Lei biblivthet᷑ 7 deutſcher, engliſcher und' franzöſ K ſiſcher Literatur von Eduard Pikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr 2. Lebepreis. Bei Ri jedem Tag 5 Pf bezahlt. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ₰ ein Buches, eine vem Werthe deſſelben entſprechende Summe f hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet n. abe eines geliehenen Buches wird Die Zeit eines Tages iſt zu 24 S wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und fl beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— If. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es iſt noch ſehr früh am Morgen, aber der Morgen ſelbſt hat ſich erſt ziemlich ſpät eingefunden, wie er es immer thut, wenn er müde geworden iſt, während des langen Sommers der Nacht die ihr gehörenden Stunden zu rauben und die Morgenröthe der kaum entſchwundenen Abendröthe folgen zu laſſen. Es war wieder Herbſt, und die Sonne ſtieg erſt einige Zeit nach der ſechſten Stunde, mit den Rebeln kämpfend, matt über die Berge empor. Vor dem Schloſſe hielt ein mit vier Pferden beſpannter geräumiger Reiſewagen, deſſen innere und äußere Ein⸗ richtung ſo elegant und zugleich bequem war, daß ſie un⸗ willkürlich die Luſt erweckte, darin weit, weit in die Welt hinaus zu fahren. Bediente waren mit der Befeſtigung des Gepäckes beſchäftigt, und wir erblicken unter ihnen den uns bekannten alten Friedrich, welcher in ſeiner ge⸗ wohnten mürriſchen Weiſe kurze Befehle ertheilt, tadelt und ändert, weil er die Eigenthümlichkeiten ſeines Herrn, P 1 — des Grafen, kennt und aus Erfahrung weiß, wie ſehr deſſen Laune und Gemüthsſtimmung davon abhängt, daß alle ſeine vielen kleinen und kleinlichen Bedürfniſſe ſo⸗ fort und ganz ſo, wie er es wünſcht, befriedigt werden können. Der erſte Tag iſt immer der ſchlimmſte, murmelte er vor ſich hin, da thut er weiter nichts, als darübex nach⸗ denken, ob all das dumme Zeug mitgenommen iſt, was er braucht, und gerade an derjenigen Stelle liegt, die er ſich ausgedacht hat. Ohne Donnerwetter geht es doch nicht ab; weßhalb ſoll ich mich daher unnöthiger Weiſe abquälen? Wenn wir erſt weiter fort ſind, dann giebt ſich das. Ein paar ſchlechte polniſche Nachtquartiere werden ihn ſchon zahm machen. Iſt der Wein auch feſt verpackt? fragte er einen Bedienten, der jetzt einen ſchweren ledernen Koffer herbeitrug— daß keine Flaſche zerbricht? Ihr ſeid dann nicht dabei, und ich muß für Alles ein⸗ ſtehen! Sie können ſich darauf verlaſſen, Alles in der beſten Ordnung. So ſprecht ihr immer— ich kann nicht Alles ſelbſt thun— hieher damit, feſt geſchnallt— wo iſt die kalte Küche? Hier auf den Rückſitz feſtgemacht, damit er immer den Bratengeruch aus der erſten Hand hat— ſo, und nun wollte ich, es ging endlich fort! Daß der liebe Gott ſ ſt te tt 3 afe über mich verhängt und mich in auf dieſe verdammte Reiſe ſchickt! rrathen haben, daß der be⸗ auch noch dieſe Str meinen alten Tagen Der Leſer wird bereits e ſchriebene Reiſewagen dem Grafen Wallfort gehörte und daß die Perſon, über welche der alte Diener in ſo wenig ſchmeichelhaften Reden ſich erging, der Graf ſelbſt war. Wenn wir die Umgebung betrachten, auf welche ſo eben ein matter Strahl der Morgenſonne fällt, ſo erkennen wir bald das uns wohlbekannte Schloß und ſehen den⸗ angeſpannten Reiſewagen zur Abfahrt bereit vor dem Por⸗ tale halten. Es bleibt uns jedoch noch hinlänglich Zeit, um in das Schloß ſelbſt einzutreten und uns nach ſeinen Be⸗ wohnern umzuſehen. Der Graf befand ſich mit Walther in ſeinem dem Leſer bekannten Zimmer. Er ſah etwas corpulenter aus, als ſonſt, was jedoch ſeinen Grund allein darin hatte, daß er zu der bevorſtehenden Reiſe noch mit größerer Vorſicht angezogen war, als dies ohnehin zu geſchehen pflegte. Auch jetzt trug er zwar den ſchwarzen Frack, ſein gewohntes Kleidungsſtück, aber über demſelben einen langen wattirten veberrock, nach der damaligen Node mit ſehr kurzer Taille und ſehr hohem Kragen, aus welchem und aus der gleichfalls ſehr hohen weißen Binde ſein etwas blaſſes und faltiges Geſicht wie aus einem i Verſtecke hervorlugte. Nur die dunklen Augen blickten mit dem ſonſtigen Feuer und der ihr eigenen Unruhe. Walther ſtand vor ihm und hielt ein zuſammengefal⸗ tetes Papier in der Hand, welches der Graf ihm ſo eben übergeben hatte. In ſeinem Aeußern war keine bemerkens⸗ werthe Aenderung vorgegangen, nur etwas blaſſer und ernſter ſah er aus. Sie haben jetzt die Vollmacht, mein lieber Director, ſagte der Graf mit einem tieferen Athemzuge— die un⸗ bedingte Vollmacht— ich glaube Ihnen keinen größeren Beweis meines Vertrauens geben zu können. Walther machte ſchweigend eine zuſtimmende Be⸗ wegung. Sie haben während meiner langen Krankheit, fuhr der Graf, gleichſam ſich ſelbſt rechtfertigend, fort, meine Angelegenheiten ſo ſehr zu meiner Zufriedenheit geführt, dabei, wie ich glaube, Ihre eigenen ſo wenig berückſichtigt, daß es undankbar von mir wäre, dies nicht anerkennen zu wollen. Ich thue dies ja auch im vollſten Maße, da ich Ihnen eine ſo unbedingte Vollmacht ertheile. Ich werde nach Kräften bemüht ſein, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen, Herr Graf. Davon bin ich überzeugt, völlig überzeugt; Sie haben es mir ja bereits bewieſen. Es hat mir ſehr leid gethan, daß die Umſtände Ihrer beabſichtigten Reiſe nach Paris t hindernd in den Weg traten, jedoch es war nicht meine Schuld. Ich würde Ihnen den Urlaub gern ertheilt haben, gewiß, ſehr gern, wenn mich nicht dieſe unglück⸗ liche Krankheit heimgeſucht hätte, an welcher lediglich die Nachläſſigkeit Friedrich's die Schuld trägt, der mir eine noch feuchte Binde gebracht hat— indeß nun iſt es vor⸗ über— Gott ſei Dank, ſetzte er mit einem Seufzer hin⸗ zu, und ich fühle mich wieder ziemlich kräftig. Wenn ich nur nicht auf dieſer weiten und langen Reiſe einen Rückfall bekomme! Ich bin überzeugt, daß die Reiſe ſehr wohlthätig für Sie ſein wird. Andere Luft, andere Menſchen, an⸗ dere Gedanken— das wird Sie kräftigen und ſtärken. Andere Gedanken? fragte der Graf zweifelhaft— ich glaube, ich werde doch immer an Wallfort zurückdenken, wie es hier geht und ſteht— vielleicht mehr, als wenn ich anweſend wäre. Das wird ſich alles ändern, wenn Sie erſt der hei⸗ miſchen Umgebung entrückt ſind und andere Eindrücke in ſich aufnehmen. Werden dieſe Eindrücke angenehm ſein? Glauben Sie eine Reiſe nach Rußland gehöre zu denjenigen, welche beſonders angenehme Eindrücke hervorzurufen im Stande wären? Ja, wenn es nach dem Süden ginge, wo es warm und ſchön iſt,— aber Rußland— im Winter in Rußland! 5 Man friert im Winter nirgendwo mehr, als im Süden, wo es keine Hefen gibt und lebt nirgendwo be⸗ haglicher, als im Norden, wo man die beſten Schutz⸗ mittel gegen die Kälte beſitzt. Meinen Sie? bemerkte der Graf zweifelhaft— aber mag dem ſein, wie ihm wolle, ich kann die Sache einmal nicht ändern. Es wäre unverantwortlich, wenn ich nicht reiſte. Mein Vetter iſt kinderlos, ein kränklicher Mann, ich bin ſein nächſter Verwandter und darf ſeine Einladung nicht ablehnen, denn er beſitzt zweitauſend Leibeigene, nach welchen man in Rußland das Vermögen eines Mannes taxirt. Er ſoll mehre Quadratmeilen Eigenthum haben, was vielleicht in jenen Gegenden nicht viel ſagen will; er hat aber vier große Schlöſſer— kurz, er iſt nach unſeren Begriffen ein ſteinreicher Mann, und es wäre un⸗ verantwortlich, wenn ich ihm ſeine nächſte Verwandte und muthmaßliche Erbin, meine Tochter, ſeinem Wunſche ge⸗ (u mäß nicht perſönlich vorſtellte. Ich bin ganz Ihrer Anſicht— der Herr Graf haben ja bereits die Güte gehabt, dieſen Gegenſtand ausführlich mit mir zu beſprechen. Ja, und Sie haben meinen Entſchluß gebilligt, wor⸗ über ich ſehr erfreut bin, da ich auf Ihr Urtheil und —— Ihren Rath ſehr viel halte— ſehr viel. Es thut mir herzlich leid, daß Ihre beabſichtigte Reiſe nun wieder für einige Zeit hinausgeſchoben iſt— indeß, wer weiß, wozu es gut iſt. Sie müſſen es als eine Fügung des Schickſals anſehen. Walther nickte leiſe mit dem Kopfe. Ich werde meinen Aufenthalt in Rußland ſo viel als möglich abkürzen, fuhr der Graf fort, darauf können Sie ſich verlaſſen, und wenn ich zurückgekehrt bin, und wir uns gegenſeitig beſprochen haben, dann können Sie beſtimmt reiſen, das verſpreche ich Ihnen. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Herr Graf, ſagte Walther, ohne daß ſich der Ernſt ſeiner Züge veränderte; wir werden darüber reden, wenn Sie zurückgekehrt ſind. Ja, zurückgekehrt, wiederholte der Graf, deſſen Ge⸗ danken ſich ſofort mit ſeiner Reiſe beſchäftigten— wer weiß, ob ich jemals zurückkehre! Vier Monate ſind eine lange Zeit, und die bedarf ich wenigſtens, da ich mich ja faſt zwei Monate unterwegs beſinden werde. Es iſt ein ſehr gefahrvolles Unternehmen in dieſer Jahreszeit, beſonders da ich doch eigentlich noch Reconvalescent bin. Aber Hedwig kann die Zeit gar nicht erwarten und brennt vor Ungeduld— was ſoll ich machen? Je länger ich warte, deſto ſchlechter wird das Wetter, und da ich doch einmal reiſen muß, ſo iſt es am beſten, es ſo bald als möglich zu thun. Darin bin ich ganz Ihrer Meinung, und wie ich glaube, iſt der Wagen vollſtändig bereit und es ſteht nichts mehr im Wege, den Entſchluß zur That werden zu laſſen. Schon Alles bereit? fragte der Graf, als ob er er⸗ ſchrecke, daß der Augenblick der ſo oft beſprochenen Abreiſe nun wirklich eintreten ſolle— glauben Sie, daß Alles bereit ſei, daß dieſer nachläſſige Menſch, dieſer Friedrich, nichts vergeſſen hat, wie er es immer macht, und gerade das Nothwendigſte— ich muß ihn vorher noch einmal genau befragen. Der vielgeplagte alte Diener, der an dieſem verhäng⸗ nißvollen Morgen ſo ungewöhnlich in Anſpruch genommen wurde und deßhalb auch noch mehr als ſonſt übel ge⸗ launt war, wurde heraufbefohlen und nochmals einem ausführlichen Examen unterworfen. So ſehr der Graf aber auch ſein Gedächtniß anſtrengte und ſo ſehr er ſich bemühte, etwas aufzufinden, was vergeſſen ſein könnte, Friedrich hatte diesmal ſich nichts zu Schulden kommen laſſen, und der Graf war endlich genöthigt, ſeine Nach⸗ forſchungen einzuſtellen. Ich hoffe, du haſt meine Uniform ſo gepackt, ſagte er ſchließlich und im Begriffe, das Zimmer zu verlaſſen, daß ſie ſich nicht ſcheuern kann, denn die rothe Farbe iſt ſehr difficil, man— nun, was ſtierſt du mich an? fuhr er plötzlich auf, als er an Friedrich's Mienen erkannte, daß er endlich doch einen verwundbaren Fleck getroffen habe. Die Uniform? fragte dieſer mit unſicherer Stimme — wollen der Herr Graf das rothe Ding auch mit nach Rußland nehmen? Menſch! ſchrie ihn dieſer an— Menſch, muß ich dir jede Kleinigkeit erſt vorher in die Hand geben, als ob du erſt heute in meinen Dienſt träteſt— ſollte es wirk⸗ lich möglich ſein— hätteſt du die Uniform vergeſſen? Wie kann ich wiſſen, daß der Herr Graf auf der Reiſe Uniform anziehen wollen? fuhr Friedrich jetzt eben⸗ falls erbittert auf, ſo etwas muß einem geſagt werden, denn aus den Nägeln kann man ſich es nicht ziehen! Ich glaube, der Kerl raiſonnirt noch und will wieder Recht haben! In Rußland keine Uniform! Es iſt un⸗ glaublich— ſteh' Er nicht länger und glotze Er mich an, wie Er immer thut, wenn ſein Bißchen Verſtand zu Ende iſt!— Eingepackt!— Beide!— Die alte und die neue — Degen— Epaulettes— Orden! Unterſtehe Er ſich nicht, etwas davon zu vergeſſen! Ich bin wirklich zu alt zu einer ſo weiten Reiſe, er⸗ wiederte der Diener aufſätzig, nehmen der Herr Graf 10 einen Anderen mit, der ein beſſeres Gedächtniß und mehr Verſtand hat! Nicht raiſonniren! fuhr der Graf ihn an— Er fährt mit, und nun mache Er, packe Er, und packe Er ſich aus dein Zimmer, damit wir fortkommen! Friedrich that, wie ihm geheißen, indem er ziemlich verſtändlich wenig ſchmeichelhafte Worte für den Grafen vor ſich hin ſprach. Dieſer, bei welchem derartige Auf⸗ tritte mit ſeinem Leibdiener zu ſeiner Morgenunterhaltung zu gehören pflegten, ſchien innerlich erfreut, daß er einen Gegenſtand aufgefunden hatte, um die Nachläſſigkeit Fried⸗ rich's zu conſtatiren. Wie bei einem abziehenden Ge⸗ witter grollte der Zorn in ihm noch fort, als der Gegen⸗ ſtand deſſelben längſt verſchwunden war. Was ſagen Sie dazu, Herr Director? ſprach er da⸗ her weiter; dieſer Menſch hätte mich ruhig ohne die Jo⸗ hanniter-Uniform nach Rußland reiſen laſſen— nach Rußland, wo die Kinder in den Schulen ſchon Uniform tragen und jeder nicht uniformirte Menſch gar nicht als ein Menſch angeſehen wird! Was ſagen Sie dazu? Muß ich nicht an Alles ſelbſt denken, an die geringſte Kleinigkeit? Walther hörte dieſe noch länger dauernde Philippika in gewohnter Ruhe an, da er ſchon öfter Zeuge ähnlicher Auftritte geweſen war. 11 Meine Tochter, fuhr der Graf fort, bekümmert ſich natürlich gar nicht um mich, was ich auch nicht verlange. Im Gegentheil, ich bin glücklich, wenn ſie nur ihre eigenen Sachen nicht vergißt, worüber ſie mit dem größten Leicht⸗ ſinne hinweggeht und immer meint, man könne das ja da und dort kaufen— als ob ich nichts zu thun hätte, als in fremden Städten mit ihr in den Läden herum⸗ zuziehen? Ja, ich bin ein vielgeplagter Mann— aber wo mag ſie ſein? Der Wagen ſteht vor der Thür, es iſt Alles fertig, und ich habe ſie heute noch gar nicht ge⸗ ſehen! Laſſen Sie uns gehen, um ſie aufzuſuchen. NWit dieſen Worten verließ der Graf, von Walther gefolgt, das Zimmer, nachdem er ſich jedoch vorher noch⸗ mals ſorgfältig darin umgeſehen hatte. Er erfuhr von Hedwig's ebenfalls völlig zur Reiſe gerüſtetem Kammermädchen, daß die gnädige Gräfin vor einer Viertelſtunde ausgegangen ſei, wie ſie vermuthe, zu der Frau Directorin. Ausgegangen! rief der Graf— jetzt, wo wir ab⸗ reiſen wollen, wo noch ſo Manches zu fragen und zu be⸗ ſprechen iſt, ausgegangen! Wenn der Herr Graf erlauben, bemerkte Walther, ſo eile ich zu meiner Mutter, um die gnädige Gräfin zu benachrichtigen, daß ſie erwartet werde. Erwartet? wiederholte der Graf, in neuen Zorn aus⸗ 12 brechend, wie dies bei kleinlichen Veranlaſſungen ſo leicht bei ihm der Fall war, während er bei wirklich wichtigen ſtets ruhig, beſonnen und berechnend blieb— wenn Sie ſich die Mühe machen wollen, ſo werden Sie mich ver⸗ pflichten, Herr Directvr. Sagen Sie ihr, daß ihr Vater auf ſie warte, ſchon lange auf ſie warte, ſchon über eine Stunde auf ſie warte, daß wir bei dieſen kurzen Tagen und ſchlechten Wegen zu ſpät in das Nachtquartier kommen werden, vielleicht ein Unglück haben würden! O, es gehört eine große Geduld und Selbſtverläugnung dazu, mit Frauen zu reiſen! Walther, um deſſen Lippen ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln ſpielte, verließ eiligen Schrittes den Grafen, um ſich nach ſeiner eigenen Wohnung zu begeben, wo er Hed⸗ wig finden ſollte. Als er in das Zimmer ſeiner Mutter trat, ſah er die Geſuchte im Reiſekleide neben dieſer auf dem Sopha ſitzen. Sie hatte deren Hand in der ihrigen und ſchien in einem eifrigen Geſpräche begriffen, welches bei ſeinem plötzlichen und eiligen Erſcheinen aufhörte. Ihr Herr Vater wartet auf Sie, gnädige Gräfin, ſagte er nicht ohne einige Befangenheit in ſeiner ſonſt ruhigen Stimme, und hat mich beauftragt, Sie zu bitten, ſo ſchleunig als möglich zu kommen, da die Abreiſe nicht länger verzögert werden kann. Es wird keine ſo große Eile haben, erwiederte Hed⸗ wig, ohne die Hand ſeiner Mutter frei zu geben, und ganz gleichgültig ſein, ob wir eine Stunde früher oder ſpäter unſer ſchlechtes Nachtquartier erreichen. Setzen Sie ſich noch einen Augenblick, fuhr ſie mit einem freundlichen Blicke fort, bedenken Sie, daß ich weit, weit fortreiſe, in ein unwirthbares, wüſtes Land— ſehr lange ausbleibe und es immerhin möglich iſt, daß ich nicht wieder heimkehre. Auch Sie haben ſo melancholiſche Gedanken, gnädige Graͤfin? erwiederte er mit einem gezwungenen Lächeln; ich dachte mir, Ihr heiterer Sinn und Ihr klarer Ver⸗ ſtand würden dazu geeignet ſein, dieſelben bei Ihrem Herrn Vater zu verſcheuchen. Das wird mein heiterer Sinn und mein klarer Ver⸗ ſtand auch, bemerkte ſie, ihn feſt anſehend, ſeien Sie deßhalb unbeſorgt— aber nicht wahr, ſetzte ſie mit un⸗ gewöhnlich weicher Stimme hinzu— in den kurzen Mo⸗ menten, die wir noch zuſammen ſind, nennen Sie mich nicht mehr„gnädige Gräfin“, es ſei denn, daß Sie mich, Ihre Freundin, abſichtlich kränken wollen? Sie beſchämen mich, ſagte er ſichtlich verlegen— ich hätte dieſe Anrede vermeiden ſollen— ich wußte auch nicht, daß es Ihnen unangenehm ſein würde. Das bedauere ich, erwiederte ſie mit einem Auflodern 14 des alten Stolzes— doch fuhr ſie wieder in dem früheren Tone fort, es iſt jetzt keine Zeit mehr, um mit Ihnen zu rechten und zu ſchmollen; laſſen Sie uns ohne einen Schatten von einander ſcheiden, damit, wenn wir nicht mehr mit einander reden, ſondern nur an einander denken oder uns ſchreiben werden, unſere Gedanken hell und klar mit einander verkehren können. Sie hielt ihm bei dieſen herzlichen Worten ihre kleine Hand hin und ſah ihn mit einer ſo innigen Freundlichkeit an, daß plötzlich all die alten Erinnerungen in ihm leben⸗ dig wurden und er dieſe ſo verlockende Hand mit ſtür⸗ miſcher Eile ergriff. Rechnen Sie auf mich in allen Lagen des Lebens, Sie werden nie einen treueren Freund beſitzen! Und Sie keine treuere Freundin! ſagte ſie mit leiſem Erröthen und niedergeſchlagenen Augen. Dann ſich faſt gewaltſam zur Heiterkeit zwingend, fuhr ſie, gegen Wal⸗ ther's Mutter gewendet, fort: Sie haben unſer Ver⸗ ſprechen gehört— und wenn man auch allgemein annimmt, daß eine wirkliche Freundſchaft nur unter Männern be⸗ ſtehen könne, zwiſchen einer Frau und einem Manne aber niemals möglich ſei— wir beide werden den Beweis des Gegentheils liefern— nicht wahr? fuhr ſie fort, ihm tief und lange in die Augen ſchauend, während die ſeinigen ſich eben ſo in die ihrigen verſenkten. Dann, als ſie 15 den innigen Druck ſeiner Hand fühlte, ſchlugen ſich die langen Wimpern nieder und ihr bleiches Geſicht überflog ein leiſer Hauch von Röthe.— Werden wir uns ſchreiben? fragte ſie. Es wird mich ſehr glücklich machen, wenn Sie es mir erlauben! Immer noch dieſe Sprache! Wenn Sie Margot ſchreiben, ſo erzählen Sie derſelben von Ihrer Freundin — wollen Sie das? Sie kennt Sie ja längſt. Sie kennt mich längſt— wiederholte ſie langſam, ſo haben Sie ihr von mir erzählt? Ich möchte wohl wiſſen, wie ſie mich kennt und wie ſie mich kennen gelernt hat. Auch ich möchte ſie kennen— vielleicht gewährt mir der Himmel einſt dieſe Gunſt— es würde mich ſehr glücklich machen! 3 Sie blickte ihn bei dieſen Worten forſchend an, wäh⸗ rend eine leichte Röthe über ſein Geſicht hinflog. Es wird nur von Ihnen abhangen, mein Freund, ſagte ſie dann mit leiſerer Stimme, nur von Ihnen— ein Ziel, das man mit aller Kraft erſtrebt, verfehlt man ſelten, bedenken Sie dies. Und wenn es dann doch nicht geſchieht, wenn das Geſchick mächtiger iſt, als unſer Wille und unſere Ausdauer— nun, ſo ſtehen wir wenigſtens vorwurfsfrei da und haben uns keiner Schwäche zu zeihen. 16 — Doch wozu ſage ich Ihnen dies alles, es geſchah auch nur, weil ich jetzt für eine ſo lange Zeit von Ihnen ſcheiden muß. In ſolchen Augenblicken ſagt man vieles, was man ſonſt in der Bruſt verſchloſſen behält— denn es iſt ſchmerzvoll, zu denken, daß, wenn ein weiter Raum uns trennt, irgend ein Mißverſtehen die räumliche Tren⸗ nung noch größer machen könnte. Das wird nicht der Fall ſein zwiſchen uns, ſagte er, ſie feſt anſehend, denn ich werde dieſer Abſchiedsſtunde immer eingedenk bleiben! So laſſen Sie uns denn jetzt ſcheiden, erwiederte ſie mit einem gezwungen heiteren Lächeln, mein Vater wartet, und mein Schickſal in der Form eines gepackten Reiſe⸗ wagens ruft! Leben Sie wohl, meine liebe Frau Rohn⸗ eck, und auch Sie, mein Freund, leben Sie herzlich wohl! Ich begleite Sie an den Wagen, ſagte Walther's Mutter; Sie werden mir dieſe Gunſt nicht verſagen. So kommen Sie, rief Hedwig, man ſchickt ſchon einen zweiten Boten. Walther folgte. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er mitging. Zweites Capitel. Als Hedwig mit Walther und deſſen Mutter vor dem Schloſſe anlangte, ſtand der Graf voller Unruhe und Ungeduld vor dem Portale. Endlich beliebt es dir, zu kommen, rief er ſeiner Tochter entgegen, welche, ohne ihren Schritt beſonders zu beſchleunigen, jetzt zu ihm herangetreten war— das iſt ein angenehmer Anfang! Ich werde mich erkälten und einen Rückfall meiner Krankheit bekommen, ehe ich einen Fuß in den Wagen geſetzt habe. Wo bleibſt du? Warum läßt du mich ſo lange warten? Habe ich dir nicht geſagt, daß wir punet acht Uhr fahren, und jetzt iſt es gleich neun! Sollen wir am erſten Tage auf dieſen ſchlechten Wegen in die Nacht hineinfahren und unſere Reiſe mit Umwerfen und Unglück beginnen? Es wird ſo ſchlimm nicht ſein, lieber Papa, lachte ſie; wir haben ja wunderſchönen Mondſchein, und wenn 2 18 wir doch einmal umwerfen ſollen, ſo iſt es jedenfalls am beſten, es geſchieht ſo nahe als möglich bei unſerem Schloſſe. Steige ein, rief der Graf, der aus Erfahrung wußte, daß er bei derartigen Erörterungen mit ſeiner Tochter ſtets den Kürzeren zog— werden das im Wagen ab⸗ machen! Haſt du auch nichts vergeſſen? Haſt du all die vielen überflüſſigen Dinge, ohne welche du einmal nicht.... Er brach plötzlich ab, weil er ſich erinnerte, daß ſeine Rede von der Dienerſchaft gehört werde, und winkte ſeiner Tochter mit einer befehlenden Miene, ſei⸗ nem Gebote zu folgen. Leben Sie nochmals wohl, liebe Frau Rohneck, ſagte Hedwig in herzlichem Tone, Walther's Mutter die Hand reichend— und auch Sie, ſprach ſie leiſer zu ihm, leben Sie wohl und ſeien Sie dieſer Stunde eingedenk! Walther ergriff ihre Hand, obgleich es ſich eigentlich in dieſem Augenblicke vor all den gaffenden Menſchen nicht recht paßte, und drückte ſie innig und ſchweigend. Hedwig ſprang leicht in den Wagen, der Graf, nach⸗ dem ihm Friedrich noch einen Mantel umgehängt, nahm an ihrer Seite Platz, Friedrich und das Kammermädchen ſetzten ſich auf den Bock, und dann rollte der große, viel⸗ bepackte Wagen von vier muthigen Pferden gezogen in raſchem Trabe dahin. 19 Hedwig's Tuch wehte noch einmal zum Abſchiede, als der Wagen draußen um eine Windung des Weges bog; — dann wurde es ſtiller auf dem Schloßhofe, die Die⸗ nerſchaft entfernte ſich wieder, und die Knechte und Mägde nebſt deren Kindern, welche dem großen Ereigniſſe der Abreiſe der gnädigen Herrſchaft gaffend zugeſehen hatten, ſuchten wieder ihre ärmlichen, unreinlichen Wohnungen auf oder begaben ſich an die gewohnte Arbeit. Walther ſtand noch immer in tiefem Sinnen verloren auf derſelben Stelle. Seine Blicke hafteten am Boden, er ſchien die Gegenwart um ſich her vergeſſen zu haben. Wollen wir nicht gehen, lieber Sohn? fragte ſeine Mutter nach einiger Zeit; ich glaube, du haſt noch gar nicht gefrühſtückt. Er fuhr wie aus einem Traume empor. Ich habe hier noch Vieles anzuordnen, ſagte er dann, und werde ſpäter nach Hauſe kommen. Ich bin ja jetzt der alleinige Herr hier, fuhr er mit einem melancholiſchen Lächeln fort, und es ruht eine große Verantwortlichkeit auf mir. Gehe daher, liebe Mutter, ich werde nachkommen, wenn ich das Nöthigſte beſorgt habe. Jedenfalls kommſt du zu Mittag? Jedenfalls. Als ſie ſich entfernt hatte, ging er ins Schloß, das ihm mit Einem Nale ſo öde und leer vorkam, obgleich 2* 20 ſich nur wenige Perſonen daraus entfernt hatten. Der Gedanke, daß es längere Zeit ſo bleiben würde, daß die⸗ jenigen Menſchen, welche bisher darin gewaltet und es belebt hatten, fehlten und fehlen würden, rief dieſen melancholiſchen Eindruck bei ihm hervor. Unſer Herz unterliegt immer der Gewalt eines tiefen, preſſenden Schmerzes, wenn wir einſam und allein einen Raum be⸗ treten, in dem uns liebgewordene Menſchen gewohnt und gelebt haben. Jede noch ſo unſcheinbare, werthloſe Sache ruft die Erinnerung wach und macht Stunden oder auch nur Augenblicke lebendig, welche Beziehungen zu den Geſchiedenen enthalten. Wie immer gießt die Erinne⸗ rung dann ihr verſchönerndes, Sehnſucht erweckendes Licht über das alles aus, und unſer Herz zittert unter den Schwingungen, welche immer der mahnende Gedanke an die Vergangenheit und Vergänglichkeit hervorruft. Er wußte ſelbſt nicht, wie es gekommen war, aber er ſtand in ihrem Zimmer. Sie hatte es erſt vor Kurzem verlaſſen; der Schall von dem Tritte ihres leichten, zier⸗ lichen Fußes bebte noch in den Schwingungen der Luft, die Thätigkeit ihrer kleinen Hand war noch ſichtbar an vielen Dingen, an einem verſchobenen Blatte Papier, an der Feder, welche neben dem Dintenfaſſe lag, an dem friſchen Stückchen Zucker, welches ſie dem Vogel zwiſchen die Stäbe des Bauers geſteckt hatte, noch an vielen ande⸗ 21 ren Kleinigkeiten, welche alle ſein Auge erkannte, die ein anderes Auge nicht geſehen haben würde. Sonſt war Alles ſehr ordentlich, wie es in ihrer Gewohnheit lag, Alles verſchloſſen und zum Theil verän⸗ dert, wie es Jemand einrichtet, den eine lange Ab⸗ weſenheit fern hält. Er war nur ſelten in ihrem Zimmer geweſen, und dann auch nur immer eine kurze Zeit, und doch entging ihm jetzt das alles nicht. Auf dem Seſſel vor ihrem Schreibtiſche lag ein Schnupf⸗ tuch, ſie hatte es offenbar vergeſſen. Sein Auge ruhte eine Zeit lang darauf, ohne daß ſeine Hand ſich bewegte, es zu ergreifen; dann blickte er wieder in dem Zimmer umher, und ſeine gepreßte Bruſt hob ein langer, tiefer Athemzug. Gewaltſam riß er ſich aus dieſer Stimmung empor, die ihn überkommen, er wußte ſelbſt nicht, wie, trat raſch an den Klingelzug und zog ſo heftig die Glocke, daß das Mädchen faſt beſtürzt hereintrat. Es bleibt hier Alles ganz unverändert, ſo wie es jetzt iſt. Keiner Sache, auch der kleinſten nicht, darf ein an⸗ derer Platz gegeben werden. Wenn du den Staub ab⸗ wiſcheſt, was jeden Tag gerade ſo geſchehen muß, als ob die gnädige Comteſſe hier wäre, ſo legſt du jede, auch die kleinſte Sache genau wieder guf dieſelbe Stelle, wo ſie jetzt liegt, damit Alles ganz ſo iſt wie jetzt, wenn die Herr⸗ ſchaft zurückkehrt. Haſt du mich verſtanden? Vollkommen, Herr Director.. Ich werde mich ſelbſt von Zeit zu Zeit iterzehi ob du meine Weiſungen pünktlich befolgſt; ich weiß genau, wie Alles ſteht und liegt. Wenn du ſorgſam meine Be⸗ fehle befolgſt, wirſt du belohnt werden, handelſt du ihnen entgegen oder biſt du darin nachläſſig, ſo wirſt du entlaſ⸗ ſen. So hat die gnädige Gräfin ausdrücklich befohlen, ſetzte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, als er ſah, wie verwundert ihn das Mädchen anblickte. Dann verließ er das Zimmer und begab ſich in die⸗ jenigen des Grafen, wo es ihm mit den zu treffenden An⸗ ordnungen weit leichter von der Hand ging. Auch hier ertheilte er ähnliche Befehle, ſchon um den erſten weniger auffällig zu machen, und nachdem er ſo den augenblick⸗ lichen Anforderungen ſeiner neuen Stellung genügt hatte, verließ er das Schloß, um nach ſeiner Wohnung zu gehen, wo eine Menge von Geſchäften warteten. Obgleich ihm jetzt die ganze Verwaltung der Güter des Grafen oblag, bei welcher beſonders die täglich an Umfang zunehmenden Kohlenbergwerke eine große Rolle ſpielten, ſo war ihm dies alles doch nicht mehr neu, da er während der langen Krankheit des Grafen die Laſt der Geſchäfte auch faſt allein getragen hatte. Fi weſentlicher Unterſchied beſtand allerdings. Der welcher an einem hartnäckigen und zugleich ſehr ehaften Rheumatismus gelitten, ſo daß er Monate as Zimmer nicht hatte verlaſſen dürfen und mehre hen im Bette zubringen mußte, war doch immer higt geblieben, in den Hauptſachen ſeinen Willen d zu geben, und hatte es auch niemals unterlaſſen, es thun. Wenn daher auch die ganze Ausführung und aufſichtigung Walther obgelegen, ſo blieb doch der Hraf ſelbſt immer der verantwortliche Anordner, und ſeine Zuſtimmung oder ſein Widerſpruch maßgebend, hrend jetzt Walther allein jede Verantwortung über⸗ nmen hotte. Er fühlte ſich durch das ihm unbedingt Theil gewordene Vertrauen des Grafen gehoben, und eit entfernt, vor der übernommenen Pflicht und Verant⸗ ortlichkeit zu zagen, hatte er vielmehr das eiftige Stre⸗ en und Verlangen, gerade in dieſer Zeit die Geſchäfte o zu führen, daß der Graf bei ſeiner Rückkehr, oder ſo viel dies* Priefliche Mittheilungen möglich blieb, ſeine Vorausſetzungen wohl noch übertroffen ſehen ſollte.— Ehe wir in der Erzählung unſerer Geſchichte fort⸗ fahren, welche wir abzubrechen genöthigt waren, müſſen wir dasjenige nachholen, was ſich in der Zeit ereignet hatte welche zwiſchen dem Tage liegt, an welchem Walther 24 Wehring's Brief erhalten, und demjenigen, wo Graf und Hedwig ihre Reiſe angetreten hatten. In Walther's Seele waren, als er die un te Wittheilung Wehring's und Margot's geleſen, jee verlockenden Bilder einer längſt begrabenen Vergalger heit wieder zu neuem, begehrungsvollem Leben erſtawei; 3 Sie erinnerte ſich ſeiner, ſie dachte an ihn wie ſonſt, mil, der alten, unveränderten Empfindung, ſie hatte niemels aufgehört, ſo an ihn zu denken, ſo für ihn zu fühlen— ſie ſchrieb an ihn— das kleine, duftige Stückchen Papier mit den wenigen Zeilen ihrer ihm ſo wohlbekannten Schriftzüge— es lag eine Welt für ihn in dieſem Stück⸗ chen Papier, eine Welt voll Erinnerungen, eine Welt voller Hoffnungen. Richt die Worte allein, ſelbſt die einzelnen Buchſtaben ſprachen zu ihm— hatte er ſie doch gelehrt, ſie ſo zu ziehen, ähnlich den ſeinigen— ach, wie ſchwebten ihm jene Stunden wieder ſo lebhaft vor!— und gelehrig, wie in allen Dingen, war ſie bemüht ge⸗ weſen, ihre Handſchrift der ſeinigen nachzubilden, ſo daß beide eine überraſchende Aehnlichkeit erhalten hatten— ietzt noch mehr als ſonſt, als ob ſie dieſe Studien fort⸗ geſetzt hätte. Nur waren ihre Schriftzüge zierlicher, fei⸗ ner, weicher— ach, er hatte ſeine eigene Schrift nie ſo ſchön gefunden, als jetzt, wo Wargot's Briefchen voni lag! Es überkam ihn eine ordentliche Hochachtung ſchen Denken und Empfinden beſteht ein großer Unter⸗ ſchied. Während er ihr den Beweis höchſten Vertrauens zu geben glaubte einen Beweis, für welchen er im Stillen, ſich ſelbſt unbewußt, auf Erwiederung— auf Belohnung hoffte, trat bei ihr gerade das Gegentheil ein. Ihr Stolz flog empor, und ſein Wehen zerriß die zarten Blät⸗ ter der Liebe an dem Baume ihres Herzens. Er gehörte einer Andern— und konnte deßhalb niemals mehr ihr gehören! Sie begehrte ſeiner nicht aus der zweiten Hand! Ueber alle Standesvorurtheile hätte ſie ſich rückſichtslos hinweggeſetzt, es lag nach ihrem Charakter ſogar ein Reiz für ſie darin, es zu thun— aber der Mann, der ſo mit einer Andern geſchwärmt hatte, noch immer ſo für dieſe Andere ſchwärmte und ihren Verluſt beklagte, hörte auf, für ſie begehrungswerth zu ſein. Dies Alles dachte ſie ebenfalls nicht, ſie dachte oder empfand vielmehr ganz etwas Anderes, und erſt einer weit ſpäteren Zeit blieb es vorbehalten, ſich ihres dama⸗ ligen Empfindens bewußt zu werden. Den Antheil, den ſie an Walther genommen, maß ſie mit Einem Male allein den Umſtänden zu und glaubte zu fühlen, daß ſich dieſer Antheil durch ſeine Wittheilung noch geſteigert habe. Sie war die Vertraute ſeines Ge⸗ heimniſſes geworden, und ſein Handeln und Benehmen erſchien ihr dadurch in einem ganz anderen Lichte. Es durchzuckte ſie wohl ein Schmerz, daß Manches anders geworden, aber ſie fand ein wohlthuendes und erhebendes Gefühl in dem Gedanken, ihm eine Freundin zu ſein und ſo viel als möglich auf ſein Geſchick günſtig einzu⸗ wirken. Sie fühlte zugleich, daß Manches in ihrem gegenſei⸗ tigen Verhältniſſe anders werden könne, daß ſie vielleicht hin und wieder etwas unvorſichtig gehandelt habe und das ferner unterlaſſen müſſe, und ſie unterließ es. Wäh⸗ rend ſeine Gefühle ſich aufgipfelten und ihn über die Be⸗ denken ſeines Verſtandes forttrugen, wie immer, wenn die Leidenſchaft uns ergreift— dachte ſie mit einer Mi⸗ ſchung von Scham und verletzter Eitelkeit an diejenigen Stunden, in deren Erinnerung ſie noch vor Kurzem ge⸗ ſchwelgt hatte. Er fühlte ſich durch ihr plötzlich verän⸗ dertes Benehmen gekränkt und gedemüthigt. Ihre faſt abſichtliche, aber doch immer erkaltete Freundlichkeit ſtieß ihn ab und verletzte ihn; er mied ſie und erkannte zum zweiten Male mit der ganzen Bitterkeit ſeines gekränkten Gefühles, daß er wiederum eine Thorheit begangen habe, indem er ſein Herz einer hochgeborenen Gräfin zugewandt. Konnte ſie mich aufgeben, ſie, in deren kindlich reinem Herzen der ganze Himmel der Unſchuld und der Demuth zu liegen ſchien— nur deßhalb, weil ſie plötzlich vor⸗ 31 nehm und reich geworden— wie konnte ich auch nur einen Augenblick wähnen, daß dieſe ſtolze Gräfin jemals mehr in mir geſehen hat, als einen Spielball ihrer Launer Mag ſie, ſprach er voll bittern Hohnes laut vor ſich hin, mag ſie es doch— iſt es bei mir denn etwas Anderes geweſen? Spiel gegen Spiel— Laune gegen Laune und wenn ſie wünſcht, daß das Spiel nun eine andere Geſtalt annehme, warum nicht? Man amuſirt ſich, ſo oder ſo— gleichviel. Da kamen Wehring's und Margot's Briefe. Drittes Capitel. Wir wiſſen bereits, welchen Eindruck dieſe Briefe bei Walther hervorriefen. Margot war unverändert die⸗ ſelbe geblieben, ſie hatte ihn nicht vergeſſen, ſie hatte ſeiner immer in der alten Weiſe gedacht, ſie hatte ſelbſt den Glauben an ihn niemals verloren, obgleich ſie eben⸗ falls keine Nachrichten von ihm erhalten.— Wie war ſie ſo viel, viel beſſer, als er ſelbſt! Indem die Liebe zu ihr in ſeinem Herzen mit neuer Gewalt erſtand oder wieder aus dem Schlummer erwachte, in welchen er ſie durch unausgeſetztes Bemühen eingewiegt hatte, ſuchte er ſich, wie dies immer der Fall iſt, ſo viel als möglich vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen. Die Abneigung gegen Hedwig verſchwand, denn er war ihr, obgleich er es ſich nicht eingeſtand, zu innigem Danke verpflichtet deßhalb, weil ſie gethan, was er noch vor Kurzem ſo ſchonungslos beurtheilt hatte. Er rechnete ihr dies keineswegs als ein Verdienſt an, es erſchien ihm jetzt durchaus natürlich und 33 ſachgemäß, weil— ſie gar keine Veranl habe, anders zu handeln.— darin lag ſeine Rechtfertigun Benehmens.. Es war nur ein verhältnißmäßig kurzer Zeitabſchnitt in Walther's Leben, welcher zwiſchen dem Tage lag, wo er von Margot geſchieden, ſie dann als verloren betrachtet, und demjenigen, wo ſie wieder für ihn zu neuem Leben erſtanden war. In dem Alter; worin ſich Walther be⸗ fand, rinnen auch die Körner der Lebensuhr am un⸗ merklichſten— nur am Anfange und am Ende des Lebens laufen ſie ſichtbar ſchnell— er hatte daher weniger Mühe, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verbinden. Mühe hatte er eigentlich gar nicht; er durfte nur dem Zuge ſeines Gerzens nachgeben, was ja immer ſo leicht und uns ſo zuſagend iſt— deßhalb fand er ſich ab mit ſich ſelbſt, das heißt mit einer Zeit, wo er vielleicht anders empfunden hatte; er ſtrich ſie aus auf den Blättern ſeines Lebens, obgleich ſie deßhalb dennoch ſichtbar, ſelbſt halb leſerlich blieb; ſie war aber ausgeſtrichen, und er bildete ſich ein, er habe ſie dadurch auch ungeſchehen gemacht. Das dem Haſſe ähnliche Gefühl, welches ſich in ſeiner Seele gegen Hedwig einzuniſten begonnen hatte, verſchwand wieder, denn er empfand jetzt eine Art von Dankbarkeit für ſie, und ihr gleichmäßig ruhiges, freund⸗ 3 aſſung gehabt Keine Veranlaſſung— 8, die Beſchönigung ſeines liches Weſen verletzte ihn nicht mehr, ſondern erregte bei ihm eine wohlthuende Empfindung. Der Entſchluß, nach Paris zu reiſen und Margot wiederzuſehen, ſtand bei ihm feſt. Seine Mutter machte mancherlei Einwendungen, Hedwig aber billigte ihn und hatte ja ſogleich dazu gerathen, obgleich ſie es jetzt ver⸗ mied, in irgend eine nähere Erörterung deßhalb einzu⸗ gehen. Er erbat und erhielt durch ihre Vermittlung Ur⸗ laub und ſchrieb an Margot, daß er kommen, in wenigen Tagen abreiſen würde.— Da erkrankte der Graf. Die Reiſe mußte nothwendig verſchoben und als des Grafen Krunteit einen bedenklichen Charakter annahm, vorläufig ganz aufgeſchoben werden. Nit ſchwerem Herzen war er genöthigt, dieſes aber⸗ malige Hinderniß Margot mitzutheilen. Ihre Antwort athmete zwar die alte Herzlichkeit, aber zwiſchen den Zeilen lag doch, ſo ſchien es ihm wenigſtens, ein leiſer Anflug von Unmuth, daß er ſein Verſprechen nicht erfüllen könne. „Wieder habe ich mich ſo ſehr gefreut,“ ſchrieb ſie, „wieder habe ich die Tage und die Stunden gezählt, welche noch zwiſchen Ihrer bevorſtehenden Ankunft lagen — und es iſt wieder Alles in eine weite, weite, unge⸗ wiſſe Ferne gerückt. Jetzt iſt Raoul noch hier, mein ge⸗ liebter Bruder, wer weiß, wie lange in dieſen unruhigen Zeiten ſein Bleiben in Paris noch möglich iſt— dann bin ich wieder vereinſamt, und wenn Sie dann auch kommen, es wird ganz anders ſein, wie es jetzt ſein könnte. Der Gedanke, daß ich Sie nicht mehr wieder⸗ ſehen werde, fängt an, ich weiß ſelbſt nicht, warum, immer mehr Geſtalt zu gewinnen. Es ſcheint, das Schick⸗ ſal, welches uns in jenen freundlichen, ſonnigen Tagen auf ſo ungewöhnlichen Wegen für eine kurze Zeit zuſammen⸗ geführt, will uns jetzt eben ſo abſichtlich von einander fernhalten. Ich weiß, daß Sie nicht anders können, daß die Pflicht Sie dort feſſelt, und will Ihnen gewiß keinen Vorwurf machen, aber ich darf Ihnen ſchreiben, daß mich das ſehr traurig macht; ich würde ja nicht auf⸗ richtig, nicht wahr gegen Sie ſein, wenn ich es ver⸗ heimlichte. So will ich denn wieder hoffen— ich lebe ja ſchon lange von der Erinnerung und von der Hoffnung und fange faſt an, zu glauben, daß das ganze Leben nur aus dieſen beiden beſteht. Vielleicht ſchreiben Sie mir ſchon in Ihrem nächſten Briefe, daß es mit dem Grafen beſſer geht— es würde mich das unendlich freuen. Adreſ⸗ ſiren Sie, wie bisher, an meinen Bruder, und gedenken Sie Ihrer treu ergebenen Margot.“ Als er dieſen Brief empfing, begann die Krankheit des Grafen ſich wirklich zur Beſſerung zu neigen, und er konnte darauf rechnen, wenn kein Rückfall eintrat, in vier Wochen abzureiſen. Er ſchrieb ihr dies, und es 3* 36 war eine der glücklichſten Stunden für ihn, als er dieſen Brief ſchreiben und dann mit demſelben ſelbſt zur nächſten Poſtſtativn reiten konnte. Drei Wochen bedurfte der Brief, um nach Paris zu gelangen, drei Wochen die Antwort! Er hatte ihr geſchrieben, dieſe würde ihn wahrſcheinlich nicht mehr in Wallfort treffen, ſie möge daher poste restante nach Frankfurt ſchreiben. Abermals eine getäuſchte Hoffnung, ein vergebliches Harren, denn es kam wieder anders, und vierzehn Tage ſpäter war er genöthigt, ihr abermals zu ſchreiben, daß er nicht kommen könne, daß ſeine Reiſe nun für längere Zeit, auf vier bis ſechs Monate hinausgeſchoben werden müſſe. Eines Tages nämlich ließ ihn der Graf zu einer un⸗ gewöhnlich frühen Stunde zu ſich bitten und empfing ihn, außerhalb des Bettes im Lehnſeſſel ſitzend, heiterer und wohler, als dies ſeit langer Zeit der Fall geweſen war. So lange er ſich leidend fühlte, war er gegen ſeinen alten Diener ungemein ſanft geweſen, heute hatte zum erſten Male die gewohnte, erquickliche Morgen-Unter⸗ haltung zwiſchen beiden wieder Statt gefunden und Friedrich, der mit erboſtem Geſichte aus dem Zimmer des Grafen trat, dem ihm auf dem Flur begegnenden Walther mit zorniger Miene zugerufen: Es geht ihm be⸗ v———————————— 37 ſtimmt beſſer, Herr Director, denn er iſt wieder ſo grob wie ſonſt. Auf Walther machte dieſe Mittheilung einen durch⸗ aus angenehmen Eindruck, und er überlegte im Stillen, ob er nicht heute mit dem Grafen hinſichtlich ſeines Ur⸗ laubes ſprechen und den Tag des Antrittes wenigſtens im Allgemeinen feſtſtellen ſolle. Setzen Sie ſich, mein beſter Director, ſagte der Graf, als Walther ihn begrüßt hatte, es geht mir heute zum erſten Male wieder wirklich beſſer, das Reißen hat ganz nachgelaſſen, die Geſchwulſt fängt an, ſich zu vermindern, und wenn dieſer Kerl mir durch ſeine Nachläſſigkeit nicht einen Rückfall zuzieht, ſo hoffe ich in kurzer Zeit wieder beſſer zu ſein. Das freut mich, Herr Graf; Sie ſehen daraus, daß Ihre trüben Ahnungen nichts zu bedeuten hatten, wie ich Ihnen ja ſtets geſagt habe. Es iſt leicht, einem Kranken Derartiges zu verſichern, aber für den Kranken ſelbſt ſchwer, daran zu glauben oder ſich über den Einfluß der Krankheit hinwegzuſetzen. Doch ich glaube jetzt ſelbſt an meine Geneſung und daß die alte Maſchine vielleicht dann noch einmal in gewohnter Weiſe, wenn auch langſamer und ſchwächer, eine Zeit lang fortarbeiten kann. Sie mögen als den beſten Be⸗ weis dafür, daß ich dies glaube, eine Wittheilung an⸗ „ ſehen, die ich Ihnen machen will. Sie betrifft einen Gegenſtand, welcher für mich von der größten Wichtigkeit iſt, ſo wichtig, daß ich deßhalb nicht nur Ihren Rath,. ſondern auch Ihre Mitwirkung dazu in Anſpruch nehmen muß. Sie machen mich neugierig, Herr Graf. So hören Sie: Ich muß etwas weit ausholen, da⸗ mit Ihnen die Sache klar wird und nicht abenteuerlich erſcheint. Sie iſt es aber keineswegs, ſo ſehr ſie vielleicht 1 auch ſo klingen mag, denn es handelt ſich um nichts mehr und nichts weniger, als um ungefähr eine Million. Eine Million? wiederholte Walther mit einem un⸗ gläubigen Lächeln. Wie ich ſagte, um eine Rillion, wenn auch vielleicht nicht für mich ſelbſt, doch für meine Tochter— das kommt in meinen Jahren auf Eins heraus. Wir haben einen Ver⸗ wandten in Rußland, einen Fürſten Boridow. Ich ge⸗ ſtehe Ihnen offenherzig, daß ich von ſeiner Exiſtenz bis⸗ her nur eine ſehr unbeſtimmte Ahnung gehabt habe. Seine Familie ſtammt aus Deutſchland, und ich wußte bisher nicht, wie er zu dieſem ruſſiſchen Namen gekommen, den ſein Großvater, als er in den erſten Regierungsjahren Eliſabeth's nach Rußland überſiedelte, nicht geführt hat. Doch darauf kommt es jetzt nicht mehr an, genug, dieſer mein Verwandter, mein weitläufiger Vetter, heißt Bori⸗ „ 39 dow, iſt Fürſt und ein Millionär. Dieſe Thatſachen ſtehen feſt. Nun erhalte ich vorgeſtern einen Brief aus Petersburg, einen ſehr merkwürdigen, ſehr unerwarteten Brief— hier iſt er, leſen Sie ihn ſelbſt, er enthält weiter keine Geheimniſſe, als das eine, welches ich Ihnen be⸗ reits mitgetheilt habe, und iſt ſogar in deutſcher Sprache geſchrieben— artiger kann man kaum ſein. Walther empfing den Brief aus der Hand des Grafen und las:„Hochgeſchätzter Herr Vetter! Sie werden er⸗ ſtaunt ſein, geehrter Herr Vetter, wenn Sie dieſen Brief leſen, und vielleicht kaum mehr wiſſen, daß ich, der Unter⸗ zeichnete, die Ehre habe, mit Ihnen verwandt zu ſein. Es iſt dies jedoch dennoch der Fall, denn als mein Großvater im Jahre 1740 hieher nach Rußland kam— er führte damals den Namen von Randel— war er mit einem Fräulein von Wüllen verheirathet, der Schweſter Dero Frau Großmutter. Sie werden dies aus Ihrem Stamm⸗ baume genau erſehen. Mein Vater, welcher ſich unter der großen Kaiſerin Katharina im Türkenkriege ruhmvoll auszeichnete, wurde in den Fürſtenſtand erhoben und zu⸗ gleich mit einer dieſem Range angemeſſenen Dotation be⸗ gnadigt. Er erhielt den Namen eines Fürſten von Bo⸗ ridow, und da ich ſpäter, nachdem er ſich mit einer Fürſtin Arborowa verheirathet hatte, im Jahre 1760 das Licht der Welt erblickte, ſo bin ich, der Fürſt von Boridow, Ihr Vetter und zugleich als ſolcher ſo frei, in meiner Biographie fortzufahren, da ich Grund habe, anzunehmen, daß dieſelbe nicht ohne Intereſſe für Sie bleiben wird. „Mein Vater ſtarb im Jahre 1774, als ich erſt vier⸗ zehn Jahre alt war, und hinterließ ein ſehr großes Ver⸗ mögen. Meine gute Mutter, welche erſt im vorigen Jahre geſtorben iſt, war eine ſehr kluge und zugleich ſparſame Frau, und da ich das Glück habe, ihr in manchen Dingen ähnlich zu ſein, ſo hat ſich mein Vermögen im Laufe der Jahre mehr als verdoppelt. Es gehört bei uns in Ruß⸗ land nicht viel dazu, reich zu werden, wenn man erſt eine ſolide Grundlage beſitzt. Man hat nur nöthig, ſich keiner tollen Verſchwendung hinzugeben, wie es leider die Meiſten thun, dann kommt Alles von ſelbſt. Tauſende müſſen für uns arbeiten, und wir haben weiter nichts zu thun, als ſie allenfalls zur Arbeit anzuhalten und die Früchte derſelben einzunehmen. Kurz, meine Einkünfte belaufen ſich nach einem mäßigen Ueberſchlage auf fünfzigtauſend Rubel jährlich, eine Summe, von welcher ich bei meinem einfachen Leben und meiner Kränklichkeit kaum die Hälfte verbrauche. Kinder habe ich leider nicht. Ich bin einige Jahre verheirathet geweſen, habe mich dann aber von meiner Frau getrennt, da dieſe Heirath das ſchlechteſte Geſchäft war, welches ich in meinem Leben gemacht habe. Verwandte beſitze ich auch nicht, außer Ihnen, verehrter 41 Herr Vetter, Ihnen und Ihrer Tochter. Es iſt zwar eine etwas weitläufige Verwandtſchaft, aber unſere Groß⸗ mütter waren doch Schweſtern, und ſo ſind wir immerhin verwandt. „Ich bin ſchon ſeit Jahren kränklich und obgleich erſt einundfünfzig Jahre alt, doch in der Lage, an mein Ende und meine Erben denken zu müſſen, damit mein Vermögen nicht etwa dem Staate oder der Sippſchaft meiner Frau anheimfalle, welche wahrſcheinlich darauf lauern und meinen Tod nicht erwarten können. Ich habe deßhalb an Sie und Ihre Tochter gedacht und über Sie durch einen zuverläſſigen Agenten, den ich in Ihre Gegend geſchickt, genaue Erkundigungen einziehen laſſen. Was ich auf dieſem Wege erfahren, hat mich in dem Vorſatze beſtärkt, Ihre Tochter zu meiner Univerſal⸗Erbin ein⸗ zuſetzen, wenn ihre Perſönlichkeit meinen Vorſtellungen entſpricht und wir uns über einige Nebenbedingungen geeinigt haben werden, die ich Ihnen mündlich mittheilen will. „Die erſte Bedingung zur Realiſirung meines Vor⸗ habens iſt jedoch die, daß Sie mit Ihrer Tochter hieher kommen und eine Zeit lang hier bleiben, damit wir uns vollſtändig kennen lernen. Sollten Sie darauf nicht ein⸗ gehen können oder wollen, ſo betrachten Sie das Geſchäft als gänzlich abgebrochen; ich werde dann über mein Ver⸗ mögen anderweit beſtimmen. Ihre Hieherkunft muß ferner ſehr bald, noch in dieſem Herbſte geſchehen, einmal, weil es ungewiß iſt, ob ich noch den Winter überdauere, dann auch, weil die politiſchen Verhältniſſe ſich ſo geſtalten, daß im künftigen Jahre Ihre Reiſe wahrſcheinlich unmöglich ſein würde. Meine Güter liegen in der Gegend von Nowgorod, zum Theil an der Wolga, in einer hübſchen Gegend, wo es im Frühjahr und Herbſt ſehr angenehm iſt, auch im Sommer, wenn die Hitze nicht zu ſtark wird. Im Winter wohne ich dagegen in Petersburg oder in Moskau, je nachdem es mir zuſagt, da ich in beiden Haupt⸗ ſtädten des Reiches Palais beſitze. Dieſen Winter ge⸗ denke ich in Petersburg zuzubringen, wo das Leben wäh⸗ rend dieſer Jahreszeit die meiſte Abwechslung darbietet. Das Klima iſt zwar etwas rauh, aber wir beſitzen Mittel, uns dagegen zu ſchützen, und wenn ich Sie und Ihre Tochter, wie hiermit geſchieht, zu einem Beſuche nach Petersburg einlade, ſo werde ich Alles aufbieten, um Ihnen den Aufenthalt daſelbſt ſo angenehm als möglich zu machen. „Wollen Sie daher auf meinen Vorſchlag eingehen und weiſen Sie mein Anerbieten nicht zurück, ſo müſſen Sie ſpäteſtens im Oftober Ihre Reiſe antreten, damit Sie vor Eintritt der Kälte eintreffen können. Haben Sie die Güte, mir ſo bald als möglich, ſpäteſtens aber 43 vierzehn Tage nach Empfang dieſes Briefes, zu ſchreiben, ob ich Sie erwarten kann oder nicht. Ich wiederhole, daß, wenn ich nach dieſer Zeit keine Antwort oder eine ausweichende oder verſchiebende erhalte, mein Plan auf⸗ gegeben iſt, da ich annehme, daß Sie auſ denſelben nicht eingehen wollen. „Indem ich ſchließlich bitte, mich Ihrer liebenswür⸗ digen Tochter angelegentlich zu empfehlen, und mich ber Hoffnung hingebe, meine einzigen Verwandten bald per⸗ ſönlich kennen zu lernen, habe ich die Ehre, zu ſein Ihr ergebenſter Vetter Fürſt von Boridow.“ Walther, welcher während des Leſens dieſes eigen⸗ thümlichen Briefes ſichtlich bleich geworden war, faltete das Papier zuſammen und reichte es dem Grafen, der ihn erwartungsvoll angeſehen hatte, ſchweigend wieder zurück. Nun, fragte dieſer, was ſagen Sie dazu? Wenn Alles ſich wirklich ſo verhält, wie da geſchrieben ſteht, erwiederte Walther, indem er tief aufathmete, ſo würde es nicht zu rechtfertigen ſein, wenn Sie die Reiſe unterließen. Es freut mich, daß Sie dieſer Anſicht ſind— ja, es wäre unverantwortlich— man findet eine Rillion nicht auf der Straße, und wenn ſie uns ſo ganz unver⸗ 44 hofft angeboten wird, lohnt es ſich ſchon der Mühe, eine Reiſe deßhalb zu unternehmen, ſelbſt nach Petersburg. Die ganze Sache klingt dennoch etwas abenteuerlich. Mehr als etwas, bemerkte der Graf, ſie klingt ſo⸗ gar ſehr abenteuerlich— aber Rußland iſt ja ein aben⸗ teuerliches Land, man kann die dortigen Verhältniſſe nicht mit unſeren Anſchauungen betrachten. Dennoch worde ich keineswegs ſo ohne Weiteres auf dieſen Brief nach Petersburg reiſen. Das Ganze könnte nichts ſein, als ein ſchlechter Scherz, den ſich irgend ein Spaßvogel mit mir machen will. Ich habe daher ſchon vorgeſtern, als ich dieſen Brief empfing, nach Warſchau an einen Bekannten geſchrieben, der mit den ruſſiſchen Verhält⸗ niſſen vollſtändig vertraut iſt und außerdem umfaſſende Verbindungen beſitzt; er wird mir über die Verhältniſſe dieſes Fürſten von Boridow genaue Auskunft geben, und ich werde dieſe Nachrichten ſpäteſtens in einer Woche er⸗ halten. Nehmen wir nun einmal an, fuhr er lebhafter fort, die Sache verhielte ſich ſo, wie in dem Briefe ſteht, das heißt, es gäbe einen kinderloſen, kränklichen und ſo reichen Fürſten von Boridow— was rathen Sie mir dann? Ich habe meine Meinung für dieſen Fall ja bereits ausgeſprochen. Allerdings, aber es iſt dabei doch noch Manches zu 45 erwägen, und beſonders Eines, nämlich meine eigenen Angelegenheiten. Ich kann imaginärer Vortheile wegen mich nicht unvermeidlichen Verluſten ausſetzen. Wenn ich vier, vielleicht ſechs Monate abweſend ſein ſoll, wer wird mir inzwiſchen hier nach dem Meinigen ſehen? Da⸗ zu iſt allein ein Mann geeignet, der meine Angelegen⸗ heiten vollſtändig kennt und zu dem ich unbedingtes Ver⸗ trauen beſitze, und dieſer Mann ſind Sie, wie ich wohl nicht nöthig habe, beſonders zu bemerken. Sie müßten eine unbedingte Volkmacht von mirerhalten und annehmen für dieſe Zeit, Petersburg iſt weit, und es kann Vielerlei geſchehen, es iſt ja ſogar ſehr leicht möglich, daß ich gar nicht wieder zurückkehre. Dennoch würde ich reiſen, denn ich komme jetzt wenig mehr in Betracht, ſondern nur meine Pflicht gegen Hedwig, und dieſe befiehlt mir, zu reiſen, wenn Alles ſich wirklich ſo verhält, wie es in dem Briefe ſteht.— Ich weiß, fuhr er nach einer Pauſe fort, während beide geſchwiegen, Sie haben die Abſicht, nach Paris zu reiſen; Sie haben die Reiſe meiner Krankheit wegen verſchoben und beabſichtigen, nach meiner völligen Geneſung, der ich Gott ſei Dank jetzt entgegengehe, Ihren Urlaub anzutreten. Hedwig hat mir das Alles mitgetheilt und es mir klar gemacht, daß Sie reiſen müſſen, obgleich ich es nie recht eingeſehen. Es fragt ſich nun, ob Sie dieſe Reiſe abermals meinetwegen oder 46 vielmehr ihretwegen verſchieben wollen, denn ich bin nicht der Mann, eine einmal gegebene Zuſage zurückzunehmen. Nur wenn Sie das wollen, kann ich reiſen, ſonſt zer⸗ ſchlägt ſich die Sache von vorn herein. In Walther's Innerem ging ein großer Kampf vor ſich, aber er zögerte doch nur eine kurze Zeit mit der Ant⸗ wort. Es war Manches, was ihm den Sieg erleichterte. Es galt ihr Glück, ſeine Weigerung hatte das Scheitern deſſelben zur Folge, und gerade ſie Har es geweſen, die, wie er ſo eben wieder erfahren, für die Erfüllung ſeines Wunſches ſich ſo lebhaft intereſſirt hatte. Es war ein ſchwerer Kampf, aber er fühlte, daß er nicht anders han⸗ deln dürfe. Ich werde meine Reiſe verſchieben, Herr Graf, ſagte er mit leiſer, etwas bebender Stimme, ich würde mich Ihres Vertrauens ſonſt unwürdig machen. Das freut mich, freut mich, Herr Director, erwiederte der Graf, Walther die Hand reichend. Ich habe aber auch nichts Anderes von Ihnen erwartet. viertes Capitel. Erſt nachdem der Graf der Geſinnung Walther's ſich verſichert und ausführliche und genügende Nachrichten über ſeinen neu erſtandenen ruſſiſchen Vetter aus War⸗ ſchau erhalten hatte, ſprach er darüber mit ſeiner Tochter. Er war in allen Geſchäften ein durchaus praktiſcher Mann, der ſelten etwas Unnöthiges oder Ueberflüſſiges that und Alles vorſichtig und reiflich vorher erwog. Sein Correſpondent aus Warſchau, ein Agent, mit dem er in jahrelanger Geſchäftsverbindung ſtand und auf den er ſich verlaſſen konnte, ſchrieb ihm, daß er den Fürſten von Boridow zwar perſönlich nicht kenne, daß er aber bei ſei⸗ ner öfteren Anweſenheit in Petersburg von ihm gehört, daß er ein ſehr reicher und eigenthümlicher Mann ſei. Zur größeren Gewißheit habe er daher noch nähere Er⸗ kundigungen bei einem ſutiie Geſchäftsfreunde in Moskau eingezogen, welcher den Fürſten und ſeine Ver⸗ hältniſſe genan kenne. Nach deſſen Bericht ſei der Fürſt * ein Mann, deſſen Revenuen mindeſtens fuͤnfzigtauſend Rubel jährlich betrügen; er beſitze vier große Herrſchaften in der Gegend von Nowgorod und ſowohl in Moskau als in Petersburg mit allem Luxus eingerichtete Palais. Als der einzige Sohn ſeines Vaters und ſelbſt kinderlos, habe er keine näheren Verwandten. Er ſei zwar einige Jahre verheirathet geweſen, jedoch ſchon lange Zeit von ſeiner Frau geſchieden, man ſage, weil ſie ihm untreu ge⸗ worden und mit einem Garde⸗Capitän in einem intimen Verhältniſſe geſtanden; jetzt ſei ſie todt. Er ſelbſt ſei ein eigenthümlicher, mürriſcher und kränklicher Mann, von dem man annehme, daß er nicht lange mehr leben werde. Nachdem der Graf hiedurch die Beſtätigung deſſen er⸗ halten hatte, was der Fürſt ihm ſelbſt geſchrieben, theilte er nunmehr dieſe Nachrichten ſeiner Tochter mit. Anfänglich lachte und ſcherzte ſie über dieſen Vetter am Eismeere und ſuchte abſichtlich der Sache eine komiſche Wendung zu geben; als ſie aber erkannte, daß ihr Vater dieſelbe keineswegs ſo, ſondern ſehr ernſthaft auffaſſe, und ſeinen beſtimmten Entſchluß kund gab, die Reiſe mit ihr anzutreten, ſetzte ſie dieſem Vorhaben einen beſtimm⸗ ten Widerſpruch entgegen. Es widerſtrebte ihrem Stolze, zu dieſem grämlichen Manne nach dem unwirthbaren Rußland zu reiſen, damit er ſie ſähe und ſich vergewiſſere, ob ſie wirklich diejenigen Eigenſchaften beſitze, welche er 49 von ſeiner künftigen C Erbin verlange— wozu bedurfte ſie auch dieſes ruſſiſchen Geldes oder dieſer ruſſiſchen Seelen, batze ſie nicht deſſen genug?— ihre Seele hing nicht am n s wäre eine große Thorheit, Papa, ſagte ſie daher, ernſtir werdend, wenn du dieſen abenteuerlichen Plan wirklich zur Ausführung bringen wollteſt. Thorheit? Abenteuerlichen Plan? Habe ich dir nicht mitgetheilt, daß Alles ſich wirklich ſo verhält, wie er ſchreibt? Findet man eine Million auf der Straße? Ich dächte, es würde eine große Thorheit ſein, ſie nicht anzu⸗ nehmen. Wer weiß, erwiederte ſie nachdenklich. Haben wir nicht genug? Je mehr, deſto größer die Sorge, das iſt Alles. Uebrigens handelt es ſich ja auch nicht vom An⸗ nehmen oder Ausſchlagen. Der Herr Vetter vom Nord⸗ pol will uns ja erſt ſehen und prüfen, ob wir auch die Eigenſchaften beſitzen, welche er ſich in ſeiner Einbildung von ſeinen künftigen Erben gemacht hat, und wenn das, wie wahrſcheinlich, nicht der Fall iſt— ich glaube es wenigſtens von mir beſtimmt annehmen zu können—, ſo ſagt er uns einfach: Ich bedauere, Sie ſind nicht die Rechten! Er wird uns vielleicht nicht einmal die Reiſe⸗ koſten erſtatten, ſetzte ſie mit ihrem ſpöttiſchen Lachen hinzu. B 4 50 Sprich nicht ſolchen Unſinn! fuhr der Graf auf. Ich finde die Handlungsweiſe des Fürſten, unſeres Vetters, durchaus verſtändig. Es iſt wirklich wenig, was er ver⸗ langt, uns vorher kennen zu lernen, ehe er uns ſein gan⸗ zes Vermögen vermacht, ſein ganzes Vermögen, das mehr als eine Million beträgt. Wenn du nur nicht abſichtlich unliebenswürdig gegen ihn biſt, ſo unterliegt es ja nicht dem mindeſten Zweifel, daß er dich zu ſeiner Univerſal⸗ Erbin einſetzt. Ich mag aber gar nicht ſeine Univerſal⸗Erbin werden und würde beſtimmt ſo unliebenswürdig wie möglich ge⸗ gen ihn ſein, wenn du mich zwängeſt, mich dieſem Ruſſen zur Muſterung vorführen zu laſſen. Der Graf, in wichtigen Angelegenheiten ſtets ruhig und beſonnen, bezwang auch jetzt ſeine Heftigkeit, da er aus Erfahrung wußte, daß er damit bei ſeiner Tochter am wenigſten ausrichtete. Das ſteht allerdings in deiner Macht, ſagte er, indem er den Ton der Reſignation annahm. Du kannſt den Plan deines Vaters, welcher, noch nicht einmal ganz ge⸗ neſen, zu deinem Beſten eine ſo weite und beſchwerliche Reiſe unternehmen will, vereiteln, aber du wirſt mich doch nicht hindern, es darauf ankommen zu laſſen. Ich bin überzeugt, daß du bei ruhiger Ueberlegung die Sache ſehr bald von einem anderen und vomrichtigeren Geſichts⸗ 51 punkte auffaſſen wirſt. Du wirſt die großen Vortheile würdigen, welche dir durch eine ſo immenſe Vergrößerung deines Vermögens erwachſen, dies und noch vieles Andere. Du wirſt erkennen, daß es unverantwortlich wäre, auf die Sache nicht einzugehen, und dich daher ent⸗ ſchließen, mich zu begleiten. Sie ſtand längere Zeit nachdenkend vor ihm, nur hin und wieder begegnete ihr Blick vorüberſchweifend dem ſei⸗ nigen. Sie begann zu erkennen, daß ſie den Willen ihres Vaters dieſes Mal nicht beugen werde, da es ſich um eine ſo große Summe handle, und ihre Gedanken beſchäftigten ſich damit, wie ſie ſich weiter zu benehmen habe. Den⸗ noch machte ſie noch einmal den Verſuch, ſeinen Entſchluß zu ändern. Bedenke, lieber Vater, ſagte ſie, daß du noch eigent⸗ lich immer krank biſt und dich auf einer ſo weiten Reiſe bei der jetzigen Jahreszeit leicht wieder erkälten und einen Rückfall erhalten kannſt. Bedenke, wie ſchlecht die Wege und die Wirthshäuſer in jenen unwirthbaren Gegenden ſind, und daß du dort ohne hinlängliche Pflege, ohne ärztliche Hülfe ſein würdeſt. Es wäre unverantwortlich von dir, wenn du jetzt reiſen wollteſt; verſchieben wir die Sache wenigſtens bis zum nächſten Frühjahre. Das wäre mir auch lieber, aber es geht nicht; du haſt ja geleſen, was er ſchreibt. Der Mann hat Eile 4* 52 mit ſeinem Teſtamente, er glaubt das Frühjahr nicht mehr zu erleben. Nun, ſo laß ihn in Gottes Namen ſterben, es iſt ge⸗ wiß beſſer, als wenn dir ein Unfall begegnete. Ich fühle mich wieder wohl, der Arzt meint, eine ſolche Reiſe würde für mich von wohlthätigen Folgen ſein, und da du bei mir biſt und Friedrich, ſo wird es mir ja an guter und aufmerkſamer Pflege nicht fehlen. Und was ſoll aus deinen eigenen Angelegenheiten werden? Haſt du auch erwogen, daß du eines ungewiſſen Vortheiles wegen viele Verluſte haben kannſt? Ich habe das Alles vorher erwogen, ehe ich dich von der Sache in Kenntniß geſetzt, und ausführlich mit Herrn Rohneck Alles beſprochen. Mit Herrn Rohneck? fragte ſie in ſichtlicher Span⸗ nung. Haſt du ſeine Meinung gehört? Natürlich, da er während meiner Abweſenheit mich hier vertreten ſoll. Du vergißt, Papa, daß Herr Rohneck ſelbſt auf einige Zeit verreiſen muß, daß er dieſe Reiſe nur deiner Krank⸗ heit wegen verſchoben hat und es unverantwortlich wäre, wenn du ihn jetzt nicht reiſen laſſen wollteſt. Ich habe das Alles nicht vergeſſen, mein Kind; er hat den Brief des Fürſten geleſen und ſich überzeugt, daß unter den gegebenen Verhältniſſen meine Reiſe wichtiger iſt, als die ſeinige, und daß er dieſe daher verſchieben muß, bis wir aus Rußland zurückgekehrt ſein werden. Das hat er eingeſehen? fragte ſie, indem ein höheres Roth ihre Wangen färbte; das hat er wirklich eingeſehen? Nun, immerhin, ſetzte ſie mit einem leichten Spotte hinzu, die Einſichten und das Einſehen ſind vetſchieden, ich würde es an ſeiner Stelle nicht gethan haben. Dafür biſt du auch ein Weib, ſagte der Graf ruhig, und die Tochter deiner Mutter. Unter Männern kommen allerdings andere Erwägungen zur Geltung. Er hat eingeſehen, daß er die übernommenen Pflichten ſeines Amtes, daß er alle Rückſichten gegen mich völlig hinten⸗ anſetzen würde, wenn er mir in dieſem Augenblicke ſeinen Beiſtand verſagen wollte— noch dazu einer Thorheit wegen, welche niemals etwas Anderes ſein kann, als eine Thorheit, ſetzte er, ſie forſchend anblickend, hinzu; er iſt deßhalb ſogleich und bereitwillig auf meinen Vorſchlag eingegangen. Nun, dann ſind ja alle Hinderniſſe dieſer abenteuer⸗ lichen Fahrt nach dem goldenen Vließe beſeitigt, rief ſie mit plötzlicher, wenn auch gezwungener Heiterkeit; wenn es im Rathe der Männer bereits beſchloſſen iſt, kommen ja die Bedenken eines Mädchens nicht weiter in Betracht. Du biſt alſo mit mir einverſtanden, mein Kind? fragte der Graf ſichtlich erfreut. 54 Es wird eine ganz neue Welt für mich aufgehen, ſprach ſie in demſelben Tone weiter, hier iſt es ohnehin ſo bodenlos langweilig; darum reiſen wir, reiſen wir ſo bald als möglich. Und ſollte ich ſpäter wirklich einmal alle dieſe Tauſende von Leibeigenen beſitzen, dann laſſe ich ſie Alle an Einem Tage frei— nicht wahr, das darf ich, Papa? O, das wird ein Feſt werden! Du kannſt mit dieſen Menſchen machen, was du willſt, ſagte lächelnd der Graf, dem der excentriſche Ideen⸗ gang ſeiner Tochter nichts Neues war; wenn du aber wirklich eine ſolche Thorheit begingeſt, ſo würdeſt du fin⸗ den, daß für die meiſten Menſchen die Freiheit weit ſchwe⸗ rer zu ertragen iſt, als die Knechtſchaft. Nun, das wird ſich ja ſpäter finden, wenn der gräm⸗ liche Vetter geſtorben iſt und ich ſeine Univerſal⸗Erbin geworden bin. Aber unſere hieſigen Angelegenheiten lie⸗ gen mir dennoch vorläufig mehr am Herzen, ſprach ſie plötzlich wieder ernſt und ihren Vater feſt anſehend wei⸗ ter; hat Herr Rohneck wirklich eingewilligt, hier zu blei⸗ ben und nicht zu reiſen? Ich ſagte es dir ja bereits. Ohne Ueberredung, ohne Zwang? Iſt er nicht ein freier Mann? Wodurch könnte ich einen Zwang gegen ihn ausüben? Nun wohl, ſagte ſie mit einem tieferen Athemzuge— — 57 hofft— er hatte nicht einmal darauf gehofft, ſondern dies als ſelbſtverſtändlich angenommen. Statt deſſen erfolgte das Gegentheil. Sie mied ihn, ſtellte ſogar ihre ſonſt faſt täglichen Beſuche bei ſeiner Mutter ein, und wenn der Zufall ſie mit ihm zuſammen⸗ führte, war ſie gemeſſen, förmlich, kalt. Er fühlte ſich mit Recht verletzt und ſetzte ihrem Be⸗ nehmen ein gleiches entgegen. Es kränkte ihn tief, ſich gerade von ihr verkannt zu ſehen, obwohl er ſich dies nicht eingeſtehen wollte; aber dieſes Gefühl trat bei ihm bald in den Hintergrund, denn ſein Denken und Empfin— den wurde in anderer Weiſe in Anſpruch genommen. Es kamen Stunden tiefer Schwermuth und dann wieder gro⸗ ßer Unruhe und Aufregung über ihn. Er machte ſich dann Vorwürfe, daß er ſo ſchnell und ohne Vorbehalt dem Grafen ſeine Zuſage gegeben hatte. War er dazu verpflichtet? Hatte er ſich ſo gebunden, daß er einen Plan; den er ſo feſt beſchloſſen, den er ihr nunmehr endlich als beſtimmt ausführbar abermals mitgetheilt hatte, dennoch wieder aufgeben mußte? Und weßhalb? Damit ſie, deren Laune er ſchon einmal zum Spielballe gedient, noch mehr Vermögen erhalte, als ſie ohnehin ſchon beſaß, Güter, auf die ſie ſelbſt keinen Werth zu legen ſchien. Was kümmerte ihn überhaupt noch dieſe Gräfin, und weßhalb war er ſo thö⸗ richt geweſen, ihrem Glücke ein ſolches Opfer zu bringen, ein Opfer, das von ihr gar nicht einmal anerkannt wurde? So und ähnlich waren die Gedanken in ihm in jenen trüben Stunden, wo der Spiegel ſeiner Seele durch die Einflüſterungen unlauterer Leidenſchaften getrübt wurde; ſie gingen vorüber, und das Bewußtſein, ſeine Pflicht er⸗ füllt zu haben, ließ ihn wieder ruhiger und mit ſich zu⸗ friedener werden; aber dieſes reſignirende Gefühl konnte dennoch den Kampf ſeiner Seele nicht zur Ruhe bringen. Seine Gedanken zogen zu Margot. Sie zogen hin und her, verwirrten ſich auf dieſem Wege und ſtrebten vergeblich nach Klarheit, Feſtigkeit und Ruhe. Abermals abſchreiben! Wieder ein Hinderniß, ein ſelbſtgeſchaffenes Hinderniß, für das er keinen anderen Beweggrund anzuführen hatte— als die Pflicht! Würde ſie ihn gelten laſſen? Und wenn ſie es that, konnte er es wünſchen? Gab ſie dann nicht zu, daß eine andere Pflicht für ihn, eine Pflicht gegen ſie nicht beſtehe, wenigſtens nur in ſehr untergeordneter Weiſe? Er würde ſehr unglücklich ſein, wenn ſie dies thäte, und doch ver⸗ langte er es, mußte es verlangen, um ſeine Handlungs⸗ weiſe zu rechtfertigen! Schon zwei Briefe hatte er geſchrieben und wieder vernichtet, endlich den dritten abgeſandt. Nie in ſeinem Leben war für ihn ein Brief ſo ſchwer zu ſchreiben gewe⸗ 59 ſen. Er mußte ſich entſchuldigen und doch ſo Vieles ver⸗ ſchweigen, was er nicht ſagen, nicht vorausſetzen durfte, was er ſo gern geſagt und vorausgeſetzt hätte. Vielleicht legte ſie gar nicht mehr einen ſo großen Werth auf ſein Kommen, als er annahm; keinesfalls durfte er dies als ſutſettinti vorausſetzen, er hatte keine Berechtigung dazu. Dieſe zu erlangen, war der Gipfelpunkt ſeiner Hoffnungen— aber jetzt beſaß er ſie noch nicht. Es war ein ſchwerer Brief. auch ſchwere Briefe müſſen geſchrieben werden, ſo wie manche ſchwere That gethan, manches lange Leiden und Entſagen getragen werden muß, und auch dieſer Brief ward geſchrieben. Es war ihm leichter um das Herz, als er endlich fort war. Es wird ſich ja Alles finden und Alles zu einem Ende kommen, ſagte er ſich; zweifelt ſie an mir— nun, ſo iſt es zu Ende, und das Geſchick, welches mich verhindert, meinen Vorſatz auszuführen, zeigt mir das Thörichte mei⸗ nes Hoffens. Es ſchmerzte ihn auch noch, daß er wahrnahm, wie ſeine Mutter ſich über das abermals eingetretene Hinder⸗ niß ſeiner Reiſe freute, ſo ſehr ſie auch bemüht war, dieſe gufun ung vor ihm zu verbergen. Er ſah darin weni⸗ ger eine mütterliche Zärtlichkeit, als die ſtille Wißbilli⸗ gung ſeines Vorhabens, deſſen Erfolgloſigkeit ſie wahr⸗ ſcheinlich längſt erkannt hatte. Seine Unruhe ſteigerte 60 ſich immer mehr, und er freute ſich, daß die näher rückende Abreiſe des Grafen ſeine geſchäftliche Thätigkeit in ver⸗ doppelter Weiſe in Anſpruch nahm. Er zählte auch die Tage und die Stunden, bis Margot's Antwort eintreffen würde, aber es war ihm ein troſtvoller Gedanke, daß dies erſt nach der Abreiſe des Grafen und Hedwig's geſchehen könne. Je näher dieſer Tag rückte, je mehr ſchienen ſich die Anſichten und Gefühle Hedwig's hinſichtlich Walther's zu ſeinen Gunſten zu verändern. War es der bevorſtehende Abſchied oder die Erkenntniß, daß er vielleicht gerade ihr ein großes Opfer gebracht habe? Sie machte ſich das ſelbſt nicht klar, aber ſie fühlte das Bedürfniß einer Ver⸗ ſtändigung mit ihm, ſchon das Launenhafte ihres Cha⸗ rakters trieb ſie dazu. Aber er wich ihr jetzt aus, hielt ſich ſchweigſam und gemeſſen, wenn ſie mit ihm zuſammentraf. Beide ſchie⸗ nen die Rollen vertauſcht zu haben. Am Abende vor der Abreiſe war ſie lange Zeit bei ſeiner Mutter geweſen; ſie hatte ihren Beſuch abſichtlich verzögert, aber er kam ſehr ſpät nach Hauſe, viel ſpäter als gewöhnlich, und ſeine Mutter ſagte ihm dann, daß ſie hier geweſen, um Abſchied zu nehmen. Es wird morgen dazu immer noch Zeit ſein, wenn ſie einſteigt, erwiederte er; aber auch ſeine Stimmung 61 wurde eine mildere, wie dies immer der Fall iſt, wenn ein ſtolzes Herz ſich vor uns beugt oder demüthigt⸗ Dann kam dieſer Morgen. Die herzliche Weiſe, in welcher ſie zu ihm ſprach, als er es ſo eilig hatte, ſie zu rufen, auch wohl der bevor⸗ ſtehende Abſchied ließ den Schatten ſchwinden, welcher zwiſchen ihnen lag, als ſie ihn darum bat und ihm ihre kleine Hand hinhielt. Zum erſten Male konnte er ihr in dieſem Momente frei, ohne Reue, ohne Nebengedanken, ohne Wunſch in die Augen ſehen, in dieſe leuchtenden, ſchönen Augen, die ſo feſt und innig an den ſeinigen hin⸗ gen. Er fühlte, daß er in ihr eine Freundin beſitze, eine wirkliche und wahre Freundin— nichts mehr und doch ſehr viel! Sie ſagten ſich das beide und erfüllten damit ein Be⸗ dürfniß ihrer Herzen. Er blickte dem enteilenden Wagen noch lange nach, und das Wehen ihres Tuches war ihm wie die Flagge der Hoffnung, welche nicht ſinken zu laſſen ſie ihm noch ſcheidend empfahl. Er ging hinauf in das Schloß und in ihr Zimmer — es war ihm dort, als befinde er ſich in dem Aufent⸗ halte einer für immer Geſchiedenen. Dann raffte er ſich wieder auf und beſorgte ſeine Geſchäfte, wie Du ja be⸗ reits weißt, geneigte Leſerin. Dennoch haben wir es für nothwendig gehalten, mit Dir nochmals dieſelbe Stelle zu derſelben Zeit in Gedanken zu betreten, denn es liegt ein großer Unterſchied in der einfachen Handlungsweiſe eines Menſchen, deren Beweggründe wir nicht kennen, und in dieſem ſelbſt. Nur wenn uns die letzteren klar geworden ſind, vermögen wir ein richtiges Urtheil über ihn zu fällen. Wir haben verſucht, ſie Dir zu ſchildern, wollen aber Deinem weiteren Urtheile über den Helden unſerer Erzählung, deſſen Schwächen wir ebenfalls dar⸗ ſtellen mußten, nicht vorgreifen. Fünftes Capitel. Der Gang unſerer Erzählung beſtimmt uns, Walther ſeinen Erwartungen und Hoffnungen zu überlaſſen, auch den Grafen und Hedwig vorläufig nicht zu begleiten, ſondern zu Margot zurückzukehren, von welcher wir ſo lange Zeit hindurch nur einige briefliche Mittheilungen erhalten haben. Seit wir ſie nicht geſehen, iſt faſt ein Jahr verfloſſen, und ein Jahr verändert Vieles und Man⸗ ches, namentlich im Acußern und Innern eines jungen Mädchens. Ueber Margot war dieſe Zeit jedoch ohne ſicht⸗ liche Veränderung hinweggezogen; ſie war entwickelter, das heißt ſchöner geworden, aber ihre dunkeln, ſanften Augen blickten noch ganz mit demſelben kindlichen Aus⸗ drucke wie ſonſt, und Walther, wenm er ſeine einſtmalige Schülerin, welche er jetzt in anderthalb Jahr nicht geſehen hatte, mit dem vor ſeiner Phantaſie ſchwebenden Bilde hätte vergleichen können, würde gefunden haben, daß ſie noch etwas gewachſen, ihre Geſtalt höher und entwickelter, aber deßhalb nur um ſo lieblicher geworden ſei. Sie hatte vor Kurzem ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert und war daher in dasjenige Alter getreten, in welchem man nicht mit Unrecht die Jungfrau mit einer halberblüh⸗ ten Roſenknospe vergleicht, weil die Roſe in dieſer Phaſe ihres kurzen Blüthenlebens die Zartheit der Knospe mit der Schönheit der Blume vereint. Worin liegt die Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Mädchen und Blumen, eine Aehnlichkeit, die ſo groß iſt, daß die Dichter immer wieder darauf zu⸗ 1 rückkommen? Es iſt nicht allein die Schönheit beider und die Entwicklung dieſer Schönheit, welche wie mit einem Zauber aus der unſcheinbaren, zarten Knospe ent⸗ ſteht, die zu dieſem Vergleiche Anlaß giebt, ſondern auch die kurze Blüthezeit der Blume und des Weibes, der ver⸗ ſchiedene, verſchämte, beſcheidene, verlockende oder prah⸗ lende Charakter, welcher darin zur Anſchauungkommt; nicht weniger ihre weitere Beſtimmung, denjenigen, der ſie hegt und yflegt bis zu ihrem Sterben, zu lieben, zu beglücken und zu tröſten, oder einſam zu verwelken, oder, von rauher, ſelbſt⸗ ſüchtiger und unreiner Hand früh entblättert, nach kurzem Rauſche zu vergehen. Dies alles und noch vieles Andere iſt es, was zu jenem ſo oft gebrauchten Bilde Veran⸗ laſſung giebt, zu einem Bilde, welches in uns ſtets ein ſchwermüthiges Empfinden hervorruft, weil es uns daran erinnert, daß gerade die ſchönſten, lieblichſten und duf⸗ — 65 tigſten Schöpfungen der Ratur am ſchnellſten dem Ver⸗ gehen und der Zerſtörung anheimfallen müſſen.— Mar⸗ got war, wie geſagt, achtzehn Jahre alt geworden, und wir wollen uns nicht bemühen, ſie weiter zu beſchreiben oder ſie mit irgend einer Blume zu vergleichen, es wird dies nicht nöthig ſein, da Du ſie ja kennſt, geneigte Leſerin, und Dir ſelbſt ein vollſtändiges Bild von ihr machen kannſt, obgleich Du eine Zeit lang nicht mit ihr umgegangen biſt. Die Anweſenheit ihres Bruders, den ſie ſo ſehr liebte, war und blieb für ſie ein großes Glück, denn auch er hing an ihr mit einer hingebenden Zärtlichkeit, und beide ſchienen bemüht, in den Aeußerungen ihrer gegenſeitigen Zuneigung einen Erſatz zu finden für die lange Zeit der Trennung, welche das Geſchick ihnen auferlegt hatte. Die Sorge um ihre nächſte Zukunft begann von ihr zu weichen, und ſie wurde wieder heiterer und froher, ohne einen Anflug von Schwermuth beſeitigen zu können, der jedoch zu ihrem ganzen Weſen paßte und ſie nur um ſo reizender machte. Sie fühlte ſich ſicher unter ſeinem Schutze, das Bild des Herzogs, welches ihre Gedanken im Wachen und Schlafen beunruhigt und erſchreckt hatte, begann zu er⸗ blaſſen, denn ſie erkannte, daß ſie von ihm nichts mehr zu befürchten hatte. Raoul war bei ihr, Ravul würde ſie ſchützen. So lebte ſie eine Zeit lang weiter im Um⸗ T.. 5 gange mit ihrem Bruder, unbeläſtigt von den Planen ihrer Mutter und des Herzogs— bis zu dem Tage, wo der Zufall ſie mit Wehring zuſammenführte. Als ſie ihn ſo ganz unerwartet ſah, ihn wieder erkannte, aber, immer noch einer Täuſchung Raum gebend, ihren Augen nicht trauen wollte, und ſie ſich dann überzeugt hatte, daß er es wirklich ſei, brach ſie, unbekümmert um ihre Umgebung, in einen Jubelruf, faſt in einen Schrei der Freude aus und ſprang aus dem Wagen, noch ehe die Pferde zum Halten gebracht werden konnten. Sie ſtürzte auf ihn zu, umarmte und küßte ihn vor all den gaffenden Menſchen, und erſt nach einiger Zeit gelang es Raoul, ſie und Weh⸗ ring durch die angeſammelte Menge in den Wagen zurück⸗ zubringen, welcher ſie im raſchen Trabe der unberufenen Reugierde entzog. 6 Nun war des Fragens und des Antwortens kein Ende. Wehring verlor bald ſeine zuerſt gemeſſene und verlegene Haltung, als er erfuhr, daß ſie ſeine Briefe gar nicht erhalten, mehrmals ſelbſt geſchrieben und von den Briefe ihres Vaters keine Kenntniß beſaß. Man hatte ſie getäuſcht, abſichtlich getäuſcht, das erkannte ſie jetzt, und in dieſer Er⸗ kenntniß lag ein großes, unverhofftes Glück, denn ſie war ja nicht von denen vergeſſen worden, an denen ihr Herz hing, die ſie ſo ſehr liebte. Jener Schmerz, daß, weil ſie nicht geſchrieben, ſie ihrer nicht mehr in der alten Weiſe ge⸗ 67 denken könne, war eben ſo groß geweſen, als ihr eigener. O, wie glücklich machte ſie dieſes Bewußtſein! Sie ver⸗ gaß und vergab in dem Gefühle dieſes neu erſtandenen Glückes Allen, welche ihr dieſen Schmerz, dieſen Kummer bereitet hatten; es war ja vorüber, ſie beſaß diejenigen wieder, welche zu lieben ſie nie aufgehört hatte und wußte und erfuhr es, daß auch ſie immer noch mit der alten Liebe und Zärtlichkeit ihrer gedachten, immer, wenn auch in ſchmerzlicher Reſignation, ihrer gedacht hatten. Schüchtern und befangen erkundigte ſie ſich nach Wal⸗ ther, und ihr Herz zog ſich zum erſten Male krampfhaft und voll Bitterkeit zuſammen, als ſie erfuhr, daß er in der Stunde ihrer Abreiſe in der Fichtenau geweſen, und ſie ihn nicht mehr geſehen und geſprochen habe, daß er ihr geſchrieben und auch dieſer Brief nicht in ihre Hände gekommen ſei. Selbſt das freudige und beglückende Ge⸗ fühl, daß auch dieſes Mißverſtändniß ſich jetzt aufklären, ſie ihm wieder ſchreiben und ſeine Antwort beſtimmt er⸗ halten werde, vermochte die bittere Empfindung gegen die Urheberin dieſes ihr bereiteten Kummers nicht zu ver⸗ drängen. Wehring nahm zuerſt mit einigem Widerſtreben, dann aber, als ſein klarer Blick die Sachlage vollſtändig er⸗ kannt hatte, mit einer Art trotziger Herausforderung die Einladung der Geſchwiſter an und übte, als er dann im 68 Hauſe der Marquiſe erſchien, durch ſein unverändertes Weſen gegen Margot eine ihm wohlthuende Genugthuung. Die Marquiſe war klug genug, einzuſehen, daß ihr urſprünglicher Plan vereitelt ſei, und machte gute Miene zum böſen Spiele. Sie bedauerte gleichfalls das Ab⸗ handenkommen der Briefe, welches ſie auf die unſicheren Poſtverbindungen ſchob, und ſprach ihre Freude aus, daß der Zufall dieſes Mißverſtändniß nun aufgeklärt und die Beſorgniſſe Margot's, von ihren alten Freunden ver⸗ geſſen zu ſein, beſeitigt habe. Es glaubte ihr Niemand, weder Wehring, noch Mar⸗ got oder Ravul; der Marquis aber konnte ſeine Ver⸗ legenheit nur ſchlecht verbergen und bemühte ſich, durch ein zuvorkommendes und ſelbſt herzliches Benehmen gegen Weh⸗ ring dieſem zu beweiſen, daß er ſelbſt an dem geſpielten Betruge unbetheiligt ſei. Dieſer ließ ſich zwar auch da⸗ durch nicht abermals täuſchen, aber er fühlte eine gewiſſe Zuneigung zu dem gutmüthigen, ſchwachen Manne, von dem er überzeugt war, daß er Margot's Glück ernſtlich wolle. Um ſo förmlicher blieb er gegen die Marquiſe, gegen welche er eine inſtinetive Abneigung empfand. Ihre Freundlichkeit, welche immer mehr oder weniger den Cha⸗ rakter der Herablaſſung trug, berührte ihn geradezu un⸗ angenehm; er betrachtete ſie als ſeine Feindin und ver⸗ kehrte überhaupt nurmit ihr, weil ſie Margot's Mutter war. 69 „ So wenig er es ſich auch eingeſtehen mochte, er fühlte ſich doch ſo innerlich beglückt, wie er es lange nicht ge⸗ weſen war, als er am Abende jenes Tages, an welchem er Margot wiedergefunden hatte, ſpät in der Nacht in ſeine Wohnung zurückkehrte. Obgleich er nur ſelten und wenig davon geſprochen, wie dies überhaupt ſeine Artwar, ſo hatte es ihn doch tief und nachhaltig geſchmerzt, daß Margot ihn und ſeine Frau ſo leicht hatte vergeſſen können, daß es nichts weiter bedurft hatte als einer Trennung, als eines Losreißens aus den bisherigen und eines Ver⸗ ſetzens in neue, angenehmere Verhaͤltniſſe, um diAnhäng⸗ lichkeit und Liebe in ihrem Herzen zu ertödten. Wie Unrecht hatte er ihr gethan! Er fühlte und er⸗ kannte dies jetzt und machte ſich ſelbſt Vorwürfe darüber, daß er ſo kurzſichtig geweſen, ſo wenig Vertrauen zu ihr gehabt habe, zu ihr, die, wie er ſich geſtehen mußte, er noch immer wie eine Tochter liebte. Es war ſchlecht von mir, ſprach er vor ſich hin, wäh⸗ rend er in gewohnter Weiſe in dem beſchränkten Raume des Zimmers auf und ab ſchritt; aber wer hätte auch eine ſolche NRiedrigkeit vorausſetzen können, und noch dazu von der eigenen Mutter? Wenn ich dieſe Frau vor⸗ her gekannt hätte, würde ich anders gedacht haben, denn ich halte ſie noch zu weit Schlimmerem fähig. Der Teufel des Stolzes und des Hochmuthes beherrſcht ſie, und ihre Tochter iſt ihr nichts als ein Mittel zum Zwecke. Sulbſt die Geſchichte mit dem alten Viorne und ſeiner angeblichn Flucht deckt noch ein Geheimniß, denn die ganze Fabelei, welche man jetzt zum Beſten giebt, iſt ſicherlich auch nichts als eine Lüge, obgleich ich noch nicht begreifen kann, was man eigentlich beabſichtigt hat.— Es iſt recht ſchade, daß Alles nicht ein Jahr ſpäter gekommen— ſie wäre dann wahrſcheinlich ſeine Frau geweſen und die ſtolze Marquiſe hätte das Nachſehen gehabt.— Heute, fuhr er nach einiger Zeit fort, heute iſt es mir recht klar geworden, daß ſie ihn geliebt hat, noch immer liebt und mit ihm glücklich geworden wärt— gwiß glücklicher, als mit irgend einem Manne, den ihr ihre Mutter ausſucht. Und er? Ach, er muß ſehr viel gelitten haben, denn wenn ich noch an jene Stunde denke, wo— doch das iſt nun ein⸗ mal nicht mehr zu ändern, und ich hätte ihn vielleicht damals nicht gehen laſſen ſollen, es würde ſich für ihn und ſie immer etwas Anderes gefunden haben— er konnte ja mit in mein Geſchäft treten, mein Nachfolger werden, ich hätte dann doch auch gewußt, wer die Feuer fortunter⸗ halten würde, die ich angezündet, wenn ich mein Auge geſchloſſen habe. So ungrfähr dachte ich mirs auch ich wollte nur erſt ſehen, erſt prüfen— jeder Menſch han⸗ delt nach ſeiner beſten Ueberzeugung, die er für richtig und gut erkannt hat, und das habe ich auch gethan. Es iſt kindiſch, mir deßhalb Vorwürfe machen zu wollen, kein Menſch kann kommende Ereigniſſe vorausſehen, und die wohlüberlegteſten Plane zerſtört der Hauch eines Win⸗ des!— Jetzt ſind ſie weit von einander, ſehr weit, und es iſt weniger der Raum, welcher zwiſchen ihnen liegt, als die durch die Verhältniſſe gezogene Kluft, welche ſie trennt. Aber das ſieht ſich auch vielleicht Alles ſchlim⸗ mer an, als es in Wirklichkeit iſt. Dieſes ſtolze und eingebildete Weib iſt kein unüberſteigliches Hinderniß. Wenn beide ſich wahrhaft lieben, wer könnte ſie daran hindern, ſich zu heirathen? Der Bruder würde auf ihrer Seite ſtehen und der Vater iſt ein gutmüthiger, ſchwacher Menſch. Einen Herzog hat ſie ſeinetwegen bereits ausgeſchlagen, und noch dazu zu einer Zeit, als ſie annahm, daß.... Doch was bin ich für ein Narr, lachte er plötzlich auf— ich bekümmere mich wirklich um Dinge, die mich doch eigentlich gar nichts mehr an⸗ gehen, und verfalle in den entgegengeſetzten Fehler! Als er am anderen Tage Margot wiederſah, beſeitigte ſie ſelbſt ſeine etwaigen Zweifel, denn ſie bat ihn, in der Vorausſetzung, daß er der Mutter, wie ſie immer noch die Frau Wehring nannte, und Herrn Rohneck ſchreiben würde, einen Brief von ihr einzulegen, und übergab ihm beide bereits geſchriebene Briefe. Der Brief an die Frau Wehring war ſehr lang und offen, der an Walther ſchien nur kurz, wovon er ſich je⸗ doch nicht vergewiſſern konnte, da derſelbe verſiegelt war. Die Zeit ſeines Aufenthaltes in Paris ging zu Ende und er reiſ'te ab, nachdem man ſich vorher gelobt, recht oft zu ſchreiben, und die Verabredung getroffen hatte, die Briefe an Ravul zu adreſſiren, womit dieſer ſich ohne Zögerung einverſtanden erklärte. Margot, obgleich von dem Abſchiede ſchmetzlich be⸗ wegt, wurde doch bald wieder heiterer, als bisher, denn ſie konnte wieder in der alten Weiſe an diejenigen denken, deren Andenken ihr bisher ſo ſchmerzvoll geweſen war— ach, ſie konnte noch weit mehr— ſie hoffte wieder auf einen Brief von ihm und zählte die Stunden bis zur Erfüllung dieſer Hoffnung! Am meiſten war die Marquiſe über dieſes ganz un⸗ erwartete Ereigniß erboſ't. Es ſchien, als ob immer un⸗ berechenbare Zwiſchenfälle ihre ſo wohl erwogenen Plane zerſtören ſollten. Als ſie ſich nahe daran glaubte, den Widerſtand Margot's gegen die beabſichtigte Heirath mit dem Herzoge von Villervi zu beugen, obgleich ſie ſich da⸗ bei einer großen Täuſchung hingab, kehrte ihr Sohn zu⸗ rück, und Margot fand an ihm eine unerwartete Stütze. Das Glück, welches ihr das Wiedererſcheinen dieſes als todt beweinten Sohnes brachte und welches ſie deß⸗ halb auch wirklich empfand, wurde gemindert und beein⸗ trächtigt durch die feindſelige Stellung, welche er ihr gegen⸗ über zu Gunſten Margot's einnahm. Weßhalb mußte das ſein? Weßhalb ſchlug ſich nicht der Sohn dem ſie ſo Vieles geopfert, auf ihre Seite und wandte ſeinen Einfluß an, um die halsſtarrige und eigenſinnige Schwe⸗ ſter ihren Wünſchen geneigt zu machen? Ein Verſuch, ihn dazu zu bewegen, ſcheiterte ſo voll⸗ ſtändig, daß ſie jeden ferneren aufgab und das Weitere der Zukunft überließ. Sie hatte die große Genugthuung, von dem Herzoge zu hören, daß er keineswegs geſonnen ſei, ungeachtet der veränderten Vermögensverhältniſſe und ungeachtet der erhaltenen Zurückweiſung, ſeine Bewer⸗ bungen um Margot aufzugeben; ſie vermochte dieſen ſchwärmeriſchen Zug zwar mit ſeinem ſonſtigen Charakter nicht recht in Einklang zu bringen und wurde an ihrer eigenen Menſchenkenntniß irre— ſie freute ſich jedoch dieſes Irrthums, in welchem ſie befangen geweſen, und hoffte das Weitere von der Zeit. Margot würde die Redlichkeit ſeiner Abſichten, die Treue ſeiner Zuneigung zu würdigen beginnen und ſich fügen, beſonders wenn Raoul erſt Paris wieder verlaſſen, was doch auch binnen Kurzem geſchehen mußte. Da erſchien mit Einem Male dieſer Eiſenfabrikant aus Deutſchland und zerſtörte das mühſam aufgerichtete Gebäude wieder. In dem Herzen Margot's lebten alle die alten Erinnerungen wieder auf, welche daraus zu ent⸗ fernen ſie ſelbſt ſchlechte Mittel nicht geſcheut hatte. Sie wußte auch, daß ein brieflicher Verkehr eingeleitet ſei, und mußte auch dazu ſchweigen, um ihre bisherige Hand⸗ lungsweiſe nicht noch klarer und offener zu machen, als ſie ohnehin ſchon geworden war. Die ſanfte, elegiſche Heiterkeit, in welcher ſich Mar⸗ got, ſehr verſchieden von ihrem bisherigen Weſen, ſeit der Abreiſe Wehring's unausgeſetzt befand, der noch innigere Verkehr mit Ravul belehrte ſie, daß ſie wieder Hoffnungen hege, welche von ihr vor Allem gefürchtet wurden. Dieſe Hoffnungen ſchienen ſich verwirklichen zu ſollen, denn Walther's Antwort, die ungewöhnlich ſchnell ein⸗ traf, verkündete ſein baldiges perſönliches Erſcheinen. Margot war viel zu glücklich, als daß ſie bei ihrem offenen Charakter dies hätte verſchweigen können; ſie theilte es zuerſt ihrem Bruder mit. Sein Auge ruhte voll Theilnahme und Beſorgniß auf dem ihrigen, über welches ſich die langen Wimpern wie zum Schutze geſenkt hatten, als ſie mit etwas un⸗ ſicherer Stimme zu ihm redete. Es war ihm längſt klar geworden, daß ſie dieſen Mann, wenn auch ohne es ſich ſelbſt zu geſtehen, geliebt habe, und er erkannte jetzt, daß ſie ihn noch liebe. Zum erſten Male ſtiegen Beſorgniſſe in ihm darüber auf, ob er auch recht gehandelt habe, in⸗ dem erſich gleichſam zum Vertrauten und Beförderer dieſes Verhältniſſes hergegeben, denn Margot konnte dadurch ſehr unglücklich werden. Die Zuneigung ihres damals unerfahrenen, noch ganz kindlichen Herzens kettete ſie an ihn— wie leicht und unverdient entſtehen ſolche Rei⸗ gungen in der Seele eines jungen Mädchens! Ravul hatte dieſen Mann nur ein einziges Mal unter ſehr eigenthümlichen Verhältniſſen geſehen, ſeinem Be⸗ nehmen und ſeinem ganzen Weſen damals ſeine Aner⸗ kennung gezollt, auch knüpfte ihn an denſelben die Dank⸗ barkeit, da er Margot einſt aus großer Gefahr, mit Auf⸗ opferung ſeines eigenen Lebens, gerettet— doch das Alles war an ſich ſehr wenig, in den Augen eines Soldaten ſehr wenig, eine That, die am Ende Jeder gethan haben würde, der in einem wilden Dorfgefechte ein junges Mäd⸗ chen ſchutzlos angetroffen hätte— das ſind die Wechſel⸗ fälle des Krieges, die Abenteuer des Soldaten, nichts mehr und nichts weniger, ein Spiel, eine Gunſt des Zufalles, von ihrem unentwickelten, mißverſtandenen Ge⸗ fühle vielleicht ganz anders aufgefaßt! War dieſer Mann wirklich des Beſitzes ſeiner Schwe⸗ ſter, die er ſelbſt ſo ſehr liebte, werth? Wehring hatte von ihm mit großer Achtung geſprochen, und darin lag — —— eine Garantie; aber wenn dies auch der Fall war, wäre es für Margot doch nicht beſſer geweſen, ihn zu vergeſſen, als ſich Hoffnungen hinzugeben, deren Verwirklichung ſo große Hinderniſſe entgegenſtanden? Dieſer letzteren und ernſten Erwägung konnte er ſich nicht verſchließen. Ein in weiter Ferne, in einem nach franzöſiſcher Auffaſſung barbariſchen Lande wohnender, in untergeordneten, die⸗ nenden Verhältniſſen lebender Mann— ſollte er ſeine einzige, geliebte Schweſter gegen den Willen ſeiner Eltern mit ſich fortnehmen und in ſeine eigene, niedere Sphäre hinabziehen? Konnte er das wünſchen? Oder ſollten ſie in leidender Reſignation ihre Jugend vertrauern, bis vielleicht durch den Tod der Eltern die Hinderniſſe beſeitigt würden— war das zu erreichende Ziel dann wirklich noch ſo begehrungswerth? Solche und ähnliche Erwägung hatte ſeine Seele er⸗ füllt und beunruhigt, noch ehe Walther's Brief eingetroffen war, aber die Liebe zu ſeiner Schweſter ihn auch verhin⸗ dert, ihr ſeine Gedanken mitzutheilen. Er wußte, daß er ihr dadurch Schmerz bereiten würde, und er fand es für angemeſſener und leichter, zu ſchweigen, indem er ſich ſagte, daß Zeit und Umſtände vielleicht Alles ändern und zum Beſten führen würden. Es iſt bei ihr doch wohl weiter nichts, als eine kin⸗ diſche Mädchenſchwärmerei, ſagte er ſich, hervorgebracht durch das Gefühl der Dankbarkeit und genährt durch Er⸗ innerungen, welche vielleicht längſt erblaßt wären, wenn man nicht bemüht geweſen, ſie durch falſche Mittel zu er⸗ halten. Von ihm wiſſen wir weiter gar nichts, als daß er nach der Fichtenau zurückgekehrt und ſehr unglücklich geweſen iſt, Margot nicht mehr anzutreffen, welches Alles dieſer Herr Wehring mit einer beſonders großen Umſtänd⸗ lichkeit zu erzählen bemüht war. Ich finde das ſehr na⸗ türlich, aber als vernünftiger Mann wird er ſich jetzt wahr⸗ ſcheinlich ſelbſt geſagt haben, daß dieſe Jugendſchwärmerei damit ihr vollſtändiges Ende erreicht habe, daß Margot in Verhältniſſe gekommen ſei, die außerhalb ſeiner Wünſche und damaligen Hoffnungen liegen. So muß er denken, wenn er kein Thor, und danach muß er handeln, wenn er ein redlicher und ehrenwerther Mann iſt, was er ſein ſoll.— Ach, ich mache mir eigentlich recht unnöthige Sorgen, fuhr er, ſich ſelbſt beruhigend, fort, er hat viel⸗ leicht längſt ſchon eine andere Wahl getroffen, anderthalb Jahr iſt eine lange Zeit— laß ſie in Gottes Namen noch einige Briefe mit einander wechſeln, ſie werden beide bald kein Bedürfniß mehr fühlen, einen Briefwechſel fortzu⸗ ſetzen, welcher nichts aufzuweiſen hat als Erinnerungen, die mit der Gegenwart nicht mehr in Harmonie ſtehen. Sie werden ſich ſelbſt bald nichts mehr ſein, als eine Er⸗ innerung, die man wohl noch aus einer Art von Pflicht⸗ gefühl bewahrt, aber nicht neu zu beleben das Bedürfniß fühlt. Nit ſolchen und ähnlichen Gedanken hatte Raouk ſeine Bedenken beſeitigt und deßhalb ſein Benehmen gegen Wargot nicht verändert— dann kam die Stunde, wo ſie ihm Walther's Brief übergab. Sechſtes Capitel. Er war nicht lang, dieſer Brief— aber Raoul er⸗ kannte doch aus dem Inhalte, daß er ſich in ſeinen Vor⸗ ausſetzungen vollſtändig geirrt habe. „Noch hat ſich die Aufregung meiner Gefühle nicht gelegt,“ ſo ſchrieb er,„ die mich ergriffen, als ich Ihre mir ſo wohlbekannten, ſo lange vermißten, theuren Schriftzüge wieder vor mir ſah! Ich ſollte noch nicht antworten, warten, bis ich ruhiger geworden— aber es möchte vielleicht vergebens ſein. Ich will es nicht ver⸗ ſuchen, Ihnen zu ſagen, was ich gelitten, als ich anfing, das Vertrauen zu Ihnen zu verlieren— es war eine böſe, traurige Zeit, aber ſie iſt vorüber. Ich fühle mich tief beſchämt, denn Sie waren ſo viel, viel beſſer, als ich, und doch macht mich auch dieſes Bewußtſein glücklich, denn ſo iſt es ja immer geweſen.— Ich habe Ihre Vor⸗ würfe verdient, aber dieſe verdienten Vorwürfe beglücken mich, denn ich ſehe daraus, daß Sie wie ſonſt meiner ge⸗ 80 denken.— Vergönnen Sie mir, Sie noch einmal wieder⸗ zuſehen. Das Geſchick hat es nicht gewollt, als ich Sie dort aufſuchte, wo wir ſo glückliche Stunden verlebten, aber ich muß Sie dennoch wiederſehen; auch wenn Sie es nicht wünſchen, werde ich es thun, ohne daß Sie es wiſſen.— Ich komme nach Paris! Wenige Wochen, nachdem dieſer Brief von Ihren Händen gehalten wird, bin ich dort— ich ſchreibe vorher noch einmal. Jetzt aber laſſen Sie mich aufhören— ich könnte Bogen mit demjenigen anfüllen, was ich Ihnen ſagen, was ich Sie fragen, worüber ich mit Ihnen reden möchte, und es würde immer noch etwas fehlen— darumAlles, bis wir uns wiederſehen. Wie aber auch Ihre Entſcheidung aus⸗ fallen möge, ich bleibe unverändert Ihr treu ergebener Walther Rohneck.“ Sie ſah mit einem ſchüchternen, fragenden Blicke zu ihrem Bruder auf, als er ſchweigend das kleine Blatt zuſammenfaltete und es noch immer unſchlüſſig in der Hand hielt. Wie freue ich mich, ſagte ſie dann mit glänzenden Augen, daß ich nie an ihm gezweifelt habe, ich hätte alles Vertrauen zu den Menſchen verlieren müſſen. Er ſchreibt in einer ſehr aufgeregten Stimmung, er⸗ wiederte er, und es wäre vielleicht beſſer geweſen, wenn er nicht ſo eilig geantwortet hätte. 81 Beſſer? fragte ſie, ihren Bruder verwundert anſehend, beſſer? Da er wußte, wie ſehr es mich beunruhigte? Nein, das wäre ſehr unrecht von ihm geweſen— würdeſt du es an ſeiner Stelle gethan haben? An ſeiner Stelle?— Ich kann mich wirklich nicht vollſtändig in ſeine Lage verſetzen und daher deine Frage nicht beantworten. Sein Brief war unbeantwortet geblieben, er hatte nichts, gar nichts mehr von mir erfahren, nachdem ich aufgehört hatte, diejenige zu ſein, die ich war, als wir zuſammen lebten— ich erſchien ihm als eine Undank⸗ bare, o, weit mehr als eine Undankbare— und er ſollte noch zögern, mir zu ſagen, daß dieſer böſe Zweifel von ihm genommen ſei? Das könnteſt du billigen, du, der du mich ſo ſehr liebſt? Aber was willſt du nun thun? Willſt du ihm wieder antworten? Ob ich ihm wieder antworten werde? fragte ſie ver⸗ wundert— muß ich' ihm nicht ſchreiben, wie unendlich ich mich darauf freue, ihn wiederzuſchen?— Ach, ich kann es dir gar nicht ſagen, wie groß meine Freude iſt — die größte meines Lebens— diejenige ausgenommen, ſetzte ſie zärtlich hinzu, indem ſie ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlang, als ich dich, dich, den als todt beweinten Bruder, wieder an mein Herz drücken konnte! Ach, du I. 6 82 warſt todt, todt für mich, du, mein lieber Herzens⸗Raoul, und dann, als ich dich mit langem, tiefem Schmerze be⸗ weinte, da kommſt du mit Einem Male zurück— lebend und mit der alten Liebe für deine Schweſter!— Er war auch für mich todt, denn wenn er auch noch lebte, ich hatte ihn zu den Todten gelegt, und das iſt noch weit, weit ſchmerzvoller, als um einen wirklich Todten zu wei⸗ nen! Nun iſt auch er wieder zum Leben erſtanden, fuhr ſie mit leuchtenden Augen fort— ich kann wieder an ihn denken, wie ſonſt, ſein Bild iſt nicht mehr getrübt von Zweifel und Mißverſtehen— und ich werde ihn wiederſehen! Er will hieher kommen, will die weite, weite Reiſe unternehmen, um, wenn auch vielleicht nur für eine kurze Zeit, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu, wieder mit mir vereint zu ſein— wie ſonſt! Wie ſonſt? fragte Ravul, der jetzt keinen Zweifel mehr darüber hatte, daß ſie ihn noch liebe— bedenkſt du auch, Margot, daß ſich Vieles, Vieles geändert hat? Aeußerlich— o, nur äußerlich, Raoul; im Innern iſt es geblieben, wie es war, ganz wie es war, bei mir wenigſtens— und auch bei ihm, denke ich, ſetzte ſie leiſer hinzu, denn ſonſt würde er nicht ſo ſchreiben und nicht herkommen, nur um mich darüber zu vergewiſſern! So ſchreibe denn, liebe Margot, ſagte er, da er es nicht über ſich vermochte, in den Becher der Freude, den ſie ſo voll Entzücken an ihre Lippen ſetzte, auch nur einen Tropfen Wermuth zu träufeln— ſchreibe ihm, daß du dich freuteſt, ihn wiederzuſehen, aber bedenke, indem du ſchreibſt, daß du in der Zeit, in welcher ihr getrennt ge⸗ lebt habt, viel älter geworden biſt und das Verhältniß der Schülerin zum Lehrer längſt ſein Ende erreicht hat.— Sie antwortete. Es waren nur wenige Zeilen, nur der Ausdruck der wahrſten und aufrichtigſten Freude dar⸗ über, daß ſie ihn wiederſehen würde. Auch ſie hätte gern noch Vieles geſchrieben, aber ſie verſagte es ſich— Raoul's letzte Bemerkung war nicht ohne Wirkung geblieben. Ihre Stimmung aber wurde mit jedem Tage erregter, denn die Verwirklichung ihrer Hoffnungen rückte ja immer näher. Da brachte Raoul Walther's zweiten Brief— ſie fand nicht die Zeit, ihm zu danken; raſch, mit beben⸗ der Hand öffnete ſie ihn— aber der Ausdruck der Freude auf ihrem Geſichte verſchwand und verwandelte ſich in den einer ſchmerzvoll getäuſchten Erwartung. Nun, fragte Raoul, du biſt ja ſo ſchweigſam, Mar⸗ got? Iſt der Inhalt des Briefes kein angenehmer? Er muß ſeine Reiſe noch verſchieben, erwiederte ſie, vergeblich bemüht, die Stimmung ihres Herzens vor ihm zu verbergen— der Graf iſt plötzlich gefährlich erkrankt, und er kann jetzt Wallfort nicht verlaſſen! Ravul ſchwieg eine kurze Zeit, in der Annahme, ſie 6* werde ihm, wie bisher, den Brief zum Leſen geben; als ſie ihn aber langſam zuſammenfaltete und ſich dann plötz⸗ lich umwandte, anſcheinend, um den Brief auf ihren Näh⸗ tiſch zu legen, in Wahrheit aber, wie Ravul wohl er⸗ kannte, um ihre ſchmerzliche Erregung vor ihm zu verber⸗ gen, vielleicht ſogar eine verrätheriſche Thräne— da durchzuckte auch ihn das quabvolle Gefühl, daß ſie, die er von allen Menſchen a f der Welt am meiſten liebte, viel⸗ leicht ſehr unglücklich werden könne. Leiſe trat er zu ihr heran, indem er zuerſt ihre her⸗ abgeſunkene Hand ergriff und ſie dann umſchlang und an ſich zog. Sie legte ihren Kopf an ſeine Bruſt, ſo daß er ihr Geſicht nicht ſehen konnte, aber er fühlte und wußte, daß ſie ihre Thränen vor ihm verbarg. Sei nicht traurig, meine liebe Margot, flüſterte er mit dem leiſen, beruhigenden Tone der innigſten Zunei⸗ gung, jeder Menſch muß den Verhältniſſen Rechnung tra⸗ gen. Wenn morgen die Ordre kommt, ſo muß ich fort, ſo ſehr es mich auch betrüben würde— das iſt einmal nicht anders.— Es iſt ja nicht ſeine Schuld, fuhr er tröſtend fort, als ſie immer noch in ihrer Stellung ſchwei⸗ gend verharrte, daß er jetzt nicht kommt; er kann es nicht, wie ich nach deinen Worten annehme, die Verhältniſſe zwingen ihn dazu. Nein, es iſt nicht ſeine Schuld, ſagte ſie mit einem 85 plötzlich freudigen Aufblicke ihrer ſchönen, kindlichen Augen, an deren langen Wimpern die Thautropfen der Thränen perlten— du haſt Recht, lieber Bruder, wie konnte ich ſo thöricht ſein? Er kann jetzt nicht kommen, es iſt nicht möglich, und wenn ich mich auch ſehr darauf gefreut habe— es läßt ſich doch nicht ändern, ſetzte ſie wieder traurig hinzu. Sie reichte ihm jetzt den Brief, den er langſamer las, als dies ſonſt der Fall geweſen ſein würde, weniger, um ſeinen Inhalt zu erfahren, den er ja bereits kannte, als aus der Art und Weiſe, wie er ſchrieb, ſein Sn und ſeine Abſichten zu erforſchen. Seine Reiſe wird eine Zögerung erleiden, ſi er dann— das iſt Alles, denn er wiederholt ja, daß er, ſobald der Graf auf der Beſſerung ſei, ſie antreten würde — du haſt keine Urſache, darüber ſo traurig zu ſein. Seine Verhältniſſe ſcheinen ihm große Feſſeln anzulegen, und es wäre zu wünſchen, daß er ſich in einer weniger abhängigen Stellung befände, ſagte er langſam. In einer weniger abhängigen Stellung? fragte ſie verwundert— ſagteſt du nicht ſelbſt, jeder Menſch ſei von den Verhältniſſen abhängig? Kann er es ändern, daß der Graf gerade jetzt erkranken mußte? Das nicht, erwiederte er ausweichend, aber wenn er unabhängig daſtände, wenn er ſein eigener Herr wäre, 60 86 würde er nach der Krankheit eines Andern nichts zu fra⸗ gen haben. Ich weiß nicht, was du für Unterſchiede ziehſt? Er iſt der General⸗Bevollmächtigte eines reichen Grafen, von dem er Urlaub nehmen muß, wenn er reiſen will: du biſt Offizier des Kaiſers und bedarfſt des Urlaubes für jeden Tag, für jede Stunde. Man ſchickt dich hin, wohin man will, nach Laune und Willkür, bald nach Spanien, bald nach Oeſterreich oder Preußen, vielleicht ſogar nach Ruß⸗ land, wenn man es beliebt— iſt das nicht bei Weitem ſchlimmer? Wie du es nehmen willſt, es iſt einmal der Beruf des Soldaten, erwiederte er mit Selbſtgefühl, der Wille des Kaiſers iſt mein Gebot und Geſetz— aber es beſteht denn doch ein großer Unterſchied zwiſchen dem Willen des Kaiſers und demjenigen eines obſcuren Grafen. Weßhalb ſagſt du das, Raoul? fragte ſie, indem ſie ihn forſchend anſah— er war, was du noch biſt, Offi⸗ zier— und hat ſich ſeines jetzigen Standes wahrlich nicht zu ſchämen.— Ehe wir Margot's Ergehen bis zu dem Zeitabſchnitte fortführen, an welchem ſie Walthers letzten Abſagebrief ielt und beantwortete, ſind wir genöthigt, uns auch ir den anderen Perſonen unſerer Geſchichte zu beſchäf⸗ — 87 tigen, welche wir längere Zeit ganz aus den Augen ver⸗ loren haben. Der Herzog von Villervi war nach der Unterredung mit Ravul nur ſelten in das Haus des Marquis gekom⸗ men, faſt immer nur auf eine vorher an ihn ergangene Einladung; in der letzten Zeit hatte er ſelbſt mehre derſelben unter ziemlich unbedeutenden Entſchuldigungen unberückſichtigt gelaſſen. Sein Benehmen gegen Margot, wenn er mit ihr zuſammengekommen, war fürmlich, höf⸗ lich, jede abſichtliche und beziehungsvolle Annäherung vermeidend. Sie hatte ihn ſcheinbar ganz unbeachtet gelaſſen, zuerſt, weil ſie eine Art von Furcht oder Bangigkeit in ſeiner Gegenwart empfand, dann aber, als ſie durch ſein eigenes zurückhaltendes Benehmen ſicherer wurde, weil ſie nicht das entfernteſte Bedürfniß fühlte, mit ihm zu ver⸗ kehren. In ihn ſelbſt war nach und nach eine Wandlung ſeiner Gefühle eingetreten, wie es von ſeinem ſelbſtſüch⸗ tigen Charakter zu erwarten ſtand. Nur Stolz und ver⸗ letzte Eitelkeit, nicht wahre Liebe hatten für ihn eine Zeit lang die Frlangung des Beſitzes dieſes ſeinen Abſichten widerſtrebfnden Kindes wünſchenswerth und zu einer Art von Ehreſſache gemacht, der Widerſtand ihn gereizt, wie 88 dies ja gewöhnlich der Fall iſt, ſo daß er ſelbſt über ſein eigenes Empfinden ſich einer Täuſchung hingegeben hatte. Dieſe Täuſchung war für ihn voller Reiz, denn er glaubte in der längſt ausgebrannten Aſche ſeines Herzens doch noch den Stoff zum Auflodern einer neuen Flamme ge⸗ funden zu haben, die ſeine kalt gewordenen und abge⸗ ſpannten Rerven wieder erregen und erwärmen könnte. Er empfand die Wirkungen dieſer Täuſchung mit Wohl⸗ gefallen, zugleich aber auch die Befürchtung, daß ſic nicht von Dauer ſein würde; da ſie aber ſo ungewöhnlich und zugleich ſo angenehm war, ſuchte er ſie ſo lange als mög⸗ lich zu erhalten. Ungeachtet dieſes Bemühens und vielleicht gerade deß⸗ halb kam er jedoch früher, als er es ſelbſt geglaubt und gewünſcht hatte, damit zu Ende, hauptſächlich weil ihm dieſes künſtliche Hinaufſchrauben ſeiner Gefühle anfing, mühevoll und langweilig zu werden. Nur ſein Stolz ſtand ihm noch entgegen; er hatte die Erreichung dieſes Zieles, die Eroberung dieſes Mädchens ſich zur Aufgabe geſtellt, er hatte in dieſer Weiſe zu Ravul und zu der Marquiſe geredet, allerdings zu einer Zeit, wo ihm dies Alles ſelbſt noch wünſchenswerth geweſen war und er viel⸗ leicht deßhalb nicht mit der richtigen Ueberlegung gehan⸗ delt hatte; es war indeſſen doch einmal zeſcehe und er mußte ſich jetzt immerhin als der Beſiegte aterkennen, 89 wenn er zum Rückzuge überging. Er fand jedoch bald eine paſſende Gelegenheit, auch ſich mit ſeinem Stolze abzufinden, denn der Menſch ſchafft ſich immer leicht einen Vorwand, um dasjenige zu rechtfertigeu, was ſeine Wünſche, Leidenſchaften oder Begierden von ihm fordern. Die Anweſenheit Wehring's, das ſo überaus herzliche Benehmen Margot's gegen ihn, verſchiedene Aeußerun⸗ gen, welche ſie ſelbſt in ſeiner kurzen Gegenwart machte, riefen allerlei Vermuthungen hinſichtlich ihrer Vergan⸗ genheit bei ihm hervor, und er fand darin einen er⸗ wünſchten Anknüpfungspunkt zur Löſung eines ihm läſtig gewordenen, doch zu keinem Ziele führenden Ver⸗ hältniſſes. Eines Morgens, an welchem Margot und Raoul, wie ſie gewöhnlich thaten, zuſammen ausgefahren waren und der Marquis ſich in St. Cloud befand, wohin ihn der Dienſt des Kaiſers gerufen, ſaß die Marquiſe nach⸗ denkend in ihrem Zimmer. Sie war ernſt geſtimmt, ernſt, faſt traurig, denn ihre Hoffnungen und Plane ſchienen ſich nicht verwirklichen zu wollen, es kam Alles anders, wie ſie es vorausgeſetzt, und allerlei trübe Gedanken begannen ſich in ihrem Herzen einzu⸗ niſten. Die Macht und die Popularität des Kaiſers ſchienen 4 90 mit jedem Tage zuzunehmen, wie oft ſie auch ſchon, von ihrem Haſſe gegen ihn und ſein Regiment angeſtachelt, gewähnt und mit ſicherer Berechnung angenommen hatte, daß ſein Stern nunmehr das Zenith erreicht haben und ſich dem Untergehen zuneigen müſſe; er war immer noch höher geſtiegen, immer noch höher, allen Berechnungen, allen Erwartungen zuwider. Der Kampf gegen ihn, gegen ſein Genie und ſein Glück erſchien immer erfolg⸗ loſer; aber ſo ſehr ſie dies auch erkennen mochte, ſie konnte deßhalb ihre Geſinnungen dennoch nicht ändern, denn politiſche und religiöſe Unduldſamkeit erfreuen ſich da, wo ſie einmal feſte Wurzel geſchlagen haben, der läng⸗ ſten und zäheſten Dauer und werden ſelbſt durch unver⸗ änderte, noch ſo ſchlechte Witterungsverhältniſſe in ihrem Fortbeſtehen nicht gehindert. Sie, die Anhängerin des vertriebenen Königshauſes, mit dem all ihre Intereſſen und Traditionen zuſammenhingen, haßte dieſen Empor⸗ kömmling, welcher die Erbſchaft der Revolution mit ſtar⸗ ker Fauſt ſich zu eigen gemacht, von Grund ihrer Seele, und dieſer Haß erhielt gerade neue Nahrung in dem Scheitern ihrer Plane. Die Rolle, welche ſie zu ſpielen ſich hergegeben hatte, um ihr Vermögen zu retten für ſpä⸗ tere, beſſere Zeiten, die immer unwahrſcheinlicher wurden, lag wie ein drückender Alp auf ihr; dennoch mußte ſie fort⸗ und durchgeführt werden bis zu dem Augenblicke, 91 wo das Geſchick ſich wenden würde— aber dieſer ſo ſehr erſehnte Wendepunkt wollte nicht eintreten, rückte vielmehr in eine immer fernere Zukunft hinaus. Dazu kamen die ihr näher ſtehenden Angelegenheiten des eigenen Hauſes, der eigenen Familie. Raoul, ihr einziger Sohn, ſtand im Dienſte des verhaßten Kaiſers; ſie hatte es nicht verhindern können, denn die Jugend Frankreichs ſchwärmte für den Ruhm, deſſen Träger er war. Dieſer ihr einziger Sohn war aber nicht nur kai⸗ ſerlicher Offizier, er war auch ein offener und glühender Verehrer des größten und genialſten Mannes ſeiner Zeit, der die Adler Frankreichs ſiegreich zu den fernſten Grän⸗ zen Europa's führte; ſie hatte es längſt aufgegeben, ſeine Geſinnungen zu ändern, jeder Verſuch dazu hatte ſie dem Herzen des eigenen Sohnes entfremdet, dieſes Sohnes, dem ſie ſo viele Opfer gebracht, Opfer, die er nicht aner⸗ kannte, die er nicht einmal erfahren durfte, weil er ſie verworfen, niemals gutgeheißen oder angenommen haben würde. Als todt beweint, war er zurückgekehrt, aber erſt nachdem ſein angeblicher Tod ihre Plane hatte ſcheitern machen. Ihre Freude, den verlorenen Sohn wieder er⸗ langt zu haben, war beeinträchtigt worden dadurch, daß er ſofort auf Margot's Seite getreten und ihrem Wider⸗ ſtande eine feſte Stütze geliehen hatte. Auch die Ver⸗ wirklichung der ſo wohl überlegten Verheirathung ihrer 92 Tochter mit dem Herzoge, eine Partie, die ihrem Stolze ſo ſehr zuſagte, war dadurch mehr als ungewiß geworden, und ſie mußte dies Alles leidend geſchehen laſſen, konnte nichts mehr dagegen thun, keinen Einfluß auf Raoul üben, der dem Herzoge perſönlich abgeneigt war und eine Ver⸗ bindung Margot's mit ihm als ein Unglück für dieſe anſah. Ravul ſchien jedoch zu ihrer großen Befriedigung ſeine Geſinnung gegen den Herzog gemildert zu haben; er vermied es, ſich über ihn zu äußern, und wenn er es dennoch that, waren ſeine Worte rückſichtsvoller, ſelbſt anerkennender, als ſonſt. Darin lag noch eine ſchwache Hoffnung für ſie, genährt durch das Benehmen und die Erklärung des Herzogs ſelbſt, welcher ſich zu ihrer eigenen großen Ueberraſchung und Befriedigung dahin ausgeſpro⸗ chen hatte, daß er gerade jetzt am wenigſten geſonnen ſei, zurückzutreten, ſondern Alles von der Zeit und Margot's beſſerer Erkenntniß erwarte. Sie klammerte ſich an die⸗ ſen Nothanker, und obgleich ihr des Herzogs Benehmen eben ſo unerwartet als eigentlich unerklärlich war, weil ſie bei dieſem Manne am wenigſten eine ſo vollſtändige Unterordnung des Verſtandes unter das Gefühl erwartet hatte, ſo nahm ſie ſeine Rittheilung doch mit großer Befriedigung auf ſetzte ihre Hoffnung ebenfalls auf die Zeit. 93 Erſt muß ſie ihre unglückſelige Vergangenheit, den idylliſchen Aufenthalt in der Fichtenau, dieſe Wehrings und beſonders dieſen abenteuernden Inſpector ganz ver⸗ geſſen, muß zu dem feſten Glauben kommen, daß dieſe untergeordneten Perſönlichkeiten ſie ſelbſt längſt vergeſſen haben, muß das kränkende Gefühl, von ihnen vergeſſen zu ſein, in ſich verarbeiten und mit dem erwachenden Stolze ſich anderen Bahnen und anderen Empfindungen zuwenden. Auch Ravul kann nicht immer in Paris bleiben— ſie wünſchte faſt, daß ſein Aufenthalt bald zu Ende gehen möge— dann iſt ſie wieder allein und wir können mit nachhaltigeren Mitteln auf ſie wirken. So dachte ſie. Alle dieſe an ſich ſo wenig haltbaren Hoffnungen wurden durch die unerwartete Anweſenheit Wehring's zer⸗ ſtört, mit Einem Male ganz und völlig zerſtört. Margot erfuhr nicht nur, daß man ihrer da drüben immer mit der alten Liebe gedacht habe, ſie erfuhr auch, daß man von hier aus thätig geweſen war, auf unredliche Weiſe eine Täuſchung hervorzurufen, welche ihr innerſtes und hei⸗ ligſtes Empfinden zerſtören ſollte. Es waren bittere, bittere Tage für die ſtolze Marquiſe, als ſie Wehring bei ſich empfangen, freundlich und zuvorkommend gegen ihn ſein und ſelbſt die Dankbare. ſpielen mußte— aber es ließ ſich nicht ändern, es war das Einzige, was ihr zu 94 thun übrig blieb. Dabei hatte der Mann ein Benehmen und eine Miene, als ob er über eine Maske lächle, es aber für angemeſſen halte, ſie nicht aufzufor⸗ dern, ihr wahres Geſicht zu offenbaren. Er nahm Alles hin und Alles an und beklagte ſelbſt mit gro⸗ ßer anſcheinender Aufrichtigkeit die eingetretenen Mißver⸗ ſtändniſſe. Wir haben deßhalb doch niemals an ihr gezweifelt, hatte er, Margot vertraulich die Hand drückend, geſagt, man hätte ja an der Menſchheit irre werden müſſen, und du, mein Kind, wirſt es auch nicht gethan haben. Wie beglückt hatte Margot dieſe banale Redensart beſtätigt, wie verwandelt, wie heiter war ſie überhaupt von jenem Tage an geworden, heiter und glücklich, nur zurückhaltender, kälter gegen ſie. Es unterlag keinem Zweifel, daß ſie den ihr geſpielten Betrug mit den Brie⸗ fen erkannt hatte; wie konnte dies auch anders möglich ſein! Niemand redete jedoch davon, fragte danach; ſie ſelbſt wagte es ebenfalls nicht, den Gegenſtand zur Sprache zu bringen, aber in dieſem peinlichen Schweigen lag ihr Eingeſtehen. Das erkannte ſie Alles, als ſie an jenem Morgen einſam in ihrem Zimmer ſaß, und die Gedanken, welche ihre Seele beſchäftigten, fingen an, immer trüber, immer rathloſer zu werden. Sie ſtützte ihren Kopf auf ihre 95 weiße, ſchmale Hand und blickte ſchweigend auf eine Stelle des Fußbodens; ihr ſonſt ſo erfindungsreicher und elaſtiſcher Geiſt ſchien ermüdet, abgeſtumpft und ermattet. Da meldete der Bediente den Herzog von Villervi. Siebentes Capitel. Ich bin erfreut, ſagte die Marquiſe, nachdem der Herzog ſie etwas förmlicher, als dies ſonſt der Fall war, begrüßt und auf ihre um ſo freundlichere Einladung Platz genommen hatte,— ich bin erfreut, Sie einmal wieder bei uns zu ſehen, denn Sie ſind in der letzten Zeit in unſerem Hauſe ein ſeltener Gaſt geworden. Wie man es nehmen will, Frau Marquiſe, erwiederte der Herzog in ſeinem gewohnten nachläſſigen Tone, denn ich bin dennoch vielleicht häufiger gekommen, als man es gewünſcht hat. Die Marquiſe ſah ihn bei dieſer weder erwarteten noch höflichen Antwort forſchend an, als ob ſie die Ab⸗ ſicht ſeines heutigen Beſuches aus ſeinen Mienen heraus⸗ leſen wolle, ein Verſuch, der jedoch völlig erfolglos blieb, denn das Geſicht ihres Gaſtes zeigte den gewöhnlichen Ausdruck gleichgültiger Ruhe und die halbbedeckten Augen 97 den eigenthümlich verſchleierten, nichtsſagenden und doch lauernden Blick. Was veranlaßt Sie zu dieſer Bemerkung, fragte ſie dann, da Sie doch wiſſen, wie ſehr Sie uns ſtets will⸗ kommen ſind? Wenn Sie ſtatt uns mir geſagt hätten, ſo wäre vielleicht einige Aufrichtigkeit und Wahrheit in Ihrer Ant⸗ wort geweſen— doch laſſen wir das, fuhr er in derſelben gleichgültigen Weiſe fort, indem er die Spitze ſeines ele⸗ ganten Spazierſtockes leiſe auf dem Teppiche des Fußbodens hin und her bewegte, weßhalb ſollen wir beide uns in überflüſſigen Redensarten ergehen? Es würde weder Zweck noch Ziel haben, da wir ja wiſſen, was wir von einander halten. Das wiſſen wir, und dieſes Bewußtſein iſt mir be⸗ ſonders werth. Wir nicht minder, erwiederte er mit einem leichten Spotte— aber Sie werden doch kaum ahnen, weßhalb ich heute zu Ihnen gekommen bin— oder ſollten Sie es bereits erfahren haben? Was könnte ich erfahren haben? fragte die Marquiſe nicht ohne Beſorgniß. Hat ſich etwas Beſonderes er⸗ eignet? O, durchaus nichts Beſonderes— ich bringe nur einen längſt gehegten Plan zur Ausführung, einen Plan, P 7 98 den Sie ſelbſt die Güte hatten, zu billigen— das iſt Alles, durchaus nichts weiter. Einen Plan? Bin ich dabei betheiligt? Betrifft es vielleicht....7 Es ſei fern von mir, in Räthſeln zu ſprechen, unter⸗ brach er ſie mit lächelnder Miene, wobei er zum erſten Male ſeine Augen ganz aufſchlug und ſie einen kurzen Mo⸗ ment feſt anſah— ich komme einfach, um von Ihnen Abſchied zu nehmen. Um Abſchied zu nehmen? Wollen Sie verreiſen? Doch nicht auf längere Zeit? Ich kann die Zeit meiner Abweſenheit nicht beſtimmen, bemerkte er ruhig auf dieſe lebhaft an ihn gerichteten Fragen, denn ſie hängt nicht mehr von meinem Willen ab. Wir ſprachen einſt darüber, daß es räthlich und nützlich für mich ſein würde, mich dieſem unthätigen Leben zu ent⸗ ziehen, das mich anwidert, und eine Beſchäftigung auf⸗ zuſuchen, die mir wenigſtens einige Abwechslung und Zerſtreuung gewähre. Ich theilte Ihnen damals mit, daß ich mit dem Herzoge von Benevent in näherer Ver⸗ bindung ſtände und es mir nicht ſchwer halten würde, durch ihn irgend einer Geſandtſchaft attachirt zu werden. Sie billigten meinen Plan vollſtändig, nachdem wir uns darüber verſtändigt, daß ich in einer ſolchen Stellung viel⸗ leicht am meiſten befähigt ſein würde, unſere gemeinſchaft⸗ 99 lichen Hoffnungen zu fördern. Ihr Herr Gemahl hat es für angemeſſen gehalten, in den perſönlichen Dienſt des Kaiſers zu treten, weil Sie ſich des Beſitzes Ihrer Güter nicht entſchlagen wollen; weßhalb ſollte ich beanſtanden, eine weit mittelbarere Stellung anzunehmen, die mir zu⸗ gleich die beſte Gelegenheit bietet, unter genauer Beobach⸗ tung formeller Pflichterfüllung meine und die Intentionen unſerer Partei zu fördern! Laſſen Sie mich Ihnen alſo mittheilen, daß ich auf meinen Wunſch der Geſandtſchaft in Petersburg beigegeben bin und in ſpäteſtens einer Woche dahin abreiſen muß. Nach Petersburg? fragte ſie mit ſichtlicher Beſtürzung. Es ſoll ſich in Petersburg im Winter gar nicht un⸗ angenehm leben, wenn man mit gutem Pelzwerk verſehen iſt, fuhr er lächelnd fort— jedenfalls iſt es einmal etwas Anderes— Paris widert mich an. Es haben mich aber noch beſondere Erwägungen, nicht allein das Bedürfniß nach Abwechslung, zu dieſem Schritte veranlaßt, Erwägungen, die für uns beide ſehr nahe liegen. Ich habe, ſo viel es mir möglich geweſen iſt, genaue Erkundigungen über den Stand der Unterhandlungen mit Rußland eingezogen. Der Kaiſer iſt empört über den Bruch der Continental-Sperre, der Zar dagegen ebenfalls der geſteigerten Anmaßung ſeines Bundesgenoſſen überdrüſſig— kurz, es herrſcht zwiſchen den beiden Kaiſern, die ſich einſt brüderlich in die Herr⸗ . 7* 100 ſchaft Europa's zu theilen verſprachen, eine ſehr gereizte Stimmung, und die auf dem Niemen und in Erfurt mit ſo vielem Eclat angelobte Freundſchaft fängt an, ſich in eine geſunde und natürliche Feindſchaft zu verwandeln. Rapoleon kann ohnedies die Ruhe nicht länger ertragen, ſie iſt einmal ſeiner Natur zuwider; er bedarf zu ſeiner Unterhaltung Schlachten, Leichenfelder, prahleriſ cher Sieges⸗ bulletins, kurz, eines Krieges mit all den Erregungen und nervöſen Aufreizungen, welche dieſes gefährlichſte der Hazardſpiele hervorruft. Dieſes Spiel iſt einmal ſeine Leidenſchaft und er wird darin ſchließlich nicht an⸗ ſtehen, ſein ganzes Vermögen auf eine einzige Karte zu ſetzen. Bis jetzt war er ein glücklicher Spieler, welcher dazu die Regeln des Spieles genau ſtudirt hat, das läßt ſich nicht wegläugnen— aber die Fortuna iſt ein Weib, ein launenhaftes Weib, und ſchließlich hat noch Niemand im Hazardſpiele ſein Glück gemacht. Nur dadurch, daß er weiter pointirt, und zwar ſo gewagt als möglich, kann er zum Falle kommen, nur dadurch allein. Er will den Krieg mit Rußland und ſcheint es gar nicht zu wünſchen, daß man an der Newa ſeine Bedingungen erfülle und ihn dadurch des Vorwandes zu einem neuen und recht um⸗ fangreichen Feldzuge berauben möchte; aber es giebt ſehr Viele, ſelbſt unter ſeinen Marſchällen und Generalen, welche es vorziehen, jetzt auf den erfochtenen Lorbern 101¹ auszuruhen, und nur mit Widerſtreben ſich abermals den Strapazen und Wechſelfällen des Krieges Preis geben möchten. Auch in Petersburg beſteht eine mächtige Par⸗ tei, welche den Frieden ſelbſt mit großen Opfern zu er⸗ halten wünſcht und für die Tage von Auſterlitz und Eylau ½ ein treues Gedächtniß bewahrt. Der Zar ſoll ein ftied⸗ liebender, in ſeinen Entſchlüſſen leicht zu beſtimmender Mann ſein. Es iſt daher immer nicht unmöglich, daß man in Petersburg doch noch in der letzten Stunde nach⸗ giebt und dem Kaiſer ſo die erwünſchte Veranlaſſung zu ſeiner beabſichtigten Unterhaltung raubt.— Das wäre ſehr zu bedauern, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, während welcher er wieder einen raſchen Blick über das jetzt ernſt gewordene Geſicht der Marquiſe hatte hingleiten laſſen— ſehr zu bedauern. Sie werden ſich nun wahr⸗ ſcheinlich die Frage ſtellen, welchen Einfluß ich in der untergeordneten Stellung eines Attaché's auf den Gang der Verhandlungen ausüben könnte, und ich muß darauf erwiedern, daß der gewöhnliche Geſchäftsverkehr mich wenig dazu befähigen wird. Es giebt aber Dinge, welche außerhalb dieſes Verkehrs liegen— mancherlei. Zum Beiſpiel die perſönliche Einwirkung auf den Geſandten, das Benutzen einer dazu geeigneten⸗Stimmung oder das Anregen derſelben, wenn ſie ermattet; es giebt ein hoch⸗ müthiges, vielleicht ſelbſt anmaßendes Benehmen gegen einflußreiche ruſſiſche Große, welche daſſelbe von der Per⸗ ſon des franzöſiſchen Attachs's auf Frankreich ſelbſt über⸗ tragen ₰ kurz, es giebt eine Menge von Dingen, fuhr er fort, durch welche auch ein einfacher Geſandtſchafts⸗ Attachés nicht ohne Einfluß auf das endliche Reſultat der ganzen Angelegenheit zu bleiben nöthig hat. Dieſe und noch manche andere Erwägungen haben mich beſtimmt, mich um die beſagte Stelle zu bewerben— man ſagt ja ſogar, der Kaiſer habe den abenteuerlichen Plan gefaßt, England, den eigentlichen Gegenſtand ſeines bitterſten Haſſes, durch Rußland in Indien anzugreifen. So un⸗ wahrſcheinlich dies auch klingen mag, ſo wenig iſt es un⸗ möglich. Doch ich habe vielleicht weit mehr, als es nöthig war, einen Schritt vor Ihnen zu rechtfertigen ge⸗ ſucht, den wir beide bereits vor langer Zeit beſprochen und den Sie gebilligt haben. Es geſchah dies allerdings vor längerer Zeit, er⸗ wiederte die Marquiſe nach einer Pauſe, und unter an⸗ deren Vorausſetzungen. Darin haben Sie Recht, die Vorausſetzungen waren anders; damals ſchien ſelbſt eine Sendung nach Rußland ein friedlicher, nur der Abwechslung wegen aufgeſtellter Plan. In ſo fern haben ſich die Verhältniſſe allerdings geändert; aber Sie werden zugeben müſſen, daß dieſe Ver⸗ änderung eine erwünſchte genannt werden muß. 103 Das meinte ich nicht, ſagte die Marquiſe nicht ohne einige Verlegenheit; als wir damals von dieſen Planen ſprachen, ſetzten wir die vorherige Verwirklichung eines anderen voraus. Das thaten wir allerdings— das ſetzten wir vor⸗ aus, wiederholte er mit leiſer und verhaltener Stimme, als ob er zu ſich ſelber ſpräche— aber unſere Voraus⸗ ſetzungen ſind leiver nicht in Erfüllung gegangen. Bis jetzt allerdings nicht. Doch erklärten Sie mir einſt, Sie würden ſich durch die entgegenſtehenden Hin⸗ derniſſe nicht abhalten laſſen, Sie ſeien vielmehr feſt ent⸗ ſchloſſen, ein Ziel zu verfolgen, deſſen Erreichung Sie mit Gewißheit vorausſähen. Sagte ich das einſt? Ja, ich glaube, daß ich mich ſo oder ähnlich ausdrückte, und es iſt auch noch jetzt keineswegs meine Abſicht, unſeren Plan aufzugeben— es ſei denn, ſetzte er, wieder ſeine Augen aufſchlagend, hinzu, daß die Beziehungen Ihrer Fräulein Tochter ſelbſt es mir unmöglich machten. Die Beziehungen meiner Tochter— was wollen Sie damit ſagen? Iſt es wirklich nöthig, daß ich Ihnen das noch ſage? Ich habe geglaubt, es herrſche wenigſtens in dieſer Hin⸗ ſicht zwiſchen uns ein offenes Vertrauen und wir ver⸗ ſchmähten es, mit verdeckten Karten gegen einander zu ſpielen. Ich verſtehe Sie jetzt nicht. Das thut mir leid, denn ich ſehe daraus, daß ich mich in meinen Vorausſetzungen dennoch geirrt habe, will darin jedoch keine Veranlaſſung finden, meinerſeits eine Aenderung eintreten zu laſſen. Sie machen mich neugierig, ſchaltete die Marquiſe mit ſchlecht verhehlter Verlegenheit ein. Als ich anfing, mich um Margot zu bewerben, geſchah es in der Annahme und in der Vorausſetzung, daß ihr Herz noch frei ſei. Warum ſoll ich es verhehlen, es lag ein beſonderer Zauber für mich darin, in dieſem kindlichen, unſchuldigen Herzen die erſten Empfindungen der Liebe zu erwecken und entſtehen zu ſehen— ich war, ungeachtet meiner Erfahrung, doch noch immer Thor und Schwärmer genug, darin ein bisher nicht gekanntes Glück für mich zu entdecken— ich habe mich geirrt. Das Zauberbild iſt einer Fata Morgana gleich verſchwunden, und ich ſtehe wieder in der öden, nackten Wüſte des Lebens. Ich ſchäme mich, daß ich, der erfahrene Wanderer, mich einer ſo be⸗ kannten, ſich ſo oft wiederholenden Täuſchung habe hin⸗ geben können; die Spiegelung der Sonne iſt zerronnen und ihr heißer, ſengender Strahl trifft wieder wie bisher mein Haupt. 105 Ich habe wirklich nicht geglaubt, bemerkte die Mar⸗ quiſe, als der Herzog ſchwieg und wieder mit geſenkten Augen regungslos ſitzen blieb, daß Sie auch ſo viel poe⸗ tiſches Talent in ſich vereinten. Das von Ihnen ge⸗ brauchte Bild war recht ſchön, aber leider für mich ganz unverſtändlich. So will ich, ohne mich eines Bildes zu bedienen, mit einfachen, ſchlichten Worten reden, da Sie es ſo wünſchen. Sie werden mich dadurch verbinden. Ihre Fräulein Tochter liebt einen Andern. Dieſe Thatſache iſt an ſich unzweifelhaft. Wie weit das Ver⸗ hältniß zwiſchen Beiden gediehen war, als ſie ſich in der Penſion auf dem Eiſenhammer in der Fichtenau befand, ſetzte er mit etwas erhobener Stimme hinzu, darüber habe ich allerdings keine vollkommene Gewißheit erlangen kön⸗ nen; das ſcheint mir aberzweifellos, daß ſie jenem Manne, der ſie einſt in einem Dorfgefechte beſchützte, in welchem ſie verwundet und ihr damaliger Begleiter, Ihr alter Die⸗ ner Viorne, getödtet wurde, noch immer eine große und dauernde Zuneigung bewahrt. Sie ſehen, ich drücke mich ſo vorſichtig aus, als möglich, fuhr er fort, als die Marquiſe ein ſichtliches Erſchrecken nicht zu verbergen vermochte, aber ich bin überzeugt, daß der Umgang mit dem Retter ihres Lebens in dem ſtillen und einſamen Aufenthalte eines romantiſchen Gebirgsthales Empfin⸗ dungen und Gefühle bei ihr erweckt hat, die noch immer in ihrem Herzen fortleben. Sei dem aber, wie ihm wolle, dasjenige, was mir ſo begehrungswerth erſchien, eben die Erweckung dieſer Empfindungen und Gefühle— das erſte Erwecken—, iſt nicht mehr möglich— das war eine Fata Morgana! — Es handelt ſich jetzt nur noch darum, dieſes Bild in ihrem Herzen zu zerſtören und an deſſen Stelle ein anderes, das meinige treten zu laſſen, ſich mit den Ueberbleibſeln, den Reſten zu begnügen, die, wie ein ganz friſch gepflückter Strauß vielleicht ſehr kunſtvoll zuſammengelegt, als die erſten Frühlingsblüthen mir dargereicht werden ſollen.— Dies iſt etwas durchaus nicht Ungewöhnliches, vielmehr etwas ſehr Gewöhnliches, oft Dageweſenes, das man genau anſehen und prüfen muß, um nicht der Gegenſtand einer ſelbſt vielfach beſpöttelten Täuſchung zu werden. Als der Herzog, nachdem er dieſe Wotte geſprochen, ſchwieg und in ſeiner Stellung regungslos verharrte, dauerte es eine Zeit, ehe die Marguiſe ſich ſo weit ge⸗ ſammelt hatte, um eine Erwiederung finden zu können, denn ſie hatte erkannt, daß er von der Vergangenheit Margot's mehr erfahren habe, als es in ihren Abſichten gelegen. Ich kann Ihnen jetzt nicht mehr den Vorwurf machen, 107 ſagte ſie dann, daß Sie ſich nicht klar und deutlich aus⸗ geſprochen hätten, wenn Sie dabei auch vielleicht nur wenig Rückſicht auf mein eigenes mütterliches Gefühl ge⸗ nommen haben. Sie ſcheinen hinſichtlich der Vergangen⸗ heit meiner Tochter genaue Erkundigungen eingezogen zu haben; aber wenn dieſelben richtig ſind, ſo haben Sie nicht die mindeſte Urſache, wie Sie es thun, von einer Fata Morgana zu reden. Ich glaube, Ihnen mitgetheilt zu haben, daß Margot in keiner Penſion geweſen, daß ſie, als wir uns auf der Flucht befanden, vor mehren Jahren geraubt worden iſt und wir, ungeachtet aller Nach⸗ forſchungen, erſt zufällig durch Raoul's Brief ihren Auf⸗ enthalt in der Fichtenau erfahren haben. Sollte ich es vielleicht vergeſſen haben, Ihnen dieſe an ſich ſehr gleichgültigen Thatſachen mitzutheilen, fuhr ſie fort, als der Herzog ſie mit dem Ausdrucke des Erſtaunens an⸗ ſah, ſo geſchah es in der Annahme, daß ſie Ihnen be⸗ kannt ſeien. Ich ſah Sie bereits als ein Mitglied unſerer Familie an; Margot, Ravul, mein Mann wußten darum, wie konnte ich annehmen, daß dies Ihnen unbekannt ge⸗ blieben? Die Geſchichte von der Penſion war nöthig, umeugierigen und unberufenen Fragen zu begegnen, nicht für Sie— daran werden Sie hoffentlich nicht zweifeln? Nehmen wir es an, ſagte er ruhig. Wenn Sie dies annehmen, fuhr ſie erregter fort, 108 weßhalb verſuchen Sie es dann, auf an ſich ſo völlig unerhebliche und gleichgültige Dinge einen Werth zu legen, der ihnen nur angedeutelt werden kann? Weß⸗ halb bemühen Sie ſich, ihnen eine Auslegung zu geben, welche nur bei einer abſichtlich falſchen Beurtheilung mög⸗ lich it? Margot war, als ſie die Fichtenau verließ, ſo eben ſiebzehn Jahre alt geworden, und war noch ein hal⸗ bes Jahr jünger, als jener in ganz untergeordneten Ver⸗ hältniſſen ſtehende Mann, jener Inſpector, aus freien Stücken, nur um einen beſſeren Dienſt zu erhalten, wieder in ſeine obſcure Heimath zurückkehrte. Liegt darin auch nur der leiſeſte Anfang eines entſtehenden Verhältniſſes? Würde er gegangen ſein, wenn ein ſolcher beſtanden? Sie war leider ohne Stütze, ohne Pflege und ohne die Be⸗ weiſe von Zuneigung eine Zeit lang in der Welt umher⸗ getrieben worden und glaubte alle dieſe dem Kinde ſo wohl⸗ thuenden Dinge in der Fichtenau gefunden zu haben. Iſt es daher nicht natürlich, daß ſich in ihrem Herzen eine An⸗ hänglichkeit gegen dieienigen Perſonen bildete, welche ihr dies zu Theil werden ließen? Ich ſollte glauben, dies wäre ſehr erklärlich, und man müßte ſie weniger lieben und achten, wenn es anders wäre! Als ſie zu uns ge⸗ kommen war und diejenige Stellung eingenommen hatte, welche ihr gebührte und die ſie und wir ſo ſchmerzlich ent⸗ behrt hatten, war es meine erſte Sorge, die Erinnerungen 109 an jenen Aufenthalt ſich verwiſchen zu laſſen. Ich be⸗ diente mich dazu eines vielleicht nach der ſtrengen Moral nicht gerechtfertigten, aber durch die Verhältniſſe gebotenen Nittels, indem ich ihre Briefe nicht abgehen ließ und die ankommenden nicht abgab. Es ſind überhaupt nur wenig Briefe geſchrieben wor⸗ den, ſprach ſie weiter, als ſie ſah, daß um den Mund des Herzogs ein eigenthümliches Lächeln zuckte.— Als ſie beiderſeitig, dieſer widerliche Eiſenfabrikant und ſeine Frau, jener Inſpector und Margot keine Antwort erhiel⸗ ten, hörten ſie auf, an einander zu ſchreiben— das war ihre ganze Anhänglichkeit! Aber er und ſie, ſie haben doch an einander ge⸗ ſchrieben! Einmal, wie ich ſagte, und ganz harmlos und gleich⸗ gültig. Sie ſcheinen daran zu zweifeln? Der Zufall hat es gefügt, daß ich dieſe beiden Briefe nicht vernichtet habe, ich weiß ſelbſt nicht, was mich damals dazu ver⸗ anlaßte. Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, fuhr ſie aufſtehend fort, indem ſie das geheime Fach ihres Schreibtiſches auf⸗ ſchloß— hier ſind die beiden Briefe. Er nahm ſie ſchweigend in Empfang, las ſie langſam durch und reichte ſie dann eben ſo ſchweigend der Marquiſe zurück. Nun, fragte dieſe, haben Sie ſich überzeugt? Der Inhalt iſt ziemlich unverfänglich, erwiederte er, aber— es ſteht doch Manches zwiſchen den Zeilen. Nur für denjenigen, der etwas darin ſucht. Ich gehöre nicht zu denjenigen, ſagte der Herzog, indem er plötzlich die Marquiſe feſt anſah— ich am wenigſten. Aber haben Sie die große und unverhohlene Freude nicht ge⸗ ſehen, mit welcher Margot jenen ungehobelten Deutſchen empfangen und aufgenommen hat? Warum iſt jener In⸗ ſpector nach der Fichtenau zurückgekehrt, wo er nichts mehr zu ſuchen hatte? Haben Sie auch diejenigen Briefe ge⸗ leſen, welche ſie bis dahin mit einander gewechſelt haben, und wiſſen Sie auch, daß beide jetzt wieder, und zwar unter der Adreſſe Ihres Sohnes, correſpondiren und daß wir uns in der nächſten Zeit des Beſuches jenes Mannes, des jetzigen General⸗Bevollmächtigten eines reichen Grafen, zu erfreuen haben werden? Wiſſen Sie das, Frau Mar⸗ quiſe? fragte er mit etwas erhobenerer Stimme, und hal⸗ ten Sie auch jetzt noch das von mir gebrauchte Bild für ein unpaſſendes? Sie befinden Sich in einem Irrthume, in einem.... Was ich Ihnen mitzutheilen die Ehre hatte, iſt genau die Wahrheit, ich habe meine guten und ſicheren Quellen. Nehmen wir daher auch jetzt an— es ſei ſo!— Sie werden nun wohl, fuhr er nach einer Pauſe fort, meinen ruſſiſchen Plan weniger abenteuerlich finden— der andere ſoll deß⸗ 101 halb nicht völlig aufgegeben ſein, aber die Verhältniſſe, die ſpäteren Verhältniſſe allein werden und können mich beſtimmen, ihn zu verfolgen oder auf ſich beruhen zu laſſen. — Ich bin überzeugt, daß die Geſandtſchaft Seiner Ma⸗ ieſtät des Kaiſers in Petersburg in nicht zu lang Zeit ihre Päſſe fordern wird; ich werde es mir angelegen ſein laſſen, dieſen Zeitpunkt mit meinen ſchwachen Mitteln und Kräften zu beſchleunigen— wenn ich dann zurück⸗ kehre— ſprechen wir weiter über die Sache. Handeln Sie bis dahin nach Ihrem beſten Ermeſſen, der Zurück⸗ kehrende wird kein Anderer ſein, als der Abſchiednehmende — und dieſer ſteht jetzt vor Ihnen, ſetzte er lächelnd hin⸗ zu, indem er aufſtand— alſo auf Wiederſehen!— Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen. Sie war ebenfalls aufgeſtanden, als er raſch und ohne weitere Bemerkung das Zimmer verließ. Unwill⸗ kürlich zerknitterte ſie die beiden Briefe mit einem krampf⸗ haften Zucken ihrer Hand und warf ſie dann in das Kamin⸗ feuer. Es kommt Alles anders, wie ich es vorausgeſehen, alle meine Berechnungen werden zu Schanden— aber nie, nie ſoll das Wappen meines Stammes befleckt werden! Achtes Capitel. Auf die Marquiſe, ſo feſt und ſtolz ſie auch war und ſo wenig ſie ſich durch Hinderniſſe von der Erreichung ihrer Ziele und Plane abſchrecken ließ, hatten doch die unerwarteten Mittheilungen des Herzogs einen tiefen Eindruck gemacht. Ihr ſcharfer Blick erkannte, daß er ſeine Abſichten geändert habe und nur nach einem paſſen⸗ den Vorwande ſuche, dieſe Aenderung zu rechtfertigen. Sie ſagte ſich auch, daß er dieſen geſunden, daß es in ſolchen Verhältniſſen überhaupt leicht ſei, ihn zu finden, und dies eigentlich nur von dem Willen des danach Ver⸗ langenden abhange. Sie nahm an, daß lediglich die reiflichere Erwägung von Margot's veränderter Vermögens⸗ lage dieſe Aenderung bei dem Herzoge hervorgebracht, und war überzeugt, daß er von dem Augenblicke an, als ſie eingetreten, nur noch eine Zeit lang Komödie geſpielt habe, um ſein Benehmen und ſein Handeln in einem 113 weniger gehäſſigen Lichte erſcheinen zu laſſen.— Warum er mir nur von ſeiner Fata Morgana vordeclamirt, ſagte ſie mit einem verächtlichen Kräuſeln ihrer ſchmalen Lip⸗ pen, als ob ich ein unerfahrenes Kind wäre und ihn nicht längſt und gründlich erkannt hätte— Im Ganzen iſt es vielleicht ein Glück zu nennen, daß ſich die Partie zerſchlagen hat, denn er paßt eigentlich weder für ſie, noch ſie für ihn. Sein alter Stammbaum iſt das einzig Begehrungswerthe an ihm— das einzige. Sonſt iſt er ein blaſirter, berechnender Menſch, den nichts mehr erfreut und betrübt und der nur ein einziges Ding vergöttert und anbetet, ſein wenig anbetungswürdiges Ich.— Legen wir daher dieſen Plan zu den Todten! Mag er nach Rußland oder ſonſt wohin gehen, was kümmert es mich— es wird ſich ja wohl ein Anderer und Beſſerer für Margot finden— möge es geſchehen, ehe er zurück⸗ kehrt, ſetzte ſie mit haßerfüllten Mienen hinzu, dies zu bewirken, ſoll fortan mein einziges Beſtreben ſein! Dann ſchweiften ihre Gedanken ab und weilten auf den für ſie eben ſo unerwarteten als beunruhigenden Mit⸗ theilungen, welche ſie von dem Herzoge hinſichtlich Mar⸗ got's erhalten hatte. Daß der Briefwechſel wieder auf⸗ genommen werden würde und in einer ihrer Einwirkung entzogenen Weiſe, hatte ſie zwar vorausgeſehen— daß aber dieſer verhaßte und myſtiſche Inſpector oder Diret⸗ P 8 114 tor ſelbſt in kurzer Zeit nach Paris kommen würde, das hatte ſie nicht erwartet. Es ſchien jedoch, als ob die umſtände ſich wieder mehr zu ihren Gunſten neigen ſollten und das Geſchick, welches ihr in der letzten Zeit ſo treulos den Rücken gekehrt hatte, ihr wieder freundlicher zulächeln wolle, und zwar ohne ihr eigenes Zuthun. Margot hatte vor ungefähr vierzehn Tagen Wal⸗ ther's Brief erhalten, worin er ihr ſchrieb, daß der Graf ſich auf der Geneſung befinde und er ſelbſt in wenigen Wochen abreiſen werde. Sie hatte ſeine Bitte erfüllt und poste restante nach Frankfurt geſchrieben. Es war nur ein kurzer Brief, aber die ganze Freude ihres Herzens ſpiegelte ſich in den wenigen Worten ab, und wenn der Herzog auch dieſen Brief geleſen hätte, ſo würde er mit voller Berechtigung haben ſagen können: Es ſteht nur wenig darin, aber Vieles zwiſchen den Zeilen. Ihre Stimmung war eine ſo freudige und gehobene, wie noch nie, ſo lange ſie in Paris war, und wurde ſelbſt durch das faſt feindſelige Benehmen ihrer Mutter nicht beeinträchtigt, welche die Urſache dieſer Veränderung jetzt kannte. Was werden ſollte, wenn er nun käme, und weßhalb er kam, dieſe Fragen, welche ſich die Marquiſe, ohne ſie zu beantworten, geſtellt hatte, kamen bei ihr gar nicht zur Erwägung— ſie hatte nur den Einen beglücken⸗ 115 den Gedanken, ihn endlich wiederzuſehen. So ſaß ſie eines Morgens verſunken in jene ſüßen Träumereien, welche die Seele eines jungen Mädchens erfüllen, wenn die Liebe darin die erſten Schneeglöckchen des Frühlings erſtehen läßt, Träumereien, welche ſie verſchämt noch nicht auszudenken wagt und doch darin ihr höchſtes Glück fin⸗ det— als Raoul zu ihr in das Zimmer trat. Sie erſchrak, als ob er ſie bei einem Vergehen über⸗ 3 raſcht habe, und erröthete, ohne es zu wiſſen. Ich bringe einen Brief für dich, ſagte er ernſter, als dies ſonſt ſeine Art war. Einen Brief? rief ſie, freudig aufſpringend, indem ſie ihm eentgegen eilte— jetzt ſchon? ſetzte ſie leiſer und mit niedergeſchlagenen Augen hinzu— o, wie danke ich dir, lieher Ravul! Ess war dieſelbe Erregung bei ihr wie damals, als er ihr, den vorletzten Brief brachte, und gerade ſo wie damahls, nur noch weit mehr, erblaßte ſie wieder, als ſie den Brief geöffnet und einen kurzen, raſchen Blick darauf geworfen hatte. Er kann wieder nicht kommen, ſagte ſie dann mit leiß ſer, bebender Stimme, während der Brief ihrer Hand ntfiel— dann ſprang ſie auf und verließ raſch das Zimmer. Ravul blickte ihr voll Theilnahme nach— dann hob 6 116 ſeine Bruſt ein tiefer, langer Athemzug, und es war ihm, als ob er dadurch von einer drückenden Laſt befreit wor⸗ den wäre. Schweigend nahm er den zur Erde gefallenen Brief auf und las ihn— ſie hatte ihm ja auch die anderen Briefe zu leſen gegeben. Dieſer war länger und ausführlicher, als die vorher⸗ gehenden. Nach einer Einleitung, der man es anſah, daß ſie dem Schreibenden viel Mühe verurſacht habe, er⸗ zählte er die dem Leſer bereits bekannte Begebenheit und fuhr dann fort: „Was ſollte, was konnte ich thun? Der Graf und ſeine Tochter haben mich mit Wohlwollen und vollem Vertrauen aufgenommen. Es handelt ſich für die Gräfin um die Erbſchaft einer Million, die verloren iſt, wenn ſie jetzt nicht reiſen— und ſie können nur reiſen, wenn ich bleibe.— Er ſtellte es mir frei, da er mir ſein Wort ge⸗ geben habe, und wählte ſomit das richtigſte Mittel, meine wankende Entſchließung zu beſtimmen. Soll und darf ich übernommene Verpflichtungen brechen und hintanſetzen, wenn man mir mit ſolchem Vertrauen entgegenkommt und ſo wichtige Dinge auf dem Spiele ſtehen?— Ich habe geſchwankt— aber mich dann entſchieden. Ich dachte mir, wir ſäßen beide noch wie ſonſt in der Laube auf der Fichtenau, und ich fragte, was ich zu thun und zu laſſen 117 hätte.— Ach, Sie zögerten keinen Augenblick mit der Antwort, und ich wußte, daß ich Ihrer nicht würdig han⸗ deln würde, wenn ich meine Einwilligung verſagte.— Die Ausführung meiner Reiſe iſt dadurch auf Monate, wohl auf ein halbes Jahr hin verſchoben— Niemand leidet dabei mehr, als ich— aber dennoch kann es nicht anders ſein.— Nur das Eine würde mich unglücklich machen, wenn ich an Ihrer völligen Billigung auch nur den entfernteſten Zweifel hegen müßte— aber das iſt nicht, das kann nicht ſein— ich habe Ihre Worte deut⸗ lich gehört, als Sie mir zuſtimmten— und die Zeit wird ja kommen, wo ich endlich frei bin! Wenn Sie noch einen Theil der alten Zuneigung zu mir bewahren, o, dann ſchreiben Sie mir bald, recht bald, denn ich bin das Opfer einer namenlos quälenden⸗Unruhe, und das Bewußtſein der Pflichterfüllung allein vermag dieſelbe nicht zu beſeitigen! Gott ſei mit Ihnen— meine Ge⸗ danken ſind immer und unausgeſetzt bei Ihnen, gedenken auch Sie, ohne daß ein Schatten mein Bild trübt, Ihres treu ergebenen Walther.“ Schweigend legte er den Brief auf ihren Schreibtiſch, und indem er dies that, war es ihm, als ob eine große Laſt von ſeiner Bruſt gehoben wäre. Sie wird ſehr traurig ſein, ſprach er vor ſich hin— aber beſſer ſo, wie anders.— Die Geſchäfte gehen vor bei dem Herrn Director, ſind vielleicht überhaupt nur ein Vorwand, um die Nichterfüllung eines übereilt gegebenen Verſprechens zu beſchönigen und ſie langſam einleiten zu laſſen. Arme Margot! Auch dein einziger Verbündeter, dein ſo ſehr geliebter Bruder, der dich eben ſo wieder liebt, will gegen dich ſein, weil ſeine aus der Liebe zu dir ent⸗ ſtandenen Beſorgniſſe es für dein Wohl wünſchenswerth erſcheinen laſſen, daß dein Herz das Vergangene ver⸗ geſſe. Du wirſt nichts mehr haben, als dieſes Herz. Wird es auch dieſen Einflüſſen widerſtehen, wie es den anderen widerſtanden hat?— Ich habe den Brief geleſen, liebe Margot, ſagte er, ſie zärtlich umfaſſend, als ſie nach längerer Zeit wieder in das Zimmer trat, du biſt doch nicht böſe darüber? Sie ſchüttelte ſchweigend mit dem Kopfe, denn ſie fühlte, daß ſie noch nicht die Stärke beſitze, um zu ſprechen. Er führte ſie langſam im Zimmer auf und ab, wäh⸗ rend ihr Kopf ſich an ſeine Schulter lehnte. Sie gin⸗ gen oft ſo, vertraulich und zärtlich plaudernd, mit ein⸗ ander— es war nach und nach eine beiden lieb gewor⸗ dene Gewohnheit daraus entſtanden, heute ihr beſonders angenehm, denn ſie konnte mit ihm reden und ſeine Worte hören, ohne von ihm angeſehen zu werden. Es thut mir herzlich leid, ſagte er dann, daß du dich 119 abermals vergeblich gefreut haſt— es geht aber oft ſo im Leben, unſere liebſten Wünſche gehen nicht immer in Erfüllung. Aber es iſt nicht recht von dir, daß du dich deiner Traurigkeit ſo hingiebſt, denn er ſchreibt dir ja die Gründe, welche ihn abgehalten haben, jetzt zu kommen. Er nimmt dich ſelbſt zum Schiedsrichter und iſt überzeugt, daß du ſeine Handlungsweiſe billigen wirſt. Das thue ich auch, ſprach ſie zum erſten Male wieder mit freudiger, wenn auch noch mit etwas unſicherer Stimme— ich thue es im vollſten Maße. Aber nicht wahr, obgleich ich mir ſage, daß er nur ſo und nicht an⸗ ders habe handeln können, ſo darf ich doch darüber traurig ſein, daß es ſo ſein muß— du machſt mir dar⸗ über keine Vorwürfe, Raoul? Das ſei fern von mir, meine liebe Margot— aber du darfſt dabei nicht vergeſſen, daß dieſe für ihn zwingenden Verhältniſſe vielleicht lange Zeit andauern können. Ja, vielleicht ein halbes Jahr, erwiederte ſie leiſe. Es kann ſein, fuhr er langſam und mit ſichtbarem Zwange fort— vielleicht auch noch länger, wer kann es wiſſen.— Bedenke, daß es eine lange Zeit her iſt, in welcher ihr euch nicht geſehen habt— damals warſt du noch ein Kind, und er ein Mann, der in ſehr abhängigen Verhältniſſen lebte und ſich eine andere Stellung ſuchen mußte, die er jetzt gefunden hat und der er Rechnung trägt.— Es ſei fern von mir, daran zu zweifeln, daß die Erinnerung an jene Zeit ihm eben ſo theuer iſt, wie dir, aber du mußt bedenken, daß es doch eigentlich nichts iſt, als eben eine Erinnerung an eine längſt vergangene Zeit.— Er machte wieder eine Pauſe, während iht Kopf etwas mehr herabgeſunken war und ein tiefer Seufzer ihre Bruſt hob. Es kann ſich in dieſer Zeit Manches ereignet haben, was uns unbekannt iſt, Vieles iſt eingetreten, was wir wiſſen, jedenfalls haben ſich deine und ſeine Verhältniſſe vollſtändig umgeſtaltet.— Die Erinnerungen an den idylliſchen Aufenthalt in der Fichtenau waren für ihn ge⸗ trübt, weil er annahm, ſie hätten allen Werth für dich verloren— mit Einem Male erfährt er das Gegentheil, und es entſteht bei ihm das Verlangen, ſie wieder aufzu⸗ friſchen— dich einmal wiederzuſehen.— Es iſt das Alles ſehr natürlich, beſonders bei einem Manne, der, wie ich annehme, gleich dir etwas zur Schwärmerei neigt. — Er faßt den Vorſatz, hieher zu reiſen, denn er malt es ſich lieblich und ſchön aus, noch einmal in der alten Weiſe mit dir zu verkehren.— Es wiederholt ſich aber nichts im Leben; die Tage, welche vergangen ſind, kehren in derſelben Weiſe niemals mehr zurück, denn Alles iſt dem Wechſel unterworfen, und wir ſelbſt ſind es leider 121 am meiſten. Auch du haſt aufgehört, ein Kind zu ſein, meine liebe, gute Margot, was du damals noch warſt, als du dich in der Fichtenau befandeſt. Jetzt biſt du eine Jungfrau, die anders empfindet, andere Wünſche hegt, als das Kind. Was willſt du mit dieſem Allem ſagen? fragte ſie, wieder ſtehen bleibend und zu ihm aufblickend— o, du haſt eine Abſicht dabei, und ich fange an, ich weiß ſelbſt nicht, weßhalb, mich darüber zu ängſtigen! Eine Abſicht? Welche Abſicht könnte ich haben, als dich zu tröſten und zu beruhigen, da du weißt, wie ſehr ich dich liebe!. Ja, das weiß ich, ſprach ſie leiſe, indem ſie, wieder weiter gehend, ſich an ihn lehnte— es macht mich un⸗ endlich glücklich. Die Dämmerung fing an, ihren beſänftigenden Schleier über das Zimmer zu breiten, und indem ſie die Gegenſtände, Schatten und Licht ſich verwiſchen und ver⸗ ſchmelzen ließ, befähigte ſie die Seele, ſich unabhängiger und freier von äußeren Erſcheinungen zu ergehen und auszuſprechen. Meine liebe Herzensſchweſter, ſagte er, von dieſer geſteigerten Empfindung erhoben, ich habe faſt keinen höheren Wunſch, als dein Glück, und nur deßhalb ſagte ich, was ich ſo eben zu dir geſprochen. Du mußt beden⸗ ken, daß dieſer Herr Rohneck die ganze Sache vielleicht von Anfang an nicht in— wie ſoll ich ſagen— in einer anderen Weiſe aufgefaßt hat, wie es von dir geſchehen iſt.— Er will dich, ſeine ehemalige Schülerin, ſo hörſt du dich ja gern nennen, ſetzte er, ſie auf die Stirn küſ⸗ ſend, hinzu— gern einmal wiederſehen, auch vielleicht Paris kennen lernen, eine Reiſe machen— ſo ſcheint es mir. Ich halte ihn überhaupt für eine etwas unruhige Natur, ein wenig zu Abenteuern geneigt, das geht aus ſeinem braunſchweigiſchen Feldzuge hervor.— In ſeiner Lebhaftigkeit hat er dir dies ſofort mitgetheilt, was er vielleicht beſſer unterlaſſen hätte— nun treten Hinder⸗ niſſe ein— an ſich keineswegs unüberwindliche Hinder⸗ niſſe, aber vollſtändig geeignet, um die Verzögerung zu rechtfertigen.— Er wird daher dieſen Beſuch etwas ſpä⸗ ter machen, wenn ſeine Verhältniſſe nicht wieder ſtörend entgegentreten— er fühlte, wie ihr Körper, um deſſen ſchlanke Taille ſeine Hand lag, leiſe erzitterte, und be⸗ reute die letzten Worte—, was ſie gewiß nicht thun werden, fuhr er daher fort— aber du mußt die Sache leichter, nicht ſo ernſt, nicht ſo traurig nehmen. Du haſt Recht, flüſterte ſie, vielleicht ſehr Recht. Du mußt bedenken, liebe Margot, daß er das wahr⸗ ſcheinlich gar nicht verlangt.... Richt verlangt? unterbrach ſie ihn— haſt du ſeine 123 Briefe nicht ſelbſt geleſen— aber ich weiß nicht, ſetzte ſie verlegen hinzu, weiß wirklich nicht, was du eigentlich meinſt? Ich meine, liebe Margot, du ſollſt, wenn du ihm jetzt antworteſt, nichts von alledem durchblicken laſſen, ſondern ihm einfach und freundlich ſchreiben, du be⸗ dauerteſt, daß abermals eine Zögerung eingetreten ſei, und hoffteſt, er würde im Frühjahre gewiß kommen. Was ſollte ich ihm ſonſt noch ſchreiben können? ſagte ſie traurig. Ich meine nur, du ſollſt es nicht durchblicken laſſen, daß du einen ſo großen Werth auf ſein Kommen legſt. Das ſoll ich ihm verſchweigen? Weßhalb? Soll ich unwahr gegen ihn ſein? Weißt du denn, ob er dies Alles ſo werthvoll an⸗ ſieht? Sie gingen ſchweigend eine längere Zeit auf dem weichen Teppiche auf und nieder; ſie hatte keine Frage weiter. Hätte er ihr Geſicht ſehen können, ſo würde er den Ausdruck tiefſten Seelenſchmerzes darauf erblickt haben— er fühlte ihr Empfinden mit— aber verbarg ſein eigenes vor ihr, denn auch die Liebe und Zärtlichkeit hat ihre Täuſchungen, nur bezwecken ſie nicht den Nach⸗ theil oder den Schaden, ſondern den Vortheil und den Nutzen des zu Täuſchenden. ₰ Soll ich den Brief, den du poste restante nach Frank⸗ furt geſandt, zurückkommen laſſen? fragte er dann. Thue das, ſagte ſie mit einem tiefen Athemzuge— thue es, wenn du es für nöthig erachteſt. Er möchte ſchließlich dort ſonſt geöffnet werden.— Dann erfülle mir die Bitte, liebe Margot, fuhr er fort, beantworte Rohnecks Brief nicht gleich, warte noch einige Zeit, bis deine Stimmung ruhiger geworden iſt. Willſt du mir das verſprechen? Sie nickte kaum merklich mit dem Kopfe; er konnte es nicht ſehen. Willſt du? fragte er nochmals. Wenn du glaubſt, Ravul, ſagte ſie, plötzlich ſtehen bleibend, daß es gut, daß es ſo beſſer iſt— ſo will ich es thun— ich habe ein unbedingtes Vertrauen zu dir —ein volles, unbedingtes Vertrauen, wiederholte ſie, leidenſchaftlich ihre Arme um ſeinen Hals ſchlingend— ich weiß jetzt, was dich bewogen hat, ſo zu mir zu ſpre⸗ chen und dies von mir zu verlangen— ach, vielleicht haſt du Recht, es zu thun— aber wünſche es nicht— wün⸗ ſche es nicht, Ravul, fuhr ſie leidenſchaftlich fort, und denke, es ſei zu meinem Glücke! Wie du nur ſo reden kannſt! Biſt du denn nicht glücklich, liebe Schweſter? 125 O, gewiß— habe ich nicht dich— was bedarf ich weiter! Die Dienerin brachte Licht, und vor ſeinem grellen Scheine entflohen erſchreckt all die wunderbaren, lieblichen, traurigen und heiteren Geſtalten und Bilder, welche das geſteigerte Leben der Phantaſie hervorgezaubert hatte— ſie, die ſo oft bereits längſt verwelkte Blumen in neuer Pracht und neuem Glanze für uns erblühen läßt, die aus der Hütte einen Palaſt, aus der Schlacke reines Gold— und aus der Erde den Himmel hervorzaubert. Sie that, wie ſie ihm verſprochen, und als er ihr nach drei Wochen den von Frankfurt zurückgekommenen Brief brachte, hielt ſie ihn längere Zeit voll Wehmuth in der Hand, die darauf jetzt befindlichen Poſt⸗Hieroglyphen betrachtend, dann legte ſie ihn langſam und mit einem tiefen Seufzer auf den eiſernen Roſt des Kamines, und als die Flammen das Papier erfaßten und zerſtörten, war es ihr, als ob ſie ein Todtenopfer feierte. Am anderen Tage beantwortete ſie Walther's Brief; ſie hatte ſich überzeugt, daß ihre Stimmung ſich nicht mehr ändern würde, und machte ſich Vorwürfe, ſo lange gezögert zu haben. Als ſie dann an ihrem Schreibtiſche ſaß mit dem Verlangen, ihm einen herzlichen und recht freundlichen Brief zu ſchreiben, da tönten Raoul's Worte unaufhörlich in ihrem Innern wieder: Weißt du denn, 126 ob er das Alles ſo werthvoll anſieht?— und der Brief wurde ganz anders, als ſie es eigentlich gewollt.— Mit welcher ſich täglich und ſtündlich ſteigernden Un⸗ ruhe hatte er dieſes Briefes geharrt— endlich hielt er ihn in der Hand und konnte das Siegel, das Wappen der Beaumonts, erbrechen. „Sie fragen mich,“ ſchrieb ſie,„ob ich Ihre Hand⸗ lungsweiſe billige, ob ich dazu gerathen haben würde, wenn Sie mich vorher hätten fragen können? Sie haben gewiß keinen Augenblick daran gezweifelt. Das Vergnü⸗ gen, mich, Ihre frühere dankbare Schülerin, wiederzu⸗ ſehen, wäre durch eine Hintanſetzung von Pflichten gewiß zu theuer bezahlt worden.— Ich will Ihnen nicht ver⸗ hehlen, daß mich das abermalige Verſchieben Ihrer Reiſe traurig und verſtimmt gemacht hat; da ich mir jedoch ver⸗ gegenwärtige, daß Sie ſo haben handeln müſſen, daß Sie nicht kommen konnten und Ihren Plan nicht aufge⸗ geben, ſondern nur verſchoben haben— gebe ich mich von Neuem der Hoffnung hin. Ihre vermehrte Beſchäf⸗ tigung wird Ihnen Erſatz für dieſe Entbehrung gewähren — und der Winter ſo vergehen— wenn der Frühling kommt, ſchreiben Sie mir vielleicht, daß Ihr Graf mit der ruſſiſchen Million zurückgekehrt iſt und Sie noch immer den Wunſch, hieher zu kommen, zur Erfüllung hie 127 bringen wollen. Sie werden mich ſehr dadurch beglücken, denn ich bleibe unverändert Ihre treu ergebene Margot.“ Das war der Brief— eine Riſchung von Kälte und Herzlichkeit, von Zwang und der alten Offenheit— o, welch eine getäuſchte, ſo ſehr getäuſchte Hoffnung! Nenntes Capitel. Einen ſolchen Brief hatte Walther nicht erwartet. Er hatte geglaubt, darin einen Troſt, einen Erſatz und eine Anerkennung für das von ihm ſeiner Pflicht gebrachte Opfer zu erhalten. Die Billigung deſſen, was er gethan, deren er ſo ſehr bedürftig war, nach welcher er ſo ſehr ver⸗ langte, zugleich die unumwundene Aeußerung des Schmer⸗ zes oder wenigſtens der Trauer, daß es ſo hätte ſein müſſen, weil es nicht anders hätte ſein können,— darauf hatte er mit fieberhafter Erregung gehofft, mit einer Erregung, welche ſein ganzes Denken und Handeln beherrſchte, deren Beruhigung er durch ihre Worte er⸗ wartete. Es waren ſehr ſchmerzliche und bittere Empfindungen, welche ihn durchzuckten, als er ihren Brief wieder und wieder las und in erfinderiſcher Weiſe den geſchriebenen Worten bald dieſe, bald jene Auslegung gab, ihnen bald dieſe, bald jene Beweggründe unterſchob. Wie ſchnell 129 würden dieſe Zweifel geſchwunden ſein, wie die Wolken vor dem Strahle der Sonne, wenn er ein einziges Mal hätte in ihre Augen blicken, nur ein einziges Mal den Ton ihrer Stimme hätte hören können— aber er konnte es nicht, die todten Buchſtaben blieben unverän⸗ dert, und ſie war nicht befähigt, ihm zu ſagen, daß ſie ganz ſo empfinde, wie er es ſich gedacht, und daß, wenn er ihre Worte anders auslege, ihr dies einen neuen und den größten Schmerz verurſachen würde!— Er fühlte ſich durch ihren Brief verletzt und legte ihn endlich zu den anderen, nachdem er ihn ſo oft geleſen und durchdacht hatte, daß er nichts mehr aus ihm herauszuleſen vermochte. Mit der Aufbietung ſeiner ganzen Energie warf er ſich dann auf die Geſchäfte und ſuchte in der Arbeit, wenn auch nicht den Erſatz, doch wenigſtens die Beruhigung ſeiner willenlos treibenden Gedanken. Nach und nach begann dieſe Fluth zu ebben, und wenn das Meer ſeines Empfindens auch bewegt blieb und immer noch hin und wieder hochgehende und ſich überſtürzende Wellen zeigte, er war des Steuers doch wieder Herr geworden, und der Compaß des Vertrauens erſetzte den von einer Wolke ver⸗ dunkelten Polarſtern. Denn das werthvollſte Geſchenk, welches die Gottheit den Menſchen für ihre irdiſche Pilger⸗ fahrt mitgab, iſt die Arbeit. Richt ein Fluch, ſondern ein Segensſpruch war die unſeren Stammeltern gewordene I. 9 130 Verheißung, als ſie das Paradies verlaſſen mußten: Du ſollſt im Schweiße deines Angeſichtes dein Brod eſſen! Nur das im Schweiße deines Angeſichtes, das durch die Arbeit gewonnene Brod, ſei es ſchwarz oder weiß, ſei es das einfachſte Mahl oder die raffinirteſte, aus allen Thei⸗ len der Erde zuſammengeraffte Leckerei, ſoll dir ſchmecken, dir einen Genuß gewähren, und der höchſte Genuß für dich ſtets die vollbrachte und gelungene Arbeit ſelbſt ſein! Du ſollſt nur hungrig ſein und genießen können, wenn du gearbeitet haſt und die Früchte deiner Arbeit verzehrſt. — Ohne Mühe kein Lohn, und alle Mittel, die du er⸗ ſinnen magſt, um dir müheloſe Genüſſe zu bereiten, wer⸗ den doch nichts ſein und nichts bleiben, als das Beſtreben eines Geſättigten, zu eſſen, ein vergebliches Beſtreben, ſelbſt bei den leckerſten und üppigſten Speiſen. Beneide die Reichen daher nicht, fleißiger und treuer Arbeiter, der du im Schweiße deines Angeſichtes dein Brod iſſeſt— beneide jene Reichen nicht, welche im Schweiße ihres An⸗ geſichtes nur dem Vergnügen und dem Genuſſe nachjagen — es iſt das für ſie auch eine ſchwere und dazu ganz er⸗ folgloſe Arbeit! Doch wir wollen Walther in ſeiner geſteigerten Thä⸗ tigkeit ungeſtört laſſen, der Gang unſerer Erzählung trennt uns von ihm, vielleicht auf längere Zeit, denn wir müſſen den Grafen und Hedwig begleiten, welche ſich 131 auf dem Wege nach der Hauptſtadt des Nordens befinden und bereits einen Theil dieſer beſchwerlichen Reiſe zurück⸗ gelegt haben. Beſchwerlich war die Reiſe zur damaligen Zeit, ungeachtet des bequemen Wagens und ungeachtet aller vorſorglich mitgenommenen Bedürfniſſe. Chauſſeen gehörten ſelbſt in Preußen noch zu den Seltenheiten, und die großen Fahrſtraßen, auf denen ſich der Verkehr be⸗ wegte, fingen in dieſer Jahreszeit an, grundlos zu wer⸗ den, in welchem Zuſtande ſie ſo lange blieben, bis der Froſt ſie erhärtete und der Schnee eine Decke darüber aus⸗ breitete, welche die Bäume der Schlitten glättete, um leicht und raſch darüber hinzufliegen. Dieſer für den Verkehr günſtige Zeitpunkt war jedoch noch nicht einge⸗ treten, und die ſchwere gräfliche Berline hatte ſich nur langſam und mühevoll über Breslau, Poſen, Königs⸗ berg und Memel nach den Gränzen Rußlands fortbewegen können. Deſſen ungeachtet übte die Reiſe keinen nachtheiligen Einfluß auf den Grafen aus. Seine Geſundheit ließ wenig zu wünſchen übrig, und ſeine Stimmung war, wenn auch zeitweiſe mehr als gewöhnlich erregt, im Ganzen vortrefflich. Das Land, durch welches ſie fuhren, an ſich, mit Ausnahme der Fluß⸗, namentlich der Weichſel⸗ Niederungen, unfruchtbar und zum großen Theile aus Haiden und Wäldern beſtehend, war wenig geeignet, freund⸗ 9* x 132 liche Eindrücke und heitere Stimmungen hervorzurufen; außerdem laſtete auf ihm der Druck der Zeit, und die Wunden, welche die eiſerne Fauſt des Eroberers geſchlagen, lagen noch überall offen, unverbunden und eiternd zu Tage. Die Feſtungen befanden ſich in den Händen der Franzoſen, und die Lage Preußens war gerade damals eine ſolche, daß Niemand wußte und ſagen konnte, ob der kommende Morgen nicht ein Decret von der Seine bringen würde, nach welchem das Königreich Preußen aufhören ſolle, zu ſein. Ein trüber Himmel lag über den einförmigen Gegen⸗ den, durch welche ſie fuhren, dazu waren die Menſchen ernſt, verſchloſſen und ſchweigſam, nur die Unbedeutend⸗ heit und die Geſinnungsloſigkeit machte ſich in widerlicher Geſchwätzigkeit breit, denn ſie findet in ſolchen Zeiten immer den beſten Boden, um ihre wuchernden Triebe em⸗ porſchießen zu laſſen. Die kurze Periode der Stein'ſchen Verwaltung, die Wiedergeburt des zertretenen Landes hatte bereits ihr Ende erreicht. Der Gewaltige erkannte in dieſem Manne einen beachtenswerthen Gegner und erhob ihn zu der Ehre ſeiner perſönlichen Feindſchaft, welche ihn veranlaßte, nachdem er ſiegreich über Blut und Leichen die Hauptſtadt Spaniens abermals erobert und den octro⸗ yirten ſchwachen Bruder-Känig Joſeph ſeinen in heller Empörung begriffenen Unterthanen wiedergeſchenkt hatte, „den, Namens Stein, welcher Unruhen in Deutſchland zu erregen ſucht,“ durch das Decret vom 16. December 1808 zum Feinde Frankreichs und des Rheinbundes zu erklären.— Wohl ſelten hat der große Kaiſer ein wahreres Wort geſprochen! Stein war ein Feind Frankreichs und des Rheinbundes— und iſt es ſo lange geblieben, bis das erſtere in ſeine Gränzen zurückgewieſen war und der Rheinbund, die widerlichſte und faulſte Frucht deutſcher Erbärmlichkeit und Erniedrigung, aufgehört hatte, zu ſein. Stein wurde ein Geächteter und fand eine Zufluchts⸗ ſtätte in Oeſterreich. Seine Schöpfungen für Preußens Wiedergeburt, für ſeine Verjüngung und zeitgemäßes Fortſchreiten kamen zum Stillſtehen und wurden von den geſchäftigen Händen der Reaction ſo viel als möglich wie⸗ der unſchädlich gemacht.— Jetzt ſind faſt ſechszig Jahre ſeit jener Zeit vergangen— das Joch des eiſernen Er⸗ oberers iſt bereits ſeit fünfzig Jahren zerbrochen, aber noch immer iſt jenen Leuten die Stein'ſche Geſetzgebung ein Dorn im Auge, und noch immer blicken ſie ſehnſuchts⸗ voll nach der ſchönen Zeit vor 1806, wo die eximirten Stände in ungefeſſeltem Dünkel über Volk und König ſtanden.— Der Graf beſchäftigte ſich im Ganzen wenig mit der Politik; er haßte die Franzoſen, weil ſie die unbeſiegbare 134 preußiſche Armee in einem einzigen Tage nicht nur ge⸗ ſchlagen, ſondern vernichtet hatten, er haßte ſie, wie ſie damals alle Bewohner Preußens haßten— aber ein Verſtändniß für die Forderungen und die Fragen der Zeit lag ihm fern. Stein hielt er für einen Reuerer, der die fran⸗ zöſiſchen Revolutions-Ideen in Preußen zur Geltung zu bringen ſtrebe, und wenn er ſich auch darüber ärgerte, daß der König durch Rapoleon gezwungen worden war, ihn zu entlaſſen, ſo hatte er doch im Ganzen nichts da⸗ gegen einzuwenden, daß es geſchehen ſei. Mit der Ober⸗ flächlichkeit dieſer Geſinnung und mit der Befriedigung, daß man ſich auf dem richtigen Wege zur Rückkehr nach der alten, guten Ordnung befinde, fuhr er durch das Land, wenig empfänglich für ſeine Leiden, und dieſe ſelbſt der nächſten Veranlaſſung, den Franzoſen, beimeſſend. Er unterließ es nicht, in dieſem Sinne zuweilen ſei⸗ nen Gefühlen Luft zu machen; die Veranlaſſung dazu gab jedoch gewöhnlich irgend ein ſich auf die Reiſe bezie⸗ hender Umſtand ſelbſt: die ſchlechten Wege, die ſchlechten Wirthshäuſer, die langſame Beförderung— das Alles verſchuldeten lediglich die Franzoſen, denn wären ſie nicht plündernd, raubend und mordend in das Land gekommen, ſo würde es ganz anders ſein, er würde beſſer verpflegt und ſchneller befördert werden. Hedwig hörte ihn ruhig an, denn ſie vermied es, ſich 135 mit ihrem Vater in politiſche Erörterungen einzulaſſen, und es genügte ihr, daß ſie beide im Haſſe gegen die Franzoſen übereinſtimmten. Am meiſten hatte Friedrich dabei zu leiden, der häufig ſelbſt als die Urſache der feh⸗ lenden Bequemlichkeiten behandelt wurde und überall Rath und Abhülfe ſchaffen ſollte, obgleich dies ganz außer ſeiner Macht lag. Da es aber einmal für den Grafen ein Be⸗ dürfniß war, ſich mit ſeinem Leibdiener in derartige nutz⸗ loſe Zänkereien einzulaſſen, ſo nahm dieſer das als eine Beſtimmung, als einen Theil ſeines Tagewerkes an und verſäumte es niemals, dieſer Liebhaberei ſeines Herrn zu willfahren. In Königsberg hatte man einige Tage geraſtet, denn man bedurfte der Ruhe und Erholung; da die Zeit jedoch drängte und das Wetter immer mißlicher wurde, ſo fuhr man weiter, überſchritt die ruſſiſche Gränze und kam da⸗ durch zur Erkenntniß, daß es ſich in dem Reiche des Zaren, welches noch nicht von den Franzoſen geplündert und ge⸗ brandſchatzt war, doch bei Weitem ſchlechter reiſe, als in dem armen und ausgeſogenen Preußen. Die Peitſche und namentlich die verbeſſerte ruſſiſche Auflage derſelben, die Knute fingen an, eine hervorragende Rolle zu ſpielen, und es blieb nicht zu läugnen, daß, wenn man erſt ſo weit war, ſie zur Anwendung bringen zu können, Alles glatt und gut von Statten ging. Die Pferde liefen 136 raſcher und die Führer derſelben handhabten das Be⸗ förderungs⸗Inſtrument in der ſchonungsloſeſten Weiſe, weil ſie wußten, daß ſie ſonſt in gleicher Art angeregt werden würden. Aber es blieb immer ſchwierig, bis zu dieſem erſehnten Punkte zu gelangen— überall Hinder⸗ niſſe, überall Ausflüchte, bis ein jeder der Betheiligten zufriedengeſtellt war. Die ungeheuerliche Habſucht und Beſtechlichkeit der ruſſiſchen Beamten, damals noch in der vollſten, unverſchämteſten Blüthe, mußte förmlich erſt begriffen und gelernt werden. Manches lag ſo ganz außer⸗ halb eines deutſchen Ideenkreiſes und trug eine ſo vffene Schamloſigkeit an der Stirn, daß man aus der angre⸗ borenen Achtung vor dem Geſchöpfe Menſch, wenn es auch in einem ſchmierigen und übelriechenden Schafpelze da ſtand, Anſtand nahm, es nur zu verſuchen.— In⸗ deſſen man gelangte nach und nach zu der richtigen Er⸗ kenntniß, und namentlich Friedrich zeigte ſich dabei als der Praktiſchſte von Allen. Mit einer Miene, welche er nicht gegen einen hung⸗ rigen Hund zu Hauſe aufgeſetzt haben würde, warf er den vielen Creaturen, die alle haben wollten und, wie er jetzt wußte, auch erhalten mußten, die möglichſt geringen Geldſtücke in die offenen, ſchmutzigen Hände, indem er gleichzeitig dabei ſeinen Kantſchu, den er ſich gekauft hatte, bewegte. Dann ging es, und da man nun wußte, wie es allein ging, ſo ärgerte man ſich auch gar nicht mehr über alle dieſe Niederträchtigkeiten, welchen man ja mehr oder weniger auch bei dem Pöbel, ſelbſt in den erſten Hötels, auf jeder Reiſe auch noch jetzt ausgeſetzt iſt. Nur die Form wird mehr gewahrt— man drückt ſich um⸗ ſchreibender, meiſt in franzöſiſcher Sprache aus— nennt es bougis, service und derartig— ſonſt iſt die Prellerei ſo ziemlich dieſelbe und man betrachtet den Reiſenden als einen Schwamm, den man ſo viel als irgend möglich aus⸗ preſſen muß. In Oeſterreich läßt man ſich außer den höchſtgeſchraubteſten Preiſen für Lämmernes und Käl⸗ bernes in den Wirthshäuſern erſten Ranges noch jedes Stückchen Brod, jedes Körnchen Senf beſonders bezahlen, und der eilig ſich zu ſeinem Vortheile verrechnende Ober⸗ kellner bleibt mit offener Hand ſtehen, um noch ein paar kleine Papierlappen in Empfang zu nehmen dafür, daß er ſich dieſer Bemühung unterzogen; in Italien muß man über den Preis der Wohnung und der Speiſen vorher wie mit einem Juden ſich in einen Handel einlaſſen, wenn man ſich endlich durch eine Reihe bettelhaften, haben⸗ wollenden Geſindels bis zu dem erſehnten Gaſthofe durch⸗ geſchlagen hat, und ſelbſt in Frankreich, wo jedes, auch das gemeinſte und unreinſte Ding einen hochklingenden Namen führt, erfordert es der Brauch, nicht nur jedem kurzſchößigen Gargon, ſondern auch der ſchön geputzten, 138 vornehm ausſehenden Dame de Buffet das übliche Dou⸗ ceur für die unbedeutendſte Erfriſchung durch einige ſchmu⸗ tzige, ſchwerwiegende kupferne Sous zu verabreichen. Das iſt einmal ſo Landesſitte, und der Reiſende bringt die⸗ ſelbe vorher in ſeinen Ausgabe⸗Etat. In Rußland da⸗ gegen iſt er nicht im Stande, eine ſolche Vorberechnung aufzuſtellen, weil er dort genöthigt wird, ſelbſt die An⸗ nahme einer beſtimmten Bezahlung noch beſonders zu bezahlen. Alle Beamten ſind auf ſolche Prellereien an⸗ gewieſen und bilden unter ſich eine große Räubergeſellſchaft, die den Raub gemeinſchaftlich theilen und ſich gegenſeitig wieder betrügen. Das halbe Jahrhundert, welches zwiſchen heute und der Zeit liegt, in welcher der Graf ſeine Reiſe nach der Hauptſtadt jenes Landes unternahm, hat Einiges darin beſſer werden laſſen. Der wohlwollende, humane Zar Alexander, ſein Bruder, der eiſerne Nikolaus, und der jetzige, vom beſten Willen beſeelte Selbſtherrſcher aller Reußen ſind nach Kräften bemüht geweſen, dieſen Krebs⸗ ſchaden zu heilen— aber der Krebs iſt eben eine unheil⸗ bare Krankheit, bei welcher Brennen und Schneiden nur ein momentanes Stillſtehen hervorruft, und— Rußland iſt ein großes Land, und der Zar iſt weit!— Man hatte ſich jedoch, wie geſagt, auch in dieſe ruſ⸗ ſiſche Landesſitte gefunden; der Graf betheiligte ſich gar 139 nicht mehr an der Abfindung, nachdem er ſich einige Male vergeblich und zum Nachtheile ſeiner Geſundheit abgeärgert hatte, und überließ dieſes unangenehme Geſchäft ſeinem Leibdiener, den er ja dazu mitgenommen, um alle Un⸗ annehmlichkeiten ſo viel als möglich von ſich fern zu halten. Man wußte es jetzt, daß die Pferde aus irgend einem Grunde nicht vorhanden waren, daß Dieſes oder Jenes erſt beſchafft werden und man deßhalb warten müſſe, bis Friedrich in Thätigkeit trat. Dieſer verſchwendete bei ſolchen Operationen auch weiter keine unnützen Reden mehr, gab raſch und mit verachtungsvoller Miene, was gegeben werden mußte, bewegte auch wohl dabei ſeinen Kantſchu, den er ſich umgehangen— und die gewünſchten Pferde waren immer ſofort zur Stelle und flogen dann ſchneller, als man es bei den ſchlechten Wegen für möglich hielt, davon. Der Graf ſtieg ſelten aus, und wenn er es that, bekümmerte er ſich nicht um„ die Bande“, welche ihn an⸗ ſtierend und ſeine Kleider küſſend umſtand. 6 So war man bis zu einer Station zwiſchen Mitau und Riga gekommen. Die Sonne hatte ſich nach längerer Zeit einmal wiederſehen laſſen und blickte mit wäſſerigem Scheine von ihrem niederen Standpunkte aus auf die öde Gegend herab. Es dauerte dieſes Mal ungewöhnlich lange und Fried⸗ rich befand ſich in einer ihm ſonſt fremden Auftegung. 140 Er geſticulirte ſehr lebhaft, ſchimpfte und fluchte, aber man ſchien ihn nicht zu verſtehen oder nicht verſtehen zu wollen; der Poſthalter zuckte nur immer wieder die Schultern und hielt eine lange Rede in ruſſiſcher Sprache, die Friedrich wieder nicht verſtand. Erſt nachdem der Mann einen Rubel da⸗ für erhalten, um ſich in deutſcher Sprache auszudrücken, die ihm ſehr geläufig war, kam man zu einem gegenſeitigen Verſtändniß. Der Graf war indeß ebenfalls ſehr un⸗ geduldig geworden und wetterte aus dem herabgelaſſenen Fenſter hinaus, ohne daß ſeine Philippika auf die Um⸗ ſtehenden den geringſten Eindruck zu machen ſchien. Friedrich, rief er endlich im vollſten Zorne, Friedrich, was giebt es denn wieder? Weßhalb kommen die Pferde nicht? Was wollen die Kerle eigentlich? Der Leibdiener, noch in lebhaftem Geſpräche mit dem Poſthalter begriffen, brach dieſes ab und ſchritt langſam dem Wagen zu; ſein Geſicht zeigte eine mehr als gewöhn⸗ liche Röthe, welche theils durch die ſcharfe Luft, theils durch die aufregende Unterhaltung hervorgerufen war. Es geht dieſes Mal nicht, ſagte er mit einem reſig⸗ nirten Tone, da er wußte, daß jetzt der Zorn ſeines Herrn ſich über ihn entladen würde— der Herr Graf müſſen ausſteigen und einige Stunden warten. Ausſteigen? rief dieſer; wie kann Er mir zumuthen, auszuſteigen und in dieſt Spelunke zu gehen— ich werde ausſteigen, wenn es mir beliebt, verſteht Er mich! Wenn der Herr Graf die ganze Zeit im Wagen ſitzen bleiben wollen— meinetwegen— ich dachte nur.... Was hat Er zu denken? Und von welcher ganzen Zeit fabelt Er? Es ſind jetzt keine Pferde zu haben— die da ſind, können wir nicht kriegen— ſie geben ſie einmal nicht— es hilft nichts, wenn wir ſie auch vierfach bezahlen. Sie geben ſie nicht? Weßhalb geben ſie ſie nicht? Das wollen wir doch einmal ſehen! Dort halten drei Wagen, erwiederte Friedrich, indem er mit ſeinem Kantſchu nach der anderen Richtung zeigte — die gehören der franzöſiſchen Geſandtſchaft. Die ver⸗ dammten Franzoſen ſitzen im Zimmer und frühſtücken— die Poſten haben kaiſerliche Ordre, ſie ſofort zu befördern, und wenn ſie dieſe Ordre nicht befolgen, ſagt der Kerl, würden ſie nach Sibirien geſchickt— kurz, ſie geben ſie nicht. Es ſtehen zwölf Pferde im Stalle, aber die brau⸗ chen alle die Franzoſen, und wir müſſen warten, bis an⸗ dere zurückkommen, was in einer Stunde geſchehen ſoll — indeß man kennt das— wir perden wohl bis zum Abend warten müſſen. Da ſoll ja das Donnerwetter drein ſchlagen! brach der Graf los— franzöſiſche Geſandtſchaft? Was küm⸗ mert mich die franzöſiſche Geſandtſchaft— mein Geld iſt eben ſo gut als das ihrige, und ich will doch einmal ſehen! — Aufgemacht! Wie ſteht Er da, als ob das Gewitter vor ihm eingeſchlagen hätte! Iſt ſein Bißchen Verſtand ſchon wieder zu Ende? Ich ſagte es ja, daß der Herr Graf ausſteigen wür⸗ den, erwiederte Friedrich mit einem wenig reſpectvollen Lachen, indem er die Wagenthür öffnete und den Tritt herunterlegte— verſuchen es der Herr Graf ſelbſt, es ſoll mir lieb ſein.... Lieber Vater, unterbrach Hedwig, vor allen Dingen ereifere dich nicht unnöthiger Weiſe; man kommt mit Ruhe und Gelaſſenheit iedenfalls eher zum Ziele. Du wirſt dich erkälten, fuhr ſie fort, als der Graf ſich un⸗ geſtüm ſeiner vielfachen Umhüllungen entledigte; wenn es wirklich eine Geſandtſchaft iſt, mag es nun eine fran⸗ zöſiſche oder eine andere ſein, ſo wird man ſie früher be⸗ fördern, als uns, das liegt in den Umſtänden. Das Haus ſieht ganz freundlich aus, und wir ſind ſchon ſechs Stunden gefahren. Wenn die Geſandtſchaft drinnen frühſtückt, ſo laß uns ein Gleiches thun; dabei vergeht die Zeit, und die Pferde kommen vielleicht früher, als wir glauben.. Es paßt ſich nicht für dich, ſagte der Graf ruhiger, daß du in eine ſolche Kneipe gehſt, wo es ſchmutzig iſt 7 143 und nach Branntwein und nach naſſen Schafspelzen riecht — das paßt ſich nicht. Bleibe ſitzen, ich werde allein gehen. 5 Jedenfalls werde ich ausſteigen, ſagte Hedwig; die Luft iſt klar, die Sonne ſcheint einmal wieder, ich ſehne mich wenigſtens, etwas auf und ab zu gehen. Thue, was du willſt, erwiederte der Graf ungehal⸗ ten; geh' meinetwegen ſpazieren und genieße den Reiz die⸗ ſer ſchönen ruſſiſchen Natur— ich hoffe, du ſollſt bald in deinen Betrachtungen geſtört werden, denn ich will doch einmal ſehen, ob hier wirklich keine Pferde zu haben ſein ſollen. Vater und Tochter verließen jetzt den Wagen; der Graf begab ſich eiligen Schrittes in das Haus, nachdem er den Poſthalter, welcher ihm den Rock küſſen wollte, un⸗ ſanft auf die Seite geſtoßen hatte; Hedwig dagegen wan⸗ derte langſam auf einem trockenen Fußwege einer nahe⸗ gelegenen Kiefernwaldung zu. Zehntes Capitel. Es war eine große, niedrige Stube, deren Thür ſich dem Grafen jetzt öffnete; ein heißer, übelriechender Dunſt ſchlug ihm entgegen, ſo daß er zögernd einige Augenblicke ſtehen blieb, um dann erſt mit einem reſignirten Ent⸗ ſchluſſe einzutreten. Er hatte ſich durchaus nicht in ſei⸗ ner Vorausſetzung geirrt: in dem überheizten, mit Men⸗ ſchen angefüllten Zimmer war die Luft vorzugsweiſe mit den Dünſten des Branntweins und übelriechender Pelze geſchwängert, wozu jedoch noch allerlei verſchiedene an⸗ dere Odeurs hinzukamen, deren Zergliederung unmöglich ſein würde. Wo ſind die Herren? fuhr der Graf den ihn beglei⸗ tenden Wirth an; man kann ja hier kaum Jemanden un⸗ terſcheiden! In der Nebenſtube, gnädigſter Herr, in der Neben⸗ ſtube, welche ich für die Herrſchaften eingerichtet habe. Der Graf war jetzt vor der Thür dieſer herrſchaft⸗ — 7 145 lichen Nebenſtube angelangt, wurde jedoch durch einen davor ſtehenden Bedienten am Eintreten gehindert. Der Eintritt iſt nicht erlaubt, ſagte dieſer in fran⸗ zöſiſcher Sprache, dies iſt ein Privat⸗Cabinet. Privat⸗Cabinet? Was kümmert mich das? Melde Er ſeiner Herrſchaft den Grafen von Wallfort. Ich verſtehe kein Deutſch, erwiederte jener ruhig; und der Graf war genöthigt, dem Bedienten, welcher ihn mit ſehr nichtachtenden Blicken maß, ſein Verlangen in fran⸗ zöſiſcher Sprache zu wiederholen. Auch dann ſchien dieſer noch zweifelhaft, ob er der ihm gewordenen Weiſung folgen ſolle; er ging aber und kehrte bald mit der Antwort zurück: der Herr Graf würde willkommen ſein. Es war ein kleines, aber reinliches und freundliches Zimmer, in welches ihm jetzt der Eintritt geſtattet wurde. An dem mit einem feinen Damaſttuche bedeckten Tiſche ſaßen zwei Männer in eleganten Pelzröcken und ſchienen ſich das Frühſtück vortrefflich ſchmecken zu laſſen, wozu die auf dem Tiſche befindlichen Speiſen und Getränke auch volle Veranlaſſung gaben. Eine ſtraßburger Gänſe⸗ leber⸗Paſtete, ein bourgogner Schinken, verſchiedene andere Delicateſſen nebſt gutem Chateau⸗Lafitte verſetzten die Speiſenden in das ſchöne Frankreich zurück und ließen ſie es für den Augenblick vergeſſen, daß ſie ſich in dem 10 146 Privat⸗Cabinet eines ruſſiſchen Land⸗Wirthshauſes be⸗ fanden. Der jüngere der beiden Reiſenden erhob ſich von ſei⸗ nem Stuhle beim Eintritt des Grafen, während der ältere den Gruß deſſelben nur nachläſſig und ſitzen blei⸗ bend erwiederte. Was verſchafft uns die Ehre? fragte dann jener— aber wollen Sie nicht Platz nehmen, ſetzte er mit fran⸗ zöſiſcher Höflichkeit hinzu, vielleicht verſchmähen Sie es nicht, ſich an unſerem beſcheidenen Frühſtücke zu bethei⸗ ligen? Der Graf war durch dieſe nicht erwartete Zumuthung einigermaßen überraſcht und empfand die angenehme Beruhigung, es mit gebildeten und zuvorkommenden Menſchen zu thun zu haben. Ich danke Ihnen, ſagte er daher ſehr freundlich, in⸗ dem er Platz nahm, ich habe bereits in meinem Wagen gefrühſtückt, wie ich es zu thun gewohnt bin; aber ich komme, Sie um eine andere Gefälligkeit zu bitten. Es wird uns ſehr angenehm ſein, wenn Sie uns in den Stand ſetzen, Ihnen zu dienen, erwiederte der Jün⸗ gere, indem er wieder zu eſſen fortfuhr. So eben angekommen, ſprach der Graf weiter, ver⸗ ſagt man mir die Mittel zur Weiterreiſe und giebt vor, keine Pferde zu beſitzen. 147 Ach, mein Herr, bemerkte lächelnd der Franzoſe, in⸗ dem er ſein Glas füllte— Sie verkennen uns, wir ſind keine Beamten Sr. Majeſtät des Zaren, gehören vielmehr zur Geſandtſchaft Sr. Majeſtät des Kaiſers Napoleon; die ruſſiſchen Poſt⸗Einrichtungen liegen ganz außerhalb unſeres Einfluſſes. Das meinte ich auch nicht— aber man ſagte mir, es ſeien zwölf Pferde im Stalle und dieſe würden ſämmt⸗ lich von Ihnen in Anſpruch genommen— es würde leicht ſein, ſich mit acht zu begnügen, in welchem Fale Wir bedürfen zwölf Pferde, mein Herr, unterbrach jetzt der ältere Franzoſe in ziemlich rauhem Tone, und können von dieſer Zahl keine entbehren— wir befinden uns im Dienſte und müſſen eilen. Franz, rief er dem Bedienten zu— abräumen, einpacken, wir wollen ab⸗ reiſen! Wir bedauern, ſagte jetzt der Jüngere in höflichem Tone, Ihrem Wunſche nicht entſprechen zu können— der Dienſt des Kaiſers zwingt uns, Ihnen dieſe Gefäl⸗ ligkeit verſagen zu müſſen. Hoffentlich wird die Ver⸗ zögerung Ihrer Reiſe nicht von langer Dauer ſein. Der Gref ſah ein, daß es vergeblich ſein würde, wei⸗ tere Worte zu verſchwenden, und ſtand daher auf, um das 148 Zimmer wieder zu verlaſſen. Die Franzoſen hatten ſich gleichfalls erhoben. Der Blick des Jüngeren fiel zufällig durch das kleine Fenſter und auf Hedwig, welche langſam auf dem davor ſich hinziehenden Wege auf und ab ſchritt. Ah, eine Dame! ſagte er— und von untadelhafter Schönheit, ſetzte er leiſe hinzu. Meine Tochter, bemerkte der Graf, deſſen Augen den Blicken des Franzoſen gefolgt waren. Sie reiſen nicht allein? Jene Dame iſt Ihr Fräulein Tochter? WVie ich ſagte— aber ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, erwiederte der Graf; vielleicht verſchafft mir der Zufall das Vergnügen, die heutige flüchtige Bekannt⸗ ſchaft in Petersburg zu erneuern. Sie reiſen ebenfalls nach Petersburg? Das iſt das Ziel meiner Reiſe. Und werden ſich dort einige Zeit aufhalten? Wahrſcheinlich den Winter über. Während dieſer kurzen Unterredung hatten die Blicke des jüngeren Franzoſen unausgeſetzt Hedwig beobach⸗ tet.— Erlauben Sie noch einen Augenblick, ſagte er dann, vielleicht ließe ſich doch noch ein Arrangement treffen. Er ſprach dann eine Zeit lang leiſe mit ſeinem Ge⸗ 149 fährten, deſſen kalte Miene allmälig einem etwas ſpötti⸗ ſchen Lächeln Platz machte. Mein Herr, ſagte dann der Jüngere, wir bedürfen. zwölf Pferde; acht zu unſerem perſönlichen Gebrauche und vier für unſeren Fourgvn, welcher unſere Betten, unſere Küche und alle diejenigen Dinge enthält, die man nicht entbehren kann, aber hier in Rußland nicht vorfin⸗ det. Sie werden das aus eigener Erfahrung kennen. Indeſſen es giebt Rückſichten, welche uns die Pflicht auf⸗ erlegen, diejenigen gegen unſere eigene Perſon in den Hintergrund treten zu laſſen. Es würde unverantwort⸗ lich ſein, wenn eine junge Dame durch unſere Schuld ge⸗ zwungen ſein ſollte, hier in dieſem ſchlechten Wirthshauſe ſich längere Zeit aufzuhalten. Wir werden daher unſeren Gepäckwagen nachkommen laſſen und ſtellen Ihnen die vier Pferde zur Dispoſition. Sie ſind ſehr freundlich, entgegnete der Graf, un⸗ ſchlüſſig, ob er jetzt die Pferde annehmen ſolle— aber es würde Ihnen doch große Unbequemlichkeiten verur⸗ ſachen, die ich nicht fordern darf; ich werde daher war ten, bis Betrachten wir dieſe unbedeutende Sache als abge⸗ macht, unterbrach ihn höfliche Franzoſe, ſie iſt wirk⸗ lich nicht ſo viel werth, um darüber noch mehr Worte zu verlieren; ich werde ſofort die nöthigen Befehle ertheilen. 150 — Bei dieſen Worten verließ er, von dem Grafen ge⸗ folgt, das Zimmer, während der Aeltere mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln ſchweigend darin zurückblieb. Der Befehl, vier Pferde vor den Wagen des Grafen anzuſpannen, wurde ſofort gegeben, und als dann Hedwig wieder zu ihrem Vater herantrat, ſagte der Franzoſe in, höflichem Tone: Darf ich bitten, mich Ihrer Fräulein Tochter vorzu⸗ ſtellen, Herr Graf? Ich bin der Herzog von Villeroi, Attaché der Geſandtſchaft Sr. Majeſtät des Kaiſers der Franzoſen. Mein Fräulein, fuhr er dann fort, nachdem dieſe Förmlichkeit erfüllt war, es gereicht mir zum beſonderen Vergnügen, durch einen günſtigen Zufall in die Lage ver⸗ ſetzt zu ſein, Ihnen einen unbedeutenden Dienſt leiſten zu können. Hedwig blickte ihren Vater fragend an. Der Herr Herzog iſt ſo gütig, bemerkte der Graf, auf den der hochklingende Titel ſeines neuen Bekannten nicht ohne Einfluß geblieben war, der Herr iſt ſo gütig, uns vier Pferde abzutreten, auf welche wir ſonſt keinen Anſpruch haben würden. Wenn Sie ſich aber ſelbſt dadurch berauben, ent⸗ gegnete Hedwig mit einem Kalten Tone, f0 O, nicht im mindeſten, unterbrach er ſie, während 151 ſeine Augen unausgeſetzt prüfend auf ihr ruhten, wir werden nur unſeren Gepäckwagen eine Zeit lang zurück⸗ laſſen, das iſt Alles! Das iſt aber in dieſem Lande ſehr viel, mein Herr — ich bitte daher, ſich unſeretwegen durchaus keiner Gene zu unterwerfen; denn mir iſt es gar nicht unange⸗ nehm, eine Zeit lang hier auszuruhen. Die Pferde wer⸗ den nicht zu lange auf ſich warten laſſen, und wir kön⸗ nen, wenn auch etwas ſpäter, doch zur Nacht nach Riga gelangen. Handeln Sie in dieſer Beziehung ganz nach Ihrem Belieben, mein Fräulein, erwiederte der Herzog, ohne daß ihn dieſe Weigerung irgendwie unangenehm zu berühren ſchien; es befindet ſich in dieſem Hauſe ein keineswegs ganz unfreundliches Zimmer— aber Sie werden die un⸗ bedeutende und von der gewöhnlichen Rückſicht gebotene Gefälligkeit, welche wir beabſichtigen, gewiß nicht damit vergelten, daß Sie dieſelbe ausſchlagen. Ich habe ſie bereits angenommen, mein Kind, ſagte der Graf, und wiederhole, daß ich dem Herrn Herzoge zu großem Danke verpflichtet bin— ich ſehe, es iſt ange⸗ ſpannt, und da Sie benfalls wenig NReigung empfinden werden, hier ane verweilen, ſo wollen wir uns Ihnen mit dem Wunſche empfehlen, daß es uns vergönnt 152 ſein werde, unſere heutige flüchtige Bekanntſchaft in Petersburg zu erneuern. Sie werden mich dadurch ſehr glücklich machen, er⸗ wiederte der Herzog, indem er ſie an den Wagen beglei⸗ tete und, ohne daß es Hedwig zu verhindern vermochte, ihr beim Einſteigen behülflich war— alſo auf Wieder⸗ ſehen, ſagte er dann, ſich verbeugend, und recht glückliche Reiſe! Der Wagen fuhr ab, und der Herzog blickte ihm mit lächelnder Miene eine kurze Zeit nach. Ein ſchönes Kind, ſprach er dann vor ſich hin— aber kalt und ſtolz— ganz anders wie unſere Pariſerinnen.— Man muß ſich erſt an die Art dieſer Deutſchen gewöhnen, obgleich ich mir dieſe Art anders gedacht habe. Die Geſandtſchaft Sr. Majeſtät des Kaiſers Rapo⸗ leon brach nun ebenfalls auf. Die beiden Repräſentan⸗ ten deſſelben ſetzten ſich, heiter plaudernd, zuſammen in einen Wagen, wie ſie überhaupt bisher gefahren waren, und ließen keineswegs den ihnen unentbehrlichen Four⸗ gon, ſondern den anderen Wagen zurück, indem ſie über das große, von ihnen gebrachte Opfer lachten und ſcherzten. Schon auf der nächſten Stgtion überholten ſie den Grafen, und der Herzog fand die Kwünſchte Gelegenheit, ſehr angelegentlich zu grüßen, obgleich er zu ſeinem Aer⸗ 153 ger erkennen mußte, daß ſein Gruß nur von dem Grafen, nicht aber von Hedwig, die ſich in den Wagen zurücklegte, erwiedert wurde. Ich habe mir gleich gedacht, daß dieſe Franzoſen nicht ohne ihre Bagage reiſen würden, bemerkte der Graf; das Opfer, welches ſie uns gebracht haben, iſt nicht weit her. 8 Wir hätten es überhaupt nicht annehmen ſollen, er⸗ wiederte Hedwig; der Menſch that bei allem dem doch, als ob er uns eine überaus große Gefälligkeit erwieſen. Abends langten ſie in Riga an. Als ſie, nachdem ſie durch die Wälle der Feſtung gefahren waren, an das innere Thor kamen und dort nach Numen, Stand und Paß gefragt wurden, denn die Fremden⸗Polizei wurde zu jener Zeit ſehr peinlich ausgeübt, meldete ſich bei dem Grafen ein Mann als Beamter des Fürſten von Bori⸗ dow. Er benachrichtigte den Grafen, daß der Fürſt, ſein Herr, die nöthigen Zimmer für den Herrn Grafen habe in Bereitſchaft ſetzen laſſen, indem er zugleich einen Brief übergab. Der Graf nahm den letzteren in Empfang und befahl Friedrich, dem Beamten des Fürſten zu folgen. Dieſer geleitete den Wagen erſten Gaſthofe der Stadt, in welchem die beſten Zimmer für den Grafen ſchon mehre Tage lang in Beſchlag genommen geweſen und jetzt, an⸗ 154 genehm erwärmt und hell erleuchtet, die ermüdeten Rei⸗ ſenden aufnahmen. Der Graf konnte ein behagliches Gefühl nicht unterdrücken, als ihn Friedrich ſeiner Hüllen entledigte und er ſeine Augen durch die wohnlichen Zim⸗ mer ſchweifen ließ. Nun, hier iſt es doch ſeit un einmal wieder menſchlich, ſagte er— ach, es thut Meinen alten Glie⸗ dern wohl, auf einem guten und weichen Sopha ſich aus⸗ zuſtrecken— aber zuerſt will ich den Brief meines Vet⸗ ters, des Fürſten, leſen. Der Inhalt war folgender: „Ihren Brief aus Königsberg, verehrter Herr Vet⸗ er, habe ich ſo eben empfangen und daraus mit Befrie⸗ igung erſehen, daß Sie und Ihre Tochter die Reiſe zu mir nicht nur antreten wollen, ſondern wirklich angetreten haben. Es iſt in allen Dingen gut, Gewißheit zu er⸗ halten. So viel als möglich habe ich dafür Sorge ge⸗ tragen, daß Sie ſowohl in Riga, wo jetzt viel militäri⸗ ſcher Trouble ſein wird, als auf dem Wege hieher dieieni⸗ gen Bequemlichkeiten finden, welche zu beſchaffen in den Verhältniſſen liegt. Ich ſende Ihnen einen meiner ge⸗ wandteſten Leibeigenen, Petrowitſch, welcher Sie begleiten und für Alles ſorgen wird. Er ſpricht drei Sprachen und iſt ein zuverläſſiger Menſch!— Ich würde Ihnen rathen, einige Tage in Riga auszuruhen, denn da Sie 155 jetzt ſicher kommen, ſo hat die Sache keine ſo große Eile mehr. Die Pferde bis hieher ſind für Sie beſtellt; viel⸗ leicht bekommen wir in dieſen Tagen Schnee, in welchem Falle Ihre Reiſe weit angenehmer und raſcher von Stat⸗ ten gehen könnte, als es bei dieſen aufgeweichten Wegen möglich iſt. Petrowitſch wird dann für gute und ge⸗ ſchloſſene Schlitten ſorgen. Ich freue mich ſehr, Sie und namentlich Ihre Tochter kennen zu lernen; aber es iſt nicht nöthig, daß Sie deßhalb die Reiſe mit überflüſ⸗ ſigen Beſchwerden verbinden. Wie geſagt, ruhen Sie ſich aus und laſſen Sie einen Courier abgehen, wenn Sie ſelbſt von Riga abreiſen. Im Uebrigen habe ich die Ehre, zu ſein Ihr ergebenſter Vetter Fürſt von Boridow. Sehr aufmerkſam, bemerkte der Graf, indem er Hed⸗ wig den Brief hinreichte, welche ihn flüchtig las— ſehr aufmerkſam; der Vetter fängt an, in meiner Achtung zu ſteigen, und ich finde überhaupt, daß die Reiſe, obgleich ſie ihre vielfachen Beſchwerden und ihren unaufhörlichen Aerger hat, doch nicht ohne Intereſſe iſt. Die gute Stimmung des Grafen wurde durch das jetzt ſich entwickelnde Ahendeſſen, Thee nach ruſſiſcher Weiſe, dann mehre ſehr gut zübereitete Speiſen und vortreffliche Weine, noch mehr erhöht. Man hatte gar nicht nöthig gehabt, irgend etwas zu beſtellen; es kam und man ſer⸗ virte es, wie in einem Privathauſe, unter der ſchweigen⸗ den Aufſicht des fürſtlichen Leibeigenen, deſſen unmerk⸗ lichſtem Augenwinke eben ſo ſchweigend Folge geleiſtet wurde. Man muß anerkennen, daß dieſe Kerle ſämmtlich vor⸗ züglich dreffirt ſind, fuhr der Graf fort, nachdem das Deſſert aufgetragen und die Dienerſchaft nebſt Petrowitſch das Zimmer verlaſſen hatten; es wäre ganz unmöglich, unſer rohes Volk ſo weit zu bilden. Was meinſt du, wollen wir ein paar Tage hier bleiben, ich ſehe keinen Grund, es nicht zu thun? Handle ganz nach deinem Belieben, lieber Vater, er⸗ wiederte Hedwig; es ſcheint mir ebenfalls gut zu ſein, daß du dich etwas ausruhſt und ganz erholſt, ehe wir weiter reiſen, da wir ja keine Eile mehr haben. Viel⸗ leicht giebt es auch Schnee, ſetzte ſie etwas lebhafter hinzu, und wir könnten Schlitten fahren— es muß einen gro⸗ ßen Genuß gewähren, ſo raſch über die glatte Fläche hin⸗ zufliegen. Ah, du wirſt dieſes Vergnügen noch genug genießen, erwiederte der Graf mit einem ängſtlichen Athemzuge— raſch mag es gehen, das will ich zugeben, aber ziehen wird es jedenfalls in dieſem dünnen Kaſten, und man kann ſich ſehr leicht erkälten. 157 Wir beſitzen ja einen Ueberfluß von Pelzen, lächelte Hedwig, aber ich glaube, das Wetter wird leider noch längere Zeit ſo mild und trüb bleiben, wie es in der letzten Zeit geweſen iſt. Meinſt du? entgegnete der Graf— nun, ſo wollen wir in Gottes Namen einige Tage hier bleiben und uns ausruhen— ich trenne mich ungern von meinem Wagen, in dem es behaglich und warm iſt, wenn es auch etwas langſamer damit geht. Am anderen Tage war ſchönes und kälteres Wetter. Die Reiſenden hatten länger als ſonſt geſchlafen, mit Comfort gefrühſtückt und beſchloſſen dann, ſich die Stadt und den Hafen anzuſehen. Als ſie hinaustraten auf den großen, belebten und von der Sonne beſchienenen Platz, an welchem das Gaſt⸗ haus lag, erblickten ſie zuerſt den Wagen der franzöſiſchen Geſandtſchaft, vor welchen man ſo eben andere Pferde zu ſpannen beſchäftigt war. Der Graf, in der Abſicht, ſeine Bekannten von geſtern zu begrüßen, eine Abſicht, welche Hedwig keineswegs theilte, erfuhr jedoch, daß die Herren ſelbſt bereits geſtern Abend weiter, gereiſſt ſeien und dies nur der zurückgebliebene, ſo eben erſt angekom⸗ mene Wagen ſei. ₰ Wir haben virlih alle Urſache, jenen Franzoſen verpflichtet zu ſein, bemerkte der Graf indem er mit ſei⸗ 8. 158 ner Tochter von Petrowitſch gefolgt weiter ging, denn wir würden, ſtatt geſtern Abend, ebenfalls erſt jetzt angekommen ſein und hätten vielleicht in jener Spelunke übernachten müſſen. Riga war zu jener Zeit ungewöhnlich belebt und mit Truppen überfüllt. Es kamen täglich neue Zuzüge, welche nach dem Süden dirigirt wurden, ſo daß nicht nur die Stadt, ſondern auch die Umgegend von Soldaten aller Waffengattungen wimmelte. Es machte dies auf den Grafen und vorzugsweiſe auf Hedwig einen erheben⸗ den und freudigen Eindruck, hervorgerufen durch den Ge⸗ danken, daß alle dieſe ſo ſtattlich ausſehenden und ge⸗ rüſteten Krieger beſtimmt ſein könnten, den Entſcheidungs⸗ kampf mit dem gehaßten Eroberer zu kämpfen. Noch war zwar die Entſcheidung nicht gefallen, noch ſprach und ſchrieb man über die Erhaltung des Friedens als von einem allgemeinen Wunſche, als von einer Nothwendig⸗ keit— aber es lag etwas in der Luft, was dieſe Annah⸗ men Lügen ſtrafte. Auf ihrem Wege durch Polen und Preußen waren ſie franzöſiſchen Truppen begegnet, die nach Oſten und Norden zogen; hier ſahen ſie ruſſiſche in großer Anhäufung, welche die entgegengeſetzte Richtung einſchlugen. Man rüſtete beiderſeitig, das unterlag kei⸗ nem Zweifel; die Wolken zogen ſich wie bei einem ſich bildenden Gewitter zuſammen, um ſich immer mehr zu 159 verdichten und in drohende, dunkle Maſſen zu ver⸗ ſchmelzen. Unter dem ruſſiſchen Volke begann bereits jene na⸗ tionale Erbitterung aufzuflammen, welche, von oben herab und mehr noch durch die Geiſtlichkeit geſchürt, zum fürchterlichen, zuerſt Moskau, dann aber auch das ganze, ſtolze Heer des Eroberers verſchlingenden, gräßlichen Brande emporloderte. Eine zur Leidenſchaft aufgehetzte, bis dahin in Stumpfheit und Sclaverei gehaltene Volksmaſſe wird zu wüthenden Thieren, wie die Ruſſen es wurden, als ſie die erfrorenen, verhungerten Franzoſen nackt auszogen, am Feuer brieten und Weiber ihnen dir Köpfe abſchnitten, um damit Kegel zu ſpielen. Alles dies und tauſend Mal mehr, hunderttauſend Mal, millionen Mal mehr für den Ehrgeiz eines Einzigen, deſſen unerſättlicher Ländergier das aus allen Staaten Europa's zubereitete Ragout den Hunger nicht mehr zu ſtillen vermochte. Noch mußten Willionen auf den Schlachtfeldern in der Blüthe der Kraft und des Daſeins dahinſterben, noch Millionen Mütter um die erſchlagenen Söhne weinen und jammern, ehe der Gewaltige, gleich Prometheus, auf dem Felſen von St. Helena angeſchmiedet wurde, um dort zu ſterben! Die kommenden Ereigniſſe deckt zum unendlichen Glücke der armen Menſchen ein undurchdringlicher Schleier, und jede Berechnung, ſelbſt der nächſten Zukunft, iſt nichts als ein Spiel mit Seifenblaſen, welche in dem nächſten Luftzuge zerplatzen; aber dennoch kann Niemand es ſich verſagen, den Schleier des Bildes von Sals heben zu wollen, und die Gegenwart miſcht immer die Farben für das Gemälde der Zukunft, welches wir entwerfen. So geſchah es auch mit Hedwig. Die ſtattlichen Kriegerſchaaren, welche ſo gerüſtet und entſchloſſen da ſtan⸗ den und ſich raſch nach dem Willen eines Einzigen be⸗ wegten, erweckten in ihr das Gefühl der Siegeshoffnung; denn ſie kannte nicht das gräßliche Spiel der Schlacht, zu welchem dieſe Auserwählten mit allem Aufwande militä⸗ riſcher Anregung hinausgeſandt werden, um ſich gegenſei⸗ tig zu morden und zu vernichten— ſie hatte die ſtatt⸗ lichen Krieger noch nie am Abende nach einer Schlacht, am wenigſten nach einer verlorenen Schlacht geſehen, wo die Hälfte todt oder gräßlich verſtümmelt, unverbunden und ſterbend da liegt, während die andere entmuthigt, verzweifelnd und mit dem ſchmerzlichen Bewußtſein, daß alles Blut, alle Anſtrengung vergeblich geweſen, vielleicht nur darum, weil des Schlachtenlenkers Geiſt weniger ausgerüſtet war, als derjenige des feindlichen, dem blut⸗ gedüngten Schlachtfelde den Rücken zuwenden und zu dem Unglücke auch noch den Hohn und die Schande ſich zugeſellen laſſen muß— Das konnte ſie nicht und daran 161 dachte ſie nicht; ſie freute ſich der gegen den Gehaßten ſich entwickelnden Macht und vertraute ihrer Stärke. Als ſie dann längs der Düna dem Hafen zugingen, der noch nicht durch das Eis geſperrt war, erſtaunten ſie über die Menge der darin befindlichen Schiffe und den ungemein regen Verkehr. Wehte auch nicht die engliſche Flagge von den Maſten, es waren doch faſt alles engliſche Schiffe, und es unterlag keinem Zweifel, daß Rußland die Continental⸗Sperre, dieſe letzte Ausgeburt wahnſinni⸗ ger Ueberhebung und zügelloſer unpolitiſcher Rachgier gegen das gehaßte England, in Wirklichkeit längſt nicht mehr befolgte. Haufen von Matroſen verkehrten in engliſcher Sprache, und die Waaren, welche in großen Maſſen aus den Schiffen geladen wurden, bewieſen, wenn es noch eines Beweiſes bedurft hätte, daß der Zar, der Bevormundung ſeines Freundes vom Niemen überdrüſſig, auf eigenen Füßen ſtehen und nach eigener Entſchließung handeln wolle. Es ſieht ſehr kriegeriſch hier aus, ſagte der Graf, als ſie zurückgingen— ſehr kriegeriſch; man giebt ſich gar nicht einmal mehr die Mühe, den bevorſtehenden Bruch mit Frankreich zu bemänteln. Freuen wir uns darüber, erwiederte Hedwig mit leuchtenden Augen; hätten wir nicht ſtets bemänteln . 14 162 wollen und uns ſchließlich ſo ſehr unglücklich bemänteln laſſen, es ſähe anders in Preußen aus, als jetzt. Hier weht doch wieder eine Luft, die ſich athmen läßt, nicht jene traurige, düſtere Atmoſphäre, durch welche nie ein Sonnenſtrahl von oben fällt. Elftes Capitel. Es blieb den Reiſenden hinlänglich Zeit, Riga und das damals dort herrſchende lebendige und kriegeriſche Treiben, wenn auch nur vom Fenſter aus, zu betrachten, denn es begann in der folgenden Nacht zu ſchneien, das Wetter wurde ſtürmiſch, und Petrowitſch erklärte, daß die Fortſetzung der Reiſe unter dieſen Umſtänden ſehr be⸗ ſchwerlich, ſelbſt gefährlich und unausführbar ſein würde. Man mußte daher warten bis zur Schlittenbahn, die nach dem Urtheile des ſachverſtändigen Leibeigenen und anderer zu Rathe gezogenen Perſonen wahrſcheinlich in einigen Tagen hergeſtellt ſein würde. Wir holen dann die verlorene Zeit wieder ein, be⸗ merkte Petrowitſch, der gnädige Herr werden um ſo raſcher und angenehmer fahren. Der gnädige Herr empfand aber eine große Abnei⸗ gung gegen dieſe Art der Beförderung, da er an ſein noch 11* 164 immer hin und wieder auftauchendes„Reißen“ und an eine unvermeidliche Erkältung dachte. Es half jedoch nichts; man mußte ſich in die Umſtände fige welche im menſchlichen Leben, beſonders aber, wenn man ſich auf Reiſen begiebt, immer mehr oder weniger eine gebietende Macht ausüben. Hedwig freute ſich dagegen ſehr auf die Schlittenfahrt und konnte die Zeit kaum erwarten, bis ſie beginnen würde. Sie wurde in ihren Erwartungen auch keineswegs getäuſcht, denn das Reiſen im leicht und pfeilſchnell da⸗ hinſauſenden Schlitten iſt in Rußland das eigentliche Reiſen, ſo wie Rußland, wenigſtens das nördliche, erſt im Winter das eigentliche Rußland iſt. Am vierten Tage erklärte Petrowitſch, es ſei hinlänglich Bahn und man könne abreiſen. Das Wetter hatte ſich, nachdem es zwei Tage unausgeſetzt geſchneit, wieder aufgeklärt, am Him⸗ mel kämpften zwar noch einige tiefziehende graue Wolken mit der Sonne, aber der Wind hatte ſich gelegt, die Luft war ruhig und die Kälte betrug nur wenige Grade. Beſſer konnte man es in Rußland gar nicht treffen. Drei Schlitten, ein verdeckter und zwei offene warteten auf die Reiſenden; jeder war mit drei Pferden beſpannt, von denen das mittelſte in der Gabel ging. Der Graf, nach⸗ dem er ſich an dieſem verhängnißvollen Morgen noch ſorg⸗ fältiger, als es ſonſt geſchah, von Friedrich hatte ein⸗ wickeln laſſen, nahm in dem verdeckten Schlitten Platz, Hedwig dagegen erlangte endlich die Erlaubniß, ſich eines voffenen bedienen zu dürfen, ein Verlangen, welches der Graf zuerſt widerwillig erfüllte, dem er dann aber nach⸗ gab, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß er mit ſeinem großen Pelze und noch größerem Fußſacke in dem engen Schlitten zu Zweien ſehr unbequem ſitzen würde. Petrowitſch ſetzte ſich hinten auf den Schlitten der Gräfin und war nicht zu bewegen, dieſen unbequemen Platz zu verlaſſen. Friedrich und das Kammermädchen fuhren in dem dritten. Der Reiſewagen des Grafen ſollte ebenfalls auf einem Schlitten nachkommen. Und ſo ging es denn fort, fort in ſauſendem Galopp von dem erſten Augenblicke an, wo die Pferde anſpran⸗ gen. Es war eine Luſt, ein Hochgenuß für Hedwig— anders zwar, aber doch ähnlich, als ob ſie auf dem Rücken ihres Pferdes ſäße und ſeine Kraft und Gewandtheit auf die Probe ſtellte, wie ſie oft gethan— auch in Gemein⸗ ſchaft mit der Liſſa Hora. Und dazu dieſe ruſſiſchen Poſtillone, die Jämtſchſchicks, wie man ſie nannte! Sie empfand eine ordentliche Hochachtung, eine Zuneigung für dieſe Roſſelenker. Nur dürftig gekleidet, ſtanden ſie, die Zügel hoch haltend, auf der Gabel des Schlittens, in ſteter Unterhaltung mit ihren Pferden, mit dem Schlitten, kurz, mit allem Lebendigen und Todten, anregend, be⸗ ruhigend, lobend und tadelnd, als ob ſie mit gleichbe⸗ rechtigten Weſen ſprächen. Für jedes nahm die Stimme einen beſonderen Ton an, und die Peitſche diente nur dazu, um ſie zuweilen, in beſonders lebhaften Momenten, in der Luft zu ſchwingen oder einem nicht ſogleich folgſamen Pferde zu zeigen, welches dieſe Warnung immer verſtand und das nur von dem Jämtſchſchick bemerkte Verſehen dann ſofort wieder gutmachte. So ging es fort, immer in gleichmäßiger, raſender Geſchwindigkeit durch öde, beſchneite, von dunkeln Föh⸗ ren⸗ und Fichtenwäldern unterbrochene endloſe Ebenen, bis ſie die Univerſitätsſtadt Dorpat erreichten, wo man abermals einen halben Tag raſtete und ſich nach Deutſch⸗ land zurückverſetzt glaubte, weil die dortigen Studenten ſich ſowohl in Sprache als Sitten nicht von den deutſchen unterſchieden. Nachdem man dann in Narwa übernachtet hatte, jener Stadt, bei welcher Peter der Große ſeinen erſten Unterricht in der Kriegskunſt von Karl dem Zwölf⸗ ten erhielt, um ihm ſpäter bei Pultawa die erworbenen Kenntniſſe reichlich und thatſächlich zurückzuzahlen— ge⸗ langte man gegen Abend des folgenden Tages in die Nähe der ruſſiſchen Metropole. Der Anblick der jetzt in den letzten Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne auftauchenden glänzenden, vergoldeten Kuppeln, der langgezogenen dunkeln Linien der Paläſte ₰ * 167 und Häuſer machte auf Hedwig, wie wohl auf jeden Rei⸗ ſenden, einen überraſchenden, aber keinen erhebenden Ein⸗ druck. Man fragt ſich, weßhalb hier im tiefen, unwirth⸗ baren Norden, in der ſumpfigſten, ungeſundeſten und ödeſten Gegend, alle dieſe ſtarre, mehr durch ihre Größe als durch ihre Schönheit imponirende Pracht aufgehäuft ſei. Man ſtaunt und bewuntert den zähen und entſchloſſenen Villen eines jener Gewaltigen, welcher Millionen zu ſei⸗ nen Zwecken verwendet, Millionen Rubel und Menſchen, und die Bewunderung und das Staunen macht einem peinlichen und melancholiſchen Gefühle Platz, wenn man erfährt, daß Tauſende, welche der Wille des Zaren hie⸗ her befohlen, ihr Leben eingebüßt, um in dieſer ungeſun⸗ den und moraſtigen Gegend, wo vor zweihundert Jahren nur ein paar elende Fiſcherhütten ſtanden, wo während eines halben Jahres der Boden mit Schnee bedeckt iſt und die Kälte bis auf dreißig Grade ſteigt, während im Sommer eine glühende Hitze herrſcht, eine der ſchönſten Städte der Welt ſich erheben zu laſſen. All jene Tau⸗ ſende ſind längſt in jenem Boden verweſ't, auf dem jetzt Paläſte, Kirchen und Denkmäler ſtehen, nicht Denkmäler für ſie, ſondern für die Auserwählten der nachfolgenden Geſchlechter— aber dieſe gewaltſame und märchenhafte Schöpfung des großen Reformators des weiten und öden Rußlands— das mächtige Werk der ruſſiſchen rohen Kraft, vorgeſchoben bis hart an die äußerſte Gränze eurv⸗ päiſcher Civiliſation, liegt immer noch im ſteten, verhäng⸗ nißvollen Kampfe mit den Gewäſſern des Ladoga⸗See's und den vom Weſtwinde heraufgetriebenen Fluthen des WMeeres, welche bereit ſind, es zu zerſtören. Schon ſieben Mal hat der Weſtwind das Meer weit und hoch über die Straßen der Stadt hinwogen laſſen, und noch immer liegt es in ſeiner Macht, ſie gänzlich zu vernichten. Das iſt Petersburg, bemerkte in ſeinem gedämpften und reſpectvollen Tone Petrowitſch, als die Thürme der Stadt ſichtbar wurden, das die Kirche der kaſaniſchen Mutter Gottes, in welcher ſich das wunderthätige Bild der heiligen Mutter Gottes von Kaſan befindet; jene Kuppel die Kathedrale der Alexander Newski'ſchen Drei⸗ faltigkeits⸗Lawra, dies die Iſaakskirche— jenes hohe Gebäude der Winterpalaſt, und dort kommt auch die Statue des Zaren Peter des Großen zum Vorſcheine. Hedwig hörte dieſe Erläuterungen ihres Begleiters ſchweigend an, denn, ſie wußte ſelbſt nicht, weßhalb, das Alles erweckte bei ihr eine trübe und melancholiſche Em⸗ pfindung. Sie fuhren jetzt in die Stadt ein, durch breite, lange, von verhältnißmäßig niedrigen und vielen hölzer⸗ nen Häuſern begränzte Straßen und gelangten dann auf den Rewskoi⸗Proſpect, eine der ſchönſten und belebteſten Straßen Petersburgs. Wir werden bald zur Stelle ſein, bemerkte Petro⸗ witſch wieder; der Palaſt meines Herrn, des Fürſten, liegt unfern des Admiralitäts⸗Platzes. Das ſtattliche ebäude, vor welchem jetzt die Schlitten hielten, nachdem ſie das Ende ihrer langen Fahrt erreicht hatten, lag, wie Petrowitſch gemeldet, unfern dieſes Platzes, unfern des Sommergartens, alſo an einer der ſchönſten Stellen der Stadt. Damals zierte dieſen Platz noch nicht die koloſſale, hundertundſechszig Fuß hohe Alexander⸗Säule, jenes ſtaunenswerthe Denkmal, welches der Zar Rikolaus ſei⸗ nem ſo plötzlich geſtorbenen Bruder errichten ließ; denn der Mann, deſſen irdiſche Geſtalt, in Erz nachgebildet, jetzt auf jener hohen, kalten Säule, im Kampfe mit Sturm, Schnee und Sonne, einſam prangt, gehörte damals noch zu den lebenden Menſchen, und zwar zu jenen Auserwählten, deren Wille die Geſchicke von Ril⸗ lionen Anderer zu beſtimmen berufen iſt. Das warme, begehrliche Blut pulſirte noch in ſeinen Adern und hatte nichts, als den eigenen Willen und die zwingenden Ver⸗ hältniſſe, es zu zügeln. Der wohlwollende und zugleich ſinnliche Charakter des Zaren neigte zur Heiterkeit und zum Genuſſe, ſeine männliche Schönheit, welche das kalte Erz droben auf der hohen Säule in äußeren Umriſſen nachgebildet hat, gewann leicht alle Herzen, beſonders 169 * diejenigen der Frauen, und der melancholiſche Zug, wel⸗ cher häufig ſeinen Mund umſchwebte und ſeine großen, plauen Augen verſchleierte— vielleicht, weil er jene Nacht, in welcher ſein Vater ermordet wurde, nicht vet⸗ geſſen und mit den Mördern nicht abrechnen konnte—,. machte ihn um ſo anziehender und intereſſanter. Zu jener Stunde ſtand das Geſchick mahnend und drohend vor den Pforten des Winterpalaſtes, von dem Beherrſcher deſſelben einen feſten Entſchluß, ein feſtes Wollen und ein feſtes Handeln begehrend— den Krieg mit dem Gewaltigſten der Erde, oder das Sichbeugen unter ſeine Macht, die Erhaltung der Ehre und der Selbſtſtändigkeit ſeines weiten Reiches, oder das Unter⸗ ordnen des Oſtens unter den Willen des Beherrſchers von Europa— von Europa, außer Rußland! Die Geſchichte berichtet uns, daß der Zar den Krieg und die Ehre gewählt hat, wenn auch nach langem Schwanken, und dann auf der eingeſchlagenen Bahn durch die Verhältniſſe bis zum Aeußerſten fortgeriſſen wurde— ſie berichtet uns, daß gerade er es geweſen, der, unbeug⸗ ſam, nicht geraſtet hat, bis ſeine Heere die ſtolze Stadt an der Seine erobert hatten und der Gefürchtete zu Bo⸗ den geworfen war— mag Mancherlei auch dabei mitge⸗ wirkt haben perſönliche Eitelkeit und die Einflüſterungen des nach der Vendetta begierigen corſiſchen Rathgebers— 171 der Zar hat ſich nicht beirren laſſen durch die Schwäche eines ſeiner Alliirten, nicht durch mißliche Erfolge; er hat ausgehalten, feſt und entſchieden bis ans Ende, und Deutſchland hat volle Veranlaſſung, zu ſeiner Bildſäule auf dem Admiralitäts⸗Platze in Petersburg mit dankbaren Gefühlen emporzublicken.— Doch wie Peter der Große in Lortzing's volksthümlicher Oper ſingt:„ Und endet das Stre⸗ ben und endet die Pein, ſo ſetzt man dem Kaiſer ein Denk⸗ mal von Stein— ein Denkmal im Herzen, das ſetzt man ihm nicht“— ſo geſchah es auch mehr oder weniger mit Alexander. Sein in Etz gegoſſenes Bild blickt jetzt hoch oben von der einſamen Säule herab auf die Stadt, von deren damaligem Leben er den Nittelpunkt bildete; aber die jetzt dort wohnenden Menſchen haben andere Intereſ⸗ ſen, andere Begierden und Wünſche, als an den längſt geſtorbenen, einſt ſo vergötterten Zaren denken zu können. Du aber, ſchöne Leſerin, wenn Du dentſch empfindeſt, kannſt in Deinem Herzen jenem ruſſiſchen Selbſtherr⸗ ſcher immerhin ein Denkmal aufbauen, denn er hat es um das Land, in welchem Deine Eltern oder Großeltern wohnten und in welchem Du geboren biſt, verdient— auch würdeſt Du, wir zweifeln nicht daran, Dein Herz dem männlich ſchönen, wohlwollenden, perſönlich liebens⸗ würdigen und dabei etwas melancholiſchen Zaren gewiß zugewendet haben, wenn Du ihn lebend gekannt hätteſt. 172 Die Schlitten hielten, wie geſagt, vor dem Palaſte des Fürſten, und da Petrowitſch von Riga aus einen Courier hatte abgehen laſſen, ſo war man auf den Em⸗ pfang vorbereitet. Eine zahlreiche Dienerſchaft empfing die Ankommenden, es lagen Teppiche von der Stelle an, wo die Schlitten anfuhren, über die breiten Steinſtufen bis zu dem Portale hinauf, und ſobald man dies über⸗ ſchritten, befand man ſich in einem behaglich erwärmten und hell erleuchteten Raume, denn in Rußland werden in allen beſſeren Wohnungen nicht allein die Zimmer, ſon⸗ dern die ganzen Häuſer geheizt. Auf dem Flur empfing ſie der Fürſt. Es war ein kleiner Mann mit einem ſcharf markirten, an einen Raub⸗ vogel erinnernden Geſichte. In ſeinen Zügen hatten der Kummer oder die Leidenſchaften tiefe Linien gezogen und ſeine etwas vorſtehenden Augen leuchteten mit einem eigenthümlichen Glanze. Den Mund beſchattete ein ſtarker, tiefſchwarzer Bart, welcher im Vereine mit dem vollen Haupthaare von gleicher Farbe der Vermuthung Raum gab, daß hier die Kunſt nachgeholfen habe. Seine kleine, magere, mit einem eleganten Pelzrocke bekleidete Figur zeigte jene unſtäte Beweglichkeit, welche manchen Menſchen eigen iſt und ſie nur in ſeltenen Mo⸗ menten zu einer dem Beſchauer wohlthuenden Ruhe ge⸗ langen läßt. 173 Ich freue mich unendlich, Sie wohlbehalten hier zu ſehen, fagte er, auf den Grafen zuſchreitend, indem er ihm die Hand reichte; hoffentlich kommen Sie glück⸗ lich an? Ehe der Graf den Gruß erwiedern und ſeine Hand aus den vielen Umhüllungen losmachen konnte, hatte der Fürſt ihn ſchon wieder verlaſſen und war Hedwig entge⸗ gen gegangen, welche leichten Schrittes die Stufen herauf⸗ eilte und deren Miene zwar eine unverkennbare Neugier, aber zugleich auch das Beſtreben kennzeichnete, dieſe ſo viel wie möglich nicht ſichtbar werden zu laſſen. Meine verehrte Cvuſine, ſagte der Fürſt, indem ſein ſcharfer Blick ſie raſch von oben bis unten überflog, ich bin unendlich beglückt, Sie hier in meinem Hauſe be⸗ grüßen zu können. Er ergriff bei dieſen Worten ihre Hand, die er küßte; dann reichte er ihr den Arm, und ſie die breite Treppe hinaufführend, wandte er ſich wieder an den Grafen. Ich bitte, uns zu folgen, geliebter Herr Vetter— es iſt nur noch ein kurzer Weg bis zu Ihren Zimmern, das Schwerſte liegt hinter Ihnen; hoffentlich, fuhr er gegen Hedwig gewandt fort, haben Sie die weite Reiſe ohne Unfall zurückgelegt, der beſte Beweis dafür iſt Ihr blühendes Ausſehen. 174 Bei einem ſo freundlichen Empfange denkt man wenig an die Beſchwerlichkeiten, welche vorüber ſind, be⸗ merkte Hedwig, obgleich es daran namentlich für meinen Vater nicht gefehlt hat. Sie ſind ſehr gütig, erwiederte der Fürſt mit einem lauernden Blicke; es wird fortan mein Beſtreben ſein, Sie dieſe Beſchwerlichkeiten ganz vergeſſen zu machen. Sie hatten jetzt die breite und bequeme Treppe er⸗ ſtiegen und waren zu dem Corridor des erſten Stockes gelangt. Dazu iſt vor allen Dingen nöthig, daß Sie aus⸗ ruhen und es ſich bequem machen. Ich weiß aus Er⸗ fahrung, wie unangenehm es iſt, wenn man genöthigt wird, unmittelbar nach der Ankunft von einer langen Fahrt ſich irgend eine Géne aufzulegen. Ihre Zimmer, Herr Vetter, ſo wie die Ihrigen, meine ſchöne Couſine, ſind bereit, und ich hoffe, daß Sie nichts darin vermiſſen werden. Es würde mich ſehr beglücken, wenn die Er⸗ müdung der Reiſe Sie nicht hinderte, ſpäter— nach einigen Stunden vielleicht— den Thee und ein frugales Abendeſſen in meiner Geſellſchaft einzunehmen— legen Sie ſich aber auch in dieſer Beziehung nicht den minde⸗ ſten Zwang auf, ſondern betrachten Sie von dieſem Augenblicke an mein Haus als das Ihrige, in welchem 175 Sie ganz nach eigenem Belieben walten und ſchalten können. Sie beſchämen uns, verehrter Herr Vetter, erwiederte der Graf, bei dem dieſe etwas überſchwängliche Art der Gaſtfreundſchaft ein peinliches Gefühl erregte, Sie be⸗ ſchämen uns; wir ſind durchaus nicht ermüdet, und wenn Sie es erlauben, ſo werden wir uns ſehr bald bei Ihnen einfinden, um Ihrer angenehmen Geſellſchaft zu genießen, nach welcher wir uns geſehnt haben. Die Erfüllung meines Wunſches wird lediglich von Ihnen abhangen, erwiederte der Fürſt, indem er ſich ge⸗ gen Hedwig verneigte, deren Arm er freigelaſſen; wir Männer haben in ſolchen Dingen kein Urtheil. Meines Vaters Anſichten ſind für mich ſtets maß⸗ gebend, ſagte Hedwig in ruhigem Tone; außerdem bin ich nicht im mindeſten ermüdet. So werde ich die Ehre haben, Sie zu erwarten, ent⸗ gegnete der Fürſt, ſich abermals verbeugend, indem er dem Diener einen Wink gab, die Gäſte nach ihren Zimmern zu begleiten. Der Graf und Hedwig wurden in einen mit aller ruſſiſchen Pracht überladenen, glänzend erleuchteten Salon geführt, an welchen auf der einen Seite drei Zimmer für den Grafen, auf der anderen drei für Hedwig anſtießen. Die Flügelthüren waren geöffnet, und man konnte bis in die letzten Zimmer blicken, in deren jedem ein mit ſchwe⸗ ren ſeidenen Vorhängen verſehenes Himmelbett ſtand. Der Graf blickte eine kurze Zeit hinüber und herüber. Er hatte offenbar ſo viel Luxus nicht erwartet, obgleich er ſeine Vorſtellungen keineswegs niedrig geſtellt; aber er ſagte ſich auch ſofort, daß er durchaus keine Verwunde⸗ rung kundgeben müſſe, verabſchiedete die Diener und be⸗ fahl, Friedrich und das Kammermädchen herauf zu be⸗ ordern. Der gnädigſte Herr dürfen nur klingeln, bemerkte im unterwürfigen Tone der Leibeigene, die Stuben für Dero Leibdiener und für das Kammerfräulein Dero Fräulein Tochter ſtoßen unmittelbar an. Gut, ſagte der Graf, ſo werde ich klingeln.— Reich muß der Vetter ſein, fuhr er fort, als er mit Hedwig allein war, indem er ſich jetzt prüfend umſah und in die anſtoßenden Zimmer ging, und wenn man mir ſchrieb, er lebe einfach und mache nur geringen Aufwand, ſo möchte ich wiſſen, wie dieſe Ruſſen ſich anſtellen, wenn ſie Aufwand machen.— Aber ich finde es viel zu heiß hier— man kann in Allem des Guten zu viel thun. Das macht, weil du aus der Kälte kommſt, Papa, lachte Hedwig, und noch immer ſo warm angezogen biſt. Habe ich denn ſchon Zeit gehabt, mich umzukleiden? Wo bleibt der Friedrich, da er doch weiß... E5 Wir ſollen ja klingeln, unterbrach ſie ihn, indem ſie die Glocke zog. Noch während ſie die Hand daran hatte, öffnete ſich die Thür und ein Diener fragte nach ihren Befehlen. Mein Bedienter ſoll kommen, herrſchte ihn der Graf an, und das Kammermädchen, das macht ja gewaltig viel Umſtände. Der Diener verſchwand, und bald darauf traten die verlangten Perſonen ein. Wo bleibſt du wieder? herrſchte ihn der Graf an. Soll ich vielleicht den ganzen Abend all dieſe Kleider an⸗ behalten? Es iſt mir befohlen worden, nicht eher hier einzutre⸗ ten, erwiederte Friedrich ſtörriſch, indem er ſich neugierig umſah, bis ich gerufen würde. Draußen lungern immer mehre Kerls in den langen Röcken umher, die nichts zu thun haben, als aufzupaſſen, ob.... Künftig kommſt du, wenn ich klingele— und nun will ich mich umkleiden— wo ſind die Sachen? Alles ſei im Ankleidezimmer, ſagte mir einer der Kerls, aber wo dies iſt, das weiß ich nicht. Ich werde es Ihm zeigen, bemerkte der Graf, indem et ſich in ſeine Zimmer begab; mach' Er jetzt die Thür zu— und du, Hedwig, ſorge, daß du zur gehörigen Zeit tertig biſt. N. 12 Haſt du ſchon je auf mich gewartet, Papa? fragte ſie lächelnd; ich werde ſehr bald bereit ſein. Jemals gewartet? wiederholte er, ſich nochmals um⸗ wendend; du haſt wahrſcheinlich ein ſchlechtes Gedächt⸗ niß— als wir von Wallfort abfuhren, mußte ich da nich Ah das war ganz etwas Anderes; damals hatte ich noch Geſchäfte, ſetzte ſie dann unwillkürlich ſeufzend hinzu — jetzaber ſollen wir uns ja nur amuſiren und uns be⸗ trachten laſſen. Sprich nicht ſolch widerſinniges Zeug, ſagte der Graf ärgerlich— und nun komme Er, ich kann es in den vie⸗ len Röcken hier nicht länger aushalten. Hedwig zog ſich mit ihrem Kammermädchen ebenfalls in ihre Zimmer zurück und erſchien bald darauf in einem dunkeln Seidenkleide ohne jeden weiteren Schmuck. Den ſchlanken Hals rahmte ein einfacher weißer Kragen ein, den vorn eine eben ſo einfache Broche zuſammenhielt. Ihr reiches, lichtbraunes Haar war geſcheitelt und hinten in einen griechiſchen Knoten geſchürzt, der die edle Form ihres Kopfes in ſeiner ganzen claſſiſchen Schönheit her⸗ vortreten ließ. Sie liebte es überhaupt nicht, Schmuck⸗ ſachen, Ringe, Armbänder, Halsbänder oder dergleichem, zu tragen; heute ſchien es aber, als ob ſie abſichtlich auh 179 das kleinſte Stück ſolcher Spielereien anzulegen unter⸗ laſſen habe. In der Rebenſtube, deren Thür geſchloſſen war, hörte ſie ihren Vater mit Friedrich lebhaft verkehren und zog daraus den Schluß, daß ſie wohl noch eine Zeit lang werde auf ihn warten müſſen; auch die Thür zu ihren Zimmern hatte ſie hinter ſich zugemacht, weil das Mäd⸗ chen mit dem Auspacken der Sachen beſchäftigt war, und ſo ſtand ſie denn einſam in dem luxuriöſen Salon, wel⸗ chen ein Kronleuchter und außerdem einige Wandleuchter mit vielen Wachskerzen taghell erleuchteten. Es kam ihr dies Alles vor wie ein Traum. Sie mußte ihre Gedanken faſt gewaltſam zu der Ueberzeugung zwingen, daß ſie ſich jetzt wirklich in Petersburg befinde, ſo weit, weit von der Heimath, hoch oben im Rorden Europa's, an einer Stelle der Erde, die ſie in der letzten Zeit ſo oft auf der Karte betrachtet hatte wie einen un⸗ erreichbaren, nebelhaften Punkt.— Und doch war ſie jetzt hier. Die Bilder ihrer Phantaſie hatten ſich zum Theil verwirklicht, zum Theil waren ſie hinter ihren Erwartun⸗ gen weit zurückgeblieben, in manchen Dingen hatten ſie dieſelben auch übertroffen. Es war ähnlich, wie ſie es ſich gedacht, wie ſie es aus Beſchreibungen und Erzählungen erfahren, aber doch wieder ganz, ganz anders. Sie machte hierin eine Erfahrung, welcher jeder Reiſende un⸗ 12* 180 terworfen iſt, nicht nur der Reiſende über einige Strecken der kleinen Erde, ſondern alle die vielen Reiſenden, für welche dieſe Erde das Fahrzeug iſt, auf welcher ſie der un⸗ bekannten Ewigkeit und Unendlichkeit zuſteuern.— Es iſt immer Alles anders, als wir es uns gedacht haben, und unſere Phantaſie, an die Bilder der durch die Sinne empfangenen äußeren Erſcheinungen gefeſſelt, vermag ſich nur Vorſtellungen zu machen von demjenigen, was wir geſehen, gehört und empfunden haben, deßhalb auch nie⸗ mals von der Seligkeit nach dem Aufhören des irdiſchen Lebens, von dem Himmel und ſeinen Freuden, welche wir thörichter Weiſe uns immer, aber vergeblich bemühen, mit den vergänglichen Genüſſen der Erde zu bevölkern. Jwölftes Capitel. Nachdem Hedwig in ſolche und ähnliche Betrachtungen verſunken eine Zeit lang da geſtanden hatte, Gedanken, zu denen die äußeren veränderten Verhältniſſe Veranlaſſung gegeben, zu denen ſie aber auch vermöge eines ernſten Zuges ihres Charakters neigte, trat ihr Vater wieder in das Zimmer. Seine äußere Erſcheinung unterſchied ſich jetzt nach langer Zeit zum erſten Male in keiner Weiſe von derjenigen in Wallfort. Er trug nur den unerläß⸗ lichen blauen Frack mit gelben Metallknöpfen und die hohe, weiße Halsbinde, ohne weitere Ueberkleider, welche er auf der Reiſe niemals abgelegt hatte. Der ihm von Friedrich gereichte Ueberzieher war mit der Bemerkung zu⸗ rückgewieſen worden, das ſei hier im Hauſe nicht nöthig, da die zweckmäßige Einrichtung beſtehe, ſämmtliche Cor⸗ ridors gleichmäßig zu erwärmen, ſo daß man ſich durchaus nicht erkälten könne— eine Einrichtung, die er in Wall⸗ 182 fort gleichfalls einführen werde, ſobald ſie zurückgekehrt ſein würden. Man kann überall etwas lernen, fügte er dann be⸗ lehrend hinzu, auch von dieſen Ruſſen— das merke dir, der du dich immer in deiner Beſchränktheit für den Mittel⸗ punkt der Wahrheit hältſt— und nun packe Alles zu⸗ ſammen oder vielmehr aus, denn jetzt haben wir Gott ſei Dank für längere Zeit Ruhe. Auf Friedrich machte dieſe Belehrung, wie immer, nicht den mindeſten Eindruck; er ſchwieg jedoch, weil er vor allen Dingen die Entfernung ſeines Herrn wünſchte, um auch ſeinerſeits von den Beſchwerden der Reiſe aus⸗ ruhen zu können. Wir könnten gehen, ſagte der Graf zu Hedwig, wäh⸗ rend ſeine Blicke unwillkürlich in den bis an den Boden reichenden Spiegel fielen, welcher ſeine Figur in ihrer gan⸗ zen Größe wiedergab, wir könnten gehen, ſetzte er hinzu, die Schleife ſeines Halstuches verbeſſernd— der Menſch bleibt ein für alle Mal ein Dummkopf— wie das wie⸗ der ſitzt! Komm, Papa, ich werde dir das Tuch nach den Regeln der Kunſt binden, lächelte Hedwig, ſo etwas ver⸗ ſtehen Männer gar nicht, du ſollteſt das ſtets mir über⸗ laſſen. Ach, da müßt' ich viel überflüſſige Zeit haben, ſagte 183 er, den Kopf ſteif in die Höhe haltend, ſo viel Zeit, um auf deine jedesmaligen Launen warten zu können. So iſt es gut, bemerkte ſie, es ſitzt Alles vortrefflich; nur ſiehſt du nach meiner Anſicht viel zu elegant aus für das erſte Debut bei dem ruſſiſchen Vetter. Laß jetzt dieſe thörichten Reden— ich bin in meinem gewohnten Anzuge, in welchem ich mich fortan wieder immer befinden werde, weil ich nicht mehr nöthig habe, mich vor Erkältung zu fürchten. So gehen wir denn, ſagte ſie, obgleich ich nicht weiß, wohin. Das wird ſich finden, man wird uns den Weg ſchon zeigen. Auf dem Corridor befanden ſich mehre ganz gleich⸗ mäßig gekleidete Bedienten, von denen einer ſofort den HGäſten vorausſchritt und ſie nach der anderen Seite des weitläuftigen Gebäudes führte. Die Flügelthür, welche jetzt mit einer gewiſſen Oſtentation geöffnet wurde, ließ den Grafen und ſeine Tochter in einen Salon eintreten, ähnlich dem ihrigen. Der Fürſt, welcher mit einer Dame auf dem Sopha ſaß, erhob ſich ſogleich und trat ihnen entgegen. Ah, ich freue mich, Sie ſo bald wieder zu ſehen, ſagte er verbindlich, früher, als ich erwartet habe, denn ich hoffte nicht annehmen zu können, daß Sie ſich ſo 184 ſchnell von den Strapazen der Reiſe erholt haben würden — es hat hoffentlich an nichts gefehlt? Ihre Gaſtfreundſchaft, verehrter Vetter, überſteigt bei Weitem unſere kühnſten Erwartungen, ſie beſchämt mich förmlich. Nein, Sie beſchimen mich, indem Sie dies ſagen, unterbrach ihn der Fürſt, und da dies gewiß nicht in unſerer beiderſeitigen Abſicht liegt, ſo ſprechen wir nicht weiter über einen ſo unbedeutenden und ſelbſtverſtändlichen Gegenſtand. Geſtatten Sie mir, Ihnen meine Haus⸗ genoſſin, die Oberſtin Sabowska, vorzuſtellen. Sie, Frau Oberſt, werde ich nicht nöthig haben, mit meinem Vetter und meiner liebenswürdigen Couſine bekannt zu machen, da Sie dieſelben eben ſo ſehnlich erwartet haben, als ich ſelbſt. Die Dame, welche ſich beim Eintritte des Grafen und Hedwig's gleichfalls erhoben hatte, verneigte ſich jetzt und ſagte dann mit einer ſehr freundlichen Miene: Ich habe Sie im Stillen recht bedauert, beſonders Sie, gnädige Gräfin, daß Sie in dieſer ſchlechten Jahres⸗ zeit eine ſo weite und anſtrengende Reiſe unternommen, und freue mich daher um ſo mehr darüber, daß Sie ſo wohl und munter angekommen ſind. Die Reiſe war keineswegs ſo anſtrengend, wie Sie unehnen ſcheinen, erwiederte Hedwig, wenn ſie auch 185 etwas lange gedauert hat; aber von Riga aus, nachdem Schlittenbahn eingetreten war, ſind wir ſehr raſch und angenehm gefahren. Was wir Ihrer Fürſorge verdanken, Herr Vetter, ſchaltete der Graf ein. 8 O, Sie ſchmeicheln! rief dieſer lachend; wenn ich das Wetter machen könnte, würde ich der mächtigſte Mann nach dem Zaren ſein. Doch ich bitte Platz zu nehmen, fuhr er fort, Hedwig auf das Sopha nöthigend.— Sie haben von Petersburg kaum die allgemeinſten Umriſſe ge⸗ ſehen, und es wird mir zum Vergnügen gereichen, Sie mit den Merkwürdigkeiten unſerer Hauptſtadt, welche an ſich ſelbſt die größte Merkwürdigkeit iſt, nach und nach näher bekannt zu machen. Ich ſage: nach und nach, da wir nicht nöthig haben werden, uns dabei zu übereilen. Sie kommen zu einer ſehr bewegten Zeit, bemerkte die Oberſtin; man hält den Krieg für unvermeidlich, ob⸗ gleich man den Frieden wünſcht, und die Stimmung iſt deßhalb eine fieberhaft erregte. Wir ſind unterwegs mit einem Stücke franzöſiſcher Geſandtſchaft zuſammengetroffen und haben auch eine Maſſe von Truppen geſehen, franzöſiſche, die ſich in Polen, und ruſſiſche, die ſich in Riga und der Umgegend zuſammen⸗ ziehen, bemerkte der Graf. O, erzählen Sie, erzählen Sie, ſagte der Fürſt, jede 186 Neuigkeit iſt uns von großem Intereſſe, da unſere Zei⸗ tungen ſo viel als nichts enthalten. Während der Graf dem Verlangen ſeines Wirthes entſprach und ſich in eine längere Darſtellung ſeiner Reiſe⸗ Erlebniſſe einließ, verhielten ſich die beiden anderen Per⸗ ſonen ſchweigend. Der Fürſt hörte offenbar mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit zu, und auch die Mienen der Oberſtin drückten dieſelben Empfindungen aus; es war jedoch un⸗ verkennbar, daß ſie ſich in Gedanken mehr mit Hedwig beſchäftigte, als mit den Erzählungen des Grafen. Ihre Blicke flogen dann und wann muſternd zu ihr hin und hafteten an ihr ſo lange, als dies unbeachtet geſchehen konnte. Da wir ebenfalls für die Mittheilungen des Grafen kein weiteres Intereſſe empfinden, ſo wollen wir dieſe Zeit benutzen, um uns mit der Oberſtin näher bekannt zu machen. Sie ſtand in den Anfängen der Vierzig; man würde ſie jedoch ihrer äußeren Erſcheinung nach für jünger gehalten haben. Ihre Geſtalt war groß, zwar etwas voll, aber doch noch ſchlank, ihre Formen weich und gerundet, und ihr Geſicht, welches wohl niemals auf elaſſiſche Schönheit einen Anſpruch gehabt hatte, viel⸗ mehr dem weichen ruſſiſch-ſtawiſchen Typus angehörte, hatte noch keineswegs mit der Jugend Abrechnung gehalten. Der Teint war von untadelhafter Weiße, von welcher das 187 Roth der vielleicht etwas zu ſtark hervortretenden Backen verlockend abſtach; die Lippen waren voll und begehrlich und die kohlſchwarzen Augen zwar nicht groß, aber ſchön geſchnitten. Ihre Kleidung verband Geſchmack mit einer unverkennbaren Neigung zum Putz, denn ſie trug auch jetzt ein ziemlich tief ausgeſchnittenes Seidenkleid, welches ihren vollen und wohlgebildeten Hals und Nacken un⸗ verhüllt ließ, und außerdem eine Menge von Schmuck⸗ ſachen, wie ſie diejenigen Frauen lieben, bei denen der Anzug einen Theil ihrer Zeit und ihres Nachdenkens in Anſpruch nimmt. Am wenigſten paßten zu der ganzen Erſcheinung die Augen. Ohne dieſelben würde der Be⸗ obachter zu dem Schluſſe gekommen ſein, eine gutmüthige, vielleicht etwas eitle, vielleicht etwas ſinnliche, aber ſonſt unbedeutende Frau vor ſich zu ſehen. Dieſer Eindruck wurde jedoch durch die dunkelſchwarzen, bald feurig bli⸗ ckenden, bald ſanft und traurig ausſehenden, dabei von einer gewiſſen Unſtätigkeit kehah Augen wieder auf⸗ gehoben. Auch jetzt, während ſie mit lächelnder, freundlicher und aufmerkſamer Miene da ſaß, ſchweiften dieſe Augen immer wieder, wenn es unbemerkt geſchehen konnte, zu Hedwig hinüber, und es war unverkennbar, daß ſie dieſe, als der Graf endlich ſeine Erzählung geendet, bis in die 188 kleinſten Einzelheiten obachtet und daraus im Stillen Schlüſſe gezogen hatte. Ich habe nichts von einem angekommenen neuen ftan⸗ zöſiſchen Geſandten gehört, ſagte der Fürſt, nachdem der Graf ſchwieg; die Herren, welche ſo freundlich waren, Ihnen einige überflüſſige Pferde zu überlaſſen, müſſen edenfalls nur untergeordnete Perſönlichkeiten ſein. Der ranzöſiſche Geſandte, Herr de Lauriſton, iſt, wie ich be⸗ ſtimmt weiß, von den beſten Abſichten für die Erhaltung des Friedens beſeelt, vielleicht mehr, als es Napoleon ſelbſt wünſcht— es wird das aber Alles wenig helfen, und ſelbſt, wenn man den Herrn von Neſſelrode mit einer beſonderen Sendung nach Paris ſchicken ſollte, was ich übrigens bei der Jugend dieſes Mannes kaum fürzweckmäßig erachten könnte, ſo würde man ſich nur ganz nutzlos von Neuem ein Dementi geben. Ich halte den Krieg für un⸗ vermeidlich, und wenn ich der Zar wäre, was ich Gott ſei Dank nicht bin, ſo würde ich eher heute als morgen losſchlagen. 2 Für uns würde ein ſolcher Krieg von den nachtheiligſten Folgen ſein, bemerkte der Graf mit einem Seufzer. Sie meinen für Preußen?— Das kommt darauf an. Wenn Preußen ſich ermannen könnte, einen herviſchen Entſchluß zu faſſen, woran allerdings nicht zu denken iſt, wenn es ſich feſt und für Sein oder Richtſein mit 189 Rußland verbände, dann wäre jetzt vielleicht gerade der geeignete Zeitpunkt, um ſeine Ketten zu zerbrechen. Ach, da kennen Sie unſere Zuſtände nicht! Preußen iſt erſchöpft, für lange, lange Zeit gänzlich unfähig, einen Krieg zu führen, am wenigſten mit Napoleon. Das Land iſt ausgeſogen, verwüſtet, verarmt, die Feſtungen be⸗ finden ſich theilweiſe noch immer in den Händen der Fran⸗ zoſen, ſchon jetzt ſtehen weit über hunderttauſend Mann in Polen, während unſere Armee auf vierzigtauſend Mann reducirt iſt— wie ſollten wir einen Krieg be⸗ ginnen können, ohne Truppen, ohne Geld und ohne ir⸗ gend eine Ausſicht auf Erfolg? MWit uns werden Sie ſiegen, ſagte der Fürſt ſtolz. ⸗ Das haben wir bereits einmal verſucht— und das* Ende dieſes Verſuches beſtand in der Abtretung eines preu⸗ ßiſchen Landestheiles an unſeren Verbündeten, an Ruß⸗ land. Weil es nicht anders ging, weil das Glück damals gegen uns war— aber vergeſſen Sie nicht, daß Preußen nur Rußland die günſtigen Bedingungen des Tilſiter Frie⸗ dens zu verdanken hat. Die günſtigen Bedingungen? fragte der Graf. Verhältnißmäßig, erwiederte der Fürſt nicht ohne einige Verlegenheit, denn nur den Bemühungen des Zaren haben Sie es zu verdanken, daß dieſe Bedingungen ſo 190 geworden, wie ſie ſind; ohne ihn hätten Sie in Schleſien vielleicht längſt aufgehört, preußiſch zu ſein. Möglich, bemerkte der Graf, den die nativnale Ueber⸗ hebung ſeines Wirthes unangenehm berührte, Gott ſei Dank ſind wir es aber noch und müſſen wünſchen, es zu bleiben. Wenn es mit dem bloßen Wünſchen abgemacht wäre, lächelte der Fürſt, welcher fühlte, daß er ſich vielleicht zu offen ausgeſprochen, ſo ſollte dieſer Attila, dieſes Raub⸗ thier, dieſer Napoleon noch heute das Zeitliche ſegnen, damit wieder Friede und Ruhe wäre auf Erden. Leider bedarf es aber dazu der Thaten, und zu dieſen entſchloſ⸗ ſener Männer— die uns immer noch fehlen. Das Ge⸗ müth des Zaren iſt zu weich, ſein Sinn zu ſchwankend, zu ſehr fremden Einflüſſen unterworfen; meine Hoffnung iſt allein Napoleon; er wird uns zum Kriege zwingen, und wenn wir ihn erſt haben, wenn der Boden des heiligen Rußland von den fremden, gehaßten Eroberern betreten iſt, dann werden wir ihn auch führen bis ans Ende und bis ans Meſſer— ich kenne meine Ruſſen! Aber, fuhr er wieder in einem ruhigeren Tone fort, wir ſind unwillkürlich auf das leidige Gebiet der Politik gerathen, welches wenig geeignet iſt zu einer Unterhaltung mit Damen; ich bitte vielmals um Entſchuldigung, meine 191 verehrte Cvuſine, Sie müſſen einem alten Manne der⸗ artige Unarten zu Gute halten. O, ich habe mich gefreut, Sie ſo reden zu hören, ſagte Hedwig mit aufleuchtenden Blicken, denn wenn Sie auch vielleicht eine irrige Anſicht von meinem armen Vater⸗ lande haben mögen, im Haſſe gegen Rapoleon ſtehen wir Ihnen gewiß nicht nach! Wir ſind zerdrückt und zer⸗ treten, gebunden an Händen und Füßen; aber wir hoffen auf den Tag der Befreiung, der Vergeltung und der Rache. Kommen wird er, mag es immerhin noch eine Zeit lang währen, aber er wird kommen— vielleicht kommt er durch Sie und mit Ihnen— wenn wir auch gefeſſelt ſind und Sie allein kämpfen laſſen müſſen, dann werden wir zu Ihnen ſtehen! Der Fürſt hatte dieſe für ein Mädchen etwas lebhafte und außergewöhnliche Antwort mit einer Miſchung von Erſtaunen und Wohlgefallen angehört und wandte ſich dann lächelnd zu dem Grafen. Sehen Sie, ſagte er, daß Rußland und Preußen na⸗ türliche Verbündete ſind— verlangen Sie noch größere Beweiſe? Wenn die Frauen bei Ihnen von ſolchen Ge⸗ ſinnungen beſeelt ſind, dann können die Männer unmög⸗ lich zurückbleiben— doch, ſetzte er mit einem Winke auf die Oberſtin hinzu, wir vergeſſen darüber ganz, daß unſere Gäſte heute eine ſo weite Reiſe gemacht haben und es ge⸗ wiß an der Zeit iſt, auch endlich den Anforderungen des Magens zu genügen. Er bot bei dieſen Worten Hedwig den Arm, während der Graf den ſeinigen der Oberſtin reichte, und führte ſie in ein anſtoßendes Zimmer, wo ein luxuriös gedeckter Tiſch ſie erwartete. Das Eſſen ließ eben ſo wenig zu wünſchen übrig, wie die Weine. Der Fürſt beſaß einen franzöſiſchen Koch und ſchien, ungeachtet ſeiner angeblichen Kränklichkeit, es ſich wohlſchmecken zu laſſen. Auch die Oberſtin ver⸗ ſchmähte es nicht, mehr Wein, namentlich Champagner, zu trinken, als dies nach deutſchen Begriffen für eine ame paſſend erſcheint; man befand ſich jedoch in Ruß⸗ and; auch ſchien der Genuß des Weines auf ſie durchaus keinen Eindruck zu machen, denn ſie beharrte in ihrer ge⸗ ſuchten und oft überſchwänglichen Freundlichkeit, ohne daß irgend eine größere Erregung bei ihr ſichtbar gewor⸗ den wäre. Dennoch wurde das Geſpräch belebter, der Fürſt er⸗ kundigte ſich nach den Zuſtänden in der Heimath des Grafen und ſchien ſich für den Betrieb der Wirthſchaft lebhaft zu intereſſiren. Bei uns iſt das Alles anders, ſagte er dann; wir beſitzen Land in Ueberfluß, auch Menſchen, aber ſie ſind faul und träge, man muß ſie mit Gewalt zur Arbeit zwingen, 193 und was ſie dann ſchaffen, iſt oberflächlich und ſchlecht. Dazu haben wir keinen Abſatz für unſere Producte und fördern daher auch nicht mehr, als wir brauchen— an der Oſtſee vielleicht ausgenommen. Kohlen, lachte er— — was ſollten wir mit Kohlen machen? Wir beſitzen Holz in Ueberfluß, es verfault zum großen Theile in un⸗ ſeren Wäldern. Vielleicht wird das Alles mit der Zeit einſt anders— aber dieſe Zeit liegt noch ſehr fern. Ich werde nicht den Anfang davon erleben, fuhr er plötzlich ernſt werdend und mit einer gewiſſen Unruhe fort, indem er einen längeren Blick auf die Oberſtin warf— beur⸗ theilen Sie mich überhaupt nicht nach dem heutigen Abende, verehrter Herr Vetter. Die Freude, Sie bei mir zu ſehen, hat mich ungewöhnlich erregt— es iſt ein alter Fehler von mir, daß ich mich von einer augenblicklichen Stim⸗ mung beherrſchen und verleiten laſſe— denn wie Sie mich ſehen, bin ich ein kranker Mann und werde dafür büßen müſſen. Machen Sie ſich nicht derartige Gedanken, ſagte die Oberſtin mit weicher Stimme, indem ſie den Fürſten länger als ſonſt anſah, Ihre Geſundheit hat ſich in letzter Zeit ſehr gekräftigt und Sie müſſen vor Allem ſolchen Ideen keinen Raum geben. Ah, das iſt leicht geſagt, erwiederte der Fürſt indem er ſein Glas, welches er unwillkürlich ergriffen hatte, wie⸗ T 13 194 der unberührt hinſetzte— leicht geſagt, aber ſchwer aus⸗ geführt, und es iſt nichts thörichter, als einem Kranken zu räthen denke nicht an deine Krankheit, dann wirſt du geſund ſein. Riemand empfindet das Bedürfniß, krank zu ſein, und wenn er es dennoch ſein muß, ſo geſchieht es immer gegen ſeinen Wunſch und Willen. Aber der Wille hat einen großen Einfluß. Auf den Grafen und Hedwig hatte der plötzliche Ueber⸗ gang der fürſtlichen Stimmung aus der Heiterkeit in eine ſchwarzſehende Melancholie einen beängſtigenden Eindruck gemacht. Er hatte reichlich gegeſſen und noch mehr ge⸗ trunken und ſchien es jetzt, nachdem er geſättigt war, zu bereuen, daß er den Anforderungen ſeines Appetits ent⸗ ſprochen habe. Die Linien ſeines Geſichtes, deſſen Bläſſe einer ſieberhaften Röthe Platz gemacht hatte, traten ſchär⸗ fer hervor, die Falten und Furchen, welche daſſelbe durch⸗ zogen, erſchienen tiefer, und die Augen, welche jetzt in einem erhöhten Glanze leuchteten, machten in ihren raſchen und unſtäten Bewegungen einen peinlichen Eindruck. Ah, Sie ſehen nicht aus wie ein kranker Mann, ſagte der Graf mit einem gezwungenen Lächeln, während er ebenfalls daran dachte, daß er ungewöhnlich viel gegeſſen und getrunken habe und wahrſcheinlich eine ſchlechte Nacht haben werde— ich habe mir Sie, aufrichtig geſprochen, 4. nach Ihren Briefen ganz anders gedacht und freue mich eines Beſſeren belehrt zu ſein. Der Fürſt blickte den Grafen bei dieſen Worten eine kurze Zeit forſchend an, während es um ſeinen Mund eigenthümlichzuckte— haben Sie, ſagte er dann plötzlich, wieder zu einer gewaltſamen Fröhlichkeit übergehend— nun, das wird ſich jaAlles finden— Alles finden. Heute wollen wir aber die Gegenwart genießen und nicht an die Zukunft denken, denn ſie wird dennoch kommen, gerade ſo, wie ſie kommen ſoll. Wir haben noch gar nicht auf Ihr Willkommen angeſtoßen, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, es iſt unverantwortlich! Möge es Ihnen in meinem Hauſe gefallen und es in allen Stücken Ihren Erwar⸗ tungen entſprechen— hiermit trinke ich auf Ihr Wohl, Herr Vetter, und auf das Ihrige, meine liebenswürdige Couſine! Er hatte ſich bei dieſen Worten erhoben, und die drei anderen Perſonen folgten ſeinem Beiſpiele; man ſtieß mit den wieder gefüllten Champagner⸗Gläſern an, welche, wie immer, des Klanges entbehrten; der Fürſt leerte das ſeinige in einem raſchen Zuge und warf es dann gewalt⸗ ſam gegen die Wand, daß es in tauſend Stücke zerſprang. Niemand ſoll aus dieſem Glaſe mehr trinken! rief er dann— das iſt ſo Sitte bei uns in Rußland! Bei Hedwig und dem Grafen hatte dieſe unerwartete 13* Scene einen unangenehmen Eindruck hervorgerufen. Als der Fürſ Miene machte, ſich wieder zu ſetzen, blieb ſie zögernd ſtehen. Sie ſind müde, ſchöne Couſine, ſagte dieſer— vielleicht habe ich Sie ſchon viel zu lange von der nöthigen Ruhe abgehalten. Entſchuldigen Sie dieſe Vergeßlichkeit; Ihre angenehme Geſellſchaft allein hat mich verhindert, daran zu denken, daß Sie heute ſchon eine ſo anſtrengende Fahrt gemacht haben. Er reichte ihr bei dieſen Worten wieder den Arm und führte ſie in das anſtoßende Zimmer zurück, wo man nur ſo lange verweilte, bis die an ſich ganz überflüſſigen Be⸗ fehle ertheilt waren, die Gäſte in ihre Zimmer zu geleiten. Dort angekommen, ging der Graf eine Zeit lang ſchweigend auf und ab, ohne Miene zu machen, ſich aus⸗ kleiden zu laſſen. Hedwig ſaß gedankenvoll in einem Seſſel. Ich werde eine ſchlechte Nacht haben, ſagte er dann, und komme ganz aus meinen Gewohnheiten— denn ich eſſe und trinke niemals Abends ſo viel— ich werde dafür büßen müſſen.— Dir ſcheint das völlig gleichgültig zu ſein, ſprach er nach einer kurzen Pauſe weiter, da Hed⸗ wig in ihrem Schweigen verharrte— ich werde mich nie⸗ mals mit dieſen ruſſiſchen Sitten befreunden können. Es war eine große Thorheit, daß wir es unternommen 197 haben, ſie kennen zu lernen, ſagte ſie dann— ig Woße Thorheit. Du ſprichſt wieder ohne jede Ueberlegung, er auf, weßhalb eine Thorheit? Kommt man uns nicht auf das freundlichſte entgegen? Kann man mehr thun? Es wird ja lediglich von uns abhangen, wie viel wir eſſen und trinken wollen, und ich werde mich künftig mehr in Acht nehmen. Was hältſt du von dieſem Fürſten, Papa? fragte ſie, ohne auf ſeine Gedankenverbindungen einzugehen. Von dem Fürſten? Nun, er hat mir ganz wohl ge⸗ fallen, obgleich ich ihn mir anders gedacht hatte. Er iſt ein Ruſſe, das wußten wir ja zum Voraus, äußerlich künſtlich polirtes, rohes Metall, an dem einzelne Roſt⸗ flecken unvermeidlich ſind. Ich hätte ihn mir leidender vorgeſtellt— aber er iſt doch tief krank— wirklich krank, man darf ihn nur genau anſehen. Auf mich macht er einen unangenehmen, faſt unheim⸗ lichen Eindruck. Ah— das ſind Kindereien. Und dieſe Oberſtin iſt eine ſchlaue und in⸗ trigante Frau. Eine intrigante Frau? niſerholt er verwundert— ſo ſieht ſie wahrlich nicht aus; ſie iſt die und das Wohlwollen ſelbſt. 198 Meinſt du?— ich habe eine andere Anſicht. Und was ſtellt ſie eigentlich hier vor, in welcher Eigenſchaft ſpielt ſie die Frau vom Hauſe? Ah, was das für kindiſche Fragen ſind— was küm⸗ mert uns das, fuhr er lachend fort. In Rußland iſt Manches anders, wie bei uns, und bei uns in den Re⸗ ſidenzen auch wieder Vieles anders, als auf dem Lande. Das verſtehſt du nicht. Der Fürſt bedarf einer Frau, die ſeinem Hausweſen vorſteht; die ſeinige iſt todt, deßhalb nimmt er ſich dazu eine andere— das iſt Alles. Mache dir darüber keine ganz überflüſſigen Vorſtellungen und ſei freundlich und zuvorkommend gegen dieſe Dame, die mir nicht ohne Einfluß auf den Fürſten zu ſein ſcheint. Doch wir ſprechen morgen darüber weiter— ich bin müde und will endlich zu Bette gehen. Friedrich wurde hereingeklingelt und der Graf ging zur Ruhe. Hedwig aber floh noch lange der Schlaf, denn mancherlei Gedanken hinderten ſie, in dieſen beruhigenden Zuſtand zu verſinken, nach welchem ſich der Menſch gerade dann am meiſten ſehnt, wenn er der unabläſſig ihn ver⸗ folgenden Gedanken ſich zu entſchlagen vergeblich bemüht iſt. — Dreizehntes Capitel. Wir wollen den Fürſten, in deſſen Geſellſchaft wir uns bis jetzt nur eine kurze Zeit befunden haben, etwas näher betrachten, da er ſich ſo ganz unberufener Weiſe in unſere Geſchichte eingedrängt hat, und wählen dazu die Morgenſtunde des folgenden Tages; denn wir wiſſen aus Erfahrung, daß man einen Menſchen am beſten ken⸗ nen lernt, wenn man Gelegenheit hat, ihn in ſeinen täg⸗ lichen Gewohnheiten zu beobachten. Die Sonne geht in Petersburg Ende November, in welcher Jahreszeit wir uns befinden, erſt gegen neun Uhr auf und am kürzeſten Tage erſt um zehn, ſo daß die Sitte, lange zu ſchlafen, dort weit mehr eine Berechtigung hat, als in London und Paris, wo man in dieſer Be⸗ ziehung jedoch noch Außerordentlicheres leiſtet. Der Fürſt hatte ſich nach einer ziemlich unruhigen Nacht ebenfalls erſt gegen zehn Uhr aus ſeinem Bette erhoben und ſaß 200 jetzt, in einen ſeidenen wattirten Schlafrock gehüllt, Thee trinkend auf einem der weichen Divans, welche nach vrientaliſcher Sitte die Wände dieſes Gemaches ein⸗ rahmten. Sein Ausſehen war weſentlich verſchieden von dem⸗ jenigen, welches er am geſtrigen Abende gezeigt hatte. Die üppigen ſchwarzen Locken, welche ſeine Schläfe be⸗ ſchattet hatten, waren verſchwunden, und der leichte ſeidene Feß, den er jetzt trug, ließ verrätheriſch einige grauweiße ſpärliche Haare hervorſchimmern. Die Farbe ſeines Geſichtes war blaß oder vielmehr gelblich blaß, ſeine hervorſtehenden Augen entbehrten jetzt des Glanzes und wurden von den matt herabhangenden Lidern zur Hälfte bedeckt. Er machte ſo wirklich den Eindruck eines kranken Mannes, eines Mannes, der das Oel ſeiner Lebenslampe verſchwenderiſch verbraucht hat und dieſe mit den Ueberbleibſeln mühſam zu erhalten beſorgt iſt. Sein Leibdiener brachte ihm eine koſtbare türkiſche Pfeife, auf deren weite Oeffnung er ein Stückchen bren⸗ nender Holzkohle gelegt hatte, welche er mit einer kleinen ſilbernen Zange wieder zu entfernen bereit war, ſobald der Fürſt ſich herbeigelaſſen haben würde, den fein ge⸗ ſchnittenen Tabak durch einige Züge in Brand zu ſetzen. Schon längere Zeit verharrte der Diener deßhalb in einer knieenden Stellung, aber der Fürſt ſchien noch immer 201 kein Verlangen zu tragen, das Nikotin des Tabaks auf ſeine Nerven einwirken zu laſſen. Er hielt das lange, duftende Rohr von Roſenholz mit der breiten, koſtbaren Bernſteinſpitze gedankenvoll in der Hand, ohne auf den knieenden Leibeigenen zu achten, ſo daß dieſer ſich ge⸗ nöthigt ſah, die erloſchene Kohle nach einiger Zeit ſchnell durch eine andere, glimmende wieder zu erſetzen. Dann hoben ſich die matten Augen, welche bis jetzt unbeweglich auf einem Zeitungsblatte geruht hatten, etwas empor, er nahm die umfangreiche Spitze in den Mund, und die haſtig und ſchnell daraus hervorquellenden Dampfwolken gaben dem Diener die Gewißheit, daß er dieſen Theil ſeiner Pflichten nunmehr erfüllt habe und die Kohle entfernen dürfe. Er that dies ſchweigend, wie alle ihm obliegenden Verrichtungen, und blieb dann, der weiteren Befehle ſeines Herrn gewärtig, in gerader Hal⸗ tung an der Thür ſtehen. Der Fürſt rauchte eine Zeit lang fort, ſchlürfte dabei Thee und ſchien jetzt wirklich in der Zeitung zu leſen. Dann warf er das Blatt, deſſen größter Theil durch Druckerſchwärze unleſerlich gemacht war, mit einer un⸗ willigen Geberde auf den Tiſch und machte dem Diener ein Zeichen mit der Hand, was dieſer ſogleich zu ver⸗ ſtehen ſchien, denn er entfernte ſich, ohne irgend eine Frage zu thun. 202 Der Fürſt, nachdem er allein war, ſeufzte mehrmals ſehr tief auf, nahm dann das Zeitungsblatt wieder in die Hand und verſuchte, die unterbrochene Lecture fort⸗ zuſetzen. Bald darauf trat die Oberſtin in das Zimmer, denn das dem Diener gegebene Zeichen wargder Befehl geweſen, ſie zu rufen.*„ Ich habe wieder eine f ſchlechte Nacht gehabt, ſprach der Fürſt ſogleich mit einer dringenden Haſt, noch ehe die Oberſtin in ſeine Nähe gekommen war, und mit einem Tone, als ob es ihm ein unabweisbares Bedürfniß ſei, über ſeinen Zuſtand zu reden— eine ſehr ſchlechte Nacht. Erſt gegen Morgen bin ich ein wenig einge⸗ ſchlummert und fühle mich jetzt nichts weniger als ge⸗ ſtärkt— matt und zerſchlagen. Sie haben ſich vielleicht geſtern zu ſehr aufgeregt, tröſtete die Oberſtin mit einſchmeichelnder Stimme, in⸗ dem ſie ihn theilnehmend anblickte— die Freude, Ihre Verwandten zu ſehen. Ach— dummes Zeug, unterbrach er ſie, über der⸗ gleichen bin ich weg. Ich habe einfach wieder zu viel ge⸗ geſſen und getrunken— das iſt Alles! Solch ein Leben, wo man bei jedem Biſſen, den man ißt, und bei jedem Tropfen, den man trinkt, vorher überlegen muß, ob einem das Zeug auch nicht ſchaden kann, iſt ein wahres Hunde⸗ leben! Es iſt weit ſchlechter, als das Leben eines Hundes, fuhr er erregter fort, denn ſolche Beſtie frißt und ſäuft, was ihr beliebt, wenn ſie es nur hat, und legt ſich dann hin und ſchläft ſo lange, bis ſie wieder hungrig wird. Hat ſie es nicht weit, weit beſſer, als ſo ein geplagter Menſch, wie ich? Sie ſind heute übler Laune, ſagte die Oberſtin, in⸗ dem ſie ſich neben ihn ſetzte und eine ſeiner Hände zwiſchen ihre beiden nahm, und doch haben Sie mir ver⸗ ſprochen, daß Sie ernſtlich gegen dieſe Schwäche an⸗ kämpfen wollen. Hat ſich was anzukämpfen, erwiederte er, ohne ſie 3 anzuſehen— leicht geſagt, leicht geſagt! Es gehört mit . zu dem Fluche meines Daſeins, daß Jedermann, auch Sie, ſich einbildet, ich ſei nicht krank und ſpiele nur den Leidenden zu meiner Unterhaltung. Wie können Sie nur ſo ereden nd ſich immer dieſen Gedanken hingeben? Sie ſollten doch endlich nicht mehr daran zweifeln, daß ich den innigſten Antheil an J nen nehme und nichts verſäume, um Sie zu erheitern und zu erfreuen, wenn es mir auch manchmal ſehr ſchwer wird. Endlich ſprechen Sie einmal auftichtig, ſagte er, in⸗ dem er ſeine Hand heftig der ihrigen entzog— ich habe h daran rzweiſt duß es Ihnen wird— 203 204 Es wird mir ſchwer, erwiederte ſie ruhig, nur weil Sie es mir ſchwer machen, weil Sie immer Zweifel in meine Hingebung, in meine Zuneigung zu Ihnen ſetzen, und weil— fuhr ſie mit bewegter Stimme fort— weil Sie zu mir reden können, wie Sie es jetzt eben wieder gethan.— Warum geben Sie ſolchen trüben Vorſtel⸗ lungen Raum, ſprach ſie weiter, indem ſie wieder ſeine herabgeſunkene magere Hand ergriff, Sie wiſſen ja aus Erfahrung, daß Sie ſich Morgens am wenigſten wohl befinden, daß dies aber immer bald und ſicher vorüber⸗ geht. Es hat ein jeder Menſch ſein Päckchen Sorgen zu tragen, auch Sie, das iſt einmal nicht anders, da Sie, wenn auch ein bevorzugter und reich begabter Mann, doch immer der menſchlichen Schwäche Rechnung tragen müſſen. Aber eben deßhalb, weil Sie ſo viele Vorzüge in ſich vereinigen, einen ſcharfen, weitblickenden Verſtand und ein für alles Schöne und Gute empfiängliches Herz, deßhalb kann man auch von Ihnen Außergewöhnliches fordern. Glauben Sie nicht, daß der Genuß von Speiſe gund Trank— Sie ſind ja die Mäßigkeit ſelbſt— die Urſache Ihrer Verſtimmung iſt— ich habe die ſichere Erfahrung gemacht, daß Ihr Geiſt und Ihr Gemüth immer dabei die Hauptrolle ſpielen. Sie ſetzen ſich ſelbſt herab, indem Sie eine andere Meinung von ſich haben, und weil es ſo iſt, wie ich ſagte, deßhalb können Sie 205 auch durch Ihren ſonſt ſo ſtarken Willen dieſen Feind beſiegen, wenigſtens ihm keine Gewalt über ſich zukommen laſſen. Du meinſt es gut, Kathinka, ſagte der Fürſt nach einiger Zeit, während er ſchweigend und nachdenkend da geſeſſen— ich glaube wenigſtens, daß du es gut meinſt — warum ſollte ich es nicht glauben? Sei damit zu⸗ frieden und quäle mich wenigſtens nicht noch mit Vor⸗ würfen! Ich— mit Vorwürfen? Ach, ich verlange ja nichts, als daß Sie dieſen Glauben feſt und unverrückt erhalten — dann bin ich ganz glücklich! Nun, ſo ſprechen wir nicht weiter darüber. Haſt du ſchon etwas von unſeren Gäſten gehört? Nur, daß ſie bereits vor einer Stunde gefrühſtückt und daß ſie, wie der Graf mir auf meine Frage ſagen ließ, ganz vortrefflich geſchlafen hätten. Vortrefflich geſchlafen? wiederholte der Fürſt me⸗ lancholiſch— der Mann iſt älter als ich— und hat doch vortrefflich geſchlafen! Wenn Sie eine ſo weite Reiſe gemacht hätten, wür⸗ den Sie ebenfalls vortrefflich geſchlafen haben; aber Sie ſtrengen Ihren Geiſt zu viel an und machen ſich zu wenig körperliche Bewegung. Meinen Geiſt? lachte der Fürſt unangenehm auf, — 5 5 206 indem er ſie eine kurze Zeit mit einem eigenthümlich mißtrauiſchen Blicke anſah— Sie reden manchmal in einer Weiſe, daß die Abſicht, mich zu täuſchen, zu un⸗ verhohlen daraus hervorgeht. Sie ſind heute ſehr übler Laune, erwiederte die Oberſtin gekränkt, und ich muß mir das wie manches Andere gefallen laſſen. Gefallen laſſen? wiederholte der Fürſt mit auflo⸗ derndem Zorne— wie manches Andere? Jetzt fangen Sie wieder an, aufrichtig zu reden! Ich erkenne es immer mehr, daß Sie mich abſichtlich kränken wollen. Vielleicht bedürfen Sie eines Gegen⸗ ſtandes zur Ableitung Ihrer ſchlechten Stimmung— ich weiß aus Erfahrung, daß ich dazu für geeignet gehalten werde, und will mir daher auch dies Ihretwegen gefallen laſſen. Sie ſprechen in einem eigenthümlichen Tone, fuhr der Fürſt auf— Sie haben und brauchen ſich gar nichts gefallen zu laſſen, und ich verbitte mir dergleichen Aeußerungen, wie Sie ſo eben zu machen beliebt haben. Was ich bedarf, weiß ich ſelbſt, ohne daß ich nöthig habe, es von Ihnen zu erfahren, und was ich Ihnen ſagte, ſagte ich, weil es meine Ueberzeugung und die Wahrheit iſt. Die Oberſtin ſchwieg eine Zeit lang, nachdem der 207 Fürſt dieſe verletzenden Worte geſprochen; ihr Geſicht nahm einen ſehr traurigen Ausdruck an, und es ſchien ſogar, daß ſie bemüht war, die hervorbrechenden Thränen zurückzudrängen. Sie haben oft kränkende Worte zu mir geſprochen, ſagte ſie dann mit leiſer und bewegter Stimme; ich bin darüber betrübt geweſen, aber ich habe mich mit der Ueberzeugung getröſtet, daß dies Alles immer nur ein Ausfluß der durch körperliches Unwohlſein entſtandenen übeln Stimmung ſei.— Einem Manne, den man liebt und hochſchätzt, mit welchem man ſechs Jahre in der innigſten Gemeinſchaft gelebt hat, kann man Vieles zu Gute halten, wenn man nur weiß, daß ſeine eigentliche Geſinnung unverändert geblieben— und ſo habe ich es auch gethan.— Jetzt aber bin ich eines Beſſeren belehrt worden. Ich habe erfahren, daß meine Hingebung, meine guten Abſichten aus einem anderen Geſichtspunkte be⸗ trachtet werden, daß man ihnen ſogar ſchlechte und un⸗ lautere Motive unterſchiebt. Was wollen Sie eigentlich mit dieſem Geſchwätz? unterbrach ſie der Fürſt; verſchonen Sie mich damit, denn es hat weiter keinen Erfolg, als daß ich mich ärgere, was, wie Sie wiſſen, mir am meiſten ſchadet! Wenn Sie ſich darüber ärgern, ſo thut es mir leid, ſagte ſie immer mit derſelben ſanften und bewegten 208 Stimme; ich kann es aber dennoch dieſes Mal nicht än⸗ dern, denn ich kann nicht dafür, daß Ihr Egoismus ſo ſehr die Herrſchaft über Sie erlangt hat, daß Sie Ihre beſten Freunde von ſich ſtoßen. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich es ſatt habe, dieſe Sprache länger zu hören. Wenn Sie heute nur die Schleuſe zu dieſer Unterhaltung aufgezogen haben, ſo laſſen Sie mich allein. Sie kommen meinen Wünſchen zuvor. Ich werde Sie allein laſſen, ſo ſchmerzlich es auch für mich ſein mag und ſo ſehr ich darunter leiden werde. Nun, ſo gehen Sie— Adieu! Es iſt dies ein kurzer Abſchied, den wir nehmen nach ſo langem Zuſammenleben— indeſſen ich muß mir auch das gefallen laſſen und erkenne jetzt, daß ich Ihnen nie⸗ mals etwas Anderes geweſen bin, als ein Gegenſtand Ihrer Unterhaltung.— So leben Sie denn wohl, Paul, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, leben Sie wohl; möge es Ihnen ferner recht gut gehen und niemals die Zeit kommen, wo Sie meiner entbehren werden! Waos ſchwatzen Sie jetzt wieder für Unſinn? fragte er mit einer etwas unſicheren Stimme. Ich werde heute noch Ihr Haus verlaſſen, ſagte ſie feſt, da Sie es ſo gewollt haben! Er erſchrak ſichtlich. Der Gedanke, des gewohnten 209 Umganges und der Pflege dieſer Frau zu entbehren, mit welcher er eine ſo lange Zeit zuſammen gelebt hatte, war ihm unerträglich. Er hatte Derartiges auch weder beab⸗ ſichtigt, noch vorausgeſetzt, ſondern nur in der gewohnten Weiſe mit ihr verkehrt. Sein Benehmen gegen ſie war häufig viel unleidlicher, oft ſogar roher geweſen; ſie hatte es hingenommen, zuweilen nachgebend, zuweilen ebenfalls heftig— aber von einer Trennung war niemals die Rede geweſen, und wenn man ſich nach einiger Zeit wie⸗ dergeſehen, hatte man ſich verſöhnt oder häufiger derartige Scenen als nicht geſchehen in tiefes Schweigen gehüllt. Jetzt mit Einem Male ſpielte ſie die Empfindſame und drohte, ſein Haus zu verlaſſen. Sie ſpielt, dachte er, indem er ſich dieſen Erwägungen hingab, ſie will mich einſchüchtern, um deſto mehr Herrſchaft über mich zu er⸗ langen; ich muß ihr einen ernſten und entſchloſſenen Willen entgegenſetzen. Handeln Sie ganz nach Ihrem Belieben, ſagte er daher, jedoch ohne die vorherige Heftigkeit— unſer Ver⸗ hältniß iſt ein derartiges, daß es lediglich von Ihrem Willen abhängt, es in jedem Augenblicke zu löſen. Nicht mein Wille hat es gelöſ't, ſondern der Ihrige. Ich müßte mir und Ihnen verachtungsvoll er⸗ ſcheinen, wenn ich dieſem ſo rückſichtslos ausgeſprochenen Willen irgend ein Hinderniß entgegenſetzte. . 1⁴ Denken Sie darüber, wie Sie Luſt haben, ſagte er wieder ärgerlich. Ich werde Alles ordnen, meine Rechnungen abſchlie⸗ ßen und heute Abend Ihr Haus verlaſſen. Wollen Sie dieſelben vorher einſehen, oder.... Ach, verſchonen Sie mich mit dieſen Lappalien, Sie wiſſen, daß ich mich darum nicht bekümmern kann! Machen Sie Alles mit Petrowitſch ab! Sie war aufgeſtanden und ſah ihn mit traurigen Blicken an, durch welche jedoch eine gewiſſe Unruhe und Unſicherheit durchleuchtete. Darauf wandte ſie ſich nach der Thür, ging einige Schritte und blieb dann wieder ſtehen. Laß uns nicht ſo ſcheiden, ſagte ſie dann zärtlich und ihm die Hand hinhaltend— ich werde ganz beſtimmt gehen, darauf verlaſſe dich, und deßhalb laß uns nicht ſo von einander ſcheiden! Ach, wozu dieſe Albernheiten! Mach's kurz! Wenn du gehen willſt— obgleich du nicht die mindeſte Veran⸗ laſſung dazu haſt— ſo geh'! So leb' denn wohl! ſagte ſie mit verändertem, ent⸗ ſchloſſenem Tone— du ſollſt die Frinnerung behalten, daß ich auch deinen letzten Wunſch erfüllt habe! Sie wandte ſich wieder und ſchritt langſam der Thür zu. Er blickte ihr mit ſteigender Unruhe nach. Der 211 Gedanke, daß ſie dennoch wirklich Ernſt machen könne, fing an, bei ihm Boden zu gewinnen— ſelbſt wenn ſie nur die Vorbereitungen zu einem ſo auffallenden Schritte träfe und das Geſinde, vielleicht ſogar ſeine Gäſte Kennt⸗ niß davon erhielten, ſo müßte dies in hohem Grade peinlich und unangenehm ſein; daß es nicht zur Aus⸗ führung kommen dürfe, hatte bei ihm von Anfang an feſtgeſtunden— ſie trieb es aber jetzt weiter, als er er⸗ wartet hatte, und er hielt es daher bei ſeinem ſchwankenden Charakter für angemeſſen, wieder einzulenken. Kathinka, ſagte er daher, als ihre Hand bereits auf dem Drücker der Thür ruhte, komm' noch einmal her— du haſt Recht, wenn es wirklich dein Ernſt iſt, mich zu verlaſſen, ſo laß uns wenigſtens in einer Weiſe von einander ſcheiden, wie es ſich nach einem ſo langen Zu⸗ ſammenleben geziemt. Warum ſagen Sie, ich wollte Sie verlaſſen? fragte ſie, ſich umwendend— Sie wiſſen recht wohl, daß ich Sie nie verlaſſen haben würde, wenn Sie mich nicht hätten gehen heißen; aber Sie wiſſen oder glauben vielleicht nicht, daß ich jetzt, nachdem Sie mir dies ein⸗ mal geſagt haben, jedenfalls gehen werde, ſelbſt wenn Sie ſich, wie es leicht möglich iſt, jetzt wieder eines Anderen beſonnen haben. Ich weiß wirklich nicht, was du heute eigentlich haſt, 14* 212 ſagte er lachend— komm' einmal her, ſetz' dich zu mir und laß uns vernünftig mit einander reden. Sie werden ſich vergebens bemühen, meinen Entſchluß zu ändern; ich habe Vieles ertragen, Vieles geduldet, weil— weil— nun, weil ich glaubte, weil ich mich in einem Irrthume befand! Sie haben mich heute darüber aufgeklärt! Ich habe erfahren, was ich Ihnen bin, was ich Ihnen ſtets war! Ich würde jeden Anſpruch auf Ihre Achtung, auf meine Selbſtachtung verlieren, wenn ich jetzt noch Einen Tag bei Ihnen bleiben wollte! Während ſie dieſe Worte mit einer ſtolzen und etwas affectirten Stimme ſprach, war er aufgeſtanden, zu ihr hingegangen und hatte mit lächelnder Miene ihre Hand ergriffen. Komm', Kathinka, ſagte er dann, ſie zu ſich heran⸗ ziehend— Närrchen, wie kannſt du dich nur ſolchen albernen Gedanken hingeben? Ach, wenn wir beide noch jung wären, könnten wir uns mit ſolchen kindiſchen Zänkereien die Zeit vertreiben— aber für uns, obgleich du noch jugendlich und ſchön biſt, paßt es nicht mehr— für mich alten Mann am allerwenigſten! Komm', ſei vernünftig, ſetze dich zu mir, vergiß, was ich dir in meiner gereizten Stimmung geſagt habe— ich bin krank, das ſollteſt du bedenken— und laß uns plaudern! Laſſen Sie mich, ſagte ſie, ſeine Hand, die er um ₰ 213 ihre Taille gelegt hatte, zurückſtoßend— mein Entſchluß bleibt unverändert, ich gehe! Du gehſt nicht! erwiederte er wieder heftig; iſt es nicht genug, wenn ich mich entſchuldige, wenn ich dir ſage, daß ich krank bin? Iſt das nicht genug? Ver⸗ langſt du noch mehr, ſoll ich vielleicht niederknieen und dich um Verzeihung bitten? Das würde ſehr lächerlich ſein und dennoch keinen Erfolg haben! Aber was willſt du denn eigentlich, was haſt du heute? Du biſt mir wirklich völlig unverſtändlich! Sie ſagten mir, als ich bemüht war, Ihre böſe Laune zu verſcheuchen, welche ein Erbtheil Ihrer Familie zu ſein ſcheint, meine Abſicht, Sie zu täuſchen, träte diesmal zu deutlich zu Tage! Kann man Jemanden, der es treu und gut meint, deſſen Treue Sie ſechs Jahre erprobt haben, tiefer und empfindlicher kränken, als indem man ihn zu einem Heuchler ſtempelt? Sagte ich das, Kathinka? Ich glaube nicht, daß ich es geſagt habe; jedenfalls haſt du mich unrichtig ver⸗ ſtanden, denn ich habe es nicht ſagen wollen! Wenn du mir wirklich ein wenig gut biſt, wie du mir oft geſagt haſt, weßhalb hängſt du dich an ein im Unmuthe und in der Uebereilung geſprochenes Wort, von dem ich mich ja nicht einmal erinnere, es geſprochen zu haben? Närrchen — fuhr er mit ſchmeichelnder Stimme fort, indem er die nur noch ſcheinbar Widerſtrebende zu ſich auf den Divan zog— ſei wieder vernünftig.— Du mußt Geduld mit mir haben— aber vergiß nie, daß ich es gut mit dir meine! Ich dachte, flüſterte ſie, indem ſie ihren Kopf auf ſeine Schulter herabſinken ließ, es wäre Ihnen wirklich jetzt angenehm, daß ich Ihr Haus verließe. Jetzt? Weßhalb jetzt? Nun, weil die Fremden, Ihre Verwandten, gekommen ſind. Ach, was du für thörichte Gedanken haſt— ich ſollte denken, wir hätten uns über dieſen Punkt vollſtändig ausgeſprochen! Ja, das haben wir freilich, indeß... Nun, ſo wollen wir nicht wieder von vorn anfangen. Geh' jetzt, fuhr er fort, indem er ſeinen Arm zurückzog — du wirſt meine Worte ferner nicht mehr mißdeuten, auch nicht mehr auf die Goldwage legen, und wenn ich dir ſage, geh'jetzt, ſo weißt du, daß ich damit nur meine, auf dein Zimmer, wo ich dich bald beſuchen werde. Und du haſt das Alles gewiß und wahrhaftig nicht im Ernſte gemeint? Soll ich es dir nochmals verſichern? 215 Sie umarmte ihn leidenſchaftlich, drückte einen Kuß auf ſeinen Mund und entfernte ſich dann, ihm nochmals zärtlich von der Thür aus zunickend. Der Fürſt holte tief Athem, als er allein war, wie ein Taucher, wenn er wieder an die Oberfläche des Waſſers kommt. Es war wieder eine recht überflüſſige Scene, ſprach er dann vor ſich hin, und ich hätte, glaube ich, gar nicht nöthig gehabt, ihr ſo viel nachzugeben. Indeſſen die Sache hat mich wohlthätig angeregt, meine Rerven ſind wieder in Spannung gerathen und ich fühle mich bei Weitem wohler.— Es wäre mir ſehr unangenehm, wenn ich ſie entbehren müßte, denn ich habe mich einmal an ſie gewöhnt.— Sechs Jahre iſt eine lange Zeit, und Eines kommt zum Anderen. Mein Gott, Weiber gibt es genug— aber ſie meint es wirklich gut mit mir, wenn ſie auch ihre beſonderen Abſichten dabei hat.— Ja, das unterliegt keinem Zweifel, und was ſie mir da von Liebe und Zuneigung vorſchwatzt— warum ſoll ich es mir nicht vorſchwatzen laſſen? Wenn ich ein armer Mann wäre, wie bald würde dieſe Liebe und Zuneigung ſich verflüchtigen! Für Geld läßt ſich Alles erkaufen— beſonders die Weiber! Es kommt immer nur auf den Preis an und in welcher Weiſe er gezahlt wird. Was ich von ihr haben will und wozu ich ſie bedarf, das erhalte ich, und dafür erhält ſie mehr, als die Waare werth iſt— das Uebrige, worauf ſie ſpeculirt, ſteht damit in gar keinem Zuſammenhange— in gar keinem Zuſammenhange, weder mit ihr, noch mit ihrem Herrn Bruder— darin ſpeculirt ſie falſch— aber ich wäre ein Thor, ihr deßhalb reinen Wein einzuſchenken! 5 em die Oberſtin das Zimmer des Fürſten ver⸗ laſſen hatte, ſchritt ſie den langen Corridor hinunter und begab ſi räumige Küche, welche ſich im Sou⸗ terrain fand. Dieſe ganz nach franzöſiſchem Muſter eiſebereitungs⸗Anſtalt entſprach in jeder Beziehung allen Anforderungen, welche die höhere Kochkunſt zur Ausübung ihrer oftmals ſehr verwickelten Aufgaben beanſprucht. Sie war hell, geräumig, hoch gewölbt, Alles blank und reinlich und ſelbſt die Luft frei von Dämpfen und Gerüchen, da für einen gehörigen Wechſel geſorgt war. Der Vertreter jener Kunſt ſelbſt, welche man immer noch nicht nach ihrem wahren Werthe ſchätzt, ſondern ſtets mit einer gewiſſen, durchaus übel angebrachten Verſchämtheit behandelt, war natürlich ein Franzoſe und trug mit ſeinen zahlreichen Gehülfen jenes leichte, weiße Coſtume, welches darthun ſoll, daß die 218 Reinlichkeit bei der Zubereitung der Speiſen als erſte Bedingung obenan ſteht. Die Oberſtin wurde hier, wie überall, von der zahl⸗ reichen männlichen und weiblichen Dienerſchaft mit ſela— viſcher Unterwürfigkeit empfangen, und ſelbſt der Sohn des mächtigen Frankreichs, welches geſonnen war, ganz Rußland, wenn auch vielleicht als ein etw dauliches Gericht, zu verſpeiſen, machte nahme. Obgleich die Unterredung der Ob ſich nur auf die Feſtſtellung des Speiſczette beſchränkte, ſo hatte ſie doch keineswegs ein Der Fürſt war ein Feinſchmecker und Werth auf gute Gerichte; da er jedo dauung in ſtetem Unfrieden lebte u ſeines ſchwachen Magens den mange e ſen zuſchob, ſo hatte der höhere Leiter der eine keineswegs leichte Aufgabe zu löſen. Die Oberſtin wußte außerdem aus Erfahrung, wie nachhaltig ſchlecht und un⸗ leidlich die Stimmung des Fürſten blieb, wenn er an den Speiſen etwas zu tadeln fand, und wie ſehr er bemüht war, etwas daran zu finden. Sie hatte daher vollkom⸗ men Urſache, in dieſer Beziehung mit Sorgſamkeit zu verfahren, und ſie that es an jenem Tage um ſo mehr der angekommenen Gäſte wegen. Es wurde daher Man⸗ ches geändert, Manches geſtrichen und Manches hinzuge⸗ ——— 219 ſetzt, und erſt nachdem ſie den Zettel nochmals ſorgfältig erwogen und dem Monſieur Rénard die größtmögliche Sorgfalt empfohlen hatte, verließ ſie wieder die Küche und begab ſich in ihre eigenen Zimmer. Die Einrich⸗ tung derſelben unterſchied ſich nur wenig von derjenigen der übrigen, es ſchien Alles mehr oder weniger nach Einer Schablone angeordnet zu ſein. Sie bewohnte eine Reihe von Gemächern, wovon jedes einen beſonderen Zweck hatte, ohne daß ein Bedürfniß dazu vorhanden geweſen wäre. Bedürfniß iſt bekanntlich ein ſehr dehnbarer Be⸗ griff, ſo daß der Arme, wenn er mit ſeiner Familie in einer geräumigen, hellen und warmen Stube wohnt, ſein Bedürfniß vollſtändig befriedigt findet, während der Reiche eine Reihe von Zimmern dazu nicht mehr für ausreichend hält. Auch hier bleibt die alte Streitfrage unentſchieden, ob es glücklicher mache, recht wenig Bedürfniſſe zu haben, oder die Fähigkeit und die Mittel zu beſitzen, möglichſt viele befriedigen zu können. Bei dem Erſten hungert und entbehrt man, bei dem Letzten wird man bald überſättigt und zum Genuſſe unfähig und ſo liegt auch hier, wie überall, die Wahrheit in der Mitte. Der⸗ jenige, welcher im ſteten Kampfe mit der nothdürftigen Befriedigung ſeines Magens liegt, der alle ſeine geiſtigen und körperlichen Kräfte dazu verwenden muß, um die gröbſte Sorge, die um die Nahrung, zu befriedigen, kann eben ſo wenig das dem Menſchen überhaupt zugetheilte Maß von Wohlbefinden oder Glück erreichen, wie der⸗ jenige, welcher ehne alle Mühe und Anſtrengung jedes Gelüſte und jeden Wunſch zu befriedigen im Stande iſt. Die Oberſtin begann nunmehr einen zweiten, wich⸗ tigen Theil ihrer Tagesbeſchäftigung, ihre Toilette. Da ſie ſich der Gränze näherte, auf welcher angelangt das Weib mit einer ſehnſüchtigen und melancholiſchen Stim⸗ mung rückwärts blickt nach den Tagen, die vergangen find, der ſchönen, leider ſo flüchtigen Jugend, und deßhalb be⸗ müht iſt, die erſten leiſen, aber doch unverkennbaren Mahnungen des ſich nahenden Alters vor fremden Augen ſo viel als möglich zu verbergen, ſo beſchäftigte auch ſie ſich jetzt weit mehr mit ihrem Anzuge, als dies ſonſt ge⸗ ſchehen war, obgleich man nicht hätte ſagen können, daß die Zeit, welche ſi ſie früher darauf verwendet, zu kurz be⸗ meſſen geweſen wäre. Ihre Kammerfrau, ebenfalls eine Franzöſin und ſelbſt in einem ähnlichen zweifelhaften Alter ſtehend, war in dieſen Dingen und Künſten vollſtändig erfahren und ein⸗ geweiht. Wir wollen ihr bei der Ausübung derſelben weiter nicht Geſellſchaft leiſten, denn es gewährt wenig Intereſſe, dabei zuzuſehen, obgleich die Oberſtin, wie be⸗ reits bemerkt, noch eine hübſche Frau war. Wir be⸗ ſchränken uns vielmehr darauf, zu berichten, daß ſie, 221 nachdem ſie faſt eine Stunde zwiſchen zwei großen Spie⸗ geln geſeſſen, nachdem ihr etwas dünn gewordenes Haar durch fremdes eine üppige Fülle erhalten, die durch einen koſtbaren und zugleich etwas auffallenden Aufſatz noch erhöht wurde, nachdem ſie ferner ein ſchwerſeidenes Kleid angezogen und eine verhältnißmäßig große Menge von Armbändern, Halsketten und Brochen angelegt hatte, uns weniger gefiel, als vorher in dem einfachen, weißen Mor⸗ gen⸗Ueberrocke und der coquetten, mit ſeidenem Bande garnirten Haube. Der Geſchmack der Frauen iſt jedoch immer ein anderer, als derjenige der Männer, und wir ſind keineswegs ſo anmaßend, den unſerigen als Norm aufſtellen zu wollen. Die Oberſtin war offenbar mit dem Ergebniſſe ihrer Studien zufrieden, beſah ſich noch⸗ mals von allen Seiten im Spiegel und rauſchte dann hinaus in das Nebenzimmer, während die Kammerfrau das Schlachtfeld aufräumte und die Todten begrub. Ein Diener meldete den Capitän Ardatow, welcher unmittelbar darauf in das Zimmer trat, ein großer, ſtattlicher Mann in der reichen Uniform der ruſſiſchen Kaiſergarde. Sie ging ihm freundlich entgegen und ihr Blick hatte eine wirkliche und wahre Herzlichkeit, als ſie ihm die Hand reichte und ihn zu ſich auf das Sopha zog. Haſt du einmal wieder Zeit, deine Schweſter zu be⸗ — 222 ſuchen? fragte ſie dann— es ſind jetzt drei Tage, daß ich dich nicht geſehen habe, Alexander! Der Dienſt, der Dienſt, Kathinka, erwiederte er leicht⸗ hin; ach, du glaubſt gar nicht, was wir für geplagte Menſchen ſind! An jedem Tage eine neue Ordre, ein neuer Befehl— es iſt kaum glaublich, was Alles erſon⸗ nen wird, um uns endlich für befähigt zu halten, aus⸗ marſchiren zu können! Und es wird wahrſcheinlich doch noch lange nicht dazu kommen! Du ſcheinſt die Zeit gar nicht erwarten zu können? Wie du es nehmen willſt. Wäre der Krieg gewiß, wüßte ich, daß es von hier direct an den Feind ginge, es wäre nichts mehr zu wünſchen, lieber heute als morgen — aber ſo weit ſcheinen wir noch lange nicht zu ſein, denn man fabelt noch immer von der Erhaltung des Friedens. Dazu ſcheint es mir unzweifelhaft zu ſein, daß Napoleon vor dem Frühjahre nichts unternehmen wird; er weiß, daß wir an dem Winter einen mächtigen Verbündeten haben, und wird dieſen erſt abziehen laſſen, ehe er angreift. Im Winter aber in kleinen Reſtern oder gar auf dem Lande herumzuliegen, iſt durchaus nicht das Ziel meiner Wünſche; da iſt Petersburg jedenfalls vorzuziehen. Die Garden werden gewiß nicht eher marſchiren, als es nöthig iſt, und ſo hoffe ich dich wenigſtens den Winter über noch hier zu behalten. Ich hoffe das auch, aber wünſche, daß es dann auch Ernſt werde. Wünſcheſt du denn ſo ſehr, mich zu verlaſſen? Wozu uns mit ſolch thörichten und nutzloſen Gedan⸗ ken beſchäftigen, ſagte er heiter; ich bin Soldat, Offizier des Kaiſers— könnteſt du es billigen, wenn ich anders dächte? Dennoch macht es mich ſehr traurig, und der Tag, an welchem ich dich ſcheiden ſehen muß, ſcheiden, um viel⸗ leicht niemals wiederzukehren, wie meinen ſeligen Mann, wird der traurigſte meines Lebens ſein! Du machſt deinem ſeligen Manne damit kein großes Compliment, erwiederte er lächelnd— aber vorläufig bleibe ich ja noch hier; laß uns deßhalb die Gegenwart nicht durch Gedanken an die Zukunft verkümmern. Was gibt es Neues? Ich höre, eure lang erwarteten deutſchen Gäſte ſind endlich angekommen— erzähle mir das Nähere, wie ſehen ſie aus, iſt das Mädchen hübſch? Hübſch iſt nicht der rechte Ausdruck. So iſt ſie häßlich? Rein, ſie iſt weder hübſch noch häßlich, ſondern ſchön. Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, ſagte er mit geſteiger⸗ 3. 224 tem Intereſſe, denn wenn eine Frau die andere ſchön nennt, ſo muß dieſe wirklich ſehr ſchön ſein! Du haſt, wie ich dir ſchon oft geſagt, über uns Frauen ſehr befangene und vorgefaßte Anſichten; aber abgeſehen davon, das junge Mädchen iſt wirklich ſchön. So beſchreibe ſie mir; was hat ſie für Augen, Haare? Iſt ſie groß oder klein, voll oder mager? Du magſt dir ſelbſt ein Urtheil bilden, Alexander; wozu mich in eine nähere Beſchreibung einlaſſen, da du ſie ſehen wirſt— der Fürſt ladet dich heute zum Diner ein. Ich werde nicht verfehlen, zu erſcheinen; ſo wenig anziehend ſeine Diners auch ſonſt für mich ſind, heute iſt es anders. Meine Perſon ſcheint bei dir nur eine Nebenrolle zu ſpielen? Bin ich nicht hier? Beſuche ich dich nicht an jedem Tage, wo es meine Zeit irgend erlaubt, um mit dir zu plaudern, wenn ich weiß, daß du allein biſt— aber die⸗ ſer grämliche, ewig verdrießliche und mit ſeiner eingebil⸗ deten Krankheit beſchäftigte Fürſt— nach dem empfinde ich nicht die geringſte Sehnſucht, und ſelbſt ſeine ſonſt gute Küche und noch beſſeren Weine vermögen es nicht, ſie her vorzurufen. Ich habe dir ſchon ſo oft meine Anſicht über dieſen 225 Gegenſtand dargelegt, aber du haſt kein Ohr für meinen Rath und meine guten Abſichten. Wenn dein Benehmen aufmerkſamer gegen den Fürſten wäre, der keineswegs ein⸗ gebildet, ſondern wirklich tief krank iſt, ſo daß er viel⸗ leicht it als du glaubſt, abgerufen werden kann, ſo würde. Du weißt, ich denke über dieſen Punkt anders, und der Beweis, daß ich Recht habe, liegt darin, daß er dieſe Leute ſich von ſo weit her verſchrieben hat, um ihnen ſein Vermögen zu vermachen. Er iſt ein ſchlauer, alter Fuchs, dieſer Fürſt, der genau weiß, was er will, und ſich nicht durch Schmeicheleien und ſchöne Redensarten zur Aende⸗ rung ſeiner Plane beſtimmen läßt. Meinſt du? ſagte ſie ſinnend— es käme dennoch darauf an. Vielleicht gefällt dir die ſchöne Gräfin und du verliebſt dich in ſie. Verlieben? lachte er auf— nun, und wenn ich wirk⸗ lich dieſer Thorheit verfallen ſollte? Du nennſt dies Thorheit? Vergißt du, daß ſie ſeine Erbin werden ſoll? Ach, du kannſt dich immer noch nicht von dieſer Idee losreißen, obgleich du dich hinlänglich hätteſt überzeugen können, daß ich einmal nicht zu den Lieblingen des Für⸗ ſten gehöre, daß er vielmehr eine Abneigung gegen mich beſitzt, die er nur ſehr unvollkommen verbirgt, eine Ab⸗ 15 226 neigung, welche durchaus gegenſeitig iſt, ſetzte er lachend hinzu. Du nimmſt dieſe wichtige Sache zu leicht— ich be⸗ greife dich darin nicht! Du thuſt nichts, um dich bei dem Fürſten in Gunſt zu ſetzen, was dir bei deinen Ta⸗ lenten und vielen beſtechenden Eigenſchaften nicht im mindeſten ſchwer fallen kann, wenn du nur wollteſt; aber du willtſt es nicht! Kannſt du verlangen, daß dir der Fürſt entgegenkommt, wenn du ihm durch dein Benehmen täglich zeigſt, wie wenig Werth du darauf legſt? Er hat doch wahrlich kein Intereſſe dazu, aber du ſollteſt ein⸗ ſehen, daß es ſehr entſchieden in dem deinigen läge, ſeine Gunſt zu gewinnen, was durchaus nicht ſchwie⸗ rig iſt. Mag es ſein, meinetwegen, ſagte er leichthin— ich kann nicht dafür, daß ich es nicht einſehe, und du haſt Recht, ich ſehe es nicht ein. Mag er ſein Vermögen ver⸗ machen, wem er will, mag er ſich dazu Perſonen verſchrei⸗ ben laſſen, woher es ihm beliebt— was kümmert das mich? Zur Erbſchleicherei beſitze ich einmal kein Talent, ſo etwas verträgt ſich ſchon nicht mit der Ehre des Sol⸗ daten— hier, fuhr er mit lebhafterer Stimme fort, in⸗ dem er die Hand an den Griff ſeines Degens legte, hier iſt die Wünſchelruthe, mit welchet ich nach Schätzen 227 graben will, nach beſſeren und werthvolleren Schätzen, als die du mir in Ausſicht ſtellſt! Jugendliche Schwärmerei, ſagte ſie, mit den Achſeln zuckend. Du biſt ehrgeizig, Alexander, du willſt beför⸗ dert werden, Carriére machen, das Phantom des Ruhmes verlockt dich— ich finde das natürlich in deinem Alter und bei dem von dir erwählten Berufe, aber du haſt eine große Hauptſache vergeſſen! Welche, wenn ich fragen darf? Nichts weiter als eine Kleinigkeit, den Egoismus und die Erbärmlichkeit der Menſchen. Sieh dich doch um unter deinen Kameraden— wer wird befördert, zu höheren Stellen heraufgeſchoben, während die Anderen unbeachtet den gewöhnlichen Weg wandern?— der Reiche, der durch ſeine Geburt Bevorzugte. So iſt es wenig⸗ ſtens bei uns in Rußland. Ja, wenn du ein Fürſt, auch nur ein Graf oder ſo etwas und dabei reich wäreſt — o, längſt würden die Epauletten des Stabsoffiziers deine Schultern ſchmücken, aber der einfache Capitän Ardatow, wenn auch ein anerkannt tüchtiger Offizier, er wird nicht ſo anmaßend ſein, zu verlangen, mit den hochgeſtellten Kameraden in⸗gleicher Weiſe avanciren zu wollen. Im Kriege iſt das Alles anders, erwiederte er nicht ohne eine ſichtbare Verſtimmung, im Kriege nimmt man 15* diejenigen, die man für fähig hält, weil man dazu ge⸗ zwungen iſt— und wir werden Krieg haben! Der Krieg iſt ein gefährliches Spiel, du kannſt darin gewinnen, aber auch gänzlich zu Grunde gehen. Wenn man dich verwundet und für immer dienſtunfähig vom Schlachtfelde trägt, dich mit einer Penſion, von der du deinen Hunger nicht zu ſtillen vermagſt, in Gnaden nach Hauſe ſchickt, wie ſo viele Tauſende— dann hat es mit allen ehrgeizigen Planen ein Ende... Oder wenn man mich todtſchießt, was auch gar nicht unwahrſcheinlich iſt, unterbrach er ſie, dann hat es be⸗ ſtimmt ein Ende— das iſt einmal nicht anders, dafür bin ich Soldat und muß es darauf ankommen laſſen. Man kann überall das Unglück und das Elend in den Vordergrund ſtellen und jede menſchliche Thätigkeit, jedes Streben damit zu Tode ſprechen. Warten wir es ab. Ohne Glück erreicht Niemand etwas, und ich hoffe auf das Glück! Warum bemühſt du dich, mir dieſe Hoffnung zu zerſtören? Du nimmſt mir damit faſt das Einzige, was ich mein nenne, und machſt dich zu meiner ſchlimm⸗ ſten Feindin, während du mir unaufhörlich verſicherſt, daß du mich liebſt. Wie kannſt du mir einen ſolchen Vorwurf machen? ſagte ſie zärtlich; ich will deine Hoffnungen nicht zerſtö⸗ ren, ich will ſie nur befeſtigen, ſicher ſtellen, deßhalb allein 229 rede ich ſo zu dir. Ich möchte dich zu einem reichen und angeſehenen Manne machen, damit die Menſchen, welche allein darauf einen Werth legen, ſich vor dir beugen und ſich bemühen, dir zu dienen, indem ſie glauben, ſich ſelbſt damit zu nutzen. Ich will dir nur die Mittel verſchaffen, auf der ſchwanken Leiter militäriſchen Ruhmes raſch in die Höhe zu ſteigen, damit du das dir vorgeſteckte Ziel um ſo leichter erreichen kannſt. Und deßhalb hältſt du es für wünſchenswerth, er⸗ wiederte er wieder heiter, daß ich mich in die deutſche Gräfin verliebe? Ich habe das noch keineswegs behauptet, denn ich kenne ſie ſelbſt noch viel zu wenig und weiß noch weniger, wie ſich ihr Verhältniß zum Fürſten geſtalten wird. Es war nur eine ſo hingeworfene Aeußerung, jedenfalls müſſen wir erſt das Weitere abwarten. Liebe Kathinka, ſagte er, indem er ſeine Augen mit einem muthwilligen Blicke auf ſie richtete, du theilſt mir da eine viel zu verwickelte Rolle zu, eine Rolle, die ich bei meinem etwas unbeholfenen Weſen jedenfalls ſchlecht ſpielen werde und die ich deßhalb von vornherein anzu⸗ nehmen ablehnen muß. Ich weiß nicht, was du meinſt. Das will ich dir kurzweg ſagen. Entweder verliebe ich mich in die deutſche Gräfin, oder ich verliebe mich 230 nicht in ſie— ein dritter Fall iſt nicht denkbar, das giebſt du zu? Iſt nicht denkbar, wiederholte ſie. Da ſie, wie du ſagſt, ſehr ſchön iſt, ſo liegt es nicht außer der Möglichkeit, daß ich mich in ſie verliebe. Neh⸗ men wir dies alſo einmal an und zugleich, daß ſie dem grämlichen, alten Fürſten nicht gefiele und er ſie nicht zu ſeiner Erbin machte— was dann? Sollte ich dann meine Liebe ſofort wieder an den Nagel hängen wie eine nicht mehr moderne Uniform? Das könnteſt du ſelbſt nicht von mir verlangen, und wenn du es thäteſt, ich würde mich natürlich nicht daran kehren. Dein ganzer Plan verliefe alſo im Sande, genau ſo, als wenn ich mich nicht verliebte, was das Wahrſcheinlichſte iſt. Soll ich mit dem Verlieben warten, bis die Erbſchaft geſichert iſt? Das hieße, ich ſollte mich in die Erbſchaft verlieben und die ſchöne Gräfin ſo mit in den Kauf nehmen. Ich glaube, dies iſt eigentlich deine Abſicht, aber wir gehen leider dabei wieder aus einander. Ich bin einmal in dieſe Erbſchaft nicht verliebt, ſie hat ſo wenig Reiz für mich, daß ich ja deßhalb nicht einmal dem Fürſten den Hof mache, noch weniger mag ich ſie in Gemeinſchaft mit einer mir nicht zuſagenden Frau. Ich kann auch das Verlieben nicht bis zu einem beſtimmten Zeitpunkte auf⸗ ſparen, wie ein geladenes Gewehr, das man erſt losſchießt, 231 wenn man das Ziel aufs Korn genommen hat. Alſo würde ich mich entweder ſogleich oder bald verlieben, oder gar nicht, und da das Erſtere ſehr unſicher wäre, beſon⸗ ders weil ich jetzt, unmittelbar vor dem Kriege, nicht die mindeſte Neigung zu ſolcher Thorheit verſpüre, wirſt du mir darin beipflichten, daß es das Beſte iſt, daß ich mich nicht verliebe, wozu ich übrigens ohnehin feſt entſchloſ⸗ ſen bin. Es iſt mit dir über ernſthafte Dinge nicht zu reden, erwiederte ſie verdrießlich, dein Leichtſinn läßt keine ver⸗ nünftige Erwägung zu. Ich danke dir für dieſes offene Geſtändniß. Leicht⸗ ſinnig nennſt du mich? Immerhin. Es ſcheint mir beſ⸗ ſer, mit dreißig Jahren etwas leichtſinnig zu ſein, als Talent und Reigung für ſo verwickelte Plane zu entfal⸗ ten. Ich bin übrigens jetzt wirklich ſehr geſpannt, dieſe ſchöne deutſche Gräfin zu ſehen, obgleich ich nicht glaube, daß ich mich in ſie verlieben werde, da ich in dieſen Din⸗ gen, wie du weißt, etwas ſchwerfällig bin. Wir werden dich alſo heute ſicher zum Diner erwar⸗ ten und du wirſt nicht wieder einen Vorwand erfinden, um dich zu entſchuldigen? Wenn der Dienſt mich nicht in Anſpruch nimmt, was ich jedoch nicht glaube, ſo komme ich ganz beſtimmt. Wir werden in einer Stunde wahrſcheinlich ausfah⸗ 232 ren; es iſt gute Schlittenbahn und der Fürſt will ſeinen Gäſten Petersburg und ſeine ſchönen Schlitten zeigen. Du könnteſt uns auf der Newskoi⸗Perſpective treffen. Wir wollen ſehen, vielleicht habe ich Zeit. Handle nach deinem Belieben, ſagte ſie empfindlich — ich muß jetzt zu unſeren Gäſten gehen. Soll ich dich vielleicht dort vorſtellen— willſt du mich begleiten? Nein, erwiederte er nach kurzem Nachdenken, ich halte das nicht für paſſend, es würde zudringlich ausſehen— ich werde ja auch vielfache Gelegenheit haben, ſie kennen zu lernen, wenn es ſich überhaupt der Mühe lohnt. Nuͤn, ſo geh' jetzt, denn ich habe noch Manches zu beſorgen. Sei nicht böſe, Kathinka, ſagte er lächelnd, aber in herzlichem Tone; ich weiß, du meinſt es gut mit mir, und ich mache dir manche Sorge und Roth— aber ich kann wirklich nicht dafür, du mußt mich nehmen, wie ich bin — ich nehme dich auch, wie du biſt, aber deßhalb bleibſt du doch meine liebe, gute Schweſter. Sie blickte ihm gedankenvoll nach, als er darauf raſchen Schrittes, nachdem er ihr die Hand gereicht, das Zimmer verließ, und erſt als ſeine hohe und ſchlanke Ge⸗ ſtalt hinter der wieder geſchloſſenen Thür verſchwunden war, gab ſie ihren Augen eine andere Richtung. Es war übereilt und unüberlegt, eine ſolche Idee bei ihm anzuregen, ſprach ſie dann vor ſich hin— es will mir überhaupt nichts mehr gelingen. Er iſt ein leicht⸗ ſinniger Menſch, der nur an den Augenblick denkt, und der Fürſt, ſetzte ſie ernſter und mit halbgeſchloſſenen Augen hinzu— der Fürſt— es wird immer ſchwerer, mit ihm zu verkehren und ſeine Launen zu ertragen, und ich bin vielleicht ſehr thöricht, daß ich mich dazu hergebe. Was hat es mir bis jetzt genutzt? Er bleibt eigenſinnig feſt in dieſem Punkte und vermeidet ſichtlich jedes darauf bezüg⸗ liche Geſpräch. Er wird eines Tages die Augen ſchlie⸗ ßen, was bald, ſehr bald geſchehen kann, ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu, und dann werden Fremde kommen und mich gehen heißen— das wäre dann das Ende von dieſer ganzen Herrlichkeit— der Lohn für alle meine Sorgen und Plagen.— Er kennt nur ſich, dieſer Mann, nur ſich— ich bin ihm nichts weiter, als die Leiterin ſeines Hausweſens, die er nicht entbehren kann, ſonſt nichts— der erſte Dienſtbote!— Rein, nein, ſetzte ſie entſchloſſen hinzu, ſo kann, ſo darf es nicht enden! Fünßzehntes Capitel. Die ſchönſte Straße Petersburgs iſt der Newskoi⸗ Proſpect, die Litainaga. Sie läuft mit mehreren an⸗ deren Hauptſtraßen der Stadt von dem Admiralitäts⸗ Platze fächerförmig ab, überſchreitet die Fontanka und zieht ſich dann in ſchnurgerader Richtung faſt eine Stunde weit bis zu dem Ligowka⸗Canale. Unten wendet ſie ſich ein wenig rechts bis zum Alexander⸗Newsky⸗Kloſter und der oberen Newa und wird dort in ihrem ſchönſten, der Admiralität am nächſten gelegenen, über eine halbe Stunde langen Theile, von der Fontanka an, von etwa fünfzig der herrlichſten Kirchen und Päläſte begränzt. Sie iſt mit Bäumen bepflanzt und ſo breit, daß ein viereckiger Abſchnitt überall mit dem Namen eines Platzes bezeichnet werden würde. Hier verſammelt ſich bei gutem Wetter von eilf bis drei Uhr die vornehme und feine Welt. Man erblickt, je nach der Jahreszeit, Hunderte von eleganten 235 Equipagen oder Schlitten, ausgeſtattet mit jenem eigen⸗ thümlichen, halb europäiſchen, halb orientaliſchen Luxus, welcher uns daran erinnert, daß wir uns in der Haupt⸗ ſtadt eines Staates befinden, deſſen Gränzen ſich vom Oſten des civiliſfirten Europa bis zum äußerſten Rande Aſiens, bis an die Behringsſtraße und die Gebiete des himmliſchen Reiches erſtrecken. In Rußland iſt Alles weit, groß und geräumig, der Maßſtab der Entfernungen ein anderer, wie in Ländern, wo die Menſchen eng und dicht bei einander wohnen und bemüht und gezwungen ſind, jeden Fußbreit Erde ihren Zwecken dienſtbar zu machen. In Rußland herrſcht das Oede und Leere vor, es tritt überall zu Tage, ſelbſt in den großen Sammelplätzen der Menſchen, den Städten, und wenn dieſer Eindruck auch bei außergewöhnlichen Gelegenheiten verſchwinden mag, es geſchieht das immer nur für eine kurze Zeit. So und nicht anders iſt es auch in Petersburg. An dem Tage, deſſen Morgenſtunden wir in den Zimmern des Fürſten und der Oberſtin zugebracht, war der Newskvi⸗Proſpect ungewöhnlich belebt. Veranlaſſung dazu gab das herrliche Winterwetter und außerdem einer von den vielen Feiertagen, welche die ruſſiſche Arbeits⸗ ſcheu zu ihrer Beſchönigung erfunden hat. Hunderte von Schlitten flogen neben einander hin, ſich begegnend oder 236 überholend, gezogen von den edelſten, reich verzierten Pferden, welche meiſtens von bepelzten, langbärtigen Kutſchern gelenkt wurden; Tauſende von Fußgängern füllten die breiten Trottvirs, und unzählige Reiter, meiſt in der Uniform der Garde⸗Regimenter, ſprengten auf den Sfeitenwegen längs den Baumreihen dahin. Es war ein bewegtes, lebhaftes Treiben, denn ein Jeder, der irgend Muße hatte, befand ſich heute auf dem Newskvi⸗Proſpect. Selbſt der Hof hatte es nicht verſchmäht, das herrliche Wetter zu genießen, und der Schlitten des Kaiſers, als er raſch durch die Menge dahinflog, wurde uur kenntlich durch ſeine Einfachheit und durch die Bezeigung der Ehr⸗ furcht, welche ihm überall zu Theil wurde. Jeder Schlitten hielt ſtill, jeder Reiter machte Front, jeder Fuß⸗ gänger blieb unterwürfig grüßend ſtehen und viele warfen ſich auf die Erde, um ſo dem Zaren ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Heiter und freundlich grüßend flog er dahin, der jugendlich ſchöne Zar, die Hand bewegte ſich unab⸗ läſſig zu dem Schirm ſeiner einfachen Militärmütze hinauf, ohne daß ſeine Blicke an dieſen Dankesbezeigungen einen beſonderen Antheil nahmen. Nur wenn er den Gruß ſchöner Frauen erwiederte, belebten ſich ſeine Augen und wandte ſich ſein Kopf zuweilen eine kurze Zeit nach dieſer oder jener Seite. Auf ſeinem Geſichte lag für den genauen Beohachter der Ausdruck der Abſpannung und 237 des Zwanges, denn auch dieſe Spazierfahrt war eine Arbeit, eine kaiſerliche Arbeit. Er mußte ſich ſeinem Volke einmal wieder zeigen, ihm Gewißheit geben, daß er munter und wohlauf ſei, daß ſeine Stimmung nicht durch die ſich zuſammenziehenden Kriegswetter beeinträch⸗ tigt wäre— er hatte ja vielleicht Vieles von dieſem Volke zu fordern, Alles, was es geben konnte, Blut und Leben, und deßhalb mußte er ſelbſt beweiſen, daß er die Ueber⸗ zeugung habe, mit dieſen Opfern dasjenige zu erringen und zu erhalten, was bei jedem, auch dem roheſten Menſchen höher geſchätzt wird, als Blut und Leben— die Freiheit und die Unabhängigkeit, wenn man nur verſteht, ihn aus ſeinem dumpfen Schlummer zu erwecken und mit dieſen ſo oft mißbrauchten Namen ſeine Leidenſchaften und ſeinen Fanatismus anzuregen. Hierzu machte man jetzt die erſten Verſuche, wenn auch noch mit einer gewiſſen Scheu und Vorſicht, da man nicht wußte, ob es nöthig ſein würde, einen Strom ſich entfeſſeln zu laſſen, deſſen Wiedereindämmung nachher ſeine Schwierigkeiten haben konnte. Der freundlich grü⸗ ſende, raſch dahinfliegende Zar in dem einfachen Schlitten, der ein um ſo glänzenderes Gefolge hinter ſich hatte, befand ſich daher in einer keineswegs müheloſen Arbeit, welche er mit dem genugthuenden Gefühle der Pflichterfüllung beendete, als ſein Schlitten vor dem 238 Portale des Winterpalaſtes hielt, die Wachen in das Ge⸗ wehr traten, die Trommeln gerührt wurden und er dann raſch und wieder ernſt die breite Treppe emporſtieg. Der Ernſt ſeiner Züge nahm zu, als er ſein Gemach betrat, denn er wußte, daß ſeine Miniſter ihn zu einer wichtigen Berathung erwarteten. Die Sonne, welche heute, wenn auch ohne Wärme, am Himmel ſtand und in die hohen Fenſter des Winter⸗ palaſtes hineinſchien, ſandte, wie das ſo oft geſchieht, einige ganz unerwartete beglückende Strahlen in die ver⸗ düſterte Stimmung des Zaren. Ein ſo eben von der Donau angekommener Courier hatte die Nachricht gebracht, der alte Kutuſow habe die Türken in die Nähe von Nikopolis gelockt, dann die Donau ſelbſt bei Ruſtſchuk überſchritten, das Lager des Weſirs überfallen, einen Theil ſeiner Truppen verſprengt und halte den Reſt derſelben eng ein⸗ geſchloſſen auf einer Inſel des Fluſſes. Es konnte für Rußland nichts wünſchenswerther ſein, als den Krieg mit der Türkei ſo bald als möglich auf eine der Ehre nicht zu nahe tretende Art zu beenden, um alle Kräfte gegen Frankreich verwenden zu können. Der damalige Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten, Graf von Romanzow, ſtand an der Spitze der⸗ jenigen Partei, welche den Anſchluß an Frankreich und daher die Erhaltung des Friedens, ſelbſt mit namhaften 239 Opfern, wünſchte. Es entſprang dieſe Anſicht aus der Ueberzeugung, daß Rußland in einem Kriege mit Napo⸗ leon unterliegen werde, und es daher vorzuziehen ſei, nachzugeben, als ſich ſpäter härteren Bedinßungen fügen zu müſſen. Ueber den Patriotismus dieſes jetzt fünfund⸗ fünfzig Jahre alten Staatsmannes, der ſich bereits in einer früheren Stellung als Beförderer des Handels und der Induſtrie große Verdienſte erworben, konnte ein Zweifel irgend einer Art nicht obwalten, aber die alt⸗ ruſſiſche, die Kriegspartei, ſuchte ihn unter jeder Be⸗ dingung zu ſtürzen. Der Kaiſer hatte den Plan gefaßt, nochmals einen beſonderen Botſchafter nach Paris an Napoleon zu ſenden, weil der dortige ruſſiſche Geſandte, der Fürſt Kurakin, mit Napoleon auf einem etwas ge⸗ ſpannten Fuße ſtand, ſo daß von weiteren Unterhand⸗ lungen durch ihn kein beſonderer Erfolg zu erwarten war. Man hatte dazu den Grafen Neſſelrode auserſehen, wel⸗ cher eine Zeit lang Geſandtſchafts⸗Secretär in Paris geweſen, dann dem Congreſſe in Erfurt beigewohnt hatte und von Napoleon mehrmals ausgezeichnet worden war. Der Graf ſchien deßhalb die geeignete Perſönlichkeit; man nahm jedoch an ſeiner Jugend Anſtoß, denn er war damals erſt einundvierzig Jahre, ein Alter, das nach ge⸗ wöhnlichen Begriffen keineswegs als ein Hinderniß an⸗ geſehen werden konnte, von der Kriegspartei aber, welche 240 eine ſolche Sendung überhaupt nicht wollte, und ſelbſt von dem Grafen Romanzow, welcher auf den jungen, talentvollen Diplomaten eiferſüchtig war, verhindert wurde. Alexander war längere Zeit ſchwankend geblieben, ob er dieſen Schritt, den man ihm als eine Demüthigung Rußlands hinzuſtellen bemüht war, thun ſolle oder nicht, hatte ſich jedoch endlich im Einverſtändniſſe mit Ro⸗ manzow dazu entſchloſſen und die Inſtructionen für den neuen Botſchafter ſelbſt ausgearbeitet. Heute ſollten dieſelben einer genaueren Berathung unterworfen werden, als die unerwartet günſtige Nach⸗ richt aus der Türkei die Sachlage wieder bedeutend änderte. Kutuſow wurde ſofort ermächtigt, die Unter⸗ handlungen zu eröffnen, von den erſten ruſſiſchen For⸗ derungen abzuſtehen und den Frieden anzubieten. Die Bedingungen, welche man ſtellte, waren unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen für die Türkei nicht ungünſtig und man zweifelte nicht an deren Annahme. Der Ab⸗ ſchluß eines Waffenſtillſtandes ſtand dabei in erſter Reihe. Der Zar, durch dieſen lächelnden Blick des Glückes wieder heiter geſtimmt, überließ ſich der Hoffnung, daß Napoleon, wenn er erfahren, daß der ruſſiſch⸗türkiſche Krieg beendet ſei, ſich zu günſtigeren Bedingungen ver⸗ ſtehen oder vielmehr den Wunſch nach einem Kriege auf⸗ 241 geben würde. Die Sendung des Grafen Reſſelrode nach Paris wurde einſtweilen ſo lange verſchoben, bis der Ab⸗ ſchluß des Friedens mit der Türkei, bei welchem man dem General Kutuſow die möglichſte Eile empfohlen hatte, bewirkt ſein würde. Er wird die Sache dann von einem anderen Ge⸗ ſichtspunkte anſehen, ſagte der Zar ſichtlich erheitert zu ſeinem Miniſter— und ſollte er es dennoch nicht— nun, ſo haben wir achtzigtauſend Mann mehr in die Wagſchale zu legen und einen Feind weniger. Ich bin lange nicht ſo erfreut geweſen, wie in dieſem Augenblicke, und vertraue auf die Vorſehung, welche Rußland nicht verlaſſen wird. Wer möchte daran zweifeln, erwiederte der Miniſter; aber uns liegt die Pflicht ob, Alles zu thun, Alles zu verſuchen, um von Rußland die Schrecken und die Leiden des Krieges abzuhalten— Alles, was ſich mit der Ehre verträgt. Sie wiſſen, daß wir darüber einig ſind. Sobald der Friede mit der Türkei abgeſchloſſen iſt, ſoll Neſſelrode nach Paris. Sorgen Sie jetzt dafür, daß das freudige Ereigniß allgemein bekannt werde; laſſen Sie die Ka⸗ nonen der Feſtung den Einwohnern der Hauptſtadt den Sieg bei Ruſtſchuk verkünden!— . 16 Noch ging die Menſchenwoge in buntem Gemiſch durch den Newskoi⸗Proſpect, als die Kanonen der Feſtung zu donnern begannen. Die Woge kam für eine kurze Zeit faſt zum Stillſtehen, denn ein Jeder horchte der unerwarteten und ſich immer wiederholenden Sprache aus dem Munde der Feuerſchlünde. Vermuthungen der ver⸗ ſchiedenſten Art wurden laut, bis die Kunde von dem Siege über die Türken, hundertfach vergrößert, ſich zu verbreiten begann. Die Schlitten des Fürſten, vier an der Zahl und an Eleganz die meiſten überbietend, befanden ſich an dem ſchönſten Theile der Perſpective, unfern der Fontanka, als der erſte Kanonenſchuß von der Feſtung herübertönte. Der Schall deſſelben war in der klaren, reinen Luft noch nicht verhallt, als ein zweiter, ein dritter und eine lange Reihe von anderen folgten. Der Fürſt, welcher in dem vorderſten Schlitten ſaß, ließ halten, und bald ſtan⸗ den die vier Schlitten auf der breiten Straße neben einander. Hören Sie, ſprach der Fürſt zu dem auf ſeiner rechten Seite haltenden Grafen, während die beiden Schlitten mit Hedwig und der Oberſtin an ſeine linke Seite und zwar ſo gefahren waren, daß der erſtere außen ſtand— hören Sie, es folgt Schuß auf Schuß! Es muß ſich etwas ſehr Wichtiges ereignet haben, denn ich 243 zählte ſchon über fünfzig und es hört immer noch nicht auf. Vielleicht der Friede mit Frankreich, ſagte der Graf. O nein, rief der Fürſt mit einem verächtlichen Lä⸗ cheln— wir ſind ja mit Frankreich nicht im Kriege— das kann es nicht ſein! Während dieſes kurzen Geſpräches hatte ſich ein Reiter genähert; er hielt ſein Pferd jetzt unmittelbar vor dem Schlitten des Grafen an und grüßte in höflicher und verbindlicher Weiſe. Es freut mich, Herr Graf, Sie wohlbehalten hier in Petersburg wiederzuſehen; darf ich bitten, mich den Herrſchaften vorzuſtellen? Es gewährt mir gleichfalls eine große Freude, er⸗ wiederte der Graf, Ihnen nochmals für Ihre Gefällig⸗ keit danken zu können— der Herr Herzog von Villervi, der Herr Fürſt von Boridow, Frau Oberſtin von Sabowska— meine Tochter hat die Ehre, von Ihnen gekannt zu ſein. Der Herzog verneigte ſich gegen eine jede der ihm vorgeſtellten Perſonen; am längſten ruhte ſein Auge dabei auf Hedwig, welche ſich am fernſten von ihm be⸗ fand und kaum hinüberblickte. Können Sie uns vielleicht darüber aufklären, Hert 16* . 2 „ 244 Herzog, fragte der Fürſt, nachdem man einige Worte der Höflichkeit gewechſelt, was dieſes Schießen bedeutet? Ich bin ſo glücklich. Der General Kutuſow hat die Türken bei Ruſtſchuk vernichtet, und die Freudenſchüſſe, welche jetzt beendet zu ſein ſcheinen, verkünden wahr⸗ ſcheinlich gleichzeitig den Schluß des Krieges mit der Türkei. Der alte Kutuſow iſt ein großer Feldherr, ich habe es immer geſagt, rief der Fürſt erfreut, das iſt herrlich“ Kennen Sie die näheren Details? So weit ſie bekannt ſind— doch die Pferde werden unruhig; wenn Sie es mir geſtatten, Herr Fürſt, ſo bin ich ſo frei, Ihnen noch im Laufe des Tages meinen Be⸗ ſuch zu machen, und werde dann beſſer Gelegenheit haben, Ihnen das Nähere über dieſes für Rußland glückliche Ereigniß mitzutheilen. Es wird mir ſehr angenehm ſein, erwiederte der Fürſt, den dieſe freudige Nachricht in hohem Grade auf⸗ geregt hatte; wenn Sie es nicht als formlos anſehen und heute zum Diner mein Gaſt ſein wollen, ſo würden Sie mich doppelt erfreuen. Sie beſchämen mich, erwiederte der Herzog mit einem längeren Blicke auf Hedwig— ich werde die Ehre haben. 245 um fünf Uhr, wenn ich bitten darf, rief der Fürſt, während die Schlitten ſich wieder in Bewegung ſetzten— total geſchlagen— nicht wahr, total geſchlagen? Das ſteht feſt? Gänzlich vernichtet, erwiederte der Herzog mit einem ſpöttiſchen Lächeln, indem er ſeinen Hut zog— ich habe die Ehre. Die Schlitten flogen dahin, und der Herzog ritt in langſamem Schritte in der entgegengeſetzten Richtung weiter. Er achtete wenig mehr auf die an ihm vorbei⸗ brauſenden Schlitten, ſondern ſchien ſich lediglich ſeinen Gedanken hinzugeben. Ich muß ſogleich zu unſerem Geſandten, ſprach er dann vor ſich hin; man wird dort genauere Nachrichten haben, obgleich die Sache unzweifel⸗ haft zu ſein ſcheint.— In Paris wird man ſchwerlich deßhalb die Kanonen löſen— im Gegentheil, ich kann mir den Zorn des Gewaltigen lebhaft denken und freue mich darüber von ganzem Herzen, denn er wird dadurch nur noch verbiſſener, noch leidenſchaftlicher werden. Die⸗ ſer Herr von Lauriſton ſpielt hier eigentlich eine lächer⸗ liche und klägliche Rolle mit ſeinem ſteten Bemühen, den Frieden à tout prix zu erhalten, einen Frieden, den Napoleon gar nicht will. Aber er iſt vielleicht gerade deßhalb vollſtändig an ſeinem Platze, denn Napoleon bedarf der Zeit zum Lügen und Betrügen, und ſein Ge⸗ 246 ſandter, der immer noch glaubt, es könne doch noch Alles in Liebe und Freundſchaft enden, leiſtet ihm auf dieſe Weiſe die unſchätzbarſten Dienſte. Es wäre unklug, ihn daran zu hindern, denn es ſcheint mir ganz überflüſſig, das Feuer noch zu ſchüren. Es brennt bereits unter der Aſche und wird bald in hellen Flammen auflodern. Wie mag es wohl heute über's Jahr ausſehen?— Wer das wiſſen, wer das ſagen könnte!— Man muß auf alle Fälle gefaßt ſein, auf denjenigen, welchen wir wün⸗ ſchen— und auch auf denjenigen, den wir nicht wün⸗ ſchen. Das erfordert die Klugheit— handeln wir danach. Der Herzog begab ſich zu ſeinem Chef. Der Mar⸗ quis de Lauriſton, damals fünfundvierzig Jahre alt, war ſeinem Herrn und Kaiſer aus voller Ueberzeugung und mit der größten Hingebung zugethan. Er hatte dies ſowohl als General vor Kopenhagen, in Spanien und in dem öſterreichiſchen Feldzuge und nicht minder als Freiwerber um die Hand der jetzigen Kaiſerin in Wien bewieſen. Von Napoleon zu dem wichtigen Poſten eines Geſandten in Rußland beſtimmt, vertrat er dort im beſten Sinne die Intereſſen Frankreichs, zum erſten Male jedoch vielleicht nicht ganz nach den Intentionen ſeines Meiſters. Er hielt den Krieg zwiſchen dieſen beiden großen und mächtigen Staaten für beide verderblich und„ 247 bot daher Alles auf, was in ſeinen Kräften ſtand, um ihn zu verhindern. Napoleon, dem es jetzt nur noch darum zu thun war, Zeit zu gewinnen, um den Zaren zu täuſchen und ſeine Armeen ungehindert bis an die Weichſel vorſchieben zu können, ließ ihn gewähren und erhielt ihn ſelbſt in einer Art von Irrthum, weil er überzeugt war, dadurch am ſicherſten ſeinen Zweck zu erreichen. Die Nachricht von dem Siege der Ruſſen über die Türken hatte daher auf Lauriſton keinen unangenehmen Eindruck gemacht, er glaubte im Gegentheil darin ein neues Motiv zu finden, Napoleon zu friedlicheren An⸗ ſichten zu beſtimmen. Wir werden ſofort einen Courier nach Paris ſenden, ſagte er zu dem Herzoge, nachdem beide eine längere Zeit mit einander verkehrt hatten— arbeiten Sie ſogleich die Depeſche aus, ſo daß ich ſie in längſtens zwei Stunden unterzeichnen kann. Wiederholen Sie darin, daß der Zar noch immer die friedlichſten Abſichten hege und auch durch den wahrſcheinlich ſehr bald mit der Türkei abzuſchließenden Frieden ſeine Anſichten nicht ändern laſſen würde. Benachrichtigen Sie Se. Majeſtät, daß ein beſonderer Botſchafter, in der Perſon des Herrn von Reſſelrode, nach Paris kommen werde, weil man glaube, der Fürſt Kurakin ſei dem Kaiſer keine angenehme Per⸗ 248 ſönlichkeit; daß der Zar die Inſtructionen für den neuen Botſchafter ſelbſt ausgearbeitet und mir vorgeleſen und ich daraus die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die Erhaltung des Friedens von dem Zaren wirklich ernſtlich und aufrichtig gemeint ſei. Fügen Sie hinzu, daß nach meiner Anſicht jene Bedingungen nichts ent⸗ hielten, was der Ehre Frankreichs zu nahe träte, und daß man Herrn von Neſſelrode mit ausführlichen Voll⸗ machten und Inſtructionen verſehen werde, um über alle neuerdings angeregten Fragen, namentlich wegen der Beſitzergreifung Oldenburgs und der Zulaſſung der Neu⸗ tralen in die ruſſiſchen Häfen, zu unterhandeln, welche Fragen bisher weit weniger durch das, was man geſagt, als durch das, was man zu ſagen unterlaſſen, einen bösartigen Charakter angenommen hätten. Bemerken Sie ſchließlich, daß die Stimmung hier zwar noch eine dem Frieden zugeneigte, zugleich aber auch eine tief ernſte und entſchloſſene ſei und ich die feſte Ueberzeugung hätte, man würde es ſchlimmſten Falles auf das Aeußerſte an⸗ kommen laſſen, man würde eher Rußland zur Wüſte machen und ſich bis an die fernſten Gränzen des Reiches zurückziehen, als einen nachtheiligen Frieden ſchließen. Nach dieſen Andeutungen, fuhr der Geſandte fort, arbeiten Sie die Depeſche aus und bemühen Sie ſich, in Ihre Worte denjenigen Nachdruck zu legen, welcher ſich 249 mit der Ehrfurcht gegen Se. Majeſtät den Kaiſer verträgt, denn es iſt meine erſte Pflicht, eine offene und redliche Sprache zu führen, und ich würde erfreut ſein, wenn es mir gelänge, dieſen verderblichen Krieg von zwei Na⸗ tionen fern zu halten, die allen Anſpruch beſitzen, ſich gegenſeitig zu achten und in Freundſchaft mit einander zu verkehren. Des Herzogs Mund umſchwebte ein ſpöttiſches Lä⸗ cheln, als er bald darauf ſchreibend in ſeinem Geſchäfts⸗ zimmer allein ſaß. Schon nach einer Stunde war er mit der ihm übertragenen Arbeit fertig und ſchien mit dem Ergebniſſe zufrieden, als er ſie nochmals aufmerkſam durchlas. Sie war ganz nach den erhaltenen Inſtructionen verfaßt, nur in einer Sprache, welche die Anſichten und Ueberzeugungen des Geſandten vielleicht mehr und rück⸗ ſichtsloſer durchblicken ließ, als es nöthig geweſen wäre, um den beabſichtigten Zweck zu erreichen, in einer Sprache, von welcher der Herzog annahm, daß Lauriſton ſie billige, wenn er ſie vielleicht auch ſelbſt nicht gebraucht haben würde, die jedoch die Eitelkeit und den Stolz Napoleon's leicht verletzen konnte. Wenn der Herzog den gleichen Zweck verfolgt hätte, wie der Geſandte, ſo würde er daſſelbe in anderer Weiſe geſchrieben haben. Als Lauriſton den Entwurf durchlas, hatte er zwar den unbeſtimmten Eindruck, daß die Faſſung anders hätte ſein können, ſeine Gedanken waren jedoch darin wiedergegeben; er nahm noch einige unbedeutende Aen⸗ derungen vor und ließ die Depeſche abgehen, ohne zu ahnen, daß ſie bei Napoleon gerade den entgegenge⸗ ſetzten Erfolg haben würde, nämlich den, die Sendung des Herrn von Reſſelrode zu hintertreiben und ſeine Rüſtungen nach Möglichkeit zu beſchleunigen. Sechszehntes Capitel. Die Kronenleuchter in dem Speiſeſaale des Fürſten waren angezündet und die mit Silbergeſchirr überladene Tafel harrte der Gäſte. Dieſe befanden ſich in den Reben⸗ zimmern, nach welchen die Thüren noch geſchloſſen waren. Man wartete auf das Erſcheinen des Herzogs, und der Fürſt, hinſichtlich der Zeit zum Eſſen ziemlich pedantiſch, hatte ſchon mehrmals nach der Uhr geblickt. Der Hauptmann war dagegen ſehr pünktlich gekommen und unterhielt ſich in ſeiner offenen und geſprächigen Weiſe angelegentlich mit dem Grafen und Hedwig, auf welche das natürliche Weſen des Offiziers keinen unangenehmen Eindruck zu machen ſchien. Der Herr Franzoſe laſſen lange auf ſich warten, ſagte er lächelnd und in etwas leiſerem Tone; der Fürſt fängt an, ungeduldig zu werden, ein ſchlimmer Umſtand für den armen Koch; doch er kann ſich wenigſtens nicht be⸗ ſchweren, das Unheil wird ihm durch einen ſeiner Lands⸗ leute bereitet. 252 In dieſem Augenblicke wurden die Flügelthüren raſch geöffnet und der Herzog trat ein. Nachdem er die An⸗ weſenden mit der Sicherheit eines Weltmannes begrüßt, entſchuldigte er ſich bei dem Fürſten, daß er ſich etwas verſpätet, und gab als Urſache die Abfertigung eines Cou⸗ riers an, welcher die größte Eile beanſprucht habe. Ich kann mir die Veranlaſſung denken, ſagte der Fürſt höflich, und freue mich, daß es Ihnen Ihre Zeit erlaubt hat, mich durch Ihre Gegenwart zu beglücken. Ich würde troſtlos geweſen ſein, wenn ich auf dieſes Glück hätte verzichten müſſen. So bitte ich denn, wenn es gefällig iſt, erwiederte der Fürſt, indem er Hedwig den Arm reichte und den Grafen bat, die Oberſtin zu führen; die beiden jüngeren Herren, ſetzte er lächelnd hinzu, müſſen ſich heute ſchon ohne Damen behelfen. Der Herzog erhielt ſeinen Platz auf Hedwig's anderer Seite. An der geräumigen Tafel blieben zwiſchen den daran Sitzenden größere Zwiſchenräume. Die Speiſen waren vortrefflich, die Weine ausgeſucht, und die Ein⸗ wirkung beider auf die Magennerven und dieſer auf die Stimmung daher bald eine erkennbar vortheilhafte. Das Geſpräch wurde belebter, und der Herzog erzählte die näheren Umſtände des Sieges von Ruſtſchuk in einer für ruſſiſche Ohren angenehmen und ſchmeichelhaften Weiſe. Der Fürſt wurde immer heiterer und brachte die Geſund⸗ heit des Generals Kutuſow aus, worin der Herzog mit dem Ausdrucke der vollſten Ueberzeugung einſtimmte. Das iſt noch ſo ein General vom alten Schlage, der immer weiß, was er will und was er thut, ſagte der Fürſt— der Sieg folgt ſeinen Fahnen. Sie haben Recht, erwiederte der Herzog, er iſt ein ausgezeichneter General, und der Verluſt der Schlacht von Auſterlitz kann ſeine Verdienſte nicht beeinträchtigen. Pah— bei Auſterlitz commandirten zu Viele— die Oeſterreicher allein tragen die Schuld! Was kann ein General ausrichten, wenn Alle befehlen wollen? Ich bin ganz Ihrer Anſicht, wenn man in Frankreich die Sache auch anders darzuſtellen bemüht iſt. Die Gegen⸗ wart urtheilt immer parteiiſch. Es iſt ſelten, eine ſo vorurtheilsfreie Anſicht aus franzöſiſchem Munde zu hören, ſagte der Fürſt ſichtlich ge⸗ ſchmeichelt. Sie müſſen Frankreich nicht nach den unvollkommenen Zeitungsnachrichten beurtheilen, Herr Fürſt; man denkt dort, und namentlich in Paris, über manche Dinge ganz anders, als es in den officiellen Kundgebungen zu leſen iſt— doch erlaſſen Sie es mir wohl, in dieſer Hinſicht mich weiter zu äußern. Der Fürſt, dem dieſe Bemerkung ſehr gefiel, indem ſie ſeiner National⸗Eitelkeit ſchmeichelte, nickte ſeinem Gaſte beiſtimmend zu, und das bis dahin allgemein ge⸗ haltene Geſpräch fing an, ſich mehr zu vereinzeln. Sie waren niemals in Paris? fragte der Herzog ſeine Nachbarin. Nein, niemals; es iſt dies überhaupt meine erſte größere Reiſe, erwiederte Hedwig. Das iſt zu bedauern, und Sie ſollten es nicht ver⸗ ſäumen, Paris zu ſehen die Hauptſtadt der Welt— Alles, was groß, edel und erhaben iſt, concentrirt ſich dort eben ſo, wie das Schlechteſte, Gemeinſte und Lächer⸗ lichſte. Dennoch giebt es nur Ein Paris, und wer Paris nicht geſehen hat, hat die Welt nicht geſehen. Ich ſollte denken, alle großen Städte müßten ſich mehr oder weniger ähnlich ſein? Wenn Sie unter dieſer Aehnlichkeit eine Maſſe von Häuſern, Paläſten, Kirchen und dergleichen verſtehen, ſo mögen Sie Recht haben; ſonſt aber ſind gerade die großen Städte am meiſten von einander verſchieden, weil ſich der Charakter eines ganzen Volkes darin repräſentirt. Und deßhalb halten Sie Paris für die erſte Stadt der Welt? fragte Hedwig mit einem leichten Spotte. Sie beſchuldigen mich durch dieſe Frage der Anmaßung, erwiederte er, aber ich muß mir das gefallen laſſen, denn ———— 255 ich halte die Franzoſen auch für die bevorzugteſte Nation der Erde. Jedenfalls iſt ſie die am meiſten für ſich eingenommene. Alles hat ſeinen Grund und ſeine Urſache, gnädige Gräfin, und wir ſind ſtolz darauf, viele ſolcher Urſachen und Gründe für uns anführen zu können. Ich will ſie Ihnen nicht ſtreitig machen, es würde doch keinen Erfolg haben; Sie ſprechen mit dem Rechte des Siegers, und wir, die Beſiegten, haben keine Be⸗ fugniß, dieſe Berechtigung in Zweifel zu ziehen. Verkennen Sie mich nicht, ſagte er in etwas leiſerem Tone, ſo daß ſie nur allein es hören konnte; ich bin ſehr weit davon entfernt, das Glück des Eroberers als ein Recht zur Geltung bringen zu wollen. So möchte es vorzuziehen ſein, das Geſpräch über einen Gegenſtand fallen zu laſſen, bei welchem wir eine ſo ſehr verſchiedene Stellung einnehmen. Erzählen Sie mir lieber etwas von Paris, das Sie ſo hochſtellen; ich denke mir das Leben dort ſehr vereinſamt. Vereinſamt? fragte er erſtaunt.— Ja, nicht äußerlich; aber eben, weil es ſo ſehr äußer⸗ lich iſt, müſſen die inneren Beziehungen fehlen. Keineswegs; es hat ein Jeder ſeine Kreiſe, ſeine ge⸗ nauen Bekannten und Freunde, aber das hindert nicht, ſich den allgemeinen und höheren Intereſſen zuzuwenden, zu denen man ſonſt, namentlich auf dem Lande und in fleinen und kleinlien Städten, ſo wenig Gelegenheit findet. Kennen Sie vielleicht zufällig in Paris einen Mar⸗ quis de Beaumont und ſeine Familie? fragte Hedwig leichthin. Den Marquis de Beaumont? wiederholte er ſichtlich erſtaunt und betroffen— wie kommen Sie zu dieſer Frage? Sollten Sie ihn kennen? Nein, nein, ich habe nicht die Ehre, lächelte ſie— aber es würde mich intereſſiren, Näheres von ihm zu hören. Das würde Sie intereſſiren? Ja— finden Sie das ſo außerordentlich? Ich kenne zufällig einen Theil der Geſchichte ſeiner Tochter— heißt ſie nicht Margot? Der Herzog blickte Hedwig, während ſie dieſe Worte ſprach, mit zunehmender Aufregung an, da er, ungeachtet aller Combinationen, ſich nicht zu enträthſeln vermochte, in welcher Beziehung dieſe in einem ſo entfernten und abgelegenen Theile Deutſchlands wohnende Gräfin zu dem Marquis und ſeiner Tochter, deren Namen ſie wußte, ſtehen könne. Margot heißt ſie allerdings, ſagte er dann. Alſo Sie kennen dieſelbes Sie iſt ſchön, nicht wahr? „ 257 Würden Sie vielleicht ſo gütig ſein, i mir näher zu be⸗ ſchreiben? Näher beſchreiben? Von derzelern ſetzte er wie⸗ der in ſeinem gewöhnlichen, höflichen Tone hinzu, da Sie ein Intereſſe daran nehmen, obgleich ich ſie nur oberflächlich kenne und ſie nur einige Male flüchtig geſehen habe. Sie ſchien mir ein hübſches, wenn auch etwas unbedeutendes Mädchen; der Marquis iſt ein alter, unſelbſtändiger Mann, Kammerherr Sr. Majeſtät des Kaiſers, und ſteht völlig unter der Herrſchaft ſeiner Frau, einer Augen, etwas intri⸗ ganten Frau. So habe ich auch gehört. Sie kennen ſie nur ober⸗ flächlich? Die junge Marquiſe lebte eine Zeit lang in Deutſchland? Ich glaube— ſie befand ſich in einer Penſion und iſt vor ungefähr zwei Jahren zurückgekehrt. In einer Penſion? Das, glaube ich, iſt nicht ganz genau. Sie hat auch einen Bruder, der Offizier iſt, Namens Ravul, nicht wahr? Ich weiß wirklich nicht, ob ſo ſein Vorname iſt, aber der junge Marquis iſt Offizier. Man hat ihn eine Zeit lang für todt gehalten, fuhr Hedwig fort, der es Vergnügen machte, ſich an dem nur unvollkommen verhehlten Erſtaunen des Herzogs zu wei⸗ P während erſich in der Gefangenſchaftin Spanien befamn I. 17 — 258 Ich zi. davon gehört zu haben; aber geſtatten Sie mir die Frage, auf welche Weiſe Sie zu ſo genauen S* Nachrichten über dieſe Familie kommen und welches J In⸗ tereſſe Sie daran nehmen. Ich habe zufällig von einem Bekannten davon reden hören, und mein Intereſſe iſt kein anderes, als einige Fragen über Perſonen an Sie richten zu können, die Ihnen vielleicht nicht fremd ſind. 1 Des Herzogs Blick ruhte eine kurze Zeit forſchend auf Hedwig's unbefangenen und lächelnden Mienen, un er antwortete. Wie Sie es nehmen wollen, ſagte er dann; ſie ind mir bekannt und zugleich fremd; ich kenne ſie von Anſehen, wie man in Paris tauſend Menſchen kennt, und bedauere es daher, Ihnen nicht genauere Nachrichten über vieſeh Familie geben zu können. O, das war auch gar nicht die Abſicht meiner u da mir dieſe Leute ja ebenfalls fremd ſind und ich durch⸗ aus kein beſonderes Intereſſe habe, Näheres darüber zu erfahren! Finden Sie keine Aehnlichkeit zwiſchen Peters burg und Paris? fuhr ſie fort, dem Geſpräche plötzlich eine andere Wendung gebend. Beide ſind die Hauptſtädte großer Reiche, erwiederté er, ſichtlich zerſtreut, aber abgeſehen davon, daß dieſt Reiche und ihre Bewohner ſo ſehr von einander verſchieder ſind, repräſentirt Paris die ganze Geſchichte Frankreichs; jeder Platz, jedes öffentliche Gebäude, jede Straße, faſt jedes Haus hat ſeine geſchichtliche Erinnerung, während Petersburg, eine künſtliche Schöpfung der neueren Zeit, in ſeiner kalten Lapidarſchrift nur die Macht und den un⸗ umſchränkten Willen einiger Beherrſcher Rußlands ab⸗ ſpiegelt. Während der Herzog ſeine Anſichten über dieſen für uns wenig intereſſanten Gegenſtand weiter ausführte, wollen wir uns den anderen Perſonen wieder zuwenden. Der Fürſt war mit dem Grafen in ein lebhaftes Geſpräch über Krieg und Frieden gerathen, welches, da beide, durch den Genuß des Champagners angeregt, ihre Anſichten hartnäckiger als ſonſt verfochten, ſie ausſchließlich beſchäf⸗ tigte. Der Graf verfocht den Frieden, während der Fürſt zur Kriegspartei gehörte. Die Oberſtin ſprach mit ihrem neben ihr ſitzenden Bruder ſo leiſe, daß ſie von den Andern nicht würde ver⸗ ſtanden worden ſein, wenn ſie ſich auch nicht des ruſſiſchen Idioms bedient hätten. Der Hetzog ſcheint ſich förmlich für die Gräfin zu in⸗ tereſſiren, ſagte ſie, und ſie hört ihm mit ſichtlichem Wohl⸗ gefallen zu.. Warum ſollte ſie nicht? Er iſt ein gewandter Mann und weiß ſeine Worte zu ſetzen. Er erzählt von Paris, 176 und wenn er auch, wie alle Franzoſen, übertreibt und ausſchmückt, es hört ſich angenehm an. Dir ſcheint das völlig gleichgültig zu ſein! Was? Ob er ihr etwas vorlügt oder ihr die Wahr⸗ heit ſagt? Ich wüßte wirklich nicht, weßhalb ich mich darum bekümmern ſollte. So gefällt dir die Gräfin nicht? O, das habe ich nicht geſagt! Sie gefällt mir im Gegentheil ſehr gut. Ich finde ſie ſchön, ſchöner, als ich geglaubt habe, und dabei iſt ſie liebenswürdig, wenn auch vielleicht etwas ſtolz. In dieſem Augenblicke trägt ſie dieſer Eigenſchaft wenig Rechnung, denn die Unterhaltung mit dem Fran⸗ zoſen ſcheint ſie ſehr zu feſſeln. Ich finde das ſehr natürlich— aber ſieh' nur, wie ſie ihn jetzt eben anblickt, ſieh' den ſpöttiſchen Zug, der um ihren ſchönen Mund ſchwebt! Viel Terrain hat er bis jetzt nicht gewonnen— aber ſie hat wirklich einen wunderſchönen Mund! Findeſt du das? fragte lächelnd die Oberſtin— die Augen ſind jedenfalls das Schönſte an ihr; ich habe noch nie ſo ſchöne, große, braune Augen geſehen Nein, das Profil iſt das Schönſte— ſie iſt über⸗ haupt ſehr ſchön— man kann das Einzelne nicht heraus⸗ greifen. —— 261 Du ſollteſt dich in das Geſpräch miſchen, Alerander, denn es möchte gut ſein, dieſe intime Unterhaltung zu unterbrechen. Warum ſoll ich ſie ſtören, wenn es ihnen Vergnügen macht? Ich fühle nicht den mindeſten Beruf dazu. Du biſt unverbeſſerlich, es iſt mit dir nichts anzu⸗ fangen! Ehe der ſo geſcholtene Capitän auf dieſe Beſchuldigung etwas erwiedern konnte, wurde er durch Hedwig ſelbſt in die Unterhaltung gezogen. Nein, ſagte dieſe mit lauterer Stimme, dieſer Anſicht muß ich entſchieden widerſprechen— was meinen Sie dazu, Herr Hauptmann? Der Herr Herzog behauptet, Rußland habe eigentlich noch gar keine Geſchichte; was es beſitze, ſei nur der Beginn dazu, es wären nur wenige 5 Blätter, beſchrieben mit den Erzählungen einiger blutigen und grauſamen Schlachten, ſchreckenerregender Palaſt⸗ Revolutionen und der erſten Verſuche zur Einführung eu⸗ ropäiſcher Cultur. Hedwig hatte dieſe Worte ſo laut geſprochen, daß ſie von Allen gehört worden waren, und da ſie eine für die ruſſiſche Eitelkeit ſo wenig ſchmeichelhafte Behauptung aufſtellte, fand ſich der Fürſt bewogen, ſein Geſpräch mit dem Grafen abzubrechen und ſelbſt zur Abwehr dieſes An⸗ griffes aufzutreten. Ah, Sie eröffnen ſchon den Krieg, Herr Herz gebrochen ſind, und greifen uns an einer ſehr empfindlichen Stelle an! Sie möchten uns gern wieder zurückweiſen in die Steppen Aſiens, aus welchen wir nach Ihrer An⸗ ſicht hergekommen ſind, weil Sie fürchten, wir könnten immer weiter in das alte, blaſirte, abgelebte Europa vor⸗ dringen Das nutzt Ihnen nichts! Sie werden den Strom nicht aufhalten, der unaufhaltſam von Oſten nach Weſten fließt! Freilich haben wir keine Geſchichte, wie die Ihrige! Wir haben keine Revolution, welche die edelſten ihrer Kinder zu Hunderttauſenden auffraß, nur weil ſie eine unerſättliche Gier nach Blut hatte, bis ein fremder Emporkömmling ihr den Zügel anlegte. Wir haben ein angeſtammtes Kaiſerhaus, für das wir leben und ſterben, und was Sie da von Ihrer gerühmten Cul⸗ tur reden, ſo beſitzen wir gerade ſo viel, als uns für ietzt frommt, nicht mehr und nicht weniger, vielleicht eher ſchon zu viel! Seien Sie unbeſorgt, wir werden uns alles dasjenige holen, was uns noch fehlt, wenn wir deſſen bedürfen ſollten! Es iſt ja im Ganzen ſehr wohlfeil zu haben und läßt ſich leicht aus Ihrer ſo hochgeſtellten Hauptſtadt erlangen, wo Alles für Geld feil iſt! Der Herzog hatte dieſer leidenſchaftlichen Rede ruhig e rief er aufgeregt, noch ehe die Unterhandlungen gänzlich ab⸗ — zugehört; es zuckte zuweilen über ſein Geſicht und er war einen kurzen Augenblick unſchlüſſig, ob er die Unart ſeines Wirthes nicht in gleicher Weiſe erwiedern ſollte. Dann nahmen ſeine Augen jedoch den gewohn⸗ ten, verſchleierten Blick an, um ſeinen Mund ſpielte wieder das bisherige unbeſtimmte Lächeln, und er ließ den Fürſten ruhig zu Ende ſprechen, ehe er darauf er⸗ wiederte. Ich bin völlig mißverſtanden worden, ſagte er dann; Sie, verehrte Gräfin, welche meine Worte ſo ganz aus dem Zuſammenhange hinzuſtellen beliebten, könnten am beſten wiſſen, daß ſie nicht in einem feindlichen Sinne gegen Rußland geſagt waren, wie ſie der Herr Fürſt auf⸗ faßt. Daß Frankreich ein älterer Staat iſt, als Rußland, dürfte eine unbeſtreitbare Thatſache ſein; folglich muß es auch eine ältere und ruhmvollere Geſchichte haben. Es iſt fern von mir, in Abrede zu ſtellen, daß ſich darin einige dunkle, ſehr dunkle Blätter befinden, und dazu gehört namentlich unſere beklagenswerthe Revolution, wo alte, wohlerworbene Rechte, die heiligſten und ehrwürdigſten Ueberlieferungen der Vergangenheit, einem blutgierigen, raſenden Fanatismus zum Opfer fielen. Der Stand, welchem ich anzugehören die Ehre habe, der Adel Frank⸗ reichs, hat dadurch am meiſten gelitten, indem man die Meute des fanatiſirten Pöbels auf ihn gehetzt, ſeine 264 Schlöſſer zerſtört, ihm ſeine Güter geraubt und ſeine edel⸗ 3 ſten itglieder dem Beile der Guillotine Preis gegeben hat. Sie werden daher wohl ohne meine weitere Ver⸗ ſicherung annehmen, daß ich dieſem Theile unſerer Ge⸗ ſchichte nicht habe das Wort reden wollen. Vielleicht nicht einmal dem Ruhme und der Macht des jetzigen Kai⸗ ſers, ſetzte er mit etwas leiſerem Tone hinzu, dem jedoch jedenfalls das große Verdienſt zukommt, das entfeſſelte Ungeheuer wieder gebändigt zu haben, wenn auch vielleicht in anderer Weiſe, als wir es wünſchen. Man muß indeß aus der Noth eine Tugend machen.— Was ich von Rußland ſagte, enthielt für dieſes Land, deſſen Größe und Zukunft ich anerkenne, das ungetheilteſte Lob. Rußland iſt ein jugendlicher Staat, Frankreich ein alter— Ruß⸗ land beſitzt erſt die Anfänge, und die ruhmvollſten An⸗ fänge einer Geſchichte, ſo ungefähr wie ein junges, ſchö⸗ nes Mädchen von achtzehn Jahren, aber eine um ſo größere Zukunft— Frankreich dagegen— nun, Frank⸗ reich iſt eine coquette Frau, über die beſten Jahre hinaus, mit reifen und mannigfachen Erfahrungen und zugleich im Beſitze aller derjenigen Mittel und Künſte, welche ge⸗ eignet find, für die verlorene Jugend einen Erſatzzu gewähren. Der Fürſt war durch die geiſtreiche Wendung ſehr b⸗ friedigt. ₰ Wenn Sie es ſo meinen, Herr Herzog, ſagte er daher 265 em freundlichen Lächeln, ſo läßt ſich nichts dagegen ſagen. Wir haben uns im Gegentheile für das uneigennützige Compliment höflichſt zu bedanken. Sie pflichten mir gewiß darin bei, ſchöne Couſine, denn es bleibt mir immer noch zweifelhaft, ob der Herr Herzog die Abſicht hatte, Ihnen oder Rußland Schmeichelhaftes zu ſagen. Ich will aber das von ihm gebrauchte Bild vervollſtändigen, indem ich Sie bitte, das letzte Glas auf das Wohlergehen der Jugend, der jungen Frauen und der jungen Staaten zu leeren— der Sieg ſei in ihrem Gefolge! Er erhob ſich, und man ſtieß an; der Herzog that dies auf die verbindlichſte Weiſe, namentlich mit Hedwig, indem er nur ihr hörbar hinzufügte: Beim Anſtoßen mit einer jungen, ſchönen Dame denkt man nur an ſie, nicht an etwas Anderes. Sie erwiederte nichts und brachte ihr Glas nur in eine kaum merkbare Berührung mit dem ſeinigen, ohne ihn dabei anzuſehen. Es war ihr ſichtlich unangenehm. Nehmen Sie ſich vor dieſem Herzoge in Acht, verehrte Coufine, ſagte derFürſt, als er ſie aus dem Saale führte; er iſt ein geſcheiter und gewandter Mann, der ſeine Worte zu ſetzen verſteht. Wir Preußen haſſen alle Franzoſen, erwiederte Hed⸗ ig lachend— alle, ohne Ausnahme. Haben Sie das dem Herzoge geſagt? ieder mit ein 65 Ich hatte keine Veranlaſſung dazu. Keine Veranlaſſung? Sie werden vielleicht eine finden. Ich wüßte nicht, weßhalb. Solche Veranlaſſung würde ein näheres Kennenlernen vorausſetzen, welches durchaus nicht in meiner Abſicht liegt. 8 Der Fürſt ſah ſie einen Augenblick forſchend an. Sie haben Recht, ſagte er dann, er iſt ein grundſatzloſer Wenſch. Es kommt ihm nicht darauf an, ſein eigenes Vaterland und ſeinen vergötterten Kaiſer zu erniedrigen,. nur um eine Phraſe zu machen. Sie ſollen keine Ver⸗ anlaſſung zu einer näheren Berührung finden, wenigſtens nicht in meinem Hauſe. Hedwig hörte dieſe Rede ſchweigend an, welche ihr Empfinden abermals unangenehm berührt hatte, ſchon wegen der Zuſammenſtellung ihrer Perſon mit der des Herzogs. Der Kaffee wurde ſervirt, und man nahm an kleinen Tiſchen Platz; der Herzog vermied es jedoch, ſich an Hedwig's Seite zu ſetzen, ſondern befand ſich bald neben der Oberſtin, mit welcher er ſich in ein angelegentliches Geſpräch vertiefte, während der Capitän ſich in ſeiner hewohnten offenen Weiſe mit Hedwig und ihrem Vater unterhielt. 3 Druck von Otto Wigand in Leipzig. 8 — SLA oEME