammelt. Die ganze Angelegenheit war dem Volke noch ſehr neu, denn es war überhaupt erſt das zweite Mal, daß Wahlen zur Kammer vorgenommen wurden. Haufen- und gruppenweiſe ſtanden die Leute zuſam⸗ men, und hier und da ſprachen Einzelne, dieſen oder jenen Candidaten empfehlend. Die Meiſten hörten ſchweigend zu, und es war unverkennbar, daß ſie ſelbſt hinſichtlich ihres Entſchluſſes noch nicht ins Klare gekommen waren. Der Wahlact ſelbſt wurde in einer geräumigen Scheune vorgenommen. Die Gemeindeglocke läutete, und Alles drängte ſich hinein, um dem Tiſche der Wahl⸗Commiſſion möglichſt nahe zu ſtehen. Der Landrath hielt noch eine kurze Anſprache, in welcher er nicht verfehlte, auf die Wichtigkeit des Wahlactes aufmerkſam zu machen und zu bemerken, daß er nicht zweifle, es werde Niemand für Candidaten ſtimmen, welche mit Verletzung der beſchwore⸗ nen Treue gegen ihren Landesherrn, der Regierung des⸗ ſelben und ſeinen väterlichen Maßnahmen feindlich ent— gegentreten wollten. Der Wahlact wird jetzt beginnen, fuhr er fort, und 1 es hat ſich daher ein Jeder alles weiteren Redens zu enthalten, wie dies das Wahlgeſetz ausdrücklich vor⸗ ſchreibt. WMan verfuhr hinſichtlich der Stimmabgabe ganz nach Willkür und begann mit einer kleinen, zerſtreut liegenden Gemeinde, von deren loyaler Geſinnung man zum Voraus überzeugt war. Der Erſte, ein wohlhabender Bauer, ſtand, als er 1 aufgerufen wurde, längere Zeit unſchlüſſig und ſah ſich 1 ängſtlich um; als ihm dann aber der Landrath befahl, zu— wählen, nannte er den Candidaten der Regierung. Es 1 folgten mehre Andere, die eben ſo ſtimmten. Dann kam der Lehrer, ein alter Mann mit weißen Haaren; mit ruhi⸗ ger und feſter Stimme nannte er den Appellationsrath Pheller, den Candidaten der Oppoſition, denſelben, den 1 man von Albernhauſen nach Steinfeld verſetzt hatte. Der Landrath warf ihm einen wutherfüllten Blick zu, indem er ſeinem Schreiber leiſe etwas zuflüſterte. Die Bahn war gebrochen, faſt ſämmtliche übrigen Mitglieder der kleinen Gemeinde wählten wie der Lehrer. 1 Guſtav vom Sec. Wogen des Lebens. III. Es entſtand eine Pauſe. Die Mitglieder der Wahl⸗ Commiſſion beriethen ſich; ſie waren offenbar eben ſo ent⸗ rüſtet als erſtaunt über das bis jetzt erlangte Reſultat. Man beſchloß, jetzt die Forſtbeamten und die im Lohn und Brod der Forſtverwaltung ſtehenden Arbeiter wählen zu laſſen, um das gegebene ſchlechte Beiſpiel wieder unſchäd⸗ lich zu machen. 3 Herr Hegemeiſter Horſt! rief die Stimme des Wahl⸗ Commiſſars. Es war dem alten Horſt, als er ſo plötzlich ſeinen Namen aufrufen hörte und dann eine lautloſe Stille ein⸗ trat, ungefähr wie dem Soldaten, der zum erſten Male zum Sturme auf eine feindliche Batterie kommandirt wird; der Kampf der Ehre, der inneren Ehre mit dem äußeren Vortheile war noch ſo ſtark in ihm, daß ihm die Sprache augenblicklich verſagte. Er dachte an alle Folgen und dann wieder an den alten, würdigen Lehrer, dem er kurz vorher ſo hohe Achtung hatte zollen müſſen—. Herr Hegemeiſter Horſt! rief nochmals der Wahl⸗ Commiſſar. 3 Iſt es unſere Pflicht, nach unſerer wahren Ueberzeu⸗ gung zu wählen, Herr Landrath? fragte er in etwas un⸗ ſicherem Tone. Natürlich, wählen Sie ganz nach Ihrer wahren Ueber⸗ ganz zeugung, mein lieber Herr Hegemeiſter, erwiederte dieſer mit großer Freundlichkeit. — Nun, ſo wähle ich den Appellationsrath Pheller, ſagte er feſt. Sind Sie des Teufels, Herr Hegemeiſter? rief der Oberförſter. Sie haben Sich wohl geirrt, bemerkte der Landrath; wen wählen Sie? Den Appellationsrath Pheller, erwiederte der alte Horſt nun mit ruhiger, klarer Stimme, denn die Entſcheidung war erfolgt— ihm war wieder wohl. Sprachlos vor Zorn ſtarrte der Landrath den Hege⸗ meiſter eine Zeit lang an; dann mußte die Wahl fortge⸗ ſetzt werden. „Wie der Herr Hegemeiſter!“ lautete faſt jede jetzt kommende Stimme. Ihr ſollt einen Namen nennen! rief der Landrath; was kümmert euch der Hegemeiſter! Aber Zorn und Wuth halfen nichts, die Wähler blieben feſt, und der junge Horſt ſprach den verhaßten Namen ſogar mit einer ſchadenfrohen Beimiſchung aus. Nur ein kleiner Theil hatte für den Regierungs-Can⸗ didaten geſtimmt; der verhaßte und bereits gemaßregelte Appellationsrath war mit großer Majorität gewählt. Nun komm, mein Sohn, ſagte der alte Horſt, laß uns gehen— es iſt nun doch ſo gekommen, wie ich vor⸗ ausgeſehen hatte— ich konnte nicht anders. Thue Recht und ſcheue Niemand! ſo rieth mir heute Morgen ſelbſt deine — 100— gute Mutter— mir iſt jetzt wieder leicht ums Herz— der liebe Gott wird Alles zum Beſten lenken. Noch ein Wort, Herr Hegemei ſter, rief den ſich Ent⸗ fernenden der Oberförſter nach. Sie haben Sich heute Morgen auf eine nichtswürdige Weiſe benommen, haben mit der Canaille gegen unſeren Fürſten und Herrn ge⸗ ſtint Ich verbitte mir derartige Reden, Herr Oberförſter.... Schweigen Sie, wenn Ihr Vorgeſetzter zu Ihnen ſpricht, herrſchte dieſer ihn an; hier haben Sie nur zu reden, wenn Sie gefragt werden!— Sie haben durch Ihr Beiſpiel die ganze Maſſe dieſes bornirten Volkes zu gleichem Benehmen verlockt— das Weitere wird ſich finden! Auch wie jener aufrühreriſche Kerl über die Grenze gekommen iſt— das wird ſich alles finden! Vorläufig ſuspendire ich Sie vom Dazu haben Sie keine Befugniß, das kann nur die Regierung. Das iſt meine Sache— beſchweren Sie Sich doch— laſſen Sie Sich aber noch in Uniform im Walde ſehen, ſo werden Sie arretirt— verſtehen Sie mich! Wer gibt Ihnen das Recht, ſo zu verfahren? fuhr der junge Horſt auf. Darüber werde ich Ihnen am wenigſten Auskunft geben, Herr Forſt⸗Candidat. Sie ſind entlaſſen! Packen Sie Ihre Sachen und Sich ſelbſt dazu, und zwar ſo ſchleunig als möglich, ſonſt werde ich Sie aus meinem Hauſe entfernen laſſen! Ohne eine weitere Antwort abzuwarten wandte ſich der Oberförſter um und ging. Komm, Robert, ſagte nach einem kurzen Augenblicke des Schweigens der alte Horſt, komm, laß uns gehen; es war vorauszuſehen, daß dies oder Aehnliches geſchehen würde, denn wir haben jetzt ſchonungsloſe Gegner. Thue Recht und ſcheue Niemand— der liebe Gott wird weiter helfen! Fünftes Anpitel. Eine Unterredung. Marie: Das iſt zu viel! Fliſabeth: Jetzt zeigt Ihr Euer wahres Geſicht; bis jetzt war's nur die Larve. Schiller. Sie wollen alſo wirklich dieſer ſtolzen Frau einen Beſuch machen, meine ſchöne Freundin? Ja, mein ſchöner Freund, ich will wirklich dieſer ſtliti Frau einen Beſuch machen. Es wäre leicht möglich, daß Sie gar nicht angenom⸗ men würden. Dagegen habe ich mich geſichert; der Geheimerath hat mich benachrichtigt, daß mich ſeine Frau heute Vormittag erwarte. Hat er wirklich die Gnade gehabt? Sie ſollten beden⸗ ken, wie viel Sie Ihrer Stellung vergeben, wenn Sie dieſer Frau zuerſt einen Beſuch machen. Zuerſt? War ſie nicht hier zur Vorſtellung? — 103— Ja, vor ſechs Monaten, auf ausdrücklichen Befehl Ihres Herrn Gemahls, aber ſeit jener Zeit hat ſie ſich nicht mehr ſehen laſſen. Allerdings; aber um ſo mehr reizt es mich, ſie für mich zu gewinnen. Sie ſtellen Sich eine eben ſo ſchwierige als gänzlich unnöthige Aufgabe. Weßhalb ſo ſchwierig? Wollen Sie die Wahrheit wiſſen, meine ſchöne Freundin? Wenn Sie mich ſo nennen, lieber Leſſen, ſcherzte Nettchen mit ihrem coquetten Lächeln— denn zwiſchen dieſen beiden Perſonen wurde das Geſpräch geführt— wenn Sie mich ſo nennen, dann haben Sie immer die Abſicht, mehr oder weniger von der Wahrheit abzu⸗ weichen. Sie ſind recht grauſam gegen mich, ſagte er mit einem Seufzer, ihre Hand küſſend; indeſſen, ich muß mir dies gefallen laſſen, dies und noch vieles Andere. Ja, es iſt ſchrecklich, was Sie Sich alles gefallen laſſen müſſen! aber Sie wollten mir ja die Wahrheit ſagen. Ach, wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen dürfte, er⸗ wiederte er, ſie mit einem langen Blicke anſehend, wobei er abermals ſeufzte; die ganze, volle Wahrheit— Nein, nein, unterbrach ſie ihn, ich will nur die Eine — 104— Wahrheit in Beziehung auf die Geheimräthin hören, nach der anderen verlangt mich durchaus nicht. Sehen Sie, wie traurig das iſt, es iſt eine Folge der Luft des Hofes, die Sie nun ſchon ſo lange geathmet haben. Das mag ſein, aber Sie werden doch zugeben, daß ich athmen muß; auch fühle ich durchaus nichts von der nach⸗ theiligen Wirkung dieſer Luft, ſetzte ſie recht tief auf— athmend hinzu; aber nun bitte ich endlich um Ihre Wahrheit. Die Wahrheit iſt, ſagte Leſſen, ihr feſt in die Augen ſehend, daß die Geheimräthin eiferſüchtig iſt. Glauben Sie? fragte Nettchen ohne das mindeſte Erſtaunen. Können Sie ihr das vielleicht verdenken? Verdenken? Frauen haben oft ſehr wunderbare An⸗ wandlungen. Ich finde dieſe keineswegs ſo ſehr wunderbar. Sie werden doch nicht in Abrede ſtellen wollen, daß der Ge⸗ heimerath ſich in einer, wie ſoll ich ſagen, höchſt eigen⸗ thümlichen Weiſe gegen Sie benimmt. Ich will ihn keineswegs deßhalb verdammen, denn welcher Mann kann dem verderblichen Feuer dieſer ſchönen Augen ſich ungeſtraft nahen; ich will ihn keineswegs verdammen, dieſen ſonſt ſo ernſten, pedantiſchen Geheimenrath, obgleich er eigentlich über die Jahre— — 105— Nun, laſſen Sie es nur gut ſein, lachte Nettchen, denn es kommt wenig darauf an, ob Sie ihn verdammen oder nicht; aber glauben Sie das wirklich? ſetzte ſie ernſt hinzu. Ich würde es ſonſt nicht geſagt haben— ich am wenigſten. Es ſind mir auch ſchon ähnliche Gedanken gekommen, bemerkte ſie ſinnend; aber ich bin jetzt feſt überzeugt, daß Sie Sich täuſchen. Wodurch haben Sie dieſe Ueberzeugung erlangt? fragte Leſſen geſpannt. Wir Frauen haben in ſolchen Dingen einen ſcharfen und ſicheren Blick, erwiederte ſie ernſt; es genügen ganz unmerkliche Kleinigkeiten, um uns darüber aufzuklären, ob die Neigung eines Mannes ſich uns zuwendet und von welcher Art dieſe Neigung iſt— mit einiger Erfahrung täuſchen wir uns darin ſelten. Und Sie beſitzen dieſe„einige Erfahrung“? Wozu dieſe Frage, lieber Freund, wir Beiden, denke ich, hätten nicht nöthig, in Bildern mit einander zu reden, oder den Verſuch zu machen, uns einander mit Täuſchungen hinzuhalten, an die wir doch Beide nicht glauben. Sie befinden Sich im Irrthume, fuhr ſie fort, während Leſſen ſie ſchweigend anſah, der Geheimerath beweiſt mir eine ungewöhnliche Theilnahme, eine Theilnahme, welche zu⸗ — weilen in das Gebiet der Zärtlichkeit hinübertritt— aber das, was Sie meinen, iſt es nicht. Nicht? Was wäre es denn ſonſt? Darüber bin ich ſelbſt noch nicht klar. Es iſt etwas Räthſelhaftes in ſeinem Weſen, und ſchon mehrmals deutete er darauf hin, daß er mir ſpäter vielleicht mehr Jagen werde— zu werden. Nein, ich hätte ie wirſlich für erfahrener gehalten! Denken Sie zwück.Sch Hochzeit mit dem Lier Enant Ste beobachtet, waren ihm die Bey rbungen des Prinzen um Sie ein Gräuel ℳ hat Alleß aufgeboten, die Entwicklung näherer Bezichungen zwiſchen Ihnen zu verhindern. Es hat Scene zwiſchen Beiden weiß das aus dem eigenen Munde des Prinzen, erg, ich habe genau — egeben, ich und Sie haben es ja auch gewußt, denn Sie haben ja miß geholfen, ihn zu täuſchen. Als Sie nun doch gegen ſplnen Willen die Gemahlin des Fürſten wurden, da ſchlug er ſich nicht eha auf die Seite Ihrer Gegner, wie es doch hätte ge— ſchehen müſſen, wenn er Ihrer Verbindung allein im In⸗ tereſſe des fürſtlichen Hauſes hätte entgegentreten wollen — nein, er blieb, was er geweſen, Ihr leidenſchaftlicher Verehrer, und zwar in einer ſo auffälligen Weiſe, daß ſeine Frau davon Kenntniß erhielt und der bisher nie ge⸗ trübte häusliche Friede zum erſten Male ernſtlich in Frage geſtellt wurde— was iſt es alſo Anderes, als daß er— nun, wie ich ſchon die Ehre hatte, zu bemerken— der alte Narr! Atter ſchützt vor Thorheit nicht, und wenn ſo ein alter Stamm einmal in Flammen ſteht, ſo hält es ſchwer, ihn zu löſchen. Das alles habe ich mir auch ſchon geſagt, bemerkte Nettchen, die letzte Bemerkung unbeachtet laſſend, dies und noch mehres Andere— und doch befinden Sie Sich im Irrthume. Es ſollte mir auch wirklich leid thun, wenn Sie Recht hätten. Leid thun? Ja, denn ich habe eine viel zu gute Meinung von dem Geheimenrathe, viel zu viel Achtung vor ihm, als daß ich ſo etwas glauben könnte. Nehmen Sie Sich in Acht, er hat auch einige Erfah— rung und operirt vielleicht klüger, als Sie glauben. Es ſcheint mir jetzt ſogar, nicht ohne Glück. Nun, bleiben Sie denn bei Ihrer Meinung,— wir werden ja ſehen. Und Sie wollen dennoch zu der Geheimenräthin? Dennoch, und nun mehr, denn je. Mögen Sie nicht enttäuſcht zurückkehren. Wenn Sie den Rath, die Bitte eines Ihnen treu ergebenen Freundes — — 108— nicht verſchmähen, ſo unterlaſſen Sie dieſen ganz unnöthi⸗ gen Beſuch. Ich weiß, daß Sie mir zugethan ſind, ſagte ſie, ihm mit einem koquetten Lächeln ihre kleine Hand reichend, wenn auch in einer anderen Weiſe, als der Geheimerath; aber diesmal müſſen Sie mir ſchon geſtatten, Ihnen un⸗ folgſam zu ſein. Er küßte ihre Hand. So gehen Sie denn, ſagte er, aber vergeſſen Sie deßhalb Ihre Freunde nicht. Sie meinen meinen Freund— ſich ſelbſt. Adieu, lieber Leſſen, ſetzte ſie mit einem ſchalkhaften Blicke hinzu, — Adieu— und denken Sie nicht zu viel an Ihre ergebene Freundin. Sie entzog ihm ihre Hand, machte eine zierliche Ver— beugung und verſchwand leichten Schrittes in das an⸗ ſtoßende Zimmer. Nicht ohne Mühe hatte der Geheimerath ſeine Frau bewogen, den Beſuch der Gräfin anzunehmen, und der Einwilligung der letzteren lag dann die Abſicht zu Grunde, ihrer Feindin für immer die Luſt zu benehmen, ſich ihr zu nahen. Sie kommt hieher, dachte ſie, um einen Triumph zu feiern; entweder iſt es Hohn, oder ſie glaubt, meinen ver⸗ blendeten Mann ungehinderter umgarnen zu können, wenn ſie mich mit der Ehre ihrer Neigung geködert hat— ich bin ja eine alte Frau, warum ſoll ich nicht die Gnade, — 109— zum näheren Kreiſe des Hofes zu gehören, höher ſchätzen, als den ungetheilten Beſitz meines Gatten! Es iſt un⸗ glaublich— nie und nimmer hätte ich ſo etwas von ihm für möglich gehalten, und noch kann ich es kaum faſſen, wenn mich meine Augen nicht täglich dadon überzeugten. Der Wagen der Gräfin fuhr vor, und bald darauf betrat dieſe die Wohnſtube der Geheimräthin, denn ab⸗ ſichtlich wurde ſie in dieſen höchſt einfach ausgeſtatteten Räumen empfangen. Die Geheimräthin ging ihrem Beſuche einige Schritte entgegen und nöthigte dann mit einer ſtummen Handbewe⸗ gung zum Sitzen. — Nettchen war ſichtlich verlegen. Sie hatte ſich vorge⸗ nommen, einen ſcherzenden Ton anzuſchlagen, das Ge⸗ ſpräch im Anfange über allgemeine Gegenſtände hingleiten zu laſſen und erſt im weiteren Verfolge ihre Abſicht deut⸗ licher zu enthüllen— jetzt wollte das nicht gehen und ſie wurde ſichtlich verlegen. Was verſchafft mir die Ehre dieſes unerwarteten Beſuches? fragte die Geheimräthin in ernſtem und ge⸗ meſſenem Tone. Das Kalte und Abſichtliche dieſer Frage gab Nettchen 1 ihre Unbefangenheit zurück, ihren Mund umſpielte das ge— wohnte bezaubernde Lächeln, und mit einem freundlichen, faſt herzlichen Ausdrucke erwiederte ſie: — 110— Ich komme zu Ihnen, Frau Geheimräthin, weit ich vergeblich der Ehre Ihres Beſuches entgegen geſehen, und ich mich doch danach lange geſehnt habe. Die Frau Gräfin ſind ſehr gnädig, erwiederte die Ge⸗ heimräthin in gemeſſenem Tone. Ich weiß, fuhr dieſe fort, Sie hegen einen Groll gegen mich, weßhalb?— Dies zu erforſchen bin ich vergeblich bemüht geweſen, es ſei denn der Umſtand, daß ich des Fürſten Gemahlin bin. Wäre es möglich, daß Ihre Geſinnung gegen mich eine andere werden könnte, ſo würde ein ſehnlicher Wunſch meines Herzens erreicht werden. Sie erweiſen mir eine unverdiente Ehre, denn weßhalb ſollte ich einen Groll gegen die Gemahlin meines Fürſten. hegen? Ich fühle nur das Bedürfniß, in den gewohnten Verhältniſſen fortzuleben. Die Frau Fürſtin⸗Mutter hat mich ſtets mit Gnade und Vertrauen beglückt, ich verehre ſie aus tiefſter und inniger Ueberzeugung, und da ich eine alte Frau bin, ſetzte ſie mit leichtem Hohne hinzu, müſſen Sie mir ſchon geſtatten, meinen alten Ueberzeugungen und Neigungen treu zu bleiben. Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich dieſelben plötzlich wechſeln, meiner Gönnerin den Rücken kehren und mich der neuen Sonne zuwenden wollte. Ich erwarte auch nichts Derartiges von Ihnen, aber eben deßhalb würde es mich beglücken, wenn Sie dazu bei⸗ ———— — 111— tragen wollten, die traurigen Zerwürfniſſe zwiſchen der Mutter meines Gemahles und ihm— von mir will ich gar nicht reden— auszugleichen. Es wird vielleicht nur von Ihrem Willen abhangen, dieſes Vermittler-Amt zu über⸗ nehmen, Sie würden Sich dadurch zugleich den Dank des ganzen Landes erwerben. Glauben Sie? Vielleicht befinden Sie Sich doch in einem Irrthume. Es gibt nur Eine Perſon, welche dieſes Vermittler⸗Amt zum Beſten des Landes ausführen könnte, und dieſe Perſon bin ich nicht. Wer iſt ſie denn? fragte Nettchen mit unſicherer Stimme. Erlaſſen Sie mir die Antwort, Frau Gräfin, erwie⸗ derte die Geheimräthin ernſt, ich habe keine Befugniß, ſie zu ertheilen— und wenn Sie dieſelbe ſelbſt nicht wiſſen, würde ſie doch völlig nutzlos ſein. Es trat ein längeres Schweigen ein. Nettchen war einmal im Begriffe, aufzuſtehen. Leſſen's Worte flogen durch ihre Gedanken, und ſie erkannte, daß eine weitere Unterredung mit dieſer ſtolzen Frau wahrſcheinlich nur zu neuen Demüthigungen für ſie führen würde. Es liegt jedoch im Menſchen, oft gerade dasjenige zu erſtreben, von dem er mit großer Wahrſcheinlichkeit weiß, daß es ihm ſchädlich ſein, ihm Sorge, Kummer oder Schmetz bereiten muß. Es iſt das dem Menſchen angeborne Verlangen nach Kampf, in welchem er dennoch immer Sieger zu bleiben hofft. Es iſt daſſelbe Bedürfniß, welches wir in ſchwüler Luft vor dem Ausbruche eines Gewitters empfin⸗ den, das uns den entfeſſelten Sturm, den zuckenden Blitz und den rollenden Donner einer windſtillen, bleiſchweren, nervenbelaſtenden Atmoſphäre vorziehen läßt; es iſt die Unruhe in der menſchlichen Seelenuhr, die in Bewegung bleiben muß, mag dieſe Bewegung auch anſcheinend nach⸗ theilig ſein. Von ähnlichen Gefühlen wurde Nettchen bewegt, und es trieb ſie daher, den Kampf aufzunehmen, ja, ihn zu beginnen. Ihre Antwort kann ich Ihnen allerdings erlaſſen, Frau Geheimräthin, ſagte ſie ruhig, denn dieſe Eine Perſon, welche Sie meinen, bin ich nach Ihrer Anſicht unzweifel⸗ haft ſelbſt. Die Geheimräthin hatte eine ſo offene Erklärung nicht erwartet, ſie war überraſcht und vermochte augenblicklich nicht, eine Beſtätigung auszuſprechen. Oder ſollte ich mich geirrt haben— wäre dies nicht Ihre Meinung? Es iſt meine Meinung, ſagte die Geheimräthin hart, Sie haben Sich nicht geirrt. Wenn Sie an meiner Stelle wären, was würden Sie denn thun? Dieſe Frage vermag ich nicht zu beantworten— denn ich würde niemals an Ihre Stelle gekommen ſein. Wenn Sie denn eine nahe Verwandte von mir wären, — fuhr Nettchen, durch die rückſichtsloſe und verletzende Weiſe ihrer Gegnerin noch mehr gereizt, fort; wenn Sie zum Beiſpiel meine Mutter wären— was würden Sie mir rathen? Sie gehen von ſehr eigenthümlichen und noch dazu un⸗ möglichen Vorausſetzungen aus. Ich weiß, daß ich nicht die Ehre habe, zu Ihrer Ver⸗ wandtſchaft zu gehören, aber es könnte doch ſein, es läge doch nicht in der Unmöglichkeit,— Sie haben niemals Kinder gehabt, Frau Geheimräthin? Ich dächte, das wäre Ihnen bekannt, erwiederte die Geheimräthin eigenthümlich bewegt. Entſchuldigen Sie, daß ich darüber nicht vollſtändig unterrichtet war; ich wußte, daß Sie keine Kinder haben, aber nicht, daß Sie überhaupt keine gehabt hatten. Doch das iſt ja auch am Ende gleichgültig, obgleich Sie, wenn Sie eine Tochter hätten oder gehabt hätten, vielleicht weni⸗ ger ſchonungslos über mich urtheilen würden. Ich urtheile nicht ſchonungslos über Sie, Frau Gräfin, erwiederte die Geheimräthin, bei welcher, ſie wußte ſelbſt nicht weßhalb, plötzlich der alte Haß wieder heller auf⸗ flammte, aber ich muß entſchieden jeden Rath ablehnen. Eine Ausgleichung zwiſchen Ihnen und der Frau Fürſtin⸗ Mutter halte ich für unmöglich, denn die hohe Frau wird niemals eine Ehe billigen können, wodurch— nun, Sie wiſſen ja, was ich meine. Wollen Sie Sich wirklich den Guſtavvom See. Wogen des Lebens. III. 8 1 Dank des Landes erwerben, ſo löſen Sie ein Band, was die ebenbürtige Nachkommenſchaft des angeſtammten Für⸗ ſtenhauſes vernichtet, ſo entlaſſen Sie den Fürſten aus den Banden, in denen Sie ihn halten— dann würden Sie groß daſtehen und Sich die Achtung aller Patrioten erwerben! Vielleicht auch die Ihrige? fragte Nettchen ſpöttiſch. Vielleicht, erwiederte die Geheimräthin ruhig. Auch dann nur vielleicht? Alſo iſt es noch etwas Anderes, was Sie gegen mich einnimmt, nicht die reine, edle Vaterlandsliebe und die Verehrung für die gnädige Fürſtin⸗Mutter? Sie haben mich jetzt vollſtändig aufge⸗ klärt, Frau Geheimräthin; leider iſt die hohe Meinung, welche ich von Ihnen hegte, und die mich veranlaßte, Ihnen ſogar die Ehre meines Beſuches zu Theil werden zu laſſen, dadurch ſehr zuſammengeſunken. Entſchuldigen Sie, daß ich Ihre koſtbare Zeit ſo lange in Anſpruch ge⸗ nommen habe, es wird nicht wieder geſchehen; ich habe mich in Ihnen getäuſcht, Sie nur nach den Andeutungen und Erzählungen Ihres Herrn Gemahls beurtheilt, ob⸗ gleich ich mir hätte ſagen können, daß die Liebenswürdig⸗ keit und Herzensgüte Ihres Gatten hier an einer leicht verzeihlichen Befangenheit leiden muß. Ich habe jetzt nichts von Ihnen zu verlangen— das Einzige vielleicht, ſeste ſie mit einem ſpöttiſchen Lächeln hinzu, mich Ihrem Herrn Gemahl recht freundlich empfehlen zu wollen. — 115— Sie machte eine leichte Verbeugung und verließ lang⸗ ſamen und ſtolzen Schrittes das Zimmer. Die Geheimräthin war zwar ebenfalls aufgeſtanden, aber ſie begleitete die Gräfin keinen Schritt, ja, ſie erwie⸗ derte nicht einmal ihre Abſchieds⸗Verbeugung. Die hohn⸗ volle und unverhüllte Anſpielung auf ihren Mann erfüllte ſie ſo ſehr mit Zorn, daß ihr die Sprache verſagte und ſie einer längeren Zeit bedurfte, um ſich nur einigermaßen zu faſſen. Leſſen hatte ſich unmittelbar nach ſeinem Beſuche bei der Gräfin, welche er faſt täglich in vertraulicher Weiſe ſprach, in das Schloß begeben, denn es fand dort eine ſehr wichtige Miniſter-Berathung unter dem perſönlichen Vorſitze des Fürſten ſtatt, zu welcher der Geheime Cabi⸗ netsrath ebenfalls befohlen war. Als dieſer dann nach vier Stunden, ſo lange hatte diesmal der Fürſt den Ge⸗ ſchäften des Landes ſich gewidmet, ſeiner Wohnung zu⸗ ſchritt, zeigte ſeine Miene neben einiger geiſtigen Abſpan⸗ nung doch eine ſichtliche innere Befriedigung, denn das Ergebniß der ſtattgefundenen Berathung entſprach ganz ſeinen Wünſchen und Abſichten. Die mit von ihm ver⸗ fochtene, ſogenannte energiſche, die Rechte der Krone in ihrem ganzen Umfange wahrende Anſicht hatte gegen den Widerſpruch zweier Miniſter, welche deßhalb ihre Ent⸗ laſſung eingereicht, den Sieg davon getragen. Man hatte die Brücken hinter ſich abgebrochen und ſich dahin entſchie⸗ 8* den, den Ständen nicht nur keinerlei Conceſſionen zu machen, ſondern ihnen noch vor ihrem Zuſammentritte zu beweiſen, daß man entſchloſſen ſei, es auf das Aeußerſte ankommen zu laſſen. Aus dieſem Grunde waren die ſtrengſten und unnachſichtlichſten Maßnahmen gegen reni— tente Beamte beſchloſſen, die es, mit Verletzung des dem Regenten geleiſteten Eides, gewagt hatten, gegen ſeine Abſichten zu wählen. Dieſe Maßnahmen ſollten ſofort, und zwar noch vor dem Zuſammentritte der Kammer, zur Ausführung gebracht werden, damit ſich die Herren über die Abſichten der Regierung keinen Augenblick täuſchen möchten. Im Falle einer dennoch hervortretenden und ſich in der Majorität befindenden Oppoſition war die aber⸗ malige Auflöſung der Kammer und der Erlaß eines neuen Wahlgeſetzes beſchloſſen, mit deſſen Ausarbeitung Leſſen beauftragt worden war. In der letzten Stunde dieſer für das Land in ihren Folgen ſo verderblichen Berathung verhandelte man über die gegen einzelne Beamte ſelbſt ſofort zu ergreifenden Maßregeln; man faßte ſich in dieſer Beziehung, da man bereits anfing, ermüdet zu werden, ſo kurz als irgend mög⸗ lich, und es bedurfte immer nur der einfachen Bemerkung: „Hat mit der Oppoſition gewählt“, um die Zuſtimmung des Fürſten zu Amtsſuspenſionen, Einleitung von Unter⸗ ſuchungen, ja Verhaftungen und ſofortigen Verſetzungen ohne irgend eine Schwierigkeit zu erlangen. In dieſer Weiſe wurde auch das Schickſal der Horſt— ſchen Familie raſch entſchieden. Der Oberförſter erhielt ein ſein Verfahren in jeder Beziehung billigendes Reſcript, und da nach ſeinem Berichte der alte Horſt als Aufwiegler dargeſtellt war, wie ſich bei der Wahl⸗Verhandlung er⸗ wieſen habe, wo Alle nach einem vorher verabredeten Plane ſo wie er geſtimmt hätten, beſchloß man die Einleitung der Criminal-Unterſuchung wegen gefährlichen Complottirens gegen die Regierung und die ſofortige Verhaftung des Hegemeiſters. Daß der junge Horſt als Oberförſter⸗Can⸗ didat zu entlaſſen und von der Liſte dieſer Aſpiranten zu ſtreichen ſei, verſtand ſich von ſelbſt. Der Name Horſt war nach längerer Zeit zum erſten Male wieder vor Leſſen's Ohren erklungen, aber in ſeinem Gedächtniſſe hatte er ſich einen ſicheren Platz bewahrt. Der Ball⸗Abend, an welchem Cäcilie den jungen Studenten ſo rückſichtsvoll behandelt, er ſelbſt vollſtändig gegen ihn in den Hintergrund getreten war, hatte einen Haß gegen dieſen anmaßenden Studenten in ſeiner Seele zurückgelaſſen. Leute von Leſſen's Charakter ſehen in der Verletzung ihrer Eitelkeit ſtets eine große perſönliche Beleidigung, ſelbſt wenn ſie ſich ſagen müſſen, daß ſie nicht im entfernteſten beabſichtigt ſein konnte. Es war daher für Leſſen eine große Befriedigung, als der Name Horſt ebenfalls ünter den verfehmten Beamten genannt wurde. Zwar war es nur der Vater, aber der Schlag mußte doch jedenfalls den Sohn mit treffen; als dann auch dieſer ſelbſt an die Reihe kam, vermehrte ſich die Leſſen's Seele durchwärmende angenehme Empfindung, und er konnte es ſich nicht verſagen, dem kurzen Vortrage die Bemerkung hinzuzufügen: Ich kenne dieſen jungen Mann von der Univerſität her, er war ſtets ein unruhiger Kopf. Fort mit ihm! befahl der nach dem Ende der Sitzung dringend verlangende Fürſt; wir wollen mit ſolchen unbe— deutenden Gegenſtänden nicht länger unſere Zeit verſchwen⸗ den. Weiter! Niemals hatte Leſſen mit Cäcilie über Horſt geredet, was wohl gelegentlich geſchehen ſein würde, wenn Beide in dieſer Beziehung unbefangen geweſen wären, ſo aber vermieden ſie es, allerdings Jeder aus einem ſehr verſchie⸗ denen Grunde. Heute konnte er ſich aber die Genugthuung nicht verſagen, ſeiner Frau von der für ihn ſo erfreulichen Nachricht Kenntniß zu geben. Solche lange Sitzungen, mit der drängenden Ungeduld des Fürſten, haben etwas ſehr Abſpannendes, fuhr er in ſeiner Darſtellung fort als Beide bei Tiſche ſaßen, zu⸗ gleich etwas ſehr Aufreibendes— du wirſt es an meinem guten Appetite bemerken, der heute ſich über alle Mängel deiner Küche hinwegſetzt, denn es wurden in der raſcheſten Folge äußerſt wichtige Dinge entſchieden, die wohl eine gründlichere und umfaſſendere Erörterung verdienten. — 119— Cäcilie hatte es ſich längſt angewöhnt, bei den länge⸗ ren und doctrinären Reden und Erzählungen ihres Gatten, ohne welche er nicht einmal eſſen konnte, eine ſtumme Zu⸗ hörerin zu ſein und nur hin und wieder eine kurze Be⸗ merkung, gleichſam zum Beweiſe ihrer Aufmerkſamkeit, einzuſchalten. Sie hörte ihm daher auch heute ſchwei— gend zu. Endlich, fuhr er fort, hat ſich nun der Fürſt beſtimmt entſchloſſen, mit der Kammer tzen Proceß zu machen und ihre Anmaßungen nicht länger zik dulden. Gegen die Be⸗ amten, die ihrem geſchworenen Eide zuwider ſich bei den Wahlen in der Oppoſition gehalten haben, wird mit aller Stenge eingeſchritten werden. Es ſind dies doch in Ganzen recht beklagenswerthe Zuſtände, bemerkte Cäcilie. Allerdings, aber das wird ſich hoffentlich bald ändern, mein Kind. Es iſt unglaublich, in welcher wahnſinnigen duns ein Theil unſerer Beamten gehalten wird— dies Fleiſch iſt wirklich kaum genießbar— man wird förm⸗ lich an dem menſchlichen Verſtande irre. Eine ganze Stunde lang haben wir uns damit beſchäftigen müſſen, ſolche renitente Beamten zu beſtrafen, denn du wirſt gewiß ebenfalls damit einverſtanden ſein, daß eine Regierung unmöglich iſt, wenn ihre eigenen Organe feindlich gegen ſie operiren. Ich verſtehe das nicht, lieber Leſſen, aber ich be⸗ dauere dich, daß du ſo unangenehme Geſchäfte gehabt haſt, und was den Braten betrifft, du biſt ſo lange geblieben— 73 Schon gut, unterbrach er; allerdings, es hat heute ungewöhnlich lange gedauert. Gegen dreißig ſolcher un⸗ würdiger Staatsdiener mußten theilweiſe ſuspendirt, zur Unterſuchung gezogen, ja, einige von ihnen ſogar ſofort wegen Hochverrathes verhaftet werden. Das iſt ja ſchrecklich! Darunter befinden ſich alte, im Dienſte ihres Fürſten ergraute Männer, von denen man ſo etwas am wenigſten erwarten konnte, zum Beiſpiel ein alter Hegemeiſter Na— mens Horſt, ſetzte er mit einem ſcharf beobachtenden Blicke hinzu, der ſogar ein förmliches Complot gegen die Regie— rung organiſirt hat. Cäcilie wurde leichenblaß, das Meſſer in ihrer Hand begann ſichtbar zu zittern, ſie mußte es niederlegen, weil ſie es nicht mehr zu halten vermochte. Horſt? ſtammelte ſie. Ja, der alte Narr wird verhaftet werden und dann vielleicht, allerdings zu ſpät, zur Vernunft kommen. Es ſchwebt mir ſo vor, ſetzte er in langſamer Betonung hinzu, als ob ein Student dieſes Namens in deiner Vaterſtadt ſtudirt hätte— oder irre ich mich darin? Dieſer Hegemeiſter Horſt hat wenigſtens einen Sohn, der Oberförſter-Candidat war, jetzt aber ſich ebenfalls ———————. — in der Oppoſition befindet und deßhalb entlaſſen wor⸗ den iſt. ⸗ Wollen wir nicht aufſtehen? fragte Cäcilie mit beben⸗ der Stimme. Aufſtehen? erwiederte er, indem er mit einem befrie⸗ digten Lächeln die Wirkung ſeiner Mittheilung beobachtete, wenn du weiter nichts mehr haſt, mein Kind, denn eigent⸗ lich bin ich noch nicht ſatt, auch könnte ich dir noch manches Intereſſante mittheilen. Nir iſt nicht wohl, ſagte ſie, ſich erhebend, ich leide ſchon den ganzen Tag an heftigen Kopfſchmerzen— du mußt mich entſchuldigen— ich— Warum ſagteſt du das nicht längſt? erwiederte er mit ſcheinbarer Beſorgniß; es iſt wahr, du ſiehſt auch recht blaß aus— und haſt ja ganz kalte Hände— geh', geh', mein Kind, ſchlafe eine Stunde, und gegen Abend, wenn es kühler geworden, wollen wir ein wenig ſpazieren gehen, das wird dir wohl thun. Schweigend und wankenden Schrittes verließ ſie das Zimmer. Er blickte ihr längere Zeit nach, und ſeine Miene zeigte inmer mehr den Ausdruck befriedigter Schadenfreude. Sie denkt noch immer an dieſen Laffen, ſagte er dann mit einem boshaften Lächeln; nun, angenehmer Art wer⸗ den ihre Gedanken jetzt wenigſtens nicht ſein. Sechstes Anpitel. Wiederſehen. Ich möcht' ſie nur einmal umfangen Und preſſen an's glühende Herz! Nur einmal auf Lippen und Wangen Kuſſen den ſeligſten Schmerz. Heine. Aber das iſt ja ganz unmöglich, Mutter! rief der junge Horſt, indem er in wilder Aufregung ſeine Büchſe auf den Boden ſtieß, das iſt ja ganz unmöglich, es wäre ein Act der brutalſten und roheſten Gewalt! Dennoch iſt es ſo, wie ich dir ſagte, erwiederte weinend die alte Frau; vor einer Stunde haben ſie ihn fortgeholt — ach, Robert, mein lieber Robert, wir werden deinen guten Vater vielleicht nie wiederſehen! Daß ich gerade abweſend ſein mußte— ich hätte die Schurken niedergeſchoſſen! Ich danke dem lieben Gott, daß du wenigſtens nicht hier warſt, es wäre ſchrecklich geweſen. Uebrigens haben ſich die Gensd'armen ſehr ruhig und rückſichtsvoll be⸗ — ———— — nommen. Sie müßten ihre Pflicht erfüllen, ſagte der Wacht⸗ 1 meiſter, ſelbſt wenn es ihnen, wie hier, auch ſchwer würde. Sie zeigten dem Vater den gerichtlichen Verhaftsbefehl vor und forderten ihn auf, ruhig mit ihnen zu reiten und die Sache ſo auch für ihn ohne weitere Unannehmlichkeiten abzumachen. Alſo ſie hatten einen Verhaftsbefehl? Ja, einen gerichtlichen Verhaftsbefehl; der Vater hat ihn genau durchgeleſen und dann ſagte er, es wäre Alles in Ordnung, er würde ihnen folgen, und ob es ihm er⸗ laubt ſei, zu reiten. Als der Wachtmeiſter dies bewilligt, zog der Vater ſeine Uniform an und ſchnallte ſeinen Hirſch⸗. fänger mit der breiten goldenen Ehren⸗Koppel um— dann— küßte er mich, ſetzte ſie wieder in Thränen ausbrechend hinzu, und umarmte mich. Sei nicht traurig, ſagte er dann, der liebe Gott wird Alles zum Beſten lenken— grüße Robert— er ſoll ſich meinetwegen nicht ängſtigen, ich kehre bald wieder zurück— dann ritten ſie fort alle Fünf— und von der Ecke am Wege hat er zum letzten Male herüber gewinkt. Vier Gensd'armen waren hier? fragte der Sohn; na⸗ türlich, ſie glaubten doch— es war vielleicht wirklich beſſer, daß ich abweſend war. Aber nun will ich fort. Du willſt fort? Du willſt mich auch verlaſſen, mein Sohn? Soll ich viclleicht müßig hier im Walde ſitzen und den ———— Vater ſeinem Schickſale überlaſſen? Könnteſt du das wün⸗ ſchen, liebe Mutter? Nein, vor Allem muß ich den Vater ſprechen und muß hören, weſſen man ihn eigentlich anklagt. In dem Verhaftsbefehle ſtand: wegen hochverräthe⸗ riſchen Complottirens gegen die Regierung. O, daß die Gerichte ſich zu ſolchen Nichtswürdigkeiten hergeben! rief der Sohn entrüſtet; aber das Lächerliche dieſer Anklage muß ſich ja ſehr bald herausſtellen. Ich werde mit dem Director des Gerichtes ſprechen; er iſt, ſo viel ich weiß, ein ehrenwerther Mann, und wird bald die Ueberzeugung der Ungeſetzlichkeit der bewirkten Verhaftung erkennen. Sollte das aber vergeblich ſein— Du wirſt nichts Gewaltſames unternehmen, Robert, unterbrach ihn angſtvoll ſeine Mutter. Gewiß nicht, ich würde unſeren Feinden ja dadurch geradezu in die Hände arbeiten; nein— dann reiſe ich ſofort nach der Reſidenz. Ich glaube dort einige wohl— meinende, einflußreiche Gönner zu beſitzen, und es wird nichts weiter bedürfen, als ihnen die Sache im rechten Lichte vorzuſtellen— nichts weiter! Ich will wünſchen, daß du dich nicht täuſcheſt, Robert; wen kennſt du in der Reſidenz, der ſich für uns intereſſiren ſollte? Ich werde direct zum Miniſter, nöthigenfalls zum Für⸗ ſten ſelbſt gehen; aber vorher will ich einen Mann aufſuchen, ſetzte er etwas zögernd hinzu, den ich auf der Univerſität ————— — kennen gelernt habe und der jetzt einen großen Einfluß be⸗ ſitzen ſoll. Es iſt der Geheime Cabinetsrath Leſſen. Da⸗ mals galt er allgemein für einen Mann von freiſinnigen Grundſätzen, ich ſelbſt habe ihn in ſeinen Collegien öfter dieſelben in geiſtreicher Weiſe vertheidigen hören— er kann jetzt unmöglich ein Anhänger dieſer rechtswidrigen Gewaltmaßregeln ſein. Ich werde mit ihm reden, werde ihm den ganzen Verlauf der Sache darſtellen, ihm ſagen, wie ſchwer es dem Vater geworden iſt, ſo zu wählen, daß von einer Verabredung mit den anderen Wählern gar nicht die Rede geweſen; er wird eine andere Anſicht von der Sache erhalten, dies dem Fürſten vorſtellen, und die Verfolgun⸗ gen gegen den Vater werden aufhören. Wenn du eine ſo hohe Perſon zu deinen Freunden zählſt, mein liebes Kind, erwiederte erfreut die Mutter, dann fange ich an, wieder Hoffnung zu ſchöpfen. Sie müſſen ja den Vater ſogleich wieder in Freiheit ſetzen, wenn ſie erfahren, daß er nichts gethan hat und daß alle Ankla⸗ gen gegen ihn auf Unwahrheiten beruhen. Gewiß, gewiß, liebe Mutter, das müſſen ſie, und deß⸗ halb will ich ſogleich fort. Du haſt Recht, wir wollen ſogleich fort, denn ich be⸗ gleite dich bis in die Kreisſtadt; ich werde deinen armen Vater dort ſehen und ſprechen können, und ihm dadurch ſeine Haft erleichtern. Der Sohn ſann einen Augenblick nach, er billigte den Entſchluß ſeiner Mutter; raſch wurden die nöthigen Sachen zuſammengepackt, und dann fuhren Beide mit Gefühlen, die zwiſchen Befürchtungen und Hoffnungen ſchwankten, in einem einſpännigen offenen Gebirgswagen der einige Meilen entfernten Kreisſtadt zu, wo ſich zugleich der Sitz des Landgerichtes befand. Die Unterredung mit dem Gerichts-Director blieb jedoch ohne den mindeſten Erfolg. Der Mann gehörte zu der Claſſe von Beamten, denen ein Befehl ihrer Vorgeſetzten ein Cvangelium iſt, welches keiner Deutung unterworfen werden darf, und dem die eigene Ueberzeugung, ſelbſt wenn ſie damit in Widerſpruch ſteht, unbedingt untergeordnet werden muß. Ich kann durchaus nichts in der Sache thun, Frau Hegemeiſterin, erwiederte er der mit ihren Thränen käm⸗ pfenden Frau; das hohe Miniſterium hat ſelbſt die Ver⸗ haftung Ihres Gatten verfügt— von uns iſt ſie nicht ausgegangen,— aber wir müſſen den Befehl ausführen, das iſt unſere Pflicht und Schuldigkeit. Aber Sie können doch Einſpruch gegen eine ſo geſetz⸗ loſe Maßregel erheben! rief der junge Horſt, wenn Sie, wie hier, die Ueberzeugung gewonnen haben, daß man ein Unrecht von Ihnen verlangt. Das iſt nicht unſere Sache. Die Anklage lautet auf Errichtung eines hochverrätheriſchen Complottes gegen die Staats⸗Regierung, ein Criminal⸗Verbrechen, gegen welches — 12 die Carolina zehnjährige bis lebenslängliche Gefängniß⸗ ſtrafe, bei erſchwerenden Umſtänden ſogar die Todesſtrafe feſtſetzt, und das natürlich auch die Verhaftung des Ange⸗ klagten während der Unterſuchung nach ſich führen muß. Sie ſehen daher, mein junger Herr, das Verfahren iſt 1 durchaus geſetzlich, und ſo leid es mir thut, ich bin nicht im Stande, irgend eine Aenderung eintreten zu laſſen. Aber Sie wiſſen doch ſelbſt, Herr Director, entgegnete der junge Horſt entrüſtet, daß dieſe Anklage falſch, nur eine nichtswürdige Verläumdung iſt. Das weiß ich keineswegs, woher ſollte ich das wiſſen? Das hohe Miniſterium hat den Fall ſelbſt geprüft und die Anklage verfügt, weßhalb ſoll ich daher annehmen, ſie ſei falſch oder beruhe auf Verleumdung? Hüten Sie Sich, der⸗ artige Aeußerungen zu machen, Sie könnten ſonſt leicht Ihrem Vater Geſellſchaft leiſten müſſen— ich will nichts gehört haben— aber nehmen Sie Sich künftig in Acht! 3 Ich danke Ihnen, erwiederte Robert kalt; ich ging von der Anſicht aus, Sie hätten hinſichtlich der Geſetzlichkeit der Wahl⸗Erlaſſe eine andere Ueberzeugung, wenigſtens ſprachen Sie Sich ſonſt— Laſſen wir das, unterbrach ihn der Director nicht ohne einige Verlegenheit. Die erſte Pflicht des Beamten iſt in 3 allen Dingen der Gehorſam— auch wenn er zuweilen mit den Wölfen heulen muß, ſetzte er mit gezwungenem Lächeln 36 hinzu. Ein Beamter, der dies mit ſeiner Ueberzeugung nicht vereinigen kann, muß ſeinen Abſchied nehmen. Eines oder das Andere, feindlich gegen ſeine vorgeſetzte Regierung operiren darf er niemals. Aber beruhigen Sie Sich, Frau Hegemeiſterin, die Unterſuchung wird ja darthun, ob ihr Mann ſchuldig oder unſchuldig iſt. Ja, ſie wird die Unſchuld meines braven Mannes dar⸗ thun— aber wann, wann? rief ſie in Thränen aus⸗ brechend. Ich darf ihn doch täglich ſehen und ſprechen, Herr Director? Ich bedaure, Ihnen auch dieſe Bitte abſchlagen zu müſſen; Unterſuchungs⸗Gefangene, welche eines Capital⸗ Verbrechens beſchuldigt werden, dürfen mit Niemandem, am wenigſten mit ihren Angehörigen verkehren. Komm', Mutter, rief der junge Horſt, dem Director einen verächtlichen Blick zuwerfend, komm', verſchwende keine weiteren Worte— der Herr Director möchte ſonſt noch Ungelegenheiten haben— vielleicht iſt dieſe Unter⸗ redung mit uns ihm ſchon nachtheilig und könnte Zweifel darüber hervorrufen, ob das Geheul, in welches er jetzt mit den Wölfen einſtimmt, wie er ſich ſelbſt auszudrücken be⸗ liebte, auch ganz aus ſeiner innerſten Ueberzeugung käme. Komm', liebe Mutter,— kein Wort mehr, ich bitte dich darum. Wir haben die Ehre, Herr Director. Es war Vormittags, noch ziemlich früh, in der zehnten Stunde. Cäcilie ſaß in ihrem Zimmer, mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigt. Leſſen war bereits auf das Miniſterium — gegangen, er hatte ihr mitgetheilt, daß es ſich heute ent⸗ ſcheiden müſſe, ob er eine der erledigten Miniſterſtellen er⸗ halten werde; er ſchien dies als gewiß anzunehmen— ihr war es völlig gleichgültig, im Gegentheile, ſie beklagte es im Stillen, daß ihr Mann unter den jetzigen Verhältniſſen eine derartige Stellung annehmen wollte, aber ſie ſprach ſich gegen ihn nicht aus, wozu hätte es führen ſollen? So ſaß ſie, ſchweigend und ſinnend, als ſie plötzlich, wie von einem elektriſchen Strahle getroffen, zuſammenfuhr — denn eine Stimme ſchlug an ihr Ohr, eine Stimme, deren ſympathiſchen Klang ſie lange, lange nicht gehört hatte, der jedoch unverändert in ihrem Herzen vorgetönt, nie darin verklungen war. Er ſprach draußen mit dem Mädchen; er fragte, ob der Herr Geheimerath zu Hauſe ſei. Lauſchend beugte ſich ihr Kopf vor und die Arbeit ent⸗ ſiel bebend ihren Händen. Vielleicht die Frau Geheimeräthin? hörte ſie ihn weiter fragen, als das Mädchen verneint hatte— dann trat dieſe in das Zimmer— ob der Herr Oberförſter⸗Candidat Horſt, ſagte ſie, über den langen Titel lachend, die gnädige Frau ſprechen könne? Führe ihn in die andere Stube, flüſterte Cäcilie, indem ſie raſch aufſprang und ihr tief erröthendes Geſicht ab⸗ wandte; ich würde gleich kommen. Sie trat an den Spiegel, ordnete eilig noch Einiges Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 9 S. 0 an ihrem Haare, und dann im Begriffe, zu gehen, blieb ſie wieder zögernd ſtehen— denn ſie bedurfte immer wieder Zeit, um die Aufregung ihres Innern zu beſchwichtigen. Sie ſah ein, daß ſie ihn nicht länger warten laſſen dürfe, und mit einem raſchen Entſchluſſe legte ſie daher die Hand auf den Drücker der Thür und öffnete. So ſtanden ſich Beide wieder gegenüber, nach längerer Zeit und unter ganz veränderten Verhältniſſen. Ihre Blicke begegneten ſich einen kurzen Monment, als ob ſich Jeder hätte überzeugen wollen, ob das Bild des Anderen, ſo wie es vor der Seele ſtand, noch mit der Wirklichkeit überein⸗ ſtimme, dann ſenkte ſich ihr Auge und ein tiefes Erröthen flog über ihr ſchönes, liebes Geſicht; ſein Blick ruhte aber noch immer auf ihr, und ſie fühlte die magnetiſche Wir⸗ kung dieſes Blickes, obgleich ſie ihn nicht ſah. Entſchuldigen Sie, gnädige Frau, brach er endlich dieſe ſtumme und doch ſo beredte Scene, entſchuldigen Sie, daß ich Sie zu einer vielleicht ungelegenen Zeit beläſtige,— ich wollte eigentlich Ihren Herrn Gemahl ſprechen, aber— Wollen Sie nicht Platz nehmen? ſagte ſie kaum hör⸗ bar; mein Mann iſt ausgegangen. Ich weiß, erwiederte er, indem ſich Beide ſetzten, aber die Veranlaſſung, welche mich hieher führt, iſt eine ſo wich⸗ tige, zugleich eine ſo traurige— Eine traurige? unterbrach ſie, ihn angſtvoll anſehend. Ja, eine ſehr, ſehr traurige, und deßhalb werden Sie — 131— mir vielleicht nicht zürnen, daß ich es gewagt habe— die Erinnerung vergangener Zeiten in Ihr Gedächtniß zurück zu rufen, denn ich bedarf der Unterſtützung Ihres Herrn Gemahls, um meinen armen Vater aus dem Gefängniſſe zu befreien, wohin man ihn auf die widerrechtlichſte und empörendſte Weiſe gebracht hat. Ihr Vater wirklich verhaftet? rief ſie, vor Schreck oder Theilnahme erblaſſend; o, erzählen Sie! Horſt erzählte. Seine Schilderung wurde immer lebendiger, je länger er ſprach; die kindliche Liebe, das Ge— fühl des erlittenen Unrechtes, die Gegenwart derjenigen, an der ſein Herz immer noch mit derſelben leidenſchaftlichen, wenn auch hoffnungsloſen Liebe hing, miſchte die Farben zu dem Bilde, welches er entwarf, und ließ ihn weit erreg— ter und leidenſchaftlicher reden, als es in ſeiner Abſicht ge⸗ legen hatte. Solcher Mittel bedient ſich die Regierung, um dem Volke die demſelben eben erſt feierlich zugeſicherten Rechte wieder zu rauben, ſo— doch— ich bitte um Ver— zeihung, daß ich vielleicht über Dinge geredet, die nicht zur Sache gehören, fuhr er, ſich zu einem ruhigeren Tone zwin⸗ gend, fort; ich bin hier, um Alles zur Befreiung meines armen Vaters anzuwenden, und ich werde es nicht ſcheuen, ſelbſt zum Fürſten zu gehen und ihm die nackte Wahrheit zu ſagen. Er kann ſich derſelben nicht verſchließen. Ihr Herr Gemahl ſoll einen großen Einfluß beſitzen— ſo ſagt man wenigſtens; ich bin überzeugt, daß er derattige Maß⸗ 9* regeln nicht billigen kann, deßhalb wollte ich zuerſt um ſei⸗ nen Rath, um ſeine Hülfe bitten. Mein Mann? fragte ſie leiſe und faſt ängſtlich; Sie wollen mit meinem Manne deßhalb reden? Ja, das iſt meine Abſicht. Ihre Blicke ſenkten ſich, und ſie ſaß eine Zeit lang ſchweigend, als ob ſie mit einem Entſchluſſe kämpfte. Sprechen Sie vorläufig nicht mit meinem Manne, ſagte ſie dann; laſſen Sie mich erſt mit ihm reden, es iſt zweifelhaft; er hat in dieſen Dingen auch ſehr vorgefaßte Anſichten— So glauben Sie, er würde mir nicht helfen wollen? Ich weiß es nicht, erwiederte ſie, indem ihre Stimme ſicherer und ihr Auge leuchtender wurde— ich weiß es nicht— aber— Ihr Vater ſoll in Freiheit geſetzt werden, darauf verlaſſen Sie Sich! Und wie ſoll das geſchehen? Wollen Sie mir vertrauen? Wollen Sie mir das Wei⸗ tere überlaſſen? fragte ſie, indem ſie die aufflammende Er⸗ regung ihres Innern nur unvollkommen durch ein gezwun⸗ genes Lächeln verbarg; oder haben Sie kein Vertrauen zu mir? Gnädige Frau— Sie wollen für mich handeln? Sie kennen die hieſigen Verhältniſſe nicht; ich werde mit meinem Manne ſprechen, fuhr ſie wieder ſichtlich ver⸗ — 133— legen fort; morgen will ich Ihnen das Weitere mittheilen, ſo lange müſſen Sie Sich ſchon gedulden. Und wenn Ihr Herr Gemahl ſeine Hülfe verſagt? Dann müſſen wir weiter handeln, ſagte ſie lächelnd; das beſprechen wir alles morgen,— Sie haben mir aber noch gar nicht geſagt, wie es Ihnen ſelbſt geht— ob Sie bald Oberförſter werden; die Zeit kann jetzt, nach Ihrer damaligen Berechnung, nicht mehr fern ſein. Sie iſt ſo fern, daß ſie nie eintreten wird— ich bin ein⸗ fach entlaſſen, jeder Ausſicht auf Anſtellung verluſtig! Das iſt ja unmöglich! rief ſie, heftig erſchreckend; man hätte Sie wirklich entlaſſen? Kann Sie das wundern? Wenn man den Vater ein⸗ ſperrt, wird man den Sohn doch wohl fortjagen können! Gehen Sie jetzt, Herr Horſt, ſagte ſie nach einiger Zeit, während Beide geſchwiegen, mit kaum hörbarer Stimme — morgen— morgen kommen Sie um dieſelbe Stunde. So leben Sie wohl und empfangen Sie meinen Dank für Ihre Theilnahme— ach, wenn Sie wüßten, wie unend⸗ lich wohlthuend ſie für mich iſt! Adieu, Herr Horſt. Adieu, Herr Horſt, flüſterte er leiſe vor ſich hin, als er draußen unter den ſchattigen Bäumen ſtand und an ihrem Fenſter vergeblich nach ihrem Bilde ſpähte; ſo ſagte ſie auch damals— damals— adieu Cäcilie— adieu— fahr' wohl, fahr' wohl, für immer! Als ſie allein war, als ſie ihm, ohne daß er es hatte bemerken können, doch ſo lange nachgeſehen, bis ſeine Ge⸗ ſtalt ihren Blicken entſchwunden war, ſtand ſie längere Zeit in tiefem Sinnen verloren. Ihre Miene wurde dabei immer freudiger, ihr Blick immer leuchtender, denn ihre Seele erhob ſich in dem Gedanken und in dem feſten Ent⸗ ſchluſſe, ihm zu helfen. Dieſem großen, unerwarteten Glücke durfte ſie ſich hingeben, es war keine hindernde Schranke, keine ihre Thätigkeit feſſelnde Plicht, welche ſie davon abhielt. Mit einer Schwärmerei, deren Urſprung ſie ſich nicht eingeſtand, malte ſie ſich die Hinderniſſe und das Ueber⸗ winden derſelben aus, bis zu dem Augenblicke, wo ſie ihm ſagen konnte: Hier, hier, Robert, hier iſt die Ordre, welche Ihres Vaters Freiheit, ſeine und Ihre eigene Belaſſung im Amte befichlt— ſie erröthete, als ſie dieſe Worte in freu⸗ diger Aufregung leiſe geſprochen hatte— aber ſie faßte den feſten Entſchluß, Alles aufzubieten, um ſich das Glück die⸗ ſes Augenblickes zu verſchaffen, und weder ihres Mannes Widerſpruch, noch ſeinen Zorn als ein Hinderniß zu be⸗ trachten. Es war das erſte Mal, daß ſie ſo dachte, das erſte Mal, daß ſie den ſelbſtbewußten Willen hatte, ihm nöthigenfalls entſchieden entgegen zu treten, wenn er, wie ſie befürchtete, nicht auf ihrer Seite ſtehen ſollte. Leſſen kam bald darauf ſehr heiter nach Hauſe. Ereellenz, ſagte er, ich habe die Ehre, Sie zu grüßen — 135— — ja, ſieh mich nur ſo fragend an, ich bin Miniſter, und du meine kleine, ſchöne Frau, ſetzte er mit ungewohnter Zärtlichkeit hinzu, biſt nun Frau Miniſterin und Excellenz! Ich weiß kaum, lieber Leſſen, ob ich mich unter den jetzigen Verhältniſſen darüber freuen ſoll, erwiederte ſie; du wirſt viel Arbeit, viel Unannehmlichkeit, vielen Aerger haben. Das iſt mit ſolchen hohen Stellungen immer verbun⸗ den, bemerkte er ſelbſtbewußt, indem er kurz huſtete; aber man weiß doch auch, wofür man ſich abmüht, man iſt nicht mehr der Handlanger oder der Geſell, ſondern der Meiſter — und ich hoffe, kein ſchlechter Meiſter zu ſein und mit dieſen Reden haltenden Leuten fertig zu werden. Sie ſol— len Reden halten, ſo viel ihre Eitelkeit irgend wünſcht, und ſo lange, bis ſie ſich ſelbſt langweilig werden— aber ge⸗ ſchehen wird deßhalb doch nur, was wir wollen, und ſoll⸗ ten ſie es gar zu arg machen, ſo ſchickt man ſie nach Hauſe und ſorgt dafür, daß ſie nicht wieder kommen kön nen. Du kannſt dein neues Amt mit einem Acte der Gerech⸗ tigkeit beginnen, lieber Leſſen, ſagte ſie, indem ſie ſich zwang, ihn unbefangen anzuſehen, und obgleich ſie fühlte, daß ſie erröthete; du wirſt damit zugleich mir eine Bitte erfüllen— die erſte, die ich in dieſer Hinſicht an dich richte. Ei, ei, du fängſt ja früh an, Frau Miniſterin zu — „ ſpielen, erwiederte er lächelnd; nun, laß hören, und wenn es irgend möglich iſt— ſoll die erſte Bitte gewährt ſein. Was könnte dir unmöglich ſein? Der Oberförſter⸗Can⸗ didat Horſt war vor einer Stunde hier, fuhr ſie tief Athem holend fort; er wollte dich ſprechen, und da du abweſend warſt— So haſt du ihn angenommen! fuhr er auf; dieſer Burſche wagt es noch, hieher zu kommen, das iſt wirklich ſtark! Es thut mir leid, mein Kind, ſagte er dann mit ſpöt⸗ tiſchem Tone, ich vermag deinem Clienten nicht zu helfen — ich bin genau von dem Sachverhältniſſe unterrichtet— der alte Horſt iſt ein Aufwiegler, ein Complotteur gegen die Regierung— der junge iſt ein gefährlicher Burſche, an denen— Vater und Sohn— ein Erempel ſtatuirt werden muß. Ich kann nichts in dieſer Sache thun, ſprach er, jedes Wort langſam und ſcharf betonend, weiter, indem ſein Blick forſchend auf ihr ruhte, ſelbſt wenn ich wollte, es beruht auf Sr. Hoheit ausdrücklichem Befehl. Sie war bleich geworden, aber ſie wiederholte ihre Bitte nicht. Als ſie ſpäter allein war, kämpfte ſie ſichtlich mit einem Entſchluſſe, dann aber ſetzte ſie ſich an ihren Schreibtiſch und ſchrieb den erſten Brief an ihre ehemalige Freundin — an Nettchen. Sie bedurfte längerer Zeit, um die weni⸗ gen Zeilen auf das Papier zu bringen— endlich waren ſie fertig, der Brief wurde couvertirt und ſogleich durch den — 137— Diener mit der Weiſung abgeſandt, ſich zu vergewiſſern, daß er wirklich in die Hände der zufällig in Albernhauſen anweſenden Gräfin gelange. Dieſe empfing ihn mit ſichtlichem Erſtaunen. Was kann ſie mir zu ſchreiben haben, ſprach ſie vor ſich hin, als ſie die wohlbekannten Schriftzüge ihrer Jugend⸗ freundin erblickte; ſie will den Fürſten ſprechen? Heute noch, wenn es irgend möglich ſei— in einer wichtigen Angelegenheit— ſie bittet mich, in der Erinnerung ver— gangener Zeiten, ihr zu dieſer Audienz behülflich zu ſein — ich würde zugleich ein gutes Werk thun— ſonderbar — wirklich höchſt ſonderbar! Mit Einem Male hat ſie wieder Erinnerungen an vergangene Zeiten— und weß⸗ halb thut ſie ſo geheimnißvoll, weßhalb kommt ſie nicht zu mir, macht mich zu ihrer Vertrauten und läßt mich für ſie handeln? Weßhalb will ſie den Fürſten ſelbſt ſprechen? Es muß irgend etwas ganz Beſonderes ſein. Mit klopfendem Herzen empfing Cäcilie nach kurzer Zeit Nettchens Antwort, welche nur die Worte enthielt: „Mein Mann wird ſich ein Vergnügen daraus machen, Sie um 6 Uhr zu empfangen. Die Ihrige.“ Es war bereits 5 Uhr vorüber, ſie mußte ſich anziehen, auch wollte ihr Mann ja mit ihr ſpazieren gehen. Ihre Auf⸗ regung ſteigerte ſich immer mehr, aber ihr Entſchluß ſtand feſt, nöthigenfalls gegen Leſſen's Willen zum Fürſten zu gehen. Sie kleidete ſich in fliegender Haſt an und ſchlich dann leiſe, mit bebendem Herzen, als ob ſie eine böſe That beginge, über den Corridor. Erleichtert athmete ſie auf, als ſie ſich unten auf der Straße befand— raſchen Schrit⸗ tes eilte ſie nach dem Schloſſe. Sie wurde in die Privatgemächer des Fürſten geführt; der Haushofmeiſter, an den ſie ſich wandte, hatte die nöthi⸗ gen Befehle erhalten. Erregt von mancherlei Gefühlen, deren Ausdruck in ihren Zügen ſich abſpiegelte, ſtand ſie da. Die regelmäßige Schönheit ihres Geſichtes, die großen, tief dunklen Augen ſchienen zuweilen des lebendigen Ausdruckes zu entbehren, ſie glich dann einem ſchönen Bilde. Wer ſie jetzt ſah, mit vor Erregung glänzenden Augen, mit gerötheten Wangen und mit kaum merklich geöffneten Lippen, um welche ein Zug banger Erwartung und zugleich freudiger, feſter Entſchloſſenheit lagerte, der würde aller⸗ dings nicht zweifelhaft geweſen ſein— und ſo ſah ſie der Fürſt. Welch unverhoffter Zufall verſchafft mir das Glück, ſagte er eintretend, indem er, von ihrem Anblick überraſcht, unwillkürlich eine Pauſe in ſeiner Rede machte— das große Glück, Sie bei mir zu ſehen? Empfangen Sie zuerſt meinen Glückwunſch, fuhr er lächelnd fort, ihr beide Hände entgegen haltend, in welche ſie leiſe bebend eine der ihrigen legen mußte, zu der wohlverdienten Beförderung Ihres Mannes— das Land hätte wirklich eine ſchönere Frau — 139— Miniſterin nicht erhalten können, und ich hoffe, ſelbſt die feindſeligſte Oppoſition wird gegen dieſe Wahl keine Ein⸗ wendungen zu finden wiſſen. Doch Sie ſtehen noch immer — ſetzen wir uns, ſprach er weiter, ſie zu ſich auf ein Sopha nöthigend, und nun ſagen Sie mir, womit kann ich Ihnen beweiſen, wie ſehr ich Sie verehre. Ew. Hoheit ſind ſehr gütig, ſagte ſie leiſe, mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, indem ſie den vergeblichen Verſuch machte, ihm ihre Hand zu entziehen; meine Bitte iſt an ſich von wenig Bedeutung, das heißt für Ew. Hoheit— für dicjenigen, welche es betrifft, hängt allerdings ſehr viel — Alles davon ab— Es betrifft nicht Sie ſelbſt? fragte der Fürſt. Mich ſelbſt? Nein,— aber ich nehme großen Antheil an dem Schickſale dieſer Familie, und würde ſehr betrübt 1 ſein, wenn ich— Sie würden ſehr betrübt ſein, unterbrach er ſie raſch; Sie ſind vielleicht ſchon betrübt geweſen, und ich war die Urſache, daß Ihre ſchönen Augen traurig geblickt— Sehen Sie, ſo iſt das Loos der Fürſten, fuhr er fort, als ſie erröthend ſchwieg; ganz unbewußt habe ich Ihnen Kummer und Schmerz gemacht, denn wenn ich nur eine Ahnung davon gehabt hätte, ſo würde es gewiß nicht ge⸗ ſchehen ſein. Die Familie Horſt iſt mit meinen Eltern befreundet, ſagte ſie mit unſicherer Stimme wegen der Lüge, welche ſie 0 ſprach; ich habe jetzt erfahren, daß ſie ſehr unglücklich ge⸗ worden iſt, daß— Was iſt der Mann? Ich erinnere mich des Namens nicht. Cäcilie ſah den Fürſten mit großem Erſtaunen an; er erinnerte ſich des Mannes nicht, und doch hatte er den Be⸗ fehl, welcher die Verhaftung des alten Horſt anordnete, ſein ganzes Lebensglück zerſtörte, unterzeichnet! Der Vater iſt Hegemeiſter in Neubrück, der Sohn— Oberförſter⸗Candidat, ſagte ſie. Man hat ihnen den Vor⸗ wurf gemacht, nicht im Sinne der Regierung gewählt zu haben, deßhalb iſt der alte Horſt zur Criminal-Unterſuchung gezogen und in das Gefängniß gebracht, der junge Horſt aber entlaſſen worden. Ew. Hoheit können überzeugt ſein, fuhr ſie mit freierer und lebhafterer Stimme fort, daß hier ein Irrthum obwaltet, daß man in gehäſſiger Weiſe gegen den alten, ehrenwerthen Mann zu Werke gegangen iſt, der ſtets zu den treueſten Dienern ſeines Fürſten gehört hat. Wenn Ew. Hoheit Sich das Unglück, den Schmerz dieſer ſo plötzlich aus ihrem friedlichen, ſtillen Leben geriſſenen Familie ausmalen— Sie ſtockte, als ſie im Eifer ihrer Rede jetzt zu dem Fürſten aufſah und von deſſen feſt auf ihr ruhenden Augen getroffen wurde. Nun, fragte er lächelnd, wollen Sie nicht weiter aus⸗ malen? — 141— Ich bitte Ew. Hoheit, das begangene Unrecht wieder gut zu machen, ſagte ſie feſt, den Befehl zurück zu nehmen, denn ſelbſt wenn ſie eine Strafe verdient hätten— ſie hat ſie bereits hart getroffen. Glücklich Jeder, erwiederte der Fürſt, indem er dabei unverwandt in ihre Augen blickte, glücklich Jeder, der einen ſo beredten und zugleich einen ſo ſchönen Vertheidiger fin⸗ det! es thut mir unendlich leid, dieſer braven, von Ihnen in ſo beneidenswerther Weiſe begünſtigten Familie Kum⸗ mer verurſacht zu haben— nicht wahr, Sie halten mich nicht für hartherzig oder gar für grauſam? Wie könnte ich das? Das Vertrauen zu Ew. Hoheit hat mich allein dieſen Schritt thun laſſen— und auch erſt dann, als ich meinen Mann vergebens um ſeine Vermitt⸗ lung gebeten hatte. Vergebens? fragte der Fürſt mit einem befriedigten Lächeln; ja, ja, Leſſen iſt eigentlich eine kalte, pedantiſche Natur und verdient eine ſo ſchöne und liebenswürdige Frau gar nicht; ich werde die nöthigen Ordres ausfertigen laſſen! Empfangen Ew. Hoheit meinen hetzlichſten Dank! ſagte ſie in freudiger Erregung, aber— ſetzte ſie zögernd hinzu. Noch ein Aber? Wäre ich vielleicht im Stande, Ihnen noch weiter gefällig ſein zu können? Haben Sie noch mehr Unglückliche? Nein, nein, Hoheit, ſagte ſie leiſe und tief erröthend, aber ich weiß aus Erfahrung, wie langſam oft Ew. Hoheit Befehle ausgeführt werden, wenn es den Abſichten Derer nicht entſpricht, die ſie befolgen ſollen— Ich werde dafür ſorgen, daß dies hier nicht geſchehe. Wenn Ew. Hoheit die Ordre gleich erlaſſen— mir mitgeben könnten— Ah— wie ſehr ſind dieſe Horſts zu beneiden! rief ſichtlich überraſcht der Fürſt; wie ſehr iſt überhaupt Der⸗ jenige zu beneiden, dem Sie Ihre Zuneigungs geſchenkt haben; vielleicht verdiene ich mir dieſelbe ein wenig, wenn ich Ihre Wünſche pünktlich erfülle. Er ſtand bei dieſen Worten auf und ſetzte ſich an den Schreibtiſch. Alſo, ſagte er, die Worte, welche er nieder⸗ ſchrieb, laut ſprechend: „Der Hegemeiſter Horſt in Neubrück ſoll ſogleich in Freiheit geſetzt, die Unterſuchung gegen ihn niedergeſchlagen und die Verwaltung ſeiner bisherigen Stelle ihm ungehin⸗ dert belaſſen werden“— iſt das genügend? fragte er, ſie mit einem freundlich lächelnden Blicke anſehend. Ew. Hoheit haben noch den Sohn vergeſſen, erwiederte ſie kaum hörbar. Ah— der Sohn? fragte er, ſie forſchend anſehend; wie war es eigentlich mit dem Sohne? Er iſt als Oberförſter⸗Candidat entlaſſen und von der Liſte dieſer Beamten geſtrichen. Kennen Sie ihn perſönlich? Ich habe ihn— zufällig— das heißt im Hauſe mei— ner Eltern einige Male geſprochen, als er in meiner Vater⸗ ſtadt ſtudirte. Und wo befindet er ſich jetzt? Jetzt? Augenblicklich iſt er hier— um die Befreiung ſeines Vaters zu bewirken. Und da haben Sie das Vermittler-Amt übernommen — alſo, fuhr er ſchreibend fort,„deßgleichen ſind gegen den Oberförſter⸗Candidaten Horſt jede weiteren Maßnahmen einzuſtellen und er ſelbſt iſt auf der Liſte der Oberförſter⸗ Candidaten fort zu führen.“ Sind Sie nun zufrieden? fragte er, ihr die unterzeich⸗ nete Ordre hinreichend; ſind Sie mit dem Fürſten zu⸗ frieden? Ich werde Ew. Hoheit Zeit meines Lebens dankbar verpflichtet ſein! erwiederte ſie mit vor Freude bebender Stimme. Und wenn ich nun einen Beweis dieſer Dankbarkeit verlangte? Einen Beweis? Liegt der Lohn einer guten That nicht in ihr ſelbſt? Das mag ſein— aber dem Menſchen genügt ſelten das reine Bewußtſein— und Dankbarkeit iſt doch mehr als ein bloßes Wort. Ich will mich jetzt mit dieſem Be⸗ wußtſein begnügen, fuhr er fort, als ſie mit niedergeſchla⸗ genen Augen ſichtlich verlegen vor ihm ſtand, ich will mich damit begnügen, wiederholte er, ihre Hand drückend, aber ich fordere dagegen ein Verſprechen. Ein Verſprechen? Ja, Sie ſollen mir verſprechen, daß, wenn ich auch einſt als ein Bittender zu Ihnen komme, Sie in gleicher Weiſe gegen mich verfahren wollen. Wie könnte das möglich ſein? Nun, wer weiß das; verſprechen Sie es mir? Cw. Hoheit werden nichts von mir verlangen, was ich nicht gewähren könnte, ſagte ſie, ſeinen Blick vermeidend; wozu bedarf es da eines Verſprechens? Iſt das Ihre Dankbarkeit? O nein, aber— So erfüllen Sie alſo meine Bitte? Wenn Cw. Hoheit es ausdrücklich wünſchen, ob⸗ gleich— Ich habe jetzt Ihr Verſprechen— und es dürfte die Zeit kommen, wo ich Sie daran erinnern werde. Belebt von den freudigſten Gefühlen eilte Cäcilie ihrer Wohnung zu. Der Eindruck des eigenthümlichen Beneh⸗ mens des Fürſten, das ihr keineswegs entgangen war, hatte ſich ſchnell verwiſcht und anderen angenehmeren Em⸗ pfindungen Platz gemacht. Durch die Gunſt des Geſchickes war ſie die Retterin ſeines Vaters, die Beförderin ſeines eigenen Wohles geworden. Noch niemals war ſie ſo 5 glücklich geweſen, als in dieſem Augenblicke; ſie fühlte ſich von dieſem Glücke gehoben und über die gewöhnlichen Schranken des Lebens fort getragen, ſelbſt der Gedanke an ihren Mann vermochte dieſer Stimmung keinen Eintrag zu thun. Du warſt aus, fragte er in ſichtlich übler Laune, als ſie in ſein Zimmer trat, ohne mir etwas zu ſagen, obgleich ich dich benachrichtigte, daß wir ſpazieren gehen wollten— und ſo geputzt?— Nun, kann ich vielleicht erfahren, wo du geweſen biſt? Du ſiehſt ja ſehr erregt und freudig aus, ſetzte er, ſie mit Erſtaunen betrachtend, hinzu. Ich war zum Vortrage bei dem Fürſten, erwiederte ſie, indem ſie verſuchte, der Sache einen ſcherzhaften Anſtrich zu geben, als Frau Miniſterin— Du warſt bei dem Fürſten, rief er aufſpringend, ohne mich von ſo einem abenteuerlichen Schritte in Kenntniß zu ſetzen? Sprichſt du wirklich die Wahrheit? Da der Herr Miniſter meine Bitte abſchlug, habe ich ſie Allerhöchſten Ortes ſelbſt vorgebracht, ſagte ſie immer noch in ſcherzendem Tone. Wirklich, fragte er mit einer Miſchung von Aerger und Erſtaunen, das haſt du wirklich gewagt? Sie nickte ſchweigend und jetzt ernſt mit dem Kopfe. Und wegen dieſes Menſchen— dieſes Horſt! Weißt du auch, daß du mich dadurch vollſtändig compromittirt haſt, fuhr er zornig fort, in doppelter Eigenſchaft, als Guſtav vom See. Wogen des Lebens. IMI. 10 — Mann und als Miniſter? Was ſoll der Fürſt von mir denken, wenn meine Frau zu ihm kommt, um ihn zu bitten, die Anordnungen ihres Mannes wieder aufzuheben? Was ſoll er von mir, als höchſtem Rathe der Krone, denken, wenn ich es geſtatte, daß ſo wichtige Maßregeln durch Weiber⸗Intriguen gekreuzt werden? Haſt du dir das klar gemacht? Ich habe nur daran gedacht, ein großes Unrecht wieder gut zu machen, ſagte ſie ruhig und feſt, und freue mich, daß es mir gelungen iſt. So, es iſt dir gelungen? Und du freuſt dich darüber und ſcheueſt dich nicht, mir das gerade ins Geſicht zu ſagen? Darüber, daß es dir gelungen iſt, wundere ich mich nicht, fuhr er fort; Sr. Hoheit Schwäche gegen hübſche Weiber iſt ja bekannt, man weiß auch, daß er in dieſer Beziehung die Uneigennützigkeit ſelbſt iſt und für ſeine Gunſtbezeigungen nichts verlangt, als einige unbedeutende Gefälligkeiten, die zu gewähren derartige Bittſtellerinnen natürlich keinen Anſtand nehmen. Ich habe Vieles von dir ertragen, ſagte ſie, ihn ruhig anſehend, aber ich werde es nicht dulden, daß du meine Chre angreifſt. Du wirſt das nicht dulden? lachte er ſpöttiſch auf. Nein, ich werde es nicht dulden, wiederholte ſie— ſie wußte ſelbſt nicht, woher ihr plötzlich dieſer Muth, dieſes Selbſtbewußtſein ihrem Manne gegenüber gekommen war; ich werde es nicht dulden, und ich bitte dich daher, dein Benehmen gegen mich danach zu regeln. Welche Sprache unterſtehſt du dich gegen mich zu füh⸗ ren! fuhr er zornig auf; ich ſoll mein Benehmen gegen dich regeln? Gegen dich, die ſich nicht geſcheut hat, ihres Liebhabers wegen die ſo künſtlich zur Schau getragene Schüchternheit und Sittſamkeit plötzlich zu beſeitigen und zum Fürſten zu laufen, von dem man weiß, daß er ſchönen, gefälligen Weibern niemals etwas abſchlägt— Mit einem Blicke tiefer Verachtung, wie er ihn nie an ihr bemerkt hatte, verließ ſie ſchweigend, ehe er ſeine Rede fortſetzen konnte, das Zimmer. Er blieb zurück und ging raſchen Schrittes auf und ab. Allmählich begann er ruhi⸗ ger zu werden, und zuweilen flog ein ſpöttiſches Lächeln um ſeinen Mund. Ich habe mich hinreißen laſſen, ſprach er dann vor ſich hin, ich war zu heftig, aber ich hätte ihr das nie und nimmer zugetraut. Am Ende iſt die Geſchichte doch mehr als eine bloße Mädchen⸗Spielerei, und das wäre allerdings— ah— wie ſchnell vergeſſen die Weiber! Der Burſche iſt ihr jetzt nur aufs Neue intereſſant wegen ſeines Unglücks— das verwiſcht ſich bald. Aber der Fürſt? Ich gäbe Vieles darum, wenn ich ein ungeſehener Zeuge dieſer Unterredung hätte ſein können. Nun, was liegt am Ende daran— meine Stellung wird ſich nur um ſo mehr befeſti⸗ gen. Aber ich hätte ihr dieſe Energie gar nicht zugetraut; ſie entwickelt eine ganz neue Eigenſchaft, über die ich alle 10* — Urſache habe, mich zu freuen, denn es wäre nicht unmög—⸗ lich, daß, wenn ſich dieſe vom Vater ererbte Romantik noch ein wenig abgeſchliffen haben wird, ſie dennoch eine brauch⸗ bare und nützliche Beförderin meiner Plane werden könnte. Sie hat Recht, ſchloß er mit einem befriedigten Lächeln die⸗ ſes ihn charakteriſirende Selbſtgeſpräch, ich muß mein Be⸗ nehmen gegen ſie danach regeln— und werde es ſehr gern thun, denn meine einfache Frau fängt an, intereſſant zu werden. Cäcilie hatte die Nacht faſt gar nicht geſchlafen. Das unwürdige Benehmen ihres Mannes war nicht die Urſache geweſen, ihre Gedanken waren von einem ganz anderen Gegenſtande gefeſſelt, ſie machte ſich ſogar Vorwürfe dar⸗ über, daß alles Uebrige ſie ſo theilnahmlos ließ, ſo ganz in den Hintergrund trat. Noch am Abende wollte ſie Horſt die Cabinets⸗Ordre ſchicken und ein paar Worte des Abſchiedes hinzufügen, aber ſie wußte ſeine Adreſſe nicht— auch befürchtete ſie, das wichtige Papier könne in unrechte Hände kommen. So mußte ſie ſich denn ſchon darein ergeben, es ihm ſelbſt aus⸗ zuhändigen, ihn nochmals zu ſehen und zu ſprechen. Ihre Gedanken verweilten unaufhörlich bei dieſer Zuſammen⸗ kunft. Was ſie ſagen wollte, was er erwiedern könnte, und was ſie dann ſprechen und nicht ſprechen müſſe, das alles und noch vieles Andere malte ſie ſich aus, immer wieder, ſo ſehr ſie ſich auch abmühte, ihren Vorſtellungen eine andere Richtung zu geben— und als dann endlich ein leiſer Schlummer ihr Bewußtſein in Feſſeln legte, faßte der Traumgott all dieſe Bilder in Eines zuſammen, in ein Bild, das, der Wirklichkeit entrückt und getragen von den leichten und lichten Schwingen der entfeſſelten Seele, ſehr lieblich und ſchön geweſen ſein muß, denn als ſie dann, wie aus einer anderen Welt kommend, erwachte, ſchwebte noch längere Zeit ein entzückendes Lächeln um ihre halbge⸗ öffneten Lippen, und verſchwand erſt, zugleich mit dem feuchten Glanze ihrer Augen, als dieſe fragend umher ge— blickt und dadurch des Traumes ſüße Täuſchungen zerſtört hatten. Ihre Unruhe ſteigerte ſich immer mehr, je näher die Stunde heranrückte, wo er wiederkommen ſollte. Leſſen, der heute beſonders rückſichtsvoll gegen ſie geweſen, war endlich gegangen— ſie fing an, etwas freier zu athmen. Da tönte die Klingel, und ein jäher Schreck durchbebte ihr Herz. Sie bemühte ſich, die Worte, welche ſie ſprechen wollte, in ihre Erinnerung zurückzurufen— aber der Traum hatte dies alles zerſtört, ſeine Bilder hafteten eigen⸗ ſinnig in ihrer Seele, und ſie waren nur dazu geeignet, ihre Gedanken immer mehr zu verwirren. Sie waren ſo gütig, mir zu geſtatten, nochmals hieher zu kommen, ſagte er, als er eingetreten war und nun vor ihr ſtand, ohne daß ſie ihn zum Sitzen nöthigte— die Theilnahme, welche Sie dem unverdienten Unglücke meines braven Vaters widmen, iſt ſchon an ſich für mich von ſo hohem Werthe, daß— Hier, ſagte ſie mit kaum hörbarer Stimme und nieder⸗ geſchlagenen Augen, indem ſie ihm mit leiſe bebender Hand das Papier reichte— hier— nehmen Sie— ich— ich freue mich unendlich, daß ich Ihnen dieſen unbedeutenden Dienſt habe leiſten können. Iſt es möglich! rief er freudig, nachdem ſeine Augen raſch über das Papier geflogen waren. Und das alles danke ich Ihnen— Ihnen! O, verlangen Sie nicht, die Gefühle meines Dankes, meiner Verehrung in Worte zu faſſen— könnten Sie in mein Herz ſehen, Cäcilie, in welchem Sie ſtets und unverändert als das leuchtende, hohe Bild des Schönen und Guten geſtanden haben— Sie würden ſehen, daß meine Dankbarkeit, meine— Verehrung gegen Sie nur mit meinem Leben enden kann. Sie ſah einen Moment zu ihm auf, in welchem ſich ihre Blicke trafen— ſo, faſt ganz ſo hatte er auch im Traume geſprochen; ſie erröthete tief, als dies Erinnern ſie durchzuckte, und blickte ſchweigend und verwirrt zu Boden. Es war nicht ſchwierig, ſagte ſie dann, ſich faſſend— mein Mann beſitzt großen Einfluß— O, täuſchen Sie mich nicht, unterbrach er ſie, gönnen Sie mir doch das Glück, Ihnen, und nur Ihnen dankbar zu ſein! Wenn ich dann wieder fern ſein werde, wenn mir nichts mehr geblieben iſt, als die Erinnerung an Sie, an Ihre Güte— an Ihre große Güte, theure Cäcilie, fuhr er fort, ihre Hand ergreifend, dann wird dieſes ſchmetzliche Glück wenigſtens nicht durch den Gedanken getrübt werden, noch einem Anderen als Ihnen für ewig dankbar verpflich⸗ tet zu ſein. O, könnte ich Ihnen nur den kleinſten, nur den geringſten Beweis meiner Dankbarkeit geben! Wollen Sie? fragte ſie leiſe. Können Sie nur einen Augenblick daran zweifeln? So gehen Sie jetzt, ſagte ſie mit bebender Stimme. Ich ſoll gehen? fragte er beſtürzt— mein Anblick iſt Ihnen unangenehm? Iſt das Ihre Dankbarkeit? flüſterte ſie, indem ihr Blick nochmals, aber zagend und faſt angſtvoll dem ſeinigen be⸗ gegnete— iſt Ihnen meine Ruhe— mein Friede gleich⸗ gültig? O, welchen Himmel zeigen Sie mir, rief er— und nur, um mich ſogleich wieder daraus zu verſtoßen! Nicht ſo, nicht ſo, ſagte ſie, alle ihre Kraft zuſammen— nehmend— leben Sie wohl, Robert— denken Sie an mich, wenn wir wieder fern ſind— und trüben Sie uns das Glück nicht, ohne Vorwurf an einander denken zu können! Er ſtürzte zu ihren Füßen und küßte ihre Hand; dann ſprang er auf.— Leben Sie wohl, Cäcilie, rief er, leben Sie wohl— Sie ſollen ohne Vorwürfe meiner gedenken dürfen! 5 Lebe wohl, Robert! flüſterte ſie leiſe vor ſich hin, als er fort war, indem die Thränen ihren Augen entſtröm⸗ ten— ach, wie unglücklich— und doch wie glücklich bin ich! ——— Sitbentes Anpitel. Enthüllungen. Ach unſ're Thaten ſelbſt, ſo gut als unſ're Leiden, Beſtimmen unſ'res Lebens Gang. Gvoethe. Wir überſpringen einen Zeitraum von mehren Mo⸗ naten, in welchem die politiſchen Verhältniſſe des Klein⸗ ſtaates Albernhauſen ſich ſehr trüb geſtaltet hatten. Die Kammer, auf ihren verfaſſungsmäßigen Rechten beharrend, war ſehr bald in unlösbare Conflicte mit der Regierung gerathen, welche den heftigen und leidenſchaftlichen Reden eine kalte und feſte Haltung entgegenſetzte. Als dies jedoch keine Aenderung herbeiführte, als die Angriffe gegen das verhaßte Miniſterium, namentlich gegen Leſſen, ſich immer ſteigerten und man Miene machte, die Steuern nicht fort⸗ zubewilligen, wenigſtens bedeutende Ermäßigungen zu votiren, hatte der Fürſt die Kammer abermals aufgelöſt und das längſt vorbereitete neue Wahlgeſetz erlaſſen. Das⸗ ſelbe hob die verfaſſungsmäßig garantirte Wahlfreiheit auf, 2 ſchloß einen großen Theil der Bevölkerung ganz von den Wahlen aus und ließ die Anderen nach einer ſtändiſchen Gliederung mit ſo unbegrenzter Bevorzugung der Ariſto⸗ kratie wählen, daß hiernach eine wirkliche Vertretung des Volkes aufgehoben wurde. Das Land nahm jedoch dieſen offenen Bruch mit der feierlich beſchworenen Verfaſſung keineswegs ſo leidend und theilnahmlos auf, wie man erwartet hatte. Ueberall wei⸗ gerte man ſich entſchieden, nach dem neuen Geſetze zu wählen, und ſowohl in der Hauptſtadt als in mehreren anderen Städten des Landes waren Unruhen ausgebrochen, welche nur durch das rückſichtsloſe Einſchreiten des Mili⸗ tärs geſtillt werden konnten. Es erfolgten nun eine Menge der gehäſſigſten Maßregeln und Verfolgungen, deren weitere Schilderungen uns der geneigte Leſer er⸗ laſſen wird. An dem Tage, an welchem wir unſere Erzählung wie⸗ der aufnehmen, herrſchte in Albernhauſen eine dumpfe Gährung. Am Abende vorher hatte eine Emeute ſtattge⸗ funden und es waren mehrere Menſchen, meiſtens Unbe⸗ theiligte, dabei verwundet und getödtet worden. Der Haß der Bevölkerung traf vorzugsweiſe die Gräfin und Leſſen, den jetzt faſt unumſchränkten Miniſter. Die Kammer hatte noch vor ihrer Auflöſung die Anklage gegen ihn erhoben, das Ober⸗Appellationsgericht dieſelbe jedoch zurückgewieſen, Sophiſterei behaupteten Anſicht angeſchloſſen, daß der welche ſo eben bekannt gewordene Entſcheidung den Aus⸗ bruch von Unruhen zur Folge gehabt hatte. Die Straßen der Stadt waren an dieſem Tage leer und öde, die Läden zum Theil geſchloſſen, die Geſchäfte ſtockten; nur hin und wieder zog eine Militär⸗Patrouille durch die einſamen Gaſſen. Der Geheimerath von Stuhm verließ in ſehr trüber Stimmung ſeine Wohnung, um ſich in gewohnter Weiſe auf das Miniſterium zu begeben. Man hatte ihn wieder auf ſeinen eigenen Wunſch aus dem engeren Rathe des Fürſten entlaſſen und ihm eine Beſchäftigung zugetheilt, welche ihn mit den politiſchen Wirren in keine nähere Be⸗ rührung brachte. Dem beharrlichen Drängen ſeiner Frau, ganz ſeinen Abſchied zu nehmen, hatte er ſtets einen eben ſo beharrlichen Widerſtand entgegengeſetzt. Auch ſeine Beſuche, wenn man es ſo nennen kann, bei der Gräfin waren von ihm nicht aufgegeben worden; er hatte ſie hin und wieder geſehen, und ſein Benehmen gegen ſie war un⸗ verändert geblieben. Immer zeigte er jene Theilnahme, jenes faſt räthſelhafte Wohlwollen, deren inneren Grund ſie vergeblich aufzufinden bemüht geweſen war. Sie hatte ſich ſchließlich der von Leſſen mit vielem Witz und ſpöttiſcher Geheiimerath eine ſtille Neigung für ſie hege, der Ausdruck zu geben er ſich ſcheue, die aber zu unterdrücken ihm die Kraft fehle. Nettchens angeborne und dann reichlich aus⸗ — gebildete Coquetterie fühlte ſich durch die Huldigungen dieſes älteren und ſonſt ſo beſonnenen Mannes geſchmeichelt, und wenn ſie auch in Leſſen's Geſellſchaft darüber ſpottete, ſo war ſie doch weit entfernt, ſie zurückzuweiſen; ſie ſuchte ſie im Gegentheil zu ſteigern, weil ihr Stolz und ihre Neu⸗ gierde das helle Auflodern dieſes heimlichen, ſo lange unter der Aſche glimmenden Feuers nicht ohne Schadenfreude erſehnte. Ihr Benehmen gegen den Geheimenrath war daher ſtets äußerſt zuvorkommend und rückſichtsvoll, ohne jedoch den beabſichtigten Erfolg herbeizuführen. Zuweilen ſchien es zwar, als ob der Geheimerath es zu einer Er⸗ klärung köͤmmen laſſen wolle— aber dann verſank er wieder in ſein gewöhnliches Schweigen, und nur ſeine Blicke und ſein Benehmen vertiethen die beſondere Theil⸗ nahme, welche er für die ſchöne junge Frau empfand. Seine Stimmung war, wie geſagt, ſehr ernſt und trüb, als er an jenem Tage geſenkten Hauptes durch die breite, menſchenleere Straße dem Miniſterium zuſchritt. Er hatte ſo eben wieder eine heftige Scene mit ſeiner Frau gehabt, deren durch Eiferſucht entflammter Haß gegen die Gräfin ſich täglich ſteigerte. Der Friede war von dieſer ſonſt ſo glücklichen Ehe vollſtändig gewichen. Er ſetzte ihrer Hef⸗ tigkeit eine Ruhe, dabei aber auch eine Beharrlichkeit ent⸗ gegen, die ſie zur Verzweiflung brachte. Nur wenn ſie die Gräfin angriff und ſchmähte, wenn ihre Leidenſchaft ſie zu gehäſſigen und ehrenrührigen Aeußerungen fortriß, verwies er ihr dies zuerſt in bittendem, dann in ernſtem Tone, und entfernte ſich jedes Mal, wenn ſeine Be⸗ mühungen ohne Eyfolg blieben. Eine ſolche Scene hatte ſo eben ſtattgefunden, und die Geheimräthin ſaß in leiden⸗ ſchaftlicher Aufregung am Fenſter, ihrem Manne nach⸗ ſehend, der ſchweigend und geſenkten Hauptes dahinſchritt — vielleicht, ja ſogar wahrſcheinlich mit dem Vorſatze, die verhaßte Nebenbuhlerin heute wieder zu beſuchen und zu ſprechen. Die vom Zorn und der Aufregung hervorge⸗ preßten Thränen hingen noch an ihren Augen, als der Bediente einen jungen Mann meldete, der ſie in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen wünſche. Auf der Karte, welche er hereingeſchickt, ſtand der ihr ganz unbe⸗ kannte Name: Ferdinand Dornfeld. Ich kenne den Herrn gar, nicht, ſagte ſie, die Karte betrachtend, zu dem Bedienten; gewiß ein Irrthum, er will meinen Mann ſprechen. Der Herr fragte ausdrücklich nach der gnädigen Frau; er komme in einer ſehr wichtigen und dringenden Ange⸗ legenheit. Sonderbar— wie ſieht er aus? Es iſt noch ein junger Mann; beſonders vornehm ſcheint er nicht zu ſein. Führen Sie ihn herein— was kann er wollen? Ferdinand rechtfertigte vollkommen die Bemerkung des Bedienten; ſeine Kleidung trug die ſichtlichen Spuren längeren Gebrauches und war außerdem von dem Schnitte, wie ihn Leute, welche ſich um die herrſchende Mode nicht kümmern oder etwas darin ſuchen, ihr entgegenzutreten, zu tragen pflegen. Sein Geſicht war noch bläſſer, wie ſonſt, und ſeine dunklen, brennenden Augen lagen tief in ihren Höhlen. Auf ſeinen mageren Backen lagerte eine hektiſche Röthe, die ſich noch erhöhte, als er jetzt raſch in das Zimmer trat. Was verſchafft mir die Ehre? fragte die Geheimräthin aufſtehend in gemeſſenem Tone. Die Ehre wäre meinerſeits, erwiederte Ferdinand, die Geheimräthin feſt und forſchend anſehend, als ob er in ihrem Geſichte leſen wollte— wenn überhaupt die Ehre dabei betheiligt iſt.— Entſchuldigen Sie mich, Frau Ge⸗ heimräthin, wenn ich, in derartigen Redeübungen nicht gewandt, ſogleich zu dem eigentlichen Gegenſtande über⸗ gehe, der mich zu Ihnen führt. Sie werden mich verpflichten, wenn Sie Sich ſo turz als möglich faſſen. Ganz recht— was hat die vornehme Dame mit einem gewöhnlichen oder ungewöhnlichen Menſchen zu ſchaffen? und doch iſt etwas, was wir Beide gemeinſchaftlich be⸗ ſitzen, das uns vielleicht zu Verbündeten machen wird — ja, ja, zu Verbündeten, fuhr er leiſe auflachend fort, wenn Sie mich auch ſo ſtolz und verächtlich betrachten. — Mein Herr, ſagte die Geheimräthin, ich bin nicht gewohnt, mit Unbekannten in dieſer Weiſe zu ver⸗ kehren Beruhigen Sie Sich, unterbrach er ſie, der Verkehr zwiſchen uns Beiden gehört auch nicht zu dem Gewöhnlichen. — Nicht wahr, Sie haſſen die Gräfin, wie ſie jetzt heißt, jene Perſon, die allein das Unglück des Landes verſchuldet, die den Fürſten beſtrickt und zu allem Böſen verleitet und die auch Ihren ſonſt ſo geſetzten und vernünftigen Mann mit ihrem Liebesnetze umgarnt— nicht wahr, Sie haſſen dieſe Gräfin von Grund Ihrer Seele? Mein Herr, was unterſtehen Sie Sich? rief die Ge⸗ heimräthin entrüſtet. Nun— ich haſſe ſie auch— haſſe ſie tauſend, millio⸗ nen Mal mehr als Sie, und dieſer Haß iſt die Gemeinſchaft zwiſchen uns! Die Geheimräthin hatte den ihr fremden Mann, der ſo leidenſchaftlich ſprach und zugleich eine ſo wunde Stelle ihres Herzens rückſichtslos berührte, mit ſehr verſchiedenen Gefühlen betrachtet, von denen jedoch dasjenige der Ent⸗ rüſtung und des Aergers darüber, daß ein Fremder ihr inneres Empfinden bloßgelegt, die Oberhand behielt. Was Sie zu ſagen beliebten, erwiederte ſie daher kalt und gemeſſen, iſt mir zum Theil unverſtändlich. Ich ge⸗ höre nicht zu den beſonderen Verehrerinnen der Frau Gräfin, aus Gründen, deren weitere Erörterung ich nicht * 160 für angemeſſen halte; ſonſt iſt ſie mir völlig gleihgültig, und ich muß daher wiederholt wünſchen, daß Sie mich endlich mit der Veranlaſſung Ihres Beſuches bekannt machen. Laſſen Sie das, Frau Geheimräthin, rief Ferdinand — ich weiß es und die ganze Welt weiß es, daß Sie die Gräfin gründlich haſſen, weil Ihr Mann in ſie verliebt iſt— ja, ja, das weiß alle Welt— vielleicht haſſen Sie ſie auch der Fürſtin-Mutter wegen, doch das iſt mir ganz gleichgültig, ich bebarf nur des Haſſes! Er ſah ſie dabei mit ſo flammenden Blicken an, daß es anfing, ihr unheimlich in ſeiner Gegenwart zu werden. Ich wiederhole, daß Sie Sich irren, ſagte ſie, mehre Schritte zurücktretend. Und ich wiederhole Ihnen, daß ich mich nicht irre— doch, wir werden ja ſehen. Alſo hören Sie. Wie die Sachen jetzt ſtehen, können und werden ſie nicht weiter fort⸗ gehen; es wird zum offenen Aufruhr, zur Revolution kommen. Sehen Sie mich nicht ſo fragend und zweifelnd an, es wird dazu kommen!— Ich weiß das ganz be⸗ ſtimmt, denn ich gehöre zu denjenigen, welche die Leitungs⸗ drähte in der Hand haben, welche die Zünder zu den ge⸗ legten Minen in Bereitſchaft halten. Es iſt Vieles faul im Staate Albernhauſen, fuhr er hohnlachend fort, der faulſte Fleck aber iſt jene Perſon und ihr verderblicher 6 Einfluß? darum muß hier auch zuerſt aufgeräumt werden. Jetzt komme ich zu unſeren gemeinſamen Intereſſen. Wäre die Gräfin beſeitigt— es würde bald und raſch wieder Alles beſſer werden. Der Fürſt iſt ganz von ihr abhängig, darum muß ſie fort! Das iſt der Anfang.— Sehen Sie mich nicht ſo erſchrocken an; ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich weiß, weil wir wiſſen, daß es auch Ihr ſehn⸗ lichſter und heißeſter Wunſch iſt, daß ſie beſeitigt werde — und ſie ſoll, ſie wird beſeitigt werden, wenn Sie uns helfen. Ich— ich Ihnen helfen? fragte die Geheimräthin mit Schrecken. Erſchrecken Sie nicht, Sie ſollen nichts thun, was Ihnen Ungelegenheiten verſchaffen könnte— wir werden es ausführen, dafür iſt geſorgt— es fehlt uns nur ein nothwendiges Ding— Geld. Ohne Geld iſt einmal nichts zu erreichen, und wir beſitzen Alles, Muth, Ent⸗ ſchloſſenheit und den feſten Willen— nur fehlt uns Geld! Was beabſichtigen Sie denn eigentlich? fragte die Geheimräthin, der es jetzt vor Allem darum zu thun war, das Nähere dieſes abenteuerlichen und gefährlichen Planes zu erfahren. Was wir beabſichtigen? Sie fangen ſchon an, Sich für die Sache zu intereſſiren— nun, wir beabſichtigen nicht nur, ſondern ſind entſchloſſen, dieſe Natter 3u be⸗ Wogen des Lebens. III. 11¹ N. — 16— ſeitigen. Wir wollen ſie außer Landes an einen Ort 3 ſchaffen, wo ſie ganz unſchädlich wird— ſeien Sie dar⸗ über ohne Sorgen, der Plan iſt wohl überlegt, das mag Ihnen genügen.— Sie wird verſchwinden und nie⸗ mals wiederkehren— eher ſterben— verlaſſen Sie Sich feſt darauf! Und was ſoll ich dabei thun? Was Sie dabei thun ſollen? So viel wie nichts. Sie ſollen uns etwas zu den nöthigen Mitteln geben— etwa 500 Thaler, das wird genügen, denn wir haben mancherlei Vorbereitungen zu treffen. Wann ſoll der Plan zur Ausführung kommen? In der nächſten Zeit— Sie können ſicher ſein, daß Ihr Geld bald die reichlichſten Zinſen tragen wird. Die Geheimräthin war, ohne daß es Ferdinand in ſeiner leidenſchaftlichen Aufregung bemerkt hatte, bis an die Klingelſchnur getreten. Wenn ich Sie bis jetzt angehört habe, ſagte ſie mit einer Miſchung von Stolz und Furcht, indem ſie laut klingelte, ſo geſchah es, weil ich— nun, weil ich nicht anders konnte.— Führen Sie dieſen Herrn hinaus, befahl ſie nun mit ſicherer Stimme dem eintreten⸗ den Bedienten— ſogleich— auf der Stelle! Dann verließ ſie eiligeren Schrittes, als dies ſonſt ihre Gewohnheit war, das Zimmer. Ferdinand ſtierte ihr einen Augenblick nach. So iſt 163 es gemeint? rief er dann, indem ſeine Hände ſich trampf⸗ haft zuſammenballten. Mein Herr— bemerkte der Bediente. Ich ſoll gehen? lachte er höhniſch auf. Sei ohne Sorgen, ich gehe ſchon, die Luft allein iſt hier ſchon un⸗ erträglich für mich.— Er ſtürzte aus dem Zimmer, und ehe der Bediente ihm zu folgen vermochte, hatte er bereits das Haus verlaſſen und befand ſich im Freien. In der größten Aufregung und eine Beute der wider⸗ ſprechendſten Gefühle harrte die Geheimräthin der Rückkehr ihres Mannes; aber er blieb heute ungewöhnlich lange, und die Urſache dieſes längeren Ausbleibens war ein Beſuch bei der Gräfin. Sie hatte ihn zu ſich bitten laſſen, und er zögerte nicht, ihrem Wunſche zu entſprechen. Er fand ſie in ihrem Cabinet an ihrem Nähtiſche ſitzend, in einem reizen⸗ den Negligee, denn es war erſt elf Uhr Morgens. Ah, mein beſter Herr Geheimerrath, ſagte ſie mit einem freundlichen Blicke, endlich ſieht man Sie einmal wieder— und dazu bedarf es erſt eines Wunſches von meiner Seite, denn aus eigenem Antriebe kommen Sie niemals mehr.. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen angenehm bin. Angenehm? fragte ſie— können Sie wirklich daran zweifeln?— Doch ſetzen Sie Sich zuerſt, ehe wir weiter plaudern— nicht ſo entfernt— hieher, dicht ⸗ — zu mir, Sie ſollen mir einen Rath geben hinſichtlich der Zuſammenſtellung der Farben in dieſer Stickerei. Deßhalb haben Sie mich rufen laſſen? fragte er befangen. Ja, deßhalb, ſagte ſie; genügt Ihnen das nicht? ſetzte ſie mit gut geſpieltem Erſtaunen hinzu— nun, ich will offenherzig ſein— ich hatte das Bedürfniß, Sie einmal wieder zu ſehen und mit Ihnen zu plaudern. Sie ſind ſehr gütig, Frau Gräfin. Halten Sie dieſes Roth für beſſer oder dieſes Ponceau — welches paßt mehr zu dieſem Grün, das wohl etwas dunkler ſein könnte? Ich weiß, Sie ſind ein Kenner von Gemälden und müſſen daher mit dem Geheimniß der Farben⸗Sympathieen vertraut ſein— alſo rathen Sie mir, fuhr ſie fort, indem ſie die Stickerei vor ihm ausbreitete— nun, welche Farbe ſoll ich wählen? Ich würde zu dem Ponceau rathen, erwiederte er faſt verlegen, es paßt beſſer zu dem braunen Untergrunde, in welchem ein gelblicher Ton vorherrſchend iſt. Sehen Sie, wie gut es iſt, daß Sie gekommen ſind! ſagte ſie, mit einem neckenden Lächeln zu ihm aufblickend ich hätte gerade das andere Roth genommen. Aber weßhalb ſind Sie immer ſo ernſt, ſo— wie ſoll ich ſagen, ſo gemeſſen in meiner Gegenwart, fuhr ſie in verändertem Tone fort— Sie haben mir ſchon öfter geſagt, Sie ſeien mein Freund— mein wahrer, wirklicher Freund— deren ich, wie Sie wiſſen, leider ſo wenige beſitze, und doch— ich fange an, Ihre Worte ernſtlich zu bezweifeln. O, thun Sie das nicht, ſagte er, ſie faſt traurig an⸗ ſehend, denn Sie beſitzen keinen beſſeren Freund als mich — keinen. Das haben Sie mir ſchon oft geſagt, aber— doch es paßt ſich nicht für mich, ſo zu Ihnen zu reden— ich ſehe das ein.— Wenn uns Ihre Frau Gemahlin ſo ſähe, ihr Haß gegen mich würde ſich noch mehr ſteigern, wenn dies überhaupt möglich wäre. Glauben Sie nicht, daß meine Frau Sie haſſe— nein, nein, ſagte er mit plötzlich erregter Stimme. Sie befinden Sich in einem Irrthume— Sie dürfen ſo etwas nicht glauben. Nun, das iſt wirklich ſtark, lachte ſie auf— Ihre Frau Gemahlin hat ja die Güte gehabt, mir dies ſelbſt zu ſagen, ja, mit ganz verſtändlichen Worten, und da können Sie es mir wohl nicht verdenken, wenn ich ähnlichen Ge⸗ fühlen gegen dieſe Frau Raum gebe, obgleich ich ihren Gatten als meinen beſten Freund hochſchätze, ſetzte ſie mit einem verbindlichen Lächeln hinzu. Sie haſſen meine Frau, rief der Geheimerath er⸗ bleichend, und Sie glauben, von ihr gehaßt zu wer⸗ den?— das iſt ja ein ſchrecklicher, ein entſetzlicher Irrthum! Irrthum? fragte ſie erſtaunt— es ſoll ein Irrthum — ſein? Verlaſſen Sie Sich darauf, es iſt die reine, unver⸗ fälſchte Wahrheit— Ihre Frau Gemahlin wäre eine große Heuchlerin, wenn es anders wäre, und was mich betrifft, ſo muß ich mich leider dazu bekennen.— Doch was iſt Ihnen? fragte ſie beſorgt; Sie ſind blaß geworden, Ihre Hand zittert— iſt Ihnen nicht wohl?— ſoll Laſſen Sie, laſſen Sie, ſagte er tief Athem holend— ich fühle und erkenne es jetzt in dieſem Augenblicke, daß ich— daß meine Handlungsweiſe nicht die richtige ge⸗ weſen iſt— es iſt mir unmöglich, länger zu ſchweigen, wenigſtens gegen Sie— haſſen— Sie Beide ſollten Sich haſſen?— Ich habe zu viel an mich, an mein eigenes Wohl gedacht, längſt hätte ich offen und frei zu Ihnen reden ſollen— es wäre beſſer geweſen. Sie haben etwas auf dem Herzen— Sie wollen mir etwas vertrauen? fragte ſie geſpannt und ſelbſt von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen; ſo reden Sie doch. Nun wohl, ſagte der Geheimerath, nachdem er eine Zeit lang in ſichtlich innerem Kampfe dageſeſſen— ich will reden. Sie werden etwas ſehr Unerwartetes hören, aber wenn Sie davon Kenntniß erhalten, wenn Sie Alles er⸗ fahren haben— dann zürnen Sie mir nicht, daß ich ſo lange geſchwiegen und daß ich es für beſſer gehalten, dieſes Geheimniß in meiner Bruſt zu bewahren. Sie ſpannen mich auf die Folter. Ich muß etwas weit zurückgehen, begann der Geheime⸗ rath mit leiſer Stimme und niedergeſchlagenen Augen, zurück in eine längſt vergangene Zeit. Es ſind jetzt vier⸗ undzwanzig Jahre— damals war ich ein junger Mann in den Anfängen der Dreißig und Aſſeſſor. Mein Vater war geſtorben und hatte mir, dem einzigen Sohne, ein ziemlich bedeutendes Vermögen hinterlaſſen; ich vermochte damit ſorgenfrei und meinen Neigungen gemäß zu leben. Dieſe Neigungen führten mich auf Reiſen und ich durch⸗ ſtreifte mehre Jahre hindurch faſt ganz Europa. Mich nach der Heimat ſehnend, kehrte ich zurück und wanderte eines Tages, meiner Gewohnheit gemäß zu Fuß, durch eines der lieblichen Thäler Thüringens, als ich, von einem heftigen Gewitter überfallen, in einer elenden Schenke Schutz ſuchen mußte. Ich ſah ein, daß ich nicht weiter kommen konnte, und fing eben an, mich nach einem Unter— kommen für die Nacht umzuſehen, als ein Reiter, eben⸗ falls vom Wetter überfallen, vor das Haus ſprengte und bald darauf in das niedrige und dunſtige Zim⸗ mer trat. Es war ein ſchon älterer Mann, ungefähr in meinen jetzigen Jahren, der von den Wirthsleuten als der Beſitzer eines nahegelegenen Gutes mit beſonderer Rückſicht aufge⸗ nommen und begrüßt wurde. Wir wechſelten einige Worte; da der heftige Regen jedoch fortdauerte, wurden wir bald bekannter, tauſchten unſere Namen aus, ich erzählte die — 168— Veranlaſſung meines gezwungenen Aufenthaltes und wurde dann auf das freundlichſte eingeladen, ſobald der Regen ſich gelegt haben würde, mit nach dem Herrenhauſe zu gehen und dort zu übernachten. Sie hatte ihm mit eben ſo großer Neugierde als mit Erſtaunen zugehört, denn ſie vermochte ſich nicht zu er⸗ klären, was dieſe in eine ſo ferne Vergangenheit zurück⸗ gehende, mit ſo genauen Einzelheiten vorgetragene Erzäh⸗ lung für einen Zweck haben könne. Der Geheimerath, der eine Pauſe gemacht, ſchien dies jedoch nicht zu bemerken, es kam ihr vielleicht vor, als ob nur die Erinnerung an ein ſehr wichtiges Ereigniß ihn zu der augenblicklichen und kurzen Unterbrechung veranlaßt hätte, denn um ſeinen Mund ſpielte ein wehmüthiges Lächeln, als er fortfuhr: Ich wurde dort, in Werdenſtein, ſehr freundlich und gaſtlich aufgenommen. Mein Wirth war ſchon ſeit langen Jahren Witwer und lebte mit einer Tochter ziemlich einſam auf dieſer, außerhalb des gewöhnlichen Verkehrs der Menſchen gelegenen Beſitzung. Die Tochter war damals noch nicht ganz achtzehn Jahre alt und ſehr ſchön.— Ich will Sie nicht mit den Einzelheiten meiner Geſchichte be⸗ helligen— ich blieb dort länger, als ich es beabſichtigt hatte, denn— nun, ich liebte das junge Mädchen vom erſten Augenblicke an, als ich ſie geſehen. Die Geſchichte fängt an ſehr intereſſant zu werden, ſchaltete die Gräfin lächelnd ein. Sie war freundlich gegen mich, es ſchien mir ſogar, daß ſie gern in meiner Geſellſchaft verweile, aber ſie blieb zurückhaltend und verſchloſſen; dabei entging es mir nicht, der ich mit dem Auge der Liebe ſah, daß ein Kummer ihr Herz belaſte, den ſie zu verheimlichen bemüht war. Mit dem Vater wurde ich bald näher bekannt, denn er war ein offener, biederer Mann, allgemein geachtet und beliebt und dabei von einer faſt kindlichen Unbefangenheit. Ob⸗ gleich er ſeine Tochter als ſein höchſtes Gut betrachtete, ſo konnte er ſich doch Tage lang gar nicht um ſie kümmern, ſondern ſich ſeinen Geſchäften und Liebhabereien, wozu vorzugsweiſe die Jagd gehörte, hingeben. Ehe ich ſchied unterließ ich es nicht, einige Andeutungen in Betreff meiner Wünſche zu machen, und bemerkte mit Freude, daß ſie ihm nicht unangenehm waren, denn ich wurde auf das freundlichſte eingeladen, meinen Beſuch bald zu erneuern. Als ich von Marie ſchied, war ſie ſichtlich bewegt, aber ſie blieb kalt und einſylbig, und als ich ihr mittheilte, daß ihr Vater mich eingeladen, bald wieder zu kommen, und ſie fragte, ob ihr dies auch lieb ſein würde, erhielt ich die unerwartete Antwort, daß ſie an dieſer Einladung durch⸗ aus unbetheiligt ſei. So ſehr mich dies auch ſchmerzte— ich kehrte doch bald zurück und brachte dieſes Mal längere Zeit dort zu. — Ihr Benehmen gegen mich blieb ſich gleich. Es ſchien mir zwar zuweilen, als ob ſie ſich freue, wenn ich kam; oft leuchtete auch eine unverkennbare Theilnahme aus ihren Reden, aus ihren Blicken hervor, dann aber wurde ſie mit Einemmale wieder ernſt, kalt und gemeſſen, ohne Veran⸗ laſſung, als ob ein plötzliches Erinnern ſie wieder erfaßt habe. Meine Liebe zu dieſem räthſelhaften Mädchen ſtieg mit jedem Tage, und da ſie ängſtlich und beſorgt jede Ver⸗ anlaſſung mied, die zu einer Erklärung meinerſeits hätte führen können, ſo ſprach ich offen mit ihrem Vater. Dieſer war ſehr erfreut über meinen Entſchluß und wies mich an ſeine Tochter.— Ich bin überzeugt, daß ſie eine Neigung zu Ihnen hat, fuhr er freundlich fort, denn während Ihrer Abweſenheit hat ſie viel von Ihnen ge⸗ ſprochen und immer ſelbſt das Geſpräch auf Sie gelenkt — aber ſie iſt ſeit ungefähr einem Jahre ſehr verändert, verſchloſſen, in ſich gekehrt und oft traurig. Auf meine Fragen und Bitten gibt ſie ausweichende Antworten, und ich habe mich daher vergebens bemüht, die Urſache davon zu erfahren. Vor etwa anderthalb Jahr, ſie war damals noch faſt ein Kind, hatten wir ungefähr zwei Monate lang den Beſuch eines entfernten Verwandten meiner ſeligen Frau, eines jungen Taugenichts, der nirgendwo gut ge⸗ than, ſein Vermögen durchgebracht und vor einem halben Jahre in einem Bade, wo er ſich des Spieles wegen auf⸗ hielt, im Duell erſchoſſen worden iſt— ich kam auf die Vermuthung, daß dieſer junge Mann, der, wie dies ge⸗ wöhnlich iſt, ſtets bei den Weibern viel Glück gehabt hatte, Eindruck auf ihr Herz gemacht haben könnte. Das iſt es aber nicht, denn ſie ſprach nie von ihm, als er plötzlich auf und davon gegangen war, und wenn ich ſeinen Namen nannte, ſchien ſie ihn zu verabſcheuen. Sie wurde jedoch krank und elend, und ich ſandte ſie deßhalb mehre Monate zu meiner Schweſter. Als ſie wieder kam, ſah ſie zwar wohler aus, aber ſie hat etwas, was ſie quält und beun⸗ ruhigt, das zu ergründen ich jedoch vergeblich bemüht ge⸗ weſen bin. Verſuchen Sie Ihr Heil, ſetzte er, mir freund⸗ lich die Hand reichend, hinzu; es würde mich glücklich machen, Sie Sohn nennen zu können, und ich bin über⸗ zeugt, Sie werden von ihr geliebt— Ihnen wird es daher auch gelingen, dieſen eingebildeten Kummer aus ihrem jungen Herzen zu verſcheuchen. Leider erfüllte ſich dieſe Vorausſetzung jedoch nicht. Als ich ihr meine Liebe geſtand, als ich ihr ſagte, daß ich für das ganze Leben unglücklich wäre, wenn ſie nicht die Meinige würde, als ich ihr dies und noch vieles Andere in der lei⸗ denſchaftlichen Sprache der Liebe mittheilte und ſie anflehte, meine Wünſche zu erhören, war ſie einer Ohnmacht nahe, kaum ihrer Sprache mächtig, bis ſie mir bleich und mit bebender Stimme erwiederte, daß ſie nie, niemals die Meinige werden könne. Nochmals erneuerte ich meine Bewerbungen; als ſie mich aber wieder, und jetzt mit mehr Faſſung und Ruhe, faſt kalt zurückwies, verließ ich verzweiflungsvoll das Schloß, all mein Glück, all meine Hoffnungen zurück⸗ laſſend. Die Gräfin hatte mit immer ſich ſteigernder Spannung dieſer Erzählung zugehört, aber um ihren Mund lagerte ein muthwilliges, faſt ſpöttiſches Lächeln, während ihre Augen forſchend und fragend auf dem Geheimenrathe ruhten, der ihr ſeine eigene Liebesgeſchichte in ſo ausführ⸗ licher Weiſe vortrug. Die Erzählung ſelbſt intereſſirte ſie auch viel weniger als die Frage, in welcher Abſicht dies wohl geſchehen möge. Es war aber, als ob unſichtbare Bande mich dahin zurückzögen, fuhr der Geheimerath jetzt erregter fort; ich durchſtreifte die Gegend, dem Ziele meiner Sehnſucht immer wieder näher kommend— und am Abend des dritten Tages ſtand ich wieder im Park. Sie ſaß auf einer Bank, und es ſchien mir, als ob ſie ſehr traurig ſei— als ob ſie weine. Leiſe ſchlich ich mich näher, ich ſtand dicht hinter ihr, ohne daß ſie mich be⸗ merkt hätte, und nun ſah ich, daß die Thränen ihren Augen entſtrömten, ohne daß ſie ſich bemühte, ſie daran zu hindern. O, mein Gott, flüſterte ſie, wie unglücklich bin ich— ich muß ihn von mir ſtoßen, ihn, den ich mehr als mich ſelbſt liebe, und ihn eben ſo unglücklich machen, als ich ſelbſt bin— Nein, nein, Marie, rief ich, ihr zu Füßen ſtürzend— das ſollſt du nicht— hier bin ich, ich laſſe nicht von hir, nie und nimmermehr, denn du liebſt mich, du liebſt mich, was bedarf es noch mehr, um uns unausſprechlich glücklich zu machen! Sie war überraſcht, betäubt, ſie duldete meine Lieb— koſungen, weinend ſchmiegte ſie ſich an mich— dann wollte ſie ſich losreißen, aber ich hielt ſie feſt, und ſie mußte es dulden, daß meine Arme ſie umſchlangen. Sie wiſſen es ja nun, daß ich Sie liebe, ſagte ſie dann— Gott hat gewollt, daß Sie es dennoch erfahren ſollten, ſo ſehr ich auch bemüht war, es Ihnen zu ver⸗ bergen— ja, ja, ich liebe dich, Ernſt, laß mir die Selig⸗ keit dieſes einzigen Augenblicks— und nun verlaß mich— verlaß mich für immer— denn nie, nie kann ich die Deinige werden! Wieder, und noch immer dieſer Wahn? rief ich erſchrocken. Es iſt kein Wahn— ach nein, es iſt kein Wahn— aber ich liebe dich, und ſo ſchwer es mir wird— ich kann dich nicht wieder fortſchicken, kalt und ohne Aufklärung.— Geh' denn, geh'— verachte mich! rief ſie, ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckend— erfahre mein Unglück, meine Schande— ich bin Mutter— Mutter einer Tochter. Ich hatte die Empfindung, als ob der Blitz vor mir eingeſchlagen, es ſchwirrte mir vor den Augen, und meine Arme, die ſie umſchlungen hielten, ſanken kraftlos herab. Nun weißt du's, ſagte ſie ruhiger— nun geh', geh'! Du ſiehſt, es kann keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns ſein— du wirſt mein Geheimniß bewahren, denn ich würde mich tödten, wenn es mein Vater erführe! fuhr ſie leiden⸗ ſchaftlich auf. Ach, Marie, wie iſt das möglich? rief ich im tiefſten Schmerze. Wie es möglich iſt?— o, danach frage mich nicht— ich weiß es ſelbſt nicht. Wie ein noch nicht ſiebenzehnjähriges Mädchen zu Fall kommt, wenn es ein nichtswürdiger Bube verführen will! Er iſt todt, ſagte ich leiſe nach kurzem Schweigen, und es war mir, da ich dieſe Worte ſprach, als ob ein Theil der drückenden Laſt, welche mein Herz zuſammenpreßte, davon fortgenommen würde. Ja, er iſt todt, fuhr ſie wieder leidenſchaftlich auf— Gott hat mir dieſe unverhoffte Freude zu Theil werden laſſen. Und dein Kind? Mein Kind lebt in der Pflege braver Leute— fern von mir— fern— fern— ich darf es nicht ſchen, nicht küſſen, nicht pflegen— aber es lebt. — 4— Wir ſchwiegen Beide eine längere Zeit; ihre leiſe bebende Hand ruhte in der meinigen, ſie ließ es geſchehen. Ich ſchlang wieder meinen Arm um ſie und drückte ſie feſt an mich. Marie, ſagte ich dann, leg' all deinen Kummer, all deinen Schmerz in mein Herz, da laß ſie ruhen, bis ſie aufgehört haben werden zu ſein, die Liebe ſoll und wird ſie ſchwinden machen, meine Liebe, an welche du geglaubt haſt und auch fortglauben mußt, wenn du mich der deini⸗ gen für werth gehalten. Ich liebe dich jetzt noch mehr, wenn es möglich wäre.— Komm, komm, laß es wieder hell in deiner Seele werden— ich will gut machen, was ein Unwürdiger an dir verſchuldet hat— wenn du mein geliebtes, glückliches Weib geworden biſt, ſo wird auch deine Tochter einen Vater haben, und du— Das wollteſt du, Ernſt, das wollteſt du? rief ſie mich mit leuchtenden Blicken betrachtend— o, ich habe nie an dir gezweifelt, du edler Mann— aber ich werde auch nie⸗ mals dieſes Opfer von dir annehmen! Der Geheimerath machte wieder eine Pauſe; es war, als ob er der Sammlung bedürfe, um weiter erzählen zu fönnen. Es kommt Ihnen vielleicht ſonderbar vor, ſagte er dann mit einem wehmüthigen Lächeln, daß ich Ihnen all dieſe Einzelnheiten ſo ausführlich mittheile, und Sie denken vielleicht, es geſchähe, um meine Handlungsweiſe Ihnen recht anſchaulich zu machen— halten Sie mich nicht — 176— für ſo ſchwach und eitel— Sie werden den Grund nun bald erfahren. Wie ſehr ich ſie auch bat und meine ganze Uebertedung aufbot, ſie blieb feſt, ſelbſt die Verſicherung, daß ſie mich unglücklich mache, konnte ſie zu einer Aenderung ihres e Entſchluſſes nicht bewegen. Ich habe eine Tochter, ſagte ſie— dir darf und will ich das verlorne Kind nicht mit⸗ bringen, aber mein Daſein gehört ihr. Wir würden viel unglücklicher ſein, als wir es jetzt ſind, denn ſtets würde das arme unſchuldige Weſen die lebendige Mahnerin meiner Schuld ſein. Alle meine Bemühungen blieben vergebens, ſie war zu keiner anderen Anſicht zu bringen. Ihrem Vater durfte ich den wahren Grund ihrer Weigerung nicht mittheilen, und dies vermehrte noch meinen Schmerz und mein Unglück. Verzweiflungsvoll verließ ich abermals das Schloß. All mein Sinnen und Denken hatte keinen anderen Gegenſtand mehr als ſie, und wie es anzufangen ſei, ſie zu einer Aen⸗ derung ihres zu bewegen. Das Kind allein, ſo dachte ich, iſt die Urſache ihrer Weigerung— wenn das Kind nicht wäre— die lebendige Mahnerin ihrer Schuld— ſie würde einwilligen. Meine Liebe und die verzweifelte Stimmung, in welcher ich mich damals befand, ließen einen Plan in mir erſtehen, einen Plan— Mein Gott, Sie haben das Kind getödtet? fuhr die Gräfin erſchrocken auf. — Getödtet? fragte er, ſie eigenthümlich anſehend; nein, nein— dazu wäre ich nicht fähig geibeſen, ſchon ihret⸗ wegen. Aber für ſie ſollte es todt ſein— das war mein Plan— und ich führte ihn aus. Es gelang mir, den Aufenthalt des Kindes zu erfahren, und durch eine Summe Geldes bewog ich die armen Leute, in deren Pflege es ſich befand, es mir zu überlaſſen, nachdem vorher ſein Tod angemeldet und ein Todtenſchein ausgefertigt war. Dieſer Todtenſchein wurde ihr zugeſandt. Es war ein grauſames, vielleicht verwerfliches Mittel, aber ich hatte mich in meinen Vorausſetzungen nicht geirrt. Ich ließ ein halbes Jahr vergehen, dann erſt kehrte ich zu ihr zurück— und nun, nach längerem Kampfe, gab ſie endlich nach— und wurde mein Weib. Ihre Frau? rief Nettchen ſichtlich bewegt, Ihre Frau? Sie erzählten die Geſchichte Ihrer Frau Gemahlin? Konnten Sie daran zweifeln? fragte er, ſie mit eigen⸗ thümlichem Blicke anſehend. Und das Kind, fragte ſie weiter, das Kind, was iſt aus dem Kinde geworden? Iſt es geſtorben? Nein, es iſt nicht geſtorben, ſagte er langſam und mit bewegter Stimme, es lebt— und fragt mich in dieſem Augenblicke, was aus ihm geworden ſei. Herr Geheimerrath! rief Nettchen erblaſſend und in heftiger Aufregung— was ſoll das alles, was ſoll dieſer unzeitige Scherz? Guſtav vom See. Wogen des Lebens. Ml. 9 12 —— Scherz? fragte er ruhig, indem ſein Auge vorwurfs⸗ voll an dem ihrigen hing; könnte ich wirklich ſo mit Ihnen ſchetzen? Sie wurden erſt in gute Pflege gebracht und nach einem Jahre dem damals noch jungen Soldau übergeben, deſſen Frau und Kind geſtorben war, gegen ein ſchriftlich gegebenes Verſprechen, Sie nach Aushändigung einer be⸗ trächtlichen Geldſumme als ſeine Tochter zu erziehen— was er auch gethan hat. Ich, ich— wäre ihre Tochter— ihre Tochter? rief Nettchen— es iſt unmöglich, undenkbar! Weßhalb unmöglich und undenkbar? fragte er traurig; Sie werden Ihre Mutter ſchätzen, Sie werden ſie lieben lernen, wenn Sie ſie näher kennen. Und ſie? Sie haßt mich, obgleich ſie weiß— Geben Sie den Wahn auf, von ihr gehaßt zu werden — aber ſie weiß es auch nicht, daß Sie ihre Tochter ſind, ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu. Sie weiß es nicht? Sie hätten ihr das verſchwiegen? Seien Sie nachſichtig mit meiner Schwäche, ſagte er mit faſt flehender Stimme; als ich Sie im Hauſe Ihres Pflegevaters geſchen— ich hatte mich, ich will es ge⸗ ſtehen, nicht weiter um Sie bekümmert, als ich dann die Gewißheit erlangt, daß Sie die Tochter meiner Frau— meine Stieftochter ſeien— da hatte ich nicht den Muth, die für meine Frau längſt Geſtorbene wieder aufleben und jene trüben, unſeligen Erinnerungen neu erſtehen zu laſſen. Ich fühle es jetzt, daß ich ſehr, ſehr unrecht gehandelt habe, — es wäre Manches vielleicht anders gekommen. Als dann Ihr Geſchick ſich ſo geſtaltet hat, da dachte ich, es ſei für Sie Beide am beſten, wenn Sie es nicht er⸗ führen— Und doch ſind Sie von dieſer Anſicht zurückgekommen? fragte ſie faſt vorwurfsvoll, als er, ohne den Satz zu voll⸗ enden, ſchwieg. F Ich bin davon zurückgekommen, ſagte er traurig, weil ich es nicht dulden konnte, daß ſich Mutter und Tochter haſſen— nur, weil ſie ſich nicht kennen. Es war mir ein ſchrecklicher, nicht mehr zu ertragender Gedanke, dies zu verſchulden. Ich habe unrecht gethan, ſo lange zu ſchwei⸗ gen, ſehr unrecht— aber es iſt ja noch nichts verloren, es läßt ſich Alles noch wieder gut machen. Und warum haben Sie mir zuerſt dieſe Mittheilung gemacht? Warum nicht Ihrer Frau— meiner Mutter? Weil ich der Liebe der Mutter zur Tochter ſicher bin— aber nicht weiß, ob die Tochter das gegen ſie begangene Unrecht vergeſſen und auch der Mutter ihre ganze Liebe zuwenden will, der Mutter, die an Allem unſchuldig iſt. Nettchen ſaß lange Zeit ſchweigend, das unruhige Wogen ihres Buſens allein bekundete die große Erregung ihres Innern. Er ſtand vor ihr und betrachtete ſie mit dem Ausdrucke väterlicher Zärtlichkeit.. Laſſen Sie mir Zeit, ſagte ſie mit leiſer, bewegter 12* — 180— Stimme, indem ſie ſeine Hand ergriff; laſſen Sie mir Zeit, ich bin zu erregt, zu überraſcht— ach, ich habe nie an dem Herzen einer Mutter geruht, nie, nie, fuhr ſie fort, indem die Thränen ihren Augen entſtrömten— es wäre vielleicht Manches anders, als es jetzt iſt! Seien Sie ruhig, ſeien Sie gefaßt, mein liebes Kind, ſprach er ſanft und ſie auf die Stirn küſſend; was nicht geweſen iſt, wird künftig ſein— es wird Alles gut und glücklich werden, und Sie werden dann auch mir, Ihrem Vater, vergeben. Sie küßte ergriffen ſeine Hand, die ſie mit ihren Thrä⸗ nen benetzte. Er ſchlang ſeinen Arm um ſie, ihr Kopf ruhte an ſeiner Bruſt, und ſo ſaßen ſie, den Gefühlen ihrer Herzen hingegeben, längere Zeit ſchweigend neben einander. Sagen Sie ihr noch nichts, ſprach ſie dann leiſe, wir wollen es morgen zuſammen überlegen, wie ſie es er⸗ fahren ſoll,— wie es ihr am⸗wenigſten Schmerz verur⸗ ſachen wird. Schmerz? Ach, die Freude, das Glück allein könnten ihr verderblich werden! Ich habe michztets zu ihr hingezogen gefühlt auf eine mir ſelbſt unerklärliche Weiſe, ſprach Nettchen mehr zu ſich ſelbſt, aber ſie— ſie ſah in mir nur ihre Feindin. Neln, nein, glauben Sie das nicht— doch wozu die Selbſtquälereien?— ich, ich allein trage die Schuld, daß — 181— es ſo iſt. O, welche Laſt wird von meinem Herzen ent⸗ nommen ſein, wenn ich Sie Beide in Liebe vereint ſehe! Alſo bis morgen, wiederholte ſie, bis morgen— kehren Sie morgen zurück und ſagen Sie ihr bis dahin nichts— ich will mir das Alles zurecht legen und Ihnen morgen mittheilen— wir gehen dann vielleicht zuſammen zu ihr— ja, ja— zuſammen, ſetzte ſie ſinnend und mit freudigem Blicke hinzu; kommen Sie morgen nicht zu ſpät,— es iſt für mich ohnehin eine lange Zeit bis morgen. Hier, ſagte der Geheimerath gerührt, hier ſind alle Papiere, welche meine Mittheilung beſtätigen; vielleicht beſitzen Sie auch noch ein kleines Kreuz mit einem W ge⸗ zeichnet, Sie trugen es damals, als ich Sie fortgab, um den Hals, als ein Andenken Ihrer Mutter. Nettchen ſprang auf, öffnete ein geheimes Fach ihres Secretärs und entnahm daraus an einem ſchwarzen Bande das kleine Kreuz. Hier iſt es, rief ſie ich habe mich nie von ihm trennen können! Das iſt es, ſagte er wehmüthig; Sie werden nun nicht mehr an meinen Worten zweifeln. O, das habe ich nie gethan! Sollen wir heute ſchon zu ihr? fragte ſie, das Kreuz küſſend&s iſt eine lange Zeit bis morgen. Laſſen Sie es bis morgen— ich bedarf auch der Sammlung.* Nun, ſo ſei es, ſagte ſie, ihm beide Hände reichend; morgen Vormittag erwarte ich Sie, aber nur, um mit Ihnen zu gehen. Er konnte es ſich nicht verſagen, die Tochter ſeiner Frau, das Kind, in deſſen Lebenspfade er ſo gewaltſam eingegriffen„mit väterlicher Liebe an ſein Herz zu drücken, voll des beſeligenden Gefühles, endlich in der Lage zu ſein, das Unrecht der Vergangenheit zu ſühnen. Raſchen Schrittes, mit frohen, freudigen Hoffnungen im Herzen, ging er ſeiner Wohnung zu— doch was ſind Plane, was ſind Entwürfe der Menſchen— ein Hauch des Windes, und ſie verwehen wie die Gebilde des Nebels, ſpurlos und nichts zurücklaſſend, als die leere Stelle der Luft oder die öde Leere des Herzens, welches ihnen ver⸗ traute! Welcher Sterbliche kann heute ſagen, was morgen ſein wird? Keiner! Und doch lebt der Menſch allein in der Zukunft und in der Hoffnung! Achtes Aapitel. Hinnnter! Rache trägt keine Frucht! Sich ſelbſt iſt ſie Die fürchterliche Nahrung; ihr Genuß Iſt Mord und ihre Sättigung das Grauſen. Schiller. Die Aufregung der Geheimräthin ſteigerte ſich immer mehr, als ihr Mann gerade heute ſo lange ausblieb. Sie wurde von einer ihr ſelbſt unerklärlichen Unruhe ergriffen und war eben im Begriffe, nach ihm zu ſchicken, als er endlich kam. Du biſt ja heute ungewöhnlich lange geblieben, Ernſt, ſagte ſie, gerade heute, wo ich dich ſehnlichſt erwartet habe. Du haſt mich ſehnlichſt erwartet, Marie? fragte er, in⸗ dem er ſie mit einem innigen und zugleich freudigen Blicke anſah; du glaubſt nicht, wie ſehr mich dies freut. Sie betrachtete ihn mit Erſtaunen, denn er kam ihr ſo verändert, ſo ungewöhnlich froh und erregt vor⸗ Deine Geſchäfte müſſen heute, wenn ſie auch lange gedauert haben, doch ſehr angenehmer Art geweſen ſein, „ bemerkte ſie, indem ſie ihn fragend anſah. Das waren ſie, Marie, ja, das waren ſie, ſagte er, ihre Hand nehmend. Das Geſchäft, welches ich heute, Gott ſei Dank, endlich abgemacht habe, ſetzte er mit einem tiefen Athemzuge hinzu, und das ich nicht ſo lange hätte verſchie⸗ ben ſollen— iſt glücklich beendet— wenigſtens zum größ⸗ ten Theile— was noch kommt, wird gewiß auch zum Glücke führen Glücke. Was iſt's, was haſt du, Ernſt? fragte ſie beſorgt, du ſprichſt in Räthſeln; haſt du deinen Abſchied eingereicht? Heute darf und kann ich dir nicht mehr ſagen. Mor⸗ gen ſollſt und wirſt du Alles erfahren. Du darfſt mir, deiner Frau, nicht mehr ſagen? zu meinem und noch mehr zu deinem Vertraue mir, liebe Marie, ſagte er mit dem alten Tone der Liebe, vertraue mir, und gedulde dich— ich habe es verſprochen— morgen, morgen wirſt du es erfahren. Sie ſah ihn längere Zeit forſchend an. Nun, es wird mir nichts übrig bleiben, ſagte ſie, da du es verſprochen haſt, und ich muß meine Neugierde bezähmen, aber ich habe dir eine wichtige Mittheilung zu machen, die ich nicht ſo lange hätte verſchieben ſollen, weil vielleicht die Freiheit oder ſelbſt das Leben eines Menſchen davon abhängt. Die Freiheit und das Leben eines Menſchen? fragte er verwundert; wie wäre das möglich? Wenn auch derjenige oder diejenige, welche es betrifft, meine Feindin, die Gräfin iſt— — 185— Die Gräfin? unterbrach er ſie mit dem Ausdrucke des Schreckens und der Beſtürzung; der Gräfin Leben oder Freiheit iſt in Gefahr? Wie dich das in Aufregung verſetzt! ſagte ſie wieder mit Bitterkeit; nun, mag es ſein— ich aber bin es mit ſelbſt, meiner Selbſtachtung ſchuldig, nicht zu ſchweigen. Rede, rede, Marie! rief er angſtvoll; gewiß biſt du es dir ſelbſt ſchuldig— mehr, weit mehr, als du es für möglich hältſt. Laß es gut ſein, ſagte ſie kalt, ich kenne meine Pflichten. So ſprich endlich! bat er dringend. Die Röthe wieder aufflammender leidenſchaftlicher Er⸗ regung überflog ihr Geſicht, und ihr Blick heftete ſich feſt und zornig auf ihren Mann, der ſie mit dem Ausdrucke der bangſten Beſorgniß anſah; aber ihre beſſere Natur trug den Sieg davon, und ſie erzählte ſo ausführlich wie mög⸗ lich den mit Ferdinänd gehabten Auftritt. Er hörte ihr mit ſich ſteigernder Aufregung zu, wurde aber wieder ruhiger, als er die Geldforderung des räthſel⸗ haften jungen Mannes erfuhr. Es ſcheint mir, ſagte er dann mit einem erleichterten Athemzuge, das Ganze iſt nichts als eine beabſichtigte Prellerei. Man hat deine Schwäche, deine— Unerfah⸗ renheit benutzen wollen, weiter nichts. Sei deßhalb ohne Sorgen, liebe Marie, derartige Drohungen werden faſt niemals ausgeführt. — 186— Ohne Sorgen? fragte ſie voll Hohn; was kümmert mich die Gräfin? Würde das Land, würde ich von ihr be— freit, ſo wäre es ein großes Glück für das Land und für mich! * Sprich nicht ſo, ſprich nicht ſo,— du darfſt nicht ſo reden— du verſündigſt dich! Ich verſündige mich? fragte ſie in neuer Aufregung, du ſollteſt dich ſchämen, ſo zu ſprechen— doch laſſen wir das, fuhr ſie ſich gewaltſam beherrſchend fort, ich habe ge⸗ than, was ich thun mußte. Du haſt Kenntniß von den Abſichten dieſes Menſchen, der ganz ſo ausſah, als ob er ſeine verwerflichen Plane auch zur Ausführung zu bringen wenigſtens verſuchen würde. Wann ſollte dies geſchehen? Er ſprach von einem ſehr nahe bevorſtehenden Zeit⸗ punkte— in der nächſten Zeit, ſagte er, ich könne verſichert ſein, daß mein Geld bald die reichlichſten Zinſen tragen würde— das waren ſeine Worte. Nun, ſagte der Geheimerath, nachdem er eine kurze Zeit nachdenkend geſchwiegen hatte, wir werden jedenfalls unſere Maßregeln treffen. Es iſt mir lieb, daß Friedrich den Burſchen geſehen hat, er ſoll ein vollſtändiges Signale⸗ ment auf der Polizei von ihm abgeben, und da wird es leicht ſein, ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen. Ich werde noch heute Nachmittag das Nöthige veranlaſſen. Aber nun komm', meine gute Marie, fuhr er in ungewöhnlicher — 187— Bewegung fort, laß uns zu Tiſche gehen, denn es iſt recht ſpät geworden. Du glaubſt nicht, wie heiter und freudig meine Stimmung iſt— morgen wird die deinige eben ſo, vielleicht noch viel freudiger ſein, und du auch wieder ganz ohne Groll meiner gedenken, ſetzte er lächelnd hinzu. Und heute darfſt du mir nichts weiter ſagen? Heute nicht, Marie. Es iſt eine ſchwierige Aufgabe, Nettchens Seelen⸗ zuſtand zu ſchildern, nachdem der Geheimerath ſie verlaſſen hatte. Die verſchiedenartigſten und widerſtrebendſten Em⸗ pfindungen wogten in ihr auf und ab. Der Mann, den ſie ſo lange Vater genannt, der ſie erzogen und gepflegt, war ihr jetzt mit Einem Male ein Fremder geworden, der ſie um einer Summe Geldes willen zu ſich genommen hatte. Wenn ſie ihn auch niemals mit der Liebe einer Tochter ge— liebt hatte— Zeit und Gewohnheit hatten doch ein inniges Band um ſie geſchlungen. Ihr wirklicher Vater war längſt todt, und man hatte ſich über ſeinen Tod gefreut, weil er ein leichtſinniger, laſterhafter Mann geweſen— er küm⸗ merte auch ſie nicht, auch jetzt nicht— ſie wußte nicht ein⸗ mal ſeinen Namen. Sie wußte nur, daß er ihre Mutter verführt und dann ſchmählich verlaſſen habe— ihre Mut⸗ ter! Welcher Zauber lag in dieſem Einen Worte! Sie hatte ihn nie gekannt, nie empfunden, und jetzt, da er mit Einem Male ſie ergriff, mit der ganzen, die verlorene Ver⸗ gangenheit zuſammenfaſſenden Gewalt— jetzt ſollte die — 188— Liebe des Kindes plötzlich an die Stelle eines bis dahin abſichtlich genährten Haſſes treten! Wird die ſtolze Frau mich anerkennen, mich lieben? Wird nicht dasjenige, was ihr an mir verwerflich ſcheint, was ſie an mir haßt, fort⸗ wirken, weil es fortbeſtehen muß? Wird ſie in der Tochter die Frau des Fürſten zur linken Hand, die eingebildete Urſache aller Kämpfe und Wehen dieſes Landes vergeſſen? Wird nicht doch dieſer Mißton fortklingen, immer fort, und die künſtlich geſchaffene Harmonie der Herzen wieder zer⸗ ſtören? Werde ich dieſe Mutter, die mich nie gekannt, die ich nie gekannt, wirklich lieben— wird ſie mich lieben? Nur, weil es jetzt mit Einem Male feſtſteht, daß ich das Kind ihrer Schmerzen, das unglückliche, wieder aus dem Grabe erſtandene Kind eines ihr verhaßten Mannes bin? Werden nicht alle Kämpfe und Leiden jener für ſie ſo trau⸗ rigen Zeit auch wieder bei ihr lebendig werden und ſie die Urſache derſelben mit Widerwillen betrachten laſſen? Es wäre doch vielleicht am beſten geweſen, der Geheime⸗ rath hätte die Kraft beſeſſen, zu ſchweigen, vielleicht am beſten für ſie und für mich. Nein, nein, rief ſie dann laut, in leidenſchaftlicher Aufregung ſich ſelbſt vergeſſend, ich werde ja eine Mutter haben— eine Mutter! Und ſie wird mich lieben, ja, lieben mit der Liebe einer Mutter, und ich— ich werde ihre glückliche und ſie liebende Tochter ſein— Dieſe und ähnliche Betrachtungen wurden unterbrochen — 189— * durch Leſſen's Anmeldung. Mit gewohnter Freundlichkeit, mit dem gewohnten halb ſpöttiſchen, halb verbindlichen Lächeln trat er ein, ergriff der Gräfin Hand und küßte ſie mehrmals. Ich komme heute auf Befehl Sr. Hoheit, ſagte er dann, obwohl dieſer Befehl nur den Wünſchen meines Her⸗ zens ein unverhofftes Glück bereitet. Was bringen Sie mir? fragte ſie ſichtlich zerſtreut. Was ich bringe? Zuerſt mich ſelbſt; es iſt dies zwar nicht viel, ſondern äußerſt wenig, nichts, gar nichts, wenn es in Ihren Augen keinen Werth hat. Laſſen Sie das, Excellenz, ſagte ſie ernſt; ich bin heute nicht aufgelegt zum Scherz. Zum Scherz? fragte er betroffen, und Ercellenz? Was iſt mit Ihnen vorgegangen? Wollen Sie mir endlich ſagen, was Sie mir mittheilen müſſen? Ich habe Eile. Eile? fragte er wieder, indem er ſie lauernd anſah; ich wußte nicht, daß Sie keine Zeit mehr für Ihre beſten und treueſten Freunde übrig haben— entſchuldigen Sie, Er⸗ laucht, ſetzte er mit einem leiſen Anfluge von Spott hinzu, daß ich das einen Augenblick vergeſſen konnte. Seien Sie mir nicht böſe, lieber Freund, ſagte ſie mit verändertem, wenn auch ſichtlich gezwungenem, freundlichem Tone, Sie müſſen Nachſicht haben— ich bin krank. Krank? O, weßhalb ſagten Sie mir das nicht gleich — 190— — Sie ſehen wirklich blaß und angegriffen aus, liebe Freundin, fuhr er theilnehmend fort, indem er ihre Hand ergriff, die ſie ihm mit unverkennbarem Widerſtreben ließ; kann ich Ihnen nicht helfen, Ihnen keine Linderung ver⸗ ſchaffen? Sie würden mich unendlich glücklich dadurch machen. Nein, nein, erwiederte ſie haſtig, indem ſie ihm ihre Hand entzog und damit ihre Stirn preßte, ich leide an Migräne— da hilft allein Ruhe— und die Einſamkeit. Es thut mir wirklich leid, Sie darin geſtört zu haben — aber ich komme, wie geſagt, auf ausdrücklichen Befehl Sr. Hoheit, Ihres Herrn Gemahls. Hier iſt ein Brief, der in die an mich ergangene Depeſche eingeſchloſſen war. Nettchen nahm ſchweigend den Brief, las ihn flüchtig durch und warf ihn dann neben ſich auf das Sopha. Ich ſoll heute Nachmittag hinauskommen, ſagte ſie dann nachläſſig; es wird nicht angehen— ich bin wirk⸗ lich krank. Se. Hoheit ſchreibt mir, es handele ſich um eine wich⸗ tige Angelegenheit, über welche er mit Ihnen und mit mir conferiren wolle. Ach, was kümmern mich Ihre Staatsgeſchäfte, ch bin froh, nichts davon zu hören! Ich bin davon überzeugt; aber Sie wiſſen auch, wie Ihr Herr Gemahl darüber denkt, und kennen ſein— nun, ſeine Lebhaftigkeit, wenn ſeinen Erwartungen nicht ent⸗ — — — 191— ſprochen wird; Sie dürfen ſchon Ihres Freundes wegen dieſe kurze Fahrt nicht ſcheuen. Nun denn, ſagte ſie, nachdem ſie wieder eine Zeit lang ſchweigend und ſinnend da geſeſſen, ſo werde ich fahren. Hoffentlich wird die wichtige Conferenz nicht lange dauern, denn ich muß jedenfalls heute wieder zurück.. Der kurze Weg iſt bald zurückgelegt. Alſo auf Wiederſehen, ſagte ſie, ihm mit zerſtreuter Freundlichkeit zunickend, auf Wiederſehen in Monrepos. Sie fängt bereits an, ſehr launiſch und eigenſinnig zu werden, ſprach er leiſe vor ſich hin, und ich muß mir Manches von ihr gefallen laſſen, indeſſen— ſie kann auch wieder ſehr liebenswürdig ſein, ſetzte er mit ſeinem chniſchen Lächeln hinzu— ſehr liebenswürdig, und vor Allem habe ich ſie nöthig, um dieſen eigenſinnigen und jähzornigen Fürſten im Zügel zu behalten. Gegen drei Uhr Nachmittags fuhr eine offene fürſtliche zweiſpännige Equipage, in welcher ſich die Gräfin befand, die Straße hinauf, welche nach dem ungefähr zwei Meilen entfernten Jagdſchloſſe Monrepos führte, wo der Fürſt jetzt zur Jagdzeit verweilte. Leſſen war bereits vor einer Stunde dahin abgefahren. Es war ein ſonniger, warmer Octobertag, keine Wolke am Himmel, einer von jenen Tagen, die wie Grüße des geſchiedenen Sommers ver— glühen und unſer Herz mit Sehnſucht und Wehmuth er⸗ füllen. Wir kehren zu Ferdinand zurück. In der größten Auf⸗ regung hatte er das Haus des Geheimenrathes verlaſſen, Wuth, Rache, Haß, Liebe, alle Dämonen ſeines wilden Herzens waren entfeſſelt und kämpften darin um die Herr⸗ ſchaft. Wußte er doch ſelbſt nicht, ob der Haß oder die Liebe ſein Blut ſo raſend durch ſeine Adern jage— ſein Verſtand war verwirrt, die Klarheit ſeines Denkens gefeſ⸗ ſelt, aber die Leidenſchaften ſeiner wilden Natur flammten auf in ungehinderter, ſturmumwogter Freiheit. Wie nahe bei einander wohnen Liebe und Haß im Her⸗ zen des Menſchen, wie dicht zuſammen überhaupt alle Lei⸗ denſchaften, die es bewegen! Sie liegen darin feſt ver⸗ ſchloſſen in einem engen, ſicheren Schrein, den zu öffnen allein der Verſtand und die Vernunft befähigt ſind. Wohl dem Menſchen, wenn dieſe ihr Wächteramt treu und feſt verwalten! Aber es kommen die ſchmeichelnden Sinne mit tauſend verlockenden Reizen, mit leiſe flüſternden, begehr— lichen, verführeriſchen Stimmen, mit ſtürmiſchen, hochgehen⸗ den, berauſchenden Blutwellen— und die Wächter laſſen ſich bethören, den Schrein zu öffnen, nur ein wenig, nur Eine ſeiner Bewohnerinnen ſoll eine kurze Freiheit genießen — aber wild und unaufhaltſam ſtürmen ſie ſogleich Alle heraus— die Wächter ſtehen rath- und machtlos, nun ſelbſt unterthänig und geknechtet von ihren bisherigen, ſo ſchlecht bewachten Gefangenen. 3 Das iſt das ſtete, ſich immer wiederholende Spiel im menſchlichen Herzen, und es gibt keines, in welchem es ſich nicht wiederholt hätte. Die Bewohnerinnen jenes Schrei⸗ nes ſind jedoch verſchieden und in dem Einen weniger be⸗ gehrlich, weniger machtvoll, als in dem Anderen, der Kampf mit ihren Wächtern iſt ein ungleicher, manche laſſen ſich zähmen und beruhigen, manche dagegen bleiben wild und unbändig und die ſtets unbeſchränkten Beherrſcherinnen des ihnen unterthänigen Sterblichen. Bei Ferdinand waren es unzähmbare und unheimliche Nachtvögel, die mit ihren dunklen Flügeln ihn vampyrartig umflatterten, ihn mit ſcharfen Krallen erfaßten und ſich von ſeinem Hetzblute nährten. Er wußte ſelbſt nicht, ob er ſie haſſe oder ob er ſie liebe, er liebte und haßte ſie zugleich, — aber verderben wollte, verderben mußte er ſie, weil ſie einem Anderen angehörte— nicht ſein, nicht allein ſein eigen war! So flüſterten, ſo riefen die dunklen, wilden Mächte in ihm, und er hatte längſt die Gewalt verloren, ihnen zu widerſtehen. Unſchlüſſig, was er thun und was er nicht thun ſolle, war er fort gegangen und in ein kleines Wirthshaus ge⸗ treten, außerhalb der Barrière der Stadt, wo er ſeine Ver⸗ bündeten erwarten und das Weitere mit ihnen verabreden wollte. Er ſaß dort, ſich ſeinen quälenden Gedanken hin⸗ gebend, Plane erdenkend und wieder verwerfend, Plane, welche alle das Ziel hatten, ſie zu verderben, die er jedoch immer wieder, ihrer Unausführbarkeit wegen, verwerfen Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 13 — 1 mußte. Da fuhr im raſchen Trabe der Wagen des all⸗ mächtigen Miniſters vorüber.„ Mit haßerfüllten Mienen blickte er ihm nach. Ha, dieſer Schuft, dieſer Lump, murmelte er vor ſich; welch' ein erbärmliches Volk, das ſich von einem ſolchen Menſchen knechten läßt! Nach einer halben Stunde kam der offene Wagen der Gräfin, ſie ſaß darin, nicht wie ſonſt heiter und lächelnd— ſie ſchien ungewöhnlich ernſt. Ihre Augen blickten nicht auf, ſondern ruhten niedergeſchlagen auf dem Boden des Wagens. Raſch fuhr er empor, ſtürzte vor die Thür und blickte ihr nach. Wo mag ſie hinfahren, ſo ganz allein? ſprach er dann leiſe vor ſich hin— wenn ich das gewußt hätte!— Viel⸗ leicht kehrt ſie noch heute zurück? Das ließe ſich ja er⸗ mitteln!—— Eiligen Schrittes ging er in die Stadt, gerade dem Schloſſe zu. Dort fragte er nach der Gräfin, er habe eine eilige, wichtige Nachricht für ſie. Man würdigte ihn kaum einer Antwort, was ſeine Erbitterung und die Dringlich⸗ keit ſeiner Fragen vermehrte. Die Gräfin ſei nach Monrepos gefahren, werde aber jedenfalls heute noch zurückkehren, ſagte man ihm endlich. Höhniſch lachend verließ er das Schloß wieder und wanderte langſamen Schrittes auf der nach Monrepos führenden Straße fort. Eine beſondere Abſicht hatte er nicht, aber ein finſterer Geiſt flüſterte ihm zu, er könne heute vielleicht ſeinen Plan ausführen, Rache an ihr nehmen, an. ihr, die ſein Leben vergiftet— und er ging weiter. Die Straße zog ſich bald ſteil bergan, an der Seite einer tiefen, felſigen Schlucht hin, auf deren Grunde ein Bach eilig, hier und da kleine Fälle bildend, zwiſchen ſchmalen Wieſen und Felſen dahinſchoß. Je weiter er ging, deſto ſteiler und tiefer wurde der Abhang an der einen Seite der Straße, und noch lange vorher, che dieſe die Höhe des Berges erreichte, konnte man von oben über das ſchützende Geländer mehre Hundert Fuß tief über faſt ſenk⸗ rechte, zackige, hier und da mit Buſchwerk bewachſene Fel⸗ ſen in das Thal hinunter ſehen. Er gelangte an eine etwas breitere Stelle der Straße, wo die zum Theil abge⸗ ſprengten Felſen an der Bergſeite mehr zurücktraten und auch drüben an der Seite des Abgrundes ein größerer Raum durch das Hinunterſchütten des abgeſprengten Gerölles entſtanden war. Hier ſtand in einer Felſen⸗Niſche eine Bank, die man zum Ausruhen der Wandernden vorſorglich errichtet hatte, und gegenüber, wo man das Gerölle hin⸗ abgeſtürzt, war das Geländer auf eine kurze Strecke, wahr⸗ ſcheinlich zu jenem Zwecke, fortgenommen. Langſamen Schrittes und geſenkten Hauptes gelangte er zu jener Stelle und ſetzte ſich auf die Bank. Dort ſaß er lange Zeit bewegungslos, in tiefem Sinnen verloren, 13* — nur das Wogen ſeiner Bruſt und die plötzlich aufflackernde und eben ſo ſchnell wieder verſchwindende Röthe auf ſeinen bleichen, eingefallenen Wangen verriethen den Kampf in ſeinem Innern. Die Straße war ganz leer. Sie führte nur nach Monrepos und hatte, obgleich mit großen Koſten gebaut, keinen anderen Zweck, als für den Fürſten eine leichte und angenehme Verbindung nach dieſem ſeinem Lieb⸗ lings⸗Aufenthalte zur Jagdzeit herzuſtellen. Als er nach längerer Zeit ſein Auge, das feſt an dem Boden gewurzelt hatte, aufſchlug, fiel es zufällig auf das gegenüber fehlende Geländer. Nit immer leidenſchaftlicherem Ausdrucke ſtierte er dar⸗ auf hin, ſeine Hände ballten ſich zuſammen und mit einem wilden Schrei ſprang er auf. Raſch ſchritt er über die Straße fort und betrat den kleinen Raum, welcher ſich am Rande des Abgrundes, von einigen Felszacken unterſtützt, durch das hinunter geſchüttete Gerölle gebildet hatte. Dann fnieete er nieder, lehnte ſich über den Rand des Felſens und blickte in die Tiefe hinab. Tief— tief— ſprach er dann hohnlächelnd vor ſich hin, indem ſein Auge an der faſt ſenkrechten Felswand bis auf die kleine, ſchmale Wieſe unten hinabglitt; ein tiefer, wunderbar ſchöner Abgrund— ſo tief und ſchön, wie ihr Herz— und eben ſo verlockend, ſich hinab zu ſtürzen, um zu ſterben und zu verderben! Er erhob ſich, blickte eine Zeitlang ſinnend umher und ſetzte ſich dann wieder auf die Bank. Die Straße, welche ſich an der ſteilen Bergwand hinauf zog, machte oben eine Biegung, ſo daß man von der Bank aus ein längeres Stück derſelben überſehen konnte. Es kamen jetzt mehre mit Holz beladene Frauen den Weg hinab, welches ſie oben im Walde geſucht hatten. An Ferdinand vorübergehend, boten ſie ihm, der Sitte des Landvolkes gemäß, einen„guten Abend“. Es iſt ein mühſam Geſchäft, was Ihr da treibt; habt Ihr das Holz weit her geholt? Ziemlich weit, erwiederte eines der Weiber, indem ſie ihre ſchwere Bürde gegen die Felswand lehnte, wir dürfen nur droben im Sternwalde Holz ſammeln. Wie viel iſt eine ſolche Bürde Holz werth? Vielleicht vier Groſchen, ſagte die Frau mißtrauiſch, aber wir verkaufen das Holz nicht, wir dürfen es nur zu unſerem Bedarf leſen. Aber wenn man es Euch gut bezahlt, fragte er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, dann würdet Ihr mir ſo eine oder zwei Bürden verkaufen, nicht wahr? Wir dürfen nicht, Herr. Ach, ich bin weder ein Förſter, noch ein Angeber, ſagte er heftig; ſeht mich an, ſehe ich ſo aus? Ich will die Nacht hier oben zubringen, und da es kühl werden wird, mir ein Feuer anmachen, dazu brauche ich Holz. Hier iſt ein Thaler — laßt zwei Bündel ſtehen— mehr bedarf ich nicht. — 198— Ein Thaler? fragte erfreut die arme Frau, indem ſie den Fremden verwundert anſah; nun, wenn Ihr uns nicht anzeigen wollt, und das werdet Ihr nicht thun, ſetzte ſie, den Thaler nehmend, hinzu; ſind Euch dieſe beiden Bürden genehm? Ja, ſagte er barſch und heftig, und nun geht, macht, daß Ihr fort kommt! Euer Schwatzen iſt mir zuwider! Die Weiber ſahen den ſonderbaren jungen Mann ein⸗ geſchüchtert an, luden ihre Holzbündel wieder auf, bis auf zwei, welche ſie zurück ließen, und beeilten ſich, der Weiſung Folge zu leiſten, jedoch nicht ohne vorher nochmals einen freundlichen„guten Abend“ gewünſcht zu haben. Sie waren bald um den nächſten Vorſprung der Straße verſchwunden. Er hatte ihnen mit geſpannter Erwartung nchgeblict — jetzt ſprang er auf und beſchäftigte ſich damit, die beiden Holzbündel über einander zu vereinen. Er ſchob die Stan⸗ gen des einen in das andere und wurde bald mit ſeiner Arbeit fertig; dann ſtellte er das dadurch ungefähr zehn Fuß lang gewordene Holzbündel aufrecht gegen die Fels⸗ wand, genau etwas unterhalb der Stelle, wo drüben das Geländer fehlte. An eine der längſten Stangen, welche er vorher herausgezogen, band er ſein rothes Taſchentuch wie eine Fahne feſt, und ſetzte ſich, als er dieſe ſonderbaten und unheimlichen Vorrichtungen vollendet hatte, wieder auf die Bank. — Ungeachtet der Eile und der Anſtrengung, mit welcher er gearbeitet hatte, war er doch noch bläſſer geworden, aber ſeine dunklen Augen glühten in einem ſchreckhaften dämo⸗ niſchen Feuer, als ſie jetzt unverwandt nach der oberhalb ſichtbaren Windung der Straße hinauf ſtierten. Die Sonne war inzwiſchen tiefer hinab geſunken und neigte ſich zum Untergange. Der obere Theil der gegen⸗ über liegenden Felswände erglühte im röthlichen Lichte ihrer Strahlen, während die demſelben abgewandten Flächen, ſo wie der untere Theil in dunklem, geſättigtem Schatten lagen. Die Wälder, welche den Rand der tief eingeſchnit⸗ tenen Thalſchlucht umſäumten, prangten in dem reichen und grell wechſelnden Farbenſchmuck des Herbſtes und ſchie⸗ nen, von der ſcheidenden Sonne geküßt, ſehnſüchtig des dahin geſchwundenen Frühlings zu gedenken. Aus der Tiefe ſtiegen hier und da feine, bläuliche, dunſtförmige Nebelfäden an den Felswänden empor, und über dieſem allem lag der wolkenloſe, klare Abendhimmel mit ſeiner ganzen Farbenpracht, vom glühendſten Roth ſich bis in ein mattes, graues, kaltes Blau im Oſten verlierend. Kein Lüftchen regte ſich, kein Laut unterbrach die tiefe, feierliche Stille. Hoch oben über dem Thale ſchwebte ein Falke mit ausgebreiteten, unbeweglichen Flügeln. Er ſaß ſchweigend, aber mit heftig klopfenden Pulſen auf der Bank. Seine Augen ſtierten unverwandt hinauf nach der Biegung der Straße. — 200— Sollte ſie nicht kommen? ſprach er mit einem tiefen Athemzuge vor ſich hin, und es war faſt, als ob er in die⸗ ſem Augenblicke wünſche, ſie käme nicht. Da ſchlug ein fernes Geräuſch an ſein Ohr und er lauſchte fieberhaft mit vorgebeugtem Körper. Jetzt wurde ein Wagen oben ſicht⸗ bar, der im raſchen Trabe die Straße hinab fuhr. Raſch ſprang er auf und ſtellte ſich dicht an die Fels⸗ wand. Seine eine Hand erfaßte das aufrecht ſtehende Holzbündel, die andere die Stange mit der Fahne. Ha, er ſitzt bei ihr, dicht an ihrer Seite, knirſchte er, dieſer Schuft— dieſer neue Buhle— um ſo beſſer! Der Wagen war jetzt bis dicht in ſeine Nähe gekom⸗ men, die von dem Kutſcher ſtraff im Zügel gehaltenen Pferde befanden ſich einen Schritt vor der Stelle, wo an der Thalſeite der Straße das Geländer unterbrochen war. Mit einem lauten Schrei ſprang er hervor, warf das Holzbündel quer über den Weg und ſchwenkte die rothe Fahne. Die erſchreckten, ſcheuenden Pferde machten einen wilden Satz zur Seite, gerade in die Oeffnung hinein— am Rande des Abgrundes wollten ſie wenden— aber der Raum fehlte, der Wagen drängte nach, ſie verloren den Boden— und Pferde und Wagen ſtürzten unaufhaltſam in die faſt ſenkrechte Tiefe hinab. Ein donnerndes, ſchwächer werdendes Krachen und Poltern— ein lang gezogener weiblicher Schrei— das alles ſchauervoll nach kurzer Zeit von dem Echo drüben — ſpottend wiederholt— dann wurde es wieder ſtill und laut⸗ los, wie zuvor.—— Zitternd, mit lauſchendem Ohre und ſtarrendem Auge ſtand er mitten im Wege, die Stange mit dem Tuche ent⸗ fiel ſeiner Hand— die ſchauerliche, gräßliche That war vollbracht— er blickte ſcheu um ſich— es war Alles wie vorher— nur die Schatten waren an den Felſen höher hinauf gezogen, und der Raubvogel droben in der Luft ſtieß einen leiſen, ſchrillenden Schrei aus. Bebenden Schrittes trat er dem Abgrunde näher. Er wollte hinab blicken, aber er vermochte es nicht, ſeine Kniee zitterten, ſein Auge unflorte ſich. Er raffte ſich gewaltſam zuſammen und kroch bis an den äußerſten Rand des Fel⸗ ſens. Seine Augen ſtierten jetzt in die Tiefe hinab. Er ſah unten auf dem ſchmalen Wieſenſtreifen am Bache Ge⸗ genſtände liegen, helle und dunkle, wirr durcheinander, aber er konnte nicht erkennen, was es war. Noch weiter beugte er ſich vor, noch feſter bohrten ſich ſeine Augen in die Tiefe. Der Luftzug trug das Rauſchen des Baches wie ein leiſes Wimmern zu ihm herauf— er trallte ſich feſt an den Felſen und lauſchte. Sie ſpricht zu mir, murmelte er dann, ſie ſpricht zu mir! Ha, und nun ſehe ich ſie auch, redete er weiter, indem ſeine Sinne ſi ſich verwirrten, ſie ruht unten auf dem Raſ⸗ — dort ruht ſie mit ihren ſchönen, weichen, ſchwe Gliedern— und ich bin fern— kann nicht zu ihr wo ſie nach mir verlangt—— ha, ſie ruft mich und will mich verlocken, wie ſonſt—— komm, Ferdinand— du Theurer, Geliebter— du ſüßer Ferdinand, warum kommſt du nicht?— Läßt du mich vergebens warten— wenn meine Arme dich umfangen wollen? Liebſt du mich denn nicht mehr? Der Wahnſinn ſchien ihn zu erfaſſen. Ach, ſie ruft mich, ſie ruft mich— ganz ſo wie damals in der Laube im Garten ihres Vaters!—— Er ſprang auf und ſtand dicht am äußerſten Rande des Felſens. Ob ich dich noch liebe, rief er mit dem Ausdrucke des Entzuckens, ob ich dich noch liebe, du mein ſüßes, herziges Nettchen? Konnteſt du je daran zweifeln? Er breitete die Arme aus, und— wie der Schwimmer ſich vom Schwungbrette kopfüber in die Wogen ſtürzt, ſo ſchnellte er ſich hinab von dem Rande des Felſens. Noch einmal rief das Geräuſch von dem Fallen ſeines zerſchmetterten Körpers das ſchlummernde Echo an dem gegenüber liegenden Felſen wach, dann wurde es wieder ſtill, einſam und lautlos, wie vorher. Die Sonne war untergegangen— der Glanz der Farben verſchwunden, die Felſen und der Wald drüben lagen ealten, einförmigen Grau, der Nebel zog geſpenſterhaft Schlucht herauf und bedeckte ſie wie mit einem kalten Leichentuche. Der Falke oben in der Luft ſchwebte ſeinem Horſte zu— und dann kam die Nacht und legte ihren dunklen Mantel über die Erde und auch über dieſes Thal, ſo wie über viele Tauſend andere Gräber der Menſchen. Auntes Vgitrl. Eine Beileids-Viſite. Wird kein Auge feuchten ſich? Wird kein Buſen bänger ſchlagen, Wenn ſie mich zu Grabe tragen 2 Lenau. Maria: Laßt mich Raſet Ihr? Mortimer: Erzittern ſollſt du auch vor mir. Schitler. Der ſo plötzlich und auf eine ſo verhängnißvolle und räthſelhafte Weiſe erfolgte Tod der Gräfin und des verhaß⸗ ten Miniſters erregte nicht nur in dem Kleinſtaate Albern⸗ hauſen, ſondern auch weit über deſſen Grenzen hinaus das größte Aufſehen. In Albernhauſen ſelbſt war dieſes Er⸗ eigniß natürlich für längere Zeit faſt der ausſchließliche Ge⸗ genſtand des Geſpräches. Man hatte an jenem Abend im Schloſſe bis ſpät in die Nacht hinein auf die Gräfin ge⸗ wartet, und als ſie nicht kam, angenommen, daß ſie, wie dies öfter geſchah, in Monrepos geblieben ſei. Auch am Morgen des folgenden Tages gab man ſich noch dieſer An⸗ nahme hin, bis die Kunde: der Wagen, die Pferde, der — 205— Kutſcher, die Gräfin, der Miniſter und noch eine andere, unbekannte Perſon— Alles liege unten in der Thal⸗ ſchlucht, zerſchmettert und todt, wie ein Lauffeuer durch die Stadt flog. Schaaren Neugieriger ſtrömten hinaus und umſtanden die ſchauerliche Grabſtätte, bis endlich die Fortſchaffung der Verunglückten bewirkt wurde. Je näher der Zug der Stadt kam, um ſo größer wurde die Menſchenmenge; aber die Geſichter der meiſten dieſer Menſchen zeigten nicht Schmerz oder Trauer, ſondern eine, wenn auch durch das Tragiſche des Ereigniſſes zurückgehaltene Freude. Die armen Pferde! Der arme Kutſcher! Er hinterläßt Frau und Kinder!— ſolche und ähnliche Ausrufungen wurden laut, aber für die Gräfin, und noch weniger für Leſſen hatte man kein Wort des Bedauerns oder des Mit⸗ gefühls. Die Leiche der Gräfin war ſo eben in das Schloß ge⸗ bracht worden und man beſchäftigte ſich damit, die blutigen Spuren des fürchterlichen Sturzes davon zu entfernen, wo⸗ durch ſie faſt unkenntlich geworden war, als der Fürſt auf ſchaumbedecktem Pferde heranſprengte. Bleich und verſtört eilte er hinauf in das Zimmer, wohin man die Leiche ge⸗ bracht hatte; als er ſie jedoch in dieſem Zuſtande ſah, ſtieß er einen Schrei aus und entfernte ſich wieder, von inner⸗ lichem Grauen erfaßt. Erſt nachdem ſie auf dem Paradebette lag, ging er wieder zu ihr, aber er verweilte auch jetzt nur eine kurze Zeit— er wolle ſich ihr Bild in der Erinnerung nicht zer⸗ ſtören, ſagte er, um dieſe Handlungsweiſe zu beſchönigen. Am dritten Morgen nach jenem verhängnißvollen Abende läuteten ſämmtliche Glocken der Reſidenz und zwei Leichenzüge bewegten ſich in kurzen Zwiſchenräumen durch die dicht mit Menſchen gefüllten Straßen. Der eine ging nach dem fürſtlichen Erbbegräbniſſe, und der Hauptleid⸗ tragende war der Fürſt, der andere zog zwei Stunden ſpäter nach dem Kirchhofe, ebenfalls gefolgt von ſämmtlichen Be⸗ hörden und der fürſtlichen, jedoch leeren Equipage, dicht hinter dem Leichenwagen aber fuhr die verwitwete Mini⸗ ſterin Cäcilie Leſſen. Noch ehe die Todten zur Erde beſtattet waren, hatte man die Unterſuchung über die Entſtehung des erſchüttern⸗ den Unglückes mit allen der Polizei zu Gebote ſtehenden Nitteln begonnen. Die Verunglückten waren ſämmt⸗ lich todt, von ihnen daher Aufklärungen nicht zu geben, Niemand war bei dem Vorfalle zugegen geweſen, von dem man die näheren Umſtände hätte erfahren können. Daß der Wagen von oben an der Stelle der Straße, wo auf eine kurze Strecke das Geländer unterbrochen war, herabgeſtürzt ſei, unterlag keinem Zweifel; es blieb jedoch unerklärlich, wie die ſonſt ruhigen Pferde, welche oft den Weg nach Monrepos gemacht, gerade an dieſer Stelle, ungeachtet der ſicheren Leitung eines alten, bewährten Kutſchers, außer⸗ — halb des Geländers kommen und ſo hatten herunterſtürzen können. Nicht minder räthſelhaft und unerklärlich war die Leiche eines völlig fremden und unbekannten Menſchen, der natürlich mit dem Wagen zugleich hinuntergeſtürzt ſein mußte. Man gelangte zuletzt zu dem Reſultate, daß die Pferde durch irgend eine Veranlaſſung beim bergab Fahren durch⸗ gegangen ſeien, daß der zufällig auf der Straße befindliche junge Mann den Verſuch gemacht habe, ſie zum Stehen zu bringen, von ihnen aber mit durch die leider und unver⸗ antwortlicher Weiſe in dem Geländer vorhandene Oeffnung geriſſen worden und ſo Alle verunglückt ſeien. Der ganze Zorn des Fürſten entlud ſich daher auf den unglücklichen Wegebaumeiſter, durch deſſen unverantwort⸗ liche Nachläſſigkeit das Geländer an einer ſo gefährlichen Stelle gefehlt habe. Er wurde ſofort ſeines Amtes ent⸗ laſſen und außerdem wegen fahrläſſiger Tödtung von vier Menſchen zur Criminal⸗Unterſuchung gezogen. Im Volke ſelbſt verbreiteten ſich jedoch ſehr bald ganz andere und von jenen Annahmen abweichende Gerüchte. Das eigenthüm⸗ lich zuſammen gebundene, quer über die Straße gelegene Holzbündel, die Stange mit dem rothen Tuche, das Ge⸗ ſpräch des jungen Mannes mit den Holzweibern, dies und noch vieles andere dazu Erfundene riefen die Ueberzeugung hervor, es ſei hier ein wohlerſonnener Mordanſchlag zur Ausführung gekommen, wobei jedoch der Mörder ſelbſt, 1 ſ der aller Wahrſcheinlichkeit nach den Pferden in die Zügel gefallen ſei, mit umgekommen wäre. Obgleich dieſe Gerüchte den Behörden nicht unbekannt blieben, weil ſie allgemein geglaubt und erzählt wurden, und ſo auch zu den Ohren des Fürſten gelangten, und ob⸗ gleich man zuletzt ſelbſt an der Richtigkeit derſelben nicht mehr zweifelte, ſo bot man doch Alles auf, um ſie zu unter⸗ vrücken und ſelbſt zu widerlegen, weil dadurch die inneren zerrütteten Zuſtände des Landes noch mehr bloßgelegt wor⸗ den wären. Der Grimm und der Haß des Fürſten gegen die Umſturz⸗Partei aber, wie er die Oppoſition nannte, ſteigerte ſich dadurch zu einer Reizbarkeit und Höhe, welche ihn zu noch gewaltſameren Maßregeln trieben, als bisher bereits angeordnet waren. Seine Stimmung wurde eine immer heftigere und un⸗ leidlichere, durch welche ſeine nächſte Umgebung viel aus⸗ zuſtehen hatte. Nettchen fehlte ihm überall; denn obgleich ihr gegenſeitiges Verhältniß in der letzten Zeit Manches an Innigkeit verloren hatte und er Tage, ſelbſt Wochen fern von ihr ſein konnte, ſo war ihr Verluſt, ihr Nichtmehr⸗ vorhandenſein jetzt für ihn doch ein ſchweres Unglück. Die Gewohnheit hatte das Band der Leidenſchaft feſter geknüpft — alle ihre Fehler traten in den Hintergrund, und die Stunden, welche er im Glücke und im Rauſche mit ihr ver⸗ lebt hatte, und alles, was ſchön und begehrungswerth an — 209— ihr geweſen war, ſtrahlte nun heller und klarer, von der Erinnerung Goldſchein umfloſſen. Wenn er fertig war mit den Regierungsgeſchäften, die. täglich ſeinen Zorn und ſeinen Grimm von Neuem anfach⸗ ten, wenn die Miniſter und Supplicanten ihn endlich ver⸗ laſſen hatten und er nun ausruhen wollte in heiteren Ge⸗ ſprächen, dann fehlte ihre freundliche, helle Stimme, ihr frohes Lachen, ihr Scherz und ihr Muthwille— und wenn der Tag ſich neigte und die Dämmerung kam, jene Stunde, in welcher er ſo oft mit ihr zuſammen geſeſſen, plaudernd und koſend— ach, dann hob ſich ſeine Bruſt ſehnſuchts⸗ und wehmuthsvoll, und er mußte fort, hinaus, unter Men⸗ ſchen, weil er die Einſamkeit nicht ertragen konnte. Er wurde immer unleidlicher nicht nur für ſeine Umgebung, ſondern für Alle, und man fing allmählich im Volke an, zu empfinden, daß der Einfluß, welchen die ſo unglücklich umgekommene Gräfin ausgeübt, doch kein ſo ſehr nachthei⸗ liger geweſen ſein könne. Es mochten ungefähr vierzehn Tage nach dem Begräb⸗ niſſe der Gräfin vergangen ſein, als der Fürſt, deſſen Un⸗ ruhe ſich gegen Abend immer ſteigerte, plötzlich auf den Gedanken kam, der Witwe ſeines verſtorbenen Miniſters einen Beſuch zu machen. Ich hätte das längſt thun ſollen, ſprach er vor ſich hin, indem er heftig nach Mantel, Degen und Mütze verlangte, ich hätte das längſt thun ſollen— ſie iſt ja eine Jugend⸗ Guſtav vom See. Wogen des Lebens. III. 14 freundin von ihr, ſie hat ſie gekannt und geliebt, und ich werde ungehindert und frei von ihr reden können. Cäcilie hatte ſeit dem Begräbniſſe ihres Mannes das Haus nicht mehr verlaſſen. Sie war ernſt und ſchweigend und hatte die tiefſte Trauer auch in der Kleidung gegen alle die vielen Beileids⸗Beſuche zur Schau getragen, welche ihr zu Theil geworden waren. An demſelben Tage, als man die Leiche ihres Mannes ihr in das Haus gebracht, hatte ſie noch unter dem Ein⸗ drucke des Entſetzens an ihre Eltern geſchrieben, ihnen den unerwarteten und ſchrecklichen Tod mitgetheilt und dringend gebeten, daß der Vater, ſobald als möglich, nach Albern⸗ hauſen komme, um ihr in ihrer hülfloſen Lage beizuſtehen. Die ihr gewordene Antwort, in welcher ihre Eltern ihr die vollſte Theilnahme ſchenkten, hatte ſie benachrichtigt, daß ihr Vater an einem beſtimmten Tage in Albernhauſen ein⸗ treffen werde; dieſer Tag war morgen. Sie mußte alſo vierzehn Tage allein ſein, denn die im Anfange ſich ſtets erneuernden Beileids⸗Beſuche von Per⸗ ſonen, welche ſie nur ſehr oberflächlich kannte, waren nicht in Anſchlag zu bringen. Ihr Seelenzuſtand aber war ein ganz anderer, als der des Fürſten. Als ſie das erſte Ent⸗ ſetzen über die Todesart ihres Gatten überſtanden hatte, als auch das Begräbniß mit ſeinen das Gefühl aufregen⸗ den und verletzenden Momenten vorübergegangen war, als der Hügel ſich über ſeinem Grabe geſchloſſen hatte,— da wurde es ruhig in ihr. So ruhig und ſtill, faſt friedlich ſtill, daß ſie ſelbſt darüber erſchrak und ſich bemühte, ihren Schmerz von Neuem aufzuregen. Vergebens, es gelang ihr nicht, und wenn ſie auch das ſie beſchleichende Gefühl des Friedens, ja, ſelbſt des Glückes, das in der Ruhe liegt, abſichtlich zurückdrängen und zerſtören wollte— es ließ ſich nicht abwehren— ſie mußte es dulden, immer wieder von ihm in ſanftes, träumeriſches Empfinden eingewiegt zu werden. Sie machte ſich nun Vorwürfe, daß ſie vielleicht nicht liebevoll genug gegen ihren Mann geweſen ſei, daß ſie die Pflichten gegen ihn nicht im vollſten Umfange erfüllt, da er ja täglich und ſtündlich etwas zu tadeln gefunden habe, und ſie ſuchte abſichtlich ihren Schmerz aufzuſtacheln, weil ſie es für eine Pflichtverletzung hielt, anderen Empfindun⸗ gen ihres Herzens Raum zu geben. In wie fern es ihr gelang, wir wiſſen es nicht, ihre äußere Erſcheinung war die der tiefſten Trauer. Ich erfülle eine zu lange verſäumte Pflicht, ſagte der Fürſt, nachdem er Platz genommen, indem ich komme, um Ihnen meine Theilnahme auszudrücken, gnädige Frau— ach, ich bedarf derſelben eben ſo ſehr, vielleicht weit mehr, als Sie—, aber es liegt gewiß ein großer Troſt für uns Beide darin, uns gegenſeitig über unſeren Verluſt auszu⸗ ſprechen. Ich habe an Ihrem Gemahl ebenfalls einen treuen, mir ergebenen Diener verloren, fuhr er fort, als Cäcilie nur 14* leiſe und ſtumm mit dem Kopfe nickte— ja, Leſſen fehlt mir ſehr und überall, er war ein kluger und gewandter Mann, der ſtets Rath wußte— und ſie?— Doch Sie haben ſie ja ſelbſt genau gekannt— ihr heiteres, fröhliches und dabei doch treues und redliches Herz— ach, wie ſehr wie tief ich ihren Verluſt beklage! Die Zeit allein kann Cw. Hoheit Schmerz lindern, be⸗ merkte Cäcilie mit leiſer Stimme und niedergeſchlagenen Augen. Die Zeit? Glauben Sie, daß ſie es kann? fragte er, während ſeine Blicke unausgeſetzt auf ihr ruhten— ſie iſt eine kalte, theilnahmloſe Tröſterin, und ich habe Nieman⸗ den, der ihr dabei zu Hülfe käme— Niemanden. Ich ſtehe einſam und allein, denn das einzige Herz, das mich verſtanden und geliebt hat, iſt mir von dem unerbittlichen und grauſamen Geſchicke entriſſen worden. Glauben Sie das nicht, ſagte ſie befangen; es gibt ge⸗ wiß Viele, welche den großen Verluſt, von dem Ew. Hoheit betroffen ſind, auf das tiefſte mit empfinden. Ach, es thut mir wohl, Sie ſo reden zu hören, denn ich weiß, daß Sie es wenigſtens redlich meinen— aber die Anderen?— Reden Sie mir nicht von ihnen! Ich leſe in ihren falſchen Mienen nur zu deutlich die ſchlecht verhehlte Freude über den Tod derjenigen, welche ſie gehaßt, deßhalb gehaßt haben, weil ſie von mir geliebt wurde! Glauben Sie mir— theure Frau, fuhr er erregter fort, die Fürſten ſtehen einſam und verlaſſen, und Alle, die ſich ihnen nahen mit Lächeln und Schmeicheleien auf den Lippen und demü⸗ thiger Unterwürfigkeit in den Blicken, treibt doch nichts als das eigene erbärmliche Intereſſe. Die Wenigen, die es gut und ehrlich meinen— doch laſſen wir das, weßhalb ſoll ich mich Ihnen gegenüber in Klagen ergehen, da Sie ſelbſt des Troſtes ſo ſehr bedürfen. Und Sie haben ja auch Niemanden, der Sie aufrichten und mit Ihnen trauern kann. Mein Vater wird morgen hieher kommen, ſagte ſie leiſe. Ihr Vater? Ja, das iſt etwas; Sie werden mit Ihrem Vater von ihm reden, lange und ausführlich von ihm reden können— das erleichtert, das nimmt die Laſt von unſerem Herzen fort, die wie ein Alp darauf vuht Aber ich? Meine Mutter? Nun, Sie wiſſen ja, wie meine Mutter in dieſer Beziehung denkt. Sie hat nicht einmal an dem Leichenbegängniſſe Theil genommen und mir dann einen förmlichen, kalten Beſuch gemacht, bei welchem ich ſtatt des Schmerzes und des Mitgefühls die Freude nur zu deutlich auf ihrem Geſichte geleſen habe. Sie irren, Hoheit, die Frau Fürſtin nimmt gewiß den größten Antheil an dem ſo unvorhergeſehenen und ſchreck⸗ lichen Todesfalle. Sie haben ein gutes, wohlwollendes und redliches Herz, ſagte er, ihre Hand ergreifend; Sie glauben nicht, wie wohl es mir thut, zum erſten Male nach jener ſchrecklichen Stunde wieder den Ton einer ſolchen Stimme zu hören und in ein Auge zu blicken, das, wenn auch ſelbſt vom eigenen tiefen Schmerze umflort, doch noch eine wahre und innige Theil⸗ nahme für den meinigen übrig hat.— Ach, Sie haben ſie ja gekannt, waren ihre Jugendfreundin, ich kann mit Ihnen von ihr reden mit der Gewißheit, daß auch Sie ihren Verluſt von ganzem Herzen und wahrhaft beklagen— nicht wahr, ich kann das? Wie können Sie daran zweifeln! Sie glauben nicht, wie wohlthuend das für mich iſt, wiederholte er, indem ſein Auge über ihre ſchlanke Geſtalt hinglitt, welche in dem ſchwarzen Trauer⸗Anzuge nicht un⸗ vortheilhaft ausſah. Die Bläſſe ihres Geſichtes, auf dem ſich jetzt ein leiſer Anflug von Roth zeigte, das goldblonde Haar, die geſenkten, tiefblauen Augen, welche ſo eben mit einem faſt ängſtlichen Blicke zu ihm aufgeſehen hatten— das alles machte einen eigenthümlichen Eindruck auf ihn — er hatte ſie eigentlich nie ſo ſchön geſehen, wenn auch dieſe Schönheit ſehr verſchieden war von der Schönheit Netichens. Er vermochte deßhalb ſeine Blicke nicht von ihr abzuwenden, während er in dieſen Betrachtungen ver⸗ loren ſchwieg, aber ſie fühlte die Wirkung derſelben und erröthete tiefer. Warum bin ich ſo ſpät zu Ihnen gekommen? prach er dann weiter; doch es iſt vielleicht auch beſſer ſo, denn Ihr Anblick übt einen eigenthümlichen Eindruck auf mich aus. Der Schmetz und die Qual, welche mich in ſteter Unruhe umhergetrieben haben, fangen an, mich weniger zu verfolgen— zum erſten Male kann ich ruhiger, kann ich gefaßter an ſie denken—— ich danke Ihnen dafür, danke Ihnen von ganzem Herzen. Ew. Hoheit ſind ſehr gütig, ſagte ſie, ſich gewaltſam aufraffend; aber ich bin ſelbſt ſehr ſchmerzlich bewegt, ich bedarf ſelbſt des Troſtes, ich— Das iſt es ja eben, was uns zuſammen kettet, unter⸗ brach er ſie, der gemeinſame Schmerz. Sie können zu mir von dem Geſchiedenen reden, und ich zu Ihnen von ihr— darin liegt die Quelle des Troſtes und eines, wenn auch ſehr ſchmetzlichen Glückes, aber doch immer eines Glückes. Empfinden Sie daſſelbe nicht auch? Cw. Hoheit, ſagte ſie, ſich erhebend, Sie müſſen Nach⸗ ſicht mit mir haben— ich fühle mich noch zu angegriffen, als daß ich im Stande wäre, über mein Empfinden Rechen⸗ ſchaft abzulegen. Rechenſchaft, fragte er befremdet, habe ich Rechenſchaft verlangt? Dann bin ich ſehr von Ihnen mißverſtanden worden. Ich gebe mich der troſtreichen Ueberzgugung hin, daß unſere Gefühle dieſelben ſind und daß daher ein Aus⸗ tauſch für uns Beide wohlthuend ſein muß. Für mich iſt es wenigſtens ſo geweſen, und wenn Sie mir geſtatten, meinen Beſuch öfter zu wiederholen, wenn Sie mir dieſes — 216— Glück gönnen wollten— ſo werden wir Beide— Einer des Anderen Schmerzen zu mildern ſuchen. Mein Vater trifft morgen ein, Ew. Hoheit, ſagte Cäcilie ſichtlich verlegen, und da werde ich— Sie werden auch dann noch eine Stunde für Ihren Fürſten oder vielmehr für Ihren Freund übrig haben— eine Stunde der Erinnerung für Ihre geſtorbene Freundin, ſetzte er mit einem Drucke ſeiner Hand hinzu,— nicht wahr, das werden Sie? Sie bleiben mir die Antwort ſchuldig? ſagte er, als ſie geſenkten Auges und wieder bleich geworden vor ihm ſtand, indem ſie ihm ziemlich gewaltſam ihre Hand entzog; nun, Schweigen heißt Gewähren— alſo auf Wiederſehen, auf baldiges Wiederſehen. Ach, wie unglücklich bin ich! rief ſie leiſe, als er ſich entfernt hatte, indem ſie auf einen Stuhl ſank; aber mor⸗ gen kommt der Vater, und dann, ſo bald als irgend mög⸗ lich, fort, fort von hier!— Noch ſaß ſie in ihren Gedan⸗ ken verloren, ihr Herz war beklommen, die Bruſt wie mit einem feſten Bande zuſammen gepreßt, aber die Thränen— der erquickende Thau für die von dem Schmerze ausgedorrte Seele— blieben ihren Augen fern, da brachte der Poſtbote einen Brief. Wie zitterte ihre Hand, wie ſtrahlte ihr Auge, als ſie ahnungsvoll die Handſchrift zu erkennen glaubte! Sie eilte in ihr Zimmer, wo ſie immer ſaß und geſeſſen hatte, wenn ſie allein mit ſich ſein wollte„obgleich ſie jetzt Niemand mehr ſtörte, und dort erſt erbrach ſie den Brief. Es waren nur wenige Zeilen. Er ſchrieb: „Verehrte Frau! „Lange war ich unſchlüſſig, ob ich Ihnen jetz ſchrei⸗ ben und Ihnen ſagen ſollte, wie ſehr uns das tra⸗ giſche Geſchick Ihres Herrn Gemahls ergriffen hat— aber ich bin zu der Uebetzeugung gekommen, daß es feſt daran, daß ein Ihnen treu, treu bis zum Tode ergebener Freund an Ihrem Geſchicke ſtets den innig⸗ ſten, aufrichtigſten Antheil nimmt. Sie haben dem Unglück und dem Verderben Halt geboten, als es meine Eltern und mich bereits erfaßt hatte— unſere lebenslängliche Dankbarkeit— ach, wie wenig drückt dieſes kalte Wort das Empfinden aus— wird Sie begleiten. Sie läßt mich Ihnen jetzt ſagen, wie ſehr, wie auf das tiefſte wir erſchüttert ſind durch das, was geſchehen iſt— und daß Sie in allen Lagen Ihres Lebens und zu jeder Zeit gebieten können über Ihren bis zum Tode treu ergebenen Robert Horſt.“ Sie faltete das Blatt ſchweigend zuſammen, nachdem ſie es geleſen hatte, ihre Hände ſanken in ihren Schooß und ſie ſaß wieder ſinnend und nachdenkend, wie zuvor— aber eine leiſe Röthe färbte ihre Wangen. Dann öffnete Unrecht wäre, wenn ich jetzt ſchwiege. Glauben Sie ſie den Brief wieder und las ihn nochmals— ſehr langſam, als ob ſie ſich beſtrebe, ſo viel Zeit, als irgend möglich ſei, darauf zu verwenden; jetzt zum erſten Male zitterte eine Thräne in ihren langen ſeidenen Wimpern. Dann ſprang ſie plötzlich in fieberhafter Auftegung auf, faltete das Blatt haſtig zuſammen und verſchloß es in ihren Schreibtiſch. Nein, nein, rief ſie, ich darf nicht, ich darf mich dieſen Empfindungen, dieſen Erinnerungen nicht hingeben,— denn meine Gedanken gehören nur dir, du armer, unglück⸗ licher Leſſen— ja, nur dir— nur dir!—— Am anderen Tage kam Cäciliens Vater. Weinend warf ſie ſich in ſeine Arme, denn jetzt, als ſie wieder an dem Herzen des von ihr ſo ſehr geliebten Vaters ruhte und ſie ſich von ſeinen Armen umſchlungen fühlte, floſſen ihre Thränen frei und ungehindert. Sie fühlte, daß ſie nicht mehr einſam und allein ſei, und dieſes beſeligende Empfin⸗ den löſte die harte, trockene, erſtarrte Rinde ihres Schmerzes. Mein gutes, liebes Kind, tröſtete er, faſſe dich, gib dich nicht ſo deinem Schmerze hin; du wirſt wieder zu uns kommen, wieder wie ſonſt bei deinen Eltern, bei mir ſein, meine liebe Cäcilie, und wir wollen Alles aufbieten, um dir den Verlorenen zu erſetzen. Ach, es war ſchrecklich, ſchrecklich, Vater, als ſie ihn brachten— mit Einem Male todt, todt, und auf eine ſo furchtbare, entſetzliche Weiſe! Du mußt ſolchen Gedanken nicht nachhangen, du mußt ſie gewaltſam verſcheuchen— es nutzt ja doch nichts. Ihn uufſt du dadurch nicht wieder ins Leben zurück und regſt. dich unnöthig dadurch auf. Laß uns über deine Zukunft ſprechen, mein Kind. O, nur fort von hier, lieber Vater, rief ſie in ſichtbarer Angſt, nur fort, zu euch— dort werde ich ruhiger und ge⸗ faßter werden. Ach, fuhr ſie mit einem freudigen Aus⸗ drucke fort, wenn ich erſt wieder zu Hauſe ſein werde, dro⸗ ben in meinem heimlichen Zimmer, mit dem Blicke auf die fernen, lieben Berge— wenn ich wieder, wie ſonſt, bei dir im Atelier ſitzen und dem Entſtehen deiner Bilder zuſehen kann— dann wird wieder Alles gut werden. Die Zeit, wo ich fern von euch, fern von der Heimat war, wird wie ein Traum, wie ein finſterer Traum hinter mir liegen— ach, laß uns eilen, eilen, mein lieber Vater— denn mich feſſelt nichts, nichts mehr in dem fremden Lande, wo die Menſchen ſich gegenſeitig befeinden und zu verderben ſuchen— nichts mehr— nachdem er geſtorben iſt, ſetzte ſie mit leiſer, klangloſer Stimme hinzu. Ja, ja, wir wollen fort, ſo bald als möglich, erwie⸗ derte er, ſie nicht ohne Befremden betrachtend, aber vorher müſſen wir deine Angelegenheiten hier vollſtändig ordnen; es iſt ſchon nöthig, damit alle ferneren Beziehungen auf⸗ hören. Ja, ja, das iſt nöthig, lieber Vater. Ein Teſtament hat dein Mann wohl nicht gemacht? Wie ſollte er? Der Gedanke an den Tod lag ihm ſehr fern. So viel ich weiß, beſaß er kein Vermögen? Nein, und was er einnahm, gab er aus; es ſind mir viele noch rückſtändige Rechnungen zugeſandt worden. Er hat niemals über ſeine Angelegenheiten mit mir geſprochen, ſetzte ſie wieder leiſe hinzu. Das war unrecht von ihm— doch ich werde das Alles ordnen. Du mußt dies auch noch überſtehen und ertragen, mein Kind, den Verkauf der Möbel und alles, was damit in Verbindung ſteht. O, ſei meinetwegen außer Sorgen, lieber Vater, der Gedanke, bald wieder ganz bei euch leben zu dürfen,— mich nie, nie mehr von euch zu trennen, ſetzte ſie, ihn von Neuem in ihre Arme ſchließend, hinzu, erhebt und be⸗ ſeligt mich! So und Aehnliches ſprachen ſie zuſammen, und all⸗ mählich wurde ihre gegenſeitige Mittheilung ruhiger, ja, es kamen Momente, wo wieder ein unmerkliches Lächeln um ihren Mund ſchwebte und ihre Gedanken den Gegen⸗ ſtand ihrer Trauer verlaſſen hatten. Wollen wir zuſammen nach dem Kirchhofe gehen? fragte ſie, als der Tag ſich neigte, mit leiſer Stimme; es iſt mein täglicher Gang, lieber Vater, ich will ihn auch heute nicht verſäumen. Wird es dich nicht zu ſehr aufregen, mein Kind? Nein, nein. Wir müſſen auch einen Grabſtein be⸗ ſtellen— ja, einen Grabſtein, du wirſt mir rathen, wie er ſein ſoll. Ich werde das beſorgen— überlaß das mir. Aber ich werde ihn noch ſehen, ehe wir abreiſen? Ich hoffe es, wenn die Zeit nicht zu kutz ſein wird. Jedenfalls werden wir die Gewißheit erlangen, daß er ſo gemacht wird, wie wir es wünſchen. Darüber kannſt du ganz ruhig ſein. So laß uns denn gehen, lieber Vater, ſagte ſie mit einem tiefen Athemzuge. Bald ſtanden ſie vor dem noch friſchen Grabe, bedeckt mit Kränzen, die Cäcilie hingelegt hatte. Schweigend blickten ſie auf den Hügel hinab, unter welchem der ganze Ehrgeiz und alle Plane eines Mannes eingeſargt waren, welche ſein Gehirn erregt und bewegt hatten, als das Leben noch darin pulſirte— Plane und Gedanken, die damals einen ſo tief eingreifenden und verderblichen Einfluß auf die Geſchicke des Landes und ſeiner Bewohner ausgeübt hatten, über welche der Fürſt ihm die Macht und die Ge⸗ walt verliehen. Sie alle lagen jetzt unter dem unſchein⸗ baren Hügel mit den verwelkten Kränzen— unter dem Hügel, auf den keine Thräne der Liebe gefallen war, den kein ſtummer, von Schmerz und Trauer unflorter Blick ge⸗ heiligt hatte. Der Gatte, der Miniſter war todt— und weder der Gattin noch des Volkes Liebe folgte ihm nach.— Komm, mein Kind, ſagte der alte Erin, nachdem Beide eine Zeit lang ſchweigend da geſtanden, komm, laß uns gehen, es iſt ſchon ſpät und kühl, du möchteſt dich erkälten. Von jener Stunde an wurde ſie ruhiger und gefaßter, ſie wurde ſogar wieder heiter, und es zog ein Friede in ihr Herz, welcher ihm lange fremd geweſen war. Ein Geſpräch mit ihrem Vater am anderen Tage— es war ein heiterer, klarer, erfriſchender Herbſtmorgen— hatte weſentlich dazu beigetragen. Mein Kind, ſagte der alte Erin, dem es vot Allem darum zu thun war, Cäciliens Kummer zu verſcheuchen, laß uns offen und frei mit einander reden. Daß du dei⸗ nem Manne nachtrauerſt, iſt achtungswerth, aber— ver⸗ dient hat er es nicht um dich. Vater, unterbrach ſie ihn tief erſchreckt, wie kannſt du nur ſo reden? Glaubſt du denn, ich hätte, als ich zum Beſuche bei euch hier war, es nicht bemerkt, daß ihr nicht glücklich leb⸗ tet? Er hat mich mit ſeinen glatten Worten nicht beſtechen können, denn ich leſe in deinen Augen, mein Kind, und wenn du dir auch Mühe gabſt, mich zu täuſchen,— ich habe doch darin geleſen. Ich machte mir damals die größ⸗ ten Vorwürfe, daß ich meine Einwilligung zu eurer Ver⸗ bindung gegeben hatte, und nur der Gedanke tröſtete mich, — 5— daß ihr euch doch mit einander einleben würdet. Dies allein hat mich abgehalten, damals ernſtlich mit deinem verſtorbenen Manne zu reden, welches, wie die Mutter. nicht mit Unrecht meinte, leicht einen entgegengeſetzten Er⸗ folg hätte haben können. O, wie freut es mich, daß du dies wenigſtens nicht ge⸗ than haſt, ſagte ſie leiſe. Es iſt jetzt allerdings gut ſo, erwiederte er mit einer ihm ſonſt ungewohnten Erregtheit, jetzt, da er geſtorben iſt; denn ſonſt wäre es vielleicht beſſer geweſen, ein Band wieder zu löſen, das dich vielleicht unglücklich machte. Aber wie kommſt du jetzt darauf, Vater? Ich komme darauf, damit du dich nicht einer unnöthi⸗ gen, ich möchte faſt ſagen, einer unnatürlichen Trauer hin⸗ gibſt. Der Welt gegenüber haſt du genug gethan, laß es damit aber auch genug ſein— oder hätteſt du ihn dennoch geliebt, obgleich er dich ſo unwürdig behandelte? Geliebt? ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Augen und leiſer Stimme; warum fragſt du mich danach, Vater?— Aber er war mein Gatte— und er iſt auf eine ſo ſchreck⸗ liche Weiſe um das Leben gekommen. Ja, das iſt er, erwiederte der Alte hart; aber weder ſeine Gattin und noch weniger das Land, deſſen Miniſter er war, haben Urſache, darüber zu trauern— doch, de mortuis nil nisi bene— darum laſſen wir ihn. Eine Frage möchte ich noch an dich richten, ſagte er, ſie erwar⸗ tungsvoll anſehend: warum haſt du ſeine Bewerbung überhaupt angenommen, wenn du ihn nicht liebteſt? Warum? erwiederte ſie tief erröthend, ich weiß es ſelbſt nicht, lieber Vater,— ich— ich war noch ſehr unerfah⸗ ren— und dann glaubte ich auch, daß ihr es wünſchtet. Ja, ich wünſchte es damals auch, weil ich feſt überzeugt war, du würdeſt glücklich werden— doch laſſen wir das jetzt. Bald wird das alles, wie ein böſer Traum, hinter uns liegen, und in der alten, gewohnten Umgebung wirſt du wieder froh und heiter ſein, wie ſonſt. Ich habe ein großes Bild angefangen, fuhr er redſelig fort, bei deſſen Compoſition ich oft deinen Rath vermißte, das Motiv— doch iſt das nicht die Equipage des Fürſten, die eben anfährt? Es iſt der Fürſt! rief ſie erſchreckt; ich bin nicht zu Hauſe, lieber Vater— oder ſage, ich ſei krank— denn ich will ihn keinesfalls ſprechen. Eiligen Schrittes verließ ſie bei dieſen Worten das Zimmer und riegelte die Thür hinter ſich zu. Der alte Erin ging dem Fürſten bis auf die Treppe entgegen, und dieſer war genöthigt, nachdem ihm die ſehr unwillkommene Mittheilung gemacht worden, ſich wieder zu entfernen, ohne Cäcilie zu ſehen. Das Ordnen von Cäciliens Angelegenheiten nahm jedoch mehr Zeit in Anſpruch, als der alte Erin erwartet hatte, denn er befand ſich bereits über eine Woche in Albern⸗ hauſen, und es war voraus zu ſehen, daß ihre Abreiſe vor vierzehn Tagen nicht würde erfolgen können. Inzwiſchen hatte der Fürſt ſeinen Beſuch erneuert und ſich nicht abweiſen laſſen. Sein Benehmen war rückſichts⸗ voll geweſen, und wenn ſeine Aeußerungen auch manche für Cäcilie nicht angenehme Beziehungen enthalten moch⸗ ten, ſo konnte ſie doch ſeine wiederholten Beſuche nicht zurück weiſen, ſie glaubte vielmehr, daß es weniger auf⸗ fällig und beſſer ſei, dieſelben anzunehmen und durch ein kaltes, gemeſſenes Benehmen die Wiederholung derſelben zu beſeitigen, als ihn durch Abweiſung zu reizen. Dieſen Zweck erreichte ſie jedoch nicht, denn der Fürſt fing an, in der letzten Zeit täglich gegen Abend ſeinen Beſuch zu wie⸗ derholen. Endlich ſtand der Verkauf der Möbel in der Zeitung — nur noch wenige Tage, und der gemeinſame Wunſch von Vater und Tochter konnte in Erfüllung gehen. Der Tag vor der angeſetzten Verſteigerung neigte ſei⸗ nem Ende zu, der alte Erin war in Geſchäften ausgegan⸗ gen und Cäcilie mit dem Packen und Ordnen von man⸗ cherlei Gegenſtänden beſchäftigt, als der Fürſt abermals bei ihr vorfuhr. Er ſchien aufgeregter, als ſonſt, und ſeine unruhigen Blicke flogen unzufrieden in dem Zimmer umher, in welchem bereits mancherlei Vorbereitungen zu der bevorſtehenden Verſteigerung ſichtbar waren. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 15 Es ſieht ja hier aus, ſagte er, als Cäcilie eintrat, als ob Sie wirklich die ernſte Abſicht hätten, uns zu verlaſſen! Haben Ew. Hoheit daran gezweifelt? Ich habe eigentlich noch gar nicht daran gedacht, er⸗ wiederte er, ſich ſetzend, denn der Gedanke lag mir wirklich zu fern, daß es möglich ſein könnte— auch Ihrer Gegen⸗ wart, auch Ihrer Unterhaltung entbehren zu müſſen. Cw. Hoheit werden dieſe Unterhaltung Sich leicht in anderer Weiſe verſchaffen können. Sie haben Recht, mir ſo zu antworten— Unterhal⸗ tung kann ich mir verſchaffen— aber nur der Ausdruck war ein übel gewählter. Oder ſollten Sie es noch nicht wiſſen, daß es für mich ein Bedürfniß meines Herzens ge⸗ worden iſt, mich Ihres Umganges zu erfreuen und darin einen Erſatz für das Verlorene zu finden? Ich danke für das Compliment, erwiederte ſie mit einem gezwungenen Lächeln— aber ich habe hier nichts mehr, was mich bindet, und freue mich ſehr darauf, zu meinen Eltern und in meine Heimat zurückzukehren. Sie haben hier nichts mehr?— das wäre allerdings traurig für mich. Ich dachte, Sie hätten wenigſtens er⸗ kannt, daß Sie einen treuen und ergebenen Freund an mir gefunden haben. Ew. Hoheit ſind ſehr gnädig. Und Sie wollen dennoch, wollen wirklich fort? fragte er nach einiger Zeit. Uebermorgen früh, ſagte ſie, indem ſie ſich zwang, einen heiteren Ton anzunehmen— ich hoffe wenigſtens, es wird bis dahin Alles geordnet ſein. Und Sie können ſo grauſam ſein, mir dies mit einem Lächeln auf den Lippen und mit vor Freude glänzenden Augen zu ſagen? Warum ſollte ich nicht?— ich freue mich auch ſehr darauf. Sie haben Recht— Sie haben Recht, ſagte er in kur⸗ zen Pauſen, warum ſollten Sie nicht?— Wenn ich Ihnen aber nun die Einwilligung, das Land zu verlaſſen, verſagte — ich, Ihr Fürſt, Ihnen, meiner Unterthanin? fragte er mit einer Miſchung von Scherz und Ernſt. So grauſam werden Ew. Hoheit nicht ſein, erwiederte ſie lächelnd, ohne jedoch ein ängſtliches Beben ihrer Stimme unterdrücken zu können— auch glaube ich nicht mehr zu den Unterthanen Ew. Hoheit zu gehören. Glauben Sie das? Nun, es ließe ſich darüber wenig⸗ ſtens ſtreiten— aber es iſt fern von mir, Sie zu halten, wenn Sie wirklich gehen und mich verlaſſen wollen, fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort— es iſt fern von mir. Es ſoll in Ihrer freien Entſchließung bleiben, darauf gebe ich Ihnen mein fürſtliches Wort— aber Sie müſſen mich jetzt hören, damit Sie Sich entſcheiden können.— Wohl hätte ich gewünſcht, es hätte zwiſchen dieſem Augen⸗ blicke und unſerem beiderſeitigen Verluſte ein längerer Zeit⸗ 15* — 228— abſchnitt liegen können— aber die Zeit drängt— ich habe nur die Wahl, Sie für immer zu beſitzen oder für immer zu verlieren— und deßhalb muß ich jetzt zu Ihnen reden. Ew. Hoheit, ſagte Cäcilie in ſichtlicher Angſt auf⸗ ſtehend— erſparen Sie uns.... Sie ſollen, Sie müſſen mich anhören, rief er, indem er ihre Hand ergriff und ſie wieder auf ihren Sitz niederzog — dann mögen Sie Sich entſcheiden! Sie wiſſen längſt, daß ich Sie liebe, fuhr er fort; läug⸗ nen Sie es nicht, jedes Weib fühlt und weiß es, wenn ein Mann ſie liebt, und Sie haben es längſt gefühlt. Ich würde Ihnen das jetzt nicht ſagen, gewiß nicht, ich würde gewartet haben, bis die Zeit mildernd über uns Beide fort⸗ gegangen wäre, aber Sie ſelbſt haben es ja ſo gewollt. Daß Sie Ihren verſtorbenen Mann nie geliebt haben, daran habe ich nie gezweifelt; weßhalb Sie das Opfer die⸗ ſer Heirath gebracht, iſt mir unbekannt— aber jetzt ſind Sie frei, und ich bin es auch! Es liegt kein Unrecht mehr darin, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie liebe— längſt geliebt habe— auch, als ſie noch lebte. Damals durfte ich Ihnen dies nicht geſtehen, jetzt darf ich es. Warum ſind Sie ſo bleich geworden?— O, halten Sie mich nicht für ſo niedrig, daß Sie wähnen, es ſei nur eine unlautere Neigung, die mich zu Ihnen zieht— nein, nein, Cäcilie, es iſt wahre, wirkliche, reine Liebe, die mich ſo reden heißt, denn es geſchähe gewiß nicht, wenn ich es —,———————— nicht mit der Abſicht thäte, Sie an die Stelle derjenigen zu ſetzen, die ich verloren habe.— Denken Sie deßhalb nicht ſchlecht, nicht nachtheilig von mir, daß ich Ihnen ſchon jetzt dieſes Geſtändniß mache— ich würde noch lange Zeit ge⸗ ſchwiegen, noch lange von der Hoffnung gelebt haben, wenn es hätte ſein können. Sie ſollen mir auch noch nicht einmal eine feſte und beſtimmte Zuſage machen; es iſt nicht nöthig, daß irgend Jemand von unſerer Unterredung und von meinem Antrage Kenntniß erhalte, bis Sie mir offen Ihre Einwilligung geben können— aber die Hoffnung müſſen Sie mir laſſen, abreiſen dürfen Sie nicht, das ſoll für jetzt Ihre einzige, Ihre ganze Antwort ſein. Nun? fragte er nach kurzer Zeit, während ſie bald er⸗ bleichend, bald erröthend da geſeſſen hatte— nun? Ich werde reiſen, Hoheit, ſagte ſie mit feſter Stimme und ihn einen kurzen Moment ruhig anſehend— ich werde reiſen, und wenn es geſchehen könnte, würde es heute, würde es in dieſem Augenblicke geſchehen! Alſo Sie verwerfen mich? rief er heftig. Ich reiſe, Hoheit, wiederholte ſie ruhig— und wenn ich mich wirklich Ihrer Achtung erfreut habe, ſo geſtatten Sie mir, Ihnen jetzt Lebewohl zu ſagen. Achtung? Achtung— das iſt das kalte, nichtsbedeu⸗ tende Wort, womit Sie mich abſpeiſen wollen— Sie ver⸗ werfen die Hand ihres regierenden Fürſten, der Sie zu ſei⸗ ner Gemahlin, zur Gräfin und bald zur Fürſtin machen — 230— will? Sie weiſen ſeinen Antrag zurück, obgleich er Ihnen geſteht, daß er Sie liebt? Sie können ſein guter Engel, der gute Engel ſeines Volkes werden, und das alles weiſen Sie zurück? Haben Sie das auch wohl und ganz erwogen — Sich das alles klar gemacht? Haben Sie— doch wozu ſolche Worte— theure, angebetete Cäcilie, ſeien Sie die Meine, rief er, ihr zu Füßen ſtürzend, gehören Sie mir, der fortan keinen anderen Gedanken mehr haben wird, als Ihr Glück! Ich bitte, ſtehen Sie auf, Hoheit, ſagte ſie zurücktre⸗ tend; ich reiſe— ſchenken Sie das alles einer Würdigeren — einer ebenbürtigen Fürſtentochter, zum Heile und zum Wohle Ihres Landes. Alſo wirklich— wirklich, Sie verwerfen mich! rief er — Sie ſchlagen die Hand Ihres Fürſten aus, der Sie zu ſich emporheben will? Wiſſen Sie auch, wie unklug Sie handeln— von allem Uebrigen zu ſchweigen? Was kann das Geſchick Ihnen jemals bieten, was dem ausgeſchlage⸗ nen Glücke gleich käme? Haben Sie Sich das klar gemacht? ſetzte er in milderem Tone und noch immer in der Hoff⸗ nung ihrer Gewährung hinzu; haben Sie das wirklich auch bedacht? Ich habe Alles bedacht, erwiederte ſie ruhig, jedoch nicht ohne ſichtbare Anſtrengung— zürnen Sie mir n ich kann nicht anders! So? ſagte er nach längerem Schweigen, während er — 234— ſie, die mit niedergeſchlagenen Augen vor ihm ſtand, un⸗ ausgeſetzt anſtierte und ein häßlicher Zug ſich um ſeinen Mund legte— ſo, Sie können nicht anders? Dazu müſſen allerdings gewichtige Gründe vorhanden ſein! Sollte ich ſie vielleicht errathen?— Ich erinnere mich jener Stunde, wo Sie aufgeregt zu mir kamen, ſo erregt, wie ich niemals wieder das Glück genoſſen, Sie geſehen zu haben, um meine Gnade für jenen alten Hegemeiſter in Anſpruch zu nehmen. Damals war Ihre Sprache leidenſchaftlich, Ihre ſchönen Augen glänzten und Ihre Lippen ſtrömten vor Dank über, als ich gern Ihre Bitte gewährte— beſonders dann, als der alte Hegemeiſter abgethan war und der Sohn— der junge Oberförſter⸗Candidat— an die Reihe kam. Glauben Sie, ich hätte das nicht erkannt? Es gewährte mir damals ein beſonderes Vergnügen, der tugendhaften Frau meines überklugen Miniſters in dieſer Beziehung ge⸗ fällig ſein zu können— ich rechnete allerdings dabei auf einige Dankbarkeit, ſetzte er hinzu, die Sie mir ja auch mit den überſchwänglichſten Worten zuſagten.— Warum ſind Sie ſo bleich geworden? Habe ich den verwundbaren Fleck ihres kalten Herzens endlich getroffen? Nun wohl, ſagte er wieder mit ſchmeichelnder Stimme— ich verlange mei⸗ nen Lohn— oder.. Ich darf— ich will Sie nicht länger anhören, ſagte ſie, ſich gewaltſam ermannend— ich habe Ihnen keine Veranlaſſung gegeben, mich in ſo unwürdiger Weiſe zu behandeln— verlaſſen Sie mich! Sie weiſen mir die Thür! rief er in erneuertem Zorne. Nun wohl, ich gehe! Mögen Sie dieſe Stunde nie be⸗ reuen!— Für die Undankbare aber, für ein Weib, das meine Liebe mit Beleidigungen erwiedert, habe ich ferner auch keine Gnadenbezeigungen mehr.— Dem Rechte und dem Geſetze ſoll wieder freier, ungehinderter Lauf gelaſſen werden! Haben Sie mich verſtanden— es iſt mein letztes Wort— es ſei denn, daß Sie mir noch etwas zu ſagen hätten? Nichts— nichts— hauchte ſie, indem ſie abwehrend ihre Hand emporhielt. So bleibt dies alſo mein letztes Wort! rief er und ſtürmte fort. Sie ſank erſchöpft und weinend auf einen Seſſel.— Ich konnte nicht anders, ſprach ſie dann leiſe vor ſich hin — Alles, Alles würde ich für dich thun, Robert— nur dies nicht.— Ich konnte es nicht— dies konnte ich nicht!— Möge Gott dich in ſeinen gnädigen Schutz neh⸗ men, ſetzte ſie hinzu, ihre Hände wie zum Gebete faltend — und mir vergeben, wenn ich unrecht gehandelt habe! — — Lehntes Aapitel. Inm Schluſſe. Mir iſt, als trüg' ich in der Bruſt Das ganze Himmelreich— O hochſtes Leid, o höchſte Luſt, Wie ſeid ihr euch ſo gleich! Heine. Zwei Tage nach dieſer Unterredung verließ Cäcilie mit ihrem Vater Albernhauſen. Sie hatte dort beinahe ein Jahr zugebracht— das traurigſte Jahr ihres jungen Le⸗ bens. Von der Höhe des Gebirges, zu welchem die Straße emporſtieg, blickte ſie nochmals zurück auf das Thal— aber es regte ſich keine Empfindung in ihr, wie ſie ſonſt des Menſchen Herz bewegt, wenn er einen Ort verläßt, wo eine Zeit lang Tag und Nacht, Licht und Schatten für ihn gewechſelt haben. Düſtere, tiefziehende Regenwolken hingen über dem Thale, es zum Theile ver⸗ ſchleiernd und ihm jene melancholiſche Färbung verleihend, mit welcher ein grauer, regneriſcher Himmel und ein naß⸗ kalter Herbſttag auch die freundlichſte Gegend verdüſtert— — 234— und ihr Herz, das ſie mit ſich nahm, glich in ſeiner Stim⸗ mung der Gegend, von welcher ſie ſchied. Die letzte Unterredung mit dem Fürſten, ſein ihr völlig unerwarteter Antrag, ſein weiteres unwürdiges Benehmen, und vor Allem die ausgeſprochene Drohung hatten ſie tief erſchüttert und eine kaum zu verbergende Unruhe und Be⸗ ſorgniß in ihr hervorgerufen. Dennoch hatte ſie die Kraft, ihrem Vater die ganze Unterredung zu verſchweigen— ſie hätte ja dann auch den Schluß derſelben erzählen und ihn in die geheimſte Kammer ihres Herzens blicken laſſen müſſen. Sie fuhren weiter; die Gegend wurde fremder, andere Thäler öffneten ſich ihrem Blicke, andere Berge ſtiegen empor, und— wenn auch die grauen Regenwolken die Häupter derſelben verhüllten und an ihren waldbekleideten Rücken hinzogen— ihre Seele wurde doch freier und das drückende Band wich allmählich von ihrer Bruſt. Stumm und in tiefes Sinnen verſunken ſaß ſie neben ihrem Vater, der ſie rückſichtsvoll ihren Gedanken überließ. Dieſe weilten bei ihm, deſſen Geſchick, vielleicht durch ihre Schuld, ſich wieder verdunkeln ſollte— wenn der Fürſt ſeine Drohung ausführte. Die Hoffnung flüſterte ihr zu, daß dies nicht geſchehen würde, daß einer in der Aufregung gemachten unehrenhaften Aeußerung nicht auch die unehren⸗ hafte That folgen werde. Sie glaubte das, weil ſie es hoffte und wünſchte; ſie vertraute dem Edelmuthe des 1— — 1— — Fürſten, obgleich ſie daran zweifelte, und während ihre eigenen Zweifel, den draußen ziehenden dunkeln Wolken ähnlich, in ihrer Seele auf und ab wogten, ruhte ihr Auge gedankenvoll auf der gegenüber liegenden Bergwand. Da zertheilten ſich die finſteren Wolken, der Gipfel des Berges wurde ſichtbar, und ein heller, wäſſeriger Sonnenſtrahl flog über die Gegend hin, wie der Blick eines durch Thrä⸗ nen lächelnden Auges. Und ihr Auge lächelte auch wie⸗ der, denn ſie erkannte in dieſem flüchtigen Scheine der ſo lange verhüllt geweſenen Sonne einen Strahl der Hoff— nung, ein Zeichen des Himmels, daß ſie hoffen und ver⸗ trauen ſolle. Sie wurde nun heiter und froh und gab ſich jetzt erſt den beglückenden Empfindungen hin, an der Seite ihres Vaters der geliebten Heimat entgegen zu fahren. So wenig bedarf der Menſch, um zu hoffen und zu glauben! Der ihm angeborene Trieb des Lebens und des Strebens nach Glückſeligkeit läßt ihn immer wieder die Täuſchungen und Schläge des Geſchickes vergeſſen und treibt den im Meere des Unglücks kämpfenden Schwimmer, ſich noch an einen Strohhalm anzuklammern, mit der Hoffnung, ſich dadurch vom Tode zu erretten!— Wem aber das Leben Alles genommen hat, oder wer, von ſeinen Genüſſen überſättigt, zu der ſalomoniſchen Ueberzeugung gekommen iſt, daß Alles eitel und thöricht ſei— der ſetzt ſeine Hoffnungen weit über die winzig kleine Erde und über — 236— den Tod hinaus in irgend einen ungeahnten Raum der unendlichen Schöpfung und malt ſich dort nach ſeiner irdi⸗ ſchen Anſchauung die ewige Seligkeit aus. Eine Seligkeit mit der erweiterten Erkenntniß des Unerforſchlichen, wo die Engel dem Ewigen Loblieder ſingen oder die Huris in un⸗ vergänglicher Schönheit aus goldenen Schalen Nektar kre⸗ denzen, oder die Krieger in vollem Waffenſchmucke ſich im Glanze ihrer Thaten ſonnen und ihre Feinde tödten— ſo malt ſich des Menſchen Geiſt ſeinen Himmel aus, einen Himmel, deſſen Erforſchung eine eben ſolche Thorheit bleibt, als diejenige, an ſeinem Daſein zu zweifeln— weil das Bewußtſein dieſes Daſeins mit uns geboren worden iſt. Jener Sonnenblick belebte Cäciliens Hoffnungen und ließ ſie wieder froh zu dem irdiſchen Himmel emporblicken, und mit dieſem froheren und freieren Empfinden ge— langte ſie nach zwei Tagen in die Heimat, in das Land ihrer Jugend. Ach, wie wohl, wie glücklich war ſie, als ſie wieder in ihrem kleinen Erkerſtübchen ſaß, mit dem Blicke nach den fernen Bergen, deren bekannte Linien den Horizont abgrenzten. Ihre Gedanken konnten wieder auf demſelben Wege dahingleiten, wie ſonſt über die Berge fort, noch über andere Berge und Thäler, die ſie kannte, obgleich ſie dieſelben niemals geſehen hatte, die überhaupt gar nicht vorhanden waren, ſondern nur in ihrer Phantaſie beſtan⸗ — ———— den. Dann ſaß ſie wieder bei ihrem Vater im Atelier, ſah dem Schaffen ſeiner Bilder zu, und all die früheren kleinen Freuden und Sorgen traten wieder zu ihr heran, wie ſonſt. An ſchönen, klaren, hellen Wintertagen ging ſie mit ihren Eltern ſpazieren— über die Promenade, wo ſie ihm ſo oft begegnet war, oder hinaus nach irgend einem Punkte der paradieſiſchen Gegend.— Immer mehr trat die Ver— gangenheit in ihrer Erinnerung zurück, immer mehr war es ihr, als habe ſie nur ein böſer, wüſter Traum geneckt, und ſie bemühte ſich, die Gedanken daran zu verſcheuchen. Nur Eines quälte ſie— die Ungewißheit über ſein Er⸗ gehen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört, keine Nachricht erhalten, und wenn ſie auch gerade darin eine Beruhigung fand und zu der Annahme kam, daß der Fürſt ſeine Drohung nicht ausgeführt habe, ſo— doch frage Dich ſelbſt, geneigte Leſerin, was ſie empfinden mußte, da ſie ihn liebte; wir werden nicht nöthig haben, es Dir zu ſagen und klar zu machen. So verging der Winter. Der Frühling ſandte ſeine erſten Boten in das Land, der Schnee auf den Bergen be— gann zu ſchmelzen, die Waſſer des Stromes zogen wild und Eisſchollen tragend dahin, die Augen der Schnee— glocken blickten ängſtlich fragend in den Kampf der Ele⸗ mente, nach einem warmen Sonnenſtrahle ſpähend, und ſchloſſen ſich erſchreckt, wenn der erboſte Winter ſie mit — 238— eiſigen Hagelſchauern überſchuttete. Aber, wie immer, flogen die Cohorten des Frühlings bald ſiegreich über Berg und Thal, über welche zum erſten Male wieder ſich ein lachender, warmer, hellblauer Himmel ausſpannte. Da trieb es ſie hinaus, denn auch im Herzen der Menſchen hält der Frühling in jedem Jahre ſeinen Einzug. Unwillkürlich ſchlug ſie denſelben Weg ein, den ſie ſo oft gegangen, auf dem ſie ihm vor zwei Jahren immer be⸗ gegnet war. Ihre Gedanken zogen auch jetzt zu ihm und beſchäftigten ſich mit ſeinem Ergehen, das ſie ſich immer und immer wieder in der verſchiedenſten Weiſe ausmalte. Träumeriſch, geſenkten Blickes ſchritt ſie dahin; als ſie an die Stelle gekommen, wo ſie ihm früher ſo oft begegnet war, ſchlug ſie die Augen auf— und er ſtand vor ihr. Ueberraſchung, Schreck, Freude— das alles durch⸗ bebte ihr Herz— ſie hatte Mühe, ſich aufrecht zu er⸗ halten. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ſagte er mit vor Freude ſtrahlenden Augen— ich wußte, daß ich Sie hier wiederſehen würde— zürnen Sie mir? Zürnen? fragte ſie mit leiſer, bebender Stimme; wie könnte ich Ihnen zürnen— ich bin überraſcht— aber erfreut— Sie wieder zu ſehen, ſetzte ſie, ſich faſſend, hinzu. Ich habe Ihnen Vieles, Vieles zu ſagen, theure Cä⸗ cilie— Vieles, was ich nur Ihnen, nur Ihnen allein ——— . —— ————— 26 ſagen kann; deßhalb kam ich nicht in Ihrer Eltern Haus — ich mußte Sie vorher allein ſprechen. Aber hier Es iſt ſtill und menſchenleer. Wir wollen uns auf jene Bank drüben am Waſſer ſetzen, dort wird uns Nie⸗ mand ſtören. Werden Sie mir dieſe Gunſt gewähren? O, thun Sie es immerhin, bat er mit faſt flehender Stimme— denn ich habe Ihnen Wichtiges mitzu⸗ theilen. Sie folgte ihm willenlos. Ich weiß nicht, begann er, ob es Ihnen bekannt iſt, daß Ihre Bemühungen, das Geſchick meiner Eltern und das meinige wieder umzugeſtalten, doch erfolglos ge⸗ blieben ſind. So hätte er wirklich Wort gehalten? rief ſie in hefti⸗ gem Schreck. Wer? Wer hätte Wort gehalten? fragte er erſtaunt. Niemand— Niemand, ſagte ſie leiſe— doch fahren Sie fort. Nach dem Tode der Gräfin, erzählte er mit bitterem Tone weiter, wurde die Stimmung des Fürſten immer un⸗ leidlicher. Man hatte gehofft, ihr und des gehaßten Miniſters Einfluß habe ihn hauptſächlich zu jenen Schritten getrieben, welche den Zwieſpalt zwiſchen Volk und Regie⸗ rung immer verderblicher werden ließen, aber man hatte ſich darin vollſtändig geirrt. Er ſchien den Verluſt dieſer 4. weh hielten. Die he telbare Nähe zog⸗ waren von N auſchichentt reactichärer Geſinnung, nür weniger ifäbigt und deßhalb auch weni⸗ ger wähleriſch in der Anwendung ihrer Mittel.— Doch was ſoll ich Sie vdi eſen traurigen Dingen unterh alten — ſechs Wochen nä dein Jode der Gräfin wurde durch einen eigenhändig vom unterzeichneten Cabinets⸗ befehl mein Vater ſeinös Antes widtr entſetzt und ich aber⸗ mals von der Candidatenliſte uSiairier wſiüicheg und entlaſſen. Iſt das wirklich möglich? O, dort iſt Alles möglich! ſagte er bitter.— Es war ein trauriger Tag, als meine Eltern das Haus verlaſſen mußten, in dem ſie ſo lange Jahre gewohnt hatten, und der Oberförſter mit Härte und Hohn uns das Geleit gab. — Ich hatte meinem Vater das feierliche Verſprechen geben müſſen, das alles mit Ruhe und Selbſtbeherrſchung zu er⸗ tragen, und— ich habe mein Wort gehalten. Wir be⸗ zogen in der nächſten kleinen Stadt eine Miethwohnung und beriethen unſere Plane für die Zukunft. Es iſt ein ſchwerer, ernſter Entſchluß, zu dem wir gekommen ſind— aber wir ſind dazu gekommen und er ſteht jetzt, Gott ſei Dank, feſt— wir gehen nach Amerika. Nach Amerika? rief ſie im heftigſten Schreck; Sie bollen nach Amtrika? Das dürfen, das können Sie nicht 7 Warum ſollten wir es s nicht dürfen und nicht können? fragte er traurig.* Bedenken Sie Ihre Eltern— oder wollen Sie allein? Nein, micht allein, ſagte er wieder lebhaft; meine Eltern ſind beide, Gott ſei Dank, noch rüſtig und geſund — mein Vater iſt fünfundfünfzig Fahre und kann noch zwanzig Jahre leben, meine Mutter erſt fünfzig. Was ſollen wir hier? fuhtt wieden ertegter fort— ſollen wir abermal 8 vön iſengm, und wenn das Gebäude fertig iſt, es vottiz Willkür zerſtören laſſen? Nein, Cä⸗ 3 cilie, das werden s können Sie uns nicht rathen, nicht von uns forden! Drüben, mag es ſein, wie es will, drüben ſind wir freie Menſchen, und was wir ſchaffen und erwerben, ſwafeh un erwerben wir für uns. Es mag ſchwer ſein im hnge, ich mache mir durchaus keine Illuſionen— abeß ich fühle den Muth und die Stärke in mir, alle Hinderniſſe zů überwinden; ich werde mir eine geſicherte, unabhängige Eriſtenz verſchaffen, mir und meinen Eltern; dazu habe ich den feſten Willen, und mehr bedarf es nicht. Es iſt unmöglich, ganz untili Robert. Warum unmöglich? fragte er, ſie mit einem Buice der innigſten Liebe anſehend. O, verlocken Sie mich nicht— ſeien Sie nicht grauſam— erneuern Sie nicht Guſtavvom See. Wogen des Lebens. II. 16 einen Kampf, der ſchwer genug geweſen, aber nun zu Ende gekommen iſt— Sie allein könnten dies— Sie allein! Ich allein? wiederholte ſie kaum hörbar. Ja, Sie allein; ich muß frei und offen mit Ihnen reden— mein Geſchick, mein Glück ruht in Ihrer Hand— mögen Sie entſcheiden. Sie erbebte bis in die innerſte Tiefe ihrer Seele, denn ſie wußte jetzt, was er ſagen würde, aber dieſes Erbeben war der Ausdruck eines nie gekannten, mühſam verborge⸗ nen Entzückens. Es war der ſchwerſte Augenblick meines Lebens, fuhr er fort, indem er leiſe ihre Hand berührte, aber bald feſt in der ſeinigen hielt— der ſchwerſte Augenblick meines Lebens, als ich vor zwei Jahren von Ihnen ſchied. Ich liebte Sie damals eben ſo wahr und innig, wie ich Sie jetzt liebe und ewig lieben werde, ſagte er mit etwas leiſerer Stimme, während ſie tief erröthend ihre Augen niederſchlug und ihre Hand in der ſeinigen zitterte— aber eben weil ich Sie liebte, deßhalb mußte ich Ihnen entſagen. Was hatte ich, der arme Forſt-Candidat mit der ungewiſſen Zukunft, Ihnen zu bieten? Durfte ich in Ihrer jungen Seele Empfindungen erwecken, welche Ihrem Glücke hin⸗ derlich ſein mußten?— Ich ſelbſt kam dabei nicht in Be⸗ tracht, Sie allein, Sie und Ihr Glück— deßhalb ſchied ich ſo von Ihnen, deßhalb nahm ich Abſchied auf Nimmer— — — — 243 wiederſehen! Sie ſollten mich vergeſſen, die kindliche Nei⸗ gung, wenn ſie überhaupt vorhanden war, ſollte bei Ihnen vergehen, wie ſie entſtanden. Nur das Bewußt⸗ ſein, ehrenhaft und recht gehandelt zu haben, ließ mich in dieſem ſchwerſten Kampfe meines Lebens Sieger bleiben und die Niederlage meines Sieges ertragen.— Da ſah ich Sie wieder, Cäcilie, ich erkannte, daß Sie unglücklich ſeien— ich erkannte, daß Sie mich auch geliebt hatten— mich noch liebten— laſſen Sie es mich immerhin aus⸗ ſprechen, daß ich es weiß, fuhr er bewegter fort, mag es kommen, wie es will, dieſes beglückende Bewußtſein können und dürfen Sie mir nicht mehr rauben!— Die Reue kam über mich, daß ich ſo gehandelt, daß ich damals der Vereinigung unſerer Herzen entgegengetreten; ich klagte mich des Kleinmuthes an und war jetzt zum erſten Male unglücklich, weil ich Sie unglücklich wußte, mein Ent⸗ ſagen den Werth eines Opfers verloren hatte.— Dann wurden Sie frei, mit Einem Male, und auch unſer Schickſal geſtaltete ſich plötzlich in anderer Weiſe. Glauben Sie es ſicher und beſtimmt, theure Cäcilie, wir haben Alles genau überlegt und erwogen— es gibt keinen ande⸗ ren Ausweg für uns. Wir haben unſer kleines Vermögen flüſſig gemacht; es wird ausreichen, uns drüben, wo Arbeit und Fleiß die Hauptſache ſind, eine anſpruchsloſe, aber ſichere und von keiner Willkür gefährdete Zukunft zu verſchaffen. Dieſe will ich mir gründen, ſprach er mit 16* einer Stimme weiter, die jetzt vor innerer Erregung und Erwartung weniger ſicher geworden war— aber wenn ich ſie mir geſchaffen habe, wenn die erſten Mühen, die erſten Kämpfe mit den fremden Verhältniſſen beſtanden ſind, wenn ich drüben eine neue Heimat gefunden— dann will ich zurückkehren— und Sie fragen, ob Sie mir folgen wollen in dieſe neue Heimat— Sie fragen, ob die Liebe in Ihrem Herzen noch dieſelbe geblieben iſt und ob Sie den weiten Weg nicht ſcheuen, um Freude und Leid bis zum Tode mit mir zu theilen.— Deßhalb bin ich hier, fuhr er fort, von der Hoffnung getragen, Sie könnten mir dieſes Gelöbniß geben— ach, wie beneidenswerth würde dann mein Loos ſein, wie würde das Bewußtſein, der Schöpfer meines— Ihres künftigen Glückes zu werden, meine Kräfte, meinen Muth beleben! Prüfen Sie Sich, gehen Sie ernſtlich mit Sich zu Rathe, ſprach er weiter, während ſie noch immer ſchweigend da ſaß und nur das Wogen ihres Buſens die innere Erregung bekundete— ich fordere viel von Ihnen, Sie ſollen die Heimat und Ihre Eltern verlaſſen, und ich kann Ihnen nichts dafür geben — als mich ſelbſt.⸗Wollen Sie, theure Cäcilie? fragte er in geſteigerter, angſtvoller Erwartung— oder war mein Hoffen nur ein trügeriſches Phantom? Nein, nein, ſagte ſie kaum hörbar, indem ihr Kopf ſich an ſeine Bruſt lehnte— nein, Robert, das iſt unmög⸗ lich— das kann ich nicht! . * ₰ — — . — Das können Sie nicht— das iſt unmöglich? fragte er. Nein, ſagte ſie eben ſo leiſe, das kann ich nicht— denn ich kann mich nicht mehr von Ihnen trennen— ſo weit— ſo weit— ich würde ſterben! Cäcilie! rief er, erfaßt von der überſtrömenden Em⸗ pfindung eines unverhofften Glückes, indem er ſie um⸗ ſchlang; was ſagteſt du? O, wiederhole dieſe Worte noch einmal, damit ich mich vergewiſſere, daß meine Sinne mich nicht getäuſcht haben!„ Ja, ich will fortan Freude und Leid mit dir theilen, Robert, ſprach ſie mit geſenkten Augen— Freude und Leid— aber nicht erſt dann, wenn du das Leid allein getragen haſt— jetzt— von dieſer Stunde an— ich ziehe mit dir— und was meine Kraft nicht vermag, das wird meine Liebe vollbringen! Robert und Cäcilie ſaßen noch lange auf der einſamen Bank, ſagten ſich, was ſie Beide längſt wußten, daß ſie ſich liebten, und ſchloſſen den feſten, unlösbaren Bund ihrer Herzen für das ganze Leben bis zum Tode. Seine Bedenken— wie bald waren ſie beſeitigt, wie gern, wie willig gab er nach— welche Seligkeit durch⸗ ſtrömte ſein Herz, als ſie ihm immer wieder ſagte, daß all ihr Glück nur in ihm ruhe, und daß ſie Eltern und Heimat, Alles verlaſſen wolle, um mit ihm zu ziehen. Sie verabredeten dann, daß ſie zuerſt mit ihren Eltern reden und dieſe vorbereiten wolle, ehe er käme. Es war eine ſchwere Stunde für ſie, als ſie dies that, aber alle Vorſtellungen ihrer Eltern, ihres Vaters, blieben erfolglos. Iſt es dir wirklich möglich, fragte der letztere, uns auf Nimmerwiederſehen zu verlaſſen und einer ſo ungewiſſen Zukunft entgegen, weit über das Meer in ein fremdes Land zu ziehen? Sollen deine Eltern in ihrem Alter den Troſt deiner Gegenwart entbehren? Iſt die Liebe zu Ihnen ganz aus deinem Herzen gewichen und hat einer anderen Platz gemacht? Meine Liebe zu euch, zu dir, mein guter Vater, wird niemals aufhören, ſagte ſie mit Thränen in den Augen; wenn ihr es wollt, wenn ihr es befehlt— werde ich blei⸗ ben— und noch einmalunglücklich werden— ich werde nicht ziehen, ohne euren Segen! Als er dann kam, als man ſich gegenſeitig ausſprach, als der alte Erin und auch Cäciliens Mutter erkannten, daß Beider Herzen ein längſt geſchlungenes, unlösbares Band umſchloß— da gaben ſie nach— was können Eltern, die ihr Kind lieben, anders thun? Der erſte Sturm legte ſich, das weite Land rückte allmählich näher. Robert, mit den dortigen Verhältniſſen vertraut, ſchilderte dieſelben in möglichſt günſtiger Beleuchtung— man ſprach ſchon von einem Beſuche nach einem Jahre— kurz, man ſuchte —— —— — 247— Alles hervor, wie dies der Menſch immer thut, um die Lichtſeiten des erſt ſo finſteren Bildes in den Vordergrund treten zu laſſen. Wann wollen Sie Ihre Reiſe antreten? fragte der alte Erin im Laufe des Geſpräches. Es iſt Alles vorbereitet— wir dürfen nicht länger zögern, erwiederte er; in ſpäteſtens vier Wochen müßte es geſchehen. Das wird nicht angehen, bemerkte Cäciliens Vater, der jetzt wenigſtens den Zeitpunkt ſeines Verluſtes ſo weit als möglich hinausſchieben wollte; bedenke, daß du das Trauerjahr halten mußt, mein Kind. Vater, ſagte ſie mit einem verſchämten Blicke auf Robert, unter ſo außerordentlichen Verhältniſſen wird wohl eine Ausnahme zuläſſig ſein— es wird ja auch Alles ſtill und ohne Aufſehen vor ſich gehen. Nun, wie Gott will, erwiederte der Alte mit einem tiefen Seufzer, ich will deinem Glücke nicht hinderlich ſein — der Segen deiner Eltern ſoll mit dir ziehen und 6h be⸗ gleiten in das fremde, ferne Land! Nach einigen Tagen reiſte der junge Horſt wieder 3₰ um die Vorbereitungen zu ſeiner Ueberſiedelung zu voll⸗ enden. Es war verabredet, daß er nach drei Wochen mit ſeinen Eltern zurückkehren, ſich noch acht Tage aufhalten und dann die Verbindung des jungen Paares in aller Stille vor ſich gehen ſolle. In dem Erin'ſchen Hauſe entwickelte ſich nun eine un⸗ ruhige Thätigkeit, indem man zu der ſo nahe bevorſtehen⸗ den Hochzeit und Abreiſe der Tochter mit ängſtlicher Be⸗ ſorgniß ſo viel als möglich einrichtete. Cäcilie nahm natürlich daran den lebhafteſten Antheil, aber ſie war eben ſo ängſtlich bemüht, jeden freien Augen⸗ blick ihren Eltern zu widmen und namentlich die Gegenwart ihres Vaters zu genießen, die ſie ja bald für immer ent⸗ behren ſollte. So ſaß ſie wieder in der letzten Woche der feſtgeſtellten Zeit mit ihm im Atelier, der träumeriſch und oft tief auf⸗ ſeufzend vor der Staffelei ſtand, ohne an ſeinem Bilde zu malen. Da wurde der Miniſter gemeldet. In einem ſo kleinen Staate, wie derjenige war, zu welchem die Univerſitätsſtadt gehörte, iſt ein Miniſter nicht eine ſo ercluſive Perſon, wie in einem großen. Dieſer war dazu ein Jugend⸗Bekannter des alten Erin, hatte ſich aus einer niedrigen Stellung emporgearbeitet und verſäumte es niemals, bei ſeiner Anweſenheit in der Stadt ſeinen alten Jugendgenoſſen zu beſuchen. Ich darf ihn nicht abweiſen, mein Kind, bemerkte der alte Erin, ſo ungelegen mir jetzt auch ſein Beſuch kommt. Der Angemeldete trat bald darauf ein. Es freut mich, Sie wohl zu finden, mein alter Freund, ſagte er hetzlich, in unſeren Jahren iſt das * — —————— 5 —. ———— —— * — 249— immer ſchon viel werth— aber Sie ſehen doch etwas leidend aus. Das alte Uebel, Ercellenz, oder vielmehr das Uebel des Alters. Ja, ja, das Uebel des Alters; nun, man muß es ertragen, es hilft einmal nichts— aber wie geht es Ihnen ſonſt? Leidlich, leidlich— es könnte Manches beſſer gehen. Das weiß Gott, beſter Freund— aber worüber hätten Sie zu klagen? Sie leben der Kunſt und kümmern ſich wenig um die Miſore des Lebens. Sie ſind eigentlich ein ſehr zu beneidender Mann. Wenn Sie verdrießlich wer⸗ den wollen, ſo denken Sie an mich, der ich aus den Un⸗ annehmlichkeiten gar nicht herauskomme. Niemand iſt beklagenswerther, als ein Mann, von dem alle Menſchen— etwas begehren, der wo möglich alle Dummheiten wieder gut machen und überall helfen ſoll. Und wenn es ſich dann noch um reine Geſchäftsſachen handelte, fuhr er, ſich ins Feuer ſprechend, fort, nun, bo,ließe man ſich das noch gefallen, aber da kommen noch die leidigen Familien⸗ Angelegenheiten unſerer höchſten Herrſchaften, äußerſt zarte und intricate Angelegenheiten, die mich eigentlich gar nichts angehen, um die ſich aber ſchließlich Alles oder wenig⸗ ſtens ſehr Vieles dreht— ſo daß man ſich ſelbſt mit drehen muß. Ich kann mir das denken und möchte nicht mit * dergleichen Geſchäften betraut ſein; aber wovon reden Excellenz? Nun, gegen einen ſo alten Bekannten darf ich mich einmal etwas gehen laſſen, es thut mir dies ohnehin wohl — ich ſpreche von dem beabſichtigt geweſenen Heiraths⸗ Projekte der Prinzeſſin Anna mit dem Prinzen von Albern⸗ hauſen. Mit dem Fürſten von Albernhauſen? fragte Erin neugierig. Ja, es iſt aber nichts daraus geworden, bemerkte der Miniſter mit einem Seußzer. Ich glaube, man kann der Prinzeſſin Anna deßhalb gratuliren, und dem Lande auch, erwiederte Erin. Das mag ſein, aber bei dergleichen Convenienz⸗Hei⸗ rathen kommt es darauf wenig an, und wenn die Sache erſt einmal ſo weit eingeleitet iſt, ſo kann ſie ohne Blamage eigentlich nicht mehr rückgängig werden. Ich verſtehe wenig von Ihren diplomatiſchen Irr⸗ gängen. Dieſer Fall iſt ganz gemein verſtändlich. Es haben zuerſt intime Sondirungen in Albernhauſen und von Albernhauſen bei uns ſtattgefunden— ſehr unbeſtimmt zwar, wie immer, aber ſie führten zu dem Reſultate, daß man im Ganzen eine ſolche Verbindung für wün⸗ ſchenswerth erkannte und der Fürſt uns deßhalb einen Beſuch machte. 1—— — — 251— Alſo eine förmliche Brautſchau? Nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er kam, um die Prinzeſſin Anna kennen zu lernen, und man konnte daher annehmen, der Beſuch würde 1 it der Verlobung endigen. Im Anfange ging auch 5 nach Wunſch, dann trat jedoch Sr. Hoheit Natur offeikundig an den Tag. Er fing in höchſt unvorſichtiger und ſogar unge⸗ nirter Weiſe Liebſchaften an,— kurz, ſein Benehmen wurde ſo anſtößig, daß man gezwungen war, den Plan aufzugeben. Nach der Ehe hätte man über Derartiges vielleicht ein Auge zudrücken können— aber jetzt— es ging beim beſten Willen nicht, ſetzte er mit einem Seußzer hinzu. Ich halte es für ein großes Glück, daß es ſo gekommen iſt, wiederholte Erin. Mag ſein, Sie mögen Recht haben, aber ich muß jetzt die Sache ausbaden! Wir ſtehen mit Albernhauſen auf dem vollſtändigſten Kriegsfuße, fuhr er mit einem ſpötti⸗ ſchen und zugleich ſchmerzlichen Lächeln fort; wir würden unſere Armeen gegen einander marſchiren laſſen, wenn ſie nicht ſo klein wären und wir nicht unter der Obhut des hohen Bundes ſtänden. So beſchränken wir uns darauf, uns gegenſeitig, ſo viel als irgend möglich iſt, zu chica⸗ niren. Die Grenzcontrole wird mit der größtmöglichen Strenge und Rigoroſität ausgeübt, und wir ärgern Se. Hoheit dadurch, daß wir dort wegen ſogenannter politiſcher Vergehen entlaſſene Beamte, die ſonſt tüchtig und unbe⸗ ſcholten ſind, bei uns wieder anſtellen. Die Ausführung aller dieſer kriegeriſchen Maßregeln liegt mir nun ob, mein alter Freund, und da können Sie leicht denken, wie unan⸗ genehm dies für mich iſt. Zuweilen, allerdings, zuweilen hat es ſein Pikantes und Intereſſantes, z. B. wenn wir ſo höflich als möglich anfragen, ob gegen dikſen oder jenen entlaſſenen Beamten, von dem wir wiſſen, daß ſie ihn dort drüben gründlich haſſen, weil er ein freiſinniger Mann iſt, etwas Anderes vorläge, als die ihm zur Laſt gelegte politiſche Geſinnung, weil wir in dieſem Falle die Abſicht hätten, uns ſeiner bekannten ausgezeichneten Befähigung zum Nutzen unſeres Landes zu bedienen. Sie ſollten die giftigen Antworten leſen, ſetzte er lachend hinzu,— über alle Begriffe! Und darauf von uns das einfache Notifica⸗ torium: Se. Hoheit hätten geruht, den N. N. zu Dieſem oder Jenem zu ernennen— das iſt aber auch die einzige Lichtſeite, denn an den Grenzen gibt es häufig blutige Conflicte, und das Schmuggelweſen nimmt in einem ent⸗ ſetzlichen Umfange zu. Mit immer ſich ſteigernder Aufmerkſamkeit hatte der alte Erin der Darſtellung des Miniſters zugehört. Sie ſtellen hier Beamte an, Ereellenz, fragte er dann, die man dort entlaſſen hat? Ja, mein Freund, aber nur ſolche, die wegen poli⸗ tiſcher Geſinnung entlaſſen ſind, und auch nur ſolche, von denen wir überzeugt ſein können, daß der Fürſt ſich beſon⸗ ders darüber ärgert, denn— Ach, Ercellenz, unterbrach Erin rückſichtslos die wei⸗ tere Mittheilung ſeines hochgeſtellten Gönners,— ach, da könnte ich Ihnen einen Beamten namhaft machen, einen tüchtigen, ausgezeichneten, vorzugsweiſe befähigten Mann, deſſen Wiederanſtellung dem Fürſten einen ganz beſonders großen Aerger bereiten würde, weil er ſeine und ſeines Vaters, eines verdienten Hegemeiſters, Entlaſſung eigen⸗ händig angeordnet hat— auch würden Sie mich da⸗ durch unendlich glücklich machen, ſetzte er etwas weniger lebhaft hinzu. Der Mann gehört alſo dem Forſtfache an? fragte der Miniſter; nun, vielleicht ließe ſich eine paſſende Stelle finden— aber weßhalb würde Sie das ſo beſonders be⸗ glücken? Was haben Sie für ein Intereſſe daran? Iſt es ein Verwandter von Ihnen? 6 Noch nicht, Ercellenz, aber er wird es werden, denn er wird meine einzige Tochter heirathen und will mit ihr nach Amerika, um ſich dort eine Eriſtenz zu gründen. Was, Ihre Tochter will ſchon wieder heirathen? fragte lächelnd der Miniſter; hat ſie meinen guten Collegen ſo ſchnell vergeſſen? Es iſt eine alte, oder vielmehr ihre einzige Liebe— ich habe Vieles gut zu machen, daß ich ihre Verbindung mit Leſſen zugegeben. Nun, mein beſter Freund, ſagte der Miniſter mit Freundlichkeit, hier liegen ſo viel der wichtigſten Gründe „daß ich mich unmöglich weigern kann. Erſtens wer⸗ den wir in den feindſeligen Operationen gegen Albern⸗ hauſen einen Hauptſchlag führen, zweitens darf ich meiner Frau Collega, Ercellenz, eine ſo unbedeutende Gefällig⸗ keit ſchon an ſich nicht abſchlagen; drittens mache ich einen alten, mir lieben Freund glücklich, wie er ſagt, und viertens endlich wird auch ein begangenes Unrecht wieder ausgeglichen, was allerdings Nebenſache bleibt. Iſt es wirklich Ihr Ernſt, Ercellenz? fragte Erin mit vor Freude zitternder Stimme, denn er vermochte dieſe plötzliche günſtige Wendung von Cäciliens Schickſal noch nicht zu faſſen; Ihr wirklicher Ernſt? Wie können Sie daran nur zweifeln? Sehen Sie, welche große Rolle der Zufall im Leben des Menſchen ſpielt — es war nahe daran, daß ich hätte wieder abreiſen müſſen, ohne Sie zu ſehen, aber der Zufall wollte, daß es nicht geſchah. Oder die Vorſehung, ſagte Erin bewegt. Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber wie heißt denn Ihr künftiger Herr Schwiegerſohn? Sie haben mir ja noch gar nicht einmal den Namen genannt, und was * werden? Schön, ſchön, fuhr er fort, als er das Nöthige er⸗ fahren hatte, das paßt mir gerade; es iſt eine ſehr roman⸗ tiſch gelegene und auch einkömmliche Oberförſterei im Gebirge vacant— ich hoffe, daß meine Frau Collega ſich dort beſſer gefallen und glücklicher leben wird, als in Albernhauſen. Emnpfehlen Sie mich ihr und ſagen Sie ihr, ich würde mir demnächſt die Ehre geben, ſie drüben in den Bergen und in den ſchattigen Wäldern zu be⸗ ſuchen— Ihren künftigen Schwiegerſohn aber laſſen Sie ſich ſo bald als möglich melden, denn die Stelle hat viele Bewerber, und lange kann ich ſie nicht mehr offen halten. Es ſoll ſogleich geſchehen— aber wie ſoll, wie kann ich Ihnen danken, Excellenz Es geſchieht ja Alles nur wegen des Krieges mit Albernhauſen, unterbrach ihn der Miniſter lächelnd; und nun leben Sie wohl, mein alter Freund, und gedenken Sie meiner bei der Hochzeit. Nicht nur dann, immer, immer werde ich— Adieu! rief der Miniſter, ſich entfernend— Adieu— auf Wiederſehen! Es würde überflüſſig ſein, wollten wir verſuchen, das Glück zu ſchildern, welches durch dieſe unerwartete Wendung ſich über die beiden Familien ergoß. Robert iſt er, oder vielmehr, was war er, und was ſoll er wieder ——— 6 — 256— erhielt die Oberförſter-Stelle und zog nach wenigen Wochen mit ſeinen Eltern, die ſich inzwiſchen eng mit Cäciliens Eltern befreundet hatten, dahin. Gern hatte er den Plan, nach Amerika überzuſiedeln, aufgegeben, denn der Staat, wo er jetzt angeſtellt war, hatte ſich von jeher durch eine freiſinnige und ſtreng rechtliche Verwaltung ausge⸗ zeichnet. Eben ſo gern trug Cäcilie die Trauerkleider, bis der Jahrestag von Leſſen's Tode vorüber war, dann aber wurde ihre und Robert's Hochzeit ohne Prunk und Aufſehen gefeiert. Als Beide das Erin'ſche Haus— ſie 3 jetzt zum zweiten Male— verließen, gab es auf dieſer Erde wohl ſchwerlich zwei glücklichere Menſchen, als dieſe Bei⸗ den, welche, durch lang geprüfte Liebe vereint, den Bergen, ihrer neuen Heimat, zufuhren. Willſt Du Dir ein Bild dieſer neuen Heimat machen, geneigte Leſerin? Gehe in den Schwarzwald, wo die Großartigkeit der Alpennatur ſich mit der Lieblichkeit niedrigerer Gebirge verbindet, tritt in ein weites, offenes, aber von hohen, waldbewachſenen Bergen begrenztes Thal, deſſen Sohle Wieſen und Felder ſchmücken, durch⸗ zogen von einem raſch dahinrauſchenden Bache, an dem eine Mühle klappert— dort, im Schatten von Eichen und Tannen, liegt die in Schweizerart gebaute Ober⸗ förſterei. Es iſt gerade Abend, das Licht der tief ſtehen⸗ den Sonne glänzt auf der hohen, ſich vom Thale aus erhebenden Bergwand. Der alte Horſt und ſeine Frau ſitzen plaudernd auf einer Bank vor der Thür— Cäcilie aber wandelt auf dem Wege, welcher das Thal hinauf⸗ führt, ihrem rückkehrenden Manne entgegen. Jetzt bleibt ſie ſtehen— ſie blickt erwartungsvoll in die Ferne, oben, wo der Weg aus dem Walde kommt, bewegt ſich etwas, aber es iſt nicht die Geſtalt eines einzelnen Mannes. Sie erkennt einen Wagen— und dann Robert mit ihren Eltern — ach, wie freudig, wie ſelig fliegt ſie ihnen entgegen— ſie hat nichts, nichts mehr zu wünſchen! So glaubte ſie in jenem Augenblicke— ſpäter, nach Jahren, als der alte Hegemeiſter und ihr Vater mit ihren Kindern ſpielten, da wußte ſie, daß ſie damals doch noch Wünſche gehabt hatte.—— WMöchteſt Du auch beim S noch einen Blick auf Albernhauſen werfen? Es iſt dort ſtill und unheimlich — der Fürſt iſt mit einer ebenbürtigen Fürſtentochter ver⸗ mählt, die er nicht liebt, wenigſtens nicht mehr liebt und eben ſo leicht vergeſſen würde, wie er Nettchen vergeſſen hat. Nettchen? Denkt noch Jemand an Nett⸗ chen, an die einſt ſo beneidete und angefeindete Ge⸗ mahlin des Fürſten? Das Urtheil im Volke über ſie iſt ein milderes geworden— der Tod verſöhnt— auch hatte man erkannt, daß ihr Einfluß auf den Fürſten wenigſtens kein nachtheiliger geweſen war. Sonſt iſt ſie vergeſſen, man ſpricht nicht mehr von ihr.—— Nur die Geheimräthin von Stuhm beſucht faſt täglich Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 11l. 17 ————— — . das fürſtliche Erbbegräbniß— ſie hat vom Cuſtos des⸗ ſelben dazu die Erlaubniß erhalten— auf Nettchens Sarge liegen immer wieder neue, duftende Kränze— ſie allein denkt noch an ſie und wird ihrer gedenken bis an den Tod! Druck von Otto Wigand in Leipzig.