Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf.— f. 6 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſoi der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ansleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Gräſin und Marquiſe Roman in zwei Abtheilungen von Guſtav vom See. (G. von Struenſee.) Zweite Abtheilung. Ol und Vef. Zweiter Theil. Breslau, W Verlag von Ednard Trewendt. 1865. Oſt und Weſt. Des Romans„Gräfin und Marquiſe“ Zweite Abtheilung. Von Guſtav vom Hee. (G. von Struenſet.) Zweiter Theil. ——— ——— Preslan, Verlag von Eduard Trewendt. 1865. Erſtes Capitrl. Da der Graf und ſeine Tochter ſich jetzt ſchon über eine Woche in dem Hauſe des Fürſten befinden, ſo wird es nöthig ſein, den Leſer mit der Vergangenheit deſſelben und der neu aufgetretenen Perſonen bekannt zu machen. Durch den frühen Tod ſeines Vaters war der Fürſt ſehr ung in den Beſitz eines ſelbſt nach ruſſſchen Begriffen— großen Vermögens gekommen. Seine Großjährigkeit fiel in die ſchlaffſte und verderblichſte Zeit der europäiſchen Geſchichte, in welcher ſich jedoch gleichzeitig jene gewalti⸗ gen Gährungsſtoffe anſammelten, die wenige Jahre nach⸗ her die alten, ſündenverderbten Ordnungen über den Haufen ſtürzten und einen Kampf heraufbeſchworen, deſſen Zuckungen immer noch nicht beendet ſind. In Rußland herrſchte damals Katharina II. und ſtand auf dem Gipfel⸗ punkte ihrer Macht, Friedrich der Große war bereits alt und ermüdet, wenn auch niunthätig⸗ in Oeſterreich 1 2 kämpfte Joſeph I. vergebens mit jugendlichem Eifer ge⸗ gen die Macht feſtgewurzelter Vorurtheile und Standes⸗ intereſſen, und in Frankreich rechneten es ſich die adeligen Geſchlechter zur Ehre an, den Hirſchpark des entnervten Königs durch ihre Töchter zu bevölkern, während eine Straßendirne den beneideten, weit über der Königin ſtehenden Rang einer maitresse en titre einnahm. Der junge Fürſt hatte wenig Neigung zum Kriegsdienſte. Weder die Feldzüge mit der Türkei, noch die Abſchlach⸗ tungen der Polen reizten ſeinen Ehrgeiz; er ſuchte das Vergnügen, und zwar dasjenige Vergnügen, welches ſei⸗ nen zügelloſen und rohen Begierden volle Befriedigung gewährte. Nachdem er in Petersburg darin einige wenig ausreichende Vorſtudien gemacht, preßte er ſo viel bqares Geld zuſammen, als er flüſſig machen konnte, und reiſte nach Paris, wo er Alles und noch weit mehr fand, als 5 ſeine in dieſer Beziehung lebhafte Phantaſie ihm vorge⸗ ſpiegelt hatte. Paris in den letzten Regierungsjahren Ludwig's XV. — was konnte ein junger ruſſiſcher Fürſt, welcher das Geld mit vollen Händen ausſtreute, dort nicht alles er⸗ halten! Er ſtürzte ſich in den Schlamm jenes trüben Stromes, und als er nach einigen Jahren überſättigt daraus wieder empor tauchte, war er an Körper und Geiſt ein alter Mann, erſchöpfhyn den wildeſten, ekelhafteſten und gemeinſten Genüſſen. Paris hatte für ihn ſeinen Reiz verloren, denn es konnte mit all ſeinen Raffinements nichts mehr aufweiſen, was ihm neu war, was er nicht genoſſen hatte. Dazu fing es an, dort unheimlich zu werden. Von Nordamerika herüber begann es zu wetter⸗ leuchten, und die Atmoſphäre in Frankreich wurde ſo ſchwül und beängſtigend, daß ſie ihm nicht mehr zuſagtt. Er ſehnte ſich nach Ruhe, nach Einſamkeit, das Trei⸗ ben und Jagen nach neuer Luſt, die er doch nicht mehr genießen konnte, weil ihm die Empfänglichkeit und die Fähigkeit dazu fehlte, ekelte ihn an— er zog wieder heim, krank, elend und tief verſchuldet. Er ging auf ſeine Güter an der Wolga. Es war eine weite Reiſe, es war das Verſetzen aus einer Welt in eine andere, aus einem Zuſtande in einen anderen, welche beide gar keine Aehnlichkeit mit einander hatten. Dort lebte oder vege⸗ tirte er mehre Jahre krank, einſam und theilnahmlos für Alles. Seine Vermögensverhältniſſe beſſerten ſich wieder, weil er äußerſt wenig gebrauchte, und allmählich begann das Verlangen, reich zu ſein, einen gewiſſen Reiz auf ihn auszuüben. Er fing an, ſich mit der Verwaltung ſeiner Güter zu beſchäftigen, ſo weit dies nach ruſſiſchen An⸗ ſchauungen ſo genannt wird. Die Folge davon war iedoch, daß er nach weiteren drei Jahren, gerade zur Zeit, als die Revolution in x zum Ausbruch kam, die 1* 4 franzöſiſche Reiſe finanziell überwunden hatte. Die an⸗ deren Folgen dieſer mehrjährigen Vergnügungspartie lie⸗ ßen ſich jedoch nicht ſo leicht beſeitigen, er war und blieb ein kränkelnder, ſiecher Mann, den ſelbſt die lange Nach⸗ cur einer ſpäteren Zeit niemals wieder herzuſtellen ver⸗ mochte. Dennoch hatte er jetzt auch Einſamkeit genug genoſ⸗ ſen; er zog zum nächſten Winter nach Petersburg, ließ ſich bei Hofe vorſtellen und verheirathete ſich mit einem jungen und ſchönen Mädchen, deren üppige Formen, glänzende Augen und kleine Hände auf ſeine Sinne ein⸗ gewirkt hatten. Er beſaß eine große Vorliebe für kleine Hände und ſchwarze Haare, und ſeine junge Frau befand ſich im Beſitze von beiden. Schwarze, ſchöne Haare ſind bei den ruſſiſchen Frauen eine Seltenheit, kleine Hände dagegen weniger; die junge Fürſtin beſaß jedoch außer dieſen beiden noch manches Andere. Dazu gehörte auch ein leichtſinniger, ſinnlicher Charakter und ein empfäng⸗ liches Herz. Der Fürſt hatte das arme Mädchen, die Tochter eines im türkiſchen Feldzuge gebliebenen Generals, eigentlich nur zu ſeiner Pflege geheirathet und ihre Mut⸗ ter, eine eingebildete Frau, mit in den Kauf genommen. Er ſah ſich aber in ſeinen Erwartungen ſehr bald voll⸗ ſtändig getäuſcht. Seine junge Frau, eine glänzende Er⸗ ſcheinung, wurde von ihzjcen Empfindungen beſeelt, 5 wie er, als er ſeine pariſer Reiſe antrat, wenn auch viel⸗ leicht in anderer Weiſe. Sie liebte das Vergnügen, ließ ſich den Hof machen, wollte überall ſein, wo es dazu Ge⸗ legenheit gab, und empfand die tödtlichſte Langeweile in dem Umgange ihres dieſen Dingen durchaus abgeneigten Gatten. Es gab bald ſehr heftige häusliche Scenen, und da der Fürſt erkannte, daß derartige Aufregungen ſeiner ohnehin ſchwankenden Geſundheit ſchädlich ſeien, ließ er den Reiſewagen packen und zog mit ſeiner Frau auf ſeine Güter in der Nähe von Nowgorod. Eine Zeit lang lebten ſie dort leidlich mit einander; der Fürſt hatte es durchgeſetzt, daß die ihm verhaßte Schwiegermutter in Petersburg bleiben mußte. Bald fanden ſich jedoch auch dort für die junge Frau Gelegen⸗ heiten, ſich das langweilige Leben zu verſüßen. Die Of⸗ fiziere eines in der Nähe liegenden Cavallerie⸗Regiments wurden die fleißigen Beſucher auf dem Schloſſe, und als der Fürſt ſeine Frau eines Tages mit einem derſelben in einem tete⸗dtete überraſchte, welches über die Untreue derſelben keinen Zweifel aufkommen ließ, ſchickte er ſie zu ihrer Mutter zurück, ſetzte ihr ein mäßiges Jahrgehalt aus und ſah ſie niemals wieder. Alle Verſuche, ihn zu einer Aenderung ſeiner Geſinnung zu bewegen, blieben vergebens; er nahm keinen Brief von ihr oder von ihrer Mutter an, und Niemand durfte ihren Namen nennen bei Strafe ſofortiger Entlaſſung. Der Menſch iſt immer am unduldſamſten, wenn er ſeine eigenen Fehler bei nderen wiederfindet; dazu hatte der Fürſt ſeine Frau niemals wirklich geliebt, ſondern in ihr nur eine angenehmé ju⸗ gendliche Pflegerin geſucht, und wurde, jetzt ſo gründlich enttäuſcht, nur noch verbitterter und verſchloſſener. Mehre Jahre lebte er wieder einſam und von Allen gemieden. Er wurde täglich hypochondriſcher und unleid⸗ licher, und Niemand trug das geringſte Verlangen, ihn in dieſer Beſchäftigung zu ſtören. Seine Paläſte in Moskau und Petersburg ſtanden leer, er wurde ungeachtet der barbariſchen Strenge, mit welcher er gegen ſeine Leib⸗ eigenen, Beamten und Verwalter verfuhr, überall gründ⸗ lich betrogen, wie dies in Rußland in allen Verhältniſſen unvermeidlich war, noch iſt und auch noch lange bleiben wird, und war daher im wahrhaften Sinne ein unglück⸗ licher, todmüder Mann, der ſich nach dem Ende wie nach der Erlöſung ſehnte und doch, vermöge der Schwäche der menſchlichen Natur, vor dieſem Ende eine unbezwingliche Furcht empfand. Inzwiſchen hatten ſich die politiſchen Verhältniſſe weſentlich geändert. Das Meteor Napoleon ſtieg empor und warf ſein ſtrahlendes Licht weithin über die Gränzen Frankreichs. Der längſt abgeſtorbene und in Fäulniß übergegangene Körper des deutſchen Reiches ſchloß vor H demſelben ſeine erblindeten Augen und ging endlich zu aber die legitimen Herrſcher Europa's begannen dieſen Emporkömmling zu fürchten und zu haſſen, der die Revolution nur deßhalb gebändigt zu haben ſchien, um ſie in einer anderen Form, unter der Fahne der Gloire, über ganz Europa zu verbreiten und ihnen die mot⸗ tig geword Herrſchermäntel von den Schultern zu reißen. Von dem ruſſiſchen Kaiſermantel konnte man nicht behaupten, daß er den Motten verfallen ſei, er war im Gegentheil noch ziemlich neu, wenn auch vielleicht etwas unmodern mit nordiſchem Pelzwerk verbrämt. Der ruſſiſche Stolz und die ruſſiſche Anmaßung fand ſich durch die Erfolge des franzöſiſchen Parvenu's verletzt, und man beſchloß, denſelben ein Ziel zu ſetzen. In Ge⸗ meinſchaft mit Oeſterreich ſchien dies unzweifelhaft. Die Schwerfälligkeit der ruſſiſchen Heeres⸗Organiſation ließ die Armee erſt auf dem Kriegsſchauplatze erſcheinen, nach⸗ dem die Oeſterreicher gründlich geſchlagen waren und Napoleon in Wien ſtand. Dann kam der Tag von Au⸗ ſterlitz, die Dreikaiſerſchlacht, in welcher der jüngſte ſeine peiden älteren lieben Brüder ſo vollſtändig beſiegte, daß ſie zu einem für Oeſterreich ſehr ungünſtigen Frieden ge⸗ nöthigt wurden. Aber in Rußland lebte der Haß gegen Frankreich fort, welcher ſich erſt nach einem zweiten, eben — ſo unglücklichen Verſuche, dem Preußen zum Opfer fiel, in Freundſchaft verwandelte. 6 Als der Fürſt ſein Aſyl im Innern Rußlands ver⸗ ließ und für den Winter wieder nach Petersburg zog, war die Schlacht von Auſterlitz vor wenig Wochen ſchlagen worden. In der Hauptſtadt herrſchte Beſtürzung und Trauer, Beſtürzung darüber, daß man hatte beſiegt werden können, und Trauer über den Tod ſo Vieler, welche wenige Monate vorher mit der Gewißheit des Sieges in den Kampf gezogen waren. Unter den Trauern⸗ den befand ſich die junge Witwe eines Oberſten, den das Geſchick ebenfalls in der Dreikaiſerſchlacht ereilt hatte. Sie ſtand damals in den letzten Jahren der Zwanziger und war eine hübſche, wenn auch nicht gerade ſchöne Frau. Hoch, ſchlank und voll gewachſen, hatte ſie ſich ein jugendliches Anſehen bewahrt, wie dies bei den ruſſiſchen Frauen in dieſem Alter durchaus nicht zu den Selten⸗ heiten gehört. Ihr Teint war von untadelhafter Weiße und Reinheit, und ihre dunkeln Augen nahmen bei nähe⸗ rer Betrachtung bald für ſie ein, da ſich ein kluger und gewandter Geiſt in ihnen abſpiegelte. Der Tod ihres Mannes hatte ſie in eine ſehr dürftige Lage gebracht; ſie beſaß weder Vermögen noch Verwandte, außer einem ſiebenzehnjährigen Bruder, Fähnrich bei der Garde, der ebenfalls in der Schlacht von Auſterlitz mit⸗ gekämpft, aber unverſehrt geblieben war. In ihrer Be⸗ drängniß wandte ſie ſich mit einem Unterſtützungsgeſuche an den Miniſter, der jedoch nicht Zeit hatte, ſie zu ſpre⸗ chen, ſondern dergleichen Geſchäfte von einem Unter⸗ beamten beſorgen ließ. Dieſer verfuhr damit ſehr curſo⸗ riſch, da bei denſelben vorausſichtlich kein Gewinn zu machen war. Der Anblick und die Unterhaltung mit der jungen, klugen und verſtändigen Frau brachte ihn in die⸗ ſem Falle jedoch auf andere Gedanken, indem er ſich ſagte, daß doch vielleicht mit ihr ein Geſchäft zu machen ſei. Aus Staatsfonds können Sie nichts erhalten, be⸗ nerkte er kurz; die Kaſſen ſind erſchöpft, der Krieg hat unglaublich viel gekoſtet und es werden noch viele Millio⸗ nen nöthig ſein, um die Verluſte zu decken und die Armee wieder herzuſtellen— Sie müſſen ſich auf andere Weiſe zu helfen ſuchen. Auf andere Weiſe? erwiederte die Witwe mit einem troſtloſen Aufſchlag ihrer thränenfeuchten Augen— ach, Ew. Excellenz wiſſen nicht, wie unmöglich das für eine allein ſtehende Frau in der jetzigen Zeit iſt! Ich weiß das wohl, Frau Oberſtin— aber vielleicht könnte ich Ihnen dabei behülflich werden. Ich würde Ihnen ewig dankbar ſein. Leider kann dies nicht ohne Anwendung von Koſten geſchehen; würden Sie im Stande ſein, dieſe zu tragen? 10 Ich beſitze nichts— alle meine werthvollen Gegen⸗ ſtände ſind ſchon verkauft. Sie können aber dieſe Koſten ſpäter erſtatten, wenn ich Sie in eine Lage verſetze, wo Ihnen dies ohne Be⸗ ſchwerde möglich ſein wird. Ich würde zu jedem Opfer bereit ſein, erwiederte die kluge Frau, die jetzt erkannte, daß ihr Gönner wirklich Abſichten mit ihr habe. Ein alter Bekannter von mir ſucht eine Dame von guter Familie und in einem gereifteren Alter, ſetzte er lächelnd hinzu, die ſeinem Hausweſen vorſtehen kann. Er iſt Fürſt und ſehr reich— aber kränklich, abgelebt, launiſch und heftig. Würden Sie ſich um dieſe Stelle bewerben wollen? Ew. Exeellenz ſchildern mir den Herrn Fürſten nicht in einem vortheilhaften Lichte— indeſſen, ich haht keine Wahl. Sie kennen ihn vielleicht, es iſt der Fürſt Boridow. Ich habe nicht die Ehre. Run, das iſt am Ende auch gleichgültig, da Sie Ge⸗ legenheit haben werden, ihn kennen zu lernen, und die Stellung zu jeder Zeit wieder aufgeben können, wenn ſie Ihnen nicht zuſagt. Um ſie aber zu erlangen, iſt es nöthig, bei den vielen Bewerbern, den Hausmeiſter des Fürſten, der großen Einfluß bei ihm beſitzt, zu gewinnen. 11 NWit achthundert Rubeln würde dies wahrſcheinlich zu er⸗ möglichen ſein. Da Sie mein Intereſſe einmal erweckt haben, ſo bin ich bereit, dieſe Summe für Sie auszu⸗ legen, wenn Sie mir dieſelbe ſpäter erſtatten wollen. Sie überhäufen mich mit Güte, Excellenz; ich werde meine Schuld ſo bald als möglich abtragen! So kommen Sie übermorgen wieder zu mir, um das Weitere zu erfahren. Die verwitwete Oberſtin Sabowska verließ erfreut den uneigennützigen Beamten, da ſie die Ueberzeugung hatte, daß er jetzt ſeinen ganzen Einfluß aufbieten werde, um ihr dieſe einträgliche Stelle zu verſchaffen. Während der ihr geſtellten Friſt zog ſie Erkundigungen über den Fürſten ein, um danach ihr Benehmen zu regeln. Was ſie erfuhr, war allerdings nicht beſonders erfreulich; ſie tröſtete ſich jedoch mit der Hoffnung, bald einen entſchie⸗ denen Einfluß zu erlangen, und knüpfte daran Betrach⸗ tungen mancherlei Art, in welchen der große Reichthum des Fürſten und ſeine Kränklichkeit, vielleicht ſein baldiger Tod, bunt durch einander liefen. Die Excellenz war ein Jugendbekannter des Fürſten, gehörte zu den Wenigen, mit denen er verkehrts. Es hielt nicht ſchwer, ihn zu bewegen, mit der Oberſtin einen Verſuch zu machen, da der Fürſt eines weiblichen Weſens zur Beaufſichtigung ſeines Hauſes bedurfte und die S ——— 12. Oberſtin ihm als eine kluge, erfahrene, ſanfte und brave Frau geſchildert wurde, welche ſchon aus Dankbarkeit allen Anforderungen zu entſprechen bemüht ſein werde. Ah, gehen Sie mir mit der Dankbarkeit der Menſchen, ſagte hohnlachend der Fürſt— ich werde ſie ordentlich bezahlen, darauf kommt es allein an, und werde ſie wieder 9 fortſchicken, wenn ſie mir nicht gefällt! 1 Sie wollen es alſo mit ihr verſuchen? 2— Ihre Empfehlung iſt mir zwar eine hinlängliche Bürgſchaft, dennoch will ich ſie erſt ſehen. Eine Perſon, welche man genöthigt iſt, täglich um ſich zu haben, muß uns gefallen, mag ſie ſonſt ſein, wie ſie will. Das verſteht ſich von ſelbſt; ich werde ſie Ihnen alſo herſchicken. Wann wünſchen Sie? Wann Sie wollen, ich bin immer zu Hauſe. Wie alt ſagten Sie, daß ſie ſei? 3 Achtundzwanzig bis dreißig Jahre; ſie ſieht jedoch jünger aus. Ich hoffe, daß ſie keinen Anſpruch mehr auf Schön⸗. heit macht und den verliebten Ideen entſagt hat, ſonſt paßt ſie nicht für mich. Ihr Ruf iſt unbefleckt; ſie hat mit ihrem verſtorbenen Manne in der muſterhafteſten Ehe gelebt. 3 Und hat gar keine Verwandte— nicht etwa eine Mutter?. Güte. Keine Mutter; nur einen Bruder von ſiebenzehn Jahren, der als Fähnrich bei der Armee ſteht. Sonſt Niemanden? Niemanden. Nun, ſo ſchicken Sie ſie her; ich werde mich entſchei⸗ den, nachdem ich ſie geſehen und geſprochen habe. Ich will eine einfache, anſpruchsloſe Frau. Das iſt ſie. Der Fürſt wird Sie engagiren, ſagte der Beamte am anderen Tage zu der Oberſtin, gehen Sie heute noch zu ihm— benehmen Sie ſich verſtändig und klug, woran ich nicht zweifle, ſo werden Sie aller Sorgen ent⸗ hoben ſein. Ew. Excellenz überhäufen mich mit unverdienter Ich hoffe, Sie nach einiger Zeit wiederzuſehen, um von Ihnen zu erfahren, daß es Ihnen gut gehe. Es wird mich unendlich glücklich machen, Ihnen meine Dankbarkeit beweiſen zu können. Nun, wir werden ja ſehen, erwiederte beziehungsvoll der Beamte; gehen Sie jetzt, Frau Oberſtin, ich bin ſehr beſchäftigt, ich hoffe Sie bald in Ihrer neuen Stellung bei meinem alten Freunde begrüßen zu können. Es war am Nachmittage und die Dunkelheit der langen Winternacht bereits eingetreten, als dem Fürſten viſſen Ungeduld entgegengeſehen, denn die endliche 2 ührung des lange erwogenen Planes, wieder eine Frau in ſein Haus zu nehmen, regte ihn auf, und das Warten und Erwarten hatte keineswegs vortheilhaft auf ſeine ohnehin verdrießliche Stimmung eingewirkt. Die Oberſtin erſchien in einem ſehr einfachen Anzuge und in der tiefſten Trauer; er erwiederte ihre Verbeugung kaum ſichtbar und ließ ſie eine Zeit lang an der Thür des Zimmers ſtehen, während ſeine Augen forſchend und rückſichtslos auf ihr ruhten. Der Herr Fürſt haben befohlen, mich zu ſprechen, ſagte ſie mit leiſer Stimme. Befohlen? wiederholte der Fürſt— meinetwegen, wie Sie es nennen wollen. Sie wünſchen in meine Dienſte zu treten? Wenn ich die erforderlichen Eigenſchaften beſitze— worüber ich mir ſelbſt kein Urtheil anmaße, ſo würde ich bereit ſein.... Nun, das verſteht ſich von ſelbſt, unterbrach er ſie, deßhalb ſind ie hier; wir wollen uns darüber verſtän⸗ digen— Setzen Sie ſich. Sie nahm Platz, ohne daß er von ſeinem Sitze aufſtand oder ihr einen Stuhl anbot, und ſaß wieder 15 eine Zeit lang ſchweigend, ſeine weitere Mittheilung er⸗ wartend. 8 Sie ſind Witwe? fragte er dann. Mein Mann iſt in der Schlacht von Auſterlitz ge blieben. Sie werden aber bei mir ſogleich die Trauer ablegen — ich liebe die ſchwarzen Kleider nicht. Wenn es der Herr Fürſt wünſchen, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, ſo werde ich das thun, denn die Trauer des Herzens iſt unabhängig von der äußeren Kleidung. Ich will aber auch keine traurige und betrübte Per⸗ ſon um mich haben; ich bedarf der Erheiterung, wenig⸗ ſtens wenn es mir darum zu thun iſt, danach hätten Sie ſich zu richten. Ich werde bemüht ſein, den Fürſten zu entſprechen. Sie haben keine Familie, keine Verwandte, keine Mutter? Von meinen Verwandten lebt nur mein Bruder, welcher.... Ich weiß— darüber würde ich hinwegſehen. Ge⸗ trauen Sie ſich, einem größeren Hausweſen vorzuſtehen? Mein ſeliger Mann befand ſich längere Zeit in der Lage, ein vielbeſuchtes Haus machen zu können. Sprechen Sie Franzöſiſch? Bünſchen des Herrn 3 16 Ich glaube, es fertig zu ſprechen. So ſetzen wir unſere Unterhaltung in dieſer Sprache fort. Beſitzen Sie Vermögen? Nein, Herr Fürſt. Hat Ihnen Ihr Mann gar nichts hinterlaſſen? Er lebte nur von ſeinem Gehalt. Sagen Sie immerhin, von ſeinem Einkommen, denn das Gehalt eines Oberſten kommt wenig in Betracht. Wie Sie es nennen wollen. Er hätte davon zurücklegen können, aber dieſe Leute leben nur in der Gegenwart. Doch mir iſt das ſo ganz recht.— Ich bin ein kranker Mann, fuhr er fort, indem er ſein Geſicht unangenehm verzog, und bedarf einer vor⸗ ſichtigen, äußerſt rückſichtsvollen Behandlung, namentlich hinſichtlich der Speiſen und auch in vielen anderen Din⸗ gen. Es geht in meinem Hauſe keineswegs luſtig und verſchwenderiſch zu— ich werde vernachläſſigt und überall betrogen; dieſem Zuſtande wünſchte ich wenigſtens einiger⸗ maßen abgeholfen zu haben— halten Sie ſich dazu für befähigt? Ueber meine Fähigkeiten maße ich mir kein Urtheil an und kann nur verſichern, daß ich dazu den beſten Willen beſitze. Sie ſollen meinem Hausweſen vorſtehen, Sie ſollen daſſelbe leiten, die Dienerſchaft beaufſichtigen und con⸗ ———— 1 troliren und mich ſelbſt von der Beſorgung jener klein⸗ lichen und unleidlichen Dinge befreien, die mich aufreiben und krank machen— werden Sie das können? Ich hoffe es. So wollen wir denn den Verſuch machen, ſagte der Fürſt nach längerer Ueberlegung, den Verſuch— vor⸗ läufig auf ein Vierteljahr, wir werden dann ſehen, wie er ausfällt. Es entſpricht dies ebenfalls ganz meiner Auffaſſung. Das iſt mir lieb. Ich gebe Ihnen tauſend Rubel jährlich und ganz freie Station natürlich. Sind Sie damit zufrieden? Vollkommen, Herr Fürſt. Dagegen erwarte ich aber auch, daß Sie ſich vollſtän⸗ dig damit begnügen und dieſes Ihnen reichlich ausgeſetzte Einkommen nicht auf andere Weiſe zu vermehren bemüht ſind, wozu Sie allerdings vielfach Gelegenheit haben wer⸗ den. Jeder derartige Verſuch würde ſofort das Aufhören unſeres Uebereinkommens zur Folge haben. Die Oberſtin hatte, während dieſe verletzenden Worte geſprochen wurden, Worte, welche nach ruſſiſcher An⸗ ſchauung an ſich ſehr natürlich waren, den Fürſten mit ruhigem Blicke angeſehen, dann ſtand ſie auf und ſagte mit feſter Stimme: So ſehr mich meine traurige Lage auch nöthigt, ein paſſendes Unterkommen zu ſuchen, und I. I 2 18 ſo ſehr das mir Angebotene meinen Wünſchen entſprechen würde, indem es meine Erwartungen weit übertrifft, ſo bedauere ich doch, es unter den obwaltenden Verhältniſſen nicht annehmen zu können! Nicht annehmen zu können? rief der Fürſt mit ſicht⸗ varem Erſtaunen— weßhalb nicht? Iſt Ihnen das Ge⸗ halt vielleicht nicht hoch genug? Ich habe bereits bemerkt, daß es meine Anſprüche übertrifft— aber Sie werden bei näherer Erwägung mir gewiß darin Recht geben, daß meine Stellung eine durch⸗ aus unhaltbare ſein muß, wenn dem Herrn Fürſten das Vertrauen zu meiner Perſon in ſolchem Grade mangllt, daß Sie derartige Vorausſetzungen auszuſprechen für nöthig erachteten! Welche Vorausſetzungen? rief der F wovon reden Sie eigentlich? Die Vorausſetzung, daß ich Sie betrügen würde, ſagte ſie ruhig. Wie wäre es mir möglich, mit dem Be⸗ wußtſein, von Ihnen in dieſer Weiſe betrachtet zu wer⸗ den, unter dem Drucke dieſes Bewußtſeins die mir ob⸗ liegenden Pflichten mit Freudigkeit zu erfüllen? Ich bin von der Größe meiner Verantwortlichkeit überzeugt, und es würde mein aufrichtigſtes und alleiniges Beſtreben ge⸗ weſen ſein, Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich wenig⸗ ſtens den redlichſte Willen beſitze, die mir obliegenden N 19 Pflichten zu erfüllen! Dies iſt aber ohne Vertrauen von Ihrer Seite nicht möglich, und da Sie von vorn herein ein ſo großes Mißtrauen gegen mich hegen, daß Sie es für nöthig gehalten haben, es auszuſprechen, ſo muß ich — ſo ſchwer es mir auch fällt— auf die angebotene Stelle verzichten! Ich weiß nicht, wovon Sie eigentlich reden, ſagte der Fürſt, dem dieſe Erwiederung ſichtlich imponirt hatte — zu Ihren Pflichten, wie Sie es nennen, gehört es auch, daß Sie meine Worte nicht auf die Goldwage legen — das paßt nicht, das ſagt mir nicht zu— ich bin ein kranker Mann und oft in einer verdrießlichen Stimmung. Sie werden das ſpäter einſehen und erkennen.— Wenn ie nichts haben, ſo beruhigen Sie ſich; hegte ich en Sie, würde ich Sie nicht nehmen, für Sie mich nicht halten.— Ich hoffe, ſind mit Erklärung zufrieden— ſetzte er mit ſichtlicher Ueberwindung hinzu. Verringern Sie das mir beſtimmte Gehalt, Herr Fürſt, erwiederte ſie mit bewegter Stimme, aber ſchenken ie mir volles Vertrauen— ohne daſſelbe iſt meine Stellung unmöglich! Piſhure uns näher kennen lernen, das wird ſich dann alles finden— wollen Sie morgen eintreten? Ich will es, erwiedertt ſie nach kurzem Bedenken, 20 und ich hoffe, Sie ſollen Ihre Güte gegen mich nicht be⸗ reuen. Das wird ſich finden, wird ſich finden, wiederholte er — alſo bis morgen! % weites Capitel. Die Oberſtin trat am anderen Tage ihr neues Amt an. Ihrer Klugheit und Gewandtheit gelang es bald, daſſelbe vollſtändig zu überſehen und auszufüllen. Ihr ann hatte, wie alle ruſſiſchen Oberſten, ſei⸗ ſehr bedeutendes Einkommen gehabt, da ein B Verpflegung des Regiments beſtimm⸗ ten Gelder in ſeine Taſchen gefloſſen war, ſo daß ſeiner jetzigen Witwe ein üppiges und verſchwenderiſches Leben durchaus nichts Ungewohntes war. Ihre in dieſer Hin⸗ ſicht erworbenen Erfahrungen kamen ihr jetzt ſehr zu Statten, und ſie konnte den Haushalt des Fürſten in einer Weiſe regeln, daß er an Annehmlichkeiten und Luxus gewann, ohne daß die Ausgaben ſich vermehrten. Sie beaufſichtigte Alles, ſah überall ſelbſt nach, hielt einen Jeden unter möglichſt ſtrenger Controle und war zugleich S 22 klug genug, dasjenige nicht zu ſehen, was in Rußland ein für alle Male nicht geſehen werden muß. Nit dieſem Theile ihrer Stellung fand ſie ſich bald ab Schwieriger war dagegen die Behandlung des Für⸗ ſten ſelbſt, welche, wie ſie von Anfang an ſehr richtig er⸗ kannte, die Hauptſache blieb. Sie ging in dieſer Hinſicht ſehr vorſichtig und allmählich weiter, indem ſie ſich ſagte, daß jede plötzliche Aenderung der gewohnten Zuſtände, jede Uebereilung nachtheilig ſein müſſe. Ihre erſte Sorge beſtand darin, jede kleinliche Wirthſchafts⸗Angelegenheit, über welche er, wie alle derartigen Menſchen, am leich⸗ teſten in Zorn und Aerger gerieth, von ihm fern zu hal⸗ ten. Es wickelte ſich Alles leicht, pünktlich und ganz nach ſeinen Wünſchen ab, faſt zu ſehr, denn er entbehrte örm⸗ lich der damit verbundenen kleinen Aufn ihm ebenfalls bereits zur Gewohnheit ge aren. Indeſſen empfand er doch das Wohlthuende und Ange⸗ nehme dieſer Veränderung und fing an, die ruhige und geräuſchloſe Wirkſamkeit der Oberſtin anzuerkennen. Sie erſchien nur, wenn er es wünſchte, aber ſi te auch niemals, ſobald er nach ihr verlangte. Es war Alles anders wie ſonſt, niemals mangelte etn; ſeinen kleinſten Bedürfniſſen, ſeinen, wenn auch nur beiläufig zeigte ſich dies in den unbedeutendſten Kleinigkeiten. Sie ausgeſprochenen Wünſchen wurde Rechnung getragen, es bereitete des Morgens ſelbſt ſeinen Thee, ſobald ſie er⸗ fahren, daß er aufgeſtanden und im Begriffe war, ſein Zimmer zu verlaſſen. Wenn er kam, war Alles ſo eben erſt fertig, ſie ſelbſt aber wieder verſchwunden, weil ſie wußte, daß es ſeine Gewohnheit war, allein und ungtſtört zu frühſtücken und dabei die Zeitungen zu leſen. Eines Morgens beeilte er ſich, um ſie noch zu finden. Bleiben Sie, ſagte er dann, es iſt mir angenehmer, in Ihrer Geſellſchaft zu frühſtücken; Sie könnten mir die Zeitungen vorleſen, es greift meine Augen an. Sie blieb, las vor, und von jenem Tage an früh⸗ ſtückten ſie gemeinſchaftlich— es wäre ihm eine große Entbehrung geweſen, fortan wieder des Morgens allein zu ſein. Die größte Sorgfalt verwandte ſie auf die Zubereitung der Speiſen. Es war dies durchaus keine leichte Aufgabe. Seine verwöhnte Zunge verſchmähte eine einfache und natürliche Koſt, und ſeine zerrüttete Verdauung ſtrafte ſtets den Genuß pikanter, gewürzreicher und reizender Ge⸗ richte. Es war ſomit der Kochkunſt die ſchwierige Arbeit gegeben, hier die richtige Mitte zu halten, und die Oberſtin bot Alles auf, um das Mögliche zu leiſten. Dem Fürſten ſchmeckte ſein Diner beſſer, ohne daß er wie ſonſt unan⸗ genehm daran erinnert wurde, und wenn ſich zuweilen 24 dennoch einige unausbleibliche nachtheilige Folgen zeigten, ſo wußte die Oberſtin ihn durch eine angenehme und hei⸗ tere Unterhaltung darüber hinwegzubringen. Die ärztliche Weisheit hatte dem Fürſten, welcher gern nach Tiſch ſchlief, dies zwar erlaubt, aber die Zeit dazu genau auf eine Viertelſtunde feſtgeſetzt. Petrowitſch ſtand mit der Uhr in der Hand vor dem Schlafenden und hatte den Befehl, ihn ſchonungslos nach einer Viertelſtunbe zu wecken, den er natürlich auch ſtreng be⸗ folgte. Bald übernahm die Oberſtin dieſes Amt und ver⸗ längerte, den Fürſten täuſchend, auf eigene Gefahr die Zeit des Schlafes, was er wohlthuend empfand. Zuerſt weckte ſie ihn auf dieſelbe Weiſe, wie ſein bisheriger Wächter, dann berührte ſie ihn leiſe, ſtrich mit ihrer klei⸗ nen Hand über ſeinen Kopf, und er blickte jedes Mal in ihre beſorgten und freundlichen Augen, wenn er die ſei⸗ nigen aufſchlug. Er fand auch dieſe Veränderung ange⸗ nehm. Noch ſpäter weckte ſie ihn durch einen leiſen Kuß auf die Stirn, was ihm noch mehr gefiel, ſo daß er die Augen, auch wenn er erwacht war, nicht mehr früher auf⸗ ſchlug, bis dieſes Erweckungsmittel zur Anwendung ge⸗ bracht war. In der hingebenden Stimmung, welche ein kurzer, ſtärkender Nachmittagsſchlaf erzeugt, legte er dann — wieder ſpäter— ſeinen Arm um ihre Taille und blickte dankbar ſo lange zu ihr auf, bis ſie ſich zu glei⸗ chem Zwecke nochmals zu ihm herabbeugte. Wir wollen den Fortgang dieſes Verhältniſſes zwi⸗ ſchen einer klugen, ſich ihrer Abſichten vollſtändig bewuß⸗ ten, noch jugendlichen Frau und einem zwar kranken und überſättigten, aber keineswegs in ſeinen Leidenſchaften und Begierden ganz abgeſtorbenen Manne nicht weiter ausführen. Die Erinnerungen an ſeine pariſer Vergnü⸗ gungsreiſe begannen ſich bei ihm wieder zu beleben, und ſie war klug genug, ihn daran nur in ſo weit zu hindern, als es die Verhältniſſe und ſein Geſundheitszuſtand nö⸗ thig machten. Nach einem Jahre war ſie ihm vollſtändig unentbehr⸗ lich geworden, ſo unentbehrlich, daß, wenn er auch zu⸗ weilen den zwar ſanften, aber doch fühlbaren Druck ihrer Herrſchaft abzuſchütteln bemüht war, er doch die Unmög⸗ lichkeit einer ſolch energiſchen That ſogleich wieder einzu⸗ ſehen begann. Schon nach einem halben Jahre hatte ſie ihren Ver⸗ pflichtungen gegen den uneigennützigen Beamten genügt, dem ſie dieſe einflußreiche Stellung verdankte, und zwar nicht etwa durch Veruntreuung, ſondern lediglich durch Geſchenke, welche ihr der Fürſt gemacht hatte, ohne daß ſie ihn darum gebeten, die ſie ſogar faſt immer nur erſt ſeinen Bitten nachgebend angenommen hatte. Es machte 26 ihm Vergnügen, ſie zu beſchenken, er hatte ja ſo viel überflüſſiges Geld, und ſie war ſtets ſo erfreut, ſo über⸗ raſcht, ſo dankbar, und ihre Weigerung eine ſo ange⸗ nehme, anregende Unterhaltung. Niemals begehrte ſie etwas von ihm, und was er gab, war ſtets zu viel, zu gut, zu ſchön für ſie, aber das Folgende mußte natürlich das Vorhergegangene an Werth übertreffen, ſchon um ihre neberraſchung und ihre Dankbarkeit zu ſteigern, welche für ihn dabei die Hauptſache bildeten. So lebten ſie mehre Jahre fort, bald in Peters⸗ burg, bald in Moskau, bald auf ſeinen Gütern. Sie war ihm völlig unentbehrlich geworden, er hätte ſich ohne ſie nicht mehr denken können— aber er ſah in ihr doch nur ein nothwendiges Nittel zu ſeinem Wohlergehen. Er ſagte ſich, daß er ſich den Beſitz deſſelben durch ſein Geld verſchafft habe, und war bei ſeinem egoiſtiſchen und mißtrauiſchen Charakter keinen Augenblick darüber in Zweifel, daß er ohne Reichthum niemals zu demſelben gelangt ſein würde. Er duldete Manches, ließ ſich Vieles gefallen, weil ihm dies weniger unangenehm war, als das Entbehren des damit verbundenen Angenehmen; aber weiter erſtreckte ſich ſeine Neigung durchaus nicht. Das matte nochmalige Aufflackern eines dem Verlöſchen nahe geweſenen ſinnlichen Verlangens hatte ſich wieder beruhigt und trat nur noch in längeren Pauſen hervor. 27 6 85 So lebten beide mit einander weiter, ohne jede innere Herzensneigung, Jeder bemüht, den Anderen ſo weit auszubeuten, als es ſein eigener Vortbeil erforderte, der vor Allem die ungeſtörte und möglichſt ungetrübte Fort⸗ ſetzung ihres Verhältniſſes zur Bedingung machte. Beide glichen zwei klugen und erfahrenen Verbündeten, die zwar einen gemeinſamen Zweck verfolgen, bei dem jedoch der eigene Nutzen und der eigene Vortheil die Hauptſache bleiben. Die Oberſtin, den baldigen Tod des Fürſten als Gewißheit annehmend, da er unaufhörlich davon ſprach, während ſie ihm ſtets das Gegentheil verſicherte, zog den Fall dieſes Todes in die ernſteſte Erwägung. Der Fürſt hatte keine Verwandten und war unermeßlich reich. Seine Frau, bis zur unterſten Stufe der Verkommenheit herab⸗ geſunken, war geſtorben— warum ſollte ſie ihn nicht beerben? Wer in der Welt hatte mehr Anſprüche darauf? So vorſichtig ſie jedoch in dieſer Weiſe auch zu Werke ging und ſo conſequent ſie dann alle ihr zu Gebote ſtehenden Mittel anwandte, um den Fürſten ihren Abſich⸗ ten geneigt zu machen— er blieb in dieſer Beziehung unnahbar. Alle Verſuche, ihn zu einem Entſchluſſe, auch nur zu einem Verſprechen zu treiben, mit welchen er ſonſt keineswegs ſparſam war, blieben vergebens. Er ſprach niemals über dieſen Gegenſtand, wenn ſie auch noch ſo ———————— 28 vorſichtige Andeutungen machte, im Gegentheil, ſeine Todes⸗ und Sterbegedanken ſchienen plötzlich zu ver⸗ ſchwinden, wenn dieſer Sache auch nur im Entfernteſten Erwähnung geſchah. Eine Zeit lang trug ſie ſich mit dem Gedanken, ihn zu einer Ehe zu bewegen, gab aber dieſen Plan auf, nachdem ihr der Fürſt beſtimmt erklärt hatte, er werde nie mehr heirathen. Sie hatte ein halbes Jahr nach dem Tode ſeiner Frau nur ſehr entfernt ſich eine derartige Aeußerung er⸗ laubt, ohne jede Beziehung auf ſich ſelbſt; er aber hatte höhniſch aufgelacht und mit ſeiner unangenehmſten Stimme, die ſie jetzt kannte, erwiedert: Ich weiß, was du denkſt, Kathinka, aber ſchlage dir dieſe Albernheiten ein für alle Mal aus dem Sinne. Ich bin ein alter und kranker Mann, aber wenn ich auch ge⸗ ſund und jung wäre, ich würde doch gewiß niemals mehr eine ſolche Thorheit begehen. Die Ehe iſt nichts als eine Erfindung für das gemeine Volk, damit nicht eine wilde und regelloſe Wirthſchaft eintritt— aber vernünftige Menſchen, zum Beiſpiel wir beide, lachen darüber— wir haben uns ja auch längſt über dieſe Vorurtheile hin⸗ weggeſetzt. Sie gab dieſen Plan, wenn auch mit enttäuſchter Erwartung, auf, denn die Frauen, auch ſolche, welche ſich über die beſtehenden Verhältniſſe und Formen hinweg⸗ 29 ſetzen und ihre Neigungen allein als maßgebende Geſetze anerkennen, haben ſchließlich immer ein Verlangen, ſich zu verheirathen. Mache dir übrigens keine unnöthigen Sorgen, fuhr der Fürſt fort, der ſich mit einem gewiſſen Wohlbehagen an der nur unvollkommen verſchleierten Enttäuſchung ſeiner Gefährtin weidete, du wirſt nach meinem Tode nicht darben. Rede doch nicht von ſolchen Dingen, ſprach ſie in er⸗ regtem Tone; du biſt jetzt viel wohler und geſunder, als ſonſt, und wirſt noch lange, recht lange leben. Es iſt mein heißeſter, ſehnlichſter Wunſch, vor dir zu ſterben— denn was ſollte mir ein Leben ohne dich? Was es dir ſollte?— Ich will darüber, weil du es ſo haben willſt, nicht weiter ſprechen, obgleich du mich nicht für ſo kindiſch halten wirſt, dergleichen Redensarten Glauben zu ſchenken. Weßhalb wollen wir in dieſer Be⸗ ziehung mit einander Komödie ſpielen? Du wirſt nach meinem Tode anſtändig und auskömmlich zu leben haben und leicht Gelegenheit finden, dir einen paſſenden Mann zu ſuchen. Du willſt mich jetzt abſichtlich kränken und beleidi⸗ gen— aber wenn du noch einen Funken von Zuneigung für mich übrig haſt, ſo ſprich nicht mehr von deinem Tode. ——— Warum ſoll ich denn nicht von einem Ereigniſſe re⸗ den, das nahe bevorſteht? Wenn du es durchaus thun willſt, ſo muß ich es mir gefallen laſſen; hätteſt du Vertrauen zu mir, fuhr ſie, ſichtlich mit einem Entſchluſſe kämpfend, fort, ſo würdeſt du nicht von deinem Tode, aber von dem Verbleiben dei⸗ nes Vermögens nach demſelben mit mir reden. Du haſt aber die thörichte und für mich verletzende Vorausſetzung, daß ich darauf ſpeculirte— ich will es einmal gerade heraus ſagen—, und deßhalb ſprichſt du nicht mit mir darüber, mit mir, deiner einzigen Vertrauten, deiner beſten und wahren Freundin! Der Fürſt ſah ſie eine Zeit lang mißtrauiſch und überlegend an und ſchien unſchläſſig, was er thun ſolle. Du magſt Recht haben, ſagte er dann langſam, und es wird vielleicht am beſten ſein, wir ſprechen einmal über dieſen Punkt. Ich würde wenigſtens zu der Ueberzeugung gelangen, daß ich dir nicht ganz gleichgültig geworden bin. Wie kannſt du ſo etwas glauben? Ich werde dir und auch deinem Bruder, der ein braver, wenn auch etwas unleidlicher Burſche iſt, ein bedeutendes Legat ausſetzen — ſprach er weiter, ohne ſie dabei anzuſehen, während ihre Augen mit großer Spannung auf ihm ruhten— mein Vermögen aber.. L 31 Willſt du zu wohlthätigen Zwecken verwenden? fragte ſie, als er eine Pauſe machte. Ah— dummes Zeug— halte mich nicht für einen Narren— nein, mein Vermögen ſoll in meiner Familie bleiben! In deiner Familie? fragte ſie erſchreckend— haſt du noch Verwandte? Ja, mein Kind, erwiederte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln, ich habe noch Verwandte, wenn auch nicht ganz nahe. Mein Großvater war, wie du weißt, ein Deutſcher und hieß von Randel, ſeine Frau eine geborene von Wül⸗ len; deren Schweſter verheirathete ſich mit einem damals eben Graf gewordenen von Wallfort. Von dieſer Frau lebt noch ein Enkel, ein Graf von Wallfort, und dieſer hat eine Tochter, ein ſchönes, talentvolles Mädchen— das ſind meine Verwandten. So haſt du darüber ſchon Erkundigungen eingezogen? fragte die Oberſtin, welche durch dieſe Mittheilung ihre Plane mit Einem Nale beeinträchtigt ſah. Genaue Erkundigungen, und was ich erfahren, hat mich in dem Vorſatze beſtärkt, meine Couſine, wie ich ſie nennen will, zu meiner Erbin einzuſetzen, wenn ſie mei⸗ nen Vorausſetzungen entſpricht, wovon ich mich vorher allerdings überzeugen will. Du willſt dich vorher überzeugen? fragte die Oberſtin, 32 welche aus dieſer Aeußerung wieder Hoffnung ſchöpfte— willſt nach Deutſchland reiſen, dich den Strapazen einer ſolchen Fahrt unterziehen, ohne zu bedenken... Ich erkenne deine Vorſorge, Kathinka, unterbrach er ſie— du glaubſt, eine ſolche Reiſe könnte meiner Ge⸗ ſundheit ſchaden, und du haſt Recht— ich darf mich der⸗ artigen Anſtrengungen nicht ausſetzen— denn ich bin ein kranker Mann und bedarf der Pflege. Ich könnte dich ja begleiten, Alexander, natürlich müßte ich dich begleiten.... Nein, nein, das würde nicht gehen— würde ſich nicht einmal paſſen, da wir nicht verheirathet ſind— ich bin vielmehr der Anſicht, daß, wenn ich ſo entfernten Verwandten, die wahrſcheinlich gar nichts von meiner Exiſtenz wiſſen, mein ganzes Vermögen zu hinterlaſſen beabſichtige— mit Ausnahme natürlich einiger Legate—, ſie hieher zu mir kommen können, damit ich ſie vorher kennen lerne. Findeſt du das nicht in der Ordnung? Ich kann dieſe Anſicht nur vollſtändig billigen, zweifle aber, daß ſie kommen werden. Sind ſie arm? Im Gegentheil, der Graf iſt reich, wenigſtens nach deutſchen Begriffen— wir werden ja ſehen— kommen ſie nicht, ſo ändere ich meinen Plan; ich habe ihnen dies offen geſchrieben, und es iſt nun ihre Sache, ſich zu be⸗ ſtimmen. 33 — Du haſt ſchon geſchrieben? fragte ſie mit neuem Er⸗ ſchrecken. Ja, ſchon vor vier Wochen; ich erwarte die Antwort. Sie würden thöricht ſein, wenn ſie nicht kämen, ſagte die Oberſtin nach längerem Schweigen. Das denke ich auch. Ich habe ſie eingeladen, den Winter über hier zu bleiben, denn ich will ſie nicht bloß oberflächlich kennen lernen. Das Weitere wird ſich dann finden. Wir ſprechen ſpäter mehr darüber. Vorerſt iſt die Antwort abzuwarten. Auf dieſe Weiſe erfuhr die Oberſtin, nachdem ſie ſechs Jahre mit dem Fürſten zuſammen gelebt hatte, die bevorſtehende Ankunft des Grafen und ſeiner Tochter und zugleich das Scheitern ihres lang durchdachten und über⸗ legten Planes, den Fürſten zu beerben. Sie bedurfte längerer Zeit, um ſich mit dieſem Gedanken vertraut zu machen, und viel Kraft und Ueberwindung, um die Un⸗ ruhe und den Verdruß, welche ſie beſeelten, nicht zu ver⸗ rathen. Es gelang ihr jedoch, denn ihre Klugheit trug den Sieg davon und ſie erkannte, daß ſie nur durch völ⸗ lige Unbefangenheik und geſteigerte Hingebung diejenigen Vortheile erlangen könne, welche zu erreichen blieben. Sie hoffte zuerſt, daß die Einladung nicht angenommen werden würde; als dies aber dennoch geſchah, nahm ſie ſich vor, gegen die Gäſte äußerlich ſo liebenswürdig zu II. 3 ſein, als möglich, um jeden etwaigen Argwohn des miß⸗ trauiſchen Fürſten im Keime zu erſticken, dagegen keine ſich irgend darbietende Gelegenheit zu verſäumen, um einen Plan ſcheitern zu machen, welcher ſo langjährige Hoffnungen zu zerſtören beſtimmt war. Dies war der Stand der Dinge bei der Ankunft des Grafen und Hedwig's in dem Hauſe des Fürſten. Prittes Capitel. Der Graf und ſeine Tochter befanden ſich bereits über zwei Monate in Petersburg und hatten der Einla⸗ dung des Fürſten, ihren Aufenthalt bis zu Ende des Winters zu verlängern, nachgegeben. Die Einladung war erfolgt, weil der Fürſt an dem Umgange mit ſeinen Gäſten Gefallen fand, und angenommen worden, weil dieſes Gefühl ein gegenſeitiges geweſen. Der Fürſt bot Alles auf, um ſeinen Verwandten den Aufenthalt an⸗ genehm zu machen, und verſäumte, ganz gegen ſeine ſon⸗ ſtigen Gewohnheiten, keine Gelegenheit, um ihnen Ab⸗ wechslung und Zerſtreuung zu bereiten. Es lag für ihn ein Genuß darin oder es gewährte ihm vielmehr Ver⸗ gnügen, Hedwig die Herrlichkeiten von Petersburg zu zeigen und ſich an ihrer Empfänglichkeit für Dinge, welche für ihn längſt jeden Reiz verloren hatten, mit zu erfreuen. Er konnte dies, weil es viele Dinge in der großen Stadt für 3* Hedwig gab, welche für ſie vollſtändig neu waren, da ſie faſt immer ausſchließlich auf dem Lande und theilweiſe ziemlich einſam gelebt hatte. Man beſuchte fleißig die Theater, namentlich die Oper, Geſellſchaften und Bälle, kurz, man lebte im Vollgenuſſe der höhern Petersburger Vergnügungen, ja, der Fürſt hatte ſogar die Vorſtellung des Grafen und ſeiner Tochter bei Hofe bewirkt, ſo daß ſie auch zu mehren Hoffeſten Einladungen erhalten hatten. Dort war Hedwig bereits dreimal zu der Ehre gelangt, mit dem Zaren zu tanzen, mit dem ſchönen, jugendlichen, galanten und dabei etwas melancholiſchen Zaren, und das Alles hatte eine unverkennbare Aufregung bei ihr hervor⸗ gerufen. Sie gab ſich dieſen für ſie neuen Vergnügungen mit der Empfänglichkeit eines jugendlichen und lebhaften Herzens hin, wenn ihr Empfinden auch vielleicht weniger in die äußere Erſcheinung trat, da der Stolz ihres Cha⸗ rakters ſie daran hinderte. Dem Fürſten gefiel gerade dieſer Zug am meiſten, denn da er ſelbſt alle dieſe Ver⸗ gnügungen, weil er ſie bis zum Ueberdruſſe genoſſen, als leere und dürftige Auskunftsmittel des menſchlichen Witzes im Kampfe mit der Langenweile verachtete, ſo freute er ſich doch darüber, daß ein junges, ſchönes und allgemein ge⸗ feiertes Mädchen ein ähnliches Empfinden zur Schau trug. 37 6 Im Ganzen befand er ſich auch keineswegs im Irr⸗ thume, denn obgleich Hedwig ſich dieſen für ſie neuen Eindrücken hingab, ſo kamen doch immer wieder für ſie Stunden ernſter Betrachtungen, in wgchen ſie das Fade und Unbefriedigende aller dieſer Dinge erkannte und den Zauber davon zerſtörte, weil ſie dieſelben mit dem Ver⸗ ſtande zergliederte. Der Fürſt wurde mit jedem Tage aufmerkſamer, freundlicher und zuvorkommender gegen ſie, und ſie ließ es ſich angelegen ſein, dieſes unverkennbare Bemühen, ihr den Aufenthalt in ſeinem Hauſe angenehm zu machen, durch ein gleiches Benehmen zu erwiedern. Die Oberſtin betrachtete dies mit ſich täglich ſteigern⸗ dem, wenn auch ſtreng verheimlichtem Argwohne. So lebhaft, geſellig und heiter war der Fürſt noch niemals geweſen. Er wurde ordentlich wieder jugendlich, ſprach faſt gar nicht mehr von ſeiner Krankheit oder von ſeinem Tode und nahm an Vergnügungen Theil, welche er bisher mit Entrüſtung oder Verachtung gemieden hatte. Er nahm nicht nur daran Theil, ſondern ſuchte ſie förmlich auf und veranlaßte ſie, denn ſchon zweimal während der Anweſenheit ſeiner Gäſte hatte er eine große und in hohem Grade luxuriöſe Tanzgeſellſchaft gegeben, und er ſprach bereits von einer dritten. Dabei drehte ſich ſichtlich Alles um Hedwig; er mühte ſich förmlich ab, etwas zu erdenken, was ihr eine neue Unterhaltung oder neue Abwechslung 38 gewähren könne, und zog dabei die Oberſtin in einer Weiſe zu Rathe, welche ſie innerlich tief kränkte, weil er ſie ledig⸗ lich als ein Mittel zum Zwecke behandelte und ihre eigene Perſon dabei gar nicht in Betracht kam. Mit Hedwig ſprach er dagegen ſo, daß ſie nicht nur erkennen mußte, ſondern auch erkennen ſollte, daß dies Alles allein ihret⸗ wegen geſchähe— er fragte ſie, wie ſie ſich gefallen, wie ſie Dies oder Jenes wünſche, und änderte ſofort ſeine Abſichten, wenn er aus ihren Aeußerungen auch nur zu der Vermuthung gekommen war, daß ſeine Anordnungen ihren Wünſchen nicht entſprächen. Sie war gegen ihn die Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit und Zuvorkommenheit ſelbſt, und er ſchien kein anderes Ziel zu haben, als der Gegenſtand derſelben zu ſein. Die Oberſtin wurde immer nachdenkender, immer ver⸗ ſtimmter und bedurfte aller ihrer Verſtellung, um dieſe Stimmung zu verbergen. Sie ging zwar von gans fal⸗ ſchen Vorausſetzungen aus, aber es war ihr nicht zu ver⸗ denken, daß ſie dies that. Sie hatte längſt erkannt, daß Hedwig kein unbedeutendes, ſondern ein charaktervolles, kluges Mädchen ſei. Was beabſichtigte ſie mit dieſem Be⸗ nehmen? Entweder lag es in ihrem Plane, den Fürſten zu heirathen, was ſie gar nicht für unwahrſcheinlich hielt, oder ſie wollte ihn wenigſtens ſo beſtricken, daß die Erb⸗ ſchafts⸗Angelegenheit weiter keinem Zweifel mehr unter⸗ 39 liegen konnte. Weßhalb verlängerten ſie ſo leicht ihren Aufenthalt? Der Graf litt zwar ſeit einiger Zeit wieder an der Gicht, indeſſen dies hätte ihn, vorläufig wenigſtens, nicht an der Reiſe hindern können. Weßhalb war ſie ſo überaus zuvorkommend gegen den Fürſten und behandelte ihn mit einer Liebenswürdigkeit und Aufmerkſamkeit, wel⸗ cher unbedingt eine Abſicht zu Grunde liegen mußte? Dieſe Abſicht konnte ja auch gar nicht in Zweifel gezogen werden, denn weßhalb wäre ſie ſonſt überhaupt hergekommen? Und doch irrte die Oberſtin in allen dieſen Voraus⸗ ſetzungen. Hedwig's Benehmen gegen den Fürſten war nichts, als das Gefühl der Rückſicht, vielleicht auch ein wenig der Dankbarkeit, da ſie ſah, wie ſehr er ihretwegen bemüht war. Zuerſt verletzte es ihr Gefühl oder vielmehr ihren Stolz, ſich in irgend einer anderen Weiſe gegen ihn zu benehmen, als es Höflichkeit und die geſellſchaftlichen Formen mit ſich brachten, um jeden Schein, als ob ſie ihn der Erbſchaft wegen für ſich zu gewinnen bemüht ſei, von ſich abzulenken. Nach und nach machte ſich dies jedoch anders; ſie konnte ſeine Freundlichkeit, ſeine Zuvorkom⸗ menheit nicht unerwiedert laſſen, und dann wurde es ihr ein Bedürfniß, ihm dies zu erkennen zu geben, weil ſie ſah, daß es ihn jedes Mal freute, wenn ſie ſich gefreut hatte und ſie ihm davon lebhaft und ausführlich erzählte. Sie empfand ein Wohlwollen gegen ihn, dem ſie Ausdruck 40 verlieh, oft, immer und nach und nach unbewußt und aus Gewohnheit. Bei ihm war das vielleicht anders. Er hatte wieder einen Gegenſtand, der ihn lebhaft intereſſirte. Ihr Freude zu bereiten, ihre lebhaften, für ihn ſo urſprünglichen Aeußerungen und Mittheilungen darüber zu hören, in welchen er den Erguß eines dankbaren Herzens zu erkennen glaubte, regten ihn an, das Leben gewann wieder Reiz, wieder Werth für ihn, und er verſcheuchte die trüben und ſelbſtquäleriſchen Gedanken. Ihr Weſen ließ ſie bei ihm auch nicht aufkommen, denn ſie tröſtete ihn nicht, klagte nicht mit ihm, ſondern ſie lachte ihn aus, wenn er irgend derartigen Empfindungen Worte verlieh. Sie behandelte ihn wie einen geſunden, rüſtigen Mann, und er ſchämte ſich, es nicht wirklich ſein zu ſollen. Er gab ſich daher Mühe, es zu ſein, er wollte es wieder ſein und er wurde es, ſo gut es ging, wenigſtens verheimlichte er jede An⸗ wandlung der alten Schwäche und ertrug Vieles für ſich, was er ſonſt zum Gegenſtande längerer Mittheilung ge⸗ macht hatte. Das war für ihn, wenigſtens eine Zeit lang, die angemeſſenſte Cur, denn er hielt ſich ſelbſt wieder für geſund, und deßhalb war er es ſo weit als möglich. Nach dieſem Benehmen des Fürſten ſchien es der Oberſtin wenig zweifelhaft zu ſein, daß Hedwig ihren 41 Zweck erreichen werde. So niederſchlagend und traurig dies auch für ſie ſelbſt ſein mußte, ſo ſehr war ſie bemüht, wenigſtens dasjenige zu erhalten, was zu erhalten oder zu retten irgend möglich war. Sie kannte den kalten und egviſtiſchen Charakter des Fürſten viel zu genau, um nicht zu erkennen, daß ein feindſeliges Benehmen ihrerſeits kei⸗ nen Erfolg, vielmehr gerade die entgegengeſetzte Wirkung haben müſſe; ſie ſtellte ſich daher ſehr erfreut über ſeine zunehmende Geſundheit und verdoppelte ſowohl gegen ihn als gegen Hedwig ihre Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit. Eine ſchwache Hoffnung glaubte ſie noch in ihrem Bruder zu finden. Er bemühte ſich in ſeiner Weiſe offenbar eben⸗ falls um die Gunſt der ſchönen, gefeierten Gräfin, leider war jedoch dieſe Weiſe durchaus nicht nach dem Geſchmacke ſeiner vielerfahrenen Schweſter. Sein Benehmen überſchritt durchaus nicht die Grän⸗ zen einer zuvorkommenden, achtungsvollen Höflichkeit, wenn es auch mit einer gewiſſen Geradheit und Offenheit verbunden war, welche ſowohl in ſeinem Charakter, als in ſeiner militäriſchen Erziehung lag, hier aber und we⸗ nigſtens nach der Anſicht der Oberſtin beſſer nicht zu Tage getreten wäre. Daß er ſich für Hedwig intereſſire, ſchien ihr unzweifelhaft, wenn er es auch ſelbſt in Abrede ſtellte und ſeine Schweſter auslachte, wenn ſie ihm Andeutungen in dieſer Beziehung machte. Sie gab deßhalb jedoch ihren — Plan nicht auf und ſuchte ſeine Leidenſchaften bei jeder Gelegenheit anzuregen. Du biſt ein großer Thor, Alexander, ſagte ſie zu ihm, als er ſie am Morgen nach einem Hofballe beſuchte und ihr davon erzählte, da ſie ſelbſt daran nicht Theil nehmen durfte— du biſt ein großer Thor, daß du dir eine ſo ſchöne Gelegenheit, dein Glück zu machen, entgehen läßt. Was nutzt es dir, daß du auf ſolchen Feſten einmal mit ihr tanzeſt und ſie freundlich gegen dich iſt, wie du er⸗ zählſt? Niemand in ganz Petersburg hat ſo viel Gelegen⸗ heit, ſich ihr zu nähern und ihr Herz zu gewinnen, als du, der du täglich hieher kommen, ſie ſehen und ſprechen kannſt, ſo oft du willſt! Was ſollte mir das nutzen, Kathinka, erwiederte er lachend— ich weiß, du haſt die Abſicht, mich mit ihr zu verheirathen— aber dazu gehören Zwei, nämlich ſie und ich. Sie denkt entſchieden nicht daran, und ich auch nicht. Sie wird keinen armen Capitän heirathen, der noch dazu in der erſten Schlacht todtgeſchoſſen werden kann, und ich wäre ein vollſtändiger Narr, wenn ich jetzt, wo der Krieg vor der Thür iſt, an ſo etwas denken wollte. Sie iſt Gräfin, wird wahrſcheinlich durch Adoption Fürſtin wer⸗ den— und ich bin der Capitän Ardatow, ſchlechtweg Ar⸗ datow, und wenn ich auch vielleicht bald von Ardatow heiße, was will das ſagen? Mein Hoffen iſt der Krieg, 43 der Krieg, welcher jetzt unzweifelhaft iſt und lang und blutig ſein wird! Entweder bettet er mich auf irgend ein Schlachtfeld mit tauſend anderen meiner Kameraden, und damit iſt das Spiel ein für alle Mal zu Ende, oder ich kehre als General oder wenigſtens als Oberſt zurück— und dann wird ſich das Weitere finden. Für jetzt aber — nur der Krieg!— Ach, wie wohl iſt mir, daß es end⸗ lich losgehen ſoll! 3 Es iſt noch keineswegs entſchieden, ſagte ſie enttäuſcht — aber wenn es auch ſo wäre, warum ſollteſt du deßhalb den Verſuch unterlaſſen, das Herz dieſes ſchönen und rei⸗ chen Mädchens für dich zu gewinnen? Gerade ſolche Mo⸗ mente ſind dazu beſonders geeignet. Sie haßt die Fran⸗ zoſen vielleicht noch mehr, als wir, und ſchon deine Eigen⸗ ſchaft als Soldat, welcher bereit und beſtimmt iſt, in einem Kampfe mit ihnen ſein Leben zu opfern, muß ſie für dich einnehmen. Du haſt nur nöthig, dieſen günſtigen Eindruck zu verfolgen. Pber du biſt ein kleinmüthiger Menſch, der kein Selbſtvertrauen beſitzt und eine viel zu geringé' Mei⸗ nung von ſich ſelbſt hat! Sie haßt die Franzoſen? wiederholte der Capitän in nachdenkendem und zweifelndem Tone— es hat mit ſol⸗ chem Nationalhaß bei den Frauen ſtets ſeine eigene Be⸗ wandtniß. Sie können ein Volk als ſolches haſſen und ſehr patriotiſch empfinden, wie man es nennt, aber deß⸗ ——————— 44 halb doch für Ein Exemplar ſolcher gehaßten Ration durchaus keine Abneigung hegen. Im Gegentheil, man hat Beiſpiele, daß gerade ein ſolcher Widerſpruch der Ge⸗ fühle etwas beſonders.. Was willſt du mit dieſer Andeutung ſagen, Alexan⸗ der? unterbrach ihn die Oberſtin, als er ſchwieg, ohne den angefangenen Satz zu vollenden. Eigentlich nichts— erwiederte er zögernd— es iſt eine allgemeine Wahrnehmung— aber es ſcheint mir, als ob die Gräfin, welche die Franzoſen ſo ſehr haßt, bei dem Herzoge von Villeroi eine Ausnahme mache. Bei dem Herzoge von Villeroi? wiederholte die Oberſtin geſpannt— wie kommſt du zu dieſer Annahme? Wie ich dazu komme? ſagte er lächelnd; mein Gott, ich habe es geſehen— ſie tanzt jedes Mal mit ihm, unter⸗ hält ſich viel mit ihm, läßt ſich von ihm zu Tiſche führen — ſo etwas zeugt doch nicht von Haß! Das thäte ſie? Sie ließe ſich von dieſem blaſirten Herzöge den Hof machen? O, das habe ich nicht geſagt, das iſt lediglich eine Schlußfolgerung von dir! Ich meinte nur bemerkt zu haben, daß ſie ihren Franzoſenhaß nicht auf ſeine Perſon überträgt. Die Oberſtin wak wieder ſehr ernſt und nachdenkend geworden und ſchwieg eine Zeit lang, während der Capi⸗ 45 tän ſeiner Gewohnheit nach mit ſeiner Reitpeitſche Figu⸗ ren auf den Teppich zeichnete. Mädchenhafte Eitelkeit, ſagte ſie dann, weiter nichts. Es ſchmeichelt ihr, ſich auch von dieſem Franzoſen hul⸗ digen zu laſſen. Für dich ſollte aber gerade darin ein Sporn liegen, dir von ihm nicht den Rang ablaufen zu laſſen. Du biſt ja keine Frau, leideſt daher nicht an einer Charakterſchwäche, welche du uns Frauen Schuld gibſt. Dein Haß gegen die Franzoſen müßte ſchon allein für dich ein Motiv ſein, dieſen Feind auch auf dieſem Gebiete zu beſiegen. Haſt du daran nicht gedacht, Alexander? Nein, daran habe ich nicht gedacht und denke auch nicht daran, ſagte er ernſter, als es ſonſt ſeine Art war; wenn ſie die Huldigungen dieſes Franzoſen annehmbar findet — ſo will und werde ich ſie nicht darin ſtören. Schon deßhalb nicht, weil ich ruſſiſcher Offizier bin und mit einem Franzoſen um die Gunſt einer Frau nicht in die Schran⸗ ken treten will. Weil du ein Rarr biſt, ſagte die Oberſtin— duwillſt den Krieg, und hier ziehſt du dich zurück, ohne eine Schlacht anzunehmen. Vielleicht, weil mir der Preis des Sieges keiner Schlacht werth iſt. Doch ereifere dich nichk ohne Grund— ich weiß wirklich nicht, was du von mir willſt, und es wäre 46 mir lieb, wenn du mich ein für alle Mal mit dieſer Sache in Ruhe ließeſt. unwillig über ihren Bruder, der ſo wenig Reigung zeigte, ihren Wünſchen gemäß zu handeln und ſeinen eige⸗ nen Vortheil wahrzunehmen, brach die Oberſtin die Unter⸗ redung ab, welche es jedoch nöthig macht, uns ſelbſt wieder mit Hedwig zu beſchäftigen, von der wir beiläufig erfahren haben, daß ſie ſich die Huldigungen des Herzogs gefallen laſſe. Wenn wir nach dem äußeren Scheine urtheilen, ſo können wir dies nicht ganz in Abrede ſtellen. Es war überhaupt in mancher Beziehung ſeit ihrer Anweſenheit in Petersburg eine Veränderung mit ihr vorgegangen, denn ſie gab ſich jenen Vergnügungen, welche ihr ſonſt wenig zugeſagt hatten, mit unverkennbarem Genuſſe hin. Es verging kein Abend, wo ſie nicht entweder in Geſell⸗ ſchaft oder im Theater oder im Concerte geweſen wäre, ſie tanzte gern und leidenſchaftlich, nahm die ihr in reichlichem Maße zu Theil werdenden Huldigungen mit ſichtlicher Be⸗ friedigung entgegen und ſchien an allen nichtsbedeutenden und faden Dingen Gefallen zu finden, deren Erreichung das Beſtreben ſo vieler jungen Mädchen bildet, welche ent⸗ weder im Rauſche dahinleben, oder zu unbeſtändig oder zu beſchränkt ſind, um ſ Kern von der glänzenden Schale unterſcheiden zu können. Wenn ſie erſchien, wurde ſie ſofort von einem Heere 47 junger und eleganter Herren, meiſtens Offizieren, um⸗ ſchwärmt, mit Engagements beſtürmt und hatte ſtets nach wenigen Augenblicken keinen Tanz mehr zu vergehen. Der Herzog gehörte oft zu ihren Tänzern, und es ließ ſich nicht läugnen, daß ſie ihn in gewiſſer Beziehung aus⸗ zeichnete, da ſie ihm immer einen der beliebteſten Tänze zuſagte, auch öfter ſeine Einladung, ſie zu Tiſche zu füh⸗ ren, annahm. Er verſäumte keine Gelegenheit, ſich ihr angenehm zu machen, und ſein Benehmen unterſchied ſich von demjenigen der Anderen auf eine vortheilhafte Weiſe, indem es mit dem rückſichtsvollſten Entgegenkommen ſtets die Beweiſe der größten Achtung verband und dadurch zeigte, daß er Hedwig nicht mit den übrigen Damen in eine Reihe ſtelle und den Tanz mit ihr mehr als ein Rittel, ſich ihr zu nähern und ſich mit ihr zu unterhalten, anſah. Sie ſprach ebenfalls gern mit ihm, und ihre Geſpräche waren beiderſeitig angeregt, wie zwiſchen Perſonen, welche an einer gegenſeitigen Unterhaltung Gefallen finden. Zu⸗ weilen kam es ihm vor, als verbinde ſie eine beſondere Abſicht damit; ſeine perſönliche Eitelkeit ließ ihn jedoch nicht daran zweifeln, daß er Eindruck auf ihr Herz gemacht habe; er fand dies vielmehr ſehr natürlich, da er ſich ja bemühte, es zu thun, und gewiß war, daß ſeine Bemü⸗ hungen auch hier von Erfolg ſein mußten. Vorläufig blieb 48 das bei ihm der Anfang einer intereſſanten Liaiſon— eine angenehme Unterhaltung, der er ſich hingab, ohne über das Ende beſonders nachzudenken. Es war dies ja auch nicht nöthig— ſo oder ſo, er fand ſich damit ab. Sollte es Ernſt werden— nun, ſie war eine reiche Erbin, ein ſchönes, geiſtreiches Mädchen, weßhalb hätte ſie nicht Herzogin von Villervi werden können? Blieb es bei der Einleitung, bei der Einfädelung eines beziehungsvollen, vielleicht ſogar zärtlichen Verhältniſſes— ſo wurde der petersburger Aufenthalt dadurch verſüßt und eine Gelegen⸗ heit zum Abbrechen ſehr leicht ſchon durch die doch wohl bald eintretende Abreiſe der Geſandtſchaft herbeigeführt. Alſo laissez aller!— es lag kein Grund vor, den Zügel nicht ſchießen zu laſſen. Er hatte über ihre Verhältniſſe und Beziehungen zu dem Fürſten ausführliche Erkundigungen eingezogen, deren Ergebniß ſeine Aufmerkſamkeiten ſich verdoppeln ließ. Die rückſichtsvolle und zuvorkommende Weiſe, mit welcher der Fürſt ſich benahm, ließ bei ihm darüber keinen Zweifel mehr obwalten, daß ſie ſeine Erbin werden würde; nur das ſchien ihm ungewiß, ob es auch geſchehen werde, wenn ſie einen Anderen als ihn ſelbſt heirathen ſollte. Nach ſeiner eigenen egviſtiſchen Anſchauung glaubte er mit Gewißheit annehmen zu müſſen, daß es in der Abſicht des Fürſten liege, ſie ſelbſt zu heirathen— denn 49 wozu ſonſt ſein ſo auffälliges und ſeinen bisherigen Ge⸗ wohnheiten ſo ſehr widerſprechendes Benehmen? Der Herzog ſah in dieſem Plane zwar nur die lächerliche Ueber⸗ hebung eines alten Mannes; indeſſen er wußte aus Er⸗ fahrung, daß die Frauen in ſolchen Dingen oft ganz an⸗ dere Anſichten hegen, und glaubte bemerkt zu haben, daß bei Hedwig die Rückſichtnahmen des Verſtandes den Em⸗ pfindungen des Herzens ſich unterzuordnen wußten. Es ſchien ihm daher gar nicht unmöglich, daß der alte, kränk⸗ liche Fürſt und das junge, ſchöne, blühende Mädchen ein Paar werden könnten, vielleicht gerade darum, weil er ſo alt und ſo kränklich war. Denn konnte es für ſie ein wünſchenswertheres Ziel geben, als nach einer kurzen, allerdings gerade nicht verlockenden Ehe im Beſitze einer Willion und des Fürſtentitels in freieſter Unabhängigkeit da zu ſtehen, im Vollgenuſſe von Jugend und Schönheit und mit den Ritteln verſehen, dieſe in jeder beliebigen Weiſe zu genießen?— Der Fürſt dagegen, der nur noch einige Jahre zu leben hatte, was konnte er mehr wünſchen, als dieſes junge, ſchöne Mädchen, das er doch zu der Er⸗ bin ſeiner Million machen wollte, auch zu ſeiner Frau zu nehmen und für ſein Geſchenk ſich ein anderes geben zu laſſen, nämlich Alles, was ſie zu vergeben hatte, ihr Herz und ihre Schönheit? Dies Alles ſchien dem ſelbſtſüchtigen Herzoge ſo wahr⸗ II. 4 50 ſcheinlich und natürlich, daß er keinen Augenblick daran zweifelte, denn er ſagte ſich, daß er ſowohl an der Stelle des Fürſten als an derjenigen von Hedwig eben ſo klug und verſtändig handeln würde— und gerade deßhalb reizte es ihn, zu verſuchen, ob er nicht durch das Gewicht ſeiner eigenen Perſönlichkeit in dieſem an ſich vernünftigen Plane eine Aenderung hervorbringen könne. Es ſchien ihm dies keineswegs unmöglich, wenn er an den alten, abgelebten Fürſten dachte, und um ſeine Lippen zog ſich ein ſpöttiſches Lächeln, als ſein Blick während dieſer Be⸗ trachtungen in den Spiegel fiel, der ſein Bild zurückwarf, ein Bild, auf dem die Leidenſchaften und die Ausſchwei⸗ fungen bereits ſehr ſichtbare Linien gezeichnet hatten, welche er ſelbſt aber nicht erkannte, weil ſie unmerklich entſtanden waren und Eitelkeit und Ueberhebung wie bei den meiſten Menſchen ſein Auge verſchleierten, wenn es das eigene Ich im Bilde betrachtet. piertes Capitel. Hedwig ſelbſt hatte natürlich von all dieſen Planen keine Ahnung. Gegen den Fürſten empfand ſie Wohlwol⸗ len, durchaus nichts weiter, und eine Abſicht, wie ſie ihr die Oberſtin und der Herzog unterſchoben, lag ihrem Cha⸗ rakter fern. Es war bei ihr noch niemals auch nur der Anfang eines ſolchen Gedankens aufgekommen. Weniger klar war ihr Benehmen gegen den Herzog; ſie ließ ſich ſeine Huldigungen in unverkennbarer Weiſe gefallen, ſie ſchien ſogar ein beſonderes Intereſſe dabei zu haben, und doch ſpielte zuweilen ein hohnvolles Lächeln um ihren ſchönen Mund, wenn ſie ſich unbeachtet glaubte. Er nahm dagegen ihr Benehmen als ein Entgegenkommen von ihrer Seite und verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeiten. Es war ein Feſt bei Hofe. Man ſprach davon, daß es das letzte ſein werde, indem der politiſche Horizont ſich immer mehr verfinſterte. Der Zar hatte eine ungewöhn⸗ 4* 52 liche Heiterkeit zur Schau getragen, vielleicht gerade deß⸗ halb, um die Sorgen ſeines Innern zu verbergen. So glaubten wenigſtens der Herzog und viele Andere mit ihm. Der Zar hatte viel getanzt, und auch Hedwig war die Ehre zu Theil geworden, mit ihm zu tanzen. Erregt, weniger von dieſer Auszeichnung, als von der Liebenswürdigkeit des männlich ſchönen Fürſten, der ſich ſo freundlich, ſo wohlwollend und faſt beziehungsvoll mit ihr unterhalten hatte, kehrte ſie auf ihren Platz zurück, zu welchem ſie der Zar hingeführt und dann noch eine kurze Zeit bei ihr ſtehen geblieben, während alle Uebrigen ehr⸗ furchtsvoll zurückgetreten waren. Wenn Sie nach Deutſchland zurückzukehren beabſich⸗ tigen, hatte er geſagt, ſo dürfen Sie nicht zögern, Sie möchten ſonſt leicht auf unüberwindliche Hinderniſſe ſtoßen. Mein Vater iſt leider jetzt krank, Sire— aber ich habe keine Beſorgniß, ich vertraue der Macht und dem Glücke Ew. Majeſtät. Sie haben ein feſtes Vertrauen, und es gewährt mir eine große Freude, dies von einem ſo ſchönen Munde aus⸗ ſprechen zu hören., Ich hoffe, ſagte ſie mit leuchtendem Blicke, daß die Armeen Ew. Majeſtät den Weg zu meiner Heimath frei und ſicher gemacht haben werden, wenn ich darauf zurück⸗ 53 kehre, und nicht nur dieſen Einen Weg, ſondern alle übrigen in meinem geknechteten Vaterlande. Das große, blaue Auge des Zaren ruhte mit einer ernſten Freundlichkeit auf ihr, während ſie dieſe Worte ſprach und das ihrige mit begeiſtertem Aufſchlage dem ſeinigen begegnete. Hoffen Sie das? ſagte er dann mit leiſerer Stimme, als ob er zu ſich ſelbſt ſpräche— es iſt viel, ſehr viel, was Sie erwarten— aber ich will an Ihrem feſten Glau⸗ ben ein Beiſpiel nehmen und werde meinerſeits nichts unterlaſſen, um ihn zur Erfüllung zu bringen. Es würde der ſchönſte, der herrlichſte Tag meines Le⸗ bens ſein! So laſſen Sie uns denn beide hoffen, daß die Sonne jenes Tages einſt für uns aufgehe, und gedenken Sie die⸗ ſer Stunde, wenn ſie uns leuchtet, ich werde dann eben⸗ falls der ſchönen und begeiſterten Prophetin eingedenk ſein.— Ich danke Ihnen, ſagte er nach einem kurzen Momente des Schweigens; Ihre Worte haben meinem Herzen wohlgethan, denn ich bedarf der Mahnung an die Sonne zu einer Zeit, wo ſo trübe und ſchwere Wolken den Himmel verfinſtern. Es war gewiß natürlich, daß dieſe Worte des Zaren ihr Herz vor Erregung ſchneller ſchlagen gemacht hatten, und ſie befand ſich noch unter dieſem Eindrucke, als der 54 Herzog zu ihr trat, um ſie ihrer gegebenen Zuſage gemäß zur Tafel zu führen. Sie hatte bisher jedes politiſche Geſpräch mit ihm vermieden; heute zum erſten Male ſchweifte es auf dieſes Gebiet hinüber, denn ſie empfand ein Bedürfniß dazu nach der Unterhaltung mit dem Zaren, welche ſie zu verheim⸗ lichen nicht befähigt war. Sie hoffen viel, erwiederte der Herzog, indem er ſeine Stimme bis zum Flüſtern ſinken ließ, denn ehe Ihr Hof⸗ fen in Erfüllung geht, muß noch das Blut von Hundert⸗ tauſenden vergoſſen werden— aber dennoch, weßhalb ſollte es ſich nicht erfüllen, ich für meine Perſon habe keinen ſehnlicheren Wunſch, als daß es geſchehe, und zwar ſo bald als möglich. Sie— fragte ſie, indem ſie ihn zweifelnd und ver⸗ wundert anſah, Sie haben keinen ſehnlicheren Wunſch? Ich gebe Ihnen den größten Beweis meines Ver⸗ trauens, fuhr er noch leiſer fort, indem ich vor Ihnen meine wahren Geſinnungen entſchleiere; ich weiß, daß Sie dieſes Vertrauen nicht mißbrauchen werden. Davon kann nicht die Rede ſein; aber ich verſtehe Sie nicht. Sie kennen die Verhältniſſe in meinem Vaterlande nicht. Sie beurtheilen Frankreich nach den officiellen 55 Bulletins und denjenigen Lügen und Uebertreibungen welche zu drucken allein noch erlaubt iſt. Aber die Lage der Dinge iſt eine ganz andere. Es gibt in Frankreich ſelbſt eine große und mächtige Partei, welche in dem Kai⸗ ſer ihren erbittertſten Gegner haßt und jede Gelegenheit herbeizuführen ſucht, um ihn zu ſtürzen. Dazu gehört nicht nur der alte Adel Frankreichs, der nur, um aus dem Schiffbruche dasjenige zu retten, was zu retten war, ſich ſcheinbar dem neuen Regiment angeſchloſſen hat, ſondern jetzt auch bereits ein großer Theil der Nation ſelbſt, welche es müde geworden iſt, ihre Kinder und ihr Geld in den unerſättlichen Rachen dieſes gefräßigen Löwen zu legen, damit er ſie verſchlinge. Laſſen Sie irgend eine Kriſis eintreten, nur Einen unglücklichen Krieg, und die Revo⸗ lution wird in Frankreich losbrechen zu ſeinem Sturze. Frankreich kann nur durch Frankreich frei werden und nur durch ſich ſelbſt zu ſeiner alten Ordnung zurückkehren— aber ehe das geſchieht, muß die Macht des ehrgeizigen Er⸗ oberers auf fremdem Boden gebrochen werden. Ich höre Sie mit Erſtaunen in ſolcher Weiſe reden, Herr Herzog, Sie— ein Mitglied der franzöſiſchen Ge⸗ ſandtſchaft! Erſtaunen Sie immerhin— denn wir kämpfen bereits, während Sie nur rüſten. Wir, der Adel Frankreichs, zu welchem zu gehören ich die Ehre habe, wir kämpfen, und 56 ich bin hier auf dem äußerſten Vorpoſten unſerer Armee. Auch in Frankreich gibt es eine Friedenspartei. Zu ihr gehören die wirklichen und beſonnenen Anhänger des Kai⸗ ſers, dann alle diejenigen, welche es müde geworden ſind, ihr Leben unter Strapazen und auf den Schlachtfeldern zuzubringen, Leute, welche auf dieſen Wegen bereits genug geſtohlen und geraubt haben und nun ihre Beute gern in Ruhe und Genuß verzehren möchten. Dieſe wollen den Frieden. Ein Theil der Armee aber, derjenige, welcher noch nach Ruhm und Gewinn begierig iſt, will den Krieg, wir wollen ihn ebenfalls. Denn nur der Krieg, und zwar der Krieg in dieſem unwirthbaren Lande, welches an ſeinem Winter den treueſten Verbündeten hat, kann ſeinen Sturz herbeiführen. Gott ſei Dank, finden unſere Bemühungen den beſten Stützpunkt in dem unerſättlichen Ehrgeize des Kaiſers ſelbſt. Er will auch den Krieg, und ſein Wille entſcheidet. Ich bin hier, um jede etwa mögliche Ausſöh⸗ nung zu verhindern, das iſt meine Aufgabe— keine an⸗ dere. Meine Arbeit war eine ſehr leichte, denn der Kaiſer hatte den Krieg ſchon beſchloſſen, ehe dieſe ſcheinbaren Unterhandlungen weiter geführt wurden. Wir haben unſer Ziel erreicht, und ich kann hoffentlich in kurzer Zeit mit der Befriedigung, den Zweck meiner Sendung erfüllt zu haben, wieder abreiſen. 3 Ich geſtehe, ſagte ſie, indem ihr Auge mit einem 57 eigenthümlichen Ausdrucke auf ihm ruhte, daß ich ſolche Worte von Ihnen nicht erwartet habe. Ich bin davon überzeugt, erwiederte er mit ſichtlicher Selbſtbefriedigung, und Sie halten es vielleicht für thö⸗ richt und unüberlegt, daß ich ſie geſprochen. Das habe ich nicht geſagt. Es wäre auch ſehr ſchmerzlich für mich, wenn Sie es geſagt hätten und ich dadurch zu der Erkenntniß gekommen wäre, daß ich mich in meinen Vorausſetzungen geirrt hätte. Ich kenne Ihre Vorausſetzungen nicht. Sie beſtehen einfach darin, daß ich Sie nicht nur für eine geiſtig hochſtehende Dame halte, welche über die Vor⸗ urtheile der Menge erhaben iſt und ſie verachtet, ſondern daß ich glaube, wir beide befänden uns auf demſelben po⸗ litiſchen Standpunkte. Auf demſelben politiſchen Standpunkte? Ja, denn ich bin überzeugt, Sie würden als Franzö⸗ ſin eben ſo denken und empfinden, wie ich. Sie haſſen jetzt die Franzoſen, und mit Recht, weil ſie Ihr Vater⸗ land erobert und erniedrigt haben; aber Ihr Haß ſollte nur dieienigen oder nur denjenigen treffen, welche ſich da⸗ ran wie an vielem anderen Unrecht betheiligt, nicht die⸗ jenigen von uns, welche, indem ſie dieſe Ungerechtigkeit ebenfalls tief beklagen, im Haſſe gegen den Unterdrücker 58 mit Ihnen übereinſtimmen. Zu dieſen gehört ein großer Theil der franzöſiſchen Nation, und darunter derjenige, welcher in dieſem Augenblicke das Glück genießt, an Ihrer Seite zu ſitzen und Sie zur Vertrauten ſeiner geheimſten Gedanken zu machen. Ich habe niemals geſagt, daß ich Sie haſſe, erwiederte ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln. Der Gedanke, daß dies möglich ſein könne, würde mich auch ſehr unglücklich machen, ſagte er, ſie feſt an⸗ ſehend; es gibt aber eine lange Stufenleiter der Gefühle, auf welcher der Haß die niedrigſte oder die höchſte Sproſſe einnimmt. Ich habe mich doch vielleicht geirrt, fuhr er fort, als ſie ſeine Worte unbeantwortet ließ; es gibt noch eine niedrigere Stufe, als den Haß, wenigſtens für mich, das iſt die Gleichgiltigkeit.— Ein Vertrauen iſt des anderen werth, ſprach er in drängendem, leiſem Tone weiter, ſagen Sie mir, auf welcher Stufe meine Perſon in Ihren Ge⸗ danken ſteht? Nicht auf dieſer letzten. Ich danke Ihnen, ſagte er mit freudigem Ausdrucke, ich danke Ihnen aus ganzem Herzen, denn ich weiß nun auch, daß Sie mich nicht haſſen! Das wiſſen Sie? fragte ſie, ihn feſt anſehend. 59 Ja, denn wenn Sie mich haßten, ſo würden Sie mir ein ſolches Geſtändniß nicht gemacht haben. Sie ſchien etwas erwiedern zu wollen, aber ihre Lip⸗ pen preßten ſich feſter zuſammen, während ein tieferer Hauch von Röthe ihr Geſicht überflog; ſie blickte ihn einen Moment mit blitzenden Augen an, aber dann ſenkten ſich ihre langen Wimpern wieder und ſie beharrte in ihrem Schweigen. Sie glauben alſo beſtimmt an den Krieg? fragte ſie nach einiger Zeit. Er iſt unvermeidlich. Die Armeen des Kaiſers ſtehen zur Hälfte bereits in Polen und dem nördlichen Deutſch⸗ land, die andere Hälfte befindet ſich auf dem Marſche. So will Napoleon Rußland erobern, wie er das übrige Europa erobert hat? Er will vielleicht noch mehr. Rußland ſoll ihm nur der Weg ſein, um die Engländer, ſeinen eigentlichen Feind, in Indien zu faſſen. Ah, es iſt ein abenteuerlicher Plan, entſtanden in dem vom Ehrgeiz verblendeten Gehirn eines Emporkömmlings, aber je toller, je unausführbarer, um ſo beſſer! Er ſelbſt iſt ſein größter Feind, und Niemand mehr als er ſelbſt arbeitet an ſeinem Sturze und an ſei⸗ nem Verderben. Wird Rußland gerüſtet ſein, um dieſen Stoß auszu⸗ halten? 60 Wenn es klug operirt, wenn es die Entſcheidungen vermeidet und die Entfernungen zwiſchen den vordringen⸗ den Armeen und ihren Hülfsmitteln immer mehr wachſen läßt, wenn es ihn bis in das Innere des weiten Reiches nach ſich lockt und ſich dann mit dem Winter gegen ihn verbündet— ſo wird es ſiegen. Wie ſchade, erwiederte ſie mit unverkennbarem Hohne, daß Sie nicht in dem Kriegsrathe des Zaren ſitzen! Es wäre vielleicht auch am beſten, wenn ich fortan mit offenem Viſir in die Schranken träte, bemerkte er ge⸗ ſchmeichelt; ich bin mit mir deßhalb zu Rathe gegangen, aber doch zu dem Entſchluſſe gekommen, es zu unterlaſſen. Ich finde das natürlich. Es freut mich, daß Sie meiner Anſicht ſind. Ich habe erwogen, daß einestheils der Erfolg immer ein unſicherer iſt, weil die ruſſiſche Politik, durch einige gewiß eintre⸗ tende Siege des Kaiſers geſchreckt, ſich zu einem nachthei⸗ ligen Frieden herbeilaſſen kann, anderentheils, weil ich glaube, daß mein Einfluß als geborener Franzoſe, den man als einen Abtrünnigen betrachten würde, doch ohne Bedeutung bleiben könnte. In letzterer Beziehung urtheilen Sie gewiß ſehr rich⸗ tig; Sie würden ſich einer unnöthigen Gefahr ausſetzen, ſagte ſie wieder mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln, dem er jedoch eine andere Deutung gab. 61 Der Erfolg wird hoffentlich meine Anſichten beſtätigen — und der Erfolg iſt das allein Entſcheidende. Auch darin bin ich Ihrer Meinung. Sie glauben nicht, wie ſehr es mich freut und be⸗ ruhigt, meine Handlungsweiſe ſo von Ihnen beurtheilt zu ſehen, erwiederte er in ſichtlich gehobener Stimmung, denn ich will es nicht verhehlen, daß mir an Ihrem Ur⸗ theile mehr gelegen iſt, als an demjenigen aller übrigen Menſchen. Und doch verſtehe ich nichts von der Politik, von je⸗ ner Kunſt, welche Sie zum Ausgangspunkte Ihrer Stu⸗ dien gemacht haben. Es handelt ſich hier nicht um die Politik, ſondern für mich einzig und allein darum, von Ihnen meiner wahren und inneren Geſinnung nach richtig erkannt zu ſein— das bildet bei mir die Hauptſache, und ich würde unglück⸗ lich ſein, wenn in dieſer Beziehung noch ein Zweifel ob⸗ walten könnte. Es waltet keiner mehr ob, Herr Herzog, ſagte ſie langſam und ihn feſt anſehend— aber man bricht auf — haben Sie die Güte, mich zu dem Herrn Fürſten zu führen. Der Herzog erfüllte den Wunſch ſeiner ſchönen Tiſch⸗ genoſſin und erlaubte ſich ſogar, beim Scheiden unmerk⸗ lich die kleine Hand zu drücken, auf deren graziöſen Be⸗ — 62 wegungen ſeine Blicke oft verlangend geruht hatten. Als er dann ſpäter in ſeinem Zimmer ſaß, ließ er die Ereigniſſe des Abends nochmals in ſeinen Gedanken vor⸗ übergehen. Er mußte ſich geſtehen, daß er eigentlich un⸗ überlegt gehandelt habe, indem er ſeine wahren Geſin⸗ nungen einem ihm fern ſtehenden jungen Mädchen kund gegeben. Aber ſtand ſie ihm jetzt noch fern? War ſie ihm gerade dadurch nicht nahe getreten? Hatte ſie ihm nicht verſichert, daß ſie ſeine Anſchauungs⸗ und Handlungsweiſe billige? Mit der Befriedigung der Selbſtliebe erkannte er, daß er einen großen Schritt vorwärts gethan habe, denn die Schranke zwiſchen ihr und ihm, die ihr verhaßte Na⸗ tionalität, war gefallen. Ihr beiderſeitiger Haß war ein gemeinſchaftlicher geworden, ſeine Perſon als Franzoſe davon ausgeſchloſſen. Sie wußte nun, daß es in Frank⸗ reich Viele gab, welche ebenfalls den Sturz Napoleon's als das Ziel ihres Strebens betrachteten, und daß er, der Herzog, zu dieſen gehöre— wie nahe liegend war dadurch die Ideen⸗Verbindung für ſie, ebenfalls eine ſolche Fran⸗ zöſin zu werden, das heißt die Frau eines ſolchen Fran⸗ zoſen! Aber es lag noch ſehr, ſehr Vieles dazwiſchen. Der Fürſt und die Erbſchaft— denn ohne die Erbſchaft war es kaum der Mühe werth, wenigſtens mußte die Erb⸗ ſchaft als ein weſentlicher Beſtandtheil in Betracht gezogen werden. Würde der Fürſt jemals einwilligen, beſonders 63 wenn er die Abſicht hatte, ſie ſelbſt zu heirathen?— Dabei war es unzweifelhaft, daß die franzöſiſche Geſandt⸗ ſchaft ſpäteſtens in wenigen Monaten, vielleicht ſchon früher Petersburg verlaſſen mußte— wie konnte er nach ſeiner Abreiſe auf irgend einen Erfolg rechnen? Bis da⸗ hin mußte, das war unabweislich, mit ihr Alles im Rei⸗ nen ſein— ſie mußte ſich mit ihm verlobt haben, wenn auch nur im Geheimen, dann würde ſich das Andere fin⸗ den, ſo oder ſo. Ihm blieb dann immer noch das Aus⸗ kunftsmittel, die Sache wieder fallen zu laſſen, was die weite Entfernung nicht ſchwierig machen konnte.— Es handelte ſich alſo darum, ſie zu gewinnen, ganz und ſicher. Das war das Ergebniß ſeiner Erwägungen, und er be⸗ ſchloß, fortan danach zu handeln. Fünftes Capitel. Der Zuſtand des Grafen verſchlimmerte ſich eher, als er ſich beſſerte, und machte ihm das Reiſen zu einer ſo kalten Jahreszeit unmöglich man mußte ſich daher unt⸗ ſchließen, den Aufenthalt in Petersburg zu verlängern, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſpäter, des bevorſtehenden Krieges wegen, an der Rückkehr verhindert zu ſein. Sein Leiden war durchaus nicht bedenklicher Art, die Anfälle, denen er unterworfen war, nahmen vielmehr einen ganz ſachgemäßen Verlauf, und der behandelnde Arzt er⸗ klärte ſie für eine Anweiſung auf ein recht langes Leben. Dennoch war der Graf mit dieſer Anweiſung keineswegs zufrieden, ſondern hätte ſich weit lieber ohne dieſelbe be⸗ holfen, indem er annahm, er werde mit ihr doch nicht länger leben, als ſonſt, und zu lange ſei ohnehin vom Uebel. Inzwiſchen nahmen die politiſchen Verhältniſſe einen immer entſchiedeneren und feindſeligeren Charakter 65 an, da Napoleon es nicht mehr der Mühe werth hielt, länger* eine ihm läſtige Maske zu tragen. Die ungeheuren Vor⸗ bereitungen zu dem ruſſiſchen Feldzuge, die umfangreichſten und großartigſten, welche jemals aus dem Gehirn eines einzigen Gewaltigen zu einem jener verderbenden Ereig⸗ niſſe, welche wir Krieg nennen, hervorgegangen ſind— waren, wenn auch noch nicht ganz, doch zum größten Theile beendet. Er hatte die beabſichtigte ausgleichende Sendung des Herrn von Reſſelrode unmöglich gemacht, und der Zar war dadurch zu der Ueberzeugung gekommen, daß nur der Krieg übrig bleibe, und zwar der Krieg bis 5 Aeußerſten. Richt ohne inneren Kampf und mit gro⸗ er Ueberwindung war der Zar zu dieſem Entſchluſſe ge⸗ ommen, denn er hatte den furchtbaren Gegner knch gelernt, welcher jetzt in einer bis dahin nie dageweſenen 6 Weiſe gegen ihn rüſtete, und wußte, daß es ſich um die Selbſtändigkeit Rußlands handle. Indem er nunmehr die Friedensgedanken aufgab und ſich der Kriegspartei anſchloß, faßte er zugleich den feſten Vorſatz, nicht zu wanken, bis ein ehrenvoller Friede erkämpft ſei, und lieber unterzugehen, als ſich zu anderen Bedingungen zu ver⸗ ſtehen. So ſehr er ſich in dieſen Entſchließungen beſtärkte, ſo ſehr beunruhigte ihn dabei die Befürchtung, daß er dennoch ſpäter ſchwankend werden könne. Er wußte aus Erfahrung, welche magiſche Gewalt die Einwirkung des H. 5 66 Augenblickes, getragen von der Macht der Ereigniſſe, aus⸗ zuüben vermag, und er bangte vor ſich ſelbſt, daß eine Zeit kommen könne, wo er dennoch derſelben unterliegen würde. Die Geſchichte hat bewieſen, daß er zwar von einer ſolchen Schwäche nicht frei geblieben iſt, als ſeine Armeen geſchlagen waren und die franzöſiſchen Heere in der Mitte ſeines Reiches ſtanden, daß er ihr aber Wider⸗ ſtand geleiſtet und dadurch allein den Untergang ſeines Feindes herbeigeführt hat. Man beſchloß nun, ebenfalls jede Rückſicht ſchwinden zu laſſen und, ähnlich wie in Spanien, das Volk zu fa⸗ natiſiren. Es iſt dies immer ein gefährliches und leich verderbliches Mittel, beſonders bei einem ſo rohen und n Volke, wie das ruſſiſche. Man glaubte in⸗ deſſen zu dieſem äußerſten Nittel ſchreiten zu müſſen, welches in Spanien ſo gute Früchte getragen, und ſuchte hier in derſelben Weiſe, wie es dort geſchehen, die Religion als den Haupthebel in Bewegung zu ſetzen. Das ganze große, an ſich ebenfalls rohe und ungebildete Heer der ruſſiſchen Prieſter, der Popen, wurde dazu benutzt, ihr Fanatismus angefacht und ſie ſelbſt zu Leitern der Weiter⸗ verbreitung deſſelben gemacht, Ungläubige Ketzer wollen den heiligen Boden Rußlands betreten, ſie kommen als Eroberer in der Abſicht, die alte Ordnung, den alten, hei⸗ ligen Glauben— Gott und den Zaren zu ſtürzen und 67 zu verderben— deßhalb Krieg— Krieg bis auf's Meſ⸗ ſer, in jeder Form, auf jede Weiſe, bis die Verdammten wieder vom Boden Rußlands vertrieben ſein werden!— So war die Parole, welche die Prieſter erhielten und die ſie von Tauſenden von Kanzeln unter die rohen Maſſen ſchleuderten und dadurch jene mitleidsloſe Verfolgung und iene ſchändlichen, jedem Völkerrechte Hohn ſprechenden Gräuelthaten vorbereiteten, welche die geſchlagene und er⸗ frorene franzöſiſche Armee vernichteten. In Petersburg ſelbſt blieb die Stimmung eine, wenn auch ernſte, doch ruhigere und würdige. Jeder ſchien durch ſein Benehmen darthun zu wollen, daß er ſich der ganzen Schwere der kommenden Ereigniſſe vollkommen bewußt ſei, ſie keineswegs unterſchätze, aber auch den feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt habe, alle und jede Kraft ihnen entgegen zu ſetzen. Die Kriegspartei hatte den vollſtändigen Sieg davon⸗ getragen, es galt für Verrath, noch vom Frieden zu reden. Dennoch gingen die Unterhandlungen noch ſcheinbar wei⸗ ter, man zögerte immer noch, ſie abzubrechen. Alexander hatte den kühnen Plan, ſofort den Niemen zu überſchreiten, die in Preußen und Polen ſtehenden Franzoſen zu ſchla⸗ gen und dieſe Länder ſelbſt zur Wüſte zwiſchen Napoleon und Rußland zu machen— verworfen; er wollte der An⸗ gegriffene ſein und die Gerechtigkeit ganz auf ſeiner Seite 5* haben. Die fanatiſche Kriegspartei ſah hierin die erſte Schwäche und befürchtete, daß er auch künftig nur zu hal⸗ ven Maßregeln zu bewegen ſein werde. Die in Petersburg herrſchende ernſte Stimmung war den geſelligen Feſten natürlich hinderlich und man lebte im Ganzen ſtiller, als ſonſt. Es gab jedoch viele Große, welche gleichſam den Beweis liefern wollten, daß die drohende Kriegsgefahr auf ihre Gewohnheiten keinen Einfluß übe, und dieſe be⸗ ſchränkten ihre geſelligen Vergnügungen nicht. Zu dieſen gehörte auch der Fürſt. Feſte und Geſellſchaften bildeten eigentlich gar nicht ſeine Gewohnheiten, da er ſie aber jetzt, Hedwig's wegen, einmal angenommen hatte, ſo fand er keine Urſache, davon abzugehen; die Beweggründe der Anderen waren für ihn vielmehr ein willkommener Vor⸗ wand, darin fortzufahren. So war denn in den letzten Tagen des März abermals ein großer Ball bei dem Fürſten und dazu die ganze hohe Ariſtokratie Petersburgs geladen. Die weitläufigen und luxuriös eingerichteten Räume des fürſtlichen Palais ſtrahlten an jenem Abende von einem Lichtmeere, welches Tauſende von Wachskerzen ver⸗ breiteten, und während in dem großen Saale getanzt wurde, hatte ſich die Geſellſchaft in den anderen Zimmern, theils ſich unterhaltend, theils hoch ſpielend, zerſtreut. Hedwig war die Königin des Feſtes, man erkannte ihr 69 dieſen Preis zu, nicht nur, weil man wußte, daß der Fürſt ihretwegen daſſelbe gab, ſondern auch ihrer heute wahr⸗ haft blendenden Schönheit wegen, mit der ſie alle etwaigen Nebenbuhlerinnen überſtrahlte. Ratürlich wurde ſie von Bewerbern zum Tanzen förmlich belagert, aber ſie hatte heute den erſten Tanz dem Capitän gegeben, welcher den Muth gehabt hatte, ſie ſchon vor einigen Tagen darum zu bitten, und tanzte jetzt, als dieſer nachdenkender als ſonſt in einer Fenſterniſche ſtand, mit dem Herzoge. Sie war heute beſonders freundlich, faſt herzlich gegen den Capitän geweſen, ſo daß mancherlei Gefühle und Ge⸗ danken bei ihm entſtanden waren, die ihn freudig erregt hatten— jetzt aber verfinſterte ſich ſein Auge, denn er ſah, wie angelegentlich der Herzog mit ihr ſprach und wie aufmerkſam ſie ſeinen Worten zu lauſchen ſchien. Zwar kam es ihm manchmal vor, als ſchwebe ein hohnvoller Zug um ihren Mund, aber das konnte auch eben ſo gut Verlegenheit oder ſonſt etwas ſein— er that einen ſehr tiefen Athemzug und verließ ſeinen Platz, verſtimmt und unzufrieden, er wußte ſelbſt nicht, weßhalb. Er mochte wenigſtens dieſe angelegentliche Unterhaltung nicht länger beobachten. An ſn Tanzſaal ſtießen mehrere Zimmer, welche jetzt faſt leer waren, und hieran reihte ſich ſchließlich ein etwas phantaſtiſch ausgeſtattetes Gemach. Es war rund und 70 hatte eine gewölbte Glaskuppel, durch welche das Licht einfiel. An den mit Seidentapeten bedeckten Wänden lie⸗ fen niedrige Divans hin und die Mitte bildete ein Spring⸗ brunnen, welcher von blühenden Blumen und ſüdlichen Topfgewächſen eingerahmt war. Zwiſchen einzelnen Ab⸗ ſätzen der Divans ſtanden Statuen von Alabaſter und hinter denſelben befanden ſich Niſchen, die durch ſeidene, jetzt geöffnete, ſchwere Vorhänge abgeſchloſſen werden konnten. Dieſes phantaſtiſch, halb vrientaliſch ausgeſtat⸗ tete Zimmer erhielt jetzt ſein Licht durch eine oberhalb der Glaskuppel angebrachte, jedoch durch einen blaßrothen Vorhang gemilderte Lampe, ſo daß eine vollkommene Dämmerung darin geherrſcht haben würde, wenn nicht das helle Licht der anſtoßenden Räume durch die geöffneten Flügelthüren eingefallen wäre. Hierhin war der Capitän langſam und nachdenkend gegangen; er warf ſich jetzt auf einen Divan, von dem aus er durch die Zimmerreihe bis in den Ballſaal ſehen konnte, und gab ſich ſeinen Gedanken hin, etwas, was ſonſt nicht in ſeiner Gewohnheit lag. Sein Auge haftete unwillkürlich an den fernen, raſch vorüberſchwebenden Ge⸗ ſtalten, die, da er ſie im Einzelnen nicht mehr erkennen konnte und auch die Muſik nicht mehr hörte, wie in einem traumähnlichen Bilde ſich zu bewegen ſchienen. Er ſah jetzt, daß die gleichmäßige Bewegung aufhörte und ſich 2 das Ganze in eine regelloſe Verwirrung auflöſ'te. Der Tanz war zu Ende und die Tänzerinnen wurden nach ihren Plätzen geführt. Auch die ferneren Nebenzimmer begannen ſich wieder mehr zu füllen, man ſuchte Räume auf, in welchen die Temperatur weniger heiß war, als in dem Ballſaale. Der noch immer in ſeinen nachdenkenden Betrach⸗ tungen verlorene Capitän ſah jetzt den Herzog an Hed⸗ wig's Seite ebenfalls in eines der anſtoßenden Zimmer treten. Sie gingen ſehr langſam und er ſprach noch im⸗ mer in derſelben angelegentlichen Weiſe zu ihr. Der Ca⸗ vitän erſchrak, er wußte ſelbſt nicht, weßhalb, als er beide ſich nähern ſah; er ſprang auf, um ihnen nicht zu begeg⸗ nen, aber dies war nicht mehr möglich, da das Zimmer nur Einen Ausgang hatte und ſie ſich ſchon in dem an⸗ ſtoßenden befanden. Es war nicht anzunehmen, daß ſie hier verweilen würden; er trat daher in eine Riſche hinter eine der Statuen und zog den Vorhang zu, ſo daß er un⸗ geſehen ſelbſt beobachten konnte. Es war ihm ein unan⸗ genehmes Gefühl, in dieſe Lage gekommen zu ſein, welche ſeiner offenen und geraden Natur widerſtand, indeſſen es ließ ſich jetzt nicht mehr ändern, auch war er über⸗ zeugt, daß die Kommenden ſich ſogleich wieder entfernen vn„ In dieſer Vorausſetzung hatte er ſich jedoch geirrt. 72 Es iſt kuhl und anmuthig hier in dieſem Raume, der unwillkürlich an Tauſend und Eine Nacht erinnert, ſagte der Herzog— wollen Sie nicht ein wenig ausruhen? Sie ſetzte ſich ſchweigend auf den Divan und er an ihre Seite. Der Capitän, welcher faſt hinter ihnen in der Niſche ſtand, konnte ihre Geſichter nicht mehr ſehen, ſon⸗ dern nur noch die Köpfe und nur zuweilen einzelne Theile der Profile. Ich preiſe den Zufall, der es mir vergönnt, einmal ungeſtört mit Ihnen reden zu können, ſagte der Herzog wieder— denn es iſt eine Lebensfrage für mich geworden, dies zu thun, ehe ein weiter Raum uns trennen wird— ein Raum, den wir durch nichts, nicht einmal durch das an ſich ſo unvollkommene Hülfsmittel des Briefſchreibens zu mindern befähigt ſein werden. Wie kommen Sie zu der Annahme, daß ich einen Brief von Ihnen empfangen würde? Wie ich zu der Annahme komme? Es wäre ſehr ſchmerzlich, wenn ich mich darin geirrt haben ſollte!— Aber ich vermag einen Unterſchied nicht anzuerkennen zwiſchen dem geſprochenen Worte und dem geſchriebenen. Sie würdigen mich des Glückes des erſteren— jetzt, ohne Zeugen und allein— weßhalb wollten Sie mir daher die Bitte verſagen, meine Briefe zu empfangen? Weßhalb ſollte ich nicht mit Ihnen reden, da Sie hier 73 ſind, wie mit jedem Andern, der hier iſt? Das iſt Zufall, bringt der geſellſchaftliche Ton mit ſich— wie ſteht dies mit dem Briefſchreiben in irgend einer Verbindung, wozu für mich nicht die mindeſte Veranlaſſung vorliegen kann? Sie haben Recht, indem Sie dies ſagen, Recht und Unrecht, wie Sie es nennen wollen. Eine Veranlaſſung für Sie liegt noch nicht vor, aber ich bilde mir ein, daß ſie eintreten könnte. Sie bilden ſich das ein? Ich hoffe es vielmehr, ſagte er drängender, indem er den Verſuch machte, ihre Hand zu ergreifen, was ſie jedoch verhinderte— ich habe aus Ihrer Güte, aus Ihrer Freundlichkeit gegen mich Hoffnungen geſchöpft, deren Scheitern mich unglücklich und elend machen würde! Laſſen Sie mich offen und rückhaltslos zu Ihnen reden— ich würde es vielleicht noch nicht thun, wenn die Zeit nicht drängte, ſo muß es aber geſchehen! Niemals hat die wahre, wirkliche Liebe zu einem Weibe mein Herz berührt, noch nie habe ich den hohen Werth einer edlen Frau er⸗ kannt! All jene Spielereien, die ich für Liebe gehalten, wie eitel, wie nichtsbedeutend waren ſie gegen das Eine, meine ganze Natur erſchütternde Empfinden, das meine Seele jetz— ich Ihnen dies ſage, Hedwig, wenn ich Sie frage.. 74 Fragen Sie nichts und vollenden Sie dieſen Satz nicht, ſagte ſie mit einem eiſigen Hohne, wobei der Capi⸗ tän ihr volles Profil ſehen und den kalten Blick ihres Auges erkennen konnte— ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich auch nur einen Augenblick Ihre mich beleidigen⸗ den Worte anhören wollte! Es ſcheint mir, Sie wollen mir eine Erklärung machen und dazu wieder die bekann⸗ ten, längſt verbrauchten Mittel anwenden! Wozu all dieſe Unwahrheiten? Sie ſind eben ſo überflüſſig wie ſchlecht angebracht! Haben Sie auch Margot— ich meine die junge Marquiſe de Beaumont— niemals wahr geliebt? Es iſt immerhin möglich, denn warum ſollte es nicht ſein? Indeſſen Sie werden ſich bei ihr wahrſcheinlich ganz in ähnlicher Weiſe ausgedrückt haben, als Sie es jetzt gegen mich beabſichtigen, indem Sie annehmen, die deutſche Gräfin ſei immerhin noch gut genug für einen franzöſiſchen Abenteurer, den die Marquiſe de Beaumont verworfen, ſo ſehr er ſich auch ihretwegen bemüht hat! Sie ſehen, ich weiß etwas mehr von Ihrer Vergangenheit, als Ihnen vielleicht lieb iſt; aber wenn dies auch nicht wäre, ſprach ſie mit einem ſo kalten Ausdrucke weiter, daß der Capi⸗ tän, obgleich ihn ihre Worte entzückten, doch innerlich da⸗ vor erbebte— wenn dies auch nicht wäre— Sie würden mir ſchon Ihrer politiſchen Geſinnung wegen chtungs⸗ werth erſcheinen! 75 Verachtungswerth? wiederholte der Herzog in einem faſt drohenden Tone. Wie ich ſagte. Wenn Sie den Kaiſer, Ihren Kaiſer, haſſen und ſein Verderben beabſichtigen— weßhalb treten Sie nicht offen gegen ihn in den Kampf? Weßhalb er⸗ niedrigen Sie ſich, ihm zu dienen, um ihn unter dieſer Maske zu verrathen und zu verderben? Ein Mann, der in Einer Beziehung, und beſonders da, wo ſeine Ehre mit betheiligt iſt, niedrig und verrätheriſch handelt, kann und wird es auch in jeder anderen thun! Ich haſſe die Fran⸗ zoſen, Ihre Landsleute, weil ſie als Feinde in unſer Land gekommen ſind, es unterjocht und geknechtet haben— aber ſie kamen wenigſtens als offene, ehrliche Feinde, mit den Waffen in der Hand, und mit den Waffen werden ſie, ſo Gott will, wieder hinausgetrieben werden— aber Sie? — Sie erlaſſen mir wohl das Weitere, nicht wahr, und werden nach dieſem meinem offenen Geſtändniſſe kein Ver⸗ langen mehr empfinden, mich in die Lage zu verſetzen, einen Brief von Ihnen uneröffnet zurückſchicken zu müſſen! Der Herzog war am Anfange von Hedwig's ihm ſo ganz unerwarteter Erwiederung leichenblaß gewprden, in⸗ dem ein Gefühl der tiefſten Beſchämung und ſelbſt des Haſſes ſein Herz zuſammenpreßte. Er hatte auf einen ſicheren, ſogar leichten Erfolg gerechnet und ſich in dieſer Vorausſetzung nicht nur völlig getäuſcht, ſondern die 3 76 deutſche Gräfin ſchien ihn abſichtlich zu einer Erklärung veranlaßt zu haben, um ihn zu beleidigen und zu verhöh⸗ nen. Einen Augenblick war er unter dem Einfluſſe dieſer Gefühle im Begriffe, ihr in gleicher Weiſe zu antworten, ſie waren ja beide ohne Zeugen und ſie hatte ſich unvorſich⸗ tig in dieſer Beziehung in ſeine Gewalt gegeben. Noch während ſie redete und die letzte beleidigende Frage gegen ihn ausſprach, gewann jedoch die Erwägung wieder bei ihm die Oberhand, daß er ſich dadurch nur noch mehr compro⸗ mitttire; er wurde, wenn auch mit ſichtlicher Ueberwindung, dieſer Empfindung Herr, wobei ihm Uebung und Gewohn⸗ heit zu Hülfe kamen. Um ſeinen Mund legte ſich der be⸗ kannte ſpöttiſche Zug, und während er Hedwig mit ſeinen jetzt wieder verſchleierten Augen lächelnd anſah, erwiederte er mit kalter Ruhe: Sie fragen mich, was ich bin? Ich könnte Ihnen darauf eine ausführliche Antwort geben, die Sie vielleicht über Manches aufklären würde— aber ich halte es nicht mehr der Mühe werth. Sie ſind immer⸗ hin eine Dame, wenn auch nur eine deutſche, und mir, als Franzoſen, bleibt weiter nichts übrig, als aufzuſtehen, was ich hiermit thue, und mich Ihnen zu empfehlen. Un⸗ ſere beiderſeitige Unterhaltung hat ihr Ende erreicht— ich bin Ihnen dafür, namentlich für den pikanten und originellen Schluß, zu lebhaftem Danke verpflichtet, denn ſie hat jedenfalls in meinen langweiligen petersburger 77 Aufenthalt einige Abwechslung gebracht. Ich hoffe daſſelbe von Ihnen und bitte, mich in geneigtem Andenken zu be⸗ halten. Nachdem er dieſe Worte geſprochen, machte er eine rückſichtsvolle und förmliche Verbeugung und entfernte ſich dann in langſamem und nachläſſigem Schritte. Sie blieb noch eine Zeit lang ſitzen und blickte ihm mit leuchtenden, haßerfüllten Augen nach. Der Capitän konnte dies eben ſo deutlich ſehen, wie die tiefe Röthe, welche auf ihrem Geſichte aufflammte, auch das ſchnelle Wogen ihres Buſens. Für ihn war die ganze Scene, deren unfreiwilliger Theilnehmer er geworden, eben ſo unerwartet als unerklärlich. Wenn ſie ſo über den Herzog dachte— weßhalb dann ihr bisheriges Benehmen gegen ihn? Sie kam ihm in dieſem Augenblicke, in welchem ſein Auge unverwandt an ihren erregten Zügen hing, räthſel⸗ haft, faſt unheimlich vor. Hatte ſie dieſen Auftritt ſelbſt beabſichtigt, vielleicht ſogar herbeigeführt?— Er war im Begriffe, aus ſeinem Verſtecke hervorzutreten, und nur die Erwägung, daß ſeine Gegenwart für ſie jetzt peinlich, ſo⸗ gar kränkend ſein müſſe, hielt ihn davon zurück. Noch immer ſaß ſie unbeweglich auf derſelben Stelle des Divans und ihre Augen blickten nach der Richtung, in welcher der Herzog gegangen war, obgleich ſie ihn nicht mehr ſehen konnte. Ihre kleinen Hände lagen zuſammen⸗ . —————— 78 gepreßt auf den Falten ihres ſeidenen Kleides, halb da⸗ von verdeckt, als ob ſie krampfhaft etwas feſthalten woll⸗ ten, und es verging noch eine längere Zeit, ehe ihr Athem ruhiger und die Stellung ihres Körpers eine weniger ge⸗ feſſelte wurde. Dann hob ein leiſer Athemzug ihren Buſen, ſie ſprang auf, trat vor den Spiegel, ſo daß der Capitän jetzt ihr ganzes, noch immer erregtes Geſicht und ihre leuchtenden Augen ſehen konnte— ordnete ihr Haar und ihren An⸗ zug, obgleich daran eigentlich nichts zu ordnen war, ihre Züge nahmen wieder den gewohnten Ausdruck an, und dann verließ ſie langſamen Schrittes das Gemach. Der Capitän trat jetzt aus ſeinem Verſtecke hervor und blickte unwillkürlich auf die Stelle des Divans, wo ſie geſeſſen hatte; auch ſeine Züge waren ungewöhnlich erregt und mancherlei Gedanken zogen durch ſeinen Kopf. Vor dem Divan lag ihr feines, weißes Batiſttuch. Sie hatte es verloren. Raſch hob er es auf, ſteckte es unter ſeine Uniform und verließ dann eilig, als ob er einen Raub begangen habe, das verhängnißvolle Zimmer“ Lechstes Capitel. Es iſt ein räthſelhaftes Ding, das menſchliche Herz, darüber ſind alle Philoſophen, die alten und die neuen, einig, ſelbſt diejenigen, welche in dem Herzen nichts anerkennen, als einen bewegenden und blutpumpenden Muskel. Unter Herz verſteht man das Empfindungsvermögen des Men⸗ ſchen, und keine Philoſophie, ſo viele unverſtändliche und ſich widerſprechende Syſteme es auch gegeben haben mag und noch gibt, kann das Vorhandenſein dieſes Empfin⸗ dung ögens im Gegenſatze zu dem Verſtande im Menſe ignen. Der Kampf beider uns innewohnen⸗ den Kräfte bildet unſer Leben und bringt alle jene Be⸗ ziehungen hervor, welche es überhaupt erträglich und reiz⸗ voll machen. Ein Menſch mit bloßem Verſtande wäre die verſonifieirte Nüchternheit, ein dürrer Stamm, von wel⸗ chem alle Blüthen und Blätter abgeſtreift ſind. Eben ſo undenkbar iſt ein Menſch ohne Verſtand, er hört auf, tin 80 Menſch zu ſein, und ſinkt unter das Thier hinab, wie die Erfahrung leider überall zeigt, wo ein Fehler des körper⸗ lichen Organismus dieſe höchſte göttliche Gabe nicht zur Geltung kommen läßt. Nur bei denjenigen, wo beide Kräfte ſich das Gleichgewicht halten, ſehen wir die größt⸗ mögliche menſchliche Vollkommenheit, aber doch wird uns das Ueberwiegen des Gefühls mehr zuſagen, als das des Verſtandes. Bei dem weiblichen Geſchlechte iſt dies mit geringen Ausnahmen immer der Fall, und deßhalb ſind die Frauen auch viel unlösbarere Räthſel, als die Männer. Wir vermögen mit unſerem eigenen Verſtande die Hand⸗ lungen eines anderen Verſtandes vorher zu berechnen, denn der Verſtand iſt eben eine ſich überall gleichbleibende Einheit, und nur die Abweichungen davon ſind, durch Leidenſchaften hervorgerufen, unberechenbar; dies iſt bei überwiegendem Gefühlsleben ſtets der Fall, und deßhalb allein nennen wir die Frauen unlösbare Räthſel. Indem wir die letzte Scene zwiſchen Hedwi dem Herzoge der Wahrheit gemäß geſchildert wir geſtehen, daß wir gleich dem Capitän da urch über⸗ raſcht worden ſind, weßhalb wir uns in der Nothwendig⸗ keit befinden, die Motive dazu aufzuſuchen, ſo weit dies uns möglich iſt. Da ſich oft aus unſcheinbaren Dingen wichtige Schlüſſe ziehen laſſen und wir die Freiheit dazu habin, ſo wollen wir noch ein wenig in der Geſellſchaft 81 Hedwig's zubringen, nachdem das Feſt ſein Ende erreicht hatte. Raſcher als ſonſt, nachdem ſie ſich nur eilig bei dem Fürſten empfohlen, begab ſie ſich nach ihrem Zimmer und ließ ſich entkleiden. Sie ſprach, ihrer Gewohnheit ent⸗ gegen, faſt gar nicht während dieſer Zeit mit ihrem Kam⸗ mermädchen, und erſt nachdem ſie ſich im Negligs befand, fragte ſie, ob ihr Vater bereits ſchlafe. Der gnädige Herr hat ſagen laſſen, es würde ihm an⸗ genehm ſein, wenn Sie noch herüber kämen, da er doch nicht ſchlafen könne. Du brauchſt nicht auf mich zu warten, erwiederte ſie, ſich der Thür zuwendend, ich werde dann allein zu Bette gehen. Sie fand ihren Vater im Bette ſitzend; er hatte ſie mit der Ungeduld eines Kranken, den der Schlaf flieht, erwartet. Es mich, daß du nicht zu müde biſt, um noch ein wen t mir zu plaudern, ſagte er; es iſt ein gro⸗ ßes Unglück, nicht ſchlafen zu können und ſich von Fried⸗ rich vorleſen laſſen zu müſſen— es macht nervös, dieſer einförmige Ton und das ſtete Falſchleſen— du kannſt ietzt gehen, bemerkte er dieſem, der im Begriffe ſtand, ſich zu rechtfertigen.— Nun, wie war der Ball? fuhr erfort, als Friedrich ſich entfernt hatte; haſt du dich gut amuſirt? . 6 Es war wie immer, ſagte ſie, ſich ſetzend— immer Daſſelbe, ein herzloſes, fades Treiben, ein gemachtes, langweiliges Marionettenſpiel. Du ſcheinſt übler Laune, ſonſt haſt du dich niemals ſo geäußert. Weil mir dies Alles noch neu war— aber es iſt wirk⸗ lich nicht befähigt zu einer öfteren Wiederholung, es fehlt ihm dazu der innere Gehalt. Der Graf ſah ſeine Tochter forſchend an. Iſt dir etwas Beſonderes begegnet, fragte er dann, daß du ſo übler Laune biſt? Was ſollte mir begegnet ſein? erwiederte ſie leichthin. Ich habe getanzt, gegeſſen und mich mit den gewohnten Redensarten unterhalten laſſen— was könnte einem ſonſt auf einem ſolchen Balle begegnen? Ah, Bälle bilden in der Geſchichte junger Mädchen oft ſehr wichtige Abſchnitte— doch laſſen wir das, ich weiß, du haſt über Nanches deine beſonder ichten. Wie war die Stimmung? Wie immer, lieber Vater, ſagte ſie erregter; der Krieg iſt ganz unzweifelhaft, und wir müſſen wirklich ernſtlich an unſere Abreiſe denken, wenn wir nicht für längere Zeit von der Heimath abgeſchnitten werden ſollen. An die Abreiſe— jetzt, wo meine Füße ſo ſehr ge⸗ ſchwollen ſind und ich die heftigſten Schmerzen habe? 83 Wenn du beabſichtigſt, mich unterwegs zu begraben, ſo können wir reiſen! Du ſiehſt viel zu ſchwarz. Wenn du dich recht warm einpackſt, ſo wirſt du ungefährdet nach Hauſe kommen und kannſt dich dort beſſer pflegen, als hier in dem fremden Hauſe. Es fehlt mir hier nichts— nichts als die Heimath, aber das läßt ſich nun einmal nicht ändern. Das Wetter wird täglich milder, noch haben wir Schlittenbahn, wir werden raſch und bequem fahren— ſpäter iſt das Alles ſchwieriger. Das mag ſein— aber ich kann doch jetzt einmal nicht. Vielleicht beſſert ſich dein Zuſtand ſehr bald, bemerkte ſie dringender; du mußt das annehmen, lieber Vater, und den Termin unſerer Abreiſe in Gedanken nicht immer weiter hinausſchieben, du mußt dabei doch auch an deine eigenen Angelegenheiten und an Herrn Rohneck denken! Als ob ich etwa nicht daran dächte! erwiederte der Graf mit einem tiefen Seufzer; meine einzige Beruhigung beſteht in der Ueberzeugung, daß ich in Rohneck einen um⸗ ſichtigen und zuverläſſigen Verwalter beſitze. Gerade aus dieſem Grunde iſt es aber auch geboten, gegen ihn keine Rückſichten zu verſäumen. Was meinſt du damit? Ich verſtehe dich nicht. 6* 84 Du weißt doch, ſprach ſie mit etwas leiſerer Stimme, daß Herr Rohneck uns eigentlich ein großes Opfer bringt, indem er unſeretwegen ſeine Reiſe nach Paris verſchoben hat. Er rechnet gewiß ſicher auf unſere baldige Ruͤckkehr und würde vielleicht ſeinen Plan nicht aufgegeben haben, wenn er gewußt hätte, daß ſich unſere Abweſenheit ſo lange verzögern würde. Das glaube ich nicht, bemerkte der Graf beruhigt; mir ſcheint es, daß ihm an dieſer abenteuerlichen pariſer Reiſe überhaupt wenig liegt und daß ihm der Vorwand, ſie verſchieben zu können, ſehr gelegen kam. Er wird ſie jetzt längſt ganz aufgegeben haben und ſchwerlich reiſen, wenn wir zurückgekehrt ſind. Das wird er jedenfalls, ſagte ſie mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, wie kannſt du eine ſo unwürdige Meinung von ihm haben? Er wird jedenfalls reiſen, und jetzt mehr, denn je! Jetzt mehr denn je? Was du für ſonderbare Behaup⸗ tungen aufſtellſt! Wie kannſt du darüber irgend eine Gewißheit haben! Sein letzter Brief iſt vier Wochen alt, und er ſpricht darin kein Wort von ſeiner Reiſe. Weil ſich das von ſelbſt verſteht. Wie ſollte er auch dazu kommen, davon an dich zu ſchreiben? Sei dem aber, wie ihm wolle, wir haben darüber verſchiedene Anſichten, fuhr ſie mit einiger Verlegenheit fort; es liegt uns ob, 85 die gegen ihn eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Wir haben verſprochen, in höchſtens ſechs Monaten zurück⸗ zukehren, nur unter dieſer Bedingung iſt er auf deinen Vorſchlag eingegangen. Wir ſind bereits länger als fünf Monate fort, deßhalb liegt uns die Pflicht ob, jetzt zu reiſen. Hat Rohneck vielleicht an dich deßhalb geſchrieben? fragte der Graf, der ſich das Benehmen ſeiner Tochter nicht zu erklären vermochte; ſein letzter Brief an mich, in welchem er mir ausführlich über den guten Fortgang un⸗ ſerer Geſchäfte berichtet, enthält nicht einmal eine Andeu⸗ tung darüber. Wie ſollte er dazu kommen, an mich zu ſchreiben? erwiederte ſie mit einem leichten Erröthen; ich würde das — nicht paſſend finden. Darin ſprichſt du ganz meine Anſicht aus, ſchaltete der Graf ein. Du kannſt alſo gar nicht wiſſen, ob er un⸗ ſere Rückkehr ſo ſehnlich erwartet, wie du annimmſt, wäre es, ſo würde er wenigſtens darüber Andeutungen gemacht haben. Beruhige dich deßhalb.... Gerade das Vertrauen, welches Herr Rohneck in dein Wort ſetzt, unterbrach ſie ihn, ſollte dich vorzugsweiſe be⸗ ſtimmen, es nicht zu mißbrauchen und Alles aufzuwenden, deine Zuſage zu erfüllen. Du befindeſt dich ja heute in einer ſonderbaren Er⸗ 6 86 regung, ſagte der Graf ſichtlich verſtimmt; ich bin deßhalb ſo lange munter geblieben, um mich noch ein Weilchen von dir angenehm unterhalten zu laſſen, weil ich annahm, du würdeſt heiter und angeregt wie ſonſt von dem Balle zurückkehren und mir deine kleinen Erlebniſſe erzählen. Statt deſſen kommſt du, wie es ſcheint, ſichtlich übel ge⸗ launt und nur in der Abſicht, mich zu quälen, indem du unmögliche Dinge von mir forderſt. Unmögliches? wiederholte ſie mit einer ihr ſonſt nicht eigenen Hartnäckigkeit. Wir können doch nicht immer hier in Petersburg bleiben, und ich habe dich nur gebeten, ſo bald zu reiſen, als es deine Geſundheit zuläßt. Das werde ich von ſelbſt thun, und du haſt nicht nöthig, mitten in der Nacht hieher zu kommen und es mir zu ſagen, als ob die höchſte Gefahr im Verzuge läge. Jetzt bin ich noch krank und kann alſo nicht reiſen, und wenn ich dieſer Gicht Herr ſein werde, iſt es nothwendig, endlich an den Zweck unſerer Reiſe zu denken und die Er⸗ reichung deſſelben zu ſichern, denn zum Vergnügen bin ich nicht hieher gekommen, wie du weißt, ſondern nur deinet⸗ wegen— das ſollteſt du bedenken! Ich hoffe, daß dich meine Worte nicht gekränkt haben, lieber Vater, ſagte ſie jetzt mit theilnehmender und faſt zärtlicher Stimme, es war wenigſtens nicht meine Abſicht. 87 Es freut mich, daß du ſo ſprichſt und wenigſtens an⸗ erkennſt, daß ich kein Opfer für dich ſcheue. Ich weiß das, wenn auch unſere Anſichten vielleicht nicht immer übereinſtimmen— aber nicht wahr, ſo bald du irgend kannſt, werden wir abreiſen? Der Graf, welcher offenbar das abermalige Zurück⸗ kommen auf dieſen Wunſch nicht erwartet, vielmehr ge⸗ glaubt hatte, den Widerſpruch ſeiner Tochter in dieſer Beziehung beſeitigt zu haben, wurde jetzt ſichtlich ver⸗ ſtimmt. Du verfällſt in deinen alten Fehler, den du von Kind⸗ heit an gehabt haſt, an einem Gegenſtande eigenſinnig feſtzuhalten, ſelbſt wenn man dich vom Beſſeren überzeugt hat. Ich kenne das und will mich auf weitere Erörte⸗ rungen mit dir deßhalb jetzt nicht einlaſſen. Es iſt ſpät, ich bin ſehr müde und werde vielleicht, nachdem ich mich geärgert habe, was ich dir verdanke, einſchlafen. Geh' da⸗ her, und wenn du morgen wiederkommſt, ſo bringe eine weniger unleidliche Stimmung mit. Ich wünſche von Herzen, daß deine Vorausſetzung in Erfüllung gehe, lieber Vater, und du eine ruhige Nacht haben mögeſt— wenn ich dich gekränkt habe, ſetzte ſie mit weicherer Stimme hinzu, ſo vergib mir, es geſchah gewiß nicht abſichtlich. 88 Er reichte ihr ſtumm die Hand, welche ſie küßte und ſich dann ohne weitere Erwiederung entfernte. Der Graf blickte ihr gedankenvoll eine Zeit lang nach und dann verwiſchten ſich ſeine Vorſtellungen, die ermüde⸗ ten Augen ſchloſſen ſich und der lang vergeblich erſehnte Schlaf ſchüttete ſeine Mohnkörner darüber aus. Hedwig legte ſich ebenfalls zur Ruhe, und zwar mit einer Eile, als ob es ſie dränge, in einen Zuſtand zu ge⸗ langen, in dem wir für eine Zeit lang all unſere Freuden und Leiden vergeſſen, um von Neuem dazu gerüſtet und geſtärkt wieder zu erſtehen. Sie hatte das Verlangen, in jene bewußtloſe Ruhe zu verſinken, welche dem Tode ſo ähnlich iſt und nur deßhalb für uns keine Schrecken hat, weil wir beſtimmt annehmen, wieder daraus zu erwachen, während uns dieſe Gewißheit bei dem Todesſchlafe mehr oder weniger fehlt— aber ihr Wunſch ging dieſes Mal nicht in Erfüllung. Nur wenn der Geiſt des Menſchen ebenfalls ermüdet oder ruhig iſt, ſendet der Körper den Schlaf, ſo lange aber die Gedanken lebendig bleiben, regellos auf⸗ und abwogen oder unabläſſig um Einen Gegenſtand wie um einen Mittelpunkt kreiſen und jeder Mühe ungeachtet immer wieder dahin zurückkehren— bleibt der Körper ihnen unterthan, ſeine Nerven gelangen in eine fieberhafte Erregung, und alle Bemühungen, 89 ihn in die Ruhe des Schlafes zu verſetzen, bleiben ver⸗ gebens. Sie mußte heute unaufhörlich an Walther denken. Sie ärgerte ſich darüber und bemühte ſich, ihren Gedanken gewaltſam eine andere Richtung zu geben; aber es half ihr nichts, ſie kehrten immer wieder dahin zurück. Endlich ergab ſie ſich, halb gezwungen, halb freiwillig; denn die Bilder, welche die jetzt unbeengte Phantaſie ihr im bunten Gemiſche vorgaukelte, waren keineswegs unangenehm. Sie dachte ſich, Walther habe ihr Geſpräch mit dem Herzoge belauſcht und ihr dann durch einen langen, in⸗ nigen Blick ſtumm dafür gedankt, daß ſie ihn ſo ritterlich an dieſem Manne gerächt habe, der Margot ſo viele kum⸗ mervolle Stunden bereitet. Dann erſchien dieſe ſelbſt, und ſie freute ſich, ſie zu ſehen, obgleich ſie anders ausſah, als ſie ſich dieſelbe gedacht hatte; ſie war noch ſchöner und lieblicher und ihre großen, kindlichen Augen hingen voll inniger Liebe an Walther, der ſie eben ſo anblickte. Sie empfand dabei ein Gefühl der Freude und des Schmerzes zugleich, beides war eng mit einander vermiſcht, aber doch unendlich wohlthuend und beruhigend. Das iſt Hedwig, liebe Margot, ſagte dann Walther, von der ich dir ſo viel geſchrieben habe, und dabei er⸗ röthete er und ſah ſie ſelbſt verlegen an— ſie liebt dich auch, denn ich war Zeuge, wie ſie den Herzog behandelt, 90 nur deinetwegen, weil er dich ſo gekränkt und verfolgt hat — ſonſt hätte ſie dies Alles gewiß nicht gethan, denn— ich kenne ſie und ihre innerſten Gedanken.— Dabei ſah er ſie wieder mit demſelben Blicke an, wie vorher, und Margot's Auge richtete ſich jetzt ebenfalls mit kindlichem Erſtaunen auf ſie, als ob ſie ihre Handlungsweiſe doch nicht recht begreifen könne. Ich bin Ihnen von Herzen gut, liebe Hedwig, flüſterte ſie dann, indem ſie ihr die Hand reichte, haben Sie mich auch ein wenig lieb und bleiben Sie immer Walther's Freundin— immer. Auch Walther wiederholte dieſe Worte, bei denen, als ihre Phantaſie ſie ihr zuflüſterte, ein glückliches Lächeln ihren Mund umſpülte— nicht wahr, Sie erfüllen meine Bitte, ſprach ſie leiſe weiter. Gewiß, gewiß, von ganzem Herzen und für das ganze Leben, flüſterte ſie eben ſo leiſe, während beide ihre Hände ergriffen und ſie innig drückten.— Es iſt und bleibt ein unlösbares Rächſel, i das weib⸗ liche Herz, wir müſſen es zugeſtehen, jetzt um ſo mehr, nachdem wir Hedwig's geheimſte Gedanken erfahren haben, Gedanken, die ſie ſelbſt nur in jenem halb traumartigen Leben der Seele zu denken ſich erlaubte. Vielleicht iſt Dir ihre Handlungsweiſe dadurch jedoch klarer geworden, ge⸗ 91 neigte Leſerin, und da Du ſelbſt zu jenen verlockenden Räthſeln gehörſt, wirſt Du mehr zu der Löſung deſſelben befähigt ſein, als wir. Der Fortgang unſerer Erzählung wird Dir ſpäter zeigen, ob Durichtig geſchloſſen oder Dich dennoch geirrt haſt. Siebentes Capitel. Kalt, wie der Nordoſtwind, welcher am andern Mor⸗ gen durch die breiten und langen Straßen Petersburgs wehte und den Schnee von den Dächern aufwirbelte, war Hedwig's Stimmung, als ſie, ſpät erwacht, in ihrem be⸗ haglich erwärmten Zimmer ſaß. Der Wind, welcher die Luftſtrömung des hohen Nordens über die weiten, ſchnee⸗ bedeckten Ebenen und zuletzt über die Eismaſſen des La⸗ doga⸗See's geführt hatte, zog mit der Anmaßung des Siegers über die widerſtandsloſe Stadt hin, Alles, was er von ihr erreichen konnte, mit ſeinem eiſigen Hauche er⸗ ſtarrend, während ſie ihr Inneres vorſichtig und wohl⸗ verwahrt vor ihm und ſeinen Einflüſſen verſchloß— die Stimmung dagegen, welche Hedwig's Gefühle erkältete, war nicht durch äußere Einflüſſe entſtanden, ſondern aus ihrem Innern entſprungen. Sie ſaß im Seſſel vor einem 93 * mit dem ganzen Comfort der ruſſiſchen Theebereitung be⸗ deckten Tiſche, ihre Augen hafteten auf den Spalten eines franzöſiſchen Zeitungsblattes, aber ihr Geiſt beſchäftigte ſich mit ganz anderen Dingen. Sie war ſichtlich verſtimmt und unzufrieden mit ſich ſelbſt. Die Scene mit dem Her⸗ zoge kam ihr jetzt ihrer unwürdig vor, da ſie ſich einge⸗ ſtehen mußte, daß ſie ohne ihren Willen nicht geſpielt ha⸗ ben würde, ja, daß ſie dieſelbe mehr oder weniger gewünſcht und ſelbſt herbeigeführt habe. Geſtern Abend empfand ſie darüber eine innere Ge⸗ nugthuung, hervorgegangen aus dem befriedigenden Ge⸗ fühle, Wiedervergeltung geübt zu haben— heute?— Was hatte ſie mit dieſer Wiedervergeltung zu ſchaffen? Was hatte ſie ſich überhaupt und ſelbſt nur in Gedanken mit Dingen zu beſchäftigen, die ihr vollſtändig fern lagen, die ſie gar nichts kümmerten, von denen ſie, ohne zu er⸗ röthen, nicht einmal reden durfte!— Sie erröthete wirk⸗ lich, indem ſie dieſes dachte, erröthete über ihre eigene Handlungsweiſe.— Ihr Auge hob ſich unbewußt von dem Zeitungsblatte empor und richtete ſich eben ſo unbe⸗ wußt auf die hohen Fenſter, an deren großen, äußeren Spiegelſcheiben der kalte Nordoſtwind phantaſtiſche Eis⸗ blumen hatte entſtehen laſſen— ihr Auge blieb mit einem melancholiſchen Ausdrucke daran haften, und der trübe Gedanke, daß die Blumen ihres Herzens jenen Gebilden 94 des Winters ähnlich ſeien, entlockte ihrem Buſen einen tiefen und langen Seufßzer. Dann verſuchte ſie dieſer Stimmung Herr zu werden und ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, aber es wollte ihr immer noch nicht gelingen. Der Herzog, Margot— und Walther hielten ſie hartnäckig im Beſitze, und ihre Bilder wichen nicht, bis ſie ſich gewaltſam auf⸗ raffte, ihrem Mädchen klingelte und die gewöhnlichen Be⸗ gebniſſe des Tages auf ſich einwirken ließ. Es war ihr willkommen, daß bald darauf die Oberſtin zu ihr kam und ſich dann mit ihrer gewohnten Freundlichkeit nach ihrem Ergehen erkundigte. Hedwig war heute viel ge⸗ ſprächiger, viel zuvorkommender als ſonſt, und der Ab⸗ ſtand ihres Benehmens, welches jedoch eine gewiſſe Abſicht⸗ lichkeit zur Schau trug, war ſo groß, daß es der Oberſtin auffiel, obgleich ſie dieſe Wahrnehmung verheimlichte. Später, nachdem ſich Hedwig angezogen, wozu ſie ſich heute ungewöhnlich lange Zeit nahm, erſchien auch der Fürſt und war entzückt, von ihr zu hören, daß ſie ſich geſtern beſonders gut auf ſeinem Feſte amuſirt habe, mehr wie je auf einem anderen. Indem ſie ſich bemühte, ſie wußte ſelbſt nicht, weßhalb, dies dem Fürſten zu ſagen und da⸗ bei ſo liebenswürdig als möglich zu ſein, ſprach ſie ſich ſelbſt in eine gewiſſe Aufregung hinein, die Bilder des Abends wurden wieder lebendiger und ihre Stimmung nun eine wirklich heitere, denn ihr Benehmen am geſtrigen Abende, welches allein den Nittelpunkt ihrer Gedanken bildete, erſchien ihr jetzt in einer weit weniger nachthei⸗ ligen Beleuchtung, ja, es traten bereits wieder Momente ein, wo ſie mit Genugthuung daran denken und ſich inner⸗ lich darüber freuen konnte. Der durch die nüchterne Morgenbetrachtung hervorge⸗ rufene Anflug von Reue ſchien verſchwunden, ihr Auge fiel jetzt beachtungslos und ohne weitere Vergleiche her⸗ vorzurufen auf die Eisblumen an den Fenſtern— der erſte leer geweſene Raum des neuen Blattes war beſchrie⸗ ben, und die Fortſetzung bildete Bereits wieder die Fort⸗ ſetzung des vergangenen. Die Woge, welche der nüchterne, reflectirende Verſtand im Kampfe mit dem Empfinden in ihrem Innern hoch und ſiegreich hatte anſchwellen laſſen, war abgefloſſen und die alte Strömung an ihre Stelle getreten.— Sie freute ſich wieder ihres Triumphes, nicht ihretwegen— ſondern aus einem anderen Grunde, wo⸗ rüber ſie jedoch weiter nachzudenken mit Beharrlichkeit unterließ“ Der Fürſt war, wie geſagt, entzückt von ihrem Be⸗ nehmen, er blieb ungewöhnlich lange und bot Alles auf, um ihre Andeutung, daß ſie ihre Rückreiſe bald antreten müßten, zu beſeitigen. Wir haben heute zwanzig Grad Kälte, ſagte er mit 96 einer Miene, als ob er ſich über dieſe zu jener Jahres⸗ zeit ſelbſt in Petersburg ungewöhnliche Temperatur freue, und dabei weht ein ſo ſcharfer Wind, daß gewiß viele Menſchen der Kälte zum Opfer fallen werden. Sie kennen unſer Klima nicht und dürfen bei dem leidenden Zuſtande Ihres Vaters, den ich jetzt meinen Freund nennen kann, längere Zeit nicht an die Rückreiſe denken. Aber dann kommt der Krieg, Herr Fürſt, der Krieg, welcher unvermeidlich iſt, und unſere Reiſe wird unmög⸗ lich werden. Das iſt ſie eigentlich jetzt ſchon, ſagte er mit einem freudigen Ausdrucke ſeiner hervorſtehenden, ſcharfen Augen — Sie müſſen ſich mit dem Gedanken vertraut machen, den Krieg hier abzuwarten. O, erſchrecken Sie deßhalb nicht ſo ſehr, fuhr er fort, als er bemerkte, daß Hedwig ſichtlich von dieſer Empfindung ergriffen wurde— es wird ſich wirklich kaum anders machen laſſen, denn ſelbſt wenn Sie jetzt reiſen wollten, würde Ihre Fahrt mit ſo vielen Gefahren verbunden ſein, daß es unverantwortlich wäre, ſich denſelben auszuſetzen— ich könnte das nie und nim⸗ mer zugeben. Aber wir können unmöglich länger von Hauſe ab⸗ weſend ſein.... Nach den Mittheilungen Ihres Vaters wüßte ich nicht, was Sie daran hindern ſollte, da ſich Ihre heimiſchen 97 Angelegenheiten in guten Händen befinden. Glauben Sie nicht, fuhr er beredter fort, als er Hedwig's ſich ſteigernde unruhe wahrnahm, glauben Sie nicht, daß Sie während der beſſeren Jahreszeit hier in dem unwirthlichen Peters⸗ burg bleiben ſollen, wo es gar keine beſſere Jahreszeit gibt, ſondern nur einen rauhen und kalten Winter und dann plötzlich einen heißen und ermattenden Sommer mit ſo langen Tagen, daß es eigentlich immer Tag iſt— wir werden uns eine Zeit lang in dem alten, ehrwürdigen Moskau aufhalten, der wirklichen Hauptſtadt des großen Reiches, wo Sie Rußland, ruſſiſche Sitten und ruſſiſches Volksleben erſt kennen lernen ſollen; dann ziehen wir, während unſere Heere die übermüthigen Franzoſen ſchla⸗ gen, auf meine Güter in die Gegend von Nowgorod, an die Ufer der Wolga, wo das Klima angenehm und die Natur voll ſüvlichen Reizes iſt.— Die Zeit wird Ihnen dort hoffentlich ſchnell und in mannigfacher Abwechslung vergehen, ich meinerſeits werde wenigſtens Alles aufbieten, um dieſen Zweck zu erreichen, und wenn wir dann einen ehrenvollen Frieden erkämpft haben, für uns und auch für Sie— dann kehren Sie, im Beſitze dieſer freudigen Er⸗ rungenſchaft, in Ihre Heimath zurück— wohin ich Sie vielleicht begleite, wenn Sie mir dieſe Gunſt geſtattet wollen, ſetzte er mit etwas leiſerer Stimme hinzu., Sie hatte ihm ſchweigend und mit geſteigerter Unruhe S H. 7 98 zugehört, jedoch zugleich erkannt, daß der Schwerpunkt dieſer Angelegenheit allein in dem Willen ihres Vaters ruhe und es daher zu keinem Ergebniſſe führen könne, den Anſichten des Fürſten beſtimmten Widerſpruch entgegen zu ſetzen. Sie machen weit ausſehende Plane, Herr Fürſt, er⸗ wiederte ſie daher mit einem unbeſtimmten Lächeln— ich ſehe ein, daß wir bei dieſem Wetter nicht reiſen können und Ihre ſo rückſichtsvolle Gaftfreundſchaft noch länger in Anſpruch nehmen müſſen.... Das freut mich, freut mich mehr, als ich es ſagen kann und vielleicht ſagen mag, unterbrach er ſie— aber reden Sie nicht von ſo unbedeutenden und ſelbſtverſtänd⸗ lichen Dingen— Ihre Gegenwart iſt für mich ein großes Glück, halten Sie dieſe Ueberzeugung feſt und bedenken Sie, daß es grauſam von Ihnen ſein würde, mir daſſelbe ſchon ſo bald wieder zu rauben! Mein Väter würde ſich ſehr freuen, Ihren Beſuch zu empfangen, erwiederte ſie, den Gegenſtand des Geſpräches abbrechend; ich ſelbſt habe ihn an dieſem Morgen noch nicht begrüßt und mich nach ſeinem Befinden erkundigt, weil ich weiß, daß er ſehr ſpät eingeſchlafen iſt— wenn es Ihnen genehm wäre, gingen wir zu ihm. Ihr Wunſch iſt ſtets für mich ein Befehl, ſagte der 99 Fürſt, indem er aufſtand und, von ihr geführt, den Zim⸗ mern des Grafen zuſchritt.— Die Ungunſt des Wetters, der unveränderliche Zuſtans des Grafen und die Bemühungen pes Fürſten, mit denen er die Abreiſe ſeiner Gäſte zu verhindern wußte, dehnte ihren Aufenthalt immer länger aus, und es waren bereits abermals ſechs Wochen ſeit dem Balle verfloſſen, auf wel⸗ chem Hedwig jene aufregende Unterredung mit dem Herzoge gehabt hatte. Sie war ſeit jener Zeit nicht mehr mit ihm zuſammengekommen, er hatte das Haus des Fürſten ge⸗ mieden und an anderen Orten Hedwig vollſtändig unbe⸗ achtet gelaſſen. Die Abreiſe der franzöſiſchen Geſandtſchaft ſtand jetzt in wenigen Tagen bevor. Man wußte in Peters⸗ burg, daß Napoleon binnen Kurzem Paris zu verlaſſen beabſichtige, um ſich zur Armee zu begeben, und zweifelte nicht daran, daß dann endlich auch die förmliche Kriegs⸗ erklärung folgen werde, zu welcher alle Vorbereitungen von beiden Seiten im ausgedehnteſten Maßſtabe getroffen wa⸗ ren und noch unausgeſetzt getroffen wurden. Der Zar wollte ſich dann ebenfalls zur Armee begeben, und das Hinhalten der Entſcheidung, das Fortſetzen von ſchein⸗ baren Unterhandlungen, von deren Nutzloſigkeit man über⸗ zeugt war, ſteigerten nur die Erbitterung. Die Mitglieder der franzöſiſchen Geſandtſchaft vermieden es aus dieſem Grunde ſo viel als möglich, ſich öffentlich zu zeigen, und 723 100 wurden auch nicht mehr zu den Cirkeln des Hofes ge⸗ laden. Endlich war der lang erſehnte und doch noch immer gefürchtete Zeitpunkt gekommen; man erzählte ſich überall in der Stadt, daß der franzöſiſche Geſandte ſeine Päſſe gefordert habe und in wenigen Tagen Petersburg verlaſſen werde. Am Abende jenes Tages, zu Ende des Monats April, waren die Straßen der Stadt ungewöhnlich belebt. Das letzte Garde⸗Regiment, dasjenige, bei welchem der Capitän ſtand, hatte ebenfalls Marſch⸗Ordre erhalten und ſollte nach dem Süden abrücken. Die Menſchen ſtanden überall zuſammen und beſprachen die kommenden Ereigniſſe, er⸗ gingen ſich in mannigfachen Vermuthungen und gaben ſich, wie immer, Mühe, allerlei Gerüchte zu erfinden und zu verbreiten. In einem der eleganteſten Reſtaurations⸗ Locale von Petersburg war es an jenem Abende ebenfalls ſehr lebendig; alle Räume hatten ſich mit lebhaft ſprechen⸗ den Menſchen angefüllt, welche die Tagesneuigkeiten ver⸗ handelten. Da uns dies jedoch wenig intereſſirt, gehen wir die hell erleuchtete Treppe hinauf, über einen langen Corridor fort und gelangen ſo in ein großes und geräu⸗ miges Zimmer, welches zum Hazardſpiel benutzt wird. Der Ruſſe iſt bekanntlich ein leidenſchaftlicher Spieler und kennt faſt keine Geſelligkeit ohne die Befriedigung dieſer 101 ihm angeborenen Neigung. In dem an ſich einfachen und ohne Comfort eingerichteten Zimmer waren viele, große Vermögen der Spielwuth zum Opfer gefallen; diejenigen, welche darin verkehrten, hatten wenig Sinn für die Aus⸗ ſchmückung eines Raumes, von welchem ſie nichts weiter verlangten, als ihrer verderblichen Leidenſchaft ungehindert fröhnen zu können. Die Geſichter, welche an dem langen, mit grünem Tuche ausgeſchlagenen Tiſche ſaßen, unterſchieden ſich we⸗ nig von denen, welche man in allen derartigen Spielhöllen zu ſehen Gelegenheit hat— denn es iſt immer mehr oder weniger dieſelbe Sorte von Menſchen, welche ſich an ſol⸗ chen Orten zuſammenfindet. Der in dieſen Dingen erfah⸗ rene Beobachter wird hier wie dort nur von dem Gefühle des Ekels berührt werden, welches ſich bei den deutſchen privilegirten Spielanſtalten noch dadurch ſteigert, daß es deutſche Fürſten gibt, welche ſich nicht ſcheuen, die ver⸗ werflichſten Laſter aus ganz Europa bei ſich zuſammen⸗ kommen zu laſſen, lediglich, um daraus eine Quelle der Geldeinnahme zu ziehen. Die öffentlichen prahleriſchen Ankündigungen ſolcher Spielbanken, welche wir unauf⸗ hörlich in den Zeitungen leſen, welche uns belehren, daß auch der Winter kein Hinderniß dafür bilde und man be⸗ müht geweſen ſei, daneben eine Sammlung verſchieden⸗ artiger fremder, beſonders pariſer Laſter in den verlockend⸗ 102 ſten Formen bereit zu halten, iſt ein betrübendes Bekennt⸗ niß unſerer Schande, vor welchem wir nicht nur dem Auslande, ſondern am meiſten uns ſelbſt gegenüber zu erröthen haben. Die Raffinements der deutſchen Bäder fehlten in dem beſchriebenen petersburger Spielſaale; es fanden ſich da⸗ ſelbſt hauptſächlich nur Männer ein, welche wirklich ſpielen wollten, wenig Zuſchauer und gar keine von jenen Damen, denen die Beſtimmung obliegt, mit ihren feilen Reizen die Anweſenden zu beſtricken und zum Spielen zu verlocken, wie man ſie jetzt, neben Auſtern, Trüffeln und anderen Leckereien, aus dem Auslande für Deutſchlands Spiel⸗ banken beſonders verſchreibt. Die Plätze an dem langen Tiſche waren alle beſetzt, auf einem etwas erhöhten Seſſel ſaß der Banguier, neben ihm ſeine Croupiers, confiscirte Phyſiognomieen, wie ge⸗ wöhnlich. Hinter den Stühlen der Spielenden ſtanden die Zuſchauer oder ſolche, die nur hin und wieder einmal Verſuch mit einer Karte machten, und in dritter Reihe ging man auf dem weichen Teppiche auf und ab, keiſe plaudernd und beobachtend. Unfern des Croupiers ſaß der Herzog. Vor ihm lag eine Maſſe von Goldſtücken, denn das Glück ſchien ihm günſtig geweſen zu ſein; er ſetzte ſo eben wieder eine be⸗ deutende Summe auf eine Karte. Sein Spiel mußte die 103 Aufmerkſamkeit der Uebrigen erregt haben, denn Vieler Blicke waren auf ihn und den Erfolg ſeines Satzes ge⸗ richtet. Er verlor. Mit der Gleichgültigkeit eines routi⸗ nirten Spielers ſah er den kleinen Haufen Goldes ver⸗ ſchwinden, nahm eine andere Karte und verdoppelte den Satz. Das Glück war ihm abermals ungünſtig. Auch jetzt ging nicht die mindeſte Veränderung auf ſeinem Ge⸗ ſichte vor, ſeine blaſſen Züge und ſeine verſchleierten Augen blieben unbeweglich. Dem Capitän, welcher ihm gegen⸗ über ſtand und ihn ſcharf beobachtete, kam es jedoch vor, als ob ſeine zuſammengepreßten Lippen unmerklich zuckten, während er in gleicher Weiſe noch einige hohe Sätze ver⸗ lor und der Haufe Goldſtücke vor ihm gänzlich verſchwand. Es ſchien, als ob er das Glück zu erzwingen beabſichtige, denn er legte neue Rollen mit Napoleonsd'ors vor ſich hin, die jedoch eben ſo ſchnell verſchwanden, wie die bis⸗ herigen. Ein ſpöttiſches Lächeln flog über das Geſicht des Ca⸗ pitäns, als er den ſich ſteigernden Verluſt des Herzogs beobachtete, denn er nahm in ſeinem Innern offenbar Partei gegen ihn und freute ſich jedesmal, wenn die Harke des Croupiers die ausgeſetzten Goldſtücke einzog. Noch⸗ mals erneuerte der Herzog ſeine Einſätze, und nochmals verlor er— er mußte bereits ſehr bedeutend verloren haben. 104 Es trat jetzt die übliche Pauſe von einer halben Stunde ein, nach deren Verlauf das Spiel von Neuem beginnen ſollte. Das Geſpräch wurde lebhafter, mehre Spieler verließen ihre Sitze, um ſie anderen einzuräumen, während diejenigen, welche fortſpielen wollten, abwartend ſitzen blieben. Der Herzog gehörte zu den letzteren. Sie haben unglücklich geſpielt, Herr Herzog, ſagte ein Mann, der ihm gegenüber ſaß; es iſt heute nicht Ihr Tag, Sie ſollten aufhören. Es iſt mir gleich, ob ich verliere oder gewinne, er⸗ wiederte in nachläſſigem Tone der Herzog, mich unterhält das Spiel— das iſt Alles. Ah, das glaube ich Ihnen nicht; Niemand ſpielt, um zu verlieren, ein Jeder will gewinnen. Aber man kann nicht immer gewinnen, und der Reiz liegt allein in der Abwechslung. Sie werden dieſen Reiz hier in Petersburg kaum mehr genießen können, bemerkte ein Anderer, da Sie uns bald verlaſſen müſſen. Möglich— hier oder anderswo, das bleibt ſich gleich. Sie ſcheiden gewiß mit ſchwerem Herzen von hier? Wit ſchwerem Herzen? fragte mit einem gezwunge⸗ nen Lächeln der Herzog, indem ſich ſeine Augen etwas mehr aufſchlugen; dieſes unbedeutenden Verluſtes wegen? 105 O, das wollte ich nicht ſagen! Ich habe eine viel zu gute Meinung von Ihnen, als daß ich glauben ſollte, der Verluſt einer ſolchen Kleinigkeit, die Sie ja auch immer⸗ hin noch wiedergewinnen können, würde Ihnen das Herz ſchwer machen. Was meinten Sie denn, wenn ich fragen darf? Nun, daß das alte Sprüchwort bei Ihnen zutrifft: unglück im Spiele, Glück in der Liebe! Der Herzog ſchwieg, aber um ſeinen Mund legte ſich ein halb ſelbſtbewußtes, halb ſpöttiſches Lächeln. Sehen Sie, daß ich Recht habe, fuhr der Andere in demſelben leichten Tone fort, Sie ſchweigen— wer ſchweigt, gibt zu. Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen. Ah, ſpielen Sie nicht den Unwiſſenden! Ich kenne ſehr ſchöne Augen, die ſich mit Thränen füllen werden bei Ihrer Abreiſe. Sie kennen ſolche Augen? Das überraſcht mich wirklich! Das überraſcht Sie? Daß ich ſie kenne? Nun, das iſt ſehr zufällig, ſehr oberflächlich. Aber Sie werden doch zugeſtehen, daß die deutſche Gräfin, welche bei dem Fürſten Boridow zum Beſuche iſt, ſehr ſchöne Augen hat, vielleicht die ſchönſten in ganz Petersburg, und was die Thränen betrifft.. 3 106 Was die Thränen betrifft, mein Herr, unterbrach der Herzog, ſo ziemt es mir am wenigſten, davon zu reden. Warum Ihnen am wenigſten? Ich würde glücklich ſein, wenn ſie meinetwegen geweint würden! Warum wollen Sie ein ſolches Glück nicht eingeſtehen? Weil es mir nicht zuſagt, mich mit der Gunſt einer Dame zu rühmen. Wir dürfen dies am wenigſten dann thun, wenn wir ſo glücklich geweſen ſind, damit beſchenkt worden zu ſein. Bravo, Bravo! rief lachend der Andere, und die Um⸗ ſitzenden ſtimmten in das Gelächter ein. Sie verſtehen es, Herr Herzog, von der Sprache den richtigen Gebrauch zu machen, indem Sie in einem und demſelben Satze ver⸗ neinen und bejahen. Ich muß die weitere Auslegung Ihrer eigenen Beur⸗ theilung überlaſſen, bemerkte der Herzog, ebenfalls lachend. Die Augen des Capitäns hatten ſich während dieſer leichtfertigen und für Hedwig beſchimpfenden Unterhaltung mit einem flammenden Ausdrucke auf den Herzog gerichtet, ohne daß dieſer die Anweſenheit des Capitäns bemerkt hätte. Des Capitäns Hand, die auf der Lehne des vor ihm ſtehenden Stuhles ruhte, erzitterte leiſe, als der Her⸗ zog die letzten Worte ſprach. Meine Herren, ſagte er dann mit ſo lauter Stimme, daß alle Anweſenden es hören konnten und das Geſpräch 107 ſofort deßhalb verſtummte— wofür halten Sie einen Mann, welcher ſich der Gunſt einer Dame öffentlich rühmt, von der er beſtimmt weiß, daß ſie ihn verachtet, weil ſie ihm dies ſelbſt mit unzweideutigen Worten geſagt hat? — Ich halte ihn für einen Elenden und für einen Nichts⸗ würdigen, fuhr er eben ſo laut fort, während jetzt im ganzen Saale die tiefſte Stille herrſchte, und bin über⸗ zeugt, daß Niemand unter Ihnen einer anderen Meinung ſein wird! Soll das mir gelten? rief der Herzog aufſpringend, indem er den Capitän jetzt ebenfalls mit haßerfüllten Augen anblitzte. Könnten Sie darüber noch zweifelhaft ſein? erwie⸗ derte dieſer ruhig; ich glaube, mich deutlich und beſtimmt ausgedrückt zu haben. Ich werde Ihnen die Antwort durch meinen Secun⸗ danten zukommen laſſen, ſagte der Herzog, indem er ſich zwang, ſeiner Aufregung Herr zu werden, und bemerke nur, daß meine Zeit hier in Petersburg ſehr gemeſſen iſt. Die meinige ebenfalls, erwiederte der Capitän, das paßt vortrefflich. 2 Der ganz unerwartete Vorfall hatte nicht verfehlt, einen nachhaltigen Eindruck auf die Anweſenden hervor⸗ zurufen, denn es herrſchte, auch als der Capitän ſich gleich darauf entfernt hatte—och immer eine nur von leiſem — 3 108 Flüſtern unterbrochene, faſt lautloſe Stille. Aller Blicke richteten ſich auf den Herzog, der mit anſcheinend gleich⸗ gültiger Miene unverändert auf ſeinem Platze ſaß. Dann erſchien der Banquier wieder, die dicken Karten⸗ Pakete wurden gemiſcht und die monotonen Worte: Mes- sieurs, faites votre jeu— rien ne va plus— brachten das Spiel wieder in Gang. Das Glück war dem Herzoge jetzt günſtiger. Sein Verluſt erſetzte ſich bald und er gewann ſchließlich eine nicht unbedeutende Summe. Sollte ich mich doch vielleicht in der Anwendung des Sprüchwortes geirrt haben, ſcherzte der Veranlaſſer des Auftrittes dann mit ſichtlicher Schadenfreude weiter, weil der ruſſiſche Rationalhaß dem Franzoſen feindlich war— doch was liegt Ihnen an ein paar Thränen aus ſchönen Augen! Sie würden mich verpflichten, wenn Sie dieſen jetzt wohl nicht mehr paſſenden Gegenſtand ferner unberührt ließen, erwiederte der Herzog gereizt. O, ich habe durchaus keine Veranlaſſung dazu, und wenn ich gewußt hätte, daß der Capitän ſich zum Ritter einer Dame aufwerfen würde, von der Sie eigentlich, ſo viel mir erinnerlich iſt, gar nichts Rachtheiliges geſagt haben, ſo würde ich gewiß nicht die unſchuldige Urſache zu einem Duelle geworden ſein. Jebedauere dies von gan⸗ 109 zem Herzen, fuhr er in demſelben ſpöttiſchen Tone fort, und bitte Sie deßhalb um Entſchuldigung. Sollten Sie vielleicht eines Secundanten bedürfen? Sie werden die Sache ſchnell abgemacht ſehen wollen, und auf Piſtolen natürlich— ich ſtehe Ihnen zu Dienſten. Ich danke Ihnen, erwiederte der Herzog kalt und mit einem raſchen Blicke auf die ihn neugierig Umſtehenden— ich pflege meine Angelegenheiten ſelbſt nach meiner Weiſe abzumachen und habe meine Freunde. Nun, es war gut gemeint— gut gemeint. Hoffent⸗ lich haben wir die Ehre, Sie morgen hier wiederzuſehen — denn vielleicht iſt doch noch immer eine Ausgleichung möglich, und nur in dieſer Abſicht habe ich Ihnen meine Dienſte angeboten. Ich danke Ihnen auch für dieſe gute Abſicht und habe die Ehre, mich zu empfehlen, ſagte der Herzog, indem er den Saal verließ. Ich bin neugierig, ob wir ihn noch einmal wiederſehen werden, bemerkte Jener wieder; es ſollte mir leid thun um den braven Capitän; aber er muß ſich in Acht nehmen, denn dieſe Franzoſen ſchießen alle vortrefflich, und der Gerzog ſieht nicht danach aus, als ob er eine ſo grobe Beſchimpfung anders als mit dem Leben Eines oder des Anderen zu ſühnen geſonnen wäre. Achtes Capitel. Der jenem Abende folgende Tag brachte eine für Hed⸗ wig unangenehme Entſcheidung, welche ſie jedoch ſchon längere Zeit vorausgeſehen hatte, nämlich das Verſchieben der Rückreiſe, und zwar für eine unbeſtimmte Zeit. Der Zuſtand ihres Vaters war unverändert geblieben, hatte ſich eher noch verſchlimmert, ſo daß ſie ſelbſt von dem Ver⸗ langen, ihn vor ſeiner Geneſung die Rückreiſe antreten zu laſſen, Abſtand genommen. Dazu war das Wetter eigent⸗ lich noch ungünſtiger geworden, obgleich die ſtrenge Kälte nachgelaſſen und ſich in jene unangenehme und wechſelnde Witterung verwandelt hatte, welche zur Zeit des deutſchen Frühlings in Rußland herrſcht. Die Eisdecke der Newa ſtand zwar noch, drohte aber in jedem Augenblicke aufzu⸗ brechen und dem Meere zuzueilen, es wehten heftige, von eiſigem Regen und Schnee begleitete Weſtſtürme, die Wege fingen bereits an, grundlos zu werden, kurz, hierin allein würde der Fürſt die vollkommen begründetſte Urſache ge⸗ funden haben, den Grafen zum Bleiben zu bewegen. 112 An jenem Tage hatte ſich dieſer nun beſtimmt dahin ausgeſprochen, daß, da jetzt immer noch nicht gereiſt wer⸗ den könne, nichts übrig bleiben werde, als den Krieg ab⸗ zuwarten, alſo jedenfalls den Sommer in Rußland zuzu⸗ bringen. Der Fürſt war über dieſe Entſcheidung ſichtlich erfreut und ſprach ſeinen Dank dafür in den wärmſten Ausdrücken, jedoch ſonderbarer Weiſe faſt allein gegen Hedwig aus, welche darauf gar keinen Anſpruch hatte und dies auch unverhohlen zu erkennen gab. Er nahm jedoch darauf keine Rückſicht, denn ihm genügte es, die Gewiß⸗ heit zu beſitzen, noch eine lange Zeit in ihrer Geſellſchaft zubringen zu können, und es war ihm ein angenehmes Gefühl, ja, faſt ein Bedürfniß, ihr dies zu ſagen. Hedwig ergab ſich darein mit ſchwerem Herzen, aber ſie ſah ein, daß es ſich nicht ändern ließe, denn der Krieg war entſchieden, die franzöſiſche Geſandtſchaft ſollte über⸗ morgen Petersburg verlaſſen, und die Feindſeligkeiten konnten bereits begonnen haben. Es war alſo unmöglich, jetzt den Landweg nach der Heimath zu benutzen, und die See war noch nicht offen, auch wußte ſie, daß ſich ihr Vater niemals zu einer Seereiſe entſchließen würde, be⸗ ſonders auf einem Schiffe, welches in die preußiſchen Häfen nur als ein feindliches hätte einlaufen können. Rächſt Hedwig war die Oberſtin am meiſten über dieſe 112 Entſcheidung unzuftieden. Sie hatte das ſich immer mehr ſteigernde Intereſſe des Fürſten für die Fremde mit inne⸗ rem, oft nur ſchlecht verhehltem Aerger wahrgenommen, denn ſie ſah darin den Anfang von dem Scheitern all ihrer wohlüberlegten und ſo lange vorbereiteten Plane. Sie kannte des Fürſten leicht erregte und in ſeinen einmal erwachten Leidenſchaften unbezähmbare Natur; ſie wußte aus Erfahrung, daß Hinderniſſe, welche ſeinem Willen ſich entgegenſtellten, dieſen nur zu größerer Stärke und Feſtigkeit ſtählten, weil er von Jugend auf gewohnt war, ſeine Zwecke und Abſichten zu erreichen, ohne dabei in den Ritteln beſonders wähleriſch zu ſein. Während der langen Zeit eines ſehr vertrauten Zuſammenlebens hatte ſie ſich nicht nur dieſe Kenntniß ſeines Charakters erworben, ſondern auch in ſeinen, ſonſt keineswegs für Jedermann verſtändlichen Geſichtszügen ſo ſicher leſen ge⸗ lernt, daß es ihm ſehr ſchwer wurde, ſelbſt ſeine geheim⸗ ſten Gedanken vor ihr zu verbergen. Er wußte dies na⸗ türlich nicht und freute ſich oft im Geheimen, ſie dennoch überliſtet und betrogen zu haben, während ſie doch nur, weil es in ihre Plane paßte, die Unwiſſende ſpielte. Es verdroß ſie jetzt beſonders, daß er ſich in ſeinem Benehmen gar nicht einmal mehr dieſe Mühe zu geben ſchien. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß er thöricht genug ſein würde, Hedwig zu heirathen, er, der 113 ſechsundfünfzigjährige, kränkliche Mann, ſie, das blühende, neunzehnjährige Mädchen. Schon der Umſtand, daß er jetzt durchaus gar nicht mehr von ſeinem Krankſein ſprach oder davon hören wollte, vielmehr umgekehrt jetzt ſeine Rüſtigkeit eben ſo übertrieb, wie früher ſeine Kränklichkeit, gab ihr die Gewißheit, daß er mit dieſem thörichten Plane in ſeinen Gedanken ernſtlich beſchäftigt ſei. Was ſollte aber aus ihr ſelbſt in dieſem Falle werden? Hedwig's ſtolzer Charakter war bei mancherlei Ver⸗ anlaſſungen ſichtbar zu Tage getreten, ihre, der Oberſtin, Zuvorkommenheit und Freundlichkeit hatte ſie nur zu einer ſtets förmlichen und kalten Erwiederung bewogen— es blieb nicht im mindeſten zweifelhaft, daß die Fürſtin Hedwig ſie, die Oberſtin, nicht Einen Tag länger in ihrem Hauſe dulden werde. Der Fürſt, von ſeiner jungen Ge⸗ mahlin beherrſcht, würde dann wenig für ſeine alte Freun⸗ din übrig behalten— ſie kannte ſeinen herzloſen, kalten Charakter zu genau, um ſich in dieſer Beziehung einer Täuſchung hinzugeben—, er würde ſie mit einer dürftigen Summe abfinden und ſie gehen heißen— nichts weiter. Ganz anders mußte ſich die Sache geſtalten, wenn Hedwig den Fürſten nur beerbte. Die Oberſtin blieb dann bis zu ſeinem Tode in ihrer jetzigen Stellung und konnte dieſe zu mancherlei ihr günſtigen letztwilligen Beſtim⸗ mungen benutzen und vielleicht den ganzen Plan doch noch H. 8 114 ſchließlich wieder rückgängig machen. So hatte ſie ſich die Sache in ihrem Innern zurechtgelegt und ſich in das Un⸗ vermeidliche, in die Herberufung der fremden Verwandten, gefunden— jetzt ſollte nun mit Einem Male Alles an⸗ ders kommen. Auch ſelbſt ihre Eiferſucht trat mit in das Spiel, denn wenn bisher der ſichere und unbeſchränkte Beſitz denſelben als ziemlich bedeutungslos hatte erſcheinen laſſen, ſo ſteigerte ſich jetzt, wie immer, der Werth deſſel⸗ ben, wo ſeine Erhaltung in Frage und ſein Verluſt in naher Ausſicht ſtand. Am meiſten unzufrieden war die Oberſtin mit ihrem 4 Bruder, obgleich er eigentlich der einzige Menſch war, für den ſie eine wirkliche und wahre Zuneigung empfand. Er ſollte das Herz der fremden Gräfin und ſchließlich ihre Hand gewinnen, das war ihr Plan. Ihre Zukunft, das wußte ſie, wäre in dieſem Falle, wenn Hedwig und mit ihr der Bruder den Fürſten beerbt haben würden, voll⸗ fommen geſichert geweſen— aber auch dieſer Plan ſchei⸗ terte an der Gleichgültigkeit oder wenigſtens an der Ober⸗ flächlichkeit, mit welcher ihr Bruder ſelbſt die Verhältniſſe auffaßte. Zuweilen war es ihr zwar vorgekommen, als ob er mehr als ein gewöhnliches Empfinden für Hedwig an den Tag lege, niemals hatte er aber in dieſer Beziehung eine auch nur beſtimmt zu deutende Aeußerung gemacht, vielmehr die ihrigen ſtets belacht und beſpöttelt, indem er 115 den bevorſtehenden Krieg als die für ihn allein Werth habende Lebensfrage hinſtellte. Auch heute hatte er den gewohnten Beſuch gemacht und dabei länger verweilt, als dies ſonſt ſeine Gewohn⸗ heit geweſen. Sie ſchob ſein etwas verändertes Benehmen dem Umſtande zu, daß der Abmarſch ſeines Regiments jetzt beſtimmt auf übermorgen früh feſtgeſtellt und ſein Beſuch daher ſchon eine Art von Abſchied ſei. Auch nach Hedwig hatte er ſich erkundigt, ja, ſogar den Wunſch geäußert, ſie zu ſprechen, denſelben jedoch wieder aufgegeben, als ihm Oberſtin gerathen, ihr einen Beſuch abzuſtatten. Wozu das? erwiederte er; es möchte leicht zudringlich erſcheinen, und ich werde ja immer morgen noch Zeit ha⸗ ben, von ihr mich zu verabſchieden, da wir erſt übermorgen früh ausmarſchiren. Du biſt und bleibſt ein Thor und empfindeſt ordent⸗ lich Furcht davor, mit dieſem Mädchen in nähere Berüh⸗ rung zu kommen! Weßhalb ſollte ich davor Furcht empfinden? ſagte er mit ſeiner gewohnten Freundlichkeit— ich vermeide es nur, etwas Ueberflüſſiges zu thun. Sollte mir morgen ielleicht dazu keine Zeit mehr bleiben, ſo ſei ſo gut, Ka⸗ thinka, ihr meinen Abſchiedsgruß zu überbringen. Ich hoffe, daß du wenigſtens nicht ſo unhöflich ſein 8* 116 wirſt, dies zu unterlaſſen; es würde ja förmlich auffallend und verletzend ausſehen! Beruhige dich, ſagte er, und ſah dabei ernſter aus als ſonſt, wenn es mir irgend möglich iſt, werde ich ſelbſt und perſönlich Abſchied nehmen. Warum ſollte es dir nicht möglich ſein? Ich wüßte wirklich keinen Grund, erwiederte ſie ärgerlich. Ich auch nicht; ſprechen wir daher nicht weiter da⸗ rüber— es war nur ſo eine Aeußerung, wie man ſie zu⸗ weilen macht. Es thut mir leid, daß du gerade bei dieſer Gelegenheit ſo gleichgültige Aeußerungen machen kannſt, denn ich habe dir ſchon oft geſagt.... Was ich deßhalb vollſtändig weiß, unterbrach er ſie lächelnd. Sei mir daher nicht böſe, daß ich dich verhin⸗ dere es abermals zu ſagen— ich habe Eile, noch Manches zu beſorgen. Lebe wohl, liebe Schweſter, fuhr er dann mit einer Stimme fort, die zwar ſcherzend klang, aber doch eine tiefere Erregung zur Schau trug— es iſt mir faſt, als ob ich heute ſchon Abſchied von dir nehmen müßte. — Wie thöricht man ſein kann! Lebe alſo wohl— auf Wiederſehen!— So war er gegangen, und ſie hatte ihm gedankenvoll nachgeblickt. Da ſie keine Ahnung davon hatte, daß erſich am anderen Tage mit dem Herzoge ſchießen follte, ſo 117 ſchrieb ſie ſeine einigermaßen veränderte Stimmung na⸗ türlich allein dem Umſtande zu, daß ſein Ausmarſch ſo nahe bevorſtand, und indem ſie ſich dieſen Gedanken hin⸗ gab, malte ſie ſich die Gefahren des Krieges aus, und auch ihre Stimmung wurde dabei eine immer ernſtere und wirklich ſchmerzliche. Die Möglichkeit, den einzigen Ver⸗ wandten, den ſie beſaß, den einzigen Menſchen, den ſie wirklich liebte und von dem ſie ſich geliebt glaubte, zu verlieren, erſchütterte ſie mehr, als ſie es für möglich ge⸗ halten hatte, wie dies immer dann der Fall iſt, wenn Er⸗ eigniſſe, die wir zwar lange vorher gewußt und geahnt, nun plötzlich zur Erfüllung werden. Der Morgen des folgenden Tages verging, ohne daß der Capitän, ſeinem Verſprechen gemäß, wiedergekommen wäre; die Oberſtin hatte ihn mit Sicherheit, aber eben⸗ falls vergeblich, zum Eſſen erwartet. Bei dieſer Gelegen⸗ heit hatte Hedwig ſich nach ihm erkundigt, und es war der Oberſtin vorgekommen, als ſei ihre Miene trauriger und ernſter geworden, als ſie erfahren, daß der Capitän morgen früh mit ſeinem Regimente ausmarſchiren müſſe. Wir werden Ihren Herrn Bruder doch noch einmal ſehen und von ihm Abſchied nehmen tönnen? Jedenfalls, gnädige Gräfin, erwiederte die Oberſtin; er wollte ſich ſchon geſtern die Ehre geben und wurde nur durch die Rückſicht, daß er vielleicht ſtören könne, daran verhindert. 118 Es thut mir leid, daß er dies annehmen konnte, er⸗ wiederte ſie mit offener und freundlicher Stimme, und noch mehr bedauere ich es, daß er uns verlaſſen muß, um ſich ſo großen Gefahren zu unterziehen. Ah, er iſt ein leichtſinniger, gedankenloſer junger Menſch, ſagte der Fürſt, der über Vieles ſeine eigenen An⸗ ſichten und Grundſätze hat— er würde ſonſt gewiß nicht am letzten Mittage hier gefehlt haben, während ſeine Ab⸗ reiſe von ſo ſchönen Lippen bedauert wird! Wenn es ihm möglich geweſen wäre, würde er gewiß gekommen ſein, bemerkte die Oberſtin gereizt, und es ſchmerzt mich, daß ihm deßhalb ſo harte Vorwürfe gemacht werden! Ich ſtelle mich ganz auf Ihre Seite, ſagte Hedwig in einem Tone, der halb wie Ernſt, halb wie Scherz klang; Abweſende können ſich ohnehin nicht entſchuldigen. Um ſo beneidenswerther ſind ſie, wenn ſie unter den Anweſenden ſo warme Vertheidiger finden, entgegnete der Fürſt. Das Eſſen ging zu Ende, auch der Kaffee war ge⸗ trunken, ohne daß der Capitän ſich hatte blicken laſſen. Der Oberſtin bemächtigte ſich eine gewiſſe Unruhe, als ſie ſich auf ihr Zimmer begab, und ſie war eben im Begriffe, einen Diener nach ihrem Bruder abzuſenden, um die Ur⸗ 119 ſache ſeines Ausbleibens zu erfahren, als— er ihr ge⸗ meldet wurde. Es iſt unverantwortlich von dir, Alexander, daß du heute am letzten Tage ſo ſpät kommſt, empfing ſie ihn— denn Alle, der Fürſt, ſelbſt der Graf und auch die Gräfin haben auf dich gewartet und ſich nach dir erkundigt. Auch die Gräfin? fragte er in einem eigenthümlichen Tone— das freut mich— aber ich konnte wirklich nicht früher kommen, es war mir nicht möglich, und ich will keineswegs in Abrede ſtellen, daß es mir lieb iſt, mich jetzt in der Lage zu befinden, meine geſtrige Zuſage erfüllen zu können. Was willſt du mit dieſen verdeckten Worten ſagen? Welche wichtigen Geſchäfte konnten dich abhalten, den letzten Tag deiner Schweſter und deinen Freunden zu ſchenken? Aber du ſiehſt ungewöhnlich blaß aus, fuhr ſie beſorgt fort, indem ſie näher zu ihm herantrat— du biſt doch nicht krank? Es wäre ſchlimm für dich, gerade jetzt, wo du ausmarſchiren ſollſt! Ich befinde mich ganz wohl— ganz wohl— äber Nun, aber? fragte ſie geſpannt, als er den angefange⸗ nen Satz nicht vollendete— iſt dir etwas Unangenehmes begegnet? Wie du es nennen willſt, ſagte er mit veränderter 120 Stimme— ich werde dir es immerhin ſagen müſſen, Ka⸗ thinka, da du es doch jedenfalls erfahren würdeſt! Sprich, ſprich, Alexander, was iſt es? Du ſteigerſt meine Beſorgniß! Eigentlich eine an ſich ſehr gleichgültige Sache, be⸗ ſonders wenn ſie abgemacht iſt. Morgen marſchiren wir aus, Schlachten und Gefechten entgegen, in denen Hundert⸗ tauſende bleiben werden— ein einfaches Duell kann da⸗ bei wenig in Betracht kommen. Du haſt ein Duell gehabt? rief ſie beſtürzt— ein Duell, jetzt noch? Und mit wem? O, mit keinem Kameraden, das wäre unter den jetzigen Umſtänden unverantwortlich, erwiederte er mit einem ge⸗ zwungenen Lächeln— nein, einfach mit einem Franzoſen! Ich habe den Krieg, der jetzt wahrſcheinlich bereits erklärt iſt, etwas früher begonnen— das iſt Alles! Mit einem Franzoſen? Mit wem? Doch nicht.. Mit dem Herzoge von Villeroi, ſagte er ernſt. Mit dem Herzoge von Villeroi? wiederholte ſie me⸗ chaniſch— und der Erfolg? Du biſt unverletzt, Gott ſei Dank— aber der Herzog, wie ſteht es mit dem Herzoge? Ich habe ihn todtgeſchoſſen, ſagte er in dem⸗ ſelben ruhig⸗ernſten Tone. 121 Todtgeſchoſſen? rief die Oberſtin im heftigſten Schre⸗ cken— und das ſagſt du, als ob du von einer gleichgül⸗ tigen Sache ſprächeſt? Die Sache iſt mir keineswegs gleichgültig, denn es macht immer einen Eindruck auf uns, wenn wir einen Menſchen tödten, auch im ehrlichen und redlichen Kampfe und ſelbſt wenn er unſer Feind iſt. Aber es wäre eine Thorheit, wenn ich mich deßhalb beunruhigen wollte— es werden noch viele Franzoſen auf ruſſiſcher Erde ihr Leben aushauchen— dieſer hat den Anfang gemacht! Es galt ſein oder mein Leben Soll ich vielleicht da⸗ rüber traurig ſein, daß er ſeine Abſicht, mich zu tödten, nicht erreicht hat? Wie du nur ſo reden kannſt! Ich danke Gott tiefſtem Herzen, daß er dich ſo gnädig beſchützt he mußte es denn ſein? Was war die Veranlaſſ Die Veranlaſſung? Darauf kommt es ſicht an, er⸗ wiederte er ausweichend; glaube mir, daß ich nicht anders handeln konnte und daß die Geſetze der Ehre dabei zur vollen Geltung gekommen ſind. Daran zweifle ich keinen Augenblick— aber weßhalb willſt du mir die Veranlaſſung verſchweigen? Haſt du kein Vertrauen zu mir? Du würdeſt es doch wahrſcheinlich erfahren, und viel⸗ leicht in entſtellter Weiſe, ſprach er überlegend vor ſich 122 hin.— Er hat in beſchimpfender Weiſe von der Gräfin geſprochen, in beſchimpfender Weiſe, ſetzte er mit ge⸗ hobener Stimme hinzu, denn er hat ſich in leichtfertigen Worten ihrer Gunſt gerühmt, obgleich er wußte, daß ſie ihn verachtete. Und du haſt dich zu ihrem Ritter aufgeworfen? Du, Alexander? Und den Herzog deßhalb erſchoſ⸗ ſen? fragte ſie mit geſteigertem Erſtaunen. Im ehrlichen Zweikampfe. Natürlich— das verſteht ſich von ſelbſt, aber.... Die Thür öffnete ſich, während die Oberſtin dieſe Worte ſprach, und Hedwig trat ein. Schweige gegen ſie, flüſterte der Capitän— kein eHOberſtin war jedoch weit entfernt, dieſem Wunſche zen, es drängte ſie vielmehr, der Gräfin ſogleich Alles mikzütheilen, denn darin lag ja ein kaum mehr ge⸗ hoffter Anfang der Verwirklichung ihrer Plane. Sie nöthigen uns, Herr Capitän, ſagte Hedwig, nachdem ſie ſeinen Gruß freundlich erwiedert, Sie ſelbſt aufzuſuchen, um von Ihnen Abſchied zu nehmen. Es iſt dies ſehr unrecht von Ihnen.... Er hat ſich ſo eben deßhalb entſchuldigt, unterbrach ſie haſtig die Oberſtin, und er konnte wirklich nicht früher kommen, denn er hat ein Duell gehabt! 123 Ein Duell? fragte Hedwig, ebenfalls erſchrocken. Ja, ein Duell, fuhr die Oberſtin rückſichtslos fort, ohne die Winke ihres Bruders zu beachten, und zwar mit dem Herzoge von Villervi! Mit dem Herzoge von Villervi? wiederholte Hedwig erblaſſend. Weil er in unangemeſſener Weiſe von Ihnen geredet, ſich Ihrer Gunſt gerühmt hat! Das hätte er gewagt? rief Hedwig mit flammenden Blicken. Er hat es awagt— aber er hat es mit dem Leben gebüßt, erwieder die Oberſtin, indem ſie Hedwig feſt an⸗ ſah— Sie haben durch meinen Bruder vollſtändige Ge⸗ nugthuung erhalten! Das hätten Sie gethan? ſtammelte Hedwig, indem ſie in einen Seſſel ſank— Sie hätten ihn getödtet— meinetwegen getödtet? ſetzte ſie mit einem Schauer hinzu. Indem er ſein eigenes Leben dafür ausſetzte, ſprach die Oberſtin mit langſamer, betonender Stimme. Es herrſchte eine längere Zeit tiefes Schweigen. Hed⸗ wig bedurfte derſelben, um ſich zu faſſen, um ſich an die Vorſtellung zu gewöhnen, daß der Herzog wirklich todt, ihretwegen getödtet worden ſei. Der Capitän war ſichtlich 124 verlegen und zugleich voll Zorn über die Rückſichtsloſigkeit ſeiner Schweſter, und nur dieſe allein empfand eine inner⸗ liche Freude und Genugthuung. Verzeihen Sie, gnädige Gräfin, ſagte er dann mit kaum hörbarer Stimme, daß Ihnen die Kunde dieſes an ſich unbedeutenden Ereigniſſes in ſolcher unpaſſenden Weiſe zu Theil geworden iſt, es geſchah durchaus gegen meinen Willen und meine Abſicht. O, reden Sie nicht ſo— ich bitte, ich flehe darum, erwiederte Hedwig, noch immer von der Erſchütterung ihrer Gefühle beherrſcht— ich fühle— ich fühle, daß ich Ihnen zu Danke verpflichtet bin— denn Sie haben ja meine Ehre vertheidigt— wenn nur der Erfolg nicht ſo ſchrecklich wäre— iſt er todt, wirklich todt? Er iſt ohne einen Laut, ohne ein Zucken des Körpers geſtorben, ſagte der Capitän— die Kugel hatte das Herz getroffen, wohin ſie gerichtet war! Entſetzlich! ſtammelte Hedwig. Hätten Sie vielleicht P 5 es wäre anders ge⸗ kommen? fragte er, ſie feſt hend. O, wie können Sie eine ſolche Frage an mich rich⸗ ten? Vergeben Sie mir, bedenken Sie, wie mich dieſes unerwartete Ereigniß erſchüttern muß— haben Sie doch Ihr eigenes Leben— ich mag das Alles gar nicht — 125 ausdenken— laſſen Sie mir Zeit— Zeit, mich zu faſſen! Ihr Auge begegnete bei dieſen Worten zum erſten Nale dem ſeinigen, und beider Blicke ruhten eine längere Zeit in einander. Er trat, als ob er zu ihr ſprechen wolle, einen Schritt näher heran, ein weißes Tuch glitt unter der offenen Uni⸗ form, wo es verborgen geweſen herab und fiel, ohne daß der Capitän es bemerkte, zu ih Füßen. Sie erkannte darin ihr eigenes und hob es, von einem unüberlegten Antriebe bewegt, empor. Sie beſitzen ein Tuch von fragte ſie mit ſteigen⸗ der Verlegenheit— aber, mein Gott, rief ſie mit neuem Schrecken, indem ſie es entfaltete— es ſind Blutflecken darin und es iſt durchlöchert! Blutflecken, wiederholte er tief erröthend— und durchlöchert? Vergeben Sie mir, ſagte er dann mit leiſer Stimme— ich habe das Tuch einſt gefunden und— und— noch nicht Gelegenheit gehabt, es Ihnen zurück⸗ zugeben. Heute ruhte es zufällig auf meiner Bruſt, als die Kugel des Herzogs mich leicht ſtreifte— Sie werden jetzt das Tuch nicht mehr annehmen können. Als die Kugel des Herzogs Sie ſtreifte— Sie ſind alſo verwundet? Und das ſagen Sie erſt jetzt? 126 Ich wußte es kaum— es iſt nicht der Rede werth. — Aber wenn Sie mir eine Gunſt erweiſen wollen— ſo laſſen Sie mir das Tuch. Wir Soldaten, ſprach er lächelnd weiter, ſind eben ſo abergläubiſch wie die See⸗ leute— dieſes Tuch hat mich einmal beſchützt— es wird es auch ferner thun. Ich halte es für einen Talisman — wollen Sie es mir laſſen? haben Sie das Tuch gefunden? fragte ſie leiſe, von einer unbeſtimmten Ahnung erfaßt. Im Glaspavillon vor dem rothen Divan, erwiederte er in derſelben Weiſe. 3 Ein tiefes Roth machte jetzt der Bläſſe ihres Ge⸗ ſichtes Platz. Wie könnte ich Ihnen dieſe werthloſe Bitte verſagen, erwiederte ſie dann mit einem innigen Blicke— hier, hier, rief ſie in neuer Aufregung— möge Ihr Glaube ſich erfüllen— möge es Ihnen, von meinen heißeſten Wünſchen begleitet, in allen Gefahren Schutz verleihen! Ich danke Ihnen, danke Ihnen mehr, als ich in dieſem Augenblicke auszudrücken vermag, ſagte er mit leiſer und bebender Stimme, indem er das Tuch aus ihrer zitternden Hand nahm und dieſe dabei eine kurze Zeit umſchloß— möge der Himmel Sie auf all Ihren Wegen beſchützen und mir das Glück vergönnen, Sie noch einmal froh im Leben wjedetzuſehen!— Einen 127 ſchöneren Abſchied könnte ich nie von Ihnen nehmen— deßhalb— Gott beſchütze Sie— und auf fröhliches Wiederſehen! Raſch verließ er das Zimmer, worin Hedwig und die Oberſtin, von mannigfachen und widerſtrebenden Gefühlen ergriffen, zurückblieben. Venntes Capitel. Wilna iſt die Hauptſtadt von Litthauen, eine alte Stadt mit einer weit in das ſlawiſche Heidenthum hinauf⸗ reichenden Geſchichte. Jahre 1305 ward ſie die Re⸗ ſidenz der Herzoge von Litthauen, dann in Laufe der Zeit von den deutſchen Rittern, mehrmals von den Ruſſen und den Schweden erobert, geplündert und niedergebrannt. Die günſtige Lage an der ſchiffbaren Wilia, welche ſich bald mit dem Niemen vereinigt, und der fruchtbare Boden ließen die Stadt immer wieder aus ihren Trümmern erſtehen. Im Jahre 1795 kam Wilna bei der Theilung Polens an Rußland und wurde die Hauptſtadt des Gouvernements. Zur Zeit unſerer Geſchichte befand ſie ſich daher erſt ſieb⸗ zehn Jahre unter ruſſiſcher Herrſchaft, und in der älteren Generation ihrer Bewohner lebten noch die Erinnerungen an die zu Grabe gegangene Selbſtändigkeit. Die Bevöl⸗ kerung beſtand damals aus ungefähr vierzigtauſend Ein⸗ 129 wohnern, worunter zwölftauſend Juden. Sie war der Sitz der Statthalterſchaft, eines katholiſchen Biſchofs, einer jetzt aufgehobenen Univerſität und machte, aus der Ferne geſehen, an den hügeligen Ufern der Wilia mit zwei großen Vorſtädten ſich hinziehend, von vierzig Kirchen und einem ſtattlichen Schloſſe überragt, einen igglich groß⸗ artigen Eindruck. Hier befand ſich im Juni des Jahres 1812 das Hauptquartier der ruſſiſchen Armee. 3 Der Czar hatte es für angemeſſen gefunden, ſich ſelbſt dahin zu begeben, und verweilte bereits vierzehn Tage dort, ohne daß man zu einem feſten Feldzugsplane ge⸗ kommen war. Unter ſeiner Umgebung befanden ſich meh⸗ rere Ausländer, auf deren Rathſchläge er beſondere Rück⸗ ſicht nahm, Männer von verſchiedenartiger Befähigung und nur in dem gemeinſamen Haſſe gegen Napoleon mit den Ruſſen übereinſtimmend. Von dieſen übte auf den Geiſt des Zaren den größten Einfluß der General Pful, ein Preuße von Geburt, mehr Theoretiker als praktiſcher Mi⸗ litär, aus. Er hatte einen Feldzugsplan ausgearbeitet, welcher im Weſentlichen darin beſtand, die Franzoſen, in Nachahmung von Wellington's feſtem Lager bei Torres Vedras, in das Innere von Rußland zu locken, ihnen bis dahin ſtets auszuweichen, ſich dann in eine unüberwindlich verſchanzte Stellung zurückzuziehen undſie dort zu ſ chlagen. T. 9 130 Die ruſſiſche Armee ſollte in zwei Hauptcorps agiren, eines, um die Franzoſen nach ſich zu ziehen, ein anderes, um die Geſchlagenen von ihrer Rückzugslinie abzuſchneiden. Alexander, welcher dieſem Plane im Geiſte zugethan war, ohne den Muth zu beſitzen, ihn gegen die Anſichten der ruſſiſchen Generale feſt und beſtimmt ſuhueführuns zu bringen, hatte ſich darauf beſchränkt, ſeine Armee in zwei abgeſonderte Hauptcorps zu theilen und ein feſtes Lager bei Driſſa, viel zu nahe an⸗der Gränze, errichten zu laſſen. Der Erfolg hat die Fehler des Pful'ſchen Planes ſehr bald an den Tag gelegt; damals waren ſie jedoch noch nicht er⸗ kannt worden, ſo daß der Zar, welcher in ſeinen Ent⸗ ſchlüſſen ſchwankend blieb, es noch nicht gewagt hatte, einen Oberbefehlshaber mithunbeſchränkter Vollmacht zu ernennen. Man war in Petersburg zu keiner feſten Entſchließung gekommen, und auch jetzt in Wilna herrſchte immer noch dieſelbe Unſchlüſſigkeit vor. Die beiden großen Heeres⸗ Abtheilungen hatten ſich inzwiſchen der Gränze genähert, und während die eine unter dem Befehle des Fürſten Ba⸗ gration den linken, vorgeſchobenen Flügel bildete, ſtand das Hauptquartier in Wilna, nur zwölf Meilen von der Gränze entfernt. Selbſt die Unterhandlungen waren noch nicht völlig abgebrochen, und obgleich man wußte, daß die Franzoſen unter der perſönlichen Leitung des Kaiſers bis 131 unfern des Niemen vorgerückt waren, ſo hatte man doch noch immer, wenn auch nur eine ſchwache Hoffnung, daß die Ueberſchreitung dieſes Gränzfluſſes, mithin die wirk⸗ liche Eröffnung des Feldzuges, ohne nochmaliges Unter⸗ handeln nicht vor ſich gehen werde. Es war am Abende des 24. Juni, des Johannis⸗ tages, als die Räume eines weitläufigen, alterthümlichen Gebäudes, worin zur Zeit der General Bennigſen wohnte, feſtlich geſchmückt und erleuchtet wurden. Man hatte ſich bemüht, die etwas verwahrloſ'ten Säle und Zimmer ſo wohnlich herzuſtellen, als es die Umſtände zuließen, und heute, wo der General einen Ball gab, welchen der Zar mit ſeiner Gegenwart beehren wollte, war Alles aufge⸗ boten, was möglich geweſen, zur würdigen Ausſtattung dieſer ſeit langer Zeit nicht zu ſolchem Zwecke benutzten Räumlichkeiten. Dennoch blieb die Eile und die Unzu⸗ länglichkeit der ganzen Einrichtung überall ſichtbar, man befand ſich jedoch im⸗Hauptquartier— im Felde— und mußte daher Manches überſehen und entbehren, was ſonſt für ſolche Zuſammenkünfte nothwendig erachtet wird. Die Sonne des längſten Tages des Jahres ſtand noch am Himmel, als die Equipagen vor dem Portale an⸗ fuhren und die Gäſte ſich einfanden. Es war ein mili⸗ täriſches, kriegeriſches Feſt, man erblickte nur Uniformen, eine Menge von Generalen und Offizieren von allen 9* 132 Waffengattungen, meiſt mit ernſten und nachdenkenden Mienen, welche wenig paßten zu dem Zwecke, zu welchem ſie geladen waren. Der Adel von Wilna und der Um⸗ gegend brachte den ſchöneren Theil der Geſellſchaft, aller⸗ dings nur in verhältnißmäßig kleiner Zahl, ſo daß vor⸗ ausſichtlich keine Tänzerin vergeblich eines Tänzers zu harren hatte. Die Räume füllten ſich immer mehr, und wir erblicken unter den Damen, welche ſo eben durch die dichtgedrängte Reihe der Offiziere dem Hauptſaale zuſchreiten, auch Hed⸗ wig und die Oberſtin, von deren Erſcheinen wir ſichtlich überraſcht ſind, indem wir vorläufig nicht zu erforſchen vermögen, welcher Umſtand den Fürſten mit ſeinen Gäſten mitten in dieſes kriegeriſche Treiben geführt haben kann. Es bleibt uns jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der Eintritt des Zaren nimmt unſere ganze Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch. Er trug eine einfache Generals⸗ Uniform, ſeine Miene war freundlich, wie immer, aber ernſt, während er die tiefen Verbeugungen der Anweſenden mit einem leichten Nicken ſeines Kopfes erwiederte. Er unterhielt ſich mit denen, in deren Rähe er trat, in ge⸗ wohnter, leutſeliger Art, dann begab er ſich zu den Da⸗ men, welche abgeſondert ſtanden, hier in gleicher und ſicht⸗ lich theilnehmender Weiſe verfahrend. Die Polonaiſe, welche er mit der Generalin Bennig⸗ 133 ſen getanzt, war zu Ende, und Hedwig's Herz klopfte un⸗ willkürlich höher, als ſie die Aufforderung, den nächſten Walzer mit dem Zaren zu tanzen, durch einen ſeiner Adjutanten erhielt. Bald darauf trat der Zar ſelbſt zu Hedwig heran, und ſeine Augen ruhten mit ſichtlicher Theilnahme auf ihr, als ſie ſich vor ihm verneigte. Es freut mich, Sie hier zu ſehen, ſagte er freundlich, während ſie leiſe ihre Fünd in die ſeinige legte; wenn die Schönheit ſich uns verbündet, können wir des Erfolges ſicher ſein. Meine heißeſten Wünſche knüpfen ſich an das Glück Ew. Majeſtät. Ich zweifle nicht daran und betrachte es als ein gün⸗ ſtiges Ereigniß, heute mit Ihnen tanzen zu können— denn wir befinden uns nahe vor der Entſcheidung. Möge ſie kommen, da ſie doch nicht ausbleiben kann — die gerechte Sache wird ſiegen, und Ew. Majeſtät Ruhm Tanzen wir, tanzen wir, unterbrach er ſie lächelnd, zerſtören wir die ſchöne Gegenwart nicht durch die Er⸗ wägung der dunkel vor uns liegenden Zukunft— die Muſik hat begonnen. Sie flog an ſeinem Arme dahin, faſt allein durch den leer gelaſſenen Raum, da es die Etiquette nur wenigen 134 Paaren geſtattete, gleichzeitig mit dem Zaren zu tanzen. Es währte auch nur eine kurze Zeit, der Zar ſchien ſichtlich mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, und ſeine ſonſt lebhafte Unterhaltung blieb heute einſylbig und zerſtreut. Abermals hatten ſie getanzt und der Zar ſo eben die Frage an ſie gerichtet, durch welchen Zufall ſie jetzt nach Wilna gekommen ſei, als der General Bennigſen eilig und mit verſtörter Miene herantrat. Verzeihen Ew. Majeſtät, ſagte er, daß ich zu ſtören wage, aber es iſt ſo eben die Meldung eingetroffen, daß die franzöſiſche Armee heute den Niemen überſchritten habe. Ueber das Geſicht des Zaren flog eine leichte Bläſſe; er bedurfte eines Augenblicks, um ruhig zu erſcheinen. Die ſichere Meldung? fragte er dann, ohne die große Aufregung ſeines Innern verbergen zu können— iſt es wirklich mehr als ein bloßes Gerücht? Es iſt eine ſichere und ausführliche Meldung. Wer hat ſie gebracht? Ein Koſaken⸗Offizier, welcher den Uebergang mit eige⸗ nen Augen beobachtet hat. Laſſen Sie ihn ſogleich hieher kommen, befahl der Zar, es iſt nicht nöthig, eine ſolche Nachricht geheim zu halten! Hier iſt er, Majeſtät. Ein mit Staub bedeckter Koſaken⸗Offizier trat auf 135 einen Wink des Generals näher, indem er ſeinen Kaiſer ehrfurchtsvoll, aber militäriſch grüßte. Es war ein noch junger Mann mit einem ſchönen Geſichte von jenem etwas melancholiſch und zugleich verſchlagenen Ausdrucke, wie er den Völkern am Don eigen iſt. Melde, was du geſehen haſt, befahl der Zar— er⸗ zähle ausführlich und bedenke, daß deine Meldung von großer Wichtigkeit iſt! Wir hatten die äußerſten Vorpoſten, ſprach der Offi⸗ zier, indem er ſeine dunkeln Augen mit dem Ausdrucke ehrfurchtsvoller Begeiſterung auf den erwartungsvoll vor ihm ſtehenden Zaren richtete, welcher nur um einige Jahre älter war, als er ſelbſt, der aber in ſeiner Vorſtellung un⸗ mittelbar hinter dem höchſten Weſen ſtand— wir lagen ungefähr zwanzig Werſte oberhalb Kowno am Ufer des Niemen. Von den Anhöhen, welche den Fluß begränzen, konnten wir den großen wilkowisker Wald am jenſeitigen Ufer bis an den fernen Saum des Horizontes überſehen. In der Nacht, welche der letzten vorherging, leuchteten überall Feuerſcheine daraus auf, als ob der Wald in Brand gerathen ſei, aber wir erkannten ſehr bald, daß es die Wachtfeuer des Feindes ſeien, der im Walde bivoua⸗ kirte. Die Nacht war warm und windſtill und bald ſtieg die Sonne wieder herauf und die Feuer verſchwanden. Eine Stunde ſpäter trat die erſte feindliche Colonne aus 136 dem Walde hervor und ſtellte ſich in dem Raume auf, welcher ſich in jener Gegend zwiſchen dem Walde und dem Fluſſe hinzieht. Es folgten immer mehre, Colonne auf Colonne, Infanterie, Cavallerie und Artillerie. So weit das Auge den Fluß hinauf und hinab ſehen konnte, traten ſie aus dem Walde hervor, um ſich in tiefen Maſſen auf⸗ zuſtellen und ſich in Regimenter und Brigaden zu for⸗ miren. Die Artillerie beſetzte die höheren Punkte, welche den Fluß beherrſchen; ich ſelbſt habe über dreihundert Geſchütze gezählt, welche ſchußfertig aufgefahren waren, mit brennenden Lunten. Es währte bis gegen drei Uhr Rachmittags, da war das ganze jenſeitige Ufer mit Truppen bedeckt, ſo weit das Auge reichen konnte. Wie ſtark ſchätzeſt du ihre Zahl? fragte der Zar den Offizier, welcher ſeine Meldung in der etwas bilderreichen Sprache ſeines Stammes abſtattete. Noch nie hat mein Auge eine ſolche Maſſe von Krie⸗ gern auf Einem Punkte vereinigt geſehen, erwiederte der Gefragte; es waren mehre Hunderttauſend, doch bin ich nicht geübt in der Schätzung von ſo viel Truppen, die in ſo tiefen Colonnen ſtehen. Erzähle weiter. Auf einer kleinen Anhöhe, die gegen Norden von un⸗ ſerem Standpunkte lag, wurde ein Zelt aufgeſchlagen, 137 ir erkannten an den vielen Offizieren, welche ſich dort verſammelten, ſo wie an den rings herum ausge⸗ ſtellten Wachen, daß es das Zelt des Höchſtkommandiren⸗ den, wahrſcheinlich des franzöſiſchen Kaiſers ſelbſt ſei. Ich ritt mit meinen Leuten näher heran, indem ich ſie hinter einem Verſtecke aufſtellte. Nach einiger Zeit wurden Pferde vorgeführt, und zehn Reiter verließen jenen Raum, um eine Recognoscirung vorzunehmen. Vorn ritt ein kleiner Mann in dem Mantel eines Lanciers, aber es blieb mir kein Zweifel darüber, daß es der Kaiſer ſelbſt war, denn ich ſah deutlich, wie ſehr Alle bemüht waren, ſeinen Bewegungen Folge zu leiſten. Sie ritten nördlich bis dicht an das Ufer, und da ich glaubte, der günſtige Augen⸗ blick ſei gekommen, ſo brach ich mit meinem Trupp her⸗ vor, und wir feuerten unſere Piſtolen auf ſie ab.— Aber ſie kehrten ſich nicht daran, ſondern ritten ruhig weiter, indem ſie öfter halten blieben und mit einander ſprachen. Der Fluß iſt breit, und eine Piſtolenkugel reicht nicht weit; wir gaben das nutzloſe Schießen deßhalb wieder auf. Der kleine Mann mit dem dreieckigen Hute in dem Lan⸗ cier⸗Mantel hielt öfters längere Zeit ſtill und blickte mit ſeinem Fernrohr herüber, nicht auf uns, ſondern auf die ufer des Fluſſes, und dann, ungefähr nach einer Stunde, kehrten ſie wieder zurück. Wir ſahen darauf an drei ver⸗ ſchiedenen Stellen die Pontonniers mit ihren Brücken⸗ 138 geräthen bis dicht an das Ufer fahren und dieſe v Wagen abladen. Um eilf Uhr Abends bemannten ſ große Anzahl Kähne und ruderten, von Infanterie ge⸗ füllt, über den Fluß, die Taue wurden befeſtigt, und noch war die Sonne nicht wieder aufgegangen, als drei Brücken über den Strom geſchlagen waren. Als die Sonne dann emporſtieg, ſchallten die Freudenrufe der ganzen, drüben verſammelten Armee, das Vive PEmpereur! zu uns her⸗ über, die Brücken füllten ſich und der Uebergang begann. Noch eine Stunde habe ich, von einem etwas entfernteren Punkte aus dieſem Schauſpiele zugeſehen— dann aber erfüllte ich den mir gewordenen Befehl, wendete mein Pferd, um hieher zu reiten, ſo ſchnell als möglich, und zu melden, was ich geſehen habe. Ich danke dir, ſagte der Zar, deſſen Unruhe ſich während der Meldung des Offiziers immer mehr geſteigert hatte— du wirſt den Orden der heiligen Anna tragen zum Andenken an dieſe Stunde— jetzt geh' und ruhe dich aus. Nach dieſen Worten machte der Zar gegen Hedwig eine leichte Verbeugung, welche während der ganzen, ſo aufregenden Scene die einzige Dame im Kreiſe der umſte⸗ henden Generale und Offiziere geweſen war. Der Zar bat um Entſchuldigung, daß er den Tanz nicht fortſetzen könne, und entfernte ſich raſchen Schrittes. 139 * Die ganze Geſellſchaft folgte ſeinem Beiſpiele. Die unerwartete Nachricht hatte die größte Beſtürzung hervorge⸗ rufen und die Sicherheit, in welcher man ſich noch kurz vor⸗ her gewiegt, plötzlich zerſtört und in Furcht und Schrecken verwandelt. Wenn die Franzoſen ſchon am Morgen den Niemen überſchritten hatten, ſo konnten ſie eben ſo gut, wie der Koſaken⸗Offizier, der den Anfang dieſes Ueber⸗ gangs noch mit angeſehen, bald vor Wilna ſtehen. Die Furchtſamſten glaubten ſchon den fernen Donner der Ka⸗ nonen zu hören, und ein Jeder beeilte ſich, ſchleunig die⸗ jenigen Maßregeln zu treffen, welche er unter dieſen Um⸗ ſtänden für die rathſamſten hielt. Der Ball nahm aus dieſen Gründen ein ſchleuniges Ende, indem ſich die Anweſenden mit einer Eile entfern⸗ ten, welche es den meiſten nicht einmal geſtattete, ſich von ihrem Wirthe zu verabſchieden. Die in zwei Armeecorps getheilten Truppen der ruſſi⸗ ſchen Armee ſtanden zwar zwiſchen Wilna und dem Nie⸗ men, ihre Entfernung war jedoch viel zu groß, um, abge⸗ ſehen von ihrer Minderzahl, dem Feinde mit Erfolg die Spitze bieten zu können, indem man überhaupt nur über hundertdreißigtauſend Mann verfügen konnte, deren Ver⸗ einigung jetzt ihre großen Schwierigkeiten hatte. Der Eifer derjenigen, welche bisher ſo rückſichtlos für eine Offenſiv⸗ Bewegung geſchwärmt hatten, verſtummte immer mehr, 140 * und man war ziemlich allgemein über einen ſchleunigen Rückzug einig, indem man jetzt nicht mit Unrecht Befürch⸗ tungen für das weit rechts vorgeſchobene Corps des Für⸗ ſten Bagration aus ſprach. Der Zar hatte die Abſicht, einen Kriegsrath zu verſammeln. Bei den ihm bekannten, ſo ſehr verſchiedenen Anſichten ſeiner Generale, und da man ihm nicht vorent⸗ hielt, daß ſeine perſönliche Anweſenheit nur nachtheilig einwirken könne, wenn er nicht in Wirklichkeit den Ober⸗ befehl übernähme, wozu er ſich jedoch ſelbſt nicht für be⸗ fähigt hielt, ſo übergab er das Commando der Armee dem General Barclay de Tolly in ſeiner Eigenſchaft als Kriegs⸗ miniſter, indem er ihm befahl, die Armee bis hinter die Düna zurückmarſchiren zu laſſen, und reiſte dann ſelbſt, von ſeinen verſchiedenen Räthen gefolgt, in der Richtung des Lagers von Driſſa ab, von dem man ſich immer noch einen großen Erfolg verſprach. So hatte der Uebergang der franzöſiſchen Armee über den Gränzfluß Rußlands eine Entſcheidung herbeigeführt, welche nach der Lage der Dinge unvermeidlich war, die man längſt hätte vorausſehen und bewerkſtelligen können, während ihre Ausführung jetzt bereits mit nicht unerheb⸗ lichen Schwierigkeiten verbunden war. Die Franzoſen hatten an jenem und an den folgenden Tagen in der Stärke von vierhundertzwanzigtauſend Mann 141 vollſtändig kampffähiger und wohlgerüſteter Soldaten den Riemen an drei verſchiedenen Punkten überſchritten. Na⸗ poleon verweilte noch in Kowno, um Magazine zu errich⸗ ten und andere Vorkehrungen zu treffen, während ſeine Avantgarde bereits unfern von Wilna ſtand. Schon am 28. Juni des Morgens erſchien die Cavallerie des Gene⸗ rals Bruydre vor dieſer Stadt, und bald darauf zog König Murat an der Spitze ſeiner Cavallerie, umgeben von einem glänzenden Gefolge, ſo wie der Marſchall Davvuſt mit der Infanterie in die Hauptſtadt Litthauens ein. Die Einwohner ſahen in den Franzoſen die Befreier vom ruſſiſchen Joche, die Wiederherſteller der alten Selbſtändig⸗ keit, und halfen die von den Ruſſen zerſtörte Brücke über die Wilia wieder erbauen. Am Nachmittage deſſelben Tages hielt Rapoleon ſelbſt ſeinen Einzug in die Stadt, welche nach nur viertägigen Feindſeligkeiten ohne Kampf in ſeinen Beſitz gelangt war. Das wechſelnde Kriegsglück ließ ihn am Abende in den⸗ ſelben Räumen verweilen, in welchen vor wenigen Tagen der Zar gewohnt hatte. Der Anfang der Eroberung des ruſſiſchen Reiches war gemacht, und zwar ſo leicht und unblutig, daß es vielleicht der ungeheuren Vorbereitungen gar nicht bedurft hätte, um zum Ziele zu gelangen. Die Bevölkerung Litthauens ſympathiſirte mit den Franzoſen, ſelbſt ein großer Theil des Adels trat offen auf ihre 142 Seite, und Napoleon's reger und ſchaffender Geiſt zog aus dieſen günſtigen Umſtänden ſofort alle Vortheile, welche ſie darboten. Das Land wurde im franzöſiſchen Geiſte vollſtändig organiſirt, Behörden eingeſetzt, welche nur den Befehlen des Kaiſers zu gehorchen hatten. Man fing damit an, Litthauen bereits als ein nicht mehr zu Rußland gehörendes Land zu betrachten, ſondern als ein ſolches, welches man niemals zurückzugeben beabſichtigte. Die Litthauer, von den alten Erinnerungen entflammt und umgeben von einer Armee, die nach Zahl und Ausrüſtung alle Vorſtellungen übertraf und von einem bis dahin un⸗ überwindlichen Feldherrn geführt war, gaben ſich Illuſio⸗ nen hin, welche, plötzlich entſtanden, eben ſo plötzlich wie⸗ der verſchwinden ſollten, getödtet von dem Froſte einiger kalten Winternächte. Jehntes Capitel. Da es nicht in unſerer Abſicht liegt, die Ereigniſſe jenes denkwürdigen Feldzuges zu ſchildern, welche wir nur ſo weit zu erzählen genöthigt ſind, als ſie mit unſerer Geſchichte in Verbindung ſtehen und auf deren Fortgang ſelbſt Einfluß ausüben, ſo überlaſſen wir ſowohl die ruſ⸗ ſiſche als die franzöſiſche Armee vorläufig ihren weiteren Schickſalen und kehren zu den uns bekannten Perſonen zurück, denen wir ſo unerwarteter Weiſe auf jenem hiſto⸗ riſchen Balle in Wilna begegnet ſind. Gleich den übrigen Gäſten hatten auch ſie den Saak in großer Eile verlaſſen und nicht ohne Mühe in dem vor dem Hauſe entſtandenen Gedränge den Wagen des Fürſten erreicht. Derſelbe fuhr jetzt raſch der öſtlichen Vorſtad Antokolla zu, wo man nach langem Suchen in einem keineswegs ſtattlichen Hauſe ein Unterkommen gefunden hatte. Hedwig und die Oberſtin ſaßen im Fond des offe⸗ nen Wagens, der Fürſt auf dem Rückſitze, und der Capi⸗ tän, welcher ihnen beim Einſteigen behülflich geweſen, hatte ſeinen Platz neben dem Kutſcher eingenommen, um, wie er ſagte, als Offizier jedes etwa entſtehende Hinderniß leichter zu beſeitigen. Der Graf hatte es ab⸗ gelehnt, den Ball zu beſuchen, er war in verdrießlicher Stimmung zu Hauſe geblieben. Sie werden ſich jetzt überzeugt haben, verehrte Gräfin, ſagte der von der ſo eben gehörten Rachricht ebenfalls in hohem Grade aufgeregte Fürſt, daß es von Anfang an ein vergeblicher Verſuch war, jetzt und auf dieſem Wege in Ihre Heimath zurückzukehren. Es ſcheint faſt ſo, erwiederte Hedwig mit einem Seufßzer, es ſcheint, daß wir umkehren müſſen, obgleich wir der Gränze bereits ſo nahe ſind. Nach den ſo eben gehörten Nachrichten dürfte es nicht nur ſo ſcheinen, ſondern nöthig ſein, ſo ſchleunig als möglich abzureiſen. Was iſt Ihr Rath und Ihre Anſicht? fragte der Fürſt den Capitän, welcher ſo nahe ſaß, daß er die geſprochenen Worte hören konnte. Dieſer wandte, als dieſe Frage an ihn gerichtet wurde, einen Kopf um und erwiederte, während ſein Auge mit Theilnahme auf Hedwig ruhte: Es kann darüber nicht der geringſte Zweifel obwalten, denn es iſt wohl leider gewiß, daß unſere Armee eine rückgängige Bewegung machen wird, wahrſcheinlich bis zur Düna. Sie haben keine Zeit zu verlieren, ſondern müſſen Alles aufbieten, um den Truppen vor zu kommen, wenn Sie nicht den unangenehmſten Zufällen preisgegeben ſein wollen. Hören Sie den Rath eines erfahrenen Offiziers! be⸗ merkte mit ſichtlicher Befriedigung der Fürſt. Und welches würde das Ziel unſerer Reiſe ſein? fragte Hedwig. Ich rathe, entweder nach Petersburg zurückzukehren oder ſich ohne jed n Aufenthalt nach Moskau zu begeben, erwiederte der Capitän; das letztere würde ich vorziehen. In Moskau können Sie die weiteren Ereigniſſe ruhig abwarten, ſetzte er mit Selbſtgefühl hinzu, denn niemals wird der Fuß eines Franzoſen die heilige Stadt betreten, ſo lange noch ein ruſſiſcher Krieger am Leben iſt— dort ſind Sie ſicher und bleiben fern von den Er⸗ eigniſſen. Wie weit iſt es von hier bis Moskau? Es mögen gegen vierzehnhundert Werſte ſein, erwie⸗ derte der Fürſt, ungefähr zweihundert Meilen. Ein weiter, weiter Weg! Wir werden ihn ſchnell durcheilen, denn die Wege laſſen wenig zu wünſchen übrig, und wenn wir erſt aus dem Bereiche der Armeen ſind, ſo haben wir keine weite⸗ ren Schwierigkeiten. In Smolensk können wir einen Tag ausruhen, damit Sie und Ihren Herrn 1 10 8 146 Vater die Reiſe nicht zu ſehr anſtrengt— in ſpäteſtens zehn Tagen hoffe ich, Sie in mein Palais in Moskau einführen zu können, wo ich bemüht ſein werde, Sie die Beſchwerden der Reiſe vergeſſen zu machen. Sie ſind ſehr gütig, ſagte ſie noch immer mit un⸗ ſchlüſſiger Stimme. Und Sie glauben, daß es nicht möglich ſein würde, vielleicht auf eigem anderen Wege zurückzukehren? 4 Es iſt wirklich unmöglich ſagte der Capitän ſtatt des Fürſten, an den die Frage gerichtet war; Sie würden überall ſowohl auf unſere, als auf die feindlichen Truppen ſtoßen und allen Schrecken des Krieges ausgeſetzt ſein. Von Moskau aus, ſetzte er hinzu, können Sie, wenn Sie es durchaus wollen, vielleicht Ihren Weg über Odeſſa nehmen— das wäre, meiner Anſicht nach, die einzige Möglichkeit. Ach, darein wird mein Vater niemals willigen— reiſen wir denn alſo in Gottes Namen nach Moskau, und, da es einmal geſchehen muß, ſo bald als möglich. Ich freue mich, daß Sie endlich zu dieſer Ueberzeugung gekommen ſind, erwiederte der Fürſt, auch daß Sie es er⸗ kennen, wie ſehr wir nöthig haben, zu eilen. Ich werde Alles aufbieten, daß die Wagen in höchſtens zwei Stun⸗ den bereit ſtehen, vorausgeſetzt, daß Sie bis dahin Ihre Vorbereitungen 147 Wir haben nur wenig zu beſorgen, da wir uns ja auch hier auf der Reiſe befinden— ich werde ſogleich meinen Vater in Kenntniß ſetzen, damit wir zur beſtimm⸗ ten Zeit bereit ſind. Je früher, deſto beſſer, ſagte der Fürſt; je weiter wir die Armee im Rücken haben, um ſo unangefochtener und angenehmer werden wir reiſen. Die Nacht iſt ſchön, wind⸗ ſtill und warm; es fährt ſich um dieſe Jahreszeit am beſten des Nachts hier in Rußland, weit beſſer, wie am Tage, wo die Sonne heißer brennt, als ſelbſt in Italien. Der Wagen war inzwiſchen bis zu dem Hauſe gelangt, in welchem man Wohnung genommen, der Capitän ſprang raſch vom Bocke herab und öffnete den Schlag, um beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Ich muß fort, ſagte er dann mit einem längeren Blicke auf Hedwig, um die Befehle kennen zu lernen, die jedenfalls ergangen ſein werden. Wenn es mir irgend möglich iſt, ſo kehre ich nochmals zurüch, um von Ihnen Abſchied zu nehmen. Es wird Ihnen möglich ſein, rwitderte Hedwig Zin ohne Bewegung, denn es würde mich betrüben, Sie nicht noch einmal zu ſehen. Der Fürſt führte ſie eilig in das Haus, ohne dem Capitän Zeit zu einer Antwort zu laſſen, deſſen Auge ihrer ſchlanken Geſtalt folgte, welche in der niedrigen Thür des 10 148 Hauſes verſchwand. Dann kehrte er ſelbſt raſchen Schrit⸗ tes nach der Stadt zurück. Ein günſtiger Zufall ließ ihn auf dem Wege dahin einen Offizier ſeines Regiments fin⸗ den, von dem er erfuhr, daß daſſelbe am Morgen um vier Uhr marſchbereit ſein ſolle. Er erkundigte ſich geng nach den näheren Beſtimmungen und gewann daraus für ihn erwünſchte Ueberzeugung, daß er, ohne Vernach⸗ läſſigung des nothwendigſten Dienſtes, zwei Stunden für ſich übrig behielt— und in dieſer Zeit lag ja ihre Abreiſe. Langſam lenkte er ſeine Schritte wieder rückwärts und blieb dann vor dem Hauſe ſtehen, indem er ſich ſagte, daß er ſie jetzt, da ſie mit ihren Vorbereitungen beſchäftigt ſei, doch nicht werde ſprechen können. Die Wagen wurden herausgefahren, der des Fürſten, dann der des Grafen und ein Gepäckwagen. Mehre Diener gingen ab und zu, Koffer und ſonſtige Reiſegeräthſchaften bringend und be⸗ feſtigend. Dann kamen auch die Pferde, und es ergab ſich, daß es nicht möglich geweſen war, mehr wie zwei für jeden Wagen zu erlangen, und daß ſelbſt deren Beſchaffung große Anſtrengungen und die Aufbietung außergewöhn⸗ licher Geldmittel nöthig gemacht habe. Dem Capitän, welcher auch hierbei anordnend Hülfe geleiſtet hatte, ſchien jetzt der geeignete Augenblick gekom⸗ men, um hinauf zu gehen. Er trat in das Vorzimmer, 149 welches leer war. Unſchlüſſig, ob er weiter gehen ſollte, blieb er ſtehen, als ſich eine Seitenthür öffnete und Hedwig im Reiſeanzuge heraustrat. Ihr Geſicht, auf welchem der Ernſt des Augenblickes lag, erheiterte ſich und nahm einen freundlichen Ausdruck an, als ſie den Capi⸗ tän ſah. Sie bereiten mir eine große Freude, ſagte ſie, ihm die Hand reichend, indem Sie es mir vergönnen, von Ihnen Abſchied zu nehmen— und Ihnen meinen Dank abzuſtatten, ſetzte ſie mit leiſerer Stimme und niederge⸗ ſchlagenen Augen hinzu. Ihren Dank? fragte er, indem er ihre Hand an ſeine Lippen zog. Wir haben nicht Zeit zu längeren Erörterungen— wir wiſſen nicht, ob wir uns überhaupt noch einmal im Leben wiederſehen, ſprach ſie in derſelben Weiſe weiter— Sie haben mich zu Ihrer Schuldnerin, zu Ihrer lebens⸗ länglichen Schuldnerin gemacht, indem Sie Ihr eigenes Leben meinetwegen auf das Spiel geſetzt— obgleich ich niemals darein gewilligt haben würde, daß es geſchähe, wenn ich es vorher gewußt hätte. O, erwähnen Sie doch dieſer unbedeutenden Sache nicht! ſagte er mit einem etwas gezwungenen Lächeln. unbedeutend? wiederholte ſie— ich werde es niemals vergeſſen und immer beklagen. Beklagen? fug er enſ Beklagen, weil meinetwegen ein Menſch getödtet wor⸗ den iſt— ein Menſch, deſſen Beleidigungen mir eben ſo verächtlich waren, als er ſelbſt. Es war eine Ehrenſache, gnädige Gräfin, ſagte der Capitän ſichtlich verletzt, eine Ehrenſache unter Männern — die nicht anders beendet werden konnte. O, ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, gewiß nicht! Ich will Ihnen danken, wenn ich auch Ihre That nicht zu billigen vermag— Sie müſſen mir deßhalb nicht zürnen, daß ich es nicht kann— ich weiß, daß Sie ſich meinetwegen ja ſelbſt der größten Gefahr.. Wenn Sie zugeben, daß ich als Mann fo habe han⸗ deln müſſen, unterbrach er ſie, ſo laſſen Sie uns nicht mehr davon reden— denn ich bin gekommen, um Ihnen Lebewohl zu ſagen— wie Sie ſelbſt bemerkten, vielleicht für immer. Wie ſchmerzlich, wie betrübend iſt das Alles, ſagte ſie — meine innigſten Wünſche für Ihr Wohlergehen, meine Gebete werden Sie begleiten! Und dabei der Talisman, erwiederte er mit leuchten⸗ den Blicken, den Sie mir geſchenkt haben, der mich ſchon einmal beſchützt hat und mich auch ferner beſchützen wird! O, zweifeln Sie nicht daran, ſprach er erregt weiter, als er das wehmüthige Lächeln gewahrte, welches um ihren 151 Mund ſpielte— ich habe ein feſtes Vertrauen zu ſolchen Dingen, es iſt vielleicht ein wenig Aberglaube— aber ich hoffe, Sie wohlerhalten wiederzuſehen, wenn wir die verhaßten Feinde von Rußlands Boden verjagt haben werden! Mögen Ihre Worte zur Wahrheit werden, es— es würde mich ebenfalls ſehr beglücken! Gott lohne Ihnen dieſes Wort, ſagte er, abermals ihre Hand küſſend, und erhalte Sie bis zu der Stunde, wo es ſich erfüllen wird! Der Eintritt des Fürſten und bald auch der übrigen Perſonen unterbrach dieſe Unterredung. Es entſtand jene Unruhe und Bewegung, welche die letzten Augenblicke der Abreiſe ſtets umgibt. Der Fürſt war heiter und redſelig, der Graf und die Oberſtin ſchweigſam und ernſt; man ging endlich hinab, beſtieg die bereit ſtehenden Wagen, und kurze Zeit nachher ſtand der Capitän einſam in der jetzt menſchenleeren, von der Dämmerung der kurzen Som⸗ mernacht erhellten Straße und blickte den dahinrollenden Wagen ſchweigend ſo lange nach, bis ihre dunkeln Um⸗ riſſe in der nächſten Biegung verſchwanden. Dann raffte er ſich auf und ging eiligen Schrittes zu dem Sammel⸗ platze ſeines Regiments, mit welchem er wenige Stunden ſpäter faſt denſelben Weg einſchlug, auf dem die Wagen des Fürſten und des Grafen dahingerollt waren. Die Reiſenden hatten, wie das unter den obwaltenden Umſtänden nicht anders möglich war, mit mannigfachen Schwierigkeiten zu kämpfen, welche hauptſächlich in der Erlangung von Pferden beſtanden, die ſämmtlich zu mili⸗ täriſchen Zwecken in Beſchlag genommen wurden. Am erſten und zweiten Tage begegneten ſie außerdem noch Truppen, welche nach einer früher erhaltenen Ordre der Gränze zuzogen, um nun ſogleich auf dem ſo eben zurück⸗ gelegten Wege wieder umzukehren. Erſt nachdem ſie die Bereſina im Rücken hatten, einen kleinen, ſo unſchein⸗ baren, von ſumpfigen Ufern umgebenen Fluß, daß Hedwig es nicht einmal der Mühe werth gehalten hatte, nach dem Namen deſſelben zu ftagen, wurde es beſſer. Die geringe Theilnahme, welche ſie ihren Umgebungen zollte, bezog ſich jedoch eben nur auf dieſe ſelbſt. Nit ihrem Vater hatte ſie ſich ausgeſprochen, die von der Noth⸗ wendigkeit gebotenen Umſtände, welche ihren beiderſeitigen verlängerten Aufenthalt in Rußland erheiſchten, waren ausführlich verhandelt; man hatte ſie anerkennen und ſich darein fügen müſſen, gegen die urſprüngliche Abſicht. Hedwig empfand außerdem eine Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, deren ſie nicht Herr zu werden vermochte. Ihr Leben kam ihr als ein verfehltes vor, denn ſie bemühte ſich vergebens, etwas darin aufzufinden, deſſen Erreichung ihr be⸗ ſonders wünſchenswerth geweſen wäre, ſo wünſchenswerth, 153 daß es ſich der Mühe gelohnt hätte, ſich dafür zu begeiſtern und für die Erlangung die Kräfte ihres Geiſtes anzu⸗ ſpannen. Der Tod des Herzogs hatte auf ſie, ſo wenig ſie ſich ſelbſt dies eingeſtehen wollte, doch einen nachhal⸗ tigen und bleibenden Eindruck gemacht. Es wollte ihr noch immer nicht gelingen, denſelben zu verwiſchen. Durch die Oberſtin hatte ſie die näheren Umſtände ſowohl der Veranlaſſung als des Herganges des Duells erfahren, daß man ſich auf eine ganz nahe Diſtanz, alſo in der beiderſeitigen Abſicht eines tödtlichen Ausganges, geſchoſ⸗ ſen, daß der Herzog den erſten Schuß gethan und ſeine Kugel den Capitän geſtreift, dieſer dann, ruhig zielend, den Herzog durch das Herz geſchoſſen habe, ſo daß er lautlos und ſogleich todt niedergeſtürzt ſei— das Alles hatte ſie ſich erzählen laſſen, und die Einzelheiten dieſer Erzählung hafteten noch immer feſt in ihr. Sie machte ſich jetzt Vorwürfe, daß ſie ſich überhaupt in irgend nähere Beziehung zu einem Manne geſtellt, den ſie von Anfang an gehaßt, nur weil ſie wußte, daß er ſich um Margot gegen deren Willen beworben. Es war ihr ein Triumph geweſen, gegen ihn eine Art von Wiedervergeltung zu üben, ein Gefühl, dem ſie ſich mit der Lebhaftigkeit ihres Herzens und ihrer Phantaſie hingegeben, ohne es ſich da⸗ mals klar zu machen, daß ſie dazu nicht den mindeſten Beruf habe, daß ſie das Alles ganz und gar nichts angehe — gar nichts angehen dürfe— nun war die Wiederver⸗ geltung eingetreten, allein durch ſie, wie ſie ſich jetzt in ihren nun übertriebenen Selbſtquälereien ſagte— und in einer Weiſe, die ſie weder vorausgeſehen, am aller⸗ wenigſten aber gewünſcht hatte. Der Capitän war als ihr Ritter dabei handelnd aufgetreten— ihr Verſtand und zu⸗ gleich ihr Stolz ſagten ihr, daß er ehrenwerth, daß er ihre eigene Ehre beſchützend gehandelt habe— ſie zwang ſich, ihm dafür zu Dank verpflichtet zu ſein, aber— in ihrem Inneren empfand ſie jetzt eine Abneigung gegen ihn, weil er ſich zum unbtrufenen Werkzeuge und zum Vollſtrecker einer Abſicht, eines Wunſches gemacht, die ſie ſich jetzt ſelbſt nicht mehr eingeſtehen wollte, weil dies zugleich ihre Mitſchuld eingeſtehen hieß. Es war ihr eine große Beruhigung, daß ſie wenig⸗ ſtens nicht mehr in ſeiner Nähe verweilen und ihn ſehen und ſprechen mußte— ſie hoffte, daß dies niemals wieder geſchehen werde. Dazu kamen Augenblicke— wir wollen auch dies nicht verſchweigen, da wir uns einmal zum Vertrauten ihrer geheimſten Gedanken gemacht— wo ſie die Möglich⸗ keit, die Gemahlin des Fürſten zu werden, in nähere Er⸗ wägung zog. Es geſchah dies immer dann, wenn ihr das Leben überhaupt als wenig werthvoll erſchien und ſie ſich ſagte, daß die materiellen Güter eigentlich allein im Stande 155 ſeien, ſich ein genußreiches Daſein zu verſchaffen. Die unbefriedigte Sehnſucht nach einem höheren Genuſſe des Geiſtes oder des Herzens kam ihr dann kindiſch vor— mit Reichthum und Unabhängigkeit konnte man Alles haben, was überhaupt wünſchenswerth war, was ſich damit nicht erlangen ließ, war nicht des Beſitzes werth, lag nur in em Spiele einer thörichten und regelloſen Phantaſie— in der Schwärmerei der Jugend, die ſie endlich abſchütteln mußte, da ſie ja bereits zwanzig Jahre alt war. Es waren trübe und finſtere Gedanken und Betrach⸗ tungen, die durch ihre Seele zogen, wenn ſie ſich dieſen Vorſtellungen hingab, das völlige Abſchließen mit dem Leben und das Aufgeben aller jener ſchönen, edlen und hohen Ideen, von denen ſonſt ihre ſo ſehr dafür empfäng⸗ liche Seele belebt war. Da ſind die Thürme von Smolensk, Herr Graf, rief Friedrich, bei welchen Worten Hedwig erſchrocken, als ob man ſie auf einem Unrechte betroffen habe, emporfuhr— wir werden hoffentlich endlich einmal wieder ein gutes Nachtquartier bekommen. Eilftes Capitel. Rit erneuertem Intereſſe fuhr Hedwig bei dieſem Zu⸗ rufe aus ihren Träumereien und Gedanken empor und richtete ihr Auge auf die im Glanze des Abends zu ihren Füßen ruhende Stadt. Die Thürme der im byzantiniſchen Style erbauten alten Kathedrale, die unförmliche, auf einer Höhe gelegene Citadelle, die dunkle, von vielen Thür⸗ men gekrönte, in nigen Linien ſich hinauf⸗ und hinabziehende Stadtmauer, und endlich das Häuſermeer, welches ſie umſchloß, unten am Ufer des ruhig dahin⸗ fließenden Dniepr und hinaufſteigend drüben bis zu den begränzenden Anhöhen— das Alles da liegend ſtill und friedlich im Goldſchimmer der ſcheidenden, tiefſtehenden Sonne, machte auf ſie einen feſſelnden und zugleich beru⸗ higenden Eindruck. Die durchſichtigen Rauchſäulen ſtiegen ſo langſam und ſenkrecht gus den vielen Schornſteinen zu dem klären, Hlauew Himnkkl empor, der über dem gan⸗ zen Bilde ruhte, als ob jede einzelne damit die gaſtliche Einladung ausſprechen wollte, bei ihnen einzukehren. uch der Graf wurde von dieſem Anblicke in eine behag⸗ liche und heitere Stimmung verſetzt. Ich hätte mir die Stadt nicht ſo hübſch gedacht, ſagte er, und freue mich, daß wir ſie erreicht und ſomit die Hälfte des Weges zurückgelegt haben.* Die ruſſiſchen Städte ſehen alle mehr oder weniger maleriſch von außen aus, aber ſie enttäuſchen uns ſehr bald, wenn wir in das Innere gelangen. Ich freue mich auch, daß wir endlich hier ſind und die Hälfte unſerer langen Reiſe hinter uns haben, aber wenn wir die Rück⸗ reiſe mit in Anſchlag bringen, ſo iſt es leider erſt ein Viertel. Wozu nutzen dieſe fortgeſetzten Berechnungen? erwie⸗ derte der Graf wieder verdrießlich; win werden den Heim⸗ weg eben ſo gut zurücklegen, wie wir jetzt hergekommen ſind, obgleich ich nicht geglaubt hätte, jemals in meinem Leben ſo weit in das Innere Rußlands zu gelangen. Wenn wir das voraus gewußt hätten.... Dann würden wir vielleicht gar nicht gereiſ't ſein, unterbrach er ſie, indeſſen jetzt läßt ſich das nicht mehr ändern, und ich hoffe, alle dieſe Beſchwerden nicht vergeb⸗ 158 lich zu beſtehen, ſetzte er mitzinem beziehungsvpllen Blicke auf ſun Tochter hinzu. Dieſe hielt es, wie immer in ſolchen Fällen, für an⸗ gemeſſen, das Geſpräch abzubrechen und lenkte es wieder auf diejenigen Gegenſtände, welche äußerlich ihre Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahmen. Man fuhr inzwiſchen in die Stadt ein, welche, wie Hedwig richtig vorausgeſagt hatte, im Innern nur wenig dem glänzenden Bilde ent⸗ ſprach, das ihr Aeußeres dargeboten. Enge, ſchmutzige Straßen, eine Maſſe unanſehnlicher, zum Theil hölzerner Häuſer, ſtaubige, unregelmäßige und unſchöne Plätze— das Alles war wenig geeignet, einen angenehmen Eindruck hervorzurufen. Es fand ſich auch ein leidliches Unterkommen, große, etwas wüſte Räume, welche, ſo wie die Verpflegung, zwar Vieles zu wünſchen übrig ließen— indeſſen es war Som⸗ mer, und der Fürſt trug Sorge, daß jede irgend zu er⸗ langende Bequemlichkeit beſchafft wurde. Der folgende Tag, den man zum Ausruhen beſtimmt hatte, war für Hedwig noch langweiliger, als die vorhergegangenen. Die Stadt intereſſirte ſie wenig, und die Abwechslung der Reiſe, immerhin eine Abwechslung, hatte aufgehört. Der Graf pflegte der Ruhe und ſuchte darin denjenigen Ge⸗ nuß, den er ſo lange vermißt hatte. Als Hedwig gegen Abend mit dem Fürſten einen Spaziergang auf die Höhen 2 159 machte, welche die Stadt im Oſten begränzten, ruhten ihre Blicke mit melancholiſchem Ausdrucke auf den Win⸗ dungen des ſich im Süden verlierenden Fluſſes. Seine Fluthen, welche an den Pfeilern der breiten Brücke eine leichte, hellſchimmernde Woge bildeten, zogen fernen, un⸗ bekannten Gegenden zu, bis ſie ſich mit den Gewäſſern des ſchwarzen Meeres vereinigten.— Wie war das Alles ſo fremd, ſo weit und ſo fern von der Heimath! Mit der Schwärmerei, welche ihr eigen, die ſie oft vergeblich bemüht war, durch die Reflexionen des Verſtandes zu un⸗ terdrücken, dachte ſie daran, daß ja auch unfern ihrer Hei⸗ math die Quellen von Bächen und Flüſſen entſprängen, welche, mit der Donau vereinigt, denſelben Lauf in das⸗ ſelbe unbekannte Meer nähmen— ſie hatte vielleicht von der Liſſa Hora aus die Thäler jener Quellen geſehen— von der Liſſa Hora! Welch eine eigenthümliche Gedan⸗ kenverbindung, jetzt am Ufer des Dniepr, das alte Smo⸗ lensk zu ihren Füßen!— Sie dachte gerade jetzt an die Stunde, wo ſie auf der Liſſa Hora geſtanden, obgleich ſie ſelbſt die Verbindung ihrer Idee nicht erkannte. Die Rede des Fürſten, welche ſie in ſichtlicher Zerſtreuung längere Zeit überhört hatte, brachte ſie wieder in die Gegenwart zurück. Er machte ſie darauf aufmerkſam, daß man auch hier Vorbereitungen zur Vertheidigung treffe, daß man die Mauern und Thürme ausbeſſere und Erdwälle aufbaue. 160 Es ſcheint, ſagte er mit einer Stimme, welche ſeine verhaltene Aufregung nur unvollkommen verbarg, daß man die Abſicht hat, es wenigſtens für möglich hält, ſich ſelbſt bis hieher zurückzuziehen— immer zurück— viel⸗ leicht noch weiter! Man darf kaum daran denken, aber das iſt die Frucht der vielen fremden Rathgeber, welche den Zaren umgeben, denen er nur zu willig ſein Ohr leiht! Es wäre ſchrecklich für uns, wenn der Einfluß dieſer Leute ſeine Entſchlüſſe ſchwankend machte und ihn zu einem ſchimpflichen Frieden bewöge! Können Sie ſo etwas von dem Zaren glauben? Ich habe bis jetzt keine Bürgſchaft vom Gegentheil. O, Sie ſollten nicht ſo reden, Herr Fürſt, ſagte ſie mit leuchtenden Blicken, Sie ſollten die ſchwierige Lage, in welcher ſich der Zar befindet, würdigen und nicht eine Meinung über ihn ausſprechen, die bis jetzt durch nichts begründet iſt und wozu er nicht die mindeſte Veranlaſſung gegeben hat! Sie als Ruſſe ſollten dies am wenigſten thun! Sie mögen Recht haben, erwiederte er nicht ohne einige Verlegenheit, und es freut mich, daß Sie eine ſo gute Meinung von unſerem Kaiſer haben— aber, ſetzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu, es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen einem freundlichen, leutſeligen und galanten Benehmen und einer feſten, eiſernen Ent⸗ 161 ſchloſſenheit. Ihr Urtheil ſtützt ſich auf perſönliche Ein⸗ drücke— ah, er verſteht es, liebenswürdig und zuvor⸗ kommend gegen ſchöne Frauen zu ſein und auf dieſem Felde Siege zu erringen, die ihm nicht ſchwer fallen— aber die Siege, welche wir, welche Rußland jetzt von ihm fordern, müſſen nicht im Ballſaale, ſondern auf den Schlachtfeldern erkämpft werden, und dazu gehört eine feſte und nicht ſchwankende Willenskraft! Weßhalb zweifeln Sie, daß er dieſe nicht beſitze? Ich zweifle nicht daran— ich will wenigſtens daran zweifeln, aber die Zeit iſt zu ernſt und zu gewaltig als daß nicht auch derartige Gedanken aufſteigen ſollten. Nur mit dem vollen Vertrauen, mit der ganzen Hin⸗ gebung ſeines Volkes wird es dem Zaren möglich ſein, ſeine mächtigen Feinde zu beſiegen. Das Alles wird ihm in ganzem Umfange zu Theil werden, und wir, die wir es zu geben bereit ſind, ver⸗ langen nichts weiter, als daß er den unbeſchränkteſten Ge⸗ brauch davon mache. Das wird er, darauf können Sie mit der vollſten Gewißheit rechnen! ſagte ſie mit einer ſo feſten Stimme, als ob ſie die eigenen Worte des Zaren wiederholte. Hat er es Ihnen vielleicht gelobt? fragte mit einem ſonderbaren Tone der Fürſt. Die Hochachtung, welche ich für Ihren edlen Kaiſer m. 11 162 empfinde, verbietet es mir, eine ſolche Frage zu beant⸗ worten, erwiederte ſie ſichtlich verletzt. Er ſchwieg, indem er ſie forſchend anſah— wie ſchade, ſagte er dann, daß Sie nicht eine geborene Ruſſin ſind! Meine Anſichten ſind unabhängig von dem Zufalle der Geburt. W Sie haben Recht, ſagte er, den letzten Gedanken feſt⸗ haltend; die Geburt iſt ein bloßer Zufall, und der Menſch hat, nachdem ſeine Erkenntniß ſich entwickelt, ſeine Er⸗ fahrung ſich befeſtigt hat, die Befugniß und die Macht, dieſen Zufall wieder auszugleichen. Er kann das Land ſeiner Geburt, ſeine Heimath, verlaſſen, kann es aufgeben und mit einem anderen ver⸗ tauſchen, es können ihn vielerlei Veranlaſſungen, gute und ſchlechte, edle und niedrige, dazu beſtimmen— aber er wird niemals die Heimath vergeſſen, niemals im Geiſte aufhören, demjenigen Lande zu eigen zu bleiben, worin ſeine Wiege geſtanden hat. Der Fürſt blickte ſie längere Zeit ſchweigend an, nach⸗ dem ſie dieſe Worte mit größerer Lebhaftigkeit, als die vorhergehenden, geſprochen hatte, dann ſchlugen ſie den Rückweg ein. Es entging ihr nicht, daß es in ſeiner Ab⸗ ſicht liege, das Geſpräch, welches eine für ſie peinliche Wendung genommen hatte, in derſelben Weiſe weiter fort⸗ zuſetzen, und ſie beeilte ſich daher, ihn durch allerlei Fra⸗ gen über die Stadt und ihre Umgebung davon abzulenken, indem ſie zugleich den Entſchluß faßte, nicht wieder allein in der Begleitung des Fürſten auszugehen. Man brachte den Abend gemeinſchaftlich zu in Ge⸗ ſprächen, wozu die Tagesereigniſſe und die ſpäter einge⸗ troffene Nachricht von dem Einzuge der Franzoſen in Wilna vollſtändig Veranlaſſung gaben, und ſetzte die Reiſe am anderen Morgen fort, als die Sonne, welche um drei Uhr aufging, erſt zwei Stunden ihren langen Lauf am Himmel begonnen hatte. Es war die große Straße, auf der ſie fuhren, jene Straße, welche damals noch nicht ihre traurige, weltgeſchichtliche Berühmtheit er⸗ langt hatte. Am vierten Tage näherten ſie ſich dem Städtchen Moshaisk. Auf den daſſelbe begränzenden Anhöhen lag ein armſeliges Dorf, nach deſſen Namen, ſeiner Unbe⸗ deutendheit wegen, Niemand gefragt hatte— es war Bo⸗ rodino. Auf den ſchlecht bebauten Feldern wogte das ſpärlich ſtehende Getreide leiſe im Winde, der Bach, von welchem jene Anhöhen im Oſten begränzt wurden, beſtand aus ſumpfigen Ufern, die ſelbſt die lange andauernde Hitze nicht auszutrocknen vermocht hatte, das Auge ſuchte ver⸗ gebens nach einem Punkte, auf welchem es mit Intereſſe oder Wohlgefallen hätte verweilen können. Keiner von 14 164 den Reiſenden, welche jetzt, gelangweilt und beläſtigt von der Hitze des Mittags, über jene Felder und Anhöhen hin⸗ fuhren, ahnte es, daß hier wenige Wochen ſpäter die blu⸗ tigſte Schlacht des Jahrhunderts gekämpft werden würde, einen ganzen, unendlich langen Sommertag hindurch, bis neunzigtauſend verſtümmelte Leichen und Verwundete dieſe Felder und Höhen bedecken würden, um dann, unbeerdigt und unberührt, Monate lang liegen zu bleiben, den Wöl⸗ fen und Geiern zur Beute, bis ſie das kalte, weiße Leichen⸗ tuch des Winters mitleidsvoll verhüllen würde. Neun⸗ zigtauſend junge, kräftige Männer aus allen Ländern Europa's, alle dem Ehrgeize eines Einzigen zum Opfer gefallen, und an einem einzigen Tage! Sie fuhren weiter, ahnungslos, ohne ihre Blicke auf das neben ihnen liegende Dorf Seminofkir zu richten, um deſſen Beſitz ſo blutig geſtritten wurde, daß die Leichen der Gefallenen einen Wall bildeten, den die Kämpfenden erſt überſchreiten mußten, um ſich zu tödten. Doch weiter — die Zeit war noch nicht gekommen, und, unbekannt mit der nächſten Zukunft, zogen die Reiſenden dem unfernen Moskau zu, welches ſie am folgenden Tage zu erreichen hofften, da die Erlangung von Pferden keine Schwierig⸗ keiten mehr darbot. Der vorn fahrende Wagen des Fürſten hielt gegen Abend des folgenden Tages, nachdem man langſam eine 165 Anhöhe erreicht hatte, ſtill, der Fürſt war aufgeſtanden und zeigte mit ausgeſtreckter Hand gegen Oſten. Und da lag ſie vor ihnen, die wunderbare, unendliche Stadt, in tauſend Farben ſchimmernd, von einer Menge vergoldeter, in blendendem Glanze ſtrahlender Kuppeln überragt. Ein märchenhaftes Gemiſch von Gehölzen, Seen, Hütten, Paläſten, Kirchen und Thürmen, eine zu⸗ gleich byzantiniſche und gothiſche Stadt! In der Mitte ſtiegen hohe Kuppeln, umgeben von erenelirten Mauern, empor, die Tempel der Gottheit und die Paläſte der Kai⸗ ſer enthaltend, hoch oben auf der höchſten Zinne erglänzte das Emblem, welches die Geſchichte Rußlands und deſſen ganzen Ehrgeiz verfinnlicht: das Kreuz über dem umge⸗ kehrten Halbmonde. Dieſe hohe, von vergoldeten Kup⸗ peln überragte Maſſe war der Kreml, der alte Wohnſitz der Zaren. Schweigend und von mannigfachen Gefühlen ergriffen, blickten Hedwig's Augen auf dieſes wunderbare Bild, welches alle Vorſtellungen ihrer Phantaſie weit hinter ſich zurückließ. Alle Städte, die ſie geſehen, auch Petersburg, ſanken zur Unbedeutendheit herab bei dieſem Anblicke. Nach einiger Zeit fuhr man weiter, und ſo einförmig die Reiſe bis dahin geweſen war, ſo unterhaltend und Inregend wurde ſie jetzt. Man näherte ſich der ungeheuren Stadt, der größten Europa's nach Konſtantinopel dem 166 Umfange nach, deren Häuſer, Kirchen und Paläſte einen Flächenraum von zwei Quadratmeilen bedeckten. Der Weg belebte ſich mit unzähligen Fuhrwerken und Menſchen, und als ſie dann einfuhren, immerfort durch breite, nicht endende Straßen, die in ſeltſamem Gemiſche von niedrigen, elenden, hölzernen Häuſern, prachtvollen Paläſten, in Gold glänzenden Kirchen, Kaſernen und an⸗ deren öffentlichen Gebäuden gebildet wurden, durch das Gewirr von Wagen und Reitern und Pferden in ſelt⸗ ſamen, fremden Ausrüſtungen und Trachten, glaubten ſie in einer anderen, außereuropäiſchen Welt zu ſein. Aſien und Europa trafen hier im bunten Gemiſche zu⸗ ſammen und ſuchten ſich in phantaſtiſcher Weiſe zu ver⸗ einigen. Man fuhr über große, gartenartige Plätze, an dem Kreml vorbei, deſſen hohe Mauern, von den vielen vergoldeten Kuppeln überragt, im Glanze der Abendſonne ſchimmerten, und gelangte endlich zu dem Palaſte des Fürſten. Es war ein ſtattliches, weitläufiges Gebäude, und wenn auch mit derſelben Pracht ausgeſtattet, doch ſehr verſchieden von dem Palaſte in Petersburg. Er lag inmitten eines großen, ſchön angelegten und von hohen Baumgruppen beſchatteten Gartens, denn in Moskau iſt Alles groß und weitläufig, und auf dem Raume, welchen die Beſitzung des Fürſten einnahm, hätte immerhin eine kleine Stadt Platz gefunden. Von einer zahlreichen Die⸗ nerſchaft empfangen— alle Leibeigene des Fürſten und zu dieſem Zwecke erzogen und abgerichtet—, ſtieg man endlich aus, und die Reihe der Zimmer, welche dem Gra⸗ fen und ſeiner Tochter zur Verfügung geſtellt ward, war ſo umfaſſend, daß ſie es vorläufig vorzogen, einen Theil davon ungeſehen zu laſſen. Es waren beſondere Wohn⸗ und Empfangzimmer, beſondere zum Schlafen und An⸗ kleiden, verſchiedene Bäder, Boudvirs mit den ſeltenſten Pflanzen des Südens angefüllt— kurz, es war ſo Vieles, was ſie nicht bedurften, was überflüſſig war, daß ſie das Nöthige und Nothwendige kaum herauszufinden vermoch⸗ ten— eine fremde Welt, an die ſie ſich erſt gewöhnen mußten. Der Abend vereinte ſie in einem Gartenſalon; die ausgeſuchteſten Speiſen, die edelſten und feurigſten Weine ſuchten für die Entbehrungen der Reiſe Erſatz zu gewäh⸗ ren. Als dann die Racht ihren Schleier über die hohen Bäume des Gartens ausbreitete, erglänzten die dunkeln Gänge in magiſcher Beleuchtung und eine ſanfte Muſik ließ ſehnſüchtige Gefühle erſtehen, ohne dem heiteren Ge⸗ ſpräche hindernd in den Weg zu treten. Die nächſte Zeit verwandte man zur Beſichtigung der erkwürdigkeiten der Stadt und Umgegend. Es gab ſo 4 zu ſehen, daß es bei dem Bedürfniſſe, ſich zu zer⸗ ſ an Unterhaltung der mannigfachſten Art nicht 168 fehlte. Neben dem Volksleben, welches ſich hier in echt ruſſiſcher Weiſe entwickelte, nahm Hedwig's Aufmerkſam⸗ keit hauptſächlich der Kreml in Anſpruch, dieſe altehr⸗ würdige Reſidenz der Zaren. Mit Staunen erblickte ſie mehre contentriſch in einander geſtellte Städte: in der Mitte auf einer Anhöhe am Ufer der Moskwa den Kreml; am Fuße deſſelben, als ob er ſie beſchützen wollte, die alte, chineſiſche Stadt genannt, welche den ruſſiſchen Charakter und den des Orients in ſich vereint; in ihr den Bazar, ein großes, umfangreiches Gebäude, gefüllt mit den reich⸗ ſten und koſtbarſten Waaren aller Art, den ſchönſten Ge⸗ weben Indiens und Perſiens, den Seltenheiten Europa's, nebſt ungeheuren Vorräthen von Colonialwaaren und den feinſten Weinen. Dieſe ſogenannte chineſiſche Stadt wurde ringsum von einer dritten, der weißen Stadt, einge⸗ ſchloſſen, weit und geräumig, faſt nur Paläſte enthaltend, und dann kam die Erdſtadt, ein Gemiſch von Dörfern, kleinen Gehölzen, hölzernen, niedrigen Häuſern und im⸗ poſanten Gebäuden. Das Ganze umgab ein Erdwall, und was man in dieſen vier von einander umſchloſſenen Städten, durch die ſich eine Bevölkerung von dreihundert⸗ tauſend Einwohnern bewegte, gleichmäßig vertheilt ſah, waren mehre Hundert Kirchen, deren vergoldete Kup⸗ peln die Form der Turbane nachahmten, ſo wie ſchlanke MWinarets, wie in einer Stadt des Orients. Das kaiſer⸗ — . 169 liche Luſtſchloß Petrowski, von Katharina der Zweiten er⸗ baut, wurde ſeiner hübſchen Lage wegen öfter beſucht, und Hedwig ſtand eines Abends an demſelben Fenſter und ſchaute auf die vor ihr ausgebreitete Stadt hin, an wel⸗ chem Napoleon, nachdem ihn die Flammen aus dem Kreml vertrieben, den ungeheuren Brand mit Entſetzen beobach⸗ tete, welcher das mene mene thekel mit feuriger Schrift für ihn an den Himmel zeichnete Das Leben in Moskau würde ſonach für Hedwig, wenn auch nicht ein befriedigendes, doch ein unterhaltendes geweſen ſein, wenn die täglich vom Kriegsſchauplatze ein⸗ treffenden Nachrichten und Gerüchte nicht eine fieberhafte Spannung hervorgerufen hätten. Man erfuhr, daß die ruſſiſche Armee fortwährend zurückgehe, ohne eine Schlacht zu wagen, und mit der Ungeduld, wie ſie denjenigen eigen iſt, welche einen günſtigen Erfolg oder doch wenig⸗ ſtens den Verſuch eines ſolchen erwarten, erging man ſich in den härteſten Urtheilen über die Leiter des Krieges. Dazwiſchen tauchten die erſten leiſen Befürchtungen auf, die man jedoch noch nicht auszuſprechen wagte, daß ſelbſt Moskau kein völlig ſicherer Aufenthalt bleiben könne. Hedwig beruhigte ſich mit der Vorſtellung, daß eine große Armee unmöglich den weiten Weg marſchiren werde, wel⸗ chen ſie während zehn langer Tage in raſchem Fahren zurückgelegt hatte. 170 Es war in der letzten Hälfte des Auguſt, man befand ſich bereits über einen Monat in Moskau, als der Fürſt in ungewöhnlich erregtem Zuſtande ſeine Gäſte aufſuchte. Wir haben eine Schlacht verloren, rief er, und Smo⸗ lensk iſt von den Franzoſen erobert! Man wollte der Nachricht zuerſt keinen Glauben ſchen⸗ ken— aber ſie iſt verbürgt, ich habe ſie aus dem Munde meines Freundes, des Gouverneurs Roſtopſchin! Unſere Armeen hatten ſich endlich bei Smolensk vereinigt, und Barclay de Tolly war zu einer Schlacht entſchloſſen— aber wie kann man von dieſem Ausländer einen feſten Entſchluß erwarten? Man hat ſich darauf beſchränkt, Smolensk mit der Arrieregarde zu vertheidigen, nutzlos Menſchen geopfert und iſt dann, den Franzoſen die Stadt überlaſſend, wieder weitergezogen! Wir werden verrathen durch Männer, denen der Zar blindlings vertraut, nach⸗ dem er ſich ſelbſt vom Kriegsſchauplatze zurückgezogen hat! Dieſe Nachricht, welche ſich blitzſchnell durch die Stadt verbreitete, erzeugte eine allgemeine Beſtürzung und eine leidenſchaftliche, jede Schranke überſteigende Erbitterung gegen den Oberbefehlshaber Barclay de Tolly, welcher, wie dies in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, der öffentlichen Meinung zum Opfer fallen mußte, obgleich er, über jeden Verdacht verrätheriſcher oder auch nur ſchwankender Ab⸗ ſichten erhaben, nichts gethan, als den mit richtiger Er⸗ kenntniß gefaßten Plan zur Ausführung gebracht hatte, nämlich die Franzoſen ſo weit als möglich in das Innere von Rußland vordringen zu laſſen und ſie erſt anzugreifen, wenn ſie durch die langen Märſche, durch Mangel an Ver⸗ pflegung und Deſertion geſchwächt ſein würden. Der Zar mußte dem allgemeinen Unwillen nachgeben, welcher ſich ſelbſt durch meuteriſche Bewegungen in der Armee kund gegeben hatte, und einen anderen Befehls⸗ haber in der Perſon eines National⸗Ruſſen ernennen. Er wählte hierzu den einäugigen, ſiebenzig Jahre alten Kutu⸗ ſow. Dieſer General, obgleich durch Krieg und Aus⸗ ſchweifungen erſchöpft, tief verderbt, falſch und lügneriſch, kaum mehr fähig, zu Pferde zu ſitzen, welcher die Schlacht von Auſterlitz verloren hatte, beſaß bei alledem eine große Klugheit und die Fähigkeit, die Menſchen durch ſein ſchlichtes und cyniſches Weſen, nach dem Beiſpiele ſeines Lehrers Suwarow, zu blenden. Er wurde mit Einem Male der Abgott derer, welche den Angriffskrieg wollten, und ſeine Ernennung zum Ober⸗General war daher voll⸗ ſtändig geeignet, die aufgeregten Gemüther zu beruhigen und neues Vertrauen zu erwecken. Jwölftes Capitel. Unerwartet traf der Zar am folgenden Tage ſelbſt in Moskau ein. Von der Armee vertrieben, hatte er beſchloſ⸗ ſen, das ruſſiſche Volk zu enthuſiasmiren und zur Landes⸗ vertheidigung aufzurufen. Der Gouverneur Roſtopſchin wurde beauftragt, den Adel und die Kaufleute des Gouver⸗ nements zu verſammeln, und als dann der jugendliche Zar unter dieſen erſchien, fiel es ihm nicht ſchwer, die Ge⸗ müther zu entflammen und zu den größten Opfern zu be⸗ ſtimmen. Die Liebe des Volkes trug ſich ihm mit lautem Jubel und mit den Ausbrüchen der tiefſten Hingebung entgegen, welche ſich oft durch Weinen und Schluchzen, dann wieder durch nicht endende Beifallsrufe äußerte. Er ſtand unter ihnen ähnlich wie Maria Thereſia unter den Ungarn, als ſie dieſe zum Kriege gegen Friedrich den Gro⸗ ßen entflammte. Der Adel beſchloß die Aushebung des zehnten Mannes auf ſeinen Beſitzungen, der Handelsſtand 173 zeichnete bedeutende Geldſummen, und hiermit ſollte ſo⸗ gleich eine Miliz geſchaffen werden, die im Gouvernement Moskau allein achtzigtauſend Mann betragen ſollte. Hedwig begeiſterte ſich faſt in gleicher Weiſe in dem allgemeinen Aufſchwunge, der, wie immer, durch die Ver⸗ hältniſſe getragen, zuletzt in der Luft zu liegen ſchien und mit derſelben eingeathmet wurde. Ihr Wunſch, den Zaren noch einmal wenigſtens zu ſehen, war inſofern in Erfül⸗ lung gegangen, als ſie ihn, freundlich grüßend, aber ohne ſie zu erkennen, in raſchem Fluge hatte vorbeifahren ſehen — dann war er am andern Tage nach Petersburg ab⸗ gereiſt. Während Moskau eine ſo kriegeriſche Geſtalt annahm und die Rüſtungen und Uebungen der Milizen faſt das ausſchließliche Geſchäft des Tages bildeten, war Kutuſow bei der Armee eingetroffen und von derſelben mit Jubel empfangen worden. Dennoch traf auch jetzt wieder die Nachricht ein, daß man die rückgängigen Bewegungen fort⸗ geſetzt habe und daß ſich die Armee Moskau nähere. Man hielt dies jedoch, nachdem einmal ein Umſchwung der öffentlichen Meinung eingetreten war, jetzt für nothwen⸗ dig, indem man annahm, daß es nurgeſchähe, um ſich ein vortheilhaftes Schlachtfeld zu ſuchen. Das Wetter war ſchlecht geworden, und ſo viel man wußte, hatten die Franzoſen ihren Marſch auf Moskau 174 nicht fortgeſetzt. Man erfuhr, daß die ruſſiſche Armee fünfundzwanzig Meilen von der Stadt, bei Borodino, eine feſte Stellung genommen und mit dem Aufwerfen beträchtlicher Schanzen beſchäftigt ſei. Alles befand ſich in fieberhafter Aufregung, dem Eintreffen entſcheidender Nachrichten entgegenſehend. Das Wetter hatte ſich ſeit mehren Tagen wieder gebeſſert, und unbeſtimmte Ge⸗ rüchte, daß die Franzoſen wieder vorgerückt ſeien, flogen wie die Vorboten eines großen Ereigniſſes umher. Es war noch ziemlich früh am Morgen in den erſten Tagen des September, als Hedwig mit ihrem Vater zu⸗ ſammen frühſtückte und, wie immer jetzt, von den Tages⸗ ereigniſſen ſprach, als die Thür ungeſtüm geöffnet wurde und der Fürſt in der freudigſten Aufregung in das Zim⸗ mer ſtürzte. Sieg, rief er, Sieg! Die Franzoſen ſind total bei Borodino geſchlagen und befinden ſich auf dem Rückzuge! Sowohl der Graf als Hedwig waren bei dieſen Wor⸗ ten freudig aufgeſprungen und ſo von der Gewalt dieſer Wittheilung ergriffen, daß der Graf den Fürſten in ſeine Arme ſchloß und Hedwig ihm willig beide Hände zum Willkommen überließ. Es dauerte längere Zeit, ehe man ſich faſſen und die aufſteigenden Zweifel, von denen man ergriffen war, beſeitigen konnte. Es iſt eine officielle Nachricht, verſicherte der Fürſt— 175 Kutuſow hat es an den Gouverneur melden laſſen.— Endlich, endlich! fuhr er in erneuerter, freudiger Aufre⸗ gung fort— endlich ein Sieg! Und nun bedenken Sie die Folgen— was ſteht der geſchlagenen franzöſiſchen Armee bevor? Die ganze Bevölkerung wird ſich gegen ſie erheben, und was dem Schwerte und den Kugeln unſerer Soldaten entrinnt, wird dem Meſſer unſerer Bauern zum Opfer fallen— bis ſie alle vertilgt ſind, alle, bis auf den letzten Mann, ſetzte er mit haßerfüllten Mienen hinzu, die es gewagt haben, den geheiligten Boden des alten Rußlands zu betreten! Hedwig wandte ſich mit einem innerlichen Schauder von den durch fanatiſchen Haß und Leidenſchaft entſtellten Zügen des Fürſten ab; er kam ihr in dieſem Augenblicke ſchrecklich, wie ein wildes Raubthier vor. Man beſprach die Einzelheiten, ſo weit ſie bekannt geworden, und die dahin lauteten, daß die Schlacht auf beiden Seiten ſehr blutig geweſen, ohne jedoch Näheres anzugeben. Der Fürſt begab ſich ſogleich zu dem Gouverneur ſelbſt, um das Eintreffen von weiteren Nachrichten zu er⸗ fahren, und Hedwig blieb mit ihrem Vater in ſehr aufge⸗ regter Stimmung zurück, die ihre Freudigkeit, ſie wußte ſelbſt nicht, weßhalb, bald wieder verloren hatte. Man erwartete mit ängſtlicher Spannung die Rückkehr des 176 Fürſten, welche jedoch nicht erfolgte, obgleich bereits mehre Stunden verfloſſen waren. Friedrich, der, gleichfalls von Neugierde getrieben, ſich auf die Straße begeben hatte, wo die Menſchen haufenweiſe zuſammenſtanden, kam nach einiger Zeit mit bedenklichen Mienen zurück. Herr Graf, ſagte er in ſeiner gewohnten kurzen und ärgerlichen Weiſe, dieſe Ruſſen ſprechen ſelten ein wahres Wort— einer lügt und betrügt den anderen! Was willſt du damit ſagen, haſt du etwas gehört? fragte der Graf geſpannt. NWir ſcheint es mit der gewonnenen Schlacht nicht ganz klar zu ſein, man munkelt Dies und Jenes, und einer von den ſchmierigen Kerls behauptete mit Beſtimmt⸗ heit, die Ruſſen zögen ſich wieder zurück. Ah, Unſinn, rief der Graf, du hörſt ja, daß der Gou⸗ verneur ſelbſt... Da kommt der Fürſt, unterbrach Friedrich, und er ſieht eben nicht aus, als ob Alles ſo glatt abgegangen wäre. Es ſind ſehr widerſprechende Nachrichten angelangt, ſagte der Fürſt, während die Augen ſeiner Gäſte mit Spannung an ſeinem Munde hingen— es hält ſchwer, ſie zu vereinen. Es hat eine große Schlacht ſtattgefunden, das ſteht feſt; wir haben die Stellung behauptet, auf dem Schlachtfelde bivouakirt— aber.... 177 Nun, aber? rief der Graf. Es heißt, daß wir uns dennoch wieder zurückzögen. Wieder zurückzögen? wiederholte der Graf vor Schre⸗ cken erbleichend— hieher zurück— ſo würde Moskau von den Franzoſen erobert werden? Sprechen Sie das Wort nicht aus! Wie können Sie ſo etwas nur denken— wir werden noch einmal kämpfen — wir werden— o, es iſt nicht möglich, ganz unmög⸗ lich! rief er, das Geſicht mit beiden Händen bedeckend— eher würden wir Alle, Alle zu Grunde gehen!— Die pomphaften Siegesnachrichten, welche Kutuſow für gut fand, über die Schlacht von Borodino zu ver⸗ breiten und ſelbſt an den Zaren nach Petersburg abſchickte, nach welchen die Franzoſen geſchlagen waren und ihr Ver⸗ luſt an Todten und Verwundeten auf ſechszigtauſend an⸗ gegeben, während derjenige der Ruſſen auf vierzigtauſend Mann berechnet wurde— ungeheure und kaum glaubliche Zahlen—, traten in Widerſpruch mit der Ankunft der ruſſiſchen Armee ſelbſt in der unmittelbarſten Nähe von Moskau. Ihr voran gingen unendliche, nicht enden wol⸗ lende Wagenzüge von Verwundeten, die man in Moskau unterbrachte und deren Zahl man bereits auf fünfzehn⸗ tauſend berechnete, obgleich man jetzt wußte, daß die Ruſſen einen ſehr großen Theil ihrer Verwundeten auf dem Schlachtfelde hatten zurücklaſſen müſſen, weil ſie I. 12 178 es noch in der Nacht nach dem Schlachttage geräumt hatten. Die Aufregung der Bevölkerung ſteigerte ſich von Mi⸗ nute zu Minute, die Kirchen füllten ſich mit Betenden, welche den Schutz des Höchſten für die Stadt erflehten, und als am folgenden Tage die ganze ruſſiſche Armee ein⸗ traf und vor Moskau Stellung nahm, fing bereits ein Theil der Einwohner, die reichen und unabhängigen, an, die Stadt zu verlaſſen. Man erfuhr jetzt, daß der Verluſt der Ruſſen an Todten und Verwundeten ſechszigtauſend betrug, darunter vierzig Generale und fünfundvierzig Oberſten— Zahlen, die man jetzt noch eben ſo ſehr über⸗ trieb, als man ſie bisher verkleinert hatte. Der Fürſt hatte ſich den ganzen Tag über nicht blicken laſſen; er befand ſich bei dem Gouverneur Roſtopſchin und mit dieſem draußen im Hauptquartier des Generals Kutuſow, wo man darüber verhandelte, ob man eine neue Schlacht unter den Mauern der Stadt ſchlagen oder dieſe dem gehaßten Feinde überlaſſen ſollte. Erſt ſpät am Abende kehrte er zurück; Hedwig und der Graf hatten ihn diesmal mit fieberhafter Spannung erwartet. Er ſah bleich, finſter und verſtört aus, als er endlich erſchien. Ich bin ſo erſchöpft, ſo ergriffen, ſagte er mit kaum hörbarer Stimme, während er ſich rückſichtslos auf einen Seſſel warf— daß Sie Geduld mit mir haben müſſen — doch, wozu ein längeres Schweigen? ſetzte er mit einem langen und tiefen Seufzer hinzu— die Stadt iſt aufge⸗ geben— wir müſſen ſie ſpäteſtens bis übermorgen ver⸗ laſſen. Aufgegeben? rief Hedwig beſtützt. Ja, aufgegeben, erwiederte der Fürſt mit flammenden Augen— er müſſe die Armee erhalten, ſie nicht einer neuen Schlacht ausſetzen— die Armee allein ſei die Ret⸗ tung des Landes— Moskau käme nicht in Betracht, ſo ſehr es ihn ſchmerze, daß....— o, ich darf es kaum wiederholen, was er ſagte— aber er hat den Befehl— und die Armee wird morgen weiter zurückgehen! Es iſt beſchloſſen und läßt ſich nicht mehr ändern Die Franzoſen werden in Moskau einziehen, ſetzte er mit einem unheim⸗ lichen Blicke und einem heiſeren Lachen hinzu, und hier von ihren Siegen und Strapazen ausruhen! Möge es ihnen wohl bekommen! In dieſem Augenblicke ergeht der Befehl an alle Einwohner, die Stadtzu verlaſſen, denn ſie ſoll leer und öde ſein, wenn die Sieger einziehen— Niemand wird ſie em⸗ pfangen und ſie werden keine Zeugen ihres Triumphes haben. Aber wie iſt das möglich? fragte beſtürzt der Graf — werden Sie die ganze Bevölkerung zwingen können, auszuwandern? 125 180 Wir werden ſie zwingen! O, es wird gar keines Zwanges bedürfen, denn ſie werden von ſelbſt gehen! Und Alles, ihre ganze Habe zurücklaſſen? Was ſie nicht mitnehmen können, werden ſie zurück⸗ laſſen— ſie werden handeln, wie ihnen befohlen wird. Die Franzoſen werden eine reiche Beute finden, ſetzte er wieder hohnlachend hinzu, möge es ihnen gut bekommen! Ich halte es für unmöglich. O, bei uns iſt Vieles möglich, was man anderswo für unmöglich hält! Der große Menſchenſchlächter wird auch dieſe Erfahrung machen, vielleicht früher, als er es glaubt! Und wann werden wir reiſen? fragte der Graf, deſſen Unruhe ſich immer mehr ſteigerte— Sie ſagten über⸗ morgen, weßhalb nicht morgen? Wenn ſich wirklich ſo viele Menſchen auf die Flucht begeben, ſo möchte es räth⸗ lich ſein, ſo bald als möglich zu reiſen, um nicht in den Strom zu kommen. Ich kann leider nicht früher, erwiederte der Fürſt mit einem finſteren Blicke, ich habe noch unabweisliche Ge⸗ ſchäfte.— Aber ſeien Sie unbeſorgt, unſer Fortkommen wird auf keine Hinderniſſe ſtoßen. Es war eine ſchlafloſe Nacht, welche dieſem Abende folgte. Der Graf hatte faſt gänzlich den Muth verloren. Der Gedanke, noch weiter in das Innere von Rußland 181 ziehen zu müſſen und unter ſolchen Verhältniſſen, faſt innerhalb der kriegeriſchen Ereigniſſe, ſchien ihm ſchrecklich. Er machte Hedwig den Vorſchlag, ruhig zu bleiben und die Ankunft der Franzoſen abzuwarten. Was ſollen wir immer weiter ziehen, ſagte er, und unſer Geſchick an das der Ruſſen knüpfen, welche den Krieg bereits verloren ha⸗ ben! Es ſcheint wirklich, daß Napoleon unüberwindlich iſt. Von Moskau aus wird er den Frieden dictiren, den der Zar bereitwillig ſchließen wird; wir können das hier ruhig abwarten, Preußen iſt mit Frankreich verbündet, man wird uns einen Paß geben, und wir können unter franzöſiſchem Schutze zurückkehren. Hedwig's entſchiedener Widerſpruch bewog ihn, dieſen Plan aufzugeben, und man fügte ſich in das Unver⸗ meidliche. MWit dem erſten Grauen des Morgens begann bereits die Auswanderung der Bevölkerung. Unabſehbare Wagen⸗ züge, beladen mit allerlei Dingen, welche man mitzuneh⸗ men für nöthig und möglich erachtete, bedeckten die Straße vor dem Palais des Fürſten, welche ſich nach einem der öſtlichen Thore zog— immer dichter wurde das Gedränge, immer lauter das Rufen, Schreien, das Weinen der Weiber und das Fluchen der Männer— das unmöglich Gehaltene wurde zur Wirklichkeit, die ganze Bevölkerung verließ die Stadt, um ſie leer und öde den gehaßten Fein⸗ 182 den zurückzulaſſen. Die eintretende Dunkelheit bewirkte keine Veränderung— der Zug der Menſchen, Pferde und Wagen ſtrömte unausgeſetzt fort— es war wie eine Völkerwanderung, und als die Sonne wieder aufging, waren die Straßen zum Theil bereits leer und die meiſten Thüren und Fenſter, ſowie alle Läden feſt geſchloſſen. Auch im Hauſe des Fürſten herrſchte eine unruhige, faſt wilde Bewegung. Vieles wurde eingepackt, das Meiſte blieb jedoch zurück, und Hedwig, die von einem kurzen Gange in den Garten zurückkehrte, ſah mit Beſtürzung, wie man werthvolle Gegenſtände, Statuen, Uhren und ſonſtige koſtbare Luxusſachen, zerſchlug und zerſtörte, weil man genöthigt war, ſie zurückzulaſſen. In dem Allem ſprach ſich ein fanatiſcher und ver⸗ zweiflungsvoller Haß aus, der es vorzog, lieber das werth⸗ vollſte Eigenthum zu zerſtören, als es den Feinden als Beute zu überlaſſen. Die Wagen, welche man mit den⸗ jenigen Sachen beladen hatte, die man mitnehmen wollte, fuhren gegen Abend ab. Der große Palaſt war öde und leer geworden und machte den Eindruck einer wüſten Zer⸗ ſtörung, ſo daß Hedwig ſowohl als der Graf ſehnlichſt dem Augenblicke entgegen ſahen, wo ſie ihn würden ver⸗ laſſen können. Dazu erſchienen, als die Nacht gekommen war, un⸗ heimliche, wilde Geſtalten, die in dem Palaſte ungehindert 183 umhergingen, als ob man ihnen denſelben zur Beute über⸗ laſſen hätte— was ſie beabſichtigten und wozu ſie ge⸗ kommen waren, blieb ungewiß, denn ſie ließen Alles un⸗ berührt— obgleich ſie Niemand gehindert hätte, zu rauben und zu ſtehlen. Auch der folgende Tag verging noch, ohne daß der Fürſt ſich zur Abreiſe entſchloſſen hätte; er war wieder abweſend geweſen und kehrte erſt in der Nacht zurück. Die Avantgarde der Franzoſen ſteht nur noch eine Meile von der Stadt, ſagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln, welches den ganzen fanatiſchen Haß, von dem er beſeelt war, ausdrückte— morgen werden ſie einziehen, Niemand wird ſie hindern— morgen in aller Frühe reiſen auch wir! Kaum war die Sonne aufgegangen, als zwei leichte Wagen vorfuhren— die anderen hatte man vorausgeſandt — und die ſo lange verzögerte Abreiſe wirklich erfolgte. Die Straßen der Stadt, durch die man fuhr, waren gänz⸗ lich menſchenleer, alle Häuſer geſchloſſen— Alles öde und verlaſſen. Erſt vor dem Thore erreichte man die Rach⸗ zügler der ausgezogenen Bevölkerung, und je weiter man fuhr, nicht mehr auf dem Wege, ſondern über die Felder hin, um ſo dichter wurde der Schwarm. Alles drängte vorwärts, und an einzelnen Stellen, wo zerbrochene Wa⸗ gen lagen, welche die Paſſage hemmten, herrſchte die größte N und wildeſte Verwirrung. Sonſt zogen alle dieſe Hundert⸗ tauſende ſchweigend und reſignirt neben und hinter einan⸗ der her und nur zuweilen ſehnſuchtsvolle Blicke auf die in der Morgenſonne glänzenden Kuppeln der verlaſſenen Stadt richtend. Es war nicht möglich, raſch fortzukommen, da man weite Umwege machen mußte, um dem Hauptſtrome fern zu bleiben. Am Nachmittage erreichte man einen kleinen Ort, wel⸗ cher einige Meilen ſeitwärts von der Straße auf einer An⸗ höhe lag, die eine weite Ausſicht über die Ebenen darbot, und der Fürſt erklärte, daß man hier übernachten werde. Die Gegenvorſtellungen des Grafen lehnte er mit einer Entſchiedenheit ab, welche ihm ſonſt ſeinen Gäſten gegen⸗ über nicht eigen war. Hedwig fühlte ſich um ſo unange⸗ nehmer von dieſem veränderten Weſen berührt, als er am anderen Morgen erklärte, daß man auch noch dieſen Tag und die Nacht hier verweilen werde, weil er eine wichtige Nachricht erwarten müſſe. Es ließ ſich jedoch dagegen nichts einwenden, denn das Weſen des Fürſten war ſeit einiger Zeit ſo verändert, daß ein Widerſpruch gegen ſeinen Willen für nicht räth⸗ lich erachtet wurde. So blieb man denn, anſcheinend ohne Zweck, an jenem kleinen Orte, welcher ſich nach und nach mit Flüchtlingen aller Art gefüllt hatte, die zum großen ℳ 185 Theile im Freien, ſo gut es gehen wollte, ſich eingerichtet hatten. Die Fenſter des gemeinſchaftlichen Wohnzimmers der beſcheidenen Wohnung, welche der Fürſt vorher hatte beſtellen laſſen, lagen nach Weſten in der Richtung gegen Moskau. Der Fürſt ſtand gedankenvoll und wieder in fieberhafter Aufregung ſtundenlang an denſelben, und ſeine Blicke hingen an der Stelle des Horizontes, der über Moskau ſich hinzog. Der Tag verging, und die Unruhe des Fürſten ſchien mit jeder Stunde zuzunehmen. Am Abende ſaßen Hedwig und der Graf am Tiſche; die Ober⸗ ſtin bereitete den Thee, während der Fürſt unruhig auf und ab ging, immer wieder längere Zeit am Fenſter ver⸗ weilend. Die Nachricht, welche Sie erwarten, iſt immer noch nicht gekommen? fragte der Graf; werden Sie nicht ver⸗ gebens darauf warten? Sie kommt ſo eben! rief der Fürſt mit vor Aufregung bebender Stimme, indem er mit der ausgeſtreckten Hand nach dem Fenſter deutete. Aller Blicke wandten ſich dahin— eine helle Röthe flammte am weſtlichen Himmel auf, wie ein Nordlicht emporſchießend, immer heller, immer glänzender. Was iſt das? riefen Alle, erſchreckt aufſpringend. Das iſt der Anfang des Brandes von Moskau! ſagte der Fürſt mit erhobener Stimme. 186 Moskau brennt! Moskau brennt! tönte es jetzt in wildem Geſchrei von außen herein. Ja, Moskau brennt, wiederholte der Fürſt, ohne ſeine Augen von dem immer heller aufflammenden Feuer⸗ ſcheine abzuwenden— es wird von der Erde verſchwinden und die Feinde Rußlands mit ſich in den Untergang reißen! Schrecklich, ſchrecklich! ſtammelte Hedwig. O, wie ſchrecklich, wie entſetzlich iſt der Krieg! Was wird aus den armen Verwundeten? Der Fürſt ließ dieſe Frage unbeantwortet und blickte ſchweigend auf die immer höher aufſteigende Lohe, welche einem Nordlichte gleich bald heller emporſchoß, bald wieder nachließ, aber mit ihrem unheimlichen Glanze bereits bis zum Zenith hinaufreichte, obgleich Moskau ſechs Meilen entfernt war. Die Nacht verging; am anderen Morgen war der ganze weſtliche Himmel in einen grauen, finſtern Schleier gehüllt. Es erhob ſich ein orkanähnlicher Sturm aus Nordweſt, der gegen Abend nach Südweſt umſprang und am andern Tage aus Südoſt wehte, als ob der Himmel den Untergang der ungeheuren Stadt beſchloſſen habe. Am Abende, wo ſie faſt fünfundzwanzig Meilen von Moskau entfernt waren, ſahen ſie noch immer die Röthe 187 des ungeheuren Brandes am Himmel, jenes Brandes, welcher den Haß der Ruſſen gegen die Franzoſen zu einer Höhe und zu einem Fanatismus entflammte, den nichts mehr zu ſtillen vermochte, als allein der Tod und das Verderben der von Gott verfluchten Feinde. Dreizehntes Capitel. Drei Meilen von Niſchnei⸗Nowgorod in einer anmu⸗ thigen, von niedrigen Höhen durchſchnittenen Gegend an den Ufern der Wolga lag die umfangreiche Beſitzung des Fürſten. Wir ſind genöthigt, das Schloß und die nächſte Umgebung etwas näher zu beſchreiben, weil unſere Ge⸗ ſchichte daſelbſt ihren weiteren Verlauf nimmt und daher die Kenntniß der Oertlichkeit zur Auffaſſung der kommen⸗ den Ereigniſſe nöthig iſt. Es waren drei große Herr⸗ ſchaften, welche der Fürſt hier beſaß, mit einigen Tauſend Leibeigenen, über deren Wohl und Wehe er zu verfügen hatte. Da er längere Zeit auf der einen zugebracht, nach⸗ dem er von Paris zurückgekehrt war, ſo hatte er viel Zeit, Geld und auch einige Thätigkeit darauf verwendet, dieſen ſeinen Aufenthalt nicht nur wohnlich zu machen, ſondern 189 mit all der Pracht und überflüſſigen Verſchwendung einzu⸗ richten, welche man in Rußland bei ungemeſſenem Reich⸗ thum dazu für nothwendig hält. Das alte Schloß wurde durch einen neuen, weit um⸗ fangreicheren Bau faſt völlig beſeitigt; die Hauptfront deſſelben lag nach dem Fluſſe hinaus, welcher hier in einem weiten und breiten Bogen an ſeinem Fuße vorüber⸗ zog, ſo daß man aus den Fenſtern ſich einer eben ſo ſchönen als abwechſelnden Ausſicht erfreute, da die Schiff⸗ fahrt auf der Wolga im Sommer ſehr lebendig iſt. Das große, im byzantiniſchen Style aufgeführte Gebäude ge⸗ währte, vom Fluſſe aus geſehen, mit ſeinen vielen Thür⸗ men und ſpiegelhellen Fenſtern, umgeben von hohen, ſchat⸗ tigen Bäumen, einen herrlichen Anblick, an welchem ſich der vorüberfahrende Schiffer um ſo mehr erfreute, als die Einförmigkeit ſeiner Reiſe dadurch auf eine überraſchende Weiſe unterbrochen wurde. Nachdem er Tage lang an den Ufern nur elende Dörfer oder dichte Waldungen geſehen, ſtieg plötzlich dieſes prächtige Schloß vor ihm empor und würde ihn in ſeiner Phantaſie an die Ufer des Rheins verſetzt haben, wenn er jemals dieſen ſchönſten aller Flüſſe geſehen oder von ſeinem Daſein auch nur eine Ahnung gehabt hätte. So aber beſchränkte er ſich darauf, mit einem Gemiſch von Bewunderung und Reid„Balagna“ auszurufen, den Namen des Schloſſes, an den ſich in 190 ſeiner Vorſtellung zugleich der Begriff ungemeſſenen Reich⸗ thums knüpfte. Die hintere Seite des Schloſſes lag nach dem Garten hinaus, der, zuerſt parkartig angelegt, ſich an einen um⸗ fangreichen herrlichen Buchen⸗ und Eichenwald anſchloß. Das alte Schloß mit ſeinen dunkeln Mauern, nur noth⸗ dürftig unterhalten, hatte man durch eine niedrige Mauer von dem Parke abgezweigt und dadurch mit den übrigen Wirthſchaftsgebäuden in Verbindung gebracht. Stolz, vornehm und excluſiv, als ob es nicht zu ihnen gehöre, oder ſich dieſer niedrigen Umgebung ſchäme, blickte das neue Schloß auf dieſe Gebäude herab, den Unterſchied der Bewohner beider ſchon durch die todten Steinmaſſen verſinnlichend. Zwiſchen dem Fluſſe und der Anhöhe, auf welcher das Schloß ſtand, zog ſich die große Straße hin, welche von Moskau über Nowgorod nach Sibirien führt. Zur Zeit der großen Peter⸗Paul⸗Meſſe in Nowgorod, welche während des Juli in jedem Jahre abgehalten wird, wo man Waaren im Werthe von hundertfünfzig Millionen Rubel und mehr umſetzt, und wo ſich vier⸗ bis fünfhun⸗ derttauſend Menſchen verſammeln, war dieſe Straße eben ſo wie der Fluß ungemein belebt. Der Fürſt hatte es keineswegs verſchmäht, von dieſem Verkehr Nutzen zu ziehen, und deßhalb unmittelbar am Ufer eine große Aus⸗ 191 ſpannung angelegt, wo die Fuhrwerke anhielten, um zu füttern, und die Führer den beliebten Wudtka und ſon⸗ ſtige dem ruſſiſchen Magen zuſagende Erfriſchungen in Fülle gegen gute Bezahlung erhalten konnten. Er bezog von dieſer wirthlichen Einrichtung fünftauſend Rubel Pacht jährlich, die ihm ein Jude zahlte, welcher dabei be⸗ reits ein reicher Mann geworden war. Eine Menge nie⸗ driger Gebäude, Ställe, Remiſen und Schuppen umgaben den umfangreichen Raum, der zur Meßzeit für die vielen darauf haltenden Fuhrwerke dennoch nicht ausreichte. Sonſt genügte er dem Bedürfniß vollkommen und ſtand zu Zeiten oft ganz leer. In dieſem Schloſſe befanden ſich jetzt der Fürſt, die Oberſtin, der Graf und Hedwig, nachdem ſie die Reiſe von Moskau im Lauf von acht Tagen dahin zurückgelegt hatten. Mit einer durch die Umſtände erzeugten Reſigna⸗ tion hatten ſich ſowohl der Graf als Hedwig darein ge⸗ funden, bis in dieſe fernen Gegenden zu reiſen, in denen ſie der Gränze Aſiens weit näher als der⸗ jenigen ihrer Heimath; die Umſtände hatten ſie dazu ge⸗ zwungen, und jetzt, da ſie am Ufer der Wolga angelangt waren, jenes größten der europäiſchen Ströme, der ſeine Fluthen dem kaspiſchen Meere zuführt— war die weite, unendliche Entfernung in ihrer Vorſtellung um Vieles geſchwunden, denn jeder Menſch ſetzt ſich und ſeinen jedes⸗ 192 maligen Aufenthalt ſtets in den Rittelpunkt der ihm be⸗ kannt gewordenen kleinen Welt. Der Aufenthalt in Balagna war dazu an ſich keines⸗ wegs unangenehm oder langweilig. Die innere Einrich⸗ tung des Schloſſes ließ keinen Wunſch unerfüllt und war noch luxuriöſer, als ſelbſt in dem Palaſte zu Moskau. Es befand ſich ſogar ein Theater im Schloſſe, das jetzt allerdings, aber nur deßhalb unbenutzt blieb, weil die kriegeriſchen Ereigniſſe wenig Reigung zu ſolchen Vergnü⸗ gungen hervorriefen; es würde ſonſt dem Fürſten leicht geweſen ſein, die Schauſpieler⸗Truppe aus Nowgorod mehrmals in der Woche herüberkommen zu laſſen. Die Stadt ſelbſt, die Fahrt dahin, theils zu Waſſer, theils zu Lande, ſo wie der Beſuch der Umgegend würde viele Ab⸗ wechslung und Zerſtreuung gewährt haben, wenn man mehr, als es der Fall war, dafür empfänglich geweſen wäre. Hedwig war immer ſchweigſamer und verſchloſſener geworden und entzog ſich der Geſellſchaft, ſo oft ſie dazu Gelegenheit ſun Sie ging und ritt oft einſam ſpazieren, und man ließ ſie gewähren, ohne ihr irgend einen Zwang aufzuerlegen. Der Graf, deſſen Geſundheit ſich wieder ganz gekräftigt hatte, fing vielleicht gerade deßhalb an, ſich mehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten zu beſchäftigen und darüber in Sorgen zu gerathen. Es war ihm dies 193 keineswegs zu verdenken, denn er hatte ſeit fünf Monaten keinen Brief aus der Heimath von ſeinem Direktor er⸗ halten, und wenn er ſich auch damit tröſtete, daß die Ver⸗ waltung ſeines Vermögens ſich in zuverläſſigen und geſchickten Händen befinde, ſo ſtiegen doch vielerlei Beſorg⸗ niſſe bei ihm auf, geſteigert durch die kriegeriſchen Ereig⸗ niſſe, von denen nur aus der nächſten Nähe, das heißt aus der Umgegend von Moskau, Rachrichten herüber kamen. Er bereute es jetzt ſehr, ſich in dieſe abenteuerliche Unternehmung eingelaſſen zu haben, war aber genöthigt, gute Miene zum böſen Spiele zu machen, da er es ge⸗ weſen, der Hedwig dazu beredet, ſogar halb und halb dazu gezwungen hatte. Selbſt gegen Friedrich mußte er ſich in dieſer Beziehung Gewalt anthun, denn dieſer war nur zu ſehr bereit, ſeine üble Laune gegen ſeinen Herrn aus⸗ zuſchütten, dem er bis hieher hatte folgen müſſen. Dabei beunruhigte es den Grafen, daß der Fürſt ſich eigentlich noch immer nicht in der Hauptſache gegen ihn ausge⸗ ſprochen hatte. Es war zwar unverke bar, daß er für Hedwig ein großes und lebhaftes Intekeſſe gefaßt habe; auch ſagte ſich der Graf, daß es zwecklos ſei, über dieſen Gegenſtand früher zu ſprechen und zu verhandeln, bis man ſich von einander trennen würde— aber die ganze ſich in die Länge ziehende und immer weiter gehende Reiſe hatte doch bis jetzt eigentlich noch gar keinen reellen Zweck II. 13 194 gehabt. Es ließ ſich vorläufig nichts in der Sache thun, man mußte den geeigneten Zeitpunkt abwarten, und dieſer ſo wie überhaupt Alles drehte ſich um den Ausgang des Krieges.. Vier Fünftel von Moskau waren von den Flammen verzehrt worden; in den Ueberbleibſeln, immer noch aus⸗ reichend genug, hatten ſich die Franzoſen eingerichtet und ſchienen ſich ganz wohl darin zu befinden. Es fehlte we⸗ der an Lebensmitteln, noch an ſonſtigen Dingen, welche für die Entbehrungen des Krieges Erſatz gewährten, Alles, was man fand, und man fand noch ſehr viel, war herrenloſes Gut, mit dem man nach Gefallen ſchalten konnte. Die ruſſiſchen Verwundeten, fünfzehntauſend an der Zahl, waren größtentheils in dem Brande umgekommen, da⸗ gegen hatte man die bei Borodino verwundeten Franzoſen ſo viel als möglich nach Moskau transportirt, wo ſie wenigſtens nothdürftig untergebracht waren. Napoleon wohnte wieder im Kreml, den die Flam⸗ men nicht zu hn vermocht hatten, und es gewann den Anſchein, als ob die franzöſiſche Armee ſich in Mos⸗ kau für den Winter einrichten wolle, da man ja ſogar das Theater wieder eröffnet hatte, welches Napoleon ſelbſt mit glänzendem Gefolge öfter zu beſuchen pflegte. Dies waren ſehr beunruhigende Nachrichten, beſonders für den Grafen und Hedwig, deren Rückreiſe dadurch in eine ganz 195 unabſehbare Zukunft hinausgerückt wurde. Der Fürſt trug ein ungewöhnliches Vertrauen zur Schau. Es war kei⸗ nem Zweifel mehr unterworfen, daß der Zar feſt ent⸗ ſchloſſen blieb, jede Friedensvermittlung zurückzuweiſen, und mehr war nach der Anſicht des Fürſten ſo wie aller fanatiſchen Ruſſen nicht nöthig. Man hoffte auf den Winter. Im Einklange mit dieſer Hoffnung ſtand es, daß ſich die ruſſiſche Armee nicht weiter zurückgezogen, ſondern auf die rechte Flanke der Franzoſen nach Kaluga gewandt und dort eine feſte Stellung eingenommen hatte. Sie zog täglich Verſtärkungen an ſich, um ihre großen Ver⸗ luſte zu erſetzen, während die franzöſiſche Armee der weiten Entfernung wegen nicht nur ohne jeden Erſatz blieb, ſon⸗ dern ſich täglich verminderte. Man hoffte daher auf den Winter, und der Fürſt war von rachſüchtiger Freude er⸗ füllt, wenn die eingehenden Nachrichten die Beſtätigung brachten, daß die Franzoſen noch immer in Moskau ver⸗ weilten. Man befand ſich bereits in der zweiten Woche des Oktober, und das Wetter war bisgahin ſtets unge⸗ wöhnlich heiter und warm geweſen. In der Nacht vom 13. zum 14. Oktober trat zum erſten Male ein leichter Froſt ein. Als man gegen Mittag gemeinſchaftlich ſpa⸗ zieren fuhr, ſchien die Sonne zwar wieder warm, aber die Geleiſe auf den Wegen waren noch hart und leiſteten den Rädern Widerſtand. Der Fürſt war ungemein heiter und 13* 196 geſprächig, es ſchien, als ob dieſer geringfügige Umſtand beſonders dazu beigetragen habe. Die erſten Vorpoſten des Winters ſind in dieſer Nacht eingetroffen, ſagte er mit einem befriedigten Lächeln; ich hoffe, die anderen Truppen werden bald nachkommen, und dann muß der Franzoſen⸗Kaiſer doch zu einem Ent⸗ ſchluſſe kommen. Er wird den Winter über in Moskau bleiben, be⸗ merkte der Graf. Dies wage ich kaum zu hoffen; Gott müßte ihn voll⸗ ſtändig mit Blindheit geſchlagen haben— aber wie dem auch ſei, die Franzoſen bedürfen acht Wochen, um den Niemen wieder zu erreichen, und in acht Wochen ſchreiben wir den fünfzehnten Dezember, ſetzte er hohnlachend hinzu. So glauben Sie, er würde den Rückzug antreten? Mag er thun, was er will, er wird hoffentlich den Boden Rußlands lebendig nicht mehr verlaſſen! Der Graf theilte keineswegs die ſanguiniſchen Hoff⸗ nungen ſeines Wirthes und das Vertrauen auf die ruſſiſche Armee, die bis jetzt noch nicht einen einzigen ſiegreichen Erfolg gehabt hatte; aber er unterließ es, zu widerſpre⸗ chen, da er eine andere Meinung zu äußern ſich nicht be⸗ rufen fühlte. Den gegen Mittag Zurückgekehrten theilte die Ober⸗ ſtin die freudige Nachricht mit, daß ſie von ihrem Bruder, 197 dem Capitän, aus der Gegend von Kaluga einen Brief erhalten habe. Er befindet ſich wohl, erzählte ſie erregt weiter; er iſt in der furchtbaren Schlacht von Borodino zwar leicht verwundet worden, aber jetzt völlig wieder her⸗ geſtellt. Alle, und beſonders Hedwig, äußerten ihre lebhafte Freude und richteten an die Oberſtin vielerlei Fragen, welche ſich ſowohl auf die Perſon des Capitäns als auf die Lage der ruſſiſchen Armee bezogen. Leſen Sie doch den Brief vor, ſagte der Fürſt, ſoweit er keine Geheimniſſe enthält, die uns ja ohnehin nicht in⸗ tereſſiren; man wird doch endlich einmal etwas Näheres über die Armee erfahren. Der Brief enthält keine Geheimniſſe, erwiederte die Oberſtin verletzt, was ſollte mir mein Bruder Ge⸗ heimnißvolles zu ſchreiben haben; er iſt übrigens bereits drei Wochen alt, und die Rittheilungen über die Armee.. So leſen Sie doch, unterbrach ſie ungeduldig der Fürſt, was er darüber ſchreibt; alt oder nicht alt, für uns wird es immerhin neu ſein. Die Oberſtin erfüllte dieſen faſt in befehlendem Tone ausgeſprochenen Wunſch, nachdem ſie eine kurze Zeit in den entfalteten, eng geſchriebenen Brief geblickt hatte, um die Stelle, wo ſie anfangen wollte, zu finden. 198 „Wir ſtehen in der Gegend von Kaluga,“ las ſie dann,„wo das Hauptquartier iſt, in ziemlich ausge⸗ dehnten Cantonnements. Die Truppen haben den beſten Geiſt und jeder einzelne iſt von Haß und Rache gegen die Franzoſen beſeelt, welche das heilige Moskau den Flam⸗ men geopfert haben.“ Die Miene des Fürſten zeigte bei dieſen Worten ein befriedigtes ſpöttiſches Lächeln. „Täglich treffen Verſtärkungen ein,“ las die Oberſtin weiter,„und wenn es auch bis jetzt noch nicht möglich geweſen iſt, die ungeheuren Verluſte in der Schlacht von Borodino zu erſetzen, ſo wird dies doch in wenigen Wochen der Fall ſein. Wir ſtehen auf der rechten Flanke der Franzoſen, können in wenigen Tagesmärſchen ihre Rückzugslinie erreichen und ihnen den Weg verlegen. Dies iſt jedenfalls der Plan des Ober⸗Befehlshabers, der, wie man ſagt, wenn er ſich wieder ſtark genug fühlt, nicht zurück, ſondern vorwärts marſchiren wird, um die Ent⸗ ſcheidung herbeizuführen. Doch Du wirſt das Alles nicht recht verſtehen, liebe Schweſter; wenn ich bei Dir wäre, könnte ich's Dir auf der Karte zeigen. Vorläuſig muß der Entſchluß der Franzoſen abgewartet werden. Sollte es in ihrem Plane liegen, in Moskau zu überwintern, ſo werden wir jedenfalls auf Smolensk marſchiren und ſie von jeder Verbindung abſchneiden. Dann müſſen ſie aus 199 ihrem warmen RNeſte heraus, und dann wird es Winter ſein.— Alles iſt guten Muthes und voller Hoffnung, und ein Jeder erwartet mit Sehnſucht den Tag, wo der Krieg wieder beginnen wird. Empfiehl mich dem Herrn Fürſten vielmals, ſo wie dem Herrn Grafen und Fräu⸗ lein Hedwig, und wenn....“ Das Weitere iſt von keinem beſonderen Intereſſe, unterbrach die Oberſtin das Vorleſen des Briefes, den ſie wieder zuſammenfaltete, ſondern enthält nur Vitthei⸗ lungen des Bruders an die Schweſter. Ich freue mich vor Allem, daß Ihr Herr Bruder wohl und munter iſt, ſagte Hedwig, denn ich habe große Be⸗ ſorgniſſe deßhalb gehabt. Ich danke Ihnen im Namen meines Bruders. Wenn Sie ihm ſchreiben, ſo grüßen Sie ihn herzlich von mir; fügen Sie hinzu, daß ich den lebhafteſten An⸗ theil an ſeinem Ergehen nähme und ihn bäte, ſich nicht mehr als es nöthig iſt und nicht unbedacht der Gefahr auszuſetzen. Ihr Geſicht hatte ſich, während ſie dieſe Worte mit einer größeren Lebhaftigkeit ſprach, mit einer leichten Röthe bedeckt, während ihre Augen ein höherer Glanz belebte. Dem Fürſten war dies keineswegs entgangen, und um ſeinen Mund legte ſich jenes unangenehme, ſarkaſtiſche Lächeln, welches der Oberſtin als der Ausfluß einer ge⸗ 4 200 reizten und zum Zorne geneigten Stimmung hinlänglich bekannt war. Die Hauptſache iſt, daß unſere Armee bald wieder ſchlagfertig ſein wird! ſagte er hart— es freut mich auch, daß Ihr Bruder geſund und im Stande iſt, den Pflichten des Dienſtes ferner obzuliegen, denn wir dürfen nur an das Eine denken; die Feinde zu vernichten— alles Uebrige iſt Nebenſache. Das Geſpräch brach bei dieſen Worten ab, deren Liebloſigkeit jeder Anweſende fühlte, mit Ausnahme deſſen, der ſie geſprochen hatke. Man ging zu Tiſche, wo der Fürſt ſehr heiter wurde und ſich bemühte, durch Liebens⸗ würdigkeit den üblen Eindruck, den ſein Benehmen her⸗ vorgerufen hatte, wieder zu verwiſchen. Da es im Ganzen und Einzelnen günſtige Rachrichten geweſen waren, die man empfangen, Nachrichten, an welche ein Jeder Folge⸗ rungen und Hoffnungen knüpfte, wie ſie ſeinen Wünſchen entſprachen, ſo wurde die Stimmung eine allgemein hei⸗ tere, und man blieb heute weit länger bei Tiſche ſitzen, als dies ſonſt der Fall zu ſein pflegte. Der Fürſt war beſonders geſprächig und erzählte manches Intereſſante aus ſeiner Vergangenheit, wobei die Oberſtin oft im Stillen lächelte, nicht über die ihr längſt bekannten und oft gehörten Thatſachen, ſondern über die Art, wie ſie er⸗ 201 zählt, ausgeſchmückt und in einem verſchönernden Lichte dargeſtellt wurden. Spielen wir eine Partie Schach? fragte der Fürſt den Grafen, als die Tafel aufgehoben war— ich möchte end⸗ lich Revanche nehmen für die letzte verlorne Partie. Ich ſtehe zu Dienſten, entgegnete dieſer, während ſich beide in ein Cabinet begaben, welches lediglich zu dieſem Zwecke eingerichtet war. Hedwig empfahl ſich, um auf ihr Zimmer zu gehen, und auch die Oberſtin hatte keine Veranlaſſung, den beiden Herren zu folgen. Der Fürſt ſchien ſichtlich zerſtreut, denn er machte gleich von Anfang an mehre Fehler und gab dann bald die Partie verloren. Ich befinde mich heute nicht in der Stimmung, ſagte er, das Brett bei Seite ſchiebend, um Schach zu ſpielen und meine Gedanken ſo daran zu feſſeln, wie es nöthig iſt. Ich habe das von Anfang an gemerkt, erwiederte artig der Graf; wir können dieſe Partie daher auch nicht gelten laſſen. Wie Sie wollen, ſagte der Fürſt, noch immer zerſtreut — meine Gedanken beſchäftigen ſich in dieſem Augen⸗ blicke wirklich mit ganz anderen Dingen— ich bin mit mir nur noch nicht einig, ob es an der Zeit ſei, ſie Ihnen mitzutheilen. 202 Ich weiß nicht, was Sie meinen, erwiederte der Graf, von dieſer dunkeln Aeußerung beunruhigt— jeden⸗ falls müſſen Sie ſelbſt am beſten wiſſen, ob und in wie fern dies überhaupt nöthig iſt. Allerdings— allerdings— das unterliegt keinem Zweifel— ſo oder ſo— einmal wird es doch zur Sprache gebracht werden müſſen, wenn es geſchehen ſoll— und ich wüßte wirklich keinen vernünftigen Grund, weßhalb es nicht geſchehen ſollte. Der Graf blickte den Fürſten erwartungsvoll an, deſſen Augen niedergeſchlagen auf dem kleinen, zwiſchen ihnen ſtehenden Tiſche ruhten. Wir haben eigentlich von unſeren gemeinſchaftlichen Angelegenheiten noch gar nicht geſprochen, begann der Fürſt wieder, wobei er tiefer Athem holte, als ob er zu einem Entſchluſſe gekommen ſei— die Umſtände haben es bisher verhindert, und Sie ſind ſo zartfühlend geweſen, einen Gegenſtand nicht zu berühren, deſſen Realiſirung an das Aufhören meines Lebens geknüpft iſt. Und halten Sie es gerade jetzt, wo Sie ſich wieder ganz wohl befinden und die von Ihnen gehegte Befürchtung in eine weite Zukunft hinausgerückt iſt, für nothwendig, davon zu reden? Sie verkennen meinen Zuſtand, ſagte der Fürſt mit einem melancholiſchen Lächeln; ich bin und bleibe ein 203 kranker Mann, obgleich ich mir jetzt zuweilen einbilde, es nicht mehr zu ſein, weil ich wieder anfange, das Leben werth zu ſchätzen. Fahren Sie in dieſem Beſtreben fort, und Sie wer⸗ den bald ganz geſund ſein. Ich weiß zwar aus Erfah⸗ rung, ſetzte der Graf mit einem Seufzer hinzu, daß es ſehr leicht iſt, ſolche Rathſchläge zu ertheilen, aber ſehr ſchwer, ſie auszuführen— indeſſen Sie haben wirk⸗ lich keine Urſache, ſich melancholiſchen Gedanken hin⸗ zugeben— bedenken Sie, daß Sie zehn Jahre jünger ſind als ich— ach, wenn ich dieſe zehn Jahre noch ein⸗ mal vor mir hätte! Sie würden nach zehn Jahren wieder daſſelbe ſagen — und die Jahre machen es nicht allein. Aber wiſſen Sie auch, wem ich allein dieſe meine geiſtige und körper⸗ liche Verjüngung verdanke? Vielleicht dem vielen Reiſen— denn ich hätte ſelbſt nicht gedacht, daß man dabei ſo geſund ſein könne. O, nicht doch, nicht doch, lächelte der Fürſt— ich bin früher immer und noch mehr gereiſ't, und Entfer⸗ nungen wie diejenige von hier nach Petersburg zählen bei mir nicht zu den großen— nein, ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu— ich verdanke es lediglich Ihnen, Ihrem Umgang, oder, um es unumwunden auszuſprechen, dem er⸗ 204 heiternden, belebenden und anregenden Umgange mit Ihrer Fräulein Tochter. Mit meiner Tochter? wiederholte der Graf, von einer eigenthümlichen Ahnung ergriffen, die ihn unwillkürlich erſchreckte— mit meiner Tochter? vierzehntes Capitel. Ja, mit Ihrer Fräulein Tochter, wiederholte der Fürſt in einer Weiſe, als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche— finden Sie das ſo außergewöhnlich? ſetzte er dann, den Grafen wieder anblickend, hinzu. Außergewöhnlich?— Weßhalb außergewöhnlich? ſagte dieſer mit einem gezwungenen Lächeln, es ſcheint mir nur, daß Sie ſich dabei doch vielleicht in einem Irr⸗ thume befinden. Unſere Geſundheit, ich weiß das aus eigener, langjähriger Erfahrung, hängt von ganz anderen Dingen ab; der menſchliche Körper iſt eine ſehr com⸗ plieirte Maſchine, ſo complicirt, daß es eigentlich unbe⸗ Lreiflich bleibt, weßhalb ſie nicht in jedem Augenblicke den Dienſt verſagt. Es ſind oft geringfügige, uns unbekannte Urſachen. Sie gerathen auf ein ganz anderes Gebiet, unterbrach ihn der Fünſt; es liegt durchaus nicht in meiner Abſicht, 206 Ihnen meine Krankheitsgeſchichte vorzutragen oder nach deren Entſtehen zu forſchen, ſondern ich will mit Ihnen über Ihre Fräulein Tochter reden, ſetzte er ernſt und be⸗ ſtimmt hinzu. Ueber meine Tochter? ſagte der Graf, die Worte me⸗ chaniſch nachſprechend, da es ihm jetzt nicht mehr zweifel⸗ haft war, daß der Fürſt endlich ſeine Abſicht hinſichtlich der Erbſchafts⸗Angelegenheit kund geben wolle. Gehen wir bis auf den Zeitpunkt zurück, ſprach dieſer weiter, wo ich zuerſt an Sie ſchrieb. Ich war damals ſehr krank und hatte mich ſelbſt aufgegeben. Sie ſind mein einziger, wenn auch entfernter Verwandter, und ich will Ihnen jetzt offen geſtehen, daß es nicht mehr als eine Laune und eine gewiſſe Abneigung gegen meine nächſte Umgebung war, welche mich Ihnen jenen Vorſchlag machen ließ.— Ich hatte ja keine beſtimmte Zuſage gegeben und konnte mir die Sache überlegen, wenn Sie kämen und ich Sie kennen gelernt haben würde. Als ich die Gewißheit Ihres Beſuches erhielt, war ich deßhalb keineswegs er⸗ freut; denn es iſt überhaupt kein angenehmes Geſchäft, über den Verbleib unſerer irdiſchen Güter nach unſerem Tode nachzudenken und darüber zu verfügen. Dann ka⸗ men Sie, und ich hatte die Freude, in Ihnen einen eben ſo ehrenwerthen als kenntnißreichen Verwandten, in Ihrer Fräulein Tochter aber ein ſchönes, liebenswürdiges und 207 geiſtreiches Mädchen kennen zu lernen. Schon nach einigen Wochen freute ich mich meines Entſchluſſes und betrach⸗ tete Ihre Tochter als meine Univerſal⸗Erbin.— Es war mir lieb, fuhr der Fürſt nach einer kurzen Pauſe fort, während ſich die Mienen des Grafen ſichtlich erheitert hatten, es war mir lieb, daß ſich Ihr Aufenthalt ver⸗ längerte, und ich fing an, mit Unruhe an den Tag zu denken, an dem Sie mich wieder verlaſſen könnten. Ich hatte mich an den Umgang mit Hedwig gewöhnt, und er fing an, mir unentbehrlich zu werden. Das Leben begann wieder einen Reiz und einen Zweck für mich zu gewinnen, und ich fühlte, daß der letztere darin beſtehe, das Glück Hedwig's zu begründen. Sie ſehen mich erſtaunt an, als ob Sie meine Worte bezweifelten, fuhr der Fürſt fort, indem er ſeine bis dahin niedergeſchlagenen Augen zu dem Grafen emporhob— kommt Ihnen das ſo unglaublich vor?— Ich habe ſo lange Jahre vereinſamt und zweckkos fortvegetirt, daß Sie dieſe meine Umwandlung natürlich finden müſſen, wenn Sie näher darüber nachdenken. Die Art und Weiſe, wie Hedwig meine unbedeutenden Aufmerkſamkeiten aufnahm, ſo unbedeutende, daß ſie nicht der Rede werth waren, zeugte von einer Urſprünglichkeit des Gefühls, von einer Beſcheidenheit und Genügſamkeit, die mir neu war und mich entzückte.— Sie werden auch dies gerechtfertigt 208 finden, wenn Sie bedenken, wie viel trübe Erfahrungen vom Gegentheil ich gemacht habe— kurz, ich gewann eine Zuneigung zu Hedwig, welche Gefühle und Empfin⸗ dungen bei mir hervorrief, die ich längſt, längſt für er⸗ ſtorben gehalten hatte. Der Graf machte bei dieſen Worten auf ſeinem Stuhle eine unwillkürliche, eine unruhige Bewegung, welche der Fürſt jedoch nicht zu bemerken ſchien, denn er fuhr, ohne darauf zu achten, in ſeiner Mittheilung fort: Es ſtiegen mancherlei Gedanken in mir auf— Plane und Entwürfe, die ich eben ſo ſchnell wieder verwarf, als ſie gekommen waren. Ihre Abreiſe verzögerte ſich und das beruhigte mich wieder; ich war dadurch der Nothwendig⸗ keit enthoben, einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen. Den⸗ noch bin ich jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß es an der Zeit dazu iſt, ſchon deßhalb, weil ich überhaupt nicht mehr viel Zeit übrig habe. Ich will daher offen mit Ihnen reden, ſetzte er zögernd hinzu, und vorerſt Ihre Anſicht hören, ehe ich weitere Schritte thue— oder ganz davon abſtehe.— Sollten Sie noch nicht errathen haben, was ich meine? fragte er dann, als der Graf in ſeinem Schweigen beharrte. Errathen? wiederholte dieſer, deſſen Unruhe ſich immer mehr geſteigert hatte— nein, Herr Fürſt— wie könnte ich das! 209 Glauben Sie, daß Hedwig ſich entſchließen würde, meine Gemahlin zu werden, und würden Sie einem ſol⸗ chen Entſchluſſe Ihre Zuſtimmung ertheilen? Ihre Gemahlin? rief der Graf, ohne das Erſchrecken verbergen zu können, welches ihn bei den letzten, von dem Fürſten mit etwas unſicherer Stimme geſprochenen Wor⸗ ten ergriffen hatte— Hedwig, Ihre Gemahlin? Sie denken an den Unterſchied der Jahre und daß ich eben ſo gut wie Sie ihr Vater ſein könnte— ich habe mir das Alles und vieles Andere bereits ſelbſt geſagt. Wir ſind dem Alter nach allerdings ſehr weit verſchieden, aber— das Weib iſt in dieſer Hinſicht ganz anders or⸗ ganiſirt, als der Mann. Es gibt viele junge Frauen, die ihre weit älteren Männer, Männer, die ihre Väter ſein könnten, nicht nur wahrhaft, ſondern ſogar mit Leiden⸗ ſchaft lieben; es gibt eine Menge ſolcher Ehen, die viel glücklicher ſind, als andere, wo die Eheleute in gleich jugendlichem Alter ſtehen— das lehrt die Erfahrung. Der Mann hat von der Natur das Vorrecht erhalten, auch noch in ſeinen älteren Jahren in dem jugendlichen Weibe die Empfindung der Liebe zu erwecken und ihre Vorſtel⸗ lungen, welche ſie ſich von dem Glücke derſelben gemacht hat, zu verwirklichen. Darüber waltet eben ſo wenig ein Zweifel vb, als darüber, daß ſolche alte Männer von ihren jungen Frauen auch aufs Schmählichſte betrogen 14 210 werden, indem ſie ſich anderweitig einen Erſatz für das⸗ jenige ſuchen, was ſie bei den ihrigen nicht finden. Dies hat ſeinen Grund aber nicht in dem Alter des Mannes, ſondern lediglich in ſeinen ſonſtigen Eigenſchaften, und vorzugsweiſe in denen der Frauen. Eine große Anzahl von Männern iſt dazu beſtimmt, immer von den Weibern betrogen zu werden, und eine eben ſo große Anzahl von Weibern kann ohne zu betrügen gar nicht leben— es ſteht das mit dem gegenſeitigen Alter in gar keiner Ver⸗ bindung. Ich rechne Hedwig nicht zu dieſer Gattung der Frauen — ich habe ſie ſehr genau in Kleinigkeiten beobachtet und ſie immer wahr und offen gefunden— ſie würde es für eine Entwürdigung halten, auch nur die kleinſte Unwahr⸗ heit auszuſprechen, ſchon ihr Stolz würde das nicht zu⸗ laſſen.— Ich bin daher überzeugt, in dieſer Beziehung völlig beruhigt ſein zu können, wenn ſie meine Frau ge⸗ worden, und es iſt nur die Frage, ob ſie ſich dazu ent⸗ ſchließen will. Er machte, an dieſem Punkte ſeiner Erörterung an⸗ gelangt, eine Pauſe, gleichſam als ob er dem Grafen Zeit laſſen wolle, über das Geſagte näher nachzudenken, und fuhr dann fort: Ich kann mit Ihnen über dieſen Gegenſtand vffen und frei ſprechen, und deßhalb habe ich es vorgezogen, 211 Ihnen zuerſt meinen Plan mitzutheilen. Mein Vermö⸗ gen beläuft ſich nach einer oberflächlichen Schätzung auf ungefähr eine und eine halbe Million Rubel— es mag leicht größer ſein, denn der Werth der Leibeigenen läßt ſich nicht genau feſtſtellen. Mit dieſen Mitteln iſt es mir geſtattet, ganz nach meinem Belieben und Wünſchen zu leben, wo und wie ich will— ich habe nicht nöthig, mich in irgend einer Weiſe zu beſchränken. Ich weiß, daß mein Lebensziel ein kurzes, vielleicht ein ſehr kurzes ſein wird— können Sie mir es daher verdenken, wenn ich von derjenigen, der ich meinen ganzen Reichthum hinter⸗ laſſen will, verlange, daß ſie die kurze Zeit, welche ich noch zu leben habe, mir Geſellſchaft leiſte? Iſt das etwa eine überſpannte, unbillige Forderung? Weßhalb denken Sie immer an Ihren Tod? unter⸗ brach ihn der Graf— ſelbſt jetzt, wo Sie ſich ſo wohl fühlen, daß Sie ſogar nochmals heirathen wollen? Sie können noch zwanzig Jahre und länger leben! Sollte das wirklich der Fall ſein, erwiederte der Fürſt mit einem trüben Lächeln, ſo würde ich dennoch Sorge tragen, daß Hedwig ihren Schritt niemals zu bereuen Ur⸗ ſache hätte. Ich glaube das, ich zweifle nicht daran, bemerkte der Graf, welcher anfing, die Idee, ſeine Tochter als Fürſtin zu ſehen, weniger abenteuerlich und unausführbar zu fin⸗ 14* 212 den, hauptſächlich deßhalb, weil er ſelbſt nicht im Ent⸗ fernteſten an eine lange Lebensdauer des Fürſten glaubte. Das Beſtreben, Reichthum zu erwerben, ein Zug ſeines Charakters, welcher nahe am Geize und der Habſucht hin⸗ ſtreifte und nur durch andere Rückſichten gemildert wurde, ließ auch hier nur die großen materiellen Vortheile in den Vordergrund treten. Heirathen aus reiner und wirklicher Neigung hielt er überhaupt für eine Thorheit, Standes⸗ und andere Intereſſen ſtanden bei ihm ſtets in erſter Reihe, und er würde daher auch zu der Heirath ſeiner Tochter mit einem Armen oder auch nur mit einem Bürgerlichen niemals ſeine Einwilligung gegeben haben. Er war übri⸗ gens eben ſo feſt davon überzeugt, daß ein ſolcher Fall niemals eintreten könne. Weßhalb ſollte daher ſeine ein⸗ zige Tochter nicht einen ruſſiſchen, über eine Million ver⸗ fügenden Fürſten heirathen, wenn an demſelben ſonſt auch Manches zu wünſchen übrig blieb? Er fand die Idee ſei⸗ nes Wirthes, welche ihn noch vor Kurzem ſo überraſcht hatte, jetzt bereits in vielfacher Beziehung ganz annehmbar und vortheilhaft, und indem er daher innerlich auf die Seite des Fürſten trat und ſeine eigenen Wünſche damit vereinigte, ſtiegen ſehr erhebliche Bedenken hinſichtlich Hed⸗ wig's Zuſtimmung in ihm auf. Der Fürſt hatte den Grafen eine Zeit lang ſchweigend angeblickt und vergeblich auf eine Antwort gewartet, wäh⸗ 3 213 rend dieſer mit nachdenkender Miene und niedergeſchlagenen Augen da geſeſſen. Nun, fragte er dann, wie denken Sie über meinen Vorſchlag? Wenn ich mich in Ihre Lage verſetze, ſagte der Graf mit einigem Zögern, ſo erſcheint mir Ihr Vorhaben, wenn auch vielleicht etwas außergewöhnlich, doch durch die ob⸗ waltenden Umſtände gerechtfertigt. Sie haben Recht, unterbrach ihn lebhaft der Fürſt, außergewöhnlich mag es ſein, aber Hedwig iſt auch ein außergewöhnliches Mädchen, werth und befähigt zu ſol⸗ chen außergewöhnlichen Handlungen! Sie würden alſo meinen Plan billigen, ihm nicht entgegen ſein, ihn beför⸗ dern helfen? fuhr er dringender fort. Ich?— Ich, nein, ich würde ihm nicht entgegen ſein, erwiederte der Graf, wieder unruhig werdend— aber Sie werden zugeben, daß nicht mir, ſondern meiner Tochter hier die Entſcheidung zuſteht. Das weiß ich, das weiß ich, das verſteht ſich von ſelbſt, und darüber wollen wir ſogleich ſprechen. Zuerſt iſt es aber nöthig, daß wir beide uns einigen und daß ich auf Sie in dieſer Sache mit Zuverſicht rechnen kann. Laſſen Sie uns alſo den geſchäftlichen Standpunkt dieſer Angelegenheit beſprechen. Es iſt meine Abſicht, Ihre Tochter hinſichtlich meines Vermögens vollſtändig ſicher 1 „ 214 zu ſtellen, bevor ſie meine Frau wird. Ich werde einen Ehe⸗Contract aufſetzen laſſen, in welchem ich ſie, mit Ausnahme einiger unbedeutenden Legate, zu meiner Uni⸗ verſal⸗Erbin ernenne und zugleich mich ſelbſt der Ver⸗ fügung über die Subſtanz meines Vermögens ohn bre Einwilligung während meines Lebens enthebe— arz, wir werden einen Contract machen, durch welchen ſie in dieſer Beziehung ſo vollſtändig geſichert werden ſoll, als Sie es irgend für nöthig oder wünſchenswerth erachten. Ich will mich hinſichtlich dieſer Beſtimmungen ganz Ihrem Willen unterwerfen, da es meine ausdrückliche Abſicht iſt, Ihnen jede irgend mögliche Garantie zu geben. Sie ſind ſehr gütig, erwiederte der Graf nicht ohne Verlegenheit, aber doch mit einer beruhigten und freudi⸗ gen Empfindung— ich bin von Ihren reellen Abſichten vollſtändig überzeugt und weiß wirklich nicht, weßhalb ein ſolcher Contract.... Ich wünſche das, unterbrach ihn der Fürſt, und Sie werden hoffentlich der Erfüllung dieſes Wunſches nicht entgegentreten. Hedwig ſoll wiſfen, daß ich ihren Beſitz über Alles werth halte und dagegen in die Wagſchale lege, was ich zu geben vermag.— Das Geſchäftliche wäre daher zwiſchen uns abgemacht, und wir können nun zur Hauptſache übergehen, nämlich zu Hedwig ſelbſt— 215 denn ich ſetze voraus, daß Sie mit mir einverſtanden ſind und mir als Vater Ihre Einwilligung geben. Wenn Hedwig einwilligt, erwiederte der Graf— ich würde ihrem Glücke natürlich nicht entgegentreten. ch danke Ihnen, ſagte mit lebhafter Freude der Fürſt, indem er dem Grafen die Hand reichte und ſie ſchüttelte— wir ſind einig, und ich hoffe, jetzt auch Hed⸗ wig's Zuſtimmung zu erlangen. Wie ſind Ihre Gedan⸗ ken in dieſer Hinſicht? Sie ſind der Vater, Sie kennen Hedwig von Kindheit an— wie glauben Sie, daß wir zu verfahren haben? Ich glaube, daß ſie nicht die kntfernteſte Ahnung von Ihrer Abſicht hat, erwiederte der Graf, bin ich doch ſelbſt vollſtändig dadurch überraſcht worden. Das beweiſ't nichts, erwiederte der Fürſt mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln, Frauen haben in ſolchen Dingen ſtets einen ſcharfen Blick. Mein aufmerkſames und rück⸗ ſichtsvolles Benehmen iſt von ihr nicht unbemerkt geblie⸗ ben, und es iſt mir keineswegs das ihrige bei ſolchen Ge⸗ legenheiten entgangen, wo ſie eine Zurückhaltung, ja, ſo⸗ gar eine Verlegenheit kund gab, welche nicht mehr unbe⸗ fangen und gleichgültig genannt werden konnte. Mir völlig neu, ſchaltete der Graf ein. 216 Ich will damit keineswegs ſagen, fuhr der Fürſt fort, daß ſie zu der Anſicht gekommen ſei, es läge in meiner Abſicht, ihr meine Hand anzutragen— vielleicht— doch darauf kommt es ja jetzt nicht an. Halten Sie es für beſſer, daß ihr durch Sie dieſe Erkenntniß beigebracht werde, oder durch mich? Ich ſollte denken, erwiederte der Graf, welcher die Ab⸗ ſicht des Fürſten zu errathen glaubte, ihn zum Bewerber bei ſeiner Tochter zu machen, daß Sie ſelbſt ihr am zweck⸗ mäßigſten das Alles ſagen könnten— zu der geeigneten Zeit, nach und nach— Sie verſtehen mich. Wenn ich das thue, ſo trete ich von Anfang an als Rittelsperſon auf, was, glaube ich, bei ihr keinen guten Eindruckmachen dürfte. Der Fürſt war bei den letzten Worten des Grafen wieder nachdenkend geworden.— Die Sache hat ihre zwei Seiten, ſagte er dann— wenn ich noch ein junger Mann wäre— ja, dann allerdings— dann würde ich Sie wahrſcheinlich vorher gar nicht gefragt, ſondern Alles allein mit Hedwig abgemacht haben— Sie nehmen mir dieſe Aeußerung nicht übel— es iſt der naturgemäße Weg, zuerſt das Herz des Weibes zu gewinnen, welches man heirathen will, und dann den Vater zu fragen, ob er Ja oder Rein ſagen will, oder ihn auch nicht zu fragen, wenn 217 es nicht anders geht. Aber— leider bin ich kein junger Mann mehr und die Sache hat ihre zwei Seiten.— Wir ſcheint es jetzt zweckmäßiger, wenn die erſten Andeutungen von Ihnen ausgehen, damit ſie, ehe ich mit ihr rede, ſich mit dem Gedanken vertraut gemacht habe. Sie müſſen in dieſer Hinſicht mit Vorſicht zu Werke gehen— nur Andeutungen machen, daß ich Dies und Jenes geäußert hätte, daß ich es für das größte Glück anſehen würde, ſtets in ihrer Nähe leben zu können, daß ihr erheiternder, geiſtreicher Umgang, ihre jugendliche, friſche Auffaſſung mich entzücke, mich ſelbſt verjüngt habe, und daß es Ihnen faſt ſo vorgekommen ſei, als ob ich eine tiefe und wahre Zuneigung zu ihr gefaßt habe.— Nach dieſen unbefange⸗ nen Mittheilungen können wir dann eine Pauſe eintreten laſſen, damit ſie ſich in ihren Gedanken die ganze Sache erſt zurecht legt— dann ſprechen wir weiter darüber, wenn ich erfahren haben werde, wie ſie das Alles aufgenommen und wie ihr Benehmen gegen mich ſich dadurch geſtaltet hat.— Halten Sie dieſen Weg nicht auch für den rich⸗ tigeren? ½ Vöglich, erwiederte der Graf unſchlüſſig und wenig erbaut von der ihm zugemutheten Aufgabe. Es freut mich, daß Sie meiner Anſicht ſind— ich betrachte Sie jetzt als meinen Verbündeten und rechne im ganzen Umfange des Wortes auf Ihre Unterſtützung und 218 auf die Geltendmachung Ihres ganzen väterlichen Ein⸗ fluſſes. Wenn Sie die Verbindung Ihrer Tochter mit mir als ein Glück für ſie anſehen, was ich jetzt annehme, ſo werden Sie als Vater von ſelbſt Alles aufbieten, um es herbeizuführen. Gewiß, gewiß. So benutzen Sie denn alſo die erſte ſich darbietende Gelegenheit, um meine Wünſche der Erfüllung näher zu bringen, bedenken Sie, daß jede Zögerung für mich die Schmälerung des kurzen Glückes enthält, das ich erſehne und welches den Abend meines Lebens verſchö⸗ nern ſoll. Ich werde Ihren Wunſch erfüllen, ſagte nach einigem Bedenken der Graf, und ſo bald als thunlich— ich muß jedoch den geeigneten Zeitpunkt abwarten, der ſich hoffent⸗ lich bald finden wird. Ich danke Ihnen, erwiederte der Fürſt, indem er dem Grafen abermals die Hand reichte und lebhaft drückte— möge uns denn bald ein engeres Band umſchließen, das iſt mein ſehnlichſter und heißeſter Wunſch! Die beiden Männer erhoben ſich von dem kleinen Tiſche, an welchem ſie ſich vor längerer Zeit niedergeſetzt hatten, um Schach zu ſpielen. Der Fürſt hatte die Partie verloren, aber er blickte doch mit befriedigter Miene auf 219 das längſt bei Seite geſchobene Brett, auf welchem die Figuren noch ſtehen geblieben waren. Ich habe der Königin Schach geboten, ſprach er ſelbſt⸗ gefällig lächelnd vor ſich hin, nachdem der Graf ſich ent⸗ fernt hatte— und der König iſt, wie immer, eine wenig in Betracht kommende Figur. Fünßehntes Capitel. Der Graf bedurfte ſtets einer gewiſſen Zeit, um eine Sache, welche für ihn von Wichtigkeit und von größerem Einfluſſe auf ſeine eigenen Angelegenheiten war, in ſich zu verarbeiten. Es lag dies theilweiſe in ſeinem Charakter, theilweiſe war es eine Wirkung des Alters, welche ſich ſo bei den meiſten Menſchen kundgibt. Die überraſchende Mittheilung des Fürſten diente daher vorläufig nur dazu, ſeine ihm ohnehin eigene Unruhe zu vermehren, indem er ſtets, aber vergebens, nach einer günſtigen Gelegenheit ſuchte, Hedwig die geeigneten Mittheilungen zu machen. Zu verſchiedenen Malen hatte er mit dem Verſuche be⸗ gonnen, denſelben aber immer wieder aufgegeben, weil ihn Hedwig's Stimmung und die von ihr auf ganz ent⸗ fernte Andeutungen ertheilten Antworten wieder zurück⸗ geſchreckt hatten. 221 Eines Tages, als er gegen Mittag bei ihr in ihrem Zimmer ſaß und ungewöhnlich freundlich und redſelig geplaudert hatte, ſchien es ihm, als ob der geeignete Zeit⸗ punkt gekommen ſein könne. Er hatte viel von der Hei⸗ math geſprochen und mancherlei Vergleichungen zwiſchen den Reichthümern des Fürſten und ſeinem eigenen Ver⸗ mögen angeſtellt, war auf den Baron von Kalden zu ſprechen gekommen, den er einen unbedeutenden und doch von ſich eingebildeten Mann genannt, und hatte dann ſeine Freude noch nachträglich darüber ausgeſprochen, daß ſie ſeine Bewerbung um ihre Hand zurückgewieſen habe. Wie kommſt du heute auf den Baron? fragte Hed⸗ wig; ich habe die ganze Zeit, daß wir von Hauſe fort ſind, nicht an ihn gedacht. Ich weiß es ſelbſt nicht— es fiel mir gerade ein; vielleicht dachte ich an ihn, weil ich mir vergegenwärtigte, daß du jetzt bereits zwanzig Jahre alt biſt und es an der Zeit ſein möchte, an eine paſſende Verbindung für dich zu denken. Was du für ſonderbare Gedanken haſt, Papa! lachte ſie. Wollen wir vielleicht nach Nowgorod reiſen, damit ich mir einen Perſer, Armenier oder Türken ausſuche? Ah— lächerlich iſt die Sache keinenfalls, und ich möchte eine Frage an dich richten, die mich intereſſirt. — 222 Eine Frage? Mun, warum zögerſt du damit? Ich möchte wiſſen, ob du den Baron lediglich deßhalb ausgeſchlagen haſt, weil— nun, weil er nach deiner An⸗ ſicht zu alt für dich war? Was du für komiſche und ſonderbare Fragen machen kannſt, Papa, fuhr Hedwig in derſelben muthwilligen Weiſe fort, und ich möchte vor Allem wiſſen, wie du überhaupt darauf kommſt. Du nannteſt ſo eben den Baron ſelbſt einen unbedeutenden und von ſich einge⸗ nommenen Mann— und jetzt fragſt du mich wieder, ob nur ſein Alter der Grund meiner Zurückweiſung ge⸗ weſen ſei. Es freut mich, es freut mich, erwiederte der Graf mit einem wiederholten raſchen Kopfnicken, ſo vernünftige Anſichten von dir ausſprechen zu hören. Was freut dich? fragte ſie, ernſter werdend, weil dem Benehmen ihres Vaters eine Abſichtlichkeit zu Grunde zu liegen ſchien; ich verſtehe dich wirklich nicht. Nun, daß es nicht das Alter allein war; denn die Erfahrung lehrt, daß es Ehen gibt, Ehen von ſehr un⸗ gleichem.. Der plötzliche, unerwartete Eintritt des Fürſten unter⸗ brach den Grafen in der Fortſetzung ſeiner Rede, mit welcher er geglaubt hatte, endlich dem beabſichtigten Ziele näher zu kommen; er ſchwieg mitten in dem begonnenen 223 Satze und blickte verlegen zu dem Fürſten empor, der mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit näher trat. Entſchuldigen Sie, daß ich ſtöre, ſagte dieſer, aber die ſo eben erhaltenen Nachrichten ſind ſo wichtig und zu⸗ gleich ſo erfreulich, daß ich ſie Ihnen nicht einen Augen⸗ blick vorenthalten kann. Wir haben ein entſchieden ſieg⸗ reiches Gefecht bei Winkowo beſtanden, wo Kutuſow die Franzoſen überfallen und geſchlagen und ihnen— es ſind die erſten Trophäen— zweitauſend Gefangene und zwanzig Kanonen abgenommen hat; in Folge deſſen, und das iſt das Wichtigſte, haben die Franzoſen Moskau ge⸗ räumt und den Rückzug angetreten. Moskau geräumt, riefen Hedwig und der Graf mit freudiger Ueberraſchung, und wirklich den Rückzug ange⸗ treten! Iſt die Nachricht auch ganz ſicher? ſetzte ſie zwei⸗ felnd hinzu. Ganz ſicher; ich hatte, wie Sie wiſſen, meinen Haus⸗ verwalter Petrowitſch in Moskau zurückgelaſſen, um durch ihn, ſo weit es irgend möglich war, immer zuverläſſige Nachrichten zu erhalten— er iſt heute zurückgekehrt, nachdem er erſt vorgeſtern Abend Moskau verlaſſen hat und Augenzeuge des glorreichen Abzuges der Franzoſen geweſen iſt. O, etzählen Sie, erzählen Sie! bat Hedwig dringend. — 224 Ich habe mir nur Zeit genommen, die kurze Mel⸗ dung der Hauptſachen anzuhören, wenn Sie es geſtatten, ſo laſſe ich Petrowitſch heraufkommen, damit er hier ſeinen ausführlichen Bericht erſtatte. Sie würden uns ſehr dadurch verbinden. Petrowitſch wurde heraufbeordert; die Anweſenden ſetzten ſich erwartungsvoll in die weichen Sammt⸗Fau⸗ teuils, während der Hausverwalter, obgleich er zwei Nächte und einen Tag gereiſſt war, ſtehen blieb und nach geſchehener Aufforderung des Fürſten ſeinen Bericht abſtattete. Erzähle ausführlich, befahl der Fürſt, es intereſſirt uns Alles, da wir bis jetzt nur ſ ungenügende Rachrichten erhalten haben. Von dem Palaſte meines Fürſten iſt nichts mehr übrig, als ein wüſter Schutthaufe, begann der Leibeigene; ſchon in der erſten Nacht nach dem Einzuge der Franzoſen begann das Feuer darin, es war das erſte Gebäude in jenem Viertel. Ein rachſüchtiges Lächeln legte ſich bei dieſen Worten um den Mund des Fürſten. Ich weiß das, und es war Niemand da zum Löſchen! ſagte er. Niemand— die Franzoſen wollten dem Feuer Ein⸗ halt thun, aber es fehlte an Spritzen— und bald war ————— 225 überhaupt jedes Löſchen vergeblich. Die Stadt iſt zerſtört — was übrig geblieben, ſind Ruinen, die man zuerſt ge⸗ plündert und dann wieder wohnlich zu machen verſucht hat, ſo gut es ging. Als der Brand nach acht Tagen aufhörte, weil er keine Rahrung mehr fand, kehrten die Franzoſen zurück und richteten ſich ein, ſo gut ſie konnten. Sie waren heiter und guter Dinge, leerten die Keller und betranken ſich; Napoleon wohnte im Kreml, hielt Re⸗ vuen und beſuchte das Theater. Aber es blieb dennoch ein ſchauervoller, melancholiſcher Aufenthalt, die rauchen⸗ den Ruinen, die verweſenden, halb verbrannten Leichen und die leeren und öden Plätze und Straßen. Es wur⸗ den Lazarethe und Magazine eingerichtet, und die Sol⸗ daten waren überzeugt, daß ſie den Winter über in Mos⸗ fau bleiben und in derſelben ſchwelgeriſchen Weiſe fort⸗ leben würden. Daß unſer erhabener Zar Frieden ſchließen müſſe, daran zweifelte man nicht. Erſt ſeit un⸗ gefähr zehn Tagen verbreiteten ſich beunruhigende Gerüchte, beſonders über die Stellung unſerer Armee. Als der Kaiſer am 18., es war ein ſchöner Morgen, eine Muſte⸗ rung über das Corps des Narſchalls Ney abhielt, hörte man plötzlich in der Richtung nach Süden dumpfen Kanonendonner, der eine große Beſtürzung hervorrief und der Muſterung ſogleich ein Ende machte. Am Abende verbreitete ſich die Rachricht, daß Murat bei Winkowo von II. 15 226 3 Kutuſow ſelbſt überfallen und mit empfindlichem Verluſte zurückgeſchlagen ſei. Und hat ſich dieſe Nachricht beſtätigt? fragte der Fürſt. Vollkommen; die Franzoſen verloren an dreitauſend Mann und zweitauſend Gefangene nebſt zwanzig Ka⸗ nonen; ich habe es von einem zuverläſſigen Manne er⸗ fahren, der an jenem Tage von Kaluga gekommen iſt. Wiiter Noch an demſelben Nachmittage erhielten ſämmtliche Corps Befehl zum Ausmarſche für den folgenden Tag. Es entſtand ein unbeſchreibliches Durcheinander und eine allgemeine Verwirrung; jeder, auch der gemeinſte Train⸗ knecht, ſuchte ſo viel Beute mitzuſchleppen, als er irgend tragen konnte. Man trug Alles zuſammen, was man zu finden vermochte, und nahm alle Wagen und Pferde, welche man in der Stadt und Umgegend auftreiben konnte. In der Nacht ſchon rückten die verſchiedenen Corps, ge⸗ folgt von unzähligen Bagage⸗Wagen, in die Straßen nach dem Thore von Kaluga, und am 19. Morgens be⸗ gann der Abzug. Nie hat mein Auge ein ſolches Schau⸗ ſpiel geſehen, und Niemand wird es für möglich halten. der es nicht geſehen hat! Ich ſtand nebſt mehren an⸗ deren Einwohnern Moskau's auf der Mauer am Thore, — 227 und zu unſeren Füßen begann der unendliche Zug. Zu⸗ erſt bis gegen Mittag geordnete Corps, die kaiſerliche Garde machte den Schluß; die Menſchen ſahen geſund und geſtärkt aus, die Pferde mager und erſchöpft. Dann kam der Nachzug! Zuerſt ein ungeheures Artilleriegeräth, das wohl zwei Stunden lang vorüberfuhr; dann die Bagage! Sie begann gegen drei Uhr durch das Thor zu ziehen, und als es Morgen wurde, fuhren immer noch Wagen durch daſſelbe. Alles, was man hatte finden kön⸗ nen, eine ungeheure Maſſe von Lebensmitteln hatte man auf dieſe Wagen geladen, die in einem mehre Meilen langen Zuge ſich fortbewegten, bald ſich den Weg ver⸗ ſperrend, bald wieder in raſcher Eile dahinziehend; den 1 Schluß bildete ein langer Wagenzug von Frauen und Kindern. Die Verſchiedenheit und Seltſamkeit dieſer Fuhrwerke iſt nicht zu beſchreiben: elegante Kutſchen, vollgeſtopft mit Mehlſäcken, Hausgeräth, Pelzen und Kiſſen, Droſchken, Karren, Caleſchen voller Kleidungs⸗ — ſtücke, Kranken, Weiber und Kinder boten ein bizarres, gar nicht enden wollendes Schauſpiel. 3 Und das Alles fährt hinaus in den Winter, ſchaltete 1 der Fürſt ein— eine gute und ſichere Beute für die Ko⸗ ſaken!— Die Tage der Rache find gekommen und die Flammen des heiligen Moskau nicht vergeblich zum Him⸗ 3 mel emporgeſtiegen! 15* 228 So hat die ganze franzöſiſche Armee Moskau ver⸗ laſſen? Nein, erwiederte Petrowitſch. Als ich abreiſſte, um meinem Fürſten und Gebieter dieſe wichtigen Nachrichten perſönlich zu überbringen, befand ſich noch der Marſchall Mortier mit ungefähr acht⸗ bis zehntauſend Mann in Moskau und hielt den Kreml beſetzt, welcher, wie man ſagt, vollſtändig unterminirt ſein ſoll, damit er ſofort in die Luft geſprengt werden kann. Niemand zweifelte jedoch daran, daß auch dieſer Reſt der franzöſiſchen Armee bald den Rückzug antreten wird, und obgleich man ſich den Anſchein geben wollte, als werde man zurückkehren und ſei nur ausgezogen, um Kutuſow zu ſchlagen, ſo glaubte dies doch ſelbſt kein einziger Franzoſe, wie ſchon aus dem Umſtande herworgeht, daß ein Jeder ſo viel mitgenommen hat, als er im Stande war. Selbſt das große Kreuz des Kreml iſt auf einen ungeheuren Wagen geladen und mit⸗ geführt worden. Die Augen der Pariſer werden es niemals er⸗ blicken, lachte hohnvoll der Fürſt auf— die Zeit iſt gekommen, die Frucht iſt reif— die Aernte hat bereits begonnen! Man ſprach und fragte noch Vieles, indem man ſich nach den Einzelheiten erkundigte, und Petrowitſch mußte N. ——— 229 noch eine lange Zeit ſtehen und Antwort ertheilen, ehe er die Erlaubniß erhielt, ſich zu entfernen, um von ſeiner angeſtrengten Fahrt auszuruhen.— Die Wichtigkeit dieſer Nachrichten, welche den Stand der Dinge vollſtändig veränderte und in den Anſchau⸗ ungen des Grafen eine unvorhergeſehene Umwälzung her⸗ vorbrachte, hinderte ihn längere Zeit, die Plane des Für⸗ ſten weiter zu verfolgen. Er hielt es immer noch nicht für möglich, daß der bis dahin unbeſiegbare Napoleon ſich wirklich auf dem Rückzuge befinden ſolle, und zweifelte noch mehr an den mit ſo großer Sicherheit ausgeſproche⸗ nen Behauptungen des Fürſten, daß die ganze franzöſiſche Armee dem gewiſſen Untergange geweiht ſei. Hierbei tauchten vielerlei Beſorgniſſe bei ihm auf, die ſeine Ge⸗ danken vollſtändig in Anſpruch nahmen, denn er dachte daran, daß, wenn der Krieg jetzt wirklich für die Ruſſen einen glücklichen Verlauf nehmen ſollte, derſelbe ſich leicht bis nach Preußen hinein und daher auch nach Ober⸗ ſchleſien ausdehnen könne. Seine eigenen Intereſſen traten in den Vordergrund und ließen ihn einſtweilen die Plane des Fürſten als Rebenſache erſcheinen, bis es dieſem gelang, ihn deßhalb mehr oder weniger zu beruhigen und ihn an ſein eigenes gegebenes Verſprechen zu erinnern. So abermals gedrängt, ſah er ſich genöthigt, der ihm übertragenen diplomatiſchen Sendung zu genügen, und beſchloß, ſich derſelben nun ohne weitere und längere Vor⸗ bereitungen zu entledigen. Wir ſprachen ſchon neulich über die Ehe, begann er daher, als er mit Hedwig allein war, und wenn ich mich nicht irre, ſo warſt du ebenfalls der Anſicht, daß ein mehr oder weniger verſchiedenes Alter kein Hinderniß zur Schlie⸗ ßung derſelben ſei. Ich weiß mich deſſen wirklich nicht mehr zu erinnern, etwiederte Hedwig zerſtreut— aber weßhalb kommſt du abermals auf dieſen Gegenſtand zurück? Weßhalb ich darauf zurückkomme? Nun, weil es mich, als deinen Vater, intereſſirt— vielleicht mehr, als du glaubſt. Sie ſah ihn forſchend an, und da ſie ihn genau kannte, ſo entging es ihr nicht, daß er in dieſen Worten eine Ab⸗ ſicht verberge. Sie empfand jedoch durchaus keine Neigung, dieſe zu erforſchen, ſondern zog es vor, ihm jede weitere Erörterung abzuſchneiden. Meinetwegen, erwiederte ſie daher, einen ſcherzenden, leichten Ton anſchlagend; mich intereſſirt es aber gar nicht, und deßhalb ſprechen wir von etwas Anderem. Du biſt und bleibſt ein unverſtändiges, thörichtes Kind, entgegnete er mit ernſter Miene, und haſt mir deß⸗ halb ſchon mancherlei Sorge gemacht; es läßt ſich aber 4 e 231 nicht Alles leichthin und oberflächlich behandeln, ſondern will gründlich und ernſthaft erwogen ſein. Mein Gott, was will denn erwogen ſein? fragte ſie erregt— ich weiß wirklich nicht, wovon du eigentlich ſprichſt! Das weißt du nicht? Es ſcheint mir mehr, daß du es nicht wiſſen willſt! Wovon ſollte ich anders reden als von deiner Verheirathung? Von meiner Verheirathung? fragte ſie erſtaunt und Das heißt— erwiederte er, fühlend, daß er zu viel geſagt habe— von der Möglichkeit deiner Verheirathung, und zwar mit Jemandem, der dich hochſchätzt, der— der, wenn er auch vielleicht etwas älter iſt als du, doch viele Eigenſchaften beſitzt, welche„wenn man ſie zu würdigen verſteht und nicht mit den Augen und den Vorurtheilen eines Kindes anſieht, wohl geeignet ſind, den Unterſchied der Jahre auszugleichen, die ja ohne⸗ hin Sie hatte ihn, während er dieſe Worte mit einer Verlegenheit ſprach, die er durch eine gewiſſe Heftigkeit verſchleiern wollte, mit ſteigender Unruhe angeſehen. Was beabſichtigſt du eigentlich, Papa? unterbrach ſie ihn jetzt, indem ſie ihre dunkeln Augen feſt auf ihn richtete. Sind es nur deine eigenen Anſichten, welche du mir zum 232 Beſten gibſt, oder ſprichſt du im Einverſtändniß oder gar im Auftrage eines Anderen? Es läßt ſich niemals verſtändig mit dir reden, ſagte der Graf, ärgerlich darüber, daß ſeine Abſicht ſo bald durchſchaut worden war; man kann niemals eine Sache gründlich und ordentlich mit dir überlegen, denn du ſchnei⸗ deſt immer ſogleich jede Erörterung ab, indem du mit der Thür ins Haus fällſt. Weil ich es für richtiger halte, ohne weitere Einlei⸗ tung dasjenige zu ſagen oder zu hören, was geſagt oder gehört werden ſoll. Nun, meinetwegen, ſo mag es ſein, wie du es ver⸗ langſt. Der Fürſt will dich zur Univerſal⸗Erbin machen, ſein Vermögen beträgt beinahe zwei Rillionen Rubel— er machte bei dieſen Worten eine kleine Pauſe, ohne zu bemerken, daß die Röthe auf Hedwig's Wangen plötzlich einer tiefen Bläſſe Platz gemacht hatte— aber er knüpft daran den gewiß natürlichen Wunſch, daß du— daß du — ſo lange er noch leben würde, ihm Geſellſchaft leiſten — kurz— daß du ſeine Frau werden ſollſt. Ein bitterer und zugleich ſchmerzlicher Zug hatte ſich bei dieſer unerwarteten Wittheilung um ihren feinen Mund gelegt; ihre Augen hafteten eine Zeit lang ſchwer⸗ müthig an den niedergeſchlagenen ihres Vaters, welcher, als ob er das Gewicht dieſes Blickes fühlte, unruhig auf 233 ſeinem Seſſel hin und her rückte. Ein tiefer, langer Athemzug hob ihren Buſen und dann blitzte es zornig in ihren Augen auf. und das kannſt du mir ſagen? fragte ſie mit lang⸗ ſam betonender Stimme. Ja, das kann ich dir ſagen, erwiederte er mit ärger⸗ licher Miene, und ich wüßte wirklich nicht, weßhalb ich es dir nicht ſagen ſollte! Der Fürſt iſt kein Kind mehr, fuhr er in geſteigertem Affect fort, wohinter er ſeine Verlegen⸗ heit verbarg, darüber waltet kein Zweifel ob— du biſt aber auch kein Kind mehr, ſondern befindeſt dich in dem Alter, worin die Mädchen daran denken müſſen, zu hei⸗ rathen, weil nun bald die Jahre kommen, von denen man ſagt: ſie gefallen mir nicht mehr. Der Fürſt iſt einige dreißig Jahre älter, als du— aber das iſt Anſichtsſache; es gibt Hunderte von Ehen, wo der Mann ſo viel älter iſt, als die Frau, und die viel glücklicher ſind, als wenn ſich ein Paar junge Menſchen aus ſogenannter Liebe zu⸗ ſammengethan haben, um ſich nachher zu zanken und un⸗ glücklich zu machen. Dazu iſt der Fürſt ein kränklicher Nann, der nicht mehr lange leben kann— in ein paar Jahren biſt du eine junge Witwe, die über Millionen zu verfügen hat— der das Leben offen ſteht— es wäre Thorheit, wenn du dieſen Antrag zurückweiſen wollteſt! Alſo es handelt ſich pereits um einen förmlichen An⸗ 234 trag? fragte Hedwig mit tonloſer Stimme— und du ſelbſt biſt gekommen, ihn mir zu machen? Ja, es handelt ſich um einen förmlichen Antrag, er⸗ wiederte entſchloſſen der Graf, und ich ſelbſt bin gekom⸗ men, ihn dir zu machen, nachdem ich Alles vorher reiflich und wohl überlegt habe. Was du dagegen anführen kannſt, weiß ich, und du haſt nicht erſt nöthig, es mir zu ſagen. Wenn du die Erwägungen deines Verſtandes un⸗ haltbaren Gefühlsregungen unterordnen willſt, wozu du leider ſtets nur zu geneigt biſt, weil du dies von deiner Mutter geerbt haſt, ſo kann ich dich daran nicht hindern, ſondern werde den ganzen ſchönen Plan, zu deſſen Ver⸗ wirklichung ich mich in meinen alten Tagen ſo vielen Be⸗ ſchwerden nur aus Liebe zu dir unterzogen habe, als ge⸗ ſcheitert anſehen und mit dieſem ſchmetzlichen Bewußtſein meine Augen ſchließen. Wirſt du aber wie ein verſtän⸗ diges Mädchen handeln, das nicht nur an die nächſte Gegenwart, ſondern auch an die Zukunft denkt, ſo wirſt du dir die Sache reiflich überlegen— nicht etwa jetzt gleich mit einer abſprechenden und verwerfenden Antwort bereit ſein— und bald einſehen, daß dein Vater nur dein Beſtes im Auge gehabt hat.— Der Fürſt iſt ein edler Mann, fuhr er nach einiger Zeit fort, während ſie ſchweigend und mit ihrer inneren Bewegung kämpfend, da geſeſſen hatte; er liebt dich wirklich und wahr— er 235 will dir ſein ganzes Vermögen vermachen und für ſeinen Tod feſt und unumſtößlich verſchreiben— kannſt du mehr verlangen? Erwäge wohl und genau alle Umſtände, be⸗ trachte die Sache nicht wieder leicht und obenhin; man findet Millionen nicht auf der Straße, und du wirſt ſpäter einſehen.... Ich will deinen Wunſch erfüllen, unterbrach ſie ihn mit ruhiger Stimme. Du willſt ihn erfüllen? rief er freudig. Ich will dir jetzt keine Antwort auf das Alles geben — keine— kein einziges Wort. Ich verlange dagegen, daß bis zu dem Augenblicke, wo ich ſie gebe, ich mit jeder Andeutung auf dieſe Sache verſchont bleibe. Schön, ſchön, ſagte der Graf, ſehr erfreut über dieſe unerwartete Erklärung; und wann glaubſt du, daß. Das weiß ich ſelbſt nicht, ſagte ſie gemeſſen— aber unſer Abkommen beginnt in dieſem Augenblicke. * — cS — —= S — 8 8 S £ 0 8 5 8 8 5 S1* ↄnenqe