dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo 2 3 Eduaurd Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe U hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. onnement. Daſſelbe muß voraus kbezahlt werden und 1 für wöchentliche2 4 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— 3* Mek.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ſ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher iche ſtartfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirßgeliehen, auchzd Roman in drei Bänden. von Guſtav vom Ser. (G. von Struenſee.) Erſter Band Der Perfaſſer behält ſich das Recht der Mebersetzung vor. Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1863. ——————————— Im Wirthshaus. Katharina Soldau Die Einladung Cäcilie Ein Rendez⸗vous Die Hochzeit Inhalt. Erſtes Kapitel: Zweites Kapitel: Drittes Kapitel: Viertes Kapitel: Fünftes Kapitel: Sechſtes Kapitel: Seite 77 103 132 Siebentes Kapitel: Ideal und Wirklichkeit Achtes Kapitel: Neuntes Kapitel: Haß und Liebe Seite 159 217 Erstts Anpitel. Im Wirthshaus Nicht iſt alles Gold, was gleißt, Glück nicht alles, was ſo heißt, Nicht alles Freude, was ſo ſcheint, Damit hab'ich gar Manches gemeint. Goethe. Wo lernte man die Menſchen leichter kennen, wenn es, wie gewöhnlich, nur um eine oberflächliche Bekanntſchaft zu thun iſt, als in einem Gaſthofe? Die ganze Erde iſt ja eigentlich nichts als ein großer Gaſthof, in welchem die Menſchen für eine kurze Zeit abſteigen und ſich nach ihren jedesmaligen Fähigkeiten und Mitteln Zimmer, Speiſen und ſonſtige Unterhaltungen beſtellen, in dem ſie mitein⸗ ander verkehren, der Eine vornehm und excluſiv, der An— dere mittheilſam und weniger wähleriſch, noch viele Andere endlich nur von den Abfällen lebend— ſchließlich aber kommt für Alle doch der Tag, wo der Oberkellner Tod mit der Rechnung erſcheint, ein Tag, der den Meiſten noch ſehr fern zu liegen ſcheint, weil ſie ihre MWittel ie Guſtav vom See. Wogen des Lebens. J. und der nun doch mit Einem Male da iſt. O, dieſer fa⸗ tale Rechnungs⸗Abſchluß, dem der Gaſt in den fürſtlichen Gemächern eben ſo unterworfen iſt, wie der arme die Stiefel putzende Hausknecht!— Wie würde es in dem großen Gaſthofe aber zugehen, wie noch bei Weitem mehr, als es ohnehin ſchon geſchieht, würden die ſchlechten Eigenſchaf⸗ ten der Gäſte: Stolz, Ueberhebung, Genußſucht, Ver⸗ rätherei und Egoismus, emporwuchern und jede edle Blume von vorn herein im Keime erſticken— wenn der Oberkell⸗ ner mit der Rechnung nicht wäre! Wir thun daher dieſem braven Manne auch vollſtändig Unrecht, wenn wir ihn fürchten oder gar haſſen, denn er iſt nun einmal zu dieſem Dienſte beſtellt; er ſitzt ſchweigend an ſeinem Hauptbuche, und wenn ihm geſagt wird, ein Haſt müſſe abreiſen, macht er einen Strich unter deſſen Conto, und er muß bezahlen! Wohl demjenigen, der auf den Empfang ſeiner Rechnung gefaßt iſt und beim Durch⸗ leſen derſelben nur wenige Poſten findet, bei welchen ihn die Reue überſchleicht. 6 Doch wir wollen dieſen Gaſthof mit dem unheimlichen Oberkellner verlaſſen und in einen anderen eintreten, in welchem ſich dieſe Perſon in der gewöhnlichen Weiſe vor⸗ ſtellt, mit der etwas lang geſchößten Jacke, eng anliegen⸗ den Beinkleidern, die Feder hinter dem Ohr, welches theil⸗ weiſe von den tief geſcheitelten, ſtark geölten Haaren verdeckt wird. Dieſer irdiſche Oberkellner ſteht an ſeinem Pulte und überblickt den elegant eingerichteten Speiſeſaal, in dem verſchiedene größere und kleine Tiſche zierlich gedeckt ſind und von den an der Decke hangenden Lüſtern hell und glänzend erleuchtet werden. Der Gaſthof, zu dem dieſer elegante Speiſeſaal gehörte, führte den ſchon etwas ver⸗ alteten Namen„Zum römiſchen Kaiſer“ und lag am Markte einer ſüddeutſchen Univerſitätsſtadt. Die roman⸗ tiſche Lage derſelben zog nicht nur viele Studirende auch von anderen deutſchen Vaterländern dorthin, ſondern er⸗ hielt auch, beſonders während der ſchönen Jahreszeit, einen lebhaften und unausgeſetzten Fremdenverkehr. Der Gaſthof„Zum römiſchen Kaiſer“ war der erſte der Stadt, entſprach ſowohl hinſichtlich ſeiner Einrichtung als ſeiner Preiſe allen Bedürfniſſen des neueſten Fortſchrittes und wurde deshalb von den Studenten, als zu ercluſiv und zu theuer, gar nicht beſucht. Nur ſehr ſelten verirrten ſich einige der Muſenſöhne, die über gute Wechſel zu ver⸗ fügen hatten, dorthin, aber es geſchah äußerſt ſelten, denn ſie fühlten es bald heraus, daß man ihre Anweſenheit im „Römiſchen Kaiſer“ ſelbſt nicht wünſche und ſie mit einem an Duldung erinnernden Zwange bediene. Dagegen pflegten ſich dort die Officiere des in der Stadt garniſoni⸗ renden Dragoner⸗Regiments ziemlich regelmäßig zu ver⸗ ſammeln, vielleicht gerade deshalb, weil ſie wußten, hier nicht mit Studenten zuſammen zu kommen, deren Gemein⸗ ſchaft ſie ſichtlich mieden. Auch an jenem Abende, wo der geſcheitelte Oberkellner eine Zeit lang nachdenkend an ſeinem Pulte ſtand, ſaßen an einem der oberen Tiſche mehre Officiere plaudernd und trinkend zuſammen, und als der Eine davon dann mit ziemlich lauter Stimme zwei Flaſchen Sekt beſtellte, fuhr der Oberkellner aus ſeiner nachdenkenden Stellung hervor, indem er einem ſeiner Untergebenen diejenige Sorte be⸗ zeichnete, welche er dem Verlangenden bringen ſollte. Nehmen Sie von dem echten franzöſiſchen Cliquot, Jean, ſagte er im flüſternden Tone, der Rittmeiſter hat eine ſcharfe Zunge, wenigſtens im Anfange, und ſorgen Sie nur dafür, daß die Kühler hinlänglich mit Eis gefüllt ſind— ſpäter, wenn ſie anfangen, den Champagner mit Rothwein zu vermiſchen, können Sie ihnen mouſſirenden würzburger Cliquot bringen, das hat dann nichts mehr zu ſagen. Während der Kellner flüchtigen Schrittes ſich entfernte, um der erhaltenen Weiſung Folge zu geben, hatte das Geſpräch an dem Officiertiſche noch mehr an Lebhaftigkeit zugenommen. Es waren wieder ein paar Attaquen heute Morgen, rief ein junger Lieutenant, ein paar Attaquen, daß Einem die Haare zu Berge ſtanden! Die Kerle ritten wie eine Herde Bauernlümmel— keine Richtung, kein Schluß, und beim Haltblaſen ein Vorſtürzen, daß man ſeines Lebens vor dem Zuge nicht mehr ſicher war! Wo ſollen ſie's auch her haben, bemerkte ein ſchon alternder Rittmeiſter mit einem auffällig langen, blonden Schnurrbarte, an welchem er unaufhörlich herumdrehte— eine dreijährige Dienſtzeit für die Cavallerie! Es ſoll mich wundern, wie lange man noch nöthig haben wird, um einzuſehen, daß dies ein Unſinn iſt. Ach, darin liegt es weniger, entgegnete ein Ober⸗ Lieutenant, indem er ſein Glas wieder voll ſchenkte; wenn man uns nicht ſo viel mit dummem und nutzloſem Zeuge abquälte, mit Parademärſchen und all den übrigen Placke⸗ reien, wenn man mehr im Regiment erercirte und tüchtig Felddienſt übte, dann würden die Kerle auch ordentliche Attaquen machen— jedes Ding will geübt ſein, und im Kriege iſt doch Alles anders! Anders allerdings, erwiederte der Rittmeiſter mit wichtigem Tone, aber wie es iſt, das haben Sie doch noch nicht erfahren und ſprechen wie der Blinde von der Farbe. Im Kriege iſt nur der Cavalleriſt etwas werth, der wirklich als ein Cavalleriſt ausgebildet iſt, der mit ſeinem Pferde vertraut geworden und damit umgehen kann. Was nützen mir dieſe Bauernbengel, die wie die Säcke auf den Pferden hangen und bei jedem kleinen Uebungsmarſche die Thiere drücken! Vorgeſtern drei Meilen mit Sack und Pack geritten, und zwölf gedrückte Pferde bei der Escadron! Es iſt geradezu nicht mehr auszuhalten— ich habe die Kerle ſämmtlich in Arreſt geſchickt. Das wird an der Sache nichts ändern, widerſprach hartnäckig der Ober⸗Lieutenant, der Reiter trägt nicht immer die Schuld; mein Cäſar hat zum Beiſpiel auch wie⸗ der einen ſtark geſchwollenen Vorderfuß bekommen, und ich muß ſchon ſeit zwei Tagen kühlen laſſen. Ihr Cäſar iſt auch nichts weniger als ein Campagne⸗ pferd, entgegnete mit einem ſpöttiſchen Lächeln der Ritt⸗ meiſter; machen Sie, daß Sie den Gaul bei guter Ge⸗ legenheit los werden, wenn Sie auch zehn Friedrichsd'or oder ſo etwas verlieren; er hat eine dauernde Schwäche im linken Vorderfuße und wird bei jeder kleinen Anſtrengung lahm werden.— Aber Sie riethen mir doch ſelbſt zu dieſem Kauf... Sie wiſſen ja, beſter Camerad, beim Pferdehandel nimmt man die Sache nicht ſo genau, da iſt ſich ein Jeder ſelbſt der Nächſte; Herr von Rattwitz wollte meine Juno nur kaufen, wenn er ſeinen Cäſar preiswürdig losſchlüge, und da begreifen Sie— doch da kommt der Sekt. Ich hoffe, du haſt dich nicht wieder vergriffen, Jean, wie neulich, ſonſt.. Der Herr Rittmeiſter können Sich überzeugt halten, bemerkte der Kellner, während er die im Eiſe ſtehenden Flaſchen entkorkte, es iſt echter franzöſiſcher Cliquot und von der beſten Sorte. Dieſes Mal ſprachſt du die Wahrheit, Burſche, ſagte der Rittmeiſter, indem er ſein Glas niederſetzte, aus dem er vorſichtig prüfend gekoſtet hatte, und ſeinen langen, etwas naß gewordenen Schnurrbart wieder in die richtige, halb ſtehende, halb hangende Lage brachte— laſſen wir daher jetzt Ihren lahmen Cäſar, Herr Camerad, fuhr er fort, und trinken wir auf das Wohl Ihrer liebenswürdi⸗ gen und ſchönen Fräulein Braut, obgleich wir befürchten müſſen, daß dieſelbe Sie unſerem Kreiſe bald ganz ent⸗ fremden wird, da Sie, wie ich gehört habe, ſchon über⸗ morgen das Feſt Ihrer Vermählung feiern wollen. Es lag wieder ein unverkennbarer Anflug von Spott in den Worten des Rittmeiſters, welchen jedoch weder die anderen anweſenden Officiere, noch derjenige, dem ſie gal⸗ ten, zu bemerken ſchienen. Alle erhoben ihre Gläſer und ſtießen auf das Wohl der jungen, ſchönen und liebenswürdigen Braut des Ober⸗ Lieutenants an. Ich danke Ihnen von Herzen, meine Herren, er⸗ wiederte dieſer nicht ohne eine ihm ſonſt nicht eigene Be⸗ fangenheit, und da Sie bereits erfahren haben, daß ich übermorgen mich verheirathen werde, ſo erlauben Sie mir wohl, Sie jetzt ſchon mündlich zu meiner Hochzeit einzu⸗ laden. Angenommen! Angenommen! Sehr gern angenom⸗ men! war die gegenſeitige Erwiederung; wann und wo befehlen Sie? Die Trauung wird um zwölf Uhr in der Kreuzkirche Statt finden— ich will Sie deshalb nicht incommodiren—, um ein Uhr iſt ein Dejeuner bei meinem Schwiegervater, welches ich bitte, mit Ihrer Gegenwart zu verſchönern. Wie zart ſich der Herr Camerad ausdrücken, ſagte lächelnd und ſpöttiſch der Rittmeiſter, man merkt es, daß Sie längere Zeit faſt ausſchließlich die Geſellſchaft des ſchönen Geſchlechtes frequentirt haben, obgleich dies immer zu Ihren Paſſionen gehört hat, wenn auch vielleicht in anderer Weiſe. Es wird uns eine Ehre ſein, eine große Ehre, nicht wahr, meine Herren, fuhr er, ſich im Kreiſe umblickend, fort, um ſo mehr, da wir in Erfahrung ge⸗ bracht, daß Ihr künftiger Herr Schwiegervater, ſo zurück⸗ gezogen er auch bisher gelebt hat, doch viele ganz vortreff⸗ liche alte Weine in ſeinem Keller bewahren ſoll, die bei dieſer feſtlichen Gelegenheit wohl das Tageslicht wieder er⸗ blicken werden. Ich hoffe, die Herren werden mit der Bewirthung zufrieden ſein, erwiederte der Ober-Lieutenant in etwas gemeſſenem Tone. Nun, Sie nehmen den Scherz nicht übel, Herr Camerad; ſolch alter Friege wie meine geringe Per⸗ ſon, iſt zuweilen etwas geradezu, und ich weiß ja auch aus Erfahrung, daß Sie ſelbſt kein Koſtverächter ſind. Mein Schwiegervater wird gewiß Alles aufbieten.. Aber ich bitte, laſſen Sie das, bemerkte der Ritt⸗ meiſter ernſt— kennen Sie die beiden Herren, fuhr er, 6 † abſichtlich dem Geſpräche eine andere Wendung gebend, fort, welche ſich dort an den nächſten Tiſch geſetzt haben? Die bezeichneten beiden Perſonen, aufwelche ſich die Blicke der Officiere nach der letzten Aeußerung des Rittmeiſters 1 richteten, hatten während des geführten Geſpräches an einem der zunächſt ſtehenden Tiſche Platz genommen und ſo eben gleichfalls Champagner und einige ausgeſuchte Speiſen beſtellt. Der Eine von ihnen war ein älterer Mann in den Fünßzigern, der Andere noch jung, vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt. Ich kenne die Herren, flüſterte der Ober-Lieutenant, indem er ſich ſo über den Tiſch beugte, daß ſeine Worte nicht weiter gehört werden konnten. Der junge Mann mit dem ziemlich nichtsſagenden Geſichte iſt der Erbprinz von Albernhauſen, der auf der hieſigen Univerſität einige privatissima hören ſoll und ſich ein Semeſter hier auf⸗ halten wird; der Andere iſt ſein Mentor oder Etzieher, oder wie man dergleichen Leute nennt, der Geheimerath von Stuhm. Der Erbprinz von Albernhauſen! Das iſt der Erb⸗ prinz von Albernhauſen? flüſterten die Officiere, indem ſie ihre Blicke, ſoweit dies ohne Auffälligkeit geſchehen konnte, auf den jungen Mann richteten— er hat ein 5 recht hübſches, offenes Geſicht und ein vornehmes, ariſto⸗ „ kratiſches Air— alſo das iſt der Erbprinz? Seit wie lange 3 befindet er ſich denn in unſerer Stadt? Er iſt vorgeſtern angekommen und unter dem Namen eines Grafen von Löwenburg immatriculirt, berichtete der Ober⸗Lieutenant weiter; haben Sie geſtern Morgen nicht die alten Perrücken in ihrem Ornate bemerkt, ſie geben ſich ja die erdenklichſte Mühe, das wichtige Ereigniß, daß ein Erbprinz fortan hier ſtudiren werde, ſo publik als möglich zu machen, obgleich das Incognito eigentlich ſtreng ge⸗ wahrt werden ſoll. Es iſt eine reine Narrheit, daß ſo ein Erbprinz ſich mit dem Studiren abgibt, bemerkte der Rittmeiſter; ſie haben ja in Albernhauſen auch ein paar Cavallerie-Regi⸗ menter, es iſt zwar kein ordentlicher Dienſt darin, etwas verloddert, wie ich neulich auf der Durchreiſe geſehen habe, aber der junge Herr würde ſeine Zeit immer noch beſſer anwenden, wenn er da Dienſt thäte, als ſich hier mit dem dummen Zeuge zu beſchäftigen. Und wenn er es blos auf unſere Stadt und die ſchöne Gegend abgeſehen hat, ſo ſollte er ſich bei unſerem Regiment aggregiren laſſen, da könnte er etwas Beſſeres lernen. Was ſtudirt er denn eigentlich für ein Fach? Er wird einige philoſophiſche und cameraliſtiſche Col⸗ legien hören, flüſterte der Ober⸗Lieutenant, das heißt, ſie werden ihm privatissime geleſen und... Was? Wie werden ſie geleſen? Ganz allein und ausſchließlich für ihn... Nun, es iſt mir lieb, daß er ſich nicht mit den rohen . — Bengels amalgamirt, die hier leider das große Wort füh⸗ ren, unterbrach der Rittmeiſter wieder. Und dann, bemerkte der Ober-Lieutenant weiter, iſt es jetzt einmal Mode, daß die Prinzen eine Zeit lang auf 1 einer Univerſität zubringen— auf der Pflanzſchule der höheren Bildung. 3 Teufel, ich habe bis jetzt wenig von dieſer Pflanz⸗ ſchule gemerkt, obgleich wir ſchon vier Jahre hier in Gar— niſon ſtehen! Unſere Dragoner ſind eben ſo dumm, wie ſie immer waren, und es ſollte auch ein Donnerwetter 5 drein ſchlagen, wenn ſie den Studenten nacheifern wollten, die ſich allerdings durch unmäßiges Saufen, nächtliches Scandalmachen und ihre lächerlichen Paukereien auszeich⸗ nnen, wozu ſie ſich vorher einwickeln, daß nichts mehr als ₰ die Naſenſpitze von ihnen zu ſehen iſt. Von denen wird der Erbprinz wahrhaftig nicht viel lernen! Dies wird auch ſchwerlich beabſichtigt, ich ſagte Ihnen ja, es iſt jetzt einmal ſo Mode. Ich glaube auch nicht, daß er überhaupt Umgang mit den Studenten haben wird, ſondern bin überzeugt, er wird ſich uns an⸗ ſchließen. ₰ Aber er iſt ja jetzt ſelbſt Student, und wir haben ddoch einmal ausgemacht, uns von dieſen Leuten fern zu halten. Nun, mit dem Erbprinzen dürften wir wohl eine Ausnahme machen, bemerkte lächelnd der Ober⸗Lieutenant er mit einem Blicke nach dem Nebentiſche ſor Franz zuckt wieder die Achſeln, wie er immer thut, wenn ſeine Weisheit zu Ende iſt. Er winkte bei dieſen Worten dem eben ſich entfernenden Kellner und fragte leiſe, nachdem derſelbe dicht an ihn her⸗ angetreten war, was die Herren wollten. Sie verlangten ein Adreßbuch, Herr Lieutenant— aber leider gibt's Derartiges in unſerer Stadt nicht. Ein Adreßbuch? Hm, vielleicht könnte ich die ge⸗ wünſchte Auskunft ertheilen. Der Ober⸗Lieutenant ſtand bei dieſen Worten auf und trat an den Tiſch der beiden beſchriebenen Perſonen. Ich war ſo glücklich, Cw. Hoheit geſtern vorgeſtellt zu werden, ſagte er mit einer tiefen Verbeugung.. Ah— Herr Lieutenant Steinberg, unterbrach ihn der Jüngere von den Beiden; ich bin hier aber ausſchließ⸗ lich der Graf von Löwenburg und bitte, vor Allem mein Incognito zu berückſichtigen. Der Herr Graf ſind ſehr gütig, erwiederte der Lieu⸗ tenant, und des Herrn Grafen Wunſch wird mir Befehl ſein— ich hörte von dem Kellner, daß der Herr Graf ein Adreßbuch wünſchten, da aber ein ſolches in unſerer Stadt nicht vorhanden iſt, ſo bin ich vielleicht im Stande, die gewünſchte Auskunft zu ertheilen. Nehmen Sie vorher Platz, Herr Lieutenant, ſagte — aber die Herren ſcheinen etwas zu wünſchen, fuhr —— ———— freundlich der Erbprinz. Sie kommen wie gerufen; wir wünſchen zu erfahren, wo Ihr Oberſt wohnt. Nicht wahr, Herr Geheimerrath? Sie würden uns verbinden, Herr Lieutenant, nahm dieſer das Wort, wenn Sie uns dies mittheilen wollten, obgleich es wohl leicht zu erfahren ſein wird. Der Herr Graf hält es für Pflicht, dem Herrn Oberſten einen Be⸗ ſuch zu machen. Der Oberſt wird ſich außerordentlich geehrt fühlen— er wohnt in der Sternſtraße, am Hauſe ſteht eine Schild⸗ wache. Ich danke Ihnen, bemerkte der Erbprinz; ich be⸗ abſichtige, den Oberſten zu bitten, mich dem Officiercorps vorzuſtellen, und ich hoffe, wir werden dann gute Came— radſchaft halten. Ich glaube, im Namen meiner Cameraden Ew.— dem Herrn Grafen meinen unterthänigſten Dank für dieſe Gnade abſtatten zu können. Sie müſſen durchaus dieſen Ton ändern, unterbrach der Erbprinz wieder, denn ich bin hieher geſchickt, oder hieher gekommen, verbeſſerte er, als er ein leiſes Räuspern des Geheimernaths vernommen, um eine Zeit lang frei von dem Zwange des Hofes zu leben— und den Wiſſenſchaf⸗ ten obzuliegen, ſetzte er wieder mit einem Seitenblicke auf ſeinen Begleiter hinzu; dazu gehört denn vor Allem„daß ich nicht immer durch Aeußerungen, wie Ihre letzte war, daran erinnert werde, daß ich der Erbprinz von Albern⸗ hauſen bin. Jetzt bin ich der Studiosus Philosophiae et cameraliae Graf von Löwenburg— das dürfen Sie nie⸗ mals vergeſſen, wenn Sie mir nicht meinen hieſigen Aufent⸗ halt verkümmern wollen. Hören Sie, niemals vergeſſen! — Doch ich ſehe dort einige Ihrer Cameraden; es wäre mir angenehm, wenn Sie mich ihnen vorſtellten. Der Lieutenant wurde durch dieſe plötzliche und uner⸗ wartete Aufforderung faſt beſtürzt, es blieb ihm jedoch keine weitere Zeit zum Nachdenken übrig, denn der Erbprinz war bereits aufgeſtänden und trat, von ſeinem Begleiter gefolgt, an den Tiſch der Officiere. Dieſe hatten ſich ſämmtlich erhoben und verneigten ſich ungewöhnlich tief, als der Lieutenant Steinberg ſie der Reihe nach vorſtellte. Wollen Sie mich ſelbſt nun aber nicht auch präſen⸗ tiren, ſagte der Erbprinz, die Herren wiſſen ja noch gar nicht.. Der Herr Graf von Löwenburg— der Herr Ge⸗ heimerath von Stuhm, bemerkte der Lieutenant, ſich aber⸗ mals tief verneigend. Ich freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen— wenn Sie es mir geſtatten, ſo nehme ich bei Ihnen Platz und wir plaudern ein wenig zuſammen. Kellner, noch einige Flaſchen Champagner— Sie erlauben, meine Herren! Dem Erbprinzen von Albernhauſen konnte man keine Weigerung entgegenſetzen; der Tiſch bedeckte ſich bald mit neuen Champagnerflaſchen, und das zuerſt mehr oder we⸗ niger gezwungene Geſpräch wurde bald ſehr lebhaft und ſogar ziemlich ungenirt, wozu die Art und Weiſe, wie der Prinz ſich benahm, weſentlich beitrug. Ja, eine wirklich paradieſiſche Gegend haben Sie hier, bemerkte dieſer im Laufe des Geſpräches, und auch einen ſchönen Menſchenſchlag; es iſt mir die Maſſe hübſcher Geſichter ordentlich aufgefallen. Nun, das geht ſo an, läuft ſo mit, erwiederte der Rittmeiſter, ſind im Allgemeinen doch dünn geſäet, die hübſchen Mädchen— davon ſprechen doch der Herr Graf? Allerdings, allerdings; wovon ſonſt? ſagte dieſer lachend. Spiſt ſo gerade für den Bedarf ausreichend— aber ein paar wirkliche Schönheiten hat die Stadt allerdings aufzuweiſen, und Eine davon, ſetzte er lächelnd hinzu, werden wir ſogar die Ehre haben, bald in das Regiment zu bekommen. Wie meinen Sie das? Als Marketenderin? O nein, nicht als Marketenderin, rief der Rittmei⸗ ſter laut lachend— wäre bei Gott nicht übel! Aber Sie werden wieder ernſt, Herr Camerad, wandte er ſich an den Ober⸗Lieutenant— ich mußte doch die unrichtige Anſicht des Herrn Grafen berichtigen;— nein, ſo war Fräulein Braut ein ſchönes Mädchen, ein ſehr ſchönes es nicht gemeint, fuhr er fort, die Schönheit, von der ich ſprach„iſt die Braut des Herrn Lieutenant, und über⸗ morgen wird die Hochzeit ſein. Entſchuldigen Sie meine Aeußerung, ſagte der Prinz, ſich dem Lieutenant zuwendend, ich hatte keine Ahnung... Ich bin überzeugt, der Herr Graf werden ganz meiner Anſicht ſein, unterbrach wieder der Rittmeiſter, wenn Sie die eben ſo liebenswürdige als ſchöne Braut unſeres Cameraden erſt geſehen haben werden. Das Regiment wird ſie auch mit offenen Armen empfangen. Sie müſſen dem Herrn Rittmeiſter alle dieſe Aeuße⸗ rungen zu Gute halten, Herr Graf, bemerkte der Lieu⸗ tenant pikirt— es iſt einmal ſo ſeine Art. Ich weiß wirklich nicht, was Sie meine Art nennen, aber ſo viel ſteht feſt, daß Ihre Fräulein Braut eines der ſchönſten Mädchen der Stadt iſt; oder ſind Sie anderer Anſicht? Ich bitte, laſſen wir das. Warum ſoll man nicht die Wahrheit reden, fuhr der Rittmeiſter eigenſinnig fort, warum ſoll man nicht ſagen, was wahr iſt, beſonders wenn es einen Gegenſtand betrifft, der aller Welt bekannt iſt? das heißt, ich meine, ſetzte er erläuternd hinzu, als er ſah, wie das Geſicht des Lieutenants ſich verfinſterte, die Thatſache, daß Ihre Mädchen iſt; Sie werden das gewiß gern zugeben, und der Herr Graf, wenn er ſich durch den Augenſchein über⸗ zeugt hat, wird dann gewiß derſelben Meinung ſein. Uebermorgen werden Sie Sich vermählen, Herr Lieu⸗ tenant, unterbrach der Prinz das etwas peinlich gewor— dene Geſpräch, erlauben Sie mir, Ihnen meinen aufrich⸗ tigen Glückwunſch abzuſtatten. Dann, fuhr er fort, nachdem der Lieutenant ſich verbeugt hatte, bitte ich Sie um die Erlaubniß, Ihrer Trauung, verſteht ſich nur als Zuſchauer, beiwohnen zu dürfen; die Aeußerungen des Herrn Rittmeiſters haben meine Theilnahme in einem ſo hohen Grade angeregt, daß Sie mir dieſe Bitte nicht ab⸗ ſchlagen werden. Der Rittmeiſter verzog ſein Geſicht bei dieſen Worten des Prinzen zu einem grinſenden Lachen; der Lieutenant aber ſchien offenbar zweifelhaft, wie er dieſe ihm zugedachte Ehre aufnehmen ſolle. Die Eitelkeit, einen Erbprinzen als Theilnehmer oder gar als Zeugen ſeiner Trauung nennen zu können, gewann jedoch ſehr bald in ſeinen Be— trachtungen die Oberhand, und er erwiederte, indem er ſich bemühte, ſo förmlich als möglich zu reden: Der Herr Graf erweiſen mir eine große und unverdiente Ehre; ich würde dieſelbe aber nicht zu würdigen verſtehen, wenn ich es duldete, daß der Herr Graf lediglich als Zuſchauer meiner Hochzeit beiwohnten, und wage es daher, ſofern es nicht unangenehm ſein möchte, den Herrn Grafen ſo— Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 2 wohl zur Trauung als zur Hochzeit ſelbſt freundlichſt ein⸗ zuladen. Dies hatte offenbar nicht in der Abſicht des Prinzen gelegen. Man konnte die Ueberraſchung ſichtlich in ſeinen Zügen leſen, und er blickte etwas verlegen und fragend zu ſeinem Begleiter, dem Geheimenrathe, hinüber. Dieſer, der bis jetzt an dem Geſpräche ſich nur wenig betheiligt und ſeinen Ernſt auch während des allgemeinen Gelächters, welches hin und wieder aufgekommen war, bewahrt hatte, nahm jetzt ſtatt ſeines jungen Zöglings das Wort. Der Herr Lieutenant beehren uns mit einer ſo freund⸗ lichen Einladung— er ſagte uns, obgleich der Lieutenant nur von dem Prinzen geſprochen hatte—„daß es unſchick⸗ lich wäre, dieſelbe auszuſchlagen. Wir würden daher die Ehre annehmen, ſofern wir die Ueberzeugung erlangten, daß Ihr Herr Schwiegervater, der doch wahrſcheinlich die Hochzeit ſeiner Tochter beſorgt, dieſelbe Intention habe und uns eine Einladung zukommen ließe. Der Lieutenant war bei dieſen mit großer Förmlichkeit geſprochenen Worten ſichtlich verlegen geworden. Bei der Einladung ſeiner Cameraden konnte man das vorher ein⸗ geholte Einverſtändniß ſeines Schwiegervaters vorausſetzen, die Officiere nahmen dies auch nicht ſo genau— hier aber, wo die ganze Sache ſich ſo plötzlich und unerwartet gemacht hatte, war dies nicht möglich. Mein Sm ich glaube in ſeinem Ran ſprechen zu können, erwiederte er dann nach einer kurzen Sammlung,— mein Schwiegervater wird von der Ehre Ihrer Gegenwart bei dieſem Familienfeſte eben ſo entzückt ſein, wie ich es bin, Herr Geheimerrath, und wird nicht verfehlen, morgen dem Herrn Grafen und Ihnen ſeine Aufwartung zu machen, um die von mir ausgeſprochene Bitte perſönlich zu wiederholen. Der Herr Graf wird dann die Ehre haben, Ihrem Herrn Schwiegervater ſeinen Entſchluß mitzutheilen, be⸗ merkte der Geheimerath in derſelben förmlichen Weiſe— aber ich glaube, es iſt ſchon ſehr ſpät, fuhr er mit einem nicht zu verkennenden Winke auf den Prinzen fort, Zeit, aufzubrechen und uns zu empfehlen. Leben Sie wohl, meine Herren, ſagte der Prinz auf⸗ ſtehend, empfangen Sie meinen Dank für Ihre angenehme Geſellſchaft; ich hoffe, daß wir uns recht oft in gleicher Weiſe ſehen werden. Die Officiere ſtanden auf, und man verabſchiedete ſich auf eine viel förmlichere Weiſe, als es nach den theil⸗ weiſe heiter und vertraulich geweſenen Geſprächen zu er⸗ warten war. Noch ſehr grün, noch ſehr grün, bemerkte der Ritt⸗ meiſter, nachdem die Beiden ſich entfernt hatten, der muß ſich die Hörner noch ablaufen! Aber ein liebenswürdiger, höchſt leutſeliger junger Mann. 2— Ach, dummes Zeug! das ſagen Sie nur, weil er ein Erbprinz iſt. Wenn es ein gewöhnlicher Menſch wäre, man würde ihn gar nicht beachten, aber ſo— natürlich, ſo muß man ganz etwas Apartes an ihm finden. Wie ſollte er denn anders ſein? War er nicht zuvor⸗ kommend, artig, gerade als ob er zu uns gehörte? Kann man bei einer ſolchen erſten Bekanntſchaft mehr thun? Ich wüßte nichts an ihm auszuſetzen. Ich ſetze auch gar nichts an ihm aus. Er kommt offenbar aus dem Zwange ſeines Hofes und möchte hier, wie es der Jugend eigen iſt, einmal recht aus Rand und Band gehen, ſo ſieht er mir wenigſtens aus— aber der Alte, das ſcheint mir ein geriebener Burſche! Der Kerl hat ja nicht ein einziges Mal gelacht, und alt kann man ihn eigentlich gar nicht einmal nennen, ich ſchätze ihn So in Ihren Jahren, Herr Rittmeiſter— noch ganz jung, unterbrach ihn ein junger Lieutenant. Seien Sie nicht anzüglich— älter werden wir Alle, Gott ſei Dank, darin beſteht wenigſtens kein Unterſchied, ſonſt gäbe es ſicher nur junge Fürſten, junge Grafen und auch nur junge Banquiers und wie das Zeug weiter heißt, was Geld hat— aber mich ſoll es wirklich wundern, ob ſie auf Ihre Hochzeit kommen werden, Herr Camerad, ich wette zehn Flaſchen Sekt gegen eine, daß es nicht ge⸗ ſchieht. — 2 Es gilt, ſagte der junge Lieutenant— Sie haben es gehört, meine Herren! Warum ſollten ſie nicht kommen? Der Geheimerath ſchien allerdings keine rechte Luſt zu haben, um ſo mehr aber der Prinz. Wie könnte er auch anders? Sie entwarfen ihm ein ſo verlockendes Bild von der Schönheit der Braut, daß ihm, wie ſoll ich ſagen— nun, Sie verſtehen mich—, und dann wüßte ich auch wahrhaftig nicht, weshalb ſie nicht kommen ſollten. Meine Herren, unterbrach der Ober⸗Lieutenant, Sie würden mich verbinden, wenn Sie dieſen Gegenſtand nicht weiter berühren wollten, er iſt peinlich für mich. Es war vielleicht unüberlegt von mir, den Prinzen einzuladen— nun, es iſt einmal geſchehen, ich ließ mich vom Augenblick hinreißen, aber der Geheimerath nahm die Sache ſehr förmlich— ich bitte Sie, nicht mehr davon zu reden und mir auch Ihr Wort zu geben, daß die Sache unter uns bleibt. Sehen Sie, rief der Rittmeiſter triumphirend, er läßt ſelbſt zum Sammeln blaſen— hat noch Jemand vielleicht Luſt, meine Wette anzunehmen?— Ich bitte wirklich, wiederholte der Ober-Lieutenant, den Rittmeiſter unterbrechend, ich glaube dies von Ihrer cameradſchaftlichen Freundſchaft erwarten zu dürfen— auch daß Sie mir verſprechen, die Sache unter uns zu laſſen. Puh— ich werde nicht davon reden, bemerkte der Rittmeiſter, was kümmert mich überhaupt dieſer Prinz und ſein zugeknöpfter Geheimerrath, hier iſt meine Hand, Herr Camerad! Die anderen Theilhaber dieſer Scene gaben gleichfalls das gewünſchte Verſprechen, man blieb noch eine Zeit lang zuſammen, aber mit der Unterhaltung wollte es nicht recht mehr weiter, und als man endlich aufbrach, war die Stim⸗ mung, namentlich die des Ober⸗Lieutenants, keineswegs eine heitere, ſondern eine gedrückte. Dies kam aber ledig⸗ lich daher, daß er befürchtete, ſeine etwas übereilte Einla⸗ dung möchte nicht angenommen werden, denn während er einſam ſeiner Wohnung zuſchritt, überlegte er ausſchließ⸗ lich, wie es am beſten anzufangen ſei, um den einmal aus⸗ geſprochenen Wunſch jetzt auch zur Ausführung zu bringen. Sweites Anpitel. Katharinn Soldan. Es iſt Eine wie die Andre, Und die Andre wie die Eine, Darum ich nun wieder wandre, Weine, mein Kind, ach weine! Wir müſſen die geneigte Leſerin nun mit einer anderen Hauptperſon des Buches, mit einer der Heldinnen deſſelben, bekannt machen, und dieſe, dem gewohnten Gange ſolcher Erzählungen entgegen, ſogleich als Braut vorführen. Wir erblicken in einem ſehr einfach und etwas altmodiſch einge⸗ richteten Zimmer ein junges Mädchen, welches ſich damit beſchäftigt, verſchiedene koſtbare und reiche Gegenſtände des weiblichen Anzuges einer ſorgfältigen Beſichtigung zu un⸗ terziehen. Sie ſelbſt befand ſich noch im Morgenanzuge. Ein etwas kurzes, weißes Unterkleid ließ ihre kleinen Füße und zierlichen Knöchel ſichtbar werden, und das weite, bis über die Taille reichende, um dieſelbe nur loſe zuſammen⸗ gehaltene Jäckchen von gleichem Stoffe geſtattete zuweilen den Anblick eines Theiles ihrer ſchönen Arme und ihres reizenden Halſes. Die dunkeln, reichen und glänzenden Haare waren noch nicht geordnet, wurden vielmehr, in zwei 3 Flechten abgetheilt, von einer langen Nadel im Nacken zu⸗ ſammengehalten. Das junge Mädchen war eben vor den beſcheidenen Spiegel mit Nußbaumrahmen getreten, welcher an dem Pfeiler zwiſchen den beiden Fenſtern hing, und hielt in der erhobenen Hand ein mit Spitzen reich garnirtes Kleid von weißem Atlas. Ein Atlaskleid habe ich noch nie gehabt, ſagte ſie, daſſelbe hin und her bewegend, um den Anblick deſſelben in dem dazu nicht ausreichenden Spiegel zu erlangen, ich glaube, ich werde nicht übel darin ausſehen, es wird zu meinem dunkeln Haare paſſen— aber es könnte hübſcher ſein. Der Atlas iſt ſthr leicht, fuhr ſie fort, den Stoff gegen das Licht haltend, und die Spitzen ſind nicht echt. Er weiß doch, daß ich einmal eine Leidenſchaft für echte Spitzen habe, und ich ſollte denken, bei dem Brautkleide müſſe man ein paar lumpige Thaler nicht anſehen. Aber ſo ſind die Männer alle, ſie haben keinen Geſchmack, kein * Verſtändniß für weiblichen Putz, und doch eine unvertilg⸗ bare Leidenſchaft, ſelbſt derartige Sachen zu kaufen. Wenn ſie dann damit ankommen, ſo muß man Alles wundervoll und ausgezeichnet finden und darf unter keiner Bedingung auch nur den leiſeſten Tadel laut werden laſſen— ſonſt ſteht ſogleich Sturm im Kalender. Man iſt unzart, un⸗ dankbar, beſitzt keine Bildung des Herzens, wie ſich Ferdi⸗ nand neulich auszudrücken beliebte, oder wie die liebens⸗ würdigen Bemerkungen weiter heißen, worin ſich ihre ver⸗ letzte Eitelkeit ergeht. Ach ja, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu, indem ſie das Kleid wieder über die Lehne eines Stuhles hing, es iſt recht hübſch; aber wenn ich es ſelbſt hätte auswählen dürfen, wäre es viel hübſcher geweſen, jedenfalls hätte es echte Spitzen bekommen, wenn auch viel⸗ leicht weniger. Das Einfache iſt ohnedies immer ſchöner, aber 6 muß nur gediegen ſein. Es iſt eigentlich eine recht dumme Mode, daß der Bräutigam das Brautkleid beſorgt; mit dem Papa hätte ich ganz anders reden können, er bekümmert ſich ja auch nicht um ſolche Dinge— aber Steinberg iſt in dieſem Punkte die Empfindlichkeit ſelbſt. Ich werde natürlich über das Kleid entzückt ſein müſſen— im Ganzen iſt es auch ſo übel nicht, ſetzte ſie mit einem abermaligen langen, prüfenden Blicke auf den Gegenſtand ihrer Betrachtung hinzu— mag es nun ſein, wie es will, es muß unüber⸗ trefflich ſein, ſonſt gibt es wieder eine Scene, und dazu iſt es jetzt nicht an der Zeit. Nun, wie gefallen dir die ſchönen Sachen, mein Kind? fragte die eintretende Dienerin, eine ſchon alternde Frau, welche die Stelle einer Haushälterin einnahm, da der Vater des jungen Mädchens ſchon lange Jahre Wit⸗ wer war.* Sie gehen an, erwiederte dieſe; man muß damit zu⸗ frieden ſein, weil man nichts Beſſeres hat. Nichts Beſſeres hat? fragte die Alte verwundert; ich ſollte denken, es wäre Alles ſehr ſchön. Sieh doch nur den feinen Atlas und die herrlichen Spitzen! Herrliche Spitzen? Nennſt du dieſe unechten Spitzen denn wirklich herrlich? Sind es keine echten? Ich verſtehe das nicht, du mußt das beſſer wiſſen; aber ſie ſehen doch ſehr hübſch aus. Laß dir nur nichts gegen den Lieutenant merken, Nettchen, du weißt, er iſt ſehr empfindlich— und dann mußt du auch bedenken, daß morgen deine Hochzeit iſt; wenn du erſt ſeine Frau biſt, nun dann iſt es freilich etwas Anderes. Ja, dann iſt es freilich etwas Anderes, wiederholte das junge Mädchen mit einem Seufzer, dann werde ich noch viel unterthäniger ſein müſſen. Wo denkſt du hin, mein Kind, erwiederte die Alte mit Lächeln, eine junge, hübſche Frau, die es nicht ver⸗ ſteht, ihren Mann zu beherrſchen, weiß nicht, was ſie be⸗ ſitt. Sei nur hübſch ſparſam mit jeder Gunſtbezeigung, immer zurückhaltend, immer nur als Belohnung für Folg⸗ ſamkeit und Erfüllung deiner Wünſche— die Männer wollen es einmal ſo, was ſie ſicher haben, macht ihnen kein Vergnügen mehr. Glaub' mir das, mein Kind, und be⸗ — 27— folge es, und du wirſt deinen Mann um den Finger wickeln. Wenn's nur immer anginge. Warum ſoll's nicht immer angehen? Du mußt nur ſtets auf deiner Hut ſein und dich niemals vom Augen⸗ blicke hinreißen laſſen. Du magſt ganz Recht haben, Margareth, erwie⸗ derte das junge Mädchen nachſinnend, ich werde es mir merken. Thu' das, mein Kind, du wirſt es gewiß nicht be⸗ reuen. Haſt du den Vater heute ſchon geſprochen? Nein, er iſt ſchon früh ausgegangen— aber Jemand anders habe ich geſprochen, ſetzte ſie mit einem verſchmitz⸗ ten Lächeln hinzu, du haſt mir's zwar verboten, aber es ging nicht anders— der arme Junge that mir wirklich zu leid. Der arme Junge? Das iſt der richtige Ausdruck, Margareth, erwiederte das junge Mädchen erröthend; aber wie kannſt du ſo etwas thun, da du weißt, daß morgen meine Hochzeit iſt! Es war Mitleid, mein Kind, pures, reines Mitleid; hätteſt du ihn geſehen, wie unglücklich er ausſah, als er mich bat, den Brief für dich anzunehmen, du hätteſt es ihm gewiß nicht abgeſchlagen. Einen Brief? Und den haſt du angenommen? 4 Konnte ich anders? es war wirklich unmöglich! Was ſchadet es denn, wenn du den Brief lieſt? Die Alte holte bei dieſen Worten einen zierlichen Brief hervor, den das junge Mädchen eine Zeit lang zögernd be⸗ trachtete, dann aber mit einem raſchen Entſchluſſe in Em⸗ pfang nahm. Sie trat einige Schritte zurück in eine Fen⸗ ſterniſche, und während die Alte ſich im Zimmer beſchäf⸗ tigte, erbrach ſie das Couvert und las. Um ihren ſchönen Mund legte ſich nach und nach ein wehmüthiger Zug, während ihre Augen auf den Zeilen ruhten, dann aber wurde ihre Miene ſpöttiſch, und ſie brach in ein leiſes, etwas gezwungenes Gelächter aus. Von der uns zuſtehenden Freiheit Gebrauch machend, nehmen wir keinen Anſtand, den geheimnißvollen Brief gleichfalls zu leſen. Er lautete: „Fahre wohl!“ Es iſt Eine wie die Andre, Und die Andre wie die Eine, Darum ich nun wieder wandre— Weine, mein Kind, ach weine! Wie ſo oft haſt du verſprochen Nur allein zu ſein die Meine, Und wie leicht die Treu gebrochen— Weine, mein Kind, ach weine! Lieb iſt niemals ohne Leiden, Doch das Leid kommt oft alleine, Müſſen nun für ewig ſcheiden— Weine, mein Kind, ach weine! Wenn die Nacht ſich niederſenket, Und du ſtill biſt und alleine, Meiner doch dein Herz gedenket— Weine, mein Kind, dann weine! Habe Dank für all' die Stunden, Die im traulichen Vereine Uns ſo ſelig ſind entſchwunden— Weine, mein Kind, ach weine! Leb denn wohl, fahr wohl für immer! Meine Hand drückt nie die deine, Meine Lippe küßt dich nimmer— Weine, mein Kind, ach weine! „Leb wohl, leb wohl! Ach, weshalb hat mein Auge jemals in das deinige geſchaut, weshalb hat dein Mund mir jemals die Lüge zugeflüſtert, daß du mich liebteſt! Für ewig, für alle Zeit bin ich ein gebrochener, verlorner Menſch! Das Leben iſt mir eine Pein, eine Laſt— ich wünſche mir nichts, als den Tod! Aber einmal muß ich dich noch ſehen, einmal es noch von dir ſelbſt hören, daß du falſch, daß du treulos biſt, daß keine Liebe zu mir mehr in deinem Herzen lebt. Einmal muß ich dich noch ſprechen, Nettchen— ich bin heute Abend im Garten! Verweigerſt du mir dieſe meine letzte Bitte, ſo erſchieße ich mich morgen, während du vor dem Altare ſtehſt in der Kirche! Ferdinand.“ Er iſt ein Narr, ein völliger, vollſtändiger Narr, ſagte ſie mit einem gezwungenen Lächeln und etwas unſiche⸗ rer Stimme. Er ſchreibt wie ein Wahnſinniger— und dabei wieder dumme, abſcheuliche Verſe— du hätteſt den Brief unter keinen Umſtänden annehmen dürfen, Marga⸗ reth, ſetzte ſie heftig hinzu, unter keinen Umſtänden! Ich wußte ja nicht, daß er dich ſo ärgern würde, mein Kind, erwiederte die Alte, indem ſie eine beſtürzte Miene zeigte, aber wenn du ſein unglückliches Geſicht geſehen hätteſt, du würdeſt Mitleid mit ihm gehabt haben. Was kann ich dafür, daß er ein ſolcher Narr iſt, ein ſo wahnſinniger Menſch, der eine kleine Spielerei gleich für Ernſt nimmt! Denke dir nur, er ſchreibt mir, daß er ſich morgen in der Kirche während meiner Trauung erſchießen werde, wenn ich heute Abend nicht zu ihm in den Garten käme. Ich werde Acht geben, Nettchen, werde genau Acht geben, daß Niemand euch ſieht oder belauſcht. Aber ich will nicht! Wie kannſt du mir nur zu⸗ reden, Margareth— bedenke, wenn es Steinberg oder der Vater erführe. Sie werden es aber nicht erfahren, mein Schatz. Sie haben es ja bis jetzt auch nicht erfahren— es iſt ja heute das letzte Mal— und bedenke doch, er befindet ſich in einer verzweiflungsvollen Stimmung. Ach, das iſt nur dummes Zeug! Glaubſt du wirk⸗ lich, er würde mit ſeiner Drohung Ernſt machen?— Ich möchte es darauf ankommen laſſen. Nein, ich kenne ihn beſſer, er iſt ein Phantaſt! Mein Gott, und dazu noch faſt ein Knabe, nur ein Jahr älter als ich! Wenn er nur ein wenig Vernunft und Ueberlegung beſäße, ſo würde er ſich ſelbſt ſagen, daß aus dieſer thörichten Sache zwiſchen uns einmal nichts werden kann. Das muß er ſelbſt einſehen, und doch benimmt er ſich wie ein Wahnſinniger und quält mich bis auf's Blut! Gerade weil er ſo iſt, wäre er auch im Stande, ſeine Drohung auszuführen. Mein Gott, was gäbe das für einen Scandal! Die ganze Stadt würde von nichts Ande⸗ rem ſchwatzen, und man würde dir allein die Schuld geben. Sie ſchwatzen ohnehin ſchon genug, weil ſie dich um dein Glück beneiden. Um mein Glück? fragte Nettchen mit einem ver⸗ ächtlichen Kräuſeln ihrer zierlichen Oberlippe; iſt es denn ein ſo großes Glück, daß ich einen armen Lieutenant hei⸗ rathe?— ich dächte, das Glück ſtände auf ſeiner Seite. Arm? Man weiß das ſo genau nicht, aber er iſt Ober⸗Lieutenant, wird bald Rittmeiſter und dann Major; du gehörſt von jetzt an zu der vornehmen Geſellſchaft und kannſt mit Stolz auf die Anderen hinabſehen. Ach, was kümmern mich die Anderen! Vorläufig iſt er ein armer Lieutenant, der ſogar Schulden haben ſoll, wie man mir neulich geſagt hat. Wenn ich kein Ver⸗ mögen beſäße, wenn der Vater nicht für reich gehalten würde, ich weiß ja ſelbſt nicht, ob er es wirklich iſt— ſo wäre der Lieutenant Steinberg ſchwerlich mein Bräu⸗ tigam. Wie kannſt du nur ſo etwas glauben, Nettchen? du biſt das ſchönſte Mädchen in der ganzen Stadt, und wenn du auch blutarm wäreſt, es würde dir an vorneh⸗ men Freiern gewiß nicht fehlen. Sage Liebhaber, Courmacher, dann ſprichſt du die Wahrheit— aber Freier, du lieber Gott— man kennt das ja! So darf eine Braut am Tage vor ihrer Hochzeit nicht reden, mein Kind; nein, nein, das darf ſie nicht, und es iſt unrecht von dir, daß du es thuſt. Der Lieutenant iſt ſo verliebt in dich, wie ein Mann es nur ſein kann; er trägt dich auf den Händen, und du wirſt eine glückliche und vornehme Frau werden. Ja, wenigſtens werde ich eine Frau werden, und das iſt jedenfalls viel werth, denn das Leben hier im Hauſe fing an, ſehr langweilig zu werden, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu Verſteht ſich, verſteht ſich, ein Mädchen muß hei⸗ rathen, dann kommen erſt die guten Tage. Eine ſchöne, junge Frau, wie du ſein wirſt, kann ganz anders auftre⸗ ten, als ein junges Mädchen; kann ſich des Lebens freuen und daſſelbe genießen, und wenn der Mann etwas eifer⸗ ſüchtig wird, ſo iſt das um ſo beſſer. Du gibſt mir ſchöne Lehren, Margareth, erwie⸗ derte Nettchen mit einem wohlgefälligen Lächeln; ich werde Alles meinem Bräutigam wiedererzählen; er wird gewiß in ſeinem Plane, dich in unſer Haus zu nehmen, beſtärkt werden. Thu' das, mein Kind, ſagte die Alte ſchmunzelnd — aber ich glaube, du wirſt die alte Margarethe am mei⸗ ſten vermiſſen. Glaubſt du? Nun, vorläufig will ich lieber nichts ſagen— wir werden ja dann ſehen. Ach, du biſt ein Schelm, Nettchen, und ohne deine alte Wärterin, die dich ſchon als Kind auf den Armen ge⸗ tragen hat, könnteſt du doch nicht leben. Man gewöhnt ſich an Alles, erwiederte das junge Mädchen leichthin— aber ich werde mich anziehen müſſen, Steinberg wird bald hier ſein, und du weißt, er macht immer ein verdrießliches Geſicht, wenn ich nicht ganz fertig angezogen bin. Das mußt du ihm alles abgewöhnen— ſpäter, ſpäter, mein Kind— aber was ſoll ich Herrn Ferdinand ſagen? Sagen? Er hat keine Antwort verlangt. Ach, mein Gott, er hat mich ja faſt zu Tode gequält, bis ich ihm verſprach, ihm deinen Entſchluß mitzutheilen! Du biſt wirklich unausſtehlich, Margareth. Es iſt ein Unſinn— fuhr ſie nach einigem Nachſinnen fort, ich mag nicht! Wozu ſoll ich wieder all die eraltirten Reden Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 3 anhören und mir Vorwürfe machen laſſen, als ob ich das größte Verbrechen begangen hätte? Mein Gott, wer konnte denken, daß er dieſe unſchuldige Geſchichte ſo ernſt⸗ haft nehmen würde! Nein, ich mag nicht! ſetzte ſie ent⸗ ſchloſſen hinzu— ich habe die Sache ſatt und will mich nicht länger ſo behandeln laſſen. Bedenke, mein Kind, was daraus folgen kann— und dann, warum willſt du dem armen Jungen nicht dieſe— Wenn er ſich todtſchießen will, ſo kann ich ihn nicht daran hindern, unterbrach Nettchen die Alte mit Heftigkeit — übrigens ſind das auch nichts als alberne Drohungen! Aber es iſt ja ſo wenig, was er verlangt— was ſchadet es dir denn? So viel kannſt du doch auch wohl ſu ihn übrig haben. Ich habe nichts mehr für ihn übrig, er iſt mir nn — er iſt ein Narr, weiter nichts. WMein Kind, er iſt verliebt. Alle Verliebten ſind Narrens Zieh' dich jetzt an, ich werde ihm ſagen: viel⸗ enn es möglich wäre.— Laß mich nur machenß eeilig fort, als Nettchen ſprechen wollte, du ſou nicht ge unden ſein, nur vielleicht, ganz unbeſtimmt, ganz ohne dich zu binden. 2 6 Ohne eine weitere Antwort abz zuwarten, verließ di Alte ſchnellen Schrittes das Zimmer und ließ das junge Mädchen wieder allein, das eine Zeit lang ſchweigend und nachdenkend ſtehen blieb. Wie Wolkenſchatten und Streif⸗ lichter zogen die Gedanken über ihr hübſches Geſicht hin und ließen ihre ſchwärzlich blauen, großen Augen bald in hellerem, bald in matterem Lichte erglänzen. Dann hob ein langer Athemz zug ihren Buſen, ſie fuhr aus der nach⸗ denkenden Stellung empor„ſetzte ſich an den Spiegel und begann ihre Toilette. Zu ihrem Ruhme müſſen wir berichten, daß ſie ſich hierbei keiner fremden Hülfe bediente. Sie löſte die beiden vollen Flechten ihres dunkeln Haares, deſſen Farbe, zwi⸗ ſchen Schwarz und Braun die Mitte haltend, jetzt in glän⸗ zenden Wellen bis auf die Erde hinabwallte, ſo daß ihre zierliche Geſtalt wie von einem dunkeln, ſchimmernden Schleier verhüllt war, der, je nachdem der Kamm durch die ſeidenen Haarwellen zog, immer wieder einen Theil ihres lieblichen Geſichtes ſichtbar werden ließ. Ihre kleinen, weißen Hände begannen dann, dieſen reichen, dunkeln Schleier zu zertheilen und in Flechten zu legen, welche ſich bald leicht und anmuthig um ihren Kopf ordneten, deſſen ſchöne Form dadurch noch mehr hervorhebend. Dann ſtand ſie auf— und zog ſich weitean,— ohne daß wir es uns jedoch erlauben, ſie hiebei fetner zu belauſchen. Wir treten vielmehr erſt wieder ein) nachdem ſie in einem lichtgrünen ſeidenen Oberkleide, deſſen letzten Haken ſie eben an der Bruſt ſchließt, vor dem Spiegel ſteht, ſich dann mit lächelndem Geſichte noch einige Mal, halb rechts, halb links, umdreht, ein weißes Krägelchen am S Halſe befeſtigt und ſich mit einer muthwilligen Verbeugung der vorher verriegelten Thür zuwendet. So, ſagte ſie dann, indem ſie das Zimmer ordnete, ſo, nun können Sie erſcheinen, Herr Bräutigam, es wird hoffentlich heute nichts mehr an meinem Anzuge aus⸗ zuſetzen ſein. Nettchen hatte ſich in ihrer Vorausſetzung nicht geirrt. Nach kurzer Zeit klopfte es an die Thür, und auf ihr leicht geſprochenes„Herein“ trat der Lieutenant Steinberg in das Zimmer. Guten Morgen, Kind, ſagte er, indem er raſch auf ſie zutrat, den Arm um ihre ſchlanke Taille legte und ſie an ſich drückte; guten Morgen, liebes Nettchen, du ſiehſt heute allerliebſt aus, wie eine eben aufblühende Roſe. So? erwiederte ſie, ſich ſeinem Arme entwindend, und fir und fertig angezogen— der Herr Bräutigam haben hoffentlich nichts auszuſetzen? Wer fönnte an dir etwas auszuſetzen haben, und vol⸗ lends ich, dein Bräutigam, am Tage vor der Hochzeit! * dann wünſchte ich, daß alle künftigen Tage die⸗ ſem Tage vor der Hochzeit ähnlich wären. Sollte es dir wirklich mit einem ſo grauſamen Wunſche Ernſt ſein? fragte er lächelnd und ſie wieder unſchlingend — doch zuerſt gib mir einen Kuß und dann widerrufe, was du geſagt haſt. Ich widerrufe nichts, entgegnete ſie, ſeinen Kuß vn duldend als erwiedernd— aber du 6 ja auch in vollen Staat geſetzt? Geſchieht das alled mir zu Ehren? Wirſt du künftig immer ſo Morgens bei mir eintreten? Muthwilliger Schelm, ſagte er, ſie zu ſich auf das Sopha ziehend, komm', ich erzähle dir, weßhalb du mich heute ſo ſiehſt, es hat damit eine eigene Bewandtniß; ich denke mir, du wirſt dich darüber freuen und mir die etwai— gen Bedenken deines Vaters beſeitigen helfen. Eigene Bewandtniß— Bedenken meines Vaters? Was könnte das ſein, fragte ſi ie geſpannt, bezieht es ſich auf unſere Hochzeit? Allerdings bezieht es ſich darauf— doch höre. Wir waren geſtern Abend, wie gewöhnlich, im„Römiſchen Käiſer Dieſer Gewohnheit wirſt du aber künftig entſagen, Emil, nicht wahr? unterbrach ſie. Natürlich, natürlich, aber unterbrich mich nicht. Alſo, wir waren im„Römiſchen Kaiſer“ zu einem frugalen Abendeſſen zuſammen und machten dort die Bekanntſchaft zweier Herren, eines jungen, ſehr liebenswürdigen, und eines älteren— ebenfalls ſehr liebenswürdigen. Welch ein Ueberfluß von Liebenswürdigkeit! ſchaltete ſie ſpöttiſch lächelnd ein. Es war auch wirklich ein Ueberfluß von Liebenswür— digkeit, denn der junge Mann ſeellte ſich uns als der Erb— prinz von Albernhauſen vor, der hier unter dem Namen eines Grafen von Löwenburg ſtudirt, und der ältere— Ein Erbprinz? ein wirklicher Erbprinz, der ſpäter regierender Fürſt wird, fragte ſie mit dem lebhafteſten In⸗ tereſſe, wie ſieht er aus? Beſchreibe ihn mir, ehe du weiter erzählſt, ich habe noch nie einen Erbprinzen geſehen. Mein Gott, er ſieht aus, wie andere Menſchen; er iſt jung, ziemlich hübſch— das iſt allerdings Geſchmacks⸗ ſache, aber was ein Jeder anerkennen muß, iſt ſeine Herab⸗ laſſung und Leutſeligkeit. Ganz wie andere kann er unmöglich aus⸗ ſehen. Beſchreibe ihn mir— ich höre eher weiter nichts, ich will erſt wiſſen, wie er ausſieht. Sei nicht wieder kindiſch, Nettchen, ſagte der Lieute⸗ nant in einem merklich ungehaltenen Tone, er iſt ein jun⸗ ger Mann von einigen zwanzig Jahren, in meiner Größe, ziemlich gut gewachſen, blonde Haare, blaue Augen etwas Beſonderes iſt mir an ihm ſonſt nicht aufgefallen. Nun, meinetwegen mag er ausſehen, wie er will, er⸗ wiederte ſie, ihre Hand aus der ſeinigen entfernend, ich werde nicht ſo kindiſch ſein, dich weiter darum zu teftngei die ganze Erzählung iſt mir langweilig. Ehe du ſie gehört haſt? Du befindeſt dich wieder in einer angenehmen Stimmung, Nettchen. Angenehmer Stimmung? wiederholte ſie mit einem zornigen Blitz ihrer dunkeln Augen; zu welchem 3wi * W willſt du einem kindiſchen Mädchen derartige Wirthshaus⸗ Geſchichten erzählen? Sprechen wir von etwas Anderem. Das Geſicht des Lieutenants hatte ſich bei dieſen mit verächtlichem Tone geſprochenen Worten ſichtlich verfinſtert; er ſchien zu überlegen, was er weiter beginnen ſolle. Bald klärten ſich ſeine Züge jedoch wieder auf; lächelnd ergriff er ihre noch immer widerſtrebende Hand und ſagte mit freund⸗ licher Miene: Nun, ſei nicht mehr böſe, Mädchen, vergib mir den unüberlegten Ausdruck— du weißt ja, es war nicht ſo gemeint, und dann mußt du auch zugeſtehen— daß du mich immer mitten in meiner Erzählung unter⸗ brachſt, ſetzte er hinzu, als ſie ihn ernſt und figg anſah. Darf ich nun fortfahren? Der Erbprinz iſt alſo ein hübſcher junger Mann? fragte ſie mit einer lächelnden Miene. Ja, man kann ihn immerhin ſo nennen— doch willſt du nun weiter hören, ſonſt bin ich genöthigt, direct mit deinem Vater zu reden und deine Vermittlung ganz auf— zugeben. Mit meinem Vater? fragte ſie ſichtlich e geſpannt— nun, ſo etzähle; ich werde hören und dich nicht mehr un⸗ terbrechen. Der Erbprinz und ſein Begleiter oder Mentor„was er ſein mag, ſetzten ſich an unſeren Tiſch. Wir konnten eine Einladung, mit ihnen Champagner zu trinken, nicht ablehnen, wurden ſehr heiter und vergnügt und fingen bald an, den Erbprinzen, der die Leutſeligkeit ſelbſt war, ganz wie zu uns gehörend zu betrachten. Das Geſpräch kam auf unſere Hochzeit; man rühmte dich als das ſchönſte Mädchen der Stadt, was du auch biſt, Nettchen, und der Erbprinz bat um die Erlaubniß, unſerer Trauung in der Kirche beiwohnen zu dürfen. Der Erbprinz! rief das junge Mädchen, der Erbprinz will unſerer Trauung beiwohnen?— Ach, das wird herr⸗ lich ſein,— wenn du mir nur echte Spitzen an das Braut⸗ kleid hätteſt ſetzen laſſen! Natürlich haſt du eingewilligt, Emil; ſo etwas darf man ja auch wohl gar nicht ab⸗ ſchlagen? Nein, das darf man nicht, fuhr er mit einem leichten Schatten in ſeinen Mienen fort; ich ſagte daher, daß es für uns eine große Ehre ſein würde, und in der Aufregung des Augenblicks— wir waren ſehr heiter geworden, Nett⸗ chen— lud ich den Erbprinzen auch zur Hochzeit ſelbſt ein. Zur Hochzeit? fragte das junge Mädchen mit ſtrah⸗ lendem Blicke, und er hat es angenommen, er wird kommen? Das iſt es eben, worüber ich mit dir reden will, fuhr der Lieutenant etwas verlegen fort; der Prinz ſchien ſogleich gern bereit, dieſe ihm willkommene Einladung anzuneh⸗ men, aber nun nahm ſein Begleiter, der Geheimerath von Stuhm, das Wort und bemerkte, daß ſie ſich durch dieſe Ehre zwar ſehr geſchmeichelt fühlten, daß aber die Einla⸗ dung zu einer Hochzeit von dem Vater der Braut ausgehen müſſe, und ſie— er nannte ſich immer mit— daher das Weitere erwarten würden. Natürlich bemerkte ich nun, dein Vater würde ſich heute die Ehre geben, die Einladung perſönlich zu wiederholen. Ach, das wird ſehr ſchwierig ſein! bemerkte Nettchen mit einem hörbaren Seufzer. Du kennſt ja den Vater; ihm iſt das alles überhaupt ſchon viel zu viel; er will eine ſtille, beſcheidene Hochzeit, wie er ſich ausdrückt, und nun ſoll er ſelbſt hingehen und einen Erbprinzen, einen wirk⸗ lichen Erbprinzen, dazu einladen— das wird er nie und nimmer thun! Cs muß aber doch geſchehen, ſagte der Lieutenant eifrig; ich wäre ja vollſtändig blamirt, wenn es nicht ge⸗ ſchähe, nicht nur vor dem Erbprinzen, ſondern auch vor meinen Cameraden, die zugegen waren. Ja, du wäreſt vollſtändig blamirt, wiederholte ſie nachdenkend, und ich würde unglücklich ſein, wenn er nun doch nicht kommen ſollte.— Nein, wir müſſen Alles auf⸗ bieten, um den Vater zu beſtimmen. Du mußt ihm ſagen, der Erbprinz habe ſich ſelber eingeladen und der Geheime⸗ rath dir dann vertraulich bemerkt, daß es nun die Etiquette erfordere, daß der Vater ihm erſt einen Beſuch mache und die Einladung wiederhole. Ja, ja, ſo wollen wir es machen! So wird es gehen! rief ſie freudig in die Hände ſchlagend; es bleibt ihm ja dann am Ende nichts übrig, er mag wollen oder nicht. Ich werde auch mit der Marga⸗ reth ſprechen, ſie ſoll den erſten Angriff machen; ſie habe gehört, der Erbprinz habe ſich bei dir zur Hochzeit einge⸗ laden— er iſt dann ſchon vorbereitet, wenn du kommſt. Ich werde ganz aus dem Spiele bleiben und thun, als ob mir die Sache völlig gleichgültig, ſogar unangenehm wäre, dann wird er am erſten darauf eingehen; ſobald er aber glaubt, ich legte einen Werth darauf, hat er mehr Beden⸗ ken; denn er ſagt immer, ich ſei eitel, was doch durchaus nicht wahr iſt. Nun, darüber wollen wir jetzt nicht reden, erwiederte der Lieutenant, dem es vor Allem darum zu thun war, ſei⸗ nen Zweck zu erreichen. Wir haben aber keine Zeit zu verlieren; ſprich ſogleich mit der Margareth, denn dein Vater muß noch Vormittag mit mir ſeine Viſite bei dem Prinzen machen. Warte hier, rief das junge Mänchen, indem ſie auf⸗ geregt aufſprang. Ich komme bald wieder, die Margareth ſoll ſogleich zum Vater hinaufgehen, und dann folgſt du. Ehe wir in unſerer Erzählung fortfahren, ſind wir genöthigt, den Leſer mit Nettchen's Familien-Verhältniſſen etwas genauer bekannt zu machen. Ihr Vater, der alte Soldau, war bereits ſeit ſiebenzehn Jahren Witwer. Er galt allgemein für einen reichen Mann, lebte aber ſehr zurück⸗ gezogen und einfach. Das beſcheidene Haus, worin er wohnte, lag am äußerſten Ende der Stadt und war um⸗ geben von einem großen, mit mehren Treibhäuſern und einer Menge von Frühbeeten verſehenen Garten. Die Pflege und Cultur dieſes Gartens bildete faſt ſeine aus⸗ ſchließliche Beſchäftigung. Die Treibhäuſer enthielten nicht nur die neueſten und koſtbarſten Blumen und Blatt⸗ gewächſe, ſondern es wurden auch in Frühbeeten und im Garten ſelbſt die beſten und ſeltenſten Gemüſe und Küchen⸗ gewächſe gezogen. Der alte Soldau hatte dafür auf ver⸗ ſchiedenen Ausſtellungen mehre Preiſe und ſonſtige Aner⸗ kennungen erhalten. Er betrieb dies alles keineswegs aus bloßer Liebhaberei, ſondern er verwerthete auch die Erzeug⸗ niſſe und ſchickte faſt täglich Blumen und Gemüſe auf den Markt oder verſandte davon in die unfern gelegenen großen Städte. Man konnte ihn nicht gerade einen Handelsgärt⸗ ner nennen, denn das Ganze koſtete ihm entſchieden min⸗ deſtens eben ſo viel, als es ihm einbrachte, aber er trieb doch mit ſeinen Producten einen Handel, und ſogar einen Detailhandel auf dem Markte. Er ſelbſt war ein Mann ſo im Anfange der Sechszig, ſchlicht und einfach, der wenig Umgang hatte und nur zu⸗ weilen in einem beſcheidenen Wirthshauſe mit einigen, dem mittleren Bürgerſtande angehörenden Bekannten einen Schoppen Wein trank. Nettchen's Mutter war, wie be⸗ reits geſagt, vor ſiebenzehn Jahren geſtorben, ſie hatte die⸗ ſelbe nie gekannt; dagegen reichte ihre Erinnerung an die alte Margareth bis in ihre früheſte Kindheit hinauf, denn⸗ — ſo lange ſie denken konnte, war dieſe im Hauſe geweſen und hatte der einfachen Wirthſchaft vorgeſtanden. Als Nettchen zwölf Jahre alt geworden, hatte ihr Vater ſie in eine Penſion geſchickt. Den Leuten war dieſes, mit ſeinen ſonſtigen Anſichten durchaus nicht übereinſtimmende Ver⸗ fahren höchſt ſonderbar vorgekommen und ſie hatten nicht verfehlt, Mancherlei darüber zu reden und es eigenthümlich und lächerlich zu finden. Der alte Soldau hatte ſich jedoch daran nicht gekehrt und Nettchen war drei Jahre, wie er feſt⸗ geſetzt, in der Penſion geblieben. Als ſie dann, noch nicht ganz fünfzehn Jahre alt, in das elterliche Haus zurückkehrte, war ſie ein ſchönes, in der erſten Entwicklung zur Jungfrau ſtehendes lebhaftes und ausgelaſſenes Kind, mit dem ſowohl ihr Vater, als die alte Margareth mancherlei Kämpfe zu beſtehen hatten. Dieſe ſchwer zu zügelnden Eigenſchaften ihres Charakters hatten ſie auch bewogen, ein paar Mal, hinter dem Rücken ihres Vaters, mit den Gärtnersleuten auf den Markt zu gehen und dort an die durch ihre Schön⸗ heit angezogenen Studenten Blumen zu verkaufen, ſo daß dieſe ſie„das ſchöne Blumen⸗Nettchen“ nannten. Sobald ihr Vater davon Kenntniß erhalten, und dies war ſehr bald der Fall geweſen, hatte es eine heftige Scene gegeben; dann war ihr von der alten Margareth eine lange und eindringliche Predigt gehalten worden, in Folge deren ſie auch jeden wei⸗ teren Verſuch der Art aufgegeben hatte. Als ſie dann nach zwei Jahren herangewachſen war, wurde ſie bald durch ihre Schönheit der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit, und die ſtille Straße, in der das kleine, alterthümliche Haus ihres Vaters lag, bei den jungen Männern, namentlich bei den Studenten, ein vielbeſuchter Spaziergang. Nettchen ſaß dann auf einer Erhöhung am Fenſter, emſig mit einer Arbeit beſchäftigt, welche ſie jedoch nicht hinderte, die Vorübergehenden zu ſehen und auch die erhal⸗ tenen Grüße zu erwiedern. Die alte Margareth wurde bald ihre Vertraute und Rathgeberin und erfreute ſich ſelbſt an den ihrem Zöglinge dargebrachten Huldigungen. So ſehr ſich der Vater auch dagegen ſträubte, er mußte ſeine Tochter doch hin und wieder ausführen; es kamen einige Bälle, Landpartieen und derartige Gelegenheiten, bei wel⸗ chen Nettchen ſtets den Gegenſtand der Aufmerkſamkeit der jungen Männerwelt bildete. Bei ihrer Lebhaftigkeit und ihrem entſchieden hervortretenden Hange zur Coquetterie, bei ihrem leichten Sinne knüpfte ſie hier und da Beziehun⸗ gen an, die jedoch die Gränzen unausgeſprochener flüchtiger Verhältniſſe nicht überſchritten. Unter Nettchen's Verehrern befand ſich auch ein jun— ger Student, Namens Ferdinand Dornfeld, der Sohn armer Eltern, der ſich dem Studium der Naturwiſſenſchaften widmete. Er war von leidenſchaftlichem, etwas phantaſti⸗ ſchem Charakter und ſchwärmte daher bald für den Gegen⸗ ſtand ſeiner Anbetung. Durch ſeine botaniſchen Kennt— niſſe wußte er ſich bei Nettchen's Vater beliebt zu machen und ſich Eintritt in deſſen Haus zu verſchaffen. Das junge Mädchen ſchäkerte und ſpielte mit ihm, ihr Herz ſchien ſich dabei wenig zu betheiligen. Er war dagegen in ſeinen Bewerbungen um ſo ſtürmiſcher, es kam zu Erklä⸗ rungen und bald auch zu Zuſammenkünften im Garten, wenn der Vater ausgegangen war, welche die alte Mar⸗ gareth zwar überwachte— die jedoch bald über ein unaus⸗ geſprochenes Verhältniß hinausgingen. In dieſer Zeit machte Nettchen auf einem Balle die Bekanntſchaft des Ober⸗Lieutenants Steinberg. Dieſer, ein Mann in der Mitte der Dreißig, ſtand nahe am Rittmeiſter, hatte ſeine Jugend genoſſen und war bei der Créme ſeiner Cameraden nicht beſonders beliebt, ſchon ſeiner nichtadeligen Geburt wegen. Dazu kamen mancherlei dunkle Gerüchte, denen man jedoch nicht näher zu treten vermochte, vielleicht auch nicht beabſichtigte. Ungeachtet er in ſehr geordneten Ver⸗ hältniſſen lebte und weit mehr ausgab, als ſeine Gage ihm möglich machte, galt er doch für verſchuldet; Niemand war jedoch im Stande, irgend einen Gläubiger von ihm namhaft zu machen. Steinberg verliebte ſich in Nettchen. Ihr Vater galt für reich und ſie, ganz abgeſehen von ihrer Schönheit, für eine gute Partie. Seine Erfahrung ließ ihn die Sache mit Umſicht und Gewandtheit betreiben. Er wußte Nettchen's leicht empfängliches Herz zu gewinnen, er wußte die Ab⸗ neigung ihres Vaters gegen den Officierſtand, ſo wie die Bedenken ſeiner Cameraden gegen ein Mädchen, das auf dem Markte Blumen verkauft habe, zu beſeitigen— dann, nachdem er die alte Margareth durch ein namhaftes Ge⸗ ſchenk gewonnen hatte, hielt er förmlich um Nettchen's Hand an— und nach einiger Zögerung von Seiten des Vaters gab dieſer endlich ſeine Einwilligung, und die Ver⸗ lobung kam zu Stande. Steinberg betrieb auf das eifrigſte die Feſtſetzung der Hochzeit, und hierin von Nettchen, die ſich aus der Ein⸗ ſamkeit des väterlichen Hauſes fortſehnte, unterſtützt, wurde der Brautſtand auf die Dauer eines halben Jahres be⸗ ſchränkt, welche, wie der Leſer bereits weiß, beim Anfange unſerer Etzählung ihr Ende erreicht hatte. Nach dieſem kurzen Rückblicke nehmen wir den Faden unſerer Geſchichte wieder auf. Drittes Aupitel. Die Einladung. Seid ihr, wie ſchön geputzte Braut, Bei dieſem Anblick froh geblieben, Fragt: ob ihr alles, was ihr ſchaut, Mit redlichem Geſicht mögt lieben. Goethe. Nach Nettchen's Entfernung blieb der Lieutenant in ihrem Zimmer allein. Nachdenkend ſtand er eine Zeit lang am Fenſter, dann fiel ſein Blick auf ihren Nähtiſch, in welchem, ganz ihrer Gewohnheit entgegen, der Schlüſſel ſtecken geblieben war. Er öffnete die obere Schublade und begann die einzelnen Fächer zu muſtern. Nichts als Seide, Zwirn und dergleichen, ſprach er leiſe mit einem befriedigten Lächeln vor ſich hin, ſehen wir jedoch auch einmal hier unten nach. Mit dieſen Worten ſteckte er den Schlüſſel in die untere Schublade, ſchloß ſie auf und zog auch dieſe heraus. Nachdem er die Deckel von mehreren Fächern gehoben und ſich von deren gleichgültigem Inhalte überzeugt hatte, er⸗ blickte er endlich eines, in welchem mehre Papiere lagen. Im Begriffe, dieſelben heraus zu nehmen, trat Nettchen wieder in das Zimmer. Was machſt du an meinem Nähtiſche? rief ſie heftig, während er, wie auf einer böſen That ertappt, einen Schritt zurücktrat; was haſt du an meinem Nähtiſche zu ſuchen? Sie war, ehe er es verhindern konnte, bei dieſen Worten raſch an den Tiſch geſprungen, hatte die geöff⸗ nete Schublade zugeſchoben und den Schlüſſel abgezogen. Was ſind das für Briefe, fragte er, die dort in dem Fache liegen? Briefe? Liegen Briefe darin? So? Das weiß ich ja gar nicht, erwiederte ſie mit verwunderter Miene; ſollte ich wirklich deine werthloſen Schreibereien aufbewahrt haben? Meine Briefe? Es ſchienen mir andere zu ſein, Nett⸗ chen, ſagte er, ſie ſcharf anſehend— zeig' ſie mir doch, ich will mich davon überzeugen. Zeigen? fragte ſie mit einem ſpöttiſchen Lächeln; würde es dir ein ſo beſonderes Vergnügen machen, deine Schrei⸗ bereien noch einmal zu leſen? Ich will ſie gar nicht leſen„mich nur überzeugen, daß es wirklich meine Briefe ſind. Alſo aus Mißtrauen verlangſt du dies? fragte ſie, eine beleidigte Miene annehmend. Du zweifelſt an meinem Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 4 —.—————— —506 Worte? Nun werde ich ſie dir gerade nicht zeigen, ſagte ſie trotzig, indem ſie den Schlüſſel in die Seh ſteckte, nun gerade nicht! Ich hege durchaus kein Mißtrauen, erwiederte er ernſt, aber ich lege jetzt einen Werth darauf, die Briefe zu ſehen, und ich bitte dich daher wiederholt darum. Es iſt mir ganz gleichgültig, ob du einen Werth dar⸗ auf legſt oder nicht— ich werde mich niemals in dieſer Weiſe behandeln laſſen, auch ſpäter nicht, darauf kannſt du dich feſt verlaſſen— du wirſt jetzt die Briefe nicht er⸗ halten! Aber ich will ſie ſehen! rief er heftig. 5 Du willſtſie ſehen? fragte ſie mit einem pniſchen Lochen; ich glaube gar, du haſt einen Hang zur Eiferſucht, das iſt ja eine neue, recht angenehme Eigenſchaft, die ich an dir entdecke. Du magſt aber wollen, ſo viel es dir be⸗ liebt, ich will nicht, und deshalb wirſt du ſie nicht er⸗ halten! 5 Nettchen, rief der Lieutenant mit vor Zorn bebender Stimme, du ſpielſt jetzt eine Rolle— eine ſo unwürdige Rolle, daß mein Verdacht.. Siehſt du, wie ſehr ich Recht hatte, unterbrach ſie ihu mit einem ſchmerzvollen Aufſchlag ihrer dunklen Augen ₰ alſo Verdacht? Mißtrauen? Und das am Tage vor der Hochzeit!— Aber noch bin ich nicht deine Frau— du legſt die Maske etwas zu früh ab, du haſt vergeſſen. 1 In dieſem Augenblicke trat die alte Margareth in das Zimmer, und Rettchen ließ daher den angefangenen Satz unvollendet. Ich habe den Vater vorbereitet, ſagte die Alte; er wird ſich ſperren, es liegt das ſo in ſeiner Art, und die Sache iſt ihm ſehr unangenehm, aber ſchließlich wird er doch nachgeben. Gehen Sie jetzt, Herr Lieutenant, fuhr ſie fort, Herr Soldau iſt im Garten, laſſen Sie ihm nicht Zeit, ſich die Sache weiter zu überlegen. Der Lieutenant blieb eine Zeit lang unſchlüſſig ſtehen; ſein Blick haftete finſter und unverrückt auf dem jungen Mädchen, welches trotzig und ohne ihn anzuſehen da ſtand. — Gut, ſagte er dann, ich werde gehen, es iſt nothwen⸗ dig, daß ich gehe— aber wir ſprechen ſpäter weiter dar⸗ über, Nettchen— die Sache iſt keineswegs abgethan, ver— ſtehſt du mich? Sie verharrte regungslos und ſchweigend in ihrer bis⸗ herigen Stellung. Erſt als er ſich entfernt hatte, belebten ſich ihre Augen wieder.— Sieh' nach, Margareth, ſagte ſie leiſe, ob er wirklich fort iſt; ſieh 1h geh, geh! wie⸗ derholte ſie haſtig. Er iſt in den Garten gegangen, berichtete die zurück⸗ kehrende Dienerin; aber was haſt du, mein Kind, du biſt ja ganz aufgeregt? Das junge Mädchen trat raſch an den Rähtiſch, öffnete die verhängnißvolle Schublade, entnahm von den dort auf⸗ 1* — bewahrten Briefen einige, indem ſie die anderen nach ſorg⸗ fältiger Prüfung wieder hineinlegte und den Tiſch zuſchloß. Dann zündete ſie raſch ein Zündhölzchen an, ſteckte die Briefe in den Ofen und übergab ſie den Flammen. So, ſagte ſie dann mit einem erleichterten Athemzuge, wobei ein ſpöttiſches Lächeln um ihren hübſchen Mund ſchwebte, nun wäre die Sache doch abgethan, Herr Bräutigam! Aber was iſt denn, was haſt du denn? fragte die Alte verwundert. Dieſe dummen, lächerlichen Briefe! Warum habe ich ſie nicht gleich verbrannt, wie ich hätte thun ſollen! Denke dir, er hatte meinen Nähtiſch geöffnet, und wenn ich nur Eine Minute ſpäter kam, ſo hätte er Ferdinand's Briefe geleſen. Darf ich mir ſo etwas gefallen laſſen? Hat er 6 ein Recht, ohne meine Erlaubniß meine Briefe zu leſen? 5 Nein, nein, das darfſt du nicht, das hat er nicht, er⸗ wiederte die Alte erſchreckt, und es iſt ein Glück... Ich werde ihm das ein für alle Mal abgewöhnen; aber wir wollen jetzt auch in den Garten gehen, es wird nöthig ſein, daß die Reſerve nachrückt, um mich meinem künftigen Stande gemäß auszudrücken, ſetzte ſie lächelnd hinzu. Der Lieutenant war nachdenkend und offenbar mit ſich ſelbſt unzufrieden in den Garten hinausgegangen, wo er ſeinen künftigen Schwiegervater in einem der Treibhäuſer beſchäftigt fand. Dieſe Treibhäuſer entbehrten durchaus jedes lururiöſen und eleganten Ausſehens, waren vielmehr ganz nach der bei Handelsgärtnern üblichen Weiſe einge⸗ richtet, dicht mit Pflanzen beſtellt, zwiſchen denen ſchmale Gänge nur einen ſehr beſchränkten Raum ließen. Der alte Soldau, in ſeinen gewöhnlichen Arbeitsrock gekleidet, beſchäftigte ſich damit, Pflanzen in größere Töpfe zu verſetzen. Verehrter Herr Schwiegervater, begann der Lieutenant nach der kurzen üblichen Begrüßung, ich komme in einer eigenthümlichen Angelegenheit. Habe ſchon davon gehört, erwiederte der Alte, thut mir aber recht leid, kann nicht darauf eingehen. Sie hätten Sich das ſelbſt ſagen können, da Sie mich und meine Art kennen. Wenn Nettchen Ihre Frau iſt, was ja morgen der Fall ſein wird, ſo können Sie bei Sich ein⸗ laden, wen Sie wollen, Könige und Kaiſer— ich werde mich niemals in Ihre häuslichen Angelegenheiten miſchen — aber für mich, für mein einfaches Hausweſen paßt ein ſo vornehmer Beſuch nicht. Die Leute würden denken, ich hätte den Verſtand verloren. Das werden Sie ein⸗ ſehen, hoffe ich; betrachten wir daher die Geſchichte als abgemacht. Hören Sie mich wenigſtens zuvor an, erwiederte der Lieutenant, indem er ſich bemühte, ſo freundlich als mög⸗ lich auszuſehen; mögen Sie in dieſer Hinſicht denken, wie — Sie wollen, Sie werden zugeben, daß ich bei der Hochzeit mit zu den Hauptperſonen gehöre und daß Sie daher auf mich und meine Standesverhältniſſe einige Rückſicht nehmen müſſen. Das thue ich auch; ich ſollte denken, Sie müßten das einſehen— ich habe die Hochzeit nach Ihren und Nett⸗ chen's Wünſchen eingerichtet, obgleich ich auch davon die Nothwendigkeit noch immer nicht einſehe, und habe Ihnen freigeſtellt, einige Ihrer Herren Cameraden dazu einzula⸗ den. Damit iſt meinerſeits Ihren Standesverhältniſſen, wie ich glaube, vollkommen Rechnung getragen, ſetzte er, die letzten Worte ſcharf betonend, hinzu. Prinzen gehören nicht zu Ihren Standesgenoſſen, noch weniger zu den Gäſten meines Hauſes. Aber es iſt mir ja auch nicht eingefallen, den Erb⸗ prinzen von Albernhauſen, einen liebenswürdigen jungen Mann, ſowie den Geheimenrath von Stuhm, der Ihnen gewiß gefallen würde, beſter Herr Schwiegervater, zur Hochzeit einzuladen, ſie haben es vielmehr ſelbſt gethan, und zwar in Gegenwart meiner Cameraden! Was blieb mir denn unter ſolchen Umſtänden anders übrig, als zu .„ 2 erwiedern, daß dies zwar eine große Ehre für mich wäre, daß aber die Hochzeit nicht von mir, ſondern von Ihnen gegeben würde, ich jedoch überzeugt ſei, daß Sie Sich durch dieſe Einladung ebenfalls geehrt fühlten. Ich fühle mich aber nicht geehrt, erwiederte der Alte c mit Heftigkeit; was kümmert mich der Erbprinz von ſo und ſo und ſein Geheimerrath! Solche Leute gehören ein⸗ mal nicht zu uns und paſſen nicht in unſere Geſellſchaft. Meine Tochter iſt nicht dazu da, den vornehmen Herren zum Amuſement zu dienen. Sie, als der Bräutigam, ſollten das noch mehr und beſſer einſehen, wie ich, ihr Vater. Glauben Sie nicht, daß ich in der Geſchichte nicht klar ſehe; man hat den Herren vorgeſchwatzt, meine Tochter ſei ein ſchönes Mädchen u. ſ. w., und nun wollen ſie ſich den angenehmen Zeitvertreib verſchaffen, bei ihrer Hochzeit anweſend zu ſein! Nein, Herr Lieutenant, die Herren können ſich ihren Zeitvertreib ſuchen, wo ſie wollen— in meinem Hauſe findet ſich dazu keine Gelegenheit! Sie ſehen die Sache durchaus aus einem falſchen Ge— ſichtspunkte an. Der Erbprinz iſt ein junger, ganz un⸗ verdorbener Mann, und der Geheimerath der Ernſt und die Ehrbarkeit ſelbſt— ich wäre ja vor den Herren und dazu vor meinen Cameraden für immer blamirt, wenn ſo einer freundlichen und ehrenvollen Einladung wirklich keine Folge gegeben werden ſollte. Es geht ja erſtaunlich lebhaft hier zu, ertönte Nett⸗ chen's muntere Stimme, welche mit der alten Margareth unvermerkt eingetreten war und ihren hübſchen Kopf lächelnd zwiſchen einigen blühenden Azaleen ſichtbar wer⸗ den ließ; er ſpricht gewiß wieder von der albernen Ge⸗ ſchichte mit dem Erbprinzen, fuhr ſie lachend fort, ich habe ihm deshalb auch ſchon meine Meinung geſagt, aber er beharrt dennoch darauf; du glaubſt nicht, wie eigenſinnig er iſt, Papa. Wie haſt du ihm deine Meinung geſagt? fragte der Alte. Ich habe ihm vorgeſtellt, daß es eine Thorheit ſei, daß ein ſo vornehmer Beſuch uns geniren, dir unangenehm ſein würde, und mir noch mehr, daß wir nicht fröhlich, nicht heiter und ausgelaſſen ſein könnten, wie es doch auf einer Hochzeit hergehen muß; daß ich es daher nicht wünſche... Du wünſcheſt es nicht, Nettchen? unterbrach der Alte verwundert; das freut mich, mein Kind, freut nich ſehr. Hören Sie es, Herr Lieutenant, mein Kind wünſcht es ebenfalls nicht. Ja, Papa, fuhr Nettchen fort, ich wünſche es nicht; aber er beſteht darauf, er ſagt. Und er hat ganz Recht, ſel die alte Viamanch ein. Der Herr Lieutenant iſt Officier, er hat die Einladung des Prinzen angenommen, warum ſollte er ſie nicht annehmen, da er Officier iſt? Es wäre geradezu eine Grobheit, ein ganz unverantwortliches Benehmen, wenn Sie, Herr Soldau, jetzt Ihren künftigen Schwiegerſohn ſo vollſtändig dem Geſpötte ſeiner Cameraden Preis geben wollten. So etwas fällt nachher auf Ihre Tochter zurück. Sie, aller⸗ dings, Sie merken das nicht, wenn Sie nur Ihre Blumen und Pflanzen haben, das Andere kümmert Sie ja weiter überhaupt wenig! 3 Schweig, fuhr der Alte heftig auf, was unterſtehſt du dich für Reden zu führen! Warum ſoll ich nicht ſagen, was die Wahrheit iſt? Wenn Sie es auch nicht einſehen, oder nicht einſehen wollen, weil es Ihnen etwas unbequem ſein mag, deßhalb bleibt es doch nicht weniger wahr. Schweig', ſage ich, unterbrach ſie der Alte wieder, in⸗ dem er den Blumentopf, welchen er in der Hand hielt, ſo heftig auf den Tiſch ſetzte, daß er zerbrach— ſchweige und bekümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts an⸗ gehen! Du hörſt, daß Nettchen es ebenfalls nicht will. Ach, was verſteht das Kind von ſolchen Dingen, er⸗ wiederte Margareth, ohne ſich durch die Rede ihres Brod⸗ herrn im mindeſten einſchüchtern zu laſſen; ſie will Vieles nicht, was deßhalb doch vernünftig und nothwendig iſt— Sie thun ihr ja ſonſt auch nicht in allen Dingen den Willen— aber hier allerdings, hier ſoll mit Einem Male das Kind der Verſtand ſelbſt ſein, hier— Mach' dich augenblicklich an deine Wirthſchaft! fuhr jetzt der Alte in vollem Zorne auf; was haſt du hier zu ſuchen? Wer hat dich gerufen und deinen Rath ver⸗ langt? Laß uns die Sache ruhig überlegen, Papa, ſchaltete Nettchen ein, indem ſie ſeine erhobene Hand ergriff und zu ſich herunterzog; laß uns Alles ruhig überlegen, wir wer⸗ ndann gewiß das Rechte finden. ſänftigendem Tone; du willſt es nicht, ich will es nicht, was iſt da noch zu überlegen? Du haſt ganz Recht, Papa, ganz Recht; aber er legt nun einmal einen ſo großen Werth darauf. Er meint, es würde ſeiner Stellung ſchaden, und was er weiter noch alles redet. Ich ſehe das zwar nicht ein, halte es viel⸗ mehr für eine Thorheit, aber— er wird morgen übel ge⸗ launt und verdrießlich ſein, wir werden eine traurige Hoch⸗ zeit haben und unſere Ehe gleich mit einem Zerwürfniß beginnen— ſo viel iſt mir dieſer Erbprinz wirklich nicht werth—, lieber will ich mich fügen und im Gehorſam, den ich ja doch lernen muß, üben. Es iſt ja an ſich auch höchſt gleichgültig, ob der Prinz auf die Hochzeit kommt oder ob er nicht kommt. Gleichgültig? fragte ihr Vater verwundert— du warſt doch vorher entſchieden dagegen. Die Vernunft gewinnt bei dem Kinde endlich die Ober⸗ hand, ſchaltete Margareth ein. Ja, lieber Papa, erwiederte Nettchen, indem ſie ſeine Backen ſtreichelte, weil es für uns Leute völlig gleichgültig iſt, er aber einen ſo großen Werth darauf legt, deshalb bitte ich, thue ihm immerhin den Gefallen; geh', ziehe dich an und lade den Prinzen ein. Ich ſoll ſelbſt zu dem Prinzen hingehen! rief der alte Soldau, ihre Hand zurückſtoßend; ich, der ich ihn gar nicht kenne, der es für eine lächerliche Thorheit hält, daß er herkommt? So etwas mutheſt du mir zu? Nein! mag er kommen, wenn ihr denn einmal Alle ſo thöricht und be⸗ ſeſſen ſeid, aber mich laßt aus dem Spiele— ich werde mich nicht darum bekümmern! Ich danke Ihnen, beſter Herr Schwiegervater, nahm der Lieutenant jetzt das Wort; ich danke Ihnen, daß Sie meinem Wunſche entſprechen wollen, und will nicht läug⸗ nen, daß Sie mich dadurch einer großen Verlegenheit ent⸗ heben; aber da Sie nun einmal ſo gütig geweſen ſind, auf die Verhältiſſe Ihres fünftigen Schwiegerſohnes Rückſicht zu nehmen, ſo werden Sie auch gewiß dies nicht dadurch wieder unmöglich machen, daß Sie Sich weigern, den Prinzen ſelbſt einzuladen. Denn daran knüpft ſich ja über⸗ haupt die Erfüllung meines Wunſches, und geſchähe es nicht, ſo würde der Prinz natürlich nicht kommen, und Sie hätten nur etwas zugeſagt, von dem Sie im Vor⸗ aus wußten, daß es mit einer Verweigerung gleichbedeu⸗ tend ſei. Ja, lieber Papa, ſchmeichelte Nettchen, darin hat er Recht, wenn du einmal einverſtanden biſt, daß der Prinz kommen ſoll, wie du vorher geſagt haſt, dann mußt du auch mit ihm zuſammen hingehen und ihn einladen. Nun, das verſteht ſich von ſelbſt, ſagte Margareth; ich werde den ſchwarzen Frack und alles Uebrige parat legen, machen Sie die Geſchichte raſch ab, in einer halben Stunde ſind Sie zurück und können an Ihren Töpfen weiter arbeiten. Der alte Soldau ſah ſchweigend, finſter und verdrieß⸗ lich eine Zeit lang erſt ſeine Tochter und hierauf ſeinen künftigen Schwiegerſohn an und warf dann einen zorni⸗ gen Blick auf Margareth, die denſelben jedoch er⸗ wiederte. Ich ſehe jetzt, wie die Sache zuſammenhängt, ſagte er, ſich aufrichtend. Geh', mache die Kleider zurecht, Margareth, und dann kommen Sie, Herr Schwiegerſohn, ſetzte er halb höhniſch, halb zornig hinzu— ich ſtehe zu Ihren Dienſten. Ich danke Ihnen, verehrter Herr Schwiegervater, er⸗ wiederte der Lieutenant verbindlich, und werde Sie er⸗ warten. Der alte Soldau verließ raſchen Schrittes das Treib⸗ haus, und die Brautleute, welche ihm folgten, traten bald darauf wieder in Nettchen's Zimmer. Es iſt leichter gegangen, als ich geglaubt pet be⸗ merkte ſie mit lächelnder Miene, ich dachte wirklich, er würde viel ſchwieriger ſein. Du haſt deine Rolle ſehr gut geſpielt, Nettchen, ſagte der Lieutenant, ſie mit einem eigenthümlichen Blicke an⸗ ſehend— ich habe dir wirklich nicht ſo viel Schauſpieler⸗ 5 Talent zugetraut und werde mir dieſe neu entdeckte Eigen⸗ ſchaft merken. Weißt du auch, daß du heute vollſtändig unausſteh⸗ lich biſt? erwiederte ſie ſchmollend; ich habe es dir wirklich nur zu Gefallen gethan, denn wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ſo iſt mir die Anweſenheit des Prinzen auf der Hochzeit unangenehm. So, unangenehm? wiederholte er ſpöttiſch; und doch warſt du vorher ſo entzückt davon? Es geſchah im erſten Augenblicke, du weißt, ich bin oft unüberlegt und kindiſch. Nun, es iſt gut, daß du dies ſelbſt eingeſtehſt— aber ſprechen wir von etwas Anderem, wobei du vielleicht nicht ſo. unüberlegt warſt. Ich weiß nicht, was du meinſt. Nicht? Sollteſt du das wirklich nicht wiſſen? Du verweigerteſt, mir die Briefe in deinem Nähtiſche zu zeigen. Ach, du kommſt wieder auf die Briefe zurück. Du wirſt ſie aber auch jetzt nicht ſehen, obgleich es deine eige⸗ nen, werthloſen Briefe ſind— ich laſſe mich nicht mit ſolchem Mißtrauen behandeln. Es iſt kein Mißtrauen— aber eine Braut darf vor ihrem Bräutigam keine Geheimniſſe haben; wenn du mir die Briefe nicht zeigſt, ſo glaube ich, daß dies der Fall iſt. Meinetwegen glaube, was du willſt. Höre Nettchen, fuhr der Lieutenant erregt fort— nimm die Sache nicht in dieſer leichten und ſpöttiſchen Weiſe— ich muß die Briefe ſehen, und du wirſt die Güte haben, ſie mir jetzt zu zeigen. Werde ich? fragte ſie höhnend— nun, wir wollen ſehen, ob ich werde. Nun gut— ſagte er nach längerem Schweigen, wäh⸗ rend er ſie unverwandt angeſehen hatte— zwingen kann ich dich freilich nicht, aber ich weiß jetzt, wie ich mit dir ſtehe und was ich von dir zu erwarten habe. Es iſt beſſer, du weißt dies heute, als daß du es erſt ſpäter erfährſt, ſagte ſie trotzig. Nettchen, begann er wieder nach längerem Schweigen, ich bitte dich, mir die Briefe zu zeigen, und gebe dir die Verſicherung, daß ich kein Mißtrauen gegen dich habe. Du bitteſt mich? fragte ſie lachend, ach, wenn du das gleich gethan hätteſt— aber du warſt heftig, be⸗ fahlſt— und da war es mein Recht, mich zu weigern. Alſo du willſt ſie mir zeigen? Jetzt, da du mich darum gebeten haſt, von Herzen gern— aber ich weiß wirklich nicht, wo ich den Schlüſſel gelaſſen habe. Du haſt ihn in die Taſche geſteckt. Richtig, hier iſt er; wie du das genau beobachtet haſl Nun denn, hier iſt der Schlüſſel zu meinen großen Ge⸗ heimniſſen, fuhr ſie mit komiſch feierlichem Tone fort— befriedige deine Neugierde und ſchäme dich! Mit ſichtlicher Haſt empfing der Lieutenant den Schlüſ⸗ ſel, öffnete die Schublade und ſah die Briefe durch; indem er jeden einzelnen genau betrachtete. Sei mir nicht böſe, Liebchen, bat er dann, es war wirklich kein Mißtrauen, was mich veranlaßte... Nun, laß es gut ſein, entgegnete ſie gekränkt, hier ſind die Briefe, die dir ſo viel Sorge gemacht haben, fuhr ſie fort, die Briefe herausnehmend und auf den Tiſch legend, für mich haben ſie jeden Werth verloren, den ſie überhaupt gehabt haben— nimm ſie, lies ſie noch einmal genau durch. Du wirſt hoffentlich daraus erkennen, wie leicht es iſt, einem thörichten, unerfahrenen Mädchen falſche Betheuerungen vorzuſpiegeln. Ich habe dir unrecht gethan, Nettchen, vergib mir, ſei nicht böſe, nur meine Liebe zu dir ließ mich ſo handeln. Laß mich— eine ſchöne Liebe, ohne Vertrauen— doch da kommt Margareth, der Vater iſt fertig, der arme Papa— geh und lade deinen Erbprinzen ein— aber nimm deine Briefe mit, ich will ſie durchaus nicht mehr, hörſt du! Er raubte ihr ungeachtet ihres Widerſtrebens einen Kuß und entfernte ſich raſch.— Sie aber ſah ihm lächelnd nach, packte die Briefe wieder zuſammen und verſchloß ſie in demſelben Raume, wo ſie ſich vorher befunden hatten. Wir müſſen den geneigten Leſer bitten, nunmehr mit uns in die Wohnung des Prinzen einzutreten. Sie lag in einer der Hauptſtraßen der Stadt und nahm den ganzen, aus ſechs Zimmern beſtehenden Stock eines der größeren Häuſer ein. Die Einrichtung war beſſer und lururiöſer, als es ſonſt in derartigen Wohnungen zu ſein pflegt, be⸗ kundete jedoch keineswegs ihren fürſtlichen Inhaber; denn der Vater deſſelben, der regierende Fürſt, ein Mann von vielen Eigenheiten und von großem Eigenſinn, hatte jede außergewöhnliche Ausſtattung ausdrücklich unterſagt. Es iſt ein geräumiges, hohes Zimmer, in welchem wir den jungen Prinzen erblicken. Er ſitzt in einem Seſſel vor einem Tiſche, auf dem ſich Feder, Dinte und Papier befinden, und macht von Zeit zu Zeit Notizen. In ſeiner nächſten Nähe, an demſelben Tiſche ſitzend, befindet ſich der Geheimerath von Stuhm, und etwas entfernter ein anderer Mann— ein Profeſſor der Univerſität—, der dem Prinzen ein privatissimum über Staatswirthſchaft lieſt. Die Sonne ſcheint dabei freundlich in das Zimmer und mit ihr der blaue, verlockende Himmel. Der Prinz ſieht ſichtlich gelangweilt aus, ſo ſehr der mit einigen Or⸗ den am ſchwatzen Fracke geſchmückte Profeſſor auch bemüht iſt, ſeine Weisheitslehren in eine möglichſt ſchmackhafte Form zu bringen. Er zweifelt keinen Augenblick daran, daß ihm dies vollſtändig gelingen werde, denn er iſt ein Mann, dem die Selbſtgefälligkeit und das Bewußtſein ſeiner Wichtigkeit als Gelehrter aus ſeinen ſonſt keineswegs geiſtreichen Zügen hervorſtrahlt. Er hat die jahrelang unverändert vorgetragenen Collegienhefte mit einigen Zu⸗ ſätzen in der Form von Lehrbüchern und mit vielver⸗ ſprechenden Titeln drucken laſſen und an einige kleinere deutſche Höfe geſandt, welche ſich veranlaßt fanden, dieſe Aufmerkſamkeit durch einen Orden zu erwiedern, ſo daß der Profeſſor jetzt mehre Zeugniſſe ſeiner anerkannten Ver⸗ dienſte um die Wiſſenſchaft an der linken Bruſt zu tragen im Stande war. Er that dies nicht nur bei jeder Gele⸗ genheit, ſondern vermochte ſich ſo wenig von dieſen Aus⸗ zeichnungen zu trennen, daß alle ſeine Röcke, ohne Aus⸗ nahme, wenigſtens mit den Bändern derſelben verſehen waren. Die innere Ueberzeugung ſeiner hervorragenden Stel⸗ lung als Gelehrter war ſichtlich auf ſeinem Geſichte ausge⸗ prägt und ſeine Miene hatte jedes Mal etwas Erwarten⸗ des, wenn ihm ein Unbekannter vorgeſtellt wurde, als ob er die Frage vorausſetze: Sie ſind der berühmte Verfaſſer des bereits in zweiter Auflage erſchienenen Handbuches über Staatswirthſchaftslehre? u. ſ. w. Er theilte die Menſchen deshalb auch nur in zwei Kategorieen, in ſolche, welche ſeine Werke kannten und bewunderten, und in ſolche, welchen ſie unbekannt waren und die er deßhalb als unwiſſend und ungebildet mit ſtiller Verachtung be⸗ ſtrafte. Guſtavvom See. Wogen des Lebens. I. Se Auch jetzt ſaß er, im Bewußtſein ſeiner Wichtigkeit und gehoben von der Auszeichnung, zu Privat-Vorleſungen bei dem Erbprinzen von Albernhauſen ausgewählt worden zu ſein, vor demſelben und trug mit langſamer, etwas näſelnder Stimme, hin und wieder eine Phraſe mit ſelbſt⸗ gefälligem Lächeln begleitend, die Lehren der Staatswirth⸗ ſchaft vor. Daß ich den Menſchen, fuhr er fort, bei allen meinen Unterſuchungen über ſein Verhältniß zur Güterwelt nie iſolirt denke, ſondern ſtets innig verſchlungen und verkettet durch den lebhafteſten Verkehr, dafür brauche ich wohl keinen Rechtfertigungsgrund anzuführen. Mag auch der menſchliche Eigennutz bei all ſeinem Treiben im Reiche der Güterwelt zuletzt immer auf ſeine Individualität zurück⸗ kommen, ſo kann er doch, als verkehrend gedacht, ſeine individuellen Zwecke vom allgemeinen Wohle Aller niemals losreißen, wenn er nicht mit ſich ſelbſt in Widerſpruch ge⸗ rathen will. Dieſe Unterwerfung unter die Geſetze der all⸗ gemeinen Wohlfahrt liegt nothwendig im Weſen der Dinge und iſt das erſte Geſetz, welches der Menſch bei der Ver⸗ folgung ſeiner Zwecke vor Augen haben muß. Der Staats⸗ wirthſchaftslehre kommt es zu, dieſe Wahrheit dem Men⸗ ſchen klar und anſchaulich zu machen.— Hier ließ der Profeſſor eine kleine Pauſe eintreten, indem er ſeine letzten Worte mit einem wohlgefälligen Lächeln be⸗ gleitete. Leider, fuhr er dann fort, leider ſcheint man bis jetzt dieſes Grundgeſetz für die verkehrende und den Wohlſtand ſuchende Menſchheit nur wenig befolgt zu haben; man ſcheint ſelbſt bei bloß wiſſenſchaftlichen Unterſuchungen über die Staatswirthſchaftslehre wenig darauf ausgegangen zu ſein, zu zeigen, wie die höchſte Stufe des eigenen Wohl⸗ ſtandes nur durch das kräftigſte Wirken für den Wohlſtand Aller zu erſtreben iſt, ſondern man hat der verderblichen Lehre Eingang zu verſchaffen gewußt, daß der Egoismus am ungebundenſten ſein heilloſes Spiel mit der Menſchheit treiben könne und der einzelne Verkehrende ſeinen Wohl⸗ ſtand am leichteſten bauen möge auf das Verderben und den Untergang der Anderen!— Wieder eine Pauſe.— Dies ſind die verwerflichen Lehren des Mercantil⸗-Syſtems, dem leider noch ſo viele Regierungen huldigen, während die liberalen Ideen der Phyſiokraten und das von Adam Smith entwickelte Induſtrie-Syſtem leider noch immer nur mehr oder weniger dem Lehrſtuhle angehören. Dieſe libe⸗ ralen Ideen— der Geheimerath hatte bereits mehrmals gehuſtet— in die wirkliche Welt mehr einzuführen, iſt die Aufgabe der Wiſſenſchaft. Hiermit ſchließe ich meine Ein⸗ leitung und werde die Ehre haben, bei der nächſten Vor⸗ leſung zu den einzelnen Gegenſtänden der Staatswirth⸗ ſchaftslehre ſelbſt überzugehen. Bei dieſen Worten erhob ſich der Profeſſor, und der Prinz ſowohl als der Geheimerath folgten ſeinem Beiſpiele, 5* der Erſtere mit dem Ausdruck ſichtlicher Befriedigung, daß das privatissimum zu Ende ſei. Nachdem ſich der Profeſſor mit einer tiefen Verbeugung empfohlen, ſagte der Prinz, indem er ſeinen Begleiter lächelnd anſah: Dieſe Staatswirthſchaftslehre ſcheint mir ſehr langweilig zu werden; ich verſtehe den Mann nicht immer, und wenn ich ihn verſtehe, kommt es mir vor, als ſage er nur allgemein bekannte Dinge in ſehr ſchwulſtiger und eigenthümlicher Form. Wir haben vielleicht doch nicht die rechte Wahl ge⸗ troffen, bemerkte der Geheimerath; ſolche Leute haben in der Ferne oft einen ganz unverdienten Ruf und ſind ſchließ⸗ lich nichts als unbrauchbare Doetrinäre und Theoretiker. Ein Fürſt muß ſein Land nach beſtimmten und bewährten Grundſätzen regieren und ſich, wenn er dieſe als richtig erkannt hat, nicht durch bloße Theorieen davon abbringen laſſen. Das größte Uebel in der Regierungskunſt iſt das Schwanken von Einem zum Andern. Der Menſch ge⸗ winnt ſeine Zuſtände lieb, lebt ſich darin ein und, jede Aenderung iſt ihm unangenehm, in den meiſten Fällen auch nachtheilig. Hiernach wäre aber ein Fortſchreiten nicht möglich, denn jeder Fortſchritt ſetzt doch eine Aenderung des vorhandenen Zuſtandes voraus. Es wird mit nichts ein größerer Mißbrauch getrieben. als mit dem Worte Fortſchritt. Jeder nennt das, was er für ſich vortheilhaft hält und wonach er deßhalb ſtrebt, „Fortſchritt“. Wollte man allen ſogenannten Fortſchritts⸗ Projecten genügen, ſo würde man in eine chaotiſche Ver⸗ wirrung gerathen und einen Fortſchritt mit dem anderen ertödten. In einem monarchiſchen Staate kann der Fort⸗ ſchritt nur vom Monarchen ausgehen; jedes übereilte Fort⸗ ſchreiten iſt ein Uebel und rächt ſich ſelbſt. So wie der Menſch erſt die genoſſenen Speiſen verdauen muß, ehe er andere zu ſich nimmt, wenn er ſich nicht den Magen ver⸗ derben und krank werden will, ſo muß ein Staat auch nur ſehr allmählich auf der Bahn des ſogenannten Fortſchritts weiter gehen, ſonſt verdirbt er ſich auch den Magen und wird krank und elend. Die Geſchichte lehrt uns das überall und am ſchlagendſten in Frankreich, wo man Alles über den Haufen warf, ſich in Blut und Gräuel badete, Alles nur, um ſchließlich unter eine viel ſtrengere Herrſchaft wieder zurückzukehren, als man ſie früher gehabt und zer⸗ ſtört hatte. Ja, erwiederte der Erbprinz zerſtreut, es muß ſchreck⸗ lich zu jener Zeit in Frankreich hergegangen ſein; ich bin feſt überzeugt, ſetzte er lachend hinzu, unſer guter Pro⸗ feſſor wäre damals auch guillotinirt worden, ſchon weil er ſo eitel auf ſeine Orden iſt, glauben Sie nicht auch, Ge⸗ heimerrath? Leicht möglich, entgegnete dieſer ernſt; freuen wir uns daher, daß dieſe Zeiten vorüber ſind, aber ver⸗ geſſen wir auch die Lehren nicht, die für uns darin liegen. Uns ſind dieſe Lehren tief genug eingeprägt worden, aber gerade durch den Mann, welcher die Revolution bän⸗ digte, um uns dann in ſeiner Anmaßung und Eroberungs⸗ luſt aus unſerem angeſtammten Reiche zu verjagen. Die Nemeſis hat ihn dafür ereilt; der Felſen von St. Helena kann davon Zeugniß geben. Er war, wenn auch ein großer Feldherr, doch nichts als ein von der Revolution und dem Glücke emporgehobener und getragener Parvenu, ohne Legitimität, ein Meteor, das ſchnell, wie es aufge⸗ leuchtet, auch wieder verſchwinden mußte. Nur legitime Herrſcher ſind von Dauer und allein im Stande, ihre Un⸗ terthanen zu beglücken. Darüber kann kein Zweifel obwalten, erwiederte der Erbprinz leichthin, eben ſo wenig darüber, daß die Unter⸗ thanen nicht ein Recht haben, in Regierungs⸗ Angelegen⸗ heiten mit zu reden; das iſt nichts weiter, als der Anfang der Revolution— aber ich möchte wiſſen, ob der Lieute⸗ nant— ich habe ſeinen Namen wieder vergeſſen— uns wirklich zu ſeiner Hochzeit einladen wird. Wir werden doch hingehen? fragte er angelegentlich weiter; Sie können gegen ein ſo unſchuldiges Vergnügen doch nicht wieder etwa ein Bedenken haben, denn ich bin doch nicht hieher geſchickt worden, allein um die langweiligen und confuſen Vorleſungen dieſes eitlen Profeſſors zu hören. Nein, deßhalb allein nicht; aber Sie wiſſen ſehr wohl, daß es ſich für Ew. Hoheit nicht paßt, Sich mit dem ge⸗ wöhnlichen Volke gemein zu machen. Wer ſpricht denn von gewöhnlichem Volke und von gemein machen? Und haben Sie mir nicht ſelbſt oft geſagt, das Volk ſei unſeretwegen, ſeiner legitimen Herrſcher wegen da; nun, wenn es deßwegen da iſt, ſo wird es uns doch auch wohl geſtattet ſein, daſſelbe zu unſeren Amuſements zu gebrauchen. Letzteres iſt unbedingt geſtattet; nur muß ein Souve⸗ rain, oder der künftige Souverain, niemals ſeine erhabenr Würde vergeſſen und darf ſich daher nie in Verhältniſſe be⸗ geben, welche ihn in zu vertrauliche Beziehungen mit ſeinen Unterthanen bringen könnten. Aber ich bin ja hier incognito und auch nicht unter meinen Unterthanen, Gott ſei Dank! Man kann ſich ein⸗ mal gehen laſſen, ohne durch dieſe ewigen Rückſichten genirt zu werden. Daher bin ich auch feſt entſchloſſen, die Einladung anzunehmen, ſetzte er beſtimmt hinzu, ſelbſt wenn Sie wieder Bedenken dagegen haben ſollten. Sie mögen dann meinetwegen zu Hauſe bleiben; ich werde aber hingehen. Der Geheimerath war eben im Begriff, auf dieſe ſehr nach Emancipation ſchmeckende Aeußerung etwas zu er⸗ wiedern, als der Bediente den Lieutenant Steinberg und den Rentier Soldau meldete. Sehr angenehm! rief raſch der Prinz, und bald darauf traten die Genannten in das Zimmer. Der Lieutenant führte natürlich die Spitze und begrüßte ſowohl den Prin⸗ zen als den Geheimenrath mit großer Devotion. Der Herr Graf waren geſtern Abend ſo gütig, gi er dann mit einer abermaligen Verneigung, mir zu erlau⸗ ben, Ihnen meine Aufwartung machen und Ihnen meinen künftigen Schwiegervater, Herrn Rentier Soldau, vor⸗ ſtellen zu dürfen. Freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Herr Sol⸗ dau, erwiederte der Prinz; bitte Platz zu nehmen. Mein Schwiegerſohn hat mich benachrichtigt, ſagte der alte Soldau in ſeiner gewohnten ſchlichten, etwas ungenit⸗ ten Weiſe, daß der Herr Graf uns vielleicht die Ehre ſchenken wollten, an der Hochzeit meiner Tochter Theil zu nehmen; ich komme daher, um Ihnen zu ſagen, daß es mir gleichfalls eine Ehre ſein wird. Sie ſind ſehr gütig, Herr Soldau, erwiederte der Prinz, der ſich von dieſer Form der Einladung nicht be⸗ ſonders erbaut fühlte; ich weiß jedoch wirklich nicht ob ich— Der Herr Graf werden ſo grauſam ſein, unter⸗ brach ihn der Lieutenant, Ihre gütige Zuſage wieder zurück⸗ zunehmen und uns die große Freude, die uns Allen, na⸗ mentlich auch meiner Braut, dadurch geworden iſt, wieder zerſtören. Wenn Sie es von dieſem Geſichtspunkte betrachten, ſagte der Prinz wieder freundlich, ſo bin ich gern bereit, Ihnen gefällig zu ſein, beſonders da dies mit meinen Wünſchen übereinſtimmt; ich nehme daher Ihre Ein⸗ ladung an, Herr Soldau. Wann haben Sie die Zeit feſtgeſetzt? Um zwölf Uhr wird die Trauung ſein, in der Kreuz⸗ kirche, und um ein Uhr ein beſcheidenes Frühſtück in meinem Hauſe, erwiederte dieſer, ohne ſeine gleichgültige Miene zu verändern. Schön, ſchön, ſagte der Prinz, ich werde mich einfin⸗ den. Richten Sie vorläufig meinen aufrichtigen und herz⸗ lichen Glückwunſch an Ihre Fräulein Tochter aus, bis ich Gelegenheit haben werde, dies ſelbſt zu thun. Ich werde es beſtellen, Herr Graf, erwiederte der Alte trocken, und habe für jetzt die Ehre, mich zu empfehlen. Es verſteht ſich wohl ohne weitere Bemerkung von ſelbſt, ſetzte der Lieutenant raſch hinzu, daß unſere erge⸗ benſte Einladung gleichzeitig mit an den Herrn Geheimen⸗ rath gerichtet iſt. Der alte Soldau nickte mehrmals zuſtimmend mit dem Kopfe, und dann empfahlen ſie ſich Beide, der Lieutenant mit vielen Bücklingen, ſein Schwiegervater mit einer kur⸗ zen, kaum merklichen Verbeugung. Wahrhaftig, eine etwas ſonderbare Einladung! rief der Prinz lachend; ich bin jetzt noch darüber im Unklaren, ob es dem Alten angenehm oder unangenehm war, daß ich zuſagte. Ich beneide den Lieutenant auch nicht um dieſes Stück von einem Schwiegervater, aber um ſo lie⸗ benswürdiger muß ſeine Tochter ſein, daß er ihn mit in den Kauf nimmt. Wenn es ihm nicht angenehm wäre, bemerkte der Ge⸗ heimerath, die letzte Aeußerung ſeines Zöglings unberück⸗ ſichtigt laſſend, würde er nicht hergekommen ſein, um uns einzuladen. Solchen Leuten fehlt die Manier und die Er⸗ ziehung; wo ſollten ſie dieſelbe auch her haben? Sie wer⸗ den es wahrſcheinlich ſehr bereuen, daß Sie Sich zu dieſer Thorheit herablaſſen; wenn Sie Sich auch hier incognito aufhalten, ſo ſollten Sie doch nic Ihren hohen Stand vergeſſen. Zwiſchen Herablaſſung und Freundlichkeit und Vettraulichkeit iſt ein ſehr großer Unterſchied. Wenn ein rſt die Familienfeſte ſolcher Leute mit ſeiner Gegenwart beehrt, ſo iſt das ſtets eine Gnadenbezeigung, wozu eine beſondere Veranlaſſung vorliegen muß. Hier bin ich ja aber nicht Fürſt, und dieſe Leute ge⸗ hören nicht zu meinen künftigen Unterthanen; Sie ver⸗ geſſen das immer, Herr Geheimerrath— in Albernhauſen allerdings, da hätten Sie Recht, aber hier iſt das ganz etwas Anderes. Nun, ich will hoffen, daß Sie es nicht bereuen! Sie werden doch mitgehen? Meine Inſtructionen verpflichten mich dazu, Hoheit, ſonſt würde ich es vorziehen zu Hauſe zu bleiben, um ſo mehr, als mich der Alte eigentlich gar nicht einmal einge⸗ laden hat. Ach, das iſt nur Manier, Mangel an Erziehung, lachte der Prinz; wenn Sie indeß irgend ein Bedenken haben, gehen Sie nicht, ich nehme die Verantwortung ganz auf mich. Cw. Hoheit müſſen mir ſchon geſtatten, in letzter Be⸗ ziehung nach meiner eigenen pflichtmäßigen Ueberzeugung zu handeln; ich werde Sie daher begleiten. Nun, um ſo beſſer; alſo betrachten wir dieſe ſo viel erörterte Sache endlich als abgemacht. Es iſt heute ſo ſchönes Wetter, ich möchte einen Ritt in die Umgegend machen; iſt es Ihnen genehm, mich auch dabei zu begleiten? Ich ſtehe zu Ihrem Befehle. Der Prinz klingelte, befahl, daß die Pferde geſattelt würden, und ritt kurze Zeit darauf in Begleitung des Ge⸗ heimenraths fröhlich und heiter hinaus in die lachende, wundervolle Gegend, welche die Univerſitätsſtadt umgab. Als ſie über den Markt kamen, ſah der Prinz bei einer Blumenhändlerin ein junges Mädchen ſtehen, welches, er⸗ ſchreckt durch die Nähe ſeines unruhig gewordenen Pferdes, mit einem leiſen Aufſchrei zur Seite ſprang und ihn mit ihren großen, kindlichen Augen angſtvoll anblickte. Es geſchah dies doch nur einen ſehr kurzen Moment, denn ſo⸗ bald ſie ſich überzeugt, daß ſie von dem ſo plötzlich erſchie⸗ — 6 nenen Pferde und ſeinem Reiter nichts mehr zu fürchten hatte, ſchlug ſie, ſich ihrer Aengſtlichkeit ſchämend, die Augen nieder, und es gelang dem langſam weiter reitenden und ſich oft umſehenden Prinzen nicht, noch einen ihrer Blicke zu erhaſchen. Ein reizendes Kind, ſagte er, ſich abermals umſehend, zu ſeinem Begleiter; ſollte das vielleicht die Braut unſeres Lieutenants ſein? Ich habe ein ſo hübſches Mädchen hier noch nicht geſehen! Aber ſie hatte ja blondes Haar, ſetzte er, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu, und des Lieute⸗ nants Braut iſt brünett, ſie kann es alſo nicht geweſen ſein — aber ſchön war ſie, und ich bin wirklich begierig, ob die Braut ihr an Schönheit gleichkommt; auch möchte ich wiſſen wer das junge Mädchen iſt. Piertes Apitel. Cäcilie. Mit deinen blauen Augen Siehſt du mich lieblich an, Da wird mir ſo träumend zu Sinne, Daß ich nicht ſprechen kann. Heine. Während wir den Prinzen ſeinem weiteren Nachden⸗ ken überlaſſen, wollen wir ſelbſt ungeſehen zu dem jungen Mädchen herantreten und uns näher mit ihr bekannt machen, da ſie beſtimmt iſt, in unſerer Erzählung eine hervorragende Stelle einzunehmen. Sie ſind ganz blaß geworden, ſagte die alte Blumen⸗ verkäuferin, indem ſie einen Korb, den ſie zurückgezogen, wieder vorſchob; dieſe jungen Herren nehmen aber auch wenig Rückſicht und reiten mitten unter die Menſchen mit ihren wilden Pferden. Bleiben Sie hier ſtehen, hier ſind Sie ganz ſicher, und nun ſagen Sie mir noch einmal, wie Sie Alles wünſchen. Es müſſen recht ſchöne Guirlanden ſein, von friſchen, nicht ſchon welken Blumen, bemerkte das junge Mädchen, — wobei wieder ein freundliches Lächeln auf ihrem lieblichen, kindlichen Geſichte lag; Sie dürfen ſie alle erſt morgen früh abſchneiden. Verſteht ſich, verſteht ſich! verſicherte die Alte. Und recht viel Roſen, und nur Eichenlaub, keine Tannenzweige. Dann nehmen Sie Levkojen, Lilien und Nelken— Veilchen wird man wohl nicht bemerken, ſie ſind zu unſcheinbar, nicht wahr? Nein, Veilchen paſſen dazu nicht, mein Fräulein. Es iſt recht ſchade, es ſind meine Lieblingsblumen. Laſſen Sie mich nur machen— es muß ein wenig in die Augen fallen, da man es ja doch nur von Weitem ſieht. Sie ſollen ſchon zufrieden ſein, ich mache ja der⸗ gleichen ſehr oft. Auch zu einer Hochzeit? Verſteht ſich, verſteht ſich, Hochzeiten und Begräbniſſe geben für uns immer die beſten Kundſchaften. Wenn der Menſch heirathet, odet wenn er begraben wird, dann müſ— ſen immer Blumen mit dabei ſein, natürlich nicht dieſelben, bei Leibe nicht. Laſſen Sie mich nur machen, Fräulein, Sie ſollen mit den Kränzen ganz zufrieden ſein. Aber wie viele Ellen brauchen Sie? So viele, liebe Frau, erwiederte das junge Mädchen, von der unerwarteten Zuſammenſtellung der Hochzeit mit dem Grabe ſichtlich betroffen, ſo viele, daß wir den ganzen Altar recht hübſch bekränzen können. Schön, ſchön, wir werden ſo gegen dreißig Ellen ge⸗ brauchen. Sie werden zur beſtimmten Zeit, morgen um zehn Uhr, fertig ſein, ganz friſch und nur ſolche Blumen, wie Sie geſagt haben; auch keine Tannenzweige, ſie ſin Ihnen zu finſter, nicht wahr? Werden Sie herſchicken, oder ſoll ich ſie in Ihr Haus bringen? Sie könnten Alles gleich in die Kreuzkirche beſorgen und mir bei der Ausſchmückung des Altars behülflich ſein, da Sie dies doch gewiß beſſer verſtehen, wie ich. Ganz wie Sie wünſchen. Punkt zehn Uhr bin ich mit den Guirlanden in der Kreuzkirche, und dann wollen wir den Altar ſo hübſch herausputzen, daß ſie Alle ihre Freude daran haben werden. Sie müſſen aber vorher mit C— dem Sacriſtan darüber ſprechen, daß er es erlaubt.— — Das habe ich ſchon gethan; alſo morgen um zeh Uhr erwarte ich Sie in der Kreuzkirche. Verlaſſen Sie Sich ganz auf mich, für Sie werde ich die Kränze beſonders ſchön machen, wiederholte die Alte,— der jugendlichen Käuferin, die ſie freundlich grüßte, i Wohlgefallen nachſehend— ein hübſches und braves Kind— ſagte ſie dann, handelt gar nicht, wie die Anderen immer am liebſten Alles umſonſt haben möchten— aber ſie ſoll deßhalb auch beſonders gut bedient werden. Das junge Mädchen, welches bei der Blumenverkäu⸗ ferin ſo große Sympathieen erweckt hatte, eilte flüchtigen ———— und leichten Schritts davon und erreichte bald das Haus ihrer Eltern. Als ſie dann raſch und in Gedanken noch mit der be⸗ abſichtigten Ausſchmückung des Altars beſchäftigt in das Zimmer ihres Vaters trat, fand ſie dieſen vor einer Staffe⸗ lei ſitzend indem er emſig an einem halbvollendeten Bilde weiter malte. Sie legte den Hut ab, eilte dann raſch zu ihm hin, ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken und drückte einen zärtlichen Kuß auf ſeine Lippen. Guten Morgen, liebe Cäcilie, ſagte er, ſie an ſich drückend— nimm dich in Acht, daß du dich nicht voll Farbe machſt; aber du ſiehſt ja ſo erregt aus— wirklich ſo— ich wollte, ich hätte dein Bild ſo auf der Leinwand! Ich habe die Blumen zu Nettchen's Hochzeit beſtellt, lieber Papa, erwiederte ſie erröthend— ich werde den Altar ſchmücken; o, es ſoll ſehr ſchön, wunderſchön werden! die Blumenfrau hat mir verſprochen, nur ganz friſche und paſ⸗ ſende Blumen zu nehmen. Du glaubſt gar nicht, wie ſehr ich mich darauf freue! Worauf freuſt du dich ſo ſehr, mein Kind? Nun, darauf, daß ſie ſich Alle darüber freuen werden, und beſonders Nettchen. Meinſt du? fragte er, ihr von kindlicher Freude ſtrah⸗ lendes Geſicht mit väterlichem Wohlgefallen betrachtend— ja, ja, ſie werden ſich gewiß ſehr freuen, und du ſcheinſt es ſchon jetzt im vollſten Maße zu thun; vielleicht wird es dir doch am meiſten Freude machen. Du ſihſt daraus, mein Kind, fuhr er fort, indem er ſie mit größerer Aufmerkſam⸗ keit betrachtete, als dies ſonſt ſeine Gewohnheit war, du ſiehſt daraus, daß uns ſelbſt nichts mehr beglückt, als wenn wir Andere glücklich machen. Wenn dies alle Men⸗ ſchen beherzigten, ſo würden ſie viel glücklicher ſein, als ſie es jetzt ſind, wo die meiſten nur an ſich denken und viele ſogar bemüht ſind, ihr eigenes Wohl, oder dasjenige, was ſie ſo nennen, auf das Verderben ihrer Nebenmenſchen zu gründen. Sollte es wirklich ſolche Leute geben, Papa? Leider gibt es deren ſehr viele— doch das verſtehſt du noch nicht, und ich kann dir nichts Beſſeres wünſchen, als daß es dir immer unverſtändlich bleiben möge. Aber tritt einmal einen Schritt zurück, Cäcilie, fuhr er fort, wäh⸗ rend ſein Auge über ihre ſchlanke Geſtalt hinglitt; ich finde, daß dir dieſes Kleid ſehr gut ſitzt. Haſt du es ſchon öfter angehabt? Ach, Papa, rief ſie lachend, nun ſehe ich, wie wenig du mich anſiehſt, ich trage es ja ſeit Oſtern faſt täglich; du haſt es mir ja ſelbſt geſchenkt! Weißt du nicht, wir haben es zuſammen gekauft? Dir gefiel das graue Zeug beſſer, aber Grau liebe ich nicht. Ja, ich erinnere mich, lächelte der Vater, und über⸗ zeuge mich jetzt, daß dein Geſchmack bei Weitem beſſer iſt, als der meinige. Dieſes Kleid ſitzt dir wirklich ſehr gut 6 Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. — tritt noch einen Schritt zurück— ſo— und nun halte den rechten Arm etwas in die Höhe, noch höher— den Kopf mehr nach vorn geneigt, noch etwas mehr— und ſchlage die Augen nicht nieder, mein Kind, blicke aufwärts, genau nach dem Rande der Gardine. Wahrhaftig, mur⸗ melte er dann, indem er ſie mit faſt überraſchten Blicken betrachtete, ſie würde ein wundervolles Modell zu einer Hebe ſein können.. Ach, Papa, unterbrach dieſe Betrachtungen das junge Mädchen, indem ſie leicht erröthend die angenommene Stel⸗ lung wieder aufgab— ach, Papa, du wirſt mich doch nicht in ſo ſonderbarer Stellung malen wollen? Malen? fragte er, ſichtlich zerſtreut, nein, nein— aber nächſtens werde ich dich malen, ja, mein Kind, du biſt jetzt in dem Alter, in welchem ein Bild von dir ſich ſchon recht hübſch ausnehmen würde; glaubſt du nicht? O, wenn du es malſt, Papa, wie könnte es dann anders ſein, deine Bilder ſind ja alle ſo wunderhübſch! Es kommt immer auf das Motiv an, mein Kind, ſagte der Vater, von der Aeußerung ſeines Kindes ſichtlich angenehm berührt, und hier— doch gehe jetzt hinauf, ich glaube, die Mutter erwartet dich; ſie will noch wegen dei⸗ nes Anzuges zu morgen mit dir reden. Wegen meines Anzuges? erwiehrte ſie verwundert; es iſt ja Alles in Ordnung, ich ziehe das neue ſeidene Kleid an, mein erſtes ſeidenes Kleid, Papa, und werde einen ſ Kranz von friſchen Blumen im Haar haben— ich hoffe, daß ich dir gefallen werde, ſetzte ſie mit einem lieblichen Lächeln hinzu. Nun, wir werden ja ſehen, erwiederte er, ihr mit Wohlgefallen nachblickend, als ſie dann leichten, flüchtigen Schrittes das Zimmer verließ— ſie iſt in der letzten Zeit recht groß geworden, ſprach er dann vor ſich hin, größer eigentlich nicht, aber ſie iſt mit Einem Male aus der Kind⸗ heit herausgewachſen— ich habe das nie ſo bemerkt, wie heute. Sie iſt durchaus kein Kind mehr, mir iſt das recht aufgefallen, als ſie ſo da ſtand— obgleich ſie ſonſt noch ganz ein Kind iſt, das, glaube ich, am liebſten mit der Puppe ſpielte.— Wie die Zeit fliegt! ich kann ſie mir gar nicht anders als ein Kind denken, und doch iſt ſie's nicht mehr. Ich werde von jetzt daran denken müſſen— und kann vielleicht wirklich, ohne daß ſie es bemerkt, einige Studien an ihr machen— denn hier fehlt immer noch etwas, ſetzte er mit einem Blicke auf das vor ihm ſtehende Bild hinzu— es fehlt etwas, was ich nicht zu finden vermag— es läßt kalt, hat nichts Lebendiges, nichts See⸗ envolles. Mit dieſen Gedanken vertiefte er ſich wieder in den Gegenſtand ſeiner Arbeit und fuhr zu malen fort, indem er ſich bemühte, die durch den Anblick ſeiner lieblichen Tochter ihm zum Bewußtſein gekommenen Mängel ſeines Bildes zu beſeitigen. Es war ihm gegangen, wie es ſo vielen 6* Vätern mit ihren Töchtern geht, welche dieſelben, weil der Uebergang unmerklich iſt, noch immer als der Kindheit an⸗ gehörend betrachten, wenn ſie bereits lange zur Jungfrau herangeblüht ſind, und dann in großes Erſtaunen gerathen, daß dieſe vermeintlichen Kinder ſogar anfangen, Liebesver⸗ hältniſſe anzuknüpfen, oder ſich gar verloben wollen. Der Vater des jungen Mädchens, welcher ſich, wäh⸗ rend er an ſeinem Bilde fortarbeitete, dieſen Reflerionen hingab, war, wie der Leſer bereits erfahren hat, Maler, dabei jedoch zugleich Profeſſor der ſchönen Künſte an der Univerſität. Als ſolcher lag es ihm ob, einige Vorleſun⸗ gen über dieſen Gegenſtand zu halten, oder vielmehr anzu⸗ kündigen, denn er fand faſt niemals die zu einem Collegium erforderliche Anzahl von Zuhörern. Er bildete daher ein an und für ſich ſehr unweſentliches Anhängſel der Univer⸗ ſität, wofür er ein eben ſo unweſentliches Gehalt bezog, aber der Ehre des Titels„Profeſſor“ genoß, was für ihn als ausübenden Künſtler nicht ohne Einfluß blieb. Seine Bilder gehörten eben nicht zu den genialen, die Motive der⸗ ſelben waren meiſt einfach und ohne jenen tiefen Schwung der Poeſie, der auch das kleinſte und nur ſküzzirte Bild eines großen Künſtlers kennzeichnet, aber ſie waren ſauber und nett ausgeführt, behandelten dabei anſprechende Gegen⸗ ſtände und fanden daher ſtets gern und zu guten Preiſen Käufer. Er ſelbſt war ein beſcheidener, wohlwollender Mann, der ſeine Fähigkeiten und Talente keineswegs über⸗ 5 ſchätzte, vielmehr häufig die Erzeugniſſe derſelben noch unter ihrem wahren Werthe claſſificirte. Dieſe ſeinem Charakter innewohnende Beſcheidenheit trat auch in allen übrigen Lebensverhältniſſen hervor und artete häufig in einen Man⸗ gel an Selbſtſtändigkeit und in eine Unterordnung unter Andere aus, ſo daß z. B. ſeine Frau einen ſehr entſchiede⸗ nen Einfluß auf ihn ausübte und, wie die Leute ſagten, vollſtändig das Regiment im Hauſe führte. In der Beſchäftigung, worin wir ihn zuletzt geſehen haben, wurde er durch einen Beſuch unterbrochen, welcher faſt ohne Anmeldung in das Zimmer trat. Guten Tag, Herr College, ſagte der Ankommende, indem er lebhaft bis an die Staffelei vortrat; immer ſo fleißig, immer bei der Arbeit? Arbeit iſt nicht der richtige Ausdruck, denn die Beſchäftigung mit der Kunſt, der Um⸗ gang mit der Muſe iſt nur eine angenehme Unterhaltung, ein Genuß, deſſen wir andere arme Menſchenkinder, die wir in der Proſa des Lebens herumpflügen, nur ſelten theil⸗ haftig werden. Sie ſind immer voller Complimente, erwiederte der Andere mit einem faſt verlegenen Lächeln, denn Sie wiſſen recht gut, wie ſchwer es Unſereinem wird, die Kunſt nicht zum Handwerk herabſinken zu laſſen— eine Beſchäftigung, der wir täglich obliegen müſſen, wird eben deßhalb von der Proſa des täglichen Lebens angefreſſen, denn der Beſuch S er Muſen iſt ſtets ein eben ſo unerwarteter und willkom⸗ tener, wie heute der Ihrige. Ach, lachte der Andere, ſehe ich aus wie eine Muſe? ind da werfen Sie mir vor, ich ſei immer voller Compli⸗ ente? Aber wahrlich, fuhr er fort, indem er ein paar chritte von dem Bilde zurücktrat, Sie müſſen doch in ver⸗ autem Umgange mit dieſen Göttinnen ſtehen, Sie haben ie ein beſſeres Bild gemalt, als dieſe Kirchengängerin! elch herrliche, züchtige Geſtalt, dieſe kindlichen Züge, auf nen noch der Abglanz des frommen Gebetes ruht, dieſe ſenkten Augen, von denen man ſo gern einen Blick er— iſchen möchte— wirklich, ein wunderſchönes Bild, Herr ollege, das beſte, was Sie gemalt haben! Aber wiſſen ie auch, daß es ſehr an Ihre Fräulein Tochter erinnert? An meine Tochter? fragte der Profeſſor faſt erſchreckt. Warum erſchrecken Sie? Iſt Ihre Fräulein Tochter nicht ſchön genug, um Ihnen bei dieſem Bilde als Motiv vorgeſchwebt zu haben, und konnten Sie wohl einen ent⸗ ſprechenderen und zugleich würdigeren Gegenſtand finden, um ſie im Bilde zu verherrlichen? Ich verſichere Ihnen, Herr College, daß ich nicht im entfernteſten daran gedacht habe, daß es mir nie eingefal⸗ len iſt, mein Kind— aber wie können Sie nur auf ſo thörichte Gedanken kommen? Es iſt möglich, daß Sie nicht die Abſicht gehabt ha⸗ ben, ich bin ſogar davon überzeugt, aber wovon das Herz voll iſt, davon fließt der Mund über, oder beſſer, damit be⸗ ſchäftigen ſich unſere Gedanken, und da ſich Ihre Gedanken in Bildern verkörpern, ſo iſt es ganz natürlich— Laſſen wir das, verehrter Herr College, unterbrach Cäciliens Vater, Sie ſind doch nicht hergekommen, um mich in dieſer Weiſe zu verſpotten? Verſpotten? Meine Worte waren ernſtlich und gut gemeint; wenn Sie aber auch nur den leiſeſten Verdacht vom Gegentheile haben können, ſo ſprechen wir nicht weiter davon— wir werden überhaupt nicht oft mehr mit einander ſprechen. Sie haben meine Aeußerung doch nicht übel ge⸗ nommen, beſter Herr College, ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung— O, wie können Sie nur ſo etwas glauben?! Nein, ich bin gekommen, um Ihnen einen Beweis zu geben, wie großes Vertrauen ich zu Ihnen habe, denn ich will mit Ihnen über eine für mich ſehr wichtige Angelegenheit reden. Sie werden mich ſehr dadurch verbinden. Sie wiſſen, fuhr der Andere mit wichtiger Miene fort, daß ich endlich vor zwei Jahren, nachdem ich acht Jahre Privat⸗Docent geweſen, zum außerordentlichen Pro⸗ feſſor ernannt worden bin, auch hat man mir ſeit einem halben Jahre vierhundert Gulden Gehalt gegeben und die⸗ ſes als einen Beweis beſonderer Berückſichtigung hingeſtellt. — Es iſt allerdings eine ungeheure Berückſichtigung, vierhun⸗ dert Gulden, das Salair eines tüchtigen Hausknechtes! Natürlich bleiben mir ſchriftſtelleriſche Arbeiten und die Collegien. Sie, der Sie der Malerei obliegen, kennen vielleicht nicht die Miſere des deutſchen Buchhandels. Der Schriftſteller, der Gelehrte, iſt ſo lange den Verlegern ge— genüber ein gänzlich nichtsbedeutender Menſch, bis irgend ein Zufall ſeinen Namen bekannt oder berühmt gemacht hat — dann kann er freilich ſo ziemlich ſchreiben, was er will, es wird gekauft, und das allein iſt für den Verleger ent⸗ ſcheidend. Ich könnte Ihnen einige Briefe dieſer Herren zeigen— doch wozu über dieſe unerquickliche Materie noch weiter reden! Was nun die Collegien betrifft, ſo muß ich, als der jüngere Docent in der Staats- und Finanz⸗Wiſſen⸗ ſchaft, immer dasjenige leſen, was mein College in dem Semeſter mir übrig läßt. Er wählt ſich natürlich diejenigen Stoffe aus, von denen er weiß, daß ſie an der Reihe ſind, und die Folge davon iſt, daß ich keine Zuhörer habe. Ich muß froh ſein, wenn ich mit Mühe und Noth drei oder vier erhalte, und muß ihnen alles Mögliche zu Gefallen thun, damit ſie nur kommen und aushalten und das Collegium nicht ganz und gar in den Brunnen fällt. Von Honorar natürlich keine Rede, die erſte Bedingung meiner Herren Zuhörer iſt faſt immer, das Honorar zu ſtunden. Dabei ſpreizt ſich dieſer Ignorant, trägt eine Wichtigkeit zur Schau, ſpricht von meinen Collegien mit einem Hohne und — 5 einer Herabſetzung, daß es geradezu unerträglich iſt. Jetzt, nachdem er nun noch zu der Ehre gelangt iſt, dem Erb⸗ prinzen von Albernhauſen privatissima zu leſen, iſt er völlig übergeſchnappt. Er geht umher, wie ein Pfau, der unaufhörlich Rad ſchlägt und ſeinen eigenen Schweif be⸗ wundert— nein, beſter Herr College, für mich iſt hier kein Boden mehr, hier werde ich es niemals zu etwas bringen; den Kampf um das tägliche Brod habe ich vollſtändig ſatt und bin daher feſt entſchloſſen, der hieſigen Stadt Valet zu ſagen und mein Heil wo anders zu verſuchen. Sie erſchrecken mich, Sie erſchrecken mich! erwiederte der Andere in ſichtlicher Beſtürzung; das wäre im höchſten Grade übereilt von Ihnen gehandelt. Uebereilt? Ich ſollte denken, ich hätte lange genug vergeblich gewartet. Eben weil Sie ſo lange gewartet haben, iſt es wohl zu überlegen, ob Sie jetzt die Frucht dieſes Wartens, die gewiß nicht ausbleiben wird, ganz aufgeben dürfen. Sie müßten an jedem anderen Orte ja auch wieder von vorne anfangen. Dazu iſt der Profeſſor Windmacher ein alter Mann, deſſen Ruf als Gelehrter täglich mehr abnimmt, ſeine Sonne ſteht tief im Weſten und die Ihrige noch im Oſten. Man klagt ziemlich allgemein, daß er ſich in alten und veralteten Theorieen wiederhole, daß er langweilig und unpraktiſch ſei; ich ſollte denken, es müſſe einer ſo jungen 9— Kraft, wie der Ihrigen, nicht ſchwer werden hier den ge⸗ wiſſen Sieg davon zu tragen. Was nutzt mir ein endlicher Sieg, wenn ich die Zeit dazu nicht abwarten kann? Solche ſich ſelbſt vergötternde Leute werden in der Regel ſehr alt, denn nichts iſt der Ge⸗ ſundheit, beſonders in älteren Jahren, zuträglicher, als die Befriedigung der Eitelkeit, wobei es völlig gleichgültig bleibt, ob ſie auf einem wirklichen und wahren Grunde oder nur auf Einbildung beruht; denn es kommt lediglich auf die Rückwirkung dieſer Selbſtüberhebung, auf unſeren kör⸗ perlichen Organismus an— und am Ende iſt ja auch Alles mehr oder weniger Einbildung. Ei, ei, Herr College, was muß ich von Ihnen für ſkeptiſche Grundſätze ausſprechen hören, aber ſei dem wie da wolle, Sie dürfen nicht fort. Ich glaube kaum, daß der Erbprinz von Albernhauſen es lange mit dem Profeſſor Windmacher aushalten wird. Vielleicht könnte ich Ihnen in dieſer Beziehung auch nützlich ſein, denn ich kenne den Geheimenrath von Stuhm, allerdings ſehr oberflächlich, er war vor einigen Jahren hier und hat ein paar Bilder für das albernhauſer Muſeum von mir gekauft, und ſeitdem ſind wir in Correſpondenz geblieben— wie geſagt, eine oberflächliche Bekanntſchaft, aber er hat ſich auch wegen der hieſigen Verhältniſſe vor der Ankunft des Erbprinzen meine Anſichten über manche Dinge erbeten; ich könnte Ihnen daher in dieſer Hinſicht vielleicht von Nutzen ſein, verſteht ſich, ohne dem Collegen Windmacher dadurch gerade ſchaden zu wollen, ſetzte er mit der gewohnten Gutmüthigkeit hinzu, aber— Wenn Sie mir dieſes Colleg verſchafften, unterbrach ihn der junge Profeſſor der Staatswiſſenſchaften mit blitzen⸗ den Augen, wenn Sie das könnten, ſo wäre mir, ich bin feſt davon überzeugt, mit Einem Male geholfen. Es läge darin eine entſchiedene und beſtimmt ausgeſprochene Des⸗ avouirung des alten ſelbſtgefälligen Ignoranten, ich würde ſehr bald eine Menge Zuhörer unter den Studenten bekom⸗ men und könnte den Kampf mit meinem Gegner ſiegreich beſtehen! Ja, das wäre ein Mittel, Herr College, mich hier zu halten, und ich würde Ihnen aufrichtig dankbar dafür ſein! Ich kann Ihnen Beſtimmtes in dieſer Hinſicht natür⸗ lich nicht verſprechen, erwiederte der Maler ſichtlich ver⸗ legen; Sie wiſſen, ich ſtehe mit dem Profeſſor Windmacher auch auf freundſchaftlichem Fuße, und mein Einfluß bei dem Geheimenrath von Stuhm iſt vielleicht ein weit gerin⸗ gerer, als ich annehme; indeſſen, Sie können von meiner Bereitwilligkeit überzeugt ſein, allerdings ſo weit es ge⸗ ſchehen kann, ohne dem Collegen Windmacher gerade feind⸗ lich gegenüber zu treten.. O, das haben Sie ja auch nicht im Mindeſten nöthig, Sie dürfen nur bei der Wahrheit bleiben, mehr verlange ich nicht, beſter Herr College, und Sie werden gewiß keinen — Anſtand nehmen, der Wahrheit die Ehre zu geben, nicht wahr, das werden Sie nicht? Gewiß nicht, gewiß nicht! entgegnete der immer mehr in Verlegenheit gerathende Profeſſor der ſchönen Künſte, in deſſen beſcheidenem, anſpruchsloſem, offenem Charakter es durchaus nicht lag, ſich als Mittel zu einer Intrigue ge⸗ brauchen zu laſſen; ich werde nicht verfehlen, Ihre Kennt⸗ niſſe und Talente bei dem Geheimenrath beſonders her— vorzuheben, ſobald ſich paſſende Gelegenheit dazu fin⸗ den wird. Das Geſpräch der beiden Männer wurde durch Cäci⸗ liens Eintreten unterbrochen. Sie hatte raſch die Thür geöffnet und war mit erregter Miene und leuchtenden Augen ſchnell einige Schritte in das Zimmer getreten, an⸗ ſcheinend, um ihrem Vater eine Mittheilung zu machen. Dann erblickte ſie den Gaſt und blieb plötzlich erröthend und verlegen ſtehen. Nun, mein Kind, fragte ihr Vater, haſt du mir etwas zu ſagen? Der Herr Profeſſor Leſſen, ein Freund von du kennſt ihn doch, mein Kind? Gewiß, Papa, ſtammelte das junge Mädchen— ich wollte— ich wußte nicht— Daß ich hier anweſend war, mein Fräulein? unter⸗ brach ſie der Profeſſor, während ſein Auge feſt auf der ſchlanken Geſtalt des jungen Mädchens und ihren lieblichen, jetzt vielleicht noch reizvolleren Zügen haftete; es thut mir — unendlich leid, daß ich Sie ſtöre, erlauben Sie mir daher, mich zu entfernen. Q, ich bitte— Sie ſtören mich durchaus nicht— ich wollte nur— Du wollteſt mir etwas ſagen, Cäcilie, bemerkte ihr Vater, indem er ſie bei der Hand nahm, und glaubteſt mich allein; wenn es keine Geheimniſſe ſind, ſo kannſt du immer⸗ hin reden, der Herr Profeſſor Leſſen iſt ein Freund und College von mir; wenn es aber“wieder kleine häusliche Angelegenheiten betrifft, vielleicht deinen Anzug, mein Kind, ſetzte er lächelnd hinzu, ſo plaudere es ja nicht ſo öffentlich aus, denn ſolch wichtige Dinge paſſen nur für das Ohr des Vaters. O, wie kannſt du ſo etwas glauben, Papa? erwie⸗ derte ſie, indem noch eine tiefere Röthe ihr Geſicht über⸗ flog, als ob ich ſo viel von meinem Anzuge zu reden hätte. Nun, wenn es alſo keine Geheimniſſe ſind, ſo genire dich nicht und ſprich immerhin. Sie erlauben wohl, Herr College, daß ich mich em⸗ pfehle, bemerkte der Andere, indem er zugleich zögernd ſei⸗ nen Hut nahm; Ihre Fräulein Tochter wünſcht offenbar gern mit Ihnen allein zu reden. O, nicht doch, nicht doch, Herr Profeſſor, entgegnete ſie mit einem mißglückten Verſuch, ihn anzuſehen, es ſind durchaus keine Geheimniſſe— Nun, ſo ſprich denn endlich, bemerkte ihr Vater, wäh⸗ rend Leſſen mit ſichtlichem Intereſſe ſtehen blieb, was iſt denn ſo Wichtiges geſchehen? Nettchen war bei mir, Papa, ſagte das junge Mäd⸗ chen jetzt, indem ſie während des Sprechens mehr und mehr ihre Unbefangenheit wieder erhielt; ſie hatte es ſehr eilig und theilte mir nur in großer Freude mit, daß der Erbprinz von Albernhauſen und noch ein Geheimerrath, deſſen Name ich wieder vergeſſen habe, morgen bei ihrer Hochzeit an⸗ weſend ſein würden. Der Erbprinz und der Geheimerath von Stuhm auf ihrer Hochzeit? Haſt du auch recht gehört? fragte ihr Vater erſtaunt. Wie ſollte das möglich ſein? Ja, ſo heißt er, Stuhm, du kannſt dich ſicher darauf verlaſſen; er kennt ihren Bräutigam und hat ſich bei ihm ſelbſt eingeladen, worauf denn ihr Vater heute zu dem Prinzen gegangen iſt, um ihn zu bitten. Der alte Soldau iſt ſelbſt zum Prinzen gegangen und hat ihn zur Hochzeit ſeiner Tochter gebeten? Das klingt ja alles höchſt wunderbar und unwahrſcheinlich; haſt du auch recht gehört, mein Kind? Du kannſt dich ſicher darauf verlaſſen, Papa. Und der Prinz hat es angenommen? Natürlich, er hatte ſich ja ſelbſt eingeladen, Nettchen war ganz entzückt, du kennſt ſie ja, Papa; wir werden nun aber wohl nicht hingehen? Es iſt eine ſonderbare Sache, bemerkte ihr Vater, ich weiß wirklich nicht, was ich davon denken ſoll. Ich werde mit Soldau reden, wie dies alles zuſammenhängt,— natürlich, man könnte ſonſt am Ende glauben— Aber weßhalb wollen Sie jetzt weniger gern auf die Hochzeit des Fräulein Soldau gehen, unterbrach Leſſen, ich wüßte wirklich nicht den geringſten Grund dazu. Der Lieutenant Steinberg wird ein Bekannter des Erbprinzen ſein, dieſer hat von der Hochzeit erfahren, ſich theilnehmend ausgeſprochen oder ſich auch vielleicht ſelbſt eingeladen. Ich finde dieſes alles ſehr natürlich und wüßte wirklich nicht, aus welcher Urſache Sie Anſtand nehmen wollten, nun die bereits zugeſagte Einladung wieder abzulehnen. Auffällig bleibt es jedenfalls. Der alte Soldau iſt ein ſo einfacher, ſchlichter Mann, der nur mit ſeines Gleichen verkehrt— und nun mit Einem Male ein Prinz! Haſt du ſchon mit der Mutter geſprochen, mein Kind? Nein, Papa, ich bin gleich zu dir gekommen. Nun, wir werden ja hören, was die Mutter ſagt; Frauen haben in ſolchen Dingen ein viel richtigeres Urtheil, als wir Männer. Sie entſchuldigen mich wohl einen Augen⸗ blick, Herr College, ich will nur ein paar Worte mit mei⸗ ner Frau reden und komme gleich wieder zurück. Leſſen machte eine zuſtimmende Verbeugung, und als Cäciliens Vater darauſ eilig das Zimmer verließ, legte er den Hut, den er vorher bereits in die Hand genommen hatte, wieder auf einen Stuhl und trat dem jungen Mäd⸗ chen mit freundlicher Miene näher. Theilen Sie auch die Bedenken Ihres S Vaters? fragte er dann. Ich würde ſehr betrübt ſein, wenn wir nicht auf Nett⸗ chens Hochzeit kämen, erwiederte ſie, denn ich habe mich, wie Sie wohl denken können, ſehr darauf gefreut— ſie iſt ja meine beſte Freundin, wir waren zwei Jahre zuſammen in der Penſion— aber wenn die Eltern es nicht für paſſend finden, ſo werde ich mich darein ergeben müſſen. Sie ſind eine gehorſame Tochter, mein Fräulein, ent⸗ gegnete er, ſie mit ſteigendem Intereſſe betrachtend, aber Sie würden Ihre Eltern doch bitten, Ihnen zu Gefallen die Einladung jetzt nicht noch auszuſchlagen? Ach ja— aber— ſie müſſen das doch beſſer wiſſen, und ich bin auch überzeugt, daß ſie mir gewiß gern die Freude machen und daß ſehr dringende Gründe vorhanden ſein müſſen, wenn ſie es jetzt nicht thäten. Geſtatten Sie mir vielleicht, mein Fräulein, meinen ge⸗ ringen Einfluß bei Ihrem Herrn Vater dahin zu verwen⸗ den, daß er ſeinen Entſchluß nicht ändert? Ach, Sie würden mich ſehr dadurch erfreuen, erwiederte ſie unbefangen, und, nicht wahr, Sie ſehen auch nicht ein, weßhalb wir nun mit Einem Male nicht gehen ſollten; was kümmert uns denn dieſer Prinz, den wir ja gar nicht kennen? — Nein, mein Fräulein, ich wüßte wirklich nicht, weßhalb man Ihnen dieſe Freude verſagen wollte, und bin auch überzeugt, daß Ihr Herr Vater nicht daran denkt. O ja— er denkt daran, ſagte ſie ernſt; er denkt be⸗ ſtimmt daran, und es wird ganz auf die Mutter ankommen. Dann würde es vielleicht beſſer ſein, wenn ich mit Ihrer Frau Mutter ſpräche, bemerkte er lächelnd. Sie ſah ihn erſtaunt an— mit der Mutter? fragte ſie dann; wie wollten Sie das anfangen? Wie ich das anfangen wollte? Eine Gelegenheit findet ſich ja leicht. Ihr Herr Vater wird mich vorſtellen; das Geſpräch leitet ſich von ſelbſt auf dieſen Gegenſtand, und wenn wir dann vereint und gemeinſchaftlich agiren, ſetzte er mit einem eigenthümlichen Blick hinzu, ſo zweifle ich nicht, daß uns der Erfolg zu Theil werden wird. Sie ſind ſehr gütig, bemerkte ſie verlegen, indem ſie ihre Augen niederſchlug— doch ſcheint mir— Jetzt, da Sie Ihre Augen niedergeſchlagen haben, ſagte er, ſie immer unverwandt betrachtend, jetzt iſt die große Aehnlichkeit unverkennbar— nur daß das Original weit ſchöner iſt. Ich weiß nicht, was Sie meinen, erwiederte ſie er— röthend, indem ſie einen mißglückten Verſuch machte, ihn wieder unbefangen anzuſehen. Ich meine das Bild dort, welches ich zu den beſten zähle, die Ihr Herr Vater gemalt hat, und das ich um Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 7 — jeden Preis kaufen würde, wenn ich ein reicher Mann wäre— finden Sie nicht auch, däß es eine große Aehn⸗ lichkeit mit Ihnen hat? Mit mir? rief ſie ſichtlich erſchrocken, indem eine ver⸗ rätheriſche Röthe ihr Geſicht bedeckte— ach! wie können Sie nur ſo etwas glauben, Herr Profeſſor? Es handelt ſich hier ja nicht um den Glauben, mein Fräulein— betrachten Sie es doch ſelbſt, oder bleiben Sie noch einen Augenblick ſo ſtehen— ſo ſind Sie es ganz— es fehlt nur die Bewegung, das Leben, der Ausdruck— Ach! rief ſie, ſich gewaltſam zum Lachen zwingend, wie können Sie nur ſo etwas behaupten? die Kirchengängerin hat ja dunkelbraunes Haar, und ich blondes— ſehen Sie, wie Unrecht Sie haben! Auf das Haar kommt es dabei wohl am wenigſten an, und obgleich ſelbſt das Auge geſenkt iſt, iſt es doch Ihr Bild, und der Ausdruck— Die Mutter ruft mich, unterbrach ſie— entſchuldigen Sie mich.— Mit dieſen Worten eilte ſie wie ein flüchti⸗ ges Reh und ohne aufzuſehen und eine Antwort abzuwar⸗ ten davon und ließ den Profeſſor allein im Zimmer zurück. Er ſah ihr eine Zeitlang ſchweigend mit leiſem Lächeln nach; dann wurde ſeine Miene ſinnender, während ſein Blick noch immer feſt auf die Thür gerichtet blieb, hinter welcher ſie verſchwunden war. Ein liebliches Kind, flüſterte er dann vor ſich hin, das — 6 Bild der Unſchuld und der Anmuth! Man kann durch den klaren Spiegel ihres Auges ungehindert in ihr Herz, in ihre Seele blicken— und ich glaube, es müßte einen großen Genuß gewähren, ſolche Studien zu machen. Sie iſt nach ihrem Empfinden und Denken noch ein Kind, oder beſſer, ſie empfindet und denkt noch ganz kindlich— immerhin eine große Seltenheit bei einem Mädchen von ſiebenzehn Jahren, und noch dazu bei einem ſo ſchönen Mädchen!— Ob ich vielleicht dieſe Studien etwas weiter fortſetzen ſoll? — Ich glaube, daß der Mann, dem ſie einſt angehört, dem ſie ſich zu eigen gibt— recht glücklich werden wird.— Doch welche Thorheit— ſie beſitzt nicht das mindeſte Ver⸗ mögen; aber ich habe immer noch die große Schwäche, mich von ein paar ſchönen Augen, an denen ich bald Dies, bald Das entdecke, berücken zu laſſen.— Ob ihr Verſtand, ob ihre geiſtigen Fähigkeiten ihrer Schönheit gleichkommen? davon weiß ich gar nichts— aber ich weiß aus Erfahrung, wie langweilig auf die Dauer das ſchönſte Weib ohne Geiſt with Entſchuldigen Sie, verehrter Cöllege, unterbrach der wieder eintretende Hausherr dieſes Selbſtgeſpräch ſeines Gaſtes, entſchuldigen Sie, daß ich Sie ſo lange allein ge⸗ laſſen habe. Ja, wir müſſen ſehr um Entſchuldigung bitten, nahm die mit ihrem Manne gekommene Mutter Cäciliens das Wort; ich freue mich, Sie einmal wieder bei uns zu ſehen; Sie machen Sich ſehr ſelten. Sie ſind ſehr gütig, Frau Profeſſorin, erwiederte Leſſen verbindlich; doch Sie wiſſen ja ſelbſt, am Anfange des Semeſters gibt es ſo viele Abhaltungen, und dann glaubte ich auch zu ſtören. Daß Sie uns ſtets willkommen ſind, darf ich Ihnen wohl nicht ſagen; aber ich beſcheide mich auch, daß Sie in unſerer einfachen und einförmigen Häuslichkeit keine Nah⸗ rung für ihren Geiſt und... Sie wollen mich beſchämen, Frau Profeſſorin.... Ach, beſter Herr College, meine Frau iſt einmal nicht anders, unterbrach etwas ungeduldig Cäciliens Vater, immer etwas förmlich und gemeſſen; aber ſie meint es nich ſo Ich bitte dich, Ludwig.... Wir wollten Sie jetzt eigentlich um Ihren Rath bitten oder um Ihre Anſicht, denn wir können nicht recht zu irgend einem Entſchluſſe kommen— Sie wiſſen, wegen der Hochzeit. Ja, bemerkte Cäciliens Mutter, die mit ihrer hohen und etwas ſtarken Geſtalt und ihren feſten, klugen Mienen neben ihrem ſchmächtigen Gatten ſich ſchon durch ihre äußere Erſcheinung als das maßgebende und herrſchende Princip der Häuslichkeit darſtellte— ja, mein Mann, und ich als Mutter noch mehr, möchten unſerer Tochter — 101— ungern die Freude wieder rauben, bei ihrer Freuhdin Hoch⸗„ zeit gegenwärtig zu ſein, und doch bin ich jetzt nicht ohne Bedenken, ob es ſchicklich ſein möchte.... So viel ich die Sache beurtheilen kann, wüßte ich wirk⸗ lich keinen Grund, weßhalb Sie die bereits angenommene Einladung jetzt mit Einem Male wieder ablehnen wollten; denn daß der Prinz von Albernhauſen ebenfalls auf die Hochzeit kommen ſoll, der übrigens ein junger, anſpruchs— loſer und beſcheidener Herr iſt, ſcheint mir ganz unerheblich zu ſein. Es freut mich, Herr Profeſſor, daß Sie meiner Anſicht ſind, erwiederte die Hausfrau— augenblicklich hat mich deine Auffaſſung etwas verwirrt, Ludwig— aber je mehr ich die Sache überlege, um ſo mehr muß ich mir ſagen, daß Sie vollkommen Recht haben. 8 So werden wir alſo hingehen, bemerkte der Profeſſor, ja, ja, ich glaube auch, daß es am beſten iſt; Herr Soldau würde es ſehr übel nehmen. Und Ihre Fräulein Tochter wäre gewiß ſehr traurig, wenn es nicht geſchähe. Ja, das kommt auch noch dazu. Sie erlauben wohl, daß ich mich für heute empfehle, ſagte Leſſen, ſich vorzugsweiſe zu der Profeſſorin wendend, und wenn Sie es mir geſtatten, meinen Beſuch zuweilen zu wiederholen.... Es wird uns ſehr angenehm ſein. — 102— Vergeſſen Sie meine Angelegenheit nicht, flüſterte Leſſen im Fortgehen dem Profeſſor zu, Sie haben dort gewiß eine ſehr paſſende Gelegenheit, mit dem Geheimenrath von Stuhm zu reden— bei Tiſche macht ſich ſo etwas oft am beſten und leichteſten. Fünktes Bpitel. Ein Rendez vons. Es brach ſchon manches ſtarke Herz, Da man ſein Lieben ihm entriß, Und manches duldend wandte ſich Und ward voll Haß und Finſterniß. Geibel. Nun ſo leb' denn wohl, Nettchen, ſagte Cäcilie, indem ſie die Freundin mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit umſchlang; es iſt das letzte Mal, daß ich dir als Mädchen gute Nach ſage, denn morgen biſt du ja ſchon Frau Lieutenant Stein⸗ berg— ich kann es mir gar nicht denken, daß es mög⸗ lich iſt. Du biſt recht kindiſch, Cäcilie, erwiederte Nettchen, ſie küſſend; warum kannſt du es dir nicht denken? Dabei biſt du ſo aufgeregt und die Thränen ſtehen dir in den Augen, als ob wir für immer Abſchied nehmen müßten. Thun wir es denn nicht auch in einer Beziehung? Als Mädchen ſehen wir uns nie wieder. Wenn ich dich be⸗ ſuche, komme ich zu der Frau eines mir fremden Mannes, — 104— in ein anderes Haus— Alles iſt dann ganz anders, und ich denke mir, daß du auch ganz anders gegen mich ſein müßteſt. Weßhalb haſt du ſo thörichte Gedanken? ich kann wahrlich nicht dafür, daß du ſie haſt. Und während du betrübt und ſentimental biſt, iſt meine Stimmung faſt un⸗ verändert, ungefähr ſo, als ob ich morgen eine kleine Ver⸗ gnügungsreiſe antreten ſollte. Ich begreife dich nicht, Nettchen. Verläßt du nicht dein elterliches Haus, deinen Vater? Du gehörſt einem Andern an, den du vor einem halben Jahre noch kaum dem Namen nach gekannt haſt und mit dem du nun für das ganze Leben verbunden wirſt— ſelbſt deinen Namen wirſt du ändern— und das alles macht keinen Eindruck auf dich— ach, ich glaube, ich müßte die ganze Nacht weinen— o, gewiß, die letzte Nacht im Hauſe meiner Eltern! Da würde ich morgen hübſch ausſehen im Brautſtaate. Die Leute müßten glauben, es wäre eine unglückliche Hoch⸗ zeit— du verſtehſt das noch nicht, ſetzte ſie lachend hinzu — ich werde dich am Abend vor deiner Hochzeit fragen, ob du die ganze Nacht weinen willſt— wir werden ja dau ſehen. Vor meiner Hochzeit?— ach, ich werde nie heirathen, ſagte ſie tief erröthend. Nie heirathen? lachte Nettchen noch lauter; ach, was — 105— biſt du für ein närriſches Kind, wirklich noch ein Kind! Du willſt eine alte Jungfer bleiben, welche Idee, Cäcilie, es gibt ja nichts Schrecklicheres! Sieh dir alle der Reihe nach an, wie verbiſſen, wie unzufrieden ſie ausſehen— das iſt das Ideal deiner Zukunft? Höre, ich glaube, du biſt ein Schelm, fuhr ſie fort, indem ſie ihr forſchend in die Augen ſah— du ſiehſt immer ſo taubenhaft unſchuldig aus— aber ſollte doch dein Herzchen nicht irgend eine ganz verborgene Neigung haben, eine ſo ganz heimliche— o, du haſt nicht nöthig, ſo roth zu werden, ich weiß es ohnehin ſchon, vielleicht ſogar beſſer, als du ſelbſt. Der junge, hübſche Forſt⸗Candidat geht ſchwerlich ohne Abſicht ſo oft an eurem Hauſe vorbei, und immer gerade, wenn du am Fenſter ſitzeſt... Aber Nettchen, wie kannſt du nur ſo etwas von ihm denken? ſtammelte Cäcilie, tief erröthend. Von ihm? Weßhalb ſoll ich ſo etwas nicht von ihm denken?— Und du ſcheinſt ja förmlich ſeine Vertheidigung zu übernehmen, fuhr ſie unbarmherzig fort. Siehſt du, Cäcilie, dadurch haſt du dich vollſtändig verrathen, und es iſt unrecht, es iſt ſogar geradezu ſchlecht von dir, daß du gegen mich, deine beſte Freundin, ſo geheimnißvoll thuſt; ich hätte dir das nie zugetraut. Ich verſichere dir— ſo wahr ich dich lieb habe— du— Nun, laß es gut ſein— es bleibt dabei, ſagte Nett⸗ — 106— chen wieder mit lachender Miene, am Abende vor deiner Hochzeit werde ich dich fragen, ob du beabſichtigſt, die ganze Nacht zu weinen; wir werden dann ſehen, was du antworten wirſt. So leb' denn wohl, Nettchen, erwiederte Cäcilie, bei welcher ungeachtet der Neckereien ihrer Freundin nach dieſen Worten die bewegte Stimmung wieder die Oberhand ge— wann— lebe wohl, liebes Nettchen, wiederholte ſie mit Thränen in den Augen, ſie innig umarmend— ich wünſche dir Glück und Segen— alles— alles, was du dir ſelbſt wünſcheſt! Auch Nettchen wurde von der plötzlich wieder hervor⸗ getretenen Rührung ihrer Freundin, dem innigen und wah⸗ ren Ausdrucke der Liebe zu ihr, bewegt, und ſchloß ſie lange und herzlich in ihre Arme.— Nochmals küßten ſie ſich, nochmals ſanken ſie ſich an die Bruſt— dann ging ſie. Nettchen blickte ihr eine Zeitlang ſinnend nach; ſie war ungewöhnlich bewegt und mancherlei Gedanken begannen in ihrer Seele Raum zu gewinnen; ſie dachte an ſo Vieles, woran ſie vielleicht lange nicht gedacht hatte, wenigſtens nicht in dieſer Ideen⸗Verbindung. Wie die Natur aus denſelben einfachen Körpern nur durch ihre verſchiedenar⸗ tige Miſchung ganz verſchiedene, oft ganz entgegengeſetzte Erzeugniſſe zu bilden vermag, ſo geht es auch mit den Ge— danken der Menſchen. Es entſteht ein ganz anderes Re⸗ ſultat nur durch ihre Reihenfolge und durch ihre Verbin⸗ — 0 dung. Wir können ſehr oft über oder an einen Gegenſtand denken, ohne davon weſentlich berührt zu werden; dann kommt plötzlich ein Moment, in welchem zu dem oft Ge⸗ dachten ein anderer Gedanke hinzutritt— eine alte, längſt vergeſſene Erinnerung, und mit Einem Male erlangt dieſer Gedanke eine Macht und Gewalt, die uns ergreift und bewegt, wie ein neu eingetretenes Ereigniß— und doch hat ſich nichts weiter ereignet, als daß ſich unſere eigenen, oft gedachten Gedanken in einer anderen Verbindung zu⸗ ſammengeſtellt haben. Wir nennen dies auch wohl Stim⸗ mungen und ſchreiben es den Nerven oder äußerlichen Dingen zu, während wir die Urſachen ſolcher Stimmungen leicht erforſchen könnten, wenn wir uns die Mühe gäben, ihnen bis zum Entſtehen zu folgen. So ging es auch jetzt Nettchen, die noch immer in ſich verſunken faſt auf derſelben Stelle ſtand, auf welcher ihre Freundin von ihr Abſchied genommen hatte. Sie rief ſich die Zeit zurück, in welcher ſie zuſammen in der Penſion geweſen— wie oft, faſt täglich hatte ſie flüchtig daran und an manche Einzelheiten gedacht— jetzt aber trat das hin⸗ gebende Weſen ihrer Freundin in den Vordergrund, ſie dachte daran, mit welchem offenen und vollen Vertrauen dieſe an ihr gehangen, wie ihre kindliche Seele, einem auf⸗ geſchlagenen Buche gleich, vor ihr da gelegen, und daran knüpfte ſich jetzt zum erſten Male das Bewußtſein, daß ſie ſelbſt dieſes Vertrauen getäuſcht, daß ſie das ſchon in dem letzten halben Penſionsjahre mit Ferdinand begonnene Verhältniß vor ihr ganz verheimlicht, daß ſie überhaupt der Freundin gegenüber ihr eigentliches inneres Denken und Empfinden verſchloſſen und ſich anders gegeben habe, als ſie eigentlich war— das dachte ſie jetzt zum erſten Male— und zum erſten Male machte ſie ſich darüber Vorwürfe, ja bereute ſogar ihr Benehmen. Es war ihr auch zum erſten Male, als ob eine Schuld auf ihr laſte, und es beſchlich ſie das Verlangen, dieſe Schuld zu ſühnen und ihrer Freundin Abbitte zu thun. Aber das Gewebe, in welches ſich ihre Gedanken und Empfindungen zuſammenlegten, fing bald wieder an, ſich zu verwirren, und dann zerriß ſie es mit einem plötzlichen Ruck, indem ſie das Weberſchiff weit von ſich ſchleuderte. Welche Thorheit! rief ſie mit einem gezwungenen Lachen— ſie wird ihre kleinen Geheimniſſe haben, ſo gut wie ich, und wenn ſie wirklich noch nicht vorhanden ſein ſollten, ſo werden ſie nicht ausbleiben. Ach, wie kann man ſo einfältige Gedanken bekommen!— Wenn ſie auch verhei⸗ rathet ſein wird, dann kommt vielleicht einmal eine Stunde, wo wir uns ausplaudern und uns unſere kindiſchen Aben⸗ teuer mittheilen können— aber jetzt? Ich glaube, ihre Liebe würde plötzlich— welch eine Thorheit— ach, und dieſer Robert? Sie begann ein Lied zu rilem und ſetzte ſich an ihren Nähtiſch— es war wieder Alles, wie vorher— Alles, — äußerlich und innerlich— das Gedankengewebe zerriſſen, bei Seite geworfen und Herz und Seele den gewohnten Eindrücken und Empfindungen hingegeben. Cäcilie eilte flüchtigen Schrittes ihrer Wohnung zu. Die erſten Anfänge der Dämmerung begannen ſich in die Straßen hinabzuſenken; je weiter ſie ginß, um ſo unruhi⸗ ger fing ihr Herz an zu klopfen, denn ſie dachte daran, daß er ihr möglicher Weiſe in der Allee begegnen könne, nicht nur möglicher Weiſe, ſondern höchſt wahrſcheinlich. Sie ſchwankte einen Augenblick, ob ſie nicht eine andere Straße gehen ſollte— aber das war ein Umweg, und es fing ja bereits an zu dämmern. Sie ſah ſich unwillkür⸗ lich um, ob Nettchen ihr vielleicht nachblicke, dann bog ſie mit einem raſchen Entſchluſſe in die Allee ein. Wie ſie es voraus empfunden— er ſtand dort— er kam ihr entgegen und grüßte ehrerbietig, ſo, wie er es immer that, und ſie dankte mit niedergeſchlagenen Augen und erröthend— wie ſie auch immer that, denn ſie waren ſich ſchon oft in dieſer Weiſe begegnet, ohne je mit einan⸗ der geſprochen zu haben. Heute war es aber doch anders, denn er blieb ſtehen, bis ſie in ſeine Nähe gekommen, und dann redete er ſie an— zum erſten Male. Sie hatte es nicht für möglich gehalten, ſonſt wäre ſie unter keinen Um⸗ ſtänden durch die Allee gegangen. Guten Abend, Fräulein Erin, ſagte er mit ſchüchter⸗ ner, kaum vernehmbarer Stimme. Guten Abend, Herr Horſt, erwiederte ſie, und ſchämte ſich dann, ſeinen Namen genannt zu haben, denn ſie kannte ihn eigentlich nicht, wenigſtens meinte ſie, er glaube dies. Sie beeilte ihren Schritt, aber er blieb an ihrer Seite. Darf ich Sie bis an Ihr Haus begleiten? fragte er, nachdem ſie eine längere Strecke ſo gegangen waren; es fängt ſchon an, dunkel zu werden. Sie ſind ſehr gütig, erwiederte ſie, indem ſie noch raſcher zu gehen anfing. Wie ſchade, daß Ihre Wohnung ſo nahe iſt, ſagte er wieder nach einiger Zeit. Sie antwortete nicht, und ſie gingen wieder ſchweigend neben einander her. Ich danke Ihnen jetzt, ſagte ſie dann, indem ſie ihn einen kurzen Moment anſah.— Gute Nacht, Herr Horſt! Gute Nacht, Fräulein Erin! erwiederte er mit leuch⸗ tenden Blicken; ich— ich danke Ihnen— ich werde Ihre Güte niemals vergeſſen! Sie blickte noch einmal zu ihm auf, dann eilte ſie fort wie ein flüchtiges Reh, während er ihr mit dem Ausdrucke des höchſten Glückes nachſah.— Ach, wie wenig bedarf eine unſchuldsvolle Liebe, ſo lange ſie„vom Thau der Hoffnung ſchmachtend lebt“! Was kommt jenem reinen, ſeligen Empfinden gleich, mit dem ſie zwei junge Herzen erfüllt, Herzen, die noch im — 111— Paradieſe des Daſeins wohnen, denen die Schlange der Verſuchung noch nicht erſchienen iſt und die vom Apfel der Erkenntniß noch nicht gekoſtet haben? Gute Nacht, Herr Horſt, wiederholte er immer wieder, nachdem ihre ſchlanke, flüchtige Geſtalt ſeinen leiblichen Augen längſt entſchwun⸗ den war— noch nie in ſeinem Leben hatte er ſich ſo glück⸗ lich, ſo berauſcht glücklich gefühlt, als in dieſem Augen⸗ blicke. Eiligen Schrittes ſuchte er ſein Zimmer auf, dort ſchloß er ſich ein, öffnete das Fenſter und ließ die balſa⸗ miſche Nachtluft hineinſtrömen und ſeine heiße Stirn kühlen. So ſaß er ſtumm, indem ſein Auge an den aufblinkenden Sternen hing, aber dann flüſterte er immer wieder leiſe mit ſeligem Lächeln vor ſich hin: Gute Nacht, Herr Horſt! Zu derſelben Zeit ſaß auch Nettchen am geöffneten Fenſter ihres Zimmers, aber ſie blickte nicht nach den Ster⸗ nen, welche jetzt in ihrem vollen, Sehnſucht erweckenden Glanze an dem dunklen Nachthimmel ſtanden, ſondern ihr Ohr lauſchte emſig in die Stille hinaus, welche auf dem großen Garten ihres Vaters lagerte. Ihr Bräutigam war bei ihr geweſen und hatte ſie ſo eben verlaſſen, weil ſie ihn gebeten, zu gehen, ſie fühle ſich angegriffen, bedürfe der Sammlung zu morgen, und habe ohnedies noch Vieles zu beſorgen. Er hatte ihrem Wunſche ohne weiteren Widerſpruch nachgegeben und ſie waren nach einer kurzen Unterredung wieder geſchieden. — Gute Nacht, Nettchen, hatte er geſagt, und ſie ihm gute Nacht, Emil, erwiedert; aber wie anders, wie verſchieden war dieſes„Gute Nacht“ von jenem, welches Cäcilie zum erſten Male mit dem jungen Horſt ausgetauſcht hatte! Nettchen dachte auch gar nicht mehr an dieſes„Gute Nacht“, ihre Gedanken beſchäftigten ſich, ſobald ihr Bräu⸗ tigam ſie verlaſſen hatte, mit ganz anderen Dingen, denn ſie ſetzte ſich an das offene Fenſter und lauſchte aufmerkſam in die ſtille, dunkle Nacht hinaus. Der Schlag ihres Herzens wurde lebhafter, wie dieſes immer der Fall iſt, wenn wir etwas erwarten, und noch mehr, wenn wir uns dabei in der Vorbereitung einer unrechten oder verbotenen Hand— lung befinden. Dennoch war es nicht dieſes Gefühl, was ſie aufregte, ſondern der Gedanke an die bevorſtehende, ihr unangenehme und doch unvermeidliche Unterredung und die Befürchtung einer möglichen Entdeckung. Da ertönte von unten das ihr wohlbekannte Zeichen, und die alte Margarethe trat leiſe in das Zimmer. Er iſt da, mein Kind, flüſterte ſie; gehe, ich werde Acht geben. Mache es ſo kurz wie möglich. Ich ſollte lieber nicht gehen, erwiederte Rettchen wieder unſchlüſſig. Verſäume die Zeit nicht; in einer guten halben Stunde kann der Vater nach Hauſe kommen. Bedenke, was er dir geſchrieben hat, und daß er zu Allem fähig iſt. So ſtelle bald das Licht ans Fenſter, damit ich einen Vorwand habe, die Unterredung zu beenden. Verlaß dich ganz auf mich, ich werde Alles beſorgen. Sie ging. Mit leiſem, bebenden Schritte betrat ſie bald darauf den mittleren breiten Weg, welcher ſich der ganzen Länge nach durch den Garten zog. Ihr Auge war noch vom Lichte des Zimmers geblendet, ſo daß ſie auch die Umriſſe der Bäume in der Dunkelheit kaum zu erkennen vermochte. Da wurde ihre Hand feſt und leidenſchaftlich von einer anderen erfaßt und ſie fühlte ſich eilig fortgezo⸗ gen. Willenlos folgte ſie. Bald befanden ſie ſich in einer geräumigen, jetzt völlig finſteren Buchenlaube, an einem Orte, welcher ſchon oft ihr heimliches Liebesgeflüſter ge⸗ hört hatte. Ich hätte nicht kommen ſollen, Ferdinand, ſagte ſie mit beklommener Stimme, da er ſtumm blieb, ich hätte nicht kommen ſollen, und es iſt unrecht von dir, daß du mich dazu verleitet haſt. Unrecht? erwiederte er heiſer lachend, du biſt ja auf einmal erſtaunlich gewiſſenhaft, Nettchen! Es kommt ia jetzt auf etwas mehr oder weniger Unrecht nicht mehr an— Sprich nicht ſo laut, Ferdinand, ich beſchwöre dich, unterbrach ſie ihn leiſe. Haſt du Angſt, er möchte uns hören? Er möchte kom⸗ men und erfahren, daß du ein treuloſes, ein doppelt treu⸗ Guſtavvom See. Wogen des Lebens.. 8 loſes Weſen biſt— ein Weſen, das dem Einen alle Be⸗ theuerungen, alle Schwüre bricht, und den Anderen wieder belügt und betrügt, das— Ich will fort, ſagte ſie heftig, indem ſie vergeblich ver⸗ ſuchte, ihm ihre Hand zu entziehen; glaubſt du, ich wäre hieher gekommen, um mich von dir beſchimpfen zu laſſen? Ich will fort, ſage ich, laß' meine Hand los! Noch nicht! Erſt will ich dir ſagen, daß du mich un⸗ glücklich gemacht, meine Eriſtenz vernichtet, mein ganzes Leben vergiftet haſt. Das mußt du noch hören, du treues Bräutchen! dann kannſt du morgen den Brautkranz in die Locken ſetzen und mit verſchämten, unſchuldigen Blicken an ſeiner Hand vor den Altar treten. O, wie ſchön du ausſehen wirſt, im Brautſchmuck! Niemand wird es dei⸗ nen Lippen anſehen, was ſie für falſche, treuloſe Schwüre geflüſtert haben, und wie oft ſie von anderen Lippen, als von denen deines Bräutigams, geküßt worden ſind und andere geküßt haben!— Willſt du vernünftig ſein, willſt du dieſe thörichten Reden unterlaſſen, ſo will ich zu dir reden, Ferdinand; es iſt ja ohnehin wahrſcheinlich das letzte Mal, daß wir ſo zuſammenkommen— willſt du nicht, ſo laß uns ſcheiden— wozu dieſe ganz nutzloſe Aufregung? Wahrſcheinlich, ſagſt dn? fragte er mit bebender Stimme— iſt denn morgen nicht deine Hochzeit?— — 115— doch rede— rede— ich will hören— dich nicht unter⸗ brechen! Wenn du es wirklich ehrlich und gut mit mir meinſt, ſprach ſie, indem ſie ſeine Hand feſter umſchloß— und ich glaube dies von dir— ſo mußt du dir doch ſelbſt ſagen, daß unſer Verhältniß nicht von Dauer ſein konnte. Sind wir nicht faſt in gleichem Alter? fuhr ſie mit etwas freierer Stimme fort; du biſt Student, ohne Vermögen— es liegt eine lange Zeit vor dir, ehe du— nun, ehe wir uns hei— rathen könnten— dann bin ich alt— meine Jugend dahin — das Bißchen Schönheit, was dich feſſelt, vergangen. Wenn du mir wirklich ſo lange treu bliebeſt, ſo würdeſt du es dann als ein Opfer anſehen, mich zu heirathen. Soll ich meine ganze Zukunft, mein ganzes Lebensglück ſo auf das Spiel ſetzen?— Und wenn es mich allein beträfe, fuhr ſie fort, während er ſchwieg und ihre Hand freigegeben hatte, ſo würde mich das gewiß nicht beſtimmen oder be⸗ ſtimmt haben— aber du, Ferdinand— dein Glück liegt mir vor Allem am Herzen— und deßhalb habe ich, nach ſchwerem Kampfe, in dies Opfer gewilligt— glaube mir, nach ſchwerem Kampfe, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlang und ſich an ihn ſchmiegte— du ſollteſt mir helfen— mich unterſtützen— ſtatt deſſen biſt du heftig und hart gegen mich. Wußten wir das nicht Beide ſchon, als wir anfingen, uns zu lieben— wußteſt du nicht, daß ich arm und nur 8 auf mich ſelbſt und meine Thätigkeit angewieſen bin— wußteſt du es nicht, als du mir— ach, wie oft— gelob⸗ teſt, mir ewig treu zu bleiben? Weil ich dich liebte— weil ich dich noch liebe— Fer⸗ dinand— aber tann es, darf es anders ſein? Wenn du mich wirklich liebſt, wie du ſo oft betheuert, dann mußt du mir Recht geben— dann mußt du für jetzt entſagen— zu meinem und zu deinem Glück! Ob ich dich liebe, ob ich dich noch liebe! rief er, ſie leidenſchaftlich küſſend— ach, es iſt ja mein Unglück, der Fluch meines Lebens, daß ich dich noch immer liebe— ſelbſt jetzt noch, wo ich fühle, daß es meine Ehre er⸗ fordert, dieſe verderbliche Liebe mit der Wurzel aus meinem Herzen heraus zu reißen, nicht deßwegen, weil ich aner⸗ kenne, was du eben geſagt haſt, ſondern weil du es ge⸗ ſagt haſt, weil du es haſt ſagen können, du kaltes, fal⸗ ſches Weſen! Hilf mir— hilf mir— dieſe Liebe, dieſe unwürdige Liebe los zu werden, auf den Knieen will ich dir dafür danken! 3. Wie du thöricht, wie du wieder außer dir biſt! Iſt es denn nöthig, daß du dieſe Liebe, daß wir dieſe Liebe jeßt mit Einem Male aufgeben? Ich verſtehe dich nicht— ſagte er, indem er ſeinen Blick flammend auf ſie heftete. Du verſtehſt mich nicht? Oder du willſt mich nicht verſtehen, närriſcher Menſch, erwiederte ſie mit dem ſüße⸗ ſten Laut ihrer ſchmeichleriſchen Stimme; ſei doch vernünf⸗ tig, Ferdinand— wirſt du die Frau weniger lieb haben, als das Mädchen? Ich danke dir— danke dir, ſagte er nach längerem Schweigen mit plötzlich verändertem, eiſigen Tone— jetzt haſt du den letzten Reſt meines Wahnſinns zerſtört! Du biſt frei! Ganz frei! Unſere Wege werden ſich ferner nicht mehr kreuzen!— Mit einem glühenden Eiſen haſt du die Wunde meines Herzens ausgebrannt— es ſchmerzt, aber es thut wohl— ich bin geheilt— vollſtändig geheilt! Glaube nicht, die alte Krankheit könne zurückkehren, ſprach er wieder mit der früheren Leidenſchaft— nie, nie mehr! Ferdinand riß ſich raſch los, und ehe Nettchen ein Wort der Erwiederung finden konnte, war ſeine Geſtalt in der Dunkelheit verſchwunden. Sie ſtand einen Augenblick halb erſtaunt, halb beſtürzt, um ihren Mund ſchwebte jenes ihr eigenthümliche Lächeln, von dem man niemals wußte, ob es Spott oder Theil⸗ nahme ausdrücke; dann holte ſie tief Athem und lauſchte eine kurze Zeit mit vorgebeugtem Kopfe— aber ſie hörte nichts, der Ton ſeines eiligen Schrittes auf dem knirſchen⸗ den Kieſe des Weges hatte aufgehört— es war lautlos ſtill geworden, eben ſo ſtill, als es dunkel war. Gott ſei Dank, daß er fort iſt! flüſterte ſie vor ſich hin — es ging beſſer und leichter, als ich erwartete. Nun bin ich ihn los und will mich auch beſtimmt nie, nie mehr mit ihm einlaſſen. Er war immer ein Narr— und doch ſchmerzt, doch ärgert es mich.— Ach, Thorheit!— Da iſt das Licht— fort, fort— es iſt mir eine Centnerlaſt vom Herzen! Flüchtigen Schrittes eilte ſie durch den Garten und ge⸗ langte gleich darauf athemlos in ihrem Zimmer an, wo ſie die alte Margareth fand, welche ſie mit einem eigenthüm⸗ lichen Blicke betrachtete. Nun? ſagte dieſe, indem ſie das Licht vom Fenſter wieder auf den Tiſch ſtellte; du biſt ja recht pünktlich, Kind, und ſiehſt etwas blaß aus. Höre, Margareth, erwiederte Nettchen, indem ſie vor ihrer Vertrauten ſtehen blieb und ſie mit durchdringenden Blicken anſchaute— die Sache iſt nun abgethan, ein für alle Mal abgethan! Verſtehſt du mich— ich will nie mehr ein Wort von ihm hören— danach richte dich! Nun, nun, murmelte die Alte, indem ſie das Zimmer verließ, mir ſchon recht— ich werde dich nicht mit ihm incommodiren, wenn er mich nur zuftieden läßt. Ferdinand war eiligen, haſtigen Schrittes bis zu der kleinen Gartenthür gegangen, zu der er den Schlüſſel hatte. Im Begriff, dieſelbe zu öffnen, ſchien ſein Entſchluß ſchwankend zu werden, denn er blieb ſtehen und lauſchte — aber durch die Stille der Nacht ſchlug kein Ton an ſein Ohr. Sie iſt noch immer dort, flüſterte er, ſie glaubt, ich würde zurückkehren— ſie hofft es— ſie hält es für un⸗ möglich, daß ich ſo von ihr ſcheiden könnte— und doch war es recht, war es nothwendig— ich müßte mich ja ſelbſt verachten, wenn ich geblieben wäre. Noch immer zögerte er, die Thür zu öffnen, und wenn es hell geweſen wäre, würde man den Kampf ſeiner Ge⸗ fühle in ſeinen leidenſchaftlich erregten Zügen geleſen haben. — Aber ſie liebt mich dennoch, dachte er laut weiter— konnte ſie mir einen größeren Beweis ihrer Liebe geben, als daß ſie heute Abend gekommen iſt— auf meinen Wunſch, auf mein rückſichtsloſes Verlangen gekommen iſt? Und wie habe ich ihr dieſe Liebe vergolten? Indem ich ſie mit Vor⸗ würfen, mit unbegründeten Vorwürfen überhäuft, ſie ge⸗ quält, unwürdig behandelte!— Hatte ſie nicht Recht in allem, was ſie ſagte?— Kann ich ihr eine Zukunft bieten— und ſoll ſie die ihrige an mein— nein, nein, ſie hat vollkommen Recht— und doch liebt ſie mich noch— ſie kommt zu mir, ſcheut keine Gefahr, ſetzt Alles auf das Spiel, nur meinetwegen— und ich?— O, ich bin ein undankbarer, egviſtiſcher Menſch— bin einer ſolchen Liebe gar nicht werth! Ach, vielleicht iſt ſie noch dort— ſie weiß es ja gewiß, daß ich zurückkomme! Viel eiliger, als er ſich entfernt, flog er den Weg zurück. Nettchen, rief er leiſe, als er wieder in der dunkeln Laube ſtand, Nettchen, liebes, geliebtes Nettchen— ich weiß, du biſt noch hier— o, verbirg dich nicht länger— ich bereue alles, was ich geſagt— ich will dich ja nur um Vergebung bitten— dann gehe ich wieder.— Aber es blieb ſtill.— Er taſtete in der Laube umher— überall, wo ſie ſich verſteckt haben könnte, und gewann endlich mit einem tiefen Seufzer, der dem ſtechenden Schmerze in ſeiner Bruſt Luft machte, die Ueberzeugung— daß ſie doch fort ſei.— Sie hatte doch kein rechtes, kein wahres Vertrauen zu mir, ſagte er dann, ſonſt wäre ſie geblieben— ſie mußte wiſſen, daß ich zurückkehrte, ja, ſie mußte es wiſſen, daß wir unmöglich ſo von einander ſcheiden konnten, ſo ſchei⸗ den durften! Aber vielleicht mußte ſie fort? Gewiß, ge⸗ wiß— ſie hatte ja ohnehin meinetwegen ſchon ſo viel ge⸗ wagt. O, was bin ich für ein undankbarer, ſchlechter Menſch— all dieſer Liebe, dieſer Aufopferung nicht werth! Thränen erfüllten ſeine Augen und, eine Beute des bitterſten Schmerzes, ſtand er eine Zeit lang da, ſtumm und in ſich verſunken. Dann fuhr er empor, er küßte die Stelle des ſeitee Tiſches, auf der er glaubte, daß ihre Hand geruht habe — er würde die leichten Spuren ihres Fußes im Sande des Weges geküßt haben, wenn er ſie hätte ſehen können. Ach, wenn ich jetzt ſterben könnte, flüſterte er kaum hörbar, indem er beide Hände an ſein glühendes Geſicht preßte, wie glücklich, wie ſelig— o, wie ſelig würde ich ſein! Leiſe ſchlich er bis dicht an das Haus und blickte lange und unverwandt nach ihrem erleuchteten Fenſter hinauf, an welchem der Vorhang herabgelaſſen war, auf dem aber hin und wieder ein leichter Schatten ſich undeutlich abzeich⸗ nete— dann gab er leiſe das zwiſchen ihnen verabredete Zeichen— aber es blieb ohne jede Erwiederung, auch dann, als er es lauter wiederholte. Bald darauf entſtand Geräuſch im Hauſe, ein Hund ſchlug an.— Zögernden, ſchleichenden Schrittes entfernte er ſich, und als er dann endlich draußen auf der Straße ſtand und die kleine Thür in der langen Mauer des Gar⸗ tens ſich ſchloß, da war ihm ſo weh ums Herz, daß er in lautes Schluchzen ausbrach und einer längeren Zeit be⸗ durfte, um ſeinen Weg fortzuſetzen. Ihr ſcharfes Ohr hatte das bekannte Zeichen unter ihrem Fenſter deutlich gehört— ein ſpöttiſches Lächeln kräuſelte bei dieſem Ton ihre Oberlippe und ihr Herz em⸗ pfand das Gefühl befriedigten Stolzes; aber ſie hatte auch nicht die mindeſte Verſuchung, ihm eine Erwiederung zu Theil werden ʒu laſſen— im Gegentheil, ſie freute ſich ſeiner Schwäche und ihrer Macht über ihn. Langſam ging er weiter.— Nach einiger Zeit blickte er um ſich, als ob er aus einem ſchweren Traume erwache; er wußte kaum, wo er ſich befand, er wußte eben ſo wenig, — was er beginnen, wo er hingehen ſollte. Die Leiden⸗ ſchaftlichkeit und Schwäche ſeines Charakters, das Unfer⸗ tige und der dadurch ſtets erzeugte Kampf zwiſchen den Wellen ſeines Gefühls und den Mahnungen ſeines Ver⸗ ſtandes ließen ihn auch jetzt in einer völlig rathloſen und verzweifelnden Stimmung verharren. Er wollte hinaus und die Nacht im Freien, auf den Bergen zubringen— dann fürchtete er ſich wieder vor der Einſamkeit und vor ſich ſelbſt— er mußte ſich Jemandem mittheilen, Troſt ſuchen— ſich an einem ſtärkeren, feſteren Menſchen auf⸗ richten und von ihm ſich erheben laſſen. Er konnte mit all dieſen quälenden, verworrenen Gedanken, die chaotiſch in ſeiner Seele auf und ab wogten, nicht länger allein ſein, und deßhalb trieb es ihn, den einzigen Freund, den er beſaß, den jungen Horſt aufzuſuchen und zum erſten Male ſein Herz ganz vor ihm auszuſchütten. Sie hatten ſich Beide erſt hier auf der Univerſität ken⸗ nen gelernt und, da ſie in einer Verbindung waren, ſich ungeachtet der Verſchiedenheit ihrer Charaktere enger an einander angeſchloſſen. Horſt war eigentlich Forſt⸗Can⸗ didat und beſuchte die Univerſität überhaupt nur ein Jahr, wie dies die Vorſchriften über die Ausbildung zum höheren Forſtfache verlangten. Dornfeld dagegen ſtudirte die Na⸗ turwiſſenſchaften, und es war ſeine Abſicht, ſich zum Uni⸗ verſitätslehrer auszubilden. Bei ſeinem unruhigen und excentriſchen Charakter lag die Erreichung dieſes Zieles — 123— allerdings in ſehr weiter und unſicherer Ferne, auch hatte er unter den Studenten ſelbſt nur wenig Umgang, weil er für einen überſpannten, rechthaberiſchen und händelſüchti⸗ gen Menſchen galt. Horſt war in dieſer Beziehung gerade das Gegentheil. Ruhig, freundlich und wohlwollend, ſtets bereit, Jedem gefaͤllig und behülflich zu ſein, galt er doch im Allgemei⸗ nen für einen feſten und ſelbſtſtändigen Charakter, von welchem man ſich ziemlich genau vorher abſtrahiren konnte, wie er in einem gegebenen Falle handeln würde. Er ge⸗ hörte zu derjenigen Claſſe von Menſchen, für welche die Geſetze der wahren inneren Ehre immer maßgebend bleiben und welche den Ausfluß dieſer Geſinnung auch auf ihr ganzes Weſen und Benehmen übertragen, alſo zu denen, welche der Engländer mit„Gentleman“ bezeichnet und für welche der Deutſche keinen beſonderen Namen hat, obgleich die Gattung in Deutſchland nicht minder ſtark vertreten iſt, als in dem ſtolzen Inſelreiche. Horſt ſaß am offenen Fenſter und ließ die kühle Nacht⸗ luft ungehindert in das Zimmer ſtrömen; ſeine Augen hingen an dem geſtirnten Himmel, aber ſeine Gedanken beſchäftigten ſich mit ganz anderen Gegenſtänden, als wor⸗ auf die Augen gerichtet waren— die Einſamkeit, die ruhige Stille der Nacht that ihm beſonders wohl; ſein Herz ſchlug zwar erregter, aber er empfand ein Glück, welches ihn in⸗ nerlich erhob und beſeligte, ohne daß er der Quelle deſſelben nachforſchte— denn er fühlte ſich unendlich wohl in dieſem faſt träumeriſchen Zuſtande, der ihn weit, weit hinaustrug über die Sphären des gewöhnlichen, irdiſchen Lebens. Da ſtürmte Dornfeld in das Zimmer— die Träume der Phantaſie zerrannen vor der rauhen Berührung mit der Wirklichkeit. Horſt ſtand auf und trat dem unerwar⸗ teten und jetzt auch unerwünſchten Beſuche entgegen. Noch ſo ſpät, Ferdinand, und ſo eilig? fragte er. Gott ſei Dank, daß ich dich finde, Robert, rief der Eingetretene, indem er ſeine Mütze auf den Tiſch ſchleu⸗ derte, denn ich bin ſo unglücklich— ach, ſo gränzenlos unglücklich— nein, nein— das iſt nicht das richtige Wort— ich bin ein verlorener, verworfener Menſch, dem nichts mehr helfen kann, als der Tod! Waos iſt geſchehen? Rede, ich beſchwöre dich! entgeg⸗ nete Horſt erſchrocken; laß mich Licht anzünden, ſprich, was haſt du gethan? Was ich gethan habe?— Kein Licht, zünde kein Licht an, denn was ich dir zu ſagen habe, ſpricht ſich beſſer in der Finſterniß der Nacht— was ich gethan habe? O⸗ nur eine Kleinigkeit— erſchrick nicht, es ſind keine Häſcher hinter mir, fuhr er mit einem heiſeren Lachen fort— ach nein, ich habe keine Handlung begangen, welche Geſetze der Menſchen mit einer Strafe belegen— ich bin ſo ehr⸗ lich und achtungswerth, wie ich immer war— denn meine — Schuld beſteht ja nur darin, das treueſte, beſte Herz, welches je für einen Unwürdigen geſchlagen hat, gekränkt, verletzt, zertreten zu haben— eine Geſchichte, die ſich täg⸗ lich ereignet, hundert Mal, tauſend Mal!— Was iſt's daher weiter?— Nichts, nichts, gar nichts— nur, daß ich deßhalb elend bin und daran zu Grunde gehen muß, wie das auch zuweilen zu geſchehen pflegt bei Leuten, welche ſich nicht mit dem Dinge, was man Herz nennt, ein für alle Mal abzufinden verſtehen. Vor Allem bitte ich dich, ſprich ruhiger und im Zuſam⸗ menhange, erwiederte Horſt, der den ercentriſchen Charak— ter ſeines Freundes kannte und deßhalb im Anfange wirk⸗ lich geglaubt hatte, er habe in der Leidenſchaft irgend eine geſetzlich ſtraffällige Handlung begangen— wenn du von mir Rath oder Hülfe haben willſt, fuhr er mit freierer Stimme fort, ſo muß ich zuerſt doch wiſſen, worin dein angebliches Unglück beſtcht. Angebliches Unglück?— Es iſt vielleicht beſſer, ich ſage dir nichts. Du wirſt mich doch nicht verſtehen— und was könnteſt du mir auch rathen, oder gar helfen!— Aber ich kann's allein nicht bewältigen, es iſt mir zu ſtark! fuhr er leidenſchaftlicher fort, da Horſt ſeine Aufforderung nicht wiederholte; ich muß meiner gepreßten Bruſt Luft machen, oder ich erſticke— ach, wie wohl wäre mir, wenn ich ſtürbe!— Laß endlich dieſe weibiſchen Klagen, Ferdinand, ent⸗ gegnete Horſt; ein Menſch, der die Abſicht hat, zu ſterben, ſpricht, glaube ich, nicht unaufhörlich davon— alſo er⸗ zähle, wir werden ja dann ſehen, ob du vielleicht noch am Leben bleiben kannſt, ſetzte er mit wohlwollendem Lächeln hinzu. Nun ja, das können wir dann ja ſehen— alſo höre. Er erzählte nun in ſeiner aufgeregten Weiſe und indem er ſich öfter durch Klagen und Ausbrüche ſeiner verzweif⸗ lungsvollen Stimmung unterbrach, dasjenige, was dem Leſer bereits bekannt iſt. Die letzte Zuſammenkunft zwiſchen ihm und Nettchen ſchilderte er ſo, als ob er ihre Liebe und Aufopferung für ihn durch leidenſchaftliches, ſie im höchſten Grade kränkendes Benehmen vergolten habe. Horſt hatte ihm mit ſichtlicher Spannung bis zu Ende zugehört. Er kannte Nettchen, hatte ſie mehrmals ge⸗ ſprochen, aber nicht die entfernteſte Ahnung davon gehabt, daß ſie mit Dornfeld ein Vebesverhältniß unterhalte.— Und wie lange kanntet ihr euch ſchon? fragte er, als Jener geendet; du biſt ja kaum ein Jahr hier? Glaubſt du, es gehörten Jahre dazu, damit zwei Her⸗ zen ſich lieb gewinnen und für immer und unauflöslich mit einander verbinden? Du wirſt auch die Erfahrung vom Gegentheil machen, wenn du ſie wirklich noch nicht gemacht haben ſollteſt, darauf kommt es nicht im mindeſten an— es könnte ſo ſein, wie es iſt, wenn ich erſt geſtern hier an⸗ gekommen wäre— aber wir lieben uns ſchon über ein halbes Jahr. Wie iſt es dann aber möglich, daß ſie ſich ver⸗ lobt hat? Wie das möglich iſt? Ja, ſieh', Robert, dazu müßte ich ein Weib ſein, um dir dieſe Frage zu beantworten. Rückſichten— Verhältniſſe! Ich bin ja arm, habe keine Ausſichten— das Heirathen ſteht in weiter Ferne! Das Heirathen!— das iſt immer des Pudels Kern, darum dreht ſich doch allein Alles bei den Weibern! Du ſprichſt, als ob du ſchon recht viele Erfahrungen in dieſer Hinſicht gemacht hätteſt— aber weßhalb hat ſie denn ihr Vater zu dieſer Heirath gezwungen, und weßhalb hat ſie nachgegeben? Gezwungen? Nachgegeben? Ich glaube nicht, daß ſie gezwungen worden iſt; es war ihr freier Wille, obgleich ich überzeugt bin, daß ſie ihren Bräutigam nicht liebt, er— wiederte Ferdinand nicht ohne Verlegenheit. Eines oder das Andere iſt unmöglich, wenigſtens für mich unverſtändlich. Mein Gott, ich ſagte es dir ja ſchon, und ſie hat es mir noch heute geſagt und klar gemacht— du hörſt ja, die Verhältniſſe— meine Mittelloſigkeit— habe ich ihr eine Zukunft zu bieten? Soll ſie ihre Jugend, ihre Schönheit einem ungewiſſen Phantom opfern— kann ich dies von ihr verlangen? — Und du ſagſt, daß ſie dich liebe? Ja, ſie liebt mich! fuhr Jener wieder leidenſchaftlich auf— ich bin davon ſo feſt überzeugt, wie von meiner Seligkeit. Würde ſie ſich ſonſt den Gefahren einer heim⸗ lichen Zuſammenkunft ausſetzen? Steht nicht ihr ganzes Lebensglück, ihr Ruf auf dem Spiele? Doch that ſie es, und du fragſt noch, ob ſie mich liebe! Ja, darin haſt du vollkommen Recht, ſagte Horſt ernſt; ihr Lebensglück und noch mehr ihr Ruf ſtand auf dem Spiele— für mich iſt eine ſolche Liebe ohne Verſtändniß, und noch weniger verſtehe ich, wie du als Mann es mit deiner eigenen Ehre haſt verträglich finden können, in eine ſolche Zuſammenkunft zu willigen oder ſie vielleicht zu ver⸗ anlaſſen. Das verſtehſt du nicht? lachte der Andere auf— ich glaube ſelbſt, daß du das nicht verſtehſt! Aber vielleicht erfährſt du es dennoch einſt, daß die Liebe alle unſere noch ſo wohl überlegten Plane und Vorſätze über den Haufen wirft— daß wir ihr unterthan ſein müſſen, auch gegen unſeren Willen und gegen unſer Wollen, und daß wir ſelbſt den Schmerz und das Leid, welches ſie uns bereitet, nicht laſſen mögen, auch nicht für alles übrige ſogenannte Glück der Erde— vielleicht erfährſt du das alles einſt— vielleicht auch nicht— ich aber möchte dieſe Erfahrung nicht fortgeben, obgleich ſie mich unglücklich und elend macht!— Es kann ſein, daß du Recht haſt, ſagte Horſt, nach⸗ dem Beide eine Zeit lang ſchweigend neben einander ge⸗ ſeſſen. Was du ſchilderſt, iſt aber nicht die wahre Liebe, ſondern die Leidenſchaft, die mit ihren hochgehenden Stutz⸗ wellen die Tugend des Weibes und die Ehre des Mannes überflutet und zertrümmert— wer kann ſagen, und ich will es am wenigſten von mir thun, daß er in einem ſolchen Kampfe Sieger bleiben werde— noch geht mein Schiff in ruhigem Fahrwaſſer und folgt dem Steuer meiner Ent— ſchließung; deßhalb iſt es auch vielleicht am beſten, wir ſprechen nicht weiter über einen Gegenſtand, über den wir ſo verſchiedene Anſichten haben. Nein, nein, ſprechen wir! rief Ferdinand leidenſchaft⸗ lich— ſprich dich aus, du kalter Verſtandesmenſch— ich muß mit Jemandem darüber reden, ich kann es nicht allein verarbeiten— auch weiß ich ſchon alles, was du mir ſagen wirſt. Nun, ſo erlaß es mir; wozu willſt du hören, was dir doch nicht angenehm zu hören iſt? Sprich, ſage ich! rief der Andere heftig;s wenn du noch einen Funken von Zuneigung zu mir haſt, ſo rede! Du willſt es, ſo ſei es, auch auf die Gefahr hin, daß du mir zürnſt. Eine Braut iſt das Eigenthum desjenigen, dem ſie ihre Liebe, ihre Treue gelobt hat— eine Braut, welche dieſes Gelöbniß bricht— ſo oder ſo— iſt ein Weſen ohne Liebe, ohne Treue, und der Liebe eines Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 9 — 130— Mannes nicht mehr würdig. Ein Mann, der die Braut eines Anderen liebt und dies auf irgend eine Weiſe zu er⸗ kennen gibt, der ſie zu heimlichen Zuſammenkünften ver⸗ leitet oder verführt, begeht einen Diebſtahl an fremdem Eigenthum und hat ſeiner Leidenſchaft die Ehre zum Opfer gebracht.— Alle Entſchuldigungen ſolcher Handlungs⸗ weiſe, alle Beſchönigungen liegen einzig in der Leidenſchaft, die man fälſchlich Liebe nennt, die aber niemals die wahre, wirkliche, echte Liebe ſein kann. Horſt ſchwieg nach dieſen Worten, die er mit ſichtlich zögernder Stimme geſprochen hatte, und auch Dornfeld ſchwieg; ſie ſaßen Beide eine Zeit lang ſtumm und ſchwei⸗ gend in dem dunkeln Zimmer neben einander. Dann ſprang Dornfeld plötzlich auf. Ich danke dir! rief er mit heiſerem Lachen— ich danke dir— es war eine recht hübſche Rede— du ſollteſt Theo⸗ logie ſtudiren, und ich wäre beſſer zu einem Pfarrer ge⸗ gangen, ich Narr! Adieu, tugendhafter Freund! Mögeſt du nie in den Fall kommen, einen Diebſtahl an fremdem Eigenthum zu begehen— mit einem Diebe wirſt du aber nicht länger mehr umgehen können, beſonders wenn er dir erklärt, daß ihm der Diebſtahl nicht im mindeſten leid thut, daß er vielmehr feſt entſchloſſen iſt, weiter zu ſtehlen— ſelbſt wenn man ihn auch deßhalb hängen ſollte! 13 Mit dieſen Worten ſtürmte er wieder fort, eben ſo, wie er gekommen war, und Horſt blieb ſchweigend zurück, unzufrieden mit ſich ſelbſt darüber, daß er ſich hatte ver⸗ leiten la ſſen eine wahre„ innere Ueberzeu ung rückhalt⸗ 5 9 los auszuſprechen. 9* a Sechstes pitel. Die Hochzeit. Drum vrüfe, wer ſich ewig bindet, Ob ſich das Herz zum Herzen findet— Der Wahn iſt kurz, die Reu' iſt lang. Schiller. Am Morgen des folgenden Tages war Cäcilie ſchon ſehr früh munter. Sie hatte die ganze Nacht unruhig zu⸗ gebracht, und als die erſte Dämmerung des Morgens in ihr Zimmer fiel, hörte auch die Abſicht zu ſchlafen vollſtän⸗ dig bei ihr auf. Ihre Gedanken beſchäftigten ſich nur mit Einem Gegenſtande, mit Nettchens Hochzeit, aber ſie dachte dabei nicht an das Hochzeitsfeſt, ſondern an alle die Dinge, welche an einem ſolchen Tage ein junges, kindlich fühlen⸗ des Mädchenherz erregen. Es ſind dies Gedanken und Empfindungen, die es Niemandem verräth, eine Miſchung uneingeſtandenen und unverſtandenen Verlangens, hinter den Vorhang zu blicken, der ſo Vieles nur Geahntes ver⸗ birgt, und verſchämten, bangen, jungfräulichen Zögerns, ſolchen Gefühlen überhaupt Raum zu geben— kurz, es — — 133— ſind Gedanken, welche auch wir nur ahnen können, weil ſie niemals ausgeſprochen, ſondern immer nur faſt unbewußt und heimlich gedacht worden ſind. Wir wollen daher auch ganz von dem weiteren Ver⸗— ſuche abſtehen, Cäciliens Empfindungen an jenem Morgen weiter zu ſchildern, ſondern nur bemerken, daß ſie lange und voll innerer, tiefer Bewegung vor ihrem Bette nieder⸗ knieete und für das Wohl ihrer Freundin zu Gott betete— wir könnten ſie Dir ſo näher beſchreiben, liebe Leſerin, wo der Strahl der Andacht und der wahrhaft kindlichen Fröm⸗ migkeit ihr liebliches Geſicht verklärte, aber es kommt uns vor, als ob wir ein Heiligthum entweihten, darum über⸗ laſſen wir die weitere Ausmalung dieſes Bildes Deiner eigenen Phantaſie. Wir beginnen vielmehr endlich mit der Erzählung von Nettchens Hochzeit. Während wir daher Cäcilie ohne unſere Begleitung in die Kreuzkirche gehen laſſen, deren Hauptaltar ſie nach Be⸗ endigung der Meſſe mit Hülfe der Blumenverkäuferin und einiger Kirchendiener mit Guirlanden ſchmückte, wollen wir nunmehr bei der Hauptperſon dieſes Kapitels, bei der Braut ſelbſt eintreten und beobachten, wie ſie ſich zu dieſem wichtigen Abſchnitte ihres Lebens vorbereitet. Da wir uns etwas verſpätet haben, denn wir konnten uns immer noch nicht von der in ihrer Beſchäftigung doppelt anmuthi⸗ gen und reizenden Freundin trennen, ſo ſehen wir Nettchen vor dem Spiegel ſtehen und bereits im vollſtändigen Braut⸗ ſchmuck. Wir müſſen geſtehen, daß ſie ſehr ſchön ausſieht. Ihre mittelgroße, äußerſt zierliche, ſchlanke und weiche Ge⸗ ſtalt wird durch das weiße, in ſchweren Falten herabfallende Atlaskleid vortheilhaft gehoben, die blendende Weiße ihres Halſes, ſoweit derſelbe ſichtbar iſt, wetteifert mit dem Glanze des Atlaſſes, nur iſt der Ton wärmer, und die brei⸗ ten Spitzen, welche den oberen Rand des Kleides zieren, vermitteln dieſe beiden Nüancen auf eine angenehme Weiſe. Ihr dunkeles„faſt ſchwarzblaues Auge ſtrahlt heute in einem ungewöhnlichen, etwas feucht ſchim⸗ mernden Glanze, welcher von dem Schatten ihrer langen Wimpern häufiger als ſonſt verſchleiert wird. Um ihren Mund liegt ein reizendes Lächeln, und ihre kleinen Hände, Hände, wie ſie ſelten vollkommener gefunden werden, ſind noch beſchäftigt, die vollen Locken ihres dunkelbraunen Haares zu ordnen. Sie ſah wirklich in dieſem Augenblick entzückend ſchön aus, obgleich ſie durchaus nicht zu den ſogenannten claſſiſchen Schönheiten zählte, als ſie mit er⸗ hobenen Armen hie und da noch eine Locke ordnete, dann den zierlichen Kopf zur Hälfte wandte und zu der hinter ihr ſtehenden Margareth ſagte: Nun gib den Kranz her— es iſt Alles ſoweit in Ordnung. Etwas mehr zurück, Mar⸗ gareth, nicht ſo weit nach vorn— er iſt überhaupt etwas zu dick für mich, ſchneide noch einige Zweige heraus— ſo — ſo paßt er beſſer zu meiner Figur. Kleidſam iſt ſolch ein Myrtenkranz eben nicht, fuhr ſie fort, ſich bald nach der — 135— einen, bald nach der anderen Seite umdrehend— aber die Bräute müſſen ihn ja einmal tragen. Nun den Schleier, laß ihn von der Hälfte des Kopfes herabfallen— ſo— noch etwas tiefer—. Nun wäre ich fertig! Sieh' mich genau an, Margareth, ob Alles gut ſitzt, denn man wird mich heute genug angaffen. Es iſt nichts mehr zu ändern, Kind, erwiederte die Alte mit befriedigter, wohlgefälliger Miene— Niemand kann etwas an deinem Anzuge tadeln, denn du ſiehſt wunder⸗ ſchon aus, was ich dir ja immerhin ſagen darf. Meinſt du? bemerkte ſie gedankenvoll; es wäre aber wirklich nun Zeit, daß er käme. Oler iſt ſchon da, Herzchen, ſchon vor einer halben Stunde war er da und wollte mit herauf— ich habe es dir nicht geſagt, damit du dich nicht beim Anziehen über⸗ eilen ſollteſt— der Bräutigam kann immerhin warten, ſetzte ſie mit Lächeln hinzu, und wenn du klug biſt, mein Kind, ſo erhältſt du ihn bei dieſer Gewohnheit. Schon ſeit einer halben Stunde iſt er da? fragte Nett⸗ chen nicht ohne Erregung; ſo will ich hinuntergehen, die Wagen werden bald kommen; in einer halben Stunde müſſen wir ja nach der Kirche fahren. Es ſind auch ſchon Gäſte da, mein Kind, und es wird wirklich Zeit, daß du gehſt; ob der Prinz auch wohl erſt noch hieher kommen wird? Paſſend wäre es, ſagte ſie leichthin, indem ſie ein Tuch — 136— umnahm, um hinunter zu gehen; aber ich glaube es nicht — räume Alles gut auf, Margareth, und daß nur bei Tiſch nichts fehlt; ſieh' genau nach— man müßte ſich ja ſonſt ſchämen— aber wirklich, da kommt er angefahren! rief ſie mit einem freudigen Blick— das hätte ich kaum geglaubt— nun Adieu, ich muß hinunter! Wie die alte Margareth berichtet, hatten ſich die Gäſte bereits eingefunden, und auch der Bräutigam war ſeit faſt einer Stunde anweſend. Er harrte der Braut in einem beſonderen Zimmer, um dann gemeinſchaftlich mit derſelben zu erſcheinen. In dieſem Augenblick fuhr der Erbprinz mit dem Geheimenrath von Stuhm in einem eleganten Wagen vor, welcher Umſtand die Anzahl der vor dem Hauſe ſich verſammelnden Neugierigen noch bedeutend vermehrte. Nach der Landesſitte begab ſich nämlich der ganze Zug vom Hauſe der Braut nach der Kirche und kehrte nach der Trauung dahin wieder zurück. Der Prinz wurde von dem alten Soldau und den anweſenden Officieren, ſo wie von der Familie Erin und beſonders von dem Profeſſor Leſſen ehrerbietigſt empfangen und unterhielt ſich mit Allen auf die zuvorkommendſte und freundlichſte Weiſe, während der Geheimerath ſchweigſam und förmlich blieb. Nach einiger Zeit öffnete ſich die Thür des Nebenzim⸗ mers, und Nettchen trat an der Hand ihres Bräutigams erröthend und mit niedergeſchlagenen Augen herein. Nach den üblichen Begrüßungen näherte ſich der Prinz dem Paare und bat den Lieutenant, ihn ſeiner Braut vorzuſtellen. Während er dieſer einige verbindliche Worte ſagte, ruhten die Blicke des Geheimenraths unausgeſetzt und mit geſtei⸗ gertem Intereſſe auf ihr, ja, er ſchien in ihren Anblick ſo vertieft, daß er die Aufforderung des alten Soldau zum Aufbruch gänzlich überhörte und wie aus einem Traume emporfuhr, als der Prinz an ſeine Seite trat und ihn fragte, ob ſie nicht gehen wollten. Ich ſtehe zu Ew. Hoheit Befehl, erwiederte er ſichtlich zerſtreut, indem ſein Blick noch immer auf der ſich eben ent⸗ fernenden Braut haftete. Aber, beſter Geheimerrath, Sie vergeſſen ja ganz mein Incognito, man wünſcht, daß Sie Fräulein Erin Ihren Arm reichen, ſagte lächelnd der Prinz. Entſchuldigen Sie, Herr Graf, entgegnete der Ge⸗ heimerath— ich— ich war in Gedanken. Sie ſind ja außerordentlich blaß geworden? Mir iſt wirklich auch nicht recht wohl, indeſſen— ich glaube, es iſt ſehr heiß hier—. Mein Fräulein— fuhr er dann, in ſeiner gewohnten Weiſe gegen Eäcilie ſich wen⸗ dend, fort, mein Fräulein, ich bin ſo glücklich, Ihr Beglei⸗ ter zu ſein. Cäcilie dankte mit einer ſtummen Verbeugung. Die Wagen fuhren in der angeordneten Folge vor und dann in einer langen Reihe nach der Kirche. Die Kirche war gedrängt voll Menſchen, denn Nettchen Soldau's Verheirathung, eines der ſchönſten und allgemein bekannten Mädchen der Stadt, mit einem Officier der Gar⸗ niſon war ein zu außergewöhnliches Ereigniß, um nicht die Neugierde in allen Ständen rege zu mach en. Selbſt viele vornehme Damen hatten es daher nicht verſchmäht, in die Kirche zu gehen, nicht etwa aus Theilnahme, ſondern ledig⸗ lich aus Neugierde und vielleicht auch, um ſpäter einige wohlgemeinte Bemerkungen über dieſe doch immerhin un— paſſende Verbindung fallen laſſen zu können, wie es der gute Ton in dieſen Kreiſen ſo mit ſich bringt. Der Prie⸗ ſter, ein einfacher, ſchlichter Mann, vollzog die Trauung nach dem Ritus der katholiſchen Kirche, ohne ſich auf eine beſondere Rede einzulaſſen— die Ringe wurden gewechſelt, der Segen geſprochen, und Nettchen Soldau war Frau Lieutenant Steinberg. Während der Ceremonie knieete ſie unbeweglich, geſenk⸗ ten Hauptes neben ihrem Bräutigam vor dem Altar, und als die Feierlichkeit beendet war, empfing ſie die Glück⸗ wünſche der Anweſenden ſtumm und in ſichtlicher Bewe⸗ gung— aber Thränen, welche ſonſt wohl an den Wim⸗ pern der Bräute glänzen, dieſe treuen und Troſt ſpenden⸗ den Begleiterinnen des Menſchen und beſonders des Wei⸗ bes, bei den höchſten und tie fſten Momenten ſeiner irdiſchen Laufbahn, dieſe Vermittlerinnen zwiſchen Schmerz und Freude, dieſer Thau des Himmels, welcher die Blumen be⸗ netzt, wenn die Sonne von ihnen ſcheidet und die finſtere Nacht heraufzieht, oder wenn der Strahl des Lichtes ſie wieder küßt— ſie zitterten nicht an den Wimpern der— Braut— ſie ſtand da mit niedergeſchlagenen Augen und empfing die Glückwünſche ſtumm, erregt und mit lieblicher, reizender Verſchämtheit, ohne daß ihr Geſicht jedoch jene innere, tiefere Bewegung verrathen hätte, welche die pla— ſtiſche Schönheit deſſelben vielleicht beeinträchtigt, dage— gen die Schönheit der Seele darauf erſt zum Ausdruck bringt. Cäcilie dagegen vermochte, ſo ſehr ſie ſich auch abmühte, ihrer Bewegung nicht Herr zu werden; ſie mußte ihr Ge⸗ ſicht eine kurze Zeit an der Bruſt ihrer Mutter verbergen, weil ſie ſich ihrer Rührung, ihrer Bewegung ſchämte, und war daher eine der Letzten, welche Nettchen glückwünſchend umarmten. Und doch half ihr dieſe Vorſicht nichts, denn als ſie die Freundin in ihre Arme ſchloß, kamen die eigen⸗ willigen, gewaltſam zurückgedrängten Thränen doch wieder und benetzten das Geſicht der Braut, ſo daß man glaubte, ſie ſelbſt habe geweint. Der Zug ordnete ſich zum Fortgehen. Der Geheime⸗ rath von Stuhm hatte nur Augen für die Braut und war ſo zerſtreut, daß er vergaß, Cäcilien ſeinen Arm zu reichen, eine Vernachläſſigung, welche dieſe kaum bemerkte, die Leſſen aber ſofort dadurch wieder gut machte, daß er Cäci⸗ lien ſelbſt führte. Die Paare ſchritten durch die enge Men⸗ ſchengaſſe, welche ſich in der Kirche gebildet hatte, das ⸗ 1 3 7 — junge Paar voran, Nettchen mit niedergeſchlagenen Augen und verſchämtem Lächeln. Haſt du mir vergeben, Nettchen? flüſterte eine leiſe Stimme, indem eine Hand die ihrige ſtreifte; o, wenn du wüßteſt, wie unglücklich ich bin! Ein leiſes Erſchrecken zuckte einen Augenblick über ihr Geſicht— aber es war nur einen Augenblick; ſie ſchritt weiter, ohne aufzuſehen und ohne daß ihre Miene ſich änderte. Cäciliens Augen hingen, wenn ſie aufblickte, immer an der vor ihr gehenden Geſtalt ihrer Freundin, aber ſie blickte faſt gar nicht auf und hatte immer noch mit ſich ſelbſt zu thun— es war ihr unendlich wohl, als ſie aus der been⸗ genden, Weihrauch duftenden Luft der Kirche ins Freie hin⸗ austrat, denn jetzt zum erſten Male vermochte ſie freier und tief Athem zu holen. Im Begriff, in den Wagen zu ſtei⸗ gen, traf ihr Auge ein anderes, welches ſchüchtern, aber mit dem Ausdruck der innigſten Theilnahme auf ihr ruhte. Sie erſchrak, ſie erröthete.„Guten Tag, Herr Horſt,“ flüſterte ſie dann unwillkürlich und ganz leiſe, und dann erſchrak und erröthete ſie noch mehr, und nur die während des Fahrens gewonnene Ueberzeugung, daß er ihre Worte nicht habe verſtehen können, da ſie Leſſen ja nicht einmal gehört hatte, beruhigten ſie wieder einigermaßen. Dieſer unterhielt ſie abſichtlich von gleichgültigen Dingen, ohne eine Antwort von ihr zu verlangen, da ihm, dem erfahrenen — 141— Manne, ihr Gemüthszuſtand keineswegs entgangen war. Er bemühte ſich offenbar, das Gleichgewicht darin wieder herzuſtellen, obgleich es faſt ſchien, er thue dies in einer Weiſe, als ob er für ſich ſehr intereſſante Studien mache. Endlich war man im Hauſe der Braut angekommen, und die Unterhaltung bewegte ſich, in Erwartung des Eſſens, in der gewöhnlichen, nichtsbedeutenden und zwang⸗ vollen Form⸗ Der Prinz ſtand bei dem Brautpaare, ſagte der Braut Schmeicheleien über ihre Schönheit, Anmuth und Liebens⸗ würdigkeit, Gemeinplätze, welche in ſeinem Munde noch mehr an Werth verloren, weil er als ein junger Mann, obgleich am Hofe erzogen, doch noch nicht die rechte Praris darin beſaß und außerdem auch nicht ohne Befangenheit ſprach. Nettchens ſcharfer, natürlicher Verſtand hatte dies bald entdeckt; ſie fühlte ſich dadurch viel ſicherer und be⸗ mühte ſich offenbar, ihn durch Liebenswürdigkeit in die richtige Bahn zu lenken. Er folgte willig und mit Freu⸗ den, und ſo wurde ihre Unterhaltung bald ſo belebt, daß, während die Anderen faſt nur mit einander flüſterten, ein heiteres Lachen diejenige Stelle bezeichnete, an welcher der Prinz mit dem Brautpaare ſtand. Die Thür nach dem keineswegs ſehr großen und höchſt einfach eingerichteten Gartenzimmer, dem größten in dem beſcheidenen Hauſe, wurde geöffnet, und der gedeckte Tiſch lud die Gäſte zum Sitzen ein. Verwandte waren, außer — dem Vater der Braut, nicht vorhanden, denn Steinberg's Eltern waren längſt geſtorben, und Geſchwiſter hatte er nie gehabt. So ſaß denn neben der Braut auf der einen Seite der Bräutigam, auf der anderen der Prinz, während der alte Soldau die andere Seite des Bräutigams einge⸗ nommen hatte. Die weiteren Plätze hatte man der eige⸗ nen Wahl der Gäſte überlaſſen, nur wurde der Geheimerath erſucht, die Frau Profeſſorin Erin zu führen, während Leſſen Cäciliens Nachbar wurde. Der alte Soldau, obgleich er ſonſt ſehr einfach lebte und außer ſeiner Blumenliebhaberei faſt gar keine Bedürf⸗ niſſe beſaß, hatte doch keine Koſten geſpart, um die Hoch⸗ zeit ſeines einzigen Kindes ſo glänzend, als dies überhaupt in ſeinen Verhältniſſen geſchehen konnte, zu begehen. Sämmtliche Speiſen waren in dem erſten Gaſthofe der Stadt bereitet, und da die Weine beſonders gut und aus⸗ geſucht waren, ſo nahm die Unterhaltung bald einen ſehr heiteren und lebendigen Charakter an. Wie ſehr iſt Ihr Bräutigam zu beneiden, o, wie ſehr! flüſterte der Prinz mit einem zärtlichen und kühnen Blicke, den Nettchen erſt eine längere Zeit aushielt, ehe ſie ihre Augen niederſchlug— und wie ruhig und gleichgültig er iſt, fuhr der Prinz eben ſo leiſe flüſternd fort, ſchon eine ganze Zeit unterhält er ſich mit dem Rittmeiſter über ſeinen Schimmel, als ob das ein Geſpräch am Hochzeitstage wäre! — 143— Ich weiß nicht, was Sie für Liebhabereien oder Lei⸗ denſchaften haben, Hoheit.... Nicht Hoheit, bat er, ihre herabhangende Hand ergrei⸗ fend— nicht Hoheit, oder ich glaube, daß Sie mich... Nunk fragte ſie, als er ſtockte, ihm ihre Hand ent— ziehend. Daß Sie mich— daß ich Ihnen ganz gleichgültig bin Wie können Sie ſo etwas vorausſetzen, Herr Graf, erwiederte ſie— ich weiß die Ehre, welche Sie mir und meinem Vater heute erweiſen, wohl zu ſchätzen. Wenn Sie wüßten, wie ſehr Sie mich durch dieſe Worte, welche Sie nun ſchon öfter wiederholt haben, krän⸗ ken, ſo würden Sie nie mehr ſo reden; Sie würden es aus Mitleid nicht thun, wenn es kein anderes Motiv für Sie gäbe. Mein Gott, ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich mit Ihnen reden ſoll, lachte Nettchen; denn das wiſſen Sie ſelbſt ſehr wohl und für ſo thöricht halten Sie mich doch auch nicht, daß ich Mitleid mit Ihnen fühlen kann. Sie ſind alſo grauſam? Grauſam? Weßhalb ſollte ich grauſam ſein? Nein, ich bin nur nicht kindiſch, das iſt Alles. Und wäre es nicht kindiſch, wenn ich mit einem jungen Manne, der be⸗ rufen iſt, einſt die Krone ſeiner Ahnen auf ſein Haupt zu ſetzen, der dabei noch ein liebenswürdiger, geiſtreicher junger Mann iſt, der ſchon allein dieſer letzten Vorzüge wegen beneidenswerth wäre, wenn ich gegen dieſen— Mitleid fühlte— ſie betonte das Wort„Mitleid“ beſonders— würde nicht ein Jeder vollſtändige Urſache haben, mich ſelbſt dieſer Verirrung wegen zu bemitleiden?— Nun, fragte ſie nach einigem Schweigen weiter, nun, habe ich nicht Recht? Dann aber ſenkte ſie ihre Augen, denn die des Prinzen ruhten mit einem ſo eigenthümlichen Aus⸗ drucke auf ihr, daß ſie es vorzog, ihm die Antwort auf ihte e etwas leichtfertige Frage zu erlaſſen. Dieſer junge Mann, flüſterte er jedoch jetzt, hat ſeinen eigenen geringen Werth nie ſo ſehr erkannt, wie in dieſem Augenblicke— mag es ſein, was es will, fuhr er leiden⸗ ſchaftlicher fort, mag es Spott, mag es Scherz ſein, was Sie mit mir treiben— Sie haben es geſagt— und ich danke Ihnen dafür— aus ſo ſchönem und lieblichem Munde iſt es auch angenehm verſpottet zu werden. Wie können Sie nur ſo etwas glauben— ſtammelte ſie jetzt wirklich verlegen. Alſo war es Ihr Ernſt? Ich wäre Ihnen nicht ganz gleichgültig?— nicht der Fürſt, der Thronerbe— fort mit ihm— nein, der Mann, ich, Eduard von— doch wo gerathe ich hin!— Wieder hatte er ihre Hand ergriffen und hielt ſie ſo feſt, daß ſie ihm dieſelbe nicht entziehen konnte. Man beobachtet uns, flüſterte ſie, der Geheimerath blickt unaufhörlich herüber; ſehen Sie nur. Der Prinz wandte ſeine Augen abſichtlich langſam, als ob es zufällig geſchähe, dem ihm gegenüber ſitzenden Ge⸗ heimenrath zu, aber er erſchrak faſt über deſſen erregte und finſtere Miene. Während der Genuß der Speiſen und des Weines, ſo wie die Aufregung des Geſpräches, wie dies immer geſchieht, die Geſichter der Theilhaber erregter und lebendiger gefärbt hatte, war der Geheimerath offenbar noch bleicher und bläſſer geworden, als er es ohnehin immer war. Sein dunkles Auge blickte finſter und ernſt, aber unverwandt zu dem Prinzen und der Braut hinüber, welche ſo in ihrem Geſpräche vertieft waren, daß ſie ihre Umge⸗ bung ganz zu vergeſſen ſchienen; dann flog ein Zug von Verachtung um ſeine ſchmalen, feſt zuſammen gepreßten Lippen, wenn er die leidenſchaftlichen Mienen des Prinzen beobachtete, und wieder war es wie ein leiſes, ſchmerzhaftes Zucken, wenn er ſah, wie entgegenkommend ſie ſeine Hul— digungen aufnahm. Schon mehrmals hatte er es vergeb— lich verſucht, auf irgend eine Weiſe das lange und immer lebhafter werdende Zwiegeſpräch zu ſtören; da er aber ge⸗ genüber ſaß und Beide immer keine Zeit fanden, um auf⸗ zublicken, ſo erreichte er erſt in dem vorbeſchriebenen Mo— mente ſeinen Zweck. Der Prinz ſah ihn fragend an und zuckte mit den Ach⸗ ſeln, als der Geheimerath ihm faſt unwillig ein Zeichen Guſtav vom See. Wogen des Lebens. l. 10 — 146— machte. Er war ſichtlich zerſtreut— und konnte die Ab⸗ ſicht ſeines Mentors nicht errathen. Dieſer nahm daher ſeine Brieftaſche, riß ein Blatt Papier heraus, ſchrieb dar⸗ auf einige Worte, faltete es zuſammen und warf es dem Prinzen über den Tiſch zu. „Wir ſind bereits beim Braten,“ las dieſer,„möchten Sie nicht endlich die Geſundheit des Brautpaares ausbrin⸗ gen, wie es ſich längſt geſchickt hätte!“ Er iſt aufgebracht, flüſterte der Prinz Nettchen zu, daß ich Ihre Geſundheit noch nicht ausgebracht habe— ach, wie gern thue ich es— das heißt die Ihrige— könnte ich es Ihnen allein ſagen— aber ſo— ich bin zerſtreut So laſſen Sie es doch, ſagte ſie gereizt; wozu iſt es überhaupt nöthig, daß unſere Geſundheit ausgebracht wird, und weßhalb müſſen Sie das gerade thun? Der Prinz ſchwieg betroffen, dann machte er das übliche Zeichen, erhob ſich und ſprach: Wir feiern heute das Hochzeitsfeſt des ſchönſten und liebenswürdigſten Mädchens der Stadt, meiner verehrten Nachbarin. Ich rechne es mir zur beſonderen Ehre, das Glück zu haben, heute an der Seite der Braut zu ſitzen; indem ich dies hie⸗ durch ausſpreche, bitte ich, auf das Wohl des jungen Paa⸗ res anzuſtoßen: Braut und Bräutigam leben hoch! Alles erhob ſich, Alles ſtieß an, Alles drängte ſich dem Brautpaare zu, aber es war Jeder der Anweſenden von der — 147— beſonderen Beziehung, welche in den Toaſt von dem Aus⸗ bringer deſſelben zu ſich ſelbſt gelegt war, eigenthümlich be— rührt; beſonders fühlte dies der alte Soldau heraus, und bei ſeinem an ſich ziemlich rückſichtsloſen und oft ſogar ſchroffen Charakter ärgerte es ihn, daß der Prinz in dieſer Weiſe geſprochen hatte. Kaum war es daher wieder einiger⸗ maßen ruhig geworden, als er ſich erhob und ſprach: Der Herr Graf von Löwenburg hat uns heute, wo wir das Hochzeitsfeſt meiner Tochter feiern, mit ſeiner Gegenwart beehrt. Da wir wiſſen, daß der Herr Graf kein Graf, ſondern der Prinz von Albernhauſen iſt, ſo müſſen wir dieſe hohe Ehre gebührend ſchätzen, und ich, als Vater der Braut, ſetzte er mit einem faſt ſpöttiſchen Lächeln hinzu, natürlich am meiſten. Wir laſſen daher das Incognito auf einen Moment fallen, erheben unſere Gläſer und laſſen hoch leben Se. Hoheit den Erbprinzen von Albern— hauſen! Das iſt gegen die Abrede, iſt gegen die Abrede, mein verehrter Herr Soldau! rief der Prinz— iſt durchaus ge⸗ gen die Abrede!— Ich danke Ihnen, meine Herren und Damen! Und Sie, wandte er ſich an Nettchen, die ohne mit ihm anzuſtoßen ſitzen geblieben war, haben Sie keinen Wunſch für mich? Nicht für den Prinzen von Albernhauſen, erwiederte ſie mit einem reizenden Lächeln; was könnte ich fuͤr ihn für Wünſche haben? 10* — 148— Iſt er ſo ganz ohne jedes Intereſſe für Sie, Ihnen ganz gleichgültig? Nein, nicht gleichgültig, nicht ohne Intereſſe— ſon⸗ dern ich wünſchte ihn nie geſehen zu haben, denn ich haſſe ihn! Sie haſſen mich? fragte er erbleichend; was that ich, was habe ich verbrochen, daß Sie mit Einem Male ſo räth⸗ ſelhaft, ſo grauſam ſind? Sie? ſagte ſie, ihn mit einem langen Blick anſehend, Sie? Wer ſpricht denn von Ihnen? Wir reden ja von dem fatalen Prinzen von Albernhauſen— ach, wenn Sie wüß⸗ ten, wie ich ihn haſſe, und wie wohl mir wäre, wenn ich ihn nie geſehen hätte!— Aber, Steinberg, wandte ſie ſich ab, als der Prinz ſich mit leuchtenden Blicken zu einer Antwort anſchickte— aber, Steinberg, du ſprichſt noch immer von dem berühmten Pferde— ich bin Ihnen äußerſt verbunden, Herr Rittmeiſter, daß Sie meinen Bräutigam ſo vollſtändig in Beſchlag nehmen. Sie können jetzt immer„meinen Mann“ ſagen, gnä⸗ dige Frau, erwiederte dieſer in ſeiner derben und rückſichts⸗ loſen Art, und was das Uebrige betrifft, ſetzte er mit einem Blicke auf den Prinzen hinzu, nun— ſo iſt's gern ge⸗ ſchehen. Nettchen erröthete, und der Prinz, welcher dieſe Ant⸗ wort des auf der andern Seite ſitzenden Rittmeiſters in dem Geräuſche und Geſchwirre nicht verſtanden hatte, wandte ſich mit der Frage an ſie, was er geſagt habe; da⸗ durch gerieth ſie noch mehr in Verlegenheit, hauptſächlich deßwegen, weil ihr Mann ſowohl das Geſpräch als des Prinzen Frage gehört hatte. Der Herr Rittmeiſter ſagte zu meiner Braut, erwie⸗ derte Steinberg daher, daß das kurze Geſpräch, welches ſie mit Ihnen geführt hat, mindeſtens eben ſo intereſſant ge— weſen ſein müßte, als das unſrige über den engliſchen Schimmel. Ich weiß nicht, wie Sie zu einem ſolchen Vergleiche kommen, entgegnete der Prinz pikirt. O, daran iſt allein meine Braut ſchuld— ich kann immer noch nicht ſagen, meine Frau, ſetzte er lächelnd hinzu. Ich? In wiefern? Nun, machteſt du uns nicht Vorwürfe, daß wir ſo lange uns allein unterhalten hätten, während du doch immer nur mit deinem Herrn Nachbar ſprachſt? Ich— doch der Profeſſor Leſſen will reden. Leſſen brachte in gewählter Rede die Geſundheit des Vaters der Braut aus, wobei er Nettchen ſelbſt die ſchönſte Blume nannte, welche der alte Soldau mit ſo vielen an— dern bis jetzt gepflegt und erzogen habe, ein Vergleich, worüber der Prinz entzückt war und der den alten Soldau beſonders erfreute, weil er ihn an ſeine Liebhaberei, an ſeine wirklichen Blumen erinnerte. Wer iſt der Herr? fragte der Prinz. Ich glaube, er hat ſich mir vorhin vorſtellen laſſen, aber ich habe ſeinen Namen wieder vergeſſen. Es iſt der Profeſſor Leſſen. Profeſſor? Von welcher Facultät? Ich bin ja jetzt Student und ſollte das eigentlich wiſſen. Ich glaube, der Staatsweisheit, oder Wiſſenſchaft, wie es genannt wird, erwiederte Nettchen ſcherzend; ich Sie hörten bei ihm Collegien? Der Herr Geheimerath hat mir einen anderen, pchſ langweiligen Lehrer ausgeſucht, den Profeſſor Windmacher. Ah, wie kommen Sie zu dieſem widerlichen, aufgebla⸗ ſenen Pedanten? lachte Nettchen; von dem können Sie höchſtens lernen, wie Sie es dereinſt nicht machen ſollen, wenn Sie regierender Herr ſein werden, ſetzte ſie mit einer leichten Verbeugung hinzu— vielleicht geſchieht dies eben mit Abſicht. Sie können auch recht boshaft ſein, bemerkte lächelnd der Prinz, aber ſelbſt die Bosheit wird in Ihrem Munde liebenswürdig. Und Sie müſſen Sich in der Kunſt, Schmeicheleien zu ſagen, noch weit mehr vervollkommnen, mein Prinz, ſagte ſie ſchalkhaft, denn man weiß immer nicht recht, wenn Sie Sich darin üben, ob das, was Sie ſagen, etwas Ange⸗ nehmes oder Verletzendes ſein ſoll.. Ich will bei Ihnen Unterricht nehmen, hierin könnte ich ſchwerlich einen beſſeren Lehrer finden; ich hoffe, Sie werden mir dieſe Bitte nicht verſagen und mir deßhalb ge⸗ ſtatten, Sie in Ihrer neuen Häuslichkeit öfter aufzuſuchen. Es wird mir ſtets eine große Ehre ſein, nur muß ich dieſe und ähnliche Aemter entſchieden ablehnen. Aehnliche? fragte der Prinz un wir werden ja ſehen. Man gab das Zeichen zum Aufbruch, und die Geſell⸗ ſchaft begab ſich in den Garten, um dort den Kaffee zu trin⸗ ken. So viel wie möglich hatte man ihn zu dieſem Zwecke eingerichtet, ſeine ganze Anlage entſprach demſelben jedoch nicht; es fehlte an größeren Plätzen, und ſo war man auf die Buchenlaube beſchränkt, die wir bereits aus Nettchens Rendez⸗vous mit Ferdinand kennen, und auf den ſchatten⸗ loſen Hauptgang, in welchem es nur erträglich war, weil die Sonne ſich bereits zum Untergange neigte und der Schatten einer nahe gelegenen Kirche theilweiſe darauf fiel. Die Hauptgruppe der Geſellſchaft befand ſich in der Laube, auf deren Tiſch der Kaffee ſervirt wurde. Hier ging es laut und lärmend zu, und die Scherze der ziemlich heiter werdenden Dragoner-Officiere liefen häufig hart an der Gränze des Anſtandes hin. Steinberg und ſeine junge Frau waren natürlich der Mittelpunkt einer Menge anzüg⸗ licher Bemerkungen, welche die Letztere jedoch viel harm⸗ leſer, als er, und mit einer ſtets naiv lächelnden Miene Es war in der Laube ſehr warm geworden, wenigſtens glaubten dies die Herren; jedenfalls war ſie angefüllt mit einer nicht unbedeutenden Menge von Cigarrendampf, deſſen bläuliche Wolken ſich an den grünen Blättern der Zwergbuchen verdichteten, kurz, der ganze Schwarm fand es behaglicher, den Prinzen an der Spitze, ein wenig in dem freieren Wege zu promeniren. Hier begegnete man Erins und Leſſen, welche ſich von dem alten Soldau das Vaterland und mehrere andere Eigenthümlichkeiten verſchie⸗ dener Blumen hatten erklären laſſen, weil ſie wußten, daß ſie dadurch ihrem Wirthe einen Gefallen erwieſen. Dieſer war auch keineswegs durch die Hochzeit ſeiner einzigen Tochter im Geiſte oder im Gemüthe ſo ergriffen oder auch nur aufgeregt, daß er nicht vollkommen Muße behalten hätte, ſich wie ſonſt mit ſeinen Blumen zu beſchäftigen. Laſſen Sie doch heute Ihre Blumen, Herr Soldau, rief ihm der Prinz in ziemlich erregter Laune entgegen, denken Sie vielmehr daran, wie nahe der Zeitpunkt iſt, an wel⸗ chem die ſchönſte Blume Ihres Gartens Ihnen geraubt werden wird. Der Alte ſah den Prinzen erſt eine kurze Zeit an, ehe er zum richtigen Verſtändniß dieſes Gleichniſſes kam, dann lächelte er verlegen und erwiederte: Ja, ja, das geht nicht anders, geht nicht anders— aber, Nettchen, haben die Herren auch Kaffee? O, daran darf die gnädige Frau gar nicht denken, des iſt nicht mehr ihre Sache, lachte wieder der Prinz; ſie ge⸗ hört ja nicht mehr in Ihr Haus, Herr Soldau; nicht wahr, habe ich nicht Recht? Nicht in mein Haus?— ja ſo, meinen Sie.— Nun, bei uns Bürgersleuten ſchnappt das nicht auf einmal ſo ab, nicht wahr, Nettchen? Es iſt Alles beſorgt, Papa, Alles. War auch nur Scherz, Verehrteſter, bemerkte der Prinz, aber wahr, nach der Natur, ganz nach der Natur! Ich möchte Sie dem Profeſſor Erin nebſt Frau Gemah⸗ lin und Fräulein Tochter vorſtellen, unterbrach der Ge⸗ heimerath, da es ihm vorkam, als ob der Prinz die Grän⸗ zen der bloßen Heiterkeit etwas zu überſchreiten anfange. Ah, ſehr angenehm, wandte ſich dieſer dem Profeſſor zu, habe ſchon bei Tiſche Gelegenheit gehabt, die Schönheit Ihrer Fräulein Tochter zu bewundern— Sie ſind Maler, nicht wahr? wenn ich recht gehört habe, Portrait⸗Maler? Sie könnten vielleicht... Der Herr Profeſſor Erin iſt Geſchichts⸗ und Genre⸗ Maler, es befinden ſich mehre werthvolle Bilder von ihm in der Galerie zu Albernhauſen, unterbrach der Geheime⸗ rath; möchten wir nicht weiter gehen, wir halten die Ge— ſellſchaft auf. Gehen wir, erwiederte der Prinz, immer lebhafter ge⸗ ſticulirend; Sie müſſen es nicht übel nehmen, daß ich Ihre Gemälde nicht kannte, Herr Profeſſor, es iſt ſo viel altes, — 154— werthloſes Gerümpel in unſerer Galerie— natürlich meine ich nicht etwa Ihre Bilder—, daß man das unmöglich be⸗ halten kann. Nicht wahr, mein Fräulein, wandte er ſich, plötzlich wieder ſtehen bleibend, an Cäcilie, welche mit ihrer Mutter in der zweiten Reihe hinter ihm ging— nicht wahr, Sie geben mir Recht?— Ja, wenn noch Ihr Bild dabei geweſen wäre— dann würde ich's nicht vergeſſen haben, entſchieden, auf Ehre nicht, davon ſind Sie überzeugt! Das junge Mädchen, auf eine ſo unerwartete Weiſe und ſo plötzlich angeredet, erröthete tief, ohne zu antworten, während der Prinz, bei dem die Wirkung des vielfach ge⸗ noſſenen guten alten Weines ſichtbar immer mehr zu Tage trat, ſie unverwandt anſtierte. Meine Tochter iſt in derartigen Dingen noch gänzlich unerfahren, erwiederte ihr Vater, der bei aller Sanftmuth und Schüchternheit ſeines Charakters in ſolchen Sachen ſehr entſchieden aufzutreten wußte, Sie müſſen ihr die Ant⸗ wort erlaſſen— ich habe meine Doſe bei Tiſche ſtehen laſ⸗ ſen, Cäcilie; geh', mein Kind, hole ſie mir. Cäcilie flog davon, ohne ein Wort zu erwiedern. Nie⸗ mand hatte ſich gerührt, ſtatt ihrer zu gehen. Der Prinz blickte ihr mit einem etwas unſichern Lächeln nach, dann fiel ſein Blick auf Leſſen. Sie ſind der Profeſſor Leſſen, nicht wahr? fragte er N —— — 155— eben ſo plötzlich dieſen, indem er ſeinen Arm nahm und wieder weiter ging. Zu befehlen, Hoheit.... Laſſen Sie das doch jetzt— ich habe von Ihnen gehört, man hat Sie ſehr gelobt, ſehr, gewiß weit mehr, als Sie es verdienen— aber das thut nichts— der Kerl, wie heißt er doch gleich, iſt zu langweilig. Windmacher, ſchaltete Leſſen ein. Richtig— aber was Sie für eine feine Naſe haben, wiſſen gleich, wovon ich reden will— nun, keine üble Eigenſchaft, und diejenige Perſon, welche Sie gelobt hat, iſt zu liebenswürdig.... Frau Lieutenant Steinberg, bemerkte Leſſen wieder. Teufel, man muß ſich vor Ihnen in Acht nehmen— aber ſo lieb ich's, darin ſitzt die richtige Staatsweisheit, oder wie das Zeug heißt— ich ſchaffe dieſen Windmacher ab und werde bei Ihnen Collegia hören, wenn Sie wollen. Es wird mir eine unendliche Ehre ſein, und Ew. Hoheit können Sich verſichert halten, daß ich Sorge tragen werde, daß das Angenehme ſich mit dem Nützlichen verbinde; aber der Herr Geheimerath? fragte er zögernd. Ja, da haben Sie Recht, mit dem muß ich erſt reden, das hätte ich beinahe ganz vergeſſen; am Ende hat er wie⸗ der Serupel, wieder Bedenken, o, Sie glauben gar nicht, wie peinlich der Mann iſt. Vielleicht würde ſich die Sache am leichteſten ſo arrangiren laſſen, bemerkte Leſſen, dem Alles daran gelegen war, einen ſo wichtigen Vortheil ſich nicht wieder entſchlüpfen zu laſſen, daß Cw. Hoheit dem Herrn Geheimenrath geradezu ſagten, Sie hätten mir die Stelle angeboten und ich hätte ſie an⸗ genommen, wie es ja auch geſchehen iſt. Ein Fait accompli. Fait accompli, wiederholte der Prinz, ſehr richtig; doch da kommt die ſchöne junge Frau— noch kein Fait accompl, ſetzte er lachend hinzu— ich werde mit dem Geheimenrath ſprechen, ſagte er dann mit einer ziemlich kur⸗ zen Kopfbewegung und ſchritt Nettchen entgegen, indem er Leſſen ſtehen ließ. Sie werden wirklich mit jeder Minute ſchöner, reizen⸗ der, holde Frau— Sie gleichen dem heraufziehenden Abendſtern Haben Sie meine Freundin nicht geſehen, Herr Graf? unterbrach ihn Nettchen. Ihre Freundin? nein; das heißt, wenn Sie Fräulein Erin meinen— ſo, glaub' ich, heißt ſie ja wohl— die hab' ich geſehen, ſie lief vor wenig Minuten fort, um ihrem Vater Schnupftabak zu holen; iſt jenes Gänschen wirklich Ihre Freundin? Sie urtheilen zu ſcharf, Hoheit, erwiederte Nettchen mit einem zweifelhaften Lächeln. Ach, was kümmert Sie mein Urtheil, was kümmert s Sie überhaupt, wie und was ich denke und empfinde— o, ich weiß ſehr wohl, was Sie jetzt denken; es wäre ja auch unnatürlich, wenn Sie nicht dieſe Gedanken hätten, aber daß ich ſie auch haben muß, daß— Die Gäſte rüſten ſich zum Aufbruche, Herr Graf, un⸗ terbrach der Geheimerath, welcher die letzten Worte gehört hatte, mit ſcharfer, ſchneidender Stimme, ganz unähnlich ſeiner ſonſtigen gemeſſenen Sprechweiſe— man wartet ſchon längere Zeit darauf, daß Sie das Zeichen geben werden. Zeichen geben? wiederholte der Prinz; ach, wenn Sie wüßten, fuhr er fort, ſich wieder an Nettchen wendend, wie ſchwer mir dies wird, denn ich gebe dadurch zugleich das Zeichen Darf ich endlich bitten, bemerkte der Geheimerath faſt unwillig. Der Prinz ſah ſeinen Begleiter einen Augenblick fra— gend und faſt drohend an, ſenkte dann aber ſein Auge vor dem ſehr ernſten und feſten Blicke des Geheimenraths und machte der jungen Frau ſeine Abſchieds⸗Verbeugung. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen; was ich wünſche, darf ich Ihnen nicht ſagen, darum iſt es beſſer, ich ſchweige. Sie werden es mir hoffentlich geſtatten, mich hin und wieder nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Es wird uns dies ſtets eine große Ehre ſein, erwiederte Nettchen mit züchtig niedergeſchlagenen Augen. Leben Sie wohl, mein lieber Lieutenant, wandte ſich — darauf der Prinz an den jetzt neben ſeiner Frau ſtehenden Steinberg, ich empfehle mich Ihnen, Sie beneidenswerthe⸗ ſter aller Dragoner⸗Officiere ſämmtlicher Dragoner⸗Regi⸗ menter der Welt. Steinberg machte eine ſtumme Verbeugung. Und Sie, mein verehrter Herr Soldau, ich bin Ihnen äußerſt verbunden für die genußreichen Stunden, die Sie mir verſchafft haben— ich ſtehe bei ähnlichen Gelegenheiten gern wieder zu Dienſten. Meine Damen und Herren, wir haben die Ehre, uns zu empfehlen, ſagte der Geheimerath, dem Prinzen geradezu das Wort abſchneidend; dann nahm er deſſen Arm und führte ihn den Weg hinab, während die Uebrigen zurück⸗ blieben und die ſich noch öfter wiederholenden Abſchieds⸗ Verbeugungen des Prinzen erwiederten. —— Siebentes Anpitel. Ideal und Wirklichkeit. Wirke Gutes, du nährſt der Menſ heit göttliche Bilde Schönes, du ſtreu ſt Keime es Göttlichen aus Schiller. Wir überſpringen einen Zeitraum von drei Monaten. Während dieſer Zeit hatte ſich in den Verhältniſſen der A Perſonen, die wir bis jetzt kennen gelernt haben) äußerlich nur wenig geändert. Der Lieutenant Steinberg machte mit ſeiner jungen Frau eine Art von Haus, denn es waren häufig Gäſte dort, meiſtentheils allerdings Officiere, die in einer ziemlich ungenirten Weiſe nicht nur mit ihrem Ca— — meraden, ſondern auch mit ihrer liebenswürdigen Came— radin verkehrten. Dieſe war als Frau noch viel reizender, hübſcher und coquetter geworden, wie ſie als Mädchen ge⸗ weſen, ſo recht das Ideal einer jungen Frau für eine ge— wiſſe Sorte von Männern, welche das Weib lediglich als einen Gegenſtand zur Unterhaltung betrachten und eine höhere und edlere Beſtimmung deſſelben nicht anerkennen, ſondern dieſe mit Spott und Cynismus verlachen. Das Geſchick rächt ſich jedoch ſehr oft gerade an dieſen Männern und läßt ſie endlich in die Hände berechnender, herzloſer Coquetten fallen, unter deren Herrſchaft ſie dann ſich beu— gen und verkümmern. Deſſen ungeachtet wird dieſe Sorte von Männern eben ſo wenig ausſterben, als diejenige der Frauen, welche an dem leichten und pikanten Umgange mit ihnen Geſchmack finden. Die Frau Lieutenant Steinberg neigte ſehr ſtark dazu und war, wie geſagt, immer, wo ſie öffentlich erſchien, von einem Schwatme ihr huldigender Männer umgeben. In Geſellſchaften bildete ſie den Mittelpunkt, um den ſich dieſe Schaar von Planeten bewegte; dagegen wurde ſie von den Frauen mehr oder Wniger gemieden, einmal, weil ihr ſel bſteher Umgang mit djeſen nicht zuſagte, andern⸗ theils, wejl iht Ruf anfing, etwas zweideutig zu werden, obgleich Niemand im Stande war, irgend eine Thatſache namhaft zu machen, die denſelben hätte gefährden können. Es lag ſo im Ganzen, in der Luft und im Duft, die ſie umgaben. 3 3 Das Einzige, was man mit einigem Grunde gegen ſie anzuführen vermochte, waren die ſehr nahen Beziehungen, in welche der Erbprinz zu ihr getreten war. Es verging faſt kein Tag, an dem er nicht im Hauſe des Lieutenants eine Zeit lang zubrachte; häufig war er des Abends dort, und überall, wo ſie ſich an dritten Orten trafen, überhäufte. er die junge Frau mit Aufmerkſamkeiten und wich faſt nicht von ihrer Seite. Man wunderte ſich über die Gleichgültigkeit, mit der ihr Gatte dies alles anſah; denn weit entfernt, etwa eifer⸗ ſüchtig zu werden, ſchien er ſich ſelbſt durch die Triumphe, welche ſeine junge, ſchöne Frau feierte, geſchmeichelt zu fühlen. Er lächelte über die zuweilen keineswegs feinen Neckereien und Anſpielungen ſeiner Cameraden, und da er leidenſchaftlich gern ſpielte, ſo bekümmerte er ſich in Ge⸗ ſellſchaft faſt gar nicht um ſeine Frau, ſondern überließ ſie ihren Neigungen, indem er den ſeinigen nachging und ſo bald als möglich am Spielliſche feſtſaß. Am meiſten genirte ihn ſowohl als auch Rettchen der Geheimerath von Stuhm. Dieſer ſchien das Benehmen ſeines Zöglings durchaus nicht zu billigen; es ging dies aus mehen That⸗ ſachen unzweifelhaft hervor— aber der Prinz fing an, ſich ſehr ſtark zu emancipiken, nahm oft gar keine Rückſicht auf die Anſichten ſeines Mentors, und män wollte wiſſen, daß es zwiſchen Beiden bereits zu ſehr heftigen Erörte⸗ rungen gekommen ſei. Niemals begleitete der Geheimerath den Prinzen in das Haus des Lieutenants, aber er ſuchte immer dieſe Be⸗ ſuche, wiewohl vergeblich, zu verhindern. Gegen Nett⸗ chen war er ebenfalls ſehr rückſichtsvoll, wenn auch in einer ganz anderen Weiſe, ſo daß ſie ſelbſt ſein Benehmen nicht zu deuten vermochte; dagegen zeigte er gegen ihren Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 11 Mann einen unverkennbaren Widerwillen, den zu verber⸗ gen er ſich gar oft nicht einmal die Mühe gab. Eeinmal hatte er Nettchen ebenfalls einen Beſuch ge⸗ macht, und zwar zu einer Zeit, wo er wußte, daß er ſie allein fand, und war über eine Stunde bei ihr geblieben. Die Unterredung mußte jedoch den gewünſchten Erfolg nicht gehabt haben, denn was er auch beabſichtigt haben mochte, es änderte ſich weder etwas in Nettchens noch in des Prinzen Benehmen; im Gegentheil ſchien es, als ob ihr beiderſeitiges Verhältniß ſeit dieſer Zeit an Vertraulich⸗ keit zugenommen habe. Der alte Soldau hatte in ſeiner Lebensweiſe nichts ge⸗ ändert, und da ihm das Treiben im Hauſe ſeiner Tochter durchaus nicht zuſagte, er überhaupt mit ſeinem Schwie⸗ gerſohne ſchlecht ſtand, ſo kam er nur äußerſt ſelten dort⸗ hin und ſtets zu einer Zeit, wo er wußte, daß der Lieute⸗ nant im Dienſt war. Nettchen beſuchte ihren Vater zwar ebenfalls dann und wann; es waren dies jedoch nur kurze und flüchtige Zuſammenkünfte, denn ihm ſchwebte immer eine Mißbilligung ihrer Lebensweiſe auf den Lippen, und ſie, der dies keineswegs entging, ſuchte den Ausbruch des väterlichen Zornes durch allerlei Künſte zu verhindern, und wenn dies nicht mehr gehen wollte, nahin ſie eilig Abſchied, irgend ein dringendes Geſchäft vorſchützend. Er erging ſich dann, nachdem ſie fort war, gewöhn⸗ lich noch eine Zeit lang in keineswegs für ſie ſchmeichel⸗ haften Reden, ſchimpfte auf ſeinen Schwiegerſohn, den er einen egviſtiſchen, leichtſinnigen und doch berechnenden Menſchen nannte, kehrte jedoch bald wieder zu ſeiner Lieb⸗ lingsbeſchäftigung, den Blumen, zurück, indem er ſich ge⸗ wöhnlich damit beruhigte, daß ihn die Sache ja eigentlich weiter nichts mehr kümmere, daß der Mann für ſeine Frau zu ſorgen und einzuſtehen habe, und daß es eine Thorheit ſei, wenn der Schwiegervater ſich mit den Ange⸗ legenheiten ſeines Schwiegerſohnes, beſonders eines ſo er⸗ fahrenen und eigenſinnigen, befaſſen wolle. Wenn er ſo viel Geld hat, daß er ein ſolches Leben führen kann, ſchloß er gewöhnlich ſeine Betrachtungen, ſo mag er es führen, was geht es mich an— aber ſie ſollen mir nicht kommen und mehr von mir verlangen, als ich ausgeſetzt habe, da werden ſie ſich gewaltig irren. Das Verhältniß zwiſchen dem jungen Ehepaare und dem Vater der Frau war mithin kein inniges, vielmehr ein ziemlich kaltes, oft ſogar gereiztes, was der allgemeinen Beobachtung keineswegs entging. In der Vorausſetzung, daß der Lieutenant Steinberg oder Nettchen größere An⸗ ſprüche hinſichtlich des bedungenen Zuſchuſſes machen wür⸗ den, irrte der alte Soldau jedoch vollkommen, denn Stein⸗ berg war ſtets bei Caſſe, und man konnte nicht ſagen, daß er Schulden mache. Er war ein ſehr glücklicher Spieler, und ſpielte häufig auch ſehr hoch, aber dies geſchah in einer Weiſe, daß es ziemlich unbemerkt blieb, und er ſelbſt 14* ſprach niemals über ſeinen Gewinn oder Verluſt, ſelbſt zu Nettchen nicht. Die größte Veränderung war in den Verhältniſſen des Profeſſors Leſſen eingetreten. Seinem Verſprechen gemäß hatte der Prinz den Profeſſor Windmacher zu deſſen großem Aerger bald darauf entlaſſen und den jüngeren Leſſen zu ſeinem Lehrer angenommen. Dieſer verſtand es, nicht nur ſeine Vorleſungen intereſſant zu machen, indem er die aufge⸗ ſtellten Theorieen mit pikanten geſchichtlichen Anekdoten belegte und würzte, ſondern er wußte auch ſo ſehr in die Anſichten des Geheimenraths einzugehen, daß dieſer eben⸗ falls mit dem neuen Lehrer zufrieden war. Leſſen hatte bald entdeckt, daß der Geheimerath in politiſcher Hinſicht ein ſtrenger Legitimiſt ſei und jede Betheiligung des Volkes an der Regierungsgewalt als einen Eingriff in die gehei⸗ ligten Rechte des Herrſcherhauſes und als eine verderbliche, der Revolution entſproſſene Neuerung anſah. Er ging daher ebenfalls auf dieſe Ideen ein und verſäumte es nie⸗ mals, die nachtheiligen und ſchließlich alle Ordnung zer— ſtörenden Verſuche der Nationen, die Rechte des Regenten zu beſchränken, in einer für die Anſchauungen ſeiner Zu⸗ hörer paſſenden Beleuchtung darzuſtellen. Et bewies aus der Geſchichte, daß immer nur ein großer und ausgezeich⸗ neter Regent die Völker groß, mächtig und glücklich ge⸗ macht habe, während alle Verſuche, die von Gott einge⸗ ſetzten Herrſcher, Kaiſer, Könige oder Fürſten, in ihren Rechten zu beſchränken, den Verfall und das Verderben der Nationen nach ſich gezogen hätten. Die Geſchichte iſt ein großes, offen liegendes Buch, in welchem ein Jeder, der einen klaren und vorurtheilsfreien Blick beſitzt, leſen und Schlüſſe daraus ziehen kann, die oft ſo einfach und unwiderleglich ſcheinen, daß man nicht begreift, weßhalb irgend ein Zweifel darüber obwalten kann— es geht aber mit dieſem Buche, wie mit der Bibel; man findet auch zu der falſcheſten und einſeitigſten Auf⸗ faſſung und Auslegung darin die paſſenden Belegſtellen; denn der Geiſt des Menſchen iſt nicht nur befähigt zu abſicht⸗ lichen und für den Laien ſchwer zu entdeckenden Trugſchlüſ— ſen, wenn dieſe ſeinen Zwecken dienen ſollen, ſondern er kann auch bei einer vorgefaßten oder anerzogenen Anſicht ſich ſo unlösbar in einen Irrthum verſtricken, daß das Licht der Wahrheit nicht mehr im Stande iſt, dieſe faſt erſtarrte Hülle zu durchdringen. Deßhalb der ewige, nie endende Kampf über religiöſe und politiſche Fragen,— Fragen, deren Beantwortung dem ruhigen und vorurtheilsfreien Denker ſo einfach und leicht aſcheint, über welche die Menſchheit ſichaber ni— mals einigen wird, weil ſie dem Fanatismus, dem Ehr⸗ geiz und überhaupt den unlauteren Leidenſchaften ſtets zum willkommenen Vorwande dienen, ſich gegenſeitig zu efeinden und die Erde wieder von Neuem mit Blut zu iberſchwemmen. 66— Leſſen's Blick, indem er auf dem Buche der Geſchichte ruhte, war ein klarer und unbefangener; ſein ſcharfer Ver⸗ ſtand und ſein dialektiſch gebildeter Geiſt las darin die ſich ſo oft wiederholende Wahrheit, daß die Menſchheit, und deßhalb auch jedes einzelne Volk, fortſchreiten müſſe in Intelligenz, Bildung und Geſittung, daß ohne dieſes Fortſchreiten ein Stillſtehen, dann ein Rückwärtsgehen und endlich die Auflöſung folgen müſſe, eben ſo wie bei einem organiſchen Körper, in welchem die Lebenskraft ab⸗ nimmt und endlich erliſcht— das hatte Leſſen längſt aus dem Buche der Geſchichte herausgeleſen und ſeine eigene wahre, innere Ueberzeugung danach feſtgeſtellt; er hatte aber auch ferner darin gefunden, daß der einzelne Menſch oft am leichteſten zu Macht, Anſehen und Ehre gelange, wenn er den Verhältniſſen Rechnung trage und dieſe zu ſeinem Vortheil ausbeute— deßhalb nahm er ſich vor, ebenfalls dieſen Weg zu gehen, ſeine eigene Ueberzeugung zu verbergen und wenigſtens vorläufig eine ſolche zur Schau zu tragen, wie ſie ſeinen Abſichten entſpreche, das heißt, wie ſie dem Prinzen und vorzugsweiſe dem Gehei⸗ menrath zuſage. Der geneigte Leſer wird n⸗ nen, daß der Profeſſor Leſſen, als ein kluger und geſcheidt er Mann, in der Wahl der Mittel zur Erreichung ſeinc Zwecke nicht ſehr ſchwierig war, daß aber gerade dieſe Umſtand einen tiefen Schlagſchatten auf ſeinen Cha⸗ rakter wirft, deſſen weitere Entwicklung jedoch den — — 167— ferneren Verlaufe unſerer Erzählung vorbehalten bleiben muß. Da er niemals zu denen gehört hatte, die in rückhalt⸗ loſer Weiſe ihre Ueberzeugung kund geben und ausſprechen, ſondern zu denjenigen, welche vorſichtig immer erſt das Fahrwaſſer erforſchen, in dem ſie ihr Lebensſchiff weiter⸗ ſteuern, ſo konnte man jetzt auch nicht einmal von ihm ſagen, daß er hinſichtlich ſeiner politiſchen Geſinnung eine Schwenkung gemacht habe, denn er hütete ſich, anderswo darüber zu ſprechen, und hielt ſich bei ſeinen öffentlichen Vorträgen von jedem Eingehen, ſelbſt von jeder Anſpielung auf politiſche Fragen fern. Den beabſichtigten Zweck erreichte er dadurch vollkom⸗ men. Sein Ruf als Gelehrter ſtieg ſofort bedeutend, ſo⸗ bald ihm die Collegien bei dem Prinzen übertragen waren, welches die Folge hatte, daß ſeine Zuhörer ſich täglich ver⸗ mehrten, und es gelang ihm auch, ſich ſo ſehr in der Gunſt des Prinzen und des Geheimenraths zu befeſtigen, daß er auf ein Empfehlungsſchreiben des Erſteren an den regie— renden Fürſten des Ländchens, zu welchem die Univerſi⸗ tätsſtadt gehörte, ganz außer der Reihe zum ordentlichen Profeſſor mit 1000 Gulden Gehalt ernannt wurde, ein Ziel, das er auf dem gewöhnlichen Wege vielleicht nie— mals, ſonſt aber erſt nach längeren Jahren erreicht haben würde. Der Prinz hatte dieſe Angelegenheit mit Zuſtimmung 6 des Geheimenraths ganz ohne Leſſen's Wiſſen betrieben und ausdrücklich gebeten, das Patent ihm zur Aushändi⸗ gung zu überſenden. Bereitwillig hatte man auch dieſem Wunſche entſprochen, und erſt mehre Tage ſpäter erhielt die Univerſität die officielle Benachrichtigung von Leſſen's außergewöhnlicher Ernennung. Es lag nicht im Charakter des Prinzen, ſeine Mit⸗ wirkung in dieſer, wie in jeder anderen Angelegenheit, in den Hintergrund treten zu laſſen; ſeine Eitelkeit ſuchte ſtets eine, wenn auch noch ſo unvollkommene Befriedigung darin, daß diejenigen, denen er wohl wollte, dies vollſtän⸗ dig anerkannten, ihn als ihren Wohlthäter anſtaunten und verehrten und ihre Dankbarkeit äußerten. Als daher Leſſen eines Tages ſein Collegium bei dem Prinzen beendet hatte und im Begriffe war, ſich zu empfeh⸗ len, ſtand dieſer, der ſo lange, ſeiner Gewohnheit nach, ſitzen geblieben war, auf und ſagte mit herablaſſender, freundlicher Miene: Sie haben mir wieder eine angenehme Stunde bereitet, Herr Profeſſor; Sie verſtehen es, die Lehren der Staatsweisheit in ſo unterhaltender Weiſe vorzutragen, daß ich Ihnen dankbar dafür ſein möchte. Ew. Hoheit ſind viel zu gütig, erwiederte Leſſen, der es niemals unterließ, wenn er mit dem Prinzen allein war, ihn in dieſer Weiſe anzureden; Sie überſchätzen mein geringes Verdienſt, wenn es überhaupt dieſes Namens würdig iſt. — 169— Laſſen wir das— Beſcheidenheit iſt eine ſehr zwei⸗ deutige Tugend, beſonders bei klugen und erfahrenen Leu⸗ ten. Wenn dieſe Univerſität zu meinem Lande gehörte, würde es mir ein Leichtes ſein, Sie zum ordentlichen Pro⸗ feſſor ernennen zu laſſen, ſ Ew. Hoheit ſind wirklich ausnehmend gütig, verſetzte Leſſen, dem das offene Ausſprechen ſeiner geheimſten Wünſche das Blut verrätheriſch in die Wangen trieb; vielleicht wird mir ſpäter das Glück zu Theil, zu Cw. Hoheit Unterthanen gehören zu dürfen. Man muß nichts verſchieben, was man wünſcht, Herr Profeſſor; man hat ſeine Verbindungen, auch wenn man nur Studiosus cameralium iſt, ſetzte er mit einem wich⸗ tigen Lächeln hinzu. Wir ſtehen mit dem Hofe in D. in freundſchaftlicher Beziehung. Sie ſcheinen dies zu bezwei⸗ feln? fuhr er lachend fort; nun, ich will Sie nicht länger auf die Folter ſpannen— hier iſt Ihr Patent zum ordent⸗ lichen Profeſſor mit tauſend Gulden Gehalt— ich ſtatte Ihnen meinen Glückwunſch ab. Iſt es möglich! rief Leſſen in der freudigſten Ueber⸗ raſchung, indem er immer noch zögerte, das Patent, welches der Prinz ihm hinhielt, zu ergreifen; Ew. Hoheit können keinen ſo grauſamen Scherz mit mir treiben! Er wäre weniger grauſam als unpaſſend, bemerkte der Prinz gemeſſen; nehmen Sie endlich und überzeugen Sie Sich, daß ich Ihnen wohl will. — 170— Cw. Hoheit machen mich zu Ihrem lebenslänglichen Schuldner, ſagte Leſſen, nachdem er das Patent entfaltet und ſchnell geleſen hatte; meine Dankbarkeit wird erſt mit meinem Tode enden! Nun, das wird ſich ja finden, erwiederte der Prinz mit einem zweideutigen Lächeln; Sie ſtellten ja neulich ſelbſt den Grundſatz auf, daß ein Fürſt, dem das Wohl ſeines Staates am Herzen liege, ſeinen Weg unbeirrt von dem Beifalle oder der Mißbilligung der leicht beweglichen öffentlichen Meinung zu gehen habe, auf Dankbarkeit nie⸗ mals rechnen, ſondern den Lohn ſeiner Handlungen in ſich ſelbſt finden müſſe. Cw. Hoheit werden dieſen in ſeiner Allgemeinheit richtigen Grundſatz nicht auf mich anwenden wollen, ent⸗ gegnete Leſſen, bei dem die plötzlich hervorgerufene Auf⸗ regung bereits wieder einer ruhigen und beſonnenen Ueber— legung Platz gemacht hatte— denn einmal bin ich ein einzelner Menſch und nicht das vielköpfige Ungeheuer, welches ſich den Namen„öffentliche Meinung“ anmaßt, und dann... Nun, laſſen Sie es gut ſein, mein lieber ordentlicher Profeſſor, unterbrach der Prinz, es ſoll mich freuen, wenn Sie Ihre eigenen Lehren Lügen ſtrafen. Empfangen Sie auch meinen Glückwunſch, bemerkte jetzt der Geheimerath, ich kann Ihnen die Verſicherung —,————— — 171— geben, daß mir Ihre wohlverdiente Auszeichnung zur großen Freude gereicht. Ich werde mich bemühen, mich derſelben würdig zu machen. Ich weiß zwar nicht, ob mein guter Wille und meine geringen Fähigkeiten geeignet ſind, dies Ihnen zu beweiſen, das weiß ich aber, daß meine Dankbarkeit und treue Anhänglichkeit für Se. Hoheit ſowohl, als für Sie, Herr Geheimerrath, ohne Gränzen ſein werden. Die Dankbarkeit zerſplittert ſich bereits, lachte der Prinz, ich bin nicht mehr der alleinige Gegenſtand der⸗ ſelben; aber Sie haben Recht, denn der Geheimerath hat redlich mit geholfen. Doch ich ſehe es Ihnen an, Sie wünſchen jetzt Ihren Freunden und Bekannten Ihre Be⸗ förderung zu verkünden. Gehen Sie, lieber Profeſſor, ich habe auch Sorge dafür getragen, daß bis jetzt Nie⸗ mand weiß, Sie ſeien ein„Ordentlicher“ geworden. Ew. Hoheit überhäufen mich mit Güte und Wohl⸗ wollen; wenn Sie es mir geſtatten, mich zu empfehlen... Ich geſtatte es nicht nur, ſondern ich verlange es. Was man thut, muß man ganz thun, ſetzte er mit Selbſt⸗ gefühl hinzu; ſo gehen Sie denn und laſſen Sie Sich huldigen. Leſſen empfahl ſich. Erſt als er eine Zeit lang allein war, kam er zum vollen Bewußtſein ſeines Glückes, aber dieſes Sichbewußtwerden deſſelben drängte bei ihm auch die äußere Erſcheinung ſeiner inneren Aufregung zurück, denn er machte es ſich klar, daß er dieſe, wenn auch noch ſo außerordentliche und unvorhergeſehene Beförderung nicht als eine ſolche, vielmehr als ein gewöhnliches Ereigniß aufnehmen müſſe, welches er lediglich ſeinen Verdienſten zu verdanken habe. Er ſagte ſich, daß, wenn er ſelbſt ſein Benehmen in dieſer Weiſe regele, er ſich dadurch in ein viel beſſeres Licht ſtellen werde, als wenn er ſeine wahre innere Empfindung zu Tage treten laſſe. Er nahm daher ſeine gewöhnliche Miene an, während er über die Straße ſchritt, und als ihm bald darauf der Profeſſor Windmacher begegnete, redete er ihn mit zuvor⸗ kommender Freundlichkeit an, ſprach mit ihm über alltäg⸗ liche Dinge und ſagte dann, im Begriffe, ſich zu empfeh⸗ len, mit der gleichgültigſten Miene: Ich hätte geglaubt, Sie würden mir zu meiner endlichen Beförderung zum or⸗ dentlichen Profeſſor Glück wünſchen, verehrter Herr College, von der Sie, wie ich annehme, gehört haben werden. Sie hat zwar lange auf ſich warten laſſen, indeſſen ſie iſt doch endlich gekommen— und ſpät iſt immer beſſer, als gar nicht. Was ſagen Sie, Herr College, rief Windmacher in einem Tone, der eben ſo viel Ueberraſchung als Aerger kund gab— Sie ſind zum ordentlichen Profeſſor ernannt? So ganz außer der Tour? Wie wäre das möglich? Sie treiben Scherz mit mir! Scherz? ſagte Leſſen mit nachläſſigem Tone, die Sache wäre zum Scherz doch zu ernſt, Herr College; namentlich würde ich Ihnen gegenüber mir niemals einen ſolchen Scherz erlauben, davon werden Sie hoffentlich überzeugt ſein— ich habe die Ehre, mich zu empfehlen. Windmacher ſah ihm verblüfft und mit ſichtlichem Ingrimm nach und eilte dann, die eben ſo unerwar— tete als für ihn unangenehme Neuigkeit weiter zu ver⸗ breiten. Leſſen war in der letzten Zeit öfter im Erin'ſchen Hauſe geweſen und hatte mit dem geiſtvollen und beſcheidenen Maler einen engeren Umgang gepflogen, obgleich Beider Charaktere eigentlich wenig zuſammen paßten, denn Erin ſuchte ſeine Talente und Fähigkeiten eher zu verbergen als geltend zu machen, während Leſſen ſeine Kenntniſſe und ſein Wiſſen überall und bei jeder Gelegenheit ſo hell als irgend möglich leuchten ließ. Deſſen ungeachtet fühlte ſich Leſſen zu Erin hingezogen, vielleicht gerade deßhalb, denn dieſer hörte ihn ſtets mit großer Aufmerkſamkeit und leb⸗ haftem Intereſſe an, faſt wie ein Schüler den Lehrer. Erin aber folgte ſeinem neuen Freunde gern auf das von ihm wenig betretene Gebiet unbekannter Wiſſenſchaften oder philoſophiſcher Forſchungen, und Leſſen, deſſen biegſamer Geiſt ſich ſtets den Umſtänden gemäß einzurichten wußte, war dabei ein ſo liebenswürdiger Führer, beugte ſich ſelbſt anſcheinend ſtets ſo ſehr vor dem Künſtlertalent Erin's, welches er als eine göttliche Begabung höher als das Wiſſen ſtellte, daß Beide Geſchmack an einander fanden und ſehr häufig zuſammenkamen. So war denn Leſſen oft im Erin'ſchen Hauſe, und auch heute trieb es ihn vor Allem, ſeinem Freunde das für ihn ſo glückliche und uner⸗ wartete Ereigniß mitzutheilen. Auf dem Flur des Hauſes begegnete ihm Cäcilie, im Begriffe, auszugehen. Guten Morgen, Herr Profeſſor, rief ſie ihm lächelnd mit ihrer freundlichen, hellen Stimme entgegen, ſchon ſo früh? Der Vater iſt im Atelier. Guten Morgen, Fräulein Cäcilie, entgegnete er— ſind Sie ſo eilig? Haben Sie keinen Augenblick Zeit für mich? Ich hätte Ihnen etwas mitzütheilen, was· Vnen vielleicht Freude machen würde. Nun, ſo ſprechen Sie doch— aber ich wirklich Eile, ich muß in die Singſtunde. Da iſt Ihre Zeit allerdings ſehr beſchränkt, ſagte er lächelnd, aber vielleicht intereſſirt es Sie doch, zu erfahren, daß ich zum ordentlichen Profeſſor mit tauſend Gulden Gehalt ernannt bin. Iſt es wahr? fragte ſie, indem die Freude ihre Wangen mit einem höheren Roth übergoß; iſt es wirklich wahr oder machen Sie nur einen Scherz? Glauben Sie, daß ich mit ſolchen Dingen ſcherzen würde? Sie ſind ordentlicher Profeſſor geworden, rief ſie nun, freudig in die Hände ſchlagend, ſo mit Einem Male or⸗ dentlicher Profeſſor! O, wie mich das freut! Wie wird ſich der Vater freuen!— Ich kann es immer noch nicht glauben— aber ich muß es dem Vater zuerſt ſagen, die Freude müſſen Sie mir gönnen! Mit dieſen Worten flog ſie davon, die Treppe hinauf, leicht wie eine Elfe, und er hörte noch von oben ihre freu— dige Stimme, mit welchkr ſis rhf: Vater, Vater, Herr Leſſen iſt ordentlicher Profeſſor, du kannſt es glauben! 3 Dann fiel die Thür zu under ſtand allein in dem ſtillen, hellen Hausflut, auf deſſen Steinflieſen das von oben durch farbiges Glas einfallende Sonnenlicht magiſche Re⸗ flere bildete. Er blickte ihr lange nach. Sie war ihm nie ſo ſchön vorgekommen, wie heute. Welch ein Zauber lag auf ihrem kindlichen Geſichte, als die Freude es beſtrahlte, wie glänzend waren ihre ſchönen Augen geworden— und dies alles aus Theilnahme, aus Mitgefühl für ihn!— Er ſtand immer noch auf derſelben Stelle, blickte auf die farbi⸗ gen Lichter, welche vor ihm auf dem Boden ſpielten, und dann wieder hinauf zu der leicht gewundenen Treppe, welche ihr flüchtiger Fuß ſo eben betreten hatte— es waren eigenthümliche Gedanken, welche plötzlich durch ſeine Seele zogen, Gedanken, entſtanden durch die Ueberzeugung, daß Cäcilie Intereſſe an ſeinem Ergehen nehme, ein ſo lebhaf⸗ tes Intereſſe, daß ſie es offen ausſprach und kundgab, Gedanken, welche am meiſten geeignet ſind, das Herz eines » * eiteln Mannes zu beſtricken, eben weil ſeiner Citelkeit da⸗ durch geſchmeichelt wird. Aber wo iſt er denn? tönte gleich darauf oben Erin's Stimme, welche ihn dieſen Betrachtungen entrückte— wo ſind Sie denn, lieber Leſſen? Iſt es wahr, was mir das Kind da ſagt? Kommen Sie, kommen Sie, beſtätigen Sie mir dieſe freudige Nächricht! Cäciliens Vater war bei dieſen Worten bereits raſch fonnte, wo dann beide Männer ſich herzlich die Hand ſchüttelten. Cäcilie eilte inzwiſchen zu ihrer Mutter, um auch dieſer die freudige Nachricht mitzutheilen; kaum waren daher Leſſen und Erin in das Atelier getreten, als auch ſeine Frau und Cäcilie erſchienen, und Leſſen nun die näheren Umſtände ſeiner Beförderung erzählen mußte. Er wich jedoch bei dieſer Schilderung merklich von der Wahrheit ab und bemerkte, daß er ſchon vor einiger Zeit einen vortheil⸗ haften Ruf an eine andere Univerſität erhalten, dieſen jedoch vorläufig nicht angenommen, ſondern davon zuvor ſowohl das Miniſterium als auch ſeinen Schuͤler, den Erbprinzen, in Kenntniß geſetzt habe. Er halte es nicht für unwahrſcheinlich, fuhr er dann fort, daß vorzugsweiſe durch des Prinzen Vermittlung die Sache zu einem raſchen Abſchluß gekommen ſei, weil dieſer ihm ſofort erklärt habe, daß er ihn durchaus nicht entbehren könne, und er es auch die halbe Treppe hinabgekommen, ehe ihn Leſſen erreichen ie ————— ie ——— geweſen ſei, von dem er jetzt zuerſt die Mittheilung ſeiner Beförderung erhalten. Und von dem allem haben Sie mir kein Wort geſagt? fragte Erin mit vorwurfsvollem Tone; Sie hatten die Ab⸗ ſicht, uns zu verlaſſen, und wir ſollten das erſt erfahren, wenn Sie Ihren Koffer packen wollten? Wozu hätte es führen können, beſter College, erwie⸗ derte Leſſen, wozu Sie zum Mitwiſſer einer Sache machen, deren Entſcheidung ungewiß war? So etwas muß man mit ſich ſelbſt allein zu Ende bringen und nicht ſeine Freunde an den Aufregungen, die immer mehr oder weniger damit verbunden ſind, betheiligen. Es iſt das einmal ſo meine Art und Weiſe, und dann konnte ich auch mit ziemlicher Gewißheit darauf rechnen, daß die Sache ſich ſo entſchei⸗ den würde, wie ſie es gethan hat. Jetzt aber werden Sie doch zugeben müſſen, daß mein Schweigen am rechten Orte war. Ich hätte es dennoch nicht fertig gebracht, ich hätte ein ſo wichtiges Geheimniß nicht ſo lange in mich ver— ſchließen können— aber Sie ſind ein ſtarker Geiſt und mögen vielleicht Recht haben. Die Freude, welche ich jetzt über Ihre mir ganz unerwartete Beförderung empfinde, wäre allerdings nicht ſo groß und plötzlich geweſen. So ſeien Sie mir alſo nicht ferner böſe, daß ich ver⸗ ſchwiegen war; es iſt mir ſelbſt oft ſchwer genug geworden, Guſtav vom See. Wogen des Lebens. I. 12 und es geſchah lediglich Ihretwegen, da ich Ihr theilneh⸗ mendes Herz kenne. Cäcilie hatte dieſem Geſpräche ziemlich zerſtreut zu⸗ gehört, ihre Gedanken waren ſichtlich anders beſchäftigt. Nun muß ich aber wirklich fort, ſagte ſie dann, ich darf die Lehrerin nicht länger warten laſſen— alſo noch⸗ mals meinen herzlichen Glückwunſch! Adieu, lieber Papa, adieu, liebe Mama, in einer kleinen Stunde werde ich zurück ſein. Sie verließ mit dieſen Worten eilig das Atelier, und auch ihre Mutter entfernte ſich bald, und ſo blieben die beiden Männer allein. Ich habe mich ſehr über die Theilnahme Ihrer Fräu⸗ lein Tochter gefreut, nahm Leſſen das Geſpräch wieder auf, es ſchien ihr ſo recht von Herzen zu kommen. Nun, das verſteht ſich bei ihr von ſelbſt, ihr Herz liegt ſtets in ihren Augen und auf ihren Lippen, Heuchelei oder nur Verſtellung ſind ihr gänzlich fremd. Sie ſind ein recht glücklicher Vater. Ja, das Kind macht mir ſehr viel Freude und hat mir eigentlich noch nie Kummer verurſacht. Stets war ſie folgſam und beſcheiden, und jetzt, wo ſie größer geworden iſt, lacht und ſcherzt ſie mir manchen ſchwermüthigen Ge⸗ danken fort. Was könnten Sie für ſchwermüthige Gedanken haben? 8 — 179— Ach, die finden ſich, wenn man älter wird, wie die trüben Wolken des Winters. Nun, das hat bei Ihnen doch noch viel Zet., aber Sie denken wohl daran, daß Ihnen vielleicht ihr baldiger Ver⸗ luſt bevorſteht. Ihr baldiger Verluſt? fragte Erin mit erſchrockener Stimme; wie meinen Sie das? Nun, mein Gott, lächelte Leſſen, ein ſo ſchönes und liebenswürdiges Mädchen wird ſich bald verheirathen, das ſcheint mir unzweifelhaft. Verheirathen, lachte Cäciliens Vater beruhigt, ſie ſich verheirathen, das Kind! Ach, wo denken Sie hin, beſter College! Das Kind! Ihre Fräulein Tochter mag Ihnen viel⸗ leicht noch immer als ein Kind erſcheinen, aber für jeden Anderen iſt ſie ein erwachſenes junges Mädchen und kein Kind mehr. Sie iſt ja erſt ſiebenzehn Jahre. Wenn ich mich recht erinnere, iſt im künftigen Monat ihr Geburtstag, dann wird ſie achtzehn. Ja, da haben Sie Recht, dann wird ſie acht⸗ zehn, aber ſie iſt deſſen ungeachtet doch noch ein völliges Kind. Väter haben in ſolchen Dingen nie ein richtiges Ur⸗ theil; mir zum Beiſpiel iſt ſie kein Kind mehr, ſondern ein heirathsfähiges junges Mädchen. Wenn ich, ein ſchon 42* — 180— erfahrener Mann, Ihnen dieſes Bekenntniß ablege, ſo 1„ werden Sie wohl annehmen können, daß jüngere Männer 6 darüber nicht den mindeſten Zweifel hegen. Sind Sie denn gewiß, daß nicht bereits irgend eine Neigung in dem Sen Ach, wo denken Sie hin, beſter College, unterbrach ihn der alte Erin, meiner Tochter Herz liegt vor mir wie ein aufgeſchlagenes Buch, mehr, wie ein Spiegel, auf welchem der leiſeſte Hauch meinem Auge ſichtbar wird.— Ach nein, mein Kind ſollte eine Neigung zu Jemandem haben, und ich nicht darum wiſſen! Sie beſitzt keinen beſſeren und treueren Freund als mich, das weiß ſie, das hat ſie mir oft ſelbſt geſagt. Sie hat kein Geheimniß vor mir, und ſelbſt der Verſuch, eines zu beſitzen, würde mei⸗ nem Auge nicht entgehen, wenn es ihr überhaupt möglich wäre, einen derartigen Verſuch zu machen. Nun, ich will das auch keineswegs behaupten, ob⸗ gleich ich die Unmöglichkeit davon ebenfalls nicht zugeben möchte, erwiederte Leſſen mit befriedigter Miene; denn es wäre ja auch unnatürlich, wenn ſich ihr Herz nicht bald einem ihrer würdigen Manne zuwenden wollte. Es iſt das die Beſtimmung des Weibes, und Sie als Vater, der ſeine Tochter ſo ſehr liebt, können gewiß am wenigſten wünſchen, daß ſie ihre Beſtimmung verfehle. Nein, nein, das kann ich allerdings nicht wünſchen, ſagte Erin mit nachdenklich gewordener Miene,— aber— . aber es würde mich ſehr traurig machen, wenn ich das liebe Kind fortgeben müßte, vielleicht gar an einen Frem⸗ den. Sprechen wir lieber von etwas Anderem; wie kom⸗ men wir überhaupt auf dieſes ſonderbare Geſpräch? Weßhalb gerade an einen Fremden, fuhr Leſſen fort, ohne die letzten Worte ſeines Freundes zu berückſichtigen, weßhalb nehmen Sie an, daß Cäciliens künftiger Gatte ein Ihnen Fremder ſein ſoll und Sie ſie fortgeben müſſen? Es kann ja Jemand ſein, den Sie kennen und der hier am Orte lebt; dies iſt ſogar wahrſcheinlich. Sie würden dann Ihre Tochter, wie jetzt, täglich ſehen und ſprechen und Sich an Ihrem Glücke erfreuen können. Sie beſitzen ja eine ſo lebhafte, ſchwungvolle Phantaſie, um welche ich Sie ſo oft beneidet habe, da mir leider dieſes Götterge⸗ ſchenk nicht zu Theil geworden iſt; malen Sie Sich daher das Bild, von dem ich mit ungeübter Hand eine Skizze entworfen habe, mit recht lebhaften, ſchönen Farben aus, und die Zukunft wird Ihnen nicht mehr Grau in Grau, ſondern in heller, ſtrahlender Beleuchtung erſcheinen. Ei, ei, beſter College, ſagte Erin lächelnd, Sie ſtrafen Sich aber ſelbſt Lügen, indem Sie Ihre Phantaſie in Zweifel ziehen, denn ſie iſt weit ſchöpferiſcher, weit erfin⸗ deriſcher, als die meinige, die an dieſes Bild überhaupt noch gar nicht gedacht hat. Das kommt daher, weil die Väter ihre Töchter immer als Kinder betrachten, ſcherzte Leſſen nun ebenfalls, auch — wenn ſie längſt erwachſen ſind. Doch was haben Sie dort unter jener Hülle? fuhr er fort, dem Geſpräche eine andere Wendung gebend. Unter jener Hülle? erwiederte Erin ſichtlich verlegen. 1 Ich weiß wirklich nicht, ob ich es Ihnen zeigen darf. Wenn es ein Geheimniß iſt, ſo mache ich durchaus keinen Anſpruch darauf. Ein Geheimniß iſt es eigentlich nicht, vielleicht ein Beweis meiner Schwäche, daß ich dem fortgeſetzten Drängen meines Freundes Werner nachgegeben habe, den Kopf meiner Tochter zu modelliren. Es iſt eine Büſte Ihrer Tochter? fragte Leſſen erregt; o, laſſen Sie ſehen, Werner iſt ein ſehr begabter Bild⸗ hauer. Das iſt er, und das Modell iſt ihm auch ſehr gut gelungen,— aber ich hätte es doch nicht zugeben ſollen, es liegt etwas Dünkelhaftes darin, ſein eigenes Kind— Aber wie thöricht Sie ſind— und nun laſſen Sie mich die Büſte ſehen— Sie erlauben, fuhr er fort, indem er die Hülle entfernte. Lange und mit ſichtbarem Wohlgefallen ruhte ſein Auge auf dem ſehr ſauber und kunſtvoll ausgeführten Modell. Schön, ſehr ſchön, ſagte er dann, ein wahrhaft claſſiſcher Kopf! O, nicht doch, nicht doch, bemerkte der Maler, die Naſe iſt zu viel gebogen und bildet auch nicht eine Linie mit der Stirn— es kommt Ihnen das nur ſo vor, weil die Haare in griechiſchen Knoten verſchlungen ſind— über⸗ haupt, weil— Mag ſein, mag ſein, daß hier und da eine Linie von dem ſogenannten claſſiſchen Profil abweicht, bemerkte Leſſen, deſſen Augen noch immer unverwandt auf dem Modelle ruhten,— aber die ganze ſchöne Form des Kopfes iſt claſſiſch, nur weniger kalt; man empfindet es, daß das Original lebt, daß dies nur eine matte Copie des Leben⸗ digen iſt! Das Werk macht dem Künſtler alle Ehre, ſetzte er dann, ſeinen Ton ändernd, hinzu; ich habe noch nichts Beſſeres von Ihrem Freunde geſehen, als dieſen Kopf, der vortrefflich zu einer Hebe paſſen würde. Es läßt ſich Alles idealiſiren, entgegnete Cäciliens Vater, deſſen Beſcheidenheit einen Widerſpruch hervortre⸗ ten ließ, mit dem es ihm eigentlich gar nicht Ernſt war; das Modelliren eines jugendlichen weiblichen Kopfes iſt an ſich ſchon ein Idealiſiren, und der Beſchauer wird in dem Modell, wenn es ſauber ausgeführt iſt, wie hier, immer mehr erblicken, als in der Wirklichkeit vorhanden iſt. Ich ſehe jetzt, daß Sie mir nur widerſprechen, weil Sie der Vater des ſchönen Originals ſind. Wie oft haben Sie gegen mich die Anſicht verfochten, daß der Künſtler nichts Schöneres ſchaffen könne, als die Natur, daß er, weil er ſeine Eindrücke von außen empfangen, immer nur Nach⸗ ahmer der Natur bleibe, und ſelbſt die geprieſenſten Werke . — 184— der Kunſt doch von den Gebilden der Natur übertroffen würden! 8 Das mag ſein, erwiederte Erin, wir haben ja oft und viel darüber geſprochen, aber Sie wollen mich jetzt abſicht⸗ lich mißverſtehen. Der Menſch, und alſo auch der Künſt— ler, iſt nicht befähigt, den Gebilden ſeiner Phantaſie andere Geſtalten zu verleihen, als ſolche, die er durch ſeine Sinne empfangen hat; er kann ſie verändern und ausſchmücken, er kann den Engeln Flügel, den Meerweibchen Fiſchſchwänze geben, aber er vermag nichts hinzuzufügen, was er nicht irgendwo geſehen hat. Dagegen beſitzt er die Fähigkeit, ſich von jeder gegebenen Geſtalt ein Jeal zu bilden, indem er das Vollendete, was er einzeln an verſchiedenen Gebil⸗ den erblickt, auf ein einziges überträgt. Eine Venus von Medici, einen Apoll vom Belvedere hat es vielleicht nie in dieſer Vollendung gegeben. Eben ſo kann er Gemüths⸗ Affecte, Freude, Schmerz, Andacht, Begeiſterung durch idealiſche Zuſammenſtellungen und Gruppirungen in einer Weiſe darſtellen, wie wir ſie, ſo erhaben ausgeſprochen, in der Wirklichkeit niemals ſehen— aber die Natur bleibt bei allem dem ſtets die unerreichbare Lehrmeiſterin des Künſtlers. 1 Sie wollen damit ſagen, daß Ihr Freund Werner auch hier dieſe Lehrmeiſterin bei Weitem nicht erreicht habe, er⸗ wiederte Leſſen mit heiter lächelnder Miene; da ſind wir ja völlig mit einander einverſtanden, und wenn ich wieder komme und Ihre Fräulein Tochter anweſend iſt, will ich Ihnen auch den Beweis führen, daß die Linien ihres Ge⸗ ſichts doch viel ſchöner und claſſiſcher ſind, als diejenigen dieſer ſonſt ganz leidlichen Büſte— Nein, nein, unterbrach ihn der Maler, wir wollen den Streit lieber aufgeben, in der Kunſt iſt überhaupt Vieles reine Anſichts- und Geſchmacksſache; aber es würde Cäci— lien ſehr verlegen machen, wenn wir in ihrer Gegenwart darüber ſprechen wollten, ob die Büſte gelungen oder ähn— lich ſei; ſie hat ſo ſchon genug ausgeſtanden, da ſie Werner ſitzen mußte. Nun, ſo behalten wir denn ein Jeder unſere Anſicht; ich bin ſogar der Meinung, daß Sie im Stillen der meinigen beipflichten. Wie Sie nur ſo etwas denken können! So leben Sie denn für jetzt wohl, lieber College, ſagte Leſſen, dem Maler die Hand reichend; ich bin zuerſt zu Ihnen gekommen, weil es ein Bedürfniß meines Herzens war, Ihnen und den Ihrigen vor Allen die mir gewordene Beförderung mitzutheilen, denn ich wußte, daß Sie Sich wirklich darüber freuen würden; nun aber will ich mir die unlautere Genugthuung verſchaffen, dieſes auch ſolchen Perſonen zu erzählen, die ſich darüber ärgern und erboſen, und die ihren Neid und ihre Mißgunſt nur unvollkommen hinter der freundlich gleißneriſchen Miene verbergen können, mit welcher ſie ihre Glückwünſche gegen mich ausſprechen. Sie urtheilen in manchen Dingen zu ſcharf über die Menſchen, beſter College, bemerkte Erin mit ſeinem gut⸗ müthigen, faſt kindlichen Lächeln; warum wollen Sie nicht an die aufrichtige Theilnahme Ihrer Bekannten glau⸗ ben und annehmen, daß dieſe ihnen wirklich von Herzen käme? Mag ſein, mag ſein, erwiederte Leſſen, wobei ein Zug des Hohnes um ſeinen Mund ſchwebte; ich beneide Sie um Ihren Glauben an die Redlichkeit und Aufopferungs⸗ fähigkeit Anderer, meine Erfahrungen haben mich aber leider belehrt, daß der Egoismus die alleinige Triebfeder aller Handlungen der Menſchen iſt, und ich bedarf immer erſt des Beweiſes vom Gegentheile, ehe ich eine Ausnahme zugeben kann. So laſſen Sie mir denn meinen Glauben; vielleicht habe ich doch noch die Genugthuung, Sie dazu zu bekehren. In Beziehung auf Sie ſelbſt und die Ihrigen iſt dies längſt geſchehen,— aber ich zähle Sie eben zu den ſelte⸗ nen Ausnahmen. Es iſt das ſehr ſchmeichelhaft für uns, und unter diefen Umſtänden darf ich Sie wohl zu morgen Mittag einladen, damit wir Ihre Beförderung auch wirklich feiern können, wie es ſich gebührt. Sie bereiten mir dadurch eine ſehr große Freude, er⸗ wiederte Leſſen verbindlich; wenn man ſo allein in der — — Welt ſteht, ohne Eltern, ohne Verwandte, wie ich, iſt die Theilnahme befreundeter Menſchen doppelt wohlthuend. Man muß aber auch wirklich an dieſe Theilnahme glauben. Daran können Sie gewiß keinen Augenblick zweifeln. Alſo leben Sie für heute wohl,— auf Wiederſehen! Achtes Zupitl. Warnung. Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele. Schiller. Ich habe die Welt vergeſſen, Weil ich dein Auge geſehn. Heine. Des Prinzen Aufenthalt in der Univerſitätsſtadt dauerte jetzt bereits vier Monate. Er war, wie dies nicht anders ſein konnte, in dieſer Zeit eine allgemein bekannte Perſön⸗ lichkeit geworden, es kannte ihn ein Jeder, aber die öffent⸗ liche Meinung urtheilte nichts weniger als günſtig über ihn. Die Studenten, die er völlig ignorirte, obgleich er ſelbſt immatriculirter Student war, nannten ihn einen an⸗ maßenden, eingebildeten Burſchen, der, ungeachtet ſeines Incognito, doch ſtets den Prinzen herauskehre, weil dieſes ſeine einzige hervorragende Eigenſchaft ſei; bei dem Mittel⸗ ſtande galt er für rüde und ausſchweifend, und die Mütter unterließen es nicht, ihren Töchtern dies beſonders einzu⸗ — 189— prägen und ſie vor ihm zu warnen, da es bekannt gewor⸗ den, daß er bereits mehrfache, ſehr gewöhnliche Liaiſons gehabt hatte. Selbſt das Officier-Corps verkehrte nicht mehr mit ihm, als dies ſeines Standes wegen unabweis⸗ lich war, und nur Wenige, zu denen auch der Lieutenant Steinberg gehörte, ſahen über ſein Benehmen hinweg und in demſelben nichts weiter, als die noblen Paſſionen des höheren Standes. Zu dieſen Wenigen zählte natürlich auch der größte Theil der an ſich gering in der Stadt vertretenen Ariſto⸗ kratie, bei welchen das Standes-Intereſſe, wie immer, jede andere Rückſicht in den Hintergrund ſtellte. Hier ließ ſich der Prinz jedoch wieder nur ſelten ſehen und lohnte dieſe Anhänglichkeit geradezu mit Undank, weil er ſich in dieſen Kreiſen, die er ja in der Heimath an dem Hofe ſeines Vaters in weit untadelhafterer Zuſammenſtellung genoſſen hatte, geradezu langweilte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er ſich dort nicht ſo gehen laſſen konnte, als er es wünſchte. Er betrachtete dieſes„Sichgehenlaſſen“ faſt als den Hauptzweck ſeines Aufenthaltes auf der Uni⸗ verſität und gab ſich Mühe, denſelben ſo vollſtändig als möglich zu erreichen. So war das Urtheil über ihn im Laufe der Zeit keineswegs ein günſtiges geworden, und ſelbſt die eigentlichen Pfahlbürger hatten die ihnen, ſo wie mehr oder weniger jedem Deutſchen angeborene und aner⸗ zogene Verehrung fürſtlicher Perſonlichkeiten hier vollſtändig 090 verloren. Er hatte aufgehört, der Gegenſtand ihrer Be⸗ wunderung oder auch nur ihrer Beachtung und ihrer Ge⸗ ſpräche zu ſein, und wenn er es dennoch zuweilen wieder wurde, ſo war die Veranlaſſung dazu keineswegs eine für ihn ſchmeichelhafte. Am meiſten Sorge und Mühe machte dieſes Benehmen dem Geheimenrath von Stuhm. Dieſer hatte den Auftrag, den Prinzen auf ſeinem wiſſenſchaftlichen Ausfluge als Mentor zu begleiten, überhaupt nur ſehr ungern übernom⸗ men, ſich demſelben jedoch bei dem einmal ausgeſprochenen Willen des Fürſten— wir wollen uns dieſer allgemeinen Bezeichnung ein⸗ für allemal bedienen— nicht entziehen können. Der alte Fürſt, des Prinzen Vater, war ein Mann von eigenſinnigem und dabei höchſt launenhaftem Charakter, der, nachdein die Aufopferung des deutſchen Volkes ihn in ſein von den Franzoſen occupirtes Land zu⸗ rückgebracht und wieder auf den Thronſeſſel ſeiner Väter geſetzt hatte, dies dadurch vergalt, daß er die ganze große vergangene Zeit, in welcher er flüchtig geweſen war, als nicht vorhanden betrachtete, ſondern genau da fortfuhr, wo er vor der franzöſiſchen Invaſion aufgehört hatte. Alle Neuerungen, zum Theil, weil ſie von den Frem⸗ den gekommen, allerdings ſelbſt dem Volke verhaßt, wurden ſofort beſeitigt, ſo daß man 1816 ziemlich auf demſelben Standpunkte ſich befand, wie 1806. Die Geſchichte läßt ſich aber einmal nicht willkürlich zurückdatiren, wie etwa ein ausgeſtelltes Adels⸗Patent, und ſo war man denn nach kurzer Zeit mit der ſo enthuſiaſtiſch begrüßten vaterlän⸗ diſchen Regierung in ſo hohem Grade unzufrieden, daß es ſogar bereits 3% mehren kleinen, jedoch ſchnell unterdrückten Unruhen gekommen war. Weit entfernt, hiedurch zur beſ⸗ ſeren Einſicht zu gelangen, zog der alte Fürſt die Zügel der Regierung nur um ſo feſter an, denn ſein ſtarrer Eigenſinn hielt jede Nachgiebigkeit von ihm fern. Dabei waren die Verhältniſſe des Hofes ſelbſt von der Art, daß ſie der Unzufriedenheit und der Erbitterung gegen den alten Fürſten ſtets neue Nahrung gaben. Er lebte mit einer zur Gräfin erhobenen Maitreſſe, welche ihm meh⸗ rere Kinder geſchenkt hatte, offen und rückhaltlos, der öffent⸗ lichen Meinung Hohn ſprechend, zuſammen, und vernach⸗ läſſigte ſeine edle und geiſtvolle Gemahlin vollſtändig. Dieſe, ihres liebenswürdigen und leutſeligen Charakters wegen von je her der Gegenſtand der allgemeinen Ver⸗ ehrung, wurde es jetzt noch weit mehr, indem man bemüht war, ſie für die ihr faſt täglich zu Theil werdenden Krän⸗ kungen durch Darlegung der öffentlichſten und unzweideu⸗ tigſten Hochachtung zu entſchädigen. Wo ſie ſich zeigte, wurde ſie mit Beweiſen der größten Theilnahme und Ver⸗ ehrung begrüßt, während die Gräfin eben ſo deutlich das Gegentheil erfahren mußte. Die Verhältniſſe an dieſem fürſtlichen Hofe waren daher eben ſo wenig geeignet, auf das Herz und das Gemüth des heranwachſenden Prinzen vortheilhaft einzu⸗ wirken, als die ſtets zunehmenden Zerwürfniſſe und Spal⸗ tungen zwiſchen Fürſt und Volk. Der Geheimerath von Stuhm, der eine cnußriche Stellung im Miniſterium einnahm, gehö hörte keineswegs zu den Anhängern des fürſtlichen Regimentes. Er war zwar ein ſtrenger Ariſtokrat, aber in der guten und edlen Bedeu⸗ tung des Wortes. Nach ſeiner Anſicht lag die unbeſchränkte Gewalt in der von Gott eingeſetzten Obrigkeit, das heißt in dem angeſtammten Fürſtenhauſe; jede Beſchränkung oder Abſchwächung derſelben durch Stände, wenigſtens durch andere als nur Rath ertheilende Stände, hielt er für einen Eingriff in dieſe geheiligten Rechte, aber er theilte auch ge⸗ rade deßhalb dem Regenten ſehr umfaſſende Pflichten und eine große Verantwortlichkeit zu. Der Fürſt ſollte nach ſeiner Theorie der Vater ſeines Volkes ſein und alles Gute, alles Edle von ihm ausgehen. Er durfte kein anderes Beſtreben, keine anderen Wünſche haben, als das Wohl der ihm von Gott anvertrauten Unterthanen, die wieder in ihm ihren Beſchützer, ihren Wohlthäter, den alleinigen Beför⸗ derer ihres zeitlichen Glückes erblicken ſollten. Er verlangte von den Unterthanen unbedingten Gehorſam, auch in Din⸗ gen, die vielleicht ihrer Anſchauung oder ihrer Faſſungs⸗ traft fern lagen, weil ſie darüber keinen Zweifel hegen durften, daß alles, was geſchah, lediglich ihr Beſtes be⸗ zwecke. — Der Geheimerath war daher ein politiſcher Schwärmer der beſten Art, denn er ſah in dem regierenden Fürſten einen von dem göttlichen Geiſte beſonders begnadigten Menſchen und nahm an, daß der göttliche Wille ſich auch dann in ſeinen Entſchließungen kund gebe, wenn dieſe nach der Einſicht menſchlichen Verſtandes keineswegs zum Heile der Regierten gereichen konnten. In letzterer Beziehung hatte er oft, wenn er die Hand⸗ lungsweiſe ſeines Fürſten beurtheilte, mit erheblichen, ſeine Theorie ſtark erſchütternden Zweifeln zu kämpfen, indeſſen er ging doch ſchließlich ſiegreich daraus hervor, nur wurde er verſchloſſener, iſolirter und vermied ſichtlich jede Aeußerung über Politik und Regierungs⸗Maßregeln, wenn er nicht durch ſein Amt dazu 3 ezwungen wurde. Am meiſten kränkte ihn das Verhälmiß des alten Für⸗ ſten zu ſeiner Maitreſſe, einer allgemein verhaßten Perſön— lichkeit, einmal, weil man dieſer Maitreſſenwirthſchaft herz⸗ lich überdrüſſig zu werden anfing, und dann, weil ſie ſelbſt keineswegs in beſcheidener Zurückgezogenheit lebte, ſondern mit denſelben Ehren, wie die Fürſtin, überall öffentlich er⸗ ſchien und ſich in ſehr verderblicher Weiſe in die Regie⸗ rungs⸗Geſchäfte miſchte. Die Gährung nahm im Lande ſichtlich zu, und das Begehren nach Entfernung der Gräfin wurde immer lauter und drohender. Der Geheimerath ſelbſt war ſehr glücklich verheirathet. Seine Frau, einem alten, aber verarmten Adels⸗Geſchlechte Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 1. 13 entſproſſen, befand ſich jetzt in der letzten Hälfte der Dreißig, war jedoch noch immer eine ſchöne und durch ihre hohe und volle Geſtalt imponirende Frau. Mehr als durch ihre körperliche Schönheit glänzte ſie jedoch durch ihren Verſtand und ihren Geiſt, der zugleich mit einer großen Herzensgüte und Reinheit gepaart war. Ihr beſonders war das Ver⸗ hältniß des Fürſten zur Gräfin ein Gräuel, und bei ihrem lebhaften, zum Theil ſogar unbeſonnenen Charakter ſprach ſie ihre Meinung oft unverhohlener aus, als es ihrem Manne angenehm war. Dazu kam, daß ſie auch in politiſcher Beziehung viel freiſinnigere Anſichten hatte, ſo daß es häufig zu ſehr lebhaften ehelichen Erörterun⸗ gen kam. Der Geheimerath liebte ſeine Frau, die er aus reiner Neigung geheirathet hatte, noch immer mit einer keines⸗ wegs leidenſchaftsfreien Zuneigung. Ihre Ehe war kin⸗ derlos geblieben, aber ihre gegenſeitige Liebe hatte darunter nicht gelitten, und ihr Glück wurde ſelbſt dadurch nicht ge⸗ trübt, daß die Geheimeräthin zu den entſchiedenen und an⸗ erkannten Anhängern der Fürſtin gehörte, in deren Gefolge ſie auch häufig öffentlich erſchien. Deſſen ungeachtet erhielt ſich der Geheimerath aber im ungeſchwächten Vertrauen des Fürſten, einmal ſeiner großen Geſchäftsgewandtheit und Brauchbarkeit wegen, und dann, weil man erkannt hatte, daß man ſich in allen wichtigen Dingen, trotz des Einfluſſes ſeiner Frau, doch feſt auf ihn — 195— verlaſſen könne. Sehr ungern hatte er, wie geſagt, den Auftrag, den Prinzen zu begleiten, angenommen, ſeine Einwendungen waren jedoch zurückgewieſen worden und er mußte abreiſen. Der Gedanke, daß er einen wohlthätigen Einfluß auf das Herz und die weitere Ausbildung des künftigen Fürſten ausüben werde, entſchädigte ihn einigermaßen für die lange Trennung von ſeiner Frau. Leider mußte er bald erken⸗ nen, daß er ſich in dieſer Vorausſetzung vollkommen ge⸗ täuſcht habe; denn das Verhalten des Prinzen hatte durch⸗ aus nicht ſeinen Beifall, und ſeine Vorſtellungen und ſelbſt“ ſeine ſehr ernſtlichen Ermahnungen, an denen er es keines⸗ wegs fehlen ließ, übten nicht die mindeſte Wirkung auf ſei⸗ nen halsſtarrigen Zögling. Als Leſſen die Wohnung des Prinzen verlaſſen hatte, klingelte dieſer einem Diener und ließ ſich anziehen, denn er pflegte die Vorträge des Profeſſors im Schlafrocke in Empfang zu nehmen. Sie wollen ausgehen? fragte der Geheimerath, als der Prinz angekleidet war und der Diener ſich wieder ent⸗ fernt hatte. Ja, erwiederte der Prinz; was ſoll ich länger hier, und es iſt ſchönes Wetter. Wollen wir nicht lieber reiten, eben weil es ſo ſchönes Wetter iſt? 13* Nein; ich habe noch einige Beſuche zu machen, auch langweilt mich dieſes einſame Herumreiten. Beſuche wollen Sie machen? Darf ich vielleicht wiſ⸗ ſen, wo? Mein Gott, ich will zu dem Curator der Univerſität und ihm einige freundliche Redensarten in Bezug ſeiner Betheiligung an Leſſen's Beförderung ſagen; der Mann iſt ſehr eitel, außerdem dürfte es paſſend ſein. Ganzpaſſend, bemerkte der Geheimerath; es freut mich, daß Sie dieſes anerkennen, ich werde Sie begleiten. Wozu? fragte der Prinz ſichtlich verdrießlich; der Zweck wird vollkommen erreicht, wenn ich allein gehe. Und außerdem wollen Sie noch einen anderen Beſuch machen, bei welchem Ihnen meine Gegenwart unan⸗ genehm iſt. Wenn Sie das wiſſen, weßhalb machen Sie mir denn den Vorſchlag, mich zu begleiten? Weil ich die mir von Ihrem Herrn Vater, meinem Fürſten und Herrn, übertragenen Fflichten erfüllen will, erwiederte der Geheimerath mit ernſtem und beſtimmtem Tone; ich kann hierbei auf Ihre Meinung und Ihre Nei⸗ gungen keine Rückſichten nehmen und habe nur zu bedauern, daß dieſe ſich immer mehr mit den Abſichten und Erwar⸗ tungen Ihres Herrn Vaters in Widerſpruch ſetzen. Sie belieben eine eigenthümliche Sprache zu führen, Herr Geheimerrath, ſagte der Prinz, indem er den leichten Stock, welchen er in der Hand hielt, mehrmals raſch durch die Luft bewegte; Sie ſollten Sich erinnern, daß nach un⸗ ſeren Geſetzen die Prinzen unſeres Hauſes mit achtzehn Jahren großjährig werden und ich bereits in das vierund⸗ zwanzigſte getreten bin, alſo nicht mehr unter Vormund⸗ ſchaft ſtehe.* Eine Vormundſchaft kann überhaupt nur eintreten, be⸗ merkte kalt der Geheimerath, wenn die Eltern eines Un⸗ mündigen geſtorben ſind. Sie haben das Glück, Ihre beiden Eltern noch zu beſitzen, und ſind, dreiundzwan⸗ zig oder achtzehn Jahre alt, Ihrem Herrn Vater, der außerdem noch Ihr Herr und Fürſt iſt, Gehorſam ſchul⸗ dig. Das Vertrauen Ihres Herrn Vaters, meines Herrn, hat mich, gegen meinen Wunſch und Willen, auf dieſen Platz geſtellt, und ich werde die mir obliegenden Pflichten ſo lange erfüllen, bis ich die Unmöglichkeit davon einſeche. Dann aber werde ich dieſes dem Fürſten, Ihrem Vater, melden und meine Entlaſſung nachſuchen. Ich verbiete Ihnen daher die ferneren Beſuche bei dem Lieutenant Steinberg! ſetzte er mit erho⸗ bener Stimme und einer ihm ſonſt nicht eigenen Erregung hinzu. Ach, das iſt alſo des Pudels Kern! lachte der Prinz in höhniſcher Weiſe auf, wobei er mit ſeinem Stocke wieder ſo heftig durch die Luft ſchlug, daß das leichte Rohr mitten 1 durchbrach; aber wenn Sie mir auch die Mündigkeit abſprechen, wobei ich Ihnen jedoch zu erwägen gebe, daß Sie nicht mein Vater, ſondern nichts als ein Diener unſe⸗ res Hauſes ſind,— wenn Sie mir daher auch die Mün⸗ digkeit abſprechen, ſo werden Sie doch wenigſtens zugeben müſſen, daß ich kein Kind mehr bin, welches man mit irgend einem Popanz ins Bett treibt. Da Sie Sich herausneh⸗ men, ſo ſonderbare V Verbote ergehen zu laſſen, ſetzte er ſpöt⸗ tiſch hinzu, ſo dürfte ich wohl berechtigt ſein, auch die Gründe zu erfahren, welche Sie dazu veranlaſſen. Die Gründe ſollten Ihnen ſelbſt mehr als hinlänglich bekannt ſein, ich zweifle auch nicht daran, daß dies der Fall iſt; da es aber doch einmal nöthig iſt, uns auszu⸗ ſprechen, ſo will ich Ihnen auch die Gründe durchaus nicht vorenthalten. Ich bin begierig, ſagte der Prinz, indem er ſich nie⸗ derſetzte. Als Erbprinz, als künftiger Fürſt eines ſouverainen Staates ſollte es Ihre Aufgabe ſein, durch ein in jeder Hinſicht tadelfreies Betragen dieſem hohen, Ihnen von der Vorſehung zugetheilten Berufe Ehre zu machen,— dies iſt eigentlich zu wenig, Sie ſollten durch Ihr Beiſpiel zeigen und es einem Jeden klar werden laſſen, daß Sie von der hohen Wichtigkeit Ihres Berufes durchdrungen ſind. Wenn der Unterthan in dem Fürſten ſeinen ihm von Gott gege⸗ benen Herrn erblicken und verehren ſoll, ſo muß er in ihm auch das Bild der möglichſten menſchlichen Vollkommenheit — 6 erkennen. Dies ſollten Sie in der jetzigen Zeit, wo die falſchen Lehren von der Beſchränkung der fürſtlichen Ge⸗ walt und der Betheiligung des Volkes an der Regierung immer mehr Boden gewinnen, ſchon der Klugheit wegen thun, und Ihre Fehler und Schwächen, denen ja alle Men⸗ ſchen unterworfen ſind, wenigſtens verbergen, und nicht offen und faſt abſichtlich zur Schau tragen. Ah— wir ſind ja hier im Auslande, lachte der Prinz, was kümmert mich das Volk hier! und übrigens, fuhr er ſpöttiſch und den Geheimenrath feſt anſehend fort, übrigens könnten Sie dieſe Strafpredigt mit demſelben Rechte, wie mir, auch meinem Vater, Ihrem Fürſten und Herrn, halten — ſie würde eben ſo paſſend wie unpaſſend ſein. Der Geheimerath war bei dieſer, jeder kindlichen Rück⸗ ſicht Hohn ſprechenden Antwort des Prinzen leichenblaß geworden, und es dauerte eine Zeit lang, ehe er eine Er⸗ wiederung zu finden vermochte. Ich ſehe, ſagte er dann, Sie haben bereits einen wei⸗ 5 teren Weg auf der abſchüſſigen Bahn des Verderbens zu⸗ rückgelegt, als ich geglaubt habe, denn was Sie Sich ſo eben zu äußern unterſtanden, überſchreitet weit die Gränzen des bloßen Leichtſinnes. Unterſtanden? fuhr der Prinz auf; wahrlich, Sie füh⸗ ren eine eigenthümliche Sprache, Herr Geheimerrath! Doch, ſetzte er dann mit ſeinem gewohnten, halb ſpöttiſchen, halb 5 nichtsſagenden Lächeln hinzu, was war denn an meiner . Aeußerung ſo Erſchreckliches? Glauben Sie etwa, daß bei der Jugend die täglich empfangenen Eindrücke ſpurlos vor⸗ übergehen? Können Sie annehmen, daß ich in meinem Vater, den ich ſonſt hoch verehre, etwa einen Tugendſpiegel habe erkennen können? Das iſt aber auch ganz und gar Nebenſache. Mein Vater iſt ein kräftiger, ſtarker Geiſt, der die Zügel der Regierung mit ſicherer Hand führt und ſich nicht um die Vorurtheile und das Geſchrei der unver⸗ ſtändigen, ſchwatzenden Menge kümmert. Das genügt vollſtändig. Er weiß, was er will, und wird ſeinem Willen Achtung verſchaffen, deßhalb ſchätze und verehre ich ihn. Daß er ſeine Paſſionen hat, wie jeder andere Menſch, geht Niemanden etwas an, Niemand hat ein Recht, ſich darum zu kümmern. Wozu wäre er Fürſt, wenn er ſich darin beſchränken laſſen ſollte? Laſſen wir das, ſagte der Geheimerath, dem die Wen⸗ dung, welche das Geſpräch genommen hatte, im höchſten Grade peinlich zu werden anfing; wenn Sie Sich für be⸗ rufen halten, in dieſer Weiſe über Ihren Fürſten und Vater zu urtheilen, ſo mögen Sie dies bei Sich ſelbſt verant⸗ worten; Sie werden aber wenigſtens zugeben müſſen, daß es für mich, den Unterthan, im höchſten Grade unpaſſend ſein würde, das Geſpräch weiter fortzuſetzen. Sie mögen Recht haben, ſagte der Prinz aufſtehend, ſo laſſen wir es alſo— ich will gehen. Sie fragten mich aber vorher nach den Gründen meines Verbotes, Herrn Lieutenant Steinberg ferner zu beſuchen, bemerkte der Geheimerath; wollen Sie dieſelben nicht wiſſen? Ich dachte, Sie hätten Sie mir geſagt. Nicht ganz. Nun, ich bin begierig. Der Lieutenant Steinberg iſt ſeit vier Monaten ver— heirathet, begann der Geheimerath, indem er ſeinen Blick von dem Prinzen abwandte, ſeine Frau, iſt jung und hübſch und beſitzt, wovon ich mich ſelbſt überzeugt habe, einen nicht unbedeutenden Hang zur Coquetterie, allerdings in der beſſeren Bedeutung des Wortes. Schon unſere Theil— nahme an der Hochzeit hat zu vielfachem Gerede Veran⸗ laſſung gegeben, und wie immer fehlte es nicht an Stim— men, die darin Nachtheiliges für den Ruf der jungen Frau entdeckten. Seitdem ſind Sie faſt ein täglicher Beſucher in dem Hauſe des Lieutenants und zeichnen die junge Frau überall, wo Sie am dritten Orte mit ihr zuſammenkom⸗ men, in auffallender Weiſe aus. Ihr Mann ſcheint dies kaum zu bemerken, oder er gehört zu den niedrigen Natu⸗ ren, die ſich dadurch geehrt fühlen. Wenn Sie daher wirk⸗ lich einige Zuneigung für die junge Frau empfinden, eine Zuneigung, welche doch nur auf Achtung gegen ſie beruhen kann, ſo werden Sie ſelbſt eingeſtehen müſſen, daß es ihres Rufes wegen nöthig iſt, Ihre Beſuche zu beſchränken, über⸗ haupt Ihr Benehmen zu ändern. Die Menſchen urtheilen immer nach dem äußeren Schein, und während ich ſelbſt weit entfernt bin, irgend eine unlautere Abſicht bei Ihnen vorauszuſetzen, erfordert es doch Ihre eigene Ehre, den Ruf und die Ehre dieſer Frau nicht durch ein leichtſinniges Betragen zu compromittiren. Der Prinz hatte der längeren Rede des Geheimenraths mit ſich immer ſteigerndem Erſtaunen zugehört. Es iſt alſo nur Theilnahme für die junge, hübſche Frau, fragte er dann, die Sie bewegt, mich von ihr fern zu halten? Nicht Theilnahme für die junge Frau, die mir an ſich höchſt gleichgültig iſt, erwiederte der Geheimerath nicht ohne Verlegenheit, ſondern lediglich der Wunſch, daß man Sie und Ihren Namen nicht zum Mittel gebrauche, den Ruf einer unbeſcholtenen Frau, wenn auch unverdienter Weiſe, zu gefährden. Sie ſind wirklich erſtaunlich beſorgt, ſagte ſpöttiſch der Prinz— ich danke Ihnen, daß Sie Ihre An icht ſo klar und offen ausgeſprochen haben, und werde ſie in Erwä⸗ gung ziehen. Für heute habe ich aber meinen Beſuch zu⸗ geſagt, und da würde es unverantwortlich ſein, nicht Wort zu halten. Alſo auf Wiederſehen! Der Prinz entfernte ſich mit dieſen Worten, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, während der Geheimerath noch längere Zeit in dem Zimmer auf und ab ging. Er ſchien ſichtlich mit einem Entſchluſſe zu kämpfen und ſetzte ſich endlich an den Schreibtiſch, wo er, ſich öfter wieder durch Nachdenken unterbrechend, ſchrieb. Als er fertig war, überlas er das Geſchriebene nochmals— es war ein Be⸗ richt an den Fürſten, worin er um ſeine Rückberufung bat—, dann zerriß er das Papier wieder, indem er in neuer Aufregung aufſtand.— Nein, es geht nicht, ſagte er, es geht nicht, der Fürſt würde nur heftig und zornig werden und meinen Wunſch doch nicht erfüllen— auch bin ich ja hier jetzt nöthiger als bisher. Da der Prinz ſich in beſtimmter Weiſe dahin ausge⸗ ſprochen hatte, ungeachtet des Widerſpruchs ſeines Men⸗ tors einen Beſuch bei der Frau Steinberg machen zu wol⸗ len, wir alſo mit ihm zuſammentreffen werden, weil wir die Abſicht haben, ſelbſt ungeſehen uns dorthin zu begeben, ſo eilen wir ihm voraus, um zu erforſchen, wie die junge Frau ſich eingerichtet hat. Ihre Wohnung iſt nicht ſehr geräumig; ſie beſteht aus vier Zimmern und einer ſehr kleinen Küche. Eines dieſer Zimmer iſt dasjenige des Lieutenants und zugleich das ge⸗ meinſchaftliche Wohnzimmer, eines gehört ausſchließlich der Frau, eines iſt das Schlafzimmer, und in dem letzten endlich ſtehen mehrere Schränke und dergleichen ſo wie das Bett der alten Margareth, welche mit dem Paare gezogen iſt und nebſt dem Burſchen des Lieutenants die Bedienung repräſentirt. Auch die Einrichtung iſt möglichſt einfach. Die Möbel ſind von Nußbaumholz, durchaus nicht koſtbar und lediglich auf das nothwendige Bedürfniß beſchränkt. Es iſt zehn Uhr Morgens, aber es ſieht noch ziemlich un⸗ ordentlich in den beſchriebenen Räumen aus. Auf dem Tiſche vor dem Sopha in des Lieutenants Stube, der be⸗ reits ausgegangen iſt, ſteht noch das Kaffeegeſchirr, und mancherlei umher liegende Gegenſtände zeigen uns, daß man mit dem Aufräumen der Zimmer noch im Rück⸗ ſtande iſt. Nettchen befindet ſich mit Margareth und dem Burſchen in der kleinen Küche, deren Thür nach dem anſtoßenden, ſehr unordentlich ausſehenden Vorrathszimmer offen ſteht; ſie hält dem Burſchen eine längere Strafpredigt über ſeine Dummheit, der Fall muß ihr jedoch ſelbſt lächerlich erſchei⸗ nen, denn ſie zwingt ſich offenbar, ernſt und böſe auszu⸗ ſehen, welches ihr aber ſo ſchlecht gelingt, daß ſie ſelbſt end⸗ lich in ein lautes Lachen ausbricht. Komm, komm, Margareth! rief ſie dann, ihrem Ge— lächter abermals freien Lauf laſſend, gleichſam, als ob ſie ſich für das längere Zurückhalten deſſelben entſchädigen wollte, der Peter wird künftig klüger ſein, wenigſtens ſo klug, als es ihm möglich iſt; nicht wahr, Peter? fragte ſie dann und brach in ein abermaliges lautes Lachen aus, als der in aufrechter und grader Haltung vor ihr ſtehende Burſche ſein ſtets bereites„zu befehlen“ erwiederte. Räume auf, räume auf, Margareth! rief ſie, als ſie mit dieſer ſich in dem Wohnzimmer befand; es iſt ſchon halb eilf und es ſieht noch gewaltig unordentlich aus. In einer Stunde werden wir wahrſcheinlich Beſuch erhalten, und ich bin noch im tiefſten Negligé. Man kann faſt nicht mehr fertig werden, eiferte die alte Dienerin vor ſich hin, indem ſie die Taſſen fortnahm; ich wollte lieber ganz allein ſein, als mit dieſem dummen Töl— pel zuſammen, der doch Alles verkehrt macht. Mein Gott, er thut, was er kann, und hat den beſten Willen; man muß von Niemandem mehr verlangen, als wozu er befähigt iſt; außerdem iſt mein Mann mit ihm zufrieden, und das bleibt die Hauptſache. Warum er ſich gerade aus dem ganzen Regimente dieſen Nun laß das endlich, unterbrach Nettchen; wenn du hier fertig biſt, komm und hilf mir beim Anziehen. Nettchen ging mit dieſen Worten in das Nebenzimmer, ſetzte ſich vor den Spiegel und begann, ihre ſchönen, lan⸗ gen, dunkeln Haare zu ordnen. Zu ihrem Lobe müſſen wir berichten, daß ſie auf ihren Anzug nur eine verhält⸗ nißmäßig kurze Zeit verwandte und der alten Margareth Hül fsleiſtungen dabei von ſehr unweſentlicher Art waren; denn ſchon nach einer Viertel lſtunde trat ſie wieder vollſtän⸗ dig angezogen in das Wohnzimmer. Ihr Anzug war durchaus einfach, aber ſie ſah deſſen ungeachtet ſehr vor— theilhaft darin aus, denn ſie gehörte zu denjenigen Frauen, welche auch im gewöhnlichen Hauskleide hübſch und reizend — ſind, vielleicht hübſcher und reizender, als in einer gewähl⸗ ten Toilette, während es andere und viele gibt, bei welchen, wenn ſie ſich auch noch ſo ſehr mit koſtbaren Stoffen und Schmuckſachen behängen, doch ſtets eine das Auge ver⸗ letzende Disharmonie und Unfertigkeit zu Tage kommt. Der ihre zierliche, biegſame Geſtalt bis zum Halſe um⸗ ſchließende Ueberrock von dunkelm, fein geſtreiftem Zeuge hob ihre ſchlanke Taille vortheilhaft hervor. Nachdem ſie dann noch ein kleines rothes Tuch um den Hals gebun⸗ den und um ihre feinen Knöchel ein Paar weiße Man⸗ ſchetten geknöpft hatte, ſo daß ihre ohnehin ſehr kleinen Hände dadurch noch kleiner ausſahen, hätte auch ein ſcharfer Kritiker des weiblichen Anzuges den ihrigen zwar höchſt einfach, aber tadellos und geſchmackvoll finden müſſen. Sie öffnete jetzt die Thür nach ihrem Zimmer, deſſen Einrichtung ebenfalls von der anderen nicht abwich, ſetzte ſich vor ihren Nähtiſch ans Fenſter und beſchäftigte ſich mit einer Stickerei. Nachdem ſie ſo einige Zeit ſchweigend ge⸗ ſeſſen, während ihre Blicke öfter von der Arbeit den Weg zur Straße hinab gefunden hatten, ſprang ſie plötzlich auf und trat an den Blumentiſch, welcher mit ſeinem zum Theil koſtbaren Inhalte einigermaßen mit den übrigen Möbeln und Geräthen im Widerſpruch ſtand. Dieſe Blumen waren Geſchenke ihres Vaters, der ſogar einige ſeiner Lieb⸗ linge der Tochter geopfert hatte, in der Vorausſetzung, daß — ſie ſich eben ſo ſehr darüber freuen würde, wie er. Dies war auch anſcheinend der Fall geweſen; Nettchen hatte die Blumen mit großem Entzücken empfangen, aber ſchon nach ſehr kurzer Zeit erkannte das geübte Auge des Vaters, daß ihnen nicht diejenige Pflege zu Theil geworden, welche die Kinder des Frühlings zu ihrem fröhlichen Gedeihen durch— aus verlangen, und es war daher bereits mehrmals zu ſehr verdrießlichen Auftritten gekommen. Nettchen machte ſich nichts aus Blumen, wenigſtens fand ſie keinen Geſchmack an deren Pflege; auch dieſe ſahen daher bald mehr oder weniger verkümmert aus, ſo daß ihr Vater ſie gar nicht mehr ſehen mochte. Jetzt ſprang ſie 3 auf, weil ſie ſich erinnerte, daß ſie begoſſen werden mußten. Sie holte Waſſer und beeilte ſich, das Geſchäft zu beenden. 3 Ach, dieſe Blumen, ſeufzte ſie, man hat immerfort mit merz weßhalb ſie der Vater nicht lieber im Treibhauſe und im Garten gelaſſen hat, ich hätte ſie dort eben ſo gut ſehen ihnen zu thun und ſie gedeihen doch einmal nicht im Zim⸗ fönnen, ohne daß ich nöthig gehabt hätte, ſie entweder zu viel oder zu wenig zu begießen! Schade— dieſe ſcheint wirklich vertrocknet zu ſein, fuhr ſie fort, einen Topf her⸗ ausnehmend, und doch habe ich ſie erſt geſtern oder vor 3 einigen Tagen begoſſen— nun, ſie ſtanden ſo viel zu dicht — fort damit! Sie trug die Gießkanne und die vertrock⸗ nete Blume hinaus und nahm ihren alten Platz wie⸗ der ein. 5 Ah, er kommt, ſagte ſie nach einiger Zeit, indem ſie, ohne den Kopf zu bewegen, verſtohlen von der Arbeit hin⸗ unter auf die Straße blickte— natürlich kommt er— aber ich werde ihm zeigen, daß ich mir dergleichen ferner nicht mehr gefallen laſſe. Kurze Zeit darauf trat der Prinz in das Zimmer. Guten Morgen, Nettchen, ſagte er, indem er dicht zu ihr herantrat und ihr ſeine Hand entgegenhielt, guten Mor— gen, liebes Nettchen; immer ſo fleißig? Wollen Sie nicht Platz nehmen, erwiederte ſie gemeſſen, ohne von ihrer Arbeit aufzuſehen. Der Prinz holte ſich einen Stuhl und ſetzte ſich dicht neben ſie. Rücken Sie etwas fort, ſagte ſie; es genirt mich, ich kann ſo nicht ſticken. Was iſt Ihnen denn? Wie ſind Sie heute ſo ſonder⸗ bar? fragte er, ohne ihrer Weiſung nachzukommen, indem er ſich vielmehr bemühte, ihre Hand zu faſſen. Laſſen Sie das, ſprach ſie in demſelben Tone, es iſt mir unangenehm, und rücken Sie endlich den zurück, oder ich bin genöthigt, aufzuſtehen. Aber was haben Sie denn? fragte er wieder in ſicht⸗ lichem Erſtaunen; was iſt denn vorgefallti? Habe ich 20 etwas gethan, was Ihnen unangenehm wäre? So reden. Sie doch, ich wüßte nicht, was Ihnen Veranlaſſung zu einem ſolchen Benchmen geben könnte! Zu einem ſolchen Benehmen? wiederholte ſie; ich ſollte meinen, mein Benehmen wäre durchaus ſo, wie es ſein ſoll. Oder haben Sie vielleicht ein Recht, ein anderes Benehmen von mir zu verlangen? Ein Recht? fragte er, deſſen Erſtaunen anfing, ſich mit einiger übler Laune zu paaren; wie Sie es nehmen wol⸗ len. Ich glaube allerdings eine Berechtigung zu haben S 9 8 5 von Ihnen freundlich behandelt zu werden, wenn ich zu Ihnen komme, oder vielmehr, wenn mein Herz mich treibt, Sie aufzuſuchen, ſetzte er wieder freundlich hinzu. Dieſe Berechtigung haben Sie mir ſelbſt dadurch einge⸗ räumt, daß Sie bisher ſo gut und lieb gegen mich gewe⸗ ſen ſind. Ihr Herz? fragte ſie ſpöttiſch; ihr Herz treibt Sie? Es ſcheint, daß Ihr Herz Sie ſehr oft treibt, und zwar auf allerlei Wege— doch laſſen wir das, ſetzte ſie mit einem faſt verachtungsvollen Tone hinzu; ich nehme durchaus keine Berechtigung in Anſpruch, dergleichen Fragen an Sie zu richten. Es iſt heute recht ſchönes Wetter; ſind Sie ſchon ausgeweſen? Iſt Leſſen's Ernennung zum ordent⸗ lichen Profeſſor noch immer nicht gekommen? Es ſcheint mir faſt, daß Sie Ihren Einfluß in dieſer Sache, wie in vielen anderen, doch überſchätzt haben. Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 1. 14⁴ Die Miene des Prinzen verfinſterte ſich nun wirklich, er rückte ſogar den Stuhl zurück und ſtarrte ſie dann mit keineswegs freundlichen Blicken an, denn die letzte boshafte Bemerkung hatte ſeine Eitelkeit ſehr ſtark verletzt. Leſſen's Ernennung zum ordentlichen Profeſſor iſt ge⸗ kommen, ſagte er dann in gemeſſenem Tone; Sie mögen daraus erſehen, daß ich denen, welchen ich wohl will, nütz⸗ lich ſein kann. So, iſt ſie endlich gekommen? fragte Nettchen mit voll⸗ tommen gleichgültiger Miene; nun, es hat wenigſtens lange genug gedauert. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, gnädige Frau, ſagte der Prinz aufſtehend, indem ſich ſein Geſicht vor Zorn röthete, ich werde Sie ferner mit meiner Gegenwart nicht mehr beläſtigen. Handeln Sie ganz nach Ihrem Belieben, erwiederte ſie in derſelben Weiſe, jedoch dieſes Mal nicht, ohne ihre Augen zu dem Prinzen zu erheben, ſo daß Beider Blicke ſich einen kurzen Moment begegn eten. Dieſer, welcher raſch bis an die Thür des Zimmers gegangen war, blieb, von dem Zauber dieſes Blickes gebannt, unſchlüſſig ſtehen, obgleich ſie ihre Augen längſt wieder auf ihre Arbeit ge⸗ ſenkt hatte. Der Zorn und die Empfindlichkeit, der er ſich hingegeben, fing allmählich an, abzunehmen und anderen Gefühlen Platz zu machen. Sein Blick ruhte unverwandt auf der ruhig weiter arbeitenden jungen Frau, und er „ glaubte zu ſehen, daß ihre Miene jetzt weniger abſtoßend und weniger hart ſei. Das bemerkte er aber immer mehr, daß ſie heute beſonders hübſch und reizend ausſah, nament⸗ lich jetzt, wo ſie die Nadel einen Augenblick zwiſchen den ſchwellenden, korallenrothen Lippen preßte und dann wieder die wunderbar kleine und zierliche Hand ſo graziös auf und nieder bewegte. Langſam trat er um einige Schritte näher— er erwar⸗ tete offenbar eine Frage, weßhalb er nicht gehe, oder ob er bleiben wolle, wenigſtens einen fragenden oder freundlichen Blick; es erfolgte aber von allem dem nichts, ſie verharrte ſchweigend und ohne außzuſehen in ihrer bisherigen Be⸗ ſchäftigung. Er ſchien wieder unſchlüſſig, was er thun ſolle; dann aber gewann plötzlich die zärtlichere Regung die Ober⸗ hand, raſch trat er zu ihr heran und erhaſchte eine ihrer Hände. Nettchen, ſagte er dann, könnten Sie es wirklich über Ihr Herz bringen, mich ſo gehen zu laſſen? Ich habe Sie ja nicht dazu aufgefordert, erwiederte ſie, indem ſie einen Verſuch machte, ihm ihre Hand wieder zu entziehen. Mit Worten nicht, aber durch Ihr Benehmen. Froh und heiter komme ich zu Ihnen, fuhr er lebhafter fort, nach⸗ dem ich erſt deßhalb mit dem Geheimenrathe einen unan⸗ 14 genehmen Auftritt gehabt hatte; meine Sehnſucht nach Ihnen war niemals ſo groß, ich dachte, in Ihrer Freund⸗ lichkeit, in Ihrer Theilnahme eine Entſchädigung zu erhal⸗ ten— ſtatt deſſen behandeln Sie mich nicht wie einen Frem⸗ den, nein, wie Jemanden, deſſen Gegenwart Ihnen unan⸗ genehm und läſtig iſt. Womit habe ich das verdient, Nettchen? Wollte Gott, Sie wären es! ſagte ſie mit einem zor⸗ nigen Blitze ihrer Augen und indem ſie ihre Hand plötzlich frei machte— wenn Sie es wären, würde ich die Krän⸗ kungen nicht empfinden, die Sie mir zufügen— Ihr Be⸗ tragen würde mich ja dann nichts kümmern, Sie könnten Sich herumtreiben, wo es Ihnen beliebte— doch, wie thöricht, wie unklug bin ich, daß ich ſo zu Ihnen rede! Hören Sie nicht darauf, denn ich ärgere mich, daß ich mich habe verleiten laſſen, Ihnen dies zu geſtchen. Der Prinz war bei Nettchens Worten zuerſt ſichtlich verlegen geworden, denn er hatte ein böſes Gewiſſen; dann aber erkannte er, daß nur die Eiferſucht ſie zu dieſem Be⸗ nehmen gegen ihn veranlaßt haben könne, und das ſchmei⸗ chelhafte Gefühl, der Gegenſtand ihrer Eiferſucht zu ſein, erfüllte ſein Herz mit Wonne. Ich ſehe, man hat mich bei Ihnen verleumdet, liebes Nettchen, ſagte er daher mit ſchmeichelnder Stimme, indem er ſich wieder ihrer Hand bemächtigte, die ſie ihm jetzt nicht mehr entzog— man hat einige muthwillige Streiche, die ich ſelbſt ernſtlich bereut habe, in einem nachtheiligen Lichte dargeſtellt, um Ihr Herz von mir abzuwenden. Aber was hat dies mit unſerm— unſerm Verhältniß zu thun— er ſprach das letzte Wort mit etwas unſicherer Stimme— Sie ſind mir viel zu werth, ſtehen mir viel zu hoch, als daß ich Sie in Gedanken auch nur in den allerentfernteſten Zuſam⸗ menhang mit dieſen durch Weingenuß erzeugten Verirrungen hätte bringen können. Aber ich ſehe ein, ich habe gefehlt, nie ſollen Sie mehr Veranlaſſung haben, mir derartige Vorwürfe zu machen— vergeben Sie mir, ſüßes Nettchen, ſeien Sie lieb, ſeien Sie gut, folgen Sie der Stimme Ihres Herzens.— Er hatte ſie bei dieſen Worten umſchlungen und drückte ſie feſt an ſich. O, es wäre ſchrecklich, es wäre fürchterlich! hauchte ſie, indem ſie ihr Geſicht abwandte, als ob ſie ihre innere Be⸗ wegung verbergen wollte, es wäre ja ſchrecklich, wenn Sie Recht hätten! Schrecklich, wenn ich Recht hätte? ich verſtehe Sie nicht, Nettchen. Es iſt gut, daß Sie mich wenigſtens nicht verſtehen— und doch nahmen Sie an, mein Herz wäre die Veranlaſ⸗ ſung zu den Vorwürfen, die ich Ihnen vorhin machte— denken Sie nicht mehr daran, es war nichts als eine Laune — aber, nicht wahr, Sie glauben nicht, daß mein Herz irgend daran betheiligt geweſen iſt? — 214— Wenn Sie wüßten, wie glücklich Sie mich in dieſem Augenblicke machen und wie reizend Sie ausſehen, indem Sie Sich bemühen, die Empfindungen Ihres Herzens vor mir zu verbergen! Warum ſoll es denn fürchterlich und ſchrecklich ſein, wenn wir uns lieben? Sprechen Sie es immerhin aus, daß Sie mich ein wenig lieb haben, nur den hundertſten Theil ſo viel, wie ich Sie, und geben Sie Sich der feſten Ueberzeugung hin, daß, ſo lange Leben in dieſer Bruſt iſt, ſie nur für Sie ſchla⸗ gen wird. Sie hörte ihm ſchweigend zu, ihr Kopf ruhte immer noch an ſeiner Bruſt, dann bückte er ſich herab, und ihre Lippen ruhten längere Zeit auf einander. Seine Küſſe wurden glühender— da ſprang ſie plötzlich wie aus einem Traume erwachend auf, indem ſie ſich von ihm losriß. Ach, rief ſie mit bebender Stimme, wie ſehr habe ich gekämpft, und nun war meine Schwäche doch größer, als meine Stärke und all meine guten Vorſätze— o, wie un⸗ glücklich ich bin! Unglücklich? flüſterte er, können Sie unglücklich ſein mit dem Bewußtſein, ſo unendlich glücklich und ſelig zu machen? Können Sie unglücklich ſein, wenn Sie wiſſen und überzeugt ſind, daß Sie wahr und innig geliebt wer— den? Was kümmern uns die Vorurtheile der Welt? fuhr er mit Selbſtgefühl fort, vertrauen Sie mir, dem Sie jetzt angehören und der den Willen und die Macht hat, Sie den unwürdigen Banden zu entreißen, in welche Sie jetzt gefeſ⸗ ſelt ſind. Reden Sie nicht ſo, reden Sie nicht ſo, ſagte ſie jetzt wirklich in ſichtlicher Beſorgniß— vergeſſen Sie dieſe Stunde— vergeſſen Sie meine Schwäche, ſchonen Sie mich, wir dürfen uns niemals wiederſehen. Nein, Nettchen, rief er, nein, denn Sie fordern das Unmögliche von mir, Sie haben mir den Himmel gezeigt und wollen mich jetzt ſofort wieder daraus verſtoßen! Alles, was Sie verlangen, will ich thun, aber dieſe Bitte kann ich nicht erfüllen. So gehen Sie denn jetzt, ſagte ſie voll Unruhe, bewei⸗ ſen Sie mir wenigſtens dadurch, daß Ihre Worte nicht leere Verſprechungen ſind— und daß Sie mich noch achten, ſetzte ſie leiſer hinzu. Ich gehe, erwiederte er, ich gehe, weil Sie es wollen und um Ihnen den größten Beweis meiner Liebe zu geben. Er ging. An der Thür wandte er ſich nochmals um und winkte ihr zärtlich zu, während ſie unbeweglich mit niedergeſchlagenen Augen da ſtand. Erſt als er fort und ſein Tritt verhallt war, richtete ſie ſich auf und trat mit einem tiefen Athemzuge ans Fenſter. Er ging grüßend unten vorüber und ſie nickte ihm leiſe und wehmüthig zu. Dann trat ſie vor den Spiegel und ord⸗ nete ihr Haar. Wie mein Geſicht glüht, ſprach ſie vor ſich hin— ich habe mich hinreißen laſſen— ich hätte vorſichtiger ſein ſollen— und dann— dann wäre es wirklich ſchrecklich, wenn er Recht hätte— denn was ſoll ſchließlich aus dem allem werden? Meuntes Angitel. haß und Liebr. Ich liebe ſie mit Allgewalt, Mit Flammen, die mich verzehren,— Iſt das der Hölle Feuer ſchon, Die Gluthen, die ewig währen? Heine. Das Semeſter neigte ſeinem Ende zu, und auch der Sommer fing an, bereits mit dem Herbſte zu liebäugeln. Statt der grünen Kornfelder herrſchte die gelbliche Farbe draußen vor, und das Auge ſtreifte ſchon hier und da über kahle Stoppelfelder. Die ſchönſten Blumen, die eigent⸗ lichen Kinder des Frühlings, waren längſt verblüht, und ſtatt der zarten und jungfräulichen Farben, mit denen ſie ſich ſchmücken, herrſchten jetzt diejenigen des reiferen Alters, das Gelb mit ſeinen mannigfachen Abſtufungen und Schat⸗ tirungen vor. Das Jahr war in das Mannesalter ge⸗ treten, in jene Zeit, welche noch immer voll Sehnſucht nach der ſo ſchnell entſchwundenen Jugend zurückblickt und — 218 ½ es ſich ſelbſt nicht geſtehen will, daß ſie derſelben nicht mehr angehört. Es liegt ein eigenthümlicher Zauber, eine wohlthuende Ruhe und zugleich eine ſehnſuchtsvolle Trauer in dieſer Jahreszeit, wo die Cirrus⸗Wolken mit ihren langen, feder⸗ artigen Streifen hoch oben durch den blauen Himmel ziehen, wo die Zugvögel anfangen, ſich in Schaaren zu verſam⸗ meln, um ihre bevorſtehende Abreiſe zu berathen, wo die Schnitter hinausziehen, den Segen des Jahres einzubringen, und ſich an den Bäumen die gelben Blätter einfinden wie die erſten Silberfäden in den Locken des Mannes; wo die Aſtern und das Geisblatt blühen und der jugendliche Schmelz in der Natur längſt einer kräftigen, jedoch ſchon an das Vergehen mahnenden Reife Platz ge⸗ macht hat. So empfanden die Menſchen damals, als der Auguſt zu Ende ging, ähnlich haben ſie ſtets empfunden, Alle, die längſt die Erde mit ihren wechſelnden Jahreszeiten wie⸗ der verlaſſen, und ähnlich wird auch das Empfinden Derer ſein, die nach dem jetzt lebenden Geſchlechte eine kurze Spanne Zeit die Erde bewohnen werden, alle die Millio⸗ nen Millionen, um wieder zu verwelken und zu vergehen, wie die Blätter der Bäume. Jede Periode des Lebens hat, wie Alles, ihren Anfang und ihr Ende; in der Jugend ſind dieſe Ab⸗ ſchnitte kürzer, weil wir uns im Werden, in der Entwick⸗ — 219 lung befinden, ſpäter, wenn wir zum Stillſtande oder zum Rückgehen kommen, werden ſie länger, weil wir immer die in uns ſelbſt vorgehenden Veränderungen als Zeitmeſſer gebrauchen. Deßhalb erſcheint uns die Jugend in der Erinnerung ſo lang und das reifere, einförmig dahin ziehende Alter ſo kurz. Für den Studenten bilden die Univerſitätsjahre einen ſolchen ſtets unvergeßlichen Abſchnitt, und die Zeit, wo er ihn beenden muß, iſt für ihn eines der wichtigſten Ereig⸗ niſſe. Dieſes Ereigniß ſtand dem jungen Horſt nahe bevor. Er hatte als Forſt⸗Candidat überhaupt nur ein Jahr auf der Univerſität zugebracht und konnte, nach den über die Ausbildung der ſich dem Forſtfache widmenden jungen Leute beſtehenden Vorſchriften, auch keine längere Zeit dar⸗ auf verwenden. Es lag ihm jetzt ob, ſeine Lehrjahre bei einem Oberförſter durchzumachen, und erſt nach Vollen⸗ dung dieſes mindeſtens zweijährigen Curſus konnte er das Oberförſter-Eramen beſtehen. Aber auch dann erfolgte keineswegs ſofort ſeine Anſtellung, ſondern dieſe hing le⸗ diglich von den vorhandenen Vacanzen ab, die in dem nicht großen Staate, deſſen künftiger Regent der Erbprinz war, bei der geringen Anzahl derartiger Stellen oft ſehr lange auf ſich warten ließen. Horſt's Vater war ebenfalls Forſtmann, hatte es jedoch nur bis zum Hegemeiſter gebracht, eine Stellung, die, zwiſchen Förſter und Oberförſter ſtehend, nur mit einem verhältnißmäßig dürftigen Einkommen verbunden war. Die Urſache, daß der alte Horſt auf dieſer niedrigen Stufe ſtehen geblieben war, lag keineswegs in dem Mangel ſeiner Kenntniſſe oder ſeiner Bildung, er hatte ebenfalls ſtudirt und die Forſt-Akademie beſucht, ſich dann aber verliebt und es vorgezogen, bei den ſehr entfernten Ausſichten zu einer Anſtellung in der ſogenannten höheren Carrière, eine Förſterſtelle anzunehmen, weil er die Erreichung des näch⸗ ſten Zieles, die Gründung einer Häuslichkeit und den Beſitz ſeiner geliebten Braut, vor allem Anderen er⸗ ſtrebte. Später, als der Ernſt des Lebens ſich geltend machte, als er jeden Weg zu einem höheren Streben, zu einer um⸗ faſſenderen, ſeinen Fähigkeiten mehr zuſagenden Thätigkeit ſich verſchloſſen ſah, hatte er dieſen Schritt oft im Stillen bereut, aber dieſe Reue nie laut werden laſſen, um ſeine Frau nicht zu kränken. Der in jeder Bezichung tüchtige, mit beſonderen Kenntniſſen ausgerüſtete pflichttreue Förſter war, ſo viel thunlich, befördert worden und hatte die Stelle eines Hegemeiſters in einem abgeſonderten Reviere erhalten, wo ſeine Beſchäftigung ſelbſtſtändiger und ſein Einkommen ebenfalls beſſer, jedoch verhältnißmäßig immer gering war. Eine hübſche Wohnung, dreißig Morgen Dienſtland und ein Einkommen von 200 bis 250 Thalern nöthigte die kleine Familie, ſich vielfache Einſchränkungen aufzulegen. Sie thaten dies und hatten bald keine anderen Bedürfniſſe mehr, als die ſie zu befriedigen im Stande waren; ſie lebten alſo glücklich, denn nicht die Befriedigung aller Wünſche macht das Glück, ſondern die Fähigkeit, nicht mehr Bedürfniſſe, nicht mehr Wünſche zu haben und zu hegen, als wir zu befriedigen im Stande ſind Die Geburt eines Sohnes und das kräftige Gedeihen deſſelben erhöhte noch das Glück dieſes einſamen Paares. Robert wuchs zur Freude ſeiner Eltern heran und entwickelte ſich körperlich und geiſtig, alle ihre Erwartungen erfüllend. Im grünen Walde unter den Bäumen, faſt in ſteter Ge⸗ ſellſchaft ſeines Vaters, fern von den übrigen Menſchen und nur im Umgange mit ſeinen Eltern und der Natur verlebte er ſeine erſte Jugend, jene Zeit, deren Eindrücke ſich niemals aus der Seele des Menſchen verwiſchen und im ſpäteren Leben ſtets wieder ſichtbar hervortreten. Den erſten Unterricht übernahm ebenfalls ſein Vater, der Sohn lernte das Meiſte im belehrenden Geſpräche draußen im Walde. Später mußte er doch fort in die nicht entfernte Stadt, um die Schule zu beſuchen. Es war eine ſchwere Zeit für ihn, bis er ſich an dieſe engen Schranken und all den ihm ſo fremden Zwang gewöhnt hatte. Jeden Sonn⸗ abend Nachmittag wanderte er aber frohen Herzens dem väterlichen Hauſe zu, wo er, außer faſt allen Sonntagen, auch die Ferien zubrachte. Daß er auch Forſtmann wer⸗ den würde, ſtand bei Vater und Sohn als etwas Unzwei⸗ felhaftes feſt. Aber der Vater unterließ es nicht, dem — — Sohne von Jugend an einzuprägen, daß es nothwendig ſei, ſich für jede höhere Stellung zu befähigen. Wir leben zwar glücklich und zufrieden, Robert, hatte er ihm oft geſagt, ich wünſche mir jetzt gar keine andere Stellung mehr, aber dennoch bereue ich es noch immer, daß ich mich von dem Verlangen nach Selbſtſtändigkeit habe verleiten laſſen, nicht das Oberförſter⸗Eramen zu be⸗ ſtehen. Es hat auch bei mir längere Zeit und mancher Reſignation bedurft, che ich mich mit dem Gedanken ver⸗ traut machen konnte, daß meine Laufbahn abgeſchloſſen und mir zu jeder weiteren Beförderung ein Riegel vorge⸗ ſchoben ſei. Deßhalb beherzige meine Worte: Verſäume nichts, um dich zu befähigen, deinen Weg fortſetzen zu können, ſo weit es Neigung und Glück dir geſtatten, aber laß keine hindernde Schranke dazu unüberſtiegen, das ganze, große Waldrevier muß dir offen ſtehen, nicht nur ein ein⸗ zelnes kleines Geſtell, in dem ich mich hin und her bewegen muß, bis an mein Ende. Die Lehren des Vaters fielen bei dem Sohne auf fruchtbaren Boden, denn ſeine junge Seele war nicht ohne Ehrgeiz und die Worte ſeines Vaters für ihn ohnehin ein Evangelium. Als er dann ſpäter auf die Univerſität zog und dort von den geringen Mitteln, welche ihm ſeine Eltern ge⸗ währen konnten, mit großer Einſchränkung lebte, wurde der Gedanke in ihm immer mächtiger und verſüßte ihm — manche einſame Stunde, daß dieſe Vorbereitungen zu einer auskömmlichen, all ſeinen Wünſchen entſprechenden Stel⸗ lung nicht von zu langer Dauer und daß er ſpäter im Stande ſein würde, ſeine Eltern für die Opfer, welche ſie ſich jetzt ſeinetwegen auferlegten, reichlich zu entſchädigen. Wie ſchön malte er ſich dies alles aus, wie ſchwelgte er in dem Gedanken, daß ſeine Eltern, nachdem ſein Vater ſich zur Ruhe geſetzt, bei ihm, dem Oberförſter, wohnen und den Abend ihres Lebens ſorgenfrei zubringen würden! Da kam die Liebe— die Liebe, welche ſeines Vaters Bahn gekreuzt und verändert hatte, die ſo vielfach die Ge— ſchicke der Menſchen beſtimmt und ſie ſo oft von dem un⸗ auslöſchlichen, unvertilgbaren Eindruck eines einzigen Augenblickes abhängig macht. Es währte längere Zeit, ehe er zur Erkenntniß dieſer Liebe kam, und dann war ſie ſo heilig, ſo keuſch und ſchwärmeriſch, daß er es ſelbſt für ein Vergehen hielt, ſie auch nur in Gedanken ſich weiter auszumalen, noch weniger kam jemals die leiſeſte Andeu⸗ tung davon über ſeine Lippen. Es war eine Liebe, die zu ihrem Beſtehen nicht der Worte, ſondern nur der Blicke bedarf, die vom Anblick der Geliebten, von einer Begrüßung derſelben Tage lang zehren kann und nach nichts ver⸗ langt, als eine ſolche unbedeutende Gunſt des Zufalles. Er ſah in Cäcilie das verkörperte Ideal der Weiblichkeit, ſein zur Schwärmerei geneigtes, faſt noch kindlich empfin⸗ dendes und doch feſtes Herz blickte zu ihr auf, wie zu einer Gottheit, zu ihr, die ſelbſt ſo demüthig, ſo kindlich war und keine Ahnung von dieſer ihr gezollten Vereh ung hatte.. Dann ſahen ſie ſich öfter, zufällig, ohne mit einander zu reden, ja, ohne ſich nur zu grüßen, bis es der Zufall fügte, daß ſie einige unbedeutende Worte wechſelten und ſich von dieſer Zeit an grüßten. Sie begegneten ſich nun öfter, ohne es je verabredet zu haben, und er fühlte ſich unglücklich„wenn ein Tag vergangen war, an dem er ſie nicht geſehen hatte. In ihr lebte unbewußt daſſelbe Ge⸗ fühl, und ſie vermochte es bei ſich ſelbſt durch allerlei Vor⸗ wände zu beſchönigen, daß ſie faſt täglich diejenigen Wege ging, von denen ſie wußte, daß ihr Horſt begegnen und ſie grüßen würde. Dies war der Thau, von dem die zarte Blüthe ihrer Liebe ſich nährte und entfaltete. Während ſie dieſem un⸗ bewußten aber ſeligen Gefühle ſich hingab, kamen bei ihm jetzt Stunden des Nachdenkens und ernſter, bitterer Erwä⸗ gung. Er mußte es ſich ſelbſt endlich eingeſtehen, daß er Cäcilie liebe, daß er ſein Leben ohne ihren Beſitz als ein verfehltes, unglückliches betrachten müſſe— aber dennoch kam er zu dem Entſchluſſe, ihr zu entſagen. Das Ehren⸗ hafte ſeines Charakters trug bei dieſen ſo ſehr ſchmerzlichen Erwägungen und Kämpfen den Sieg davon über die For⸗ derungen ſeines Herzens. Was vermochte er ihr zu bieten? Jahre, vielleicht — 225— viele Jahre mußten vergehen, ehe er die beſcheidene Exi⸗ ſtenz eines Oberförſters erlangen konnte; ſie ſelbſt, das wußte er, war ohne Vermögen, das Einkommen ihres Vaters hing faſt ganz von den Etzeugniſſen ſeiner Thätig⸗ keit ab, war ein unſicheres, zu Zeiten ſogar ſehr beſchränk⸗ tes dazu befand ſich der Profeſſor Erin in einem vorge⸗ rückten Lebensalter; was ſollte bei ſeinem Tode aus Cä⸗ cilie werden, wenn ſie an ihn gefeſſelt war? Noch wußte ſie nicht, daß er ſie liebte, noch war ihr Herz unberührt von ähnlichen Empfindungen wie das ſeinige— konnte er es verantworten, wenm er ſie in ſeine Bahn zog, wenn er den Frieden ihrer reinen, ſchönen Seele trübte, vielleicht nur, um ſie für immer unglücklich zu machen? Er liebte ſie viel zu ſehr, als daß er ſein Wohl und Wehe hätte in erſte Reihe ſtellen können, ſie war ihm Alles, ihr Glück, nicht das ſeinige das alleinige Ziel aller ſeiner Wünſche— konnte er dies anders erreichen, als durch Entſagen? Es iſt vielleicht ein ſehr idealer Charakter, den ich hier zu ſchildern verſuche, geneigte Leſerin, und Du ſchüttelſt deßhalb ungläubig Dein Haupt, indem Du denkſt, ſolche Männer gibt es nicht. Es thut mir leid, wenn Du wirk⸗ lich dieſen Glauben hegſt, denn unter der großen Maſſe der durch Egoismus oder Leidenſchaft geleiteten Männer, welche die Liebe nur als die Zugabe einer zu erringenden angenehmen Exiſtenz betrachten, gibt es doch immer ſolche, 15 Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 1 — 226— welche ähnlich wie Horſt empfinden und handeln. Aber ſie verſchließen, wie er, ihr Empfinden tief in den innerſten Schrein ihres Herzens und gehen daher oft unerkannt und ungeſchätzt ihren Weg durch das Leben. Ich vermag den jungen Horſt nicht anders zu ſchildern, als er war, und Du mußt ihn ſo hinnehmen und ihn Dir gefallen laſſen; ich denke mir ſogar, daß es wohlthuend für Dich iſt, dieſen reinen, kindlich männlichen Charakter in einer Erzählung zu finden, in welcher an entgegengeſetzten durchaus kein Mangel iſt— ich kann aber auch dies nicht ändern, da ich der Wahrheit getreu erzählen muß. An demſelben Tage, an welchem Leſſen in Crin's Hauſe geweſen, um ſeine ſo unerwartete Ernennung dort zu verkünden, während der Prinz Nettchen einen Beſuch machte, an demſelben Tage war Horſt nach einer ſchlaflos durchkämpften Nacht zu dem Entſchluſſe gekommen ſeiner Liebe zu entſagen. Es war dies nach ſeiner Auffaſſung und Annahme nichts als ein in ſeiner eigenen Seele ſtatt⸗ findender Vorgang, denn ſie blieb ja dabei unbetheiligt, da ſie nicht wußte, nicht einmal eine Ahnung davon hatte, daß er ſie liebte. Sie ſollte ihn vergeſſen, ſein Bild aus ihrer Seele, aus ihrer Erinnerung verſchwinden, deßhalb wollte er ſie, oder ſie ſollte ihn vielmehr nicht wiederſehen, denn das ſchmerzliche Glück, ſie wenigſtens zu ſehen, ohne daß ſie ihn erblicke— dies wollte er ſich nicht rauben; ——— es war ja auch vollſtändig genügend, wenn ſie ihn nich t ſah. Er ging daher um die Zeit, von welcher er nach einer ſtillſchweigenden Annahme wußte, daß ihr Weg ſie durch die Allee führen würde, auch heute zu jener Stelle hin, wo ihre kindlichen Augen ihn nun ſchon ſo oft freundlich ge⸗ grüßt und ihm zugelächelt hatten; aber er ſtellte ſich ſo, daß er von ihr nicht geſehen werden konnte. Und ſie kam. Er erfannte ihre ſchlanke Geſtalt, ihren leichten, ſchwebenden Gang ſchon aus der Ferne, und dann ſah er ihr Geſicht, ihre erwartungsvollen, fragenden Mienen, ihre ſchüchternen und doch ängſtlichen Blicke, wie ſie hin und her ſchweiften— als ob ſie Jeman⸗ den ſuchten; ja, als ſie vorüber gegangen war und ſich unbeachtet glaubte, wandte ſie ſich ſogar raſch noch einmal um und warf einen flüchtigen Blick die Allee hinab. Das alles ſah er aus ſeinem Verſteck— ſein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen— und dann war es vorbei mit ſeiner Stärke, vorbei mit der Ausführung des ſo mühſam und quabvoll gefaßten Entſchluſſes.— Warum ſoll ich ſie nicht mehr ſehen, nicht einmal mehr grüßen? ſprach er vor ſich hin— in einer Woche reiſe ich fort, und dann iſt ja doch Alles vorbei! Wie ſehr und wie leicht iſt auch der beſte und edelſte Menſch geneigt, ſeine Schwächen und Fehler, ſelbſt wenn ————— — 228— hinzugeben, denn die Lehre, die Tugend nur um ihrer ſelbſt willen zu üben, dieſer kalte Grundſatz der Stoiker, ſtreift alle Reize von dem Daſein der ſtaubgebornen un⸗ vollkommenen Menſchen ab, und gibt ihnen, ſtatt des er⸗ laubten und vielleicht auch des unerlaubten Genuſſes, nichts, als einen ſtets anhaltenden Kampf, aus dem ſie ſo lange unbefriedigt hervorgehen, bis ſie dem weit ſchlim⸗ meren Fehler der eigenen Selbſtüberhebung verfallen ſind. Horſt, weit entfernt, ein Stoiker zu ſein, unterlag, trat aus ſeinem Verſteck hervor und ging langſam die Allee hinab in der beſeligenden Hoffnung, daß ſie zurückkehren werde. Und ſie kam zurück, ſie grüßten ſich wie immer, ihre Augen lächelten ihm freundlich zu, er hörte ihre liebe Stimme, als ſie leiſe und ſchüchtern: Guten Morgen, Herr Horſt! flüſterte— und dann war ſie vorüber; er blickte ihr nach, bis ſie hinten an der Ecke nochmals un— merklich ihren Kopf umwandte. Wieder hatte die Blume ihrer Liebe ſich vom Thau der Hoffnung genährt und blühte friſcher und duftender als je. Was ſind Pläne, was ſind Entwürfe und Entſchlüſſe! Wir bleiben doch immer ein Spielball der uns bewegenden und beſtimmenden Verhältniſſe, und die Wogen, welche unſer Lebensſchiff umfluten, treiben es oft, trotz Steuer und Compaß, weit aus ſeiner vorgeſteckten Bahn! Er er ſie erkannt hat, zu beſchönigen und ſich ihnen wieder —— — 6 ——— blickte ihr mit ſchmerzlicher Miene nach, denn die Reue über ſeine Schwäche beſchlich ſein Herz, ſobald ſie ſeinen Blicken entſchwunden war, und er machte ſich nun Vor⸗ würfe, daß er dennoch ſeinem Vorſatze untreu geworden. Woran denkſt du? fragte plötzlich eine Stimme in ſeiner unmittelbaren Nähe; du ſtehſt hier ſchon längere Zeit wie eine Bildſäule. Erwarteſt du Jemanden? Horſt ſah ſich, wie aus einem Traume erwachend, erſchrocken um und erkannte Ferdinand, mit dem er in der letzteren Zeit faſt gar nicht mehr zuſammengekommen war. Das leidenſchaftliche, eraltirte Weſen ſeines früheren Be⸗ kannten ſagte ſeinem Empfinden nicht zu; er hatte ihn deß⸗ halb ſichtlich gemieden, und gerade jetzt war es ihm beſon⸗ ders unangenehm, mit ihm zuſammenzutreffen. Ich warte allerdings auf Jemanden, erwiederte er daher, indem Beide weiter gingen, auf einen Freund meines Va⸗ ters, der mir einen Brief mitgeben wollte; er ſcheint jedoch nicht zu kommen. Willſt du fort, Robert? fragte der Andere; bleibſt du die Ferien über nicht hier? Meine Ferien ſind zu Ende, ich verlaſſe Anfangs der nächſten Woche die Univerſität; du weißt ja, daß ich nicht länger bleiben kann. Ganz fort? Ach, das thut mir leid— ich dachte nicht daran; es wird für mich immer einſamer, immer un⸗ heimlicher hier. habe mich ſtets gewundert, dich noch hier zu ſehen. Haſt du? ſagte der Andere mit gezwungenem Lachen; du meinſt wegen der Steinberg? Ach, was kümmert mich dieſe Perſon! ſie iſt als Frau noch ſchlechter geworden, wie ſie als Mädchen war. Damals hat ſie mit mir Ko⸗ mödie geſpielt, bei der es jedoch zu ganz effectvollen Sce⸗ nen kam; jetzt ſpielt ſie dieſelben Scenen mit dem Prinzen und macht ihren Mann zum Geſpötte aller Menſchen. Nun, ihm gönne ich dies von ganzem Herzen, und dieſem einfältigen Prinzen nicht minder— wenn man ſo genau eingeweiht iſt, wie ich, ſieh', ſo iſt die Geſchichte eigentlich zum Todtlachen— und einer ſolchen Perſon wegen ſollte ich fort von hier? Du ſcheinſt dich doch noch ſehr für ſie zu intereſſiren, bemerkte Horſt in gemeſſenem Tone. Sehr zu intereſſiren? Nicht im mindeſten, ſie würde mir auch jetzt wahrſcheinlich ein Rendez⸗vous nicht abſchla⸗ gen— ich dürfte mich nur hinter die alte Margareth ſtecken, denn„das iſt ein Weib wie auserleſen“ u. ſ. w., lachte er wieder höhniſch auf; auch habe ich ja ihre zarten Liebes⸗ briefe und daher ein wirkſames Zwangsmittel— aber pfui! Für mich eriſtirt ſie nicht mehr. Als ſie mich küßte und mich belog, da waren es wenigſtens doch ihre erſten Küſſe und ihre erſten Lügen, ſie müßte denn ſchon in der Mädchen⸗ ſchule geküßt und gelogen haben— ich wünſche viel Ver⸗ Ich würde an deiner Stelle längſt gegangen ſein; ich „ —— ℳ gnügen zur Nachleſe!— Und dann, fuhr er fort, als Horſt ſchweigend und ernſthaft blieb, dann wäre es ja auch geradezu ein Unſinn geweſen, mitten im Semeſter die Univerſität zu verlaſſen; ich hätte ja ein halbes Jahr verloren. Aber jetzt iſt das Semeſter zu Ende. Ja, es iſt zu Ende, aber ich kann doch nicht fort, auch wenn ich es wollte, was übrigens gar nicht der Fall iſt. Du vergißt, daß ich hier ein, wenn auch noch ſo erbärm⸗ liches, Stipendium habe, ſei es noch ſo wenig, es iſt immer etwas— auch beſitze ich hier Verbindungen, Freunde, die mich unterſtützen; das alles würde ich verlieren. Wenn ich dir rathen ſoll, und ich glaube, du weißt es, daß ich es gut mit dir meine, ſind wir doch Landsleute — ſo gehe, Ferdinand, gerade dieſer Verbindungen und Freunde wegen gehe! Es iſt ein gefährliches, zu nichts führendes Phantom, dem du nachjagſt; ich weiß ſehr gut, was ihr wollt und beabſichtigt, und ſo gut wie ich wiſſen es Viele und auch die Behörden. Ihr werdet die deutſchen Zuſtände nicht ändern, höchſtens könntet ihr ſie durch un⸗ überlegte, thörichte Maßnghmen noch verſchlechtern, ſoweit dies möglich iſt. Man läßt euch gewähren, man ſpielt mit euch, wie die Katze mit den Mäuſen, man läßt euch ſicher werden, damit man euch ſpäter um ſo gewiſſer ein⸗ fangen und unſchädlich machen kann. Sieh dich vor, ——— Ferdinand, du möchteſt ſonſt leicht dieſe jugendlichen Thor⸗ heiten in langer Gefangenſchaft zu bereuen haben. BGlaubſt du? bemerkte der Andere, indem er ſichtlich ernſter wurde; ich danke dir für deinen guten Rath, aber du irrſt in deinen Vorausſetzungen. Unſere Beſtrebungen. ſind keineswegs ſo unbedeutend und erfolglos, wie du an⸗ nimmſt. Um ſo ſchlimmer! Weßhalb um ſo ſchlimmer? fragte der Student leiden⸗ ſchaftlich; hältſt du es für ein Unglück, wenn dieſen er⸗ bärmlichen Zuſtänden in unſerm deutſchen Vaterlande ein Ende gemacht wird? Frage dich doch ſelbſt, was zum Beiſpiel wir Beide zu erwarten haben, die wir in dieſem Erbprinzen unſern künftigen, unumſchränkten Herrſcher verehren müſſen— hältſt du eine ſolche Wirthſchaft für erträglich? Laß das nun, Ferdinand, unterbrach ihn Horſt, du überzeugſt mich doch einmal nicht. Ihr werdet das Uebel nur verſchlimmern, ſtatt es zu heben. Es iſt ein uralter, im deutſchen Charakter tief begründeter Schaden, den ihr heilen wollt; dazu gehören aber ganz beſondere Zeitereig— niſſe, geſchichtliche Kriſen, und ſelbſt dann gehen diejenigen immer zu Grunde, welche zuerſt ins Feuer kommen. Und wenn ich zu Grunde gehe, ſo gehe ich einer großen, heiligen Sache, einer erhabenen Idee wegen zu Grunde! Iſt das nicht beſſer, nicht viel ſchöner, als ein ſo erbärm⸗ —— — 4 — 233— liches Daſein fortzuſchleppen— ſchlimmer, als das der Negerſelaven? Und ſolche Zuſtände nennſt du erträglich und verlangſt erſt geſchichtliche Kriſen? Wir werden dieſe Kriſen herbeiführen, ſetzte er mit Selbſtgefühl hinzu, wenn uns die Franzoſen darin nicht zuvorkommen, denn Karl X. iſt ebenfalls ein Kriſen heraufbeſchwörender Regent! Ich bitte dich wiederholt, ſprechen wir von etwas An⸗ derem, entgegnete Horſt in ernſtem Tone, mich intereſſirt dies nun einmal nicht; deine Anſichten ſind nicht die mei⸗ nigen und werden es auch niemals werden. Was du ſagſt, mag an ſich wahr ſein, aber es iſt unrichtig in dieſer Zu⸗ ſammenſtellung und dieſer Folge; dann ſind die Mittel, welche du zur Heilung dieſer Zuſtände anzuwenden gedenkſt. verwerflich und, verzeihe mir den Ausdruck— außerdem geradezu kindiſch. Kindiſch? wiederholte der Andere auffahrend; dann ſchwieg er längere Zeit, offenbar eine heftige Entgegnung zurückdrängend. So gingen ſie bis an eine Straßenecke ſtumm neben einander; hier blieb Horſt ſtehen und ſeinem Freunde die Hand reichend ſagte er mit ſeiner gewinnen⸗ den Stimme: Sei mir deßhalb, daß ich mich offen gegen dich ausgeſprochen, nicht böſe, du weißt, ich meine es gut mit dir, ſind wir doch Landsleute und alte Bekannte. Ich weiß, ich weiß, erwiederte der Andere heftig, ich weiß, daß du es gut meinſt; aber du haſt ein kaltes Herz und einen ruhigen, zum Dulden geſchaffenen Charakter. —— 1 3 1 Die beiden treibenden Kräfte meines Lobensſchiffes, die Liebe zum Vaterlande und die Liebe zu dem Weibe, die mich oft mit orkanähnlicher Stärke und Gewalt erfaſſen und umherſchleudern, ſind deiner kalten Seele fremd— und doch biſt du nicht unempfänglich und unempfindlich gegen freindes Leid und fremden Schmerz. So laß mich denn, wie ich bin, ſagte Horſt lächelnd, oder wenigſtens ſo, wie du glaubſt, daß ich ſei, und gehab' dich für heute wohl! Nein, ich habe noch etwas auf dem Herzen— laß mich es dir ſagen, höre es an, mir zu Liebe. Wenn du auch keinen Theil daran nimmſt, wenn es dich auch nicht intereſſirt— ich kann es nicht länger ſo in mir herumtra⸗ gen, ich kann es nicht— und vielleicht wird mir gerade die Kälte wohlthun, mit der du es entgegennimmſt— kalte umſchläge ſollen ja im Fieber-Parorysmus von wohl⸗ thuender Wirkung ſein,— und ich befinde mich im Fieber — ich weiß es, ich ſchmachte, wie der Kranke, nach Ge⸗ neſung— aber vergebens! Ich bleibe dieſer Sirene ver⸗ fallen mit Leib und Seele. Aber Ferdinand, Ferdinand! ſagte Horſt voll Er⸗ ſtaunen und zugleich voll Theilnahme; ich verſtehe dich nicht; wäre es möglich, daß du ſie noch immer liebteſt? Ob es möglich wäre? lachte der Andere verzweiflungs⸗ voll auf; ſo, ſo iſt es recht— kalt— kalt— o, wie wohl die Kälte thut! Ob es möglich wäre? fuhr er dann noch —, — leidenſchaftlicher auf; frage mich lieber, ob das Gegentheil möglich ſei! Wem einmal dieſe zauberhaften Augen zuge⸗ lächelt, wem einmal ihr Mund die berückenden Worte der Liebe zugeflüſtert, wen ihre Arme umſchlangen, der kann ſich nie, nie mehr von dieſen Feſſeln losmachen— nie mehr! Frage mich nicht mehr, ob ich ſie noch liebe— nein, nein, ich liebe ſie nicht, ich haſſe ſie! Tödten möchte ich ſie und mich, dann allein käme wieder die Ruhe und der Friede für mich und auch für ſie. Sie wird ſich aber nicht im mindeſten danach ſehnen, von dir getödtet zu werden, lachte Horſt, abſichtlich die leidenſchaftliche Rede ſeines Gefährten ins Scherzhafte ziehend; ſei doch vernünftig, Ferdinand, nur ein wenig, ein klein wenig vernünftig; bedenke, erſtens iſt ſie die Frau des Lieutenants Steinberg, und dann hat ſie ein Verhältniß— Schweig, oder du machſt mich raſend! unterbrach ihn Ferdinand; erinnere mich nicht an Dinge, deren Daſein mich ſchon oftmals hart an die Gränze des Verbrechens hingetrieben hat! Der Lieutenant,— nun, ich habe ihn überwunden; außerdem macht er ſich nichts aus ihr, ſie iſt ihm gleichgültig, er würde ſie auf eine Karte im Faro ſetzen, wenn man ſie hielte— aber den Anderen, der noch weit weniger Rechte an ſie hat, wie ich— was will dieſer Burſche? Glaubt er hier den Prinzen herauskehren zu dürfen? Aber er mag ſich in Acht nehmen! Hier iſt er — Student gleich mir, er ſteht unter dem Comment und muß auf die Menſur— und habe ich ihn erſt dort, ſo iſt er weit genug! Deine Leidenſchaft macht dich zum Thoren! ſagte Horſt, jetzt ſeinen Gefährten beſorgt anſehend; wie kannſt du nur im entfernteſten glauben, der Prinz, der Erbprinz, der künftige ſouveraine Fürſt werde ſein koſtbares Leben oder auch nur ſein fürſtliches Antlitz, ſetzte er mit leichtem Spotte hinzu, einer Studenten-Paukerei, den Wechſelfällen eines Duelles ausſetzen? Daß er ſich hier auf der Uni— verſität befindet, iſt eine bloße, jetzt beliebte Mode, er hätte die Weisheit eben ſo gut zu Hauſe in ſich einnehmen fönnen. Aus hoher Herablaſſung, und um die Hochſchule zu ehren, hat er ſich immatriculiren laſſen, damit iſt aber Studenten⸗Eigenſchaft ein vollſtändiges Genüge ge⸗ lei Sollteſt du ſo wahnſinnig ſein, ihn zu beleidigen, ſo wird man dich zur Unterſuchung ziehen und mindeſtens relegiren. Bedenke dieſes, deiner Stipendien wegen, wenn es auch ſonſt gut wäre, daß du fort kämeſt. So, daß ich fort käme? Nun, wir werden ja ſehen. Trotz deines freundlichen Rathes werde ich doch ſo wahn— ſinnig ſein; ich bin nur noch über die Art nicht mit mir einig, denn die Beleidigung muß eine ſolche ſein, daß er, wenn er ſich nicht ſchlägt, mag er Student ſein wollen oder nicht, aufgehört hat, auf Ehre Anſpruch zu machen. —²— ₰ —,— — 237 Er wird die Sache zur Anzeige bringen, ganz einfach. e 3 3 Sei doch vernünftig, Ferdinand! ich bitte, ich beſchwöre dich, mache dich nicht unglücklich, denn was du erlangen willſt, geſchieht doch nicht! Von hier wirſt du relegirt, und die Heimat bleibt dir für immer verſchloſſen. Ich ſoll mich nicht unglücklich machen? lachte der An— dere wieder höhniſch auf; nicht unglücklich? Wie beſorgt du biſt! Als ob ich unglücklicher werden könnte, als ich es jetzt bvin! Mögen ſie mich fortjagen! Wer ſagt dir, daß nicht die Zeit der Vergeltung nahe iſt, wo auch wir fortjagen! Unglücklicher, als ich bin, kann ich nicht wer⸗ den— alſo weiter! Ich will wenigſtens Geſellſchaft haben, vielleicht Reiſegeſellſchaft, ſie und ihn— es wird recht luſtig ſein, wenn wir Dreizuſammenfahren, ha, ha, ha, nicht wahr, Robert, recht unterhaltend? Horſt kannte Ferdinand ſchon von der Schule her und wußte, daß er mit der ſolchen Menſchen eigenen Selbſt— täuſchung ſich in Lagen und Handlungen hineinphanta⸗ ſirte, die er oft gar nicht beabſichtigte, theils weil die augenblickliche leidenſchaftliche Stimmung ihn dazu antrieb, theils aber auch, um die Meinung heworzurufen, als be⸗ abſichtige er außerordentliche Dinge, die nur deßhalb ſchließlich nicht zur Ausführung kämen, weil er, wenn auch gezwungen, den Bitten und Gründen ſeiner Freunde nachgäbe. Horſt war eine ſolche Handlungsweiſe bei ſeinem geraden und einfachen Charakter zuwider; er ver⸗ 8 238 achtete alles Großreden und Prahlen mit Dingen, die man erſt thun wolle, und beſchloß daher auch jetzt, gegen ſeinen Gefährten, der überhaupt nicht zu ſeinen Lieblingen gehörte, andere Saiten aufzuziehen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, daß Menſchen, die irgend eine nennenswerthe That auszuführen beabſich⸗ tigen, davon nicht vorher eine lange und nutzloſe Ausein⸗ anderſetzung geben. Wenn du wirklich mit einem Selbſt⸗ morde umgingſt, wie du anzudeuten ſcheinſt, ſo würdeſt du nicht davon ſprechen; haſt du ſonſt noch die Abſicht, ein Verbrechen zu begehen,— nun, du biſt ja kein Kind mehr, und ich bin nicht dein Vormund. Wozu ſagſt du mir denn dies alles? Ich weiß wirklich nicht, was du dabei für eine Abſicht haben kannſt. Es könnte nur deßhalb ge⸗ ſchehen, damit ich die Perſonen, welche du zu beleidigen oder zu tödten gedenkſt, vorher warnte. Ich wäre dazu verpflichtet, wenn ich an den Ernſt deiner Worte glaubte. Dies thue ich aber nicht, und deßhalb verſchone mich mit weiteren derartigen Exclamationen. Sei vernünftig, ver⸗ giß ein Weſen, das deiner Liebe unwerth iſt, eigentlich von Anfang an unwerth war, und ſchlage dir ſonſt alle übrigen Grillen aus dem Kopfe. Ich habe jetzt wirklich dringende Geſchäfte; leb' deßhalb wohl, vor meiner Ab⸗ reiſe ſehe ich dich noch. Ohne ein Wort der Erwiederung ließ Ferdinand ſeinen Gefährten gehen. Er fühlte ſich im Innerſten verletzt, „ 239 veil er die Wahrheit deſſen, was er gehört, empfand, und h zugleich darüber ärgerte, ſich ſo durchſchaut und erkannt ſehen. Er ſah ihm längere Zeit mit wildem, haßer⸗ altem Blicke nach. Geh' nur, ſagte er dann; darin haſt ou vollkommen Recht, daß ich ein Thor bin, aber nur deß⸗ halb, weil ich einem ſo kalten, theilnahmloſen Menſchen mein Vertrauen ſchenken konnte. So, du glaubſt, man ede nicht von einer That, die man wirklich zu vollbringen hedenke?— du könnteſt dich dennoch irren! Du könnteſt dich doch verrechnet haben, und wenn du wirklich recht ver⸗ nünftig biſt, ſo gehe, warne ſie— aber, wenn du ſie auch warnſt, es geſchieht doch, was geſchehen ſoll! Ende des erſten Bandes. verlag von Eduard Trewendt in Breslau. Armand, Zis in die Wildniß. Reiſe⸗Roman. 4 Vände. 8. — Alte und neue Heimath. 8.... 2 1½ Thtr. Scenen a den Bämpfen der Merikaner u. d. 1 2 Thlr. Eberty, Dr. Felix, Walter Scott. Ein Lebensbild. 2 Bände. 8. 3 Thlr Frenzel, Karl, Meluſine. Roman. 8. 11 Thl —— Pie drei Grazien. Roman. 3 Bände. 8. 4 ½ Thlr. Godin, A., Eine Kataſtrophe und ihre Folgen. Roman. 8 ½ Thlr. Holtei, Karl von, Bleine Erzählungen. Volks⸗Ausgabe. 5 Bde. 16. 12% Thlr. —— Pie Eſelsfreſſer. Roman. Volks⸗Ausgabe. 3 Bde. 16. 1 Thlr. —— Pierzig Jahrt. Volks⸗Ausgabe. 6 Bände. 16. 4 Thlr — Der letzte Komödiant. Roman. 3 Bände. 8... 35 Thlr. — Briminalgeſchichten. Volks⸗Ausgabe. 6 Bände. 16. 2 Thlr. Chriſtinn Lammfell. Roman. Volks⸗Ausg. 5 Bde. 16. 1 4 Thir Uobleſſe oblige. Roman. Volks⸗Ausg. 3 Bde. 16. 1 Thlr. Ein Schneider. Roman. Volks⸗Ausg. 3 Bde. 16. 1 Thlr. Die Vagabunden. Roman. Volks⸗Ausg. 3 Bde. 16. 1 Thlr. Illuſtrirte Ausgabe. 3 Theile in einem Bande. 8. 1 2 Thlr. Mügge, Theodor, Vordiſches Zilderbuch. Reiſebilder. 3. Aufl. 8. 24 Sgr. —— Vomane. Dritte(letzte) Folge. 6 Bände. 8. 9 Thir — Der Chevalier. Roman. 2. Auflage. 3 Bde. 8. 1 Thlr. Touſaint. Roman. 2. Aufl. 5 Bände. 8... 2 ½ Thlr. — Erich Kandal. Roman. 2. Aufl. 4 Bände. 8.. 2 Thlr. — Afraja. Roman 2. Aufl. 3 Bde.. 1 2Thlr. Oppermann, Andreas, Aus dem Pregenzer Wald. S8.. 422 2Sgr. —— palermo. Frinnerungen. 8...... 1 ½ Thlr. Roquette, Otto, Heinrich Falk. Roman. 3 Bände. 8... 5 Thlr Roſen, Ludwig, Werner Thormann. Roman. 3 Bände. 8.. 4 Thlr. —— Pier Freunde. Roman. 3 Bände. 8. Salma, Bernhard v., SraßRochigo Sotit polit. Roſ. 3 Bve. 8. 4 ½ Thl See, Guſtav vom, Por fünfzig Jahren. Roman. 3 Bände. 8. 4 Thlr. —— Erzählungen eines alten Herrn. S. 1 ½ Thlr. —— Zwei gnädige Frauen. Roman. 3 Bände. 8.. 354Thlr. —— Fherz und Welt. Roman. 3 Bände. 8.. 4 ½ Thlr. Wehl, Feodor, Allerweltsgeſchichten. Ein Novellenbuch. 8... 1 4 Thlr. Druck von Otto Wigand in Leipzig.