Leihbiblivt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jedven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.] 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt:—— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .——————— auf 1 Monat: 2 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher niet ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirkgeliehen, auchzdafür zu ſtehen haben. Eecheee —— Roman in drei Bänden von Guſtav vom Ser. (G. von Struenſee.) * Zweiter Band. Der Perfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 18637 „ Inhalt. — Seite Erſtes Kapitel: 5 Mif en Balle 1 Zweites Kapitel: Am Scheidewege Drittes Kapitel: ʒ Viertes Kapitel: Handel und Wandel 2 Fünftes Kapitel: üeber die Greiseee Sechſtes Kapitel: Plane und Entwürfe... Mittel und Zweck Achtes Kapitek: Erklärungen Neuntes Kapitel: Gegen einander Siebentes Kapitel: 187 Erstes Bapitel. Auf dem Balle. Was heißt du denn Sünde? Wie Jedermann, Wo ich finde, Daß man's nicht laſſen kann Goethe. Eine Blüth', eine Blüth' mir brich Von dem Baum im Garten— Keine Frucht, keine Frucht für mich— Darf ſie nicht erwarten. Uhland. Vierzehn Tage waren ſeit der eben geſchilderten Unter⸗ redung verfloſſen. Horſt hatte Ferdinand in der Zeit nicht wieder geſehen, aber der Tag ſeiner Abreiſe war herange⸗ rückt, morgen wollte er die Stadt verlaſſen. Er war eigent⸗ lich länger geblieben, als er es beabſichtigt hatte, und die Urſache dieſer Zögerung lag lediglich in dem Verlangen, Cäcilie noch einmal zu ſprechen, ſo wenig er ſich ſelbſt die⸗ ſen Grund als maßgebend eingeſtehen mochte. Die Uni⸗ verſität feierte ihr Stiftungsfeſt wie immer mit ziemlich langweiligen und langathmigen Reden in der Aula— aber Abends war großer Ball, an de ſämmtliche Profeſ⸗ Guſtav vom See. Wogen des Lebenz ſoren und die meiſten Studenten ſich betheiligten. Dieſes Stiftungsfeſt wollte Horſt noch mitmachen, er war es der Univerſität und ſich ſelbſt ſchuldig, meinte er. 9 Er hatte Cäcilie faſt täglich geſehen, ohne die Kraft zu beſitzen, dieſem ſchmerzlichen Glücke zu entſagen— heute wollte er noch einmal, zum erſten und letzten Male, mit ihr tanzen und dann morgen in aller Frühe abreiſen. Seine eigenwillige Phantaſie beſchäftigte ſich unausgeſetzt mit dem Ausmalen dieſes verlockenden Bildes, und alle Mahnungen ſeines Verſtandes wurden verdrängt und be— ſeitigt von den hochgehenden Wogen ſeines Herzens. Es half ihm nichts, daß er es ſich klar machte, die Pflicht ge⸗ biete ihm, ſie zu meiden und die in ſeiner Seele immer friſcher aufwachſende Liebe zu ihr mit der Wurzel aus— zureißen, und wenn dies nicht möglich ſei, wenigſtens ſorgſam vor ihrem Blicke zu verbergen.— Warum ſoll ich ſie nicht noch einmal ſehen, fragte er ſich immer wieder, warum ihr nicht wenigſtens ſagen, daß ich für immer fort⸗ gehe, und Abſchied nehmen? Ich verlange ja nichts— ich will ja nichts— nichts, als ihr Glück. Iſt es denn ein ſo großes Unrecht, ihr dies zu ſagen, ihr, die vielleicht gar nicht mehr für mich empfindet, wie für jeden Anderen!— Du wirſt Dir den weiteren Inhalt ſeiner Gedanken und Reflerionen leicht ſelbſt denken können, ſchöne Leſerin, denn jeder Menſch hat in ähnlichen Kämpfen geſtanden, und es gibt keinen, der aug en als vollſtändiger Sieger her⸗ * . vorgegangen wäre. Darum urtheile nicht hart über ihn, er gehörte wenigſtens nicht zu der großen Zahl derjenigen, welche den Frieden eines jungen, unerfahrenen Mädchen⸗ herzens als ein werthloſes, lächerliches Phantom betrach⸗ ten und ſich des Sieges darüber mit cyniſcher Genugthuung und Selbſtgefälligkeit rühmen. Es war alſo Ball am Abende jenes Tages, ein großer, zahlreich beſuchter Ball; auch wir dürfen natürlich auf demſelben nicht fehlen, da wir mit vielen Perſonen unſerer Erzählung dort zuſammentreffen werden. Um einigermaßen nach der Rangordnung zu verfah⸗ ren, wollen wir mit dem Prinzen beginnen. Man hatte ihm neben dem Rector, unter der zwiſchen Blumen auf⸗ geſtellten Büſte des Landesherrn, eine Art von Ehrenplatz eingeräumt, denn die Wiſſenſchaft und ihre Jünger ſind keineswegs unempfindlich gegen die Verlockungen und Spielereien des Ehrgeizes. Niemand trägt gewöhnlich die Kreuzeszeichen dieſer Sclaverei mit größerem Wohlbehagen und Selbſtüberhebung, als gerade Gelehrte, Dichter und Profeſſoren— und ſo war man auch hier bedacht geweſen, den Erbprinzen des benachbarten, ſogar noch etwas größe⸗ ren Landes, deſſen Fürſt drei Orden, jeden mit drei Claſ⸗ ſen, zu verleihen hatte, nach Gebühr zu ehren. Der Prinz ſetbſt aber fand ſich dadurch keineswegs geehrt. Die Ge⸗ ſellſchaft der zeitlichen Vorſtände der Univerſität und ihrer Frauen intereſſirte ihn nicht i n eſten, er gab ſehr flüchtige und zerſtreute Antworten, während ſeine Augen unabläſſig ſuchend durch das Getümmel des Saales ſtreif⸗ ten. Endlich hafteten ſie an dem erſehnten Gegenſtande, und kaum war dies geſchehen, als er, alle weitere Rückſicht bei Seite ſetzend, ſeine Geſellſchaft verließ, unter dem Vor⸗ geben, daß er tanzen wolle. Was er ſo lange geſucht und endlich gefunden, war na⸗ türlich Nettchen, und wir müſſen geſtehen, ſie ſah an jenem Abende beſonders reizend aus. Ihre dunkeln, üppigen Locken umrahmte ein Kranz von Granaten, deſſen feuer⸗ rothe Blüthen aus dem nachtſchattigen Grunde verlockend hervorleuchteten. Wie ſtrahlten ihre Augen von freudiger Erregung, als der Prinz ſie begrüßend zu ihr trat, die blendende Weiße ihres weich geformten Halſes und Nackens ließ die raſcher pulſirenden Blutwellen deutlicher durchſchim⸗ mern, ſich der Farbe des etwas tief ausgeſchnittenen Klei⸗ des von rother, durchſichtiger Gaze nähernd! Wie eng umſchloß dieſes Kleid ihre zierliche, ſchlanke Taille, als ſie ſich jetzt verneigte und dann mit einem langen Aufſchlag ihrer glänzenden Augen den Prinzen mit einem bezaubern⸗ den Lächeln anblickte— da war es ihm wahrlich nicht zu verdenken, daß er ſie ſchön, hinreißend, bezaubernd fand. Er engagirte ſie zum Tanz, ſie legte mit leiſem Drucke ihre Hand in die ſeine— und dann flogen ſie dahin, in den Wirbeln des Tanzes verſchwindend. Wir vermögen zu folgen und haben ſie * 6 bald aus den Augen verloren— la aſſen wir ſie daher und ſehen uns nach anderen Bekannten um. Dort ſteht der Profeſſor Erin mit Frau und Tochter und an der Seite der letzteren der Profefſor Leſſen. Treten wir näher. Es iſt zu voll, ſagte der alte Erin, für mich zu ge⸗ räuſchvoll und zu viel Gewühl; es wäre mir lieb, wenn wir den Saal verließen. Den Saal wollen Sie verlaſſen? fragte Leſſen voll Er⸗ ſtaunen; Sie vergeſſen, daß Sie Sich hier auch in Ihrer Eigenſchaft als Vater befinden, Ihre Fräulein Tochter wünſcht gewiß zu tanzen. Habe ich nicht Recht, Fräulein Cäcilie? wandte er ſich an dieſe. O, jedenfalls, erwiederte ſie ſichtlich zerſtreut, wie können Sie daran zweifeln? Nun, da hören Sie es ſelbſt, bemerkte Leſſen lächelnd, Ihre Fräulein Tochter beſitzt noch die ſchöne Tugend der Aufrichtigkeit— darf ich denn vielleicht, in Ermangelung eines beſſeren Tänzers, um dieſen Tanz bitten, fuhr er fort; nach dem, was Sie eben geäußert, dürfen Sie mir keine abſchlägige Antwort geben. Was, Sie wollen tanzen, Herr College? fragte lachend der alte Erin, ehe Cäcilie antworten konnte, nun, da bin ich wirklich neugierig. Neugierig, entgegnete Leſſe empfindlich, weß⸗ halb, wenn ich fragen darf? O, nehmen Sie mir meine unbedachte Aeußerung nicht übel, ſagte Erin gutmüthig; warum ſollten Sie nicht tanzen, Sie, ein angehender Dreißiger— mir kam nur die Bemerkung, weil ich mir Sie mit Ihrem ernſten und gediegenen Weſen eigentlich gar nicht tanzend denken konnte. Mein lieber Herr College, bemerkte Leſſen geſchmeichelt, Alles zu ſeiner Zeit; wenn es Ihnen daher gefällig wäre, mein Fräulein. Sie reichte ihm ſtumm mit niedergeſchlagenen Augen ihre Hand, und auch Leſſen ſteuerte dann, wenn auch als ein etwas ſchwer ſegelndes Schiff, hinaus in die wilde See des Tanzes. Hier würde es uns nicht ſchwer werden, ihnen zu folgen, denn die Bewegungen des Profeſſors ſind ſolche, daß er ungeachtet vieler überflüſſiger Umdrehungen doch nur verhältnißmäßig wenig Raum gewinnt; aber da fliegen ſo eben der Prinz und Nettchen daher und ſtellen ſich ſo dicht neben uns, daß wir jedes auch noch ſo leiſe geſprochene Wort verſtehen können. Wie du heute ſchön und reizend biſt, Nettchen, flüſterte er ihr ins Ohr; ach, ich wollte Alles, ſelbſt mein Erbrecht hingeben, wenn ich jetzt deine Lippen küſſen dürfte! Ich bitte, ich beſchwöre Sie, ſprach ſie noch leiſer, indem ſie ihr Tuch vor den Mund hielt, ſeien Sie vor⸗ . ſichtig; wenn Sie mich hier noch ein einziges Mal du nennen, ſo verlaſſe ich Sie augenblicklich. Vergib mir, flehte er, erwiedere den Druck meiner Hand zum Zeichen der Vergebung— ich bin ſonſt un⸗ glücklich— o, wie danke ich dir, fuhr er fort, wie danke ich Ihnen, ſetzte er lauter hinzu— es iſt eine drückende Hitze hier. Wir ſollten eigentlich nicht mehr tanzen, Herr Graf, ſagte ſie ebenfälls laut; aber ſehen Sie doch, rief ſie dann lachend, da tanzt ja der Profeſſor Leſſen, wenn man dieſe Umdrehungen tanzen nennen kann— ach, wie bedaure ich die arme Cäcilie! Aber das muß etwas zu bedeuten haben; ich ſah dieſen gelehrten und geehrten Herrn Profeſſor noch nie tanzen, habe überhaupt geglaubt, dieſe Species von Menſchen dürfe ſich ſolchen Vergnügungen gar nicht hingeben. Seien Sie nicht boshaft— aber ſehen Sie nur, er wäre beinahe gefallen; ſie hören ganz auf und kommen hieher, der kleine, runde Leſſen ſieht wirklich komiſch aus. Ah, guten Abend Herr Profeſſor, redete er den ſehr erhitzten Profeſſor an, der ſo eben mit Cäcilie ſeinen Platz hinter dem Prinzen eingenommen hatte; Sie entwickeln ja täglich neue und bewunderungsvolle Talente— ich habe gar nicht gewußt, daß Sie auch ein ſo flotter Tänzer ſeien. Cw. Hoheit treiben Spott mit mir, entgegnete Leſſen, deſſen ſcharfer Verſtand ſofort erkannte, daß er die Rolle des Tänzers aufgeben müſſe; ich bin eigentlich nur durch ein mißverſtandenes Gefühl zu dieſer Bewegung gekom⸗ men, die ich längere Zeit nicht mehr geübt hatte. Fräu⸗ lein Erin wünſchte zu tanzen, und da augenblicklich kein beſſerer Tänzer da war.... So brachten Sie dieſes Opfer, unterbrach ihn lachend der Prinz; das iſt gerade kein Compliment für Ihre Dame, und ich hätte an Ihrer Stelle lieber den Vorwurf, ein ſchlechter Tänzer zu ſein, hingenommen, als mich auf dieſe Weiſe herausgeredet. Habe ich nicht Recht, mein, Fräulein? wandte er ſich an Cäcilie. Ich weiß nicht, erwiederte dieſe ſichtlich verlegen, ich glaube, es war ſo, wie Herr Leſſen ſagte; auch finde ich nicht, daß Sie ſchlecht tanzen. Nun hören Sie, wie dankbar und aufopfernd Fräulein Erin iſt, gerade das Gegentheil von Ihnen. Sie haben mich mißverſtanden, Hoheit, entgegnete Leſſen, nachdem er vorher einige Male, gleichſam um ſich zu ſammeln, kurz gehuſtet hatte— ich bin dadurch in eine ſchiefe Lage gekommen. Sie meinen vorher beim Tanz, ſpottete der Prinz. Fräulein Erin hat das große Opfer gebracht, mit mir zu tanzen, und um ihr zu beweiſen, wie ſehr und hoch ich dies anerkenne, erlauben Sie mir wohl, Sie jetzt wieder 6 an Ihren Platz zurückzuführen. Ew. Hoheit werden mich daher gütigſt entſchuldigen. Ich glaube, er ſpielt den Beleidigten gegen mich, be⸗ merkte der Prin voll Hohn; wenn er keinen Anſtand nimmt, ſich lächerlich zu machen, ſo muß er es ſich auch gefallen laſſen, daß man darüber ſcherzt. Es war wohl etwas mehr wie Scherz. Wie rückſichtsvoll Sie ſind; ich beneide faſt dieſen Profeſſor, da Sie ihm ſo viel Theilnahme ſchenken. Ich gebe ihm nur, was er verdient, erwiederte ſie coquett, denn er iſt ein geſcheidter und intereſſanter Mann; daß er ſchlecht tanzt— nun, mein Gott— der beſte Tänzer kann immerhin ein ſehr fader M enſch ſein, die meiſten ſind es ſogar. Der Prinz ſah ſie nach dieſer zweideutigen Aeußerung mit fragenden Blicken an, die ſie jedoch gar nicht zu be⸗ merken ſchien, denn ihre Augen beobachteten mit an⸗ ſcheinend großem Intereſſe die tanzenden Paare. Wenn man Sie nicht näher kennte, ſagte er dann— leiſe, ſo könnte man irre an Ihnen werden; es kommt mir oft vor, als läge es in Ihrer Abſicht, mir etwas Ver⸗ letzendes zu ſagen. Daran iſt blos Ihre überaus große Eitelkeit ſchuld, neckte ſie weiter. Meine Eitelkeit, in wie fern? Nun, Sie halten Sich offenbar für einen ausgezeich⸗ neten Tänzer und fanden deßhalb allein meine im Allge⸗ meinen richtige Bemerkung für Sie verletzend. Und war ſie ohne alle Beziehung auf mich? Können Sie wirklich glauben, ich würde ſie dann ge— macht haben? erwiederte ſie mit einem zärtlichen Blicke; iſt es denn der Tänzer, der mir in Ihnen werth iſt? Ach, was haben Sie eine kleinliche, niedrige Meinung von mir! Vergib mir, vergib mir, flüſterte er wieder ganz leiſe, du magſt daraus erſehen, wie ſehr ich dich liebe! Nettchen war im Begriffe, zu antworten, als ihr Blick auf zwei funkelnde Augen fiel, die durchbohrend und mit dem Ausdrucke der höchſten Leidenſchaft auf ihr hafteten. Es durchzuckte ſie ein Gefühl, als ob ein zum Sprunge bereites Raubthier ſie anſtarre— und der Träger dieſer Augen ſtand dicht hinter ihr, er mußte die letzten zärtlichen Worte des Prinzen gehört haben. Eine fahle Bläſſe bedeckte plötzlich ihr Geſicht und ihren Nacken, ſie ſtützte ſich zitternd auf den Arm ihres Begleiters und bedurfte einiger Zeit, um ſich zu faſſen. Tanzen wir, flüſterte ſie dann, wir ſind an der Reihe. Dem Prinzen war die auffallende Erregung ſeiner Tänzerin nicht entgangen, er forſchte nach der Urſache und glaubte ſie in dem wilden Geſichts⸗Ausdrucke eines jungen Mannes zu erkennen, der dicht neben Nettchen ſtand und ſie unverwandt anſtarrte. Beider Blicke trafen ſich jetzt, 5 und dann lachte der Unbekannte höhniſch auf und maß den Prinzen in beleidigender Weiſe von Kopf bis zu Füßen. Tanzen wir, flehte Nettchen abermals. Weßhalb ſtarren Sie mich ſo an, mein Herr? fragte der Prinz in wegwerfendem Tone. So tanzen Sie doch, entgegnete hohnlachend der Andere; Sie ſehen ja, es wird ihr unheimlich in meiner Nähe, ſie iſt ordentlich blaß geworden! So tanzen Sie doch, damit ſie wieder roth und lebendig wird! Der Prinz hatte keine Zeit zu einer Erwiederung, denn Nettchen zog ihn faſt gewaltſam fort und er hörte nur noch hinter ſich das höhniſch-heiſere Lachen des unheim⸗ lichen Unbekannten. Es iſt ein halb verrückter Student, ſprach ſie haſtig während des Tanzens, der mich mit ſeiner Leidenſchaft ver⸗ folgt— ein gefährlicher Menſch— meide ihn, meide ihn, Eduard, ich beſchwöre dich! Ach, und ich möchte am lieb⸗ ſten den Ball verlaſſen! Aber wie kannſt du dich darüber ſo erſchrecken und ängſtigen, erwiederte er in gleicher Weiſe; ich werde Maß⸗ re egeln ergreifen, daß dieſer Burſche vom Balle entfernt werde, damit man ſolchen Inſulten nicht ferner ausge⸗ ſetzt iſt. Ach, es war nichts als eine große Thorheit von mir, ſprach ſie weiter, als Beide dann an einer anderen Stelle — ſtanden, ich kann nicht dafür, daß ich mich ſo leicht er⸗ ſchrecke. Vermeiden Sie aber um Gotteswillen und meinetwegen jedes Aufſehen. Jener Student iſt ſonſt ein harmloſer Menſch— nur überſpannt— und du ſagteſt ja ſelbſt, ſetzte ſie wieder mit ihrem coquetten 3 Lächeln hinzu, daß es verzeihlich ſei, mich ein wenig hübſch zu finden. Wenn es weiter nichts wäre, erwiederte ernſthaft der Prinz, das wäre allerdings ſehr verzeihlich; aber dieſer Burſche war geradezu ungezogen, er hat dich beleidigt, und ſo weit es möglich iſt, auch mich. Du wirſt zu⸗ geben, daß ich mir dies nicht gefallen laſſen darf. Wenn du mich wirklich liebſt, bat ſie mit einem ängſt⸗ lichen Blicke, ſo erfüllſt du meine Bitte, wir ſprechen ſpäter ausführlich darüber. Bedenke, welches Aufſehen, welches Gerede es veranlaſſen würde, wenn du in deiner Stellung dieſe unbedeutende Sache zum Gegenſtande eines öffentlichen Scandals machteſt. Du biſt mir dieſe Rück⸗ ſicht ſchuldig, ich beſchwöre dich darum! Du biſt ja ganz ungewöhnlich erregt, entgegnete er, ſie forſchend anſehend; ich werde deinen Wunſch erfüllen, aber du wirſt mir vollſtändige Aufklärung geben. Ganz vollſtändige, ganz ausführliche, ſcherzte ſie, ob⸗ gleich ich dir kaum etwas Anderes zu ſagen weiß; aber ich glaube gar, du kannſt auch eiferſüchtig ſein, und dabei haſt 8 du eine ſo ſchlechte Meinung von meinem Geſchmacke, daß du einen ſolchen Menſchen zum Gegenſtande deſſelben machen kannſt? Du beleidigſt mich! Es war immer ein eigenthümlicher Auftritt, bemerkte nachdenklich der Prinz; er läßt auf eine Vergangenheit ſchließen, von der ich unterrichtet ſein möchte. Sie beleidigen mich jetzt wirklich, mein Herr, erwiederte ſie in gemeſſenem und gereiztem Tone; ich bitte Sie, mich auf meinen Platz zu führen. Du wirſt mir dieſe Aufklärung geben, nicht wahr, Nettchen? So laſſen wir das denn für heute. Ich wünſche auf meinen Platz zu gehen, ſagte ſie mit einer förmlichen Verbeugung; die Luſt zum Tanzen iſt mir vergangen— ich habe die Ehre— Nun, wie tanzt denn der Herr College, mein Kind? fragte lächelnd Cäciliens Vater; ich habe Sie wirklich be⸗ wundert. Es ſcheint mir, daß Fräulein Cäcilie dieſe Bewunde⸗ rung weniger empfindet, obgleich mir dies weit ſchätzbarer wäre, erwiederte Leſſen ſtatt ihrer; ich bin doch ein wenig aus der Uebung gekommen. Nun, dann müſſen Sie Sich um ſo fleißiger dem Tanzen hingeben, damit Sie wieder auf den alten Stand⸗ punkt gelangen. Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß Sie auch ſpotten können. O, wie können Sie nur ſo etwas denken— aber, ſo —————————————————— ſprich doch, Cäcilie, du ſtehſt da und bleibſt ſtumm wie ein Fiſch. Im Begriffe zu ſprechen, verſtummte ſie plötzlich wieder und eine tiefe Röthe überflog ihr liebliches Geſicht, denn ſie erblickte Horſt ganz nahe und offenbar in der Abſicht kommend, ſie anzureden. Dürfte ich um den nächſten Tanz bitten, mein Fräu⸗ lein? fragte er leiſe, ſich tief verneigend. O ſehr gern! erwiederte ſie in gleicher Weiſe, dann trafen ſich ihre Blicke noch einen kurzen Moment, er ver⸗ beugte ſich wieder und war verſchwunden. Leſſen hatte dieſe kurze Scene genau beobachtet, und die Verlegenheit und Bewegung Cäciliens, an der er jetzt ein großes Intereſſe nahm, war ihm keineswegs ent⸗ gangen. Wer war der junge Mann, fragte er, kennen Sie ihn? Ob ich ihn kenne? Nein, ja— das heißt, ich bin ihm einige Male begegnet und wir haben uns dann gegrüßt. Gegrüßt? 8 Sie ſeinen Pans Ich glaube, er heißt Horſt, ſagte ſie, ſichtlich immer verlegener werdend. Haben Sie denn niemals zuſammen geſprochen? inqui⸗ rirte Leſſen weiter. Geſprochen? Ich glaube, einmal ein paar Worte. Er iſt Student, nicht wahr? Ja, er ſtudirt Forſtwiſſenſchaft und hört nur einige 3 Collegia— ich glaube, dieſe Forſt-Candidaten ſind dazu verpflichtet— wenigſtens ſagte man mir dies, ſetzte ſie von Neuem erröthend hinzu, da ſie fühlte, zu viel geſprochen zu haben. Nun, er wird jedenfalls beſſer tanzen, wie ich, Fräu⸗ lein Cäcilie, bemerkte Leſſen mit einem leiſen Anfluge von Gereiztheit, denn er iſt um zwölf bis fünfzehn Jahre jünger und dazu Forſt⸗Candidat— aber Sie gehören gewiß nicht zu den thörichten Jungfrauen, die den Werth des Mannes nach der Fertigkeit des Tanzens abmeſſen, ſonſt müßten die Lieutenants jedenfalls die gediegenſten Männer ſein, was doch auch Ihnen mehr als unwahrſcheinlich ſein wird. O, gewiß nicht! Das heißt, Sie ſind meiner Anſicht oder ich habe Sie falſch verſtanden— Mein Fräulein, wenn ich bitten darf, ſprach die ſonore, gedämpfte Stimme des ſo eben geſchmähten jungen Man⸗ nes; Cäcilie legte, wieder von Neuem erröthend, mit niedergeſchlagenen Augen ihre Hand in die ſeine, und ſie traten in die ſich bildenden Reihen. Leſſen blickte ihnen gedankenvoll nach. Horſt war das Bild eines lebensfriſchen, kräftigen, unverdorbenen Jüng⸗ lings, und ſie? Wir kennen ja ihre liebliche, jugendliche, noch faſt kindlich reine Schönheit, Leſſen kannte ſie auch, aber niemals hatte er ſie ſo ſehr erkannt, wie getade jetzt, —.— wo ſie mit niedergeſchlagenen Augen neben ihm ſtand; wo er leiſe zu ihr ſprach und ſie ihn dann ſchüchtern, aber mit dem Ausdrucke unverkennbarer Hingebung anblickte. Sollte dieſer junge Mann ſie lieben? Sie vielleicht dieſe Neigung erwiedern? Die, wie Leſſen glaubte, bisher unbeachtet ge⸗ bliebene, von ihm aber erkannte Blume ſtieg plötzlich höher in ihrem Werthe, da auch ein Anderer dieſen zu ſchätzen ſchien, denn der Mann hält meiſtens nur dasjenige für be⸗ gehrenswerth, deſſen Beſitz für ihn mit Mühen und Hinder⸗ niſſen verknüpft iſt. Deßhalb das Spiel der Coquetterie, beſtehend in dem Gebrauche und in der Benutzung von allerlei Mitteln zur Anreizung des Begehrungs⸗Vermögens, ohne ihm Befriedigung zu gewähren. So wenig genuß⸗ reich ein Genuß ohne jedes Widerſtreben, ohne jedes Hinderniß iſt, ſo wenig genügt auf die Dauer ein bloßes Hinzerren und Spielen mit denjenigen Empfindungen, die doch immer in irgend einer Weiſe einmal zum Abſchluß kommen müſſen, wenn ſie nicht entweder aufhören oder in das Gegentheil umſchlagen ſollen. ESie ſprachen ſehr wenig, denn Beide fühlten ſich ſchon glücklich, indem ſie zuſammenſtehen und ſich ſehen konnten. Dann tanzten ſie— ihre Hand lag in der ſeinen, er um— ſchlang ihre ſchlanke, biegſame Taille, dazu das gemein⸗ ſame leichte Hinfliegen nach den berauſchenden, auffordern⸗ den Tönen der Muſik, ein Anſchauen aus nächſter Nähe — Auge in Auge— wozu bedurfte es da der Worte? —— — Was ſie empfanden, hätten ſie ſich doch nicht ſagen kön⸗ nen, denn das höchſte Glück und der tiefſte Schmerz iſt niemals der Worte mächtig. Als ſie dann ſpäter zuſammen ſtanden„redeten ſie von ſehr gleichgültigen Dingen in kurzen, abgebrochenen Sätzen, aber ſeine leuchtenden Blicke und ihre oft niedergeſchlagenen, oft wieder ſchüchtern erhobenen Augen ſprachen dennoch ſehr Vieles mit einander. Nettchen tanzte vorüber und nickte lächelnd Cäcilien zu. Dieſe erwiederte den Gruß, aber ſie erröthete dabei, ſie wußte ſelbſt nicht weßhalb. Gehört die Frau Lieutenant Steinberg zu Ihrem nähe⸗ ren Umgange, mein Fräulein? fragte er. Sie iſt eine Jugendfreundin von mir, wir waren zu⸗ ſammen in der Penſion, aber ſie befand ſich in einer höhe⸗ ren Claſſe, denn ſie iſt zwei Jahre älter als ich. ——————— Kommen Sie auch jetzt noch oft zuſammen? In der letzten Zeit weniger. Es iſt vielleicht unpaſſend von mir, ſagte er dann, ſichtlich ſeine Schüchternheit überwindend, daß ich eine Bitte an Sie richte, aber es geſchieht Ihretwegen, und 3 deßhalb werden Sie mir verzeihen. 1 O, gewiß, gewiß! 3 Gehen Sie nicht mehr mit der Frau Lieutenant Stein⸗ berg um, mein Fräulein, ſie iſt deſſen nicht würdig, auch ſind Sie dies Ihrem eigenen Rufe ſchuldig. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 11 po 18 Sie blickte ihn fragend und erſtaunt an. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte ſie, weßhalb ſollte ich nicht mit ihr um⸗ gehen? Wenn Sie mir einiges Vertrauen ſchenken, ſprach er freier und wärmer weiter, ſo glauben Sie meinen Worten — ſie iſt leichtſinnig und coquett— ich habe davon die überzeugendſten Beweiſe. Sehen Sie, der Erbprinz for⸗ dert ſie ſchon wieder zu einer Ertra⸗Tour auf, nachdem er erſt den ganzen vorigen Tanz mit ihr getanzt hat. Cäcilie blickte ſchweigend und verlegen vor ſich nieder. Auch ſie hatte im Hauſe ihrer Eltern bereits einige Aeuße⸗ rungen über Nettchens Beziehungen zu dem Prinzen ge⸗ hört, und auch ihre Mutter hatte ihr geſagt, ſie möge ihre Beſuche im Steinberg'ſchen Hauſe möglichſt beſchränken. Dies fiel ihr jetzt wieder ein, und ſie ſchämte ſich in der Seele ihrer Freundin, daß auch Horſt in gleicher Weiſe von ihr ſprach. Ich werde Ihren Wunſch gern erfüllen, ſagte ſie dann mit einem ſchüchternen Aufblicke ihrer Augen, er ſtimmt ohnedies mit demjenigen meiner Eltern überein. Sie bereiten mir dadurch eine große Freude, erwiederte er, ſie innig und zugleich traurig anblickend; ich werde mit dieſem Bewußtſein weniger ſchweren Herzens von hier ſcheiden. Scheiden? wiederholte ſie erblaſſend; wollen Sie fort? 3 Ja, mein Fräulein, ich muß fort. Meine Zeit iſt um 9 — ich muß zurück in die Heimat, meine Lehrzeit bei einem Oberförſter antreten, wie mein künftiger Beruf dies er⸗ fordert. Und bald? Sehr bald. Es iſt vielleicht Unrecht, daß ich es Ihnen ſage, aber ich habe nur den heutigen Abend abgewartet, um Sie noch einmal zu ſehen— mehr hoffte ich nicht. Nun bin ich durch Ihre Güte ſo ſehr, ſehr glücklich gewor⸗ den— aber das Scheiden wird mir jetzt doppelt ſchwer. So reiſen Sie ſchon in wenigen Tagen? Meine Sachen ſind gepackt; morgen in aller Frühe, wenn Sie noch im ſanften, ſüßen Schlummer ruhen— Er fühlte, wie ihr Arm ſich ſtärker auf ihn ſtützte— die Lichter im Saale begannen vor ihren Augen ſich zu verwirren, eine Leichenbläſſe überzog ihr Geſicht, ihre Füße verſagten ihr den Dienſt. Es iſt ſehr heiß hier— o, mein Gott!— ich— ich klagte ſie und ſank, von einer Ohnmacht getroffen, in ſeine ſie haltenden Arme. Es entſtand ein Zuſammenlauf, ſie wurde in ein Nebenzimmer getragen, ihre Eltern und Leſſen eilten be— ſtürzt hinzu, aber ſchon nach kurzer Zeit ſchlug ſie fragend und wie aus einer anderen Welt kommend die Augen wie⸗ der auf und blickte verwunderungsvoll umher. Dann trat die Erinnerung wieder in ihre Seele und ließ ſie vor Scham und Verlegenheit erröthen. Wie geht es dir, mein Kind, wie kam das, was war dir? fragten beſorgt ihre Eltern. O, es iſt nichts— ich weiß es ſelbſt nicht— es war ſo heiß— mir wurde mit Einem Male ſchwindlig— weiter weiß ich nichts— es iſt mir, als ob ich einen ſehr ſchönen Traum geträumt hätte. Wir wollen ſogleich nach Hauſe gehen, mein Kind, wohnt, zu tanzen, und es iſt im Saale allerdings ſehr heiß. ² Nicht doch, nicht doch, Papa, lächelte ſie mit einem flüchtigen Blick auf Horſt, mir iſt wieder ganz wohl; mache doch nicht eine ſo beſorgte Miene, ich bin wirklich wieder ganz wohl.. Ich muß ſehr um Entſchuldigung bitten, nahm Horſt jetzt das Wort, daß ich vielleicht die Veranlaſſung zu dem Unfalle Ihrer Fräulein Tochter gegeben habe, aber— O, wie können Sie Sich die Schuld beimeſſen, mein Herr, erwiederte mit ſeiner gewohnten Gutmüthigkeit der alte Frin; hatten wir doch ſelbſt keine Ahnung davon, daß Cäcilie das Tanzen nicht vertragen könnte; ſie iſt ſonſt beſſer, wenn wir nach Hauſe gingen. Nein, lieber Papa, wenigſtens nicht meinetwegen denn ich bin wirklich wieder ganz wohl, bat Cäcilie; wir wollten ja hier eſſen, ſetzte ſie mit verſchämter Miene hinzu. ſagte voller Beſorgniß der alte Erin; du biſt nicht ge⸗ immer ſehr wohl und munter, aber es wäre doch vielleicht Nun, wenn du hungrig biſt, mein Kind, dann ſcheint es wirklich, daß dein Unwohlſein von keiner Bedeutung iſt — wenn es dann den Herren gefällig wäre, ſo gehen wir, nachher wird es zu voll werden. Die letzten Worte waren eigentlich mehr an Leſſen ge⸗ richtet, aber Horſt nahm um ſo weniger Anſtand, ſie auf ſich mit zu beziehen, da Cäcilie ihm ihren Arm reichte, ehe Leſſen ihr den ſeinigen anzubieten vermochte. So gingen ſie denn, und er ſaß bald darauf neben ihr und ihren Eltern— zum erſten Male und zum letzten Male. Dem zum Tode erurtheilten gewährt man ja in den Stunden vor der Hinrichtung noch einmal alle ſeine Wünſche, dachte er— bis auf den einen— den Tod nicht zu erleiden, ſo geht es auch mir. Der Geheimerath von Stuhm war, nach ſeiner ge⸗ wohnten Weiſe, auch auf dem Balle ein ſchweigſamer, aber um ſo ſchärferer Beobachter geweſen. Erehatte den Prinzen nicht aus den Augen verloren, und außer ihm ſchien er nämlich nur noch eine Perſon zu beachten, undzwar Nettchen. Es war ihm nicht entgangen, wie leidenſchaftlich Beide während des Tanzens zuſammen geſprochen, dann hatte der Prinz ſie zu einer Ertra⸗Tour aufgefordert, und jetzt tanzte er, der üblichen Sitte Hohn ſprechend, ſchon zum dritten Male mit ihr. Schweigend beobachtete er wie⸗ der das leiſe Geflüſter und die erregten Mienen des jungen Paares, als aber dann der Tanz zu Ende war, der Prinz ſich verabſchiedet hatte und Nettchen allein ſtand, trat er zu ihr, ſie höflich grüßend. So ſpät, Herr Geheimerrath? fragte ſie mit verbind⸗ lichem Tone und einem freundlichen Lächeln; ich ſage dies natürlich nur in Beziehung auf mich, denn ich weiß, daß Sie Sich ſchon lange auf dem Balle befinden. Wenn ich ſpät zu Ihnen komme, gnädige Frau, er⸗ wiederte er, indem ſeine ſonſt kalten Blicke voll Theilnahme auf ihr ruhten, ſo geſchieht es, weil Sie bis jetzt kaum Zeit gefunden hätten, mir einige Augenblicke zu ſchenken— wenn ich ſpät komme, wiederholte er mit beſonderer Be⸗ tonung, ſo will ich wünſchen, daß es nicht zu ſpät ſein möchte. Ich weiß wirklich nicht, was Sie damit ſagen wollen, fragte ſie, ihn unbefangen anſehend, wozu ſollte es zu ſpät ſein? Zu den Tänzern habe ich Sie nicht gerechnet, ſonſt hätte ich jedenfalls einen Tanz für Sie aufgehoben— Nicht dieſen leichten, ich möchte faſt ſagen frivolen Ton, unterbrach er ſie mit einer Miene, die eben ſo ernſt als traurig war, nicht dieſen Ton, er paßt nicht für Sie, glauben Sie mir das, er macht Sie ſogar unſchön. Ich weiß wirklich nicht, womit ich ein ſo ſtrenges Ur⸗ theil verdient habe. Es iſt kein ſtrenges Urtheil, was ich eben ausge⸗ ſprochen, erwiederte er, ihr mit einem eigenthümlichen Ausdrucke feſt in die Augen ſehend, ſo daß ſie genöthigt wurde, die ihrigen niederzuſchlagen— es war kein ſtrenges Urtheil, ſondern nur ein wahres. Ich werde gewiß nicht ſtreng über Sie urtheilen, aber Sie mögen Sich danach das Urtheil Anderer, das Urtheil der Welt ſelbſt klar machen. Und mit welcher Berechtigung glauben Sie mir dieſes ſagen zu können? fragte ſie, ihre Verlegenheit hinter einer beleidigten Miene verbergend. Mit welcher Berechtigung? wiederholte er, indem er ſie eine Zeit lang ſchweigend anſah; ich könnte Ihnen ſagen, als Erzieher und Rathgeber des Erbprinzen— aber ich will aufrichtig ſein, es iſt die Berechtigung der Theil⸗ nahme, welche mich veranlaßt, ſo zu Ihnen zu ſprechen. Nettchen ſah bei dieſen unerwarteten Worten überraſcht zu dem Geheimenrath empor. Er war für ſie bis jetzt im⸗ mer nur der Etzieher des Prinzen geweſen, ein alter Mann, in Prdant, die perſonificirte ſtrenge Pflichterfüllung— jetzt erſchien er mit Einem Male ganz anders. Er konnte höchſtens fünfzig Jahre zählen und war wirklich ein noch ſtattlicher, wohl conſervirter Mann. Wenn ſein Haar auch ins Graue ſpielte und ſeine Miene gewöhnlich ernſt und ſtreng war— ſie konnte auch ganz anders ſein, wie ſie vorher zu ihrem Erſtaunen erkannt hatte— und dann ſah er um zehn Jahre jünger und eigentlich gar nicht mehr alt aus. Was konnte ihn zu dieſer ſonderbaren und auf⸗ fallenden Art und Weiſe bewegen, mit welcher er zu ihr geſprochen hatte— was wollte, was beabſichtigte er? Dies waren die Gedanken und Empfindungen, welche Nettchens Seele durchflogen, als ſie den vor ihr ſtehenden und ſie noch immer in gleicher Weiſe anſchauenden Ge⸗ heimenrath zweifelhaft anſah, ohne zu wiſſen, was ſie von dieſem Benehmen zu halten habe. Es ſollte mir ſehr leid thun, ſagte ſie dann mit einem reizenden Aufſchlage ihrer Augen, wenn ich Ihnen Veran⸗ läſſung zur Unzufriedenheit gegeben hätte. Unzufriedenheit? wiederholte der Geheimerath; es würde mich ſehr glücklich machen, wenn meine Zufrieden⸗ heit überhaupt einen Werth für Sie hätte. Wie können Sie nur im mindeſten daran zweifeln? So meiden Sie den Prinzen, ſprach er leiſer, indem er dicht an ſie heran trat; meiden Sie ihn, denn er iſt ein leichtſinniger Charakter, ein Sclave des Augenblicks. Meiden Sie ihn, Ihres eigenen Wohles, Ihres eigenen Rufes wegen. Ich danke Ihnen, Herr Geheimerrath, erwiederte ſie enttäuſcht; Sie befürchten, ich möchte die Veranlaſſung zu vielleicht irgend einer Ungelegenheit für Sie werden,— ſeien Sie ganz unbeſorgt, mein geringer Einfluß auf Seine Hoheit den— Nicht dieſen Ton, unterbrach er ſie; was ich ſagte, geſchah Ihretwegen, nur Ihret⸗, nicht ſeinetwegen. Was wäre am Ende daran gelegen, ob er eine Liebſchaft mehr oder weniger hätte, es liegt im Blute, ſetzte er wegwerfend hinzu; aber Sie, Sie! Fühlen Sie denn nicht, daß Sie das Opfer einer unwürdigen Spielerei werden, daß Sie Ihren Ruf zerſtören? Daß man jetzt ſchon ſchonungslos über Sie urtheilt, das ſchmerzt mich. Wie gut, wie voll Theilnahme Sie ſind! erwie⸗ derte ſie. Ich will es Ihnen nicht verhehlen, Sie erwecken meine vollſte Theilnahme. Ich möchte Sie ſo gern recht glücklich, in jeder Beziehung glücklich ſehen. Vertrauen Sie mir. Glauben Sie feſt daran, daß ich es recht gut mit Ihnen meine, daß ich ſtets bereit bin, Ihr Wohl zu fördern. Wenn Sie eines wahren, wirklichen Freundes bedürfen, ſo kommen Sie zu mir, ich werde— Nicht weiter, Herr Geheimerrath, unterbrach ſie ihn mit ſpöttiſchem Lächeln; wenn ich derartige Redensarten hören muß, und es ſcheint doch einmal das Schickſal der Frauen zu ſein, nun, ſo höre ich ſie lieber aus dem Munde eines jüngeren Mannes— ſelbſt wenn er ein Erbprinz ſein ſollte. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen! Der Geheimerath ſtand, von dieſer unerwarteten Ant⸗ wort niedergeſchmettert, lange unbeweglich und blickte ihr nach, indem er noch bläſſer geworden, als er ohnehin war. Ich habe es falſch angefangen, ſprach er dann vor ſich hin. Sie hat Recht, hat Recht, ich war zu heftig, nicht ſchonungsvoll— nein, nein, das iſt nicht der richtige Weg— und doch muß er gefunden werden! Nettchen fand bei näherer Erwägung, daß ſie doch viel⸗ leicht übereilt gehandelt und den Geheimenrath ganz un⸗ nöthiger Weiſe beleidigt habe. Sie wußte ſich zwar ſein ſonderbares Benehmen nicht zu erklären, aber die Eitelkeit des Weibes flüſterte ihr zu, daß die Liebenswürdigkeit junger, hüb cher Frauen auch auf ältere Männer einen oft ſogar ſehr tiefen Eindruck mache, und es ſchmeichelte ihr, daß ſie einen ſolchen auf den ſonſt ſo ernſten und viſ ſenen Geheimenrath gemacht habe.. Ich hätte ihn nicht ſo ſchnöde abfahren laſſen ſollen, Slachte ſie daher, als ſie in ein Nebenzimmer trat, um ihren Mann außzuſuchen, den ſie den ganzen Abend nicht geſehen hatte, weil er am Spieltiſche ſaß; es war jedenfalls über⸗ eilt und unkl lug von mir, ſo auffallend ſein Benehmen auch ſein mochte. Steinberg ſaß jedoch bei einer zeſe Vhombre⸗Partie feſt, und es waren noch eine Menge Böéte abzuſpielen.— Der Prinz war ihr gefolgt, und ſie ſetzten ſich Beide plau⸗ dernd in eine Fenſterniſche, um dann ſpäter gleichfalls zu ſoupiren. Dort ſaßen ſie faſt eine Stunde, bis endlich die Lhombre⸗Partie zu Ende war und Steinberg Zeit ge⸗ wann, mit ſeiner Frau und dem Prinzen zu Tiſche zu gehen, wo es ſehr heiter und munter zuging, da ſich einige Offi⸗ ciere angeſchloſſen hatten und der Geheimerath bereits 27— nach Hauſe gegangen. So hatte man keine Veranlaſſung, der allgemeinen, durch Champagner erhöhten Munterkeit Schranken zu ſetzen. Während dieſer Zeit ſaßen Erins, Leſſen und Horſt in einem anderen Zimmer gleichfalls zuſammen. Obgleich Cäcilie vorher über Hunger geklagt hatte, ſo aß ſie doch faſt gar nicht, und auch Horſt berührte kaum die darge⸗ botenen Speiſen. Ihr Geſicht war eigenthümlich erregt, eine Miſchung von Glück und Schmerz; ſie blieb auch während des ganzen Mahles ſehr ſchweigſam und wechſelte nur zuweilen einige ſchüchterne Worte mit ihrem Nachbar. Leſſen, der in gewohnter beredter Weiſe die Unterhal⸗ tung führte, blieb dabei zugleich ein ſcharfer Beobachter. Cäciliens verändertes Weſen entging ihm durchaus nicht, aber er ſuchte vergebens nach dem Grunde dieſer Erſchei⸗ nung. Sollte ſie wirklich für dieſen jungen Mann mehr als ein gewöhnliches Intereſſe haben? fragte er ſich; for⸗ ſchen wir der Sache weiter nach. Es iſt ein ſchöner Beruf, Herr Horſt, begann er daher, dem Sie Sich widmen wollen; ich denke mir das Leben im Walde, im ſteten Umgange mit der Natur, fern von dem Getreibe der Städte, beſonders beneidenswerth; es erhält geſund an Seele und Körper. Das thut es, erwiederte Horſt; ich bin deßhalb auch mit voller Neigung Forſtmann, und würde auch ohne meines Vaters Wunſch dieſen Beruf gewählt haben. So iſt Ihr Herr V Er iſt fürſtlicher Hege ſo zu ſagen im Walde aufgewachſen. Sie beabſichtigen doch die höhere Forſt⸗Carrière zu machen? Allerdings, und deßhalb habe ich ein Jahr lang die hieſige Univerſität beſucht. Sie haben? fragte Leſſen forſchend weiter; wollten Sie unſere Stadt bald wieder verlaſſen? Ich bin reiſefertig, Herr Profeſſor, erwiederte der junge Mann mit einem raſchen Blicke auf Cäcilie, die ſichtlich erblaßte; morgen in aller Frühe ziche ich von dannen. Leſſen fühlte, daß dieſe Nachricht bei ihm einen ſehr angenehmen Eindruck erzeugte, denn ſollte wirklich eine Neigung zu dem ſtattlichen jungen Forſtmanne in Cäciliens kindlichem Hetzen aufkeimen wollen, ſo war die Entfer⸗ nung des Gegenſtandes gewiß das ſicherſte Mittel, um ſie zu ertödten. Wie ſind denn in Ihrem Lande die Ausſichten zu einer auskömmlichen Anſtellung im Forſtfache? So viel ich weiß, laſſen ſie Vieles zu wünſchen übrig. . Leider ſehr Vieles— es kann ſechs bis acht Jahre dauern, bis ich eine Oberförſter⸗Stelle erhalte. 5 Das iſt allerdings ſehr weit ausſehend, erwiederte Leſ⸗ ſen mit einem zufriedenen Lächeln, das zu untetprücken er ſich vergebens bemüht hatte— und es wird lange dauern, ——————— 8 ehe Sie die Zinſen des auf Ihre Vorbereitung verwandten Capitals zurück erhalten. O, damit hat es gute Wege, ſagte Horſt lächelnd mit der ihm eigenen Offenheit, mein Vater lebt lediglich von dem keineswegs hohen Einkommen ſeiner Hegemeiſter⸗ Stelle; aber ich muß und werde mich durchſchlagen, wie ich bisher gethan, denn ich arbeite gern und meine Be⸗ dürfniſſe ſind gering. Sehr anerkennenswerth, fuhr Leſſen in gleicher Weiſe fort, ſehr anerkennenswerth, und Sie werden mit dieſen Eigenſchaften gewiß zum Ziele kommen, wenn auch etwas ſpät, wie Sie ſelbſt ſagen, in ſechs bis acht Jahren. Sie nehmen ja ein förmliches Eramen mit unſerm Gaſte vor, unterbrach jetzt der alte Erin, aber ich ſtimme Ihnen vollkommen bei. Laſſen Sie Sich nicht durch die Ihnen entgegenſtehenden Hinderniſſe abſchrecken, junger Mann, fuhr er, ſich an Horſt wendend, fort; wenn man ſein Ziel feſt und unverrückt im Auge behält, ſo wird man es auch ſicher erreichen. Nehmen Sie ein Beiſpiel an mir; meine Eltern waren auch arm und fonnten mich auf meiner Lauf⸗ bahn, welche ſie ohnehin nicht einmal billigten, nicht unter⸗ ſtützen. Ich habe mich redlich durchſchlagen müſſen und bin Abends oft hungrig zu Bette gegangen. Selbſt als ich hier meine gute Frau heirathete— ach, warum ſoll ich das nicht erzähléh, unterbrach er ſich, als ihn dieſe unbe⸗ merkt anſtieß—, ſelbſt als wir uns heiratheten, fuhr er — 30 N fort, nannten es die Leute eine Thorheit, weil ich mir nicht eine reiche Frau ausgeſucht— als ob das ſo von unſerem Willen abhinge! Wir hatten mit vielen Entbehrungen zu kämpfen, ſelbſt auch dann noch, als Cäcilie ſchon geboren war— aber dann kam es mit Einem Male, meine Bilder erlangten Ruf, wurden gut bezahlt, ich erhielt die Ernen⸗ nung zum Profeſſor und habe ſo den Genuß gehabt, mir mein Glück ſelbſt zu ſchaffen— nicht wahr, Mutter, ſetzte er mit einem zärtlichen Blicke auf ſeine Frau hinzu— es wäre ſehr ſchön, wenn wir das noch einmal durchleben könnten, und ich möchte nicht, daß es anders wäre! Für Leſſen war die Wendung, welche das Geſpräch genommen hatte, eine keineswegs erwünſchte. Er ſah die leuchtenden Blicke, mit denen Cäcilie der Erzählung ihres Vaters zuhörte, und er ſchien zugleich in den Mienen des jungen Mannes eine freudige Zuſtimmung zu dieſer etwas idealen Lebensanſchauung zu leſen— nur der Gedanke, daß der Gegenſtand ſeiner Beſorgniß morgen für immer verſchwinden werde, beruhigte ihn wieder. Sie mögen in gewiſſer Beziehung Recht haben, ſagte er daher, aber— es gehört doch immerhin zu den Ausnahmen. Betrachten Sie das Leben, wie es ſich in der Wirklichkeit geſtaltet, vergegenwärtigen Sie es Sich, wie viele ſolcher leichtſinnig geſchloſſener Ehen ein klägliches Ende nehmen, wenn die Leidenſchaft verflogen iſt und der Ernſt des Lebens an ihre Stelle tritt. Es kann einmal gelingen, wie ein jedes gewagte Geſchäft, aber ich bin der Meinung, daß der Mann, welcher das Loos eines jungen Mädchens, das er liebt, für immer an das ſeinige feſſeln will, auch die Mittel beſitzen muß, ihm, wenn auch nicht eine glänzende, doch eine ihren gewohnten Bedürfniſſen entſprechende, auskömmliche Eriſtenz zu verſchaffen. Han⸗ delt er anders, ſo handelt er leichtſinnig, ſetzte er hart hin⸗ zu— auch der Leichtſinn erfreut ſich zuweilen des Er⸗ folges, deßhalb bleibt ſein Motiv doch immer ein tadelns⸗ werthes. Ich will Ihnen nicht widerſprechen, erwiederte Erin, es paßt ſich dies auch ganz und gar nicht für mich, ich ſehe das ein; aber es hat doch Alles ſeine zwei Seiten, und zwiſchen Liebe und Leidenſchaft beſteht eben ein ſo großer Unterſchied, wie zwiſchen Leichtſinn und jenem leich⸗ ten Sinne, der uns über viel kleinliches Miſere des Lebens angenehm hinwegträgt. Sie ſind einmal ein Poet und ein Idealiſt, lächelte Leſſen; ohne dieſe beneidenswerthen Eigenſchaften wären Sie ja auch nicht ein ſo großer Künſtler. Sie wollen mich bei meiner ſchwächſten Seite, bei meiner Künſtlereitelkeit faſſen, Herr College, ſagte lachend der alte Erin— es hilft Ihnen aber doch nichts, ich bleibe bei meiner Anſicht ſtehen. Glauben Sie mir, er ſagt das alles nur aus Luſt zum Widerſpruch, nahm jetzt Cäciliens Mutter das Wort, ich weiß, daß er doch im Innern anders denkt. Das weißt du? fragte er erſtaunt. Ja, das weiß ich, erwiederte ſie entſchieden; würdeſt du wünſchen, wenn ſich Cäcilie einmal verloben ſollte, ihr Bräutigam wäre ein Mann ohne alle Ausſichten, ohne Vermögen? Ohne Ausſichten? Mein Kind, jeder Menſch hat das, was du Ausſichten nennſt— aber was du für ſonderbare Fragen ſtellen kannſt— Cäcilie ſich verloben?— Damit hat es noch lange Zeit— und dann will ich zugeben, daß es mir lieb wäre, wenn— doch was iſt däs für ein thörich⸗ tes Geſpräch, ſieh nur, wie verlegen das arme Kind ge⸗ worden iſt. Es iſt ohnehin ſehr ſpät, lieber Mann, bemerkte Cäci⸗ liens Mutter, es möchte Zeit ſein, aufzubrechen. Ja, du haſt Recht, erwiederte er; ich hätte nicht ge⸗ glaubt, daß ich ſo lange aushalten würde. Sie tragen allein die Schuld, Herr College, durch Ihre angenehme und geiſtreiche Unterhaltung. Man rüſtete ſich zum Fortgehen. Horſt wußte ſelbſt nicht, wo er den Muth hernahm, aber er begleitete ſie hinab, hing ihr den Mantel um, und ſelbſt als ſie dann gingen, blieb er an ihrer Seite. Es war eine warme, wundervolle, ſternſchimmernde Sommernacht. Die Sichel des Mondes ſtand tief im ———— ee— Weſten, ihr matter Schein beeintkächtigte nicht den Glanz der Geſtirne, welche in unveränderter Lapidarſchrift von der Unendlichkeit der Schöpfung reden— ein lauer Nacht⸗ wind ſpielte mit den Blättern der Bäume, träumeriſch mit ihnen flüſternd; ſonſt lagerte eine tiefe, heilige Stille über der Natur. Sie gingen neben einander; er hätte gern zu ihr geredet, aber Leſſen wich nicht von ihrer Seite. Er ſprach Mancherlei, aber ſie hörten es nicht, denn ihre Ge⸗ danken hatten ſich längſt gefunden. Erin ging mit ſeiner Frau einige Schritte voraus, und Beide ſprachen über den verlebten Abend. So nahte man ſich der Wohnung Cäciliens, deren Herz immer banger ſchlug, je näher ſie derſelben kamen. Da rief der alte Erin Leſſen, eine Frage an ihn richtend, und dieſer war genöthigt, zu ihm vorzugehen. Sie wußten es Beide, daß ſie jetzt einen kurzen Augen⸗ blick allein mit einander reden durften. Leben Sie wohl, Cäcilie, ſagte er, leben Sie wohl— für immer! ſetzte er mit gepreßter Stimme hinzu. Leben Sie wohl, Herr Horſt, hauchte ſie— aber nicht für immer. Er nahm ſeine ganze Stärke, ſeine ganze Kraft zuſam⸗ men, denn er fühlte, daß dieſer Augenblick all ſeine Vor⸗ ſätze, all ſeine Beſchlüſſe vernichten könne. Für immer— wiederholte er, und wenn Sie meine Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 3 letzte Bitte erfüllen wolken, ſo— vergeſſen Sie mich— gedenken Sie nie mehr meiner. Nein, nein, Herr Horſt— nein, das kann ich nicht— es iſt mir unmöglich! So denken Sie an mich, wie an einen Geſtorbenen— denn wir werden uns nie wiederſehen. Nie wiederſehen? fragte ſie tonlos. Nun, mein Kind, wo bleibſt du? rief die Stimme ihrer Mutter. Herr Profeſſor, Herr Forſt-Candidat, haben Sie vielen Dank für Ihre Begleitung! Und reiſen Sie mit Gott, Herr Horſt! ſetzte der alte Erin, dem jungen Manne die Hand reichend, hinzu; ſollte Ihr Weg Sie wieder einmal in unſere Stadt führen, ſo vergeſſen Sie nicht, uns zu beſuchen. Leben Sie wohl, herzlich wohl!— ich danke für Ihre Theilnahme, erwiederte Horſt, den letzten langen Blick auf das ſchöne, für ihn verlorene Mädchen heftend, das bebend, dem Schmerze verfallen vor ihm ſtand.— Dann ging er. Nun war es vorbei— Alles vorbei— der ſchwere Kampf war beendet, aber der Sieg doch kein vollſtändiger und ein ſehr theuer erkaufter. Zu derſelben Zeit ging auch Nettchen mit ihrem Manne, dem Prinzen und gefolgt von der Tiſchgeſellſchaft wein⸗ froher Officiere u Hauſe. Man ſcherzte, lachte und gab ſich einer heitern Ausgelaſſenheit hin. Das ſchallende Gelächter und die lauten Stimmen unterbrachen grell die Stille der Nacht, die ſo Vieles mit ihrem ſchweigenden, dunkeln Mantel bedeckt. Morgen, flüſterte der Prinz, als er einen Augenblick mit ihr allein zurückgeblieben war, morgen— und du wirſt ganz lieb, ganz gut ſein. Ein zättlicher Druck ihrer Hand war die bejahende Antwort— dann mußten auch ſie ſcheiden, aber in ihren Herzen loderte das Verlangen eines baldigen Wiederſehens. Zweites Rapitel. Am Scheidewegr. Zwiſchen Sinnenglück und Seelenfrieden Bleibt dem Menſchen nur die bange Wahl. Schiller. Seine Königliche Hoheit ſchreiben in ſehr aufgeregter Stimmung, welches beim Gebrauche einer ſo tief eingrei⸗ fenden Cur, wie die karlsbader, nicht ohne Bedenken iſt. Die Nachrichten aus Albernhauſen ſind gleichfalls in hohem Grade betrübend, und es gewinnt wirklich den Anſchein, als ob die Ereigniſſe in Frankreich auch hier eine Nachwir⸗ kung üben wollten. Warum ſollten ſie es nicht? erwiederte der Prinz, in⸗ dem er mit ſpöttiſcher Miene den vor ihm ſitzenden Gehei⸗ menrath anſah; warum ſollten ſie es nicht,— die Deut ſchen ſind ſtets die Affen anderer Nationen geweſen, und wenn ſie könnten, möchten ſie jetzt ebenfalls ſehr gern eine Deputirten- und Pairskammer und dazu einen Bürger⸗ könig oder auch vielleicht nur mehrere Bürgerfürſten haben— Strohfeuer, nichts als Strohfeuer, wird bald ausgebrannt ſein! Es haben aber vollſtändige Unruhen in Albernhauſen ſtattgefunden, ſo daß man eine proviſoriſche Bürgergarde errichtet hat. Natürlich, lachte wieder höhniſch der Prinz, man muß ia auch eine Nationalgarde haben! Seine Königliche Hoheit wünſchen, daß Sie, mein Prinz, die Verhältniſſe aus dem richtigen Geſichtspunkte auffaſſen möchten; ſie hoffen und verlangen, daß Ihre Mißſtimmung einer anderen freundlicheren Geſinnung Platz mache, und wollen demnächſt mit Ihnen zuſammen nach Albernhauſen zurückkehren. Ich ſoll den hieſigen Ort jetzt ſchon verlaſſen? fragte der Prinz lebhaft, jetzt, wo ich meine Studien kaum be⸗ gonnen habe? Der Menſch, auch der Fürſt, muß ſtets den Verhält⸗ niſſen Rechnung tragen. Ihre Anweſenheit in Albern⸗ hauſen iſt für jetzt nöthiger als die Fortſetzung von Stu⸗ dien, welche Sie ja ohnehin wenig in Anſpruch nehmen. Ich kann nicht läugnen, daß ich es für ſehr erſprießlich und zur Beruhigung der aufgeregten Gemüther für nöthig halte, daß Sie mit Seiner Königlichen Hoheit Ihrem Herrn Vater gemeinſchaftlich nach Albernhauſen zurück⸗ kehren, damit die abſichtlich übertriebenen Gerüchte einer zwiſchen Ihnen herrſchenden Mißhelligkeit nicht weiter aus⸗ gebeutet werden können. Und die Gräfin? Was wird mit der Gräfin? Die Gräfin wird, wie ich aus manchen Andeu⸗ tungen entnehme, vorläufig nicht nach Albernhauſen zurück⸗ kehren. Wirklich? lachte höhniſch der Prinz; nun, das wäre ja eine Errungenſchaft! Aber, fuhr er dann in verändertem Tone fort, es wäre meines Vaters unwürdig, es wäre eine große Schwäche von ihm, wenn er dem Volke eine ſolche Conceſſion machte! Sie wiſſen, daß ich kein Freund dieſer anmaßenden Gräfin bin, eben weil ſie anmaßend iſt und den großen Fehler beſitzt, ſich in die Regierungs⸗Geſchäfte zu miſchen, aber das ſteht mit dieſer Sache in keinem Zu⸗ ſammenhange. Wer kann meinen Vater nöthigen wollen, Jemanden, den er um ſich zu haben wünſcht, deſſen Ge⸗ genwart ihm angenehm iſt, von ſich fern zu halten? Iſt er nicht ſouverainer Fürſt? Das iſt Seine Königliche Hoheit allerdings, Niemand wird dieſe Eigenſchaft in Zweifel ziehen, aber, wie ich be⸗ reits zu bemerken die Ehre hatte, auch der Fürſt muß den Verhältniſſen Rechnung tragen, und in der richtigen Be⸗ nutzung der Verhältniſſe beſteht die Weisheit der Fürſten. Ich finde es daher ſehr weiſe von Ihrem Herrn Vater, daß ſie ſo zu handeln beabſichtigen, und ich hätte am wenigſten bei Ihnen eine andere Anſicht vorausgeſetzt. Mit einem ſolchen Grundſatze läßt ſich jede Schwäche entſchuldigen Ich, an meines Vaters Stelle, würde dieſen ſogenannten Verhältniſſen jetzt gerade keine Rechnung tra⸗ gen, ich würde dieſem anmaßenden Volke zeigen, daß es keine Berechtigung hat, ſich um Dinge zu bekümmern, die es ganz und gar nichts angehen. Sie werden bald weiter gehen, fuhr er in geſteigerter Erregung fort, ſie werden Forderung an Forderung knüpfen und jede Nachgiebigkeit für Schwäche anſehen, worin ſie auch gar nicht Unrecht haben. Ich werde daher meinen geringen Einfluß auf meinen Vater dazu verwenden, um ihm vom einem ſo be— klagenswerthen Schritte abzurathen— ich halte mich als Thronerben dazu für verpflichtet, und meinen Vater, mir die Fürſtenkrone unſeres Hauſes ungeſchwächt mit allen ihren Prärogativen zu überliefern. Der Geheimerath hatte die letze leidenſchaftliche Aeuße⸗ rung des Prinzen mit ſehr gemiſchten Gefühlen angehört. Sein ſcharfer Verſtand und die genaue Kenntniß von dem Charakter ſeines Zöglings, der übrigens längſt aufgehört hatte, ein ſolcher zu ſein, machte es für ihn unzweifelhaft, daß der eigentliche Grund dieſer ſchroffen Aeußerungsweiſe in anderen Dingen, als in den vorgetragenen zu ſuchen ſei. Er wußte, daß der Prinz die Gräfin, die Maitreſſe ſeines Vaters, haßte, ſchon ſeiner Mutter, der Fürſtin wegen, und doch warf er ſich jetzt in ſo auffallender Weiſe. zu ihrem Ritter auf und erklärte ſogar die Beſchrän⸗ kung dieſes für das ganze Land beklagenswerthen und nachtheiligen Verhältniſſes für einen Eingriff in ſeine eige⸗ nen Rechte. Sollte in dem Herzen des Prinzen, ihm vielleicht ſelbſt noch unbewußt, der Gedanke Raum gewinnen, in dieſer Beziehung in die Fußſtapfen ſeines Vaters zu treten? Es wäre ſchrecklich, wenn dieſe Vorausſetzung begründet wäre, denn die Hoffnungen des Landes waren auf den nach menſchlicher Vorausſicht nicht fernen Thronwechſel gerichtet. Dann würde die Maitreſſen⸗Wirthſchaft ihr Ende erreichen; dann der neue Fürſt, an der Hand einer jungen Gemahlin, dem Lande das Vorbild einer glücklichen Ehe gewähren; dann mußte endlich der immer mehr Boden gewinnende, unmoraliſche Eindruck von oben aufhören. So waren die Hoffnungen aller Wohlgeſinnten, ſelbſt der verſchiedenſten politiſchen Parteien, und nun ſchien es, als ob alle dieſe Hoffnungen in Frage geſtellt werden ſollten. Indem wir bemerken, daß die geſchilderte Unterredung ungefähr vierzehn Tage nach dem beſchriebenen Balle ſtatt⸗ fand, und daß in dieſer ganzen Zeit der Prinz ein täglicher Beſucher des Steinberg'ſchen Hauſes geweſen war und man in der Stadt bereits in ſehr rückſichtsloſer Weiſe über das Verhältniß des Prinzen zu der jungen Frau des Lieu⸗ tenants zu ſprechen begann, ſchienen die Befürchtungen des Geheimenraths allerdings nicht unbegründet zu ſein. „ — Ich bitte Eure Hoheit, ſagte er daher nach einiger Zeit mit förmlichem Tone, während welcher Beide geſchwiegen hatten, ich bitte Eure Hoheit, ehe Sie einen ſolchen bekla⸗ genswerthen Schritt thun, an Ihre Frau Mutter, unſere erlauchte Fürſtin, zu denken und Sich höchſtderſelben Zu⸗ ſtimmung vergewiſſern zu wollen. Der Prinz verharrte noch eine Zeit lang in ſeinem ſchweigenden Nachdenken, dann mit der Hand über die Stirn fahrend, als ob er unangenehme, läſtige Gedanken beſeitigen wolle, erwiederte er in derſelben Weiſe: Ich kenne die Pflichten gegen meine Mutter, Herr Ge⸗ heimerrath. Sie ſelbſt haben mich aber belehrt, daß die Pflichten des Fürſten allen übrigen vorangehen, Sie ſelbſt habem oft den an ſich unzweifelhaften Grundſatz aufgeſtellt, daß es die erſte Pflicht des Fürſten ſei, ſeine ihm von Gott verliehenen Rechte unverletzt zu erhalten. Man will die Souverainetäts⸗Rechte meines Vaters antaſten! Man will ihn zwingen, eine Perſon, welche er liebt, die ihm unentbehrlich geworden iſt— mag ſie ſonſt ſein, wie ſie will, danach hat Niemand zu fragen— gegen ſeinen Wunſch und Willen von ſich fern zu halten! Wer kann ihn dazu zwingen? Wer hat die Anmaßung, ein ſolches Recht beanſpruchen zu wollen? Nein, Herr Geheimer⸗ rath, meine Mutter, ſo hoch ich ſie verehre, ſteht hier in zweiter Reihe, in der erſten ſtehen die Souverainetäts⸗ Rechte meines Hauſes, die man antaſten will, vielleicht weil man glaubt, mein erlauchter Vater ſei alt und ſchwach geworden! Man könnte ſich in dieſer Vorausſetzung doch gewaltig irren, denn ein alter Stamm iſt am zäheſten; ſollte man ſich aber wirklich nicht irren, ſo wird der Sohn die Stärke haben, dieſe Schwäche ſeines Vaters unſchäd⸗ lich zu machen! Ich werde die Befehle meines Vaters er⸗ warten; ich weiß, daß ich ſie, als der erſte ſeiner Unter⸗ 5 thanen, unbedingt zu befolgen habe, aber als Sohn und Thronerbe ſteht mir auch das Recht zu, Vorſtellungen da⸗ gegen zu machen. Iſt vielleicht hinſichtlich der Zeit, binnen welcher ich die hieſige Stadt verlaſſen ſoll, bereits eine An⸗ ordnung getroffen? Es wäre mir angenehm, darüber Gewißheit zu erhalten. Die an mich ergangene Mittheilung iſt eine vorläufige, Seine Königliche Hoheit haben noch keinen beſtimmten Entſchluß gefaßt, er wird weſentlich von den weiteren Er⸗ eigniſſen in Albernhauſen abhängig ſein. Eure Hoheit mögen Sich ſelbſt durch die Einſicht der erhaltenen Schrei⸗ ben überzeugen; Sie werden dann hoffentlich zu dem Schluſſe kommen, daß es vor Allem nöthig iſt, der ſich einmal kund gebenden Bewegung nicht durch mißliebige Handlungen neuen Nahrungsſtoff zuzuführen. Der Prinz nahm ſchweigend die Papiere in Empfang und las ſie aufmerkſam durch. Nun, wir werden ja ſehen, ſagte er dann, ſie mit Unwillen auf den Tiſch werfend; es bleibt immerhin ſchimpflich, ſeine Handlungen von einigen Pöbel⸗Erceſſen abhängig zu machen— wozu haben wir unſere Soldaten? Laſſen Sie uns jetzt dieſes unerquickliche Geſpräch abbrechen, ich will ohnehin ausgehen. Der Geheimerath verließ ſchweigend das Zimmer, der Prinz aber ließ ſich ankleiden und ging dann ebenfalls. Es war die Zeit, zu welcher er Nettchen beſuchte, weil er wußte, ihren Mann nicht zu Hauſe zu finden. Da es ihm nicht unbekannt war, daß er beobachtet werde, nahm er einen Umweg über die Promenade, um auf dieſe Weiſe ſein tägliches Kommen und Gehen in und aus dem Stein— berg'ſchen Hauſe weniger auffallend zu machen. Als er in der Nähe deſſelben die Promenade verlaſſen wollte, die durch eine Barrière abgeſperrt war, ſah er in der engen Oeffnung derſelben einen jungen Mann ſtehen, dieſen Durchgang dadurch verſperrend. Sie erlauben, ſagte der Prinz. Der junge Mann, wie aus ſeiner Kleidung hervorging, ein Student, rührte ſich nicht. Ich wünſche hier durch zu gehen, wiederholte der Prinz. Und ich wünſche hier zu ſtehen, entgegnete der Andere in abſichtlich beleidigendem Tone. Mein Herr, dies iſt ein öffentlicher Weg. Dort ſind noch mehr Löcher, wo Sie durch können; es beliebt mir gerade, hier ſtehen zu bleiben. Sie ſind ungezogen, ſagte der Prinz heftig. Ungezogen? wiedexholte der Andere mit haßerfüllten Blicken, das iſt ja Tuſch! Mein Name iſt Dornfeld, Ferdinand Dornfeld, Stucosus Philosophiae. Ich bin der Graf von Löwenburg— und nun geben Sie Raum, ich verlange es! Ah, Sie ſind der Graf von Löwenburg? lachte der Andere höhniſch. Leute, die ſich unter falſchem Namen herumtreiben, verdienen eigentlich keine Satisfaction, ich will das aber nicht ſo genau nehmen. Sie ſind alſo ein„dummer Junge“, mein verehrter Herr Graf! Ich hoffe, Sie werden die Wahrheit dieſer Bezeichnung an⸗ erkennen. Mein Herr, fuhr der Prinz gereizt auf, wiſſen Sie, wer ich bin? Ich ſagte es Ihnen ja bereits— ein dummer Junge, was Sie ſonſt noch ſein mögen, kümmert mich wenig. Auf Wiederſehen alſo auf der Menſur— übrigens wird nur eine Forderung auf zwölf Gänge ohne Hut und Bin⸗ den angenommen. Damit wandte ſich der Student um und gab den Weg frei. Der Prinz befand ſich durch dieſen ganz unvorher⸗ geſehenen Vorfall, durch eine ſolche ihm abſichtlich und auf die brutalſte Weiſe zugefügte Beleidigung in der heftigſten Aufregung. Er hatte in dem jungen Manne jenen Men⸗ ſchen wiedererkannt, der ſchon auf dem Balle Nettchen und ihn ſelbſt beleidigt, und der Gedanke, daß er in irgend einer Beziehung zu ihr ſtehen müſſe oder geſtanden habe, ein Argwohn, der jetzt von Neuem in ſeiner Seele Raum gewann, vermehrte noch ſeinen Zorn. Im erſten Augenblicke hatte er die Abſicht, ſofort zu dem Rector der Univerſität zu gehen, ihm von dem Vor⸗ falle Anzeige zu machen und die eremplariſche Beſtrafung ſeines Beleidigers zu verlangen. Dann erwog er, daß er ſelbſt Student ſei, wenn auch nur der Form nach, doch aber immatriculirter Student— der ſogenannte Comment blieb auch für ihn bindend. Auf das Angeben eines Duelles ſtand Verruf— aber ſollte er, der Erbprinz von Albernhauſen, ſich mit einem unbekannten, raufluſtigen Studenten ſchlagen? Und wenn er es nicht that, würde man ihn nicht der Feigheit beſchuldigen? Auch war ein ſolches Duell, wie es ſein Gegner provocirte, durchaus keine Studenten⸗Spielerei, ſondern ein keineswegs gefahr⸗ loſes Unternehmen. Durfte der Thronerbe von Albern⸗ hauſen ſich einer ſolchen Gefahr ausſetzen? Aber der Vor⸗ wurf der Feigheit? Je mehr er nachdachte, deſto mehr verdüſterte ſich ſeine Stimmung. Er kam endlich zu dem Entſchluſſe, vor⸗ läufig in der Sache nichts zu thun, aber ſich von Nett⸗ chen über dieſen Burſchen vollſtändige Aufklärung geben zu laſſen. Nun? redete dieſe ihn lächelnd an, als er bald darauf — 46— in ihr Zimmer trat und mit finſterem Blicke ſchweigend vor ihr ſtehen blieb; nun? Eure Hoheit ſcheinen Sich heute in keiner angenehmen Laune zu befinden. Da haſt du vollkommen Recht, erwiederte er, indem er ſich nachläſſig auf einen Stuhl warf; ich befinde mich in einer höchſt unerquicklichen Stimmung. Und du kommſt eigens hieher, um mir dies zu ſagen? Wäre es nicht beſſer geweſen, du hätteſt dieſe unerquickliche Stimmung erſt vorübergehen laſſen? So bin ich dir nur in fröhlicher Stimmung ange⸗ nehm? Ich diene alſo lediglich zum Gegenſtande deiner Erheiterung? Verlangſt du etwas Anderes von mir? Höre, Nettchen, laß jetzt dieſen frivolen Ton, denn ich habe von ſehr ernſten Dingen mit dir zu reden. So reden Sie denn, mein Prinz! ſagte ſie ſpöttiſch. Zuerſt, daß mein Vater mir befiehlt, vielleicht ſchon binnen wenigen Tagen nach Albernhauſen zurück⸗ zukehren. Eduard, rief ſie, ihn plötzlich mit angſterfüllten Blicken anſehend, treibe keinen ſo grauſamen Scherz mit mir! Nicht wahr, ſetzte ſie, ſeine Hand ergreifend und im zärtlichen Tone hinzu, nicht wahr, du wollteſt mich nur erſchrecken? Nein, Nettchen, ſagte er milder, es iſt kein Scherz— es iſt die bittere Wahrheit. 4— Sie ließ ſeine Hand los und wandte ihr Geſicht von ihm ab, dann bedeckte ſie das ihrige mit den Händen und ſprang auf, in der Abſicht, das Zimmer zu verlaſſen. Aber er umſchlang ſie und zog ſie zu ſich nieder, indem er ſich bemühte, in ihr Geſicht zu ſehen, das ſie jetzt an ſeiner Bruſt verbarg. Du weinſt, Nettchen, ſprach er dann zärtlich, indem er eine zwiſchen ihren kleinen Fingern hervorquellende Thräne fortküßte— du weinſt? O, wie ſchön du in dieſem Augenblicke biſt— ich habe geglaubt, du könnteſt nur lachen und fröhlich ſein. Bin ich dir wirklich ſo werth? Haſt du mich wirklich ſo lieb? Laß mich, laß mich! rief ſie mit dem Bemühen, ſich von ihm loszumachen; laß mich— ich kann jetzt nicht hier bleiben— es iſt mir unmöglich— ich— ein neuer Aus⸗ bruch des Schmerzes unterbrach ihre weitere Rede. Nettchen, geliebtes Nettchen, ſprach er zärtlich, ſei nicht ſo traurig, thörichtes Kind. Wußten wir Beide nicht längſt, daß es ſo kommen müſſe? Aber was ich nicht wußte, was ich erſt jetzt in dieſem Augenblick erkenne, iſt die Größe unſerer— deiner Liebe. O, du glaubſt nicht, wie glücklich das mich macht! Wer hat die Macht, uns zu trennen, mein ſüßes Herz, wenn wir es ſelbſt nicht wollen? Wer kann mich zwingen, dich zu verlaſſen? Niemand auf der Welt, ſelbſt mein Vater nicht— du allein könnteſt es, dadurch, daß du mich nicht mehr liebteſt. * Ach, ſagte ſie, ſich zärtlich an ihn ſchmiegend, was nützt all unſer Widerſtand? Wollteſt du auch jetzt dem Willen deines Vaters ungehorſam ſein, was du nicht darfſt, was ich nie dulden würde, ſo mußt du doch bald fort— du kannſt ja nicht immer hier bleiben— und ich bin dann doch allein und verlaſſen. Gewiß kann ich nicht immer hier bleiben, die Pflicht gegen mein Land und gegen meinen Vater, meinen Fürſten und Herrn, wird mich nöthigen, nach Albernhauſen zurück⸗ zukehren— aber, ſetzte er ſie feſt anblickend hinzu, iſt es denn deßhalb nöthig, daß wir uns trennen? 42 Ich verſtehe dich nicht, erwiederte ſie, ihn mit ihren thränenfeuchten Augen fragend anſehend. Du verſtehſt mich nicht? Sage liecber, du willſt mich nicht verſtehen.— Wenn ich nicht hier bleiben kann— mußt du es? Wenn ich fort muß— kannſt du nicht mit mir gehen? Eduard, Eduard, rief ſie, indem eine tiefe Röthe ihr Geſicht übergoß, was denkſt du von mir? O, wie niedrig, wie verachtungsvoll muß ich dir erſcheinen! Ach, ich bin ſehr unglücklich— und verdiene es auch zu ſein! Jetzt verſtehe i ch dich nicht, ſagte er, ſie küſſend. Was war in meiner Rede für dich Verletzendes? Ich weiß es wahrlich nicht. Gehören wir uns nicht ganz an? Gibt es ein innigeres Band, als dasjenige, welches uns um⸗ ſchlingt? Wenn du mein biſt, weßhalb willſt du Anſtand nehmen, es zu bleiben? Wenn du mich wirklich liebſt, ſo liebſt, wie ich dich liebe, ſo kannſt du gar nicht anders. O, jetzt erkenne ich erſt den Abgrund, dem ich willen⸗ los zugetaumelt bin! erwiederte ſie mit ſchmerzerfüllter Miene— ich habe mich von meiner Liebe bethören laſſen und muß jetzt dafür büßen! Ja, ja, du haſt ganz Recht, mir einen ſo entehrenden Vorſchlag zu machen— ich ver⸗ diene es nicht beſſer. Meine Ehre, mein Ruf, mein Mann — das alles kommt dabei ja gar nicht in Betracht; was haſt du danach zu fragen! Ich ſoll mit dir gehen, Alles opfern, um zu werden, was jene dir ſo verhaßte Gräfin iſt, vielleicht noch weniger als ſie, und um mit Schimpf und Schande fortgejagt zu werden, wenn der Thronerbe oder der ſouveraine Fürſt von Albernhauſen ſich eine ihm ebenbürtige Gemahlin nimmt.— Ich danke dir, Eduard, fuhr ſie fort, ſich mit Heftigkeit aus ſeinen Armen los⸗ reißend, ich danke dir, daß du mir die Augen geöffnet haſt. Dein Verfahren war rückſichtslos, aber es hat ſeinen Zweck erreicht— ich weiß jetzt, daß du mich nie geliebt haſt— nie!— Sprich nicht weiter! Ich will nichts mehr hören. Der Prinz hatte ſchweigend, aber mit tiefer innerer Bewegung dieſer Entgegnung gelauſcht. Er hatte ſie offenbar ſo nicht erwartet. Er mußte die Richtigkeit deſſen, was ſie geſagt, anerkennen, aber das Unerwartete lag darin, daß ſie es ſagte. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 4 Noch immer ruhte ſein Blick auf ihrem ſchönen und ſo ſchmerzlich erregten Geſichte und auf dieſen ſonſt ſo fröh⸗ lichen, muthwilligen Augen, die jetzt ſo ernſt und kalt zur Erde blickten. Er liebte ſie wirklich, das fühlte er. Die Vorſtellung, fortan ohne ſie ſein zu ſollen, wurde ihm immer ſchrecklicher, ſein Herz preßte ſich krampfhaft zuſam⸗ men und Gedanken und Ueberlegungen eigenthümlicher Art zogen zum erſten Male durch ſeine Seele. Er kämpfte offenbar mit einem Entſchluſſe, mit einem wichtigen Ent⸗ ſchluſſe, aber er fühlte auch, daß er dieſes lange Schweigen beenden müſſe. Wer ſagt dir denn, ſprach er daher mit nicht ganz ſicherer Stimme, wer ſagt dir denn, daß du jener Gräfin gleichen ſollſt— könnteſt du nicht in anderer Weiſe mit mir gehen? In anderer Weiſe? fragte ſie ſpöttiſch; vielleicht als deine Schweſter oder als ſonſt eine Verwandte?— Laß es gut ſein— brich endlich dieſes Geſpräch ab— ich kenne mein Loos! Nicht als meine Schweſter oder Verwandte als meine Gemahlin, ſagte er, ſie feſt anſehend. Als deine Gemahlin? Hältſt du mich für ein Kind oder zweifelſt du an meinem Verſtande? Du biſt erſtaunt— du biſt überraſcht, erwiederte er in dem Gefühle, etwas Außerordentliches gethan zu haben— ich finde das natürlich— aber ich halte dich nicht für ein ſondern Kind in deinem Sinne. Allerdings biſt du ein liebes, herziges Kind, mein ſüßes Nettchen, das niemals auf⸗ hören ſoll, es zu ſein. Wozu dieſer grauſame Scherz, ſagte ſie, ihn feſt an⸗ ſehend; ich weiß, daß ich nie deine Frau werden kann— ich wußte das ja immer, du wußteſt es immer— du kannſt mich verlaſſen— aber dieſen Hohn habe ich nicht um dich verdient! Komm, ſagte er, ſie wieder zu ſich niederziehend, komm, ſei lieb, ſei gut und erkenne endlich die Größe meiner Liebe zu dir. Meine ebenbürtige Gemahlin kannſt du nicht wer⸗ den, nicht die Fürſtin des Landes, nicht die Mutter thron⸗ fähiger Söhne— aber was kümmert uns das! Wir Fürſten haben das Recht, uns morganatiſch zu verhei⸗ rathen; du wirſt dadurch, wenn auch nicht Fürſtin, doch meine mir vor Gott angetraute Gemahlin— und das Uebrige wird die Zeit bringen. Genügt dir das? Willſt du den Tauſch eingehen, willſt du ſtatt die Gattin des Lieutenants Steinberg die Gemahlin des Fürſten von Al⸗ bernhauſen werden? Nun? Du ſchweigſt noch immer? Ich bin verwirrt, ſagte ſie, ohne jedoch den Ausdruck der inneren freudigen Erregung verbergen zu können— ach, mein Herz iſt ſo voll, ſo ſchwankend zwiſchen Glück und Schmerz! Aber das Glück, das du mir zeigſt, iſt es nicht doch nur ein Trugbild, ein Phantom? Wenn ich würde, was du ſagſt— doch nein, nein, rief ſie leiden⸗ ſchaftlich, ich kann das alles noch nicht faſſen und über⸗ denken! Es wäre doch vielleicht nur eine andere Form, nur ein leeres Spiel— denn wer kann dich hindern, ein ſolches Band wieder zu zerreißen— wer kann dich hindern Nicht weiter, Nettchen, unterbiach er ſie ernſt; wenn du an meine Liebe nicht glauben willſt, ſo mußt du wenig⸗ ſtens an meine fürſtliche Ehre g lauben.— Laſſen wir das jetzt, fuhr er nach einiger Zeit fort, während welcher Beide geſchwiegen hatten. Geh' mit dir zu Rathe. Du wirſt mir wenigſtens das Zeugniß nicht verſagen, daß ich meiner Liebe zu dir alles zu opfern bereit bin, was ihr zu opfern in meiner Macht ſteht. Ja, ja, du meinſt es redlich, du biſt edel, Eduard, rief ſie, ihn zärtlich umſchlingend— aber gerade deßhalb kann und werde ich dieſes Opfer nicht von dir annehmen. Du kannſt in Verfolgung deines hohen Berufes die Blume nicht mehr pflegen, nicht mehr mit ihr tändeln und koſen, welche du auf deinem Wege gepflückt haſt— ſie wird ein⸗ ſam verwelken und vergehen— und die Erinnerung an die ſonnige Zeit ihrer Blüche wird ihr einziges Glück bleiben. Nicht die Erinnerung, du liebe Schürmetin, die Hoffnung, die ſtrahlende Gegenwart ſoll ihr Glück ſein, ſagte er, einen langen Kuß auf ihre halbgeöffneten Lippen drückend— doch du haſt Recht, laſſen wir das jetzt. Ich hole mir deine Antwort ſpäter— heute Abend, flüſterte er, nicht wahr, heute Abend? Dann werde ich dich fragen, ob du den Muth, ob du nur den Willen haben kannſt, Nein zu ſagen. Alſo bis heute Abend— und denke daran, daß dieſe Stunde uns für immer vereint!— Er ging, und ſie ſaß lange Zeit in tiefes Nachdenken verloren. Sollte ſie ihm folgen, mit ihrer ganzen Ver⸗ gangenheit brechen? Sie gehörte nicht zu den Frauen, das wußte ſie, deren Ruf makellos und rein da ſteht; es war ihr nicht unbemerkt geblieben, daß ſich Viele und be⸗ ſonders Cäcilie ganz von ihr zurückgezogen und ſie gemie⸗ den hatten; aber es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen un⸗ beſtimmten Gerüchten und Klatſchereien, welche die Ehre einer Frau gefährden, und dem offenen Uebertritte in ein zweideutiges Verhältniß— das fühlte auch ſie. Und war das, was der Prinz ihr bot, etwas Anderes? Allerdings, dachte ſie weiter, wenn ich ſeine Frau bin, mag ich ihm nun an der rechten oder linken Hand angetraut, werden, ich bin ſeine Frau und nicht ſeine Gelicbte— ich werde Gräfin, vielleicht Fürſtin, wenn auch nicht regierende, und Nie⸗ mand wird den Muth haben, mich es fühlen zu laſſen, daß ich nicht ſeine ebenbürtige Gemahlin bin. Sie dachte noch ſehr Vieles, noch ſehr lange. Die verlockenden Bilder der Zukunft fingen an, ihre Bedenken immer mehr zu ver⸗ drängen— fürſtlicher Haushalt, reiche Dienerſchaft, Equi⸗ pagen, Luſt, Vergnügen, auch Ehre— ach, die Menſchen ehren ja doch ſtets nur den, welcher die Macht hat, ihnen zu ſchaden oder ihnen zu nützen, und dieſe Macht werde ich haben, bei ſeiner Gutmüthigkeit und Schwäche bald ganz haben! Aber Steinberg? Was war ihr Steinberg, der ſich wenig um ſie kümmerte, der nicht einmal eiferſüchtig wurde, ſondern, obgleich er ihr Verhältniß zu dem Prinzen wiſſen, wenigſtens ahnen mußte, ruhig ſeinen gewohnten Beſchäftigungen nachging und ſich den Anſchein gab, als bemerke er gar nichts. Was war ihr Steinberg? Sie hatte ihn nie geliebt, das fühlte ſie, und jetzt fing ſie ſogar an, ihn zu haſſen. Es erregte ihr ein genugthuendes Ge⸗ fühl, wenn ſie ſich den Gedanken ausmalte, ihn zu ver⸗ laſſen; dann, glaubte ſie, würde er empfinden, was er an ihr beſeſſen und verloren hätte. Ihre Blicke fielen zufällig in den Spiegel, und ein halb ſpöttiſches, halb wohlgefälliges Lächeln lagerte ſich um ihren Mund, deſſen korallenrothe, ſchön geformte Lippen jetzt den äußerſten Rand ihrer kleinen, weißen Zähne durch⸗ ſchimmern ließen. Mit immer größerem Wohlgefallen haftete ihr Blick auf dem Spiegelbilde. Nein, nein, lächelte ſie dann, er wird treu bleiben— ich werde die Macht haben, ihn zu feſſeln— ihn für immer zu feſſeln— die Zeit wird niemals kommen, wo er meiner überdrüſſig iſt. Es wäre ſchrecklich, könnte dieſer Zeit⸗ punkt jemals eintreten, ſetzte ſie wieder ernſt werdend hinzu, denn das Band, was uns vereinen ſoll, würde — ſich eben ſo leicht wieder löſen laſſen, al s es jetzt ge⸗ knüpft wird! Der heftige Eintritt der alten Margareth unterbrach dieſe langdauernden Betrachtungen. Der Geheimerath von Stuhm, meldete ſie, wünſcht, ſeine Aufwartung zu machen. Der Geheimerath? fragte Nettchen erſchrocken— wird mir ſehr angenehm ſein, ſetzte ſie dann mit ruhigerer Stimme hinzu— geh', Margareth, damit er nicht wartet — was mag er wollen? Der Geheimerath ſchien heute noch ernſter und gemeſſe⸗ ner, als er überhaupt immer war. Er grüßte ſie förmlich, und ſie empfing ihn mit beſonderer Freundlichkeit, denn ſie erkannte, daß dieſer Mann vielleicht einen nicht unbe⸗ deutenden Einfluß auf ihr künftiges Schickſal üben könne. Nehmen Sie Platz, verehrter Herr Geheimerrath, ſagte ſie, ihn zum Sitzen auf dem Sopha nöthigend; Sie ſind zwar ein ſeltener Gaſt in unſerm Hauſe, aber deßhalb ein doppelt angenehmer. Ich wollte, Sie ſprächen die Wahrheit, ich würde mich ſehr darüber freuen, erwiederte er, ſich auf einen Stuhl ſetzend; leider weiß ich aber, daß Ihre letzten Worte nicht aus Ihrem Herzen kamen, ſondern nichts waren als eine Floskel der Höflichkeit. Weßhalb haben Sie eine ſo ſchlechte Meinung von mir? Ich habe keine ſchlechte Meinung von Ihnen; hätte ich die, ſo würde ich nicht zu Ihnen gekommen ſein. Sie nehmen Alles ſehr wörtlich. Wörtlich? wiederholte er mit einem wehmüthigen Lächeln; ich heuchle nicht, ich ſpreche die Wahrheit— ſollte Ihnen das unangenehm ſein? O, durchaus nicht. Aber Sie verfahren nicht in gleicher Weiſe gegen mich — Sie haben mich neulich abſichtlich mißverſtanden und meine Worte nicht für das genommen, was ſie waren, für den Ausfluß einer— wie ſoll ich ſagen? ſetzte er nicht ohne Verlegenheit hinzu, während Nettchens Augen er— wartungsvoll und feſt auf ihm ruhten— für den Ausfluß einer väterlichen Theilnahme, ſondern für die Rede eines Ihnen gänzlich Fremden und Unberufenen. Ich erinnere mich nur noch dunkel, was Sie mir auf dem Balle ſagten; ich glaube, ich ſolle nicht mehr tanzen, ja, ja, aber ich war doch noch mit dem Prinzen engagirt— und dann gehört das Tanzen auch zu meinen Paſſionen. Sehen Sie, wie richtig meine vorige Bemerkung war, ſagte er mit traurigem Tone, Sie ſind nicht wahr, nicht aufrichtig gegen mich, denn ich habe eine zu gute Mei⸗ nung von Ihnen, als daß ich glauben könnte, meine Worte, die ich auf dem Balle zu Ihnen geredet, ſeien Ihrem Ge⸗ dächtniſſe ſchon wieder entſchwunden. Und wenn dies nicht der Fall wäre, wenn ich mir wirflich nur den Anſchein gegeben, als hätte ich ſie ver⸗ geſſen— würden Sie dies nicht für gerechtfertigt halten, Herr Geheimerrath? Ich wüßte nicht, weßhalb, erwiederte er, ſie verwun⸗ dert anſehend; denn ich ſprach zu Ihnen, nicht damit Sie meine Worte vergeſſen, ſondern damit Sie dieſelben beher⸗ zigen und danach handeln ſollen. Ich weiß wirklich nicht. Sie wiſſen nicht, wie ich dazu komme, Ihnen dies zu ſagen, unterbrach er ſie— kommt es denn darauf ſo ſehr an? Genügt Ihnen die Theilnahme eines Mannes nicht, der für Ihr wahres Wohl beſorgt iſt? Nehmen Sie dies als beſtimmt an, fragen Sie nicht nach der Urſache, ſon⸗ dern weiſen Sie die Hand nicht zurück, welche er Ihnen darbietet, darbietet, um Sie vor Irrthümern zu bewahren, deren Folgen Sie mit leichtem Sinne unbeachtet laſſen. Sie ſpielen an einem Abgrunde, mein Kind, fuhr er wär⸗ mer und ihre Hand nehmend fort, Sie ſpielen daran, ohne die Tiefe deſſelben zu ſehen, in welche Sie ſtürzen werden, wenn Sie dieſes Spiel nicht aufgeben. Ihr Empfinden, ja, ſelbſt Ihr Benehmen hat ſich ſeit Sie verheirathet ſind, nicht geändert, und doch haben Sie als Frau andere und höhere Pflichten. Vergeſſen Sie das nicht, denken Sie immer daran, auch während der bethörenden Reden jenes fürſtlichen Knaben, dem Ihr Ruf gleichgültig iſt und 5 der nur danach ſtrebt, ſeinen Leidenſchaften zu genügen. Könnten Sie Sich wirklich dazu hergeben wollen, eine Zeit lang das Spielzeug dieſer Leidenſchaften zu werden? Hören Sie auf die Warnung eines Mannes, der den Prinzen von Kindheit an kennt und der es gut mit Ihnen meint. Ich bin mit dem Vater aufgewachſen und habe die Entwicklung des Prinzen von der früheſten Kindheit an beobachtet und zum Theil geleitet. Der Grundzug ſeines Charakters iſt Stolz, Ueberſchätzung und ein ungezügelter Hang zur Befriedigung ſeiner Begierden. Meine Be⸗ mühungen, dieſe Familienfehler zu verbeſſern, ſind theil⸗ weiſe an angebornen Neigungen, theilweiſe an verderb⸗ lichen Einflüſſen von außen, ſelbſt an dem Beiſpiele ſeines eigenen Vaters, geſcheitert, ſetzte er mit einem Seufzer hinzu.— Glauben Sie meinen Worten, ſeine Betheue⸗ rungen, ſelbſt ſeine Schwüre werden verwehen wie die Spreu vor dem Winde, ſobald er ſein Ziel erreicht hat— und daß er es erreiche, davor möge Sie der Himmel gnädig bewahren, mein Kind! Ich habe vielleicht zu viel geſagt, ſprach er nach einiger Zeit in ruhigerem Tone weiter, während welcher Nettchen ſichtlich verwirrt mit niedergeſchlagenen Augen da geſeſſen hatte— ich habe vielleicht mehr geſagt, als es ſich geziemt für den Diener ſeines Fürſten— möge Ihnen dies bewei⸗ ſen, daß ich es gut mit Ihnen meine, daß ich wirkliche Theilnahme für Sie empfinde, und möge es Sie veran⸗ laſſen, ernſtlich mit Sich zu Rathe zu gehen und feſt und ſtark zu ſein in den Augenblicken der Verſuchung. Hat Ihr Herz, hat Ihr Blut wirklich einen Kampf zu beſtehen, und es ſcheint mir faſt ſo, ſetzte er ſchmetzlich hinzu, ſo denken Sie daran, daß Sie der Stärke nur noch wenige Tage bedürfen werden, um Siegerin zu ſein, Siegerin ohne die Qualen der Reue und der Selbſtanklage. In wenigen Tagen verlaſſen wir dieſe Stadt, und dann, wenn er fort iſt, wird eine kurze Spanne Zeit für ihn hinreichen, um Sie zu vergeſſen, es wird bei ihm nichts bedürfen, als eines neuen Gegenſtandes. Wenn Sie ihn aber nun doch falſch beurtheilten? Ach, ich ſehe, er hat ſeine Zeit nicht unbenutzt gelaſſen! — Ich kann, ich darf Ihnen nicht mehr ſagen; ich kann nur die dringende Bitte wiederholen: haben Sie Vertrauen zu mir. Verſchließen Sie Ihr beſſeres Empfinden nicht einer augenblicklichen verderblichen Leidenſchaft— malen Sie Sich Ihre Lage aus, wenn Sie von ihm verlaſſen und verhöhnt da ſtehen, rufen Sie Ihren Stolz, Ihre Frauen⸗ würde, Ihre Frauenehre zu Hülfe, und ſeien Sie ſtark, ſeien Sie feſt! Ich weiß wirklich nicht, entgegnete ſie, dem Geheimen⸗ rath ihre Hand entziehend, welche dieſer die ganze Zeit über in der ſeinigen gehalten hatte— ich weiß wirklich nicht, wie ich dazu komme, der Gegenſtand einer ſo ſon⸗ 65 derbaren, ich kann wohl ſagen, verletzenden Theilnahme zu ſein. Sie mögen Recht haben, ſagte er nachdenkend— und doch kann ich Ihnen jetzt weiter nichts erwiedern; ich kann Sie nur wiederholt bitten: vertrauen Sie mir. Vielleicht iſt die Zeit nicht fern, wo ich Ihnen— doch laſſen wir dies jetzt— ich hoffe, bald, aber ohne den Prinzen, hie⸗ her zurückzukehren, dann kann ich vielleicht offener zu Ihnen reden— dann wird es mir vielleicht gelingen, andere Em⸗ pfindungen in Ihrem Herzen für mich zu erwecken, als dies jetzt möglich iſt. Sie glauben nicht, wie glücklich mich das machen würde, mein liebes Nettchen, fuhr er, abermals ihre Hand ergreifend, fort, und auch Sie wer⸗ den dann, dem verderblichen Einfluſſe ſeiner Gegenwart entrückt, anders über mich urtheilen und mir danken. O, beherzigen Sie meine Worte, denken Sie ſtets daran, denken Sie an mich, wenn die Schwäche des Weibes Sie bethören will; laſſen Sie dann mein Bild ſich ſchützend zwiſchen Sie und ihn ſtellen— doch Sie verſtehen mich vielleicht wieder nicht; ich fühle, daß ich Ihnen zu viel und zu wenig ſage, und dennoch kann und darf ich nicht anders. So leben Sie denn wohl, mein Kind, fuhr er fort, auch ihre andere Hand ergreifend, die ſie ihm willenlos ließ— leben Sie wohl, gedenken Sie dieſer Stunde und gedenken Sie meiner, bis wir uns wiederſehen. Er zog ſie zu ſich heran und küßte ſie leiſe auf die Stirn. Sie duldete dies alles ſchweigend. Es war ihr eigenthümlich zu Muthe, und Gedanken ſehr verſchiedener Art zogen durch ihre Seele, als er ſie dann verlaſſen hatte. Dann ſah ſie auf und ihre Blicke fielen wieder auf ihr Bild im Spiegel. Pfui, wie ernſt und melancholiſch ich ausſehe, lachte ſie plötzlich auf, und doch iſt die ganze Geſchichte komiſch und ergötzlich genug! Er iſt ein ſonderbarer, eigenthüm⸗ licher Mann, und ich muß geſtehen, ſeine Erklärung war ganz abſonderlich. Aber Männer in gereiften Jahren em⸗ pfinden wahrſcheinlich anders, als junge, denen das Herz auf der Zunge liegt. Drittes Aapitl. Der verrath. Blendwerk der Hölle! Was? In ſeinen Armen! Giftvolle Schlange! Das iſt deine Liebe? — O eine Stimme Gottes war mein Haß! Schiller. Auch der Prinz hatte mancherlei Gedanken, nachdem er Nettchen verlaſſen; ſie beſchäftigten ihn ſo ſehr, daß er, ſei⸗ nen ſonſtigen Gewohnheiten entgegen, einen einſamen Spaziergang aufſuchte, um ſich ihnen ungeſtört hingeben zu können. Er war unzufrieden mit ſich; er erkannte, daß er ſich übereilt, daß er ſich habe hinreißen laſſen, daß er ganze Zukunft, ja, für die Zukunft ſeines Landes von den wichtigſten, unberechenbarſten Folgen ſein mußten— wenn er ſie erfüllte. Und das alles um den Beſitz eines ſchönen Weibes! Nicht einmal um die Erlangung, nein, nur um die Erhaltung, nur um den Fortgenuß dieſes Beſitzes. War dieſer wirklich ſo großer Opfer werth? Je mehr er Worte geſprochen, Verſprechungen gemacht, welche für ſeine. darüber nachdachte, deſto ernſter und finſterer wurde ſeine 6 Stimmung; er dachte an ſeinen heftigen, rückſichtsloſen Vater, der einen ſolchen„die Nachfolge des Hauſes zerſtö⸗ renden Schritt niemals billigen, ja, niemals zugeben würde; er dachte an ſeine edle, durch ſeines Vaters Lebensweiſe in ihrem innerſten Sein gekränkte Mutter, die an dem einzigen Sohne dieſelben traurigen Erfahrungen machen ſollte; er dachte auch nebenbei an die öffentliche Meinung ſeines Volkes, die, längſt dieſer alten Wirthſchaft überdrüſſig, mit neu erfüllter Hoffnung dem Zeitpunkte entgegen ſah, wo dieſelbe und vieles Andere durch den Regierungswechſel ihr Ende erreichen würde. Und das alles ſollte unerfüllt blei⸗ ben? Er wollte in den Kampf treten gegen Vater, Mutter und Volk, er wollte von vorn herein darauf verzichten, in ſeinen Kindern ebenbürtige Nachfolger zu erhalten, dies alles und noch vieles Andere, was ſich daran fnüpfte, wollte er thun und leiden— eines Weibes wegen. War dasjenige, was er erhielt, wirklich eines ſolchen Preiſes werth? Mußte er überhaupt in dieſer Weiſe gezahlt wer⸗ den? Hätte der beabſichtigte Zweck ſich nicht mit leichteren, wohlfeileren Mitteln erreichen laſſen? Er hatte ſich übereilt, er hatte ſich zu einem thörichten Verſprechen hinreißen laſſen. Aber ſie iſt ſo lieb— und vor Allem ſo ſchön— ſie allein von allen Menſchen auf der Erde liebt mich wirklich und wahrhaft, und ſie würde unglücklich ſein, für immer unglücklich, wenn ich ſie ver⸗ ließe. Aber dies iſt ja auch nicht nöthig, ſie kann mir — angehören und glücklich ſein, ohne daß ſie meine Frau iſt; ſie wird es, wenn ſie mich wirklich liebt. Was hat ſie jetzt, wenn ich fort bin? Gefeſſelt an einen ungeliebten, faſt rohen Mann, der ihren Werth nie erkannt hat, in ihrem Rufe gefährdet und mit der Sehnſucht nach mir im Herzen, wird ſie dieſe Bande unter allen Bedingungen abſtreifen, wenn ſie nur bei mir und die Meinige ſein kann. Und ſie iſt eben ſo klug als ſchön; daß ſie es iſt, darin liegt ja der große Reiz ihres ganzen Weſens— ſie wird natürlich den Preis ſo hoch ſtellen als irgend möglich, aber ich werde nicht nöthig haben, ihn zu zahlen. Ich habe mich übereilt, aber mich noch nicht gebunden, denn ſie ſelbſt hat ja noch keineswegs zugeſtimmt— ich werde vorſichtiger, zurückhal⸗ tender ſein und zu demſelben Ziele kommen. Dann ſchweiften ſeine Gedanken zu dem unangenehmen Vorfalle mit dem Studenten, und er ärgerte ſich, daß er Nettchen deßhalb, wie er beabſichtigt, über ihr Verhältniß zu dieſem Menſchen, der ihn ſo gröblich beleidigt, gar nicht befragt hatte. Auch dies mußte erſt aufgeklärt werden, aber in der Sache ebenfalls etwas geſchehen. Sich mit dieſem wahnſinnigen Burſchen ſchlagen— niemals! Ein Erb⸗ prinz ſteht über derartigen Beleidigungen, aber ſie dürfen nicht ungeſtraft bleiben. Die Miene des Prinzen wurde immer finſterer, denn er erkannte, daß die Studenten, wenn er den Fall zur Anzeige brächte, entſchieden gegen ihn Partei ergreifen und es zu einem öffentlichen Scandal bringen würden— nur, wenn er an den Abend dachte, flog wieder ein heiteres Lächeln um ſeinen Mund, wie ein Sonnenblick über eine trübe Regen⸗ Landſchaft— aber die Bilder, ſo verlockend ſie auch ſein mochten, wollten nicht in ſeiner Seele haften, vielmehr wurde ſeine Stimmung immer düſterer, immer unzufriede⸗ ner, und er beſchloß, nach ſeiner Wohnung zurückzukehren, um die Meinung des Geheimenrathes über ſein ferneres Verhalten hinſichtlich des Studenten zu hören. Da erblickte er einen Mann, der, ebenfalls in tiefes Nachdenken verſunken, allein dahin ſchritt, und erkannte den Profeſſor Leſſen. Er war vielleicht noch mehr geeignet, ihm einen Rath in dieſer Angelegenheit zu ertheilen, als der Geheimerath; er blieb daher ſtehen. Leſſen war wirklich ſo in ſeine Gedanken vertieft, daß er den Prinzen faſt nicht eher bemerkte, als bis er dicht vor ihm ſtand, dann aber nahm ſeine Miene ſofort einen un— befangenen Ausdruck an, er grüßte in ſeiner gewohnten ehrfurchtsvollen Weiſe, welche er dem Prinzen gegenüber niemals aus den Augen ſetzte, und erkundigte ſich nach der Veranlaſſung, ſeinem Gönner auf ſo einſamen Wegen zu begegnen. Ich könnte dieſelbe Frage an Sie richten, entgegnete der Prinz, um zugleich zu erfahren, welche wichtige Gedan⸗ ken Sie ſo ſehr in Anſpruch nahmen, daß Sie mich gar nicht bemerkten. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 1I. 3 Ach, es iſt nichts Wichtiges, Ew. Hoheit, was mich beſchäftigte, ein rein wiſſenſchaftlicher Gegenſtand. Es iſt mir ein Bedürfniß, mir den Plan zu einer Vorleſung oder zu einer Abhandlung auf einem einſamen Spaziergange zurecht zu legen. Es denkt ſich im Gehen angenehmer und leichter, wenigſtens im Großen und Ganzen. Das Ausarbeiten gehört dann ſpäter dem Studirtiſche an. War es eine Vorleſung oder eine Abhandlung, die Sie Sich im Großen und Ganzen eben zurecht legten? fragte lächelnd der Prinz. Eine Vorleſung, erwiederte Leſſen unbefangen, und zwar eine Vorleſung für Eure Hoheit, wenn Sie be⸗ fehlen— Nein, nein, unterbrach ihn der Prinz, ich bin überzeugt, daß Ihnen der Stoff dazu niemals fehlt, aber ich wünſche jetzt keine Vorleſung, ſondern Ihren Rath. Meinen Rath? fragte Leſſen geſchmeichelt; er ſteht Eurer Hoheit ſtets zu Dienſten und ich fühle mich durch dieſes Vertrauen geehrt. Es iſt ein ſehr unangenehmer Vorfall, ein Vorfall, der mich ärgert, empört, weil er beweiſt, in welchem Grade die Anmaßung gegen fürſtliche Perſonen täglich zunimmt. Eure Hoheit erſchrecken mich! Zum Erſchrecken iſt es nicht, aber es iſt nöthig, daß in der Sache etwas geſchieht. So hören Sie denn. Der Prinz erzählte in ziemlich leidenſchaftlicher Weiſe und ohne ſeinem Zorn den Zügel anzulegen, den bereits mitge⸗ theilten Vorfall. Leſſer's Miene zeigte während dieſer Zeit eine Miſchung von Entrüſtung und Erſtaunen. Ich kenne dieſen Menſchen, ſagte er dann, als der Prinz geredet hatte; es iſt ein eraltirter und gefährlicher Burſche, der außerdem in dem Verdachte hochverrätheriſcher Verbin⸗ dungen ſteht. Daß Sich Eure Hoheit nicht ſo wegwerfen werden, um ihm in irgend einer Weiſe eine perſönliche Genugthuung zu geben, kann ich wohl als zweifellos an⸗ nehmen. Mein Rang und mein Stand verbieten mir das, er⸗ wiederte der Prinz, ſo gern ich dieſem frechen Menſchen auch ſelbſt eine wohlverdiente Züchtigung angedeihen laſſen möchte. Es wird doch nichts übrig bleiben, als die Sache anzuzeigen, damit ich wenigſtens vor ähnlichen Inſulten geſchützt bin. Die Anzeige hat ihr Mißliches, bemerkte Leſſen mit einem ſchlauen Blick; Eure Hoheit ſind einmal immatri⸗ culirter Student, und der Geiſt der hieſigen Studirenden iſt leider durch die franzöſiſchen Juli⸗Ereigniſſe ein ſo auf⸗ geregter und zügelloſer geworden, daß es jedenfalls zu einer öffentlichen Demonſtration gegen Eure Hoheit kommen würde, ſobald es bekannt wäre, daß Sie ein Duell zur An⸗ zeige gebracht hätten. Zu einer öffentlichen Demonſtration? Worin könnte die beſtehen? 1 Man würde Eure Hoheit in Verruf erklären. Das würde man wagen! rief der Prinz zornig. Man würde es nicht nur wagen, ſondern man würde ſich freuen, es thun zu können; ich kenne die Stimmung genau— man ſucht nach einer Gelegenheit zum Scandal. Nun, was rathen Sie denn? fragte der Prinz ſichtlich betreten. Wenn Eure Hoheit die Gnade haben wollen, erwie— derte Leſſen, indem er ſeine gewohnte wichtige, aber dabei ſtets freundliche Miene annahm, wenn Sie die Gnade haben wollen, das Weitere vertrauensvoll mir zu überlaſſen, ſo will ich dafür ſtehen, daß dieſer Burſche vollkommen un⸗ ſchädlich gemacht wird, ohne daß Eurer Hoheit Name dabei in irgend eine Berührung kommt. Ich wünſche doch den Weg zu kennen, den Sie einſchla⸗ gen wollen. Der Student Ferdinand Dornfeld— Ja, ſo heißt er, ſo nennt er ſich, fiel ihm der Prinz in die Rede. Der Student Ferdinand Dornfeld gehört einer ſtaats⸗ gefährlichen Verbindung an. Die Behörden haben davon genaue Kenntniß und laſſen ſie überwachen. Man hat bis jetzt, der franzöſiſchen Ereigniſſe wegen, Anſtand genom⸗ men, einzuſchreiten— es iſt die alte Schwäche— ſetzte er ſpöttiſch hinzu. Der zeitliche Rector iſt mein Freund, ich werde ihm den Vorfall mittheilen und ihn zu der ſofortigen — * Verhaftung des Studenten, nicht jenes Vorfalles wegen, der ganz es nexu bleibt, ſondern als Mitglied jener ſtaats⸗ gefährlichen Verbindung beſtimmen. Dann kommt es zur Unterſuchung in der gewohnten ſchleppenden Weiſe, wäh⸗ rend welcher Zeit das Bürſchchen natürlich immer in Haft bleibt. Mag nun endlich das Reſultat ſein, welches es will, er iſt unſchädlich gemacht und hat eine härtere Strafe erlitten, als wenn er jetzt jenes Vorf Carcer geſperrt oder relegirt würde. Vortrefflich! rief der Prinz erfreut; das iſt ein guter Gedanke von Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen. alles wegen in den Sie können denken, wie verſtimmt mich die Sache gemacht hat, aber ſo kommt ſie zu einem ſache emäßen Ende. Ich 3 9 nehme an, ich ſei von irgend einer wilden Beſtie angefallen und man habe dieſe Beſtie eingefangen. Das iſt die richtige und ſachgemäße Auffaſſung, Hoheit.- Es war endlich Abend geworden. Der nicht enden 2* wollende Sommerta hatte viel zu lange gedauert für die 9 3 9 Ungeduld des Prinzen. Auch die Dämmerung, welche ſich vorzugsweiſe die Zeit des ſcheidenden Sommers und des kommenden Herbſtes zu ihren magiſchen Spielen auswählt, wollte heute nicht enden, und doch mußte es erſt ganz dun⸗ kel werden, ehe er gehen durfte. Endlich hatte die Nacht ihren verhüllenden Schleier über die Erde ausgebreitet, ganz einförmig ſchwarz, ohne die Stickerei der Sterne, denn es war ein trüber, wolkenbedeckter Abend. Die Luft athmete ſich ſchwer, und hinten im Weſten wetterleuchteten ferne Gewitter. Der Prinz hüllte ſich tief in ſeinen Mantel und ging. An einem nach dem Garten gelegenen Fenſter ihrer Woh— nung ſchimmerte ein mattes, kaum bemerkbares Licht. Er athmete tief auf, als er es erblickte— denn das Licht war allein der für ihn leuchtende Stern, den ſein Auge ſuchte. Unter dem Fenſter gab er das verabredete Zeichen, bald darauf öffnete ſich die kleine Gartenthür, ſeine Geſtalt ver⸗ ſchwand in derſelben, und es war wieder Alles ſtill und lautlos, wie vorher. Aber dieſe Stille währte nur einen kurzen Augenblick, dann trat die Geſtalt eines Mannes hinter einem Baume hervor, ſtieß ein heiſeres, höhniſches Lachen aus und eilte ſchnellen Schrittes von dannen. Endlich, endlich habe ich ſie! ſprach er in abgebroche⸗ nen Sätzen, während er ſeinen Weg faſt laufend fortſetzte; endlich— ſie, die Falſche, und ihn, dieſen fürſtlichen Ehren⸗ dieb! Nun wollen wir Abrechnung halten, vollſtändige Ab⸗ rechnung! O, wie das morgen in der Stadt umherſchwir⸗ ren wird, wie man— doch ich weiß ſelbſt nicht, was ich ſage— erſt die Abrechnung, wer weiß, was die nächſte Stunde bringt. Unter dieſen und ähnlichen Gedanken war der Mann, in welchem der Leſer bereits Ferdinand erkannt haben wird, * zu dem Gaſthofe gelangt, wo Steinberg, ſeiner Gewohn⸗ heit gemäß, beim Spiele ſaß. Ich wünſche den Lieutenant Steinberg zu ſprechen, herrſchte er dem Kellner zu; rufen Sie ihn, auch wenn er mitten im Spiele iſt, ſagen Sie ihm, eine Nachricht von der höchſten Wichtigkeit, wovon Ehre und Leben abhinge, erwarte ihn. Nach kurzer Zeit trat der Lieutenant mit fragender und erſtaunter Miene in das Zimmer, in welchem Ferdinand ihn erwartete. Dieſer hatte ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen. Was ſteht zu Dienſten, mein Herr? fragte Steinberg, den ihm Unbefannten mit Mißtrauen betrachtend; man ſagt, Sie hätten mir etwas Wichtiges mitzutheilen. Der Prinz von Albernhauſen befindet ſich in dieſem Augenblicke im Schlafzimmer Ihrer Frau, ſagte der Stu⸗ dent ohne jede Einleitung; ich ſelbſt habe dies mit meinen eigenen Augen geſehen. Verlieren Sie keinen Augenblick, damit Sie nicht zu ſpät kommen. Mein Herr! rief der Lieutenant, während eine tiefe Bläſſe ſein Geſicht bedeckte; was unterſtehen Sie Sich? Ich unterſtehe mich, Ihnen die Wahrheit zu ſagen; ich ſtehe dafür ein, daß es die Wahrheit iſt, heiße Dornfeld, Ferdinand Dornfeld, Studiosus philosophiae. Sie unterſtehen Sich jedenfalls, Sich um Dinge zu bekümmern, die Sie nichts angehen. Die mich nichts angehen? lachte der Andere höhniſch; Jeder weiß ſelbſt am beſten, was ihn angeht oder was ihn nicht angeht. Die Sache ſcheint Ihnen aber nicht zu paſſen. Sei dem, wie ihm wolle, wenn Sie jetzt nicht augenblicklich gehen, wenn Sie nur noch einen Moment zögern, ſo erzähle ich morgen in der Stadt alles, was ich Ihnen mitgetheilt, und wie ehrenhaft Sie Sich darauf benommen. Genug, rief der Lieutenant, indem er ſeinen Degen umſchnallte, genug— wir ſprechen uns morgen, jetzt habe ich, wie Sie einſehen werden, keine Zeit, mich mit Ihnen zu befaſſen. Nein, dazu haben Sie keine Zeit, eilen Sie. Der Lieutenant ging ſchnellen Schrittes und in heftiger Aufregung ſeiner Wohnung zu. Je näher er derſelben kam, um ſo mehr verwirrten ſich ſeine Gedanken. Er fühlte das Peinliche ſeiner Lage, einem Prinzen gegenüber — er war überhaupt kein Freund öffentlichen Scandals; es wäre ihm erwünſcht geweſen, die Sache in einer anderen Weiſe, nachher, abzumachen— aber er war Officier und jener rückſichtsloſe Student Mitwiſſer dieſes gefährlichen Geheimniſſes. Seine Ehre ſtand auf dem Spiele, es blieb kein Ausweg— alſo weiter! Ferdinand war dem Lieutenant von Weitem gefolgt und erreichte nur wenige Augenblicke ſpäter die Wohnung deſſelben. Er ſah ihn leiſe die Hausthür öffnen und ver⸗ ſchwinden. Mit katzenartiger Gewandtheit erkletterte er eine gegenüber ſtehende Linde und verbarg ſich in deren Zwei— gen. Die Fenſter des Hauſes waren alle dunkel, nur Eines matt erleuchtet, aber der Vorhang herabgelaſſen. Wie ſchade, ſprach er mit dämoniſcher Freude vor ſich hin, wie ſchade, daß der Baum ſo weit entfernt ſteht, ich werde nur ſehen, nicht hören können, aber auch das wird genügen. Ha, da iſt der Lieutenant, er geht mit einem Lichte durch das Wohnzimmer— nun, gute Verrichtung! lachte er höhniſch auf. Der Lichtſchein in dem anderen Zimmer wurde heller, der Student ſah die Schatten verſchiedener Geſtalten an dem heruntergelaſſenen Vorhange ſich raſch abzeichnen und wieder verſchwinden, ja, er glaubte ſogar den leiſen Auf⸗ ſchrei einer weiblichen Stimme zu hören— dann, nach einiger Zeit, ſah er den Prinzen und den Lieutenant in das anſtoßende Zimmer treten. Der Letztere trug ein Licht in der Hand und ſtellte es auf den Tiſch. Dann ſtanden ſich Beide faſt bewegungslos gegenüber, ſie redeten offenbar mit einander, aber das ſcharfe Auge des Spähenden ver⸗ mochte nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Bald wurden jedoch ihre Bewegungen lebendiget, der Lieutenant ſchien in Zorn zu gerathen, er geſticulirte heftig und legte dann ſogar die Hand an den Degen. Der Prinz trat hinter den Tiſch zurück und hielt ſeinen Arm abwehrend ausgeſtreckt. Dar⸗ auf ſchienen ſie wieder ruhiger zu ſprechen, bis der Lieute⸗ nant heftig nach der Thür wies und dieſesöffnete. Der Prinz blieb noch einen Augenblick ſtehen, dann nahm er Hut und Mantel und verließ langſamen Schrittes das Zimmer. Der Lieutenant blickte ihm eine Zeit lang nach und ging dann raſchen Schrittes auf und ab. Unmittelbar darauf trat der Prinz aus der Hausthür, flüſterte noch einige Worte zu der alten Margareth und ſchritt dann langſam demſelben Baume zu, in deſſen Zwei⸗ gen ſich der Student verborgen hatte. Dort ſtand er lange Zeit an den alten Stamm gelehnt, regungslos, während ſein Auge unverwandt an den erleuch⸗ teten Fenſtern jener Räume hing, die für ihn ſo eben der Schauplatz eines ſo aufregenden und demüthigenden Auf⸗ trittes geworden waren. Die Erwartungen des Studenten hatten ſich nur theil⸗ weiſe erfüllt, denn der Prinz war unverſehrt, ohne öffent⸗ lichen Scandal wieder aus des Lieutenants Hauſe gekom⸗ men, und ſtand jetzt unter ihm an demſelben Baume, offen⸗ bar noch immer voll Sehnſucht an ſie denkend und gefeſſelt von dem Zauber ihrer Nähe. Haß und Rache tobten von Neuem in der Bruſt des fanatiſchen jungen Mannes, er war einmal ſogar im Begriffe, ſich auf ſeinen Gegner hinab zu ſtürzen und das Werk der Vergeltung, wie er es nannte, fortzuſetzen. Nur die Erwägung beruhigte ihn wieder, daß erſt der kommende Tag die wahren und ernſtlichen Effecte des letzten Actes dieſes Dramas vor die Augen Aller hinſtellen müſſe. — 7 Si Endlich ging der Prinz, langſam, gebeugten Hauptes, indem er noch mehrmals ſich umſehend ſtehen blieb. Auch der Student warf den letzten Blick hinüber in das erleuchtete Zimmer, in welchem der Lieutenant noch immer auf⸗ und abſchritt; er ſah ihn dann vor der Thür des an⸗ ſtoßenden, jetzt ganz dunklen Gemaches ſtehen bleiben, er ſprach offenbar und ſchien Einkuß zu fordern— aber die Thür blieb verſchloſſen. Was kümmert mich das alles weiter, ſprach er, indem er an dem Baume hinabglitt, er iſt ein erbärmlicher, fiſch⸗ blutiger Geſell, dieſer Lieutenant, ſonſt wäre der Prinz wohl ſchwerlich ſo mit heiler Haut davon gekommen! Ha, er hatte einen Degen an der Seite und dennoch!— aber. — nun, wir werden ja ſehen, morgen! Unter ſolchen und ähnlichen Gedanken war er endlich bei ſeiner Wohnung angelangt. Im Begriffe, die Thür derſelben zu öffnen, wurde er von vier Männern umringt, die ihm den Weg vertraten. Sie ſind der Studioſus Ferdinand Dornfeld? fragte der Eine. Der bin ich, was ſteht zu Dienſten? So verhafte ich Sie, im Namen des Geſetzes! Ich bin Student, wie Sie ſelbſt ſagen, und ſtehe unter der Gerichtsbarkeit der Univerſität. Ich verhafte Sie wegen Hochverrathes, Verbrecher die? ſer Gattung verfallen den gewöhnlichen Gerichten. Wegen Hochverrathes? rief Ferdinand erblaſſend; mein Herr, Sie ſcheinen Sich in einem großen Juihi zu befinden. Das iſt nicht unſere Sache; wir haben den Befehl, den Studenten Ferdinand Dornfeld wegen Hochverrathes zu verhaften, Sie ſind dieſer Student, alſo folgen Sie uns! Und wenn ich mich nun weigerte? So werden wir Sie zwingen. Ergreifen Sie ihn! Che der junge Mann eine Entgegnung zu finden ver— mochte, wurde er von vier kräftigen Armen erfaßt, er fühlte ſeine Hände durch Handſchellen gefeſſelt und A daß jeder Widerſtand vergeblich ſei. Ich weiche der Gewalt, aber ich werde für dieſe ſchänd⸗ liche Verletzung der perſönlichen Freiheit Genugthuung fordern. Fordern Sie, was Sie wollen; aber jetzt fort mit ihm, alle weiteren Redensarten ſind überflüſſig. — Biertes Aupitel. Handel und Wandel. Falſtaff: Was iſt Ehr— t. Wer hat ſie? Er, der vergan Kittwoch ſtarb. Fühlt er ſie? Nein. ſo nicht fühlbar? Für die Todten nicht eebt mit den Lebenden? Die Ver⸗ leu⸗ es Uhht zu. Ich mag ſie nicht! Shakeſpeare. Es iſt alſo wenigpr die he vel Steuern, als die Art der Beſteuerung, welche gewöhnlich den Druss und die Un⸗ zufriedenheit ezeugt, und deßhalb beſteht die Hauptkunſt des Financiers darin, die richtigen Mittel und Wege zu finden, um die zu den Ausgaben erforderlichen Steuern, ohne daß es die Beſteuerten unangenehm empfinden, auf⸗ zulegen. Wenn er dieſe Kunſt verſteht, ſo können die Steuern einen verhältnißmäßig ſehr hohen Grad erreichen, ohne daß man ſich darüber beklagt, wähzend umgekehrt auch eine ganz unbedeutende, aber unzweckmäßig aufge⸗ legte Steuer die größte Unzufriedenheit hervorzurufen ver⸗ mag. Ich werde die Ehre haben, Ew. Hoheit morgen das Weitere darüber vorzutragen. 2— ———— —— —— Mit dieſen Worten ſchloß Leſſen am Vormittage des folgenden Tages ſeine Vorleſung, indem er ſich achtungs⸗ voll verneigte und ſein Heft zuſammenlegte. Der Prinz fuhr aus tiefem Sinnen empor; er hatte offenbar kein Wort der gelehrten Staatsweisheit des Pro⸗ feſſors in ſich aufgenommen, denn ſeine Gedanken waren mit ganz anderen Dingen beſchäftigt. Der Geheimerath erhob ſich, ſprach noch einige Worte und verließ dann ſeiner Gewohnheit gemäß das Zimmer; auch Leſſen machte, jedoch nicht ohne einen lauernden und fragenden Blick auf den Prinzen zu richten, ſeine Abſchieds⸗ Verbeugung und empfahl ſich. Bleiben Sie noch, mein lieber Profeſſor, ſagte der Prinz, ich möchte noch über Mancherlei mit Ihnen ſprechen. Ich ſtehe zu Ew. Hoheit Befehl, kann aber ſogleich die angenehme Nachricht mittheilen, daß die geſtern beſprochene Angelegenheit bereits zu einem befriedigenden Ende gebracht iſt— der anmaßende Burſche ſitzt im Gefängniß, und eine noch geſtern Nacht bei ihm vorgenommene Hausſuchung und Beſchlagnahme ſeiner Papiere hat hinreichendes Ma⸗ terial zur Einleitung einer recht gründlichen Criminal⸗ Unterſuchung liefert Er iſt alſo unſchädlich gemacht und wird wohl einige Jahre in einſamen beſchaulichen Be⸗ trachtungen zubringen und dadurch gewiß das menſchliche Leben von einer ganz anderen Seite auffaſſen lernen. Ich danke Ihnen, erwiederte der Prinz, jedoch nicht in 3 3 3 der erfreuten Weiſe, wie Leſſen dies erwartet hatte; die Sache iſt aber dennoch nur untergeordneter Natur, ich— ich— befinde mich wirklich in einer ſehr verwickelten Lage, wo ein raſches Handeln nöthig ſein wird— wenn dadurch überhaupt noch etwas zu erreichen iſt. Wenn Cw. Hoheit mir vielleicht den Fall mittheilen w Den Fall? lächelte wehmüthig der Prinz— es iſt viel⸗ leicht der richtige Ausdruck. Dann ſchwieg er wieder und ſaß längere Zeit nachden⸗ kend, als ob er allein wäre. Leſſen entging es nicht, daß er mit einem Entſchluſſe kämpfe; er wartete ſchweigend das Ergebniß ab. Ich bedarf eines Vertrauten, ſagte dann der Prinz, den Profeſſor einen kurzen Moment anblickend, eines wirklichen Vertrauten, auf deſſen Rath, auf deſſen Hülfe ich mit Ge⸗ wißheit rechnen kann, auch wenn damit vielleicht einige Unannehmlichkeiten verbunden ſein ſollten, kurz, eines Mannes, der zu mir ſteht und ſich an das Gerede der Welt nicht fehrt. Wollen Sie mir dieſer Vertraute ſein? fragte er mit unſicherer Stimme, als Leſſen immer noch ſchwieg. Ew. Hoheit erfreuen mich in hohem Grade— ich werde beſtrebt ſein, mich eines ſo ehrenden Vertrauens würdig zu machen. Es iſt vielleicht eine ſonderbare Frage, aber ich halte ſie für nothwendig, fuhr der Prinz fort— haben Sie ein⸗ mal geliebt, ſo recht— Sie verſtehen mich— mit wirk⸗ licher, wahrer Empfindung geliebt? Welcher Mann in meinen Jahren hätte das nicht, Ew. Hoheit? Die Natur hat dieſes Gefühl in unſer Herz* gelegt, und wir vermögen demſelben nicht zu widerſtehen. Sie haben Recht, fiel der Prinz lebhaft ein, wir ver⸗ mögen nicht zu widerſtehen. Wenn Ew. Hoheit Vertrauen durch die Beantwortung dieſer Frage bedingt iſt, ſo will ich nicht anſtehen, zu be⸗ kennen, daß ich mich jetzt ſelbſt in dieſem Falle befinde. O, das freut mich, das freut mich! rief der Prinz; und wer iſt der Gegenſtand? Es iſt die Tochter des Profeſſors Erin. 3 Ah, das hübſche, etwas ſchüchterne Mädchen! Nun, lieber Leſſen, ich wünſche Ihnen Glück; laſſen Sie mir die Freude, wenn Sie verheirathet ſein werden, für Ihre Zu⸗ kunft zu ſorgen. Kommen Sie nach Albernhauſen— wie ich glaube, will ſich mein Vater von den Regierungs⸗Ge⸗ ſchäften zurückziehen. Sie ſollen in meinerRächſten Um⸗ gebung eine Ihren Wünſchen vollkommen entſprechende Stellung erhalten. 3 Ew. Hoheit überſchütten mich mit unverdienter Gnade. Sie irren, lächelte der Prinz, denn ſie ſoll verdient , werden; alle Menſchen ſind Egoiſten, und ein Dienſt iſt des anderen werth. Cw. Hoheit haben ganz über mich zu befehlen. Nun denn, ſagte der Prinz mit einem tiefen Athemzuge — ich liebe die Frau des Lieutenants Steinberg. Das iſt ein öffentliches Geheimniß, bemerkte lächelnd der Profeſſor. Wirklich? fragte erſtaunt der Prinz— ſo ſpricht man davon? Konnten Ew. Hoheit annehmen, daß man es nicht thue? Ich bin doch mit großer Vorſicht zu Werke gegangen — habe Alles vermieden— doch das iſt ja auch jetzt voll⸗ fommen gleichgültig. Ihr Mann hat uns geſtern Abend überraſcht und es kam zu einem ſehr unangenehmen, ſehr peinlichen Auftritte. Ueberraſcht? Ihr Mann? fragte Leſſen mit einem nur ſchwach unterdrückten ſchadenfrohen Lächeln. Wie konnten Cw. Hoheit ſo unvorſichtig ſein? Es war alle Vorſicht beobachtet; er kommt ſonſt nie⸗ mals um dieſe Zeit nach Hauſe, weil er beim Spiele iſt— es muß ihn Jemand ausdrücklich benachrichtigt haben. Das iſt ſehr unangenehm, ſagte Leſſen ernſt. Mehr als unangenehm— es fam natürlich zu einer Forderung, der ich mich nicht werde entziehen können. Doch das wäre auch durchzumachen, aber der damit ver⸗ bundene öffentliche Scandal! Mir liegt am Ende wenig⸗ daran— aber denken Sie, in welcher ſchrecklichen Lage ſie Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 6 ſich befinden muß— und dann ſteht es bei mir unabän⸗ derlich feſt, ich laſſe ſie nicht in den Händen dieſes rohen, eigennützigen Menſchen. Was meinen Ew. Hoheit damit? fragte Leſſen mit lauerndem Blicke. Was ich damit meine? Nun, daß ich ſie ihm nöthi⸗ genfalls mit Gewalt entreißen werde! O, die Gewalt wird überflüſſig ſein, wenn ſie Ihnen folgen will, und vergeblich, wenn ſie ſich deſſen weigert. Aber ſie weigert ſich nicht. Sie weigert ſich nicht?— Alſo hatten Ew. Hoheit dieſen Fall ſchon vorher mit ihr beſprochen? Gehen Sie von der Anſicht aus, daß ſie mich eben ſo liebt, wie ich ſie, ſo werden Sie es natürlich finden, daß wir über unſere Zukunft geredet, daß wir darüber jetzt, wo ich vielleicht in einigen Tagen fort muß, das Nöthige ver⸗ abreder haben. Es dürfte zur Feſtſtellung der jetzt am zweckmäßigſten zu ergreifenden Maßregeln vielleicht nöthig ſein, wenn Ew. Hoheit mich von dieſer Verabredung in Kenntniß ſetzten. Sie hat eingewilligt, ſagte der Prinz, ohne den Pro⸗ feſſor anzuſehen, ſie hat eingewilligt, das unwürdige Band, 5 das ſie jetzt an ihren Mann feſſelt, zu zerreißen und mir 4 zu folgen. „— 1 93 Hat ſie? ſagte Leſſen, indem er den Prinzen unbemerkt mit einem ſpötziſchen Lächeln betrachtete— nun, ich zweifle jetzt nicht mehr daran, daß Ew. Hoheit wahrhaft geliebt werden. Konnten Sie überhaupt jemals daran zweifeln? Und ohne jede Bedingung hat ſie ihr ferneres Schickſal in Ew. Hoheit Hände gelegt? inquirirte Leſſen weiter. Ohne jede Bedingung, erwiederte der Prinz verlegen. — natürlich, ſetzte er zögernd hinzu, natürlich habe ich ihr das Verſprechen gegeben, mich morganatiſch mit ihr trauen zu laſſen. Das haben Cw. Hoheit gethan? rief Leſſen erſchrocken; wirklich, in bindender Form gethan? Sollte ich nicht? fragte kleinlaut der Prinz. Es iſt vielleicht anmaßend von mir, mich freimüthig auszuſprechen, ſagte Leſſen, nachdem er einige Male ſeiner Gewohnheit gemäß kurz gehuſtet hatte— aber die Partie ſteht nicht gleich. Sie opfert eine Eriſtenz, die ſie bereits geopfert hat, deren Fortbeſtehen für ſie eine Unmöglichkeit geworden iſt— Cw. Hoheit dagegen geben dafür die Er⸗ langung thronfähiger und ebenbürtiger Kinder, den Frie⸗ den Ihres Hauſes— vielleicht die Liebe Ihres Volkes. Steht das Beides in einem richtigen Verhältniß? Was kann ſie mehr fordern, als mit Ihnen zu gehen und in der Liebe allein das Glück weiter zu ſuchen, was ſie hier ſchon darin geſucht und gefunden hat? Auch dann werden Ew. 6* — 8 Hoheit immer noch Kämpfe und Unannehmlichkeiten genug zu beſtehen haben, welche vollſtändig die Ihnen ihrerſeits gebrachten Opfer ausgleichen. Nein, Ew. Hoheit, dies kann nicht Ihr Ernſt ſein; weßhalb wollen Sie ein Liebes⸗ glück mit einem Preiſe bezahlen, der weit, weit über ſeinen wirklichen Werth hinausgeht? Ich glaube, Sie meinen es gut und ehrlich, ſagte der Prinz nach längerem ſchweigendem Nachdenken— abet die Situation iſt für ſie erſt nachtheiliger geworden. Als ich ſie beredete, ihren Mann zu verlaſſen und mit mir zu gehen, hatte die geſtrige Scene noch nicht geſpielt, ſie war ihrem Manne gegenüber noch eine unbeſcholtene Frau, und nach meiner Abreiſe hätte das ganze Gerede wieder aufge⸗ hört. Pamals wies ſie meinen Vorſchlag, mir zu folgen, mit Entrüſtung zurück, und erſt als ich ihr gelobte, ſie morganatiſch zu heirathen, willigte ſie nach langen Kämpfen ein. Darf ich jetzt, da ſie durch mich in eine ſchlimmere Lage gebracht iſt, davon Vortheil ziehen und mein Ver⸗ ſprechen unerfüllt laſſen? Ein Weib, welches ihre Ehre dem Manne opfert, gibt ſich willenlos in ſeine Hand, ſie weiß das, und es iſt ihre Sache, zu erwägen, ob ſie ſolchen Preis für ein ſehr flüch⸗ tiges Liebesglück zahlen will. Ich gehöre durchaus nicht zu den Männern, welche es für Recht halten, ein Weib, das uns erhört, unſeren Bewerbungen endlich aus ange— borener Schwäche nachgegeben hat— und ein Weib, welches liebt, iſt immer ſchwach—, wie ein verbrauchtes Spielzeug bei Seite zu werfen und ſich nach einem neuen umzuſchen; nein, ich habe auch eine viel zu gute Meinung von Ew. Hoheit, um nicht zu glauben, daß Ihnen dieſe Claſſe der Männer ebenfalls verächtlich iſt— aber die Partie iſt nicht gleich. Was Cw. Hoheit geben wollen, iſt ſo unendlich viel mehr, daß ſie es, wenn ſie Ew. Hoheit wirklich wahr und redlich liebt, nicht annehmen, noch we⸗ niger fordern darf. Ich will Ihre Anſicht nicht bekämpfen, erwiederte der Prinz, der ſehr ernſt geworden war— aber ich habe es ihr angeboten und es hat mir viel Mühe gekoſtet, ſie zu überreden, unter dieſer Bedingung darein zu willigen, mir zu folgen. Viel Mühe? lächelte Leſſen, man kennt das, Hoheit. Ich wünſche, daß Sie meine Worte nicht bezweifeln— doch darauf kommt es ja vorläufig nicht an— es wird ſich ſpäter finden. Für jetzt iſt es nöthig, die Angelegen⸗ heit mit ihrem Manne ins Reine zu bringen— ich ge⸗ ſtehe, daß mir dieſelbe ſehr unangenehm, ſehr verdrieß⸗ lich iſt. Cw. Hoheit haben mich mit Ihrem Vertrauen beehrt, ſagte Leſſen, den Prinzen, welcher noch immer mit ge⸗ ſenkten Augen da ſaß, ſcharf beobachtend, wollen Sie mir geſtatten, einen Verſuch zu machen, die Sache aus⸗ zugleichen? 56 Auszugleichen? Wie wäre das möglich? fragte der Prinz ſichtlich erfreut. Ich habe ſelbſt darüber noch keine klare Anſchauung— halte den Lieutenant jedoch für einen Mann, der mit ſich reden läßt. Ein ſehr zart beſaitetes Ehrgefühl traue ich ihm nicht zu, ſeine Cameraden ſind wenigſtens dieſer An⸗ ſicht, und ich habe ſchon öfter Aeußerungen gehört, nach denen man der Meinung iſt, daß der Lieutenant Steinberg nicht für den Officierſtand paſſe, vielmehr beſſer Geſchäfts⸗ mann oder Speculant geworden wäre. Und was ziehen Sie daraus für Folgerungen? Nun, daß er mit ſich reden laſſen wird. Vor Allem iſt es aber nöthig, nicht zu ſpät zu kommen, damit er nicht ſchon Schritte gethan hat, wodurch Dritte Mitwiſſer dieſes gefährlichen Geheimniſſes geworden ſind— wenn Ew. Hoheit mir daher geſtatten wollten.... Ja, gehen Sie, eilen Sie, lieber Profeſſor; es ſollte mich ſehr freuen und würde meine Dankbarkeit gegen Sie unendlich ſteigern, wenn Sie mir in dieſer für mich ſo wichtigen Angelegenheit einen Dienſt leiſten könnten. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, ſagte der Pro— feſſor mit Selbſtgefühl— aber, ſetzte er langſam hinzu— der Lieutenant iſt ein Spieler, er iſt ſehr verſchuldet, ich weiß das gewiß, ſo klug er es bis jetzt auch zu verheim⸗ lichen gewußt hat— es wäre nicht unmöglich, daß ich— „ wie ſoll ich ſagen— am ſicherſten zum Ziele käme, wenn ich ihm eine Abfindung anböte. Geld! rief der Prinz mit ſichtlichem Erſtaunen; das halten Sie für möglich? O, wenn es damit abzumachen wäre— aber ich kann nicht daran glauben, Sie bauen Luftſchlöſſer, mein beſter Profeſſor! So ermächtigen mich alſo Ew. Hoheit? Natürlich, natürlich, ſagte der Prinz ſichtlich erheitert — Sie haben unbedingte Vollmacht. So geſtatten denn Cw. Hoheit, daß ich meine Miſſton antrete; es dürfte Gefahr im Verzuge ſein. Eilen Sie, lieber Profeſſor, und bringen Sie mir bald eine günſtige Nachricht, Sie werden mich für immer ver— pflichten. Leſſen empfahl ſich. Als er dann im ſchnellen Schritte der Wohnung des Lieutenants zueilte, war ſeine Miene diejenige eines Mannes, den ſehr angenehme und heitere Gedanken beſchäftigen, und er huſtete mehre Male in jener kurzen, trockenen Weiſe, wie er zu thun pflegte, wenn er im Begriffe ſtand, ein wichtiges und vortheilhaftes Unternehmen zur Ausführung zu bringen oder darüber zu ſprechen. Ungeachtet ſeiner Eile iſt es uns doch nicht ſchwer, vor ihm die Wohnung des Lieutenants zu hetreten. Nettchen ſaß am Fenſter auf ihrem gewohnten Platz, aber ſie ſah blaß aus und das Lächeln war von ihrem 8 Munde verſchwunden, jedoch ihre Miene zeigte weder Nie⸗ dergeſchlagenheit noch Schmerz, ſondern eine Miſchung von Trotz und Gleichgültigkeit. Der Lieutenant ſtand vor ihr, er mußte ſo eben eine ſehr heftige Rede beendet haben, denn ſein Geſicht war von Zorn geröthet und ſeine Augen hafteten mit demſelben Ausdrucke auf ihr. Willſt du endlich die Güte haben, mir zu antworten? fragte er heftig; ſprich, ſage ich dir, oder ich werde andere Maßregeln ergreifen. Ich befinde mich noch in der Lage, deine Rohheiten ertragen zu müſſen, ſagte ſie ruhig, ohne aufzublicken; aber die Zeit, wo ich dies dulden muß, iſt bald vorüber. Ich kehre zu meinem Vater zurück, es ſteht dir dann völlig frei, zu thun, was dir beliebt. Verſchone mich daher mit deinen abgeſchmackten Drohungen, ſie widern mich an. Zu deinem Vater? rief der Lieutenant höhniſch auf— lachend; glaubſt du wirklich, er wird dich wieder in ſein Haus aufnehmen, nachdem ich dich vorher aus dem meinigen hinausgejagt habe? Hinausgejagt! wieder⸗ holte er, dicht zu ihr herantretend, verſtehſt du mich, hinausgejagt ² Warum ſoll ich dich nicht verſtehen? erwiederte ſie im gleichgültigſten Tone, obgleich ſie nur mit der größten Anſtrengung ihre innere Bewegung verbarg. Du ſprichſt ja ſo laut, daß man es unten auf der Straße hören kann. Man ſoll es auch auf der Straße hören! rief der Lieu⸗ tenant in geſteigertem Zorne; Jedermann ſoll wiſſen, was du für eine tugendhafte Frau biſt, eine— Der Herr Profeſſor Leſſen wünſcht den Herrn Lieute⸗ nant in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen, unter⸗ brach die eintretende Margareth. Ueber Nettchens blaſſes Geſicht flog ein tiefes Roth, ſie ſtand eilig auf und verließ ſchweigend das Zimmer; nur mit der Aufbietung ihrer ganzen moraliſchen Kraft gelang ihr dies, denn ſie war dem Umſinken nahe und fiel erſchöpft auf einen Stuhl, als ſie die Thür hinter ſich ab⸗ geſchloſſen hatte. Ich komme im Auftrage Seiner Hoheit des Erbprinzen von Albernhauſen, führte ſich Leſſen ohne jede weitere Ein⸗ leitung ein, indem er die Worte, welche den hohen Rang ſeines Machtgebers bezeichneten, beſonders hervorhob. Ich habe eine derartige Botſchaft, wenn auch in einer anderen Perſon, erwartet, erwiederte der Lieutenant; bitte, Platz zu nehmen. Weßhalb in einer anderen Perſon, wenn Sie mir ge⸗ ſtatten, dieſe Frage zu ſtellen? Nun, weil ich der Anſicht bin, daß dasjenige, was ich mit dem Grafen von Löwenburg zu verhandeln habe, beſſer von einem Officier oder von einem in ſolchen Dingen be⸗ wanderten Manne ſich hätte abmachen laſſen. Ich hoffe, daß Sie dennoch ſchließlich mit mir zufrieden — ſein werden, Herr Lieutenant, erwiederte Leſſen, indem er ſelbſtgefällig lächelte; denn es ſcheint mir vor Allem, daß Sie Sich in den Abſichten Seiner Hoheit irren. Es iſt an Ihnen, mich von denſelben in Kenntniß zu ſetzen, und ich muß bitten, dies bald und ohne weitere 8 Umwege zu thun, ſonſt werde ich mir erlauben, Ihnen meine Meinung mitzutheilen. Es iſt immer gut, eine Sache ruhig und ohne Leiden⸗ ſchaft zu beſprechen, am nothwendigſten aber dann, wenn es ſich darum handelt, die Folgen der Leidenſchaft wieder zu neutraliſiren. Ich bitte, Sich deutlich zu erklären. Nun, ich meine, mein verehrter Herr Lieutenant, daß Sie den unglücklichen Vorfall von geſtern Abend ſo objec⸗ tiv, als es Ihnen möglich, betrachten ſollten, denn— Sie nennen das einen unglücklichen Vorfall? unter⸗ brach entrüſtet der Lieutenant; ſind Sie vielleicht gekom⸗ men, um meiner Beſchimpfung eine neue Beleidigung hinzuzufügen. Nehmen Sie vor Allem an, daß ich mich in der beſten Abſicht hier befinde, erwiederte Leſſen, ohne den ruhigen 3 Ton ſeiner Sprache und ſeine freundlich lächelnde Miene zu ändern; was einmal geſchehen iſt, läßt ſich nicht mehr ungeſchehen machen, und es bleibt nur noch zu erwägen, „ 3 5 6 ob man das Uebel verſchlimmere oder ob man ſich bemühen will, es, ſo viel dies möglich iſt, wieder gut zu machen. — — 5 Ich wiederhole, daß ich wünſchen muß, Sich deutlich zu erklären. Mit dem größten Vergnügen, nur bitte ich, daß Sie mich ruhig anhören und nicht von vorn herein von der Anſicht ausgehen, ich ſei hier, um Sie zu fordern oder der⸗ gleichen. Nicht? lachte höhniſch der Lieutenant; nun, ich hätte mir das denken können. Es freut mich, daß Sie zu dieſer Annahme kommen. Laſſen Sie mich daher jetzt offen ſprechen, fuhr Leſſen, indem er wieder einige Male kurz huſtete, fort; Sie haben geſtern Abend die Ueberzeugung gewonnen, daß Seine Hoheit und Ihre Frau Gemahlin in einem zärtlichen Ver⸗ hältniſſe ſtehen. Wie ich annehme, hat dieſe Wahrneh— mung auf Sie einen unangenehmen Eindruck gemacht; aber mein Gott, die Treue einer Frau iſt wie eine glatte Schlange, die uns aus der Hand entgleitet, wenn wir ſie auch noch ſo feſt zu halten glauben, und der Anfang der Untreue iſt etwas ſo Unmerkliches, etwas ſo Zweifelhaftes, daß es eigentlich wenig oder gar keine Männer gibt, die ſich rühmen könnten, niemals in dieſer Hinſicht betrogen worden zu ſein. Die Urſache dieſer Erſcheinung liegt einestheils in der ſo leicht erregbaren, nur von dem Gefühl beherrſchten Natur des Weibes, anderntheils aber in der Ueberſchätzung des Mannes. Er lächelt zu den erſten, ſich kaum als ſolche kennzeichnenden Verſuchen des Weibes, mit der Treue zu ſpielen, ja, die Triumphe, welche die Frau in dieſer Weiſe feiert, ſo lange ſie von ſogenannter unſchuldiger Natur ſind, ſchmeicheln ſogar der männlichen Eitelkeit; denn es freut ihn, des ganzen Beſitzes eines Weibes ſicher zu ſein, deren geringfügige Gunſtbezeigungen von anderen Männern ſo hoch angeſchlagen werden, daß ſie zu deren Erlangung vielfache Anſtrengungen nicht ſcheuen. Die Frauen ſind nun, wie überhaupt die Menſchen, verſchieden organiſirt: Einigen genügen dieſe Spielereien, ihr Gewiſſen findet ſich mit ſolchen kleinen Treubrüchen ab, während es vor größeren zurückſchreckt; Andere dagegen, in deren Adern das Blut raſcher pulſirt, die auch vielleicht ein weniger inniges oder befriedigendes Band mit dem Gegenſtande ihrer durch das Geſetz ge⸗ heiligten Neigung verbindet, ſetzte er mit einem lauernden Blicke auf den Lieutenant hinzu, Andere überſchreiten dieſe Gränze, wandern auf dem reizvollen Pfade weiter, und wir wundern uns dann und verdammen ſie, wenn ſie, ge⸗ wöhnlich ſelbſt überraſcht, am Ziele dieſes Weges ange⸗ langt ſind. Ich habe nicht geglaubt, daß Sie hierher gekommen ſeien um mir eine Vorleſung zu halten, unterbrach der Lieutenant ungeduldig; ich muß endlich bitten, zur Sache zu kommen. Ich bin längſt bei der Sache, fuhr Leſſen mit unzer⸗ ſtörbarer Ruhe fort; laſſen Sie mich immerhin ein wenig — 93— mehr reden, als es vielleicht abſolut nöchig iſt, es wird für uns beide nicht ohne Nutzen ſein. Bei Ihrer Frau Gemahlin hat ſich der letztgedachte Fall zugetragen— ich will es gänzlich dahingeſtellt ſein laſſen, ob Sie ſelbſt Sich nicht als Mitſchuldigen anzuklagen haben; es war längſt ein öffentliches Geheimniß, daß der Prinz Ihre Frau Gemahlin in auffallender Weiſe auszeichne und ſie für ſeine Huldigung nicht unempfänglich ſei. Es iſt an⸗ zunehmen, daß Ihnen dies jedenfalls nicht unbekannt ge⸗ weſen iſt. Sie erlauben Sich in einem eigenthümlichen Tone zu mir zu reden, Herr Profeſſor! fuhr der Lieutenant auf, der ſich von der letzten Bemerkung ſichtlich getroffen fühlte; wenn ich der Tugend und der Ehre meiner Frau ein zu großes Vertrauen geſchenkt habe, ſo berechtigt dies nicht zu einem Schluſſe, wie Sie ihn zu ziehen belieben. Darüber ließe ſich Vieles für und wider ſagen, ich will dieſen Gegenſtand jedoch fallen laſſen; aber da wir nun einmal uns in der Lage befinden, uns offen aus⸗ ſprechen zu müſſen, ſo werden Sie nicht in Abrede ſtellen können, daß Sie Ihrer Frau Gemahlin nicht diejenige Aufmerkſamkeit haben zu Theil werden laſſen, die eine junge, ſchöne, kaum verheirathete Frau von ihrem Manne zu fordern berechtigt iſt— Mein Herr, Sie werden beleidigend und miſchen Sich in Dinge, die Sie durchaus nichts angehen! — 0 Ich vertrete hier nur die öffentliche Meinung. Wenn Ihnen mein Urtheil unangenehm geweſen iſt, ſo bitte ich, zu erwägen, daß man im Großen und Ganzen gerade eben ſo über Sie urtheilen wird, wenn Sie wirklich die Ab⸗ ſicht haben ſollten, die Geheimniſſe Ihres Hauſes an die Oeffentlichkeit zu bringen. Es iſt allgemein bekannt“ fuhr Leſſen rückſichtslos fort, daß Sie faſt jeden Abend außer dem Hauſe und am Spieltiſche zubringen, daß Sie erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe zu kommen pflegen, mit Ausnahme vielleicht von geſtern, wo dies unglücklicher Weiſe früher geſchehen iſt. Der Lieutenant betrachtete den ruhig vor ihm ſitzenden Profeſſor, der ſich erlaubte, ihm ſo beleidigende Dinge ins Geſicht zu ſagen, mit haßerfüllten, zornigen Blicken, aber er fühlte zugleich die Wahrheit deſſen, was er ſo eben ge⸗ hört hatte; die Folgen, welche eintreten würden, ſeine gänzlich zerrütteten Finanzen, dies und noch Mehreres be⸗ wog ihn, ein Geſpräch fortzuſetzen, von dem er erkannte, daß demſelben eine Abſicht zu Grunde liege, mit welcher der Profeſſor jedoch noch zurückhielt. Und was wollen Sie aus dieſen Ausnahmen folgern? fragte er daher mit erzwungener Ruhe. Ich folgere daraus, daß es nicht klug von Ihnen ge⸗ handelt ſein würde, die Sache an die Oeffentlichkeit zu bringen, daß Sie vielmehr, in richtiger Würdigung der — 95 Verhältniſſe, jedes Kundwerden dieſes unangenehmen Vor⸗ falles ſelbſt am meiſten vermeiden müſſen. Es thut mir leid, darauf nicht eingehen zu können, er⸗ wiederte der Lieutenant, denn was Sie ſo ſehr vermeiden wollen, iſt bereits längſt geſchehen, es gibt einen Mitwiſſer dieſes ſogenannten Geheimniſſes. Einen Mitwiſſer? fragte Leſſen geſpannt.. Der Lieutenant erzählte nun den Anfang des dem Leſer bekannten Vorfalles und ſchloß damit, daß jener junge Mann, welcher ihn von dem Beſuche des Prinzen benach⸗ richtigt habe, für die Veröffentlichung gewiß nicht weniger eifrig beſorgt ſein würde. Ich kann Sie in dieſer Beziehung beruhigen, erwiederte der Profeſſor mit einem erleichterten Athemzuge; ich kenne jenen eraltirten, halbverrückten Studenten, er heißt Ferdi⸗ nand Dornfeld; er iſt geſtern Abend, wahrſcheinlich un⸗ mittelbar nachdem er von der Unterredung mit Ihnen nach Hauſe zurückkehrte, wegen Hochverraths verhaftet worden, und ich werde dafür Sorge tragen, daß ſeine etwaigen Ausſagen in dieſer Beziehung als die Verleumdungen eines Seiner Hoheit feindlich geſinnten Menſchen gewürdigt wer⸗ den und keinesfalls an die Oeffentlichkeit gelangen. Das ändert einigermaßen die Sachlage, ſagte der Lieutenant nach längerem Ueberlegen; es bliebe nur noch die Genugthuung, die ich von dem Grafen von Löwenburg zu fordern habe und die er mir hoffentlich nicht verſagen — wird. Es iſt leicht, irgend einen Vorwand deßhalb zu verabreden. Das würde allerdings nicht ſchwer ſein, aber betrach⸗ ten wir die ganze Sache, wie ich Ihnen von Anfang an vorſchlug, ohne alle Leidenſchaft, rein objectiv. Ich halte Sie für einen verſtändigen, vorurtheilsfreien Mann, Herr Lieutenant, und hoffe daher, Sie werden meinen Vorſchlag aus dieſem Geſichtspunkte auffaſſen. Ihren Vorſchlag? Ich wüßte nicht, daß Sie bis jetzt einen ſolchen gemacht hätten. Wenn dies nicht mit directen Worten geſchehen iſt, ſo liegt er doch in allem dem, was ich geſprochen. Wenn es auch des öffentlichen Scandals wegen angemeſſen erſcheint, über den geſtrigen Vorfall den Schleier des Geheimniſſes ruhen zu laſſen, ſo bleibt deßhalb doch nicht ungeſchehen, was geſchehen iſt, und ich nehme an, daß es Ihnen un⸗ möglich ſein wird, die eheliche Gemeinſchaft mit Ihrer Frau Gemahlin fortzuſetzen. Sie gehen dabei von einer richtigen Anſicht aus, er⸗ wiederte der Lieutenant, der jedoch von dieſer unerwarteten Aeußerung ſichtlich betroffen worden war. Ich nehme ferner an, Sie werden mit Ihrer Frau Ge⸗ mahlin irgend einen Scheidungsgrund verabreden, vielleicht nicht gleich, um den eigentlichen zu bemänteln, und ſich dann von ihr trennen. Möglich, ich habe darüber noch keinen Entſchluß gefaßt. Es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß Seine Hoheit Ihre Frau Gemahlin liebt und von ihr wieder geliebt wird, aber vielleicht wiſſen Sie nicht, daß dieſe Liebe auf einer tiefe⸗ ren Baſis, als auf einer bloßen ſinnlichen Neigung beruht, ſo daß Beide entſchloſſen ſind, auch jetzt ihre Verbindung nicht aufzulöſen. Es iſt wahrlich weit gekommen, lachte der Lieutenant grimmig auf, daß man es wagt, dergleichen dem Ehe— manne friſch und fröhlich ins Geſicht zu ſagen! Ach, ich dachte, wir hätten uns darüber verſtändigt— und es iſt gewiß immer am beſten, die Dinge bei dem rech⸗ ten Namen zu nennen. Für Sie, ſo denke ich mir, muß es am Ende doch noch ein beruhigendes Gefühl ſein, wenn Sie erkennen, die Untreue Ihrer Gattin ſei die Folge einer wirklichen, wahren Herzensneigung und nicht die bloße Unterordnung unter eine rein ſinnliche Aufwallung. Doch davon abgeſehen, es kann Ihnen am Ende ganz gleich⸗ gültig ſein, was mit einem Gegenſtande geſchieht, den Sie, vermöge der eingetretenen Verhältniſſe, doch nicht mehr in Ihrem Beſitze erhalten können. Sie betrachten die Sache wirklich ſehr objectiv, wie Sie es zu nennen belieben. Ich kann Ihnen im Vertrauen mittheilen, fuhr Leſſen fort, ohne die letzte Aeußerung des Lieutenants zu beachten, Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 7 daß, wie die Sachen in Albernhauſen ſtehen, Seine Ho⸗ heit der Erbprinz wahrſcheinlich in der allernächſten Zeit zum Mitregenten von ſeinem Vater ernannt werden wird, welcher die beſtimmte Abſicht ausgeſprochen haben ſoll, ſich vorläufig ganz von den Regierungsgeſchäften zurück⸗ zuzichen. Der Erbprinz tritt dadurch in die Reihe der regierenden Fürſten Deutſchlands, und ſeine Befugniſſe ſo wie ſeine Mittel werden natürlich ganz andere, als bisher. Hier machte der Profeſſor eine Pauſe, in der Abſicht, dem Lieutenant Zeit zu gönnen, die Tragweite dieſer Mit⸗ theilung in Erwägung zu ziehen; dann fuhr er fort, nicht ohne vorher einige Male, ſeiner Gewohnheit gemäß, wie⸗ derum kurz zu huſten. Seine Hoheit, der, wie ich bereits zu bemerken die Ehre hatte, Ihre Frau Gemahlin wahrhaft liebt, hat nun den lebhaften Wunſch, ſich nicht von ihr zu trennen, ſon⸗ dern ſie mit nach Albernhauſen zu nehmen.— Nitzunehmen? fuhr der Lieutenant höhniſch auf; ah, endlich belieben Sie offen und frei von der Leber weg zu reden! Ich glaube dies vielmehr von Anfang an gethan zu haben. Sie werden zugeben müſſen, daß es nicht in Ihrer Macht liegt, dieſem Entſchluſſe Seiner Hoheit, mit welchem Ihre Frau Gemahlin ſich einverſtanden er⸗ klärt hat— — Sie iſt einverſtanden? unterbrach ihn heftig der Lieu⸗ tenant; und das wagen Sie mir zu ſagen? Sie vergeſſen wieder völlig unſer Uebereinkommen, die Sache objectiv zu behandeln, fuhr Leſſen fort; alſo ich wiederhole, daß über dieſen Punkt ein gegenſeitiges Ein⸗ verſtändniß obwaltet. Sie haben nun die Wahl, der Verwirklichung dieſer Abſicht feindlich entgegen zu treten, wodurch Sie dieſelbe zwar verzögern, aber ſchließlich doch nicht hindern können, während Sie ſowohl Sich ſelbſt als Ihrer Frau Gemahlin vielfache Unannehmlichkeiten be⸗ reiten würden— oder Sich in dieſer Angelegenheit paſſiv, vielleicht ſie fördernd, zu verhalten, wodurch Sie dieſe Un⸗ annehmlichkeiten vermeiden und für Sich ſelbſt diejenigen Vortheile erlangen, welche Ihnen zu gewähren Se. Hoheit gern bereit iſt. Vortheile? fragte Steinberg ſpöttiſch; ich wäre wirk⸗ lich neugierig, zu erfahren, worin die Vortheile beſtehen könnten? Seine Hoheit verkennt keinen Augenblick, daß er Sie eines werthvollen Gegenſtandes beraubt— ſeine Entſchul⸗ digung iſt nur die Liebe, und die Liebe, Sie wiſſen das ja aus eigener Erfahrung, iſt ein ſo eigenthümliches, ſon⸗ derbares Ding, daß man Vernunftgründe dagegen verge⸗ bens geltend macht. Seine Hoheit weiß, daß Ihre Frau Gemahlin nach dem Tode ihres Vaters eine, wie man ſagt, nicht unbedeutende Erbſchaft zu erwarten habe, in 7* — 100— deren Genuß Sie dann gleichfalls mit treten würden, wenn, wie es doch immer möglich iſt, eine Verſöhnung zwiſchen Ihnen ſtattfinden ſollte. Seine Hoheit hat aber nicht im entfernteſten die Abſicht, ſofern Sie jetzt von einem doch nutleſen Widerſtande abſtehen, Sie deßhalb in Verluſt kommen zu laſſen; er iſt vielmehr, ſetzte er mit langſamer und etwas unſicherer Stimme hinzu, bereit, Sie dafür zu entſchädigen, und iſt übetzeugt, daß Sie eine ſolche Ent⸗ ſchädigung, zu deren Forderung Sie vollkommen berechtigt 1 ſind, die auch als ein ſtregges Geheimniß bewahrt werden ſoll, nicht von der Hand weiſen werden. Es waren ſehr verſchiedenartige Gefühle, welche den Lieutenant bei dieſer ganz unerwarteten Mittheilung er⸗ 3 verletzenden Vorſchlag mache und nur die Rückſcht nehme, kleiden. Auf ſeinem blaſſen Geſichte wechſelten raſch wieder verſchwindende Flecke einer fieberhaften Röthe, und er war einen Augenblick Willens, aufzuſpringen und den . Profeſſor, der es gewagt hatte, ihm ein ſo entehrendes Anerbieten zu machen, zur Thür hinaus zu werfen. Dann kam die Erwägung ſeiner eigenen Lage, und dieſe wurde bei dem in ſeinem Charakter nicht gerade hervorragend ver⸗ griffen. Er erkannte, daß man ihm einen ſeine Ehre tief denſelben in eine nicht geradezu beleidigende Form einzu⸗ tretenen Ehrgefühl immer ſtärker. Nettchen war ſo wie ſo 6 für ihn verloren— ſein Herz blieb bei dieſem Verluſt 4 ohnehin ziemlich unbetheiligt—, er konnte es jedoch nicht — hindern, daß ſie ſchließlich dem Prinzen folgte, es lag nur in ſeiner Macht, dieſen Schritt zu verzögern und denſelben mit möglichſt viel Eclat und Scandal ſich verbinden zu laſſen. Dadurch wurde er doch unzweifelhaft ſelbſt in Mitleidenſchaft gezogen und kam auf eine keinenfalls an⸗ genehme und vortheilhafte Weiſe in den Mund der Leute. Die Hauptſache blieb für ihn jedoch ſeine zerrüttete finan⸗ zielle Lage. Er hatte bisher mit großer Kunſt und mit vielem Raffinement ſeine Schulden verborgen, die Mittel, welche er öfter dabei zur Anwendung zu bringen gezwungen geweſen war, hatten, wie dies immer mehr oder weniger der Fall iſt, häufig die Grenze des Ehrenhaften bereits überſchritten; die Gewohnheit, ſich in dieſen Sphären zu bewegen, blieb daher auch nicht ohne Einfluß auf ſeine jetzigen Eewägungen. Das Spiel— und er war ein glücklicher, ſich aller Vortheile bedienender Spieler— hatte ihn bisher aus mancher Verlegenheit geriſſen, indeß dieſe Quelle fing auch an zu verſiegen, denn man vermied es ſichtlich, mit ihm zu ſpielen, und es gelang ihm nur noch hier und da, einen Unerfahrenen auszubeuten. Er ſtand jetzt in erſter Reihe zum Rittmeiſter; wenn die Zerrüttung ſeiner Finanzen offenkundig wurde und zugleich die Art und Weiſe, wie er in der letzten Zeit dieſelbe verdeckt hatte, ſo war es mehr als gewiß, daß er übergangen wurde, welches mit der Verabſchiedung gleichbedeutend blieb. Dieſe war ohnedies zu erwarten, wenn die Geſchichte mit ſeiner Frau in ſcandalöſer Weiſe an die Oeffentlichkeit gelangte. Leſſen ſaß ruhig, mit niedergeſchlagenen Augen da, ohne die Betrachtungen des Lieutenants zu unterbrechen; nur zuweilen warf er einen forſchenden Blick auf ſein Gegenüber. Wer bürgt mir dafür, fragte Steinberg nach längerer Zeit, ohne jedoch den Profeſſor anzuſehen, wer bürgt mir dafür, daß unſer Abkommen, ſollte ein ſolches ge⸗ ſchloſſen werden, als ein ſtrenges Geheimniß bewahrt bliebe? Ein Fürſtenwort! Pah! erwiederte der Lieutenant höhniſch. Nun denn, ſagte Leſſen ruhig, das gegenſeitige In⸗ tereſſe— Sie werden das einſehen. Wieder ſchwiegen Beide eine längere Zeit, und Leſſen erkannte, daß der Lieutenant ſichtlich mit einem Entſchluſſe — kämpfte; er ſah jedoch auch ein, daß ihm die Antwort ſehr ſchwer werden müſſe. Sie bedürfen der ruhigen Ueberlegung und Erwägung, Herr Reutenant, ſagte er daher aufſtehend— ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß unſere Unterredung, wie auch Ihr Entſchluß ausfallen möge, zwiſchen uns Beiden ein Geheimniß bleiben ſoll. Haben Sie die Güte, mir ein⸗ fach die Höhe der Summe aufzuzeichnen, welche Ihre Frau Gemahlin als die künftige Erbin ihres Vaters zu erwarten 103 hat— es bedarf keiner weiteren Mittheilung. Erhalte ich von Ihnen dieſen Nachweis, ſo nehme ich an, daß Sie auf den Ihnen gemachten Vorſchlag eingehen, und wir werden dann das Weitere in einer Weiſe verabreden, wie ſie für Sie am wenigſten compromittirend iſt. Sie ſollen als der unglückliche Ehemann da ſtehen, ſetzte er lächelnd hinzu, welcher das Mitgefühl Aller in Anſpruch nehmen kann— dies erhalten Sie noch als Zugabe. Und nun habe ich die Ehre, mich zu empfehlen; in höchſtens zwei Stunden erwarte ich Ihre Antwort. Sollten Sie anderen Sinnes werden, was ich jedoch nicht hoffe, ſo ſenden Sie mir einfach in einem Couvert ein weißes Blatt. Mit dieſen Worten empfahl ſich der Profeſſor und ließ den Lieutenant in tiefem Nachdenken zurück. Die Miene des Profeſſors, als er langſam und behag⸗ lich ſeiner Wohnung zuſchritt, war diejenige eines Mannes, welcher ſich bewußt iſt, ein ſchwieriges und vortheilhaftes Geſchäft glücklich abgeſchloſſen zu haben. Er ſitzt feſt an dieſer Angel, ſo dachte er, ich müßte meinen Mann nicht kennen; er wird weder die Kraft noch den Willen haben, ſich wieder loszureißen, und kann es im Grunde auch wirklich nur als ein unverhofftes Glück anſehen, ſich auf dieſe Weiſe wieder zu rehabilitiren. Er wird kein weißes Blatt ſenden; aber ich bin geſpannt, ſetzte er lächelnd hinzu, welche Summe darauf ſtehen wird. Habſucht und Ehrgefühl werden doch einen kleinen Kampf zu beſtehen haben.— Die hervorragenden Züge von des Profeſſors Charakter: Egoismus und Ehrgeiz, ließen ihn jedoch nicht lange bei dieſen Betrachtungen verweilen, ſondern lenkten ſeine Gedanken bald auf den Hauptgegenſtand dieſer ganzen Angelegenheit, nämlich auf ſich ſelbſt. Es kommt nur darauf an, reflectirte er daher weiter, dies alles klug und richtig zu benutzen. Der Prinz wird Mitregent, und ich werde ihm mehr oder weniger unentbehrlich ſein, wenig⸗ ſtens iſt es zunächſt meine Aufgabe, dies zu erreichen. Sie wird mich als ihren Helfer in der Noth, als den Bei⸗ ſtand zur Verwirklichung ihrer ehrgeizigen Plane betrachten und benutzen— denn die Kleine iſt klug und wird ſich ſo theuer verwerthen, als es irgend möglich iſt.— Vorerſt werden wir abwarten, wie ihr Einfluß, ihre Stellung ſein wird— bei ſeiner ſchwachen, ſinnlichen Natur iſt es leicht möglich— nun, wir werden ja ſehen! Sollte es ſo kommen, ſo wird man auf ihre Seite treten, denn was tümmert mich die Nachfolge von Albernhauſen; im Gegen⸗ theil, ich werde patriotiſch handeln, wenn ich ſie verhin⸗ dere, damit die Kleinſtaaterei in Deutſchland ſich vermin⸗ dere— doch das hängt alles von den Umſtänden ab, man muß abwarten und ſehen.— Auch jetzt werde ich„ abwarten und nicht gleich zu dem Prinzen gehen. Je länger er ſich in der Spannung befindet, um ſo leichter wird ſpäter ſein Entſchluß zu beſtimmen ſein. Ich werde alſo zu Hauſe den Brief des Lieutenants empfangen und eU — ———— erſt mit demſelben mich zum Prinzen begeben.— Günſti⸗ ger können die Ereigniſſe ſich niemals mehr für mich ge⸗ ſtalten; wenn ich ſie jetzt nicht benutze, mir jetzt nicht eine einflußreiche und einträgliche Stellung in der nächſten Nähe des Mitregenten, des künftigen Fürſten erringe, ſo verdiene ich nichts Beſſeres, als Zeit meines Lebens hier vor unreifen Jungen langweilige Collegien zu leſen. Alſo friſch ans Werk, das Schwerſte iſt eigentlich ſchon gethan, das Andere muß bei richtiger und vorſichtiger Behandlung von ſelbſt kommen.— Nur keine Uebereilung— keine Un⸗ geduld, die ſo oft die beſten Plane vereitelt! Gehen wir— warten wir. Obgleich der Profeſſor es ſich feſt vorgenommen hatte, iede Ungeduld als ſchädlich zu vermeiden, ſo konnte er ſich derſelben doch nicht entſchlagen, nachdem er bereits drei Stunden in ſeiner Wohnung gewartet hatte, ohne den erſehnten Brief des Lieutenants zu erhalten. Mit raſchen Schritten ging er im Zimmer auf und ab und blieb häufig am Fenſter ſtehen, um nach dem kommenden Boten zu ſpähen. Sollte er doch noch anderen Sinnes gewor⸗ den ſein? ſprach er zweifelnd vor ſich hin— es iſt nicht anzunehmen. Was könnte ihn dazu beſtimmt haben? Ehrgefühl?— Pah— in ſeiner Lage iſt das ein ſehr un⸗ ſicherer Begriff— aber ich muß geſtehen, ich möchte wiſſen, wie ich ſtehe. Ha, endlich! Da kommt der Burſche— alſo iedenfalls eine Antwort— nun, das iſt ſchon genug. — 406 Mit ruhiger Miene empfing der Profeſſor den ſo unge⸗ duldig erſehnten Brief und entließ den Burſchen nicht, ohne ihm viele Empfehlungen an den Herrn Lieutenant und die gnädige Frau aufzutragen. Dann aber, als er allein war, betrachtete er den Brief mit unverkennbarer Freude und war im Begriff, ihn zu erbrechen, als er wieder davon abſtand, weil ihm der Gedanke kam, daß es vielleicht beſſer und klüger gehandelt ſein würde, dieſen eigentlich für den Prinzen beſtimmten Brief demſelben auch uneröffnet zu überreichen. Es könnte ihn unangenehm berühren, wenn— unbe⸗ dingt, ganz unbedingt, ſetzte er hinzu, es muß ihm unan⸗ genehm ſein, wenn ich mich von vorn herein als den Mit⸗ wiſſer des Kaufpreiſes hinſtelle— es iſt lediglich ſeine Sache, wie weit er wünſcht, daß ich darin ſein Vertrauter ſein ſoll. Aber wiſſen möchte ich doch vorher, ob ein weißes oder ein beſchriebenes Blatt in dem Couvert ſteckt, mein ganzes Auftreten iſt dadurch bedingt.— Ein Siegel iſt ja leicht mit einem heißen Meſſer zu öffnen und wieder zu ſchließen, dieſes iſt dazu ſehr eilig und leichtſinnig geſchloſſen. Er zündete ein Licht an, und bald lag das Blatt in ſeiner Hand. Hm, ſagte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln, indem er den Brief wieder verſchloß, ganz ſo, wie ich es ungefähr gedacht habe; ich kann es dem Manne durchaus nicht verdenken, daß er ſich einigermaßen ſicher ſtellt, er muß auf manche Eventualitäten gefaßt ſein. Aber nun will ich gehen. Der Prinz wird ſich jetzt in der erforder⸗ lichen Stimmung befinden— war ich doch ſelbſt ziemlich von der Ungeduld heimgeſucht, wie viel mehr wird dies bei ihm der Fall ſein. Ich werde keine große Mühe haben, ſeinen Entſchluß zu beſtimmen, und Sorge tragen, etwaige Schwankungen zu paralyſiren. Fünttes Kitel. Ueber die Grenze. Hier iſt der Kranz er ſei auf ewig mir verloren! Nimm ihn zurück und laß mich ſündigen! Schiller. Als der Profeſſor bald darauf in das Zimmer des Prinzen trat, fand er dieſen in eifrigem Geſpräche mit dem Geheimenrathe von Stuhm. Sein ſcharfer Blick erkannte ſogleich, daß ſich während ſeiner Abweſenheit etwas Außer⸗ gewöhnliches zugetragen hatte, denn der Prinz ſah ſehr erregt aus und der Geheimerath ſtand, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, vor demſelben, während dieſer, mit ihm redend, ſaß. Ah, mein lieber Profeſſor, ſagte der Prinz, raſch auf⸗ ſtehend und dem Eintretenden einige Schritte entgegen gehend, es freut mich, daß Sie endlich kommen. In⸗ zwiſchen hat ſich die Situation etwas verändert; wir haben vor einer Stunde die wichtige Nachricht erhalten, daß mein Vater mich zum Mitregenten ernannt hat, weil er beabſich⸗ — 109— tigt, ſich vorläufig von den Regierungsgeſchäften zurück⸗ zuziehen. Ich hoffe, fuhr er nicht ohne Wichtigkeit fort, meinen Vater wenigſtens von dem letzten Entſchluſſe zurück⸗ zubringen— übrigens verwickeln ſich die Angelegenheiten in Albernhauſen immer mehr, und ich werde viele unange⸗ nehme Geſchäfte abzuwickeln haben. Geruhen Ew. Hoheit, Ihnen meinen unterthänigſten Glückwunſch zu dieſer gewiß im ganzen Lande mit großer Freude aufgenommenen Erhebung abzuſtatten. Glauben Sie das? fragte der Prinz ſichtlich ge⸗ ſchmeichelt, nun, wir werden ja ſehen. Ich bin ent⸗ ſchloſſen, ein mildes, unparteiiſches Regiment zu üben; ich will den Fortſchritt, ich erkenne die Rechte meiner Un⸗ terthanen an, aber ich will auch die meinem Hauſe von Gott verliehenen Rechte eben ſo gewahrt und unangetaſtet erhalten. Ew. Hoheit werden mit dieſen Grundſätzen das Glück Ihres Landes befeſtigen und Sich die Liebe und Verehrung aller wohldenkenden Unterthanen ſichern. Wir werden weiter darüber reden.— Morgen muß ich abreiſen, es iſt durchaus nöthig; ich kann, ſo gern ich es auch möchte, doch keinen Tag länger hier verweilen. Herr Geheimerrath, wandte er ſich an dieſen, ich beauftrage Sie, denjenigen Perſonen, mit denen ich hier in näherer Beziehung geſtanden habe, in meinem Namen Abſchieds⸗ Beſuche zu machen und mein perſönliches Nichterſcheinen — 110— mit meinen Geſchäften zu entſchuldigen. Ich erwarte Sie gegen Abend, um das Weitere mit Ihnen zu ver⸗ abreden. Ew. Hoheit haben zu befehlen, erwiederte der Geheime⸗ rath jetzt in dem Tone eines Untergebenen; vielleicht wäre es aber doch angemeſſen, wenn Sie wenigſtens dem Rector perſönlich.... Nun, ich werde ſehen, unterbrach ihn ungeduldig der Prinz; gehen Sie einſtweilen zu den Anderen. Nun, fragte der Prinz, als der Geheimerath ſich entfernt hatte, mit einer Miene, welche die geſpannteſte Erwartung ausdrückte, nun, was bringen Sie mir für Nachricht? Ich glaube, Ew. Hoheit werden damit zufrieden ſein. Sie glauben? Er hat ſich alſo nicht beſtimmt erklärt? Allerdings, Cw. Hoheit, er hat eine beſtimmte Erklä⸗ rung abgegeben. Nun, und Sie glauben? So reden Sie doch; ich will vor allen Dingen Gewißheit, um meine ferneren Maßregeln danach zu ergreifen, denn ich habe nur noch wenig Zeit. Ich glaube, Cw. Hoheit Zeit wird vollkommen aus⸗ reichen, um ein Cw. Hoheit Wünſchen entſprechendes Arrangement treffen zu können. Es ſcheint Ihre Abſicht zu ſein, mich ungeduldig 1* 1* — 1411 zu machen, Herr Profeſſor, ſagte der Prinz erregt; ich wünſche, daß Sie nun endlich mir über Ihre Sendung Bericht erſtatten. Leſſen erkannte, daß der richtige Zeitpunkt gekommen ſei, und erzählte möglichſt dramatiſch ſeine dem Leſer be— reits bekannte Unterredung mit dem Lieutenant. Sie haben die Sache wirklich ſehr klug eingeleitet, er⸗ wiederte der Prinz mit einem befriedigten Lächeln; aber es ſcheint mir dennoch mehr als zweifelhaft, daß er den ver⸗ abredeten Brief ſenden wird. Er hat ihn bereits geſandt, ſagte Leſſen mit Wichtig⸗ keit— ich würde nicht gewagt haben, ohne denſelben vor Ew. Hoheit zu erſcheinen. Er hat ihn geſandt? rief der Prinz in ſichtbarer Auf⸗ regung; nun, nun, und was ſteht auf dem Blatte?— Oder iſt es ein weißes? Hier iſt der Brief, entgegnete Leſſen, dem Prinzen den⸗ ſelben überreichend— obgleich die Adreſſe an mich lautet, ſo iſt doch der Inhalt lediglich für Ew. Hoheit beſtimmt, und ich habe es daher für eine Indiscretion gehalten, den Brief zu öffnen. Geben Sie, geben Sie, rief der Prinz, den Brief in Empfang nehmend— Sie haben Recht gethan, ich danke Ihnen dafür. Mit dieſen Worten trat er ans Fenſter und riß raſch das Couvert auf, während Leſſen's Augen mit ſcharfer Beobachtung auf ihm ruhten. Es entging ihm nicht, daß zuerſt eine unverkennbare Ueberraſchung in den Zügen des Prinzen ſichtbar wurde; dieſe verwandelte ſich jedoch bald in Hohn und ging zuletzt in Verachtung über. Ich habe kaum geglaubt, ſagte er dann in nachläſſi⸗ gem Tone, daß der Lieutenant ſeine Frau ſo werth ge⸗ halten habe— nun, das geht ihn an Acceptirt, beſter Herr Profeſſor! rief er dann lächelnd, acceptirt! Die Sache iſt abgemacht. Ich danke Ihnen von ganzem Her⸗ zen, Sie haben mir einen großen Dienſt geleiſtet— aber ich werde Sie noch mehr in Anſpruch nehmen müſſen. Ich kann nicht länger hier verweilen, und ich oder viel⸗ mehr ſie bedarf eines zuverläſſigen und einſichtsvollen Vertrauten. Cw. Hoheit haben ganz über mich zu befehlen. Der Prinz ging eine Zeit lang nachdenkend im Zimmer auf und ab, während Leſſen ſchweigend und erwartungs⸗ voll da ſtand. Ich denke mir, ſagte dann der Prinz ſtehen bleibend, daß Ihre Ausſichten hier bei der Univerſität eben nicht gerade brillant ſind. Sie ſind höchſt beſcheiden; ich habe die in meiner Stel⸗ lung eingetretene Wendung ja auch lediglich Ew. Hoheit gütigem Einfluſſe zu verdanken. Würden Sie Sich entſchließen, Ihr hieſiges Amt auf⸗ zugeben und in meine Dienſte zu treten? —— Ich würde es für das größte Glück anſehen, Ew. Ho⸗ heit mit meinen ſchwachen Kräften dienen zu dürfen. So ernenne ich Sie zu meinem Geheimen Cabinets⸗ rath, ſagte der Prinz in würdevollem und zugleich herab⸗ laſſendem Tone— keinen Dank, fuhr er fort, als Leſſen ſich in dankſagenden Redensarten erging; Sie werden vor⸗ läufig zweitauſend Thaler Gehalt beziehen und im Schloſſe wohnen; wir werden ſpäter das Nähere arrangiren. Vor⸗ läufig wünſche ich, daß Ihre Ernennung noch ein Ge⸗ heimniß zwiſchen uns bleibe, denn Sie können mich einſt⸗ weilen nicht begleiten, müſſen vielmehr, und zwar als mein Beamter und Bevollmächtigter, hier verweilen, bis die bewußte Angelegenheit vollſtändig ins Reine gebracht iſt. Ich möchte nun Ihre Anſicht in dieſer Beziehung hören, Herr Geheimerrath, fuhr der Prinz fort, indem er ſich niederſetzte. Leſſen befand ſich in der Lage, wieder einige Male kurz huſten zu müſſen, ehe er ſprach; er bedurfte in wichtigen Momenten immer dieſer kurzen Unterbrechung, um ſeine Gedanken zu ſammeln. Cw. Hoheit, ſagte er dann, beehren mich mit einem großen Vertrauen; ich werde beſtrebt ſein, mich deſſelben würdig zu machen. Ich nehme an, daß es Ew. Hoheit beſtimmte Abſicht iſt, die Frau Lieutenant Steinberg nicht in dieſer für ſie unglücklichen Situation zu laſſen, ſondern ſie nach Albernhauſen überzuſiedeln. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 8 — 114— Ja, überzuſiedeln, lächelte der Prinz; nehmen Sie das an, Herr Geheimerrath. Ich nehme ferner an, daß es in Ew. Hoheit Wünſchen liegt, daß das Band, welches die Frau Lieutenant Stein⸗ berg noch an ihren unwürdigen Gatten feſſelt, auf eine möglichſt einfache Art gelöſt werde. Auch das verſteht ſich von ſelbſt. Danach ſcheint es mir am geeignetſten, daß die Frau Lieutenant Steinberg nach Ew. Hoheit Abreiſe noch einige Zeit hier verweile und dann unter irgend einem plauſiblen Vorwande eine Reiſe antrete, deren Ziel Ew. Hoheit zu beſtimmen haben werden. Auch damit bin ich in ſo weit einverſtanden, daß ihr Aufenthalt nach meiner Abreiſe ſich nicht zu lange ver⸗ zögere und keinenfalls über eine Woche ausgedehnt werde. Es iſt das eine ſehr kurze Zeit, um das Gerede ſich verflüchtigen zu laſſen. Ach, was kümmere ich mich um das Gerede dieſes Neſtes! fuhr der Prinz leidenſchaftlich auf; reden wird man darüber, reden ſoll man auch darüber; es liegt gar nicht in meiner Abſicht, die Sache ferner zu verheim⸗ lichen— denn dies würde, ſelbſt wenn man es auch wollte, doch nicht möglich ſein, ſetzte er langſam hinzu. Außer der Möglichkeit möchte es gerade nicht liegen, bemerkte Leſſen mit einem lauernden Blicke, auch beſteht immer ein Unterſchied zwiſchen Dingen, die man ohne Rückſicht an die Oeffentlichkeit bringt, und ſolchen, die man mit dem Schleier eines, wenn auch bekannten, Ge⸗ heimniſſes bedeckt. Bei den letzteren trägt man der öffent⸗ lichen Meinung Rückſicht, bei erſteren tritt man geradezu mit ihr in den Kampf. Nun, thun wir, was ſich in dieſer Beziehung thun läßt, ſagte nachdenklich der Prinz; nur, ſetzte er hinzu, nur vermeiden Sie jede unnöthige Verzögerung ihrer Abreiſe. Ew. Hoheit werden jedenfalls Sich noch von der Frau Lieutenant Steinberg verabſchieden und ſie ſelbſt von den weiteren Maßnahmen in Kenntniß ſetzen. Das verſteht ſich, verſteht ſich von ſelbſt, rief der Prinz, indem er aufſtand und nach der Uhr ſah— ich habe damit ſchon ſehr lange gezögert. Das ſpäter zu Veranlaſſende dürfte durch dieſe Unter⸗ redung weſentlich bedingt werden— nach meinem unmaß⸗ geblichen Dafürhalten wäre es am beſten, wenn Ew. Hoheit Zeit und Ort des Wiederſehens mit der Frau Lieutenant Steinberg feſtſtellten. Meine Aufgabe wird es dann ſein, für ihre Abreiſe einen möglichſt glaubwürdigen Vorwand zu finden, und die Einleitung der Scheidungsklage dem⸗ nächſt, und zwar gleichfalls ohne irgend eine Beziehung zu Cw. Hoheit, einleiten zu laſſen. Sie haben Recht, Sie haben Recht, wiederholte der Prinz, der ſeine Ungeduld, Nettchen wiederzuſehen, nicht 8* — 116— länger zu verbergen vermochte— kommen Sie heute Abend um— um zehn Uhr nochmals hieher, damit Sie meine weiteren Inſtructionen in Empfang nehmen können. Ich werde Ew. Hoheit Befehl pünktlich befolgen. So gehen Sie jetzt und beſchäftigen Sie Sich bis dahin ausſchließlich mit dieſer Angelegenheit. Vergeſſen Sie nicht, daß ich einen großen Werth darauf lege. Nettchen hatte noch eine längere Unterredung mit ihrem Manne gehabt, in welcher ihr dieſer in der ruhigſten Weiſe mitgetheilt, daß, wie ſie ſelbſt einſehen werde, eine Schei⸗ dung zwiſchen ihnen unvermeidlich ſei, daß er jedoch ſeiner Stellung als Officier wegen wünſche, dieſe Scheidung ohne allen Eclat vor ſich gehen zu laſſen— am beſten wegen gegenſeitiger unüberwindlicher Abneigung—, daß er ihr Verhältniß zu dem Prinzen nach ruhiger Erwägung und den ihm von dem Prenzen ſelbſt zugegangenen Mit⸗ theilungen aus einem anderen Geſichtspunkte betrachte, über den geſtrigen Vorfall das tiefſte Stillſchweigen beob⸗ achten werde, ein Gleiches von ihr erwarte, auch der Fort⸗ ſetzung dieſes Verhältniſſes nicht hindernd in den Weg treten wolle, vielmehr bereit ſei, ſo viel dies, ohne ihn bloßzuſtellen, angänglich ſei, dazu beizutragen, daß ſie ihm unter irgend einem Vorwande folgen könne. Sie hatte ihn ſchweigend, aber mit ſich immer ſteigern⸗ der Verwunderung angehört, ohne jedoch die letztere in — 117— irgend einer Weiſe bemerkbar werden zu laſſen. Es war ihr ſofort klar geworden, daß Leſſen, als des Prinzen Ab⸗ geſandter, dieſe Wirkung in den Gefühlen und Entſchlüſſen ihres Gatten hervorgebracht habe; aber ſie ſtrengte, als ſie ſich dann wieder allein befand, vergebens ihre Gedanken an, um die Mittel zu erſinnen, durch welche es dem Prin⸗ zen gelungen war, dieſen plötzlichen Umſchwung der Dinge hervorzubringen. Es war bereits Nachmittag geworden, und ſie hatte noch keine Nachricht von ihm erhalten; keinen Brief, keinen heimlichen Zettel, der doch ſo leicht durch die alte Mar⸗ gareth zu beſorgen geweſen wäre— ſie war ſehr unruhig geworden, und dieſe Unruhe ſteigerte ſich mit jeder Viertel⸗ ſtunde, deren Ablauf die nahe Thurmuhr einförmig und theilnahmlos, wie immer, verkündete. Die auffallenden Mittheilungen ihres Mannes hatten dieſe Unruhe nur ver⸗ mehrt, und als ſie dann, ſpähend hinter ihren Blumen am Fenſter ſitzend, den Geheimenrath von Stuhm auf ihr Haus zuſchreiten ſah, wurde ſie von einer ihr ſelbſt uner⸗ klärlichen Angſt befallen. Der Geheimerath ſchien ſich ebenfalls in einer ſicht⸗ lichen Aufregung zu befinden. Sie erkannte dies ſogleich, nachdem er eingetreten war und ſie begrüßt hatte; was ſie aber nicht erkannte und was doch von großer Wichtigkeit für ſie blieb, war der Umſtand, ob er bereits Kenntniß von dem geſtrigen Vorfalle beſitze oder nicht, denn ihr 118 ferneres Benehmen gegen ihn mußte dadurch bedingt werden. Ich komme, ſagte der Geheimerath, nachdem man einige gleichgültige Reden gewechſelt hatte, ich komme, um mich bei Ihnen zu verabſchieden; ich komme zugleich im Auftrage Sr. Hoheit, um Ihnen ſein Lebewohl zu bringen. Sie erblaßte bei dieſer ganz unerwarteten Mittheilung und war ungeachtet aller Mühe doch nicht im Stande, eine Entgegnung zu finden, denn der Gedanke, daß er auf dieſe Art, ohne ſie wieder zu ſehen, ja, ohne auch nur an ſie zu ſchreiben, abreiſen, ſie verlaſſen könne, raubte ihr alle Gegenwart des Geiſtes. Sie ſind traurig, Sie ſind bewegt, fuhr der Geheime⸗ rath in faſt zärtlichem Tone fort, ich kann mir Ihre Ge⸗ fühle denken; aber Sie werden Sich auch ſelbſt ſagen, wenigſtens bei ruhiger Ueberlegung erkennen, daß Sie dies als ein glückliches Ereigniß anzuſehen haben.— Sie be⸗ ſitzen ein leicht erregbares Herz, fuhr er fort, nachdem er eine Zeit lang vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, und dies hat Sie, vielleicht Ihnen ſelbſt unbewußt, in eine gefährliche Bahn treten laſſen. Bis jetzt haben Sie nur mit Ihren Gefühlen geſpielt, aber ein ſolches Spiel iſt immer ſehr gefährlich, und eine junge und ſo ſchöne Frau ſollte ſich demſelben am wenigſten hingeben. Freuen — 149— Sie Sich daher, daß die Ereigniſſe dieſem Spiele ein Ende“ machen, Se. Hoheit iſt Mitregent geworden.... Mitregent iſt er geworden? rief ſie aufſpringend, indem eine tiefe Röthe ihr blaſſes Geſicht übergoß— Mitregent! — Ach, entſchuldigen Sie, Herr Geheimerrath, ſetzte ſie dann ſichtlich verlegen hinzu, die Freude über dieſe unerwartete Mittheilung hat— hat mich— überraſcht. Er betrachtete ſie längere Zeit mit theilnehmender und zugleich ſchmerzlicher Miene. Sie hatte ſich wieder geſetzt und blickte verlegen zur Erde nieder; aber es entging dem ſcharfen Beobachter nicht, daß ſie ſich bemühte, ihre große innere Erregung zu verbergen. Ja, Mitregent, wiederholte er; die Verhältniſſe in Albernhauſen haben einen ſo unangenehmen Charakter an⸗ genommen, daß Se. Hoheit ſeine ganze Thätigkeit nöthig haben wird, um ihrer Herr zu werden. Es wird ihm keine Zeit übrig bleiben, ſich mit anderen Dingen zu be⸗ ſchäftigen— er reiſt deßhalb auch ſchon morgen in aller Frühe ab. Sie mögen daraus erkennen, mein liebes Kind, fuhr er wieder nach einiger Zeit fort, während Beide geſchwie⸗ gen hatten, indem er ſanft ihre Hand ergriff, Sie mögen daraus erkennen, wie gut, wie nützlich, wie nothwendig es für Sie iſt, daß er geht. War wirklich eine ernſtliche Neigung zu ihm bei Ihnen im Entſtehen, ſo danken Sie Gott, daß er jetzt durch ſeine Abreiſe die weitere Ausbil⸗ dung derſelben verhindert. Das ſchmerzliche Gefühl, welches jetzt Ihr Herz empfinden mag, iſt nichts gegen die Schmetzen, gegen die Leiden, gegen die Kränkungen, die Sie unausbleiblich hätten erdulden müſſen, wären Sie auf dieſer Bahn weiter gewandelt! Rufen Sie Ihren Stolz, Ihre Frauenehre zu Hülfe, Sie werden mit dieſen Bun⸗ desgenoſſen leicht den Sieg über ein Gefühl davon tragen, welches ohnehin, weil es von dem Wurme der Sünde an⸗ gefreſſen iſt, Ihnen niemals eine volle und wahre Befrie⸗ digung geben könnte. Ich ſehe, Sie befinden Sich jetzt nicht in der Lage, mir zu antworten, ſprach er wieder nach einigem Stillſchweigen weiter, da Nettchen ebenfalls in ihrem Schweigen beharrte, ja, wie es ihm vorkam, ſogar mit ihren Thränen kämpfte— ich entledige mich daher des mir von Sr. Hoheit gewordenen Auftrages, Ihnen ſein Lebewohl zu bringen. Vergeſſen Sie ihn— reißen Sie jeden Gedanken an ihn aus Ihrem Herzen— denn er wäre Ihrer, auch wenn Sie und er frei daſtänden, doch nicht werth! Betrachten Sie es als einen großen Beweis meiner Theilnahme und meiner aufrichtigen Zuneigung für Sie, daß ich ſo von meinem jetzigen Herrn und Fürſten zu Ihnen rede. Ich ſage Ihnen nur für kurze Zeit Lebewohl, mein liebes Kind, denn ich werde, ſobald es mir möglich iſt, hieher zurückkehren, um— um— doch Alles für ſpätere, ruhigere Zeiten, wo Sie nicht mehr unter ſeinem verderblichen Einfluſſe ſtehen. Gott ſei mit Ihnen! Glauben Sie feſt daran, daß Sie keinen beſſeren, keinen redlicheren Freund auf der Welt beſitzen, als mich— ich kann und darf Ihnen für jetzt nicht mehr ſagen— aber der Augenblick iſt vielleicht nicht mehr fern, wo ich offen und frei zu Ihnen ſprechen darf. Und nun leben Sie wohl! Beherzigen Sie meine Worte, es ſind diejenigen eines Mannes, der es vielleicht von allen Menſchen auf der Welt am beſten mit Ihnen meint. Er beugte ſich zu ihr herab, nahm auch ihre andere Hand und küßte ſie leiſe auf die Stirn— dann ging er. Sie hatte das alles gehört, das alles wie in einem traumähnlichen Zuſtande mit ſich geſchehen laſſen, denn es war ſo viel Außerordentliches, ſich Widerſprechendes auf ſie eingeſtürmt, daß ſie ſich vergeblich bemühte, das Chaos ihrer Gedanken zu ordnen. Er war Mitregent geworden! Dies Eine hieß vorläufig alles Andere in den Hintergrund treten. Denn es knüpfte ſich ja ſo Vieles an dieſes Eine! Ihre ganze Zukunft. Dann ſeine Verſprechungen, ſeine heilig, wenn auch im Augenblicke der Leidenſchaft gege⸗ benen Verſprechungen, Ihres Mannes ganz verändertes Benehmen, ſeine eigene Aeußerung, er wolle nicht hin— dern, daß ſie ihm folge— dann wieder dieſes eigenthüm⸗ liche Benehmen des Geheimenrathes, der eine offene, un⸗ umwundene Erklärung geradezu in Ausſicht ſtellte, ſeine den Mittheilungen ihres Mannes geradezu widerſprechende Sendung, durch welche der Prinz ſich verabſchiedete, ohne — 122— ſelbſt zu kommen, ja, ohne nur einmal zu ſchreiben, woran ihn jetzt doch nichts mehr hindern konnte, ſelbſt ihr Mann nicht. Sie vermochte dieſe Widerſprüche nicht zu faſſen, ſie ſaß da, rathlos, unruhig, voller Zweifel, und dann wieder auf einen kurzen Augenblick von dem Gedanken ver⸗ klärt, daß er noch kommen müſſe und ſich dann Alles löſen werde. Es wäre ſchrecklich, wenn er wirklich nicht mehr käme! Die Schwäche des Weibes gewann über ihren ſonſt ſtarken und biegſamen Geiſt die Oberhand und, wie ſie ſich auch ſträuben mochte, ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Dann ſprang ſie plötzlich auf, es war ihr, als habe ſie ſeinen Tritt draußen auf der menſchenleeren Straße gehört — ſie flog ans Fenſter. O, nun iſt Alles gut! rief ſie in aufjubelnder Freude, indem ſie raſch die Spuren der verrätheriſchen Thränen un⸗ ſichtbar machte; er kommt, er kommt! Als er bald darauf haſtig in das Zimmer trat, ſaß ſie an ihrem Nähtiſche, anſcheinend mit einer Stickerei be⸗ ſchäftigt. Ihr Auge hob ſich mit einem gleichgültigen Ausdrucke einen kurzen Moment zu ihm empor und ſenkte ſich dann wieder auf die Arbeit herab. Er war zu erregt, um dies alles zu bemerken, vielleicht wollte er es auch nicht. Raſch trat er zu ihr heran, ergriff ihre Hand und ſagte mit jenem halblauten, zärtlichen Tone, welches ſich die Liebenden ſo gern zum Austauſche ihrer Gedanken bedienen: Du kommſt mir nicht entgegen? — 123— Du fliegſt nicht an mein Herz? Deine Arme unſchlingen mich nicht? Nun, mein herzensliebes Nettchen— noch immer nicht? Ich glaubte wirklich nicht mehr, daß Sie mich der Ehre eines Abſchieds⸗Beſuches würdigen würden, erwiederte ſie, ohne ihre Stellung zu ändern. Aber, Nettchen, fuhr er auf, was iſt das wieder? Bedenke, die Augenblicke unſeres Beiſammenſeins ſind gezählt, denn ich muß morgen früh fort; ich bin Mit⸗ regent geworden, ſetzte er, den letzten Satz ſtolz beto⸗ nend, hinzu. Sie haben mir das ja alles bereits durch den Gehei⸗ menrath ſagen laſſen— auch Ihr Lebewohl, und daß Ihre Zeit zu ſehr in Anſpruch genommen ſei, um dies perſön⸗ lich thun zu können, und nun hat ſich doch noch die Zeit dazu gefunden; ich weiß dieſes Glück zu ſchätzen. Der Geheimerath war hier? fragte der Prinz erſtaunt. Allerdings— in Ihrem Auftrage. Ah— er iſt ein Narr— ein Menſch, der mich viel⸗ leicht abſichtlich mißverſteht; ich ſchickte ihn fort, zu den⸗ jenigen Perſonen, bei denen ich nicht ſelbſt Abſchied nehmen wollte, weil ich keine Zeit hatte, weil ich zu dir mußte. Ich werde dem Manne, der immer noch glaubt, meinen Mentor ſpielen zu dürfen, ſeine jetzige Stellung klar machen; aber du? du konnteſt nur einen Augenblick glauben— — O, er that noch mehr, er— Nun, ſo ſprich doch weiter, ſagte er, getrieben von dem Verlangen, dieſem Mißverſtändniß ein Ende zu machen; was that er noch? Sie wollte eigentlich ſagen: Er hat mir eine ziemlich unverhohlene Liebeserklärung gemacht, in dem Augenblicke aber, wo ſie dieſe Worte ausſprechen wollte, überlegte ſie, daß es doch vielleicht unklug gehandelt wäre, den Gehei⸗ menrath zu ihrem Gegner zu machen, deßhalb ſtockte ſie plötzlich. Nun, fuhr ſie dann fort, indem ſie zum erſten Male wieder den Prinzen mit einem längeren, innigeren Blicke anſah, nun, er meinte, du würdeſt in Albernhauſen, wo dich ſehr umfangreiche Geſchäfte erwarteten, keine Zeit zu anderen Dingen übrig behalten. Er miſcht ſich in Sachen, die ihn durchaus nichts an⸗ gehen— aber laſſen wir jetzt dieſen alten Pedanten der es nach ſeiner Art vielleicht gut meint— nicht wahr, du haſt nicht einen Augenblick gezweifelt, daß wir uns vor meiner Abreiſe noch wiederſehen und Alles mit einander feſtſetzen würden? Sie blickte zu ihm auf, eine Zeit lang ihcien ſich ihre Blicke, dann breitete er ſeine Arme aus und ſie ruhte in denſelben, ihren Kopf verſchämt an ſeine Bruſt gelehnt. Der Prinz erzählte ihr nun, daß ihr Mann in die Scheidung willige, daß er morgen früh abreiſen müſſe, Leſſen aber, den er zu ſeinem Geheimen Cabinetsrath ernannt habe, zu ihren Dienſten zurückbleibe, daß er zu ihrem Empfange vorläufig ein in der Nähe von Albern⸗ hauſen reizend und einſam gelegenes Jahdſchloß ein⸗ richten laſſen und ſie dort in ſpäteſtens acht Ji em⸗ pfangen werde. So ſehr dieſe Mittheilungen auch ihren Wünſchen und Planen entſprachen, ſo erkannte ſie doch, daß ſie jetzt an dem Wendepunkte ihres künftigen Geſchickes an⸗ gekommen ſei; er war voller Liebe, voller Zärtlichkeit, wie ſonſt, er malte ihr künftiges Zuſammenleben mit hellen, verlockenden Farben aus, aber— er ſprach nicht mehr von der Heirath. Nahm er dies als ſelbſtverſtänd⸗ lich an, oder hatte er ſeinen Entſchluß geändert, oder glaubte er vielleicht, daſſelbe auch auf anderem Wege erreichen zu können? Sie mußte unwillkürlich an Stuhm's Warnung denken, und während ſie ſeine Liebkoſungen duldete, flogen alle dieſe Gedanken durch ihren Kopf und ließen ſie die Grenzen bräutlicher Zurückhaltung und Ver⸗ ſchämtheit mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln der Coquetterie unverrückt feſthalten. Ach, wie kalt du biſt! flüſterte er, und doch werden wir uns acht lange Tage nicht ſehen. Aber dann uns auch nicht mehr trennen— dann ganz glücklich ſein— nicht wahr? ich vertraue dir. — 126— Kannſt du noch zweifeln? Habe ich nicht alles gethan, was zu thun in meiner Macht lag? Aber haſt du auch die Folgen bedacht, Eduard? fragte ſie zärtlich; noch iſt es Zeit, bedenke, was du thuſt, ob du durchführen kannſt, was du verſprochen, ob die Verhält⸗ niſſe nicht zwingend zwiſchen uns treten werden und du ihnen dann doch nachgeben mußt. O, das wäre ſchrecklich! Laß mich lieber hier— noch kann ſich Alles ausgleichen. Mein Mann, dem du wahrſcheinlich deine Protection zu ſeiner Beförderung verſprochen haſt, denn was ſollte ihn ſonſt zu einer ſo plötzlichen Sinnesänderung bewegen— mein Mann wird unter derſelben Bedingung auch von der Scheidung Abſtand nehmen. Und wenn ich dann auch ſehr unglücklich, ſehr verlaſſen ſein werde, ſo iſt dies alles doch nichts gegen das Unglück, ſpäter von dir verlaſſen und verſtoßen zu werden. Thörichtes, liebes Kind, flüſterte er, haſt du ſo wenig Vertrauen zu mir? Nennſt du das wenig Vertrauen, wenn ich meine ganze Zukunft in deine Hand lege? So lege ſie getroſt hinein, denn dieſe Hand wird nie mehr von der deinigen laſſen. Endlich war er gegangen, aber ſie hatte ihre Abſicht nicht erreicht; denn ungeachtet ſie es ihm ſehr nahe gelegt, war doch das Wort Heirath nicht mehr ausgeſprochen worden. — 127— Wir wollen es nicht unternehmen, ihre Gedanken weiter zu ſchildern, nachdem er abgereiſt war, denn der Verlauf unſerer Erzählung wird dieſelben klar machen. Wir haben für jetzt vielmehr nur zu berichten, daß Leſſen am anderen Tage und auch an den folgenden viel und lange mit ihr und auch mit dem Lieutenant verkehrte, und daß man dann zu dem gemeinſamen Beſchluſſe kam, ſie ſolle am ſiebenten Tage nach des Prinzen Abreiſe einen Beſuch bei Steinberg's in Preußen an einem Gutsbeſitzer verhei⸗ ratheter Schweſter unternehmen und unter dieſem Vorwande gleichfalls abreiſen. Der Zeitpunkt zur Einreichung der Scheidungsklage blieb ſpäterer Uebereinkunft vorbehalten. Nettchen's Vater wurde von dieſer Reiſe in Kenntniß geſetzt und fand keine Veranlaſſung, derſelben zu widerſprechen. Sie nahm noch einen ziemlich förmlichen Abſchied von Cä⸗ cilien und reiſte am beſtimmten Tage mit einem gewöhn⸗ lichen Miethswagen ab, den ſie jedoch ſchon am Mittage deſſelben Tages mit einer an der Grenze auf ſie wartenden fürſtlichen Equipage vertauſchte. Sript Vpitel. plane und Entwürfe. Der Mutter ſchenk' ich, Der Tochter denk ich. Goethe. Nur in ſeltenen Fällen ſind wir im Stande, die kom⸗ menden Ereigniſſe im Voraus zu berechnen und unſere Handlungsweiſe danach einzurichten. Wir befinden uns täglich in der Lage, ja, ſelbſt in der Nothwendigkeit, es thun zu müſſen, bald in ganz unbedeutenden, bald in er⸗ heblichen, und bald in ſehr wichtigen Dingen; täglich ge⸗ langen wir zu der Ueberzeugung, daß wir uns wiederun und abermals, vielleicht zum tauſendſten Male, geirrt haben, aber wir fangen dieſe Siſyphus⸗Arbeit immer wieder von Neuem an. Es liegt dies in der Vollkommenheit und zugleich in der Unvollkommenheit unſerer Organiſation, denn wir können nicht gedankenlos, wie das Thier, der fommenden Zeit entgegenſehen, wir müſſen nach der Aus⸗ ſaat der Vergangenheit und Gegenwart Schlüſſe auf die Zukunft ziehen, wir ſind gezwungen, die darauf ausge⸗ ſtellten Wechſel am Verfalltage einzulöſen, aber wir ver⸗ mögen niemals zu berechnen, ob dieſe Schlüſſe richtig ſind und ob wir im Stande ſein werden, die oft ſehr leichtſinnig übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Unaufhaltſam rollt das Rad des Geſchickes weiter, alles, was an ſeinen Felgen und Speichen haftet, auf der einen Seite empor⸗ hebend, auf der anderen zu Boden ſchleudernd und zer⸗ malmend. Wenn ein Menſch, oder dasjenige, was wir menſchliche Größe nennen, ſich zufällig auf dem Scheitel, auf dem Höhepunkte des Rades befindet, ſo ſtaunen wir ihn an und blicen, wie zu der mit Macht begabten Gott⸗ heit, zu ihm empor, ohne zu bedenken, daß es nach einer kurzen Spanne Zeit ebenfalls unten ſein und von dem Rade gleichfalls zermalmt werden wird, ganz eben ſo, wie alles Irdiſche, mögen wir es groß oder klein, erhaben oder niedrig nennen. Die Befähigung des Menſchen, Schlüſſe auf die Zu⸗ kunft zu ziehen, iſt eine in hohem Grade beſchränkte, eben deßhalb aber wird derjenige, der ſich darin auszeichnet, der vielleicht auch nur vom Zufall dabei begünſtigt wird, als ein beſonders kluger und begabter Menſch betrachtet. Be⸗ findet er ſich in einer gewöhnlichen Lebensſtellung, ſo er⸗ langt er Reichthum und Anſehen, ſteht er jedoch auf einer ſolchen, die das Geſchick vieler Anderer beeinflußt und be⸗ ſtimmt, ſo wird er der Träger irdiſcher Gewalt, erwirbt 9 Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. — 130— Ruhm und Macht, und ſein Name wird noch von kom⸗ menden Geſchlechtern als etwas Beſonderes angeſtaunt. Er macht dann Weltgeſchichte, ſagt man von ihm, mit welchem ſtolzen Namen wir die Ereigniſſe auf einem kleinen Theile unſeres winzigen Planeten bezeichnen— Ereigniſſe, welche geſchehen müſſen und geſchehen ſollen, bei welchen ihm nur eine hervorragende Rolle zugetheilt war, eine Rolle, die in dieſem Stücke nothwendig von irgend einer Perſon geſpielt werden mußte. Wenn der Vorhang nach dem letzten Acte dann gefallen iſt und ein neues Stück mit wieder ganz anderen Acteurs beginnt, ſagt man: es war ein tüchtiger, gewandter Spieler, und das, was wir Wirklichkeit oder Weltgeſchichte und Spiel nennen, ver⸗ ſchwimmt bald ſo ſehr in einander, daß wir die Darſteller des Einen und des Anderen ruhig neben einander ſtellen und kaum wiſſen, wem wir den Preis der Größe zuertheilen ſollen. Wer war zum Beiſpiel ein größerer Spieler, Napoleon oder Talma? Ludwig XIV. oder Moliére? Eliſabeth oder Shakeſpeare? Georg II. oder Garrick? Sie haben Alle in ihrem Fache Ausgezeichnetes geleiſtet und das Publikum hat ihnen Beifall geklatſcht. Es iſt Alles eitel, ſagt ſchon Salomo, der auch ein vortrefflicher Spieler war,— aber, wenn Sie in dieſer Weiſe fortfahren, höre ich Dich ſagen, freundliche Leſerin, ſo werden Sie noch bis auf Adam und Eva und deren Spiel im Paradieſe zurückgehen, was auch — 131— recht hübſch geweſen ſein mag, mich aber augenblicklich durchaus nicht intereſſirt. Ich ſehe ein, daß dieſer Vorwurf ſeine volle Begrün⸗ dung hat, und ſchwenke daher ab, denn ich wollte eigent⸗ lich nur ſagen und darlegen, daß Leſſen ebenfalls zwar zu den guten Spielern gehörte, ſich aber doch in mehren von ſeinen Vorausſetzungen geirrt hatte. Nettchens Abreiſe unterlag bald einer ſehr verſchiedenen Deutung, man fand zuerſt ihren Beſuch bei der Schweſter ihres Mannes in einer ſo entfernten Gegend auffallend, dann fing man an, den⸗ ſelben überhaupt zu bezweifeln, und als es bekannt wurde, daß ſie mit ihrem Wagen nur bis zur Grenze gefahren ſei, dann aber eine fürſtlich Albernhauſenſche Equipage be⸗ ſtiegen habe, war man über den Zweck ihrer Reiſe voll— ſtändig im Klaren. Da Nettchen unter den Frauen keine Freundinnen beſaß, dieſe aber die beſten und ſicherſten Leiter von Gerüchten, Nachrichten und Klatſchereien ſind, ſo verbreiteten ſich auch jetzt ſchnell die abenteuerlichſten und ſchonungsloſeſten Berichte über ſie in der ganzen Stadt. Man erzählte, daß ſie ſchon längere Zeit in einem ſehr intimen Verhältniſſe zu dem Prinzen, und zwar mit Vor⸗ wiſſen ihres Mannes geſtanden habe, daß dieſem auch der eigentliche Reiſezweck ſeiner Frau vollſtändig bekannt ge⸗ weſen ſei und er ſelbſt darein gewilligt habe, wie man ferner hinzufügte, gegen eine erhebliche Entſchädigung, 9* — 132— welche ihm der Prinz gezahlt. Er habe alſo ſeine Frau eigentlich im wahren Sinne des Wortes verkauft, und ſie ſelbſt ſei als eine Waare, nach den bis jetzt nur in der Türkei üblichen Sitten, aus einer Hand in die andere ge⸗ gangen. Man war hierbei, wie der Leſer ſieht, der Wahr⸗ heit ziemlich nahe gekommen, aber es blieb vollſtändig dunkel, aus welcher Quelle dieſe Nachrichten ihren Ur⸗ ſprung genommen hatten. Leſſen war durchaus ſchweig⸗ ſam geblieben, denn es lag dies in ſeinem eigenen Intereſſe, eben ſo Steinberg, ſonſt kannte Niemand die geheimen Verhandlungen— und doch waren ſie bekannt geworden. Das Officier⸗Corps nahm Veranlaſſung, der Sache näher zu treten, da die Anſicht vollgültige Begründung hatte, daß man mit einem Officier, über den ſo ehrenrührige Gerüchte in Umlauf ſeien, nur fortdienen könne, wenn er dieſelben vollſtändig widerlege. Steinberg befand ſich daher in einer ſehr unangenehmen Lage; er wurde von ſeinen Cameraden vorläufig ganz gemieden und wußte, daß die nähere amtliche Unterſuchung der Sache in nächſter Ausſicht für ihn ſtehe. Er berieth ſich deßhalb mit Leſſen. Beide ſprachen zuerſt ihr Erſtaunen darüber aus, daß die Sache hätte bekannt werden können, da Keiner von ihnen, wie ſie ſich gegenſeitig verſicherten, die angelobte Verſchwiegenheit ver⸗ letzt habe; dann bemerkte Leſſen, dem der Lieutenant und ſein künftiges Geſchick völlig gleichgültig war, daß für ihn wohl nichts übrig bleiben werde als das Anerkenntniß der Mitwiſſenſchaft von dem eigentlichen Reiſezwecke ſeiner Frau, daß er aber hinzufügen müſſe, er habe geglaubt, der Abreiſe ſeiner Frau, des öffentlichen Aergerniſſes wegen, nicht nur keine Hinderniſſe entgegenſtellen zu dürfen, ſon⸗ dern ſie ſelbſt mit einem plauſiblen Vorwande zu um⸗ geben, da er die Abſicht habe, ſich von ihr ſcheiden zu laſſen, auch die Scheidungsklage bereits eingereicht habe. Daß Letzteres bereits geſchehen iſt, fuhr Leſſen fort, wird Ihnen eine Baſis für Ihre künftigen Operationen ge⸗ währen. Ich wüßte nicht, weßhalb man es Ihnen zum Vorwurfe machen ſollte, daß Ihre Frau in ein Verhältniß zu einem anderen Manne getreten iſt. Was können Sie dafür? Sie ſagen Sich deßhalb von ihr los, wie es Ihre Ehre erfordert, und ſo peinlich Ihre Herren Cameraden auch in dieſem Punkte ſein wollen, ich wüßte nicht, wie man Ihnen deßhalb etwas zur Laſt legen ſollte. Sie ſind getäuſcht, meinetwegen betrogen worden— mein Gott, das begegnet vielen Chemännern, und ich glaube nicht, daß, wenn man eine ſtatiſtiſche Zuſammenſtellung von ſolchen Ehemännern machen könnte, gerade die Officiere darin gegen die anderen Stände ſich im Vortheile befinden würden! Ich glaube das auch nicht, erwiederte der Lieutenant, noch immer in ſichtlicher Unruhe; es wäre vielleicht beſſer geweſen, die Scheidung ſofort einzureichen und nicht — 134— damit zu zögern, bis dies zuerſt von ihr geſchehen iſt, wie Sie mir ſelbſt gerathen haben— die Hauptſache bleibt jedoch immer die Schändlichkeit, mit welcher man den an— deren Theil unſerer Uebereinkunft ausbeutet. Sie meinen die Erbſchafts-Angelegenheit, bemerkte Leſſen mit leichtem Spotte; nun, in dieſer Beziehung würde ich mich vollſtändig in der Negation halten. Wer kann Ihnen darüber einen Beweis beibringen? Ich ver⸗ ſichere Ihnen nochmals, daß über meine Lippen nicht die leiſeſte Andeutung gedrungen iſt; das ſich im Umlauf be⸗ findliche Gerücht kann daher nur auf leeren Muthmaßungen beruhen, deren Entſtehung mir unerklärlich iſt. Natürlich werde ich eine derartige Zumuthung, ſollte man es überhaupt wagen, ſie mir zu machen, mit Ent⸗ rüſtung zurückweiſen; aber Sie wiſſen nicht, mit welchen Vorurtheilen der Officierſtand behaftet iſt. Vieles mit der wirklichen Ehre Unverträgliches halten ſie für erlaubt, ja, ſogar für nothwendig, während wieder Anderes, was mit der Ehre eigentlich gar nicht zuſammenhängt, als eine Verletzung derſelben angeſehen wird. Was gehen das Officier⸗Corps überhaupt meine chelichen Angelegenheiten an? fuhr er erregter fort, und doch bekümmert es ſich darum, doch— ich bin davon überzeugt— werde ich ge⸗ zwungen werden, meinen Abſchied zu nehmen, wenn ich jenes lügenhafte Gerücht nicht zum Schweigen zu bringen vermag, als ob das in meiner Macht ſtände! So würde ich Ihnen rathen, einen mit ſo viel Schat⸗ tenſeiten und Vorurtheilen behafteten Stand zu verlaſſen, erwiederte Leſſen ruhig; Sie beſitzen ja jetzt die Mittel, Sich eine andere und angenehmere Eriſtenz zu ver⸗ ſchaffen. Nun, ſo weit wird es hoffentlich nicht kommen, ſagte der Lieutenant kleinlaut; ich hoffe, man wird meiner Ver⸗ ſicherung Glauben ſchenken und mich nicht einem bloßen Vorurtheile zum Opfer fallen laſſen. Ich bin gleichfalls davon feſt überzeugt, bemerkte Leſſen, indem er ſich empfahl; bleiben Sie nur feſt, tragen Sie eine offene, freie Miene zur Schau und ſpielen Sie den Beleidigten und Gekränkten— man wird dann Ihren Worten um ſo ſicherer glauben. Leſſen, der den Lieutenant in keineswegs angenehmen Betrachtungen zurückließ, hatte mit ſeinen eigenen Ange⸗ legenheiten vollauf zu thun. Die Dinge in Albernhauſen hatten zwar den erwünſchten Verlauf genommen, denn der Prinz war als Mitregent eingeſetzt und der Fürſt, ſein Vater, hatte ſogar die Reſidenz verlaſſen, weil die ſich ſtets wiederholenden Unruhen ſo wie der endlich einberufene Landtag ihn anwiderten. Leſſen hatte jedoch— es waren ſeit Nettchens Abreiſe bereits vier Wochen vergangen— noch immer ſeine Ernennung nicht erhalten. Der Mit⸗ regent hatte ihn zwar mündlich zu ſeinem Geheimen Ca⸗ binetsrath ernannt, ihm auch ein ganz annehmbares Ein⸗ — — 136— kommen in Ausſicht geſtellt— aber er ließ nun weiter nichts von ſich hören, und es blieb auffallend, daß die Scheidungsklage ohne ſeine Mitwirkung bereits acht Tage nach Nettchens Abreiſe durch einen Rechtsbeiſtand einge⸗ reicht worden war und auf beſondere Veranlaſſung von Oben ſo eilig betrieben wurde, daß die Publicirung des Urtheils in den nächſten Tagen zu erwarten war. Es fingen leiſe Zweifel bei ihm an aufzuſteigen, und er ſagte ſich, daß ein ſo leichtſinniger, vom Augenblicke abhängiger Mann, wie der Mitregent, die ihm ohne Zeugen gegebene Zuſage auch als nicht geſchehen betrachten und völlig igno⸗ riren könne. Das wäre allerdings ſehr unangenehm ge⸗ weſen. Täglich hatte er dem Eintreffen weiterer Nachrich⸗ ten aus Albernhauſen entgegengeſehen, täglich in fieber⸗ hafter, ſich ſtets ſteigernder Ungeduld die Poſt erwartet— immer vergebens. Dazu kam, daß er für Cäcilie eine Neigung empfand, die zwar noch hin und wieder mit den Anſchauungen ſeines Verſtandes im Streite lag, jedoch täglich, ja faſt ſtündlich mehr an Stärke gewann. Das liebliche, unſchuldsvolle Weſen des jungen, ſchönen Mädchens, dabei ihre, von einer leiſen Melancholie umrahmte Schüchternheit, ihre freundliche Beſcheidenheit, die Liebe und Hingebung, mit der ſie an ihrem Vater hing, erregten ſeine Einbildungs⸗ kraft und zugleich ſein Herz. Er ſah in ihr das Ideal reiner Weiblichkeit, ſo wie er es ſich ausmalte— ſchön, jung, anſpruchslos, hingebend— nicht fordernd, ſondern duldend und empfangend, dasjenige mit Dankbarkeit an⸗ nehmend, was ihr gewährt wurde, aber nicht noch mehr verlangend— ſo dachte er ſich ſeine künftige Frau. Sie mußte zu ihm aufblicken, wie zu einem höher begabten Weſen, immer zufrieden und heiter, ihre guten Eigen⸗ ſchaften, ihre Vorzüge nie in Anrechnung bringen wollen, ſondern nur in der Anerkennung der ſeinigen ihren Beruf und die Aufgabe ihres Lebens finden und dabei zugleich den ſonſtigen Pflichten einer Hausfrau und Gattin ſtets willig und gehorſam genügen. Dieſe Eigenſchaften beſaß Cäcilie— ihr fehlte nur noch eine, die er allerdings un⸗ gern vermißte, nämlich Vermögen— indeſſen, er ſtand ja auf der Stufenleiter zur höchſten Macht und konnte allen⸗ falls davon abſehen. Obgleich er noch keinen feſten Entſchluß gefaßt, ſo hatte er doch in der Vorausſicht, daß er ihn wahrſcheinlich faſſen würde, ſeine Maßregeln danach getroffen. Sein Benehmen gegen Cäcilie war eben ſo zuvorkommend, als verbindlich, ohne jedoch dieſe Grenzen zu überſchreiten. Er hatte mit Vergnügen bemerkt, daß ſie gerade dadurch ſich unbefangener und offener gegen ihn gegeben, denn ſie glaubte in ihm einen theilnehmenden Freund ihrer Familie zu erkennen und hatte keine Ahnung davon, daß dieſer berechneten Handlungsweiſe eine andere Abſicht zu Grunde liegen könne. Dagegen hatte Leſſen mit Cäciliens Mutter offener ver⸗ kehrt. Obgleich er ſich auch hier nicht beſtimmt erklärte, ſo waren doch von ihm Andeutungen gemacht worden, welche die eitle Frau über die Abſichten des als Bewerber auftretenden Profeſſors kaum zweifelhaft laſſen konnten. Er ſprach davon, daß die Liebenswürdigkeit Cäciliens mancherlei Gedanken und Vorſätze in ihm hervorrufe, die jedoch durch den Zweifel daran, ob auch ſie ähnliche Em⸗ pfindungen für ihn, den ſo viel älteren Mann, hege oder jemals hegen werde, wieder in den Hintergrund zurückge⸗ drängt würden. Er wäre deßhalb noch immer nicht mit ſich ſelbſt einig, und nur das große Vertrauen, was er zu ihr, der verehrten Mutter Cäciliens, habe, ſei die Urſache dieſer vielleicht übereilten und unvorſichtigen Aeußerung. Er wiſſe außerdem nicht einmal, wie ſie ſelbſt und noch weniger, wie ihr Mann über dieſen Punkt dächten, na⸗ mentlich, ob ſie auf ſeine Seite treten und auf Cäcilie zu ſeinen Gunſten einwirken wolle, denn es ſei ſein frſter Entſchluß, allen Träumen eines ſolchen Glückes zu ent⸗ ſagen, wenn Cäcilie auch nur im entfernteſten anders dar⸗ über denken oder nicht ganz gleich, wie er, empfinden ſollte. Noch ſei ſeine eigene Zukunft nicht definitiv feſtgeſtellt, er werde ihr aber vielleicht ſehr bald eine freudige und über⸗ raſchende Nachricht in dieſer Hinſicht mittheilen können, die, was die äußere Lage beträfe, allen billigen Anforderungen entſprechen würde. — 139— Wenige Tage ſpäter wurde die Stadt durch das in der Scheidungs-Angelegenheit der Eheleute Steinberg er⸗ gangene Erkenntniß überraſcht. Die Sache war mit einer Eile und mit einer Heimlichkeit betrieben worden, welche einen höheren Einfluß unverkennbar machte, denn auch jetzt erfuhr man ſo lange nichts Näheres, bis Steinberg gezwungener Weiſe mit der Erklärung hervortreten mußte, daß als Scheidungsgrund eine unüberwindliche gegenſeitige Abneigung angegeben, jedoch keiner der Eheleute für den ſchuldigen Theil erklärt worden ſei, mithin auch keiner an der Schließung einer neuen Ehe dadurch verhindert würde. Natürlich erhielten dadurch die ohnehin ſich im Umlauf befindenden falſchen Gerüchte neue Nahrung, und Stein⸗ berg hatte in der öffentlichen Meinung und ſeinen Came⸗ raden gegenüber einen ſchwereren Stand als je. Man ſprach davon, die Sache ſolle von dem Officier-Corps vor das Ehrengericht gebracht werden, und freute ſich, auf dieſe Weiſe vielleicht zu weiteren und ſcandalöſen Ent⸗ hüllungen zu gelangen. Nettchens Vater mied jeden Verkehr mit ſeinen Freun⸗ den, beſuchte niemals mehr Abends ſein gewohntes Wirths⸗ haus und ſah auch in ſeinem Hauſe Niemanden. Man ſchloß daraus, daß er nähere Nachrichten empfangen habe, aber ſich ſchäme, dieſelben mitzutheilen.— Hierin irrte * man jedoch, denn der alte Soldau hatte ſeit der Abreiſe ſeiner Tochter noch keinen Brief von ihr erhalten. Endlich, acht Tage nachdem das Scheidungs-Urtheil publicirt war, brachte der Poſtbote Leſſen den ſo lange er⸗ ſehnten Brief aus Albernhauſen. Es war ein großer, ge— wichtiger Brief, mit dem fürſtlichen Siegel geſchloſſen— — ein amtlicher Brief— was konnte er daher anders ent⸗ halten, als die Erfüllung ſeiner Wünſche? Dennoch hielt er ihn noch immer in der Hand, bald die Aufſchrift, bald das Siegel, bald die Form des Briefes betrachtend und daraus Schlüſſe auf den Inhalt ziehend, von dem er ſich ſo leicht hätte überzeugen können— denn es liegt gerade im Charakter ſo vorſichtiger und berechnender Menſchen, in ſolchen Momenten zaghaft und zögernd zu Werke zu gehen. Als Leſſen endlich das Siegel erbrach, fand er ſeine Erwartungen vollſtändig beſtätigt. Der Inhalt beſtand aus ſeiner Ernennung zum Geheimen Cabinetsrathe Sr. Hoheit des Mitregenten von Albernhauſen, verbunden mit der Benachrichtigung, daß ſein Gehalt auf 2000 Thaler nebſt freier Wohnung feſtgeſtellt ſei. Zugleich erhielt er die Anweiſung, ſo ſchleunig als möglich ſein neues Amt anzutreten. Obgleich er nicht ſprach, da er allein war, ſo unterließ er doch nicht, als er das Papier langſam wieder zuſam⸗ menfaltete, mehrere Male kurz zu huſten, als ob er im Begriffe ſtände, eine wichtige Rede zu halten; dann ſtand er auf und ging, während ſeine Miene immer heiterer und ſelbſtzufriedener wurde, längere Zeit im Zimmer langſam auf und ab. Er ſtand dann wieder ſtill, nahm noch ein⸗ mal den zuſammengelegten Brief und las den Inhalt des⸗ ſelben nochmals von Anfang bis zu Ende durch, als ob er ihn noch gar nicht kenne. Er bedurfte einiger Zeit, um ſeine Gedanken mit ſeiner jetzt ganz veränderten Lebens⸗ ſtellung in Einklang zu bringen; gleichzeitig aber entwickelte ſich in ihm ein Chaos von Planen für die Zukunft, denn er ſagte ſich, daß namentlich von ſeinem erſten Auftreten und von dem Anknüpfen neuer Beziehungen Vieles ab⸗ hängig ſein werde. Als er darüber wenigſtens im Allgemeinen mit ſich ins Reine und zu dem Reſultate gekommen war, daß es vor Allem darauf ankomme, vorerſt das Terrain in Albern⸗ hauſen ſelbſt genau kennen zu lernen, bis dahin aber ſich möglichſt paſſiv zu verhalten, ſo daß ſeiner ſpäteren Ent⸗ ſchließung jeder Weg und jede Wendung offen bleibe, gingen ſeine Betrachtungen auf einen anderen, allerdings erſt in zweiter Reihe ſtehenden, aber doch für ihn ebenfalls ſehr wichtigen Gegenſtand über, nämlich auf ſeine Bewer⸗ bungen um Cäcilie. So wenig er es ſich auch ſelbſt eingeſtand oder vielmehr eingeſtehen wollte, weil er dies für einen klugen Mann als eine Schwäche anſah, es kamen doch hierbei nicht aus⸗ S— ſchließlich die Erwägungen ſeines Verſtandes allein zur Geltung. Er malte es ſich als ſehr angenehm und reizend aus, im unbeſtrittenen Beſitze einer ſo ſchönen und dabei anſpruchsloſen jungen Frau zu ſein; er ſagte ſich, daß es in ſeiner neuen Stellung auch vielleicht ſogar vortheilhaft ſein würde, verheirathet zu ſein, daß die Frauen, nament⸗ lich in den dortigen Verhältniſſen, gewiß nicht ohne Ein⸗ fluß bleiben könnten, und daß ihm als verheiratheten Mann vielfache Quellen zur Erhöhung ſeines Einfluſſes zu Gebote ſtehen müßten. Auf der anderen Seite erwog er wieder, daß er ſich in dieſer Vorausſetzung auch gänzlich irren könne und daß der Mitregent vielleicht keinen verheiratheten Cabinets⸗Secretär wünſche. Das Ergebniß ſeiner längeren Ueberlegung ging endlich dahin, die Sache vor ſeiner Abreiſe ſo einzuleiten, daß es ihm ſpäter frei ſtände, ſie von Albernhauſen aus entweder zum Abſchluſſe zu bringen oder, wenn es ſein müſſe, auch gänzlich fallen zu laſſen. Er fand ſich in letzterer Beziehung ziemlich leicht mit ſeinem Gewiſſen ab, denn er war ja dann nicht mehr hier und durfte nur ein⸗. fach nichts mehr von ſich hören laſſen. Es kam ihm daher, wie man zu ſagen pflegt, bei der Schürzung des Knotens auf eine Handvoll Noten nicht an, die Sache mußte, wenn irgend möglich, vor ſeiner Abreiſe ſo weit gefördert werden, daß, wenn er weiter gehen wolle, von hier aus keine Hinderniſſe und Schwierigkeiten mehr zu erwarten wären. — Nachdem er darüber mit ſich ſelbſt ins Klare gekommen, beſchloß er, ſofort mit der Ausführung zu beginnen, denn er hatte keine Zeit zu verlieren. Raſchen Schrittes wan⸗ derte er dem Erin'ſchen Hauſe zu und begrüßte es als einen ihm günſtigen Zufall, daß der Profeſſor mit Cäcilie ausgegangen war und er die Mutter allein antraf. Ja, meine verehrte Frau Profeſſorin, fuhr er daher im Laufe des Geſpräches fort, ich glaube meine Ernen⸗ nung zum Geheimen Cabinetsrathe Sr. Hoheit des Mit⸗ regenten von Albernhauſen allerdings als ein für mich günſtiges Ereigniß anſehen zu dürfen— indeß, jede Sache hat ihre Licht- und ihre Schattenſeiten. Ich wüßte wirklich nicht, worin hier der Schatten be⸗ ſtehen ſollte, erwiederte die Profeſſorin verwundert; Sie haben eine ſehr ehrenvolle, einflußreiche und zugleich auch ſehr auskömmliche Stellung.... Das iſt alles wahr, unterbrach er ſie, aber— es thut mir wirklich weh, daß gerade Sie keine Schatten⸗ ſeiten in dieſer meiner ſo ganz veränderten Lebensſtellung herausfinden. Warum ſollte gerade ich dies finden? Nun, ich glaubte, Sie würden meine Empfindungen theilen und es auch ein wenig beklagen, daß unſer ſo freundlicher und für mich ſo genußreicher Umgang dadurch ſein Ende erteichen muß. — 144— Das würde ſehr egoiſtiſch von mir ſein. Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie hochſchätze, Herr Profeſſor— ach, ent⸗ ſchuldigen Sie, Herr Geheimerrath, daß ich Sie immer noch ſo nenne, es iſt die alte, liebgewordene Gewohnheit — aber eben weil ich Sie hochſchätze, freue ich mich über die Ihnen gewordene wohlverdiente Anerkennung, und wenn wir uns auch nicht mehr ſehen und ſprechen fönnen, ich hoffe, Sie werden uns deßhalb doch nicht — vergeſſen. Ach, wie können Sie nur ſo etwas annehmen, erwie⸗ derte er mit einem hörbaren Seufzer— ich glaubte, Sie und gerade Sie ſollten mich beſſer kennen! Ich gab mich der Ueberzeugung hin, Sie hätten meine Andeutungen ver⸗ ſtanden und auch die Rückſichten, welche mich bisher abge⸗ halten haben, mich deutlicher zu erklären. Sie haben Sich vielleicht darin nicht geirrt, aber Ich weiß, was Sie ſagen wollen, fuhr er beredter fort, als ſie ſchwieg; ich weiß dieſes Zartgefühl vollſtändig zu würdigen, aber ich fühle auch, daß es an der Zeit iſt, mich offen gegen Sie auszuſprechen.— Wozu alſo noch der ferneren Worte, fuhr er mit einem kurzen Huſten fort, ich liebe Ihre Fräulein Tochter, welche alle Eigenſchaften beſitzt, um mich glücklich zu machen— aber Zaghaftigkeit — die Verſchiedenheit unſeres Alters— ich weiß ſelbſt nicht, was, hält mich ab, ihr dies ſelbſt zu ſagen. Sie tommt mir mit Freundlichkeit und Vertrauen entgegen— vielleicht gerade deßhalb, weil ſie nur den Freund ihrer Eltern in mir ſieht— das wäre allerdings ſehr zu beklagen und würde all meine Träume von dem Glücke einer ſchönen Häuslichkeit vernichten. Ach, ſie iſt noch ein halbes Kind, ſagte mit einem ſehr freundlichen Lächeln die Profeſſorin; ſie mag freilich keine Ahnung davon haben, daß Sie— ihr Ihre Hand an⸗ bieten wollen, ſetzte ſie etwas zögernd hinzu, während Leſſen bei dieſen entſchiedenen Worten wiederum kurz zu huſten nicht unterlaſſen konnte— ſie iſt überhaupt etwas träumeriſch, denn das hat ſie von ihrem Vater. Gerade dieſe Eigenſchaft macht ſie um ſo anziehender, unterbrach er wieder. Nun, um ſo beſſer für ſie; aber das gibt ſich Alles bei einem jungen Mädchen. Ich will ebenfalls offen mit Ihnen reden, Herr Geheimerrath, fuhr ſie erregter fort; für ein Mädchen iſt die Heirath die große Wendung ihres ganzen Lebens; die Männer können das weder beurtheilen noch empfinden, aber Sie dürfen Sich überzeugt halten, daß Cäcilie Sie mit ganz anderen Augen, ganz anderen Gefühlen betrachten wird, ſobald ſie in Ihnen ihren künf⸗ tigen Gatten auch nur vermuthen kann. Warum nur vermuthen, beſte Frau Profeſſorin, warum ſagen Sie nicht annehmen, ſehen kann? Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 10⁰ —— Nun, erwiederte die geſchmeichelte Mutter, ihre und meines Mannes Zuſtimmung würde ja doch nöthig ſein, die ihrige ſogar.... 34 Die Hauptſache bleiben; aber davon ſprachen wir ja noch nicht, ergänzte Leſſen; vorerſt handelt es ſich darum, ihre falſche Vorſtellung über mich zu beſeitigen und auch Ihres Herrn Gemahls Zuſtimmung Sich zu ver⸗ gewiſſern. Ueberlaſſen Sie Beides mir; mein Mann hat in dieſer Hinſicht ſehr kindliche Auffaſſungen, er wird ſich vor Allem wundern und es nicht für möglich halten, daß Cäcilie ſchon ans Heirathen denken ſoll, dann aber, ſetzte ſie ver⸗ bindlich hinzu, mit der Perſon ihres künftigen Gatten ge⸗ wiß eben ſo ſehr einverſtanden ſein, als es die Mutter iſt, die, wie ich glaube, hierin doch wohl die erſte Stimme haben dürfte. Und Cäcilie? fragte Leſſen, anſcheinend ohne die letzte Aeußerung zu beachten. Cäcilie iſt eine folgſame Tochter, erwiederte ſie lächelnd. Sie haben wohl und recht gethan, die Sache zuerſt mit mir zu beſprechen— überlaſſen Sie mir das Weitere. Sie kommen meinen Wünſchen zuvor. Späteſtens übermorgen muß ich abreiſen— bis dahin wird die Zeit zu kurz ſein, Gewißheit zu erlangen. Handeln Sie für mich, verehrte Frau, die ich vielleicht bald das Glück haben — 147— werde, mit einem theureren Namen zu nennen. Ich werde nach wenigen Tagen die Entſcheidung von Ihnen em⸗ pfangen und dann ſofort an Cäcilie und Ihren Herrn Ge⸗ mahl ſchreiben. Leider muß ich jetzt fort, leider kann ich nicht länger hier bleiben— aber vielleicht iſt es ſo kürzer und einfacher.— Se. Hoheit wird mir dann, wenn auch nur einen kurzen Urlaub nicht verweigern, ſetzte er wichtig hinzu— aber er wird genügen, um die Beſtätigung meines Glückes aus Cäciliens Munde zu empfangen. So eilig müſſen Sie uns verlaſſen? fragte die Pro⸗ 3 feſſorin, der dieſe Wendung ſichtlich unangenehm war— die Zeit iſt allerdings ſehr kurz.... Viel, viel zu kurz— dazu bin ich jetzt mit Geſchäften überhäuft, es fehlt mir die Ruhe, die Sammlung— auch widerſtrebt es meinem Gefühle, das Glück meines ganzen künftigen Lebens vielleicht durch Ueberraſchung zu gewinnen. Nein, Cäcilie ſoll vollſtändig Zeit haben, zu erwägen, ob— nun, ich denke, wir verſtehen uns, ver⸗ ehrte Frau, und Sie billigen mein Empfinden und die dar⸗ aus hervorgehende Handlungsweiſe. Sie iſt edel und überzeugt mich noch mehr, daß ich mein einziges Kind einem ehrenwerthen Manne übergeben werde, in deſſen Schutz und durch deſſen Liebe ſie heiter und glücklich durch das Leben wandeln wird.— Doch ich höre meinen Mann und Cäcilie kommen, unſere Ueberein⸗ kunft bleibt alſo vorläufig auch unſer Geheimniß. 10* — Sowohl der alte Erin als Cäcilie empfingen die Nachricht von Leſſen's plötzlicher Standeserhöhung mit großer Freude, und der Erſtere ſprach dieſelbe unverhohlen und in ſeiner gewohnten herzlichen Weiſe aus. Ich habe Sie immer für einen Freund meiner Familie gehalten, ſagte er, Leſſen wiederholt die Hände ſchüttelnd, und hätte daher nie geglaubt, daß Sie wenigſtens gegen mich wieder ſo heimlich und verſchloſſen handeln könnten! Kein Wort vorher, nichts, erſt wenn Alles fir und fertig iſt, dann kommen Sie und ſagen: ich bin Geheimer Cabi⸗ netsrath, gratulirt mir! Mein verehrter Freund, ich bin ſelbſt vollſtändig über⸗ raſcht worden. Zwar hatten Se. Hoheit mir einige ſchwache und unbeſtimmte Andeutungen gegeben; aber Sie wiſſen ja ſelbſt, wie unangenehm es iſt, auch mit ſeinen beſten Freunden darüber geredet zu haben, wenn ſpäter nichts daraus wird. Ich hätte das nicht übers Herz bringen können; biſt du nicht auch dieſer Anſicht, mein Kind? Cäcilie gerieth durch dieſe Frage ſichtlich in Verle⸗ genheit, beſonders da es ihr nicht entging, daß Leſſen mit geſpannter Aufmerkſamkeit ihre Antwort zu erwarten ſchien. Ich weiß nicht recht, was du meinſt, Papa, erwie⸗ derte ſie mit einem verlegenen Lächeln; der Herr Profeſſor muß, glaube ich, ſelbſt das beſte Urtheil darüber haben. Aber nehmen Sie mir es nicht übel, ſetzte ſie freundlich hinzu, daß ich Ihnen noch gar nicht zu Ihrer Beför⸗ derung Glück gewünſcht habe, es freut mich von ganzem Herzen. Bedauerſt du es nicht, mein Kind, bemerkte ihre Mutter, daß der Herr Geheimerath“ uns dadurch für immer ver⸗ laſſen muß? Ja, daran habe ich ſelbſt noch gar nicht gedacht, fiel der alte Erin ein; Sie mögen daraus erkennen, wie wenig wir ſelbſt dabei in Betracht gekommen ſind; aber ſo geht es immer im Leben, man lernt ſich kennen und liebgewin⸗ nen, um ſich dann wieder zu trennen. Ich hoffe, daß dies bei uns wenigſtens nicht für immer der Fall ſein wird, erwiederte Leſſen mit einem raſchen Blicke auf Cäcilie. Es freut mich, daß Sie das hoffen, denn es wird ja nur von Ihnen abhängen, uns hin und wieder einmal zu beſuchen, aber ich habe auch darin eben keine angenehmen Erfahrungen gemacht. Man hat zuerſt beiderſeitig die beſten Abſichten, dann kommen die veränderten Lebensver⸗ hältniſſe, die täglichen Beſchäftigungen und Gewohnheiten, andere Menſchen, andere Beziehungen, der Raum zwiſchen den Zeitabſchnitten, in denen wir uns mit der Vergangen⸗ heit und den ihr angehörenden Perſonen beſchäftigen, wird immer größer, bis er zuletzt ſo groß wird, daß nur eine — 150— äußere Veranlaſſung uns noch einmal in Gedanken dahin zurückführt. Denken Sie nicht ſo von mir, mein lieber alter Freund, ich werde Ihnen den Beweis des Gegentheiles liefern. Nun, es ſoll mich ſehr freuen; reden wir doch beinahe, als ob wir ſchon Abſchied von einander nehmen wollten, während, wie ich annehme, es bis dahin noch lange Zeit hat, denn Sie werden doch nicht Knall und Fall abziehen müſſen? Leider muß ich das, erwiederte Leſſen mit einem abermaligen beobachtenden Blicke auf Cäcilie, ich habe den Befehl erhalten, ſchon übermorgen abzureiſen. Schon übermorgen! rief Erin; wie iſt das möglich, Sie können ja doch nicht ſo ohne Weiteres.... Se. Hoheit der Mitregent, unterbrach ihn Leſſen mit Wichtigkeit, ſcheint einen beſonderen Werth darauf zu legen, daß ich ſo bald als möglich in Albernhauſen ein⸗ treffe, wo die Verhältniſſe täglich verwickelter und ſchwie— riger werden. So gern ich daher auch noch eine Zeit lang hier geblieben wäre— es iſt noch ſo Vieles und Wichtiges, was ich gern vorher geordnet hätte— ich darf dem Befehle meines jetzigen Fürſten kein Hinderniß entgegenſetzen und werde nicht zögern. Haben Sie Sich die ganze Sache auch recht überlegt, lieber Freund? entgegnete Erin, indem er Leſſen mit Theil⸗ — 151— nahme und Beſorgniß anblickte; bedenken Sie, was Sie opfern: die goldene Freiheit eines akademiſchen Lehrers! Sie werden dafür der Diener eines Fürſten, ſind ſtets mehr oder weniger von ſeinen Launen und Aufwallungen ab⸗ hängig— bedenken Sie das, bedenken Sie auch, daß gerade dieſer Fürſt ein ſolcher iſt, der, gelinde ausgedrückt, gewiß nicht ein Mann von Grundſätzen und Charakter ge⸗ nannt werden kann— Sie erhalten dafür eine einflußreiche Stellung, ein viel beſſeres Einkommen— aber, du lieber Gott, darin beſteht das Glück nicht— haben Sie dies auch alles wohl erwogen? Leſſen hatte während dieſer längeren Bemerkung ſeines Freundes Cäcilie unverwandt beobachtet, aber nicht die geringſte Veränderung in ihren Zügen wahrgenommen. Sie war an ihren Blumentiſch getreten und beſchäftigte ſich damit, hier und da ein verwelktes Blatt zu entfernen, ja, es ſchien ihm ſogar, als ob ſie ſichtlich zerſtreut wäre und dem Geſpräche nur eine geringe Aufmerkſamkeit ſchenke. In dieſer Meinung wurde er beſtärkt, als ſie jetzt ſcherzend ſagte: Ich will gehen, lieber Papa, ich habe noch Mehres zu beſorgen; du wirſt dich gewiß noch mit dem Herrn Pro⸗ feſſor oder Geheimenrathe in ein gelehrtes Geſpräch ver⸗ tiefen, wobei ich ja doch ganz überflüſſig ſein würde. Em⸗ pfangen Sie nochmals meinen herzlichſten Glückwunſch, — 152— wandte ſie ſich zu Leſſen, und wenn ich Sie vor Ihrer Ab⸗ reiſe nicht mehr ſehen ſollte.. Wie kannſt du nur ſo etwas annehmen, mein Kind, unterbrach ſie die Mutter, wie kannſt du nur glauben, der Herr Geheimerath würde ſo von uns ſcheiden und wir ihn ſo ſcheiden laſſen— nicht wahr, Sie verſchmähen es nicht, heute und morgen Abend unſer Gaſt zu ſein? Sie machen mich dadurch ſehr glücklich, erwiederte Leſſen, der während Cäciliens Rede wieder kurz gehuſtet hatte. Nun, dann ſage ich Ihnen alſo jetzt i nicht Lebe⸗ wohl, rief Cäcilie heiter. Adieu, lieber Papa, ich habe wirklich äußerſt wichtige Dinge zu beſorgen. Leichten, ſchwebenden Schrittes verließ ſie das Zim⸗ mer; Leſſen blickte ihr enttäuſcht und faſt verlegen nach und bedurfte einiger Zeit, um das Geſpräch wieder auf⸗ nehmen zu können. Bei der Darſtellung eines ſo einfachen durchſich⸗ tigen Charakters, wie derjenige Cäciliens iſt, dürfen wir es nicht verſchweigen, daß ſie bei ihrer letzten Aeuße⸗ rung von der Wahrheit abwich, denn es waren nicht Ge⸗ ſchäfte, welche ſie nöthigten, ſich zu entfernen, ſie empfand vielmehr das Bedürfniß, allein zu ſein, oder vielleicht auch das Verlangen, nicht länger einer Unterredung beizuwoh⸗ nen, die für ſie gänzlich ohne Intereſſe war. Die Nach⸗ richt, daß Leſſen in den nächſten Tagen die Stadt für immer —.— —— verlaſſen werde, ließ ſie vollſtändig gleichgültig, erregte ſogar bei ihr, ſie wußte ſelbſt nicht weßhalb, eine angenehme Empfindung. Ihr Zimmer befand ſich im Giebel des Hauſes und er⸗ freute ſich einer ſchönen, weiten Ausſicht in die romantiſche Gegend. Sie ſetzte ſich, wie ſie jetzt ſehr häufig zu thun pflegte, an das geöffnete Fenſter, und ihr Auge folgte den Windungen des Fluſſes, bis zu jenem Punkte, an welchem er aus einer engen, von höheren Bergen eingeſchloſſenen Schlucht hervortrat. Die Gebirge, welche dort den Hori⸗ zont abgrenzten, waren mit Wald bewachſen, und es ſchien faſt, als ob vorzugsweiſe dieſer Wald Aufmerkſamkeit beſonders feſſele. Sie ſaß bald ſchweigend und träumeriſch da, das Auge unverwandt auf die dunklen Linien gerichtet, wodurch die Schatten der fernen Wälder ſich abzeichneten; ein tiefer Seufzer hob ihre Bruſt, und zuweilen ſtreckte ſie unwill⸗ kürlich die Hand aus, als ob ſie einen Gruß hinüber ſen⸗ den wolle. Ach, wie rein, wie lieblich waren dieſe Träu⸗ mereien, denn ſie geſtand ſich nicht einmal, daß der Wald, bisher von ihr unbeachtet, erſt dieſe magiſche Anziehungs⸗ kraft erlangt habe, ſeitdem ſie wußte, daß ſein Aufenthalt jetzt der Wald ſei! Freilich ein ganz anderer, gber er lag in derſelben Richtung, wenn auch weit, weit hinter dieſem, dazwiſchen befanden ſich Berge und Thäler, Felder, Dörfer und Städte, aber ihre Gedanken mußten über dieſen Wald * hinzichen, um zu jenem zu gelangen, in welchem Er jetzt weilte— und ſie zogen und flogen hinüber, aber wenn ſie jenen Wald erreicht hatten, den ihr Auge am fernen Horizonte erblicken konnte, dann raſteten ſie— ſie ver⸗ weilten dort, weil ſie fanden, daß ſo oder ähnlich der Ort ſein müſſe, den zu ſuchen ſie ausgezogen waren. Es dämmerte bereits, als ſie endlich aufſtand; das Thal hatte ſich mit einem leichten Nebel gefüllt und ihre Gedanken waren von ihrer Wanderung wieder zurückge⸗ kehrt, wie es ſchien, nicht ohne ihren Zweck erreicht zu haben, denn über die Züge des jungen Mädchens war eine Heiterkeit verbreitet, wie ſie nur durch die innere be⸗ glückende Thätigkeit der Seele hervorgerufen werden kann. Sie ging hinab und fand ihre Mutter mit den Vorbe⸗ reitungen zum Abendeſſen beſchäftigt. Kommſt du endlich? empfing ſie dieſe; du weißt doch, daß der Geheimerath heute unſer Gaſt iſt, deßhalb glaubte ich, du würdeſt beſondere Veranlaſſung haben, mir zur Hand zu gehen. Welcher Geheimerath? fragte Cäcilie zerſtreut. Nun, mein Gott, Leſſen, was du nur ſo fragen kannſt! Ich hatte wirklich ganz vergeſſen, daß er ſo plös⸗ lich Geheimerrath geworden iſt; ſei nicht böſe, liebe Mutter. Du mußt nicht ſo zerſtreut und vergeßlich ſein; ich möchte überhaupt wiſſen, woran du eigentlich immer denkſt. Leſſen wird der Abſchied ſehr ſchwer, fuhr ſie nach einiger Zeit fort, obgleich er eine ſo vortheilhafte Stelle und ein ſo gutes Einkommen erhält; er hat gegen mich kein Hehl dargus gemacht. Ich finde das ſehr natürlich, er hat hier viele Freunde, eine freie Stellung— der Vater ſagte es ja bereits. Das iſt es nicht, mein Kind, das iſt es nicht; es hat einen ganz anderen Grund. Einen anderen Grund? Ja, einen anderen Grund. Sollteſt du ihn nicht er⸗ rathen können? Nein, liebe Mama, ich kann ihn wirklich nicht er⸗ rathen, erwiederte ſie völlig unbefangen. Das würde dem Geheimenrath ſehr leid thun, wenn et es wüßte, denn— denn er glaubt, daß ſeine Abreiſe auch bei dir, und gerade bei dir ſchmerzliche Empfindungen hervorrufen müſſe. Gerade bei mir? fragte Cäcilie erſtaunt. Ja, denn er nimmt an, daß du in dieſer Hinſicht ähn⸗ lich empfindeſt, wie er ſelbſt. Cäcilie wurde plötzlich ſichtlich befangen, denn die An⸗ ſpielung ihrer Mutter war zu deutlich geweſen um ſelbſt von einem ſo unſchuldigen Mädchen neitende zu werden. Sie hatte die Empfindung, als ob ein drohendes, unbeſtimmtes Ereigniß gegen ſie heranſchreite, — 156— und es war ihr deßhalb nicht möglich, eine unbefangene Erwiederung zu finden. Sei daher recht freundlich und zuvorkommend gegen den Geheimenrath, mein Kind, fuhr die Mutter nach einiger Zeit fort, du biſt das ſchon einem ſo alten Freunde unſeres Hauſes ſchuldig. Bedenke auch, daß es ſich für ein junges Mädchen nicht paßt, die Zuneigung eines ehrenwerthen Mannes durch Zerſtreutheit oder Theil⸗ nahmloſigkeit zu erwiedern. Leſſen iſt dazu ein ſehr ge⸗ ſcheidter, ſehr achtungswerther Mann, ein Mann— der ſeine künftige Frau gewiß in jeder Beziehung glücklich machen wird. Aber was kümmert mich das alles, Mama? fragte Cäcilie mit einem Lachen, das unbefangen ſein ſollte, aber doch ihre innere Beſorgniß nur ſchlecht verbarg,— was kümmern mich die Eigenſchaften des Geheimenrathes? Nimm immerhin an, daß ſie dich kümmern, mein Kind, ſagte die Mutter mit bedeutungsvollem Tone, du wirſt der Wahrheit damit näher kommen.“ Ich weiß wirklich nicht, was du meinſt, liebe Mama, erwiederte das junge Mädchen, indem ſie ernſt wurde, aber ich will dir nicht verhehlen, daß es mir jetzt recht lieb iſ⸗3 daß der Profeſſor oder Geheimerath uns übermorgen ganz verläßt. Das iſt dir lieb? Du biſt ein thörichtes, unverſtän⸗ diges Kind, das wie der Blinde von der Farbe in den Tag hineinſchwatzt. Wenn du, wie es ſcheint, meine Andeutungen verſtanden haſt, ſo war deine Antwort um ſo unpaſſender und überflüſſiger. Uebrigens verläßt uns der Geheimerath übermorgen nicht ganz, wie du dich ausdrückſt, ſondern er wird bald zum Beſuche wieder zurücktehren— doch wir reden ſpäter darüber, gehe jetzt, decke den Tiſch und gib genau Acht, daß nichts fehlt, denn Leſſen hat für ſolche Dinge ein geübtes Auge. Cäcilie erwiederte nichts auf dieſe eigenthümliche Rede ihrer Mutter, denn ſie erkannte, daß dieſelbe nicht ohne Abſicht zu ihr geſprochen habe. Es bemächtigte ſich ihrer ein Gefühl der Beklommenheith ja, ſelbſt der Angſt, welches ſie trieb, den erhaltenen Weiſungen eiligſt Folge zu geben, wenn auch nur, um fernere Erörterungen zu verhindern. Als dann Leſſen kam, war ſie ganz anders wie ſonſt, denn ſie beſaß ſo wenig Verſtellungskunſt, daß es ihr nicht möglich war, die ſie bewegenden Gefühle zu verbergen. Ihr Benehmen blieb daher während des ganzen Abends zerſtreut und befangen. Die ihr ſonſt eigene harmloſe Heiterkeit, ihr ſo leicht erregker und ſich eben ſo äußernder Frohſinn, das kindliche Lachen— das alles war verſchwunden, ſie ſaß nachdenkend und befangen; wenn ſie gefragt wurde, gab ſie kurze und verlegene Ant⸗ worten, und niemals wandte ſie ſich in ihrer Rede an Leſſen. Es entging dieſe Veränderung ihres Weſens — 158— weder dieſem noch ihrem Vater, und der Letztere richtete deßhalb mit ſeiner gewohnten Offenheit directe Fragen an ſie. Dadurch ſteigerte ſich jedoch ihre Befangenheit noch mehr, und man hielt es daher bald nach einer ſtillſchwei⸗ genden Uebereinkunft für das Beſte, ſich den Anſchein zu geben, als bemerke man ſie gar nicht. Leſſen legte dies mit innerem Wohlgefallen zu ſeinen Gunſten aus, denn er zweifélte nicht, daß Cäciliens Mutter bereits die erſten Schritte gethan habe, und erblickte in dem Benehmen des jungen Mädchens nichts als den Ausfluß jungfräulicher Verſchämtheit, welche ihn, den Bewerber um ihre Hand, jetzt in einem galz anderen Lichte erſcheinen laſſe, als bisher. Obgleich er in dieſer Vorausſetzung nicht gänzlich irrte, ſo wurde er doch am anderen Tage wieder zweifelhaft, als er erkennen mußte, daß ihn Cäcilie ſichtlich vermied und nur ſo oft und ſo viel oder ſo wenig als unumgänglich nöthig war, mit ihm verkehrte. Cinigermaßen durch eine nochmalige Unterredung mit ihrer Mutter beruhigt, nahm er dann Abſchied, bei welchem“ Cäcilie faſthkein Wort ſprach, und reiſte am beſtimmten Tage ab, üehr noch wie vorher in dem Entſchluſſe befeſtigt, nur ſie zu einer künftigen Lebensgrführtin zu wählen. Siebentes Apitl. Mittel und Zwetk. Des Menſchen Thun iſt eine Ausſaat von Verhängniſſen, Geſtreuet in der Zukunft dunkles vang Schiller. Wir ſind genöthigt, in unſerer Erzählung einige Wochen zurückzugehen, um Nettchen auf ihrer Reiſe zu ihrer neuen Beſtimmung zu begleiten. Sie ſaß in der bequemen und eleganten fürſtlichen Equipage, welche im raſchen Trabe dahin rollte, neben der alten Margareth mit ſehr gemiſchten Gefühlen. Die ungewohnte Art zu reiſen mit zwei Bedienten und für ſie bereit gehaltenen Relais⸗Pferden, die Zuvorkommenheit, mit welcher man bemüht war, ihren Wünſchen entgegen zu kommen, machte auf ſie zwar einen angenehmen Eindruck, welchen die ſtaunenden Bemer⸗ kungen ihrer Dienerin noch erhöhten, der jedoch durch ihre eigenen Betrachtungen wieder weſentlich beeinträchtigt wurde. Sie erkannte, daß ſie ſich durch Derartiges nicht beſtimmen laſſen dürfe, in der Erreichung ihres Planes — 160— irgend ſchwankend zu werden, daß ſie jetzt an einem ent⸗ ſcheidenden Wendepunkte ihres Geſchickes ſtehe und daher mit Klugheit und noch mehr mit Feſtigkeit handeln müſſe, wenn ſie nicht alle Vortheile ihrer jetzigen Lage ver⸗ lieren ſolle. Sie verſank in tiefes Nachdenken und gab wenig Acht auf die Plaudereien ihrer Dienerin, ſie blieb auch eben ſo ſchweigſam und verſchloſſen, als ſie nach wenigen Stunden das für ſie beſtimmte Nachtquartier erreichten, deſſen lururiöſe Einrichtung nichts zu wünſchen übrig ließ und abermals die Bewunderung der alten Margareth her⸗ vorrief. 5⁸ Ach, was wirſt du für ein angenehmes und herrliches Leben führen! ſagte dieſe mit freudigem Staunen, als ſie Nettchen auf die eleganten Toilette⸗Gegenſtände, die vielen Büchſen, Doſen und Fläſchchen, ſo wie auf das feine Leinen der Bett-Ueberzüge aufmerkſam machte, ſo etwas habe ich noch nie geſehen, das kann auch nur eine Fürſtin haben. Sieh nur— Laß das, erwiederte Nettchen, indem ſie in die weichen Betten verſank; ich bin müde— das verſteht ſich jetzt Alles von ſelbſt und iſt Nebenſache— doch wann werden wir morgen weiter fahren? Der Herr Haushofmeiſter, ſo wird der eine Herr ge⸗ nannt, wünſchte deine Befehle, wie er ſich ausdrückte, deßhalb zu erfahren, und bemerkte, wir würden acht Stunden bedürfen, um an den Ort unſerer Beſtimmung zu gelangen. Nannte er keinen Namen? Ja, er nannte auch den Namen, aber ich habe ihn wieder vergeſſen; es war ein franzöſiſches Wort. Es iſt aber ein Schloß, ſo viel habe ich herausgehört. Nun, laß es gut ſein, ich bin müde und will ſchlafen; ſage ihm, ich wünſchte um? 7 Uhr weiter zu fahren. Schön, ſchön, mein Kind, ich werde es ihm be⸗ ſtellen und werde dann auch ſchlafen gehen; Zeit meines Lebens habe ich nicht in einem ſo koſtbaren Bette geſchlafen. So geh' denn endlich, ſagte Nettchen ungeduldig, und wecke mich um 6 Uhr. Sie lag noch in einem unruhigen Schlummer, als die alte Margareth am anderen Morgen dieſer Weiſung ge⸗ nügte, denn ſie hatte, ungeachtet ihrer Ermüdung und des weichen und üppigen Lagers, doch eine faſt ſchlafloſe Nacht zugebracht; ihre Gedanken hielten ſie wach, und dieſe Gedanken kamen immer wieder und wollten durch⸗ aus nicht weichen, ſo gern ſie dieſelben auch los gewor⸗ den wäre. Die Reiſe wurde am anderen Tage in gleicher Weiſe fortgeſetzt. Von Zeit zu Zeit echielt der Wagen friſche Pferde und rollte daher in faſt gleichmäßigem, raſchem Trabe auf der wohl unterhaltenen Kunſtſtraße fort. Gegen Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 11 „ Mittag wurde die Gegend gebirgiger, bald darauf verließ der Wagen die Chauſſee und fuhr auf Feldwegen, mehre Dörfer berührend, weiter, dann aber führte der Weg in einen Wald, in welchem die Reiſe über zwei Stunden weiter ging. Sieh, mein Kind, welch ein ſchönes Schloß! rief jetzt die alte Margareth, während der Wagen in eine freiere Lichtung fuhr; ich glaube faſt, wir werden hier bleiben, denn wir ſind ja ſchon länger als acht Stunden gefahren und es fing an, mir ordentlich ängſtlich in dem großen Walde zu werden. Auch Nettchen betrachtete mit geſpannter Auſ keit das jetzt vor ihren Blicken daliegende Schloß. Es war nicht groß, im Renaiſſance-Styl gebaut, von hübſchen, zierlichen Verhältniſſen, aber, wenigſtens im Aeußern, in der letzten Zeit offenbar vernachläſſigt. Seine Lage auf dem Rücken einer Anhöhe bot, über die daſſelbe rings um⸗ gebenden Wälder hinweg, eine weite Fernſicht in die ge⸗ birgige Gegend. Der Wagen fuhr jetzt raſch durch ein eiſernes Gitter⸗ thor über den mit Kies befahrenen Vorhof und hielt dann vor dem mit mehren Hirſchgeweihen decorirten Portale ſtill. Vergeblich hatten Nettchens Blicke ſchon längere Zeit, ehe ſie das Schloß erreichten, den Prinzen geſucht; ihre Er⸗ wartung, daß er ihr entgegenkommen, ſie überraſchen, ſie wenigſtens jetzt empfangen werde, erfüllte ſich nicht, 6 und ein Schatten getäuſchter Hoffnung lagerte ſich auf ihrem Geſichte. Bediente ſprangen an den Wagenſchlag, auch eine ältere Dame erſchien, und Alle waren der Ankommenden beim Ausſteigen behülflich. Dann wurde ſie durch eine größere, ebenfalls an den Wänden mit Hirſchgeweihen decorirte Halle zu einer zierlichen ſteinernen Treppe geführt und gelangte ſo in eine Reihe mit allem Comfort verſehener Zimmer. Aber auch hier war er nicht. Ihr Auge flog ſuchend umher— ſie dachte wieder an eine Ueberraſchung, an irgend eine von der Liebe erfundene, unvorhergeſehene Ent⸗ wicklung— von dem allem geſchah jedoch nichts. Man fragte nach ihren Befehlen, man zeigte ſich dienſtfertig, unterthänig, die Frau Caſtellanin, wie ſie genannt wurde, führte ſie umher aus einem Zimmer in das andere, und ſie konnte nicht umhin, ſich zu geſtehen, daß man in dieſer Beziehung nichts verſäumt, ja, ſogar Vieles mit einer ausgeſuchten Ueppigkeit, ſelbſt, was manche Gemälde betraf, mit Frivolität eingerichtet habe— aber das ließ ſie vorläufig ziemlich gleichgültig. Sie empfand vielmehr ein vielleicht nicht einmal der Klugheit angemeſſenes, un⸗ geduldiges Verlangen, den Prinzen zu ſehen und zu ſprechen— weniger aus Sehnſucht nach ihm, als deßhalb, um über ihre Lage und ihr Verhältniß zu ihm klarer zu werden und danach ihre Maßregeln zu treffen. 44 Wann waren Se. Hoheit zuletzt hier? fragte ſie daher nach einiger Zeit und nicht ohne ſichtliche Anſtrengung die Caſtellanin. Am Dienſtage, gnädigſte Frau, es ſind jetzt vier Tage. Se. Hoheit haben ſich perſönlich von den getroffenen Ein⸗ richtungen überzeugt, die, weil ſie in ſo großer Eile ge— macht worden ſind, der gnädigen Frau gütige Nachſicht in Anſpruch nehmen müſſen, und wollten, ſo viel mir be⸗ kannt, heute gegen V Nittag retourniren. Woher wiſſen Sie das? fragte Nettchen mit einem er⸗ leichterten Athemzuge. Se. Hoheit äußerten ſich in dieſer Weiſe, und es iſt auffallend— ah, ich höre den Galopp eines Pferdes, ſetzte ſie hinzu, während Beide an das Fenſter traten— nein, es iſt nicht Se. Hoheit, ſondern nur ein reitender Bote, ich werde hören, was er bringt. Bald darauf trat ſie wieder in das Zimmer und überreichte Nettchen auf einem ſilbernen Teller einen Es iſt gut, ſagte dieſe, den Brief mit leiſe zitternder Hand nehmend. Die Frau entfernte ſich mit einer tiefen Verbeugung, Nettchen ſank in einen Seſſel und öffnete eilig den mit dem fürſtlichen Privat⸗Siegel geſchloſſenen Brief. Gut, ſagte ſie nach einiger Zeit, ihn langſam wieder zuſammenfaltend und dann wieder öffnend: er kann nicht — 165— kommen, unabweisbare, dringende, höchſt unangenehme Geſchäfte— er iſt unglücklich deßhalb— er klagt und bittet mich um Verzeihung, er habe ſich ſo unendlich auf dieſe Stunde, auf dieſes Wiederſehen gefreut. Was er ſchreibt, klingt wie Wahrheit— warum ſollte er heute nicht kom⸗ men? Wenn es ihm irgend möglich wäre, würde er ſicher gekommen ſein. Es iſt vielleicht recht gut ſo, ich kann mich hier etwas einrichten— ich werde nicht mehr ſo fremd ſein, nicht unter dem Einfluſſe aller dieſer nichtsſagenden Dinge ſtehen. Ja, es iſt gut ſo, ganz gut.— Alſo mor⸗ gen! Ich ſoll ihm antworten. Es wäre vielleicht am beſten, ich thäte es nicht. Doch, fuhr ſie ſinnend in ihrem Selbſtgeſpräche fort, es iſt vielleicht auch nicht gut— alſo werde ich ſchreiben. Sie ſetzte ſich an den für ſie mit allen Erforderniſſen ausgeſtatteten eleganten Schreibtiſch, ſann noch eine Zeit lang nach und ſchrieb dann langſam und mit ſichtbarer Ueberlegung: „Es iſt gut, daß Du heute verhindert biſt, hieher zu kommen, um mich zu begrüßen, denn ich bin von der langen Reiſe ſo ermüdet, daß ich vor Allem der Ruhe be⸗ darf. Alſo bis morgen oder auch vielleicht erſt bis übermorgen. Leb' wohl, und denke bis dahin an Dein Nettchen.“ Sie klingelte, und als die Caſtellanin erſchien, ſagte ſie mit völlig gleichgültigem Tone: Da ich an Se. Hoheit — 166— zu ſchreiben habe, ſo befinde ich mich in der Nothwendig⸗ keit, den Namen dieſes Schloſſes zu erfahren, es heißt.: Monrepos, erwiederte die Caſtellanin mit einer tiefen Verbeugung, entſchuldigen die gnädige Frau, daß ich— Laſſen Sie es gut ſein, unterbrach ſie Nettchen, indem ſie raſch Ort und Datum unter den Brief ſchrieb; hier, fuhr ſie ſodann fort, der Bote ſoll ſogleich abreiten. Wie die gnädige Frau befehlen! Am anderen Tage kam er. Es war ſchon gegen Abend und ſie hatte ſchon lange mit geſteigerter Erwartung ſeiner geharrt, als er in den Hof ſprengte. Wenige Augenblicke darauf ſchloß er ſie ſtürmiſch in ſeine Arme. Ach, wie glücklich bin ich, ſagte er im Laufe des Ge⸗ ſpräches, während ſeine Hand die ihrige feſthielt, wie glücklich bin ich, daß ich dich endlich wieder habe, daß ich deine liebe Stimme wieder hören und wieder in deine freundlichen, ſchönen Augen blicken kann! Du glaubſt es nicht, wie einſam und verlaſſen ich mir vorkomme unter dieſen unterthänigen Menſchen, die doch nur alle ihres eigenen Vortheiles wegen ſich ſo bücken und kriechen— ohne Liebe, ohne Treue, ohne wahre Anhänglichkeit. Du mußt in der kurzen Zeit ſehr taurige Erfahrungen gemacht haben, bemerkte ſie lächelnd. Das habe ich auch. Man hat mich gequält und ge⸗ peinigt den ganzen Tag hindurch, vom frühen Morgen an bis in die ſpäte Nacht— kaum, daß mir ein wenig Zeit übrig blieb, um an dich zu denken— du glaubſt es gar nicht. Jeder will etwas von mir, der Eine dies, der Andere das Gegentheil, die Menſchen ſtehen ſich voll Haß und voll Leidenſchaft gegenüber, und ich ſoll es womöglich doch Allen recht machen. Mein Vater iſt fort— ich glaube, er wird gar nicht mehr zurückkehren, er hat es ſatt, und ich, der ich eben erſt anfange, beneide ihn faſt, daß er ſich in der Lage befindet, dieſen Entſchluß faſſen und ausführen zu können. Wenn ich ein Mann wäre, ſagte ſie, ihn feſt anſehend, ich würde niemals ſo handeln. Du würdeſt niemals ſo handeln, erwiederte er lächelnd; ach, du biſt ein liebes, thörichtes Kind und verſtehſt das nicht. Die ſchönen Tage des ruhigen Genuſſes, ſie ſind vorüber, ſetzte er mit einem Seufzer hinzu; du glaubſt es nicht, welch wirres, unaufhörliches Treiben mich umgibt. Alles iſt in Aufregung und die Leidenſchaften halten es kaum mehr der Mühe werth, ſelbſt gegen mich eine glatte und höfiſche Form nn um von dem Regenten zu ertrotzen, was man von dem Bater vergebens erbeten hat. Aber man ſoll ſich irren, ich werde ihnen von Anfang an zeigen, daß ich feſt entſchloſſen bin, nicht ein Atom meiner fürſtlichen Rechte zu opfern. Ich habe das alles in den Zeitungen geleſen, ſagte ſie mit anſcheinend nachläſſiger Betonung. Du weißt, im Auslande iſt die Cenſur in ſolchen Dingen weniger bedenk⸗ — 168— lich, als im eigenen Lande. Ich habe mir deine Stellung klar zu machen verſucht und viel, recht viel darüber nach⸗ gedacht— hatte ich doch nichts weiter zu thun, als an dich zu denken, ſetzte ſie zärtlich hinzu, als ſie bemerkte, daß ſeine Miene ernſter wurde; biſt du böſe, wenn ich dir meine Anſicht mittheile? An was du alles denkſt, ſagte er lächelnd; nun, ich bin wirklich begierig. Ich werde vielleicht recht thörichtes Zeug ſprechen, fuhr ſie fort, aber was ich ſage, kommt wenigſtens von Je⸗ mandem, der es wahrhaft gut mit dir meint, deſſen Ge⸗ danken ſich nur mit deinem Wohle beſchäftigen. Und was hat ſich denn meine kleine, liebenswürdige Cabinetsräthin ausgedacht? Es läßt ſich in wenig Worte zuſammenfaſſen, erwie⸗ derte ſie ernſt: thue freiwillig alles das, was du ſpäter doch zu thun genöthigt ſein wirſt. Dann erhält es einen Werth, dann rechnet man es dir zum Verdienſte an, wäh⸗ rend man ſpäter dein Nachgeben für Schwäche halten, es nicht anerkennen, ſondern nur mehr von dir fordern wird. Jetzt kannſt du die Grenzlinie, bis zu welcher du gehen willſt, ſelbſt beſtimmen, ſpäter ſteht dies vielleicht nicht mehr in deiner Macht. Er ſah ſie betroffen und ernſt an, nachdem ſie dieſe Worte geſprochen hatte, denn er hatte offenbar eine ſolche Antwort nicht erwartet. Du drückſt dich ziemlich allgemein — aus, ſagte er dann; da du aber ſo viel und lange nach⸗ gedacht haſt, ſo wirſt du mir auch gewiß ſagen können, wie weit ich nach deiner Anſicht zu gehen habe, um der Vortheile nicht verluſtig zu werden, die ich jetzt er⸗ reichen kann. Ach, Eduard, rief ſie ſcherzend, biſt du böſe, daß ich dir meine Anſicht mitgetheilt habe? Wie kann ich wiſſen und ſagen, was du thun oder laſſen ſollſt! Ich habe nur gegrübelt und gedacht, weil ich dich lieb habe, und du be⸗ findeſt dich nun im Beſitze meiner ganzen Staatsweisheit. Wenn es nicht richtig iſt, was ich geſagt habe, ſo denke nicht mehr daran, aber verlange nicht, daß ich mich mit dem häßlichen Dinge, was ihr Politik nennt, näher be⸗ kannt machen ſoll. Du haſt Recht, ſagte er nach einiger Zeit, das heißt Recht darin, daß die Politik dir fremd bleiben muß. Wenn ſie mich müde und matt gemacht hat, dann will ich zu dir eilen, um in deinen heiteren Geſprächen, in deinem fröh⸗ lichen Lachen Erſatz und Erholung zu finden. Laſſen wir das alles jetzt, fuhr er wieder lächelnd fort, wir wollen eſſen, der raſche Ritt hat mich hungrig gemacht. Es wurde ein lururiöſes Souper aufgetragen, und im heiteren Geſpräche beim perlenden Champagner verfloſſen ein paar flüchtige Stunden. Es iſt ſpät, ſagte ſie dann, indem ſie ſeinen Arm zurück⸗ . ſchob, du wirſt aufbrechen müſſen, Eduard; wie weit iſt es eigentlich bis Albernhauſen? Aufbrechen? rief er, was du für thörichte Reden führen kannſt; glaubſt du wirklich, ich würde dich heute verlaſſen? Ich glaube es nicht nur, erwiederte ſie ernſt, ſondern ich bin feſt davon überzeugt. Ach, du biſt reizend in dieſer Verſtellung, aber laß ſie jetzt, gib ſie auf.. Höre mich an, Eduard, unterbrach ſie ihn, raſch auf⸗ ſtehend, während ſie ihn ernſt und faſt feierlich anblickte, höre mich an und dann handle nach deinem Belieben. Im Vertrauen auf dein mir gegebenes Wort bin ich hieher ge⸗ kommen, willenlos, denn dein Wille war der meinige, ich weiß ja nicht einmal, wo ich mich befinde. Ich habe das Band, das mich an meine Vergangenheit feſſelte, zerriſſen, die Brücke hinter mir abgebrochen, alles im feſten Ver⸗ trauen auf dein mir gegebenes Wort.— Du kannſt es brechen, du biſt der Mann, der ſtärkere Theil, außerdem ſouverainer Fürſt, dem die Macht zu Gebote ſteht— aber wenn du es brichſt, ſo zerreißeſt du zugleich das Band, das uns verbindet, denn du reißeſt die Liebe aus meinem Herzen, und was auch mein Lvos ſein möge— wir ſind für immer geſchieden. Du drückſt dich ſehr beſtimmt aus, Nettchen, erwie⸗ derte er ſichtlich betroffen, und zugleich unwillig über ein ſo unerwartetes Benehmen; was verlangſt du denn eigent⸗ lich von mir? Ich verlange, daß du jetzt aufbrichſt, Eduard, ſagte ſie mit zärtlichem Tone, daß du dieſes Schloß verläßt und nach Albernhauſen zurückkehrſt. Du könnteſt mich wirklich in die Nacht hinausſchicken — ich bin zu Pferde gekommen, Nettchen. Es iſt eine ſchöne, mondhelle Nacht, aber wenn es auch regnete und ſtürmte, du müßteſt doch fort, mir zu Liebe— wenn du mich überhaupt werth hältſt, ſetzte ſie leiſer hinzu. Wenn ich dich überhaupt werth halte? Bin ich nicht hier— iſt nicht Alles— und ſchickſt du mich nicht fort? Nicht ich ſchicke dich fort, flüſterte ſie, du gehſt von ſelbſt, du gehſt, weil es nicht anders ſein kann— ſo ſehr wir Beide es auch beklagen. Ich verſtehe dich wirklich nicht, erwiederte er ent⸗ täuſcht. Das ſollte mir ſehr leid thun— geh'jetzt, Eduard, geh' jetzt, und kehre bald, recht bald zurück, ſetzte ſie ihn zärtlich anblickend hinzu; bedenke, wie einſam und ver⸗ laſſen ich hier bin— es iſt Alles recht ſchön, viel zu ſchön — aber was nützt es mir ohne dich? Du biſt wirklich ſonderbar— ſei nicht kindiſch— wenn du ein ſo großes Verlangen haſt, mich wiederzuſehen, warum ſoll ich denn nicht hier bleiben? Dieſe Stunde wird zwiſchen uns entſcheiden, ſagte ſie ernſt, indem ſie ihre Hand zurückog; ich werde jetzt erfahren, ob du mich wirklich liebſt, oder ob es nur in deiner Abſicht lag, mich zum Spielballe deiner Laune zu machen. Wenn du mich wirklich liebteſt, ſo würdeſt du nicht Dinge von mir verlangen, die— die faſt unmöglich ſind, ſetzte er hinzu, die du ja auch ſonſt.... Sei nicht ſo rückſichtslos, mir meine Schwäche vor⸗ zuwerfen, unterbrach ſie ihn raſch— meine Entſchul⸗ digung liegt nur in meiner Liebe zu dir, die, weil ſie vielleicht zu groß war, eine gleiche von dir fordern kann. Und wann ſoll dies enden? fragte er nach einiger Zeit, während welcher Beide geſchwiegen hatten; oder ſoll es vielleicht immer ſo bleiben? ſetzte er ſpöttiſch hinzu. Es wird enden, wenn ich deine Frau bin, ſagte ſie feſt und ruhig— bis dahin muß es allerdings ſo bleiben. Weißt du auch, fragte er, nachdem er wieder längere Zeit nachdenkend dageſtanden, weißt du auch, daß dies noch lange dauern kann? Noch biſt du nicht geſchieden. O, beeile dieſe Sache, Eduard, beeile es, rief ſie, es ſteht ja in deiner Macht; ein Brief von dir an den Fürſten, und der ſchleppende Gang der dortigen Gerichte — wird ſich in einen raſchen Flug verwandeln. In acht Tagen kann das Urtheil geſprochen ſein, verlange es von dem Fürſten als einen Beweis ſeiner freundſchaftlichen Be— ziehungen zu dir; man wird ſich beeilen, dem Regenten in einer ſo unbedeutenden Sache gefällig zu ſein, und dann — dann, ſetzte ſie zögernd hinzu— dann wirſt du nicht mehr nöthig haben, mir wie jetzt Lebewohl zu ſagen und einſam in die Nacht hinauszureiten. Sein Auge hing feſt an ihr, während ſie dieſe Worte ſprach, dann ſchloß er ſie in ſeine Arme. Du haſt Recht, Nettchen, rief er zärtlich, ich erkenne, daß du Recht haſt, und daß du mich wahr und wirklich liebſt. Vertraue mir, mache dir keinen Kummer, keine Sorgen mehr— ich werde mein Wort erfüllen und wir werden ganz glücklich ſein.— Und nun, ſprach er, leiſe ſich aus ihren Armen los machend, weiter, nun laß mich fort— nicht wahr, du zweifelſt jetzt nicht mehr an meiner Liebe? Ich habe nie daran gezweifelt. Bald darauf ritt er einſam im langſamen Schritte zurück durch den nächtlichen Wald, deſſen Bäume träume⸗ riſch im Mondlichte mit dem leiſe flüſternden Nachtwinde koſten. Sein Hetz ſchlug ruhiger und zugleich freudig, wie immer, wenn der Menſch im Kampfe mit der Leiden⸗ ſchaft Sieger geblieben iſt; aber dennoch war es nicht dieſes Bewußtſein allein, was ihn in dieſe gehobene Stimmung verſetzte, obgleich er es vielleicht glauben mochte, ſondern mehr die Gewißheit, das Ziel ſeiner Wünſche doch bald zu erreichen, und die Ueberzeugung, daß die Erlangung dieſes Zieles den Werth der deßhalb zu bringenden Opfer weit übertreffe. Margareth, ſagte Nettchen, nachdem der Hufſchlag ſeines Pferdes verhallt war, zu der eintretenden Dienerin, Margareth, kleide mich aus, ich will ſchlafen gehen, ich bin müde, denn es iſt, glaube ich, ſchon ſehr ſpät; er iſt lange geblieben. Ja, erwiederte dieſe; Niemand glaubte auch, daß er noch fortreiten würde. So, ſagte Nettchen mit befriedigtem Lächeln, glaubte dies Niemand? Aber du zweifelteſt doch nicht daran? O, du biſt ein kluges Kind, ſo iſt's recht, ſo.... Laß das, ſprach ſie ernſt, derartige Bemerkungen paſſen ſich nicht mehr für dich. Es mochten ungefähr drei Wochen ſeit jenem Tage verfloſſen ſein, als Nettchen ſich zu einer ungewöhnlichen Zeit, es war zwei Uhr Nachmittags, feſtlich ſchmücken. ließ. Ein weißes Kleid von dem ſchwerſten Atlas um⸗ ſchloß ihre ſchlanke Taille und fiel in reichen Falten bis auf den Boden herab, die koſtbarſten brüſſeler Spitzen um⸗ ſäumten die nur mäßig ausgeſchnittene Bruſt und die Aermel, und vom Scheitel herab wallte ein langer Schleier derſelben künſtlichen Arbeit. Außer einer Nadel, die aus einem einzigen großen Brillanten beſtand, trug ſie keinen Schmuck. Auf ihren Locken lag der Myrtenkranz, und die glänzenden grünen Blätter, ſo wie die zierlich weißen Blüthen jener ſchon bei den Griechen der Venus geheilig⸗ ten Pflanze unterbrachen anmuthig die dunkle Nacht ihres üppigen Haares. Ach, wie ſchön du heute ausſiehſt, mein Täubchen! rief die alte Margareth, ſie mit wohlgefälligem Lächeln betrachtend— hier iſt das Bouquet— aber es wird Zeit ſein, mein Kind, der Wagen ſteht ſchon ſeit einer halben Stunde vor der Thür. Weßhalb er nur einen ſo ein⸗ fachen Wagen geſchickt haben mag, fuhr ſie redſelig fort, ich habe mir gedacht, heute müßteſt du mit vier— Pfeen Ich habe dir ſchon öfter geſagt, daß du deine Gedan— ken für dich behalten ſollſt, erwiederte Nettchen, indem ſie noch einen prüfenden Blick in den Spiegel warf— üun, ich denke, es iſt Alles gut— ſo will ich denn gehen— wenn ich wiederkehre, ſetzte ſie mit unverkennbarer Freude hinzu, bin ich ſeine Frau, und wir werden dann dieſes langwei⸗ lige Schloß verlaſſen. Lebe wohl, betrage dich ordentlich, ſchwatze nicht mit den Anderen, ſondern ſei ſchweigſam und gemeſſen, wie es ſich für dich ziemt! Sie warf einen bereit liegenden Caſchmir-Mantel um und ging hinaus. Im Votzimmer erwarteten ſie zwei Damen, die Frau eines Generals und eines höheren Be⸗ amten— bald rollte der Wagen fort. Sie fuhren faſt eine Stunde, und der Tag neigte be— reits dem Ende zu, als ſie ein größeres Gebirgsdorf er⸗ reichten. Hier empfing ſie der Prinz in Begleitung des Generals und des höheren Beamten, alle Drei trugen jedoch keine Uniform. Der Prinz führte ſie in das Haus des Pfarrers, der ehrfurchtsvoll an der Thür ihrer harrte. Herr Pfarrer, ſagte dann der Prinz, Sie ſind bereits davon in Kenntniß geſetzt, daß ich wünſche, mit der ge⸗ weſenen Frau des Lieutenants Steinberg zur linken Hand getraut zu werden. Die Scheidungs⸗ ſo wie die Geburts⸗ Urkunde meiner Braut ſind von Ihnen eingeſehen worden, gleichzeitig habe ich den Dispens von den ſonſt üblichen Aufgeboten ertheilt. Ehe Sie die Trauung vollziehen, bitte ich Sie, auch von dieſer Urkunde Einſicht zu nehmen, nach welcher die geſchiedene Frau Lieutenant Steinberg, geborne Soldau, zur Gräfin von Schöneck erhoben iſt, damit die Eintragung in das Kirchenbuch unter dieſem Namen erfolgen kann. 1. Während der Pfarrer mit einer tiefen Verbeugung die Urkunde in Empfang nahm und durchlas, überflog das Roth der freudigſten Ueberraſchung Nettchens Züge, ein dankbarer, zärtlicher Blick und ein feuriger Händedruck belohnten den Spender dieſer unerwarteten Standeser⸗ hohung, der ſelbſt mit ſichtbarer Freude und innerer Ge⸗ nugthuung dieſen Erguß eines dankerfüllten Herzens ent⸗ gegennahm. Sind Sie bereit? fragte er dann, als der Pfarrer ge⸗ leſen hatte. Cw. Hoheit haben zu befehlen. So gehen wir. Der Zug, Nettchen von der linken Hand des Fürſten geführt, verließ das Haus und trat in die gegenüberlie⸗ gende, hell erleuchtete kleine lutheriſche Dorfkirche Die Trauung wurde vollzogen und die darüber bereits vorher aufgenommene Urkunde, ſo wie die Eintragung in das Kirchenbuch von den Neuvermählten und den Zeugen un⸗ terſchrieben. Nettchens Hand bebte ſichtlich vor innerer Erregung, als ſie zum erſten Male„Katharina, Gräfin von Schöneck.“ Von fürſtlichen Dienern wurde ein einfaches, aber lururiöſes Mahl ſervirt, von dem jedoch der Prinz und Nettchen nur der Form wegen eine Kleinigkeit genoſſen— er drängte zum Aufbruch. Meine Damen und Herren, ſagte er daher nach kurzer Zeit, ich verlaſſe Sie jetzt mit meiner Gemahlin, indem ich Ihnen für Ihre Bemühungen danke. Sie haben nicht nöthig, ein Geheimniß aus meiner Vermählung zu machen, es iſt mir im Gegentheile angenehm, wenn ſie ſchon vor Guſtav vom See. Wogen des Lebens. II. 12 — 178— der officiellen Veröffentlichung bekannt wird.— Alſo auf Wiederſehen! Ale Anweſenden verneigten ſich tief und ehrfurchtsvoll, als der Prinz und, von ihm geführt, Nettchen das Pfarr⸗ haus verließen, denn ein Jeder erkannte, daß dieſe ſchöne junge Frau mit den klugen und geiſtvollen Zügen nicht ohne Einfluß auf die nächſten Geſchicke des kleinen Vater⸗ landes ſein werde. Raſch fuhren ſie nach Monrepos zurück, und als dann ſpäter die Nacht ihren dunkeln, ſternbeſäeten Mantel über die Wälder ausbreitete, ſah man nicht mehr, wie dies in den letzten Wochen ſo oft geſchehen war, einen einſamen Reiter das Schloß verlaſſen. Die Sonne hatte am anderen Tage bereits einen. Theil ihres Laufes zurückgelegt, als Beide, ſie in einem reizenden weißen Negligé, zuſammen beim Frühſtücke ſaßen. Heute wollen wir noch hier bleiben, ſagte der Prinz, indem er ihre kleine Hand küßte, welche ihm Kaffee ein⸗ ſchenkte; es wird mir eigentlich recht ſchwer, mich von Monrepos zu trennen, fuhr er mit einem leichten Seufßzer fort, wo wir ſo ſchöne Stunden zuſammen verlebt haben— Stunden, die vielleicht ſo nie zurückkehren werden. Waren ſie ſo ſchön, weil du immer Abends fortreiten mußteſt? fragte ſie ſchalkhaft. Wer weiß es, vielleicht gerade deßhalb— doch ich bin wirklich ein Thor... Laß uns die ſchönen Stunden erneuern, unterbrach ſie ihn halb empfindlich, ich bin ganz damit einverſtanden. Wäreſt du's? lachte er freundlich, nun, wir wollen es lieber nicht darauf ankommen laſſen. Alſo morgen früh werde ich nach Albernhauſen zurückkehren und morgen wird auch das Regierungsblatt unſere Vermählung veröffent⸗ lichet. Am Abend kommſt du nach und nimmſt Beſitz von den für dich im Schloſſe eingerichteten Räumen. Mit meiner Mutter werde ich vorher ſprechen— ich hoffe, ſie wird den Umſtänden Rechnung tragen; ſie iſt eine ver⸗ nünftige Frau, und wenn ſie dich erſt näher kennen ge⸗ lernt hat, ſo zweifle ich nicht, daß ſie auf die Frau ihres einzigen Sohnes ihre Liebe zu ihm ſelbſt übertra⸗ gen wird. Nettchen war ernſter und nachdenkender geworden, aber ſie hielt es für angemeſſen, nichts auf dieſe Mittheilung ihres Gatten zu erwiedern. Doch laſſen wir das für jetzt, fuhr er fort, ohne einige Kämpfe und Unannehmlichkeiten wird die Sache nicht ab⸗ gehen; du wirſt mir darin zur Seite ſtehen und durch dein kluges und zurückhaltendes Benehmen, in welchem du ja Meiſterin biſt, die etwa am Himmel unſeres Glückes heraufziehenden Wolken vertheilen helfen. 42 — 180— Du haſt in alen Dingen über mich zu er⸗ wiederte ſie leiſe. Ich habe längſt die Erfahrung vom Gegentheil ge⸗ macht, ſagte er ſcherzend; ich möchte nun in Einer Sache deinen Rath hören. Wenn ich nur etwas davon verſtehe. Gerade du am meiſten. Was hältſt du von Leſſen? Ich halte ihn für einen geſcheidten, etwas intriganten Mann. Das iſt auch meine Anſicht. Glaubſt du, daß er ſich zu meinem Cabinetsrathe eignen würde? Ich denke, du haſt ihm dies zugeſagt? Wie man es nehmen will. Ich habe ihm allerdings einige Ausſicht auf dieſe Stelle gemacht, aber bin wieder zweifelhaft geworden, ob ich ſie realiſiren ſoll. Sie wußte, daß er dieſe Zuſage ſehr beſtimmt ertheilt, ja, ihm mündlich die Stelle mit Angabe des Einkommens bereits verliehen habe, und erkannte daher nicht ohne Be⸗ ſorgniß, wie wenig er gegebene Verſprechungen für ſich bindend erachte. Weßhalb biſt du wieder zweifelhaft geworden? ugt ſie daher forſchend.. Ich weiß nicht, ob es gut und vortheilhaft ſein wird, 3 einen Mann in meiner nächſten Nähe, gleichſam zu meinem Vertrauten zu haben, der ſo genau in unſere Vergangen⸗ heit eingeweiht, ja, ſogar theilweiſe dabei eine mitwirkende Perſon geweſen iſt. Es liegt im Menſchen, ſich deßhalb mehr oder weniger eine unverdiente Wichtigkeit beizulegen; man iſt ſelbſt genirt und könnte durch ſeinen Anblick, viel⸗ leicht durch ſein Benehmen an Dinge erinnert werden, an die man nicht erinnert ſein will, die am beſten der Ver⸗ geſſenheit anheimfallen. Leſſen hat mir einige Dienſte ge⸗ leiſtet, ich erkenne dies an, aber das hebt ſich auf— ich habe ihn zum Profeſſor gemacht, könnte ihm allenfalls noch einen Orden oder ein Geldgeſchenk zukommen laſſen, und damit wäre die Sache abgemacht. Sie erkannte, daß manches Wahre in dieſen Worten liege, und begann zu überlegen, welchen Rath ſie ertheilen ſolle. Die Erfüllung eines geleiſteten Verſprechens war ihr ebenfalls Nebenſache, ſie erwog nur, ob die Anweſen⸗ heit Leſſen's für ſie nützlicher oder nachtheiliger ſein würde, und entſchied ſich für das Erſtere. Sie glaubte, in Leſſen einen Mann zu beſitzen oder zu gewinnen, der ihren Zwecken dienſtbar zu machen ſei, durch den ſie in vielen Dingen auf den Prinzen würde einwirken können, ohne daß es den Anſchein gewinne, als ob dieſe Einwirkung von ihr aus⸗ ginge; denn ſie dachte ſich, daß Leſſen ſchon aus Klugheit und perſönlichem Intereſſe ſich eben ſo ſehr an ſie an⸗ ſchließen werde. Dieſe raſchen Erwägungen beſtimmten ſie daher, nach kurzem Nachdenken ihren Einfluß zu ſeinem Gunſten geltend zu machen. Lieber Eduard, ſagte ſie lachend, du wirſt von mir — 182— tein Urtheil darüber verlangen, ob Leſſen die Eigenſchaften eines Cabinetsrathes beſitze oder nicht, denn ich verſtehe von dieſen Dingen nichts und habe auch durchaus nicht die Abſicht, mein Verſtändniß darin zu erweitern. Wenn ich mich jedoch recht erinnere, ſo ſagteſt du mir vor deiner Abreiſe, du habeſt ihm bereits dieſe Stelle zugeſagt. Be⸗ finde ich mich darin nicht im Irrthume, ſo wüßte ich nicht, wie du jetzt noch zweifelhaft ſein kannſt, denn ein Ehren⸗ mann und beſonders ein Fürſt muß vor allen Dingen ein gegebenes Verſprechen halten. Das iſt eine beſchränkte und weibliche Auffaſſung, mein Kind, erwiederte er nachläſſig; denn Niemand mehr als gerade ein Fürſt iſt in ſeinen Handlungen von den jedesmaligen Verhältniſſen und Umſtänden abhängig, welche ihn oft nöthigen, Zuſagen zu machen, deren Er— füllung ſpäter unmöglich iſt, weil ſie ſein oder ſeiner Un⸗ terthanen Wohl gefährden würden; höhere Rückſichten können einen Fürſten ſogar nöthigen, unbeſtimmte Ver⸗ ſprechungen zu geben, in der beſtimmten Abſicht, ſie nie⸗ mals zu realiſiren— es geht nicht anders in der Politik, mein Kind, ſetzte er mit einem belehrenden Tone hinzu, da er ſah, wie verwundert und forſchend ihn Nettchen betrach⸗ tete. Uebrigens habe ich Leſſen auch nur eine ſehr allge⸗ meine Zuſage gemacht, an die ich keineswegs gebunden bin, fuhr er fort; ſieh daher die Sache ſo an, als ob es ſich einfach um die Frage handle: ſoll Leſſen Cabi⸗ —— — 183 netsrath werden oder nicht? und laß nun deine Anſicht hören. Ich hatte nie geglaubt, daß du ein Anhänger ſolcher Grundſätze wäreſt, ſagte ſie, ihm raſch ihre Hand ent— ziehend; wenn ich das gewußt hätte— nun, jetzt iſt es zu ſpät, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu, und ich werde abwarten müſſen, bis die Umſtände dich beſtimmen wer⸗ den, zu deinem und deiner Unterthanen Wohl auch über mich— Sprich den Satz nicht aus, wenn du mich nicht ab⸗ ſichtlich kränken willſt, unterbrach er ſie heftig, denn ich ſollte denken, ich hätte gerade dir den bündigſten Beweis vom Gegentheile gegeben. Beweis? fragte ſie, ihn forſchend anſehend; du haſt verſprochen— Und gehalten! Und wirſt immer und ewig halten! rief ſie, ihn leiden⸗ ſchaftlich umſchlingend; ach, ſei mir nicht böſe, ſchon der Gedanke an die Möglichkeit, dich zu verlieren, macht mich unglücklich; ich will gern Allem, all dieſem Prunke, dieſem Tand entſagen, daran hängt mein Herz nicht — nur dir nicht— nur dir nicht— dann würde es brechen! Ach, du biſt ein recht thörichtes Kind, ſagte er zärtlich und zugleich mit einem befriedigten Lächeln; aber wenn noch einmal ſo ganz verrätheriſche und ſchlechte Gedanken — 184— in deinem Köpfchen aufſteigen, ſo werde ich glauben müſſen, du liebteſt mich nicht mehr, denn ohne Vertrauen gibt es keine Liebe. Ich vertraue dir, ich vertraue dir, flüſterte ſie leiſe, und wenn ich dich gekränkt, ſo vergib mir, nur meine Liebe war die Sünderin. Der Menſch kann ja nicht ſein ohne Sünde, ſo will ich denn auch dieſe holde Sünderin hoch und werth halten, und nie von ihr laſſen, bis ich ſterbe! Ich danke dir, Eduard, ſagte ſie, ihn küſſend, ich danke dir— du machſt mich ſehr glücklich. Du haſt mir aber immer noch keine Antwort auf meine Frage gegeben, ſagte er nach einiger Zeit. Ach, du meinſt Leſſen— ich habe wirklich nicht mehr daran gedacht; iſt dir ſo viel daran gelegen? Ich wünſche es. Nun, ſo mache ihn zum Cabinetsrathe. Was beſtimmt dich zu dieſer Antwort? Was mich dazu beſtimmt? Es iſt wirklich ſchwierig, dir dieſe Frage zu beantworten, und wenn ich offenherzig ſein ſoll, ſo weiß ich es ſelbſt nicht. Wir Frauen handeln ja immer mehr oder weniger nach Gefühlen, fuhr ſie mit einem faſt muthwilligen Lächeln fort, der Verſtand und die daraus hervorgehende Ueberlegung iſt die Sache des Man⸗ nes. Ich weiß daher auch nicht, ob die Umſtände, oder wie du das ſonſt nennſt, es angemeſſen machen, meinen t Rath zu befolgen, es iſt vielleicht ſogar beſſer, wenn du es nicht thuſt; mein Gefühl ſagt mir nur, daß Leſſen dir in vielen Dingen nützlich ſein könnte, daß gerade er, als Aus⸗ länder, der zu den hieſigen Parteien weder in näheren Beziehungen noch Verbindungen ſteht, vielleicht am meiſten geeignet ſein wird, eine Stellung einzunehmen, welche das vollſte perſönliche Vertrauen rechtfertigt. Ich halte ihn für einen klugen und begabten Mann, allerdings gepaart mit einem Hange zur Intrigue, der jedoch, wie ich mir denke, ſetzte ſie lächelnd hinzu, zu den Eigenſchaften eines Geheimen Cabinetsrathes mit gehören muß. Ich habe nie geglaubt, daß das Gefühl in ſo umfang⸗ reicher Weiſe den Verſtand zu erſetzen vermöge, erwiederte der Prinz, welcher Nettchens Rede mit Aufmerkſamkeit ge⸗ folgt war; ich werde deinen Rath befolgen, ſagte er dann nach einigem Nachdenken, morgen ſoll Leſſen's Ernennung ausgefertigt werden. Den Reſt des Tages verlebten Beide in heiterer unt beglückender Gemeinſchaft, wenn auch nicht ganz frei von einer gewiſſen Unruhe, erzeugt von dem Gedanken an die bevorſtehenden Ereigniſſe. Der Prinz unterließ es nicht, ſeiner jungen Frau nochmals ausführlich die Verhältniſſe und Beziehungen der Perſonen am Hofe, namentlich die Eigenſchaften und Eigenheiten ſeiner Mutter mitzutheilen, 5 und ſie konnte nicht umhin, ſich zu geſtehen, daß eine Ste Stellung ihrer harre, in welcher ſie eben ſo ſehr — 186— mit Klugheit und Tact, als auch von Anfang an mit Be⸗ ſtimmtheit zu handeln habe. Am Morgen des anderen Tages verabſchiedete er ſich, wie es feſtgeſetzt war; gegen Abend erſchien eine vierſpän⸗ nige fürſtliche Equipage, Kutſcher und Bediente in Gala⸗ Livrée, und wenige Stunden darauf fuhr die Gräfin von Schöneck am Portale des fürſtlichen Schloſſes vor, an welchem ſich eine Menge Menſchen verſammelt hatte. Der Fürſt empfing ſie und geleitete ſie in die für ſie beſtimmten Gemächer. Die Fürſtin⸗Mutter hatte es entſchieden ab⸗ gelehnt, die Gräfin noch am Abende zu ſehen, und ſo ver⸗ brachte das neu vermählte Paar, ähnlich wie in Monrepos, den erſten Abend im fürſtlichen Schloſſe, nachdem es Nett⸗ chen nicht ohne Mühe gelungen war, die ſichtliche Ver⸗ ſtimmung ihres Gatten durch Scherz und Liebkoſungen zu verſcheuchen. Ichtts Znpitel. Erklärungen. Heiß mich nicht reden, heiß' mich ſchweigen, Denn mein Geheimniß iſt mir Pflicht; Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen, Allein das Schickſal will es nicht. Goethe. Seit dem Abende, an welchem Nettchen als die Ge⸗ mahlin des Prinz⸗Regenten und Gräfin von Schöneck zuerſt das fürſtliche Schloß zu Albernhauſen betreten hatte, ſind jetzt ſechs Monate verfloſſen; wir haben daher, um mit unſerer Erzählung wieder in die Gegenwart zu kommen, Manches nachzuholen und ſind genöthigt, den Leſer vor Allem mit den Verhältniſſen am Hofe genauer bekannt zu machen. Der alte Fürſt hatte ſich, nachdem er, durch die Um⸗ ſtände gezwungen, ſeinem Lande eine Verfaſſung gegeben, ganz von den Regierungsgeſchäften zurückgezogen, der Prinz war daher unter dem Namen Mitregent der ſouveraine und regierende Fürſt des Landes. Der Landtag, nach der Ver⸗ faſſung aus Einer Kammer beſtehend, war unmittelbar — 188 nachher zuſammengetreten, und es hatte ſich ſowohl dadurch als durch die freier gewordene Preſſe ein reges politiſches Leben entwickelt. Es traten in der Kammer bedeutende Rednertalente auf, zum erſten Male wurden die Intereſſen des Landes öffentlich und in einer freiſinnigen, oft ſelbſt rückhaltloſen Weiſe beſprochen, ſo daß der Mitregent ſich genöthigt ſah, das bisherige Miniſterium durch liberalere Perſonen zu ergänzen. Wie immer in ſolchen Uebergangs⸗ Perioden, gingen dieſe Veränderungen nicht ohne große Aufregungen und nicht ohne Betheiligung der Maſſen vor ſich. In letzterer Bezichung wirkte die morganatiſche Ehe des Mitregenten mit der Gräfin von Schöneck beſonders nachtheilig. Je verhaßter der bisherige Zuſtand geweſen war, je mehr man der Ueberzeugung Raum gegeben hatte, daß derſelbe ſich nach dem Ableben des alten Fürſten ändern werde, um ſo größer war die Enttäuſchung, als man ſah, daß der Sohn ganz in die Fußſtapfen ſeines Vaters trat und, ſtatt einer fürſtlichen und ebenbürtigen Gemahlin, ebenfalls wieder eine zur Gräfin erhobene Geſchiedene ſich zur Gefährtin auserſehen habe. Die Fürſtin⸗Mutter trat dieſem Verhältniſſe von Anfang an entſchieden feindlich, wenn auch nur paſſiv, entgegen, die ganze Bevölkerung ſtand auf ihrer Seite, und ſelbſt am Hofe hatten ſich, un⸗ geachtet der Mitregent die Macht und die Gewalt beſaß, zwei ſich befeindende Parteien gebildet. Bereits vor der Abreiſe des alten Fürſten war es zu 8— Tumulten gekommen, welche zwar nach dem Zuſammen— tritte der Kammer aufgehört, ſich jedoch in der letzten Zeit wieder erneuert hatten. Wo ſich die Gräfin von Schönecck öffentlich zeigte, wurde ſie kalt, oft ſogar mit offener Verhöhnung empfangen, ſo daß ſie es vorzog, möglichſt zurückgezogen zu leben, und die Abſicht hatte, nach Eintritt der beſſern Jahreszeit ihren Sommer⸗Aufenthalt auf einem nahe bei Albernhauſen ge⸗ legenen fürſtlichen Schloſſe zu nehmen. Der Fürſt ſelbſt war durch alle dieſe Dinge faſt ſtets in übler Laune, die Verfaſſung und die ſich ſteigernde Macht der Kammer be⸗ trachtete er nach wie vor als einen Eingriff in ſeine fürſt⸗ lichen Rechte, als eine ihm abgedrungene Conceſſion, welche wieder zu beſeitigen ſein feſter, wenn auch noch nicht kund gegebener Entſchluß blieb. Perſönlich fand er ſich gekränkt durch die an den Täg gelegte Mißachtung ſeiner Gemahlin, ſelbſt von Seiten ſeiner eigenen Mutter, welches Gefühl der Kränkung ſich faſtzumHaſſe ſteigerte gegen diejenigen, welche dieſe Nicht⸗ achtung ebenfalls unverhohlen zur Schau trugen. Leider war dies aber faſt das ganze Volk, und ſo ſtand denn Fürſt und Volk im ziemlich offenen Kampfe ſich gegenüber, jeder Theil von den ihm zu Gebote ſtehenden Waffen Gebrauch machend. Daß Nettchen unter ſolchen Verhältniſſen einen ſchweren und keineswegs angenehmen Stand hatte, wird kaum der — 190— Erwähnung bedürfen. Ihr Einfluß auf den Fürſten nahm jedoch eher zu, als ab, denn ſie verſtand es, in einer für ihn faſt unmerklichen Weiſe ſeine Entſchlüſſe zu beherrſchen und ihm die Stunden in ihrer Geſellſchaft ſo angenehm zu machen, daß er ſich nach all den Wirren und Unannehm⸗ lichkeiten, die ihn täglich in Anſpruch nahmen, wie nach einem Zufluchtsorte nach ihrem Umgange ſehnte und es völlig vergeſſen lernte, daß gerade ſie die Haupt⸗-Urſache aller dieſer Zerwürfniſſe war. Nettchens treueſter Verbündeter war Leſſen geworden. In der erſten Zeit war er ſehr vorſichtig aufgetreten, hatte ſelbſt hier und da mit der Oppoſition geliebäugelt. Als er jedoch erkannte, daß er hier, ſo wie die Sachen ſtanden, nothwendig Partei ergreifen und ein offenes Viſir tragen müſſe, wenn er ſich nicht bei beiden Parteien un⸗ möglich machen wolle, ſo trat er, wie dies ſeine Stellung ohnehin nöthig machte, unverhohlen auf die Seite des Mit⸗ regenten und wurde deßhalb bald als ein entſchiedener Geg⸗ ner der freiſinnigen Richtung allgemein verhaßt. Deſſen ungeachtet bedurfte es auch einer gewiſſen Zeit, um ſich zu entſchließen, auch eben ſo offen die Partei der Gräfin von Schöneck zu ergreifen; denn es war ihm im Anfange zwei⸗ felhaft, ob der Fürſt, von den Verhältniſſen gezwungen, vielleicht auch aus andern perſönlichen Gründen, ſie doch nicht ſchließlich wieder fallen laſſen würde. Erſt als er ſich überzeugt hatte, welche große Gewalt die Gräfin über den Fürſten beſaß, mit welcher Klugheit ſie ſeine Schwächen auszubeuten und ihre Vorzüge und Gaben zu verwerthen verſtand, entſchloß er ſich, zu ſeinem eigenen Vortheile ihr Verbündeter zu werden, und er wurde es nun auch im ganzen Sinne des Wortes, weniger deß⸗ halb, weil er es ehrlich und redlich meinte, als weil die Verhältniſſe ſo lagen, daß eine einmal kund gegebene Par⸗ teinahme einen Rücktritt unmöglich machte. Nachdem er drei Monate Cabinetsrath geweſen und ſeine Stellung ſich in der gedachten Weiſe geklärt hatte, nahm er auf acht Tage Urlaub und verheirathete ſich mit Cäcilie Erin. Es liegt nicht im Plane unſerer Erzählung, auf eine nähere Schilderung der Umſtände einzugehen, welche Cä⸗ eiliens Einwilligung herbeiführten. Wenn es uns ge⸗ lungen iſt, von ihrem Charakter ein richtiges und anſchau⸗ liches Bild zu entwerfen, ſo wird es einer ſolchen Schilde⸗ rung auch kaum bedürfen. Der Mutter, welche in dieſer Verbindung das Glück ihres Kindes erkannte, gelang es bald, ihren Mann zu derſelben Ueberzeugung zu bringen. Cäcilie ſelbſt empfand zu Leſſen keine Neigung, nur Ach⸗ tung vor ſeiner geiſtigen Begabung, auch vermochte ſie dem Wunſche ihrer Eltern, namentlich ihrem Vater, keinen ſtich⸗ haltigen Weigerungsgrund entgegen zu ſtellen, denn ihre Liebe zu Horſt, welche heimlich in dem Heiligthume ihres Herzens lebte, war bei ihr ſelbſt ja nicht einmal zur Er⸗ K „ — 192— kenntniß gekommen. Auch ſagte ſie ſich, daß er ſie gewiß längſt vergeſſen habe, hatte er doch auf Nimmerwieder⸗ ſchen von ihr Abſchied genommen; ſie hatte es ſich ja ſelbſt noch nie geſtanden, daß ſie ihn liebe. Aber ihren Vater liebte ſie zärtlich und faſt ſchwärmeriſch, und ihr Vater wünſchte es ja auch, daß ſie Leſſen heirathen ſolle, wenn er ihr auch immer wieder ſagte, ſie möge nur ihr eigenes Herz dabei zu Rathe ziehen. Dann kam Leſſen's Bewer⸗ bung, ein Brief von ihm an ſie— er war, was ſie jedoch nicht erkannte, mit der Gewandtheit und Befähigung eines erfahrenen Mannes geſchrieben, der es ſich zur Aufgabe macht, das Herz eines jungen, unſchuldigen Mädchens zu gewinnen. Was ſollte ſie thun? Dem Wunſche und dem Willen ihrer Eltern entgegentreten? Was ſie im Stillen erſehnte, ſich jedoch ſelbſt nicht einmal geſtehen mochte, das war ja doch für ſie unerreichbar— das Andere ihr eigentlich gleichgültig. Der Gedanke, ihre Eltern, namentlich aber ihren Vater durch eine Weigerung zu kränken, war für ſie unerträglich; ſie gab nach— was hätte ſie anders thun können bei dem ſtündlichen Zureden ihrer Mutter und dem noch beredteren Schweigen ihres Vaters? Wie viele Tauſende ähnlicher Ehen werden geſchloſſen, wo das Mädchen, kaum den Kinderjahren entwachſen und noch in den Auffaſſungen derſelben befangen, ſich faſt wil⸗ lenlos dem Manne übergibt, der von denjenigen, welchen ſie vertraut, als der Träger ihres künftigen Glückes hinge⸗ ſtellt wird! Viele Tauſende ſolcher Ehen werden ge⸗ ſchloſſen, glückliche und unglückliche, denn die Liebe des Weibes iſt eine Blüthe, die ſich immer erſchließt, wenn ſie von ſorgender und zarter Hand gepflegt und gewartet wird, die aber ſonſt ſchon in der Knospe verwelkt und abfällt. Cäciliens Liebesblüthe ſtand nochin derunentwickelten Knospe — es kam nur auf die Hand des Gärtners an— wir werden ihre weitere Entfaltung beobachten. Die Hochzeit war einfach und faſt traurig. Der Schmetz der Braut, von ihren Eltern, namentlich von ihrem Vater ſcheiden zu müſſen, wurde nicht gemildert durch das beſeli⸗ gende Bewußtſein, mit dem Geliebten ihrer Wahl ziehen zu können und in ſeiner Liebe den Erſatz für die bisher em⸗ pfundene zu erhalten; das Verlaſſen der Heimat ihrer Kind⸗ heit, ihrer ganzen bisherigen Welt, wurde nicht von dem Lichte der Hoffnung erleuchtet, eine noch ſchönere Heimat an ſeiner Seite zu finden— der Schmerz des Kindes ſtand allein und vereinſamt, und nie, an keinem Tage ihres jun⸗ gen Lebens war der Quell ihrer Thränen daher ſo reichlich gefloſſen, wie an jenem, wo der Myrtenkranz ihre Locken durchzog. Seit zwei Monaten war Leſſen jetzt verheirathet. Sie hatte in dieſer Zeit aufgehört, das fröhliche, ſorgloſe Kind zu ſein, ſie war ernſt und dabei ſchüchtern und faſt ſcheu geworden. Er ſelbſt, der in den erſten Wochen nur für ſie gelebt, nur in ihrem Dienſte ſich abgemüht hatte, Guſtav vom See. Wogen des Lebens. lI. 13 — wurde jetzt durch vielfache Geſchäfte abgezogen, von denen und den fortgeſetzten Zänkereien er faſt ſo lange au ſchließlich ſprach, bis er wahrnahm, daß ſie ihm zwar ſcheinend voll Theilnahme zuhöre, ſich aber doch durchaus nicht dafür intereſſire. Dann wurde er ebenfalls ſchweigſamer und ſprach nur von gleichgültigeren Dingen, denn nicht zu reden war ſeiner Natur entſchieden zuwider. So waren in allgemeinen Umriſſen die Verhältniſſe in Albernhauſen zur Zeit, in welcher wir unſere Erzählung wieder aufnehmen, wir haben dabei jedoch eine Perſon außer Acht gelaſſen, der wir jetzt nothwendig einige Aufmerkſamkeit zuwenden müſſen. Es iſt dies der Geheimerath von Stuhm. Der Einfluß, den er bei dem alten Fürſten genoſſen, hatte ganz aufgehört; der Mitregent, jetzt zur Selbſtändigkeit ge⸗ langt, ſchien abſichtlich zeigen zu wollen, daß er des Rathes eines Mannes nicht mehr bedürfe, welcher eine Zeit lang eine Art von Bevormundung über ihn ausgeübt hatte; denn Menſchen von dem Charakter des Prinzen iſt es ſtets unangenehm, Perſonen, welche ſie in einer weniger gün⸗ ſtigen Lage gekannt haben, in ihrer nächſten Nähe zu ſehen, auch wenn ſie ihnen dankbar verpflichtet find. Der Geheimerath wurde daher lediglich auf ſeine Ge⸗ ſchäfte im Miniſterium beſchränkt und von jeder weiteren Beziehung zu dem Regenten ſelbſt fern gehalten. Die Ur⸗ ſache dieſer Maßnahme hatte ihren Grund nicht nur in dem ſo eben Angedeuteten, ſondern auch in der offenen Partei⸗ nahme der Frau des Geheimenrathes für die Fürſtin⸗Mutter. Man fand allgemein, daß ihr Benehmen keinenfalls der Klugheit alhemeſſen ſei; man wunderte ſich auch, daß die Geheimeräthin auch da und faſt abſichtlich eine ſolche Ge— ſinnung an den Tag legte, wo es gar nicht nöthig erſchien. Man ſprach ſogar davon, daß auch deßhalb Mißhelligkeiten in dem ſonſt ſo glücklichen ehelichen Verhältniſſe eingetreten ſeien. Die Geheimeräthin mochte zu jener Zeit nahe an vier⸗ zig Jahre alt ſein. Sie war eine ſtattliche, hochgewach⸗ ſene, ſchlanke Frau, von edlem, anſtokratiſchem Weſen. Wer ſie nicht näher kannte, hielt ſie für ſtolz, für abge⸗ ſchloſſen und ſelbſt für theilnahmlos. Sie ſprach wenig, hielt ſich, ſo weit es anging, fern von dem Treiben des Hofes und hatte auch während der Regierung des alten Fürſten zu denen gehört, welche der Gräfin ſich nur dann genähert, wenn es die Beobachtung der Etiquette, ihres Mannes wegen, durchaus nothwendig gemacht. Man wußte, daß ſie aus einer altadeligen, aber verarmten Fa⸗ milie des Nachbarlandes ſtamme und daß die Verbindung mit dem Geheimenrathe aus der innigſten Neigung des jungen Paares hervorgegangen ſei. Ihre Ehe war zwar kinderlos, aber nie, während ihrer jetzt neunzehnjährigen Dauer, hatte auch nur der Schatten eines Zerwürfniſſes ſie getrübt; ſie war durchaus unberührt geblieben von den frivolen Ausſtrahlungen des Hofes, und gerade dieſer Um⸗ 15½ 4 — 196— ſtand hatte den alten, eigenſinnigen und ſich in Wider⸗ ſprüchen gefallenden Fürſten bewogen, dem Geheimenrathe ſeine beſondere Gunſt zuzuwenden und ihm die Erziehung ſeines einzigen Sohnes anzuvertrauen. Um ſo auffallender war daher das ſich jetzt verbreitende Gerücht, auch in dieſer bisher ſtets als das Muſter einer glücklichen Ehe aufge⸗ ſtellten Verbindung beginne der Unfriede Wurzel zu ſchlagen. Wir wollen uns ſelbſt von dem Grunde oder Ungrunde dieſes Gerüchtes überzeugen und deßhalb in der Wohnung des Geheimenrathes einen Beſuch abſtatten. Es war noch ziemlich früh am Morgen, wenigſtens für die Bewohner einer fürſtlichen Reſidenz. Des Früh⸗ lings vorgeſchickte Avantgarde lag im Kampfe mit dem Winter, welcher ſich noch hartnäckig auf dem bisher unbe⸗ ſtrittenen Terrain zu behaupten verſuchte. Er ſandte ſchwere, feuchte Schneeflocken in das Gefecht, welche jedoch von den windigen Truppen des Gegners ſtürmiſch gefaßt und wir⸗ belnd umher getrieben wurden. Matt und erſchöpft ſchlu⸗ gen ſie an die hellen, großen Spiegelſcheiben des angenehm durchwärmten Zimmers, um ſich daran gänzlich aufzulöſen, indem ſie ſich der weißen Uniform ihres Beherrſchers ent⸗ kleideten. Der Geheimerath und ſein e Frau ſaßen zuſammen beim Frühſtück. Gegen ihre ſonſtige Gewohnheit ſprachen ſie nicht mit einander, ſondern Jeder las aufmerkſam die ſo eben angekommene Zeitung des Tages. Es iſt kaum glaublich, ſagte der Geheimerath dann mit einem Seufzer, indem er das Zeitungsblatt aus der Hand legte; es iſt kaum glaublich! Vor einem Jahre hätte dies Niemand für möglich gehalten. Du ſcheinſt dich gar nicht darüber zu wundern, Marie, fuhr er nach einiger Zeit fort, da ſeine Frau, ohne zu antworten, weiter geleſen hatte, ich begreife dich nicht mehr. Es iſt mir ſchon lange ſo gegangen, erwiederte ſie, ohne aufzublicken. Wenn man die Kammer⸗Reden lieſt, bemerkte der Ge⸗ heimerath weiter, indem er abſichtlich die Antwort ſeiner Frau zu überhören ſchien, ſo glaubt man ſich nach Frank⸗ reich verſetzt und unter der Herrſchaft des ſogenannten Bür⸗ gerkönigs zu ſtehen. Ich halte die franzöſiſchen Zuſtände für viel geſunder und lebensfähiger, als die unſrigen; die Nation hat ihren Willen, wenn auch auf etwas gewaltſame Weiſe, kund ge⸗ geben, Volk und König befinden ſich in Harmonie— das iſt immer die Hauptſache Bei uns findet das Gegentheil ſtatt. Die Verfaſſung iſt dem alten Fürſten abgetrotzt, er hat nur gezwungen und nur mit Widerwillen nachgegeben. Als er dann ſah, daß er ſich übereilt, zog er es vor, die Regierung lieber ganz aufzugeben und das Weitere ſeinem Nachfolger zu überlaſſen. Der alte, eigenſinnige Mann, ſo wenig er jemals zu meinen Lieblingen gehört hat, iſt bei dieſem Schritte wenigſtens ehrlich zu Werke gegangen, — 198— und ich kann ihm meine Achtung deßhalb nicht verſagen, aber der Mitregent— doch wir wollen das Geſpräch lieber fallen laſſen, es regt uns nur unnöthig auf und führt doch zu nichts. Warum ſollen wir uns nicht einmal offen und ehrlich ausſprechen? fragte der Geheimerath, indem er ſeine Frau faſt traurig anblickte; es iſt in der letzten Zeit nicht ſo zwi⸗ ſchen uns, wie es ſein ſoll, Marie; du biſt oft gereizt gegen mich, und wie ich glaube, ohne jede Veranlaſſung. Ohne jede Veranlaſſung? wiederholte ſie mit einem bittern Lächeln; du ſcheinſt wirklich ſchon ſo in deinem Wahne befangen zu ſein, daß du jede Rückſicht der Schick⸗ lichkeit bei Seite ſetzeſt. Du betrübſt mich ſehr, ſagte er mit ſchmerzlicher Be⸗ tonung; aber was du auch gegen mich haben magſt— ich ſollte denken, ſchon unſerer Vergangenheit wegen läge dir die Pflicht ob, mich wenigſtens darüber aufzuklären. Unſerer Vergangenheit wegen, ſagte ſie mit leiſe be⸗ bender Stimme und einem raſchen, faſt zornigen Aufblick ihrer dunklen, in plötzlicher Leidenſchaft ſtrahlenden Augen, willſt du mich vielleicht daran erinnern, Ernſt, daß— O, Marie, Marie! rief der Geheimerath, indem er ihre Hand ergriff; ſprich nicht weiter! Habe ich dir je Veranlaſſung gegeben, mir einen ſo erniedrigenden Vorwurf zu machen? Sie verſtummte bei dieſen faſt angſtvoll geſprochenen Worten ihres Gatten ſie ſaß mit niedergeſchlagenen Augen, aber das unruhige Wogen ihres Buſens und ihre in der ſeinigen leiſe bebende Hand verriethen ihre innere Be⸗ wegung. So lange wir uns angehören, ſprach er weiter, es werden in wenigen Wochen zwanzig Jahre, iſt unſere Liebe nie— mals durch einen Mangel an Vertrauen getrübt worden, ich habe ſtets offen in deiner Seele geleſen, und ich ſelbſt, ſetzte er mit etwas unſicherer Stimme hinzu, habe auch nie ein Geheimniß vor dir gehabt. Liebe ohne Vertrauen iſt ja auch nicht denkbar— und jetzt, wo das Alter kommt, welches ſeine Nahrung hauptſächlich aus den Erinnerungen der Vergangenheit ſchöpft, jetzt zum erſten Male trübt ſich vor mir der klare Spiegel deiner Seele, und ich vermag nicht mehr wie ſonſt frei und ungehindert darin zu leſen. Sie ſah ihn nachdenfend, faſt erſtaunt eine Zeit lang feſt an, aber er ſchlug ſeine Augen nicht, wie ſie erwartet hatte, vor ihrem forſchenden Blicke nieder. Sollteſt du wirklich nicht wiſſen, keine Ahnung davon haben, was mich ſo aufregt? fragte ſie dann milder. Gewiß nicht, ich habe nicht die entfernteſte Ahnung. So wäre es doch vielleicht möglich, daß ich mich geirrt hätte, ſagte ſie mit einem erleichterten, tiefen Athemzuge, und ich will offen und ohne Rückhalt mit dir reden. Ich danke dir dafür im Voraus. Ich werde dazu etwas weit ausholen müſſen— ſei nicht böſe— es iſt nöthig. Als du von deiner Reiſe mit dem jetzigen Regenten zurückkehrteſt, dem du als eine Art von Erzieher zugetheilt warſt— natürlich ohne Erfolg und ohne Zweck, ſetzte ſie bitter hinzu, erzählteſt du mir von der jetzigen Gräfin von Schöneck. Es fiel mir ſchon damals die lebhafte Sprache auf, in welcher du dies thateſt, ſo wie die Theilnahme, welche du für ſie an den Tag legteſt, denn ich habe dich ſehr genau beobachtet. Du nannteſt den Prinzen, obgleich er ſchon zum Mitregenten erhoben war, einen leichtſinnigen, ſittenloſen Menſchen, und freu⸗ teſt dich, beſonders jener Frau wegen, die dich doch eigentlich gar nichts kümmerte, daß der Prinz die Uni⸗ verſität verlaſſen habe, weil es dir geſchienen, daß er ihr nachgeſtellt. Ich bewegte mich damals noch in den Anſchauungen des prinzlichen Erziehers, erwiederte der Geheimerath nicht ohne Verlegenheit. Wir wollen das annehmen, obgleich es ſehr unwahr⸗ ſcheinlich klingt; aber bewegteſt du dich auch noch in dieſen Anſchauungen, fuhr ſie, ihn feſt anſehend, fort, als bald darauf ſich das Gerücht verbreitete, jene Perſon ſei die Maitreſſe des Regenten geworden, befinde ſich in Monrepos und empfange täglich von ihm Beſuche? So lange ich dich kenne, habe ich dich nie ſo aufgeregt, ſo ich möchte ſagen, außer dir geſehen. Du ſtießeſt Verwünſchungen gegen den Prinzen aus, du, der ſtets ſo ruhige und beſonnene Mann, der Diener dieſes legitimen Souverains, nur weil er ſich erlaubt hatte, eine liederliche, coquette Frau zu ſeiner Maitreſſe zu machen, über deren beklagenswerthes Schickſal du förmlich troſtlos warſt. Du übertreibſt, du übertreibſt, Marie; allerdings— ich hatte ſie kennen gelernt— ich bedauerte ſie, ich— Laß' das jetzt, unterbrach ſie ihn— ſpäter! Dann, du mochteſt vielleicht einſehen, daß du zu unvorſichtig ge⸗ handelt hätteſt— man iſt in außerordentlichen Momenten nicht immer ſeiner Gefühle Herr und wird von der Klug⸗ heit verlaſſen,— dann ſchloſſeſt du dich in dein Zimmer ein, indem du eine wichtige Arbeit vorſchützteſt. Als du nach vielen Stunden endlich wieder erſchienſt, warſt du blaß und zerſtreut und vermiedeſt es ſichtlich, mich anzu⸗ ſehen. Kein Wort über jene Perſon kam mehr über deine Lippen— Warum bedienſt du dich immer dieſer verächtlichen Be— zeichnung? ſagte er kaum hörbar. Weil ſie keine andere verdient, erwiederte ſie gereizt, wenn ſie ihn auch durch ihr intrigantes Weſen dahin ge⸗ bracht hat, ſie zu ſeiner links händigen Frau zu machen, das iſt alles daſſelbe; ſie bleibt in meinen Augen doch, was ſie war, und wenn er ſie zur Fürſtin von irgend Etwas machen ſollte. Sprich nicht ſo leidenſchaftlich, Marie, unterbrach er ſie; außerdem geziemt es ſich nicht, von der Ge⸗ mahlin deines Fürſten und Herrn in dieſer Weiſe zu reden. Geziemt ſich nicht? lachte ſie höhniſch auf; ich glaube ſelbſt zu wiſſen, was ſich ziemt, und werde mir, wenigſtens im Geſpräche mit meinem Manne, deßhalb keinen Zwang anthun. Die ganze Zeit über, während ſie ſich in Monrepos befand, gingſt du von Unruhe gepeinigt umher, warſt zerſtreut und befangen und konnteſt mir nie⸗ mals frei und offen ins Geſicht ſehen. Dann trat plötzlich eine Veränderung in deinem Weſen ein— nachdem dieſe unglückſelige Heirath geſchloſſen und ſie hieher nach Albern⸗ hauſen gekommen war, da hatteſt du Ruhe, da warſt du glücklich! Sie war in deiner Nähe, du konnteſt ſie ja wenigſtens täglich ſehen; ſie hatte vielleicht für den alten Mann, der nur aus den Quellen der Vergangenheit Nah⸗ rung trinkt, wie er ſich jugendlich poetiſch ausdrückt, einige ihrer coquetten Blicke oder ſogar ein paar freundliche Worte übrig— o, nie und nimmer hätte ich es für möglich ge⸗ halten, daß ein ſonſt ſo gemeſſener, ernſter und vernünf⸗ tiger Mann, ein Mann in deinen Jahren, ſich von den. Netzen einer Coquette hätte fangen laſſen können, um da⸗ durch vor ſich ſelbſt und Anderen zum Geſpötte zu werden, wenn ich auch von den gegen mich ſchuldigen Rückſichten, bei dem demoraliſirenden Einfluß von oben, gar nicht einmal reden will! Und ich habe es nie für möglich gehalten, ſagte der ſelbſt. * Geheimerath, indem er einen etwas gezwungenen Verſuch machte, unbefangen zu lachen, daß eine ſonſt ſo vorur⸗ theilsfreie Frau, welche zwanzig Jahre mit dieſem Manne gelebt hat, ſich einer ſo, ich möchte ſagen, wahnſinnigen Idee hingeben kann. Du thuſt mir ſehr weh, Marie, weil du mir ſehr Unrecht thuſt— aber es bleibt mir doch nichts übrig, als dieſes Unrecht zu ertragen; denn ich würde mich ſelbſt erniedrigen, wollte ich auch nur den Ver⸗ ſuch machen, mich zu rechtfertigen. Das iſt ſehr natürlich, weil du es nicht kannſt! Da du mich aber faſt wie ein Kind behandelſt, ſo will ich dir den Beweis liefern, daß du darin wenigſtens irtſt. Worin ſoll ich irren? In dem Glauben, daß es dir gelingen könnte, mich zu täuſchen. Die größte Täuſchung beſteht in dieſem Glauben Meinſt du? So höre denn meine Gründe. Bei dem alten Fürſten hatteſt du eine ehrenvolle Stellung— Habe ich dieſe nicht noch? Nur dem Namen nach. Du biſt aus dem Rathgeber des Fürſten zu einem gewöhnlichen Arbeiter im Miniſte⸗ rium geworden, ja, ich weiß ſehr wohl, daß man dir ſelbſt da mit Mißtrauen begegnet und dich eigentlich nur duldet“ Man findet vielleicht noch keine paſſende Gelegenheit, dich ganz zu beſeitigen. „ Das iſt eine gänzlich unbegründete Annahme, erwiederte der Geheimerath nicht ohne einige Verlegenheit; aber du kannſt es dem Regenten kaum verdenken, daß er einen Mann nicht in ſein engeres Vertrauen zieht, deſſen Frau eine offen kundgegebene feindſelige Stellung gegen ihn ein⸗ nimmt. Ich werde auch darauf zurückkommen. Deſſenunge⸗ achtet ſtehſt du in der Partei des Regenten, oder vielmehr in der Partei der Gräfin von Schöneck, denn ſie iſt es allein, die dich beſtimmt, alle dieſe Zurückſetzungen und Kränkungen zu überſehen und zu ertragen, ohne daß ſelbſt dein Stolz dagegen aufſtände. Seit ſie hier iſt, buhlſt du förmlich um ihre Gunſt, du machſt ihr Beſuche und kommſt, abgewieſen, doch immer wieder, bis ſie ſich herabläßt, ihren alternden Verehrer endlich einmal zu empfangen. Die Ehre würde es dir gebieten, der edlen, ſo tief gekränkten Fürſtin⸗Mutter wenigſtens eine paſſive und moraliſche Un⸗ terſtützung dadurch zu verleihen, daß du dich von dem Hofe des Regenten fern hielteſt, wo man dich nicht einmal haben will, aus deſſen Nähe man dich entfernt hat— aber der Magnet, welchet dich anzieht, damit du, einer armſeligen Motte ähnlich, um dies trübe brennende Licht flattern kannſt, iſt ſtärker, als das Band der Ehre— du mußt flat⸗ tern, ohne es zu bemerken, daß dir die Flügel ſchon ver⸗ ſengt ſind. Mag man über Stände und Verfaſſung denken, wie man will— ich bin auch keine große Verehrerin dieſer — modernen Regierungsform, welche viel Reden und wenig Thaten aufzuweiſen hat,— aber was man einmal frei⸗ willig und feierlich verſprochen und gethan, das muß man halten, ſonſt gehört man zu den Menſchen, denen die wirk⸗ liche, wahre, innere Chre fehlt. Du aber ſchließeſt dich, vielleicht dir ſelbſt noch unbewußt, jener Partei an, welche bemüht iſt, den Regenten zum Bruche ſeines gegebenen Wortes zu beſtimmen. Ich hatte es nie für möglich gehalten, ſagte der Ge⸗ heimerath, indem er ihre Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, unwillig zurückſtieß, daß ein unglückſeliger Wahn dich ſo weit führen könnte, in ſolcher Weiſe mit mir zu reden. Ich rede nur die Wahrheit, fuhr die Geheimeräthin leidenſchaftlich fort; oder glaubſt du, es ſei nicht allgemein bekannt, was die Umgebung des Regenten beabſichtigt, dieſe Camarilla, deren Seele jene Perſon und dieſer intri⸗ gante Cabinetsrath Leſſen iſt? Wo kommt dieſer Mann mit Einem Male her? Wodurch hat er einen ſolchen unbe⸗ ſchränkten und beklagenswerthen Einfluß auf den Regenten erlangt? Man ſagt, er ſei ein alter Courmacher der Gräfin, ſie ſoll deren ja als Frau Lieutenant und auch ſchon früher eine große Zahl gehabt haben, und dieſes Verhältniß werde hier, unter den Augen des Regenten, mit beider⸗ ſeitiger raffinirter Klugheit fortgeſetzt; was ſie nicht er⸗ ſchmeicheln und ercoquettiren fönne, bewirke er, und wo ſeine Beredtſamkeit nicht ausreiche, da intriguire ſie weiter, bis der ſchwache, ſinnliche Mann, längſt allen eigenen Willens bar, nur noch ein Werkzeug dieſes vom Auslande verſchriebenen Paares ſei. Du erlaubſt dir in einer Weiſe zu reden, die es mir nicht geſtattet, dich länger anzuhören, ſagte der Geheime⸗ rath aufſtehend; es iſt das erſte Mal, daß du dich ſo gegen mich benimmſt,— es ſchmerzt mich tief. Wenn du die Wahrheit nicht hören kannſt, ſo geh, er⸗ wiederte ſie bitter; meine Ueberzeugung wird dadurch nur beſtärkt werden. Sprich denn weiter, ſagte er mit einem tiefen Athem⸗ zuge, indem er ſich wieder ſetzte. Warum widerlegſt du meine Worte nicht? Weil du es nicht kannſt, weil du zugeſtehen mußt, daß ſie Wahr⸗ heit enthalten, und du doch wenigſtens noch ſo viel Schamgefühl haſt, dies nicht geradezu in Abrede ſtellen zu wollen. Das überſchreitet alles Maß, Marie! Wirklich? So ſprich denn endlich! Weßhalb drängſt du dich an jene Gräfin? Weßhalb ſtehſt du nicht zur Partei der Fürſtin⸗Mutter? Weßhalb meideſt du nicht jede Gemeinſchaft mit jenem intriganten Cabinetsrathe? Weß⸗ halb ziehſt du dich nicht wenigſtens zurück, wenn du nicht den Muth haſt, eine Partei zu ergreifen, ſondern buhlſt, wie ein alter Täuberich, um die Gunſt jener ſchlauen Coquette, welche der liebe Gott als Strafe für unſer armes Land und als einen würdigen Erſatz für die endlich fortge⸗ zogene alte Gräfin hieher geſchickt hat? Muß denn immer eine ſolche Perſon als allgemeine Landplage unſerem Fürſten zur Seite ſtehen? Hältſt du dies für nöthig, für erforderlich? Was ſoll ich auf dieſe dir von einer verderblichen Lei⸗ denſchaft dictirten Worte erwiedern? ſagte der Geheime⸗ rath, der ſichtlich bemüht war, ſeine Ruhe zu bewahren. Ich ſtehe den Parteien fern, wie es mir als Beamter ge⸗ ziemt. Ich gehöre nicht mehr zum engeren Rathe des Fürſten, man hat mich daraus entfernt und iſt damit nur meinen Wünſchen zuvorgekommen. Partei gegen ihn zu ergreifen, wäre eine Verletzung meines Dienſt⸗Eides. Was in meinen Kräften geſtanden hat, habe ich redlich aufgeboten, um die Verbindung zwiſchen dem Regenten und der Gräfin zu verhindern; ich habe meinen ganzen Einfluß geltend gemacht, ſowohl bei ihm, als bei ihr, um dieſe Neigung im Keime zu erſticken. Leider iſt es mir nicht gelungen, ſetzte er mit einem Seufzer hinzu; aber da es nun doch einmal nicht zu ändern war, ſo freut es mich, daß ihr Verhältniß die geſetzliche und kirchliche Sanction erhalten hat. Oder wäre es dir vielleicht lieber, wenn ſie — du weißt, was ich ſagen will. Warum ſagſt du es nicht? ergänzte ſie, ihn feſt an— ſehend; wenn ſie ſeine Maitreſſe geblieben wäre, was ſie — 208— ja ſchon eine Zeit lang war? Gewiß wäre mir das lieber, es müßte Jedem lieber ſein, der nicht dieſer Perſon wegen⸗ alle höheren Intereſſen des Landes hintenanſetzt. Eine Maitreſſe iſt leicht zu beſeitigen, kann einfach fortgejagt werden, wenn er ihrer überdrüſſig geworden; jetzt iſt das ſchon ſchwieriger, wiewohl ſich doch wohl auch dafür eine geeignete Form finden wird, beſonders bei einem Manne, der ſeine Entſchlüſſe ſo leicht verändert. Deine Frage ſetzt mich wirklich in Erſtaunen und beweiſt mir mehr, als Alles, wie richtig ich dich beurtheilt habe. Dir, der du ſonſt ſo für die Nachfolge unſeres Fürſtenhauſes beſorgt warſt, dir iſt es mit Einem Male lieber, daß der Regent, mit dem das Haus erliſcht, keine legitimen Erben erhalten kann, nur damit dieſe Perſon in einem vielleicht weniger tadelnswerthen Verhältniſſe zu dem Regenten ſtehe? Die Gräfin von Schöneck iſt des Regenten kirchlich an⸗ getraute Gemahlin, erwiederte der Geheimerath in gemeſſe⸗ nem Tone, die Gemahlin deines Fürſten und Herrn; ich kann es daher nicht ferner dulden, daß du in meiner Ge— genwart in derartigen Ausdrücken von ihr ſprichſt— ich unterſage es dir— deinetwegen, Marie, ſetzte er hinzu, deinetwegen— es ſchmerzt mich. Meinetwegen? Wie beſorgt du biſt! Gib dir keine vergebliche Mühe, du wirſt mich niemals dahin bringen, meine Geſinnungen in dieſer Beziehung zu ändern, ſelbſt wenn ihr verderblicher Einfluß ſich noch höher ſteigern ſollte, was ſehr wahrſcheinlich iſt— ſchon deinetwegen, ſetzte ſie ſpöttiſch hinzu, ſchon deinetwegen! Es iſt dies ſehr zu beklagen, ſagte er traurig nach einiger Zeit, während Beide geſchwiegen,— ſehr zu beklagen. Verſprich mir, dein Benehmen zu ändern, Ernſt, ſagte ſie plötzlich in bittendem Tone; verſprich mir, nie mehr an den Hof zu gehen, wenn du nicht begehrt wirſt. Ich habe nichts in meinem Benehmen zu ändern, er⸗ wiederte er, ſie vorwurfsvoll anſehend— nichts. Alle deine Vorausſetzungen beruhen auf einer ſehr beklagens⸗ werthen Selbſttäuſchung, ſonſt würdeſt du die Theilnahme, welche ich für die Gräfin empfinde, nicht ſo lieblos und gehäſſig beurtheilen. Alſo Theilnahme empfindeſt du für ſie? rief ſie in wieder aufloderndem Zorne; und das geſtehſt du mir ganz unumwunden ein, mir, deiner Frau? Weßhalb ſollte ich es nicht? Ich wüßte auch keinen Grund— wir leben ja in Albernhauſen— alſo gehe du deinen Weg, ich werde den meinen gehen. Marie, höre mich an, wenn ich— Nun? fragte ſie, als er plötzlich wieder ſchwieg. Die Zeit wird kommen, wo du— wo du vielleicht* anders urtheilen wirſt. 4 Guſtavvom See. Wogen des Lebens. II. 1⁴ Nun, ſo wollen wir die Zeit abwarten, ſagte ſie kalt. Ich habe zu thun und muß dich jetzt verlaſſen. Er blickte ihr traurig nach, als ſie dann feſten Schrittes, ohne ihn noch einmal anzuſehen, das Zimmer verließ. Längere Zeit ſtand er in tiefem Nachdenken verloren. Ob es vielleicht doch beſſer wäre, ſprach er dann vor ſich hin — nein, nein— es iſt unmöglich— ſie würde ſehr un⸗ glücklich ſein. Er kleidete ſich an und ging zur gewohnten Stund auf das Miniſterium. Wie ſeine Frau ganz richtig be⸗ merkt, hatte man ihn aus ſeiner bisherigen einflußreichen Stellung beſeitigt und ihm eine Beſchäftigung gegeben, welche zwar mit mühevollen und umfangreichen Arbeiten verbunden war, jedoch ſelbſt der öffentlichen Anerkennung derſelben entbehrte, weil der Name des Miniſters überall eintrat. Es war ein Geſetzentwurf zur Ablöſung der Grundlaſten, welcher ſehr umfangreich und mit noch um— fangreicheren Motiven den Ständen vorgelegt werden ſollte, deſſen möglichſt ſchleunige Anfertigung man dem Gehei⸗ menrathe aufgetragen hatte. Er war vor einiger Zeit damit fertig geworden und jetzt mit der nochmaligen ge⸗ naueren Durchſicht beſchäftigt. Nachdenkend ſaß er an ſeinem Arbeitstiſche, umgeben von mehreren mit Urkunden gefüllten Actenſtücken, in denen er, bald in dem einen, bald in dem anderen, aufmerkſam las, weil ihm die Natur einer Grund⸗Abgabe wieder zweifelhaft geworden war. Störe ich, Herr College? fragte ein in das Zimmer tretender Miniſterialrath; ich glaubte, Sie ſeien mit Ihrer mühſamen und Zeit raubenden Arbeit fertig? Das bin ich auch, es ſind nur noch einige Punkte, worüber ich Zweifel hege. Halten Sie Markgroſchen für eine Grund⸗Abgabe, oder tragen ſie die Natur einer Sportel? Sie können mir darüber vielleicht Auskunft geben. Ich habe mich nie mit dieſen gelehrten Dingen beſchäf⸗ tigt, lächelte der Andere; Sie wiſſen ja, daß ich ſtets in Polizei⸗Angelegenheiten thätig geweſen bin, dazu bedarf man keine Gelehrſamkeit, nur natürlichen Verſtand, Energie und eine möglichſt elaſtiſche Anſchauung von Recht und Geſetzlichkeit. Ich würde über Ihre Markgroſchen nicht einen Augenblick Zeit verlieren. Machen Sie dieſelben friſchweg zu dem Einen oder dem Anderen, das wird ſich ja ſpäter alles finden, wenn die ſtändiſche Weisheit ſich ins Mittel legt. Gerade von dieſer Seite möchte ich mich keines Irr⸗ thums zeihen laſſen. Das würde mir höchſt gleichgültig ſein, denn Irr⸗ thum iſt ein ſehr relativer Begriff, und ſo lange man einen Irrthum nicht eingeſteht, iſt er auch nicht vor⸗ handen. Ich ziehe es doch vor, mit mir ſelbſt darüber ſo klar zu werden, als es nur möglich iſt. 14* Nun, nun, machen Sie das ganz nach Ihrer Anſicht, ſagte lächelnd der Andere; es iſt mir lieb, daß ich mit ſolchen Dingen nichts zu thun habe, ſondern daß meine Arbeit, wie man ſagt, ſtets von der Hand in den Mund geht. Wir beſitzen zwar eine große Maſſe von Geſetzen und Verordnungen, aber die Hauptſache bleiben immer die jedesmaligen Umſtände, danach regelt ſich bei der Polizei mehr oder weniger Alles. Es iſt ſchlimm genug, daß es ſo iſt. Machen Sie es beſſer, es läßt ſich einmal nicht ändern. Die Zerwürfniſſe am Hofe, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, ſind immer noch im Wachſen; man ſpricht wieder Allerlei, und die Stimmung im Publicum iſt ſehr aufgeregt. Wiſſen Sie etwas Näheres? fragte der Geheimerath mit ſichtlicher Spannung. Eigentlich iſt es nur die Wiederholung des Alten. Die Fürſtin⸗Mutter beharrt feſt auf ihrer Weigerung, die Ehe des Regenten mit der Gräfin von Schöneck anzuerkennen. Sie hat ſie noch nicht ein einziges Mal empfangen und iſt in keiner Geſellſchaft erſchienen, in welcher die Gräfin an⸗ weſend war. Der Regent befindet ſich deßhalb in einer ſteten, für ſeine Umgebung keineswegs angenehmen Auf⸗ regung, die, wie ich überzeugt bin, durch das Benehmen der Gräfin noch geſteigert wird, welche dieſe Zurückſetzungen mit demuthsvoller Ergebenheit hinnehmen ſoll. So etwas reizt am meiſten, ich kenne das; die Gräfin iſt überhaupt eine ſehr kluge Frau, das muß man ihr laſſen. Der neue Cabinetsrath ſteht ihr rathend zur Seite; da werden Se. Hoheit auf ihrer Hut ſein müſſen. Man thut ihr vielleicht doch Unrecht; ich finde im Gegentheil, daß ihr Benehmen ſehr achtungswerth iſt. Soll ſie den Regenten vielleicht gegen ſeine Mutter aufreizen? Sie meinen noch mehr, als es jetzt geſchieht? O, das wäre ſehr beklagenswerth— ich maße mir auch durchaus kein Urtheil an, im Gegentheil, ich bin ganz Ihrer An⸗ ſicht, auch überzeugt, daß ſie ihren Zweck vollkommen erreichen wird. Heute Morgen wird zum Beiſpiel wieder ein Hauptſchlag geführt— ob mit Erfolg, ſteht freilich dahin. Was wollen Sie damit ſagen? Se. Hoheit begibt ſich heute Morgen noch zu der Fürſtin⸗Mutter, um in formellſter, aber zugleich in der entſchiedenſten Weiſe die Anerkennung ſeiner Che von ihr zu fordern. Man ſpricht davon, daß bei einer noch länger fortgeſetzten Weigerung die Frau Fürſtin⸗Mutter genöthigt werden würde, Albernhauſen ganz zu verlaſſen. Ach, glauben Sie doch nicht ſolchen böswilligen Gerüchten, die lediglich in der Oppoſition ihren Grund haben. Ich glaube nichts, als was ich beſtimmt weiß. Daß — 214— der Regent heute Morgen den gedachten Schritt thun wird, weiß ich; das Andere habe ich nur als ein Gerücht bezeichnet; man wird deßhalb wahrſcheinlich ſelbſt noch nicht einig ſein. So wollen wir das Beſte hoffen, bemerkte der Ge⸗ heimerath nicht ohne ſichtliche Unruhe— Ihre Hoheit die Frau Fürſtin wird nachgeben, wird ſich nicht länger weigern; es iſt ſchon des allgemeinen Friedens wegen nöthig. Meinen Sie? bemerkte der Andere mit einem un— gläubigen Lächeln— nun, wir müſſen es jedenfalls abwarten. Ein Klopfen an der Thür, dem das Oeffnen derſelben ſofort folgte, unterbrach die Unterredung, und Leſſen trat in der ungezwungenen Weiſe eines Mannes ein, der ſich bewußt iſt, die üblichen formellen Rückſichten unbeachtet laſſen zu können. Guten Morgen, meine Herren, ſagte er leichthin— es freut mich, Sie hier zu finden, wandte er ſich an den anderen Miniſterialrath— entſchuldigen Sie mich einen Augenblick, Herr Geheimerrath, fuhr er fort, indem er, ohne die weitere Antwort abzuwarten, mit dem Anderen in eine entfernte Fenſterniſche trat. Es iſt möglich, ſagte er dann in leiſem, aber beſtimm⸗ tem Tone, es iſt möglich, daß man heute wieder den Verſuch einer Demonſtration machen könnte; Sie ſind doch auf alle Fälle vorbereitet? Es iſt in den gegebenen Inſtructionen nichts ge⸗ ändert. Ich begreife dieſe Hartnäckigkeit des Volkes nicht, fuhr Leſſen fort; ſie hätte auch längſt aufgehört, wenn ſie nicht ſtets durch das Benehmen des Landtages neue Nahrung erhielte. Unzweifelhaft, und man wird doch am Ende das Uebel bei der Wurzel angreifen müſſen; einen ſehr nachtheiligen Eindruck hat jedoch auch das Verſchließen der Loge Ihrer Hoheit der Fürſtin⸗Mutter im Theater gemacht. Es beruht lediglich auf einem Mißverſtändniß, er⸗ wiederte Leſſen, kurz huſtend, obwohl Sie es doch auch nicht billigen wollen, daß die Fürſtin ſich geradezu gewei⸗ gert hat, mit der Gemahlin Sr. Hoheit zuſammen im Theater zu erſcheinen. Wie könnte ich Derartiges billigen, entgegnete der Miniſterialrath mit einem zweideutigen Lächeln— aber es hat doch einen übeln Eindruck gemacht. Die Loge ſteht ja längſt wieder zu der Fürſtin Dispo⸗ ſition. Alſo— die Truppen bleiben für heute in den Caſernen conſignirt. Sollte es wirklich zu einem Tumulte fommen, ſo rückt zuerſt die Leibgarde zu Pferde aus. Der Gebrauch der Waffe muß bis zum äußerſten Falle vermie⸗ den werden— doch ich werde deßhalb das Weitere mit dem Polizei⸗Präſidenten und dem Commandanten be⸗ ſprechen. Sorgen Sie dafür, daß von hier aus die nöthi⸗ gen Ordres ertheilt werden. Der Herr Geheime Cabinetsrath können darüber ohne Sorge ſein. So empfehle ich mich Ihnen, ſagte Leſſen mit einer vornehmen Handbewegung, ich habe noch mit dem Gehei⸗ menrathe von Stuhm zu ſprechen. Ich habe die Ehre, erwiederte der Miniſterialrath mit einer Verbeugung, und verließ dann, ſeinen Collegen grüßend, das Zimmer. Heuntes Zupitel. Gegen einander. Weh', wenn ſich im Schooß der Städte Der Feuerzunder ſtill gehäuft, Das Volk, zerreißend ſeine Kette, Zur Eigenhülfe ſchrecklich greift! Schiller. Laſſen Sie uns Platz nehmen, ſagte Leſſen nach einem Stuhle zeigend, indem er ſich ſelbſt niederſetzte; ich bin wirklich müde, denn ich befinde mich ſchon ſeit zwei Stun⸗ den in unausgeſetzter Bewegung. Wir haben uns eigent⸗ lich recht lange nicht geſehen, fuhr er zu dem ihm ſchwei⸗ gend und ernſt gegenüber ſitzenden Geheimenrathe fort— Sie machen Sich ſelten. Wir haben dies unſtreitig dem Einfluſſe Ihrer Frau Gemahlin zu danken? Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen; meine Frau lebt zurückgezogen, und ich ſelbſt bin ſo mit Arbeiten überhäuft, daß ich kaum einige freie Zeit behalte, um meine Freunde einmal zu ſehen. Ihre Freunde? wiederholte Leſſen mit einem lauernden Blicke; dann konnten Sie allerdings für mich keine Zeit crübrigen. Ich bin wirklich ſo mit Geſchäften überhäuft, erwie⸗ derte der Geheimerath ausweichend, ich.. Nun, laſſen wir das, bemerkte Leſſen; wenn Sie mich auch nicht zu Ihren Freunden zählen, ſo thue ich es ſelbſt, und es bleibt Ihnen nichts übrig, als dies zu dulden. Ich bin nur hergekommen, um Ihnen einen Beweis davon zu geben. Sie wiſſen, fuhr er fort, da der Geheimerath die letzten Worte ſeines Beſuches nur durch eine ſtumme Ver⸗ beugung erwiederte, Sie wiſſen, welche traurigen Zerwürf⸗ niſſe zwiſchen Sr. Hoheit dem Mitregenten und Ihrer Ho— heit der Frau Fürſtin⸗Mutter obwalten. Alle Verſuche, die hohe Frau milder zu ſtimmen, ſind bisher geſcheitert; ſie weigert ſich nach wie vor, die Ehe ihres Sohnes mit der Frau Gräfin von Schöneck anzuerkennen und dieſe ſelbſt zu empfangen. Es iſt dies ſehr zu beklagen, ſchaltete der Geheimerath ein, während Leſſen eine kleine Pauſe eintreten ließ. Es freut mich, daß Sie dies anerkennen, fuhr er dann fort, und ich ſehe aus dieſer Aeußerung, die Sie gewiß nicht gemacht hätten, wenn Sie nicht Ihre Ueberzeugung enthielte, daß die Frau Gräfin von Schöneck Sie richtig beurtheilt hat und meine eigenen Zweifel unbegründet waren. Wie beurtheilt mich die Gräfin? fragte der Geheime⸗ rath mit ſichtlichem Intereſſe. Sie hält Sie, um es kurz zu ſagen, für ihren Freund, erwiederte Leſſen, den Geheimenrath ſcharf anſehend, wel⸗ cher bei dieſer unerwarteten Eröffnung faſt verlegen ſeine Augen niederſchlug; ſie bleibt feſt dabei, daß Sie diejenige Freundſchaft und Anhänglichkeit, welche Sie in früheren Verhältniſſen auf die unzweifelhafteſte Weiſe kund gegeben, ihr auch jetzt bewahrt hätten— ungeachtet des nachtheiligen Einfluſſes Ihrer Frau Gemahlin, der ja leider allgemein bekannt iſt. Die Frau Gräfin hat mich ausdrücklich be— auftragt, Ihnen dies zu ſagen und Ihnen zugleich ihren Dank dafür auszuſprechen, was ſie ſelbſt gern thun würde, ſetzte er mit einem zweifelhaften Lächeln hinzu, wenn— wenn Sie nicht ſo ſehr mit Geſchäften überhäuft wären, daß Sie keine Zeit erübrigen können, um Ihre Freunde wenigſtens zuweilen einmal zu beſuchen. Die Frau Gräfin iſt überaus gütig, erwiederte der Ge⸗ heimerath ſichtlich verlegen; aber, fuhr er in freierem und belebteren Tone fort, ſagen Sie ihr, daß ſie in ihren Vor⸗ ausſetzungen nicht irre und daß ich den aufrichtigen Wunſch habe, es mögen ſich dieſe für ſie ſo betrübenden Mißhellig⸗ keiten recht bald zu ihrer vollen Zufriedenheit löſen. Möchten Sie ihr dies nicht ſelbſt ſagen? fragte Leſſen mit einem verbindlichen Lächeln; ich ſollte denken, Sie wä⸗ ren einer ſo ſchönen und liebenswürdigen Frau gegenüber ſchon als Mann dazu verpflichtet. Doch ich will das Ihrer eigenen Erwägung überlaſſen, fuhr er fort, als der Gehei⸗ merath wieder verlegen ſchwieg; jedenfalls werde ich Ihre Botſchaft ausrichten, wenn Sie mir den Auftrag dazu am Schluſſe unſerer Unterredung erneuern ſollten. Ich will offen mit Ihnen reden. Sowohl Se. Hoheit der Mitregent, als ich, der ich mit ſeinem Vertrauen beehrt bin, waren der Meinung, daß Sie, Herr Geheimerrath, die Anſichten Ihrer Frau Gemahlin theilten und Sich nur Ihrer amtlichen Stellung wegen den Schein gäben, als ſei dies mehr oder weniger nicht der Fall. Es ſchmerzt mich, daß Se. Hoheit mich ſo falſch be⸗ urtheilt, ſchaltete der Geheimerath ein. Sie haben nicht nöthig, Sich dieſem Schmerze hinzu⸗ geben, fuhr Leſſen freundlich fort, denn Se. Hoheit ſind von dieſer Anſicht zurückgekommen, und meine eigenen, noch immer beſtandenen Zweifel ſind jetzt ebenfalls beſeitigt. Es freut mich, dies zu hören. Se. Hoheit wird heute Morgen in der formellſten Weiſe, als Mitregent und ſouverainer Fürſt dieſes Landes, die. Anerkennung ſeiner Ehe mit der Gräfin von Schöneck von ſeiner Mutter fordern. Er wird der hohen Frau entſchie⸗ den erklären, daß ihre Zuſtimmung nicht zur Gültigkeit der Ehe erforderlich, aber zur endlichen Beſeitigung der ſich im Volke kundgebenden Mißſtimmung und der deßhalb immer maßloſer auftretenden Oppoſition des Landtages dringend wünſchenðwerth ſei. Er wird es ihr klar machen, daß die jetzigen Zuſtände nicht länger fortbeſtehen können und daß es daher ſchon allein im Intereſſe des Landes nöthig ſei, ihrerſeits einen an ſich unhaltbaren und verderblichen Wi⸗ derſpruch aufzugeben. Sie werden das billigen, Herr Ge⸗ heimerrath? Vollkommen, vollkommen; ich befürchte nur, die Frau Fürſtin⸗Mutter wird doch nicht nachgeben. Das befürchte ich auch, fuhr Leſſen fort, indem er ſeine kleinen und ſcharfen Augen wieder feſt auf den Geheimen⸗ rath richtete; in dieſem Falle würden Se. Hoheit der Frau Fürſtin⸗Mutter die Nothwendigkeit darthun, Albernhauſen und am beſten das Land ſelbſt ſo bald als möglich zu ver⸗ laſſen. Die Frau Fürſtin ſoll wider ihren Willen entfernt wer⸗ den? rief der Geheimerath erſchrocken; ach, Herr Cabinets— rath, das halte ich für eine ſehr gewagte Maßregel, deren Folgen unberechenbar ſind. Sie ſprechen mir aus der Seele. Ich habe mich auch entſchieden gegen dieſen Schritt erklärt; aber mein geringer Einfluß und, was mehr ſagen will, der Frau Gräfin drin⸗ gendſte und wiederholte Bitten ſind nicht im Stande gewe⸗ ſen, Sr. Hoheit Entſchluß zu ändern. Die täglich ſich kundgebende Mißſtimmung in der Reſidenz, die offene Par⸗ teinahme für die Fürſtin⸗Mutter, die hin und wieder an den Tag gelegte Richtachtung gegen die Frau Gemahlin Sr. Hoheit haben ihn in eine ſo gereizte Stimmung ver— ſetzt, daß er feſt entſchloſſen iſt, dieſen Zuſtänden ein Ende zu machen. Ich befürchte nur, daß das gewählte Mittel nicht das gewünſchte Ziel, ſondern eher das Gegentheil herbeiführen wird— die Aufregung wird ſteigen, und es iſt wahrlich nicht abzuſehen, was daraus entſtehen kann. Sie ſprechen meine ganze Anſicht aus, bemerkte Leſſen; nicht nur die meinige, ſondern auch die Anſicht der Frau Gräfin. Es war einmal nicht möglich, den Regenten von ſeinem Entſchluſſe zurückzubringen; die Unterredung zwi⸗ ſchen ihm und der Fürſtin wird heute Morgen ſtattfin⸗ den. Ich verſpreche mir davon keinen Erfolg, ſondern bin feſt überzeugt, daß die Fürſtin auf ihrer Weigerung behar⸗ ren wird. Ich zweifle keinen Augenblick daran, ſchaltete der Ge⸗ heimerath ein. Von Seiten der Frau Gräfin ſowohl als von meiner Seite wird dann Alles aufgeboten werden, um wenigſtens die Ausführung der angedrohten Maßregel zu verhindern.. Das freut mich von ganzem Herzen. So bin ich denn vielleicht nicht vergeblich zu Ihnen ge⸗ kommen, ſagte Leſſen, dem Geheimenrathe die Hand reichend; denn meine Abſicht iſt keine andere, als Sie zu unſerem Verbündeten zu machen. Ich verſtehe Sie noch nicht recht. Ich werde mich deutlicher erklären. Nehmen wir alſo an, die Fürſtin beharre bei ihrer Weigerung, ſo iſt die ganze Sachlage durch die ausgeſprochene Drohung ihrer unfreiwilligen Entfernung jedenfalls weſentlich verändert. Ich halte dieſe Veränderung nicht für nachtheilig, ſondern für erſprießlich. Zwiſchen einer ausgeſprochenen Drohung und der Ausführung derſelben beſteht bekanntlich ein großer Unterſchied. Der Fürſt ſowohl als die Fürſtin werden es in ſorgſame Erwägung nehmen, ob ſie es wirklich zum Aeußerſten kommen laſſen wollen, und ich kann mich noch immer der Anſicht nicht entſchlagen, daß die Liebe der Mut⸗ ter zu ihrem einzigen Sohne bei der Fürſtin doch ſchließlich den Sieg davontragen wird, wenn ſie zu ruhiger Ueber⸗ legung kommt und ein günſtiger Einfluß auf ſie einwirkt. Es wäre möglich, aber es iſt nicht wahrſcheinlich— — auch wird eine ſolche Einwirkung auf die Fürſtin ſchwer zu erreichen ſein. Gerade deßhalb bin ich zu Ihnen gekommen. Zu mir? fragte der Geheimerath mit ſichtlichem Er⸗ ſtaunen. Ja, denn dieſe günſtige Einwirkung muß von Ihrer Frau Gemahlin ausgehen. Von meiner Frau? rief der Geheimerath erſchrocken; von meiner Frau? Ach, das iſt ganz unmöglich! Ganz unmöglich? fragte Leſſen ebenfalls erſtaunt. Dieſe Aeußerung ſtimmt wenig mit Ihren bisherigen Ver⸗ ſicherungen überein. Meine Frau iſt in dieſer Beziehung mit einem mir ſelbſt unerklärlichen Vorurtheile befangen, welches zu beſei⸗ tigen ich leider vergeblich verſucht habe. Und worin beſteht dieſes Vorurtheil? Worin es beſteht? Das iſt mir leider ſelbſt noch nicht klar geworden. Es ſcheint mir— ſie betrachtet die Hei⸗ rath Sr. Hoheit mit der Gräfin als ein Unglück für das Land, als eine Kränkung der Frau Fürſtin⸗Mutter, as. 4 Ihre Frau Gemahlin wird alſo von politiſchen Grün— den geleitet, bemerkte Leſſen, als der Geheimerath zögernd ſchwieg. Es ſcheint mir faſt ſo, obgleich meiner Frau Derartiges ſonſt gänzlich fremd war. Bei einer Frau iſt dies immer eine mehr oder weniger auffallende Erſcheinung, ſagte nachdenkend der Cabinets⸗ rath— doch habe ich nicht die Ehre, Ihre Frau Gemahlin näher zu kennen, und darf mir daher kein urtheil erlauben. Ich glaube jedoch, daß das öftere Beiſammenſein Ihrer Frau mit der Fürſtin dieſt Anſchauung hervorgebracht haben wird. Das weibliche Gemüth iſt immer leicht be⸗ reit, Partei für Denjenigen oder Diejenige zu nehmen, welche es für den unterdrückten und gekränkten Theil an⸗ ſicht; es würde daher vorzugsweiſe darauf ankommen, — 225— Ihrer Frau Gemahlin die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß das eigene Intereſſe der Frau Fürſtin⸗Mutter eine, wenn auch vorläufig vielleicht nur der Form nach, vorzunehmende Verſöhnung erheiſche. Wenn Sie ihr dies klar machen, Herr Geheimerrath, wenn Sie die Folgen eines ferneren eigenſinnigen Beharrens der Frau Fürſtin in ihrem Wider⸗ ſtande in das gehörige Licht ſtellen, die Kränkungen und die Nachtheile ſchildern, die daraus für die hohe Frau noth⸗ wendig entſtehen müſſen, ſo zweifle ich keinen Augenblick, daß Ihre Frau Gemahlin, welche ja allgemein für eine ſehr geſcheidte und intelligente Dame gilt, die Ueberzeugung ge⸗ winnen muß, daß die Frau Fürſtin im eigenen wohlerwoge⸗ nen Intereſſe nichts Beſſeres thun kann, als die ihr aber⸗ mals zur Verſöhnung von ihrem Sohne angebotene Hand nicht wieder zurückzuweiſen. Geben Sie mir darin nicht Recht, Herr Geheimerrath? Allerdings, allerdings, aber— wenn nur.... So wird es alſo jetzt Ihre Aufgabe ſein, zuerſt die irr⸗ thümlichen Anſichten Ihrer Frau Gemahlin aufzuklären. Nach den von Ihnen vorher gemachten Aeußerungen darf ich mich wohl der Hoffnung hingeben, daß Sie Sich deſſen nicht weigern. Nicht im entfernteſten, im Gegentheil, ich bin bereits längſt bemüht geweſen, bei meiner Frau dieſe Anſicht her⸗ vorzurufen; leider iſt mir dies nicht gelungen, und ich be⸗ zweifle auch... Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 11. 15 Zweifeln Sie nicht daran, Herr Geheimerrath, unter⸗ brach ihn Leſſen mit gewinnender Freundlichkeit; eine ſo muſterhafte Ehe, wie die Ihrige, wird einer an ſich unbe⸗ deutenden, rein politiſchen Frage wegen nicht nach lang⸗ jährigem, ungetrübtem Fortbeſtehen in Uneinigkeit zerfal⸗ len. Ihre Frau Gemahlin wird, ich nehme dies mit Be⸗ ſtimmtheit an, durch Ihre Vorſtellungen bewogen, die rich⸗ tige Ueberzeugung der obwaltenden Verhältniſſe erlangen und dann auch gewiß eben ſo willig als bereit ſein, ihren vielvermögenden Einfluß auf die Frau Fürſtin zur fried⸗ lichen und erfreulichen Löſung der obwaltenden Mißverhält⸗ niſſe eintreten zu laſſen.— Sie ſelbſt ſcheinen aber immer 5 noch nicht überzeugt zu ſein? fragte Leſſen forſchend weiter, da der Geheimerath mit der Antwort zögerte. Ich werde Alles thun, um Ihren Wunſch zu erfüllen, Herr Cabinetsrath, erwiederte der Geheimerath mit etwas unſicherer Stimme, Ihren Wunſch, der ja auch, wie ich ſchon bemerkte, vollkommen der meinige iſt. Und zugleich derjenige Sr. Hoheit des Mitregenten und derjenige Sr. Hoheit Gemahlin, der Frau Gräfin, ſetzte Leſſen langſam hinzu. Nehmen Sie meine wiederholte Verſicherung, daß ich alles aufbieten werde, was in meinen Kräften ſteht, um ihn zu erfüllen. Nun, das freut mich, ſagte Leſſen heiter— ich be⸗ trachte dieſe Sache daher als abgemacht und bin von dem — — guten Erfolge zum Voraus überzeugt. Ich möchte noch einen anderen Gegenſtand mit Ihnen beſprechen und Ihre Anſicht ſo wie Ihren Rath darüber hören. Ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten. Was halten Sie von dem maßloſen Benehmen des Landtages, und welches Verfahren der Regierung ſcheint Ihnen das geeignete? Das iſt eine ſehr wichtige und vielumfaſſende Frage, Herr Cabinetsrath, entgegnete der Geheimerath jetzt mit freierem Tone, nachdem die für ihn ſo peinlich geweſene Unterhaltung ihr Ende erreicht hatte; darüber ließe ſich Vieles ſagen, jedenfalls iſt eine ſehr ſorgſame und gründ⸗ liche Erörterung nöthig. Natürlich, bemerkte Leſſen, das verſteht ſich von ſelbſt; behandeln wir jedoch die Frage im Großen und Ganzen— in allgemeinen Umriſſen mit Uebergehung aller kleinlichen Details, die ſich am Ende von ſelbſt ergeben, wenn man über die Grundſätze einig iſt. Glauben Sie, daß ſich mit einem ſo zuſammengeſetzten Landtage überhaupt fortregie⸗ ren läßt? Es kommt lediglich darauf an, wie man regieren will und was man unter Fortregieren verſteht. Unter Fortregieren verſtehe ich das unverrückte Feſthal⸗ ten an den fürſtlichen Hoheitsrechten, ohne es zu dulden, daß dieſelben, wie es jetzt unaufhörlich geſchieht, durch die Kammer beeinträchtigt werden. Man iſt nicht zufrieden, die verfaſſungsmäßigen Rechte auszuüben, ſondern ſtets beſtrebt, dieſelben auf Koſten des Fürſten zu erweitern, bis man endlich zu dem erwünſchten Ziele gelangt iſt, die fürſt⸗ liche Gewalt zu einem bloßen Schattenbilde herabgedrückt zu haben. Bis jetzt habe ich nicht erkennen können, daß der Land⸗ tag ſeine verfaſſungsmäßigen Rechte überſchritten hätte. Das haben Sie nicht erkennen können? ſagte Leſſen ſichtlich erregt; ich muß geſtehen, daß ich eine ſolche Auf⸗ faſſung von Ihnen nicht erwartet hätte. Haben Sie wirk⸗ lich dieſe hohnvollen, verletzenden, den Fürſten geradezu angreifenden Kammerreden, dieſe nichtswürdigen Interpel⸗ lationen geleſen? Behandelt man Sr. Hoheit Miniſter nicht geradezu wie Schulbuben, die man über jede beliebige, von dem Fürſten ſelbſt angeordnete Maßregel zur Rechen⸗ ſchaft zieht? Dieſes Recht iſt dem Landtage durch die Verfaſſung gewährleiſtet. Wirklich? Ich muß geſtehen, ich werde irre an Ihnen; gerade von Ihnen hätte ich eine ſolche Aeußerung am we⸗ nigſten erwartet. Das thut mir leid, erwiederte ruhig der Geheimerath. Ich mache gar kein Hehl daraus, daß ich die Verfaſſung für ein Unglück halte, daß ich nach wie vor der Ueberzeu⸗ gung bin, die Verleihung ſei eine große Uebereilung, eine — ½ — 229— Schwäche des alten Herrn geweſen— indeß, ſie iſt ein⸗ mal gegeben worden. Nicht von dem jetzigen Regenten. Aber von ihm anerkannt und bei Uebernahme der Mit⸗ regentſchaft beſchworen. Dennoch macht es einen großen Unterſchied, ob man ſelbſt etwas thut, oder nur die Handlungen eines Anderen anerkennt. Ich für meine Perſon weiß einen ſolchen Unterſchied nicht aufzufinden. Nicht? Nun, wenn Sie aber ſelbſt die Verfaſſung für ein Uebel halten, ſo werden Sie es auch angemeſſen finden, ſo viel als möglich in die alten Bahnen zurückzulenken. Es wäre ſehr wünſchenswerth, wenn es geſchehen könnte, nur weiß ich nicht, wie dies möglich iſt. Vor Allem würde das Wahlgeſetz zu ändern ſein. Es könnte dies doch nur auf verfaſſungsmäßigem Wege, durch den Landtag ſelbſt geſchehen, und ich glaube nicht, daß er ſeine Zuſtimmung geben wird. Das glaube ich auch nicht, lachte Leſſen ſpöttiſch; Sie ſind wirklich äußerſt gewiſſenhaft, Herr Geheimerrath— aber, da Sie nun doch ſelbſt die Ueberzeugung haben, daß es ſo nicht weiter fortgehen kann, was würde denn nach Ihrer Meinung zu thun ſein? Man muß von allen der Regierung zu Gebote ſtehen⸗ 230—. allerdings nicht, ohne die Folgen vorher ſorgfältig zu er⸗ wägen. Sie würden alſo den Landtag auflöſen? Das wäre das letzte Mittel. Und wenn man es anwenden müßte? Wenn man es anwenden will, wird man vorher zu er⸗ wägen haben, ob die neuen Wahlen muthmaßlich für die Regierung beſſer ausfallen werden, als die jetzigen geweſen ſind. Man darf ſich in dieſer Hinſicht keiner verderblichen Täuſchung hingeben. Die Hälfte der Kammer beſteht aus Beamten und Dienern der Regierung, und gerade dieſe befinden ſich, ihres Eides als Beamte uneingedenk, meiſtens in der Oppoſition. Es iſt dies eine ſehr betrübende Erſcheinung— es läßt ſich jedoch nicht in Abrede ſtellen, daß für dieſe Män⸗ ner eine Colliſion der Pflichten obwaltet. Sie hätten gar kein Mandat annehmen ſollen. Darin bin ich ganz Ihrer Meinung. WMan könnte ihnen dies daher künftig einfach unter⸗ ſagen. Dann würde man offenbar zu weit gehen und ſich einer Verletzung der Verfaſſung ſchuldig machen. Sie ſind wirklich äußerſt rückſichtsvoll— man könnte den verfaſſungsmäßigen Befugniſſen Gebrauch machen— —— — 231— den Herren Beamten vor der Wahl aber ankündigen laſſen, daß man die Annahme eines Mandates, um auf dem Land⸗ tage Oppoſition gegen die Regierung und gegen ihren Für⸗ ſten und Herrn zu treiben, als eine Verletzung ihres Dienſteides anſehen und ſeine Maßregeln danach ergreifen werde! Das könnte man— aber es bleibt immer zweifelhaft, ob es von Erfolg ſein würde. Mir ſcheint es durchaus nicht zweifelhaft. Jeder die⸗ ſer Herren denkt an ſeine Eriſtenz, an Frau und Kinder und an all die Dinge, welche damit zuſammenhängen. Es kommt lediglich darauf an, es nicht bei einer leeren Dro⸗ hung bewenden zu laſſen, die allerdings nichts ſein würde, als das Documentiren unſerer Schwäche— ſondern mit den Hauptſchreiern einige Erempel zu ſtatuiren, ſofort nach den Wahlen oder vielleicht ſchon vorher— das wird helfen, darauf können Sie Sich verlaſſen. Möglich, ſagte der Geheimerath bedenklich; immer iſt es aber ein gewagtes und gewaltſames Mittel. Wiſſen Sie ein beſſeres? fragte Leſſen leidenſchaftlich; ſo kann einmal die Sache nicht fortgehen. Wenn wir dann einen gefügigen Landtag haben, ſetzte er ſpöttiſch hinzu, werden wir uns mit dem weiteren Ausbau der Ver⸗ faſſung beſchäftigen, vor Allem ein neues, nach Ständen geordnetes Wahlgeſetz ſchaffen und das Zweikammer⸗Syſtem mit beſchränkten Befugniſſen einführen. Eine Kammer iſt überhaupt ein abſoluter Unſinn, keine Landesvertretung mehr, ſondern nichts als ein revolutionärer Convent! Selbſt in Frankreich und England beſtehen zwei Kammern; nur bei uns hat man die Thorheit begangen, Eine Kammer zu errichten. Ich bin überhaupt für gar keine, ſagte ruhig der Ge⸗ heimerath. Die ſogenannte conſtitutionelle Regierungs⸗ form iſt nichts als ein Ueberbleibſel der Revolution, ſowohl in England als in Frankreich. Wir, die wir gar keine Revolution gehabt haben, auch bei dem geſunden und er— gebenen Sinne unſeres Volkes niemals eine haben werden, wir ſind aus reiner Nachahmungsſucht ebenfalls in dieſe Bahn getreten— in dieſe Bahn, deren große Nachtheile ſich bereits gezeigt haben und ſich immer noch mehr zeigen werden. Es freut mich aufrichtig, dies von Ihnen zu hören, Herr Geheimerrath, ſagte Leſſen, demſelben die Hand rei⸗ chend— ich ſehe, wir ſind in der Hauptſache einig, und es gereicht mir zur großen Genugthuung, die Zuſtimmung eines ſo erfahrenen Mannes mit meinen eigenen Anſichten erlangt zu haben.— Ich hoffe, Sie werden Sich jetzt nicht mehr ſo ſelten machen, fuhr er im leichten Unterhaltungs⸗ tone fort, man ſollte niemals an einem Orte fehlen, wo man gern geſehen iſt. Sie ſind ſehr gütig, ſagte der Geheimerath geſchmeichelt. Apropos, fragte Leſſen mit einem vielſagenden Lächeln, — ——————————————— ———— ———————— — 233— ſoll ich wirklich Ihre mir vorhin an die Frau Gräfin über⸗ tragene Antwort ausrichten, oder wollen Sie ihr dieſelbe, wie ſie es erwartet, nicht ſelbſt bringen? Wie ſie es erwartet? fragte der Geheimerath verlegen. Ja, natürlich erwartet ſie dies, ſie nahm es ſogar als beſtimmt an und ſchien ſich darauf zu freuen, einen alten Freund, wie Sie nun einmal immer von ihr genannt wer⸗ den, einmal wieder zu ſehen— indeſſen, wenn Sie darauf 8 Ich werde die Ehre haben, ſagte der Geheimerath mit einem tiefen Athemzuge; wollen Sie vielleicht die Güte haben, dies der Frau Gräfin mitzutheilen, damit ſie mir eine Stunde beſtimme, in welcher... Sie werden heute Abend um acht Uhr zum Thee er⸗ wartet, erwiederte Leſſen leicht— aber nun will ich mich Ihnen empfehlen, denn unſere beiderſeitige Zeit iſt koſtbar — ach, Sie glauben gar nicht, wie ſehr ich in Anſpruch ge⸗ nommen bin, kaum, daß mir eine Stunde für meine arme Frau übrig bleibt, die faſt den ganzen Tag allein ſein muß. Leben Sie wohl, Herr Geheimerrath, und vergeſſen Sie vor allen Dingen nicht, Ihrer Frau Gemahlin Anſichten zu be⸗ richtigen, das bleibt für den Augenblick die Hauptſache; denn ſobald Se. Hoheit mit ſeiner Mutter ausgeſöhnt ſein wird, iſt der Oppoſition der Boden unter den Füßen ent⸗ riſſen. Vergeſſen Sie das nicht und leben Sie für heute wohl. Ich hoffe nun, das Glück zu haben, Sie wieder öfter in unſeren Kreiſen begrüßen zu können. Der Geheimerath beendete heute ſeine amtliche Thätig⸗ keit etwas früher, als dies ſonſt ſeine Gewohnheit war, denn es fehlte ihm die richtige Sammlung; er war ſichtlich zerſtreut und ſeine Gedanken wollten durchaus nicht an den trockenen und abſtracten Vorſtellungen haften bleiben, wie es das Studium über die Natur der Grundabgaben nöthig machte. Er legte Acten und Urkunden-Bücher zuſammen und ging. Als ihm draußen die feuchte und ſcharfe Luft des jugendlichen Jahres muthwillig in das Geſicht blies, erſchrak er ordentlich und blickte verwundert umher, als ob er aus einem Traume erwache. Dann wickelte er ſich feſter in ſeinen Mantel und ging gemeſſenen Schrittes weiter, wie es ſeinem Alter und ſeiner amtlichen Stellung ent⸗ ſprach. Auf dem Schloßplatze angekommen, ſah er die fürft⸗ liche Gala-Equipage mit vier Pferden beſpannt vor dem Flügel des Schloſſes halten, in dem die Fürſtin-Mutter wohnte; in demſelben Augenblicke trat der Mitregent in voller Uniform aus der Thür, ſtieg raſch in den Wagen, welcher dann ſogleich in ſcharfem Trabe fortfuhr. Es ent— ging dem Geheimenrathe nicht, daß keiner der Vorüber⸗ gehenden ſich darum zu kümmern ſchien. Der Geheimerath war ſtehen geblieben, wie dies die Achtung gegen ſeinen Landesherrn erforderte, als der Wagen — —— — 235— ſich ihm näherte, zog er ſeinen Hut ab und machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Der Fürſt befahl, zu halten, ließ eine der breiten Spiegelſcheiben herab und winkte dem Geheimenrathe, näher zu treten. Wie geht es Ihnen? fragte er dann mit freundlicher Miene; man ſieht Sie ja gar nicht mehr. Vielfache und überhäufte Geſchäfte, Hoheit, nehmen meine ganze Zeit in Anſpruch, erwiederte dieſer ernſt. Ich weiß, ich weiß— ich ſelbſt trage vielleicht die Schuld. Seien Sie jedoch verſichert, daß mein Wohl⸗ wollen gegen Sie unverändert geblieben iſt— ich bin je⸗ doch gleichfalls mit ſehr vielen und unangenehmen Ge— ſchäften überhäuft. Ich bedarf Ihres Rathes— Ihres Beiſtandes— wollen Sie mir Beides gewähren? Cw. Hoheit haben lediglich zu befehlen. Ein befohlener Rath iſt nicht viel werth— Sie wiſſen, was ich meine. Kommen Sie morgen um eilf Uhr auf das Schloß und laſſen Sich direct bei mir melden. Es iſt hier nicht der geeignete Ort zu einer Unterhaltung. Leben Sie daher wohl— alſo bis morgen. Der Fürſt reichte bei dieſen Worten dem Geheimen⸗ rathe freundlich die Hand, zog dann das Fenſter wieder in die Höhe, und der Wagen fuhr in raſchem Trabe weiter. Langſam ſetzte der Geheimerath ſeinen Hut auf, wickelte — 236— ſich feſter in ſeinen Mantel und ſchritt, in tiefes Nach⸗ denken verſinkend, ſeiner Wohnung zu. Er dachte an Vielerlei, vor Allem an ſeine Frau, dann an Leſſen, an den Fürſten, an die Gräfin und an die Fürſtin, und je mehr er nachdachte, je mehr verwirrten ſich ſeine Gedanken und je weniger kam er dazu, einen feſten Plan für ſeine nächſte Handlungsweiſe feſtzuſtellen. Es war das Gerücht verbreitet, die Fürſtin⸗Mutter werde am Abend zum erſten Male wieder das Theater beſuchen, und dieſes Gerücht, deſſen Urſprung wie gewöhnlich nicht zu ermitteln war, hatte genügt, nicht nur alle Räume des Theaters zu füllen, ſondern auch eine dichte Menſchenmaſſe vor demſelben zuſammen zu führen. Als die Fürſtin, welche ſich geweigert, mit der Gräfin von Schöneck gemein⸗ ſchaftlich im Theater zu erſcheinen, an einem Abend ihre Loge unerleuchtet und verſchloſſen gefunden, ſo daß ſie ge⸗ nöthigt war, wieder nach Hauſe zu fahren, war ein Tumult entſtanden, der das Einſchreiten des Militärs nöthig ge⸗ macht hatte. Die gegen die Fürſtin begangene Rückſichts⸗ loſigkeit wurde ſpäter zwar als ein Mißverſtändniß darge⸗ ſtellt, im Publicum glaubte man jedoch nicht daran, und da die Fürſtin bisher das Theater gemieden hatte, ſo war ihr heute angekündigtes Erſcheinen ein Ereigniß und eine willkommene Gelegenheit zu einer Demonſtration gegen den Mitregenten und die Gräfin von Schöneck. Als daher wirklich am Abend der Wagen der Fürſtin —— langſam durch die dichtgedrängte Menſchenmaſſe nach dem Theater fuhr, wurde ſie mit lautem und enthuſiaſtiſchem Jubel begrüßt; beim Eintritt in ihre Loge erhob ſich das ganze Publicum von den Sitzen und brachte ihr ein drei⸗ maliges Lebehoch, in welches das Orcheſter mit einſtimmen mußte. Die weitere Vorſtellung verlief ruhig; nur zer⸗ ſtreute ſich die Menge vor dem Theater, ungeachtet des un⸗ freundlichen Wetters, nicht, ſondern wogte ab und zu, und als dann nach dem Schluſſe die Beſucher des Theaters das⸗ ſelbe verließen und dicht gedrängt den geöffneten Thüren entſtrömten, waren die Maſſen ſo angeſchwollen, daß der Wagen der Fürſtin nur mit Mühe und im langſamſten“ Schritte den kurzen Weg bis zum gegenüber liegenden Schloſſe zurücklegen konnte. Unaufhörlich wiederholten ſich die Lebehochs für die Fürſtin. Auch nachdem dieſe endlich ausgeſtiegen und ihr Wagen abgefahren war, wollten dieſe Demonſtrationen nicht enden. Die Volksmenge zog ſich vielmehr näher an das Schloß und wiederholte ihre Rufe und ihr Geſchrei. Polizei⸗Beamte, welche zum Auseinandergehen auf⸗ forderten, wurden mit Hohn empfangen und mit Stein⸗ würfen begrüßt. Dann ertönte das Signal der Cavallerie, und eine dunkle Reitermaſſe ſtellte ſich am Theater auf. Cuiraſſe, Helme und gezogene Säbel glänzten unheimlich im flackernden Lichte der Laternen. Die den Reitern zunächſt Stehenden drängten zurück, aber die Hinteren gaben nicht Raum, und ſo entſtand eine noch größere Verwirrung. Mehre verhüllte Geſtalten drängten ſich jetzt hier und da durch die Menge, indem ſie zum Widerſtande auf⸗„ forderten. Stehenbleiben! Stehenbleiben! Nicht zurückgehen, wurde von ihnen gerufen, ſie werden es nicht wagen! Reißt das Pflaſter auf! Reißt ſie von den Pferden, wenn ſie kommen! Nieder mit den Söldlingen! Es lebe die Fürſtin! Es lebe der Landtag! Fort mit der Gräfin! In einer von dieſen unheimlichen Geſtalten, welche be— müht waren, zum offenen Widerſtande aufzureizen, er⸗ kennen wir einen alten Bekannten— Ferdinand. Von Allen ſchien er der Leidenſchaftlichſte, der Thätigſte zu ſein, unaufhörlich drängte er ſich hier und dort durch, ſeine Aufforderungen wiederholend, indem er dabei ſeinen Stock hoch in der Luft ſchwang. Wie es immer bei ſolchen Auftritten zu geſchehen pflegt, waren die Vorderſten völlig k willenlos, denn es war ihnen gänzlich unmöglich, zurück⸗ zugehen, weil die Menſchenmauer hinter ihnen keinen Raum gab. Wieder ertönte das Signal der Trompete, und die Truppen rückten geſchloſſen, im langſamen Trabe vor. Geht zurück, Leute! rief der vor dem Zuge reitende Officier, gebt Raum! — 239— Die Menge drängte einen Augenblick zurück, aber bald ſtand ſie wieder unbeweglich, dann flogen Steine zu den Reitern hinüber, die wieder Halt gemacht hatten, und Vorwärts! commandirte der Officier. In hohem Bogenſatze ſprang ſein eigenes Pferd in die Menſchen hinein, von denen bald viele durch die nach⸗ ſprengenden Reiter zu Boden geritten wurden. Flach gehauen! rief der Officier wieder, aber in dem⸗ ſelben Augenblicke wurde ſein Pferd am Zügel gefaßt und in die Höhe geriſſen. Er führte einen Hieb nach dem An— greifer, wurde aber ſelbſt von einem Steinwurfe ſo heftig am Kopfe getroffen, daß er einen Augenblick im Sattel ſchwankte und dann beſinnungslos zu Boden ſtürzte. Hurrah! rief die Stimme Ferdinand's in wildem Grimme, der iſt verſorgt! Stand gehalten! Stand ge⸗ halten! Reißt ſie vom Pferde! Schlagt ſie nieder! Aber die jetzt ebenfalls bis zur Wuth gereizten Reiter gaben ihren Pferden die Sporen, die Säbel flogen nicht mehr flach, ſondern verderblich auf die dicht gedrängte Menge hinab— Geſchrei— Verwünſchungen— nieder⸗ ſtürzende, blutende Menſchen, übergerittene, halb zertretene Frauen und Kinder— das Alles war das Werk weniger kurzer Momente— dann wurde es leer auf dem großen Platze, die Trompeten blieſen zum Sammeln, und noch ſpäter beſchäftigte man ſich damit, diejenigen Verwundeten fort zu tragen, die nicht im Stande waren, ſelbſt den Platz 5 — dieſes beklagenswerthen Ereigniſſes zu verlaſſen. Zu dieſen gehörte auch der Officier, deſſen gefährliche Kopf⸗ wunde, verbunden mit dem Sturze vom Pferde, ihn be⸗ ſinnungslos gemacht hatte. Patrouillen durchzogen die Stadt, die, ohnehin nicht ſehr belebt, jetzt ganz öde und menſchenleer war, aber in allen Häuſern brannten Lichter; das Leben hatte ſich, wie bei dem Menſchen die Gedanken, in das Innere zurück⸗ gezogen. In einer abgelegenen Straße ſtanden zwei tief in ihre Mäntel gehüllte Männer unter dem dunkeln Vorbau einer alten Kirche. Sie ſind verwundet, Dornfeld? fragte der Eine; Sie bluten? Unbedeutend, unbedeutend, entgegnete der Andere; es iſt nur eine Schramme; aber er wird länger an mich denken, dieſer Soldknecht, wenn er überhaupt wieder denken wird. Ich habe ihn gut getroffen, und er ſtürzte wie ein Mehlſack von ſeinem Gaule herab— ohne alle Grazie, ſage ich Ihnen, lachte er höhniſch auf. Sie ſind leidenſchaftlich, vanet der Andere, das thut's nicht. Glauben Sie mir, ich habe in ſolchen Dingen Er⸗ fahrung, ich war in Paris, als man deh guten Charles X. beſeitigte— mit dieſem Volke iſt wenig anzufangen. Den heutigen Putſch halte ich für eine ganz verfehlte Geſchichte, die mehr ſchaden als nutzen wird. Man hätte es unter⸗ laſſen ſollen— aber Sie bluten immer noch, laſſen Sie Sich vor allen Dingen verbinden. Ach, der kleine Aderlaß thut mir wohl, laſſen Sie mich immerhin ein wenig bluten, je mehr— je beſſer. So werden wir ſchwerlich zum Ziele kommen, bemerkte der Andere ruhig, und ich glaube, es iſt faſt beſſer, wir geben die Sache ganz auf. Sie werfen ja die Büchſe bald ins Korn! lachte Fer⸗ dinand auf. Haben wir nicht unſeren Zweck erreicht? Es war der Anfang. Ich befürchte, daß es gerade ſehr unerwünſchte Folgen haben wird, denn ich ſehe nicht ſo durch die gefärbte Brille der Leidenſchaft, wie Sie. Sie handeln mehr aus perſön⸗ lichem Haß gegen den Fürſten und noch mehr gegen die Gräfin— ich habe das längſt erkannt. Dabei kommt aber wenig heraus. Ich ſollte denken, es könnte Ihnen ſehr gleichgültig ſein, weßhalb ich ſo handle, wenn ich nur handle. Nicht ſo ganz, denn Sie handeln nicht nach einem überdachten Plane, ſondern laſſen Sich ſtets von Ihrer Leidenſchaft zu Uebereilungen hinreißen— hören Sie, es kommt ſchon wieder eine Patrouille— zurück, hinter die Pfeiler, und rühren Sie Sich nicht. Die Patrouille zog vorüber. Als der gemeſſene Schritt der marſchirenden Soldaten verhallt war, traten die beiden Männer wieder aus ihren Verſtecken hervor. Guſtavvom See. Wogen des Lebens. II. 16 Kommen Sie, ſagte Ferdinand's Begleiter, es iſt die— höchſte Zeit, daß wir gehen; ich hoffe, daß die Thore nicht 3 geſchloſſen ſind. Wir haben noch zwei Stunden zu wandern, ehe wir uns gefahrlos zur Ruhe niederlegen können, und daher Zeit genug, ſodald wir im Freien ſein werden, unſere Unterhaltung fortzuſetzen. Ende des zweiten Bandes. 4* 5 P§ „ — 8 Druck von Otto Wigand in Leipzig.