Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 3 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen bei Entgegennahme eines Buches, eins dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet le wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträgt:- 3 S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 7„„ 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Er gehörte zu denjenigen Männern, die es nicht lieben, die Gefühle ihres Innern durch Worte oder hochtönende Reden kund zu geben, welche aber deshalb doch ſehr tief und gewöhnlich tiefer empfinden, als diejenigen, welche ſtets ſchön klingende, wohlgeſetzte und Theilnahme athmende Reden in Bereitſchaft haben. Dieſe letzte Gat⸗ tung findet ſich eben mit ſolchen Worten ab, welche nicht zu ſprechen ſie für eine Verletzung der guten Sitten halten, dann aber auch die beruhigende Ueberzeugung gewinnen, das Nöthige gethan zu haben. Die ſo völlig unerwartete Mittheilung hatte Wehring tief erſchüttert. Jetzt fühlte er, wie theuer ihm Margot geworden und daß er ſie wie eine Tochter liebe. Dann dachte er an ſeine arme Frau, die mit ganzer Seele an ihr hing, und an Margot ſelbſt— doch was nutzten alle dieſe Erwägungen und Gedanken— Gräfin und Marquiſe. II. 1 es mußte gehandelt werden! Immer ſtand er noch zaghaft und immer bedurfte er noch Zeit, ſich zu ſammeln— end⸗ lich ging er. Er fand die beiden Frauen noch auf ihrem vorigen Platze. Sie blickten ihm mit geſpannter Erwar⸗ tung entgegen, während er viel langſameren Schrittes, als dies ſonſt ſeine Gewohnheit war, den gewundenen Pfad zu der Laube herauf kam. Nun, fragte ſeine Frau ſchon ehe er ganz in ihre Nähe gekommen war, iſt das Geſchäft ſchon beendet? Wer⸗ den wir zuſammen auf den Berg Nein, Kinder, erwiederte er in einem eigenthümlich traurigen Tone, nein, das Geſchäft iſt noch nicht beendet — im Gegentheil, es hat erſt begonnen. Du erſchreckſt mich, Wehring, rief ängſtlich ſeine Frau, indem ſie ihn forſchend anſah, Du biſt ſo ſonderbar— iſt es ein unangenehmes Geſhiſt? Unangenehm? wiederholte er mit einem ſchmerzlichen Lächeln— o, nein, durchaus nicht, im Gegentheil— aber laßt mir einen Augenblick Ruhe— ſogleich— doch ich darf Euch nicht länger in Ungewißheit laſſen, wenn auch dasjenige, was ihr erfahren werdet, ſehr unerwartet, ſehr überraſchend iſt, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu— es iſt doch eine ſehr, ſehr freudige Nachricht, die ich mitzutheilen habe. Freudig? fragte zweifelnd ſeine Frau, Mu⸗ got ihn mit ſichtbarer Angſt anſah. 3 Ja gewiß, freudig— denn die Fremden bringen Nach⸗ richt von Deinen Eltern, liebe Margot. Von meinen Eltern? rief dieſe erbleichend, indem ſie ſich zitternd an der Lehne eines Stuhles hielt— ich— ich habe Eltern?— Noch andere Eltern— und ſie erkundigen ſich nach mir? Sie ſank bei dieſen Worten auf den Stuhl; es er⸗ griff ſie ein Gefühl unnennbarer Angſt, als ob ein großes Unglück gegen ſie im Anzuge ſei— dann brach ſie in hef⸗ tiges Weinen aus. Wehring's Frau befand ſich in einer ähnlichen Lage — der Gedanke erfaßte ſie, daß ſie Margot wieder verlie⸗ ren könne— ſie wußte, daß es ſo kommen würde, wenn es auch noch nicht ausgeſprochen war, und ein Schmerz, wie ſie ihn noch nie empfunden, umnachtete ihre Seele, ihre Gedanken. Ihr thut, als ob ich Euch das größte Unglück verkün⸗ det hätte, fuhr Wehring, ſich gewaltſam zwingend, fort, während wir uns gewiß doch nur darüber freuen können, daß unſere gute Margot endlich ihre Eltern wiedergefun⸗ den hat, welche den Augenblick, ihre ſo lange verlorene Tochter zu umarmen, mit Sehnſucht herbeiwünſchen. Sind jene meine Eltern? fragte Margot mit einem faſt verzweiflungsvollen Blicke— jener Mann und jene Frau 2 Sei ruhig, mein liebes, gutes Kind, ſagte er zärtlich 1 4 ihre Hand ergreifend, ſei vor allen Dingen wuhig und ge⸗ faßt— und auch Du, liebe Fran, nimm Deine Stärke zu⸗ ſammen— wir müſſen auch dies mit einander tragen, wie wir ſo Vieles und ſo Manches mit einander getragen ha⸗ ben. Jener Mann, mein Kind, fuhr er ruhiger fort, iſt nicht Dein Vater und jene Frau nicht Deine Mutter. Gott ſei Dank! hauchte Margot. Sprich nicht ſo, mein Kind, denn es iſt ein großes Unrecht; wenn ſie es wären, ſo würdeſt Du hinabgehen, Du würdeſt Aber ſie ſind es nicht— ſie ſind es nicht! unterbrach ſie ihn mit vor Angſt bebender Stimme. Nein, nein, ſie ſind es nicht— es ſind nur ihre Be⸗ vollmächtigten, welche ſie geſchickt haben, um Dich zu ihnen zu bringen. Ich ſoll Euch verlaſſen! rief Margot, ſich jetzt ganz ihrem Schmerze hingebend— Dich, liebe Mutter, die mich am meiſten von allen Menſchen auf der Welt geliebt hat, und Dich, lieber Vater— o, nie, niemals— lieber will ich ſterben! Sie umſchlang bei dieſen leidenſchaftlich geſprochenen Worten die ſelbſt in ihrem Schmerze rathloſe Frau, preßte ſie heftig an ſich und brach in ein lautes, krampfhaftes Wei⸗ nen aus. Sie hielten ſich Beide feſt umſchlungen, ſie wein⸗ ten Beide, und längere Zeit herrſchte in dem ſchattigen 5 — Raume der ſonſt fo friedlichen Laube eine tiefe Stille, nur unterbrochen von dem Schluchzen der weinenden Frauen. Wehring ſtand ſchweigend daneben— auch er be⸗ durfte Zeit und Sammlung zur weiteren Erfüllung der ihm obliegenden, ſo ſchmerzlichen Pflicht. Deine Eltern befin⸗ den ſich in Paris, Margot, ſprach er dann weiter. In Paris, in Paris! rief diefe— dort ſoll ich hin— ſo weit. Es ſind reiche, vornehme und angeſehene Leute— Du biſt eine Marquiſe de Beaumont.. Nein, nein, fuhr Margot jetzt in erneutem Schmerze empor— ich bin keine Marquiſe, ich bin Deine Tochter, liebe Mutter— Eure Tochter— nur Eure Tochter, nie und nimmer etwas Anderes! Ihr habt mich aufgenom⸗ men, als ich hülflos und verlaſſen war, meine Eltern ha⸗ ben nicht nach mir gefragt, ſich nicht um mich bekümmert, ſie haben kein Recht, mich von Euch zu trennen— nie, nie⸗ mals werde ich Euch verlaſſen— o, verſtoßt mich nicht— ſchickt mich nicht wieder fort in die weite Welt, unter fremde, kalte Menſchen! Höre mich jetzt ruhig an, mein Kind, ſagte Wehring, ſich gewaltſam zwingend, es iſt vor allen Dingen nöthig, daß Du die näheren Umſtände erfährſt, welche es Deinen Eltern bisher unmöglich gemacht haben, Dich bei ſich zu ſehen, nachdem Du ihnen von jenem Viorne geraubt wor⸗ den warſt. 6 Geraubt O, glaubt das nicht, Herr Viorne hat mich nicht geraubt— denn er liebte mich, wenn auch anders— nein, nein, ich bin keine Marquiſe— meine guten Eltern ſind todt— Herr Viorne hat mir dies oft geſagt, Nie⸗ mand 5 mich zwingen, Euch zu verlaſſen, Niemand! Deine Eltern ſind nicht todt und haben erſt durch Deinen Bruder, jenen Officier, der im vorigen Jahre hier war, Deinen Aufenthalt erfahren. Ravul? fragte ſie, indem der Widerſchein einer ſchwachen Freude über ihr Geſicht zuckte— iſt er mein Bruder? Er iſt Dein Bruder, mein Kind, auch ihn wirſt Du wiederſehen, und nun höre mich ruhig bis zu Ende an— mache es mir nicht zu ſchwer, Dir dies Alles ſagen zu müſſen. Sie richtete ihre thränenerfüllten Augen auf ihn und hörte ſeiner Mittheilung zu, ohne ihn zu unterbrechen— bis er geendet hatte. Alſo jener alte, freundliche Mann, der immer ſo lie⸗ bevoll gegen mich war und mich ſo oft geküßt hat— wäre mein Vater, ſprach ſie dann leiſe vor ſich hin— jene ſtolze, hohe Frau, vor der ich mich ſtets gefürchtet— meine Muter?— Aber wenn ſie mich wirklich lieb haben, dieſe meine neuen Eltern, fuhr ſie wieder leidenſchaftlich fort, ſo werden ſie nicht ſo grauſam ſein, mich von Euch zu trennen, das können, das dürfen ſie nicht! Sie würden 7 mich unglücklich machen— unausſprechlich unglücklich, und das werden ſie gewiß nicht beabſichtigen! Ich will ihnen ſchreiben, ſprach ſie in dem Gefühle einer neu entſtehenden Hoffnung weiter— ich will ihnen ſagen, wie glücklich ich hier bin und daß ich ſterben würde, wenn ich Euch verlaſſen müßte— das Alles will ich ihnen ſchreiben, will ſie fle⸗ hentlich bitten, mich hier zu laſſen und ſelbſt her zu kommen, um ſich zu überzeugen, daß es kein größeres Glück für mich geben kann, als hier zu bleiben. Sie werden das gewiß einſehen, denn wenn ſie mich lieb haben, ſo können ſie doch nur mein Glück wollen. Sie werden einwilligen, fuhr ſie freudig erregt fort, gewiß einwilligen, ſie werden herkommen und Raoul mit ihnen— ja, ja, ſo wird es ſein— und ich werde nicht, niemals von Euch gehen dürfen! Mein liebes Kind, ſagte Wehring ernſt, der es für Pflicht hielt, dieſe neu erſtehende Täuſchung ſofort zu zer⸗ ſtören— Du mußt alle ſolche Gedanken aufgeben. Deine Eltern, die Dich ſo lange als verloren beweint und Dich jetzt wiedergefunden haben, fordern Dich zurück— es wäre ja unnatürlich, wenn es anders wäre. Du darfſt ihrem gerechten Wunſche nicht entgegen ſein, Du würdeſt in hohem Grade Unrecht thun, und deine Kindespflicht ver⸗ letzen. Wenn Du erſt bei Deinen Eltern biſt und em⸗ pfindeſt, wie ſehr ſie Dich lieben, wird auch Deine Liebe zu ihnen, dieſe Liebe, die Gott ſelbſt in die Herzen der Kin⸗ 8 wirſt ſie lieben und glücklich ſein.— WDu ſollſt uns des⸗ halb nicht vergeſſen, fuhr er fort, als er ſah, mit welchen tief traurigen, ſchmerzerfüllten Blicken ſie ihn anſah— gewiß nicht. Wir werden uns ſchreiben, uns auch vielleicht einmal beſuchen— wer kann das Alles wiſſen! Jetzt mache Dich aber mit dem Gedanken vertraut, zu Deinen Eltern zurückzukehren. Gib Dich nicht allein dem Schmerze hin, von hier und von uns ſcheiden zu müſſen.— Du gehſt zu Deinen Eltern, mein Kino, dies mußt Du keinen Au⸗ genblick vergeſſen, zu Deinem Bruder, den Du ja auch ſehr liebſt.— Wir ſind doch einmal Deine Eltern nicht, ſetzte er mit leiſe bebender Stimme hinzu, und wenn wir Dich auch ſehr lieb haben und es uns ſehr traurig macht, daß Du uns verlaſſen mußt, ſo— freuen wir uns doch über Dein Glück, mein gutes Kind— denn ein Glück iſt es für Dich, wenn Du es auch jetzt nicht als ſolches erkennſt. Ich kann nicht, ich kann nicht! rief ſie wieder außer ſich, indem ſie von Neuem Wehring's Frau umſchlang, die während der ganzen Zeit in troſtloſem Schweigen dage⸗ ſeſſen hatte— o, hilf, hilf mir, Mutter— ich kann Dich nicht verlaſſen! Geht jetzt hinauf, ſagte Wehring feſt— geht Beide zuſammen hinauf— ſprecht Euch aus— rede ihr zu, Anna, ſetzte er bittend hinzu— und wenn Ihr gefaßt und 6 der gepflanzt hat, mit erneuter Kraft erwachen— Du 9 ruhig ſeid, ſo daß Ihr die Fremden ſehen und ſprechen könnt ohne unnöthige Aufregung, dann kommt heruntet, damit wir weiter verabreden und berathen, was zu thun nöthig iſt. Wehring's Frau begleitete Margot nach dem Rathe ihres Mannes auf ihr Zimmer und blieb bei ihr, bis die Abenddämmerung ſich darin verbreitete; aber ſie ſprachen wenig mit einander, ſondern gaben ſich ihrem Schmerze und ihrer Trauer hin, ohne eine ruhigere und troſtvollere Anſchauung zu gewirnen. Wehring war genöthigt, ſelbſt hinauf zu gehen und ſie zu holen, und er bedurfte abermals einer längeren Zeit, ehe Beide wenigſtens äußerlich ſo weit gefaßt waren, um mit ihm gehen zu können und die Frem⸗ den zu ſprechen. Die Fremden benahmen ſich höflich und rückſichtsvoll, und das Geſpräch bewegte ſich eine Zeit lang in allgemei⸗ ner, den eigentlichen Gegenſtand umgehender Weiſe. Der Bevollmächtigte des Marquis und mehr noch ſeine Beglei⸗ terin betrachteten Margot mit großer Aufmerkſamkeit, ſchie⸗ nen aber von dem Ergebniſſe ihrer Beobachtung ſichtlich befriedigt zu ſein. Endlich ging der Fremde zum eigentli⸗ chen Gegenſtande ſeiner Sendung über. Herr Wehring wird Ihnen den Zweck unſerer Abwe⸗ ſenheit mitgetheilt haben, wandte er ſich an Margot. Ich ſchätze mich glücklich, der Ueberbringer einer ſo freudigen Botſchaft an die junge Marquiſe de Beaumont zu ſein, ——— 10 fuhr er verbindlich fort, und beſonders glücktich, den Sie mit Sehnſucht erwartenden Eltern eine ſo ſchöne und liebens⸗ würdige Tochter, die ſie ſo lange als verloren beweint haben, zurückführen zu können. Erlauben Sie mir jetzt, Ihnen dieſen Brief zu überreichen, in welchem Ihre Eltern den Gefühlen ihres Herzens ſelbſt Worte verleihen. Margot nahm mit zitternder Hand den Brief in Empfang, ohne ihn zu öffnen. Der Herr Marquis, fuhr Jener fort, war, als er endlich die Gewißheit hatte, ſo freudig bewegt, daß man bei ſeinem Alter ernſtliche Beſorgniſſe für ſeine Geſund⸗ heit hegen mußte. Es hielt ſehr ſchwer, ihn von der Aus⸗ führung ſeines Vorſatzes, ſelbſt hieher zu reiſen, abzubrin⸗ gen, und er willigte endlich mit großem Widerſtreben darein, ſtatt ſelbſt zu kommen, einen Andern zu ſenden und ſo das Glück, ſeine Tochter umarmen zu können, um kurze Zeit verzögert zu ſehen.— Lebt das Bild Ihres Herrn Vaters noch in Ihrer Erinnerung, mein Fräulein? fragte er, als Margot ohne eine Erwiederung mit niedergeſchla⸗ genen Augen verharrte— der Herr Marquis hat mir auf⸗ getragen, Ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kommen und Sie an einen ſchönen, großen Garten zu erinnern, in wel⸗ chem Sie Ihr Herr Bruder oft in einem Kinderwagen herumgefahren habe, gefolgt von Ihrem Herrn Vater, welcher beſorgt war, die Wildheit des Knaben könne Sie beſchädigen. Erinnern Sie Sich deſſen vielleicht noch? — werde. 11 Ja, erwiederte Margot mit kaum hörbarer Stimme — ich erinnere mich— erinnere mich eines alten freund⸗ lichen Mannes, auf deſſen Schooß ich oft gefeſſen und ſeine Liebkoſungen empfangen habe. Das wird Ihren Herrn Vater überaus glücklich machen, denn er befürchtet nichts mehr, als daß die Zeit ſein Bild ganz aus Ihrem Gedächtniſſe verwiſcht haben könnte. Aber wollen Sie den Brief nicht leſen? Ich glaube, er wird Ihnen das Alles und beſſer ſagen, als ich es vermag. Später, hauchte ſie— ſpäter, wenn ich allein ſein Sie werden auch Ihre Frau Mutter nicht vergeſſen haben? fragte der Fremde weiter— ſie. Nein— ich habe nicht vergeſſen— ich erinnere mich auch einer— meiner— meiner Mutter. Ihren Herrn Bruder haben Sie ja durch einen gün⸗ ſtigen Zufall wiedergeſehen. Iſt Raoul auch in Paris? fragte Margot, indem der Gedanke, ihn dort zu finden, einen lindernden Troſt in ihren Schmerz brachte— werde ich ihn dort ſehen? Der junge Herr Marquis befindet ſich noch bei der Armee in Spanien— wenigſtens war er noch dort, als wir abreiſ'ten, wurde aber binnen Kurzem zurücker⸗ wartet.. i 12 Er iſt nicht dort? ſagte ſie mit ſchmerzvollem Tone — er auch nicht? Es wird Zeit ſein, hinſichtlich unſerer Abreiſe das Nöthige zu verabreden, bemerkte der Fremde jetzt; die Un⸗ geduld, mit welcher Sie erwartet werden, und die mir des⸗ halb ertheilten Inſtructionen machen es mir zur Pflicht, ſie nach Möglichkeit zu beeilen. Wir hatten daher die Abſicht, ſchon heute Abend abzureiſen und die Nacht durch⸗ zufahren; auf den Wunſch des Herrn Wehring habe ich mich jedoch dazu verſtanden, unſere Abreiſe bis morgen zu verſchieben. Morgen? rieſ Margot in neu erwachter Angſt— morgen ſoll ich ſchon fort? O nein, das werden Sie gewiß nicht verlangen, ſo grauſam können Sie nicht ſein! Grauſam? wiederholte Jener in einem befremdenden Tone— iſt es grauſam, den Eltern die verloren geweſene Tochter ſo bald als möglich zurückzubringen? I„ch kann nicht— es iſt unmöglich! rief Margot, die Hände ringend— ich würde ſterben! Faſſe Dich, mein Kind, ſagte Wehring mit ernſtem, liebevollem Tone— ich habe geglaubt, Du ſeieſt es. Be⸗ herzige meine Worte, die ich oben zu Dir ſprach. Was geſchehen muß, muß geſchehen, und es iſt beſſer Deinet⸗ und unſeretwegen, daß es nun bald geſchieht. Ich habe dem Herrn Bevollmächtigten Deines Vaters verſprochen, daß Du morgen reiſen ſollſt— morgen Nachmittag— 13 ſetzte er freundlich, ihre Hand ergreifend, hinzu; das mußt Du daher als unabänderlich annehmen— wenn es Dir eine Freude macht, wollen wir Dich bis zum Dorfe beglei⸗ ten— wir werden dann noch einige Stunden länger zu⸗ ſammen ſein. Morgen, morgen ſoll ich fort! klagte Margot, ohne auf die Gegenwart der Fremden weiter zu achten— mor⸗ gen ſchon von hier ſcheiden— von Euch— von Allem, was mir lieb und theuer auf der Welt iſt— ach, wie ſehr, ſehr unglücklich bin ich! Man ſuchte ſie zu tröſten; ſelbſt die Frau Wehring machte einen ſchwachen Verſuch, obgleich ſie ſelbſt des Tro⸗ ſtes ſo ſehr bedürfte, und es gelang endlich, den heftigen Sturm ihrer Gefühle ſo weit zu beſchwichtigen, daß man ſich ſpäter zu Tiſche ſetzen konnte. Kaum hatte man jedoch mit dem Eſſen begonnen, als ſie aufſprang und eilig das Zimmer verließ. Laß ſie, ſagte Wehring, als ſeine Frau ihr nacheilen wollte— laß ſie, es iſt am beſten für ſie, wenn ſie jetzt mit ſich allein iſt. Sie war mit ſich allein. Sie ſaß oben auf ihrem Zimmer, deſſen Thür ſie verſchloſſen hatte, einſam und allein— nur der Schmerz war ihr Geſellſchafter. Welche qualvollen Gedanken durchzuckten ihr Herz, das noch vor wenigen Stunden ſo frendig, fo hoffnungsvoll geſchlagen hatte!— Es war mit Einem Male tiefe, tiefe Nacht in ſter, und ſein unſicherer Strahl lag auf der Landſchaft 14 Ihrer Seele geworden, kein Strahl, kein Lichtſchimmer er⸗ hellte dieſe Finſterniß— es war ihr, als habe ſie aufge⸗ hört zu leben und läge im Sarge unten im Grabe. Sie vermochte keinen zuſammenhangenden Gedanken zu faſſen, ihre Vorſtellungen verwirrten ſich, ſie verſank in einen apa⸗ thiſchen Zuſtand und dachte und empfand nichts mehr, als daß ihr Leben zu Ende ſei. Aber das Leben iſt ein eigen⸗ thümliches, unerforſchtes Etwas, das den Gegenſtand, in dem es ſich vorfindet, an ſeine Geſetze bindet, ohne Rück⸗ ſicht auf ſeinen eigenen Willen, der ja auch nur ein Aus⸗ fluß dieſes Lebens iſt, und das dieſen Gegenſtand, mag er noch ſo ſchön, noch ſo begabt, noch ſo jung und voll Kraft ſein, den ſtofflichen Verbindungen und Trennungen anheimfallen läßt— ſobald es ihn verlaſſen hat.— Auch Margot blieb den Geſetzen des Lebens unterworfen. Sie erwachte wie aus einem böſen, tiefen Traume und blickte ungewiß umher. Der Mond ſchien durch die Fen⸗ draußen und zitterte in dem rothen Widerſcheine der Oefen. Ein ſtechender Schmerz brachte ſie wieder in die Wirklich⸗ keit zurück— ein einziger, troſtloſer Gedanke ergriff wie⸗ der ihre Seele.— Aber das wilde, verworrene Gewirr ihres Schmerzes hatte aufgehört, ſie vermochte das Ein⸗ zelne desſelben wieder zu erfafſen. Ach, dahin waren alle ihre Hoffnungen, mit welchen ſie ſeine Ankunft ſo genau berechnet hatte— Alles dahin— für immer! Zwi⸗ 15 ſchen ihm und ihr hatte ſich eine unüberſteigliche Kluft ge⸗ bildet— ihr Auge konnte nie mehr dem Blicke des ſeini⸗ gen begegnen— Alles, Alles dahin, für immer verloren! — Sie zündete Licht an, ſchloß ihr Heiligthum auf und nahm den ſo oft mit innerer Seligkeit daraus entnomme⸗ nen Umſchlag hervor. Wie waren ihre Empfindungen ſo troſtlos, ſo un⸗ ſäglich ſchmerzlich, als ſie all die werthloſen und doch für ſie ſo werthvollen Gegenſtände betrachtete und ſeine Briefe las! Ihre Thränen floſſen, ohne daß ſie es wußte, und be⸗ feuchteten das Papier, auf welchem ihre Augen ſo oft in ſtiller, beglückender, heimlicher Mädchenfrende geruht hatten.— Es war ſchon Mitternacht, als ſie den Um⸗ ſchlag wieder zuband— einmal mußte es ja doch geſche⸗ hen.— Jetzt erſt las ſie den Brief von ihren Eltern— aber er brachte ihr keinen Troſt— ſie hatte kein Verſtänd⸗ niß für dieſe wenn auch liebevoll geſchriebenen Worte.— Dann kam ihr der Gedanke, ihm zu ſchreiben, wie ein troſtvoller Lichtſtrahl in die Nacht ihres Schmerzes. Was ſie chrieb— wir wiſſen t denn als der Priss 16 Auch dieſer Morgen kam— er fand ihr Ange noch wachend, und ſie ſprang auf mit dem Gefühle einer un⸗ nennbaren Angſt, daß die Zeit ſchon ſo weit vorgerückt ſei.— Wir wollen die traurigen Stunden nicht weiter ausmalen, die ihr noch in der Fichtenau zu weilen vergönnt waren. Sie werden zum Theil durch die nothwendigen Vorbereitungen zur Reiſe in Anſpruch genommen. Alles, was ihr lieb und theuer war, das Käſtchen mit ſeinen Briefen, ihre Notenhefte, mehrere Bücher legte ſie auf den Boden des Koffers, damit es ſelbſt die Frau Wehring nicht ſehen ſollte. Ihre Guitarre, ſein Geſchenk, nahm ſie gleichfalls mit; ſie hätte dieſelbe unter keiner Bedin⸗ gung zurückgelaſſen— und ſo fuhr ſie dann endlich mit⸗ Wehring und ſeiner Frau zuſammen, während die Frem⸗ den im anderen Wagen ſaßen, bis zu dem dem Leſer be⸗ kannten Dorfe— und die Apotheke, dasſelbe Haus, in welches ſie hülflos gebracht worden und aus welchem ſie mit ihm nach der Fichtenau gefahren war, ſah die letzten ſchmerzlichen Augenblicke ihres Abſchiedes.— Noch ſtan⸗ i Zurückgebliebenen, En abgefahrenen W 17 halten zu laſſen— aber er fuhr im raſchen Trabe davon und war bald ſeinen verzweifelnden Blicken entſchwunden. Er fuhr mit Wehrings zurück nach der Fichtenau⸗ Er hatte ſich erſt dazu entſchloſſen und die Abſicht, Margot zu folgen, aufgegeben, nachdem ihm Wehring ausführlich Alles mitgetheilt. Sie ſcheinen immer noch nicht mit Sich einig zu ſein, ſprach dieſer daun in ſeiner ernſten Weiſe weiter, und immer noch die Abſicht zu haben, dem Kinde nachzureiſen, um es noch einmal zu ſehen oder zu ſprechen. Sie wer⸗ den es Sich aber klar machen, daß Sie dadurch nur von Neuem ſehr ſchmerzliche Empfindungen aufregen und über⸗ haupt eine Handlung begehen würden, zu der Sie gar keine Berechtigung haben. Abgeſehen davon, daß es Ihnen faſt kaum möglich ſein würde, die mit Extrapoſt Reiſen⸗ den einzuholen, würden Sie einen Auftritt herbeiführen, bei welchem Sie mehr oder weniger eine unwürdige Rolle zu ſpielen hätten. Ja, das iſt meine Meinung, fuhr er ruhig fort, wenn Sie mich auch ſo wild dabei anſehen— die Leute befinden ſich in ihrem Rechte. Wir haben ſie gehen laſſen müſſen, wir, die wir die meiſten Anſprüche auf ſie haben außer ihren leiblichen Eltern— aus welchem Grunde ſtände Ihnen ein Widerſpruch zu? Kommen Sie, laſſen Sie uns fahren. Geben Sie eine Idee auf, deren Ausführung ein Unrecht wäre, und denken Sie nicht bloß an Sich, ſondern auch ein wenig an die arme Margot, Gräfin und Marquiſe M. 2 18 die ohnehin ſo viel Schmerz gelitten hat, den von Neuem anzufachen eine ſtrafbare, egoiſtiſche Handlung ſein würde. So fuhren ſie zurück nach der Fichtenau. Als er wieder auf ſeinem Zimmer war, das er ſo lange in glück⸗ lichen Tagen bewohnt hatte— ach, wie lag jetzt jene Zeit in ſeiner Erinnerung ſo ſchön, ſo voll Glück vor ihm— als er allein war, da erſt las er ihren Brief. Er war nur kurz, aber er erkannte daraus, wenn ſie es auch nicht ausſprach, daß ſie ihn liebte— er erkannte es aus den Spuren der Thränen, welche einzelne Worte ihrer Schrift halb verwiſcht hatten— und ein unnennbarer Schmerz erfaßte ſeine Seele mit preſſender Gewalt, daß dieſes Glück, das ihm beſchieden geweſen, nun für immer verlo⸗ ren ſei.„Ich werde Sie nie, niemals vergeſſen, immer an Sie denken,“ waren die letzten Worte ihres Briefes, „und es iſt der größte Troſt in der Nacht meines tiefen Schmerzes, daß auch Sie in gleicher Weiſe meiner geden⸗ ken werden. Heute kann ich nicht mehr ſchreiben, denn meine Gedanken verwirren ſich— aber ſobald ich in Paris ſein werde— ach, in Paris, ſo weit, ſo weit— werde ich ausführlich an Sie ſchreiben. Wie unendlich hatte ich mich gefreut, Sie wiederzuſehen— nun bleibt nur noch das Schreiben. Leben Sie wohl, herzlich, innig— Le⸗ bewohl, und vergeſſen Sie nicht, vergeſſen Sie niemals Ihre ewig dankbare Margot.“ 19 Wie oft hatte er das unſcheinbare Papier geküßt, geleſen und wieder geleſen— aber was nutzte das Alles — je mehr er nachdachte und grübelte, je mehr empfand er, daß Wehring Recht gehabt— daß er ſie für immer verloren habe. Er blieb nur noch den folgenden Tag, ſo dringend ihn Wehrings auch baten, ſeinen Beſuch zu verlängern— es war ihm unmöglich. Er ging auf alle die Stellen, von denen er wußte, daß ſie dort gern und länger verweilt hatte, an denen er ſo oft vereint mit ihr geſtanden oder geſeſſen — er ging ſogar, als er ſich unbeachtet glaubte, hinauf auf ihr Zimmer— aber der jetzt leere Raum, wo ſie noch vor ſo kurzer Zeit geweilt, in welchem alle ſtummen Ge⸗ genſtände von ihrem Thun und Wirken Zeugniß gaben— erneuerte und vergrößerte nur ſeinen Schmerz und ſtei⸗ gerte ihn bis zur Erſchöpfung ſeiner Kraft. Fort, fort! rief er, ſich mit wildem, ſcheuem Blicke in dem Zimmer umſehend— fort von hier, wo mich Alles an mein Unglück mahnt— draußen, wo mich nichts mehr an ſie erinnert, draußen unter fremden Menſchen, unter fremder Umgebung— wo ich nur noch meine eigenen Ge⸗ danken habe— wird es erträglicher werden.— Nach einem herzlichen, aber traurigen Abſchie de ver⸗ ließ er am anderen Morgen die Fichtenau. Sein Koffer, welcher ungeöffnet geblieben war, wurde ihm nachgetra⸗ gen, denn er hatte es abgelehnt, zu fahren. Schweigend 20 ſtieg er zu der Höhe hinauf, auf welcher er vor zwei Tagen ſo voll Hoffnung und Glück geſtanden— er blickte noch ein mal in das Thal hinab— noch einmal und lange— bis ſein Blick ſich verſchleierte— dann wandte er ſich und ging. Zweites Capitel. Der Schauplatz unſerer Erzählung, welcher bisher mit geringen Ausnahmen der ländlichen Abgeſchiedenheit und Ruhe angehört hat, verlegt ſich jetzt, indem wir Margot's Ergehen verfolgen, in die Hauptſtadt Frank⸗ reichs, welche zu jener Zeit die Hauptſtadt Europa's war. Wir ſind zum beſſeren Verſtändniſſe des Folgen⸗ den genöthigt, in kurzen Umriſſen die damalige poli⸗ tiſche Lage zu ſchildern. Es war Anfang Juni des Jahres 1810. Das Napoleoniſche Kaiſerthum befand ſich auf dem Höhe⸗ puncte ſeiner Macht. Napoleon hatte ſich am 1. April mit Marie Louiſe vermählt; er war ihr bis Compisgne entgegengereiſ't, hatte ſie unterwegs überraſcht, ſich in ihre Arme geworfen, und ſchien zufrieden, wie Thiers ſagt, mit dem Grade von Schönheit und Geiſt, den er an ihr wahrzunehmen glaubte. Eine geſund gebaute, 22 gute, einfache, erforderlich gebildete Frau war Alles, was er wünſchte. Er ſchien vollkommen glücklich, als er mit ihr am 27. März im Schloſſe von Compiögne einzog. Die Vermählung ſelbſt wurde in Paris mit all' den Feſtlichkeiten gefeiert, welche das Kaiſerthum mit ſeinen immenſen Mikteln zu ſchaffen vermochte und deren es bedurfte, um Europa zu zeigen, welche Wichtigkeit es dieſer Feier ſelbſt beilege. Napoleon, der ſich von der bisherigen Gefährtin ſeines Glückes, von Joſephine, ge⸗ ſchieden hatte, weil er eine Dynaſtie begründen wollte, ein Wunſch, den ihm das Schickſal bereitwillig zu ge⸗ währen ſchien, nur um ſeinen unter den verſchwende⸗ riſchſten Gunſtbezeigungen des Glückes geborenen Erben bald darauf wieder in Dunkelheit und Unbedeutendheit fallen und auch ſo ſterben zu laſſen— während es den damals noch nicht zweijährigen Sohn ſeines widerſpän⸗ ſtigen Bruders Louis und ſeiner Stieftochter und Schwä⸗ gerin Hortenſe, für deren Schönheit er ſelbſt keineswegs unempfänglich geblieben, auf denſelben Thron ſetzte, von dem es ihn nach wenigen Jahren herabſtürzte— Napo⸗ levn hatte das Beſtreben, der Welt zu zeigen, daß ſeine Ehe mit der öſterreichiſchen Kaiſertochter eine glückliche ſei, namentlich, daß dieſe ſelbſt ſich als ſeine Gemahlin glücklich fühle. Als daher der zu jener Zeit ſiebenunddreißig Jahre alte öſterreichiſche Miniſter von Metternich, welcher die 23 Geſchichte des Kaiſerſtaates vierzig Jahre geleitet und gelenkt hat, Marie Louiſe nach Paris begleitet und als außerordentlicher Geſandter dort geblieben war, wenige Wochen nach der Vermählung Napoleon's dieſen zu ſprechen wünſchte, ſagte er zu ihm, indem er ihn in das Zimmer der Kaiſerin führte: Ueberzeugen Sie Sich ſelbſt, wie unglücklich Ihre junge Erzherzogin iſt, und namentlich in welcher beſtän⸗ digen Furcht ſie ihr Leben hinbringt. Ich laſſe Sie allein mit Madame, Sie wird ſich offen ausſprechen; Sie kön⸗ nen ihre Klagen anhören und dieſelben dem Kaiſer Franz, ihrem Vater berichten. Marie Louiſe ſchien aber keineswegs unglücklich, ſie war munter und fröhlich und ſagte mit mehr Geiſt, als ſie in der Regel blicken ließ: Man glaubt in Wien wahr⸗ ſcheinlich, daß ich mich vor meinem furchtbaren Gemahl ſehr fürchte; aber ſagen Sie meinen Landsleuten, daß er mehr Furcht vor mir hat, als ich vor ihm. Erſt nach einer Stunde unterbrach Napoleon dieſes Zwiegeſpräch ſeiner Frau mit dem Geſandten ihres Vaters, indem er, nicht ohne vorher anzuklopfen, wieder in das Zimmer trat. Nun, fragte er mit dem ihm eigenen, gewinnenden Lächeln, hat Ihnen Madame Alles erzählt? Hat ſie ihr Herz ausgeſchüttet? Iſt dieſe Che ſehr beklagenswerth hinſichtlich des Glückes der Frau, die man mir anvertraut 24 hat? Schreiben Sie dem Kaiſer Franz Alles, ohne Rück⸗ ſicht und ohne Schonung, was Sie vernommen haben. Während er ſo ſeine häuslichen Angelegenheiten als glückliche vor der Welt hinzuſtellen bemüht war, zog ihn dieſe aus rein politiſchen Gründen geſchloſſene Heirath doch keinen Augenblick von ſeiner umfangreichen Thätig⸗ keit ab. Er vertheilte zuerſt die ihm von ſeinem Schwieger⸗ vater durch den Schönbrunner Frieden zugefallenen Länder an ſeine Vaſallen⸗Staaten Baiern, Würftemberg, Baden und Darmſtadt, welche Staaten dafür auf jede Entſchä⸗ digung für Verpflegung der franzöſiſchen Armeen während des öſterreichiſchen Krieges verzichteten. Der Fürft⸗Pri⸗ mas wurde reichlich dotirt und Weſtfalen durch die Abtre⸗ tung Magdeburgs arrondirt; es behielt jedoch eben ſo wie die preußiſchen Feſtungen eine franzöſiſche Beſatzung. Obgleich ſeine Armeen Oeſterreich geräumt hatten, ſo blieb doch der ganze Norden Deutſchlands bis zur Elbe hinauf in den Händen der Franzoſen; die ganze Küſte des Mit⸗ telmeeres war den Engländern ebenſo verſchloſſen, und Dänemark, Preußen und Rußland hatten ihre Häfen ihnen ſperren müſſen. Napoleon wollte zu jener Zeit den Frieden, einen Frieden, der ihm die unbedingte Herrſchaft über Europa, mit Ausnahme Englands, zuſicherte; er machte deshalb einen Verſuch, auch England zu einem Friedensſchluſſe zu bewegen. Als dieſer Verſuch jedoch 25 ſchon in dem erſten Anfange entſchieden und ſtolz zuruck⸗ gewieſen wurde, flammte ſein Haß gegen dieſes durch ſeine Lage vor ſeinem Zorn geſchützte Volk von Neuem auf, und die Sperre ſämmtlicher Häfen Europa's, der Ausſchluß aller engliſchen Waaren, dieſes unter dem Namen Conti⸗ nental⸗Sperre bekannt und berüchtigt gewordene Syſtem, wurde mit allen dem Gewaltherrſcher zu Gebote ſtehenden Mitteln rückſichts⸗ und ſchonungslos durchgeführt. Eng⸗ land empfand die Wirkungen dieſer Maßregeln in dem Stillſtehen ſeiner Fabriken und der Verminderung ſeines continentalen Handels; dafür beherrſchte es aber das ganze Meer und entſchädigte ſich reichlich durch die Erobe⸗ rung außereuropäiſcher Colonien aller ihm feindlich ge⸗ wordenen Staaten. Außer dieſem in erſter Reihe ſtehenden und nicht zu bewältigenden Widerſtande, an dem die Macht des Erobe⸗ rers kraftlos zerſchellte, gab es noch andere Dinge, die ſeine Thätigkeit vollauf in Anſpruch nahmen und ihm nur wenig Zeit übrig ließen, das Glück ſeiner jungen Ehe zu genießen. Spanien war ein Abgrund, der immer neue Heere verſchlang und deſſen vollſtändige Eroberung und Beruhi⸗ gung durchaus nicht gelingen wollte. Schon ſeit zwei Jah⸗ ren ſtand in Portugal und von da nach Spanien herüber⸗ gehend ein Heer der verhaßten Engländer unter Wellesley und es war aller Anſtrengung ungeachtet bisher nicht mög⸗ lich geweſen, ſie in das Meer zu ſtürzen, wie man ſich da⸗ mals gern ausdrückte. Joſef, Napoleon's Bruder, der nur ſehr ungern die angenehme neapolitaniſche Krone mit der dornenollen ſpaniſchen vertauſcht hatte, war ein Mann ohne Energie, ohne Thatkräft, ſchon einmal aus Madrid vertrieben und immer in der Beſorgniß, es wieder verlaſſen zu müſſen. Seine Brüder machten Napoleon überhaupt viel zu ſchaffen; ſie fingen an, ſelbſtändig werden zu wol⸗ len, nachdem er ſie zu Königen gemacht, und ſeine Befehle nicht mehr in vollem Umfange zu befolgen, obgleich ſie ſich ſtets hätten ſagen müſſen, daß ſie nur ſeine Könige ſeien und nur durch ſeine Macht als ſolche beſtänden. Er hatte die Abſicht, ſelbſt abermals nach Spanien zu gehen mit allen jetzt disponibel gewordenen Truppen und der Sache dort ein ſchließliches und beſtimmtes Ende zu machen, als er durch das widerſpänſtige Benehmen ſeines Bruders Louis, des Königs von Holland, vorläufig daran gehindert wurde. Dieſer, damals von ſeiner Frau Hortenſe, welche er der Untreue beſchuldigte und deshalb in unglücklicher Ehe lebte, getrennt, erkannte, daß die Schließung der Häfen mit dem Ruine ſeines allein auf den Handel angewieſenen Volkes gleichbedeutend ſei, und trat ſeinem mächtigen Bruder ener⸗ giſch entgegen, der außerdem noch andere unbillige Forde⸗ rungen an ihn machte. Er ging ſo weit, daß er eine Zeit. lang den abenteuerlichen Plan faßte, ſich mit den Englän⸗ dern zu verbinden. Napoleon ließ ihn nach Paris kommen 27 und ihm eröffnen, daß er ihn abſetzen und Holland mit Frank⸗ reich vereinigen werde, wenn er nicht unbedingten Gehorſam leiſte. Louis ſchwankte eine Zeit lang, gab ſogar den Be⸗ fehl, Holland und namentlich Amſterdam in Vertheidi⸗ gungszuſtand zu ſetzen und einrückende Franzoſen als Feinde zu empfangen. Als dieſe aber dennoch einrückten, fügte er ſich und mußte nun noch den fünften Theil Hollands bis zur Waal abtreten. Er fügke ſich mit blutendem Herzen und ertrug auch die ihm aufgelegte Schmach nur noch we⸗ nige Monate, denn Ende desſelben Jahres legte er eine Königswürde nieder, welche in Wahrheit nichts war, als ein Vaſallenthum ſeines Bruders. Napoleon, ſcheinbar mit ſeinem Bruder Louis ver⸗ ſöhnt, war durch dieſe Erfahrung bereichert und richtete abermals ſehr energiſche Noten an ſeine beiden anderen Brüder in Madrid und Kaſſel, ſo wie an ſeinen Schwager Murat in Neapel, worin er ihnen ſagte, daß er ſie zwar zu Königen gemacht habe, damit ſie im Intereſſe ihrer Völker dieſe regieren ſollten, daß ſie aber dieſes Intereſſe auch ver⸗ ſtehen und begreifen lernen und ſich ſtets vergegenwärtigen müßten, daß ſie nicht durch ihre eigenen Verdienſte auf den Thron gelangt ſeien, ſondern durch das Blut der Soldaten Frankreichs, deſſen treue Bundesgenoſſen ſie vor Allem ſein müßten. Alles dunch Frankreich und Alles für Frankreich, das iſt das erſte Geſetz Ihrer Hand⸗ lungsweiſe! 28 Die Zerwürfniſſe mit ſeinem Bruder, dem Könige von Holland, verhinderten ihn, den Krieg in Spanien per⸗ ſönlich zu führen; er übertrug den Oberbefehl der Armee, welche beſtimmt war, Portugal zu erobern, an den Mar⸗ ſchall Maſſena und beſchloß, ſelbſt Belgien und Holland zu bereiſen, einestheils, weil er es für nöthig hielt, dort in eigene Perſon das Erforderliche anzuordnen, anderentheils von dem Wunſche beſeelt, ſeine junge Gemahlin ſeinen Völ⸗ kern zu zeigen. Der außergewöhnlich ſchöne und milde Frühling des Jahres 1810 blieb auf die Ausführung die⸗ ſes Entſchluſſes nicht ohne Einfluß, und man traf die Vor⸗ bereitungen zu dieſer Reiſe ſo, daß man ihr den Schluß des Aprils und den ganzen Monat Mai widmen konnte. Der Weg, welchen der Kaiſer damals durch Belgien und Holland nahm, iſt noch in der jetzigen Zeit ſichtbar durch die großartigen Schöpfungen und Anlagen, welche ſein Ge⸗ nie überall erdachte und ſogleich ausführen ließ. Antwer⸗ pen, Rotterdam, Breda, Oſtende und viele andere Städte geben davon Zeugniß. Zufrieden mit dem Reſultate, aber voll Zorn über ſeinen Miniſter Fouché, der auf eigene Hand Politik mit England getrieben hatte und dafür entlaſſen wurde, kehrte er in den erſten Tagen des Juni nach St. Cloud zurück, zu derſelben Zeit, als ſich Margot auf der Reiſe nach Paris befand. Dieſe Stadt, von welcher damals die Schickſale der Nationen durch Decrete beſtimmt wurden, die Beherrſche⸗ 29 rin Europa's durch das Genie und den Geiſt eines einzi⸗ gen Mannes, war dennoch in ihrem Innern ſehr verſchie⸗ den von dem jetzigen Paris. Die nivellirende Hand des damals zweijährigen Neffen hatte noch nicht das Gewirr der alten, engen Straßen, welche den kaiſerlichen Palaſt umgaben, beſeitigt und lange, gerade Linien geſchaffen, auf welchen das Geſchütz ohne Hinderniß zu wirken im Stande iſt; man hatte es noch nicht für nöthig erachtet, die Metro⸗ pole der Welt zu befeſtigen— denn wer hätte den aber⸗ witzigen Gedanken haben können, ſie anzugreifen?— und die äußeren Linien zogen ſich noch in einem viel engeren Kreiſe um dieſelbe herum, die jetzt damit vereinten Ort⸗ ſchaften ausſchließend. Aber abgeſehen von Veränderungen und Vergrößerungen, welche die Zeit herbeiführt, um ſie ſpäter ſelbſt wieder zu zerſtören, entfaltete das Leben da⸗ ſelbſt eine Pracht, eine Fülle und einen Luxus, wie er ſelbſt zu den Zeiten des ſogenannten großen Königs Ludwig XIV. dort nicht heimiſch geweſen war. Dieſe Pracht und dieſer Luxus waren verſchieden von jener Zeit, wo das auf der höchſten Macht ſtehende Königthum, gleich einer ſtrahlen⸗ den, blendenden, aber nicht erwärmenden und befruchten⸗ den Sonne, allein der Mittelpunct alles Glanzes war, in welchem ſich der Adel in nahen oder entfernten Kreiſen be⸗ wegte, dem aber die hungernde Nation in trüber Dunkel⸗ heit fern ſtand. Der jetzige Herrſcher, in deſſen Vorzim⸗ mer Könige demuthsvoll einer Audienz entgegen harrten, 30 war ein Sohn des Volkes, jenes Volkes, das die Ketten, welche es Jahrhunderte getragen und die man ihm immer feſter und immer unerträglicher angelegt, zerbrochen hatte, jenes Volkes, das ſich dann mit entfeſſelter Wuth auf ſeine Unterdrücker geſtürzt und ſich in ihrem und ſeinem eige⸗ nen Blute berauſcht hatte, eben desſelben Volkes, das ſich endlich ermüdet und überſättigt wieder in andere Feſſeln hatte ſchlagen laſſen, in die Macht der Militärherrſchaft ei⸗ nes glücklichen Generals, der das Panier des Ruhmes ent⸗ faltet hatte und überall ſiegreich flattern ließ, wo ſein eiſer⸗ ner Fuß die Erde berührte. Hunderttauſende der Söhne Frankreichs waren dieſem Phantom bereits zum Opfer ge⸗ fallen, aber noch immer war es die Gloire, welche die Lücken ausfüllte, jenes Phantom, welches die Herzen begei⸗ ſterte und ſie nicht erkennen ließ, daß ſie jetzt bereits mehr dem Ehrgeize des Gewaltigen, als dem Glücke Frankreichs zum Opfer fielen. Hätte Frankreich damals ahnen können, welche Ernte der nie zu ſättigende Schnitter noch halten würde— es wäre zum Heile Napoleon's vielleicht Alles anders gekommen; aber der Blick des Menſchen, wenn er in die Gegenwart und Zukunft ſchaut, iſt ſtets verſchleiert; erſt das Vergangene vermag er zu erkennen, ohne jedoch Lehren daraus für die Gegenwart zu ziehen. Während unter dem früheren Regime der alte Adel die Hauptrolle geſpielt und in dem Könige ſelbſt den Gipfel⸗ punct dieſer Fiction angeſtaunt hatte, war die Hofhaltung 31 des Kaiſers und Alles, was damit zuſammenhing, aus we⸗ ſentlich underen Elementen zuſammengeſetzt. Die höchſten Ehrenſtellen befanden ſich in den Händen glücklicher Gene⸗ rale, an welchen damals kein Mangel warz ſie ſelbſt, größ⸗ tentheils aus den niederen Volksſchichten hervorgegangen, hatten ſich meiſtens noch im Beginne ihrer Laufbahn in gleicher Weiſe verheirathet, und dieſer ſo geſchaffene neue Adel vermochte ſich daher bis zu den Königen hinauf das echte ariſtokratiſche Weſen nicht völlig anzueignen. Napoleon, der jetzt eine Kaiſerstochter zur Gemahlin hatte, empfand das Beſtreben, auch in dieſer Hinſicht den alten Herrſchergeſchlechtern nicht nachzuſtehen, und ſuchte daher den Adel Frankreichs, der zum Theil immer noch den vertriebenen Bourbonen anhing, zu gewinnen, mit dem neuen Kaiſerreiche zu verſöhnen und mit gleichen Ehren⸗ ſtellen und Dienſtleiſtungen zu begnadigen, wie dies die früheren Könige gethan hatten. Er ließ diejenigen, welche nicht gegen Frankteich gekämpft hatten, dahin ungefährdet zurückkehren und ſetzte ſie, ſo viel dies möglich war und ſei⸗ nen Zwecken entſprach, wieder in den Beſitz der ihnen von der Republik geraubten Güter, welche man für National⸗ Eigenthum erklärt hatte. Es war dies nicht eine erſt jetzt angeordnete Maßregel, ſondern ſie beſtand ſchon längere Jahre, und die Folge war geweſen, daß ein großer Theil des ausgewanderten Adels nach Frankreich zurückgekehrt war und mehr oder weniger ſein früheres Eigenthum wie⸗ 32 der erhalten hatte. Viele von dieſen fingen an, von den Siegen des Kaiſers berauſcht und in der Ueberzeugung, daß eine Aenderung der jetzigen Verhältniſſe und die Rückkehr der Bourbonen unmöglich ſei, ſich mit dem neuen Zuſtande der Dinge zu befreunden und ſich daran zu betheiligen. Das jüngere Geſchlecht, feurig und für den Ruhm empfänglich, ohnehin von Jugend auf mit den Ideen der Revolution ge⸗ nährt, trat in die Armee ein, und auch die Aelieren verſchmäh⸗ ten es nicht, ſich unter die Planeten der neuen Sonne ein⸗ zureihen. Zu dieſen gehörte auch der Marquis de Beaumont. Nachdem er ausgewandert und in ſehr ärmlichen Verhält⸗ niſſen im Auslande gelebt hatte, war er mit Tauſenden ſei⸗ nes Gleichen vor drei Jahren und noch gerade zur rechten Zeit nach Frankreich zurückgekehrt, um den größten Theil ſeiner umfangreichen Güter zu retten. Er hatte, wenn auch mit Widerſtreben, ſeinen einzigen Sohn in das Heer das Kaiſers eintreten laſſen, und obgleich man ihn anfäng⸗ lich der weſtfäliſchen Armee zugetheilt, es dann doch ſelbſt nicht verſchmäht, ſich um eine Stelle am Hofe zu bewerben. Napoleon, der einen beſonderen Werth darauf legte, zu ſol⸗ chen Aemtern Männer aus den alten Adelsgeſchlechtern Frankreichs zu nehmen, machte ihn zum Kammerherrn und Almoſenier, in welcher Eigenſchaft er ſich jetzt in Paris be⸗ fand, während ſein Sohn Raoul bereits vor einem Jahre von der weſtfäliſchen Armee zum Corps des Marſchalls Victor nach Spanien commandirt worden war. Drittes Capitel. Wir führen den Leſer jetzt in die Wohnung des Marquis de Beaumont, champellan et aumonier de FEmpereur, welche ſich in dem ariſtokratiſchen Faubourg St. Germain befindet, einem von dem geſchäftlichen und militäriſchen Treiben fern gelegenen Stadttheile, an wel⸗ chen ſich für den zurückgekehrten alten Adel ſo viele ſchöne Erinnerungen knüpften und den er deshalb vor⸗ zugsweiſe zu ſeinem Aufenthalte gewählt hatte. Das Haus, worin der Marquis wohnte, war einer jener älteren Edelſitze, die, von der Straße durch eine Mauer getrennt, in ſtolzer und einſamer Zurückgezogenheit lagen und in Bauart und Styl an die vergangene Zeit erinnerten. Die Zimmer waren hoch und geräumig, aber die innere Einrichtung contraſtirte in auffälliger Weiſe mit allen denjenigen Dingen, welche die Zeit verſchont hatte. Das moderne Meublement, im nüchternen Geſchmacke der Gräſin und Marquiſe. III. 3 34 damaligen Zeit, welche die Uebertreibungen der Renaiſ⸗ ſance zugleich mit dem damit verbundenen Comfort beſei⸗ tigte, paßte nicht zu den Stuckaturen der Decken, zu den Schnörkeln an den Thüren und zu vielen anderen Ueber⸗ bleibſeln einer Epoche, deren Hauptbeſtreben dahin gegan⸗ gen war, eine ſinnliche und üppige Bequemlichkeit zu ſchaffen. Wie die Kleider der Frauen, eng, ohne Faltenreich⸗ thum, mit hohen Taillen, die ſchöne Wellenlinie ſo viel als möglich zu beſchränken ſuchten, zeigten auch die Möbel denſelben ernſten und nüchternen Geſchmack, überall gerade Liien, hier und da verziert und unterbrochen von unſchö⸗ nen und unglücklichen Nachahmungen griechiſcher Muſter⸗ pilder. Alles war ſteif, unbequem und ernſt, und fah dabei aus, als habe man es gewaltſam einem Geſchlechte aufgezwungen, welches ſich fremdartig und widerwillig darin bewege. Die Marquiſe, eine hohe, ernſte Frau in der letzten Hälfte der Vierzig, ſaß in einem von dieſen uncomforta⸗ beln Seſſeln mit gerader Lehne von hochrothem Sammet, deſſen eben ſo gearbeitete Füße in vergoldete Adlerklauen ausliefen, und blickte gedankenvoll in den Garten hinab auf den die Fenſter des Zimmers hinausgingen, während das große und eng gedruckte Blatt des„Moniteur,“ in wel⸗ chem ſie geleſen, ihren Schvoß bedeckte. Sie ſchob die lang herabhangende ſeidene Gardine mehr zurück, lehnte 35 ſich auf die Fenſterbrüſtung, ſtützte den Kopf auf ihre feine, wohlgepflegte weiße Hand und verſank in ein träumeri⸗ ſches Nachdenken, Ich hatte ihm befohlen, ſprach ſie dann leiſe vor ſich hin, von Brüſſel aus zu ſchreiben, und ſein Brief hätte ſchon geſtern eintreffen können. Seine Mittheilungen von Köln— doch dies iſt nicht anders zu erwarten. Sie wird ſich finden und zu finden wiſſen, wenn ſie erſt hier iſt. — Sie ſei ſehr leidend, unausgeſetzt traurig und ſchweig⸗ ſam, ſchreibt er; er befürchtet, ſie könne unterwegs erkran⸗ ken, er müſſe daher langſam reiſen und ſie hin und wieder etwas ausruhen laſſen. Sie ſoll hübſch— ſogar ſchön ſein, wie er beſonders hervorhebt und auch die Gouver⸗ nante beſtätigt— das bleibt jedenfalls die Hauptſache. Schönheit hätte man ihr nicht geben können, wenn ſie die⸗ ſelbe nicht beſäße— das Andere wird ſich finden.— Es iſt mir lieb, fuhr ſie nach längerem gedankenvollen Schwei⸗ gen fort, indem ihr Blick über ihren ganz ſchwarzen An⸗ zug hinglitt, daß ich die Trauer in wenigen Tagen ablegen kann. Es würde einen unangenehmen Eindruck auf ſie machen, wenn ſie ihre Mutter zuerſt in einem ſo ernſten Anzuge ſähe— auch wären mancherlei Erörterungen nöthig geworden, die ich wenigſtens für den Anfang noch vermieden zu ſehen wünſche. Vor Allem freue ich mich, ſetzte ſie mit einem leichten Spotte hinzu, daß mein Mann endlich vernünftig geworden und auf meinen Plan einge⸗ 3 3 gangen iſt. Die Natur hat offenbar einen Fehler began⸗ gen, als ſie ihn als Knaben hat geboren werden laſſen— indeſſen ich werde auch ferner bemüht ſein, dieſes Verſe⸗ hen wieder auszugleichen, wie ich es bisher gethan habe. Er macht ſich jetzt Vorwürfe— der Thor— jetzt— er hat wirklich die Zeit ſehr paſſend dazu gewählt. Wenn auch mein Plan, die Größe unſeres Hauſes zu erhalten, theilweiſe geſcheitert iſt, ſprach ſie mit einem tiefen Seufzer weiter— dieſes Hauſes, deſſen Geſchlecht ſich mit den Königen Frankreichs verbunden hat und auch den Untergang dieſes Kometen erleben wird— es iſt noch nichts verloren, und ich hoffe es zu Ende zu führen. Ein Diener meldete den Herzog von Villeroi. Die Marquiſe erhob ſich und empfing den Beſuch mit einem freundlichen Lächeln. Der Eingetretene war ein Mann in der Hälfte der Dreißig, einer jener Männer, auf deren Geſicht Zeit und Leidenſchaften frühzeitig ihre Spu⸗ ren eingraben, die es jedoch verſtehen, in Weſen und Form dies zu verdecken, und für den Unerfahrenen immer eine glatte, gewinnende und höfliche Außenſeite zur Schau tra⸗ gen. Er war von mittlerer Größe, ſchlank, von blaſſem Teint, welcher durch ein Paar dunkle, verſchleierte, müde blickende Augen und durch ſchwarzes, wenn auch ſchon etwas ſpärliches Haar und eben ſolchen Bart noch mehr hervorgehoben wurde. Sein Anzug, obgleich den Anfor⸗ derungen der damaligen Mode entſprechend, war dunkel, 37 fh und kennzeichnete nur für ein erfahrenes Auge die darauf verwandte große Sorgfalt. Sonſt ſchien Alles an i ungezwungen, ſogar hin und wieder etwas nach⸗ läſſig. Ich freue mich, Sie zu ſehen, ſagte die Margquiſe, nachdem ſich Beide geſetzt hatten, denn Sie fangen an, ein ſeltener Gaſt zu werden. Es wäre ſchmeichelhaft für mich, wenn Ihre Worte mehr als eine Schmeichelei wären, erwiederte er mit einem verbindlichen Lächeln. Weshalb wollen Sie daran zweifeln? Man entbehrt am wenigſten gern ſeine Freunde, und ich rechne Sie zu dieſen— doch ſo etwas darf man ſich nicht ſagen, das muß man fuhr ſie fort, und ich überlaſſe es Ihnen, darüber Ihre eigenen Empfindungen zu haben. Was gibt es Neues? Nicht viel, Frau Marquiſe, beſonders wenig Erfteu⸗ liches. Der Kaiſer iſt, wie Sie wohl ſchon wiſſen, vou ſeinem Zuge durch Holland icgeſehrt! man hat ihn überall mit großem Enthuſiasmus empfangen und die Kaiſerin angeſtaunt, wahrſcheinlich darüber, daß ſie es gewagt hat, ihn zu heirathen, und ſie hat wieder die toll gewordenen Menſchen angeſtaunt, wobei ſie ſehr natürlich ausgeſehen haben ſoll. Hüten Sie Sich, erwiederte lachend die Marquiſe, 38 ſolche hochverrätheriſche Reden zu führen— wenn mein Gemahl Sie hörte! Ich bin immer auf meiner Hut, wo ich es für nöthig erachte. Und bei mir? Bei Ihnen, Frau Marquiſe, bin ich auch auf meiner Hut— aber nicht in dieſer Beziehung. Halten Sie mich für keine Bewunderin des Kaiſers? O, wer könnte daran zweifeln, ſagte er, indem er ſeine halb geöffneten Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke auf ſie richtete— es wäre ja eine Majeſtätsbe⸗ leidigung! Und warum ſollten ein paar ſo unwichtige Per⸗ ſonen, wie wir Beide, den großen Kaiſer, den Beſieger Europa's, nicht eben ſo ſehr bewundern, als die ganze übrige Menſchheit; für ſo thöricht werden wir uns gewiß Beide nicht halten! Gewiß nicht, erwiederte ſie lächelnd— und ich freue mich, daß wir in unſeren Geſinnungen übereinſtimmen. Aber da Sie mir nichts Neues zu erzählen wiſſen, ſo will ich es thun. Vielleicht intereſſirt es Sie, zu erfahren, daß ich in wenigen Tagen meine Tochter erwarte. Ihre Tochter? fragte der Herzog mit unverſtellter Ueberraſchung. Sie haben eine Tochter? War Ihnen das unbekannt? fragte ſie, ſich ihrerſeits überraſcht ſtellend; ich glaubte Sie von unſeten Familien⸗ verhältniſſen unterrichtet. 44. 39 Ich habe nie etwas davon erfahren und bin er⸗ ſtaunt Sie verſtellen Sich, Sie verſtellen Sich, ſagte ſie, mit dem Finger drohend; aber welchen Grund dazu Sie auch haben mögen... Ich verſichere Sie auf meine Ehre. Nun, ſo wird meine Neuigkeit Sie ja um ſo mehr intereſſiren. Wir haben unſere Tochter in einer vortreffli⸗ chen Penſions⸗Anſtalt, welche ſich in einer Stadt in Deutſchland befindet, die jetzt zu dem Königreiche Weſtfa⸗ len gehört, erziehen laſſen. Mehrfache Gründe haben uns dazu beſtimmt. Zuerſt war es die Unſicherheit unſeres eigenen Aufenthaltes, welche uns bewog, das theure Kind einem ſicheren Schutze anzuvertrauen; als wir dann ſpäter nach Frankreich zurückkehrten, um unſer Vermögen zu retten, befand ſich Margot in ihrer Penſion ſo wohl, ſie genoß eines ſo vortrefflichen Unterrichtes, daß wir es für beſſer hiellen, ihre Erziehung dort in der ländlichen Stille voll⸗ enden und ſie erſt hieher kommen zu laſſen, wenn ſie geiſtig und körperlich ausgebildet ſein würde. Wir erfüllten dabei gleich ihre wiederholten dringenden Bitten, da es ihr ein ſchmerzlicher Gedanke war, ſich von den Geſpielen ihrer Jugend und von ihren Lehrerinnen zu trennen, welche ſie im hohen Grade lieben und hochſchätzen gelernt hatte. Und jetzt iſt der Zeitpunct eingetreten? Jetzt, da Margot vor einigen Monaten ſiebenzehn 40 Jahre alt geworden iſt, würde es unpaſſend ſein, ſie län⸗ ger in der Penſion zu laſſen— außerdem, ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu, ſehnt ſich mein mütterliches Herz nach dem ſchweren Verluſte, den es erlitten hat, die ſo lange und ſchmerzlich entbehrte Tochter zu ſehen und ſich an ihrem Umgange zu erfreuen. Natürlich— natürlich— bemerkte der Herzog ſicht⸗ lich zerſtreut— alſo Ihr Fräulein Tochter iſt jetzt ſieben⸗ zehn Jahre alt und wird bald zu Ihnen zurückkehren? Sie iſt bereits unterwegs und ich erwarte ſie mit Sehnſucht. In wenigen Tagen hoffe ich ſie umarmen zu können, denn ihr letzter Brief aus Köln benachrichtigt mich, daß ſie die Zeit nicht erwarten könne, um mich zu begrüßen. Erlauben Sie, Ihnen meinen aufrichtigſten Glück⸗ wunſch abzuſtatten, ſagte der Herzog wieber mit ſeinem verſchleierten Blicke— wenn das Geſchick Ihnen Erſatz für den großen Verluſt zu geben im Stande iſt, ſo wird es durch den Beſitz einer jungen ſchönen und liebenswür⸗ digen Tochter allein möglich ſein. Allerdings— es wird dadurch allein möglich ſein— wenn es überhaupt möglich iſt, erwiederte ſie mit dem Ausdrucke wirklichen Gefühles, aber eine Mutter, welche S alle ihre Hoffnungen auf ihren einzigen Sohn geſetzt hat, N kann ſolchen Verluſt niemals vergeſſen. Ich empfinde das mit Ihnen, ſagte der Herzog wie⸗ 41 der in ſeinem gewöhnlichen Tone— aber wir leben in einer eiſernen Zeit, wo die Klagen der Mütter, der Bräute und der jungen Wittwen etwas ſo Alltägliches ſind, daß man kaum mehr darauf achtet. Der Menſch gewöhnt ſich zuletzt an Alles. So iſt es bei uns auch ſchon zur Ge⸗ wohnheit geworden, den Boden fremder Länder mit dem Blute unſerer Jugend zu ſättigen und es für nothwendig zu erachten, daß dies zum Ruhme Frankreichs geſchehen müſſe. Die Klagen und der Schmerz der Einzelnen, der vielen Einzelnen verhallen in dem Jubel des Ganzen— denn die Zahl der Gebliebenen wird auf Seiten des Fein⸗ des ja immer viel größer angegeben, und die kaiſerlichen Adler ſind die Träger des Sieges. Sie ſehen, Frau Marquiſe, wir haben eigentlich gar keine Urſache zur Trauer, denn die Größe und der Ruhm des Kaiſers— das heißt Frankreichs— ſetzte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln hinzu, entſchädigt für Alles. Aber er iſt bei all ſeiner Macht doch nicht im Stande, die Spanier, welche feſt an ihrem angeſtammten Königs⸗ hauſe halten, zu beſiegen— und gerade in dieſem eben ſo ungerechten als entſetzlichen Kriege mußte mein armer Sohn ums Leben kommen. Haben Sie jetzt Näheres über ſeinen Tod erfahren? Nichts weiter, erwiederte ſie mit niedergeſchlagenen Augen. Er iſt ſogleich im Anfange der Schlacht von Deoña gefallen, als die Spanier ſich noch im Vortheile 42 befanden und den Angriff des Generals Leval zurückſchlu⸗ gen. Nur eine ſehr kurze Zeit hat ſich der Ort, wo man ihn zuletzt geſehen und mit ſeinem Pferde im Kartätſchen⸗ feuer einer Batterie niederſtürzen ſah, in den Händen der Spanier befunden.— WDie Spanier wurden ſehr bald wieder geworfen und in die Flucht geſchlagen— wir machten ja zehntauſend Gefangene— aber alle Nachfor⸗ ſchungen ſind vergebens geblieben, obgleich das Schlacht⸗ feld in unſeren Händen blieb— ſeine Leiche iſt nicht auf⸗ gefunden worden. So iſt er vielleicht in Gefangenſchaft gerathen? In der Schlacht von Ocaa haben die Spanier gar keine Gefangenen gemacht, im Gegentheil find ihre geſchla⸗ genen und gänzlich aufgelöſten Heerestrümmer unausge⸗ ſetzt verfolgt worden— aber was nutzt es, darüber noch zu reden?— es ſind jetzt ſechs Monate ſeit jenem un⸗ glücklichen Tage verfloſſen, und die ſorgfältigſten Nachfor⸗ ſchungen haben kein Reſult gehabt. Wie war dies auch anders möglich? fuhr ſie n tiefen Seufzer fort. Als die Nachricht der glorre 33 Schlacht hieher gelangte, waren bereits vierzehn Tage vergangen, und erſt nach wie⸗ der vierzehn Tagen erſchien die Liſte der gebliebenen Offi⸗ ciere. Hinter dem Namen meines armen Sohnes ſtand das verhängnißvolle Wort:„Vermißt“, weil man ſeine Leiche, um die man ſich wahrſcheinlich gar nicht bekümmert, nicht aufgefunden hatte. Als wir dann einen Bevollmäch⸗ 43 tigten hinſandten, der faſt zwei Monate ſpäter dort ein⸗ traf, hatte man die Todten längſt begraben, und wir konn⸗ ten nichts weiter erfahren, als daß er wahrſcheinlich mit begraben ſei, da man ihn hatte fallen ſehen. Entſchuldigen Sie, ſagte der Herzog, daß ich Ihrem Schmerze durch meine Fragen unnöthiger Weiſe neue Nahrung gegeben habe, denn nach dieſen Mittheilungen iſt allerdings nicht daran zu zweifeln, daß Ihr Sohn den Tod für den Ruhm Frankreichs gefunden hat. Nein, es iſt nicht daran zu zweifeln wiederholte ſie, ſich gewaltſam aufraffend— mein Sohn iſt todt, und ich habe jetzt einen Troſt darin gefunden, dieſer ſchrecklichen Ungewißheit enthoben zu ſein. Wenn etwas mich beruhi⸗ gen kann, ſo iſt es die Ueberzeugung, daß ich Alles aufge⸗ boten habe, um ihn von dem Entſchluſſe, in die kaiſerliche Armee zu treten, abzuhalten. Aber er war von dieſem Wahne nicht zu heilen— er ſah in Napoleon den Heros des Jahrhunderts— das Phantom des Ruhmes hatte ihn berückt, und er begeiſterte ſich in dem Gedanken, als ſieggekrönter Held aus dem Kriege heimzukehren. Wollen Sie ihm das zum Vorwurfe machen? fragte der Herzog— Hunderttauſende ſind von dieſem Wahne ergriffen, die ganze Jugend Frankreichs. Was gäbe es auch Verlockerendes, als heute als gemeiner Soldat einzu⸗ treten, um nach einigen Jahren als General zurückzukeh⸗ ren? Ein jeder Spieler hofft das große Loos oder wenig⸗ 44 ſtens Ein großes Loos zu gewinnen und achtet nicht auf die Maſſe der Verlierenden, wenn er ſeinen Einſatz macht. Der Kaiſer iſt ein geübter und kluger Bankhalter und weiß die Thorheiten der Weiſchen richtig zu würdigen und auszunutzen. Wie Sie mir neulich ſagten, beabſichtigen Sie jedoch ſelbſt bei dieſem Banquier zu pointiren? fragte ſie, ihn ſcharf anſehend. Ich folge darin nur Ihrem Beiſpiele, Frau Mar⸗ quiſe. Das menſchliche Leben iſt mehr oder weniger nichts als ein Hazardſpiel. Ein Zeder iſt genöthigt, auf irgend eine Karte zu ſetzen; es handelt ſich nur darum, dies mit Klugheit, Vorſicht und Ueberlegung zu thun und das Glück, ſo viel es bei dieſer launiſchen Göttin möglich iſt, zu corri⸗ giren. Meine Peusgenrerlne laſſen leider Vieles zu wünſchen übrig, denn mein Vater und Großvater waren kechnerderich⸗ und unglückliche Spieler.— Ich könnte eine reiche Erbin heirathen, fuhr er mit einem ſpöttiſchen Lächeln fort, und für die e Schätze irgend eines Parvenu meinen alten Adel in die Wagſchale legen, der jetzt, nachdem man im Haſſe dagegen abgeſtumpft iſt, wieder anfängt, im Preiſe zu ſteigen— aber ich werde mich niemals mit dieſem ſogenannten Volke gemein machen; auch bin ich entſchloſſen, niemals zu heirathen. Niemals zu heirathen? Scheint Ihnen das ſonderbar? Ich habe bei den 45 Frauen viele Erfahrungen gemacht; meine Illuſionen ſind in dieſer Beziehung vollſtändig abſorbirt, wenn ſie über⸗ haupt vorhanden waren— ich würde, ſo unglaublich Ihnen das klingen mag, nur ein Mädchen heirathen, wel⸗ ches mich wahrhaft und um meiner ſelbſt willen liebte und dabei zugleich mir die Mittel zu einem ſtandesgemäßen Leben mitbrächte— da ſehen Sie wohl, Frau Marquiſe, ſetzte er ſpottend hinzu, daß es für mich eine Unmöglichkeit iſt, zu heirathen— denn eine Frau, die ihren Mann um ſeiner ſelbſt willen liebt, iſt an und für ſich ſchon ein Wider⸗ ſpruch— beſonders aber, wenn man noch damit die An⸗ forderung verbindet, daß ſie reich ſein ſoll. Bei ſolchen Anſichten ſcheint es mir allerdings gerecht⸗ fertigt, daß Sie unverheirathet bleiben. Es freut mich, daß Sie dies anerkennen, denn ich lege einen großen Werth auf Ihr Urtheil. Und auf welche Karte wollen Sie nun Ihr Glück ſetzen? Ein guter Spieler läßt ſich niemals in die Karten ſehen— vor Ihnen habe ich jedoch keine Urſache zu einer ſolchen Vorſicht, da ich weiß, daß Sie dieſelbe Farbe hal⸗ ten, erwiederte er, ſie feſt anſehend. Ich verſtehe Sie nicht. Sie haben Ihren Herrn Gemahl bewogen, nach Frank⸗ reich zurückzukehren, um jene ihm geraubten Gäter wieder in Beſitz zu nehmen; Sie haben ihn ferner beſtimmt, ſich zum Kammerherrn und Almoſenier Sr. Majeſtät des Kaiſers machen zu laſſen— ich finde das ſehr verſtändig und beabſichtige, Ihrem Beiſpiele zu folgen. Sie wollen auch Kammerherr werden? fragte ſie erſtaunt. Das nicht— ich glaube zu einer ſolchen Stelle nicht die erforderlichen Eigenſchaften zu beſitzen, nein— ich beabſichtige, die diplomatiſche Carriere einzuſchlagen. Ich glaube in Ihren Mienen die Billigung dieſes Vorſatzes zu leſen, und das freut mich wiederum ſehr, fuhr er fort — Herr von Talleyrand iſt ein Bekannter meines verſtor⸗ benen Vaters— man wünſcht Leute aus guten, alten Häuſern ſich in dieſer Sphäre dienſtbar zu machen, denn es klingt immer beſſer, wenn der Attache oder der Ge⸗ ſandte ſelbſt einen Herzogstitel vor ſeinen Namen ſetzen kann, als wenn dieſer ſchlechtweg und unangenehm an die Republik erinnert, beſonders bei den noch beſtehenden legi⸗ timen Fürſten. Ich werde mich alſo vorläufig irgend einer ſolchen Geſandtſchaft zutheilen laſſen und dort am beſten Gelegenheit haben, diejenigen Intereſſen zu verfolgen, welche— doch ein Diplomat muß vor Allem geheimniß⸗ voll ſein, ſetzte er lachend hinzu, deshalb hoffe ich Ihnen dasjenige geſagt zu haben, was zu ſagen überhaupt nöthig war. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, erwiederte die 47 Marquiſe, ſichtlich geſchmeichelt, und billige vollkommen Ihren Plan. Das freut mich außerordentlich— vielleicht, daß ich ſchon binnen kurzer Zeit nach Petersburg abreiſe. So weit— zu den Ruſſen? Da bedaure ich Sie doch von Herzen. Thun Sie das gar nicht, das Leben in Petersburg ſoll, abgeſehen von dem Klima, ſehr unterhaltend und pikant ſein— Urnatur und Ueberciviliſation in tollem Gemiſch, jedenfalls für mich intereſſant— außerdem, fuhr er ernſter fort, außerdem iſt eine ſichtliche Spannung zwiſchen den beiden Kaiſern eingetreten, die ſich auf dem Niemen ſo herzlich umarmt haben. Napoleon kann es durchaus nicht vergeſſen, daß man ihm eine ruſſiſche Prin⸗ zeſſin verweigert; die nicht ſtreng geübte Continental⸗ Sperre gibt einen plauſibeln Grund zu Beſchwerden, und es ſcheint mir faſt, als ob der unruhige Geiſt des Kaiſers, der ſich jetzt vergeblich in Europa umſieht, um die Aufregung des Schlachtens genießen zu können, im Stillen über den Plan zbrüte, dies in Rußland zu ver⸗ ſüchen. Und was knüpfen Sie an dieſe Betrachtung? Manches und Vieles! Rußland iſt groß— vielleicht — doch jetzt hülle ich mich wieder in meine Diplomatie. Wann werden Sie das Vergnügen haben, Ihr Fräulein Tochter zu empfangen? fragte er, plötzlich abſpringend. Ich hoffe, am Anfange der künftigen Woche. So erlauben Sie mir wohl, einige Tage ſpäter mei⸗ nen Beſuch zu erneuern, um das Glück haben zu können, der jungen Marquiſe vorgeſtellt zu werden? Sie werden uns ſtets willkommen ſein.* So habe ich denn die Ehre, Sie zu grüßen, ſagte er aufſtehend mit einer verbindlichen Verneigung, und bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl angelegentlich zu em⸗ pfehlen. Viertes Capitel. Die Margquiſe blickte dem Herzoge mit einer ſpöttiſch⸗ kalten Miene eine Zeit lang nach. Er iſt ſehr von ſich und ſeinen Fähigkeiten eingenommen, ſagte ſie dann; wenn er es weniger wäre, würde ich ihn für klüger halten; immer⸗ hin gehört er zu denen, die als Werkzeuge in der Hand des Kaiſers geeignet und Willens ſind, dieſe Hand ſelbſt zu verletzen, wenn man dies auf Rechnung des Zufalls ſetzen kann. Er wird, ſollte die Zeit kommen, zu ſeinen offenen Feinden gehören, wie jetzt zu ſeinen geheimen.— Ob dieſe Zeit jemals kommen wird? fuhr ſie leiſer ſpre⸗ chend fort— Niemand kann es wiſſen— und nach menſchlicher Berechnung werden wir es nicht erleben— dies kann uns jedoch nicht daran hindern, uns damit zu beſchäftigen und darauf vorbereitet zu ſein. Ah— mein Mann kehrt von St. Clond zurück, ſein Wagen hält vor dem Portal— man ſcheint heute ſeiner nicht zu be⸗ Bräfin und Marquiſe. II, 4 dürfen und daher mit wichtigen Dingen beſchäftigt zu ſein. Ich laſſe meinen Gemahl bitten, wenn es ſeine Zeit erlaubt, zu mir zu kommen, ſagte ſie zu einem eintreten⸗ den Bedienten. Der Herr Marquis werden ſogleich erſcheinen, nach⸗ dem ſie ſich umgekleidet haben. Er iſt immer froh, wenn er den Kammerherrn aus⸗ ziehen kann, bemerkte ſie, als ſie ſich wieder allein be⸗ fand, und beſitzt leider nicht die Befähigung, dieſe Stel⸗ lung, welche ihn ſo oft in die unmittelbare Nähe des Kaiſers führt, auszunutzen. Er weiß von nichts, er er⸗ fährt nichts und ſeine Auffaſſung ähnelt derjenigen eines unerfahrenen Kindes. Guten Tag, Nannon, ſagte der eintretende Mar⸗ quis, indem er ſich erſchöpft in einen Seſſel ſetzte— wie befindeſt Du Dich? Es iſt heute gewaltig heiß, und auf der Chauſſee war ein immenſer Staub. Der Marguis war ein kleiner, zierlich gebauter Mann in den Anfängen der Sechszig. Er hatte ein wohl⸗ wollendes, gutmüthiges Geſicht, deſſen ſanft blickende braune Augen dieſen Eigenſchaften ſeines Herzens eben ſo unver⸗ hohlen Ausdruck verliehen, als ſie darthaten, daß Cha⸗ rakterſtärke und beſondere Schärfe des Verſtandes von ihm weniger zu erwarten ſeien. Du kehrſt ja früh zurück, ſagte die Marquiſe, ohne 51 die Aeußerungen ihres Mannes weiter zu beachten, bedarf man Deiner heute nicht in St. Cloud? Nein, Gott ſei Dank, erwiederte er, ſich den Schweiß abwiſchend, heute nicht und die ganze Woche nicht— ich bin glücklich, denn ich habe Ruhe und bin dieſes läſtigen Dienſtes einige Zeit enthoben! Wenn er Dir ſo läſtig iſt, weshalb haſt Du ihn an⸗ genommen, Dich darum beworben? Beworben— fragte er verwundert, habe ich mich darum beworben? Und wenn ich es gethan, geſchah es nicht auf Dein ausdrückliches Verlangen? Hielteſt Du es nicht für nothwendig, obgleich ich es nicht eingeſehen, Ich hielt es für nothwendig und Du haſt es einge⸗ ſehen, ſonſt würdeſt Du meinen Rath nicht befolgt haben, unterbrach ſie ihn; ich hoffe, Du ſiehſt dies eben⸗ falls ein. Allerdings, allerdings— dennoch wünſchte ich, dieſe Nothwendigkeit wäre nicht vorhanden geweſen. Laſſen wir das, ſagte ſie in einem Tone, der jeden weiteren Widerſpruch bei ihm beſeitigte, man überlegt ſeine Entſchlüſſe vorher und klagt nicht darüber, wenn man ſie ausgeführt hat. Ich klage ja auch nicht, erwiederte er, ſie freundlich anſehend; aber ich werde mich doch freuen dürfen, wenn ich ein paar Tage ohne dieſen läſtigen Dienſt ſein kann. 25 52 Du biſt einmal unverbeſſerlich, Louis, alſo freue Dich immerhin. Was bringſt Du Neues? Neues? Ich weiß wirklich nichts, was Dich beſon⸗ ders intereſſiren könnte. Der Kaiſerin iſt die Reiſe gut bekommen, ſie iſt ſehr heiter und munter; aber der Kaiſer iſt ernſt und verdrießlich, und man hält die Ausſöhnung mit ſeinem Bruder, dem Könige von Holland, nicht für nachhaltig. Nicht? Nun, meinetwegen. Er hat ſich von ſeiner Frau ſcheiden laſſen und übetwirft ſich jetzt mit feinen Brüdern, weil ihn ſeine Geſchenke bereits reuen und er ſie wieder haben möchte— Holland wird bald eine fran⸗ zöſiſche Provinz werden, und wenn erſt ganz Europa zu Frankreich gehört, werden wir mit der Eroberung Aſiens beginnen. Ach, was Du für Ideen haſt! erwiederte er in zwei⸗ felhaftem und zugleich lächelndem Tone— mir ſcheint das unglaublich. Meinetwegen. Dir ſcheint Vieles unglaublich, was ganz zweifellos iſt, und Vieles glaublich, deſſen Thorheit auf der Hand liegt. In acht Tagen ſpäteſtens, fuhr ſie in verändertem Tone fort, wird Margot eintreffen; ſie iſt jetzt in Brüſſel. In acht Tagen— wiederholte er, während ſeine Augen vor Freude glänzten— ach, wenn nur kein Hin⸗ derniß mehr eintritt— wie glücklich werde ich ſein, 53 dieſes lang entbehrte Kind wieder an mein Herz zu drücken! Ich nicht weniger, erwiederte ſie mit einem leichten Beben ihrer Stimme— da wir keinen Sohn mehr haben, ſo werden wir wenigſtens eine Tochter beſitzen. Der arme, theure Raoul, ſprach er von Schmerz ergriffen— ach, daß er ſo früh, in der Blüthe ſeiner Jahre ſterben mußte!— Ich mache mir jetzt die bitterſten Vorwürfe darüber, daß wir Margot auf eine ſo— ſo liebloſe Weiſe von uns gegeben haben, und denke immer, er würde noch leben, wenn ſie bei uns geblieben wäre. Der liebe Gott hat uns die Strafe geſchickt— Ich bitte Dich, Louis, unterbrach ſis ihn in hartem Tone, verſchone mich mit den ſeütiientalen Ergüſſen Deiner unklaren Anſchauung. In weſchem Zuſammen⸗ hange ſteht Raoul's Tod mit Margot's Entfernung? Kannſt Du irgend einen auffinden? Du ſchweigſt, weil Deine Weisheit wieder zu Ende iſt. Haben wir uns nicht von unſerer Tochter getrennt nur unſeres Sohnes wegen? Warſt Du nicht damit einverſtanden? Alſo was ſchwatzeſt Du jetzt, nachdem er wie ſo viele Hunderttauſende dem Ehrgeize des Kaiſers zum Opfer gefallen iſt? Ja, ich habe damals eingewilligt, erwiederte der Marguis mit mehr Feſtigkeit, als ihm ſonſt eigen war, ich habe eingewilligt, aber es immer bereut, daß ich es gethan, und bereue es auch noch. 54 Du, drückſt Dich ja ungewöhnlich beſtimmt aus, ſagte ſie ihn, ſcharf anſehend; da es aber wenige Hand⸗ lungen gibt, die Du nachher nicht bereuteſt, eine Eigen⸗ ſchaft, die Du mit allen ſchwachen Menſchen gemein haſt, ſo lege ich natürlich keinen Werth darauf. Du biſt eines großen Entſchluſſes, der Verfolgung eines großen Zieles abſolut unfähig; ich habe das fünfundzwanzig Jahre mit Dir durchgemacht und werde es auch noch länger ertragen. Sind unſere Vermögensverhältniſſe etwa ſo glänzend, daß die Theilung ſich mit der Erhaltung unſeres alten Hauſes vereinigen ließe? Haben wir dies nicht Alles wohl und reiflich erwogen? Was hat es uns genutzt? erwiederte er traurig. Ravul iſt todt, und der Erbe der Beaumont wird einen andern Namen tragen. Kein Menſch vermag in die Zukunft zu ſehen, aber den uns von Gott verliehenen Verſtand haben wir deshalb erhalten, um ihn zu gebrauchen. Auch ich bin die letzte Erbin eines alten Geſchlechtes, fuhr ſie mit Stolz fort, eines ſo alten Geſchlechtes, daß dasjenige der Beaumont dagegen verſchwindet. Ich habe Dir das Erbe dieſes Ge⸗ ſchlechtes als Mitgift gebracht, und ich will, daß es er⸗ halten werde in ſeiner Geſammtheit, ſoweit es überhaupt noch möglich iſt. Wäre dem Adel die Befugniß nicht ge⸗ nommen, ſeine Güter nach dem alten Rechte der Majorate zu vererbén, hätten wir Raoul das Ganze hinterlaſſen 55 und Margot dabei anſtändig dotiren können, ſo würden wir nicht nöthig gehabt haben, uns von ihr zu trennen. Das hatten wir auch ſo nicht, erwiederte er mit un⸗ gewöhulicher Hartnäckigkeit; wir beſitzen vierzigtauſend Francs Renten, ein Einkommen, welches hinreicht um beide Kinder auskömmlich zu dotiren. Das Geld allein macht ohnehin nicht glücklich! Verſchone mich mit dieſen albernen Gemeinplätzen! rief ſie heftig. Die wenigen Träger des alten, gemißhandelten franzöſiſchen Adels müſſen Alles aufbieten, um die Ehre und das Anſehen ihres Geſchlechtes in dieſer nivellirenden Zeit ju erhalten, damit ſie, wenn der Umſchwung zur alten Ordnung eintritt, denſelben Standpunct einnehmen können, von dem ſie Gewalt und Unrecht vertrieben hat. Damals, als wir den Entſchluß faßten, nach Frankreich zurückzukehren und uns ſcheinbar dem Uſurpator anzu⸗ ſchließen, um unſere Güter nicht für immer in die Häüde gieriger Räuber fallen zu laſſen, damals haben wir es in klar gemacht, daß wir nur Einen Erben dieſer ohne⸗ hin geſchmälerten Güter haben dürften, wenn der Glanz uith das Anſehen unſeres Hauſes werden ſollte. Wir entſagten einer vihrn welche der Ausführung dieſes Planes entgegenſtand, und vertrauten ſie einem treuen und bewährten Diener an— wir entſagten ihr, bhitn uns ——— 56 die Möglichkeit zu rauben, ſie zu uns zurückkommen zu laſſen, wenn es die Umſtände geſtatteten. Ja, das haben wir uns damals klar gemacht, ſagte er mit einem tief ſchmerzlichen Tone— Du haſt es Dir klar gemacht und ich habe eingewilligt, weil Du es Dir klar gemacht hatteſt— ach, und dann haben wir uns wenig mehr um das arme Kind bekümmert! Wenig bekümmert? fragte ſie, ihn zornig anblickend, während er mit niedergeſchlagenen Augen und mit gefal⸗ teten Händen da ſaß— Du biſt ja heute in einer beſon⸗ ders liebenswürdigen Laune! Hat es dem alten Viorne vielleicht an Geld gefehlt? Hat ſie Mangel gelitten? Waren wir nicht immer von ihrem Aufenthalte, von ihrem Ergehen unterrichtet? Als wir dann durch einen beſon⸗ ders abgeſandten Agenten erfuhren, daß der alte Viorne umgekommen ſei, Margot aber ſehr glücklich und zufrieden bei einem reichen Hammerbeſitzer lebe, der ſie, wie man allgemein glaube, adoptiren wolle, hatten wir da irgend eine Veranlaſſung, ihn daran zu hindern? Wir mußten vielmehr den Zufall preiſen, der ſie in dieſe für ſie ſo günſtigen Verhältniſſe gebracht hatte, wo ſie wahrſcheinlich recht glücklich geworden wäre, obgleich ſie ihr Leben in untergeordneten und beſchränkten Verhältniſſen hätte zu⸗ bringen müſſen. Wie kannſt Du daher ſagen, wir hätten uns wenig um ſie bekümmert? Wir haben uns gerade ſo viel und ſo weit um ſie bekümmert, als es nöthig 57 und zuträglich war, um den einmal reiflich erwogenen und wohl überlegten Entſchluß zur Ausführung zu bringen. Und doch hat uns das Alles nichts genutzt. Jahre lang haben wir der Anweſenheit eines lieben Kindes ent⸗ behrt, um— nun ja, um einen Plan auszuführen. Wir haben unſere Tochter fremden Menſchen, den unberechen⸗ baren Wechſelfällen des Zufalles überlaſſen— wir, die Eltern, die wir Pflichten gegen dieſes Kind hatten— wir haben dies Alles geopfert und hingegeben— und doch Alles umſonſt— ſie hätte ruhig und im Frieden bei uns bleiben können— Ravul lebte dann vielleicht noch! Du biſt ſagte ſie, ihn mit zornigen Blicken anſehend, und wenm eine unklare Idee einmal in Deinem Kopfe Wurzel geſchlagen hat, iſt es ſchwer, ſie daraus zu entfernen! 6 Er wiederholte nichts auf dieſe harte Aeußerung, weil er aus Erfahrung wußte, daß es doch keinen Zweck habe, und er den Frieden liebte, den Frieden, welchen er ſich ſtets dadurch verſchaffte und erhielt, daß er ſeiner Fran nachgab und ſich ihrem Willen fügte. Nun? fragte ſie nach einiger Zeit, während Beide geſchwiegen— ich hoffe, Du haſt Dich überzeugt, daß un⸗ ſere Handlungsweiſe die richtige war, ſo wie ſie die da⸗ maligen Verhältniſſe erforderten. Wenn ich auch nicht überzeugt wäre, was würde es 58 nutzen?— was geſchehen iſt, läßt ſich ja doch nicht mehr ändern! Nein, es würde auch nichts nutzen, darum ſchweigen wir davon. Der Herzog von Villeroi war hier und läßt ſich Dir empfehlen. Ich danfe, erwiederte der Marquis, deſſen Gedan⸗ ken ſichtlich mit anderen Dingen beſchäftigt waren. Wir werden ihn zu unſerer nächſten Spirée einladen — er iſt ein gewandter, geſcheidter Mann und ſteht in naher Beziehung zu dem Fürſten von Benevent. Zu Talleyrand? Was kümmert uns das? Dieſer Mann hat viele Beziehungen, und wenn ich der Kaiſer wäre, ſo würde ich ihm weniger Vertrauen ſchenken. Du entwickelſt einen ungewöhnlichen Scharfſinn, ſagte ſie ſpöttiſch— da Du aber nicht der Kaiſer biſt, ſo ſcheint es für uns vortheilhaft, eine Verbindung mit den⸗ jenigen zu erhalten, denen der Fürſt vertraut. Ich weiß nicht, was Du damit ſagen willſt? Immerhin, darauf kommt es auch nicht an— glaube mir aber, daß es 6 uns von Nutzen ſein kann, die Verbindung mit dem Herzoge zu befeſtigen. Wir werden daher in dieſem Sinne handeln und ihn zu unſeren Svoirken einladen. Zu unſeren Soireen? fragte er ängſtlich— beab⸗ ſichtigſt Du, jetzt noch Soirten zu geben?— die Saiſon iſt vorüber. 59 Wir werden unſere Tochter in die Geſellſchaft ein⸗ führen müſſen und können damit nicht warten bis zum künftigen Winter. Wir ſind ja noch in Trauer! Morgen iſt das halbe Jahr zu Ende, und es muß daher auch mit dieſen äußerlichen, ohnehin überflüſſigen Kundgebungen ein Ende nehmen. Die Zeit, welche ſo Vieles ändert und die ſo viele Tauſend Opfer fordert, hat auch dieſe Sitte geändert, denn die Hälfte der Bevölke⸗ rung würde ja in Schwarz gehen, wollte man die Todten ein Jahr lang äußerlich betrauern. Abgeſehen aber davon, daß uns nichts hindert, den Tod unſeres Sohnes im Stillen zu beklagen, wünſche ich nicht, daß Margot ſo⸗ gleich mit dieſer Trauerbotſchaft empfangen werde. Wie mir die Hofmeiſterin ſchreibt, hängt ſie ſehr an Ravul, den ſie, wie du weißt, in ihrem letzten Aufenthalte wie⸗ dergeſehen hat. Sie hofft, ihn hier, wenn auch nicht gleich, doch bald wiederzufinden, und es würde daher grauſam ſein, ſie ſofort mit der Zerſtörung dieſer Hoff⸗ nung zu empfangen. Ja, ja, es würde grauſam ſein, ſagte er traurig. Wir werden ihr daher den Tod ihres Bruders vor⸗ läufig und ſo lange verheimlichen, bis ſie ſich bei uns mehr eingerichtet und in ihrer neuen und ungewohnten Umge⸗ bung eingelebt hat. 60 Das wird aber ſehr ſchwierig ſein, außerdem könnte der Zufall.. Es wird nicht ſchwierig ſein, wenn wir es wollen— und wir werden es wollen! unterbrach ſie ihn beſtimmt. Ich lege morgen die Trauerkleider ab, damit ſie durch kein äußeres Zeichen an ihren und unſeren Verluſt erin⸗ nert wird. Ihr dann davon zur geeeigneten Zeit Mit⸗ theilung zu machen, wird meine Sorge ſein. Du kannſt Dich daher der Freude, Deine lang entbehrte Tochter wiederzuſehen, ohne allen Rückhalt und ohne Beigeſchmack hingeben.— Doch es iſt Zeit zum Diner, fuhr ſie fort — ich fahre demnächſt in die Oper. Wirſt Du mich begleiten? Heute nicht, wenn Du es nicht beſonders verlangſt — ich bin ermüdet von der Fahrt nach St. Clond, außer⸗ dem auch nicht in der Stimmung... Ganz nach Deinem Belieben, unterbrach ſie ihn— Du weißt ja, daß wir übereingekommen ſind, uns ſo wenig als möglich zu geniren.— Der geneigte Leſer wird aus dieſer und der vorher⸗ gegangenen Unterredung bereits das eigenthümliche Ver⸗ hältniß erfahren haben, in welchem der Marquis und die Marquiſe zu ihrer Tochter ſich befanden; wir ſind jedoch genöthigt, dasſelbe noch mehr aufzuklären. Die Marquiſe war eine ſtolze Frau von ſcharfem, be⸗ rechnendem Verſtande. Einem alten Adelsgeſchlechte Frank⸗ 61 reichs angehörend, deſſen letzter weiblicher Sproß ſie war, hatte ſie die anſehnlichen Güter desſelben ihrem Manne als Mitgift zugebracht. Der Adel des Marquis war weder ſo alt als der ihrige, noch ſein Vermögen dem ihrigen gleich. Sie hatte den Marquis geheirathet aus einer Laune, welche ſie bald darauf bereute, da ſie eigentlich nur durch das Be⸗ dürfniß erzeugt war, einem anderen vornehmen jungen Ade⸗ ligen, der ſie verſchmäht hatte, den Beweis zu liefern, wie thöricht er gehandelt habe, ihre ſo ſehr geſuchte Hand aus⸗ zuſchlagen. Derartige, aus unlauteren Beweggründen her⸗ vorgegangene Handlungen haben niemals die beabſichtigte Wirkung; ſo erkannte die ſtolze Marquiſe auch bald, daß der zu Aergernde ſich gar nicht geärgert habe, indem er in ſeiner Gleichgültigkeit gegen ſie beharrte und ſich bald dar⸗ auf ebenfalls ſehr glänzend verheirathete. Die Gutmüthig⸗ keit und Charakterſchwäche ihres Mannes, den ſie ohnehin niemals geliebt hatte, theilte ihr bald die unbedingte Herr⸗ ſcherrolle in dem ehelichen Verhältniſſe zu, die er um ſo lie⸗ ber anerkannte, als er, wie alle ſchwachen Menſchen, noth⸗ wendig eines inderen bedurfte, dem er ſich unterordnen und von dem er ſich leiten laſſen konnte. Der Marquiſe Hauptbeſtreben war es, den Glanz und die Würde ihres tmit den Königen einmal verbunden geweſenen 8 aufrecht zu erhalten. Die Geburt eines Soh⸗ nes, de künftigen Erben der ſehr umfangreichen Majo⸗ rats Herrſchaft, l bald darauf einen ihrer ſehnlichſten 3 62 Wünſche. Vier Jahre ſpäter wurde auch Margot geboren, die man weniger freundlich begrüßte und der damaligen, noch jetzt in Frankreich unter der vornehmen Welt herr⸗ ſchenden Sitte gemäß auf dem Lande einer Amme übergab. Dann kam der Sturm der Revolution, und es ge⸗ lang dem Marquis, oder vielmehr der Marquiſe, nachdem ſie, ſoweit es thunlich war, einen Theil ihres beweglichen Vermögens verſilbert hatte, mit den beiden Kindern und einem alten Diener die Gränze Frankreichs zwiſchen ſich und die Guillotine zu bringen. Sie lebten eine Zeit lang in der Schweiz, und als deren Neutralität durch die fran⸗ zöſiſchen Armeen verletzt wurde, ſehr verborgen im füdli⸗ chen Deutſchland. Als die Verhältniſſe ſich durch die Er⸗ hebung Napoleon's zum Kaiſer der Franzoſen wieder con⸗ ſolidirt hatten, als dieſer eine Amneſtie für die ausgewan⸗ derten Adeligen erlaſſen, denen die Rückgabe ihrer Güter, wenn auch mit Bedingungen, zugeſichert wurde, faßte die Marquiſe den Entſchluß, ſo ſehr ſie das kaiſerliche Regi⸗ ment auch haßte, nach Frankreich zurückzukehren, um zu ret⸗ ten, was zu retten ſei, damit ſie ſpäter nach der Wiederher⸗ ſtellung des gemißhandelten Königthut icht zu ſpät komme. So ſehr die Marguiſe jedoch dieſe W lung auch erſehnte, ſo konnte ſie ſich als klug der Betrachtung nicht verſchließen, daß dazu wet ſichten vorhanden ſei und daß ganz außergewöhnliche, ganz unerwartete Ereigniſſe eintreten müßten, um ſie herbeizu⸗ „ 63 führen. Der jugendliche Kaiſer, umgeben von dem Glanze eines ſtrahlenden Ruhmes, eben ſo unbeſiegbar als Feld⸗ herr wie groß und genial als Politiker und Organiſator, führte die Zügel der Gewalt mit ſtarker Hand und war der Stolz und der Abgott Frankreichs. Es konnte ſich das Alles wieder ändern; alle Men⸗ ſchen, auch die Kaiſer und Könige, ſind ſterblich— aber Vieles, ja, vielleicht das Meiſte der neugeſchaffenen Ord⸗ nung konnte doch ſchwerlich jemals wieder mit den frühe⸗ ren, durch die Revolution völlig veränderten Zuſtänden ver⸗ tauſcht werden. Dazu gehörten vor Allem die Privilegien des verhaßten und beſeitigten Adels, der ſo lange auf Koſten der Nation gelebt und dieſe für ſich hatte arbeiten lafſen. Die Majorate waren abgeſchafft und es beſtand kein Un⸗ terſchied mehr in der Erbfolge zwiſchen den Kindern eines Herzogs und denen eines Bauers. Denjenigen Theil ihrer Güter, den es gelingen würde, wiederzuerhalten, indem man eich zurückkehrte und ſich ſcheinbar der chloß, ohnehin wahrſcheinlich kaum die beſeſſen und was man ihnen auf ſo ame Weiſe geraubt hatte, erbte da⸗ ondern wurde zwiſchen ihre beiden eder Bewerber um die Hand ihrer Toch⸗ ur erſten Bedingung gemacht und ſelbſt ge⸗ tzlich zuläſſige Beſchränkung der Erbtheilung ben. Der Glanz ihrer alten Familie wurde da⸗ 64 her fuͤr immer zerſtört, ihre Beſitzthümer zerſplitterten ſich und verfielen den nivellirenden Wellen des Zeitgeiſtes. Dies, ſo viel es möglich war, zu verhindern und dasjenige, was erhalten werden konnte, für ihren Sohn, d des Geſchlechtes, zu bewahren, wurde der Gegen d all' ihres Sinnens und Denkens. So unnatürlich es klingen mag, ſie fand dieſes Mit⸗ tel in der Entäußerung ihrer Tochter. Als der erſte Ge⸗ danke dieſes verwerflichen Planes in ihr entſtand, bebte ſie ſelbſt davor zurück; Stolz und Ehrſucht gewannen jedoch bald in ihr die Oberhand, und indem ſie ſich ſagte, daß man dieſes Kind, welches ihr überhaupt fremd geblieben, ja weder tödten noch verderben, ſondern nur unter anderem Namen und in ſolcher Weiſe erziehen laſſen wolle, daß es ihr ſtets unbenommen bleibe, es wieder zurückzunehmen, reifte der Entſchluß dazu bei ihr immer mehr, und als er erſt einmal gefaßt war, handelte es ſich nur uoch das Einverſtändniß ihres Mannes zu erzwingen Es war dies keineswegs ſo leich Schwäche ſeines Charakters angenomme hing ſehr an dem kleinen, lieblichen ſeine Charakterſchwäche war das grö von zu trennen. Endlich mußte er ſich dock ſtellte ihm vor, daß es keineswegs in der A Margot's zu entäußern; daß man ſich in ſteter mit ihr erhalten und für ſie ſorgen werde; d — 65 ſelbſt beſſer ſei, ſie in ländlicher Einſamkeit, als in der un⸗ ruhigen und verdorbenen Hauptſtadt zu erziehen, und daß man ſie ja ſpäter zu jeder Zeit wieder in das elterliche Haus ſun könne. Ohne ſich von der Nothwendigkeit der auch nür von der Zweckmäßigkeit eines ſolchen Schrit⸗ te zu üb gen, gab er doch ſchl ieß lich nach, denn er war daran zewoh dem Willen ſeiner Frau nachzugeben, und er hatte hier ohnehin außergewöhnlich und lange widerſtrebt. Nachdem die Marguiſe iß der Zuſtimmung ihres Mannes verſichert, übernahm ſie allein die Ausführung, und zwar in ganz anderer Weiſe, als ſie ihm vorgeredet hatte und auch ohne ihm davon weitere Kenntniß zu geben. Der alte Viorne, welcher im Hauſe ihrer Eltern geboren und aufgewachſen war und ihr ſeine Treue und Anhänglichkeit in einer Wii bewahrt hatte, welche keinen eigenen Willen kannte, wurde von ihr in das Geheimniß gezogen und zum Erzieher ihm anzuvertrauenden Kindes h 2„vor Allem dahin zu wirken, e Eltern verwiſcht und ver⸗ ſein müßte, ſpäter wieder haben würde. Er halten, daß ihre Eltern längſt geſtorben von denjenigen, deren ſie ſich erinnere, unr ne Zeit lang aufgenommen geweſen und jetzt ſeiner Pflege und Erziehung anheimgefallen ſei. abe alle Vierteljahre regelmäßig an die Marquiſe zu gſn und Marquiſe. II. 5 66 ſchreiben, kurze Nachrichten über das Befinden Margots und ſeinen Aufenthalt zu geben. Er müſſe es ſich ferner zur Aufgabe ſtellen, ſo unbeachtet wie möglich zu leben, um Margot vor der Gemeinſchaft anderer und neugieriger Menſchen zu bewahren; die nöthigen Geldmittel würden ihm regelmäßig zur Verfügung geſtellt werden. Etwnige Briefe von dem Marquis ſeien niemals zu beantworten, ſondern von ihm ſtets uneröffnet zu verbrennen. Mit dieſer Inſtruction verſehen, reiſ'te Viorne mit Margot in einer Nacht ab, nicht ohne daß der Marquis einen zärtlichen Abſchied von ihr genommen hätte. Sie war damals fünf Jahre alt, und in ihrem kindlichen Her⸗ zen blieben nur wenige und ſchwache Erinnerungen an eine Zeit zurück, die ſie in den erſten Anfängen des erwachenden Bewußtſeins verlebt hatte. Sie verloren ſich immer mehr, da Viorne Sorge trug, dieſelben nicht aufzufriſchen, und er ihre Fragen ſpäter in einer Weiſe beantwortete, welcher die Abſicht zu Grunde lag, die ſch n Nebelbilder ihres Gedächtniſſes immer mehr zu verwiſchen. i auf faſt ausſchließlich im Umgange des eine große Anhänglichkeit für ſie empfa lieben glaubte, weil das Herz des Kin nen Gegenſtand beſitzen muß, auf den ſeiner Liebe übertragen kann. Der Marquis kehrte mit ſeiner Frau Sohne nach Frankreich zurück. Den Bemühungen 67 Verbindungen der Marquiſe gelang es, einen großen Theil der umfangreichen Familiengüter wiederzuerhalten; das Uebrige war bereits durch rechtsgültige Verkäufe in den Beſitz von Anderen, namentlich von Güter⸗Speculanten, gefallen und unrettbar verloren. In der erſten Zeit be⸗ ſchäftigte ſich der Marquis noch ſehr viel mit ſeiner Tochter und machte mehrere vergebliche Verſuche, ſie zurückkehren zu laſſen. Da dieſe jedoch alle an dem feſten und entſchie⸗ denen Widerſtande ſeiner Frau ſcheiterten, ſo gewöhnte er ſich allmählig an den Zuſtand der Gegenwart; er dachte zwar zuweilen noch mit tiefer Wehmuth an das fortgeſandte Kind, aber dieſe Gedanken wurden immer ſeltener, und als erſt Jahre zwiſchen dem Tage ihrer Abreiſe lagen, bedurf⸗ ten ſie ſchon einer äußeren Veranlaſſung zu ihrem Entſte⸗ hen. Die vielen Kriege und Siege des Kaiſers, überhaupt die Geſtaltung der neuen Ordnung beeinflußten auch ihn.. Er mußte ſich nach dem Willen der Marquiſe um eine Kammerherrn⸗Stelle bewerben, und als er dieſen Dienſt angetreten hatte, wurde ſeine Zeit, wenn auch mit den nutz⸗ loſeſten und unweſentlichſten Geſchäften, doch ſo ſehr in Anſpruch enen, daß ſie ſeine Gedanken alſtindg erfüll Ingiſchen war Raoul herangewachſen und ſprach den Entſchluß aus, in die Armee einzutreten. So ſehr die Mar⸗ quiſe auch dem neuen Regimente feindlich war, ſo hatte ſie vieſe ihre Geſinnung doch vor dem Sohne ver borgen deſ⸗ 5* 68 ſen offener und der Verſtellung abgeneigter Charakter leicht zum Verräther hätte werden können. Er war daher mir der Jugend jener Zeit in der Bewunderung und der Be⸗ geiſterung für den Träger des Ruhmes Frankreichs aufge⸗ wachſen und brannte vor Verlangen, ſich daran zu bethei⸗ ligen. Alle Verſuche, ihn von dieſem Entſchluſſe abzubrin⸗ gen, ſcheiterten an ſeinem von der Mutter ererbten feſten Willen. Man mußte, ſo ungern es geſchah, nachgeben, und er wurde Soldat und bald Officier, wie bereits er⸗ zählt iſt. Die Marquiſe blieb in ſteter und regelmäßiger Ver⸗ bindung mit dem alten Viorne und ſandte ihm auch ohne Unterbrechung die verabredeten Geldunterſtützungen. Da ſie ihm jedoch dabei jedesmal wiederholte, jede Verbhindung Margot's mit Anderen, die irgend weitere Nachfragen und Aufklärungen herbeiführen könnte, zu vermeiden, ſo ſchloß er ſich, um in dieſer Beziehung ja keinen Fehler zu bege⸗ hen, immer mehr ab, lebte mit dem jungen Mädchen ganz vereinſamt und wechſelte ſeinen Aufenthalt, wenn er an⸗ fing, der Gegenſtand der Neugierde zu werden. Als dann die im Anfange unſerer Geſchichte erzählte Kataſtrophe eintrat, welche den Tod des alten Vie d den Verluft ſeiner den Briefwechſel mit der Marguiſe ent⸗ haltenen Schatulle herbeiführte, blieben ſeine Nachrichten natürlich Kus. Zur Ehre der Marguiſe müſſen wir herich⸗ ten, daß dieſe ſich darüber beunruhigte und, ohne ihrem, 69 Manne irgend eine Mittheilung zu machen, einen Agenten nach Vivrne's letztem Aufenthalte ſchickte, mit der Weiſung, heimlich Erkundigungen einzuziehen, ſich jedoch lediglich darauf zu beſchränken, wenn er über Margot's weiteres Er⸗ gehen Kunde erlangt habe. Die ihr gewordenen Nachrich⸗ ten beruhigten ſie vollſtändig, und ſie pries es als einen glücklichen Zufall, daß Margot in dem Hauſe des reichen und kinderloſen Fabrikanten eine ſo wohlwollende Auf⸗ nahme gefunden habe. Sie beſchloß, ſie dort ungeſtört zu laſſen, da ſie ſich klar machte, daß ſie ſelbſt außer Stande ſein würde, ihr ein beſſeres Lvos zu bereiten. Bei dem kurzen Beſuche, welchen Raoul auf ſeiner ei⸗ ligen Reiſe nach Spanien in Paris machte, erfuhr ſie von ihm, daß er das jnnge Mädchen, die Geſpielin ſeiner Kind⸗ heit, deren er ſich, der um vier Jahre ältere Knabe, ſehr deutlich erinnerte, wohl und munter wiedergeſehen habe. Auch ihm wurde nochmals die Fabel ihrer Abſtammung berichtet und es ihm klar gemächt, daß es für die elternloſe Waiſe ein großes Glück ſei, ſo liebevolle und wohlhabende Beſchützer gefunden zu haben. Es war mithin bis dahin Alles nach Wunſch gegan⸗ gen, und die Marquiſe ſagte ſich, daß ſie klug und verſtän⸗ dig gehandelt und daher keine Veranlaſſung habe, ſich in irgend einer Weiſe Vorwürfe zu machen. In dieſe Selbſt⸗ beſchönigung einer liebloſen und egoiſtiſchen Handlungs⸗ weiſe fiel jedoch plötzlich aus heiterem Himmel ein zerſtö⸗ 70 render Blitz. Raoul, der Erbe der mit ſo großen Opfern erhaltenen Güter und Vorurtheile, war in der Schlacht von Ocana gefallen— war todt! Alle die künſtlichen Berech⸗ nungen hatten ſich als falſch erwiefen.— Einen Erben gab es nicht mehr— nur noch eine Erbin— aber jene Tochter, welche die Marquiſe mit Entäußerung des ei⸗ nem jeden Weibe angeborenen mütterlichen Gefühles in die Fremde hinausgeſtoßen hatte, ſie war jetzt der einzige, wenn auch unvollkommene Erſatz.— Sie mußte zurück⸗ kommen— man mußte eine Fabel erſinnen— eine für ſie und eine andere für die Welt— man fand beide— und riß das Kind jetzt eben ſo lieblos aus der ihm zur Heimath gewordenen Welt, aus den Armen derjenigen, welche ſie ſtatt ihrer Eltern lieben gelernt hatte— was kümmerten die Marquiſe dieſe Rückſichten— ſie bedurfte jetzt, da ſie keinen Sohn mehr hatte, einer Tochter und ließ dieſe Toch⸗ ter zurückkommen. Fünftes Capitel. Margot's Reiſe hatte eine längere Zeit in Anſpruch genommen, als man beabſichtigte. Sie war leidend und traurig, und ihre Begleiter beſorgten nicht mit Unrecht, ſie könne unterwegs ernſtlich erkranken. Theilnahmlos und nur mit ihren Gedanken beſchäftigt, hatte ſie die wech⸗ ſelnden Gegenſtände kaum beachtet und ſtumm und zer⸗ ſtreut den Mittheilungen ihrer Begleiter zugehört, welche ſich vergebens bemühten, heitere Empfindungen in ihr an⸗ zuregen. In Köln, welches zur damaligen Zeit ſehr wenig geeignet war, ſolche Eindrücke hervorzurufen, hatte man mehrere Tage ausruhen müſſen, eben ſo wieder in Brüſſel. Dann war man raſch durch die fruchtbaren, aber reizloſen Gegenden des nördlichen Frankreichs gefahren und hatte Paris am Abende eines langen Sommertages erreicht. Die große Stadt mit ihrem raſtloſen, unru⸗ chigen Treiben, mit der Abwechſelung ſchöner und enger 72 ſchmutziger Straßen, das ganze chaotiſche, nicht endende Gewirr von Häuſern, Straßen, Plätzen, Wagen und Menſchen machte einen betäubenden Eindruck auf Mar⸗ got, deren Blicke ſo lange auf dem friedlichen Thale der Fichtenau geweilt hatten. Als ſie die Seine überſchritten hatten und in der Vorſtadt St. Germain kamen, wurde es ruhiger; man benachrichtigte Margot, daß ſie jetzt bald die Wohnung ihrer Eltern erreicht hätten, und ihr Herz ſchlug angſtvoll einem Augenblicke entgegen, den ſie ſich in ihrer Phantaſie ſo oft und ſo verſchieden ausge⸗ malt hatte. Der Wagen hielt; Bediente ſprangen herbei; man war ihr beim Ausſteigen behülflich, führte ſie in das Haus und die breite Treppe hinauf. Ihre Knie bebten, als ſie die Stufen derſelben emporſtieg, und ihr Ange ſuchte angſtvoll nach ihren Eltern und vor Allem nach Ravul. Oben auf der Treppe ſtand eine hohe, mit geſpannter Erwartung zu ihr herabblickende Frau— ſollte das ihre Mutter ſein? Jetzt breitete dieſe die Arme ihr entgegen und ſagte mit einer Stimme, die zwar freundlich klang, aber doch jenes ſympathiſchen Tones entbehrte, welcher allein vom Herzen zum Herzen geht: Mein Kind, meine theure, ſo lange und ſo ſchmerzlich vermißte Tochter— ſehe ich Dich endlich wieder! Sie fühlte ſich von ihren Armen umſchlungen und —— — Shehhieedeeicecee 1„ ſank von ihren Gefühlen bewältigt weinend und demüthig an ihre Bruſt.— Komm, komm, meine liebe Margot, ſagte die Mar⸗ quiſe, den Kopf ihrer Tochter aufrichtend, indem ſie ſie küßte— komm, damit wir allein ſein können.— Beſor⸗ gen Sie Alles, fuhr ſie in befehlendem Tone gegen einen nach Margsts Auffaſſung ſehr vornehm ausſehenden Mann fort, und überzeugen Sie Sich felbſt, daß nichts in den Zimmern meiner Pochter fehlt— ich wünſche jetzt ungeſtört zu ſein, bis mein, Mann kommt. Dann nahi ſie Margst an der Hand und führte ſie durch mehrere Zimmer in das ihrige. Haſt Du noch eine Erinnerung an Deine Mutter, mein Kind fragte ſie, nachdem ſich Beide auf ein Sopha geſetzt, hatteſt Du Dir dieſelbe ſo oder ähnlich vorgeſtellt? Ich glaube Dir, fuhr ſie lächelnd fort, als Margot un⸗ merklich und ſchüchtern mit dem Kopfe ſchüttelte, während ihr Auge muſternd aber mit Beftiedigung über die jugend⸗ lich ſchlanke Geſtalt ihrer Tochter hinglitt— ich hätte mir dieſe Frage erſparen können, denn Du warſt ja noch ein junges Kind, als Du uns geraubt wurdeſt— ich, Deine Mutter, würde Dich ſelbſt nicht wieder erkannt haben, obgleich Du Deinem Vater ſehr ähnlich ſiehſt. Wie lange, wie ſchmerzlich haben wir Dich entbehrt, ſprach ſie, Margot wieder küſſend, weiter, und wie glücklich ſind e 74 wir, Dich endlich gefunden zu haben. Freuſt Du Dich auch darüber, mein gutes Kind? Sehr— ſehr, hauchte Margot mit einem tiefen Athemzuge— aber Sie müſſen mir nicht zürnen— es iſt mir Alles noch ſo neu— ſo fremd— ſo... Ich kann mir das denken, es iſt ganz natürlich. Du biſt in der ländlichen Einſamkeit aufgewachſen unter frem⸗ den Menſchen.. Die mich aber ſehr lieb haben, ſchaltete ſie ſchüch⸗ tern ein. Ich finde das ebenfalls ſehr natürlich, erwiederte die Marquiſe mit einem befriedigten Lächeln— das wird ſich jedoch Alles geben, wenn Du erſt einige Zeit hier ſein und Dich an die Dir ſo ganz neuen Verhältniſſe gewöhnt haben wirſt. Wir müſſen förmlich mit einander Bekannt⸗ ſchaft machen, aber ich denke mir, wir werden dazu nur einer ſehr kurzen Zeit bedürfen. Wo iſt Raoul? fragte Margot, ſich ſchüchtern um⸗ ſehend, und— und der Vater? Dein Bruder iſt leider nicht hier, erwiederte die Marquiſe, indem ſie ihre Blicke von dem fragenden Auge ihrer Tochter abwandte— er befindet ſich noch immer in Spanien, und es iſt ungewiß, wann er zurückkehrt— aber deinen Vater wirſt Du bald umarmen. Er war ſehr betrübt, daß er gerade heute zum Dienſte des Kaiſers be⸗ fohlen wurde, aber es ließ ſich nicht ändern. Das Ver⸗ 75 laugen, Dich zu ſehen, wird ihn gewiß ſo ſchnell als irgend möglich zurückkehren laſſen— und wenn ich nicht irre, ſo iſt er ſchon da, denn ich höre einen Wagen im Hofe. Sie erhob ſich bei dieſen Worten und eilte, von Margot gefolgt, an das Fenſter. Dieſe ſah den Wagen halten, einen alten Mann eilig ausſteigen und einige ha⸗ ſtige Fragen an die umſtehenden Bedienten richten. Es lebte eine undeutliche, aber immer bewahrte Erinnerung aus ihrer früheſten Kindheit in ihr auf, als der Blick dieſes Mannes ſich jetzt mit dem Ausdrucke der freudigſten Erregung nach dem Fenſter richtete und er dann ſelbſt in ungewohnter Haſt der Treppe zueilte. So war das Bild jenes freundlichen alten Mannes, auf deſſen Schvoß ſie ſo oft geſeſſen und der ſie geherzt und geküßt hatte— die Geſtalt ihrer Mutter hatte die Zeit verwiſcht, dieje⸗ nige ihres Vaters aber, wenn auch in undeutlichen Umriſ⸗ ſen, erhalten. Mein theueres, mein liebes Kind, rief er, ſie zuerſt einen kurzen Moment betrachtend, dann aber ſtürmiſch umarmend, biſt Du endlich da, habe ich Dich wieder— ruhſt Du wieder an meinem Herzen!. Die Sprache verſagte ihm, er drückte ſie feſt an ſich, und auch ſie erwiederte mit dem beſeligenden Bewußtſein dieſe Umarmung, wieder an der Bruſt eines Menſchen zu ruhen, von dem ſie ſich wahrhaft geliebt fühlte. Wie Du groß und hübſch geworden biſt, fuhr er fort, nachdem der erſte Sturm des Wiederſehens vorüber war, ohne jedoch ihre Hand los zu laſſen, die er ſo ängſt⸗ lich feſt hielt, als ob ſie ihm nochmals geraubt werden könnte, indem er ſie mit vor väterlicher Freude glänzendem Blicke immer wieder betrachtete— ich habe Dich mir ganz anders gedacht— ganz anders! Aber Du haſt meine Vorſtellungen weit übertroffen, und jetzt, da Du mich ſo lieb und gut anblickſt— jetzt ſehe ich auch Deine Augen wieder vor mir, Deine freundlichen, kindlichen Augen — ja, ja, ſie haben ſich nur wenig verändert— ſie ſind mir auch nicht fremd geworden, gewiß nicht, mein gutes Kind— erinnerſt Du Dich meiner auch noch? O, gewiß, ſagte ſie, ihn zärtlich anſchauend; ich habe ſtets daran gedacht, wie gut Sie gegen mich waren, wie oft Sie mich geküßt und geherzt haben... Daran haſt Du ſtets gedacht?— o, wie mich das freut, ich kann es Dir gar nicht ſagen! Ach ja, fuhr er, in ſeinen Erinnerungen verloren fort, Du warſt damals noch ein kleines Mädchen, und Dein Bruder Ravul— ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, während ihm die Mar⸗ quiſe ein Zeichen machte— Dein Bruder Raoul fuhr Dich immer in dem kleinen Wagen umher, nach dem Teiche, wo. Je, wo wir einſt auf der ſaßen, während der Kahn fortgeſchwommen war. 77 Das weißt Du auch noch? fragte er voller Freude— ach ja, es waren ſchöne Zeiten damals, wir lebten ruhig und zufrieden, bis... Bis jener unglückliche Tag kam, unterbrach ihn raſch die Marquiſe, jener unglückliche Tag, an welchem Du uns geraubt wurdeſt. Ja, wiederholte er traurig, jener unglückliche Tag, an welchem Du von mir getrennt wurdeſt. Du mußt mir recht viel und ausführlich von Deiner Vergangenheit erzäh⸗ len, wie und wo Du gelebt haſt, denn wir wiſſen das Alles nur ſehr oberflächlich. Warſt Du glücklich und zu⸗ frieden an Deinem letzten Aufenthalte? O, ſehr, ſehr! ſagte Margot, mit ihren Thränen kämpfend. Herr Wehring und die Frau Wehring liebten mich wie ihre eigene Tochter, und ich liebte ſie eben ſo. Das freut mich, mein gutes Kind, erwiederte der Marquis nicht ohne ſichtliche Befangenheit; es freut mich, daß Du ſo gute und brave Menſchen gefunden haſt, welche ſich Deiner angenommen, und es wird unſere erſte Pflicht ſein, ihnen das zu vergelten— aber jetzt biſt Du bei Dei⸗ nen Eltern, bei Deinen wirklichen Eltern, und Du ſollſt erkennen, daß deren Liebe doch weit, weit größer iſt. Sie ſank weinend an ſeine Bruſt, denn ſo ſehr ſie auch bemüht war, dieſen Ausbruch ihres Gefühls zurück zu halten, es fehlte ihr dazu die Kraft. Es ſtürmte ſo Vieles und Verſchiedenes auf ſie ein, daß ſie ihre ohnehin 78 geringe Stärke zum Opfer hringen mußte. Die liebevolle Theilnahme und Zuſprache des Marquis und vielleicht mehr noch das bei aller äußeren Hingebung doch abgemeſ⸗ ſene Weſen der Marquiſe, welches ſie, ohne ſich deſſen bewußt zu werden, herausfühlte, ließ ſie die Aufregung ihres Gefühls gewaltſam zurückkämnpfen und befähigte ſie, nach und nach eine ruhjgere Unterhaltung zu führen. Sie konnte die vielen Fragen ihres Vaters beantworten und ſeiner eigenen Erzählung zuhören, obgleich ihr das Alles nur wie ein Bild vorkam) deſſen ſie ſich im Traume ſelbſt bewußt war, mit demzſe nlichen Verlangen, daraus zu er⸗ wachen.— Wir Alle haben gewiß die Erfahrung gemacht, daß, wenn wir uns in außergewöhnlichen Lagen des Le⸗ bens befinden, es uns zuweilen vorkommt, als ſei dies ſchon einmal dageweſen. Es zieht dann ein leiſes, unbe⸗ ſtimmtes Erinnern durch unſere Seele, ähnlich einem ver⸗ wiſchten Traumbilde, und wir wiſſen nicht, woher es komit und wodurch es entſtanden iſt. Es mag ein Erin⸗ nern an einen wirklich gehabten, nicht in unſer Bewußt⸗ ſein getretenen Traum, an ein längſt verwiſchtes Spiel unſerer ſtets ſo räthſelhaft thätigen Phantaſie ſein— vielleicht iſt es auch ein aufblitzender Funke eines früheren Daſeins— es iſt ja ſo Vieles unerforſchlich in dem kur⸗ zen irdiſchen Leben des Menſchen, ſo Vieles, was ſich Alles mit dem nüchternen Verſtande wohl wegleugnen, aber nicht erklären läßt, daß wir immer wieder zu dem 79 troſtvollen Schluſſe gelangen, dem Geiſte des Menſchen ſei in ſeiner Erkenntniß eine enge, unüberſteigbare Gränze geſteckt., Die größte Befähigung desſelben liegt in dem Sn diefer Ueberzeugung, denn ſie enthält die Anweifumg auf einen Zuſtand, in welchem dieſe Schranken fallen und die Strahlen des Lichtes uns heller erleuchten werden. Margot war weit entfernt, als ſie an der Seite ihrer Eltern ſaß, ſich derartigen Reftexionen hinzugeben; ſie bemühte ſich, die liebevolle Theilnahme ihres Vaters, die freundliche Zuvorkommenheit ihrer Mutter zu/erwie⸗ dern, aber es wollte ihr doch nicht recht gelingen. Nie, ſo lange ſie die Fichtenau verlaſſen, ſelbſt in Seuglangen Tagen nicht, wo ſie ſchweigend in dem rollenden Wagen neben ihren Begleitern geſeſſen, hatte ſie die Trennung von dort, von Allem, an dem ihr junges Herz hing, ſo ſchmerzlich empfunden. Das Ziel war erreicht— der Weg, dieſer nie enden wollende Weg war zurückgelegt, ſie befand ſich an demje⸗ nigen Orte, wo ſie fortun bleiben ſellt S nun erſt kam es bei ihr zum klaren Bewußtſein, vaß ſi für immer von dem Aufenthalte ihres Glückes getrennt war. Sie em⸗ pfand ein unüberwindliches Verlangen nach der Einſam⸗ keit, nach dem Alleinſein mit ſich, mit ihren Gedanken, mit ihrer Sehnſucht, die ſie jetzt verſchließen mußte, um ſich anderen Gefühlen und Empfindungen hinzugeben, * 80 welche ſie für Pflicht hielt, deren Darlegung ihr jedoch Zwang anthat und Schmerz verurſachte. Es kam ihr vor, als begehe ſie einen Treubruch gegen diejenigen, welche ihr ſo viel Liebe und Theilnahme zugewandt hat ten, denen ſie ſo viel Dank ſchuldig war, wenn ſie ihre Liebe ſo raſch auf andere übertrüge. Und doch waren dieſe An⸗ deren ihre Eltern, die ſie zu lieben verpflichtet war. Die Marquiſe erkannte mit dem Scharfblicke einer erfahrenen Frau wenigſtens in ſo weit den Seelenzuſtand ihrer Tochter, daß ſie ſich nach der Einſamkeit ſehne. Sie kürzte daher das Geſpräch während des Eſſens und dieſes ſelbſt ab und trat dem Verlangen ihres Mannes entgegen, der ſich gern noch Stunden lang mit der wieder erhaltenen Tochter unterhalten hätte. Du wirſt müde ſein, mein Kind, ſagte ſie, Du haſt heute einen langen Weg zurückgelegt, und es war ſehr heiß. Du ſiehſt angegriffen aus, und wir würden ſehr egviſtiſch ſein, Dich länger der für Dich ſo nöthigen Ruhe zu entziehen. Wir haben je ohnehin jetzt recht viel Zeit, uns mit einander auszuſprechen, da wir immer zu⸗ ſammen bleiben. Ich werde Dich nach Deinem Zimmer begleiten, um zu ſehen, ob Alles nach Deinem Wunſche iſt. Margot dankte für dieſe Freundlichkeit mit leiſen Worten und verließ dann, nachdem ihr Vater ſie noch⸗ mals zärtlich umarmt hatte, in Begleitung ihrer Mutter das Zimmer. 81 Schlafe recht ſanft und gut die erſte Nacht im Hauſe Deiner Eltern, recht ſanft! rief er ihr nach. Eine Dienerin mit einem Armleuchter ſchritt ihnen voran, und nachdem ſie über einen Corridor gegangen waren, öffnete ſie eine Thür, und Margot betrat zum erſtenmale diejenigen Räume, in welchen ſie von jetzt an wohnen ſollte. Gräfin und Morquiſe III. 6 Sechstes Capitel. Endlich befand ſie ſich allein. Ihre Mutter war ge⸗ gangen, nachdem ſie gefragt, ob Alles ihren Winſchen ent⸗ ſpräche, und nachdem ſie ihr ochi zärtlich eine gute Nacht gewünſcht, und auch das Kammermädchen hatte ſich endlich entfernt, ſichtlich darüber verwundert, daß die junge Marquiſe ihre Dienſte nicht weiter verlange, ſondern es vorziehe, ohne ihre Hülfe ſich zu entkleiden und zu Bette zu gehen. Endlich war ſie allein. Sie blickte ſchüchtern und ängſtlich in den beiden Saütfhe und luxuriös einge⸗ richteten Zimmern umher, deren Verbindungsthür offen ſtand. Sie ſchloß dieſelbe, um den Raum zu beſchränken, in welchem ſie ſich befand. Dann ſtand ſie längere Zeit ſchweigend und geſenkten Blickes da, und jé Jänger ſie ſtand und ihren Gedanken ſich hingab, um ſo vereinſamter und verlaſſener kam ſie ſich vor. Die Luft war drückend N 83 und ſchwül. An den Fenſtern hatte man die langen Vor⸗ hänge herabgelaſſen; ſie ſchob dieſelben zurück und öffnete ein Fenſter, um den Himmel ſehen zu können. Eine laue Sommernacht lag über der großen Stadt, welche ſie nicht ſah, deren Nähe ſich aber durch ein unbeſtimmtes, ver⸗ worrenes Geräuſch kund gab. Die Fenſter ihres Zimmers waren einem Garten zugewandt, deſſen hohe Bäume die weitere Ausſicht beſchränften und von einem unſicheren Schimmer erhellt wurden. Sie dachte unwillkürlich an jene Stunde, wo ſie auch einſam und zum erſten Male in ihrem Zimmer in der Fichtenau ſich befunden und von ihrem Fenſter aus in das vom Monde beleuchtete, ihr damals noch ſo fremde, ſpäter ſo lieb gewordene Thal hinabgeblickt hatte. Die Em⸗ pfindungen jener Stunde traten wieder ſo lebendig vor ihre Seele, als ob ſie der nächſten Vergangenheit angehör⸗ ten. Sie glaubte in dem matten Reflexe, welchen die beleuchtete Stadt auf dem dunkeln Laube der Bäume hervorrief, den Schein der Oefen zu erkennen, und ihr Auge ſuchte unwillkürlich in der dunkeln Maſſe nach einer Lücke, um die Umriſſe der Berge ſich darin abheben zu ſehen. Als ſie ſich dann umblickte und ſtatt des bekannten heimlichen Zimmers den großen, von drei Wachskerzen doch nur unvollkommen erhellten Raum ihres jetzigen Auf⸗ enthaltes ſah, ſchrak ſie unwillkürlich zuſammen, denn ſie hatte ſich dem Spiele ihrer lebhaften Phantaſie und ihren 84 lebendig gewordenen Erinnerungen in einer Weiſe hin⸗ gegeben, daß ſie die Wirklichkeit darüber für den Augen⸗ blick vergeffen hatte. Es war Vieles wie damals, und doch Alles, Alles anders. Damals ſtand ſie ganz allein und, wie ſie wußte, ganz verlaſſen unter fremden Menſchen, die ſich ihrer aus Mitleid angenommen— jetzt befand ſie ſich im Hauſe ihrer wiedergefundenen Eltern— aber ihr Herz und ihre Sehnſucht zogen ſie jetzt zu jenen, von denen man ſie ſo rückſichtslos getrennt hatte und die ſie ſo ſehr liebte. Dann gedachte ſie der nächtlichen Fahrt, wo ſie ihn zum erſten Male geſehen, an ſeiner Seite geſeſſen und dort, von Müdigkeit ergriffen, eingeſchlafen war. Sie erröthete, indem ſie dies dachte, als ob es eben erſt geſche⸗ hen ſei. Ihre Gedanken zogen auf dieſer luftigen Brücke weiter zu ihm, und alle die ſchönen Stunden, die ſie an ſeiner Seite verlebt, traten wieder lebendig vor ihre Seele. Ach, die Zeit lag ja ſo nahe, daß ſie ihn wiederſehen ſollte, jetzt, iu dieſem Augenblicke war er vielleicht gekommen— und ſie war fern. Sie hatte keine Ahnung davon, daß ihr letzter Abſchiedsgruß von ihm geſehen worden war und daß er an der Stelle geſtanden, nach welcher ihr thränen⸗ umflortes, vom Schmerze des Abſchiedes getrübtes Auge zum letzten Male geblickt hatte. Hätte ſie ihn erkannt, ſie würde, ohne ihn zu ſprechen und von ihm Abſchied zu nehmen, unter keiner Bedingung weitergefahren ſein.— 85⁵ So hatte ihr letzter Gruß, der ſein Troſt und ſeine Hoff⸗ nung war, ihm gar nicht gegolten, das Geſchick, welches dieſe beiden Herzen trennte, hatte mitleidsvoll ihm dieſe Täuſchung gewährt und ihr ſelbſt den größten Schmerz erſpart.. Sie ſchloß das Fenfier— ihre Gedanken weilten jetzt nur bei ihm, und ſie fand Erſatz darin, dieſe Gedan⸗ ken ungehindert walten zu laſſen und in der Erneuerung ihres Schmerzes zu ſchwelgen. Denn der Schmerz iſt eben ſo unſer Eigenthum, wie die Freude und das Glück, und wenn uns dieſe geraubt ſind, ſo halten wir um ſo feſter an jenem, weil das Untragbarſte von Allem die Oede und die Leere unſeres Herzens iſt. Deshalb gibt es auch ein ſchmerzliches Glück, das uns lieb und theuer iſt, und dieſes hatte jetzt Beſitz von ihrer unſchuldvollen, unerfah⸗ renen Seele ergriffen. Mit leiſer, bebender Hand, als ob ſie Jemand hätte ſehen und hören können, ſchloß ſie den Behälter auf, in welchem ihre Guitarre verwahrt war; dann ſtand ſie lange ſchweigend davor, dieſen ſtummen Zeugen ſo vieler glück⸗ licher Stunden betrachtend, ohne es zu wagen, das In⸗ ſtrument zu berühren. Eine Saite war geſprungen, und ſie wußte, daß die anderen verſtimmt ſein mußten; ſie bebte bei dem Gedanken, ihre Töne wach zu rufen.— Sie ſchloß den Kaſten wieder und öffnete ihren Koffer Zaghaft entnahm ſie daraus das Heiligthum des kleinen Käſtchens, das alle ihre Schätze enthielt. In der Umge⸗ bung jener fremden Menſchen hatte ſie keine Gelegenheit gehabt, an dem Inhalte desſelben ſich zu erheben— jetzt war ſie allein, jetzt war ſie zum erſten Male ungeſtört, und ſie gab ſich dieſem ſo lange entbehrten Glücke hin. Es währte länger als eine Stunde, ehe ſie ſich von dem Anblicke dieſer an ſich ſo werthloſen Dinge wieder trennen konnte. Jeder verwelkte Strauß, jede längſt ver⸗ blühte Blume war der Träger einer ſchönen Erinnerung, und alle Erinnerungen erſtanden beim Anblicke dieſer er⸗ ſtorbenen Zeugen wieder ſo neu und lebendig in ihrer Seele, als ob die Vergangenheit dicht hinter der Gegen⸗ wart gelegen hätte. Dann las ſie ſeine Briefe und wurde dabei immer trauriger und ſchmerzvoller bewegt.— Als ſie dieſe Zeilen empfangen, war er ja ſchon fort, und von all den Hoffnungen, von denen ſie voll waren, hatte ſich keine einzige erfüllt— nicht Eine. Endlich faltete ſie den letzten Brief zuſammen und legte ihn langſam zu den an⸗ deren. Noch immer ruhte ihr Auge auf dem Inhalte des kleinen Käſtchens, welches geöffnet auf ihrem Schvoße ſtand; ſie konnte es noch nicht über ſich gewinnen, es zu ſchließen. Raſch nahm ſie dann das mit einem rothen Bande umwundene kleine Packet nochmals heraus, drückte einen langen innigen Kuß darauf und ſchloß den Deckel. als ob ſie beſorge, abermals in ihrem Entſchluſſe wankend zu werden. 87 Dann entkleidete ſie ſich, knieete betend vor ihrem Bette nieder und entſchlummerte endlich zum erſten Male in dem Hauſe ihrer Eltern, während der Traumgott ihre Seele leicht über die weiten Räume hinwegführte, welche chren Körper von dem Ziele ihrer Sehnſucht getrennt hielten. Als ſie am Morgen erwachte, blickte die Sonne durch das Fenſter herein, an welchem ſie die Vorhänge wieder zuzuziehen unterlaſſen hatte. Sie ſtand auf, zog ſich an und ließ die friſche Morgenluft einſtrömen. Es mußte wohl noch ſehr früh ſein, denn es war ganz ſtill und ruhig um ſie her, und ſelbſt das Geräuſch der Stadt ſtörte dieſe Ruhe nicht. Es war allerdings noch ſehr früh, und Paris erwacht ſpät, während es lange in die Nacht hiuein lebt. Dieſe Stille und Ruhe that ihr ſehr wohl. Sie ſetzte ſich an das Fenſter und blickte in den Garten hinaus, den ſie jetzt überſehen konnte. Er war klein, von hohen Mauern und Häuſern mit thurmartigen Schornſteinen begränzt und in dem ſteifen franzöſiſchen Geſchmacke an⸗ gelegt. Seine Hauptzierde bildeten einige hohe Bäume, deren Laub jedoch jener Friſche entbehrte, welche dieſe Kin⸗ der der Erde und der Luft nur im ungehinderten Umgang mit beiden erhalten. Sie ſaß ſchweigend am Fenſter und blickte in den kleinen, grünen Raum hinab; vom nahen Kirchthurme ſchlug es Sechs, aber es rührte ſich noch nichts im ganzen 88 Hauſe. Dann hörte ſie Schritte und Stimmen unten im Hofe, ſonſt blieb ſie in ihren Betrachtungen ungeſtört. Die Uhr des Thurmes hatte bereits die achte Stunde ver⸗ kündet, als ſie ſich entſchloß, nach der von ihrer Mutter ge⸗ gebenen Anweiſung zu klingeln. Das eintretende Kam⸗ mermädchen blickte ſie erſtaunt an und drückte ſeine Ver⸗ wunderung darüber aus, daß die junge Marquiſe ſchon auf ſei. Der Herr und die Frau Margquiſe ſchlafen noch, er⸗ wiederte ſie auf Margot's Frage, haben wenigſtens noch nicht geklingelt; ſoll ich vielleicht melden laſſen, daß... O nein, nein, bemerkte Margot ängſtlich, ich kann warten. Um neun Uhr frühſtücken die Herrſchaft gewöhnlich, wenn ſie nicht ſpät nach Hauſe gekommen ſind— dann wird es auch wohl Elf oder Zwölf. Frühſtücken? wiederholte Margot, welche ſich verhört zu haben glaubte. Befehlen die gnädige Marquiſe vielleicht das Frühſtück? Ich? fragte Margot, welche zweifelhaft war, ob ſie gemeint ſei— nein, nein, ich werde warten, bis— meine Eltern auf ſind. Ein Klopfen an der Thür unterbrach dieſes Geſpräch, und die eintretende Hofmeiſterin erkundigte ſich im Auf⸗ trage des Herrn Marquis und der Frau Marquiſe, wie 89 das Fräulein geſchlafen habe, mit der Bitte in den Salon zum Frühſtücke zu kommen. Sogleich, erwiederte Margot, indem ſich die Hofmei⸗ ſterin empfahl und das Kammermädchen fragte, ob ſie vielleicht an ihrem Anzuge noch etwas geordnet haben wolle. Sie warf einen zweifelhaften Blick in den breiten, bis zum Boden reichenden Spiegel, aber ſie vermochte nichts aufzufinden, was nach ihrer Anſicht einer Aenderung bedurft hätte— wie war dies Alles ſo anders, ſo ſehr ver⸗ ſchieden von dem gewohnten, natürlichen Leben in der Fich⸗ tenau, wo man an ſolchen ſchönen Morgen gewöhnlich ſchon vor ſechs Uhr im Garten zuſammen frühſtückte und dabei ſo froh und heiter plauderte! Sie ſelbſt bereitete und brachte den Kaffee, ſchenkte ein und hörte die Lobſprüche Wehring's darüber mit Freude an.— Hier frühſtückte man erſt um neun Uhr, ja, zuweilen ſogar erſt um Zwölf, zu einer Zeit, wo in der Fichtenau zu Mittag gegeſſen wurde. Sie hatte jedoch keine Muße, länger Vergleiche anzuſtellen, denn ſie beeilte ſich, zu ihren Eltern zu gehen. Als ſie in den Salon trat, wurde ſie von Beiden, nament⸗ lich von ihrem Vater, der einen großen, ſeidenen Schlafrock an hatte und heute viel älter ausſah, als geſtern Abend, herzlich empfangen und mit Fragen, ob ſie gut geſchlafen und wie lange ſie ſchon auf ſei, beſtürmt. Ein Bedienter brachte den Kaffee; die Gefäße waren 90 von Silber, die Taſſen von reich vergoldetem r Porcell an, und als die Marquiſe Margot mit einem Plicke, als ob ſie ihre Fähigkeiten auf die Probe ſtellen wo e, er⸗ ſuchte, den Kaffee einzuſchenken, that ſie dies mit einer Aengftlichkeit und Befangenheit, die ihr ſonſt nicht eigen waren. Es wurde nun ein für die Marquiſe, wie es ſchien, wichtiger Gegenſtand verhandelt, an welchem ſich der Mar⸗ quis jedoch nur wenig betheiligte, nämlich Margot's Toilette. Du ſiehſt aus, als kämſt Du aus einem Lande, wo man in der Mode Jahre lang zurück iſt, fagte die Mar⸗ quiſe lächelnd; wenn Du Dich hier ſo oder in einem ähn⸗ lichen Aufzuge ſehen ließeſt, ſo würdeſt Du Aufſehen erre⸗ gen. Welche Künſtlerin hat Dir denn das Kleid ge⸗ macht? ch glaube wohl, erwiederte Margot erröthend, daß es den Anforderungen der Mode wenig entſpricht, denn was wir in dieſer Beziehung erfuhren, war ſehr uwoll⸗ kommen. Ich habe das Kleid nach einem Muſter ge⸗ fertigt, was uns Allen ſehr geſiel, und als ich es zum erſten Male trug, meinte die Frau Wehring, es paſſe mir ſehr gut. Du haſt es ſelbſt gemacht? fragte die Ma uiſe mit einem faſt mitleidigen Lächeln— armes Kind, was Du Alles haſt thun müſſen! Nun, von jetzt an werden andere Hände Dir dieſe untergeordneten Dienſte verrichten, und *— 91 Du ku Dich daran gewöhnen, alles Derartige Anderen zu überfaſſen, wie es ſich für Deine Stellung paßt. In einer Stunde werden aus dem Magazine der Madame Favart, die es allein verſteht, geſchmackvoll und modern zu arbeiten, alle Gegenſtände, die Du zu Deiner Toilette bedarfſt, in großer Auswahl hergeſandt werden. Wir wollen dann die Cartons prüfen und das Paſſendſte für Dich auswählen, wenigſtens einige vollſtändige Anzüge, denn die übrigen können auf Beſtellung gearbeitet oder im Magszine ſelbſt ausgeſucht werden. Du wirſt mir dann geſtatten müſſen, heute ſelbſt Dir bei Deiner Toilette be⸗ hülflich zu ſein, da Du ſelbſt noch gänzlich darin unerfah⸗ ren biſt und das Kämmermädchen allein eine unpaſſende Rathgeberin für Dich ſein würde. Dann wollen wir nach eingenommenem Dejeuner in das Bois de Boulogne fah⸗ ren, wo ſich um dieſe Zeit die vornehme und elegante Welt zu Wagen und zu Pferde ein Rendezvous gibt. Es wird Dein erſtes Debut ſein, mein Kind, und ich hoffe, Du wirſt gut darin beſtehen, da Du nichts dabei zu thun haſt, als ruhig zu ſitzen und freundlich und graziös auszu⸗ ſehen. Margot konnte und durfte dieſem Allem keinen Wi⸗ derſpruch entgegenſtellen, denn ſie hatte es ſich längſt klar gemacht, daß ihre Lebensweiſe fortan eine ganz ander⸗ ſein werde, der ſie ſich fügen müſſe, wenn ſie ihren Rei⸗ gungen auch widerſtrebe. Die Auswahl der Kleider und all der vielen anderen Dinge und Kleinigkeiten, welche zu einer weiblichen moder⸗ nen Toilette für nöthig gehalten werden, die, endlich ver⸗ einigt, ein Ganzes, doch ſo ſelten ein Harmoniſches bilden und gegen die mit Geſchmack verbundene Einfachheit immer weit zurückſtehen, erforderte nach Margot's An⸗ ſchauung eine unglaublich lange Zeit. Die Marquiſe be⸗ handelte dieſe Dinge mit einer Wichtigkeit, welche im Stillen vft Margot's Erſtaunen erregte. Jedes einzelne Stück wurde mit ſichtlichem Intereſſe beſehen, gemuſtert und beſprochen, wobei ſie den Rath der Hofmeiſterin kei⸗ neswegs verſchmähte. Alles mußte Margot anziehen oder umhängen, und man fand immer wie der bald Dies oder Jenes nicht paſſend oder nicht mit einander in Harmonie ſtehend. Zu Margot's innerer Freude trugen alle Gegen⸗ ſtände wenig herwortretende Farben, meiſtens ſchwarz mit weiß, oder grau oder violet. Sie wußte es nicht, daß ihr Anzug die Halbtrauer kennzeichnen ſolle, die Halbtrauer um ihren geſtorbenen Bruder, von deſſen Tod man ſie immer noch nicht in Kenntniß geſetzt hatte und deſſen Rück⸗ kehr ihre liebſte Hoffnung bildete. Endlich war Alles ausgeſucht, und Margot, als ſie dann fertig im Geſchmacke der neueſten Pariſer Mode vor dem Spiegel ſtand, ſtarrte ſich ſelbſt wie eine fremde Er⸗ ſcheinung an. 93 So, ſagte die Marquiſe, nachdem ſie noch einen lan⸗ gen und muſternden Blick über die ſchlanke Geſtalt ihrer erröthenden Tochter hatte gleiten laſſen, ſo, jetzt ſiehſt Du einigermaßen vernünftig aus und kannſt Dich vor den Leuten ſehen laſſen. Beſtellen Sie das Dejeuner in den Salon, befahl ſie der Hofmeiſterin— Hut und Shawl meiner Tochter werden Sie hinabbringen— in einer guten halben Stunde den Wagen, natürlich einen offenen! Margot ging mit ihrer Mutter hinab, und es freute ſie, als ihr Vater, nachdem er ſie längere Zeit wohlgefällig betrachtet hatte, lächelnd bemerkte, ſie ſehe recht hübſch aus, aber er finde nicht, daß ſie dieſer Anzug vortheilhafter kleide, als derjenige, welchen ſie vorher getragen. Dieſe Aeußerung bekundet wieder, wie wenig Ge⸗ ſchmack Du beſitzeſt, fagte die Marquiſe— Männer ver⸗ ſtehen überhaupt nichts vom weiblichen Anzuge, und Du am allerwenigſten. Die Männer wiſſen jedoch ſehr wohl, ob eine Dame hübſch oder häßlich angezogen iſt, und ich wüßte wirklich nicht, weshalb ihr einen ſo großen Werth darauf legtet, wenn Euch das Urtheil der Männer gleichgültig wäre. Wenigſtens iſt das Deinige von keinem Belange, er⸗ wiederte die Marquiſe, durch dieſe Bemerkung ihres Gatten geärgert, und, ſetzte ſie freundlicher hinzu, da es ihr ſchien, daß dies Margot unangenehm berührt habe, Du mußt Dich bei Deinem Anzuge niemals an den Ge⸗ ſchmack Deines Vaters kehren, mein Kind, denn er hat es oft ſelbſt anerkannt, daß er darin ſeine eigenthümlichen Anſichten habe. Mag ſein, mag ſein, ſagte gutmüthig der Marquis — glaube aber nicht, daß ich dächte, Du ſäheſt jetzt nicht hübſch aus— Du gefällſt mir auch ſo ſehr gut, und allen Andern wirſt Du jedenfalls beſſer gefallen. Das Dejeuner, welches nach Margots Anſchauung das Mittagseſſen bildete, war vorüber und die Marquiſe drängte zum Aufbruche. Es iſt halb Zwei, ſagte ſie, und Zeit, daß wir fahren. Bald darauf ſaß Margot neben ihrer Mutter in einem eleganten, von muthigen Pferden raſch dahingezoge⸗ nen Wagen. Auf dem hohen Bocke prangte ein bärtiger Kutſcher in reich betreßter Livrée, zwei ähnlich coſtumirte Bediente ſtanden auf dem hinteren Wagentritte. Es war nicht möglich, ein Wort zu ſprechen, was nicht von dieſen gehört worden wäre. Die Marquiſe ſaß nachläſſig zurück⸗ gelehnt in dem offenen Wagen und deutete Margot an, eine ähnliche Haltung anzunehmen. Man fuhr über die Brücke von Auſterlitz und ge⸗ langte in die Champs Elyſtes, den Sammelplatz der ele⸗ ganten Welt zu jener Tageszeit damals wie jetzt. Die Großartigkeit dieſes wundervollen Platzes, die Maſſe der Spaziergänger, die unaufhörlich dahinrollenden Wagen voll geputzter Damen, gefolgt oder gemuſtert von Reitern, 85 welche theils in den glänzenden Uniformen der Kaiſerzeit, theils in eleganten Reitcoſtumen dahinſprengten, machten auf Margot einen betäubenden Eindruck. Die Margquiſe hatte ihr die Weiſung ertheilt, immer zu grüßen, wenn ſie grüßen würde, ohne jedoch derartige Grüße ſehr zu mar⸗ kiren. Ihre Aufmerkſamkeit wurde dadurch ſehr in An⸗ ſpruch genommen, denn die Marquiſe hatte unter der vor⸗ nehmen Welt zahlreiche Bekannte, und heute, wo ſie ſo unerwartet an der Seite eines jungen, ſchönen, fremden Mädchens erſchien, beeilte man ſich ſchon aus Neugierde, ſich ihr zu nähern und ſie zu grüßen. Sie hatten jetzt die ſchöne Avenue bis zu dem da⸗ mals im Bau begriffenen Are de Triomphe durchfahren und bogen in das Gehölz von Boulogne ein, dieſem ſteten Schauplatze von Liebesabenteuern und Duellen. Es that Margot wohl, den drängenden Menſchen⸗ ſchwarm verlaſſen zu haben nud unter dem Schatten der Bäume friſchere und weniger ſtaubige Luft zu athmen. Es ſchien, als ob die Marquiſe ein ähnltches Bedürfniß empfinde, denn ſie ließ in einen Weg einlenken, der minder beſucht als die anderen war. Als ſie ſo eine kurze Zeit weniger beunruhigt fortgefahren waren, ſahen ſie auf einem Kreuzwege einen Reiter halten, der auf Margot, ſie wußte ſelbſt nicht, weshalb, einen beängſtigenden Eindruck machte. Pferd und Reiter waren kohlſchwarz, an beiden bildeten 96 nur der Streifen ſeiner Wäſche und die Silberplättchen an dem ſchmalen Zaume des Pferdes das einzige Weiße. Es iſt der Herzog von Villeroi, mein Kind, flüſterte die Marquiſe; er wird uns wahrſcheinlich anreden. Noch während ſie dieſe Worte ſprach, ſprengte der Herzog an den Wagen, zog ſeinen Hut und grüßte. Die Marquiſe erwiederte dieſen Gruß mit einem tie⸗ feren Neigen, als ſie bisher gethan, ohne daß Margot die⸗ ſem Beiſpiele folgte. Ich freue mich, Sie ſo wohl und heiter zu ſehen, Frau Marquiſe, ſprach er, neben dem Wagen hinſprengend — Sie haben die Trauer abgelegt Ich bin wieder heiter, unterbrach ihn raſch die Mar⸗ quiſe mit einem bedeutungsvollen Winke auf Margot, weil meine ſo lange entbehrte Tochter endlich zu uns zurückge⸗ kehrt iſt. Darf ich bitten, mich Ihrem Fräulein Tochter vorzu⸗ ſtellen? ſagte er mit einem langen muſternden Blicke anf dieſe. Der Herr Herzog von Villervi. Margot verneigte ſich ſchweigend und verlegen, es war das erſte Mal, daß ſie auf dieſe Weiſe die Bekannt⸗ ſchaft eines Mannes machte. Sie haben eine beſchwerliche Reiſe gemacht, fragte er, ſich zu ihr wendend; ich kann mir das denken, denn es iſt ein weiter Weg, den Sie zurückgelegt haben. Die 97 Penſion, in welcher Sie Sich befanden, liegt, wanu ich nicht irre, im Königreiche Weſtfalen. Ich lebte zuletzt am Parze⸗ erwiederte ſie Am Harze? 5 Es iſt dies ein Gebirge Deutſchlands, ſofen meine Geographie mich nicht im Stiche läßt— und Sie haben Ihre Freundinnen und L Lehrerinnen ungern verlaſſen, wie mir Ihre Frau Mutter mittheilte.— Es ſcheint mir faſt, daß Ihre Gedanken noch viel dort Ler⸗ fuhr 8 ſie unverwandt anſehend, fort— Sie werden jedoch hier in Paris, im Hauſe Ihrer Eltern einen reichlichen Erſatz finden. Es iſt Alles, was meine Tochter hier ſieht, noch gunz neu für ſie, erwiederte die Marzuiſe ſtatt dieſer; zes wäre ja auch unnatürlich, wenn es inte wäre, ſetzte ſie mit en eigenthümlichen, nur für den Herzo berechneten Lächeln hinzu, denn ſie ſieht heute zum erſten Male ein Stück Pariſer Leben. O, laſſen Sie Sich dieſes ſogenannte Pariſ er Leben nicht t mein Fräulein, ſagte er mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln, indem ſeine Augen wieder muſternd auf ihr ruhten, was Sie da ſehen, iſt nichts als die äußere glänzende Schale eines Kernes, der längſt in Fäulniß übergegangen iſt! Sie fällen ein hartes Urtheil, Herr Herzog, bemerkte die Marquiſe. Ich liebe es, die Dinge mit dem richtigen Namen zu Gräſin und Marquiſe. UM. 7 98 bezeichnen; doch will ich damit nicht geſagt haben, daß der ganze Inhalt dieſer blendenden Schale ungenießbar ſei, denn in jeder großen Stadt wohnen Tugend und Laſter, das Erhabenſte und das Niedrigſte dicht neben einander — aber der Staub meines unruhigen Pferdes beläſtigt Sie— ich werde die Ehre haben, mich Ihnen, mein Fräu⸗ lein, zu einer geeigneteren Zeit wieder vorzuſtellen. Er zog bei dieſen Worten ſeinen Hut, verneigte ſich leicht und ſprengte dann in raſchem Galop davon. Du wirſt in dem Herzoge einen ſehr intereſſanten Mann kennen lernen, mein Kind, bemerkte die Rithiſe indem ſie weiter fuhren. Sieb entes Capitel. Als ſie zurückgekehrt waren, hieß die Marquiſe Mar⸗ got ſich umkleiden und dann zu ihr zu kommen, da fie vor dem Diner noch mit ihr zu reden habe. Sie hatte die Nothwendigkeit erkannt, Margot wenigſtens theilweiſe auf⸗ zuklären, damit ähnliche, ihren Abſichten nicht entſpre⸗ chende Erörterungen vermieden würden. Sie überlegte, ob ſie ihr auch jetzt ſchon Raoul's Tod mittheilen ſollte, kam je⸗ doch zu dem Entſchluſſe, damit noch eine Zeit lang zu war⸗ ten, da ſie nicht befürchtete, es werde dieſe für ſie ſo ſchmerz⸗ liche Nachricht durch Unberufene zu ihrer Kenntniß gebracht werden. Setze Dich zu mir, mein Kind, ſagte ſie freundlich, als Margot bald darauf erſchien, wir haben noch eine Stunde Zeit bis zum Diner und wollen dann ſpäter in die Dper fahren. Ich muß jetzt eine Angelegenheit mit Dir beſprechen, von welcher es nöthig iſt, daß wir uns im Ein⸗ 3. 100 verſtändniß befinden. Du weißt, daß uns die erſte Nach⸗ richt von Dir durch Deinen Bruder zukam, der aus Spa⸗ nien ſchrieb, er habe Dich, die Geſpielin ſeiner Jugend, am Harze wiedergeſehen. Paris iſt eine Stadt, die nichts ſo ſehr liebt, als den Scandal; ſo wenig Mangel ſie daran hat, ſo ſucht die ſich langweilende Geſellſchaft doch emſig darnach, und jedes irgend außergewöhnliche Familienereig⸗ niß wird in dieſer Beziehung ausgebeutet, beſprochen, ver⸗ größert, lügenhaft entſtellt und zum Gegenſtande der öffent⸗ lichen Unterhaltung gemacht. Als wir daher nach Frankreich und hieher zurückkehrten, zogen wir es vor, unſern Schmerz über Deinen Verluſt, der damals noch ſo neu war, nicht zum Gegenſtande einer unberufenen und gehäſſigen Neugierde zu machen. Sollten wir uns ſteten Fragen über ein geraubtes Kind ausſetzen und gezwungen werden, über die Einzelhei⸗ ten unſerer leider erfolgloſen Nachforſchungen nach Dir ſtets Auskunft zu ertheilen? Wir hatten hinlänglich an unſerem Verluſte zu tragen und zogen es daher vor, unſeren Schmerz vor der Neugierde Anderer zu verheimlichen. Wir ſagten uns, daß, wenn wir das Glück haben ſollten. Dich wiederzufinden, ein Glück, das uns jetzt endlich zu Theil geworden iſt, es immer noch an der Zeit ſein würde, die Welt von dieſem Glücke in Kenntniß zu ſetzen. Deshalb verheimlichten wir Deinen Raub und theilten überhaupt Niemandem mit, daß wir eine Tochter beſäßen; auch Dein Bruder erfuhr nicht, daß die Geſpielin ſeiner Kindheit ſeine 101 Schweſter geweſen ſei. Jetzt biſt Du zurückgekehrt— und Du wirſt ſelbſt einſehen, daß es thöricht wäre, der Welt, welcher Dein unerwartetes, plötzliches Erſcheinen ohnehin Stoff zu neugierigen Fragen geben wird, Deine etwas ro⸗ mantiſche Geſchichte mitzutheilen. Du würdeſt dadurch der Gegenſtand des Geſpräches, der Beobachtung, kurz, jener räctſchihſen Neugierde werden, womit man hier in Paris ſo freigebig iſt. Ich glaube, dies könnte Dir unmöglich angenehm ſein. Ach nein, gewiß nicht, erwiederte Margot mit angſt⸗ erfüllter Stimme— ich werde mich der Beobachtung ent⸗ ziehen— niemals ausgehen.... Das würde gerade den entgegengeſetzten Erfolg ha⸗ ben— nein, mein Kind, wir haben nichts weiter nöthig, als eine möglichſt einfache Erklärung Deiner ſo langen Ab⸗ weſenheit und Deiner jetzigen Rückkehr— die ſchneidet alles unberufene Geſchwätz ab. Ich habe daher, fuhr die Marquiſe ruhig fort, während Margot geſpannt lauſchte, ich habe daher meine Bekannten bereits davon in Kenntniß geſetzt, daß wir aus leicht erklärlichen Gründen Dich in ei⸗ ner deutſchen Penſion hätten erziehen laſſen und daß dieſe Erziehung jetzt beendet ſei. Es iſt hier ziemlich allgemein Sitte, daß die Töchter vornehmer Familien bis zu einer ge⸗ wiſſen Zeit in ſolchen Anſtalten verbleiben; deshalb hat es durchaus nichts Auffallendes, daß ein Gleiches mit Dir Statt gefunden hat. Der einzige Umſtand, daß wir bisher 102 nicht von unſerer Tochter geſprochen, kommt nicht auf Deine, ſondern auf unſere Rechnung; man wird darüber vielleicht eine kurze Zeit allerlei Muthmaßungen aufſtellen, aber Du bleibſt eine aus der Penſion zurückgekehrie Tochter und ver⸗ lierſt daher das Intereſſe zu einer weiteren beſonderen Be⸗ achtung. Du wirſt Dich überzeugt haben, daß dies Alles Deiner ſelbſt wegen geſchieht und Deiner ſelbſt wegen nöthig iſt, und ich habe Dir das mitgetheilt, damit Du von jetzt an Dein Benehmen darnach regeln und etwaige Fragen und Bemerkungen beantworten kannſt. Ich würde ja dann aber genöthigt ſein, die Unwahr⸗ heit zu ſagen, würde meine Wohlthäter, denen ich ſo viel Dank ſchuldig bin, verleugnen müſſen, erwiederte Margot erbleichend. Ach, Du biſt ein thörichtes Kind! lächelte die Mar⸗ quife; was kann es jenen Leuten nutzen, wenn Du ſie der Neugierde und der Zudringlichkeit Preis gibſt? Man würde doch nur darüber lächeln und ſpotten— Du würdeſt Deinen Wohlthätern, wie Du ſie nennſt, einen ſchlechten Dienſt erweiſen, wenn Du ſie zum Gegenſtande unlanterer Fragen und Bemerkungen machen wollteſt. Man kann nicht Allen das innerſte Empfinden und Denken ſeines Her⸗ zens aufſchließen, fuhr ſie fort, während Margot erröthend ihre Augen niederſchlug; ein jeder Menſch hat ſeine Ge⸗ heimniſſe, die er bewahrt und nicht jedem Unberufenen preis gibt. Du biſt daher in einer Penſion geweſen, mein Kind; 103 ſie mag, damit Du Dich weniger irrſt, die Fichtenau hei⸗ ßen, und den Lehrern und Lehrerinnen, wenn man Dich überhaupt darnach fragen ſollte, gib immerhin Namen von Perſonen, die Du dort gekannt haſt. Sei übrigens vor⸗ ſichtig, vermeide ein Geſpräch darüber ſo viel als möglich, und hülle Dich in Schweigſamkeit, die einem jungen Mäd⸗ chen in ſolchen und ähnlichen Fällen zu rathen iſt. rgot hatte den Gründen und Wünſchen ihrer Mut⸗ ter wenig entgegen zu ſetzen; es berührte ſie zwar unange⸗ nehm und peinlich, daß ſie ihre ganze Vergangenheit ver⸗ leugnen ſolle, daß man ſie überhaupt bis jetzt gänzlich ver⸗ leugnet und als nicht vorhanden betrachtet hatte, und daß ſie von denjenigen, welche ihrem Herzen theuer waren, gar nicht reden ſolle. Es gab jedoch auch wieder etwas in ihrem Empfinden, was mit den Wünſchen ihrer Mutter überein⸗ ſtimmte— man würde ſie ja doch nicht verſtehen, vielleicht nur verſpotten, warum ſollte ſie nicht ſchweigen— von ihm durfte ſie ja doch niemals reden, und ihrem Vater, dem einzigen Menſchen, zu welchem ſie Vertrauen hatte,“ konnte ſie ja ungehindert ihr ſonſtiges Ergehen mittheilen.— Das Diner wurde heute ohne Gäſte im Familienkreiſo eingenommen und dann fuhr man zuſammen iri Oper⸗ Der Eindruck, welchen das gefüllte und glänzend erleuch⸗ tete Haus auf ſie machte, iſt ſchwer zu beſchreiben. Als ſi nach der Weiſung ihrer Mutter neben dieſer auf einem Vör⸗ derplatze der Loge ſaß, wagte ſie hingere Zeit nicht, die Au⸗ 104 gen aufzuſchlagen, und erröthete immer wieder, wenn die DOperngläſer von Heiren und Damen unverwandt auf ſie gerichtet wurden. Die Marquiſe zog ſie in ein Geſpräch, um ihre Ver⸗ legenheit weniger bemerkbar zu machen, und dieſe ſchwand, als die Ouverture begann und eine Muſik, wie ſie nie ge⸗ hört, an ihr Ohr ſchlug. Sie wurde ſo davonrifen daß ſie Alles um ſich her vergaß; ſie hätte weine mögen, wenn ſie ſich nicht geſchämt hätte, denn dieſe bald ſo ge⸗ waltigen, bald wieder ſo lieblichen und elegiſchen Tonwel⸗ len erweckten die Sehnſucht in ihrem Herzen und den im⸗ mer wieder auftauchenden Gedanken, wie es herrlich ſein müſſe, mit ihm vereint ſich dieſem Genuſſe hingeben zu könneß. Der Vorhang rauſchte auf, und ſie folgte dem Gange der Vorſtellung mit jener unverwandten Aufmerkſamkeit, der Alles neu und wunderbar iſt, und die ſich beſtrebt, nichts, auch nicht das Unbedeutendſte unbeachtet zu laſſen. Nach Beendigung des erſten Actes bildete ſich jene den franzöſiſchen Theatern eigene unruhige Converſation, man ſtattete ſich in den Logen Beſuche ab und führte eine ſo laute „Unterhaltung, als ob man ſich an irgend einem dazu be⸗ ſtimmten Orte befunden hätte. Der Herzog von Villervi erſchien in der Loge des Marquis in Begleitung noch eines anderen Herrn, und man unterhielt ſich von verſchiedenen Dingen, ohne jedoch der 2 105 Oper im geringſten zu erwähnen. Margot faß ſchweigend mit niedergeſchlagenen Augen, denn es wurden wieder eine Menge Operngläſer ſo rückſichtslos auf ſie gerichtet, daß es ihr unmöglich geweſen wäre, einen Blick in das Par⸗ terre oder auf die Logen zu werfen.. 558 Wie gefällt Ihnen die Oper, mein Fräulein? fragte der Herzog. Sie iſt etwas langweilig und könnte ſehr ab⸗ gekürzt werden— aber ſie muß einmal den Abend ausfül⸗ len— ich bin ein großer Verehrer der deutſchen Muſik, welche mehr Tiefe und Innigkeit beſitzt, als die unſrige, die dagegen an leichten, anſprechenden und berauſchenden Me⸗ lodien reich iſt. Sie müfſen Sich durch den Glanz der Ausſtattung in Ihrem Urtheile nicht beirren laſſen, das iſt, wie ſo Vieles hier in Paris, äußerer Flitter. Sie werden meiner Bemerkung hoffentlich beiſtimmen, wenn Sie einen Vergleich mit den deutſchen Theatern ziehen. Ich bin bisher nie in einem Theater geweſen, erwie⸗ derte Margot. Nie in einem Theater? fragte er mit ſichtbarem und erhöhtem Intereſſe. O, dann kann ich mir denken, daß dies Alles einen großen Eindruck bei Ihnen heworruft. So haben Sie auch noch nie ein Ballet geſehen? Ein Ballet? Ich weiß nicht, was ein Ballet iſt. Nun, Sie werden es bald erfahren, ſagte er mit ei⸗ nem eigenthümlichen Lächeln. Im zweiten Acte jeder Oper muß ein Ballet ſein, denn die älteren Herren, welche das 106 Theater beſuchen, haben dann ihr Diner beendet und be⸗ dürfen eines anregenden Deſſerts. Margot, welcher dieſe Bemerkung gänzlich unver⸗ ſtändlich blieb, ließ dieſelbe ohne Erwiederung und war froh, als die Vorſtellung jetzt ihren weiteren Verlauf nahm. Der Herzog war in der Loge geblieben, und ſeine Nähe er⸗ regte bei ihr ein peinliches Gefühl.— Nach einigen wenig anſprechenden Scenen, bei denen ſich jedoch ein ungewöhnlicher Reichthum von Decorationen entfaltete, der Margot's Aufmerkſamkeit vollauf in An⸗ ſpruch nahm, ging die Muſik mit ſcharfem Rhythmus in einen Tanz über, und plötzlich bedeckte ſich die Bühne mit einer Maſſe von Tänzern und Tänzerinnen, deren Coſtume und Bewegungen zuerſt ihr Erſtaunen, dann aber eine Em⸗ pfindung bei ihr hervorriefen, welche ſie bewog, ihre Augen niederzuſchlagen und ihre Blicke von dieſer Darſtellung ab⸗ zuwenden. Sie wurde ſichtlich immer mehr verlegen und glaubte, ſelbſt der Gegenſtand allgemeiner Beobachtung zu ſein. Ach, wie gern würde ſie das Theater verlaſſen haben! Verſtohlen blickte ſie zu ihrer Mutter empor, welche jedoch ru⸗ hig und anſcheinend theilnahmlos, wie bisher, an ihrer Seite ſaß. Sie konnte es nicht verhindern, auch ihren Vater an⸗ zuſehen, deſſen Opernglas jetzt zum erſten Male unver⸗ wandt auf die Bühne gerichtet war. Während dieſer kur⸗ . zen Beobachtung traf ſie der Blick des Herzogs mit einem 107 eigenthümlichen Ausdrucke, der ſie noch mehr erröthen machte. Stumm und verlegen ſenkte ſich ihr Auge wieder. Sie iſt reizend, flüſterte der Begleiter des Herzogs dieſem zu, und ſcheint wirklich noch ein ganz unverdorbenes Kind der Nutn zu ſein. So ſcheint es, erwiederte dieſer in leiſen Tone— indeſſen man kann ſich dennoch irren;z die Weiber ſind geborene Schauſpielerinnen, und die Rolle, in welcher dieſe eben debutirt, iſt vielleicht dennoch nichts, als eine gut durchgeführte und vorher wohl ſtudirte. Dieſes Mal ſind Sie im Irrthume— ſehen Sie doch— das iſt Natur, ſie wagt es gar nicht mehr, aufzu⸗ ſehen. Es wäre äußerſt piquant, wenn Sie Recht hätten, und vielleicht lohnend, ihrer wachſenden Erkenntniß behülflich zu ſein— doch das Ballet iſt zu Ende— ſchade, daß es gerade heute nicht eine längere Dauer hat. Als der Vorhang gefallen war, nahm der Herzog das Geſpräch wieder auf, ohne jedoch eine directe Frage an Margot zu richten und ohne des Ballets in irgend ei⸗ ner Weiſe zu erwähnen. Sie fing an, wieder freier zu athmen. Wir haben jetzt noch einen Aet Oper, ſagte dann der Herzog, ſich zu Margot wendend; Sie werden darin eine ſchöne Romanze hören, auf welche ich mir erlaube, Sie aufmerkſam zu machen. Sie können auch ungeſtört dem „ 108* Gange der Vorſtellung folgen, fuhr er, ſie lächel 3 3 feſt anſehend, fort, es wird Sie kein Ballet mehr dabei ſtören; mir ſind dieſe frivolen Uebertreibungen einer an ſich ſonſt ſo ſchönen und anmuthigen Kunſt ebenfalls im höchſten Grade zuwider. Er weidete ſich an ihrem abermaligen Erröthen denn ſie erfuhr durch dieſe unzarte Bemerkung, daß ihn ihre Empfindung nicht entgangen war. Mit ſehr verſchiedenen Gefühlen verließ ſie endlich das Theater und ſaß ſchweigend in dem bequemen, raſch dahinrollenden Wagen an der Seite ihrer Eltern. Dieſe Muſik hatte ſie berauſcht, betäubt, aber nur in vereinzelten Momenten jene beſeligende Empfindung bei ihr herporge⸗ rufen, welche ſo oft ihre Seele erfaßt hatte, wenn ſie mit ihm oder auch nur von ihm begleitet jene kleinen Lieder oder Duette geſungen, deren Schönheit ſie in jeder Note empfunden. Ach, wie war das Alles ſo ganz, ganz anders, als bisher! Eine äußerliche glänzende Schale hatte der Herzog es genannt, ſie mußte unwillkürlich an dieſe Worte denken und auch an den Mann, der ſie geſprochen, vor wel⸗ chem ſie, ſie wußte ſelbſt nicht, weshalb, eine Furcht em⸗ pfand, deren ſie ſich nicht erwehren konnte. Erſt als ſie wieder allein auf ihrem Zimmer war, wurde ſie etwas ruhiger, aber der Eindruck der Oper wogte noch in ihr fort und trat immer wieder zwiſchen ſie und jene Gedanken, denen ſie ſich ſo gem nachhangen mochte, ohne 109 heute die nöthige Sammlung dazu finden zu köngen. Auf⸗ geregt und unzufrieden mit ſich felbſt, ſuchte ſie endlich ihr Lager auf; es wäre ihr nicht möglich geweſen, ſich heute mit ihren werthvollen Schätzen zu beſchäftigen, ſie hätte dies für eine Entweihung derſelben angeſehen. Sie machte zum erſten Male in ihrem jungen Leben die Erfahrung, daß ſelbſt unſer innerſtes Fühlen und Em⸗ pfinden durch äußere Eindrücke beherrſcht und beeinflußt wird, wenn wir auch noch ſo ſehr bemüht ſind, dieſen Ein⸗ drücken keine Gewalt einzuräumen. Wie wir die Luft ath⸗ men, welche uns umgibt, und in derſelben uns bewegen müſſen und von deren Wärme, Kälte und Miſchung be⸗ rührt werden, ſo daß wir uns dadurch behaglich oder be⸗ drückt fühlen, ſo beherrſchen auch die äußeren Einflüſſe un⸗ ſer Inneres, und wir beſitzen nicht die Macht, nur unſerer inneren Welt allein zu leben. Der folgende Tag war ein Sonntag, der erſte Sonn⸗ tag, den ſie in ihrem neuen Aufenthalte verleben ſollte. Sie widmete die erſten Morgenſtunden, in denen ſie un⸗ geſtört war, religiöſen Betrachtungen. Als ſie ſo einſam am Fenſter ſaß, den ſtillen Garten zu ihren Füßen, und in dem Andachtsbuche las, welches ſie am Tage ihrer Confir⸗ mation zum Geſchenke erhaltel, trat die Erinnerung an jenen Morgen lebhafter, als es bisher der Fall geweſen war, vor ihre Seele. Sie glaubte wieder vor dem Altare der kleinen, einfachen Dorfkirche zu ſtehen, hörte die ſie ſo tief ergreifenden und beſeligenden Worte des würdigen Pfarrers und empfand nochmals den Ernſt und die Weihe jener unvergeßlichen Stunde. Das um ſie her erwachende Leben beendete dieſe kind⸗ lich frommen Betrachtungen, aber der Abglanz davon lag noch auf ihrem jugendlichen Geſichte, als ſie bald darauf in das Frühſtückszimmer ihrer Eltern trat. Es iſt heute Sonntag, mein Kind, ſagte die Mar⸗ quiſe im Laufe des Geſpräches; Du wirſt bald an Deine Toilette denken müſſen, denn wir wollen um elf Uhr in die Meſſe fahren. In die Meſſe? fragte Margot mit ſichtlichem Schrecken. Nun ja, in die Meſſe, erwiederte lächelnd die Mar⸗ quiſe— Du haſt vielleicht gehört, daß man in Frankreich die Religion abgeſchafft habe und die Göttin der Vernunft anbete; aber dieſe Zeiten liegen längſt hinter uns. Die Kirche iſt wieder in ihre alten Rechte eingeſetzt, und mag der Kaiſer in dieſer Beziehung ſeine eigenen Anſichten ha⸗ ben, er hat eingeſehen, daß es eine Thorheit iſt, ein Volk ohne Religion regieren zu wollen. Wir werden daher um elf Uhr in die Meſſe fahren, und ich freue mich, daß Du dieſen erhabenen Act einmähin würdiger Ausſtattung be⸗ gehen ſehen wirſt. In die Meſſe? wiederholte Margot nochmals mit un⸗ ſicherer Stimme— ich kann nicht mit in die Meſſe gehen 111 liebe Mutter ſetzte ſie dann, wenn auch mit niedergeſchla⸗ genen Augen, doch feſt hinzu, denn ich bin Proteſtantin. Was ſagſt Du? fragte die Marquiſe mit ſichtlichem Schrecken über die ganz unerwartete Mittheilung— wie wäre das möglich? Du wäreſt eine Ketzerin? fragte gleichzeitig beſtürzt ihr Vater. Ich bin in den Lehren der lutheriſchen Kirche unter⸗ richtet worden, erwiederte Margot, und habe am Tage meiner Confirmation das Gelübde abgelegt, dieſer Lehre, zu welcher ich mich bekenne, treu zu bleiben, ſo lange ich lebe. Aber wie iſt das möglich, mein Kind? rief der Mar⸗ Juis— wie konnteſt Du dem Glauben Deiner Eltern ab⸗ trünnig werden? Ich hatte bis dahin keinen Glauben, ſagte Margot mit einer Ruhe und Feſtigkeit, die ihr bis jetzt nicht eigen geweſen— Hert Viorne hat es niemals gelitten, daß ich eine Kirche beſuchen durfte, ſo ſehr ich ihn auch darum ge⸗ beten— ich durfte ja überhaupt niemals dahin gehen, wo viele Menſchen zuſammenkamen. Welchen Glauben meine Eltern gehabt, hat er mir ebenfalls nie geſagt; er ſprach überhaupt wenig von dieſen Dingen, weil er ſelbſt keinen Glauben beſaß. Als ich hülflos und von Allen verlafſen nach der Fichtenau kam, fuhr ſie mit glänzenden Augen fort, als ich zum erſten Male Menſchen fand, die mich lieb⸗ 112 ten und die ich lieben durfte, da war es meiner guten Mut⸗ ter erſte Sorge, mich in den Lehren der Religion unterrich⸗ ten zu laſſen. Ich wurde dort erſt eine Chriſtin, eine Chriſtin, wie ſie Alle waren, die dort lebten. Roch jetzt weiß ich nur ſehr unvollkommen, wodurch ſich die Lehren der lutheriſchen und der katholiſchen Kirche unterſcheiden; es können nur Nebendinge ſein, da heide in Chriſtus den eingeborenen Sohn Gottes und den Erlöſer der Menſch⸗ heit verehren— aber nichts wird mich bewegen, meinem feierlich bei meiner Confirmation am Altare Gottes abge⸗ legten Gelübde untren zu werden— ich kann deshalb nicht mit in die Meſſe gehen. Ach, das iſt dennoch mehr oder weniger eine Thor⸗ heit, mein Kind, erwiederte die Marquiſe, welche ſich wäh⸗ rend der längeren Rede Margot's wieder geſammelt hatte; Du ſagſt ſelbſt, daß Du die Lehren der katholiſchen Kirche nicht kennſt— man wird Dich darin unterrichten und Du wirſt bald die Ueberzeugung gewinnen, daß nur ſie die al⸗ lein ſeligmachende Kirche iſt. Bis dahin aber kannſt Du ruhig mit mir in die Meſſe gehen— ſie wird von vielen Proteſtanten beſucht, ſchon der ſchönen Muſik wegen. Be⸗ trachte es meinetwegen als eine Unterhaltung, bis Du ge⸗ lernt haſt, anders darüber zu denken. Jetzt würde es aber auffallen, wenn Du Dich weigern und ausſchließen wollteſt. Ziehe Dich daher an, in einer Stunde erwarte ich Dich. Ich kann nicht! ſagte Margot in ſichtlichem Kampfe — ich werde alle Eure Befehle erfüllen— aber dies kann ich nicht— niemals werde ich meinen Glauben verleugnen! Du drückſt Dich ſehr beſtimmt aus, erwiderte die Mar⸗ quiſe finſter— hat man Dich in Deinem Religions⸗Un⸗ terrichte nicht gelehrt, daß das Kind ſeinen Eltern Gehor⸗ ſam ſchuldig iſt? Du ſollſt Gott lieben über Alles! ſagte Margot mit leiſer, aber feſter Stimme und ohne ihren Blick zu erheben — das iſt das erſte Gebot. Ich hätte Dich nicht für ſo widerſpänſtig gehalten, entgegnete mit unterdrücktem Zorne die Marquiſe, und. Weshalb willſt Du heute gerade in die Meſſe gehen? unterbrach der Marquis die Rede ſeiner Frau— das Kind iſt ohnehin von der Reiſe noch ſehr angegriffen und die Zeit viel zu kurz zu einer Verſtändigung. Wir wollen uns darüber gründlich ausſprechen, meine gute Tochter, fuhr er gutmüthig und mit einem Winke an die Marquiſe fort; ich zweifle nicht im mindeſten daran, daß wir uns einigen wer⸗ den. Fahrt heute lieber ſpazieren— es iſt große Parade auf dem Marsfelde, der Kaiſer wird ſelbſt die Revue ab⸗ nehmen— das wird Dich jedenfalls intereſſiren und Du kannſt es ohne Beeinträchtigung Deines Gewiſſens anſehen. Meinetwegen, ſagte die Marquiſe nach einem kurzen Nachdenken und mit einem ſpöttiſchen Blicke— ſei daher um ein Uhr fertig— wir wollen die Meſſe einſtweilen ver⸗ ſchieben. Gräfin und Marquiſe. IMI. 8 Achtes Capitel. In Folge dieſer ſehr unerwarteten Mittheilung hatte die Marquiſe mit ihrem Manne eine längere Unterredung, deren Gegenſtand ausſchließlich Margot bildete. Beide waren nichts weniger als religiös. Der Marquis, obgleich unter den Lehren des Rationalismus aufgewachſen, welche die Revolution vorbereiteten, hatte doch die katholiſche Kirche ſtets als eine getreue Verbündete der Ariſtokratie betrachtet, die man ſchon deshalb weder mißachten noch ih⸗ ren Vorſchriften entgegenhandeln dürfe. Er beobachtete daher dieſe Vorſchriften, gerade ſo viel und ſo wenig, als er für erforderlich hielt, beſonders jetzt, wo die Regierung des Kaiſers eine gleiche Rückſicht für nöthig erachtet hatte und ſie von ihren Anhängern forderte. Ueber die Wahrhei⸗ ten der Religion ſelbſt und über die Glaubensſätze derſel⸗ ben vermied er, ſich zu äußern oder auch nur nachzudenken; er glaubte, es ſei hinreichend, wenn dies Andere für ihn 115 thäten, und begnügte ſich mit einer unklaren Anſicht, welche darin beſtand, daß er ſich ſelbſt zu den Rechtgläubigen zählte, ohne es deshalb in Wirklichkeit zu ſein. Er beſuchte, ſo oft es nöthig war, die Meſſe, fand aber ſehr häufig Entſchuldigungsgründe. In jedem Jahre zur öſterlichen Zeit ging er bei einem als tolerant bekannten Geiſtlichen zur Beichte und zum Abendmahl und fand ſich dadurch wieder für ein Jahr mit dieſer ihm läſtigen Verpflich⸗ tung ab. Die Marquiſe ſah in der Kirche lediglich eine Anſtalt zur Zügelung der wilden Leidenſchaften des Volkes, nichts mehr und nichts weiter. Im Innerſten ihrer Seele lag, wie bei ſo vielen Menſchen, der vollſtändige Unglaube. Sie hatte in früherer Zeit über dieſe Gegenſtände viel nachgedacht und mit aſderen geſprochen und war, ſich an der äußeren Erſcheinung, an die Einwirkungen der Sinne haltend, zu der Ueberzeugung gekommen, daß man über alle dieſe Dinge überhaupt nichts wiſſe und nichts wiſſen könne, und die Lehren von einer i n Weltregierung, von einem Fortleben nach dem eiblichen Tode oder gar von einer Vergeltung nach demſelben ihre Entſtehung le⸗ diglich der Furcht vor dem Tode ſelbſt verdankten. Ent⸗ weder, ſo war das Endreſultat ihres Nachdenkens, entwe⸗ der— und das iſt das Wahrſcheinlichere— ſei es mit dem Tode zu Ende und es dann eine Thorheit, dieſes Daſein nicht auszubeuten— oder es gäbe eine Fortdauer 8 116 nach dem Tode, und dann komme dies in ſeiner Dauer und in ſeinen kleinlichen Verhältniſſen ſo nichtsbedeutende Leben gar nicht in Betracht. Mit dieſen wenig troſtvollen Anſchauungen hatte ſie ſich abgefunden und vermied es, nachdem ſie ſo weit gekommen war, noch über eine Sache nachzudenken, welche nur dazu geeignet ſein konnte, Un⸗ ruhe bei ihr zu erzeugen, ohne ein befriedigenderes Reſul⸗ tat herbeizuführen. Aeußerlich beobachtete ſie ſoweit die Gebräuche und Vorſchriften der Kirche, als es nöthig war, um ſich den Ruf einer gläubigen Katholikin zu verſchaffen, obgleich ſie es nicht verhindern mochte, daß verſtändige Leute die Ueberzeugung behielten, daß ſie dies nur äußerer Rückſichten wegen thne. In den Prieſtern ſah ſie entwe⸗ der Männer, welche auf gleichem Standpuncte mit ihr ſtanden, aber dies nicht zu erkennen gaben, oder Schwach⸗ köpfe und religiöſe Schwärmer. Die letzteren waren ihr am meiſten zuwider. Es geht hieraus hervor, daß es ihr und auch theil⸗ weiſe dem Marquis an ſich ſehr gleichgültig geweſen ſein würde, ob Margot ſich zu der katholiſchen oder proteſtan⸗ tiſchen Kirche bekenne; daß beide aber aus denſelben Gründen, welche ſie ſelbſt beſtimmten, für Abhänger der katholiſchen Kirche zu gelten, dies auch bei Margot für nothwendig erachteten. Sie kamen daher zu dem Be⸗ ſchluſſe, daß dies jedenfalls zu bewirken ſei, und zweifelten 117 auch nicht im mindeſten daran, daß Margot ihrem Willen nachkommen werde. Ich will darüber mit ihr reden, bemerkte der Marquis ſelbſtgefällig; ſie hat mehr Vertrauen zu mir, und ich hoffe, es wird nicht ſchwer halten.... Es iſt zwar ſehr anerkennenswerth, unterbrach ihn mit einem ſpöttiſchen Lächeln ſeine Frau, daß Du Dich einer ſo ungewohnten Beſchäftigung hingeben willſt, aber ich muß Dich dennoch bitten, es gänzlich zu unterlaſſen und niemals mit Margot über dieſe Dinge zu ſprechen. Aber weshalb nicht? Glanbſt Du, die Vorſtel⸗ lungen und Bitten ihres Vaters würden bei ihr verge⸗ bens ſein? Es handelt ſich hier nicht um Bitten und Vorſtellun⸗ gen. Sie hat geſtern einen ſo energiſchen Widerſtand entwickelt, wie ich ihr bei ihrem ſanften und nachgiebigen Charakter gar nicht zugetraut hätte. Du wirſt daraus erkannt haben, wenigſtens hoffe ich dies, daß ſie aus einer inneren, tief bei ihr wurzelnden Ueberzeugung gehandelt hat, einer Ueberzeugung, welche bei ihr über dem Gehor⸗ ſam gegen ihre Eltern ſteht. Es handelt ſich daher darum, dieſe Ueberzeugung zuerſt zu untergraben, ſie in Zweifel zu ſtürzen und ihr dann das Licht des wahren Glaubens leuchten zu laſſen. Dazu bedarf es eines Mannes, der dieſen wahren Glau⸗ ben ſelbſt in vollem Umfange beſitzt, und auch dieſer 118 wird nur vorſichtig zu Werke gehen dürfen. Du wirſt ein⸗ ſehen, daß Du dazu am wenigſten geeignet biſt, da dieſe Eigenſchaft Dir mangelt. Glaubſt Du vielleicht, beide zu beſitzen? Laß uns darüber nicht weiter reden— es würde doch zu nichts führen. Ueberlaſſe mir die Ausführung dieſes Geſchäftes, wie Du es ja ſtets bei allen wichtigerem gethan haſt; ich werde den rechten Mann dazu finden. Vorläufig hat es keine Eile— es muß überhaupt langfam und ohne daß die Abſicht herausblickt, betrieben werden. In Zeit von höchſtens drei Monaten hoffe ich jedoch bei ihr auf keinen Widerſtand mehr zu ſtoßen, wenn ich ſie einlade, mit mir in die Meſſe zu fahren. Jetzt will ich überhaupt eine genauere Prüfung ihrer Kenntniſſe und Fähigkeiten vornehmen, von denen wir eigentlich weiter noch gar nichts wiſſen, als daß ſie ein natürliches, wenn auch noch ſehr ſchüchternes Weſen beſitzt und es verſteht, ſich in paſſender Weiſe auszudrücken. Ihr Dialekt klingt zwar etwas fremd, das macht ſie jedoch intereſſant, wird ſich auch bald verlie⸗ ren. Es wird vielleicht erforderlich ſein, ihr noch in ir⸗ gend einem Gegenſtande einigen Unterricht ertheilen zu laſſen, obgleich ich es für ſehr unnöthig halte, daß junge Mädchen mit unbrauchbaren Kenntniſſen belaſtet werden. Natürlicher Verſtand und ein angenehmes und graziöſes Benehmen iſt Alles, was man zu beanſpruchen hat. Den 5 3 erſteren beſitzt ſie, und was ihr an dem zweiten noch man⸗ gelt, wird ſie ſich bald erwerben. Ich bin darin ganz Deiner Anſicht, ſagte er mit der Befriedigung, der Erfüllung einer Aufgabe enthoben zu ſein, zu welcher er ſich zwar erboten hatte, welche ihm jedoch nichts weniger als wünſchenswerth war, und was die Reli⸗ gion betrifft, ſo ſcheint es mir ebenfalls beſſer, daß wir beide dabei ganz aus dem Spiele bleiben, damit ſie nicht glaubt, ſie ſolle ihre Ueberzeugung uns zum Opfer bringen. Ich freue mich, daß Du dies einſiehſt, ſagte die Marquiſe wieder mit ihrem unangenehmen Lächeln— ich will jetzt zu Margot gehen und das Weitere be⸗ ſorgen. Quäle mir das Kind nicht, rief er ihr nach, denn es iſt vor Allem nöthig, daß ſie ſich bei uns gefalle und hei⸗ miſch fühle!— Das Examen, welches die Marquiſe mit Margot, ohne daß dieſe es jedoch merkte, vornahm, fiel ſehr zu ihren Gunſten aus. Die Marquiſe war ſichtlich erſtaunt über die vielſeitigen Kentniſſe, welche ihre Tochter entwik⸗ kelte, und die Art und Weiſe, mit welcher ſie über Gegen⸗ ſtände ſprach, die ihr ſelbſt mehr oder weniger fremd waren, zum Beiſpiel Naturwiſſenſchaften, Aſtronomie und Geſchichte. Sehr bewandert ſchien ſie beſonders in der deutſchen Literatur, von welcher die Marquiſe ſelbſt gar keine Kenntniß beſaß, denn ſie ſprach über Vieles mit 120 einem Feuer und einer Begeiſterung, wozu ſie dieſes ru⸗ hige und ſchüchterne Kind gar nicht für fähig gehalten hatte. Von der franzöſiſchen Literatur wußte ſie dagegen faſt gar nichts, und ſie bekannte mit einiger Beſchämung, daß ſie eigentlich noch gar kein franzöſiſches Buch, welches ſich irgend mit den deutſchen meſſen könne, geleſen habe. Ich finde das ſehr natürlich, erwiederte die Marquiſe, welche ſichtlich nachdenkend geworden war, da Du immer unter Deutſchen gelebt haſt, welche nichts als ihre eigenen untergeordneten Werke kennen und verſtehen. O, glaube das gar nicht, liebe Mutter, erwiederte Margot, immer noch in der Erregung, welche dieſes mit ſo vielen Erinnerungen für ſie verbundene Geſpräch her⸗ vorgerufen hatte, wir haben uns auch mit den Meiſter⸗ werken anderer Völker beſchäftigt, wir haben zum Beiſpiel den Homer geleſen! Den Homer? fragte die Marquiſe mit etwas unſi⸗ cherer Stimme— Homer war ein Römer, wenn ich nicht irre? Ein Grieche, liebe Mutter, der größte Dichter, der je gelebt hat! Du kennſt ihn nicht? O, Du mußt ihn leſen — aber freilich, es wird kaum eine franzöſiſche Ueberſez⸗ zung geben, da unſere Sprache nicht befähigt iſt, den Herameter nachzubilden! Doch Du verſtehſt ja auch Deutſch Du ſagteſt, Ihr hättet den Homer geleſen, unterbrach £ 121 die Marquiſe, von dem Du ſo entzückt biſt— ich freue mich, daß Du einen ſo vielumfaſſenden Unterricht genoſſen haſt, wiewohl es mir lieber geweſen, wenn er unſere Sprache und Literatur nicht ſo ſtiefmütterlich behandelt hätte— hat Dir denn der alte Viorne einen Lehrer gehal⸗ ten, er— Du haſt bisher nichts davon erwähnt? Herr Viorne?— ſagte Margot, indem ſie verlegen die Augen niederſchlug— o nein, Herr Viorne lehrte mich franzöſiſch leſen und ſchreiben und etwas Rechnen. Ich konnte mir das denken. So war es alſo Herr Wehring, welcher Dir Unterricht ertheilen ließ 2 Wir ſind dieſem Maune zu immer größerem Danke verpflichtet. Beſuchteſt Du eine Schule oder hatteſt Du Privat⸗Un⸗ terricht? Es war keines von beiden der Fall, erwiederte Mar⸗ got tief erröthend; ich habe auch einen wirklichen Unterricht niemals genoſſen. Das iſt ja höchſt ſonderbar, bemerkte die Marquiſe, deren ſcharfer Blick jetzt unerwartet auf ihrer Tochter ruhte, welche ſichtlich immer befangener wurde. Du mußt doch einen Lehrer gehabt haben, denn Du beſitzeſt für Dein Alter ungewöhnliche Kenntniſſe. O nicht doch, erwiederte Margot mit kaum hörbarer Stimme; was ich weiß, iſt jedenfalls ſehr unbedeutend. Es freut mich, daß Du ſo beſcheiden darüber denkſt, aber irgend Jemand muß Dich doch unterrichtet haben; es 122 iſt nicht anzunehmen, daß Du dies Alles ohne fremde Ein⸗ wirkung gelernt haben ſollteſt. Mein Lehrer war— der Inſpector, welcher bei Wehring wohnte, ſagte ſie, während ſie jetzt ſelbſt die Gluth fühlte, die bei dieſen Worten ihr Geſicht be⸗ deckte. Der Inſpector? wiederholte die Marquiſe in langſa⸗ mem Tone— Du haſt ſeiner bis jetzt noch gar nicht er⸗ wähnt. Iſt der Inſpector ſchon ein älterer Mann? fragte ſie weiter, als Margot die letzte Bemerkung unbeantwor⸗ tet ließ. Ein älterer Mann?— Ich glaube nicht, daß man ihn ſo nennen kann— er wurde an ſeinem letzten Geburts⸗ tage— damals war er aber ſchon abgereiſ't— ſiebenund⸗ zwanzig Jahre. Dann kann man ihn allerdings nicht zu den älteren Männern zählen. Er war abgereißt, ſagteſt Du? Lebt er nicht mehr bei Wehrings2 O nein, erwiederte ſie— ſie wußte ſelbſt nicht, wes⸗ halb— mit erleichterter Stimme, er iſt ſchon faſt ein Jahr fort— nach Schleſien, ſeiner Heimath. So, bemerkte die Marquiſe freundlicher, und dieſer Inſpector war Dein Lehrer? Wenn Du es ſo nennen willſt, liebe Mutter; aber eigentlichen Unterricht habe ich niemals gehabt, außer vielleicht in der Muſik, ſetzte ſie wieder zögernd hinzu— 7 123 ſonſt laſen wir zuſammen und er erklärte mir dasjenige, was ich nicht wußte. w Die Magxquiſe ſchwieg wieder eine kurze Zeit, indem ſie ihre Tochter aufmerkſam und gedankenwoll betrachtete. Die Mittheilung, daß der lehrreiche Inſpector bereits vor einem Jahre abgereiſ't ſei, beruhigte ſie, denn ſie ſagte ſich, daß Margot damals noch nicht ſiebenzehn Jahre alt geweſen ſei. Sie beſchloß daher, der Sache, namentlich in den Augen ihrer Tochter, durchaus keine Wichtigkeit bei⸗ zulegen und ſie möglichſt leicht zu behandeln. Alſo in der Muſik haſt Du auch Unterricht gehabt? fuhr ſie unbefangen fort; ich hätte es mir deuken können, daß Du muſikaliſch ſeieſt, da Du Dich ſelbſt auf dieſer weiten Reiſe von Deiner Guitarre nicht haſt trennen kön⸗ nen. Da ich nun aber heute gern alle Deine Fähigkeiten kennen lernen möchte, ſo ſtimme das Inſtrument und ſinge mir ein Lied. Die Saiten ſind geſprungen, erwiederte Margot, froh, einen Vorwand zu finden, um dieſem Verlangen nicht entſprechen zu dürfen. Dieſem Mangel iſt ſchnell abzuhelfen. Schicken Sie dieſes Inſtrument in das nächſte Magazin, laſſen Sie es neu beſaiten und ſtimmen und bringen Sie es ſo bald als möglich zurück! befahl ſie einem hereinbeorderten Be⸗ dienten. 124 Haſt Du eine ſchöne Stimme? fragte ſie, während dieſer Anordnung genügt wurde. Ich weiß es nicht, liebe Mutter, erwiederte Margot, welche ſehr ungern das Fortbringen ihres Inſtrumentes geſehen hatte— er meinte, wenn ſie ausgebildet wäre— aber ich habe ſeit langer Zeit keine Fortſchritte mehr gemacht. Nun, wir werden ja ſehen.—— Da iſt die Guitarrre wieder— Du haſt keine Ur⸗ ſache mehr, meinem Wunſche zu widerſtreben. Ich kann aber nur einfache deutſche Lieder ſingen. Es wird dies vollkommen genügen; es verlangt mich nur, Deine Stimme zu hören. Du haſt noch wenig Uebung, mein Kind, ſagte die Marquiſe, nachdem Margot in ſehr befangener Weiſe ein kleines Lied geſungen hatte; aber Deine Stimme beſitzt einen ſympathiſchen Klang, und das iſt die Hauptſache. Ich habe in dieſen Dingen nur ein unvollkommenes Ur⸗ theil, aber einer unſerer erſten Geſanglehrer ſoll Deine Stimme und Fähigkeiten prüfen und Dir Unterricht erthei⸗ len, wenn er, woran ich nicht zweifle, der Anſicht iſt, daß es ſich der Mühe lohnt. Die Marquiſe war im Ganzen mit dem Reſultate ihrer Prüfung ſehr zufrieden. Dasſelbe übertraf in vielen Dingen ihre Erwartungen, und ſie hatte Kenntniſſe bei Margot entdeckt, welche ſie weder erwartet hatte, noch für 125 nöthig hielt. Dennoch war ihr dies keineswegs unlieb, denn ſie dachte daran, in den ſchöngeiſtigen Kreiſen, deren es damals wie immer in Paris gab, mit den außergewöhnli⸗ chen Kenntniſſen ihrer Tochter zu prunken und bei dieſen und anderen Gelegenheiten wegen der richtigen und zweck⸗ mäßigen Erziehung derſelben Lob einzuernten. Die Be⸗ fangenheit Margot's, als ſie von ihrem Lehrer ſelbſt ſprach, war ihr keineswegs entgangen, aber ſie glaubte, daß dies einestheils natürlich, anderentheils unter den obwaltenden Umſtänden an ſich ſehr gleichgültig ſein müſſe. Dieſer ſo⸗ genannte Inſpector hatte, wie ſie erfahren, ſchon vor einem Jahre die Fichtenau verlaſſen, wo Margot noch mehr oder weniger ein Kind geweſen war— ſeit jener Zeit hatte ſie ihn nicht wiedergeſehen— vielleicht mit ihm correſpon⸗ dirt— keinesfalls konnte dies von Bedeutung ſein— weshalb wäre er ſonſt ſo weit fortgezogen? Sie beſchloß, niemals mit Margot von dieſem Inſpector zu reden und jede Gelegenheit zu einer Aeußerung ihrerſeits zu vermei⸗ den, damit nicht Erinnerungen bei ihr aufgefriſcht würden, die noch ziemlich lebhaft zu ſein ſchienen. Ihr Mann ſollte daher gar nichts von dieſem Inſpector erfahren, damit er nicht in ſeiner Gutmüthigkeit und Zerſtreuung mit ihr dennoch davon ſpräche. Als ein weiteres Mittel zur Gefühls⸗Acclimatiſirung ihrer Tochter erkannte ſie das völlige Aufhören eines ſich etwa bilden wollenden Briefwechſels zwiſchen dieſer und 126 Perſonen ihres früheren Aufenthaltes, in welcher Hinſicht ſie beſchloß, ohne deshalb im mindeſten bedenklich zu ſein, Si Briefe nicht abgehen und etwa ankommende nicht an ſie gelangen zu laſſen. Bei weiterem Nachden⸗ ken über den letzten Gegenſtand erkannte ſie, daß ſie auf dieſem Wege am leichteſten und ſicherſten in den Beſitz von Mittheilungen gelangen würde, welche es ihr möglich machen müßten, die Beziehungen Margot's zu den Perſo⸗ nen ihres früheren Aufenthaltes vollſtändig zu erfahren, ohne deshalb mit Margot ſelbſt irgend ein Wort darüber zu reden. Sie nahm deshalb keinen Anſtand, dieſe zum Schreiben aufzumuntern, und erbot ſich mit einer Theil⸗ nahme, welche zum erſten Male in dem Herzen ihrer Tochter ein Gefühl von Zuneigung erweckte, die Briefe be⸗ ſorgen zu laſſen. Du wirſt Wehrings, denen Du ſo viel Dank ſchuldig biſt, Deine glückliche Ankunft unverzüglich melden müſſen, und wir wollen einen Brief beilegen, damit wir erfahren, in welcher Weiſe wir am beſten unſeren Verpflichtungen gegen dieſe liebenswürdigen Menſchen genügen können. Ich werde heute noch ſchreiben, liebe Mutter, erwie⸗ derte Margot mit vor Freude glänzenden Augen, und hätte es vielleicht geſtern ſchon thun ſollen, denn ſie erwar⸗ ten gewiß mit Sehnſucht einen Brief von mir, obgleich von Köln und von Brüſſel geſchrieben habe. Sie werden, ſich auch ſehr darüber freuen, wenn ihr ihnen dankt für 127 Alles das, was ſie an mir gethanz aber, ſetzte ſie mit zö⸗ gernder Stimme hinzu, ich bitte Dich, daran zu denken, daß ſie mich in der Vorausſetzung, ich ſei eine hülfloſe Waiſe, bei ſich aufgenommen haben, und daß es ſie daher kränken würde, wenn.... Sei deshalb ohne Sorgen, mein Kind, unterbrach ſie die Marquiſe mit einem ſelbſtbewußten Lächeln, wir wer⸗ den unſere gegenſeitige Stellung genau im Auge behalten. Wenn Du Deinen Brief fertig haſt, fuhr ſie freundlicher fort, ſo gib ihn mir, damit ich ihn in den unſrigen ein⸗ ſchließe. Ich will ſogleich ſchreiben. Thu' das, mein Kind, ich werde meine jetzt freie Zeit zu gleichem Zwecke verwenden. Die Marquiſe entfernte ſich mit dieſen Worten und ließ Margot allein, welche, dem Bedürfniſſe ihres Herzens folgend, einen langen Brief an Wehrings ſchrieb. Sie hatte ja ſo Vieles mitzutheilen und zu erzählen von ihrem Vater, von ihrer Mutter, von Paris und von den Ein⸗ drücken, welche dies Alles auf ſie gemacht hatte; ſie konnte Vergleiche anſtellen zwiſchen der Gegenwart und der Ver⸗ gangenheit und ihren Empfindungen freien und ungehin⸗ derten Lauf laſſen. Sie konnte auch Erkundigungen über ihn einziehen, wenn auch vielleicht nicht in ſolcher Weiſe, wie ſie es hätte thun mögen, ob er angekommen, ob er ihren Brief erhalten und denſelben vielleicht beantworten würde. Das Alles konnte ſie, und ſie that es mit jener ſchmerzlichen Luſt, der wir uns hingeben, wenn wir die Erinnerungen an ein vergangenes, verlorenes Glück wach⸗ rufen und darin ſchwelgen. So kurz und faſt flüchtig die Nachrichten über ihr jetziges Ergehen waren, ſo ſehr ſie ſich dabei auf das Nöthigſte beſchränkte, um ſo länger wurde der andere Theil ihres Briefes, obgleich er nur wenig That⸗ ſachliches enthielt. Die Marquiſe war wieder zu ihrem Manne gegan⸗ gen, welcher im Begriffe ſtand, auszufahren, da heute eine große Vorſtellung bei Hofe war, bei welcher er zuge⸗ gen ſein mußte. Du ſcheinſt ja eine ſehr ſtrenge Prüfung vorgenom⸗ men zu haben, bemerkte er, denn Du biſt ſehr lange geblie⸗ ben; ich hoffe, ſie iſt zu Deiner Zufriedenheit ausge⸗ fallen. Sie beſitzt mehr Kenntniſſe, als ich erwartet habe, und hat auch eine oberflächliche muſikaliſche Ausbildung und eine leidliche Stimme. Wir werden nur nöthig haben, ihr in der Muſik Unterricht ertheilen zu laſſen. Das freut mich— alſo ſie iſt auch muſikaliſch! Nun, ich habe in dieſer Beziehung kein Urtheil und muß Dir das Weitere überlaſſen; ſollte aber ſonſt in Dieſem oder Jenem noch eine kleine Lücke ſich finden, ſo bin ich gern ſelbſt bereit, dieſelbe auszufüllen. Es iſt nicht nöthig, erwiederte ſpöttiſch die Marquiſe, 129 denn ſie hat ſogar den Homer geleſen, und Du kannſt daher Deine ſo vielfach in Anſpruch genommene Zeit zu nützlicheren Dingen verwenden. Den Homer— rief der Marquis mit großem Er⸗ ſtaunen, verſteht ſie Griechiſch? Ach, warum nicht gar— in einer deutſchen Ueber⸗ ſetzung. Du magſt daraus erſehen, daß ihre Kenntniſſe wenig zu wünſchen übrig laſſen; was ihr fehlt, ſſt allein der höhere und feinere Umgangston, den ſie ſich jedoch bald aneignen wird, da ſie die Fähigkeiten dazu beſitzt. Aber wo hat ſie das Alles her? fragte immer noch in Verwunderung der Marquis. Darüber nächſtens, denn Du biſt jetzt eilig und mußt fort. Um Eines bitte ich Dich aber dringend: frage ſie ſelbſt niemals deshalb. Sprich überhaupt nicht mit ihr darüber, ich habe meine beſonderen Gründe, dies zu ver⸗ langen. Auch dieſe ſollſt Du ſpäter erfahren. Ich will jetzt einen Brief an den Fabrikanten Wehring ſchreiben, in Deinem Namen natürlich, ich werde ihm unſeren Dank abſtatten für ſeine Gefälligkeit und ihn erſuchen, diejenige Summe zu beſtimmen, welche er für geeignet hält, um uns unſeren Verpflichtungen gegen ihn für immer zu ent⸗ ledigen. Du mußt den Brief ſehr rückſichtsvoll faſſen und Dir vergegenwärtigen, daß ſich nicht alle Vetpflichtungen mit Geld ausgleichen laſſen. Grüfin und Marquiſe. III. 9 130 Pah, ſagte die Marquiſe mit einem verächtlichen Kräuſeln ihrer ſchmalen Oberlippe, ſolche Krämer haben für Alles einen Preis, und er wird den ſeinen zu ſtellen wiſſen! nſ 1 ſi Du könnteſt Dich doch irren, Nannon, erwiederte er, indem er ſeinen Hut nahm— doch ich überlaſſe Dir das, in Geſchäften beſitzeſt Du mehr Erfahrung, als ich— aber vergiß nicht, ſetzte er mit Pathos hinzu, was wir uns um unſerer ſelbſt willen ſchuldig ſind: noblesse oblige! Neuntes Capitel. Die Marquiſe führte ihren Plan aus. Sie nahm Margot's Brief in Empfang, nicht um ihn fortzuſchicken, ſondern um ihn rückſichtslos zu öffnen, zu leſen und dann zu verbrennen. Ihr eigener Brief an den Fabrikanten Wehring, den ſie im Namen ihres Mannes ſchrieb, ohne daß er ſich weiter darum bekümmerte, ſprach mit einer förmlichen und kalten Dankſagung das Erſuchen aus, die⸗ jenige Summe zu beſtimmen, welche Wehring für die Erziehung Margot's beanſpruche. Margot's Brief ſelbſt enthielt zu ihrer großen Genugthuung nur kurze Andeu⸗ tungen in Beziehung auf diejenige Perſon, welche ſie am meiſten intereſſirte, nämlich jenen gelehrten Inſpectvr. Sie erſah jedoch daraus, daß ſie früher an ihn geſchrieben und eine Antwort erwarte. Ueber die weiteren ſentimen⸗ talen Ergüſſe ihres Herzens, welche den Hauptinhalt des Briefes bildeten, lächelte ſie verächtlich, als ſie das Papier 9 132 den Flammen übergab. Es iſt nicht zu erwarten, daß man Verlangen trägt, jetzt noch den Briefwechſel mit ihr fort⸗ zuſetzen, ſprach ſie beruhigt vor ſich hin; ſollte es aber deunoch von irgend einer Seite geſchehen, ſo werde ich dafür ſorgen, daß daraus kein Nachtheil erwachſe. Es wurde nun für Margot ein Muſiklehrer ange⸗ nommen, ein Mann von Fähigkeiten und von Ruf, wel⸗ cher das Talent ſeiner Schülerin bald erkannte und be⸗ müht war, es auszubilden. Zuerſt waren ihr dieſe Mu⸗ ſikſtunden in hohem Grade unangenehm, denn ſie mahn⸗ ten ſie an andere, welche noch ſo lebhaft in ihrer Erinne⸗ rung da ſtanden; bald erwachte jedoch die Liebe zu einer Kunſt wieder, welche die Natur ihr ſelbſt als ein werth⸗ volles Geſchenk verliehen hatte, und ſie vergegenwärtigte es ſich, daß ihre Fortſchritte ihn erfreuen würden, wenn er ſie kennte, oder einſt vielleicht ſelbſt kennen lernte.— Ach, darauf hoffte ſie doch noch immer! Was ſie ſich nicht klar machte, ſondern nur empfand, war der Troſt, den ihr die Muſik ſelbſt ſpendete, denn ſie konnte ihre Gedanken und ihre Sehnſucht den Tönen anvertrauen, ohne zu be⸗ fürchten, daß dieſe Sprache von Andern verſtanden würde. So wurden die Muſikſtunden ihr denn bald die liebſten während des ganzen Tages, und ſie machte zur großen Vefriedigung ihres Lehrers ungewöhnlich ſchnelle und überraſchende Fortſchritte. Ganz anders verhielt es ſich mit dem Unterrichte in 133 der Religion, den ſie auf Veranlaſſung der Marquiſe durch einen Mann empfing, der ſonſt alle Eigenſchaften beſaß, um auf das ſo leicht zugangbare Herz eines jungen Mäd⸗ chens einzuwirken. Obgleich er Prieſter war, ſo führte er ſich doch nicht in dieſer Eigenſchaft ein, ſondern war als ein Bekannter und faſt täglicher Geſellſchafter der Familie. Es währte eine längere Zeit, in welcher er bemüht gewe⸗ ſen war, ſich Margot's Vertrauen zu erwerben, bis er ſehr unmerklich das Geſpräch auf religiöſe Gegenſtände lenkte. Es geſchah dies zuerſt nur im Allgemeinen, und er brach ſofort wieder ab, ſobald ſie unruhig wurde. Indem er von den Lehren der katholiſchen Kirche ſprach und, wie es ſchien, unabſichtlich den Beweis führte, daß dieſe allein die richtigen, allein zur Seligkeit führenden ſeien, gab er nicht im Entfernteſten die Abſicht kund, Mar⸗ got davon zu überzeugen, er ſetzte vielmehr dieſe Ueber⸗ zeugung bei ihr voraus und ſprach mit ihr, wie mit Jeman⸗ dem, deſſen Einverſtändniß man gewiß iſt. Dennoch wurde ſie ſtets befangen und mied es ſicht⸗ lich, mit ihm über dieſe Gegenſtände zu ſprechen ſie brach oft ab, und entfernte ſich, irgend einen Vorwand vor⸗ ſchützend. Man war daher genöthigt, der Sache näher zu kreten, und der Vertraute der Marguiſe benutzte die nächſte ſich darbietende Gelegenheit zu einer Darſtellung der Irr⸗ thümer der ketzeriſchen Lehren, indem er nicht unterließ, zu bemerken, daß Chriſtus ſelbſt dieſe ſeine allein ſeligma⸗ chende Kirche geſtiftet habe und außer ihr kein Heil zu finden ſei.. Hier ſtieß er jedoch auf einen entſchiedenen und nicht geahnten Widerſtand. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich Proteſtantin bin, ſagte Margot mit feſter Stimme und leuchtenden Augen; denn ich nehme an, daß, wenn Sie es gewußt hätten, Sie es unterlaſſen haben würden, ſo von meinem Glanben zu ſprechen. Und wenn ich es nun doch gewußt hätte, fragte er, wenn ich vielleicht gerade deshalb es für Pflicht gehalten hätte, Sie von dem Irrthume Ihres Glaubens zu über⸗ zeugen? Ich zweifle jetzt nicht mehr daran, daß Sie es ge⸗ wußt haben, erwiederte ſie in demſelben Tone; aber wenn Sie aus irgend einem Grunde beabſichtigen, mich meinem Glauben abtrünnig zu machen, ſo erkläre ich Ihnen, daß Ihnen dies niemals gelingen wird! Außerdem weiß ich nicht, wie Sie zu einer ſolchen Pflicht kommen und wer Ihnen die Befugniß gibt, in dieſer Weiſe mich zu kränken und zu verletzen! Ich werde niemals mehr mit Ihnen über dieſen Gegenſtand reden und mich ſtets entfernen, wenn Sie dennoch dazu einen Verſuch machen ſollten! Sie verließ mit dieſen Worten das Zimmer, und die Marquiſe mußte ſich zu ihrer eben ſo großen Ueberraſchung als Beunruhigung nach einer längeren Unterredung mit 135 ihrem Bepollmächtigten geſtehen, daß dieſes Geſchäft ſeine beſonderen Schwierigkeiten habe und keineswegs ſo leicht auszuführen ſei, als ſie ſich gedacht habe. Margot beſaß in dieſer Beziehung einen Talisman, welcher ſie gegen jeden Angriff ſchützte, den wir nicht ver⸗ ſchweigen dürfen, da es unſere Pflicht iſt, der Wahrheit gemäß zu ſchildern. Es war nicht allein ihre religiöſe Ueberzengung, deren Feſthalten ſie beſtimmte, allen Ver⸗ ſuchen, ſie darin zu erſchüttern, mit ſolcher Entſchiedenheit entgegen zu treten, ſondern auch der Gedanke, daß ſie da⸗ durch einen Verrath und eine Untreue an ihem begehen würde. Es waren jetzt über drei Monate verfloſſen, ſeit Mar⸗ got ſich in Paris befand; ſie hatte in dieſer Zeit Vieles geſehen und erfahren, eine Menge von Geſellſchaften beſu⸗ chen müſſen und noch mehrere und verſchiedenartige Perſo⸗ nen kennen gelernt, ohne jedoch an allen dieſen Dingen Geſchmack zu gewinnen. Alles war äußerlich, auf Prunk und Sinnengenuß berechnet, und ſelbſt die ſogenannten geiſtreichen Cirkel hatten für ſie etwas Gemachtes, Abſicht⸗ liches und Unerquickliches. Die Muſik blieb ihre einzige treue Gefährtin, und ſie beſuchte jetzt auch gern die Oper, weil ſie da viele ihrer liebgewordenen Melodien wieder hörte. Sie war für ihr Alter auffallend ernſt und ſchweig⸗ ſam geworden. Der Grund dieſer Veränderung lag eines⸗ theils in dem ihrem Empfinden nicht zuſagendeu Leben, hauptſächlich aber in dem Umſtande, daß ſie bis jetzt gar keine Nachrichten von Wehrings erhalten hatte. Es machte ſie dies unſäglich traurig, wenn ſie allein war, und ſie erſann eine Menge von Muthmaßungen, weshalb ihre Briefe— denn ſie hatte noch einmal geſchrieben— ſich keiner Antwort erfreuten. Die Marquife hatte einen kurzen, ſehr förmlichen Brief von Wehring erhalten, worin dieſer ſchrieb, die Liebe, welche er und ſeine Frau noch immer für Margot empfän⸗ den, beſtimme ihn, das für ihn in hohem Grade kränkende Anſuchen des Herrn Marquis unbeantwortet zu laſſen. Faſt gleichzeitig war ein beſonderer Brief für Margot unter ih⸗ rer eigenen Adreſſe eingelaufen, welchen die Marquiſe ge⸗ öffnet, geleſen und abermals verbrannt hatte Derſelbe ent⸗ hielt eine für die Marquife hauptſächlich intereſſante Ein⸗ lage von Walther. Die ganze Faſſung zeigte deuklich, daß er, wie ſie lächelnd vor ſich hinſprach, wirklich in Margot verliebt ſei, denn er ſchrieb ja, daß er nie einen ſo großen Schmerz empfunden, als in dem Augenblicke, wo er ihren letzten Abſchiedsgruß empfangen, das letzte Wehen ihres Tu⸗ ches geſehen habe— auch er werde ihrer immer gedenken und ſie nie, nie vergeſſen.— Der Thor, fuhr ſie in ihrem Selbſtgeſpräche fort— die Sache hält doch leicht ein ſehr unangenehmes Ende nehmen können, und wir würden viel⸗ leicht nach einem Jahre unſere Tochter als Frau Inſpec⸗ torin Rohneck wiedergefunden haben.— Nun, der Zufall 137 hat uns noch zu rechter Zeit erſcheinen laſſen vorläufig iſt nichts vorhanden, als die kränkelnde Pflanze einer unaus⸗ geſprochenen Liebelei, die aus Mangel an Nahrung ſehr bald abſterben wird, wenn ſie überhaupt noch vorhanden iſt. Sie ſchloß Walther's Brief in ein geheimes Fach ihres Schreibtiſches, während ſie zuerſt die Abſicht hatte, ihn gleichfalls zu verbrennen— ſie wußte ſelbſt nicht, wes⸗ halb.— Ach, wie glücklich würde Margot geweſen ſein, wenn ſie dieſe Briefe erhalten hätte! Zu den häufigſten Beſuchern des Hauſes gehörte jetzt der Herzog von Villervi, überhaupt zu denjenigen jungen Männern, welche ſich in Gefellſchaften am meiſten mit Margot beſchäftigten. Zuweilen deuchte es der Marquiſe, welche in dieſer Beziehung eine genaue, wenn auch ſchein⸗ bar gleichgültige Beobachterin war, als ob des Herzogs Blicke länger und mit tieferem Nachdenken auf Margot verweilten, als dies ſonſt ſeine Gewohnheit war. Es ent⸗ ging ihr nicht, daß er ihren Bewegungen, ihren Aeußerun⸗ gen mit Aufmerkſamkeit folgte, beſonders wenn er ſich ſelbſt unbeachtet glaubte und ſich dann wieder länger und lebhaf⸗ ter mit ihr unterhielt. Der Gedanke, eine paſſende Partie für Margot zu finden, eine Partie, welche allen den An⸗ ſprüchen Genüge leiſtete, welche ſie an den künftigen Gat⸗ ten ihrer Tochter und den Erben ihres eigenen Vermögens machte, beſchäftigte ſie ſchon längere Zeit. Margot befand ſich in dem Alter, wo ſich, der Sitte gemäß, junge Mäd⸗ 138 chen aus vornehmen Häuſern zu verheirathen pflegen, wenn die Heirath ihren regelrechten Verlauf nimmt. Sie ſtand in der Blüthe der erſten Mädchenſchönheit, und in dieſer Beziehung war daher nichts einzuwenden. Der Herzog da⸗ gegen gab zu vielen Bedenken Veranlaſſung. Er hatte bis⸗ 1 her wild und ausſchweifend gelebt und gehörte zu denjeni⸗ gen Männern, die eigentlich keine beſonderen Genüſſe mehr von dem Leben beanſpruchen, weil ſie von allen erdenkli⸗ chen überſättigt ſind. Derartige Männer haben eine in⸗ ſtinctive Abneigung gegen die Ehe, und wenn ſie ſich den⸗ noch dazu entſchließen, ſo ſehen ſie in der Frau nichts wei⸗ ter, als ein neues Spielzeug, oder das Mittel zur Verbeſ⸗ ſerung ihrer pecuniären Lage, oder eine Pflegerin, ſo lange ſie einer Pflege bedürfen Dieſe Erwägungen waren es je⸗ doch nicht, welche die Marquiſe hinſichtlich der Wahl des Herzogs zu ihrem künftigen Schwiegerſohn verantwortlich machten. Die meiſten jüngeren Männer der hohen Ariſto⸗ kratie befanden ſich in ziemlich gleicher Lage. Der Herzog ſchien zwar in dieſer Beziehung beſonders hervorragend; ſein ganzes Weſen und Benehmen trug eine oft abſichtliche Blaſirtheit und Ueberſättigung zur Schau, welche mit ei⸗ nem vornehmen und müden Lächeln auf jede Gefühlserre⸗ gung Anderer hinabblickte, indeſſen das war einestheils mehr oder weniger Manier, anderentheils Nebenſache. Seine ſonſtige Stellung ließ dagegen nichts zu wünſchen übrig. Er war von altei und höherem Adel, als ſelbſt die ſchaft gebührt hätte. Er bewohnte ein mäßig großes Quar⸗ 139 Marguiſe, und ſchien, ſofern dies in ſeinem Willen lag, berufen, als Diplomat eine hervorragende Rolle zu ſpie⸗ len, da man den alten Adel jetzt vorzugsweiſe wieder zu ſolchen Stellen verwandte und er durch ſein abgemeſſenes und exeluſives Weſen ſich vorzugsweiſe dazu eignete. So weit wäre alſo der Herzog die geeignete Perſon zu Mar⸗ got's künftigem Manne geweſen, aber ſeine Vermögens⸗ verhältniſſe bedurften in dieſer Hinſicht der reiflichſten Er⸗ wägung. Die Güter ſeiner Familie waren ſchon vor der Revolution durch den maßloſen Aufwand, dem die edſen Vorfahren des Herzogs ſich an den üppigen Höfen Lud⸗ wig's des Vierzehnten, der Regentſchaft und Ludwig's des Fünfzehnten hingegeben hatten, ſehr verſchuldet, die Re⸗ volution hatte dann den größten Theil derſelben verſchlun⸗ gen, und dem Herzoge waren, nach den ſorgfältigen Er⸗ kundigungen, welche die Marquiſe eingezogen, höchſtens zwanzigtauſend Franken Rente übrig geblieben. Dieſes Einkommen reichte allenfalls hin, einen einzelnen Mann mit einigen Einſchränkungen ſtandesgemäß zu erhalten, war aber keineswegs geeignet, den nothwendigen Aufwand ei⸗ nes jungen Ehepaares zu beſtreiten. Der Herzog, das wußte die Marquiſe ebenfalls, lebte, wahrſcheinlich durch das Beiſpiel ſeiner Ahnen belehrt, ſo, daß er keine Schul⸗ den machte, vielmehr in mehrfacher Beziehung einen Auf⸗ wand vermied, welcher ſonſt ſeiner Stellung in der Geſell⸗ 140 tier, hielt ſich nur zwei Wagenpferde und ein Reitpferd, ſeine Dienerſchaft beſtand lediglich aus einem Kutſcher und einem Jokey, kurz, er entbehrte manches, was die meiſten Männer, mit denen er umging, beſaßen. Dennoch that ihm dies in den Augen ſeiner Gefährten keinen Eintrag. Die faft verächtliche Weiſe, mit welche er über alle dieſe nichts⸗ bedeutenden Dinge ſprach, gaben ihm den Schein, als ob er nicht entbehre, ſondern nur abſichtlich gerade ſo viel, als ſeiner Stellung nach unumgänglich nöthig ſei, in dieſer Beziehung thue, während er am liebſten noch einfacher und zurückgezogener gelebt hätte. Der Herzog wußte jede Rolle, die er ſpielen wollte, ohne ſich eine Blöße zu geben, durch⸗ zuführen. 35 Dies Alles erwog die Marquiſe, als zum erſten Male der Gedanke in ihre Vorſtellung trat, daß der Herzog mög⸗ licher Weiſe eine geeignete Partie für Margot ſein könne. Sie machte es ſich klar, daß dieſe dadurch in eine der er⸗ ſten alten Adelsfamilien Frankreichs hinauf avanciren würde, und daß auch anzunehmen ſei, das Einkommen des Herzogs werde durch ſeine Beförderung in der Diplomatie weſentlich verbeſſert werden. Dagegen zweifelte ſie auch keineswegs daran, daß der Herzog, wenn er überhaupt die Abſicht haben ſollte, ſich um Margot's Hand zu bewerben, hauptſächlich deshalb zu dieſem Schritte veranlaßt werde, weil er in ſeiner künftigen Gemahlin die einzige Erbin ei⸗ nes reichen Vermögens erblickte. Dieſes Vermögen, welches 141 ihr ſo ſehr am Herzen lag, weniger des Geldes als der Ehre ihrer Familie wegen, der ſie ſogar dieſe Tochter ſelbſt hatte opfern wollen, mußte jetzt nothwendig auf einen Fremden, auf den künftigen Gatten eben dieſer Tochter übergehen— das ließ ſich leider einmal nicht mehr ändern, da ihr einziger Sohn geſtorben war; aber es wäre ſehr wünſchenswerth geweſen, wenn ſich dieſes Vermögen mit einem anderen, ihm gleichſtehenden oder es übertreffenden vereinigt hätte. Es ſprach daher Vieles für und Vieles gegen den Herzog, von welchem ſie ohnehin noch gar nicht einmal wußte, ob er überhaupt die Abſicht habe, ſich um Margot zu bewerben. lm hierüber einige Gewißheit zu erlangen, wird es nöthig ſein, daß wir uns ſelbſt etwas genauer mit dem Herzoge beſchäftigen und ihm in ſeiner Wohnung einen Beſuch machen. Die Einrichtung derſelben zeichnete ſich durch eine vielleicht etwas gefuchte, aber gediegene Ein⸗ fachheit aus. Alles war von den koſtbarſten Stoffen, ohne daß dies in die Augen fiel; der Beobachter bedurfte viel⸗ mehr erſt einer längeren Zeit, um dieſe Bemerkung zu ma⸗ chen. Man fah keine überflüſſigen Möbel und Geräthe, be⸗ merkte ſogar eine gewiſſe Leere, aber es fehlte doch eigent⸗ lich an nichts, höchſtens an den an ſich überflüſſigen, aber doch ſo anmuthigen Dingen, welche namentlich den Zim⸗ mern der Frauen einen ſo eigenthümlichen Reiz verleihen. Der Herzog liebte nur die dunkeln, einfachen Farben. Er ſelbſt trug ſich nie anders als ſchwarz, und ſeine Pferde waren von derſelben Farbe. Auch in der Einrichtung ſei⸗ ner Zimmer herrſchte das Dunkle vor, ohne daß dadurch ein finſterer Eindruck hervorgerufen wurde. Er ſuchte of⸗ fenbar etwas in dieſer Sonderbarkeit und hatte ſich ſcherz⸗ haft öfter dahin geäußert, daß bunte Farben allein für Kinder, Frauen und Natuwölker paßen, aber nicht für ei⸗ nen erfahrenen Mann. Früher hatte der Herzog eine Menge Liebſchaften ge⸗ habt und war der Liebling der Frauen geweſen. Schon ſeit längerer Zeit hielt er es jedoch nicht mehr der Mühe werth, ſich um irgend ein Weib zu bemühen. Die Gunſt der Frauen iſt nichts als eine Waare, welche ſie feilbietet, hatte er ſich geäußert— ſie iſt immer käuflich, man muß nur den richtigen Preis bieten und den Handel darum nicht ſcheuen, um was es vielen beſonders zu thun iſt. Ich bin ſo oft ſchon der Käufer geweſen und haben dieſen Han⸗ del in ſo verſchiedener Form getrieben, daß ich keine Nei⸗ gung mehr beſitze, mich deshalb zu bemühen. Schließlich iſt es doch immer dasſelbe und nicht der Mühe werth. Un⸗ ter ſeinen Genoſſen ſpielte der Herzog gerade dieſer Eigen⸗ ſchaften wegen eine herworragende Rolle; es gab anſchei⸗ nend nichts mehr, was ihn wirklich intereſſirte, und er be⸗ handelte alle Dinge, wonach die Menſchen ſich abmühen, mit einer ſouverainen Verachtung. Als wir ungeſehen bei ihm eintreten, finden wir ihn 143 mit Arbeit beſchäftigt. Er hatte ſich mit dem Herzoge von Benevent; zu welchem Talleyrand erhoben war, in nähere Verbindung eingelaſſen und arbeitete ein Expoſe aus, wel⸗ ches man an die Geſandtſchaft nach Rußland ſenden wollte. Er legte die vollendete Arbeit mit einem befriedigten, et⸗ was ſpöttiſchen Lächeln fort, ſtund von ſeinem Schreib⸗ tiſche auf und begann nachdenkend in dem geräumigen, luf⸗ tigen Zimmer, deſſen dunkler, weicher Teppich ſeine Schritte unhörbar machte, auf und ab zu gehen. Ich hoffe, ſprach er vor ſich hin, dies wird genügen, und der Herzog wird damit einverſtanden ſein, wiewohl es äußerſt ſchwierig iſt, ſich ſeine vieldentige Schreibweiſe an⸗ zueignen. Er trat nochmals an den Schreibtiſch und än⸗ derte noch eine Stelle; dann fingen ſeine Gedanken an, ſich mit anderen Dingen zu beſchäftigen. Er lächelte zuweilen vor ſich hin und blieb mehrmals vor einem der bis auf die Erde reichenden Trumeaur ſtehen, als ob er ſich ſelbſt aufmerkſam betrachten wolle. Er beſchäftigte ſich mit Margot und mußte ſich geſte⸗ hen, daß dieſes Kind einen außergewöhnlichen Eindruck auf ihn gemacht habe. Sie war ſchüchtern und faſt immer befangen, wenn er mit ihr geſprochen, ja, ſie ſchien ſogar Furcht vor ihm zu haben und ihn zu meiden. Es war ihm faſt nie gelungen, eine längere Unterhaltung mit ihr in 144 Gang zu bringen, ſo ſehr er dabei auch die alten, ſich ſtets bewährenden Künſte und Erfahrungen geltend gemacht hatte. Aber einige Male hatte ſie ſich etwas freier und un⸗ befangener gegeben und er war überraſcht geweſen über die von ihr entwickelte Natürlichkeit in Verbindung von Ver⸗ ſtand und harmloſer Auffaſſung. Alle die Außergewöhn⸗ lichkeiten des Pariſer Lebens, die ein junges Mädchen ſonſt ſofort beſchäftigen und bewältigen, ſchienen nur wenig Eindruck auf ſie zu machen; ſie konnte über manche Dinge lächeln, die der Jugend ſonſt ſo begehrenswerth erſcheinen und nur für den Erfahrenen den Werth verlieren, und doch, das wußte er, beſaß ſie keine Erfahrungen. Im Ge⸗ gentheile, ihre Anſchauungsweiſe war wieder ſo unſchuldig und urſprünglich, daß er ſich dieſe ſeltſame Verbindung nicht recht zu erklären vermochte. Eine ſolche Erſcheinung war ihm neu und reizte ihn, ſie näher kennen zu lernen. Dazu kam ſeine Eitelkeit, welche ihm ſagte, daß ſie ihn meide, vielleicht fürchte, alſo eine Abneigung gegen ihn empfinde. Ob ſie mich haßt? ſprach er vor ſich hin mit ſelbſtge⸗ fülligem Lächeln— ich glaube es kaum, aber ſie empfindet Furcht, wie die Taube vor dem Raubvogel— ungefähr ſo, denn alle Vergleiche ſind unrichtig. Aber ich werde mich doch wohl entſchließen müſſen, ihre Anſichten und Gefühle zu berichtigen. Es wäre einmal wieder eine Abwechſelung in dieſem ewigen Einerlei.— Die Marquiſe iſt jedoch eine kluge und erfahrene Frau, und man könnte— doch 145 ſie ift jedenfalls eine reiche Erbin, und wenn ich mich wirk⸗ lich noch einmal verheirathen ſoll, ſo iſt wenig Zeit mehr zu verlieren. Wir wollen die Laufgräben immerhin eröffnen und es den Umſtänden überlaſſen, ob eine regelrechte Be⸗ lagerung erforderlich ſein wird. Gräfin und Marquiſe. IMI. Zehntes Capitel. Während ſo zwei verſchiedene Perſonen in verſchie⸗ dener und doch ähnlicher Weiſe ſich mit demkünftigen Ge⸗ ſchicke Margot's beſchäftigen, die ſelbſt keine Ahnung da⸗ von hatte, trat ein Ereigniß ein, welches die Ausführung dieſer Plane wenigſtens vorläufig hinderte. Margot er⸗ fuhr nämlich den Tod ihres Bruders. Der Herzog war es ſelbſt, welcher in einer Unterredung mit ihr desſelben zufällig erwähnte, ahnungslos und in der Meinung, daß Margot längſt davon in Kenntniß geſetzt ſei. Sie wurde von dieſer Nachricht ſo erſchüttert, daß ſie ihren Thränen freien Lauf ließ und dann, ihrem Schmerze hingegeben, die Einſamkeit ihres Zimmers aufſuchte. Die Troſt⸗ gründe ihrer Eltern blieben wirkungslos, denn die bald gehoffte Ankunft des geliebten Bruders war der faſt ein⸗ zig leuchtende Hoffnungsſtern in der Nacht ihrer Betrüb⸗ niß geweſen. Ach, wie lebhaft erinnerte ſie ſich jetzt ſeiner, 147 und namentlich der letzten kurzen Unterredung, bei welcher er ſeine große Liebe zu ihr durch eine ſo edelmüthige und aufopfernde Handlungsweiſe bethätigt hatte!— Alles, was ſie liebte, was ihr theuer war, raubte ihr das uner⸗ bittliche Geſchick, ſie kam ſich einſamer und verlaſſener vor, wie jemals, und empfand zum erſten Male eine Sehnſucht nach dem Tode. Zene Sehnſucht, welche wie ein Erinnern oder wie die Mahnung aus einer anderen Welt, aus der wir gekommen und in die wir wieder zurückkehren ſollen, ſo oft unſere Seele beſchleicht, im höch⸗ ſten Glücke und im tiefſten Unglücke; beſonders aber dann, wenn es einſam um uns wird und es aufängt, Abend zu werden; die mit dem Laufe der Jahre anwächſt wie die Waſſer eines Stromes, der dem Meere zufließt, und welche allein uns das Scheiden erleichtert von der freund⸗ lichen Erde, die uns mit ſo ſtarken und verlockenden Ban⸗ den gefangen hält— jene Sehnſucht— der Jugend ge⸗ wöhnlich noch fremd und unbekannt— empfand ſie jetzt zum erſten Male in ihrem jungen Leben. Sie dachte es ſich ſo ſchön, wenigſtens mit Raoul wieder vereint zu ſein, während ſie jetzt ſo vereinſamt war, aber dieſe Gedanken und Empfindungen waren es auch wieder, welche ihrem Schmerze den Stachel ab⸗ brachen. Du mußt Dich beherrſchen, mein Kind, ſagte die Marquiſe, und bedenken, daß Dein Bruder jetz ſchon 10 148 faſt ein Jahr todt iſt. Es war vielleicht unrecht von uns, daß wir Dir dies ſo Jange verſchwiegen haben, es geſchah aber lediglich aus Rückſicht für Dich ſelbſt; das mußt Du be⸗ denken und zugleich erwägen, was Du uns, Deinen Eltern, ſchuldig biſt. Du ſelbſt haſt Deinen Bruder faſt gar nicht gekannt, und wenn Du jetzt über ſeinen Verluſt weinſt und traurig biſt, ſo erwäge dabei auch, daß Du in unſerer Seele eine Wunde wieder aufreißeſt, die kaum und nur oberflächlich vernarbt iſt und die wir aus Liebe zu Dir verheimlicht ha⸗ ben, ſo ſchmerzvoll dies auch für uns geweſen iſt. Nament⸗ lich ſei behutſam und nimm Dich zuſammen, wenn Du bei Deinem Vater biſt, der ſeine Gefühle weniger zu beherr⸗ ſchen verſteht, als ich. 6 Und ſie war behutſam und nahm ſich zuſammen, ſy ſchwer ihr dies auch wurde— aber wenn ſie allein war, wenn ſie allein ſein durfte, dann konnte ſie ſich dem ſchmerz⸗ lichen Genuſſe hingeben, in der Trauer zu ſchwelgen, welche ihre junge Seele erfüllte. Auf den Herzog hatte Margot's Benehmen einen ei⸗ genthümlichen Eindruck gemacht; die Aeußerungen eines wahrhaften und ſo tief empfundenen Schmerzes, welche er bei ihr beobachtet hatte, waren ihm neu und erregten eine Art von Reid bei ihm, ein Gefühl, welches Aehnlichkeit mit der S gehabt haben würde, wenn der Betrauerte nicht ihr Bruder und dazu ein Geſtorbener geweſen wäre. Es beſchlich ihn eine bisher ungekannte Empfindung, daß 149 es ſchön ſein müſſe, von einem ſo kindlich und innig fühlen⸗ den Weſen betrauert zu werden, daß es ſich vielleicht ſelbſt lohnen könne, deshalb zu ſterben, denn das Leben war ja doch weiter nichts, als ein fortgeſetzter Kampf mit der Lan⸗ genweile und der Miſere. Aber dieſe Gedanken fielen nur wie ſchnell ſchwindende Streiflichter in ſeine Seele, ſie wur⸗ den vielleicht gar nicht einmal zu Gedanken, ſondern blie⸗ ben unklare Empfindungen, über welche er in der nächſten Minute ſelbſt lächelte und ſich ſchämte. Dennoch blieb dies Alles als eine ſogenannte Stimmung bei ihm haften; denn dasjenige, was wir Stimmung nennen, iſt eben nichts wei⸗ ter, als die Wirkung von nicht erkannten oder nicht aner⸗ kannten Gefühlen und Empfindungen, oder ſolchen, die wir nicht haben erkennen oder anerkennen wollen. Das beſte Mittel gegen eine Stimmung der Verſtimmung bleibt da⸗ her immer, mit der Sonde rückſichtslos nach der Urſache derſelben zu forſchen und, wenn wir ſie aufgefunden haben, ſie zu beſeitigen oder wenigſtens zu mildern. Schon die Anwendung dieſes Heilverfahrens wird weſentlich zur Ge⸗ neſung beitragen. Der Herzog handelte jedoch nicht ſo, er unterordnete ſich vielmehr unbewußt dieſer ihm fremdartigen Stimmung, die ihm gar nicht unangenehm war. Sie bewog ihn ſogar, ſeinen Plan hinſichtlich Margot's eifriger zu verfolgen, als dies bisher in ſeiner Abſicht gelegen, denn der Gegenſtand hatte keineswegs an ſeinem Werthe verloren, ſondern eher 150 daran gewonnen. Margot; das erkannte er, mußte er eine Zeit lang ſich ſelbſt überlaſſen, er mußte ihr durch ſein Be⸗ nehmen, durch ſeine Zurückhaltung beweiſen, daß er ihren Schmerz theile und ehre, wenn er auch weit davon entfernt war, es in Wahrheit zu thun; es war ihm dieſe Hand⸗ lungsweiſe durch die Klugheit vorgeſchrieben. Aber er konnte gerade dieſe Zeit benutzen, um die Marquiſe zu ſon⸗ diren— ihm ſelbſt war das Alles ja vorläufig nichts, als eine Unterhaltung, eine Beſchäftigung, welche das Einerlei des ſich täglich ſo ähnlich abwickelnden Lebens unterbrach, und er war weit entfernt, die Sache in irgend einer roman⸗ tiſchen Weiſe aufzufaſſen. Margot's Vermögen blieb die Hauptſache, ſie ſelbſt eine vielleicht für kurze Zeit nicht un⸗ angenehme Zugabe— wenn überhaupt die Sache ſich rea⸗ lifiren ſollte, worüber er hinſichtlich ſeiner eigenen Per⸗ fon durchaus noch nicht zu einem feſten Entſchluſſe gekom⸗ men war. Er machte alſo nach einigen Tagen ſeinen gewöhnli⸗ chen Beſuch bei der Marquiſe— der Marquis war glück⸗ licher Weiſe abweſend und kam überhaupt nicht in Be⸗ tracht— und brachte das Geſpräch nach einiger Zeit in ſeinem natürlichen Verlaufe auf Margot. Ich bin ſehr unglücklich, bemerkte er, die unwillkür⸗ liche Urſache Ihres Kummers geworden zu ſein, in⸗ deſſen ich hatte keine Ahnung... Ich trage allein die Schuld, unterbrach ihn die Mar⸗ 151 Auiſe, es war eine mütterliche Schwäche von mir, ihr dieſe Nachricht ſo lange vorzuenthalten— indeſſen einmal mußte ſie es doch erfahren, und jedenfalls iſt es beſſer, daß es erſt jetzt geſchehen iſt, nachdem ſie ſich hier wohl und behaglich fühlt. Jedenfalls, erwiederte er mit einem forſchenden Blicke; und wie befindet ſich jetzt Ihr Fräulein Tochter? O, ganz wohl; ſie iſt noch traurig, aber ſie hat ein⸗ geſehen, daß ſie ſich dieſer Trauer nur mit Maß hinge⸗ ben darf. Das hat ſie eingeſehen? fragte er in zweifelndem Tone. Sie iſt überhaupt eine liebenswürdige junge Dame und unterſcheidet ſich in vielen Dingen ſehr vortheilhaft von den meiſten Genofſinnen ihres Alters, deren Haupt⸗ beſtreben lediglich das Vergnügen und die Zerſtreuung bildet. Dieſen Vorwurf würde man ihr ſehr mit Unrecht ma⸗ chen, im Gegentheil beſitzt ſie einen Hang zur Einſamkeit, der mir einige Beſorgniß einflößt. Ich ſollte glauben, Sie könnten Sich darüber leicht beruhigen. Dasjenige, was Ihrem Fräulein Tochter fehlt, findet ſich ſehr leicht, denn der Hang zur Aeußerlichkeit iſt allen Eva'stöchtern angeboren. Sie nehmen mir dieſe Aeu⸗ Ferung nicht übel, Frau Marquiſe, ſetzte er lächelnd hinzu, wir Beide können ja immerhin offen mit einander reden — aber die Harmloſigkeit, die Urſprünglichkeit, welche alle 152 die vielen Kleinigkeiten werth hält, die wir längſt von der Mahlzeit unſeres Lebens haben abtragen laſſen— dieſe Befähigung, ſich an allen dieſen Dingen zu erfreuen und davon wahrhaft entzückt zu ſein— ach, wie beneidenswerth iſt das! Wie viel würde ich darum geben, wenn ich ſie mir zurückerkaufen könnte, obgleich ich mich nicht mehr erinnere, ſie jemals beſeſſen zu haben! Sie werden ja förmlich zum Schwärmer, ſagte lä⸗ chelnd die Marquiſe; etwas von dieſer Fähigkeit muß doch noch in Ihnen verborgen ſein, da Sie Andere darum be⸗ neiden können. Ach, glauben Sie das ja nicht, erwiederte er mit ei⸗ nem Seufzer; nur dasjenige, was wir nicht beſitzen, er⸗ regt unſeren Neid. Aber Neid iſt nicht der richtige Aus⸗ druck für meine Empfindung— ich erfreue mich an der Verkörperung dieſer kindlichen, natürlichen Gefühle unge⸗ fähr ſo, wie an einem ſchönen Bilde oder an einer guten Muſik— das iſt Alles. 6 Nun, wir wollen darüber nicht weiter ſtreiten, be⸗ merkte ſie lächelnd, ſo wenig ſchmeichelhaft es für meine Lochter iſt, daß ſie Ihnen nur einem Bilde oder einer Opern⸗Arie gleichſteht. Ich habe heute ſtets das Unglück, mißverſtanden zu werden, eutgegnete er, ſie feſt anſehend; was würde es mir nutzen, wenn ſie mir mehr wäre? 153 Dieſe Frage vermag ich allerdings am wenigſten zu beantworten. Warum Sie am wenigſten? Weil ich die Mutter meiner Tochter bin. Der Herzog ſchwieg eine Zeit lang, während er nach⸗ denkend da zu ſitzen ſchien. Wenn ich nun aber gerade dieſe Frage an Sie in dieſer Ihrer Eigenſchaft gerichtet hätte? So würde ich den Herrn Herzog bitten, mir den Sinn und die Abſicht dieſer Frage deutlich zu machen. Da Sie es verlangen, ſo will ich dies thun und ganz offen mit Ihnen reden, ſagte er ohne die mindeſte Verle⸗ genheit. Ich bin der Ueberzeugung, von Ihnen nicht miß⸗ verſtanden zu werden; Sie ſind eine erfahrene Frau, und ich rechne mich ebenfalls zu den erfahrenen Männern. Möge das Reſultat unſeres Geſpräches ſein, welches es wolle, ich hoffe, dadurch in der guten Meinung, welche ich mir ſchmeichle, bei Ihnen zu beſitzen, nicht zu verlieren, ſo wie ich Ihnen zu beſitzen, nicht zu verlieren, ſo wie ich Ihnen zum Voraus die Verſicherung geben kann, daß dies in glei⸗ cher Weiſe bei mir der Fall ſein wird. Sie machen ja eine ſehr förmliche und weit ausho⸗ lende Einleitung, Herr Herzog, und ich bin geſpannt, zu erfahren, was die Veranlaſſung dazu iſt. O„ nicht doch, ſagte lächelnd der Herzog, ich gehe nur mit einem Plane um, über den ich Ihre Anſicht hören wöchte— Plan iſt eigentlich nicht der richtige Ausdruck, 154 es iſt vielmehr nur eine Idee, eine noch ſehr unklare Idee — nämlich, ſetzte er zögernd hinzu, ob es nicht zweckiäßig wäre, mich zu verheirathen.. Verlangen Sie darüber meine Anſicht zu hören? fragte Marquiſe ohne irgend eine Aenderung in dem Tone ihrer Stimme, als der Herzog ſchwieg. Es iſt immer mißlich, Jemandem in ſolchen Dingen einen Rath zu ertheilen, na⸗ mentlich einem Manne von Ihren Erfahrungen. Es wäre zu beklagen, wenn das alte Geſchlecht der Villeroi, deſſen letzter Sproß Sie ſind, ausſtürbe— und wenn Sie das verhindern wollen, ſo müſſen Sie Sich allerdings ver⸗ heirathen. Das dachte ich auch, bemerkte er ruhig— glauben Sie, daß ich zum Heirathen zu alt ſei? Warum richten Sie eine ſolche Frage an mich, welche Sie Sich jedenfalls ſelbſt beantworten können und beant⸗ wortet haben? Ein Mann von ſechsunddreißig Jahren iſt nicht zu alt zum Heirathen. P Meinen Sie? ſprach er wie überlegend vor ſich hin; das Alter macht es nicht allein— es gibt alte Männer, die jung ſind, und junge, die man zu den alten zählen muß — und zu den letzteren gehöre ich— darüber bin ich ſelbſt nicht zweifelhaft. Illuſionen beſtehen für mich nicht mehr, ja, es gibt wenig Dinge, welche mir überhaupt ein Inter⸗ eſſe abgewinnen— es iſt immer dasſelbe, und die Ab⸗ wechſelungen und Ausſchmückungen, mit denen man die 155 Wiederholungen umgibt, dienen nur dazu, um ſie noch fa⸗ der und langweiliger zu machen. Was ſollte ich mit einer jungen Frau beginnen? Was Sie damit beginnen ſollen! fragte ſpottend die Marquiſe— uun, mein Gott, Sie ſollen ſie lieben. Ach, wenn ich das könnte, wenn das möglich wäre, erwiederte er mit einem Seufzer— ich würde mich dann keinen Augenblick beſinnen, mich dieſem Glücke hinzugeben! So halten Sie die Liebe alſo doch für ein Glück? Ich halte ſie für eine große Täuſchung, für die größte von allen— aber Alles, was wir Glück nennen, iſt ja doch nichts als eine Täuſchung, und je effectvoller und andauernder ſie iſt, um ſo glücklicher ſind wir. Jede Täuſchung hat ein Ende, ſobald wir ſie als eine ſolche erkennen. Das iſt's ja eben— das iſt der Fluch, der auf uns laſtet, daß wir ſo überaus klug und erfahren werden. Möchte dies nicht ebenfalls eine arge Täuſchung ſein? Wenn ſie das wäre, ſo würde ſie aufhören, weil wir ſie ebenfalls erkennen müßten. Nicht früher, als bis dieſer Zeitpunet eingetreten iſt, und weil Sie dies nicht können oder nicht wollen, deshalb dauert ſie bei Ihnen fort. Es wäre ſehr ſchön, wenn Sie Recht hätten. Ich will mit Ihnen darüber nicht ſtreiten, bemerkte nachläſſig die Marquiſe, aber wie ich mir Sie und Ihr 156 Empfinden denke, ſo glaube ich doch, daß Sie Sich in ei⸗ ner Täuſchung befinden. Sie haben es Sich von jeher zur Aufgabe gemacht, das Leben rein objectiv zu betrachten und gewiß oft gegen Ihre beſſere Ueberzeugung die höhe⸗ ren und edleren Gefühle, welche uns beſeelen, zu belächeln und zu verſpotten, weil Sie dieſelben als eine Selbſttäu⸗ ſchung betrachten, während ſie allein dem Leben Werth ver⸗ leihen— Sie haben die wahre, wirkliche, aufopfernde Liebe eines Weibes niemals kennen gelernt, weil Sie an dem Irrthume feſthielten, dieſe Liebe erkaufen zu können. Wenn Sie Sich aber die Mühe gegeben hätten, ſie kennen zu lernen und ſie für Sich zu erwerben, ſo würde das Le⸗ ben und deſſen Werth Ihnen in einem ganz anderen Lichte erſchienen ſein. Ich bin erſtaunt, Sie ſo reden zu hören, erwiederte der Herzog, indem er ſich Mühe gab, dieſe Aeußerung mit einem entſprechenden Ausdrucke ſeines Geſichtes zu beglei⸗ ten, dabei aber die innere Genugthuung empfand, daß die Marquiſe ihm entgegenkam— ich hätte dies nie von Ih⸗ nen erwartet. Sie befanden Sich ſonach dennoch in einer Täuſchung, fuhr ſie lächelnd fort, und mögen daraus erſehen, daß es auch klugen und erfahrenen Männern niemals gelingt, ſich der Täuſchungen gänzlich zu entſchlagen. Ich fühle mich ſchon durch dieſe Erfahrung wahrhaft beglückt— aber geſetzt den Fall, daß Sie wirklich Recht— 157 hätten, ſo würde ich doch nicht mehr im Stande ſein, mir die wahre, wirkliche und aufopfernde Liebe eines Weibes zu erwerben. Das käme doch erſt auf einen Verſuch an— das heißt auf einen ernſtlichen Verſuch. Laſſen Sie uns offen mit einander ſprechen, Frau Marquiſe, ſagte er jetzt in einem etwas veränderten Tone, denn ich liebe es nicht, im Kreiſe um eine Sache herum zu gehen, und weiß, daß Sie mich längſt verſtanden haben. Ich empfinde zu Ihrer Fräulein Tochter dasjenige, was man den Anfang einer wahren Zuneigung nennen könnte; ich empfinde etwas, was ich bisher nicht gekannt habe, und glaube faſt, es könnte zur Liebe werden, die ich eigentlich noch gar nicht kenne, wenn dieſe Gefühle S fänden. Ob letzteres der Fall ſein würde, vermag ich natürlich zu ſagen, entgegnete ke Marquiſe ohne jede Ueber⸗ rſchung. Das weiß ich; aber Sie können mir ſagen, ob eine ſolche Verbindung, wenn ſie zu Stande käme, Ihren Wün⸗ ſchen und Plänen ent e würde, und mir die Bedin⸗ gungen mittheilen, vite Sie Zhrerſeits dabei zu ſtellen haben. Da Sie mich ſo direct fragen, ſo will ich Ihnen in gleicher Weiſe antworten; das Ganze iſt ja vorläufig wei⸗ ter nichts, als die Beſprechung einer Annahme, welche, 158 wenn ſie nicht realiſirt wird, von uns Beiden als ungeſche⸗ hen betrachtet wird und ein ſtrenges Geheimniß zwiſchen uns bleiben würde— darauf geben Sie mir Ihr Wort. Mit dem größten Vergnügen; es entſpricht dies ganz meinen eigenen Intentionen. Db Margot Sie lieben wird, weiß ich nicht, fuhr die Marquiſe fort; wir wollen aber einmal annehmen, daß in dieſer Beziehung der Ausführung des Planes nichts ent⸗ gegenſtände, und ich glaube, daß es nicht der Fall ſein wird, wenn Sie Sich ernſtlich bemnühen, ihre Liebe zu er⸗ wecken. Von meiner und meines Mannes Seite würde dann ebenfalls nichts einzuwenden ſein, ſobald keine weite⸗ ven Hinderniſſe obwalteten, welche allein pecuniärer Natur ſein könnten, denn unſere beiderſeitigen Familien gehören zu dem älteſten Adel Frankreichs. Ich theile darin ganz Ihre Anſicht. Ich würde alſo von Ihnen zu erfahren haben, ob Sie im Stande ſind, eine Frau ſtandesgemäß zu ernähren. Hierüber ſind Sie, glaube ich, bereits hinlänglich un⸗ terrichtet. Ich beſitze eircs zwanzigtauſend Franken Rente, vielleicht etwas mehr oder weniger, je nachdem die Chan⸗ cen ſtehen, und bedarf daher einer vermögenden Frau; eine ſolche ohne Vermögen würde ich beim beſten Willen nicht zur Herzogin von Villeroi machen können. Das weiß ich, und da Ihnen bekannt iſt, daß Mar⸗ got, jett unſer einziges Kind, einſt hunderttauſend Franken 159 Rente erbt, ſo wiſſen Sie auch, daß Sie in ihr eine ver⸗ mögende Frau erhalten. Einſt— ſagte ruhig der Herzog— ich wünſche Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl jedoch ein recht langes Leben— wir ſind den Jahren nach ja gar nicht ſo weit aus einander, wenigſtens wir Beide, Frau Marquiſe, ſetzte er lächelnd hinzu, und Sie werden daher ſelbſt einſehen, daß die einſt zu erwartende Erbſchaft nicht im Stande ſein kann, mich mit meiner Frau ſtandesgemäß leben zu laſſen. Das ſehe ich vollkommen ein— aber auch wir kön⸗ nen unſeren Haushalt nur in einem gewiſſen Maße be⸗ ſchränken— vielleicht Ihr jetziges Einkommen verdoppeln⸗ Das wären vierzigtanſend Franken Reute jährlich, ſagte er ruhig, während Ihnen achtzigtauſend verblieben — ich ſollte denken, ein junges Paar habe mindeſtens die⸗ ſelben Anſprüche an das Leben, als die Eltern desſelben — wir beſitzen zuſammen hundertzwanzigtauſend Franken Rente— theilen wir daher— Sie ſechszig und wir ſechszig — ich würde das billig finden. Ich will darüber mit meinem Manne ſprechen, er⸗ wiederte die Marguiſe ſichtlich betroffen— betrachten wir dieſen Gegenſtand einſtweilen als eine offene Frage. Thun wir das, ſagte er leichthin— da wir jedoch einmal über diefe unangenehmen aber nothwendigen Dinge reden, ſo laſſen Sie uns die Frage, zur Vermeidung uner⸗ guicklicher Wiederholungen, auch vollkommen erſchöpfen⸗ Hatten Sie noch andere Bedingungen zu ſtellen? fragte ſie geſpannt. Bedingungen dürfte kaum der richtige Ausdruck ſein; aber wir müſſen uns diejenigen Fälle klar machen, welche nach dem Laufe der Dinge und der Wahtſcheinlichkeit ein⸗ treten können. Ich bitte, Sich näher auszuſprechen. Sehr gern. Der Herr Marquis befindet ſich in dem Alter, daß anzunehmen iſt, er werde früher als Sie und auch früher als ich das Zeitliche ſegnen. Und für dieſen Fall? Für dieſen Fall würde unſer Abkommen natürlich eine Aenderung erleiden müſſen. Sie würden es dann gewiß für billig erachten, das Einkommen Ihrer Tochter um wei⸗ tere dreißigtauſend Franken Rente zu vermehren⸗ So, daß mir ſelbſt nur eine gleiche Summe verblei⸗ ben ſollte? bemerkte ſie mit ſichtlicher Aufregung— wiſſen Sie auch, daß das Vermögen des Marquis von mir ſtammt? Ich bin davon vollkommen unterrichtet, entgegnete der Herzog mit unveränderter Ruhe; aber als Sie in den Genuß desſelben traten, waren Sie ebenfalls jung, und wenn der Fall, von dem ich ſprach, eintreten wird, werden Sie Wittwe ſein, deren Giut mit demjenigen ihres einzi⸗ gen Kindes identiſch iſt und deren Einkommen die Summe von Franken wird. 161 Sie ſcheinen die Angelegenheit bereits nach allen Seiten hin ſehr reiflich erwogen zu haben, ſagte die Mar⸗ quiſe mit einem ſpöttiſchen und zugleich gezwungenen Lä⸗ cheln, und ich überzeuge mich daraus, daß ſie bei Ihnen mehr eine bloße Idee iſt. Glauben Sie das nicht— denn ſie iſt wirklich vor⸗ läufig noch nichts weiter— aber wenn man einmal über eine Sache ſpricht, ſo ſcheint es mir nöthig, nichts unerör⸗ tert zu laſſen. Sollten Sie, was aber nicht anzunehmen iſt, vor dem Herrn Marquis ſterben, ſo würde es nur nö⸗ thig ſein, die Rente Ihrer Tochter unr weitere zwanzigtau⸗ ſend Franken zu vermehren. Es iſt wenig ſchmeichelhaft für mich, daß Sie meine Perſon geringer anſchlagen, Herr Herzog, entgegnete ſie, ohne ihren Aerger länger verbergen zu können— haben ie noch andere Möglichkeiten, welche einer vorherigen Er⸗ wägung bedürften? Daß ich nicht wüßte, bemerkte er ruhig, denn das Ge⸗ ſetz ordnet die Erbfolge der Kinder, ſofern ich das Glück haben ſollte, Nachkommen zu erhalten. Doch, wie Sie richtig bemerkten, fuhr ex nach einer kurzen Pauſe fort, behandeln wir dies als eine te Frag und gehen wir zu einer anderen über, zu der eigentlichen Hauptſache, nämlich dazu, ob Sie glauben, daß es mir ge⸗ lingen werde, mir die Zuneigung Ihres Fräulein Tochter Gräfin und Marguiſe. MI. 11 zu erwerben, und ob ich in meinen Bemühungen um die⸗ ſelbe auf Ihre Unterſtützung rechnen darf. So lange die erſte Frage nicht ihre Erledigung ge⸗ funden hat, erwiederte die Margquiſe, welche wieder ſichtlich bemüht war, jede Empfindlichkeit zu unterdrücken, kann wohl von weiteren Erörterungen nicht die Rede ſein, da von der Entſcheidung der erſteren Ihre ferneren Schritte bedingt werden. Ich bin überzeugt, daß Sie darin mit mir derſelben Meinung ſind— ich werde mir die von Ihnen geſtellten Bedingungen überlegen, darüber mit mei⸗ nem Manne berathen, und behalte mir vor, Ihnen das Reſultat mitzutheilen— es wird dann immer noch Zeit ſein, zu erwägen, ob es ſich für Sie der Mühe lohnt, Sich um Margot's Zuſtimmung zu bewerben. Ich billige vollkommen Ihre Anſicht, erwiederte der Herzog mit gemeſſener Freundlichkeit, indem er aufſtand — eine ſo wichtige Sache will nach allen Seiten hin reif⸗ lich erwogen werden. Ich werde daher die Ehre haben, ſetzte er mit einem verbindlichen Lächeln hinzu, in einigen Tagen Ihre weitere Entſchließung entgegenzunehmen. Elftes Capitel. Die Marquiſe verharrte nachdem der Herzog ſich ent⸗ fernt hatte, längere Zeit in tiefem und ernſtem Nachdenken. Ungefähr ſo hatte ſie ſich den muthmaßlichen Verlauf die⸗ ſer für ſie keineswegs unerwarteten Unterredung wohl ge⸗ dacht, denn die Feſtſtellung des Ehevertrages bildete ein weſentliches und nothwendiges Erforderniß faſt jeder ari⸗ ſtokratiſchen Heirath. Sie hatte ſich es auch klar gemacht, daß der Herzog in dieſer Beziehung durchaus nicht mit be⸗ ſonderer Zartheit verfahren werde, auch ſelbſt anerkannt, daß es nothwendig ſei, das junge Paar in den Genuß ei⸗ nes ſtandesgemäßen Einkommens zu ſetzen— aber feine Forderungen überſchritten bei Weitem die Gränzen, welche ſie ſich in dieſer Beziehung geſteckt hatte, und namentlich verletzte ſie die Art und Weiſe, in welcher er den keines⸗ wegs unwahrſcheinlichen früheren Tod ihres Mannes vor⸗ geſehen wiſſen wollte. Ihr ſollte dann von hundertzwanzig⸗ 11 164 tauſend Franken Rente nur die beſcheidene Summe von dreißigtauſend Franken verbleiben, ſo daß man ſie förmlich auf den Altentheil ſetzen und ſie mehr oder weniger von von der Gnade ihres künftigen Schwiegerſohnes abhängig machen wollte. Gegen eine ſolche Behandlung empörte ſich ihr Stolz. Dagegen befand ſich dieſer wieder in hohem Grade durch den Stand des Schwiegerſohnes befrie⸗ digt. Sie wurde die Mutter einer Herzogin, und zwar nicht einer Herzogin von neuem Datum, wie ſie der eben ſo neue Kaiſer bereits zu Dutzenden gemacht hatte und noch täglich machte. Einem ſolchen Eindringlinge in die alten, ehrwürdigen Rechte des Adels würde ſie ihre Tochter eben ſo wenig wie einem Bürgerlichen gegeben haben. So ſtolz ſie auf ihr eigenes Geſchlecht war, ſie mußte anerkennen, daß der Adel des Herzogs von Villervi ein älterer und hö⸗ herer ſei. Sie hatte dieſer Idee ſchon ſo Vieles geopfert, und es war daher wohl und reiflich zu erwägen, ob es klug ſein würde, die geforderten Bedingungen zurückzuweiſen. Was die Perſon des Herzogs ſelbſt betraf, ſo blieb in dieſer Beziehung wenig zu wünſchen übrig. Er war ein ſtattlicher Mann in dem beſten Alter und von ariſtokrati⸗ ſchem, vornehmem Weſen und Formen, die er ſich unter al⸗ len Verhältniſſen zu erhalten gewußt hatte. Wenn er auch, gleich ihr ſelbſt, ſich anſcheinend dem neuen Regimente un⸗ tergeordnet, ſo wußte ſie doch ſehr wohl, daß dies nicht aus innerer Ueberzeugung, ſondern aus äußeren Rückſichten ge. 165 ſchehen und daß er im Herzen ein treuer Anhänger des ver⸗ triebenen Königshauſes ſei. Das Alles entſprach ganz ih⸗ ren Wünſchen. Daß er Erfahrungen beſaß und das Leben nach allen Seiten hin genoſſen hatte, hielt ſie für einen Ehemann gleichfalls für eine durchaus vortheilhafte Ei⸗ genſchaft. Das junge Ehepaar, davon war ſie überzeugt, würde nicht nöthig haben, aus Illuſionen zu erwachen, weil es ſich denſelben niemals hingeben würde. Ein ruhiges und vernünftiges Zuſammenleben von Anfang an ſchien ihr um deswillen für viel erſprießlicher, weil das ſpätere immer unvermeidliche Aufgeben einer ſogenannten leiden⸗ ſchaftlichen Liebe und der Uebergang in einen ernüchterten Zuſtand bei Weitem ſchlimmer und unerträglicher iſt, als dus Eintreten in denſelben gleich beim Beginne der Ehe. Dieſer Umſtand machte ihr daher nicht die mindeſte Sorge; ſie hätte ſich vielmehr keinen paſſenderen Mann für ihre Tochter ausſuchen können, als den Herzog, den allgemeinen Liebling der Damen, die ſich faſt Alle um ſeine Gunſt be⸗ mühten, obgleich ſie mehr oder weniger nachtheilig von ihm redeten. Sie wird eine beneidete Frau werden, ſprach ſie vor ſich hin, die Herzogin von Villeroi, und, offen geſagt, bin ich nicht recht im Klaren darüber, weshalb er ſich gerade ein ſolches pon ſeinem Weſen ſo ſehr verſchiedenes Kind ausgefucht hat— aber vielleicht iſt cs gerade dieſer Um⸗ ſtand— das Neue, das Ungewöhnliche— nun, auch das 166 wird ſich geben. Jeder Mann, auch der klügſte, iſt ein le⸗ bendiger Widerſpruch und der Sclave ſeiner Sinne. Was ſollte auch ſonſt aus uns Frauen werden? Je länger ſie nachdachte und das Für und Gegen ab⸗ wog, je mehr neigte ſich die Wagſchale zu Gunſten des Herzogs, und ſie beſchloß, vorerſt mit ihrem Manne zu re⸗ den. Er hat ſeine Forderungen geſtellt, ſchloß ſie befriedigt ihre Reflerionen— wir werden die unſrigen machen, man wird gegenſeitig etwas nachgeben und ſich ſchließlich einigen. Bei dem Marguis ſtieß ſie jedoch auf einen nicht vor⸗ hergeſehenen Widerſtand. Auf den Vermögenspunct legte er wenig oder gar keinen Werth; er hörte vielmehr die Mittheilung darüber ſchon ohne Intereſſe an, denn ihm ſagte die Perſon des Herzogs an ſich nicht zu. Er iſt ein gewandter, kluger Mann, das gebe ich A- les zu, bemerkte er dann im Laufe des Geſpräches— aber er iſt mir für unſer Kind eben zu klug und zu erfahren. Was ſoll ſie mit ihm: Er iſt blaſirt, es gibt nichts mehr, was ihn noch wirklich intereffirt, er wird ihre Empfindun⸗ gen niemals verſtehen, oder wenn er ſie verſteht, werden ſie ihm kindiſch und lächerlich vorkommen. Sie wird ſich im höchſten Grade unglücklich fühlen, und ich werde niemals darein willigen, daß ſie einem Vorurtheile geopfert werde! Du haſt mich ſchon einmal veranlaßt, fuhr er mit ganz un⸗ gewöhnlicher Lebhaftigkeit fort, ein großes Unrecht gegen —————— —— 167 dieſes arme Kind zu begehen— es ſoll ganz gewiß nicht zum zweiten Male geſchehen— ich werde mich niemals dazu bereden und beſtimmen laſfen, ſondern von meiner väterlichen Gewalt vollen Gebrauch machen! Du ſprichſt Dich wieder in eine ganz überflüffige Aufregung, entgegnete gelaſſen die Marquiſe, und es iſt ein Unglück, daß man eigentlich gar nicht mehr über Dinge von Wichtigkeit mit Dir reden kann. Dein Urtheil über den Herzog iſt geradezu albern; aber abgeſehen davon, wer hat denn davon geſprochen, daß ihn Margot gegen ih⸗ ren Willen heirathen ſoll? Leben wir etwa in der Türkei, wo man die Töchter als Sclavinnen verkaufen kann? Kön⸗ nen wir ſie etwa zwingen, den Herzog zu heirathen, wenn ſie nicht will? Aber wenn ſie damit einverſtanden iſt, wenn ſie eine Neigung zu ihm hat, wenn es ſie glücklich macht — willſt Du ihrem Glücke entgegentreten und ſo von Dei⸗ ner väterlichen Gewalt, die übrigens durch das Geſetz be⸗ ſchränkt iſt Gebrauch machen? Wenn ſie ihn will? Wenn es ſie glücklich macht? fragte der Marquis mit unverhohlenem Erſtaunen— das kann ich mir nicht denken, das iſt ganz unmöglich! Ach, Du kannſt Dir Vieles nicht denken und hältſt Vieles für unmöglich, was ſehe möglich und zugleich ſehr vernünftig iſt! Nimm alſo an, ſie wünſche es, was würdeſt Du dann beſchließen? Vorerſt ſcheint mir das ſehr unwahrſcheinlich, erwie⸗ 168 derte er, ohne ſich diesmal imponiren zu laſſen; aber ſelbſt dann würde ich ihr abrathen— entſchieden abrathen. Und wenn Dein weiſer Rath vergeblich wäre? Dann— dann— nun, dann würde ich mir die Sache reiflich überlegen. Vorläufig aber glaube ich nicht daran, werde ſelbſt mit ihr reden und ihr meine Gründe vorſtellen. Das wirſt Du nicht thun, ſagte die Margquiſe jetzt in befehlendem Tone; Du wirſt Dich nicht einmiſchen, ſon⸗ dern die Sache gehen lafſen! Du wirſt ihrer Neigung kei⸗ nen Zwang anthun, weder nach der einen noch nach der an⸗ deren Seite hin, ſondern abwarten, bis Margot Dir ſelbſt ein Geſtändniß macht! Es würde ihr weibliches Gefühl im höchſten Grade verletzen, wenn man jetzt von dieſer zarten Angelegenheit wie von einer Geſchäftsſache ſprechen wollte! Alles, was ich Dir ſagte, ſind überhaupt Vermuthungen, nichts weiter; ich wollte nur Deine Anſicht hören, für den Fall, daß dieſe Vermuthungen mehr als ſolche werden ſollten! S Du haſt aber doch bereits ſehr ausführlich mit dem Herzoge geſprocheiſ oder haſt Du das Alles auch blos ver⸗ muthet?. Er hat mit mir geſprochen, unterbrach ſie ihn, und ich war genöthigt, ihm zu antworten. Ich habe dies gethan, weil ich den Herzog für eine ſehr annehmbare Partie für 169 Margot halte und dabei natürlich von der Vorausſetzung ausgehe, daß ſie derſelben Anſicht ſein wird. Dieſe Vorausſetzung iſt aber jedenfalls falſch. Nun, ſtreiten wir nicht varüber— es handelt ſich hier darum, ob Du auf die Bedingungen des Herzogs ein⸗ gehen willſt. Auf die Bedingungen? Wenn Margot wirklich da⸗ durch glücklich würde, was ich aber durchaus bezweifle, weshalb ſollte ich nicht darauf eingehen? Wir haben ja nur das einzige Kind und an dieſem einzigen Kinde Vie⸗ les gut zu machen. Höre endlich auf, immer wieder auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen; Du ſollteſt bedenken, daß Margot ſchwer⸗ lich hier in Paris ſo gut erzogen worden wäre. Das iſt nicht unſer Verdienſt. Alſo Du gehſt darauf ein. Gut, ich werde in dieſem Sinne mit dem Herzoge reden, damit er in den Stand ge⸗ ſetzt werde, ſich zu vergewiſſern, ob Margot eine Neigung für ihn empfindet, denn er iſt viel zu ehrenhaft, dies frü⸗ her zu thun. Und mit Margot willſt Du nicht reden? Wozu ſollte das führen? Aber Du begreifſt heute wieder ungewöhnlich ſchwer, ſetzte ſie unmuthig hinzu. Soll ich ſie bereden? Oder ſoll ich ihr abreden? Beides würde nachtheilig und zugleich unklug ſein. Nein, ſie muß aus ei⸗ gener, freier Entſchließung handeln. 170 Sie iſt noch ein unerfahrenes Kind— man muß ſie warnen, ihr den wahren Charakter des Herzogs ſchildern, von dem ſie ſich ſchwerlich..* Ich bitte Dich, nun endlich zu ſchweigen, fuhr die Marquiſe auf— Du biſt und bleibſt unverbeſſerlich, und Gründe haben bei Dir niemals Anerkennung gefunden— So weit wäre die Sache nun eingeleitet, ſprach die Marquiſe mit befriedigter Miene vor ſich hin; er ſträubt ſich noch ein wenig, wie er es immer im Anfange thut, bis er entweder die Sache vergißt oder ſich einbildet, bereits zugeſtimmt zu haben. Aber Margot? fuhr ſie nachdenkend fort— bei ihr möchten vielleicht größere Schwierigkeiten zu überwinden ſein.— Ob ſie doch vielleicht eine wirkliche Neigung zu jenem Inſpector gehabt hat, von dem ſie er⸗ zählt, daß er ihr das Leben gerettet und Ravul ſich dafür in gleicher Weiſe gegen ihn revanchirt habe? Soiche ro⸗ mantiſche Geſchichten können eine ſtarke Wirkung auf das Gemüth eines jungen Mädchens üben— ich möchte dar⸗ über vor allen Dingen Gewißheit haben. Sie hat Geheim⸗ niſſe, denn ſie verwahrt, wie mir das Kammermädchen ſagte, verſchiedene Dinge in einem kleinen Käſtchen, das ſie ſorgfältig verſchließt— es wird nöthig ſein, dieſe Dinge zu ſehen. Sie foll mit meinem Manne ausfahren, was ſie ja gern thut, und während der Zeit werde ich das Käſtchen öffnen. Auch dieſen Plan führte die Marquiſe noch an dem⸗ 171 ſelben Tage aus. Als der Inhalt vor ihr da lag, dieſe ver⸗ welkten Blumen und Sträuße und die wenigen Briefe von Walther, und ſie die letzteren gelefen hatte, beſchlich eine eigenthümliche Empfindung wie ein längſt vergeſſenes Er⸗ innern aus ihrer Jugendzeit das Herz dieſer ſtolzen und rückſichtsloſen Frau— ſie ſah ſich faſt ängſtlich um, legte dann eiliger, als ſie es nöthig hatte, die Briefe wieder zu⸗ ſammen und Alles ſo, wie es vorher geweſen, und ſchloß dann den Deckel des Käſtchens. Erſt als ſie dieſes wieder auf derſelben Stelle in dem Schreibtiſche ihrer Tochter ver⸗ borgen hatte, athmete ſie freier auf. Sie lächelte nur mit einem Anfluge von Spott, der ihr jedoch nicht gelingen wollte. Die Sache hat nichts auf ſich, ſagte ſie dann, und verfiel darauf längere Zeit in eim ernſtes und tiefes Nachden⸗ ken, aus welchem ſie erſt durch Margot's Rückkehr aufge⸗ ſcheucht wurde. Du hier, Mutter? fragte dieſe erſtaunt, denn die Marquiſe kam äußerſt ſelten in die Zimmer ihrer Tochter. Es iſt doch nichts Beſonderes vorgefallen? Was ſollte vorgefallen ſein? erwiederte die Marquiſe mit einer ungewöhnlichen Weichheit in ihrer Stimme— ich glaubte, Du ſeieſt ſchon zurück, und wollte ein wenig mit Dir plaudern. Du biſt ſehr gütig und es iſt recht ſchade, daß Du nicht mitgefahren biſt, der Abend war herrlich.. Waret Ihr weit? 172 Wir fuhren zuerſt nach Vincennes und ſind dann über den Montmartre durch Montreuil und Charonne zu⸗ rückgekehrt. Ach, welch herrliche Ausſicht hat man da oben! Die Sonne verſank im Weſten hinter dem zu unſeren Fü⸗ ßen liegenden Paris, deſſen Thürme und Häuſer wie die Maſten der Schiffe aus einem Dunſtmeere hervorragten — dieſe unendlich große Stadt, ſie lag ſo ruhig und fried⸗ lich da, von dem Silberbande der Seine umſchlungen— als ob ſie wirklich eine Stätte des Friedens ſei, während aller Krieg und aller Schrecken, der die Erde bewegt, in ihrem Schooße ruht— und als wir hinabfuhren an dem Kirchhofe Pöre la Chaiſe vorüber, wo ſo viele Tanſende wirklich Ruhe gefunden haben, da tönte der mahnungsvolle langgezogene Ruf der Wächter: On ferme les portés!— und es war mir, als müſfe ich eilen, um nicht ausgeſchloſ⸗ ſen zu werden von Ruhe und Frieden, den köſtlichſten Gü⸗ tern des Lebens. Du mußt Dich ſolchen Schwärmereien nicht hingeben, mein Kind, die der Jugend allerdings eigen ſind, weil ſich der Menſch immer nach demjenigen ſehnt, was er nicht be⸗ ſitzt. Der Jugend gehört das Leben, mit dem ſtets eine nothwendige Unruhe verbunden iſt, eine Unruhe, die ihm allein Reiz verleiht. Wenn wir älter geworden ſind, ſehnen wir uns nach der Empfänglichkeit und Befähigung dazu eben ſo zurück, wie die Jugend für andere Dinge ſchwärmt. Immer bleibt es aber eine Thorheit, die Gaben des Au⸗ 173 genblickes verſchmähen zu wollen; natürlich, ſetzte ſie freund⸗ lich hinzu, wenn es ſolche ſind, deren Genuſſe wir uns ohne die Mahnung unſeres Gewiſſens hingeben können. Margot hatte mit geſenkten Augen zugehört. Es ſchien faſt, als ſchäme ſie ſich, in einer Weiſe zu ihrer Mut⸗ ter geredet zu haben, von der ſie wußte, daß ſie ihrer An⸗ ſchauung nicht entſprach. Sind Euch keine Bekannten begegnet? fragte die Margquiſe nach kurzen Schweigen. Nein, es hat Niemand mit uns geſprochen. Wenn der Herzog von Villervi von Euerm Ausfluge Kenntniß gehabt hätte, ſo würde er Euch wahrſcheinlich be⸗ gleitet haben. Es iſt mir ſehr lieb, daß er nicht da war— ich bin gern mit dem Vater allein, denn.... Denn er geht immer auf Deine thörichten Ideen ein, wollteſt Du ſagen, ergänzte die Marquiſe mit einem freund⸗ lichen Lächeln; ich werde mir Mühe geben, mir dieſe Ei⸗ genſchaft ebenfalls zu erwerben, damit Du dasſelbe auch von mir ſagſt. Du biſt heute ſehr gütig gegen mich, liebe Mutter, flüſterte Margot ſichtlich verlegen. Weshalb ſagſt Du heute? Meine Liebe zu Dir ift ſtets dieſelbe, daran darfſt Du niemals zweifeln, wenn auch ihre Ausdrucksweiſe verſchieden ſein mag; und auch den Herzog beurtheilſt Du falſch und hältſt Dich bei ihm an 174 ℳ die Außenſeite. Ich kenne ihn aber ſeit Jahren und weiß, daß er warm und innig empfindet, ja, ſogar einen Hang zur Schwärmerei beſitz. Aber et ſucht dies Alles hinter der Maske einer nur angenommenen Gleichgültigkeit zu ver⸗ bergen und gibt ſich den Schein, als ob er an den Leiden und Freuden ſeiner Mitmenſchen gar kein Intereſſe nähme, während er im Stillen ſehr viel Gutes thut. Der Herzog? fragte Margot mit einem zweifelhaf⸗ ten Blicke. Ja, ich weiß das ganz beſtimmt. Es gehört hier in Paris leider zum guten Tone, möglichſt theilnahmslos zu erſcheinen, ſich über nichts zu freuen oder Kummer zu zei⸗ gen— es iſt dies eine traurige Errungenſchaft der glor⸗ reichen Regierung des Kaiſers, dem die Menſchen nur Zah⸗ len ſind, mit denen er ſeine Rechenexempel macht— aber der Herzog iſt ein Anhänger der alten, guten Zeit, in wel⸗ cher man über alle dieſe Dinge ganz anders dachte. Du magſt daraus erſehen, wie vorſichtig man in ſeinem Ur⸗ theile ſein muß, namentlich Du, die Du noch ſo wenig Erfahrung beſitzeſt. Ach ja, ſagte Margot— ich nehme es mir auch nicht heraus, ein Urtheil zu fällen. Du kannſt Dir immer ein Urtheil bilden, mein Kind, bemerkte belehrend ihre Mutter, es iſt ſogar nöthig und Deine Pflicht, wenn erfahrene Menſchen, zu denen Du un⸗ bedingtes Vertrauen haſt, Dich darin unterſtützen und lei⸗ ten. So haſt Du zum Beiſpiel dem Herzog großes Unrecht gethan und wirſt jetzt gewiß Dein Urtheil über dieſen Mann ändern, nachdem ich Bich darü e aufgeklärt habe. Gewiß, erwiederte Margot leiſe und verlegen, denn ſie vermochte im Innern doch nicht dieſe Aenderung zu bewirken. S Nun, das freut mich, denn der Herzog nimmt großen Antheil an Dir. Er iſt betrübt, die unſchuldige Urſache Deines Kummers geworden zu ſein, und macht ſich deshalb ganz unverdiente Vorwürfe. Er war der intimſte Freund Deines Bruders, mein Kind, und darin mag vielleicht die Urſache ſeiner Empfindung für die Schweſter liegen. Der Herzog war Ravul's intimſter Freund? fragte Margot mit plötzlich hervortretendem Intereſſe— wäre das möglich? Weshalb ſollte es nicht möglich ſein? Sie waren ſehr verſchieden in der äußeren Form, aber in ihren Ge⸗ ſinnungen beſtand eine große Uebereinſtimmung. Raoul hat oft mit großer Leidenſchaft die Partei des Herzogs ge⸗ gen mich ſelbſt genommen, denn ich habe mich durch das Weſen desſelben ſelbſt anfänglich zu einem falſchen Ur⸗ theile verleiten laſſen. Du kennſt ihn nicht, Mutter, hat er mir oft geſagt, und beurtheilſt ihn nach ſeinen äußeren Manieren, welche abzulegen er nun einmal nicht zu bewe⸗ gen iſt— aber er beſitzt das edelſte, beſte Herz, davon kannſt Du feſt überzeugt ſein. 176 Als die Margquiſe ihre Tochter mit dem befriedigten Bewußtſein verlaſſen hatte, die erſten Schritte zur Errei⸗ chung ihres Planes mit Erfolg gethan zu haben, wäre ſie, wenn ſie in Margot's Inneres hätte blicken können, doch zu einer anderen Ueberzeugung gekommen. Denn deren Gedanken verließen ſofort wieder einen Gegenſtand, der ihr völlig gleichgültig geblieben war, ungeachtet der Lobes⸗ erhebungen ihrer Mutter und ſchweiften zu anderen, welche ſich an das Bild der im Abendglanze und Abendduft ru⸗ henden großen Stadt von der Höhe des Montmartre an⸗ ſchloſſen und ſich ſchließlich in das geliebte Thal der fried⸗ lichen Fichtenau verwandelten, welches ſo oft auch im ver⸗ ſchwimmenden Dämmerlichte des Abends zu ihren Füßen gelegen hatte. Am dritten Tage machte der Herzog ſeinen verabre⸗ deten Beſuch. Ich ſehe ein, daß Sie Recht haben, ſagte er mit dem glatten, freundlichen Tone, der ihm eigen war, dreißigtau⸗ ſend Franes würden für die Schwiegermutter des Herzogs von Villervi kein genügendes Einkommen ſein, erhöhen wir es daher auf vierzig. Ich ſagte fünfzig. Sie werden vierzig als die richtige Zahl anerkennen, und wir wären dann über dieſen unangenehmen Gegen⸗ ſtand im Reinen. 177 Nun es ſei, ich habe niemals großen Werth auf das Geld gelegt. Wie alle hervorragenden Frauen— aber kommen wir zur zweiten Frage: wie ſteht es um das Herz Ihrer Fräulein Tochter? Das Herz meiner Tochter iſt ein Schrein, welcher die unſchuldigſten, kindlichſten und reinſten Gefühle ein⸗ ſchließt— aber ich will Ihnen nicht verbergen, daß es mir ſcheint, ſie empfinde eine— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll.... Eine gewiſſe inſtinctive Abneigung gegen mich, er⸗ gänzte der Herzog— ich habe das erwartet und bin dar⸗ über beſonders erfreut. Erfreut? fragte erſtaunt die Margquiſe. Natürlich, ſagte der Herzog mit einem ſelbſtbewußten Lächeln, es wird ſich jetzt doch der Mühe lohnen, dieſes kleine, unſchuldige Herz zu erregen und zu gewinnen, wäh⸗ rend es im höchſten Grade langweilig geweſen wäre, wenn es mir, wie dies leider immer bisher der Fall war, gar keine Mühe gemacht hätte. Nun, ſo verſuchen Sie Ihre Kunſt. Gräfin und Marquiſe III. 12 Zwölftes Capitel. Wir haben geſehen, daß ſich gegen Margot eine kei⸗ neswegs gefahrloſe Verſchwörung gebildet hatte, um ſo ge⸗ fährlicher für ſie, als ſie ſelbſt keine Ahnung davon beſaß. Aehnlich wie in der Politik hatten zwei Mächte eine ge⸗ heime Verbindung gegen ſie geſchloſſen, eine Convention oder Cvalition, wie man es dort nennen würde, welche darin beſtand, daß die eine dieſer Mächte zum directen Angriffe übergehen wollte, während ſich die andere ver⸗ pflichtet hatte, ohne ihre Mitwirkung kund werden zu laſſen und ihre bisherige befreundete Stellung aufzugeben, in jeder Beziehung hülfreiche Hand zu leiſten und namentlich eine ſorgſame Gränzbewachung zu unterhalten, ſo daß der An⸗ gegriffenen kein Kriegsmaterial oder ſonſtige Verſtärkun⸗ gen zugeführt werden konnten. Es läßt ſich daher nicht verkennen, daß die Gefahr für Margot erheblich geweſen wäre, ſelbſt wenn ſie dieſelbe gekannt hätte. Der Herzog „ 179 war ein in dieſer Art der Kriegsführung vollſtändig erfah⸗ rener Gegner und befand ſich im Beſitze aller derjenigen Mittel, welche geeignet ſind, den Sieg herbeizuführen. Er kannte oder glaubte wenigſtens das weibliche Herz genau zu kennen, dieſes launiſche, anſpruchsvolle, ſich ſo oft überhebende Weſen, welches ſchließlich doch immer unter⸗ liegen und ſich unterwerfen muß, weil der vermeintliche Sieg ſchon ſeine Niederlage in ſich ſchließt; er kannte auch die Mittel, welche je nach der vorherrſchenden Neigung dieſes Weſens mit Erfolg anzuwenden ſind, um ſeinen Widerſtand zu beſeitigen oder nach und nach aufhören zu laſſen. Er wußte, daß bei den meiſten Frauen überra⸗ ſchende Kühnheit gewöhnlich am leichteſten und ſicherften zum Ziele führt, weil die angeborene Schwäche des Wei⸗ bes, dadurch des Widerſtandes beraubt, am meiſten geneigt gemacht wird, ihre Niederlage, die ſie felbſt vorausgeſehen oder wenigſtens für nicht unmöglich gehalten, vor ſich ſelbſt zu beſchönigen. Es war ihm jedoch auch keineswegs un⸗ bekannt, daß dieſes Mittel nicht bei allen Frauen angewen⸗ det werden kann, daß manche, ebenfalls erfahrene, ein längeres Bemühen, ein längeres Hinziehen verlangen, ſchon des Reizes wegen, der in ſolchen Dingen ſelbſt liegt und der von ihnen beſonders begehrt wird. Zu dieſen rechnete er Margot jedoch nicht und dennoch ſagte ihm eine längere Ueberlegung, daß er bei ihr mit Vorſicht zu Werke gehen und ſich eines ſtürmiſchen Angriffes enthalten müſſe, 12 180 nicht aus dem angeführten Grunde, ſondern aus einem ganz anderen, der ihm ſelbſt neu war und deshalb beſonde⸗ res Intereſſe bei ihm erregte. Margot beſaß in ihrem Weſen ein Etwas, welches ſeine Kühnheit entwaffnete und ſeine Erfahrungen zu Schanden machte. Es war dies der Zauber der Unſchuld, pelcher, ihr ſelbſt unbewußt, ſie ſtets ſchützend umgab. Siesverſtand ihn nicht, und ſeine Klugheit und ſeine Pläne nutzten nichts, weil es ihm nicht gelang, den mindeſten Boden zu gewinnen, auch nur die entfernteſte Beziehung anzuknüpfen. Sie blieb unbefan⸗ gen, ſelbſt dann noch, wenn er glaubte, daß ſie Urſache haben müſſe, ſehr befangen zu ſein, und wenn zuweilen irgend eine Ahnung in ihr aufzudämmern ſchien, daß in dem Benehmen des Herzogs gegen ſie eine Abſicht liegen könne, zog ſie ſich ſofort ernſt und kalt zurück mit einer Rückſichtsloſigkeit und Beſtimmtheit, die er bei einem ſo un⸗ erfahrenen Kinde nicht im Entfernteſten hatte vorausſetzen können.— Das war ihm neu und nöthigte ihn, mehr und länger über dieſen Gegenſtand nachzudenken, als dies ſonſt in ſeiner Gewohnheit lag. Er wurde zuweilen irre an ſich ſelbſt und ſchrieb den ganz unerwarteten Mangel an Erfolg anderen Urſachen zu, als denjenigen, welche ihm zum Grunde lagen.— Bin ich wirklich vielleicht ſchon zu alt? fragte er ſich im aufdämmernden Mißtrauen gegen ſich ſelbſt— habe ich die Kunſt verlernt, das Herz eines ſo unerfahrenen Kindes zu gewinnen? Thorheit— ich bin —.— ——.— ———— 181 nur aus der Uebung gekommen— der ſtete Umgang mit Frauen, die von Anfang an entſchloffen und bereit waren, meine Wünſche zu erfüllen und nur mehr oder weniger die Künſte der Coquetterie gegen mich verbrauchten, hat mich verwöhnt, hat mich abgeſtumpft und mich auf falſche Wege gebracht. Coquett iſt ſie zicht, darüber bin ich jetzt im Klaren, und obgleich ich es nle für möglich gehalten hätte, daß ein Weib ohne dieſe nothwendige Eigenſchaft einen Eindruck auf mich machen, einen Reiz für mich haben könnte— ſo thut ſie es dennoch, ſo ſonderbar es auch ſein mag. Es iſt etwas in ihr und an ihr, was mich anzieht, was mich feſſelt, obgleich ich noch nicht klar darüber ge⸗ worden bin, worin es beſteht.— Ihre Schönheit? Pah — es gibt viele eben ſo ſchöne und ſchönere Mädchen— ihre Schönheit iſt es nicht! Ich glaube, fuhr er nach länge⸗ rem Nachdenken fort, es iſt nichts weiter, als dieſer uner⸗ klärliche Widerſtand, der mich reizt— der aber doch eine Urſache haben muß, eine Urſache, die ich auffinden werde, um ſie zu vernichten. Auch die Bemühungen der Marquiſe waren bisher nicht von dem gewünſchten Erfolge begleitet geweſen, denn Margot hörte die Lobeserhebungen des Herzogs, welche immer nur gelegentlich und vorſichtig angebracht wurden, mit Gleichgültigkeit, häufig mit großer Zerſtreutheit an, und es blieb unzweifelhaft, daß ſie nicht den mindeſten Ein⸗ druck auf ſie machten. Der Herzog war und blieb für fie 182 eine ihr fernſtehende Perſon, deren Erwähnung höchſtens eine peinliche und der Furcht ähnliche Empfindung bei ihr erzeugte. Sie ſprach ungern von ihm und wurde ſchweig⸗ ſam und ernſter, wenn ihre Mutter das Geſpräch auf ihn lenkte, ſo daß deren fortgeſetzte Bemühungen in dieſer Beziehung nur den Erfolg hatten, ſie die Gegenwart des Herzogs vermeiden zu laſſen. Eine gegenſeitige Bera⸗ thung, welche die Verbündeten nach ungefähr vierzehn Tagen vornahmen, trug eine eigenthümliche Färbung, denn die Marquiſe war ſelbſt wider Erwarten zweifelhaft ge⸗ worden, ob es unter dieſen Verhältniſſen auch wirklich ge⸗ rathen ſei, die Ausführung des Planes weiter zu ver⸗ folgen. Es iſt mir bis jetzt noch nicht gelungen, eine Theil⸗ nahme für Sie bei meiner Tochter zu erkennen oder zu er⸗ wecken, äußerte ſie im Laufe des Geſpräches; ich ſage Ihnen dies ganz offen und ohne Rückhalt, da ich es für eine Thorheit halten würde, Sie in irgend einer Weiſe täuſchen zu wollen.— Ich bin Ihnen dafür ſehr dankbar, erwiederte der Herzog mit einem ruhigen Lächeln, und kann Ihnen die Verſicherung geben, daß ich dieſelbe Bemerkung ge⸗ macht habe. Es ſcheint mir faſt, als ob Margot wirklich nicht be⸗ fähigt wäre, eine Neigung für Sie zu faſſen. Sie gehen in Ihren Schlußfolgerungen zu weit, Frau ———— 183 Marquiſe; die Sache legt ſich etwas ſchwieriger und um⸗ ſtändlicher an, als ich erwartet habe— aber das Uebrige wird ſich dennoch Alles bald finden. Sie ſind Ihrer Sache ſehr gewiß. Das bin ich, oder vielmehr, das war ich von Anfaug an. Margot iſt ein eigenthümliches Mädchen, ſehr ver⸗ ſchieden von den Frauen, die ich früher kennen gelernt habe, aber dieſe Eigenſchaft macht ſie um ſo intereſſanter und erhöht für mich ihren Werth. Vermöge ihrer Erziehung, fern von dem Geräuſche und den Erfahrungen einer gro⸗ ßen Stadt, iſt ſie mit ſehr einfachen Anſchauungen aufge⸗ wachſen, an denen ſie feſthält und ſich bemüht, dieſelben auch ihren jetzigen Lebensverhältniſſen anzupaſſen. Ihr natürlicher Verſtand und ihr lebhafter Geiſt werden ſie jedoch bald erkennen laſſen, daß dies für die Dauer nicht möglich iſt, und es ſcheint mir daher vorzugsweiſe nöthig zu fein, ſie zu dieſer Ueberzeugung gelaugen zu laſſen. Daß ſie dazu kommen und an die Stelle desjenigen, was ſie, ohne ſich deſſen klar zu ſein, für das einzig Werthvolle hält, etwas Anderes von reellerem Werthe ſetzen muß, iſt eben ſo gewiß, als daß ſie ſich dann beſonders denjenigen zuneigen wird, welche ſie in den Beſis dieſer neuen Güter geſetzt haben. Und dazu rechnen Sie Sich? Mich und Sie, Frau Marquiſe; ich wüßte nicht, wer es nach unſerer Verabredung anders ſein ſollte. Ich will das zugeben, Herr Herzog, entgegnete die Marquiſe, indem ihr ſcharf beobachtender Blick den mit ruhiger Sicherheit auf ſie gerichteten Augen des Herzogs begegnete; aber Sie dürfen nicht vergeſſen, daß Margot meine Tochter iſt und daß, wie wir die Sache auch einklei⸗ den und verhüllen wollen, ich doch meine Pflicht als Mut⸗ ter gröblich verletzen würde, wenn ich ſie gegen ihren Willen und gegen ihre Neigung zu einer Verbindung ver⸗ anlaßte, von der ich mir ſagen müßte.... Daß ſie dadurch unglücklich würde— ergänzte der Herzog, als die Marquiſe in ihrer Rede zögerte, mit lä⸗ chelnder Miene. Wenn Sie das annehmen, ſo würden Sie gewiß ſehr unrecht handeln— ich aber, der ich in dem Beſitze meiner künftigen Gemahlin, woran Sie hof⸗ fentlich nicht zweifeln, mein Glück ſuche und zu finden hoffe, ich würde nicht nur unrecht, ſondern weit mehr, ich würde unklug und lächerlich handeln, denn Margot und meine Wenigkeit, wir bilden einmal in dieſer Sache die Hauptperſonen— dies ſcheint mir ebenfalls unzwei⸗ felhaft. Unzweifelhaft, wiederholte langſam die Marquiſe— deshalb verdient die Sache von Ihrer Seite nochmals die reiflichſte Erwägung. Sie ſcheinen mir wieder unſchlüſſig geworden zu ſein, entgegnete er mit ſichtlich verändertem Tone, und ich bin weit entfernt, Ihren mütterlichen Pflichten irgend Gewalt 185 anthun zu wollen. Ich habe angenommen, daß Sie eine vortheilhafte Meinung von mir beſitzen und bei mir dieje⸗ nigen Eigenſchaften vorausſetzen, welche Sie für Ihren künftigen Schwiegerſohn für nöthig erachten. Sind Sie deshalb in irgend einer Weiſe wieder zweifelhaft geworden, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß unſer Plan, deſſen Aus⸗ führung ja überhaupt kaum begonnen hat, wieder aufgege⸗ ben iſt— wir haben uns ja Beide ohnehin das ſtrengſte Geheimniß deshalb zugeſagt— ich bin durchaus nicht der Mann, der ſich Ihnen aufzudrängen die entfernteſte Abſicht hat, ſo ſehr ich mich auch gerade von den Eigenſchaften Ihrer Fräulein Tochter angezogen fühle. Die Bedenken, welche in der Seele der Marquiſe gegen die beabſichtigte Verbindung ihrer Tochter mit dem Herzoge ſich erhoben hatten, ohnehin nicht ernſtlicher und nachhaltiger Natur, begannen ſofort wieder zu ſchwinden, als ſie ſah, wie entſchieden der Herzog ihre Eröffnungen aufnahm. Der Anflug mütterlicher Zärtlichkeit und Be⸗ ſorgniß, welcher ſie einen Augenblick beſtimmt hatte, die Sache von einer anderen Seile aufzufaſſen, erblaßte wie⸗ der, und ſie ſagte ſich, daß ſolche Mädchenträumereien eben nichts ſeien, als Träumereien, welche das ſpätere Leben ohnehin vernichte, und daß man alſo verſtändiger Weiſe darauf keine Rückſicht nehmen und ſich einer Schwäche hin⸗ geben dürfe. Sie lächelte, als ob ſie dadurch zu erkennen geben 186 wolle, daß es ihr ſelbſt nicht Ernſt mit dem geweſen ſei, was ſie geäußert habe, und fuhr dann in freundlichem und unbefangenem Tone fort: Es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht geirrt habe, und Sie müſſen einer beſorgten Mutter dieſen Verſuch, die Echtheit Ihrer Zuneigung zu erforſchen, ſchon zu Gute halten. Alſo Sie mißtrauten mir? fragte der Herzog leicht⸗ hin, ohne ſich durch das veränderte Benehmen der Mar⸗ quiſe beirren zu laſſen— ich bin Ihnen dafür ſehr ver⸗ bunden. Sie hätten mich immerhin auf eine ſtärkere Probe ſtellen können— nur gibt es dabei eine Gränze, welche niemals überſchritten werden darf. Und welche wäre dies? Sobald Sie ſelbſt Zweifel darüber laut werden laſſen, daß dieſe Verbindung Ihren Abſichten nicht ent⸗ ſpricht, bin ich genöthigt, den Plan aufzugeben— das er⸗ fordert meine Ehre! Ich will mich nicht in eine Familie drängen, welche nur das mindeſte Bedenken hat.. Wie können Sie zu einer ſolchen Annahme kommen? unterbrach ihn die Marquiſe— meine Mittheilungen be⸗ zogen ſich lediglich auf Margot, und ich hielt es für meine Pflicht, es Ihnen nicht vorzuenthalten, daß eine Neigung zu Ihnen ſich bei ihr noch nicht gezeigt hat. Wenn es weiter nichts iſt, erwiederte der Herzog mit Selbſtbewußtſein, ſo überlaſſen Sie das mir. Sie können immerhin ganz offenherzig ſein und hinzufügen, daß Sie — — — —— ——— 187 bei Margot geradezu eine Abneigung gegen mich wahrge⸗ uommen haben— ich finde das um ſo intereſſanter. Sie werden ſelbſt ſehr oft die Erfahrung gemacht haben daß derartige, durch nichts begründete kindiſche Abneigungen— Sie geſtatten mir dieſen Ausdruck— ſpäter gerade in die hingebendſte Liebe umgeſchlagen ſind— es liegt dies in der Natur der Frauen, welche einmal ein Räthſel ſind und bleiben. Ich hoffe hier zu demſelben Erfolge zu kommen und deshalb eine um ſo glücklichere Ehe zu führen, wobei ich Ihnen nicht verhehlen will, daß dieſer unerwartete und mir bis jetzt noch unklare Widerſtand einen beſonderen Reiz für mich hat und ich mich wirklich freue, ihn gefunden zu haben. Es wird mir beſonders angenehm ſein, wenſ Ihre Erwartungen ſich bald realiſiren, entgegnete mit einem An⸗ fluge von Spott die Marquiſe. Weshalb dieſe Zeit unnöthig abkürzen, ſagte er mit der Miene eines Mannes, der ſich bewußt iſt, ſich einem für ſeine Jahre ungewöhnlichen Genuſſe hinzugeben— ich denke jetzt ſchon mit einer Art von Wehmuth daran, daß dies Alles nur zu bald vorübergehen und die Gewöhn⸗ lichkeit des Lebens wieder in ihre Rechte treten wird. Dieſer Gedanke iſt keineswegs ſchmeichelhaft für Ihre künftige Gemahlin. Was wollen Sie damit ſagen? fragte er mit einem melancholiſchen Lächeln. Sie ſelbſt können unmöglich glau⸗ 188 ben, daß ein ſolcher Zuſtand irgend eine Dauer haben könnte. Er iſt eben eine Täuſchung— eine Täuſchung, welcher ſich die Unerfahrenen, dieſe Glücklichen, hingeben in der Meinung und in der Ueberzeugung, daß es etwas Wirkliches— Ewiges ſei— denn ich glaube, nur der Wahnſinn, welchen man Liebe nennt, hat das unausdenk⸗ bare Wort„ewig“ erfunden— wir Erfahrenen aber... Nun, wir Erfahrenen? fragte ſie, als er ſchwieg. Wir Erfahrenen— ja, wir haben das Unglück, ſo überaus erfahren zu ſein, fuhr er fort; für uns kann dieſes Glück nur beſtehen, indem wir uns bewußt ſind, getäuſcht zu werden und ſelbſt zu täuſchen— aber gibt es noch ein anderes Glück für uns? Wir bemühen uns fortwährend, unſere Nerven und unſere Sinne aufzuregen und in ra⸗ ſchere Schwingungen zu verſetzen— weshalb? Wir trin⸗ ken Champagner, berauſchen uns an der Muſik oder an der Zärtlichkeit eines Weibes— weshalb? Wir wiſſen, wenn wir das erſte Glas an den Mund ſetzen, den erſten Ton an unſer Ohr ſchlagen laſſen, den erſten Kuß von einem ſchönen Munde trinken, daß wir am Anfange einer Erregung, eines Rauſches ſtehen, den herbeizuführen wir uns ſehnen, weil er uns die Miſore der Gewöhnlichkeit für eine kurze Zeit entrückt— das wiſſen wir, auch daß wir leider ſehr bald daraus wieder erwachen müſſen, vielleicht noch abgeſpannter und gelangweilter, wie wir es bisher waren— aber es iſt ja noch das Einzige, was uns bleibt, 189 und wir müſſen leider die ſehr niederſchlagende Erfahrung machen, daß ſelbſt die Fähigkeit zu dieſen Selbſttäuſchun⸗ gen mit jedem Tage abnimmt.— Das iſt das menſch⸗ iiche Leben— ein unausgeſetzter Kampf mit der Vernich⸗ tung, welche ſchon das neugeborene Kind mit ihren Armen umſchlingt, um damit, je nach Laune oder Belieben, ein kürzeres oder etwas längeres Spiel zu treiben. Sie haben ja recht umfaſſende Studien in der neuen, ſo überaus troſtvollen Philoſophie gemacht, Herr Herzog, erwiederte die Marquiſe— ich hätte dies kaum von Ihnen erwartet, ſchon weil dieſe Philoſophie, abgeſehen von ihrer gänzlichen Negation alles Beſſeren und Höheren, der Re⸗ volution den Weg gebahnt und diejenigen Zuſtände herbei⸗ geführt hat, unter denen wir jetzt uns beugen müſſen. Belehren Sie mich eines Beſſeren— ich werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſein, ſagte er mit ungewohntem Ernſte. Uebrigens, fuhr er in plötzlich verändertem, ſcher⸗ zendem Tone fort, übrigens wiſſen Sie ſehr wohl, daß man Vieles aus reiner Luſt zum Widerſpruche ſagt, Vie⸗ les, worüber man ſchließlich doch ganz anders denkt. Faſſen Sie meine letzten Aeußerungen in dieſer Weiſe auf. Ich habe mir das bereits ſelbſt geſagt, denn jeder Menſch, auch der klügſte und erfahrenſte, gefällt ſich zuwei⸗ len in Uebertreibungen; aber ſo viel iſt mir zu meinem Bedauern doch klar geworden, daß Sie von der Ehe eine keineswegs ſchmeichelhafte Vorſtellung haben, ſondern in 190 derſelben lediglich einen ernüchterten Zuſtand nach dem Schwinden der Illuſion„Liebe“ betrachten. Ihr Urtheil iſt durchaus irrig, ſagte er, ſichtlich be⸗ müht, die begangene Unvorſichtigkeit wieder auszugleichen. Keinem Menſchen iſt die Fähigkeit verliehen, fortwährend in ſogenannten Illuſionen zu leben, die größere oder min⸗ dere Befähigung dazu iſt das, was wir Glück nennen. Die Ehe iſt ein Vertrag, durch welchen zwei Perſonen ver⸗ ſchiedenen Geſchlechtes ſich verbinden, in engſter Gemein⸗ ſchaft mit einander zu leben, mit dem vom gegenſeitigen Egoismus erzeugten Beſtreben, ſich dieſe Gemeinſchaft ſo angenehm und reizvoll wie möglich zu machen. Derjenige, welcher in dieſem Beſtreben nachläßt oder es gar ganz auf⸗ gibt, begeht eine feindſelige Handlung gegen ſich ſelbſt, indem er all der Genüſſe verluſtig wird, die ihm die ge⸗ genſeitige Erfüllung des Vertrages verſchaffen würde. Die meiſten Ehen ſind lediglich deshalb ſo ugſſa ich, weil die Contrahenten dies niemals eingeſehen haben. Soge⸗ nannte Herzensneigungen, mehr oder weniger nichts als verſchleierte Sinnlichkeit, haben ſie in eine Gemeinſchaft gebracht, von welcher ſie nicht haſtig genug die perlenden, erregenden Schaumwellen wegtrinken können, damit ihnen nichts übrig bleibe, als ein fades, unſchmackhaftes Getränk, welches ihnen natürlich nicht mehr zuſagt. Während ſie gemeinſchaftlich die Schuld davon tragen, ſind ſie thöricht und eigennützig genug, dies lediglich Einer dem Anderen 191 beizumeſſen, den ſie mit Vorwürfen überhäufen, daß er nicht noch immer ſo berauſcht ſein könne, wie ſonſt, wäh⸗ rend ſie ſelbſt ſo gewaltig nüchtern geworden ſind. Wir aber, die wir über dieſe Dinge nachgedacht und unſere Erfahrungen darin gemacht haben, werden uns in Acht nehmen, ſo thöricht und verſchwenderiſch zu handeln. Wir werden mit dem Genuſſe von Anfang an haushälteriſch und ſparſam umgehen, damit wir nie in die Lage eines Verſchwenders kommen, der ſein Vermögen auf einmal und auf eine nutzloſe Weiſe vergeudet. Jedes Ding hat irgend einen Nutzen— ſelbſt die Erfahrung, dieſe gleißneriſche Dirne, welche immer häßlicher wird, je mehr ſie ſich ent⸗ blößt.— Ich hoffe mit meiner künftigen Gemahlin ſo glücklich zu leben, als dies überhaupt möglich iſt. Es wird keine Zeit geben, wo wir im Taumel Alles um uns her vergeſſen und dabei dem Abgrunde immer näher kom⸗ men— aber wir werden auf dem Wege, den wir mit ein⸗ ander fortwandern, wenn es heiß und ſtaubig darauf wird, immer einen Vorrath von Erfriſchungen und ein ſchattiges Plätzchen beſitzen, auf welchem wir uns an denſelben laben können. Es liegt zwar etwas Schwärmerei und etwas Ueber⸗ hebung in Ihren Worten, erwiederte lächelnd die Marquiſe — aber ich liebe das an dem Manne und hätte es Ihnen eigentlich gar nicht zugetraut. Sie wollen mir ſchmeicheln, ſagte der Herzog in ſei⸗ 192 ner gewohnten Weiſe, aber ich hoffe, daß Sie meine An⸗ ſicht theilen und Sich über das künftige Schickſal Ihrer Fräulein Tochter beruhigen. Ich war deshalb niemals in Unruhe. So hätte ich mir dieſe lange Erörterung ſparen kön⸗ nen— nun, es iſt immerhin gut, ſich einmal gegenſeitig auszuſprechen. Aber ich bitte Sie, nun der Sache einen ernſtlicheren Fortgang zu verſchaffen und Margot davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ich die Abſicht habe, mich um ihre Hand zu bewerben. Halten Sie es für gut? Allerdings. Ein Mädchen betrachtet einen Mann, in dem ſie möglicher Weiſe ihren künftigen Gatten ſieht, mit ganz anderen Augen, und ich ziehe es vor, ihr dieſen Einblick zuerſt durch ihre Mutter verſchaffen zu laſſen. Wie Sie es für gut halten, erwiederte die Marquiſe nachdenkend. Sie werden ihr natürlich dabei ſagen, daß dieſe Ver⸗ bindung zu ihrem Glücke diene und daß ſie dadurch Ihren und Ihres Herrn Gemahls Wünſchen entſ ſhea würde. Meines Mannes? fragte die Marquiſe unruhig. Nun natürlich, auch Ihres Herrn Gemahls— ich ſetze voraus, daß dies der Fall iſt. Wie können Sie daran zweifeln! Sie werden im Laufe des Geſpräches ſie auf ihre * — — — 193 Pflichten als Kind aufmerkſam und ihr begreiflich machen — doch Sie verſtehen mich, ohne daß ich nöthig haben werde, mich ausführlich zu äußern. Sie haben alſo Ihren Plan geändert, fragte ſie nicht ohne Erſtaunen, denn Sie beabſichtigten doch, wenn ich Sie recht verſtanden, zuerſt, ſelbſt ihre Neigung zu ge⸗ winnen? Das beabſichtige ich auch noch. Es handelt ſich nicht um ihre Neigung, ſondern darum, daß ich dieſe Ab⸗ ſicht habe und daß dieſelbe mit Ihren und Ihres Herrn Gemahls Wünſchen übereinſtimmt— das Weitere über⸗ laſſen Sie dann mir. Ich werde nach Ihren Wünſchen verfahren; es ſcheint mir ohnehin angemeſſen, daß die Sache zu einem baldigen Ende geführt werde, und deshalb nöthig, daß wir Beide aus unſerer bisherigen abwartenden Stellung heraus⸗ treten. Das iſt ganz meine Anſicht, erwiederte er ruhig; den Brautſtand werden wir ſo viel wie möglich abkürzen, und po hoffe ich, in ſpäteſtens drei Monaten das Glick zu haben, Ihre Fräulein Tochter meine Gemahlin nennen zu können. 6— Gräfin und Marguiſe. MI. Dreizehntes Cupitel. Ju Folge dieſer Unterredung ging die Marquiſe zu ernſtlicheren Maßnahmen über. Zuerſt verſicherte ſie ſich des Zugeſtändniſſes ihres Mannes. Sie hatte darauf bis⸗ her weniger Werth gelegt, weil ſie aus Erfahrung wußte, daß ſein Widerſtand, ſelbſt wenn er anfänglich den Anſchein von Energie hatte, doch ſchließlich immer im Sande ver⸗ lief. Der Marquis gehörte zu derjenigen Gattung von Menſchen, welche einem edleren und beſſeren Gefühle zwar oft mit Emphaſe Ausdruck verleihen, deren gute Abſichten aber, wenn es zur Ausführung kommt, einem aufflackern⸗ den Strohfeuer gleich ſofort wieder verlöſchen. Energie und Zähigkeit, welche allein geeignet ſind, diejenigen Hin⸗ derniſſe zu überwinden, welche ſich der Erreichung eines zu erſtrebenden Zieles ſtets mehr oder weniger entgegenſtellen, waren ſeinem Charakter durchaus nicht eigen. Er erlahmte an den erſten Schwierigkeiten, welche ſeine Abſichten krenz⸗ 195 ten, und zu dieſen Schwierigkeiten gehörte meiſtentheils der Wille ſeiner Frau, welcher eben ſo planvoll und rück⸗ ſichtslos auftrat, als der ſeinige ſich abſchwächte. Er konnte dieſes fortgeſetzte Widerſprechen und die damit unabweis⸗ lich verbundene Störung ſeiner Ruhe nicht ertragen und beredete ſich gewöhnlich ſehr bald ſelbſt, daß er eigentlich doch nicht ganz im Rechte ſei, daß die Sache wenigſtens ihre zwei Seiten habe und ſeine Frau nicht ſo hartnäckig auf ihrer Meinung beſtehen werde, wenn ſie ſich nicht von der Richtigkeit derſelben vollſtändig überzeugt hätte. Dieſe Unterordnung ſeines ſchwächeren Geiſtes unter den ſtärke⸗ ren ſeiner Frau war im Laufe der Zeit zur Gewohnheit bei ihm geworden, ſo daß dieſe ſelbſt auf ſeinen Widerſpruch von Anfang an überhaupt keinen Werth mehr legte, weil ſie wußte, daß es damit doch nichts zu ſagen habe. In dem gegebenen Falle lag die Sache jedoch eini⸗ germaßen anders, denn es galt nicht nur, die Anſicht ihres Mannes zu berichtigen, ſondern auch zugleich die Zuſtim⸗ mung Margot's zu erlangen. Es konnte daher leicht der Fall eintreten, daß, wenn die letztere feſt blieb, ihr Mann ſich auf ihre Seite ſtelle, wozu ihn ſeine eigene Ueberzeu⸗ gung trieb und, mochte er ſo oder ſo beſtimmen, immer in einen Kampf verwickelt wurde, was ſeiner nach Ruhe und Bequemlichkeit verlangenden Natur zuwider war. Sie mußte daher hier um ſo mehr mit beſonderer Vorſicht zu Werke gehen, als es ihr nicht entgangen war, 13 196 daß Margot's Vertrauen ſich viel mehr ihrem Vater als ihr ſelbſt zuneigte und das Verhältniß zwiſchen Vater und Tochter daher ein innigeres geworden war, als dasjenige zwiſchen Tochter und Mutter. Sie wandte zuerſt auch hier ein oft gebrauchtes und eben ſo vft bewährtes Mittel an, indem ſie bei einer ſpäte⸗ ren Unterredung mit ihrem Manne über den Gegenſtand, bei welchem er eine eigene und abweichende Meinung au den Tag gelegt hatte, von der Annahme ausging, daß er ſich bereits gefügt habe. Er ſtand dann ſelbſt gewöhnlich von fernerem Widerſpruche ab, weil er es ſich inzwiſchen klar gemacht hatte, daß er doch zu nichts führen werde und er ſo der Unannehmlichkeit überhoben würde, ſeine Sinnes⸗ änderung ſelbſt anzuerkennen oder auszuſprechen. Ich habe heute wieder eine längere Unterredung mit dem Herzoge gehabt, leitete ſie daher das Geſpräch ein, und mich nun vollſtändig überzeugt, daß er Margot wirk⸗ lich und wahrhaft liebt. Er liebt ſie? fragte er zweifelhaft und nicht ohne Er⸗ ſtaunen— und davon haſt Du Dich überzeugt?— Ich hätte dies kaum für möglich gehalten. Ich will Dir offenherzig geſtehen, Louis, erwiederte ſie in zuſtimmender Weiſe, daß ich ſelbſt meine großen Zweifel deshalb gehabt habe. Du hatteſt die Sache von einer anderen Seite aufgefaßt, und ich kann nicht leugnen, daß mich dies ſehr beunruhigt hat. Denn war Deine Mei⸗ 197 uung die richtige, ſo würde es unverantwortlich geweſen ſein, auf die Anträge des Herzogs einzugehen, wir hätten ſie vielmehr entſchieden zurückweiſen müſſen. Es freut mich, daß Du dies einſiehſt, Nannon, er⸗ wiederte der Marquis mit ſichtlicher Befriedigung— aber Du glaubſt, daß meine Anſicht nicht die richtige gewe⸗ ſen ſei? Würde ich ſonſt ſo zu Dir ſprechen? Es liegt eine große Beruhigung für mich darin, daß Du nun ſelbſt und aus freien Stücken Deine Meinung geändert haſt und daß wir in dieſer wichtigen Sache einverſtanden ſind. Ja, das gereicht mir ebenfalls zur großen Beruhigung — aber Du haſt mir noch gar nicht mitgetheilt, wodurch Deine Zweifel, die ja auch die meinigen waren, gehoben worden ſind. Ich glaube, Du haſt die Ueberzeugung, daß ich einen ſcharfen Blick beſitze und mein Urtheil über einen Menſchen nicht durch Aeußerlichkeiten beſtechen laſſe. Er nickte zuſtimmend. Als der Herzog mir ſeine Abſicht zu erkennen gab, ſich um die Hand unſerer Tochter zu bewerben— ich will es Dir offenherzig bekennen,— erſchrak ich. Ich ſagte mir ungefähr dasſelbe, was Dein Herz bei dieſer Nachricht em⸗ pfand, denn uns verbindet in dieſer Angelegenheit ganz dasſelbe Intereſſe. Ich habe inzwiſchen den Herzog genau beobachtet und mich oft und länger mit ihm unterhalten. Eyiſt ein kluger und gewandter Mann, Eigenſchaften, die ſehr in das Gewicht fallen, wenn ſie auch den Werth eines Menſchen nicht allein beſtimmen. Die Ueberzeugung, daß ſein Weſen oder derjenige Theil ſeines Weſens, der uns Beiden nicht zuſagt, nur Manier, nur die Schale ſei, welche einen edlen und geſunden Kern umſchließt, gewann immer mehr Raum in mir und ſteht jetzt über allen Zweifel erha⸗ ben da. Seine Anſichten von der Liebe und von der Ehe ſind ſo ehrenwerth und bekunden ein ſo tiefes und wahres Gefühl, daß ich erſtaunt war, ſie aus ſeinem Munde zu hören. Er trägt, wie er mir lächelnd bekannte, die Maske der Blaſirtheit und Ueberſättigung, weil er es für klug und rathſam hält, ſein wahres Geſicht nicht Menſchen zu zeigen, die darüber nur mitleidsvoll lächeln würden. Aber er hat doch viele Liaiſons gehabt— Maitreſ⸗ ſen unterhalten. Zu ſeiner untethaltung und vielleicht nicht einmal deshalb, ſondern lediglich, um das zu ſcheinen, was man in dieſer traurigen Zeit wirklich ſein muß, wenn man zur haute volée gehören und ſich nicht lächerlich machen will. Eine Frau bedarf jetzt eines Mannes von Erfahrung, nicht eines girrenden Schäfers oder eines unklaren Schwächlings. Der Herzog hat das Leben kennen gelernt, das unterliegt keinem Zweifel; dieſe Eigenſchaft iſt aber ein großer Vor⸗ zug deshalb, weil er den Schmutz desſelben eben ſo ſehr verachten gelernt hat, als ein Neuling danach verlangt. . 199 Er ſehnt ſich nach einer ruhigen. friedlichen Häuslichkeit und nach dem Glücke, von einem reinen Weſen erkannt und geliebt zu werden. Er wird auch ſpäter in ſeinem Beneh⸗ men keine Aenderung eintreten laſſen und den Verhältniſ⸗ ſen äußerlich Rechnung tragen, aber im engeren häuslichen Kreiſe, im unbeobachteten intimen Umgange wird er ſeiner jungen Gattin das ganze Glück ſpenden, welches zu geben er eben ſo befähigt, als Margot werth iſt, es zu empfangen. Ich habe die Sache nicht von dieſem Geſichtspuncte aufgefaßt, erwiederte der Marquis, und muß geſtehen, daß ich den Herzog nach dem, was Du mir ſagſt, ganz falſch beurtheilt habe. Darüber brauchſt Du Dir keinen Vorwurf zu machen, denn ich bin ja ebenfalls in denſelben Fehler verfallen. Du glaubſt alſo, daß Margot durch dieſe Verbindung glücklich werden wird? So glücklich, als dies nach menſchlicher Vorausſicht möglich iſt. Jede Ehe iſt mehr oder weniger ein Lottoſpiel, aber die Eltern können nicht mehr thun, als gewiſſenhaft erwägen, ob die Chancen zum Gewinne glücklich ſtehen. Dabei verdient es, wenn auch erſt in zweiter Reihe, doch reifliche Beachtung, daß der Herzog zu den älteſten Fami⸗ lien des legitimen Adels Frankreichs gehört und daß unſere Tochter künftig ein Mitglied dieſer Familie, eine Herzogin ſein wird. Aber er iſt nicht reich. — 200 Margot iſt unſer einziges Kind, und ſeine Anſprüche als unſer künftiger Schwiegerſohn ſind nicht unbeſcheiden. Unter dieſen Verhältniſſen ſcheint es mir allerdings ebenfalls räthlich, auf die Verbindung einzugehen— vor⸗ ausgeſetzt, daß Margot damit einverſtanden iſt und eine wirkliche Neigung zu dem Herzoge empfindet. Ueber dieſen Punct haben wir uns noch auszuſpre⸗ chen, denn es wird vor Allem nöthig ſein, daß in unſeren Anſichten eine völlige Uebereinſtimmung beſteht. Natürlich— eine vollkommene Uebereinſtimmung. Margot neigt etwas zur Schwärmerei, fuhr die Mar⸗ quiſe nach einer kurzen Pauſe fort, als ob ſie ihre Worte vorher noch einmal hätte überlegen wollen; es iſt dies das Ergebniß ihrer eigenthümlichen Erziehung. Bis zu ihrem ſechszehnten Jahre hat ſie lediglich mit dem alten Viorne zuſammengelebt und dann ſich in der Geſellſchaft von Men⸗ ſchen befunden, die mehr oder weniger auf ſich ſelbſt und auf die langweiligen und unbedeutenden Ereigniſſe eines abgeſonderten Thales angewieſen waren. Das eigentliche Leben iſt ihr ganz fremd geblieben; ſie hat davon entweder gar keine oder ſehr unklare und irrige Vorſtellungen. Das wird ſich natürlich mit der Zeit verlieren, namentlich an der Hand eines verſtändigen und erfahrenen Mannes. Da es ſich jetzt aber darum handelt, daß ſie dies erkennt und einſieht, ſo dürfen wir ſie darin ſich nicht ſelbſt überlaſſen, 201 ſondern haben die Pflicht, in dieſer Beziehung auf ſie ein⸗ zuwirken. Wie meinſt Du das? Wie ich das meine? Ich ſollte denken, ich hätte mich deutlich ausgeſprochen und die Sache hätte Dir klar ſein können; da es aber noch nicht der Fall zu ſein ſcheint, ſo will ich mich noch weitläufiger erklären. Es handelt ſich darum, Margot zu der Einſicht zu bringen, daß dieſe Ver⸗ bindung zu ihrem Glücke nöthig ſei— daß ſie es iſt, da⸗ von haben wir Beide uns überzeugt, und wir ſind jeden⸗ falls beſſer im Stande, dies zu beurtheilen, als ſie. Es dürfen aber bei ihr nicht die entfernteſten Zweifel darüber aufſteigen, daß wir Beide dieſer Ueberzeugung ſind, dann wird ſie bald ebenfalls zu derſelben Anſicht kommen und nachgeben. Nachgeben? wiederholte der Marquis wieder unſchlüſ⸗ ſig— Du glaubſt alſo, ſie werde ſich weigern? Ach, ſie hat den Kopf voller thörichter Ideen? Sie denkt immer noch viel an einen Menſchen, welcher eine Zeit lang Inſpector bei Wehrings war und es, wahrſcheinlich zu ſeiner Unterhaltung, für angemeſſen erachtet hat, ihr Unterricht zu ertheilen. Junge Mädchen pflegen die erſten Anfänge der in ihrem Herzen erwachenden Regungen im⸗ mer auf einen ihrer Lehrer zu übertragen, in dem ſie das verkörperte Ideal aller der ſchönen Gedanken zu erblicken glauben, welche er ihnen aus Dichtern und Schrift⸗ 202 ſtellern vorlieſ't— das iſt eine bekannte Erfahrung, die faſt jede Frau gemacht hat, um in ſpäteren Jahren darüber zu lächeln. So weit iſt Margot jedoch noch nicht gekom⸗ men; ſie hängt überhaupt noch immer mit einer gewiſſen Schwärmerei an denjenigen Perſonen, mit welchen ſie der Zufall eine Zeit lang zuſammengeführt hat, und kann des⸗ halb nicht zu einer richtigen Beurtheilung ihrer Gegenwart und Zukunft gelangen. Ich finde dies ſehr natürlich. Immerhin— wir haben aber die Pflicht, ſie deshalb aufzuklären, ihre Anſichten zu berichtigen und jene thörich⸗ ten Ideen aus ihrem Kopfe zu entfernen. Es iſt daher erforderlich, fuhr ſie mit etwas erhobener Stimme fort, daß wir ihr beſtimmt und ohne Rückhalt erklären, wir hiel⸗ ten ihre Verbindung mit dem Herzoge zu ihrem Glücke für nothwendig. Es muß nicht der mindeſte Zweifel dar⸗ über bei ihr beſtehen bleiben, daß dies unſer Beider wohl⸗ erwogene Ueberzeugung, unſer dringender und ſehnlicher Wunſch ſei, und daß wir die Erfüllung dieſes Wunſches, ſelbſt gegen ihre Anſicht, aber zu ihrem eigenen Glücke, nöthigenfalls als einen Aet des uns ſchuldigen kindlichen Gehorſams von ihr fordern. So weit ſollen wir gehen? fragte der Marguis, der anfing zu erkennen, daß die Angelegenheit doch noch ihre Schwierigkeiten und Beunruhigungen für ihn haben könne — ich ſehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir ihrer Nei⸗ —— 203 gung Zwang anthun und ſie bereden ſollen, einen Mann zu heirathen, der ihr nicht gefällt. In dieſer Beziehung, glaube ich, muß ihr die entſcheidende Stimme bleiben, denn ſie ſoll ja den Herzog heirathen, und nicht wir. Du redeſt wieder vollkommen kindiſch, fuhr die Mar⸗ quiſe heftig auf, oder wenigſtens doch ſehr unüberlegt, ſetzte ſie mildernd hinzu. Haben wir keine Pflichten als Eltern? Würden wir ſie, ſelbſt mit Gewalt, nicht hindern, etwas zu thun, was zu ihrem Verderben gereichte 2 Wür⸗ den wir, wenn ſie einen ſolchen Schritt thun, ſich zum Bei⸗ ſpiel mit einem verworfenen Menſchen verbinden wollte, nicht unſere elterliche Autorität mit aller Entſchiedenheit und aller uns zu Gebote ſtehenden Macht geltend machen? So elwas wird ſie niemals thun. Darauf kommt es gar nicht an; ich erwähnte dies als eines Beiſpiels; aber es bleibt ganz dasſelbe, wenn wir ſe⸗ hen, daß ſie ſich weigert, etwas zu thun, was zweifellos zu ihrem Glücke führt. Es iſt kein Unterſchied darin, eine Handlung zu verweigern, die uns lebenslänglich glücklich ma⸗ chen würde, oder eine zu begehen, die das Unglück in ihrem unmittelbaren Gefolge hat. Die Reue über ein verſcherztes Glick iſt eben ſo ſtark, als über ein ſich ſelbſt zugezogenes unglück. Die Folgen ſind dieſelben. Wir, die wir nach den Geſetzen der Natur und vermöge der uns obliegenden Pflichten verbunden ſind, Beides von unſerem Kinde abzu⸗ wenden, wir dürfen in einem ſo wichtigen Falle nicht die 204 Hände willenlos in den Schooß legen, wir müſſen unſere Pflichten erfüllen, wenn wir davon auch einige Unruhe ha⸗ ben, und nichts unverſucht laſſen, um denjenigen Zuſtand für unſer der Erfahrung und der beſſeren Einſicht noch er⸗ mangelndes Kind herbeizuführen, den wir Beide zu ihrem Glücke für nöthig erkannt haben. Aber wir können ſie doch nicht zwingen, wenn ſie ſich entſchieden weigert? Du gehſt immer von ganz abnormen Vorausſetzun⸗ gen aus. Es iſt möglich, ſogar nicht unwahrſcheinlich, daß ſie ſich anfänglich weigern wird. Ich habe Dir die Gründe, weshalb dies ſein kann, bereits umſtändlich aus einander geſetzt und nehme an, daß Du ſie endlich anerkannt haſt. Dieſe Weigerung wird bei ihr aber gewiß nur vorüberge⸗ hend ſein, ſobald ſie die feſte Ueberzeugung gewonnen hat, daß ſie durch ein Beharren darauf mit ihren kindlichen Pflichten in einen unlösbaren Conflict gerathen würde. Wir ſollen ihr alſo einen moraliſchen Zwang anthun? Du biſt heute wahrlich unleidlich, Louis! fuhr die Marguiſe auf, die ihre Ungeduld über den ungewöhnlich beharrlichen Widerſpruch ihres Mannes nicht länger zu un⸗ terdrücken vermochte— erkläre Dich nun endlich klar und deutlich; willſt Du das Glück Deines Kindes oder willſt Du es nicht? Wenn Du es willſt, kannſt Du Dich dazu aufſchwingen, es mit Feſtigkeit und Beharrlichkeit herbei⸗ führen zu helfen, oder ziehſt Du es vor, um in Deiner Dir 205 über Alles gehenden Behaglichkeit nicht geſtört zu werden, Alles wieder gehen zu laſſen, wie es der Zufall fügt, um dann nachher, wenn es zu ſpät iſt, Klagelieder anzuſtim⸗ men und Dir Vorwürfe zu machen, daß Du meinen Rath nicht befolgt haſt. Wie kannſt Du nur ſo fragen? erwiederte er einge⸗ ſchüchtert— das Glück meines einzigen Kindes geht mir über Alles. Nun, endlich! Du wirſt alſo Deine ganze Autorität, Deine ganze Beredſamkeit anwenden, um es Margot klar zu machen, daß ihre Verbindung mit dem Herzoge zu ihrem Glücke diene. Ich werde ihr das ſagen. Du wirſt Dich nicht irre machen laſſen, wenn ſie Dir verſichert, daß dies kein Glück, ſondern ein Unglück für ſie ſei— ich nehme dieſen Fall an, obgleich ich nicht glaube, daß er eintreten wird,— Du wirſt dann bedenken, daß ſie ein völlig unerfahrenes Kind iſt, welches in ſeinem Kopfe unklare und unreife Ideen herumträgt; Du wirſt ſie beleh⸗ ren, ihr Vorſtellungen, eindringliche Vorſtellungen machen! Ich werde ihr ſolche Vorſtellungen machen, erwiederte er mit einem Seufzer. Du wirſt durch ihre Bitten, durch ihre Klagen, ſelbſt durch ihre Thränen Dich nicht ſchwankend machen laſſen, keine Schwäche zeigen, ſondern feſt bleiben! 206 Sollte es ſo weit kommen, Nannun? fragte er er⸗ ſchrocken— Du glaubſt.... Ich glaube vorläufig, daß ſie ſelbſt keine Weigerung erhebt, unterbrach ihn die Marquiſe, und übernehme es, ihr die erſten Mittheilungen zu machen und ihr alle Gründe darzulegen, die uns beſtimmen, dieſe Verbindung zu wünſchen. Ja, ja, das mußt Du thun, ſagte er beruhigter. Sollte ſie dann aber wider Erwarten vorerſt Bedenken haben oder ſich gar weigern ſollte ſie, was in dieſem Falle wahrſcheinlich iſt, ihre Zuflucht zu Dir nehmen, ſo mußt u ihr von vorn herein nicht die mindeſte Hoffnung ma⸗ chen, daß ſie an Dir einen Verbündeten gewinnen könne, ſondern ihr feſt und beſtimmt erklären, daß ihre Verbin⸗ dung mit dem Herzoge auch Dein wohlerwogener Wunſch ſei und daß es Dich ſehr unglücklich machen würde, wenn ſie ihn zu erfüllen Anſtand nähme. Aber wenn ſie nun doch dadurch nicht glücklich würde? Fange doch nicht wieder von vorn an, ſondern beher⸗ zige endlich, was ich Dir geſagt habe und was Du auch eingeſehen haſt. Wie kann ein ſo junges Mädchen beur⸗ theilen, ob ſie durch dieſe Heirath glücklich wird? Die Liebe findet ſich immer erſt in der Ehe; was vorhergeht, iſt ein flackerndes Feuer, dem es bald an Nahrung gebricht. Doch wozu dieſe mtzloſen nochmaligen Erörterungen— v—— —.—..————— 207 erkläre Dich endlich; willſt Du oder willſt Du nicht? Du haſt als Vater dabei die entſcheidende Stimme. Natürlich will ich, ſagte er ziemlich kleinlaut; wir ha⸗ ben das ja ſchon verabredet. Das heißt, Du willſt es ohne Schwäche, ohne wieder ſchwankend zu werden. Weshalb ſollte ich wieder ſchwankend werden? Wenn ich mich einmal entſchloſſen habe, ſo bin ich gewohnt, mei⸗ nen Entſchluß auch auszuführen. Nun, ich habe dies von Dir erwartet; denn was kann eine Frau ohne die Unterſtützung ihres Mannes, ſagte ſie mit wenig verhehltem Spotte; der Mann iſt immer die Hauptperſon. Ich werde jetzt zu Margot gehen, fuhr ſie nach einiger Zeit fort, und ſie von unſerem Plane in Kennt⸗ niß ſetzen. Fürchte nicht, bemerkte ſie lächelnd weiter, daß heute ſchon Deine koſtbare Ruhe dadurch geſtört werden wird. Meine Mittheilungen ſollen ſich vorläufig nur auf allgemeine Andeutungen beſchränken, und ſelbſt wenn ſie volſtändig unterrichtet iſt, wird es immerhin einiger Zeit bedürfen, ehe ſie Deine Meinung erforſchen wird, wenn Du es nicht vorziehen ſollteft, ihr dieſelbe ebenfalls mit⸗ zutheilen. Ich wüßte nicht, weshalb ich das thun ſollte, es würde vorſchnell gehandelt ſein; vielleicht iſt ſie ja einverſtanden, was ich von Herzen wünſche, oder es gelingt Dir ſchon al⸗ lein, ihr Einverſtändniß zu erlangen— in dieſem Falle würde ich.... Nichts zu thun haben, unterbrach ſie ihn lächelnd, als Deine Einwilligung und Deinen Segen zu ertheilen, eine Handlung, die Dir gewiß keine Mühe verurſachen würde. Ich glaube und hoffe ſicher, daß es ſich ſo machen wird, bemerkte er, von dieſer Ausſicht ſichtlich erfreut— Margot iſt ein gutes, folgſames Kind, und Du verſtehſt es ja ohnehin beſſer wie ich, ſie über etwaige Irrthümer auf⸗ zuklären. Die ganze Angelegenheit, welche ſchon anfing, mir erhebliche Beſorgniſſe zu machen, wird zu unſer Aller Befriedigung enden, und ich hätte gar nicht nöthig gehabt, mich deshalb zu beunruhigen. Pierzehntes Capitel. Es ſteht feſt und iſt bereits beſchloſſen, ſagte der Her⸗ zog lächelnd zu einem Oberſten der Chaſſeurs, mit welchem er im eifrigen Geſpräche begriffen zu ſein ſchien, während ein Kreis neugieriger Herren ihnen zuhörte, Sie können Sich ſicher darauf verlaſſen, ich beſitze ſehr gute Quellen und würde mir nicht erlauben, Ihnen dieſe Mittheilung zu machen, wenn die Sache nicht über jeden Zweifel erhaben wäre und außerdem das Stadium der Geheimhaltung ver⸗ laſſen hätte. Freiwillig abgedankt? Ich kann es mir immer noch nicht denken, entgegnete der Oberſt mit zweifelnder Miene. Was nennen Sie freiwillig? Dieſes Wort und der damit verbundene Begriff beſitzt eine eben ſo elaſtiſche Ausdehnung, wie jedes andere. Man thut ſehr Vieles freiwillig, was man nicht gethan haben würde, wenn man Gräfin und Marquiſe. III. 14 210 nicht erkannt hätte, daß es beſſer ſei, wenigſtens auf dieſe Weiſe den Schein zu retten oder von zwei Uebeln das kleinſte zu wählen— alle Menſchen ſind und bleiben Sclaven der Verhältniſſe, und der ſogenannte freie Wille iſt nichts als eine von den vielen ſelbſtgeſchaffenen Illuſio⸗ nen, mit denen wir unſere Gefängniſſe ausſchmücken. Sie gefallen Sich in Widerſprüchen; doch denken Sie darüber, wie Sie wollen, ich halte mich an den Sprachgebrauch, das Uebrige kümmert mich wenig. Es ſteht alſo feſt, daß der König von Holland freiwillig ab⸗ gedankt hat? Es ſteht feſt, erwiederte lächelnd der Herzog, eben ſo ſteht es feſt, daß Holland freiwillig Frankreich einverleibt wird oder in dieſem Augenblicke vielmehr ſchon einverleibt iſt, und daß die Gränzen des Kaiſerreiches künftig von Weſel bis Hamburg ſich erſtrecken werden, ſo daß der ganze nördliche Küſtenſtrich Deutſchlands von jetzt an ebenfalls freiwillig zu Frankreich gehört. Nun, ich habe nichts dagegen, erwiederte mit einem befriedigten Lächeln der Oberſt, es hätte längſt geſchehen ſollen. Wozu das Narrenſpiel mit den kleinen deutſchen Königreichen und was ſie ſonſt ſein mögen? Sie müſſen alle zu Frankreich kommen, das iſt das wenigſte, was ge⸗ ſchehen kann, nachdem wir ſie in ſo vielen Schlachten be⸗ ſiegt und vernichtet haben. Weshalb überhaupt noch Um⸗ — 211 ſtände mit dieſen Leuten machen, obgleich ſie es kaum ver⸗ dienen, dem großen Reiche des Kaiſers anzugehören! Sie ſind alſo mit dieſer Maßregel einverſtanden? Ich bin mit Allem einverſtanden, was der Kaiſer thut, wenn ich auch wünſchte, daß er weniger rückſichtsvoll mit dieſen Leute verführe. Nun, vielleicht ändert er ſeine Geſinnungen auch noch mehr in dieſer Beziehung, bemerkte der Herzog mit leiſem Spotte; es ſind ja jetzt nur noch ſeine Decrete nöthig, um die Länder Europa's beliebig zu vertheilen. Das iſt wahr, Herr Herzog, erwiederte der Oberſt, indem er mit Stolz ſeinen Schnurrbart drehte, denn die Heere des Kaiſers wiſſen ſeinen Decreten Geltung und Ge⸗ horſam zu verſchaffen— aber es hat auch wieder, wie Alles, ſeine Schattenſeite. Finden Sie auch eine Schattenſeite? Ja, wir haben keine Feinde mehr. Ganz Europa lebt in Frieden, weil ganz Europa von Frankreich beſiegt iſt und beherrſcht wird— der Krieg wird für immer auf⸗ hören und unſere Arbeit gethan ſein. Sie ruhen auf Ihren Lorbeeren— auch haben wir ja noch immer Krieg mit England, und auch Spanien will ſich ebenfalls nicht beruhigen; Maſſena iſt unglücklich ge⸗ weſen. England hat das Meer, ſonſt wäre es längſt eine franzöſiſche Provinz— pah, und die Spanier! Der Kai⸗ 14* 212 ſer hält es ſelbſt nicht mehr der Mühe werth, perfönlich dieſe Brigands zu vernichten! Mit ſeinen Brüdern hat er einmal kein Glück... Machen Sie Sich nicht unnöthige Sorgen, Herr Oberſt, das große Genie des Kaiſers wird gewiß ſehr bald wieder neue Pläne erfinden, um den ſtrahlenden Ryhm ſeiner tapferen Armee noch mehr zu erhöhen— die Ruhe iſt ihm ſelbſt am wenigſten erträglich. Glauben Sie?— Aber wie und wo könnte das jetzt noch geſchehen? Es gibt nichts mehr zu erobern, nichts mehr zu beſiegen. Sie vergeſſen immer England, flüſterte geheimniß⸗ voll der Herzog, doch ſo laut, daß es alle Umſtehenden hören konnten, und da England das Meer hat und unſere Flotten nun einmal gegen die engliſchen nicht ausreichend ſind, ſo ſpricht man von der Eroberung Indiens, um England in ſeiner werthvollſten Colonie, in der Quelle ſeines Reichthums zu vernichten. Indien? wiederholte überraſcht der Oberſt— Indien iſt, glaube ich, ſehr entfernt von Frankreich; man müßte zu Schiffe gehen, wie nach Egypten. Es gibt auch einen Weg zu Lande. Zu Lande? Ja, durch Rußland— natürlich erſt nach deſſen völ⸗ liger Beſiegung. Durch Rußland? fragte der Oberſt mit Selbſtgefühl ———,— 213 — nun, mit den Ruſſen hat es nichts zu ſagen, ſie haben Auſterlitz und Friedland noch in friſchem Gedächtniß. Es lebe der Kaiſer! Ich bitte, machen Sie keinen Gebrauch von dieſer Mittheilung, bemerkte der Herzog, bemüht, die Aufregung des Oberſten wieder zu mäßigen; dieſe Nachricht beruht lediglich auf Gerüchten, welche vielleicht nur darin ihren Urſprung haben, daß der Kaiſer ſeit einiger Zeit ſehr ernſt und nachdenkend iſt und viel mit dem Herzoge von Benevent arbeitet. Das ſind immer die Vorläufer, ſagte in gehobener Stimmung der Oberſt, man kennt das. Bald werden ei⸗ nige ſehr unverfänglich ſcheinende Truppen⸗Zuſammenzie⸗ hungen folgen, dann geht es plötzlich vorwärts, und wir ſtehen in Indien, ehe wir eigentlich erfahren haben, wo dieſes Land liegt. Warten wir es ab, Herr Oberſt, erwiederte lächelnd der Herzog, indem er ſich entfernte— aber vor Allem keine Indiseretion, Sie möchten die Pläne des Kaiſers dadurch benachtheiligen. Dieſes Geſpräch wurde in einer Geſellſchaft geführt, welche ſich, wie immer, an einem beſtimmten Tage der Woche in den Räumen des Marquis verſammelt hatte. Es gehörte damals wie noch jetzt in Paris zum guten Tone, ein ſogenanntes offenes Haus zu halten und an einem ein für alle Mal feſtgeſetzten Wochentage ſeine Freunde und 5 214 Bekannte, je nach deren Neigung und Zeit, bei ſich zu ſehen. Die Cirkel vieler geiſtreichen Frauen und Männer ſind geſchichtlich berühmt geworden, und man rechnete es ſich zur Ehre an, dort eingeführt zu ſein. Die Mode ſuchte dieſe Art der Geſelligkeit bald nachzuahmen, und ſo bildeten ſich eine Menge ähnlicher Geſellſchaften, welche mit jenen jedoch wenig mehr als die äußere Form gemein hatten. Da es aber zum guten Tone gehörte, ſo hatten der Marquis und die Marquiſe darin nicht zurückbleiben wollen, obgleich ſie ſich nicht verhehlen konnten, daß der Zufall dabei oft Menſchen zuſammenführte, die keines⸗ wegs zu einander paßten und nach deren Unterhaltung ſie auch gar nicht verlangten. Der heutige Abend war ungewöhnlich beſucht, und die Marquiſe ſah mit Befriedigung, daß ſich keine Perſo⸗ nen eingefunden hatten, deren Anweſenheit ihr unange⸗ nehm geweſen wäre. Die wenigen Künſtler und Schrift⸗ ſteller, mit denen man, um der Mode zu genügen, dieſen Cirkel verzieren zu müſſen geglaubt hatte, waren längſt daraus fortgeblieben, und ſo war heute nur die eigentliche Creme der Geſellſchaft, nach der in dieſer Auffaſſung immerhin ſehr unvollkommenen Zuſammenſetzung der da⸗ mgligen Zeit, verſammelt.— Der Herzog hatte den Kreis der Männer, mit denen er ſich unterhalten, verlaſſen und war in einen anderen Salon getreten, in welchem ſich der jugendliche Theil der Damen aufhielt. Sie ſaßen in 215 einem Kreiſe, welcher von jüngeren und auch von einigen älteren Herren umſtanden wurde, die bemüht waren, ſie zu unterhalten, oder denen es zuſagte, ſich von ihnen un⸗ terhalten zu laſſen. Der Herzog lehnte ſich an die Brü⸗ ſtung einer Thür und ſeine Augen ruhten mit einem ſpöt⸗ tiſch lächelnden Ausdrucke auf dieſem Kreiſe hübſcher, ju⸗ gendlicher Weſen, deren Mienen ſo heiter waren, welche ſcherzten und lachten und mit Vergnügen den Worten ihrer Umgebung zu lauſchen ſchienen. Immer dasſelbe thörichte Spiel, flüſterte er leiſe vor ſich hin; die fadeſte Schmeichelei findet ihren Weg durch das Ohr eines Weibes, die Unerfahrenen haben kein grö⸗ ßeres Verlangen, als erfahren zu werden, und opfern Alles dafür auf, wenn man ihnen recht zuredet und ſie zu neh⸗ men weiß, und die Erfahrenen ſehnen ſich nach der Wie⸗ derholung dieſes Spieles, natürlich mit der nöthigen Ab⸗ wechſelung. Sein Blick wurde jetzt ernſter, denn er hatte Mar⸗ got gefunden. Sie war einfach angezogen, ſo einfach, als es die Mode irgend geſtattete. Dieſe Einfachheit zeichnete ſie vortheilhaft aus, ohne daß es in ihrem Verlangen gele⸗ gen hätte, ſich dadurch bemerkbar zu machen. Um ihren Mund ſchwebte ein kaum ſichtbares Lächeln, während ſie den Reden eines jungen Mannes, der hinter ihrem Stuhle ſtand, zuhörte, aber dieſes Lächeln deutete zugleich guf Zer⸗ 216 ſtreutheit, und das Geſpräch ſchien offenbar nur geringes Intereſſe für ſie zu haben. Der Blick des Herzogs ruhte immer noch unverwandt auf der jugendlich ſchlanken Geſtalt, die nur zuweilen auf einen kurzen Moment die großen, braunen Augen zu ihrem Gefährten aufſchlug, wenn ſie genöthigt war, ſeinen Wor⸗ ten eine kurze Erwiederung zu ſchenken. Er ſah an dieſen Blicken, daß ihre Gedanken ſich mit anderen Dingen be⸗ ſchäftigten, als mit den Worten, welche ihr Ohr vernahm. Ob die Marquiſe ſchon mit ihr geſprochen hat? fragte er ſich— wahrſcheinlich, flüſterte ihm ſeine Eitelkeit zu— ſie hat dann allerdings Urſache, zerſtreut und nachdenkend zu ſein.— Wie ſchön ſie heute iſt!— Das erſte, leiſe Ziſchen der Schlange hat ihr Herz berührt und jene Ah⸗ nungen, jenes Sehnen darin erweckt, deren Abſpiegelung die Weiber mit einem für uns gefährlichen Zauber umgibt — deshalb ſind alle Bräute ſchön und verführeriſch— doch es iſt Zeit, daß ich mich ſelbſt überzeuge. Er trat zu ihr und begrüßte ſie. Sie erwiederte ſeinen Gruß mit unveränderter Miene, nur ſchien es dem Herzoge, als wenn ſie, nachdem er zu ihr getreten, dem jungen Manne, welcher ſich mit ihr unterhal⸗ ten, eine größere Aufmerkſamkeit zuwende, als bisher. Sonſt blieb ſie völlig unbefangen, und der Herzog über⸗ zeugte ſich bald, daß er ſich in ſeiner Vorausſetzung gänz⸗ lich geirrt habe. Er wurde dadurch ſichtlich verſtimmt, we⸗ S 217 niger, weil die Marquiſe die gegenſeitige Uebereinkunft noch unerfüllt gelaſſen, als deswegen, weil ihn ſeine eigene Beobachtung getäuſcht hatte. Das Geſpräch bewegte ſich in ſehr gemeſſenen Formen, der junge Mann wich nicht vom Platze, und da bald darauf Margot noch von mehre⸗ ren Seiten in Anſpruch genommen wurde, ſo hielt es der Herzog für angemeſſen, ſich ſelbſt wieder zurückzuziehen je⸗ doch nicht, ohne vorher Margot zu bitten, ſie ſpäter zu Tiſche führen zu dürfen. Sie war noch nicht engagirt und ſagte zu, aber es ſchien ihm, als ob ſie dies lediglich als eine nicht zu umge⸗ hende Pflicht betrachte. Die Unterhaltung in dem Kreiſe der jungen Mädchen wurde jetzt ſehr lebhaft, denn man begann einige jener Geſellſchaftsſpiele, deren Reiz darin liegt, daß ſich die Be⸗ theiligten in etwas zwangloſer und beziehungsreicherer Weiſe gegen einander benehmen können, als ſonſt. Der Herzog, dem dieſe Spiele nicht mehr zuſagten, weit er zu alt dazu war, begab ſich wieder in ein anderes Zimmer. Später war es ihm möglich, einige Augenblicke die Marquiſe allein zu ſprechen. Margot it noch nicht von unſerem Plane in Kennt⸗ niß geſetzt? fragte er— noch gar nicht darauf vorbereitet? Es hat ſich noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Nicht? Das iſt mir unangenehm— ich hätte mich leicht ompromittiren können. 218 Wodurch? erwiederte die Marquiſe, ihn mit auge⸗ nommener Ueberraſchung anſehend. Sie werden Sich doch immer den Schein geben müſſen, als habe Margot nichts davon erfahren. Sollte es dennoch der Fall ſein? fragte er wieder zweifelhaft; dann.... Ich ſagte Ihnen bereits, daß es nicht iſt, unterbrach ſie ihn— und die Urſache, weshalb ich es unterlaſſen habe, beſteht darin, weil ich es für beſſer halte, es ihr ohne wei⸗ tere Vorbereitung zu ſagen. Sie wollen ſie überraſchen? Das nicht, ich werde ihr nur eine nicht mißzuver⸗ ſtehende Andeutung machen— das Weitere bleibt Ihnen überlaſſen. Wie Sie meinen, erwiederte der Herzog verſtimmt. — Ich werde Fräulein Margot zu Tiſche führen, wird ſie dann dieſe Andeutungen erhalten haben? Wenn ſich eine paſſende Gelegenheit dazu findet, ſoll es geſchehen. Die Marquiſe und der Herzog ſchieden, und der letztere ärgerte ſich, daß er der Marquiſe nicht geſagt, auch dieſe Andeutungen zu unterlaſſen. Wozu bedarf es deren überhaupt, dachte er, bin ich ſelbſt nicht genug, um dieſes Kindes Empfinden für mich rege zu machen?— Ich hätte die Marquiſe, dieſe zweideutige Frau, überhaupt ganz aus dem Spiele lafſen ſollen, wenigſtens nachdem wir uns über — 219 die Hauptſache geeinigt hatten. Ich fange an, zum erſten Male irre an mir ſelbſt zu werden. Wozu dieſe vielen Umſtände und Vorbereitungen, als ob man es mit einer erfahrenen und intriguanten Frau und nicht mit einem harm⸗ loſen Kinde zu thun hätte! Ich werde die Marquiſe erſu⸗ chen, jede ihrer Andeutungen zu unterlaſſen. Dieſen Vorſatz vermochte er jedoch nicht auszuführen, denn er fand keine Gelegenheit mehr, die Marquiſe, welche von der Geſellſchaft in Anſpruch genommen war, unbeob⸗ achtet und ungehört zu ſprechen. Die Zeit des Soupers nahte heran, und es entſtand bereits jene unruhige Bewe⸗ gung, welche dieſem erſehnten Schlußacte derartiger Ver⸗ einigungen voran zu gehen pflegt.— Du warſt vorhin wenig freundlich gegen den Herzog, als er mit Dir ſprach, ſagte leiſe die Marquiſe zu ihrer Tochter; es iſt mir aufgefallen. Ich wüßte nicht, erwiederte Margot ſichtlich erſtaunt — ich war wie immer, wie.... Du haſt aber Urſache, beſonders freundlich gegen den Herzog zu ſein, mein Kind, unterbrach die Marquiſe. Beſonders freundlich? fragte Margot mit einem ge⸗ zwungenen Lachen— weshalb ſollte ich gegen dieſen Mann beſonders freundlich ſein? Weil er ſich um Deine Hand bewirbt, flüſterte die Marquife, indem ſie ſich dicht an Margot's 220 Ohr neigte, und weil Deine Eltern dieſe Verbindung als eine ſehr wünſchenswerthe und für Dich paſſende auſehen. — Sei daher freundlich und zuvorkommend gegen ihn. Es iſt ſchwer, die Gefühle zu ſchildern, welche ſich bei dieſer ſo ganz unerwarteten Mittheilung Margot's Seele bemächtigten. Es war ihr, als ob plötzlich ein ungeahntes, ſchreckliches Unglück über ſie hereingebrochen ſei— ſie war leichenblaß geworden und ſank unwillkürlich in den Seſſel zurück, von dem ſie ſich erhoben hatte, weil ihre Füße ſie nicht mehr zu tragen vermochten. Da trat der Herzog zu ihr. Kann ich die Ehre haben? fragte er mit jenem glat⸗ ten, lächelnden Tone, der ihm eigen war. Sie wagte nicht, aufzublicken— ſie wußte überhaupt nicht, was ſie thun ſollte, ihre Glieder zitterten, ſie war kei⸗ nes Wortes mächtig. Wenn es Ihnen gefällig iſt, ſprach er weiter— man ſetzt ſich zu Tiſche— ſind Sie nicht ganz wohl? fuhr er leiſer fort— lehnen Sie Sich auf meinen Arm, er wird Ihnen eine ſichere Stütze ſein. Dieſe Worte klangen ihr wie eine Erlöſung, ſie ver⸗ mochte wieder einen Gedanken zu faſſen. Ja, mir iſt ſehr unwohl, hauchte ſie mit gepreßter Stimme— ich— ich kann nicht zu Tiſche gehen— ich — ich bedauere.. Miit dieſen Worten ſprang ſie auf und flog wie eine 221 vom Raubvogel verfolgte Taube ſchnellen Schrittes aus dem Zimmer, noch ehe der Herzog eine Erwiederung zu fin⸗ den vermochte. Er blickte ihr erſtaunt nach, während um ſeinen Mund ein leiſer Zug von Spott ſchwebte. Jetzt weiß ſie es, flüſterte er dann leiſe vor ſich hin, und ſie flieht, weil ſie es weiß— das Unerwartete, das Ueberwältigende die⸗ ſer Mittheilung hat all ihr Denken und Empfinden in An⸗ ſpruch genommen— es iſt ihr nicht möglich, noch die Gleichgültige zu ſpielen und den nichtsſagenden Converſa⸗ tionston feſtzuhalten— ſie fürchtet, ſich zu verrathen, denn ſie beſitzt noch nicht die Befähigung, eine Maske zu tragen, und ihr Geſicht iſt noch der Spiegel ihrer Seele.— Wie ſelten iſt ein ſo ſchönes Geſicht, ein ſo klarer und durchſich⸗ tiger Spiegel, ſetzte er mit einem wohlgefälligen Lächeln hinzu, und es liegt etwas Beneidenswerthes darin, dieſe Spiegelbilder hervorzurufen.— Aber man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es heiß iſt— der Augenblick iſt gün⸗ ſtig— benutzen wir ihn! Langſamen Schrittes, als ob er ſeinen Platz ſuche, ging er durch den Saal, betrat dann ein jetzt leeres Zim⸗ mer und befand ſich bald draußen auf dem Corridor. Un⸗ ter dem Schwarme von Bedienten fand er bald einen we⸗ niger beſchäftigten, durch den er das Kammermädchen M got's rufen ließ. S Fräulein Margot befindet ſich auf ihrem Zimmer? fragte er. Sie iſt dort, erwiederte dieſe— ſo eben gekommen, hat mich aber fortgeſchickt. Ich habe noch mit ihr im Auftrage der Frau Mar⸗ quiſe zu reden, ſagte er, dem Mädchen einen Napoleond'or in die Hand drückend; ich wünſche aber vorher zu erfahren, ob es nicht indiseret ſein würde, bei ihr einzutreten. Soll ich den Herrn Herzog melden? Das nicht, aber gehen Sie noch einmal hinein und überzeugen Sie Sich, daß ich bei ihr eintreten kann. Das Kammermädchen verſchwand und der Herzog blieb eine kurze Zeit auf dem Corridor allein. Obgleich um ſeinen Mund das gewohnte, etwas ſelbſtbewußte Lächeln ſchwebte, ſo vermochte er es doch nicht zu verhin⸗ dern, daß ſeine Pulſe raſcher klopften und er gezwungen war, mehrmals tiefer und ſchneller zu athmen, als ſonſt. Das gnädige Fräulein ſitzt auf dem Sopha, flüſterte das zurückkommende Kammermädchen— es ſteht dem Ein⸗ tritte des Herrn Herzogs nichts entgegen, aber ſie ſcheint ſehr angegriffen und unwohl. Ich weiß, ich weiß, entgegnete er eilig— deshalb bin ich hergeſchickt— ich ſoll mich nach ihrem Befinden erkundigen. Er öffnete mit dieſen Worten leiſe die Thür und ſtand in dem nicht erleuchteten Vorzimmer, von welchem 223 er durch die offene Verbindungsthür in das andere erleuch⸗ tete Zimmer blicken konnte. Margot ſaß auf dem Sopha, und man ſah es ihrer Stellung an, daß ſie wie aus Erſchöpfung darauf hinge⸗ ſunken war. Die rechte Hand lag auf der Stelle ihr Herzens, als ob ſie dasſelbe zuſammenpreſſen wolle, ihre Augen blickten regungslos auf einen Punkt des vor ihr ſtehenden leeren Tiſches, ihr Geſicht war leichenblaß und die ganze unbewegliche Geſtalt hatte etwas Geiſterhaftes. Der Herzog trat auf dem weichen Teppiche ungehört bis an die Verbindungsthür, ſo daß der volle Schein der Lichter auf ihn fiel, und ſtand ſo eine Zeit lang, ſie beob⸗ achtend, ohne daß ſie ihn bemerkte oder ſich bewegte. Er machte ein leiſes Geräuſch, aber auch dies e ſie nicht aus ihrem Hinſtarren— ſie blieb regungslos, zuvor. Ich komme im Auftrage Ihrer Frau Mutter, mein Fräulein, ſagte er dann mit leiſer und ſanfter Stimmez; ſie befindet ſich in Unruhe... Mit dem Ausdrucke des heftigſten Schreckens ſprang ſie jetzt auf, ihr Arm zitterte ſichtbar, als ſie, wie zu ihrem Schutze, den Tiſch vorſchob.— Wie kommen Sie hie⸗ her? rief ſie dann mit bebender Stimme— wie können Nur die Beſorgniß um Sie hat mich dieſen unge⸗ wöhnlichen Schritt thun laſſen, unterbrach er ſie, vhne ſeine Stellung zu verändern— Sie verließen die Geſellſchaft ſo plötzlich, es war mir nicht möglich, darüber Gewißheit zu erlangen, ob Sie nicht ernſtlich unwohl ſeien, und da mir Ihr Kammermädchen ſagte, daß es für mich zuläſſig ſei, ſelbſt dieſe Frage an Sie zu richten, ſo habe ich es ge⸗ einzutreten.— In der lebhaften Beſorgniß, in der heilnahme, welche ich für Sie empfinde, liegt allein die Entſchuldigung meiner Handlungsweiſe. Schenken Sie mir zuerſt Ihre Verzeihung deshalb, ehe wir weiter reden, ich fühle, daß ich deren bedürftig bin. 3 Die Worte, welche er langſam und mit einſchmei⸗ helnder Stimme ſprach, ſchlugen an ihr Ohr wie ein ver⸗ es Geräuſch, nur mit Mühe faßte ſie den Sinn der⸗ auf; aber während er redete, wich das Gefühl der Nngſt und des Schreckens von ihr, welches bei ſeinem Er⸗ ſcheinen ſie allein erfaßt hatte, und an die Stelle desſelben trat ein anderes, dasjenige der beleidigten weiblichen Würde und des Stolzes. Ihre blaſſen Wangen rötheten ſich wie⸗ der und ihre ſonſt ſo ſanften Augen blickten zornig auf den Herzog, welcher mit geſpannter Etwartung ihrer Erwie⸗ derung lauſchte. Verlaſſen Sie mich, ſagte ſie, ihn feſt anblickend, auf der Stelle!— Denn es iſt unerhört, daß Sie es wagen konnten, jetzt und ohne Anmeldung in mein Zimmer zu treten! Laſſen wir das, entgegnete er ruhig; es gibt im Le⸗ 225 ben Momente und Verhältniſſe, wo es nöthig und geboten iſt, das ſonſt Gewöhnliche durch Ungewöhnliches zu erſetzen — ein ſolcher Moment iſt der jetzige— deshalb verzei⸗ hen Sie mir, ich bitte Sie wiederholt darum. Ihre Frag Mutter wird Ihnen mitgetheilt haben.... Wollen Sie mich jetzt verlaſſen! rief ſie, ihn mit ein ihr ſonſt nicht eigenen Heftigkeit unterbrechend— wollen Sie gehen, gleich, jetzt, auf der Stelle— oder ich werde die Hülfe Anderer in Anſpruch nehmen! Bedenken Sie wohl, was Sie thun— ich habe nicht die Abſicht, wider Ihren Willen hier zu verweilen; Si werden gewiß nicht glauben, daß dies geſchehen kö aber machen Sie es Sich klar, welchen Mißdeutungen unterliegen könnte, wenn Sie ganz unnöthiger Weiſe Eclat verurſachten. So gehen Sie— Sie hören ja, daß ich es Ihnen befehle, und doch bleiben Sie noch!— Laſſen Sie mich immerhin noch einen Augenblick ver⸗ weilen, ſagte er, einen Schritt näher tretend, denn ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen, das für uns Beide von zu gro⸗ ßer Wichtigkeit iſt, als daß es durch die unbedeutende Er⸗ wägung des Ortes und der Zeit dieſer Unterredung beein⸗ trächtigt werden könnte. Ich will nichts erfahren, nichts hören, erwiderte ſie wieder mit neu erwachender Angſt— Sie haben jede mir ſchuldige Rückſicht bei Seite geſetzt, als Sie hieher kamen, 5 Gräfin und Marquiſe. II. 1 226 und Sie fahren in dieſer Rückſichtsloſigkeit fort, indem Sie bleiben! Mag es ſein, mögen Sie es ſo beurtheilen— Sie ſſen mich dennoch hören, ſagte er, abermals näher tre⸗ ud— vielleicht werden Sie daun anders denken— ich fe es wenigſtens, und würde ſehr unglücklich ſein, wenn ſch mich geirrt haben ſollte. Es hängt ganz von Ihnen ab, rief ſie jetzt, indem ihre Hand den Schellenzug ergriff, ganz und lediglich von S ob der von Ihnen 3 fcee Eclat eintreten ſoll oder nicht— entweder Sie verlaſſen jetzt augenblick⸗ mein Zimmer oder ich rufe Hülfe herbei! Bedenken Sie. Ghe er weiter ſprechen konnte, ertönte die von ihrer Hand laut gezogene Glocke und das Kammermädchen trat ein. Ich müchte allein ſein, ſagte ſie in befehlendem Tone — Herr Herzog, verlaſſen Sie mich! Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, erwiederte er nach einer kurzen Ueberlegung, und werde Ihrer Frau Mutter mittheilen, daß Sie Sich wieder ganz wohl befinden. Sie ſagte nichts, ſie ſah nicht auf, blickte ihn nicht an, als er ſich verneigte und ging, und erſt als die Thür in's Schloß gefallen war, athmete ſie tief auf, eilte raſch in das andere Zimmer und ſchob den 16 vor. 6 Fünfzehntes Capitel. Der Herzog kehrte nicht in die Geſelſſchaft zurück, ſondern nahm Hut und Mantel und ging. Er ſchickte ſo⸗ gar ſeinen Wagen fort, weil er es vorzog, zu Fuße zu ge⸗ hen. Es war eine milde, warme Herbſtnacht, das Licht des tiefſtehenden Mondes ſpiegelte ſich in den leiſe dahinfluten⸗ den Wellen der Seine, als er über die Brücke ſchritt und in die Schatten der Bäume der elyſäiſchen Felder trat. Unwillkürlich mäßigte er ſeinen Schritt und ging träume⸗ riſch und in tiefem Nachdenken verloren weiter. Er hatte ſich offenbar in ſeinen Erwartungen getäuſcht und ſagte ſich, daß er von dieſem einfachen Kinde mit Stolz, ja, ſelbſt mit ausgeſprochener Richtachtung behandelt worden ſei. Sie hatte ſich geweigert, ihn anzuhören, und ſein Er⸗ ſcheinen zu einer allerdings ungewöhnlichen Stunde zum Vorwande genommen, u ihn ungehört wieder zu entfer⸗ nen. Und gerade von dieſem ungewöhnlichen Schritte 15⁵ 228 hatte er ſich einen beſonderen Erfolg verſprochen, denn ſeine Erfahrungen ſagten ihm, daß die Weiber das Unge⸗ wöhnliche, was man ihretwegen thut, beſonders hoch an⸗ rechnen, wenn ſie ſich auch den Schein des Gegentheils ge⸗ Dieſe Erfahrung hatte ſich hier nicht bewährt, denn war nicht zum Schein, ſondern in Wirklichkeit in hohem Brade rückſichtslos, ja ſelbſt verletzend gegen ihn geweſen. Und dennoch wußte ſie, weshalb er gekommen. Er gelangte zu dem für ihn demüthigenden Geſtändniſſe, daß ſeine Bewerbung ihr nicht genehm ſei, und fühlte ſich in ſeinem eigenen, ſieggewohnten Stolze verletzt. Wozu, dachte er weiter, mit dieſem Mädchen, das in der Fremde, unter ungebildeten Umgebungen unreife und vorgefaßte Ideen ſich zu eigen gemacht hat, wozu ſich mit dieſem Kinde weiter bemühen? Iſt ſie wirklich eine ſo wünſchenswerthe Partie? Pah, es gibt Hunderte reichere und ſchönere, die es ſich zur Ehre anrechnen werden, ſich von dem. Herzoge von Villeröi huldigen zu laſſen! Geben wir die Sache auf, eine Sache, die ſich überhaupt erſt in einem Stadium befindet, wo das Zurücktreten meinerſeits von Niemandem gemißdeutet werden kann, weil Niemand von meiner Ab⸗ ſicht bis jetzt Kenntniß erhalten hat.— Er hob noch meh⸗ rere Gründe herwor, welche dieſem Vorſatze das Wort re⸗ deten, klare und unwiderlegliche Gründe, aber je mehr ſich ſeine Gedanken in dieſer Richtung beſchäftigten, um ſo mehr ſteigerte ſich bei ihm das Verlangen, gerade das Ge⸗ 229 gentheil von dem zu thun, wofür ſein Verſtand ſo viele Gründe in Bereitſchaft hatte.— Der Menſch hält immer dasjenige für beſonders werthvoll, was ihm zu erreichen verſagt oder deſſen Erlangung mit großen Schwierigkeiten verbunden ift, und opfert, im Streben danach, häufig Gü⸗ ter, deren Beſitz zu ſeinem Glücke viel förderlicher iſt, als diejenigen, welche er zu erwerben ſucht. Wäre das nicht der Fall, ſo würde es Menſchen geben, die keinen Wunſch mehr hätten,— könnte man dieſe dann zu den Glücklichen zäh⸗ len? Nicht im Beſitze, ſondern im Streben nach dem Be⸗ ſitze, nicht in der wunſchloſen Ruhe, ſondern in der Unruhe liegt das Glück— ſo iſt der Menſch für dieſe Erde ge⸗ ſchaffen, ſelbſt den Himmel kanm er ſich nicht als einen fort⸗ geſetzten Zuſtand der Befriedigung und der Ruhe ausma⸗ len. Vielleicht erlangt er ſpäter dieſen höheren Grad der Vollkommenheit— es gehört dies mit zu der Löſung des großen Räthſels, welches ſtets ungelöſ't geblieben iſt und ſtets ungelöſ't bleiben wird. Bei dem Herzoge waren es nicht dieſe rein philoſo⸗ phiſchen Betrachtungen allein, die ihn mit den Gründen ſeines Verſtandes in Zwieſpalt brachten und ſie ſchließlich gänzlich unterliegen ließen; es war auch noch ſein Stolz, der ihm zuflüſterte, daß er ſich ſchämen müſſe, von einer ſo leichten Eroberung abzuſtehen— es war noch etwas An⸗ deres, das er ſich jedoch nicht eingeſtand, ſondern ſpöttiſch, ſelbſt bei dem leiſen Anfluge eines ſolchen Empfindens, 230 darüber lächelte, nämlich eine wirklich entſtehende Neigung zu Margot. Sie kam ihm jetzt begehrungswerther vor, wie jemals, und gerade diejenigen Eigenſchaften, welche er ſo an ihr getadelt und verſpottet hatte, hoben ihren Werth beſonders hervor. Sie iſt ein etwas außergewöhn⸗ i Mädchen, ſprach er weiter, und weil ſie es iſt, des⸗ haib zieht ſie mich an, deshalb ſoll ſie die Meinige wer⸗ den!— Nein, es wäre thöricht, wäre unmännlich, auf hal⸗ bem Wege ſtehen zu bleiben und mich durch die erſte, un⸗ verſtandene Weigerung abſchrecken zu laſſen! Das wird ſich geben, wird ſich Alles finden, wie es ſich bei den Wei⸗ bern immer findet, und ſie wird mich dann um ſo mehr und um ſo zärtlicher lieben.— Ach, ſetzte er mit einem be⸗ friedigten Lächeln hinzu, welchen thörichten Beſorgniſſen konnte ich mich hingeben— ich werde ſpäter noch an dem Uebermaße ihrer Liebe, wie das ja immer der Fall iſt, ge⸗ nug zu tragen haben und mit Sehnſucht an dieſe Stunde zurückdenken, in welcher mir ihr Beſitz ſo begehrungswerth erſcheint! Er ſchritt jetzt über den Place de la Concorde und ſein Blick fiel auf die Tuilerien, deren Dächer im Scheine des Mondes matt erglänzten. Das große Gebäude lag ſchweigend und dunkel da, nur aus dem Zimmer des Kai⸗ ſers leuchtete noch ein heller Lichtſtrahl.— Er beſitzt eine unermüdliche Thätigkeit, ſprach er vor ſich hin, indem ſein jetzt ernſt gewordener Blicauf den erleuchteten Fenſtern 4 haftete, ein unerfättlicher Ehrgeiz raubt ihm ſelbſt die Ruhe der Nächte— er wird auf dieſem nie zu bändigenden Roſſe immer weiter jagen, bis an das Ende der Welt, bis die Welt ihm gehorchend zu Füßen liegt— oder bis das Roß erſchöpft zuſammenbricht. Was mag ſich jetzt in jenem Zimmer ereignen? Seine Worte, welche raſche Federn Papier bringen, ſind Ereigniſſe, die das Wohl un Wehe von Millionen beſtimmen.— Es liegt etwas Gott⸗ ähnliches in dieſer Verkörperung des mächtigen Willens eines Einzigen— und doch, wie ſchnell, wie unvorhergeſe⸗ hen endet alle menſchliche Größe! Ich fange wirklich an, ſentimental zu werden, ſprach er, ſeinen Gedanken gewaltſam eine andere Richtung ge⸗ bend, weiter; er beſchäftigt ſich vielleicht mit dem Plane zur Eroberung eines großen Landes— ich mit der Eroberung eines harmloſen, ſchönen Mädchens— Eines iſt ſo wichtig wie das Andere, jenes für ihn, dieſes für mich— die Hauptſache bleibt immer die Wichtigkeit, welche wir ſelbſt einer Sache beilegen— und der Erfolg.— Margot beſchäftigten ähnliche Gedanken, nur in ganz anderer Weiſe. Als ſie allein war und wußte, daß ſie nicht mehr geſtört werden würde, wurde ſie allmählig ruhiger, und ein freudiges, bisher ungekanntes Gefühl erfüllte ihr Herz. Daß ſie die Bewerbungen des Herzogs zurückweiſen werde, wenn er ſie jetzt noch wiederholen ſollte, war etwas Selbſtverſtändliches, aber es lag 6 eine gewiſſe Ge⸗ 232 nugthuung, eine freudige Erhebung in dem Gedanken, es thun zu können. Ihr war der Urſprung dieſer Empfindung nicht klar, obgleich ſie denſelben leicht hätte auffinden kön⸗ enn ſie erforſcht hätte, weshalb ſie heute gerade mit rſo großen Freudigkeit an die Tage der Vergangenheit e, weshalb ſie es ſich heute nicht verſagen konnte, die Andenken daran länger als ſonſt zu betrachten und ſelbſt zu kü en— ſo lange, bis ſich ihre Augen umwillkürlich mit Thränen filten und ihre Bruſt von langen und tiefen Seufzern gehoben wurde. Aber als ſie dann endlich ihr Lager aufſuchte, war ihre Stimmung eine freudigere und gehobenere, als jemals— denn ſie hatte einen feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt, einen Entſchluß, der ihn erfreuen und be⸗ glücken würde, wenn er Kenntniß davon gehabt hätte— und darin allein lag die Urfache ihres Glückes. Die Angelegenheit ſelbſt machte ihr wenig Sorgen, denn ſie hielt es für unzweifelhaft, daß es nur ihrer Weige⸗ rung bedürfen würde, um ſie zu beenden, und dieſe Weige⸗ rung beſtimmt und ſogleich auszuſprechen, war ſie nicht nur feſt entſchloſſen, ſondern ſie konnte den Zeitpunct kaum warten, um es zu thun. Sie ſollte jedoch bald erfahren, daß ſie ſich in dieſen Erwartungen ſehr getäuſcht hatte. Als ſie am anderen Morgen ihrer Mutter erzählte, daß der Herzog es gewagt habe, noch ſo ſpät und unangemeldet bei ihr zu erſcheinen, mißbilligte dieſe zwar dieſes Benehmen, entſchuldigte es 233 jedoch mit dem Verlangen des Herzogs, ſie noch allein zu ſprechen. Sie fand es nicht ſchicklich, daß Margot ihn un⸗ gehört wieder hatte gehen laſſen, indem ſie hinzufügte, daß, da er einmal dort geweſen, ſie ihn immerhin hätte anhören können.. Du mußt es Dir klar machen, mein Kind, fuhr ſie fort, daß wir dieſe Partie wünſchen, welche v licher Erwägung für paſſend und zu Deinem Glücke förder⸗ lich feſtgeſtellt haben; Du hätteſt daher.... Aber Mutter, unterbrach Margot dieſe ſie in hohem Grade erſchreckende Mittheilung— ich werde den Herzog niemals heirathen— niemals— ich würde unglücklich werden, und das werdet Ihr doch nicht beabſichtigen! Das verſtehſt Du nicht, mein Kind, erwiederte die Marguiſe, ſie ruhig anſehend; Du haſt überhaupt noch thörichte und unreife Ideen. Ueberlaſſe es der reiferen Er⸗ fahrung Deiner Eltern, welche für Dein Wohl mehr als für ihr eigenes beſorgt ſind, in dieſer Beziehung für Dich zu handeln. Der Herzog iſt ein in jeder Beziehung für Dich paſſender Mann, von hoher Geburt, klug, gewandt, von ehrenwerther und nobler Geſinnung und mit denjeni⸗ gen Erfahrungen und Eigenſchaften ausgerüftet, welche ihn befähigen, Dich glücklich zu machen. Er liebt Dich, fuhr ſie mit freundlicherer Stimme fort, er liebt Dich, nicht mit der ſchwärmeriſchen und phraſenreichen Weiſe, wie ſie un⸗ reifen und mit ſich ſelbſt unklaren Männern eigen iſt, ſon⸗ dern mit dem tiefen und wahren Empfinden eines Man⸗ nes, bei dem die Regungen des Herzens mit den Ausſprü⸗ chen des Verſtandes im Einklange ſtehen.— Du wirſt ſehr glücklich werden, zweifle nicht daran, wenn Du es auch noch nicht einzuſehen vermagſt; vertraue in dieſer Bezie⸗ hung der beſſeren und reiferen Einſicht Deiner Mutter und erhebe keine unnöthigen Schwierigkeiten, welche doch verge⸗ bens ſein würden, weil ich, ſetzte ſie mit gehobener Stimme hinzu, weil ich das fefte Vertrauen zu Dir habe, daß Du dem beſtimmten und wohlerwogenen Willen Deiner Eltern nicht entgeſmanbein wirſt— das bedenke wohl, mein Kind! Während die Marquiſe in dieſer Weiſe ſprach, kam Margot zu dem Bewußtſein des Ernſtes ihrer Lage. Sie erkannte, daß ihre Verbindung mit dem Herzoge ein bereits verabredeter Plan zwiſchen ihm und ihren Eltern, wenig⸗ ſtens ihrer Mutter, ſei, und daß ſie ſich zu einem ſchweren Kampfe rüſten müſſe. Aber ſie zagte nicht vor dieſem Kampfe, ſondern erſtarkte vielmehr in dem feſten Entſchluſſe, ihn zu beſtehen, und in dem Verlangen, ihn zu beſtehen. Wie kann ich glücklich ſein mit einem Manne, gegen den ich eine entſchiedene Abneigung empfinde, erwiederte ſie mit ruhiger, wenn auch leiſe bebender Stimme; die erſte Bedingung des Glückes iſt wechſelſeitige Zuneigung. Glaube nicht, liebe Mutter, dieſe würde ſich bei mir ſpäter finden— nie, niema Ich werde nie die Gattin des 235 Herzogs werden!— Ich bin bereit, Euch zu gehorchen, Euren Willen zu erfüllen, keinen Mann zu heirathen, der Euch nicht als mein künftiger Gatte genehm iſt— ach, ich will ja überhaupt niemals heirathen— aber Ihr könnt mich nicht zu einer Verbindung zwingen, die ich— die ich verabſcheue— das geht über den Bereich des kindlichen Gehorſams!— Die Marquiſe blickte ihre Tochter, deren Geſicht von der Gluth der inneren Erregung gegen ihren Willen ſich geröthet hatte, und die jetzt mit niedergeſchlagenen Augen raſch athmend vor ihr ſaß, längere Zeit ſchweigend an; ihr kaltes, ſtrenges Auge lag auf den jugendlich erregten Zü⸗ gen, in dem Beſtreben, daraus die Gedanken ihrer Seele zu leſen. Dann ſagte ſie mit ruhiger Stimme: Du drückſt Dich ſehr beſtimmt aus, mein Kind— ich geſtehe, daß ich eine ſolche Renitenz von Dir nicht er⸗ wartet hätte. Ich will dieſe unüberlegten Worte Dir je⸗ doch zu Gute halten, weil die Neuheit der Situation Dich überraſcht und die Zeit Dir gefehlt hat, reiflich darüber nachzudenken. Thue das, und zwar ernſtlich und ohne al⸗ ten und längſt beſeitigten Ideen Raum zu geben. Mache es Dir klar, daß Du entweder nachgeben oder mit Deinen Eltern in einen unlöslichen Conflict gerathen mußt. Be⸗ denke wohl, wohin Dich das führen würde, und daß eine Zeit, eine ſehr nahe liegende Zeit kommen kann, wo Du einen Schritt zu bereuen hätteſt, zu dem Dich jetzt ein un⸗ 1 236 klares Gefühl treibt, der dann aber nicht mehr ungeſchehen gemacht werden könnte. Brich' vor Allem, ſetzte ſie ernſt hinzu, gänzlich mit Deiner Vergangenheit, die, wie ich weiß, noch immer in Deinem Kopfe oder Herzen ihr Weſen treibt. Vergiß es keinen Augenblick, daß Du jetzt die Marguiſe de Beaumont biſt und nicht das eltern⸗ und heimathloſe Kind, welches eine Zuflucht in der Fichtenau gefunden. Jene Leute haben nichts mehr mit Dir zu ſchaffen, auch in Dei⸗ nen Erinnerungen nicht, denn ſie haben Dich längſt ver⸗ geſſen— die Marquiſe de Beaumont exiſtirt für ſie nicht mehr. Es iſt ſo— ſonſt würde wenigſtens Einer Deiner Briefe beantwortet worden ſein. Daraus, daß dies nicht geſchehen, ſollteſt Du längſt erkannt haben, was ihr Schwei⸗ gen richtig ausdrückt: Vergiß uns, denke nicht mehr an uns, der Zufall hat uns eine Zeit lang zuſammengeführt— fortan kann, ſelbſt in der Erinnerung, keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns ſein! Margot war bei den letzten Worten ihrer Mutter ſehr blaß geworden, und dieſe erkannte mit innerer Befriedi⸗ gung, daß ſie den wunden Fleck in dem Herzen ihrer Toch⸗ ter berührt habe. Folge dem Rathe Deiner Mutter, fuhr ſie jetzt mit ſanfter und ſchmeichelnder Stimme fort, indem ſie Mar⸗ got's Hand ergriff, wir haben ja keinen anderen Wunſch, als Dein Glück. Daran wirſt und darfſt Du nicht zwei⸗ feln, duz gehe mit Dir zu Rathe, mein Kind. Du ſollſt 237 kein Opfer bringen. Was hätten wir für ein Intereſſe da⸗ bei? Nur Dein Wohl, das Du ſelbſt noch nicht zu erken⸗ nen vermagſt, iſt es einzig und allein, welches uns beſtimmt hat, ſo zu handeln. Es ſoll nichts übereilt werden— erſt wenn Du ruhig überlegt haſt, will ich Deinen Entſchluß hören. Und der Vater, der Vater, rief Margot, die jetzt von einer Angſt befallen wurde, gegen die ſie vergeblich an⸗ kämpfte— will er es auch? Gegen meinen Wunſch? Frage ihn ſelbſt, mein Kind, erwiederte die Marquiſe mit demſelben freundlichen Tone der Stimme.— Glaubſt Du, ich würde ohne den Willen Deines Vaters die Sache ſich ſo weit haben entwickeln laſſen, ſo weit, daß ein Ver⸗ ſagen an ſich nicht mehr möglich iſt? Ich will mit dem Vater ſprechen, rief Margot, in⸗ dem ſie aufſprang— er— er kann nicht ſo grauſam ſein? Thue das, mein Kind, ſagte mit leiſem Spotte die Marguiſe, indem ſie der ſich eilig Entfernenden befriedigt nächblickte. Sechszehntes Capitel. Die Wahl eines Gatten oder vielmehr die Annahme der Bewerbung eines Mannes iſt für das Weib unzweifel⸗ haft der wichtigſte Schritt ihres ganzen Lebens. An die Stelle deſſen, was ſie bisher beſeſſen, was ihr lieb und werth geworden, woran ſich die Erinnerungen ihrer Kind⸗ heit knüpfen, tritt ein Anderes, ganz Fremdes: ein Mann, den ſie bis dahin vielleicht nie geſehen und gar nicht ge⸗ kannt hat. Er allein ſoll und muß ihr nicht nur dies Alles erſetzen, er muß ihr weit mehr ſein, ihr Einziges und Alles, dem ſie ſich mit Seele und Leib zu eigen gibt. Das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne folgen, ſagt ſchon die Bibel— aber es bleibt den⸗ noch immer ein räthſelhafter und eigenthümlicher Zug in der Natur d Wei, daß es ſo iſt. Hauptſächlich darin liegt die Unterordnung der weiblichen Natur unter die des vn begehrt, und ſie entſpricht ſeinem Begehren, er wählt, was ihm zuſagt, ſie wird gewählt und findet im Ganzen und Großen plötzlich in dem Wählenden das Ideal ihrer Wünſche. Sie hat dieſen Mann häufig längere Zeit mit Gleichgültigkeit betrachtet, mit Einem Male, nur weil er ernſtliche Abſichten an den Tag legt— finden ſich Ei⸗ genſchaften an ihm, welche die Liebe erzeugen, ſie duldet ſeine Zärtlichkeiten, ſie erwiedert ſie und giebt ihm dann alles, was ſie überhaupt zu geben hat.— Das iſt mehr oder weniger die Entſtehungsgeſchichte der Ehen bei den chriſtlichen Völkern, während hei den anderen, wo das Sit⸗ tengeſetz des Chriſtenthums nicht zur Geltung gekommen iſt, das Weib nur einer Waare gleicht, die der Mann er⸗ ſteht zur Befriedigung eines ihm nöthigen Genuſſes und zur Fortpflanzung ſeines Geſchlechtes⸗ Aber ſelbſt bei den gebildetſten Nationen iſt in vielen, ja, wir können es nicht leugnen, in ſehr vielen, faſt in den meiſten Fällen die Ehe ein Geſchäft, das vorher nach allen Seiten hin überlegt und dann abgeſchloſſen wird, in der Vorausſetzung, daß die Liebe ſich ſelbſtverſtändlich finden werde. Der Mann fragt vorher nach dem Vermögen, nach dem Stande, vielleicht auch nebenbei nach der Bildung der⸗ jenigen, deren körperliche Vorzüge ihn a tziehen, und geht bedauernd ſeines Weges weiter, wenn dies nicht zu ſeinen Plänen oder Ausſichten paßt; das Weib tt Manne eine gute und annehmbare Partie, eine erwünſchte Verſorgung— es könnte zwar Vieles an ihm ſein, 240 enn er entſpricht durchaus nicht dem Ideale ihrer Mäd⸗ chenträume— aber ſoll ſie ihn ausſchlagen, noch länger in den beengenden und unſelbſtändigen Verhältniſſen des el⸗ terlichen Hauſes ausharren, vielleicht gar ſitzen bleiben? Nein, es iſt wohl zu überlegen, und es würde leichtſinnig und unverantwortlich ſein, den Antrag zurückzuweiſen. Er iſt allerdings ſchon über die Blüthe der Jahre hinaus, hat das Leben genoſſen, hat dies und jenes gethan, aber das fällt nicht in das Gewicht, er iſt wohlhabend, oder gar reich, oder hat ein gutes Amt, oder— kurz, es iſt kein Grund vorhanden, Rein zu ſagen, deshalb ſagt man Ja. Freude, Verlobung, Glückwünſche und plötzlich ent⸗ ſtehende Liebe und Zärtlichkeit, deren Darlegung es nun ſelbſt nicht einmal mehr für nöthig hält, ſich in Gegenwart Anderer Rückſichten anfzulegen— man iſt ja Braut und Bräutigam.— Wennwireingeſtehen müſſen, daß die meiſten Ehen in dieſer Weiſe geſchloſſen werden, auf dem Fundamente der Proſa und der Feſthaltung des eigenen Vortheils, und zugleich nicht leugnen können, daß piele dieſer Ehen den⸗ noch glücklich veriaufen, ſo müſſen wir doch auch anerkennen, daß es Ausnahmen gibt, Bündniſſe der Herzen, die ſich mit ſympathiſcher Gewalt zu einander hingezogen fühlen und erkannt haben, daß nur in dem Beſitze dieſes Herzens das einzige und glleinige Glück zu ſinden ſei. Gäbe es ſolche Ausnahmen nicht, ſo würden entweder gar keine Romane oder nehr langweilige geſchrieben werden können, was doch gewiß zu bedauern wäre; auch bin ich überzeugt, daß Du ſelbſt, geneigte Leſerinen, Dich für eine ſolche Aus⸗ nahme hältſt, die Geſchichte Deines Herzens mag bereits der Vergangenheit oder noch der Zukunft angehören. Daß Margot zu dieſen Ausnahmen gehört, bedarf keiner weiteren Verſicherung. Sie war feſter denn je ent⸗ ſchloſſen, die Bewerbung des Herzogs zurück zu weiſen und es deshalb zum Aeußerſten kommen zu laſſen. Wir kennen den Grund dieſer entſchiedenen Weigerung, wenn ſie ihn ſelbſt auch nicht anerkannte oder ihn ſich wenigſtens nicht eingeſtehen wollte. Ihre Liebe zu Walther war nicht ein⸗ mal eine ſolche,„die vom Thau der Hoffnung ſchmachtend lebt“, denn ſie hatte keine Hoffnung— keine, ihn jemals nur wiederzuſehen, aber dennoch lebte dieſe Liebe in ihrem Herzen, und ſie hatte nur den Einen Wunſch, mit derſelben ſich ſelbſt und allein auzugehören, niemals aber einem Anderen. Der Tag war ihr in unruhigem Denken und Ueber⸗ legen vergangen, nicht darüber, ob ſie ſich doch vielleicht fügen ſolle, fondern allein darüber, wie ſie es anzufangen habe, alle weiteren Maßnahmen zu verhindern. Es war gegen Abend, als ſie ſich entſchloß, mit ihrem Vater zu ſprechen. Sie hatte zu ihm mehr Vertrauen, als zu ihrer Mutter, und gab ſich der Hoffnung hin, daß er ihren Bit⸗ ten, ihrer beſtimmten Weigerung nicht widerſtehen würde. Aber auch in dieſer Vorausſetzung täuſchte ſie ſich ſehr. Gräfin und Marquiſe. MI. 16 242 Die Marquiſe hatte nochmals mit ihrem Manne geſprochen und ihm begreiflich gemacht, daß er Margot's etwaiger Weigerung ſogleich und beſtimmt entgegentreten müſſe, wenn er nicht ſehr unangenehme und nutzloſe Weiterungen herbeiführen wolle, weil er ſelbſt dem Herzoge ſeine Zuſtim⸗ mung gegeben und man daher auf die Launen eines un⸗ verſtändigen Kindes durchaus nicht Rückſicht nehmen dürfe. Du verſtehſt das nicht, mein Kind, erwiederte er daher, nachdem Margot in ungewöhnlicher Aufregung zu ihm geredet hatte; in ſolchen Dingen haben junge Mäd⸗ chen kein Urtheil. Du weißt, daß ich Dich von Herzen lieb habe, und deshalb mußt Du vertrauen, daß dieſe Verbin⸗ dung zu Deinem Glücke gereichen wird, wenn du es auch noch nicht einſiehſt. Ich werde es niemals einſehen, Vater, ſagte ſie ent⸗* täuſcht, aber beſtimmt— ich werde unglücklich werden!— Kannſt Du das wirklich wollen? Das ſind thörichte Ideen— ſei vernünftig und folg⸗ ſam, erwiederte er mit ſichtlicher Unruhe, mache keine unnö⸗ thigen Schwierigkeiten, es würde doch zu nichts führen und mich ſehr betrüben— ich kann Dir nicht mehr ſagen, denn ich muß fort, ich habe Eile— ſprich mit der Mutter... 6 Willſt du mich wirklich einem Vorurtheile opfern, Vater? fragte ſie, ſich ihm in den Weg ſtellend, und ihr Geſicht war bei dieſer Frage ſo bleich geworden und ihre Augen blickten ihn ſo flehend an, daß er erſchreckt und ängſtlich zurücktrat— bin ich denn nicht Dein einziges Kind? Ja, Du biſt jetzt mein einziges Kind, ſagte er nicht ohne Bewegung, indem er ihre Hand ergriff— deshalb mußt Du aber auch überzeugt ſein, daß ich Dein Glück will, wenn Du dies auch noch nicht einſiehſt. Später wirſt Du mir danken— gewiß, das wirſt Du— darum ſeijetzt vernünf⸗ tig, ſei gut, meine liebe Margot, erfülle den Wunſch Deiner Eltern, denen Du zum Gehorſam verpflichtet biſt.— Geh' jetzt, geh' jetzt, ich habe wirklich keine Zeit mehr. Mein Gott, ich bin ſo mit Geſchäften überhäuft, daß ich kaum zu Athem kommen kann. Sprich mit der Mutter, ſie wird Dir Alles ſagen. Ich kann nicht, Vater, rief ſie leidenſchaftlich— ich werde nie und nimmer einwilligen— ganz beſtimmt und gewiß nicht— keine Gewalt wird mich zwingen! Sprich nicht in dieſer Weiſe mit mir, ſagte er, indem er ſeine Verlegenheit unter einer zornigen Miene verbarg — das paßt und ſchickt ſich nicht für Dich— aber ich kann mich wirklich nicht weiter mit Dir einlaſſen— die Sache iſt einmal abgemacht und läßt ſich nicht mehr ändern.— Sei doch vernünftig, fuhr er fort, als Margot bleich, mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und gefalteten Händen, ein Bild der tiefſten Verzweiflung, vor ihm ſtand; ſei nicht ſo auf⸗ geregt, mein gutes Kind, ſetzte er mit ſchwankender Stimme hinzu— wenn ich— doch, ich muß jetzt wirklich fort, ich 16* ℳ 244 habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Adieu, liebes Kind, Adieu— ſprich mit der Mutter— und erfreue mich morgen mit der Nachricht, daß Du Deine Anſicht geändert haſt— denn es geht einmal nicht mehr anders— Du mußt das einſehen. Sie ſtand noch eine Zeit lang unbeweglich, nachdem er ſich eilig entfernt hatte. Das Rollen ſeines abfahrenden Wagens ſchlug an ihr Ohr, da raffte ſie ſich auf und ging langſam auf ihr Zimmer. Hier wurde ſie nach und nach ru⸗ higer, denn ſie ſagte ſich, daß gegen ihren Willen dieſe Verbindung nicht geſchloſſen werden könne, und ſie war feſt eutſchloſſen, ihren Willen nicht zu beugen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mit ihren Eltern dadurch in ein völliges Zer⸗ würfniß zu gerathen. Sie wußte ſelbſt nicht, woher ihr dieſe beſtimmte Entſchloſſenheit kam, aber ſie empfand, daß ſie die Kraft beſitzen würde, auszuharren. Sie ſehnte ſich jetzt nach einer Unterredung mit dem Herzoge, weil ſie über⸗ zeugt war, er werde ſelbſt ſofort zurücktreten, ſobald ſie ihm ohne Rückhalt mittheilen werde, daß ſie ſeine Bewerbung entſchieden und für immer abweiſe. Es kam eine längſt ent⸗ behrte innere Freudigkeit über ſie, welche jede Furcht und Beſorgniß in ihr verſcheuchte. Wie ſie es erwartet und nun ſelbſt gewünſcht hatte, ließ ſich der Herzog am anderen Tage bei ihr melden, oder vielmehr ihre Mutter meldete ihn bei ihr an. Sie unter⸗ ließ es nicht, ihr Lehren und Ermahnungen zu geben, wie ——— 245 ſie ſich zu benehmen habe, und ihr dabei nochmals mitzu⸗ theilen, daß dieſe Verbindung ihr und ihres Vaters be⸗ ſtimmter Wunſch ſei, und ſie daher ſchon aus kindlicher Pflicht derſelben nicht länger entgegentreten dürfe. Margot hörte dieſe Worte kaum und erwiderte nicht darauf, denn ſie dachte nur an die Unterredung mit dem Herzoge und war überzeugt, daß mit derſelben Alles beendet ſein werde. Ich habe vor Allem nochmals Ihre Verzeihung zu erbitten, ſagte er mit freundlicher und ruhiger Stimme, nachdem er ſie faſt ehrfurchtsvoll begrüßt hatte, daß ich es gewagt habe, vorgeſtern Abend ſo ſpät und unangemeldet bei Ihnen zu erſcheinen— ich habe nichts zur Entſchuldi⸗ gung dieſes Schrittes anzuführen, als Eines— das Sie entweder anerkennen oder verwerfen; indem Sie dies thun, entſcheiden Sie zugleich über mein Glück. Herr Herzog, ſagte ſie mit ſichtlicher Anſtrengung, und indem ſie ſich vergeblich bemühte, ſeinen feſt auf ſie gerich⸗ teten Blick zu erwiedern, Herr Herzog— ſprechen wir nicht über an ſich gleichgültige Dinge— ich weiß, weshalb Sie hier ſind— meine Eltern haben mich davon in Kennt⸗ niß geſetzt. Wenn Sie das wiſſen, unterbrach er ſie, ſo.. Hören Sie mich an, ſagte ſie mit feſterem Tone, es wird jedenfalls beſſer für uns Beide ſein, denn ich— ich kann den Wünſchen meiner Eltern nicht entſprechen. 246 Das iſt allerdings ein ſehr eiliges und offenes Ge⸗ ſtändniß, und dabei kurz und klar. Sollte ich vielleicht anders handeln? fragte ſie, in⸗ dem jetzt ein ſchwaches Roth über ihre bleichen Wangen hinflog— ſollte ich Sie vielleicht täuſchen? Ich habe Ver⸗ trauen zu Ihnen, deshalb mache ich kein Hehl daraus, daß ich— daß ich genöthigt bin, Ihre Bewerbungen zurückzu⸗ weiſen, ſelbſt dem Willen meiner Eltern entgegentreten muß. Ich bin feſt überzeugt, dieſe Erklärung wird für Sie genügen, um einer Idee zu entſagen, deren Ausführung uns beide ſehr unglücklich machen würde und auf der noch zu beharren Ihrer ſelbſt unwürdig ſein würde. Der Herzog hatte eine ſo beſtimmte Sprache offenbar nicht erwartet und es lagerte ſich ein Schatten über ſein Geſicht, während er Margot mit ſehr gemiſchten Empfin⸗ dungen betrachtete. Aber ſie erſchien ihm gerade jetzt be⸗ gehrungswerther als je, denn das harmloſe, durch ſeine un⸗ ſchuldsvolle Lieblichkeit ſo anziehende Kind war mit Einem Male etwas ganz Anderes geworden, ein ſelbſtbewußtes, ihm widerſtehendes Weib, deſſen Beſitz um ſo verlockender wurde, je ſchwieriger er zu erlangen war. Sie war ihm niemals ſchöner vorgekommen, als in dieſem Augenblicke, da ſie, in ſichtlichem Kampfe mit ihrer inneren Erregung, bald erbleichend, bald erröthend vor ihm ſaß mit dem Ver⸗ ſuche, die Augen zu ihm aufzuſchlagen, ohne es zu können. Sie appelliren an meinen Stolz, ſagte er dann, nach⸗ 247 dem beide eine Zeit lang geſchwiegen, in der Ueberzeugung, in demſelben einen ſicheren und mächtigen Verbündeten zu finden— aber Sie irren darin. So demüthigend dieſes Bekenntniß auch für mich ſein mag— dieſer alte Gefährte iſt mir untreu geworden, denn die Liebe hat ihn aus dem Felde geſchlagen. Sollten Sie mich nicht verſtanden haben? fragte ſie jetzt mit angſterfüllter Stimme— ich ſagte. D wiederholen Sie Ihre Worte nicht, unterbrach er ſie; Sie haben ſich klar und beſtimmt ausgedrückt, und es möchte Ihnen ſelbſt vielleicht ſpäter wünſchenswerther er⸗ ſcheinen, daß dieſe Worte nur einmal geſprochen wurden. — Aber würden Sie wirklich an die Wahrheit meiner Liebe glauben, wenn ich mich durch eine, wie ich hoffe, ſelbſt nicht verſtandene Weigerung abſchrecken und mich be⸗ ſtimmen ließe, einem Glücke zu entſagen, deſſen Werth ich in dieſem Augenblicke erſt in ſeiner ganzen Größe erkenne? Nein, Margot, dann hätten ſie Recht, dann würde ich Ihrer und meiner ſelbſt unwürdig handeln! Aber es iſt ja unmöglich, ganz unmöglich.. Was iſt unmöglich? fragte er ruhig. Daß Sie gegen meinen Wunſch, gegen meinen Wil⸗ len dem Gedanken Raum geben könnten... Ihre Stimme ſtockte, ſie vollendete den Satz nicht, den ſie nicht auszuſprechen vermochte. Das iſt allerdings ganz unmöglich, ergänzte er; Sie werden und können nicht gegen Ihren Wunſch und Willen die Meinige werden— aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, Ihre Wünſche und Ihren Willen zu ändern.— Das iſt es, was ich Ihnen zu erwiedern habe.— Sagen Sie mir nicht, das würde nie geſchehen; das Herz eines ſo jun⸗ gen Mädchens kennt ſich ſelbſt am wenigſten und erſchließt ſich der Liebe eines ehrenwerthen Mannes, wenn es auch zuerſt davor zurückſchreckt, ſobald es erkannt hat, daß dieſe Liebe eine wahre und echte iſt.— Laſſen wir das jetzt, fuhr er leidenſchaftlicher fort, als ſie reden wollte; ich weiß es ja bereits, daß meine Liebe bei Ihnen noch keine Erwiede⸗ rung findet— aber verlangen Sie deshalb nicht von mir, daß ich meine Bewerbungen aufgebe— jetzt weniger als ſonſt. Ich ſpreche offen und ohne Rückhalt zu Ihnen, wie Sie es zu mir thaten, mag es Ihnen immerhin anmaßend erſcheinen. Die Zeit wird dennoch kommen, wo Sie mich nicht mit dieſer Abneigung betrachten, wie in dem gegen⸗ wärtigen Angenblicke; Sie ſelbſt werden mir noch.. So laſſen wir es denn jetzt, unterbrach ſie ihn, und ihre Augen erglänzten in dem Gefühle ihrer beleidigten weiblichen Würde— warten Sie es ab, ob dieſer Zeit⸗ punkt jemals kommen wird. Ich habe mich in Ihnen ge⸗ täuſcht, ich habe geglaubt, es würde nur meiner Erklärung bedürfen, um Sie— doch laffen wir das, ich weiß jetzt, wie ich zu handeln habe, und nehme an, daß unſere Unter⸗ redung zu Ende iſt. 249 Sie haben darüber zu entſcheiden. Sie können die⸗ ſebe beenden oder fortſetzen, ich werde mich ſtets Ihrem Willen fügen— bis in dem Einen Punkte. Und doch bleiben Sie noch immer! ſagte ſie hart. Ich gehe, erwiederte er mit ruhiger Stimme, indem er aufſtand— aber ehe ich Sie verlaffe, beantworten Sie mir noch Eine Frage— Sie mag Ihnen unbeſcheiden er⸗ ſcheinen, aber ſie iſt es in Wahrheit nicht, denn ſie wird mein ferneres Handeln bedingen. Sie ſah ihn mit geſpannter Erwartung an. Lieben Sie einen Anderen? fragte er, indem ſeine Au⸗ gen feſt und forſchend auf ihr ruhten. Wie können Sie es wagen, eine ſolche Frage an mich zu richten? ſtammelte ſie mit bebender Stimme, indem ein tiefes Roth ihr Geſicht bedeckte. Ich wage es, weil mein künftiges Handeln von der Beantwortung abhangen wird. O, ich fühle es in dieſem Augenblicke mehr als je, wie ſchutzlos, wie verlaſſen ich bin, daß man mich ſo zu be⸗ leidigen wagt! ſagte ſie, vergeblich nach Faſſung ringend. Es iſt alſo nicht der Fall, erwiederte er mit einem tieferen Athemzuge— ich danke Ihnen, daß Sie meine Frage für eine Beleidigung erklärt haben. Das war ſie abet nicht— gewiß nicht— Sie werden auch dies ſpäter richtiger beurtheilen.— Und nun leben Sie wohl, theuere Margot— leben Sie für heute wohl, und wie Sie auch 17 Gräſin und Marquiſe. II. ————— 250„ über mich denken mögen, das Eine beherzigen Sie und halten es feſt: Es gibt Niemanden, der es beſſer und red⸗ licher mit Ihnen meint, Niemanden, dem Ihr Glück mehr am Herzen liegt, wie mir!— Als ſie ſich wieder allein befand, war es ihr zuerſt, als ſei ſie von einer drückenden Laſt befreit und könne wie⸗ der athmen; ſie war ja allein mit ihren Gedanken. Aber dieſe Gedanken, welche ſie zuerſt beruhigten, vermehrten bald ihre innere Qual. Auch dieſe Hoffnung war fehlge⸗ ſchlagen, es hatte ihr nichts geholfen, daß ſie ihm rückhalt⸗ los und beſtimmt erklärt, ſie werde ihm nie angehören— er wollte dennoch ſeine Bewerbungen fortſetzen, weil er die ₰ Ueberzeugung hatte, ihr Widerſtand werde enden. Sie dachte an ihre Eltern, an deren beſtimmt ausgeſprochenen Willen, und ſah alle die Kämpfe voraus, die ſie zu beſtehen haben würde. Mehr denn je erſtarkte zwar bei ihr der feſte Entſchluß, es bis zum Aeußerſten kommen zu laſſen und lie⸗ ber zu ſterben, als ein ſo verhaßtes Band einzugehen— aber ſie kam ſich ſo vereinſamt, ſo hülflos vor, wie niemals in ihrem Leben, verlaſſener und hülfloſer, als damals, als † ſie, verwundet, nach dem Tode Viorne's in der Apotheke im Harze gelegen. In ihrem Kopfe entſtanden verſchiedene Plane, wie ſie zu handeln habe, und der Gedanke, ſich ⁰ dem Allem durch die Flucht zu entziehen, gewann eine Zeit lang Raum bei ihr, denn ſie war ſich ihrer Entſchließungen ſelbft nicht mehr klar, und verworrene Ideen, deren Un⸗ —— —— haltbarkeit ſie immer bald wieder erkannte, jagten ſich in ihrem Innern. Allmählig wurde ſie ruhiger, und die Ueberzeugung, daß es unmöglich ſei, ſie gegen ihren Willen zu zwingen, glättete nach und nach die hochgehenden Wogen ihres Em⸗ pfindens. Sie kam zu dem Entſchluſſe, ſich leidend zu ver⸗ halten, aber auch in kleinen Dingen, welche ſich auf die An⸗ knüpfung oder das Einleiten dieſes Verhältniſſes beziehen könnten, niemals nachzugeben. Vielleicht würde man ſie dann wieder fortſchicken— ach, wie gern wäre ſie gegan⸗ gen in die Einſamkeit irgend eines ländlichen Aufenthaltes oder nach der Fichtenau!— Als ſie ſpäter, es war gegen Abend, herunter kam, waren ihre Eltern Beide ausgefahren, wohin, wußte man nicht. Die Stille des großen Zimmers machte einen wohl⸗ thuenden Eindruck auf ſie; ſie ſetzte ſich an das Fenſter, deſſen Ausſicht auf den Hof ging, den ein ſchweres eiſernes Gitter von der Straße trennte. So ſaß ſie längere Zeit, und ihre Gedanken zogen hin und her, hinüber und her⸗ über, ungebunden an Raum und Zeit, im bunten Spiele mit der Vergangenheit und der Zukunft, tändelnd mit der Erinnerung und der Hoffnung. Um ihren Mund lag der Widerſchein dieſes wehmüthigen Empfindens— bald ein leiſes Lächeln, bald ein ſchmerzliches Zucken— es war faſt wie ein Traum, den ſie im Wachen träumte— einer jener wunderbaren Momente, worin die Seele der Gegenwart —— 252 und dem Körper entrückt iſt und entfeſſelt und frei ſich in ungemeſſenen Räumen ergehen kann. Da wurde die Thür raſch geöffnet— und ſie er⸗ blickte eine Geſtalt— ach, eine theure, längſt verlorene Geſtalt— wachte ſie wirklich oder träumte ſie?— Margot, Margot, herzensliebe Schweſter, Du hier? rief ſeine Stimme, und ſeine Arme breiteten ſich ihr enigegen. Raoul, Ravul! hauchte ſie— iſt es Wirklichkeit, iſt es Wahrheit? Sie fühlte ſich von ſeinen Armen umſchlungen, dann ſchwanden ihre Sinne. ————