0 1 Leihbiblivthek! deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. 6 cleih und Geſebedingungen. — 1. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 6 pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 S Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme erlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und uches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe * entlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— M f 1W 2 W „ 5. 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Dritter Theil. —= Preslun, Verlag von Eduard Trewendt. 1865. Erſtes Capitel. Als Hedwig einige Tage nach der Unterredung mit ihrem Vater ſich gegen Abend, ein Unwohlſein vorſchützend, der Geſellſchaft entzogen hatte und einſam auf ihrem Zim⸗ mer ſaß, waren es ernſte und melancholiſche Betrachtun⸗ gen, welche durch ihre Seele zogen und ihr Auge mit weh⸗ muthsvoller Trauer umflorten. Die Sonne ging klar und friedlich, aber kalt unter, das Abendroth lag wie ein glänzender, duftiger Schleier über der Gegend und über dem ruhig dahinziehenden, breiten Strome, auf welchem einzelne Schiffe mit fremd⸗ 3 artigen Segeln hinabſchwammen und auf dem glatten Spiegel des Waſſers ſchnell verſchwindende Furchen zu⸗ rückließen; den öſtlichen Horizont begränzten die ſcharf hervortretenden Linien waldbewachſener Höhen, deren Fuß bereits der purpurne Duft des Abends mit der wei⸗ ten Ebene vereinte— die Erde hüllte ſich in den Mantel m. 1 2 der Ruhe und des Friedens, und die ſcheidende Sonne ſah mit ihrem letzten Blicke liebevoll darauf hinab. Hedwig's Augen ſchweiften achtlos über das alles hin, ohne ſich der Schönheit des vor ihr ausgebreiteten Bildes bewußt zu werden, aber es blieb dennoch nicht ohne Ein⸗ fluß auf ihr Denken und ihr Empfinden. Die Melan⸗ cholie, welche über die weite, menſchenleere Gegend aus⸗ gebreitet lag, ſtand in wohlthuendem Einklange mit der Stimmung ihres eigenen Herzens, welches, müde des Kampfes mit einer unbefriedigten und uneingeſtandenen Sehnſucht, auch nach der Ruhe des Abends verlangte. Alles menſchliche Streben erſchien ihr zwecklos und thö⸗ richt— alles dadurch zu Erreichende werthlos und eitel. Sie war in ihrem Empfinden auf dem Standpunkte des Alters angelangt, welches alle irdiſche Herrlichkeit als nichtig erkennt, nur weil es ſie genoſſen hat und nicht mehr fähig zum Fortgenuſſe iſt, auf jenem Standpunkte, welcher den im Alter weiſe gewordenen Salomo ausrufen ließ:„Es iſt Alles eitel!“— aber in der Jugend, welche noch eine Hoffnung beſitzt, ſind ſolche Stimmungen ſelten von Dauer. Ihr ganzes bisheriges Leben zog an ihr vorüber, und die Melancholie, welche ſie beherrſchte, gefiel ſich in dem Feſthalten der Vorſtellung, daß es auch für ſie bereits Abend geworden ſei. Mit dem Reize, welcher in ſolchen Selbſtquälereien liegt, gab ſie ſich dieſen Ge danken hin und fand in der Sehnſucht nach dem Ende allein Befriedigung und Glück. Einmal war es wie ein Sonnenſtrahl in ihr Leben gefallen, und ſie hatte die erſte Berührung dieſes Strah⸗ les empfunden in der dunkeln, ſtürmiſchen Nacht auf der Liſſa Hora— dann aber, als er angefangen, heller und glänzender zu werden, war er plötzlich wieder erloſchen, abgewehrt von dem Schilde ihres Stolzes, in deſſen Schatten ſie ſich geſtellt hatte. Sie dachte immer noch mit einer wehmuthsvollen Empfindung an jene Zeit zurück, aber ohne Reue, denn niemals würde ſie ſich einem Manne zu eigen geben, der eine Andere wirklich und wahrhaft ge⸗ iebt hatte— vielleicht noch liebte.— Sie ſtand immer och im Schatten des Schildes ihres Stolzes, und je länger ſie dachte, je mehr der Mantel der Racht die vor hren Blicken ausgebreitete Gegend verhüllte, deſto ſtärker vurde dieſer Schatten und trat mit der Racht in Einklang. Das Geſchick hatte ſie auf einen Standpunkt geſtellt, wo ſie den thörichten Wünſchen des Herzens entſagen und in anderen Gütern eine Entſchädigung ſuchen mußte, wenn dieſe auch an ſich nichtig und keines Strebens werth waren— gab es überhaupt ſolche, von denen man das icht hätte ſagen können? Die Liebe zu einem Manne, das fühlte ſie, würde niemals mehr ihr Herz berühren— —* daher nicht ganz gleichgültig, welchem Manne ſie 5 4 ſich vermählen würde? Gleichgültig in dieſer, aber nicht in anderer Beziehung. Sie wollte, indem ſie ſich dieſem Manne opferte, wenigſtens dadurch alle ſonſtigen Vor⸗ theile erlangen, welche der Menſch als das Ziel ſeiner Wünſche immer in die erſte Reihe ſtellt.— Wie befriedi⸗ gend würde ihr Vater gelächelt haben, wenn er dieſe dem innerſten Weſen ſeiner Tochter widerſprechenden Gedanken hätte hören können! Der Antrag des Fürſten, welcher bisher ein inneres Grauen bei ihr hervorgerufen hatte, kam ihr jetzt weit weniger verächtlich, ja, weit weniger unverſtändig vor.— Es flog ein kaltes Fröſteln, ein Schauer durch ihren Kör⸗ per, wenn ſie ſich als die Frau des Fürſten dachte— un⸗ willkürlich ſprang ſie bei dieſer Vorſtellung von ihrem Sitze auf und ging raſchen Schrittes in dem Zimmer umher— aber weil ſie danach ſuchte, ſo fand ſie bald Vieles, was die dunkeln Farben dieſes Bildes milderte und die Lichter deſſelben heller erglänzen ließ. Seine Rohheit wurde der Ausfluß eines etwas heftigen Te peramentes, das ſie beherrſchen konnte, ſein Alter— war gleichgültig— und da es dunkel im Zimmer gewordei und auch eine dunkle Stunde durch ihre Seele zog— ſo dachte ſie auch an ihre bald in Ausſicht ſtehende Unalt hängigkeit und an eine glänzende, lachende Zukunft, di ſich dann vor ihr erſchließen würde. . 5 Ihr bis dahin feſter Entſchluß, ein Entſchluß, der eigentlich gar nicht ſo genannt werden konnte, weil er ſich ganz von ſelbſt verſtand: die Hand des Fürſten zu ver⸗ werfen, fing an, zweifelhaft zu werden— und dann hätte ſie weinen, über ſich ſelbſt weinen mögen, als ſie plötzlich fühlte, wohin ihre Gedanken ſich verirrt hatten! Aber ſie weinte nicht— ſie gehörte überhaupt nicht zu den weichen Frauen mit den ſtets thränenbereiten Augen— ſie em⸗ pfand einen tiefen, ſtechenden, herben Schmerz, aber ihr Gemüth verhärtete ſich zu einer immer größeren, kalten Reſignation. Wäre ihr Vater in dieſem Augenblicke in das Zimmer getreten, wer weiß, was ſie gethan hätte— es war eben ein ſolcher Moment in ihr Leben getreten, in welchem es uns zu Handlungen treibt, deren Folgen bis an unſern Tod auf uns laſten. Statt ihres Vaters erſchien jetzt ein Diener mit Licht. Als er ſich wieder entfernt hatte und der Glanz der Wachskerzen von den ſilbernen Armleuchtern eine plötz⸗ liche Helle durch das Zimmer ergoß, blickte ſie wie aus einem Traume erwachend umher. Es war ihr wirklich, als ob ſie geträumt hätte— eine tiefe Röthe legte ſich über ihr Geſicht, während ſie mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen da ſtand— ſie ſchämte ſich vor ſich ſelbſt, und es war ihr unbegreiflich, wie ſie ſich ſolchen Gedanken hatte hingeben können.— Sie wußte es noch nicht, oder hatte 6 es vielleicht noch nicht erkannt, daß die eigenen Gedanken unſere ſchlimmſten Feinde, unſere ſicherſten und glatteſten Verführer ſind, daß ſie zuerſt kommen wie ſpielende, harm⸗ loſe Kinder, um ſchnell wieder zu entſchwinden, dann aber immer wieder da beginnend, wo ſie vorher aufgehs bis ſie uns beherrſchen und unſeren Will untet⸗ than machen. 2 In der darauf folgenden Nacht hatte es um erſten Male ſtärker gefroren. Als Hedwig an das Fenſter trat und in die Gegend hinausſchaute, kam es ihr vor, als ob dieſe in der Nacht plötzlich ein anderes Kleid ange⸗ zogen habe. Der Fluß trieb voller Eisſchollen, welche ſich am diesſeitigen Ufer dicht zuſammenſchoben und wie die ſtumme Avantgarde des Winters weiterſchwammen. Ob⸗ gleich kein Schnee gefallen war, ſo hatte doch ein ſtarker Reif die ganze Gegend in ein weißſchimmerndes Gewand gekleidet und die Bäume und Büſche bis in die feinſten Spitzen mit ſchneeigen Kryſtallen überzogen, die in der Sonne glänzten und funkelten, während die Bäume im Ganzen ausſahen, als ob ſie ſich zu einem allgemeinen Feſte hätten ſchmücken und pudern laſſen. Die Strah⸗ len der Sonne ließen auf den Wieſen und Feldern Millionen von Diamanten erglänzen, welche die Hand des Winters darauf ausgeſtreut, gleichſam zur Ent⸗ ſchädigung für das grüne und blumengeſtickte Kleid, — welches ſie während des Sommers und das er ihnen geraubt hatte. Sinnend ſtand ſie noch immer am Fenſter und konnte ſich von dieſem Sit nicht losreißen. Der Winter war gek umen und hatte verſchwenderiſch ſeine beſten Gaben 1 leichteſten, anmuthsvollſten Form überall ausge⸗ breitet und ſchien lächelnd und ſchmeichleriſch zu fragen, ob dies alles nicht weit ſchöner und dauernder ſei, als die vergängliche Pracht des Frühlings und des Sommers. Nicht der leiſeſte Luftzug bewegte die feinen, weiß über⸗ zogenen Zweige der ſchlanken Birken, welche wie eitle, geputzte Mädchen da ſtanden, die ſich gegenſeitig bewun⸗ dern. Nur hier und da fielen einzelne welke Blätter mit leiſem Geräuſche zu Boden hinab, denen das Geſchenk des neuen Herrſchers zu ſchwer geworden war oder die es nicht tragen mochten, weil ſie dem alten treu geblieben waren und lieber mit ihm ſterben wollten. Es ſah Alles friſch, ſtark und gekräftigt aus, das herbſtliche, an das Vergehen mahnende Bild war verſchwunden und an ſeine Stelle ein anderes, von der Jugend eines kommenden Zuſtandes gekennzeichnetes, getreten— und darüber lag der Sonnenſchein klar und hell wie ſonſt— aber ohne Wärme. Die Natur, welche uns immer in jeder Form und in jeder Geſtalt ergreift und bewegt, wenn unſer Inneres mit ihr in Sympathie tritt, zog ſie unbewußt mit einer Macht an, welche ſie lange nicht empfunden. War dieſe heitere, ſich entſchieden bewußte Winterlandſchaft nicht weit herrlicher, als jene hinſterbende, melancholiſche des vergangenen Abends! Sie dachte zwar daran, daß auch dieſes trügeriſche und beſtechliche Gewand des nahenden Winters bald verſchwinden und er, der finſtere, eigenwil⸗ lige, grauſame Herrſcher, dann Schnee, Sturm und er⸗ ſtarrende Kälte, ſein wahres und wirkliches Gefolge, über das alles hintreiben werde— aber es hatte immer einen entſchiedenen und beſtimmten Charakter, keine Blumen und keine Blüthen, aber funkelndes Eis und glänzenden Schnee, auf dem der Schlitten ihres Lebens in raſchem und klingendem Laufe dahinfliegen konnte. Was nutzt es, ſprach ſie mit einem halb wehmüthigen, halb ſpötti⸗ ſchen Lichinzu ſich ſelbſt, im Sommer an die Veilchen, im Herbſte an die Roſen und im Winter an die Blumen überhaupt zu denken? Jeder Menſch muß nehmen und ergreifen, was ihm geboten wird, und nicht nach dem ver⸗ langen, was doch einmal unwiederbringlich verloren iſt. Er wird ſonſt immer leer ausgehen und zu ſpät kommen. Es iſt eine Thorheit, ſich an Erinnerungen feſtklammern zu wollen und Wiederholungen zu erſehnen, welche nie⸗ mals aus ihrem Grabe erſtehen können! Für mich iſt es Winter geworden, ſetzte ſie ſchmerzlich hinzu— denn ich bin in einem unglücklichen Jahre geboren, das weder einen Frühling noch einen Sommer hatte.— Der Winter iſt da und will mir zum Bunde die Hand reichen, ſoll ich ſie ausſchlagen und immer noch an die längſt verblühten Veilchen und Roſen denken? Soll ich es auch mit dem Winter verderben, wie ich es mit ſeinen Vorgängern ge⸗ than, weil ich die Stürme, die Kälte und den Schnee fürchte, den er jedenfalls bringen wird? Oder ſoll ich mich zum Kampf mit ihm rüſten, damit ich ihn beherrſche und mir ſeine Macht unterthänig mache?— Entweder dies, ſprach ſie leiſe und langſam weiter— oder, auf Alles verzichtend, mich zur Ruhe legen— unbekümmert darüber, ob auf dem Hügel, welcher mich deckt, Blumen blühen oder der kalte Schnee liegt.— Das wäre jeden⸗ falls das Beſte und meines ſehnlichſten Wunſches liebſte Erfüllung.— Welcher Menſch hätte nicht ähnlichen Gedanken nach⸗ gehangen? Die beſten und edelſten verfallen ihnen am leichteſten, weil ſie die Richtigkeit des menſchlichen Lebens am meiſten erkennen; die Jugend ſpielt und ſchwärmt da⸗ mit, weil das Spiel des Gefühls und die Schwärmerei zu ihrer Beſchäftigung gehört, aber bei dem tiefen und feſten Charakter Hedwig's war es mehr als eine Schwär⸗ merei. Es war ein Reſigniren, ein Sichabfinden mit der Jugend, vielleicht mit dem Leben, welches bis jetzt keine ihrer Hoffnungen erfüllt hatte, wenn auch dieſe Hoff⸗ nungen ſelbſt nicht zum klaren Bewußtſein gekommen waren. Noch immer ſtand ihr Frühſtück unberührt und ſie ſinnend am Fenſter, ernſt und trübe auf die Gegend hin⸗ ausblickend. Da trat ihr Vater in das Zimmer. Ich wollte dich abholen, ſagte er, aber ich ſehe, du haſt noch nicht gefrühſtückt; biſt du unwohl, du ſiehſt blaß aus? Nein, erwiederte ſie, ich bin ganz wohl und betrach⸗ tete die Gegend, welche plötzlich ſo ſehr verändert iſt. So? Ich habe das noch nicht bemerkt— aber früh⸗ ſtücke jetzt, kleide dich warm an, und dann wollen wir hinabgehen, um den erſten Transport der gefangenen Franzoſen zu ſehen, welche hier durchkommen, um weiter nach Sibirien zu wandern. Gefangene Franzoſen? Und man ſchleppt ſie nach Sibirien? Wenn ſie hinkommen— doch beeile dich, Stunde werden ſie hier ſein. Ich mag ſie nicht ſehen. Sei nicht wieder kindiſch— ber Fürſt freut ſich darauf, in deiner Geſellſchaft die erſten Erfolge der ruſſiſchen Waffenthaten zu ſehen— wir werden nicht in einer 1⁴ lange verweilen— in einer kleinen Stunde hole ich dich ab.— Unten herrſchte eine ſehr geſchäftige Bewegung. Aus der nächſten Umgegend war Alles zuſammengelaufen, um den erſten Transport der gehaßten Feinde, gegen welche man die Rache des Himmels und den blindeſten Fanatis⸗ mus aufgerufen hatte, zu ſehen und zu verhöhnen. Der Fürſt ſtand mit Hedwig und dem Grafen inner⸗ halb des großen Raumes der Ausſpannung, als der Zug endlich ankam. Es waren einige Hundert Mann von allen Waffen— ein großer Theil hatte bereits unter⸗ wegs den Tod gefunden—, die in zerlumpten Klei⸗ dern, welche ſie faſt gar nicht gegen die Kälte ſchützten, in das Gehöft zogen. Blaß und abgezehrt, aber mit finſtern und entſchloſſenen Blicken gingen ſie neben ein⸗ ander hin, von Koſaken geleitet, welche auf ihren hohen Sätteln mit den langen Bärten wie Kobolde hockten und jeden Säumigen mit Lanzenſtichen weitertrieben. Als Halt gemacht wurde, warfen ſich die meiſten Gefangenen auf den Boden, weil ſie nicht mehr zu ſtehen vermochten, und nur einige blieben trotzig ſtehen, indem ſie ihre hohläugi⸗ gen, von wilden Bärten Peſchatteten Geſichter ihren Pei⸗ nigern zuwandten, die ſie, boshaft lachend, wie eine Heerde Schlachtvieh mit ihren Lanzen zuſammentrieben. Zweites Capitel. Auf Hedwig machte der Anblick dieſer abgezehrten, zerlumpten Geſtalten, welche mit Grauſamkeit und Hohn einem gewiſſen Tode entgegengeführt wurden, einen er⸗ greifenden Eindruck. Sie mußte ſich abwenden, denn ſie vermochte das Elend und das Unglück des Krieges, wel⸗ ches ihr hier in der mitleidvollſten Geſtalt vorgeführt wurde, nicht länger zu ſehen. Es empörte ihr Gefühl, daß die Blicke aller Umſtehenden, ſelbſt der Weiber, voll Haß und Hohn auf dieſe Unglücklichen gerichtet waren und in Keinem ſich die geringſte Regung des Witleids kund gab.— Und doch mußte ſie immer wieder hinblicken auf dieſe unglückliche, dem Verhängniſſe verfallene Schaar, die aus weiten, weiten Ländern im Schmucke der Waffen und mit ſtolzen Hoffnungen gekommen waren, um in Rußlands nordiſchen Eisſteppen einen ruhmloſen Tod zu finden.— 13 Die armen Menſchen ſind bis zum Tode erſchöpft, ſprach ſie leiſe zum Fürſten; befehlen Sie, daß ihnen eine Erfriſchung gereicht werde. Eine Erfriſchung? fragte der Fürſt erſtaunt und mit hohnvollem Lächeln; was Sie da ſehen, iſt der Reſt von den Zweitauſend, die bei Winkowo gefangen genommen wurden— es ſind nur noch einige Hundert— die Uebri⸗ gen hat bereits ihr Schickſal erreicht, und doch haben wir noch gar keine Kälte gehabt. Weßhalb ſie noch wieder er⸗ friſchen? Je eher es mit ihnen zu Ende geht, um ſo beſ⸗ ſer für ſie ſelbſt! Ein kalter, eiſiger Schauer durchrieſelte ihren Körper bei dieſer harten, mitleidsloſen Antwort, aber ſie konnte doch ihr Verlangen nicht aufgeben. Es ſind vielleicht Landsleute darunter, ſagte ſie, Deutſche— haben Sie Nitleid mit ihnen, laſſen Sie dieſelben nicht ohne eine Erquickung ihre traurige Wan⸗ derung fortſetzen!* Deutſche? Sie ſehen mir nicht ſo aus, erwiederte der Fürſt, aber wir können ja hören. Aus welchem Lande biſt du? fragte er einen der Ge⸗ fangenen, einen jungen Mann mit dunkeln, trotzig blicken⸗ den Augen, der mit finſterer und reſignirter Miene da ſtand.— Welches iſt dein Vaterland? wiederholte er franzöſiſch. 14 Kalia, ſagte mit klangvoller, unmerklich bebender Stimme der Gefangene, indem ſeine dunkeln Augen ſich unwillkürlich mit einem ſehnſuchtsvollen Blicke nach Sü⸗ den richteten— bella, cara Ialia! Es ſind Italiener, bemerkte ruhig der Fürſt, indem er ſich abwandte— das ruſſiſche Klima wird ihnen ſchwer⸗ lich behagen. Thun Sie es mir zu Gefallen, ich bitte Sie darum! flüſterte ſie mit leiſer, aber dringender Stimme. Ihnen zu Gefallen? fragte der Fürſt, indem ein ver⸗ bindliches, aber häßliches Lächeln ſich um ſeinen Mund legte— ich werde immer glücklich ſein, wenn ich Ihre Wünſche erfüllen kann.. Laßt den Gefangenen eine Suppe von Graupen und Fleiſch kochen befahl er mit lauter Stimme, zum großen Erſtaunen der umſtehenden, gaffenden Menge— laßt ihnen in dem großen Stalle eine ordentliche, warme Streu bereiten und einem Jeden ein Glas Branntwein verab⸗ reichen— daſſelbe ſoll morgen früh geſchehen, denn ſie werden heute hier ausruhen! Grazie, signorina, ſagte mit einem dankbaren, melan⸗ choliſchen Blicke der Gefangene, an den der Fürſt jene Frage gerichtet und der das zwiſchen ihnen geführte Ge⸗ ſpräch mit angehört hatte, indem er die Hand an ſeine tes geweſen war. Mütze legte— grazie per la sua misericordia. Ch'il Dio onnipotente i suoi giorni protegga! Hedwig fühlte ſich ſo ergriffen, daß ſie ſich abwenden mußte, um die Thränen zu verbergen, welche, ſo ſehr ſie auch dagegen ankämpfte, ihre Augen umflorten. Was hätte ſie darum gegeben, wenn ſie dieſe armen Gefangenen hätte retten können— aber ſie erkannte die Unmöglich⸗ keit, die Thorheit eines ſolchen Wunſches, und verließ, dem Italiener, der ihr traurig nachblickte, noch einen Ab⸗ ſchiedsgruß zuwinkend, rgſchen Schrittes einen Ort, wel⸗ cher der Schauplatz eines ſit ſo erſchütternden Auftrit⸗ Der Fürſt verhandelte noch mit den beiden Koſaken⸗ Offizieren, welche den Transport commandirten, und er⸗ langte bald die Einwilligung dieſer rohen und wüſten Menſchen, bis zum anderen Tage hier auszuruhen, da für ſie ſelbſt eine genügende von Spirituoſen dabei in Ausſicht geſtellt wur Hedwig vermochte ihrer Erſchütterung lange nicht Herr zu werden. Den ganzen Tag über blieb ſie auf ihrem Zimmer, ein Unwohlſein vorſchützend— es wäre ihr nicht möglich geweſen, heute den Fürſten zu ſprechen, vor dem ſie ein inneres Grauen empfand. Auch die Nacht verging ihr ſchlaflos, ihre Gedanken verweilten immer bei den armen Gefangenen, und es war ihr zuweilen, als ob * ihr Jemand leiſe, aber deutlich die Worte zuflüſtere: Italia— pella, cara Italia! ſo daß ſie erſchrocken empor⸗ fuhr und ſich ängſtlich in dem matt een Zimmer umſah. Als dann der Morgen zu grauen begann, wurde es unten geräuſchvoll, und der Laut wüſter, befehlender Stimmen drang bis zu ihr hinauf. Jetzt ziehen ſie wei⸗ ter, dachte ſie— weiter, weiter, in den kalten Tod! Das blaſſe, melanchvliſche Geſicht des armen Italieners mit den dunkeln, hohlen Augen ſtand wieder vor ihr und ſie verbarg das ihrige in die we ſen, um es nicht mehr zu ſthe es duldete ſie nicht i er das half nicht— tte, ſie ſprang auf, warf einen Mantel um at an das Fenſter— denn ſie mußte den Abzug d Ge angenen ſehen. Es herrſchte noch eine trübe Dämmerung, das Auge vermochte die einzelnen Sefind⸗ noch nicht zu erken⸗ nen. Die Gefangenen ſtänden auf dem Hofe a warmen, ſeidenen Kiſ⸗ 1 eine dunkle Maſſe bildend— jetzt bewegte ſie ſich, das Geräuſch und das Rufen der Stimmen wurde ſchwächer, um bald ganz zu verhallen. Noch einmal hob ſich der traurige Zug wie ein dunkler Körper von der weißen, ſchneeigen Fläche des Bodens in der Ferne ab— dann verſchwand er— für immer.— Nie wird dein Auge, du Armer, dein ſchönes Vaterland wiederſehen ſeufßzte ſie 3 7 leiſe vor ſich hin— niemals!— Es fröſtelte ſie— ſie ſuchte ihr Lager wieder auf und verfiel endlich in einen von ängſtlichen Träumen beunruhigten Schlummer. Im Laufe des Tages wurde ſie zwar wieder ruhiger, und die Bilder ihrer in ſo hohem Grade aufgeregten Phantaſie begannen zu erblaſſen, aber ſie nahm ſich feſt vor, niemals mehr Augenzeuge eines Elendes zu ſein, das zu ändern oder nur zu mildern doch nicht in ihrer Macht lag. Die Ruſſen und ſelbſt der Fürſt ſahen in dieſen armen Gefangenen, die man mit ſo barbariſcher Grauſamkeit behandelte und einem ſicheren, qualvollen Tode entgegenſchleppte, nichts als die Gegenſtände ihrer Rache: Ketzer und Räuber, die gekommen waren, um den Boden Rußlands zu erobern und zu plündern; Mord⸗ brenner, welche ſelbſt das heilige Moskau den Flammen geopfert hatten! Alles Mitgefühl war in dem ſonſt gut⸗ müthigen Charakter der Ruſſen erſtorben, ſie dürſteten nur nach Rache und Vergeltung. Selbſt die Weiber wurden zu Hyänen, welche die Hinſinkenden mordeten und in wilder Wuth um die zerfleiſchten Leichen umhertanzten. Krieg und Vertilgung war die Loſung— Krieg bis aufs Meſſer und Vertilgung bis zum letzten der Feinde! Das wußte ſie, das hörte ſie täglich und hatte ſelbſt ieden doch vergeblichen Widerſpruch aufgegeben. Aber auch in ihrem Herzen loderte die Flamme der Rache, und TI 2 —— 18 wenn ſie ſich auch mit Schauder von dem grauſamen Fa⸗ natismus der Ruſſen abwandte, der Sieg ihrer Waffen, die Vernichtung der Franzoſen erfüllte ſie mit hoher Freude, denn auch für ihr geknechtetes und erniedrigtes Vaterland begann die Morgenröthe der Freiheit zu leuch⸗ ten. Täglich trafen jetzt günſtige Nachrichten vom Kriegs⸗ ſchauplatzt ein. Die Franzoſen hatten Moskau ganz ge⸗ räumt, zuvor jedoch noch den Kreml in die Luft geſprengt und durch dieſe nutzloſe Barbarei den Haß der Ruſſen noch mehr entzündet. Bei Malo⸗Jaroslawetz hatte eine blutige Schlacht Statt gefunden, in welcher es zwar nicht gelungen war, den Franzoſen, wie man beabſichtigt, den Rückweg abzuſchneiden; der Verluſt des Feindes an Tod⸗ ten und Verwundeten, die ſie nicht mehr mit ſich fortfüh⸗ ren konnten und welche daher alle mit zu den Todten ge⸗ zählt werden mußten, weil man ſie nachher unbarmherzig mordete, ſo wie an Gefangenen war ſehr groß geweſen. Die Ruſſen hatten geſiegt, wenn auch der beabſichtigte Zweck nicht erreicht war; die Franzoſen waren auf die alte, ausgehungerte Straße nach Smolensk zurückgedrängt und die Corps von Tſchitſchakow und Wittgenſtein eilten vom NRiemen herbei, um ihnen den Rückzug gänzlich ab⸗ zuſchneiden. Das Heer von Kutuſow hatte ſich verdop⸗ pelt, und da der Weg, den die Franzoſen durch ein völlig verödetes Land zu machen hatten, in welchem alle Dörfer 4 6 4 6 ¹9 und Städte niedergebrannt waren, noch faſt zweihundert Meilen betrug, ſo war nach menſchlicher Vorausſicht ihr völliger Untergang eine unzweifelhafte Thatſache. Das Wetter, welches jetzt täglich mit großem Intereſſe beobachtet wurde, war zwar wieder milder geworden, aber dunkle, tiefgehende Wolken zogen, vom Sturme gejagt, eilig am Himmel hin und warfen ein Gemiſch von Schnee und Regen herab, ſo daß die Wege immer grundloſer vurden. Man freute ſich vorläufig auch darüber, ſo wie überhaupt über Alles, was man für nachtheilig für die Franzoſen anſah. Dieſe— das war die letzte Nachricht — hatten nach großen Verluſten die alte Straße in der Gegend von Moshaisk wieder erreicht. Auf den Höhen angelangt, welche dieſe jetzt gänzlich verwüſtete und ver⸗ laſſene Stadt begränzen, bivouakirte die Armee auf den blutgedüngten Feldern von Borodino. Noch lagen dort die fünfzigtauſend Leichen unbegraben, mit ihnen die Ca⸗ daver der Pferde, zertrümmerte Wagen, demontirte Kano⸗ nen, Helme, Küraſſe und Gewehre zerſtreut umher. Die Leichen, halb in Verweſung übergegangen, halb von Raub⸗ thieren angefreſſen, gewährten einen grauenerregenden An⸗ blick. So oft man ſich einer Stelle nahte, wo der Tod ſeine reichſte Ernte gehalten hatte, ſtiegen Schwärme von Raubvögeln mit widrigem Geſchrei empor, die Luft mit ihren dunkeln Flügeln verfinſternd. W 20 Es waren trübe und traurige Betrachtungen, welche die jetzt hier wieder an dürftigen Feuern gelagerten Fran⸗ zoſen während dieſer Nacht ergriffen. Vor ſieben Wochen hatte man auf dieſen Anhöhen jene blutige, mörderiſche Schlacht geſchlagen, nachdem man vergeblich nach einem endloſen Marſche den ſtets ausweichenden Feind zu er⸗ reichen geſucht hatte— dann war man nach Moskau ge⸗ zogen, vierzigtauſend Mann an Zahl geſchwächt, um dort die Früchte dieſer namenloſen Anſtrengungen zu ernten, und hatte nichts als ein Feuermeer gefunden, nebſt der Gewißheit der Fortſetzung des Krieges bis zum Aeußer⸗ ſten. Dann kam nach einer von trügeriſchen Hoffnungen erfüllten Raſt von fünfunddreißig Tagen— der Rück⸗ zug— der Rückzug durch das unendlich weite, verödete Land, jetzt, beim Herannahen des Winters! Die aus Moskau mitgeſchleppten Lebensmittel hatte man bereits nach einem Marſche von acht Tagen, den man auf gera⸗ dem Wege ohne Schlacht in drei Tagen hätte zurücklegen können, aufgezehrt, und mit der erſten Kälte kamen zu⸗ gleich die erſten Mahnungen des Mangels und des Hun⸗ gers. Die Armee, welche jetzt wieder, mit umgekehrter Front, auf dem Schlachtfelde von Borodino lagerte, war bereits auf die Hälfte ihrer damaligen Stärke herabgeſun⸗ ken— man wußte ſchon, daß jeder Verwundete, der nicht zu folgen vermochte, zu den Todten zählte, und daß der 21 größte Theil der aus Moskau mitgeführten Verwundeten erbarmungslos zurückgelaſſen worden war. Das waren ſehr niederdrückende und entmuthigende Betrachtungen, welche anfingen, die Disciplin zu lockern, ſo daß die Soldaten heimlich ihre Regimenter verließen, um jene Schwärme von Marodeurs zu bilden, die auf eigene Hand marſchirten, auf eigene Hand bivouakirten und ſich der Armee nur, wenn ſie Schutz gegen die Ko⸗ ſaken ſuchten, wieder anſchloſſen. Noch herrſchte aber im Ganzen die alte Ordnung, als die Armee beim erſten Grauen des Morgens ihr trau⸗ riges Bivouak bei Borodino verließ und ſchweigend den Weg gegen Weſten fortſetzte. Wie würde der Fürſt gejubelt haben, wenn er dieſen Anblick hätte genießen können, aber was ihm zu ſehen nicht vergönnt war, trug ihm und allen Anderen das ſtets dienſtbereite Gerücht auf raſchen Flügeln und in vergrößertem Maßſtabe zu. Seine Stimmung war da⸗ durch eine ſehr heitere geworden, wozu auch ein längeres Geſpräch beigetragen, welches er mit dem Grafen gehabt hatte. Die Antwort Hedwig's betrachtete er als eine Einwilligung. Wolle ſie ſeinen Antrag ausſchlagen, ſo ſchloß er, würde ſie keinen Anſtand genommen haben, dies unumwunden auszuſprechen; daß ſie ſich Bedenkzeit ausgebeten, fand er vollſtändig angemeſſen, es würde 22 ihrem Charakter, ihrer Würde nicht entſprochen haben, wenn ſie auf ſeine für ſie immerhin überraſchende Bewer⸗ bung ſogleich eine Zuſage ertheilt hätte. Wenn auch ein außergewöhnliches, ſie iſt doch immer ein Weib, ſprach er mit befriedigtem Selbſtbewußtſein vor ſich hin, und nur die allergewöhnlichſten Weiber ver⸗ ſchenken ihre Gunſt und was damit zuſammenhängt, ohne ſich wenigſtens den Anſchein zu geben als ob es dazu einer reiflichen Erwägung und Ueberlegung bedürfe. Das liegt in der Natur des Weibes, und je mehr ſie bei ihm hervortritt, je mehr ſie es verſteht, ſich ſelbſt zu beherr⸗ ſchen und ihre Gunſtbezeigungen zu verwerthen, deſto an⸗ genehmer iſt es für den Mann, wenigſtens für den erfab⸗ renen Mann, für den es längſt reizlos geworden iſt, Blumen zu pflücken, die ſich willig von ſeinem Fuße zer⸗ treten laſſen.— Sie weiß jetzt, was ich will, und das genügt vorläufig vollkommen; ſie zieht ſich von mir zu⸗ rück, nur um mich dadurch um ſo mehr anzuziehen— es iſt das Alles ganz natürlich und ſachgemäß, und ich wünſchte nicht, daß es anders wäre. Ich werde ſie noch eine Zeit lang in dieſem Uebergangs⸗Stadium laſſen, dann aber ihre Antwort nicht abwarten, ſondern ſelbſt und offen mit ihr reden.— Späteſtens im Frühjahre denke ich zu heirathen, fuhr er immer heiterer werdend fort— es wird dann vielleicht Friede ſein, nachdem Na⸗ 23 poleon und ſeine Armee vernichtet ſind, und wir können eine Reiſe nach Deutſchland und dem Süden machen.— Ich werde noch einmal aufleben, noch einmal jung und jugend⸗ lich empfinden— Wäre es auch nur der Schluß der ganzen Komödie, ſetzte er wieder in trüberer Stimmung hinzu, es wäre immerhin ein ſchöner und brneidenswerther Schluß! Es verging wieder eine Woche, in welcher der Fürſt, ſeinem Vorſatze getreu, ſich anſcheinend weniger um Hed⸗ wig bekümmerte, welche, ſelbſt ſchweigſam und verſtimmt, dies kaum zu bemerken ſchien. Die lang erſehnte Kälte war nun endlich eingetreten, und die Erde hatte ſich in eine tiefe Schneedecke gehüllt. Der Fluß bildete eine feſte, ſtarre Eismaſſe, aber der dadurch gehinderte Verkehr hatte ſich nicht vermindert, ſondern vermehrt, denn es war Schlittenbahn und dadurch die bisher ſchlechten und un⸗ fahrbaren Wege dem leichten und raſchen Verkehre ge⸗ öffnet. Uunten in der Ausſpannung wurde es daher wieder ſehr lebendig, denn täglich kamen Hunderte von Schlitten, mit den verſchiedenſten Gegenſtänden beladen, von Now⸗ gorod herauf oder fuhren dahin. Auch der Fürſt war auf einige Tage verreiſ't. Er habe Geſchäfte in Nowgorod und wolle einen alten Freund beſuchen, deſſen Herrſchaft einige dreißig Werſte ſüdlich von Nowgorod lag. Mit dieſen Worten hatte er „ 24 5 ſich, gleichſam entſchuldigend, von Hedwig verabſchiedet, welche ihn mit ruhiger und gleichgültiger Miene ange⸗ hört und ihm dann ebenſo glückliche Reiſe gewünſcht hatte. Es thut mir unendlich leid, daß ich auf eine kurze Zeit des Vergnügens Ihrer Geſellſchaft beraubt bin, hatte er dann mit einem verbindlichen Lächeln hinzuge⸗ fügt, aber mich tröſtet die Hoffnung, daß Sie auch in der Ferne zuweilen meiner gedenken werden. Sie hatte dieſe beziehungsvolle Andeutung nur durch eine leichte und ſtumme Verbeugung erwiedert, und er war abgereiſt. Der Tag war beſonders ſchön; die Sonne ſchien hell, die Luft war ruhig und die Kälte nicht empfindlich. Hed⸗ wig empfand am Nachmittage das Verlangen, eine Schlit⸗ tenfahrt zu machen; ſie wußte, daß ſie dabei allein ſein konnte, da der Fürſt abweſend war und ihr Vater keinen⸗ falls mitfahren würde. Der Gedanke übte den alten Zau⸗ ber aus, ſie könne wieder mit flüchtigem Pferde raſch über die Fläche dahinfliegen und ſich dabei ungeſtört ihren eigenen Empfindungen überlaſſen. Sie ließ daher den Hausmeiſter heraufbeordern und theilte ihm ihren Wunſch mit. Petrowitſch war einer von den außergewöhnlichen Leibeigenen, wie es deren in Rußland damals eine Menge gab. Er ſprach fertig Deutſch und Franzöſiſch, waß ihn 25 der Fürſt hatte lernen laſſen, und beſaß überhaupt einen Grad von Bildung, der ihn befähigt hätte, in jedem ge⸗ ſellſchaftlichen Kreiſe mit Sicherheit und Gewandtheit zu erſcheinen. Dazu war er in all derienigen Fertigkeit geübt, welche ſeine Stellung erforderte, ein gewandter Rei⸗ ter, ein ſicherer Kutſcher und zugleich ein zuverläſſiger Buchführer. Sein Amt ſtellte ihn über die ganze übrige Dienerſchaft, welche ſeinen Befehlen eben ſo ſclaviſch ge⸗ borchte, als denen des Fürſten, während er ſelbſt nur die⸗ ſen, aber eben ſo unbedingt und ſelaviſch nachkam. Petrowitſch hörte die Worte der Gräfin in ſchweigen⸗ der Unterwürfigkeit an und erwiederte, daß er ſogleich einen Schlitten anſpannen laſſen werde. Würden es die anädige Gräfin mir vielleicht geſtatten, Sie zu begleiten? fragte er dann. Mich begleiten? erwiederte ſie, unangenehm von dem Gedanken berührt, wieder nicht allein ſein zu können. Der Leibkutſcher des Herrn Fürſten iſt mit ihm ge⸗ fahren und die anderen ſind nicht ſo erprobt, daß ich einem von ihnen die gnädige Gräfin, namentlich in Abweſenheit des Herrn Fürſten, anvertrauen möchte.— Ich würde die gnädige Gräfin ſicher fahren, ſetzte er, gleichſam ihre Gedanken errathend, hinzu. Nun, wenn Sie meinen, erwiederte ſie freundlich— 26 ich will Sie nicht daran hindern und fahre natürlich lie⸗ ber mit Ihnen, als mit einem Anderen. Wann befehlen die gnädige Gräfin, zu fahren? So bald als möglich; die Tage ſind bereits ſehr kurz geworden. In zehn Minuten wird der Schlitten bereit ſein. Als ſie nach kurzer Zeit in ihren Pelz gehüllt vor das Portal des Schloſſes trat, hielt der Schlitten bereits dort, ihrer harrend. Das Innere deſſelben war ganz mit Bärenfell ausgeſchlagen und eben ſolche mit einem rothen, ausgezackten Tuchrande verzierte Decke bildete die äußere Hülle. Bereitſtehende Diener legten außerdem einen Fußſack von ſibiriſchem Fuchs auf den Boden, in welchem ſie ihre zierlichen Füße barg; dann wurde die ſchwarze, zottige Decke rund herum feſt zugeknöpft, Petro⸗ witſch, ebenfalls in einen langen Pelzrock gehüllt, ſtellte ſich vorn auf ein am Schlitten befindliches Bret, man reichte ihm die Zügel der drei ungeduldig ſcharrenden, kohlſchwarzen Pferde, von denen das mittlere nach ruſſi⸗ ſcher Sitte in der Gabel ging, während die beiden Sei⸗ tenpferde nur galoppirten— er hielt ſie mit ſicherer Hand, und dann flog das leichte, elegante Fuhrwerk pfeilſchnell dahin. Sie athmete tief auf, als ſie ſo dem Vogel gleich über die glatte Fläche fortſtrich, und als das Schloß ſich nach und nach in dem Dufte des ſich neigenden Tages 27 verlor, war es ihr, als ob ſie einen lang entbehrten, er⸗ quickenden Trank zu ſich nehme. Sie fuhren durch einen Kiefernwald. Die ſtets melancholiſchen Bäume, an denen die Jahreszeiten wie an alten oder unempfindlichen Men⸗ ſchen ſpurlos vorüber zu gehen ſcheinen, ſo daß ſie wenig wiſſen von der Herrlichkeit des Frühlings, dem Zauber der warmen Nächte des Sommers oder den klaren, ſehn⸗ ſuchterweckenden Tagen des Herbſtes, ſtanden jetzt da mit vom Schnee herabgedrückten Zweigen wie Menſchen unter der Laſt der Jahre oder der Verhältniſſe— raſch und verwirrt ſchienen die dunkeln Stämme ſich durch einander zu bewegen, als der klingelnde Schlitten an ihnen vor⸗ überflog, und Hedwig's Auge, welches hin und wieder in die entſtehenden und verſchwindenden Lücken blickte, hatte nur Zeit, das ganze melancholiſche Bild in ſich aufzuneh⸗ men, ohne die Einzelheiten feſthalten zu können. Es war ihr ein wohlthuendes Gefühl, als ſie die Gränze des Gehölzes erreichten und die weite, ſchneeige und glänzende Fläche wieder vor ihnen lag. ——————. Drittes Capitel. Sie waren nur eine kurze Strecke gefahren, als Hed⸗ wig in der Ferne eine dunkle Maſſe gewahrte, welche ſich langſam ihnen entgegen bewegte. Anfänglich achtete ſie nicht darauf, als ſie aber näher kamen und man erkannte, daß es wieder ein Transport franzöſiſcher Gefangener ſei, empfand ſie das Verlangen, ihnen nicht zu begegnen. Laſſen Sie uns vom Wege abbiegen, ſagte ſie deß⸗ halb zu Petrowitſch, es iſt mir ſchmerzlich, dieſe Unglück⸗ lichen in der Nähe zu ſehen, denen ich doch nicht helfen kann Petrowitſch ließ die Pferde langſamer gehen, indem er ſich nach beiden Seiten umblickte. Es iſt unmöglich, Herrin, ſagte er dann; der Weg wird von tiefen, mit Schnee gefüllten Gräben begränzt, in denen die Pferde ſtürzen würden. Wir können weder den Weg verlaſſen, noch umwenden. 29 Mit beklommenem Herzen fuhr ſie weiter und ſchloß unwillkürlich die Augen, um nicht wieder dieſe dem ſiche⸗ ren Tode geweihte Schaar in der unmittelbarſten Nähe zu ſehen. Als aber das Geräuſch ihrer Schritte und das Rufen der begleitenden Koſaken an ihr Ohr ſchlug, ver⸗ mochte ſie dennoch ihre Blicke nicht abzuwenden, nicht aus Neugierde, ſondern gefeſſelt durch jene unwiderſtehliche Macht, mit welcher uns das Tragiſche oder das Gräßliche in ſeinen Bereich zieht. Die Enge des Weges geſtattete nicht, raſch vorüber zu fahren, und als ſie bemerkte, daß die Koſaken die er⸗ mattet hinwankenden Gefangenen mit den Lanzen auf die Seite trieben, um dem Schlitten Raum? 3, ſchaffen, befahl ſie Petrowitſch, ſtill zu halten. So zogen ſie denn langſam, ſchweigend, mitd Hoff⸗ nungsloſigkeit des Leidens, den Schlitten kaum Pachtend, vorüber. Zuweilen hob ſich ein matter, trüber Blick em⸗ por und ſchweifte nach dem eleganten Fuhrwerke mit der ſchönen, in warmen Pelz gehüllten Frauengeſtalt hinüber, aber es lag keine Frage, kein Verwundern, kein Forſchen mehr in dieſen Blicken, ſondern nur die ſtumpfe, durch ein Uebermaß von Leiden erzeugte Gleichgültigkeit, die ſich nach dem Ende ſehnt.— Der Zug wollte nicht enden, es war eine größere Zahl Gefangener, und die Enge des Weges geſtattete es nicht, in breiten Reihen zu marſchi⸗ — 30 ren. Sie hatte immer wieder den Verſuch gemacht, ihr Auge davon abzuwenden, aber es war immer vergeblich geweſen. Endlich ſchienen die Letzten zu kommen, die am mei⸗ ſten Ermatteten, die Kranken— diejenigen, welche bald aufhörten, die Letzten zu ſein. Unbarmherzig trieben die Koſaken ſie weiter. Unter ihnen ging ſchwankenden Schrittes ein junger, ſchlanker Mann in der zerlumpten Uniform eines Offiziers. Man hatte ihm die Epauletten wie jeden anderen Schmuck abgeriſſen, ihm den Mantel genommen und ihn ſo gleich ſeinen Unglücksgefährten weiter getrieben.„Ein dunkler Bart beſchattete ſein Kinn und hob die Biſſe und Magerkeit ſeines regelmäßigen, auch jetzt noch ſchönen Geſichtes hervor. Um den Kopf war, vielleicht um gleichzeitig eine Wunde zu verbinden, ein ſchwarzes Tuch geſchlungen, unter welchem die glän⸗ zenden dunkeln Locken hervorquollen. Sein Weg führte ihn unmittelbar an dem Schlitten vorüber, ohne daß er darauf achtete. Dann ſchien es, als ob ſeine Kräfte ihn verlaſſen wollten, denn er blieb ſtehen, griff mit der Hand nach der Lehne des Schlittens und ſtützte ſich darauf. Ein Koſak ſprengte heran, um ihn mit der Lanze weiter zu treiben. Schont ſeiner! rief ſie, von der Gewalt des Mitleids erfaßt, indem ſie wie zu ſeinem Schutze die Hand aus⸗ 31 ſtreckte— ſagt es ihm, ſagt es ihm, Petrowitſch, und gebt ihm Geld— damit er es thue!— Hier, hier, fuhr ſie immer erregter fort, ihre Börſe hinhaltend— hier iſt Geld, gebt es ihm und ſagt ihm, ich würde michzu Hauſe erkundigen, ob es geſchehen ſei. Während Petrowitſch dieſem unerwarteten Befehle nachkam und mit dem Koſaken verhandelte, welcher mit gierigem und höhniſchem Grinſen die ihm gereichten Geld⸗ ſtücke in Empfang nahm, war der Gefangene in ſeiner Stellung verblieben. Es ſchien, daß er die ſeinetwegen gepflogene Verhandlung nicht gehört oder nicht verſtan⸗ den habe, denn die völlig hoffnungsloſe Apathie ſeiner Züge blieb unverändert. Sie wagte es nicht, mit ihm zu ſprechen obtn zu fragen— es war ja doch Alles vergeblich, und ſie ſcheute ſich vor einer noch größeren Aufregung ihrer Gefühle. Da hob er die dunkeln Augen empor und ſah ſie mit einem langen, ermüdeten Blicke an, von welchem ſich ab⸗ zuwenden ſie nicht die Macht beſaß. Es lag keine Bitte um Hülfe, kein Ausdruck des Dankes in dieſem Blicke, vielleicht der kaum merkliche Anflug einer Frage nach dem Warum einer ſolchen außer⸗ gewöhnlichen und nutzloſen Rückſichtnahme— ſonſt war es nichts als ein leeres, ausdrucksloſes Hinſtarren, wel⸗ ches ſich zufällig an ihr Auge geheftet hatte, wie es dies 32 an jeden anderen Gegenſtand gethan haben würde. Und doch konnte ſie ſich von dieſem Blicke nicht abwenden, bis der Koſak zum Aufbruche trieb und dem Gefangenen be⸗ greiflich machte, er könne ſich an ſeinem Steigbügel feſt⸗ halten. Dieſer ſchüttelte verneinend mit dem Kopfe und ſchwankte weiter. Sie fühlte ſich ſo ergriffen und erſchüttert, wie noch nie in ihrem Leben. Unwillkürlich ſchloß ſie ihre Augen, aber immer ſah ſie diejenigen des Gefangenen, ſeinen todmüden Blick, der ſo lange und mit einem ſo eigenthümlichen Ausdrucke an dem ihrigen gehaftet hatte. Ihre lebhafte Phantaſie malte ſich die Geſchichte ſeiner Leiden, dieſer maßloſen Leiden aus, ſie dachte an ſeine ihr er Heimath, daß er auch Eltern, Geſchwiſter und vielleicht eine Braut zurückgelaſſen, die jetzt voll Kummer und Schmerz ſeiner dächten. Wenn du dieſen Einen wenigſtens retten könnteſt! Dieſer Gedanke fuhr plötzlich wie ein zündender Blitz durch ihre Seele. Nicht mit Worten, wozu er vielleicht nicht mehr befähigt oder zu ſtolz iſt, hat er mich darum gebeten, aber er hat ſeine ermattete Hand, Schutz ſuchend, auf meinen Schlitten geſtützt— ſoll ich ihm dieſen Schutz verſagen? Die wildeſten Völker nehmen ſich des Verfolg⸗ ten an, der ihre Gaſtfreundſchaft empfangen, und iſt er nicht mein Gaſt geweſen, wenn auch nur einen kurzen 33 Moment? Soll ich ihn jetzt verlaſſen? Nicht einmal den Verſuch machen, ihn zu retten? Der erhebende Aufſchwung, welcher unſer Gefühl und unſer Empfinden ergreift, wenn wir den Vorſatz zu einer edlen That faſſen, bemächtigte ſich ihrer; ſie begeiſterte ſich für dieſen Gedanken und beſchloß mit der ihrem Charak⸗ ter eigenen Energie und Lebhaftigkeit, die Ausführung zu verſuchen. Es mochte eine Stunde vergangen ſein, als dieſer Entſchluß bei ihr zur Vollendung gediehen war, und ſie befahl jetzt Petrowitſch, umzukehren und ſo raſch als möglich nach dem Schloſſe zu fahren. Für ihre Un⸗ geduld war die eilige Fahrt immer noch zu langſam. Werden die Gefangenen in der Ausſpannung über⸗ nachten? fragte ſie, während die Pferde im Galopp da⸗ hinflogen. Sie werden nicht weiter können. War es ein Italiener? ſagte ſie nach einiger Zeit, in⸗ dem ſie unwillkürlich an Jenen dachte, der ihr damals ſo freundlich gedankt hatte. Nein, ein Franzoſe, wenigſtens nach der Ausſage des Koſaken; doch iſt dies keine ſichere Bürgſchaft. Es ſchien mir ein Italiener zu ſein, ſprach ſie mehr zu ſich ſelbſt. Wie lange werden wir noch fahren? Noch eine Stunde. Die Sonne neigt ſich ſchon zum Untergange. 6 m. 8 34 Wir werden vor dem Abende dort ſein. Die Umriſſe des hochgelegenen Schloſſes traten jetzt, von den aufſteigenden Rebeln der kommenden kalten Win⸗ ternacht halb verhüllt, hervor, und als ſie den Eingang zu dem unten gelegenen großen Gehöfte erblickten, er⸗ kannte ſie, daß die dunkle Maſſe der Gefangenen ſich ſo eben hindurch bewegte. Nach zehn Minuten waren ſie ebenfalls zur Stelle. Ihr Auge ſuchte die ſchlanke Ge⸗ ſtalt, deren Hand einen kurzen Moment auf der Lehne ihres Schlittens geruht hatte, aber es ſuchte vergeblich. Sehen Sie ihn nicht? fragte ſie Petrowitſch. Wen, gnädige Gräfin? Den Gefangenen, über den wir geſprochen. Nein, ich ſehe ihn nicht— aber dort liegen mehrere auf der Erde, vielleicht iſt er unter dieſen. Sie ſprang vom Schlitten und eilte nach jener Stelle. unbewußt, was ſie that, drängte ſie ſich durch die Um⸗ ſtehenden, und dann ſah ſie denjenigen, welchen ſie ſuchte, auf dem kalten, harten Boden liegen— er war anſchei⸗ nend ſeinen Leiden bereits erlegen. Retten Sie ihn, befahl ſie in deutſcher Sprache Pe⸗ trowitſch, der ihr beſorgt gefolgt war— ich will es! Ich befehle es! ſetzte ſie faſt heftig hinzu, als dieſer zu zö⸗ gern ſchien. Der Herr Fürſt.. 35 Ich übernehme jede Verantwortung! Der Hausmeiſter verneigte ſich zum Zeichen des Ge⸗ horſams und befahl dann einigen Knechten, den Gefan⸗ genen nach einem warmen Stalle zu tragen, ihm eine weiche Streu zu machen, ihn mit einem Pelze zu bedecken und wennm er ſich erholt habe, ihm diejenigen Nahrungs⸗ mittel zu reichen, welche er ſenden würde. Es konnte vorläufig nichts weiter geſchehen, das er⸗ kannte ſie. In einer ihr ſonſt nicht eigenen Aufregung blickte ſie den Trägern des bewußtloſen Gefangenen nach, deſſen Hände ſchlaff wie die eines Todten herabhingen und deſſen Augen geſchloſſen waren. Das Tuch, welches er um den Kopf getragen, war abgefallen, und unter den dunkeln, zum Theil blutigen Haaren zeigte ſich eine nur unzulänglich verbundene Wunde. Ob er noch lebt? fragte ſie mit bebender Stimme. Vielleicht, erwiederte Petrowitſch, vielleicht auch nicht — es wird ſich bald zeigen. Ich verlaſſe mich darauf, daß nichts verſäumt werde, ſagte ſie, unſchlüſſig, ob ſie nicht ſelbſt dem Zuge folgen ſolle— kommen Sie in ſpäteſtens einer halben Stunde zu mir auf mein Zimmer und theilen Sie mir mit, wie es um ihn ſteht. Dann entfernte ſie ſich endlich, aber erfaßt von einer Unruhe, wie ſie niemals empfunden, obgleich ſie ſich die⸗ 3 — 36 ſelbe nicht eingeſtund. Die Zeit, bis Petrowitſch kam, däuchte ihr eine Ewigkeit, und ſie war eben im Begriffe, nach ihm zu ſchicken, als er gemeldet wurde. Sie eilte ihm bis zur Thüre entgegen, und er er⸗ ſtaunte, ſie noch in demſelben Anzuge zu finden, welchen ſie auf der Schlittenfahrt getragen hatte. Nun, fragte ſie— lebt er noch? Geht es ihm beſſer? Er lebt, gnädige Gräfin, erwiederte der Beamte ruhig, er iſt noch nicht todt, aber daß es ihm beſſer gehe, wage ich nicht zu behaupten. Erzählen Sie— erzählen Sie— ich wünſche Alles genau zu erfahren! Er kam nach kurzer Zeit, wahrſcheinlich in Folge der ungewohnten Wärme, wieder zu ſich— es ſchien nur eine Ohnmacht geweſen zu ſein, in welche er aus Schwäche gefallen war. Ich ließ ihm warmen Thee reichen und Weißbrod, und er trank und aß mit der Haſt eines Menſchen, der lange gehungert hat; ſonſt verharrte er in ſeinem apathiſchen Zuſtande, ſchloß bald darauf wieder die Augen und ſchlief ein. Er mag wohl lange nicht ſo warm und ſo weich geſchlafen haben. Und er ſchläft noch? O, er wird ſchlafen, bis man ihn weckt, um ſeinen Narſch fortzuſetzen; er würde wahrſcheinlich morgen den 37 ganzen Tag und auch noch die kommende Nacht fort⸗ ſchlafen, wenn es ihm vergönnt wäre! Er hat eine Wunde am Kopfe. Ich habe ſie auswaſchen und ſo gut es ging verbin⸗ den laſſen; ſie iſt nicht tief und bereits in der Heilung. Sie ging, nachdem ſie dieſe Nachrichten gehört hatte, längere Zeit nachdenkend und mit einem Entſchluſſe käm⸗ pfend in dem Zimmer auf und ab, während Petrowitſch ſchweigend da ſtand und ihres weiteren Befehles harrte. Nehmen Sie Platz, Petrowitſch, ſagte ſie dann plötz⸗ lich— ich habe noch mit Ihnen zu reden— vielleicht längere Zeit, und Sie werden müde ſein, denn Sie haben meinetwegen ſo lange auf dem Schlitten geſtanden. Ich werde die Befehle der Herrin ſtehend anhören, wie es mir geziemt, erwiederte er; es paßt ſich nicht.... Soll ich es Ihnen erſt befehlen, unterbrach ſie ihn mit einem freundlichen Lächeln, oder genügt es, wenn ich Sie darum erſuche? Sie ſetzte ſich ſelbſt bei dieſen Worten in einen der weichen Sammtſeſſel, indem ſie mit der Hand auf einen anderen zeigte. Verlegen und noch immer zögernd folgte der Beamte dieſer für ihn eben ſo ungewöhnlichen als ſchmeichelhaften Aufforderung. Sie glauben, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, daß 38 der Gefangene ſich vollſtändig erholen würde, wenn man ihn ordentlich verpflegte? Ich wage dieſe Frage nicht unbedingt zu bejahen— er iſt ſehr ſchwach und hat außerdem Fieber— es geht mit ſolchen Leuten oft ſehr ſchnell zu Ende.. Dennoch müſſen wir den Verſuch machen! ſagte ſie plötzlich entſchieden. Er blickte ſie fragend und verwundert an.— Es wird zu nichts helfen, erwiederte er dann, er muß morgen doch weiter— es iſt ihm wirklich nicht zu helfen. Es ſoll ihm aber geholfen werden, und deßhalb muß er hier zurückbleiben! Hier zurückbleiben? Der Koſaken⸗Offizier kann und darf dies nicht geſtatten. Es iſt auch nicht nöthig, wir werden ihn nicht darum fragen. Nicht darum fragen— wie wäre das möglich? Wir werden den Gefangenen heimlich zurückbehalten. Heimlich zurückbehalten? rief Petrowitſch erſchreckt. Wiſſen die gnädige Gräfin auch, daß Todesſtrafe darauf ſteht, einen franzöſiſchen Gefangenen zu befreien? 2 Ach, was kümmern mich Eure barbariſchen Geſetze rief ſie verächtlich. Haben Sie ſich nach dem Namen und dem Stande erkundigt, haben Sie die Liſten nachge⸗ ſehen, wie ich es Ihnen aufgetragen? 39 Ich habe dies gethan, aber dieſe Liſten ſind ſo ſchlecht und unleſerlich geführt, es ſteht bei ſo vielen Namen ein Kreuz, daß es nicht möglich iſt, den Beſtand der noch Vorhandenen daraus zu ermitteln. Um ſo beſſer— und ſonſt haben Sie nichts über ihn erfahren? Nichts, als daß er ein franzöſiſcher Kavallerie⸗Offizier iſt— den Grad wußte man nicht— der bei Malo⸗ Jaroslawetz gefangen genommen wurde. Schweigend und nachdenkend ſaß ſie wieder eine Zeit lang da, während ein höheres Roth ihre Wangen färbte und ſie Petrowitſch unruhig betrachtete. Hören Sie, ſagte ſie dann mit einem gewinnenden, freundlichen und faſt bittenden Ausdrucke, welcher ihre ſonſt ſo ſtolzen Züge doppelt ſchön machte— wir müſ⸗ ſen ihn retten— wir beide. Ich vermag es nicht ohne Ihre Hülfe, und Sie werden mir dieſe nicht ver⸗ ſagen. Es iſt unmöglich, gnädigſte Gräfin, erwiederte Petro⸗ witſch mit ſichtlichem Schreck— der Herr Fürſt würde die härteſten Strafen über mich verhängen— ich kann und darf nicht! Ich übernehme jede Verantwortung— jede. Ich werde es dem Fürſten ſelbſt mittheilen— ich werde ihm ſagen, daß ich es Ihnen befohlen hätte— daß Sie nur 40 meinem Befehle nachgekommen wären. Sie haben nichts, gar nichts zu beſorgen! Der Herr Fürſt darf es ſelbſt nicht, er würde einen Landesverrath begehen— es iſt wirklich unmöglich, Herrin! Ihre Unruhe ſteigerte ſich bei dieſen Worten des Be⸗ amten und ihre Augen ruhten einen Moment mit einem zornigen Ausdrucke auf ihm. Sie erkannte jedoch bald, daß ſie nur mit ſeiner Hülfe ihren Zweck erreichen könne, und ſprach daher in demſelben freundlichen und gewinnen⸗ den Tone weiter. Ich habe Sie bisher hochgeſchätzt, Petrowitſch, weil ich erkannt, daß Sie, wenn auch noch von den unwürdi⸗ gen Banden der Leibeigenſchaft gefeſſelt, doch in Ihren Kenntniſſen, Anſchauungen und Empfindungen zu den Gebildeten gehören, die in allen Ländern der Erde ſich ebenbürtig ſind. Soll ich heute an Ihnen irre werden? Wollen Sie mir in dieſem Falle Ihre Hülfe verweigern, wo ich derſelben nothwendig bedarf, und zu einem Zwecke, den Sie ſelbſt billigen und deſſen Erreichung Ihr eigener Wunſch ſein muß? Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß ſo engherzige Erwägungen zur Richtſchnur Ihrer Hand⸗ lungen werden könnten, vielmehr angenommen, Sie wür⸗ den, über dieſe erbärmlichen Vorurtheile erhaben, ſelbſt gern und freudig auf meinen Plan eingehen! Sollte ich 41 mich wirklich in dieſer Vorausſetzung getäuſcht haben? — Aber wenn Sie nur die Folgen im Auge haben, glau⸗ ben Sie dann wirklich, daß ich nicht ſo viel Einfluß auf den Fürſten beſäße, um ſeine Zuſtimmung zu einer an ſich unbedeutenden Bitte zu erlangen— vielleicht nur einer Laune? ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihren Blick ver⸗ legen abwandte. Ich wiederhole, daß ich jede Verant⸗ wortung übernehme— jede. Der Fürſt ſoll ſogar Ihre Handlungsweiſe billigen und Sie deßhalb beloben— wenn auch vielleicht nur im Geheimen— darauf kann es Ihnen ja doch nicht ankommen. Herrin, ſagte der Beamte, indem er ſeine bis dahin niedergeſchlagenen Augen ſchwermüthig zu ihr emporhob und ſie mit dem Ausdrucke von Trauer und Ergebung anblickte— ich bin nichts als ein Leibeigener des Für⸗ ſten, der ſeiner Willkür verfallen iſt und den er morgen zu Tode knuten laſſen kann— er hat mich unterrichten laſſen und in die Welt geſchickt, nicht meinetwegen, ſon⸗ dern allein ſeinetwegen— aber die erlangte Erkenntniß iſt keine Wohlthat für mich, denn ich empfinde mein Un⸗ glück dadurch nur um ſo tiefer— doch das betrifft mich allein.— Sie haben aber Worte zu mir geredet, wie ſie mein Ohr aus dem Munde eines der Gewaltigen noch niemals gehört hat! Sie haben die Wunden meines In⸗ nern berührt, aber dennoch meine Seele mit Dank er⸗ 42 füllt!— Ich werde Ihren Befehlen gehorchen, wenn es auch zu meinem Unglücke führen wird! Mit einem freudigen Blicke reichte ſie ihm die Hand, welche er demüthig küßte.— Es wird nicht zu Ihrem Unglücke ſein, Petrowitſch, ſagte ſie dann in einem Tone, der deutlich verrieth, daß ihre Gedanken ein ganz anderer Gegenſtand beſchäftigte— verlaſſen Sie ſich deshalb ganz auf mich— und nun laſſen Sie uns berathen, wie wir handeln wollen. Der Herr Fürſt, ſagte Petrowitſch, nachdem er eine kurze Zeit nachgedacht hatte, wird erſt in einigen Tagen zurückkehren— der Transport marſchirt morgen früh weiter— was geſchehen ſoll, muß daher noch in dieſer Nacht und heimlich geſchehen. Sie nickte ihm beifällig zu. Ich bewohne einen abgelegenen Theil des alten Schloſſes. Hinter meinen Zimmern befindet ſich eines, das leer ſteht, weil es allein auf der anderen Seite des Flurs liegt— dort könnte man ihn unterbringen. Herrlich, herrlich! rief ſie in freudiger Aufregung. Niemand darf es erfahren— Niemand, ſetzte er wieder ängſtlicher hinzu— ich werde das Zimmer durch eine ſichere Perſon heizen und in Stand ſetzen und ihn dann durch zwei Knechte, denen ich bei Todesſtrafe Schwei⸗ gen auferlege, dort hintragen laſſen.— Es führt eine 43 beſondere Treppe vom Garten aus auf den Corridor, ſo daß er unbemerkt hinaufgetragen werden kann. Wie ſoll ich Ihnen danken? unterbrach ſie ihn mit glänzenden Augen.— Aber morgen, fuhr ſie wieder be⸗ ſorgter fort, wie wird es morgen beim Abmarſche ſein? Ich werde ſie betrunken machen, die beiden Offiziere mit, ſagte er mit einem verächtlichen Lächeln; über Nacht werden ohnehin Einige ſterben und dann wird man es mit dem Zählen ſo genau nicht nehmen— man macht wieder einige Kreuze in die Liſte, bei irgend welchen be⸗ liebigen Namen, und die Sache iſt abgethan. Sehen Sie, daß ich Sie beſſer und richtiger kenne, als Sie ſich ſelbſt kennen! rief ſie, erfreut über die ſo leichte Beſeitigung aller Hinderniſſe— ſo eilen Sie denn, Alles ſo vorzubereiten und anzuordnen, wie Sie es erdacht haben! Es wird geſchehen, Herrin, ſagte er ernſt, indem er aufſtand; morgen werde ich darüber Bericht erſtatten— es wäre jedoch leicht möglich, daß der Herr Fürſt uner⸗ wartet zurückkehrte, wie dies in ſeiner Gewohnheit liegt — für dieſen Fall möchte es gut ſein, ihm vorläufig nichts von dem Gefangenen zu ſagen, ſondern dazu eine paſſende Stimmung abzuwarten— es iſt dies bei ihm nothwendig, und der Erfolg hängt faſt immer davon ab. Vielleicht iſt es beſſer, wenn er es gar nicht erfährt, — — 44 erwiederte ſie, von einem neuen Gedanken erfaßt. Wenn der Gefangene geneſen iſt, können wir ihn leicht in ir⸗ gend einer Verkleidung zurückſchicken und würden dadurch aller unangenehmen Erörterungen enthoben. Das wird ſchwerlich ausführbar ſein, erwiederte er bedenklich; es iſt ein weiter Weg von hier bis zur Gränze und darüber hinaus— doch das wird ſich Alles ſpäter finden— ich habe nur die Bitte, daß, ehe die gnädige Gräfin dem Herrn Fürſten die Mittheilung macht, ich zu⸗ vor davon in Kenntniß geſetzt werde. Ich werde nichts ohne Ihren Rath und ohne Ihre Einwilligung in dieſer Sache thun, Petrowitſch, verlaſ⸗ ſen Sie ſich feſt darauf, wir ſind ja Verbündete. Be⸗ dürfen Sie Geld? fragte ſie dann, indem ſie die Hand nach ihrer Börſe ausſtreckte— es ſteht zu Ihrer Ver⸗ fügung. Geld iſt nicht nöthig, erwiederte er ernſt, ich habe, was ich bedarf— aber ich werde Sie vielleicht bald um weit Größeres bitten, um die Geltendmachung Ihres gan⸗ zes Einfluſſes bei dem Herrn Fürſten zur Verantwortung deſſen, was zu thun ich jetzt im Begriffe ſtehe. Sie haben mein Wort, HerrPetrowitſch, ſagte ſie mit klarer, feſter Stimme— noch niemals habe ich ein gegebenes Verſprechen unerfüllt gelaſſen. Handeln Sie nach unſerer WVerabredung und ſeien Sie ohne jede Beſorgniß. 45 Ich danke Ihnen, erwiederte er mit einem erleichter⸗ ten Athemzuge— es wird Alles geſchehen, wie wir es be⸗ ſprochen haben. Sie blickte ihm eine Zeit lang ſchweigend nach, als er gegangen war, dann, gleichſam um ihrer inneren Auf⸗ regung Herr zu werden, klingelte ſie ihrem Kammermäd⸗ chen, ließ ſich umkleiden und begab ſich zu ihrem Vater. — piertes Capitel. Während des ganzen Abends war Hedwig ſo zerſtreut und mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, daß es ihrem Vater auffiel und er ſich nach der Urſache davon erkun⸗ digte. Die ausweichende Antwort, welche er erhielt, rief bei ihm die Vermuthung hervor, daß ſie über den Antrag des Fürſten ernſtlich mit ſich zu Rathe gehe, in welcher Annahme er durch einige Fragen, welche ſie an ihn im Laufe des Geſpräches richtete, über die Rückkehr des Für⸗ ſten und ob er nicht einen beſtimmten Tag angegeben habe, noch mehr beſtärkt wurde. Er freute ſich im Stil⸗ len, als er dieſe Wahrnehmung machte, und kam zu der Ueberzeugung, daß ſie den Fürſten bereits mit Sehnſucht erwarte. Wie wenig kannte er ſie! Er hatte nicht die entfernteſte Ahnung von ihrem wirklichen Seelenzuſtande, welcher ihm jetzt, wie faſt immer, fremd blieb, da er ſich niemals die Mühe gegeben hatte, der Entfaltung ihrer ——— ſeeliſchen Kräfte zu folgen und ſich ihr zuzuwenden. Ohne die Pflege einer Mutter aufgewachſen, faſt immer auf ſich ſelbſt oder den Umgang in dienſtlichen Verhältniſſen ſtehen⸗ der Perſonen angewieſen, würde ſie ſich zu einer Selbſt⸗ ſtändigkeit des Charakters entwickelt haben, welche in Stolz und Härte ausgeartet wäre, wenn ihr für alles Edle und Hohe empfängliches Herz und ihre lebhafte, oft faſt ungezügelte Phantaſie ſie nicht davor bewahrt hätten. Sie liebte ihren Vater und wurde von ihm geliebt; bei beiden war dieſes Empfinden jedoch mehr das Reſultat des Verſtandes und der Gewohnheit als die Ausſtrömung einer wahren und innigen Neigung des Herzens. Sie zog ſich an jenem Abende, Müdigkeit vorſchützend, bald wieder zurück, und ihr Vater hinderte ſie nicht daran, obgleich es ihm geſchienen hatte, daß ſie heute keineswegs ermüdet, ſondern im Gegentheil aufgeregt ſei. Er lächelte ſelbſtgefällig vor ſich hin, als ſie ihn verlaſſen, in der an⸗ genehmen Ueberzeugung, ſie werde nach der Rückkehr des Fürſten, nach welcher ſie ſich ja mehrmals ſelbſt und an⸗ gelegentlich erkundigt hatte, ihr Schweigen brechen und ſeinen Antrag annehmen. Von all ſeinen Annahmen war nur die eine richtig, daß ſie ſehr aufgeregt ſei. Dieſer Zuſtand ihrer Seele trat noch mehr hervor, als ſie ſich allein und ohne jeden fremden Beobachter auf ihrem Zimmer befand, denn ſie 48 hatte ihr Mädchen ſofort mit der Weiſung entlaſſen, daß ſie ſich ſpäter ſelbſt entkleiden werde. ₰ Unruhig ſchritt ſie umher, ſetzte ſich bald einen kurzen Moment nieder, trat bald wieder an das Fenſter und blickte nach dem Hofe hinüber, wo es jetzt ſtill und ruhig geworden war. Der Mondſchein der klaren und kalten Winternacht ließ den Schnee in hellem, bläulichem Lichte erglänzen, während die umſtehenden Gebäude in tiefen, geſättigten Schatten ſich darauf abzeichneten. Niemand war zu ſehen, die Gefangenen hatte man in einem großen Gebäude untergebracht und es nicht für nöthig gehalten, Wachen auszuſtellen, da man wußte, daß die Kälte und die Ermattung für dieſe Unglücklichen der ſicherſte Wäch⸗ ter ſei. Plötzlich ergriff ſie eine ſich faſt zur Angſt ſteigernde Beſorgniß darüber, ob Petrowitſch auch den zwiſchen ihnen verabredeten Plan wirklich zur Ausführung ge⸗ bracht, ob er ſie dennoch nicht vielleicht getäuſcht habe, um morgen, wenn es zu ſpät ſein würde, mit der Unmöglich⸗ keit des Erfolges ſich zu entſchuldigen. Sie wollte ihn noch einmal ſprechen, ſie wollte ſich darüber Gewißheit verſchaffen— denn noch war es Zeit, das Verſäumte nachzuholen. Im Begriffe, die Klingel zu ziehen, fiel ihr Blick auf die Uhr, deren Zeiger auf Ritternacht ſtanden. Sie wurde wieder unſchlüſſig. Konnte ſie zu einer ſo 49 ſpäten Zeit noch nach Petrowitſch ſchicken? Würde ein ſo ungewöhnlicher und auffallender Befehl nicht allerlei Ver⸗ muthungen hervortufen, welche leicht zu der Entdeckung ihres Vorhabens hätten führen können? Er wird ſein Verſprechen erfüllen, ſprach ſie vor ſich hin, während ſie wieder unruhig im Zimmer auf und ab ſchritt— weß⸗ halb ſollte er es ſonſt gegeben haben— die Art, wie er es gab, bürgt mir dafür.— Rein, ich kann, ich darf jetzt nichts weiter thun— es könnte nur ſchädlich, nur nach⸗ theilig werden!— Und wenn es nun dennoch nicht wäre, habe ich dann nicht das Meinige gethan?— Wie ſonder⸗ bar, ſetzte ſie ihr Selbſtgeſpräch fort, während eine leichte Röthe ihr Geſicht überflog und ihre Augen ſich zu Boden ſenkten— ſie war ja allein, allein mit ſich ſelbſt— wie ſonderbar, daß ich es mir beinahe zum Vergehen n wenn ich dieſen abenteuerlichen Plan nicht ausführte!— Abenteuerlich? wiederholte ſie, indem ſie an ſeine Augen dachte, an ſeine dunkeln Angen, welche ſie ſo todesmüde angeblickt hatten— iſt es abenteuerlich, ein Menſchen⸗ leben zu retten?— Und weßhalb gerade dieſes— dieſes eine von ſo vielen, vielen Tauſenden, die in dieſem ſchreck⸗ lichen Kriege verloren gehen?— Sein ſtummer und doch ſo beredter Blick hat mich darum gebeten, ſprach ſie dann mit feſter und klarer Stimme weiter, als ob ſie einem An⸗ dern dieſe Frage beantworten müſſe,— ſeine Hand, die III. 4 50 ſich auf meinen Schlitten ſtützte, hat nach der meiniger Hülfe ſuchend verlangt— ich bin dieſem Blicke nicht aus⸗ gewichen, ich habe dieſe Hand nicht fortgeſtoßen, ſondern die meinige zu ſeinem Schutze erhob ben und es mir jenem Augenblicke gelobt, ihn zu retten!— Ich w Wort halten und Alles, was in meiner Macht und in meinen Kräften ſteht, aufbieten, um jenes heilige Gelö! niß zu erfüllen!— Es zog eine freudige, ſelbſtzufriedene Ruhe durch ihre Seele, als ſie dieſe Worte gedacht hatte, die Zweifel an dem Gelingen ihres Unternehmens waren geſchwunden, ſie empfand kein Mißtrauen mehr gegen Petrowitſch und legte ſich mit der freudigen Hoffnung nieder, am Morgen ſ dz günſtigen Erfolg zu erfahren. eiſe athmend lag ſie in der weichen Bette, ihr ſchö⸗ ner opf ruhte auf dem weißen Kiſſen, halb davon ver⸗— deckt, die langen Wimpern hielten die bis dahin ſo leb haft blickenden, glänzenden Augen geſchloſſen, die Han lag, von leichten Spitzen umrahmt, auf der purpurnen, ſeidenen Decke— ſie war entſchlummert. Auf der Mar⸗ morplatte des Nachttiſches ſtand ein matt brennendes Licht, deſſen Schein die durchſichtige Scheibe einer Uhr erhellte, welche mit kaum hörbarem Pendelſchlage die ſtets gleich mäßig dahinziehende Zeit in kleinere und größert Ab⸗ ſchnitte eintheilte.— Es war lautlos ſtill in dem 51 euchteten Zimmer und die Umriſſe der darin befind⸗ chen Gegenſtände verſchwammen zu unſicheren und phan⸗ kaſtiſchen Linien. Die Zeiger der Uhr rückten langſam aid gleichmäßig weiter und ſtanden bereits auf den erſten tunden des kommenden Tages— da belebten ſich die Züge der Schlummernden, ein wärmerer, röthlicher Ton o darüber hin, um ihren Mund ſpielte ein ſeliges Lä⸗ cheln— ſie ſchlug mit dem Ausdrucke inneren Entzückens e die Augen auf, blickte einen Moment nach dem Fußende ihres Bettes und dann frogend und enttäuſcht in dem e Zimmer umher. . Was man für thörichte Träume haben kann, ſprach ſie, verlegen lächelnd, leiſe vor ſich hin, indem ſie mit der ſchmalen, weißen Hand über ihre Stirn ſtrich— und ſo lebhaft!— Ich muß moine Gedanken mehr beherrſchen. — Er ſtand am Fußende meines Bettes, die Hand dar⸗ auf gelehht, ſo wie geſtern auf den Schlitten, und blickte mich wieder an— aber nicht mehr ſo traurig— voll Dank— voll— und ich ſchämte mich gar nicht, fuhr ſie, ganz in der Erinnerung dieſes Traumes verſunken, fort — ich dachte gar nicht daran, daß ich im Bette lag— es war auch ganz gleichgültig, denn er ſah ſo ernſt und doch ſo ſchön und ſo lieb aus.— Es iſt mir, als ſähe ich ihn noch oder als hätte er wirklich dort geſtanden, ſprach ſie immer leiſer und jetzt tief erröthend weiter, in⸗ 1 4* dem ſie mit den Augen die Stelle aufſuchte, an welcher ie das Bild im Traume geſehen hatte— ach, was man fr thörichte und unglaubliche Träume haben kann! ſagte ſi dann munter und mit einem gezwungenen Lächeln— ic will verſuchen, wieder zu ſchlafen, denn es iſt ja erſt vi Uhr. Ja, es gibt thörichte und ſonderbare, liebliche un ſchreckliche Träume, aber ſie ſind doch immer nur Abſpie⸗ gelungen unſerer Gedanken und unſerer geheimſten Em⸗ pfindungen, getrübt und verzerrt, oder geläutert und ver⸗ ſchönert durch die Einwirkung und den Zuſtand der zeiti⸗ gen Hülle unſerer Seele, welche in dieſem freien, aber willenloſen Ergehen oft in weite Fernen zurückgreift und deren Bilder wieder in die Gegenwart rückt, oder kaum gedachte Wünſche und Hoffnungen zu Erfüllungen macht und dieſe mit dem Zauber einer regelloſen, ungehinderten Phantaſie ausſchmückt. 8 Aber der Schlaf, welcher kommt„wie ein reines Glück, unerbeten, unerfleht, am willigſten die Knoten de ſtrengen Gedanken löſt und alle Bilder der Freude un des Schmerzes verwiſcht“, er ſenkte ſich nicht mehr auf ihre Augen herab, obgleich ſie ihn erſehnte. Der Mond auf ſeinem einſamen Wege durch den wolkenloſen, klare und kalten Nachthimmel weiter ziehend, rückte langſai vor das nach Süden gelegene Fenſter ihres Zimmers un 53 ſandte ſein blaſſes, bläuliches Licht hinein, das auf dem Teppiche phantaſtiſche Schatten warf und den röthlichen Schein der Rachtlampe auf ihre nächſte Umgebung zurück⸗ drängte. Es war am Abende verſäumt worden, weil ſie ſo eilig war, allein zu ſein, die ſchweren ſeidenen Vor⸗ hänge herunter zu laſſen, und es ſchien faſt, als ob der Mond neugierig dieſe Nachläſſigkeit benutze, denn es wurde immer heller im Zimmer, faſt wie an einem trü⸗ ben, nebeligen Tage, nur anders, lautlos geiſterhaft, ohne Leben, ohne Wärme. Sie bemühte ſich vergebens, wieder einzuſchlafen, es gelang ihr jedoch nicht, auch dann nicht, als ſie aufge⸗ ſtanden war und den Vorhang herabgelaſſen hatte.— Er hat mich mit ſeinem bleichen Geſichte angeblickt, ſprach ſie leiſe vor ſich hin„indem ſie ſich feſter in die Decke hüllte, deßhalb flieht mich der Schlaf. Sie meinte den Mond, und lächelte dann über dieſe kindiſche, abergläu⸗ biſche Vorſtellung. Nach einiger Zeit hob ſie den Kopf wieder empor und blickte nach der Uhr, deren Zeiger jetzt bereits über die fünfte Stunde hinausgerückt waren.— Sie werden nun bald aufbrechen, dachte ſie dann— wenn Petrowitſch dennoch nicht Wort gehalten hätte? Dieſe Vorſtellung rief plötzlich eine neue Unruhe bei ihr hervor; ſie lauſchte mit verhaltenem Athem auf jeden Ton— aber es blieb Alles lautlos und ſtill, wie vorher. Noch eine Stunde verging zwiſchen dem vergeblichen Bemühen, wieder einzuſchlafen, und der ängſtlichen und aufregenden Erwartung, das Geräuſch der abziehenden Gefangenen zu hören. Die erſten, matten Anfänge des dämmernden Mor⸗ gens begannen durch das Zimmer zu ſchweben, als der Ton von Stimmen von unten an ihr lauſchendes Ohr ſchlug— es war wie damals, vor einigen Wochen, und wie damals— litt es ſie nicht länger im Bette. Wieder ſtand ſie am Fenſter und blickte in den Hof hinab und den Abziehenden nach— aber es war nicht mehr das Gefühl des Nitleids und der Trauer allein, von dem ſie erfaßt war, es durchflog ſie eine fieberhafte Angſt und Auftegung bei der ſich immer mehr ſteigernden Ungewißheit— ob er mit denen zöge, die jetzt ihren nachſchauenden Blicken entſchwanden— oder ob ihr Wille ihn zurückgehalten.— Es wäre ihr unmöglich geweſen, nur noch an das Schlafen zu denken, und obgleich es zu einer ungewöhnlich frühen Stunde, erſt ſieben Uhr war, klingelte ſie ihrem Kammermädchen, ließ ſich ankleiden und ſetzte ſich an das andere Fenſter ihres Zimmers, von welchem aus ſie über die Gipfel der Bäume die dunkeln Umriſſe des alten Schloſſes ſehen konnte. Iſt Petrowitſch vielleicht ſchon dageweſen? fragte ſie 55 das Mädchen, welches nach einiger Zeit mit dem Früh⸗ ſtücke erſchien. Nein, gnädige Gräfin, erwiederte dieſes verwundert; er würde es nicht wagen, ſo früh zu erſcheinen. Wenn er kommt, führe ihn ſogleich herein, ich— ich habe etwas mit ihm zu beſprechen— ich will heute Vormittag wieder Schlitten fahren. Befehlen die gnädige Gräfin vielleicht, daß er gerufen werde? Sie ſann einen Augenblick nach. Gern hätte ſie die⸗ ſen Befehl ertheilt, aber ſie erwog, daß es auffallend er⸗ ſcheinen und die Neugierde der Dienſtboten erregen könne. Nein, ſagte ſie daher— es hat keine Eile. Hol' mir die Zeitungen, und wenn einer von euch dem Haus⸗ meiſter vielleicht begegnet, ſo könnt ihr ihn wiſſen laſſen, daß ich ihn zu ſprechen wünſche. Das Mädchen entfernte ſich, um dem Befehle zu ent⸗ ſprechen, hatte aber mit der ihr angeborenen und ange⸗ lernten Schlauheit richtig erkannt, daß es ihrer Herrin Wunſch ſei, den Beamten bald zu ſprechen, und deßhalb nach ihm geſchickt. Als ſie daher nach einiger Zeit wie⸗ der in das Zimmer trat und die Zeitungen auf einem ſilbernen Teller überreichte, meldete ſie gleichzeitig, daß Petrowitſch draußen ſei, um ihre Befehle entgegen zi nehmen. Schon? erwiederte Hedwig in anſcheinend gleichgülti⸗ gem Tone, welcher ihre innere Erregung jedoch nur un⸗ vollkommen verbarg— ſag' ihm, er möge hereinkommen, und— und ſtöre uns nicht, ſo lange er hier iſt. Sie war aufgeſtanden, nachdem das Mädchen ſich ent⸗ fernt hatte, und dem eintretenden Beamten faſt bis zur Thür entgegengegangen. Nun? fragte ſie, ihn voller Erwartung anblickend und ohne ſeine Begrüßung abzuwarten— iſt unſer Plan zur Ausführung gekommen? Die Befehle der gnädigen Gräfin ſind erfüllt, erwie⸗ derte er in ſeiner ruhigen und zugleich unterwürfigen Weiſe— der Gefangene iſt zurückgeblieben. Setzen Sie ſich, Petrowitſch, ſagte ſie mit einem tiefen Athemzuge, indem ſie ſich ſelbſt auf einen Seſſel niederließ, weil ſie fühlte, daß ihre Kniee bebten— und erzählen Sie mir die näheren Umſtände. Es iſt Alles ſo geſchehen, wie wir es verabredet haben, erwiederte er; ich habe zuerſt die beiden Offiziere und die Koſaken betrunken gemacht, und als ſie ſchliefen, den Ge⸗ fangenen hinübertragen laſſen. Es war ſehr heller Mond⸗ ſchein— aber ich glaube nicht, daß man ihn geſehen hat, denn ich habe bis gegen drei Uhr gewartet, wo ich über⸗ zeugt ſein konnte, daß Alle ſchliefen. Sie dachte unwillkürlich an ihren Traum, den ſie um dieſelbe Zeit gehabt.— Wie geht es ihm? Was macht er? fragte ſie weiter. Er ſchläft noch immer; er iſt nicht einmal erwacht, als wir ihn hinüber trugen, auch dann nicht, als wir ihn entkleideten, die naſſen, verquollenen und zerriſſenen Stiefel von ſeinen Füßen ſchnitten und ihn in das Bett legten. Halten Sie ſeinen Zuſtand für bedenklich? Es läßt ſich darüber vorläufig nicht urtheilen, gnädige Gräfin— er hat ein nicht unbedeutendes Fieber, ſein Ge⸗ ſicht iſt geröthet und ſein Athem kurz und eilig. Vielleicht iſt Alles nur die Folge der großen Anſtrengungen und Entbehrungen, die er ausgeſtanden, dann wird der Schlaf ihn wieder geneſen laſſen— vielleicht trägt er auch den Keim einer verderblichen Krankheit in ſich— es wird ſich das Alles zeigen, wenn er erwacht und zum Bewußtſein zurückgekehrt ſein wird. Für jetzt ließe ſich nichts weiter thun? Ich wüßte nicht. Ich habe das Zimmer nur mäßig heizen laſſen, weil die Erfahrung lehrt, daß Menſchen, die lange durch Kälte und Entbehrung gelitten haben, zu große Wärme nachtheilig, ja tödtlich ſein kann. Eine zu⸗ verläſſige und verſchwiegene Wärterin iſt bei ihm und hat den Befehl, das Zimmer keinen Augenblick zu verlaſſen. 58 Wenn es unbemerkt geſchehen kann, werde ich ſelbſt nach ihm ſehen. Ich danke Ihnen, Herr Petrowitſch— Sie haben mein Vertrauen nicht getäuſcht, und ich werde deſſen ſtets eingedenk bleiben. Aber wir dürfen nichts verſäumen, wir müſſen jetzt Alles aufbieten, um ihn zu retten, da— da wir uns nun einmal ſeiner angenommen haben. Sie glauben, daß ſich für jetzt nichts weiter thun ließe? Ich wüßte nichts. Das Leben eines jeden Wenſchen ruht in der Hand des allmächtigen Gottes, er wird auch dieſes erhalten, wenn es nach ſeinem unerforſchlichen Rathſchluſſe erhalten werden ſoll, oder ihm ein Ziel ſetzen, wenn es ſo beſtimmt iſt. Vielleicht iſt es beſtimmt, daß es erhalten werde, er⸗ wiederte ſie faſt beſchämt von dieſer gläubigen Auffaſſung — denn, ſetzte ſie leiſer hinzu, weßhalb ſollte Gott ſonſt den Entſchluß in unſere Herzen gelegt haben, ihn zu retten?— Die nächſten Tage werden uns darüber Gewißheit bringen. Sie ſchwieg und blickte eine Zeit lang nachdenkend zu Boden.— Der Fürſt wird heute wahrſcheinlich noch nicht zurückkehren, ſagte ſie dann; ich werde um acht Uhr Abends auf meinem Zimmer ſein— kommen Sie um dieſe Zeit ——— 59 wieder zu mir— und wenn es ſein kann, ungeſehen— laſſen Si ſich acht melden. Und bringen Sie mir dann gute und erfreuliche Nachrichten, fuhr ſie fort, ihm mit einem gewinnenden Lächeln die Hand reichend— wenn wir Jemanden einmal in unſeren Schutz genommen haben — ſei es auch ein Unbekannter und Fremder, ſo gehört er von dem Augenblicke uns an und wir ſind für ſein Wohl verantwortlich— ſchon unſeres eigenen Handelns wegen. Er küßte ſchweigend und ehrfurchtsvoll ihre Hand, wie es die Sitte erforderte, und erhob ſich. Ich werde genau um acht Uhr wieder hier ſein, ſagte er dann, um zu berichten, wie es mit ihm ſtehe. Der Tag verging ihr in anderer Weiſe, wie die bis⸗ herigen. Sie befand ſich in einem Schwanken, in einem Auf⸗ und Abwogen ihrer Gefühle, erzeugt durch die Theil⸗ nahme für ihren Schützling und durch das Beſtreben, dieſe Angelegenheit als eine untergeordnete und an ſich gleich⸗ gültige zu betrachten. Sie bemühte ſich jedoch vergeblich, ſich zu dieſer Anſchauung und Stimmung hinaufzu reflek⸗ tiren; denn ſie durfte ihren Gedanken nur wieder ein freies Ergehen geſtatten, ſo kehrten ſie immer ſogleich wieder zu dem Momente zurück, wo er ſie mit den matten, müden und doch ſo feſſelnden Blicken angeſchaut— und einmal 60 bei dieſem Bilde angelangt, ſchweiften ſie weiter im Bunde mit dem wunderbaren Spiele der Phantaſie, ſo daß ſie zuweilen erſchreckt aus ihrem eigenen Sinnen emporfuhr und, mit beruhigter Genugthuung umherblickend, ſich ver⸗ gewiſſerte, daß ſie allein ſei und Niemand dieſe Gedanken gehört oder auch nur geahnt haben könne. Die Ungewißheit, ob der Fürſt heute zurückkehren würde, beunruhigte ſie ebenfalls, indem ſie überlegte, ob ſie ihm in dieſem Falle ſogleich von dem Geſchehenen Wittheilung machen oder noch damit warten ſolle. Sie vermochte auch darüber zu keinem feſten Entſchluſſe zu kommen, obgleich ſie es ſich klar machte, daß jede Ver⸗ heimlichung nachtheilig ſein und Mißtrauen und Verſtim⸗ mung bei dem Fürſten hervorrufen müſſe. Je unbefange⸗ ner ſie auftrat, je weniger Bedeutung ſie dieſer Sache bei⸗ legte, um ſo eher würde der Fürſt bereit ſein, ihre Bitte zu erfüllen und dem Gefangenen ſeinen Schutz angedeihen zu laſſen. That er dies aber, woran ſie nicht zweifeln konnte, wenn ſie ihren Einfluß ernſtlich geltend machte, ſo war der Zweck erreicht, und zwar auf eine einfache und ſichere Weiſe. Dagegen ſtiegen wieder mancherlei Befürchtungen und Bedenken bei ihr auf. Es ſtand Todesſtrafe auf der Verheimlichung eines franzöſiſchen Gefangenen, und wenn ſich der Fürſt auch wahrſchein⸗ lich darüber hinwegſetzen würde in der Annahme, daß 61 die meiſten Geſetze nur für das gemeine Volk, nicht aber für ihn und ſeine Standesgenoſſen erlaſſen ſeien — wer gab ihr Bürgſchaft dafür, daß er ſie bei ſeinem unzuverläſſigen und ſelbſtſüchtigen Charakter nicht täuſchen, den Gefangenen zwar anſcheinend in ſeinen Schutz nehmen, aber gleichzeitig dafür ſorgen würde, durch ſeinen Tod allen ferneren Weiterungen enthoben zu werden? Und wie leicht war es, ihn ſter⸗ ben zu laſſen— es bedurfte dazu vielleicht nichts, als einer weniger ſorgfältigen Pflege, einiger an ſich unbedeutenden Unterlaſſungen, um dann mit anſchei⸗ nend tiefem Bedauern ſagen zu können: Es thut mir recht leid, von ganzem Herzen— Ihre Wünſche wer⸗ den mir immer Befehle ſein— aber der Erfolg hat leider in dieſem Falle meinen Bemühungen nicht ent⸗ ſprochen— denken wir nicht mehr daran. Das Bild des Fürſten ſtand, während ſie ſich dieſen Gedanken hingab, lebendig vor ihr, und nie war es ihr ſo häßlich und abſchreckend vorgekommen. Sein gelbliches, von den Spuren der Leidenſchaften ſcharf durchfurchtes Geſicht, die hervorquellenden dun⸗ keln und ſtechenden Augen, der von dem gefärbten Barte beſchattete, höhniſch lächelnde Mund— ſie ſchloß unwillkürlich ihre Augen und ein kaltes Frheln über⸗ rieſelte ſie. 62 Wie war ſie thöricht, dieſe ſonſt ſo vernünftige und beſonnene Hedwig, wie ſehr gab ſie ſich dem un⸗ gemeſſenen Spiele ihrer Phantaſie hin;— der Fürſt kehrte auch an dieſem Tage nicht zurück und ſie hätte gar nicht nöthig gehabt, ſich ſo ängſtlichen und be⸗ unruhigenden Erwägungen hinzugeben. Fünftes Capitel. Mit ſteigender Ungeduld erwartete Hedwig den Abend und den Beſuch von Petrowitſch. Der Tag ſchien un⸗ endlich lang und die Unterhaltung mit ihrem Vater die Zeit noch langſamer vergehen zu laſſen. Noch vor der achten Stunde zog ſie ſich auf ihr Zimmer zurück, faſt ohne ſich die Mühe zu geben, einen beſonderen Grund dieſes abermaligen früheren Aufbruches anzuführen. Petrowitſch kam pünktlich zur beſtimmten Zeit. Sie empfing ihn, obgleich ſie ihn voll fliegender Ungeduld er⸗ wartet hatte, mit anſcheinender Ruhe, nöthigte ihn zum Sitzen und bat ihn, zu erzählen. Er ſchläft noch immer, berichtete der Beamte, und iſt auch während des ganzen Tages nicht erwacht. Zuweilen hat er ſich unruhig umhergeworfen und im Schlafe ge⸗ ſprochen, denn das Fieber iſt ſehr geſtiegen— aber ſein Schlaf hat ununterbrochen fortgedauert. Das Fieber iſt heftiger geworden? Ja, und ich befürchte faſt, daß ſein Zuſtand nicht allein eine Folge der Ermüdung, ſondern daß er wirklich krank iſt. Was ſoll denn geſchehen? Ich weiß es vorläufig nicht, gnädige Gräfin— ich kann mich auch irren; wir werden warten müſſen, bis wir darüber Gewißheit haben. Wir ſind einige Mittel bekannt für dergleichen Fälle, wie man ſie auf dem Lande 6 anwendet— ein Arzt würde ſchwerlich zu beſchaffen ſein, wenigſtens nicht ohne bemerkt zu werden. Ich werde ihm vorläufig einen kühlen Trank bereiten laſſen, den er neh⸗ men ſoll, ſobald er erwacht. ₰ Iſt die Wärterin eine ganz zuverläſſige und ve⸗ ſchwiegene Perſon? fragte ſie mit plötzlich veränderter Stimme. Ganz zuverläſſig und ganz verſchwiegen. Und es führt eine Treppe vom Garten aus nach dem Korridor des alten Schloſſes, an welchem das Zimmer liegt? Allerdings, erwiederte Petrowitſch, ſie verwundert an⸗ blickend. 36 So will ich Sie begleiten— und mich ſelbſt von dem Zuſtande des Gefangenen überzeugen, ſagte ſie aufſtehend — kommen Sie, gehen wir ſogleich! 65 Die gnädige Gräfin wollen ſelbſt.... Fragen Sie nicht weiter— ich werde Sie begleiten, erwiederte ſie in ihrer beſtimmten und feſten Weiſe— ich wüßte wirklich nicht, welche Bedenken Sie dagegen haben könnten. Petrowitſch, gewohnt, den Befehlen ſeiner Herrſchaft zu gehorchen, erhob keinen weiteren Widerſpruch; er mochte auch erkannt haben, daß er vergeblich ſein würde. Sie warf raſch einen mit Pelz gefütterten, ſeidenen Mantel um, deſſen Kapuze ſie über den Kopfzog, und war im Begriffe, das Zimmer zu verlaſſen, als ſie wieder bedenklich wurde. E. Gehen Sie hinaus, ſagte ſie mit verhaltener Stimme, und überzeugen Sie Sich, ob wir unbeobachtet ſind. Wir gehen über die kleine Treppe, welche nach dem Garten führt— wenn Sie in einigen Minuten nicht zurück find, werde ich folgen. Er that, wie ihm befohlen, und ſie ſtand eine kurze Zeit allein im Zimmer in lauſchender Stellung, mit ver⸗ haltenem Athem und ſpähenden Augen nach der offen ge⸗ bliebenen Thür hlickend, ohne daß ſie auch nur einen Augenblick in der Ausführung ihres Vorſatzes ſchwankend geworden wäre. Sie empfand nur darüber Beſorgniß, daß er durch die Anweſenheit von Dienſtboten gehindert werden könnte. Aber es blieb Alles ſtill— Petrowitſch IIT. 5 66 kehrte nicht zurück; ſie verließ das Zimmer, deſſen Thüre ſie leiſe wieder zuzog, und eilte leichten, unhörbaren Schrittes fort über den erleuchteten Corridor, von wel⸗ chem eine eiſerne Wendeltreppe zu dem Garten hinab⸗ führte. Unten erwartete ſie der Beamte. Sie mußte unwill⸗ kürlich einen Augenblick ſtehen bleiben und tie als ſie ſo weit gekommen war als ob kommen, dr „ — ſie hatte ein Unrecht begehe, aber ſie ließ es nicht auf⸗ ngte es gewaltſam zurück. flüſterte ſie— beeilen wir uns! hrte ſie durch einen wenig betretenen Weg de Gartens, der ſich durch dichte Anlagen hinzog, und dann aufathmen, as Gefühl, ſtanden ſie bald vor einer kleinen Thür an der dunkeln Mauer des alten Schloſſes. Er zog einen Schlüſſel her⸗ vor und ſchloß auf. Treten Sie ein, gnädige Gräfin, ſagte er dann kaum hörbar; es iſt dunkel hier, bleiben Sie einen Augenblick ſtehen, denn es wird gut ſein, ſchließen. die Thür wieder zu ver⸗ Nachdem dies geſchehen war, verſchwand auch die un⸗ ſichere Helle von außen, und ſie mußte es ſich gefallen laſ⸗ ſen, die Hand ihres Führers zu nehmen. Sie ſtiegen eine halb verfallene ſteinerne Treppe empor und gelangten auf den Cortidor. Ehe ſie denſelben betraten, lauſchte Petro⸗ 67 witſch, ob er kein Geräuſch höre; da aber die lautloſe Stille durch nichts unterbrochen wurde, gingen ſie weiter. Der Beamte ſchloß eine feſt neben der Treppe liegende Thür auf, und ſie traten in ein matt erleuchtetes Zimmer. Das ſchwache Licht einer Nachtlampe erleuchtete den ver⸗ hältnißmäßig großen und hohen Raum nur unvollkom⸗ men, aber die darin befindlichen Gegenſtände waren den⸗ noch für die aus der Dunkelheit Kommenden vollſtändig erkennbar. Zögernden Schrittes war ſie eingetreten und dicht an der Thür ſtehen geblieben. Die Wände des Zimmers waren weiß, ohne jeden Schmuck; die eine ſchmale Seite füllte einer jener koloſſalen ruſſiſchen Oefen aus, der ſich dunkel und ſchmutzig gegen die Wand abzeichnete. In der Ritte ſtand ein größerer Tiſch, welcher nebſt einigen höl⸗ zernen Stühlen, einem Seſſel und einem Nachttiſche das ganze ärmliche Meublement des Zimmers bildete— außer dem Bette. Der matte Schein des Nachtlichtes war durch einen kleinen davor geſtellten Schirm gehindert, daſſelbe zu beleuchten. Schon beim Aufſchließen der Thür hatte ſich eine ältere, reinlich gekleidete Frau von dem unfern des Bet⸗ tes ſtehenden Seſſel erhoben und verſuchte jetzt nach ruſ⸗ ſiſcher Sitte die Enden von Hedwig's Mantel zu küſſen. ⸗ 68 Petrowitſch flüſterte ihr einige Worte zu, worauf ſie ge⸗ räuſchlos das Zimmer verließ. Mögen die gnädige Gräfin ſich jetzt ſelbſt überzeugen, ſagte er dann mit leiſer Stimme, daß Alles ſo iſt, wie Sie befohlen haben. Der Gefangene ruht hier ſicher und wohl aufgehoben, fuhr er fort, indem er den Schirm von der Lampe zurückſchob— es iſt nichts verſäumt, Alles geſchehen, was den Umſtänden nach geſchehen konnte. Ich habe nicht daran gezweifelt— gewiß nicht, er⸗ wiederte ſie kaum hörbar— nicht deßhalb bin ich ge⸗ kommen. Ihr Blick ruhte jetzt auf dem Schlafenden, und ſie fühlte es, wie ſie bei dieſem Anblicke leiſe erzitterte. Sein vom Fieber geröthetes, abgemagertes Geſicht zeichnete ſich mit dem dunkeln lockigen Haare und dem faſt wilden Barte ſcharf von dem weißen Kiſſen ab, von dem es theil⸗ weiſe verhüllt wurde, der unmerklich geöffnete Mund ath⸗ mete raſch und zuweilen hörbar, die Hände ruhten be⸗ wegungs⸗ und willenlos auf der Decke.— Sie vermochte es nicht, näher zu treten, aber auch nicht, ihren Blick ab⸗ zuwenden. Petrowitſch umfaßte jetzt leiſe eine Hand des Schla⸗ fenden, indem er mit der Aufmerkſamkeit eines Beobachten⸗ den in ſein Geſicht blickte. Das Fieber iſt immer noch heftig, ſagte er dann; ich glaube ſogar, daß es ſich geſtei⸗ 69 gert hat. Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, gnädige Gräfin, fuhr er, ſich ihr zuwendend, fort, der Puls geht raſch und unregelmäßig— er hat ein heftiges Fieber. Sie trat einige Schritte näher, im Begriffe, ſeiner Weiſung zu folgen, denn es war ihr in dieſem Augen⸗ blicke, als ſtände ſie jetzt unter ſeinen Anordnungen— dann blieb ſie wieder zögernd unfern des Bettes ſtehen. Ich verſtehe das nicht— Sie werden das beſſer wiſ⸗ ſen— ich glaube Ihnen, ſagte ſie mit geſenkten Augen. Es wird nöthig ſein, ihm einen kühlenden Trank zu geben, bemerkte Petrowitſch, während er ſeine Hand leiſe auf die Stirn des Kranken legte und ihn beobachtend an⸗ ſah— wennm es die gnädige Gräfin geſtatten, ſo gehe ich und laſſe ihn bereiten. Sie erſchrak bei dem Gedanken, mit ihrem Schützlinge allein zu bleiben; indeß die Erwägung, daß er feſt ſchlafe und nicht erwachen werde, daß Hülfe nothwendig ſei, brachte ihre Bedenken zum Schweigen. Sie nickte daher zuſtimmend mit dem Kopfe. Nehmen die gnädige Gräfin ſo lange in dem Seſſel Platz, flüſterte Petrowitſch, ich kann Ihnen leider hier keinen beſſeren Siß anbieten. Sie that, wie ihr geheißen wurde, ohne einen Wider⸗ ſpruch zu erheben und ohne ihre Augen aufzuſchlagen, und dann entfernte er ſich leiſen und geräuſchloſen Schrittes. 70 Als ſie mit dem Kranken allein war und ſo dicht vor ſeinem Bette ſaß, überfiel ſie eine plötzliche Angſt, ſo daß ſie einen Augenblick Willens war, aufzuſtehen und das Zimmer ebenfalls zu verlaſſen. Sie bekämpfte jedoch dieſe Schwäche, und da Alles unverändert blieb und der Schla⸗ fende unbeweglich da lag, wurde ſie allmählich wieder ruhiger. Ihr Blick, der immer nur flüchtig und in kurzen Mo⸗ menten zu ihm hingeſtreift war, vermochte jetzt, ohne Un⸗ terbrechung auf ihm zu ruhen. Petrowitſch hatte es unter⸗ laſſen, den Schirm wieder vor die Lampe zu ſtellen; ihr Schein fiel daher, ohne gehindert zu ſein, auf das Bett. Seine geſchloſſenen Augen hinderten die ihrigen nicht, auf ſeinen Zügen zu weilen. Er würde einem Geſtorbenen geglichen haben, wenn ſein abgemagertes Geſicht nicht von der Röthe des Fiebers belebt worden wäre. Das regel⸗ mäßige, edle Profil zeichnete ſich ſcharf ab, ſcharf und be⸗ wegungslos, nur um den Mund zuckte es zuweilen un⸗ merklich, wie ein ſchwacher Verſuch des inneren Lebens. Sie vermochte ihren Blick nicht abzuwenden, und je länger ſie hinſah, um ſo mehr fühlte ſie die Anziehungskraft die⸗ ſes im Schlummer ruhenden Geſichtes. Plötzlich holte er tiefer Athem und warf ſich unruhig herum, ſo daß ſein ganzes Geſicht dem Lichte zugekehrt wurde— eine ſeiner Hände glitt dabei von der Decke 71 herab und hing nun ausgeſtreckt über den Rand des Bet⸗ tes hinaus. Er lag wieder ruhig und um ſeinen Mund ſchwebte ietzt ein ſichtbares, wehmüthiges, freundliches Lächeln. Es war nöthig, die Hand wieder in ihre vorige Lage zurück zu bringen— ſie kämpfte eine Zeit lang mit dem Entſchluſſe, es zu thun— dann lächelte ſie über ihre kindiſche Zaghaftigkeit, erfaßte die Hand in leiſer Be⸗ rührung und legte ſie wieder auf die Decke. Es kam ihr vor, als ob ſeine Finger unmerklich dabei gezuckt und die ihrigen feſtzuhalten geſtrebt hätten. Noch ſtand ihre Hand in Berührung mit der ſeinigen, als er leiſe in franzöſiſcher Sprache flüſterte: Margot— theure, geliebte Margot— ich bin wie⸗ der bei dir— nicht mehr in dem kalten, ſchrecklichen Lande— o, nun iſt Alles gut! MWit einem jähen Erſchrecken fuhr ſie zurück, während ihr Blick an ſeinem Munde haftete. Er ſchlug die Augen auf, nur einen kurzen Moment. Er ſah ſie nicht an, er blickte nicht umher— nur ein be⸗ wußtloſes Aufſchauen, und dann hatten ſich die müden Wimpern wieder geſchloſſen. Aber in dieſem Blicke lag nicht mehr die hoffnungsloſe Reſignation— es war ein freudiges, glückliches Aufleuchten— und jetzt war es vor⸗ über und Alles wieder wie vorher. 72 Sie fühlte einen preſſenden, ſtechenden Schmerz durch ihre Bruſt ziehen— ſie wußte nicht, weßhalb, und eine innere Unruhe bemächtigte ſich ihrer— ſie wußte ebenfalls nicht, weßhalb. Ihre Blicke hingen wieder wie vorher, aber erwartungsvoll an ſeinen Zügen— ſie hoffte, ſie wünſchte, daß er noch einmal im Schlafe ſprechen möge.— Margot? dachte ſie— was konnte ſie für ihre Ge⸗ danken— wer iſt dieſe theure, geliebte Margot?— Es iſt ein verhängnißvoller Name für mich— wem mag er gelten? Wem anders, als ſeiner Geliebten— ſeiner Braut!— Er träumt von ihr, die in dem fernen Frank⸗ reich vielleicht in dieſer Stunde mit der gleichen Sehn⸗ ſucht an ihn denkt und ſeiner Wiederkehr entgegenharrt. — Wie wird ſie in Freude aufjauchzen, dieſe glückliche Margot, dachte ſie mit einem bittern Empfinden weiter, wenn er zurückkehrt— auch vielleicht der unbekannten ruſſiſchen Gräfin dankbar ſein, deren Laune ihn gerettet hat.— Er lag ruhig ſchlummernd da, ſeine Züge hatten den leidenden Ausdruck verloren, wenigſtens ſchien es ihr ſo; und während ihre Augen mit einer Miſchung von Trauer und Glück auf ihm ruhten, empfand ſie wieder das beſeli⸗ gende Bewußtſein, daß er nur durch ihren Willen, nur durch ihre Hülfe gerettet und erhalten werden würde.— 73 Halb hoffte, halb befürchtete ſie, er möge die Augen noch einmal öffnen, denn ſie ſehnte ſich danach, noch einmal dieſen Blick zu ſehen, der eine ſo magiſche Gewalt auf ſie ausübte. Aber er lag ſtill, ruhig und bewegungslos, und auch die leiſen Anfänge jenes glücklichen Lächelns, welche eine Zeit lang um ſeinen Mund geſchwebt und denſelben ver⸗ ſchönert hatten, waren wieder verſchwunden. Sie war, während ſie ihn unverwandt betrachtete, ſo in ihre Gedanken verſunken, daß ſie es gar nicht gehört hatte, daß die Thür ſich leiſe geöffnet und Petrowitſch wieder eingetreten war. Sie erſchrak, als er plötzlich neben ihr ſtand, und fühlte es, daß eine tiefe Röthe ſie erglühen mache. Hier iſt der Trank, flüſterte dieſer; es wird am beſten ſein, den Verſuch zu machen, ihn zu wecken, damit er trinkt. Jetzt nicht, jetzt nicht, erwiederte ſie eilig, indem ſie aufſtand— es iſt nicht nöthig und nicht paſſend, daß er mich ſieht— ich will wieder gehen.— Geben Sie ihm den Trank, wenn ich fort ſein werde, und berichten Sie mir morgen wieder, wie er die Racht zugebracht hat. Der Beamte war mit dieſer Maßregel vollkommen einverſtanden, da ſie ſeinen eigenen Anſichten entſprach. Er entfernte ſich noch einen kurzen Augenblick, um die Frau zu rufen, und verließ dann mit Hedwig das Zim⸗ mer. Sie gingen denſelben Weg zurück, und ſie erreichte ihr Zimmer, ohne von Jemanden geſehen oder bemerkt zu werden. Als ſie allein war, machte ſie ſich im Stillen Vor⸗ würfe und war unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß ſie ſich hatte hinreißen laſſen, den Gefangenen zu beſuchen. Sie hatte Alles gethan, was zu ſeiner Rettung und Erhaltung nöthig war, ſie hatte dies gethan in der Aufwallung des Gefühls, aber das Weitere mußte ſie dem Schickſale und der Pflege des zuverläſſigen Beamten anheimſtellen.— Weßhalb ſich ſelbſt weiter darum bekümmern und ſich vielleicht dadurch in eine Lage bringen, die ſo leicht zu einer nachtheiligen und falſchen Beurtheilung Veranlaſ⸗ ſung geben konnte? Sie erröthete abermals, als ſie der Vorſtellung Raum gab, daß ſein Blick, als er die Augen öffnete, mit innerem Verſtändniſſe hätte begabt ſein kön⸗ nen— er würde ſie dann geſehen, erkannt, mit ihr ge⸗ ſprochen, ſie um die Urſache ihrer Theilnahme gefragt, ihr vielleicht oder vielmehr gewiß gedankt haben.— Sie er⸗ röthete immer mehr, während ſie ſich dies in Gedanken ausmalte, und doch waren die Bilder, welche dabei vor ihre Phantaſie traten, ſo lieblich, ſo berückend, daß ſie ihnen nachgab und ihrem bunten, wechſelvollen Spiele mit innerem Entzücken nachhing.— Sollte ich gar nicht 75 mit ihm. ſprechen, wenn er wieder geneſen ſein wird— ſollte ich ihn fortziehen laſſen, ohne daß er erfährt, Shü Wozu wäre das nöthig? ſprach ſie dann mit einem ſtolzen Kräuſeln ihrer Oberlippe weiter— es iſt völlig unnöthig und überflüſſig, daß er ſeiner geliebten, theuren Wargot von mir erzählt, wenn er heimkehrt— völlig überflüſſig— ſo wie es überhaupt thöricht iſt, daß ich mich unaufhörlich mit dieſer an ſich unerheblichen Sache beſchäftige. Ich habe mich für dieſen franzöſiſchen Ge⸗ fangenen intereſſirt und werde meinen Vorſatz, ihn zu retten, ausführen, das verſteht ſich von ſelbſt— aber da⸗ mit iſt die Sache zu Ende, und er ſoll nie erfahren, wem er ſein Leben und ſeine Freiheit verdankt.— Morgen will ich den Fürſten in Kenntniß ſetzen.— Das Geläute eines kommenden Schlittens unterbrach ſie in dieſem auf- und abwogenden Gedankenſpiele. Sie fuhr erſchrocken und zerſtreut empor und eilte an das Fenſter. Der Mondſchein lag, wie geſtern, hell und klar auf der Gegend, und ſie ſah den Schlitten des Fürſten vor das Portal des Schloſſes fahren. Sie hatte nicht daran gedacht, daß man ſie von unten an dem erleuchteten Fenſter ſehen könne; erſt als der Fürſt vom Schlitten ſprang und in einer auffallenden Weiſe zu ihr hinauf⸗ grüßte, erkannte ſie dies und trat unwillig vom Fenſter 76 zuruͤck. Ihr Auge blickte zornig, während ſie raſch bis zur Mitte des Zimmers ſchritt; denn der Gedanke, daß er glauben müſſe oder nur glauben könne, ſie habe ihn er⸗ wartet, ſei ſeinetwegen an das Fenſter getreten, verletzte ihren Stolz, der jetzt plötzlich, aber nach einer ganz an⸗ deren Richtung hin ſich kund gab. Nein, ſagte ſie dann, indem ſie ihre kleine, zuſammen⸗ gepreßte Hand auf den Tiſch ſtemmte, nein, ich werde es ihm nicht ſagen! Er ſoll ſich nicht daran betheiligen, dieſen armen Gefangenen zu retten und zu befreien!— Allein habe ich es begonnen— allein will ich es zu Ende führen— es käme mir wie eine Entwürdigung, wie eine Beſchmutzung vor, wenn er dazu mitwirkte.— Ein eintretender Diener überbrachte die Bitte des Fürſten, die gnädige Gräfin möge Gefallen finden, noch hinunter in den Salon zu kommen, der Herr Graf be⸗ fänden ſich ebenfalls dort. Nein, ſagte fie hart und ſtolz— ich bin zu ermüdet — ich ließe bedauern! —————————— Sechstes Capitel. Hedwig vermochte am andern Morgen eine Einladung, gemeinſam zu frühſtücken, nicht abzulehnen, da die Ober⸗ ſtin ſelbſt gekommen war, um ſie im Namen des Fürſten darum zu bitten, welcher ihr eine, wie er glaube, angr⸗ nehme Mittheilung zu machen habe. Sie fand ihn in Geſellſchaft ihres Vaters. Er eilte bei ihrem Eintritte mit erfreuter Miene auf ſie zu, indem er galant ihre Hand küßte. Wie ſehr habe ich bedauert, ſagte er, daß mir geſtern Abend nicht mehr vergönnt war, Sie zu ſprechin, wenn mir auch das Glück zu Theil wurde, Sie bei meiner Rückkehr am Fenſter ſehen und be⸗ grüßen zu können! Es war Zufall, erwiederte ſie gemeſſen, während ſie an ihm vorbeiſchritt, zu ihrem Vater ging und ſich mit einer abſichtlichen und im Gegenſatze um ſo mehr hervor⸗ tretenden Freundlichkeit nach ſeinem Befinden erkundigte. Der ihr folgende Blick des Fürſten ſchien ſich einen Moment zu verfinſtern, gleich darauf ſprach er jedoch in der vorigen Weiſe weiter, während man ſich an dem Früh⸗ ſtückstiſche niederließ. Ich bin länger fortgeblieben, als ich beabſichtigte und als es in meinen Wünſchen lag— aber mich hielten un⸗ aufſchiebbare Geſchäfte zurück, ſetzte er, ſich gleichſam ge⸗ gen Hedwig entſchuldigend, hinzu, deren Mienen unver⸗ ndert blieben, ſonſt wäre ich ſchon vorgeſtern wieder⸗ gekommen. Der Adel und die Stadt Nowgorod haben ein Feſt arrangirt, von dem ich mich nicht ausſchließen konnte, einestheils, weil es zu Ehren der Siege unſerer tapferen Armee ſtattfindet, dann aber auch, weil es ſo eigenthümlicher Art iſt, daß es Ihnen gewiß eine neue und intereſſante Unterhaltung gewähren wird. Mir? ſchaltete ſie mit gleichgültigem Tone ein— ich hoffe, Sie haben meine Perſon dabei ganz außer Acht ge⸗ laſſen, welche ohnehin mit einem Feſte des Adels und der Stadt Nowgorod in keinerlei Verbindung ſtehen kann. Er ſah ſie befremdet an, während ſie dieſe unhöſhen Worte ſprach, denen durch den gleichgültigen und kalten Ausdruck ihrer Zütze jede ſcherzhafte Auslegung entzogen wurde. Er ſetzte ſch aber darüber hinweg und fuhr ab⸗ ſichtlich noch heiterer wie bisher fort: Wenn ich es nun äber doch gethan hätte, würden Sie w— 79 mir deßhalb zürnen?— Ich muß es darauf ankommen laſſen, da es wirklich geſchehen iſt— aber ich will mich jeder weiteren Einleitung enthalten und ſofort zur Sache ſelbſt übergehen. Sie mögen dann entſcheiden, ob ich mich wirklich geirrt habe. Es wird am heutigen Nachmittage, am Abende und während der Racht ein großes Feſt auf der Wolga ſtattfinden. Man hat zu dieſem Zwecke die großartigſten Vorbereitungen getroffen, und da Sie gewiß noch nicht in einem eleganten Salon mitten auf einem zugefrorenen Strome getanzt und eben ſo wenig all die anderen Dinge, als Schaukeln, Schlitten⸗Carouſſels— eine Maſſe von Buden und Reſtaurationen der verſchie⸗ denſten Art—, einen großen, offenen, mit Pechfackeln erleuchteten Tanzplatz und ſo weiter darauf geſehen haben werden, ſo denke ich mir, es wird dies Alles neu und un⸗ gewöhnlich für Sie und Ihnen die Betheiligung daran von Intereſſe ſein. Sie hatte ſeinen Worten mit ſich ſteigernder Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört, denn er hatte im Ganzen in ſeiner Vor⸗ ausſetzung ſich nicht geirrt, aber die Regung, dieſes außer⸗ gewöhnliche Schauſpiel zu ſehen, ſchwand bei ihr eben ſo ſchnell, als ſie entſtanden war, und ihre Gedanken ſuch⸗ ten nach einem Vorwande, die Einladung ablehnen zu können. Sie haben Recht, erwiederte ſie daher, indem ſie ſich 80 bemühte, freundlicher auszuſehen, und es wird gewiß ſehr intereſſant ſein— aber ich denke mir die ganze Sache doch ſehr eiſig— ſehr kalt. Wir Deutſchen ſind gegen die Kälte nicht ſo abgehärtet, und ein Feſt auf dem Siſe O, Sie machen ſich eine ganz falſche Vorſtellung, unterbrach ſie der Fürſt, die Säle, worin wir uns auf⸗ halten, ſind nicht nur hell und feſtlich erleuchtet, ſondern auch geheizt! Geheizt? fragte ſie ungläubig. Ja, geheizt, erwiederte er, ſich an ihrer Ueberraſchung weidend; der Boden iſt dick mit Stroh belegt, darauf ruhen die Breter, und ſo kann der Raum ganz behaglich erwärmt werden, ohne das denſelben tragende Eis zu ſchmelzen. Nein, nein! rief ſie mit angenommener Angſt— das iſt zu gefährlich, wir könnten mit der ganzen Herrlichkeit in die tiefen Fluthen der Wolga hinabſinken! Seien Sie ganz ohne Sorgen, lächelte der zih. Sie haben durchaus nichts zu befürchten und werden ſich um ſo mehr in der Vorſtellung gefallen, daß unter Ihren Füßen die Waſſer des Stromes ungehindert dahin⸗ fließen.— Sie ſah ihren Vater forſchend an, der bisher ſich an dem Geſpräche gar nicht betheiligt hatte— was meinſt du, 81 Papa? fragte ſie dann, in der ſicheren Erwartung, er werde ſeine Betheiligung ablehnen. Für mich iſt Derartiges nicht, bemerkte der Graf zu ihrer großen Genugthuung— ich könnte mich leicht da⸗ bei erkälten. Die Miene des Fürſten war während dieſer kurzen Unterhaltung ernſter und nachdenkend geworden; er ſah Hedwig forſchend an, als ob er die Urſache ihres unge⸗ wöhnlichen Benehmens ergründen wolle. Sie erkannte dies und empfand plötzlich ein beängſtigendes Gefühl dar⸗ über, daß ein in dem Fürſten erweckter Argwohn von den verderblichſten Folgen für ihren Schützling begleitet ſein müſſe. Denn wir dürfen es nicht verſchweigen, daß ſie während des ganzen Geſpräches nur an den Gefangenen gedacht hatte und die Vorſtellung, gerade heute, wo ſein Zuſtand zur Entſcheidung kommen würde, das Schloß verlaſſen zu müſſen, die alleinige Urſache ihrer Weigerung geweſen war. Jetzt ſah ſie ein, wenn auch mit ſchwerem Herzen, daß es nachtheiliger, ja, verderblicher ſein könne, wenn ſie durch ihr Benehmen dem ohnehin ſo leicht bei dem Fürſten zu erweckenden Mißtrauen irgend eine Nah⸗ rung gebe. Entweder mußte ſie ihm Alles erzählen oder, wenn ſie es ihm verheimlichen wollte, ihm keine Veranlaſ⸗ ſung geben, in irgend einer Weiſe Argwohn zu ſchöpfen. Wie immer in ſolchen Momenten, in denen wir genöthigt . 6 ſind, raſch einen Entſchluß zu faſſen und ihn auszuführen, zogen dieſe Erwägungen mit der Schnelligkeit des Ge⸗ dankens durch ihre Seele und änderten plötzlich ihr Be⸗ nehmen. Wenn du dich warm anzögeſt, Papa, ſagte ſie freund⸗ lich lächelnd— es wird mit dem Zuge nicht ſo gefähr⸗ ſich ſein— du biſt jetzt ganz wohl, auch iſt die Kälte nur mäßig.... Wie du nur ſo reden kannſt, fiel der Graf ein— eine Breterbude bleibt eine Breterbude, und noch dazu mitten auf dem Eiſe! Auf jedem Fluſſe weht ohnehin immer ein ganz abſonderlicher Zugwind, ſelbſt bei dem ſtillſten Wetter— mich intereſſirt die ganze Sache ohne⸗ hin wenig, denn ob die Menſchen auf dem Lande oder auf dem Eiſe Unſinn treiben, das bleibt ſich ſchließlich ziemlich gleich; es iſt nur der einzige Unterſchied dabei, daß man auf dem Eiſe noch ertrinken kann, wenn es einem unter den Füßen fortſchmilzt. Du machſt dir, wie ich glaube, eine ganz falſche Vor⸗ ſtellung und würdeſt, davon bin ich überzeugt, unbeſcha⸗ det deiner Geſundheit dich betheiligen können. Ich ge⸗ ſtehe, daß es mir leid thun würde, dieſem gewiß ſehr in⸗ tereſſanten und außerordentlichen Feſte nicht beiwohnen zu können. Würden Sie ſich nicht entſchließen, es in meiner 83 und der Oberſtin Begleitung ohne Ihren Herrn Vater zu thun? fragte der Fürſt, indem ſein Blick mit einer Ver⸗ traulichkeit den ihrigen aufſuchte, welche ſie innerlich noch mehr gegen ihn einnahm. Nein, Herr Fürſt, ſagte ſie daher wieder kalt, es würde ſich das nicht paſſen; ich glaube das als ſelbſtver⸗ ſtändlich annehmen zu können. Ich ſehe es aber wirklich nicht ein, bemerkte der Graf, und wüßte nicht, weßhalb ich gerade nothwendig bei die⸗ ſem Feſte auf dem Eiſe gegenwärtig ſein ſoll, wenn der Herr Fürſt und die Frau Oberſtin ſich in deiner Geſell⸗ ſchaft befinden! Es thut mir leid, Papa, erwiederte ſie beſtimmt, in⸗ dem ſich ihre Brauen zuſammenzogen und eine höhere Röthe ſich über ihre Wangen ergoß, daß du dies nicht einſiehſt— dennoch werde ich nur in deiner Begleitung mitfahren! Der Fürſt legte dieſe Aeußerung ganz anders und, von ſeiner Eigenliebe und Selbſtſucht beherrſcht, nur zu ſeinen Gunſten aus; er ſah darin eine mädchenhafte Schüchternheit, welche ſich ſträubte, in der alleinigen Be⸗ gleitung des Mannes öffentlich zu erſcheinen, mit dem ſie ſich bald verloben ſollte— denn wäre er ihr gleichgültig, ſo hätte ſie ja kein Bedenken haben können. Während ſie daher im Stillen erfreut war, in der Weigerung ihres 6* 84 Vaters einen begründeten Vorwand zur Ablehnung ge⸗ funden zu haben, empfand der Fürſt darüber ebenfalls eine innere Genugthuung, indem er ſich ſagte, daß die Zeit, in welcher dieſe äußerlichen Hinderniſſe gehoben ſein würden, nicht mehr fern läge. Ich ehre Ihre Bedenken, erwiederte er daher mit einem freundlichen und beziehungsvollen Blicke, und habe, offen geſtanden, nichts Anderes von Ihnen erwartet— aber Sie, beſter Graf, ſehen daraus, daß Sie nothwendig mit⸗ fahren müſſen. Ich werde Sorge tragen, daß Sie nicht den geringſten Zug empfinden ſollen. Sie werden in einem ganz verdeckten und durch Sandſäcke erwärmten Schlitten fahren, mit Pelz gefüttert— Sie können ſich warm an⸗ ziehen und auch in den Sälen— es ſind durchaus keine bloßen Breterbuden, ſondern ganz feſte und geheizte Lo⸗ kale— Ihre wärmere Bekleidung anbehalten, man nimmt das nicht ſo genau. Dabei werden Sie ſich köſtlich unter⸗ halten, denn es wird an nichts fehlen, was Sie wünſchen und verlangen möchten. Mag ſein, mag Alles ſein, erwiederte der Graf— aber ich werde mich dennoch erkälten, ich bin einmal em⸗ pfindlich gegen den Zug, namentlich auf einem Fluſſe, der außerdem noch zugefroren iſt. Ich verſichere Ihnen aber, daß es gar nicht ziehen wird— Sie können mit dem Schlitten bis an die Thür 85 des Saales fahren! Bedenken Sie doch, welche großen und weiten Reiſen Sie in der letzten Zeit gemacht haben und wie gut Ihnen dieſe bekommen ſind! Ihre angebliche Kränklichkeit beruht lediglich auf Einbildung— habe ich doch ſelbſt längere Zeit mich ſolchen Ideen hingegeben, ſetzte er mit einem vielſagenden Blicke auf Hedwig hinzu — die Fahrt wird Ihnen außerordentlich gut bekommen, ſeien Sie deßhalb völlig außer Sorgen. Während der Fürſt dieſe Worte ſprach, hing ihr Blick mit ängſtlicher Spannung an den Mienen ihres Vaters; ſie durfte ihm nicht abreden, ſeine Bedenken nicht ſteigern, aber ſie redete ihm auch nicht zu und ſchwieg, in der Hoff⸗ nung, er werde auf ſeiner Weigerung beharren. Ich werde mich dennoch erkälten, erwiederte er ſichtlich ſchwankend, denn die Anerkennung ſeines Geſundheits⸗ zuſtandes war bei ihm nicht ohne Wirkung geblieben. Jede Verantwortung falle auf mich! rief der Fürſt mit einem Ausdrucke, welcher die Weigerungsgründe be⸗ reits als beſeitigt annimmt— Sie werden es mir mor⸗ gen Dank wiſſen, daß Sie meinen Wunſch erfüllt haben, und von Neuem erkennen, wie wenig Urſache Sie hatten, an Ihrer vollſtändigen Befähigung zu ſolchen Dingen zu zweifeln! Er blickte fragend auf Hedwig, welche ihre Augen nie⸗ 86 derſchlug, ein Umſtand, den er als eine Zuſtimmung der Worte des Fürſten anſah. Nun, ſo mögen Sie es denn verantworten, ſagte er mit einem tiefen Seufzer, und du, mein Kind, magſt abermals erkennen, wie unausgeſetzt ich bemüht bin, jeden deiner Wünſche zu erfüllen— vergiß es nicht, wenn du dich in einer ähnlichen Lage mir gegenüber befindeſt! Der Fürſt, deſſen Blicke mit einem forſchenden und befriedigten Ausdrucke auf ihr ruhten, ſah, wie ſie er⸗ blaßte, während der Graf die letzten, beziehungsvollen Worte ſprach, und ſeine Miene erheiterte ſich noch mehr, indem er auch dieſen Umſtand zu ſeinen Gunſten aus⸗ legte So kann ich denn alſo die nöthigen Befehle ertheilen, ſagte er erfreut— es ſoll ſogleich geſchehen. Ich bitte die Herrſchaften, um zwölf Uhr bereit zu ſein, damit wir nach einem kleinen Frühſtücke gegen ein Uhr abfahren können. Um drei Uhr ſoll in dem Saale auf der Wolga dinirt werden und demnächſt werden die eigentlichen Feſt⸗ lichkeiten beginnen.— Petrowitſch ſoll kommen! befahl er einem Diener. Wollen Sie Petrowitſch mitnehmen? fragte ſie, von einer neuen Unruhe ergriffen. Es liegt nicht in meiner Abſicht— aber wenn Sie es irgend wünſchen, ſoll es geſchehen. N 87 Ich— weßhalb ſollte ich dies wünſchen?— im Ge⸗ gentheil, es ſcheint mir beſſer, wenn er hier bleibt. Beſſer? Oder vielmehr völlig gleichgültig, ſagte ſie, indem ſie ſich zwang, ſelbſt ſo gleichgültig als möglich zu erſcheinen — ich wollte nur bemerken, daß ich nicht den mindeſten Grund habe, es zu wünſchen. So mag er hier bleiben, wie es in meiner Ab⸗ ſicht lag. Petrowitſch trat bei dieſen Worten ein und blieb, nachdem er ſich verneigt hatte, an der Thür ſtehen. Der Fürſt ertheilte ihm die nöthigen Befehle, welche er ſchwei⸗ gend in gewohnter Weiſe anhörte. Hedwig's Blicke haf⸗ teten während dieſer Zeit mit ängſtlicher Spannung an ſeinen Zügen, aber dieſe blieben ruhig, unverändert, ſein Auge blickte nur auf den Fürſten. Als dieſer ſich aber ab⸗ wandte und die Frage an den Grafen richtete, ob er noch irgend eine Anordnung wünſche, ſtreifte ein kurzer, raſcher Blick des Beamten zu ihr hinüber und er neigte mehr⸗ mals mit einer beruhigenden Miene unmerklich ſeinen Kopf. Geh' jetzt, befahl der Fürſt, nachdem der Graf die an ihn gerichtete Frage verneint hatte, und ſorge dafür, daß die Schlitten, ſo wie ich es befohlen, um zwölf Uhr be⸗ 88 reit ſtehen. Du ſelbſt bleibſt hier und wirſt uns erwar⸗ ten, wenn wir in der Nacht zurückkehren. Der Hausmeiſter entfernte ſich, indem er ſich tief ver⸗ neigte, und auch Hedwig litt es nicht mehr in dem Zim⸗ mer; ſie ging, indem ſie angab, ihre Vorbereitungen tref⸗ fen zu müſſen. Nichts hätte ihr unerwünſchter kommen können, als dieſe Fahrt— aber ſie fühlte, daß ſie ſich darein ergeben müſſe, und empfand wenigſtens in dem Zurückbleiben von Petrowitſch eine große Beruhigung. Vergebens dachte ſie darüber nach, wie ſie es anfangen ſolle, ihn vorher noch einmal allein zu ſprechen; ſie mußte jeden auffallenden Schritt vermeiden, denn ſie war jetzt feſt entſchleſſen, den Fürſten nicht zum Mitwiſſer ihres Geheimniſſes zu machen, ſondern ihren Plan allein mit Hülfe von Petrowitſch zu Ende zu führen. Während ſie voll Unruhe darüber nachſann, auf welche Weiſe ſie ihn vor ihrer Abreiſe ſprechen könne, um zu erfahren, wie ihr Schützling ſich befinde und die Nacht zugebracht habe, ließ ſich der Beamte melden. Er wünſche die Befehle der gnädigen Gräfin einzu⸗ holen hinſichtlich der Einrichtung des Schlittens, ſagte das Mädchen. Er ſoll kommen, erwiederte ſie raſch, faſt unvorſichtig; geh hinüber zu meinem Vater und erkundige dich bei Fried⸗ rich, ob er vielleicht noch etwas bedarf. 89 Reden Sie, empfing ſie ihn, ihm entgegen eilend, die Zeit iſt kurz— ich danke Ihnen ſehr, daß Sie gekommen ſind— wie geht es ihm? Das Fieber hat ſich geſteigert, erwiederte er ohne wei⸗ tere Einleitung, aber ich glaube, daß es kein bösartiges iſt, obgleich er ſehr unruhig iſt und ſtark phantaſirt. Iſt er erwacht? Ja, aber ohne ſich ſeiner Lage bewußt zu ſein. Er erkennt die Gegenſtände ſeiner Umgebung nicht und weiß unſtreitig durchaus nicht, was mit ihm vorgeht oder vor⸗ gegangen iſt. Woraus ſchließen Sie das? Er ſpricht zuweilen mit offenen Augen, aber es ſind immer nur Bilder der Vergangenheit, die ihn beſchäftigen, von der Gegenwart weiß er nichts. Wovon redet er? fragte ſie mit leiſerer Stimme. Bald befindet er ſich in der Schlacht und gibt das Commando zum Angriff, indem er ſeine Kameraden an⸗ feuert, bald ſpricht er mit ſeiner Schweſter, die er mit den zärtlichſten Namen nennt. Wit ſeiner Schweſter? wiederholte ſie, von einer glü⸗ henden Röthe übergoſſen. 90 Ja, und er muß ſie ſehr lieb haben, denn mit ihr be⸗ ſchäftigt ſich ſeine Phantaſie am meiſten. Nennt er ihren Namen? fragte ſie kaum hörbar. Oft, ſehr oft, ſie heißt Margot— das iſt aber auch bis jetzt das Einzige, das wir wiſſen. Margot? wiederholte ſie. Und Sie glauben, daß dies der Name ſeiner Schweſter ſei? Es iſt unzweifelhaft, denn er ſagt oft: Theure Mar⸗ got! und dann wieder: Du meine liebe, gute Schweſter, biſt du wieder bei mir? und dergleichen mehr. Sie hatte Mühe, das innere Entzücken zu verbergen, welches ſie bei dieſer Mittheilung empfand; ſie ſchämte ſich vor ſich ſelbſt, und das gemiſchte Gefühl der Freude und der Scham färbte ihre Wangen mit noch tieferem Roth, während ihre Augen in erhöhterem Glanze geſtrahlt haben würden, wenn nicht die langen, ſeidenen Wimpern dar⸗ über geſenkt geweſen wären. Sie bedurfte einer kurzen Zeit, um ſich zu faſſen und das Geſpräch in nicht auffäl⸗ liger Weiſe fortzuſetzen. Es erweckt ein günſtiges Urtheil für ihn, bemerkte ſie dann, indem ſie tief Athem holte, daß er ſeine Schweſter ſo ſehr liebt; wir können um ſo mehr überzeugt ſein, unſere Theilnahme keinem Unwürdigen zugewendet zu haben. 91 Das glaube ich auch— aber meine Beſorgniſſe ſtei⸗ gern ſich immer mehr. Daß er ſterben könnte? fragte ſie erſchrocken. Ich hoffe, daß er geneſen wird— aber wie dann weiter? Wollen die gnädige Gräfin dem Herrn Fürſten die nöthige Mittheilung machen? Je länger damit ge⸗ zögert wird, um ſo mehr werden ſich die Schwierigkeiten ſteigern, um ſo ungehaltener wird der Fürſt... Seien Sie deßhalb außer Sorgen, unterbrach ſie ihn, obgleich ſie die Beſorgniſſe des Beamten vollkommen theilte, verlaſſen Sie ſich ganz auf mich— Sie ſollen keine Unannehmlichkeiten haben, wenn Sie meinen Wün⸗ ſchen und Anordnungen nachkommen.— Vorläufig will ich dem Fürſten noch nichts ſagen, und, fuhr ſie beredter fort, während Petrowitſch ſie mit bedenklicher Miene an⸗ ſah, ſeien Sie heute Abend, wenn wir zurückkehren, in meiner Rähe, damit ich wieder eine, wenn auch nur kurze Nachricht von Ihnen erhalten kann. Ich werde den Befehlen der Herrin gehorchen, erwie⸗ derte er mit der ihm eigenen Reſignation, wenn dieſelben auch vielleicht den Zorn meines Herrn zur Folge haben ſollten. Sie ließ die letzte Bemerkung unerwiedert, und als er ſich entfernt hatte, ergriff ſie eine ſolche innere, freudige 92 und zugleich beruhigende Empfindung, wie ſie noch nie⸗ mals gefühlt hatte. Alle Zweifel an der Berechtigung, ja an der Nothwendigkeit ihrer Handlungsweiſe, wie ſie bis⸗ her immer hin und wieder noch aufgetaucht, waren jetzt verſchwunden; ſie dachte mit einer befriedigenden Genug⸗ thuung an jene Eingebung des Augenblicks zurück, durch welche der Plan, ihn zu retten, ſo plötzlich zur Ausfüh⸗ rung gekommen war. Ein beſeligendes Lächeln ſchwebte um ihren Mund, wenn ſie ſich ausmalte, wie glücklich er ſein würde, wenn er dereinſt durch ſie, und nur durch ſie, dieſe ſo ſehr geliebte Schweſter, dieſe Margot wiederſehen würde— ach, ſie dachte noch Mancherlei, ließ Bilder er⸗ ſtehen, die nur zaghaft und faſt widerſtrebend gedacht, doch ſehr lieblich waren, aber ſchnell wie diejenigen der Fata Morgana wieder verſchwanden— ihre Stimmung wurde immer freudiger, immer gehobener, die Hinderniſſe, welche der Ausführung ihres Planes entgegenſtanden, verſchwanden immer mehr— und als dann, viel zu ſchnell für ſie, die Zeit kam, wo ſie hinunter gehen mußte, um abzufahren, ſtrahlte ihr Geſicht in ſolcher Freude, daß der Fürſt ſie mit erneuertem Wohlgefallen und geſteigertem Verlangen betrachtete, indem er dieſe glänzenden Augen, dieſe höher gefärbten Wangen, die⸗ ſes bezaubernde Lächeln des reizenden Mundes als die Wirkung der Erwartung zu einem Genuſſe anſah⸗ 93 welchen er ihr zu bereiten im Begriffe ſtand. Noch nie hatte er ſie ſo ſchön geſehen— noch nie war ſie ihm ſo begehrenswerth vorgekommen— auch ſeine Stimmung gipfelte ſich zur möglichſt freudigen Stei⸗ gerung auf, und ſo fuhren ſie ab— täuſchend und getäuſcht, und beide beglückt durch den Wahn dieſer Täuſchung. Siebentes Capitel. Das Feſt auf der Eisdecke der Wolga, deſſen nähere Beſchreibung nicht in unſerer Abſicht liegt, erregte ſeiner Fremdartigkeit und Eigenthümlichkeit wegen Hedwig's Aufmerkſamkeit und ſelbſt ihre Theilnahme. Sie befand ſich in einer ſo heiteren, glücklichen Stimmung, daß ſie gleichſam das Bedürfniß fühlte, Jedes, auch das Unbe⸗ deutende anzuerkennen, zu loben und ſich darüber zu freuen — es ſchien ihr undankbar, anders zu ſein, obgleich ſie es ſich durchaus nicht klar machte, gegen wen und für was ſie eigentlich dankbar ſein wollte— gegen den Fürſten am allerwenigſten. Das bunte Gemiſch ſo vieler Men⸗ ſchen, die halb europäiſchen, halb aſiatiſchen Trachten, die fremdartigen Sitten, welche, hier auch durch die mitt⸗ leren und niederen Stände vertreten, im Genuſſe eines außergewöhnlichen Feſtes ihre Befriedigung und ihren Ausdruck fanden, blieben nicht ohne Intereſſe für ſie, ———— welches ſich durch die verſchiedenartige Erleuchtung aller dieſer vielfachen Einrichtungen noch ſteigerte. Es ſchien, als ob man dem Eiſe einen offenen Krieg erklären und es durch Feuer zerſtören wolle, ſo viele Pech⸗ und Theer⸗ tonnen brannten darauf in rothem, qualmendem und weit⸗ hin leuchtendem Scheine. Und doch befand man ſich mit⸗ ten auf der Eisdecke eines tiefen und reißenden Stromes, deſſen Fluthen ſich unausgeſetzt darunter hinwälzten!— In dem großen, feſtlich ausgeſchmückten Raume des für den Adel erbauten Saales war die Tafel gedeckt, und Hunderte von Wachslichtern ſpotteten der Dunkelheit der Nacht. Die Geſellſchaft zeigte ſich ſehr heiter, angeregt, oft ſogar weit lauter, als es ſonſt die Sitte mit ſich brachte; Punſch und Wein erſetzte die fehlende Wärme, und man trank in einer nicht endenden Folge eine Reihe von Toaſten. Hedwig's Schönheit erregte die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit und Bewunderung; eine Menge Herren, beſonders ältere, ließen ſich ihr vorſtellen, wollten mit ihr reden und ihr Artigkeiten ſagen. Das Geſicht des Fürſten, der an ihrer Seite ſaß, ſtrahlte vor Vergnügen, denn es entging ihm nicht, daß ſie heute ungewöhnlich heiter und erregt war, ſo, wie er ſie eigentlich noch nie geſehen hatte. Und dennoch waren ihre Gedanken ganz wo anders, ſie weilten drüben in dem einfachen und einſamen Zim⸗ 96 mer, welches nur von einer kleinen Lampe erhellt wurde, deren Licht noch ein grüner Schirm milderte. Die Bil⸗ der, welche in buntem Gemiſche in ihre Augen fielen, ließen ſie ohne Theilnahme, oft ohne Verſtändniß, und während ihr Mund lächelte und ihre Blicke freundlich ſtrahlten— war dies Alles doch nur der Abglanz einer ganz anderen, wenn auch ſelbſt nicht erkannten und ein⸗ geſtandenen Empfindung. Sie ſehnte ſich nach dem Ende, die Ungeduld, die ſie von Anfang an, ſo ſehr ſie dieſelbe auch verbarg, beſeelt hatte, ſteigerte ſich, und ſie konnte es nicht mehr unterlaſſen, ihren Vater daran zu erinnern, daß der längere Aufenthalt an dieſem Orte ihm gewiß ſchädlich ſein würde. Es bedurfte für den Grafen nur dieſer Mahnung, um ſofort das ängſtliche Verlangen nach dem Aufbruche hervorzurufen. Der Fürſt, obgleich er gern noch geblieben und ſich an Hedwig's Triumphen, die er mehr als ſeine eigenen anſah, geweidet hätte, durfte dem beſtimmt und dringend ausgeſprochenen Wunſche keine Weigerung entgegenſetzen, und ſo brach man auf und be⸗ fand ſich bald auf dem Wege nach dem Schloſſe. Der Mond war inzwiſchen aufgegangen und beleuch⸗ tete die belebte Scene— die röthlichen, rauchenden Lich⸗ ter, die dunkeln, verſchwindenden Gebäude und Geräthe erhielten in der Ferne ein kleinliches, unheimliches An⸗ ſehen, und ſie wandte ihren Blick gleichgültig davon ab. 97 Sie ſaß neben ihrem Vater in dem verdeckten, warmen Schlitten, deſſen heraufgezogene Glasfenſter durch den ge⸗ frorenen, wärmeren Dunſt undurchſichtig gemacht wurden. Der Graf war entſchlummert, ſie aber ſaß mit offe⸗ nen, unruhigen Blicken neben ihm und ihre kleine Hand entfernte immer wieder den feindſeligen Reif von einer Stelle des Glaſes, um durch dieſe kleine Oeffnung in die Gegend hinaus zu blicken. Nach einiger Zeit ſteigerte ſich ihre Unruhe, ſie legte das Auge dicht an dieſe Oeffnung, und ein langer Athemzug hob ihre Bruſt. Der Schlitten flog in raſchem Fluge dahin, ſie bog ihren Kopf wieder zurück und ſchien kein Verlangen zu weiteren Beobachtun⸗ gen mehr zu haben, denn ſie ſchloß ihre Augen und gab ſich, ohne zu ſchlafen, ihren Gedanken hin, Gedanken, welche am ungehindertſten und am liebſten kommen, wenn ſich die Organe der Sinne in Ruhe befinden. Sie waren an der Stelle vorüber gefahren, wo ſie vor einigen Tagen den Gefangenen begegnet war. Jetzt, nachdem der Weg den Wald erreichte, war ihr Intereſſe geſchwunden, und die kleine, ſo mühſam von ihr durch⸗ ſichtig erhaltene Oeffnung in dem Reife des Fenſters war längſt wieder verſchwunden. Erſt als ſie in die Nähe des Schloſſes kamen und das Gebell der Hunde an ihr Ohr ſchlug, ſchien ſie aus ihren Träumereien zu erwachen. m. 7 Wir ſind zur Stelle, Papa, ſagte ſie, das Fenſter herunterlaſſend. Es zieht, es zieht gewaltig! rief dieſer aus dem Schlafe erwachend. Da jedoch der Schlitten unmittelbar darauf ſtill hielt und auch die Thür geöffnet wurde, mußte er es ſich gefallen laſſen, wenigſtens für eine kurze Zeit die friſche, kalte Winterluft zu athmen. Der Fürſt, deſſen Schlitten vorgefahren war, empfing ſie und war ihnen beim Ausſteigen behülflich. Zerſtreut nahm Hedwig dieſe Aufmerkſamkeit in Empfang, ihr Auge ſuchte Petrowitſch. Er ſtand hinter dem Fürſten. Ah, guten Abend, Petrowitſch, rief ſie lächelnd und in ſcherzendem Tone— nun, ſteht das Schloß noch auf der alten Stelle, hat ſich nichts zugetragen, während wir drüben in Nowgorod waren?— Ihr Blick lag, während ſie dieſe Worte ſprach, forſchend auf ſeinen Zügen, er ſtand jedoch zu fern, als daß ſie dieſelben genau hätte er⸗ kennen können. Sie blieben auch unverändert, während er ſich, wie es Sitte war, tief verneigte. Es hat ſich nichts ereignet, erwiederte er in dem un⸗ terwürfigen Tone, den er in Gegenwart des Fürſten ſtets beobachtete— nichts, was für die gnädige Gräfin irgend von Intereſſe ſein könnte. Ein erleichternder Athemzug hob ihre Bruſt. 99 Was ſollte ſich auch ereignet haben? lachte der Fürſt — ich wüßte es wahrlich nicht— aber, fuhr er verbind⸗ lich fort, ich bin Ihnen dankbar verpflichtet, daß Sie ſo viel Antheil an unſerem Hausweſen nehmen. Es war nichts als eine allgemeine Frage, erwiederte ſie, unangenehm von dieſer Bemerkung berührt— ich danke Ihnen für die genußreiche Partie, ſetzte ſie dann wieder freundlicher hinzu— aber jetzt iſt es ſpät und ich bin doch etwas ermüdet. Mögen Sie ſanft und ruhig ſchlafen, ſagte er faſt zärtlich— und morgen friſch, munter und heiter er⸗ wachen. Sein Wunſch ging in Erfüllung, wenn auch aus ganz anderen Beweggründen, als er gedacht. Der Schlaf ließ die mannigfachen Bilder, welche ihre Gedanken er⸗ füllten, immer undeutlicher werden, legte ſeinen leichten, beruhigenden Schleier auf ihre Augen und feſſelte die Thätigkeit ihrer Seele, während um ihren leiſe athmenden Mund jenes glückliche Lächeln ruhen blieb, das die letzten Schwingungen derſelben begleitet hatte. Die Schwierigkeiten, welche ſich der Ausführung ihres Unternehmens entgegenſtellten, traten am anderen Tage in ihrem ganzen Umfange hervor. Sie erkannte, daß ſie nur mit feſtem Willen und zugleich mit großer Vorſicht zu überwinden ſeien und ein unvorhergeſehener Zufall die 7½ unberechenbarſten und nachtheiligſten Folgen haben könne. Das Benehmen des Fürſten hatte ſie erkennen laſſen, daß er eine günſtige Entſcheidung bereits als eine Gewißheit anſehe— ſie war viel zu klug, um ſich in dieſer Hinſicht zu täuſchen. Der Gedanke aber, ſich dieſem Manne zu eigen zu geben, auch wenn er über alle Schätze der Erde hätte gebieten können, hatte jetzt für ſie etwas Entſetz⸗ liches.— Nur wie ein letztes, wie ein allerletztes Mittel ruhte der jedoch nicht ausgedachte Gedanke in ihrer Seele, daß es geſchehen könne, geſchehen müſſe— als die einzige Bedingung zu ſeiner Rettung.— Sie empfand eine ge⸗ wiſſe Beruhigung in dem Bewußtſein, daß es im ſchlimm⸗ ſten Falle immer noch ein ſolches Mittel gäbe— ein letz⸗ tes Opfer, und während ſie es abſichtlich vermied, darüber weiter nachzudenken, erſtarkte ſie in dem Vorſatze, mit Aufbietung ihrer ganzen Energie und zugleich mit Vorſicht und Klugheit ihren Plan auszuführen, und dann— dann?— Dann war ſie frei, dann konnte ſie alle Rück⸗ ſicht ſchwinden laſſen— was hatte ſie überhaupt hier in dem fremden, wüſten Lande und bei dieſem Fürſten zu ſuchen?!— Alſo weiter auf der eingeſchlagenen Bahn, ohne Zö⸗ gern, ohne Bedenken— das war das Ergebniß ihrer Re⸗ flexionen an dem folgenden kalten, finſtern Wintermorgen, an welchem der Nordſturm ſeinen Mantel ausgebreitet — —————————— — 101 hatte, den Schnee in wildem Jagen umhertrieb und jedes lebende Weſen erſtarrt zu den Todten legte. Mit dem Trotze eines feſt erwogenen Entſchluſſes ſtand ſie am Fen⸗ ſter und ſah dem entfeſſelten Treiben des jetzt zur vollen Herrſchaft gekommenen Winters zu. Das iſt die wahre Geſtalt des ruſſiſchen Winters, ſprach ſie verächtlich vor ſich hin, wobei ſie unwillkürlich an den Fürſten dachte— bisher hat er nur ein freund⸗ liches, wenn auch froſtiges Lächeln gezeigt, aber dies iſt ſeine innere, rohe, wirkliche Natur. Die armen Men⸗ ſchen, dachte ſie weiter, die in ſolchem Wetter ohne Ob⸗ dach, ohne Nahrung, ohne Schutz gegen die Kälte ihrer fernen, fernen Heimath entgegenziehen müſſen— wie ſehr, wie tief ſind ſie zu bemitleiden und zu beklagen— Sie ſchauderte unwillkürlich bei dieſer Vorſtellung, und doch dachte ſie dabei nur an die Feinde ihres eigenen Va⸗ terlandes, an die Franzoſen, keinen Augenblick an die be⸗ freundeten Ruſſen, welche ja auch denſelben Mühen und Strapazen unterworfen waren.— Wie hatte ſich in weni⸗ gen Tagen ihr Empfinden, ihre Anſchauung geändert, und ohne daß ſie es ſich klar machte, ja ohne daß ſie dieſe Aenderung nur erkannte! Willſt Du ſie deßhalb tadeln, geneigte Leſerin? Wenn Du es vermöchteſt— würdeſt Du ſelbſt nicht weiblich empfinden.— Um nicht mit dem Fürſten zuſammenzukommen, um 102 ungeſtört bleiben zu können, ſchützte ſie ein Unwohlſein, eine leichte Erkältung vor und verließ ihr Zimmer nicht. Es lag in der Ausführung dieſes Entſchluſſes keine wei⸗ tere Entbehrung— denn das Wetter war abſcheulich und ſie empfand kein Verlangen nach einer Unterhaltung, weder mit dem Fürſten, noch mit der Oberſtin, ſelbſt nicht einmal mit ihrem Vater. Sie nahm ſich vor, in dieſer angeblichen Unpäßlichkeit längere Zeit zu verharren, ſo lange bis— ſie ließ den Zeitpunkt darüber vorläufig un⸗ beſtimmt, denn es war ja weiter von keinem Belange; aber die Erwägung, auf welche Weiſe ſie täglich mehrmals Nachricht von Petrowitſch erhalten ſollte, machte ihr Sor⸗ gen. Ohne dieſe Rachrichten zu bleiben und es nur dem Zufalle anheim zu geben, ſie zu empfangen, würde nicht zu rechtfertigen, ſogar unverantwortlich ſein— er hätte ja in dieſer Zeit ſterben können! Petrowitſch aber öfter rufen zu laſſen, war ebenfalls nicht thunlich, es würde be⸗ merkt worden ſein und Verdacht erregt haben. Sinnend ſaß ſie längere Zeit und ſchien mit einem Entſchluſſe zu kämpfen, deſſen Ausführung ihr ſichtbar ſchwer wurde— und doch war es eine Nothwendigkeit. Sie mußte ihr Mädchen zur Mitwiſſerin ihres Geheimniſſes und dadurch zu ihrer Gehülfin machen. Ihr Stolz erhob Widerſpruch gegen eine ſolche Maß⸗ nahme, das ganze verdeckte und heimliche Verfahren ſtand 103 ohnehin mit ihm nicht in Einklang— aber ſeine ohne⸗ hin nur noch ſchwachen Einwendungen verhalkten unge⸗ hört, und ſie beſchloß, ihren beſſeren Eingebungen gemäß zu handeln. Sie wußte, daß ſie ſich auf ihr Mädchen ver⸗ laſſen konnte; es war in Wallfort geboren und erzogen und hing an ihr mit einer Zuneigung und Treue, welche das langjährige, vertrauliche Dienſtverhältniß befeſtigt hatte. Sie theilte ihr daher in allgemeinen Umriſſen das Sachverhältniß mit, und Lucie hörte die Erzählung ihrer Gebieterin nicht nur mit unverhohlenem Intereſſe, ſon⸗ dern auch mit dem Gefühle gehobener Wichtigkeit an. Ihr Charakter hatte ſich in Nachahmung der Eigenſchaf⸗ ten ihrer Herrſchaft von Jugend auf gebildet. Sie em⸗ pfand daher an ſich im Allgemeinen ziemlich ähnlich wie Hedwig; außerdem war und blieb ihr aber dieſe immer die Sonne, um welche ſie ſich bewegte. Es war deßhalb durchaus nicht ſchwierig für Hedwig, die ihr völlig er⸗ gebene Dienerin zum willenloſen Werkzeuge ihrer Abſich⸗ ten zu machen; dieſe fühlte ſich dadurch im Gegentheil in hohem Grade geehrt und übernahm von dieſem Augen⸗ blicke an alle jene kleinen Dienſte, welche zur Durchfüh⸗ rung ihres Planes nöthig waren. Sie war jetzt keinen läſtigen Beſuchen mehr ausgeſetzt, die verlangten Nach⸗ richten über ihr Befinden wurden ganz ihren Abſichten ge⸗ mäß und ohne daß deßhalb noch eine beſondere Frage an „ ſie gerichtet ward, von Lucie ertheilt, und gegen Mittag bemerkte dieſelbe ſogar, indem ſie ſich anſcheinend mit dem Aufräumen beſchäftigte, daß ſie vor einer Viertelſtunde Herrn Petrowitſch geſprochen habe. Hedwig fühlte, daß ſie erröthe, während ſie ſich nach dem Inhalte des Geſpräches erkundigte. Herr Petrowitſch war zuerſt im höchſten Grade be⸗ troffen und ſogar erſchrocken, als ich ihn nach dem Befin⸗ den des Gefangenen fragte, erwiederte Lucie mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln, er ſah mich verwundert an und bemerkte dann, er wiſſe nicht, was ich meine. Als ich ihm dann aber zuflüſterte, daß die gnädige Gräfin mich in ihr Vertrauen gezogen habe, weil es nöthig ſei, wie er ſelbſt einſehen müſſe,— daß ich verſchwiegen wäre wie das Grab, ſah er mich zwar immer noch bedenklich und zwei⸗ felnd an und bemerkte dann, er werde gegen Abend ſelbſt heraufkommen— ich möge dafür ſorgen, daß es unge⸗ ſehen geſchehen könne. Nun, und weiter? fragte Hedwig erwartungsvoll— was ſagte er über das Befinden des Gefangenen?. Was er zu melden habe, würde er der gnädigen Gräfin ſelbſt ſagen— übrigens müſſe ich wohl geträumt haben, denn er wiſſe von keinem Gefangenen. Er iſt vorſichtig, ſagte Hedwig— ich kann ihm das nicht verdenken, esberuhigt mich ſogar. War ſeine Miene 105 beſorgnißerweckend— fuhr ſie zögernd fort— vermoch⸗ teſt du daraus keine Schlüſſe zu ziehen? Er ſah allerdings ſo aus, aber, ſetzte ſie hinzu, als ſie bemerkte, daß Hedwig unruhig wurde, es ſchien mir dies mehr durch meine ittheilung hervorgerufen zu ſein, denn er hatte offenbar kein Vertrauen zu mir, auch nach⸗ her noch nicht. Als ich ihn zuerſt ſah und einige gleich⸗ zültige Worte mit ihm wechſelte, erſchien er mir unver⸗ ändert, wie ſonſt. 3 Es iſt gut, Lucie, erwiederte Hedwig, ich danke dir. Er wird künftig mehr Vertrauen zu dir haben, wenn er ſich davon überzeugt hat, daß du das meinige beſitzeſt. Du weißt, daß ich heute und wahrſcheinlich auch die fol⸗ genden Tage allein bleiben will und auch keinen Beſuch annehme. Sollte die Oberſtin kommen, ſo ſage, ich ſchlief, ſei ſo eben eingeſchlafen.— Morgen können wir das Weitere verabreden. Der Tag verging ihr in ſteter Erwartung und in einer Unruhe, welche ſie vergeblich durch Leſen zu ver⸗ ſcheuchen ſich bemühte. Die Bücher kamen ihr langweilig vor, und ſelbſt die Zeitungen ſchienen das Intereſſe für ſie verloren zu haben. Am Nachmittage kam ihr Vater, deſſen Beſuch ſie nicht verhindern konnte, um ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen. 106 Sie gab heftige Kopfſchmerzen vor und klagte über eine Abſpannung, welche ſie zu jeder Unterhaltung un⸗ fähig mache. Der Fürſt iſt ſehr beſorgt deinetwegen, bemerkte der Graf, ſehr beſorgt, er ſpricht unaufhörlich von dir und macht ſich Vorwürfe darüber, dich zur Theilnahme an dem Feſte beredet zu haben, wobei du dich jedenfalls erkältet hätteſt. Es iſt mir unangenehm, meine Unpäßlichkeit zum Gegenſtande ſo weitläufiger Erörterungen gemacht zu ſehen. Weitläufiger Erörterungen? Nennſt du die Beweiſe von Theilnahme weitläufige Erörterungen? Wäre es dir vielleicht lieber, wenn der Fürſt gar keine Beſorgniſſe an den Tag legte? Viel lieber, erwiederte ſie hart; ich fühle durchaus kein Verlangen, bemitleidet zu werden Du ſcheinſt wirklich krank zu ſ ein, ſagte der Graf, indem er ſie verwundert anſah, ſonſt würdeſt du nicht ſo liebloſe und kindiſche Reden führen. Uebrigens iſt es gar tein Wunder, daß du dich erkältet haſt, bei dem fortwäh⸗ renden kalten Zuge, der auf dem Eiſe und in jenen Buden herrſchte. Ich war vollſtändig darauf gefaßt, heute ebenfalls krank zu ſein, und ordentlich erſtaunt, als ich heute Morgen, nachdem ich vortrefflich geſchlafen 107 hatte, erwachte und mich überzeugte, daß ich mich ganz wohl befinde.* Du magſt daraus erſehen, wie ſehrſich deine Geſund⸗ heit erkräftigt hat. Ja, ich hätte nie geglaubt, daß mir das ruſſiſche Klima ſo gut bekommen würde, ich bin ſelbſt darüber er⸗ ſtaunt.— Wirſt du heute gar nicht herüberkommen? fragte er weiter, da Hedwig ſeine letzte Aeußerung unbe⸗ antwortet ließ; ſämmtliche Corridore ſind geheizt, eine Einrichtung, die ich in Wallfort ſogleich einführen werde, wenn wir wieder zurückgekehrt ſein werden; du darfſt nicht befürchten, dich zu erkälten. Es iſt mir nicht möglich— ich habe heftige Kopf⸗ ſchmerzen— Migraine— ich bedarf der Ruhe und des Schlafes. Nun, ſo will ich dich nicht weiter ſtören; ich bin be⸗ ruhigt, daß es weiter nichts iſt, und werde den Für⸗ ſten ebenfalls beruhigen, der ſich deinetwegen unnöthige Sorgen macht. Sie athmete tief auf, als er gegangen war, es war ihr ein beglückendes Gefühl, wieder allein zu ſein. Der Tag nahte ſeinem Ende, die Dämmerung ſandte bereits ihre erſten, beruhigenden Schatten in das Zimmer, die Stunde, in welcher Petrowitſch kommen wollte, konnte nicht mehr fern ſein. 108 Schon mehrere Stunden waren vergangen, während die Nacht heraufgezogen, ohne daß ihre Erwartung ſich erfüllt hätte. Endlich trat Lucie leiſen Schrittes her⸗ ein und benachrichtigte ſie, daß Petrowitſch ihr folge; ſie hatte es unterlaſſen, ihn vorher zu melden. Ohne einen Befehl von Hedwig abzuwarten, entfernte ſie ſich wieder. Haben die gnädige Gräfin Ihrer Dienerin das Da⸗ ſein des Gefangenen anvertraut? fragte er mit ſichtlich be⸗ ſorgter Miene. Es war nöthig, erwiederte ſie; ſie iſt ein ganz zuver⸗ läſſiges, treues Mädchen, wir können uns feſt auf ſie verlaſſen. Das Geheimniß iſt nun ſchon vier Menſchen bekannt — je mehr darum wiſſen, um ſo leichter wird ſeine Ent⸗ deckung ſein. Ich bürge für Lucie— außerdem war es nöthig, unſeres eigenen, unbeobachteten Verkehres wegen.— Wie geht es ihm? Es hat ſich in ſeinem Zuſtande nur Weniges ge⸗ ändert. Schwäche und Entbehrungen haben ein Fie⸗ ber erzeugt, deſſen Dauer man vorläufig nicht abſehen kann. Iſt er zur Erkenntniß ſeiner Lage gekommen? 109 Nein, noch immer nicht. Er phantaſirt viel, und ſelbſt wenn er erwacht iſt und die Augen offen hat, liegt er ohne ein Verſtändniß ſeiner Umgebung, ent⸗ weder ſchweigend oder indem er leiſe Worte vor ſich hin ſpricht. Er hat noch Niemanden erkannt? So viel ich glaube— nicht; er würde ſonſt ge⸗ wiß doch irgend eine Frage darüber, wie er in ſeine jetzige Lage gekommen ſei, an die Wärterin gerichtet haben. Ich werde Sie wieder begleiten, ſagte ſie mit einiger Ueberwindung. Die gnädige Gräfin wollen abermals.... Es kann jetzt ohne Gefahr geſchehen, unterbrach ſie ihn— der Mond geht erſt in zwei Stunden auf, ich bin angeblich unwohl, Niemand wird mich ſtören, und Lucie außerdem jeden Unberufenen fernhalten. Aber Gehen wir, gehen wir, ſagte ſie beſtimmt, und als ob ſie die Einwürfe und Beſorgniſſe ihres Vertrauten mit Einem Male beſeitigen wollte, ſetzte ſie leichthin hinzu: So lange ich unbeſorgt ſein kann, von ihm nicht erkannt zu werden, will ich ihn an jedem Abende beſuchen, um mich zu überzeugen, daß er ſich auf dem Wege der Beſſerung befinde. 110 Petrowitſch ſah ſie betroffen an, aber er unterließ es, einen Einwand zu machen, und ſo verließen beide aber⸗ mals das Schloß, um durch den jetzt ganz dunkeln Gar⸗ ten den ſchon einmal eingeſchlagenen kurzen Weg zurück⸗ zulegen. Achtes Capitel. Hedwig ſaß unfern ſeines Bettes, wie das erſte Mal. Sowohl die Wärterin als Petrowitſch hatten das Zim⸗ mer verlaſſen; jene war ſogleich ohne beſondere Anwei⸗ ſung gegangen, und auch Petrowitſch hatte ſich dann ſchweigend entfernt; er mochte vielleicht erkannt haben, daß ſie wünſche, ungeſtört zu ſein. Sie hatte keinen Wi⸗ derſpruch dagegen erhoben, ihn nicht am Fortgehen ge⸗ hindert, obgleich ſie gewiß nichts dazu gethan haben würde, um es zu veranlaſſen. Wenn ſie auch eine ge⸗ wiſſe Bangigkeit beſchlich, als ſie nun mit dem Fremden allein war— es gibt Empfindungen, denen wir uns zwar mit Beſorgniß, vielleicht ſogar mit Furcht hingeben, die uns aber deſſen ungeachtet doch in hohem Grade be⸗ glücken und feſſeln. Wit ſolchen Empfindungen ſaß ſie unfern ſeines Bet⸗ tes und ihr Auge ruhte wieder auf dem Geſichte des 112 Schlummernden. Er kam ihr heute nicht mehr ſo leidend vor, ſie fand ihn beſſer ausſehend, als ſein Bild in der Phantaſie ihr vorgeſchwebt hakte. Seine Züge waren ihr auch nicht mehr fremd, ſondern ſo, als habe ſie dieſelben ſchon oft erblickt, ihn überhaupt ſchon längere Zeit ge⸗ kannt. Sie konnte ihn heute deßhalb mit weniger Befangen⸗ heit anblicken und, während ihre Augen träumeriſch und mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf ihm ruhten, jenen Gedanken nachhangen, die bei dem Anblicke dieſes bleichen Geſichtes aufſtiegen oder ſich vielmehr nur wie⸗ derholten.— Weßhalb übten dieſe wenn auch edlen, vielleicht ſogar ſchönen Züge einen ſo mächtigen, zauber⸗ artigen Einfluß auf ſie aus? Sie hatte ſehr viele ſchönere Männer geſehen, deren Augen nicht geſchloſſen geweſen waren, ſondern ſie bewundernd oder begehrend angeblickt hatten, ohne eine ihrer jetzigen Empfindung auch nur ähnliche Regung bei ihr hervorzurufen. Gleichgültig oder ſtolz war ſie an ihnen vorbeigegangen— warum war das jetzt ſo ganz anders? Es mag zweifelhaft ſein, ob dieſe Fragen in ſolcher Schärfe an ſie herantraten, aber ſie kam ſich räthſelhaft und verändert vor, das konnte ſie ſich ſelbſt nicht verber⸗ gen; doch dachte ſie darüber nicht weiter nach. Sie täuſchte ſich ſelbſt mit der Vorſtellung, daß es Pflicht für 113 ſie ſei, das einmal begonnene Werk ſeiner Rettung auch zu Ende zu führen, und gab dieſer Pflicht eine Ausdeh⸗ nung, wie ſie von ihrem Herzen gefordert wurde. So ſaß ſie immer noch ſchweigend und bewegungs⸗ los— aber ohne ihre Augen von ihm abzuwenden. Vor⸗ ſichtig hatte ſie ſich ſo geſetzt, daß er ſie nicht ſehen konnte, wenn er zufällig ſeine Augen aufſchlagen ſollte, obgleich ihr Petrowitſch verſichert, daß auch in ſolchen Momenten die äußere Umgebung für ihn ohne Erkenntniß bliebe. Er ſchlummerte fort. Es war nicht mehr jener tiefe, todtenähnliche Schlaf, wie vorgeſtern; man ſah es an ſei⸗ nen Zügen, daß es nicht die Müdigkeit des ermatteten Körpers war, die ſein Bewußtſein gefeſſelt hielt, ſondern etwas Anderes, einer jener Zuſtände, welche wir Krank⸗ heit oder Fieber nennen, in welchen der Geiſt nicht mehr die Fähigkeit beſitzt, ſeinen Diener, den Körper, zu be⸗ herrſchen, ſondern den raſcher pulſirenden Wellen des Blutes oder dem regelloſen Spiele der Nerven anheim⸗ gefallen iſt, wie ein Menſch, der ſich im heftigen Sturme auf einem Schiffe befindet und all ſeine Bewegungen mit⸗ zumachen gezwungen wird. Um ſeinen Mund ſpielte zu⸗ weilen ein heiteres, glückliches Lächeln— ein Lächeln, welches der ihrige dann unbewußt nachahmte. Wenn es wieder verſchwand und ſein Geſicht ernſt, ſogar wild wurde, ſah auch ſie ernſt und beſorgt aus. Zuweilen III. 8 114 flüſterte er unverſtändliche, leiſe Worte— obgleich ſie un⸗ willkürlich ihren Kopf näher zu ihm herabbeugte, ſo konnte ſie doch nichts davon verſtehen. Plötzlich ſchlug er die Augen auf und ſein Blick traf den ihrigen, ſo daß ſie hef⸗ tig erſchrocken zurückfuhr— aber er blieb unverändert— er hatte ſie nicht geſehen, wenigſtens nicht erkannt, denn er machte keinen Verſuch, ſich nach ihr umzuſehen, ſondern ſchloß die Augen wieder und ſchlummerte wtiter. Seine Züge waren ruhig und regungslos wie vorher und um ſeinen Mund lag wieder daſſelbe glückliche Lächeln. Nach einiger Zeit bewegten ſich ſeine Lippen wieder und er flüſterte leiſe, abgebrochene Worte. Sie waren jetzt deutlicher, und ſie lauſchte mit verhaltenem Athem. Sei nicht ſo thöricht, flüſterte er— bin ich nicht bei dir?— Was kümmert uns dieſer Herzog?— Vertraue feſt auf mich, meine liebe Margot— dein Bruder wird dir zur Seite ſtehen, dich beſchützen.— Aber du denkſt immer noch an die Fichtenau— immer noch an jene Zeit, die längſt Was er noch weiter ſprach, vermochte ſie nicht zu ver⸗ ſtehen, aber ihre Augen hatten ſich erweitert, während ſie athemlos lauſchend da ſaß, und ein Ausdruck hoher Freude flog wie ein leuchtender Strahl über ihre Züge. Wäre es möglich? flüſterte ſie, indem ſich unwillkür⸗ lich ihre Hand nach ihm bewegte. Könnte er der Bruder 115 jener Margot ſein?— Es iſt ſo, ich kann mich nicht täuſchen. Sprach er nicht von dem Herzoge und— und von der Fichtenau?— Ich habe die Worte deutlich ge⸗ hört— es kann nicht anders ſein.— Es iſt ihr Bruder, von dem er mir erzählt, der ihm auf ſo edelmüthige Weiſe das Leben gerettet hat— es iſt ihr Bruder Ravul!— Der Schlummernde machte eine plötzliche Bewegung, als ſie dieſen Namen unwillkürlich mit lauterer Stimme ausſprach, als ob er ihn gehört und verſtanden habe. Sie erſchrak abermals, aber nur für einen kurzen Augen⸗ blick— denn er ſchlummerte wieder ruhig fort, und das beſeligende Gefühl, welches das Bewußtſein bei ihr her⸗ vorgerufen hatte, ihn gerettet zu haben, überwog alle Be⸗ denken und jede Beſorgniß. Sie wünſchte es jetzt ſogar, er möge erwachen und mit ihr reden— damit ſie ihm ſagen könne, daß ſie ihn kenne, daß er gerettet ſei und mit ihrem Beiſtande und Gottes Hülfe ſeine Heimath und auch ſeine Schweſter wiederſehen werde.— Sie fühlte ſich ſo beglückt, wie noch niemals in ihrem Leben, und ihre Augen, welche unausgeſetzt an dem Schlummern⸗ den hingen, waren das treue Spiegelbild dieſes inneren Empfindens. Faſt unbewußt trocknete ſie mit ihrem Tuche ſeine feuchte Stirn und legte dann eben ſo unbewußt leiſe ihre 8 116 Hand darauf, um ihr Kühlung oder Wärme zu bringen — was ſie bedurfte. Er athmete tief auf, während jenes glückliche Lächeln ſich wieder um ſeinen Mund legte, als ob dieſe magnetiſche Berührung ihn beruhige.— Wie du lieb biſt, flüſterte er dann— o, wie das ſchön iſt— gehe nicht von mir, Margot— du darſſt mich jetzt nicht verlaſſen— ich würde ſonſt ſterben!* Petrowitſch trat leiſe in das Zimmer, und ſie fuhr erſchrocken und tief erröthend empor, als ob ſie ein Un⸗ recht begangen habe. Es iſt eine Stunde vergangen, Herrin, ſprach er leiſe — der Mond wird bald aufgehen. Eine Stunde, wiederholte ſie— ſchon eine Stunde? Die Uhr vom Schloſſe hat ſo eben neun geſchlagen. Sie haben Recht, es iſt Zeit, daß ich gehe, ſagte ie, indem ſie ſich erhob— ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht, fuhr ſie leiſe flüſternd mit niedergeſchlagenen Augen fort, der Kranke gehört einer uns befreundeten franzöſiſchen Familie an, und es war ein ſehr günſtiger Zufall, der uns ihn finden ließ, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte, wer er ſei. So wird Alles gut und glücklich enden, erwiederte Petrowitſch erfreut, denn der Herr Fürſt wird nun ſelbſt 117 gewiß Alles aufbieten, um ihn ungefährdet in ſein Vater⸗ land zurückkehren zu laſſen. Rein! ſagte ſie plötzlich mit veränderter und feſter Stimme, der Fürſt darf nichts von ihm erfahren— jetzt am allerwenigſten! Er ſah ſie betroffen an und eine Frage ſchwebte auf ſeinen Lippen. Ich werde Ihnen die Gründe ſpäter mittheilen, ſprach ſie eilig weiter— heute iſt es zu ſpät— ich muß fort! — Sie werden dann ſelbſt erkennen, daß es nicht anders ſein kann! Aber Vertrauen Sie mir— ich werde an Ihrer Treue eben ſo wenig zweifeln— ſpäter wird ſich Alles aufklären— gehen wir jetzt! Er that, wie ihm geheißen, aber während er ſie ſtumm den kurzen Weg zurückführte, ſteigerten ſich ſeine Beſorg⸗ niſſe, und er verhehlte ſich nicht, daß er ſich in ein für ihn ſehr gefahrvolles Unternehmen verwickelt habe. Sinnend blieb er ſtehen, als ſie raſch die kleine Treppe hinauf ge⸗ eilt war, und trat in den dunkeln Raum des Gartens zu⸗ rück, durch deſſen entlaubte Bäume der Nordwind noch immer in ungefeſſelter Wuth dahinbrauſte. Was wird aus mir werden, dachte er, wenn er es doch durch irgend einen Zufall erfährt, und daß ich die 118 Hand dazu geboten habe? Wird nicht alle Schuld auf mich fallen und von mir geſühnt werden, wie es ja immer geſchieht? Wird ſie die Macht und den Willen haben, die Strafe von mir abzuwenden? Ein kaltes Fröſteln durchrieſelte ſeinen Körper, als er ſich jene ſchrecklichen, erbarmungsloſen Executionen ausmalte, in welchen, nur auf Befehl des Fürſten, die armen, oft ſchuldloſen Opfer zu Tode geknutet wurden. Er hatte vollkommene Urſache, ernſtlich über ſeine Lage nachzudenken. Noch war es Zeit, noch konnte er dem Fürſten die Sache mittheilen, noch ließ ſich in dem aus⸗ drücklichen Befehle der Gräfin eine Entſchuldigung ſeiner Handlungsweiſe finden— ſpäter nicht mehr! Aber ſollte er ihr Vertrauen verrathen? Sie war ſo freundlich, ſo ganz anders gegen ihn geweſen, wie alle Andern! Sie hatte ihn nicht mit dem Stolze und der Verachtung einer Herrin, ſondern, wenn auch wie einen Untergebenen, doch wie einen Menſchen behandelt. Sollte er ihr dies durch Verrath lohnen? Zwar blieb es ihm unerklärlich, weß⸗ halb ſie ſo handle, beſonders jetzt, wo die Hinderniſſe ge⸗ hoben zu ſein ſchienen— aber er widerſtand der Ver⸗ ſuchung, wozu ihn die eigene Sicherheit und die lang⸗ jährig angewöhnte Unterwerfung unter den Willen des Fürſten verleiten wollte. Ich werde thun, wie ſie befohlen, ſprach er vor ſich 119 hin— ſie hat Gewalt über ihn— denn er will ſie zu ſeiner Frau machen, und ſie wird mich nicht verlaſſen, ſondern ihr Wort halten. Das Schickſal eines jeden Menſchen ruht in der Hand Gottes, das meinige wird ſich ebenfalls ſo und nicht anders erfüllen, wie es be⸗ ſtimmt iſt.— Er war Ravul! Jener Ravul, von dem ihr Wal⸗ ther erzählt, der ihn ſelbſt auf ſo edle, ritterliche Weiſe von einem ſchimpflichen Tode gerettet und den Anmaßun⸗ gen und Intriguen des Herzogs gegen ſeine Schweſter eben ſo energiſch entgegengetreten war! Sie hatte dieſe ihr fremde und doch ſo bekannte Margot um dieſen Bru⸗ der und um die Liebe dieſes Bruders beneidet, welche ſie ſich beſonders werthvoll und ſchön ausmalte, vielleicht nur deßhalb, weil ſie ſelbſt keinen Bruder beſaß. Ihre Phantaſie hatte ſich oft mit dieſem Raoul be⸗ ſchäftigt und, wie dies immer der Fall iſt, ſein Bild mit glänzenden Farben ausgemalt. Ihn hatte ſie gerettet! Das Bild ihrer Phantaſie war zur Wirklichkeit geworden — entſprach dieſe demſelben?— Sie dachte nicht mehr daran, ſein wirkliches Bild hatte jenes verwiſcht und war an ſeine Stelle getreten— vielleicht auch, weil es ihm ſo ähnlich war. Während ſie ſo bewegungslos da ſaß an dem Fenſter nach dem alten Schloſſe zu, obgleich man daſſelbe jetzt — 120 nicht ſehen konnte, waren ihre Augen geſchloſſen und ihre Hände ruhten nachläſſig in ihrem Schvoße. Wer ſie jetzt geſehen hätte, würde ſie entzückt von ihrer Schönheit an⸗ geblickt haben, von einer Schönheit, hervorgerufen durch einen ſanften, elegiſchen, ſchwärmeriſchen Hauch, der ſie mit einem bis dahin nie gekannten Zauber umfloß.— Die oft ſo ſtolzen und feſten Linien des kleinen Mundes waren weich und hingebend geworden, und zuweilen zuckte ein kaum ſichtbares Beben über die halb geöffneten Lip⸗ ven, ſo daß die weißen Perlen der Zähne hindurchſchim⸗ merten— der Knospe einer rothen Camellie gleich, welche, lange unverändert und ſpröde geſchloſſen geblie⸗ ben, nun plötzlich bereit iſt, ſich dem Kuſſe der Sonne zu öffnen. Das Alles war der Abglanz und die Wiederſpiege⸗ lung ihrer Gedanken. Sie malte es ſich aus, wie er bald geneſen und ſie erkennen würde. Sie führte Geſpräche mit ihm, bald ſo— bald anders, weil ſie immer wieder zu dem Einen Gegenſtande zurückkehrte, auf den erſten Moment der gegenſeitigen Verſtändigung. Bald über⸗ raſchte ſie ihn, indem ſie ihn wie einen längſt Gekannten anredete und ſich an ſeiner Verwunderung weidete, bald ließ ſie ſich ſeine Geſchichte von ihm ſelbſt erzählen und ergänzte ſie nur durch Fragen, aus denen er erſt nach und nach erfuhr, daß er ihr nicht unbekannt ſei— ſie hörte 121 ſeine Worte des Dankes und erröthete, als ob er ſie wirk⸗ lich geſprochen hätte— lächelte verſchämt, aber dachte dennoch immer weiter. Dann wurde ihr Geſicht ernſt und traurig, ihr Buſen hob ſich ſchneller, denn ihre Gedanken waren jetzt bei dem Momente angekommen, wo er, ge⸗ neſen, von ihr Abſchied nehmen mußte, wo ein weiter, weiter Raum ſich zwiſchen ſie legen ſollte— vielleicht auf Nimmerwiederſehen!— Auch dies Alles nur ein kurzes, ſchnell verrauſchtes Glück?— Ein ſchöner, wundervoller Traum mit einem kalten, nüchternen Erwachen?— Von innerer Unruhe erfaßt, ſtand ſie auf, ging geſenkten Blickes auf und ab und trat an das Fenſter. er Mond war aufgegangen, aber die dunkeln, tiefziehenden Schneewol⸗ ken, welche der Sturm in raſchem Fluge vorübertrieb, verdeckten den einſamen Wanderer am nächtlichen Himmel und ließen ſein Licht nur wie eine trübe, graue Dämme⸗ rung hindurchdringen. Die hohen Bäume ſchwankten und beugten ſich im Winde, als ob ſie ſeiner Gewalt er⸗ liegen wollten, aber ſie richteten immer wieder ihre ſchlan⸗ ken Gipfel empor, und nur einzelne ſaftloſe Aeſte wehten gebrochen zu Boden. Durch die ſo entſtehenden Lücken ſchimmerte dann die dunkle Maſſe des alten Schloſſes hin⸗ durch und hob ſich matt gegen den finſtern Horizont ab. — Dort weilte er— er, an den ſie unaufhörlich dachte, ohne daß er auch nur eine Ahnung von ihrem Daſein 122 hatte! Der Sturm lag zwiſchen ihr und ihm, um mit ſeiner rohen, wilden Gewalt auf ſeinen ausgebreiteten, mächtigen Flügeln den Traum des Glückes hinweg zu tragen, der ihre Seele erfüllte! Und bei dem Sturme dachte ſie wieder an den Fürſten, wie ſie bei dem Winter an ihn gedacht hatte— plötzlich fuhr ſie entſetzt vom Fenſter zurück, denn es war ihr, als habe ſein Geſicht mit weit vorſtehenden Augen hohnlachend zu ihr hereingeblickt! — Wie ſie thöricht, wie ſie kindiſch geworden war, dieſe Hedwig!— Sie ſchien dies auch zu erkennen, denn ſie lächelte über ſich ſelbſt— aber ſie ging doch nicht mehr an das henſ Auch die heiden folgenden Tage blieb ſie auf ihrem Zimmer, ohne den Fürſten zu empfangen, welcher wieder⸗ holt um dieſe Gunſt gebeten hatte. Sie ſchützte ihr Un⸗ wohlſein vor, und es gelang ihr mit Hülfe Luciens, auch die Beſuche der Oberſtin abzuwehren. An jedem Abende war ſie drüben. Es war ver⸗ geblich, daß ſie ſich im Laufe des Tages vornahm, nicht zu gehen und ſo lange zu warten, bis er zur Erkenntniß ſeiner Lage gekommen ſein würde— wenn die Zeit kam, ging ſie dennoch. Warum ſollte ſie es nicht, jetzt, wo er nichts von dieſen Beſuchen wußte und wo der Mond immer ſpäter aufging, erſt um eilf Uhr? Petrowitſch wußte es längſt, daß ſie während dieſer 123 Stunde am liebſten allein ſein mochte, und er erfüllte ſchweigend dieſen Wunſch, dem entgegen zu treten er keine Veranlaſſung fand. Der Zuſtand des Kranken war unverändert, ſo daß die Beſorgniſſe ſich deßhalb geſteigert hatten. Dieſes unaufhörliche Schlummern, die ſo lange andauernde Be⸗ wußtloſigkeit auch während der kurzen Perioden des Wachens gaben der Befürchtung eines Nervenfiebers, vielleicht ſogar eines typhöſen Fiebers Raum. Petro⸗ witſch warnte ſie, jedoch ohne jeden Erfolg; ſie änderte nichts in ihrem Benehmen, ſondern wurde nur beſorgter und trauriger. Die Gewohnheit hatte ſie ſicherer 8 ht, denn ſie war überzeugt, daß er ſich ihrer Anweſenheit nicht be⸗ wußt werden würde. Sie betrachtete ihn, ohne zu be⸗ fürchten, daß er ſeine Augen aufſchlagen und ſie erkennen werde, ſie trocknete wieder leiſe ſeine Stirn und ließ auch ihre Hand zuweilen darauf ruhen, weil er dann immer leichter athmete und freundlich lächelte. Sie rückte auch ſein Kiſſen anders, wenn es ſich verſchoben hatte, und fing am nächſten Tage damit an, dies zu thun, während ſie es am vergangenen Tage nur zögernd beim Scheiden gethan hatte. So waren die beiden folgenden Tage vergangen, und ſie erkannte, daß ſie am dritten ihr bisheriges Be⸗ 4 124 nehmen ändern müſſe, weil der Fürſt darauf beſtanden hatte, einen Arzt kommen zu laſſen, damit ihr Unwohl⸗ ſein ſich nicht verſchlimmere. Sie ging daher wieder hinüber, war jedoch ſchweigſam und in ſich gekehrt, in⸗ dem ſie ſich damit entſchuldigte, noch leidend zu ſein. Nichts war ihr mehr zuwider, als die Theilnahme des Fürſten, und ſie bedurfte der ganzen Aufbietung ihrer Willenskraft, um ihn dies nicht in einer Weiſe fühlen zu laſſen, welche ihn verletzt haben würde. Sie glauben nicht, welche Vorwürfe ich mir gemacht habe, ſagte ſie mit einem langen Blicke anſehend, daß ich Wie zu Ihrem Unwohlſein hätte ſein können. Ich habe zwei Tage voller Unruhe und Qual verlebt, und es war grauſam von Ihnen, daß Sie mir nicht geſtatteten, mich perſönlich nach Ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Ich hatte mir geſchmeichelt, Sie würden hinſichtlich meiner Perſon eben ſo wenig bedenk⸗ lich ſein, wie bei Ihrem Vater. Es war mir nicht möglich, erwiederte ſie mit einem erfolgloſen Bemühen, freundlich zu lächeln— die Mi⸗ graine fordert Einſamkeit und Ruhe. Es freut mich, daß Ihr Unwohlſein von ſo kurzer Dauer war; Sie ſehen blühender und ſchöner aus, denn je, fuhr er mit einem vertraulichen Ausdrucke fort, wäh⸗ rend ſie nicht vor Scham, ſondern vor Zorn erröthete— und die einzige Spur, welche dieſes Krankſein zurück⸗ gelaſſen hat, beſteht in einem vielleicht nur mir be⸗ merklichen Anfluge von Ermattung, der aber nur dazu beiträgt, Ihre Reize und Ihre Schönheit zu erhöhen. Dennoch bin ich noch immer nicht ganz wohl, ſagte ſie kalt, und kann auch heute des Vergnügens Ihrer Ge⸗ ſellſchaft nur eine kurze Zeit genießen. Ich gab mich der Hoffnung hin, wir könnten heute eine Stunde ſpazieren fahren; der Sturm hat ſich gelegt, das Wetter iſt wieder ſchön. Es war ein wüſter, wilder Stur ſie mit einem ängſtlichen, ihr ſonſt nicht eigenen rucke— ich muß es dennoch bedauern, denn ich fühle mich noch zu angegriffen. Während des Eſſens blieb ſie ſchweigend, ernſt und zerſtreut und ging dann auf ihr Zimmer, welches ſie ebenfalls am Abende ſehr früh, als man kaum ſich zum Thee vereinigt hatte, wieder aufſuchte. Dem Fürſten war die Veränderung in ihrem Weſen nicht entgangen; er beſaß zu viele Erfahrungen und hatte die Frauen zu vielſeitig kennen gelernt, als daß ihm ihre Unruhe, ihre Theilnahmloſigkeit, ihre Zer⸗ ſtreutheit nicht hätte auffallen ſollen. Auch daß ſie 2 126 nicht ernſtlich krank ſei, hatte er erkannt, und das in ſeinem Charakter ſtark vertretene Mißtrauen würde da⸗ her gewiß rege geworden ſein, wenn dies nicht ſeine noch größere Selbſtüberhebung verhindert hätte.— Es iſt das letzte Sträuben mädchenhafter Pruderie, dachte er mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln; jede Fe⸗ ſtung, welche im Begriffe ſteht, zu capituliren, macht noch einige recht in die Augen fallende Vertheidigungs⸗ verſuche, ehe ſie die weiße Fahne aufzieht, damit ſie ſich mit Ehren ergeben kann. Dieſe hat lange von ihrer ſtol cheinbar uneinnehmbaren Höhe verach⸗ ſich nähernden Gegner herabge⸗ blickt doch wird in kurzer Zeit das weiße, zierliche Frauenhäubchen auch dieſen ſchönen Kopf ſchmücken— als ein Zeichen des aufgegebenen Wider⸗ ſtandes. Er hatte lange nicht mehr ſo bilderreich und poe⸗ tiſch gedacht, dieſer Fürſt, welcher ſeinen Sterbens⸗ gedanken völlig den Abſchied gegeben und im Erwachen der alten, längſt für erſtorben gehaltenen Gelüſte wie⸗ der hoffnungsvoll und begehrlich in das Leben blickte — aber er hatte ſich auch lange nicht ſo vollſtändig in ſeiner Annahme getäuſcht und mit ſeinen eigenen, ſo koſtſpielig erworbenen Erfahrungen Fiasco gemacht. Jetzt wußte er das allerdings noch nicht, und es 127 war ſehr gut und günſtig für ſie, daß er von ſeinem Egoismus und ſeiner Eigenliebe ſo verblendet wurde, daß er es nicht wußte und nicht erkannte— günſtig wenigſtens für die Fortſetzung eines Unternehmens, deſſen Gefährlichkeit mit jeder Stunde zunahm. *8 Nenntes Capitel. Hedwig war auch an jenem Abende wieder zu dem Gefangenen hinüber gegangen; die Worte des Fürſten hatten 46 2 Erbitterung ſtreifenden Trotz in ihr er⸗ zeugt, welcher ihr Verlangen, zu gehen, noch mehr ſteigerte. So glaubte ſie wenigſtens. Es war wieder wie ſonſt. Sie ſaß ſchweigend und träumeriſch neben ſeinem Bette, in welchem er ſchlum⸗ mernd lag, und blickte in Gedanken verſunken zu Boden. Ihre eine Hand ruhte auf ſeiner Stirn, ſie nur leiſe be⸗ rührend, die andere in ihrem Schvoße. In dem matt erleuchteten Zimmer herrſchte eine lautloſe Stille, er ath⸗ mete unhörbar und ruhig, es ſchien ihr, daß das Fieber heute weniger heftig ſei. So ſaß ſie längere Zeit unbeweglich— ihre Vor⸗ ſtellungen fingen an, in einander zu fließen, gefeſſelt von der Empfindung eines glücklichen, befriedigten Zu⸗ 129* ſtandes. Die Vermittler mit der Außenwelt, die Sinne, waren in Unthätigkeit verſunken, ein traumähnliches Ge⸗ dankenſpiel hatte von ihrer Seele Beſitz ergriffen. Zufällig erhob ſie ihren Blick und fuhr erſchrocken empor. Seine großen, dunkeln Augen hingen an ihr mit dem Ausdrucke eines ſeligen Entzückens— das war nicht mehr der Blick eines ſich nicht Bewußten, es ruhten Ver⸗ ſtändniß und Erkenntniß darin. O, wende dich nicht von mir ab, ſagte er dann mit leiſer, aber klangvoller Stimme, ziehe deine Hand nicht zurück, es würde ſonſt wieder dunkel um mich werden— du biſt gekommen, um mich einzuführen in die Freuden des Himmels— wie gern will ich dir folgen! Sie hatte noch nicht die Wacht erlangt, ihm zu ant⸗ worten. Ich kenne dich, fuhr er fort, während ſeine glänzen⸗ den Augen unverwandt auf ihr ruhten— ſchon zweimal habe ich dich geſehen— einmal, als ich noch drüben war in dem ſchrecklichen Lande— du hobſt deine Hand ſeg⸗ nend über mich empor, damit ich erlöſtt werden ſollte von den Leiden eines qualvollen Daſeins— und dann noch einmal— aber ich weiß nicht mehr, wo— oder habe ich das Alles doch nur geträumt, fuhr er fragend und unruhig umherblickend fort— iſt dies auch nur ein III. 9 130 Traum?— Ich weiß es ſelbſt nicht mehr— meine Ge⸗ danken ſind verwirrt.— Wende dich nicht von mir, du himmliſches Bild— verkünde es mir, daß ich erlöſ't bin von den Leiden der Erde, und führe mich ein in die Selig⸗ keiten des Himmels. Beruhigen Sie ſich— beruhigen Sie ſich, ſprach ſie mit bebender Stimme— Sie ſind noch krank— ſind noch erſchöpft von dem langen Marſche— Sie bedür⸗ fen vor Allem der Ruhe— und dürfen ſich keinen Auf⸗ regungen hingeben, die— die— Ihnen ſchädlich ſein könnten. Krank— krank? Erſchöpft von dem langen Warſche? wiederholte er in abgebrochenen Sätzen, während ſeine Augen in wachſender Erkenntniß in dem Zimmer umher⸗ ſchweiften— ſo wäre ich nicht geſtorben? Ich lebte im⸗ mer noch auf der Erde, und du— du wäreſt keine himm⸗ liſche Erſcheinung?— Ach— ach, es iſt Alles dennoch nichts als ein Traum— ein wundervoller, herrlicher Traum! Er hatte, während er die letzten Worte ſprach, ſeine Augen geſchloſſen und ſchien wieder zu ſchlummern. Sie wagte es nicht, nach ihm hinzublicken, ſie wagte es nicht, aufzuſtehen, ſich nicht zu rühren, denn ſie fürch⸗ tete, er könne wieder erwachen— und doch hatte ſie die⸗ 131 ſem Augenblicke ſo ſehnſuchtsvoll entgegen geſehen und ihn ſich ſo oft und ſo ſchön ausgemalt. Erſt nach einiger Zeit, während er ſich nicht gerührt hatte, erhob ſie ſich leiſe. Bei dem Rauſchen ihres Klei⸗ des ſchlug er die Augen wieder auf und ſah ſie mit einem Blicke rührender Traurigkeit an. Ein Traum kann es doch nicht ſein, ſagte er dann — und du willſt mich dennoch verlaſſen? Weßhalb ließeſt du mich nicht ſterben, wenn du dich jetzt von mir wenden willſt? Hilf mir! Meine Gedanken ſind ver⸗ worren, ich vermag ſie nicht feſtzuhalten.— Sage mir, ob du ein irdiſches Weſen biſt oder dem Himmel ange⸗ hörſt— aber verſchwinde noch nicht— verlaß mich noch nicht— es würde mich namenlos unglücklich machen— Sei gnädig, bat er mit ſeinen flehenden, von ungewöhn⸗ lichem Glanze ſtrahlenden Augen— lege deine Hand wieder auf meine Stirn, wie du immer gethan— Ruhe, Frieden und Seligkeit ſpendend! Sie ſchwankte einen kurzen Moment, legte dann aber ihre bebende Hand wieder leiſe auf ſein Haupt, und ein beſeligendes Lächeln umſchwebte ſeinen Mund. Kannſt du mir jetzt ſagen, flüſterte er, während ſeine Augen ſich wieder geſchloſſen hatten, wer du biſt? O, ſage es mir! Wie wunderbar ſchön das iſt— warum 9* 132 willſt du es immer noch verheimlichen, daß du zu den Engeln des Himmels gehörſt? Beruhigen Sie ſich— beruhigen Sie ſich, Raoul, ſagte ſie, kaum ihrer Gedanken mächtig— ich bin.. Du kennſt mich? unterbrach er ſie, indem er Sicet in derſelben Weiſe zu ihr aufblickte— du kennſt meinen Namen? O, wie konnte ich nur einen Augenblick an dir zweifeln— vergib mir, vergib meiner Kleingläubig⸗ keit!— Sie raffte ſich gewaltſam empor, ſie fühlte die Noth⸗ wendigkeit, ihn aufzuklären und ſeine erregte, noch unter dem Einfluſſe des Fiebers ſtehende Phantaſie zu regeln. Unbewußt hatte ſie ſeinen Namen ausgeſprochen— ſie wußte überhaupt kaum noch, was ſie geſagt hatte, noch wie ſie jetzt zu ihm reden ſolle. Wir haben Ihren Namen durch einen Zufall er⸗ fahren, ſagte ſie, indem ſie tief erröthete, und ich habe ihn vielleicht unbewußt ausgeſprochen. Sie ſind krank geweſen— ſind noch krank— ſchon fünf Tage befinden Sie ſich hier.. Hier? untrt er ſie— fünf Tage— wo bin ich denn? Als Sie mit den übrigen Gefangenen von Nowgorod ankamen. 133 Von Nowgorod? Dort, dort— weit in dem ſchreck⸗ lichen Rußland— ach— jetzt erinnere ich mich! ſagte er ſchaudernd. Ich begegnete Ihnen zufällig, als ich ſpazieren fuhr Es wird deutlicher in meinem Denken— ich ſtand an Ihrem Schlitten— Sie— Sie beſchützten mich— ſtreckten Ihre Hand über mich aus— weiter weiß ich nichts mehr. Sie wurden, hier angelangt, ohnmächtig— und hieher gebracht, weil— weil Sie erkrankt waren. Hieher gebracht, weil ich erkrankt war? fragte er mit wiederkehrender Erinnerung— ſo wäre ich immer noch — immer noch in der Gefangenſchaft— in ruſſiſcher Gefangenſchaft? Nein, ſagte ſie in freudigem Ueberſtrömen ihres Ge⸗ fühls— nein, Sie ſind kein Gefangener mehr, Sie wer⸗ den in Ihre Heimath zurückkehren und Ihre Schweſter Margot wiederſehen. Meine Schweſter Margot? fragte er, und die müh⸗ ſam geordneten Vorſtellungen ſeines Geiſtes fingen wie⸗ der an, ſich zu verwirren.— Kennen Sie Margot?— Kennen Sie mich?— Ich bin kein Gefangener mehr? — Wie wäre das möglich?— Wie iſt das Alles über⸗ haupt möglich? 134 Er ſah wieder zweifelnd umher, ob er dennoch nicht träume. Sie werden mit Gottes Hülfe gerettet werden, fuhr ſie immer verlegener und immer mehr erröthend fort; ſeien Sie vorläufig ohne Beſorgniſſe, Sie ſollen Alles § erfahren, wenn Sie ganz geneſen ſein werden— bis da⸗ hin vertrauen Sie mir. Wollen Sie mir dieſe Bitte er⸗ füllen und ſich mit dieſer Mittheilung begnügen? Wie Sie grauſam ſind, entgegnete er wieder mit den früheren, fieberhaft glänzenden Blicken— Sie reden von „uer Bitte— ſagen Sie mir, ich ſoll ſtill und ſtumm hier liegen, ſo lange Sie es wünſchen, ich ſoll ſterben in dieſem Augenblicke— es würde eine Seligkeit für mich ſein— nur das Eine könnte ich nicht ertragen— wenn Sie mich verlaſſen wollten! Ich werde morgen wiederkommen, ſprach ſie kaum hörbar. Wiederkommen? wiederholte er traurig— alſo doch fortgehen? Es iſt nothwendig— es kann nicht anders ſein; morgen, wenn Sie ruhiger und gefaßter ſind, fuhr ſie mit ſtockender Stimme fort, werde— werde ich wieder zu Ihnen kommen. Und jetzt wollen Sie ſchon ſcheiden? fragte er, als ſie aufgeſtanden war. — 135 Es iſt nothwendig— es kann nicht anders ſein. Ohne Abſchied? flüſterte er kaum hörbar, als ſie ſich zum Gehen anſchickte. Leben Sie herzlich wohl, ſagte ſie mit einem innigen Blicke, wieder näher tretend, und denken Sie nur an Ihre Geneſung! An meine Geneſung? An mich?— O nein, ich werde nur an Sie denken und in dieſen Gedanken das Glück der Seligen empfinden! Mit flehenden Blicken hatte er die Hand nach ihr ausgeſtreckt— ſie konnte nicht anders— konnte dieſer ſtummen Bitte nicht widerſtehen; bebend und zögernd reichte ſie ihm die Hand, er unſchloß ſie mit ſeinen bei⸗ den und drückte ſie begeiſtert an ſein Herz. Sein Auge ruhte auf ihr, als ſie ging, unverwandt und mit dem Ausdrucke eines Betenden, vor deſſen Blicken eine himmliſche Erſcheinung zu verſchwinden im Begriffe iſt. An der Thür blieb ſie ſtehen, wandte ſich um und ihre Blicke begegneten nochmals den ſeinigen; es lag eine rührende, weiche Zärtlichkeit darin— ein Troſtſpenden — ein Hoffnungverkünden— die Hingebung eines lie⸗ benden Herzens— das Alles in dieſem Einen Blicke— ihre ganze Seele!— Nochmals nickte ſie ihm kaum merk⸗ lich zu— dann war ſie verſchwunden. 136 Seine Hände hatten ſich unwillkürlich gefaltet, er ſah noch längere Zeit auf die jetzt leere Stelle, wo ſie geſtan⸗ den, dann ſchloß er mit dem Ausdrucke ſeligen Glückes die Augen, um ihr Bild ungeſtört vor ſeinem inneren Anſchauen wieder erſtehen zu laſſen. Er iſt zum Bewußtſein zurückgekehrt, ſprach ſie zu dem ſie begleitenden Petrowitſch, als ſie in den Garten getreten waren und die Erregtheit ihrer Züge von der Dunkelheit verborgen wurde— er hat ſeine Umgebung erkannt und ſeine Vorſtellungen ſo weit geordnet, daß er verſchiedene Fragen an mich gerichtet. Das iſt ein ſehr erfreuliches Zeichen, ſo wird das Fieber und ſeine bisherige Bewußtloſigkeit nur eine Folge großer Schwäche geweſen ſein. Ich hoffe das auch— er würde dann raſch und bald geneſen. Waren ſeine Worte und Fragen klar, ruhig und voll Verſtändniß? 4 Ja— er ſprach, wenn auch noch etwas erregt, doch ſonſt klar und verſtändlich. †ch werde ſogleich zu ihm gehen und mich über⸗ zeugen. Er wird wahrſcheinlich viele Fragen an Sie richten— auch hinſichtlich meiner.... Natürlich! 137 Denn ſeine Erinnerung reicht nur bis zu dem Augen⸗ blicke, wo wir ihm begegneten. Sie dürfen ſich darüber nicht wundern, nach dem, was er gelitten. O nein, ich wundere mich auch nicht— ich wollte nur bemerken, daß Sie bei der Beantwortung ſeiner Fragen mit Vorſicht zu Werke gehen müſſen. Soll ich ihm der gnädigen Gräfin Stand und Cha⸗ rakter verſchweigen? Es dürfte am beſten ſein! Verſchweigen? fragte ſie verlegen. Weßhalb ihn täu⸗ ſchen, er würde es ja doch erfahren! Es wäre nicht nöthig, daß er es erführe, er könnte, wenn er geneſen ſein wird.... Sie vergeſſen, daß er einer uns befreundeten Familie angehört— nein, das meinte ich nicht— ich hatte nur die Abſicht, Sie zur Vorſicht aufzufordern. Möchten die gnädige Gräfin mir Ihre beſtimmten Be⸗ fehle ertheilen, ſagte er, als ſie ſchwieg und ihn zweifel⸗ haft ließ, was ſie meine. Warum bezeichnen Sie meine Wünſche mit dieſem Ausdrucke?— Wir werden ihm den wahren Sachverhalt nicht verſchweigen können; beantworten Sie daher ſeine Fragen in dieſer Vorausſetzung, nur— nach und nach— nicht auf einmal— wie es ſein Zuſtand er⸗ fordert. „ 138 Ich werde dem Willen der Herrin genau nachkom⸗ men, erwiederte er, obgleich er immer noch im Zweifel darüber blieb, worin derſelbe eigentlich beſtehe; aber er hatte nicht Zeit, weitere Fragen an ſie zu richten, denn ſie waren jetzt an der kleinen Treppe angekommen, wo Lucie ſie erwartete. Kommen Sie morgen jedenfalls zu mir— ohne daß Sie geſehen werden, flüſterte ſie noch— dann eilte ſie fort. Auch Lucie, deren Stellung, ſeit ſie die Mitwiſſerin ihres Geheimniſſes geworden, ſich einigermaßen geändert hatte, konnte ſie heute nicht länger um ſich haben— ſie mußte allein ſein. Allein mit ſich, mit ihren Gedan⸗ ken, ihren Gefühlen, ihren Empfindungen, welche, auf⸗ und abwogend, ihre Seele erfüllten, keines anderen Men⸗ ſchen Gegenwart duldeten, ſondern nur nach der Einſam⸗ keit verlangten. Geh', geh', liebe Lucie, ſagte ſie mit einer ungewohn⸗ ten Weichheit, du wirſt auch ermüdet ſein— ich bedarf deiner heute nicht mehr.— Wir würden unbeſcheiden und wenig rückſichtsvoll ſein, wenn wir ihren Wunſch nicht ebenfalls erfüllen und ihre vielleicht leiſe und willenlos geſprochenen Worte belauſchen wollten. Gehen wir daher ebenfalls, ſo ſchwer es uns auch wird; denn ſie ſah ſchöner aus, als wir ſie 139 je geſehen, während ſie da ſtand, vom Hauche der Liebe be⸗ rührt, mit in einander geſchlungenen Händen, halb geſenkten Augen, herabgeneigtem Kopfe und unfloſſen von dem Abglanze eines bis dahin nie gekannten Glückes, welches keinen anderen Wunſch hatte, als die Erhaltung deſ⸗ ſelben. Am andern Tage mußte ſie ihre Gedanken gewaltſam feſſeln, die Fluth ihrer Gefühle zurückdrängen und dem Zwange der Verhältniſſe wieder Rechnung tragen. Sie durfte nicht mehr einſylbig, zerſtreut und nachdenkend ſein; es wurde ihr ſehr ſchwer, aber ſie beherrſchte ſich— ſie hätte weit mehr, weit Schwereres gethan— ſeinet⸗ wegen. Denn wenn ſie es ſich auch nicht eingeſtand, er war der Mittelpunkt all ihres Denkens und Empfindens geworden. So plötzlich— ſo mit Einem Male— iſt das mög⸗ lich, und bei ihrem Charakter? höre ich Dich fragen, ge⸗ neigte Leſerin. Frage den Sturm, wenn er in ungefeſſelter Macht hervorbricht, ftage den Strahl der Sonne, wenn er un⸗ geahnt Dein an den tiefen Schatten des Waldes gewohn⸗ tes Auge trifft— woher ſie kommen. Du wirſt die Ant⸗ wort leichter finden, als die, woher plötzlich die Liebe komme, unſer ganzes inneres Weſen in feinem tiefſten Grunde verändernd und beherrſchend. 140 Sie zieht in die Herzen der Menſchen oft unmerklich, voll ſanfter Gewalt und mit Zeit und Gewohnheit im Bunde; oft aber auch mit dem Fluge des Blitzes, jeden Widerſtand zerſtörend und vernichtend. Wie die edelſten Metalle den Blitz anziehen und in ſeiner Berührung er⸗ glühen, ſo werden auch die edelſten und feſteſten Herzen am plötzlichſten vom Blitze der Liebe getroffen, und die Schutzwehr des Stolzes fällt zerſchmettert zu Boden. Es wurde ihr ſehr ſchwer, unbefangen und heiter zu erſcheinen, die Scherze und Anſpielungen des Fürſten anzuhören, dazu die lächelnde und beifällige Miene ihres Vaters, aber ſie that es— ſie würde noch weit mehr gethan haben, und das uneingeſtandene Bewußtſein, es ſeinetwegen zu thun, ließ ſie wirklich fröhlich und liebenswürdig ſein, ſo daß der Fürſt in hohem Grade von ihrem Benehmen entzückt war. Sie ſetzte ſeinem Wunſche, gemeinſchaftlich ſpazieren zu fahren, keine Weigerung entgegen, aber ſie ſehnte ſich um ſo mehr nach dem kommenden Abende, um Petrowitſch zu ſprechen. Hinübergehen konnte ſie heute nicht— jetzt nicht mehr— er war ja nicht mehr ohne Bewußtſein— aber Nachricht von ihm empfangen— und dann— dann wollte ſie einen weiteren Entſchluß faſſen. Endlich ſtand Petrowitſch vor ihr in ihrem Zim⸗ 141 mer. Lucie hatte ihn heimlich heraufgeführt und hielt Wache. Erzählen Sie, ſprach ſie aufgeregt— es geht ihm beſſer, nicht wahr? Das Fieber hat ihn verlaſſen, er iſt ſogar eine kurze Zeit aufgeweſen, weil er es durchaus wollte, aber er mußte ſich wieder niederlegen, denn er iſt noch ſehr ſchwach — ſehr erregt. Das Fieber iſt ganz fort? Ich glaube es. So haben Sie ihn von den näheren Umſtänden unter⸗ richtet? Ich würde es haben thun müſſen, auch ohne Ihren Befehl, ſo ungeſtüm und dringlich waren ſeine Fragen, bemerkte Petrowitſch lächelnd. Es iſt dies natürlich. Faſt alle betrafen die gnädige Gräfin, das Uebrige ſchien ihn nur wenig zu intereſſiren, ſelbſt die Hinder⸗ niſſe, welche ſich der Rückkehr in ſeine Heimath entgegen⸗ ſtellen konnten, kümmerten ihn wenig. Dagegen war er unermüdlich in Fragen, wer Sie ſeien, wo Sie wohn⸗ ten, weßhalb Sie ihn in Schutz genommen, woher Sie ihn kännten, ſeinen Namen wüßten, auch den Na⸗ nen ſeiner Schweſter, wie er hinzuſetzte. Als ich ihm, ſo viel ſelbſt wußte, darüber Auskunft ertheilte, 142 wurde er ſehr nachdenkend und ernſt.— Ich kenne ſie jetzt auch, ſagte er dann— ich kenne auch ihren Vor⸗ namen, ſie heißt Hedwig— das wußte er— aber geſehen haben wir uns niemals. Wie wunderbar, fuhr er nach einiger Zeit fort— hier, ſo weit und ſo tief in Rußland! Dann ſchwieg er wieder, und ich glaubte, er ſei mit dem Fragen zu Ende, aber er er⸗ kundigte ſich jetzt, wie oft und wie lange Sie jedes Mal bei ihm geweſen ſeien, und ſeine Augen erhielten wieder einen fieberhaften Glanz, als ich ihm das ſagte, da Sie es mir ja erlaubt hatten. Dann fragte er, ob ich glaube, daß Sie heute wieder kommen würden— ich konnte ihm darüber keine Gewißheit geben, und er wurde traurig, weil er ſelbſt daran zweifelte. Er bat mich, Ihnen nochmals ſeinen innigſten Dank zu überbringen und es ihm möglich zu machen, Ihnen denſelben ſelbſt abzuſtatten. Es iſt gut, Herr Petrowitſch, erwiederte ſie mit einem tiefen Athemzuge— heute— heute kann ich nicht hinübergehen— aber ſobald er— in ſeiner Ge⸗ neſung weiter fortgeſchritten iſt, ſoll es geſchehen— oder er kann hieher kommen.— Sagen Sie ihm das und— und fügen Sie hinzu, daß— daß meine Theil⸗ nahme für ihn ſich nicht vermindert habe, mich aber die Umſtände verhinderten, ihm dies heute ſelbſt zu ſagen. 143 Ich werde die Befehle der Herrin genau erfüllen. Und morgen— morgen bringen Sie mir wieder Nachricht— nicht erſt am Abende— Lucie wird Ihnen ein Zeichen geben, wann Sie kommen können. Jehntes Capitel. Es waren vier Tage ſeit jenem Abende verfloſſen, und es war wieder Abend. Früh hatte er ſich über jenen Theil der Erde hinabgeſenkt, wo die Herrſchaft des Winters und der Racht jetzt faſt auf ihrem Höhe⸗ punkte ſtand. Dennoch hatte Hedwig mit Ungeduld den Untergang der Sonne erwartet, welche mit bleichem und kaltem Lichte ihre niedrige, kurze Bahn am Himmel zurücklegte und dann, ermüdet von dem Anblicke der un⸗ endlich weiten und öden Schneeflächen, um drei Uhr Nachmittags hinter einem dunkeln Föhrenwalde ver⸗ ſchwunden war. Die hereinziehende Dunkelheit erlöſte ſie jedoch nicht von den ihr jetzt plötzlich ſo unerträglich gewordenen Feſſeln. Man dinirte erſt um fünf Uhr, und der Graf ſprach ſein Wohlgefallen über dieſe Einrichtung eben ſo oft aus, wie über die geheizten Corridore. 145 Es hat etwas ungemein Behagliches, ſagte er, ſich bei Licht zu Tiſche ſetzen zu können und dabei zu denken, daß man dinirt und nicht ſoupirt; man hat nicht nöthig, ſpäter noch einmal zu Abend zu eſſen, und kann deßhalb mit weit größerer Sicherheit auf eine ruhige Nacht rech⸗ nen. Ich werde dies künftig in Wallfort ebenfalls ein⸗ führen. Endlich war auch dies vorüber und ſie konnte ſich zurückziehen, nachdem ſie die Ein ladung des Fürſten, den Abend gemeinſchaftlich zuzubringen, mit einer Haſt abge⸗ lehnt hatte, welche ihm aufgefallen war. Auf ihrem Zimmer angelangt, ging ſie unruhig eine kurze Zeit auf und ab, dann kam Lucie. Iſt Alles ſtill und ruhig? fragte ſie— glaubſt d daß wir unbeobachtet ſind?. Ich habe die Thüre des Corridors, welche nach u ſerem Flügel führt, zugemacht, erwiederte das Mädchen, oder vielmehr den ganzen Tag über zugehalten, damit es nicht auffällt, und ſo kann man uns nicht beobachten. So geh' hinüber, ſagte ſie erröthend und mit abge⸗ wandten Blicken, geh' hinüber und benachrichtige ihn— ½ aber ſei vorſichtig— bedenke, daß ſeine Freiheit und ſein Leben auf dem Spiele ſtehen! Ohne ein Wort der Erwiederung entfernte ſich das Mädchen. 10 146 Hedwig blieb allein. Ihr ganzes Weſen ſchien ver⸗ ändert. Auf ihrem Geſichte lag eine ängſtliche Erwar⸗ tung, eine ihr ſonſt fremde und nicht eigene Beſorgniß; ſie fuhr zuſammen, wenn ein zufälliges Geräuſch an ihr Ohr ſchlug, und dann richteten ſich ihre Blicke wieder mit einem ſo beſeligenden Ausdrucke auf die geſchloſſene Thür, als ob ſie dem Nahen des höchſten Glückes durch dieſelbe entgegenſehe.— Es waren, wie geſagt, vier Tage ſeit jenem Abende verfloſſen, und wir haben nur noch zu erwähnen, daß Raoul in dieſer Zeit bereits zwei Mal, von Lucie ge⸗ leitet, bei ſeiner Retterin geweſen war: geſtern und vor⸗ geſtern, jedes Mal länger als eine Stunde, geſtern ſogar ziel länger. Sie erwartete ihn nicht mehr wie einen Fremden, mit dem ſich zu verſtändigen ſie eben ſo ſehr gebangt als gehofft hatte— nein, in dem Ausdrucke dieſer glänzen⸗ den, verſchämt und ſehnſüchtig blickenden Augen lag ganz etwas Anderes— der Wiederſchein eines bereits zum 16 Bewußtſein gelangten Glückes, dem ihr Herz ſich wider⸗ ſtandslos hingegeben und welches zu verheimlichen ſie keine Macht mehr beſaß. Erwartungsvoll, erbebend, mit verhaltenem Athem und vorgebeugtem Körper ſtand ſie da, lauſchend auf 147 ſeinen Tritt und zugleich bangend, daß er von einem anderen Ohre als dem ihrigen gehört werden könne. 3 Endlich öffnete ſich leiſe die Thür. Er trat ein— ſie hatte nicht die Macht, ihm, wie ſie wollte, entgegen zu eilen— aber dies war auch nicht nöthig, denn ehe ſie eine Bewegung machen konnte, ſtand er bei ihr, hatte ihre Hand ergriffen und blickte mit Zärtlichkeit in ihre Augen, welche ſie verſchämt und erröthend niederſchlug. Meine geliebte, meine theure Hedwig, flüſterte er, in⸗ dem er einen langen Kuß auf ihre nicht widerſtrebenden Lippen drückte— ich bin wieder bei dir— ich habe dich wieder! Setzen wir uns, ſagte ſie, indem ſie einen ſchwachen Verſuch machte, ſeine Handzu entfernen, du biſt noch nicht ganz geſund und wirſt ermüdet ſein. Krank? Ermüdet? wiederholte er mit dem Aus⸗ drucke des höchſten Glückes— kannſt du das im Ernſte meinen? Er führte ſie langſam zum Sopha, und ſie ließ Alles geſchehen, wie er es wollte. Du biſt wieder ganz wohl? ſagte ſie— o, wie mich das freut, wie kummervoll muß dir die Zeit in deiner Einſamkeit vergehen! Wenn ich in dem finſterſten, dem ſchrecklichſten Kerker läge und hätte die Hoffnung auf hine Stunde wie dieſe, 10* 148 nur auf eine einzige Minute, wo ich in deine Augen ken, deine liebe Stimme hören könnte— wie gern wollte ich Alles ertragen! Wollteſt du das? ſagte ſie, indem ein höheres Roth ihre Wangen färbte— ich wollte das auch, und ich be⸗ neide dich um deine Einſamkeit— gern, gern würde ich mit dir tauſchen.— Zweifelſt du daran? fuhr ſie fort, als er ſie fragend anblickte— ich könnte dann ungeſtört an dich denken. Denkſt du jetzt nicht an mich? O, immer, immer. Aber ich muß mit den Andern ſprechen über Dinge, die ich kaum höre; ich muß freund⸗ lich, theilnehmend erſcheinen, 4 muß ih zwingen, mir Gewalt anthun, während du. Während ich, erbrich er ie, die ſo ſchnell ent⸗ flohene Stunde unſeres Glückes immer wieder in der Er⸗ innerung verleben kann, bei jeder Einzelheit, bei jedem Beweiſe deiner Liebe vetweilend, bis ich erſchrocken aus meinen Gedanken emporfahre und mich frage, ob mein namenloſes, mein ſo unverhofftes Glück auch Wirklichkeit und nicht ein bloßes Spiel meiner Phantaſie ſei!— Und dann, fuhr er fort, während ſie ſich inniger an ihn ſchmiegte, dann kommt die Hoffnung auf das Wieder⸗ ſehen! Ach, laß mich dir nicht ſagen, wie ich mir dies Alles ausmale, ietzt jetzt, wo mein Arm dich umfaßt 149 hält und ich in deine lieben, nen Augen blicken kann!— Sie ſah zu ihm als ob ſie dieſen Wunſch er⸗ füllen müſſe, er abe t in ihre Augen, ſondern drückte einen langen Kt hre Lippen. Schweigend ſaßen ſie eine Zeit lang neben einander im ſeligſten Austauſche ihrer Gefühle welche in Worte zu faſſen die Sprache zu arm iſt. Ich denke zuweilen, ſagte ſie ſchüchtern und den Kopf abwendend— du könnteſt mich verachten, Raoul — denn es iſt mir ſelbſt unerklärlich. Daß du mich liebſt? fragte er traurig. Nicht, nicht, daß ich dich liebe— nein— aber weil ich es dir ſo ſchnell und ſo bald geſtanden, die Gefühle meines Herzens nicht verheimlicht habe— wenn, wenn du es mißbilligſt— mir deßhalb zürnſt— ſo muß ich es tragen— aber ich konnte nicht anders! Hedwig, rief er innig, meine ſüße, geliebte Hedwig, es gibt auch ein Uebermaß des Glückes, welches zu tra⸗ gen das Herz des Menſchen nicht befähigt iſt— ich kann dir dies Alles nie, niemals vergelten— ſei weniger lieb gegen mich, damit die Vorſtellung, ich könne deiner nicht werth ſein, nicht von vorn herein zur Unmöglichkeit werde! Zürnſt du mir, Geliebter? O, ich wollte dich nicht 150 betrüben, ſagte ich was nicht recht war, ſo vergib mir!— Wie das Alles ſo derbar gekommen iſt, fuhr ſie dann fort, nachdem hm die ſtummen und doch redenden Beweiſe der! it ihrer Befürchtung erhalten hatte— es iſt he tag; heute vor acht Tagen warſt du erſt einen Tag hier, und vor zehn Ta⸗ gen wußten wir beide noch gar nicht, daß wir uns je im Leben begegnen könnte Wir wußten daß wir überhaupt lebten— ich hatte deiner einmal flüchtig erwähnen hören, von Mar⸗ got, als ſie mir den Inhalt eines Briefes ihres Freundes Rohneck mittheilte— aber es war nur eine kurze Be⸗ merkung. Ich kannte dich etwas mehr und habe öfter an dich gedacht, denn Herr Rohneck hatte mir dein edles, ritter⸗ liches Benehmen in der Fichtenau ausführlich erzählt, und ſchwärmte für dich, beſonders nach deiner Rückkehr aus Spanien. 3 O, ſprich nicht von dieſen unbedeutenden Dingen! Es wurde mir ohnehin ſchwer genug, den verkleideten braunſchweigiſchen Offizier einem Verbrecher gleich zu verhaften; da ich aber erfuhr, daß er meiner geliebten Schweſter das Leben gerettet habe— wäre es ja eine Schändlichkeit geweſen! Wie wunderbar, ſagte ſie, wieder in ihren Erinne⸗ 151 rungen ſchwelgend, daß wir uns hier, hier am Ufer der Wolga, ſo fern, ſo fern von deinem und meinem Vater⸗ lande, begegnen mußten! ₰ Begegnen? Das iſt nicht die richtige Bezeichnung, ſprach er mit einem Lächeln, welches ſcherzhaft ſein ſollte und doch nur ein Ausdruck ſeiner Liebe war— wir hätten uns immerhin begegnen können, ohne— ohne.. Ohne unszu finden und uns für immer anzugehören, ergänzte ſie, da er abſichtlich zögerte, den Satz zu voll⸗ enden.— Für immer, wiederholte er, ſie leidenſchaftlich um⸗ armend— bis zu unſerem Tode! Und um uns nie mehr zu trennen, flüſlle ſi. Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, denn die Ge⸗ fangenſchaft, die verlorene Freiheit, der Krieg, die weite Entfernung, der ſchreckliche Winter— alle dieſe Hinder⸗ niſſe ihrer Liebe flogen durch ſeine Seele. Da ich geſtern vor acht Tagen, von dem ſchönen Wetter angelockt, die Idee faßte, Schlitten zu fahren, ſprach ſie gedankenvoll weiter, weil der Fürſt abweſend war, bot ſich Petrowitſch an, was er noch nie gethan, mich zu fahren. Als wir dann aus einem Walde her⸗ auskamen, erblickte ich den Transport der Gefangenen, unter denen du dich befandeſt, mein theurer Ravul, und 152 da ich eine Furcht davor empfand, ihnen zu begegnen, weil ich ja doch ihr Elend nicht mildern konnte, ſo befahl ich Petrowitſch, einen Seitenweg einzuſchlagen. Er war auch dazu bereit— aber es war keiner vorhanden, und die tiefen, mit Schnee ausgefüllten Gräben machten das Ausbiegen auf die Felder unmöglich— ſonſt— würden wir uns niemals geſehen haben! Wie wunderbar, fuhr ſie mit leuchtenden Augen und der Schwärmerei der Liebe fort— und doch nicht wunderbar, denn wir ſollten, wir mußten uns ja finden!— Ich ſaß in meinem Schlitten, der zu halten gezwungen war; ich wollte die armen, dem Tode geweihten, abgezehrten Geſtalten nicht ſehen, und mußte doch immer wieder zu ihnen hinblicken. — Da kamſt du und ſtützteſt dich auf die Lehne meines Schlittens— der Koſak wollte dich weiter treiben— aber ich— ich— o, ich weiß ſelbſt nicht, wie mir ge⸗ ſchah— ich hätte dich ſchon damals zu mir in den Schlitten ziehen und in die Welt mit dir hinausfahren mögen!— Das war unmöglich, ſprach ſie dann leiſe flüſternd weiter— du mußteſt fort mit den Andern, und als ich dich nicht mehr ſah, gab ich mir Mühe, Alles zu vergeſſen und nicht mehr an dich zu denken. Plötzlich aber ergriff mich eine unnennbare Angſt und der feſte Entſchluß, dich nicht deinem Geſchicke zu überlaſſen. Die Furcht, daß 153 ich zu ſpät kommen könne, ließ mich Petrowitſch zur größten Eile antreiben.— Als wir endlich ankamen, nur wenige Minuten nach euch— warſt du ohnmächtig ge⸗ worden, und nur die zufällige Anweſenheit von Petro⸗ witſch und ſeine Willfährigkeit, hervorgerufen durch die Abweſenheit des Fürſten, machten es mir möglich, meinen Plan zur Ausführung zu bringen. Er hatte ihr mit dem Ausdrucke der innigſten Zärt⸗ lichkeit zugehört, aber in ſeinem Auge lag doch eine tiefe Traurigkeit, während er ſie unverwandt anblickte. Und ich habe nichts— gar nichts, ſagte er dann, um dir dies Alles zu vergelten— Willſt du mich betrüben? fragte ſie zärtlich— liebſt du mich nicht? Wenn ich es auch immer und immer wiederhole, wie ſehr ich dich liebe— ich vermag es dir doch nicht zu ſa⸗ gen, wie ich es empfinde! Dann ſprich nie wieder ſolche Worte— ſie betrüben mich!— Vergib mir, zürne mir nicht— ich erkenne es in die⸗ ſem Augenblicke, daß es auch ein hohes Glück iſt, von der Geliebten Alles zu empfangen— Leben und Freiheit— ohne ihr vergelten zu können! Alles? fragte ſie leiſe und mit geſenkten Wimpern— du haſt das Werthvollſte dennoch vergeſſen— die Liebe, 154 — und gibſt du mir dieſe nicht in gleichem Maße zu⸗ rück?— Nicht in höherem? fuhr ſie mit einem Lächeln fort, welches ſcherzhaft ſein ſollte, wobei jedoch die innere Rührung verrätheriſch um ihren Mund zuckte— denn das kannſt du nicht! Wieder ſchwiegen ſie eine längere Zeit. Was du vorhin ſagteſt, ſprach er dann glücklich lächelnd weiter, war wunderbar und wundervoll zu⸗ gleich— das Wundervollſte von Allem aber biſt du ſerbſt Fahre fort, wehrte ſie, als er wieder eine Pauſe ein⸗ treten ließ. Aber daß ich dich hier finden mußte, iſt noch weit, weit wunderbarer! Als die Ordre zum Ausmarſche er⸗ folgte, eine Ordre, der wir lange entgegengeſehen hatten, Margot mit den bangſten Sorgen.... NRicht wahr, ſie iſt ſchön, deine Schweſter Margot, die du ſo ſehr liebſt! Sie iſt ein liebliches, unſchuldvolles Weſen, aber lange, lange nicht ſo ſchön wie du.... Erzähle weiter, unterbrach ſie wieder. Als die Ordre kam, weinte ſie unaufhörlich und konnte ihre Thränen gar nicht ſtillen, und mir ſelbſt war das Hetz ſchwerer denn jemals; denn dieſer Feldzug hatte etwas Unheimliches, und ich zog nicht mit der Freudig⸗ 155 keit und Siegesgewißheit fort, wie ſonſt. Zwar ver⸗ trauten wir Alle dem Genie und dem Sterne des großen Kaiſers, aber ich konnte dennoch einer bangen Ahnung nicht Herr werden. Sie blieb wieder ohne Schutz zurück, und es beruhigte mich einigermaßen, daß der Herzog von Villeroi Paris ebenfalls verlaſſen hatte. Du mußt mir ſpäter ausführlich von Margot erzäh⸗ len, der Herzog aber wird ihre Ruhe nicht mehr beeinträch⸗ tigen, denn er iſt todt. Todt? Er iſt in Petersburg im Duell erſchoſſen worden. Immerhin— ich will mich nicht darüber freuen— aber ich kann auch kein Bedauern empfinden. Unſer Ab⸗ ſchied war traurig, wie dies nicht anders ſein konnte, denn ſie gab ſich den bangſten Befürchtungen hin. Laß mich dir unſeren unendlichen Marſch und die damit ver⸗ bundenen Entbehrungen nicht weiter ſchildern, es belebte uns die Gewißheit des Sieges und das Erkämpfen eines ruhmvollen Friedens. Ich focht in der blutigen Schlacht von Borodino und zog in die erſehnte, menſchenleere Hauptſtadt mit der Avantgarde ein— es machte einen niederſchlagenden, unheimlichen Eindruck, als wir durch die verödeten, nicht endenden Straßen ritten, nur von dem Geräuſche der Hufſchläge unſerer eigenen Pferde be⸗ gleitet, aber der leichte Sinn, der dem franzöſiſchen Sol⸗ 156 daten eigen iſt, überwand auch dies bald und ließ ihn von Ueberfluß und Ruhe nach ſo vielen beſchwerlichen Anſtrengungen träumen. Dann kamen die furchtbaren Tage des Brandes. Mit der brennenden Stadt verflüch⸗ tigten ſich unſere geträumten Hoffnungen und zogen in dicken, finſtern Rauchſäulen an dem dunkeln Himmel da⸗ hin. Dann wohnten wir eine Zeit lang unter den Trüm⸗ mern und lebten plündernd im Ueberfluſſe von dem, was die Flammen verſchont hatten. Aber wir befanden uns in einer Art von Taumel, mit dem Bewußtſein, in dem kurzen und wüſten Genuſſe der Gegenwart einen Erſatz zu ſuchen für die Vergangenheit— vielleicht auch für die Zukunft— Niemand hatte ein Bild von den Schrecken dieſer Zukunft! Ungewiſſe Gerüchte flogen täglich durch unſere Reihen, bis wir die Stadt verließen. Wir waren überzeugt, daß wir nicht wieder zurückkehren würden, ob⸗ gleich man es uns vorſpiegelte. Nach wenigen Tagen wußten wir, daß wir uns auf dem Rückzuge befanden, und ein Jeder konnte die Gröſte der Entfernung bis zur Gränze berechnen, da wir denſel⸗ ben Weg bereits zurückgelegt hatten. Dennoch blieb Alles in der gewohnten Ordnung, bis wir erfuhren, daß die Verwundeten nicht mehr mit zurückgeführt werden konnten, ſondern hülflos liegen gelaſſen wurden. Jede Wunde, auch die unbedeutendſte, wenn ſie am Marſchiren hinderte— war der Tod! Dieſe Ueberzeugung ent⸗ muthigte ſehr, und während die Beſſeren ſich mit ſtum⸗ mer Reſignation um ſo feſter an einander ſchloſſen, ſtäub⸗ ten die Andern aus einander, um, auf eigene Hand marodirend, einen ruhmloſen Tod zu finden. Bei Malo⸗ Jaroslawetz verſuchten es die Ruſſen, uns den Weg zu verlegen, und es kam zu einem blutigen, mörderiſchen Kampfe, die Armee ſchlug ſich durch, ich ſelber aber wurde verwundet und wunderbarer Weiſe nicht getödtet, ſondern gefangen. Armer Ravul! flüſterte ſie zärtlich. Kannſt du mich jetzt noch bedauern, jetzt noch? Wür⸗ den wir uns ſonſt jemals gefunden haben? Aber du haſt ſo viel gelitten— es hätte auf andere Weiſe geſchehen können. Erzähle ausführlicher, nicht ſo kurz und rhapſodiſch, bedenke, wie ſehr mich jeder kleine Umſtand intereſſirt. Erlaß es mir, dir das ſchreckliche Gemetzel in Malo⸗ Jaroslawetz zu ſchildern; ich habe viele Schlachtfelder ge⸗ ſehen, auch das von Borodino, aber keines, welches die⸗ ſem an Gräßlichkeit geglichen hätte. Die Stadt liegt an den ſumpfigen Ufern der Lauſcha und wird auf beiden Seiten von Höhen begränzt. Sechsmal wurde ſie von unſerer Infanterie erſtürmt und ſechsmal von den Ruſſen wieder erobert; endlich überließen uns dieſe nach dem 158 ſiebenten Sturme den grauenvollen Schauplatz des Krie⸗ ges, auf dem unter den Trümmern der noch brennenden Häuſer zehntauſend halb verkohlte, halb von den Rädern der Geſchütze zermalmte Leichen lagen. Die Nacht deckte ihren Mantel darüber, aber das Gewimmer und das Stöhnen der armen Verwundeten, denen Niemand half als der Tod, den ſie erflehten, tönte geiſterhaft zu uns herüber, die wir auf den Höhen jenſeit der eroberten Stadt bivouakirten. Am anderen Morgen wäre der Kai⸗ ſer faſt von Koſaken gefangen worden, welche ihn und ſeinen Stab umringt hatten, bis die Garde⸗Dragoner ihn befreiten. Wir ſahen das von unſerem Standpunkte und zitterten bei dem Gedanken eines ſolchen Ereigniſſes. Der Kaiſer unternahm eine Recognoscirung, und wir erhiel⸗ ten Befehl, die ſchwärmende Kavallerie zurückzutreiben. Wir ſetzten unſere abgemagerten Pferde in Galopp, und es kam zu einem unbedeutenden Scharmützel. Plötzlich erhielt mein Pferd einen Schuß, ſo daß es ſich hoch auf⸗ bäumend überſchlug, und ich ſelbſt einen Hieb in den Kopf. Dieſer und der gewaltſame Sturz betäubten mich — ich blieb bewußtlos liegen. Als ich wieder zu mir kam, ſchien die Sonne hell und verhältnißmäßig warm, aber ſie ſtand ſchon tief am Himmel, es war Rachmittag. Ich war mit Blut bedeckt und mein Fuß, welcher noch unter dem Pferde lag, ſchmerzte mich ſehr. Nachdem ich 159 ihn mit großer Anſtrengung von dieſer Laſt befreit hatte, verſuchte ich, aufzuſtehen— aber es war unmöglich!— Die dunkeln Kolonnen meiner Waffenbrüder ſtanden nur einige Tauſend Schritte rückwärts; ich vermochte noch die Bewegungen der Einzelnen zu erkennen, die Bayonnette blitzten in der Sonne— aber ich konnte nicht zu ihnen. Ich verſuchte, zu kriechen— vergebens! Die ſchreckliche Ueberzeugung, hier hülflos ſterben zu müſſen, ergriff mich — und ich dachte einen Augenblick daran, mir ſelbſt den Tod zu geben. Aber das Leben feſſelt uns mit ſtarken Banden, und die Hoffnung flüſterte mir zu, daß die Unſrigen vorrücken und mich dann doch mitnehmen wür⸗ den. Ich ſetzte mich und blickte mit der Reſignation eines Menſchen, der ſich verloren gibt, bald auf die nahe fran⸗ zöſiſche Kolonne, die unbeweglich da ſtand, bald auf die dunkeln Linien der Ruſſen und diejenigen der Franzoſen, welche ich beide in der Ferne von meinem Standpunkte aus zu ſehen vermochte. Ein Zug ruſſiſcher Dragoner fam näher, löſte ſich auf und ſchwärmte aus. Ich legte mich auf den Boden, um von ihnen nicht bemerkt zu werden, mußte aber doch geſehen worden ſein, denn bald hielt ein Dragoner neben mir, welcher, indem er ſein Piſtol auf mich richtete, drohende Worte in ruſſiſcher Sprache ausſtieß, die ich nicht verſtand. Ich dachte an Margot, an Frankreich, blickte ihm feſt in die Augen 160 und in die Mündung ſeines Piſtols und erwartete den Tod. Armer Raoul flüſterte ſie wieder. Da hörte ich einen Ruf und den Hufſchlag eines Pferdes, und wenige Augenblicke ſpäter hielt ein Offizier neben dem Dragoner. Er redete mich franzöſiſch an, er⸗ kundigte ſich, wie ich verwundet ſei, und befahl dann, mich aufzuheben und auf ein Beutepferd zu ſetzen.— Ich war gefangen! Dies ſchien mir ſchrecklicher, als der Tod, und ich bat den Offizier, mich erſchießen zu laſſen, damit es raſch mit mir zu Ende komme. Der Soldat muß nie verzagen, ſprach er freundlich; das Geſchick war heute wider Sie, nehmen Sie an, was es bringt, aber greifen Sie nicht eigenmächtig in Ihr Schickſal!— Wie Recht hatte dieſer brave Capitän, dem ich ewig dankbar ſein werde!— Man geleitete mich zu einem höheren Offizier, der mich mit haßerfüllten Mienen abzuführen befahl, als ich mich weigerte, die an mich ge⸗ richteten Fragen über die Stellung und die Lage unſerer Truppen zu beantworten. Was nun kommt, theuerſte Hedwig, laß mich dir nicht im Einzelnen ſchildern, du würdeſt doch an der Wahrheit zweifeln, ſo wie es mir jetzt ſelbſt unmög⸗ lich vorkommt, daß der Menſch im Stande iſt, ein ſolches 161 Uebermaß von Entbehrung, von Gräuel und Beſchim⸗ pfung zu ertragen. So lange ich mich bei den ruſſiſchen Truppen befand, war die Behandlung wenigſtens eine annähernd menſch⸗ liche; ich wurde verbunden, erhielt in einem Schuppen ein Lager auf feuchtem Stroh und auch einige ſpärliche und verdorbene Nahrungsmittel; als aber der Arzt mich nach dem dritten Tage für transportfähig erklärte, da mein Fuß das Gehen wieder geſtattete, wurde ich mit anderen Ge⸗ fangenen den Koſaken übergeben und war der erbarmungs⸗ loſen Mißhandlung dieſer Horde verfallen. Man nahm mir nicht nur ſofort alle meine irgend werthvollen Sachen und meinen Mantel, ſondern riß mir die Epauletten ab und trieb uns dann wie eine Heerde Schlachtvieh mit Lanzenſtößen weiter. In jedem Dorfe, in jeder Stadt, die wir durchzogen, keine Spur von Mit⸗ leid, ſondern Verhöhnung und Mißhandlung, wobei die Weiber ſich am tollſten geberdeten. Ich habe ſelbſt ge⸗ ſehen, wie ſie Mehre von uns, die ermattet hinſanken, mit Meſſern ermordeten oder mit Knütteln erſchlugen und den Kannibalen gleich um ihre zerfetzten Leichen tanzten! Vergib mir, fuhr er fort, daß ich dir dies habe er⸗ zählen können— die Erinnerung an jene ſchreckliche Zeit wurde plötzlich zu lebendig in mir; täglich flehte ich den R 11 162 Tod an, mich zu erlöſen, nur die Worte jenes Offiziers und der Umſtand, daß ich keine Waffen beſaß, hielten mich ab, ihn mir zu geben. So ging es weiter— immer weiter, einen Tag wie den andern. An jedem Morgen war unſere Anzahl eine geringere geworden, und wir dachten voll Neid an die⸗ jenigen, welche der Tod von dieſen Qualen erlöſt hatte. In Rowgorod ließ man uns zwei Tage ruhen, in einem kalten Gebäude, wo wieder Mehre während der Nächte erfroren— dann zogen wir abermals weiter— der Weg bis zum Grabe ſchien ohne Ende. Von dem Morgen an, wo wir Nowgorod verließen, fangen meine Erinne⸗ rungen an, ſich zu verwirren; ich ſchwankte fort, gedan⸗ kenlos, oft wie im Traume mit geſchloſſenen Augen— dann hatte ich eine wunderbare Erſcheinung— ich ſah ein himmliſches Weſen, von einem Strahlenglanze um⸗ geben, der meine matten Augen blendete, die Hand ſeg⸗ nend und beſchützend über mich ausſtrecken, empfand die beſeligende Gewißheit, daß der Augenblick meiner Er⸗ löſung gekommen ſei— und dann— dann weiß ich nichts mehr— bis. Bis du erkannteſt, du armer Raoul, unterbrach ſie ihn mit thränenfeuchten Augen, daß jenes Weſen ein irdi⸗ ſches war, voller Schwächen und Fehler— aber in deiner Liebe ſeinen Himmel gefunden hat. —. 163 Nein, nein, rief er, ſie leidenſchaftlich umſchlingend, du ſtammſt dennoch von dem Himmel, und ich werde dich niemals verdienen, niemals deiner werth ſein, dir niemals vergelten können!— Ein leiſes Klopfen an der Thür erweckte ſie aus der Berauſchung ihrer überſtrömenden Gefühle. Schon? ſagte ſie, erſchreckt auffahrend— wäre es möglich— biſt du nicht' vor wenigen Minuten gekom⸗ men?— Lucie irrt, es iſt unmöglich! Der Zeiger der Uhr ſteht auf Zehn. Sie wird falſch gehen— willſt du wirklich ſchon fort? Ich?— O, gewiß nicht! Aber denke an deine Sicher⸗ heit, Geliebte! An meine? Nein, nein! rief ſie mit dem Aus⸗ drucke der Angſt. Beeile dich, Raoul, es iſt die höchſte Zeit— dein Leben und deine Freiheit ſtehen auf dem Spiele! Es iſt werthlos gegen einen Augenblick in deiner Nähe— laß mich noch bleiben, Geliebte! 8 Und was ſollte aus mir werden, wenn.. Du haſt Recht, haſt Recht, rief er eilig, wie ſchlecht bin ich, immer nur an mich zu denken, vergib mir— leb' wohl, leb' wohl, meine Geliebte, meine himmliſche Hedwig! 164 Sie ſanken ſich in die Arme und hielten ſich lange um⸗ ſchlungen. Bis morgen, flüſterte ſie dann. Bis morgen, wiederholte er, nochmals zurückkehrend und ſie küſſend— dann war er verſchwunden. Eilftes Capitel. Wenn Hedwig allein war, wie am Morgen des fol⸗ genden Tages, ſaß ſie träumeriſch und gedankenvoll, in⸗ ihren Erinnerungen ſchwelgend. Aber die Gegenwart und die Zukunft traten ebenfalls in ihre Rechte, und zwar mit unabweislichen und gebietenden Forderungen. Noch immer erröthete ſie vor ſich ſelbſt und ſchlug die Augen nieder, wenn ſie daran dachte, wie ſchnell, einem Sturme ähnlich, die Liebe in ihr Herz gekommen ſei und wie widerſtandslos dieſes ſonſt ſo ſtarke Herz ſich ihr un⸗ terworfen habe; ein hingebender, verſchämter Ausdruck verſchönerte dann ihr Geſicht, welches, von der Liebe ge⸗ küßt, doppelt ſchön und anziehend ausſah. Dann wurde ihre Miene ernſter und beſorgt, ihre vorher von einem ſanften Glanze erfüllten Augen blickten unruhig, denn die Frage: Was nun— wie nun weiter? verdrängte, ohne ſich abweiſen zu laſſen, die ſüße Schwärmerei des in Ge⸗ danken wiederholten Liebesgeflüſters. Keine Trennung — kein Scheiden! Das ſtand in ihrem Inneren feſt, unumſtößlich— aber ſie wagte es noch nicht, es, wenn auch nur vor ſich ſelbſt, auszuſprechen, und doch beſchäf⸗ tigten ſich ihre Gedanken lediglich mit der Ausführung. Ihn allein ziehen laſſen, unter irgend einer Verkleidung, Hunderte von Meilen, durch die ruſſiſchen Armeen, bei einer alles Leben ertödtenden Kälte, hieße ihn dem ſicheren Tode zuführen, einem Tode, dem ſie ihn entriſſen hatte, um ſich ſelbſt ihm zu eigen zu geben. Ihn zurückbehal⸗ ten, heimlich, verſteckt, war ebenfalls unmöglich. Sein Aufenthalt würde entdeckt werden, und dann war er gleichfalls verloren. Der Fürſt drang dazu auf Ent⸗ ſcheidung— der Fürſt— es fröſtelte ſie, wenn ſie an ihn dachte— wenn er die Urſache ihres Verhaltens erführe— ſie mochte dieſen Gedanken nicht ausdenken und ſtreckte die Hand wie abwehrend aus, als ob ſie ihn mit dieſer körperlichen Bewegung hätte verſcheuchen können. Rein, ſprach ſie dann, aufſtehend, vor ſich hin, wäh⸗ rend den Blick ihrer Augen die alte Feſtigkeit und Energie erfüllte— nein, wir trennen uns nie, nie mehr— mag Glück oder Unglück, Leben oder Tod unſer Loos ſein, nie ſoll es uns vereinzelt finden, ſondern immer zu⸗ ſammen! 167 * Lange ging ſie nachdenkend auf und ab; allmählich Furde der Ausdruck ihres Geſichtes ruhiger, es ſchwebte ſogar wieder ein glückliches Lächeln um ihren Mund— ſie war einig mit ſich geworden, ſie kämpfte nicht mehr mit einem Entſchluſſe, ſondern hatte ihn gefaßt und er⸗ wog die Art und Weiſe der Ausführung, weniger bei den Hinderniſſen, als bei anderen Dingen verweilend, welche ſie abwechſelnd erröthen und erblaſſen ließen und doch in ihren Einzelheiten die volle Verwirklichung all ihrer un⸗ eingeſtandenen Mädchenträume enthielten. Wir werden uns verheirathen, ſprach ſie leiſe und er⸗ glühend vor ſich hin, und dann gemeinſchaftlich fliehen! Welch ein Zauber, welch ein Uebermaß von Glück lag in dieſem Gedanken! Ihr Vater ſtand wie eine matt ange⸗ legte Geſtalt mit in dieſem Bilde— er wird uns ſeg⸗ nen, wenn wir uns wiederſehen, dachte ſie weiter, jetzt darf er nichts erfahren, denn er würde weder einwilligen, noch unſer Geheimniß bewahren. Rit der ihrem Cha⸗ rakter eigenen Lebhaftigkeit und Energie beſchäftigte ſie ſich ſogleich mit den Witteln zur Ueberwindung der ſich entgegenſtellenden Schwierigkeiten, deren Größe ſie zwar erkannte, die zu beſeitigen ſie aber eben ſo entſchloſſen als gewiß war. Ihre Augen belebte nach einiger Zeit ein höherer Glanz, als ſie ihr raſches Gehen unterbrach und mit dem 168 Ausbrucke eines ſiegesgewiſſen Feldherrn in der Mitte des Zimmers ſtehen blieb. Ihrer bin ich ſicher— aber er? ſprach ſie dann ſin⸗ nend; auch er wird ſich gewinnen laſſen— denn er iſt ſchon zu weit gegangen, um zurückzukehren— er müßte denn ſeine Strafloſigkeit durch Verrath erkaufen wollen, ſetzte ſie beunruhigt hinzu. Das ſieht ihm nicht ähnlich — beginnen wir mit Lucie. Warum ſprach ſie nicht vorher mit Raoul, der ſo weſentlich bei dieſem Allem betheiligt war? Weßhalb vergewiſſerte ſie ſich nicht vorher deſſen Zuſtimmung?— Weil ihr ein dunkles Gefühl ſagte, daß er vielleicht an⸗ ders darüber denken könne, es nicht dulden würde, daß? ſie Gefahren mit ihm theile, die er allein zu bewältigen habe. Allein? Ohne ſie? Rach einer Trennung, viel⸗ leicht auf Nimmerwiederſehen? Niemals! Mit ihm leben, mit ihm ſterben! Mit ihm fliehen und ankom⸗ men in dem Hafen des Glückes, oder untergehen auf der weiten Fahrt durch Schnee und Krieg!— Alles mit ihm— Eines oder das Andere— aber immer zuſam⸗ men, immer vereint, niemals mehr getrennt!— Wenn Alles bereit, wenn der kühne Plan zur Aus⸗ führung fertig ſein würde, zu welcher er bis dahin ja doch nicht mitwirken konnte— dann erſt ſollte er es erfahren— dann wollte ſie das Steuer ihres Fahr⸗ * 169 zeuges in ſeine Hand legen und ſich willig ſeiner Leitung unterwerfen. Sie bedurfte einer längeren Zeit, um die hochgehen⸗ den Wogen ihrer Empfindungen ebben zu laſſen; dann klingelte ſie ihrem Mädchen. In gewohnter Weiſe ließ ſie ſich ankleiden. Lucie hatte, während ſie vor dem Spiegel ſaß, die langen, lichtbraunen Flechten gelöſ't und die ſchönen, vollen Haare wallten wie ein glänzender Schleier bis auf den Boden herab. Noch immer konnte ſie nicht den Anfang zu einer ſo ganz außergewöhnlichen Mittheilung finden— es war ihr auch nicht möglich, ſo lange ihr eigenes Bild ſie aus dem Spiegel anblickte— ſie erröthete vor ſich ſelbſt. Die Flechten waren fertig und in gewohnter Weiſe geordnet; ſie erhob ſich und ſtellte den Stuhl anders. Lucie, ſagte ſie dann mit etwas unſicherer Stimme — ich werde nöthig haben, dir den Namen meines Bräu⸗ tigams mitzutheilen. Ihres Bräutigams, gnädige Gräfin? rief das Mäd⸗ chen in ſichtlichem Schreck. Haſt du denken können— er ſei nicht mein Bräu⸗ tigam? Nein— nein— aber.... Du wunderſt dich, daß wir uns ſo ſchnell und ſo heimlich verlobt haben; wir kannten uns ſchon länger— 170⁰ haben zuſammen korreſpondirt, wenn wir uns auch nicht geſprochen— doch das iſt am Ende gleichgültig— der Marquis de Beaumont, Capitän in einem franzöſiſchen Chevauxlegers⸗Regiment, iſt mein Bräutigam. Empfangen die gnädige Gräfin meinen aufrichtigſten Glückwunſch, erwiederte die Dienerin beklommen. Ich verſtehe dich, meine liebe Lucie; du denkſt, es ſei eine ſehr gefährliche Verlobung, und du magſt darin nicht ganz Unrecht haben. Biſt du mir treu und feſt ergeben? Kann ich ſicher auf deine Treue bauen? Können Sie daran im mindeſten zweifeln? Ich zweifle auch nicht daran, denn wir ſind faſt zu⸗ ſammen aufgewachſen, ich habe dir immer mein Vertrauen geſchenkt und du haſt dich ſtets deſſelben werth bewieſen. Du kannſt mir jetzt dies Alles vergelten. Es würde mich unbeſchreiblich glücklich machen! So höre genau zu, was ich dir jetzt ſage, fuhr ſie leiſer ſprechend fort, und verſchließe Alles in dein Inneres als ein tiefes und gefährliches Geheimniß. Wir müſſen fliehen! Fliehen— wer, gnädige Gräfin?— Wie wäre das möglich? Er, ich, du und— Petrowitſch. Durch ihn muß es möglich werden. Petrowitſch? wiederholte Lucie ſichtlich verlegen— würde er ſich dazu entſchließen? Ich hoffe es, und du mußt dazu behülflich ſein. Ich? Wie ſollte das geſchehen? Es ſcheint mir, fuhr Hedwig mit einem vertraulichen Lächeln fort, daß du ihm nicht gleichgültig biſt— ſei jetzt offen gegen mich, denn es handelt ſich um Leben und Freiheit! Er— er hat zuweilen voller Theilnahme zu mir ge⸗ ſprochen— aber dabei blickte er mich immer traurig an. Einmal, als ich ihn nach der Urſache fragte, ſagte er: Bin ich nicht ein Leibeigener und du ein freies Mädchen, und dazu eine Deutſche! Ich verſtehe, erwiederte Hedwig erfreut— wenn er kein Leibeigener wäre, ſo würde er vielleicht um dich ge⸗ worben und du ſeine Bewerbung nicht zurückgewieſen haben. Er iſt ein ſehr unterrichteter und achtungswerther Mann, der Herr Petrowitſch, entgegnete ſie erröthend, aber er fühlt ſich, und vielleicht gerade deßhalb, ſehr un⸗ glücklich. Rege die Idee bei ihm an, daß es unwürdig für ihn ſei, in einem ſolchen erniedrigenden Verhältniſſe zu ver⸗ bleiben, ſage ihm, daß er in Deutſchland ein fteier Mann ſein und nicht nach Rußland ausgeliefert werden 172 würde. Ich werde dich ausſtatten, Lucie, dein künftiger Gatte, wenn er ein befähigter Mann iſt, ſoll der ſelbſt⸗ ſtändige Verwalter eines Vorwerkes werden— du kannſt gegen Petrowitſch vielleicht auch davon ein Wort fallen laſſen. Aber ſei vorſichtig, fuhr ſie fort, als Lucie ihr dankbar und erröthend die Hand küßte, theile ihm noch nichts von unſerem Plane mit— ich will ſelbſt mit ihm reden. Kein Wort, keine Andeutung darf über deine Lippen kommen. Denke immer daran, daß Leben und Freiheit auf dem Spiele ſtehen!— Um dieſelbe Zeit hatte der Graf ſeinen Anzug voll⸗ endet und ſich heute mit beſonderer Sorgfalt die Leib⸗ binde umwickeln laſſen, weil das Thermometer auf fünf⸗ undzwanzig Grad Kälte ſtand. Behaglich ſaß er auf einem Seſſel in der ſtark geheizten Stube und trank Kaffee, nachdem er zur Beförderung ſeiner Geſundheit die tägliche Morgenunterhaltung und die damit verbun⸗ dene Aufregung mit Friedrich abgemacht hatte. Der Eintritt des Fürſten unterbrach ihn im Leſen der Zei⸗ tung.— Ich hoffe, Sie ſind wohl und munter, beſter Graf, führte ſich der Fürſt ein, und haben gut geſchlafen? Vortrefflich; Sie ſehen ebenfalls ſehr wohl aus. Ich habe vollkommen Urſache, mit meinem Befinden zufrieden zu ſein, und komme, Ihnen eine erfreuliche 173 Nachricht mitzutheilen. Die franzöſiſche Armee hat auf⸗ gehört zu ſein! Der letzte nennenswerthe Reſt iſt an der Bereſina vernichtet worden, was noch übrig geblieben, wird die Kälte tödten— ſo wäre denn das große Wert der Rache und der Sühne vollbracht! Die ganze Armee? fragte der Graf ungläubig. Auch der Kaiſer Napoleon? Leider hat man ihn entwiſchen laſſen, wenigſtens iſt er weder gefangen noch getödtet. Das iſt ſchade— dieſer Mann iſt mehr als die ganze Armee, und wenn er nach Frankreich zurückkehrt, wird er bald wieder eine neue zu ſchaffen wiſſen. Es hat Alles ſeine Gränzen; jedenfalls werden die Gelüſte, Rußland zu erobern, in ihm erſtorben ſein, und wir haben das Verdienſt, wir allein, dieſen für un⸗ überwindlich gehaltenen Eroberer geſchlagen, vernichtet und als einen ruhmloſen Flüchtling heimgeſchickt zu haben! Um ſo ſchlimmer für uns, denn nun wird der Krieg bei uns losgehen! Er wird dazu keine Mittel mehr beſitzen und froh ſein, wenn er einen leidlichen Frieden ſchließen kann⸗ Ich wünſche es, aber ich glaube es nicht und empfinde eine große Unruhe. Es wird durchaus nöthig ſein, daß ich ſo bald als möglich nach Hauſe reiſe. 174 Der Anſicht bin ich ebenfalls, und deßhalb wollte ich mit Ihnen reden. Eine längere Zögerung iſt ſowohl für Sie als für mich vom größten Rachtheile; auch will ich nicht verhehlen, daß das fortgeſetzte Schweigen, überhaupt das ganze eigenthümliche Benehmen Ihrer Fräulein Toch⸗ ter etwas Kränkendes für mich hat. Ich bin entſchloſſen, jetzt ſelbſt ihr meinen Antrag zu machen— oder hat ſie ſich endlich gegen Sie ausgeſprochen? Ich geſtehe, erwiederte der Graf verlegen, daß dies bis jetzt noch nicht der Fall geweſen iſt— aber ich trage ſelbſt Schuld, denn ich habe ſie in den letzten Tagen wenig geſehen. Sie war unwohl und faſt immer auf ihrem Zimmer. Es kommt mir immer vor, als ſei dieſes Unwohl⸗ ſein nur ein Vorwand, um unſere, vielleicht beſonders meine Geſellſchaft zu meiden, denn ſie ſieht wohler und blühender aus, als je. Ich geſtehe, daß ich endlich Ge⸗ wißheit haben möchte. Wie können Sie noch im mindeſten zweifeln? ſagte lächelnd der Graf— wenn ſie nicht wollte, würde ſie es längſt und ſogleich ausgeſprochen haben, wie das in ihrem Charakter liegt. Sie glaubt vielleicht, daß es nöthig ſei, ein wenig zu zögern, fuhr er ſelbſtgefällig fort, und Sie können dies einem jungen Mädchen am Ende auch nicht verdenken. Ich habe es ihr auch nicht verdacht, aber Alles muß ein Ende nehmen; wir beide haben keine Zeit mehr zum Warten, Sie müſſen nach Ihrer Heimath zurück, und ich — nun, wenn ich mich verheirathen will, ſo werden Sie zugeben, daß ein langer Brautſtand oder gar die Einlei⸗ tungen dazu für mich eine Thorheit ſein würden. Sie haben vollkommen Recht— ich werde noch heute kategoriſch mit ihr reden und Ihnen hoffentlich ihre Zu⸗ ſage bringen. Thun Sie das, beſter Graf, oder verehrter Schwieger⸗ vater, wie ich Sie nun wohl bald nennen kann— beden⸗ ken Sie, daß deſſen ungeachtet immer noch mindeſtens ſechs Wochen vergehen werden, ehe wir abreiſen könnten. Bei dieſer enormen Kälte würde es ohnehin früher unmöglich ſein. Sechs Wochen werden jedenfalls zwiſchen unſerer öffentlichen Verlobung und unſerer Hochzeit eingeſchoben werden müſſen, fuhr der Fürſt fort, die letzte Bemerkung ſeines Gaſtes unbeachtet laſſend, das ſchickt ſich nicht an⸗ ders, und ich werde mich darein fügen müſſen. Wenn wir daher im Laufe dieſer Woche unſere Verlobung be⸗ kannt machen und durch einige außergewöhnliche Feſtlich⸗ keiten feiern, ſo würden, von heute an gerechnet, doch noch zwei Monate vergehen, ehe wir unſere gemeinſchaftliche Reiſe antreten könnten. 176 Das wäre in der Nitte Februars; es kann dann immer noch gewaltig kalt ſein. Laſſen Sie mich für Alles ſorgen, Sie ſollen warm und behaglich fahren; ſprechen Sie jedenfalls noch heute mit Hedwig, und denken Sie ein wenig daran, mit wel⸗ cher Ungeduld ich Ihrer Wittheilung entgegenſehe. Ich werde ſogleich zu ihr gehen. Gut, ſagte der Fürſt mit ſichtlicher Befriedigung, und morgen werde ich ſelbſt mir die Beſtätigung meines Glückes aus ihrem Munde holen. Sind die Nachrichten hinſichtlich des Unterganges der ganzen franzöſiſchen Armee verbürgt? fragte der Graf— es wird ſie das ebenfalls ſehr intereſſiren, denn ſie haßt die Franzoſen faſt eben ſo ſehr, wie Sie das thun. Nicht mehr, als ſie es verdienen. Es ſind ganz ſichere Nachrichten. Nur einige Reſte, ohne Geſchütze und Waf⸗ fen, ſind bis Wilna gelangt, nachdem Napoleon ſchon vorher feig entflohen war. Dort hatte man auch dieſe halb erfrorenen Ueberbleibſel umringt, um ſie entweder zu tödten oder gefangen zu nehmen, was an ſich gleich⸗ bedeutend iſt. Ich werde ihr das mittheilen, und die Freude über dieſe Siegesnachricht wird gewiß dazu beitragen, ihrer an ſich thörichten Mädchenziererei den Abſchied zu geben. Ich hätte wirklich nicht geglaubt, als ich Sie das erſte Mal 177 ſah— wenn ich ſo zurückdenke, fuhr er, den Fürſten lächelnd anſehend, fort— daß Sie mein Schwiegerſohn werden könnten— Sie haben ſich aber auch unglaublich zu Ihrem Vortheil verändert, förmlich verjüngt! Das iſt ſehr natürlich, erwiederte der Fürſt geſchmei⸗ chelt— ein Bräutigam darf nicht an das Alter denken, und wenn es zuweilen kommt, um ſich in Erinnerung zu bringen, ſo ſchickt man es einfach fort. Ein feſter Wille vermag Alles. Machen Sie es eben ſo, folgen Sie mei⸗ nem Beiſpiele. Sie werden doch nicht von mir verlangen, daß ich mich ebenfalls noch einmal verheirathen ſoll! rief der Graf erſchrocken. Das meinte ich nicht— Sie ſollen nur den Willen haben, jung zu ſein, und Sie werden es ſein— wie ich! — Nehmen Sie ein Beiſpiel an mir! 12 Jwölftes Capitel. Hedwig ſaß noch in tiefem Sinnen verloren— ſie hatte ja ſo Vieles zu denken, zu erwägen und zu über⸗ legen—, als ihr Vater bei ihr eintrat. Guten Morgen, mein Kind, ſagte er, während ſie aufſtand und ihm entgegen ging— ich freue mich, dich ſo wohl und gut ausſehend zu finden; ich habe dir eine erfteuliche Nachricht mitzutheilen. Eine erfteuliche Nachricht? Haſt du endlich einen Brief aus Wallfort erhalten? Das nicht— die Verbindung iſt noch immer unter⸗ prochen— aber die ganze franzöſiſche Armee iſt an der Bereſina vernichtet— wir müſſen doch auch über dieſen Fluß gefahren ſein, obgleich ich es mich nicht erinnere— und Napoleon iſt entflohen. Die ganze Armee vernichtet? rief ſie— die armen Menſchen! 179 Was, du bedauerſt ſie? Du freueſt dich gar nicht? Wie kann ich mich über dieſe unaufhörlichen Men⸗ ſchenſchlächtereien freuen? Sind der Opfer nicht genug gefallen? Je mehr, je beſſer! Es ſind ja unſere Feinde! Wenn auch— es ſind immer Menſchen— Unglück⸗ liche, die aus ihrer fernen Heimath in dieſes ſchreckliche Land getrieben ſind, um hier einem erbarmungsloſen Ge⸗ ſchicke zu erliegen— ich kann mir es immer noch nicht denken! Man gab die Stärke der franzöſiſchen Armee, als ſie vor ſechs Monaten, damals, als wir in Wilna waren, den Riemen übe itt, auf fünfhunderttauſend Mann an— und ſie Alle ſollten vernichtet, Alle umge⸗ kommen ſein? Alle! wiederholte der Graf mit vergnügtem Geſichte — eine große Anzahl iſt zwar gefangen, aber auch dieſe werden hei dieſer exorbitanten Kälte bald zu den Todten zählen! Schrecklich, ſchrecklich! Du befindeſt dich heute in einer elegiſchen Stim⸗ mung, mein Kind; weßhalb ſollen wir dieſe Franzoſen bemitleiden, die uns ſelbſt geknechtet und geplündert ha⸗ ben?— Auge um Auge— Zahn um Zahn, ſo ſteht es ſchon in der Bibel. Du haſt ja wundervolle Blumen, fuhr er, in gewohnter Weiſe abſpringend, fort— es ſieht 180 hei dir wie im Frühlinge aus, und doch haben wir fuͤnf⸗ undzwanzig Grad Kälte. Der Fürſt iſt in allen Dingen die Aufmerkſamkeit ſelbſt. Woher kommt die Rachricht, Papa? fragte ſie, die letzte Bemerkung überhörend. Von dem Siege an der Bereſina? Der Fürſt hat ſie mir mitgetheilt— ſie iſt verbürgt, du darſſt nicht daran zweifeln. Die franzöſiſche Armee iſt vernichtet. Rußland hat nichts mehr zu fürchten, aber nun wird es bei uns losgehen, ſetzte er mit einem Seufzer hinzu. Vielleicht entſchließt ſich Napoleon, jetzt Frieden zu ſchließen— er muß des Frehr auch genug haben. Vielleicht, vielleicht auch icht— wer kann wiſſen, was in dem Kopfe dieſes Ungeheuers vorgeht, welches von Gott in die Welt geſandt iſt, um ſie zu ſtrafen und zu züchtigen?— Doch wir wollen uns nicht in Muth⸗ maßungen über Dinge erſchöpfen, die völlig außerhalb unſerer Auffaſſung liegen, ſondern von unſeren eigenen Angelegenheiten reden. Deßhalb bin ich zu dir gekom⸗ men. Du haſt jetzt lange genug Zeit gehabt, um über eine Antwort auf den Antrag des Fürſten nachzudenken, und ich bin hier, ſie zu empfangen. Den Antrag des Fürſten? wiederholte ſie mit ſicht⸗ lichem Schrecken. Nun ja, was denn ſonſt? Du thuſt, als ob du aus 181 den Wolken fieleſt! Du wirſt zugeben, daß jede Frage eine Antwort verlangt, und daß ein junges Mädchen, wenn es zur Beantwortung einer ſolchen Frage Bedenk⸗ zeit verlangt, die Antwort eigentlich ſchon gegeben hat! Du wirſt doch nicht etwa glauben— der Fürſt wird ſich doch nicht einbilden— rief ſie verächtlich, brach dann aber, finſter und ernſt blickend, plötzlich in ihrer Rede ab. Was ſoll ich nicht glauben und der Fürſt ſich nicht einbilden? wiederholte der Graf. Iſt es deine Abſicht, ſeinen Antrag zurückzuweiſen und dich und mich zu bla⸗ miren— ich ſollte denken, das hätteſt du gleich thun können— ich würde dir weiter nicht zugeredet haben, denn ich will ihn ja nicht heirathen, ihn und ſeine Mil⸗ lionen— aber nachdem du darauf eingegangen biſt.... Ich darauf eingegangen! rief ſie zornig— wie kannſt du ſo etwas behaupten, Papa? Wenn Jemand Bedenkzeit verlangt, ſo geht er auf den Vorſchlag ein— er nimmt ihn noch nicht an, aber er verwirft ihn auch nicht. Wenn ein junges Mädchen bei einem Heirathsantrage ſo handelt, ſo ſchließt man, ſie nehme an, ziere ſich nur noch, wie dies in der Natur der Mädchen liegt. Nun, ſo ſage dem Fürſten, ſprach ſie mit feſter Stimme, indem ſie ihren Vater mit blitzenden Augen an⸗ ſah, ſage ihm, daß ich lieber....— dann ſtockte ſie plötz⸗ lich, erröthete und wandte befungen ihren Blick ab. Was ſoll ich dem Fürſten ſagen? fragte der Graf, erſtaunt über dieſes ihm fu Benehmen ſeiner Tochter. Daß— daß er mir no 5 müſſe, erwiederte 6 leiſe 5 ſehen. Ach, wozu dirſ ewige Bedentzeit— es iſt das nichts als eine alberne Laune von dir! Was ſoll das heißen? Du willſt ihn heirathen, ſonſt würdeſt du ihn abweiſen — weßhalb zögerſt du alſo,„Ja“ zu ſagen? Sie trat an den Blumentiſch, ſo daß ſie ihrem Vater den Rücken zukehrte, und beſchäftigte ſich damit, einige welke Blätter abzupflückeu— ich muß erſt mit der Vor⸗ ſtellung ganz vertraut werden, ſprach ſie dann mit freierer Stimme weiter, obgleich ihr dieſe Verſtellung eine große Mühe koſtete; auch— auch kann ich mich von dem Zu⸗ ſtande der Freiheit noch immer nicht trennen, denn— ſo⸗ bald ich mich entſchloſſen habe, würde es mit dieſer zu Ende ſein. Es hat etwas Verletzendes für mich, daß ich Lage Bedenkzeil laſſen vhie ihren Vater anzu⸗ ſo gedrängt werde, fuhr ſie lebhafter fort, man kann den Zeitpunkt nicht erwarten, wo man mir die Freiheit rau⸗ ben will, wenn auch mit goldenen Feſſeln— ich aber 183 trage durchaus nicht ein ſo großes Verlangen nach dem Eintritte in die Sklaverei! Du haſt dich von je her extravaganten Ideen hinge⸗ geben— es iſt das ein Erbtheil deiner ſeligen Mutter, e der Graf ärgerlich; was fabelſt du von geraubter und n Slklaerei Wir leben in einem civili⸗ ſir ande.. Hier— in Rußland? unterbrach ſie ihn ſpöttiſch. nicht in der Türkei, fuhr er, durch dieſe Bemer⸗ kung noch gereizter, fort— wenn du die Gemahlin des Fürſten wirſt, ſo biſt ſ. e Gemahlin und nicht ſeine Sklavin! Du weißt das Alles ſehr wohl, und es iſt thöricht von mir, daß ich mich überhaupt auf dieſen Un⸗ ſinn einlaſſe— alſo mache mit der Sache ein Ende— ich werde dem Fürſten ſagen, daß du einwilligſt. Es wäre das ſicherſte Mittel, mich zum Gegentheil zu beſtimmen. Hedwig, rief der Graf, indem er dicht an ſie heran⸗ trat— es hat Alles ſeine Gränzen! Kehre mir nicht immer den Rücken, wenn du mit mir ſprichſt, das paßt ſich nicht! Sie wandte ſich langſam um und blickte ihn ſchwei⸗ gend, ruhig und feſt an. Die braune, ſo.iſt ſo warme Färbung ihrer Augen hatte einen helleren, kalten Ton an⸗ genommen. Er kannte dieſen Blick aus Erfahrung und 184 wußte, daß es jetzt vergeblich ſein würde, ihren Willen zu beugen, denn er hatte es oft ohne Erfolg verſucht, als ſie noch ein Kind war und er dieſen Eigenſinn brechen wollte. Es war ihm niemals gelungen, und er mußte ihr immer Zeit laſſen, um wieder zur Vernunft zu kommen, wie er 7* es nannte. Später hatte er es ſtets r vorher ſelbſt nachzugeben, und damit faſt immer ſeine ſicht erreicht. Du brauchſt mich nicht ſo trotzig anzuſehen, fügte er daher wieder ruhig, denn du haſt wahrlich keine Urſache, dich ſo zu verbittern— was verlangſt du eigentlich? Ich habe es dir ja bereits geſagt, erwiederte ſie, tief Athem holend— ich verlange noch drei Tage— dann werde ich mich erklären. Es iſt und bleibt eine abenteuerliche Forderung und zwecklos dazu! Wenn du mich wirklich zwängeſt, Papa, ſprach ſie, ihn immer noch mit demſelben Blicke anſehend, wenn ihr es für angemeſſen erachten ſolltet, alle Rückſichten gegen mich hintenan zu ſetzen, Rückſichten, die ich fordere und beanſpruchen kann, ſelbſt wenn ich eine dienende Magd wäre— ſo würde ich mich erklären— aber vielleicht in einer Weiſe, die ihr weder wünſchet noch erwartet! Ich zweifle nicht, daß du dazu im Stande wärſt, denn dein Eigenſinn, wenn er auf ſeinem Höhepunkte 185 angelangt iſt, läßt keine vernünftige Erwägung bei dir aufkommen. Sie ſchwieg, ſenkte ihre Augen zu Boden und ſtand regungslos da; ihr Geſicht war bleich, wie aus Marmor modellirt, nur um den zuſammengepreßten Mund flog dann und wann ein leiſes Zucken. Ich ſoll alſo dem Fürſten ſagen, daß du noch drei Tage Bedenkzeit verlangteſt? fragte der Graf, der jetzt die Ueberzeugung erlangt hatte, keine andere Antwort zu erhalten. Sie neigte bejahend den Kopf. Du verſprichſt aber, dich dann beſtimmt zu er⸗ klären? Ich verſpreche es, ſagte ſie mit leiſer Stimme. Nun gut— ich werde deinem Willen nachgeben, er⸗ wiederte der Graf, der nun ſeinem Aerger wieder Luft machen konnte, es iſt am Ende deine Angelegenheit, nicht die meinige. Handle nach deinem Ermeſſen, folge auch in der wichtigſten Angelegenheit deines Lebens den Ein⸗ gebungen deines Eigenſinnes, nicht den Rathſchlägen dei⸗ nes Vaters— ich muß mir das gefallen laſſen— es iſt ja nichts Reues, ich bin daran gewöhnt! Noch immer ſtand ſie ſchweigend da, aber das Wogen ihres Buſens bekundete ihre innere Bewegung, die Bläſſe ihres Geſichtes war verſchwunden, und als ſie zu ihrem 186 Vater aufblickte, lag in dem Ausdrucke ihrer Augen eine Miſchung von Liebe, Trauer und ſelbſt von Beſchämung. Zürne mir nicht, lieber Vater, ſagte ſie dann mit weicher Stimme, es würde mich ſehr betrüben— die Zeit wird kommen, wo— wo du meine Handlungsweiſe erkennen und billigen wirſt. 8 Du biſt und bleibſt ein eigenthümliches Kind— mir ſelbſt oft unbegreiflich. Du biſt aber deßhalb doch mein guter Vater, der mich lieb hat, erwiederte ſie, ihn mit ungewöhnlicher Zärt⸗ lichkeit in ihre Arme ſchließend— immer— nicht wahr, immer? Was ſoll das nun wieder heißen? fragte er, ihren Kopf, den ſie auf ſeine Schulter gelehnt hatte, auftich⸗ tend— ich begreife— fuhr er ſelbſtgefällig lächelnd fort — und wir werden dir die drei Tage bewilligen— der Fürſt kann mit dieſer Antwort auch vollkommen zufrie⸗ den ſein. 3 So wäre dies denn vorläufig abgemacht, ſagte ſie, ſich auftichtend, durch die letzten Worte wieder erkältet— ich knüpfe daran die Bedingung, daß dieſe Friſt mir wirk⸗ lich gehört, daß ich während derſelben durch keinerlei Fra⸗ gen und Anſpielungen beläſtigt werde. DDu fängſt ſchon wieder an, unleidlich zu werden— s iſt bei dir wie an einem Apriltage— aber ich habe nicht Luſt, mich deinen Launen weiter auszuſetzen. Ich werde den Fürſten benachrichtigen, und er wird gewiß ſo wenig wie ich Verlangen tragen, dich in deinen tiefen Er⸗ wägungen zu ſtören. Es war eine ſchwere, böſe Stunde, ſprach ſie vor ſich hin, als der Graf ſich entfernt hatte, während ſie die Hand krampfhaft auf die Stelle ihres Herzens preßte— aber es geht nicht anders— ich muß auch ihn täuſchen! — Die Zeit drängt, fuhr ſie, feſt und freudig empor⸗ blickend, fort, die Zeit drängt, es muß gehandelt werden, und ſo bald als möglich— Um dieſelbe Zeit befand ſich Ravul, der Gegenſtand ihrer ſo unruhig umherſchwankenden Gedanken, einſam auf ſeinem Zimmer. Wie eine Erſcheinung iſt er plötzlich wieder mitten in unſere Geſchichte eingetreten, völlig un⸗ erwartet, um noch unerwarteter in Hedwig's ſtolzem Herzen die Liebe für ihn erſtehen zu laſſen. Wir haben ihn bisher nur flüchtig geſehen, weil es uns mehr drängte, die Wandlungen ihres Herzens zu beobachten, als ſeine abgehärmte und leidende Geſtalt näher zu betrachten. Ravul iſt nur in kurzen Epochen aufgetreten, um wieder auf längere Zeit zu verſchwinden, wozu ihn ſein Beruf nöthigte, aber wenn wir ſein uns bekannt gewordenes Fandeln uns wieder vergegenwärtigen, ſo können wir nur günſtig über ihn urtheilen. Er gehört zu jenen für alles 188 Gute, Erhabene und Schöne ſich leicht begeiſternden Na⸗ turen, welche niemals eine unehrenhafte Handlung be⸗ gehen können, weil die Ehre, das heißt die wirkliche, in⸗ nere Ehre, ſo unerläßlich zu ihrem Beſtehen iſt, wie die Luft zum Athmen. Denke nicht, geneigte Leſerin, wir be⸗ obſichtigten, indem wir dies ſagen, den jungen, ritterlichen franzöſiſchen Offizier als ein Ideal menſchlicher Vollkom⸗ menheit hinzuſtellen; dies iſt durchaus nicht der Fall, wir wollen vielmehr nur nach der Ratur ſchildern und hegen zum Ruhme der vielgeſchmähten Bewohner unſeres kleinen Planeten die Ueberzeugung, daß derartige Charak⸗ tere keineswegs zu den Seltenheiten gehören, daß viel⸗ mehr Alle, welche eine wirkliche Herzensbildung und nicht beſondere ſie beherrſchende ſchlechte Neigungen und Lei⸗ denſchaften beſitzen, zu jener Klaſſe gerechnet werden müſſen. Betrachten wir Ravul jetzt etwas näher. In den wenigen Tagen, die er auf dem alten Schloſſe des ihm fremden Fürſten zugebracht, war eine ſehr vortheilhafte Verände⸗ rung in ſeinem Aeußern vorgegangen. Seine gute Natur hatte den aus unſäglichen Entbehrungen und Schwäche entſtandenen Krankheitszuſtand überwunden, mit dem rückkehrenden Bewußtſein hatten ſich ſeine körperlichen Kräfte raſch wieder gehoben und der plötzlich eingetretene Aufſchwung ſeines Geiſtes die vollſtändige Geneſung her⸗ 189 beigeführt. Bart und Haare waren geordnet, ſeine noch etwas tief liegenden Augen blickten klar und mit erhöh⸗ tem Glanze, und ſein wenn auch noch bleiches und mage⸗ res Geſicht hatte ſeine frühere Schönheit vielleicht in noch mehr vergeiſtigtem Ausdrucke wiedergewonnen. Er trug einen einfachen, eng anliegenden Rock nach ruſſiſchem Schnitte, der ſeine ſchlanke Geſtalt vortheilhaft hervorhob, und ſchritt jetzt, ſich ſeinen Gedanken überlaſ⸗ ſend, in dem einſamen Zimmer auf und ab. Zuweilen blieb er unfern des Fenſters ſtehen, von welchem aus man das neue Schloß ſehen konnte, ohne es zu wagen, näher an daſſelbe heranzutreten, und blickte ſchwärmeriſch und mit dem Ausdrucke des höchſten Glückes nach dem Raume hinüber, in welchem ſie weilte. Daß er ſie liebte mit der ganzen Kraft und der gan⸗ zen Gluth ſeiner Seele, dieſe wunderbare Hedwig, die in ſeinen Phantaſieen immer noch mit einer himmliſchen Er⸗ ſcheinung in naher Verbindung ſtand, werden wir weder nöthig haben, beſonders zu bekräftigen, noch zu moti⸗ viren. Es war dieſer Seelenzuſtand bei ſeinem leicht be⸗ geiſterten und etwas ſchwärmeriſchen Gemüthe erklärlich, aber wir dürfen nicht verſchweigen, daß dieſe Leidenſchaft, von der er eben ſo plötzlich, wie ſie ſelbſt, ergriffen wor⸗ den, ihn um ſo mächtiger beherrſchte, weil er, ungeachtet ſeines an Abenteuern ſo reichen Lebens, noch nie um die 2 190 Liebe eines Weibes geworben hatte. Margot allein war der Gegenſtand ſeiner Zärtlichkeit geweſen und bisher ge⸗ blieben, dieſe Schweſter, die ſo lange nicht ſeine Schwe⸗ ſter geweſen und dann, als ſie es wieder wurde, im gan⸗ zen Zauber ihrer Schönheit und Lieblichkeit ihm entgegen getreten war. Der Gedanke, auch nie noch ein anderes Weib neben ihr und anders als ſie jemals lieben zu können, war, obgleich unausgeſprochen, bei ihm gleichſam zur Gewiß⸗ heit geworden. Und nun? Nun machte er ſich faſt Vor⸗ würfe, als ob er eine Untreue begangen habe, daß Mar⸗ got's Bild ſo ganz in den Hintergrund getreten, ſo ſehr abgeblaßt ſei, wenigſtens gegen dasjenige, welches jetzt allein ſeine Seele erfüllte. Er drängte dieſe Vorſtellungen zurück, er fand ſich bald und natürlich mit ihnen ab, aber andere, weit ernſtere fingen an, eben ſo wie bei ihr, über das ſtrahlende Bild ſeines Glückes einen Schatten zu werfen— der Gedanke an die Zukunft. Er hatte ihr Alles zu danken; nicht nur ſein Leben, das bereits werthlos für ihn geworden— ſie hatte ihm weit mehr, ihre Liebe, ſie hatte ihm ſich ſelbſt geſchenkt, das Höchſte und Werthvollſte, was es auf der Welt gab. In einem jener Augenblicke, an welche er mit dem Ent⸗ zücken der Liebe zurückdachte, hatte ſie ſogar die Aeuße⸗ rung gemacht, daß ſie ſich nie mehr trennen dürften— * 191 nie mehr trennen? Es lag der Inbegriff alles Glückes und aller Seligkeit in dieſer Vorſtellung, und er be⸗ durfte der ganzen Kraft ſeiner Seele, um ihr zu widerſtehen und ihr entgegen zu treten. Konnte und durfte er ihr Schickſal jetzt an das ſeine feſſeln? Sie losreißen aus ihren jetzigen Verhältniſſen, aus ihren behaglichen Gewohnheiten, um ſie zu überreden, mit ihm zu fliehen? Sie nicht nur den Gefahren einer ſo weiten Reiſe, ſondern durch ihn den weit grö⸗ ßeren der Verfolgung auszuſetzen? Er war ein ver⸗ fehmter, vogelfreier, dem Haſſe einer fanatiſchen Bevöl⸗ kerung ausgeſetzter Flüchtling, und wenn er an die unge⸗ heure Strecke dachte, die er zurücklegen mußte, um wieder die erſten Vorpoſten ſeiner Kameraden zu erhlicken, ſo zweifelte er daran, ob er jemals dieſen Augenblick er⸗ leben würde.— Zu ſolchen Unternehmungen ſollte er ſie bereden, das ſollte der Lohn, der Dank ſein für Alles, was ſie für ihn gethan? Er wollte, weit entfernt, ſich damit zu begnügen, ſie zu neuen Opfern hinreißen— Liebe und Ehre kämpften in ihm einen langen und har⸗ ten Kampf— aber die letztere trug dennoch, ſo ſehr ſein Herz auch blutete, den Sieg davon.— Rein, ſagte er mit einem Blicke, in welchem alle Liebe und alle Hingebung ſeiner Serle ſich ausdrückte, nein— dies muß ich allein vollbringen, und dann, wenn es mir gelungen iſt, wenn 192 ich frei bin— dann werden wir uns wiederſehen, und ich werde dann erſt deiner werth ſein, du meine geliebte, theure Hedwig, oder du wirſt meinem Andenken eine Thräne aus deinen ſchönen Augen weihen! Anders kann es nicht ſein, ſprach er leiſe und traurig vor ſich hin— es kann nicht anders ſein, wenn es auch ſo verlockend und ſo entzückend wäre, daß ich es nicht zu faſſen und auszu⸗ denken vermag! eh Dreizehntes Capitel. Während Raoul aus dieſem ſchweren Kampfe als Sieger hervorging, handelte Hedwig bereits in entgegen⸗ geſetzter Weiſe. Was ihn abhielt, mußte ſie beſtimmen, und obgleich ſie es ſich noch nicht klar gemacht hatte, wie ſie ihn von ihrem Vorſatze würde in Kenntniß ſetzen kön⸗ nen, ſo traf ſie doch alle Vorbereitungen zur Ausführung deſſelben. Petrowitſch, der unbeobachtet zu ihr geführt worden, ſaß mit ſehr ernſter und nachdenkender Miene vor ihr, denn beide hatten bereits eine längere, in leiſe flüſternder Sprache geführte Unterredung gehabt. Es handelt ſich bei dem, was Sie von mir verlan⸗ gen, gnädige Gräfin, ſagte er, tief Athem ſchöpfend, um Leben oder Tod, das heißt nur für mich. Weßhalb nur für Sie? Wir werden alle Gefahren theilen, ſie gemeinſam überwinden oder gemeinſam darin umkommen. 13 ——— 194 Täuſchen Sie ſich nicht, erwiederte er mit dem ihm eigenen melancholiſchen Blicke, wenn man uns auf der Flucht einholt, ſo wird man weder das Recht noch den Willen haben, Ihnen ein Leid zuzufügen— mich aber, den entflohenen Leibeigenen, einer grauſamen Rache opfern. Wenn man uns einholen ſollte, ſo wäre er verloren — und ich mit ihm, denn unſer Geſchick iſt Eines— untrennbar. Es würde alſo dann ſo ſein, wie ich ge⸗ ſagt habe— doch weßhalb denken Sie immer nur an einen unglücklichen Ausgang? Weil die Schwierigkeiten ſo groß ſind, daß ich keine MWittel ſehe, ſie zu überwinden. Keine Mittel? Wenn wir einen Vorſprung von vierundzwanzig Stunden haben, was ſich leicht erreichen läßt, wenn wir eine andere als die gewöhnliche Straße einſchlagen, wenn wir mit Courierpferden Tag und Racht durchfahren— wer will uns einholen? Es laſſen ſich viele unvorhergeſehene Zufälle denken, und ein einziger iſt hinreichend, uns zu verderben. Sie haben keinen Muth oder keinen guten Willen, ſonſt würden Sie nicht ſtets bei dieſen leicht zu über⸗ windenden Schwierigkeiten verweilen. Bedenken Sie, fuhr ſie mit beredter Stimme fort, daß die Gelegenheit, ſich dieſer unwürdigen Sklaverei zu entziehen, für Sie 195 wohl niemals in einer ſo günſtigen Weiſe wiederkehren möchte. Wollen Sie bis an Ihr Ende ein Leibeigener dieſes ſelbſtſüchtigen und rohen Fürſten bleiben? So⸗ bald wir die Gränze Rußlands überſchritten haben— find Sie ein freier Mann. Kein Geſetz, keine Gewalt kann Sie zwingen, aufzuhören, es zu ſein; in Preußen gibt es keine Leibeigenen. Sie können feſt auf mich ver⸗ trauen; Sie ſollen ein umfangreiches Landgut zur Selbſt⸗ bewirthſchaftung erhalten, von deſſen Ertrage Sie unab⸗ hängig und auskömmlich leben und ſich eine Familie gründen können. Iſt dies Alles nicht des Beſtehens von Gefahren werth, zu deren Ueberwindung nichts gehört, als Muth und Entſchloſſenheit?— Ich habe geglaubt, daß Sie beide beſäßen. Sie haben ſich darin nicht geirrt, erwiederte er, und ſie erkannte mit Befriedigung, daß die Bilder einer ver⸗ lockenden Zukunft, welche ſie vor ihm entrollt, nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben waren— Immer noch ein Aber? Es bleibt ein Spiel um Leben und Tod! So nennen Sie es ſo, wenn Sie es durchaus wol⸗ len; wenn ich die Wahl hätte zwiſchen einem Leben, zu welchem Sie verdammt ſind, und dem Tode— ich würde unbedenklich den Tod wählen. 196 Die Gewohnheit läßt den Menſchen Vieles ertragen, erwiederte er melancholiſch. Nun, ſo ertragen Sie es, ſagte ſie kalt; ich habe mich in Ihnen geirrt— gehen Sie jetzt und verrathen Sie mich— es iſt das Beſte, was Sie thun können, um in Ihren alten Gewohnheiten nicht geſtört zu werden. Zürnen Sie mir nicht, Herrin, bat er traurig— ich habe Ihren Willen befolgt, indem ich Ihnen vertraute und weil Sie ſtets ſo gütig gegen mich waren. Es iſt anders gekommen, wie ich, wie Sie vielleicht ſelbſt ge⸗ glaubt haben— Gott hat es ſo gewollt.— Er hat mein Geſchick an das Ihrige gekettet, denn da ich Sie niemals verrathen könnte, ſo wäre ich dennoch verloren, wenn Sie ohne mich einen Fluchtverſuch machten.— Ich werde auch jetzt Ihren Willen erfüllen, und wenn der Tod deßhalb mich ereilt, ſo war es meine Beſtimmung, der ich nicht entgehen konnte. Einen kurzen Moment rief dieſe fataliſtiſche Auffaſ⸗ ſung des Leibeigenen eine mitleidsvolle Regung bei ihr hervor; ſie verſchwand aber ſogleich wieder, zurückgedrängt von dem Verlangen und der Nothwendigkeit, die Aus⸗ führung ihres gefahrvollen Unternehmens mit ihm zu ver⸗ abreden. So ſind wir denn für Leben und Tod mit einander verbunden, ſagte ſie daher, ihn mit einem bezaubernden Lächeln die Hand reichend, und werden uns nicht verlaſ⸗ ſen, feſt zuſammenſtehen, bis uns das Eine oder das An⸗ dere zu Theil geworden iſt. Was geſchehen ſoll, wird geſchehen, erwiederte er jetzt mit feſter und entſchloſſener Stimme; ich habe mich Ihrem Willen unterworfen und Ihr Wille wird mir fortan Be⸗ fehl ſein. Nicht dieſe Sprache, Herr Petrowitſch; Sie müſſen es ſich vergegenwärtigen, daß Sie aufgehört haben, Leib⸗ eigener zu ſein, wenigſtens mir gegenüber, und Sie mir als Rather und Helfer zur Seite ſtehen. Laſſen Sie uns daher die Ausführung unſeres Planes näher be⸗ ſprechen. Sollte der Herr Capitän nicht dabei mit zugegen ſein 2 Nein, erwiederte ſie erröthend; er— er würde— er iſt hier fremd, mit den Verhältniſſen unbekannt— ich werde es ihm ſpäter mittheilen. Können Sie unter irgend einem Vorwande noch heute oder ſpäteſtens mor⸗ gen nach Nowgorod fahren? Ich habe ein Geſchäft dort und kann heute noch hinüber. Das iſt ein ſehr günſtiger Umſtand, fuhr ſie zögernd fort— erkennen Sie daraus, daß die Schwierigkeiten unſeres Unternehmens ſich von ſelbſt vermindern. Sie 198 haben dort viele Bekannte, auch vielleicht zuverläſſige und verſchwiegene Freunde? Keinen, den ich zum Mitwiſſer eines ſo gefährlichen Geheimniſſes machen möchte, denn die härteſten Strafen treffen denjenigen, der einem Leibeigenen zur Flucht be⸗ hülflich iſt. Darum handelt es ſich nicht, ſagte ſie kaum hörbar und mit abgewandten Blicken, ich meine— einen ver⸗ ſchwiegenen Prieſter. Einen Prieſter? fragte er überraſcht. Nun ja, einen Prieſter, wiederholte ſie, indem ſie ſich bemühte, unbefangen zu erſcheinen— denn Sie werden einſehen, daß wir nicht gemeinſchaftlich fliehen können, ohne vorher— verheirathet zu ſein. Er war wieder eine Zeit lang nachdenkend geworden. Ein Prieſter, ſagte er dann, würde zu finden ſein, wenn er gut bezahlt wird. So ermitteln Sie einen ſolchen— er ſoll gut be⸗ zahlt werden. Verabreden Sie genau die Zeit mit ihm. Uebermorgen Abend müſſen wir fort, es iſt keine län⸗ gere Zögerung möglich. Würden Sie das ſo einrichten können? Um zehn Uhr, wenn der Fürſt zur Ruhe gegangen, werden wir unbemerkt abreiſen können. 199 Wir ſind dann um zwölf Uhr in Nowgorod und— können um ein Uhr weiter. Verabreden Sie genau die Stunde. Sorgen Sie auch dafür, daß die Pferde bereit ſtehen, denn die Hauptſache bleibt, ſo ſchnell als möglich fortzukommen. Ich werde das Alles beſorgen. Bedürfen wir eines Paſſes? Er iſt durchaus nothwendig. Das wird die größte Schwierigkeit haben. Richt doch, für Geld iſt bei uns Alles zu haben; ich werde einen ſolchen Paß durch einen Unterhändler be⸗ ſorgen. Herrlich, rief ſie in geſteigerter Freude, ſo fehlt uns ja faſt nichts mehr! Laſſen Sie den Paß ausſtellen für — für den deutſchen Kaufmann Rohneck nebſt Frau und Bedienung. Unter zweihundert Rubel iſt das nicht zu erlangen— eben ſo viel wird der Prieſter erhalten müſſen. Ich dachte, die Leute wären habgieriger, ſagte ſie lächelnd. Es gibt in Nowgorod jedenfalls reiche Ju⸗ welenhändler? fragte ſie weiter, indem ſie aufſtand und an ihren Secretär trat. Wollen Sie einen Schmuck zur Hochzeit kaufen, Herrin? Nicht doch, erwiederte ſie, ich werde keine Zeit haben, 6 200 mich zu ſchmücken; aber ich will einige Schmuckſachen verkaufen, damit wir Reiſegeld haben— Sie werden das auch beſorgen. Hier, fuhr ſie fort, ihm mehrere Etuis überreichend, nehmen Sie, verkaufen Sie dieſe Steine, ſo hoch Sie können, und behalten Sie das Geld in Ver⸗ wahrung, da Sie doch unterwegs unſer Zahlmeiſter ſein müſſen. Er öffnete die zierlich und verſchiedenartig geformten Käſtchen und erſchrak ſichtlich, als er die vielen und werth⸗ vollen Diamanten erblickte, welche ſie enthielten. Das Alles ſoll ich verraufen und ohne daß Sie mir einen Preis beſtimmen? fragte er überraſcht. Ich kenne den Werth nicht; ſuchen Sie ſo viel dafür zu erhalten, als möglich, damit es uns nicht an Geld fehle, welches uns zum ſchnellen und ſicheren Fortkommen nöthig iſt. Sie werden doch einen Käufer finden? Unzweifelhaft— aber ich bin ſelbſt in ſolchen Ge⸗ ſchäften ganz unerfahren, habe nie Diamanten gekauft oder verkauft.... Erkundigen Sie ſich, unterbrach ſie ihn leichthin, und achen Sie in dieſer an ſich gleichgültigen, aber noth⸗ wendigen Sache weiter keine Schwierigkeiten. Ich habe nicht nöthig, Ihnen mehr zu ſagen, Weiteres mit Ihnen zu verabreden, fuhr ſie fort, während er die Käſtchen lang⸗ ſam wieder verſchloß; die Hauptſachen ſind zwiſchen uns 201 feſtgeſtellt— die ganze Ausführung habe ich vertrauens⸗ voll in Ihre Hand gelegt, in der feſten Ueberzeugung, daß Ihre Treue unerſchütterlich iſt und Ihre Umſicht für mich mit einſtehen wird. Ich kann Ihnen jetzt nichts dafür geben, als Verſprechungen, auf deren Erfüllung Sie aber eben ſo feſt bauen können, wie ich auf Ihre Treue. Mein Schickſal liegt in Gottes Hand und er hat die Ihrige dazu beſtimmt, es zur Erfüllung zu bringen. o hoffen wir denn, daß dieſe Erfüllung eine glück⸗ liche und ſegensvolle für uns beide ſein möge, ſagte ſie, indem ſie ihm zum Abſchiede die Hand reichte, die er nach ruſſiſcher Sitte küßte, während er ſich tief verneigte— und nun gehen Sie, handeln Sie und kehren Sie mit günſtigen Nachrichten zurück! Sie ſah ihm längere Zeit nach, als er ſich entfernt hatte; ihre Augen hafteten am Boden und eine tiefe Gluth lag auf ihrem Geſichte. Sie hatte gegen einen Dritten, ihr faſt Fremden, Worte geſprochen, die ſie ſich ſelbſt bisher kaum eingeſtanden— ſie hatte bereits ge⸗ handelt, Anordnungen getroffen, wovon er keine Ahnung hatte. Alles in der feſten, unumſtößlichen Ueberzeugung, daß es nicht anders ſein könne, daß die drängenden Um⸗ ſtände es ſo und nicht anders gebieteriſch verlangten. Jetzt, wo die angeborene Scheu und Scham der Jung⸗ 202 frau bei ihr wieder in den Vordergrund trat, jetzt kam ihr dieſes ſelbſtändige Handeln unweiblich, faſt verwerflich vor, und ſie bedurfte wieder einer längeren Zeit, um es ſich abermals zu vergegenwärtigen, daß ſie recht gethan und nicht anders handeln könne; ſie mußte die immer wieder in ihr aufſteigenden mädchenhaften Bedenken zu⸗ rückweiſen, indem ſie ſich ſagte, daß es ſich hier nicht nur um ihr, ſondern um ſein Glück und ſein Leben handle. — Er kann mich nicht falſch beurtheilen, ſprach ſie leiſe und noch tiefer erröthend vor ſich hin, da er mich liebt und es weiß, daß ich ihn liebe. Weil ich ihn liebe, muß ich dieſen kindiſchen Bedenken entſagen— die an ſich ſo wenig in Betracht kommen.— Der Graf betrachtete in Folge der Unterredung mit ſeiner Tochter ihre Heirath mit dem Fürſten als eine feſt⸗ ſtehende und abgemachte Sache. In der abermals er⸗ betenen Bedenkzeit ſah er nichts als eine Laune oder eine von ihren vielen Eigenthümlichkeiten, an die er von je her gewohnt geweſen war. Er hatte ſich niemals die Mühe gegeben, dieſe ihm aufgefallenen Eigenthümlich⸗ keiten ſeines Kindes näher zu ergründen, ſondern ſich nur darüber geärgert, ſie zu unterdrücken geſucht und, als ihm dies nicht gelang, ſich darein ergeben. Ein inniges und vertrautes Verhältniß hatte ſich daher niemals zwiſchen ihnen ausgebildet, und dies kam Hedwig jetzt ſehr zu 5 203 ſtatten. Weniger um ihn leichter zu täuſchen, als um ſich mit ſich ſelbſt darüber abzufinden, daß ſie einen ſo wichtigen Schritt— den wichtigſten ihres ganzen Lebens — ohne ſeinen Rath und ohne ſeine Einwilligung zu thun ſich entſchloſſen hatte. Der Graf begab ſich zum Fürſten, der ihn voll Un⸗ geduld erwartete, und theilte ihm das Ergebniß ſeiner Unterredung mit. Indem er dies that, hielt er ſich je⸗ doch keineswegs an der ſtrengen Wahrheit, ſondern wich in ſo fern weſentlich davon ab, als er ſeine eigenen Ge⸗ danken und Schlüſßſe bereits als Thatſachen hinſtellte. Sie müſſen ihr noch die paar Tage laſſen, ſagte er lachend, obgleich ich mit Ihnen einverſtanden bin, daß es an ſich kindiſch iſt— mir gegenüber hat ſie ja jetzt deut⸗ lich genug eingewilligt, ſo daß Sie Ihre Einrichtungen und Vorbereikungen immerhin treffen können. Ueber⸗ morgen erhalten Sie ihr Jawort und können am folgen⸗ den Tage Ihre Verlobung veröffentlichen. Es bleibt immerhin ſonderbar, erwiederte der Fürſt, indem ſeine Augen forſchend auf dem Grafen ruhten, und es ſcheint doch faſt, als ob ihr dieſer Schritt ſehr ſchwer würde. 3 Ah, glauben Sie das nicht— mädchenhafte Ziererei, weiter nichts! Ich kenne ſie und weiß aus Erfahrung, daß man wenig bei ihr erreicht, wenn man ihr entgegen⸗ 204 tritt, ſobald ſie einmal einen beſtimmten Entſchluß ge⸗ faßt hat, mag derſelbe nun begründet ſein oder nicht. Sie müſſen ſie nehmen, wie ſie iſt, mit ihren Fehlern und guten Eigenſchaften, ſie beſitzt beide, wie alle Men⸗ ſchen. Die erſteren ſind jedenfalls ſo unbedeutend, daß ich noch keine zu bemerken Gelegenheit hatte, erwiederte der Fürſt galant, und es würde daher auch ſehr ungerecht von mir ſein, wenn ich ihr jetziges Benehmen mit dieſem Aus⸗ drucke bezeichnen wollte. Nun, um ſo beſſer— ich will wünſchen, daß Sie auch ſpäter immer in dieſer Anſchauung beharren. Können Sie daran zweifeln?— Ich nehme alſo Ihre Eröffnung als eine Zuſage von Hedwig ſelbſt an, wenn auch vorläufig in vermittelnder Form, und werde meine Vorbereitungen ſo treffen, daß unſere Verlobung am vierten Tage, heute mitgerechnet, gefeiert werden kann. Thun Sie das; ich bin ebenfalls froh, daß dieſe An⸗ gelegenheit endlich zum Schluſſe kommt, denn ich habe alle Urſache, meine Abreiſe zu beſchleunigen. Sie wird erfolgen, ſobald die Kälte etwas nachgelaſ⸗ ſen hat, und wir werden dann eine heitere und genußreiche Reiſe haben. Es wird mir doch ſehr einſam auf Wallfort vor⸗ 205 kommen, wenn Hedwig auch fort iſt, bemerkte der Graf mit einem Seufzer— es iſt indeß das Schickſal des Al⸗ ters, allein zu ſein! Wir werden eine Zeit lang bei Ihnen bleiben und Sie jedenfalls wieder beſuchen, wenn wir von unſerer Reiſe nach dem Süden zurückkehren. Was Sie für weitgehende Plane haben!— Es foll mich freuen, wenn ſie in Erfüllung gehen und Sie mich noch finden, nachdem Sie zurückgekehrt ſind. Ah, ſcherzte der Fürſt mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln, das Leben hat wieder Reiz für mich erhalten, ich fühle mich wieder jung und kräftig und denke an der Seite einer ſo ſchönen und liebenswürdigen Frau noch manche Blume der Freude zu pflücken! Sie werden ordentlich poetiſch, bemerkte der Graf mit einem leichten Sp vielleicht bleibt auch ein Blümchen für mich mit übrig— es wäre mir immer⸗ hin zu gönnen! Kein Blümchen, ſondern ebenfalls viele Blumen, verehrter Herr Schwiegervater— vergeſſen Sie nicht, daß Sie jetzt ſtatt eines, zwei Kinder beſitzen! Sie haben Recht, ich habe im Augenblicke wirklich nicht daran gedacht und überhaupt nicht geglaubt, jemals einen mir an Erfahrungen und Jahren ſo nahe ſtehenden Sohn zu beſitzen. 206 Spotten Sie immerhin, erwiederte der Fürſt in der beſten Laune, unſer Verhältniß wird deßhalb ein um ſo innigeres und befriedigenderes ſein!— Nach dieſer Unterredung war der anfängliche Unmuth des Fürſten über die abermalige Zögerung, die er als ſolche nicht mehr anſah, verſchwunden, denn ſie hatte ja eingewilligt, und der Zeitpunkt, an welchem ſie ihm dies ſelbſt ſagen und es öffentlich ausſprechen wollte, war ein nur ſehr kurzer. Er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, nachdem der Graf ihn verlaſſen, um die Anzeige ſeiner Verlobung zu ent⸗ werfen. Ein befriedigtes und wohlgefälliges Lächeln ſpielte um ſeinen Mund, als er, langſam und ſich öfter bedenkend, dieſe Worte ſchrieb, welche er ſich bemühte, ſo einfach und kurz als möglich zu faſſen, weil er ſich ſagte, daß ſie ſo am meiſten überraſchen und am wirkungsvoll⸗ ſten ſein würden. Dann befahl er, Petrowitſch zu rufen. Du biſt im Begriffe, nach Nowgorod zu fahren, ſagte er zu dieſem, um das Geſchäft zu beſorgen, welches ich dir aufgetragen; ich habe noch einen andern Befehl für dich. Der Leibeigene verneigte ſich ſchweigend. Was ich dir jetzt ſage, bleibt vorläufig noch ein Ge⸗ heimniß; du ſprichſt gegen Niemanden davon. Es iſt heute Freitag, fuhr er fort, dem Beamten ein Papier über⸗ reichend— am Montag werde ich meine Verlobung mit der Gräfin von Wallfort feiern und wünſche, daß dieſe Nnzeige auf feinem Velinpapier in zweihundert Exemplaren gedruckt werde. Was zittert deine Hand, fuhr er fort, als Petrowitſch mit ſichtlichem Schrecken das Papier empfing— biſt du krank? Die Kälte, Herr— ich war lange im Freien.... Du biſt doch ſonſt nicht ſo empfindlich— begib dich in die kaiſerliche Druckerei und empſiehl dem Chef derſelben in meinem Namen Verſchwiegenheit, aber ſag ihm, daß die Anzeigen jedenfalls Sonntag Abend fertig ſein müß⸗ ten— ich werde ſie durch einen reitenden Boten abholen laſſen. Der Herr Fürſt werden ſich vermählen? fragte mit un⸗ ſicherer Stimme der Beamte. Ich ſagte es dir bereits. Mache keine überflüſſigen Fragen, du weißt, ich liebe das nicht. Wir werden am Dienſtag ein Feſt geben, ich werde meine Verlobung feiern. Sorge dafür, daß alle Vorbereitungen dazu im größten Maßſtabe getroffen werden. Kaufe und beſtelle in Now⸗ gorod, was uns fehlen möchte, Wild, Fiſche und Delika⸗ teſſen, das Beſte und Theuerſte, was zu haben iſt. Spare weder Geld noch Mühe. Hier ſind tauſend Rubel, laß es 208 an nichts fehlen, ich würde es ſehr übel vermerken. Du kannſt bis morgen gegen Abend in Nowgorod bleiben, da⸗ mit es dir nicht an Zeit gebreche. Und nun geh', beeile dich, und wenn es möglich iſt, bringe die Anzeigen aus der Druckerei ſogleich mit. Petrowitſch entfernte ſich ſchweigend, ohne noch eine Frage an ſeinen ungewöhnlich aufgeregten Gebieter zu richten, denn ſeine eigene innere Aufregung ſtand faſt auf gleicher Höhe. Es waren ſich vollſtändig widerſprechende, ſich gegenſeitig aufhebende Aufträge, die ihm zu Theil ge⸗ worden, aber er befand ſich in der Nothwendigkeit, ſie beide auszuführen. Gern hätte er Hedwig noch einmal geſprochen, um zu erfahren, ob ſich ſeit ihrer Unterredung etwas Beſonderes ereignet habe. Als er aber durch Lucie keine weitere Benachrichtigung erhielt, kam er, während er raſch ſeinem Ziele entgegenfuhr, zu dem Schluſſe, daß der Fürſt ſich in einer Täuſchung befinde, welche, wenn er darin erhalten würde, dazu beitragen könne, ſein eigenes gefahrvolles Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu vierzehntes Capitel. Der Tag, an welchem die beſchriebenen Ereigniſſe und Unterredungen ſich zutrugen, ſo wie der folgende ver⸗ floſſen ſowohl für Hedwig als für Raoul in banger und fieberhafter Erwartung. Die Abweſenheit von Petro⸗ witſch machte es unmöglich, ſich zu ſehen und zu ſprechen. Hedwig's innere Aufregung ſteigerte ſich mit jeder Stunde, denn die Zeit der Ausführung ihres gefahrvollen Planes rückte damit immer näher heran; aber nicht ſowohl dieſer Umſtand rief jene Gemüthsſtimmung bei ihr hervor, denn ihr Muth und ihre Entſchloſſenheit nahmen nach dieſer Richtung eher zu als ab— ſondern die Verſtändigung mit ihm— die Rittheilung deſſen, was ſie bereits ge⸗ than, dem ja die Ausführung ſofort folgen mußte— ſie war völlig rathlos in dieſer Beziehung und fühlte ſich bei dem Gedanken erleichtert, daß es heute noch nicht geſchehen dürfe. Als aber nach einer ſchlafloſen und unruhigen M 14 210 Nacht der Morgen kam und ſie erfuhr, daß Petrowitſch noch nicht zurück ſei, erhielt die Befürchtung, daß ihr Plan mißlingen könne, leicht die Oberhand über die mädchenhaften Bedenken, derentwegen ſie ſich jetzt ſelbſt verſpottete, als eine kindiſche und thörichte Schwäche. Der Tag verging, es wurde Abend, Petrowitſch kam nicht; ſie grübelte und quälte ſich ab, es war ihr nicht möglich, eine Urſache dieſer unverantwortlichen Zögerung zu ermit⸗ teln. Endlich, um acht Uhr— ſie war auf ihrem Zim⸗ geblieben und man hatte ſie, der getroffenen Verab⸗ redung gemäß, ungeſtört gelaſſen— fuhr ſein Schlitten in den Hof. In fieberhafter Haſt wurde Lucie abge⸗ ſchickt, kehrte aber ſogleich mit der Botſchaft zurück, daß Petrowitſch, ohne daß ſie ihn habe ſprechen können, zu dem Fürſten gegangen ſei. Geh' geh', ſagte ſie in haſtiger Eile, gib genau Acht, wenn er zurücktommt— er wird hoffentlich nicht lange pleiben— und dann führe ihn ſogleich zu mir— aber mit der größten Vorſicht!— In der aufregendſten Er⸗ wartung verging wieder faſt eine Stunde; ſie horchte auf jedes Geräuſch, ſie öffnete ſogar mehrmals leiſe die Thür, um auf den Corridor zu blicken— endlich trat er zu ihr ein. 8 War es nöthig, ſo lange zu bleiben? empfing ſie ihn— machte es ſo große Schwierigkeiten, meine Auf⸗ 211 träge auszuführen— und iſt nun Alles beſorgt und ge⸗ ordnet? Der Fürſt hatte mir gleichfalls Aufträge gegeben, er⸗ wiederte er, indem er ſie forſchend anſah, die mich ſo lange aufgehalten— er will übermorgen ſeine Verlobüng mit Ihnen feiern— ich habe zu dem Feſte Alles beſorgen und auf die Karten warten müſſen, die in der kaiſerlichen Druckerei gefertigt ſind.... Verlobung?— Karten? rief ſie mit einem bittern und höhniſchen Lachen. Mögen Sie ſich ſelbſt überzeugen, ſagte er, ihr eine auf feinem Velinpapier gedruckte Anzeige überreichend— hier ſteht es ſchwarz auf weiß, und dazu noch gedruckt! Ohne das Papier eines Blickes zu würdigen, zerriß ſie es und warf die Stücke verächtlich zu Boden.— Nun, die Ueberraſchung wird um ſo vollſtändiger ſein, ſagte ſie dann— aber verlaſſen wir jetzt dieſe widerwärtigen Dinge— berichten Sie, was Sie gethan. Es iſt Alles beſorgt, Herrin, ſagte er jetzt wieder in ſeiner ruhigen Weiſe, der Prieſter iſt gefunden und bereit — er weiß nur, daß er heimlich ein Paar trauen ſoll und darüber ein tiefes Schweigen zu bewahren hat, was er ohnehin thun wird, um nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Pferde werden dort ſein, und die Dia⸗ manten habe ich verkauft, jedoch nicht alle, denn wozu 14* 212 bedürfen wir einer Summe von zwölftauſend Rubeln? Ich habe für zweitauſend Rubel verkauft, bedürfen wir unterwegs mehr, ſo läßt ſich leicht mehr erhalten; hier ſind die anderen zurück, fuhr er fort, ihr zwei Etuis über⸗ reichend. Es wäre doch vielleicht beſſer geweſen, bemerkte ſie, indem ſie die Käſtchen, ohne ſie zu öffnen, auf den Tiſch ſtellte. Morgen Abend müſſen wir fort, ſprach erweiter, wenn es noch immer Ihr Entſchluß iſt. Wie können Sie daran zweifeln? Dann wäre es gut, wenn wir jetzt Alles beſtimmt und feſt verabredeten, denn mein Hierſein könnte doch be⸗ merkt werden und würde ſofort auffallen. Ich bin ganz Ihrer Anſicht. Es herrſcht eine ſehr ſtarke Kälte, und es wird nicht möglich ſein, in einem offenen Schlitten zu fahren. Glauben Sie? fragte ſie unſchlüſſig. Beſonders für einen erſt halb Geneſenen. So nehmen wir einen verdeckten. Es würde dann nichts übrig bleiben, als einen von denen zu nehmen, deren ſich der Fürſt zu ſeinem eigenen Gebrauche bedient. Ihre Miene verfinſterte ſich und ſie ſtand eine kurze Zeit nachdenkend da. Nehmen wir, ſagte ſie dann mit einem ſpöttiſchen Lächeln, ich werde meinen Vater bitten, dem Fürſten den Werth deſſelben zu erſtatten. So werde ich Sie und Lucie morgen Abend zehn Uhr erwarten. Der Schlitten ſoll dann am Ausgange des Parkes bereit ſtehen. Den Herrn Capitän werde ich ſelbſt dahin geleiten und durch ein Licht drüben am Fenſter Ihnen ein Zeichen geben, dann kommen Sie hinab, ich bin bereit, Sie nach dem Schlitten zu bringen— und das Weitere ruht in Gottes Hand! Ich danke Ihnen, ſprach ſie langſam und mit einem tiefen Athemzuge— ich werde Ihnen immer dankbar ſein!— Den Herrn Capitän, fuhr Petrowitſch fort, werde ich von Allem benachrichtigen. Sie erröthete, als er dieſe Worte ſprach— es kam ihr einen Augenblick der Gedanke, es ſo geſchehen zu laſ⸗ ſen— es war vielleicht am beſten. Dann aber dachte ſie daran, daß es doch nicht möglich ſei— ganz unmöglich — denn Alles, wovor ſie jetzt bangte und ſich ſcheute, wäre ja dann in weit erhöhtem Grade und....— nein, nein— es war völlig und gänzlich unmöglich. Den Capitän muß ich vorher ſelbſt noch einmal ſpre⸗ chen, ſagte ſie daher mit niedergeſchlagenen Augen. Die Herrin haben zu befehlen— ich wollte nur in 2 214 Erwägung geben, daß Alles verloren iſt, wenn er ge⸗ ſehen wird! Dennoch iſt es nothwendig, durchaus nothwendig So wäre es am beſten, daß er ſogleich herüber käme — morgen würde es ohnehin unmöglich ſein. Ja, ſagte ſie, mühſam ihre Faſſung bewahrend— es wird am beſten ſein— ich nehme Ihre Güte im ganzen Umfange in Anſpruch, aber— aber es geht wirklich nicht anders! So werde ich ihn herüberführen— alles Andere bleibt feſt verabredet; ſollte eine Aenderung nothwendig werden, ſo bitte ich, mich durch Lucie benachrichtigen zu laſſen; ich werde daſſelbe thun, wenn wider Erwarten ein Hinderniß eintreten ſollte. Es wird keines eintreten— empfangen Sie noch⸗ mals meinen Dank— es wird Alles gut gehen— und — und wenn ich Sie wiederſehe, ſo— ſo haben wir be⸗ reits das Schwerſte hinter uns. Er entfernte ſich. Sie war wieder allein. Sie befand ſich ſchon in der Ausführung ihres kühnen Planes, und er— all ihre Kraft, ihre ganze Entſchloſſenheit war da⸗ hin, als dieſer Gedanke, jetzt alle andern verdrängend, zu ihr herantrat mit der Nothwendigkeit des Handelns, an welches ſie bis jetzt abſichtlich nicht hatte denken wollen, über welches ſie aus irgend einem Vorwande ſich immer hinweggeſetzt.— Ihr lauſchendes Ohr hörte ſeinen leiſen und vorſichtigen Tritt— die Thür öffnete ſich und ſie fühlte ſich von ſeinen Armen umſchlungen. Das Glück des Wiederſehens nach einer Trennung, die ihnen beiden ſo unendlich lange gedauert hatte, obgleich ſie in der Wirklichkeit doch nur ſehr kurz geweſen war, drängte für den Augenblick jedes andere Empfinden, jedes andere Ge⸗ fühl zurück. Sie hatten ſo Vieles zu ſagen und zu er⸗ zählen, als ob große Ereigniſſe zwiſchen ihrer letzten Un⸗ terredung vorgefallen wären, und ſie würden auch wahr⸗ ſcheinlich kaum von etwas Anderem mit einander geſpro⸗ chen haben, als von dem Glücke ihrer Liebe, wenn ſie nicht die Umſtände gewaltſam aus dieſem ſüßen Taumel emporgeriſſen hätten. Es iſt mir, als hätte ich dich Jahre lang nicht ge⸗ ſehen, ſagte er— jede Secunde der Trennung war ein Jahr— o, mehr! Ich habe kein Maß für die Beſtim⸗ mung der Zeit, wenn ich fern von dir bin! Und doch iſt die Zeit gekommen, erwiederte ſie kaum hörbar und ohne den Blick zu erheben, wo du fort mußt — ſie iſt da, dieſe Zeit— ſie läßt ſich nicht länger ver⸗ ſchieben. Wo ich fort muß? wiederholte er mit einem tiefen Seufzer— und das kannſt du ſo ruhig ausſprechen?— Vergib mir, ich handle vielleicht unrecht— ich bin im 216 höchſten Grade undankbar— es ſollte auch kein Vorwurf ſein— aber ich bedarf meiner ganzen Kraft, meiner gan⸗ zen Stärke, wenn mich der Gedanke der Trennung von dir ergreift! Der Trennung! wiederholte ſie bebend. Der Ton ihrer Stimme ſollte fragend ſein— aber ſie vermochte es nicht, ihn dadurch in ihr Inneres blicken zu laſſen. Sie fühlte ihren Willen ſchwanken und ſaß 6 von ſei⸗ nem Arme umſchlungen, neben ihm. Gibt es kein Nittel? fragte er nach einiger Zeit kaum hörbar— kann ich nicht hier bleiben? Ich will mich jeder Gefahr ausſetzen, ich will die niedrigſten Dienſte thun, Alles, Alles, wenn ich nur in deiner Nähe weilen kann, bis wir gemeinſchaftlich dieſes Land verlaſ⸗ ſen können! Gemeinſchaftlich? wiederholte ſie abermals, und jetzt war der Ton ihrer Stimme entſchieden fragend— nein, Ravoul, hier bleiben kannſt du nicht— du würdeſt ent⸗ deckt werden, und Alles wäre verloren! Werden wir uns jemals wiederſehen?— Ach, welche unendlichen Räume ſollen ſich zwiſchen uns legen! Ich habe mein Gehirn gemartert und gedacht und gedacht— aber du haſt Recht und ich darf nicht unmännlich der Nothwendigkeit entgegentreten— ich muß fort!— Ich darf ja nicht einmal klagen und traurig ſein, damit ich — 217 dir das Scheiden nicht erſchwere— ach, ich weiß ſelbſt nicht mehr, was ich rede— es iſt do ch hin mit meiner Kraft, hin mit meinem Vorſatze, den ich ſo oft und ſo feſt gefaßt— vergib mir, vergib mir, denn der Gedanke, dich wieder zu verlieren, iſt tauſendmal ſchrecklicher, als der Tod! Und glaubſt du, daß ich anders empfinde? Glaubſt du, daß ich dich weniger liebe, daß ich nicht weit lieber ſterben, als fortan ohne dich leben würde? Und doch— doch müſſen wir für jetzt ſcheiden! Müſſen wir? fragte ſie mit einem plötzlichen Auf⸗ ſchwunge ihrer Kraft und dem gewaltſamen Entſchluſſe, nicht mehr zu zaudern und zu zögern. Sagteſt du nicht, daß ich fort müßte? Du kannſt nicht bleiben, Raoul— es iſt unmöglich, es iſt ganz unmöglich, ſprach ſie immer leiſer und in ab⸗ gebrochenen Sätzen, tief erröthend und mit niedergeſchla⸗ genen Augen, weiter— man würde dich entdecken— würde dich tödten— wir wären verloren— verloren für immer— deßhalb— deßhalb müſſen wir fort. Wirk? rief er mit einem Entzücken, welches deutlich bekundete, wie wenig ſeine ſo mühe⸗ und qualvoll er⸗ rungenen Vorſätze gegen die Verwirklichung eines ſolchen Glückes Stand zu halten vermochten— du ſagteſt wir, 218 Hedwig?— Aber nein, nein, es kann, es darf ja nicht ſein! Ravul, mein innig geliebter Ravul, flüſterte ſie, an ihn geſchmiegt— zürne mir nicht, daß ich, ohne dich vor⸗ her zu fragen, bereits Alles zu unſerer Flucht vorbereitet habe, und— und denke deßhalb nicht— nicht anders von mir, ſetzte ſie, tiefer erröthend, hinzu— es war nothwendig— die ungewöhnlichen Umſtände... Hedwig, meine über Alles geliebte Hedwig, unter⸗ brach er ſie, indem er den vergeblichen Verſuch machte, in ihre Augen zu blicken— was ſagſt du? Du wollteſt— o, nein, nein— bedenke, daß ich nur ein Menſch bin, nur ein ſchwacher Menſch, deſſen Kraft eine Gränze hat, auch mit all ſeinem Willen! Aber unſere Liebe hat keine Gränze, ſagte ſie, zum erſten Male wieder einen kurzen Moment zu ihm auf⸗ blickend— ſterben können wir mit einander— aber uns jetzt trennen— das haſt auch du niemals für möglich gehalten! Aber wie, wie? Du wollteſt? rief er, ſie leidenſchaft⸗ lich umfaſſend— ach, es wäre das höchſte, unnennbarſte Glück— aber es iſt ja unmöglich! Wie könnte, wie ſollte Frage nicht mehr, ſagte ſie, ſich aus ſeinen Armen losmachend und mit einem Lächeln, welches ſcherzend ſein 219 ſollte, aber die Gluth der Scham nur unvollkommen ver⸗ barg— diesmal mußt du mir vertrauen, mich han⸗ deln laſſen, weil es nicht anders geht— ſpäter will ich immer.... Später? rief er, ſie wieder umfaſſend— Hedwig, Hedwig! Was machſt du aus mir?— Ich fühle, daß ich deiner nicht werth bin, nie deiner werth werden kann, wenn ich jetzt.... Wenn du jetzt nicht ſchweigſt, unterbrach ſie ihn mit einem ſeligen Lächeln— du mußt auch ein wenig an mich denken, Raoul, an mich, die ich nur ein ſchwaches Mäd⸗ chen bin, die du ſchonen mußt, weil— weil ich dich ſo ſehr liebe. Schonen, ich dich ſchonen? Meine Gedanken verwir⸗ ren ſich, es iſt mir faſt, als ob ich noch in Phantaſieen läge.— Iſt es wirklich möglich? Wir ſollen uns nicht trennen, du willſt mit mir fliehen? Dein Geſchick für immer an mich ketten? Für immer, ſagte ſie, ihn mit einem Blicke der innig⸗ ſten Liebe anſehend und mit bebender Stimme— in Glück und Unglück— in Leid und Freude— bis zum Tode! O, meine liebe, liebe, angebetete Hedwig— ſage mir, wie ich dich nennen ſoll— die Sprache iſt zu arm, 220 Morgen, morgen, flüſterte ſie wieder tief erröthend— morgen wirſt du die Antwort auf alle dieſe Fragen erhal⸗ ten— aber jetzt— wenn du mich liebſt, ſo frage mich jetzt nichts mehr. Morgen? Wann morgen? Sei morgen Abend um zehn Uhr bereit, ſagte ſie, aufſtehend und ihn nach der Thür drängend— du mußt jetzt gehen, Raoul— es iſt die höchſte Zeit— jede Zö⸗ gerung könnte Gefahr bringen— für mich, fürmich! fuhr ſie eilig fort, als er immer noch ſtehen blieb.— Morgen Abend zehn Uhr fahren wir ab, wir, Petrowitſch und Lucie— ſprich mit ihm— er wird dir Alles ſagen, ſetzte ſie wieder tief erröthend hinzu, frage ihn— und nun geh'— es iſt die letzte Trennung— die letzte, hauchte ſie, ihn plötzlich leidenſchaftlich umfaſſend.— Ein langer, ſeliger Kuß verſchloß ſeine Lippen, die noch immer wieder fragen wollten— ſie drängte ihn nach der Thür.— Gute Racht, flüſterte ſie wieder.— Er zog ſie nochmals an ſein Herz— dann mußte er fort— ihre lieben Augen, die ihn ſo bittend und voll unendlichen Glückes anblickten, hielten ſeinen Mund geſchloſſen, wäh⸗ rend ſein Herz vor Entzücken zu zerſpringen drohte. Sie war wieder allein. Aber all ihre Gedanken blieben bei ihm— ein tiefes Erröthen lag auf ihrem ſchönen, vom Glanze des Glückes übergoſſenen Geſichte, 221 ihre Blicke ſchweiften langſam von der Thür zu jeder einzelnen Stelle, wo er geſtanden, wo er geſeſſen, wo — ach, Alles zog noch einmal in all ſeinen entzücken⸗ den und berauſchenden Einzelheiten in ihrem Innern vorüber. Morgen, flüſterte ſie dann, morgen um dieſe Stunde fahren wir ab— und wenn der Tod uns findet, ſtatt des Glückes, ſo wird es immer ein ſeliger Tod ſein!— Sie empfand die Nothwendigkeit, gewaltſam ihre Ge⸗ danken anderen Dingen zuzuwenden, und ließ Lucie her⸗ einkommen. Du kennſt mein Vorhaben, ſagte ſie dann, voll in⸗ nerer Freude, wieder handeln zu können— ich baue auf deine Treue; Petrowitſch wird uns begleiten— morgen Abend verlaſſen wir das Schloß. Morgen ſchon? fragte das Mädchen mit ſichtbarem Schrecken. Jede längere Zögerung würde verderblich ſein. Mor⸗ gen Abend um zehn Uhr fahren wir ab— zuerſt nach Nowgorod, wo— wo wir getraut werden.... Getraut werden— hier? Wäre es möglich? Wie ſonſt anders?— Du und Petrowitſch werdet Zeugen ſein.— Um ein Uhr geht es weiter, unausgeſetzt, Tag und Racht mit Courierpferden— Petrowitſch hat Alles beſorgt. 222 Möge Gott uns in ſeinen Schutz nehmen, erwiederte Lucie zaghaft. Er wird es— weßhalb ſollte er uns ſonſt ſo wun⸗ derbar zuſammengeführt haben? fragte ſie mit dem gläu⸗ bigen Vertrauen der Liebe. Triff im Laufe des Tages all die wenigen Vorbereitungen, welche nöthig ſind. Es bleibt Alles zurück, Alles. Rur den kleinen Koffer fülle mit den nothwendigſten Gegenſtänden— nichts weiter! Hange dich nicht an werthloſe und überflüſſige Dinge, du ſollſt ſpäter dafür vollen Erſatz haben. Aber werden wir unbeobachtet bleiben? Petrowitſch kommt nicht mehr her. Vermeide ihn; wenn du ihn ſiehſt, ſo ſprich nicht mit ihm, behandle ihn wie einen Fremden. Und du— ſei du ſelbſt völlig un⸗ befangen, laß dich mit Niemandem in überflüſſige Ge⸗ ſpräche ein und bewache jedes Wort und jede Miene. Ich wünſchte, es wäre erſt morgen Abend. Das iſt auch mein Wunſch— die Zeit wird ver⸗ gehen— auch dieſe Stunde erſcheinen. Komm morgen früher zu mir, ich werde noch mancherlei mit dir zu be⸗ ſprechen haben, und geh' jetzt— ich will an meinen Va⸗ ter ſchreiben, ſprach ſie mehr zu ſich ſelbſt weiter, es iſt beſſer, ich thue es jetzt, als morgen, wo es mir an Samm⸗ lung und Ruhe fehlen möchte. Fünfßzehntes Capitel. Obgleich Hedwig nur wenige Stunden in einem un⸗ ruhigen Schlummer zugebracht, war ſie dennoch am ande⸗ ren Morgen ſehr früh aufgeſtanden. Noch in der Nacht hatte ſie an ihren Vater geſchrieben und eine ungewöhnlich lange Zeit zu dieſem Briefe gebraucht; denn als ſie ge⸗ zwungen wurde, ihre Gedanken niederzuſchreiben, ihr Handeln zu rechtfertigen und die Zuſtimmung ihres Vaters dazu zu erbitten, traten ernſtere Erwägungen bei ihr in den Vordergrund. So ſehr dieſelben auch von der Liebe beherrſcht und zurückgedrängt wurden, ſie erkannte doch, daß ſie am Abſchluſſe ihres bisherigen Lebens ſtehe, in neue, unbekannte Bahnen auf ſehr ungewöhnlichen Wegen einlenke, daß ſie Alles ihrer Liebe opfere, der Liebe zu einem ihr faſt noch fremden und doch ſo feſt und unauflöslich mit ihr verbundenen Manne. 224 Sinnend und träumeriſch ſaß ſie da, die Feder in der Hand und das noch immer unbeſchriebene Papier vor ſich; aber ihre Miene zeigte keine Unſchlüſſigkeit, um ihren Mund lag daſſelbe beſeligende Lächeln, und nur, wenn ſie an ihren Vater dachte, verſchwand es auf eine kurze Zeit, um einem Zuge von Wehmuth und ſelbſt von Traurigkeit Platz zu machen. Weßhalb ſoll ich ihn nicht froh und heiter wieder⸗ ſehen? ſprach ſie dann vor ſich hin; er iſt wohler denn je und wird die Rückreiſe ohne Gefahr zurücklegen. Hier in dieſem unheimlichen Schloſſe können wir ja doch nicht bleiben— ich reiſe nur früher, das iſt Alles— weil ich muß, weil es nicht anders ſein kann! Raſch flog ihre Feder jetzt über das Papier; ſie ſchrieb ihm, daß, wenn er dieſen Brief leſe, ſie mit dem Marquis de Beaumont, den ſie hier unter den franzöſi⸗ ſchen Gefangenen kennen gelernt habe, vermählt ſei. Sie bat ihn, ihr zu vertranen, daß ſie eine ihrer würdige Wahl getroffen habe. Sie ſei mit ihm geflohen, weil es kein anderes Mittel gegeben, ihn vor Gefangenſchaft und Tod zu bewahren. Alles Nähere ſolle er erfahren, wenn ſie ſich in Wallfort wiederſähen. Sie habe ihn nicht zu ihrem Vertrauten gemacht, um ihn nicht perſönlich in ein gefahrvolles Unternehmen zu verwickeln. Mit der feſten Ueberzeugung, daß er bei näherer Erwägung dieſen 225 Schritt billigen und ihre Verbindung ſegnen werde, ſei ſie abgereiſ't; ſie bat ihn ferner, ihr zu vergeben, wenn ſie ihm dadurch Kummer bereite, ſie wolle ſpäter durch alle ihr zu Gebote ſtehende Liebe ihm dafür Erſatz ge⸗ währen. „In einer Stunde, in welcher mir das Leben werth⸗ los erſchien,“ fuhr ſie fort,„in einer trben, dunkeln Stunde iſt einmal aus Lebensüberdruß die Möglichkeit an mich herangetreten, mich dem Fürſten zu verkaufen— ich hielt mich damals ſelbſt für eine werthloſe Sache und es drängte mich nach irgend einem Ende. Dennoch war es nur ein kurzer Moment— ich würde dieſen ſelbſtſüch⸗ tigen, widerlichen Ruſſen nie geheirathet haben, ſondern tauſendmal lieber geſtorben ſein. Als ich ſpäter zögerte, mich beſtimmt auszuſprechen, ſo geſchah es nur, um Zeit zu gewinnen. Wenn Du mich noch liebſt, mein theurer Vater, wenn Du noch um mein Wohl beſorgt biſt, ſo verſchweige dem Fürſten Alles, was ich Dir geſchrieben— ſage ihm, daß ich zu dem feſten Entſchluſſe gekommen, ſeine Hand auszuſchlagen, und deßhalb mit Lucie und Petrowitſch abgereiſ't ſei, um ihm jede Kränkung zu er⸗ ſparen. Petrowitſch habe ſich bereit finden laſſen, mich meiner Sicherheit wegen zu begleiten.— Er wird uns dann nicht verfolgen laſſen— hetze ihn nicht auf unſere Spur, denn wenn mein Gatte ergriffen werden ſollte, ſo III. 15 226 wird ſein Geſchick ganz beſtimmt auch das meinige ſein! Das beherzige, geliebter Vater, laß die Liebe größer in Dir ſein, als den Zorn darüber, daß ich Dich heimlich verlaſſen— ich konnte nicht anders! Bezahle dem Fürſten ſeinen Schlitten, den ich mitnehmen muß, ſo unangenehm es mir auch iſt. Und nun leb' wohl — vergib mir, wenn Du mir noch zürnſt— denke da⸗ ran, daß wir uns hoffentlich bald und froh wiederſehen werden drüben in der Heimath und fern von dieſem un⸗ heimlichen Lande! Durch doppelte Liebe werden Deine Kinder Dir dann den Kummer erſetzen, den Dir zu be⸗ reiten jetzt gezwungen iſt Deine Dich unendlich liebende Tochter Hedwig. „Schone vor Allem Deine Geſundheit, lieber Papa; rege Dich nicht unnöthig auf, nimm Dich recht in Acht und eile bald in die Dich ſehnlichſt erwartenden Arme Deiner Hedwig.“ Die letzten Worte hatte ſie hinzugeſetzt, nachdem ſie den Brief noch einmal geleſen, der ihr dann zu kurz, zu wenig liebevoll vorkam. Aber ſie ließ ihn dennoch ſo, ſie mochte die ſchwere Aufgabe, ihn zu ſchreiben, nicht noch einmal beginnen; ſie zweifelte auch daran, ob ſie im Stande ſein würde, dieſelbe beſſer zu löſen, verſiegelte und ſchrieb die Adreſſe. Dann ließ ſie den Gedanken wieder ihren ungehinderten Lauf, welche ſie nur mühſam 227 auf dieſen Einen Gegenſtand ſo lange zu feſſeln ver⸗ mocht hatte, und wie feurige Roſſe ſprangen ſie auf und davon, fort in das freie, wundervolle Reich der Phantaſie! Laſſen wir ſie ſchweifen! Es ſind nur wenigen Auserwählten ſolche Stunden beſchieden, wo das ganze künftige Lebensglück ſich in eine einzige Hoffnung zuſam⸗ mendrängt, und auch bei dieſen iſt eine Wiederholung unmöglich.— Lucie kam früh, wie es ihr geheißen. Sie zündete die Lichter an, denn es war noch dunkel; Hedwig ſtand eilig auf und kleidete ſich eben ſo eilig an, als ob Gefahr im Verzuge geweſen ſei. Sie glaubte noch ſo Vieles be⸗ ſorgen zu müſſen, und doch fand ſie, als ſie beginnen wollte, daß ſich dies auf unbedeutende Kleinigkeiten, auf das Packen des kleinen Koffers beſchränke, welches man nothwendig und beſſer bis zum Abende verſchieben müſſe. Der trübe Tag begann zu dämmern, die Lichter wur⸗ den wieder ausgelöſcht, und die Stunden verrannen, eine nach der anderen, und eine immer langſamer wie die andere. Hedwig hatte ſich vorgenommen, heute bald zu ihrem Vater hinüber zu gehen, ſelbſt die Geſellſchaft des Für⸗ ſten nicht zu vermeiden und ſo unbefangen und heiter als möglich zu erſcheinen, um jeden Verdacht zu entfernen⸗ — ¹ 228 Aber ſie zögerte immer wieder mit der Ausführung dieſes Vorhabens, denn nichts war ihrem innerſten Weſen mehr zuwider, als Verſtellung, und endlich gab ſie es ganz auf. Wozu, ſprach ſie, ihre Unſchlüſſigkeit beendend, vor ſich hin, wozu ſoll ich mir dieſen Zwang auferlegen? Ich habe die Bedingung geſtellt, ungeſtört bleiben zu können, und will mich meines Vortheiles bedienen. Sie ſchickte Lucie mit der Nachricht zu ihrem Vater, daß ſie unpäßlich ſei und den Tag über ihr Zimmer nicht verlaſſen könne. Der Graf ſei zuerſt ſehr ungehalten da⸗ rüber geweſen, berichtete dieſe, habe dann aber gelacht und geſagt: er wiſſe ſchon, es ſei gut, er würde ſich ſpäter nach dieſer gefährlichen Krankheit erkundigen. Der kurze Wintertag neigte ſeinem Ende und die Nacht begann heraufzuziehen, jene Nacht, welche die Ent⸗ ſcheidung ihres ganzen künftigen Lebensglückes in ihrem dunkeln Schooße barg. Ihre Unruhe ſteigerte ſich von Minute zu Minute, und obgleich der Zeiger der Uhr ſo unendlich langſam weiter rückte und jetzt erſt die fünfte Stunde zeigte, ſo begann ſie doch ſchon, nach Minuten zu rechnen, und mußte ſich immer und immer wieder ſagen, daß ſie thöricht und kindiſch handle, obgleich es ohne Erfolg war. Noch immer war ihr Vater nicht gekommen. Sollte 229 ſie nochmals ſchicken? Sollte ſie hinüber gehen? Sprechen mußte ſie ihn noch einmal; je näher die Stunde der Entſcheidung kam, um ſo höher ſteigerte ſich das Ver⸗ langen, ihn zu ſehen, ſie hätte es für ein Verbrechen ge⸗ halten anders zu handeln. Endlich kam er. Sie trat ihm raſch und bewegt entgegen, indem ſie ſeine Hand ergriff; aber die Gefühle, welche ſie jetzt mit ſo großer Gewalt zu ihm hinzogen, fanden keine ähnliche Erwiederung in den ſeinigen. Er war ſehr heiter, in einer beſonders fröhlichen Stimmung, wie man es nach dem Genuſſe eines guten Diners zu ſein pflegt. Das war es nicht, was ſie ſuchte und erwartete; ſie fühlte ſich erkältet, wie immer, wenn der Menſch in bewegter Stimmung bei denen, die er liebt, eine ungleiche, nicht vorausgeſetzte findet! Nun, ſagte der Graf, indem er ſich lächelnd und mit einem unterdrückten Gähnen auf einen Seſſel warf, du biſt unpäßlich? Daß du jetzt ſo viel an Unpäßlichkeiten leideſt! Wir haben auf deine Beſſerung angeſtoßen, mein Kind, mit dem herrlichſten Gewächs, das es gibt, und hoffentlich wird ſie morgen jedenfalls eintreten. Darauf kannſt du dich feſt verlaſſen, ſagte ſie, unan⸗ genehm berührt. Es freut mich, daß du dieſe Ueberzeugung theilſt, denn die Sache muß doch einmal zu Ende gehen. 6 Sie wird zu Ende gehen. Natürlich, Alles hat ein Ende, leider auch das beſte Diner und ſelbſt das längſte Leben. Nicht wahr, du biſt jetzt ganz wobl und geſund, lieber Vater, fragte ſie, ihn mit inniger Zärtlichkeit anblickend, wohler, wie jemals? Das will viel ſagen, mein Kind, lächelte er wohlge⸗ fällig; aber es geht mir, Gott ſei Dank, gut, es wäre Unrecht, wollte ich klagen. Und haſt mich recht, recht lieb? ſprach ſie weiter, indem ſie ihren Arm um ſeine Schultern legte. Wie kannſt du daran zweifeln? Wenn ich daran denke, wie einſam ich künftig ſein werde, daß du auch von mir gehſt— ſo hat es mit meiner Heiterkeit ſofort ein Ende. Warum, fuhr er jetzt in elegiſcher Stimmung fort, warum hat es ſich nicht ſo fügen können, daß du in Wall⸗ fort— doch was nutzt es jetzt, darüber zu ſprechen, da es ſich nicht mehr ändern läßt. Noch läßt ſich Alles ändern— und— wenn du Vertrauen zu mir haſt.... Vertrauen? fragte er, ſichtlich durch dieſe Aeußerung überraſcht, während ſie plötzlich abbrach— was willſt du damit ſagen? Ich will damit ſagen, erwiederte ſie zuerſt mit beklom⸗ mener, bald aber mit freierer Stimme, daß ich immer und * immer deine dich liebende Tochter bleibe und daß es mich ſehr, ſehr ſchmerzen würde, wenn du mein Handeln falſch beurtheilen ſollteſt. Weßhalb ſollte ich es falſch beurtheilen, mein Kind? Wir haben uns ja darüber hinlänglich ausgeſprochen. Man findet ein paar Millionen nicht auf der Straße und darf ſie immer aufheben, wenn auch ein alter Mann da⸗ mit verbunden iſt, der— doch es iſt beſſer, wir ſchwei⸗ gen uns darüber aus, da wir beide wiſſen, was wir meinen. Es wird doch vielleicht anders kommen, als du glaubſt. Weßhalb ſollte es anders kommen? Du biſt noch ein unerfahrenes Kind, noch ein junges Ding— ſpäter wirſt du erſt recht einſehen, wie klug und verſtändig du gehandelt haſt. Aber wenn es nun doch anders käme— du wirſt doch nie, niemals aufhören, mich zu lieben? Welche thörichte Frage! Verſprich es mir, lieber Vater— es macht mich glücklich— unendlich glücklich! Du biſt ſonderbar erregt, ſagte er, ſie beſorgt an⸗ ſehend; ſollteſt du wirklich krank ſein? Nicht krank, mein theurer Vater, aber heute, heute fühle ich es mehr denn je in meinem Leben, daß ich 232 deiner Liebe bedürftig bin, daß du ſie mir niemals ent⸗ ziehen darſſt! Sie ſchloß ihn bei dieſen Worten leidenſchaftlich in ihre Arme, und er ſah eine Thräne in ihren Augen, als ſie ihren Kopf wieder emporhob. Ich verſtehe deine Stimmung, mein gutes Kind, ſagte er jetzt ebenfalls bewegt, ſie iſt natürlich und macht deinem Herzen Ehre— aber du darfſt dich derſelben nicht hingeben. Was Du vorhaſt, geſchieht mit dem Willen deines Vaters, der deinen Bund ſegnet. Sei daher fröh⸗ lich und guter Dinge, verſcheuche dieſe überflüſſigen An⸗ klänge von Traurigkeit. Du bleibſt immer mein liebes, gutes Kind, immer— darauf kannſt du dich feſt ver⸗ laſſen! Es drängte ſie, ihm Alles zu ſagen. Das Wort ſchwebte auf ihren Lippen, das erſte Wort, dem die an⸗ deren hätten folgen müſſen— da ſah ſie ihn an, und ſeine jetzt wieder lächelnde, halb ſpöttiſche und zugleich abgeſpannte Miene drängte es zurück. Sie erſchrak bei dem Gedanken der Ausführung eines ſolchen Vorſatzes. Morgen, wenn die Gläſer klingen, wird es anders ſein, ſprach er in wieder heiterem Tone weiter. Der Fürſt kann die Zeit gar nicht erwarten, er geberdet ſich wie ein junger Springinsfeld— ich kann es ihm eigent⸗ lich nicht verdenken— und du hätteſt heute immer mit 4 233 uns ſpeiſen können. Ich glaube aber, du thuſt es ab⸗ ſichtlich, denn— nun, jetzt kann ich ja immer ſo zu dir reden, obgleich ich dein Vater bin— Weiber bleiben Weiber! Du biſt ermüdet, ſagte ſie leiſe, von dem Wunſche beſeelt, den Eindruck ſeiner früheren Worte nicht durch andere ſich wieder verwiſchen zu laſſen. Ermüdet? wiederholte er— ich habe meinen Rit⸗ tagsſchlaf deinetwegen verſchoben, allerdings. Man weiß hier gar nicht mehr, in welcher Tageszeit man lebt. Du haſt Recht, mein Kind— aber vielleicht ſehen wir dich ſpäter dennoch bei uns? Nein, Vater, ſagte ſie mit feſter und ruhiger Stimme; ich bin wirklich krank, ich will— will bald zu Bette gehen, und werde auch morgen— bis zwölf Uhr nicht zu ſprechen ſein. Das iſt gegen die Abrede, rief der Graf; mache nicht wieder neue Bedingungen! Morgen wird meine Erklärung erfolgen— aber nicht früher, als um Mittag— bis dahin muß ich un⸗ geſtört bleiben, ſonſt bin ich auch morgen krank. Lucie ſoll bei mir ſchlafen. Was fehlt dir denn eigentlich? Mein altes Leiden, Migräne. Ich habe nie davon gehört, aber ich werde es dem 234 Fürſten ſagen; ich bin wirklich müde. Alſo um zwölf Uhr morgen Mittag— ſo leb' denn wohl, mein Kind, ich wünſche dir gute Beſſerung und ſüße Träume— gute Nacht! Leb' wohl, mein lieber, lieber, theurer Vater! rief ſie, ihn plötzlich wieder leidenſchaftlich umarmend— und— vergiß nicht, was du mir verſprochen haſt. Was ich dir verſprochen habe? fragte er, von dem unerwarteten und ſo außergewöhnlichen Beweiſe ihrer Zärtlichkeit betroffen— Ach ſo!— Nun, natürlich! Ich hätte nie geglaubt, daß du ein ſo thörichtes Kind ſeleſt. Sie preßte ihre kleine Hand feſt auf das laüt pochende Herz, als er ihren nachblickenden Augen entſchwun⸗ den war.— Werde ich ihn wiederſehen? flüſterte ſie dann vor ſich hin— gewiß, gewiß— Gott wird mit uns ſein und Alles zum Beſten lenken! Lucie kam, und es begannen jetzt die wenigen Vor⸗ bereitungen zur Abreiſe. Der kleine Koffer wurde gepackt, die Pelze zum ſofortigen Gebrauche zurecht gelegt und dann zog ſie ſelbſt ein einfaches, warmes Kleid an, wel⸗ ches ſie ſchon vorher zu dieſem Zwecke ausgeſucht hatte. Es war Alles beendet, Alles fertig, und doch fehlten noch zwei volle Stunden, bis das Licht drüben am Fen⸗ ſter erſcheinen konnte. Zum erſten Male hatte ſie ihre Diamanten, ſo weit ſie noch nicht verkauft waren, mit — — 235 einer gewiſſen Aengſtlichkeit betrachtet und eingepackt, weil ſie in ihnen die Mittel zur ungehinderten Reiſe erkannte. Winde einen einfachen Kranz von jener Mhrthe, ſagte ſie dann leiſe und erröthend zu Lucie— der Myrthenkranz darf mir nicht fehlen— es wäre eine üble Vorbedeutung. Während Lucie ihrem Wunſche entſprach, ruhten ihre Augen in tiefem Schweigen auf der zierlichen Arbeit, die in kurzer Zeit vollendet war. Laſſen Sie mich Ihnen den Kranz einmal aufſetzen, ſagte Lucie, wir müſſen doch ſehen, ob er paßt. Wie du thöricht biſt, erwiederte ſie verſchämt, indem ſie ſich vor dem Spiegel niederſetzte. Ah, er kleidet Sie allerliebſt— denn je ein⸗ facher der Schmuck iſt, den Sie tragen, um ſo ſchöner ſind Sie. Packe ihn ſorgfältig ein, daß er nicht verdirbt, und dann geh' hinaus, ſieh' zu, ob Alles ſtill und ruhig iſt; ſage den anderen Dienſtboten, daß ich nicht wohl ſei, daß du die Nacht in meinem Zimmer ſchlafen müßteſt und daß wir in keinem Falle vor Mittag geſtört werden dürften. Sie war wieder allein und trat unruhig an das Fenſter, um nach dem dunkeln, alten Schloſſe hinüber zu 236 blicken.— Da kehrte Lucie haſtig und mit angſterfüllter Miene zurück. Der Fürſt, ſtammelte ſie, der Fürſt iſt draußen und verlangt, Sie zu ſprechen, er ließe ſich in keinem Fall abweiſen! Der Fürſt— rief Hedwig mit einem verächtlichen Kräuſeln ihrer Lippen— nicht abweiſen?— Sag' ihm, ich ſei bereits zur Ruhe gegangen.— Doch, fuhr ſie fort, indem der Zorn in ihren Augen ſtärker aufblitzte— es iſt vielleicht ſo beſſer! Fort mit jenen Sachen, eilig! — So, nun geh!— laß ihn eintreten! Du kommſt mit und begibſt dich in das Nebenzimmer, deſſen Thür offen bleibt. Gleich darauf trat der Fürſt ein; ſein ſonſt blaſſes Geſicht zeigte eine leichte Röthe und ſeine hervorſtehenden Augen hatten einen weniger ſtechenden, etwas verſchwim⸗ menden Blick; ſie erkannte ſofort, daß er unter dem Ein⸗ fluſſe eines reichlich genoſſenen Mahles ſtehe. Zürnen Sie mir nicht, theure Hedwig, ſagte er, raſch näher tretend und ſich bemühend, ihre Hand zu ergreifen, die ſie ihm jedoch entſchieden verweigerte— Ihr Vater ſagte mir, daß ich auch heute auf das Glück verzichten müſſe, Sie zu ſehen— es geht das über meine ſchwache Kraft— ich vermag es nicht zu ertragen. Sie haben Ihre mir gegebene Zuſage gebrochen, er⸗ . ——— ———————— wiederte ſie kalt und ernſt— ich bin dadurch der meinigen ebenfalls enthoben. O, ſo grauſam werden Sie nicht ſein, Sie werden nicht das Verlangen, Sie heute noch einmal zu ſehen, nur einmal Ihre Stimme zu hören.... Vergeſſen Sie nicht, unterbrach ſie ihn, auf die offene Thür des Nebenzimmers zeigend, daß mein Mädchen ſich dort befindet und jedes Wort hören muß! Ihr Mädchen? fragte er, indem ſeine Miene ſich ver⸗ finſterte— ſo ſchicken Sie daſſelbe fort! Könnten Sie das wirklich von mir begehren? ſagte ſie, ihn ruhig und feſt anſehend. Warum ſollte ich nicht?— es ziemt ſich nicht, daß Dienſtboten die Geſpräche ihrer Hettf haft belauſchen. Sie wird das Zimmer nicht verlaſſen! Ich weiß ſelbſt vollkommen, was ſich ziemt; wenn Sie es auch wüßten, würden Sie zu dieſer Stunde nicht ein Aſyl verletzen, das Sie mir ſelbſt in Ihrem Hauſe angewieſen haben! Er blickte ſie mit ſehr gemiſchten Empfindungen an; einen Augenblick wollten die ihm angeborene Roheit und der Zorn die Oberhand gewinnen— er mochte es ſich iedoch vergegenwärtigen, daß es dazu noch nicht an der Zeit ſei. Sie zürnen mir, ſprach er daher mit einſchmeichelnder Stimme, die ihrem Ohre noch viel widerlicher klang; Sie haben vielleicht Recht— aber Ihr Zorn wird vergehen, wenn Sie bedenken, daß nur die Sehnſucht, Sie zu ſehen, die Urſache meines Fehlers iſt. Dieſe Sehnſucht iſt jetzt geſtillt, erwiederte ſie ſpöttiſch. Ich ſoll Sie verlaſſen? Ach, wie grauſam Sie ſind! Warum? Weßhalb? Nur noch wenige Tage, unp Ich bin wirklich krank, Herr Fürſt, unterbrach ſie ihn, und es verurſacht mir Qual und Schmerz, hier ſtehen zu müſſen. Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir ge⸗ ſtatten wollten, der Ruhe zu pflegen. Wirklich krank? wiederholte er, ſie mit glühenden Blicken betrachtend— ach! Sie haben niemals ſchöner, niemals reizender zeſehen, als in dieſem Augenblicke — zürnen Sie nicht mehr— ich gehe, ich gehe ſchon. Sie ſind ſo eigenthümlich— ſelbſt Ihr Anzug iſt ſo ſonderbar— ich glaube, es iſt daſſelbe Kleid, das Sie auf der Reiſe trugen— auf jener wundervollen Reiſe, als ich zuerſt.... Ich werde auch morgen auf meinem Zimmer bleiben, wenn Sie fortfahren, Ihr mir gegebenes Wort zu brechen. Morgen?— Ach, morgen!— Nein, nein, das könnten Sie nicht, das wäre zu grauſam!— So leben Sie denn wohl, theure Hedwig— geſtatten Sie mir — ein einziges Mal, Ihre Hand zu küſſen, dann will ich gehen! Nein, ſagte ſie mit flammenden Blicken, nein, heute nichts mehr! Nun, alſo denn bis morgen— Adieu, Grauſame! — Auch dieſe Nacht wird noch vorübergehen! Ihre kleinen Hände waren frſt zuſammengeballt und der Zorn zuckte heftig um ihren Mund, als ſie ihm mit dem Ausdrucke der tiefſten Verachtung nachblickte. Daß ich das habe ertragen müſſen! ſagte ſie dann mit bebenden Lippen. Aber es iſt vorüber, ſprach ſie mit einem tiefen, erleichterten Athemzuge weiter, indem ihr Auge wieder den früheren ſehnſüchtigen und ſchwärme⸗ riſchen Ausdruck erhielt, und es iſt vielleicht gut ſo— wir werden nun ungeſtört und ganz ſicher ſein. Geh', befahl ſie dem wieder eingetretenen Mädchen, geh', verſchließe die Thür des Corridors, wir haben jetzt eine Veranlaſſung dazu, die man billigen wird.— Es war neun Uhr. Die Zeiger der Uhr rückten un⸗ endlich langſam weiter. Alles lag bereit, Alles war an⸗ geordnet und beſprochen. Lucie ſollte den Koffer tragen, Hedwig die übrigen Kleinigkeiten.— Es ſchlug drei Viertel auf Zehn. Beide zogen die Pelze an; Lucie ging nochmals leiſe horchend hinaus und Hedwig ſtand mit hochklopfendem 240 Herzen am Fenſter. Ihr Auge hing unverwandt an den dunkeln Umriſſen des durch die hohen Bäume ſchim⸗ mernden alten Schloſſes. Sie vermochte kaum zu ath⸗ men. Da ſetzte die Uhr ein und ſchlug in langſamen Schlägen die zehnte Stunde. Angſtvoll ſtrebten ihre Blicke durch die Finſterniß— kein Licht— kein Signal! Lucie, flüſterte ſie, wenn es doch mißglückt wäre, wenn— da iſt es— es iſt da! rief ſie in der höchſten Aufregung— fort, fort! Verſchließe die Thür, nimm den Schlüſſel mit— fort, vergiß nichts! Nach wenigen Augenblicken ſtanden ſie unten im Garten. Iſt Alles bereit? fragte ſie mit haſtiger Stimme. Alles, Herrin, erwiederte Petrowitſch leiſe— der Schlitten hält am Ende des Parkes, wir müſſen dahin gehen, es ließ ſich nicht anders machen! Fort, fort! Raul, mein Raoul, hier bin ich! flüſterte ſie im ſeligſten Entzücken, während ſeine Arme ſie um⸗ fingen. Hedwig, theure, geliebte Hedwig!— werde ich dir je vergelten können?— In raſender Eile flog der Schlitten davon. Petro⸗ witſch ſtand auf der Deichſel und fuhr. Lucie ſaß in dem vorderen verdeckten Coupé, Hedwig und Raoul in dem hinteren. In einer Stunde ſchon waren ſie in Nowgorod— es war eine jener Stunden, in welchen der Menſch vergißt, der Erde anzugehören— male ſie Dir ſelbſt aus, geneigte Leſerin, wir würden ſie ent⸗ weihen durch jeden Verſuch, ſie beſchreiben zu wollen. In Nowgorod hielt das Fuhrwerk in einer abge⸗ legenen öden Straße. Petrowitſch gab in ruſſiſcher Sprache einige Befehle, dann gingen ſie zu einer kleinen, matt erleuchteten Kapelle. Ein Prieſter und ſein Sa⸗ criſtan empfingen ſie, Lucie flocht den Myrthenkranz in ihre Locken— dann knieten ſie vor dem einfachen Altare, der Prieſter murmelte unverſtändliche Worte, ſteckte die Ringe an jihre Finger, legte ihre Hände zu⸗ ſammen und ſegnend ie ſeinigen auf ihre Häupter. „ Die Ceremonie war bollzogen. Petrowitſch nahm den vorher ſchon ausgefertigten Trauſchein in Verwahr, der Prieſter empfing, ſich tief bückend, eine dreifach höhere Belohnung, und ſie verließen kaum nach einer Viertel⸗ ſtunde die kleine Kapelle, deren äußere Umriſſe ſie in der Dunkelheit gar nicht einmal erkannt e Der Schlitten war mit fünf Courkérpferden be⸗ ſpannt, der Poſtillon ſtand, die Zügel haltend, auf dem Brette hinter der Deichſel. Die Neuvermählten nahmen 16 * 242 ihre Plätze im hintern Coupé ein, Petrowitſch ſetzte ſich neben Lucie— und dahin flog das leichte Fuhrwerk auf der glatten Schneebahn, hinaus in die finſtere Racht!— Möge das Glück auch fernerhin ihr treuer und ſteter Gefährte ſein!— Druck von Otto Wigand in Leipzig. 7S 8 14 SEMde