ivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für nentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 ßücher: —.——.——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Wrr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Als Margot nach kurzer Zeit die Augen wieder auf⸗ ſchlug und ihre Blicke die ſeinigen fanden, welche voll Be⸗ ſorgniß und Liebe auf ihr ruhten, ſchloß ſie die ihrigen wieder, als fürchte ſie ſich, aus einem ſchönen Traume zu erwachen. Willſt Du mich nicht anſehen, meine liebe Margot, flüſterte er— mich, den Du ſo lange nicht geſehen haſt und der ſich ſo unendlich freut, Dich hier ſo unerwartet zu finden? Sprich, o, ſprich weiter, Ravul, ſagte ſie ganz leiſe und noch immer mit geſchloſſenen Augen— ach, wie das ſelig iſt,— o, laß mich noch nicht erwachen! Margot, liebe Schweſter Margot, rief er jetzt be⸗ ſorgt, faſſe Dich, komm zu Dir— ſieh mich doch an, mich, Deinen Bruder, der ſich ſo unendlich freut, in Deine Augen blicken zu können! Gräfin und Marguiſe. IV. 1 Sie ſchlug jetzt die ihrigen auf und blickte wie prü⸗ fend in dem Zimmer umher. Biſt Du es wirklich, Raoul? flüſterte ſie— iſt es keine Täuſchung?— Du lebſt— Du lebſt? rief ſie dann mit dem Ausdrucke der höchſten, ſchrankenloſeſten Freude— Du bift nicht todt— ich habe Dich wieder, Dich, Dich, meinen theuren, geliebten Bruder! Sie umſchlang ihn bei dieſen Worten mit faſt wil⸗ dem Ungeſtüm, preßte ihn feſt an ſich, und dann ſanken ihre Arme herab,— und wenn er nicht zu ihr geſprochen mit Worten der Liebe und Beruhigung, ſie wäre nochmals ohnmächtig geworden. Ahmählig vermochte ſie ſich zu faſſen und ſich in die Größe dieſes unerwarteten Glückes zu finden; dann erſt kam es zu beiderſeitigen Fragen und Antworten. Ich war die ganze Zeit hindurch in ſpaniſcher Gefan⸗ genſchaft, erzählte er; faſt durch ein Wunder bin ich dem Tode entgangen— ich erzähle Dir das Alles ſpäter— ich habe viel leiden müſſen und mir oft den Tod gewünſcht — aber es iſt überſtanden— ich bin wieder frei, bin wie⸗ der in Frankreich und wieder bei Dir, mein liebes Schwe⸗ ſterchen, das plötzlich hier iſt, hier in Paris, im Hauſe der Eltern, wie damals, als wir noch Kinder waren! Ach, Raoul, ſagte ſie, ich kann mein Glück noch immer nicht faſſen! Sie haben mich holen lo ſe ————— nach Paris— und mir geſagt, daß ich Deine Schweſter ſei— aber erſt, als Du todt warſt! Ich habe nie, niemals daran gezweifelt, unterbrach er ſie, von Neuem ihre Hände drückend, die er noch nicht los⸗ gelaſſen hatte— aber wie iſt es gekommen 7 Erzähle, o, erzähle! Die Eltern haben durch Deinen Brief meinen Auf⸗ enthalt erfahren, erwiederte ſie mit einem Seufzer, und da ließen ſie mich holen. Als ich ankam, warſt Du nicht hier und man verheimlichte mir die Nachricht Deines Todes— ach, wie traurig, wie ſo ſehr traurig war das Alles! Aber jetzt hat die Trauer ein Ende, denn ich bin wie⸗ der bei Dir, wir ſind wieder zuſammen, und wenn wir uns auch vielleicht ſpäter trennen müſſen, Du biſt und bleibſt jetzt meine liebe, geliebte Schweſter! Nicht wieder trennen, ſagte ſie mit beſorgter Stimme — Du darfſt nie, nie wieder von mir gehen— ach, nun iſt Alles gut, nun Du da biſt! Ich bin bei Dir und bleibe bei Dir, erwiederte er beruhigend; aber habt Ihr denn nicht erfahren, daß ich kommen würde? Iſt mein Brief von Bayonne nicht einge⸗ troffen? Niemand weiß bis jetzt, daß Du lebſt; ich allein, rief ſie im neuen Ausbruche ihrer Gefühle, ich allein! Jetzt erſt verſtehe ich, weshalb Du ſo erſchrecken konn⸗ 4* teſt, ſagte er lächelnd; Du glaubteſt wohl meinen Geiſt zu ſehen? Ich glaubte zu träumen, flüſterte ſie, und fürchtete mich vor dem Erwachen. Du liebe, gute Schweſter— aber wo ſind die Eltern? Sie befinden ſich doch wohl? Sie ſind ausgefahren und wohl und munter— aber es möchte, nöthig ſein, ſie vorzubereiten. Während dieſer Worte fuhr der Wagen in den Hof und nach kurzer Zeit, noch ehe Beide zu einem Entſchluſſe kommen konnten, ſtürzten der Marquis und die Margquiſe in das Zimmer, da ihnen von der Dienerſchaft die uner⸗ wartete Ankunft des todtgeglaubten Sohnes bereits mit⸗ getheilt worden war. Ravul lag in den Armen ſeines Vaters und ſeiner Mutter, welche Beide, von ihren Gefühlen hingeriſſen, eben⸗ falls einer längeren Zeit bedurften, um das Glück zu faſ⸗ ſen, den längſt verloren geglaubten Sohn lebend und geſund wieder zu beſitzen. Selbſt in dem Auge der ſtren⸗ gen und herzloſen Mutter ſchimmerte eine Thräne, eine Schwäche, welcher ſie ſich ſeit den Tagen ihrer Kindheit nicht mehr hingegeben hatte. Der Marquis war vor Freude faſt außer ſich, und es vergingen Stunden, ehe er zu dem ruhigen Bewußtſein gelangen konnte, daß ſein geliebter Sohn ihm wirklich wie⸗ dergegeben ſei. 5 5 Bei der Marquiſe legte ſich der Sturm der Gefühle bald, und es war faſt, als ſchäme ſie ſich jetzt, ſich denſelben ſo rückſichtslos hingegeben zu haben. Erwägungen man⸗ cherlei Art traten bei ihr in den Vordergrund, denn ſie machte es ſich klar, daß ein großer Plan ihres Lebens, dem ſie Vieles geopfert, jetzt geſcheitert ſei, wenn ſie auch erkannte, daß die Rückkehr Raoul's als ein glückliches Er⸗ eigniß betrachtet werden müſſe. Sie hatte nun doch zwei Kinder, Margot, auf welcher bei dieſem Gedanken unwill⸗ kürlich ihr Blick mit einem ernſten und kalten Nachdenken ruhte, war jetzt unbeſtreitbar ihre Tochter und die Erbin eines Theiles ihres Vermögens. Sie dachte auch an den Herzog und ſagte ſich, daß er nun zweifellos ſeine Bewer⸗ bung aufgeben werde— dieſe und ähnliche Erwägungen flogen durch ihre Seele, während der Marquis und Mar⸗ got der Erzählung Raoul's von ſeiner Gefangenſchaft und ſeiner Flucht mit geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchten. Ich wurde bei dem erſten Angriffe in der Schlacht bei Ocaßa verwundet und verlor das Bewußtſein, erzählte er; als ich dasſelbe wieder erlangte, befand ich mich in einem dunkeln Raume und empfand einen brennenden Durſt. Ich war in der Gefangenſchaft der Spanier ge⸗ rathen und zweifelte nicht daran, bald getödtet zu werden. Es geſchah aber nicht. Ich wurde mit noch zwei anderen verwundeten Officieren am Morgen des folgenden Tages auf einen Bauernwagen gelegt, nachdem man uns verbun⸗ den hatte, und zurücktransportirt. Ich hörte ſpäter, daß man die Abſicht gehabt hatte, uns gegen ſpaniſche Officiere auszuwechſeln. Weshalb dies nicht geſchah, weiß ich nicht. Meine Gefährten ſtarben und mich brachte man nach Cadix, wo ich in einer dunkeln und feuchten Caſematte die ſchrecklichſte Zeit meines Lebens zugebracht habe. Zum Glücke war meine Wunde nicht gefährlich, denn man be⸗ kümmerte ſich nicht mehr darum, ſchien vielmehr verwun⸗ dert, daß ich immer noch nicht geſtorben ſei. Aus mei⸗ nem Gefängniſſe hörte ich nach Monaten den Donner der Kanonen, als Cadix von unſeren Heeren belagert wurde — aber die Hoffnung auf Befreiung ſchwand wieder und das hämiſche Geſicht meines Wärters verkündete mir eines Tages, daß die Franzoſen abgezogen ſeien. So war denn jede Hoffnung verſchwunden. Da erkrankte der Wärter, und ſtatt ſeiner brachte mir ſeine Tochter meine kümmerliche Nahrung. Ich will Euch mit den Einzelhei⸗ ten meiner Geſchichte nicht weiter behelligen; es gelang mir, Manuela's Mitleid für mich rege zu machen— ach, ich bin ihr zu ewigem Danke verpflichtet, denn ſie hat mit Gefahr ihres eigenen Lebens meine Flucht möglich ge⸗ macht. Sie verſchaffte mir andere Kleider, öffnete mir die Thüren des Gefängniſſes, gab mir einen ſicheren und zuverläſſigen, wenn auch widerwilligen Führer, und ſo ge⸗ langte ich nach mancherlei Gefahren und überſtandener ſoth endlich zu den franzöſiſchen Vorpoſten. Es würde 6 vergeblich ſein, meine Gefühle zu ſchildern, als ich zuerſt die Uniformen meiner Cameraden aus der Ferne erkannte, dann ihren Anruf hörte, erwiederte und endlich wieder im Schutze der Adler des Kaiſers zu der Gewißheit kam, der Gefahr, abermals in Gefangenſchaft zu gerathen, wirklich entgangen zu ſein. Was mußt Du gelitten haben, mein armer Sohn, ſagte der Marquis, während ſich Margot inniger an ihn ſchmiegte— wie ſchrecklich, wie ſchrecklich! Nun, es iſt überſtanden, und jetzt ſollſt Du ausruhen, Dich pflegen, denn wir haben Frieden und werden keinen Krieg mehr führen. Ja, jetzt bleibſt Du bei uns, Raoul, immer, bat Margot, auch wenn es wieder Krieg werden ſollte; Du haſt genug gethan für den Ruhm Frankreichs, mehr iſt nicht nöthig, mehr kann Niemand von Dir verlangen. Das wird ſich Alles finden, erwiederte er lächelnd— ich bin jetzt hier und auf ein ganzes halbes Jahr beurlaubte freuen wir uns daher und laſſen wir die Sorge um die Zukunft. Das Souper wartet ſchon längſt auf uns, bemerkt die Marquiſe, Du wirſt hungrig ſein, auch plaudert es ſich eben ſo gut, wenn wir behaglich am Tiſche ſitzen. Deine Erzählung war ohnehin ſehr rhapſodiſch, und wir haben noch ſehr Vieles zu fragen und zu hören. Ja, gehen wir, ſagte der Marquis— ich bin ſo inner⸗ lich froh, wie— ich weiß ſelbſt nicht, wie— komm, komm, Raoul, Du mußt mir beſonders die näheren Umſtände Deiner Flucht erzählen. Es war ſehr ſpät, als man ſich endlich trennte, und noch außergewöhnlich früh am nächſten Tage, als Ravul und Margot ſchon wieder beiſammen in der ſchattigen, kühlen Laube des Gartens ſaßen. Es iſt mir faſt, ſagte Raoul, als wären wir gar nicht getrennt geweſen, und doch liegt eine lange Zeit zwi⸗ ſchen heute und demjenigen Morgen, an welchei wir auch zuſammen in einer Laube ſaßen und Du mir Deine Ge⸗ ſchichte erzählteſt, die Gefahren, in welchen Du geſchwebt, und wie Du daraus errettet worden warſt. Aber ſo iſt der Menſch, er vergißt leicht und ſchnell die Leiden, welche er erduldet hat, und knüpft ſeine Erinnerungen immer an ihm lieb gewordene Ereigniſſe. Gedenkſt Du auch noch jenes Morgens? Ach, wie könnte ich ihn jemals vergeſſen, erwiederte ſie tief erröthend— Deine Liebe zu mir, welche Dich be⸗ ſtimmte, mit Gefahr Deines eigenen Lebens meine Bitte zu erfüllen! Die Sache war ſo gefährlich gar nicht, ſcherzte er, aber ich hoffe, daß unſere Abſicht erreicht worden und der Retter Deines Lebens der Gefahr entgangen iſt. Gewiß, gewiß— er wird dafür Dein lebensläng. 9 licher Schuldner ſein, ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Augen. Du biſt aber noch lange, noch faſt ein Jahr in der Fichtenau geblieben, fragte er weiter, weshalb haben Dich die Eltern nicht früher zurücktommen laſſen? Sie wußten nicht, daß ich dort war; erſt Dein Brief aus Spanien hat ſie davon in Kenntniß geſetzt. Mein Brief aus Spanien? fragte er verwundert; das iſt nicht möglich, denn ich habe es ſogleich geſchrieben — doch grübeln wir nicht darüber, Du biſt jetzt hier, und das iſt die Hauptſache. Aber Du ſcheinſt Dich gar nicht darüber zu freuen, ſetzte er, ſie forſchend anſehend, hinzu, Du biſt nicht ſo fröhlich und heiter, wie damals, als ich Dich drüben in Deutſchland geſehen. Ich kann mich immer noch nicht recht hier einleben, ſagte ſie ausweichend; es iſt Alles ſo ſehr verſchieden, ſo ganz anders, das Leben, die Beſchäftigung— und die Menſchen. Aber nun, nun, da Du wieder bei mir biſt, nun wird Alles gut werden, fuhr ſie erregt fort; Du wirſt mir zur Seite ſtehen, mich nicht verlaſſen, mich beſchützen, wie Du es ſchon einmal gethan haſt. Nicht verlaſſen? Beſchützen? fragte er verwundert — Schweſterchen, was haſt Du für thörichte Ideen? Wer ſollte Dir hier, im Hauſe Deiner Eltern, etwas zu Leide thun wollen— wer ſollte die Macht dazu haben? Ach, vergib mir, Raoul, erwiederte ſie mit bebender 10 Stimme, daß ich Dich heute, am erſten Tage unſeres Wie⸗ derſehens, mit Klagen betrübe— aber ich kann nicht anders— mein Herz iſt ſo voll, ſo ſchwer— ich habe ja Niemanden auf der Welt, als Dich— Dich, meinen ge⸗ liebten Bruder, den mir der liebe Gott ſelbſt in meiner Noth geſandt hat— wie damals! Du ſprichſt in Räthſeln, Schweſter, Du biſt ſo be⸗ wegt, ſo aufgeregt, ſagte er, ſie beſorgt betrachtend, die mit niedergeſchlagenen Augen da ſaß und dann plötzlich ihr Geſicht an ſeine Bruſt legte, um ihre Thränen zu verber⸗ gen— ſprich doch, ſprich doch, meine gute Margot, was betrübt, was bekümmert Dich ſo ſehr? Ach, Raoul, hauchte ſie, man will mich zwingen, den Herzog zu heirathen— aber ich werde nie, nie einwilligen — niemals— lieber ſterben! Du ſollſt Dich verheirathen? fragte er erſtaunt— einen Herzog? Welchen Herzog? Den Herzog von Villervi. Ihn? fragte er, indem ſeine Miene ernſt wurde und ſich verfinſterte. Und die Eltern wünſchen dies? Sie wünſchen es nicht nur, ſie wollen es— ſie haben es mir geboten— aber ich kann nicht— glaube es mir, Raoul, ich kann nicht, ich würde gränzenlos unglück⸗ lich ſein! Beruhige Dich, liebe Schweſter, ſagte er, ſie ſanft an ſich drückend, ſei deshalb ganz ohne Sorgen. Der Herzog 11 fuhr er mit finſterem Blicke fort, der Herzog? Sie müſſen ihn nicht kennen, ſonſt würden ſie nicht auf eine ſo wider⸗ ſinnige Idee gekommen ſein. Sei deshalb ganz ohne Sorgen— der Herzog ſoll Dich nicht ferner behelligen, wenn Du es ſelbſt nicht willſt, und Du wirſt es nicht wollen, das hoffe ich von Dir! Ach, Ravul, rief ſie in freudigem Ueberſtrömen ihres Gefühls, ach, wie glücklich Du mich machſt! O, nun iſt Alles gut, nun kann ich wieder heiter und froh ſein! Aber haſt Du ihm denn nicht geſagt, daß Du ihn ausſchlägſt? Was bedarf es noch mehr? Freilich habe ich ihm das geſagt; aber er erwiederte mir, ich würde meine Anſichten ſchon ändern, wenn ich er⸗ kannt hätte, daß— daß er mich wirklich und wahr liebe — ich würde, ſagte er, ſpäter ſelbſt über meine Abneigung lächeln— und er könne deshalb ſeine Bewerbung nicht aufgeben. Der eitle, ſelbſtgefällige Thor, rief er mit verächtli⸗ chem Tone— das ſieht ihm ähnlich! Aber ſei ganz unbe⸗ ſorgt, fuhr er lächelnd fort— ich werde mit ihm reden— und es wird weiter nichts bedürfen, verlaß Dich darauf — die Sache iſt abgemacht— für immer! Aber die Eltern— denkſt Du auch an die Eltern? Die Eltern kennen den Herzog nicht, ſonſt würden ſie niemals ihre Zuſtimmung gegeben haben— aber ich kenne ihn und werde es nicht dulden, daß er der Gatte 12 meiner Schweſter wird— Du müßteſt es denn ſelbſt wollen. Wie kannſt Du ſo etwas von mir glauben! Ich glaube es auch nicht und freue mich, daß Du Dich von den äußeren blendenden Eigenſchaften dieſes ver⸗ führeriſchen Mannes nicht haſt beſtechen laſſen, ſondern ihn richtig erkannt haſt. Nein, lieb Schweſterchen, dieſer Mann iſt Deiner nicht werth und nicht würdig; denke nicht mehr an ihn, und wenn ſpäter Einer kommt, dem Dein Herz ſich zuneigt, ſo verſchmähe es nicht, Deinen Bruder zum Mitwiſſer zu machen, er wird Dir rathend zur Seite ſtehen. Sie erröthete bei dieſen Worten und blickte verlegen zur Erde, denn ſie beſaß noch nicht die Kunſt der Verſtel⸗ lung, und er erkannte, indem er ſie anſah, daß ſeine letzte unabſichtliche Aeußerung für ſie mehr als eine ſolche gewe⸗ ſen war. Wäre vielleicht dieſer Zeitpunct ſchon eingetreten, fuhr er daher lächelnd fort, wäre es nicht allein die Abnei⸗ gung gegen den Herzog, ſondern die Zuneigung gegen einen Anderen, welche mein Schweſterchen zu ſolchem be⸗ ſtimmten Widerſpruche geſtählt hat? Ach, Raoul, ſagte ſie, noch tiefer erröthend, wie kannſt Du ſo etwas von mir denken? 3 Weshalb ſoll ich das nicht denken können? Ich erin⸗ nere mich noch ſehr lebhaft daran, mit welcher Leidenſchaft⸗ —— 13 lichkeit Du damals, als ich Dich zuletzt ſah, für den Retter Deines Lebens auftratſt— ich beneidete dieſen Mann förmlich deshalb— aber er verdiente es, ſetzte er, ſie be⸗ obachtend, hinzu— hat er ſich noch längere Zeit in der Fich⸗ tenau aufgehalten? Weshalb fragſt Du mich das? ſagte ſie ſo leiſe, daß er ihre Worte kaum zu verſtehen vermochte— weshalb gerade jetzt und in dieſer Weiſe? Und warum beantworteſt Du meine Frage nicht? Scheueſt Du Dich, von dieſem Manne zu ſprechen2 Ich ſollte mich ſcheuen, von ihm zu ſprechen? wieder⸗ holte ſie mit feſterer Stimme. O nein, gewiß nicht, das wäre im höchſten Grade undankbar, denn er war mein Lehrer, dem ich viel, viel zu danken habe! Er betrachtete ſie eine Zeit lang, während ſie ver⸗ legen zur Erde blickte. Und er blieb noch längere Zeit in der Fichtenau? fragte er dann. Noch ein halbes Jahr. Und dann? Dann ging er in ſeine Heimath nach Schleſien zurück, wo er eine gute Stelle erhalten hatte— zu ſeiner Mutter. Du haſt ihn ſpäter nicht wieder geſehen? Er wollte zum Frühjahre zurückkehren— der Tag 3 ſeiner Ankunft war ſchon feſtgeſetzt— aber ich mußte fort — vorher— ich habe ihn nicht wieder geſehen. 14 Aber Ihr habt Euch doch geſchrieben? Geſchrieben?— Ja, einige Male. Weshalb hätten wir uns nicht ſchreiben ſollen? Und Ihr ſteht noch im Briefwechſel zuſammen? Ach nein, ſagte ſie traurig— ſeit ich von der Fich⸗ tenau fort bin, hat Niemand mehr von dort an mich ge⸗ ſchrieben— keiner meiner Briefe iſt beantwortet worden. So weißt Du nichts mehr von ſeinem Ergehen? Nichts— nichts— auch von Wehrings nichts. Sie haben mich Alle vergeſſen— Alle. Beide ſchwiegen wieder eine längere Zeit, und wäh⸗ rend er ſie ſtumm und nachdenkend betrachtete, wurde es ihm klar, daß ihr Herz noch immer an jenem Manne hing. Es beſchlich ihn ein wehmüthiges, trauriges Gefühl, in⸗ dem er zu dieſer Erkenntniß gelangte; denn es war für ihn zweifellos, daß dieſe Neigung in ihrem Herzen verge⸗ hen, daß ſie den ganz veränderten Verhältniſſen Rechnung tragen müſſe. Meine liebe Margot, ſagte er daher nach längerem Schweigen, indem er ihre in ihrem Schooße gefalteten Hände löſ'te und umſchloß— ich verſtehe den Kummer Deiner Seele. Die Bande einer ſchönen, freudevollen Vergangenheit umſchlingen Dich noch und wollen ſich nicht löſen. Und doch müſſen ſie gelöſ't werden. Es iſt nicht Theilnahmloſigkeit, das Schweigen von drüben; betrachte es nicht ſo, Du würdeſt jenen braven Leuten Unrecht thun⸗ —————— 15 Sie haben erkannt, was Du auch erkennen mußt, und wollen Dir Dein Thun und Handeln nicht unnöthig und nutzlos erſchweren. Deshalb ſchweigen ſie, obgleich es ihnen gewiß ſehr ſchwer wird— ſo mußt Du die Sache anſehen. Und nun ſei wieder heiter, verſcheuche die trü⸗ ben Gedanken— Du haſt jetzt einen Vertrauten, einen Theilnehmer Deines Kummers, der ihn zu würdigen ver⸗ ſteht und es gerechtfertigt findet, daß Deine Gedanken noch oft dort weilen, wo man Dich mit ſo viel Liebe und Güte aufgenommen hat. Vertraue Deinem Bruder, meine gute Margot, und ſprich immer mit ihm, wenn es Dir allein mit Deinen Gedanken zu ſchwer wird. Sie ſank weinend an ſeine Bruſt und ruhte, von ſei⸗ nem Arme umſchlungen, ſo lange daran, bis es ihr leichter und wohler um's Herz wurde— ſo ſchmerzlich wohl, wie noch nie, ſeit ſie Abſchied von der Fichtenau genom⸗ men hatte. Zweites Capitel. Die unerwartete Rückkehr des jungen, längſt zu den Todten gezählten Marquis de Beaumont erregte, wie ſich denken läßt, im Kreiſe ſeiner Bekannten und Freunde gro⸗ ßes Aufſehen. Dem Herzoge wurde die Neuigkeit zuerſt von ſeinem Diener erzählt, als er am anderen Morgen beim Frühſtücke ſaß. Unſinn, ſagte er jedoch mit dem Ausdrucke ſichtlicher Betroffenheit— wer weiß, was Du wieder gehört haſt— rede nicht ſo albernes Zeug. Ich habe den jungen Herrn ſelbſt geſehen, als ich heute Morgen, wie der Herr Herzog befohlen hatten, mich nach dem Befinden des gnädigen Fräuleins erkundigte. Du haſt ihn ſelbſt geſehen, rief er aufſpringend— ſelbſt geſehen? Kennſt Du ihn denn? Weshalb ſollte ich ihn nicht kennen, ich habe ja oft mit ihm geredet, ehe er nach Spanien ging? Sie kamen —, 0 eben aus dem Garten, der junge Herr und das gnädige Fräulein, und als ich mich verbeugte, nickte er mir freund⸗ lich zu und ſprach dann lächelnd einige Worte zu dem gnä⸗ digen Fräulein, worauf dieſe auch lächelte. So, ſagte der Herzog nach einiger Zeit— nun, es freut mich ſehr.— Geh' jetzt, ich will allein ſein. Nachdem der Diener ſich entſernt hatte, nahm ſeine Miene, welche bis dahin ruhig geblieben war, einen finſte⸗ ren und leidenſchaftlichen Ausdruck an, und Gedanken und Erwägungen verſchiedener Art erfüllten ſeine Seele. Wer hätte das für möglich halten können! ſprach er, in raſchen Schritten durch das Zimmer gehend, vor ſich hin; er hat auf der Todtenliſte geſtanden, die Exequien find für ihn gehalten worden, die Marquiſe hat alle Schat⸗ tirungen der Trauer in ihrem Anzuge zur Schau getragen — und nun iſt er doch nicht todt, ſondern friſch und ge⸗ ſund!— Man kann an nichts mehr mit Gewißheit glau⸗ ben, an nichts, ſelbſt an den Tod nicht!— Aber was hilft es— er iſt nun einmal nicht todt, ſondern lebt, und die Situation hat ſich ſehr weſentlich verändert, ſo ſehr, daß ich ernſtlich mit mir zu Rathe gehen muß, wie ich mich zu verhalten habe.— Es unterliegt wohl keinem Be⸗ denken, daß, wenn er nicht die Unſchicklichkeit begangen hätte, eine Zeit lang für todt zu gelten, ich die ganze Sache unterlaſſen haben würde. Die reiche Erbin iſt mit Einem Male verſchwunden und auf ein höchſt beſcheidenes der⸗ Gräfin und Marquiſe. V. 2 18 einſtiges Vermögen reducirt— was kann ſie, ſo lange die Eltern leben, für eine Mitgift erhalten?— Ich habe mich übereilt, das iſt klar, aber Niemand hätte das vorausſehen können, Niemand, und die ſicherſte Berechnung muß durch ſolche ganz unerwartete Ereigniſſe zu Schanden gehen.— Ich werde ſie aufgeben müſſen, denn es wäre eine Thor⸗ heit, es nicht zu thun.— Es handelt ſich ja auch eigentlich gar nicht einmal um das Aufgeben, ſetzte er mit einem er⸗ bitterten Lachen hinzu— denn ſie hat ja meinen Antrag zurückgewieſen, und ich habe nichts zu thun, als dies zu acceptiren, wie ich es überhaupt gleich hätte thun ſollen.— Aber das würde ein ſchlechtes Licht auf mich werfen, fuhr er nach längerem Sinnen fort, man würde mit Recht glau⸗ ben, ich hätte das Mädchen nur ihres Vermögens wegen heirathen und zur Herzogin machen wollen. Man würde — nun, man würde ſagen, daß ich ein vernünftiger Mann ſei— weiter nichts!— Aber ich will wenigſtens nicht wieder unüberlegt handeln, ſondern von der Situation alle Vortheile ziehen, die ſie mir bietet. Der Herr Bruder war niemals mein Freund, ſeine etwas ſchwärmeriſchen Ideen haben ſich nicht zu einer praktiſchen und realen Anſchauung des Lebens emporſchwingen können— er knieet noch vor den Göttinnen des Ruhmes, der Ehre und wie die Phan⸗ tome ſonſt heißen mögen, mit denen der kluge Imperator die Maſſen für ſeine ſelbſtſüchtigen Zwecke in den Tod treibt.— Sie wird an ihm einen entſchloſſenen Verbünde⸗ 19 ten erhalten, und ich kann mir den Schein geben, als ob ich ungeachtet der veränderten Umſtände in meinem Vor⸗ haben beharrte, ohne befürchten zu müſſen, daß am Ende dennoch Ernſt aus der Sache würde. Man wird meine Uneigennützigkeit, meine redlichen Abſichten bewundern— meine Freunde werden die Achſeln zucken und irre an mir werden, aber mich ſchließlich dennoch anſtaunen.— Warum ſollte ich dieſe Rolle nicht ſpielen, ſie iſt neu und um ſo intereſſanter, als ſie mir Abwechſelung und Zerſtreuung gewährt!— Nachdem der Herzog zu dieſem Entſchluſſe gekommen war, ließ er ſich ankleiden, befahl den Wagen und fuhr zu der Wohnung des Marquis, um ſeinen Glückwunſch zu dem unerwarteten Ereigniſſe abzuſtatten. Er wurde von der Marquiſe empfangen, und es war ihm angenehm, daß er ſie allein traf. Laſſen Sie mich einer der Erſten ſein, ſagte er mit der Miene der freudigſten Theilnahme, indem er der Mar⸗ quiſe die Hand küßte, dem es vergönnt iſt, Ihnen zu dem frohen Ereigniſſe Glück zu wünſchen; es bedarf gewiß kei⸗ ner weiteren Verſicherung, wie ſehr ich mich darüber freue. Die Margquife betrachtete ihn mit einem zuerſt über⸗ raſchten, dann zweifelnden und forſchenden Ausdrucke. Ich danke Ihnen, Herr Herzog, ſagte ſie dann, ich habe nichts Anderes von Ihnen erwartet. 2 20 Ihr Herr Sohn iſt wohl und munter, friſch und geſund? Sein Befinden läßt nichts zu wünſchen übrig. Der Augenblick des Wiederſehens wird Sie für alle Schmerzen, für alle Leiden, die Sie erduldet, entſchädigt haben. Ja, das hat er, erwiederte ſie, ohne ihre Blicke von ihm abzuwenden— aber ich kann mich ſelbſt noch immer nicht recht in den Gedanken finden— es hat ſich dadurch plötzlich ſo Vieles geändert. Geändert? fragte er mit dem Ausdrucke der Verwun⸗ derung; aber natürlich, ſetzte er kheilnehmend hinzu, Sie haben wieder einen Sohn, einen braven, mit dem Ruhme des Krieges geſchmückten Sohn, das Geſchlecht der Beau⸗ mont wird nicht ausſterben, wenigſtens lebt Ihnen nun ein Erhalter desſelben. Und das erweckt in Ihnen eine ſo freudige Em⸗ pfindung? Halten Sie es für möglich, daß es anders ſein könnte? Und Margot? fragte ſie mit langſamer und betonen⸗ der Stimme. O, Margot wird ſich gewiß eben ſo ſehr gefreut ha⸗ ben, eben ſo glücklich ſein! Das iſt anzunehmen, aber das meinte ich nicht— —————— 21 . Margot iſt nicht mehr die alleinige Erbin unſeres Ver⸗ mögens. Glauben Sie, daß ſie daran gedacht hat oder ſich deshalb betrüben wird? Nein, das glaube ich nicht, ſagte ſie ernſt; aber laſſen Sie uns offen und ohne Rückhalt mit einander reden, Herr Herzog, denn es ſcheint mir thöricht, wenn wir Beide es vermeiden wollen, einen Gegenſtand zu beſprechen, der nun doch einmal zwiſchen uns beſprochen werden muß. Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, aber ich ſtehe zu Ihrem Befehle. Sie werden nicht daran zweifeln, daß unſer Abkom⸗ men hinſichtlich der Mitgift Margot's unter den jetzt ver⸗ änderten Umſtänden als aufgehoben betrachtet werden muß, denn wir könnten, ſelbſt wenn es in unſerer Abſicht läge, zum Nachtheile unſeres Sohnes über unſer Vermögen nicht in der Art verfügen, wie es geſchah, da wir ihn für todt hielten. Schon das Geſetz würde uns daran verhindern. Das ſcheint mir keiner weiteren Erörterung zu be⸗ dürfen. So betrachte ich alſp von dieſem Augenblicke an un⸗ ſeren Vertrag für aufgehoben und Ihre Bewerbung um die Hand meiner Tochter für zurückgenommen. Das Erſtere verſteht ſich von ſelbſt, aber daraus folgt das Zweite keineswegs. 22 Folgt keineswegs? fragte ſie, ihn mit dem Ausdrucke der größten Ueberraſchung anſehend. Ich weiß nicht, weshalb Sie zu dieſer Schlußfolge⸗ rung gekommen ſind, Frau Marquiſe, erwiederte er ruhig, und komme faſt zu der für mich ſchmerzlichen Ueberzeugung, daß Sie eine ſehr wenig vortheilhafte Meinung von Ihrem künftigen Schwiegerſohne gehegt haben. Sie wollten nicht zurücktreten? fragte ſie mit ge⸗ ſteigerter Verwunderung. Ich muß anerkennen, daß ich in Ihrer Lage eben ſo handeln würde, ſagte er immer mit ruhiger Stimme und ſie feſt anſehend, es iſt edel von Ihnen; aber ich würde mich ſelbſt nicht mehr achten, wenn ich auf Ihren Vor⸗ ſchlag einginge. Ich habe, ehe ich mich um Margot be⸗ warb, Ihre und Ihres Herrn Gemahls Zuſtimmung nach⸗ geſucht, und wir haben dann, wie dies ja ſtets geſchieht, auch die Bedingungen feſtgeſtellt, unter denen unſere Ver⸗ bindung geſchloſſen werden ſollte. Dieſe Bedingungen ſind jetzt nicht mehr erfüllbar, es iſt ein unvorhergeſehenes Er⸗ eigniß eingetreten, welches die Ausführung unmöglich macht — aber Sie haben vergeſſen, daß ich inzwiſchen Ihrer Tochter meinen Antrag gemacht— daß ich ihn gemacht habe, weil ich ſie liebe, ſetzte er mit erhobener Stimme hinzu, und dieſe Liebe, welche mich ihren Beſitz zu erlan⸗ gen trieb, ſoll und kann ſie vielleicht plötzlich aufhören, weil der todtgeglaubte Bruder zurückgekehrt iſt und ſich 23 einſt in ihr Erbe theilen wird? Was kümmert mich dieſes Erbe, was überhaupt ihr Vermögen, ich liebe ſie, und des⸗ halb wollte und will ich ſie zu meiner Gattin machen. Ich freue mich, daß ihr der Zufall die Gelegenheit und den Beweis geliefert hat oder liefern wird, daß ich nur ſie, nur ihren Beſitz erſtrebe und ſie wirklich wahr und uneigen⸗ nützig liebe. Die Marquiſe hatte dieſe Rede des Herzogs mit ſich immer vermehrendem Erſtaunen angehört, ſie war verwirrt, ihre Menſchenkenntniß hatte ſie vollſtändig im Stiche ge⸗ laſſen. Iſt das Ihr wirklicher Ernſt, Herr Herzog? fragte ſie dann nach einiger Zeit. Haben Sie Alles wohl er⸗ wogen? Scheint Ihnen denn mein Benehmen ſo ſehr außer⸗ gewöhnlich? fragte er lächelnd. Ich wüßte wirklich nicht, wie es anders ſein ſollte. Aber wenn Margot auch jetzt noch auf ihrer Weige⸗ rung beharrt? Sie wird es vielleicht jetzt weniger— doch das wird ſich ja zeigen. Laſſen Sie es aber für uns Beide als feſt⸗ ſtehend gelten, fuhr er mit feſterer Betonung ſeiner Worte fort, daß ſich durch die Ankunft Ihres Sohnes in meinem Verhältniß zu Margot nichts geändert hat. Bleiben Sie meine Verbündete, wie Sie es bisher waren, dann hoffe 24— ich beſtimmt, und jetzt mehr denn je, zu dem erſehnten Ziele zu gelangen. Sie blickte ihn nochmals forſchend und zweifelhaft an, als ob ſie in ſeinen Zügen leſen wolle, und reichte ihm dann ſchweigend die Hand, die er in gewohnter Weiſe an ſeine Lippen zog. Ich habe mich wirklich in Ihnen geirrt, Herr Herzog, ſagte ſie dann, aber in dieſer Stunde die Ueberzeugung gewonnen, daß meine Tochter ſehr glücklich werden wird. Das Geſpräch wurde durch den Eintritt des Mar⸗ quis und Raoul's unterbrochen. Der Herzog trat dem letzteren mit einer große Herzlichkeit zur Schan tragenden Weiſe entgegen und drückte die Freude über ſeine glückliche Rückkehr in gewählten Worten aus. Raoul's Benehmen blieb kalt und zurückhaltend; er beantwortete die an ihn gerichteten Fragen kurz und ohne auf den Gegenſtand, welchen ſie berührten, näher einzuge⸗ hen, und die Unterhaltung blieb gezwungen und gemacht, ſo ſehr der Herzog auch bemüht war, ſeine Theilnahme an den Tag zu legen. Als er ſich dann ſpäter nach Margot erkundigte und fragte, ob es ihm vergönnt ſei, auch ihr ſeine Freude über das ſo unerwartete glückliche Ereigniß bezeigen zu können, erwiederte Raonl, noch ehe die Mar⸗ quiſe Zeit gewann, die Frage zu beantworten: Sie müſſen meine Schweſter entſchuldigen, Herr Her⸗ zog; ſie iſt nicht ganz wohl und hat mich beauftragt, ihr 25 Nichterſcheinen bei etwaigem Beſuche dadurch zu recht⸗ fertigen. Margot iſt unwohl? fragte die Marquiſe— ſie war ja doch ſchon längere Zeit mit Dir im Garten. Ich werde mich ſelbſt überzeugen und hoffe, ihr Unwohlſein wird nicht von ſolcher Bedeutung ſein, um nicht den Glückwunſch ei⸗ nes ſo bewährten Freundes unſeres Hauſes in Empfang zu nehmen. Ich bin feſt überzeugt, erwiederte Raoul, daß der Herr Herzog dies ſelbſt nicht wünſchen wird; ſie iſt ermü⸗ det und will ruhen, ſie würde ſich großen Zwang anthun müſſen, wollte ſie jetzt herunter kommen. Ich würde unglücklich ſein, erwiederte der Herzog in verbindlicher Weiſe, wenn Fräulein Margot meinetwegen irgend etwas thun ſollte, was ihren eigenen Wünſchen nicht völlig entſpricht. Ich bitte Sie daher, ihr meine aufrichtige Theilnahme auszudrücken darüber, daß ſie den verloren ge⸗ glaubten Bruder ſo unerwartet wieder erhalten hat. Sie werden mir dieſe Bitte nicht abſchlagen. Ich werde meiner Schweſter Ihre Worte wiederholen, entgegnete Raoul, ohne die Kälte ſeines Tones zu ändern. Sie verpflichten mich damit zu großem Danke, und ich muß mich mit dieſer unvollſtändigen Mittheilung be⸗ gnügen, bis es mir vergönnt ſein wird, ſie ſelbſt perſönlich zu machen. Es war ſeit Raoul's Rückkehr jetzt über eine Woche 26 vergangen, ohne daß ſich in dem Verhältniß der Perſonen unſerer Geſchichte Weſentliches geändert hätte. Margot und Raoul waren faſt immer zuſammen, und ſie hatte die Fröh⸗ lichkeit und den Frohſinn wiedergefunden, welcher der Ju⸗ gend eigen iſt und ihrem Charakter keineswegs freimd war. Sie vermochte wieder zu lachen und zu ſcherzen, wenn ſie mit ihm plauderte, ſie von den Tagen ihrer Kindheit ſpra⸗ chen und in jenen Erinnerungen lebten, die ihnen Beiden ſo theuer waren. Das Band der reinſten Geſchwiſterliebe umſchlang dieſe jungen, unverdorbenen Herzen, und ſie ga⸗ ben ſich einem Glücke hin, das ſie bisher nicht gekannt, nach dem ſich aber Beide geſehnt hatten. Sie hatte bald kein Geheimniß mehr vor ihm, und er wußte nach kurzer Zeit, daß ihr Herz immer noch an dem Retter ihres Lebens, an ihrem Lehrer hing— er wußte es mehr, wie ſie ſelbſt, denn es machte ſie ſo unendlich glücklich, einen Vertrauten zu beſitzen, dem ſie all' die Erlebniſſe ihrer Vergangenheit ausführlich erzählen und von denjenigen ſprechen durfte, die ihrem Herzen noch immer ſo nahe ſtanden. Ach, wie lange hatte ſie das Alles in ſich verſchließen müſſen, als ob es ein Unrecht, ein Verbrechen wäre, wel⸗ ches auf ihr laſtete! Jetzt endlich durfte ſie davon reden zu Jemandem, von dem ſie wußte, daß er ſie liebe, daß er mit ihr fühle und empfinde— wie machte ſie das ſo un⸗ endlich glücklich, ſo innerlich froh und zufrieden! Er hörte oft mit Beſorgniß ihren Erzählungen zu, —— —— 27 wenn ſie dabei mit glänzenden Augen und dem Ausdrucke tiefen Empfindens an ſeiner Seite ſaß und ſeine Hand un⸗ bewußt zärtlicher drückte— aber er erkannte zu ſeiner Beru⸗ higung aus ihren Mittheilungen auch, daß die Liebe, welche für jenen Mann, den er nur ein einziges Mal in einem kurzen, aber entſcheidenden Momente ſeines Lebens geſehen hatte, in ihrem Herzen entſtanden war, niemals zur vollen Entfaltung gekommen und daher von ſelbſt wieder verge⸗ hen werde. Es bedarf Alles der Nahrung zum Fo rtbeſtehen, die Erzeugniſſe det Natur und auch die Empfindungen und Gefühle der menſchlichen Seele Wenn ihüen dieſe dauernd entzogen wird, ſo vergehen ſie wieder die erſteten zerfallen in Staub, aus dem ſie entſtanden, und die anderen erblaſ⸗ ſen zu lebloſen Schatten, welche die Erinnerung, einer laterna magica gleich, noch hin und wieder traumähnlich vorüberſchweben läßt. Damit beruhigte er ſich und hörte theilnehmend und mitfühlend all die kleinen Einzelheiten ihrer einfachen Ge⸗ ſchichte an, bis ihre Seele offen und ohne Rückhalt vor ihm da lag. Der Herzog war mehrmals dageweſen, aber ſie hatte ihn nicht geſprochen, und daß man ſie nicht dazu gezwun⸗ gen, daß Raoul es jedesmal verhindert hatte, das machte ſie beſonders glücklich und ließ alle Furcht und Beſorgniß aus ihrem Herzen verſchwinden. Sie athmete wieder frei, 28 ſie fühlte ſich beſchützt, mehr verlangte ſie nicht, jetzt nicht, da ſie ihren Bruder wieder hatte. Raoul hielt es nun an der Zeit, mit ſeiner Mutter über Margot's beabſichtigte Verbindung mit dem Herzoge zu reden, da man dieſen Gegenſtand bis jetzt abſichtlich von keiner Seite berührt hatte. Die Marquiſe theilte ihm mit, was der Leſer bereits weiß, und ſuchte die Einwendun⸗ gen ihres Sohnes in gewohnter Weiſe zu widerlegen. Sei⸗ ner Behauptung, daß der Herzog lediglich aus Intereſſe die Hand Margot's zu erlangen ſuche, daß er ihrer über⸗ haupt nicht würdig, ein unmoraliſcher, ſelbſtſüchtiger Mann ſei, mit welchem Margot ſehr unglücklich leben würde, be⸗ gegnete ſie durch die Mittheilung des letzten Geſpräches mit dem Herzoge, was ſie als einen unwiderleglichen Be⸗ weis ſeiner redlichen Abſichten dieſer Annahme gegenüber⸗ ſtellte. Du kennſt den Mann nicht, von dem Du mit ſo vor⸗ gefaßter Meinung ſprichſt, fuhr ſie fort, Du warſt noch viel zu jung, faſt noch ein Kind, als Du fortgingſt, als daß Du Dir ein Urtheil, ein begründetes Urtheil über ihn hät⸗ teſt bilden können. Ich war nicht zu jung, Mutter, entgegnete er, ob⸗ gleich die letzte Mittheilung ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlt hatte, ich war kein Kind mehr, als ich auf meiner —————— 29 Durchreiſe nach Spanien mich einige Tage hier in Paris aufhielt. Ich bin damals öfter in Geſellſchaft dieſes Man⸗ nes geweſen und habe ihn über die Frauen und über die Ehe in einer Weiſe reden hören, daß ich nur mit Scham und tiefem Bedauern an diejenige denken mußte, die ſich einſt dazu hergeben könnte, ſeine Gattin zu werden. Die Männer gefallen ſich zuweilen in ſolchen Para⸗ doxen, ſie ſuchen etwas darin, Anſichten aufzuſtellen, die den gangbaren Ideen, ſelbſt der Moral geradezu widerſpre⸗ chen— das iſt Manier, liegt im Tone— danach darfſt Du einen Mann nicht beurtheilen. Das Weib ſei überhaupt nichts als ein Spielzeug für den Mann, was er ſich kaufen könne, wann und wo es ihm gefiele, ſagte er, um es wieder fortzuwerfen, wenn es ver⸗ braucht ſei— jede Gunſt des Weibes ſei für Geld feil, es käme immer nur auf die Summe an und auf die Form, in der ſie gegeben würde; die Eine verlange Dies, die Andere Jenes, im Ganzen aber jede immer Basſelbe. Die Ehe ſei eine Erfindung zur Regelung ſtaatlicher Verhältnifſe, von klugen Leuten für die dummen erdacht. Wenn ein ver⸗ nünftiger Mann wirklich ſich dazu entſchlöſſe, ſo müſſe es ſo ſpät als möglich geſchehen, denn im Alter bedürfe man der Pflege, und es ſei angenehm, dieſe von jungen, hüb⸗ ſchen Händen zu erhalten, denen man das Recht habe, zu gebieten, was ſie zu thun und zu laſſen hätten.— Möch⸗ 30 teſt Du wirklich einem Manne, der ſich nicht ſcheut, ſolche Grundſätze offen und mit cyniſcher Genugthuung auszu⸗ ſprechen, Margot zur Gattin geben? fragte er mit Ent⸗ rüſtung. Wenn er das Alles wirklich geäußert hat, entgegnete ruhig die Marquiſe, ſo kann ich nur wiederholen, daß man oft Vieles redet, was man ſelbſt entſchieden verneint. Es gehört leider jetzt zum guten Tone, über die heiligſten Dinge in ſolcher Weiſe zu ſprechen— der Herzog mag dies auch gethan haben, das beweiſ't aber gar nichts. Män⸗ ner, welche das Leben kennen gelernt haben, werden ſtets die beſten Ehemänner, und diejenigen, welche die Frauen als ein untergeordnetes Spielzeug bezeichnen, ſelbſt am leichteſten ihr eigenes Spielzeug. Tritt deshalb unſeren Abſichten nicht feindlich entgegen, mein Sohn, fuhr ſie ern⸗ ſter fort, und lerne einen Mann erſt wirklich und vollſtän⸗ dig kennen, ehe Du ihn nach Aeußerungen verdammſt, die er gewiß gegen ſeine wahre Ueberzeugung, nur aus Luſt zum Widerſpruche oder aus anderen Gründen gethan hat. Seine letzte Handlungsweiſe iſt ſo ehrenhaft, daß Du wohl ſelbſt dadurch allein zu der Ueberzeugung des Gegentheils hätteſt kommen ſollen. Uebrigens iſt die ganze Sache in ein Stadium getreten, daß jede Uebereilung ſchädlich ſein würde. Du wirſt vollſtändig Zeit behalten, zu prüfen, und ich bin überzeugt, daß Du ſehr bald ganz anders über ei⸗ — 31 nen Mann denken wirſt, den Du jetzt ſo rückſichtslos ver⸗ dammſt. Ich danke Dir, liebe Mutter, ſagte Ravul, daß Du auf meinen Rath hören willſt, ich werde den Deinigen ebenfalls befolgen. Drittes Capitel. Der Herzog war in den letzten Tagen nicht mehr zum Beſuche in das Haus des Marquis gekommen, ſo daß es den Anſchein gewann, als ob er ſelbſt den Anfang zum Aufgeben eines Planes einleite, deſſen Erreichung unter den jetzigen Verhältniſſen ſeinen eigenen Wünſchen nicht mehr entſprechen könne. Dem war aber keineswegs ſo; im Gegentheil, gerade dieſe Angelegenheit nahm jetzt ſein gan⸗ zes Denken in Anſpruch und beſchäftigte ihn mehr als je. Es geht häufig ſo im Leben, daß Pläne gemacht, Dinge begonnen werden, kaum mit der Abſicht, ſie durchzuführen, oder wenigſtens nicht um ihrer ſelbſt willen, ſondern nur zur Erreichung eines anderen Zweckes; dann treten plötz⸗ lich vorher nicht berechnete, nicht geahnte Umſtände ein, das Unternehmen gewinnt an Wichtigkeit, wenigſtens in unſerer eigenen Vorſtellung, die ſich daran feſtſetzt, auch wohl ver⸗ irrt, es wird mit einem Male zur Hauptfache, und wir bie⸗ 33 ten Alles auf, um die ſich entgegenſtellenden Hinderniſſe zu beſeitigen und das Ziel zu erreichen. Der Herzog gehörte keineswegs zu der großen Zahl der Schwächlinge, die es beim Wünſchen, Bedauern oder Beneiden bewenden laſſen, wenn ſich ihren Planen Hinder⸗ niſſe entgegenſtellen, und ſchon dieſe Eigenſchaft würde ihn beſtimmt haben, den erſtrebten Beſitz Margot's nicht aufzu⸗ geben, ſofern dieſer überhaupt noch wünſchenswerth für ihn war. Er hatte ſeine Bewerbungen in der Abſicht fort⸗ geſetzt, um, erſt von der Glorie der Uneigennützigkeit umge⸗ ben, ſie dann fallen zu laſſen— aber dieſe ſeine Abſicht wurde durch einen ganz unvorhergeſehenen Umſtand verei⸗ telt. Dieſer Umſtand, den er ſich ſelbſt immer noch nicht eingeſtehen wollte, war eine nun wirklich entſtandene Nei⸗ gung zu dem Mädchen, welches er nur ſeines Vermögens und ſeiner Schönheit wegen hatte heirathen wollen. Es mag dies ſonderbar erſcheinen und mit dem Charakter des Herzogs, ſo wie er ſich uns bis jetzt gezeigt hat, vielleicht nicht übereinſtimmen, es war aber ſo, und wir können nur die Thatſache berichten. Er hatte nie eine Frau wahrhaft geliebt; Aeußerun⸗ gen, wie ſie Raoul von ihm gehört, enthielten ſeine wirk⸗ liche, innerſte Ueberzeugung; die Frauen waren ihm bis jetzt nichts geweſen, als ein Gegenſtand der Unterhaltung, ein Spielzeug, das er ſich beliebig zu eigen gemacht und deſſen er ſich wieder entäußert hatte, wenn es ihm nicht Gräfin und Marquiſe. 1v. 3 34 mehr zuſagte. Auch in Margot ſah er nichts Anderes, und nur die Erwägung ſeiner im Abſchiede begriffenen Jugend und die ſonſt paſſenden und vortheilhaften Umſtände hat⸗ ten ihn bewogen, die einzugehende Verbindung in geſetzli⸗ cher Form abſchließen zu laſſen. Er hielt ſich dadurch nicht im Mindeſten mehr gebunden, als bei jedem anderen zärt⸗ lichen Verhältniſſe; der einzige Unterſchied blieb für ihn nur der, daß Margot und ſeine Nachkommen ſeinen Na⸗ men tragen würden, was zur Erhaltung ſeines Geſchlechtes nöthig war. Nun mit einem Male empfand er anders. Margot's Beſitz war zur Hauptſache bei ihm geworden, und die jetzt gänzlich veränderten Umſtände, ſo ſehr er ſie ſich ſelbſt auch immer hervorhob, vermochten nicht, ihn davon abzubringen. Zum erſten Male ergriff ihn die Macht der Liebe zu einem Weibe, obgleich er weit entfernt war, ſich dies ſelbſt einzu⸗ geſtehen, die Erreichung ſeines Zieles vielmehr damit vor ſich rechtfertigte, daß er ſich ſchämen müſſe, wenn es ihm nicht gelingen ſollte, dieſes Kindes Liebe für ſich zu er⸗ wecken.— Die Liebe iſt ein Hauch Gottes, welcher ſegnend und beglückend über die Erde weht, um den armen Menſchen, die darauf eine kurze Spanne Zeit wohnen, ihr von ſo vie⸗ len Leiden heimgeſuchtes Daſein erthäglich zu machen. Es iſt Niemand ſo elend und verlaſſen, daß er nicht einmal aus dieſem erquickenden und berauſchenden Becher getrun⸗ 35 ken hätte, und die Augenblicke, wo er ihn an ſeine Lippen ſetzen, vielleicht mit langen Zügen daraus trinken konnte, ſind und bleiben immer die ſchönſten und glücklichſten im Leben jedes Menſchen. Das ganze Daſein dreht ſich um dieſe Eine gewaltigſte und zauberhafte Kraft, und wenn uns auch die traurige Macht verliehen iſt, ſie, wie alles Hohe und Erhabene, zu verſpotten und in den Staub zu ziehen, wir müſſen uns ihr doch einmal beugen und unter⸗ thänig werden und unſeren Willen, der den Göttern der Erde nachſtrebt, in Feſſeln legen. So ging es jetzt dem Herzoge. Alle ſeine Erfahrun⸗ gen, alle ſeine ſo oft gepredigten Gemeinplätze ließen ihn im Stiche, und was er nie für möglich gehalten, was er ſo oft an Andern verhöhnt und verſpoktet hatte— das geſchah nun doch ihm ſelbſt. Er kämpfte dagegen an, er ſpottete über ſich ſelbſt— aber es half ihm nichts; der Wunſch, Margot zu erringen, wurde nur um ſo mächtiger in ihm, und er kam zuletzt zu dem Entſchluſſe, nicht mehr zum Schein, wie er beabſichtigt, und um ſich einen ehrenvollen Rückzug zu ſichern, ſondern mit vollem Ernſte und mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln das jetzt ſo lockend ſich hinſtellende Ziel zu erſtreben. Daß Margot's Vermö⸗ gensverhältniſſe ſich zu ihrem Nachtheile geſtaltet hatten, bezeichnete er jetzt als einen günſtigen Umſtand. Was liegt mir an dem Gelde? Wir werden genug haben, ich werde mit der diplomatiſchen Carrisre Ernſt machen, und ſie 3 36 wird ſich gerade dadurch überzeugen, daß ich ſie um ihrer ſelbſt willen liebe. Liebe? wiederholte er mit einem eigen⸗ iu Lachen es wäre— nun, es wäre im höch⸗ * ten Grade amuſant, wenn ich mich wirklich einmal verlie⸗ ben könnte! Die Menſchen, welche ſich dieſer Thorheit hin⸗ geben, Piſſen ja alle nicht genug von ihrem Glücke zu fa⸗ beln 2 Thorheit iſt doch einmal Alles, was wir thun, und ich kann mich glücklich preiſen, wenn dieſe wirklich einmal über mich kommen ſollte!“ In dieſer Stimmung traf ihn Raoul, der gekommen war, um die Sache zum letzten Abſchluſſe zu bringen und den Herzog zum beſtimmten Aufgeben ſeiner Abſicht zu ver⸗ anlaſſen. Der Herzog empfing ihn mit zuvorkommender Freund⸗ lichkeit, ohne jedoch den Ernſt und die Zurückhaltung ſeines Beſuches zu verſcheuchen. Raoul verſchmähte auch jede weitere Einleitung und lenkte das Geſpräch ſogleich auf den Zweck ſeiner Anweſenheit. Ich bin zu Ihnen gekommen, Herr Herzog, ſagte er, um mit Ihnen über das Verhältniß zu reden, in welches Sie zu meiner Schweſter getreten ſind oder, um mich rich⸗ tiger auszudrücken, zu treten die Abſicht haben. Es war mir ebenfalls ſchon längere Zeit ein Bedürf⸗ niß, mit Ihnen darüber zu ſprechen, erwiederte der Herzog verbindlich; die Gelegenheit hat ſich jedoch immer noch —— 37 nicht finden wollen; ich freue mich daher, daß Sie dieſelbe ſelbſt veranlaßt haben.*„ Es wird nur weniger Worte bedürfen, ſagts Ruoul, ohne den kalten Ton ſeiner Stimme zu ändern, um zu ei⸗ nem Einverſtändniſſe zu gelangen; denn ich bin überzeugt, Sie werden eine Bewerbung aufgeben, welche meiner Schweſter nicht zuſagt und welche daher niemals zu einem günſtigen Ende gelangen würde. Sie drücken Sich ſehr beſtimmt aus, Herr Marquis, antwortete der Herzog, indem er ſichtlich bemüht war, das in ihm auflodernde Gefühl beleidigten Stolzes zu unter⸗ drücken, und ich hätte, ehe Sie eine ſolche Entſcheidung als unzweifelhaft hinſtellen, wohl die Rückſicht erwarten kön⸗ nen, erſt meine Anſicht darüber ebenfalls zu hören. Wozu bedarf es deſſen? Meine Schweſter weiſt Ihre Bewerbung zurück: ſie hat Ihnen das ſelbſt bereits erklärt und mich beauftragt, Ihnen dieſe Erklärung zu wie⸗ derholen. Es ſcheint mir daher ſelbſtverſtändlich, daß Ihnen ſowohl die eigene Ehre als die Rückſichten, welche Sie mei⸗ ner Schweſter und unſerer Familie ſchuldig ſind— und welche dieſe fordert, ſetzte er beſtimmter hinzu, gebieten, dieſe Angelegenheit als abgemacht zu betrachten. Der Herzog ſchwieg nach dieſen faſt beleidigenden Worten eine längere Zeit. Es wurde ihm ſichtlich ſchwer, nicht in gleicher Weiſe zu antworten, und er bedurfte der Sammlung, um ſeinen Stolz anderen, mächtigeren Gefüh⸗ 38 len in ihm unterzuordnen. Er hatte jedoch dieſen Auftritt vorausgeſehen, und ſeine Klugheit ſagte ihm, daß er Mar⸗ got's Buder nicht beleidigen dürfe, ſondern Alles aufbieten müſſe, um ihn für ſich zu gewinnen. Sie betrachten die Sache dennoch von einem unrich⸗ tigen Geſichtspunkte, ſagte er mit ruhiger und ernſter Stimme, und ich würde die ungünſtige Meinung, welche Sie, wie es faſt ſcheint, von mir hegen, rechtfertigen, wenn ich ſo unbedingt Ihrem Verlangen entſpräche. Sie werden mich daher vorher anhören müſſen. Ravul verharrte ſchweigend und der Herzog fuhr fort: Ich bewerbe mich um die Hand Ihrer Schweſter, weil ich ſie liebe— das iſt der einzige und alleinige Grund mei⸗ ner Handlungsweiſe. Sie ſcheinen dies zu bezweifeln, ſprach er weiter, als Raoul ein ungläubiges Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte, und doch iſt dem ſo. Es mag Ihuen unwahrſcheinlich vorkommen, daß ich ein ſolches Gefühl empfinde— Sie denken dabei an meine Vergan⸗ genheit, und ich will keineswegs in Abrede ſtellen, daß dieſe die Zweifel rechtfertigt, welche Sie in vichr Bezie⸗ hung hegen mögen. Aber Sie haben kein Recht, daraus Schlüſſe auf die Gegenwart zu ziehen, das Leben eines Mannes in meinen Verhältniſſen läßt ſich nicht nach der äußeren Erſcheinung beurtheilen. Wenn Sie ſelbſt mehr Erfahrung hätten, als Sie nach Ihrer Jugend haben kön⸗ nen, ſo würden Sie wiſſen, daß Männer, welche ſich in den⸗ 39 jenigen Kreiſen bewegen, auf welche mich Stand und Ge⸗ burt angewieſen, ſelten oder nie ihre innere und wahre Ueberzeugung zur Schau tragen dürfen, wenn ſie nicht dem Spotte ihrer Umgebung anheimfallen ſollen. Es iſt ein⸗ mal ſo, faſt Alles hohl und Schein, den man ſich zu erhal⸗ ten ängſtlich bemüht iſt, weil es zum herrſchenden Tone ge⸗ hört. Weshalb ſoll man gegen den Strom ſchwimmen? Es wäre eben ſo unklug als unbequem. Sie würden den meiſten dieſer Männer ſehr Unrecht thun, die Ihnen ſo bla⸗ ſirt und überſättigt erſcheinen, wenn Sie dieſelben nach ihren Reden oder zur Schau getragenen i beur⸗ theilen wollten; denn Sie werden zugeben müſſen, daß die meiſten von ihnen, wenn es zu ernſtlichem Handeln kommt, keiner Gefahr, vor keiner Anſtrengung zurückſchrecken diejenigen darin weit hinter ſich laſſen, welche die Tu⸗ und den Muth immer auf der Zunge tragen. Keiner ihnen wird den Geſetzen der Ehre entgegenhandeln hren Anforderungen nicht unbedingt Folge leiſten, er ſofort aufhören, zu einer Genoſſenſchaft zu gehören, r die Frivolität offen zur Schau trägt, aber da⸗ Heſetze der Ehre auf das Strengſte beobachtet. Sie denken vielleicht, fuhr er fort, ohne daß Ravul ihn unterbrach, die Ehre ſei ein elaſtiſcher Begriff und viel⸗ facher Deutung und Auslegung fähig. Es kann ſich hier nur um die Frauen handeln, denn in anderer Beziehung könnten ſchwerlich verſchiedene Anſichten zwiſchen uns be⸗ 40 ſtehen; es betrifft ja unſere Unterredung auch nur allein dieſen Punkt, da ich als Bewerber um die Hand Ihrer Schweſter auftrete. Nach meiner Anſicht, und Sie werden mir darin ſelbſt Recht geben müſſen, gibt es nur zwei Ar⸗ ten von Frauen. Solche, welche die dem Weibe angebo⸗ † rene Tugend, die zugleich ihre Ehre iſt, als das höchſte, unveräußerliche Gut anerkennen, und ſolche, welche um zeitlichen Genuſſes willen dieſelbe opfern und willig Preis geben. Die erſteren ſtehen hoch in unſerer Achtung un Verehrung, wir blicken zu ihnen auf mit dem Bewußtſein, daß ſie beſſer und edler ſind, als wir, und nahen uns ihnen nicht, ſo lange wit ſelbſt nur noch nach dem Sinnengenuſſe verlangen, welchen wir in jeder Form und Geſtalt bei den anderen finden können. Es kommt aber für jeden Mann die Zeit, wo ſes leeren, durch Wiederholungen erſchöpften Spiele die niedergehaltene Sehnſucht nach wahrer und echt in ſich aufleben fühlt. Auch bei den Männernt Zeitpunkt ſehr verſchieden ein. Einige finden ſch gendlichem, unverdorbenem Herzen dieſes Glück ⸗ fahrung zeigt jedoch leider, daß ſie dann ſpäter dennoch ge⸗ wöhnlich dem anderen Triebe verfallen, und das halte ic für viel ſchlimmer,— Andere ſuchen es erſt ſpäter, wenn ſie den Becher des Sinnenrauſches gekoſtet und ihn, geſät⸗ tigt, von ſich gewieſen haben, und dieſe werden die echte. 41 wahre Tugend des Weibes um ſo höher ſchätzen, weil ſie den Mangel derſelben ſo ſchmerzlich vermißt haben. Ich will kein Hehl daraus machen, daß ich zu der letz⸗ teren Gattung der Männer gehöre, aber ich bin mir gerade deshalb bewußt, daß ich der wahren Zuneigung zu einem edlen Mädchen eben ſo befähigt als würdig bin. Ich will mit Ihnen darüber nicht rechten, erwiederte Raoul mit milderem Tone, ich will zugeben, daß dem ſo ſein kann, aber darum handelt es ſich ja nicht; meine Schweſter empfindet keine Neigung zu Ihnen und ſchlägt † Antrag, wie ſie Ihnen dies ja ſelbſt geſagt hat, be⸗ ſtimmt und entſchieden aus. 2 Ich weiß das, erwiederte der Herzog, Sie ſagten es mir bereits vorher, aber meine Liebe zu Ihrer Schweſter . würde nicht wahr und echt ſein, Sie ſelbſt würden mit Ihrer vorgefaßten Meinung Sich im Rechte befinden, wenn ich mich durch dieſe vielleicht ſelbſt nicht verſtandene und übereilte Anſicht beſtimmen ließe, meine Bewerbung aufzugeben. Denn ich hoffe, daß Ihre Schweſter ihre An⸗ ſicht ändern und daß es mir gelingt, das Gefühl der Liebe für nichſl ihren Herzen zu erwecken. Das hoffen Sie? fragte Raoul mit ſichtlichem Er⸗ ſtaunen. 8 Warum ſollte ich es nicht? Scheint es Ihnen denn ſo ganz unmöglich? Die Liebe iſt ein großes Räthſel, ſie entſteht und vergeht, man weiß nicht, weshalb; warum 4 42 ſollte es mir nicht gelingen, dieſelbe für mich hervorzurufen, wenn ſich Margot überzeugt hat, daß ich ſie wirklich und wahr liebe? Dennoch ſtimmt es nicht mit meinen Anſichten von Ehre, ein Mädchen noch mit Anträgen zu verfolgen, das dieſelben beſtimit zurückgewieſen hat. Die Ehre hat damit nichts zu ſchaffen, erwiederte mit feſtem Tone der Herzog, es iſt nichts Unehrenhaftes, wo⸗ nach ich ſtrebe; man würde mir eher einen Vorwurf ma⸗ chen können, wenn ich jetzt, nachdem durch Ihre Rückkehr Margot's dereinſtiges Erbe ſich auf die Hälfte oder meinet, wegen auf noch weniger reducirt hat, zurücktreten wollte. Sie haben jedoch in ſo fern Recht, als Sie äußerten, daß es in dieſem Falle unehrenhaft ſein würde, ſie mit meinen Anträgen zu verfolgen. Seien Sie deshalb unbe⸗ ſorgt, ich werde mich keiner Handlung ſchuldig machen, weiche einen ſolchen Vorwurf rechtfertigen könnte. werde verſuchen, ihr die Ueberzengung beizubringen, daß ich ſie wahrhaft liebe, und es der Zeit überlaſſen, ihre Ge⸗ ſinnungen zu ändern. Sie haben keinen Grund, mir dies zu verfagen oder zu verwehren, der Schutz des Biden hat damit nicht das Mindeſte zu ſchaffen. Ravul war nachdenkend geworden, ſeine bisherige ſo ſehr nachtheilige Meinung über den Herzog begann ſich zu ändern, und er fragte ſich, ob er einer Verbindung Mar⸗ got's mit ihm hindernd in den Weg treten würde, wenn 43 ſie ihn liebte und ſelbſt dieſelbe wünſchte. Er mußte ſich ſagen, daß er dies zu thun keine Verechtigung habe, ob⸗ gleich er ſie keineswegs wünſche. Dem Herzoge aber zu verbieten, in der angegebenen Weiſe ſeine Bewerbungen fortzuſetzen, dazu hielt er ſich ebenfalls nicht für berechtigt, nur wollte er Margot vor jedem, auch noch ſo unmerklich anzuwendenden Zwange beſchützen. Sie haben es mit Sich ſelbſt auszumachen, wie Sie ferner handeln wollen, erwiederte er daher; ich habe keine Befugniß, Sie daran zu hindern, die Zuneigung meiner Schweſter Sich zu erwerben. Wenn Sie jedoch meinem Rathe folgen wollen, ſo geben Sie jeden Verſuch auf, der doch zu keinem Erfolge führen würde. Wir haben darüber einmal verſchiedene Anſichten, ent⸗ gegnete wieder freundlich der Herzog— laſſen wir die Zeit entſcheiden. So laſſen wir ſie denn entſcheiden, ſagte Raoul wie⸗ der mit Kälte; nur das Eine mache ich zur Bedingung, daß von Ihrer Seite keine Mittel angewendet werden, die Margot's Ruf compromittiren oder ihr auch nur läſtig wer⸗ den könnten. Sie hätten nicht nöthig gehabt, mir dies zu ſagen, Herr Marquis, erwiederte ebenfalls kalt der Herzog; ich habe die Abſicht, Ihre Fräulein Schweſter zu meiner Ge⸗ mahlin zu machen, und es gibt nichts, was mir heiliger wäre, als ihre Ehre und ihre Ruhe. 44 Es freut mich, daß wir darin wenigſtens übereinſtim⸗ men. Die Ruhe meiner Schweſter erfordert es, daß Sie vorläufig Ihre Beſuche einſtellen. Dem Herzoge ſchwebte eine bittere Entgegnung auf den Lippen, aber er unterdrückte ſie, und Ravul verabſchie⸗ dete ſich in gewöhnlicher, förmlicher Weiſe.— Du warſt bei dem Herzoge, fragte Margot ihren Bruder am Abende desſelben Tages, und ich darf nun keine Furcht mehr haben, daß er wiederkommt? Du kannſt ohne Sorgen ſein, erwiederte Raoul mit nachdenkender Miene, der Herzog wird fern bleiben, we⸗ nigſtens für jetzt— er wird Dich nicht mehr erſchrecken und beunruhigen, obgleich ich nicht leugnen will, daß ich eine beſſere Anſicht von ihm gewonnen habe. Sie ſah ihn fragend und überraſcht an, aber er ſetzte das Geſpräch nicht fort, und ihre Gedanken verließen eben⸗ falls bald wieder einen Gegenſtand, der für ſie kein weite⸗ res Intereſſe hatte. Viertes Capitel. Es war über ein Jahr verfloſſen, ſeit Walther zum letzten Male auf der Höhe ſtand, welche das Thal der Fich⸗ tenau begränzte, und der Herbſt des Jahres 1811 goß ſeinen reichen Segen über die Länder Europa's aus, die im Genufſe eines kurzen Friedens wieder aufzuleben began⸗ nen. Wir finden Walther in ſehr veränderten Verhält⸗ niſſen wieder. Er hat die beſcheidene Wohnung auf dem Vorwerke verlaſſen und bewohnt jetzt ein unfern des Schloſ⸗ ſes gelegenes ſtattliches Gebäude, deſſen Räumlichkeiten für ſeine beſcheidenen Bedürfniſſe viel zu umfangreich ſind. Es war ein klarer, warmer Morgen jenes herrlichen Herb⸗ ſtes, deſſen Sonne die Trauben zu dem ſo berühmt gewor⸗ denen Weine förderte, als er in einem der vielen Zimmer ſeiner neuen Wohnung mit ſeiner Mutter beim Frühſtücke zuſammen ſaß. Es ſah etwas leer in dem großen Raume aus, denn die mitgebrachten Möbel, welche ſchon in der 46 Vorwerks⸗Wohnung nur dem Bedürfniſſe entſprochen hatten, reichten nicht hin, um hier die nöthige Behaglichkeit zu ſchaffen, und ſtanden vereinzelt und fremdartig an den Wänden umher. Du wirſt einige Mühe mit der neuen Einrichtung haben, liebe Mutter, ſagte Walther, während ihm dieſe eine Taſſe Kaffee einſchenkte, wenn aber Alles in Ordnung ſein wird, und an Hülfe ſoll es Dir nicht fehlen, werden wir um ſo behaglicher und ruhiger leben. Wie Du nur ſo reden kannſt, erwiederte ſie mit einer Miene, welche deutlich bekundete, wie ſehr ſie ſelbſt über die veränderten Verhältniſſe erfreut war, für uns Frauen gibt es ja nichts Angenehmeres, als die Einrichtung eines Hausweſens, bei der wir unſere kleinen Liebhabereien be⸗ friedigen können! Sei deshalb ohne Sorgen, mein lieber Sohn; ich fand es zwar drüben ſo gut und behaglich, als ich es nur wünſchen konnte, und wenn es von mir abge⸗ hangen hätte, ſo würde ich von dort nicht fortgezogen ſein; aber Deine jetzige Stellung macht dies nun einmäl ſo nöthig, und wenn ich mich auch an Manches erſt werde ge⸗ wöhnen müſſen, ich freue mich doch unendlich, daß es ſo gekommen iſt, Deinetwegen. Die neuen Möbel, welche mir der Graf geſchenkt hat, werden heute eintreffen, ſagte Walther, ohne die letzte Bemerkung ſeiner Mutter zu beobachten; ich konnte auch 47 dies nicht ablehnen, obgleich es mir unangenehm war— indeſſen es kommt eigentlich wenig in Betracht. Wer hätte das vor einem Jahre gedacht! Es war nichts, als ein glücklicher Zufall, erwiederte er mit einem wehmüthigen Lächeln; Du mußt denken, ich hätte einen Schatz gefunden. Das haſt Du ja auch, und Du hätteſt ihn für Dich allein erheben können. Es wäre im höchſten Grade un⸗ dankbar von dem Grafen geweſen, wenn er anders gehan⸗ delt hätte. Laſſen wir das, liebe Mutter. Es iſt immer viel von ihm, daß er bei ſeinem Geize dies Alles gethan hat und thut. Was aber meine eigene Handlungsweiſe be⸗ trifft, ſo war ich deshalb keinen Augenblick zweifelhaft; ich hätte es mit meinen Begriffen von Ehre niemals vereini⸗ gen können, wenn ich dem Rathe der Gräfin gefolgt wäre — wir haben das ja damals beſprochen, und Du warſt ebenfalls ſofort meiner Anſicht. Ehrlich währt am längſten, erwiederte beiſtimmend die Matrone, und ich kann es immer noch nicht begreifen, wie die Gräfin.... Sie iſt einmal ſo, unterbrach er ſie— ſie glaubte, ihr Vater würde allen Vortheil für ſich allein beanſpruchen und mich leer ausgehen laſſen. Aber ſie iſt doch ihres Vaters Kind! Ja, das iſt ſie, aber beide ſind dennoch ſo verſchie⸗ 48 den, daß man ſich immer darüber wundert, daß ſie es iſt. Ich habe nur die Eine Beſorgniß, daß Du jetzt ſehr mit Geſchäften überladen ſein wirſt und wenig Zeit übrig bleiben wird, welche wir wie ſonſt in ruhigem Umgange verbringen können. Für den Anfang werde ich allerdings vollauf zu thun haben— aber je mehr, deſto beſſer, ſetzte er mit einem Seufzer hinzu. Das Geſchäft iſt mir theilweiſe noch fremd, obgleich mir mein Aufenthalt in der Fichtenau dabei ſehr zu Statten kommt.— Auch Wehrings haben keine Nach⸗ richt von ihr erhalten, fuhr er mit leiſerer Stimme und mehr mit ſich ſelbſt redend fort— kein Brief iſt beant⸗ wortet worden— es iſt unbegreiflich, und ich befürchte faſt.... Er brach mitten in ſeiner Rede ab, als ob er ſich ſchäme, überhaupt die Aeußerung gemacht zu haben, und Beide verharrten eine Zeit lang in gedankenvollem Schweigen. Du mußt darüber nicht weiter grübeln und nachden⸗ ken, ſagte dann ſeine Mutter, indem ſie ihn voll Theilnahme anblickte; ſie iſt mit Einem Male in ganz andere Verhält⸗ niſſe gekommen, iſt eine vornehme und reiche Dame gewor⸗ den, welche in den Zerſtreuungen der großen Stadt lebt— ein ſo junges Mädchen, ſie war ja noch ein halbes Kind, vergißt leicht, mein Sohn— und Du mußt endlich auch anfangen, zu vergeſſen. 49 Dennoch hätte ich das niemals für möglich gehalten — niemals— aber Du haſt Recht, ſetzte er mit Bitter⸗ keit hinzu, ſie iſt eine vornehme Dame geworden und kann daher kein Gedächtniß mehr für ihre Vergangenheit haben, oder wenn dennoch vielleicht ſolche überläſtige Gedanken kommen wollen, ſo ſchickt man ſie fort— weit fort, ſo bald als möglich— was kümmern ſie diejenigen, welche ſie einſt.. Du urtheilſt jetzt zu hart und zu lieblos, ſagte Wal⸗ ther's Mutter, als er wieder den letzten Satz unvollendet ließ; wer weiß, wie das Alles zuſammenhängt? Wer kann das wiſſen? Es iſt vielleicht ein Brief verloren ge⸗ gangen. Ich hätte nach Paris ihr nachreiſen ſollen, rief er in aufflammender Erregung, ich hätte ſie wenigſtens noch ein⸗ mal ſehen und ſprechen ſollen— es war unverzeihlich von mir, daß ich es nicht gethan, und ich habe es oft bereut! Nein, mein Sohn, das wäre eine große Thorheit von Dir geweſen, denn die reiche Marquiſe von Beau⸗ mont Ja, ja, unterbrach er ſie leidenſchaftlich— ſprich nicht weiter, ich weiß Alles, was Du ſagen kannſt— die Marquiſe von Beaumont würde den armen Inſpector mit⸗ leidsvoll rhte vielleicht aus alter Theilnahme einige herablaſſende Worte für ihn übrig gehabt haben— o, es 4 Gräſin und Marquiſe 1V 50 wäre eine große, unverzeihliche Thorheit geweſen, wenu ich mich dieſer Erniedrigung ausgeſetzt hätte! Die Mar⸗ quiſe de Beaumont iſt todt für mich— todt— wenn ſie auch einſt Margot geheißen hat. So laß denn die Todten ruhen, ſagte ſie nach einiger Zeit voll Theilnahme, indem ſie ſeine Hand ergriff— Du haſt ein Jahr um ſie getrauert, ſchon länger als ein Jahr, es iſt mir niemals entgangen, wenn Du auch nicht davon geſprochen haſt. Blicke jetzt wieder froh und voll Hoff⸗ nung in das Leben, in welchem Du einen ſo ſchönen und lohnenden Wirkungskreis durch Deine Thätigkeit errungen haſt. Was kann es Dir nutzen und frommen, Deine Ge⸗ danken in eine Zeit zurückſchweifen zu laſſen, die vergangen iſt und ſo oder ähnlich doch nicht wiederkehren kann. Denke, Du habeſt geträumt, mein Sohn, und ſeieſt jetzt aus dieſem Traume erwacht. Wenn man nur die Träume immer ſo leicht vergeſſen könnte, Mntter, ſagte er mit einem Seufzer— aber Du haſt Recht, und es ſoll das letzte Mal ſein, daß ich mich ſelbſt in Gedanken dieſer Schwäche hingebe. Es war ein ſchöner Traum— aber immerhin nichts als ein Traum— und ich will jetzt wach und munter ſein, rief er aufſtehend — ganz wach und ganz munter! Alles war Thorheit und Schwäche, nichts weiter, und ich danke dem gütigen Gott, daß er mir dieſe umfaſſende Thätigkeit geſandt hat, um ganz darin zu erſtarken! — Er verließ nach dieſen Worten raſch das Zimmer. Sie trat an das Fenſter und blickte ihm ſinnend nach, als ſie ihn ſein Pferd beſteigen und raſch davonſprengen ſah. Er war immer ſo, ſprach ſie dann leiſe vor ſich hin, ſchon als Knabe; was er erfaßt hatte, das ließ er nicht wieder los, und was einmal in ſeinem Herzen wurzelte, blieb bis auf die innerſten Faſern damit verbunden.— Wie anders würde et geurtheilt vid empfunden haben, wenn er Margot nur ein einziges Mal ſprechen, nur ein einziges Mal in ihr Auge hätte blicken können! Ach, wie wenig bedarf es, um zwei Herzen von einander zu trennen, welche die Liebe zu dem höchſten Erdenglücke zu vereinen befähigt iſt“ Ein Stückchen Raum dieſer winzigen Erde genügt dazu, ein ſo kleines Stückchen Raum, über welches nöch dieſelben Wolken hinziehen, welches noch pon demſel⸗ ben Lichtſträhle geküßt wird, über welches die Nacht zu gleicher Zeit ihren berchigenden und Sehuſucht erwecken⸗ den Mantel ausbreitet!— Was nutzt es uns, daß die Ge⸗ danken hinüber und herüber fliegen, ſie können ſich nicht be⸗ gegnen, ſich nichts mittheilen? Ungewißheit und Zweifel beginnen, den Todtenwürmern gleich, ihr zerſtörendes Geſchäft, die Blume der Liebe welkt und ein Blatt fällt nach dem anderen. Wir betrachten voll Wehmuth die er⸗ ſtorbene welke Blüthe, die einſt ſo lieblich geduftet hat und jetzt nichts mehr iſt, als eine trauernde Erinnerung an ent⸗ ſchwundene ſchöne Stunden.— Immer bleiben die Kör⸗ 4 per, bleibt der Stoff in ſeinem Rechte, und die Seele, welche die Seele liebt, verlangt den Blick des Auges, den ſie belebt, die uh⸗ oder den Kuß des Mundes, welcher ihr Empfinden verkörpert. Entzieht man ihr dies, ſo müht ſie ſich noch eine Zeit lang ab, ihre Vereinigung mit der getrennten Seele geiſtig zu erhalten, aber die Farben werden wie auf einem Lichtbilde immer ſchwächer, immer matter, und endlich bleibt nichts mehr übrig, als verblaßte, kaum mehr kenntliche Umriſſe. Wie unvollkommen, wie ſehr an Raum und Zeit gefeſſelt iſt die Seele des Men⸗ ſchen, welche ſie beide zu erfaſſen und zu beherrſchen wähnt, aber ihnen doch immer unterthan bleibt, ſo lange ihr die enge, vergängliche und beſchränkte Hülle des Körpers zur Wohnung angewieſen iſt! Es iſt nöthig, dasjenige zu erzählen, was ſich in Wall⸗ fort ſeit Walther's Rückkehr zugetragen hatte. Nach einer ſo ſchnellen Reiſe, wie ſie in der damaligen Zeit, ohne die Anwendung außergewöhnlicher Mittel, möglich war, langte er unerwartet in der Heimath wieder an. Ueber ſeinen Aufenthalt in der Fichtenau ſprach er ſich gegen Nieman⸗ den aus, ſelbſt gegen ſeine Mutter erſt ſpäter, und dieſe, welche ihn kannte und der es nicht entging, daß ſich etwas Außerordentliches mit ihm zugetragen habe, hielt es für beſſer, ihn nicht durch Fragen zu beläſtigen, ſondern abzu⸗ warten, bis er ſelbſt das Bedürfniß fühlen werde, ihr wei⸗ tere Mittheilungen zu machen. Dies geſchah jedoch nicht, 53 er blieb im Gegentheile ernſt und verſchwiegen, war ſehr viel allein und faſt den ganzen Tag über aus dem Hauſe. Er hatte bald nach ſeiner Rückkehr an Wehring geſ chrieben und ſchien mit fieberhafter Ungeduld auf die Antwort zu warten. Endlich kam der erſehnte Brief; ſeine Mutter ſah, wie er bleich wurde, als er Wehring's Handſchrift er⸗ kannte. Dann nahm er den Brief und verließ damit, ohne ihn zu erbrechen, das Zimmer. Erſt am Abende desſelben Tages kehrte er zurück, und nun zum erſten Male erzählte er ſeine verfehlte Reiſe, daß er Margot nur noch einen kurzen Moment geſehen habe, ohne ſie zu ſprechen, und daß bis jetzt, es waren inzwiſchen drei Monate ver⸗ floſſen, keine Nachricht von ihr nach der Fichtenau gelangt ſei. Er hatte nicht die Kraft gefunden, das Alles länger zu verſchweigen, und nachdem er einmal geredet, wurde ſeine Mutter nach und nach die Vertraute ſeiner Empfin⸗ dungen. Sie erkannte daraus, daß eine tiefe und wahre Liebe zu jenem ihr unbekannten Mädchen in dem Herzen ihres Sohnes Wurzel gefaßt habe, daß aber auch jede Hoff⸗ nung auf eine glückliche Verwirklichung derſelben ver⸗ ſchwunden ſei. Er ſelbſt machte ſich darüber keine Illuſiv⸗ nen, im Gegentheile er ſprach, wenn auch mit ſichtbarem Schmerze, ſich dahin aus, daß er es jetzt für ein Glück an⸗ ſehen müſſe, Margot nicht mehr gefunden zu haben. Was hätte es mir mutzen können, ſagte er, ſie wäre doch für mich verloren geweſen, und wir würden Beide nur 54 um ſo unglücklicher geworden ſein! Sie iſt jetzt eine reiche Marquiſe, und ich denke nicht mehr an ſie— denn es wäre eine Thorheit, wäre lächerlich, wenn ich es thãte. Du wirſt mir darin Recht geben, Mutter? fragte er in einem Tone, welcher deutlich bewies, wie wenig dieſe Worte mit ſeiner wirklichen Empfindung ibereinſtimnten. Sie beſtärkte ihn natürlich in dieſem vernünftigen Vorſatze, obgleich ſie wußte, daß er dennoch immer noch und zwar ſehr viel an ſie denken würde. Er hatte Weh⸗ ring's Brief ſogleich beantwortet und harrte wieder mit einer ſich täglich ſteigernden Aufregung der Antwort. Es muß doch irgend eine Nachricht von ihr nach der Fichtenau kommen, ſagte er, nachdem er ſich vergeblich be⸗ müht hatte, in ſeinem Schweigen über dieſen Gegenſtand zu beharren, ſie wird doch an Wehrings, wo ſie ſo lange geweſen iſt, einmal wenigſtens noch ſchreiben und ihnen Mittheilungen über ihr Ergehen machen. Es iſt unbe⸗ greiflich, daß dies nicht längſt geſchehen iſt, und ich fange an, zu befürchten, daß ſie krank, vielleicht gefährlich krank geworden ſei. Seine Mutter ſuchte dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, indem ſie einige allgemeine Troſt⸗ gründe anführte, die er anhörte, ohne etwas darauf zu er⸗ wiedern. Als dann auch ein zweiter Brief von Wehring einge⸗ troffen war, woraus er abermals erfahren, daß durchaus 55 keine Nachrichten, kein Brief, keine Mittheilung irgend einer Art von ihr eingetroffen war, ſprach er nie mehr mit ſeiner Mutter über ſie. Die Unterredung, welche wir im Anfange dieſes Capitels dem geneigten Leſer mitgetheilt haben, war nach langer Zeit die erſte, in welcher wieder einmal Margot's erwähnt wurde. 6 Er war eiſrig bemüht, durch äußere Thätigkeit ſeine Gedanken in andere Bahnen zu lenken, und blieb deshalb ganze Tage über draußen, indem er die Arbeiten im Felde beaufſichtigte, auch ſich ſelbſt daran betheiligte. So ließ er eine große Ackerfläche, welche bisher zur Wirthſchaft nicht benutzt worden war, weil der Boden keinen lohnenden Ertrag verſprach, durch Anwendung verdoppelter Kräfte in urharen Stand ſetzen. Die Pflüge waren tiefer geſtellt, als ſonſt üblich und die Geſpanne verſtärkt, um den harten, widerſpänſtigen Boden ſo tief als möglich umzuarbeiten. Gleichzeitig wurden zur Entwäff erung tiefe Gräben gezogen, da das Drainiren damals noch nicht erfunden war. Walther ſtand eines Tages am Rande eines ſolchen Grabens und feuerte die Arbeiter zur Thätigkeit an, welche, auf der Sohle desſelben im Schlamme und Waſſer ſtehend, ihr mühevolles Tagewerk nur läſſig betrieben. Der Boden iſt hart wie Stein, Herr Inſpector, fagte einer der Arbeiter, es ſchafft ſich ſchwer; ſehen Sie Sich die Erde nur ſelbſt an. Walther war die ſchwarze Farbe der ausgeworfenen 56 Maſſe bereits aufgefallen; er hob jetzt mehrere Stücke derſelben auf und unterſuchte ſie genauer— er konnte ſich unmöglich täuſchen, das, was er in der Hand hielt, war— reine Steinkohle. Die Wichtigkeit dieſer Eutdeckung nahm für den Augenblick alle ſeine Gedanken in Anſpruch, denn wern die faſt zu Tage liegende Kohle wirklich gut war und, wie anzunehmen, einem mächtigen und nachhaltigen Lager angehörte, ſo war der Eigenthümer dieſes Bodens ein Mann von unberechenbarem Reichthume. Wer war aber der Eigenthümer dieſes unterirdiſchen, bis jetzt nur von ihm gekannten Schatzes. Nicht der Beſitzer des Grundes und Bodens, ſondern derjenige, welcher bei der Bergbe⸗ hörde eine ſogenannte Muthung nahm, beſtehend in der Verleihung des Rechtes, auf einem beſtimmten Grundſtücke, gleichviel, wem dies gehörte, ſchürfen und einſchlagen zu dürfen. Dieſe Beſtimmungen des Bergbau⸗Rechtes waren ihm vollſtändig bekannt, und er wußte daher, daß er befü⸗ higt ſei, ſich ſelbſt, und zwar ſich allein, alle Vortheile der gemachten wichtigen Entdeckung anzueignen. Er durfte nur bei der Bergbehörde auf dieſes Feld, deſſen Größebe⸗ ſtimmung von ſeiner Erwägung abhing, eine Muthung nehmen, um ſich den Beſitz der darunter liegenden Schätze zu ſichern; ſelbſt wenn der Graf nach ihm ebenfalls eine Muthung nachſuchte, ſo konnte dadurch das für ihn erwor⸗ bene Recht, hier Bergbau zu betreiben, nicht mehr be⸗ ſchränkt werden. 57 In tiefem Nachdenken verloren und zugleich aufgeregt von der großen Wichtigkeit der gemachten Entdeckung, deren Umfang ſich noch gar nicht berechnen ließ, ſchritt er am Rande des Grabens fort, indem er die aufmerkſam und mit wiederholt prüfenden Blicken die Stücke ſchwarzer Maaſſe betrachtete, welche er mit ſich genommen hatte. Es unterliegt keinem Zweifel, ſprach er vor ſich hin — es iſt Steinkohle, reine Steinkohle, die, weil ſie zu Tage liegt, ein mächtiges Lager bilden muß. Ehe ich weiter etwas thue, will ich ſie einer genauen Prüfung durch einen Sachverſtändigen unterziehen, und dann— dann werde ich mit der Mutter das Weitere überlegen, ergänzte er den eine kurze Zeit abgebrochenen Satz. Die Sache iſt von großer Wichtigkeit— ich kann mich von dem Grafen unabhängig und zum reichen Manne machen, das unter⸗ liegt keinem Zweifel— es fragt ſich nur, ob dies ehren⸗ haft gehandelt ſein würde, wenn ich— wir wollen es über⸗ legen. Er wurde in dieſer Selbſtbetrachtung durch den Ga⸗ lopſchag eines Pferdes unterbrochen, deſſen Annäherung er nicht bemerkt hatte, weil ſeine Gedanken ausſchließlich ſich mit der gemachten wichtigen Entdeckung beſchäftigten. Er blickte auf und erkannte die Gräfin, welche ſich bereits in ſeiner unmittelbaren Nähe befand. Fünftes Capitel. Walther's Verhältniß zu der Tochter ſeines Dienſt⸗ herrn hatte ſich im Laufe der Zeit etwas eigenthümlich ge⸗ ſtaltet. Sie kam häufig nach dem Vorwerke hinüber und verkehrte viel mit ſeiner Mutter, bei welcher ſie ihre Be⸗ ſuche oft ſtundenlang ausdehnte. Die Urſache davon mochte dem Umſtande zuzuſchreiben ſein, daß ſie ſich auf dem Schloſſe ohne jeden weiblichen Umgang vereinſamt vor⸗ kam und daher die Geſellſchaft einer gebildeten Frau ihr ein Bedürfniß geworden war. Der Verſuch, Walther's Mutter zu öfterem und längerem Aufenthalte in dem Schloſſe zu beſtimmen, wollte nicht glücken, da dieſe dazu keine Neigung empfand und außerdem ihrer eigenen häus⸗ lichen Geſchäfte wegen nicht viel abweſend ſein konnte. Der Stolz, welcher in Hedwig's Charakter ſehr ſtark ver⸗ treten war, veranlaßte ſie bald, von einem Vorhaben abzu⸗ ſtehen, bei deſſen Verwirklichung man ihr kein Entgegen⸗ 59 kommen zeigte; dagegen vermehrte ſie ihre eigenen Be⸗ ſuche, weil ſie bei dieſen die Rolle einer herablaſſenden Ge⸗ währung bewahren und ſich einreden konnte, daß dies in ſeinem vollen Umfange gewürdigt würde. Bald war ihr jedoch der Umgang mit Walthers Mutter ein Bedürfniß, der anfängliche Zwang ſchwand immer mehr, ſie gab ſich natürlich und empfand in dem Verkehre mit einer gebilde⸗ ten Frau einen Genuß, den ſie bisher nicht gekannt hatte. Walther war während Hedwig's Beſuchen auf dem Vor⸗ werke faſt ſtets abweſend. Anfangs geſchah dies abſichtlich, weil ihm ihre Unterhaltung einen ihm nicht zuſagenden Zwang auflegte; nach und nach gewöhnte er ſich jedoch daran, ſo daß er nicht mehr abſichtlich fortging, wenn ſie kam, oder länger ausblieb, wenn er wußte, daß ſie da war. Es bildete ſich ſo eine gewiſſe Vertraulichkeit zwiſchen ihnen, welche ſich zwar in ſehr beſtimmten Gränzen hielt, jedoch zuweilen die gräflichen Eigenſchaften des vornehmen Be⸗ ſuches mehr oder weniger in den Hintergrund treten ließ. Es würde dies noch mehr der Fall geweſen ſein, als es in Wirklichkeit war, wenn Walther nicht immer eine große Zurückhaltung bewieſen hätte, indem er ſich, vielleicht mit Unrecht, ſagte, daß das Alles doch weiter nichts ſei, als die Herablaſſung einer Vornehmen gegen Untergebene und die Befriedigung des Bedürfniſſes nach Unterhaltung. Dennoch blieben die öfteren, längeren Zuſammenkünfte auch nicht ohne Einfluß auf ſein eigenes Benehmen und Empfinden 60 gegen Hedwig, welche, wie dies in ſolchen Fällen immer zu geſchehen pflegt, zu ihm und ſeiner Mutter in nähere Beziehungen trat, obgleich dieſe eine beſtimmte Gränze niemals überſchritten.— Sie ſind ja in ein erſtaunlich tiefes Nachdenken ver— ſunken, rief ſie ihm lachend zu, als ſie ihr Pferd neben ihm parirte; ich glaubte ſchon, ich würde ſie umreiten müſſen, um von Ihnen bemerkt zu werden! Macht Ihnen das alte, wüſte Feld ſo großes Kopfzerbrechen? Möglich, erwiederte er, indem er ſie begrüßte, denn je widerſpänſtiger und eigenſinniger eine Sache iſt, um ſo mehr Arbeit und Mühe macht ſie. Sachen und Dinge können nicht eigenſinnig und wider⸗ ſpänſtig ſein, dieſen Vorzug beſitzen nur lebendige Weſen. Wir übertragen deren Eigenſchaften ſtets auf lebloſe Dinge, und eigentlich ganz mit Recht, denn was unſeren Bemühungen einen beharrlichen Widerſtand entgegenſetzt, iſt gegen uns widerſpänſtig— ich wüßte mich kaum anders auszudrücken. Was keinen Willen hat, kann nicht eigenſinnig ſein, und ein altes Feld iſt Gott ſei Dank willenlos; aber laſſen wir dieſe gelehrten Erörterungen, wir Menſchen haben ei⸗ nen Willen, wenn er auch gewöhnlich ſo ſehr durch allerlei Einflüſſe beeinträchtigt wird, daß es damit, wie mit ſo vie⸗ len gerühmten menſchlichen Fähigkeiten, nicht weit her iſt; 61 aber wir haben doch einen Willen, denn es hängt von uns ab, ob wir etwas thun oder nicht thun wollen. Das iſt unzweifelhaft. Ehe wir etwas thun oder nicht thun, können wir es auch noch überlegen und erwägen. Gewöhnlich geſchieht dies aber nicht oder nur ſehr unvollkommen, und wir kom⸗ men erſt ſpäter zu der Ueberzeugung, daß es beſſer geweſen wäre, wenn wir gethan hätten, was wir unterlaſſen haben, und umgekehrt. Es wäre zu bedauern, wenn dies ſo allgemein richtig wäre. Der Menſch iſt dem Irrthume, unterworfen, aber es gibt für jede ſeiner Handlungsweiſen beſtimmte Regeln, die er beobachten muß. Der Erfolg iſt allerdings nicht immer davon abhängig; aber wer ſo handelt, wie er es für recht und ehrenhaft erkannt, der kommt ſpäter nicht in den Fall, ſich deshalb Vorwürfe zu machen. Ach, das klingt recht ſchön und ſelbſtgefällig, ſagte ſie, ihre Reitgerte langſam durch die Luft hin und her bewe⸗ gend, wenn man nur immer wüßte, was das Rechte wäre, und auch immer die Kraft beſäße, das Rechte zu thun! Es kommen dabei ſo mancherlei Dinge zur Geltung— unſere Neigungen— unſere Vorurtheile— unſere Leiden⸗ ſchaften und noch vieles Andere. Haben Sie nie etwas be⸗ reut, was Sie gethan haben? fragte ſie plötzlich, ihn ſcharf anſehend? Weshalb ſtellen Sie eine Frage an mich, deren Be⸗ 62 antwortung nicht zweifelhaft ſein kann— die Schwäche des Menſchen iſt leider ſehr oft ſtärker, als ſeine Stärke. Es freut mich, daß Sie das anerkennen, und da ich mich jetzt in der Lage befinde, etwas thun oder nicht thun zu müſſen, was von großer Wichtigkeit für mich iſt, ſo möchte ich Sie um Ihren Rath bitten, denn ich habe die Erfahrung gemacht, daß es viel leichter iſt, Anderen das Richtige zu rathen, als ſelbſt richtig zu handeln. Sie ſind ſehr gütig, gnädige Gräfin, erwiederte er mit zurückhaltendem Ernſte, es kommt dabei jedoch immer weſentlich darauf an, ob derjenige, deſſen Rath man be⸗ gehrt, ſich in der Lage und Stellung befindet, ihn ertheilen zu können. Nun, wir wollen ſehen, ſagte ſie, ihre Augen mit ei⸗ nem eigenthümlichen Ausdrucke auf ihn richtend: ſoll ich den Baron von Kalden, den beſten Mann von der Welt, heirathen, oder ſoll ich ihn nicht heirathen? Er hat um meine Hand angehalten und mein gütiger Vater mir die Entſcheidung anheimgeſtellt. Walther war von dieſer plötzlichen, in faſt höhnen⸗ dem Tone geſtellten, unerwarteten Frage ſichtlich überraſcht und betroffen; er bedurfte jedoch nur eines kurzen Momen⸗ tes, um in gewohnter, ruhiger Weiſe zu antworten: Sie werden aus dieſer Frage ſelbſt die Ueberzengung gewinnen können, daß ich Recht hatte. 63 Daß Sie Recht hatten? fragte ſie gleichfalls erſtaunt — Sie haben mir ja Ihren Rath noch gar nicht ertheilt! Daß ich Recht hatte, als ich ſagte, es käme darauf an, ob derjenige, deſſen Rath man begehre, ſich in der Lage und Stellung befinde, ihn ertheilen zu können— in dieſer Lage befinde ich mich nicht. Weshalb nicht, wenn ich Sie darum bitte? Das kann daran nichts ändern. Nicht? ſagte ſie mit einem Aufblitz des Zornes in ihren dunkeln Augen— es iſt Ihnen alſo völlig gleichgül⸗ tig, wen ich heirathe und ob ich dadurch glücklich oder un⸗ glücklich werde? Wie können Sie ſo etwas annehmen? Ich wünſche, daß Sie recht glücklich werden, ich wünſche das von gan⸗ zem Herzem und glaube Ihnen keine Urſache gegeben zu haben, an dieſer Verſicherung zu zweifeln. Das wünſchen Sie? fragte ſie nach einem kurzen Schweigen— nein, ich habe daran auch nicht gezweifelt und deshalb Ihren Rath gewünſcht. Sie müſſen mich dennoch davon entbinden, erwiederte er faſt kalt, denn es würde eine Anmaßung von mir ſein, Ihrem Wunſche zu entſprechen. Nun, ſo unterlaſſen Sie es immerhin, rief ſie, in plötzlicher Heiterkeit auflachend; ich bedarf Ihres Rathes auch nicht im mindeſten! Konnten Sie wirklich nur einen Augenblick glauben, daß ich fähig ſei, dieſen albernen Men⸗ 64 ſchen zu heirathen? Haben Sie wirklich eine ſo unwürdige Meinung von mir? Ich enthalte mich in dieſer Beziehung jedes Urtheils; da Sie Sich aber bereits ſelbſt entſchieden haben, ſo.. Nun, ſo? fragte ſie haſtig, als er zögerte. So war es an ſich ganz überflüſſig, meine Anſicht darüber wiſſen zu wollen. Ich bin jetzt ſelbſt davon überzeugt, ſagte ſie verletzt, und bereue es, Sie behelligt zu haben. Sie ritt ſchweigend neben ihn hin. Zuweilen zuckte die kleine Hand in dem zierlichen Reithandſchuh, welche den Zügel des Pferdes hielt, als ob ſie ihn lockern und auf und davon ſprengen wolle; es geſchah aber nicht, obgleich er ebenfalls ſchweigend neben ihr hinſchritt, ohne das ſo plötzlich abgebrochene Geſpräch wieder aufzunehmen. Warum tragen Sie die ſchmutzigen Steine mit Sich herum? fragte ſie nach einiger Zeit, indem ſie wieder einen unbefangenen Ton annahm; wollen Sie Sich vielleicht eine Mineralien⸗Sammlung anlegen? Eine Mineralien⸗Sammlung? wiederholte er zer⸗ ſtreut— es wäre nicht unmöglich. Und da wollen Sie mit dieſem ſchwarzen Zeuge den Anfang machen? Ich ſollte denken, auf unſeren ſteinrei⸗ chen Aeckern gäbe es dazu geeigneteres Material?. Der Schein trügt oft, und eine glänzende umfaßt nur zu häufig einen werthloſen Kern. 65 Sie ſcheinen heute in einer beſonders tiefſinnigen Stimmung zu ſein, erwiederte ſie gereizt, und ich bedauere es, Sie ſo lange darin geſtört zu haben. Wie es oft geſchieht, erfaßte ihn ein plötzlicher Ge⸗ danke, den er zwar ſelbſt vielleicht als übereilt erkennen mußte, welchen auszuführen ihn jedoch ein unwiderſtehli⸗ ches Verlangen trieb. Es war vielleicht nur das Verlan⸗ gen, dieſer ſtolzen Gräfin zu zeigen, daß ſie ſich doch in ihren Vorausſetzungen über ihn geirrt habe. Betrachten Sie dieſe ſchmutzigen Steine einmal etwas genauer, ſagte er lächelnd, ihr ein Stück der Kohle hin⸗ reichend. Sie werden doch nicht verlangen, daß ich dieſelben anfaſſe, rief ſie abwehrend, ich würde mir meinen Hand⸗ ſchuh beſchmutzen! Sie können es deſſen ungeachtet immer wagen, denn ſehen Sie nur— es iſt Steinkohle, reine Steinkohle, we⸗ nigſtens halte ich es dafür. Steinkohle? rief die Gräfin überraſcht, indem ſie jetzt das Stück in die Hand nahm und es aufmerkſam betrach⸗ tete— es ſieht wirklich ſo aus. Dieſe Steinkohle iſt dort, wo der Graben gemacht wird, gefunden worden, und zwar nicht vereinzelt, ſondern maſſenweiſe; es unterliegt daher keinem Zweifel, daß ſich dort ein Lager befindet, denn wenn ſie zu Tage liegt, pflegt ſie aus einem tiefen Gange herzurühren. Grifin und Marquiſe. 1v. 5 66 Das wäre von großer Wichtigkeit. So ſcheint es mir auch, und da ich mich nun auch in einer eigenthümlichen Lage befinde, ſo wollte ich mir erlau⸗ ben, Sie um Ihren Rath zu bitten. Es wird ſich fragen, ob ich mich in der Lage und in der Stellung befinde, ihn ertheilen zu können, erwiederte ſie mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Das werden Sie allerdings zu erwägen haben; aber dies ſoll mich nicht abhalten. Wenn dies wirklich gute Kohle iſt, fuhr er mit einem etwas tieferen Athemzuge fort, ſo ſcheint es keinem Zweifel zu unterliegen, daß auf jenem Felde, überhaupt in dieſer Gegend, Gruben mit großem Erfolge und reichem Gewinne angelegt werden können. Zur Anlegung ſolcher Gruben iſt derjenige allein berechtigt, welcher ſich eine Muthung geben läßt; es bleibt dabei ganz gleichgültig, ob er Eigenthümer des Bodens iſt oder nicht. Ich kann nun ſelbſt für mich eine ſolche Muthung nehmen, denn von dem Vorhandenſein der Kohle hat bis jetzt Nie⸗ mand eine Ahnung— ich kann auch den Herrn Grafen, Ihren Vater, davon in Kenntniß ſetzen, ihn den Eigenthü⸗ mer des Bodens, und ihm dadurch die Vortheile dieſer wichtigen Entdeckung zuwenden. Für den Augenblick bin ich mit mir darüber noch nicht recht im Klaren, und da, wie Sie vorher ſehr richtig bemerkten, ſetzte er lächelnd hinzu, es vielleicht beſſer iſt, Andern das Richtige zu rathen, als V V 67 ſelbſt richtig zu handeln, ſo möchte ich Sie deshalb um Ihren gütigen Rath bitten. Ihre Züge waren, während er dieſe Worte in unbe⸗ fangenem, faſt ſcherzendem Tone ſprach, ſehr ernſt gewor⸗ den; ihr Augen ruhten forſchend auf ihm, als ob ſie ſich vergewiſſern wolle, daß er nicht einen bloßen Scherz treibe, und wendeten ſich dann wieder auf das Stück Kohle, wel⸗ ches ſie noch immer in der Hand hielt. Sie haben wirklich ein großes Vertrauen zu mir, ſagte ſie dann mit leiſerer und ſichtlich befangener Stimme. Ein großes Vertrauen? fragte er lächelnd. Und Sie ſollen Sich nicht darin getäuſcht haben, fuhr ſie fort, indem ihre Augen mit einem eigenthümlichen Aus⸗ drucke ſo feſt auf ihm ruhten, daß er die ſeinigen unwillkür⸗ lich abwandte— ich will Ihnen meinen Rath ertheilen, obgleich meine Stellung bei der Entſcheidung dieſer Frage eine eigenthümliche iſt und Sie mir den Ihrigen vorher ohne Grund verweigert haben. Sagen Sie meinem Vater nichts von dieſer Entdeckung, wenigſtens nicht früher, als bis Sie ſelbſt durch die erhaltene Muthung völlig ſicherge⸗ ſtellt ſind. Das rathen Sie mir? fragte er mit ſichtlicher Ueber⸗ raſchung. Ich kenne meinen Vater, fuhr ſie, ohne auf ſeine Frage zu achten, fort, er wird ſich den Gewinn in ſeinem ganzen Umfange nicht entgehen laſſen, einen Gewinn, der 5 68 Ihnen gehört, auf den er keinen Anſpruch hat und den er ohne Ihre Entdeckung niemals hätte machen können. Ich kann Ihnen in dieſer Auffaſſung doch nicht bei⸗ pflichten, ſagte er ruhig— ich bin der Beamte Ihres Herrn Vaters, und nur in dieſer Eigenſchaft habe ich Arbeiten angeordnet, welche das Auffinden der Steinkohle herbeige⸗ führt haben. Soll und darf ich mir nun dieſen Vortheil eigenmächtig zueignen? Es will ſich dieſe Auffaſſung mit meinen Anſichten von Ehrenhaftigkeit nicht recht vereinen. Und mit den meinigen vereinigt es ſich nicht, daß Sie Ihren Vortheil ganz aus der Hand geben. Was Sie be⸗ merkten, mag an und für ſich richtig ſein; auf der anderen Seite iſt es aber auch unzweifelhaft, daß mein Vater ohne Sie gar keine Kenntniß von dem Vorhandenſein der Kohle auf ſeinem Grund und Boden erlangt haben würde. Wenn ihm daher auch ein Theil des Gewinnes gebühren mag: es kann und darf dies immer nur ein Theil, niemals das Ganze ſein, und Sie dürfen Ihren Vortheil nicht aus der Hand geben. Sie handeln meiner Anſicht nach vollkommen ehrenhaft, wenn Sie vorerſt Sich dieſen Vortheil ſichern und dann mit meinem Vater unterhandeln. Sie werden ihn immerhin nöthig haben, ſchon der erforderlichen Geld⸗ mittel wegen, aber Sie dürfen Sich nicht in ſeine Hand geben, denn— denn— nun, er iſt einmal ſo— das Geld ſpielt bei ihm eine große Rolle, und ich bin über⸗ zeugt. Sie dürfen nicht anders handeln, fuhr ſie be⸗ 69 redter und faſt dringend fort, nehmen Sie ſofort eine Muthung für Sich, und dann, wenn Sie dieſe beſitzen, ſtellen Sie die Bedingungen des gemeinſamen Betriebes feſt. Mein Vater wird ja dabei noch immer zu ganz uner⸗ wartetem Gewinne gelangen. Er hatte ihr ſchweigend zugehört und zuweilen mit unverkennbarer Spannung zu ihr aufgeblickt. Ihr ſchönes Geſicht war von der leichten Färbung innerer Erregung ge⸗ röthet und ihre Augen blickten ihn fortwährend feſt und faſt befehlend an. Dies iſt mein Rath, ſagte ſie dann, als er noch im⸗ mer ſchwieg; handeln Sie nun, wie Ihnen beliebt und wie Sie es für angemeſſen halten. Ich habe wohl kaum nö⸗ thig, hinzuzufügen, daß Ihr Geheimniß bei mir ſicher be⸗ wahrt iſt und Sie keinen Mißbrauch Ihres Vertrauens von mir zu erwarten haben. Daran habe ich nie im mindeſten gezweifelt, erwie⸗ derte er faſt beſchämt.— Aber Sie beſchmutzen wirklich Ihre Hand, ſetzte er in dem Beſtreben hinzu, dem ſo ernſt gewordenen Geſpräche wieder eine unbefangene Wendung zu geben; wollen Sie das Stück des gefundenen Schatzes nicht fortwerfen? Hier, nehmen Sie es, ſagte ſie, indem ſie es in ſeine Hand zurücklegte; ich wünſche Ihnen alles Glück zu dem Unternehmen— aber befolgen Sie meinen Rath! Und nun leben Sie wohl, ſetzte ſie mit einem förmlichen Gruße 70 hinzu— ich muß nach dem Schloſſe zurück, um auch meine Angelegenheiten zu ordnen. Adieu, Herr Inſpector! rief ſie nochmals und faſt hohnvoll, als ſie ihr Pferd ſchon in Galop geſetzt hatte, und flog dann davon, bald ſeinen Blicken entſchwindend. Wie thöricht, ſprach er vor ſich hin, wie thöricht und unüberlegt war ich wieder! Weiß ich doch ſelbſt kaum, wes⸗ halb es mich getrieben, ihr dieſe Mittheilung zu machen. — Sie iſt und bleibt ein eigenthümliches Weſen— und ich hätte ſie am wenigſten zu meiner Vertrauten machen dürfen, denn das iſt ſie jetzt geworden. Schien ſie doch ei⸗ nen beſonderen Werth darauf zu legen. Es ſchmeichelte ihrer Eitelkeit— nichts weiter, aber der Eigennutz gehört nicht zu ihren Fehlern; ich glaube, das kommt daher, weil ſie dieſe häßliche Eigenſchaft ſo oft an ihrem Vater zu Tage treten ſieht.— Doch was kümmert mich die Gräfin, ich will jetzt mit meiner Mutter ſprechen und das Weitere überlegen— denn ſo ganz Unrecht hat ſie nicht, und ich muß mich vorſehen, nicht wieder einen dummen Streich zu machen. Die Berathung zwiſchen Walther und ſeiner Mutter dauerte ungewöhnlich lange, denn Beide ſprachen mit kur⸗ zen Unterbrechungen faſt den ganzen Reſt des Tages dar⸗ über, und am anderen Morgen reiſ'te Walther in aller Frühe nach der ungefähr fünf Meilen entfernten Stadt, wo ſich das Bergamt befand, um die Sache zu ordnen. ——— W — 71 Er blieb zwei Tage fort und kehrte erſt am Abende des folgenden zurück. Seine Mutter hatte ihn mit ungewöhnlicher Span⸗ nung erwartet und konnte, ſobald er eingetreten war, die Frage, ob er ſeinen Zweck erreicht habe, nicht unterdrücken. Es iſt Alles in Ordnung, ſagte er, ihr die Hand rei⸗ chend, und ſie erkannte, daß die Unruhe, welche ihn vor der Abreiſe erfüllt hatte, wieder ſeinem gewohnten Weſen ge⸗ wichen war; ich habe die Muthung erhalten und werde morgen zum Grafen gehen. Du haſt ſie erhalten? fragte ſie faſt erſchreckt, denn damit war die Frage, wie in dieſer wichtigen Sache gehan⸗ delt werden ſolle, entſchieden. Es iſt ein ſchwieriger Gang, der Dir bevorſteht. †ch hoffe, es wird Alles nach Wunſch gehen und der Graf ſich überzeugen, daß ich nicht anders handeln konnte. Nun, wir wollen das hoffen, und auch, ſetzte ſie mit Sſe Miene hinzu, auch, daß es Dir Segen und Glück ringe. Warum ſollte es das nicht, liebe Mutter? ſagte er, indem er voll Zärtlichkeit ihre Hand drückte— ich habe die Sache unterwegs nochmals nach allen Seiten hin reif⸗ lich erwogen und bin dann eigentlich erſtaunt geweſen, ja, ich habe mich faſt geſchämt, daß ich zweifelhaft ſein konnte, wie ich handeln ſollte. Nun, ſo wird ja Alles gut werden. Ich hoffe das auch, und vor Allem, daß Du meine Handlungsweiſe vollſtändig billigen wirſt. Sie ſah ihm beunruhigt und faſt traurig nach, als er ihr gute Nacht ſagte, denn ſie ſeibſt konnte ſich, ſo ſehr ſie. ſich auch bemühte, doch nicht mit der Vorſtellung befreun⸗ 5 den, daß ihr Sohn hinter dem Rücken des Grafen ſich auf deſſen Koſten bereichern ſollte, wenn auch Geſetz und Recht auf ſeiner Seite ſtanden. —— Sechstes Capitel. Ehe wir Walther auf ſeinem Gange zum Grafen be⸗ gleiten, folgen wir Hedwig. Der Baron von Kalden war nach wie vor ein faſt täglicher Beſucher auf dem Schloſſe geweſen und hatte viel und häufig mit Hedwig verkehrt. Sie ſelbſt lag in ſtetem Kampfe mit einer Feindin, welche ſie vergebens zu beſiegen bemüht war— mit der Langen⸗ weile, und nahm daher mit der Unterhaltung des Barons fürlieb, weil ſie nichts Beſſeres zu thun wußte. Ihr Be⸗ nehmen gegen ihn war dabei voller Launen, oft ſogar ab⸗ ſtoßend, aber er ſelbſt blieb unverändert, ließ ſich das ge⸗ fallen, und ſie gewöhnte ſich zuletzt an ihn wie an einen Gegenſtand, den man nicht mehr entbehren kann, um die Zeit unterzubringen. Sie gewöhnte ſich auch an manche Vertraulichkeiten oder ſie beachtete ſie nicht mehr, da der ſtete tägliche Umgang das ſo mit ſich brachte, ſo daß der Baron ihr zu fehlen begann, wenn er einmal nicht da war. 74 Er zeigte dabei eine Dienſtbefliſſenheit, ſelbſt in den un⸗ tergeordnetſten Dingen, die ihr oft unangenehm war und über die ſie ſpottete und witzelte, welche ſie jedoch zuerſt duldete, weil ſie es nicht ändern konnte, allmählig aber als ein ſelbſtverſtändliches Recht forderte. Der Baron gewann daraus die Ueberzeugung, daß er ihr unentbehrlich ſei, und fing an, ſich ernſtlich mit dem Plans herum zu tragen, das ſchöne und reiche Mädchen zu ſeiner Frau zu machen. Zuerſt erſchrack er ſelbſt vor dem Gedanken, da er noch ſo viel richtige Beurtheilung beſaß, um einzuſehen, daß Hedwig ſelbſt ihn gewiß nicht in der Eigenſchaft als Bewerber um ihre Hand betrachte; die große Selbſtüberhebung jedoch, welche ſeinem Charakter eigen war, ſetzte ihn bald über dieſe Bedenken hinweg, und nachdem er nochmals reiflich mit ſich zu Rathe gegangen war, ob er nicht einen für ſeine eigene Behaglichkeit nachtheiligen Plan verfolge, kam er zu der troſtvollen Ueberzeugung, daß die Vortheile und Annehmlichkeiten einer Verbindung mit Hedwig doch größer ſeien, als die etwaigen Nachtheile und Unannehmlichkeiten. Er entdeckte ſich daher dem Grafen. Dieſer hörte ſeine etwas ſchwulſtige Mittheilung ohne ein Zeichen von Ueberraſchung und ohne ihn in ſeiner Rede zu unterbrechen, mit großer Ruhe an. Ich habe ſo etwas vorausgeſehen, ſagte er dann; denn wenn ein Mann in Ihren Jahren und in Ihren Verhält⸗ niſſen ſich zum ſteten dienſtthuenden Kammerherrn eines — ——,—— 75 jungen Mädchens macht und förmlich darauf ſinnt, alle ihre Launen zu befriedigen, ſo muß er beſondere Abſichten dabei haben. Was das Vermögen betrifft, ſo ſteht die Bi⸗ lanz zwar für meine Tochter nicht beſonders günſtig, auch wäre es vielleicht beſſer, wenn Sie zehn oder mehrere Jahre jünger wären, indeſſ en— wenn Hedwig Sie heirathen will, ſo werde ich nich widerſprechen. Es würde mir auch nichts nutzen, ſetzte er, mit Kopfe nickend, hinzu, ſie hat überhaupt ihren eigenen Willen, und in dieſem Punkte gewiß mehr, als in jedem anderen. Sprechen Sie mit ihr, Herr Baron, ſie befindet ſich in dem Alter, in welchem man weiß, was man zu thun oder zu laſſen hat. Ich danke Ihnen, Herr Graf, erwiederte dieſer jedoch mit ſichtlicher Unruhe; was mein Alter betrifft, ſo befinde ich mich in meinen beſten Jahren, und glaube nicht, daß Ihre Fräulein Tochter darin ein Hinderniß erblicken wird. Das muß ſie ſelbſt am beſten wiſſen. Junge Mäd⸗ chen haben in dieſer Hinſicht oft ſehr ſonderbare Ideen. Manche heirathen alte Männer und ſcheinen ſie auch zu lieben. Andere haben wieder eine Vorliebé für blutjunge, je nachdem, es kommt dabei lediglich auf den Geſchmack an. Ihre Fräulein Tochter kennt mich und weiß Wie geſagt, ſprechen Sie mit ihr— mir iſt es recht, denn ich halte es an der Zeit, daß ſie ſich ber Es würde doch vielleicht beſſer ſein, Herr Graf, be⸗ merkte der Baron; indem er ſeine ſonſt laute Stimme bis 76 zum Flüſtern herabſinken ließ, wenn Sie die Güte haben wollten, ihrer Fräulein Tochter die erſte Eröffnung zu machen. Ah, Sie fürchten Sich, lachte der Graf, das iſt ein ſchlechtes Zeichen— Sie werden jedenfalls ein gefälliger Ehemann ſein! Um jo beſſer für ſie, um ſo beſſer für ſie— ich bin der beſte Mann von der Welt, und Niemand wird mir nachſagen, daß ich zaghaft oder unentſchloſſen ſei, aber in dieſem Falle— ich halte es für beſſer, Herr Graf— für nobler— ſie könnte glauben, ich beabſichtigte hinter Ih⸗ rem Rücken— das würde ein nachtheiliges Licht auf mich werfen. Nun— ich will's ihr ſagen, erwiederte mit ſpötti⸗ ſchem Tone der Graf— ich ſetze übrigens voraus, Sie wiſſen, daß meine Güter zum größten Theile Majorat ſind und auf meinen Neffen übergehen— ich hoffe, daß Sie Sich nicht etwa einer falſchen Speculation hingeben. Wie können Sie ſo etwas glauben? rief der Baron mit angenommener Entrüſtung. Die Allodien gehören da⸗ gegen Ihrer Tochter, und ich würde ſie auch heirathen, wenn ſie ganz arm wäre. Sie ſind wirklich der beſte Mann von der Welt, ſpot⸗ tete der Graf, und ich nehme an, daß Sie Sich von dem Werthe meines Allodial⸗Vermögens hinlängliche Kenntniß verſchafft haben, und werde alſo mit Hedwig reden. 77 „ Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, wiederholte der Baron— Sie werden heute dazu Gelegenheit haben, ſo daß ich morgen ſelbſt.... Morgen können Sie Sich die Entſcheidung holen— ich bin wirklich ſelbſt geſpannt darauf. Der Graf theilte ſeiner Tochter im Laufe des Tages die Bewerbung des Barons mit, nicht ohne hinzuzuſetzen, daß ſie ſich die Sache reiflich überlegen möge, da die Par⸗ tie ſehr annehmbar ſei und ſeinen eigenen Wünſchen ent⸗ ſpreche. Hedwig's Augen hatten ſich zuerſt zornig zuſammen⸗ gezogen, während ihr Vater ihr dieſe unerwartete Mitthei⸗ lung machte; dann aber lachte ſie laut und ſpöttiſch auf. Er iſt ein Narr, ſagte ſie, ein viel größerer Narr, als wofür ich ihn bisher gehalten habe— aber Du ſollteſt nicht einen ſo ſchlechten Scherz mit mir treiben! Nach dieſer kurzen Entgegnung war ſie aufgeſtanden und hatte das Zimmer verlaſſen. Der Graf ſah ihr etwas betroffen eine kurze Zeit nach, gab dann aber jeden weiteren Verſuch auf, denn er wußte aus Erfahrung, daß dies doch vergeblich ſein würde. Ich will ihr nicht zureden, ſprach er vor ſich hin— wenn ſie ihn genommen hätte— nun, meinetwegen— aber ich kann ihr auch nicht ganz Unrecht geben, und viel⸗ leicht wird Alfred doch noch— nun— die Sache wäre jedenfalls abgemacht. 78 Als Hedwig von ihrem Spazierritte an jenem Mor⸗ gen zurückkehrte, fand ſie den Baron bereits vor, und zwar in beſonders gewählter Toilette. Er trug einen ſchwarzen Frack und eben ſolche Beinkleider, eine weiße Weſte und eine eben ſolche, ſehr hohe Cravatte, ſo daß ſeine unge⸗ wohnte Erſcheinung auf Hedwig von vorn herein einen un⸗ ausſprechlich lächerlichen Eindruck machte. Sie unterdrückte jedoch die ſpöttiſche Bemerkung, die bereits auf ihren Lip⸗ pen ſchwebte, und begrüßte ihn in gewohnter Weiſe. Wann wird denn die berühmte Roſe La Reine Hor⸗ tenſe endlich einmal eintreffen? fragte ſie mit faſt wegwer⸗ fendem Tone. Sie verſprechen immer vielerlei, Herr Baron, und thun, als ob Sie mit der ganzen Welt in Verbindung ſtänden, aber zwiſchen Verſprechen und Worthalten liegt allerdings eine große Kluft. Es iſt mir endlich gelungen, dieſes werthvolle und ſeltene Exemplar zu erhalten, erwiederte er mit feierlicher und ſelbſtgefälliger Miene; bis jetzt iſt ſie nur in Paris, und nur durch die Vermittelung eines der erſten Handels⸗ gärtner in Dresden bin ich in den Beſitz dieſer überaus ſeltenen Roſe gelangt. Es iſt das erſte Exemplar, das ſich in Deutſchland befindet. Sie mögen daraus erſehen, daß ich. Iſt ſi dies? fragte ſie, an den Liſch tretend, auf dem in einem koſtbaren Blumentopfe eine Roſe ſun. Das iſt ſie, ſagte er mit Würde. „— 79 Sie hat ja aber nicht einmal eine Blume? Es war nicht möglich, einen blühenden Stock ſo weit zu verſenden. Sie werden das ſelbſt einſehen; aber hier bildet ſich bereits eine Knospe, und in ſpäteſtens vier Wo⸗ chen wird La Reine Hortenſe ihre Blüthe vor hren Bli⸗ cken entfalten. Nun, wir werden dann ſehen, ſagte ſie, ohne die Blu⸗ me weiter zu beachten; ich fürchte faſt, man hat Sie wie⸗ der einmal zum Beſten gehabt und Ihnen irgend eine ge⸗ wöhnliche Roſe geſchickt, wenn ſie überhaupt wirklich ſo weit hergekommen iſt. Wie können Sie nur daran zweifeln! entgegnete er mit Entrüſtung. Man zweifelt ſo lange, bis man ſich überzengt. Trage die Blume in das Treibhaus, befahl ſie dem Kammermäd⸗ chen, der Gärtner mag ſie ſorgfältig pflegen, denn es ſoll etwas Beſonderes ſein. Sie müſſen mich jetzt entſchuldigen, Herr Baron, fuhr ſie, ihn ſpöttiſch anſehend, fort, ich habe Geſchäfte— aber Eines möchte ich Ihnen noch ſagen, Sie müſſen Sich ſo übel angebrachter Scherze, wie Sie mit meinem Vater zu treiben beliebt haben, ein für alle Mal enthalten, wenn Sie überhaupt wünſchen, daß wir ferner noch mit einander verkehren ſollen. Verſtehen Sie mich einfür alle Mal! Wir haben Beide recht dar⸗ über gelacht!— Adien, Herr Baron, ich habe wirklich dringende Geſchäfte. 80 Der Baron ſtand eine Zeit lang keines Wortes, faſt keines Gedankens mächtig da. Dieſe wegwerfende Behand⸗ 3 lung war ſelbſt für ſeine Organiſation zu ſtark. Er ſah ſich verlegen in dem leeren Zimmer um, ſein ergrimmter Blick fiel in den großen Spiegel, welcher ihm ſein Bild im ſchwarzen, feierlichen Anzuge hohnvoll zurückgab; dann ſchlich er ſich leiſe fort, ließ anſpannen und fuhr, ohne den Grafen weiter geſprochen zu haben, mit der Genugthuung davon, ſeinem Aerger und Zorne unterwegs freien Lauf laſſen zu können. Der Graf hatte mit Hedwig in den folgenden Tagen ebenfalls nicht mehr über dieſe Angelegenheit geſprochen; das Leben bewegte ſich auf dem Schloſſe in ſeiner gewohn⸗ ten Einförmigkeit weiter, die um ſo fühlbarer wurde, als 3 3 der Baron ſich nicht mehrſ ſehen ließ. Es war noch früh am Morgen, wenigſtens nach den Gewohnheiten der Bewohner des Schloſſes, denn der Graf war noch mit ſeiner Toilette beſchäftigt und ließ ſich eben von ſeinem mürriſchen alten Bedienten die lange Leibbinde umwickeln, welche er auch in der größten Hitze des Som⸗ mers niemals ablegte, als Walther ihm gemeldet wurde. Eintreten! befahl der Graf, ohne ſich in ſeiner wich⸗ tigen Beſchäftigung ſtören zu laſſen. Was gibt es? fragte er dann, nachdem er den Gruß des Kommenden kaum ſichtbar erwiedert hatte. Doch nicht etwa wieder neue Aus⸗ gaben? 81 Ich wünſche mit dem Herrn Graſen allein zu ſpre⸗ hen, ſagte Walther, ich habe eine wichtige Mittheilung zu machen. Eine wichtige Mittheilung? fragte dieſer, ohne ſei⸗ nen mürriſchen Ton zu ändern; beeile ich Friedrich— und dann geh'— noch etwas feſter, du lernſt das niemals rdentlich— vergiß das Band unten nicht wieder und mache mir keine Knoten! Es iſt Alles in Ordnung— hier iſt der Rock, ſagte der Bediente, dem Grafen den Frack reichend, welchen er immer trug. Es wird Ihnen heute heiß werden in dem vielen Flanell, Sie hätten immer eine leichtere.... Pack Er Sich, rief der Graf, und gewöhne Er Sich ndlich die unnützen Reden ab, ſonſt jage ich Ihn doch noch fort! Der Diener, an dergleichen Ausbrüche des gräflichen Wohlwollens gewöhnt, entfernte ſich, unverſtändliche Worte murmelnd, worüber der Graf ſich von Neuem erboſtte. Nun, was gibt es? fragte er dann; was haben Sie für eine wichtige Mittheilung? Ich bitte den Herrn Grafen, dies einer genauen Be⸗ trachtung zu unterwerfen, ſagte Walther, näher tretend, in⸗ dem er ein Packet auf den Tiſch legte. Der Graf öffnete dasſelbe und nahm die einzelnen Stücke prüfend in die Hand. Das iſt Steinkohle, ſagte er dann, ſo ſcheint es mir wenigſtens. Gräfin und Marquiſt. W. 6 82 Sie haben Recht, Herr Graf, es iſt Steinkohle, und zwar von vorzüglicher Güte; ich habe ſie durch Sachver⸗ ſtändige einer genauen Prüfung unterziehen laſſen. Wollen Sie davon kaufen, ſtatt derjenigen, welche wir bisher bezogen haben? Nein, ich will nicht davon kaufen, ſondern davon ver⸗ kaufen, entgegnete Walther, ohne den ruhigen Ton ſeiner Stimme zu ändern, denn ich habe ein reichhaltiges und faſt zu Tage liegendes Lager dieſer werthvollen Kohle entdeckt. Sie haben ein Lager entdeckt? rief der Graf auf⸗ ſpringend— wo? wo? Doch hoffentlich auf meinem Grund und Boden— ſonſt müßte man gleich eine Mu⸗ thung nehmen? Das Lager befindet ſich auf Ihrem Grund und Bo⸗ den, aber eine Muthung iſt immer nöthig, denn Sie wiſ⸗ ſen, daß das Eigenthum des Bodens das Recht zum Berg⸗ bau nicht in ſich ſchließt. Ich weiß, ich weiß— ich bin noch zu ſehr überraſcht! Iſt es wirklich gute Stein ohle und das Lager iſt nachhal⸗ tig und liegt zu Tage?— Das iſt allerdings eine höchſt wichtige Mittheilnng, mein beſter Herr Inſpector, wollen Sie nicht Platz nehmen, eine ſehr wichtige Sache— man kann ſie noch gar nicht in ihrem ganzen Umfange über⸗ ſehen. Es ſcheint mir unzweifelhaft, daß aus dieſer Ent⸗ — — 83 deckung ein ſehr reicher Gewinn hervorgehen muß, denn im Umkreiſe von zehn Meilen gibt es keine Kohle, und ſie ließe ſich außerdem mit Leichtigkeit bis zur Weichſel und Oder verfahren. Ja, ja, rief der Graf, wir werden— das heißt, ich werde, ſetzte er plötzlich ſtockend hinzu— nun, das wird ſich finden; aber wo iſt das Lager? Auf dem alten Felde, welches ich urbar machen wollte. Ich will ſogleich anſpannen laſſen, damit ich mich ſelbſt durch den Augenſchein überzeugen kann— und wenn wirklich ſich Alles ſo verhält, wie Sie ſagen; auch wenn es nur wahrſcheinlich iſt— werde ich gleich ſelbſt nach dem Bergamte fahren und eine Muthung nehmen. Man kann in ſolchen Dingen nicht vorſichtig genug ſein; ich hoffe, Sie haben Niemanden eine Mittheilung gemacht, Herr Inſpector, es wäre ſehr unvorſichtig von Ihnen geweſen. Seien Sie deshalb ohne Sorgen, Herr Graf, erwie⸗ derte Walther mit einem eigenthümlichen Lächeln; ich weiß, daß in ſolchen Dingen ein raſches Handeln nöthig iſt, wenn man nicht des Gewinnes verluſtig gehen und denſelben Andern zuwenden will. Ich habe mich daher zuerſt ver⸗ ſichert, daß die Kohle wirklich gut iſt, und dann ſofort ſelbſt eine Muthung genommen. Sie, Sie haben eine Muthung genommen? rief der Graf, indem ſich Schreck und Zorn auf ſeinem Geſichte „ 6* 84 abſpiegelten, Sie, mein Beamter, für Sich, ohne mir vor⸗ her Kenntniß davon zu geben? Wiſſen Sie auch, daß das Betrug iſt— geradezu Betrug! Ich werde darauf antra⸗ gen und es auch durchſetzen, daß Ihnen dieſe Muthung wieder entzogen wird— darauf können Sie Sich verlaſ⸗ ſen, und es nicht dulden, daß auch nur ein Spatenſtich auf meinem Grund und Boden gegen meinen Willen ge⸗ macht werde! Das würden Sie ſchwerlich verhindern können, er⸗ wiederte Walther, ohne ſeine Ruhe zu verlieren; aber Sie ereifern Sich wirklich ganz ohne Grund, denn ich glaubte Ihr Intereſſe nicht beſſer wahrnehmen zu können, als wenn ich, ehe die Sache irgend bekannt werden kann, ſogleich eine Muthung nahm— natürlich für Sie, Herr Graf, ſetzte er langſam und die Worte ſcharf betonend hinzu. Hier iſt ſie— überzeugen Sie Sich ſelbſt. Der Graf ſtarrte ſeinen Beamten einen Augenblick ſprachlos an, dann griff er haſtig nach dem Papier, als ob er befürchte, es könne ihm doch noch entzogen werden, und ſeine Augen flogen raſch und lebhaft über die Schriftzüge. Mit einem ſichtlich erleichterten Athemzuge faltete er es dann zuſammen und legte es auf den Tiſch, an die von Walther möglichſt entfernte Stelle. Erſt nachdem er noch⸗ mals einen beſorgten Blick auf dieſes koſtbare Document geworfen und ſich überzeugt hatte, daß es ſicher in ſeinem Beſitze ſei, ſtand er auf, ſtellte ſich zu noch größerem Schutze 4 W W 85 vor den Tiſch und reichte dann Walther mit herablaſſender Freundlichkeit die Hand. Ich bin mit Ihrer Handlungsweiſe zufrieden, Herr Inſpector, ſagte er, dieſen immer noch mißtrauiſch anbli⸗ ckend, und habe nichts Anderes von Ihnen erwartet. Sie ſind zwar etwas eilig zu Werke gegangen und hätten mir immerhin die Sache erſt anzeigen können, bevor Sie mit der Bergbehörde verhandelten— indeſſen es iſt auch ſo gut— ganz gut. Und Sie glauben wirklich, daß das Lager mächtig und nachhaltig ſein wird, daß wir eine Zeche an⸗ legen können? Es unterliegt dies keinem Zweifel. So7 Nun, ich werde mir das Alles genau anſehen, Alles genau unterſuchen laſſen von Sachverſtändigen,welche mehr davon verſtehen, wie wir Beide. Wenn es ſich wirk⸗ lich ſo verhält, ſo ſoll es Ihr Schade nicht ſein— natür⸗ lich— ſprach er in abgebrochenen Sätzen weiter, als ob er befürchte, eine Uebereilung zu begehen— es ſoll Ihr Schade nicht ſein, da Sie zufällig die Kohlen zuerſt gefun⸗ den haben, was ein bloßer Zufall war, denn ſie würden jedenfalls doch bald aufgefunden ſein— ich werde— na⸗ türlich, wenn die Sache außer Zweifel iſt— Ihr Gehalt erhöhen— um hundert Thaler erhöhen— und hoffe, daß Sie damit zufrieden ſind. Handeln Sie ganz nach Ihrem Ermeſſen, Herr Graf, erwiederte Walther mit Stolz; ich habe meine Pflicht als 86 Beamter gegen Sie erfüllt und beanſpruche dafür kei⸗ nen Lohn. Schön, ſchön, ſagte der Graf nicht ohne Verlegenheit, welche jedoch bald wieder verſchwand— laſſen Sie jetzt ſogleich alle Arbeiten auf dem dürren Felde einſtellen, da⸗ mit kein Gerede entſteht.— Ich komme heute gegen Abend hinaus, jetzt habe ich keine Zeit, und werde mir dann Alles ſelbſt anſehen. Haben der Herr Graf ſonſt noch etwas zu befehlen? fragte Walther, als dieſer nachdenkend ſchwieg. Nein, nein— für jetzt nicht. Sprechen Sie mit Nie⸗ mandem über die Sache, hören Sie, mit Niemandem— man kann immerhin nicht wiſſen. So empfehle ich mich. Adienu— und erwarten Sie mich heute gegen Abend. Walther verließ mit bittern und getäuſchten Erwar⸗ tungen das Schloß. Er kannte den Grafen zwar hinläng⸗ lich, ſeinen Geiz und ſeine Habſucht, während er wieder in manchen Dingen ein Verſchwender war,— aber eine ſolche Abfertigung hatte er doch nicht erwartet. Hedwig ſah ihn vom Fenſter aus in den Hof treten, nach dem Stalle gehen und ſein Pferd ſelbſt herausführen; ſie erkannte an ſeiner finſtern, hohnollen Miene, daß er ihrem Vater die Mittheilung gemacht, und zweifelte nicht, daß der Erfolg dieſer Unterredung ſeinen Erwartungen nicht entſprochen habe. Es kam ein Gefühl der Scham —— —. 87 über ſie, wenn ſie dachte, daß ihr Vater dieſem Manne in einer Weiſe vetpflichtet ſein könne, durch welche er ſich Vor⸗ theile zueigne, auf die er keinen Anſpruch habe, Vortheile, an welchen ſie ſelbſt Theil nehmen ſolle. Dabei vermehrte ſich das Intereſſe, welches ſie, ohne es ſich klar zu machen, für Walther empfand, und es entſtand vor Allem das Ver⸗ langen bei ihr, zu erfahren, wie er gehandelt habe. Sie zweifelte, daß er ihren Rath befolgt habe, und dieſer Zwei⸗ fel erweckte ein Gefühl der Theilnahme und Achtung für ihn, das ſie bisher in dieſer Weiſe nicht empfunden hatte. Sie blickte ihm lange und träumeriſch nach, als er jetzt den ſchlanken Hals ſeines Pferdes, das ſie ihm geſchenkt hatte, ſtreichelte, dieſes ſich liebkoſend nach ihm umſah und ſich zu freuen ſchien, als er es beſtieg, und dann ruhig und ohne noch einen Blick auf das Schloß zu werfen, aus dem Schloßhofe ritt. Sie mußte vor allen Dingen Gewißheit haben, mußte wiſſen, wie er gehandelt und wie ihr Vater ſich benom⸗ men hatte. Der Graf war, nachdem Walther ihn verlaſſen, wie⸗ der an den Tiſch getreten und hatte das für ihn ſo werth⸗ volle Papier nochmals genau durchleſen. Dann ſchloß er ſeinen Geldſchrank auf, und erſt nachdem er das Document darin verwahrt und die Schlöſſer alle wieder verſchloſſen hatte, ſchien er beruhigt. Nachdenkend ging er im Zimmer auf und ab, Pläne verſchiedener Art entwerfend. Die große 88 Bedeutung der ſo unerwartet gemachten Entdeckung trat in ſeinen Erwägungen immer mehr hervor und er berech⸗ nete ſchon in allgemeinen Umriſſen die Anlagekoſten und ihr Verhältniß zu dem zu erwartenden Gewinne. Da trat Hedwig zu ihm ein. Guten Morgen, Papa! ſagte ſie, ihn forſchend anſe⸗ hend; wie ſteht es heute mit Deinem Befinden, es ſcheint, Du biſt recht wohl und munter? Es geht ſo, mein Kind, könnte beſſer ſein— in mei⸗ nem Alter. Du ſiehſt heute beſonders wohl aus, unterbrach ſie ihn, und ſollteſt deshalb nicht immer klagen. Du haſt ſchon Beſuch gehabt? Ich ſah den Herrn Rohneck fortreiten. Ein Inſpector macht keine Beſuche— er hatte Ge⸗ ſchäfte— wie immer. Wie immer? fragte ſie, ihn feſt anſehend— waren es vielleicht nicht ungewöhnliche Geſchäfte? Wie kommſt Du zu dieſer ſonderbaren Frage? ſagte er erſchrocken; was ſollte ich mit meinem Inſpector für un⸗ gewöhnliche Geſchäfte haben? Nun, ich dachte nur, ſprach ſie leichthin; ſo hat er Dir alſo nichts Beſonderes mitgetheilt? Was ſollte er mir Beſonderes mitgetheilt haben? fragte er mit geſteigerter Unruhe. Wenn er es nicht gethan hat, Papa, ſo habe ich Dir auch weiter nichts zu ſagen. Wir haben ein Geheimniß — 89 zuſammen, das Du ſeiner Zeit jedenfalls erfahren wirſt— mehr darf ich Dir für jetzt nicht ſagen. Ein Geheimniß— Du und der Inſpector? Du machſt mich unruhig. Was iſt es? Ich will es wiſſen! Ich befehle Dir, es mir zu ſagen! Ich habe ihm verſprochen, zu ſchweigen, und ſein Wort muß man halten. Der Graf ſah ſeine Tochter längere Zeit wieder for⸗ d an— ſollte ſie um die Sache wiſſen? Sollte der n ſo unvorſichtig geweſen ſein? Doch ein Nach⸗ theil konnte ja jetzt nicht mehr daraus entſtehen, und ſeine Neugierde trieb ihn, ſich deshalb Gewißheit zu verſchaffen. Er hat mir allerdings eine beſonders wichtige Mit⸗ theilung gemacht, ſprach er daher nach einiger Zeit weiter. Ich konnte das vermuthen; er war deshalb hier. Und was hältſt Du von der Sache? Von der Sache? erwiederte der Graf, immer noch mißtrauiſch— von welcher Sache? Mein Gott, von der gemachten Entdeckung! Wes⸗ halb thuſt Du ſo geheimnißvoll? Alſo, Du weißt darum? Ich muß geſtehen, daß mich das ſehr wundert. Haſt Du mit ihm eine Uebereinkunft geſchloſſen? Eine Uebereinkunft? fragte der Graf erſtaunt. Wozu ſollte ich mit ihm eine Uebereinkunft ſchließen und worin ſollte dieſe beſtehen? Die Kohlen liegen auf meinem Grund 90 und Boden und gehören mir, das iſt ſelbſtverſtändlich. Er hat ſie zufällig gefunden und mir dies angezeigt, wie es ſeine Pflicht iſt. Was ſoll daher noch eine beſondere Ueber⸗ einkunft? Ich werde ſein Gehalt um hundert Thaler er⸗ höhen, obgleich er eigentlich hoch genug beſoldet iſt, und habe ihm dies bereits zugeſagt. Er ſchien das kaum er⸗ wartet zu haben, denn er war ſelbſt ſichtlich erſtaunt dar⸗ über— aber er iſt immerhin, wenn auch nur durch 3 der Entdecker, und da muß etwas geſchehen, u nicht ſagen kann, ich hätte dies umſonſt angenommen, o gleich es an ſich überflüſſig iſt. Du weißt doch, Papa, daß das Eigenthumsrecht des Grundes und Bodens nicht das Recht des Bergbaues in ſich ſchließt, ſondern.... Du biſt ja erſtaunlich bewandert in dieſen Dingen, unterbrach er ſie— aber beunruhige Dich nicht weiter, es iſt Alles in Ordnung. Wie, Alles in Ordnung? Der Inſpector hat das bereits beſorgt, zwar etwas eigenmächtig gehandelt— aber er entſchuldigt ſich damit, daß keine Zeit zu verlieren geweſen ſei, und ich muß das anerkennen. Was hat er beſorgt? fragte ſie geſpannt. Nun, mein Gott, er hat ſogleich eine Muthung für mich genommen, ſo daß mir kein Unberechtigter zuvorkom⸗ men kann! — ———— —— 91 Für Dich hat er ſie genommen? Und Du, Papa, Du— ich habe Dich wohl vorher falſch verſtanden? fragte ſie in ungewöhnlicher Aufregung. Wie ſo, falſch verſtanden? Was bekümmerſt Du Dich überhaupt um dieſe Sache? erwiederte er verdrießlich. Wenn ich es nicht aus Deinem eigenen Munde ge⸗ hört hätte, ſo würde ich es für unmöglich halten, für ganz öglich! rief ſie ſo leidenſchaftlich, daß er beſorgt einen tt zurücktrat— ich fühle mich ſo beſchämt, ſo, wie ſoll ich es nennen, ſo gedemüthigt, daß ich kein Wort finden kann, um es zu bezeichnen! Ich weiß wirklich nicht, weshalb Du Dich ſo ohne allen Grund aufregſt, ſagte er eingeſchüchtert, und was Du eigentlich meinſt?— Dein ganzes Benehmen iſt mir un⸗ verſtändlich. Das iſt es ja eben, was mich ſo tief beſchämt, fuhr ſie in demſelben Tone fort— einen Mann, der Dir die Quelle nicht zu berechnenden Gewinnes gesffnet, der Dir dieſen Reichthum auf die uneigennützigſte Weiſe hingibt, während er ſich in der Lage befand, ihn für ſich allein aus⸗ zubeuten— dieſen Mann ſpeiſeſt Du mit lumpigen hun⸗ dert Thalern Gehaltserhöhung ab!— Nicht wahr, Papa, Du haſt nur einen Scherz mit mir getrieben? fragte ſie, ihn feſt und mit geſpannter Erwartung anſehend. Einen Scherz? ſagte er, in dem Bemühen, ſeine Ver⸗ legenheit durch einen angenommenen Zorn zu bemänteln 92 — Du erlaubſt Dir ſelbſt ſehr ungewöhnliche Scherze mit Deinem Vater, ſehr unpaſſende Scherze. Was haſt Du Dich in dieſe Sache zu miſchen, die Dich gar nichts an⸗ geht? Haben jemals meine Wirthſchafts⸗Angelegenheiten ein Intereſſe für Dich gehabt? Warum iſt dies jetzt mit Einem Male der Fall? Der Inſpector iſt mein Beamter; was er auf meinem Grund und Boden findet oder gewinnt, gehört mir— dafür bezahle ich ihn! Es iſt ganz glei gültig, ob dies Roggen, Gerſte und Hafer oder kohlen ſind. Er hat nichts mehr oder weniger gethan, wozu er verpflichtet war, und wenn ich dies durch eine außergewöhnliche Gehaltserhöhung anerkenne, ſo thue ich mehr, als wozu ich verpflichtet bin— das ſollteſt Du ein⸗ ſehen. Uebrigens iſt es mir auch völlig gleichgültig, fuhr er, durch Hedwig's fortgeſetztes Schweigen ermuthigt, fort, ob Du es einſiehſt oder nicht— die ganze Geſchichte geht Dich nichts an, und ich will ein für alle Mal nichts weiter davon hören. Haſt Du mich verſtanden? Während der Graf in der Ueberzengung, die unange⸗ nehme Einmiſchung ſeiner Tochter durch ſein energiſches Auftreten zu beſeitigen, in dieſer Weiſe ſprach, hatte ſich ein plötzlicher Gedanke ihrer bemächtigt. Sie erkannte, daß auf dieſem Wege nichts zu erreichen ſei, und beſchloß, einen anderen einzuſchlagen. Ich würde nicht ſo gehandelt haben, Papa, erwiederte ſie ruhig, weder ſo wie Du, noch wie Herr Rohneck; aber 93 die Männer halten ſich einmal immer für klüger, obgleich ſie oft die Erfahrung des Gegentheils machen. Wie würde denn meine weiſe Tochter gehandelt ha⸗ ben? fragte der Graf wieder freundlich, in der Ueberzeu⸗ gung, den Sturm abgeſchlagen zu haben. Nun, an Deiner Stelle hätte ich dem Manne, dem ich ſo viel verdankte, einen Antheil am Gewinne zugeſichert; 1 wäre das Wenigſte geweſen, was Du hätteſt thun können. Einen Antheil am Gewinne? wiederholte er ſpöttiſch — ich wüßte wahrlich nicht, weshalb. Und an Herrn Rohneck's Stelle, fuhr ſie fort, dieſe Bemerkung unbeachtet laſſend, an ſeiner Stelle hätte ich die Muthung für mich genommen und dann mit Dir unterhandelt, der Vortheil wäre dann auf ſeiner Seite geweſen. Was Du für tolle und abgeſchmackte Ideen haſt! rief der Graf erſchrocken— er hat es aber nicht gethan und durfte es auch nicht thun; es wäre ſchlecht, es wäre eine Pflichtverletzung von ihm geweſen! Ich glaube nicht, daß dies irgend Jemand ſo angeſehen haben würde. Ein Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte; aber eriſt nun einmal ſo unvorſichtig geweſen und hat alle ſeine Vor⸗ theile aus der Hand gegeben. Ich kann mir immer noch nicht denken, daß die Muthung auf Deinen Namen lautet. Sie lautet darauf, erwiederte er ärgerlich, und ich „ 94 dächte, wir hätten lange genng über den Gegenſtand ge⸗ ſprochen. Zeig ſie mir doch einmal, Papa, ſagte ſie mit zwei⸗ felndem Lächeln. Wozu ſollte das nutzen— aber— meinetwegen, überzeuge Dich ſelbſt und dann laß mich zufrieden. Er ging mit dieſen Worten an ſeinen eiſernen Geld⸗ ſchrank, ſchloß die vielen Schlöſſer desſelben auf und hielt R dann ſeiner Tochter das werthvolle Document hin, ohne es ihr jedoch in die Hand zu geben. Sie warf einen prü⸗ fenden Blick darauf und ſagte dann mit lächelndem, ſpöt⸗ tiſchem Tone: Ich habe dem Herrn Rohneck doch Unrecht gethan und ſeine Klugheit unterſchätzt. Wie ſo, wie ſo? fragte der Graf beſtürzt, indem er das Papier raſch wieder zuſammenfaltete. Die Muthung lautet allerdings auf Deinen Namen, aber nicht auf das Terrain, wo die Kohlen ſich befinden— das iſt weit, weit davon entfernt, drüben am Walde, und er wird jedenfalls ſo klug geweſen ſein, darauf für ſich ſelbſt eine Muthung genommen zu haben. Hedwig, rief der Graf, indem das Papier ſeinen Händen entfiel, treibe mit Deinem Vater keinen übel ange⸗ brachten Scherz— das paßt ſich nicht für Dich— das wäre ja ſchändlich— nichtswürdig! Würdeſt Du an ſeiner Stelle nicht eben ſo gehandelt 95 haben? fragte ſie ruhig. Ich kann ihm deshalb keinen Vorwurf machen. Ich bin betrogen! Abſcheulich betrogen! rief der Graf, im Zimmer umherſtürmend— aber das ſoll ihm nichts helfen— ich will ſogleich nach dem Bergamte— ich jage ihn fort, fort!— Wie kann er ſich erdreiſten.... Mir iſt es jetzt unzweifelhaft, fuhr ſie ruhig fort, daß Herr Rohneck— ſie nannte ihn nie Inſpector— Dich hat auf die Probe ſtellen wollen— und dieſe Probe iſt leider ſehr ſchlecht für Dich ausgefallen; denn hätteſt Du ihm einen Antheil bewilligt und Dich ſonſt nobel und ent⸗ gegenkommend bewieſen, ſo würde er Dir gewiß die wirk⸗ liche Muthung nicht vorenthalten haben. Wie kann ſich dieſer Menſch unterſtehen, ſolch' ein nichtswürdiges Spiel mit mir zu treiben eiferte der Graf weiter, deſſen empfindlichſte Seite getroffen war. Glaubt er wirklich, ich würde es dulden, daß er auf meinem Grund und Boden Steinkohlen⸗Zechen anlegt und ſich Reichthümer erwirbt? Die Anklage von Zechen wird kaum nöthig ſein, Papa, denn die Kohlen liegen zu Tage— ich habe ſie ſelbſt geſehen. Und Du haſt mir nichts davon geſagt! rief er im heftigſten Zorne— geh', verlaß mich, Du ungerathenes Kind— fort— ich werde Dich enterben! Laß uns die Sache ruhig überlegen, erwiederte ſie, 96 ohne von ſeiner Heftigkeit im Mindeſten eingeſchüchtert zu werden— die Sache ſteht noch keineswegs ſo ſchlimm, wie Du anzunehmen ſcheinſt, und ließe ſich vincih noch zu Deiner Zufriedenheit ausgleichen. Wie, wie, mein Kind? Wie ſollte das geſchehen? Der Betrieb größerer Kohlenbergwerke, die dadurch entſtehenden umfangreichen Geſchäfte werden Deine ganze Wirthſchaftsführung ändern.. Das würden ſie, das würden ſie, bemerkte der Graf, aber... Du bedarfſt dazu eines erfahrenen und ganz zuver⸗ läſſigen Mannes, wenn der Gewinn nicht wenigſtens zum großen Theile verloren gehen ſoll. Ja, eines ſolchen bedarf ich, wenn ich nicht ſelbſt. Du kannſt das nicht ſelbſt, Papa, unterbrach ſie ihn, Du würdeſt Dich aufreiben; bedenke Deine Geſundheit. Ein ſolcher Mann iſt Herr Rohneck, Du würdeſt ſchwerlich weit und breit einen beſſeren finden. Möglich, ſagte Graf nach einigem Nachdenken, welches ſeine fieberhafte Aufregung jedoch kaum zuließ— aber was nutzt mir das jetzt? Wie ich ihn kenne, bin ich überzeugt, daß, wenn Du ihm jetzt noch ſolche Anerbietungen machſt, er auf jeden anderen Vortheil verzichten würde. Glaubſt Du das? fragte der Graf mit ſichtlicher Un⸗ —— 97 entſchloſſenheit; aber worin ſollten dieſe Anerbietungen beſtehen? Du machſt Herrn Rohneck zu Deinem Wirthſchafts⸗ Director und General⸗Bevollmächtigten, ſetzeſt ihm ein entſprechendes Einkommen aus nebſt fünfundzwanzig Pro⸗ cent Tantième vom Gewinne des Bergwerks⸗Betriebes. Das wäre ja immens! Mein Kind, bedenke doch— ich müßte ihm wenigſtens tauſend Thaler Gehalt geben. Das würde zu wenig ſein, Papa, unterbrach ſie ihn wieder, er müßte auch eine anſtändige und gut eingerichtete Wohnung erhalten. Wie könnte ich das erſchwingen? Unmöglich, ganz unmöglich! Und noch fünfundzwanzig Procent vom Ge⸗ winne! Dir bleiben ja dann noch immer fünfundſiebzig, wäh⸗ rend Du ſonſt gar keinen haſt; und er muß ein Intereſſe haben, daß der Gewinn ſo groß wie möglich werde, ſein Vor⸗ theil iſt dann der Deinige. Nein, nein, das geht nicht, das iſt zu viel, das geht weit über meine Kräfte, klagte der Graf, indem er ſich die Schweißtropfen, welche auf ſeiner Stirn perlten, abwiſchte — ich würde mich ruiniren! Du denkſt nicht an die Steinkohlen— Alles geſchieht ja nur zur Erlangung großen Gewinnes, von dem Du nichts als den vierten Theil abgeben wirſt— vorausge⸗ Gräfin und Marquiſe. 1V. 7 98 ſetzt natürlich, was allerdings noch immer ſehr ungewiß iſt, ob Herr Rohneck ſich darauf einläßt. Zweifelſt Du noch daran?— Auch wenn ich ihm ſo viel biete? fragte der Graf, von abermaliger Furcht erfaßt. Ich zweifle eigentlich nicht— aber es wäre immer⸗ hin möglich, denn Herr Rohneck ſchenkt Dir doch eigentlich das Uebrige. Schenkt mir?— Das nennſt Du ein Geſchenk? Wenn ich das Geld gebe— wo will er das Geld her⸗ nehmen? O, es finden ſich Speculanten genug zu ſo einer ge⸗ winnbringenden Anlage! Der Graf ging ſchweigend und in ſichtbarer Unruhe in dem Zimmer auf und ab. Er konnte noch immer zu keinem Eutſchluſſe kommen. Seine Tochter ſaß ruhig auf einem Seſſel, ihr Blick haftete auf dem Boden und hob ſich nur hin und wieder beobachtend empor, während ihr kleiner Fuß in dem zierlichen Zeugſtiefel ſich leiſe tactmäßig bewegte. Wie würde man ihm am beſten beikommen? fragte der Graf, ſtehen bleibend, ohne ſeine Tochter anzuſehen. Wenn Du das mir überlaſſen willſt, ſo hoffe ich die Sache in Ordnung zu bringen, erwiederte ſie ruhig. Du? fragte er erſtaunt. Ja, ich glaube, es iſt beſſer, wenn ich ihm Deine Ent 99 ſchließungen mittheile— das Ganze hat dann weniger einen geſchäftlichen Anſpruch; ich würde ihm ſagen, daß Du heute— ſei ohne Sorgen, Papa, rief ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln— Du ſollſt mit Deinem Abge⸗ ſandten zufrieden ſein! Ja— aber was willſt Du ihm für Anerbietungen machen? Nun, die ich vorhin nannte, natürlich— ich hoffe, er wird ſich damit begnügen. Begnügen? rief der Graf wieder zornig— ich ſollte denken, er müßte— aber Alles nur unter der ausdrückli⸗ chen Bedingung— daß ſämmtliche Kohlen, die ſich auf meinem Grund und Boden finden mögen, darin eingeſchloſ⸗ ſen ſind— es dürfen hier keinerlei Hinterhalte gemacht gemacht werden und ich muß ganz ſicher ſein— fonſt iſt Alles null und nichtig! Das verſteht ſich von ſelbſt, Papa, ſagte ſie heiter. Beunruhige Dich nur nicht weiter— zu Mittag bin ich zurück, und Alles wird in gehöriger Ordnung ſein. Siebentes Capitel. Walther ritt, nachdem er das Schloß verlaſſen hatte, in tiefem Sinnen ſeiner Wohnung zu. Je mehr wir uns einer Hoffnung mit Sicherheit hingegeben und ihre Ver⸗ wirklichung als unzweifelhaft angeſehen haben, um ſo ſchmerzlicher wird die Vereitelung derſelben für uns. Die Vortheile, die Annehmlichkeiten oder das Glück, welches wir von der Erfüllung erwartet, beginnen dann noch mehr in ihrem Werthe zu ſteigen, als wir ſie geſchätzt haben, ſo lange die Erreichung noch ungewiß war. Unſere Phantaſie iſt geſchäftig, dies jetzt Alles in den glänzendſten und licht⸗ vollſten Farben auszumalen und uns ein Bild zu entwer⸗ fen, welches von der Wirklichkeit niemals erreicht wor⸗ den wäre. So ging es auch Walther, als er ſchweigend und ernſt dahinritt. Seine Stimmung wurde immer verbitterter, und er fing an, ſeinen Lebensberuf zum erſten Male als 101 einen verfehlten zu betrachten. Weshalb habe ich mich bethören laſſen, hieher zu kommen, in dieſe abhängige, er⸗ niedrigende Stellung? ſprach er vor ſich hin. Ich bin nichts, als der Diener eines vornehmen, ſtolzen und geizi⸗ gen Mannes, und werde es hier nie zu einer Selbſtändig⸗ keit bringen— das iſt mir heute klar geworden. Denn dieſe Leute kennen nur ihren eigenen Vortheil, und wir — die dienende, untergeordnete Claſſe— ſind nur vor⸗ handen, um dieſen zu fördern. Sie gebrauchen uns gleich den Zugthieren und bedauern es im Innerſten, daß die Selaverei nicht im vollſten Umfange beſteht.— Wenn ich bei Wehring auch noch ſo klein angefangen hätte, er be⸗ trachtete mich doch als ſeines Gleichen— ich war ihm kein Paria, er achtete in mir den Menſchen, und ich würde mir, wenn auch vielleicht mit Anſtrengung, eine ſelbſtändige Unabhängigkeit erworben haben.— Aber dieſer Graf! Ah, ſie find Alle aus demſelben Thone geformt, Einer wie der Andere, nur die Tünche und der Anſtrich find verſchie⸗ den, und darin allein beſteht dasjenige, was ſie Nobleſſe nennen! Doch wozu dieſe nutzloſen Betrachtungen, fuhr er mit einem hohnvollen Auflachen fort— ich hätte mir das Alles vorausſagen können, und Wehring würde meine Handlungsweiſe gewiß eine unkluge nennen. Mag es ſein— mag es immerhin ſein— ich bereue es dennoch nicht— was ich gethan habe, war von der Ehre geboten, 102 von der Ehre, die mir jetzt eben ſo beſtimmt befiehlt, mein Bündel zu ſchnüren und dieſer hochgräflichen Wirthſchaft Valet zu ſagen! Und das will ich, je eher, deſto lieber!— Er hatte, während er ſich dieſen verbitterten Betrachtungen hingab, ein kleines Gehölz erreicht; die Sonne fing an, heiß zu brennen, und da er eine gewiſſe Scheu empfand, ſeiner Mutter das Ergebniß ſeiner Unterredung mitzuthei⸗ len, ſo ſtieg er ab, ſchlug einen kurzen Seitenweg ein, der zu einer kleinen Anhöhe führte, und ſetzte ſich unter einen Baum, nachdem er ſeinem Pferde den Zügel abgenommen, um es, wie er es gewöhnt hatte, ſich ſelbſt zu über⸗ laſſen. Er ſtarrte gedankenvoll vor ſich auf den Boden, auf welchem ein Voik Ameiſen ſeine emſige und geregelte Be⸗ ſchäftigung trieb. Die kleinen Thiere ſchleppten weit grö⸗ ßere Gegenſtände, als ſie ſelbſt waren, ihrer gemeinſamen Wohnung zu, und wo die Kräfte einer nicht ausreichten, hatten ſich mehre zur Bewältigung des vorgeſteckten Zieles vereinigt. Sie hatten ihre verſchiedenen Wege, einen, auf dem ſie hin⸗, und einen, auf dem ſie herzogen, und es war eine Beweglichkeit, eine Emſigkeit und Thätigkeit in dem kleinen Staate, als ob jede einzelne Ameiſe einem höheren Befehle und Zwange unterworfen ſei. Wie ſie ſich abmühen, die kleinen, fleißigen Thiere, ſprach er mit bitterem Lächeln vor ſich hin, wie ſie ſchlep⸗ pen und tragen, ohne zu wiſſen, weshalb und warum! „ 103 Gerade wie die Menſchen! Wir zertreten theilnahmlos ſol⸗ chen Ameiſenhaufen und damit all den Fleiß und all die Anſtrengung von Tauſenden ſeiner Bewohner— gerade wie das Geſchick einen Menſchenhaufen zertritt— eben ſo rückſichtslos— eben ſo wenig bekümmert um das Ergehen des Einzelnen! Wer kann wiſſen, ob dieſe Ameiſen nicht eben ſolche Empfindungen, Leidenſchaften und Pläne haben, als wir— die wir uns in ſtolzer Ueberhebung für den Mittelpunct der Schöpfung anſehen— jeder Einzelne für ſich.— Iſt es wirklich der Mühe werth, ſich dieſer Er⸗ bärmlichkeiten wegen Sorgen und Mühen zu machen? Sein Auge, von dieſen trüben Betrachtungen ver⸗ ſchleiert, erhob ſich und blickte abſichtslos in die Gegend hinaus. Der Weg von dem Gehölze nach dem Schloſſe lag im Sonnenſcheine vor ihm, und er ſah einen Reiter im raſchen Galop darauf hinſprengen. Er erkannte Hedwig. Ihr grüner Schleier und ihr weites Reitkleid flatterten im Zuge der ſchnellen Bewegung, wozu ſie ihr Pferd angetrie⸗ ben hatte. Sie ritt offenbar nach dem Vorwerke und mußte dicht bei ihm vorüber kommen. Liſſa, rief er ſeinem Pferde zu, das unfern von ihm weidete, denn er wollte nicht von ihr geſehen werden— komm' her, Liſſa! Das Pferd, ſeinem Rufe gehorſam, kam heran und beugte ſeinen Kopf zu ihm herab. Er zog ihn liebkoſend noch näher zu ſich, damit die vorbeikommende Reiterin das Pferd nicht bemerken ſollte. Bald drang 104 Hufſchlag an ſein Ohr; als er eben die Stelle erreicht hatte, wo die beiden Wege ſich trennten, da hob ſein Pferd den zügelloſen Kopf empor und wieherte dem kommenden Gefährten freudig entgegen. Hedwig hielt ſofort ihr Pferd an, und als ſie Wal⸗ ther erblickte, lenkte ſie zu ihm hin und hielt nach wenigen Augenblicken an ſeiner Seite. Er war aufgeſtanden und begrüßte ſie in gewohnter gemeſſener Weiſe. Sie treiben hier wohl Naturſtudien, rief ſie ihm lä⸗ chelnd entgegen. Nun, es iſt mir lieb, daß ich Sie treffe, denn ich ſuchte Sie, und Sie erſparen mir den Weg nach dem Vorwerke. Wenn ich das gewußt hätte, erwiederte er, ohne daß der Ernſt ſeiner Züge ſich milderte, ſo würde ich nicht ver⸗ fehlt haben, Ihnen auch dieſen Weg zu erſparen, denn ich war ſelbſt auf dem Schloſſe. Ich weiß das, ſagte ſie, indem ſie leicht vom Pferde ſprang, dieſem ebenfalls den Zügel abnahm und es ſich ſelbſt überließ. Setzen wir uns, Herr Rohneck, man hat wirklich eine hübſche Ausſicht hier. Deshalb habe ich mir dieſen Platz auch gewählt, um etwas zu ruhen. Ich fühle mich einigermaßen beſchämt, ſagte ſie, nachdem ſie ſich auf einen Hang geſetzt hatte, indem ſie ihre Reitpeitſche nachläſſig im Sande hin und her bewegte, und ohne Walther anzuſehen— wirklich etwas beſchämt, —— — 105 nämlich deshalb, daß Sie meinen Vater beſſer kennen, als ich, ſeine eigene Tochter. Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, gnädige Gräfin, erwiederte er, indem er ſie fragend anſah. Ich meine unſere neuliche Unterredung. Sie erinnern Sich doch, wegen der Steinkohlen. Ich rieth Ihnen da⸗ mals, fuhr ſie immer in gleichgültigen Tone fort, Sie ſollen erſt eine Muthung für Sich nehmen und dann mit meinem Vater unterhandeln. Sie haben das nicht gethan, ſprach ſie, ihre jetzt leuchtenden Augen zu ihm aufſchlagend — und ich freue mich darüber— ich würde eben ſo gehan⸗ delt haben. Und doch riethen Sir mir das Gegentheil, erwiederte er nicht ohne Bitterkeit. Es war unüberlegt— eine Eingebung des Augen⸗ blicks, und es freut mich, daß Sie meinem Rathe nicht ge⸗ folgt ſind.— Dieſe Erklärung bin ich Ihnen vor Allem ſchuldig, fuhr ſie fort, als er in Zweifel darüber ſchwieg, weshalb ſie ihm dies eigentlich ſage— aber ich habe mei⸗ nen guten Vater verkannt und ihm, wenn auch nur für kurze Zeit, ein großes Unrecht gethan. Ich freue mich ebenfalls, daß Sie dieſe Erkenntniß erlangt haben, bemerkte er mit einem hohnvollen Lächeln. Mein Vater bedarf immer erſt einiger Zeit, ehe er zu einem Entſchluſſe kommt, das liegt einmal ſo in ſeinem Charakter, fuhr ſie fort, ohne ſeine finſtere, ſpöttiſche Miene 106 zu beachten. Die große Wichtigkeit der von Ihnen ge⸗ machten Entdeckung iſt ihm erſt klar geworden, nachdem Sie ihn verlaſſen hatten. Sie hätten ihm die Sache überhaupt nicht ordentlich vorgetragen und ſeien ſehr kurz angebunden geweſen, ſprach ſie lächelnd weiter; das mag auch vielleicht ſo in Ihrem Charakter liegen— aber, um es kurz zu machen, denn ich liebe die langen Erörterungen nicht— mein Vater macht Ihnen folgendes Anerbieten, Herr Rohneck: Sie ſollen ſein Wirthſchafts⸗Director und General⸗Bevollmächtigter werden und als ſolcher die ganze Geſchäftsführung übernehmen, namentlich hinſichtlich der anzulegenden Kohlenzechen und all der vielen anderen Dinge, welche damit zuſammenhangen. Wollen Sie das? Würde Ihnen das genehm ſein? fragte ſie, ihn mit einem Blicke anſehend, der den Antheil, welchen ſie an ſeiner freu⸗ digen Ueberraſchung nahm, nur unvollkommen verbarg.— Ueberlegen Sie nicht lange, Herr Rohneck, fuhr ſie in faſt herzlichem Tone fort, es iſt ein ehrliches und wohlgemein⸗ tes Anerbieten. Walther war durch dieſe ganz unerwartete Mitthei⸗ lung ſo überraſcht, daß er einer gewiſſen Zeit bedurfte, um ſeine Gedanken zu ſammeln. Davon hat Ihr Herr Vater gegen mich nichts geäußert, erwiederte er dann mit ungläu⸗ biger Miene. Ich ſagte Ihnen ja bereits, weshalb er das nicht gethanz er hatte eigentlich die Abſicht, Sie bitten zu laſſen, „—— — 107 nach dem Schloſſe zurückzukehren; da er aber erfuhr, daß ich Ihrer Frau Mutter einen Beſuch zu machen im Begriffe ſtehe, ſo beauftragte er mich mit dieſer Mittheilung. Aber Sie haben Sich immer noch nicht erklärt, Herr Rohneck; hoffentlich gehen Sie auf das Anerbieten meines Va⸗ ters ein? Wie können Sie daran zweifeln? erwiederte er, wäh⸗ rend ſein Auge von einer frendigen Erregung erglänzte, die er zu verbergen nicht im Stande war. Ich verſtehe von dieſen Dingen nicht viel, fuhr ſie fort, indem ſie wieder gleichgültig mit ihrer Reitpeitſche Figuren in den Sand zeichnete; Sie wiſſen, Geſchäfte ſind mir einmal verhaßt, und da ich befürchtete, meines Vaters ausführliche Auseinanderſetzungen nicht zu behalten— und ich habe ſie in der That auch ſchon theilweiſe wieder ver⸗ geſſen—, ſo befahl er mir, ſie niederzuſchreiben und Sie zu erſuchen, danach einen Vertrags⸗Entwurf abzufaſſen, denſelben zu unterzeichnen und ihm heute Abend zur Un⸗ terſchrift zu überbringen.— Sie zog bei dieſen Worten ein Papier hervor und reichte es ihm hin. Er nahm es ſchweigend, bog die engen Falten, in die es gelegt war, aus einander, und als dann ſein Blick raſch darüber hinflog, röthete ſich ſein Geſicht vor freudiger Ueberraſchung— denn wenn in ſeinem Charakter auch viel Stolz und Entſagung lag, Verſtellung und Heuchelei waren ihm fremd. 108 Das iſt mehr, weit mehr, als ich erwartet habe, als ich erwarten konnte, ſagte er dann, indem ſein Blick noch immer auf dem kleinen, zerknitterten Blatte haftete, auf welchem mit ihrer zierlichen, deutlichen und feſten Hand⸗ ſchrift die dem Leſer bereits bekannten Bedingungen in la⸗ koniſcher Kürze hingeworfen waren. Sie willigen alſo ein? fragte ſie, zu ihm aufblickend. Nun, das freut mich, freut mich von ganzem Herzen! Zweitauſend Thaler Gehalt— freie, vollſtändig ein⸗ gerichtete Wohnung— fünfundzwanzig Procent Gewinn⸗ Antheil— las er nochmals, als ob er ſich vergewiſſern wolle, daß er ſich nicht geirrt habe— ich würde ſolche For⸗ derungen nie geſtellt haben und fühle mich auf das tiefſte beſchämt— nicht deshalb, ſetzte er mit Selbſtgefühl hinzu, daß Ihr Herr Vater mir dieſe Anerbietungen macht, ſon⸗ dern deshalb, daß ich— nun, warum ſoll ich es verſchwei⸗ gen, daß ich ihn ſo falſch beurtheilt habe. Darüber können Sie Sich wahrlich keinen Vorwurf machen— aber das iſt Manier— ein angenommenes Weſen, worüber man hinwegſehen muß— die Sache wäre alſo abgethan, fuhr ſie mit einem freundlichen Lächeln fort, und ich ſtatte Ihnen meinen Glückwunſch ab, Herr Di⸗ rector; nehmen Sie ihn an, ſo wie er gemeint iſt— auf⸗ richtig und herzlich. Sie reichte ihm dabei ihre Hand, die er von der Er⸗ „— 109 regung des Augenblickes feſter umſchloß, als es nöthig war, und bewegt an ſeine Lippen führte. Sie machen mich zu Ihrem lebenslänglichen Schuld⸗ ner, ſagte er dann leiſe. Für mich iſt das Alles beſonders angenehm, ſprach ſie wieder in unbefangenem Tone fort; Sie ſollen nämlich in dem Hauſe am ſüdlichen Ende des Parkes wohnen, na⸗ türlich, wenn es eingerichtet ſein wird; da habe ich denn nicht mehr nöthig, aufs Pferd zu ſteigen und einen lang⸗ weiligen Ritt zu machen, um Ihre Frau Mutter zu beſu⸗ chen, welche bei Ihren umfangreichen Geſchäften gewiß ſehr viel allein ſein und ebenfalls nach meinem Umgange Ver⸗ langen tragen wird.— Doch Sie haben gewiß den Wunſch, ihr das Ergebniß Ihrer Verhandlung mit mei⸗ nem Vater mitzutheilen, ſagte ſie aufſtehend— ich finde das natürlich und will Sie deshalb nicht länger aufhalten. Sie rief ihrem Pferde, und er zäumte es auf. Grü⸗ ßen Sie Ihre Frau Mutter vielmals von mir, ſprach ſie, während er die Schnallen befeſtigte, weiter, und vergeſſen Sie ja nicht, heute Abend den Contract zur Unterſchrift zu überbringen, mein Vater wartet mit Ungeduld darauf — Sie kennen ihn ja. Er hielt ihr den Steigbügel, ſie ſtützte ſich auf ſeine Hand, welche dabei wieder eine längere Zeit und vielleicht feſter, als es nöthig war, in der ihrigen ruhte, ſchwang ſich dann leicht in den Sattel, nickte ihm nochmals freund⸗ lich zu und ſprengte dann im raſchen Galop davon. Er ſtand noch lange auf derſelben Stelle und blickte ihr unverwandt nach, ſo lange, bis ihre raſch ſich entfernende Geſtalt und ihr wehender Schleier in der Ferne verſchwand. Dann rief auch er ſeinem Pferde, und während er es auf⸗ zäumte, ſtreichelte er es mit beſonderer Zärtlichkeit. Als er es dann beſtiegen hatte, lange nachdem ihre ſchlanke Geſtalt durch einen neidiſchen Hügel verdeckt worden war, lockerte er den Zügel und ließ dem muthigen Thiere freien Willen, um im raſchen Laufe ſeinem Ziele zuzueilen.— Es iſt Alles in Ordnung, Papa, ſagte Hedwig zu ihrem Vater, als ſie zurückgekehrt war— Alles in Ord⸗ nung. Ich habe Herrn Rohneck Deine Anerbietungen, die ich vorher, um jedem Mißverſtändniſſe vorzubeugen, kurz zu Papier gebracht, mitgetheilt, und er hat ſie ange⸗ nommen. Hat er? Es iſt wirklich ſehr uneigennützig von ihm. Es freut mich, daß Du das einſiehſt, Papa; Du wirſt jedenfalls glänzende Geſchäfte machen. Herr Rohneck wird Dir heute Abend den Vertrag zum Unterzeichnen vor⸗ legen; ich habe ihn in Deinem Namen darum erſucht. So, heute Abend? Es hätte immerhin Zeit bis mor⸗ gen gehabt. Ich hatte Dich ſo verſtanden. Aber in Einem Punecte habe ich mich doch geirrt; die Kohlen hefinden ſich —————— L wirklich auf dem dürren Felde und die Muthung iſt daher ganz in der Ordnung. Und drüben am Walde? Da werden ſich wahrſcheinlich auch welche finden; aber darauf kommt es ja jetzt nicht an— Du biſt für alle Fälle ſichergeſtellt. Der Graf war bei all ſeinem Geize ein kluger und berechnender Mann und beſaß außerdem die Eigenſchaft, in manchen Dingen, namentlich in ſolchen, welche die Re⸗ präſentation ſeines Standes betrafen, keinerlei Ausgaben zu ſchenen, ſelbſt verſchwenderiſch zu ſein. Nachdem ihn Hedwig verlaſſen, hatte er die Sache nochmals ſehr reiflich erwogen und war zu der Ueberzeugung gekommen, daß ſeiner Tochter Auffaſſung die richtige ſei. Er bedurfte eines Mannes, der die jetzt umfangreichen Geſchäfte mit Treue und Zuverläſſigkeit führte, und er erkannte, daß Rohneck dazu vollſtändig geeignet ſei und er ihn ſchon ſei⸗ nes eigenen Intereſſes wegen ſo ſtellen müſſe, daß er ſelbſt im Gewinne einen Sporn zur größtmöglichen Thätigkeit finde; daß es außerdem aber ſeine Würde als Graf und Majoratsherr erheiſche, dieſen ſeinen Geſchäftsführer auch in den Augen der Welt ſo hoch als thunlich zu ſtellen. Er ehrte ſich dadurch ſelbſt. Er ſah daher ein, daß er einen Theil des Gewinnes abgeben müſſe, um des anderen deſto ſicherer zu ſein. Deshalb erwiederte er nichts weiter auf die unerwartete letzte Mittheilung ſeiner Tochter, ſondern 112 bemerkte nur, er werde heute Abend mit Herrn Rohneck abſchließen. Hedwig hatte ebenfalls keine Veranlaſſung zu weiteren Erörterungen, ſondern entfernte ſich, nachdem ſie von ihrem Vater noch erfahren hatte, daß ein Brief vom Couſin Alfred gekommen ſei und auf ihrem Zim⸗ mer liege. — 8 — Achtes Capitel. In ihrem Zimmer angekommen, ſetzte Hedwig ſich in einen Seſſel und blieb längere Zeit in tiefes Nachdenken verſunken. Woran ſie dachte, wir wiſſen es nicht, aber das an dem Boden haftende Auge hob ſich öfter raſch wieder empor, um ſich eben ſo raſch wieder zu ſenken: ihre Bruſt ſchien ſich durch das anliegende Reitkleid beengt zu fühlen, denn ſie riß plötzlich mit einem Rucke die dichte Reihe der kleinen Knöpfe auf, welche es vorn zuſammenhielt, und holte dann mehrmals erleichtert tief Athem, als ob ein preſſender Druck auf ihrem Buſen gelegen habe. Erſt nach längerer Zeit erhob ſie ſich wieder und trat an den Tiſch, auf den man Alfred's Brief gelegt hatte. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ſinnend die wohlbekannten Schriftzüge der Adreſſe. Was mag er mir zu ſchreiben haben? ſagte ſie dann— es iſt lange her, daß er ſich dieſer Mühe unterzogen hat.— S ſetzt⸗ Gräſin und Marquiſe. 1V. ſich wieder und erbrach den Brief. Ihre Miene wurde immer erregter, während ſie las, um ihren Mund legte ſich ein ſpöttiſches Lächeln, verſchwindend, um verſtärkt wie⸗ derzukehren, dann lachte ſie laut auf, ſo daß ſie ſelbſt vor dem Tone ihres Lachens erſchrak, und indem ſie leiſe die Melodie eines Liedes ſummte, faltete ſie den Brief me⸗ chaniſch wieder zuſammen, ließ die Hände in den Schooß ſinken und ſaß wieder mit geſenkten Augen ſchweigend wie zuvor. Der Inhalt von Alfred's Brief war allerdings eigen⸗ thümlicher Art und wohl geeignet, verſchiedene Empfindun⸗ gen in Hedwig zu erwecken. Er ſchrieb:„Liebe Coufine Hedwig! Ich bin an einem Abſchnitte meines Lebens an⸗ gelangt, an welchem es mir ein Bedürfniß iſt, mich offen und frei gegen Dich auszuſprechen, damit Du mich nicht unrichtig beurtheilſt und mich auch ferner in derſelben Weiſe lieb haſt, wie Du es bisher gethan.— In derſel⸗ ben Weiſe, Hedwig, ein Mehreres verlange ich jetzt nicht — aber es würde mich ſchmerzen und betrüben, wenn darin eine Aenderung eintreten ſollte. Es gab eine Zeit, wo ich mich der Täuſchung hingab, daß uns vielleicht einſt ein innigeres Band vereinigen könne— aber ich habe erkannt, daß dies eben eine Täuſchung war. In Deinem Herzen iſt nie auch nur der Anfang eines Gefühles rege geworden, aus welchem die Liebe hätte entſtehen können— in dem meinigen— warum ſoll ich es Dir verſchweigen, regte ſich 115 einſt die Hoffnung, es werde ſolche Wandlung bei Dir ein⸗ treten. Bei Dir— und auch bei mir, denn ich will auf⸗ richtig ſein; auch ich habe diejenige Liebe, welche an den Beſitz des geliebten Gegenſtandes das einzige und höchſte Glück knüpft, noch nicht empfunden, aber ich glaube, ſie hätte entſtehen und ſich ausbilden können, wenn ein ſolches Gefühl von Deiner Seite auch nur den Schatten einer Erwiederung gefunden hätte.— Ich bin Dir nie mehr geweſen, als Dein Verwandter, der Gefährte Deiner Kind⸗ heit— ich mache Dir deshalb keine Vorwürfe, denn Ge⸗ fühle laſſen ſich nicht erzwingen, und das Beſtreben dazu kann niemals zum Glücke führen.— Du ſiehſt, ich ſpreche offen und ohne Rückhalt zu Dirz es geſchieht in dem Ver⸗ langen, diejenige Zuneigung, welche uns bisher verbunden hat, unverändert zu erhalten. Es würde mich ſehr betrü⸗ ben, ſehr unglücklich machen, wenn es anders werden könnte. Die Veranlaſſung aber zu dieſer vielleicht etwas außerge⸗ wöhnlichen Mittheilung hat darin ihren Grund, daß ich michverlobthabe. „Vielleicht iſt es thöricht, daß ich ſo vieler Worte bedurft habe, die faſt wie eine Rechtfertigung klingen, um Dir dies zu ſagen— aber mich belebt der Wunſch, nicht von Dir verkannt und nicht falſch beurtheilt zu werden. Laß uns daher dieſelben bleiben, liebe Couſine Hedwig, dieſelben, die wir uns waren— auch in den jetzt veränder⸗ ten Verhältniſſen. Meine Braut lebt vielleicht noch als 8* Kind in Deiner Erinnerung, denn ſie iſt einmal eine kurze Zeit mit Dir in Schönborn zuſammengeweſen. Damals waret ihr Beide noch Kinder, und Du erinnerſt Dich viel⸗ leicht der kleinen Doris von Leba nicht mehr. Jetzt iſt ſie ein liebliches, ſchönes Mädchen von achtzehn Jahren und im Beſitze aller Eigenſchaften, mich glücklich zu machen. Ihr Vater war Oberſt, hat als ſolcher den unglücklichen Krieg mitgefochten und wurde dann auf halben Sold ge⸗ ſtellt. Dies und eine erhaltene ſchwere Verwundung be⸗ ſchleunigten ſeinen Tod, ſo daß er vor drei Jahren geſtor⸗ ben iſt. Die Mutter meiner Braut hatte keine andere Aufgabe, als ihr einziges Kind von ihrem ſehr geſchmäler⸗ ten Einkommen zu erziehen und nichts zur Bildung ſeines Herzens und Verſtandes zu unterlaſſen.— Du ſiehſt daraus, liebe Hedwig, daß nicht äußere Umſtände meine Wahl beſtimmt haben. Ich hoffe, Du wirſt meine geliebte Doris wie eine Schweſter lieben lernen, wenn ich ſie Dir zuführe, was bald geſchehen wird, denn ſie hat endlich ein⸗ gewilligt, nach ſechs Wochen für immer die Meinige zu werden.— Darf ich Dich und Deinen Vater zur Hoch⸗ zeit einladen? Sie ſoll ganz ohne Prunk und ohne Oſten⸗ tation gefeiert werden; dies iſt ihr ausdrücklicher Wunſch. Wie ſehr Du mich durch die Gewährung meiner Bitte er⸗ freuen würdeſt, habe ich nicht nöthig, Dir zu ſagen— Du würdeſt mir dadurch zugleich beweiſen, daß Du noch die⸗ ſelbe Zuneigung zu mir haſt und ſie mir auch ferner erhal⸗ —, 117 ten willſt.— Lächle nicht über dieſen Brief, Hedwig; es würde mich betrüben, wenn ich mir denken könnte, daß in dieſem Augenblicke der mir ſo wohlbekannte ſpöttiſche Zug um Deinen hübſchen Mund ſchwebte!— Theile Deinem Vater meine Verlobung mit, ich ſchreibe nicht beſonders an ihn, und behalte lieb unverändert Deinen treuen Couſin Alfred.“ Alfred's Befürchtung, daß ſie mit ſpöttiſcher Miene den Inhalt des Briefes leſen würde, hatte ſich nicht erfüllt; ſie ſaß vielmehr noch immer gedankenvoll da; ſie wußte ei⸗ gentlich ſelbſt nicht, woran ſie dachte. Plötzlich lachte ſie hell auf. Es iſt ein ſonderbarer, komiſcher Menſch, der Couſin Alfred! rief ſie dann, indem ſie raſch aufſprang— was er ſich für überflüfſige Mühe macht, mir dieſes einfache Ereigniß mitzutheilen!— Ich hätte wahrlich Urſache, ihm zu zürnen— aber es ſcheint, alle Männer leiden an einer unvertilgbaren Selbſtüberhe⸗ bung, und ich muß ihm das zu Gute halten, da er es jeden⸗ falls gut gemeint hat.— Ich erinnere mich des kleinen Mädchens noch, fuhr ſie nach einer längeren Pauſe fort— ſie war etwas ſchüchtern und ſtill für ſich, aber ſie verſprach hübſch zu werden. Nun, wir werden ja ſehen, was aus ihr geworden iſt, wenn wir zur Hochzeit reiſen, was wir natürlich thun werden.— Aber jetzt zum Papa, damit er das frohe Familien⸗Ereigniß erfährt. Popa! rief ſie dieſem mit der freudigſten Miene ſchon von Weitem entgegen, eine ſehr erfreuliche und über⸗ raſchende Nachricht— rathe einmal! Wie kann ich das rathen? erwiederte er verdrießlich. Was gibt es denn wieder, was ſchreibt Alfred? Weshalb ſollteſt Du das nicht rathen können? Er ging immer mit Heirathsgedanken um! Was ſagſt Du? fragte der Graf betroffen— ich will nicht hoffen... Freue Dich, lieber Papa, fuhr ſie in faſt ausgelaſſe⸗ ner Fröhlichkeit fort, denn Alfred hat ſich verlobt mit einem Fräulein Doris von Leba und ladet uns zur Hochzeit ein,* die in ſechs Wochen Statt finden wird. Dann will uns das junge Paar mit einem Beſuche beglücken, und es wird einmal wieder fröhlich und heiter hier zugehen. Ach, dummes Zeug, erwiederte der Graf in ärgerli⸗ chem Tone, treibe nicht ſolche übel angebrachte Scherze— wo iſt der Brief? Ich will ihn leſen. Der Brief?— Er enthielt weiter nichts; ich werde ihn Dir nachher geben— zweifle nicht, ſondern freue Dich mit mir! Iſt es wirklich wahr? fragte der Graf ernſt. Wie kannſt Du nur glauben, ich würde mir ſo etwas ausdenken, mit dem Namen? fagte ſie, immer lachend— ich ſoll es Dir mittheilen, und bin von dem Couſin Alfred beſonders dazu beauftragt. Der Graf ſah ſeine Tochter eine kurze Zeit lang —— — „ 119 durchdringend an, da er aber keine Veränderuag auf ihrem lächelnden Geſichte wahrnahm, zwang er ſich, eine Aeuße⸗ rung, die ihm bereits auf den Lippen ſchwebte, wieder zu unterdrücken, und ſagte nur in ärgerlichem Tone: Nun, er iſt ſein eigener Herr und hat Niemanden zu fragen, ob und wann er heirathen ſoll, wenn die Heirath nur ſtandesgemäß iſt.— Ich hätte übrigens wohl er⸗ warten können, daß er vorher.... Doch ich habe Ge⸗ ſchäfte und kann mich mit ſolch dummem Zeuge nicht län⸗ ger aufhalten, fuhr er ärgerlich auf— willſt Du nicht endlich Dein Reitkleid ausziehen— Du ſcheinſt ver⸗ geſſen zu haben, daß Du damit bereits den Anfang ge⸗ macht haſt. Entſchuldige, lieber Papa, ſagte ſie nicht ohne Verle⸗ genheit, indem ſie einige der geöffneten Knöpfe raſch wieder ſchloß— ich wurde durch Alfred's Brief unterbrochen und konnte die Zeit nicht erwarten, Dir dieſe frendige Mitthei⸗ lung zu überbringen.— Gegen Abend erſchien Walther, und ſein Geſchäft mit dem Grafen wickelte ſich in überraſchend kurzer Zeit ab. Er hatte gegen den von Walther nach Hedwig's No⸗ tizen entworfenen Vertrag im Allgemeinen nichts zu erin⸗ nern und machte nur den Einen Zuſatz, daß ſich derſelbe auf alle Steinkohlen beziehe, die auf ſeinem Grund und Boden gefunden werden könnten. Es wurde eine halb⸗ jährige beiderſeitige Kündigung feſtgeſetzt, mit dem Zuſatze jedoch, daß, wenn ſie von Seiten des Grafen erfolge, ohne nach den landrechtlichen Beſtimmungen gerechtfertigt zu ſein, der Gewinn⸗Antheil Walther fortbezahlt werden müſſe. Kurz— das Geſchäft war abgeſchloſſen, und zwar zur beiderſeitigen Zufriedenheit. Während Walther die erſten Einrichtungen der Aus⸗ führung traf und dabei eine außergewöhnliche Thätigkeit entwickelte, kam Hedwig gar nicht nach dem Vorwerke, auf welchem Walther vorläufig wohnen zu bleiben erklärt hatte, um in nächſter Nähe der Arbeiten zu ſein. Ihr Vater hatte, ſo ungern er es that, eingewilligt, zur Hochzeit ſei⸗ nes Neffen nach Breslau zu reiſen, und Hedwig benahm ſich gegen deſſen Braut und Schwiegermutter mit einer ſolchen Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, daß Alfred davon entzückt war. Es ſchien, als ob ſie den ganzen reichen Schatz ihrer Liebenswürdigkeit hier verſchwenderiſch verausgaben wolle, um die ſchüchterne Doris zu gewinnen, wozu es deſſen gar nicht bedurft hätte, da dieſe die Huldi⸗ gungen ihrer vornehmen künftigen Couſine nicht ohne Ver⸗ legenheit entgegennahm. Die Freundſchaft findet jedoch in dem Herzen junger Mädchen ſtets einen empfänglichen Boden, wenn ſie bereit ſind, dieſe hier etwas zarter und weichlicher gedeihende Pflanze darin Wurzel ſchlagen zu laſſen, und ſo waren Hedwig und Doris bald die beſten Freundinnen, und die —— —— 121 Hochzeit der Letzteren wurde dadurch eine noch heiterer und glücklichere, als ſie ohnehin war. Alfred zog es vor, mit ſeiner jungen Frau eine Reiſe nach Wien zu machen und erſt auf der Rückkehr längere Zeit in Wallfort zu verweilen. Hedwig reiſ'te mit ihrem Vater gleich nach der Hochzeit ſeines Neffen wieder nach Hauſe, da Jener große Eile hatte und ſich in Gedanken faſt ausſchließlich mit der eröffneten Quelle neuer Reichthümer beſchäftigte. Nach Verlauf von vierzehn Tagen kam das junge Ehepaar dann in Wallfort an, und es begann eine Reihe von Feſtlichkeiten, welche zwar dem beſcheidenen Weſen von Doris wenig zuſagten, die der Graf aber der Ehre ſeines Namens und Standes wegen für nöthig hielt und dabei verſchwenderiſche Pracht entfaltete. Zwei unſerer Bekannten betheiligten ſich daran jedoch nicht, der Baron, welcher jeden Umgang mit der gräflichen Familie zu Hed⸗ wig's großer Befriedigung abgebrochen hatte, und Walther, der, ungeachtet der an ihn ergangenen Einladungen, ſeine vielen Geſchäfte vorſchützte. Ganz unbetheiligt konnte er jedoch nicht bleiben, denn ſchon am erſten Tage ihrer Anweſenheit beſuchte Alfred mit ſeiner jungen Frau den Freund ſeiner Jugend, und dieſer gefiel es in der einfachen und doch comfortabeln Einrich⸗ tung ſo ſehr, ſie trug ein ſolches Verlangen nach näherem Umgange mit Walther's Mutter und ihm, daß er es nicht 122 umgehen konnte, die öfteren und längeren Beſuche zu er⸗ wiedern. Er wählte dazu jedes Mal Zeiten und Stunden, von denen er wußte, daß es ruhig auſ dem Schloſſe ſei, und er verbrachte mehrere Abende im traulichen, heiteren Geſpräche mit ſeinem Freunde und deſſen liebenswürdiger, kindlichen Gemahlin. Auch Hedwig fehlte dann nicht, und er mußte anerkennen, daß er ſie noch nie ſo hingebend, ſo herzlich und natürlich geſehen hatte. Es waren das ei⸗ gentlich faſt neue Eigenſchaften, die ſie entwickelte; denn der Stolz, der ſonſt, wenn auch mehr oder weniger ver⸗ ſchleiert, doch immer ihrem Weſen beigemiſcht war, ſchien gänzlich dem Bemühen der zuvorkommenden, theilnehmen⸗ den und aufopfernden Wirthin gewichen zu ſein. Sein Auge ruhte oft lange Zeit, ohne daß er es ſelbſt wußte, auf ihr, wenn ſo der Zauber der Anmuth, mit Geiſt, Fröhlichkeit und Natürlichkeit gepaart, ihr edles Geſicht und ihr ganzes Weſen belebte, und er ſchlug betrof⸗ fen ſeinen Blick nieder, wenn der ihrige dem ſeinen zufäl⸗ lig begegnete, als ob er befürchte, ſie könne ſeine Gedan⸗ ken und Empfindungen errathen haben.— Ob er darin Recht hatte? Wir vermögen es weder zu verneinen, noch zu bejahen. —— Neuntes Capitel. Der Zeitpunkt, in welchem wir Walther's Geſchichte wieder aufnahmen, nachdem wir uns ſo lange mit Margot beſchäftigt hatten, war ungefähr ein Vierteljahr nach Al⸗ fred's Hochzeit. Das junge Ehepaar hatte das Schloß be⸗ reits vor ſechs Wochen wieder verlaſſen, jedoch einen baldi⸗ gen längeren Beſuch in Ausſicht geſtellt, wozu die Freund⸗ ſchaft, welche Doris mit Hedwig geſchloſſen, Veranlaſſung gegeben. Verſchiedene Charaktere ziehen ſich ſtets an, gleiche ſtoßen ſich ab, vorausgeſetzt jedoch, daß der Grund⸗ ſtoff, aus dem ſie beſtehen, nicht verſchieden iſt. Ein edler und ein gemeiner Menſch werden ſich ſtets gegenſeitig ver⸗ neinen, aber ſehr häufig wird ein ſtolzer, hochſtrebender, heftiger von einem ſanften, hingebenden, demüthigen ſich beſonders angezogen fühlen. Es geht damit wie mit den Kräften in der Natur, poſitive und negative Elektricität zieht ſich an, während ſich die gleichartige abſtößt. Wes⸗ 124 halb, wiſſen wir wieder eben ſo wenig, als worin die An⸗ ziehungskraft einer menſchlichen Seele zu der anderen ihren Grund hat. Wenn wir darüber Unterſuchungen und Nach⸗ forſchungen anſtellen, ſo kommen wir eben ſo wenig zu ei⸗ nem Reſultate, wie bei der Elektricität und dem Magne⸗ tismus, und ſchließlich zu dem Urtheile: es iſt wunderbar, es iſt räthſelhaft.— Wunderbar bleibt für uns die ganze Schöpfung, vom Größten bis zum Kleinſten, und das Allerwunderbarſte iſt ſchließlich immer der Menſch ſelbſt. So verſchieden die Charaktere von Doris und Hed⸗ wig daher auch in vielen Dingen ſein mochten, Beide ver⸗ band doch bald eine wirklich innige Freundſchaft, worin vielleicht der Grund von Hedwig's verändertem Weſen zu ſuchen ſein mochte. Denn verändert war ſie, und auch nachdem ihre Freundin ſie verlaſſen, verblieb ſie in dieſer ſanfteren und elegiſcheren Stimmung, offenbar, weil ſie gerade dieſe Eigenſchaften bei Doris ſchätzen und lieben gelernt hatte. Das bewegtere Treiben auf dem Schloſſe hatte einer faſt einförmigen Ruhe Platz gemacht, einer Ruhe, die ihr keineswegs unangenehm war, obgleich ſie die Abweſenheit der Freundin ſchmerzlich entbehrte. In geſchäftlicher Beziehung war es dagegen um ſo lebendiger geworden. Zahlreiche Bergleute arbeiteten in den Kohlenlagern, man hatte ſo ſchnell als möglich Woh⸗ nungen für dieſen neuen Zuwachs der Bevölkerung erbaut, und das ſonſt ſo ſtille Vorwerk, auf welchem Walther bis⸗ —— 125 her gewohnt hatte, glich jetzt einer Colonie, für deren Le⸗ bens⸗und ſonſtige Bedürfniſſe verſchiedenartige Einrichtun⸗ gen getroffen werden mußten. Walther war nun auch in ſeine neue Wohnung herüber gezogen, deren Einrichtung der Graf, von dem in Ausſicht ſtehenden, ſeine Erwartun⸗ gen weit übertreffenden Gewinne entzückt, in einer Weiſe bewirkt hatte, welche ſich nicht allein auf das Bedürfniß beſchränkte. Walther's frühere Wohnung hatten die Schichtmeiſter und Oberſteiger erhalten, kurz, es hatte ſich eine ſehr rege und umfangreiche Geſchäftsthätigkeit ent⸗ wickelt, deren Mittelpunkt Walther blieb. Auch Hedwig ſchien ſich für alles Dies lebhaft zu in⸗ tereſſiren; ſie war häufig draußen an den Zechen, ließ ſich die gemachten oder beabſichtigten Anlagen erklären, und ihr lebhafter und biegſamer Geiſt, welcher jede Sache mit Leichtigkeit auffaßte, war bald auch in dieſen Dingen ſo bewandert, daß Walther ſie zuweilen unwillkürlich wie ei⸗ nen Sachverſtändigen zu Rathe zog. Außerdem verkehrte ſie viel mit Walther's Mutter und half ihr bei der Ein⸗ richtung der neuen Wohnung. Dieſe gab dabei gern ihrem Geſchmacke oder auch wohl ihren Launen nach, ſo daß Walther, wenn er Abends heimkehrte und ihm etwas Neues gezeigt wurde, ſogleich ihre Einwirkung erkannte und im Stillen darüber lächelte. So hätte ſeine Mutter die Mö⸗ bel nicht geordnet, viele Kleinigkeiten, die an ſich überflüſ⸗ ſig und doch geeignet waren, dem Ganzen einen beſonde⸗ ren Reiz, eine beſondere Annehmlichkeit zu verleihen, un⸗ beachtet gelaſſen; darin kennzeichnete ſich ihr geläuterter, vielleicht auch etwas beſonderer und eigenthümlicher Ge⸗ ſchmack. Früher würde ihm dieſe Einmiſchung in ſeine Ange⸗ legenheiten, welche ſich bis auf die Einrichtung ſeines eige⸗ nen Zimmers ausdehnte, in hohem Grade unangenehm ge⸗ weſen ſein, er würde ſie mit Kälte und Stolz zurückgewie⸗ ſen haben— jetzt war dies nicht der Fall. Im Gegen⸗ theile, es erzeugte bei ihm ein wohlthuendes Gefühl, über welches er weiter nicht nachdachte, dem er ſich aber hingab, obgleich er zuweilen dagegen auftrat, gleichſam um den Schein befriedigter Eitelkeit von ſich abzuwenden. Sie macht ſich wirklich unnöthige Mühe, die Gräfin, ſagte er daher eines Abends zu ſeiner Mutter, als er, er⸗ müdet von der Arbeit zurückgekehrt, in ſeinem Zimmer den neuen Bücherſchrank aufgeſtellt fand, in welchem die Bü⸗ cher ſämmtlich geordnet waren, dazu eine kleine Hand⸗ bibliothek über ſeinem Schreibtiſche mit denjenigen Büchern, die zu ſeinem öfteren und augenblicklichen Gebrauche dien⸗ ten— Du ſollteſt das nicht leiden, liebe Mutter! Kann ich es verhindern? Sie iſt einmal ſo, und es wäre unartig von mir, wollte ich ihr widerſprechen. Du hätteſt jetzt ſo viel zu thun, daß Du Dich mit dieſen Klei⸗ nigkeiten nicht beſchäftigen könnteſt, ſagte ſie, und ihr mache das Vergnügen, da ſie ihre Zeit ohnehin nicht zu verwer⸗ — 127 then wiſſe. Du wirſt zugeben, daß ich ihr nicht widerſpre⸗ chen konnte. Findeſt Du es nicht hübſch ſo? Hätteſt Du es anders gewünſcht? O nein, nein— ſie hat viel Geſchmack, das erkenne ich an, aber ich wünſchte nur— den Bücherſchrank hätte ich übrigens doch an jene Wand geſtellt, wo er weniger dem Auge entzogen geweſen wäre, fuhr er lächelnd und in dem Bemühen fort, ſeine eigene Meinung auch zur Gel⸗ tung zu bringen, dieſe Seite des Zimmers iſt überhaupt zu leer. Dort müſſe der neue Flügel ſtehen, ſagte die Gräfin. Ein neuer Flügel? fragte Walther mit ſichtbarem Erſtaunen; der Herr Graf iſt ja überaus zuvorkommend. Er ſteht ſchon unten und ſoll morgen ausgepackt wer⸗ den. Er kam zum großen Mißvergnügen der Gräfin zu ſpät, denn ſie wollte durchaus, er ſollte heute noch herauf⸗ gebracht werden— aber es ging leider nicht mehr, und ſie wußte fort— Du weißt ja, ſie bleibt niemals länger, als ob es ihr unangenehm ſei, mit Dir noch zuſammenzutreffen. Sie iſt wirklich ſehr rückſichtsvoll, erwiederte er, in⸗ dem ſeine Augen gedankewoll auf der Stelle ruhten, wo das neue Inſtrument ſtehen ſollte. Ja, das iſt ſie, beſtätigte ſeine Mutter; ſie fehlt mir ordentlich, wenn ſie nicht hier iſt, und ich hätte ihr das nicht zugetraut, denn ich hielt ſie für ſtolz und hochfahrend. Das iſt auch der Grundzug ihres Charakters, ent⸗ 128 gegnete er nicht ohne einen gewiſſen Zwang in ſeiner Stimme; ſie hat jetzt Langeweile und ſich ein Spielzeug erdacht, um ſie zu vertreiben— das iſt Alles! Bald wird ſie eine andere Beſchäftigung finden und der neuen Liebha⸗ berei eben ſo Rechnung tragen, wie ſie es dieſer thut. Wir dürfen uns dadurch nicht bethören und zu keiner unvorſich⸗ tigen Vertraulichkeit verleiten laſſen, die wir ſpäter gewiß ſehr bereuen würden. Ich habe ja ſchon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht, ſetzte er mit Bitterkeit hinzu, und möchte ſie um alle Schätze der Welt nicht zum zweiten Male machen.— Den Grafen und mich verbindet nichts als das gegenſeitige Intereſſe; ich bin ihm für jetzt unent⸗ behrlich, das weiß er, und der unerwartet günſtige Erfolg unſeres gemeinſchaftlichen Geſchäftes läßt ihn eine Art von Nobleſſe entfalten, die ihm gewiß innerlich ſchwer ge⸗ nug wird, die er jedoch für nöthig hält, theils um mich an⸗ zuſpornen, theils um ſeinen hochgräflichen Namen mit noch größerem Glanze zu umgeben. Glaubſt Du, er würde un⸗ ter ſeinen Standesgenoſſen von mir anders als von ſeinem Beamten reden, den er für angemeſſen erachtet, ſo zu ſtel⸗ len, wie er es gethan? Nur, weil er mich braucht, geſchieht es, und ich würde ſehr thöricht und unklug handeln, wenn ich dies einen Augenblick vergeſſen wollte. Mein Vortheil iſt jetzt ſein Vortheil— bis auf eine beſtimmte Gränze natürlich— er wird dieſe niemals überſchreiten, darauf kannſt Du Dich verlaſſen; hüten wir uns daher, daß wir 129 uns durch dieſe Spielereien verleiten laſſen, es unſererſeits zu thun. Aber die Gräfin, erwiederte ſeine Mutter, welcher dieſe Anſchauungsweiſe ihres Sohnes hinlänglich bekannt war, ihr thuſt Du Unrecht, wenn Du ihrer Handlungsweiſe gleiche Motive unterſchiebſt. Sie iſt die Tochter ihres Vaters, ſagte er hart, und die herablaſſende Freundlichkeit, mit welcher ſie uns beehrt, kann bei uns doch immer nur das Gefühl der Beſchämung hervorrufen. Ich hoffe, ſie wird ſelbſt bald einen anderen Gegenſtand zur Befriedigung ihrer Laune auffinden, ſonſt bleibt doch nichts übrig, als ihr durch unſer Benehmen zu zeigen, daß wir dazu nicht geeignet ſind. Du biſt heute in übler Laune, mein Sohn, und ſoll⸗ teſt eine harmloſe und wohlgemeinte Freundlichkeit nicht mit ſo harten Worten bezeichnen. Sie gibt ſich ſtets unbe⸗ fangen und natürlich und iſt ſo herzlich und zuvorkommend gegen wich, daß ich ihren Stand völlig vergeſſe. Das darfſt Du aber nicht, Mutter, rief er, ſich ſichtlich ereifernd; das iſt es ja eben, was ich befürchte und wovor ich Dich warne. Ich will zugeben, fuhr er unruhig fort, daß ſie es gut meint— mein Gott, warum ſollte ſie es nicht! Sie thut das Alles gewiß nicht in der Abſicht, uns zu ſchaden— aber die ſie bewegenden Antriebe ſind ohne Tiefe, ohne innerlichen Halt. Laß morgen irgend etwas Anderes kommen— vielleicht einen ebenbürtigen Freier, 9 Gräſin und Marquiſe. IW. 130 der ihren Anforderungen entſpricht, ſo iſt die Beamten⸗Fa⸗ milie vergeſſen, und wenn En ſtolz iſt und von dergleichem Volke nichts wiſſen will— gar nichts, ſo wird dasſelbe auch aufhören, für ſie vorhanden zu ſein. Sei deshalb vorſichtig, Mutter! Sie ſah ihn zweifelnd an; es kam ihr faſt vor, als ob er mehr zu ſich ſelbſt, als zu ihr ſpräche, und ſelbſt ſei⸗ ner eigenen Lehren bedürfe, gegen die er befürchte, fehlen zu können. Ich bin überzeugt, daß die Gräfin allein ihren Vater beſtimmt hat, Dir damals plötzlich ſo günſtige Bedingun⸗ gen zu ſtellen, ſagte ſie, ohne zu wiſſen, weshalb ſie plötz⸗ lich dieſe Idee ausſprach— die Sache war zu auffallend; denn nachdem Dir der Graf kurz vorher... Weshalb kommſt Du mit Einem Male auf dieſe Vermuthung? unterbrach er ſie, indem er ſie mit unge⸗ wöhnlicher Erregung anſah. Ich habe einmal dieſen Glauben, erwiederte ſie, ſelbſt wenn Du anderer Anſicht biſt. Aber Dir ſcheint dieſes Ge⸗ ſpräch nicht angenehm zu ſein, mein Sohn, Du biſt müde und hungrig— ſei nicht böſe, daß ich Dich vielleicht ver⸗ ſtimmt habe— das Abendeſſen wartet. Verſtimmt? fragte er wieder freundlich, weshalb ſollte mich das verſtimmen? Komm' denn, laß uns hinunter gehen. Erwägungen, wie er ſie weniger aus innerer Ueber⸗ — 131 zeugung, als aus Neigung zum Widerſpruche gegen ſeine Mutter ausgeſprochen, fingen an, ihn unruhig und nach⸗ denkend zu machen. Er mußte anerkennen, daß dieſes au⸗ ßergewöhnliche, begabte und ſchöne Mädchen ſein Empfin⸗ den und ſein Denken in einer Weiſe, oft gegen ſeinen Wil⸗ len, beſchäftige, welche er ſelbſt als thöricht und leichtſinnig bezeichnet. Er nahm ſich dann jedes Mal vor, kalt und abgeſchloſſen gegen ſie zu ſein; aber wenn ſie dann kam, ihm mit ihrer klaren Stimme einen Gruß zurief, und ihre großen, glänzenden Augen ihn ſo freundlich, ſo ganz ohne alle Beimiſchung von Stolz und Kälte anblickten, die ihnen ſonſt eigen, ſo ſchmolzen ſeine Vorſätze wie der Schnee vor den Strahlen der Sonne; er konnte dieſem anmuthigen, gewinnenden Weſen nicht Kälte und Härte entgegenſetzen, wie er jedes Mal fand, wenn er mit ihr zuſammen war, während er, einſam mit ſeinen Gedanken, wieder zum ent⸗ gegengeſetzten Reſultate kam. Dennoch ſpiegelte ſich dieſer Kampf ſeines Innern in ſeinem Benehmen ab, und er machte immer wieder, wenn auch vergebliche Verſuche, ein ernſtes und gemeſſenes Benehmen gegen ſie aufrecht zu erhalten. Sie ſah ihn dann fragend, faſt vorwurfsvoll, aber ſo unbefangen an, daß er doch immer wieder unterlag. Sie haben etwas, was Sie vor mir verbergen, ſagte ſie, als ſie eines Abends von den Bergwerken nach Hauſe ritten— ich habe das ſchon längere Zeit bemerkt. Es 9 132 quält, es beunruhigt Sie etwas, fuhr ſie mit leiſerer Stimme fort, indem ihre Augen, ohne ihn anzuſehen, auf dem Halſe ihres Pferdes ruhten; es iſt gewiß unrecht, daß ich dies ſage— es ſieht wie eine unbefugte Neugierde aus; denn wenn Sie es mir mittheilen wollten, ſo würden Sie es thun oder gethan haben, ohne daß ich nöthig hätte, da⸗ von zu ſprechen. Ich— ewiederte er ſichtlich verlegen— ich wüßte wahrlich nicht— die Geſchäfte nehmen meine Gedanken zuweilen ſehr in Anſpruch— ich bin deshalb oft zerſtreut — und wenn dies zuweilen der Fall iſt, gnädige Gräfin, ſetzte er in ernſtem und förmlichem Tone hinzu— ſo müſ⸗ ſen Sie die Güte haben, es zu entſchuldigen. Sehen Sie, wie Recht ich habe, erwiederte ſie mit ei⸗ nem faſt muthwilligen Lächeln, jetzt in dieſem Augenblicke haben Sie wieder die böſen Gedanken. Dann ſind Sie mit einem Male gemeſſen, faſt unartig gegen mich, als ob ich Ihnen dazu Veranlaſſung gegeben hätte. Wenn ich das wirklich thue, fuhr ſie ernſter fort, indem ihre Augen⸗ brauen ſich unmerklich zuſammenzogen, ſo ſagen Sie es mir. Doch ſprechen Sie Sich offen aus, denn ich ſetze vor⸗ aus, auf ein ſolches Vertrauen Anſpruch machen zu können — oder täuſche ich mich darin? Sie täuſchen Sich allerdings, erwiederte er befangen, aber nicht darin, daß ich kein Vertrauen zu Ihnen hätte — wie können Sie daran im Mindeſten zweifeln— ich ——————— 133 würde Ihnen das wichtigſte Geheimniß anvertrauen, fuhr er lebhafter fort, indem ſich ihre Blicke einen kurzen Mo⸗ ment begegneten— unbedingt und ohne Rückhalt und mit der Ueberzeugung, daß es nirgendwo ſicherer bewahrt wer⸗ den könnte— aber Sie täuſchen Sich in Ihrer Voraus⸗ ſetzung. Vertrauen Sie mir auch darin und haben Sie Nachſicht und Geduld mit mir und mit meinem Weſen, welches einmal mit dieſen unleidlichen Eigenſchaften aus⸗ geſtattet iſt. Wenn Sie das ſelbſt anerkennen, könnten Sie es viel⸗ leicht ändern? Wir müſſen Vieles ſo nehmen und ertragen, wie es iſt, und ſtehen Alle unter der Herrſchaft der Verhältniſſe. Der Kampf dagegen führt niemals zum Glücke, denn der einzelne Menſch vermag nichts gegen die Allgemeinheit. Ein Auflehnen gegen das Beſtehende, ein Durchbrechen der⸗ jenigen Schranken, welche ihm durch ſtaatliche Einrichtun⸗ gen, ſelbſt durch alte und verjährte Vorurtheile geſetzt ſind, wird immer ein mißglückter Verſuch bleiben, und ſelbſt wenn er mit ſcheinbarem Erfolge verbunden iſt, doch ſpä⸗ ter in ſich ſelbſt wieder zerfallen. Er brach plötzlich in ſeiner Rede ab, denn er fühlte, daß er unwillkürlich viel zu viel geſagt und ſein inneres Empfinden verrathen habe. Sie war ſehr ernſt geworden, und wenn er ſie jetzt angeblickt hätte, was er jedoch nicht that, würde er bemerft 134 haben, daß ſie leiſe erröthend ihre Angen niedergeſchlagen hatte. So ritten ſie ſchweigend eine längere Zeit neben ein⸗ ander hin; ſie fragte nicht mehr, und er ſprach nicht wei⸗ ter, obgleich er ihre Frage eigentlich noch gar nicht beant⸗ wortet hatte. Wie die Sonne heute wieder ſchön untergeht, ſagte ſie dann, wir haben einen wundervollen Herbſt in dieſem Jahre. Der Himmel iſt ſo wolkenlos, ſo klar und rein, wie ich mir Ihre Seele denke, erwiederte er, jetzt zum erſten Male länger zu ihr aufblickend— möge nie der Schatten einer Wolke ſie verdüſtern— möge Ihr Glück zu allen Zei⸗ ten dieſem Himmel ähnlich ſein! Sie verſuchte, ihn anzuſehen und zu lächeln, aber Bei⸗ des wollte ihr nicht gelingen. Es gibt auf der Erde keine ganz glücklichen Menſchen, ſagte ſie dann leiſe— das Ge⸗ ſchick ſorgt ſtets dafür, daß für einen Jeden der Gedanke des Todes nicht zu ſehr als ein Schreckbild erſcheine. Wir reden uns in eine melancholiſche Stimmung, ſprach er, ſich faſt gewaltſam zu einem heiteren Tone zwin⸗ gend— man muß ſolche Neigungen bekämpfen, und ich will damit den Anfang zu meiner Beſſerung machen. Wollen Sie? fragte ſie, ebenfalls wieder lächelnd, ſo beweiſen Sie es mir und ſingen Sie mir heute einige Lie⸗ der. Ich werde dabei zugleich erfahren, ob Ihnen das neue ————— — — ————— 135 Inſtrument zuſagt. Sie wiſſen, fuhr ſie jetzt anſcheinend unbefangen fort, ich treibe ſelbſt leider keine Muſik. Mein Vater legt keinen Werth darauf und hat es daher nicht für nöthig gehalten, das Kind, welches ſich hartnäckig gegen die Erlernung der erſten Anfangsgründe ſträubte, eben ſo hart⸗ näckig zur Ueberwindung derſelben zu zwingen.— Jetzt bedauere ich dies ſehr, denn ich liebe die Muſik und beneide Jeden, dem es vergönnt iſt, ſich durch Ausübung dieſer Kunſt Genüſſe zu verſchaffen, die ich leider entbehren muß. Wollen Sie mir meine Bitte gewähren? Gern, ſehr gern. Nun, dann fort! rief ſie, den Zügel ihres Pferdes lockernd, die Sonne iſt längſt hinunter und die erſten Schleier der Nacht flattern über den Wieſen. Er hatte in ſeiner neuen Wohnung nur wenig geſun⸗ gen— überhaupt ſich dieſer Beſchäftigung nur ſehr ſelten hingegeben. Es waren jedes Mal trübe Gedanken in ihm aufgeſtiegen, wenn er den Verſuch gemacht, und ſeine Stimme war dann oft mitten in einem Liede verſtummt. Hedwig hatte ihn nur ein einziges Mal, ohne ſein Wiſſen, gehört und er ihre Aufforderung zum Singen dann immer abgelehnt. Heute zum erſten Mal wollte er ihrem Wunſche nachkommen. Er ſetzte ſich an den Flügel und ſpielte zuerſt einfache Weiſen und Accorde, bald aber ergab er ſich dem Zauber der Töne und ſchwelzte in dem Genuſſe, ihnen ſeine Em⸗ 136 pfindungen in jener Sprache anzuvertrauen, welche keiner Worte bedarf, um zu reden und verſtanden zu werden. Er vergaß Hedwig und ſeine Mutter, er glaubte allein zu ſein, und erſt nachdem er dann plötzlich wieder daran dachte, daß er Zuhörer habe, brach er dieſe wilden, regelloſen Phantaſien ab und ſchloß mit gewohnten und bekannten Uebergängen. Wie ſchön Sie ſpielen können! ſagte ſie ſichtlich be⸗ wegt— ich beneide Sie darum— aber was hilft es mir — ich kann nur hören— nichts darauf erwiedern. Und nun ſingen Sie, wie Sie mir verſprochen. Er ſang ein paar Arien aus Mozart'ſchen Opern; ſie hörte ihm zu, ohne ſich darüber zu äußern, wie er erwar⸗ tet hatte. Es ſind dies gewiß r ſchöne Arien, ſagte ſie dann, aber ſie ſprechen mich nicht an— ich mag überhaupt nicht aus Opern herausgeriſſene Stücke, wo der dramatiſche Zuſammenhang fehlt. Sie mögen daraus erſehen, ſetzte ſie ſich faft entſchuldigend hinzu, einen wie wenig geläuter⸗ ten Geſchmack ich beſitze. Sie ſangen neulich ein Lied. Das gefiel mir. Ein Lied iſt ein Ganzes für ſich, es drückt eine beſtimmte Empfindung der Seele aus— wenn auch nur Eine, aber dieſe ganz. Singen Sie ein paar Lieder. Lieder? fragte er— haben Sie vielleicht ein beſon⸗ deres Lieblingslied 7 Ich bin leider ein Fremdling in der Muſik, Sie wiſ⸗ 137 ſen es ju— ſingen Sie dasſelbe Lied, das Sie drüben ſangen, als ich Sie zufällig hörte. Es iſt ſehr einfach, ſagte er zögernd. Gerade das liebe ich. Ich befürchte, es wird Ihnen nicht gefallen. Warum befürchten Sie das. Das Lied, was ſie verlangte, war Margot's Lieblings⸗ lied— er hatte es ſie gelehrt, ſie hatte es oft mit ihrer lieblichen, ſchönen Stimme geſungen und ihn immer gebe⸗ ten, die zweite zu ſingen. Später war dies eine ſtillſchwei⸗ gende Verabredung zwiſchen ihnen, und wenn ſie auf der Guitarre die bekannten Accorde der Begleitung anſchlug, dann ſangen ſie Beide ſtets— gewöhnlich zum Schluſſe — dieſes einfache, melancholiſche Volkslied.— Es trat dies Alles mit Einem Male lebendig vor ſeine Seele, und es war ihm, als müſſe Hedwig, nachdem er die Accorde angeſchlagen, auch die Melodie einſetzen. Aber ſie ſchwieg — und er ſang endlich, nachdem er viel länger präludirt, als nöthig war— er fang ſehr leiſe und gedämpft. Nach den erſten, einfachen Sätzen, beim zweiten Theile des Ver⸗ ſes, fiel er unwillkürlich in die zweite Stimme, ſang noch einige Worte weiter, dann aber brach er plötzlich ab und ſchloß, indem er wild über die Taſten hinfuhr, mit einer grellen Diſſonanz. Es hat Ihnen nicht gefallen! rief er dann, erregt auf⸗ 138 ſpringend, wie kann ein ſolches Lied auch Anſpruch auf Ihren Beifall haben? So hat es mir nicht gefallen, wenigſtens das Ende nicht, ſagte ſie, ſich gleichfalls erhebend— vielleicht gelingt Ihnen ein anderes Mal der Schluß beſſer, wenn Sie we⸗ niger übel gelaunt ſind. ———— ———— Zehntes Capitel. Es geſchieht oft, das anſcheinend unbedeutende Ereig⸗ niſſe eine nachhaltige Wirkung auf uns und einen weſent⸗ lichen Einfluß auf unſere fernere Handlungsweiſe ausüben. Wir haben eine Zeit lang in einer unbefangenen Verken⸗ nung der Verhältniſſe oder unſerer eigenen Empfindungen fortgelebt, vielleicht es auch abſichtlich unterlaſſen, darüber tiefer nachzudenken oder eine Selbſtprüfung mit uns vor⸗ zunehmen; wir geben uns Eindrücken hin, die unſerem Herzen oder unſeren Leidenſchaften zuſagten, ohne uns um die etwa daraus entſtehenden Folgen zu bekümmern. Plötz⸗ lich bringt uns ein zufälliges, anſcheinend gleichgültiges Ereigniß zu der Erkenntniß, daß wir ſchon längere Zeit auf einem gefahrvollen Wege fortgewandelt ſind, ohne uns des Endzieles desſelben jemals bewußt geworden zu ſein. Aehnlich, wenn auch nicht in vollem Umfange, erging es Hedwig. Der Umgang mit Walther war ihr nach und 140 nach ein Bedürfniß geworden, die Stunden, welche ſie in Gemeinſchaft mit ihm zubrachte, die geiſtige Anregung derſelben boten ihr einen Genuß, den ſie faſt nicht mehr entbehren konnte, worauf ſie ſich im Stillen freute, nach dem ſie ſich ſehnte und in deſſen Nachklängen ſie fortlebte, wenn er vorüber war. Sein ſich widerſprechendes Weſen erhöhte dieſen Genuß, ihre Eigenliebe flüſterte ihr zu, daß er gleiche Empfindungen theile und nur, vielleicht ihrer ge⸗ genſeitigen Stellung wegen, dagegen ankämpfe. Er ſtieg deshalb um ſo höher in ihrer Achtung und Werthſchätzung, und dadurch ſteigerte ſich bei ihr das Be⸗ ſtreben, den Standesunterſchied ihm gegenüber immer mehr verſchwinden zu laſſen, gerade weil er ihn zu erhalten bemüht war. Die Gefahr, welche in dieſem Allem für ſie ſelbſt lag, daß ihr Herz ſich dabei betheiligen könne— daran hatte ſie niemals gedacht. Das Bewußtſein, durch ihren Stand und durch die Verhältniſſe vollſtändig da⸗ gegen geſchützt zu ſein, ließ ſie wie ein Kind mit dem Feuer ſpielen, das ja ſo angenehm leuchtete und erwärmte, das zu verlöſchen aber ja nur von ihrem Willen abhing. Dann kamen bei ihr au Stunden, beſonders wenn ſie Abends einſam auf ihrem Zimmer ſaß, wo ſie über mancherlei Dinge nachdachte, welche bisher ganz außerhalb ihres Ideenkreiſes gelegen hatten, in welchen ſie Manches in einem anderen Lichte zu betrachten begann, als dies bis⸗ her der Fall geweſen war. Sie beſchäftigte ſich mit den 141 Ideen, welche die franzöſiſche Revolution hervorgerufen, und fand Manches gerechtfertigt, was ſie bisher verdammt und verabſcheut hatte. Weshalb an veralteten Vorurtheilen und Beſchrän⸗ kungen feſthalten, welche die Zeit längſt beſeitigt hatte? War Frankreich nicht dadurch allein ſo groß und mächtig geworden, daß es mit den Anforderungen der Zeit fortge⸗ gangen, und hatten die alten, morſchen Staatseinrichtun⸗ gen ſeiner Gegner nicht dieſem Geiſte unterliegen und ſich beugen müſſen? Auch Preußen hatte dieſe Bahn, wenn auch erſt nach ſchwerem Unglücke, betreten; aber gerade Diejenigen, zu denen ſie gehörte, ſträubten ſich dagegen, weil ſie die Intereſſen ihres Standes gefährdet glaubten. Das waren gefährliche Ideen, die ſich ihrer leicht er⸗ regbaren Seele bemächtigten; ſie ſelbſt empfand das und hütete ſich, mit ihrem Vater darüber zu ſprechen— auch mit Walther nicht; ſie wußte, er wäre ihr Gegner geweſen, und empfand außerdem eine Scheu, Anſichten gegen ihn auszuſprechen, welche ohnehin nur oberflächlich in ihr Wur⸗ zel geſchlagen hatten und dabei leicht einer Mißdeutung hätten unterliegen können. Hätte ſie eine ernſtliche Selbſtprüfung mit ſich vorge⸗ nommen, wäre dies überhaupt möglich geweſen, ſo wäre ſie zu einem ganz anderen Reſultate gekommen. Bei dem Weibe iſt immer das Gefühlsleben vorherrſchend und das Herz die bewegende Kraft, der Verſtand ein nur abhängi⸗ 142 ges Werkzeug, welches zur Förderung oder zum Hemmen derſelben gebraucht wird. Es gibt Frauen, bei denen die⸗ ſer Satz anſcheinend irrig erſcheinen kann, welche große Pläne erdenken, die Geſchicke ganzer Länder beſtimmen; aber könnte man auch hier jedesmal auf den innerſten Grund ihres Handelns zurückgehen, ſp würde man erken⸗ nen, daß immer das Herz in erſter Reihe betheiligt war und ganz unbedeutende Einwirkungen darauf leicht Alles wieder über den Haufen werfen konnten. Hedwig's Herz war, ihr ſelbſt unbewußt, in ihrem Benehmen gegen Walther betheiligt— vielleicht mehr, als ſie es für möglich hielt. Sie verglich ihn im Stillen mit den Männern, die ſie bis jetzt kennen gelernt hatte, und immer zu ſeinem Vortheile. Der Baron, ein eitler, fader Schwätzer, kam gar nicht in Betracht, Alfred— er war ihr nie mehr als ihr Verwandter geweſen— ruhig, un⸗ verändert, wenigſtens gegen ſie; er hatte dabei zuweilen. ein belehrendes, faſt ſpöttiſches Weſen, als ob er zu einem Kinde ſpräche— ſie liebte das nicht, es verletzte ihren Stolz. Die Nachricht von ſeiner Verlobung war für ſie üßerraſchend— weiter nichts, vielleicht mit etwas Aerger gepaart darüber, daß er mit ihr davon gar nicht vorher geſprochen, ſie nicht um Rath gefragt hatte. Ihrem Be⸗ nehmen gegen Doris lag anfänglich das Beſtreben zu Grunde, ihrem Vetter darüher, daß ſie ſich über ſeine Ver⸗ lobung freue voder daß ihr dieſelbe gleichgültig ſei, jeden 143 Zweifel zu benehmen. Dann gewann ſie das ſanfte, lie⸗ benswürdige Mädchen wirklich lieb und wurde ihre Freundin. Walther dagegen entſprach dem Ideale, das ſie ſich in ihrer Phantaſie von einem Manne geſchaffen hatte. Ein jedes Mädchen träumt ſich ein ſolches Ideal, welches es ſpäter dem Gegenſtande ſeiner Wahl anzupaſſen verſucht, bis es gewöhnlich zu der Ueberzeugung kommt, daß entwe⸗ der das geträumte oder das wirkliche Ideal eine Täu⸗ ſchung geweſen iſt. Schon daß er in den Krieg gezogen, wenn auch in einen erfolgloſen— er hatte doch diefer Idee Alles geopfert—, ſtellte ihn bei ihr über die anderen Männer, welche ruhig dieſen Erfolg abgewartet und dann klug darüber abgeſprochen hatten. Er war ſtolz ſelbſt⸗ bewußt, aber entfernt von jeder Anmaßungz er beſaß nicht nur einen gebildeten Geiſt, ſondern auch Bildung des Her⸗ zens. Er konnte ſich für alles Erhabene und Schöne be⸗ geiſtern, wenn er auch nur in ſeltenen Momenten dieſen Empfindungen Worte verlieh, dieſe machten dann einen um ſo tieferen Eindruck.— Es waren auch ſchon man⸗ cherlei Erinnerungen, die ſie mit ihm vereinte, und dieje⸗ nige an die Nacht auf der Liſſa Hora wollte immer noch nicht erblaſſen. Deshalb fand ſie in ſeinem Umgange vollſtändige Befriedigung für den Mangel anderer Geſelligkeit. Sie entbehrte dieſen nicht mehr, im Gegentheil, ſie hatte ſich, 144 ohne es ſich einzugeſtehen, nach der Abreiſe von Alfred und ſeiner jungen Frau im Stillen geſehnt und war nie inner⸗ lich froher geweſen, als ſie wieder allein war, denn wäh⸗ rend dieſer Zeit hatte ſie Walther faſt gar nicht geſehen. Ihr Weſen und Benehmen hatte ſich gegen ihn verändert; auch dies hatte ſie nicht bemerkt, er ſcheinbar ebenfalls nicht; aber ſie war nachgiebiger geworden, hatte ſich ſeinem Willen oft untergeordnet, ohne daß er ihn ausgeſprochen, und dies Alles war ganz unmerklich und nach und nach ſo emporgewachſen wie eine Pflanze, die, zuerſt kaum ſichtbar, von Wärme und Licht gefördert, unmerklich fortwächſ't und dann plötzlich in voller Blüthe daſteht. Er war oft wortkarg und abſichtlich förmlich gegen ſie, ſie hatte ſich daran gewöhnt; es kamen wieder Zeiten, wo es anders war, ſie wußte das, und ſie empfand eine gewiſſe Genugthuung, wenn er ſo war, ſie wußte ebenfalls nicht, weshalb. Jetzt mit einem Male trat eine Aenderung bei ihr ein. Sie fühlte ſich durch ſein Benehmen am letzten Abende verletzt. Sie konnte ſich einen Grund davon nicht angeben, aber je mehr ſie darüber nachdachte, um ſo mehr befeſtigte ſich dieſes Gefühl, denn zum erſten Male ärgerte und ſchämte ſie ſich, daß ſie darüber nachdenken mußte. Wenn ich ihn freundlich um eine ſolche Kleinigkeit bitte, ſagte ſie ſich mit erwachendem Stolze, ſo benimmt er ſich.... Rückſichtsloſer kann man nicht handeln, gegen 145 Niemanden— gegen ein ganz gewöhnliches Mädchen nicht. Und habe ich ihm Derartiges nicht ſchon öfter hin⸗ gehen laſſen? Thut er nicht immer, als ob er mir eine Gnade oder eine Gunſt erwieſe, wenn er ſich herabläßt, freundlich und natürlich gegen mich zu ſein? Heute ſpre⸗ chen wir vertraut und unbefangen mit einander und mor⸗ gen empfängt er mich wieder mit einer fremden Förmlich⸗ keit, als ob wir uns zum erſten Male ſähen! Aber ich trage allein die Schuld, fuhr ſie in ihrem Selbſtgeſpräche lei⸗ denſchaftlicher fort, weshalb werfe ich mich gegen ihn fort? — Sie erſchrak, als ſie dieſes Wort ausgeſprochen hatte; es war ihr, als ob ein Fremder ihr Thun und Laſſen be⸗ urtheilt habe.— Das war wohl nicht der rechte Aus⸗ druck, ſprach ſie leiſe nach einiger Zeit weiter, aber ich— ich— nun, ich hätte nicht ſo offen, nicht ſo harmlos und unbefangen gegen ihn ſein ſollen. Er ſcheint das gar nicht einmal zu wünſchen und faſt anzunehmen, daß er mir damit eine Gefälligkeit erwieſe, während er ſich es klar machen ſollte, daß— daß dies von meiner Seite geſchieht. Aus Langerweile— vielleicht auch aus Rückſichten gegen ihn und ſeine Mutter.— Es iſt hier ſo einſam und un⸗ erträglich langweilig.— Aber er ſoll von jetzt an ſehen, daß man auch etwas Langeweile beſſer ertragen kann, als Rückſichtslofigkeit und ein unartiges Benehmen. Rein, ich müßte mich vor mir ſelbſt ſchämen, wollte ich ihm dies nicht gründlich beweiſen! Wu kümmert mich it Gräſin und Marquiſe. 1V. 10 146 dieſer Mann? fuhr ſie gezwungen auflachend fort— mag er ſeine Kohlen graben laſſen und mit meinem Vater rech⸗ nen nach Belieben— ich werde ihn fortan in dieſen Ge⸗ ſchäften nicht mehr ſtören, und wenn wir zuſammenkommen, ſo wird nur die Gräfin Hedwig von Wallfort mit dem Herrn Director von Rohneck verkehren. Mit Walther ging ebenfalls eine Umwandlung vor, aber gerade in entgegengeſetzter Weiſe. Er hatte bisher in der inneren Täuſchung gelebt, daß Hedwig ihm eine durchaus fernſtehende Perſon ſei; die Verhältniſſe beding⸗ ten dies, und deshalb mußte es ſo ſein. Zuweilen konnte er ſich der Erwägung zwar nicht entſchlagen, daß die Ge⸗ wohnheit des täglichen Verkehres eine gegenſeitige Theil⸗ nahme und Werthſchätzung zwiſchen ihnen erzeugt habe; jedes Mal aber, wenn ſeine Gedanken dieſe Richtung nah⸗ men, wurde er innerlich mit ſich unzufrieden und wieder förmlich und fremd gegen Hedwig, bis ihre Unbefangen⸗ heit und Freundlichkeit das bisherige Verhältniß wieder herſtellte. Am anderen Tage war er wie gewöhnlich bis zum Abende bei den Kohlenbergwerken beſchäftigt; der Graf war mit einem vornehmen Beſuche, einem hochgeſtellten Bekannten hinausgekommen und hatte dieſem die neuen Anlagen gezeigt. Die Erwartungen des mehr aus Neu⸗ gierde Anweſenden waren durch den Augenſchein weit über⸗ troffen worden, und als ein erfahrener Geſchäftsmann 147 ſprach er ſich in der anerkennungswertheſten Weiſe und nicht ohne einen Anflug von Neid darüber aus. Der Graf, welcher längſt den Werth von Walther's umfaſſen⸗ der Thätigkeit erkannt hatte, nahm dieſe Gelegenheit wahr, um zum erſten Male ſeines Directors Verdienſte im voll⸗ ſten Maße anzuerkennen, und war in ſeinem ganzen Be⸗ nehmen gegen Walther überhaupt ſo rückſichtsvoll, daß dieſer dadurch eine große innere Genugthuung erhielt, ob⸗ gleich er ſich auch dieſe Empfindung nicht eingeſtehen wollte. Das Verhältniß zwiſchen dem Grafen und Walther war überhaupt längſt ein anderes geworden, denn der Graf nahm jetzt gegen ihn in ſeinem Benehmen Rückſichten, welche den Standesunterſchied wenigſtens äußerlich durch⸗ aus nicht mehr hervortreten ließen. Auch der Fremde, ebenfalls ein Graf und Majoratsherr, beobachtete ein gleiches Benehmen und verkehrte mit dem Herrn Director ganz wie mit ſeines Gleichen, nur daß er zu ſeiner eigenen Belehrung mancherlei Fragen an ihn richtete, welche ge⸗ eignet waren, ſeiner Eigenkiebe zu ſchmeicheln. Mit den verbindlichſten Verſicherungen des Dankes entfernten ſich endlich die beiden Grafen wieder, und Wal⸗ ther lag wie ſonſt ſeinen Geſchäften vb. Wer ihn beob⸗ achtet hätte, würde jedoch gefunden haben, daß er von einer ihm ſonſt fremden Unruhe ergriffen war. Er hatte ſein Pferd beſtiegen, und indem er den Arbeitern Anwei⸗ ſungen ertheilte oder mit den Schichtmeiſtern ſprach, blickte 10* 148 er öfter zerſtreut hinaus nach der Richtung des Schloſſes. Es war um die Zeit, in welcher Hedwig gewöhnlich zu kommen pflegte; die Sonne ſtand ſchon ziemlich tief am Himmel, der wieder eben ſo klar und heiter war wie geſtern. Er mußte ſich eingeſtehen, daß er ſie erwarte; kam ſie doch an jedem Tage. Sie wußte genau, was im Laufe desſelben geſchaffen worden, ſie ſprach mit ihm dar⸗ über, lobte oder tadelte auch, wie es ihr gerade gefiel. Das letztere geſchah allerdings nur im Scherze, das wußte er, wenn ſie ſich auch den Anſchein des Ernſtes gab. Dann trieb ſie ihn gewöhnlich an, ſein Tagewerk zu ſchließen, und wenn dies dann geſchehen war, pft nicht ohne daß er noch dies oder jenes gar nicht Nothwendige vorgenommen hatte, ritten ſie zuſammen plaudernd nach dem Schloſſe. Heute, wo ſie immer noch nicht kam, erſchien ihm dieſer gewohnte Schluß ſeines Tagewerkes beſonders reizvoll; es fehlte ihm etwas, und er blickte verlangend auf den Weg hinab, der vom Schloſſe herführte. Aber obgleich er denſelben ſehr weit zu überſehen vermochte, ſein ſpähendes Auge ſuchte vergebens das Bild der raſch dahin fliegenden Reiterin, ihr flatterndes Gewand und ihren wehenden Schleier. Er blieb heute viel länger als ſonſt; die Sonne war längſt hinabgeſunken und die Dämmerung der kommenden Herbſtnacht lag ſchon über der Gegend. Die Sonne iſt längſt hinunter und die erſten Schleier 149 der Nacht flattern über den Wieſen— ſagte ſie geſtern, als wir heimritten, ſprach er vor ſich hin— und dann dachte er an Alles, was ſie vorher und nachher zuſammen geſprochen. Sie wird bei der Mutter ſein und dieſer wie⸗ der an der Einrichtung helfen, ſprach er mit einem befrie⸗ digten Lächeln weiter— ich kann mir das denken, deshalb iſt ſie heute nicht gekommen. Unwillkürlich ließ er bei dieſen Gedanken ſein Pferd eine raſchere Gangart annehmen und ſtand bald darauf im Zimmer ſeiner Mutter. Biſt Du allein, liebe Mutter? fragte er mit unver⸗ kennbarer Unruhe. Wer ſollte bei mir ſein? Ich dachte, vielleicht Hedwig— die Gräfin, ſetzte er, ſich verbeſſernd, hinzu. Ihr kommt ja ſonſt gewöhnlich zuſammen; bringſt Du ſie heute nicht mit? Nein; ſie war nicht an den Gruben. Hier auch nicht. Den ganzen Tag nicht? Nein, mein Sohn; aber weshalb dieſe Frage?— ſie iſt ja öfter Tage lang nicht hier. Ich dachte nur, ſagte er nicht ohne Verlegenheit— ſie wird doch nicht krank ſein? Krank? fragte ſie verwunderungsvoll; weshalb kommſt Du zu dieſer Befürchtung? Nein, ich habe ſie noch vor un⸗ 150 gefähr einer Stunde geſehen, als ich im Garten war; ſie ritt den Weg nach dem Schloſſe hinauf und winkte mir von Weitem einen Gruß zu. Von welcher Richtung kam ſie? Sie ritt auf der Straße, welche zur Stadt führt; vielleicht iſt ſie dort geweſen. Wahrſcheinlich, ſagte er verſtimmt, wiewohl ich kaum wüßte, was ſie dort hätte thun ſollen. Mein Gott, ſie wird ſpazieren geritten ſein, wie ſie es täglich thut! erwiederte lächelnd ſeine Mutter. Spazieren geritten, wiederholte er träumeriſch— ſie reitet aber— doch was kümmern mich ihre Ritte, ſetzte er plötzlich ärgerlich über ſich ſelbſt hinzu— ich weiß ſelbſt nicht, wie ich zu dieſen Fragen gekommen bin. Es iſt mir aber ſehr lieb, daß ſie nicht hier iſt, wie ich faſt befürchtete, denn ich bin ſehr müde und will bald zu Bette gehen. Du gönnſt Dir zu wenig Erholung, mein Sohn, ſagte beſorgt ſeine Mutter, und ſtrengſt Dich zu ſehr an; Du ſollteſt Mittags nach Hauſe kommen und nicht den ganzen Tag über draußen bleiben. Die Tage ſind ſchon ſo kurz, und es iſt noch ſo Vie⸗ les zu thun vor dem Winter, ſehr umfaſſende Erdarbeiten, welche ſpäter— doch es kommt Jemand— ſollte ſie doch noch vielleicht...2 Nein, ſei ohne Sorgen, ſo ſpät kommt ſie niemals, man ruft uns zum Eſſen; ich hoffe, Du wirſt meinen Bra⸗ 151 ten loben, denn er beſteht in dem Ziemer des Rehes, wel⸗ ches mir die Gräfin vor einigen Tagen geſchickt hat. Ich habe wirklich wenig Appetit. Nun, der wird ſich finden. Als er ſpäter allein war, verſcheuchten Gedanken mancherlei Art den Schlaf, nach welchem der ermüdete Körper ſich ſehnte, denn die Seele muß auch ruhig und müde ſein, wenn wir uns jenem Zuſtande überlaſſen follen, in dem das Bewußtſein ſchwindet, wo die willkürliche Thä⸗ tigkeit der Seele und des Körpers aufhört und der ſo viel Aehnlichkeit mit dem Tode hat. So lange der Geiſt noch geſchäftig bleibt, ſtrebt der ermüdete Körper vergebens nach der Ruhe, in welcher er neue Kräfte ſammelt, und Wal⸗ ther's Geift war heute beſonders geſchäftig. In dem Be⸗ ſtreben, den Schlaf zu erzwingen, erzeugte ſich jene newöſe Aufregung, wo die Bilder der Phantaſie zum wachenden Traume werden und wie eine fremde, außer uns liegende Macht unſeren Willen feſſeln oder beſchränken, ſo daß unſer Denken halb von uns beſtimmt, halb von unſerem Willen unabhängig vor ſich geht. Er ſaß mit Margot in der Laube der Fichtenau; ſie lauſchte ſeinen Worten, ihre Hant lag in der ſeinen und ihre treuen, ſanften Augen blickten ihn an voll kindlichem Vertrauen und mit kindlicher Zärtlichkeit; aber dieſe Augen veränderten ſich allmählig und erhielten einen anderen, 152 glänzenderen Ausdruck— es war nicht mehr Margot, welche neben ihm ſaß, ſondern Hedwig. Laſſen Sie uns fort, hinaus, ſagte ſie, indem ſie auf⸗ ſtand und ſeine Hand losließ; was ſitzen wir hier in dieſer engen Laube, wo es ſchwül und dumpfig iſt? Kommen Sie hinauf zu den Höhen, wo das Land und die Menſchen tief unter uns liegen. Sie ritten neben einander, ſie auf dem milchweißen Pferde und er auf der kohlſchwarzen Liſſa, es wurde nach und nach ein wildes, raſendes Rennen, bis ſie droben auf dem Gipfel des höchſten Berges ſtanden. Wie ſchön, wie herrlich, ſagte ſie; ach, hätten die Pferde Flügel und wir könnten weiter, fort durch die Lüfte, ganz von der Erde fort, die ſo klein und erbärmlich iſt— wie ſchön müßte es ſein irgendwo, wo es keine Menſchen gäbe!— Dann wurde es Nacht, und er ſaß mit ihr tief im Walde, ganz allein, wie damals in der Nacht auf der Liſſa Hora. Das Feuer war erloſchen, und der Mond blickte durch die Baumgipfel auf den Raſen der einſamen Lichtung. Sie hatte ſich an ihn gelehnt und ihr Kopf ruhte an ſeiner Bruſt, ſein Arm hielt ſie, ohne daß ſie ſich dagegen ſträubte. Jetzt fürchte ich mich nicht mehr, flüſterte ſie zu ihm herauf, wie damals, als wir das erſte Mal die Nacht im Walde waren, obgleich ich es verheimlichte, ich fürchtete mich dennoch, und es machte mich ſehr glücklich, daß Sie mich gefunden hatten, wenn ich es auch nicht eingeſtand.— 153 Jetzt iſt das anders, jetzt ſind Sie mir kein Fremder mehr, ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann und in Ihrem Schutze ſicher bin.— O, wie ſchön iſt es in einer ſolchen einſamen Nacht im Walde!— Dann ſchlummerte ſie ein. Er fühlte das leiſe Wo⸗ gen ihres Buſens und den Hauch ihres Athems.— Liebſt Du mich, flüſterte ſie im Schlafe, liebſt Du mich, Walther — ſo wie ich Dich liebe— lange— lange ſchon? Er beugte ſich hinab und drückte einen langen Kuß auf ihre halbgeöffneten, ſchwellenden Lippen— ein ſehn⸗ ſuchtsvoller Seufzer hob ihre Bruſt— dann riß er ſich ge⸗ waltſam aus dieſen verlockenden Phantaſien empor und blickte erſchreckt in dem Zimmer umher, welches vom Mond⸗ lichte matt und magiſch erleuchtet war. Er bedurfte einer geraumen Zeit, um ſich wieder in die Wirklichkeit zu ver⸗ ſetzen— er mußte aufſtehen und Licht anzünden, um end⸗ lich die Bilder des wachenden Traumes verſchwinden zu laſſen. Ob es ihm ganz gelang, wir wiſſen es nicht, denn die Gedanken, welche in ſolchen Stunden durch die Seele des Menſchen ziehen, bleiben ihr eigenſtes Eigenthum; nur eine andere Seele, die ganz mit ihr verbunden iſt, kann die Mitwiſſerin davon werden— aber Welther beſaß keine ſolche. Elftes Capitel. Die Einwirkung der Nacht zitterte noch in Walther nach, als er am anderen Morgen ſeinen Geſchäften wieder nachging. Es kam ihm Alles freind und verändert vor und es war ihm immer noch, als ob er das wirklich Alles er⸗ lebt habe, auch die nüchternſte Reflexion vermochte den Eindruck dieſer lebhaften Phantaſie nicht ganz zu ver⸗ wiſchen. Hedwig war ihm mit Einem Male eine Andere geworden, und er fürchtete ſich förmlich, ihr zu begegnen. Es war ihm, als ob er ein Unrecht gegen ſie begangen, eine Schuld zu ſühnen habe— und doch hatte er ſich noch niemals ſo ſehr danach geſehnt, ſie zu ſehen und zu ſprechen, als gerade heute. Aber dieſe Sehnſucht blieb unerfüllt, denn ſie kam nicht, und als er am Abende heimkehrte, un⸗ zufrieden mit ſich, unruhig und erregt, war ſie auch den ganzen Tag über nicht bei ſeiner Mutter geweſen. Er fragte wieder nach ihr, aber nur kurz und ohne weiter 155 etwas zu äußern; dann fragte er auch nicht mehr, wenn er Abends heimkehrte, allein und ohne ſie geſehen zu haben, und wenn ihm ſeine Mutter erzählte, daß ſie im Laufe des Tages zum Beſuche gekommen ſei, ſo hörte er dieſe Mit⸗ theilung jedes Mal ſtillſchweigend an, ohne etwas darauf zu erwiedern. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit, mit denen er ſonſt ſeinen Geſchäften oblag, hatte ihn verlaſſen, er war ernſter und ſchweigſamer geworden und ſuchte durch noch angeſtrengtere Thätigkeit ſich zu zerſtreuen. So mochten vierzehn Tage vergangen ſein; die Ein⸗ richtung ſeiner Wohnung war vollendet, und die Beſuche zur Jagd nahmen auf dem Schloſſe ihren Anfang, wie immer zu dieſer Jahreszeit. Es wurde wieder lebendig dort, und faſt an jedem Morgen zog man hinaus auf die Jagd, bald mit Windhunden zum Hetzen der Haſen, bald in den Wald, um Hirſche zu jagen. Er konnte ſich den damit verbundenen Jagdeſſen nicht entziehen, denn der Graf legte jetzt einen beſonderen Werth darauf, ſeinen Director überall zur Geltung zu bringen. Er war der Ge⸗ genſtand der allgemeinen Beachtung, denn man ſah in ihm denjenigen, welchem der Graf die neuentdeckte Quelle gro⸗ ßer Reichthümer verdanke, beneidete ihn um dieſen werth⸗ vollen Beſitz und war daher rückſichtsvoll und zuvorkom⸗ mend, obgleich Walther's ſcharfer Blick dennoch ſehr wohl erkannte, daß in der Behandlungsweiſe auch gegen den un⸗ bedentendſten hochgeſtellten Standesgenoſſen und gegen 156 ihn doch immer ein ſichtbarer Unterſchied zu Tage trat. Er kümmerte ſich jedoch nicht mehr darum, ſondern ſetzte jetzt in unabhängiger Stellung Stolz dem Stolze, Höflichkeit und Zuvorkommenheit aber auch dieſen gegenüber. Hedwig mied ihn ſichtbar, und das verletzte, ja, er⸗ bitterte ihn, ſo ſehr er auch gegen dieſes Gefühl ankämpfte. Es war nach einem ſolchen Diner, welches bis ſpät in den Abend gewährt, bei welchem man den vortrefflichen Weinen des Grafen reichlich zugeſprochen und die Jagder⸗ lebniſſe des Tages bis in die kleinſten Einzelheiten wieder⸗ holt hatte, als der Zufall ihn in die Nähe Hedwig's führte. Sie hatte bei Tiſche mit einer faſt ausgelaſſenen Fröhlich⸗ keit, welcher oft der ihr eigene Spott beigemiſcht war, ſich an der Unterhaltung betheiligt. Immer ernſt und nachdenkend? redete ſie ihn an, in⸗ dem ihr Blick einen kurzen Moment dem ſeinigen begeg⸗ nete, man ſoll fröhlich ſein mit den Fröhlichen! Mich intereſſiren die Jagderzählungen nicht in dem Maße, wie ſie es verdienen, erwiederte er gemeſſen; man muß eine handelnde Perſon dabei geweſen ſein, glaube ich, um ſie ganz zu würdigen. Darin irren Sie; es kommt lediglich auf die Harm⸗ loſigkeit der Auffaſſung an, wie in allen Dingen. Dieſe Herren erzählen die unbedeutendſten Dinge mit unglaub⸗ licher Wichtigkeit, wiederholen und übertreiben dabei, ſo viel es irgend zuläſſig iſt, aber ſie amuſiren ſich keſtlich— * 157 und ich, fuhr ſie, ihn wieder einen kurzen Augenblick flüch⸗ tig anſehend, fort, ich, die ich nicht an dieſen Jagden Theil nehme, ich finde das Alles doch ganz unterhaltend. Sie betheiligen Sich nicht an den Jagden? fragte er, obgleich er wußte, daß ſie es nicht that; Sie lieben doch dieſes Vergnügen. Nicht in dem Maße, daß es eine tägliche Beſchäfti⸗ gung für mich bilden könnte. Das kommt daher, weil Sie die Abwechſelung am meiſten lieben. Glauben Sie das? fragte ſie gereizt; wie kommen Sie zu dieſer Annahme? Wie ich dazu komme? erwiederte er nicht ohne einige Verlegenheit— auf die logiſchſte Weiſe, ſetzte er lächelnd hinzu, indem ich einen Schluß machte. Darf ich vielleicht von dieſem logiſchen Schluſſe Kennt⸗ niß erhalten? Sie interefſirten Sich ſonſt für die Jagd— jetzt ſcheint dies nicht mehr der Fall zu ſein— Sie intereſſirten Sich einſt für die Arbeiten beim Bergwerke— jetzt nicht — ich ſchlicße daraus, daß Sie die Abwechſelung lieben. Wer ſagt Ihnen, daß ich mich nicht mehr für dieſe Dinge intereſſire? Nun, ich ſchließe dies ebenfalls, denn es iſt lange 158 her, daß— daß Sie nicht wie ſonſt an den Bergwerken waren. Lange her? fragte ſie anſcheinend zerſtreut— ja, ich glaube ſelbſt, daß ich einige Zeit nicht dort geweſen bin— aber damit Sie nicht glauben, daß ich kein Intereſſe mehr dafür empfinde, ſo werde ich ſie mir nächſtens— vielleicht morgen, einmal wieder anſehen. Ich würde mich ſehr darüber freuen, erwiederte er unbedacht. Sie würden Sich darüber freuen? wiederholte ſie in leiſerem Tone; nun, dann wäre es ja ſchon aus dieſem Grunde unrecht, wenn ich länger fern bleiben wollte. Ich beabſichtige, morgen nach Schönwalde zu reiten, und kehre durch den Wald zurück, es iſt dann nicht viel um. Aber ein ſchwer zu findender Weg; von der großen Eiche oben verzweigen ſich die Wege, und Sie könnten leicht irre reiten. Ich werde mich ſchon finden. Darf ich vielleicht einen Boten dorthin ſenden, oder geſtatten Sie mir, Ihnen ſelbſt von dort den Weg zu zeigen? Wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſagte ſie leicht ertöthend, und Sie Ihre wichtigen Geſchäfte nicht ver⸗ ſäumen... Ich ſagte es in der beſten Abſicht, erwiederte er, als * 159 ſie lächelnd ſchwieg, und habe deshalb keinenfalls Ihren Spott verdient. Ich ſpottete nicht— gewiß nicht, ſetzte ſie mit einem längeren, freundlicheren Blicke hinzu, und um Ihnen dies zu beweiſen, werde ich Sie morgen gegen Abend droben im Walde an der großen Eiche erwarten. Wir reiten dann zuſammen nach den Bergwerken, fuhr ſie in einem unbe⸗ fangeneren Tone fort, und Sie zeigen mir, welche Fort⸗ ſchritte Sie gemacht haben. Ich werde pünktlich zur Stelle ſein. Ein Schwarm Gäſte unterbrach dieſes beziehungs⸗ volle Geſpräch; er empfahl ſich und ging, es wäre ihm un⸗ möglich geweſen, länger zu bleiben, ſo aufgeregt fühlte er ſich. Wie war dies Alles ſo mit Einem Male, ſo plötzlich gekommen, die Verabredung eines Rendezvous an einer einſamen, fernen Stelle des Waldes! Er wußte ſelbſt nicht, welche Eingebung ihn dazu gebracht, ihr ein ſolches Anerbieten zu machen; es war ihm unbegreiflich, noch mehr aber die Bereitwilligkeit, mit der ſie darauf eingegangen. Als ſie ſo vor ihm geſtanden, mit niedergeſchlagenen Augen, einem gezwungenen Lächeln um den lieblichen Mund und dann und wann flüchtig zu ihm aufblickend, da war ſie faſt wie die Hedwig im Traumbilde— er glaubte zu die⸗ ſer zu reden, und ihre Worte klangen auch theilnehmend und freundlich— anders wie ſonſt— ſo kam es ihm we⸗ nigſtens in jenem Angenblicke vor. Jetzt, jetzt ärgerte er 160 ſich über ſich ſelbſt, wenigſtens bemühte er ſich, ſeine Hand⸗ lungsweiſe zu verdammen, aber im Innerſten ſeiner Seele freute er ſich, daß es ſo gekommen war. Ich werde nicht hinreiten, ſprach er in dem Bewußt⸗ ſein der Selbſttäuſchung vor ſich hin, ſondern einen Boten ſchicken, der ſie geleitet, obgleich dies unartig ſein würde, mehr als unartig, rückſichtslos. Nun, ich werde ja ſehen, es wird ſich wohl ein Entſchuldigungsgrund finden laſſen. Seine Mutter erwartete ihn wie immer und freute ſich über ſeine ungewöhnliche Heiterkeit. Er erzählte in launiger Weiſe den ganzen Verlauf des Diners, zeichnete einzelne Perſönlichkeiten, wiederholte ſogar mehrere Jagd⸗ geſchichten, kurz, er war ſo geſprächig und voller Munter⸗ keit, daß ſeine Mutter zu der ganz falſchen Annahme ver⸗ leitet wurde, die guten Weine des Grafen ſeien dieſes Mal nicht ohne Einfluß auf ihres Sohnes heitere Stimmung geblieben.—— Es gibt ein bekanntes Bild:„Das Rendezvous.“ Ein junges Mädchen hält ſinnend auf einem weißen Pferde an einem Kreuzwege im Walde, ihr ſchöner Kopf iſt etwas geſenkt und in dem Ausdrucke ihrer dunkeln Augen ruhen Rachdenken und Erwartung. Zu ihren Füßen liegt ein Windhund, welcher die ihr entfallene Reitgerte zu bewa⸗ chen ſcheint. Vergegenwärtige Dir dieſes Bild, geneigte Leſerin, wir werden dann nicht nöthig haben, Dir Hedwig zu beſchreiben, als ſie gegen Ahend des folgenden Tages 161 droben an der großen Eiche im Walde Walther erwartete. Sie war gar nicht nach Schönwalde geritten, ſie hatte dort keine Geſchäfte, aber dennoch befand ſie ſich ſchon längere Zeit an jener Stelle, an welcher das Zuſammentreffen zwiſchen ihnen verabredet war. Die Sonne ſtand noch hoch am Himmel, als ſie in Begleitung ihres Hundes das Schloß verließ und gegen ihre Gewohnheit langſam dem Walde zuritt. Es wäre nicht nöthig geweſen, ſo früh aufzubrechen, denn ſie konnte jene Stelle in raſchem Ritte in einer halben Stunde errei⸗ chen— aber ihre Gedanken beſchäftigten ſich den ganzen Tag über mit dieſer Zuſammenkunft, und die Zeit ſchlich heute viel zu langſam für ihre Ungeduld. Schon öfter hatte ſie, nicht ohne inneren Kampf, dem Verlangen wider⸗ ſtanden, Abends in gewohnter Weiſe nach den Bergwerken hinaus zu reiten, die Trennung ließ wie immer Walther's Bild in verſchönernden Farben in ihrer Seele erſtehen, und die Gründe, welche ſie beſtimmt hatten, ihn zu meiden, verloren immer mehr an Stärke und Gewicht. Ihr Stolz ſtand dem Wunſche, ihn wieder zu ſehen, allein noch gegen⸗ über, ſie ſehnte ſich im Stillen nach einem Zufalle oder nach einem Vorwande, auch ſich damit abzufinden; aber die ſonſt oft ſo bereite und hülfreiche Göttin, die Gelegen⸗ heit, wandte ihr hartnäckig den Rücken, und je länger ſie in ihrem Benehmen beharrte, um ſo ſchwieriger wurde die Bahn zur Rückkehr. Sie wußte eigentlich ſelbſt nicht mehr, 11 Gräfin und Marquiſe. W. 162 weshalb es ſo war, aber es war ſo geworden, und ſie konnte und durfte es nicht ändern. Endlich war die Gelegenheit gekommen. Er ſelbſt hatte ſie gefragt, hatte ihr über ihr Ausbleiben Vorwürfe gemacht. Ach, wie ſehr war ſie im Stillen darüber erfreut und wie viel Mühe hatte es ihr gekoſtet, dieſe Freude zu verbergen! Ob ihr dies ganz gelungen war, ob ſie doch nicht zu leicht, zu voreilig eingewilligt habe— darüber und über noch vieles Andere dachte ſie nach, als ſie langſam dem Walde zuritt, auf einem großen Umwege, weil es noch viel zu früh war. Ich darf nicht zuerſt dort ſein, ſagte ſie ſich, es würde ſich nicht paſſen, ich würde mir dadurch etwas vergeben; er muß auf mich warten, und ich muß die Sache überhaupt in leichter und ſcherzender Weiſe auffaſſen. Ganz ſo, wie ſie es verdient, ſetzte ſie mit einem tiefen Athemzuge hinzu— und es iſt überhaupt thöricht, daß ich ſo viel Werth und Gewicht darauf lege. eSie ritt durch den Wald auf verſchiedenen Wegen, immer im langſamen Schritte; aber die Zeit ſchritt noch langſamer, und der Tag wollte ſich nicht neigen. Jetzt wird er gewiß dort ſein, ſchon lange meiner war⸗ ten, ſprach ſie, ihr Pferd umlenkend, vor ſich hin, und es würde Unrecht ſein, ihn länger harren zu laſſen. Als ſie den breiten Waldweg hinaufritt, der zur gro⸗ ßen Eiche führte, ſpähten ihre Augen erwartungsvoll um⸗ her, aber die Stelle war noch leer, kein Geräuſch ſtörte die 3 163 Stille des Waldes, nur eine Droſſel ſang und ein aufge⸗ ſcheuchter Holzhäher erhob ſein heiſeres Geſchrei; ſonſt war Alles einſam ſtill und ruhig— und die Sonne ſtand noch immer ſtrahlend am Himmel. Sie hielt ihr Pferd an, ſtützte den Kopf auf die Hand, ihre Augen hafteten ſinnend am Boden und ihre Seele verſank in träumeriſches Nachdenken. Die Reitgerte war ihr entfallen, und der ruhende Windhund hatte ſeine Vorderfüße darüber gekreuzt, als ob er ſie bewachen wolle. Das edle Pferd, gehorſam dem Willen ſeiner Herrin, ſtand bewegungslos mit hangendem Zügel, aber ſein Kopf war gehoben, die dunkeln Augen ſchienen ſpähend umher zu blicken und die weitgeöffneten Nüſtern die kühle, balſa⸗ miſche Luft des Waldes mit Luſt einzuſaugen. So war das Bild, als ſie droben im Walde hielt, ihn erwartend, und verſunken in ſüße und ihre Seele feſſelnde, verlockende Träumereien.— Jetzt hob der Hund den Kopf und blickte forſchend in der Richtung des ſeitwärts führenden Weges; auch das Pferd wandte den ſchlanken Hals nach jener Seite— aber ſie bemerkte es nicht, bis das laute Wiehern des letzte⸗ ren ſie plötzlich aus ihren Gedanken aufſchreckte. Er kam. Sie ſah über der wellenförmigen Anhöhe des Weges den oberen Theil ſeiner Geſtalt— jetzt ſetzte er ſein Pferd in Galop und hielt unmittelbar darauf an ihrer Seite. 3 Ein leiſes Beben durchflog ihren Körper, es ergriff 11 164 ſie ein beängſtigendes Gefühl, als ob ſie willenlos in ſeine Hand gegeben ſei. Sie ſind ſchon hier? ſagte er ſichtlich verlegen, in⸗ dem er ſeinen Hut zog und ſich verneigte— ich glaubte ſicher der Erſte zu ſein, und wenn ich gewußt hätte... Ich warte ſchon längere Zeit, erwiederte ſie, ſogleich die unbedachte Aeußerung bereuend— denn ich traf Nie⸗ manden in Schönwalde, und da der Abend ſo ſchön iſt, fuhr ſie fort, allmälig ihre Unbefangenheit wiedergewin⸗ nend— Sie wiſſen, ich liebe den Wald und ſeine Ein⸗ ſamkeit—, ſo vergaß ich Zeit und Ort— aber, nicht wahr — hier wollten Sie mich abholen? Sie waren ſo gütig, mir das zu erlauben, und ich be⸗ dauere es ſehr, daß ich dennoch zu ſpät gekommen bin. O, Sie ſind nicht zu ſpät gekommen; ich ſagte Ihnen ja ſchon, daß ich die Ruhe des Waldes liebe und ſeine Ein⸗ ſamkeit aufſuche, um mich dem Zauber derſelben hin⸗ zugeben. So habe ich dieſen Zauber wohl geſtört und es wäre Ihnen angenehmer geweſen, wen ich noch nicht gekom⸗ men wäre? Weshalb wollen Sie dies annehmen? erwiederte ſie ſcherzend, aber mit einem leiſen Erröthen; es hat Alles ſeine Zeit— auch die Zauberei. Er blickte fie bei dieſen Worten forſchend an, als ob er aus ihren Augen ſich vergewiſſern wolle, ob ſie ihre 165 wirkliche Ueberzeugung ausgeſprochen habe, aber ſie hielt ſeinen Blick nicht aus. Ihre Reitgerte iſt Ihnen entfallen, ſagte er vom Pferde ſteigend und ihr dieſelbe überreichend— wollen wir weiter reiten oder noch ein wenig hier verweilen, viel⸗ leicht iſt noch etwas von dem Zauber übrig geblieben, und jene Bank unter der Eiche gewährt eine ſchöne Durchſicht auf das Thal und die jinkende Sonne. Sie reichte ihm ſchweigend die kleine, ſchmale Hand und ſprang, ſich leicht auf ihn ſtützend, vom Pferde. Er nahm beiden Thieren die Zügel ab, wie ſie es gewohnt waren, und dann ſaßen ſie zuſammen auf der einfachen Bank am Fuße der großen Eiche. Es iſt faſt, wie an jenem Morgen, ſagte er, als Sie mir die frohe Mittheilung brachten, daß Sie Ihren Vater zur Abſchließung des Vertrages mit mir beſtimmt hätten, nur war es damals Morgen— und jetzt iſt es Abend. Ich, beſtimmt? fragte ſie mit angenommenem Er⸗ ſtaunen— wie können Sie nur ſo etwas glauben? Laſſen Sie mir immerhin dieſen Glauben, erwiederte er ernſt und ſichtlich bewegt— laſſen Sie mir immerhin die beglückende Ueberzeugung, Ihnen zu Dank verpflich⸗ tet zu ſein. Auch wenn es eine Täuſchung wäre? fragte ſie leiſe. Es iſt aber keine Täuſchung, ſagte er, ſie lange an⸗ blickend; Sie haben nicht die Macht, dieſe Ueberzeugung 166 in eine Täuſchung zu verwandeln, aber Sie würden mir einen Theil meines Glückes rauben, wenn Sie auf dem Vorſatze dazu beharrten. Einen Theil Ihres Glückes?— Alſo ſind Sie glücklich? Es wäre undankbar, wenn ich mit meinem Geſchicke unzufrieden ſein und das unverdiente und zufällige Glück nicht anerkennen wollte, welches mir zu Theil geworden iſt. Weshalb nennen Sie dies unverdient und zufällig? Gewährt die launiſche Göttin, die wir Glück nennen, ihre Gaben jemals anders? fragte er erregter— iſt ſie jemals die Gefährtin eines mühſamen und redlichen Stre⸗ bens? Wendet ſie nicht denen, die im Schweiße ihres An⸗ geſichtes nach einem Abfalle ihrer Gunſt ringen, verächtlich den Rücken, und ſorgt ſie nicht dafür, daß auch Diejenigen, denen ſie freundlich zugelächelt, nur zu bald erfahren, wie wenig auf ihre Treue und Zuverläſſigkeit zu bauen iſt? Haben Sie das Alles ſchon erfahren? Gibt es einen Menſchen, der es nicht erfahren hätte? Was Sie eben ſagten, fuhr ſie, ihn forſchend an⸗ blickend, fort, iſt ein allgemein bekannter Satz— er paßt leider auf alle Menſchen, und es iſt gewiß gut, daß die Bande der Erde ſie nicht mit noch ſtärkeren Feſſeln um⸗ ſchlingen; aber wie Sie es ſagten, das führt mich zu dem Glauben, daß die Göttin, welche Sie ſo launiſch und ver⸗ änderlich darſtellen, Ihnen ſchon einmal ſehr freundlich zu⸗ 167 gelächelt— und dann ſich plötzlich von Ihnen abgewendet habe.— Irre ich mich in dieſer Annahme? fragte ſie wei⸗ ter, als er mit geſenkten Blicken ſchwieg. Es iſt etwas in Ihnen, was Sie ernſt, was Sie traurig macht. Sie ſuchen Sich damit abzufinden— aber zuweilen können Sie es dennoch nicht verbergen. Ich habe Gut und Blut dem unglücklichen Vaterlande gewidmet, erwiederte er ohne aufzublicken— es war ein vergebliches Ringen. Wir bleiben, was wir ſind, die ge⸗ horſamen, geknechteten Vaſallen des ehrgeizigen, ſtolzen Eroberers— jede Hoffnung, daß es anders werden könnte, iſt zu Grabe getragen— das iſt der Wurm, der an mei⸗ nem Glücke nagt. Sie haben kein Vertrauen zu mir, ſagte ſie ernſt, ob⸗ gleich Sie mir einſt aus freien Stücken die Verſicherung gaben, daß ich Ihr unbedingtes Vertrauen beſäße.— Vertrauen iſt allerdings ein biegſamer und verſchieden ab⸗ gegränzter Begriff— entſchuldigen Sie mich, daß ich den⸗ ſelben anders ausgelegt habe. Er hatte dieſe Worte, welche ſie in erwachendem Un⸗ muthe geſprochen, ſchweigend aber mit innerer Bewegung angehört— er kämpfte ſichtbar mit einem Entſchluſſe und fühlte, daß er auf einem gefährlichen Scheidewege ſtehe. Sollte, konnte er zu ihr von ihr reden? Durfte er ſie zu der Mitwiſſerin der Geheimniſſe ſeines Herzens machen? Wozu? Weshalb?— Und doch war es ſo verlockend, ſo 168 voll Reiz, dieſes ſchöne, ſtolze Mädchen zu ſeiner Vertrau⸗ ten zu haben— ach, was knüpften ſich für liebliche Bilder an das Entſtehen eines ſolchen beziehungsvollen Ver⸗ hältniſſes! Es gibt Vieles, ſagte er nach einiger Zeit in leiſerem Tone und mit niedergeſchlagenen Augen, was man auch dem beſten Freunde verſchweigt— nicht aus Mangel an Vertrauen, ſondern weil— weil man weiß, daß es kein Intereſſe für ihn hat, oder.... Oder weil man fürchtet, mißverſtanden und falſch be⸗ urtheilt zu werden, ergänzte ſie, als er fortzufahren zögerte — vergeſſen Sie, was ich ſagte; es war thöricht, nichts als eine unbefugte Neugierde; ich erkenne das, ich befand mich in einem Irrthume. Laſſen Sie uns reiten, ſagte ſie aufſtehend, die Sonne neigt zum Untergange und ich möchte noch nach den Bergwerken. Nein, ſagte er mit einem tiefen Athemzuge, indem er ihre Hand ergriff und ſie leiſe wieder zu der Bank nie⸗ derzog, nein, Sie ſollen nicht glauben, daß ich nicht unbe⸗ dingtes Vertrauen zu Ihnen hätte; aber wenn ich Ihnen die unbedeutende, oft dageweſene Geſchichte meines Her⸗ zens erzähle, ſo vergeſſen Sie nicht, daß ſie es ſo gewollt und verlangt haben. Zwölftes Capitel. Er erzählte ihr ſeine Geſchichte. Je länger er ſprach, je bewegter wurden ſeine Mienen; ſeine Augen erglänzten und hafteten an dem Abendrothe des Himmels, als ob ſeine Seele in weite Fernen ſchweife; ſeine Stimme war bewegt und leidenſchaftlich und ſank dann wieder zum lei⸗ ſen Flüſtern hinab. Sie ſaß ſchweigend und mit dem Aus⸗ drucke tiefer Erregung an ſeiner Seite; ihre Blicke hingen an ihm, und nur wenn die ſeinigen ihr zufällig begegneten ſchlug ſie die ihrigen nieder. Es lag ein unnennbares Glück, ein nie gekannter Zauber für mich darin, ſprach er weiter, in dem offenen Buche dieſer unſchuldsvollen Seele zu leſen— und als ich dann ſpäter erfuhr, daß ſie mir Leben und Freiheit gerettet — da zweifelte ich auch nicht mehr daran, daß ſie mich liebe.— Wie hätte ich auch daran zweifeln können? Ihr ganzes Weſen bekundete es, wenn überhaupt Wahrheit in 170 dem Weſen eines Weibes iſt. Als ich fort mußte, kämpfte ich lange mit mir, ob ich ihr nicht meine Liebe geſtehen und unſere Herzen durch ein Gelübde binden ſollte— aber was hatte ich ihr damals zu bieten? Ach, dieſe nichtsbedeuten⸗ den Erwägungen, dieſe kalten, verſtändigen Rückſichten ver⸗ hinderten mich allein daran— und wie gut war es, daß ich ſo gehandelt! Ihre Briefe athmeten Hingebung und Liebe, wenn die letztere auch nicht in unverhüllten Worten ausgeſprochen war. Ich hatte keinen anderen Gedanken mehr, als ſie, und alle irdiſche Seligkeit vereinte ich in dem Ausmalen der Stunde des gehofften Wiederſehens. Dann wollte ich vor ſie hintreten und ihr ſagen: willſt Du nun die Meinige ſein, Margot, jetzt, wo ich Dich ſchätzen und wahren kann?— Ach, wie dachte ich mir das Alles ſo ſchön, ſo wonnevoll!— Den ſchüchternen, gewährenden Blick ihrer lieben, treuen Augen— das Beben ihrer Stimme— das.. Doch wie thöricht, wie kindiſch bin ich, fuhr er plötzlich mit harier, veränderter Stimme auf; haben Sie Nachſicht mit mir, die Erinnerung wurde zu lebendig! Und kam es nicht ſo? fragte ſie leiſe, ohne die letzten Worte zu beachten. Würde ich Ihnen dies Alles erzählen, ſagte er trau⸗ rig, wenn es ſo gekommen wäre— ach nein, fuhr er dann mit einem bitteren Auflachen fort, es kam ganz anders! 171 Ganz anders? fragte ſie wieder mit theilnehmender Stimme— weshalb kam es anders? Weshalb? rief er hohnlachend— o, aus einem ſehr natürlichen und anerkennenswerthen Grunde! Weil ſie, das arme, elternloſe Mädchen, plötzlich zu einer vornehmen und reichen Dame, zur Marquiſe de Beaumont geworden war!— Was hat dieſe mit dem bürgerlichen, tief unter ihr ſtehenden Inſpector zu ſchaffen!— Sie reiſ te fort, fort nach Paris, wo ſie in Luſt und Vergnügen lebt und natür⸗ lich keine Zeit übrig hat, auch nur einen einzigen Brief an diejenigen zu ſchreiben, welche die Hülfloſe aufgenommen und wie ihr eigenes Kind geliebt haben! Das Alles geſchah plötzlich und unerwartet? fragte ſie weiter, als er wieder ſchwieg, von ſeinen Erinnerungen bewältigt. Plötzlich und unerwartet, fuhr er wieder mit leiſer und trauriger Stimme fort— als ich den bekannten Weg, auf dem ſie ſo oft mit mir gegangen, eiligen Schrittes in das Thal hinabgeſtiegen war und endlich am Ziele meiner Sehnſucht ſtund— war ſie fort, vor einer Stunde von den Bevollmächtigten ihrer neuen Eltern abgeholt worden; Wehrings hatten ſie bis in das Dorf, wo ich ſie zum erſten Male geſehen, begleitet. Ich warf mich auf ein Pferd und ſprengte in tollem Jagen nach— als ob ich ſie einholen, zurückbringen könnte— ich wollte ſie wenigſtens noch 172 einmal ſehen, noch einmal— ach, ich wußte ſelbſt nicht, was ich wollte! Und Sie haben ſie nicht wiedergeſehen? Ich ſah noch ihren aus dem fortrollenden Wagen her⸗ vorgebeugten Kopf— das Wehen ihres Tuches— ich weiß nicht nicht einmal, ob ſie mich erkannt hat— das war Alles, ſetzte er mit einem gezwungenen Lachen hinzu — Alles, und damit endet dieſe kindiſche Geſchichte, mit welcher ich ſo unnöthiger Weiſe Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen habe— Sie werden jetzt ſelbſt zuge⸗ ben, daß es thöricht von mir war, Ihrem Wunſche zu ent⸗ ſprechen. Ich danke Ihnen dafür, ſagte ſie, ohne ihre Bewe⸗ gung verbergen zu können,— ſie wollte noch etwas hinzu⸗ ſetzen, aber ſie konnte den paſſenden Ausdruck nicht finden — ihre Augen ruhten mit inniger Theilnahme auf ihm, während er ſchweigend da ſaß, und ihre Hand, welche neben der ſeinigen auf der Bank lag, berührte dieſe leiſe und un⸗ willkürlich. Und ſeit jener Zeit haben Sie nichts mehr von ihr gehört? Hatte ſie keinen Brief für Sie zurückgelaſſen? Ja, ſie hatte einen Brief für mich zurückgelaſſen, ſagte er, während ſeine Augen an der Stelle des Himmels hafteten, welche die jetzt untergegangene Sonne mit einem goldenen Schimmer erglänzen ließ— ach, ich bin ſo thö⸗ richt, dieſen Brief noch immer aufzubewahren, der von ihren Thränen feucht war und in welchem ſie mir ſchrieb, daß ſie mich nie, niemals vergeſſen, immer an mich denken würde— wie bald ſind dieſe kindiſchen Betheuerungen zur Lüge geworden, denn es bedurfte nichts, als ein wenig Raum und ein wenig Zeit, um alle die alten Erinnerun⸗ gen in ihrem Herzen erſterben zu laſſen— alle— alle und jede— ſie hat nie mehr etwas von ſich hören laſſen! Wie würden ſich Margot's liebe Augen mit Thränen gefüllt und der bitterſte Schmerz ihre Seele erfaßt haben, wenn ſie dieſe harten Worte hätte hören können— ſie dachte vielleicht in derſelben Stunde an ihn, mit Sehn⸗ ſucht und Trauer darüber, daß er keinen ihrer Briefe be⸗ antwortet und ſie vergeſſen habe! Aber ihr Herz hing den⸗ noch an ihm voll Liebe und Dankbarkeit und Hochachtung — wie ſonſt— vielleicht noch in höherem Grade. Sie lieben ſie immer noch? ſagte Hedwig mit kaum hörbarer, bebender Stimme. Wenn ſie geſtorben wäre, ſo würde ich ſie noch lieben, entgegnete er eben ſo leiſe— wir hoffen auf ein Leben, auf ein ewiges, nie endendes Leben, nach dem Ende der kurzen, werthloſen, irdiſchen Pilgerfahrt— ſo hätte ich noch hoffen können, ſie nach dem Tode wiederzufinden.— Es gab eine Zeit, wo ich mir die Seligkeit nicht ohne ſie den⸗ ken konnte, wo ich die Seligkeit ohne ſie ausgeſchlagen ha⸗ ben würde— aber jetzt— jetzt, fuhr er mit flammenden Blicken fort, jetz ſt ſie für mich verloren— für die Erde 174 und für die Ewigkeit— ich habe ſie aus meinem Herzen geriſſen für immer, und wenn die Erinnerungen an jene Zeit auch noch zuweilen in mir erſtehen und lebendig wer⸗ den— es ſind nur bleiche, weſenloſe Schatten, die vor⸗ überſchweben, immer matter werdend— ohne Macht, ohne Reiz— bald werden auch ſie ganz erſtorben ſein! Sie thun ihr doch vielleicht Unrecht, ſagte ſie, in dem Verlangen, ihn zu tröſten; Sie wiſſen ja nicht einmal, ob ſie noch lebt. O ja, ſie lebt noch, fuhr er leidenſchaftlich auf— ihre Mutter war ſo gütig, an Wehring zu ſchreiben und ihn zur Aufſtellung ſeiner Rechnung aufzufordern, mit dem Hinzufügen, daß weitere Correſpondenzen zwiſchen ihrer Tochter und denjenigen, bei denen der Zufall ſie eine Zeit lang hätte verweilen laſſen, als unpaſſend aufhören müß⸗ ten. Das Alles hat ſie ebenfalls erkannt und deshalb es ebenfalls für unpaſſend gehalten, unſere Briefe zu beant⸗ worten— ſie hätte vielleicht eine minder rückſichtsloſe Form wählen können, wenigſtens Wehrings, welche ſie Vater und Mutter nannte, ſelbſt und eigenhändig danken können— aber ſie hat im Ganzen klug und vernünftig gehandelt, die Marquiſe de Beaumont, was ſoll ſie noch eine Gemein⸗ ſchaft unterhalten mit Leuten, die ſo tief unter ihr ſtehen, von denen ſie aber weiß, daß ſie zu viel Selbſtgefühl be⸗ ſitzen, um ſich mit den Abfällen einer vornehmen Herablaſ⸗ ſung zu begnügen? 175 Sie urtheilen ſehr hart, ſagte ſie— ich halte dies Ihrer jetzigen Stimmung zu Gute— aber Sie thun dem armen Mädchen doch vielleicht Unrecht, denn Sie wiſſen ja gar nicht, unter welchen Einflüſſen, vielleicht unter wel⸗ chem Zwange ſie ſteht— obgleich ich Ihnen in der Haupt⸗ ſache Recht geben muß, ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu. Ja, ja, in der Hauptſache habe ich Recht, lachte er hohnvoll auf, und die Hauptſache bleibt immer die Haupt⸗ ſache— eine vornehme Marquiſe und ein gewöhnlicher Fa⸗ brikant, oder gar ein untergeordneter Inſpector— eine ſolch' unnatürliche Gemeinſchaft muß vor allen Dingen ge⸗ brochen werden— das iſt die Hauptfache— zuerſt den Stand und dann das Herz— was iſt überhaupt dieſes Ding, das wir Herz nennen? Eine Erfindung, eine Be⸗ ſchönigung unſerer Schwäche— jedenfalls immer die Ne⸗ benſache, die nicht weiter in Betracht kommt. Sie haben mich völlig mißverſtanden, ſagte ſie leb⸗ hafter, und ihre Augen erfüllte ein tieferer Glanz— viel⸗ leicht haben Sie mich auch abſichtlich mißverſtehen wollen? Er ſah ſie fragend an. Ich nahm und nehme Margot in Schutz, weil Sie Sich ja nicht einmal die Mühe gegeben haben, Sich über ihre jetzige Geſinnung Gewißheit zu verſchaffen; es kann ſich Manches, Vieles ereignet haben, was zu ihrer Ent⸗ ſchuldigung ſpricht. Aber Sie gaben mir doch Recht, bemerkte er zweifelnd. 176 Ich gab Ihnen darin Recht, fuhr ſie erregter fort, daß in den veränderten Verhältniſſen Margot's kein Grund liegen kann, ihrer Liebe zu entſagen, wenn ſie wirklich ge⸗ liebt hat— im Gegentheil, ſie mußte Ihre Liebe jetzt um ſo höher und feſter halten. Ein Weib, welches liebt, das in dem Manne ſeiner Wahl das Ideal ſeiner Seele gefun⸗ den hat, muß in dieſem Manne allein ſein Alles und Ein⸗ ziges ſehen, was es wünſchen und begehren kann. Was kümmert ſie Stand und Rang, Reichthum und Vornehm⸗ heit— ſie ſieht nur auf die innere Ehre und auf den Zug des Herzens zum Herzen— das meinte ich, ſprach ſie mit leiſerer und ſtockender Stimme, in dem Gefühle, viel⸗ leicht zu viel geſagt zu haben— das halte ich für die Hauptſache, und deshalb gab ich Ihnen Recht, ſofern Ihre Vorausſetzung richtig iſt, daß Margot anders gehandelt hat. Er ſah ſie erſtaunt an und ſein Blick ruhte feſt und mit einem faſt leidenſchaftlichen Ausdrucke auf ihr, ſo daß ſie erröthend die langen Wimpern herabſenkte. Sie ſchwie⸗ gen dann Beide, aber ſie fühlte die magiſche Wirkung ſei⸗ nes noch immer auf ihr haftenden Blickes; ſie wollte wei⸗ ter ſprechen, aber ſie vermochte wieder die paſſenden Worte nicht zu finden. Ich hätte eine ſolche Auffaſſung von Ihnen nicht er⸗ wartet, ſagte er dann— Sie ſind ſehr gütig gegen mich — Sie wollen mir Theilnahme beweiſen— mir Troſt ſpenden— aber es bedarf deſſen nicht, wirklich nicht— 177 die Geſchichte iſt aus— iſt ganz zu Ende. Ich bin um eine Erfahrung reicher, und man kann ſolche Erfahrungen ja niemals zu theuer erkaufen. Weshalb haben Sie eine ſo niedrige Meinung von mir? fragte ſie mit erwachendem Stolze; habe ich jemals durch mein Benehmen dazu Veranlaſſung gegeben? Eine niedrige Meinung? ſagte er beſtürzt— ich— wie kommen Sie zu einer ſolchen Beſchuldigung? Meiner eben gemachten Aeußerung— ich hätte ſie vielleicht unterlaſſen ſollen— legen Sie die Abſicht unter, Sie zu tröſten; Sie halten das, was ich ſagte, daher nicht für meine wirkliche Ueberzeugung, ſondern nur für eine gut gemeinte Phraſe, für eine Redensart, welche man macht, um die Formen der Theilnahme zu erfüllen. War das nicht Ihre Anſicht? Wenn ich aufrichtig ſein ſoll— es war ſie, es war ſie nicht nur, ſondern es iſt ſie noch immer. Ich habe des⸗ halb keine niedrige Meinung von Ihnen, wie Sie ſo eben bemerkten, denn ich wüßte wirklich nicht, woraus Sie dies ſchließen könnten. Ich fühle keinen Beruf, Sie deshalb eines Anderen zu belehren, ſagte ſie beleidigt, und doch, fuhr ſie fort, in⸗ dem ihre Augen wieder einen fanfteren Ausdruck annah⸗ men, doch möchte ich dieſe Stunde, in welcher Sie mir Ihr Vertrauen geſchenkt haben, ungern durch eine Mißſtimmung verkümmern laſſen und mit derſelben von Ihnen ſcheiden. Gräfin und Marquiſe. 1w. 12 178 Er war ſichtlich befangen geworden und Empfindun⸗ gen verſchiedener Art durchzuckten ſeine Seele. Seine Blicke ruhten mit dem Ausdrucke inniger Theilnahme auf dem ſchönen Mädchen, welches in ſichtbarem Kampfe mit ſeinem Stolze ſtand und dabei lieblicher ausſah, wie jemals. Wenn ich Ihnen Unrecht gethan habe, ſagte er mit jenem leiſen Beben in der Stimme, das ihr einen ſo ge⸗ winnenden Klang gab, ſo geſchah es ſicher ohne Abſicht, ohne mein Wollen. Es würde mich tief ſchmerzen, wenn Sie mir zürnen könnten, gerade heute beſonders. Sie zweifeln alſo nicht mehr an meinen Worten? Würden Sie wirklich darnach handeln können? fragte er, ihr feſt in die Augen blickend. Zweifeln Sie immer noch? erwiederte ſie, indem ihre Blicke ſich länger begegneten. Sie haben doch kein Ver⸗ trauen zu mir. Ich habe es— ganz und vollkommen, ſagte er, und beneide denjenigen, dem es beſchieden ſein wird, einſt dieſes Herz ſein eigen zu nennen. Möge denn, fuhr er erregter fort, als ſie bei dieſen Worten erröthend die Augen nieder⸗ ſchlug, möge denn Ihr Pfad ein geebneter ſein, mögen Sie niemals nöthig haben, gegen die Verhältniſſe oder die von der Zeit geheiligten Vorurtheile in den Kampf zu treten — ſondern möge derjenige, den Sie einſt lieben und den — 179 Ihrigen nennen werden, allen— allen, auch dieſen Anfor⸗ derungen entſprechen, die Sie an ihn machen können! Es iſt ſchon ſpät, ſagte ſie nach einiger Zeit, wäh⸗ rend Beide geſchwiegen— die Sonne iſt unter, reiten wir. Sie zürnen mir nicht mehr? fragte er leiſe, ihre Hand umfaſſend, die ſo lange Zeit dicht an der ſeinigen gelegen hatte. Zürnen? erwiederte ſie mit niedergeſchlagenen Augen, während eine verrätheriſche Röthe bis zu ihren weißen Schlä⸗ fen emporſtieg— ich habe Ihnen nie gezürnt. Sie werden wieder wie ſonſt kommen und nach den Arbeiten ſehen? Sie nickte, ſtumm gewährend, unmerklich mit dem Kopfe. Ach, Sie glauben nicht, fuhr er in leidenſchaftliche⸗ rem Tone fort, wie ſehr es mich geſchmerzt hat, als Sie nicht mehr kamen! Zuerſt ſchrieb ich es dem Zufalle zu, aber als ein Tag nach dem anderen verging und ich er⸗ kannte, daß Sie abſichtlich ſo handelten, da— da verlor ich alle Freudigkeit, welche die Thätigkeit ſonſt gewährt. Ich konnte Ihnen die Fortſchritte der Arbeiten nicht mehr zeigen, Ihre Billigung, Ihr Lob, das mich ſo ſtolz gemacht, nicht mehr hören. Wenn der Abend kam und jen⸗ Stunde, weiche für mich die ſchönſte und glücklichſte des ganzen Ta⸗ ges war— dann— dann blickte ich vergebens nach dem Wege hinaus, der von dem Schloſſe heraufzieht— er blieb 180 leer und ich mußte einſam und traurig darauf heimreiten, um wenigſtens zu erfahren, daß Sie wohl und geſund ſeien. Ihre Hand, welche das leiſe Umfaſſen der ſeinigen geduldet hatte, während er dieſe berückenden Worte ſprach, zuckte mehrmals unmerklich und befreite ſich dann, ohne daß er es hinderte. Wenn Sie einen ſo großen Werth auf mein unbe⸗ deutendes Urtheil legen, erwiederte ſie dann mit einem Lä⸗ cheln, welches unbefangen erſcheinen ſollte, aber doch die Aufregung ihres Innern nur unvollkommen verhüllte, wenn Sie darauf einen ſo großen Werth legen, ſo werde ich— werde ich Abends wieder hinauskommen, ſetzte ſie mit ſtockender Stimme hinzu. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür, aber— Sie haben mir gezürnt, und wenn Sie auch jetzt— wenn Sie auch jetzt nicht mehr ſo empfinden, es betrübt mich doch noch immer, daß ich Ihnen habe dazu Veranlaſſung ge⸗ ben können— ich habe geſonnen und mich gemartert, um die Urſache davon aufzufinden, aber es iſt mir nicht gelungen. Laſſen wir das, erwiederte ſie verlegen— es war eine Laune vou mir, die ich Ihren Launen entgegenſetztez wir hatten Beide Unrecht— und werden Beide unſere Fehler ablegen, ſetzte ſie mit einem lieblichen Lächeln hinzu. Meinen Launen? fragte er mit ſichtlichem Schrecken — wie wäre das möglich? 181 Möglich? wiederholte ſie jetzt in ſcherzendem Tone— ſtellen Sie einmal eine kleine Selbſtprüfung mit Sich an, Sie werden dann finden.... Doch wozu dieſe Erörte⸗ rungen, die ja jetzt überflüſſig find. Wenn ich Sie in irgend einer Weiſe gekränkt habe, ſagte er, indem ſeine Augen ſie bittend anblickten, ſo ver⸗ geben Sie mir, es geſchah gewiß nie mit Abſicht— davon ſind und waren Sie überzeugt. Aber was habe ich gethan? O, ſeien Sie gütig, ſagen Sie es mir, damit ich Sie um Vergebung bitten kann! Sie haben nichts gethan, erwiederte ſie in zunehmen⸗ der Befangenheit— es war kindiſch von mir, daß ich einer Kleinigkeit eine ſolche Bedeutung gab— aber— aber es ärgerte mich, daß Sie das kleine Lied, um welches ich Sie beſonders gebeten hatte, ſo nachläſſig und nicht einmal bis zu Ende ſangen. Der Glanz ſeiner Augen erhöhte ſich, während ſie dieſe Worte mit geſenkten Wimpern und einem lieblichen, jedoch nicht unbefangenen Lächeln ſprach— ein Jubel durchflog ſein Herz, von dem er nicht wußte, weshalb er ſo plötzlich entſtanden— er hätte das ſchöne, ſonſt ſo ſtolze, jetzt ſo ſanfte Mädchen umfaſſen und an ſeine Bruſt drücken mögen— aber er bezwang dieſe ſtürmiſche Bewegung, und noch in dem Kampfe, ſeine Ruhe wieder zu erlangen, ſagte er mit unſicherer Stimme: Sie werden jetzt milder urthei⸗ len, jetzt, da Sie den Schatten der Wolke kennen, der mein 182 Denken und Empfinden verdunkelte— jenes Lied war ihr Lieblingslied, wir haben es oft, ach, ſo oft zuſammen ge⸗ ſungen— und als die bekannten Töne an jenem Abende wieder erklangen, da war es mir, als müſſe ich auch ihre Stimme wieder hören— jene Stimme, die ſo lieblich, ſo unſchuldsvoll und rein war und doch nicht aus dem Her⸗ zen kam. Das war es? ſagte ſie mit verändertem Tone, in⸗ dem ihre Lippen ſich feſter zuſammenpreßten— allerdings, ich verſtehe Sie jetzt. Und zürnen mir nicht mehr? bat er, ſie feſt anſehend. Wie könnte ich Ihnen deshalb zürnen, daß Sie über eine ſo ſchöne Vergangenheit die dürftige Gegenwart ver⸗ geſſen? Hedwig! rief er leidenſchaftlich und verſuchte, wieder ihre Hand zu ergreifen. Sie zog dieſelbe raſch zurück. Es iſt ſpät, ſagte ſie, dann aufſtehend; die Sonne iſt hinab, und wir müſſen fort. Er war auch aufgeſtanden und blickte ſie traurig an; ſie wandte ſich ab und ſah nach ihrem Pferde. Es war doch ſehr thöricht und unverſtändig von mir, ſprach er dann mehr zu ſich ſelbſt; Sie werden das jetzt auch erkennen. Was meinen Sie? fragte ſie, ſich umwendend. Daß ich Ihnen das Alles erzählt habe. Es iſt Ihnen unangenehm, wenn ich in meinen Gedanken, in meinen 183 Aeußerungen darauf zurückkomme— und doch iſt es ſo natürlich, ſo entſchuldbar, daß ich es thue. Ich habe Alles ſo lange in meinem Herzen verſchließen, in meinem Innern verarbeiten müſſen, und das Verlangen, es jetzt ausſpre⸗ chen zu können gegen Jemanden, der mein Vertrauen be⸗ gehrt hat, von dem ich hoffe, verſtanden zu werden— es iſt vielleicht eine Schwäche— aber— ich werde mir die⸗ ſelbe nicht mehr zu Schulden kommen laſſen, ſetzte er mit feſterem Tone hinzu. Vergeben Sie mir, ſagte ſie, ihn mit dem Ausdrucke inniger Theilnahme anſehend, indem ſie ihm ihre beiden Hände hinreichte— es war umecht von mir— und wenn Sie mir beweiſen wollen, daß Sie mir ganz vergeben ha⸗ ben, ſo ſprechen Sie recht oft und recht viel von Margot. Er hatte ihre Hände ergriffen, und ein inniger Druck ſo wie ein langer, ſeelenvoller Blick ſeiner glänzenden Au⸗ gen, vor dem ſie die ihrigen erröthend niederſchlug, ſagte ihr, daß ihr Wunſch mehr als erfüllt ſei. Zäumen Sie die Pferde auf, ſagte ſie faſt angſtvoll, indem ſie ihm ihre Hände wieder entzog— es iſt die höchſte Zeit, daß wir reiten. Er erwiederte nichts; er blickte nur fragend in ihre Augen, dann zäumte er die Pferde auf und ſie ritten in langſamem Schritte neben einander. Die Sonne war längſt untergegangen, aber die Abend⸗ 184 röthe, welche den klaren Tagen des Herbſtes nachfolgt, ruhte am weſtlichen Himmel, in immer matteren Farben⸗Refleren bis zum Zenith hinaufreichend. Die Gegend lag in jener magiſchen Beleuchtung, welche der ſcheidende Tag und die kommende Nacht zu ihrem Liebesgeflüſter über die ſich nach Ruhe ſehnende Erde ausbreiten, die in der Seele der Men⸗ ſchen die Arbeiten des Verſtandes in Schlummer wiegt und ſüßes, träumeriſches Empfinden, ſehnſüchtiges Erinnern und verlockendes Hoffen erſtehen läßt. Sie ritten lange ſchweigend neben einander. Die Gedanken flogen hinüber und herüber— aber keiner von ihnen ſprach dieſe Gedanken aus— eines Jeden eigenes Empfinden hinderte ihn daran. Dennoch fing dieſes Schweigen an, peinlich zu werden. Die Abende nehmen ſchon ſehr zu, ſagte ſie, ſich ge⸗ waltſam aufraffend und doch dem Gange ihrer Gedanken folgend, welche ſie eben beſchäftigt hatten— Sie ſind ein Freund des Leſens, wie Sie mir erzählt haben; wollen Sie mir in den langen Abendſtunden zuweilen vorleſen? Sie würden mich dadurch ſehr glücklich machen, ſagte er erfreut. 3 Nun, ſo laſſen Sie uns morgen beginnen, wenn wir von den Bergwerken heimgekehrt find, wo ich Sie natür⸗ lich abholen werde, damit ich Ihre Arbeiten bewun⸗ dern kann. 185 O, wie ſchön, wie genußreich werden dann die Abende des Winters werden! Glauben Sie? rief ſie neckend— aber nun fort, man möchte ſonſt Beſorgniſſe hegen wegen meines langen Aus⸗ bleibens. Dreizehntes Capitel. Der Morgen iſt niemals eine Fortſetzung des Abends. Er iſt jedes Mal der neue Anfang eines Lebensabſchnittes, wenn auch nur eines kurzen, den wir Tag nennen, und je⸗ der Anfang iſt verſchieden von dem Ende. Die menſchliche Natur iſt nicht befähigt, die erhöhte Spannung der Nerven, das geſteigerte Gemüthsleben, welche mit dem ſchwindenden Lichte des Tages ſich einſtellen, ſich andauernd zu erhalten; ſie bedarf erſt wieder der Ruhe, der Ruhe des Körpers und der Seele, welche beide in Bewußtloſigkeit hinfinken müſſen, um für den neuen Tag und den neuen Abend wieder Kräfte zu ſammeln. Wenn wir dann aus dieſem Zuſtande, den wir Schlaf nennen, erwachen, ſind unſere Nerven beruhigt, das Empfinden gemäßigt und die Herrſchaft des Verſtan⸗ des wieder hergeſtellt. In ganz außergewöhnlichen Fällen tritt jedoch gar keine oder nur eine geringe Veränderung ein, und es hat dann eine erhebliche Einwirkung auf unſer Seelen⸗ oder Körperleben Statt gefunden— der Schlaf, das beruhigende Opiat, flieht uns, und der Schein des kommenden Tages findet uns erregter und zugleich ermat⸗ teter, als uns die Schatten des Abends gelaſſen haben. Auch auf jenen Abend, welcher Walther und Hedwig noch im Walde gefunden hatte, folgte die Racht und dann der Morgen. Wenn wir Beiden um dieſe Zeit einen Beſuch abſtatten, ſo gelangen wir faſt zu dem Schluſſe, daß bei ihnen einer jener außergewöhnlichen Fälle eingetreten ſei, von denen wir eben geredet haben. Beide ſcheinen ſchlecht oder wenigſtens unruhig geſchlafen zu haben, denn Walther war ungewöhnlich früh aufgeſtanden und Hedwig erſt um dieſe Zeit in einen wenig erquickenden Schlummer geſun⸗ ken. Was Beide gedacht oder vielleicht geträumt haben, können wir leider nicht berichten, ſondern nur ſagen, daß Walther blaſſer als ſonſt ausſah, daß ſich in ſeinem We⸗ ſen eine ihm nicht eigene Unruhe zeigte und er die Fragen ſeiner Mutter nur kurz und zerſtreut beantwortete. Zur gewohnten Zeit ließ er ſein Pferd ſatteln, und nachdem er es beſtiegen hatte, ritt er, was er ſonſt nicht zu thun pflegte, an dem Schloſſe vorbei, obgleich dies ein Umweg war, ja, er hielt ſogar dort eine Zeit lang an, indem er ſich in ein Geſpräch mit einem Gartenarbeiter einließ, wezu keine Veranlaſſung vorlag. Aber die Vorhänge von Hed⸗ wig's Fenſter blieben herabgelaſſen, und er ritt dann ernſter als ſonſt den Bergwerken zu. 188 Er blieb dort wie gewöhnlich den ganzen Tag und lag ſeinen Geſchäften mit beſonderer Thätigkeit ob; als aber die Sonne ſich dem weſtlichen Himmel zuneigte und die erſten Anklänge des Abends ſich kundgaben, da bemäch⸗ tigte ſich ſeiner eine ſichtbare Unruhe— er hielt droben auf der Anhöhe und blickte auf den Weg hinaus, auf dem ſie kommen wollte. Endlich wurde die Leere desſelben durch einen ſich raſch bewegenden Gegenſtand in der Ferne unterbrochen— aber es war nicht das Bild eines Reiters, welches ſeine ſcharf ſpähenden Augen erfaßten, es war ein Wagen, er ſah es jetzt deutlich, und in demſelben ſaßen mehrere Perſonen. Wenn ſie es iſt, ſagte er enttäuſcht, ſo kommt ſie nicht allein. Als ſie näher kamen, erkannte er Alfred, ſeine junge Frau und Hedwig, und ſprengte ihnen entgegen, um ſie zu begrüßen. Da ſind wir wieder! rief Alfred ihm zu, indem er aus dem Wagen ſprang und Walther, der vom Pferde ge⸗ ſtiegen war, die Hand reichte. Grüß' dich Gott, alter Freund!— dieſes Mal bleiben wir länger hier, denn meine kleine Frau langweilt ſich in der Stadt. Man begrüßte ſich gegenſeitig in herzlicher Weiſe, die Damen ſtiegen aus, und Doris bat Walther mit ihrer ge⸗ winnenden Freundlichkeit, ihr die Bergwerke zu zeigen, von denen ſie ſchon ſo Vieles gehört habe. 189 Sie werden kein großes Gefallen daran finden, er⸗ wiederte er, inden er ihnen voranſchritt; es ſind nichts als ſchmutzige ſchwarze Gruben, aus denen man Kohlen karrt auf kleinen, eben ſo unſauber ausſehenden Wagen. Aber dieſe Kohlen ſind ſehr werthvoll, bemerkte Do⸗ ris, nicht wahr, ſo ſagteſt du, Alfred! Man muß dies nicht vergeſſen, auch wenn ſie ſchwarz und ſchmutzig ſind. Alle Kohlen ſind ſchwarz, ſcherzte Alfred, aber ſie verwandeln ſich in reines, blinkendes Silber, und hier iſt der Künſtler, der ſie darin verwandelt, ſetzte er mit einem lächelnden Blicke auf Walther hinzu. Man ging nun hinauf und hinab zu den verſchiedenen Gruben, und Walther bemühte ſich, die Fragen von Doris zu beantworten, welche ſie an ihn richtete, um nicht für gleichgültig gehalten zu werden. Alfred unterbrach ſie oft dabei, indem er ſcherzend unrichtige Antworten gab, die ſie eben ſo gläubig anhörte, ſo daß Walther bald ſeinem Freunde die Belehrung ſeiner auch in ihrer Unkenntniß liebenswürdigen und anmuthigen Frau ſelbſt überließ. Hedwig war völlig unbefangen, nur etwas ſchweig⸗ ſamer als ſonſt, auch lächelte ſie nicht bei den oft ganz un⸗ paſſenden Fragen ihrer Freundin. Sie ſchien es natürlich zu finden, daß ſie davon keine Kenntniß hatte, und die Axt, wie ſie dies zu verbergen und ein Intereſſe zu bekunden ſuchte, um Walther's ihr ſo oft gerühmte Verdienſte an⸗ zuerkennen, ſteigerte noch mehr die Zuneigung, welche ſie 490 ohnehin für dieſe kindliche Frau empfand. Sie ſelbſt rich⸗ tete keine Fragen an Walther, machte auch keine Aeuße⸗ rung über die in ihrer längeren Abweſenheit geförderten Arbeiten, obgleich er ihr dazu in ſeinen Antworten an Doris mehrmals nicht ohne Abſicht Gelegenheit zu geben ſchien. Nur Alfred ſprach noch länger und mit ſachverſtän⸗ diger Anſchauung mit ihm, während Hedwig mit Doris über ganz andere Dinge plauderte; dann war, wie es ſchien, zu der Letzteren großen Befriedigung, die Beſich⸗ tigung des Bergwerks vollendet und man rüſtete ſich zur Heimfahrt. Du reiteſt mit uns? fragte Alfred, als Hedwig und Doris eingeſtiegen waren. Er zögerte eine kurze Zeit mit der Antwort, weil er von Hedwig die gleiche Aufforderung erwartete.— Ich habe noch ein Geſchäft, ſagte er dann, als dieſe nicht erfolgte. Aber Sie kommen doch nach, fragte ſie jetzt, und brin⸗ gen den Abend bei uns zu? Nun, das verſteht ſich von ſelbſt, bemerkte Alfred. Wenn Sie es wünſchen, erwiederte er, Hedwig's Frage allein beantwortend, ſo werde ich mich einfinden. Zögern Sie nicht zu lange, rief ſie ihm noch zu, als der Wagen ſich ſchon in Bewegung geſetzt hatte und jetzt raſch dahin fuhr. Er ging langſam zurück zu der Stelle, wo er ſein Pferd gelaſſen, ſprach noch eine kurze Zeit mit den Arbei⸗ 191 tern und ritt dann ebenfalls in ruhigem Schritte dem Schloſſe zu. Wie war dieſe Stunde ſo ganz anders geweſen, als er ſie gedacht und ſich ausgemalt hatte! Ernſt, ſchweigend und allein ritt er auf dem Wege dahin, auf dem er ſich ge⸗ ſtern in ihrer Geſellſchaft befunden und den er heute in gleicher Weiſe zurückzulegen gehofft hatte. Daß Alfred gekommen war, hatte ihn nur wenig erfreut, ja, verſtimmt, obgleich er es ſich nicht eingeſtehen wollte. Sonſt wäre ſie allein gekommen, wie ſie es verſprochen hatte— auch gewiß anders, nicht ſo fremd, nicht ſo einſylbig und dabei nicht ſo ſicher in ihrem Benehmen geweſen— ganz anders wie ſeit längerer Zeit. Sie ſchien das Befangene, ſich oft Widerſprechende ihres Weſens gänzlich verloren zu haben, ſie blickte ihn frei und offen an, und wenm er ſeinen Blick auf ſie richtete, ſo ſchlug ſie die Augen nicht nieder, ſondern ſah ihn freundlich, vertraut und unbefangen an. Der Abend verfloß in ungetrübter Heiterkeit; man hatte gegenſeitig das Beſtreben und das Bedürfniß zur Fröhlichkeit, und deshalb hielt es nicht ſchwer, es wirklich zu ſein. Der Graf beſtand darauf, Walther's Mutter zum Souper herüber zu bitten, und als ſie kam, war er gegen ſie die Zuvorkommenheit und Herzlichkeit ſelbſt, was Wal⸗ ther beſonders wohl that. Nach Tiſche wurde muſicirt, denn Doris war muſikaliſch; ſie hatte auch eine Altſtimme 192 und liebte die Muſik, während Alfred weder zu ſingen noch ein Inſtrument zu ſpielen vermochte. Es fehlt mir jede muſikaliſche Anlage, und erſt ſeit ich das Glück habe, verheirathet zu ſein, fange ich an, dieſe Kunſt aus einem anderen Geſichtspunkte zu betrachten, ſpöttelte er. Du wirſt mit Herrn Rohneck einige Duette ſingen, Doris, ſagte Hedwig, indem ſie den Flügel öffnete; er be⸗ ſitzt eine wundervolle Tenorſtimme und ſingt und ſpielt Alles vom Blatte. Ich freue mich ſehr, wieder mit Jemandem ſingen zu können, erwiederte Doris. Hedwig blätterte in den Noten, um ein paſſendes Stück zu ſuchen, und Walther war zu ihr getreten. Befürchten Sie nicht, daß ich Sie heute um ein Lied bitten werde, ſagte ſie leiſe, wobei ſie ihn freundlich anſah — vielleicht ſpäter einmal wieder, wenn wir allein ſind und Sie ſelbſt darnach Verlangen tragen. Er erwiederte nichts— es war die erſte Andeutung an ihr gegenſeitiges, ſo beziehungsvolles Geſpräch, aber ſie verſtimmte ihn— vielleicht wegen der Art und Weiſe, in welcher ſie ſo plötzlich dazu kam. Es wurde gefungen, meiſtens aus Opern— aber die Muſik machte ihn ernſt, faſt traurig. War es doch das erſte Mal, ſeit er die Fichtenau verlaſſen, daß er wieder in Gemeinſchaft mit einer weiblichen Stimme ſang, und 193 dieſe hatte Aehnlichkeit, wenigſtens in der Tonlage, mit Margot's Stimme. Die reichlich gezollte Anerkennung der Zuhörenden blieb für ihn werth⸗ und bei ut gölos, ſelbſt Hedwig's Beifall und beſonders die W mi ſie ihn ausſprach, ließ ihn gleichgültig. Ihre Wrre kamen ihm kalt vor, wie die Aeußerungen eines Kritikees; er nußte ſelbſt nicht, was er daran auszuſetzen hatte, aber e ſreigerte ſeine innere Un⸗ zufriedenheit, und ohne aufſeferdert zu ſein, ſpielte er Tänze und andere heitere Stucke, welche geeignet waren, jedem Eindrucke einer elegiſchen Stimmung entgegen⸗ zutreten. Ehe ich ahnen konnte, daß Euer Beſuch die Einför⸗ migkeit unſeres Lebens unterbrechen würde, ſagte Hedwig dann, als man die Muſik aufgegeben, hatte ich mit Herrn Rohneck verabredet, die langen Winterabende uns durch Vorleſen zu verkürzen— ich denke, wir ändern nichts an dieſem Beſchluſſe, ſonden beginnen morgen damit— denn Herr Rohneck iſt ein eb a ſo guter Vorleſer als Sän⸗ ger, ſetzte ſie, ihn wieder dlich anſehend, hinzu. Ich weiß das, fiel Nifr⸗d lächelnd ein— Du hatteſt von je her einen Hang z npoetiſchen Beſchäftigungen, 3 und oft habe ich darunt“ en müſſen. Ich werde mich deshalb dieſes Fehlers nicht mehr ſchuldig machen, erwiet te Walther, den es abermals ver⸗ Gräfin und Marquiſe. 1v. 13 194 ſtimmte, daß Hedwig ihre gegenſeitige Verabredung ſo öffentlich Preis gab. O, Couſin Alfred hat darin keine Stimme! unter⸗ brach ihn Hedwig. Nicht wahr, Doris, Du biſt ganz mei⸗ ner Anſicht? Ich würde mich ſehr freuen, wenn der Herr Director die Güte haben wollte, und was meinen Mann betrifft, ſo kann ich dasſelbe von ihm verſichern. Was Du Dir herausnimmſt! ſcherzte Alfred— aber da ſie es einmal geſagt hat, ſo hört natürlich jeder Wider⸗ ſpruch auf; wir wollen alſo morgen leſen, mit vertheilten Rollen natürlich, und wenn wir erſt ein wenig geübt ſein werden, ſo führen wir auch ein kleines Stück auf. Nun, ſo wollen wir alſo morgen beginnen— aber womit? Kennſt Du den Taſſo von Goethe? fragte Hedwig. Ich habe ihn einmal angefangen— aber ich konnte ihn nicht bis zu Ende leſen. Nun, um ſo beſſer, bemerkte Hedwig; Du wirſt ſehen, liebe Doris.. Ach, gib Dir keine vergebliche Mühe, Couſine Hed⸗ wig, unterbrach ſie Alfred lachend, meine Frau ſchwärmt noch für Schiller, ſie iſt noch nicht für Gvethe empfäng⸗ lich; dazu iſt ſie noch.. Nun, fragte Hedwig, als er ſchwieg, willſt Du Dei⸗ nen Satz nicht vollenden? 195 Du wirſt mich verſtehen, auch ohne daß ich es thue, erwiederte er, denn ich bin ganz Deiner Anſicht— Schil⸗ ler iſt mir zu ſentimental, zu überſchwänglich; leſen wir den Taſſo, es wird Dir von beſonderem Nutzen ſein, kleine Frau— ich werde ſogleich die Rollen vertheilen. Den Herzog und Antonio übernehme ich, Leonore von Eſte biſt Du, Hedwig, Du, Doris, die andere Leonore, und Taſſo natürlich Walther. Gut, ſo ſei es denn, ſagte Hedwig; ein Jeder kann ſich ſeine Rolle vorher noch einmal durchleſen, und morgen Abend punkt Sechs iſt der Anfang. Werden Sie dann zurück ſein können? fragte ſie, ſich an Walther wendend. Er verbeugte ſich ſchweigend, ohne etwas zu er⸗ wiedern. Ich ſehe nicht ein, weshalb Du zwei Rollen leſen willſt, Alfred, bemerkte jetzt der Graf— ich werde den Herzog übernehmen. Du, Papa, rief Hedwig erſtaunt, Du willſt mitleſen? Es wird jedenfalls weniger langweilig ſein, als nur zuzuhören, ſagte er mit einem eigenthümlichen, halb ver⸗ legenen Lächeln; ich kenne zwar das Stück nicht, aber ich denke mir, der Herzog wird am beſten für mich paſſen. Er iſt wie für Bich gemacht, Onkel! rief Alfred⸗ Wir werden das morgen ſehen, Herr Couſin, ſagte der Graf, welcher den Spott aus Alfred's Aeußerung her⸗ 13* 196 ausfühlte— warten wir es ab; vielleicht paßt der Herzog mehr für mich, als Antonio für Dich. Du kennſt alſo das Stück, Onkel? fragte Alfred ver⸗ wundert. Ach, woher ſollte ich ſolch dummes Zeug kennen!— Aber es iſt ſpät, Kinder, der Wächter hat ſchon Mitternacht geblaſen. Man trennte ſich, und Walther führte ſeine Mutter den kurzen Weg durch den Park nach ſeiner Wohnung zu. Es war eine wundervolle, kühle und klare Herbſtnacht. Die Sterne leuchteten in ſtrahlendem Lichte, und der Orion, das glänzendſte Geſtirn des winterlichen Himmels, war ſchon aufgegangen. Wie vft hatte ſein Blick den unend⸗ lichen Raum bis zu jenen fernen Welten aus dem Fenſter der Fichtenau durchflogen, wenn das ſchöne Sternbild am ſüdlichen Himmel ſtand— wie oft hatte Margot's Auge ihn auf dieſem Wege begleitet— damals, als er ſie in die Wunder des Himmels eingeführt— ob ſie jetzt auch wohl zu ihm aufſchaute?— ob ſich vielleicht ihre Blicke dort oben, weit, weit in dem unendlichen Raume des Weitalls, begegneten? Er ging auf ſein Zimmer, aber der Schlaf mied ihn noch lange.— Wie war dieſer Abend ſo ganz, ganz an⸗ ders geworden, als er ihn ſich gedacht hatte! Wie war ſie ſo ganz anders, als er geglaubt hatte, daß ſie hätte ſein können, hätte ſein müſſen!— Der ganze geſtrige Abend, 197 Alles, was ſie zuſammen geſprochen, vergegenwärtigte ſich noch einmal in ſeinen Gedanken, die ſich nicht abwenden laſſen wollten von dieſem verlockenden Bilde, an welches ſich gegen ſeinen Willen noch andere anknüpften. Wenn er auch gewaltſam dieſe regelloſen Phantaſien zerſtörte, ſie kamen dennoch immer wieder und wollten nicht weichen, und auch das Grübeln und Sinnen nicht darüber, weshalb ſie heute ſo anders geweſen war— ſo freundlich unbefan⸗ gen— ſo vertraut und doch ſo fremd.— Unzufrieden mit ſich ſelbſt, ohne es ſich klar machen zu wollen, weshalb, ſchloß er endlich die Augen zu einem kurzen, unruhigen Schlummer. Vierzehntes Capitel. Am andern Morgen ritt er wieder an ihrem Fenſter vorüber, obgleich er ſich ſagte, daß ſie heute, nachdem man ſo ungewöhnlich ſpät zur Ruhe gegangen war, nicht ſo früh ſchon wieder auf ſein würde. Er hatte ſich jedoch in dieſer Annahme geirrt; ſie lag im Fenſter, und als er hinauf⸗ grüßte, rief ſie ihm freundlich einen guten Morgen zu. Kommen Sie heute Abend nicht zu ſpät, ſagte ſie dann. Er ritt weiter. Das freudige Gefühl, welches ihn bei ihrem unerwarteten Anblicke durchzuckt hatte, war wieder verſchwunden, denn er hatte ja aus ihrer letzten Aeußerung 5 erfahren, daß ſie gegen Abend nicht hinauskommen werde, was er zwar bei der Anweſenheit der Gäſte kaum anders erwarten konnte, worauf er aber dennoch im Stillen ge⸗ hofft hatte. Der Tag verging, und er kehrte heute viel 199 früher zurück, als dies ſonſt der Fall war; er durfte ja nicht auf ſich warten laſſen. Nachdem man Thee getrunken und eine Zeit lang ge⸗ plaudert hatte, begann man mit dem Leſen des Tafſo, wie es am geſtrigen Tage verabredet war. Der Graf las den Herzog mit ſo klarem und richtigem Verſtändniffe, daß ſich ein Jeder überzeugte, er kenne dieſes Meiſterwerk des gro⸗ ßen Dichters vollkommen. Die Dichtung übte bald ihren bewältigenden Einfluß auf die Leſenden aus, welche ſich, wie dies immer mehr oder weniger der Fall iſt, ſelbſt als handelnde Perſonen in derſelben vorkamen. Je weiter man las, je mehr ſchwand die Befangenheit und je mehr identificirte ſich ein Jeder mit der von ihm dargeſtellten Perſon. Nur Walther wurde aus demſelben Grunde be⸗ fangener; er wähnte, Taſſo's eine glühende und vermeſſene Leidenſchaft athmenden Worte wirklich an Hedwig zu rich⸗ ten und lauſchte dann ihrer Entgegnung mit einer Span⸗ nung, als ob ſie die Antwort auf die geheimen Fragen ſei⸗ nes Herzens ausſpräche. Je weiter man las, je mehr ſtei⸗ gerte ſich die Erregung ſeines Innern und die Leidenſchaft⸗ lichkeit ſeiner Stimme, während Hedwig, ſichtlich befangen, die Worte der Prinzeſſin weniger zu betonen ſchien. Sie bebte ſichtlich zuſammen, als er am Schluſſe des vierten Actes, während er ſie mit leuchtenden Augen anſah, Taſſo's Rede mit einer Leidenſchaft ſchloß, welche jedem Darſteller auf dem Theater zum Ruhme gereicht haben würde: 200 Es ſchwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr. Unwiderſtehlich ziehſt Du mich zu Dir Und nunaufhaltſam dringt mein Herz Dir zu. Du haſt mich ganz auf ewig Dir gewonnen, So nimm denn auch mein ganzes Weſen hin! „Hinweg!“ hauchte ſie mit kaum hörbarer Stimme, während ihr Geſicht plötzlich eine tiefe Bläſſe bedeckte. Doris vergaß die Worte Leonorens einzuſchalten und auch Walther zögerte mit Taſſo's„O Gott“, ſo daß der Graf mit harter Stimme ſchloß:„Er kommt von Sin⸗ nen, halt' ihn feſt!“— und nun wollen wir für heute ſchließen, fuhr er lachend fort— ihr habt Euch zu lebhaft in die Situation hineingedacht, Kinder, beſonders Sie, Herr Director— Sie haben wirklich Talent zum Schau⸗ ſpieler. Aber das Stück hat ſeine großen Vorzüge, und man muß es Gvethe laſſen, er verſteht es, eine unſinnige Leidenſchaft darzuſtellen und in ſchönklingende Phraſen einzukleiden. Wir ſollten eigentlich den fünften Act noch leſen, lie⸗ ber Onkel, das Ganze kommt dadurch erſt zu einem beru⸗ higenden, verſöhnenden Schluſſe, bemerkte Alfred. Nein, ich habe genug, ſagte der Graf entſchieden— ſolch Leſen iſt eine wirkliche Arbeit, nach welcher man hungrig wird. Iſt angerichtet? fragte er den eintretenden Bedienten. Zu Befehl, Herr Graf! So gehen wir— Herr Antonio, wandte er ſich lä⸗ 201 chelnd an Alfred, führen Sie die Prinzeſſin, Sie, Levnore, reichen mir den Arm, und Sie, lieber Taſſo, müſſen heute, wie im Stücke, leer ausgehen. Die Unterhaltung bei Tiſche war ernſter und gehal⸗ tener, wie ſonſt; ein Jeder lebte noch immer in der Nach⸗ wirkung der ſo eben gehörten Dichtung, und man trennte ſich früher als gewöhnlich. Hinweg! flüſterte Walther vor ſich hin, als er heim⸗ ging— ſo würde ſie auch ſagen, wenn ich thöricht genug wäre, den Taſſo gegen ſie ſpielen zu wollen— wie ſie bleich geworden war— und ich— ich habe mich einmal wieder hinreißen laſſen— weshalb auch gerade dieſen Taſſo? Sie muß wirklich zu dem Glauben kommen, ich hätte mich mit dieſem phantaſtiſchen, unpraktiſchen Cha⸗ rakter identificiren wollen— es war ſehr peinlich, und ich muß vor Allem bemüht ſein, ihr dieſen Wahn wieder zu benehmen.— Aber dennoch habe ich ſelbſt in einen Spie⸗ gel geſchaut— denn ich befinde mich wirklich auf dem Wege, ein zweiter Taſſo zu werden.— Während er ſich dieſen und ähnlichen Gedanken hin⸗ gab, ſtund Hedwig am Fenſter ihres Zimmers und blickte träumeriſch auf die Bäume des Parkes hinab, welche, vom Lichte des Mondes echellt, leiſe im Nachtwinde ſchwankten. Auch in ihrer Bruſt klopfte das Herz unruhiger und be⸗ wegter, als ſonſt, denn auch auf ſie hatte Goethels Dich⸗ tung einen noch immer nachwirkenden Eindruck gemacht, 202 weil auch ſie das Beziehungsvolle zu ihrem eigenen Em⸗ pfinden darin erkannt hatte. Aber dieſes Empfinden hatte ſich, ihr ſelbſt unbewußt, geändert und ihre Gedanken trie⸗ ben deshalb ein regelloſes, gefährliches Spiel. Im Herzen Hedwig's war die Liebe zu Walther ent⸗ ſtanden oder im Entſtehen begriffen, obgleich ſie ſich ſelbſt derſelben nicht bewußt geworden war— es hätte nur noch eines belebenden Hauches, eines Zufalles bedurft, um ſie zur Blüthe zu treiben, und dann würde dieſes Herz vor keinem Hinderniſſe mehr zurückgeſchreckt ſein. Sie dachte auch an kein Hinderniß, ſie dachte eben ſo wenig an ihre entſtehende Liebe, ſondern ſie ließ die Verhältniſſe walten; der Zeitpunkt war nur noch nicht gekommen, aber ſie em⸗ pfand eine Sehnſucht danach, ihn herbeizuführen, und machte die Gelegenheit ihren Wünſchen dienſtbar. Ein ahnungsvolles Gefühl nahm ihre Seele gefangen, als ſie nach der großen Eiche im Walde ritt; es war ihr, als ob dieſer Tag, als ob dieſe Stunde für ihr ganzes Leben eine entſcheidende ſein könne. Aber es kam ganz anders. Als ſie nach jenem Ge⸗ ſpräche wieder einſam auf ihrem Zimmer ſtand, athmete ihre Bruſt freier und die beengenden Feſſeln, welche ihr Herz zuſammengepreßt hatten, bedrückten ſie nicht mehr. Er hatte ihr ſeine Geſchichte erzählt, die Geſchichte ſeiner Liebe, in glühenden, begeiſterten Worten; er hatte davvn geredet wie von einem Glücke, das er zwar verloren, an 203 welchem aber dennoch immer ſeine ganze Seele hing.— Sie beneidete dieſe Margot, die ſo Vieles, faſt Alles, was wünſchenswerth iſt, durch ihn und von ihm erhalten hatte; ſie beneidete ihn, daß er einem ſo begabten, unſchul⸗ digen Weſen dies hatte geben und gewähren können— aber was er bis dahin ihren ſtillen, ſich ſelbſt uneinge⸗ ſtandenen Wünſchen geweſen war, das hatte er aufgehört zu ſein. Das unbewußte Verlangen ſeines Beſitzes war erloſchen— wie konnte er ihr gehören, der noch immer einer Anderen gehörte? Das war nicht das Ideal, welches in ihrer Seele ſtund— ſo glaubte ſie wenigſtens, und dieſer Glaube änderte ihr Empfinden und ihr Beneh⸗ men. Walther war ihr nur durch das Band eines gegen⸗ ſeitigen Vertrauens näher, ſehr nahe getreten— aber er hatte aufgehört zu ſein, was er bis dahin ihr geweſen oder werden ſollte. Sie konnte an ihn denken wie an einen Freund, wie an einen Bruder— der Stolz des Weibes kam dabei mit zur Geltung, und ſo hatte jene beziehungs⸗ volle Unterredung im Walde bei ihr gerade den entgegen⸗ geſetzten Erfolg. Die Zuneigung, die Liebe kommt und vergeht, wir können nicht ſagen, woher und weshalb, wir können ſie auch nicht hindern, zu kommen oder zu gehen, wir können nur glücklich vder unglücklich dadurch werden. Ob Hedwig's jeziges Empfinden dauernd ſein würde, ob es nicht eine bloße Schwankung auf der Scalg weiblichen Empfindens 204 war, vermögen wir deshalb nicht zu ſagen, und ſie ſelbſt konnte dies noch weniger, wenn ſie überhaupt befähigt geweſen wäre, dieſe Selbſtprüfung, der wir ſie ſchonungs⸗ los unterworfen haben, mit ſich anzuſtellen— hierin aber lag der Grund ihres veränderten Benehmens, welches deſ⸗ ſen ungeachtet wenig geeignet war, in Walther eine gleiche Empfindung zu erzeugen. Der Kampf ſeiner Gefühle war vielmehr im Zunehmen, und gerade ihr nicht zurückhalten⸗ des, aber ſo unbefangenes Weſen reizte ihn, den Grund davon zu erforſchen. Als er an jenem Abende ſein Zimmer betrat, ging er noch lange aufgeregt in dem kleinen Raume auf und ab, und wie er ſich auch dagegen ſträuben mochte, ſeine Gedan⸗ ken wollten ſich immer nicht von den verlockenden Bildern abwenden, deren Mittelpunkt immer Hedwig blieb. Er zündete endlich Licht an, und als er an ſeinen Schreibtiſch trat, fand er darauf einen Brief, den er mit einem freudigen Jubelrufe ergriff. Von Mehring, ſprach er, im Begriffe, ihn zu öffnen — und aus Paris, ſetzte er athemlos hinzu, indem ſein Blick auf den Poſtſtempel fiel— aus Paris? Wäre es möglich? 1 Wehring ſchrieb einen ungewöhnlich langen Brief, vier Seiten waren eng und dicht mit ſeiner feſten, deutli⸗ chen Schrift angefüllt; er ſah dies, aber er hatte nicht Zeit, den Inhalt zu leſen, denn darin lag ein anderes klei⸗ 205 neres Briefchen, das ihre Handſchrift trug— ach, wie lange hatte er dieſe wohlbekannten, ihm ſo theneren Schrift⸗ züge nicht geſehen! Und jetzt ruhte ſein Auge darauf mit einem Entzücken, mit einem Glanze, als ob in den weni⸗ gen Worten, welche doch nur ſeine Adreſſe enthielten, ſein ganzes Glück läge. Seine Hand bebte, als er das kleine, zierliche Briefchen darin hielt, und ſein Herz klopfte hörbar, während er noch immer zögerte, das Siegel zu erbrechen. Seine Augen ſtrahlten von innerem Glücke, als er las: „Sie haben meine beiden Briefe nicht erhalten, keine Nachricht iſt von mir zu Ihnen gekommen, wie mir Herr Wehring mitgetheilt hat— auch ich habe ſeit dem Tage, wo ich von der Fichtenan ſcheiden mußte, nichts mehr von Ihnen— von Niemandem mehr etwas gehört. Ach— wenn Sie wüßten, wie unglücklich mich das gemacht hat — Sie werden nicht daran zweifeln und nicht glauben, es auch nie geglaubt haben, daß ich, die ich Ihnen ſo Vieles zu danken habe, die ich Sie ſo ſehr verehre, Sie ſo leicht hätte vergeſſen können, jemals vergeſſen werde! Was aus den Briefen geworden iſt, ich weiß es nicht; aber nicht wahr, Sie haben deshalb doch nicht an mir gezweifelt und eine geringe Meinung von mir erhalten— ich habe das wenigſtens nie, niemals gethan. Weshalb Sie mir nicht ſchrieben, mir nicht antworteten, das zu erforſchen habe ich mich vergeblich abgemüht— aber Sie blieben mir deshalb doch ſtets das, was Sie mir waren. O, wie hart war es 206 vom Geſchicke, daß wir uns wenigſtens an jenem Morgen, als ich fortfuhr und Sie mir ſo nahe waren, nicht noch ein⸗ mal geſprochen haben— hätte ich eine Ahnung davon ge⸗ habt, keine Macht würde mich gezwungen haben, weiter zu fahren, ehe ich Ihnen Lebewohl geſagt! „Wehring hat mir Vieles, Alles erzählt, daß es Ihnen gut geht, daß Sie eine umfangreiche und lohnende Beſchäftigung haben— o, Sie glauben nicht, wie mich das Alles gefreut hat! Die Stunde, als ich Wehring wie⸗ derſah, nebſt derjenigen, als mein todtgeglaubter, gelieb⸗ ter Bruder Raoul lebend zurückkehrte, waren die glücklich⸗ ſten— die einzigen glücklichen, welche ich ſeit meiner Ab⸗ reiſe aus der Fichtenau verlebt habe. Daraus mögen Sie erkennen, wie es mir hier ergeht. Das Leben und Treiben, für welches ich nicht erzogen bin, läßt mich unbefriedigt. Sie würden Ihre Schülerin kaum wieder erkennen, ſo ernſt und ſtill iſt ſie geworden, und wenn mir der liebe Gott nicht meinen guten Bruder geſandt hätte— ach, ſo würde ich wahrhaft unglücklich ſein! Ich treibe auch noch Muſik, habe Clavier gelernt und Geſang⸗Unterricht bei einem be⸗ rühmten Lehrer— aber das Alles ſpricht mich wenig an. Wenn ich mir einen rechten Genuß verſchaffen will, ſtimme ich meine Guitarre und ſinge ganz leiſe eines jener Lieder, die Sie mich gelehrt haben. Wiſſen Sie noch, wie wir am Abende zum letzten Male das kleine Lied zuſammen ſangen:„Morgen muß ich fort von hier, muß nun Ab⸗ 207 ſchied nehmen“— ich konnte es damals nicht zu Ende ſin⸗ gen— und kann es auch noch nicht! Die Hoffnung, Sie wiederzuſehen, welche ſchon ſo nahe gerückt war, daß ich die Erfüllung nach Tagen zählen konnte, iſt nicht zur Wahr⸗ heit geworden, mein Geſchick hat mich in andere Verhält⸗ niſſe geworfen. Aber jetzt lebt ſie wieder auf und flüſtert mir zu, daß ſie ja eben ſo leicht wie Wehring eine Reiſe hieher machen könnten. O, wie glücklich mich dieſer Ge⸗ danke macht, wie glücklich ich bin, Ihnen das ſchreiben zu können mit der Gewißheit, daß dieſe Zeilen in Ihre Hand gelangen! Adreſſiren Sie Ihren Brief an meinen Bruder, Capitän im ſechsten Chevaurlegers⸗Regiment; ich werde ihn dann ſicher erhalten. Wir werden uns wieder ſchrei⸗ ben, nicht wahr— ſollte ich Sie vielleicht nicht darum bitten? Werden Sie mich deshalb tadeln, daß ich es thue? Ich glaube es nicht und folge deshalb den Eingebungen meines Herzens. Wenn ich erſt einen Brief von Ihnen er⸗ halten habe, dann wollen wir uns ausführlichere Mitthei⸗ lungen machen, denn dieſe kurzen Zeilen ſollen Ihnen nur ſagen, daß in alter, unveränderter Weiſe an Sie denkt Ihre dankbare Margot.“ Meine dankbare Margot, flüſterte er kaum hörbar vor ſich hin, indem er die Stelle des Papiers, auf welcher dieſe Worte ſtanden, lange und innig an ſeine Lippen drückte— v, Du liebes, liebes, herziges Kind, wie tief be⸗ ſchämt ſtehe ich vor Dir da, die Du keinen Augenblick das 208 Vertrauen zu mir verloren haſt, während ich.. Er war in tiefes Sinnen verſunken und Gedanken mancherlei Art, Erinnerungen, plötzlich erſtanden und lebendig gewor⸗ den⸗ wogten in ihm auf und ab. Sie lebt, rief er dann mit freudiger Stimme, ſie iſt wohl und munter— und denkt meiner noch mit der alten Liebe— o, wie mich das glücklich macht!— Dann nahm er haſtig Wehring's Brief, denn das Verlangen, Näheres zu erfahren, erfaßte ihn jetzt. Wehring ſchrieb Folgendes:„Sie werden ſich wun⸗ dern, lieber Freund, einen Brief von mir aus Paris zu er⸗ halten, aber ich konnte es nicht ändern, ich mußte hieher reiſen; es handelte ſich dabei mehr oder weniger um meine Giſten. So mußte ich mich denn entſchließen und meinen Kopf in den Rachen des Löwen ſtecken. Aber es iſt damit nicht ſo gefährlich; jedes Ding in der Nähe beſehen verliert den Nimbus, mit dem es ſich nach Außen hin umgibt oder umgeben lißt, und Gold iſt ein Schlüſſel, der faſt alle Thü⸗ ren öffnet— auch in Paris. Man hat ſich jetzt überzeugt, daß die beabſichtigte Maßregel nicht zweckmäßig ſeinwürde; man hätte dies allerdings auch früher thun können, indeſſen die deshalb von mir angelegten Capitalien bringen jeden⸗ falls gute Zinſen. „Es gefällt mir hier durchaus nicht, und ich werde jetzt, da meine Geſchäfte beendet ſind, in wenigen Tagen wieder abreiſen; überall Stolz, Annaßnng und Ueberhe⸗ 209 bung. Wie kann dies aber auch anders ſein? Die große Nation beherrſcht ganz Europa, warum ſoll ſie ſich nicht die große nennen und jeder Einzelne ſich als ein Stück die⸗ ſer Größe fühlen— wir müfſen's ertragen und dulden, wie ſo vieles Andere. Dennoch iſt Paris immerhin eine ſehenswerthe Stadt, und ich wünſchte, Sie wären bei mir und wir könnten zuſammen ſehen, oder beſſer, hätten zu⸗ ſammen ſehen können, was ich ſchon geſehen habe. Glau⸗ ben Sie ja nicht, daß ich Sie mit einer langweiligen Schil⸗ derung von Galerien, Kirchen und dergleichen unterhalten will— nein, ich will Ihnen etwas Anderes erzählen, was Sie gewiß intereſſiren wird. „Ich ging vorgeſtern gegen Mittag in den Champs Elyſtes ſpazieren, wie ich gewöhnlich um dieſe Zeit hier thue, denn die vielen Wagen, Reiter und Menſchen, über⸗ haupt das ganze Getreibe gewährt Unterhaltung. Indem ich ſo nach meiner Art zuweilen ſtehen bleibe, um mir Dies oder Jenes genauer anzuſehen, fährt ein Wagen dicht an mir vorbei, in welchem ein Herr und eine Dame ſitzen.— Es war Margot, lieber Herr Rohneck, und obgleich ich wußte, daß ſie ſich in Paris aufhalte und ich mir feſt vor⸗ genommen hatte, ſie nicht aufzuſuchen, ſo war ich doch ſo überraſcht, daß ich laut ihren Namen rief. Sie wandte den Kopf nach mir um, aber ſie bedurfte einer gewiſſen Zeit, ehe ſie mich erkannt, da ſie ja keine Ahnung davon hatte, daß ich in Paris ſein könnte. Gräfin und Marquiſe. 1V. 14 210 „Dann aber ſchrie ſie faſt laut auf, der Wagen mußte ſogleich halten, ſie ſprang heraus, noch ehe der Bediente den Tritt herablaſſen konnte, und flog mit dem Rufe: Herr Wehring, lieber, beſter Hert Wehring! auf mich zu und umarmte mich, ohne auf die ſich ſogleich ſammelnden und gaffenden Menſchen Rückſicht zu nehmen. Ich war ordent⸗ lich verlegen geworden, was mir lange nicht paſſirt iſt, und ich wagte es kaum, ihre Umarmung zu erwiedern. „Inzwiſchen war auch ihr Begleiter ausgeſtiegen, in welchem ich ſogleich den jungen Officier erkannte, der Sie damals nicht arretirte, obgleich er es zuerſt igte. Dieſer brachte die Sache ſo weit w der ins. daß wir uns bald zuſammen in den Wagen ſetzten,* ſtens den ſich immer vermehrenden neugierigen Gaffern entrückt zu werden. „Nun ging das Fragen und Etzählen los— ach, lieber Herr Rohneck, ſie iſt noch ganz, wie ſie war, noch ganz dasſelbe liebe, u natürliche Kind, wie in der Fich⸗ tenau! Schöner iſt ſie geworden und dabei modiſcher ge⸗ kleidet, aber ihr innerſtes Weſen hat ſich nicht verändert. Ich mußte natürlich ausführlich erzählen, ihre Fragen nah⸗ men gar kein Ende, denn ſie hat keinen einzigen Brief we⸗ der von mir, noch von meiner Frau, noch von Ihnen er⸗ halten und wollte es gar nicht glauben, daß auch keiner ihrer Briefe an uns gelangt ſei, denn ſie hat deren mehrere geſchrieben. Die Mutter iſruch mir doch, ſie pünktlich 211 6* beſorgen zu laſſen, ſagte ſie— es iſt unbegreiflich. Mir iſt es jeßt, nachdem ich die Frau Marquiſe, ihre Mutter, ken⸗ nen gelernt habe, gar nicht mehr unbegreiflich, denn ich halte dieſe Frau noch zu ganz anderen Dingen für fähig, als ein paar harmloſe Briefe zu unterſchlagen. Wir waren nur eine kurze Zeit gefahren, als die Erkundigungen auch nach Ihnen begannen, und ich konnte in dieſer Beziehung gar nicht ausführlich genug ſein. Als ich ihr erzählte, daß Sie uns beſucht und gerade an dem Tage angekommen wären, wo ſie uns verlaſſen, daß Sie uns bis zur Apotheke nachgeritten ſeien, traten ihr die Thränen in die Augen und ſie konnte ſich gar nicht darüber beruhigen, daß ſie Ihnen nicht wenigſtens noch einmal Lebewohl geſagt, ſondern Sie nicht bemerkt habe. „Wir fuhren mehrere Stunden zuſammen herum, immer auf den einſamſten Wegen des Boulogner Gehöl⸗ zes, damit wir ſo wenig wie möglich geſtört würden. Der Officier iſt ihr Bruder und ein liebenswürdiger junger Mann, der mir wohl gefallen hat. Dasſelbe kann ich nicht von ihren Eltern ſagen. Ich konnte nämlich ihre dringende Bitte nicht abſchlagen, ſie und ihre Eltern beſuchen; jetzt, da ich mich überzengt hatte, daß ſie noch ganz mit der al⸗ ten Anhänglichkeit an uns hing, wäre dies auch ungerecht⸗ fertigt geweſen. „Ich ging alſo am anderen Tage hin. Die Frau Margquiſe empfing mich ungefähr, wie man ein nothwendi⸗ 14* 212 ges Uebel entgegennimmt. Sie iſt eine ſtolze, hartherzige, intriguante Frau. Sie wollte mich zuerſt mit vornehmer Herablaffung behandeln; da ſie aber ſah, daß dies bei mir gar nicht verfing und ich nun abſichtlich Margot immer 3 meine liebe Margot oder mein liebes Kind nannte, wurde ſie erboſ't und ſprach nur wenig, was mir ſehr lieb war. Er, der Marquis, iſt ein ſchwacher, alter Mann, der ganz unter dem Pantoffel ſeiner Frau ſteht. Er liebt auch Mar⸗ got wirklich, was man von der Marquiſe nicht behaupten kann, welche mir nur eine gemachte Zärtlichkeit zur Schau zu tragen ſcheint. Auch Margot hängt mehr an ihrem Vater. Die ganze Geſchichte hat etwas ſehr Unklares; denn man hat für gut befunden, den Leuten zu ſagen, Margot ſei ſo lange in einer deutſchen Penſion geweſen, aus der ſie jetzt zurückgekehrt. Bei uns hatte man endlich 3 die Spur des geraubten Kindes gefunden— während Margot erzählt, daß ſie mit dem alten Viorne ihre dama⸗ ligen Pflegeeltern, die jetzt aber ihre wirklichen geworden ſind, keineswegs ohne deren Wiſſen und Wollen verlaſſen habe. Dazu die letzten Worte Viorne's— ich kaun nicht völlig klar ſehen, es geht mich ſchließlich auch nichts an, aber auffallend bleibt es immerhin, daß man Margot erſt 4 zurückgenommen hat, nachdem ihr Bruder für todt gehal⸗ 3 ten wurde. „Nun, ich mußte den Abend dort bleiben, Margot wäre unglücklich geweſen, wenn ich es abgelehnt hätte, und 213 ich that es, obgleich ich ſah, wie unangenehm es der Alten war. Ja, gerade weil dieſe ein Geſicht machte, wie eine Katze im Regen, ging ich nun täglich hin, ſaß Stunden lang bei Margot und ihrem Bruder, den ich hochachten ge⸗ lernt habe, und fuhr mit ihnen aus, ganz wie ſie es wünſchte. Die Alte fragte mich zwar oft, wann ich abrei⸗ ſen würde; ich rückte den Tag immer wieder hinaus, meine Geſchäfte vorſchützend, und ſo bin ich noch hier, während ich ſchon vor einer Woche abreiſen wollte. „Eines Tages war die Mutter beſonders freundlich gegen mich, und ich merkte bald, daß dies einen Grund haben müſſe, wie es denn auch der Fall war. Sie bat mich nämlich, in Anweſenheit eines Herrn, der wahrſchein⸗ lich bald erſcheinen werde, nicht zu erwähnen, daß Margot längere Zeit bei uns gewohnt habe, weil ſie überflüffige Erörterungen zu vermeiden wünſche und bisher Jedermann geſagt habe, Margot ſei in einer Penſion geweſen. Ich verhielt mich ſchweigſam und ſagte weder das Eine noch das Andere, obgleich jener Mann, ein Herzog, mich mit argwöhniſchen, mißtrauiſchen Blicken betrachtete. Bei die⸗ ſer Gelegenheit erfuhr ich denn auch, daß dieſer Herzog von Villervi ſich um Margot's Hand beworben, aber einen Korb von ihr erhalten habe, obgleich ihre Eltern dieſe Verbindung dringend gewünſcht hatten. Ich kann es ihr nicht verdenken, daß ſie dieſen blaſirten Menſchen nicht hat 214 heirathen wollen, ſie wäre gewiß mit ihm unglücklich ge⸗ worden. „Ach, wenn ich wieder mit Ihnen nach der Fichtenau reiſen könnte, lieber Onkel! ſagte ſie— ſie nennt mich zum großen Aerger ihrer Mutter immer noch Onkel— als ſie von mir erfuhr, daß ich nun endlich doch Paris verlaſſen müſſe, wo ich allein Ihretwegen ſo viel länger geblieben war— wie glücklich würde ich ſein! Sie hatte Mühe, die Thränen bei dieſen Worten zurück zu halten, und ich er⸗ kannte wieder, daß ſie noch ganz mit der alten Liebe an uns hängt und daß ich ihr recht Unrecht. gethan habe, als ich daran zweifelte. Ich habe es ihr längſt im Stillen ab⸗ gebeten. Ihr ſehnlichſter Wunſch iſt es, uns einmal wie⸗ der zu beſuchen und einige Zeit bei uns zuzubringen. Als ſie ihre Eltern in meiner Gegenwart darum bat, habe ich mich jedoch aus den Mienen der Frau Marguiſe hinläng⸗ lich überzeugt, daß dies niemals geſchehen wird, obgleich die Frau ihren Wünſchen nicht direct entgegentrat. „Ich mußte ihr verſprechen, ſogleich an meine Frau zu ſchreiben und einen Brief von ihr beizulegen, den ſie mir am anderen Tage übergab; dann fragte ſie mich, ob ich auch an Sie ſchreiben würde, und als ich dieſe Frage natürlich bejahte, leuchtete eine hohe Freude aus ihren Au⸗ gen. Grüßen Sie Herrn Rohneck recht oft und recht herz⸗ üich von mir, ſagte ſie— er wird dann wohl ein paar Zei⸗ len an mich ſchreiben, damit ich ihm antworten kann. ——, 215 Warum ſie nicht auch einen Brief an Sie beilegen wollte, weiß ich nicht recht; als ich dies ſo beiläufig erwähnte, wurde ſie ſichtlich verlegen und meinte, es würde ſich doch wohl nicht paſſen, daß ſie zuerſt an Sie ſchriebe.— Nun, ich bin deshalb um ſo weitläufiger geweſen und habe, glaube ich, in meinem Leben nicht einen ſo ausführlichen Brief geſchrieben; es geſchah aber in der Ueberzeugung, daß dieſe Nachrichten ebenfalls nicht ohne Werth für Sie ſein würden. So leben Sie denn für heute wohl, lieber Freund; antworten Sie mir nach der Fichtenau, denn über⸗ morgen reiſe ich ab. Mit aller Freundſchaft der Ihrige. „Wehring. P. S. Sie werden mich auslachen, daß ich wie die Frauen zu dieſem langen Brieſe noch ein post scriptum hinzufüge; es iſt aber dieſes Mal nöthig. Als ich am an⸗ deren Tage zu Margot kam, fragte ſie mich mit etwas un⸗ ſicherer Stimme, ob ich den Brief an Sie ſchon abgeſchickt habe; als ich dies verneinte und hinzufügte, ich hätte ihn in der Taſche und wolle ihn ſpäter ſelbſt auf die Poſt tra⸗ gen, ſagte ſie: So haben Sie ihn alſo ſchon zugemacht? „Zugemacht? erwiederte ich— allerdings, aber wenn Sie wünſchen, daß ich noch etwas hinzuſetze, ſo kann er ja wieder geöffnet werden. „Ich möchte doch ein kleines Briefchen an Herrn Rohneck mit einſchließen, bemerkte ſie, ohne mich bei dieſen Worten anzuſehen, wenn es noch ginge— ich denke mir, —— —— 216 es— es würde ihm Freude machen, und er könnte ſonſt glauben. „Es wird ihm gewiß eine große Freude bereiten, er⸗ wiederte ich, indem ich das Couvert meines Briefes erbrach, und ich habe mich eigentlich darüber gewundert, daß Sie erſt einen Brief von ihm abwarten wollten. „So haben Sie die Güte, dieſe Zeilen mit einzule⸗ gen, ſagte ſie mit leiſer Stimme, indem ſie mir einen klei⸗ nen Brief übergab, den ich natürlich annahm. Ich ging nun doch noch erſt einmal nach Hauſe, um dieſes post scriptum hinzuzufügen; denn wenn ich gewußt hätte, daß Margot ſelbſt ſchreiben würde, hätte ich mir Vieles erſpa⸗ ren können. Ich hätte nicht nöthig gehabt, Ihnen die ganze Geſchichte in dieſer Weiſe zu erzählen, wie ich es gethan habe, gleichſam um Sie zu überraſchen, denn Sie werden jetzt doch Margot's Brief zuerſt leſen und ich komme als der hinkende Bote hinterher. Nun, nehmen Sie es, wie es iſt, und laſſen Sie bald etwas von Sich hören. „Der Obige.“ ————— 8 Fünfzehntes Capitel. Es möchte ſchwer ſein, die Empfindungen Walther's zu ſchildern, nachdem er die Briefe Margot's und Weh⸗ ring's geleſen hatte. Natürlich las er Margot's Brief nun noch einmal, wir glauben ſogar, daß es noch öfter ge⸗ ſchah. Der Schlaf floh ſeine Augen, wie immer, wenn unſer inneres Empfinden ungewöhnlich erregt iſt und un⸗ ſere Gedanken ſich mit Bildern der Vergangenheit oder der Zukunft beſchäftigen. Bei ihm aber wogten dieſe Bilder in raſcher Folge hin und her. Die Tage der Fich⸗ tenau, alle jene Stunden, welche er gemeinſam mit ihr zuge⸗ bracht, wurden wieder lebendig, und die Erinnerung ver⸗ ſchönte ſie noch mit ihrem duftigen Schleier— aber auch die Hoffnungen, die er gehegt und denen er ſpäter in ſchmerzvoller Reſignation entſagt, umgaukelten ihn, und ſeine leicht erregbare Phantaſie ließ ihre Gebilde in neuen, glänzenden Farben erſtehen.— Er konnte dem Verlan⸗ gen nicht widerſtehen, beide Briefe ſogleich zu beantworten, es kam ihm wie ein Verrath vor, länger damit zu zögern. Welches lang erſehnte, lang entbehrte Glück erfüllte ſeine Seele, als er endlich wieder an Margot ſchreiben konnte, ſchreiben, ohne einen Vorwurf gegen ſie in ſeinem Herzen, vielmehr mit dem freudigen Bewußtſein, die eigene Schuld ihr abbitten zu müſſen! Denn die wahre Liebe iſt immer bereit und willig, bei einem Zerwürfniſſe mit dem gelieb⸗ ten Gegenſtande die Schuld auf ſich ſelbſt zu nehmen, und nur wenn ſie dies nicht kann, fühlt ſie ſich verletzt und ge⸗ kränkt. Ddie aufgehende Sonne fand ihn noch am Schreib⸗ tiſche, und eine Stunde ſpäter ſaß er ſchon zu Pferde und ritt im raſchen Trabe davon. Unwillkürlich fiel ſein Blick auf Hedwig's Fenſter, und er wurde faſt beſtürzt, als er ſie daran ſtehen und ihm freundlich zuwinken ſah. Er konnte ihren Gruß nur aus der Ferne erwiedern, denn er war nicht, wie er in den letzten Tagen gethan, unter ihrem Fenſter vorbeigeritten, und jetzt, als ſie ihm ſo freundlich zuwinkte, fühlte er, wie das Blut ihm ſtärker nach dem Herzen ſtrömte. Es war aber nicht die Freude, welche dieſes Gefühl in ihm hervorrief, er wußte ſelbſt nicht, woher es kam und weshalb er heute ſich ſo ſchnell wieder von dieſer verlocken⸗ den Erſcheinung abwandte, die ihm noch lange nachblickte. Er preßte die Hand unwillkürlich auf die Stelle ſeines 219 heftig klopfenden Herzens, über welchem Margot's Brief und ſeine Antwort an ſie ruhten, und ſprengte dann in ſchnellem Jagen der Stadt zu, um die letztere ſogleich zur Poſt zu geben. Er blieb heute ungewöhnlich lange draußen, und als er heimkehrte, ging er nicht mehr auf das Schloß, ſondern blieb zu Hauſe, obgleich man ihn, wie er wußte, erwartete. Als er am folgenden Tage mit Alfred wieder zuſam⸗ menkam, bemühte er ſich vergebens, die alte Unbefangen⸗ heit zu zeigen, ſein Benehmen behielt etwas Gezwungenes, was ſeinem Freunde nicht entging. Iſt Dir Unangenehmes begegnet? fragte ihn Alfred, als ſie allein waren; Du biſt ſo ſchweigſam und nach⸗ denkend. Unangenehmes? erwiederte Walther, ſeinen Freund dieſer Frage wegen verwundert anſehend— im Gegen⸗ theile, etwas ſehr Angenehmes. Es muß doch eigenthümlicher Art ſein, da es einen ſo beſonderen Eindruck auf Dich zu machen ſcheint. Kannſt Du es mir nicht mittheilen? Warum nicht, ſagte Watther nicht ohne Verlegenheit — ich habe einen Brief von Wehring, und zwar aus Paris erhalten. Ah, rief Alfred lächelnd, das iſt es! So ſind Dir endlich Nachrichten zugekommen über das weitere Ergehen jenes jungen Mädchens, deſſen Erziehung Du Dich ſo un⸗ 220 eigennützig angenommen hatteſt? Gedenkt die jetzige Mar⸗ quiſe noch ihres früheren Lehrers? Walther verdroß die leichte, faſt ſpöttiſche Weiſe, in welcher Afred dieſe Bemerkung machte, und er bereute es, davon geſprochen zu haben; er hielt ſich aber jetzt für ver⸗ pflichtet, die unichtige Meinung, welche Alfred von Mar⸗ got zu haben ſchien,— eine Meinung, die er ſelbſt ja vor Kurzem noch getheilt hatte, zu berichtigen. Sie gedenkt ihres Lehrers, wie Du mich zu nennen beliebſt, noch ganz in der alten Weiſe, ſagte er daher mit größerer Lebhaftigkeit, als es nöthig geweſen wäre— ſie hat ſich überhaupt gar nicht verändert, was Du daraus entnehmen kannſt, daß ſie ſelbſt an mich geſchrieben hat, nachdem ſie erfahren, daß unſere Briefe bisher unterſchla⸗ gen worden ſind. Unterſchlagen?— Eure Briefe?— Selbſt an Dich geſchrieben? fragte Alfred in kurzen Pauſen, indem er Walther lächelnd, aber forſchend anſah— nun, das iſt recht hübſch, recht anerkennungswerth von ihr, obgleich es für Dich vielleicht beſſer geweſen wäre, wenn Wehring die Reiſe nach Paris nicht unternommen hätte. Weshalb?— ich verſtehe Dich nicht. Was kann es Dir nutzen, Erinnerungen wieder auf⸗ zufriſchen, die immer noch ſehr lebendig bei Dir zu ſein ſcheinen, obgleich es gewiß gut war, daß ſie anfingen, all⸗ mählig abzuſterben. 221 Ich weiß nicht, was Du damit ſagen willſt, erwie⸗ derte Walther, der plötzlich ſehr ernſt gewor en war; ich danke Gott, daß das drückende Gefühl von mir genommen iſt, ich hätte mich in dieſem unſchuldsvollen Kinde irren können und auch ſie wäre nichts als ein gewöhnliches Weſen, welches die zufällig geänderten Verhältniſſe eben⸗ falls leicht geändert hätten. Die Ungewißheit darüber war ganz dazu angethan, überhaupt jedes Vertrauen an die Menſchheit bei mir in Zweifel zu ſtellen. Es freut mich, ſagte Alfred jetzt ebenfalls ernſt, daß Du dieſes Vertrauen wieder erlangt haſt; aber wenn ich Dir einen Rath ertheilen darf, ſo begnüge Dich mit dieſem Gewinne, lieber Freund, und vergiß dabei nicht, daß die Verhältniſſe ſich ſo geändert haben, um das Wiederaufle⸗ ben weiterer Hoffnungen und Wünſche unmöglich zu machen. Wer ſagt Dir, daß ich ſolche Hoffnungen und Wünſche hege? Das ſagt mir Niemand, erwiederte Alfred, aber Du warſt von jeher ein wenig Schwärmer und Phantaſt. Die Zeiten ſind vorüber, und um Dir den Beweis zu geben, daß dem ſo iſt, ſprechen wir nicht mehr von die⸗ ſen Dingen. Auch an dieſem Tage ging Walther Abends nicht auf das Schloß. Er hatte Hedwig, ſeit er die Briefe er⸗ halten, noch nicht geſprochen, und empfand eine gewiſſe 222 Scheu davor, mit ihr zuſammen zu kommen. Wenn er auf ſeinem Zimmer ſchweigend und nachdenkend ſaß, wie er jetzt längere Zeit that, ſo wurde er oft von ſolcher inne⸗ ren Unruhe und Beklemmung ergriffen, daß er aufſpringen und das Fenſter öffnen mußte, um freier Athem holen zu können, als ob die Luft des Zimmers dazu nicht aus⸗ reichend geweſen wäre. Seine Gedanken beſchäftigten ſich dann mit Hedwig und führten ihm alle jene Stunden zurück, die er in ihrer Geſellſchaft verlebt hatte, die Worte, welche ſie zuſammen beziehungsvoll gewechſelt, und was er dabei in dem innerſten Grunde ſeines Herzens gefühlt und empfunden hatte. Das Alles kam ihm jetzt wie ein Verrath, wie eine Untreue an Margot vor, denn die Liebe zu ihr war wieder in ihrer ganzen Gewalt in ihm erſtan⸗ den. Er mochte es ſich noch ſo oft und beſtimmt verge⸗ genwärtigen, daß dies eine hoffnungsloſe Thorheit ſei, daß er ein Unrecht begehe auch gegen Margot, wenn er nur im Entfernteſten dieſen Zuſtand ſeines Herzens durchblicken laſſe— es half nichts, dieſes Unrecht war bereits began⸗ gen— ſein Brief geſchrieben und unterwegs. Er durfte die Freude und das Glück, welches ihm durch ihren Brief zu Theil geworden war, doch nicht verſchweigen— mehr hatte er ja eigentlich nicht gethan— und ſie waren ja ſo weit— ſo weit getrennt, und Alles ſo hoffnungslos, daß ſie dies ſelbſt erkennen und danach handeln würde. Damit entſchuldigte er ſich— aber Hedwig? Wenn er an Hed⸗ — — 223 wig dachte, ſtrömte das Blut gewaltſam nach ſeinem Her⸗ zen, indem er hier vergebens nach einer Entſchuldigung ſuchte; denn er konnte es vor ſich ſelbſt nicht wegleugnen, daß er Vieles geſagt, Vieles gethan hatte, was nur die Liebe ſagt und nur die Liebe thut.— Es war ihm jetzt ein beglückendes Gefühl, daß ſie wenigſtens in der letzten Zeit anders geweſen war. Was ihn noch vor wenigen Ta⸗ gen unglücklich gemacht hatte, beglückte ihn jetzt, und er rechnete ihr Benehmen ſich ſelbſt mit zum Verdienſte an. — Ach, er ſuchte nach einem Vorwande, um die jüngſte Vergangenheit ungeſchehen zu machen, ſie wenigſtens bei ſich ſelbſt zu beſchönigen! Aber er konnte nicht immer vom Schloſſe entfernt bleiben, er mußte Hedwig wiederſehen, ſo ſehr er auch vor dieſem Wiederſehen zagte, als ob er ſich einer Schuld be⸗ wußt wäre. Sie benahm ſich unbefangen gegen ihn, wie immer, ſie war ſogar mehr als unbefangen, ſie war ſichtlich zuvor⸗ kommend und freundlich und legte offenbar die Abſicht an den Tag, ihn durch Fragen und Heiterkeit ebenfalls unbe⸗ fangen zu machen. Man ging hinab in den Park, denn es war wieder ein ſchöner Abend, ſo ſchön wie ein letzter Abſchiedskuß des ſcheidenden Sommers. Die leiſe bewegte, milde Luft ſpielte in den Zweigen der Bäume und trug einzelne müde ge⸗ wordene Blätter, welche ſich nach dem Winterſchlafe ſehn⸗ 224 ten, geräuſchlos zur Erde hinab, wo ſie ſich den vorange⸗ gangenen Gefährten zugeſellten. Der Himmel prangte wieder in der Röthe des Abends, während einzelne Sterne am öſtlichen Himmel zaghaft und noch kaum ſichtbar auf die ſich zum Schlummer vorbereitende Erde herabblickten. Er ging mit ihr durch einen breiten, lichten Weg des Parkes; die Abendröthe lag auf ihrem ſchönen, edlen Ge⸗ ſichte, ſo daß es zweifelhaft blieb, ob die Erregung ihrer Seele oder der Schein des Himmels die leiſe Gluth, von welcher es überhaucht war, darauf gelegt hatte. Sie ſind fremd gegen mich geworden in den letzten Tagen, ſagte ſie, nachdem ſie eine Zeit lang ſchweigend neben einander hingeſchritten waren, Sie ſind verändert, ohne daß ich habe ergründen können, weshalb. Verändert? Fremd? fragte er mit ſichtlicher Verle⸗ genheit— ich wüßte wirklich nicht.... Als wir damals in dem Walde zuſammentrafen, fuhr ſie nicht ohne einige Anſtrengung fort, ſchenkten Sie mir Ihr volles Vertrauen, und ich habe keine Urſache, es zu ver⸗ heimlichen, daß mich dies ſehr erfreut hat— aber Sie ſchei⸗ nen es bereut zu haben. Bereut? fragte er, während ſeine Stimme unmerklich bebte— weshalb haben Sie eine ſo kränkende Meinung von mir? Weil Sie Ihr Vertrauen nicht fortſetzen, fagte ſie leiſe, weil Sie Anſtand nehmen, mir ebenfalls eine Nach⸗ 225 richt mitzutheilen, welche Sie ſehr glücklich gemacht haben muß und die Sie Alfred nicht vorenthalten haben. Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie ſo viel Antheil an dieſen Dingen nähmen. Das glaubten Sie? Habe ich Ihnen Veranlaſſung dazu gegeben? Doch ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, wenn... O, wie können Sie ſo etwas glauben! unterbrach er ſie. Hier, hier iſt der Brief meines Freundes und Wohl⸗ thäters, leſen Sie ihn und überzeugen Sie Sich ſelbſt, wie Unrecht ich Margot gethan. Ich danke Ihnen, erwiederte ſie mit einem langen Blicke, indem ſie ſich auf eine Bank ſetzte, während er ſchwei⸗ gend vor ihr ſtehen blieb. Sie haben ihr ſehr Unrecht ge⸗ than, ſagte ſie dann, ihm den Brief zurückgebend, und ich freue mich, daß ich Ihrer Anſicht von Anfang an wider⸗ ſprochen habe.— Und jetzt? fragte ſie nach einiger Zeit weiter. Zetzt will ich wenigſtens mein Unrecht gegen ſie ganz wieder gut machen, ſagte er leiſe— hier iſt auch Margot's Brief— leſen Sie auch den. Sie nahm ſchweigend das kleine Papier, las es und gab es ihm dann eben ſo ſchweigend wieder zurück. Wie ſchade, ſagte ſie dann, daß ich dieſe Margot nicht auch kennen und lieben lernen kann, es würde mich ſehr glücklich machen! Gräfin und Marquiſe. 1V. 15 Es ging plötzlich eine große Veränderung in ihm vor, als ſie dieſe Worte mit ruhiger und wahrer Ueberzeugung zu ihm ſprach, denn er erkannte— daß ihn Hedwig nicht liebe, wenigſtens nicht ſo, wie ein Weib den Mann ſeiner Wahl liebt. Dieſes Bewußtſein, welches ihn plötzlich durchzuckte, machte ihn unendlich glücklich, denn der Widerſtreit ſeiner eigenen Gefühle kam dadurch zum Abſchluſſe. Er konnte Margot lieben, ſo wie er ſie im Innerſten ſeines Herzens immer geliebt hatte, und Hedwig wie eine Freundin, wie eine Schweſter— denn ſie ſelbſt begehrte ja nicht mehr von ihm. Ach, ſagte er, wie danke ich Ihnen für dieſen Beweis Ihrer Theilnahme und Ihrer Güte, wie glücklich bin ich, mit Ihnen von ihr reden zu können, ohne befürchten zu müſſen, mißverſtanden zu werden. Haben Sie dies denn befürchtet? fragte ſie mit ei⸗ nem ſchmerzlichen Ausdrucke. Sie ſtanden mir zu fern, etwiederte er, feſt in ihre Augen blickend, die ſie erſt nach einiger Zeit niederſchlug. Aber jetzt iſt dies nicht mehr der Fall, ſagte ſie dann — ſo theilen Sie mir denn auch mit, was Sie nun zu thun gedenken. Was ich zu thun gedenke? wiederholte er mit einem tiefen Athemzuge— was ſoll ich thun? Was kann ich anders thun, als mich bemühen, ſie zu vergeſſen! Alfred hat Recht, es wäre beſſer geweſen, Wehring wäre nicht —— — nach Paris gereiſ't, und wenn ich redlich gegen ſie hätte handeln wollen, ſo hätte ich gar nicht antworten ſollen. Wie kleinmüthig Sie ſind! Ich verſtehe Ihre Ge⸗ danken und Gefühle, ſprach ſie dann erregter weiter, indem ihre großen, ſchönen Augen mit erhöhtem Glanze auf ihm ruhten— es iſt vielleicht edel, wie Sie denken— aber wenn ich ein Mann wäre— ich wäre dieſes Edelmuthes nicht fähig, und wenn ich Margot wäre, ſetzte ſie etwas lei⸗ ſer hinzu— würde mich ein ſolcher Edelmuth ſehr unglück⸗ lich machen. Wenn ſie mich liebt, ſagte er kaum hörbar— wenn ſie mich wirklich noch liebt, ſo muß auch ſie dieſe Liebe aus ihrem Herzen reißen— muß entſagen— vergeſſen— das iſt Alles, was ihr, was uns bleibt— und ich, als der ſtärkere Theil, muß ihr darin vorangehen und ihr die Bahn ebnen. Nein, das muß ſie nicht, das wird ſie auch nicht, wenn ſie wirklich liebt! O, wie kleinmüthig, wie verzagt Sie ſind! Was kümmert Sie die Marquiſe— die Mar⸗ quiſe iſt Margot— Ihre Margot, was ſie war oder niemals geweſen iſt! Nein, mein theurer Freund, fuhr ſie fort, ihm ihre Hand reichend, laſſen Sie nicht ſo kleinliche, unwürdige Gedanken in Ihrer Seele Raum gewinnen, fol⸗ gen Sie Ihren beſſeren und wahren Eingebungen. Ge⸗ hen Sie mit Muth und Entſchloſſenheit in den Kampf— der Preis iſt des Kampfes werth! 1* 228 D, wie Sie mich beſchämen, ſagte er, leidenſchaftlich ihre Hand drückend— doppelt, dreifach beſchämen! Ein kaum merklicher Seufzer hob ihren Buſen, als er dieſe beziehungsvollen Worte ſprach, aber es war nur ein kurzer vorübergehender Augenblick der Schwäche— zuerſt alſo Hoffnung, ſagte ſie dann mit leuchtenden Blicken— Hoffnung und den feſten Vorſatz, Ihr Alles und Sich ſelbſt an die Erringung dieſes Preiſes zu ſetzen— wozu Briefe ſchreiben, die doch zu Nichts führen, als zu halben Maßre⸗ geln— Sie müſſen fort, müſſen ſelbſt nach Paris, mit ei⸗ genen Augen ſehen und nach eigenem und Ihrem Willen handeln! Ja, Sie haben Recht! rief er in auflodernder Begei⸗ ſterung— ich will fort, will hin zu ihr, ſie erringen und gewinnen, oder in dieſem Kampfe untergehen!— Seien Sie der Schutzgeiſt unſerer Liebe— der Gedanke, daß Sie dies ſein wollen und ſein können, wird mir Kraft, Muth und Ausdauer verleihen! Nicht der Schutzgeiſt, ſagte ſie mit wehmuthsvoller Freude, denn ich bin nur ein ſchwaches und vereinſamtes Mädchen— aber Ihre Schweſter— Ihre treue Freundin will ich ſein. Und ich fortan Ihr Freund, deſſen Treue und Hinge⸗ bung nur mit dem Tode enden wird! —