————— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo 5 S Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 W Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi. f. 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam hemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen aben. Gräfin und Marguiſe. Roman in zwei Abtheilungen von Guſtav vom See. (G. von Struenſee.) Zweite Abtheilung. Oſt und Veßt. pierter Theil. Preslan, Verlag von Eduard Trewendt. 1865. Oſt und Weß. Des Romans„Gräfin und Marquiſe“ Zweite Abtheilung. Von Guſtav vom gee. (G. von Struenſee.) Vierter Theil. —— Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1865. Erſtes Capitel. Die Ereigniſſe, welche wir an den fernen Ufern der Wolga erfahren, die Vernichtung der ganzen franzöſiſchen Armee, die Flucht des Kaiſers, hatten auch in Wallfort einen ungeheuern Umſchwung hervorgebracht. Es war Mitte Februar des ewig denkwürdigen Jah⸗ res 1813. Die ganze Nation verlangte ſtürmiſch den Kampf auf Leben und Tod, die Wiedererlangung der verlorenen Freiheit und Selbſtändigkeit, oder den Untergang. Sie hatte erkannt, daß es für die Dauer nichts Unerträg licheres geben könne, als den Uebermuth, den Hohnt das langſame Sichabſchlachtenlaſſen durch einen unvets ſöhnlichen und ſeine Gewalt mißbrauchenden Feind, und daß der Tod einem Leben in der Erniedrigung hundert⸗ fach vorzuziehen ſei. Die allgemeine Stimme verlangte daher gewaltſam nach dem Kriege der Vergeltung, aber der König zögerte noch immer, die Verhältniſſe geſtatteten IV. 4 noch keinen entſchiedenen und offenen Bruch. Niemand zweifelte aber mehr, nachdem der denkwürdige Aufruf „An mein Volk“ erſchienen und die Bildung der Frei⸗ willigen ausgeſprochen war. Zwar war darin nicht ge⸗ ſagt, gegen wen man ſich rüſten, gegen wen man kämpfen ſolle, aber es gab damals für Deutſchland und nament⸗ lich für das geknechtete Preußen nur Einen Feind, näm⸗ lich Frankreich, während die Ruſſen überall als Befreier mit Jubel empfangen wurden. Der König befand ſich in Breslau, und während Alles, Jung und Alt, die Schulen, die Werkſtätten, die Kaufläden und die ländliche Bevölkerung begeiſtert zu den Fahnen eilten, wurde immer noch mit dem franzö⸗ ſiſchen Geſandten unterhandelt. Es liegt nicht in der Abſicht, jene ſo oft beſchriebene Zeit zu ſchildern, wir haben derſelben vielmehr nur in weit Rechnung zu tragen, als die Perſonen unſerer ählung dadurch betheiligt werden, welches bei meh⸗ nderſelben eine nothwendige Folge iſt. Wir finden Walther, den wir ſo lange unbeachtet gelaſſen, im angelegentlichen Geſpräche mit einem älteren uns unbekannten Manne. Beide ſitzen an einem mit Papteren bedeckten Tiſche in Walther's Arbeitszimmer und ſcheinen wichtige Dinge zu verhandeln. Sie ſind nun von Allem hinlänglich unterrichtet, ſtändig ſtocken pder hat vielmehr bereits aufgehört; außer⸗ dem, ſo hoffe ich wenigſtens, würden keine Arbeiter da Bevölkerung dürfte ſonſt wenig innern Drang dazu em⸗ ſo genau und überſichtlich geführt, die Abſchlüſſe ſo klar ſreitung der laufenden Ausgaben zurück. 3 ſagte Walther, indem er ein großes Rechnungsbuch ſchloß, bedürfen Sie noch irgend einer Auskunft? Iſt Ihnen noch etwas zweifelhaft? Nicht im mindeſten, Herr Director, die Bücher ſind und übereinſtimmend, daß ich keiner weiteren Auskunft über die Vergangenheit bedarf. Zwanzigtauſend Thaler ſind bei der Bank in Breslau deponirt und den Reſt von achttauſend behalte ich vorläufig als Beſtand zur Be⸗ Es wird dies für alle Fälle nöthig ſein, obgleich ich kaum glaube, daß Sie mehr als die laufenden Einnahmen und von dieſen auch nur einen Theil bedürfen werden. Die Kohlenbergwerke ſollen alſo außer Betrieb ge⸗ ſtellt werden? Es iſt nothwendig. Der Abſatz wird jetzt voll⸗ ſein, da ſie mit in den Krieg ziehen werden. Wenn ſie müſſen, lächelte der Andere, unſere flawiſche pfinden. So werden ſie müſſen! Jeder, der Waffen tragen kann und nicht freiwilli geht, wird müſſen, das iſt un⸗ zweifelhaft. Die Ihnen„ſtellte Aufgabe beſteht darin, L 4 den landwirthſchaftlichen Betrieb, ſo gut es geht, zu er⸗ halten und dem Grafen, der nun doch hoffentlich bald zurückkehren wird, demnächſt in meinem Namen voll⸗ ſtändige Rechnung zu legen, ſo wie ich es Ihnen gethan habe. Sie hätten wenigſtens die Rückkehr des Grafe warten ſollen. Ich kann und darf nicht länger zögern, ſagte Wa ernſt und beſtimmt, ich glaube meine Pflicht im vo Umfange erfüllt zu haben. Seit neun Monaten befi ich mich ohne jede Nachricht, und wenn ich g kann, daß jetzt bald ein Brief eintreffen 9 ſelbſt zurücktehren wird— meine Pfli jetzt hier feſtgehalten, weicht nunme r Der König und das Vaterland rufen— Rufe nicht Folge leiſtet, wenn er die dazu beſitzt, iſt ein Feigling oder ein Ver Das unterliegt keinem Zweifel, aber we ſo große Eile nöthig? Rein Augenblick iſt zu verlieren. Wir müſſen de Könige zeigen, daß ſein ganzes treues Volk bereit iſt, m Gut und Blut zu ihm zu ſtehen und den Entſcheidungs kampf auszukämpfen, bis zum Siege der Freiheit ode bis zum Untergange. Er hat trübe Erfahrungen ge⸗ macht, Gott hat ihn ſchwer geprüft, und das Vertrauen 5. auf ſein Volk könnte wankend geworden ſein— es wäre ihm kaum zu verdenken— deßhalb muß er die Ueber⸗ 8 zeugung gewinnen, daß es anders geworden iſt und daß das Unglück und die Schmach die Ehre und den alten Kriegsruhm Preußens wohl eine Zeit lang haben ver⸗ dunkeln, aber nicht zerſtören können. Sie mögen Recht haben und ich beklage es, daß mein Alter und namentlich mein gebrochener Fuß es mir un⸗ möglich machen, Ihtem Beiſpiele zu folgen. Walther reichte ihm ſchweigend die Hand. Ich habe mich einkleiden laſſen, ſagte er dann, und auf acht Tage Urlaub genommen, um meine Verhältniſſe zu ordnen. Da ich zum Offizier gewählt bin, weil ich dieſe Charge einſt bereits bekleidet habe, ſo bin ich genöthigt, ſo bald als möglich zu meiner Abtheilung zurückzukehren, weil wir mit der Organiſation und der Ausbildung vollauf zu thun haben werden. Ich ſehe das ein; da Sie ſich einmal als Frei⸗ williger haben einſchreiben laſſen, ſo werden Sie nicht länger hier verweilen können. Es bleiben uns noch drei Tage. Morgen wollen wir nach den Vorwerken fahren, damit ich Sie den Be⸗ amten als ihren künftigen Vorgeſetzten vorſtellen und Ihnen Alles übergeben kann. Es werden wahrſcheinlich auch von dieſen noch mehrere fortgehen oder eingezogen 6*„ werden, Sie müſſen ſich dann behelfen, ſo gut es geht, es läßt ſich nicht ändern. Ich hoffe übrigens auch, daß der Graf nicht lange mehr ausbleiben wird. Für heute hätten wir demnach unſer Geſchäft beendet; ich betrachte Sie von dieſem Augenblicke an als meinen Stellvertreter und führe Sie hiermit, mittelſt Hand⸗ ſchlags an Eides Statt, in Ihr neues Amt ein. Sie ſollen ſich in Ihrem Vertrauen nicht geirrt haben, ſagte der Andere, indem er Walther mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit ſeine Hand reichte, ich werde Alles aufbieten, was in meinen Kräften ſteht, um Ihre und des Herrn Grafen Zufriedenheit zu erlangen. Davon bin ich überzeugt, ſonſt würde ich Ihnen dieſe Stelle nicht angeboten haben. Jetzt geſtatten Sie mir wohl, meine Mutter aufzuſuchen, mit der ich noch man⸗ herlei zu beſprechen habe. Walther blieb noch eine kurze Zeit allein, nachdem der neue Beamte ſich entfernt hatte, und ordnete und vet ſchloß die Papiere und Bücher. Wir haben noch nicht erwähnt, daß er bereits die kleidſame Offiziets-Uniform der reitenden freiwilligen Jäger trug, einen grünen kurzen Waffenrock mit ſchwarzem Kragen und eben ſchen Auf⸗ ſchlägen.. Die Abweſenheit des Grafen Wallfort hatte dort wenig ſichtbare Spuren zurückgelaſſen. Es war Alles. odten Buchſtaben, nicht auf das lebendige Wort und den 7 ziemlich unverändert geblieben. Erſt während der beiden letzten Monate hatten die kriegeriſchen Ereigniſſe ange⸗ fangen, ihre Ausſtrahlungen auch nach dieſem entlegenen Winkel Deutſchlands zu ſenden, deſſen ſlawiſche Be⸗ völkerung das deutſche ſie beherrſchende Element als ein feindliches betrachtete, wie dies auch jetzt zum Theil noch der Fall iſt. Walther, der ſeine liebſte Hoffnung der gegen den Grafen übernommenen Verpflichtung wegen hatte aufgeben müſſen, war wenig mit anderen Menſchen in Berührung gekommen, ſondern bemüht geweſen, in den vielen ihm obliegenden Geſchäften Erſatz für das⸗ jenige zu ſuchen, was er aufgegeben. Von Margot hatte er in langen Zwiſchenräumen zwei Briefe erhalten, in derſelben Weiſe geſchrieben, wie der letzte, halb mit dem alten kindlichen, offenen Vertrauen, halb mit einer fremd⸗ artigen Zurückhaltung. Es war, das erkannte er, etwas in ihrem Innern vorgegangen, was er leicht erforſcht haben würde, wenn er mit ihr hätte reden können— ſo aber, dg er ſchreiben, einen Brief, den er oft geleſen und der ihn dann doch nach ſeinem innerſten Entſtehen dunkel geblieben war, beantworten mußte, wurden auch ſeine Briefe anders, als er eigentlich wollte, als er wirklich empfand. Wie leicht entſtehen und bilden ſich Mißver⸗ ſtändniſſe zwiſchen zwei Menſchen, welche nur auf den 8 Blick des Auges angewieſen ſind; es treten von beiden Seiten nicht ausgeſprochene Gedanken und Empfindungen zwiſchen ſie, deren Errathen und Erwiedern man voraus⸗ ſetzt, und ſich gekränkt und verletzt fühlt, wenn es nicht geſchieht! Ihr letzter Brief war zehn Monate alt, in einer ſehr traurigen Stimmung geſchrieben und beſchäf⸗ tigte ſich faſt ausſchließlich mit der nahe bevorſtehenden Abreiſe ihres Bruders. Es ſchien ihm, daß darüber ſein Beſuch in Paris vollſtändig in den Hintergrund gedrängt war, denn ſie ſprach davon nur in einem einzigen kurzen Satze.„Auch daß Sie hierher kommen, daß es mir vergönnt ſein ſoll, Sie wieder zu ſehen, ſcheint mir jetzt mehr als weiſtheft und ſo übt mich das Geſchick immer mehr im Entſagen und in der ſchweren Kunſt, meine liebſten Hoffnungen zu Grabe zu tragen.“ Hatte ſie damit auch dieſe Hoffnung wirklich zu Grabe getragen? War es ihr leicht oder ſchwer gewor⸗ den Wie oft war dieſe Frage von ihm aufgeworfen worden, indem er den Brief abermals geleſen, um daraus die Antwort darauf zu entnehmen— es ſtaßd er eben nichts weiter darin, keine Andeutung, kein Fingerzeig, wie dieſer Gedanke vei ihr entſtanden war, obhre Augen voll Trauer oder mit Gleichgültigkeit auf dem geſchriebe⸗ nen Satze geruht hatten, ob er der Ausfluß ihres inner⸗ ſten Empfindens oder nur ein Abfinden mit der Ver⸗ 2. 8 gangenheit geweſen.— Wie leicht würde er dies alles und weit mehr erfahren haben, wenn er nur ein einziges Mal hätte in ihre Augen blicken können— es war ihm aber nicht vergönnt, und es blieb ihm nichts übrig, als wieder zu ſchreiben. Er that dies, aber ebenfalls nicht frei von dem Einfluſſe der ihn bewegenden Empfindungen. Er wiederholte, daß er die Hoffnung, ſie wiederzuſehen, keineswegs zu Grabe getragen habe, daß ſie ihn viel⸗ mehr erhebe und ſtärke in der Erfüllung ſeiner Pflichten, deren Feſſeln er niemals mehr empfunden habe, als gerade jetzt. Dieſer Brief war ohne Antwort geblieben und er hatte dann ebenfalls nicht mehr geſchrieben. Sein We⸗ ſen wurde ernſter und abgeſchloſſener; er verkehrte nur mit den Menſchen, mit denen ihn ſeine Geſchäfte in Verbindung brachten, und ſelbſt ſeine Mutter hatte ſich oft über ihn zu beklagen, daß er ſo wenig Stunden für ſie übrig behalte. Die ſich immer verlängernde Abweſenheit des Grafen trug weſentlich dazu bei, ſeine Stimmung zu verdüſtern, denn es ſtand noch immer bei ihm unwiderruflich feſt, ſogleich nach deſſen Rückkehr nach Paris zu reiſen. Er wollte mit eigenen Augen ſehen. Er konnte ſich nicht von ſei⸗ nen Hoffnungen losreißen, ſo ſehr eine kalte und nüch⸗ terne Reflexion, welcher jeder Menſch zu Zeiten unterliegt, 10 auch bemüht war, ſie als thöricht und längſt entblättert hinzuſtellen. Dann kam der ruſſiſche Krieg und ſein für die fran⸗ zöſiſchen Waffen ſo unerwarteter, vernichtender Ausgang. Die Aufregung, welche die zuerſt bezweifelten und un⸗ glaublichen, dann aber ſich beſtätigenden Nachrichten her⸗ vorriefen, iſt ſchwer zu ſchildern. Die ganze ungeheure, ſtolze Armee, eine Armee, welche zur Eroberung der gan⸗ zen Erde befähigt zu ſein ſchien, von welcher man ge⸗ fabelt hatte, daß ſie ihre unbeſiegten Adler bis zu dem fernen Indien tragen würde— war vernichtet, ſpurlos verſchwunden— Alles, Menſchen, Pferde, Geſchütze, Wagen, als ob ſie niemals dageweſen wäre! Der Schlachtenkaiſer, der bisher keine einzige verloren, den man für unbeſiegbar gehalten, war ſelbſt als ein ein⸗ ſamer Flüchtling mit Mühe demſelben Schickſal entgan⸗ gen, und wenn er auch jetzt wieder in Paris ſaß und neue Rüſtungen vorbereitete, ſeine Macht und ſeine Kraft mußte gebrochen ſein, denn woher ſollte er die Men⸗ ſchen nehmen, um dieſe Verluſte zu erſetzen? Jetzt oder nie war der Augenblick gekommen zur Vergeltung und zur Wiedererlangung der verlorenen Selbſtändigkeit und Freiheit. Ließ man auch dieſen ungenutzt vorübergehen, ſo war es für immer vorbei mit der Unabh i Deutſchlands, man hatte ſich zum Vaſallen erniedrigt und die eigene Kraft und Größe für immer zu Grabe getragen. Wie ein zündender Blitz fiel die Nachricht von dem Abfalle des York'ſchen Corps und des Waffenſtillſtandes auf der Mühle bei Poſcherun in die aufgeregten Ge⸗ müther. Der Name York ſchwebte auf Aller Lippen; er war der Held des Tages und Krieg gegen Frankreich die allgemeine Loſung. Walther gehörte zu denen, welchen die Ereigniſſe viel zu langſam gingen— gleich hätte man losſchlagen, ſo⸗ fort die wehrloſen Ueberbleibſel der Franzoſen vernichten oder gefangen nehmen müſſen. Jede Zögerung war ein ſchwer zu verbeſſernder Fehler. Mit Jubel hatte er das Ueberſchreiten der preußiſchen Gränze durch die Ruſſen, den Rückzug der Franzoſen zuerſt an die Weichſel, dann an die Oder und zuletzt bis zur Elbe begrüßt; dann aber, als endlich, für ihn viel zu ſpät, der Ruf zu den Waffen erging, war er einer der Erſten geweſen, die ſich hatten einſchreiben laſſen, ohne irgend ein weiteres Be⸗ denken, ohne irgend ei Zögerung. Es wird oder mu vielmehr Alles finden, hatte er Abſchied nehmend zu r Mutter geſagt, als er nach dem Sitze der Regierung ritt, um ſeinen Vorſatz aus⸗ zuführen; meine Pflichten gegen den Grafen ſtehen jetzt in zweiter Reihe; es wird in dieſer Hinſicht geſchehen, 12 was geſchehen kann, aber zuerſt kommen mein König und das Vaterland, dann der Graf und ſeine Angelegenheiten. Er war acht Tage abweſend geweſen, welche dazu be⸗ nutzt worden waren, die erſte Organiſation des neuen Corps vorzubereiten. Man hatte Offiziere gewählt und Walther gehörte mit zu den Gewählten. Sofort als ſolcher beſtätigt, hatte er dann eine Woche Urlaub er⸗ halten, um ſeine eigenen Angelegenheiten zu ordnen. Er fand in einem zuverläſſigen Manne, deſſen körperliche Gebrechen ſeine Betheiligung an dem Kriege verhinderten, einen geeigneten Stellvertreter, ſoweit dies überhaupt unter den obwaltenden Verhältniſſen und bei der be⸗ ſchränkten Zeit möglich war. Der Betrieb der Kohlen⸗ werke, welcher am meiſten Intelligenz und Thätigkeit er⸗ forderte, wurde eingeſtellt und der neue Verwalter an⸗ gewieſen, nur die landwirthſchaftlichen Geſchäfte und auch dieſe nur ſoweit, als die vorhandenen Kräfte hin⸗ reichen würden, fortgehen zu laſſen, denn die Hauptſache blieb der Krieg und alles, was damit im Zuſammen⸗ hange ſtand. Die Beſorgniſſe um das Egehen des Grafen und ſeiner Tochter hatten ſich anfänglich bei Walther immer mehr geſteigert, dann war er jedoch zu der Ueberzeugung gekommen, daß ihre Rückkehr unter den obwaltenden Verhältniſſen nicht möglich ſei. Der letzte Brief des 13 Grafen war vom April des vorigen Jahres, jetzt mithin bereits zehn Monate alt. Der Graf benachrichtigte ihn darin, daß er wieder an der Gicht leide, jedoch Hoffnung habe, bald hergeſtellt zu ſein und dann ſofort die Rück⸗ reiſe antreten zu können. Sonſt enthielt er wenig Neues und wiederholte nur, daß der Fürſt ſie mit großer Zuvorkommenheit und Gaſtfreundſchaft aufgenommen habe, daß es ihm in Petersburg ganz gut gefalle, wo man im Winter weit behaglicher leben könne, als in Deutſchland, und in viel geringerem Grade der Erkältung ausgeſetzt ſei, weil nicht nur die Zimmer, ſondern ſämmtliche Corridore geheizt ſeien, eine Einrichtung, die er im künftigen Winter in Wallfort ebenfalls ſogleich einführen wolle.— Dieſe ſchon drei Mal wiederholte Bemerkung war nun doch nicht in dieſem Winter in Wallfort zur Ausführung ge⸗ kommen, denn das Schloß ſtand immer noch leer, die Räume deſſelben, nicht nur die Corridore, ſondern ſämmtliche Zimmer, waren eiſig und kalt, und jeder, der ſie betreten hätte, würde ſich unbehaglich darin gefühlt haben. Nur Hedwig's Zimmer, worin ihre Lieblingsblumen ſehen geblieben und ſorgſam gepflegt waren, machte eine Ausnahme. Es hatte ſich ſeit ihrer Abreiſe nichts darin geändert, jede Sache lag und ſtand auf derſelben Stelle, 14⁴ wo ſie gelegen und geſtanden hatte, als ſie es verlaſſen. Selbſt das Schnupftuch, welches ſie auf dem Stuhle vor ihrem Schreibtiſche vergeſſen. Dem Mädchen war der ſtrengſte Befehl ertheilt, wenn ſie den Staub abwiſchte oder die Fenſter öffnete, um friſche Luft einzulaſſen, jede Sache wieder genau auf dieſelbe Stelle hinzulegen, und Walther, der häufig ſelbſt nachſah, ob dieſer Anordnung entſprochen werde, war nach und nach ſo genau in dieſem Raume bekannt geworden, daß er auch die unbedeutendſte Aenderung in dem bisherigen Zuſtande bemerkte und ſie ſofort wieder beſeitigte. Auch heute, nachdem er den Beamten in den Hof be⸗ gleitet hatte, ging er hinüber in das Schloß und in Hedwig's Zimmer. Die Sonne ſchien in die Fenſter, die Luft war angenehm erwärmt und die Camellien hatten ihre erſten Blüthen entfaltet. Er ſtand längere Zeit ſchweigend, während ſeine Blicke forſchend umherſchweiften. Es liegt etwas Staub auf den Blättern der Ca⸗ mellien, ſagte er dann zu dem Mädchen, wiſche ſie vor⸗ ſichtig ab und beſorge Alles mit der größten Pünktlichkeit, auch wenn ich fort ſein werde— ich verlaſſe mich be⸗ ſtimmt darauf. Jweites Capitel. Du magſt in Allem Recht haben, lieber Sohn, ſagte Walther's Mutter mit trauriger Miene, aber du mußt nicht verlangen, daß ich mich darüber freuen ſoll; es iſt dies mehr, als du einer Mutter zumuthen kannſt. Würdeſt du dieſen Sohn noch achten können, wenn er jetzt nur einen Augenblick Anſtand nähme, dem Rufe ſeines Königs zu folgen? Ich würde ihn lieben— lieben, wie ich ihn immer ge⸗ liebt habe, und glücklich ſein, ihn nicht verlieren zu dürfen. Lieben würdeſt du mich auch ferner, das weiß ich, aber glücklich könnteſt du nicht mehr ſein. Nicht glücklich in deinem Beſitze? Ich wünſche nichts Anderes! Könnteſt du noch glücklich ſein, wenn dein Sohn nicht nur der allgemeinen, ſondern auch ſeiner eigenen Verachtung anheimgefallen wäre? Würdeſt du mit die⸗ ſem Bewußtſein noch eine einzige glückliche Stunde haben? Nein, meine liebe, gute Mutter, mache dir keine „ 16 vergeblichen Täuſchungen— es geht nicht anders, es wäre unmöglich, ſelbſt wenn ich es wollen könnte, was du gewiß nicht von mir glauben wirſt. Haſt du mich nicht ſelbſt ſo oft gelehrt, fuhr er, zärtlich ihre Hand nehmend, fort, man müſſe vor Allem nie von dem Wege der Pflicht und deſſen, was man für Recht erkannt, ab⸗ weichen, auch wenn es ſchwer würde und mit Opfern und Entſagungen verbunden ſei? Schon deßhalb müßte ich jetzt fort— aber mich rufen noch andere Stimmen, mich ruft die Ehre, mich rufen König und Vaterland! Könnteſt du dir einen Sohn wünſchen, deſſen Ohr gegen dieſe Stimmen verſchloſſen bliebe, einen Ehrloſen? O, rede nicht ſp, Walther, ich denke jetzt nur an die Schrecken des Krieges und an die Gefahren, denen du entgegengehſt. Warum iſt es mir nicht beſchieden, die letzten Jahre meines Lebens in Ruhe und Frieden mit dir zu verleben? Das wird dir beſchieden ſein, ſo Gott will. Wenn ich heimkehre, wenn wir den übermüthigen Feind über unſere Gränzen zurückgetrieben haben werden, dann wird dieſe Zeit gekommen ſein und nichts uns mehr trennen. Ja, dann, ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer und einem zärtlichen Blicke— aber bis dahin kann noch Vieles geſchehen. Es wird und muß auch Vieles geſchehen bis dahin, 17 fuhr er in auflodernder Begeiſterung fort; es müſſen Schlachten geſchlagen werden, blutige, mörderiſche Schlach⸗ ten, es müſſen Tauſende ihr Leben hingeben und eines ruhmvollen, herrlichen Todes für König und Vaterland ſterben— das alles muß geſchehen, es iſt eine unaus⸗ bleibliche Nothwendigkeit, und ſollte ich zu denen ge⸗ hören, welche.. Ach, wie traurig und in welch ſteter Beſorgniß wird die Zeit bis dahin vergehen! fuhr ſie, ſich wieder ihrem Schmerze hingebend fort. Ich habe ja ſchon einmal dieſe Erfahrung gemacht, damals, als du auch zu einem ähnlichen Unternehmen hinausgezogen warſt. Wie kannſt du das Damalsund das Jetzt mit einander vergleichen? Damals folgte ich den Fahnen eines kühnen Fürſten, der unglückliche Erfolg war von Anfang an mehr als wahrſcheinlich; jetzt aber rufen mein König, mein Vaterland! Und damals wurdeſt du mir auch nur durch einen wunderbaren Zufall erhalten— würdeſt du zum zweiten Male eine Fichtenau finden, wenn du in Gefahr wäreſt? Ich werde hoffentlich keiner Fichtenau in deinem Sinne mehr bedürfen, erwiederte er mit einem melancho⸗ liſchen Lächeln— es waren ſchöne, wonnige Tage, die ich in jenem Thale verlebte— auch ſie ſind dahin— aber ich ſelbſt hoffe, die Fichtenau wiederzuſehen, fuhr er w. 2 18 mit leuchtendem Blicke fort, nicht als Flüchtling, wie damals, der des Schutzes bedarf, ſondern als Sieger und Befreier! Wenn wir dann oben ſtehen auf den eroberten Höhen und in das Thal hernieder ſteigen werden, welches der geſchlagene Feind auf Nimmerwiederſehen verlaſſen hat— ach, wie frendig werde ich dann meinem alten Freunde Wehring entgegentreten und ſeine Hand ſchüt⸗ teln, indem ich ihm zurufe: Wir bringen den Sieg, wir bringen die Freiheit, und das iſt die Vergeltung für all das Gute und Liebe, welches du mir gethan!— Ach, Mutter, eine einzige ſolche Stunde, mit welchen Opfern wäre ſie zu theuer erkauft? Du hängſt immer noch ſehr an Wehrings, ſagte ſie mit einem Seufzer. Sollte ich es etwa nicht? Könnteſt du wünſchen, es wäre anders? Und dennoch täuſcheſt du dich vielleicht. Wie kommſt du zu dieſem Zweifel? Warum haſt du damals ſo ſchnell die Fichtenau wieder verlaſſen, als du die weite Reiſe dorthin gemacht hatteſt? Warum bliebſt du nicht, wie du es beabſich⸗ tigteſt, längere Zeit bei deinem Freunde Wehring, den du ſo lange nicht geſehen hatteſt? Weil du nicht mehr fan⸗ deſt, was du ſuchteſt— und wird es jetzt anders ſein? Ja, es wird jetzt anders ſein, erwiederte er, während 19 eine leichte Röthe über ſein Geſicht flog, denn— ich weiß jetzt, daß ich ſie dort nicht mehr zu ſuchen habe. Glaubſt du, daß du ſie jemals wiederſehen wirſt? Weßhalb ſtellſt du dieſe Frage an mich, Mutter, und gekude jetzt, wo andere Dinge meine Gedanken in An⸗ ſpruch nehmen müſſen— weßhalb? Warum jene Er⸗ innerungen aufwecken, die ich ſo mühſam in den Schlum⸗ mer gewiegt habe, nicht damit ſie fortſchlafen und nie mehr erſtehen ſollen, fuhr er leidenſchaftlicher fort, nein, ietzt nur, jetzt, wo ein Jeder ſeine eigenen Angelegenheiten in denen des Vaterlands aufgehen laſſen muß— nur ſo lange— ach, es iſt wieder ein abermaliges Zögern, ein neues Aufſchieben— aber auch dieſe Zeit wird kommen, ſie muß kommen, und dann will ich mich ſelbſt überzeu⸗ gen— ſie noch einmal ſehen, noch einmal ſprechen, da⸗ mit— doch laſſen wir das, es iſt eine Thorheit, jetzt davon zu reden. So habe ich dennoch Recht, ſagte ſie, ihn traurig an⸗ blickend, und mich nicht getäuſcht. Worin hätteſt du Recht? 3 Darin, daß du ſie immer noch liebſt ſie immer noch nicht vergeſſen kannſt. Ich werde ſie niemals vergeſſen, niemals! Mag es nichts geweſen ſein, als ein ſchöner, wunderbar ſchöner Traum— die Erinnerung an dieſen Traum wird mich 20 begleiten, ſo lange das Herz in meiner Bruſt pulſirt, aber was in meinem Willen und in meiner Kraft liegt, das werde ich thun, um zu erfahren, ob ich wirklich nur geträumt habe. Möge Gott Alles zum Beſten wenden, ſagte ſie, un⸗ bewußt ihre Hände faltend— Alles, was jetzt ſo dunkel und drohend vor uns liegt— möge es mir vergönnt ſein, dich glücklich zu ſehen, ehe ich meine Augen ſchließe, das iſt mein tägliches Gebet— mein einziger Wunſch! Sei nicht traurig, geliebte Mutter, erwiederte er, ſie zärtlich unfaſſend; ſchon deinetwegen wird ſich Alles er⸗ füllen, und auch wenn es nur ein Traum geweſen wäre, wird die Liebe deines Sohnes es verſuchen, den Abend deines Lebens zu beglücken. Dein Glück allein iſt das meinige— ich habe keinen Wunſch mehr für mich! Laß uns dieſe Schwäche verbannen, ſagte er mit einem tiefen Athemzuge, laß uns ſtark und gefaßt ſein, wie wir es ſein müſſen, wie es nothwendig iſt und es die Pflicht erfordert. Wozu das Mahnen und Erinnern an Dinge, die wir jetzt doch nicht ändern, doch zu keiner Entſcheidung bringen können? Das Einzige, was meine Freudigkeit zerſtören könnte, wenn ich fort bin, iſt der Gedanke, daß du traurig und betrübt wäreſt! Denke das nicht— es wird ſich Alles finden— ich ſelbſt werde mich finden, denn... Ihre Rede wurde durch den eiligen Eintritt eines Dieners unterbrochen. Die gnädige Gräfin, berichtete er faſt athem⸗ los, iſt ſo eben angekommen mit einem fremden Herrn; ſie ſind hinaufgegangen und laſſen den Herrn Director bitten, doch ſogleich herüber zu kommen. Der Graf iſt zurückgekehrt? rief Walther erfreut. Nicht der Herr Graf, nur die gnädige Gräfin mit einem fremden Herrn, mit der Kammerjungfer Lucie und einem fremden Bedienten. Die Gräfin allein? fragte Walther mit Beſorgniß, haſt du auch recht geſehen, und mit einem fremden Herrn? Der Herr Graf ſind nicht dabei, auch Friedrich nicht, der Herr Director können ſich feſt darauf verlaſſen. Sonderbar! Sah ſie traurig aus?— Doch was frage ich weiter, ich will hinübergehen und dir bald Nachricht bringen, liebe Mutter. Als er in Hedwig's Zimmer trat, ſtand dieſe an ihrem Blumentiſche, ihm den Rücken zugewendet, neben ihr ein fremder Mann. Erſchrocken wandte ſie ſich um und blickte ihn mit dem Ausdrucke aufrichtiger und herzlicher, zugleich aber verſchämter Freude an. Sie war ihm noch nie ſo ſchön vorgekommen, wie in dieſem 22 Augenblicke. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu weiteren Beobachtungen; denn ſie eilte zu ihm, indem ſie ihm beide Hände entgegenhielt. Seien Sie herzlich, herzlich begrüßt, Herr Rohneck, rief ſie, ich freue mich mehr, als ich es ſagen kann, wieder in der Heimath zu ſein und Sie zu ſehen. Ich werde nicht nöthig haben, Ihnen daſſelbe zu verſichern. O, wie beſorgt Sie für mich geweſen ſind, fuhr ſie in freudiger Erregung fort, es ſieht hier aus, als ob ich gar nicht fortgeweſen wäre, genau ſo wie an jenem Mor⸗ gen, wo wir Abſchied nahmen. Befindet ſich Ihre Frau Mutter wohl? Sie ſelbſt brauche ich nicht zu fragen. Aber Sie ſind in Uniform? Was bedeutet das? Habe ich nöthig, dieſe Frage zu beantworten? Hät⸗ ten Sie glauben können, daß es jetzt anders wäre? ſagte er, ſie verwundert anſehend; meine Mutter iſt geſund und wird ſich unendlich freuen, Sie nach ſo langer Abweſen⸗ heit zu begrüßen; aber Ihr Herr Vater, der Herr Graf, iſt er vielleicht— Mein Vater iſt wohlauf— wohler als je— ſagte ſie erröthend und mit ſichtlicher Verlegenheit, wenigſtens war er es, als ich ihn verließ. Er wird ebenfalls bald zurückkehren? Vielleicht heute 23 noch? Es wird nöthig ſein, die erforderlichen Anord⸗ nungen zu treffen. Nein, Herr Rohneck, ſagte ſie, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen, er wird noch eine kurze Zeit abweſend ſein; aber, fuhr ſie dann erröthend fort, indem ein verſchämtes Lächeln um ihren Mund ſchwebte, ich werde die Herren mit einander bekannt machen müſſen, da ſie ſich wirklich nicht mehr zu kennen ſcheinen. Ich habe nicht die Ehre, entgegnete Walther, Raoul forſchend anſehend. Und ich würde Sie auch nicht wieder erkannt haben, ſagte dieſer. Nun, ſo werde ich alſo förmlich vorſtellen, bemerkte Hed⸗ wig mit einem halb muthwilligen, halb verlegenen Lächeln. Herr Rohneck, Offizier in einem mir noch unbekann⸗ ten Regiment— mein Mann, der Capitän de Beaumont! Es iſt ſchwer, die Ueberraſchung zu ſchildern, welche Walther bei dieſer ſo ganz unerwarteten Mittheilung empfand; er glaubte nicht recht gehört zu haben und ſah bald Hedwig, bald Raoul mit einem fragenden, ungläu⸗ bigen Blicke an. Nun, fuhr dieſe ebenfalls befangen fort, wollen Sie uns nicht zu unſerer Verheirathung Glück wünſchen und haben Sie keinen Gruß des Willkommens für meinen Mann, für Margot's Bruder? 24 Herr Rohneck, ſagte Raoul, ihm die Hand hinreichend, wir haben uns nur einmal auf kurze Zeit geſehen und unter eigenthümlichen Verhältniſſen— aber die jetzigen ſind jedenfalls noch eigenthümlicher, noch wunderbarer, und ich kann mir denken, wie ſehr Sie Hedwig's Mitthei⸗ lung überraſcht hat.— Sie werden alles Nähere er⸗ fahren, bis dahin aber nehmen Sie den Gruß eines Mannes in Empfang, der ſchon ſo viel Gutes von Ihnen gehört und Ihnen zu Dank verpflichtet iſt. Sie— Sie wären Margot's Bruder? fragte Walther, mehr mit ſich ſelbſt redend, indem er langſam ſeine Hand in die ihm gebotene legte— ja, ja, fuhr er mit einem tiefen Athemzuge fort, ich erkenne Sie wieder, Sie haben auch eine Aehnlichkeit— und Sie ſind.. Mein geliebter Mann, ergänzte Hedwig, indem ſie ihren Arm um ſeine Schulter legte nicht wahr, das hätten Sie nicht geglaubt, als ich an jenem Morgen fort⸗ fuhr nach dem weiten, traurigen Rußland? Nein, das hätte ich nicht geglaubt, erwiederte Wal⸗ ther lächelnd, der jetzt ſeiner erſten Ueberraſchung Herr geworden war, eben ſo wenig als Sie ſelbſt, gnädige Frau— empfangen Sie meinen aufrichtigen und herz⸗ lichen Glückwunſch. Es iſt der erſte Glückwunſch, der uns auf heimath⸗ lichem Boden zu Theil wird, ſagte Hedwig mit einem 25 zärtlichen Blicke auf Raoul, der Wunſch eines bewährten Freundes— er wird uns Glück bringen. Man reichte und drückte ſich gegenſeitig die Hände, Hedwig mit einer faſt ſtürmiſchen Empfindung, während Walther ſich immer noch unter dem Eindrucke dieſes eben ſo räthſelhaften als unerwarteten Ereigniſſes befand. Haben Sie Sich in Petersburg vermählt? fragte er dann— entſchuldigen Sie meine Frage, denn ich be⸗ finde mich ja ſeit zehn Monaten in völliger Unkenntniß über Ihr Ergehen. O, nicht doch, erwiederte Hedwig mit dem ſichtbaren Bemühen, den Ernſt des Augenblickes zu zerſtören, wo denken Sie hin? Ein ſo nahe gelegener Ort genügte uns nicht, weit, weit, an der Gränze Aſiens mußte ich dieſen Mann finden. Wir mußten beide erſt die weite Reiſe dahin machen, ſo ſtand es im Buche des Schickſals ge⸗ ſchrieben. Blicken Sie mich nicht ſo ungläubig an, Herr Rohneck, ich ſpreche die volle Wahrheit— ich weiß nicht, ob Sie jemals von einem Schloſſe an der Wolga gehört haben, welches den ſüdlichen Namen Balagna führt, es liegt nur einige Stunden von Nowgorod ent⸗ fernt, dort, dort hat ſich das große Ereigniß zugetragen. So weit ſind Sie in das Innere von Rußland ge⸗ kommen? O, wir haben den ganzen Krieg mitgemacht, alle 26 Schlachten, auch den Brand von Moskau— ich werde es nie vergeſſen. Zuerſt fuhren wir der ſich zurückziehen⸗ den ruſſiſchen Armee voraus, als ob wir die Schlacht⸗ felder hätten ausſuchen müſſen, und dann hinter der ſiegreichen zurück, bis wir endlich wieder hier ange⸗ langt find. Laſſen Sie mich Ihnen mit wenigen Worten den Zuſammenhang erklären, ergänzte Raoul, ich war in ruſſiſche Gefangenſchaft gerathen und befand mich auf dem Wege nach Sibirien; im Begriffe, meinem Schickſal zu erliegen, ſandte mir der Himmel einen ſeiner Engel in der— Dieſer Engel ſoll ich ſein, unterbrach ſie ihn eilig; Sie ſehen, er iſt immer noch ein Schwärmer; erzähle jetzt ruhig und wahrheitsgetreu und kurz, kurz, damit Herr Rohneck endlich erfährt, wie wunderbar uns Gott zuſammengeführt. Später ſoll Alles ausführlich erörtert werden, wenn wir ruhiger ſind und Ihre Mutter dabei ſein wird— ich freue mich unendlich darauf. Nun wohl denn, kurz und einfach, ſagte er mit einem Blicke der innigſten Liebe. Sie rettete mich von dem gewiſſen Tode, und dann, als wir erkannt hatten.... Daß es nothwendig ſei, unterbrach ſie ihn wieder tief erröthend, verheiratheten wir uns heimlich in Now⸗ gorod und flohen mit einander. W Sie flohen? Sie haben ſich heimlich vermählt? fragte Walther mit neuem Erſtaunen. Sollten wir vielleicht mit einander nach Sibirien wandern? Es war das Einzige, was uns übrig blieb, ſagte ſie mit feſter und klarer Stimme. Wir haben uns heimlich trauen laſſen müſſen, aber jetzt ſind wir, Gott ſei Dank, dieſes Zwanges enthoben. Wir haben jenes ſchreckliche Land, wenn auch nicht ohne Gefahr, verlaſſen und keine Urſache mehr, unſeren Bund vor irgend einem Menſchen zu verheimlichen. Und der Herr Graf? Wo befindet ſich Ihr Herr Vater? Und wie ſteht es mit dem Fürſten? Mein Vater wird hoffentlich jetzt ebenfalls auf der Rückreiſe ſein und bald eintreffen— die Verhältniſſe ge⸗ ſtatteten es leider nicht, ihn zum Mitwiſſer unſeres Ge⸗ heimniſſes zu machen, von deſſen Bewahrung Leben und Tod abhing; ich habe ihm geſchrieben— er weiß es, wußte es ſchon am andern Tage, und wird meinen Schritt billigen, dem Glücke ſeines einzigen Kindes ſeinen Segen nicht verſagen. Und der Fürſt? fragte Walther wieder. Ah, ſagte ſie, indem ſich ihre Lippen verächtlich zu⸗ ſammenzogen, was kümmert mich jener Fürſt, jener rohe, widerliche Egoiſt, der es für möglich hielt, mich mit ſei⸗ nem elenden Gelde erkaufen zu können! O, erinnern 28 Sie mich nicht an dieſe Dinge, fuhr ſie erregter fort— es liegt das Alles, Alles, Gott ſei Dank, hinter mir, wie ein trauriger, wüſter Traum! Aber mit einem entzückenden Erwachen, ſagte Raoul, welches mit all ſeinen Schrecken nicht zu theuer erkauft war. Er iſt einmal ein Schwärmer, bemerkte ſie mit einem zaghaften Lächeln, es ſcheint in der Familie zu liegen— finden Sie das nicht auch, Herr Rohneck? Aber jetzt kommen Sie zu Ihrer Mutter— oder gehen Sie viel⸗ mehr zuerſt ſelbſt, melden Sie uns an, ſagen Sie ihr, daß wir, mein Mann und ich, ſie beſuchen werden, ſehr bald, denn ich ſehne mich unenblich, ſie wiederzuſehen. Und für heute Abend laden wir uns bei Ihnen zu Gaſte, dann wollen wir erzählen und uns ausſprechen— ach, wie ſchön, wie herrlich wird dieſer Abend, der erſte in der Heimath, ſein! Drittes Capitel. Walther's Mutter wurde durch die Mittheilung ihres Sohnes, daß Hedwig verheirathet ſei, wo möglich noch mehrüberraſcht, als er es ſelbſt geweſen war. Das Unge⸗ wöhnliche ihres Handelns, das Hintenanſetzen der Form und ſelbſt der gangbaren Sitte machte auf ſie keinen wohlthuenden Eindruck, denn ſie gehörte zu den Frauen, welche in der Hingebung und in der Aufopferung kein Maß kennen, aber jedes ſelbſtändige Verlaſſen des durch die allgemeine Sitte dem Weibe vorgezeichneten Weges für ein Unrecht anſehen. Ohne den Willen ihres Vaters, ſagſt du? wiederholte ſie; ich hätte das nicht von der Gräfin erwartet. Dann haſt du ſie nicht gekannt; ſie wird niemals etwas Unehrenhaftes thun, aber die Form war bei ihr ſtets Nebenſache.— Wunderbax, wunderbar! fuhr er er⸗ regt und mehr mit ſich ſelbſt redend fort— gerade er— ſie ihre Schwägerin! 30 Du denkſt an Margot, ſagte ſeine Mutter, als er, vor ſich hinblickend, ſchwieg. Sollte ich nicht, da ihr Bruder ſo plötzlich trſhein und als Hedwig's Gatte?— Sie haben viel Aehnlichkeit mit einander— dieſelben Augen, die ihrigen ſind nur größer, ihr Blick iſt ſanfter— aber es war mir ing als ob ſie mich ſelbſt anſähe.. Du ſprichſt wohl von Margot? Ich kann mir ken, daß du lebhaft an ſie erinnert worden biſt. Sie wollen den Abend bei uns zubringen, fuhr er fort, ohne dieſe Frage zu beantworten; ſorge dafür, liebe Mutter, daß es an nichts fehle. Ich werde Alles aufbieten, wos in meinen Kräften ſteht, um ſo werthe Gäſte würdig zu empfangen. So beeile dich, denn ſie werden bald hier ſein. Es war ſchon dunkel geworden und Licht angezündet, als ſie kamen. Hedwig eilte bewegt und mit einer Aufregung und Rüh⸗ rung, die ſie vergeblich zu verbergen bemüht war, auf Walther's Mutter zu und ſchloß ſie faſt leidenſchaftlich in ihre Arme. Meine liebe Frau Rohneck, ſagte ſie— meine theure, mütterliche Freundin! So war ſie nie geweſen, und Vatthers Mutter er⸗ 3 31 wiederte nicht ohne ſichtliche Verlegenheit dieſen Erguß einer faſt kindlichen Zärtlichkeit. Hier bin ich wieder, ſagte Hedwig dann mit einem Lächeln, hinter welchem ſie ihre innere Erregung zu ver⸗ bergen ſuchte— und hier iſt mein Mann— ach, wie ſehr und wie oft haben wir uns auf dieſe Stunde gefreut! Seien Sie herzlich, beide, erwiederte Walther's Mutter— wer mir das ge⸗ ſagt hätte an jenem Morgen, als Sie fortreiſten. Niemand hätte es Ihnen damals ſagen können, be⸗ merkte Ravul, denn ich, der ich jetzt hier ſo plötzlich und unerwartet unter Ihnen erſchienen bin, der ich mich mit dem Beſten und Werthvollſten, was Sie beſeſſen, habe beſchenken laſſen— ich befand mich damals noch in Paris, viele Hundert Meilen weit von jener Stelle, wo ich das Glück meines Lebens finden ſollte.... Sie ſollen Alles erfahren, wir wollen Ihnen Alles n liebe Frau Rohneck, unterbrach ihn Hedwig, mit Sie wiſſen, wie es gekommen iſt und daß es nicht anders hat kommen können. Es lag ein bittender Ausdruck in Hedwig's Augen, während ſie dieſe Worte ſprach, als ob ſie das Verlangen empfände, die Billigung ihrer Handlungsweiſe aus dem Munde einer Frau zu hören, welche ſie hochſchätzte. So wollen wir uns zu Tiſche ſetzen, wenn es Ihnen 32 gefällig iſt, erwiederte dieſe, es plaudert ſich dann beſſer, und Sie werden es natürlich finden, daß ich ein wenig neugierig bin. 8 Dennoch dauerte es eine gewiſſe Zeit, ehe das Ge⸗ ſpräch einen unbefangenen Charakter annahm. Hedwig mußte von Anfang an erzählen, und ſie that dies um ſo lieber, als dadurch der Zeitpunkt, in welchem ſie von ihrer Verheirathung reden mußte, verzögert wurde. Den Herzog haben Sie in Petersburg getroffen? fragte Walther mit erregter Stimmung, als ſie in ihrer Erzählung ſo weit gekommen war— ihn? Er iſt alſo oder war vielmehr damals nicht in Paris? Er iſt auch jetzt nicht dort, etwiederte Hedwig, plötz⸗ lich ernſt werdend, denn er iſt in Petersburg geblieben, wo man ihn begraben hat. So iſt er todt? rief Walther. Ja, er iſt todt— der Capitän, von dem ich Ihnen erzählte— der ehrenwerthe, brave Capitän— oder Ma⸗ ijor, was er jetzt iſt ſetzte ſie bewegt hinzu, hat ihn im Duell erſchoſſen. Im Duell erſchoſſen— weßhalb? Was war die Veranlaſſung? Erlaſſen Sie mir das Nähere— es war an ſich eine unbedeutende Urſache, veranlaßt durch einen Wortwechſel beim Spiele. 33 Nicht doch, nicht doch, unterbrach Raoul, du darfſt unſerem Freunde oder vielmehr deinem Freunde nicht Un⸗ recht thun, dem das beneidenswerthe Glück zu Theil ge⸗ worden iſt, eine dir zugefügte unwürdige Handlung rächen zu können. Ich bitte, laß uns nicht weiter dieſes Mannes ge⸗ denken, ſagte ſie ernſt, es ſchmerzt mich! Aber er iſt todt? fragte Walther, Raoul feſt an⸗ ſehend— die Thatſache ſteht feſt? Er iſt todt! erwiederte dieſer in demſelben entſchie⸗ denen Tone, und ich beneide den Capitän noch immer deßhalb, daß ihn das Geſchick zum Werkzeuge auserſehen hat, dieſen Elenden zu beſtrafen. Ich ebenfalls, erwiederte Walther— aber es war weder Ihnen noch mir vergönnt. Hedwig ſah Ravul mit einem bittenden Blicke an. Es trat ein längeres, ernſtes Schweigen ein.— Soll ich weiter erzählen? fragte ſie dann mit leiſer Stimme. Zürne nicht, bat Raoul, wir wollen nie mehr von ihm reden! Hedwig's Erzählung wurde wieder unbefangener, als ſie die Ereigniſſe ſeit ihrer Abreiſe von Petersburg ſchil⸗ derte, von dem Czaren, von dem Brande Moskau's ſprach und dann zu ihrem Aufenthalte in dem Schloſſe des Fürſten kam. Nachdem Ravul endlich als handelnde w. 3 34 Perſon aufgetreten war, ſah ſie ihn zögernd und beſchämt an, und er, der ſo leicht ihre Gedanken errieth, fuhr dann ſelbſt in der Darſtellung derjenigen Ereigniſſe fort, welche zu erzählen ſie ihm zu überlaſſen vorzog. In ſeiner ihm eigenen ſchwärmeriſchen Weiſe und oft mit dem Blicke der begeiſterten Liebe Hedwig's nieder⸗ geſchlagene Augen aufſuchend, trug er dies alles vor, wie ſie ihm, der bereits mit dem Leben abgeſchloſſen, wie ein Bild des Himmels erſchienen ſei und ihn dann vom ſicheren Tode gereitet habe. Wie er das alles ausſchmückt, unterbrach ſie ihn, während ihr ſchönes Geſicht ſchon lange von einer tiefen Röthe übergoſſen war, als ob es etwas Außerordentliches geweſen wärt. Urtheilen Sie nicht nach ſeinen über⸗ triebenen Schilderungen, liebe Frau Rohneck, wandte ſie ſich zu dieſer, vielleicht um Walther's feſt auf ſie ge⸗ richteten Blicken auszuweichen— jetzt, da er mein Mann iſt, ſetzte ſie mit einem verſchämten Lächeln hinzu, jetzt darf ich es ja ſagen— daß ich ihn liebte von jenem Augenblicke an, als er zum erſten Male an meinem Sfchlitten geſtanden— weßhalb?— ich weiß es nicht— er verdient es vielleicht gar nicht, ſprach ſie mit einem zärtlichen Blicke weiter— aber da es einmal ſo war— ſo konnte es doch nicht anders kommen. Nein, es konnte nicht anders kommen, fuhr Ravul 35 wieder fort, da wir uns einmal gefunden und für das Leben gefunden hatten, ſo war eine Trennung unmöglich. Eine Trennung unter den damaligen Umſtänden war gleichbedeutend mit dem Tode! Wir wollten zuſammen bleiben, uns nicht trennen, ſondern mit einander leben oder mit einander ſterben!— Es war ein harter Kampf in mir, als ich mich fragte, ob ich ihr Geſchick an das meinige knüpfen dürfe, das noch ſo vielen Gefahren ausgeſetzt war— es wäre vielleicht größer, edler geweſen, wenn ich es nicht gethan hätte— aber ich konnte nicht anders— ich beredete ſie, mit mir zu fliechen— ſie willigte ein, und ſie ſoll es nie bereuen, mir vertraut zu haben. Er hatte, während er ſprach, ſeinen Arm um ihre Schulter gelehnt und ſie an ſich gezogen; ihr Kopf ruhte an ſeiner Bruſt. Verſchämt blickte ſie auf und ihr Auge traf dasjenige Walther's, welches ernſt und mit einem eigenthümlichen Ausdrucke auf Raoul ruhte. Glauben Sie ihm nicht, flüſterte ſie dann leiſe, in⸗ dem ſich ihre langen Wimpern wieder ſenkten— er hat mich nicht beredet— er würde es damals nicht gethan haben, um mich nicht ungewiſſen Gefahren auszuſetzen— ich bin ihm freiwillig gefolgt— und würde ihm heute und immer folgen, wenn es wieder ſo wäre. Es trat wieder längere Zeit eine tiefe Stille ein, Keiner fand das paſſende Wort, ſie zu unterbrechen. „ „ 36 Es ſchwebt ein Engel durch das Zimmer, ſagte Wal⸗ ther's Mutter dann mit leiſer und bewegter Stimme, der Himmel ſegnet Ihren Bund, möge er Ihnen Glückbringen bis an das Ende Ihres Lebens! Hedwig umſchlang leidenſchaftlich die Frau, welche dieſe Worte geſprochen; ſie fühlte ſich innerlich ſo be⸗ glückt, ſie wußte ſelbſt nicht, weßhalb, und als ſie ſich dann aus dieſer ſtummen Umarmung erhob, reichte ſie Walther ihre Hand und ſagte, während ihre großen, jetzt feuchten Augen ihn klar und innig anblickten: Bleiben Sie unſer Freund, immer, immer— wie es auch kommen mag— vielleicht werden wir uns einſt mehr— der Engel, welcher ſo eben um uns ſchwebte, brachte ſeinen Segen für uns Alle! Ich habe nur den innern Raum der kleinen Kirche geſehen, in welcher wir getraut wurden, fuhr ſie fort, und auch dieſer war ſo matt erleuchtet, denn es brannten nur zwei Wachskerzen am Altare, daß ich auch davon nur ein ſehr unklares Bild zurückbehalten habe; dann fuhren wir hinaus in die kalte Winternacht, aber mit dem beglücken⸗ den Bewußtſein, uns für immer anzugehören. Petro⸗ witſch hatte Alles beſorgt, und wir fanden bis Moskau hin überall die nöthigen Pferde. Iſt der mitgekommene Diener jener Petrowitſch? fragte Walther. ——— denen Ravul's, welcher ebenfalls ernſt vor ſich niederſah 37 Ja, ſagte ſie, und wir verdanken ihm viel. Es war ein großes Wagniß für ihn, mit uns zu fliehen, denn ihn erwartete ein ſicherer und grauſamer Tod, wenn er ergriffen wurde. Das Verlangen, jene für ihn uner⸗ träglichen Feſſeln zu brechen, ſowie die Liebe zu Lucie, ſetzte ſie lächelnd hinzu, beſtimmten ihn jedoch dazu, und darin erblicke ich wieder eine Fügung des Himmels, denn ohne ihn wäre unſere eigene Flucht unmöglich geweſen. Und Lucie, fragte Walther, erwiedert ſie die Neigung dieſes Ruſſen? Sie ſind vollſtändig mit einander einig und wollen ſich hier in dieſen Tagen verheirathen, ehe ſie mit uns weiter reiſen. Sie wollen wieder fort? fragte Walther erſtaunt— nicht hier bleiben? Wieder weiter reiſen— wohin? Laſſen wir das heute, ſagte ſie raſch und mit einem innigen Blicke auf Ravul, der im Begriffe ſtand, zu ant⸗ worten— wir ſind heute ſo froh, ſo glücklich zuſammen; laſſen Sie uns nur in der Vergangenheit und in der Gegenwart verweilen, ohne an die Zukunft zu denken oder von ihr zu reden, wir werden in den nächſten Tagen Zeit und Muße dazu behalten. Walther's Blicke ruhten mit fragendem Ernſte auf 38 und dann ruhig und feſt zu ihm aufblickte— er glaubte dieſen Blick verſtanden zu haben und machte keine weitere rage. In Moskau ſah es ſchrecklich aus, fuhr Hedwig fort, ich werde dieſen Anblick nie vergeſſen. Schon am zweiten Tage gegen Abend langten wir dort an und fanden nur mit großer Mühe ein Unterkommen. Ich hatte dieſe wunderbare Stadt zuerſt ebenfalls gegen Abend, beleuchtet von dem Glanze der ſcheidenden Sonne, geſehen— und jetzt nichts als Ruinen und Trümmer. Die vergoldeten Kuppeln, die ſchlanken Thürme, die hohen, ſtolzen Pa⸗ läſte, jener wunderbare rieſige Bazar, der die Schätze Aſiens und Europa's in ſich vereinigte— Alles nichts als eine Maſſe wüſten Schuttes, ſchwarz und verkohlt, ſo weit die weiße Decke des Winters nicht darüber lag. Wir beilten uns, dieſen traurigen Aufenthalt ſo bald als möglich wieder zu verlaſſen, fuhren noch in derſelben Nacht weiter und nahmen unſeren Weg über Kaluga, da die große Straße, auf welcher die franzöſiſche Armee ge⸗ gangen war, aller Nittel zum Fortkommen entbehrte.— Nun erzähle du, Ravul, unterbrach ſie ſich, wir müſſen abwechſeln. Die große Eile, mit welcher wir bisher gefahren waren, immer Tag und Nacht weiter, immer in der Be⸗ ſorgniß, verfolgt zu werden, fuhr Raoul fort, ſchien nicht 39 mehr nöthig, denn wir gaben uns der Hoffnung hin, daß man unſere Spur verlieren werde, wenn man ſie überhaupt geſucht hatte. Auch machte es jetzt große Schwierigkeiten, Pferde zu erhalten, da die Straße, welche wir eingeſchlagen hatten, von der ruſſiſchen Armee benutzt worden und ebenfalls aller Hülfsmittel beraubt war. Schon in Kaluga mußten wir einen Tag ver⸗ weilen, ehe es uns gelang, für dreifache Bezahlung Pferde zu erhalten, und in Mohilew, welches die Arrieregarde der Ruſſen erſt vor vier Wochen verlaſſen hatte, ſchien die Weiterreiſe ganz aufhören zu ſollen. Die Poſthalter beſaßen keine Pferde mehr, welche von der Armee mit⸗ genommen waren, und wir urßten eine ganze Woche in dieſem Orte verweilen. Dennoch wäre uns die Zeit angenehm verfloſſen, wenn wir nicht in der ſteten Be⸗ ſorgniß, verfolgt und entdeckt zu werden, gelebt hätten. Petrowitſch gab ſich alle erdenkliche Mühe, erklärte aber zuletzt, daß nichts übrig bleibe, als Pferde zu kaufen, die vielleicht zu haben ſein würden, und ſo in allerdings viel langſamerer Weiſe unſere Reiſe fortzuſetzen. Es gelang endlich, von einem Juden für theures Geld drei Pferde zu erſtehen, die vorher von Petrowitſch und mir auf das genaueſte beſichtigt wurden. Obgleich ſie unſeren Erwartungen vollſtändig entſprachen und wir ſie nicht ſchonten, ſo ging unſere Reiſe jetzt doch verhältnißmäßig 40 ſehr langſam von Statten. Mehr als 15 Meilen konn⸗ ten wir auch dieſen ruſſiſchen Pferden täglich nicht zu⸗ muthen, und dabei mußten ſie in jeder Nacht und immer den vierten Tag ausruhen. Die Nächte brachten wir faſt immer in unſerem Schlitten zu, da die Wirthshäuſer es unmöglich machten, einen ihrer Räume zu betreten. Meine arme Frau, ſetzte er mit einem zärtlichen Blicke auf Hedwig hinzu, hat das Alles nicht nur ſtets freudig und heiter ertragen, ſondern war immer bemüht, durch Scherz und Fröhlichkeit jede Unannehmlichkeit zu be⸗ ſeitigen. Ach, es war ſo ſchrecklich gar nicht, wie er es macht, ergänzte ſie, wir hatten warme und gute Pelze, ſaßen be⸗ quem und angenehm, und wenm es auch langſamer ging, die Beſorgniß, verfolgt zu werden, war verſchwunden, und wir kamen mit jedem Tage dem erſehnten Ziele näher. Endlich nach drei Wochen ſahen wir die Thürme von Bialyſtock vor uns, einer kleinen Stadt an der Gränzt Polens. Schon in den letzten Tagen waren wir mit verſchiedenen ruſſiſchen Truppenabtheilungen zuſammen⸗ gekommen und manchen Unannehmlichkeiten ausgeſetzt geweſen. Ohne Petrowitſch würde es uns wahrſcheinlich ſchlecht gegangen ſein, ſo gelangten wir aber unangefochten in jene Stadt, wo ſich damals das Hauptquartier des Sacken ſchen Corps befand. Ein Unterkommen war 41 nicht zu erlangen, wir blieben daher an einer abgelegenen Stelle mit unſerem Schlitten halten, fütterten unſere Pferde im Freien und ſuchten uns einzurichten, ſo gut es ging. Petrowitſch, der fortgegangen war, um Nach⸗ richten einzuziehen und Nahrungsmittel zu kaufen, kehrte voller Beſorgniß zurück, denn dasjenige, was er erfahren, war allerdings vollſtändig geeignet, einen niederſchlagen⸗ den Eindruck bei uns hervorzurufen. Die Oeſterreicher hätten Warſchau geräumt, hatte man ihm geſagt, und die Avantgarde der Ruſſen ſei dahin aufgebrochen; wir befanden uns alſo mitten zwiſchen einem Theile der ruſ⸗ ſiſchen Armee. Ohne eine ausdrückliche Erlaubniß des Hauptquartiers würde es uns, ungeachtet unſeres Paſſes nicht geſtattet ſein, weiter zu reiſen. Unſere Lage war ſehr bedenklich geworden. Sollten wir zurückfahren? Wohin? Bleiben? Hier in einer Stadt, wo gar kein Unterkommen zu finden war? Weiter reiſen ohne Er⸗ laubniß, hieße dem ſichern Verderben entgegen gehen— was blieb uns für eine Wahl? Wir berathſchlagten, indem wir unſer einfaches Mahl zu uns nahmen, und kamen endlich zu dem Entſchluſſe, jedenfalls den Verſuch zu machen, die Erlaubniß zur Weiterreiſe zu erlangen; es war das Einzige, was uns übrig blieb. Es wird nöthig ſein, daß Sie mit mir zu dem General gehen, ſagte Petrowitſch; der Paß lautet auf 42 Ihren Namen, käme ich ohne Sie, ſo würde es Ver⸗ dacht erregen, und doch keinenfalls einen Erfolg haben. Ich ſah das ein, aber wie konnte ich Hedwig mit dem Mädchen allein laſſen? Sie beſtand zwar darauf, es zu thun, aber diesmal konnte ich ihren Bitten nicht nachgeben, lieber wollten wir warten und das Weitere der Zukunft überlaſſen. Petrowitſch, der unſere Unterredung ſchweigend mit angehört hatte, entfernte ſich mit dem Bemerken, daß er bald zurückkehren werde. Nach einer halben Stunde er⸗ ſchien er wieder mit zwei ruſſiſchen Grenadieren. Er hatte dieſen braven Leuten unſere Lage im Allgemeinen geſchildert und ſie gegen eine reichliche Belohnung leicht vermocht, bis zu unſerer Rückkehr bei dem Schlitten Wache zu halten. Ich geſtehe, daß ich nie zwei Geſichter ſchärfer be⸗ trachtet habe, als dieienigen jener beiden Grenadiere, deren gutmüthiges Lächeln mich endlich beſtimmte, nach⸗ dem ich ihnen noch das Doppelte der Belohnung hatte verſprechen laſſen, der Nothwendigkeit nachzugeben und Hedwig eine kurze Zeit ihrem Schutze anzuvertrauen. Sie ſchulterten ihre Gewehre, als wir uns endlich ent⸗ fernten, und gingen langſam auf und ab, als ob ſie auf Poſten geſtanden hätten. Nach vielen Bemühungen und nachdem wir bereits 43 eine Menge Rubel ausgegeben hatten, gelang es uns end⸗ lich, zu demjenigen Stabsoffizier zu gelangen, welcher die Macht beſaß, unſerem Wunſche zu entſprechen. Er hörte die Rede von Petrowitſch mit ungeduldiger und unfreundlicher Miene an, warf einen flüchtigen Blick auf den ihm überreichten Paß und rief dann mit zorniger Stimme: Deutſcher Kaufmann? Jetzt nach Warſchau? Hat das ſo große Eile? Spioniren, weiter nichts! Muß warten, bis wir dort eingerückt ſein werden! Fort! Paſcholl!— Paſcholl! rief er nochmals, mit dem Fuße ſtampfend, und wir hielten es für rathſam, dieſen Un⸗ hold nicht zu größerer Wuth zu reizen. piertes Capitel. Niedergeſchlagen und ziemlich rathlos verließen wir das Haus, worin der Offizier wohnte, und kehrten auf demſelben Wege zurück, den wir gekommen waren. In dem angelegentlichen Geſpräche, in welchem wir uns be⸗ fanden, hatten wir einen ruſſiſchen Offizier nicht bemerkt, der uns begegnet war und dann, ſich umſehend, ſtehen blieb, als wir an ihm vorüber gegangen waren. Petrowitſch! rief plötzlich eine Stimme hinter uns, und ich ſah, wie dieſer vor Schreck zuſammenzuckte— Petrowitſch, biſt du es wirklich? Wir blieben ſtehen und der Offizier ſtand einige Augenblicke darauf bei uns. Wahrhaftig, du biſt es! ſagte er, wie es ſchien, mit freudiger Ueberraſchung; wie kommſt du hierher? Iſt der Fürſt hier? Der Fürſt? ſtammelte Petrowitſch; nein, der Fürſt 45 iſt nicht hier— ich— ich bin von ihm beordert, für ihn in Warſchau eine Wohnung zu miethen. In Warſchau? fragte jener verwundert— was will er in Warſchau? Und wie kannſt du an einem Orte eine Wohnung miethen ſollen, den der Feind erſt vor wenigen Tagen geräumt hat, was ihr doch unmöglich wiſſen konntet? Wo befindet ſich der Fürſt? Jetzt wahrſcheinlich unterwegs— ich— ich habe ihn in Balagna verlaſſen. In Balagna? Und wer iſt dieſer Mann? fuhr er, mich ſcharf anblickend, fort. Sie kommen mir bekannt vor, mein Herr; ich vergeſſe ſelten ein Geſicht, welches ich einmal geſehen habe, wenn es auch— auf dem Schlachtfelde von Malo⸗Jaroslawetz geweſen ſein ſollte. Ich habe nicht die Ehre, erwiederte ich, obgleich ich jetzt jenen Offizier erkannte, der ſo freundlich für mich geſorgt und mir Troſt zugeſprochen hatte, als ich ver⸗ wundet war. Nicht? ſagte er; dennoch wird es nöthig ſein, darüber weitere Nachforſchungen anzuſtellen. Petrowitſch hatte, während dieſe kurzen Worte ge⸗ ſprochen wurden, nachdenkend dageſtanden und ſchien plötzlich zu einem beſtimmten Entſchluſſe gekommen zu ſein. Herr Capitän, ſagte er in flüſterndem Tone, oder 46 Herr Major, die gnädige Gräfin befindet ſich hier in einer hülfloſen Lage, und dieſer Herr iſt ihr Gemahl. Ihr Gemahl? rief der Offizier erbleichend und mich mit finſtern Blicken betrachtend— Sie— Sie— wie wäre das möglich? Petrowitſch redete dann längere Zeit mit ihm in ruſſiſcher Sprache und beantwortete viele raſch und leiden⸗ ſchaftlich an ihn gerichtete Fragen; dann ſchwiegen beide, der Offizier wandte ſich ab und blieb eine Weile ſo ſtehen, daß ich ſein Geſicht nicht ſehen konnte. Du erzählſt ſehr ausführlich, ſchaltete Hedwig ein. Sollte ich es nicht? erwiederte er; möchteſt du wün⸗ ſchen, daß ich das edle Benehmen unſeres oder vielmehr deines Freundes weniger ausführlich ſchilderte? Gewiß nicht, ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Augen; erzähle weiter. Gehen wir, ſprach der Offizier dann, ohne eine weitere Frage an mich zu richten— führe mich zu der Gräfin. Wir ſchritten ſchweigend aber raſch neben einander her, und ich athmete froh auf, als ich die beiden Grena⸗ diere noch ganz in derſelben Weiſe an unſerem Schlitten Wache halten ſah. Der Offizier trat an den Schlitten, und Hedwig, die 47 ſonſt ſtets ſo muthig war, ſtieß einen leiſen Schrei aus, als ſie ſo plötzlich ſein ihr wohlbekanntes Geſicht erblickte. Erſchrecken Sie nicht, gnädige Gräfin, ſagte er mit einem melancholiſchen Lächeln, Petrowitſch hat mich von Allem in Kenntniß geſetzt und ich bin nur gekommen, um Ihnen meine Dienſte anzubieten. Haben Sie viel⸗ leicht die Güte, mich Ihrem Herrn Gemahl vorzuſtellen? Mein Mann, fuhr Moul fort, indem er Hedwig lächelnd anblickte, mein Mann, ſagte ſie— der Kaufmann Rohneck — der Herr Capitän Ardatow. Ja, unterbrach ihhWedwig, bemüht, der beziehungs⸗ voll gewordenen Darſtellung eine ſcherzhafte Seite ab⸗ zugewinnen, wir hatten den Paß auf Ihren Namen aus⸗ ſtellen laſſen, Herr Rohneck— ich glaubte— er würde uns Glück bringen. Es freut mich, daß Ihre Vorausſetzung eingetroffen iſt, erwiederte Walther, durch dieſe Mittheilung eigen⸗ thümlich bewegt; aber wollen Sie nicht weiter erzählen, fuhr er fort, als ein mehr oder weniger peinliches Schwei⸗ gen eingetreten war, hervorgebracht durch mancherlei Er⸗ innerungen, die in raſchem Fluge eines Jeden Gedanken erfüllten. Der Offizier machle mir ſchweigend und ernſt eine leichte Verbeugung, ſprach Raoul weiter, ohne ein Wort g mich zu richten. 48 Vor allen Dingen iſt es nothwendig, daß Sie ein Unter⸗ kommen erhalten, ſagte er dann, geſtatten Sie mir, dafür zu ſorgen. Das Glück iſt mir günſtig geweſen, fuhr er fort, ich bin Major im Generalſtabe und dem Hauptquartiere des Generals von Sacken zugetheilt. Es freut mich, dadurch im Stande zu ſein, Ihnen in dieſer überfüllten Stadt ein beſcheidenes Unterkommen verſchaffen zu können. Sie machen mich noch mehrbzu Ihrer dankbaren Schuldnerin. Ich bitte, mir zu folgen, ſagte er, ohne auf dieſe Bemerkung meiner Frau, die ſchrPrfangen geblieben war, etwas zu erwiedern. 4 Die beiden Grenadiere wurden fortgeſchickt und wir folgten ihm in einiger Entfernung. Ich will ſelbſt weiter erzählen, ſagte Hedwig, welche ſichtlich immer befangener geworden war; es macht ihm Vergnügen, mich verlegen zu machen, indem er immer hinzuſetzt, wie ich bei jedem Worte, welches ich mit dem Major geſprochen, ausgeſehen haben ſoll. Sie werden es natürlich finden, fuhr ſie, ſich ausſchließlich an Wal⸗ ther's Mutter wendend, fort, daß ich ſehr erſchrocken war, als ich plötzlich das mir bekannte Geſicht des Capitäns vor mir ſah, deſſelben Mannes, ven ich ſo oft bei dem Fürſten geſehen und der, ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu, den Herzog im Duell getödtet hatte. 49 Er, rief Walther, er war es? Ja, er war es. Noch mehr erſchrak ich, als er mir ſagte, daß ihm Petrowitſch Alles mitgetheilt habe, und mich bat, ihm meinen Mann vorzuſtellen; Sie können denken, welche Beſorgniſſe und Befürchtungen mich dabei ergriffen. Als wir dann dem Major folgten, eröffnete uns Petrowitſch, daß er es für das Beſte gehalten, ihm offen Alles zu ſagen, da er es doch würde erfahren haben. Wir hatten wenig darauf zu erwiedern und gewannen nach kurzer Ueberlegung die Ueberzeugung, daß er unter den obwaltenden Umſtänden nicht anders habe handeln können. Wir erhielten eine wenn auch beſchränkte, doch freundliche Wohnung, wie wir ſpäter erfuhren, des Majors eigenes Quartier. Er beſuchte uns während des Tages noch einmal, ließ ſich unſeren Paß geben, ohne irgend eine Frage an uns zu richten, und brachte auch den Abend bei uns zu. Es wurde Mancherlei geſprochen, aber jede Beziehung ſorgfältig vermieden; er nannte mich ſtets gnädige Frau und meinen Mann Herr Rohneck, und wir wären heiter geweſen, wenn nicht das abſichtliche Zurückhalten alles deſſen, was eigentlich die Hauptſache bildete, die Unter⸗ haltung befangen gemacht hätte. Er erkundigte ſich nach ſeiner Schweſter, vermied es jedoch, irgend eine Frage wegen des Fürſten an uns zu richten; noch weniger W 50 geſchah unſerer Flucht und unſerer Verheirathung die geringſte Erwähnung. Gegen neun ſtand er auf, um ſich zu verabſchieden. Ich verlaſſe Sie, ſagte er, ſich zu mir wendend, indem ich Ihnen nochmals alles Glück zu Ihrer ſo raſch geſchloſſenen Verbindung wünſche— ich bin vielleicht der Erſte, deſſen BGlückwunſch Sie empfangen, und habe kaum geglaubt, als ich Sie in Wilna verließ, daß mir dieſer Vorzug würde beſchieden ſein. Hier iſt Ihr Paß zurück, mein Herr, wendete er ſich an Raoul, verſehen mit der Ordre des commandirenden Generals an die Befehlshaber aller ruſſiſchen Truppen, nicht nur Sie ungehindert paſſiren, ſondern Ihnen erforderlichen Falls jeden Schutz und Beiſtand angedeihen zu laſſen. Leben Sie herzlich wohl und möge es Ihnen immer gut gehen. Schweigend und mit dankerfüllten Augen reichte ich ihm meine Hand, es war Alles, was ich in jenem Augenblick zu thun vermochte. Ravul, damit ich nun auch einmal über ihn rede, war ebenfalls ſehr ergriffen. Herr Major, ſagte er, ich bin Ihnen, nicht meinetwegen, ich weiß es, zu lebens⸗ länglichem Danke verpflichtet, vielleicht vergönnt es mir das Geſchick, denſelben in ähnlicher Weiſe abzuſtatten. Sie können gewiß nicht verlangen, daß ich das wün⸗ ſchen ſollte, erwiederte er mit einem beziehungsvollen 51 Lächeln— wir können nur wünſchen, uns nicht mehr zu begegnen, denn— doch laſſen wir das, Herr Rohneck, wir dürfen davon nicht reden. Es wird nicht immer Krieg ſein, ſagte ich, vielleicht bald, recht bald Friede werden, und dann beſuchen Sie uns, dann.... Leben Sie wohl, unterbrach er mich— reiſen Sie glücklich, und wenn Sie in der Heimath angekommen ſind, ſo gedenken Sie meiner. Laſſen Sie uns dieſen beſcheidenen, aber aus unſerem Herzen geſprochenen Wunſch erfüllen, fuhr ſie nach einiger Zeit bewegt fort, während Alle ſchwiegen, laſſen Sie uns auf ſein Wohl anſtoßen und daß wir uns einſt froh wiederſehen mögen. Die Gläſer erklangen leiſe, aber die ſtummen Wünſche, welche dabei dem Wohle des braven Majors dargebracht wurden, waren um ſo herzlicher. Ohne beunruhigt zu werden, gelangten wir nach Warſchau, fuhr Hedwig dann in ihrer Erzählung fort, wo die Ruſſen faſt gleichzeitig mit uns angekommen waren und man ſehr aufgeregt und zugleich niederge⸗ ſchlagen war. Die Hoffnungen der armen Polen ſchienen wieder auf längere Zeit zerſtört und die Ruſſen geneigt, vollſtändige Rache für den gegen ſie an den Tag gelegten Haß und die Feindſchaft zu nehmen. Wir mußten in 4* 52 Warſchau einige Tage bleiben, um unſeren Schlitten mit einem Wagen zu vertauſchen, deſſen Beſchaffung ſeine Schwierigkeiten hatte. Ohne unſeren jetzt ſo werthvollen Paß wären wir gar nicht fortgekommen, aber der darauf befindliche Befehl des cvmmandirenden Generals beſeitigte alle Schwierigkeiten und verwandelte Grobheit in unter⸗ thänige Zuvorkommenheit; denn die ruſſiſchen Offiziere der Avantgarde, durch welche wir jetzt fuhren, hielten uns, wie Petrowitſch lachend bemerkte, für geheime Agenten, welche nach Breslau zur Unterhandlung wegen des Krieges gegen Frankreich geſchickt ſeien. So gelangten wir denn glücklich bis hieher, und ich will es nicht verſchweigen, daß ich eine kaum zu beſchrei⸗ bende Freude empfand, als die erſten deutſchen Laute wieder an mein Ohr ſchlugen und das Polniſche oder Ruſſiſche, welches für mich gleichbedeutend iſt, endlich aufgehört hatte. Gott hat Sie ſichtbar in ſeinen Schutz genommen, ſagte Walther's Mutter, ſonſt würden Sie dieſe weite Reiſe unter ſo gefahrvollen Umſtänden nicht ohne Fähr⸗ niß zurückgelegt haben, er wird Sie auch ferner beſchirmen. Darauf beruht mein Hoffen, ſagte Hedwig, indem ſie Raoul einen kurzen, zärtlichen und traurigen Blick zuwarf, denn wir werden ſeines Schutzes und Beiſtandes auch ferner mehr denn je bedürfen. 53 Wer bedürfte ihn nicht, erwiederte theilnehmend Wal⸗ ther's Mutter, was iſt der Menſch und ſein ganzes Leben ohne ihn? Es iſt ſchon recht ſpät geworden, bemerkte Hedwig, während die Uhr vom nahen Schloſſe die zehnte Stunde ſchlug. Ach, wie wohl es mir thut, den Klang dieſer Glocke wieder zu hören, und nicht mehr den der Uhr zu Balagna, deren Schlägen ich oft mit ſo großer Unruhe und Beſorgniß gelauſcht habe.. Wie doch Vieles im Leben ſo ganz anders kommt, als man erwartet hat, ſagte Walther, nachdem Ravul und Hedwig gegangen waren und er ſelbſt eine Zeit lang nachdenkend dageſtanden hatte— wer hätte das ahnen können! Niemand, erwiederte ſeine Mutter, aber ſie ſcheint eine gute Wahl getroffen zu haben, ich habe ihren Mann, dieſen franzöſiſchen Capitän, in der kurzen Zeit ordentlich lieb gewonnen. Er verdient es auch— vergißt du, daß ich ihm ſelbſt mein Leben verdanke? Wenn du mich verlaſſen haſt, mein lieber Walther, fuhr ſie mit einem Seufßzer fort, ſo werde ich wenigſtens nicht ſo ganz einſam ſein, und Jemanden haben, mit dem ich über dich reden kann. 54 Gib dich keinen vergeblichen Täuſchungen hin, liebe Mutter, hörteſt du nicht, daß ſie auch wieder fort wollen? Weßhalb ſollten ſie Wallfort wieder verlaſſen? Weßhalb? fragte Walther erſtaunt, iſt er nicht fran⸗ zöſiſcher Offizier? Könnte er jetzt hier bleiben wollen? Er würde ehrlos handeln. Ach, was ihr für Begriffe von Ehre habt! Aber Hedwig— Sie wird mit ihm gehen, ſagte er beſtimmt. Mit ihm gehen? Sich neuen Gefahren ausſetzen, ohne ihm nutzen zu können? Würdeſt du das gerecht⸗ fertigt finden? Liebt ſie ihn nicht? Iſt ſie nicht ſeine Frau? Hat ſie nicht bewieſen, daß ſie ſeinetwegen Alles zu opfern bereit iſt? Du kennſt ſie immer noch nicht, liebe Mutter, glaube mir, ſie wird ganz gewiß mit ihm gehen. „— Fünftes Capitel. Am andern Tage wurde Hedwig auf das freudigſte durch einen Brief ihres Vaters überraſcht. Mit zittern⸗ der Haſt erbrach ſie das Siegel, und Raoul, der neben ihr ſtand und nicht ohne Beſorgniß ihre Mienen be⸗ trachtete, freute ſich, als dieſe immer heiterer wurden und ſie zuweilen ſogar ein freudiges Lächeln nicht unterdrücken konnte. O, nun iſt Alles gut— Alles, rief ſie dann in tiefer Bewegung, indem ſie ſich an ſeine Bruſt warf, mein guter Vater ſegnet unſern Bund und macht mir Vorwürfe, daß ich ihm ſo wenig Vertrauen geſchenkt habe! Komm, komm, laß uns den Brief noch einmal gemeinſchaftlich leſen, denn ich habe ihn nur eilig überflogen. Er zog ſie auf ſeinen Schvoß, ſie legte ihren Arm um ſeinen Nacken und dann laſen ſie: „Meine liebe Tochter! „Es iſt ſehr unrecht von Dir, daß Du ſo wenig 56 Vertrauen zu mir hatteſt und mir Deine Verheirathung mit dem Marquis de Beaumont nicht offen geſtanden haſt. Ich würde dann nicht gezwungen werden, die weite Reiſe mit Friedrich allein zu machen und mich Wochen hindurch zu langweilen, wovor ich eine große Furcht empfinde. Wir hätten zuſammen reiſen und uns angenehm unterhalten können, ſo angenehm wenigſtens, als es in dieſem gottvergeſſenen Lande möglich iſt. Daß Du nur eine Deinem Stande gemäße Verbindung ſchließen würdeſt, daran habe ich nie gezweifelt, und wenn ich auch gewünſcht hätte, daß Dein Mann, mein Herr Schwieger⸗ ſohn, dem ich mich zu empfehlen bitte, kein Franzoſe wäre, ſo iſt es mir jetzt immer noch lieber, als wenn Du dieſen Ruſſen geheirathet hätteſt, mag er immerhin ein Fürſt ſein und Millionen beſitzen. Das Beſte wäre allerdings geweſen, er hätte Dich zu ſeiner Erbin ge⸗ macht, aber da es nun einmal ohne Heirath nicht ge⸗ ſchehen konnte, ſo hol' ihn der Teufel.— Ich reiſe, Gott ſei Dank, morgen ab. Ich will Dir erzählen, wie es hier weiter gegangen iſt; Du wirſt daraus erſehen, wie gut es iſt, daß Du nicht dieſes Menſchen Frau ge⸗ worden biſt. „Als Du am anderen Tage gegen Mittag noch immer nichts von Dir hatteſt hören laſſen und Dein Zimmer ver⸗ ſchloſſen blieb, kam der Fürſt voller Unruhe zu mir, indem er befürchtete, Du könnteſt krank geworden ſein, da er ſich nur durch dieſen Umſtand Dein Benehmen zu erklären vermöge. Ich ging, von ihm gefolgt, zu Deinem Zim⸗ mer, und als daſſelbe nach wiederholtem Klopfen nicht geöffnet wurde, ließen wir die Thür endlich mit Gewalt ſprengen. Das Zimmer war zu unſerm Schrecken leer, Dein Bett unberührt; ich konnte mir das Alles natürlich nicht erklären. Da fand ich Deinen an mich zurückge⸗ laſſenen Brief, den ich haſtig öffnete und las, während der Fürſt mich in fieberhafter Aufregung anſtarrte. „Die mir in allen Lagen inne wohnende Geiſtes⸗ gegenwa mich erkennen, daß ich mit Vorſicht han⸗ deln muß leich ich im erſten Augenblicke mich faſt hätte hinre gſſen, ihm Alles zu ſagen. Ich faßte mich jedoch und at ihn, hinüber zu gehen, wo wir ohne Zeugen reden könnten. Dann theilte ich ihm ſo ſchonungsvoll wie möglich mit, daß Du heimlich ab⸗ gereiſtt ſeieſt, weil Du ſeinem Wunſche nicht hätteſt ent⸗ ſprechen und es auch nicht über Dein Herz bringen können, ihm dies zu ſagen. „Er war leichenblaß geworden und ſeine vorſtehenden Augen traten ihm noch weiter aus dem Kopfe hervor, ſo daß er wie ein Raubthier ausſah, dem man ſeine Beute entriſſen hatte. „Abgereiſ't— rief er dann außer ſich vor Wuth— 58 am Gängelbande herumgezogen— heute— heute ab⸗ gereiſſt, wo Alles zu unſerer Verlobung vorbereitet iſt! Haben Sie einen Namen, einen Ausdruck für dieſes Be⸗ tragen Ihrer Tochter, Herr Graf— fuhr er noch wüthender auf— für dieſe Abſcheulichkeit und Richts⸗ würdigkeit? „Herr Fürſt, entgegnete ich ebenfalls erboſ', ich bitte, ſich zu mäßigen! „Mäßigen? ſchrie er mich an— ſie hat die Rechnung ohne den Wirth gemacht, ich werde ſie verfolgen und ein⸗ holen laſſen! Dieſen Hund, dieſen Petr ch, der es gewagt hat, ſie zu begleiten, werde ich z e knuten laſſen, und ſie.... „Nun, und ſie? fragte ich, indem ich einen Schritt zurücktrat, denn es ſchien füſ, daß er ſich an mir ver⸗ greifen könnte. „Wir ſind Gott ſei Dank in Rußland, mein Herr Graf, rief er mit geballten Fäuſten— wenn ich ſie nur erſt wieder habe— das Andere wird ſich finden— wir haben Mittel dazu! „Sie vergeſſen, mit wem und von wem Sie ſprechen, Herr Fürſt, ſagte ich. „Mit wem ich ſpreche— ſchrie er mich an— mit 59 einem lumpigen deutſchen Grafen, der hieher gekommen iſt, um mich um mein Geld zu betrügen, er ſammt ſeiner ſaubern Tochter— aber ich will euch zeigen, mit wem ihr zu thun habt— ihr kennt mich nicht, ihr habt mich für einen Narren gehalten und ſollt es bitter bereuen, euch ſo dumm entpuppt zu haben! „Ich bin Ihr Gaſt, ſagte ich, als er einen Augen⸗ blick in ſeinem Toben aufhörte, und bedauere ſehr, es zu ſein— ich werde Ihr Haus ſofort verlaſſen, denn... „Gehen Sie zum Teufel, ſchrie er, ich halte Sie nicht!— Aber nein, Sie bleiben, bleiben ſo lange, bis ich ſie wieder habe— dann werde ich Sie ſelbſt ſpediren läſſen „Nachdem er dieſe Worte geſprochen, eigentlich ge⸗ brüllt hatte, ſtampfte er mit dem Fuße und lief aus dem Zimmer, deſſen Thür er ſo heftig zuwarf, daß die Fenſter erbebten. Ich blieb in großer Unruhe zurück und ließ Friedrich heraufkommen, um mich mit ihm zu berathen. Ich ſchickte ihn dann öfter fort, um Erkundigungen ein⸗ zuziehen, und erfuhr auf dieſem Wege, daß der Fürſt die bereits befohlene Verfolgung wieder abbeſtellt habe, nach⸗ dem er längere Zeit mit der Oberſtin geredet. Dies be⸗ ruhigte mich wieder, und ich befahl Friedrich, meine Sachen zu packen, ſo daß ich am anderen Tage nöthigen⸗ falls abreiſen könnte, obgleich die Kälte zugenommen 60 hatte. Vor Allem freute ich mich jetzt, daß ich dem Fürſten, dieſem brutalen, rohen und tobſüchtigen Men⸗ ſchen, keine Andeutung über Deine Verheirathung mit dem Marquis gemacht hatte. „Am andern Morgen kam der Fürſt wieder zu mir und war höflich und glatt wie ſonſt. Er bat mich um Verzeihung wegen ſeines geſtrigen, durch Leidenſchaft hervorgerufenen Benehmens, bat mich, Alles zu vergeſſen und ſo lange zu bleiben, als es mir gefiele. Ich war natürlich im höchſten Grade kalt und gemeſſen gegen dieſen Menſchen, der mich ſo gröblich beleidigt hatte, und be⸗ ſtand darauf, ſo bald als möglich abzureiſen. Dennoch iſt eine Woche vergangen, weil das Wetter zu ſchlecht war; ich habe aber dieſes ruſſiſche Geſchöpf nicht mehr wiedergeſehen und Gott im Stillen gedankt, daß Du nicht ſeine Frau geworden biſt; das wäre wirklich ſchreck⸗ lich geweſen, denn er benahm ſich nicht wie ein Menſch, ſondern wie ein wildes Thier, wie eine Beſtie. Morgen reiſe ich ab, obgleich das Wetter noch immer kalt iſt. Ich hoffe jedoch, es wird mir nicht ſchaden, und wünſche ſehnlich, dieſe lange, lange Reiſe, die ich jetzt nur in Friedrich's Geſellſchaft machen muß, ohne Unfall zurück⸗ zulegen. Ich hoffe Dich ſonach bald wiederzuſehen und auch Deinen Mann, den Margquis, kennen zu lernen. Hoffentlich ſeid Ihr glücklich in Wallfort angekommen, „ N — 61 was ich wünſchte, ebenfalls von mir ſagen zu können. Lebe bis dahin wohl und behalte lieb Deinen treuen Vater.“ Es lag Vieles in dem Briefe, welches ſie zur Freude ſtimmte, jedoch auch Vieles, welches Ernſt und ſelbſt Traurigkeit bei ihr hervorrief. Ihr Vater warf ihr Mangel an Vertrauen vor, und der Gedanke, daß er ſo einſam und ohne Pflege die weite Reiſe zurücklegen müſſe, kam jetzt erſt bei ihr zum vollen Bewußtſein. Du biſt traurig, ſagte er, obgleich dein Vater unſeren Bund geſegnet hat— wir hätten nicht ohne ihn reiſen ſollen— du machſt dir jetzt deßhalb Vorwürfe? Nein, Ravul, ich mache mir keine Vorwürfe, denn unſer Handeln war durch die Nothwendigkeit geboten; jetzt, nachdem wir über die wahre Natur jenes Fürſten, woran ich übrigens niemals gezweifelt, vollſtändigen Auf⸗ ſchluß erhalten haben, jetzt erkenne ich erſt recht, daß wir ſo handeln mußten und nicht anders handeln durften— aber der Gedanke erfüllt mich mit Trauer und Beſorgniß, daßmein Vater ohne mich dieſe weite Reiſe machen muß und daß ich ihn wahrſcheinlich auch jetzt nicht werde hier erwarten können. Laß uns noch einmal dieſen Gegenſtand reiflich in Erwägung ziehen, meine geliebte Hedwig, ſagte er, ſie innig an ſich ziehend; eine Nothwendigkeit, mir zu fol⸗ gen, iſt jetzt nicht vorhanden, bedenke das wohl, Daß 62 ich nicht bleiben kann, daß ich dich verlaſſen muß, ſei es hier oder dort, das iſt allein von der Pflicht geboten. Nicht wahr, du erkennſt dies an? Du würdeſt mich nicht mehr achten, mich ſelbſt nicht mehr lieben können, wenn ich jetzt dem Gebote der Ehre zu folgen einen Augen⸗ blick zögern könnte. Jetzt, wo ſich Alles gegen meinen Kaiſer erhebt, wo er im Unglücke iſt.... Rede nicht weiter darüber, unterbrach ſie ihn mit einem tiefen Seufzer, denn deine Ehre iſt auch meine Ehre; und ſo ſehr ich dich liebe, ſo unglücklich ich ſein werde, ohne dich, und wenn ich dich wieder in ſteter Ge⸗ fahr weiß— es iſt doch einmal nicht anders möglich. Wenn wir darüber einig ſind, ſagte er, nachdem er ſie zärtlich geküßt hatte, daß wir uns für eine kurze Zeit trennen müſſen, vielleicht wird es bald Friede, wäre es dann nicht beſſer, du bliebeſt hier bei deinem Vater, hier in deiner Heimath, wohin ich eben ſo leicht ſchreiben, eben ſo ſchnell zurückkehren kann, der ich, wie ich hoffe, auch viel näher bleiben werde, als daß du mit mir nach Frank⸗ reich gehſt? Nein, Ravul, erwiederte ſie, ich bleibe bei dir, ſo lange es möglich iſt. Ich bin dein Weib und ziehe mit dir in deine Heimath, zu den Deinigen, die jetzt auch die Meinigen geworden ſind. Verlange nicht von mir, daß ich hier bleiben ſoll, in einem Lande, deſſen Bewohner 63 jetzt zu deinen, zu unſeren Feinden gehören. Ach, es wird mir ſchwer, dies zu ſagen, und noch ſchwerer, ihren Waffen nicht den Sieg zu wünſchen, aber ich kann nicht hier bleiben. Vielleicht kommt Alles anders und beſſer, als wir erwarten, vielleicht wird ein für deinen Kaiſer ehrenvoller Friede geſchloſſen, und alle unſere Beſorgniſſe ſind gehoben; denn wenn es Friede iſt.... Wenn es Friede iſt, wenn Frankreich dieſe ihm durch Naturereigniſſe gewordene Riederlage geſühnt hat, wenn ſein Ruhm wieder hergeſtellt ſein wird, dann, dann gehöre ich dir— nur dir allein. So laß uns denn hoffen, daß dies bald in einer Weiſe geſchehen möge, welche auch den Ruhm und die Ehre meines Vaterlandes wieder herſtelle. Das iſt auch mein ſehnlichſter Wunſch. Ich erkenne die Berechtigung Preußens zu einem Kriege mit Frank⸗ reich in vollem Maße an, die Begeiſterung und den Haß, welche hier überall in ſo hellen Flammen gegen uns auf⸗ lodern,— ich kann ſie nicht verdammen; ich würde eben ſo empfinden, wenn ich hier geboren wäre— aber die Ehre und der Ruhm meines Vaterlandes zwingen mich, auf der anderen Seite zu ſtehen, ich kann und darfmeinen Kaiſer jetzt nicht verlaſſen, darf meinem Eide nicht untreu werden, ſo ſehr und ſo ſchmerzlich mein Herz auch darun⸗ ter leidet. 64 Warum ſagſt du mir das immer wieder, als ob du noch einen Zweifel darüber hätteſt, daß auch ich in gleicher Weiſe empfinde? Wir müſſen das zuſammen und mit einander tragen, Geliebter. Unſere Herzen werden un⸗ berührt bleiben von dem Kampfe, welcher ſich zwiſchen den Völkern entſpinnt, unter denen wir geboren ſind; denn unſere Liebe ſteht hoch über dem Allem. Aber das entſcheidet die Frage nicht, über welche wir uns immer noch nicht geeinigt haben.... Wenn du mich liebſt, unterbrach ſie ihn leidenſchaft⸗ lich, ſo laß es ein für alle Mal abgemacht ſein. Ich gehe mit dir, bleibe bei dir, ſo lange es möglich iſt, und wenn du fort biſt, bin ich bei deiner Schweſter, bei deiner geliebten Margot, die ich ja auch ſo ſehr liebe, kann täglich, ſtündlich von dir reden— willſt du mir dieſes Glück rauben? Könnteſt du mich hier einſam zurücklaſſen wollen? Biſt du nicht bei deinem Vater? Ach, Raoul— ich liebe meinen Vater— aber— aber ich ziehe mit dir— erfülle endlich meine Bitte und laß dies als unzweifelhaft feſtſtehen. Die Zeit wird kommen, wo ich dir deine Liebe ver⸗ gelten kann, du meine theure, geliebte Hedwig— bis jetzt bin ich immer der Fordernde, immer der Nehmende, nie der Gebende... 65 Schweige, ſchweige, bat ſie, ihn mit dem Ausdrucke des vollſten Glückes innig anſehend; denn wenn es wirklich wahr wäre, was du, ohne es ſelbſt zu glauben, redeſt, ſo würde ich die Bevorzugte ſein. Haſt du nir jetzt nicht die Erlaubniß gegeben, mich noch nicht von dir trennen zu dürfen, und dennoch ſprichſt du immer nur von Em⸗ pfangen und Fordern? Sie hielten ſich lange innig umſchlungen, und er hatte keine Macht mehr, ihr zu widerſprechen. So will ich denn an meine Eltern und an Margot ſchreiben, ſagte Ravul nach einiger Zeit, und ſie von unſerer Ankunft benachrichtigen. Ach, welche Freude wird Margot empfinden, wenn ſie die Nachricht von meinem Glücke erhält, ſo plötzlich, ſo unerwartet, nach⸗ dem ſie mich wahrſcheinlich wieder als todt beweint hat! Ich werde einen Brief für ſie mit einlegen; du glaubſt nicht, wie ich mich freue, ſie endlich kennen zu lernen. Das verſteht ſich von ſelbſt, auch an meine Eltern, die dich mit eben ſo großer Freude empfangen werden; aber, fuhr er ernſter fort, wir werden dieſem Briefe bald, ſehr bald folgen müſſen, ich.... So bald du willſt, morgen— heute noch, wenn es nöthig iſt. Eine ſo große Eile wird es nicht haben, aber.. W. 5 66 So laß uns die Abreiſe auf den dritten Tag feſt⸗ ſetzen— es iſt immer beſſer, zu einem beſtimmten Ent⸗ ſchluſſe gekommen zu ſein.— Wie werden wir es mit Lucie und Petrowitſch halten? fragte ſie; es wäre viel⸗ leicht doch beſſer, wenn ſie hier blieben. Mein Vater wird Petrowitſch ſehr wohl gebrauchen können und ihm gern die Verwaltung eines Vorwerkes übertragen. Er zieht es jedoch vor, uns zu begleiten, denn er befürchtet nicht mit Unrecht, daß, wenn die Ruſſen her⸗ kommen, was bald geſchehen kann, ſeine Sicherheit von irgend einem Zufalle abhängig ſein würde. Nun, ſo mögen ſie mit uns reiſen, ich trenne mich ohnehin ungern von dieſen treuen Menſchen; aber vor⸗ her muß noch ihre Hochzeit gefeiert werden. Das verſteht ſich, erwiederte er lächelnd, wir müſſen zu ihrem Glücke beitragen, ſo viel wir vermögen; wir erfüllen dadurch nur eine Pflicht der Dankbarkeit. So will ich Lucie dieſe freudige Rachricht mittheilen und zugleich die Anordnungen zur Ausführung unſeres Vorhabens treffen. Thu' das, meine liebe Sedwig; ich werde in der Zeit Rohneck aufſuchen, den ich mir anders gedacht, als ich 46 gefunden habe. In wie fern? Ich hatte ihn nur einmal flüchtig geſehen. Er be⸗ 67 nahm ſich damals zwar durchaus männlich und ehrenhaft, aber die Erzählungen Margot's haben ſeinem Bilde in meiner Vorſtellung eine weniger günſtige Färbung ver⸗ liehen, eine Färbung, welche auch durch ſeine Briefe, die ich theilweiſe geleſen, nicht verwiſcht worden war. Das befremdet mich, ſagte ſie erſtaunt. Dieſer ſchwärmeriſche und idylliſche Umgang, dem beide in der Fichtenau ſich hingegeben, ließ mich an der Männlichkeit ſeines Charakters zweifeln; es kam mir vor, als habe er, ſelbſt mit ſich im Unklaren, das un⸗ erfahrene kindliche Herz meiner Schweſter beſtrickt, halb mit, halb ohne Abſicht. Dann gefiel mir auch dieſes ſchulmeiſteriſche Benehmen nicht, durch welches er, ſich als Lehrer hinſtellend, eine Autvrität über ſie zu erlangen beſtrebt geweſen war, die er dann in anderer Weiſe gel⸗ tend zu machen ſuchte. Eben ſo wenig billigte ich dieſes fortgeſetzte Schwanken in ſeinen Entſchlüſſen, ob er reiſen oder nicht reiſen ſolle— wenn er die Abſicht hatte, ein Verhältniß fortzuſetzen und zu Ende zu führen— ent⸗ weder ſo oder ſo— wozu dieſe Unſchlüſſigkeit und das ſtete Vorſchieben neuer Hinderniſſe? Entweder mußte er kommen oder ein für alle Mal davon abſtehen— ſo wäre mein Empfinden geweſen. Und doch haſt du ihm ſehr Unrecht gethan; ich— ich weiß es, die ich hier war, ſeine Handlungsweiſe entſtehen 5* 68 ſah und unmittelbar beurtheilen konnte. Ich will zu⸗ geben, fuhr ſie mit einem zärtlichen Blicke fort, daß er ſich für eine Idee nicht ſo leicht begeiſtern mag, wie du, und ihr dann Alles zum Opfer bringt.... Auch wenn du die Idee wäreſt? unterbrach er ſie, indem er ſie an ſich zog und ihr mit einem glücklichen Lächeln in die Augen blickte— ich möchte ihn nicht auf ſolche Probe ſtellen. Mache nicht ſo unpaſſende Vergleiche, erwiederte ſie erröthend; aber glaube mir, er iſt ein durch und durch ehrenwerther, feſter und zugleich liebenswürdiger Charakter. Liebenswürdig? ſcherzte er; es beruhigt mich, daß du Charakter und nicht Mann geſagt haſt. Ach— laſſen wir das; aber worüber willſt du mit ihm reden? Ich will ihm mittheilen, daß wir bald abreiſen, wir beide, und ſeine Anſicht darüber hören. Wozu das? Ich glaube kaum, daß er überhaupt daran gezweifelt hat. Aber weißt du auch, daß er Mar⸗ got noch immer liebt? Sie liebt ihn auch noch, erwiederte er ſinnend; we⸗ nigſtens damals, als ich abreiſ'te, war ihr Empfinden noch immer ſo, obgleich ſie es vor mir verbarg. Verbarg? Ich glaubte, ihr hättet keine Geheimniſſe vor einander. 69 Ich trage vielleicht ſelbſt die Schuld und mache mir jetzt faſt Vorwürfe darüber. Ich hielt es für beſſer, dieſe Neigung, welche ich als die Verirrung eines un⸗ verſtandenen kindlichen Gefühls anſah, wenigſtens nicht zu begünſtigen, und benutzte die wiederholten Verzögerungen, welchen Rohneck ſeine Reiſe unterwarf, dazu, um ihr Vertrauen zu erſchüttern, indem ich ihr ſagte, daß hierin vielleicht nur das Aufſuchen eines Vorwandes liege, um die Sache auf ſich beruhen zu laſſen. Wie Unrecht du ihm gethan haſt! Und ſie? Sie wurde traurig und verſchloſſener gegen mich— das war Alles. Aber ſie hat nicht mehr geſchrieben, wie Rohneck uns geſtern mittheilte. Dieſer Umſtand beunruhigt mich ſelbſt— denn ich kann es mir nicht erklären, weßhalb ſie ſeinen Brief ganz unbeantwortet gelaſſen hat. Schreib', ſchreib', Ravul, ſogleich, wir hätten es ſchon von Breslau aus thun ſollen, und laß uns dem Briefe ſo bald als möglich folgen. Ach, wenn der böſe Krieg nicht wäre, ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu, wie glücklich würden wir ſein Hoffe, hoffe, meine geliebte Hedwig, auch dieſe Zeit wird vorübergehen, und dann... 70 Dann wird uns nichts mehr trennen, ergänzte ſie, während er ihre Lippen mit einem langen Kuſſe verſchloß. Und nun ſchicke ich dir Petrowitſch und Lucie herauf, du ſollſt wenigſtens die Freude haben, dieſe braven Leute glücklich zu machen. Wir werden noch lange zuſammen ſein, Raovul, denn es wird.. Noch recht lange, unterbrach er ſie— bis zum Tode. Nachdem ſie dieſe ſo oft ausgetauſchte Verſicherung abermals durch eine lange und zärtliche Umarmung beſiegelt hatten, entfernte er ſich, und ſie blieb eine Zeit lang, ihren Gedanken überlaſſen, zurück. Bald wurde ſie jedoch durch den Eintritt von Petrowitſch und Lucie in ihrem Sinnen unterbrochen und zu heiteren und ftöhlichen Erwägungen veranlaßt. Sie haben befohlen, gnädige Frau, ſagte Petrowitſch, während Lucie mit weiblichem Ahnungsvermögen hinter ihm zurückblieb. Es iſt jetzt nöthig, ſagte Hedwig mit einem freund⸗ lichen Lächeln, an eure Zukunft zu denken, ihr habt uns beide, namentlich du, Petrowitſch, große Dienſte geleiſtet, und es iſt an der Zeit, die Schuld unſerer Dankbarkeit abzutragen. Weßhalb reden die gnädige Gräfin von ſo unbedeu⸗ tenden Dingen? 71 Sie ſind keineswegs unbedeutend, alſo ſprechen wir darüber. Ich reiſe mit meinem Manne in wenigen Ta⸗ gen nach Frankreich, nach Paris, und ich bitte dich, Pe⸗ trowitſch, mir offen und unumwunden zu ſagen, ob du uns mit Lucie begleiten willſt, oder es vorziehſt, hier zu bleiben und die Bewirthſchaftung eines Vorwerks zu übernehmen. Wenn Sie es uns geſtatten, wenn Sie uns mit⸗ nehmen wollen, ſo würden wir ſehr glücklich ſein. Das verſteht ſich von ſelbſt, aber erwäge Alles genau. Ihr habt hier eine gute, auskömmliche Exiſtenz. Mein Vater wird Alles thun, um was ich ihn bitte, und in der jetzigen Zeit ſind ohnehin zuverläſſige Leute ſelten. Mein Mann wird nicht in Paris bleiben, ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu, ſondern ſich zur Armee be⸗ geben; hier könnt ihr ruhig und zuftieden leben, während ich nicht ſagen kann, wie ſich die Verhältniſſe drüben ge⸗ ſtalten. Was meinſt du, Lucie? Ich meine daſſelbe, was er meint, ſagte ſie mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen. Sie werden unſerer drüben in dem fremden Lande gewiß mehr wie ſonſt bedürfen— wir verlangen nichts weiter, als bei Ihnen zu bleiben, und dann.. Nun, und dann? Dann wäre es hier auch nicht ſicher für ihn, fuhr 72 Lucie zögernd fort— die Ruſſen können an jedem Tage kommen, und wenn ihn einer kännte, was doch leicht möglich wäre— wenn Sie es gut mit uns meinen, gnädige Frau, ſo laſſen Sie uns nicht hier, was ſollten wir auch hier, wenn Sie fort ſind? Ich erfülle gern euern Wunſch, ſagte Hedwig ſichtlich erfreut, denn auch ich entbehre euch nurungern; aber dann möchte es doch jedenfalls gut ſein, daß ihr noch vor der Abreiſe Hochzeit machtet. Noch vor der Abreiſe, wiederholte Lucie tief erröthend und mit niedergeſchlagenen Augen, würde das angäng⸗ lich ſein? Wenn die gnädige Frau es beſtimmt, ſagte Petro⸗ witſch, indem er halb verlegen bald zu Hedwig, bald zu Lucie hinüber blickte— ſo wird es jedenfalls angäng⸗ lich ſein. Alſo biſt du bamit einverſtanden? fragte Hedwig lächelnd. Vollkommen einverſtanden, erwiederte Petrowitſch mit feſter Stimme. Und du, Lucie? Wenn es die gnädige Frau beſtimmen, ſo.... Es gewährt mir eine große Freude, euch glücklich zu ſehen, ſagte Hedwig ſichtlich bewegt. Uebermorgen ſoll eure Hochzeit ſein— ich werde für Alles ſorgen, du 73 mußt nur etwas helfen, Lucie— und am folgenden Tage reiſen wir ab. Die beiden Glücklichen, deren Herzen ſich während der langen Reiſe längſt geeinigt hatten, küßten in dank⸗ barer Empfindung Hedwig's Hände und verließen ſie dann, um ungeſtört und ohne Zeugen über die ſo uner⸗ wartet eingetretene Erfüllung ihrer Wünſche mit einander zu reden. Sechſtes Capitel. Raoul ſuchte Walther auf; er fühlte das Bedürfniß, ſich mit ihm auszuſprechen, weßhalb, wußte er ſelbſt nicht recht. Vielleicht war es durch Hedwig's Mitthei⸗ lungen hervorgerufen, vielleicht auch durch den Einfluß von Walthers Perſönlichkeit entſtanden. Dieſer ernſte Mann mit dem bewußten und entſchiedenen Benehmen war durchaus kein überſpannter Schwärmer, wie er ſich ihn gedacht hatte. Außerdem war er ihm jetzt in einer Beziehung näher getreten, welche nicht ohne Einfluß auf ſein Empfinden geblieben— er gehörte wieder dem Sol⸗ datenſtande an, er war Offizier wie er und hatte auf⸗ gehört, in einem abhängigen Verhältniſſe zu einem Privat⸗ manne zu ſtehen. Er war dadurch für ihn in ſeinem Werthe geſtiegen, vielleicht gerade deßhalb, weil dieſer Privatmann jetzt ſein Schwiegervater geworden. Wir ſehen daraus, daß der ftanzöſiſche Capitän in ſeiner 19 Kaiſer ſiegte, was ihm nicht zweifelhaft ſchien, wenn er das gegen ihn ſich auflehnende machtloſe Preußen nieder⸗ geworfen hatte— was würde dann ſein Schickſal ſein? Wie würden Hedwig's Gefühle das ertragen, deren Pa⸗ triotismus jetzt, von der Liebe gefeſſelt, doch immer auf eine günſtige Entſcheidung hoffte! Das wußte er. Wenn er von dem Ruhme Frankreichs ſprach, hatte ſie ihm ohne Widerſpruch zugehört, als ob ſie ſeinen Gefühlen nicht wehe thun wolle, aber in ihrem Herzen ſtand ſie doch auf Seiten ihres Vaterlandes, ungeachtet ihrer großen Liebe zu ihm; er hatte dies aus einzelnen abſichtsloſen Aeuße⸗ rungen wohl erkannt, und wie würde, wie mußte das ſpäter werden, wenn der Zorn Napoleon's das ihm ſo verhaßte Preußen zertreten und aus der Reihe der Na⸗ tionen ausgeſtoßen haben würde? Aehnlich, jedoch von ganz entgegengeſetzten Hoff⸗ nungen beſeelt, waren die Anſchauungen Walthers. Der Sieg der guten Sache ſchien unzweifelhaft, denn Jeder war bereit, Gut und Blut daran zu ſetzen und bis zum Aeußerſten zu kämpfen der Haß über maßloſe Un⸗ terdrückungen und unverſchuldete Schmach und das Ver⸗ langen, Wiedervergeltung zu üben, loderte in hellen Flammen auf. Napoleon, einmal beſiegt, ſollte es bald noch einmal und vollſtändig werden; man zweifelte keinen Augenblick an dem Erfolge, für den man Alles zu opfern 80 bereit war. Die Ruſſen, welche bereits die preußiſche Gränze überſchritten hatten, wurden jubelnd als Ver⸗ pündete und Befreier empfangen, obgleich der König noch kein Bündniß mit ihnen abgeſchloſſen hatte, ſondern noch immer, anſcheinend unentſchloſſen, mit Frankreich unter⸗ handelte. Die einzige Befürchtung beſtand darin, es könnten dieſe Unterhandlungen dennoch zu einem Reſul⸗ tate führen; hieran glaubte jedoch weder Raoul noch Walther. Der erſtere war überzeugt, Napoleon werde ſeine Forderungen ſo hoch ſtellen, daß Preußen, ohne ſich abermals zu erniedrigen, ſie verwerfen müſſe, Walther aber gehörte zu denen, welche den Krieg bereits als er⸗ klärt anſahen. Nit ſolchen Gefühlen und Anſchauungen traten ſich die beiden jungen Männer gegenüber. Sie wußten, daß ſie binnen einer ſehr kurzen Zeit den Fahnen ſich be⸗ kämpfender Heere folgen, ſich vielleicht auf blutigen Schlachtfeldern begegnen würden, ein Jeder von ihnen war begeiſtert für die Sache, welcher er diente, und be⸗ reit, Alles dafür zu opfern— der Eine für den auf hundert Schlachtfeldern erkämpften Ruhm und die Ehre ſeiner Nation, der Andere für die höchſten Güter, ohne deren Beſitz das Daſein ſeinen Werth verliert. Es galt alſo einen Kampf bis zur äußerſten letzten Entſcheidung, und in dieſem ſtanden ſie gegen einander, während gegen⸗ 81 ſeitige Achtung und Neigung ſo wie noch viele ihre Herzen in Freundſchaft für einander ſchlagen Raoul war Margot's Bruder— ihr in vielen Din⸗ gen, im Blick der Augen, im Ton der Stimme ſo ähn⸗ licher Bruder— er hatte ſich edelmüthig gegen ihn be⸗ nommen— er war Hedwig's Gatte, jener Hedwig, an welche er jetzt mit den Empfindungen wahrer und reiner Freundſchaft dachte und die ihm deßhalb um ſo theurer geworden war. Wie ſchön, wie erhebend wäre es ge⸗ weſen, wenn ſie vereint und von gleicher Geſinnung be⸗ ſeelt, für dieſelbe Sache hätten in den Krieg ziehen kön⸗ nen, wie ſchmerzlich, daß ſie ſich als Feinde gegenüber ſtehen ſollten! Aehnlich empfand Raoul. Nicht nur, weil Hedwig ſtets mit hoher Achtung von Walther geſprochen, hatte er ſeine Meinung über ihn geändert, nein, das ganze Weſen dieſes Mannes, welches in ſo vielen Dingen mit ſeinem eigenen in Harmonie ſtand, ſagte ihm zu. Der Gedanke, daß ſeine theure Schweſter, die er nach Hedwig am meiſten auf der Welt liebte, ihn liebe, wenn ſie es auch niemals ausgeſprochen, zog auch ihn zu ihm hin. Es erweckte in ihm ein beſchämendes Gefühl, daß er ihm entgegen getreten, ihn in den Augen ſeiner Schweſter verkleinert, ihr Vertrauen zu ihm erſchüttert hatte. Es war ihm, als ob er ein Unrecht gegen ihn begangen, 1v.. 6 82 welches gut zu machen habe. Er dachte ſich, daß Mar tin ſeinem Beſitze vielleicht doch ſehr glücklich geworden wäre, und er dazu beigetragen habe, dies zu verhindern.— Jetzt war dies zwar Alles anders, und die Wahrſcheinlichkeit, daß ſie für immer getrennt ſein und bleiben würden, faſt zur Gewißheit geworden. um ſo mehr fühlte er ſich zu ihm hingezogen und em⸗ pfand, ähnlich wie er, einen tiefen Schmerz darüber, daß ſie nicht zuſammen für Eine Sache, ſondern feindlich gegen einander fechten mußten. Raoul traf Walther unten im Hofe, wo ſämmtliche Pferde der Herrſchaft zuſammengebracht waren und die zur Einſtellung geeigneten ausgeſucht wurden. Nicht ohne Intereſſe hatte der Cavallerie⸗Capitän dieſer Muſte⸗ rung zugeſehen und zuweilen auf Walthers lächelnde Frage in derſelben Weiſe ſeinen Rath ertheilt. Dann gingen ſie zuſammen in den Park. Er ſah noch wüſt und unfreundlich aus, an den Seiten der feuchten Kies⸗ wege lagen noch Ränder von Schnee, den die matte Februar⸗Sonne nicht zu ſchmelzen vermocht hatte und dem die Kälte der Nächte ſtets neues Leben verlieh. Die Bäume und Geſträuche ſtanden noch winterlich ernſt da, ohne ein Anzeichen des Frühlings, der in dieſer Gegend immer ſpät ſeinen Einzug hält. Sie waren eiſe Zeit lang anſcheinend in gleichgül⸗ 83 tigem Geſpräche neben einander hergegangen und hatten dann beide geſchwiegen. Wenn die Blätter, mit denen ſich dieſe Bäume bald bekleiden werden, wieder abgefallen ſind, werden wir ſchwerlich ſo friedlich neben einander gehen, ſagte Raoul, obgleich es mein innigſter Wunſch wäre, daß es geſchehen könnte. Auch der meinige, daran zweifeln Sie ewiß nicht— aber es kann leider nicht ſein. Nein, es kann nicht ſein, denn die und ein jeder von uns muß ſeiner Pfli Muß Alles und Jedes dieſer Pft Walther mit leuchtendem Blicke hinzu. Das verſteht ſich von ſelbſt und bedarfkeiner weiteren Verſicherung, da wir beide Soldaten ſind. Dennoch beſteht ein Unterſchied zwiſchen uns; Sie wollen erhalten, was Sie unrechtmäßig und gewaltſam erworben, und nennen das Ehre und Ruhm, wir wpllen und werden wieder erkämpfen, was man uns widerre tlich und ſchmachvoll entriſſen— doch— verzeihen Sie mir, ſetzte er in herzlichem Tone hinzu, daß ich mich hinreißen ließ, Ihr Gefühl zu verletzen— ſprechen wir nicht von dieſen Dingen, die nicht zu ändern ſind und die zu einem Ende geführt werden müſſen, welches doch nur die Hoff⸗ nungen Eines von uns zur Erfüllung bringen kann. 6* fern! ſetzte 84 Sie haben Recht, etwiederte Ravul in derſelben herz⸗ lichen Weiſe, ſprechen wir nicht davon; aber wir können uns ſagen, daß die Achtung, welche wir, wie ich glaube, gegenſeitig für einander empfinden, dadurch nicht beein⸗ trächtigt wird. Gewiß nicht, ſagte Walther; es wäre nur möglich, wenn wir anders handeln könnten. Die Zukunft liegt dunkel vor uns— laſſen Sie uns ß für beide Theile ehrenvoller Friede das Ende die mpfes ſein möge! eile? fragte Walther mit einem un⸗ gläubigen Lächeln; man kann Alles hoffen, aber ich ver⸗ mag doch nicht einzuſehen, wie ſich dieſe Hoffnung ver⸗ wirklichen ſollte. Nun, ſo überlaſſen wir auch das der Zukunft.— Wir haben uns unerwartet wiedergeſehen, uns näher kennen gelernt, um uns ſofort wieder zu trennen. Ich kann Ihnen ſelbſt nur rathen, ſo bald als mög⸗ lich abzureiſen. Die Kriegserklärung Preußens muß in dieſen Tagen erfolgen, und Sie würden dann vielleicht wieder auf Schwierigkeiten ſtoßen. Wir wollen übermorgen fort. Ich habe Hedwig vergeblich gebeten, mich allein reiſen zu laſſen, ſetzte er mit etwas leiſerer Stimme hinzu— ſie wird mich begleiten. 85 Daran habe ich keinen Augenblick gezweifelt, es ſcheint mir ſelbſtverſtändlich. Weßhalb, da wir uns doch bald trennen müſſen? Warum richten Sie dieſe Frage an mich? Wie könnte die Gattin des franzöſiſchen Offiziers im feind⸗ lichen Lande zurückbleiben? Iſt es nicht ihre Heimath? Sie hat aufgehört, es zu ſein. Wo ihr Gatte lebt, dort iſt ihre Heimath— und jetzt, wo Frankreich und Preußen ſich zum blutigen Kriege rüſten, könnte ſie da unter den Feinden ihres Gatten bleiben ſollen? Es würde grauſam ſein, dies von ihr zu fordern! Sie mögen Recht haben, ſagte Ravul nach kurzem Schwei⸗ gen— und ich ſehe es ebenfalls ein, obgleich es mich ſchmerzt, daß ich ſie gerade jetzt von Allem losreiße, was ſie außer mir Theures und Werthvolles auf der Welt beſitzt. Es iſt viel trauriger, Jemanden, den man liebt, drüben zu wiſſen, von den entgegengeſetzten Empfindungen und Hoffnungen beſeelt, ſprach Walther mehr zu ſich ſelbſt. Soll ich Margot von Ihnen grüßen? fragte Ravul, ohne zu wiſſen, wie er zu dieſer plötzlichen Frage ge⸗ kommen war. Ihre Fräulein Schweſter? erwiederte Walther, indem ſeine Stimme merklich bebte— wenn ſie meiner noch gedenkt. 86 Wie können Sie daran zweifeln? Es war wenig⸗ ſtens unverändert der Fall, als ich ſie verließ. Es iſt faſt ein Jahr vergangen ſeit jenem Tage, und mein letzter Brief iſt unbeantwortet geblieben. Das beunruhigt mich ſehr. Aber Sie ſollen bald Nach⸗ richt haben; Hedwig wird ſogleich an ihren Vater ſchreiben. Ich? erwiederte Walther melancholiſch— wer weiß, wo ich dann bin! Hier keinesfalls mehr. Ich dachte im Augenblicke nicht daran.— Wir kön⸗ nen nichts brſprechen, nichts verabreden— es bleibt Alles von den kommenden Ereigniſſen abhängig— Alles!— Wir werden uns feindlich gegenüber ſtehen, wer weiß, wie und wo uns das Geſchick wieder zuſammen⸗ führt; vielleicht ſehen wir uns auch niemals wieder, das letztere iſt ſogar das Wahrſcheinliche— wir werden deß⸗ halb aber nicht feindlich an einander denken, fuhr er fort, ihm herzlich ſeine Hand hinreichend. 5 Gewiß nicht— niemals! erwiedertt Walther, die dargebotene Hand ergreifend. Sondern Freunde ſein, rief Raoul, Feinde und Freunde! Freunde im Herzen und auch Freunde im Kampfe! erwiederte Walther, indem die Liebe zu der Schweſter desjenigen, der ihn jetzt mit den ähnlichen Augen ſo herz⸗ lich anblickte, hoch in ihm aufloderte und ſich auf ihn 87 übertrug.— Laſſen Sie uns dieſer Stunde eingedenk bleiben! Sie ſchloſſen ſich, von ihren Gefühlen übermannt, ſtumm in die Arme, dieſe feindlichen Freunde, und kehr⸗ ten dann Hand in Hand nach dem Schloſſe zurück.— Am anderen Tage war Luciens und Petrowitſch's Hochzeit, welcher ſowohl Raoul und Hedwig, als Wal⸗ ther und ſeine Mutter beiwohnten und wozu ſich in der Kirche eine große Menge Menſchen eingefunden hatte, welche die Verheirathung des von allen wohlgekannten Kammermädchens der gnädigen Gräfin mit einem fremden Ruſſen mit anſehen wollten. Man hatte das Beſtreben, heiter und vergnügt zu ſein, aber ſo ſehr man ſich auch bemühte und eine ſolche Stimmung äußerlich zur Schau trug, es lag doch eine Wehmuth in eines Jeden innerſtem Empfinden, die das Aufkommen einer wirklichen Heiterkeit und Fröhlichkeit unmöglich machte. Nicht nur Ravul und Hedwig, ſon⸗ dern auch Walther wollte am folgenden Tage Wallfort verlaſſen und ihrer weiteren, ſo dunkel vor ihnen liegen⸗ den Beſtimmung entgegenziehen. Sie empfanden den tiefen Ernſt dieſer ſo nahe bevorſtehenden Stunde, deren Herannahen Walther's Mutter mit tiefem Schmerze er⸗ füllte, den ſie ihres Sohnes wegen zu verbergen ſich ohne Erfolg bemühte. Nur Petrowitſch und Lucie waren von 88 Herzen froh und glücklich und freuten ſich auf den kom⸗ menden Tag und alle die anderen, welche ihm folgen ſollten. Raoul hatte nach Paris an ſeine Eltern und Margot geſchrieben, lange Briefe, und Hedwig die ihrigen dazu gelegt; dann, als Alles beendet war, ſchrieb ſie an ihren Vater. Sie empfand, während ſie ihre Gedanken ihm ausſchließlich zuwandte, die Schwierigkeit, ihren jetzigen Schritt bei ihm zu rechtfertigen. Nicht weil er ihr we⸗ niger nothwendig erſchien— im Gegentheile, je näher die Stunde heranrückte, wo ſie Wallfort wieder verlaſſen ſollte, um ſo mehr erhob und tröſtete ſie das beglückende Bewußtſein, daß ſie wenigſtens jetzt noch nicht gezwungen werde, von Ravul zu ſcheiden— aber ſie fühlte, daß ihr Vater nach ſeiner Auffaſſung und nach ſeinem Charakter gerade ihre jetzige Handlungsweiſe weniger würdigen und mehr verdammen würde, als ihre Flucht von Balagna. Ihr Brief wurde daher lang und ausführlich, und es war ſehr ſpät, als die Lichter in dem einſam erleuchteten Zimmer des Schloſſes endlich erloſchen.— Am folgenden Morgen war Alles ſchon ſehr früh in Bewegung. Petrowitſch und Lucie packten den Reiſe⸗ wagen, und Walther's Mutter war beſchäftigt, zu den an ſich wenigen Sachen, welche er überhaupt mitnehmen wollte, immer noch Einiges hinzuzufügen, das ihre Liebe 89 und Beſorgniß für nöthig hielt. Hedwig hatte ſich der Unruhe, welche ſolche Geſchäfte ſtets in ihrem Gefolge haben, entzogen und war auf die Plattform des Thurmes geſtiegen, welcher die ſüdliche Seite des Schloſſes abſchloß. Sie fühlte das Verlangen, noch einmal in die Gegend hinauszublicken, welche ihre Heimath war, nach welcher ſie ſich ſo oft zurückgeſehnt hatte, als ſie weit, weit im fernen Oſten verweilte und welche ſie jetzt wieder in entgegen⸗ geſetzter Richtung zu verlaſſen im Begriffe ſtand. Es war einer von jenen klaren, hellen Morgen, wie ſie der ſcheidende Winter zuweilen in ſeinem Gefolge hat; die bekannten Höhenzüge, die dunkeln Wälder, die Dörfer mit ihren ſpitzen Kirchthürmen, das Alles lag nahe und deutlich wie ein ruhiges, ſonniges Bild vor ihr da, und im Südoſten glänzte der in der Morgenſonne leuchtende Schnee der Liſſa Hora zu ihr herüber. Sie ſtand lange ſchweigend und ſinnend an die Brüſtung gelehnt, bis ihr Blick ſich durch eine Thräne verſchleierte, welche ſie dann mit einem wehmüthigen Lächeln eilig entfernte, damit Niemand dieſe verrätheriſche Verkünderin ihrer Schwäche erblicken möge. Sie ging hinab. Es war Alles zur Abreiſe fertig; die Pferde waren angeſpannt und Walther und ſeine Mutter mit Ravul zuſammen, um Abſchied zu nehmen. Walther's ſchwarzes, feuriges Pferd ſtand ebenfalls in 90 einiger Entfernung, von dem Burſchen gehalten, denn auch er wollte zur ſelben Stunde fort. Komm, meine geliebte Hedwig, ſagte Ravul mit tiefer Bewegung, komm, laß uns Abſchied nehmen, da es ſein muß, und ohne längeren Aufſchub, der dir das Herz nur ſchwerer machen würde. Sei ſtark, Geliebte, flüſterte er mit dem innigen Tone der Liebe. Ich bin es, ich bin es, erwiederte ſie leiſe mit bebender Stimme; dann eilte ſie auf Walther's Mutter zu und ſchloß ſie lange bewegt in ihre Arme. Leben Sie wohl, leben Sie wohl— auf Wiederſehen! Gott ſei mit Ihnen, theures Kind, erwiederte unter Thränen die bewegte Frau— mögen alle Ihre Wünſche ſich erfüllen! Sie reichte Walther mit einem herzlichen, ſtummen Blicke ihre Hand, der ſie eine kurze Zeit in der ſeinigen feſthielt.— Grüßen Sie Margot, ſprach er dann leiſe, und— ſeien Sie glücklich“ Auf ein fröhliches Wiederſehen! ſagte Raoul, indem ſich die beiden jungen Männer nochmals die Hände ſchüttelten— wo es auch ſei— wir werden nie auf⸗ hören, Freunde zu bleiben! Raſch führte er Hedwig zum Wagen— Grüße, Winke— wieder und noch einmal— dann waren ſie fort. Sie fuhren die Straße gegen Süden, denn ſie wollten 91 durch Oeſterreich und Süddeutſchland, nicht durch das aufgeregte Preußen. Und nun zum letzten Male, lebe wohl, du meine liebe, gute, theure Mutter! ſagte Walther. Sei nicht traurig, ſei nicht verzagt, ich ziehe in einen heiligen Krieg, und eine Ahnung, die Ahnung dieſer Stunde ſagt es mir, daß ich dich froh und glücklich wiederſehen werde! Sie ſchloß ihn, von ihrem Schmerze überwältigt, lange in ihre Arme; dann riß er ſich los, ſchwang ſich auf ſein Pferd und ſprengte in raſchem Galopp davon. Gott ſei mit dir— Gott beſchütze dich, mein Sohn! rief ſie ihm nach und ging dann weinend zurück in ihre einſame Wohnung. Siebentes Capitel. Der Gang unſerer Erzählung führt uns wieder nach Paris. Obgleich es nur Margot und deren ferneres Er⸗ gehen iſt, welche uns beſtimmen, abermals die Hauptſtadt Frankreichs aufzuſuchen, ſo ſind wir doch genöthigt, die politiſchen Ereigniſſe in aller Kürze zu erwähnen, da der Verlauf unſerer Geſchichte damit im Zuſammenhange ſteht. Die Siegesnachrichten aus Rußland waren, wie immer, in der gewohnten oſtenſiblen Weiſe gefeiert worden; man war daran gewöhnt, nur von glänzenden und über⸗ raſchenden Erfolgen der Armee zu hören und betrachtete ſie als ſelbſtverſtändlich. Dann fing man an, ungeduldig zu werden über den langſamen Gang der Ereigniſſe, über den Mangel großer und wirkungsvoller Reſultate, und erſt der Sieg von Borodino und die Eroberung Moskau's vermochten der verwöhnten und anſpruchsvollen Eitelkeit der Hauptſtadt wieder Nahrung zu geben, welche man ſich S2 ——— 93 bemühte, ihr in der ſchmackhafteſten Form vorzuſetzen. Der Abſchluß eines ruhmvollen Friedens erſchien als Ge⸗ wißheit, und man fing an, ſich zu beunruhigen, als dieſer Erfolg noch immer nicht eintrat. Die Nachrichten von der Armee wurden ſpärlicher und ſich widerſprechender. Es gab nur wenige Familien, welche nicht nahe Angehö⸗ rige oder wenigſtens entfernte Verwandte bei dieſer Armee beſaßen, welche ſich jetzt ſo unendlich weit und in einem Lande befand, von dem man nur ſehr unvollkommene und unrichtige Vorſtellungen beſaß. Daß die Verluſte der Franzoſen in dieſem Feld ganz außergewöhnlich ge⸗ weſen waren, wußte die Unruhe und die Beſorgniß ſteigerten ſich daher von Tag zu Tag, da die Namen der Gefallenen und Verwundeten nicht mehr veröf⸗ fentlicht wurden und die Verbindungen ſehr erſchwert waren. In der Mitte Novembers kamen die erſten Nachrich⸗ ten aus Moskau, eine Menge Briefe, welche die Lage der franzöſiſchen Armee keineswegs in glänzendem Lichte aus⸗ malten, ſondern die nächſte Zukunft, je nach Auffaſſung der Schreibenden, in mehr oder weniger düſtern Bildern ſchilderten. Man erfuhr jetzt, daß, ungeachtet der prahle⸗ riſchen Sieges⸗Bulletins, die Armee bereits auf weniger als die Hälfte ihrer urſprünglichen Stärke reducirt ſei und eine große Maſſe von Verwundeten und Kranken ſich in Moskau befinde. — 94 Die Unruhe der ganzen Bevölkerung Frankreichs ſtei⸗ gerte ſich dadurch von Tag zu Tag, und man ſah mit fie⸗ berhafter Aufregung jeder Rachricht entgegen. Gerüchte der widerſprechendſten Art fingen an aufzutauchen und ge⸗ wannen, ungeachtet der officiellen Kundgebungen, dadurch an Glaubwürdigkeit, daß alle weiteren beſtimmten Nach⸗ richten von der Armee ausblieben. Es lag eine dumpfe, ſchwüle, unheilverkündende Erwartung über dem Lande, die Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg dieſes mit ſo ungeheuren Nitteln begonnenen Feldzuges war erſchüttert und man ſah den kommer Ereigniſſen mit Beſorgniß entgegen. Es ſollte an Ueberraſchugen nicht fehlen. In ganz kurzen Zeitabſchnitten kam die Nachricht, daß die Armee Moskau verlaſſen habe, um die Ruſſen weiter zu verfolgen — dann das berüchtigte Bulletin von dem Siege an der Bereſina, in welchem der Rückzug und die großen Verluſte der Armee, als eine Folge der ungünſtigen Witterung, we⸗ nigſtens theilweiſe zugeſtanden wurden. Während die leicht erregbare Bevölkerung der Hauptſtadt ſich noch unter dem Eindrucke dieſer Unglücksbotſchaften befand, wurde ſie plötzlich durch die unerwartete Kunde überraſcht, der Kaiſer ſei in der Nacht zurückgekehrt und befinde ſich wohlbehalten in den Tuilerien. Der Kaiſer allein, ohne die Armee! Wo war die Armee? Hatte ſie vielleicht aufgehört, zu ſein? — 95 Die Ueberraſchungen, welche er der Hauptſtadt berei⸗ tete, hatten jedoch erſt begonnen. Er kam keineswegs ge⸗ beugt von dem Drucke der Ereigniſſe als ein Bittender, Hülfeſuchender, ſondern als ein Zürnender, Fordernder und Gebietender. Der zuſammenberufene Senat zitterte vor den ihm gemachten Vorwürfen, wozu die Malet'ſche Verſchwörung eine erwünſchte Handhabe bot; der unglück⸗ lichen Ergebniſſe des Feldzuges, lediglich eine Folge un⸗ vorhergeſehener Naturereigniſſe, wurde faſt nur nebenbei erwähnt, und daran die Forderung neuer, ungeheurer Rü⸗ ſtungen geknüpft, welche zur Ehre Frankreichs und zur Erkämpfung eines endlichen dauerhaften Friedens nöthig ſeien. Die an Gehorſam gewöhnten, von dem Willen des Kaiſers abhängigen Staatskörper bewilligten mehr, als er forderte; das Ganze war überhaupt nur ein Gaukel⸗ ſpiel, welches der Gewaltige in Scene ſetzte, um der öf⸗ fentlichen Meinung wenigſtens einige Zugeſtändniſſe zu machen. Sein Wille allein war maßgebend und er der Mann dazu, dieſem Willen Geltung zu verſchaffen. Mit der Kraft und der Energie, welche ihm eigen, und mit dem Genie, in welchem er von Niemandem übertroffen worden iſt, wurden die neuen Rüſtungen betrieben. Wäh⸗ rend Frankreich aufs Neue eine Aushebung von 350,000 Mann bewilligte, flogen ſeine Befehle nach allen Welt⸗ 96 gegenden hinaus. Es galt vor Allem, die Reſte der großen Armee zu vereinen und durch die zahlreichen in Deutſchland ſtehenden Truppen zu verſtärken; Italien und die Rhein⸗ bundfürſten erhielten Befehl, neue Contingente zu ſtellen, aus Spanien wurden die disponiblen Regimenter zurück⸗ gezogen, und ganz Frankreich glich bald einem großen Feldlager, welches keine andere Beſchäftigung zu haben ſchien, als zu einem Kriege die letzten Kräfte aufzubieten. Das Genie Napoleon's wußte auch bald die allgemeine Begeiſterung für dieſen neuen Krieg, der zur Ehre und zur Vertheidigung des Vaterlandes geführt wurde, zu ent⸗ flammen; die ſtreng bewachte Preſſe erhielt die Weiſung, in dieſem Sinne zu wirken, und die ſo leicht für den Ruhm entzündlichen Herzen der Franzoſen ſchlugen wieder begeiſtertfür ihren großen Kaiſer, der ſiezu ſo vielen glor⸗ reichen Siegen geführt und den jetzt zu verlaſſen eine tiefe Schande geweſen wäre. Zahlreiche Adreſſen, Anerbie⸗ tungen der Communen, Corporationen und Privatperſo⸗ nen erfüllten die öffentlichen Blätter, Freiwillige ſtrömten zu den Fahnen, und als die Kriegserklärung Preußens erfolgte, wurden abermals 80,000 Nationalgarden und 90,000 Rekruten bewilligt. Ganz Europa ſchien in Waffen gegen einander erſtehen zu wollen und ein Krieg ſich vorzubereiten, wie er in den Annalen der Weltge⸗ ſchichte bis jetzt noch niemals aufgezeichnet war. So 97 war in ganz allgemeinen Umriſſen die Lage der Dinge im Monat März des ewig denkwürdigen Jahres 1813 in ih⸗ rer äußeren Erſcheinung, die Einwirkung derſelben auf die einzelnen Menſchen und einzelnen Familien war ſo allgemein, daß ſich faſt Niemand derſelben entziehen konnte. Die Gefühle des Schmerzes, der Trauer, der Begeiſterung, der Hoffnung, ſelbſt der Rache— ſie alle wurden, je nach Stellung oder Auffaſſung der Einzelnen in einem Maße hervorgerufen, wie dies nur bei ſo außer⸗ gewöhnlichen Ereigniſſen möglich iſt. Die Hälfte von Frankreich hatte ſich in Trauer gehullt, um die Verlornen zu beweinen, die andere Hälfte bereitete ſich vor, nach ei⸗ ner kurzen Zeit ebenfalls zu dieſen Trauernden zu ge⸗ hören.— Wir befinden uns in den erſten Tagen des März und gehen eilig durch die belebten Straßen von Paris, in welchen die Vorbereitungen zu dem Kriege überall ſichtbar ſind und uns ſo unendlich viele ſchwarz gekleidete Frauen begegnen, kreuzen den Platz de la Concorde, auf welchem der Kaiſer einige neu organiſirte Regimenter muſtert und mit dem alten begeiſterten Rufe: Vive l'empereur! nicht nur von dieſen, ſondern auch von der zahllos verſammel⸗ ten Menge empfangen wird— es liegt nicht in unſerer Abſicht, dieſem oft geſehenen Schauſpiele beizuwohnen— wir überſchreiten die Brücke von Auſterlitz und gelangen W. 7 98 in die uns bekannte Vorſtadt von Saint Germain, wo es ſtiller, ruhiger, ariſtokratiſcher wird, und befinden uns endlich vor dem Hauſe des Marquis, nicht ohne Beſorg⸗ niß, da wir uns, vielleicht unverantwortlicher Weiſe, ſo lange nicht um Margot bekümmert haben. Das eiſerne Gitter, welches den Hof nach der Straße zu abgränzt, iſt geſchloſſen, und auch die Thür des Hauſes nicht wie ſonſt geöffnet. Wir befürchten, den weiten Weg vergeblich ge⸗ macht zu haben und die Geſuchten in dieſen Räumen nicht zu finden; es beruhigt uns jedoch, den Portier in ſeinem gewohnten, mit Treſſen beſetzten Anzuge an der Thür ſtehen zu ſehen, woraus wir den ſichern Schluß ziehen, daß der Marquis noch in dieſem Hauſe wohnt. Unſere Ungeduld ſteigert ſich, und ohne weitere Förm⸗ lichkeiten zu beobachten, begeben wir uns daher, von der uns innewohnenden Macht Gebrauch machend, in Mar⸗ got's Zimmer. Sie ſitzt einſam, den Kopf auf die Hand geſtützt, an ihrem Schreibtiſche— ihre Züge drücken Schmerz und Trauer aus, und die ſchwarze Farbe ihres Kleides be⸗ kundet, daß ſie zu denen gehört, welche den Verluſt eines nahen Angehörigen zu beklagen haben. Sollte ſie wegen Raoul's trauern, von dem ſie ſo lange keine Kunde erhalten? Sollte abermals eine falſche Todesnachricht ihr Herz zerreißen— ach, wie gern möch⸗ 99 ten wir ſie tröſten und beruhigen, da wir wiſſen, daß nach einer kurzen Zeit ſich dieſe Trauer wieder in Freude ver⸗ wandeln muß— aber das iſt es nicht, wie wir uns über⸗ zeugen, da ſie ihren Gedanken Worte verleiht, während ihre großen, dunkeln, ſanften Augen melancholiſch auf einer Stelle des Fußbodens haften. Immer einſamer— immer verlaſſener, ſprach ſie leiſe vor ſich.— Wenn ſie mich auch nie verſtanden hat und ihr Empfinden ein ganz anderes war, als das meinige — ſie war doch meine Mutter, und nun, da ſie geſtorben iſt, erkenne ich die Lücke, welche ihr Tod in mein Leben geriſſen.— Schon zwei Mal beklage ich den Verluſt einer Mutter Einer, die mir im Herzen eine Mutter war, und Einer, die mich geboren.— Ach, wenn ich wieder zurück dürfte nach der Fichtenau, und dort die Tage, die ich noch zu leben habe, ſtill und friedlich zubringen könnte — bis auch mich ein Hügel auf jenem kleinen, ruhigen Friedhof deckt— wie ſchön wäre das! Aber es kann ja nicht ſein— was ſollte mein armer Vater jetzt beginnen, ohne mich— ich werde ihn nie— niemals verlaſſen— es iſt das einzige Ziel meines Daſeins, ihn zu lieben und zu pflegen— ihn, der mir allein von allen Menſchen übrig geblieben iſt.— Ach Raoul! Raoul! fuhr ſie fort, während ihre Augen ſich jetzt mit Thränen füllten und ungehindert an den langen dunkeln Wimpern haften blie⸗ 7 100 ben— lebſt du noch? Klopft dein Herz, welches mich am meiſten geliebt hat, noch in deiner Bruſt? Ziehen die Gedanken deiner Seele noch zu mir herüber, um ſich mit den meinigen zu vereinen— oder umſchwebt mich jetzt dein ſeliger Geiſt und blickt traurig auf mich herab, die ich hier ſo einſam und verlaſſen zurückgeblieben bin?— Rein, nein, fuhr ſie in geſteigerter Angſt fort, es iſt nicht möglich, daß auch du geſtorben ſein ſollteſt— ich würde es empfunden, ich würde es gewußt haben, in der Stunde deines Todes!— O, mein geliebter Bruder, mein theu⸗ rer Ravul, wo magſt du jetzt in dieſem Augenblicke wei⸗ len?— Wenn du geſtorben biſt, ſo gieb mir ein Zeichen, irgend ein Zeichen, ſei nicht grauſam, damit ich wenig⸗ ſtens Gewißheit erlange. Athemlos und mit der geſpannteſten Erwartung blieb ſie ſtumm und lauſchend eine Zeit lang ſitzen— aber es regte ſich nichts, die Schatten der Blumen am Fenſter, welche auf ihren Tiſch fielen, blieben unverändert, und ſelbſt der Vogel, ihr Liebling, ſaß gegen ſeine Gewohnheit unbeweglich auf der Sproſſe ſeines Käfigs, kein Geräuſch, auch nicht das leiſeſte, ſchlug an ihr Ohr. Ich wußte es, ich wußte es, flüſterte ſie mit einem freudigen Blick— ich weiß es, daß du lebſt mein theurer Raoul, aber wo und wann werden wir 101 uns wiederſehen? Alles rüſtet zum neuen Kriege, und du— auch du wirſt jetzt nicht zurückbleiben. Während ſie ſich wieder ſchweigend ihren Gedanken überließ, und wir nicht die Macht beſitzen, ihren Kummer in Freude zu verwandeln, indem wir ihr ſagen, daß der Erſehnte in wenigen Tagen zurückkehren werde, haben wir Zeit und Muße, ſie, die wir ſo lange nicht geſehen, näher zu betrachten. Sie ſah blaß und leidend aus— aber ſie war dennoch viel ſchöner geworden; ſie wußte und ahnte es ſelbſt nicht, aber dieſes Nichtwiſſen erhöhte nur ihre Schönheit. Die Natur, welche in der Aus⸗ bildung ihrer Schöpfungen niemals ſtill ſteht, ſie viel⸗ mehr der ihnen beſtimmten Vollkommenheit entgegen⸗ führt, um ſie dann wieder verwelken zu laſſen und zu zerſtören, hatte die erblühende Knospe zu einer zarten, wundervollen Blume entfaltet. Der Hauch von Schmerz und Melancholie, welcher darüber ausgegoſſen war, ver⸗ lieh ihr jene geiſtige Weihe, ohne welche auch das ſchönſte Geſicht immer nur ein kaltes Bild bleibt. Wer ſie ſah, fühlte ſich zu ihr hingezogen und empfand das Verlangen, den Kummer und die Trauer dieſer ſchönen, ſanften dun⸗ keln Augen zu beſeitigen. Die Beſcheidenheit und das Anſpruchsloſe ihres ganzen Weſens war unverändert ge⸗ blieben, aber ihre Geſtalt, wenn auch noch ſo ſchlank und ätheriſch wie ſonſt, doch voller geworden, und die idealen 102 Formen ihres Körpers ließen erkennen, daß ſie in das Alter der vollen Schönheit der Jungfrau getreten war. Sie hatte im vergangenen Sommer, an dem Tage ihrer Confirmation, ihr neunzehntes Jahr zurückgelegt— und ſo in erhöhter Schönheit, aber ernſt, traurig, mit bleichen Wangen und ganz ihren melancholiſchen Betrachtungen hingegeben— ſo ſehen wir ſie wieder. Achtes Capitel. Wie wir bereits aus Margot's Selbſtgeſpräch erfahren haben, trauerte ſie um den Tod ihrer Mutter. Sie war vor wenigen Tagen unerwartet nach kurzem Krankenlager raſch geſtorben. Während ihr unruhiger und in ſeinen itteln niemals wähleriſcher Geiſt ſich damit beſchäftigte, eine Verbindung der Bourboniſten gegen den Kaiſer zu befördern und nach Kräften zu unterſtützen, während ſie ſich und ihren Mann, bei dem erwachten Mißtrauen des Gewaltigen und ungeachtet Fouché's faſt allwiſſender Polizei, in ein ſolches gefahrbringendes Unternehmen verwickelte, das ſo wenig Ausſicht auf Erfolg hatte, nur aus Haß gegen den Uſurpator und weil ihre intrigante Natur ſich mit irgend einem heimlichen und verderblichen Plane beſchäftigen mußte— hatte ſie der Tod plötzlich abgerufen und ihr Herz mit all ſeinen Entwürfen zum Stillſtehen gebracht. Schon ſeit acht Tagen ruhten ihre 104 irdiſchen Ueberreſte auf dem Pere la Chaiſe und Margot trug die Farbe der Trauer. Nachdem Ravul, es war jetzt ein Jahr, Paris ver⸗ laſſen, hatte die Marquiſe ihr Benehmen gegen Margot geändert, nicht, weil ihr Herz ſich ihr in größerer Zu⸗ neigung zuwandte, ſondern ebenfalls in Folge einer Be⸗ rechnung und einer wohl erwogenen Ueberlegung. Es kam ihr vorzugsweiſe darauf an, die Neigung ihrer Toch⸗ ter zu dem fremden Abenteurer, dieſe lächerliche und kin⸗ diſche Reigung, zu zerſtören; erſt dann, das hatte ſie er⸗ kannt, würde es möglich ſein, Margot zu einer anderen, ihren Planen zuſagenden Verbindung zu beſtimmen. Das von ihr bis dahin angewandte Mittel hatte ſich als ein verfehltes herausgeſtellt, der Zufall das Erlangte außerdem plötzlich wieder zerſtört. Sie verſuchte daher ihren Zweck auf andere Weiſe zu erreichen. Sie wurde zutraulicher, theilnehmender gegen Rargot, welche nach Raoul's Entfernung dieſe Beweiſe von mütterlicher Liebe mit Dankbarkeit aufnahm; ſie fing ſelbſt an, von der Fichtenau und von Walther zu reden und den Wunſch auszuſprechen, er möge ſein Verſprechen erfüllen und bald nach Paris kommen. Indem ſie auf dieſe Weiſe leicht das vertrauende Herz ihrer Tochter gewann, welches ſich in dem Gedo ken beglückt fühlte, daß ihre Mutter we⸗ nigſtens keie Feindin mehr eines Mannes war, dem ſie 105 ſo viel zu verdanken hatte— erweckte ſie unmerklich Zweifel darüber, ob er ſein Verſprechen halten werde, ob ſein letzter Brief nicht vielmehr nur in der Abſicht ge⸗ ſchrieben ſei, es hinauszuſchieben, oder es ganz aufzu⸗ geben. Es wurde ihr leichter, als ſie geglaubt hatte, auf dieſem Wege ſicheren Boden zu gewinnen, denn Ravul hatte ja in derſelben Weiſe zu Margot geredet, und Ravul meinte es von allen Menſchen auf der Welt am beſten mit ihr— ſie vertraute ihm unbedingt. Ach, wie ſchmerzlich waren die Erwägungen und Gedanken, welche in ihrer kindlichen Seele auf⸗ und niederſchwankten, wie ſchwer wurde es ihr, das ſich ſelbſt niemals eingeſtandene Gefühl, daß ſie ihn liebe, daß ſie von ihm geliebt werde — als einen Traum zu denken— einen Traum, gleich jener kurzen Zeit in der Fichtenau, der ſchönſten, der einzig ſchönen ihres Lebens! Aber wenn ſie die Augen auf ihre Umgebung richtete, wenn ſie den Reden ihrer Mutter zuhörte, die jetzt ſo voll Theilnahme zu ihr ſprach — dann konnte ſie nicht mehr zweifeln, daß ſie nur ge⸗ träumt habe und jetzt erwacht ſei zu dem wirklichen, kalten, nüchternen Daſein. Wenn du meinen Rath beachten willſt, liebe Margot, hatte dieſe geſagt, ſo beantworte den Brief nicht mehr.— Obögleich du mir nur ſeinen Inhalt im Allgeneinen mit⸗ getheilt haſt, ſo ſcheint doch daraus hervorzugohen, daß 106 er vorläufig abermals verhindert iſt, dieſe ſo oft an⸗ gekündigte Reiſe anzutreten. Die ganze Erzählung von der ruſſiſchen Erbſchaft klingt etwas fabelhaft. Ich glaube, du biſt es dir ſelbſt ſchuldig, mein Kind, nun ab⸗ zuwarten, ob er ſein Verſprechen zu erfüllen wirklich ge⸗ ſonnen iſt, oder ob dieſe Briefe, wie es mir ſcheint, dich nur darauf vorbereiten ſollen, daß er überhaupt nicht kommen wird. Auch ſelbſt darin, daß er es für nöthig hält, dich ſo vorzubereiten, liegt nach meiner Auffaſſung eine Ueberhebung und eine Verletzung deiner Weiblichkeit. Du würdeſt dir jedenfalls viel vergeben, wenn du jetzt noch abermals ihm eine Antwort zukommen laſſen woll⸗ teſt. Will er wirklich kommen, ſo mag er es thun, es iſt ja an ſich ein ziemlich gleichgültiges Ereigniß, ob er kommt oder nicht; wozu dieſes ſtete Schreiben? So ungefähr, wenigſtens dem Sinne nach, hatte Ravul ja auch geſprochen, wenn er ſich auch anders aus⸗ gedrückt. Es war ein ſchwerer und langer Kampf, der ſie endlich beſtimmte, ſo zu handeln und Walther's Brief un⸗ beantwortet zu laſſen. Wäre ſie allein ihrem Herzen gefolgt— wie gern, wie ſchnell und in der alten Weiſe würde ſie geſchrieben haben, aber— er verlangte ja vielleicht gar nicht nach einer Antwort, wenn es der Fall wäre, würde er nicht noch einmal ſchreiben, woran ihn nichts hinderte?— 107 Das hoffte ſie, und dann konnte, dann durfte ſie ant⸗ worten. Aber dieſe Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Auf dem Boden der weiten Entfernung, welche zwiſchen ihnen lag, fand die Wucherpflanze des Zweifels hinläng⸗ liche Nahrung, weil ein Jeder von ihnen das Empfinden des Anderen nicht kannte, es nur geahnt, gewünſcht und erhofft hatte, ohne darüber eine Gewißheit zu erhalten. So verging ihr das Jahr, und dazu kam die ſtete und ſich ſteigernde Beſorgniß um ihren Bruder. Die ganze, reiche Liebe ihres Herzens hatte ſich jetzt ihm zugewen⸗ det, ſie glaubte es wenigſtens, und die Ungewißheit über ſein Ergehen nahm all ihr Denken und Empfinden in Anſpruch. Gegen Ende Decembers war ſein letzter Brief aus Moskau eingetroffen, der, in trüber Stimmung ge⸗ ſchrieben, über zwei Monate gebraucht hatte, um den Weg nach Paris zurückzulegen. Die Couriere des Kaiſers mit den ſich vermehrenden ungünſtigen Nachrichten, und ſogar der Kaiſer ſelbſt hatten ihn überholt— als ſie die Zeilen Raoul's las, war Napoleon bereits in Paris und es kein Geheimniß mehr, daß der größte Theil der Armee den Untergang gefunden hatte. Was konnte dieſer Brief jetzt nutzen? Er diente nur dazu, ihre Unruhe und Be⸗ ſorgniß zu ſteigern. Es wurde Alles aufgeboten, um Nachrichten einzuziehen, der Marquis benutzte alle ihm zu Gebote ſtehenden Quellen in der Rähe des Kaiſers 108 ſelbſt— man zuckte bedauernd die Achſeln, man ſchwieg, weil man ſelbſt nichts wußte und diejenigen als verloren betrachtete, welche ſich bis jetzt nicht noch als lebend an⸗ gekündigt hatten. Während ſolche Beſorgniſſe und ſolche Angſt ihr Herz erfüllten, erkrankte ihre Mutter an einer Lungen⸗ entzündung und ſtarb am fünften Tage. Sie war in der letzten Zeit beſonders theilnehmend und gut gegen ſie geweſen, ein gleiches Empfinden hatte ſie vereinigt und näher gebracht— jetzt war ſie todt, mit einem Male, un⸗ erwartet, und es blieb ihr nur noch der Vater. Ein tiefer Schmerz und eine innige Sehnſucht nach dem Tode bemächtigte ſich ihrer Seele, ſie kam ſich ſo einſam und verlaſſen vor, wie noch niemals, ihr Daſein ohne Zweck, ohne Ziel. Es war ihr, als müſſe ſie in jedem Augenblicke die Kunde auch von dem Tode ihres Vaters hören, damit Alles zu Ende ſei, ſie nichts mehr an das Leben kette und ſie ſich dann hinlegen könne, um ebenfalls zu ſterben. Der Marquis war durch den Tod ſeiner Frau in eine faſt hülfloſe Lage gekommen. Er gehörte zu denjenigen Menſchen, welche während ihres ganzen Lebens einer Be⸗ vormundung bedürfen, denen ſelbſtändiges Handeln und der unbeſchränkte Gebrauch der eigenen Willenskraft eine Unmöglichkeit iſt. Die Marquiſe hatte dieſe Bevormun⸗ 109 dung im vollſten Maße ausgeübt und ſo durch langjährige Gewohnheit und Uebung die Charakterſchwäche ihres Gatten noch vermehrt und nach ihren Abſichten geſchult. Er vermochte es ſich gar nicht zu denken, daß er etwas thun ſolle, ſelbſt das Unbedeutendſte und Gleichgültigſte, ohne vorher ihre Meinung deßhalb zu hören und ſich ihrer Zuſtimmung zu vergewiſſern. Und nun war dies mit Einem Male anders geworden. Der Mund, welcher ſein Handeln, faſt ſein Denken geregelt hatte, war ver⸗ ſtummt, das Auge, deſſen Blick ihm Beifall oder Miß⸗ fallen zugewinkt, deſſen kleinſte Veränderung er zu erken⸗ nen gelernt hatte, war geſchloſſen, er ſtand allein und auf ſich ſelbſt angewieſen, rathlos. Zuweilen, in kurzen Momenten, war es ihm, als ob er von einer großen Laſt befreit ſei, ungefähr wie dem Sklaven, der nach jahrelanger Knechtſchaft plötzlich ſeine Freiheit erhält— aber er hatte verlernt, von der Freiheit Gebrauch zu machen, ſie war für ihn kein Geſchenk mehr, ſondern ein Unglück, und er ſehnte ſich nach dem vorigen Zuſtande zurück. Zu dieſem Kummer, der mehr ſein ganzes Sein als ſein Herz berührte, kamen die ſo ſehr aufgeregten politiſchen Verhältniſſe, die üble Laune des Kaiſers, welche ſich natürlich auf ſeine ganze nähere Um⸗ gebung übertrug und ſeinen Dienſt ſehr erſchwerte. Er ging ernſtlich mit dem Gedanken um, ſeiner Kammer⸗ X 110 herrn⸗Stellung zu entſagen, und fühlte ſich, nachdem die⸗ ſer Entſchluß bei ihm aufgetaucht war, beſonders un⸗ glücklich, daß er ſeine Frau darüber nicht befragen und ihre Entſcheidung einholen konnte. Die Ungewißheit über das Schickſal ſeines Sohnes beunruhigte ihn gleichfalls ſehr, aber ſein Gefühl war abgeſtumpft, ein gewiſſer apathiſcher Zuſtand bei ihm eingetreten, in welchem er ſich an unbedeutende Kleinig⸗ keiten feſtklammerte und dieſe eben ſo ſehr zum Gegen⸗ ſtande ſeiner Sorgen und ſeiner ſchwankenden Erwägun⸗ gen machte, als diejenigen, welche wirklich von Wichtig⸗ keit waren. So ſehr er ſeine Tochter liebte, war er doch nicht im Stande, ſie zu tröſten oder aufzurichten; er verlangte dies im Gegentheil von ihr, und die Schwäche ſeines Charak⸗ ters trieb ihn dazu, jetzt dasjenige bei ihr zu ſuchen, was ihm ſeine Frau bisher in ſo vollem Maße gewährt hatte. In einer ſolchen Stimmung ſehen wir ihn auch jetzt zu ihr in das Zimmer treten. Schweigend, mit einem ſtummen, leidenden Blicke und einem tiefen Seufzer reichte er ihr beide Hände und küßte ſie zärtlich. Ach, ſagte er dann, nachdem ſich beide geſetzt hatten, ich halte es wirklich nicht mehr aus! Sei nicht traurig, lieber Vater, tröſtete ſie, es läßt 14¹ ſich doch einmal nicht ändern, und ich hoffe zu Gott, daß Ravul noch lebt. Ja, das läßt ſich Alles nicht ändern, erwiederte er, ſichtlich mit anderen Gedanken beſchäftigt; wir müſſen es ertragen, und ich wünſchte vor Allem, daß dieſe Ungewiß⸗ heit ein Ende nähme.— Aber das meinte ich nicht, und ich bin gekommen, um deine Anſicht und deinen Rath in einer wichtigen Sache zu hören. Das Benehmen des Kaiſers, fuhr er fort, als Margot ſchwieg, wird täglich unerträglicher; er iſt nur mit den Rüſtungen zum neuen Kriege beſchäftigt, arbeitet Tag und Racht, denn er hat einen eiſernen Körper und einen nie ruhenden Geiſt und verlangt daſſelbe von ſeiner Umgebung. Uns, die wir mit dieſen Dingen, Gott ſei Dank, nichts zu thun haben, ſondern zu ſeinem perſönlichen Dienſte berufen ſind, uns behandelt man wie Lakaien, wie Geſindel, das überall im Wege ſteht und überflüſſig iſt. Sonſt war das ganz anders, ſonſt gab es glänzende Feſte, welche ohne uns nicht begangen werden konnten, die wir arrangiren und ausführen mußten— jetzt— wer denkt jetzt an Feſte! Immer nur der Krieg— immer nur die Soldaten, alles Andere hat aufgehört zu exiſtiren; man nimmt ja bereits die Kinder zu Soldaten, und wenn es ſo fortgeht, wird Frankreich nur noch von Weibern bevölkert ſein und ein Amazonen⸗Corps errichtet werden müſſen.— Was räthſt 112 du mir, mein Kind, was ſoll ich thun? fragte er, ſie er⸗ wartungsvoll und ängſtlich anblickend. Ich weiß nicht, worüber du meinen Rath begehrſt, lieber Vater; was du ſagteſt, ſcheint mir durch die Zeit⸗ verhältniſſe geboten. Du weißt nicht? fragte er verwundert. Ja, ja, du verſtehſt wenig von dieſen Dingen, mein Kind; wenn deine Mutter noch lebte, ſie würde mir längſt gerathen haben, was ich thun ſollte. Willſt du mir deine Abſicht nicht mittheilen? erwie⸗ derte ſie ſchüchtern; ich werde dir die Mutter nicht erſetzen können, da ich ja in all dieſen Dingen ſo wenig Erfah⸗ rung beſitze, aber vielleicht iſt es doch möglich.... Ich gehe damit um, meine Stelle als Kammerherr des Kaiſers niederzulegen, unterbrach er ſie— ich bin alt und ohnehin den Anſtrengungen des Dienſtes nicht mehr gewachſen; dieſes ewige Herumſtehen und nutzloſe Antichambriren greift mich an— was habe ich über⸗ haupt davon? Deine Mutter, welche es in unſerem Intereſſe für nöthig erachtet' hat, mich auf dieſe Stelle zu bringen, würde unter den jetzigen Verhältniſſen ge⸗ wiß ebenfalls der Anſicht ſein, ſie aufzugeben, da ſie doch keinen Nutzen mehr gewähren kann.— Was meinſt du, mein Kind? Willſt du nicht noch eine kurze Zeit warten, ehe du 113 dich entſchließeſt, lieber Vater? Vielleicht erfahren wir bald etwas von Raoul, und ſeinetwegen wäre es beſſer, wenn du den Einfluß nicht aufgäbeſt, welchen dir, wie du ſo oft geſagt haſt, deine Stelle in der unmittelbaren Nähe des Kaiſers verſchafft. Ach, das hat ſich Alles geändert ſeit dem unglücklichen ruſſiſchen Kriege! erwiederte er mit einem tiefen Seufzer. Du meinſt alſo, ich ſoll noch eine Zeit lang warten, fuhr er dann nachdenkend und unſchlüſſig fort, Raoul's wegen? — Ach, ich habe wenig Hoffnung, ihn jemals wieder⸗ zuſehen! „Verzage nicht, lieber Vater, habe Vertrauen zu dem lieben Gott, er wird uns.... Sie vermochte vor innerer Bewegung den Satz nicht zu vollenden und wandte ihr Geſicht ab, damit er ihre Thränen nicht ſehen ſollte. Wenn du glaubſt, daß ich noch warten ſoll, ſprach dieſer mehr zu ſich ſelbſt weiter, ſo will ich es thun. Ich werde noch einen Monat warten, ſetzte er mit der Er⸗ leichterung eines gefaßten Entſchluſſes hinzu; denn habe ich ſo lange in dieſem Dienſt zugebracht, ſo kann ich auch noch dieſe kurze Zeit überdauern, dann aber ſoll mich nichts davon abhalten. Ein Bedienter brachte auf einem ſilbernen Teller, wie von der Marguiſe her noch angeordnet war, die ein⸗ gegangenen Briefe. 1V, 114 Stelle ſie auf den Tiſch, ſagte der Marquis, ohne einen Blick darauf zu richten, denn er war noch immer mit ſeinem Plane beſchäftigt. Wenn der Herzog noch lebte, fuhr er dann fort, ſo könnte ich deſſen Anſicht hören; aber der iſt ja auch in Rußland auf eine nichts⸗ würdige Weiſe um das Leben gekommen, man hat Nie⸗ manden mehr.... Von Raoul! Von Ravul! unterbrach ihn Margot mit einem jubelnden Aufſchrei, indem ſie einen Brief mit ausgeſtreckter Hand hoch emporhielt— er lebt— er lebt — es iſt ſeine Handſchrift! Von der Gewalt dieſer unerwarteten Freude ergriffen, ſank ſie auf einen Seſſel und riß mit zitternden Händen das Couvert auf, ohne zu beachten, daß die Adreſſe nicht an ſie, ſondern an ihren Vater gerichtet war. Die für ſie beiliegenden Briefe fielen heraus, und während ſie ſich derſelben bemächtigte und mit vor Freude und Erwartung glänzenden Augen las, hatte auch der Marquis die für ihn beſtimmten Briefe in Empfang genommen, und es trat eine längere, nur von gegenſeitigen Ausrufungen unterbrochene Stille ein.. Er lebt, er lebt, ſprach Margot während des Leſens — er kehrt bald zurück— er wird in wenigen Tagen hier ſein— und iſt verheirathet, Vater, verheirathet mit Hedwig, mit jener Hedwig— haſt du es geleſen, Papa? 115 rief ſie dann, indem ſie ihren Vater leidenſchaftlich und vor Freude weinend umſchlang— er kehrt zurück, er lebt, er iſt nicht todt— und Hedwig kommt mit ihm! Du biſt ganz außer dir, mein gutes Kind, ſagte der Marquis ſanft und gleichfalls ungewöhnlich bewegt— ich habe den Brief noch nicht ausgeleſen— aber die Hauptſache iſt, daß er lebt, du haſt Recht— Gott ſei Dank, wir werden ihn bald wiederſehen! Verheirathet iſt er? So weit bin ich noch gar nicht gekommen— wie mag das ſo plötzlich zugegangen ſein?— Doch laß uns zu Ende leſen— ſieh' hier iſt noch ein Brief von einer anderen Hand— wir müſſen das Alles erſt ausführlich leſen, dann wollen wir weiter mit einander reden. Auch Margot, die in angſtvoller Eile den Brief nur flüchtig überflogen hatte und nur, von ihrer Freude be⸗ rauſcht, erſt ihren Vater hatte umarmen und küſſen müſ⸗ ſen, las jetzt die Briefe langſam und mit ſich immer ſtei⸗ gernder Freude zu Ende. Sie war ſo glücklich, ſo un⸗ ausſprechlich glücklich, wie lange nicht in ihrem Leben, und als ihr Vater nun ebenfalls ſeine Briefe geleſen hatte, befand ſie ſich noch immer in einer ſo großen, freu⸗ digen Aufregung, daß ſie vergeblich nach Worten ſuchte, um ihr Ausdruck zu geben. Er bringt ſeine Frau gleich mit, ſagte dann der Mar⸗ quts— ich bin ſo überraſcht, daß ich mich noch immer 8* nicht zu faſſen vermag. Ach, wenn das doch deine gute Mutter erlebt hätte, fuhr er traurig fort, wie würde ſie ſich gefreut haben, denn die Heirath mit einer Gräfin, wenn es auch nur eine deutſche iſt, würde doch gewiß ihren Wünſchen entſprochen haben! Meinſt du nicht auch? Sie ſchreibt an uns und richtet ihre Worte am meiſten an ſie— ach, ſie wußte nicht, daß ſie an eine Todte geſchrieben— doch wir wollen unſere Freude durch ſolche Betrachtungen nicht ſtören, da es ſich doch einmal nicht ändern läßt. Nicht wahr, meine liebe Margot? Vergib mir, Papa, ſagte ſie mit dankerfüllten Blicken, daß ich bis jetzt nur an das Glück gedacht habe, meinen theuren, geliebten Bruder bald wiederzuſehen; ſei mir nicht böſe deßhalb, ich bin darum nicht weniger traurig, daß die gute Mutter dieſe Freude nicht mehr hat erleben können! Aber weißt du auch, daß ſie in wenigen Tagen hier ſein werden, fuhr ſie wieder ihrem Glücke ſich hin⸗ gebend, fort— er ſchreibt: Wir folgen dieſem Briefe auf dem Fuße; wir werden ſo ſchnell als möglich reiſen, da ich die Zeit nicht erwarten kann, Dich wieder in meine Arme zu ſchließen, und meine geliebte Hedwig eben ſo ſehr danach verlangt. So laß uns Alles vorbereiten zu ihrem Empfange, erwiederte der Marquis; du mußt dich jetzt dieſem Ge⸗ —— 1 ſchäfte unterziehen, mein Kind, da ich nichts davon ver⸗ ſtehe, mich niemals um dergleichen bekümmert habe, weil deine gute Mutter.... Sei ohne Sorgen, Papa, unterbrach ſie ihn, es ſoll an nichts fehlen, du wirſt nichts vermiſſen. So will ich jetzt eilen und meinen Bekannten die freudige Nachricht mittheilen, daß mein Sohn lebt und ſich mit der Gräfin.... Wallfort, ergänzte Margot. Der Gräfin Wallfort verheirathet hat— es wird nun wieder lebendig in unſerem Hauſe werden. Erſt als er ſie verlaſſen hatte, fand ſie die rechte Muße, wir möchten ſagen; die rechte Andacht, um Raoul's und Hedwig's Briefe nochmals langſam und ausführlich zu leſen, und dann eilte ſie fort, um die Anordnungen zum Empfange des geliebten Bruders und ſeiner Frau, jetzt ſeiner geliebten Hedwig, zu treffen. neuntes Capitel. Raoul und Hedwig waren raſch gereiſtt und trafen nur wenige Tage nach ihren Briefen ſelbſt in Paris ein. Margot hatte ſie mit ſich immer ſteigernder Sehnſucht er⸗ wartet, und nun, da ſie wußte, daß ſie ihren geliebten Bruder beſtimmt wiederſehen würde, ſich auch in Gedan⸗ ken viel mit Hedwig beſchäftigt, welche ſo unerwartet ſeine Frau geworden war. Ohne daß es ihr ſelbſt klar geworden, hatte ſie bisher ſtets mit einer gewiſſen Ab⸗ neigung dieſer Hedwig gedacht, über welche Walther in der Fichtenau, wenn auch nur mit kurzen Andeutungen nach den Briefen ſeines Freundes, geſprochen, deren er dann öfter in ſeinen eigenen Briefen erwähnt und welche die unfreiwillige Urſache geworden war, daß er ſeine Reiſe nach Paris abermals verſchoben hatte. Jetzt war auch der leiſeſte Hauch dieſer Abneigung in ihrem Herzen ver⸗ ſchwunden, ſie empfand nur eben ſo unbewußt eine ge⸗ wiſſe Beſchämung darüber und das Verlangen, durch er⸗ höhte Liebe ihr Unrecht wieder gut zu machen. Außerdem 119 ſchrieb Raoul, daß er ihr allein ſein Leben, daß er ihr Alles verdanke; er ſchrieb überhaupt in ſo begeiſterter Weiſe von ihr, daß auch dies die Sehnſucht, ſie kennen zu lernen, erhöhte. In ähnlicher Weiſe empfand Hedwig, je näher ſie der Hauptſtadt Frankreichs kam und je mehr der Augen⸗ blick heranrückte, in welchem ſie dieſe Margot ſehen und kennen lernen ſollte, von welcher ſie ſo Vieles und in ſo verſchiedenen Beziehungen gehört hatte. Zuerſt von Wal⸗ ther— wenn ſie daran dachte, ſenkte ſie unwillkürlich ihre Augen und ein kaum merkliches Lächeln umſpielte ihren Mund— und dann von Raoul. Was beide erzählt, ſtimmte im Weſentlichen vollſtändig überein, es war im⸗ mer daſſelbe liebliche, kindliche, unſchuldsvolle Mädchen⸗ bild, nur waren die Farben dazu anders gemiſcht, die Auffaſſung eine verſchiedene geweſen, ſo daß in ihrer Phantaſie ſich nach den Schilderungen Walther's und nach denen Raoul's zwei verſchiedene Margots gebildet hatten— eine, deren ſie ungeachtet aller Reflexion doch nicht frei von einer gewiſſen Abneigung gedacht hatte, und eine andere, welche ſie von ganzer Seele liebte— Ravul's Schweſter. Das erſte Bild war jetzt vollſtändig verblichen und nur das zweite zurückgeblieben. Es hatte ſonderba⸗ rer Weiſe in den Herzen dieſer beiden ſo ſchönen und be⸗ gabten Weſen einmal eine gewiſſe Eiferſucht gegen ein⸗ 120 ander beſtanden, obgleich ſich beide nie geſehen und keine von ihnen, Margot am wenigſten, über dieſes Gefühl zur Erkenntniß gekommen war. Als dann aber der Augenblick erſchien, als ſie kamen und Raoul ſich Margot's Armen entzog, um in diejenigen ſeines Vaters zu fliegen, da umſchlangen ſich die beiden ſo innig und küßten ſich ſo herzlich mit Thränen in den Augen, als ob ſie ſich lange gekannt und jetzt nach einer ſchmerzlichen Trennung wiedergeſehen hätten. Nachdem dann die Stunden der erſten Aufregung vorüber waren, nachdem Ravul und Hedwig von dem Tode der Marquiſe Kunde erhalten, ſaß man erzählend und fragend zuſammen, lange, bis ſpät und weit in die Nacht hinein. Margot's und Hedwig's Hände lagen in einander und als dann Ravul in beredten Worten ſeine Geſchichte erzählte, ſeine ſo wunderbare Geſchichte, wobei Hedwig oft erröthete und ihn unterbrechen mußte, da hingen Margots dunkle Augen mit dem Ausdrucke ſo be⸗ geiſterter Liebe an ihr, daß auch ſie, welche nie an dem Buſen einer Freundin geruht, noch die Steigerung eines Glückes empfand, welches ſie derſelben nicht mehr für fähig gehalten hatte.— Auch der Marquis war entzückt von ſeiner Schwie⸗ gertochter; er hatte ſie ſich ſo ſchön nicht gedacht, und am meiſten imponirte ihm ihr ſelbſtbewußtes und dabei zu⸗ gleich beſcheidenes Weſen. 121 Als die Erzählung zu dem kurzen Aufenthalte von Hedwig in Wallfort kam, wurde Margot ſichtlich befan⸗ gen und ihre Augen richteten ſich zuweilen fragend auf ihren Bruder. Rohneck, erzählte Raoul unbefangen weiter, läßt dich vielmals und herzlich grüßen, liebe Margot; er war be⸗ trüͤbt darüber, daß du ſeinen letzten Brief unbeantwortet gelaſſen, und auch mich beunruhigte dies. Du haſt mir ja ſelbſt abgerathen, Raoul, erwiederte ſie erröthend. Ihm nicht mehr zu ſchreiben, ergänzte er nicht ohne Verlegenheit— ich glaube, daß ich dir damals dieſen Rath ertheilte— ich kannte meinen jetzigen Freund noch nicht, ſonſt würde ich mich der Beſorgniß, daß du dir da⸗ durch etwas vergeben könnteſt, nicht hingegeben haben. Soll ich vielleicht mein Unrecht wieder gut machen? fragte ſie leiſe. Für jetzt würde das nicht angehen, liebe Margot, er⸗ wiederte er mit einem Seußzer und einem innigen Blicke auf Hedwig, denn der Krieg mit Preußen iſt erklärt, und Rohneck ſteht in den Reihen unſerer Feinde. Er iſt wieder Soldat geworden? fragte Margot er⸗ bleichend. Konnte er anders? ſagte Hedwig traurig. Es gibt 122 keinen wehrhaften Mann in meinem Paterlande, der jetzt nicht die Waffen trüge— man würde ihn verachten. Ach, wie ſchrecklich und entſetzlich das iſt, ſprach Mar⸗ got mehr zu ſich ſelbſt— immer dieſer Krieg, als ob die Menſchen nur dazu geſchaffen wären, um ſich gegenſeitig zu morden! Und ihr werdet gegen einander kämpfen, fuhr ſie dann mit einem angſtvollen Blicke auf Ravul fort, euch vielleicht in der Schlacht begegnen, vielleicht— o, es iſt ſchrecklich, ſchrecklich— ich mag den Gedanken nicht ausdenken! Mache dir nicht ſo unnöthige, trübe Vorſtellungen, tröſtete Ravul, ihre Hand ergreifend— wir werden uns nicht in der Schlacht begegnen, und vielleicht kommt es zu gar keiner Schlacht, denn ich halte es immer noch nicht für unwahrſcheinlich, daß durch Oeſterreichs Vermittelung der Friede ermöglicht werde. Möge der liebe Gott das Herz des Kaiſers lenken, denn von ihm allein hängt es ab, und Elend, Noth und Leichen hat er ja im Ueberfluſſe gehabt. Laß uns das hoffen, meine liebe Schweſter; aber du darfſt auch nicht vergeſſen, daß die Ehre und der Ruhm Frankreichs auf dem Spiele ſtehen und mit keinen Opfern zu theuer bezahlt werden können. Nur die Elemente haben uns beſiegt, nicht dieſe ruſſiſchen Barbaren, die wir in allen Schlachten geſchlagen und die erſt den Muth hatten, über 123 uns herzufallen, als Kälte und Hunger uns zum Theil ſchon wehrlos gemacht hatten. Ein paar Mal werden wir ſie wohl erſt noch ſchlagen müſſen, ſetzte er mit leuch⸗ tenden Augen hinzu, um ihnen zu zeigen, daß der Flug unſerer ſiegreichen Adler unwiderſtehlich iſt, dann erſt kann von einem Frieden die Rede ſein. Und doch ſprachſt du ſoeben anders, bemerkte Margot traurig. Laſſen wir dieſe Erörterung, erwiederte Rauul, deſſen beſorgte Blicke auf den ernſt gewordenen Zügen Hedwig's hafteten— wir können ja die Verhältniſſe doch nicht än⸗ dern, ſondern uns nur der Hoffnung hingeben, daß ſich ſchließlich Alles zum Beſten wenden werde. So laß uns an dieſer Hoffnung unverrückt feſthalten, ſagte Hedwig, Ravul mit einem liebevollen Blicke an⸗ ſehend— wenn wir ſelbſt auch kaum wiſſen, was wir anders hoffen und wünſchen ſollen, als einen für beide Theile ehrenvollen Frieden, der für jetzt unwahrſcheinlicher denn jemals iſt. Ich habe nur den Einen Wunſch, flüſterte Margot, daß der Krieg, wenn er ſein muß, zu Ende gehe— ach ohne, du verſtehſt mich Ravul... 9 Sie vermochte vor Bewe⸗ gung nicht weiter zu reden, er umſchlang ſie und ſie ver⸗ barg ihr Geſicht weinend an ſeiner Bruſt. Weßhalb verkümmern wir uns die kurze Zeit, die 124 mir noch vergönnt iſt, bei euch zu ſein, ſagte er dann mit bewegter Stimme, indem wir nur an die Zukunft denken und uns bemühen, uns dieſe mit düſtern Farben auszu⸗ malen— weßhalb? Weil wir uns, weil wir dich lieb haben, erwiederte Hedwig— wie wäre es möglich, unſer Glück jetzt zu ge⸗ nießen, unbekümmert um die drohenden Wolken, die ſchon bis über unſer Haupt heraufgerückt ſind! Wir wollen uns bemühen, ſo wenig als möglich daran zu denken; wir können verabreden, gar nicht davon zu ſprechen, bis— bis— glaubſt du, Raoul, daß es möglich ſein könnte? Und doch müſſen wir verſuchen, es zu thun, ſagte er zärtlich— jeder des Anderen wegen— wir geben uns damit einen großen Beweis unſerer Liebe— vielleicht den größten. Ich will es verſuchen, flüſterte Margot. Ich bin nicht ſo aufopferungsfähig wie du, meine gute Margot, ſagte Hedwig, ich kann es nicht— es iſt mir unmöglich— und ich werde es auch gar nicht ver⸗ ſuchen— ich will es nicht verſuchen— ich würde dich dann weniger lieben. Am anderen Tage meldete ſich Raoul und wurde überall als einer der erſten aus Rußland zurückgekehrten Offiziere mit Intereſſe aufgenommen und befragt. Deſſen ungeachtet behandelte man ihn mit militäriſcher Strenge, indem man ihn darüber zur Verantwortung zog und ſo⸗ 125 gar von einem Kriegsgerichte ſprach, daß er ſich nicht di⸗ rect zu ſeinem Corps begeben, ſondern hieher nach Paris gekommen ſei. Er hatte deßhalb Verhöre zu beſtehen, und wenn man auch in den Umſtänden eine Entſchuldi⸗ gung zu finden oder anzunehmen geneigt ſchien, ſo fühlte ſich der für ſeinen Kaiſer ſo begeiſterte junge Offizier doch dadurch in hohem Grade gekränkt und in ſeinen Erwar⸗ tungen getäuſcht. Seine Stimmung, ohnehin durch den bevorſtehenden Abſchied gedrückt, wurde noch trüber, denn er glaubte, und dies gewiß mit Recht, daß er eine ſolche unwürdige Behandlung nicht verdient habe. Hedwig und Margot boten Alles auf, um ihn zu be⸗ ruhigen, ſie, welche ſelbſt des Troſtes ſo ſehr bedurften. Margot hatte von dem freudigen Augenblicke an, in wel⸗ chem ſie ſeine Rückkehr erfahren, nicht ein einziges Mal daran gedacht, daß er ſo bald wieder ſcheiden müſſe, und Hedwig, wenn ſie auch wußte, daß dies unvermeidlich ſei, doch dieſen Zeitpunkt in ihren Gedanken länger hinaus⸗ geſchoben und ſich die Tage des gemeinſchaftlichen Zu⸗ ſammenlebens beſonders ſchön und glücklich ausgemalt. Jetzt war das Alles anders. Schon am Morgen des fol⸗ genden Tages war er fortgegangen und erſt ſpät zurück⸗ gekehrt. Dem beſorgten Blicke der Liebe entging es nicht daß ihm etwas Unangenehmes begegnet ſei und daß er dies zu verſchweigen beabſichtige, er mußte deßhalb ſchließlich 126 Alles erzählen. Margot war im hohen Grade beſtürzt und beſorgt, Hedwig dagegen theilte vollſtändig die An⸗ ſchauung ihres Gatten und konnte das Gefühl der Krän⸗ kung über die ihm zu Theil gewordene Behandlung nicht unterdrücken. Er ſympathiſirte mit ihr, und Margot und ihr Vater hatten daher die keineswegs leichte Aufgabe, die aufge⸗ regte Stimmung des jungen Paares zu beruhigen. Raoul trat zuerſt ſelbſt auf ihre Seite, denn es entging ihm nicht, daß auf Hedwig's Stimmung unbewußt noch andere Beweggründe einwirkten, welche im Schlummer zu er⸗ halten, zu ihrem beiderſeitigen Glücke nothwendig war. Die Liebe zu ihrem Gatten hatte bei ihr jedes andere Ge⸗ fühl in den Hintergrund gedrängt, aber ſie war deßhalb ihrer Geſinnung nach doch keine Franzöſin geworden, ſie wußte ſelbſt kaum, was ſie wünſchen ſollte, wenn ſie an den bevorſtehenden Krieg dachte,— denn tief in ihrem Herzen lebte doch die Siegeshoffnung für ihr geknechtetes, ſich jetzt erhebendes Vaterland. Raoul mußte unverſehrt aus dieſem Kampfe zurückkehren, das war ihr hervor⸗ ragendes, alles Uebrige verdrängende Hoffen, aber wenn ſie weiter dachte— ſie wollte es nicht, und doch mußte ſie es— nicht als Sieger über ihr Vaterland— das wäre im höc hſten Grade traurig geweſen. Und als Be⸗ ſiegter? Sie durfie es nicht ſagen, nicht denken, nicht 17 wünſchen— aber dennoch wünſchte ſie es, und es war das einzige, tief verborgene Geheimniß ihres Herzens, ſo verborgen, daß ſie ſich ſelbſt ſcheute, daran zu denken. Es war unmöglich, daß unter ſolchen drängenden und gewaltſam einwirkenden Verhältniſſen ein ruhiges Glück hätte zum Ausdruck kommen können. Der Menſch bleibt immer den Verhältniſſen unterthan, die wie die Wogen des Mrers ſein Lebensſchiff beherrſchen. Bei ruhigem Wetter, wenn die Sonne vom blauen Himmel hernieder⸗ lacht, ein günſtiger Wind die Segel ſchwellt und die Hand das Steuer nur läſſig zu halten hat, dann ſcheint es uns oft, als könnte dieſem unſerem Fahrzeuge kein Unfall begegnen, denn es fährt ja ſo ſicher und ſo gefahr⸗ los durch die glatten Fluthen; aber plötzlich ſteigt eine dunkle Wetterwolke auf, die Sonne verfinſtert ſich, die Nacht bricht herein, der Sturm raſ't, die erzürnten, wild tobenden Wogen ſchleudern das willenloſe Fahrzeug, das Spielzeug ihrer Laune und ihrer Wuth, nach ihrem Belieben umher, zertrümmern ſeine Maſten und laſſen es an einem Felſen zerſchellen— keine menſchliche Macht, keine noch ſo unſichtig vorher ausgedachte Vorkehrung iſt be⸗ fähigt, ſie daran zu hindern, wenn ſie es verderben wollen oder verderben ſollen. Dieſes ſchließliche Unterordnen unter eine höhere Macht, welche ſtets in unſer Leben eingreift und der ſo 128 viele geheimnißvolle Kräfte zu Gebote ſtehen, ſchließt aber den Kampf mit derſelben nicht aus; es iſt viel⸗ mehr für uns eine heilige Pflicht, ſtets zu dieſem Kampfe gerüſtet und bereit zu ſein, und erſt, wenn wir dennoch erliegen, erliegen wir unſerer Beſtimmung— den Ver⸗ hältniſſen. Und ſie befanden ſich bereits in dieſem Kampfe, den ſie entſchloſſen aufgenommen hatten. Ihr Schiff lag nicht, wie ſie eine kurze Zeit gehofft hatten, ruhig im Hafen, ſondern auf offener, hochgehender See; aber die Liebe ſtand am Steuerruder und lenkte es mit ihrer anſcheinend ſchwachen und doch ſo ſtarken und ſichern Hand. Am dritten Tage hatten ſich Raoul's Angelegenheiten plötzlich zu ſeinen Gunſten entſchieden, ſo ſehr zu ſeinen Gunſten, wie er kaum erwarten konnte. Daß er ſich ſelbſt auf eine ſo abenteuerliche Weiſe aus der ruſſiſchen Gefangenſchaft befteit, aus welcher bis jetzt noch Rie⸗ mand zurückgekehrt war, machte ihn zum Gegenſtande beſonderer Neugier und Beachtung, ſeine Geſchichte und ſeine Verheirathung befand ſich, vielfach ausge⸗ ſchmückt, bald in Aller Munde; man hatte ſogar dem Kaiſer davon erzählt, und dieſer den ſo wunderbar er⸗ haltenen Offizier bei einer Muſterung ſich vorſtellen laſſen, einige von jenen zündenden Worten an ihn ge⸗ 129 richtet und ihm ſchließlich das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. In hohem Grade aufgeregt und von neuer Be⸗ geiſterung für ſeinen Kaiſer entflammt, der perſönlich zu ihm geredet, ihn perſönlich ausgezeichnet hatte, kehrte Raoul zurück und empfing die zärtlichen Glückwünſche Hedwig's, Margot's und ſeines Vaters, welche ſelbſt über den ganz unerwarteten Verlauf dieſer ſo unangenehm be⸗ gonnenen Angelegenheit entzückt waren; aber es lag ein ſtarker Dämpfer auf dieſer Freude, ein Dämpfer, welcher ihre Klänge bald wieder verſtummen machte. Rauul hatte gleichzeitig die Ordre erhalten, am zweitfolgenden Tage in Eilmärſchen mit einem neu gebildeten Cavallerie⸗ Regimente nach der Elbe abzumarſchiren. Es ging da⸗ mals Alles mit gewaltiger Eile, denn Napoleon betrieb ſeine Rüſtungen nicht nur mit ſeiner gewohnten und ihm eigenen Energie, ſondern mit einer ſelbſt für ihn uner⸗ hörten Haſt, weil ihm Alles darauf ankam, durch neue, impoſante Streitkräfte ſeine kampfluſtigen Gegner von weiterem Vordringen abzuhalten und beſonders Oeſter⸗ reich dadurch zu einem Bündniß mit ihm zu beſtimmen. Die franzöſiſchen Armeen waren bereits bis an die Elbe zurückgegangen, und die leichten Truppen der Ruſſen ſtreiften ſogar noch weiter; es war die höchſte Zeit, dieſem Zuſtande ein Ende zu machen, und zwar ſo⸗ Iv. 9 gleich durch einige energiſche und entſchiedene Schläge, wie er es gewohnt war. Man ſprach bereits davon, daß Napoleon ſelbſt in wenigen Tagen Paris verlaſſen werde. um ſich zur Armee zu begeben und das blutige eiſerne Würfelſpiel von Neuem zu beginnen. Was gilt in ſolchen Zeiten, wo die Gewaltigen ihre Berechnungen nur nach Tauſenden aufſtellen, der einzelne Menſch! Er iſt kaum eine Zahl, wenigſtens keine ſolche mehr, welche irgend einer Erwähnung werth wäre, er müßte denn zu denen gehören, welche das Geſchick an die Spitze dieſer Tauſende geſtellt und ſie abhängig ge⸗ macht hat von ihrem Genie, von ihren Kenntniſſen, ihrer Entſchloſſenheit, ihrem Muthe, ja, ſelbſt von ihrem kör⸗ perlichen Wohlbefinden.. Ravul gehörte nicht zu dieſen hervorragenden Grö⸗ ßen, und ſelbſt wenn er es geweſen wäre, er hätte dennoch jetzt zur Armee gehen müſſen, welche Alles verſchlang, Großes und Kleines, Alles, was Frankreich zu geben hatte. Es war ein unruhiger, bewegter Tag, der ihnen⸗noch übrig blieb. Ach, er blieb ihnen nicht einmal mehr übrig, denn Raoul war faſt keine Stunde zu Hauſe, ſondern wurde durch den Dienſt ſo in Anſpruch genommen, daß er faſt ſchon als abweſend angeſehen werden konnte. Aber er war doch noch bei ihnen, er kehrte am Abend zurück, noch einmal, vielleicht zum letzten Nale, ſaßen ſie 131 zuſammen, und er mußte ſeine Liebe theilen zwiſchen den Beiden, die er am meiſten auf der Welt liebte. Wargot erkannte, daß ſie die Liebe ihres Bruders nicht mehr allein beſitze, daß ſie jetzt gegen Hedwig zurückſtehe, weit zurück; je näher die Stunde kam, je mehr die Zeit vorrückte, deſto mehrerkannte ſie dies und ſie würde noch trauriger geworden ſein, wenn es möglich geweſen wäre. Sie zogen ſich weit früher zurück, als nöthig; Hed⸗ wig hatte wenig, faſt gar nicht geſprochen, und es war Margot vorgekommen, als habe ſie mit Ungeduld den Augenblick herbeigewünſcht, um mit ihm zu gehen. Er ſchloß Margot zärtlich und liebevoll in ſeine Arme — aber ganz anders, wie ſonſt, das fühlte ſie; ſeine Gedanken, ſelbſt ſeine Blicke waren Hedwig zugewandt. Bis morgen, meine liebe Schweſter, ſagte er dann, ſei ſtark und gut— mache mir den Abſchied nicht ſchwer. Um acht Uhr Morgens ſollte er fort. Aber ſchon um ſechs kam Hedwig in ihr Zimmer; ſie ſah bleich und verweint aus. Margot fuhr er⸗ ſchreckt empor und blickte ſie angſtvoll an. Er iſt fort, ſagte Hedwig faſt tonlos, indem ſie weinend auf einen Stuhl ſank und ihr Geſicht mit den Händen bedeckte; ich ſoll dir ſeine letzten Grüße bringen. 9* Zehntes Capitel. Ganz Frankreich, am meiſten aber Paris ſelbſt, be⸗ fand ſich in einer ſieberhaften Aufregung. Die Rüſtun⸗ gen zu einem neuen Kriege, deſſen Umfang jeden bis⸗ herigen übertraf, nahmen Aller Gedanken, ja, faſt Aller Handeln in Anſpruch. Das Vertrauen auf die Unüber⸗ windlichkeit des Kaiſers war erſchüttert, und ſo ſehr auch die Begeiſterung für ihn und für den neuen Krieg an⸗ geſchürt wurde und in hellen Flammen aufloderte, es gab doch bereits eine große Partei, welche dieſer ewigen Schlachten, dieſer nie endenden Kriege müde war und ſie mißbilligte. Man fragte ſich und beſprach dieſe Frage, wenn auch nur noch im Geheimen, ob Frankreich nur ein Rittel ſei, dem unbezähmbaren Ehrgeiz eines Einzigen zur Nahrung zu dienen; man wußte, daß Oeſterreich einen vortheilhaften Frieden zu vermitteln ſich erboten hatte, einen Frieden, welchen Frankreich ohne Gefährdung ſeines 133 Ruhmes annehmen konnte, daß Napoleon jedoch die ge⸗ ſtellten Bedingungen mit Stolz und Hohn zurückgewieſen habe, infolge deſſen Oeſterreich ſich den Verbündeten Ruß⸗ land, Preußen und England genähert hatte. Sollte man mit ganz Europa in den Kampf treten? War das er⸗ ſchöpfte Frankreich dazu befähigt? Die Anhänger der alten Republik ſowohl als die Legitimiſten begannen ſich zu regen und die Unzufrieden⸗ heit ſteigerte ſich durch die ungeheure Zahl derjenigen, welche Verluſte zu beklagen oder zu erwarten hatten. Auf Napoleon ſelbſt, der davon durch ſeine gut organiſirte Polizei vollſtändige Kenntniß erhielt, machte dies nur den Eindruck der Erbitterung und des Zornes. Er verachtete dieſe Menſchen, die er unterworfen hatte, und wußte, daß einige ſiegreiche Schlachten ſie verſchwinden machen wür⸗ den. Er wußte auch, daß ſelbſt ein großer Theil der höheren und höchſten Offiziere der fortgeſetzten Kriege müde waren und ſich nach Ruhe ſehnten, weil ſie Ruhm und Ehre genug erhalten hatten,— aber das Alles kam nicht in Betracht— erſt ſiegen, erſt dieſe anmaßenden Feinde niederwerfen, namentlich das verhaßte Preußen, welches er thörichter Weiſe hatte beſtehen laſſen, dann konnte er den Frieden dictiren und die Karte Europa's abermals nach ſeinem Willen anderweitig feſtſtellen. Hatte er nicht wieder 500,000 Mann Truppen— und — 134 bedurfte er mehr, um damit die Welt zu erobern, war es ihm bis jetzt nicht mit weit geringeren Mitteln immer gelungen— bis auf den ruſſiſchen Feldzug, in dem er allerdings einige Fehler begangen, wie er jetzt eingeſtand, den er jedoch lediglich durch die Ungunſt der Elemente verloren hatte. Die öſterreichiſchen Vermittelungen wur⸗ den durch ein abſichtliches Hinhalten beſeitigt und er traf die erforderlichen Maßregeln, um während ſeiner bevor⸗ ſtehenden Abweſenheit die Regierung zu ſichern. Er ſetzte einen aus den Großwürdenträgern des Reiches beſtehen⸗ den Regentſchaftsrath ein, an deſſen Spitze er die Kai⸗ ſerin ſtellte, obgleich ſie wenig von Regierungs⸗Angelegen⸗ heiten verſtand und nur den Namen dazu hergab, und reiſtte dann am 15. April ab, nachdem er all dieſe An⸗ ordnungen getroffen und die über dieſe abermalige Tren⸗ nung untröſtliche Kaiſerin umarmt hatte, eben ſo thaten⸗ luſtig, eben ſo voll Selbſtvertrauen, wie beim Beginne ſeiner glänzendſten und ruhmvollſten Feldzüge. Ravul hatte ſchon mehrmals geſchrieben, immer an Hedwig, lange und ausführliche Briefe, in denen er für Margot einzelne Sätze einſchaltete, auch hinzufügte, daß der Inhalt ja mit für ſie und ſeinen Vater beſtimmt ſei, und er deßhalb nicht beſonders ſchreibe. Auf Margot machte es jedoch einen traurigen Eindruck, daß er nicht das Verlangen fühle, ihr beſonders zu ſchreiben, obgleich 135 ſie dies jedes Mal that; es ſchmerzte ſie, daß Hedwig ihr die Briefe nur theilweiſe vorlas, weil Manches darin wohl nur für ſie allein und ausſchließlich beſtimmt war, — ſie mußte ſich erſt an die Vorſtellung gewöhnen, daß das Herz ihres Bruders jetzt einer Anderen gehöre, und nicht mehr ihr allein, wie ſie bisher geglaubt hatte. Sie liebte dieſe Andere mit der ganzen offenen Neigung ihres kindlichen hingebenden Herzens, und ſie empfand auch, daß dieſe Liebe in gleicher Weiſe erwiedert wurde, aber doch lag etwas zwiſchen ihnen, wenigſtens nach ihrer Auffaſſung, ein leichter Schatten, der nicht weichen wollte. Hedwig war ernſt, nachdenkend, viel mit ſich beſchäf⸗ tigt und gab ſich nur ſelten mit jener Innigkeit und Zärt⸗ lichkeit, welche ihr ſelbſt ein Bedürfniß war und nach welcher ſie ſich ſehnte. Ihre Gedanken und ihre Vor⸗ ſtellungen weilten faſi ausſchließlich bei Raoul, und auch in ihrer Heimath, von wo ſie noch immer keine weitere Nachricht erhalten hatte; an allem Uebrigen nahm ſie wenig Antheil, nur wenn der Marquis, was er jetzt ſehr oft that, ihr von ſeinen Angelegenheiten erzählte und ſie um Rath fragte, hörte ſie aufmerkſam zu und ſprach dann immer in beſtimmter Weiſe ihre Anſtcht aus, was den Marquis ſichtlich erfreute und wonach er ſich auch jedes Mal richtete. Mit Ausnahme weniger Stunden waren Mar⸗ got und Hedwig den ganzen Tag über zuſammen, denn — beide empfanden das Verlangen, bei einander zu ſein, wenn ſie auch oft längere Zeit nicht mit einander ſprachen. Eines Morgens, es war im Anfange des Mai, der Frühling hatte die Erde wieder mit ſeinen Blüthen ge⸗ ſchmückt und auch in das Häuſermeer der großen Stadt einzelne davon hingeſtreut, damit die Menſchen in den niedrigen Wohnungen und den engen Höfen nicht ohne ſeine Gaben bleiben ſollten— Margot ſaß am geöffneten Fenſter und blickte in den von hohen Mauern umſchloſſe— nen Garten hinab. Die Luft war lau und balſamiſch, ein ſanfter, weicher Wind zog unter dem blauen, wolken⸗ loſen Himmel hin, und ihre Augen hafteten mit weh⸗ müthiger Melancholie auf den noch hellen und zarten Blät⸗ tern einer Platane, in welcher die Vögel zwitſcherten und brüteten. Da trat Hedwig eilig zu ihr herein, Margot erſchrak, als ſie in ihr erregtes und bleiches Geſicht ſah; was iſt dir, rief ſie voll Angſt, haſt du eine unangenehme Nachricht? Lies dies, meine gute Margot, ſagte ſie, ihr einen Brief hinhaltend, indem ſie erſchöpft auf eknen Stuhl ſank— ach, wer weiß, ob er in dieſem Augenblicke noch lebt! Zitternd nahm Margot den Brief, den erſten, 137 welchen ſie ihr gab, und las, während Hedwig angſtvoll ſchweigend da ſaß. Gott wird ihn beſchützen, ſagte ſie dann— er hat ihn in ſo vielen Gefahren erhalten, er wird es auch jetzt thun. Ach, wie du das ſo voll Vertrauen ſagſt, rief Hedwig in geſteigerter Aufregung, wenn es nun doch nicht wäre, wenn er jetzt vielleicht verwundet ohne Pflege, ohne Hülfe da läge! O, weßhalh bin ich nicht bei ihm, weßhalb bin ich hier zurückgeblieben, hier, ſo fern von ihm, wo ich ihm nicht helfen kann!— Aber ich will fort, fort, der Armee nachreiſen— eine Ahnung ſagt mir, daß es nöthig iſt, daß ich nicht zu ſpät komme. Wie du nur ſo reden kannſt— was wollteſt du dort, du würdeſt ihm doch nicht helfen können— aber er wird deiner Hülfe auch nicht bedürfen, fuhr ſie fort, er ſchreibt, der Kaiſer ſei angekommen, es ginge vorwärts, und es würde beſtimmt in wenigen Tagen zu einer entſcheidenden Schlacht kommen. Iſt das nicht genug, jetzt, indem wir hier fern von ihm dieſe Zeilen leſen, iſt vielleicht— ach, ich darf mich ſolchen Gedanken nicht hingeben! Sei nicht ſo außer dir— beruhige dich— du wür⸗ deſt doch nicht zu ihm gelangen und es wird auch gar nicht nöthig ſein; bis jetzt wiſſen wir ja noch nicht, ob 138 eine Schlacht wirklich Statt gefunden— in wenigen Tagen wird er gewiß wieder ſchreiben— doch horch! rief ſie erſchreckt, ein Kanonenſchuß! Von den nahen Invaliden ertönte Schuß auf Schuß, und noch hallten die dumpfen Schläge über die Stadt hin, als der Marquis mit freudiger Miene in das Zim⸗ mer trat. Der Kaiſer hat einen großen Sieg bei Lützen erfochten, rief er, die Ruſſen und Preußen ſind total geſchlagen und befinden ſich auf dem Rückzuge nach Polen, ſie haben 20,000 Todte und Verwundete, unſer Verluſt iſt noch nicht bekannt. Die Schlacht hat Statt gefunden, ſagte Hedwig er⸗ bleichend und mit tonloſer Stimme— es iſt zu ſpät, wenn es überhaupt nöthig iſt— Was wäre zu ſpät, mein Kind, fragte der Marquis erſtaunt— du haſt einen Brief von Raoul, was ſchreibt er, was würde zu ſpät ſein? Lieber Vater, ſagte Margot, er ſchreibt, daß die Schlacht bevorſtände und wir ängſtigten uns ſeinetwegen, Hedwig wollte ſogar hinreiſen. Ach, wie kannſt du einen ſo thörichten Gedanken haben— das wäre ja ganz unmöglich, bedenke die Ent⸗ fernung und das Kriegsgetümmel— bedenke— Laßt mich jetzt, ſagte Hedwig, die ihre Faſſung müh⸗ 139 ſam wiedergewonnen— ich bedarf der Ruhe— bald kehre ich zurück— jetzt muß ich allein ſein. Einſam ſaß ſie auf ihrem Zimmer, in dem es ſo ſtill und ſo friedlich war. Die Ruhe ihrer Umgebung wirkte wohlthuend auf ihre erregten Nerven und beſänftigte die Angſt, welche ihre Seele beherrſchte. Die dumpfen Donner der Geſchütze, welche ein für Frankreich freudiges Ereigniß, die Niederlage ihrer Landsleute, verkündet hatten, waren verhallt— ſie hatte dabei unwillkürlich und gegen ihren Willen an jene Stunde denken müſſen, wo, ähnlich wie heute, der Schall der Kanonen ihr Ohr getroffen hatte— in Petersburg, an einem heiteren, glänzenden Wintertage, als der Kaiſer Alexander an ihr vorüber gefahren war und der Schlitten ihres Vaters neben ihr gehalten— jetzt verkündeten die Geſchütze die Riederlage eben dieſes Kaiſers, und von ihrem Vater befand ſie ſich noch immer ohne jede Nachricht— damals war ſie in Petersburg, jetzt in Paris— wie hatte ſich ſo Vieles, Alles in dem kurzen Zeitraume von anderthalb Jahr geändert!— Aber es waren nur flüchtige, un⸗ gerufen gekommene Gedankenbilder, welche in dieſer Weiſe durch ihre Seele zogen und ſogleich wieder von der Be⸗ ſorgniß um das Ergehen Ravul's verdrängt wurden. Sie beneidete Margot um ihr kindliches und feſtes Gott⸗ vertrauen, zu dem ſie ſich nicht zu erheben vermochte, ſo 140 ſehr ſie ſich auch bemühte, und ſie fühlte es heute zum erſten Male mit einem tiefen Schmerze, daß ihr dieſe Glaubensinnigkeit fehle. Aber die Stärke ihres Willens gewann nach und nach wenigſtens ſcheinbar ihre alte Herrſchaft. Sie ſagte ſich, daß es eine Nothwendigkeit ſei, weitere Nachrichten abzuwarten, daß ſie die Angſt, welche ihre Seele erfüllte, beherrſchen und nicht bloßlegen müſſe, weil es doch nutz⸗ und zwecklos ſei, und ſie errang endlich dieſe äußere Ruhe und Feſtigkeit wieder, welche ihrem Charakter eigen war. Es vergingen mehre Tage einer ſich immer mehr ſteigernden Unruhe, in welcher ſie Margot's Tröſtungen mit einer faſt apathiſchen Ruhe anhörte— dann aber, als ein Brief Raoul's kam, in welchem er ſein völliges Wohlergehen meldete, war es doch wieder mit dieſer ſo mühſam errungenen Faſſung vorbei, die Thränen der Freude entſtürzten ihren Augen, leidenſchaftlich umſchlang und küßte ſie Margot, welche ſie in gleicher, aber ſich anders äußernder Freude umarmte. Siehſt du, daß ich Recht hatte, ſagte Margot, deren ſanfte Augen ebenfalls voll Thränen ſtanden, während ſich ihre kleinen Hände unbewußt gefaltet hatten— der liebe Gott hat ihn beſchützt und wird ihn auch ferner beſchützen. Ja, ja, du biſt viel beſſer als ich, flüſterte Hedwig— 2 141 aber ſein Leben iſt das meinige— ich kann mich ohne ihn nicht denken— deßhalb mußt du Geduld mit mir haben. Margot ſah ſie betroffen an; die Erkenntniß, daß Hedwig ihren Bruder mehr lieben könne, als ſie ſelbſt, fing an, Raum in ihrer Seele zu gewinnen— aber ſie wurde ihr dadurch nicht fremder, ſondern die Zuneigung zu ihr ſteigerte ſich für ſie in ihrem Herzen. Von dieſer Stunde an hatten ſie kein Geheimniß mehr vor einander, und Hedwig gab Raoul's Briefe, wenn auch anfänglich mit ſichtlichem Erröthen, ihr jedes Nal, um ſie ſelbſt zu leſen, nur zuweilen bemerkend, daß Dieſes oder Jenes für ſie allein beſtimmt ſei. Ravul's Brief war aus Dresden und in der Freude des Sieges verfaßt.„Unſere jungen Soldaten haben ſich vortrefflich geſchlagen,“ ſchrieb er;„es war ein heißer Kampf, aber wir haben geſiegt. Der Feind, namentlich die Preußen, focht mit dem Muthe der Verzweiflung und Todesverachtung; dennoch war es vergebens, das Genie des Kaiſers und die Tapferkeit unſerer Truppen ſetzten ihren Angriffen ein Ziel und ließen ſie das blutige Schlachtfeld räumen. Sie ſind eilig zurückgegangen; hätten wir Cavallerie gehabt, würden wir viele Tauſende zu Gefangenen gemacht haben, was jetzt leider nicht der Fall geweſen iſt. Heute ſind wir in Dresden eingerückt und von E der ganzen Bevölkerung mit Jubel empfangen worden. Der Feind wird wahrſcheinlich erſt an der Oder wieder Stand halten, da er die Elbe aufgegeben, und wir werden die nächſte Schlacht wahrſcheinlich in Schleſien liefern. Dann, meine geliebte, theure Hedwig, dann hoffe ich be⸗ ſtimmt, daß es zum Frieden kommen wird, denn der Ehre und dem Ruhme Frankreichs iſt ja dann genug ge⸗ ſchehen; wir haben die Preußen jetzt als Feinde achten gelernt, und ich bin überzeugt, daß ſie einen ehrenvollen Frieden erhalten werden. Freue Dich daher über unſern Sieg, Geliebte— ſei nicht etwa traurig, daß diejenigen, zu denen du einſt gehört haſt, unterlegen haben— es konnte ja nicht anders ſein— bedenke immer, daß Du jetzt mir, mir allein gehörſt und daß alle unſere Freuden und Hoffnungen dieſelben ſein müſſen.“ Er ſchrieb noch mehres und manches, was wir nicht wiederholen wollen, weil es allein für Hedwig beſtimmt war, ſo allein, daß es Margot nicht einmal leſen durfte; aber dennoch wurde die Abſicht ſeiner Worte nicht erreicht. In die Freude, welche ihr Herz empfand, daß er un⸗ verſehrt dieſer großen Gefahr entrückt ſei, miſchte ſich die Trauer um die Niederlage der Ihrigen. Sie konnte ſich wenigſtens über den Sieg der Franzoſen nicht freuen, ſeine Freude darüber nicht theilen, und es verletzte ihr Gefühl, wenn ſie genöthigt war, Aeußerungen zu hören, 143 welche die Berechtigung ihres Vaterlandes zu dieſem Krieg und die Tapferkeit ihrer Landsleute mit Nichtachtung und Hohn behandelten. Wenige Tage ſpäter kam endlich auch der ſo lange erſehnte Brief von ihrem Vater. Er war keineswegs in dem liebevollen Tone geſchrieben, wie der erſte, ſondern enthielt viele und ſogar bittere Vorwürfe darüber, daß ſie nicht in Wallfort geblieben, ſondern mit ihrem un⸗ bekannten Gatten wieder auf und davon gegangen ſei. „Nachdem ich mit Friedrich, der täglich unbeholfener und widerſpänſtiger wird, die lange und mühevolle Reiſe endlich zurückgelegt hatte, hoffte ich, Dich natürlich in Deinem elterlichen Hauſe zu finden und mich von Dir pflegen zu laſſen, was ich verdient zu haben glaube— ſtatt deſſen biſt Du nach Paris gereiſſt!— Jetzt, wo wir Krieg mit Frankreich haben, nach Paris! Aus Deinem Vater ſcheinſt Du Dir gar nichts mehr zu machen, ſonſt würdeſt Du wenigſtens gewartet haben, bis ich zurückgekehrt war, um mir Deinen Gemahl vorzu⸗ ſtellen, der für mich ja eine völlig unbekannte und myſtiſche Perſon iſt. Weßhalb konnteſt Du nicht ruhig hier bleiben, bis dieſer Krieg zu Ende ſein wird, wo ſich ja das Uebrige finden mußte? Steht Dir die Familie Deineß Mannes näher, als Deine eigene, daß Du dahin gehſt/wo Du doch auch von Deinem Manne getrennt ſein 144 wirſt, wie mir die Frau Rohneck ſagte? Jetzt, da Du hier ſo ſehr nöthig wäreſt, da endlich der von Dir ſtets ſo ſehr erſehnte Zeitpunkt eingetreten iſt und Preußen das verhaßte Joch der Franzoſen abzuſchütteln ſich ent⸗ ſchloſſen hat— jetzt biſt Du zu den Feinden übergegan⸗ gen! Du warſt ſtets ein eigenthümliches und eigen⸗ williges Kind, und ich habe mancherlei von Dir ertragen müſſen— aber dieſes Mal verſtehe ich Deine Handlungs⸗ weiſe doch nicht und ſie iſt von der Art, daß ich ſie Rir⸗ mandem hier mittheilen darf, weil ich mich ihrer ſchä⸗ men muß. „Es geht jetzt hier Alles drunter und drüber; Men⸗ ſchen und Pferde hat man fortgenommen, Rohneck iſt auch wieder in den Krieg gezogen, die Kohlenbergwerke ſtehen voll Waſſer, die Accker ſind nur ſpärlich beſtellt— Alles iſt fort, Niemand, der ein Gewehr oder eine Lanze tragen kann, iſt zurückgeblieben, die Menſchen ſind auf⸗ geregt, als ob ſie betrunken wären— nur ich, ich allein ſitze hier mit dem hinkenden Verwalter, der ein ganz guter Mann ſein mag, aber ſchwerfällig und langſam. „Es iſt zweifrlhaft, ob dieſer Brief in Deine Hände gelangt, da er nach der Hauptſtadt unſerer Feinde giht; ich ſchicke ihn nach Wien an meinen Banguier, areſſire gleichfalls dahin und ſchreibe ſogleich, damit ich wetigſtens erfahre, daß Du wohl und geſund biſt. So viel tihvüch Liebe wirſt Du hoffentlich noch für Deinen alten Vater übrig behalten, der jetzt hier mit dem boshaften Friedrich und der Frau Rohneck ganz allein ſitzt, aber dennoch nicht aufhören wird, Dich zu lieben.“ Es gereichte ihr zum großen Troſte, als ſie ſchweigend und traurig dieſen Brief zuſammenfaltete, daß ſie bereits zweimal von Paris aus an ihren Vater geſchrieben hatte. Sie hoffte, daß er dieſe Briefe erhalten habe und jetzt, nachdem ſie ausführlich die Gründe ihres Handelns aus einander geſetzt, anders und weniger erzürnt ihrer ge⸗ denke, als es in ſeinem Briefe geſchehen war. Dennoch ſetzte ſie ſich ſogleich hin und beantwortete dieſen Brief in der ausführlichſten Weiſe für den Fall, daß er die beiden anderen nicht erhalten hatte, Alles nochmals wiederholend und jetzt von noch mehr Gründen un⸗ terſtützt. Es waren ſchmerzliche und ſich widerſtreitende Ge⸗ fühle, welche ihre Bruſt bewegten, als ſie dieſe Zeilen ſchrieb; aber als ſie geendet, wurde ſie ruhig und ſogar heiter. Richt einen Augenblick hatte das Gefühl der Reue über ihr Handeln in ihrer Seele Platz gegriffen; ſie empfand die Genugthuung, das Rechte gethan zu haben, und alle Bande, welche ſie an die Ihrigen und das Drüben der Heimath feſſelten, Bande, deren Stärke und Macht ſie heute mehr als in langer Zeit erkannt IV. 10 146 hatte, fielen in Nichts zuſammen, da ihre Gedanken ſich wieder ausſchließlich auf Ravul richteten, auf ihn, den ſie mit der ganzen Kraft ihrer Seele liebte, dem ſie mit Freudigkeit Alles zu opfern bereit war und dem ſie allein angehörte für das ganze Leben— bis zum Tode. — Eilftes Capitel. Die Gewohnheit iſt unſere Amme und alle Menſchen nähren ſich von ihrer Milch; dieſes oft gebrauchte Gleich⸗ niß paßt in ſo fern nicht, als die Nahrung, welche uns die Gewohnheit ſpendet, weniger diejenige der Kinder und der Jugend, als diejenige der vorgerückten Jahre und beſonders des Alters iſt. Es ſoll damit nur geſagt werden, daß die Gewohnheit eine große Macht auf uns ausübe, eine Wahrheit, welche überall durch die Erfahrung beſtätigt wird. Menſchen, welche auf der See oder im Kriege ſich ſtündlich den größten Gefahren ausſetzen, lernen ſich ſo ſehr daran gewöhnen, daß ſie ihnen vollſtändig gleichgültig werden, und Andere, welche irgend eine an ſich gleichgültige Beſchäftigung täglich vorzunehmen gewohnt ſind, fühlen ſich unglücklich, wenn ſie derſelben entbehren müſſen. Man gewöhnt ſich ſchließlich an Alles, an Dinge und Zuſtände, 10* 148 welche man für unmöglich gehalten hat, und dies allein macht das menſchliche Daſein erträglich. Dieſelbe Erfahrung wurde unbewußt auch Hedwig und Margot. Die nach einigen Wochen eingetroffene Nachricht einer zweiten großen Schlacht, bei Bautzen, in welcher die Verbündeten ebenfalls total geſchlagen worden, erregte zwar von Neuem Angſt und Beſorgniß; aber be⸗ reits in einem weit geringeren Grade, und Margot's Ver⸗ trauen hatte ſich Hedwig's Vorſtellungen viel mehr zu eigen gemacht. Als dann ein Brief von Raoul kam, wo⸗ rin er ſchrieb, daß er auch in dieſer Schlacht unverſehrt geblieben und man ſich auf dem Narſche nach Schleſien befinde, gab ſich Hedwig zum erſten Male wieder einer beglückenden Hoffnung hin. Sie wurde darin durch die weiteren Rittheilungen beſtärkt, und es begann für beide eine freudige und hoffnungsvolle Zeit, denn Ravul ſchrieb, daß ein Waffenſtillſtand auf zwei Monate abgeſchloſſen ſei, daß man wegen des Friedens unterhandle und allge⸗ mein glaube und wünſche, daß er zu Stande komme. Es war beſonders ſein letzter Brief, den ſie gegen Ende Juli erhielt, welcher ſie mit hoher und inniger Freude erfüllte; denn es ſchien ſich nun doch Alles zu einem guten Ende geſtalten zu wollen. „Ich war in Breslau, meine innig geliebte Hedwig,“ ſchrieb et,„in dieſer Deiner heimathlichen Stadt, wo wir 149 vor wenigen Monaten einige ſo entzückende Tage ver⸗ lebt haben. Ich hätte nicht gedacht, ſo bald die Thürme dieſer alten Stadt wiederzuſehen. Mein Aufenthalt währte auch nur eine kurze Zeit, denn jetzt, nachdem der Waffen⸗ ſtillſtand abgeſchloſſen iſt, gehört Breslau mit zum neu⸗ tralen Gebiete, und dies darf weder von Freund noch Feind betreten werden. Abſichtlich habe ich in demſelben Hauſe Quartier genommen, wo wir zuſammen geweſen— ich hätte es nicht thun ſollen, denn die Sehnſucht nach Dir, Geliebte, indem mich Alles an jene glücklichen, kur⸗ zen Tage erinnerte, wurde zu einer Höhe geſteigert, die ich kaum zu bewältigen vermochte. Doch freue Dich, meine theure Hedwig— wir werden den Frieden erhalten— den Frieden, den wir Alle wünſchen, vom Höchſten bis zum Riedrigſten, und in welchem Preußen ſeine Selbſt⸗ ſtändigkeit und Unabhängigkeit wieder erlangen wird. Für die Ehre und den Ruhm Frankreichs iſt jetzt genug geſchehen; wir haben in zwei großen Schlachten geſiegt, den Feind bis an die Gränzen Polens zurückgetrieben, wir können jetzt mit Ehren Frieden ſchließen, und der Kaiſer wird gewiß nicht anſtehen, die ſo laut ausgeſpro⸗ cheiſen Wünſche Frankreichs zu erfüllen, deſſen Söhne abermals willig ihr Blut für ihn vergoſſen haben. Am wenigſten friedlich iſt die Stimmung hier im Lande ſelbſt, und es würde mich dies beunruhigen, wenn ich mir nicht 150 ſagte, daß Preußen bei den Unterhandlungen nicht die entſcheidende Stimme hat. Man iſt erbittert über den Waffenſtillſtund, den man mit Recht für den Anfang des Friedens hält und hat keinen anderen Wunſch und kein anderes Verlangen, als den Wiederausbruch der Feind⸗ ſeligkeiten. Selbſt unſer Wirth, der ſo freundlich gegen uns war, betrachtete mich mit finſtern, haßerfüllten Blicken und hatte nicht einmal eine Frage nach Deinem Ergehen. „Zufällig habe ich auch Nachricht von Rohneck er⸗ halten; er war wenige Tage vorher mit ſeinem Regimente in Breslau geweſen, hat alſo die beiden mörderiſchen Schlachten von Lützen und Bautzen glücklich überſtanden. Ich konnte ihn natürlich weder ſehen und ſprechen; ſollte aber der Friede in den nächſten Tagen abgeſchloſſen wer⸗ den, woran ich nicht zweifle, ſo erhalte ich vielleicht Ge⸗ legenheit dazu.“„ Wie glücklich waren beide, als ſie dieſen Brief ge⸗ leſen! In Hedwig's Seele gewann die Hoffnung Raum, daß das Glück ihres Vaterlandes nicht mehr im Wider⸗ ſpruche ſtehen werde mit ihrem eigenen, und daß ein für beide Theile vortheilhafter Friede den Conflict ihrer Ge⸗ fühle beenden werde. Hätte ſie oder Raoul die Gedaſken Napoleon's gekannt, dem es nur darum zu thun war, Zeit zu gewinnen, um ſeine Rüſtungen zu vollenden, der deßhalb die Friedensunterhandlungen in Prag unter den 151 nutzloſeſten Vorwänden hinzog und dann mit anderen übermüthigen Forderungen auch die Bedingung ſtellte, Preußen ſolle ganz Brandenburg bis an die Oder mit Berlin an Sachſen abtreten, dafür im Großherzogthume Warſchau entſchädigt werden, aber ſeine Hauptſtadt nach Königsberg oder Warſchau verlegen, ohne Danzig zu er⸗ balten— hätten ſie dieſe jetzt bekannten Thatfachen ge⸗ wußt, ſie würden ſich ſolchen trügeriſchen Hoffnungen nicht hingegeben haben. Napoleon, dem man damals Alles laſſen wollte, ſelbſt das Beſtehen des Königreichs Weftfalen, der nur dem Titel„Protector des Rheinbun⸗ des, der Hanſeſtädte und Illyriens“entſagen ſollte— Napoleon verwarf dieſe Anerbietungen, ſowie er ſpäter ähnliche günſtige verworfen hat, denn es war ihm be⸗ ſtimmt, durch ſeinen eigenen maßloſen Ehrgeiz, durch ſei⸗ nen eigenen Hochmuth und durch ſeinen eigenen Trotz unterzugehen. Margot's Stimmung wurde nach jenem Briefe eben⸗ falls eine andere; ihre Augen erhielten einen erhöhten Glanz,'ihre Seele beſchäftigte ſich nicht mehr mit dem Gedanken, daß Hedwig ihres Bruders Liebe in höherem Maße beſitze, als ſie ſelbſt, ſie war zufrieden mit dem An⸗ theile, der ihr geblieben, denn die Freude darüber, daß auch Walther allen Gefahren des Krieges entgangen ſei, eine Freude, welche ſie ſtill in ihrem Herzen verſchloß, 152 und ſelbſt gegen Hedwig nicht ausſprach, gab ihr jetzt einen vollſtändigen Erſatz. So belebte denn die Hoffnung Beider Herzen und fand ihren Ausdruck in freudigen und beglückenden Geſprächen. Hedwig hatte es längſt erkannt, daß die Liebe zu Walther noch immer in dem Herzen Margot's fortlebe, ſie hatte es erkannt an dem Erröthen, welches ſie über⸗ flog, wenn ſie das Geſpräch auf ihn brachte, an der dann bei ihr eintretenden elegiſcheren und weicheren, ſelbſt zärt⸗ licheren Stimmung; aber ſie hielt es für Unrecht, der Freundin ein Geheimniß abzulocken, welches ſie zu ver⸗ bergen bemüht war— es ſtand ja auch ſo Vieles der Erfüllung einer Hoffnung entgegen, die zu erwecken und zu nähren deßhalb ein großes Unrecht geweſen wäre. Ach, wie bald verſchwand dieſe Zeit eines kurzen Glückes, denn wenige Wochen nach Ravul's letztem Briefe verkündete der Moniteur, daß der Kaiſer die ihm angetra⸗ genen, mit der Ehre Frankreichs unvereinbaren Friedens⸗ bedingungen leider habe verwerfen müſſen, und Oeſterreich in Folge deſſen der Coalition beigetreten ſei. Als das vfſicielle Blatt dieſe kurze Benachrichtigung enthielt, war der Krieg bereits wieder ausgebrochen und die Kanonen donnerten auf einer Strecke von hundert Meilen. In Paris herrſchte die größte Unzufriedenheit und äußerte ſich in einer Weiſe, wie dies unter Napoleon's 153 eiſerner Herrſchaft bisher noch nicht der Fall geweſen war. Die Rachrichten aus Spanien vermehrten dieſe Stimmung, denn man ſah dieſes Land, welches ſo viel Blut gekoſtet hatte, nach der unglücklichen Schlacht von Vittoria für verloren an. Die abermals einberufenen Rekruten, man nahm bereits die letzten für das künftige Jahr beſtimmten, noch halbe Kinder, flohen zum großen Theile in die Wälder und es mußte durch eigens organiſirte Colonnen förmlich Jagd auf ſie gemacht werden. Die Anhänger des alten Königshauſes traten offen hervor und die Stimmung gegen den Kaiſer wurde faſt eine feindſelige. Weßhalb ſoll das erſchöpfte Frankreich jetzt mit ganz Eurvpa einen Krieg führen, deſſen Ende nicht abzuſehen iſt, welcher immer neue Opfer fordern wird und ſelbſt nach einem ſehr unwahrſcheinlichen glücklichen Erfolge doch nichts bringen kann, als die Ruhe des Kirchhofes? Iſt die Nation nur vorhanden, um nie befriedigten Ehr⸗ geize eines Einzigen zu dienen und alle ihre Söhne deß⸗ halb tödten zu laſſen? Alle die alten noch nicht erſtor⸗ benen, nur in Feſſeln gehaltenen Leidenſchaften der Re⸗ volution fingen an, ſich ebenfalls wieder zu erhitzen und ſich in der Aeußerung der Unzufriedenheit mit denjenigen zu vereinen, welche die Rückkehr der Bourbonen als das einzige und unausgeſetzte Ziel ihres Strebens betrach⸗ 154 Es änderte nichts in dieſer keineswegs gefahrloſen WMißſtimmung, als wenige Wochen ſpäter die Kanonen der Invaliden abermals einen großen Sieg des Kaiſers über die Hauptmacht der Verbündeten bei Dresden verkünde⸗ ten und der Moniteur die glänzenden Erfolge dieſer Schlacht in gewohnter übertreibender Kundgebung ver⸗ öffentlichte. Man glaubte dieſen prahleriſchen Bulletins nicht mehr, nachdem man die näheren Umſtände des Sie⸗ ges an der Bereſina erfahren hatte. Hedwig's und Margot's Hoffen war wieder dahin, der kurze Lichtblick verſchwunden, und dunkles, ſchweres, drohendes Gewölk an ſeine Stelle getreten. Nach einiger Zeit kam ein Brief Ravul's, in welchem ſich zum erſten Male Unzufriedenheit ausſprach. „Wir haben eine Schlacht verloren,“ ſchrieb er,„und befinden uns auf dem Rückzuge, der einer Flucht ziemlich ähnlich iſt. Es iſt kaum ein Halt in unſere jungen Sol⸗ daten zu bringen, die ſich zwar gut ſchlagen, ſo lange wir ſiegen, aber alle Feſtigkeit und Ordnung verlieren, wenn es unglücklich geht. Ich will unſere Niederlage an der Katzbach nicht weiter beſchreiben, es regnete unauf⸗ hörlich und wir wurden ſchlecht geführt. Wäre der Kaiſer anweſend geweſen, würden wir geſiegt haben; er kann je⸗ doch nicht überall ſein, und ſo ſind wir geſchlagen wor⸗ den. Ich bin traurig, meine geliebte H Sen, und mein 155 Vertrauen iſt faſt verſchwunden. In der Armee herrſcht dieſelbe Stimmung, man fragt ſich, weßhalb wir unauf⸗ hörlich Krieg führen und die berechtigten Forderungen Europa's— denn jetzt ſteht ganz Europa gegen uns— nicht anerkennen. Zu dem Marſchall Macdonald fehlt das Vertrauen, und er vertraut ſich weder ſelbſt, noch uns. Wir ſind auf dem Rückzuge und werden erſt Halt machen, wenn uns der Kaiſer zu Hülfe kommt, der ſehnlichſt er⸗ wartet wird. Wie dieſer Krieg enden ſoll, das kann Nie⸗ mand wiſſen, ein Glück für Frankreich wird daraus nicht erwachſen, und es iſt tief zu beklagen, daß der Kaiſer den Frieden verworfen hat. Wir werden uns ſchlagen, wie bisber, weil es unſere Pflicht iſt; der Soldat hat nicht zu fragen, weßhalb und warum. Aber die Freudigkeit, die Begeiſterung, ſelbſt das Vertrauen fehlen, welches alles unſere Gegner in ſo hohem Gradezbeſitzen.— Ich ſchreibe dieſe Zeilen in der höchſten Eile, ein Courier, ein mir be⸗ freundeter Offizier, will den Brief nach Dresden mitneh⸗ men— ſobald es mir möglich iſt, Geliebte, ſollſt Du weitere Nachrichten erhalten; beunruhige Dich aber nicht, wenn ſie ausbleiben, denn es kann leicht in der Unmöglichkeit liegen, ſie zu ſenden. Alle meine Wünſche, alle meine Liebe ſind bei Dir, Du, meine theure Hed⸗ wig— grüße den Vater und unſere liebe Margot, und vertraue feſt unſerem Sterne, der viel zu ſchön und wun⸗ 156 derbar aufgegangen iſt, als daß er in dieſen Stürmen erlöſchen könnte.“ Es kam nun eine trübe Zeit voll Unruhe und Sor⸗ gen. Die Nachrichten über die verlorenen Schlachten an der Katzbach, bei Großbeeren, bei Culm mit der Gefan⸗ gennehmung Vandamme's, und bei Dennewitz ließen ſich nicht verheimlichen, wenn ſie auch ſo viel als möglich be⸗ ſchönigt wurden. Abermals verlangte Napoleon die Aushebung von 280,000 Mann, und zwar jetzt ſchon aus dem Jahr⸗ gange 1815, da der Erſatz für das folgende Jahr, 1814, bereits fortgenommen war. Napoleon hatte die Rede, mit welcher die Kaiſerin die Nothwendigkeit dieſer Maß⸗ regel dem Senate vortragen mußte, ſelbſt ausgearbeitet— man bewilligte, weil man nicht zu widerſprechen wagte, aber die Ausführung dieſer Maßregel ſtieß überall auf erhebliche Schwierigkeiten. September und October ver⸗ gingen in banger Erwartung— dann in den letzten Tagen des letzten Monats gelangte die Kunde von der verlorenen großen Schlacht bei Leipzig und dem Rückzuge der Trümmer der franzöſiſchen Armee bis an den Rhein nach Paris und vernichtete mit Einem gewaltigen, mäch⸗ tigen Schlage alle noch bis dahin genährten Hoffnungen auf ein ſiegreiches Ende dieſes verderblichen Krieges. Napoleon überſchritt mit dem Reſte der großen Armee, „ kaum 20,000 Mann in waffenfähigem Zuſtande, Mainz den Rhein, nachdem er die Baiern und Oeſterreicher, welche ſich ſeinem Rückzuge entgegenſtellten, bei Hanau geſchlagen hatte. Zwanzig Tauſend Mann. Mit der großen Maſſe der Marodeure und Nachzügler vielleicht fünfzig Tauſend— das waren die Ueberbleibſel der Armee, welche im Laufe dieſes Jahres fünf mal Hundert⸗ tauſend gezählt hatte! Eben ſo viele oder mehr hatte das Jahr 1812 in Rußland verſchlungen.— Es kam daher auf Frankreich und ſeine Verbündeten für dieſe verhängnißvollen beiden Jahre allein eine Million waffenfähiger Männer, welche, der Krieg gekoſtet hatte! Eine ungeheure Zahl, die uns unglaublich ſcheinen würde, wenn ſie nicht in den Blättern der Geſchichte verzeichnet ſtände. Und die Gegner Frankreichs hatten eben ſo viel, nach den prahleriſchen Bulletins noch weit mehr verloten! Alle waren dem Ehrgeize eines Einzigen zum Opfer gefallen! Abermals kehrte er jetzt, ein Beſiegter, nach dem Verluſte faſt ſeiner ganzen Armee zurück, aber es war nicht mehr der Nie⸗ men, ſondern der Rhein, hinter dem er erſchöpft Halt machte und die Trümmer ſeines Heeres zu ſammeln ver⸗ ſuchte. Fünf mal Hunderttauſend Feinde folgten ihm — ganz Europa in Waffen, um nun das blutige Spiel des Krieges ſich in Frankreich ſelbſt entwickeln zu la ſen, ergeltung zu üben und Erſatz zu fordern für all die altthaten und all die Schmach, welche ſie von dem bis dahin ſtets ſiegreichen Frankreich hatten erdulden Als Napoleon im November in Paris eintraf, fand er die Bevölkerung in dem Zuſtande der tiefſten Rieder⸗ geſchlagenheit und zugleich voll Erbitterung gegen ſeine Perſon. Man legte es ihm allein zur Laſt, nach den Siegen von Bautzen und Lützen nicht Frieden geſchloſſen zu haben. Man hielt Frankreich nicht mehr für befähigt, dem verbündeten Europa Widerſtand leiſten zu können, „ ſ⸗ Vertrauen auf ſein Genie war verſchwunden, aber das Mißtrauen in ſeinen maßloſen Ehrgeiz im ſteten Zu⸗ nehmtn Obgleich die bezahlten Zeitungsſchreiber, welche allein Zeitungen redigiren durften, das ganze Unglück dem Abfalle der Sachſen und Baiern, ſo wie der unvorher⸗ geſehenen Zerſtörung der Leipziger Brücke zuſchrieben, und mit dieſen Umſtänden gleich dem Winter von 1812 die damaligen, ſo die jetzigen Niederlagen zu erklären be⸗ müht waren, man glaubte ihnen nicht mehr— es ertönte nur Ein Schrei durch ganz Frankreich: Er will unſere Kinder ſeinem tollen Ehrgeize opfern! Man ſprach nur von den Schlachtfeldern Spaniens und Deutſchlands, von Sterbenden, Todten und Verwundeten, man ſchil⸗ derte Napoleon als einen Dämon des Krieges, als einen 5 Vampyrder ſich in ſeiner Blutgier nur unter Leichen und Fummern wohlgefiel; die Gewaltthätigkeiten der Präcten, welche die kaum erwachſenen Söhne aus den Fmilien ſchleppen ließen, auf die Entflohenen eine wilde Jagd machten und die Eltern einſperrten, die Sperre der Häfen, der ganz darnieder liegende Handel— Alles her⸗ vorgerufen durch den unbeugſamen Willen eines Einzigen, brachte die Gemüther in Gährung und ließ den Ausbruch von Unruhen befürchten. Man wußte, daß die höchſten und einflußreichſten Generale, Ney, Marmont, Macdonald, daß Cambacéres und vorzugsweiſe die Kaiſerin den Frieden wollten und ſich in dieſem Sinne energiſch aus⸗ geſprochen hatten, und man ſtimmte mit Ungeſtüm ein in daſſelbe Verlangen. Napoleon aber hielt dieſen Frieden für unmöglich— unmöglich, weil er ihn immer noch nicht wollte, ſelbſt unter den annehmbarſten Bedingungen. Europa, ſagte er zu denen, welche ihn drängten, hat die Hoffnung ge⸗ faßt, uns zu vernichten, es wird dieſer Hoffnung nur entſagen, wenn wir ihm die Unmöglichkeit der Erfüllung darthun. Je willfähriger wir uns zeigen, je begehrlicher wird es werden. Es bietet jetzt die Rheingränze, ſelbſt einen Theil Piemonts an, aber es wird bald in ſeinen Forderungen weiter gehen und die Gränzen von 1790 verlangen. Kann ich dieſe annehmen, ich, de ich von der Republik die natürlichen Gränzen erhten habe? Wir müſſen noch einmal kämpfen, wie Wzweifelte kämpfen, und wenn wir Sieger ſind, dann haben ir uns zu beeilen, Frieden zu ſchließen, und ich werde mich ufs eifrigſte dazu bereit finden laſſen. Er hatte in ſo fern Recht, als die Verbündeten, ſeiner auch jetzt noch beharrlichen Anmaßung müde, von den geſtellten günſtigen Bedingungen zurücktraten und ihre Forderungen ſteigerten, der öffentlichen Meinung ward durch den Sturz des gehaßten Herzogs von Baſſano ein Opfer gebracht— und Napoleon begann aufs Neue ſeine Rüſtungen. Der Senat hatte die von der Kaiſerin ver⸗ e langten 280,000 Rekruten bewilligt, dies waren Kin⸗ der, und Napoleon hatte geſehen, wie wenig darauf zu rechnen war; er gebot, auf die Jahrgänge von 1811, 12, 13 und 14 zurückzugehen und die damals befreit gebliebenen Claſſen einzuziehen. Er ſchätzte deren Zahl auf 300,000, dieſe, mit jenen 280,000, würden ziem⸗ lich eine Armee von 600,000 bilden, und wenn auch vielleicht nur zwei Drittel davon wirklich dienſtfähig zu machen waren, es würde hinreichen, um die verbündeten Heere zu beſiegen. Abermals eine halbe Million neuer Soldgten aus dem erſchöpften Frankreich, und dazu die Rittel, ſie zu bekleiden, zu bewaffnen und zu ernähren, da ſie jetzt im eignen Lande blieben!— Es ſchien un⸗ K * — 1 161 möglich, aber die franzöſiſche Nativn war unter der Deſpotie des Kaiſers ſo fügſam geworden, daß der Wider⸗ ſpruch wenigſtens öffentlich verſtummte und die befohlenen Maßregeln in Ausführung gebracht wurden, obgleich ſie weit davon entfernt blieben, den gewünſchten Erfolg zu haben. Zu einem Kriege bedarf man Menſchen, welche man ſich gegenſeitig morden laſſen kann, und Geld, um dieſe Menſchen zu bekleiden, zu bewaffnen und zu ernähren. Zu der Bewaffnung gehören außer den Gewehren und den anderen Waffen Kanonen, Munition und Pferde. Es fehlte an Allem, und beſonders an dem Gelde. Das Deficit betrug 300 Millionen Franken, dieſes mußte ge⸗ deckt und die Mittel zu den neuen, unerhörten Ausgaben geſchafft werden. Die Gemeindegüter waren bereits im Jahre 1811 für Rechnung des Staates verkauft, man hatte dafür Bons ausgegeben und bereits 30 Millionen derſelben verwerthet; ſie begannen jetzt ihren Werth zu verlieren und der Reſt blieb ſchwer zu verwenden. In den Kellern der Tuilerien lagen noch 63 Rillionen, die Napoleon geſammelt hatte, ſonſt hatte er alle Kaſſen ge⸗ leert. Es blieb nichts übrig, als neue Steuern. Na⸗ polevn zauderte nicht, zu dieſem letzten Mittel zu greifen, und ordnete die Erhöhung der Grundſteuer, die Ver⸗ doppelung der Mobiliarſteuer, im vorläufigen Betrage von W 11 162 ungefähr 200 Millionen, durch ein einfaches Decret an. Die umſtände drängten, es war nicht Zeit zu großen Weiterungen. Erſt dann wurde der Senat berufen und mit einem un⸗ gewöhnlichen Glanze eröffnet, um das patriotiſche Gefühl der Nation anzuregen. Der Kaiſer verlangte die neue Aushebung von 300,000 Mann aus den früheren Jahr⸗ gängen, die neuen Steuern als eine Nothwendigkeit des bedrohten Vaterlandes, und der Senat votirte ſchweigend ſeine Zuſtimmung, weil er überhaupt keinen Widerſpruch beſaß. Menſchen und Geld waren alſo decretirt, und es galt nun, dieſe Decrete zur Ausführung zu bringen. Napo⸗ leon that dies mit ſeinem gewohnten, in Erſtaunen ſetzenden Genie und mit einer Thätigkeit und Raſtloſig⸗ keit, welche in der kürzeſten Zeit das Unglaublichſte zu „ leiſten verſprach. Pwölftes Capitel. 6 Während ſich Frankreich in dieſer Weiſe abermals in ein großes Feldlager verwandelte und ſein Beherrſcher ihm die letzten Kräfte an Menſchen und Geld auspreßte, überſchritten die Heere der Verbündeten faſt widerſtandslos ſeine Gränzen. Man war nach längerem Zögern und Berathen endlich zu dem Entſchluſſe gekommen, von wei⸗ teren Unterhandlungen abzuſtehen, deren Nutzloſigkeit ſich herausgeſtellt hatte, den Krieg fortzuſetzen und erſt in Paris ſelbſt Frieden zu ſchließen. Napoleon hatte es bei aller Thätigkeit nicht vermocht, die Grenzen zu ſchützen, oder deren Ueberſchreitung auch nur ſtreitig zu machen; ſeine Armeen waren noch ganz unvollzählig, denn die decretirte Aushebung gab keine oder ſehr geringe Reſultate, es ſtanden und ſammelten ſich einzelne Corps in der Mitte des Landes. Der Rhein, dieſe angeblich natürliche Gränze Frankreichs, wurde'n 14 164 den erſten Tagen des Januar in Holland, in Deutſchland und in der Schweiz überſchritten, und die Armeen der Verbündeten betraten den Boden Frankreichs, um den Löwen im eigenen Lager anzugreifen. Uum dieſe Zeit war es Raoul vergönnt, einen kurzen Beſuch in Paris abzuſtatten. Daß er zu den Wenigen gehörte, welche unverwundet und ohne von der verderb⸗ lichen Seuche, dem Typhus, heimgeſucht zu werden, mit dem Reſte der Armee nach Mainz gekommen waren, hatte er bereits geſchrieben. Er war niedergeſchlagen und trau⸗ rig und theilte die Unzufriedenheit und Mißſtimmung, von welcher ganz Frankreich und auch alle Offiziere beſeelt waren. Aber er theilte auch die Anſchauung, daß es jetzt die Pflicht eines jeden Franzoſen ſei, den Kampf bis zum Aeußerſten fortzuſetzen, da es ſich um die eigene Selbſt⸗ ſtändigkeit handle. Es waren nicht mehr die Begeiſterung des Ruhmes, die Siegesgewißheit, welche ſo viele tapfere franzöſiſche Herzen entflammt und in den Tod geführt hatten, die ihn beſeelten, nicht mehr das unerſchütterliche Vertrauen auf das Genie und die Unüberwindlichkeit des großen Kaiſers— das Alles war auf den blutigen Schlachtfeldern Deutſchlands verloren gegangen— es galt jetzt das Zurückwerfen beutegieriger Feinde vom ei⸗ genen Boden des Vaterlandes, die Abwehr der Schmach, von ihnen vollſtändig beſiegt und gedemüthigt zu wer⸗ 165 den— es war ein ähnliches Gefühl wie jenes, welches die Preußen bei dem Aufrufe ihres Königs todesmuthig und rachedürſtend in den Kampf getrieben hatte; nur fehlte ihm die Freudigkeit und auch das Vertrauen auf die eigene, jetzt ſchon ſo oft gebrochene Kraft. Ruhig, ernſt und entſchloſſen zog man in dieſen neuen Krieg, den man nicht wollte, aber nicht vermeiden konnte, mit dem feſten Entſchluſſe, zu ſiegen oder unterzugehen. Sie ſaßen zuſammen, Hedwig's Hand lag in der ſei⸗ nigen, und Margot und der Marquis hörten ihm mit ernſten und bangen Mienen zu, als er in kurzen Um⸗ riſſen die furchtbare Schlacht von Leipzig und den ſchreck⸗ lichen Rückzug bis zum Rheine ſchilderte, in welchem nur der Sieg bei Hanau gegen die verhaßten Baiern einen Lichtblick bildete. Das Fürchterlichſte von Allem war dann ſpäter jene gräßliche Seuche, fuhr er fort, die unſere armen, verhun⸗ gerten und entkräfteten Soldaten, Kinder, welche noch nicht vollſtändig erwachſen waren, heimſuchte und ihre abgemagerten Körper lebendig in Fäulniß übergehen ließ. Viele Tauſende hat ſie hingerafft und noch immer wüthet ſie fort, nach neuen Opfern begierig. Es iſt, als ob es dem Tode nicht genügt habe, uns in dergrauenvollen Geſtalt der Schlachtfelder heimzuſuchen, er kam noch in einer viel ſchrecklicheren, und alles nur denkbare menſchliche Elend 166 haben wir kennen lernen und erdulden müſſen.— Doch genug davon; wozu ſoll ich euch jene grauenvollen Bilder vorführen, deren Eindruck nie in meiner Seele verlöſchen wird, und würde ich hundert Jahre alt— es gilt einen neuen, letzten und entſcheidenden Kampf! Sieh mich nicht ſo traurig an, meine gute Hedwig, es läßt ſich nicht än⸗ dern, das wirſt du ſelbſt erkennen; aber glaube feſt daran, daß dies der letzte iſt. Wenn wir ſiegen, und ſiegen müſ⸗ ſen wir, ſo werden weder wir, noch irgend Jemand im Stande ſein, den Krieg fortzuſetzen— er wird durchaus unmöglich ſein, ſelbſt ſeinem eiſernen Willen, denn alle Nittel dazu werden erſchöpft ſein; ſollten wir, was Gott verhüten möge, abermals unterliegen— nun, ſo wird man das unglückliche Frankreich in Feſſeln ſchlagen, in ſo ſichere und feſte Feſſeln, daß es unmöglich ſein wird, ſie zu zerbrechen. Möge Gott mich davor bewahren, die⸗ ſen Tag zu erleben! Gieb dich nicht ſo trüben Gedanken hin, erwiederte Hedwig zärtlich, es kann dennoch immer zu einem für Frankreich ehrenvollen Frieden kommen. Man wird es nicht auf das Aeußerſte ankommen laſſen und ſich damit begnügen, Napoleon gedemüthigt und ſeiner Eroberungs⸗ luſt Schranken geſetzt zu haben. Da kennſt du unſere Feinde nicht, ſagte er mit einem traurigen und reſignirten Lächeln; ja, wenn wir es allein 167 mit Oeſterreich zu thun hätten, ſie würden ſich bereitwillig finden laſſen— aber die Deinen, fuhr er erregter fort, der fanatiſche Haß der Preußen, das iſt der treibende Keil; ihnen genügt das Alles noch nicht, ſie ſprechen es offen und unumwunden aus, daß mit Napoleon kein Friede geſchloſſen werden dürfe, daß, ſo lange er Kaiſer von Frankreich ſei, Niemand in Europa einen Augenblick ſicher ſein könne— ſie bilden ſich ein, den Kaiſer entthronen und etwa die verhaßten Bourbonen uns wieder aufzwingen zu können— dieſe Thoren— durch einige glückliche Erfolge verblendeten Thoren! Dazu kommt die Eitelkeit des ruſſiſchen Kaiſers, der ſich als das Haupt der Coalition betrachtet und nur vom Einzuge in Paris träumt, um ſich hier von ſchönen Frauen bewundetn zu laſſen. Sie werden das unentſchloſſene, zögernde Oeſterreich mit ſi fortreißen, wie ſie es bisher gethan, und nicht eher raſte als bis ſie die Unmöglichkeit dieſes abenteuerlichen Plane unter Blut und Leichen eingeſehen haben. Es wird nicht dazu kommen, Raoul, gewiß n blicke nicht ſo traurig in die Zukunft, denke auch e wenig an uns, an mich— wie könnte ich es ertragen, dich wieder in dieſen neuen Krieg ziehen zu laſſen, wenn du mir jede Hoffnung raubſt? Kann ich geben, was ich ſelbſt nicht beſitze? Ich habe nur die Eine Hoffnung, daß wir ſiegen, denn 168 wie wäre das Leben noch erträglich mit der verlorenen Ehre! Ach, Raoul, ſagte Margot, ſo ſollteſt du nicht reden, du verſündigſt dich! Glaubſt du nicht an eine höhere Vorſehung? Hat ſie dich ſelbſt nicht ſo wunderbar er⸗ halten, dich ſo wunderbar Hedwig finden laſſen, und jetzt willſt du ſo kleinmüthig ſein? Wir vermögen oft die Wege nicht zu erkennen, welche uns Gottes Allmacht und Liebe gehen läßt, aber wir dürfen deßhalb nicht zweifeln, daß ſie zu unſerem Beſten ſind. Beherzige ihre Worte, bat Hedwig mit einem innigen Blicke— ich verlange nicht von dir, daß du voller Freude und gern in dieſen Krieg gehſt— ach, wie könnte ich das wünſchen— aber nur ſo— ſo nicht— ich würde unglücklich ſein! unglücklich? wiederholte er— nein, nein, das ſollſt, s darfſt du nicht!— Vergieb mir— ich habe meiner ſtern Stimmung zu viel Rechnung getragen; ein jeder enſch bleibt ſeiner Stimmung unterthan, und ich— ill mich dieſer Schwäche nicht mehr hingeben, fuhr er in verändertem Tone fort. Du haſt Recht, meine liebe Margot, ganz Recht; und wenn ſie, ſetzte er mit einem zärtlichen Blicke auf Hedwig hinzu, wenn ſie traurig, zu traurig werden ſollte in meiner Abweſenheit, wenn ihr von Schlachten hört und nicht gleich Nachricht von mir erhaltet, ſo ſprich zu ihr ſo, wie du vorher zu mir geredet haſt— tröſte und beruhige ſie, bis ich wiederkehre und es ſelbſt thun kann. Bis du wiederkehrſt— ja, bis du wiederkehrſt, flü⸗ ſterte Hedwig, ſich an ihn ſchmiegend; o, wie danke ich dir, wie glücklich bin ich, daß du wieder ſo geredet, mir dieſe Hoffnung gegeben haſt! Nicht wahr, du glaubſt feſt daran, daß du wiederkehrſt? Ich glaube feſt daran, wiederholte er mit einem tie⸗ fen Athemzuge, ich glaube feſt daran, daß ich zurückkehre und wir uns dann nie mehr trennen werden! Dann erſt werde ich ganz glücklich ſein! ſagte ſie, indem ſie in ſeine umſchlingenden Arme ſank.— Schon am anderen Tage mußte er wieder fort, denn es galt, das Wenige, was man beſaß, mit Aufbietung aller Kräfte zu benutzen, die wenigen Soldaten und die wenige Zeit. Ungeachtet Napoleon zwei Corps aus Spa⸗ nien zurückgerufen und dadurch auch die Gränze der Py⸗ renäen den ſiegreich vordringenden Engländern geöffnet hatte, ungeachtet die Conſcription mit der äußerſten Härte zur Ausführung gebracht wurde und er mit ſeiner uner⸗ ſchöpflichen Thätigkeit Tag und Nacht arbeitete, hatte er von den 600,000 Mann, welche er allerdings erſt im April den Verbündeten entgegenſtellen zu können glaubte, bis jetzt höchſtens 60,000 zuſammen, und dieſe in einem 17⁰ keineswegs ermuthigenden Zuſtande. Die Generale hiel⸗ ten einen glücklichen Erfolg für unmöglich, die Offiziere thaten ſchweigend und verdroſſen ihre Pflicht und die ge⸗ waltſam gepreßten Rekruten deſertirten bei jeder ſich dar⸗ bietenden Gelegenheit. Dazu kam der Abfall und das Unglück ſeiner nächſten Verwandten« Drei ſeiner Brüder trieben ſich als entthronte Könige herum: Ludwig, der ſchon früher das Königreich Holland aufgegeben, und Je⸗ rome und Joſeph, welche man aus Weſtfalen und Spa⸗ nien vertrieben hatte. Man hielt ſie vorläufig von der Hauptſtadt fern, um den Pariſern nicht dieſe lebenden Zeugen der zuſammenbrechenden Größe des Kaiſerreichs vor Augen zu führen; aber was Napoleon am meiſten er⸗ bitterte und kränkte, war der Abfall ſeines Schwagers Murat, den er zum Könige von Neapel gemacht und der ſich jetzt gegen ihn mit den Oeſterreichern verbunden hatte. Wohl nie hat ein Menſch den Wechſel des Glückes in ſolch ungeheuren Dimenſionen empfunden, als Napo⸗ leon, Niemand das raſche Hinaufſteigen aus einer unter⸗ geordneten Stellung bis zur höchſten, Alles beherrſchenden Macht, und den jähen Sturz in den Abgrund einer lang⸗ jährigen, thatenloſen und ſogar erniedrigenden Gefangen⸗ ſchaft auch nur in annähernder Weiſe kennen gelernt— und es iſt gewiß ſchwer, ſich die Empfindungen dieſes außerordentlichen Menſchen in dieſen verſchiedenen Lagen 1 ſeines Lebens ſich klar zu machen; aber wir glauben, daß die Gefühle, welche in jenen Tagen ſeine Bruſt erfüllten, zu den ſchmerzlichſten ſeines ganzen Lebens gehört haben. Er, der bis dahin Europa Geſetze vorgeſchrieben, in allen Hauptſtädten ſeiner Feinde dieſen mit dem Ueber⸗ muthe des Siegers den Frieden dictirt hatte, deſſen Wille Geſetz war, der das Wort, unmöglich“ für ſich aus der Sprache fortgeſtrichen hatte, er ſah jetzt das Wetter heran⸗ ziehen, welches all ſeine Schöpfungen, ſeine ganze Macht und Größe zerſtören ſollte, und ſtand faſt wehrlos ihm ent⸗ gegen. Die Feinde kamen von Nord und Süd, ihre Schaaren ſtanden bereits mitten in Frankreich und er hatte ihnen nichts entgegen zu ſtellen, als eine Handvoll abge⸗ matteter und widerwilliger Soldaten. Seine Brüder waren von ihren Thronen verjagt, ſeine Generale wurden zweifelhaft und widerwillig und ſein eigener Schwager hatte die Zahl ſeiner Feinde vermehrt! Und dennoch ver⸗ lor er die Spannkraft ſeines Geiſtes nicht; er that Alles, was zu thun möglich war, immer noch in dem Vertrauen auf ſein Genie, auf ſein Glück und auf die Fehler und die Uneinigkeit ſeiner Feinde. Nachdem er den ſechs Jahre lang gefangen gehaltenen unglücklichen König von Spanien in Freiheit geſetzt, in der vergeblichen Hoffnung. dadurch einen Frieden mit Spanien zu erlangen, um ſeine dort befindlichen alten 172 Truppen frei zu bekommen, ward ſein Bruder Joſeph nach Paris gerufen, dem man den Titel König gelaſſen und nur„von Spanien“ davon geſtrichen hatte. Nach⸗ dem er alle den Krieg betreffenden Maßregeln getroffen, entſchloß ſich Napolevn, von Paris zur Armee abzu⸗ reiſen. Die Kaiſerin ſollte, wie früher, die Regentſchaft ausüben. Er befahl, Paris ohne Aufſehen durch einige Erdſchanzen zu befeſtigen, und beauftragte ſeinen Bruder Joſeph, die Kaiſerin zu unterſtützen, indem er ihn an⸗ wies, ihre Stelle zu vertreten, wenn ſie Paris verlaſſen müſſe, und dies bis auf das Aeußerſte zu vertheidigen. In dieſem Falle ſollten die Kaiſerin, ſein Sohn und die Staatsarchive hinter die Loire geflüchtet werden, ſeine Brüder ſich an die Spitze der Rationalgarde ſtellen und nöthigenfalls in der Vertheidigung ſeines Thrones und der Hauptſtadt ſterben. Die improviſirte Nationalgarde hatte man nicht aus jenen Volksklaſſen gebildet, welche, weil ſie nichts zu ver⸗ lieren hatten, jeder Revolution geneigt, jetzt in hohem Grade aufgeregt und mißvergnügt waren, ſondern aus den Beſitzenden, wohlhabenden Bürgern, welche es nicht vergeſſen hatten, daß das Kaiſerthum die Revolution ge⸗ bändigt und Ordnung und Wohlſtand wieder hergeſtellt hatte.— Die Offiziere dieſer Nationalgarde empfing er jetzt in den Tuilerien, ſeine Gemahlin auf der einen, ſeinen 173 Sohn auf der andern Seite, redete ſie an, indem er ihnen das zu einer ſperhabenen Beſtimmung berufene, jetzt vielleicht dem Tode oder der Gefangenſchaft geweihte Kind zeigte. Ich bin im Begriffe, ſagte er mit jenem unwiderſtehlichen Ausdruck der Sprache, die in jenem tragiſchen und großen Momente doppelt ergreifend war, ich bin im Begriffe, mich zu entfernen, um euch und eure Familien zu vertheidigen und den Feind aus unſerm Lande zu vertreiben, welches er zu erobern beſtrebt iſt; aber, indem ich abreiſe, gebe ich in eure Hände dasjenige, was mir nach Frankreich das Theuerſte iſt— meine Frau und meinen Sohn! Ich reiſe ruhig ab, indem ich ſolche Pfänder eurer Ehre anvertraue! Der Anblick des großen Mannes, der, nach einer ſo wunderbaren Laufbahn, jetzt in dieſer tiefen Bedrängniß, ſeinen zweijährigen Sohn auf den Armen haltend, indem er denſelben ihrer Ehre und ihrer Treue übergab, machte den tiefſten Eindruck auf ſie, und ſie gelobten mit Be⸗ geiſterung, den Thron Frankreichs zu beſchützen und nie⸗ mals einem Anderen zu überlaſſen. Sie gelobten, was ſie glaubten, denn obgleich man auf Alles gefaßt ſein mußte, man war es doch nicht auf dasjenige, was ſich nach we⸗ nigen Monaten ereignen ſollte. Die Tragödie Napoleon ſpielte im letzten Acte und hatte ihre ergreifendſten, überwältigendſten Scenen für den Schluß aufgeſpart. Am folgenden Tage reiſ'te er nach Chalons ab. Er preßte beim Abſchiede ſeine Gemahlin und ſeinen Sohn nochmals ſtürmiſch und bewegt in ſeine Arme. Wie dun⸗ kel auch die Zukunft vor ihm ſtand, er konnte es doch weder ahnen, noch für möglich halten, daß er, ohne von einer Kugel getödtet zu werden, ſeine Gemahlin und ſei⸗ nen Sohn niemals wiederſehen ſollte. Es lag außer aller menſchlichen Auffaſſung, zu glauben, daß man ſeine Ge⸗ mahlin, die Kaiſerin der Franzoſen, in die Arme eines ande⸗ ren, untergeordneten Mannes legen, ohne daß ſie durch die⸗ ſen Wechſel weſentlich unglücklich werden würde, daß man ſei⸗ nen Sohn fern von allen großen Erinnerungen ſeines Vaters und ſeines Vaterlandes erziehen, und ihn ſterben laſſen würde, wenn dieſe Erinnerungen ihn dennoch erreichten— das lag weit, weitaußerhalb jeder menſchlichen Berechnung, wie ſo vieles Andere, und beſonders, daß ein von ihm kaum beachteter Reffe, der Sohn ſeines ihm ſtets feindlichen Bruders Louis, die verfehmte und verfolgte Dynaſtie der Napoleoniden wieder auf den Thron Frankreichs ſetzen und den alten Einfluß des Kaiſerreichs, wenn auch in einer ganz anderen Form, in Europa wieder zur Geltung bringenwerde.— Er iſt abgereiſ't, erzählte der Marquis, als er von den Tuilerien zurückkehrte, es war eine ergreifende Scene. Die Weiber weinten und die Männer ſtanden ernſt und 175 ſchweigend. Die Nationalgarde ließ den Ruf Vive lem- Pereur ertönen, aber die verſammelten Maſſen des Volkes blieben ſtumm. Wir hatten das Gefühl, als ob er nie⸗ mals wiederkäme, und es wäre auch vielleicht am beſten, wenn er in der nächſten Schlacht einen ruhmvollen Tod fände. Man ſehnt ſich nach einem anderen, friedlicheren Regiment, und wenn deine Mutter noch lebte, Margot, ſo würde ſie ſich jetzt gewiß an den bourboniſchen Zuſammen⸗ künften betheiligen, die faſt offen abgehalten werden. Ich habe alle Anerbietungen abgelehnt— ich will Ruhe haben, und wir werden ja in wenigen Monaten wiſſen, ob es ſo bleiben ſoll oder anders wird. Laß dich auf nichts ein, lieber Vater, bat Margot; du weißt, daß ich einmal wenig Sympathie für den Kaiſer habe, obgleich ich es Ravul niemals geſtehen durfte, aber in dem jetzigen Augenblicke ſich ſeinen Feinden zugeſellen, halte ich für unehrenhaft. Ichwill es auch nicht thun, mein Kind, erwiederte befrie⸗ digt der Marquis, was geſchehen ſoll, wird ohne mich geſche⸗ hen, und man könnte nur Unannehmlichkeiten davon haben. Ach, wären wir um einige Monate älter, ſagte Hedwig, welche dieſer Erörterung wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte— der Krieg wird wieder beginnen und jeder Tag kann all unſer Glück zertrümmern. Dreizehntes Capitel. Die Verbündeten hatten Frankreich mit zwei abge⸗ ſonderten Armeen angegriffen. Die eine unter dem Be⸗ fehle des Feldmarſchalls von Schwarzenberg, bei welcher ſich die drei Monarchen befanden, war bei Baſel über den Rhein gegangen, in der ungefähren Stärke von 150,000 Mann, denen bedeutende Reſerven nachrücken ſollten, über welche man jedoch noch nicht verfügen konnte; die andere, 60,000 Mann, unter dem Befehle des Feld⸗ marſchalls Blücher, hatte den Rhein bei Caub und Coblenz überſchritten; beide waren ohne weitere Hinderniſſe vor⸗ gedrungen und ſtanden in der Gegend von Brienne und dem Plateau von Langres, ungefähr nur noch 20— 25 Meilen von Paris. Außerdem war Holland von den Preußen unter Bülow erobert, der in Belgien eindrang, und die Engländer und Spanier ſchickten ſich an, die Pyrenäen zu überſchreiten. Es lag außer der Berech⸗ 75 nung Napoleon's, daß ſeine Feinde den Feldzug im Win⸗ 9 zug ter fortſetzen und ihm nicht Zeit laſſen würden, ihnen mehr gerüſtet entgegenzutreten; ſie hatten dies jedoch wider Erwarten gethan, und er mußte daher entweder ihre ihm geſtellten Bedingungen annehmen, welche jetzt in den Gränzen Frankreichs von 1790 beſtanden, oder mit den ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln kämpfen. Er wählte das Letztere, und ſeine Ankunft bei der Armee be⸗ lebte deren Muth und ließ den alten Enthuſiasmus für ihren Schlachten⸗Kaiſer noch einmal auflodern. Napo⸗ leon griff ſofort Blücher bei Brienne an und drängte ihn zurück, ohne ihn zu beſiegen, er vereinigte ſich vielmehr mit der Hauptarmee, welche am 1. Februar in der blu⸗ igen Schlacht von La Rothiere Napoleon beſiegte und ihn zwang, ſich auf Troyes zurückzuziehen. Seine Lage war eine verzweifelte; er hatte den ſiegreichen, jetzt in einer Zahl von 200,000 Mann vereinten Feinden kaum 60,000 Mann entgegenzuſtellen.— Den Marquis hatte ſein Dienſt nach den Tuilerien geführt, wo es jetzt einſam und verlaſſen ausſah; er kam ſehr aufgeregt zurück, indem er die Nachricht von der ver⸗ lorenen Schlacht mitbrachte. Es herrſcht die größte Beſtürzung, ſagte er, die Kaiſerin iſt unſichtbar, empfängt nur Herrn von Cam⸗ baréres und den Konig Joſeph, und ſoll in Thränen W. 12 freut mich. Jetzt, wo es dem Kaiſ 178 aufgelöſ't ſein. Alles zieht ſich zurück— die Ratten verlaſſen das Schiff, welches dem Untergange geweiht iſt, und es hat mich mit Entrüſtung erfüllt, zu ſehen, wie Viele, die ſich ſonſt in Unterthänigkeit und in den Ver⸗ ſicherungen einer unbegränzten Hingebung erſchöpften, jetzt entweder ganz unſichtbar geworden ſind oder mit verlegenen Mienen daſtehen, als ob ſie befürchteten, ſich zu compromittiren. Das freut mich, freut mich, lieber Vater, ſagte Margot, indem ſie ihm mit ſichtlicher Bewegung beide Hände reichte. Das freut dich, mein Kind? fragte er erſtaunt. Daß du nicht zu dieſen Menſchen gehörſt— das ſer unglücklich geht, jetzt haben diejenigen, die von den Abfällen ſeines Glückes und ſeines Ruhmes gelebt, doppelt die Pflicht, bei ihm auszuharren und ihre Ehre zu erhalten. Der Marquis ſah ſeine Tochter bei dieſer für ihn unerwarteten Aeußerung etwas erſtaunt an.— Du haſt Recht, haſt Recht, mein Kind, und ich freue mich, daß du meine Handlungsweiſe billigſt, obgleich ſie vielleicht nicht ganz klug iſt, und deine Mutter, wenn ſie noch lebte, gewiß damit nicht einverſtanden ſein würde. Aber Raoul würde es ſein, und du mußt jetzt an Ravul denken. ₰ 6 Sie können und dürfen nicht anders handeln, ſagte Hedwig in ihrer beſtimmten Weiſe, Ihre Ehre erfordert das; aber, fuhr ſie in größerer Erregung fort, aber freuen können wir uns immerhin, daß die Sache dem Ende zugeht. Ich kann es wenigſtens nicht anders, wenn ich es gegen ihn auch nicht äußern würde. So lange Napoleon Kaiſey iſt, wird es niemals anders werden, wird immet nut Krieg und Blutvergießen ſein— er will keinen Frieden, deßhalb muß er aufhören, Frankreich zu knechten, und je eher er dazu Lezwungen wird, um ſo beſſer wird es ſein. Wenn dich Raoul ſo ſprechen hörte, bemerkte Margot ſchüchtern. BGerade ſeinetwegen wünſche ich es! Soll er immer⸗ fort für den Ehrgeiz dieſes Unerſättlichen in den Krieg ziehen, ſich immer neuen Gefahren ausſetzen?— Nein, rief ſie mit aufflammender Begeiſterung, ich freue mich des Sieges meiner tapferen, braven Landsleute, welche nicht gekommen ſind, Frankreich zu erobern, ſondern um ihm den langerſehnten Frieden zurückzubringen. Und dennoch wird Raoul unglücklich ſein, wenn dies geſchieht; gedenke ſeiner letzten Worte, ſagte Margot. Ich gedenke ihrer. Aber ich bin feſt überzeugt, und in dieſer Ueberzeugung ruht mein ganzes Hoffen, daß er dieſen Schmerz, den ich ehre, überwinden und zu der Er⸗ kenntniß kommen wird, daß es zum Wohle Frankreichs 425 und zu unſerem eigenen Glücke nicht anders hat kommen können. Dann erſt werden wir uns angehören, ohne daß er nöthig hat, ſich täglich Gefahren auszuſetzen, die nicht das Wohl ſeines Vaterlandes, ſondern nur der unbeſiegbare Ehrgeiz Napoleon's fordert. 4 Ja, ja, ſagte der Marquis, während Margot ſinnend da ſaß, Sie haben Recht— ſo kann es nicht länger fort⸗ gehen, und je eher das Ende kommt, je beſſer iſt es, da es ſich doch nicht ändern li Aber du wirſt nicht zu den Abtrünnigen gehören, lieber Vater, bat Margot, ſondern die Ereigniſſe kommen laſſen. 25 Der Marquis ſah Hedwig fragend und zweifelhaft an. Ich habe Ihnen meine Anſicht bereits darüber mit⸗ getheilt, ſagte dieſe wieder ruhig; Ihre Ehre, unſer Aller Ehre erfordert es, auszuharren bis zum letzten Augenblick. Gut, gut, bemerkte der Marquis, ſichtlich beruhigt, ich will einmal in das Palais Royal gehen, um weitere Neuigkeiten zu hören; die ganze Stadt iſt in Aufregung und Beſtürzung, und man ſpricht davon, die Feinde könn⸗ ten in wenigen Tagen vor Paris ſtehen. Möchte es geſchehen, ſagte Hedwig mit leuchtenden Augen, wir können es nur wünſchen.— Napoleon ſtand in einer verzweifelten Lage bei 181 Troyes, er hatte nur noch Eine Hoffnung, nämlich die, daß die Verbündeten ſich veruneinigen oder einen Fehler machen würden. Und ſie machten dieſen Fehler. Sie beſchloſſen, ſich wieder zu trennen und in zwei geſonderten Corps auf Paris zu marſchiren. Blücher ſollte der Marne folgen, Schwarzenberg mit der Hauptarmee an der Seine hinabgehen. Napoleon ließ ſeine Feinde dieſen auf ſeine Schwäche baſirten Plan ausführen und warf ſich dann, alle Hinderniſſe einer unwegſamen Gegend in Gewaltmärſchen überwindend, auf Blücher, deſſen Armee in vier Corps getrennt gegen Paris zog. Er fel von der Seite kommend mitten unter ſie, warf die Corps von Sacken und York, nachdem er ihnen 8000 Gefangene abgenommen, über die Marne zurück, ſtürzte ſich dann auf Blücher, ſchlug ihn und trieb ihn nach einem Verluſte von 9000 Todten, Verwundeten und Gefangenen bis hinter Etoges zurück. Die ſchleſiſche Armee verlor in den unglücklichen Tagen von Champ⸗Aubert, Montmirail, Chateau⸗Thierry und Vauchamp gegen 18,000 Mann, war vollſtändig getrennt und für den Augenblick unſchäd⸗ lich gemacht. Erſt zu Chalons vermochte ſie ſich wieder zu vereinigen. Mit der Schnelle des Blitzes wandte ſich Napoleon nun gegen die Hauptarmee; niemals haben Truppen, nachdem ſie tagelang im ſchlechteſten Wetter ge⸗ kämpft, foreirtere Märſche gemacht. Die Avantgarden 182 der Schwarzenberg'ſchen Armee ſtanden bereits ſieben Meilen von Paris, in der Gegend von Fontainebleau, als ſie, die Niederlage Blücher's erfahrend, ſich eilig zurück- zogen. Mit Ungeſtüm angegriffen, wurden alle vorge⸗ ſchobenen Corps geſchlagen und ihnen eine bedeutende Anzahl von Gefangenen abgenommen. Nie, ſelbſt in den ſchönſten Tagen ſeiner Jugend, hatte Napoleon durch ſein Genie und durch den Ungeſtüm unerwarteter Angriffe glänzendere Reſultate erzielt. 20,000 Gefangene, Ruſſen, Preußen, Baiern und Oeſterreicher, 50 Kanonen waren die Trophäen dieſer Siege; das größte von Allem blieb aber das wieder auflebende Ver⸗ trauen an ſein Glück und die Beſtürzung ſeiner Gegner. Man hatte ſich ſchon dem Ziele ſo nahe geglaubt, und nun war ein plötzlicher Umſchwung zu Gunſten Napoleon's eingetreten. Die Zaghaften, welche den Frieden wollten, den Krieg bis aufs Aeußerſte zu treiben für ein gefähr⸗ liches Wagniß hielten, begannen im Rathe der Verbün⸗ deten wieder an Einfluß zu gewinnen, und die Unter⸗ handlungen wurden wieder eingeleitet. Napoleon ſteigerte ſofort ſeine Forderungen und war vor Allem bemüht, das erſchrockene Paris wieder zu beruhigen. Er dirigirte den ganzen Zug der Gefangenen dahin und befahl, daß ſie ſämmtlich mit ihren Offizieren durch ganz Paris über die Boulevards geführt werden ſollten, um den Pariſern 6 183 die Wiederkehr ſeines Glückes und die großen Verluſte ſeiner Feinde von Angeſicht zu Angeſicht klar zu machen. Es war einer jener heiteren, dem Frühlinge voraus⸗ gehenden Februartage, wie ſie in Paris häufig ſind, als ſich die Kunde von dem Anzuge der Gefangenen wie ein Lauffeuer durch die Stadt verbreitete. Die ganze Be⸗ völkerung war in Bewegung und ſtrömte nach den Stra⸗ ſien, durch welche ſie geführt werden ſollten. Man hatte nicht unterlaſſen, dies bekannt zu machen, und indem man ſie von Oſt nach Weſt durch die ganze Länge der Stadt ziehen ließ, gab man einem Jeden hinlängliche Gelegen⸗ heit, von den Triumphen des Kaiſers ſich mit eigenen Augen zu überzeugen. Hedwig ſaß in ernſter und trüber Stimmung in ihrem Zimmer, als Margot, zum Ausgehen angezogen, eintrat. So wollen wir wirklich uns an dieſem Schauſpiele betheiligen? fragte Hedwig, indem ſie Margot faſt vor⸗ wurfsvoll anſah. Du willſt den Plan nicht aufgeben? Kann es dir denn ſo viel Vergnügen gewähren, dieſe Unglücklichen zu ſehen? Wenn auch nicht Vergnügen, erwiederte Margot, indem ſie ſichtlich verlegen erröthete— aber wir haben es ja verabredet, du warſt bereit, meinen Wunſch zu er⸗ 184 2 füllen— biſt du wieder anderen Sinnes geworden und willſt mich mit dem Papa allein fahren laſſen? Alſo hin willſt du jedenfalls, auch ohne mich? Du denkſt nicht daran, wie ſchmerzlich dieſes Schauſpiel für mich ſein muß!— Ich ſehe, fuhr ſie fort, als Margot ſchweigend und noch tiefer erröthend ſtehen blieb, ich ſehe, daß du einen beſonderen Werth darauf legſt— und ich werde dich begleiten, da ich es dir verſprochen habe. Margot reichte ihr mit einem dankbaren Blicke die Hand. So beeilen wir uns, ſagte ſie dann, wir möchten ſonſt zu ſpät kommen oder keinen guten Platz erhalten. Hedwig blickte Margot bei dieſer ihrem Weſen ſonſt ſo wenig entſprechenden Aeußerung erſtaunt an; dann aber, als ihre Blicke forſchend auf den verlegenen Zügen ihrer Schwägerin ruhten, auf dieſen ſchönen, kindlichen Zügen, welche es ſo wenig verſtanden, die Empfindungen ihrer Seele zu verbergen, glaubte ſie plötzlich, den Grund dieſer ſo ungewöhnlichen Neugier zu erkennen. Ein freundliches Lächeln legte ſich um ihren Mund, während ſie Margot die Hand reichte und ſie voll inniger Theil⸗ nahme anblickte. Du denkſt an Raoul und— an Balagna, ſagte ſie dann, indem ſie Margot näher an ſich heranzog— warum verſchließeſt du noch immer das Geheimniß deines Her⸗ zens vor mir? Nicht wahr, du hältſt es nicht für S 185 unmöglich, daß er ſich unter dieſen Gefangenen befinden könnte? Ach, erwiederte Margot, indem ſie ihr erglühendes Ge⸗ ſicht an dem Buſen ihrer Freundin verbarg, wie glücklich würde mich das machen, denn ich wüßte dann doch, daß er noch lebt! Komm, komm, ſagte Hedwig, ſie innig umſchlingend — komm, laß uns eilen, vielleicht iſt der Zufall uns günſtig; aber wenn wir ihn nicht ſehen, ſo ſei deßhalb nicht traurig, ſondern freue dich, daß er ſich nicht in der Gefangenſchaft befindet! O, wie wollte ich mich freuen, wenn ich nur wüßte, daß er lebte! Er wird leben— und vielleicht bald— doch gehen wir, gehen wir; ich bin jetzt, nachdein du mir dein Ver⸗ trauen geſchenkt haſt, eben ſo begierig, die Gefangenen zu ſehen, wie du. Sie fuhren in Geſellſchaft des Marquis nach dem Boulevard, wo ſie nicht ohne große Mühe einen geeig⸗ neten Platz fanden, um den erwarteten Zug ganz in der Nähe zu ſehen. Eine unabſehbare Menſchenmenge hatte ſich eingefunden und ſtand Kopf an Kopf; nur die Nitte der Straße wurde durch ein Spalier der Nationalgarde frei gehalten. Auf den Geſichtern drückte ſich Neugier und Erwartung aus, denn obgleich man der kaiſerlichen 186 Gewaltherrſchaft müde war, ſo konnte man ſich doch der Genugthuung nicht verſchließen, diejenigen als Gefangene zu ſehen, welche man noch vor wenigen Tagen als Sieger in Paris ſicher erwartet hatte. Endlich kamen ſie, ein langer, unabſehbarer Zug.— Zuerſt die Ruſſen, die Offiziere an der Spitze des Zuges, bärtige, fremdartige Geſichter; ſie ſchritten, von der Menge angegafft, ſchweigend und theilnahmlos dahin. Das ſind Ruſſen, ſagte Hedwig, vielleicht einige von denen, die ich in Petersburg oder Wilna geſehen— ſie dachte dabei unwillkürlich an den Major; da kommen die Preußen, meine Landsleute, fuhr ſie mit leuchtenden Blicken fort. Sieh, Margot, wie ſelbſtbewußt ſie ein⸗ herſchreiten, beſonders die Offiziere, als ob ſie wüßten, daß dieſe Gefangenſchaft nur von kurzer Dauer ſein müſſe, und ſie ſtolz darauf wären, in ſo unmittelbarer Nähe der feindlichen Hauptſtadt gefangen worden zu ſein. Auch ſie ſehen ſo wild und fremd aus, flüſterte Mar⸗ got, deren Augen unausgeſetzt mit ängſtlicher Spannung auf den langſam vorüber ſchreitenden bärtigen und be⸗ ſtaubten Kriegergeſtalten ruhten— ach, ich würde ihn vielleicht gar nicht einmal wiedererkennen, wenn er unter ihnen wäre! Er war nicht dabei, flüſterte Hedwig, nachdem die Preußen vorüber waren; ich würde ihn gekannt haben, 187 da ich ihn erſt vor ſechs Monaten in Uniform geſehen habe und die Offiziere ja beſonders zur Schau Feſtellt wurden.— Das ſind Baiern.... So laß uns aufbrechen, erwiederte Margot mit einem tiefen Seufzer— es ergreift mich der Anblick dieſer vielen Gefangenen. Laß uns nach Hauſe fahren, Papa, bat ſie, wir haben genug von dieſem traurigen Schauſpiele geſehen. Ich ſagte es dir ja, daß dies kein Anblick für dich ſein würde, mein Kind, bemerkte der Marquis; aber du beſtandeſt hartnäckig darauf— es wird jetzt ſchwer hal⸗ ten, mit dem Wagen aus dem Gedränge zu kommen. Als ſie zurückgekehrt waren und beide wieder allein in dem traulichen und freundlichen Zimmer ſaßen, ent⸗ hüllte Margot zum erſten Male vor ihrer Freundin das Geheimniß ihres Herzens, ein Geheimniß, welches ſie ſich ſelbſt nicht hatte eingeſtehen wollen und deßhalb auch nicht hatte mittheilen können. Auch jetzt in dem trau⸗ lichen Geſpräche, welches beide führten, ſagte ſie es nicht mit ausdrücklichen Worten, daß die Liebe zu Walther noch immer in ihrem Herzen fortlebe, immer und unver⸗ ändert darin fortgelebt habe; aber in der Beantwortung von Hedwig's Fragen, in dem Glücke, welches in ihren ſanften Augen lag, als ſie von ihm in dieſer Weiſe aus⸗ führlich und lange reden konnte, lag dieſes Eingeſtändniß, 188 welches gemacht zu haben bei ihr ſelbſt weit weniger zum Bewußtſein gekommen war, als bei der ſie mit Intereſſe und Theilnahme beobachtenden Hedwig. Freuen wir uns, ſagte dieſe, daß er nicht unter Jenen war, obgleich ſie nicht lange in der Gefangenſchaft bleiben werden. Das dachte ich eben und deßhalb hoffte ich, ihn zu ſehen— er wäre dann den weiteren Gefahren des Krieges enthoben geweſen— und ich hätte vor Allem gewufßt, daß er noch lebe. Die Zeit iſt ſo ereignißvoll, daß uns nichts bleibt, als ein feſtes und unverrücktes Vertrauen— könnte ich ſonſt noch eine ruhige Minute haben? Gott hat ihn durch all dieſe großen Gefahren geleitet, er wird ihn auch in dieſen letzten beſchützen— wir müſſen hoffen, meine gute Margot— haſt du mich nicht ſelbſt auf das Ver⸗ trauen auf Gottes Führung hingewieſen, und jetzt willſt du zaghaft werden? Du ſprichſt von Raoul, erwiederte Margot mit leiſer Stimme— von ihm haben wir immer Nachricht erhalten Eine einzige Minute kann all mein Glück zerſtören und vernichten, fuhr Hedwig mit einem tiefen Seufzer fort, als Margot verlegen ſchwieg— wer ſagt mir, daß es überhaupt noch beſteht? 189 Siehſt du, daß du auch voller Beſorgniſſe biſt, und doch machſt du mir Vorwürfe.... Ein Brief! rief Hedwig mit jubelnder Stimme, als ein Bedienter in dieſem Augenblicke einen Brief Raoul's überbrachte— o, nun iſt Alles gut; erkenne daraus, meine liebe Margot, ein uns von Neuem geſandtes Pfand des Glückes! Während Hedwig raſch das Siegel erbrach und mit erregten Zügen die wenigen Zeilen überflog, welche ihr Raoul's Wohlergehen verkündeten, ſtand Margot ſchwei⸗ gend und traurig da, und zum erſten Male wurde ihre Seele von einem anderen, mächtigeren Gefühle bewegt, als von der Freude über die Nachricht von dem Wohl⸗ ergehen ihres Bruders. Die Rückkehr des Marquis von den Tuilerien, wohi er ſich begeben hatte, machte dem Zwiegeſpräche Beider ein Ende. Er war ſichtlich verſtimmt und verdrießlich. Am Hofe hatte Alles plötzlich wieder ein heiteres Anſehen gewonnen; zahlreiche Beſucher waren erſchienen, um der Kaiſerin und dem Könige von Rom ihre Glückwünſche darzubringen, namentlich alle jene hohen Beamten, welche ſich längere Zeit fern gehalten hatten, um nicht unter den Trümmern des kaiſerlichen Thrones mit begraben zu werden. Sie kamen, den ruhmvollen Feldzug preiſend und es für eine Beſchimpfung erklärend, wenn man daran 3 190 denken wolle, die Gränzen von 1790 anzunehmen. Die Kaiſerin, welche dieſe Leute und ihre wahre Geſinnung wenig kannte und ſelbſt ſehr erfreut war, hatte allen ohne Unterſchied eine gute Aufnahme gewährt und ſie mit Wohlwollen und Freundlichkeit behandelt. Der Mar⸗ quis, welcher ſich dadurch zurückgeſetzt fühlte, ſprach ſeinen Unwillen darüber aus, daß man keinen Unterſchied zu machen verſtehe zwiſchen dieſen Heuchlern und den Män⸗ nern, welche bereits bewieſen hätten, daß ſie es treu und ehrlich meinten; man habe ihn heute kaum beachtet, ſagte er empfindlich, da er es nicht verſtehe und es unter ſeiner Würde halte, ſich wie dieſe Leute vorzudrängen und Phraſen im Munde zu führen, welche lediglich von ihren eigenen Intereſſen dictirt ſeien. Hedwig und Margot tröſteten ihn, ſo gut ſie konnten, indem ſie ihm vorſtellten, daß in dem eigenen guten Be⸗ wußtſein der größte Lohn enthalten ſei. vierzehntes Capitel. Der kurze Sonnenblick des Glücks, welcher die An⸗ ſtrengungen Napoleon's beleuchtete, ſeine und ſeiner An⸗ hänger Hoffnungen von Reuem belebte und ſeine For⸗ derungen den Verbündeten gegenüber wieder ſteigerte, ſollte bald vorübergehen. Sein Stern, welcher einſt ſo hell und ſtrahlend geleuchtet, ſtand tief im Weſten und neigte ſich unaufhaltbar dem Untergange zu. Die ge⸗ ſchlagene ſchleſiſche Armee war durch das aus Belgien ge⸗ kommene Bülow'ſche Corps verſtärkt worden, hatte ſich unter der raſtloſen Energie ihres Führers ſchnell wieder geſammelt und zählte 100,000 Mann. Die große Armee war, obgleich zurückgedrängt, in ihrer Stärke we⸗ nig beeinträchtigt worden. Napoleon, wohl wiſſend, daß der eigentliche treibende Keil in der ſchleſiſchen Armee liege, warf ſich auf dieſe, drängte ſie zurück und lieferte ihr die beiden blutigen Schlachten von Craonne und Laon. 192 In beiden beſiegt, wenn auch nicht vollſtändig geſchlagen, und verfolgt, wandte er ſich mit einem ſchwer zu erſetzen⸗ den Verluſte von 12,000 Mann in einer verzweifelten Lage wieder der großen Armee zu, welche Paris näher gerückt war und dort von Neuem Beſtürzung und Angſt verbreitet hatte. Nachdem er die Siege der Engländer über den Marſchall Soult bei Orthez und Toulvuſe, den Einzug der Engländer in Bordeaux und die Proelamation der Bourbons daſelbſt erfahren, nachdem die Unterhand⸗ lungen mit den Verbündeten wieder vollſtändig abgebrochen waren und man in deren Hauptquartier den bourboniſchen Unterhändler zugelaſſen hatte, als ein Zeichen, daß man den Krieg mit Napoleon's Abſetzung zu beenden ent⸗ ſchloſſen ſei, faßte er den verzweifelten Plan, zwiſchen den beiden feindlichen Armeen durchzugehen, ſich den öſt⸗ lichen Gränzen zuzuwenden, die Beſatzungen der Feſtungen an ſich zu ziehen und den Krieg im Rücken der Verbün⸗ deten fortzuſetzen. Er gab dadurch zwar Paris frei, aber er zweifelte nicht, daß, wenn er mit einer Armee von 80— 100,000 Mann auf der Rückzugslinie der Feinde ſtehen werde, ſie ihm folgen müßten, und der Hauptzweck, Paris außer Gefahr zu bringen, dadurch erreicht werde. Die Befehle zur Ausführung dieſes eben ſo verwegenen als großartigen Planes, der dem ganzen Feldzuge eine andere Wendung geben konnte, wurden ertheilt und 193 Napoleon ſelbſt ſetzte ſich demgemäß in Marſch. Er hatte Arcis⸗ſur⸗Aube als Vereinigungspunkt ſeiner Truppen bezeichnet und traf ſelbſt am 20. März in der Umgegend dieſes Städtchens ein. Unvermuthet ſtieß er dort auf die ganze große Armee. Die Nothwendigkeit zwang ihn, mit den vorhandenen unzureichenden Kräften die Schlacht anzunehmen, denn es blieb ihm kein weiterer Ausweg. Die Franzoſen kämpften mit dem Muthe der Verzweif⸗ lung, aber ſie vermochten nicht, gegen die Uebermacht und gegen die Entſchloſſenheit ihrer Feinde zu ſiegen. Beide Heere behaupteten am Abende ihre Stellung, aber die Franzoſen zogen ſich in der Nacht zurück und waren am Morgen des folgenden Tages verſchwunden. Erſt im Laufe des Tages gelang es, ſich über ihren unerwarteten Marſch in der entgegengeſetzten Richtung von Paris zu vergewiſſern. Es erhoben ſich ſofort ſehr erhebliche Be⸗ denken darüber, welchen Plan man ſelbſt zur Ausführung bringen ſollte. Mit der ganzen franzöſiſchen Wmee im Rücken unter Napoleon's Befehl, der zu den gewagteſten Unternehmungen entſchloſſen und befähigt war, auf Paris marſchiren, hieß ſich in eine Lage bringen, die im un⸗ glücklichen Falle ſehr verderblich werden und alle Früchte des Krieges auf einmal verlieren laſſen konnte— auf der anderen Seite ſprach ſich die Ueberzeugung aus, daß mit der Einnahme von Paris das ganze Napoleoniſche w. 13 194 Kaiſerreich zuſammenſtürzen und die Sache mit Einem Schlage beendet ſein werde. In dieſer Anſicht wurde man durch einen aufgefangenen Courier beſtärkt, dem man Briefe der Kaiſerin und des Herzogs von Rovigo abnahm, in welchen namentlich der Letztere offen ſeine Befürchtungen über die zunehmende Gährung der Haupt⸗ ſtadt ausgeſprochen hatte, und daß er glaube, Paris würde beim Erſcheinen der verbündeten Armee dem Bei⸗ ſpiele von Bordeaux folgen und die Bourbonen procla⸗ miren. Dieſer Umſtand trug vorzugsweiſe dazu bei, die Meinung der Zaghaften nicht aufkommen zu laſſen, und man beſchloß in dem ewig denkwürdigen Kriegsrathe auf einem kleinen Hügel im freien Felde, unweit des Städt⸗ chens Sommepuis am Morgen des 24. März, den ge⸗ meinſchaftlichen und forcirten Marſch auf Paris. Der Kaiſer Alexander, der König von Preußen, Schwarzenberg und Blücher mit ihren Stäben waren zugegen. Alle Armeecorps erhielten den Befehl, auf der Stelle Halt zu machen, wo ſie ſich befänden, um am Morgen des fol⸗ genden Tages ihren Marſch auf Paris unverzüglich zu beginnen. ʒ Der General Winzingerode wurde angewieſen, Na⸗ poleon mit 10,000 Reitern, einiger leichten Infanterie und zahlreicher reitender Artillerie zu folgen, um ihn zu P 195 necken und in dem Glauben zu erhalten, daß die ganze Armee der Verbündeten ſich hinter ihm befände. Napoleon hatte ſeine Entſchließungen nach Paris ge⸗ meldet und befohlen, ihm Alles nachzuſenden, was zur Vertheidigung der Hauptſtadt nicht unumgänglich nöthig ſei. Er empfahl, ſich nicht zu beunruhigen, wenn der Feind ſich nähern ſollte, was ſich ſofort ändern würde, ſobald ſie ihn auf ihren Verbindungslinien wüßten. Den Marſchällen Marmont und Mortier, welche an jenem Tage bei Fismes in der Nähe von Rheims ſtanden, ertheilte er gleichfalls den Befehl, auf dem kürzeſten Wege zu ihm zu ſtoßen. Es war dies leichter befohlen, als ausgeführt. Raoul ſtand bei dem Corps des Marſchalls Marmont und gehörte daher zu demjenigen, welches nach angeſtreng⸗ ten vergeblichen Märſchen und nachdem es bei Fere Cham⸗ penviſe geſchlagen war, 3000 Mann und einen Theil ſeiner Kanonen verloren hatte, gänzlich abgeſchnitten von der Armee Napoleon's nach ſeiner Vereinigung mit dem Corps des Marſchalls Mortier, in der ungefähren Stärke von 12,000 Mann erſchöpft und entmuthigt am 29. März Abends vor Paris eintraf. Paris ſelbſt, zu deſſen Vertheidigung ſo viel wie nichts geſchehen war, befand ſich im Zuſtande der höchſten Aufregung. Man hatte den andringenden Feinden mit Einſchluß der Rational⸗ 13* 196 garde höchſtens 25,000 Mann entgegen zu ſtellen. Man hätte das Volk bewaffnen können, aber man hatte weder Gewehre noch Vertrauen. In einer rathloſen Sitzung des Regentſchaftsrathes, am 29. März, discutirte man die Frage, ob man Paris bis zum Aeußerſten vertheidigen und ob die Kaiſerin und der König von Rom bleiben oder die Stadt verlaſſen ſollten. Briefe Napoleon's, welche der König Joſeph ſchließlich vorlegte, entſchieden das letztere, während man den Entſchluß faßte, ſo lange als möglich Wider⸗ ſtand zu leiſten. Am folgenden Tage füllte ſich der Carouſſelplatz mit den Wagen des Hofes, welche außer dem Gepäck der kaiſerlichen Familie mit den werthvollſten Papieren Napoleon's, dem Ueberreſte ſeines Privat⸗ ſchatzes von 18 Millionen und den Krondiamanten be⸗ laden waren. Eine unruhige und unzufriedene Menge, welche die Abreiſe der Kaiſerin als eine feige Flucht und einen Verrath betrachtete, war zuſammengeſtrömt. Die Kaiſerin beſtieg endlich in Thränen aufgelöſ't mit ihrem unglücklichen Sohne gegen Mittag einen der Wagen, welche, von 1200 Soldaten der alten Garde escortirt, in der Mitte einer ſchweigenden und feindlich geſinnten Menge in der Richtung nach Rambouillet abfuhren. Der König Joſeph, der ſo wenig geeignet war, krie⸗ geriſche Unternehmungen zu leiten, war zurückgeblieben, 197 der Oberbefehl der Vertheidigung wurde dem eben ſo erfahrenen als tapfern Marſchall Marmont übertragen. — Er ließ die um Paris liegenden Höhen beſetzen, mit Geſchützen verſehen, ſo weit dies und die vorhandenen Wittel reichten, und erwartete den Angriff, welchen ſieg⸗ reich abzuſchlagen er wenig Hoffnung hatte. Ravul war es nicht vergönnt geweſen, die Seinigen auch nur einen Augenblick wiederzuſehen; nicht ohne große Mühe hatte er ihnen eine kurze Nachricht zuſenden können, daß er ſich unter den Vertheidigern der Stadt befinde und man ſich am anderen Tage bis zum Aeußerſten ſchlagen werde. Es war eine angſtvolle Nacht, welche für Hedwig, Margot und den Marquis dieſem unruhigen und bewegten Tage folgte, kein Schlaf kam in ihre Augen, Rachrichten und Gerüchte folgten ſich unaufhörlich, und ſelbſt die ſtillen Straßen der Vorſtadt St. Germain blieben von Menſchen angefüllt. Erſt gegen Morgen wurde es ruhiger, aber noch war die Sonne des 30. März, jenes ewig denkwürdigen Tages, nicht aufgegangen, als die Stadt durch den Donner der Kanonen geweckt wurde. Die Schlacht hatte begonnen, die Höhen im Norden, Oſten und Weſten hüllten ſich in weißen Dampf und das Rollen der Geſchütze und das Knattern des Gewehrfeuers fand ſein tauſendfaches Echo an den Kirchen und hohen Häuſern der Stadt. Alles ſtrömte nach den Barrieren, um zu ſehen und zu hören. Man brachte Verwundete herein, und das immer näher kommende Schießen verkündete den ſiegreichen Erfolg der Feinde. Man erfuhr, daß auch der König Joſeph um eilf Uhr mit allen Miniſtern abgereiſ't ſei und Marmont Vollmacht zum Abſchluſſe einer Capitulation zurück⸗ gelaſſen habe— und man hielt weiteren Widerſtand für nutzlos. Dennoch kämpften die Truppen fort; auf der Ebene von St. Denis tobte das Gefecht am heftigſten, die Höhen wurden von den Verbündeten erſtürmt, mit lautem Hurrah drangen ſie bereits bis an die Barrieren vor, wo es zum Kampfe Mann gegen Mann kam— da begann der Donner der Kanonen und das Knattern der Gewehre zu ſchweigen, erſt an einzelnen Punkten, dann überall; es trat eine nach dieſem kriegeriſchen Lärm be⸗ ängſtigende Stille ein, denn ſie verkündete den von den verſchiedenartigſten und aufregendſten Empfindungen be⸗ wegten und geängſtigten Einwohnern, daß der Kampf zu Ende ſei, daß ſich die Hauptſtadt Frankreichs ihren ſieg⸗ reichen Feinden ergeben werde. Es war Abends acht Uhr; die Beſorgniß und die Angſt Hedwig's und Margot's hatten ſich bis zum Höch⸗ ſten geſteigert, denn es war keine weitere Botſchaft von Raoul eingetroffen. Wenn ſie ſich auch unaufhörlich ſagten, daß dies in der herrſchenden ungeheuren Verwir⸗ 199 rung faſt unmöglich geweſen ſei, ſo waren dieſe Gründe dennoch nur wenig geeignet, ihre Unruhe zu beſchwichtigen, welche vielmehr mit der vorrückenden Zeit immer mehr zunahm. Zeit und Gewohnheit hatten ſie gelehrt, nach der erſten Kunde von einer Schlacht den weiteren Nach⸗ richten Ravul's hoffnungsvoll entgegen zu ſehen, und ihr Vertrauen war bisher ſtets belohnt worden; heute aber hatten ſie ſich gleichſam an der Schlacht betheiligt. Der Donner der Kanonen, Lärm und Geſchrei waren an ihr Ohr gedrungen, ſtündlich hatte man widerſprechende Nach⸗ richten gebracht, ſie hatten das Gebahren einer aufgeregten Bevölkerung, ſelbſt das Vorübertragen Verwundeter und Sterbender mit angeſehen, und die Befürchtung, daß Raoul ebenfalls zu dieſen gehören, jetzt vielleicht hülflos auf dem Schlachtfelde liegen könne, hatte ihre mühſam errungene Faſſung immer wieder zerſtört. Wir müſſen uns Gewißheit verſchaffen, ſagte Hedwig, nächdem ſie längere Zeit am Fenſter geſtanden und mit angſtvoller Spannung auf die vom Monde hell beleuchtete Straße geblickt hatte; ich vermag dieſen Zuſtand nicht länger zu ertragen. Die Truppen bivouakiren auf den Plätzen der Stadt— ich will ſelbſt fort, es wird doch möglich ſein, irgend eine beſtimmte Nachricht zu erhalten. Ich habe bereits vier Boten ausgeſandt, erwiederte der Marquis ebenfalls in großer Unruhe, es iſt noch keiner — 200 zurück; warten wir, warten wir, es würde ohnehin ganz unmöglich ſein, für eine Dame ganz unmöglich, jetzt durch die Straßen der Stadt zu gehen. Er kommt, er kommt! rief Hedwig, ich höre den Huf⸗ ſchlag eines Pferdes. Alle ſtürzten an das Fenſter, ein Reiter ſprengte in den Hof, und nach wenigen Minuten lag Hedwig, weinend vor Freude und Glück, in ſeinen Armen. Da bin ich, da bin ich wieder, rief Ravul dann, indem er auf einen Stuhl ſank— es iſt vorüber— es iſt Alles zu Ende! Du biſt erſchöpft— aber doch nicht verwundet? fragte Hedwig, ihn voll Beſorgniß betrachtend, ohne ſeine Hand loszulaſſen; dein Geſicht iſt von Pulver geſchwärzt, deine Uniform von Kugeln zerriſſen, mein Gott, während... Beruhige dich, erwiederte er mit der Bitterkeit, welche das Gefühl, beſiegt worden zu ſein, in der Bruſt des Soldaten hervorruft— ich bin unverſehrt— aber bin ich, was kann ich nutzen, jetzt, da Alles zu Ende iſt? Sei nicht ſo aufgeregt, bat ſie mit einer inneren Freude, welche zu verbergen ſie ſich bemühte, einer Freude, die ihr Herz erfüllte, daß nun endlich dieſe furchtbaren Schlachten und die Gefahren aufhören würden, vielleicht auch uneingeſtanden darüber, daß es ſo gekommen war,— * 201 ſei nicht ſo erbittert, mein geliebter Raoul, du haſt ja ſelbſt das Ende in dieſer Weiſe vorausgeſehen.... In dieſer Weiſe? unterbrach er ſie faſt heftig— niemals! Was hat es u e genutzt, uns wie ge⸗ hetzte Thiere gegen die ſtete Uebermacht geſchlagen und ſo oft geſiegt zu haben— der Kaiſer iſt entfernt und Paris hat capitulirt. Erzähle, erzähle! ſagte der Marquis. Was iſt da viel zu erzählen. Der König Joſeph, alle Miniſter bis auf den zweideutigen Talleyrand ſind geflohen; wir haben uns den ganzen Tag gegen die Uebermacht geſchlagen, und erſt als die übermächtigen Feinde alle unſere Poſitionen genommen und uns bis an die Barridren zurückgedrängt hatten, hat der Marſchall Marmont die Capitulation geſchloſſen. Was blieb ihm übrig, fuhr er leidenſchaftlich fort— man hat nichts ge⸗ than, um Paris in Vertheidigungsſtand zu ſetzen— können wir, die wir jetzt höchſtens noch zehntauſend Mann zählen werden, gegen zweihunderttauſend kämpfen? Aber ſie haben dennoch Furcht vor uns, fuhr er höhniſch fort, dieſe ſo mächtigen Feinde, und große Eile, Paris zu erobern, ehe vielleicht der Kaiſer kommt! O, könnten wir uns nur noch zwei Tage halten, nur zwei Tage, dann würde er hier ſein und Alles anders werden, aber es iſt unmöglich, ganz unmöglich! Der Marſchall hat ſich mit Tapferkeit und Entſchloſſenheit geſchlagen, wir haben gethan, was irgend in unſern Kräften ſtand, und wenigſtens einen ehrenvollen Abzug erkämpft. So wirſt du uns wieder verlaſſen, wieder fortziehen? rief Hedwig mit angſtvoller Stimme. Glaubſt du etwa, wir würden bleiben und beim Ein⸗ zuge der Feinde Spalier bilden? RNein, dahin iſt es, Gott ſei Dank, noch nicht gekommen! Wir verlaſſen noch in dieſer Nacht Paris mit der freien Befugniß, dahin zu marſchiren, wohin wir es für angemeſſen halten. Der Kaiſer iſt im Anmarſche, morgen oder übermorgen werden wir uns mit ihm vereinigen, und dann wird es ſich finden, ob ſie ihren Sieg werden behaupten können. Es war nicht ſchwer, Paris einem abgeſchnittenen Corps zu entreißen, aber die Sache kann bald eine ſehr verderbliche Wendung für die Sieger nehmen— und darauf allein beruht unſere Hoffnung. So wäre es immer noch nicht zu Ende, ſagte Hedwig mit tiefem Schmerze— immer noch nicht? Es ſoll noch mehr Blut nutzlos vergoſſen werden, um die Herr⸗ ſchaft eines Mannes zu erhalten, welche längſt unmöglich geworden iſt, eine Herrſchaft, welche Frankreich ſelbſt nicht mehr will? Sprich nicht ſo! rief Raoul heftig. Gehörſt du auch zu unſeren Feinden? O, es iſt leider ſo weit gekommen 203 in dieſer traurigen Zeit, daß man Freund und Feind nicht mehr zu unterſcheiden vermag! Vergieb mir, vergieb mir, bat ſie, ihn umfaſſend, nur die Angſt und die Beſorgniß um dich ließ mich dieſe Worte reden— denn ich war ſo glücklich in dem Ge⸗ danken, daß du jetzt den Gefahren des Krieges endlich entronnen wäreſt. Vielleicht wird dieſes Glück nur zu bald, bald ein⸗ treten, ſagte er traurig; aber beherzige, daß dieſe Stunde für mich die Stunde des Unglücks ſein muß, in welcher ich alle meine Hoffnungen für mein Vaterland zu Grabe trage! Rede nicht ſolche Worte, bat ſie— denke auch ein wenig an mich, die ich.... ſie vermochte vor innerer Bewegung nicht weiter zu ſprechen. Du haſt Recht, Geliebte, ſagte er, gleichfalls tief er⸗ griffen,— die Stunde, in welcher wir leben, iſt zu ereignißvoll, zu gewaltig, als daß unſere Gedanken zu einer Sammlung kommen könnten— meine Zeit iſt ge⸗ zählt— in längſtens einer Stunde muß ich wieder fort! Immer fort, immer fort, hauchte Hedwig— wird dieſer Zuſtand niemals aufhören?. Er wird aufhören, ſagte er, ſich gewaltſam aufraffend; das Schickſal ſpricht mit zu gewaltiger Stimme, als daß ſie noch lange ertönen könnte!— Laßt uns die kurze 204 Zeit nicht mit traurigen Betrachtungen hinbringen und gebt mir zu eſſen und zu trinken, denn ich habe den gan⸗ zen Tag nichts genoſſen. O, wie unverantwortlich nachläſſig wir ſind, rief Margot— komm, komm, es ſteht Alles längſt bereit! Während ſie die kurze Zeit noch zuſammen waren— eine Zeit, welche mit dem Anfange des Abſchiedes begann und nur zu eilig verflog, hatten ſich die hervorragendſten Leute der Stadt bei dem Marſchall Marmont eingefunden, demjenigen Manne, welcher in dieſem Augenblicke durch Joſeph's Vollmacht die Gewalt repräſentirte. Man ſprach kühn den Namen der Bourbonen aus, und zwei bedeutende Banquiers, Perrigaux und Lafitte, namentlich der letztere, führten eine ganz unverhohlene Sprache. Marmont erklärte, keine weitere Vollmacht zu beſitzen, und verlangte, daß ſich die Präfecten und Abgeſandten des Municipalrathes in das Hauptquartier der Verbün⸗ deten begeben ſollten, um die möglichſt günſtige Behand⸗ lung der Stadt zu erlangen, welche am Morgen des fol⸗ genden Tages übergeben werden müſſe, da er ſelbſt noch in der Nacht mit den Truppen abziehen werde. Da erſchien Talleyrand, der, obgleich Miniſter des Kaiſers, mit ſeinen Collegen die Stadt nicht verlaſſen hatte. Er rühmte die Thaten des für Schmeichelei nur allzu empfäng⸗ lichen Marſchalls, und indem er ihm ſagte, daß Frank⸗ 205 reich ihm für die tapfere Vertheidigung von Paris zu ewigem Danke verpflichtet ſei, pries er ſein Talent und ſein Genie, welches demjenigen der anderen Marſchälle weit überlegen ſei; dann machte er ihn auf den Ernſt der Lage und auf die Nothwendigkeit aufmerkſam, Frankreich aus den Händen zu befreien, die es in das Verderben ge⸗ bracht, und daß hierzu ein General, welcher Paris mit Glanz vertheidigt habe, am meiſten geeignet ſei. Mar⸗ mont hörte mit dem Gefühle hoher Befriedigung die Worte des gefährlichen Verſuchers, welche in ſeiner Seele nur zu empfänglichen Boden fanden und ſie zu dem Ab⸗ falle und dem Verrathe vorbereiteten, welcher auf den Namen dieſes ſonſt ruhmvollen Warſchalls einen unaus⸗ löſchlichen Flecken geworfen hat. Fünßehntes Capitel. Die Nacht, welche über Paris herabgeſunken war, wurde im ganzen Umfange der großen, mächtigen Stadt durch unzählige Bivouakfeuer erleuchtet. Seit den Zeiten der Jungfrau von Orleans hatte Paris keine Feinde in ſeinen Mauern geſehen, und in dieſer denkwürdigen Nacht lagerten Hunderttauſende, welche aus den fernſten Ge⸗ genden Europa's herangezogen waren, auf den nächſtge⸗ legenen Höhen. Der Schein ihrer Wachtfeuer war von den Straßen aus ſichtbar und die Mündungen mehrer hundert Geſchütze bereit, jeden ferneren Widerſtand zu be⸗ wältigen und die Stadt in einen Trümmerhaufen zu ver⸗ wandeln, ſofern ſie ſich noch weigern ſollte, die ſiegreichen Feinde zu empfangen. Auf den Höhen des Montmartre lagerte die ſchleſiſche Armee, jene tapfere Armee, welche von der Katzbach an in allen Schlachten gekämpft, die größten Verluſte erlitten und jetzt mit ihren verbündeten Waffenbrüdern die ſtolze 207 Hauptſtadt des Feindes, den Preis aller Mühen und Siege, widerſtandslos zu ihren Füßen liegen ſah. Wir verlaſſen Paris, gehen ſchweigend über das nächt⸗ liche, mit Todten und Verwundeten bedeckte Schlachtfeld und erreichen eines jener Wachtfeuer, um welches die er⸗ müdeten Soldaten ſchlummernd liegen. Es iſt das Bi⸗ vouak eines Cavallerie⸗Regiments; die Pferde ſtehen zu⸗ ſammengekoppelt, ohne abgeſattelt zu ſein, und einzelne Poſten ſchreiten, Wache haltend, an den langen Reihen auf und ab. An einem einzelnen Feuer ſitzen und liegen die Offiziere; die meiſten ſchlafen, in ihre Mäntel gewickelt, denn die Arbeit des Tages war eine ſehr ange⸗ ſtrengte und die Nacht iſt kühl— zwei aber ſitzen deſſen ungeachtet mit einander redend zuſammen und ſcheinen wenig NReigungzu beſitzen, ſich gleich ihren Kameraden dem Schlummer zu überlaſſen. Das ungewiſſe flackernde Licht des Feuers füllt auf ihre beſchmutzten und beſtaubten Uni⸗ formen und ihre von dichten Bärten beſchatteten Geſichter, ſo daß wir in der unſichern Beleuchtung nur mühſam un⸗ ſere alten Bekannten Walther und Alfred wieder erkennen. Sie ſehen etwas wild und fremdartig aus und man erkennt es an ihren gebräunten und wetterfeſten Geſich⸗ tern und ihren keineswegs eleganten Uniformen, daß ſie manche vielleicht viel rauhere und kältere Nacht in glei⸗ cher Weiſe zugebracht haben; aber wir freuen uns vor 208 allen Dingen, ſie geſund und rüſtig wiederzuſehen und die Gewißheit zu erlangen, daß ſie den Gefahren dieſes langen und blutigen Krieges glücklich entgangen ſind. Alffred, von dem wir ſo lange nichts gehört, ſcheint ſich die Hei⸗ terkeit ſeines Weſens bewahrt zu haben, denn er ſpricht ſo eben mit freudeglänzenden Augen zu ſeinem Freunde, welcher ernſt und nachdenkend, den Kopf auf den Ellen⸗ bogen geſtützt, neben ihm liegt und ſchweigend in das Feuer ſtarrt. Ich verſtehe dich wirklich nicht, fuhr er in ſeiner Rede fort; wenn du jetzt nicht froh und freudig ſein willſt, jetzt in dieſem Augenblicke, wo die ſtolze Hauptſtadt des Fein⸗ des, das Ziel all unſerer Kämpfe, endlich erobert iſt, dann muß wirklich alle Freude in deinem Herzen erſtorhen ſein. Denke zurück an jenen Tag, wo wir zum erſten Male drüben im fernen Vaterlande zu unſerem braven Regimente kamen, von welchem jetzt mehr als die Hälfte die blutigen Schlacht⸗ felder bedeckt— denke zurück an jene Stunde; unſere kühnſten Hoffnungen trugen uns damals gewiß nicht bis zu den Höhen des Montmartre, ſondern beſchränkten ſich nur darauf, den übermüthigen Feind vom deutſchen Boden zu vertreiben, und jetzt, wo all unſere Wünſche erfüllt ſind, jetzt biſt du ernſter und in dich gekehrter, als jemals. Du haſt Recht, Alfred, erwiederte Walther, indem er ſich aufrichtete und ſeine Blicke nach Weſten wandte, auf ienen Raum, den die herüberblinkenden Lichter als die Stadt bezeichneten— wir hätten das Alle damals kaum ewartet, und ich, ſetzte er mit einem tiefen Athemzuge hinzu, es niemals geglaubt, daß ich in dieſer Weiſe mei⸗ nen ſo oft verſchobenen Beſuch in Paris machen würde. Freue dich, daß es in dieſer Weiſe geſchieht, du haſt wahrlich alle Urſache dazu! Das Geſchick hat dich un⸗ verſehrt durch alle Gefahren geführt, obgleich du es oft mit Tollkühnheit förmlich herausgefordert; du biſt zum Rittmeiſter avancirt, das Eiſerne Kreuz ſchmückt deine Bruſt— kannſt du mehr wünſchen und verlangen? Nein, nein, du haſt Recht, erwiederte jener mit einem melancholiſchen Lächeln— es wäre undankbar von mir, wenn ich das nicht erkennen wollte, und ich thue es auch im vollſten Maße. Nun, dann ſei heiter und vergnügt. Morgen ziehen wir in Paris ein, morgen werden wir der Herrſchaft des Gewaltigen ein Ende machen, in wenigen Wochen wird Friede ſein und wir wieder der Heimath zu marſchiren, wo⸗ rauf ich mich mehr freue, als auf die uns erwartenden pariſer Freuden. Das Geſpräch wurde durch einen heranſprengenden Offizier unterbrochen, der ſich nach dem Oberſten erkun⸗ digte. Die Schläfer erwachten und es entſtand jene plötzliche Unruhe und Bewegung, welche bivouakirenden W. 14 Truppen eigen iſt, die der Ordre zum Warſche in jedem Augenblicke entgegenſehen. Der Oberſt befindet ſich an jenem Feuer, Herr Kame⸗ rad, ſagte Alfred, Sie werden ihn dort finden; aber brin⸗ gen Sie etwas für uns? Den Befehl zum Aufbruche? Die ſchleſiſche Armee ſoll nicht in Paris einziehen, erwiederte der Adjutant, ſondern um die Stadt nach Ver⸗ ſailles marſchiren und um ſieben Uhr dahin aufbrechen— doch ich muß zum Oberſten. Nicht in Paris einmarſchiren? riefen unmuthig die Offiziere, während der Adjutant weiter ritt. Dazu taugen wir nicht, wir ſehen zu abgeriſſen aus; man muß den Pariſern oder vielmehr den Pariſerinnen nur elegante und geſchniegelte Truppen vorparadiren laſſen— zum Schla⸗ gen waren wir immer die beſten, aber. Ruhig, ruhig, Kameraden, rief Walther, die Ausbrüche des ſehr entſchuldbaren Unmuthes beſchwichtigend, die erſte Pflicht des Soldaten iſt, dem Befihle zu gehorchen; uns iſt die ehrenvollere Aufgabe zugetheilt, die Stadt gegen das abziehende Heer zu ſchützen— es können nicht Alle morgen in Paris einziehen, und wir werden ſpäter Ge⸗ legenheit genug erhalten, uns die Stadt anzuſehen. Wenn auch die laut gewordene Unzufriedenheit ver⸗ ſtummte, man erblickte in der Richtbetheiligung an dem Einzuge, den ſich die Phantaſie jedes Einzelnen mit glän⸗ 211 zenden Farben ausgemalt hatte, eine unverdiente Zurück⸗ ſetzung, der man ſich widerwillig fügte. Anders war die Empfindung Walthers. Während man ſich zum Aufbruche rüſtete, die Pferde fütterte und packte, hatte er eine einſame Stelle aufgeſucht und ſtarrte ſchweigend auf die Stadt, deren Thürme allmählich in der Dämmerung des Morgens ſichtbar wurden. Es war ihm ein erleichterndes Gefühl, daß er nicht mit den Uebrigen hinabziehen müſſe, er wußte ſelbſt nicht, weßhalb, oder kam vielmehr nicht zum klaren Bewußtſein ſeines Em⸗ pfindens. Kein Tag war vergangen, keiner während der ganzen bewegten Zeit, an dem er nicht an Margot gedacht hätte. Diefe Gedanken welche ein Heer von Wünſchen in ihrem Gefolge gehabt, hatten alle die Schwankungen und Phaſen mitgemacht, welche der Gang des Krieges be⸗ dingte. Zuerſt hatte er es ſich ausgemalt, daß nach der leipziger Schlacht der Friede geſchloſſen werden und er dann Urlaub zur pariſer Reiſe erhalten würde, welche das unverrückte Ziel ſeiner Hoffnungen blieb. Als die Ar⸗ meen den Rhein überſchritten, ſteigerte ſich ſeine Unruhe, denn der Zweck des Kampfes war für ihn nicht mehr die Beendigung des Krieges, der Abſchluß eines ruhmvollen Friedens, ſondern die Eroberung von Paris, weil er ſo am ſicherſten endlich dahin gelangen mußte. Eine fieber⸗ hafte Aufregung hatte ſich ſeiner von jenem Tage an be⸗ 14* 212 mächtigt, an welchem der Marſch auf Paris beſchloſſen war; zum erſten Male war die Beſorgniß, jetzt noch ver⸗ wundet werden zu können, in ihm rege geworden, denn er hatte nur den Einen Gedanken, ob und wie er Margot wiederſehen werde. Lebte ſie noch? Gedachte ſie noch ſei⸗ ner— dachte ſie an ihn noch in der alten Weiſe? Ach, er wagte dieſe und noch viele andere Fragen ſich ſelbſt nicht zu beantworten, denn je näher er der Stadt kam, in welcher ſie nach ſeiner Vorausſetzung weilte, deſto zag⸗ hafter wurde ſeine Seele! Sein Geſchick, das fühlte und erkannte er, knüpfte ſich an die Löſung dieſer Fragen— die Zeit, in welcher er von Margot getrennt geweſen, ſchwand im Dufte der Vergangenheit in Nichts zuſammen — er ſtand wieder bei ihr an jenem Morgen in der Fich⸗ tenau vor vier Jahren, wo er ſie zum letzten Male ge⸗ ſehen hatte, nur ihre Briefe lagen dazwiſchen; aber die Worte derſelben hatte ſie nicht an ihn geſchrieben, ſondern zu ihm geſprochen— es verſchwamm das Alles zu einem wundervollen, lieblichen Bilde— und jetzt, jetzt ſollte endlich die Entſcheidung kommen. Ein trübſeliges Lächeln umzog ſeinen Mund und mil⸗ derte den Ernſt ſeiner Züge, als er ſo daſtand und auf die immer deutlicher hervortretende Stadt hinblickte— wie immer, wenn der Menſch vor einer wichtigen Entſchei⸗ dung ſteht, gewährte es ihm jetzt eine Beruhigung, daß ſich dieſelbe noch verzögere, und er freute ſich deßhalb, daß ſein Regiment vom Einzuge ausgeſchloſſen ſei— denn es war ja nur ein Verſchieben von wenigen Tagen, ein Ver⸗ ſchieben, welches ſein Handeln freier von jedem unvorher⸗ geſehenen Zufalle machte und daſſelbe mehr nach ſeinem Willen und den Umſtänden regeln ließ. Als er dann aber von ſeinem hochgelegenen Standpunkte aus ſah, wie die Truppen unten vor der Barrisre ſich ſammelten, als die jubelnden Klänge des Siegesmarſches zu ihm herauftön⸗ ten, mit dem die an der Spitze befindlichen Cavallerie⸗ Regimenter den Einzug begannen, da empfand er doch wieder einen preſſenden Schmerz darüber, daß er nicht zu denen gehöre, welche jetzt in ſtolzer Siegesfreude in die feind⸗ liche Hauptſtadt einrückten. Es kam ihm vor, als ob das Geſchick noch nicht müde geworden ſei, immer neue Hin⸗ derniſſe zwiſchen ſeinem Wiederſehen mit ihr aufzubauen — denn er hatte nur dieſen einen Gedanken, und wäh⸗ rend er es ſich vergegenwärtigte, daß die ſo eben aufge⸗ gangene Sonne dieſen ſo lange erſehnten Tag hätte be⸗ leuchten können, ſah er es mit der uns in ſolchen Momen⸗ ten ſtets eigenen Zaghaftigkeit als eine üble Vorbedeutung an, daß er, dem erſehnten Ziele ſo nahe, abermals demſel⸗ ben entrückt werde. Die Trompeter blieſen zum Aufbruch, das Regiment ſammelte ſich und marſchirte in gewohnter Weiſe auf. 214 Die Blicke der Offiziere und Huſaren waren ſämmt⸗ lich der Stadt zugewandt, und faſt mit Widerſtreben wurde dem Commando Folge geleiſtet, welches den Rechtsab⸗ marſch befahl. Bald zog ſich der Weg jenſeit der Höhen fort, welche Paris im Norden begränzen; die Thürme der Stadt verſchwanden und das Regiment erreichte gegen Mittag Verſailles. Während man den Krieg als beendet anſah und ſich⸗ nach der lange entbehrten Ruhe und Behaglichkeit ſehnte, ſchienen dieſe Wünſche ſich keineswegs erfüllen zu wollen. Die aus Paris abgezogenen franzöſiſchen Corps hatten in naher Entfernung Halt gemacht, Napoleon konnte mit ſeiner Armee zu ihnen ſtoßen, ja, man ſprach davon, daß er während der Nacht zurückgekehrt ſei und die Capitu⸗ lation von Paris verworfen habe, kurz, man befand ſich immer noch dem Feinde gegenüber und war daher zur größten Wachſamkeit und Vorſicht genöthigt. Die Be⸗ fehle des folgenden Tages ſchienen über die Fortſetzung des Krieges keinen Zweifel zu laſſen, denn das in der Avantgarde befindliche Huſaren⸗Regiment mußte Verſail⸗ les wieder verlaſſen und gegen den Eſſonnes⸗Bach vor⸗ rücken. Man erfuhr, daß Napoleon bei Fontainebleau ſtehe und es wahrſcheinlich am folgenden Tage zu einer Schlacht kommen werde. Die ganze ſchleſiſche Armee hatte die Seine überſchritten, und auch die Ruſſen und Oeſter⸗ 215 reicher begannen eine ähnliche Stellung zu nehmen. Wal⸗ thers bemächtigte ſich zum erſten Male während des gan⸗ zen Krieges eine abergläubiſche Empfindung, deren Herr zu werden er vergeblich bemüht war. Er hielt es für un⸗ zweifelhaft, daß er in dieſem neuen, vielleicht letzten Kampfe fallen werde. War es nicht immer ſo gekommen, dachte er in ſeiner trüben Stimmung, während er ſchweigend vor ſeiner marſchirenden Schwadron ritt, immer, wenn ich mich nahe am erſehnten Ziele glaubte? Damals nach meiner Rückkehr in die Fichtenau, wo ſich von all meinen Hoffnungen keine verwirklichte und ich nur ihren zum Abſchiede wehenden Schleier ſah, dann ſpäter immer wie⸗ der, ſobald meine Abreiſe feſtſtand— immer ein neues Hinderniß, immer ein neuer Aufſchub, bis der Krieg kam und alle meine Plane zerſtörte. Und jetzt, da eben dieſer Krieg die Erfüllung gebracht, jetzt befinde ich mich von Neuem auf dem Wege, welcher von dem Orte ſich entfernt, wo ſie wahrſcheinlich weilt, auf dem Wege zu neuen Kämpfen und Gefahren. Wit welchem freudigen und begeiſterten Muthe hatte er dieſe ſtets aufgeſucht, und jetzt zum erſten Wale zagte ſeine ſonſt ſo ſtarke Seele! In ſich gekehrt und ſchweigend ritt er weiter, und ſelbſt die heitern und ſiegesgewiſſen Reden ſeiner Kameraden vermochten ſeinen Trübſinn nicht zu zerſtören. Zum erſten Male glaubte er an Vorahnungen, und er 216 kämpfte ſogar mit dem Entſchluſſe, gegen Alfred dieſe Em⸗ pfindungen auszuſprechen, ſtand jedoch davon wieder ab, als er die ganz entgegengeſetzte Stimmung ſeines Freundes er⸗ kannte.— Es hat ein jeder, auch der vorurtheilsfreieſte Menſch, ſolche Ahnungen, in welchen er die Ereigniſſe der Zukunft vorher zu erkennen glaubt; es ſind dies aber doch immer nur Erzeugniſſe einer erregten Phantaſie oder eines krankhaften Nervenſyſtems, die nur deßhalb eine ge⸗ wiſſe Bedeutung erlangt haben, weil es natürlich und un⸗ vermeidlich iſt, daß ſpätere, in der Wahrſcheinlichkeit lie⸗ gende Ereigniſſe zuweilen wirklich in Erfüllung gehen. Ueberall, wo dies nicht der Fall iſt, lacht man über die Vorahnung, während man es mit dem dem Menſchen an⸗ gebornen Hange zum Aberglauben für unerklärlich und myſtiſch anſieht, wenn man bei irgend einer Vorausſetzung einmal das Richtige getroffen hat. Als Walther am dritten Tage nach jenem Morgen vor ſeiner Schwadron hinſprengte und mit anderen Ca⸗ vallerie⸗Regimentern das Corps des Marſchalls Marmont umſchwärmend dieſes nach Verſailles zurückbegleitete, wa⸗ ren dieſe trüben Ahnungen auch wieder völlig verſchwun⸗ den und neue Hoffnungen erfüllten ſeine Bruſt. In Ver⸗ ſailles kam es unter den franzöſiſchen Truppen zu ſtür⸗ miſchen Auftritten; ſie fingen an, den Verrath ihres Füh⸗ rers zu erkennen, ſchoſſen auf ihre Offiziere, liefen aus einander, verlangten, zum Kaiſer zurückgeführt zu werden, und weigerten ſich, zu folgen. Es war aber vergebens, denn das weltgeſchichtliche Drama neigte ſich ſeinem Ende zu. Der Senat hatte Napoleon's Abſetzung ausgeſprochen und die Kraft des Gewaltigen war gebrochen an der Unwillfährigkeit ſeiner Warſchälle und an dem Verrathe Marmont's. Er unter⸗ handelte nur noch um den franzöſiſchen Thron für ſeinen Sohn. Man wollte aber keinen unmündigen Kaiſer mit dem lebenden Vater Napolcon. Von ſeinen Marſchällen verlaſſen, die in hundert Schlachten mit ihm gekämpft, die er ſelbſt zu Macht und Anſehen, zu Ehre und Reich⸗ thum erhoben, ſelbſt von Einem derſelben, an deſſen Treue er nie gezweifelt, meineidig verrathen, von der öffentlichen Meinung aufgegeben und gehaßt, blieb ihm nichts übrig, als— die unbedingte Entſagung.— Sie waren dahin, all die ſtolzen Plane einer unbegränzten Macht; ſein Wille, der Europa Geſetze vorgeſchrieben, war gebändigt und gefeſſelt, herabgeſunken zu der Machtloſigkeit eines gewöhnlichen Sterblichen, dem man, wie einem Kinde, eine Kaiſerkrone von Goldpapier ließ, die er auf einer kleinen Inſel des Mittelmeeres tragen durfte, nebſt dem Spiel⸗ zeuge einiger Hundert Mann Soldaten. Sonſt hatte er aufgehört, zu ſein.— Er und die Seinigen, und Alles, was er geſchaffen, wofür er in un⸗ 218 bezähmbarem Ehrgeize das Blut von Millionen vergoſſen, das Alles ſank in Trümmer. Walther's Regiment ſtand wieder in Verſailles. Die Freude war jetzt groß und allgemein, denn der Krieg war wirklich zu Ende. Napoleon, der noch immer Gefürchtete, hatte dem Throne entſagt und war nach Elba abgereiſt; auf den Tuilerien wehte die weiße Fahne und die verän⸗ derlichen Pariſer beeiferten ſich in Kundgebungen zu Gun⸗ ſten der Bourbonen und in Bewunderung und Huldigun⸗ gen der ſiegreichen Wiederherſteller des Friedens, die ja ihrer eigenen, ſtets wiederholten Erklärung nach nicht mit Frankreich, ſondern nur mit Napoleon Krieg geführt hat⸗ ten, gegen den man jetzt die entehrendſten Benennungen verſchwendete. Es war am Morgen des 6. April, an einem ſchönen, ſonnigen Morgen, als Walther, der ſehr früh aufgeſtan⸗ den war, ſich mit ungewöhnlicher Sorgfalt ankleidete. Aus einem Kleider⸗Magazin hatte er ſich einen eleganten Civil⸗Anzug erſtanden, da ſeine Uniform einen Beſuch in der Hauptſtadt nicht geſtattete, man auch wünſchte, daß die nicht im Dienſte befindlichen Offiziere in Civil gehen möchten— er aber jetzt im Begriffe war, nach Paris zu reiten! Endlich, endlich war der Zeitpunkt gekommen, dieſe ſo lange und ſo bange erſehnte Stunde! Der wilde Bart des Soldaten war theilweiſe verſchwunden, das Haar 2¹9 geordnet; er hatte mit ſtaunenswerther Ruhe die ſorgfäl⸗ tigen Bemühungen eines franzöſiſchen Haarkünſtlers er⸗ duldet, und jetzt, da er vor dem großen Spiegel ſeines eleganten Quartiers ſtand, mußte er ſelbſt lächeln, als er ſein verändertes Bild darin erblickte. Dennoch änderte er nichts an ſeinem ſonſt einfachen Anzuge, aber dem genauen Beobachter würde es nicht entgangen ſein, daß er ſich be⸗ müht hatte, ſein Ausſehen möglichſt dem ähnlich zu machen, wie er ſich dachte, daß es in der Fichtenau geweſen war. Nur den viel männlicheren, wettergebräunten Ausdruck hatte er nicht zu ändern vermocht— er dachte auch wohl nicht daran. Mit einem tiefen, langen Athemzuge warf er noch einen letzten Blick in den Spiegel, beſtieg dann eilig ſein Pferd und ſprengte im raſchen Galopp auf der Straße nach Paris dahin. Sechszehntes Capitel. Ein in der Nacht gefallener warmer Regen hatte den weißen Kalkſtaub der Straße gebunden, die Bäume ſtan⸗ den in voller Blüthe, die jungen Saaten prangten im erſten friſchen Grün, die Luft war mild und von dem Dufte der Wieſenblumen erfüllt, an deren Rande Wal⸗ ther jetzt hinritt, während er den Zügel ſeines Pferdes verkürzte, um es von der längeren raſchen Gangart ſich erholen zu laſſen. Dieſes wandte ſeinen Kopf und blickte ihn mit den feurigen Augen wie fragend an, während es der faſt unmerklichen Weiſung des Zügels gehorchte. Es war die Liſſa Hora, welche ihn während des ganzen be⸗ ſchwerlichen Feldzuges getragen, in allen Schlachten, in allen Gefechten. Nicht ein einziges Mal hatte ſie den Dienſt verſagt, ihre ſtählernen Muskeln waren durch keine Strapazen erſchüttert worden und ſie würde auch jetzt die beiden Meilen in raſchem Fluge zurückgelegt haben, wenn 221 — ſie nicht der Wille ihres Herrn daran gehindert hätte. Dieſer dachte aber in jenem Augenblicke nicht an ſein treues Pferd, ſondern ſeine Gedanken beſchäftigten ſich allein mit der kommenden Stunde, welche, wie er fühlte, die Entſcheidung über ſeine ganze Zukunft in ſich ſchloß. Daran reihten ſich wieder Befürchtungen mancherlei Art. Wer ſagte ihm, daß er ſie wirklich in Paris finden würde? Er wußte ja nicht einmal, ob ſie noch lebe— ach, er wußte ſo wenig und hoffte dennoch ſo viel! Seit zwei langen Jahren war kein Brief von ihr zu ihm gelangt, Raoul hatte bei ſeiner Anweſenheit in Wallfort nur un⸗ beſtimmte Nachrichten geben können— es lag das Alles ſo weit zurück, ſo fern, und doch ſprangen ſeine Gedan⸗ ken über dieſe lange Vergangenheit, über dieſe in ihrem Verlaufe ſo ereignißvollen Jahre hinweg und knüpften ſich immer nur an die Eine Stunde, wo er ſie zuletzt ge⸗ ſehen, ſie zum letzten Male geſprochen hatte. Klar und deutlich, wie niemals in jener Zeit, ſtand ihr Bild vor ſeinem geiſtigen Auge, und wenn ſein Ver⸗ ſtand ihm auch ſagte, daß ſie jetzt, nach faſt vier Jahren, ganz anders ausſehen müſſe, wie damals, wo ihre ſchlanke, noch halb kindliche Geſtalt ihm den letzten Abſchiedsgruß zugewinkt— er konnte ſich dennoch von dieſem Bilde nicht losſagen und hielt es aufrecht in ſeiner aufgeregten Phantaſie. Deßhalb ritt er ſo langſam und achtete nicht auf ſein Pferd; als er aber dann plötzlich aus ſeinen Gedanken aufſchreckte und die Thürme der Hauptſtadt ſchon nahe aus dem ſie umgebenden Dunſte emporſteigen ſah, ließ er den Zügel der Liſſa Hora wieder frei und ſie trug ihn im raſchen Trabe bald an die Barriere der Stadt. Er ritt eine Zeit lang durch die menſchengefüllten Straßen, ſtieg dann vor einem Hötel ab, beſtellte ſich ein Zimmer, brachte das Pferd ſelbſt in den Stall und ging eilig, ſich nach dem Palais Royal erkundigend, fort. Hier war zu jener Zeit der Sammelplatz der fremden Offiziere; Kameraden, welche ſich lange nicht geſehen, fanden ſich hier wieder und feierten Sieg und Wieder⸗ ſehen in den eleganten Reſtaurationen, indem ſie ſich den verlockenden Genüſſen der eroberten Stadt nach ſo langen und vielen Entbehrungen hingaben. Auch Walther hätte zu ähnlichen Freuden Gelegenheit gefunden, aber er ging nur flüchtig durch den beſchränkten Raum des Gartens und hatte bald unter den dienſtwilligen Pariſern einen Commiſſionär gefunden, von dem er mit beklommenem Herzen die ihm nöthigen Erkundigungen einzog. Einen Marquis de Beaumont kenne ich, mein Herr Oberſt, erwiederte dieſer, welcher den fremden Offizier ſogleich erkannt hatte, er wohnt in der Vorſtadt St Germain. 223 Können Sie mich dahin führen? Sehr gern, wenn Sie ſich nicht eines Fiakers be⸗ dienen wollen; aber es möchte zweifelhaft ſein, daß Sie den Marquis treffen werden. Weßhalb zweifelhaft? Er war Kammerherr bei dem Uſurpator und gehörte zu denen, die auch noch in der letzten Zeit, als der Tyrann nur noch durch einige verblendete Ueberreſte der Armee gegen den Willen Frankreichs den Thron behauptete, ſich ſtets bei Hofe gezeigt haben.. Das ſpricht für die Ehrenhaftigkeit ſeiner Geſinnung! Mag ſein, erwiederte der Commiſſionär mit einem halb erſtaunten, halb verſchmitzten Lächeln— aber jetzt, jetzt möchte er wenig mehr in Paris zu ſuchen haben. Führen Sie mich, ſprach Walther erregt— ich ziehe es vor, zu gehen, aber ſchnell, denn ich habe Eile. Ich bitte, zu folgen, bemerkte der Andere, welcher ſich das Benehmen des Fremden nicht zu erklären vermochte, der ſo große Eile hatte und doch nicht fahren wollte. Sie gingen über den Platz de la Concorde, über eine der Seinebrücken; der Weg war ſehr lang, aber als ſie dann endlich in einer ſillen Straße vor einem Hauſe ſtanden, welches, zurückliegend, davon durch ein eiſernes Gitter getrennt war, und der Commiſſionär, ſtehen bleibend, ſagte: Dies iſt das Hötel des Herrn Marquis de Beaumont— däuchte es Walther, daß die Entfernung ungewöhnlich klein geweſen ſei. Er belohnte ſeinen Führer und zog dann mit einem tiefen Athemzuge die Glocke an der geſchloſſenen eiſernen Gitterthür. Sie öffnete ſich, ohne daß ein Diener erſchien; Walther ſchritt über den Hof und wurde am Eingange des Hauſes von mehreren Bedienten empfangen. Ich wünſche der Frau Marquiſe de Beaumont meine Aufwartung zu machen, ſagte er; iſt ſie zu Hauſe? Die Frau Marquiſe ſind anweſend, erwiederte der Hausmeiſter; wen habe ich die Ehre, zu melden? Capitän Rohneck. Belieben der Herr Capitän, vorläufig einzutreten, ich werde den Herrn melden. Walther wurde in ein Zimmer geführt und athmete hier zum erſten Male wieder mit einem erleichterten Gefühle auf— Hedwig war wenigſtens hier in Paris; die Hoff⸗ nung, daß auch Margot anweſend ſei, hatte ſich dadurch zur Gewißheit geſteigert— jedenfalls mußte er das Nähere von ihrem Ergehen erfahren. Es wird der Frau Marquiſe ſehr angenehm ſein, meldete jetzt der wieder eintretende Diener; ich bitte den Herrn Capitän, zu folgen. WMit hochklopfendem Herzen ſchritt Walther ſeinem Führer nach, der ihn die breite ſteinerne Treppe hinauf 225 geleitete und auf dem oberen Corridor eine Flügelthür öffnete. Bitte, einzutreten, ſagte er dann; die Frau Mar⸗ quiſe werden bald erſcheinen. Walther trat in ein geräumiges Zimmer, welches ſeiner äußeren Einrichtung nach zum Empfange von Gäſten beſtimmtzu ſein ſchien. Die drei Fenſter decorirten ſeidene, tief herabhängende Gardinen, die Pfeiler deckten lange, bis auf den Boden reichende Spiegel, und an den Wänden ſtanden ebenfalls mit Seide überzogene Sopha's, Seſſel und Stühle. Es war nichts an all dieſen Dingen, was ihn auch nur im entfernteſten an Margot erinnert hätte; nur an einem der Fenſter befand ſich ein Tiſch mit ſorgſam gepflegten Blumen, das war das Einzige, welches in ſeinen Gedanken in irgend einer Beziehung zu ihr ſtand, und ſeine Gedanken, die ſich nur mit ihr beſchäftigten, weilten nur auf dieſen Blumen. Unbewußt war er dicht an der Thür ſtehen geblieben; er fühlte jeden Schlag ſeines Herzens und vermochte nur mit Anſtrengung zu athmen. Da öffnete ſich geräuſchlos eine Seitenthür— und ſie trat ein— nicht Hedwig, die er erwartet hatte, ſon⸗ dehn ſi Margot, ſie ſelbſt, der Inbegriff all ſeiner Gedanken, ſeiner Sehnſucht, ſeines Hoffens!— Re⸗ gungslos blieb er ſtehen, während ſeine Augen unverwandt 1V. 15 226 auf ihr hafteten und ſeine Hände leiſe erzitterten.— Ach, ſie hatte ſich nur wenig verändert— es waren noch immer die ſchlanke, zierliche Geſtalt, daſſelbe liebliche, unſchuldsvolle Geſicht, dieſelben kindlichen, ſanften, ſeelen⸗ voll blickenden Augen. Nur ſchöner, entwickelter war ſie geworden— aber das ſah er in dieſem Augenblicke nicht, der ihn wie mit einem Zauberſchlage zurückverſetzte zu jenem Momente, wo er ſie zum letzten Male geſehen, zum letzten Male ihre liebliche Stimme gehört hatte. Langſam, mit geſenkten Blicken ſchritt ſie durch das Zimmer, ohne ihn zu bemerken, und trat an den Blumen⸗ tiſch. Ihre kleinen Hände beſchäftigten ſich damit, hier und da ein welkes Blatt zu entfernen oder einer blühenden Pflanze eine vortheilhaftere Stellung zu geben— ganz ſo, wie ſie es in der Fichtenau gethan, jede Bewegung war dieſelbe— die Zeit zwiſchen damals und jetzt ſchien ſpurlos vorüber gegangen, gar nicht da geweſen zu ſein. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt; ſeine Blicke hingen an ihr mit immer mehr aufloderndem Entzücken. Margot! flüſterte er dann kaum hörbar— hier bin ich endlich— kennen Sie mich noch? Ein heftiger Schreck durchbebte bei dem Klange ſeiner Stimme ihren Körper, ſie wandte ſich um und ſtarrte ihn einen Augenblick wie eine Erſcheinung an. Herr Rohneck, rief ſie dann in überſtrömender, nicht 227 zu bewältigender Freude— Sie ſind da! Sie ſind un⸗ verſehrt— o, ich vermag es noch immer nicht zu faſſen! Raſch eilte ſie ihm entgegen, dann begann ihr Schritt zu ſtocken— aber er war ſchon bei ihr, ſie fühlte ſich von ſeinen Armen umſchlungen— ſie hatte nicht die Macht, nicht den Willen, ihm zu wehren, und barg im ſeligſten Entzücken ihr von Thränen benetztes Geſicht tief erglühend an ſeiner Bruſt. Margot! Margot! flüſterte er mit dem leiſen, bebenden Tone der innigſten Liebe, Sie haben meiner ge⸗ dacht, mich nicht vergeſſen? Konnten Sie das für möglich halten? erwiederte ſie in derſelben Weiſe; dann, indem ſie bei dieſer Frage die Augen zu ihm erhob, erröthete ſie noch mehr und entzog ſich eilig ſeiner Umarmung, aber ihre Hand blieb in der ſeinen, als er ſie zu einem Sopha geleitete und ſich neben ſie ſetzte. Sie war ihm willenlos gefolgt, denn all ihr Wollen war gefeſſelt von der Empfindung eines Glückes, von deſſen Größe und Gewalt ſie niemals eine Ahnung gehabt hatte. Sie fühlte, während ihre langen, noch vom Thau der Thränen feuchten Wimpern geſenkt blieben, ſeinen Blick auf ſich haften, ſie fühlte die Gluth ihrer Wangen, das heftige Klopfen ihres Herzens, das ſeiſe Erbeben ihres ganzen Körpers— aber das Entzücken ihrer Seele ließ ſie nichts empfinden, als allein dieſes 228— Glück, welches ſo groß war, daß ſie glaubte, es nicht er⸗ tragen zu können. Schweigend ſaßen ſie ſo eine Zeit lang neben ein⸗ ander, denn auch er ſuchte vergeblich nach einem Worte, um ſeinem Empfinden Ausdruck zu verleihen. Die Wirklichkeit hatte alle ſeine Hoffnungen, all die Bilder ſeiner einſamen Stunden, mit denen er ſich das Glück der jetzigen ausgemalt, weit übertroffen. Sein Herz jubelte hoch auf in der erlangten Gewißheit, daß ſie ihn niemals vergeſſen habe, daß ſie ihn liebe. Es ſtand dies Alles in klarer und leſerlicher Schrift auf ihrem lieblichen, unſchuldigen und ſo freudig bewegten Geſichte, es lag in dem kurzen Aufblick ihrer ſchönen Augen, die nur ein einziges Mal zu ihm aufzuſchauen gewagt hatten, in dem Beben ihrer Stimme— jener lieblichen Stimme, die ſo lange nicht an ſein Ohr geklungen und jetzt ſo beglückende Worte geflüſtert hatte.— Margot, ſagte er dann, indem er ihre Hand an ſein Herz preßte— das Glück dieſer Stunde wiegt tauſend⸗ fach alle Leiden und Entbehrungen jener ſchweren, trau⸗ rigen Zeit auf, in welcher wir uns nicht geſehen haben— es iſt kein Tag vergangen, wo ich nicht an Sie gedacht, mir unſer Wiederſehen nicht ausgemalt habe— aber ſo — ſo niemals! 229 So niemals? fragte ſie leiſe, indem ſie zum erſten Male wieder zu ihm aufblickte.“ Nein, ſagte er, ſie ſtürmiſch umfaſſend— nein, denn ich habe es nicht gewagt, zu hoffen, daß du mich lieben könnteſt! Sie hatte keinen Widerſtand, keinen Widerſpruch, denn die Jahre lang in ihrem Herzen gehegte Liebe, deren. erſter berauſchender Ton jetzt an ihr Ohr ſchlug, war mächtiger als alles Andere— ſie ſank an ſeine Bruſt, und als ſein Kuß ihre halbgeſchloſſenen Lippen mit den ſeinigen verband, war es ihr, als ob ſie in dieſem Augen⸗ blicke ſterben müſſe. Während Beide, die Außenwelt vergeſſend, ſo zu⸗ ſammenſaßen, hatte ſich leiſe die Thür geöffnet und Hed⸗ wig war eingetreten. Wie eine Erſcheinung war ſie einen Moment ſtehen geblieben und eben ſo unbemerkt wieder verſchwunden. Erſt nach einer Stunde kehrte ſie zurück; den Liebenden war dieſe Stunde— die ſchönſte ihres Lebens— einer Minute gleich vergangen. Als Hedwig wieder eintrat, ſtanden Beide an dem Blumentiſche, denn ſie hatten ſich inzwiſchen Vieles er⸗ zählt, Vieles geſprochen, und im raſchen, ſeligen Zurück⸗ gehen in die Vergangenheit jener Zeit gedacht, in welcher ſich, ihnen ſelbſt noch unbewußt, ihre Herzen für immer mit einander verbanden. Sie hätten noch lange in 230 gleicher Weiſe ſo weiter mit einander reden können, denn ſie hatten ſich noch ſo unendlich Vieles zu ſagen, aber der Eintritt Hedwig's machte dieſen beglückenden Mitthei⸗ lungen ein Ende. Mit dem Ausdrucke herzlicher und unverhohlener Freude ging Hedwig auf Walther zu, der befangen ſtehen geblieben war, und reichte ihm beide Hände. Willkommen! Willkommen! Herr Rohneck! rief ſie mit leuchtenden Blicken, während um ihren Mund ein bedeutungsvolles Lächeln ſchwebte, Willkommen! endlich in Paris, und als Sieger!— O, Sie glauben nicht, wie mich das freut! Ihre Freude kann nicht ſo groß ſein, als die meinige, erwiederte er— wir haben damals kaum geglaubt, uns hier und ſo wiederzuſehen. Sie haben nicht nöthig, mir das zu verſichern, er⸗ wiederte ſie lächelnd und mit einem ſchalkhaften Blick auf Margot, welche von Neuem tief erröthend und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen noch immer an dem Blumentiſche ſtand— ich bin vollkommen von der Wahrheit Ihrer Worte überzeugt. Sie Heuchler! fuhr ſie lachend fort, wollen Sie immer noch mit geſchloſſenem Viſir kämpfen, obgleich der Krieg zu Ende iſt? Als er ſie fragend und verlegen anſah, wurden ihre 231 Mienen ernſt, ſie ſchien mit der eigenen Rührung zu kämpfen; dann eilte ſie plötzlich auf Margot zu und ſchloß ſie bewegt und innig in ihre Arme. Meine liebe, Herzens⸗Margot, flüſterte ſie leiſe und innig, komm, laß mich die Erſte ſein, welche dein Glück mit dir theilt, welche dir ſagt, daß ſie ſich unendlich darüber freut, ſelbſt unbeſchreiblich glücklich deßhalb iſt. Margot ſank weinend an ihre Bruſt, ſie fühlte, daß ihr Glück noch einer Steigerung fähig geweſen ſei. Du darfſt ihn lieben, dieſen Mann, fuhr Hedwig dann fort, indem ſie Margot's Kopf empor richtete und ſich bemühte, eine weniger bewegte Stimmung hervor⸗ zurufen, denn er hat dich immer geliebt, immer, wieder⸗ holte ſie mit einem flüchtigen Blicke auf Walther, ich weiß es und kannes bezeugen. Auch als deine Briefe ausblieben, als mein theurer Ravul dein armes Herz unbewußt gequält hatte— immer dachte er nur an dich, und ſprach mit Begeiſterung von der Stunde, in welcher er dich wiederſehen würde. Zuweilen war er allerdings etwas hoffnungslos, denn er konnte nicht wiſſen— doch davon darf ich nicht reden, es wäre ja ein Mißbrauch des Vertrauens, und er wird dieſe be⸗ glückenden Mittheilungen auch viel lieber aus deinem eigenen Munde hören— ach, wie ſehr, wie unendlich mich das freut, fuhr ſie gegen Walther gewendet und 232 wieder bewegter fort, ich kann es euch wirklich nicht ſagen und habe jetzt nur noch den Einen Wunſch, daß Ravul hier wäre. Margot ſtand noch immer tief ergriffen und verſchämt da— es war das Alles ſo plötzlich, ſo unerwartet und ſo entſcheidend gekommen, ſie vermochte ihre Gedanken noch nicht zu faſſen und zu ordnen. Der ſtille, Jahre lang gehegte Traum ihres Herzens war zur Erfüllung geworden, er ſtand neben ihr, ſie fühlte den innigen Druck ſeiner Hand, den feſt auf ſie gerichteten leuchtenden Blick ſeiner Augen— er war es und wares auch wieder nicht, nicht mehr der Lehrer ihrer Jugend, er war mit Einem Male mehr, weit mehr, der Inbegriff all ihres Denkens geworden.— Er liebte ſie, er hatte es ihr geſagt, ihr Ohr hatte den Klang dieſer Worte gehört, ſie— ach, auch ſie hatte ihm die lange, nie verloſchene, einzige Liebe ihres Herzens geſtanden— und das Alles, dieſes Außerordentliche war nicht einmal mehr ein Geheimniß— Hedwig wußte es, und bald ſollten es auch Raoul und ihr Vater, bald ſollten es alle Menſchen erfahren— war das Wirk⸗ lichkeit und nicht bloß eine Fortſetzung ihrer Mädchen⸗ Träume?— Und nun, meine liebe Margot, ſagte Hedwig, wel⸗ cher die tiefe Bewegung Margot's nicht entgangen war und in deren Gedanken ſich die Tage von Balagna ver⸗ 233 gegenwärtigten, nun ſei heiter, ſei fröhlich und gefaßt, wie es einer Braut geziemt.— Du därfſ Meine theure Hedwig, unterbrach Margot, ſie leiden⸗ ſchaftlich in die Arme ſchließend, wirſt du mich nun auch immer ſo lieb haben, wie ſonſt— immer? Wie kannſt du daran zweifeln? Die Liebe der Schweſter wird durch dieſen Mann nicht beeinträchtigt werden— doch ich glaube, ihr habt euch noch Vieles zu erzählen, da ich ſo plötzlich in euer Zwiegeſpräch herein⸗ getreten bin— ich will zum Vater gehen, fuhr ſie lächelnd fort, will ihn von dem fremden Beſuch benach⸗ richtigen, will ihn darauf vorbereiten, daß er in ſehr feind⸗ lichen Abſichten gekommen iſt und dieſe auch erreichen wird, oder ſchon erreicht hat— kurz, ich werde ihm ſagen, daß dein Bräutigam da, und die Freude und das Glück mit ihm eingezogen iſt in dieſes Haus, in welchem ſo lange die Trauer und die Beſorgniß gewohnt haben. Aber, Hedwig! rief Margot, wenn— wäre es nicht... Sie vermochte den Satz nicht zu vollenden, denn Hedwig war bereits flüchtigen Schrittes davon geeilt, und ein langer Kuß Walther's verſchloß den kleinen, lieblichen Mund, welcher den vergeblichen Verſuch eines Wider⸗ ſpruchs zu machen bemüht geweſen war. Siebenzehntes Capitel. Am Rachmittage des folgenden Tages ſaß Walther mit Margot in ihrem Zimmer wieder zuſammen. Er hatte während dieſer Zeit von Paris noch gar nichts geſehen, denn was kümmerte ihn Paris mit all ſeinen Herrlich⸗ keiten, was kümmerten ihn ſelbſt die alten Kriegsgefährten, welche er hier hätte finden und begrüßen können, für ihn hatte Paris nur Eines, und dieſes Eine war Margot— Margot, ſeine geliebte, angebetete Braut! Hedwig war ſogleich nach jener Unterredung zu dem Marquis ge⸗ eilt und hatte ihn, ſelbſt noch mit der vollen Erregung des eigenen Gefühls, von Allem in Kenntniß geſetzt. Er war in hohem Grade erſtaunt und überraſcht; da jedoch Hedwig hinſichtlich der Feſtſtellung ſeiner Entſchlie⸗ ßungen ſchon längſt die Stelle ſeiner verſtorbenen Frau ein⸗ nahm, ſo daß er nichts ohne ihre Zuſtimmung und ihren vorher eingeholten Rath unternahm, weil er ſtets des Ra⸗ 235 thes und der Zuſtimmung eines Anderen bedurfte; da Hedwig ferner mit der Schilderung von Margot's Glück begonnen und ihm dann erſt mitgetheilt hatte, daß ſie Walther, ihren Lebensretter und einſtigen Lehrer, immer und unverändert geliebt habe, und daß ihr Glück durch irgend einen Mißton zu ſtören, eine Liebloſigkeit, ja eine Grauſamkeit ſein würde, daß ſie, Hedwig, Walthern ſeit mehren Jahren als einen in jeder Beziehung ehren⸗ haften Mann kenne, der des Beſitzes Margot's durchaus würdig ſei, daß ſie ſelbſt jede Bürgſchaft fürihn übernehme — da verſuchte es der Marquis gar nichk weiter, Ein⸗ wendungen zu erheben, ſowohl aus den angeführten Um⸗ ſtänden, als auch deßhalb, weil er Margot mit wahrer und inniger Zärtlichkeit liebte. Es war daher bald zu all den beglückenden und freu⸗ digen Erklärungen und Herzensergießungen gekommen, welche die unerwartete Verlobung einer geliebten Tochter ſtets in ihrem Gefolge hat. Margot, die jetzt gefeierte Braut, ließ dies Alles wie in einem ſeligen Traume über ſich ergehen und ſah dabei ſo lieblich, ſo ſchön, ſo demuths⸗ voll und doch ſo glücklich aus, daß Walther' Blicke mit unverwandtem Entzücken auf ihr ruhten und ſowohl Hed⸗ wig als ihr Vater ſie immer wieder von ihren Gefühlen überwältigt in ihre Arme ſchließen mußten. Ihre großen, dunkeln, ſanften Augen füllten ſich dabei mit Thränen, 236 denn ihre Seele vermochte das Uebermaß ihres Glückes nicht zu tragen. Als ſie am Abende dann alle zuſammen ſaßen und die Gläſer auf das Wohl des Brautpaares erklangen, kam ein Brief von Ravul, welcher, obgleich in ſchmerz⸗ voller Aufregung geſchrieben, doch auch den letzten Schat⸗ ten aus Hedwig's Empfinden verſcheuchte. Mit Zorn und Entrüſtung ſchrieb er über Marmont's Verrath und daß dieſer allein die Schuld an dem ſchimpflichen Ausgange des Krieges trage— aber auch er erklärte, daß die Sache zu Ende ſei, daß er in wenigen Tagen zurückkehren und niemals unter den Bourbonen dienen werde. Was küm⸗ merte Hedwig Marmont's Verrath; im Herzen haßte ſie Napoleon und erkannte in ſeinem Untergange das einzige Mittel, um ihren geliebten Ravul endlich frei zu wiſſen von den ſteten Gefahren des Krieges. Die ſchmerzliche Empfindung Ravul's, welche faſt allein aus ſeinem Briefe ſprach, beunruhigte ſie nicht— es würde ſich das legen und finden, wenn er nur erſt wieder bei ihr war— end⸗ lich, endlich, ganz und für immer. So verging der Abend in ungeſtörtem Glücke, und weit früher, als es ſonſt üblich, war Walther ſchon am Morgen wieder da. Margot hatte ihn beim Abſchiede leiſe gebeten, recht früh zu kommen, und er war dann noch län⸗ ger als eine Stunde in der einſamen Straße auf und ab 237 gegangen und hatte nach den Fenſtern geſehen, von denen er zwei, wo durch die herabgelaſſenen Vorhänge ein Licht ſchimmerte, für diejenigen hielt, hinter welchen ſie jetzt weilte und ſeiner gedachte. Er hatte ſich in dieſer Voraus⸗ ſetzung auch nicht geirrt, wie er jetzt wußte, wo er mit ihr zuſammen in dieſem Zimmer ſaß, welches ihn, obgleich nichts Aehnliches darin war, doch lebhaft an das der Fich⸗ tenau erinnerte. Der Tag war vergangen, die Stunden dahin geſchwun⸗ den, ſie wußten es kaum; denn ſie hatten ſich ſo unglaub⸗ lich Vieles mitzutheilen und wähnten immer noch, kaum damit begonnen zu haben. Du haſt die Muſit fortgeſetzt? fragte er, während ſein Arm ſie umſchlungen hielt und er ſie zärtlich anblickte. Ich ſehe einen Flügel— willſt du mir nicht einmal zei⸗ gen, welche Fortſchritte du gemacht haſt? ſetzte er lächelnd hinzu. Flügel? fragte ſie mit einer Stimme, als ob ſie ſich ſchäme; meine Mutter verlangte es, ſonſt hätte ich nicht Clavier gelernt. Spiele etwas, bat er, indem er das koſtbare Inſtru⸗ ment öffnete, es würde mir eine große Freude gewähren, dich zu hören. Sie blickte ihn faſt verlegen an, ſetzte ſich und ſpielte den Anfang einer ſchwierigen Sonate. Dann, während 238 er mit Entzücken ihrem vollendeten Spiele lauſchte, brach ſie plötzlich ab. Laß mich nicht Flügel ſpielen, bat ſie— es iſt dies ſo fremd, ſo— es erfreut mich nicht. Soll ich die Gui⸗ tarre holen? fragte ſie dann mit kaum hörbarer Stimme weiter— die Guitarre, welche du mir geſchenkt haſt, da⸗ mals. Du beſitzeſt ſie noch? ſagte er mit leuchtenden Bli⸗ cken; du haſt dich dieſes werthloſen Dinges nicht ent⸗ äußert? Konnteſt du das von mir glauben? erwiederte ſie vorwurfsvoll, indem ſie raſch aufſtand, in ein anderes Zimmer eilte und mit dem Inſtrumente zurückkehrte. Ach, wie lebten jetzt, während ſie ſo da ſtand, die Guitarre in der Hand, und ihn ſo freudig anblickte, all die alten, ſchö⸗ nen Erinnerungen wieder in ihm auf! Sie mußte es dulden, und ſie duldete es auch, daß er ſie begeiſtert in ſeine Arme ſchloß und ſie immer wieder küßte, wenn ſie zu reden beginnen wollte. Komm, komm, meine Geliebte, ſagte er dann, indem er ſie neben ſich auf einen Seſſel zog— komm, laß uns ſpielen, laß uns ſingen, wenn wir es vermögen, ganz ſo wie damals in der Fichtenau! Ja, ja, ganz ſo, erwiederte ſie voll Glück— hier ſind auch die Noten. Weißt du noch, was wir zuletzt ſingen 239 wollten? fuhr ſie fort, das Notenheft vor ihm ausbreitend — an jenem Abende, wo du nicht kamſt und ich ſo lange vergebens auf dich wartete— und dann reiſteſt du ab und wir ſangen es gar nicht, obgleich ich es mir eingeübt hatte— es war das Duett aus dem Figaro— ſollen wir es jetzt ſingen? Er nickte ſtumm, ſie ſchlug die begleitenden Accorde an und ſie begannen— aber ſie kamen nicht über wenige Takte hinaus, ihre Stimme begann zu beben, ihre Augen füllten ſich mit Thränen— er hatte ſchon längſt aufgehört und ſchloß ſie jetzt von Neuem im Uebermaße des Ent⸗ zückens in ſeine Arme. Wir ſangen zum Abſchiede ein kleines Lied— erin⸗ nerſt du dich noch daran? ſagte er dann nach einiger Zeit: Morgen muß ich fort von hier— wir ſangen es nicht zu Ende, denn du ſprangſt plötzlich auf, entflohſt aus dem Zimmer und ich erkannte, als es zu ſpät war, daß du mich ſchon damals ein wenig lieb hatteſt; wollen wir es jetzt ſingen? fragte er, als ſie verſchämt die Augen niederſchlug. Jetzt nicht, jetzt nicht— ich könnte es jetzt eben ſo wenig, flüſterte ſie; damals konnte ich es nicht, weil ich zu betrübt war, und jett Nun, und jetzt? fragte er zärtlich, als ſie ſchwieg. Jetzt nicht— weil ich zu glücklich bin. Du haſt Recht, ſagte er mit bebender Stimme— 240 ich habe nie geglaubt, daß es ein Uebermaß von Glück ge⸗ ben könne. Die Dämmerung ſenkte ſich in das Zimmer und ein Diener brachte Licht. Margot hatte den Flügel wieder ge⸗ ſchloſſen und die Guitarre darauf gelegt. Beide verzichteten nach dieſem fruchtloſen Verſuche auf die Fortſetzung der Muſik. Sie ſprachen von Neuem von den vergangenen Tagen, indem ſie ſich aller Einzelheiten erinnerten und ſich gegenſeitig beglückten, weil Jeder des Anderen Erinnerun⸗ gen zu ergänzen bemüht war, ohne daß es ihm oder ihr gelang, irgend einen Vortheil in dieſem Wettſtreite der Liebe zu erringen. Wie kannſt du glauben, daß ich jenen Tag vergeſſen hätte? erwiederte ſie lebhaft, als er von einem Spaziergange ſprach, den ſie gemeinſam gemacht und auf dem er ſie in der Kunſt, zierliche Feldblumen zu kleinen Sträußen zu ordnen, unterrichtet hatte. Flüchtigen Schrittes enteilte ſie wieder und kam mit einem Käſtchen zurück, jenem Heilig⸗ thume ihrer Mädchengedanken, in welches noch kein frem⸗ des Auge einen Blick gethan. Das Verlangen, ihm zu zeigen, daß ſie immer ſeiner gedacht, ließ ſie es jetzt öffnen. Hier iſt der kleine Strauß, ſagte ſie tieferröthend, ein welkes Bouquet herausnehmend, um welches ein ſchmaler Streifen Papier geſchlungen war, welcher das Datum des Tages trug, an dem es gepflückt war— ich habe es ſorg⸗ fältig bewahrt, denn ich Sie brach plötzlich erröthend ab, als ſie zu ihm auf⸗ ſah und die tiefe Bewegung gewahrte, mit welcher ſein Auge an ihren ſonſt ſo ſorgſam verwahrten Schätzen hing. Sie lagen jetzt alle offen vor ihm da; verſchämt und tief erröthend machte ſie den Verſuch, das in der Erregung des Augenblickes geöffnete Käſtchen wieder zu ſchließen, aber er hinderte ſie daran und ſie mußte es dulden, daß er Alles herausnahm ſeine mit einem ſeidenen Bande umwunde⸗ nen Briefe, den Strauß, die welken Blumen, jedes Ein⸗ zelne, und daß er ſie jedes Mal an ſich zog und küßte, ohne ſelbſt ein Wort dabei zu reden, weil er es nicht ver⸗ mochte. Sie duldete es auch und ſchmiegte ihren Kopf verſchämt an ſeine Bruſt, während ſeine Arme ſie lange innig umſchlungen hielten. O, Margot, flüſterte er dann mit vor Bewegung be⸗ bender Stimme, wie viel, viel beſſer biſt du, als ich— ich werde deine Liebe nie, niemals vergelten können, wenn auch mein Denken und Handeln nichts mehr ſein wird, als das Beſtreben, dich glücklich zu machen bis an das Ende meiner Tage! In ſolch wundervoller Weiſe verflogen für ſie die Stunden jener Tage; aber was wir zu ſchildern verſucht W. 16 242 haben, ſind nur ſchwache Rebelbilder, welche weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben.— Am anderen Tage kam Raoul. Seine Stimmung war ernſt und voll verhaltenen Grimmes über den gegen ſeinen Kaiſer verübten Verrath, über die ihm gewordene ſchimpfliche Behandlung und über die Erhebung und Hul⸗ digung der verhaßten Bourbonen. Erwarſogleich zu Hed⸗ wig geeilt und als er dann erſt nach mehren Stunden mit ihr erſchien, um auch die Anderen zu begrüßen, war durch Hedwig's Liebe und durch die auch für ihn unerwartete Nachricht von Margot's Verlobung der Schmerz ſeiner Seele gemildert. Nach Hedwig liebte er Margot von allen Menſchen am meiſten, und als ſie nun erröthend, aber mit dem Aus⸗ prucke unendlichen Glückes in ſeine Arme flog und er ſie tief ergriffen längere Zeit umſchlungen hielt, da fühlte er, daß der Schmerz und die Trauer des Soldaten nicht ſtörend als ein Schatten auf die Freude ihres Herzens fallen dürfe. Schon als ich in Wallfort war, meine liebe, gute Margot, ſagte er bewegt— dachte, wünſchteich dieſe Stunde— wenn auch in anderer Weiſe. Dann ſich zu Walther wendend, rreichte er dieſem, ihn feſt anſehend, die Hand und ſagte mit herzlichem Tone: Es gewährt mir eine große Freude, den feindlichen Freund fortan auch Bruder nennen zu können und ich lege das Glückmeiner geliebten Schweſter vertrauens⸗ voll in Ihre Hand. 243 Die beiden jungen Männer umarmten ſich und erneu⸗ erten den Bund, welchen ſie vor einem Jahre in Walffort geſchloſſen hatten. Man vermied es abſichtlich, von den Ereigniſſen des Tages zu reden, die noch immer zu keinem feſten Abſchluſſe gekommen waren, da ſie die verſchiedenen Anſchauungen und Intereſſen ſo widerſprechend berührten, ſondern be⸗ ſchäftigte ſich nur mit Margot's Glück, welches wie eine liebliche Blume ſeinen verſöhnenden Hauch und Duft da⸗ rüber ausſtrömte, und auch Ravul's Stimmung wurde nach und nach eine innerlich beruhigtere, wenn ſeine Augen, nachdem ſie voll Mitgefühl auf Margot's glücklichem Ge⸗ ſichte geruht, zu Hedwig hinüberflogen, bei welcher die Freude, ihn wieder zu beſitzen, jede andere Empfindung überwog. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt, als Wal⸗ ther endlich ſchied und Raoul mit Hedwig ſich zurückzog. Tadle mich nicht, ſagte dieſe, ſich zärtlich an ihn ſchmie⸗ gend, als ſie allein waren, tadle mich nicht, wenn ich viel⸗ leicht deinem Schmerze und deiner Trauer nicht Rechnung genug getragen babe,— ich fühle deßhalb doch mit dir— Alles und Jedes, aber die Freude, dich wieder zu beſitzen, mich jetzt nie mehr von dir trennen zu dürfen, überwiegt Alles. Ich würde dich ja nicht ſo lieben, wie ich es thue, wenn es anders wäre. Warum ſprichſt du ſo? erwiederte er, während er ſie 16* 244 küßte— bin ich noch immer nicht genug in deiner Schuld? Ich weiß es, deine ſtarke Seele hat nicht gezagt, als die Pflicht mich von dir rief, um dem Gebote der Ehre zu fol⸗ gen— denn der Mann ohne Ehre iſt der Liebe des Wei⸗ bes nicht werth, und du am wenigſten hätteſt mich lieben können, wenn ich meinem Kaiſer untreu geworden— mei⸗ nem Kaiſer, ſetzte er inniger und leiſer hinzu— nicht deinem. Ich wußte es immer und doch hatteſt du nie ein Wort des Vorwurfes, nicht einmal ein Wort der Ab⸗ mahnung. Ach— ich würde dich doch und immer geliebt haben, Raoul, ſagte ſie, aber weil ich dich ſo ſehr liebe, deßhalb konnte ich nicht anders handeln. Ich weiß das— ol ich wußte das immer, erwiederte er mit leuchtenden Blicken, du haſt nicht nöthig, es mir noch zu verſichern— aber jetzt iſt es zu Ende, der Kaiſer iſt verrathen und verbannt, jetzt... Jetzt bleibſt du immer, immer bei mir, kein Gebot der Ehre ruft dich mehr fort in den blutigen, verderblichen Krieg. Keines, wiederholte er melancholiſch, die Sache iſt ab⸗ gethan, und ich kann endlich, fuhr er wieder freudiger fort, endlich den Anfang machen, dir deine große Liebe zu ver⸗ gelten und meine Schuld gegen dich abzutragen. O! ſprich nicht ſo, Raoul, du betrübſt mich, ich ver⸗ lange nichts als deine Liebe und daß du mir angehörſt. Aber dieſe Liebe hat bisher nichts gethan, als ſich von der deinigen übertreffen laſſen; du haſt ihr Alles geopfert, Vater und Vaterland, biſt mit mir zu deinen Feinden ge⸗ zogen, mit mir, der dich nur hieher geleitet, um gegen die Deinen in den Kampf zu ziehen. Konnte es anders ſein? Warum wiederholſt du das immer wieder, da es ſich doch von ſelbſt verſtand? Weil ich jetzt mit dir ziehen will, meine geliebte Hedwig, mit dir in dein Vaterland, um immer dort zu bleiben. Ravul! Raoul! rief ſie, von dieſer beglückenden Vor⸗ ſtellung erfaßt, wäre es möglich! Nicht nur möglich, es iſt ganz gewiß, zweifle nicht daran— freuſt du dich darüber, biſt du glücklich, daß es geſchieht? Nicht wahr— du kannſt jetzt nicht ſcherzen— es wäre grauſam? Scherzen? Sieh in meine Augen und überzeuge dich, wie unendlich glücklich es mich macht, dir dies ſagen zu können. Aber wie, wie ſollte das geſchehen? Willſt du mich nicht haben in Wallfort? fragte er lächelnd, oder glaubſt du, dein Vater könnte Einwendungen erheben, wenn.... 246 Iſt es wahr, wirklich wahr, du wollteſt mit mir nach Wallfort ziehen? Nach Wallfort, oder wohin du willſt, überall hin, wo du es verlangſt. Zweifle nicht daran; ſchon damals, als ich dich mitnahm aus der Heimath und dem Hauſe deiner Jugend, ſchwebte es mir vor wie die Erfüllung eines ſchönen Traumes, dich einſt wieder dahin zurückzu⸗ führen, dich, die du Alles für mich geopfert haſt, während ich immer nur von dir empfangen. Die Zeit hat anders entſchieden, als ich es gehofft, aber jenen Vorſatz hat ſie zur früheren Erfüllung gebracht.— Ich habe bereits auf⸗ gehört, franzöſiſcher Offizier zu ſein, und meinen Abſchied eingereicht, den man mir zu ertheilen gewiß keinen Anſtand nehmen wird. Ich wollte dir das Alles erſt ſpäter ſagen, aber wozu noch zögern, dir eine Nachricht mitzutheilen, die dich erfreuen wird— jetzt, da auch Margot's ferneres Ergehen mir keine Beſorgniß mehr macht? Ich kann es immer noch nicht glauben, noch nicht für möglich halten! Scheint es dir denn ſo wenig möglich, daß ich fortan nur für dich leben will, haſt du überhaupt daran gezwei⸗ felt, daß dies mein feſter Wille ſein werde, bis ans Ende meines Lebens, als du den armen Gefangenen in Balagna mit deiner Liebe beſchenkteſt? Wir werden jetzt auch ein gemeinſames Vaterland haben, denn ich werde aufhören, 247 ein Franzoſe zu ſein. Sie haben die ſtolze Tricolore von den Tuilerien herabgeriſſen, und ich werde niemals unter dem Schatten der weißen Lilienfahne wohnen! O, wie glücklich werden wir ſein! rief ſie jetzt in der vollen Ueberzeugung der Erfüllung ihres heißeſten und ſtets geheimen Wunſches, wie unendlich dankbar bin ich dieſer Lilienfahne, da ſie dich mir ganz zu eigen gibt. Richt jene Lilien ſind es, du ſüße Thörin, ſprach er zärtlich— wie wenig kennſt du deine Macht und deine Schönheit! Nichts, nichts will ich kennen, als deine Liebe, und die kenne ich jetzt— es gibt nur Eine, die ihr gleich kommt— die meinige. Sie ſank ſelig in ſeine Arme und ruhte darin, wäh⸗ rend der Mond draußen einſam durch den dunkelblauen Himmel zog und ſein matter Strahl auf den herabgelaſſenen Vorhängen der Fenſter phantaſtiſche Reflexe bildete. Achtzehntes Capitel. Die Mittheilung Ravul's an Hedwig blieb vorläufig zwiſchen ihnen ein Geheimniß; es gab ja ſo Vieles zu beſprechen und zu erwägen, und Hedwig bat ſelbſt ihren Gatten, den Marquis, deſſen Gedanken und Empfin⸗ dungen ohnehin ſo vielſeitig und außergewöhnlich in Anſpruch genommen wurden, jetzt noch nicht durch die Nittheilung dieſes neuen Plans zu beunruhigen. Wal⸗ ther hatte jetzt auch Gelegenheit gefunden, in Begleitung ſeines künftigen Schwagers Paris zu durchſtreifen, und auf dieſen Wanderungen nicht nur Alfred getroffen, ſon⸗ dern auch den Major Ardatow kennen gelernt, welcher Ravoul mit unverhohlener Freude wiedergeſehen und von dieſem Walther vorgeſtellt worden war. Er erkundigte ſich natürlich ſogleich mit großem Intereſſe nach Hedwig und nahm gern die Einladung Raoul's zum Abendeſſen an. 249 Man war ſehr heiter und vergnügt an jenem Abende, an welchem Alfred Margot ſeinen Glückwunſch abſtattete und dann ſeinem Freunde lächelnd zuflüſterte, daß er jetzt ſeine langjährige Ausdauer vollkommen gerechtfertigt finde. Hedwig's Benehmen gegen den Major war offen und herzlich, und er gab ſich in derſelben Weiſe, denn es be⸗ ſtand nichts mehr zwiſchen ihnen, was ſie daran gehindert hätte. Nur Margot empfand eine gewiſſe Scheu vor dieſem Manne, von dem ſie erfahren, daß er den Herzog getödtet hatte, und konnte dieſelbe, ungeachtet Walther's Vorſtellungen, nicht überwinden. Es iſt eine wunderbare Zeit, bemerkte der Major im Laufe der Unterhaltung, ſo wunderbar, daß man zuweilen ſich förmlich fragen muß, ob das Alles wirklich erlebt und nicht bloß geträumt worden. Wer hätte damals in Petersburg oder in Wilna denken können, daß wir uns hier in Paris und unter ſolchen Verhältniſſen wiederſehen würden? Das hätte Niemand vorausſehen können, erwiederte Hedwig, indem ſie Ravul freundlich anſah— ich am wenigſten; aber wir haben keine Urſache, uns deßhalb zu beklagen. Der Menſch iſt niemals ganz zufrieden, ſagte der Major leichthin— doch Sie haben Recht, Sie beſonders, 250 wenn ich auch noch immer allerlei Wünſche in Vorrath beſitze. Weil Sie ungenügſam ſind. Sie ſagten mir einſt, daß Sie Ihr künftiges Glück allein von Ihrem Degen erwarteten. Ich ſollte glauben, er habe Ihr Vertrauen vollſtändig erfüllt, da, wie Sie ſagten, Ihre Ernennung zum Oberſten nahe bevorſtehend iſt. Sagte ich das? fragte der Major mit einem etwas melancholiſchen Lächeln; wenn ich offenherzig ſein ſoll, ſo muß ich geſtehen, daß ich jetzt des Krieges und dieſer fortgeſetzten Menſchenſchlächterei vollſtändig ſatt bin. Darin theilen Sie die Empfindungen aller lebenden Menſchen; aber der Krieg hat Ihnen Ehre und Ruhm gebracht und Sie können derſelben ſich jetzt in Ruhe erfreuen. Wenn ich nur nicht eine ſo unruhige Natur wäre— doch ein Jeder iſt ſo, wie ihn der liebe Gott hat werden laſſen, und ich werde meine Eigenſchaften ebenfalls be⸗ halten und tragen müſſen, die vielen böſen und die we⸗ nigen guten. Unter den vielen letzteren vorzugsweiſe Ihre Be⸗ ſcheidenheit— doch ich will nicht dazu beitragen, Ihre Tugenden noch in größerem Glanze erſcheinen zu laſſen, ſie möchten ſonſt beeinträchtigt werden; erzählen Sie uns 251 lieber etwas aus Ihrer Heimath— haben Sie keine Briefe von Ihrer Frau Schweſter? Ach ja, erwiederte der Major mit einer gewiſſen Ver⸗ legenheit, welche ſeinem männlichen Geſichte nicht unſchön ſtand— meine Frau Schweſter iſt jetzt Fürſtin Boridow — eine Ehre, um die ich ſie wenig beneide. Fürſtin Boridow! rief Hedwig mit ſichtlicher Ueber⸗ raſchung; hat der Fürſt.... Er hat, ergänzte der Major, als ſie unwillkürlich ſtockte— ja, er hat ſie geheirathet, ſetzte er mit ſeinem fröhlichen Lächeln hinzu; es iſt dies auch eine etwas wunder⸗ bare, wenigſtens ſonderbare Geſchichte— aber man darf ſich jetzt einmal über nichts mehr wundern— es liegt Alles in der Luft! Weßhalb wunderbar? Ich finde es ſehr natürlich, ſehr vernünftig, und freue mich herzlich darüber, bemerkte Hedwig. Vernünftig? Vernünftig kann man es keinenfalls nen⸗ nen, wenn ein ſo alter, abgelebter, launiſcher und boshafter Mann noch wieder heirathet, und wenn ich meine Schweſter geweſen wäre, ſo würde ich ihn nie genommen haben. Wann hat denn die Vermählung Statt gefunden? O, ſchon faſt vor einem Jahre, gleich nach der Ab⸗ reiſe Ihres Herrn Vaters; über die Flitterwochen ſind ſie längſt hinaus, ſetzte er lachend hinzu. 5 252 So bald? Ja, ſo bald; ich bin überzeugt und habe es auch aus einigen Andeutungen in den Briefen meiner Schweſter erſehen, daß der Aerger über— über Ihre plötzliche Ab⸗ reiſe, meine gnädige Frau, hauptſächlich ihn zu dieſem raſchen Entſchluſſe gebracht hat. Ich wiederhole meinen herzlichen Glückwunſch und freue mich beſonders Ihretwegen, Herr Major! Meinetwegen? fragte dieſer mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Sie denken an die Erbſchaft, an die Million, in deren Beſitz die Frau Fürſtin, meine Schweſter, hoffent⸗ lich bald gelangen wird— ich beneide ſie auch darum nicht und wünſche ihr jetzt beſonders ein recht langes Leben, damit der Preis mit der Waare wenigſtens in einigem Verhältniſſe ſtehe. Ich mag mit dieſem Fürſten und mit Allem, was von ihm kommt, nichts zu thun haben; meine Schweſter denkt über Vieles ſehr verſchieden, wie Sie ſelbſt von ihr erfahren haben. Ich bin feſt ent⸗ ſchloſſen, ſie jetzt nicht aufzuſuchen, ſondern ſo lange zu meiden, bis ſie die erwünſchten S für ihren Herrn Gemahl angelegt haben wird. Sie urtheilen ſcharf, Herr Major. Aber ich bin überzeugt, daß Sie nichts Anderes von mir erwartet haben, wenigſtens würde es mich betrüben, wenn es nicht ſo wäre.— Doch laſſen Sie uns über 253 dieſen Gegenſtand nicht weiter reden; ich hoffe, in Ihrer Werthſchätzung durch die Verwandtſchaft mit dem Herrn Fürſten nicht zu verlieren, denn ich bin ſelbſt durchaus unbetheiligt daran und freue mich jetzt mehr als jemals der Unabhängigkeit, welche ich durch meinen Degen er⸗ langt habe. Der König wird in ſpäteſtens vierzehn Tagen erwar⸗ tet, bemerkte der Marquis, dem Geſpräche die erwünſchte andere Wendung gebend; man bereitet Alles zu ſeinem feſtlichen Empfange vor. Er wird die Charte beſchwören und Frankreich dann ein conſtitutioneller Staat ſein. * Auf dem Papier, ſagte Raoul mit finſterer Miene. Dieſe Charte iſt nichts als ein Stück Papier, welches nicht einmal in Frankreich fabricirt worden iſt. Frank⸗ reich aber erhält die Gränzen von 1792 und verliert alle ſeine glorreichen Eroberungen— fünfzehn Nillionen Einwohner! Die aber niemals Franzoſen waren, erwiederte der Maior, und es nur gezwungen geweſen ſind. Mag ſein; der Krieg hat entſchieden und der Friede dienen! Es war ein Mißton, welcher durch dieſe politiſche Erörterung plötzlich in die ſonſt heitere Stimmung fiel, und der Major bemühte ſich, während er die beſorgten 5 „ iſt geſchloſſen— ich aber werde niemals den Bourbonen. 254 Blicke Hedwig's ſah, mit dem ihm eigenen Wohlwollen und der Offenheit ſeines Charakters, denſelben wieder auszugleichen. Ich kann Ihnen das nicht verdenken, Herr Kamerad, ſagte er freundlich, ſich an Raoul wendend; wenn ich ſo lange unter Ihrem ſiegreichen Kaiſer wkinpft hätte, ich würde eben ſo handeln. Hätte Napoleon in Rußland geſiegt und unſeren geliebten Zaren abgeſetzt, um uns einen anderen Kaiſer zu geben, ſelbſt wenn er irgend einen Anſpruch auf den Thron gehabt— ich hätte meinen Degen an den Ragel gehängt; denn wenn auch der Sol⸗ dat den Befehlen zu gehorchen hat, ſein Eid bleibt ſein Eid, und er muß demjenigen die Treue halten, dem er ſie geſchworen. Es freut mich, daß Sie ſo denken, ſagte Ravul, dem Major die Hand reichend; ich habe meinem Kaiſer ge⸗ ſchworen und werde niemals einem Anderen, niemals ſeinen Feinden dienen! Das iſt das Geſetz der Ehre, ſagte Walther, und es iſt Niemand unter uns, welcher anders dächte! Hedwig ſah mit einem dankbaren Blicke zu Walther und dem Major hinüber, und Margot empfand zum erſten Male weniger Scheu vor dem Manne, welcher ſo offen, ſo anſpruchslos und ſo ehrenhaft ſprach. Wir werden Paris bald verlaſſen, fuhr der Major 6 5 255 fort; die Armeen ſollen nach dem Frieden aus Frankreich zurückmarſchiren, und uns wird man ſo bald als möglich aufbrechen laſſen, da wir einen ſo weiten Weg haben. Margot blickte ängſtlich auf Walther, der die Be⸗ deutung dieſes Blickes und die darin liegende Beſorgniß einer abermaligen Trennung erkannte. Aber was hatte dieſe Trennung jetzt zu bedeuten, wenn ſie überhaupt ein⸗ trat, wenn es ihm nicht vielleicht gelang, Urlaub oder gar ſeinen Abſchied zu erhalten? Dieſe Trennung ſollte aber ſehr bald eintreten, da ſein Urlaub in wenigen Tagen abgelaufen und die Ordre bereits eingetroffen war, daß ſein Regiment mit den erſten Truppen den Rückmarſch anzutreten habe. Nachdem Walther den Befehl empfangen, in acht Tagen ſich bei ſeinem Regimente einzufinden, und es da⸗ durch zweifelhaft geworden war, ob er überhaupt noch⸗ mals nach Paris zurückkehren werde, bevor er ſeine Ent⸗ laſſung oder einen längeren Urlaub erhalten, mußte die Frage der Zukunft in beſtimmte Erwägung gezogen wer⸗ den— die außergewöhnlichen Zeitereigniſſe verlangten außergewöhnliche Maßnahmen. Margot dachte nur an die bevorſtehende Trennung, und wenn ſie auch vielleicht noch an etwas Anderes dachte, ſo lag es doch nicht in ihrem Weſen, dies in irgend einer Weiſe zu erkennen zu geben. Anders verhielt es ſich mit Walther— der 256 Beſitz Margot's, das höchſte Glück ſeines Lebens, bildete das ungetheilte Ziel ſeiner Gedanken. Am liebſten hätte er ſogleich ſeine Hochzeit begehen und ſie mit ſich nehmen mögen, um nicht dem Zufalle, welcher ſchon ſo oft zwiſchen ihn und die Erfüllung ſeiner Wünſche getreten war, neue Gelegenheit zu unvorhergeſehener Zögerung zu geben. Er fand jetzt Raoul's und Hedwig's eilige und heimliche Vermählung durchaus gerechtfertigt und zog einen Augen⸗ blick in Erwägung, ob nicht ähnliche Momente für ihn vorliegen könnten; da er dieſe jedoch nicht aufzufinden vermochte, ſo wandte er ſich an Hedwig und Raoul, um mit dieſen einen ſeinen Wünſchen entſprechenden Plan feſtzuſtellen. Wie er gehofft, fand er in Hedwig eine ergebene und helfende Verbündete. Sie hätten kaum nöthig gehabt, uns das Alles mit⸗ zutheilen, erwiederte ſie, ich fühle in Ihrer Seele und auch in derjenigen unſerer lieben Margot, obgleich ſie ſelbſt nicht darüber ſpricht, nicht einmal gegen mich. Es läßt ſich aber doch nicht ändern, Sie müſſen noch einmal fort, das letzte Mal, und wenn Sie nicht ſo unge⸗ nügſam wären, ſo würden Sie für jetzt gar nicht mehr verlangen. 2 Mögen Sie immerhin eine ungünſtige Meinung von mir haben— ich verlange dennoch mehr, ich will nicht von hier ſcheiden, ohne daß wir hinſichtlich der Zukunft feſte Verabredungen getroffen, und ich habe geglaubt, Sie würden mich darin unterſtützen. 3 Warum gerade ich? fragte ſie lächelnd. Weil Sie meine Freundin ſind. Nun, ſo laſſen Sie uns denn feſtſetzen und beſtim⸗ men! Ach, wie herrlich iſt es, wie glücklich macht es mich, daß wir uns auf dieſem Standpunkte befinden! Sie haben Vorſchläge zu machen, denn Sie ſind die Hauptperſon, das heißt nach Margot, verſteht ſich. So lange Sie noch im Brautſtande leben, ſetzte ſie mit einem zärtlichen Blicke auf Raoul hinzu, iſt Margot die Erſte, dann natürlich treten Sie an dieſe Stelle. Glauben Sie das nicht, bemerkte Ravul, glauben Sie ſolche Verleumdungen nicht, da Sie ſich täglich vom Gegentheil überzeugen. Nun, laſſen wir das; alſo wie iſt Ihr Plan? Mein Plan? fragte er, indem er leicht erröthete, mein Plan iſt, ſobald als möglich Ihnen beweiſen zu können, daß, ſo weit es meine Perſon betrifft, Ravul Recht hat. Ach, das ſind unbeſtimmte und zu allgemeine An⸗ deutungen! Bedenken Sie, daß Sie uns in wenigen Tagen verlaſſen müſſen, und ſprechen Sie daher ohne Rückhalt. Nun denn, ſo hören Sie das Ergebniß meines Nach⸗ denkens, ſagte er ernſt. Ich bin zu dem Entſchluſſe ge⸗ w. 17 258 kommen, meine Stellung in Wallfort aufzugeben und mir eine eigene und unabhängige Häuslichkeit zu gründen. Wir haben das von Ihnen erwartet und bereits darüber geſprochen. Es freut mich, daß Sie dieſen Entſchluß billigen, ſagte er freudig, ich beabſichtige, entweder, wenn es die Umſtände geſtatten, mit Wehring ein Compagniegeſchäft zu begründen, oder mich in der Nähe der Fichtenau an⸗ zukaufen. Die Fichtenau übt noch immer eine ſehr große An⸗ ziehungskraft auf Sie aus. Eine Kraft, welche ſie niemals verlieren wird, ſchon weil meiner geliebten Margot ſchönſte Erinnerungen in dieſem reizenden Thale weilen. Wie er ſchwärmeriſch geworden iſt, ſagte Hedwig lächelnd zu Ravul, indeſſen ſie Beide müſſen am beſten wiſſen, wo ſie ferner leben und ihr Glück genießen wollen. Alſo ſetzen wir feſt, Sie werden künftig in oder in der Nähe der Fichtenau wohnen. Nun weiter. Ich werde alſo, wenn ich meinen Abſchied hte habe, um den ich einkomme, ſobald der Friede geſchloſſen iſt, nach der Fichtenau reiſen, dort die nöthigen Einlei⸗ tungen treffen, welche keiner großen Zeit bedürfen werden, höchſtens einige Tage, dann ſogleich hierher zurückkehren, um— Margot abzuholen. 259 Nun, und weiter? fragte ſie, als er ſchwieg. Weiter? Sie ſehen mich ordentlich erſtaunt an, aber Sie waren von jeher ein Egoiſt, der nur an ſich denkt.— Sind Sie wirklich mit Ihrem Plane zu Ende— an uns denken Sie gar nicht? An Sie? wiederholte er— für Sie habe ich die große Bitte, daß, während ich fort bin.... Ach, das verſteht ſich Alles von ſelbſt— aber, da Sie ſo wenig an uns denken, ſo hören Sie jetzt auch meinen Plan, vielleicht gefällt er Ihnen doch noch beſſer, und zwar deßhalb, weil er nicht von mir, ſondern von Margot kommt. Von Margot! rief er freudig, ſie hätte.... O nein, ſie hat nicht, unterbrach ſie ihn— ich habe nur in ihrer Seele geleſen, wir Frauen beſitzen für Der⸗ artiges ein feineres Verſtändniß. Ehe ich jedoch weiter rede, fuhr ſie fort, muß ich Ihnen mittheilen... Daß wir Beide nach Wallfort ziehen, ergänzte Raoul, und mein Vater uns dahin begleiten wird, um ebenfalls dort zu bleiben. Sie, Sie verlaſſen Frankreich— Sie ziehen nach Wallfort? Finden Sie das nicht natürlich? iſt es nicht nur ein ſehr geringer Beweis..... 260 Schweige, ſchweige— bat ſie, ihn zärtlich anſehend — ach, Sie glauben nicht, wie glücklich mich das macht — alſo, wir ziehen nach Wallfort, fuhr ſie wieder in der vorigen neckenden Weiſe fort, weßhalb wollen Sie daher erſt wieder die weite Reiſe nach Paris machen, wir könnten Ihnen ja entgegen kommen. Entgegen kommen! rief er mit raſcher, freudiger Ver⸗ ſtändigung— entgegen kommen bis in die Fichtenau Und dort in der kleinen Dorfkirche oben auf dem Berge, in welcher Margot confirmirt worden iſt— dort, dort würde ſie für immer die Meine werden! O, ich vermag dieſen Gedanken noch gar nicht zu faſſen, er iſt zu ſchön, zu wundervoll— und Margot— wie glücklich wird ſie ſein!— Laſſen Sie mich Ihnen vor Allem danken. Er ſchloß ſie und Raoul bei dieſen Worten ſtürmiſch in ſeine Arme, ohne daß er daran gehindert wurde. Ungeſtümer Menſch, ſagte Hedwig dann, alſo Sie ſind damit einverſtanden? Einverſtanden? Sie können noch fragen— aber jetzt muß ich zu ihr— ich muß ihr das mittheilen— ſie muß es wiſſen, muß es erfahren— denn ich beſitze nicht die Macht und die Fähigkeit, dieſes Glück auch nur einen Augenblick allein ohne ſie zu tragen! Er eilte fort, und ſie ſahen ihm, ſelbſt von innerer, tiefer Bewegung ergriffen, eine Zeit lang ſchweigend nach. * * Sie werden recht glücklich ſein, ſagte ſie dann leiſe. So glücklich, wie wir, erwiederte er, ſie innig in ſeine Arme ſchließend, das iſt das Höchſte, was wir ihnen wünſchen können. Daß Margot mit freudigem Herzen dieſem Plane ihre Zuſtimmung gab, werden wir nicht nöthig haben, zu bemerken, und ſo begannen denn ſogleich all jene Vor⸗ bereitungen und Anordnungen, welche man während des kurzen noch gemeinſamen Beiſammenſeins auszuführen hatte. Es wurden eine Menge Briefe geſchrieben, alle voll des freudigſten Inhaltes. Walther und Margot ſchrieben an Wehrings, an Walther's Mutter, er an den Grafen, Ravul und Hedwig ebenfalls an dieſen, auch der Marquis fügte ein Schreiben bei, und der Inhalt aller dieſer Briefe enthielt die Kunde, daß Ravul, Hedwig und der Marquis nach Wallfort ziehen und dort bleiben, daß Walther und Margot in der Fichtenau Hochzeit halten und dann ſich dort anſäſſig machen würden, und daß man ſich zur Feier dieſer Hochzeit gemeinſchaftlich in der Fichtenau zuſammenfinden wolle. Der Graf und Wal⸗ ther's Mutter ſollten von Wallfort aus kommen, Wal⸗ ther ſelbſt wollte ſofort nach erhaltenem Abſchiede dahin abreiſen, und der Marquis, Ravul, Hedwig und Margot von Paris ſich dahin begeben. Den Zeitpunkt ſetzte man auf vier Monate feſt, bis wohin der Marquis ſeine Ver⸗ 262 hältniſſe geordnet und Walther ſeinen Abſchied würde erhalten haben.— Dann, nachdem dies Alles geſchehen und vorbereitet war, küßte er aus ihren ſchönen Augen die Thränen fort, mit welchen der Schmerz der Schei⸗ dungsſtunde ſie erfüllt hatte. Weine nicht, Geliebte, flüſterte er ihr zu— es iſt nur ein kurzer Abſchied und der letzte; wenn wir uns wiederſehen, werden wir uns nie, nie mehr trennen. Ach, ich wollte nicht weinen, ſprach ſie kaum hörbar — ich hatte es mir ſo feſt vorgenommen— aber nun kann ich doch nicht anders. Ueunzehntes Capitel. Es iſt lange her, geneigte Leſerin, als wir zum letz⸗ ten Male zuſammen in der Fichtenau waren; wir haben Deine Geduld durch den Gang unſerer Geſchichte auf manche harte Probe geſtellt, indem wir Dich durch weite Länder nach Oſten und Weſten geführt. Das Intereſſe, welches wir an den uns lieb gewordenen Perſonen nah⸗ men, hat uns vielleicht verleitet, Manches ausführlicher zu erzählen, als es nöthig geweſen wäre; dennoch glau⸗ ben wir, daß Du uns jetzt noch einmal willig nach jenem anmuthigen Thale folgen wirſt, in welchem unſere Ge⸗ ſchichte begonnen hat.— Wir befinden uns im Monat Auguſt. Das Laub der Wälder zeigt eine tiefe Färbung; hier und da ſchim⸗ mert bereits ein gelblicher, an den kommenden Herbſt mahnender Ton hindurch, wie ein weißes Haar in den Locken eines kräftigen Mannes; die Wieſen prangen noch 264 in friſchem, üppigem Grün, der Bach zieht in raſchem Laufe hindurch und ſeine klaren Wellen zerſtäuben in ſil⸗ bernem Schaum, während ſie ſich über die Steine des Wehres hinabſtürzen; die hohen Eſſen ſenden ihre dun⸗ keln Rauchwolken gleich wehenden Schleiern in die klare, elaſtiſche Luft hinaus; Haus und Garten, in welchen wir heimiſch ſind, ſchauen friedlich wie ſonſt, von der Abend⸗ ſonne beleuchtet, auf das Thal hinab— kurz, es hat ſich nichts in der äußeren Erſcheinung während unſerer Ab⸗ weſenheit verändert, und wir ziehen daraus den Schluß, daß es auch unſeren alten Bekannten, die wir dort zurück⸗ gelaſſen haben, wohl ergeht. Wir haben uns in dieſer Vorausſetzung nicht geirrt, denn wir ſehen, indem wir näher treten, Wehring mit ſeiner Frau und Walther in eifrigem Geſpräche begriffen zuſammen in der Laube ſitzen. Wir werden bald fahren müſſen, ſagte Wehring, um den Grafen zu empfangen und Ihre Mutter, welche ken⸗ nen zu lernen ich mich beſonders freue. Ach, es iſt ſo viel der Freude, bemerkte ſeine Frau, daß ich gar nicht weiß, worüber ich mich am meiſten freuen ſoll! Du weißt es ſehr wohl, wenn du es auch nicht ſagen willſt, denn du freuſt dich doch am meiſten darauf, Mar⸗ got, deine liebe Margot, unſere liebe Margot wieder⸗ zuſehen, mit der Gewißheit, ſie immer bei uns zu be⸗ halten. Der liebe Gott gewährt mir eine große Gnade, er⸗ wiederte ſie bewegt, mehr, weit mehr, als ich von ihm zu bitten gewagt habe. Ja, es wird ein wunderbar ſchönes Leben werden, wenn wir hier zuſammen wohnen und gemeinſchaftlich unſere Geſchäfte betreiben; ich habe mir den Abend un⸗ ſeres Lebens auch nicht ſo heiter gedacht— und du haſt Recht, ſetzte er mit einem innigen Blicke auf ſeine Frau hinzu, der liebe Gott iſt gnädiger gegen uns, als wir es verdienen. Wenn Sie beide ſo reden, ſagte Walther im Gefühle und im Bewußtſein ſeines der Erfüllung ſo nahen Glückes, wie ſoll ich meinen Dank und mein Empfinden ausdrücken? Das muß ich Ihnen ſelbſt überlaſſen, erwiederte Wehring mit dem Beſtreben, eine weniger bewegte Stim⸗ mung hervorzurufen; Sie müſſen ſelbſt ſehen, wie Sie mit Ihrem Glücke fertig werden, wir können Sie dabei nicht unterſtützen, weil wir mit uns ſelbſt vollauf zu thun haben— aber nun wollen wir noch einmal kurz Alles überlegen, ob nichts fehlt, alle nöthigen Anordnungen ge⸗ troffen ſind. 266 Es wäre doch vielleicht beſſer, wenn Margot gleich hieher käme, bemerkte die Frau Wehring zögernd. Wie ungenügſam du biſt, erwiederte er lächelnd; du vergißt wieder, daß ſich das jetzt nicht paßt. Braut und Bräutigam können nicht zuſammen wohnen, und das Feſt wird auch viel ſchöner ſein, wenn ſie erſt als Frau Rohneck hier einzieht. Alſo es bleibt, wie es verabredet iſt. Alles wohnt drüben in der Apotheke und im Wirths⸗ hauſe, der Graf in dem letzteren, der alte und der junge Marquis mit den beiden Marquiſen bei unſerem Freunde, dem Apotheker. Was das für eine vornehme Geſellſchaft iſt, fuhr er lächelnd fort: ein Graf, zwei Marquis und zwei Marquiſen— es iſt unglaublich, und ſie Alle kom⸗ men hieher, um dieſes Mannes Hochzeit zu feiern! Sie werden Manches entbehren müſſen, bemerkte die Frau; namentlich iſt die Wohnung klein, nur vier Stu⸗ ben, und das neue Haus wird vor dem künftigen Som⸗ mer nicht zu beziehen ſein. Ja, ſie werden recht viel entbehren müſſen und ſind wirklich ſehr zu beklagen, ſcherzte Wehring; eine ſo kleine Wohnung— es verdient der Ueberlegung— man könnte die Hochzeit vielleicht verſchieben? O, nicht doch, nicht doch! Sie werden ſich ein wenig behelfen müſſen, aber... Laß es gut ſein, Marie, unterbrach er ſie; ſieh doch, er iſt ordentlich blaß geworden, und es iſt unrecht von uns, ihn ſo zu erſchrecken. Aber es iſt Zeit, aufzubrechen, damit wir den Grafen und die Frau Rohneck empfangen können. Der Wagen wurde angeſpannt und man fuhr im raſchen Trabe dem Dorfe zu, wo der Apotheker und ſeine Frau die Ankommenden freundlich begrüßten. Auch dieſe hatten ſich eben ſo wenig wie Wehring und ſeine Frau verändert; die Jahre waren unmerklich und ſchonend über ſie hingezogen, und der Apotheker ſtand in derſelben geraden und ſtattlichen Haltung da, wie ſonſt, als er den Ankommenden die Hand reichte. Es iſt Alles zum Empfange des Grafen vorbereitet, ſagte er dann; die Frau Rohneck nehmen Sie mit nach der Fichtenau? Das verſteht ſich von ſelbſt. Sie ſcheinen gerade zur rechten Zeit gekommen zu ſein, denn ich höre ein Poſthorn. Nach wenigen Minuten hielt der ſtattliche und um⸗ fangreiche Reiſewagen des Grafen vor dem Hauſe; Wal⸗ ther umarmte ſeine Mutter, und man begrüßte ſich gegen⸗ ſeitig mit Herzlichkeit und Freude. Zur Ergänzung bleibt zu bemerken, daß Walther, nachdem er mit ſeinem Regimente bis Schleſien marſchirt 268 war, ſeinen Abſchied erhalten und dann nach Wallfort ge⸗ reiſ't war. Dort hatte er ſeine Mutter wiedergeſehen und ſeine Verhältniſſe mit dem Grafen geordnet. Nur ſehr ungern entließ ihn dieſer aus ſeiner bisherigen Stellung, während Walther bei dem Bergwerke Theilnehmer blieb. Dann war dieſer bald wieder abgereiſ't, um in der Fich⸗ tenau mit Wehring mündlich die bereits ſchriftlich vorbe⸗ reitete Geſchäftsverbindung näher feſtzuſtellen. Walther trat als Compagnon ein, und man war übereingekommen, daß das junge Paar vorläufig den oberen Stock des Hau⸗ ſes bewohnen ſollte, bis das neue, für ſie zu erbauende fertig ſein würde. Mit dem Baue dieſes nur in kurzer Entfernung gelegenen Hauſes war zwar bereits begonnen, es ſtand jedoch feſt, daß es vor dem künftigen Sommer nicht bezogen werden ſollte. Walther war fleißig in dem neuen, ihm bekannten Geſchäftskreiſe thätig, und die beiden Induſtriellen hatten umfaſſende Plane zur Erweiterung ihres gemeinſamen Geſchäftes ausgearbeitet, wozu vermehrte Mittel und Kräfte, ſo wie der jetzt endlich dauernd geſicherte Friede die beſten Ausſichten boten. Der Graf hatte es anfänglich entſchieden abgelehnt, abermals eine weite Reiſe zu machen, beſonders da er die für ihn beglückende Kunde erhalten, daß Hedwig mit ihrem Manne und Schwiegervater künftig in Wallfort wohnen würde.— Ich werde ſie ja doch ſehen und haben, dachte er; die Einzige, welche ich nicht kennen lerne, iſt Hedwig's Schwägerin, Margot. Deßhalb aber wieder eine weite Reiſe zu machen, ſcheint mir um ſo weniger nöthig, als ſie doch eine Mesalliance ſchließt und einen Bürgerlichen heirathet, meinen früheren Inſpector.— Hedwig's wiederholte Briefe und der Umſtand, in Geſell⸗ ſchaft mit der Frau Rohneck reiſen zu können, beſtimmten ihn endlich dennoch, und ſo ſehen wir ihn jetzt ſeinem ge⸗ räumigen Reiſewagen entſteigen und die ihm fremden Per⸗ ſonen, welche er ſich durch Walther vorſtellen ließ, nicht ohne eine gewiſſe Herablaſſung begrüßen. Auch er hatte ſich nur wenig verändert, die ruſſiſche Excurſion, wie er es nannte, war ihm vortrefflich bekommen, und er blickte aus ſeiner hohen, weißen Binde mit klaren und forſchen⸗ den Augen umher. Die Gegend gefällt mir, ſagte er, als ſie ſpäter ge⸗ meinſchaftlich bei dem Apotheker zu Abend aßen; die Dörfer ſehen reinlich und wohlhabend aus und Sie haben gute Wege. Ihre Apotheke aber könnte in einer Stadt ſtehen, ſo groß und elegant iſt ſie. Unſer Dorf iſt größer, als manche Stadt, Herr Graf, erwiederte ſelbſtbewußt der Apotheker, und wir ſetzen einen Stolz darein, den Städtern nicht nachzuſtehen. Sehr anerkennenswerth; es liegt für mich immer eine große Beruhigung darin, an einem Orte zu ſein, wo man ärztliche Hülfe haben kann, wenn es erforderlich ſein ſollte. Es wird hoffentlich nicht erforderlich ſein; aber es ſoll Ihnen in einem ſolchen Falle an nichts fehlen. Mein Aufenthalt wird ja nur einige Tage dauern, dann werde ich mit meiner Tochter, meinem Schwieger⸗ ſohne und dem Herrn Marquis wieder nach Hauſe reiſen. Ich leide nur zuweilen an der Gicht, glaube aber, jetzt eine Zeit lang Ruhe zu haben; außerdem bin ich an Stra⸗ pazen gewöhnt, da ich noch vor Kurzem eine Reiſe bis an die Gränzen Aſiens gemacht habe.— Aber wie ſind die Arrangements getroffen— wann werden meine Ver⸗ wandten ankommen? Morgen gegen Abend, erwiederte Walther; der heute aus Köln eingetroffene Brief meiner Braut ſetzt uns da⸗ von in Kenntniß. Ich freue mich ſehr, Ihre Fräulein Braut, die Mar⸗ guiſe de Beaumont, kennen zu lernen, ſagte der Graf mit einer gewiſſen Förmlichkeit, und meine Tochter endlich wiederzuſehen; Ihre Hochzeit wird dann ohne Verzug Statt finden— ſo hat man mit Wnigſtens geſchrieben. Es iſt Alles vorbereitet, das Aufgebot erfolgt, und wir erwarten nur noch die Braut, erwiederte Wehring. Ein Tag wird nöthig ſein zur Ruhe und Sammlung, . 271 dann aber wollen wir drüben die Hochzeit ſo fröhlich und feſtlich begehen, als wir es vermögen, eine Hochzeit, welche nichts zu wünſchen übrig läßt, weil ſie den Bund zweier glücklichen und treuen Herzen ſegnet. Schön, ſchön— aber Sie ſprechen von drüben, ſoll die Hochzeit nicht hier gefeiert werden? Nein, Herr Graf; das würde ſich nicht paſſen, das würden wir uns nicht nehmen laſſen, und Margot hat ja auch den beſtimmten Wunſch ausgeſprochen, in derſelben Kirche getraut zu ſein, wo ſie confirmirt worden iſt. Die Marquiſe de Beaumont hat darüber zu entſchei⸗ den, das verſteht ſich von ſelbſt. Wie weit iſt es noch nach der Fichtenau? O, nur Eine Stunde, und ein vortrefflicher Weg; der Herr Graf werden ganz bequem fahren. Das iſt mir angenehm; und wo werden meine Ver⸗ wandten ſo lange wohnen? Hier; mein Haus iſt etwas beſchränkt— ich muß daher, ſo leid es mir thut, auf die Ehre verzichten, den Herrn Grafen zu mir einzuladen. Außerdem glaubten wir Gut, gut, unterbrach ihn dieſer; ich werde alſo mor⸗ gen das Vergnügen haben, meine Verwandten zu empfan⸗ gen, übermorgen ruhen wir aus, am folgenden Tage iſt die Hochzeit, und am nächſten werde ich mit meiner 2 ₰ Tochter, ihrem Gemahle und Schwiegervater die Rückreiſe antreten. Dem ſteht nichts entgegen, bemerkte Wehring. So möchte ich mich jetzt mit ihrer Erlaubniß zur Ruhe begeben, denn ich bin von der langen Fahrt ſehr ermüdet. Der Graf empfahl ſich, während die Uebrigen noch lange in heiterem Geſpräche zuſammen blieben.— Das Bett könnte beſſer ſein, ſagte der Graf, nach⸗ dem er ſeiner Gewohnheit gemäß daſſelbe genau unter⸗ ſucht hatte. Sieh noch einmal genau nach, ob Alles feſt und glatt liegt, Friedrich, und ob die Fenſter geſchloſſen ſind; es iſt mir, als ob es zöge— Doppelfenſter ſcheint man hier nicht zu kennen. Es iſt Alles feſt und zu, erwiederte der Diener, der Herr Graf können ſich ausziehen laſſen; wir befinden uns ja auch im Sommer. Behalte deine Bemerkung für dich! fuhr der Graf auf; gerade im Sommer kann man ſich am leichteſten er⸗ kälten. Wenn ich nur wüßte, wann dieſes ewige Reiſen ein⸗ mal ein Ende nähme, brummte Friedrich, indem er des Grafen lange Leibbinde abwickelte— es wäre endlich einmal Zeit! Schweige— lege das Kiſſen etwas höher— ſo, und 273 daß du jetzt ebenfalls gleich zu Bett gehſt, ſo daß ich dich immer rufen kann, dich nicht etwa noch herumtreibſt. Während die Augen des ermüdeten Grafen ſich ſchloſ⸗ ſen und ſich eine zauberiſche, klare, ſternſchimmernde Sommernacht über die ſchlummernde Erde herabſenkte, fuhren Wehrings, Walther und deſſen Mutter nach der Fichtenau zurück. Ihre Hand ruhte in der ſeinen, denn er führte ſie jetzt an denjenigen Ort, an welchem ſie die letzten Jahre ihres Lebens zubringen und ſich in dem Glücke ihres geliebten Sohnes verjüngen ſollte. Seine Gedanken aber flogen ſehnſuchtsvoll üher den kleinen Raum hinweg, welcher ihn noch von Margot trennte, und begegneten auf dieſem Wege den ihrigen, die mit gleicher Sehnſucht, mit gleichem Verlangen zu ihm herüber ſchwebten. Es lag ein hohes Glück in dieſem ungehin⸗ derten Spiele der Gedanken, aber es wurde erzeugt und hervorgerufen durch das ſelige Bewußtſein, daß bald kein Raum mehr ihre Herzen trennen werde, dieſe Herzen, welche nur der Eine Wunſch erfüllte, für immer vereint zu ſein.— Alle waren am Nachmittage des folgenden Tages auf eine Höhe vor das Dorf hinaus gegangen, auf welcher man die von Weſten kommende Straße überſehen konnte. Die dort vereinten Perſonen feſſelte Erwartung und Sehnſucht, wenn auch in verſchiedener Weiſe und Abſtu⸗ W. 18 3 274 fung; ihre Blicke hingen unverwandt an der am weiteſten ſichtbaren Krümmung des Weges— nur hin und wieder wurde ein Wort geſprochen oder eine Bemerkung gemacht, denn ein Jeder war mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Endlich verkündete aufwirbelnder Staub das Heran⸗ nahen der Wagen. Walther wollte fort, aber Wehring hielt ihn zurück. Es iſt gegen die Abrede, ſprach er, ſeine Hand feſt⸗ haltend— und auch beſſer, wenn Alles zuſammen abge⸗ than wird. Dennoch gingen Alle weiter, als Tücher aus den Wagen zu wehen begannen, und Margot lag bereits in Walther's Armen, als die Anderen herankamen. Tief erröthend entzog ſie ſich ihm und flog mit thränenden Augen in die Arme der Frau Wehring. Meine liebe, meine theure, meine geliebte Mutter! ſchluchz te ſie— ch, ich vermag es nicht auszudrücken, wie kauc ich bin, dich wiederzuſehen! Hedwig küßte und umarmte ihren Vater, der ſo in den Anblick ſeiner Tochter verſunken war und ſie noch immer ſo zärtlich anſah, daß er längere Zeit die übrigen Perſonen ganz vergaß. Dann flog Margot zu Wehring, der ſie ebenfalls rückſichtslos in ſeine Arme ſchloß; dann ging ſie zu Walther's Mutter und küßte deren Hand, ehe ſie es verhindern konnte— dann— doch wir müſſen es 275 Dir ſelbſt überlaſſen, Dir die erſten Augenblicke dieſes Wiederſehens auszumalen, geneigte Leſerin, und können nur bemerken, daß eine längere Zeit hinging, ehe auch Ravul und der Marguis an die Reihe kamen, welche ſich der Graf vorſtellen ließ und durch dieſen förmlichen Akt wieder etwas Gleichgewicht in die von Freude und Auf⸗ regung überſtrömenden Gefühle brachte. Es freut mich, Sie endlich kennen zu lernen, Herr Marquis, ſagte der Graf dann zu Ravul, indem er ihn mit wohlwollender und befriedigter Miene betrachtete; es hätte vielleicht längſt geſchehen können, am beſten dort hinten in Balagna, aber... Ich werde nachholen, was ich verſäu derte Raoul; Hedwig's Glück iſt die! Lebens! Der alte Marquis und der Graf verneigten ſich in förmlicher Weiſe; dann ſahen ſich beide einen kurzen Mo⸗ ment prüfend an, ſchienen aber mit ihrer gegenſeitigen Beobachtung zufrieden zu ſein, denn als man endlich auf⸗ brach, um, immer wieder ſtehen bleibend, langſam nach dem Dorfe zu gehen, und ſich noch immer nicht in einan⸗ der zu finden vermochte, weil Margot nicht wußte, wem ſie die Beweiſe ihrer Liebe zukommen laſſen ſollte, die von allen den ihr ſo theuren Perſonen beanſprucht wurden, vertieften ſich der Graf und der Marquis in ein für ſie 18* intereſſantes Geſpräch, deſſen Inhalt wir aber nicht mit⸗ theilen können, weil wir uns von der lieblichen, glück⸗ lichen und auch in ihrem Glücke ſo anſpruchsloſen und demüthigen Margot nicht losſagen können. Endlich gelangten ſie zu dem Hauſe des Apothekers, wo dieſer und ſeine Frau die willkommenen und erwarte⸗ ten Gäſte empfingen. In den nachfolgenden Wagen be⸗ fanden ſich noch zwei Perſonen, welche nur Wenigen be⸗ kannt waren: Petrowitſch und Lucie. Jwanzigſtes Capitel. Wie ſchnell und heiter verfloſſen die Stunden des Abends! Margot, die Gefeierte, von Allen Geliebte, ſaß an der Seite ihres Bräutigams und der Frau Wehring und empfing die vielen Beweiſe von Liebe und Zuneigung mit kindlichem Herzen wie ein übergroßes, unverdientes Glück. Nur Eines empfand ſie mit einem gewiſſen Schmerz, daß ſie heute nicht mit nach der Fichtenau hinüber fahren ſollte. Ich hatte mich ſo unendlich darauf gefreut, heute Abend wieder bei Euch und in meinem Zimmer zu ſein, liebe Mutter, flüſterte ſie der Frau Wehringzu und nun darf ich nicht mit. Es geht nicht, es kann jetzt nicht ſein, mein liebes Kind.— Uebermorgen kommſt du— übermorgen— und dann wirſt du uns nie mehr verlaſſen. Vargot ſchlug erröthend die Augen nieder, denn der Gedanke, daß ſie dann ganz ihm angehören werde, ihm, deſſen Hand in dieſem Augenblicke die ihrige zärtlich drückte, durchbebte mit magiſcher Gewalt ihre Seele. Iſt Alles noch drüben wie ſonſt, hat ſich nichts geän⸗ dert? fragte ſie ſchüchtern. Noch Alles wie ſonſt, auch dein Zimmer, mein Kind, nur haben wir die anſtoßenden damit in Verbindung ge⸗ ſetzt, weil ihr euch vorläufig, bis das neue Haus fertig ſein wird, mit dieſer beſchränkten Wohnung behelfen müßt. Sie erröthete von Neuem und noch mehr als zuvor, da ſie an dem wiederholten und längeren Drucke von Walther's Hand erkannte, daß er dieſe Worte gehört hatte. Es war ihr eine Erleichterung, daß der Apotheker ſich jetzt erhob und mit ſeiner klaren Stimme die Geſundheit des Brautpaares ausbrachte. Sie ließ ſich küſſen und umar⸗ men von allen denen, welche ihr Herz liebte, von ihrem Vater, von Ravul, von Hedwig, von Wehring und ſeiner Frau, von Walthers Mutter und dann zuletzt auch von ihm ſelbſt, zum erſten Male vor ſo vielen Menſchen— ſie mußte es über ſichzergehen laſſen und hatte nicht einmal die Befähigung, die Thränen zu verbergen, mit denen ſich ihre Angen erfüllten. Der folgende Tag verging in ſteter, aber freudiger Un⸗ ruhe. Walther kam, wurde aber längere Zeit nicht vor⸗ gelaſſen, weil Margot auf Hedwig's ausdrückliches Ver⸗ 3 ⁰ — ,— ————— langen ſo eben ihr Brautkleid anpaßte, welches man von Paris mitgebracht hatte, an welchem jetzt durchaus noch Dies und Jenes geändert werden mußte. Sie ſollte auch den Kranz aufſetzen, als ſie erröthend vor dem Spiegel ſtund— aber ſie weigerte ſich— ſie hielt es für eine Ent⸗ weihung; vielleicht wollte ſie auch die Zeit i um ihn nicht warten zu laſſen⸗ Seine Bitten, ihn Margot ſo ſehen zu fuſſen, wurden verweigert und er mußte ſich gedulden. Morgen, morgen, rief Hedwig durch die verſchloſſene Thür ihm zu— morgen hat unſere Herrſchaft ein Ende, heute aber gehört ſie noch uns!— Die Sonne dieſes Morgens ſtieg hell und klar über die Berge empor, und ihre warmen Strahlen ließen die leichten und durchſichtigen Nebel verſchwinden, welche noch über den Wieſen in den Thälern ſchwebten. Mar⸗ got hatte nur eine kurze Zeit unruhig geſchlummert und ſtand jetzt abermals da im Schmucke des Brautkleides, während Hedwig den Myrthenkranz in ihren dunkeln Locken befeſtigte. Wie ſchön, wie lieblich du ausſiehſt, meine geliebte Schweſter, ſagte ſie dann mit bewegter Stimme, ich würde dich umarmen und an mein Herz drücken, wenn ich nicht befürchtete, deinen Anzug zu verderben. Aber Margot lag ſchon in ihren Armen und ſie hiel⸗ ten ſich längere Zeit innig umſchlungen. Die Wagen ſind vorgefahren, meldete Lucie, und während Margot mit niedergeſchlagenen Augen an der Hand Hedwig's das Zimmer verließ, ſtand Walther vor ihr, und das arme Kleid hatte eine neue und längere Probe zu beſtehen. Sie fuhren ab; Margot und Walther allein in Weh⸗ ring's zurückgeſchlagenem beſten Wagen durch die dichte Menge der Dorfbewohner, welche das junge Paar jubelnd begrüßten. Dann wurde es ſtiller, als ſie auf dem bekann⸗ ten Wege hinrollten, den ſie ſo oft gefahren war,— zum letzten Male mit ſo unendlich traurigen und ſchmerz⸗ lichen Gefühlen.— Jetzt ſaß ſie an ſeiner Seite, den ſie damals für immer verloren wähnte— um ihm für das ganze Leben anzugehören, nie mehr von ihm zu ſcheiden. Die Berge der Fichtenau tauchten auf, die bekannten, ihr ſo theuren heimathlichen Höhen; ſie ſah das Alles wieder, wonach ſie ſich in ſo vielen bangen und einſamen Stunden geſehnt hatte— ihre Blicke hafteten daran, aber ſie vermochte ſie dennoch nicht zu ſehen, denn ihre Augen waren von Thränen verſchleiert und die Bilder verſchwammen in dem Entzücken ihres überſtrömenden Gefühls. ———— ₰— 33 * ——— 281 Im raſchen Fluge bogen jetzt die Wagen um die letzte Windung des Thales, da donnerten Böllerſchüſſe von den Höhen und das Echo rollte weit an den Felſen hin, als ob auch dieſe ihnen ihren Gruß und ihr Will⸗ kommen entgegenſenden wollten. Die hohen Eſſen rag⸗ ten feiernd in die blaue Luft hinauf, aber ſtatt der Rauchwolken wehten von ihren Zinnen flatternde Fah⸗ nen in den theuren Landesfarben, welche ſich jetzt wieder frei und ungehindert entfalten durften. Alle Arbeiter ſtanden in ihren Feſtkleidern in Reihen und empfingen die Ankommenden mit lautſchallendem, jubelndem Will⸗ kommen. Fräulein Margot! Fräulein Margot! riefen die Frauen und die Kinder, Fräulein Margot iſt wieder da! Es lebe Fräulein Margot! Sie wußte kaum, was mit ihr geſchah, als ſi ſie jetzt ausſtieg, Jeder ſie ſehen, ſie bewundern, ihre Hand drücken wollte. Wehring bemühte ſich zwar, eine ruhigere Stimmung hervorzubringen, aber es gelang ihm nur ſehr unvoll⸗ kommen, weil er ſelbſt zu bewegt war. Sie ſtand ſchüch⸗ tern an ſeine Frau geſchmiegt, zu der ſie geflüchtet war, und erſt, als man das bereit ſtehende Frühſtück ſervirte, obgleich Niemand eine Neigung dazu zeigte, gelang es, der inneren Bewegung äußerlich mehr Herr zu werden. Nun werden wir bald fahren, mein geliebtes Kind, flüſterte die Frau Wehring, du mußt gefaßt und heiter ſein, wie es einer glücklichen Braut geziemt. Wenn du mir eine Bitte erfüllen willſt, bat Margot leiſe, ſo laß mich vorher ein einziges Mal mein Zimmer ſehen, aber allein, fügte ſie noch leiſer hinzu. So komm, mein Kind, wir kehren ſogleich zurück— ſagte ſie zu Walther, der ſie unruhig anſah— nur einen Augenblick! Eilig flog ſie die bekannte, jetzt mit Blumen ge⸗ ſchmückte Treppe hinan— auch die Thür des Zimmers war mit Guirlanden bekränzt; mit zitternder Hand öffnete ſie und ſtand nun in dem Raume, in welchem ſie ſo glückliche, ſelige Stunden verlebt, die wundervollen Träume ihrer Mädchenzeit geträumt hatte, welche nun alle die nächſte Stunde zur Erfüllung bringen ſollte. Voll der tiefſten Bewegung ſchweifte ihr Auge von einem Gegenſtande zum andern— es war ihr in dieſem Augenblicke, als wäre ſie gar nicht fortgeweſen, oder als ob ſie geträumt habe oder jetzt träume.— Walther wartete voll Ungeduld, dann ſuchte er ſie. Leiſe öffnete er die Thür und ſah ſie betend knieen auf der⸗ ſelben Stelle, wo ſie ſo oft gebetet hatte, während die Thränen ihre gefalteten Hände benetzten.— Ungehört trat er näher, und als er ſie dann umſchlang, ſie zu ſich 283 emporhob und ſie ſelig an ſeine Bruſt ſank— da be⸗ durfte der Bund ihrer Herzen kaum mehr einer anderen und höheren Weihe, als er in dieſem Augenblicke empfing. So führte er ſie hinab, und als ſie dann an ſeiner Hand mit dem verſchämten, kindlichen Geſichte, tief er⸗ röthend und mit geſenkten Augen, an deren langen Wim⸗ pern noch immer die Perlen der Thränen hingen, durch die harrende Menge dem Wagen zuſchritt, mußte Jeder bekennen, daß er niemals eine ſchönere und lieblichere Braut geſehen habe. Die kleine Dorfkirche oben in den Bergen, an deren Altar ſie vor fünf Jahren die Weihe der Chriſten em⸗ pfangen, faßte die Menſchen nicht, welche alle gekommen waren, nicht aus Reugierde, ſondern aus Theilnahme und Liebe; ſie ſtanden dicht geſchaart bis in die Wieſe hinaus. Derſelbe würdige Geiſtliche, welcher ſie eingeſegnet, ſegnete auch jetzt ihren Bund in kurzer, rührender, ſchlichter Weiſe. Als die Ringe gewechſelt waren und ſeine Hand ſegnend auf dem Haupte der Knieenden ruhte, zogen die ſanften, gedämpften Töne der Orgel durch die kleine Kirche noch eine längere Zeit während lautloſer Stille.— Dann erhoben ſie ſich und empfingen die Glückwünſche aller der⸗ jenigen, die ſie liebten und von denen ſie geliebt wurden, innige, herzliche, aber ſtumme Wünſche, weil die Sprache 284 ſie nicht auszudrücken vermochte, bis ſie wieder hinaus⸗ traten in die friſche, heitere Bergesluft mit der freien Fernſicht über die grünen Wälder und Höhen— da erſt wurden die Herzen leichter, und der ſo lange eingeengte Strom der Freude ergoß ſich in ungehinderten Wogen.— Als ſie zurückkamen, das geliebte Thal der Fichtenau ſich wieder vor ihnen ausbreitete, donnerten abermals die Böller, das Echo rollte an den Bergen fort, die Fahnen flatterten, und jubelnde Arbeiter empfingen ſie mit nicht enden wol⸗ lendem Zurufe. Eine fröhlichere Hochzeit, ein freudigeres Feſt konnte es nicht geben, denn es war Niemand unter den dabei Betheiligten, der dies nicht empfunden und nicht den Ehrentag des jungen Paares aus vollem, fröhlichem Herzen mitgefeiert hätte. Es gewährte einen Hochgenuß, die glücklichen Geſichter und den Ausdruck der inneren tief empfundenen Freude darauf zu ſehen. Walther hatte nur Augen für Margot, welche die ihrigen ſo oft erröthend niederſchlug, als man ſie Frau Rohneck oder Frau Braut nannte, was man, je länger ſich das Mahl ausdehnte, um ſo öfter zu thun Veranlaſſung nahm. Die beiden älteren Frauen, Walther's Mutter und die Frau Wehring, welche Margot ſtets Mutter nannte, betrachteten nur ihre Kin⸗ der, deren Glück das ihrige war; Hedwig und Raoul waren faſt ausgelaſſen fröhlich, eben ſo Wehring und der Apotheker, welche zuerſt mit jenen harmloſen Neckereien begannen, die an einem Hochzeitsfeſte unvermeidlich ſind und bei denen Margot immer wieder erröthete. Der Marquis und der Graf, im Anfange etwas befangen, kamen ebenfalls bald in die heiterſte Stimmung; der Graf vergaß vollſtändig die Mesalliance ſeiner Verwandten, von deren Liebenswürdigkeit er ſchließlich ſo entzückt war, daß er in eine ſo fröhliche Ausgelaſſenheit gerieth, wie ſie Hedwig bei ihm noch niemals geſehen hatte. Sie ſind ein glücklicher Mann, Herr Rohneck, rief er, mit dieſem anſtoßend, und jetzt erſt bedaure ich es mehr denn jemals, daß Sie nicht in Wallfort geblieben ſind; wir hätten recht vergnügt zuſammen leben können. Haſt du nicht genug an uns, Papa? ſcherzte Hedwig. Weshalb biſt du ſo ungenügſam— was ſollten Wehrings ohne ſie anfangen? Ja, ja, rief dieſer dazwiſchen, Ihre Frau Tochter ſpricht die Wahrheit; wir würden ſie auch in keinem Falle wieder fortlaſſen! Ich könnte mich auch nie mehr von dir trennen, liebe Mutter! flüſterte Margot, indem ſie die Hand der Frau Wehring drückte.— Es war ſehr ſpät, als man ſich endlich trennte. Das junge Paar war ſchon längere Zeit unbemerkt verſchwun⸗ den; die Feuer der Oefen brannten wieder für die Arbeit des kommenden Tages und warfen ihren flackernden, 286 magiſchen Schein in das Zimmer, wo die Glücklichen weilten.— Die Abreiſe des Grafen verzögerte ſich noch um mehre Tage; er ſelbſt hatte den Wünſchen Ravul's und ſeiner Tochter keinen Widerſpruch entgegen zu ſetzen. Ge⸗ meinſchaftlich verlebten ſie noch eine kurze Zeit ruhigeren und bewußteren Glückes, als es in der Aufregung des Feſtes möglich geweſen war. Dann ſchieden ſie, Jeder mit der Ueberzeugung, die⸗ jenigen, welche ihm lieb und theuer waren, glücklich zu wiſſen, ſo glücklich, wie es ſterblichen Menſchen überhaupt zu werden vergönnt iſt. Die Stunde der Trennung wurde verſchönt durch dieſes Bewußtſein und durch die Hoffnung und das Verſprechen baldigen Wiederſehens. Das neue Haus wurde im künftigen Sommer fertig, während die Firma Wehring u. Ryhneck ihr Geſchäft um das Doppelte erweitert hatte. Einige Wochen, nachdem das neue Haus bezogen war, feierte man die Taufe des kleinen Rohneck, zu welchem Feſte Raoul und Hedwig ge⸗ wiß herüber gekommen wären, wenn der Zufall es nicht gerade ſo gefügt hätte, daß ſie kurz vorher ein ähnliches glückliches Ereigniß hätten begehen müſſen. In Wallfort aber war mit den neuen Bewohnern 3 ein ganz anderes Leben eingekehrt. Der Graf hatte ſich von den Geſchäften zuruͤckgezogen und dieſe ſeinem Schwie⸗ 287 gerſohne überlaſſen, welcher darin eine völlige Beftiedi⸗ gung fand und niemals den Tag bereute, wo er begonnen hatte, ſich dieſem neuen Berufe zu widmen. Der Graf und der Marquis ſpielten täglich zuſammen Schach und Domino und verbrachten die übrige Zeit in angenehmer Unterhaltung und Ruhe. Beide lebten noch längere Jahre, und Friedrich hatte noch viele Morgen das Glück, des Grafen lange Leibbinde umzuwickeln und ſich von ihm deßhalb tadeln zu laſſen. Petrowitſch und Lucie lebten zuſammen auf einem Vorwerke, welches erſterer ſelb⸗ ſtändig verwaltete. Erſt nach mehreren Jahren kamen Walther und Mar⸗ got zum Beſuche mit ihren Kindern nach Wallfort, und während ſie ſich des Wiederſehens freuen und die beiden jungen, ſchönen Frauen mit Entzücken dem heiteren, un⸗ ſchuldigen Spiele ihrer lieblichen Kinder zuſchauen, laſſen wir den Vorhang fallen, hinter dem die verſchiedenen Bilder, welche wir zu ſchildern verſucht haben, ſo lange vorübergeſchwebt ſind. Druck von Otto Wigand in Leipzig. 5/S g1 Saeqae