— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1e jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprehende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von — mir zurückerſtattet — wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß vvraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: I Pf. 2 N— Pf „3 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— ſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Werkes, ſo iſt S— 0 S S —— S— d S Ziblutjei deutſher Hriginalnnane Herausgegeben von 3 Herm. Markgraf. * Neunzehnter Jahrgang. 5 Neunzehnter Band. Gräſin und Marquiſe. . Wien. Herm. Markgraf. 1864. Roman von Guſtav vom Ser. I. Theil. Wien. Herm. Markgraf. 1864. Seite 14 28 57 72 92 Druck von Heinr. Merch in Prag. Epite N. Capitel II. Capitel.. V. Capitel.. . Capitel.. 7I. Capitel. II. Capitel. III. Capitel. X. Capitel. S. Capitel CI. Capitel. XII. Capitel. XIII. Capitel XIV. Capitel XV. Capitel. XVI. Capitel. XVII. Capitel XVIII. Capitel Seite 1 1 2 5 „ 4 8 5 7 2 2 242 Erſtes Capitel. Es war ein trüber, regneriſcher Sommermorgen und noch ſehr früh. Die tiefziehenden ſchweren Wolken hingen an den waldbewachſenen Bergen, ſie bald ganz verhüllend, bald hier und da einzelne Stellen, höhere Kuppen oder finſtere Schluchten für kurze Zeit entſchleiernd, ohne jedoch jemals das ganze Gebirge mit ſeinen ſonſt ſo ſchönen ma⸗ leriſchen Linien dem Auge ſichtbar werden zu laſſen. Selbſt au den untern, ziemlich ſteil in das enge Thal abfallenden Bergwänden zogen dünne, graue Schleier hin, bald ver⸗ ſchwindend, bald wieder ſo plötzlich entſtehend, als wenn ſie aus den Kronen der feuchten, dunkelen Bäume heraus⸗ gewachſen wären. Die Stimmung der Natur glich derjeni⸗ gen eines Menſchen, aus deſſen Seele immer wieder trübe und düſtere Gedanken aufſteigen, ohne daß er weiß, wo⸗ her ſie kommen, die er gern verſcheuchen möchte, aber ihrer nicht Herr werden kann. Der Stoff dazu hat ſich, wie in Gräfin und Marquiſe. 1. 3 der Natur, in ſchönen, anſcheinend ſonnenhellen Tagen g ſammelt und ſich allmählig verdichtet. Der belebende Hat, der die Nebelmaſſen zerſtreut, will nicht erſcheinen, und dem Wechſel verfallen wie alles Irdiſche, muß er ruhig ausharren, ſich tröſtend in der trüben Gegenwart mit der Erinnerung deſſen, was vergangen iſt, und mit der ſtets bereiten freundlichen Hoffnung des wiederkehrenden Son⸗ nenſcheines. Ein alter Mann, welcher mit beſorgten und ängſtli⸗ chen Blicken aus dem kleinen Fenſter eines niedrigen, aber freundlichen Bauernhauſes blickte, ſchien jedoch ganz an⸗ deren als dieſen melancholiſchen Betrachtungen obzuliegen, denn er lauſchte mit faſt athemloſer Spannung auf den Schall des aus der Ferne herübertönenden, jetzt ſchon eut⸗ lich zu vernehmenden Schießens. Das, was er hörten war nicht der Wiederhall einzelner Schüſſe, wie dies etwa 6 Jagd in ihrem Gefolge hat, ſondern das oft wiederholte Knattern eines lebhaften Gewehrfeuers, und jetzt eben, als er ſich zurücklehnte, um ſeinen Kopf aus dem offenen Fen⸗ ſter zu entfernen, erdröhnten auch die erſten dumpfen und an den Bergen hinrollenden Donner von abgefeuerten Ges ſchützen. 5 Margot, ſagte der Mann, indem er heftig das kleit Fenſter feſt zuſchloß, als ob er ſich dadurch hätte ſichei 8 wollen, Margot, mein Kind, die Sache fängt an, ſehr be denklich zu werden! 3 Das junge Mädchen, zu dem der alte Mann dieſe e ſprach, ſchien noch weit mehr von Furcht ergriffen, er ſelbſt. Sie ſtand bebend an einem Tiſche, und die Bläſſe ihres jngendlichen, kindlichen Geſichtes und der angſt⸗ volle Blick ihrer grauen, dunkeln Augen hätten allein ge⸗ nügt, um die Beſorgniſſe ihres Innern zu bekunden. Was könnte geſchehen, Herr Viorne? ſagte ſie kaum hörbar; Sie belehrten mich doch noch geſtern, der Krieg ſei nur hinten weit in Oeſterreich, der Kaiſer habe geſiegt und der Friede ſei jetzt gewiß. So iſt es auch, mein Kind, erwiederte der alte Mann, indem er wieder angſtvoll auf das immer an Heftigkeit zu⸗ nehmende Schießen lauſchte; der Kaiſer hat geſiegt, die Oeſterreicher ſind bei Wagram geſchlagen, es iſt längſt ein Waffenſtillſtand geſchloſſen, aber dieſer Marodeur, dieſer Herzog von Braunſchweig hat ihn ja nicht angenommen und ſetzt auf eigene Hand den Krieg fort. Es wird ihm zwar nichts helfen, er wird bald vernichtet ſein, aber hier, hier, ſo weit im Rücken der Armee, hier, wo Niemand an die Möglichkeit eines feindlichen Ueberfalles dachte, wird es ihm vielleicht gelingen, Unheil genug anzurichten! Glauben Sie, Herr Viorne? fragte in neuer, ſicht⸗ barer Angſt das junge Mädchen. Aber uns kann doch nichts geſchehen? S Wer kann das wiſſen; ſie ſcheinen es auf unſer Dorf abgeſehen zu haben, und ſolche Dorfgefechte ſind in der 18 Regel ſehr heftig und blutig; man brennt die Häufet 6 der und bekümmert ſich wenig um die armen Einnoih Das wäre ja ſchrecklich, ſchrecklich! Was ſollen dann anfangen? Vor allen Dingen müſſen wir uns jetzt ganz ruhig verhalten, denn wollten wir unſer Haus verlaſſen und in die Berge flüchten, ſo könnten wir leicht mitten in das Ge⸗ fecht gerathen! Nein, nein, um Gottes willen nicht! Laſſen Sie uns ruhig hier bleiben, wir können uns in den Keller flüchten! Der liebe Gott wird Alles zum Beſten wenden! Es bleibt uns weiter nichts übrig, wir müſſen hier bleiben, wiederholte der Alte, obgleich es ſchien, als ſei er noch nicht recht mit ſich einig, und Sie haben Recht; wir ännen uns ſchlimmſten Falls in den Keller flüchten, ob⸗ gleich— aber das wird hoffeullich nicht nöthig ſein— doch hören Sie, hören Sie, es kommt Cavallerie! 15 Beide eilten bei dieſen Worten raſch an das Fenſter, ſich jedoch ſo ſtellend, daß ſie von Außen nicht geſehen wer⸗ den konnten. Ein größerer Trupp grüner weſtfäliſcher Hußaren ſprengte die Dorfſtraße herauf und machte unmittelbar vor dem Hauſe, worin ſich die beiden beſchriebenen Perſonen 4 befanden, Halt. Der Officier, welcher die Hußaren com⸗„ mandirte, ertheilte mit lauter Stimme Befehle, die durch den raſchen Ritt etwas in Unordnung gekommenen Glieder 5 ſich wieder, und der Zug Hußaren hielt darauf usgehakten Carabinern erwartungsvoll in der Dorf⸗ aße. Treten Sie zurück, treten Sie zurück! rief der alte Mann mit noch weit angſtvollerer Stimme als vorher. Tre⸗ ten Sie um Gottes willen zurück, man darf Sie nicht ſehen! Das junge Mädchen, welches ungeachtet ihrer Angſt neugierig auf die Hußaren und namentlich auf den jungen, ſtattlichen Officier geblickt hatte, konnte dieſer Weiſung kaum nachkommen, denn der Alte hatte ſie gewaltſam vom Fenſter fortgeriſſen.. Es ſind aber doch unſere Freunde, Herr Viorne, ſagte ſie dann; ſie ſind gekommen, um uns zu beſchützen! —— * Alle Soldaten ſind jetzt unſere Feinde, erwiederte der Alte raſch und in gedämpftem Tone, als ob man ſeine Stimme hätte draußen hören können;Niemand weiß mehr, wer Freund und wer Feind iſt! Treten Sie zurück, ſage ich Ihnen! fuhr er heftig auf, als ſich Margot unwillkür⸗ lich wieder dem Fenſter um einen Schritt genähert hatte; wir ſind verloren, wenn Sie geſehen werden! Aber ich begreife Sie nicht.... Das iſt auch gar nicht nöthig— ich befehle es Ihnen! In dem Angenblicke, als der Alte dieſe harten, ihm ſonſt nicht eigenen Worte ſprach, ertönte das Commando 6 des Officiers wieder, und die Hußaren ritten in raf Trabe vorwärts, dem Schauplatze des ſich offenbar nä den Gefechtes zu. Die geringſte Unvorſichtigkeit kann für uns die ſchlimm⸗ ſten Folgen haben, fuhr er dann, wie ſonſt, in rückſichts⸗ vollem Tone fort, während das junge Mädchen ihn noch immer, erſchreckt wegen ſeiner ganz ungewöhnlichen Hef⸗ tigkeit, anſah, und es macht keinen Unterſchied, Fräulein Margot, ob wir von Feinden oder ſogenannten Freunden geſehen werden. Die Soldaten ſind alleſammt ein rohes, rückſichtsloſes Volk, und ein ſo ſchönes und auffallendes Geſicht wie das Ihrige lockt ſie an, wie die Wölfe ein Lamm. Ich will in den Keller gehen und die nöthigen Vorkehrungen für den ſchlimmſten Fall treffen. Bleiben Sie hier, aber gehen Sie niemals nahe an das Fenſter, niemals, was auch vorüberkommen möge. Setzen Sie Sich hierhin, hinter den großen Ofen; man kann nicht wiſſen, es könnte immerhin leicht eine Kugel durch das Fenſter fliegen. Während der alte Mann in den Keller hinabſtieg und Margot mit angſterfülltem Herzen und Blicken ſchweigend hinter dem dunkeln, großen Kachelofen ſaß, wollen wir den Leſer näher mit dem Schauplatze bekannt machen, auf wel⸗ chem unſere Erzählung beginnt. Es war ein großes, lang gezogenes Dorf im Harze, zu welchem das beſchriebene kleine Haus gehörte, eines 6 6 7 — von jenen volkreichen und wohlhabenden Dörfern, deren Einwohner zugleich vom Walde, von der Landwirthſchaft und von den in der Nähe befindlichen Eiſenwerken aus⸗ kömmlich leben. Es lag in einem romantiſchen, engen Thale, ziemlich entfernt von größeren Städten, und unter⸗ hielt nur ſo viel Verkehr nach Außen, als der Abſatz des Eiſens und die Beſchaffung von mancherlei Bedürfniſſen mit ſich brachte. Zur Zeit, von welcher wir reden, gehörte es zum Königreiche Weſtfalen, deſſen Daſein damals eine zweijährige Vergangenheit aufzuweiſen hatte, alſo ſo ziem⸗ lich in der Blüthe ſeines kurzen Lebens ſtand. Die Gewalt des franzöſiſchen Kaiſers, welche dieſes Königreich gleich mehreren andern aus den Trümmern alter, im raſchen An⸗ laufe vernichteter Staatenverbände hatte entſtehen laſſen, konnte doch nicht eben ſo plötzlich auch die Geſinnungen der darin zu einem Ganzen vereinten Menſchen ändern; dieſe gehörten vielmehr nach wie vor noch immer ihren al⸗ ten, jetzt verjagten Fürſten und denjenigen Einrichtungen und Anſchauungen an, unter welchen ſie geboren und auf⸗ gewachſen waren. Das Zuſammenwürfeln in ein neues, bisher nicht dageweſenes Königreich unter einem fremden Herrſcher hatte nur den Erfolg gehabt, daß die Bevölke⸗ rung ein gemeinſames Band und ein gemeinſames Stre⸗ ben zu erfüllen begann, nämlich das: vor Allem wieder Deutſche zu werden. Denn der Deutſche bedarf immer erſt eines ſtarken Druckes, ehe das Gefühl des großen gemein⸗ ————— ſamen Vaterlandes recht lebendig in ihm wird; erſt dann verſchwinden die kleinlichen Sonderintereſſen, welche, nach dem auf Deutſchland ruhenden alten Fluche, ſeine Bruder⸗ ſtämme trennen und ihre Kraft und Macht lähmen; dann erwacht in ihnen das Verlangen der Einigung, das Stre⸗ ben, Ein Volk, das mächtigſte der Erde zu ſein— aber wenn das Ziel erreicht, das Joch der Fremden abgeſchüt⸗ telt, die Freiheit errungen, der graue, einfarbige Krieger⸗ mantel ausgezogen iſt, dann läßt ſich das große, ſtarke Volk wieder die alten Weiſen vorſingen, bei denen es ſorg⸗ los einſchlummert, um bei dem Erwachen mit dem gewohn⸗ ten buntfarbigen Kinderſpielzeuge fortzuſpielen und dabei zu plaudern, wie ſchön die Einigkeit geweſen, daß nur in ihr Heil liege, aber Heſſen doch einmal nicht Preußen, Württemberg nicht Baiern und Sachſen nicht Oeſterreich, kurz, Deutſchland nicht Ein Reich ſein könne, ſondern ein jedes Ländchen zuerſt vor Allem das, was es ſei, und ne⸗ benbei auch noch Deutſchland!— Doch wir verfallen in denſelben Fehler, den des Re⸗ dens und Klagens um unabänderliche Dinge; was wir ge⸗ ſagt haben und noch ſagen könnten, weiß ein Jeder,„ſo weit die deutſche Zunge klingt,“ und obgleich ein Jeder es weiß, bleibt es doch wie es iſt, und wird auch wohl noch lange oder immer ſo bleiben! Der Tag, welcher mit einem ſo trüben, regneriſchen Morgen begann, fiel in das Ende des Juli im Jahre 1809 — * 9 die Schlacht bei Wagram war bereits geſchlagen und der Waffenſtilſtand zwiſchen Napolevn und Franz I. abge⸗ ſchloſſen. Nur in Tyrol währte der Aufſtand noch fort, und auch der Herzog von Braunſchweig, der bis dahin gemein⸗ ſchaftlich mit den Oeſterreichern in Sachſen gekämpft hatte, war dem Waffenſtillſtande nicht beigetreten, ſondern ſetzte den Krieg auf eigene Hand fort, weniger, weil er einen Erfolg d abſah, als aus Haß gegen den Gewaltigen und in der Abſicht, ſich nach dem Meere durchzuſchlagen, um ſich nach England einzuſchiffen, was ihm bekanntlich auch gelang. Das Hauptcorps des Herzogs, im Ganzen beſtehend aus 500 Mann Cavallerie, 1500 Mann Infan⸗ terie und vier Geſchützen marſchirte an demſelben Tage von Quedlinburg nach Halberſtadt, wo es ein weſtfäliſches In⸗ fanterie⸗Regiment nach hartnäckigem Widerſtande gefan⸗ gen nahm, und ein Seitencorps durch das Gebirge entſandt, welches in dem Dorfe, in deſſen Bereiche unſere Erzählung beginnt, auf einen unerwarteten und überlege⸗ nen Widerſtand geſtoßen war. Einige Compagnien weſtfäliſcher Infanterie hatten die Ausgänge beſetzt, und, wie wir bereits geſehen, war auch eine Schwadron Huſaren zu ihrer Hilfe erſchienen. Die Braunſchweiger, der Zahl nach die Schwächern, führ⸗ ten zwei Geſchütze und fochten mit dem Muthe der Verzweiflung. Als der alte Mann, den das junge Mäd⸗ chen mit dem Namen Viorne anredete, nach kurzer Zeit — 10 wieder in das Zimmer trat, hatte das Schießen ſich noch mehr genähert, und aufſteigende Rauchſäulen verkündeten, daß bereits an mehreren Stellen des Dorfes Feuer ausge⸗ brochen ſei. Die Angſt des Alten nahm bei dieſen be⸗ drohlichen Erſcheinungen immer mehr zu. Gott weiß, wie dies enden ſoll, ſagte er mit einem raſchen Blicke durch das Fenſter; das Feuer nimmt überhand, wir wohnen leider nahe am Anfange des Dorfes, und wenn die Unſerigen ge⸗ ſchlagen oder auch nur zurückgeworfen werden, iſt das Schlimmſte zu befürchten! Wir möchten zu dem Apotheker flüchten! rief das junge Mädchen; es iſt der Einzige, den wir hier kennen, wir würden doch nicht ſo ganz allein und hülflos ſein! Meinen Sie? bemerkte unſchlüſſig der Alte— es wäre vielleicht gut— aber— nein, nein, es geht nicht— ach, ich dachte nicht an die Hußaren! Weshalb gerade die Hußaren— ach, mein Gott, ſe⸗ hen Sie! Ich glaube, ſie tragen dort einen Todten! Zwei Soldaten trugen einen anderen auf zuſammen⸗ gelegten Gewehren vorüber, die Arme hingen ihm ſchlaff herab und die weiße Tuchweſte der Uniform war von Blut überſtrömt. Ja, ſo ſcheint es, ſagte der Alte tonlos. Es iſt ſchrecklich, ſchrecklich! rief händeringend das junge Mädchen. Laſſen Sie uns in den Keller eilen! In demſelben Augenblicke ſtürzten eine Menge Dorf⸗ K 11 bewohner an dem Hauſe vorüber, wehklagend und mit bleichen, angſtvollen Geſichtern. Die Weiber trugen Kin⸗ der oder zogen ſie hinter ſich her, die Männer flohen, einen Theil ihrer ärmlichen Habe mit ſich forttragend. Auch ver⸗ wundete Soldaten ſuchten ſich zu flüchten, das Schießen er⸗ tönte in der nächſten Nähe und das gegenüberliegende höl⸗ zerne Haus begann zu brennen. Retten wir uns, retten wir uns, rief das junge Mäd⸗ chen mit erneuerter Angſt, retten wir uns! oder wir ſind verloren! Der alte Mann ſtand noch immer unſchlüſſig. In den Keller? ſagte er dann; er wird uns keinen Schutz gewäh⸗ ren, wenn das Haus in Flammen aufgeht! So kommen Sie, kommen Sie nach der Apotheke! Nun denn, in Gottes Namen, Gott möge Ihr Schutz ſein— ich kann nicht mehr thun! Nehmen Sie mit, was Ihnen das W zerthvollß te iſt— den kleinen Kaſten— war⸗ ten Sie— wo iſt die Schatulle? Ich darf ſie nicht zurück⸗ laſſen— ah hier— nun— ſo kommen Sie! Eilen wir, eilen wir! Der Weg, den ſie zurückzulegen hatten, mochte viel⸗ leicht zweihundert Schritte lang ſein. Kaum befanden ſie ſich auf der Dorfſtraße, als die weſtfäliſche Infanterie in wilder Flucht zurückſtürmte, dazwiſchen jagten die Hußa⸗ ren, dicht verfolgt von den ſchwarzen braunſchweigiſchen Reitern, Alles wild durch einander. Die Infanteriſten ſuch⸗ —— 12 ten Häuſer, Hecken oder Bäume zu erreichen und ſchoſſen von da auf die Braunſchweiger; dieſe aber flogen in wil⸗ der Verfolgung hindurch, Alles vor ſich niederrennend. Die Hußaren hielten wieder einen Augenblick Stand, und die beiden Flüchtlinge befanden ſich bald mitten in der wilden Verwirrung dieſes Dorfgefechtes. Pferde ſtürzten, Piſtolen und Gewehre knallten und überrittene und zuſam⸗ mengehauene Menſchen bedeckten den Boden. Der alte Mann hielt krampfhaft die Hand des jungen Mädchens und zog ſie mit ſich fort, wohin, wußte er ſelbſt nicht mehr, er ſuchte nur aus dieſem furchtbaren Gewirre zu ent⸗ kommen. Sie folgte ihm, längſt der eigenen Willenskraft be⸗ raubt. Da fühlte ſie plötzlich die ſie bis dahin feſt umſchlin⸗ gende Hand ſich löſen, und der alte Mann ſank mit einem ieiſen Aufſchrei zu Boden. Kliehen Sie, fliehen Sie, ſtammelte er— mit mir iſt es aus! Herr Viorne, Herr Viorne! ſchrie das junge Mäd⸗ chen, indem ſie ſich verzweiflungsvoll zu ihm herabbeugte und vor ſeinen erſtarrenden Augen erbebte. Erholen Sie Sich— o, ſtehen Sie doch auf— nur noch ein paar Schritte! Seine Lippen bewegten ſich, ohne daß er ſprach, ſie knieete zu ihm nieder, aber in demſelben Augenblicke ſpreng⸗ 13 ten Pferde über ſie fort, ſie fühlte einen heftigen Schmerz am Kopfe und verlor das Bewußtſein. Ehe ſie die Augen ſchloß, kam es ihr vor, als ob eine ſchwarze Reitergeſtalt neben ihr ſtände und ſchützend den Degen über ſie halte; dann verſchleierten ſich ihre Blicke und ſie ſah nichts mehr. Das letzte ihr bewußte Bild war keine Phantaſie geweſen, ein braunſchweigiſcher Reiter⸗Officier war vom Pferde ge⸗ ſprungen, um das hülfloſe Mädchen zu beſchützen; ehe er jedoch dieſen Vorſatz ausführen köunte, traf ihn der Kol⸗ benſchlag eines weſtfäliſchen Infanteriſten, er taumelte und lag wenige Minuten ſpäter ebenfalls ohne ein Zeichen des Lebens neben den lebloſen Körpern des alten Mannes und des jungen Mädchens. Das Gefecht zog ſich raſch das Dorf hinab, die Braunſchweiger verfolgten die geſchlage⸗ nen Weſtfalen, und bald wurde es wieder ſtill und öde auf der Stelle, wo kurz vorher ein ſo wildes und mörderiſches Getümmel geherrſcht hatte. Zweites Capitel. Wie bereits angeführt, ſtand unfern der Stelle, wo der alte Viorne und das junge Mädchen von einem ſo un⸗ glücklichen Geſchicke betroffen worden waren, die Apotheke. Sie bildete, obgleich ebenfalls, wie alle Häuſer des Dor⸗ fes, von Holz erbaut, doch eines der ſtattlichſten Gebände, aus deſſen Aeußerem die Wohlhabenheit des Eigenthü⸗ mers leicht zu erkennen war. Dieſer ſelbſt genoß nicht nur bei den Dorfbewohnern, ſondern in der ganzen Umgegend eines großen Anſehens, welches ſeinen Grund hatte, eines⸗ theils in der leutſeligen und oft aufopfernden Weiſe, mit welcher er ſich armer Kranken annahm und ihnen unent⸗ geltlich oder auf langen Credit Medicamente verabreichte, anderentheils und hauptſächlich in ſeiner ganzen Perſön⸗ lichkeit. Er war der Rathgeber und Vertraute Aller derer, die eines ſolchen bedurften und überall half er, ſo weit es möglich war, auch mit der That, kurz, er war ein Mann, 1 Or den man allgemein hochſchätzte und verehrte und der dies auch im vollſten Maße verdiente. Dazu kam, daß er ſeiner Geſinnung nach dem neuen Regimente entſchieden abhold war und aus dieſer Geſinnung auch kein Hehl machte, ein Umſtand, der noch befonders dazu beitrug, ihn in den Au⸗ gen der ähnlich fühlenden Bevölkerung hochzuſtellen. Da das Dorf noch vor wenigen Jahren zum Her⸗ zogthum Braunſchweig gehört hatte, ſo iſt die Aufregung leicht erklärlich, welche ſeine Bewohner durchzuckte, als plötzlich ſo ganz unerwartet die Kunde von dem Anmarſche des geliebten Fürſten ſich verbreitete. Zwar war es mehr ein freudiger Schreck als eine wirkliche und wahrhafte Freude, denn ſelbſt der Unerfahrenſte konnte darüber nicht im Zweifel ſein, daß irgend ein Erfolg nicht zu erwarten, wohl aber für die Perſon des Herzogs das Schlimmſte zu fürchten ſei, wenn erſ ſollte. Als die ſchwarzen braunſchweigiſchen Reiter mit den Todtenköpfen an den niedrigen Czakos dann die Dorfgaſſe hinabſprengten und im wilden Anlauf die weſtfäliſchen Truppen vor ſich hertrieben, da konnte der patriotiſche Apo⸗ theker, ungeachtet der damit verbundenen Gefahr, es doch nicht unterlaſſen, am Fenſter zu bleiben und ſogar den vorüberſprengenden Reitern ein freudiges„Willkommen!“ zuzurufen. So ſtand er noch und blickte ihnen nach, als das kurze Gefecht bereits vorüber und nnmittelbar darauf einen Feinden in die Hände fallen ⸗ 16 eine unheimliche Stille eingetreten war. Seine ſtattliche, große Geſtalt— er unterſchied ſich auch hierin von vielen ſeiner Amtsgenoſſen— lehnte ſich weit aus dem jetzt ge⸗ öffneten Fenſter heraus und lauſchte aufmerkſam den noch vereinzelt fallenden, ſich immer mehr entfernenden Schüſ⸗ ſen, um daraus den Gang des Gefechtes zu erforſchen. Sie haben geſiegt, ſie haben geſiegt! rief er dann, obgleich er ſich ganz allein in dem vorderen Zimmer be⸗ fand, in dem er ſich freudig umblickte; aber, ſetzte er ernſt und traurig werdend hinzu, was kann es nützen— was kann es nützen, jetzt wo Oeſterreich abermals und wohl für lange Zeit darniedergeworfen iſt und Preußen, Gewehr beim Fuß, dies geduldet hat!— Armer, braver Herzog, Du haſt Dich einmal wieder von Deinem wilden Blute be⸗ thören laſſen! Die Würfel ſind an der Donau gefallen! Alles Blut von Aspern iſt vergebens gefloſſen— und noch vergeblicher dasjenige, welches jetzt unfere friedliche Straße benetzt.— Gott möge ihn beſchützen und ihn ſeinen Fein⸗ den entrinnen laſſen— ihn und all die Braven, welche ſich um ihn geſchaart haben! Du wirſt nie vernünftig werden, Wilhelm, unterbrach die noch immer vor Schrecken bebende Stimme ſeiner Frau dieſes Selbſtgeſpräch, indem ſie ihren Kopf in die halbge⸗ öffnete Thür ſchob; da ſtehſt Du ſogar am offenen Fenſter, wo ſo leicht die Kugeln hereinfliegen können! Es iſt un⸗ 17 verantwortlich! Meinſt Du, es ſei vorüber und man könne ohne Gefahr ſich in dieſem Zimmer aufhalten? Es iſt vorüber, Marie, Du kannſt immerhin ganz hereinkommen; die Unſerigen haben geſiegt, aber.. Führe nicht ſo gottloſe Reden, ſprich wenigſtens nicht ſo laut, damit Dich Niemand hört; denke an Frau und Kinder! ſetzte ſie flehend hinzu.— Ach, mein Gvtt, ſie ſchießen immer noch— wenn ſie zurückkehrten! Ich glaube es nicht; aber mag dem ſein, wie ihm will, wir dürfen die Hände jetzt nicht müſſig in den Schooß legen, es brennen mehrere Häuſer, und es muß Hülfe ge⸗ ſchafft werden! Heda, ihr Burſchen, wo ſteckt Ihr? rief er jetzt, raſch die Thür öffnend. Fort! Du laufe zum Küſter, er ſoll die Feuerglocke läuten, Du, laß den Kutſcher mit den Pferden ſofort zur Spritze eilen! Fort, ſage ich Euch! Starrt mich nicht ſo an, macht Lärm, daß die Leute her⸗ auskommen, die ſich in ihrer Angſt verſteckt haben, wir müſſen vor Allem des Feuers Herr werden! Während die Apotheker⸗Burſchen, obgleich mit inne⸗ rem Widerſtreben, dieſer Weifung folgten, ergriff er ſeinen Hut, um ſelbſt nach der Brandſtätte zu eilen. Du wirſt doch nicht ſelbſt gehen wollen? fragte vol⸗ ler Angſt ſeine Frau; bedenke, wie leicht der Kampf ſich erneuern kann; es iſt ſogar mit Sicherheit anzunehmen, daß die wenigen Braunſchweiger wieder zurückgetrieben werden, und dann geht noch einmal Alles drunter und drü⸗ Gräfin und Marquiſe. I. 2 18 ber! Warte wenigſtens noch eine Zeit lang, bis wir dar⸗ über Gewißheit haben— bedenke. Würdeſt Du das auch wünſchen, wennunſer Haus in Flammen ſtände? Schäme dich, Marie, der Nachbar muß dem Nachbar helfen in der Noth, das erfordert ſchon die einfachſte Chriſtenpflicht! Laß mich, ſage ich Dir, es iſt oh⸗ nehin keine Gefahr.. A Laß mich— ich würde mich vor mir ſelbſt ſchämen, wenn ich noch einen Angenblick zögerte! Er war bei dieſen Worten eilig der Thür zugeſchrit⸗ ten, als einer der ausgeſandten Gehülfen athemlos und leichenblaß wieder in das Zimmer ſtürzte. Ach, mein Gott, rief er, die Hände ringend, ach, mein Gott, es ſieht ſchrecklich auf der Straße aus; überall Todte und Verwundete, Pferde und Menſchen durch einan⸗ der, und auch der alte Mann, den ſie Viorne heißen, und das junge hübſche Mädcheu, welches bei ihm wohnt, liegen todt mitten auf der Straße, dicht neben einem jungen braunſchweigiſchen Officier— es iſt ſchrecklich mit anzuſe⸗ hen— ich kann nicht weiter! Was ſagſt Du, Burſche, rief der Apotheker jetzt eben⸗ falls in großer Beſtürzung, der alte Viorne und ſein hüb⸗ ſches Pflegekind? Todt? Beide todt und mitten auf der Straße? Es iſt nicht möglich! Ach, ich habe es mit meinen eigenen Augen geſehen 49 — die ſeinigen ſtanden halb offen und er ſtierte mich ſo gläſern an, und ſie— ach, ſie war voller Blut.... Genug, genug, rief der Apotheker aus dem Zimmer ſtürzend; folgt mir Alle ſogleich nach, damit wir ſie in das Haus ſchaffen können— ich jage denjenigen fort, der ei⸗ nen Augenblick zögert! Für den raſch eilenden Mann bedurfte es nur eines ſehr kurzen Zeitabſchnittes, um ihn an den Schauplatz je⸗ nes traurigen Ereigniſſes zu bringen. Erſchüttert blieb er einen Augenblick ſtehen, ehe er ſich zu thätiger Hülfe entſchließen konnte, denn das, was er ſah, war wohl geeignet, auch die Nerven eines ſtarken Mannes erbeben zu machen. Der alte Viorne lag etwas zuſammengekrümmt, das Geſicht nach oben, mit halbgeöffneten, gläſernen Augen da, die Hände krampfhaft geballt. Seine Bruſt war von Blut überſtrömt, er ſchien tödtlich von einer Kugel getroffen. Ne⸗ ben ihm lag das junge Mädchen, deſſen ſchönes, bleiches Geſicht auf des Alten blutiger Bruſt ruhte, ſo daß es zwei⸗ felhaft blieb, ob ihr oder ſein Blut die dunkeln Flecken auf ihren Kleidern hervorgebracht habe. Ihre Angen waren geſchloſſen und eine ihrer kleinen Hände hielt noch diejenige ihres Beſchützers loſe umfangen. Dicht dabei lag der braun⸗ ſchweigiſche Officier, deſſen bleiche Züge die Aufregung des Kampfes feſtgehalten hatten, denn die Angenbrauen wa⸗ ren finſter zufammengezogen und der feſtgeſchloſſene, von 2 20 einem leichten dunkeln Barte umränderte Mund trug den Ausdruck des Zornes, während einer ſeiner Hände den Säbel, die andere eine Piſtole noch feſt umſchloſſen hielt. Der Apotheker beugte ſich zu den Daliegenden hinab, und, war es Zufall oder war es ein anderes, wohl natür⸗ liches Gefühl, ſeine prüfende Hand berührte zuerſt dieje⸗ nige des jungen Mädchens. Sie iſt nicht todt, ſagte er dann mit einem erleichter⸗ ten Athemzuge, vielleicht nur eine Ohnmacht— doch nein — der Arm iſt gebrochen, vom Hufe eines Pferdes zer⸗ ſchmettert. Hebt ſie leiſe auf, ganz leiſe, und tragt ſie in mein Haus— nicht ſo haſtig— halte den Arm oben und unten, Franz, legt ſie auf ein Bett, ich werde bald dort ſein!— Aber hier ſcheint keine Hülfe mehr möglich, ſprach er dann nach einiger Zeit, während ſich mehrere Dorfbewohner um ihn verſammelt hatten, indem er den alten Viorne ſorgſam unterſuchte— die Kugel iſt aus nächſter Nähe in die Bruſt gedrungen, zwar iſt der Tod noch nicht eingetreten, aber er wird nicht lange auf ſich warten laſſen. Holt eine Bahre und tragt ihn vorſichtig, ſehr vorſichtig zu mir hin— er ſoll wenigſtens nicht hülf⸗ los ſterben! Armer, junger Mann, wandte er ſich dann dem Officier zu, ſo fern von der Heimath, fern von den Deinen, und ohne Nutzen, ohne Vortheil für die Sache, der Sache, der Du dienteſt, mußteſt du ſo früh auf fremder Erde den Tod finden!— Doch nein, er lebt noch! Schwach, 21 ſchwach pulſirt noch das Leben in dieſem Körper, aber viel⸗ leicht iſt es dennoch darin zu erhalten. Ein Kolbenſchlag auf den Hinterkopf hat ihn niedergeworfen— es wird Alles darauf ankommen, ob das Gehirn verletzt iſt!— Er zog ein Fläſchchen hervor, hielt ihm dies unter die Naſe und rieb die Schläfe ein. Der Verwundete begann ſich leiſe zu regen, ein tie⸗ fer Athemzug hob ſeine Bruſt; dann öffnete er die Augen, blickte träumeriſch um ſich und ſchloß ſie wieder. Der Apotheker hatte inzwiſchen die Uniform aufge⸗ knöpft und ſeine Unterſuchung fortgeſetzt. Er hat keine weitere Verletzung, ſagte er dann, und athmet jetzt regelmäßig; es iſt hoffentlich nicht ſo ſchlimm, wie es anfänglich ſchien. Wir müſſen ihn ebenfalls nach Hauſe tragen. Der junge Mann ſchlug bei dieſen Worten die Au⸗ gen wieder auf und blickte verwundert um ſich. Wo bin ich? ſagte er dann; ah, ich erinnere mich— haben wir geſiegt? Sie erinnern Sich? Das iſt ein ſehr gutes Zeichen! Fühlen Sie Sich ſehr ſchwach? Ja, ſehr ſchwach; aber ich werde gehen können. Ungeachtet man ihn daran hindern wollte, machte er einen Verſuch, aufzuſtehen, welcher mit Hülfe des Apothe⸗ kers und der Umſtehenden auch gelang, ſo daß er, unter⸗ 22 ſtützt von hülfreichen Händen, ſchwankenden Schrittes bis zur Apotheke gehen konnte. Hier hatte man bereits für die beiden Verwundeten, ſo viel es die Umſtände zuließen, Sorge getragen, denn die Apothekerin war, abgeſehen von ihrer Aengſtlichkeit, eine ſehr brave Frau, ebenſo bereit wie ihr Mann, ihren Mitmenſchen zu helfen. Sie hatte nicht nur die beiden Kranken, und zwar einen jeden in einem beſonderen Zim⸗ mer, auf ein Bett legen laſſen, ſondern auch ſofort nach dem in der Nähe wohnenden Arzte geſchickt, einem Manne, welcher der zum Theil gefährlichen Beſchäftigung der dor⸗ tigen Bevölkerung wegen in der Behandlung ſchwer Ver⸗ letzter Erfahrungen geſammelt hatte und außerdem im Rufe eines tüchtigen Arztes ſtand. Hier, legen Sie Sich einſtweilen auf das Sopha, ſagte der Apotheker zu dem Officier, als dieſer das Zim⸗ mer erreicht hatte; machen Sie keine unnöthigen Umſtände, legen Sie Sich nieder. Sie befinden ſich hier unter Freun⸗ den, die es gut mit Ihnen meinen, unter Braunſchweigern, mein Herr, die immer Braunſchweiger bleiben, wenn man ſie jetzt auch Weſtfalen getauft hat. Seien Sie deshalb ohne Sorgen und machen Sie ſogleich kalte Umſchläge um den Kopf. Franz, beſorge ſchnell Alles, immer kaltes Waſ⸗ ſer, das wird einſtweilen das Beſte ſein— ich kehre bald zurück, für jetzt muß ich jedoch nach den Anderen ſehen, die leider ſchwerer verwundet ſind, als Sie. 23 Er hatte mit dieſen Worten den jungen Mann genö⸗ thigt, ſich auf das Sopha niederzulegen, und war, ehe der⸗ ſelbe, dem es noch wirr im Kopfe herumging, zu danken vermochte, eilig aus dem Zimmer fortgegangen. Der alte Viorne, den man auf ein Bett gelegt hatte, war noch vollſtändig beſinnungslos, und nur ein kaum be⸗ merkbares Athmen bekundete, daß das Leben noch nicht entwichen war. Die Wunde wurde mit einer feſten Com⸗ preſſe geſchloſſen, um die fernere Blutung zu verhindern; dann mußte man aber den alten Mann vorläufig ſich ſelbſt überlaſſen und das Weitere abwarten, und es ſchien faſt, als ob das nur noch unmerklich in dieſem Körper zuckende Leben bald und ohne ſichtbaren Uebergang ganz aufhören werde. Der Apotheker eilte daher, nachdem er auch hier die den Umſtänden gemäße Hülfe getroffen hatte, zu dem jun⸗ gen Mädchen, welches in dem Zimmer ſeiner Frau auf de⸗ ren Bett gelegt worden war. Als er eintrat, ſchlug ſie eben die Augen auf, und es war offenbar ein beruhigendes Gefühl, das ſie erfaßte, als ſie die ihr bekannte Geſtalt des Apothekers vor ſich ſte⸗ hen ſuh. Bin ich hier? fragte ſie mit ſchwacher Stimme— bei Ihnen? O, dann iſt es gut— aber wo iſt Herr Viorne? Ach, es war ſchrecklich, ſetzte ſie hinzu, indem ein Schauer über ihren Körper lief— mitten unter den Pfer⸗ den und Reitern— mein Arm ſchmerzt ſehr! Seien Sie ruhig, ſagte der Apotheker, Sie ſind jetzt ganz ſicher und Herr Viorne auch; er hat eine nicht ge⸗ fährliche Wunde und liegt drüben in der Stube. Laſſen Sie mich mich vor Allem den Arm unterſuchen. Fühlen Sie ſonſt noch Schmerzen? Sie dürfen mir jetzt nichts verſchweigen— auch wird der Arzt ſogleich hier ſein. Nein, erwiederte ſie, ich fühle keine anderen Schmer⸗ zen, als an dem Arme— ich kann ihn nicht bewegen, er iſt wie todt. Herr Viorne iſt verwundet, ſagten Sie?— Ach, mein Gott, jetzt erinnere ich mich, er war mit Blut bedeckt, als er niederfiel, ich vermochte ihn nicht aufzu⸗ richten! Es iſt nur eine unbedeutende Fleiſchwunde, denken Sie jetzt nicht daran und laſſen Sie mich Ihren Arm un⸗ terſuchen. Ja, ja, wie ich dachte— ſo, fuhr er fort, indem er den Arm auf die Decke des Bettes ausſtreckte— es hat weiter nichts zu ſagen, Sie müſſen ruhig und ſtill liegen, der Arzt wird hoffentlich bald kommen. Der Arm iſt wohl gebrochen? fragte ſie. Wenn Sie es wiſſen, mein Kind, ſo habe ich nicht nöthig, es Ihnen zu ſagen— aber in Ihrem Alter iſt das nicht von Bedeutung. In ſechs Wochen können Sie den Arm wieder vollſtändig gebrauchen, und die Cur iſt nur langwierig, durchaus nicht ſchmerzhaft. 25 Ach, denken Sie nicht an mich, laſſen Sie mich zu Herrn Viorne, daß ich ihn ſehen, ihn tröſten kann! Sie müſſen Sich jetzt ruhig verhalten, ſagte der Apo⸗ theker, indem er das junge Mädchen an dem Verſuche auf⸗ zuſtehen, verhinderte, es iſt durchaus nöthig ihres Armes wegen; Herr Viorne geht es den Umſtänden nach wohl; ſpäter, wenn Ihr Arm verbunden und geſchient ſein wird, werden Sie ihn vielleicht ſehen können, aber jetzt iſt es un⸗ möglich.— Doch ich höre den Arzt. Bleibe hier, Marie, und ſorge dafür, daß ſie ruhig liegen bleibt; ich komme bald zurück. Mit dieſen Worten verließ er eilig das Zim⸗ mer, um den Arzt zuerſt zu dem alten Manne zu geleiten, wo deſſen Hülfe jedenfalls am nöthigſten war. Die Wunde iſt abſolut tödtlich, ſagte der Arzt, nach⸗ dem er den Kranken längere Zeit ſorgfältig unterfucht hatte; es findet eine innere Verblutung Statt. Menſch⸗ liche Hülfe iſt hier vergeblich, der Tod wird wahrſcheinlich ſehr bald und unmerklich eintreten, und das iſt auch das Beſte, was wir ihm wünſchen können. Läßt ſich gar nichts weiter thun? Meine Kunſt iſt hier zu Ende! So kommen Sie, ſagte der Apotheker mit einem tie⸗ fen Athemzuge, ſehen Sie Sich zuerſt den Officier an, obwohl ich glaube, es hat nicht viel auf ſich; und dann verbinden Sie dem jungen Mädchen den Arm, der durch den Schlag eines Pferdes zerbrochen iſt. Sie haben ja ein ganzes Lazareth hier, lieber Freund! Wollte Gott, es wäre nicht der Fall, aber es ließ ſich doch nicht ändern! Fahren Sie mit den kalten Umſchlägen fort, Sie ver⸗ ſtehen das ſo gut wie ich, bemerkte der Arzt, nachdem er auch den Officier unterſucht hatte, dies, ſchmale Koſt und Ruhe werden Sie in kurzer Zeit wieder vollſtändig herſtel⸗ len, denn bei der Klarheit, mit welcher Sie meine Fragen beantwortet haben, iſt eine Gehirnverletzung nicht zu be⸗ fürchten. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, meine Herren, ſagte der Officier, der ſich ſchon längſt in eine ſitzende Stel⸗ lung gebracht hatte, daß Sie Sich eines Fremden ſo hülf⸗ reich angenommen haben; aber wie Sie ſelbſt fagen, iſt meine Verletzung unbedeutend. Darum laſſen Sie mich fort, meine Gefährten aufzuſuchen, wie es Pflicht und Ehre mir gebieten! Das iſt unmöglich, bemerkte der Arzt ruhig. Die Ge⸗ ſchwulſt iſt ſehr ſtark, die Verletzung überhaupt nicht unbe⸗ deutend, jede heftige Bewegung könnte eine gefährliche Er⸗ ſchütterung heworbringen; Sie müſſen Sich einige Tage Ruhe gönnen. Einige Tage? Dann wäürde ich ſie nicht mehr erreichen können— neit, heute iſt der Herzog noch in Hal⸗ berſtadt, dahin werde ich nöthigenfalls fahren können— morgen ſchon würde es zu ſpät ſein! 27 Wenn ſie nun aber, wie wahrſcheinlich, unterwegs wieder bewußlos werden, oder, wie noch wahrſcheinlicher, in Gefangenſchaft gerathen? fragte der Apotheker. Wiſſen Sie auch, daß Gefangenſchaft bei Ihnen gleichbedeutend mit einem ſchimpflichen Tode iſt, daß man Ihr Corps au⸗ ßerhalb des Kriegsrechtes geſtellt hat und Napoleon der Mann dazu iſt, ſeine Befehle ausführen zu laſſen2 Sie dürfen jetzt nicht fort, ſprach der Arzt in ſeiner beſtimmten Weiſe; Sie würden ſehr bald umkehren müſ⸗ ſen, wenn man Sie nicht vorher ergriffen hätte, was ziem⸗ lich gewiß iſt. Morgen wollen wir weiter darüber reden. Für heute Ruhe, kalte Umſchläge und Waſſerſuppe— und nun kommen Sie zu dem jungen Mädchen. Der Officier, im Begriffe, dieſer Weiſung abermals zu widerſprechen, begann zu fühlen, daß er ſeine Kräfte überſchätzt habe; eine eigenthümliche Schwere lagerte ſich auf ſein Gehirn, die Vorſtellungen fingen wieder an, un⸗ deutlicher zu werden, er lehnte ſich zurück, und während er vergeblich mit einem betäubenden Schlummer kämpfte, ver⸗ ließen die beiden Männer leiſen Schrittes das Gemach, den Kranken unter der Aufſicht eines Apotheker⸗Gehülfen zurücklaſſend. U —— ——— Drittes Capitel. Der Arzt hatte den Verband um Margot's Arm vollendet, und ſie lag nun, noch immer mit heftigen Schmerzen kämpfend, bleich und ermattet da. Ihre gro⸗ ßen, dunkeln Augen richteten ſich ängſtlich bald auf den Arzt, der in rückſichtsloſer Weiſe an ihrem kranken Arme gezerrt und geruckt hatte, bald auf den Apotheker, welcher ihm bei dieſer Operation geholfen. Es iſt jetzt vorüber, mein Fräulein, ſagte freundlich der Arzt; ich konnte Ihnen leider dieſe Schmerzen nicht erſparen, denn von dem erſten Verbande hängt die ganze Cur ab. Aber nun ſollen Sie auch Ruhe haben. Trinken Sie, Sie ſind durſtig, dann nehmen Sie einen Löffel von dieſer Arznei, und der Schlaf wird ſich einſtellen, der Ih⸗ nen jetzt vor Allem noth thut. Während die Kranke dieſer Weiſung nachkam und dann ermattet, aber zugleich beruhigt, daß die ſchmerzhafte 29 Operation zu Ende war, die Augen ſchloß, war leiſen Schrittes ein Gehülfe in das Zimmer getreten und hatte einige Worte mit dem Apotheker geflüſtert. Die beiden Männer verließen darauf das Zimmer und begaben ſich wieder zu dem kranken alten Manne, welcher nach des Ge⸗ hülfen Ausſage unruhig geworden war. Als ſie eintraten, erkannten ſie, daß allerdings eine Veränderung in dem Zuſtande des Kranken eingetreten ſei. Er bewegte die Hände und murmelte unverſtändliche Worte vor ſich hin. Es iſt das letzte Aufflackern des Lebens, flüſterte der Arzt; der Tod wird bald eintreten. Margot, ſtöhnte jetzt der Kranke— Margot, ſind Sie hier? Sie iſt in Sicherheit, Herr Viorne, ſprach der Apo⸗ theker, ſich zu ihm herabbeugend, und Sie auch. Sie be⸗ finden Sich in dem Hauſe Ihres Freundes, des Apo⸗ thekers. Es blieb zweifelhaft, ob der alte Mann den Sinn dieſer Worte verſtanden habe, denn er antwortete nicht. Auch die beiden Männer ſchwiegen. Dann ſchlug der Kranke plötzlich die Augen auf und blickte ſtarr, aber die ihn umgebenden Gegenſtände nicht erkennend, um ſich. Wo iſt ſie? fragte er mit ſichtbarer Anſtrengung— ich muß— muß ſie noch ſprechen, ehe ich ſterbe— 30 Denken Sie nicht an ſolche Dinge, Herr Viorne, Sie werden geneſen. Dieſer hatte die Augen wieder geſchloſſen und lag ruhig, nur ſeine Lippen bewegten ſich hin und wieder, als ob er ſprechen wolle. Hören Sie, Margot— mein armes Kind— ſagte er dann leiſe in langſamen Pauſen— ich bin nicht werth, daß Sie mich lieben— ich gehöre auch zu denen, die... Fliehen Sie, fliehen Sie— verbergen Sie Sich, daß Niemand Ihren Aufenthalt erfährt, denn— man hat es böſe, böſe mit Ihnen vor— und ich— ich war ihr Werk⸗ zeug— fliehen Sie— ſagen Sie Niemandem, wo Sie hingehen— die Schatulle— darin finden Sie Alles— Alles— Alles— Seine Stimme ſtockte plötzlich, ein hohler, röchelnder Athemzug hob ſeine Bruſt, während ein blutiger Schaum ſeine Lippen färbte— dann war der ſchwache Kampf des Lebens mit dem Tode vorüber, und der letztere ſtand als unſichtbarer, finſterer Sieger zu Häupten ſeines bleichen Opfers.— Es warenräthſelhafte, unverſtändliche Worte, die der Todte zuletzt geſprochen, ſagte der Apotheker zu dem Arzte, als ſich Beide kurze Zeit darauf allein in einem Zimmer be⸗ fanden; ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll. Er ſprach mit klarem Bewußtſein. Iſt Ihnen etwas Näheres über die beiden Perſonen bekannt? 31 Nicht das Mindeſte. Sie wohnen ſeit einem halben Jahre hier im Orte und haben mit Niemandem verkehrt. Außer mit Ihnen. Nur zuweilen kam der Alte und äußerſt ſelten das junge Mädchen herüber. Ueber ihre Verhältniſſe iſt nie ein Wort geſprochen worden. Der Alte wich ſichtlich jeder Mit⸗ theilung darüber aus, und ich bin nicht der Mann, mich in Anderer Geheimniſſe einzudrängen. Er ſprach von einer Schatulle, haben Sie dieſelbe bemerkt? Nein, wahrſcheinlich iſt ſie in ihrer Wohnung zurück⸗ geblieben— ich will ſogleich ſelbſt nachſuchen. Ich muß überhaupt jetzt hinaus, denn das Feuer ſcheint noch immer nicht abzunehmen— hier iſt für jetzt nichts mehr zu thun, aber dort bin ich vielleicht ſehr nöthig. Kommen Sie, kommen Sie, ich werde Sie begleiten. Die beiden Männer verließen bei dieſen Worten das Zimmer und begaben ſich eiligen Schrittes zur Brand⸗ ſtätte. Hier war die Verwirrung wie gewöhnlich, ſehr groß. Auch das kleine Haus, in welchem der alte Viorne gewohnt, ſtand in lichten Flammen, und bei der leichten Bauart des⸗ ſelben war es unmöglich, noch in das Innere zu dringen. Erſt nach mehreren Stunden angeſtrengter Arbeit wurde man des Feuers Herr, ohne jedoch die von ihm ergriffenen Gebäude retten zu können. Die Schatulle, von welcher der 32 Viorne geſprochen, konnte, ungeachtet der Apotheker ſorg⸗ fältige Nachforſchungen anſtellte, nicht aufgefunden werden. Am dritten Tage nach den ſo eben erzählten Ereig⸗ niſſen befanden ſich der Arzt und der Apotheker wieder in dem Privatzimmer des Letzteren und ſprachen, dicht neben einander ſitzend, leiſe zuſammen. Man hatte den alten Viorne vor einer Stunde ſtill und ruhig begraben, damit Margot, welche oben in einem Zimmer nach dem Hofe lag, nichts davon erfahren ſolle. Sowohl in ihrem wie in dem Ergehen des Officiers war keine Veränderung einge⸗ treten, beide befanden ſich vielmehr den Umſtänden gemäß wohl, nur hatte ſich bei Beiden, wie der Arzt vorausgeſagt, ein Wundfieber eingeſtellt, das jedoch regelmäßig und ohne Beſorgniß zu erregen verlief. Neußerlich hatten ſich jedoch die Dinge weſentlich ge⸗ ändert und machten die größte Vorſicht nöthig. Das kleine Corps des Herzogs war von Halberſtadt wieder abgezo⸗ gen, hatte nach einem ſiegreichen Gefechte mit dem weſtfä⸗ liſchen General Reubel die Stadt Braunſchweig genom⸗ men, war aber, von den verſtärkten weſtfäliſchen Truppen verfolgt, wieder nordwärts gegangen. Dieſe bereits bekannt gewordenen Nachrichten ließen darüber keinen Zweifel mehr, daß es die Abſicht des Herzogs ſei, das Meer zu gewinnen, um ſich nach England einzuſchiffen. Dieſer an ſich nutzloſe Kriegszug war mithin ſeinem Ende nahe und konnte im glücklichſten Falle nur noch die Rettung des Herzogs und ſeiner tapferen Schaar zur Folge haben. Dies zu verhin⸗ dern, wurde franzöſiſcherſeits Alles aufgeboten, da man im höchſten Grade ergrimmt war, daß ein abenteuernder, ab⸗ geſetzter Fürſt es wage, während der Kaiſer ſiegreich in Wien ſtand, hier, weit im Rücken der großen Armee und im Herzen von Deutſchland, einen Parteigängerkrieg zu führen, nachdem der Waffenſtillſtand mit OHeſterreich be⸗ reits längſt abgeſchlofſen war. Man bot daher nicht nur Alles auf, das Corps des Herzogs und wo möglich ihn ſelbſt gefangen zu nehmen oder zu vernichten, ſondern man fahndete auch nach allen ver⸗ ſprengten oder verwundeten Soldaten dieſer„Brigants,“ mit welchem ehrenvollen Worte man ſie bezeichnete, um an ihnen ein wohlverdientes Exempel zu ſtatuiren. Der Herzog ſchiffte ſich jedoch, wie bekannt, deſſen un⸗ geachtet wohlbehalten mit dem Reſte ſeines Corps nach England ein, und die überall deutſch geſinnte Bevölkerung ſorgte dafür, daß die Verwundeten und Verſprengten ih⸗ ren Verfolgern entgingen. Dennoch mußte mancher Brave, der damals in dem Wahne, die Zeit der Befreiung ſei be⸗ reits gekommen, jener Schaar ſich angeſchloſſen hatte, ſei⸗ nem dunkeln Geſchicke erliegen und durch einen ruhmloſen Tod enden. Die erſten Tage nach dem ſtattgehabten Gefechte, welches wir zu beſchreiben verſucht haben, waren ungeſtört vergangen, denn man hatte vor Allem nöthig gehabt, Gräfin und Marquiſe. J. 3 Sete 34 fämmtliche disponible Truppen gegen den Herzog ſelbſt zu verwenden. Jetzt fing man jedoch an, nach den Verwunde⸗ ten zu ſpähen, und kleine Patrouillen und Gensd'armen durchforſchten die Orte, wo man deren habhaft zu werden glaubte. In dem Dorfe, welches der Schauplatz jenes Ge⸗ fechtes geweſen, hatten, weil es ſehr abgelegen lag, noch keine Nachforſchungen Statt gefunden. Den Nachrichten zufolge, welche die von dem Apotheker ausgeſandten zu⸗ verläſſigen Späher überbrachten, war jedoch anzunehmen, daß dies ſehr bald geſchehen würde. Sie werden zugeben, ſagte daher der Apotheker mit beſorgter Miene zu ſeinem Freunde, daß etwas geſchehen muß. Wir dürfen den jungen, braven Mann nicht in die Hände ſeiner Feinde fallen laſſen; ich würde keine ruhige Minute mehr deshalb haben. Nein, das darf in keinem Falle geſchehen, erwiederte der Arzt, aber es fragt ſich nur, wie wir ihn retten ſollen. Daß er in Ihrem Hauſe ſich befindet, iſt eine allgemein bekannte Thatſache, und wenn die Leute auch wenig geneigt ſein mögen, zu plaudern oder einen Verrath zu begehen, es findet ſich doch immer Einer oder der Andere; wer weiß auch, ob nicht ein Spion unter uns lebt. Sie haben Recht— ganz Recht— es iſt eine böſe, böſe Zeit— hören Sie meinen Plan. Man wird nach ihm ſpähen und ſuchen, deshalb muß er vor der Leute Augen 35 mein Haus verlaſſen und an einen verborgenen Aufenthalt gebracht werden, bis dieſe Geſchichte ſich verblutet hat. Sehr gut— aber wohin? Ich dachte, nach dem Hammer in der Fichtenau. Dort muß er natürlich in anderen Kleidern und als ein beſtellter Werkführer erſcheinen, auch als ſolcher den Arbeitern vor⸗ geſtellt werden. Wehring iſt feſt und treu, wie ſein Eiſen, und der Platz ſo verborgen und mitten in den Bergen ge⸗ legen, daß eine Entdeckung nicht zu befürchten iſt. Ihr Plan gefällt mir, Wehring müßte aber ſchleunigſt benachrichtigt werden. Das iſt bereits geſchehen. Ich habe ihm natürlich ver⸗ trauensvoll Alles mitgetheilt, und er willigt ein. Der Doctor reichte ſeinem Freunde ſtumm die Hand. So laſſen Sie ihn eilen, ſagte er dann, jeder Zeitverluſt könnte von den böſeſten Folgen ſein. Ich habe bereits mit ihm geredet und mich gefreut, in ihm einen gebildeten und wohl unterrichteten jungen Mann zu finden. Bei ſeinem vffenen Weſen hat er aus ſei⸗ ner Vergangenheit gegen mich wenig Hehl gemacht und mir mitgetheilt, daß er eigentlich Landwirth ſei und aus Schleſien ſtamme. Im Begriffe, dort eine größere Pach⸗ tung anzutreten, kam der Krieg mit Oeſterreich, von wel⸗ chem, wie er mir ſagte, man in ſeiner Heimath allgemein glaubte, daß Preußen ſich daran betheiligen werde. Als dies jedoch wider Erwarten nicht geſchah, hat er ſich, hin⸗ 3* 36 geriſſen von einer begeiſterten Vaterlandsliebe, verleiten laſſen, bei dem Corps unſeres Herzogs, für welches dort offen geworben wurde, Dienſte zu nehmen. Verleiten laſſen? fragte der Arzt in vorwurfsvollem Tone, das ſagen Sie? Ich will ſeine Handlungsweiſe durchaus nicht ver⸗ dammen, entgegnete der Apotheker, Sie wiſſen ja, wie ich in dieſer Hinſicht denke— aber das Ende dieſer tollküh⸗ nen Unternehmung konnte wohl von Anfang an nicht zwei⸗ felhaft ſein. Mir iſt der junge Mann deshalb jedoch um ſo ehrenwerther, und ich will meinerſeits Alles thun, um die Folgen von ihm abzuwenden. Davon bin ich überzeugt, und Sie bedürfen wahrlich der Worte nicht, wo ihre Handlungen ſprechen. Nun, ſo laſſen wir das. Ich habe einen paſſenden Anzug für Ihn an einen verborgenen Ort im Walde brin⸗ gen laſſen; dort wid ſich der braunſchweigiſche Reiter⸗ Officier in einen gewöhnlichen Menſchen verwandeln, und während wir Alles, was ſich auf ſeinen jetzigen Stand be⸗ zieht, verſchwinden laſſen, begibt er ſich nach dem Hammer in der Fichtenau und trat dort ſein neues Amt an. Es iſt Alles gut und ſcharfſinnig erdacht— aber laſ⸗ ſen Sie ihn eilen, es möchte ſonſt zu ſpät ſein. Er wird in einer Stunde aufbrechen— bis heute Abend iſt nichts zu fürchten, ich habe ſichere Nachrichten. 37 Wenn Sie meiner in irgend einer Beziehung bedür⸗ fen, ich ſtehe ganz zu Ihren Bienſten. a, ich bedarf Ihrer, lieber Freund— mich quält noch eine andere Sorge. Es freut mich, daß Sie nicht hier wie überall allein Alles abmachen, ſondern mir Gelegenheit geben, gleich⸗ falls. Ja, rathen Sie mir, unterbrach der Apotheker, ich bedarf Ihres Rathes— was ſoll mit dem jungen Mäd⸗ chen geſchehen? Mit dem jungen Mädchen? fragte der Arzt erſtaunt. Ja, mit dem jungen Mädchen. Die letzten Worte, welche der alte Viorne ſprach, machen es unzweifelhaft, daß ſie in irgend einer Beziehung zu Perſonen ſteht, welche Böſes gegen ſie im Schilde führen. Es bleibt ſehr zweifelhaft, bemerkte der Arzt, ob der Sterbende noch bei Bewußtſein war, als er jene Worte ſprach. Er war bei klarem Bewußtſein, entgegnete der Apo⸗ theker, und wenn der Tod nicht ſo plötzlich eingetreten wäre, würdeu wir weitere Aufklärungen erhalten haben. So iſt es leider nicht geſchehen, und die Schatulle, welche ihm ſo viel Sorge machte und die wahrſcheinlich werth⸗ volle Documente enthielt, iſt verſchwunden. Was ſollte aber in dieſer Hinſicht geſchehen? Viorne und das junge Mädchen haben während ihres halbjährigen Aufenthaltes in unſerem Dorfe zuweilen mit uns verkehrt, und wenn dieſer Verkehr auch ſehr oberflüch⸗ lich war, ſo habe ich doch ſo viel daraus entnommen, daß der Alte das junge Mädchen verborgen hielt, ſie genau überwachte und in einem geheimnißvollen Verkehre nach Außen ſtand, wahrſcheinlich mit denen, welche ſie zu fürch⸗ ten hat, da er ſie ſelbſt davor warnte und ſie aufforderte, zu fliehen, da ſie verfolgt würde. Hierüber muß das junge Mädchen ſelbſt doch mehr wiſſen und wird keinen Anſtand nehmen, es mitzutheilen, wenn man ſie fragt und ſie zugleich von den letzten Aeuße⸗ rungen ihres verſtorbenen Beſchützers in Kenntniß ſetzt. Das habe ich bereits gethan. Nun, und? Der Tod des alten Viorne hat ſie ſehr erſchüttert, denn ſie hing an ihn mit großer Liebe, obgleich ſie nicht in Abrede ſtellt, daß er ſie ſtets mit Aengſtlichkeit bewacht habe. Nimmt ſie Anſtand, von ihrer Vergangenheit zu ſprechen? Nicht im mindeſten; ſie hat ein offenes Weſen, und bei ihrer großen Jugend iſt es wohl natürlich, daß ſie ge⸗ gen Menſchen, welche ihr mit Theilnahme entgegenkommen, Vertrauen gewinnt. Darf ich erfahren, weks ſie Ihnen mitgetheilt hat? Es iſt zwar nicht viel, weil ſie ſelbſt nicht viel weiß, 39 aber genug, um daraus zu erkennen, daß des alten Viorne letzte Worte einen tiefen und richtigen Sinn hatten. Sie machen mich neugierig. Sie ſtammt, wie dies wohl kaum zweifelhaft iſt, aus Frankreich. Jetzt fünfzehn Jahre alt, iſt ſie zur Zeit der Schreckensherrſchaft, ein Jahr nach des unglücklichen Kö⸗ nigs Enthauptung, geboren. In Frankreich iſt ſie niemals geweſen. Mit ihren Eltern oder mit denjenigen, welche ſie für ihre Eltern hielt— ſie ſpricht von einer großen, ſtol⸗ zen Frau und einem alten Manne, der ſie oft zärtlich ge⸗ küßt— iſt ſie unter vielfachem Wechſel des Aufenthaltes bis zu ihrem neunten Jahre zuſammengeweſen. Man ſprach nur franzöſiſch, da ihre Umgebung kein Deutſch verſtand; ſie lernte es natürlich, wie ihre Mutterſprache, weil ſie ſich immer in der Schweiz oder Deutſchland aufhielt, worüber ſie jedoch keine andere Auskunft geben kann, als daß alle Leute, außer denjenigen, welche ſie für ihre Eltern hielt, deutſch geſprochen hätten. Sie erzählt ferner von einem um mehre Jahre älteren Knaben, den ſie für ihren Bru⸗ der gehalten, bis ihr ſpäter der alte Viorne mitgetheilt habe, daß weder der Knabe ihr Bruder, noch jene beiden Perſonen ihre Eltern ſeien. Das klingt ja Alles wunderbar. Eines Tages iſt ſie dann nach einem ſehr zärtlichen Abſchiede von dem alten Manne und aufgelöſt in Schmerz, daß ſie von dem Knaben hat ſcheiden müſſen, mit Viorne fortgefahren und hat in dieſer ganzen Zeit an drei ver⸗ ſchiedenen Orten allein mit dieſem eben ſo verborgen ge⸗ lebt, wie hier. Viorne wird ihr doch ſelbſt über ihre Eltern und ihre Vergangenheit Mittheilungen gemacht haben. Er hat ihr geſagt, daß ihre Eltern während der Re⸗ volution umgekommen ſeien, daß ſie die Tochter eines ar⸗ men franzöſiſchen Edelmannes Namens de Larey ſei, de⸗ ren ſich nach der Hinrichtung ihres Vaters jene Perſonen, die ich Ihnen beſchrieben habe, mitleidsvoll angenommen und mit ihr daun Frankreich verlaffen hätten. Dieſe, die man, wie ſie ſich erinnert, Villers genannt, ſeien jedoch ſelbſt arme Emigrirte geweſeu und hätten ſpäter nicht mehr die Mittel beſeſſen, ſie zu ernähren. Er, der alte Viorne, habe ſie lieb gewonnen, und da er nicht, wie jene, nach Frankreich hätte zurückkehren wollen, weil er das neue Regiment haßte, habe er ſie bei ſich behalten. Er ſelbſt müſſe jedoch verborgen leben, um nicht von dem jetzigen franzöſiſchen Gewalthaber, dem Kaiſer, entdeckt zu werden, der alle alten Anhänger des Königs verfolgen laſſe, und deshalb hätten ſie ſo abgeſchloſſen gelebt und auch öfter ihren Aufenthalt gewechſelt. Ich geſtehe, bemerkte der Arzt, daß dies Alles etwas unwahrſcheinlich und myſtiſch klingt. Was hatte denn der alte Viorne für ein Intereſſe an dem jungen Mädchen? Er ſei ein Freund ihres Vaters geweſen, hat er ihr oft geſagt, und könne ſie daher nicht verlaſſen. Und ſonſt weiß ſie nichts? Sie ſpricht von dem alten Viorne mit großer Liebe und kann ſich noch immer nicht über ſeinen Tod tröſten. Jedenfalls hat er ſie gut hehandelt und auch, wie ſie fer⸗ ner erzählt, unterrichtet, obgleich ihre Kenntniſſe den ge⸗ wöhnlichen Elementarunterricht wenig überſchreiten. Un⸗ aufhörlich hat er ihr aber eingeſchärft, mit Niemandem weiter zu verkehren, weil ſonſt ſeine Freiheit, ja, ſelbſt ſein Leben gefährdet werde. Natürlich hat ſie dies auch gethan, und ſo ſtets einſam mit ihrem Beſchützer gelebt. Sie er⸗ zählte auf meine Frage weiter, daß ſie zuerſt in der Schweiz gewohnt, denn aber, als der Krieg auch dorthin gekommen, nach Deutſchland gezogen ſeien, daß der alte Viorne von Zeit zu Zeit Briefe geſchrieben habe, die ſie jedoch nie⸗ mals hätte leſen dürfen und die er ſelbſt in der nächſten Stadt auf die Poſt gegeben. Er habe ebenſo von Zeit zu Zeit Antworten und, wie ſie wohl gemerkt, mit Geldſendungen erhalten, denn wenn dieſe Briefe, die zu regelmäßigen Zeiten eingetroffen, zuweilen länger ausge⸗ blieben ſeien, hätten ſie äußerſt kümmerlich leben müſſen. Auch unſer Dorf hätten ſie binnen Kurzem verlaſſen wol⸗ len; die Leute fingen an, ſich zu viel um ſie zu beküm⸗ mern, hätte der Alte geſagt; an welchem Orte ſie aber ſich dann niederlaſſen wollten, wußte ſie nicht, denn jedes Mal, wenn ſie ihren Aufenthalt gewechſelt, hat Viorne ihr nur geſagt, daß ſie fortziehen würden, niemals aber vorher, wohin. Schließlich könnte die Geſchichte aber doch in ihren Hauptzügen wahr ſein, bemerkte nachdenkend der Arzt; es treiben ſich noch immer viele ſolcher franzöſiſcher Emigrés herum, welche auf die Auferſtehung des Königthums und auf den Sturz des Kaiſers hoffen. Die Zuneigung eines alten Mannes zu dem hülfloſen Kinde ſeines hingerichte⸗ ten Freundes iſt außerdem in der Natur, ſelbſt in dem Egoismus des Menſchen begründet. Sie vergeſſen aber Viorne's letzte Worte, entgegnete der Apotheker. In der Sterbeſtunde redet der Menſch die Wahrheit, und er ſagte, man habe es böſe mit ihr vor, ſie ſolle fliehen, ſich verbergen, er ſei das Werkzeug ihrer Verfolger geweſen, ſie ſolle Niemandem ſagen, wo ſie hin⸗ ginge.— Kann es danach einem Zweifel unterliegen, daß ihr Gefahr droht, wenn wir auch nicht wiſſen können, welche? Iſt es nicht unſere Pflicht, das arme, unſchuldige Weſen dieſer Gefahr zu entziehen, ſo weit es in unſerer Macht liegt? Aber wie können wir dies? Wenn Ihre Annahmen richtig ſind, was mir jetzt ſelbſt wahrſcheinlich iſt, ſo wiſſen diejenigen, vor welchen Viorne warnte und als deren Werkzeug er ſich bekannte, auch ihren jetzigen Aufenthalt, da der Alte jedenfalls mit ihnen in Verbindung geſtanden. Man wird alſo nachforſchen, und Ihr Haus wird der erſte Ort ſein, wo man dieſe Nachforſchungen beginnt. Das unterliegt keinem Zweifel, deshalb kann ſie auch keinesfalls in meinem Hauſe bleiben. Was wollen Sie aber mit ihr beginnen? Ich will ſie einfach ebenfalls in die Fichtenau bringen. In die Fichtenau? Und Sie glauben, man würde dies nicht erfahren? Es muß mit großer Vorſicht ins Werk geſetzt werden. Laſſen Sie hören! Sie fährt offen und vor allen Leuten in einem ge⸗ mietheten Bauernwagen nach Halberſtadt, wohin ſie ſich nach ihrem Willen begeben muß. Ich kenne einen zuver⸗ läſſigen, treuen und verſchwiegenen Mann. Man fährt ge⸗ gen Abend auf dieſem, der Fichtenau ganz eentgegengeſetz⸗ ten Wege ab, und während ſie oben im Walde, wenn es dunkel geworden iſt, ausſteigt und auf Umwegen in die Fichtenau gebracht wird, kehrt der Fuhrmann mit verbun⸗ denem Kopfe zurück, erzählt, daß er von verſprengten Braunſchweigern überfallen worden ſei, welche das Mäd⸗ chen, obgleich es ſich geſträubt, mit ſich genommen hätten. Und wird man das glauben? Was kümmert es mich; mögen ſie es glauben oder nicht, ihre Spur iſt verſchwunden und möchte doch äußerſt ſchwierig wieder aufgefunden werden! 44 Aber Sie ſelbſt können in große Unannehmlichkeiten kommen, wenn es dennoch geſchähe! Nun, dies wäre erſt abzuwarten! Sie haben mich zum Mitwiſſer Ihres Geheimniſſes gemacht, ſagte der Arzt, ſeinem Freunde herzlich die Hand ſchüttelnd, kann ich in irgend welcher Weiſe mitwirken? Ja, das können, das müſſen Sie ſogar. Sie müſſen den Arm in ſolcher Weiſe verbinden, daß ihr die kurze Reiſe nicht ſchadet; bei der Frau Wehring iſt ſie gut auf⸗ gehoben, und Sie werden gewiß Zeit erübrigen, zuweilen unbemerkt hinüber zu reiten! Das ſoll Alles geſchehen. Der Bruch iſt nicht gefähr⸗ lich, und ich werde Sorge tragen, daß ihr die kurze Fahrt nicht ſchadet. Wann ſoll ſie fort? Morgen Abend und der Officier noch heute! Nun wohl, ſo ſei es, und ſo möge der Himmel Ihren menſchenfreundlichen Plan gelingen laſſen! Das wollen wir hoffen, ſagte der Apotheker nicht ohne ſichtbare Bewegung, und nun kommen Sie, ſehen Sie nach Ihren Patienten. Niemand, auch meine Frau nicht, kennt unſer Geheimniß; ſie würde ſpäter ſich doch vielleicht verrathen, wenn die Nachforſchungen kommen— überhaupt taugen die Weiber nicht zu ſolchen Geſchäften! * Viertes Capitel. Die Fichtenau iſt eines jener wundervollen Thäler des Harzes, welche dieſes Gebirge ſo anziehend machen und ihm den Charakter des Erhabenen und zugleich des Friedlichen verleihen. Hohe, ſteil abfallende, dicht mit Buchen bewachſene Wände, hier und da von aufſtarren⸗ den, nackten Felſen eingerahmt, welche die Einförmigkeit der wellenförmigen Berglinien maleriſch unterbrechen, um⸗ ſchließen den grünen Wieſenteppich, der in anmuthigen Windungen ſich bald verbreiternd und bald ſich verengend, an ihrem Fuße hinzieht. Der Wanderer, indem er an dem raſch über weißgraues Geſtein und zackige Felſen dahin rauſchendem Bache fortſchreitet, gewinnt immer wieder neue Anſichten, ſobald er einen Bergvorſprung umgangen oder eine jäh bis in die Flut ſich hinabziehende Felswand hinter ſich gelaſſen hat. Die Bilder, welche ſich ſo dem Auge des Beſchauers darſtellen, ſind ähnlich und doch verſchieden, bald lieblich, bald ernſt und wild, bald beleuchtet von den mit Wellen koſenden Sonnenſtrahlen, bald dunkel im Schatten der Bergwände ruhend, wie die heiteren und finſteren Gedanken der Menſchen. Man mußte von der Mündung des Thales faſt drei Stunden aufwärts wandern, immer den Windungen des Baches folgend, bis man den Wieſenabſchnitt überſehen konnte, wo der Eiſenhammer lag. Die Berge hatten hier, zurücktretend, mehr Raum gelaſſen, das Thal brei⸗ tete ſich wieder aus, und der Bach, durch ein hohes Wehr in ſeinem Laufe gehemmt, bildete einen ruhigen, ſeearti⸗ tigen Spiegel, um ſich dann, unwillig wegen dieſes Auf⸗ enthaltes, mit lautem Geräuſch und weißem Schaum über das ihm entgegengeſetzte Hinderniß hinabzuſtürzen. Den größeren Theil ſeines Waſſers mußte er jedoch dazu ver⸗ wenden, mehrere ſchwerfällige Räder in ſteter drehender Bewegung zu erhalten und dadurch ſeine jugendlichen Kräfte den Intereſſen des Menſchen dienſtbar zu machen. Erſt dann war es ihm geſtattet, ſich wieder mit ſeinen getrennten Gefährten zu vereinigen und das gewohnte Spiel mit den Steinen, Blumen, Wurzeln und Pflanzen fortzuſetzen— bis auch ſeine Jugend verrann und er, der einförmigen, verflachenden Gewohuheit des Daſeins ver⸗ fallen, vereint mit anderen Genoſſen und ſein eigenes Selbſt immer mehr verlierend, langſam dem ewigen Meere zufloß, um darin zu vergehen.— 47 Hier lag das Hammerwerk, deſſen Beſitzer der alte Wehring war. Von Jugend auſ dieſer Beſchäftigung ob⸗ liegend, hatte er durch Fleiß und Sparſamkeit, ſo wie durch Kenntniſſe, welche er ſich faſt allein durch Erfahrung zu eigen gemacht, den früher kleinen und unſcheinbaren Eiſenhammer zu einem nicht unbedeutenden Werke umge⸗ ſchaffen. Das Auge verweilte jetzt auf einer größeren An⸗ zahl ſchwarzer, niedriger Gebäude, denen zum Theil hohe, rauchende Eſſen entſtiegen, während die ſchweren, dum⸗ pfen Schläge der Hämmer bald eilig wie ein Menſch im Ausbruche des Zornes, bald langfam verhallend, als ob ſie, von der Anſtrengung ermüdet, ausruhen wollten, das Echo des Thales wachriefen. Unfern dieſer dunklen Gebäude und Schuppen ſtand ein zierliches ſauberes, weißes Wohnhaus, umgeben von einem ſorgfältig gepflegten Blumengarten, wie dies die Gebirgsbewohner lieben. Dieſes Haus hatte Wehring erſt vor einigen Jahren erbaut, als ſeine Umſtände anfingen, ſich wie er ſich aus⸗ drückte, nachhaltig zu verbeſſern. Die Mittel dazu hätte er zwar ſchon längſt gehabt, aber er war nicht frei von einem gewiſſen Aberglauben, der ihn an das kleine, ein⸗ ſtöckige hölzerne Wohnhaus band, in welchem er ſein Ge⸗ ſchäft begonnen und aufblühen geſehen hatte. Es iſt uns hier immer wohl gegangen, entgegnete er ſeiner Frau, die wiederholt zur Ausführung des oft beſprochenen Neubaues drängte; man ſoll die Räume nicht verlaſſen, wo das Glück mit uns heimiſch geworden iſt— wer weiß, ob es ihm in dem neuen Hauſe gefallen würde und es nicht auf und davon zöge. Wenn es hier auch eng und niedrig iſt, für uns Beide reicht der Raum aus; wozu ſollen wir ein neues Haus bauen? Der unausgeſetzte Einfluß ſeiner Frau, ſo wie auch auch wohl das eigene geſteigerte Bedürfniß hatten ihn jedoch endlich zur Ausführung des längſt beſchloſſenen Vor⸗ habens beſtimmt, das neue Haus ſtand jetzt bereits Jahre, und er hatte die beruhigende Ueberzeugung gewonnen, daß das Glück es nicht verſchmäht hatte, die alte, kleine Woh⸗ nung dicht an den rauchenden und polternden Hammer⸗ werken mit der neuen, geräumigeren, etwas höher und entfernter gelegenen zu vertauſchen. „Wehring ſelbſt war ein feſter, zuverläſſiger und ent⸗ ſchloſſener Charakter, zäh und ſtark wie das Eiſen, welches er bereitete, oft ſchwer zu überzeugen, aber auch der ein⸗ mal gewonnenen Ueberzeugung unwandelbar treu bleibend. So war und blieb ihm das neue Regiment aus vollſter Seele verhaßt, er hing vielmehr mit ſich immer noch ſtei⸗ gernder Liebe an dem vertriebenen Regentenhauſe und würde zu jedem Opfer bereit geweſen ſein, um es in ſeine alten Rechte wieder einzuſetzen. Die unfern von dem Hammer früher ſich hinziehende Landesgränze hatte das Gefühl der Abgeſchloſſenheit nach 49 Außen ſtets bei ihm rege erhalten und das Anfhören Alles deſſen, was mit einem derartigen Gränzverkehre verbunden iſt, die Abneigung gegen die jetzigen Zuſtände noch ver⸗ mehrt. Er haßte aus dem tiefſten Grunde ſeiner Seele die fremden franzöſiſchen Eroberer und Alles, was damit zuſammenſtand. Seinen jetzigen, ihm aufgedrungenen Landesherrn, Jerome, nannte er niemals König, denn er erkannte ihn einmal nicht an und glaubte feſt daran, daß dieſe ſaubere, niederträchtige Wirthſchaft, wie er ſich aus⸗ drückte, bald ein Ende nehmen müſſe. Dazu ſchien allerdings zu der Zeit, von welcher wir erzählen, am wenigſten Ausſicht zu ſein; Wehring ließ ſich jedoch ſelbſt durch alle Siegesnachrichten aus Oeſterreich nicht irre machen, fondern blieb feſt bei ſeiner Ueberzeu⸗ gung, die Zeit ſei noch nicht gekommen, aber ſie würde kommen, und er hoffe, ſie noch zu erleben. Daß dies geſchehen möge, war ſein tägliches Gebet. Der Leſer mag aus dieſer kurzen Charakterſchilde⸗ rung erſehen, daß der Apotheker ſich in der Wahl desje⸗ nigen Mannes, deſſen Schutz er ſeine beiden Flüchtlinge anvertrauen wollte, keineswegs geirrt hatte. Wir werden morgen einen neuen Inſpector bekom⸗ men, Anna, ſagte Wehring zu ſeiner Frau, als der Apo⸗ theker nach einem Beſuche, bei welchem Beide viel und allein mit einander verkehrt, ſich wieder entfernt hatte; du kannſt oben ein Zimmer für ihn zurecht machen. Gräfin und Warquiſe. 1. 4 F 50 Einen Inſpector, fragte verwundert die Frau, Du willſt Dir einen Inſpector halten? Du biſt ja rüſtig und geſund, wozu brauchen wir einen Inſpector? Bedenkſt Du auch die Ausgaben? Ich habe Alles wohl bedacht und überlegt, ſonſt würde ich Dir nicht ſagen, daß der Inſpector morgen kommt. Er ſoll die Verſendungen beſorgen, die jetzt meine Zeit ſehr in Anſpruch nehmen und mich dem eigem⸗ lichen Geſchäfte entziehen. So? bemerkte die Frau, die wohl erkannte, daß ein weiterer Widerſpruch vergeblich ſein würde— Du mußt das freilich am beſten wiſſen. Und er ſoll hier im Hauſe bei uns wohnen? Wo ſollte er ſonſt untergebracht werden? In unſerer alten Wohnung iſt kein Raum, das weißt Du ja ſo gut wie ich; die Arbeiter mit ihren Familien haben kaum Platz darin. Er iſt außerdem ein gebildeter junger Mann aus guter Familie, ein Patriot, ſetzte er mit erhöhter Stimme hinzu; mache das grüne Zimmer für ihn zurecht. Wenn Du Dich nur nicht in Unannehmlichkeiten bringſt, Wehring, bemerkte die Frau nach einiger Zeit, während ſie ihren Mann forſchend und beſorgt angeſehen hatte; wenn wir auch hier einſam und abgeſchieden wohnen, böſe Menſchen und Spione kommen auch bis in unſer Thal! Laß ſie immerhin kommen, ſie wiſſen, was ſie von 51 mir zu halten haben, und an dem neuen Inſpector werden ſie nichts finden, als eben einen Inſpector, deſſen ich be⸗ darf, den ich nöthig habe und haben will, ſetzte er mit lauterer Stimme hinzu— wer kann mich daran hindern? Es iſt allerdings weit gekommen, aber daß ich mir Leute miethen kann, die ich zu meinem Geſchäfte brauche, iſt, ſo viel ich weiß, doch nicht verboten! Nun, Du mußt das am beſten wiſſen, und ich werde das Zimmer zurecht machen. Wann wird er ein⸗ treffen? Heute Nacht; ich werde ihm mit dem kleinen Wagen entgegenfahren. In der Nacht— und Du ſelbſt willſt ihm entge⸗ genfahren? fragte in ſichtlicher Beſtürzung die Frau. Es iſt ja Mondſchein; ich habe das Alles mit dem Apotheker verabredet— beruhige Dich darüber, ich werde nur wenige Stunden abweſend ſein! Du verbirgſt mir etwas, Wehring, und es ſchmerzt mich, daß Du kein Vertrauen zu mir haſt! Wenn ich kein Vertrauen zu Dir hätte, würde ich nicht ſo handeln, wie ich handle. Mein Vertrauen zu Dir beſteht darin, daß ich Dir ſage, wir bekommen einen neuen Inſpector, von dem ich weiß, daß Du Deine eigenen Ge⸗ danken haſt, ohne daß ich Dir dieſe eigenen Gedanken zu benehmen verſuche. Habe ſie immerhin, dieſe eige⸗ nen Gedanken, aber vertraue mir auch darin, daß es 4* —— 52 beſſer iſt, über alles Uebrige zu ſchweigen— meinetwegen, Deinetwegen und auch ſeinetwegen— und nun thue, wie ich Dir geſagt habe. Die Frau, welche ihren Mann kannte, ſchwieg, weil ſie wußte, daß eine weitere Erörterung doch nichts fruchten würde, und ſchickte ſich an, ſeinem Wunſche nachzukom⸗ men und das Zimmer zu verlaſſen, als dieſer ſie daran hinderte und nicht ohne einige Verlegenheit weiter be⸗ merkte: Ich habe Dir noch mehr mitzutheilen, Anna; Du wirſt darüber vielleicht erſtaunt ſein, aber ich denke mir auch, daß es Dir Freude machen wird. Du haſt mir noch etwas mitzutheilen? Ja, ſieh', mein Kind, wir leben hier doch eigentlich ſehr einſam, das heißt, du lebſt ſehr einſam. Der liebe Gott hat uns keine Kinder geſchenkt, ich bin den ganzen Tag im Geſchäft und Du biſt immer allein, ohne Geſell⸗ ſchaft und ohne Stütze. Wie kommſt Du auf dieſe ſonderbare Idee? fragte verwundert die Frau. Haſt Du bemerkt, daß ich in meiner Wirthſchaft läſſig werde— geht Dir etwas ab? Nein, nein, nicht im mindeſten, erwiederte Wehring, indem er ſich verlegen abwandte; wie kannſt Du ſo etwas denken! Ich will Dir reinen Wein einſchenken, Anna; das junge Mädchen, welches auf einige Zeit bei uns wohnen wird, kommt nicht Deinetwegen, ſondern ihretwegen, ob⸗ 53 gleich ich überzeugt bin, daß Dir ihre Geſellſchaft von Nutzen ſein wird. Ein junges Mädchen ſoll bei uns wohnen? Vielleicht eine Verwandte des neuen Inſpectors? Nein, nein, ſie ſteht mit dieſem in gar keinem Zu⸗ ſammenhange. Vielleicht haſt Du ſie wenigſtens einmal flüchtig geſehen, neulich, als wir in der Apotheke zum Be⸗ ſuche waren— ich glaube wenigſtens! Ich wüßte nicht. Iſt es eine Verwandte des Apo⸗ thekers? Nicht? fuhr ſie fort, als Wehring verneinend den Kopf ſchüttelte; nun, wer iſt es denn, weshalb ſperrſt Du Dich ſo lange, mir den reinen Wein, wie Du Dich ausdrückſt, einzuſchenken? Es iſt das junge Mädchen, welches mit dem alten Franzoſen drüben im Dorfe ſo einſam gewohnt hat, erwie⸗ derte Wehring in haſtiger Weiſe, als ob es ihm darum zu thun ſei, möglichſt Alles ſo kurz wie möglich mitzutheilen — ich glaube mich zu erinnern, daß Du ſie geſehen, ſo⸗ gar mit Ihr geſprochen haſt. Die ſoll zu uns ziehen— eine Franzöſin? Du willſt eine Franzöſin in Dein Haus aufnehmen? Und den Alten natürlich mit dazu— es wird ja recht lebhaft bei uns werden! Ach, der Alte iſt todt! Ja, todt, fuhr er fort, als ſeine Frau ihn erſchreckt anſah, er iſt umgekommen bei dem Gefechte, welches die Braunſchweiger vorgeſtern drüben — 54 hatten; mitten auf der Straße hat man ihn erſchoſſen und dem jungen Mädchen, ſeinem Pflegekinde, den Arm zer⸗ ſchmettert! Das iſt ja ſchrecklich; aber wie kann ſie denn zu uns kommen? Und weshalb ſoll ſie gerade hieher, ich dächte, ſie könnte nirgendwo beſſer aufgehoben ſein als in der Apotheke? Dort darf ſie eben nicht bieiben— es iſt eine etwas myſtiſche und verwickelte Geſchichte, aber der Apotheker hat Recht, dort kann ſie nicht bleiben, und hier wird man ſie nicht ſuchen. Alſo man ſucht ſie? Höre erſt den ganzen Verlauf, dann wirſt Du mir beipflichten, bemerkte Wehring, ich bin davon überzeugt; es ſollte mir wenigſtens leid thun, wenn ich mich in Dir geirrt hätte! Er erzählte ihr nun die dem Leſer bekannten That⸗ ſachen und ſchloß damit, daß er hinzufügte, hiernach ſei es klar, daß ſie aus irgend einem Grunde von wahrſchein⸗ lich mächtigen Perſonen verfolgt würde. Er habe ſelbſt zwar nicht das mindeſte Intereſſe, eine Angehörige der ihm verhaßten Nation bei ſich aufzunehmen, auch gehe ihn ja eigentlich das junge Mädchen und ihre Verfolgung gar nichts an— der Apotheker, welcher großen Antheil an ihr nehme, habe dieſe Gefälligkeit jedoch als einen Freund⸗ — ——— 55 ſchaftsdienſt von ihm gefordert, und da habe er ſich nicht weigern können. Ich habe zugeſagt, Anna, fuhr er fort, weil ich Deiner Zuſtimmung gewiß war; außerdem hatte der Apo⸗ theker große Eile, hauptſächlich wegen des jungen Man⸗ ies Welches jungen Manues? unterbrach ſie ihn. Nun, des Inſpectors! Alſo der iſt auch ein Schützling des Apothekers? Laſſen wir das, laſſen wir das! ſagte Wehring, är⸗ gerlich, daß er ſich verrathen hatte; und nicht wahr, Du wirſt das arme, kranke Kind gern aufnehmen und es ihm nicht entgelten laſſen, daß ich Dich nicht vorher darum be⸗ fragt habe? Wie kannſt Du daran zweifeln, erwiederte ſie, ihm herzlich die Hand reichend; ſie iſt jedenfalls unglücklich, und ich werde Alles aufbieten, um ſie dies vergeſſen zu machen! So habe ich es mir gedacht, erwiederte er erfreut, und wie es dann weiter kommen mag, wir erfüllen eine Menſchenpflicht, das heißt, Du, meine liebe Anna, Du, der ihre Pflege anheimfallen wird— ich bleibe allerdings ſehr unbetheiligt, und doch prahle ich ſchon jetzt mit Dei⸗ nen guten Handlungen! Ich werdeDir helfen, wie ich thun muß und es gerne thue, darin wird mein ganzes Verdienſt beſtehen; Dir aber füllt alles Widere zu, Dir, der Du ſie hergenommen und Ihren Verfolgern, wenn ſie wirklich ſolche hat, ent⸗ zogen haſt! Nun, das wird ſich ja Alles finden. Aber wir müſ⸗ ſen für ſie eine Verwandte ausgeben und ſchon heute von ihrer Ankunft reden, damit die Sache ſo unverfänglich wie möglich ausſieht. Später erzählt man dann, ſie ſei un⸗ terwegs mit dem Wagen umgeworfen und habe den Arm gebrochen. Die Leute gewöhnen ſich dann an ihre Gegen⸗ wart und ſprechen nicht mehr davon; denn was kümmert ſie am Ende ein junges Mädchen, eine Verwandte, die in unſerem Hauſe wohnt! Aber wie ſoll ſie herkommen? Ich habe das Alles mit dem Apotheker verabredet; wir holen ſie übermorgen Nacht ganz heimlich, und es heißt dann, ſie ſei ihres Unfalles wegen ſo ſpät einge⸗ troffen. Du mußt das am Beſten wiſſen, lieber Mann, er⸗ wiederte die Frau; ich werde Alles zu ihrem Empfange zurecht machen, und, ſetzte ſie lebhaft hinzu, ich will Dir nur offen geſtehen, daß ich mich wirklich ſehr auf dieſen unerwarteten Beſuch freue— denn es iſt zuweilen doch recht einſam hier! Nun, ſiehſt Du, daß ich Recht habe, ſagte er, ihr die Hand drückend; ich weiß, was ich an Dir beſitze! — „ Fünftes Capitel. Wir müſſen dem geneigten Leſer endlich den jungen Mann in Perſon vorführen, der bereits ſo vielfach der Ge⸗ von Beſorgniß und Theilnahme geworden iſt, ohne daß wir ihn bis jetzt anders geſehen hätten, als in dem kurzen Momente, wo ihn der Arzt unterſuchte und ihn für lebensfähig erklären mußte, weil natürlich der Held der Geſchichte nicht ſchon im erſten Capitel ſterben darf. Es iſt gegen Abend desſelben Tages, an welchem Wehring das erzählte Geſpräch mit ſeiner Frau führte; der Officier befindet ſich mit dem Apotheker in der geräumigen Wohnſtube des letzteren und ſcheint im Begriffe, Abſchied zu nehmen. Dies hindert uns jedoch nicht, ihn näher zu betrachten, zumal die durch die Fenſter hereinfallenden Strahlen der ſchon tief ſtehenden Soune ihn in einer gün⸗ ſtigen Beleuchtung erſcheinen laſſen. Es iſt eine bekannte Thatſache, daß bei allen Dingen ſehr viel auf die Beleuch⸗ 58 tung ankommt. Die ſchönſte Gegend verliert ihre Schön⸗ heit und Erhabenheit, wenn ein trüber und nebliger Him⸗ mel ſich darüber ausſpannt, des Menſchen Antlitz, das Ideal und der Gipfelpunct irdiſcher Vollkommenheit oder Unvoll⸗ kommenheit, bedarf des richtigen Lichtes von außen und von innen, um ſeine Aehnlichkeit mit untergeordneteren Schöpfungs⸗Producten zu verlieren und als ein Abbild des Göttlichen zu erſcheinen, und ſelbſt alle Erzeugniſſe des menſchlichen Geiſtes, die Werke der Kunſt, der Poeſie und der Wiſſenſchaft, wollen, um in ihrer Vollendung zu erſchei⸗ nen, im richtigen Lichte betrachtet ſein. Wir können daher nicht leugnen, daß wir der Sonne dankbar ſind, daß ſie gerade jetzt, ohne durch Wolken behindert zu ſein, ihre röth⸗ lichen Strahlen in die Wohnſtube des Apothekers ſendet und der ſchwarzen, bereits abgetragenen Uniform mit dem dunkelblauen Kragen des jungen Officiers einen ſchim⸗ mernden Luſtre verleiht. Seine etwas über die Mittel⸗ größe hinausgehende ſchlanke Geſtalt nimmt ſich darin vor⸗ theilhaft aus, und ſelbſt die Bläſſe, welche noch immer auf ſeinem Geſichte lagert, wird dadurch weſentlich gemildert. Das Geſicht ſelbſt, deſſen dunkle Augen jetzt mit dem Ausdrucke des Dankes auf dem Apotheker ruhen, macht ei⸗ nen gewinnenden, angenehmen Eindruck. Der Inhaber desſelben gehört zwar nicht zu den ſogenannten ſchönen Männern, deren ſeeliſche und geiſtige Begabung ſo ſelten ihrem Aeußern entſpricht, als ob die Natur hier ihre Schöpfer⸗ 3 kraft, ſich im Geſchlechte irrend, hauptſächlich der äußeren Form zugewendet habe; aber die hohe, gewölbte Stirn, die dunklen, etwas ſchwärmeriſchen Augen, die gerade, nur wenig gebogene Naſe, der jetzt halbgeöffnete, von einem freundlichen Lächeln umſpielte Mund und das feſte, hervor⸗ tretende Kinn laſſen in dem Beſitzer dieſer den Geiſt ver⸗ körpernden Formen einen Mann von intelligentem, treuem und feſtem Charakter vorausſetzen. Wir können uns wenigſtens dieſer Ueberzeugung nicht verſchließen, obgleich wir aus Erfahrung wiſſen, daß auch ſchöne, ſanfte und glänzende Augen Haß, Neid und Ge⸗ wöhnlichkeit verdecken, und der ganze Zauber eines noch ſo ideal geformten Geſichtes wie eine Fata Morgana in ein Nichts, in eine leere, traurige Täuſchung verſchwindet, wenn die Seele, der Geiſt, der dahinter wohnt, ſich unſerer Er⸗ kenntniß offenbart hat. Im Ganzen und Großen iſt je⸗ doch das menſchliche Antlitz der Abdruck der Seele, und wenm der Beobachter erſt einige Erfahrung geſammelt, ei⸗ nige jugendliche Illuſionen zum Opfer gebracht hat, wird er ſelten irren.„In den Augen liegt das Herz,“ beginnt ein ſchön componirtes Lied— im Blick des Auges, im Lächeln des Mundes liegt die Seele, und weil wir nun ein⸗ mal immer noch an dieſer Ueberzeugung feſthalten, können wir auch nach dem Aeußern des jungen Mannes keinen un⸗ günſtigen Schluß auf ſein Inneres machen. Der weitere 60 Verlauf unſerer Erzählung wird ja übrigens darthun, ob und in welcher Beziehung wir richtig geſchloſſen haben.— Sie verpflichten mich zu lebenslänglichem Danke, ſagte in ſichtlich gerührtem Tone der Officier, indem er dem Apotheker die Hand drückte; ohne Ihre großmüthige, un⸗ verdiente Theilnahme würde mein Geſchick wahrſcheinlich ein ſehr trauriges ſein— Alles wäre vorbei— ein ſchigpf⸗ licher Tod mein Loos! Sie machen viel zu viel Weſens aus der Sache, ent⸗ gegnete der Apotheker, der ſeine eigene Bewegung hinter einem etwas gezwungenen Lächeln zu verbergen ſuchte; Sie ſind aus weiter Ferne hieher gekommen, um uns von einem verhaßten Joche zu erlöſen— das Unternehmen iſt geſcheitert— es war vielleicht von Anfang an thöricht— aber uns, derentwegen Sie Blut und Lehen in die Schanze geſchlagen, uns liegt die Pflicht ob, Ihnen gegen Ihre und unſere Feinde beizuſtehen, ſo weit wir dies vermögen! Ja, es war von Anfang an thöricht, wiederholte trau⸗ rig und kaum hörbar der Officier; aber damals, als wir uns zuſammenſchaarten, damals ſtand Oeſterreich u in voller Kraft dem Eroberer gegenüber; damals hoffte man noch auf Preußen, deſſen Kriegserklärung man nach den er⸗ ſten ſiegreichen Ereigniſſen mit Gewißheit entgegenſah; da⸗ mals glaubten wir, und ich mit Allen denen, die zum Kampfe auszogen, daß wir, im Rücken des Feindes erſcheinend, das geſannnte Deutſchland zum Aufſtande fortreißen und ſo ————— 61 die Wogen von allen Seiten über den Gewaltigen herein⸗ brechen würden— es war leider Alles wieder Täuſchung— Alles iſt vorbei— Deutſchland für immer geknechtet.... Geben Sie Sich nicht ſo trüben Betrachtungen hin, unterbrach ihn theilnehmend der Apotheker— der alte Gott lebt noch, und wenn er jetzt auch Dunkelheit und Nacht über uns ſich lagern läßt, es wird auch wieder hell und Tag wer⸗ den. Für jetzt bleibt die Hauptſache, daß Sie Sich in Si⸗ cherheit bringen, damit Sie ſpäter, wenn die Zeit kommt, auf dem Platze ſein können! Sie haben Recht, erwiederte der junge Mann, ſich ge⸗ waltſam aufraffend; verzeihen Sie mir meine Muthloſig⸗ keit und meinen Mangel an Vertrauen. Das gänzliche Scheitern eines ſo hoffnungsreich begonnenen Unterneh⸗ mens hat dieſe trübe Stimmung hervorgerufen— aber ich will ſie verſcheuchen und vor Allem darauf bedacht ſein, daß Ihnen durch die aufopfernde Hülfe, welche Sie einem Unbekannten zu Theil werden laſſen, kein Nachtheil er⸗ wachſe. Laſſen Sie mich ziehen— es iſt die höchſte Zeit! Ja, es iſt Zeit, mein junger Freund, erwiederte der Apotheker, wenn auch vielleicht nicht die höchſte. Befolgen Sie genau meinen Rath. Sie gehen auf dem Fußwege, der oben am Dorfe links abführt, fort, bis Sie den Wald erreichen, Sie werden dazu vielleicht einer Stunde bedür⸗ fen Richten Sie Sich ſo ein, daß es bis dahin dunkel iſt. Im Walde werden Sie nach einer guten Viertelſtunde ei⸗ 62 nen Weg kreuzen, der den Ihrigen faſteim rechten Winkel durchſchneidet, dort wenden Sie Sich rechts, und wenn Sie wieder eine Stunde gegangen und die Landſtraße über⸗ ſchritten haben, werden Sie zu einem verlaſſenen Köhler⸗ meiler gelangen. Dort wird man Sie erwarten. Fragen Sie den Mann, den Sie dort finden: Wie weit bis Wer⸗ dau? Und wenn er Ihnen antwortet: Zwei Stunden! ſo iſt es der rechte und Sie können ihm unbedingt vertrauen. Sie finden dort einen vollſtändigen anderen Anzug und wer⸗ den in der Fichtenau bei meinem alten, bewährten Freunde Wehring hoffentlich ungefährdet als ſein Inſpector Sich ſo lange aufhalten können, bis der Friede geſchloſſen iſt und Sie ſicher in Ihre Heimath zurückkehren. Laſſen Sie mich Ihnen nochmals.... Wir ſehen uns drüben bald wieder, alſo— verſäu⸗ men Sie jetzt die Zeit nicht, ein längerer Aufſchub könnte Ihnen und mir nachtheilig ſein! Sie haben Recht, Sie haben Recht! erwiederte der junge Mann, den der Gedanke, daß ſein aufopfernder Wirth ſeinetwegen in Gefahr gerathen könnte, von Neuem in Un⸗ ruhe ſetzte; ſo laſſen Sie mich gehen— aber Ihrer Frau, der ich gleichfalls ſo ſehr zu Dank verpflichtet bin, muß ich doch Adieu ſagen! So kommen Sie, bemerkte der Apotheker— aber wo Sie hingehen, iſt und bleibt ein Geheimniß zwiſchen uns Beiden und dem Doctor natürlich— laſſen Sie daher mei⸗ 63 ner Frau nichts merken. Je weniger Menſchen um ſolche Dinge wiſſen, deſto beſſer iſt es! Ich erkenne dgraus immer mehr die Größe der Ge⸗ fahr, der Sie Sich meinetwegen ausſetzen! Laſſen Sie das, laſſen Sie das! bemerkte abwehrend der Apotheker— es iſt wirklich die höchſte Zeit! Nach einem kurzen, herzlichen Abſchiede von der Frau des Apothekers und nachdem er dieſem nochmals mit ſtum⸗ mem Danke die Hand gedrückt hatte, wanderte der junge Mann einſam auf dem beſchriebenen Wege fort. Als er die Höhe hinter dem im Thale ſich hinziehenden Dorfe erreicht hatte, blieb er, ſich umblickend, ſtehen, und traurige, trübe Gedanken bemächtigten ſich ſeiner Seele. Vor wenigen Tagen war er von hier aus auf ſeinem treuen Roſſe, inmitten ſeiner Cameraden und erregt von der Begeiſterung eines heiligen Kampfes in wilder Carriere hinabgeſprengt, mitten in die feindlichen Schützen hinein, und der Sieg ſchien noch einmal den kühnen, verzweifelten Kämpfern lächeln zu wollen— das war jetzt Alles vorbei! Sein Pferd, das ihn in ſo manchem heißen und wilden Ge⸗ fechte getragen, war todt, alle die Seinigen fort, zerſprengt, vielleicht ebenfalls todt oder gefangen— der Traum zu Ende— Alles vorüber! Er wanderte, ein einſamer Flücht⸗ ling, zu Fuß dem dunkeln Walde vor ihm zu, ſo dunkel, ſo hoffnungslos wie ſeine Zukunft.— Die Sonne ſtand tief unten im Dunſt der Ehene, die ſich im Weſten ausbreitete, 64 wie eine glauzloſe, rothe Feuerkugel— ſelbſt die Sonne hatte ihre Strahlen verloren und ſank traurig und ver⸗ ſchleiert hinter den dunkeln Rand des Horizonts hinab.— Er holte tief, tief Athem, blickte noch einmal hinab auf das Thal, aus dem jetzt leichte, weiße Nebel emporzuſteigen be⸗ gannen, und verſchwand dann eilig im Dunkel des nahen Waldes. Nachdem er ungefähr zwei Stunden weiter gewandert war, oft nicht ohne Mühe den beſchriebenen Weg verfol⸗ gend, gelangte er zu dem verlaſſenen Köhlermeilet, welcher ſich auf einer jetzt von dem verſchleierten Lichte des Mon⸗ des unſicher erhellten Waldlichtung befand. Zweifelhaft, ob er an Ort und Stelle ſei, blieb er ſtehen, denn er ſah Niemanden. Die einſame Stelle ſchien ganz verlaſſen, und das lautloſe Schweigen des Waldes wurde nur hin und wieder durch den unheimlichen Ruf eines Nachtvogels unterbrochen. Es muß hier ſein, ſprach er leiſe vor ſich hin, und ich werde warten, bis man kommt, mich abzuholen. Geſchieht es nicht, ſetzte er hinzu— und es iſt ja ſogar wahrſchein⸗ lich, daß man ſich die Sache anders überlegt hat,— nun, ſo ziehe ich gegen Morgen weiter, dem mir beſtimmten Schickſale entgegen, das uns ja doch überall findet und dem wir niemals entgehen können. In dieſem Augenblicke löſ'te ſich eine dunkle Geſtalt —— 65 von den Seſ Schatten der Bäume ab und trat bis in die Mitte der Lichtung. Guten Abend, Freund! ſagte der Hfficier, wie weit nach Werdau? Zwei Stunden, Herr, erwiederte der Unbekannte— ich bin der Rechte, ſetzte er, näher tretend, hinzu, und nun kommen Sie— wir haben hier zwar nichts zu beſorgen, aber es iſt immer beſſer, wenn wir unſer Geſchäft abma⸗ chen. Mein Name iſt Wehring, und wie ich erfahren, wol⸗ len Sie Inſpector bei mir werden. Sie ſind es ſelbſt? fragte der Officier. Es gibt Geſchäfte, die man ſtets am beſten ſelbſt be⸗ ſorgt, erwiederte Wehring; zudem iſt es eine warme, ſtille Sommernacht; wenn der Mond ſich auch etwas verſchleiert hat— das paßt uns gerade. Folgen Sie dicht hinter mir, denn der Pfad iſt eng und nicht leicht zu finden. Nachdem die beiden Männer ſo eine Stunde fort⸗ gegangen waren, gelangten ſie zu einer Köhlerhütte, aus deren kleinem Fenſter ein mattes Licht zu ihnen herüber ſchimmerte. So, ſagte Wehring, nachdem Beide den engen und niedrigen Raum betreten hatten, hier iſt Alles, was Sie für jetzt bedürfen. Kleiden Sie Sich raſch um, ich will indeß nach dem Pferde ſehen. Der Officier fand, wie ihm der Apotheker bereits mit⸗ getheilt hatte, einen vollſtändigen Anzug, 3 als nach kur⸗ Gräfin und Marquiſe, 1. ——— 66 zer Zeit der Hammerwerks⸗Beſitzer wieder in die Stube trat, hatte ſich der braunſchweigiſche Reiter⸗Officier in ei⸗ nen gewöhnlichen Menſchen verwandelt, und nichts, als viel⸗ leicht der leichte, dunkle Bart, welcher ſeine Oberlippe um⸗ ſäumte, hätte in ihm den Krieger verrathen können. So iſt es recht, bemerkte Wehring, indem er ſeinen Gaſt mit einem großen brennenden Kienſpane beleuchtete— ich ſelbſt würde Sie nicht wiedererkannt haben, ſo verändert ſehen Sie aus. Chriſtian, fuhr er zu ſeinem Knechte fort, der mit ihm ein⸗ getreten war, nimm die Sachen dort und vergrabe ſie, wie ich dir geſagt habe— denn der Krieg und Alles, was da⸗ mit zuſammenhängt, muß für jetzt leider begraben werden — aber, halt, ſetzte er überlegend hinzu— den Säbel, die Taſche und den Czako wollen wir mitnehmen— vielleicht kommt die Zeit, wo man das Alles wieder gebrauchen kann, und dann würde es Sie auch wohl ſchmerzen, Sich von die⸗ ſen alten, treuen Gefährten zu trennen? Wenn ich ſie behalten könnte, ohne befürchten zu müſ⸗ ſen, Sie dadurch in Unannehmlichkeiten zu bringen, ſo würde mich das allerdings ſehr erfreuen. Ah, wir wollen Sie ſo verſtecken, daß Sie ſo leicht Rie⸗ mand finden kann. Als der Schmuggel noch herüber und hinüber ging— jetzt iſt das allerdings vorbei,— bedurf⸗ ten wir viele verborgene Orte; dort können Ihre Sachen ungefährdet ruhen. Ich danke Ihnen, ſagte der junge Mann. 67 So laſſen Sie uns abfahren, entgegnete Wehring; der Wagen iſt bereit— aber vorher wird es doch nöthig ſein, daß wir unſere Angelegenheiten in's Reine bringen. Ich bedarf eines Inſpectors, der mir hauptſächlich die Ver⸗ ſendungen beſorgt, ein einfaches Geſchäft, und dem ich da⸗ für zweihundert Thaler und freie Station gebe. Wollen Sie dieſen Poſten annehmen? Sie beſchämen mich, Herr Wehring.. Alſo, Sie willigen ein. Nun, dann tied es auch nöthig ſein, daß ich den Namen meines Inſpectors er⸗ fahre, oder wenigſtens einen Namen, mit dem Sie genannt ſein wollen, fügte er lächelnd hinzu. Ich heiße Rohneck— Walther Rohneck. Iſt das Ihr wirklicher Name? Mein wirklſcher Name; mein Wohnort.. Laſſen wir das, behalten S Sie das Alles für ſich. Es wird auch beſſer ſein, wenn Sie hier einen anderen Namen führen; man immerhin nicht wiſſen, ob die Namen der braunſchweigiſchen Officiere den Franzoſen nicht bekannt ſind. Wir müſſen einen anderen für Sie haben. So nennen Sie mich Ruhland, nach dem Familien⸗ namen meiner Mutter. Gut. Alſo, Herr Inſpector Ruhland, ich wünſche, daß mein Haus, in welches ich Sie jetzt führen e we⸗ nigſtens für einige Zeit ein Ruheland für Sie werde und 5* 68 dieſe Ruhe dort keinerlei Störung erleide. Unſer Vertrag iſt alſo abgeſchloſſen— und nun kommen Sie. Die beiden Männer beſtiegen den draußen haltenden leichten Wagen und fuhren, ſo raſch es die ſteinigen und ſteilen Wege zuließen, der Fichtenau zu. Schon aus der Ferne leuchteten ihnen die flammenden Eſſen entgegen. Hier iſt eigentlich niemals Ruhe, bemerkte Wehring, indem er dem Kutſcher zu halten befahl; wir wollen abſtei⸗ gen und durch den Garten in das Haus gehen; es iſt beſſer, daß die Nachtarbeiter Sie jetzt nicht ſehenn Du, Chriſtian, bringe Wagen und Pferd ebenfalls ſo geiiſch⸗ los wie möglich unter. Bald darauf traten Beide durch die Hinterthür in das dem Leſer bereits bekannte Haus. Wehring zündete ein Licht an und führte ſeinen Gaſt in das für ihn beſtimmte Gemach. Dann wünſchte er ihm gute Nacht und entfernte ſich wieder, ohne das Geſpräch noch einmal anzuknüpfen. Der junge Mann blieb allein und ſah ſich in dem Raume um, in welchen er auf eine ſo abenteuerliche Weiſe gelangt war und der nun vielleicht für längere Zeit ihm zum Aufenthalte dienen ſollte. Es war ein nicht ſehr gro⸗ hes, aber freundliches Zimmer, deſſen Einrichtung vollſtän⸗ dig allen ſeinen Bedürfniſſen entſprach. Schweigend und nachdenkend trat er ans Fenſter. Aus den Eſſen der Hämmer flammte eine rothe Lohe, faſt wie bei einer Feuersbrunſt, empor, grell ſich abhebend 69 eben ſo wohl von den dunklen Schatten der Bergwände als von dem bläulichen, matten Lichte des Mondes, wel⸗ ches über einen Theil des engen Thales ausgegoſſen war, wie eine warme Decke auf den Wieſen ruhte und hier und da an den Fenſtern der kleinen Häuſer einen glitzernden Schein hervorrief.— Der Anblick war ihm neu und hatte etwas Unheimliches und zugleich Zauberhaftes— dieſe verſchiedenartigen Lichtreflexe auf demunſicheren, verſchwim⸗ menden Landſchaftsbilde. Er ſtand lange in ſtummer Be⸗ träthtung verſunken— das Bild da unten mit den roth⸗ glühenden Feuerſcheinen und dem ſanften, verſchwimmen⸗ den Mondlichte hatte ſo viel Aehnlichkeit mit ſeinen eigenen Schickſalen. Denn der Menſch ſucht und findet doch nur immer in den Gebilden, welche die Natur vor ſeinem Auge aufrollt, den Abglanz ſeiner eigenen Stimmung, und überträgt ſie darauf. Nur in den wenigen glücklichen Momenten, wo die Seele ſich losmacht von den quälenden Einflüſſen der Gewöhnlichkeit, iſt ſie befähigt, die Stimmung der Natur zu ihrer eigenen werden zu laſſen und Alles außer der Ge⸗ genwart zu vergeſſen.— Darin liegt der große Reiz und der Zauber des Reiſens. Wie oft, ſprach er vor ſich hin, während ſein Ange auf dem phantaſtiſchem Bilde draußen ruhte, wie oft habe ich, ſeit ich die Heimath verlaſſen, in Hütten und Schlöſſern oder auf der harten Erde unter freiem Himmel die Nacht 9 zugebracht— immer jedoch im Kreiſe meiner Cameraden. Wenn auch die Hoffnungen, die uns zuſammengeführt, ſich mehr und mehr trübten und für uns zuletzt nichts mehr da⸗ von übrig blieb, als ein frendiger Reitertod oder die Er⸗ zwingung eines Durchzuges bis über das Meer, um dem geknechteten Vaterlande Valet zu ſagen— wir waren doch zuſammen und uns verband und verkettete ein gemeinſa⸗ mes Geſchick. Aber jetzt ſtehe ich hier einſam und verwehmt, mein Leben und meine Freiheit edlen, mir bis dahin ganz unbekannten Menſchen verdankend— Leben und Freiheit, die mir beide irgend ein Zufall, irgend ein Verrath eben ſo leicht wieder rauben kann. Ob ſie drüben in der fernen Heimath wohl jetzt an mich denken mögen? Ach, meine gute Mutter wird gewiß unabläſſig in Gedanken bei mir ſein und nun auch wohl erfahren haben, daß ich mit den Braunſchweigern gezogen bin!— Wer mir vor vier Mo⸗ naten geſagt hätte, daß ich heute in einem unbekannten Thale des Harzes als Flüchtling mich verbergen müßte, um nicht einem ehrloſen Tode anheimzufallen! O, wie kleinlich, wie erbärmlich iſt doch die menſchliche Natur, ſetzte er mit einem bitteren Lächeln hinzu, Alles betrachtet ſie im Lichte des Erfolges! Wäre unſer Plan geglückt, hätten wir geſiegt, wie würde man uns, die ſchwarzen Reiter, als die erſten kühnen Befreier Deutſchlands geprieſen haben, und mit welcher inneren Befriedigung und Genugthuung wür⸗ den wir ſelbſt auf unſere Thaten zurückblicken! Jetzt iſt 71 das freilich Alles anders— wir ſind Narren und übelbe⸗ rathene Thoren, die es gewagt haben, den Löwen durch Mückenſtiche zu reizen!— Doch ich will ſchlafen gehen, um vielleicht für eine kurze Zeit alle die quälenden Gedanken los zu werden. Sechstes Capitel. Als Walther am anderen Morgen nach einem unru⸗ higen Schlummer erwachte, ſah das Thal und ſeine Um⸗ gebung ganz anders aus, wie in der nächtlichen Beleuch⸗ tung. Die rothlohenden Eſſen mit ihren unheimlichen Feu⸗ erſcheinen hatten ſich in dunkle, rußige Schornſteine ver⸗ wandelt, aus denen ſchwarze Rauchwolken emporſtiegen, und das Thal, welches bei dem unſichern Scheine des Mondes ſo phantaſtiſch und groß erſchienen war, lag jetzt in der klaren, ſcharfen und nüchternen Beleuchtung der Morgenſonne da, ſeine engen Gränzen unverhüllt dem Auge darbietend. Auch die trübe Stimmung der Nacht war mit ihr gewichen, die Wirklichkeit kam wieder zu ihrer vollen Geltung, und er fühlte, daß er den Kampf mit dem Leben und für das Leben fortſetzen und alle anderen Ge⸗ danken verſcheuchen müſſe. Raſch kleidete er ſich an und 73 ging hinab, um ſeinen Wirth, den er eigentlich noch nicht recht kannte, aufzuſuchen. Er fand Vehring mit ſeiner Frau beim Frühſtüch Der freundliche und herzliche Empfang, der ihm zu Theit wurde, that ihm beſonders wohl, und als er in die feſten, entſchloſſenen und pue klugblickenden Augen des alten Wehring ſah, gewann er das wohlthuende und beruhigende Gefühl, daß er ſchwerlich einen beſſeren und ſichereren Auf⸗ enthalt hätte finden können.*. Guten Morgen, Herr Ruhland, ſagte Wehring lä⸗ chelnd— ich hoffe, Sie haben die erſte, kurze Nacht gut geruht; ich bin ein wenig abergläubiſch, und man ſagt, die Träume der erſten Nacht in einem neuen Wohnorte wären von großer Bedeutung. Ich habe vortrefflich geſchlafen, wenn auch nicht g. träumt, erwiederte Walther; vielleicht iſt das auch am al⸗ lerbeſten Vielleicht!— Anna, wandte er ſich zu ſeiner Frau, dies iſt unſer neuer Inſpector! Sie begrüßte Walther freundlich und ſchenkte ihm zu⸗ vorkommend Kaffee ein. Nun, wie ſchmeckt Ihnen der Kaffee? fragte Weh⸗ ring mit einem ſchalkhaften Lächeln; meine Frau kann ſich einmal in die neuen Einrichtungen nicht finden und trinkt noch immer echten und unverfälſchten Kaffee, ungeachtet der Continentalſperre oder wie das Zeug heißt. Sie hat 74 noch immer ihre alten Verbindungen mit Leuten, die ſich an dieſe Dinge wenig kehren und deshalb mit den Douaniers auf keinem beſonders freundſchaftlichen Fuße ehen Aber Wehring! unterbrach ihn die Frau in ſichtlicher Verlegenheit. Du haſt nicht nöthig, vor dem Herrn Inſpector ein Geheimniß daraus zu machen, er gehört zu den Unſrigen und wird uns nicht verrathen. Aber es möchte nöthig ſein, jetzt von Geſchäften zu reden, denn ich muß Sie in Ihr neues Amt einführen, damit die Arbeiter keinen Verdacht ſchöpfen. Sie ſind zwar, wie ich glaube, treu und zuver⸗ läſſig, aber man kann immerhin nicht wiſſen, und es würde auffallen, wenn Sie hier unbeſchäftigt blieben! Ich bin zu Allem erbötig, was meine Kräfte ver⸗ mögen! So ſagen Sie mir denn offen, verſtehen Sie etwas von der Eiſenfabrikation? Leider muß ich bekennen, daß dies nicht der Fall iſt; ich bin Landwirth und habe mich niemals mit dieſen Din⸗ gen beſchäftigt. So, Sie ſind Landwirth? Haben Sie die Landwirth⸗ ſchaft praktiſch geübt? Allerdings; ich war, nachdem ich meine theoretiſche Ausbildung beendet, eine Zeit lang Inſpector auf einem größeren Gute. 75 Sie waren alſo bereits Inſpector? Nun, ſehen Sie, dann iſt Ihnen wenigſtens der Titel nicht neu, und Ge⸗ ſchäft bleibt am Ende Geſchäft, wenn man nur praktiſches Geſchick hat. Vorläufig beaufſichtigen Sie die Verſendung des Stabeiſens, ſo wie den Ankauf der Rohproducte und der Kohlen. Wenn Ihnen etwas neu und unbekannt iſt, ſo laſſen Sie es Sich nicht merken, und ſcheuen Sie Sich nicht, mich deshalb zu befragen, aber Niemanden anders. Sie werden Sich bald zurechtfinden und vielleicht ſpäter der ganzen Sache noch mehr Geſchmack abgewinnen, als der einförmigen Beſchäftigung, den Acker zu düngen, Heu zu ſchneiden und Getreide einzufahren. Das macht der liebe Gott ſchließlich doch Alles allein, und wenn das Wet⸗ ter, mit dem Sie ja ewig unzufrieden ſind, nicht das Beſte dazu thut, ſo helfen Ihre Anſtrengungen doch nichts. Hier iſt das ganz anders; ich weiß genau, wie ich das ſpröde Roheiſen zu behandeln habe, um ein biegſames, zähes und ſtarkes Schmiedeeiſen daraus zu fabriciren. Wenn ich da⸗ bei aufmerkſam und richtig verfahre und nicht am unrech⸗ ten Orte ſpare, ſo kann es mir nicht fehlen und der Ge⸗ winn iſt ſicher, mag es regnen oder mag die Sonne ſchei⸗ nen. Doch Sie werden das ja Alles ſelbſt ſehen, laſſen Sie uns jetzt gehen, damit ich Sie in Ihr neues Amt einführe! Beide begaben ſich darauf nach den Hämmern, den Magazinen, den Kohlen⸗Vorräthen, und Wehring theilte überall den Werkführern mit, daß Herr Ruhland von heute 76 an bei ihm als Inſpector eingetreten ſei und ſie ſeinen An⸗ ordnungen Folge zu leiſten hätten. Walther benahm ſich bei dieſem erſten Debut ganz ſo, wie es Wehring gewünſcht und erwartet hatte. Durch ſeine frühere ähnliche Stellung war er in der Behandlung vieler untergeordneter Arbeiter erfahren, und wenn ihm auch das hieſige Geſchäft noch durchaus fremdartig war und er ſich über die Ausführung der Arbeiten kein Urtheil zu bilden vermochte, ſo gab er ſich doch die Miene, als ob er vollſtändig dazu befähigt ſei, und gewann auch zugleich die Ueberzeugung, daß er nur einer kurzen Zeit bedürfen würde, um ſich die nöthigen Kenntniſſe und Erfahrungen zu eigen zu machen. Der erſte Tag, welchen Walther in ſeinem neuen Aufenthalte verlebte, verging ihm in unausgeſetzter und anſtrengender Thätigkeit, da er bemüht war, ſich möglichſt ſchnell mit ſeinem neuen Berufe vertraut zu machen. Weh⸗ rin, obgleich er ihn genau beobachtete, ließ ihn ruhig ge⸗ währen und lächelte nur zuweilen beifällig vor ſich hin, wenn er ſah, wie richtig und praktiſch ſich ſein neuer In⸗ ſpector in ſeinem Geſchäfte benahm. Als die Sonne unter⸗ gegangen und dem langen Sommertage ein warmer Abend gefolgt war, ſaßen Beide in der Laube zuſammen. Das ein⸗ fache Mahl war beendet, Wehring hatte ſich ſeine Pfeife angezündet und man ſprach über die Ergebniſſe des Ta⸗ ges, wobei Walther bemüht war, ſeine noch ſo ſehr man⸗ 77 gelhaften Kenutniſſe in Beziehung auf die Eiſenfabrikation zu bereichern. Ich will jetzt hinuntergehen in die Hämmer und die Nachtarbeiter beaufſichtigen, ſagte Walther dann; Sie wiſ⸗ ſen, Herr Wehring, es iſt mir das noch Alles fremd, und je eher ich es genau und vollſtändig kennen lerne, um ſo eher werde ich im Stande ſein Ihnen durch meine Dienſt Laſſen Sie das jetzt, unterbrach ihn Wehring; es iſt ganz gut und zweckmäßig, daß Sie dieſe Abſicht haben, Sie können ſie auch ſpäter ausführen. Heute aber möchte ich Ihre Thätigkeit zu einem anderen Dienſte in Anſpruch nehmenz er iſt vielleicht gefahrvoller— aber ich habe ein⸗ mal Vertrauen zu Ihnen! Sie bereiten mir eine große Freude, befehlen Sie ganz über mich, erwiederte Walther, und wenn wirklich ei⸗ nige Gefahr mit dem Auftrage, den Sie mir zu geben ha⸗ ben, verbunden iſt, ſo wird er mir nur um ſo willkomme⸗ ner ſein! Immer noch der Reiter⸗Officier, lächelte Wehring— nun, ich hoffe, es wird Alles ruhig und ſtill verlaufen, aber nehmen Sie immerhin Ihre Piſtolen mit, es treibt ſich jetzt mancherlei Geſindel umher; ſonſt glaube ich nicht, daß Ihnen etwas Außergewöhnliches begegnen wird. Verlaſſen Sie Sich ganz auf mich! Schön, ſchön, entgegnete Wehring in ſeiner kurzen, 78 beſtimmten Weiſe, und, fuhr er dann etwas weit ausho⸗ lend fort, mein Freund, der Apotheker ſagte mir, Sie ſeien in dem Gefechte drüben verwundet worden, weil Sie ein junges Mädchen hätten beſchützen wollen. Ja, ich ſah ein junges Mädchen neben einem alten, wie es mir ſchien, verwundeten Manne mitten auf der Straße am Boden liegen; ich ſprang vom Pferde, um ſie aus dieſer gefährlichen Lage zu befreien, erhielt aber dann von jenem heimtückiſchen Schurken hinterrücks einen Kol⸗ benſchlag, der mich des Bewußtſeins und damit auch der Fähigkeit beraubte, mein Vorhaben auszuführen. Ich weiß, ich weiß, mein Freund hat mir dies Alles erzählt! Später habe ich erfahren, daß der alte Mann, ich glaube, ihr Vater, geſtorben iſt, ſie felbſt ſich aber außer Gefahr befindet und nur den Arm gebrochen hat. So, das Alles haben Sie erfahren? Ja, denn mein menſchenfreundlicher Wirth, dem ich Freiheit und Leben verdanke, hat ſich auch des jungen Mäd⸗ chens angenommen; ſie wird in ſeinem Hauſe verpflegt. Nun, es iſt mir lieb, daß Sie das Alles wiſſen, ich habe dann nicht nöthig, es Ihnen mitzutheilen. Haben Sie das junge Mädchen ſpäter wiedergeſehen? Nein; ſie lag oben in einem Zimmer, das ich natür⸗ lich nicht betreten konnte. Der kurze Augenblick, als ich ſie mitten in der Aufregung des Gefechtes ſah, hat nur eine 79 ſehr unollkommene Erinnerung bei mir zurückgelaſſen— ich würde ſie nicht wiedererkennen, wenn ich ihr nochmals im Leben begegnen ſollte. Es iſt am Ende auch gleichgültig, ob Sie das junge Mädchen wiedererkennen oder nicht, bemerkte Wehring lä⸗ chelnd, aber begegnen werden Sie derſelben im Leben wohl noch öfter, und zuerſt ſoll es in dieſer Nacht geſchehen. In dieſer Nacht? fragte Walther verwundert. Ja, in dieſer Nacht. Sie hat nämlich auch Urſache, ſich zu verbergen und ſich ihren Verfolgern zu entziehen— ich werde Ihnen die etwas dunkle Geſchichte ſpäter erzäh⸗ len—, kurz, ſie wird ebenfalls hieher kommen und eine Zeit lang als meine Verwandte bei uns wohnen, bis man ermittelt haben wird— doch das wird ſich ja Alles ſpä⸗ ter finden. Sie wird ebenfalls hieher kommen? fragte der junge Inſpector, ohne die freudige Ueberraſchung, welche er bei dieſer unerwarteten Mittheilung empfand, im Tone ſeiner Stimme unterdrücken zu können. Ja, ſie wird ebenfalls hieher kommen, wiederholte Wehring mit einem etwas tieferen Athemzuge— und zwar noch in dieſer Nacht. Und ich ſoll ſie holen? Sie ſollen ſie holen. Es wäre vielleicht am paſſend⸗ ſten, wenn ich ſelbſt führe, das heißt am paſſendſten für das junge Mädchen— aber ich habe mehrfache Gründe, 80 nicht noch eine nächtliche Fahrt zu unternehmen— es iſt jedenfalls weniger auffällig, wenn Sie fahren. Ich bin gern bereit, Herr Wehring. Daran habe ich keinen Augenblick gezweifelt— Sie haben einmal eine etwas abenteuernde Natur— nehmen Sie mir dieſe offenherzige Aeußerung nicht übel— Sie wären ſonſt ſchwerlich unter die Braunſchweiger gegangen — aber es iſt keine Zeit zu verlieren, ſetzte er wieder in gewohnter Weiſe hinzu. Der Wagen hält oben im Walde, und der Knecht, derſelbe, welcher uns geſtern Nacht gefah⸗ ren, iſt genau unterrichtet. Nehmen Sie Ihre Piſtolen mit und beeilen Sie Sich.— Denken Sie auch daran, bemerkte er weiter, als Walther in der Abſicht, ſich zu ent⸗ fernen, aufgeſtanden war— denken Sie auch daran, daß dus junge Mädchen den Arm gebrochen hat, und laſſen Sie mit der möglichſten Vorſicht auf den ſchlechten Wegen fahren. Sie werden dann wohl erſt gegen Morgen zurück⸗ kehren— aber das ſchadet nichts, verheimlicht kann und ſpoll ihr Aufenthalt ja nicht werden, und es iſt am Ende beſſer, ſie kommt bei Tage, frei und offen vor allen Men⸗ ſchen, als bei Nacht. Ich werde in allen Dingen genau nach Ihrem Wil⸗ len handeln und hoffe, Sie werden mit mir zufrieden ſein. Er verließ mit dieſen Worten eiligen Schrittes die Laube. Wehring blickte ihm nach, bis ſeine ſchlanke Geſtalt 81 in der Thür des Hauſes verſchwunden war— ob ich doch nicht vielleicht beſſer ſelbſt gefahren wäre— er iſt fremd und unbekannt, ſprach er dann nachdenkend vor ſich hin— aber er iſt ein verſtändiger junger Mann, vielleicht etwas raſch und unüberlegt— nun, es handelt ſich ja hier ei⸗ gentlich um eine ſehr einfache Sache, und es würde doch bekannt werden, wenn ich zwei Nächte hinter einander ab⸗ weſend wäre. Kurze Zeit darauf fuhr Walther in demſelben kleinen Korbwagen, in dem er vorige Nacht geſeſſen, wieder durch den Wald, bergauf, bergab, immer in der möglichſt raſche⸗ ſten Gangart und unbekümmert um den ſteinigen und holperigen Weg, auf welchem der Wagen ſich bewegte. Sie müſſen entſchuldigen, bemerkte der Kutſcher, als der Wagen wieder durch einen im Wege liegenden Stein einen gewaltigen Stoß erhielt, es iſt ſehr dunkel hier im Walde, und der Herr hat mir befohlen, ſo raſch wie mög⸗ lich zu fahren. Sei ohne Sorgen, erwiederte Walther, ich bin an Derartiges gewöhnt, aber zurück. O, ich weiß, ich weiß, fiel ihm der Knecht iu die Rede; zurück heißt es langſam und vorſichtig fahren— ich werde mein Möglichſtes thun, wenn nur die ſchändli⸗ chen Steine nicht wären. Wie weit haben wir? Es ſind faſt drei Meilen, Herr Fie aber wir Gräfin und Marquiſe. I. 82 finden oben in der Waldſchenke ein anderes Pferd; die braune Liſe, die iſt ruhig und vorſichtig, ſie iſt ſchon heute Morgen vorausgeſchickt, damit ſie wieder friſch und ſatt iſt, wenn wir kommen. Nun, ſo fahre zu, trieb der junge Mann, der Weg wird lichter und beſſer. Schweigend fuhren ſie weiter und gelangten nach ei⸗ ner Stunde an die erwähnte Schenke. Der Knecht ſprang ab, und in ſehr kurzer Zeit war das ſchweißtriefende Pferd mit der gerühmten braunen Liſe vertauſcht, von welcher das leichte Fuhrwerk bald wieder, wenn auch in etwas ver⸗ minderter Geſchwindigkeit, weiterbewegt wurde. Sie fuhren nun durch offene, ebenere Gegenden, er⸗ reichten aber bald wieder einen dichten Wald und gelang⸗ ten, auf einem engen, wenig betretenen Wege fortfah⸗ rend, auf eine etwas lichtere Stelle, wo ein Wagen ihrer harrte. 7 Das ſind ſie, flüſterte der Knecht, indem er ſtillhielt; Sie können jetzt das junge Fräulein holen, Herr Inſpector. Herr Wehring hat mir keine Loſung, kein Erken⸗ nungszeichen mitgetheilt— O, ich kenne den Fuhrmann; kommen Sie nur, die Liſe bleibt ſo lange ruhig ſtehen. Beide ſchritten auf den haltenden Wagen zu, und Walther erkannte hei dem unſicheren Lichte des Mondes eine weibliche, darin ſitzende Geſtalt. 83 Ich bin von Herrn Wehring abgeſandt, mein Fräu⸗ lein, ſagte er, an den Wagen kretend, um Sie nach der Fichtenau zu bringen. Sie können Sich mir ſicher anver⸗ trauen, obgleich ich Ihnen fremd bin. Ach, Sie ſind ſehr gütig, erwiederte eine leiſe Stimme; ſoll ich ausſteigen? Sie werden Ihren Wagen mit dem meinigen vertau⸗ ſchen müſſen— kann ich Ihnen behülflich ſein, ich weiß, Sie ſind leidend— nehmen Sie vor Allem Ihren Arm in Acht. Er ſchmerzt nicht mehr— nur beim Fahren ein wenig.— Kommen Sie, kommen Sie, ſagte er theilnehmend, ſeien Sie vorſichtig— hier iſt der Tritt, fuhr er fort, indem er ſie halb aus dem Wagen hob— ſo— ſoll ich Sie führen? Mir fehlt weiter nichts— nur der Arm— ſoll ich in Ihren Wagen ſteigen? Ja, aber nicht ſo eilig— wir haben Zeit und nichts zu befürchten— ſitzen Sie bequem und ſo, daß Ihr Arm geſichert iſt?— Der Weg liegt voller Steine, und es wird nicht immer ohne einige Stöße abgehen. Lehnen Sie Sich immerhin etwas mehr an mich, ſagte er nach einiger Zeit, als der Wagen eine unſanfte Bewegung machte— bedenken Sie, daß Sie krank ſind, 6* 84 und daß ich mich verpflichtet habe, Sie ungefährdet nach der Fichtenau zu bringen. Ich bin eigentlich gar nicht krank, erwiederte ſie ſchüch⸗ tern— nur der Arm, nur der Arm iſt gebrochen. Gerade deshalb iſt es nöthig, daß jede Erſchütterung vermieden werde— liegt er auch gut? Laſſen Sie mich meinen Mantel noch darunter legen— die Lehne iſt ſo niedrig und der Weg ſo ſchlecht.— Ich danke Ihnen, danke Ihnen ſehr, ſagte ſie, wäh⸗ rend der junge Mann, ohne ihre Erwiederung abzuwarten, ſeinen zuſammengelegten Mantel unter ihren Arm gebreitet hatte, ſo daß dieſer ſo weich und geſchützt, als es die Um⸗ ſtände geſtatteten, darauf ruhte— der Arm hängt ja in dem Tuche und iſt außerdem geſchient— der Arzt und der gute Apotheker haben das Alles vorſorglich ſo eingerichtet. Es hat mich ſehr geſchmerzt, daß es mir nicht ver⸗ gönnt war, Sie vor dieſem Unfalle zu bewahren, aber da ich ſelbſt ſogleich verwundet wurde... Sie? fragte ſie, ihn mit ihren großen, kindlichen Au⸗ gen überraſcht anſehend— Sie ſind ſelbſt verwundet? O, es war nur ſehr unbedeutend, fuhr er fort, aber leider machte mich der Schlag ſofort bewußtlos und ſetzte mich außer Stande, Sie zu beſchützen. Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, ſagte ſie ſichtlich verlegen, und erinnere mich nicht... Sie haben es in dem wilden Gewirre vielleicht nicht — — 85 bemerkt, daß ein braunſchweigiſcher Officier, als er Sie ſo hülflos am Boden liegen ſah, vom Pferde ſprang... O ja, das habe ich wohl geſehen, auch wie er unmit⸗ telbar darauf niederſtürzte— ich glaubte ihn todt— ach, es war ſchrecklich damals— ich wurde ohnmächtig— und als ich wieder zu mir kam, war ich im Hauſe des Apothe⸗ kers— aber der arme, gute Viorne, er mußte ſterben— ich habe ihn nicht wieder geſehen! Tröſten Sie Sich, ſagte er theilnehmend, Sie befin⸗ den ſich unter Freunden, die es gut mit Ihnen meinen— in der Fichtenau wird es Ihnen gefallen, es iſt ein freund⸗ liches, ruhiges, friedliches Thal. Der Officier iſt aber nicht geſtorben, fuhr ſie nach einiger Zeit fort, man hatte ihn auch in das Haus des Apothekers gebracht; dort iſt er, wie man mir geſagt hat, bald wieder geſund geworden und iſt dann fortgezogen, wohin, wußte Niemand. So haben Sie Sich nach ihm erkundigt? Natürlich, erwiederte ſie mit einem etwas verwunder⸗ ten Blicke ihrer großen, dunkeln Augen, die jetzt im vollen Lichte des darauf ruhenden Mondſcheins unbefangen zu ihm aufblickten— ich hätte ihm gern gedankt für.. Was er gethan hat, war nicht des Dankes werth, er hat ja Ihre Verwundung nicht einmal verhindern können. Weil er ſelbſt verwundet wurde, ewiederte ſie er⸗ 86 regter— er hatte aber die Abſicht, mir beizuſtehen, und wagte dabei ſein Leben! Sie ſchlagen ſein geringes Verdienſt wirklich viel zu hoch an, ſagte er lächelnd, und haben ihn durch dieſe Worte weit über Gebühr belohnt, mein Fräulein! Ich verſtehe Sie nicht.... Wenn ich noch die Uniform anhätte, die ich an jenem Morgen trug, ſprach er in ſcherzendem Tone weiter, ſo würden Sie mich vielleicht wieder erkannt haben! Sie? Sie? ſagte ſie mit bebender Stimme, Sie wären.. Ja, mein Fräulein, fuhr er abſichtlich in demſelben Tone fort, ich bin jener braunſchweigiſche Officier, der zu ungeſchickt war, um Sie vor jener Verwundung bewahren zu können, und der jetzt zum zweiten Male das Glück hat, Sie beſchützen zu dürfen, eine Aufgabe, die er hoffentlich beſſer zu Ende führen wird, als jenen erſten verunglückten Verſuch! Wenn es wirklich wahr iſt, ſagte ſie mit unverſtellter und unverhohlener Freude, ſo laſſen Sie mich Ihnen jetzt danken— recht herzlich danken, ſetzte ſie leiſer hinzu, als ihr Blick dem ſeinigen begegnete— und Sie ſind wieder gauz hergeſtellt?. Körperlich geſund und munter— ſonſt aber ein ar⸗ mer, verfolgter Flüchtling, wie Sie, mein Fräulein! erwie. derte er ſcherzend. ———— „— —,— 87 Wie ich? fragte ſie erſchreckt; glauben Sie, daß ich verfolgt würde? Ich weiß es wirklich nicht, bemerkte er leichthin, füh⸗ lend, daß er vielleicht zu viel geſagt habe— ich dachte es mir nur, weil Sie Ihren jetzigen Aufenthalt ſo geheimniß⸗ voll verlaſſen haben— aber beunruhigen Sie Sich des⸗ halb nicht— ich befinde mich ganz in Unkenntniß über Ihre Angelegenheiten und bin nur beauftragt, Sie unge⸗ fährdet nach der Fichtenau zu bringen. Ja, dahin ſoll ich— der Apotheker theilte mir mit, daß es der gute Viorne auf dem Sterbebette ſo beſtimmt habe— ich ſelbſt weiß auch nicht, weshalb dies geſchehen und ich zu einer ſo ungewöhnlichen Zeit dorthin fahren muß, mein Arm.... Ihr Arm ſchmerzt Sie? fragte beſorgt der junge Mann— Sie ſitzen nicht gut, der Wagen iſt ſehr unbe⸗ guem, und Sie könnten den Arm leicht aus ſeiner Lage bringen— ich bitte dringend, lehnen Sie Sich mehr an mich— betrachten Sie mich als einen Theil des Wagens — geſtatten Sie mir, Sie ein wenig zu unterſtützen, der Wagen ſtößt und ſchwankt unaufhörlich. Es iſt wirklich nothwendig, mein Fräulein, ſprach er in ruhigem, ernſtem Tone weiter, als ſie verlegen eine verſagende Bewegung machte, vertrauen Sie mir und denken Sie daran, daß Sie Ihres Armes wegen jetzt dieſer Unterſtützung bedür⸗ 88 fen, welche ich Ihnen anzubieten mir ſonſt nicht erlaubt haben würde. Sie hatte keinen weiteren Widerſpruch, denn die Um⸗ ſtände rechtfertigten vollſtändig die Beſorgniſſe ihres Be⸗ ſchützers. Die beiden Sitze des leichten Korbwagens, nur mit niedrigen Rücklehnen verſehen, hingen in Riemen, worin die einzige Vorrichtung beſtand, die Erſchütterungen des Fahrens auszugleichen. Es war daher gewiß gerechtfertigt, daß der junge Mann mit ſeinem eigenen Arme das ver⸗ wundete junge Mädchen unterſtützte, um die Stöße des Wagens unſchädlich zu machen, welche bei dem ſchlechten Wege unvermeidlich blieben, obgleich der Kutſcher ſich alle Mühe gab, ſie zu verhindern, und die braune Liſe im ru⸗ higen Schritte weitergehen ließ. Als ſie die offene, ebenere Gegend hinter ſich hatten und wieder in den dunkeln Waldungen weiterfuhren, auch der Mond, jetzt tief am Himmel ſtehend, ſich dem Unter⸗ gange zuneigte und nur noch hin und wieder an einer offe⸗ neren Stelle ein matter Strahl das einſame Fuhrwerk traf, lehnte ſie ſich unwillkürlich mehr an ihn an, denn die fin⸗ ſtere, ſchweigſame Umgebung blieb nicht ohne Einwirkung, und ſie empfand es, daß ſie ſeines Schutzes bedürfe. Er fühlte wohl, daß derartige Gedanken bei ihr Raum gewannen, und ſuchte daher durch ein heiteres Ge⸗ ſpräch ihre Befürchtungen zu zerſtreuen, immer dabei ſorg⸗ 89 ſam bemüht, jede Erſchütterung des Wagens, ſo gut es gehen wollte, von ihr abzuhalten. Sie hörte ihm ſchweigend, aber aufmerkſam zu, nur hin und wieder eine Frage einſchaltend. Was er ſprach, und mehr noch die Art, wie er ſprach, war ihr ſo neu und ſo ungewohnt, ihr, die ſie bisher nur an den Umgang mit dem alten Viorne gewohnt war, daß ſie ſich in eine andere Welt verſetzt glaubte. Bald fingen jedoch, ſo ſehr ſie auch dagegen ankämpfte, ihre Vorſtellungen an, unklarer zu werden; ſie hörte noch einzelne Worte von dem, was er ſprach, aber der Zuſam⸗ menhang war ihr entſchwunden— ihr Kopf ſank tiefer hinab— auf ſeine Schulter, an ſeine Bruſt— ſie war entſchlummert. Das arme Kind, ſprach er leiſe vor ſich hin— ſie iſt noch krank und von der Anſtrengung der Fahrt ermattet. Fahre recht vorſichtig, flüſterte er dem Knechte zu, recht vor⸗ ſichtig, wiederholte er nochmals, als dieſer ſchweigend mit dem Kopfe nickte, und dann bemühte er ſich, ihre Lage ſo bequem als möglich zu machen. So fuhren ſie weiter; er fühlte an dem ruhigen Athem ihres ſorglos an ihn gelehnten Körpers, daß ſie feſt einge⸗ ſchlafen ſei. Die Sterne begannen zu erblaſſen, der matte Schein im Oſten wurde heller, und ein leiſer, kühler Wind verkündete den baldigen Aufgang der Sonne. Leiſe zog er den Schleier von ihrem Hute herab, da⸗ 90 mit der kältere Luftzug nicht ihren Schlummer ſtöre. Es war inzwiſchen hell geworden, die erſten röthlichen Strahlen der Sonne beleuchteten die Gipfel der Bäume, und er konnte jetzt durch das durchſichtige leichte Gewebe ungehin⸗ dert das liebliche, kindliche Geſicht des jungen Mädchens anſchauen, das ſo vertrauensvoll an ſeiner Bruſt ſchlum⸗ merte. Die von dunkeln Wimpern eingeſäumten Augen waren zwar geſchloſſen, aber um den leiſe geöffneten Mund ſpielte zuweilen ein freundliches, kindliches Lächeln— das Lächeln der Unſchuld und des Friedens. Er konnte ſich nicht losſagen von dieſem lieblichen Bilde. Möchten wir es ihm verdenken? Was kann es Schöneres geben, als ein im ſanften Schlummer ruhendes junges, ſchönes, unſchuldiges Mädchengeſicht, wenn der erſte Strahl der Sonne die Roſen des Schlafes auf ihren Wan⸗ gen wachküßt?— In ſüßer Selbſtvergeſſenheit gab er ſich dieſem Anblicke hin und bemerkte es gar nicht, als der Wa⸗ gen langſam aus dem Walde herausfuhr und ſich das Thal der Fichtenau im hellen Lichte des Morgens vor ihnen aus⸗ breitete. Wir werden bald zur Stelle ſein, ſagte in leiſem Tone der Knecht. Erſchreckt fuhr er empor, und die dadurch heworge⸗ rufene plötzliche Bewegung ließ ſie erwachen. Ach, ich habe geſchlafen,— ſagte ſie verſchämt er⸗ 91 röthend, indem ſie ſich ſchnell erhob— wirklich geſchlafen — und bin Ihnen gewiß ſehr zur Laſt gefallen? Wie können Sie nur ſo etwas denken, erwiederte er ebenfalls befangen— aber das iſt die Fichtenau— und dort, ſetzte er mit freudiger Stimme hinzu, dort werden Sie von nun an wohnen! Siebentes Capitel. Der edle Odyſſeus landete nach langen Irrfahrten ſchlafend an der Inſel ſeiner Heimat, und ein altes Sprüch⸗ wort ſagt:; Das Glück kommt dem Menſchen im Schlafe, was wohl ſo viel heißen ſoll, als: Der Menſch iſt häufig ſelbſt ganz unbetheiligt an den glücklichen Ereigniſſen, die ihn treffen. Es läßt ſich dies zwar nicht in Abrede ſtellen, doch gibt es auch ein Sprichwort, welches lautet: Ein Je⸗ der iſt ſeines Glückes eigener Schmied!— durch welchen Satz gerade das Gegentheil des erſteren ausgedrückt wird. Ungeachtet dieſes anſcheinenden Widerſpruches kann man dennoch keines von dieſen beiden Sprichwörtern für unrich⸗ tig erklären, denn Sprichwörter find ja eben nur ſich durch Kürze auszeichnende Ausſprüche des geſunden Menſchen⸗ verſtandes,„die Weisheit anſ den Gaſſen,“ wie ſie Sai⸗ ler nennt, und da die menſchliche Weisheit überhaupt höchſt unvollkommen iſt und ſich in ſteten Widerſprüchen gefüllt 93 und bewegt, warum follte die Weisheit auf den Gaſſen nicht an derſelben menſchlichen Schwäche leiden? Die For⸗ tuna iſt eine Göttin, alſo ein Weib, welche es, wie alle Weiber, verlangt, daß man ſich um ihre Gunſt bemühe, dafür Opfer bringe, Anſtrengungen mache, ihre Farben trage und offen oder heimlich, wie ſie dies am meiſten wünſcht, ihr Verehrung und Anhänglichkeit zolle.— Sie belohnt aber alle dieſe Huldigungen ebenfalls nach Art der Frauen zuweilen nur mit einem freundlichen Lächeln, zu⸗ weilen auch wohl mit einer größeren Gunſtbezeigung; aber — das Glück hat als Weib auch ſeine ganz beſonderen Launen und bevorzugt oft gerade diejenigen am meiſten, welche ſich gar nicht um ſeine Gunſt bewerben. Deshälb ſagt die Weisheit auf den Gaſſen ſehr richtig; Das Glück kommt im Schlaf— und: Ein Jeder iſt ſeines eigenen Glückes Schmied. In beiden Ausſprüchen liegt Wahrheit, beide paſſen jedoch nicht für alle Fälle. Menſchen, welche ſo viel als möglich ſchlafen wollten, um ſo ſich des Glückes Gunſt zu erringen, würden ſchwerlich zu dem gewünſchten Ziele gelangen; auch giebt es leider ſolche, welche bei un⸗ ermüdlicher, redlicher Thätigkeit es doch niemals dahin bringen, der launiſchen Glücksgöttin jemals ein freundli⸗ ches Lächeln abzugewinnen. Aber die Letzteren gehören zu den Ausnahmen, und da auch der thätigſte Menſch des Schlafes nicht entbehren kann, alſo dem Glücke immer noch hinlängliche Gelegenheit giebt, ſich in dieſem Zuſtande von 94 ihm Beſuche abſtatten zu laffen, ſo iſt es gewiß gerathener, wachend nichts zu verſäumen, um ſeine Gunſt zu erlangen. Margot kam ſchlafend nach der Fichtenau, und wenn wir ſehr voreiliger Weiſe daran die vorſtehende Betrach⸗ tung knüpften, ſo geſchah es in der eigentlich durch nichts begründeten Abſicht, daß der Aufenthalt des jungen Mäd⸗ chens in dieſem anmuthigen Thale unter biedern und bra⸗ ven Leuten für ſie ein glückliches Ereigniß genannt werden müſſe. Wir ſind zu dieſer Annahme durch einen Rückblick auf ihr bisheriges Leben gekommen, ſo weit uns dies he⸗ kannt geworden iſt. In Gemeinſchaft mit einem alten Manne hat ſie, öfter ihren Aufenthalt wechſelnd, aber ſtets in völliger Abgeſchloſſenheit von anderen Menſchen, dieje⸗ nigen Jahre verlebt, welche bei jungen Mädchen die fröh⸗ lichſten und heiterſten ſind, in welchen ſie, in der Pflege und im Schutze liebender Eltern, im Kreiſe von Geſchwi⸗ ſtern und Geſpielinnen, des Daſeins Morgens in harmlo⸗ ſem Frohſinne gleich den ſich im Morgenwinde ſchaukeln⸗ den Blumenknospen verträumen dem ahnungsvollen Er⸗„ wachen entgegen, wo ſie von der Liebe Sonne geküßt wer⸗ den.— Wie anders waren die Jahre dieſer ſchönen Mäd⸗ chenzeit— eine Zeit, an welche auch die glücklichſten Frauen, im Kreiſe blühender Kinder, immer mit wehmuthsvoller 1 Sehnſucht zurückdenken— wie ganz anders waren ſie der armen Margot dahingeſchwunden! Derjenige, in deſſen 95 Geſellſchaft ſie allein gelebt, den ſie ſo gern als Vater ge⸗ liebt hätte— denn des Kindes Herz bedarf der Liebe eben ſo ſehr, wie ſein Körper der leiblichen Nahrung— er hatte dieſe Liebe, wenn auch nicht zurückgewieſen, doch in ihrer Entfaltung dadurch verkümmert, daß er ſie davon in Kennt⸗ niß geſetzt, ihre Eltern ſeien geſtorben, ſie ſelbſt ihm fremd und werde nur aus Mitleid bei ihm behalten. Selbſt die einzigen lichten, ſonnigen Erinnerungen ihrer früheſten Kinderzeit— der Knabe, mit dem ſie geſpielt, der alte Mann, der ſie ſo oft geküßt und geherzt— auch dieſe wa⸗ ren ihr geraubt— denn alle dieſe Geſtalten, welche ſich ſo hell in des Kindes Erinnern erhalten hatten, waren ja zu fremden geworden— ihre Eltern todt— ſie ſelbſt ein verlaſſenes, nur vom Mitleide Anderer erhaltenes und ge⸗ duldetes Weſen.— Wie ein erkältender Mehlthau waren dieſe und ähnliche Betrachtungen und ſolches vielleicht nicht einmal zum klaren Bewußtſein gelangtes Empfinden in ihre junge Seele gefallen und hatten die Entwicklung der⸗ ſelben, das Treiben und Erſchließen der Knospe, gehindert. Sie liebte zwar den alten Viorne, der ſtets gütig und be⸗ ſorgt gegen ſie war, ſie auch im Leſen und Schreiben und ſelbſt in einigen anderen Dingen, wenn auch ſehr oberfläch⸗ lich und rhapſodiſch, unterrichtet hatte— das Kind bedarf eines Gegenſtandes, auf den es ſeinen Ueberfluß von Liebe übertragen muß—, aber er blieb ihr doch immer nur ein Fremder. Er ſchien auch ſtets eifrig jelbſt beſtrebt ihr das 96 zwiſchen ihnen obwaltende Verhältniß zu vergegenwärtigen, und benutzte jede ſich darbietende Gelegenheit, um ihr in dieſer Hinſicht ſo leicht vergeßliches Gedächtniß wieder daran zu erinnern. Das völlig abgeſchiedene Leben, das Vermeiden jedes Zuſammenkommens mit anderen Men⸗ ſchen hatte natürlich ebenfalls auf ihren Charakter und deſſen Entwicklung einen ſehr entſchiedenen Einfluß ge⸗ habt. Die Freuden der Kindheit waren ihr fremd geblie⸗ ben, niemals hatten harmloſe Spiele ſie erfreut, niemals hatte ſie durch den Umgang mit Altersgenoſſen kindliche Anſchauungen kennen gelernt— im ſteten und einzigen Verkehre mit einem alten, verſchloſſenen, wenn auch liebe⸗ vollen und ſanften, doch verbitterten und ſtets ängſtlichen und beſorgten Manne war ſie aufgewachſen.— In Berückſichtigung aller dieſer Umſtände mußten wir es daher für Margot als ein glückliches Ereigniß be⸗ trachten, daß ſie die bisherige kleine und beſchränkte Woh⸗ nung in der engen Dorfgaſſe mit dem freundlichen und leb⸗ haften Thale in der Fichtenau, und den einſeitigen und für ſie wenig anregenden Umgang des alten Viorne mit dem⸗ jenigen ihrer jetzigen Hausgenoſſen vertauſcht hat. Zu un⸗ ſerer eigenen Genugthuung können wir hinzufügen, daß das Ausſehen des jungen Mädchens, nachdem ſie jetzt be⸗ reits eine Woche in der Fichtenau zugebracht hat, unſere Vorausſicht vollkommen beſtätigt. Ihre Augen leuchten in einem ihnen ſonſt nicht eigenen Glanze, und man ſieht es S —— 97 an den ſo beweglichen Zügen ihres kindlichen Geſichtes, mit welcher tiefen Danfbarkeit ſie die ihr zu Theil werdende liebevolle Pflege empfindet. Bisher hatten ſie ja nur die Gewohnheiten eines alten Mannes mehr oder weniger an⸗ genommen, jetzt befand ſie ſich zum erſten Male in der Ge⸗ ſellſchaft einer Frau, welche alle ihre Wünſche, ja, weit mehr, als ſie ſich zu wünſchen für berechtigt hielt, mit dem den Frauen angeborenen Mitgefühle ſchon vorher erkannte und auf die liebevollſte Weiſe erfüllte. Sie lag in einem bequemen Bette, in einer hellen, freundlichen Stube, und obgleich ſie ſich eigentlich durch⸗ aus wohl fühlte, ſo duldete man doch mehrere Tage nicht, daß ſie aufſtehe und ſich bewege. Gleich als ſie angekom⸗ men, war ſie von Wehring und ſeiner Frau auf das herz⸗ lichſte begrüßt und dann, nachdem ſie gefrühſtückt, in das ſonnige Zimmer geführt und und ungeachtet ihres Wider⸗ ſpruches zu Bette gebracht worden. Was müſſen Sie ausgeſtanden haben, armes Kind, hatte die Frau Wehring dabei geſagt, auf dem ſchlechten Wagen und bei den ſteinigen Wegen, mit einem gebroche⸗ nen Arme! Es iſt eigentlich unverantwortlich, daß man Sie in ſolchem Zuſtande hat fahren laſſen— aber ich hoffe, es wird Ihnen nicht ſchaden. Jetzt vor allen Dingen Ruhe; Ruhe iſt jetzt die Hauptſache.— So, ſo liegen Sie gut, nicht wahr? Vielleicht nicht hoch genug mit dem Kopfe, ich weiß nicht, wie Sie es gewohnt ſind— Sie müſ⸗ Gräfin und Marquiſe. 1. 7 ſen ganz offen gegen mich ſein— und der Arm, liegt der auch gut? Heute Nachmittag kommt der Doctor, um nach⸗ zuſehen, ob am Verbande noch Alles in Ordnung iſt; hof⸗ fentlich wird Ihnen das Fahren nicht geſchadet haben. Und nun ſchlafen Sie, ſchlafen Sie ruhig und ohne Sorgen,* Sie haben hier nichts zu befürchten, und wenn Sie irgend etwas bedürfen, ſo klingeln Sie nur, ich bin im Nebenzim⸗ mer. Sie haben die ganze Nacht gewacht, armes Kind, und gewiß viele Schmerzen ausgeſtanden— ſchlafen Sie jetzt, recht, recht lange, der Schlaf ſtärkt am meiſten, und wenn Sie aufwachen, bin ich wieder bei Ihnen, wohl auch ſchon früher.— Ach, wie war das ſo verſchieden von ihrem bisheri⸗ gen Leben— ſie blickte der ſich entfernenden Frau nach, die ſo leiſe ging, als ob ſie jetzt ſchon ihre Ruhe zu ſtören befürchte, mit bisher nicht gekannten Empfindungen, und hatte ſo Vieles zu denken und immer wieder zu denken, daß der Schlaf, der ſie auf dem unbequemen Wagen ſo unvor⸗ hergeſehen überraſcht hatte, jetzt, wo ſie ſo weich und be⸗ haglich gebettet war, doch nicht erſcheinen wollte. Ihre Au⸗ gen ſchweiften immer noch in dem Zimmer umher, einen Gegenſtand nach dem anderen betrachtend, denn ſo einfach das Alles auch ſein mochte, es war doch ganz verſchieden und anders, als ihre bisherigen Umgebungen, in welchen 7 niemals eine weibliche, ordnende Hand, außer ihrer eige⸗ nen, thätig geweſen war. Endlich ſanken doch die dunkeln, 59 langen Wimpern über die Augen herab, tiefere, leiſe Athem⸗ züge bewegten ihre Brnſt, und ſie war fanft entſchlummert. Als ſie dann nach mehreren Stunden die Augen wie⸗ der aufſchlug, ſaß die Frau Wehring vor ihrem Bette, und ſie ſchämte ſich, daß ſie ſo lange und ſo feſt geſchlafen und ihr Kommen gar nicht bemerkt hatte. Fühlen Sie Sich wohl? fragte die freundliche Frau; Schlaf hat Sie geſtärkt, fuhr ſie fort, ihre Hand neh⸗ mend; Sie haben Sich hübſche rothe Backen geſchlafen— aber nun werden Sie hungrig ſein, nicht wahr? Wiſſen Sie auch, daß es ſchon vier Uhr Nachmittags iſt? Ja, ja, ſo lange haben Sie geſchlafen! O, Sie brauchen Sich des⸗ halb nicht zu tigen es iſt das Beſte, was Sie hät⸗ ten thun können! Der Doctor iſt auch ſchon ſeit einer Stunde uiene aber er befahl, Sie ja nicht zu wecken, der die beſte Medicin! eſchimt, flüſterte, noch mehr erröthend, —. öricht von Ihnen— aber ehe ich heraufbringe, wird Doctor nach dem Verbande ſihe und zugleich auch Ihre Diät feſtſetzen; ich gehe, ihn jetzt zu holen, wenn es Ihnen genehm iſt. Es iſt Alles gut und in Ordnung, hatte der Arzt gr. ſagt, nachdem er den Verband ſorgfältig unterſucht; die Fahrt hat nichts geſchadet, in vier bis ſechs Wochen wer⸗ den Sie den Arm wieder gebrauchen können und es kaum 5 100 mehr wiſſen, daß er gebrochen war. Für jetzt iſt es aber am Beſten, Sie gönnen Sich einige Tage völlige Ruhe, bleiben im Bette und genießen nur leichte und nicht rei⸗ zende Speiſen. Wenn ich am Sonntage wiederkomme, hoffe ich Ihnen die Erlaubniß ertheilen zu können, das Bett zu verlaſſen und täglich ein paar Stunden im Freien zuzubringen. Ich habe mir das ſo gedacht, bemerkte die Frau Weh⸗ ring; hier iſt eine leichte Hühnerbrühe, etwas Preißelbee⸗ ren oder Kirſchen, was Sie am liebſten eſſen, und wenn es der Herr Doctor geſtatten, auch etwas weiches Fleiſch von der Bruſt— ich dächte, das könnte nicht ſchaden. Nicht im Mindeſten, lächelte der Arzt; ich mache Ih⸗ nen in dieſer Hinſicht gar keine Vorſchriften und wünſchte, daß ich bei allen meinen Patienten eine ſo ſorgſame Un⸗ terſtützung fände. Eſſen Sie Sich ſatt, mein Fräulein, fuhr er freundlich fort, und ſchlafen Sie ſo viel als mög⸗ lich— wenn der Arzt immer einen ſolchen Verbündeten hätte, wie Ihre jugendliche Natur, dann würde er ſtets als Sieger aus dem Kampfe mit der Krankheit hervorgehen, was leider nicht immer der Fall iſt. Als es dann Abend geworden, hatte die Frau Weh⸗ ring ſorgſam die Vorhänge an den Fenſtern herabgelaſſen, ſie auch noch beſonders wegen des Feuerſcheines der Eſſen beruhigt, woran ſie ſich bald gewöhnen würde, dann eine 101 Nachtlampe gebracht und die Thür nach dem anſtoßenden Zimmer geöffnet. Ich ſchlafe hier nebenan, bemerkte ſie dann, und die Thür bleibt offen, Sie dürfen Sich durchaus nicht ängſti⸗ gen, ich höre ſogleich, wenn Sie rufen, ſollten Sie irgend etwas bedürfen. Ich kann mir denken, mein Kind, daß Ih⸗ nen das fremde Zimmer ungewohnt iſt— aber Sie ſind nicht allein, ich bleibe bei Ihnen, ſeien Sie deshalb ohne alle Sorgen— ſchlafen Sie ganz ruhig und ängſtigen Sie Sich nicht wegen des Feuerſcheines. Im Tage ſieht man das gar nicht und es hat durchaus nichts zu ſagen— wenn man ſich erſt daran gewöhnt hat, iſt es ſogar ſehr angenehm. Sie ließ Alles über ſich ergehen und vermochte nur mit wenigen Worten und feucht gewordenen Augen für dieſe ungewohnten Beweiſe von Sorgfalt und Liebe zu danken. Dann wurde es ganz ſtill in dem matt erhellten Zim⸗ mer, in welchem der trübe Schein des verdeckt geſtellten Nachtlichtes mit den röthlichen, durch die Vorhänge drin⸗ genden Lichtwellen der Feuer⸗Eſſen in phantaſtiſchen Re⸗ flexen ſpielte; die nächſte, ſo ereignißreiche Vergangenheit zog an ihrer Seele vorüber, und der Schmerz um den bis⸗ herigen Genoſſen ihres Lebens, dieſer noch neue und erſte tiefe Schmerz, der ihr junges Herz getroffen, gewann wie⸗ der die Oberhand. Still und ungeſehen floſſen ihre Thrä⸗ nen, und ſo ſehr ſie auch die liebevolle Pflege ihrer jetzigen Umgebung erkannte— es waren ihr dies doch alle fremde, bisher unbekannte Menſchen. Sie hatte ſich nie ſo einſam, ſo ganz verlaſſen gefühlt, und die Liebe zu dem alten, ſo plötzlich geſtorbenen Führer und Gefährten ihrer Jugend, dieſe durch die Gewohnheit erſtarkte Liebe brach jetzt mit erneuerter Kraft und Stärke hervor. Denn der Menſch ſchätzt und liebt immer dasjenige am meiſten, was für ihn verloren und den Beweiſen ſeiner Liebe, dem Ausdrucke ſeiner Zärtlichkeit für immer entrückt iſt. Dann eiſt macht er ſich Vorwürfe, daß er zu der Zeit, als es noch in ſeiner Macht ſtand, ſie zu gewähren und zu geben, damit ſo karg und ſparſam geweſen— er möchte jetzt, wo es zu ſpät und nicht mehr möglich iſt, gern nachholen, was er ver⸗ ſäumt hat, und ſeine Phantaſie ſtellt das Bild des Ver⸗ lorenen im hellen, ſtrahlenden Lichte hin, welches die ſonſt oft darauf gefallenen Schatten unſichtbar macht— bis die Zeit, die allheilende, die nivellirende Zeit, mit leiſer aber ſicherer Hand auch darüber einen beſänftigenden, ſich immer mehr verdichtenden Schleier zieht— wie über alle Bilder der Vergangenheit.— Sie legte ihre rechte Hand auf die verbundene linke, denn ſie konnte beide nicht, wie ſie es gewohnt war, zu⸗ zuſammenfalten, und betete. Ihre kindlichen Bitten flogen auf zu dem Vater der Liebe, der Schmerz ihrer Seele be⸗ gann zu ebben, und der Friede, welcher auf den Flügeln des Gebetes ſchwebt, ſenkte ſich in ihr Herz. —,—— 5 . Achtes Capitel. Die ungewöhnliche Theilnahme, welche ſowohl der Apotheker als die Wehring'ſchen Eheleute für den Officier und das junge Mädchen empfanden und bethätigten, hatte ihren natürlichen Grund theils in dem Charakter dieſer Perſonen, theils in den damaligen Zeitverhältniſſen. Der Apotheker und Wehring, durch eine langjährige und viel⸗ fach bewährte Freundſchaft verbunden, waren beide enthu⸗ ſiaſtiſche Patrivten und haßten das franzöſiſche Regiment aus dem tiefſten Grunde ihrer Seele. Es war daher ſehr natürlich, daß ſie für den jungen Officier, welcher ſo plötz⸗ lich im Gefolge ihres geliebten Landesherrn erſchien, die Feinde des Vaterlandes im offenen Kampfe angreifend, eine lebhafte Theilnahme empfanden und Alles aufboten, um ihn vor dem traurigen Looſe der Gefangenſchaft zu be⸗ wahren, welche mit einem ſchimpflichen Tode gleichbeden⸗ tend war. Die Umſtände und die hülfloſe Lage ſteigerten 104 noch dieſe Theilnahme und machten die Bethätigung der⸗ ſelben nothwendig. Was Margot betraf, ſo war ſie wäh⸗ rend ihres Aufenthaltes in dem Gebirgsdorfe zwar nur einige Male und nur auf ſehr kurze Zeit in dem Hauſe des Apothekers geweſen, das abgeſchloſſene Leben aber, welches ſie mit dem alten Viorne geführt, hatte längſt ein, anfänglich vielleicht nur durch Neugierde erregtes In⸗ tereſſe für ſie hervorgerufen, ein Intereſſe, welches durch ihr ſchüchternes, kindliches Weſen, ſo wie durch ihre ganze Erſcheinung neue Nahrung erhielt. Es war daher gewiß ſehr natürlich, daß man ſich in einem ſo ſchrecklichen Momente ihrer auf das Herzlichſte annahm und ſie nicht ihrem Schickſale überließ, als ſich dieſes durch Viorne's Tod ſo traurig und dabei ſo eigenthümlich geſtaltete. Der Apo⸗ theker gehörte außerdem zu denjenigen Menſchen, die bei Allem, wozu ſie ſich einmal entſchloſſen haben, nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben, weshalb er es jetzt auch hier für eine unabweisliche Pflicht hielt, das einmal angetra⸗ gene Amt eines Beſchützers ſo weit auszudehnen, als es zuläſſig und nöthig war. Zu dieſer Maßnahme wurde er außerdem noch durch einen ihm von Ingend an beiwoh⸗ nenden romantiſchen Zug ſeines Charakters beſtimmt, eine Neigung, die, wie er fagte, ihn ſchon in mancherlei unan⸗ genehme Verwicklungen gebracht habe, die er jedoch einmal nicht mehr los werden könne, denn der Menſch liebe auch ſeine mit ihm alt gewordenen Fehler. 105 Etwas anders verhielt es ſich mit den Wehring ſchen Eheleuten. Wehring war ein durchaus praktiſcher, klarer, vielleicht etwas nüchterner Kopf. Dabei hielt er feſt an dem, was er einmal für recht erkannt hatte, und verfolgte, wenn auch zuweilen auf nicht in die Augen fallenden We⸗ gen, ſeine vorgeſteckten Ziele. Er hatte keinen beſſeren Freund, als den Apotheker, und da Beide hinſichtlich ihrer politiſchen Anſichten vollſtändig übereinſtimmten, ſo ging er auf deſſen Vorſchlag hinſichtlich des Officiers ſofort be⸗ reitwillig ein. Schwieriger zeigte er ſich wegen des jungen Mädchens und hatte deshalb mancherlei Einwendungen und Bedenken, welche erſt durch des Apothekers Beredſam⸗ keit beſeitigt werden mußten. Sowohl ihre Abſtammung aus einer guillotinirten franzöſiſchen Ariſtokraten⸗Familie als ihre ganze myſtiſche Vergangenheit war ihm zuwider, und er ſprach ſich dahin aus, daß er nicht abſehe, warum man das junge Mädchen denen, die ſie etwa aufſuchen möchten, entziehen ſolle. Hat ſie noch Angehörige, welche ſich um ſie bekümmern, weshalb wollen wir da hindernd in den Weg treten; es iſt vielleicht gerade zu ihrem Nach⸗ theile, wenn wir uns ihrer annehmen, und wir begehen ein großes Unrecht, von den Unannehmlichkeiten, denen wir uns dabei ausſetzen können, gar nicht zu reden. Werden aber wirklich Nachforſchungen angeſtellt, ſo können dieſe ſehr leicht auch zur Entdeckung des Officiers führen, ſo daß wir, indem wir dem jungen Mädchen gar keinen Dienſt leiſten, 106 dadurch nur die Sicherheit unſeres anderen Schützlings gefährden! Der Apotheker hatte es jedoch verſtanden, dieſe Be⸗ denken ſeines Freundes zu beſeitigen, indem er an die letz⸗ ten Worte des ſterbenden Viorne erinnerte, welche gar kei⸗ nen Zweifel ließen, daß das junge Mädchen widerrechtlich verfolgt werde. Wehring hatte, wenn auch nicht völlig überzeugt, nachgegeben, beſonders deshalb, weil ihm der Aufenthalt eines jungen Mädchens in ſeinem Hauſe ſeiner Frau wegen erwünſcht war. Das Leben der beiden kinder⸗ loſen Eheleute in dem abgelegenen Aufenthalte und bei der unausgeſetzten Thätigkeit des Mannes war für die Frau in mancher Beziehung ſehr vereinſamt, und er ging daher ſchon längere Zeit mit dem Plane um, für ſie eine geeig⸗ nete Geſellſchafterin in ſein Haus zu nehmen. Die Frau, eine von jenen aufopfernden, mehr für An⸗ dere als für ſich ſelbſt ſorgenden weiblichen Naturen, war dieſem Plane jedoch ſtets entgegen geweſen, weil ſie glaubte, ihr Mann vermiſſe mehr oder weniger etwas in der Füh— rung ihrer Wirthſchaft— als jedoch nun in unvorgeſehe⸗ ner Ueberraſchung plötzlich das beſcheidene, ſchüchterne, an⸗ ſpruchsloſe, dazu unglückliche und kranke junge Mädchen er⸗ ſchien, bedurfte es nur des Anblicks ihrer Hülfloſigkeit, um ihre ganze Theilnahme für ſie zu erwecken. Je mehr ſie dieſe ausübte und je mehr ſie ſich von der dankbaren Aner⸗ kennung, mit welcher ihr Pflegling dieſelbe aufnahm, über⸗ — — 107 zeugte, deſto mehr ſteigerte ſich ihre Theilnahme bis zur wirklichen, innigen Zuneigung, und bald empfand ſie ſelbſt darin ein größeres Glück als diejenige, welche dieſe empfing. Ein ſolches Empfinden und Handeln liegt tief in der menſchlichen Natur begründet, wir könnten ſagen, im menſch⸗ lichen Egoismus, wenn wir dem böſen Principe mehr Ge⸗ walt einräumen wollten, als dem guten. Wollen wir für Andere Intereſſe gewinnen, wollen wir Theilnahme, ſelbſt Liebe für ſie empfinden, ſo müſſen wir ihnen Wohlthaten erzeigen. Das iſt ein Kitt, der uns ſicher mit ihnen verbin⸗ det, denn wir betrachten ſie dann mehr oder weniger als Weſen, deren Wohlergehen und Glück unſer Werk iſt, und durch eine Combination unſeres Egoismus als unſer Werk ſelbſt. Je mehr Mühe, je mehr Arbeit wir auf dieſes Werk verwenden, je mehr wir davon durchdrungen werden, daß wir Schöpfer davon ſind— eine Annahme, zu der uns unſere Eitelkeit und Selbſtüberhebung ſo leicht verleitet—, um ſo mehr identificirt ſich der Gegenſtand unſerer Theil⸗ nahme oder unſerer Aufopferung mit uns ſelbſt, und wir übertragen auf ihn die mächtigſte und uns ſtets beherr⸗ ſchende Gewalt— unſere Eigenliebe. Nirgendwo mehr als hier kommt des Erlöſers Spruch zur Geltung und zur Wahrheit: Liebe deinen Nächſten wie dich ſelbſt!— und je hülfloſer derjenige iſt, dem wir dieſe Liebe zuwenden, je mehr Opfer und Mühen deshalb von uns gefordert werden, deſto höher ſteigert ſich dieſe 6 108 Liebe.— Darin ruht auch das Geheimniß der Mutter⸗ liebe. Weil ſie das hülfloſe Kind vom erſten Schrei an, nnit dem es in das Leben getreten, gepflegt, genährt, ge⸗ ſchützt, weil ſie Tage und Rächte an ſeinem Bette geſeſſen und gewacht, ſeinen Schlummer gehütet, es vor Krankheiten 3 bewahrt hat, deshalb erwacht dieſes größte aller Liebesge⸗ fühle ſo ſtark in ihrem Herzen. Hätte ſie Alles dies von Anfang an einem fremden Kinde gethan, auch wiſſend, daß es ein fremdes ſei— ſie würde es dennoch eben ſo Der verheißene Sonntag war gekominen. Obgleich ſich Margot ganz wohl befand, und ihr Arm nicht im Min⸗ deſten ſchmerzte, hatte die Frau Wehring ſie doch im Bette gehalten, weil der Arzt dies ſo angeordnet habe, und Mar⸗ got, ſo gern ſie auch aufgeſtanden wäre, ſich eben ſo wil⸗ lig gefügt. Nun hatte jedoch der Arzt das Aufſtehen erlaubt und dann den Arm ſorgſam in die Schlinge eines ſchwarz⸗ ſeidenen Tuches gelegt, bei welcher Beſchäftigung die Frau Wehring eine genaue Beobachterin geweſen war, um künf⸗ tig in dieſer Beziehung nichts zu verſäumen. Das Wetter iſt ſchön, mein Fräulein, ſagte er dann, und Sie können ſowohl heute als von nun an immer hin⸗ untergehen und die friſche Luft genießen, bis die Sonne untergeht und es anfängt, kühl zu werden, was hier in dieſem Thale immer Abends mehr oder weniger der Fall iſt. * 109 Sorgen Sie nicht, ſorgen Sie nicht, Herr Doctor, bemerkte die ängſtliche Frau, ich werde genau Acht geben! Sobald der Thau fällt, es geſchieht dies oft ſchon lange vor Sonnenuntergang, müſfen Sie hinauf; aber heute wollen wir den ganzen Tag im Freien zubringen, denn Sie ſind ordentlich etwas blaß geworden von der Zimmerluft! Es war Sonntag, als ſie zum erſten Male während ihres Aufenthaltes in der Fichtenau hinaustrat ins Freie — Sonntag Morgen, der Tag des Herrn!„Der Him⸗ mel nah' und fern, er iſt ſo klar, ſo feierlich, ſo ganz als wollt' er öffnen ſich— das iſt der Tag des Herrn!“ Der Himmel lag blau und wolkenlos über dem ſonnigen, ruhi⸗ gen Thale, denn die immer beweglichen und polternden Hämmer ſtanden ſtill, die Eſſen hatten aufgehört zu rau⸗ chen, und die ſonſt ſchwarz und ſchmutzig ausſehenden Ar⸗ beiter gingen mit ihren Frauen und Kindern in ihren Sonn⸗ tagskleidern nach der Kirche des nächſten, jedoch ebenfalls eine Stunde entfernten Dorfes. Eine feierliche Stille war über dieſen abgeſchloſſenen, ſonſt ſo unruhig bewegten Thal⸗ abſchnitt ausgegoſſen, und ſelbſt die Kirchengänger ſprachen leiſer mit einander, als ob ſie ſich geſchämt hätten, die Sonntagsfeier der Natur durch laute Worte zu entheiligen. Nur der Bach, jetzt im Beſitze ſeines vollen Waſſers, rauſchte geräuſchvoller über das Wehr, und der weiße Schaum ſeiner herabſtürzenden Wellen leuchtete im Son⸗ 110 nenſcheine wie ein wehender Schleier von den grünen Wie⸗ ſen herüber. Maargot trat än der Hand der Frau Wehring aus dem . 7 6„ Hauſe und wurde in den Garten zu einer Bank geführt, von welcher aus man das ganze Thal überſehen konnte. ganz Ach, wie wohl that ihr dieſer für ſie ſo ungewohnte, faſt neue Anblick, wie wohl that ihr die friſche, balſamiſche Luft, welche ſchmeichelnd mit ihren Locken ſpielte und die ſie mit Entzücken einathmete! Wie war das ſo anders, als der enge, dumpfe Raum der niedrigen Stube, in welchem ſie ſonſt die Sonutage zugebracht und den Kirchengängern nachgeſchaut hatte, ohne mit ihnen gehen zu dürfen! Das vor ihren Augen ſich öffnende Thal mit dem grünen Wie⸗ ſenteppiche, den dunkeln, ſteil abfallenden Bergwänden und dem lichtblauen Gewölbe des Himmels darüber kam ihr vor wie ein großer Gottestempel, und ſie hätte niederknieen und beten mögen, wenn ſie ſich nicht geſchämt hätte, ſo voll An⸗ dacht und Dankgefühl war ihre Seele. Der Frau Wehring entging dieſe Stimmung ihres Pfleglings keineswegs; ſie war eine gottesfürchtige, fromme Frau mit einem weichen leicht erregbaren Herzen, und freute ſich, in Margot gleiche Empfindungen zu entdecken. Sie ließ ihr daher Zeit, ſich ihren Gefühlen hinzugeben, ohne ſie darin durch irgend eine Aeußerung zu unterbrechen. Ach, wie ſchön iſt es hier, ſagte Margot dann mit lei⸗ 111 ſer Stimme, und wie glücklich ſind Sie, daß Sie immer hier wohnen können! Nun, ich denke, mein Kind, Sie werden recht lange bei uns bleiben und dann die Schönheiten unſeres kleinen Thales vollſtändig kennen lernen— ich freue mich herzlich, daß es Ihnen bei uns gefällt! Sehr, ſehr! flüſterte Margot. Mein Mann iſt mit dem Inſpector nach dem oberen Hammer gegangen, fuhr die Frau in der Abſicht fort, der bewegten Stimmung des Mädchens eine andere Richtung zu geben— ſie wollen eine Radwelle beſichtigen, die ſchad⸗ haft geworden ſein ſoll; es kann das nur Sonutags ge⸗ ſchehen, wo die Werke ſtillſtehen, um doch auch ihren Feier⸗ tag zu haben. Es iſt ihnen das auch zu gönnen, ſetzte ſie lächelnd hinzu, denn ſie müſſen während der Woche Tag und Nacht in Bewegung ſein, aber wenn der Sonntag kommt, dann haben ſie Ruhe, dann iſt überhaupt Ruhe hier, die um ſo wohlthuender wirkt nach der unausgeſetzten Thätigkeit und Arbeit der Woche. Die Arbeiter frenen ſich gewiß auch ſehr auf den Sonntag? Nicht ſo ſehr, als Sie vielleicht glauben; wenn es von Ihnen abhinge, würden wenigſtens viele auch Sonn⸗ tags arbeiten, um mehr zu verdienen. Denken Sie des⸗ halb nicht nachtheilig von ihnen, fuhr ſie fort, als Margot ſie erſtaunt anſah; manche haben zahlreiche Familien, und der Verdienſt reicht in dieſen ſchlechten Zeiten, bei den ho⸗ hen Abgaben oft kaum hin, um die allernothwendigſten Bedürfniſſe zu befriedigen. Mein Mann muß deshalb, ſo ſehr ich auch ſtets dagegen bin, doch zuweilen den Sonntag durcharbeiten laſſen. Aber das geſchieht nur ſehr ſelten, und wir halten ſtreng darauf, daß die Arbeiter Sonntags die Kirche beſuchen, denn an Gottes Segen iſt Alles gele⸗ gen!— Wenn Sie erſt wieder ganz geſund ſind, werden wir auch an jedem Sonntage zufammen in die Kirche fahren! In die Kirche? fragte Margot, indem ſie verlegen zu Boden blickte. Sie iſt nur eine Stunde von hier und der Weg gut; drüben hatten Sie es näher. Sie gingen dann wohl mit dem alten Viorne zuſammen? Ach nein, Herr Viorne hat mich niemals in die Kirche gehen laſſen! Niemals in die Kirche? rief Frau Wehring, ſichtlich erſchreckt; aber das iſt ja unverantwortlich! Wir lebten hier unter Ketzern, ſagte er; ich müſſe warten, bis wir wieder in einem katholiſchen Lande wären. So ſind Sie katholiſch? fragte die Frau, noch mehr erſchrocken. Ich weiß es nicht, erwiederte Margot mit einem un⸗ befangenen Blicke. Man hat mich niemals gelehrt, worin der Unterſchied zwiſchen dem Glauben der Katholiken und — der Proteſtanten beſteht. Herr Viorne meinte, es ſei mehr oder weniger daſſelbe, und es käme überhaupt nicht viel darauf an. Er hielt im Ganzen nichts von dem Kirchen⸗ gehen, und obgleich er ſonſt gewiß ein guter Mann war, ſo ſagte er doch oft, die Prieſter hätten das meiſte Unheil über die Welt gebracht. Wie konnte ein alter Mann, der dem Grabe ſo nahe ſtand, Ihnen ſolche Lehren ertheilen— aber Sie haben das doch nie für richtig gehalten und geglaubt, mein Kind? O nein! Hert Viorne war ſonſt immer ſo gut und that Niemand etwas zu Leide— ich bin auch feſt über⸗ zeugt, daß er es ſelbſt nicht ſo meinte. Er muß wohl in dieſer Beziehung ſehr traurige Erfahrungen gemacht haben. Aber wenn ich den guten Pfarrer Sontags nach der Kirche gehen ſah und wahrnahm, wie ehrfurchtsvoll ihn die Leute grüßten, wie freundlich und lieb er mit Allen, beſonders mit den Kindern war, da habe ich wenigſtens erkannt, daß dieſer nicht zu denen gehören könne, welche Herr Viorne meinte, und habe oft gebeten, mich zu ihm gehen zu laſſen, aber er hat es mir nie erlaubt. So haben Sie niemals Religions⸗Unterricht genoſſen? O ja! Herr Viorne hat mich in der Religion unter⸗ richtet. Sie ſagten aber doch, Sie wüßten nicht, ob Sie ka⸗ tholiſch ſeien. Davon hat er nie geſprochen, und wenn ich ihn des⸗ Gräfin und Marquiſe. I. 8 114 halb fragte, ſagte er, darauf käme es nicht an, das ſei Al⸗ les Menſchenwerk, erfunden, um die Macht der Geiſtlichkeit zu befeſtigen. Wie gut iſt es, mein Kind, daß Sie nicht mehr bei dieſem Manne ſind— doch er iſt todt und wird es jetzt bereuen, ſo gehandelt zu haben. Ja, er iſt jetzt todt, erwiederte Margot traurig, aber er war ſtets gut und freundlich gegen mich. So ſind Sie auch wohl noch nicht eingeſegnet? fragte die Frau weiter und noch niemals zum Abendmahle ge⸗ gangen? fuhr ſie fort, als Margot leiſe verneinend mit dem Kopfe ſchüttelte, und wie alt ſind Sie jetzt? Ich werde im künftigen Monate ſechszehn Jahre. Nun, Sie ſind noch jung, mein Kind, bemerkte die Frau wieder beruhigter, und es läßt ſich dies Alles nachho⸗ len— ich weiß nur nicht, fuhr ſie wieder zweifelhafter fort, ob und eine katholiſche Kirche gibt es hier weit und breit nicht. O, machen Sie Sich deshalb keine Sorgen; und wenn Sie mir geſtatten, mit Ihnen zu gehen, ſo werden Sie mich ſehr glücklich machen. Das würde ich gewiß von Herzen gern thun, aber— aber Sie müſſen doch jetzt ein Bekenntniß ablegen, einge⸗ ſegnet werden, und dadurch würden Sie der lutheriſchen Kirche angehören. Ja, ja, erwiederte das junge Mädchen erfrent, das „ 115 will und werde ich, und dann kann ich an jedem Sonntage mit Ihnen zur Kirche gehen. Gewiß, das können Sie; Sie würden es jetzt auch ſchon können, wenn Sie geſund wären; ich bin nur zwei⸗ felhaft— ob es recht von uns iſt, ob— ich werde darüber mit meinem Manne ſprechen. Ihre Eltern waren katho⸗ liſch, nicht wahr, mein Kind? Ich weiß es nicht, ich habe ſie ja nie gekannt, aber ich glaube es. Sie haben Ihre Eltern nie gekannt? Nein, ich bin immer unter Fremden geweſen. Als ich noch jung war, befand ich mich bei einer Familie, die ich für die meinige hielt, bis ich ſpäter erfuhr, daß ſie mich nur aus Mitleid bei ſich behalten hatte. Wie haben Sie das erfahren? Herr Viorne hat es mir geſagt. Und von Ihren Eltern hat er Ihnen nichts erzählt? Sie ſeien todt, ſagte er, und wenn ich ihn nach den näheren Umſtänden fragte, ſo bemerkte er, ſie ſeien während der Revolution umgekommen, und daß mein Vater Larey geheißen— ſonſt wiſſe er ſelbſt nichts. Dann ſei ich, ein hülfloſes Kind, von einem Herrn Villers und ſeiner Frau aus Frankreich gebracht, was ich mich aber natürlich nicht mehr erinnere. Wie lange haben Sie denn mit dieſer Familie gelebt, oder erinnern Sie Sich deren auch nicht mehr? Q* 8 116 O gewiß, gewiß, erwiederte Margot mit bewegten Mienen. Die Stunde, wo ich von dem alten Manne Ab⸗ ſchied nahm, der ſtets ſo freundlich gegen mich war und mich ſo oft geherzt und geküßt hat, und von meinem Ge⸗ fährten, dem kleinen Ravul, den ich für meinen Bruder ge⸗ halten und ſo ſehr geliebt habe, werde ich nie, nie vergeſ⸗ ſen, denn wir Beide weinten unaufhörlich und er wollte durchaus nicht leiden, daß ich fortginge. Aber ſeine Bit⸗ ten blieben vergebens, ich mußte doch mit dem Herrn Viorne in den Wagen ſteigen— und ſeitdem habe ich ſie niemals wiedergeſehen. Und ſind immer mit dem alten Viorne zuſammen⸗ geweſen? Immer. Stets mit ihm allein? Immer allein. Wir haben dreimal unſeren Aufent⸗ halt gewechſelt, wo wir aber eigentlich gelebt haben, kann ich wirklich nicht ſagen, ich weiß nur die Namen der Dörfer und daß die Leute deutſch ſprachen. Das iſt ja Alles recht ſonderbar, bemerkte nachden⸗ kend die Frau. Mit anderen Menſchen ſind Sie wenig in Berührung gekommen? Sehr ſelten; Herr Viorne hat es mir ſtets verboten — er müſſe ſich verborgen halten, ſagte er, denn wenn man ihn entdecke, würde er verhaftet, vielleicht getödtet werden, weil er ein Legitimiſt ſei. 17 Ein Legitimiſt? Ja, ein Anhänger des hingerichteten Königs; dieſe Leute nennen ſich Legitimiſten, weil ſie ihrem legitimen Könige treu und unverbrüchlich anhangen, bemerkte Mar⸗ got, die in dieſen Dingen ungewöhulich unterrichtet ſchien. Während der Revolution jind ſie hingerichtet worden, Alle, deren man hat habhaft werden können. Vielen iſt es aber gelungen, Frankreich zu verlaſſen, während man ihr Ver⸗ mögen confiscirt hat. Der jetzige Kaiſer wünſcht ſehr, daß dieſer alte Adel Frankreichs zurückkehre und ihm eben ſo treu dienen möge, als der vertriebenen königlichen Familie, und gibt denen, die das thun, ſogar ihr Vermögen wieder und dazu hohe und anſehnliche Stellen— aber die echten Legitimiſten, ſetzte ſie mit einem gewiſſen Stolze hinzu, verachten dieſe Anerbietungen, ſie wollen lieber arm und in der Verbannung leben, als dem Ufurpator dienen, der dem Könige die Krone geraubt hat. Das hat Ihnen Alles Herr Viorne erzählt? fragte verwundert die Frau. Ja, und noch viel mehr, denn er ſprach ſehr häufig von dieſen Dingen, und konnte dabei ſehr lebhaft und zor⸗ nig werden. So hielt er alſo nicht viel von dem Kaiſer Napoleon? O nein, er haßte ihn und ſprach von ihm mit der größten Verachtung. Er ſei ein Emporkömmling, der durch die Revolution groß geworden, der aber bald von dem ge⸗ 118 raubten Throne wieder herabgeſtürzt werden würde, was noch zu erleben ſein einziger Wunſch ſei. Er hat es doch nicht erlebt, bemerkte die Frau mit ei⸗ nem Seufzer, und Viele, die eben ſo oder ähnlich reden, werden es auch nicht erleben. Der liebe Gott, mein Kind, der dieſem Manne die Gewalt und die Macht verliehen, wird ſie ihm auch wieder nehmen, wenn es nach ſeinem Rathſchluſſe nöthig iſt. Gottes Wege ſind wunderbar, und wenn wir mit unſeren kurzſichtigen Augen auch nicht ſehen können, wohin ſie führen, ſie führen doch alle zu unſerem Beſten und zu unſerem Heile.— Doch da kommt mein Mann und der Inſpector; ſie werden ſich freuen, Sie hier unten im Garten zu ſehen. Neuntes Capitel. Die beiden Frauen waren aufgeſtanden und gingen den Ankommenden entgegen. Margot hatte den Inſpector ſeit der Nacht, in welcher ſie mit ihm gefahren war, nicht wieder geſehen, es war überhaupt das erſte Mal, daß ſie ihn bei Tage ſah. Als ſie ihm jetzt plötzlich gegenüber ſtand, erröthete ſie unbewußt, denn eine Erinnerung, welche jetzt zum erſten Male lebhaft vor ihre Seele trat, erweckte in ihr ein Gefühl der Scham und der Verlegenheit. Die herzliche Weiſe, in der Wehring ſie empfing, gab ihr jedoch bald ihre Unbefangenheit wieder. Nun, da ſind Sie ja, ſagte er, ihr die Hand rei⸗ chend; ſchon mehrere Tage wohnen Sie mit uns unter Einem Dache, und ich habe Sie noch nicht einmal begrü⸗ ßen und willkommen heißen dürfen— es geſchieht hiermit, ſetzte er mit herzlichem Tone hinzu, indem er mit Wohl⸗ gefallen die freundlichen, kindlichen Züge des jungen Mäd⸗ 120 chens betrachtete— wenn auch ſpät, deshalb nicht weni⸗ ger herzlich! Sie überhäufen mich mit unverdienter Güte, erwie⸗ derte ſie, von Neuem erröthend. Nun, laſſen wir das, fuhr er heiter fort, wenn es Ihnen bei uns gefällt, ſo freut uns das ſehr; wir leben hier etwas einſam und verlaſſen, wenigſtens entfernt von umgänglichen Menſchen, und da werden Sie einſehen, wie willkommen uns, und namentlich meiner Frau, di Geſellſchaft eines jungen, heiteren Mädchens ſein muß. Der Vortheil dabei iſt ganz auf unſerer Seite, und heiter und fröhlich werden Sie auch ſchon wieder werden, wenn Sie erſt ganz geneſen ſind und Sich hier bei uns einge⸗ lebt haben! Ich habe mit großer Freude erfahren, daß Ihnen die nächtliche Fahrt nicht geſchadet hat, bemerkte der In⸗ ſpector. O, nicht im mindeſten, erwiederte ſie mit niederge⸗ ſchlagenen Augen; der Arzt meinte, in einigen Wochen würde ich den Arm wieder völlig gebrauchen können! Je mehr Sie Sich jetzt ſchonen, bemerkte Wehring, je eher und je vollſtändiger wird dieſer Zeitpunkt eintreten, und an Beſchäftigung wird es Ihnen dann nicht fehlen. Wir bekommen heute Beſuch, fuhr er, zu ſeiner Frau ge⸗ wandt, fort, der Apotheker hat mir durch den Doctor ſa⸗ — 121 gen laſſen, daß er am Nachmittage herüberkommen werde. Es haben drüben Nachforſchungen Statt gefunden! Nachforſchungen? fragte betroffen der Inſpectorz und hat man etwas ermittelt? Ich glaube kaum, ſonſt würde mein Freund mir nicht einfach ſeinen Beſuch angemeldet haben; der Doctor re⸗ dete auch nur ſo obenhin davon. Man beſprach dieſen Gegenſtand noch ausführlicher, und Margot erfuhr dadurch zuerſt den ganzen Umfang der Gefahr, in welcher ſich der junge Mann befand. Ihre leb⸗ hafte Phantaſie knüpfte daran Mancherlei, und der Ge⸗ danke, daß er eigentlich ihretwegen in dieſe Lage gekom⸗ men ſei, erweckte für ihn ein erhöhtes Intereſſe. Sie er⸗ blickte in ihm ja außerdem einen Bekämpfer jenes Gewal⸗ tigen, welcher die Krone Frankreichs geraubt hatte, und identificirte ihn in ihrer Vorſtellung mit denjenigen, welche Viorne ihr ſtets als die zwar unterdrückten, aber ruhmvollſten Helden hingeſtellt hatte, mit den Anhängern der vertriebenen königlichen Familie ihres Geburtslandes. Der junge Inſpector ſtieg durch dieſe höchſt verwor⸗ rene Anſchauung in ihrer Vorſtellung zu einem Helden ganz anderer Art, als es ihm lieb geweſen ſein würde, wenn er davon eine Ahnung gehabt⸗hätte. Dieſe lag ihm jedoch ſehr fern. Er hatte in der Zeit von Margot's Anwe⸗ ſenheit unausgeſetzt und emſig den Geſchäften ſeines neuen Berufes obgelegen und nur hin und wieder, wenn es der 122 2 Zufall fügte, des jungen Mädchens gedacht, deſſen Beglei⸗ ter und Beſchützer er in jener Nacht geweſen. Seine eigene Lage nahm ſeine Gedanken vollſtändig in Anſpruch, denn er war darüber mit ſich einig, daß ſein Aufenthalt in der Fichtenau nur ein vorübergehender ſein könne und aufhören müſſe, ſobald der Krieg beendet ſei und die franzöſiſchen Heere Deutſchland wieder verlaſſen haben würden. Als er dann Margot wiederſah, wurde zwar die Erinnerung an die etwas romantiſche nächtliche Fahrt mit ihr wieder lebendig, aber ſie ſelbſt ſchien ihm jetzt eine ganz Andere. Das im Lichte des Tages vor ihm ſtehende ſchlanke, noch kindliche Mädchen mit den etwas ſchüchter⸗ nen, faft verlegenen Mienen war nicht mehr das Bild, wie es ſeine Phantaſie von jener Nacht bewahrt hatte. Er war daher vollſtändig unbefangen gegen ſie, ohne daß er nöthig gehabt hätte, ſich irgendwie Zwang anzuthun, wo⸗ durch auch ſie ſehr bald ihr natürliches, offenes Benehmen wiederfand. Man aß in der Laube, war heiter und guter Dinge und erfreute ſich an den lebhaften und unverhohlenen Aeu⸗ ßerungen Margot's, die ſich dieſem ihr neuen und unbe⸗ kannten Genuſſe mit Entzücken hingab. Später, als die Frau Wehring den Kaffee beſorgte, kam der Apotheker; er wurde wie immer herzlich begrüßt und dann ſogleich mit der Frage, was es drüben Neues gäbe, von Wehring in Anſpruch genommen. 1—— — — 123 Gott ſei Dank nur wenig, erwiederte er, denn Alles, was jetzt neu iſt, nimmt uns etwas vom Alten, und wir müſſen daher froh ſein, wenn es gar nichts Neues gibt! Aber es ſind Nachforſchungen angeſtellt? So ſagte wenigſtens der Doctor! Sehr oberflächlich. Zwei Tage hindurch war es ganz ſtill. Man hatte ſich begnügt, die verwundeten Weſtfalen abzuholen und die Todten zu begraben; dann zog das kleine Commando wieder ab, ohne ſich um Weiteres zu be⸗ kümmern. Vorgeſtern rückte ein Hußaren⸗Officier mit un⸗ gefähr zwanzig Mann in das Dorf und nahm Quartier. Der Officier natürlich bei mir, und ich erfuhr von ihm, daß der Herzog und ſeine ſämmlichen Truppen ſich zu Els⸗ fleth und Braake nach England eingeſchifft hätten, nachdem ſie bei Braunſchweig den General Reubel mit fünftauſend Mann geſchlagen hatten. Iſt es wahr? Iſt es eine ganz ſichere, verbürgte Nachricht? fragte mit leuchtenden Augen der Inſpector. Ich habe ſie vom Feinde ſelbſt, lächelte der Apo⸗ theker, er wird ſchwerlich zu ſeinem Nachtheile berichtet haben! O, wie mich das freut, rief Walther, der ſeinen Ge⸗ fühlen freien Lauf ließ, ſo ſind ſie gerettet, Alle gerettet, der tapfere Herzog und die braven Cameraden! Sie ha⸗ ben ſich durchgeſchlagen, die Feinde vernichtet— und ſind 124 jetzt frei, außerhalb des Bereiches des Unterdrückers und ſeiner Söldinge! Ruhig, ruhig— bemerkte Wehring, indem er ſich beſorgt umſah, ſprechen Sie wenigſtens nicht ſo laut, wenn Sie Derartiges ſagen, am beſten iſt es aber, Sie denken es nur! Vergeſſen Sie nicht, daß Sie jetzt Inſpec⸗ tor und nicht mehr braunſchweigiſcher Officier ſind! Die gibt es ja ohnehin nicht mehr, ſagte Walther mit einem wehmüthigen Tone; verzeihen Sie meine Un⸗ bedachtſamkeit— es ſoll nicht wieder geſchehen! Nun, es war gut gemeint und geſchah Ihretwegen. Was wollten denn aber die Hußaren? Sie fahndeten auf verſprengte Braunſchweiger. Ja, fuhr der Apotheker fort, als ihn die Andern etwas beſtürzt anſahen, und ſie hatten auch ziemlich genaue Nachrichten. Der Officier erklärte, es ſei ein verwundeter braunſchwei⸗ giſcher Officier in mein Haus gebracht und von mir ver⸗ pflegt worden, er verlange Auskunft und die Auslieferung desſelben. Das wußte er Alles 7 fragte Frau Wehring in ſicht⸗ licher Angſt. Ja, das wußte er Alles, erzählte der Apotheker, je⸗ doch mit lächelnder Miene, weiter; ängſtigen Sie Sich nicht, wir waren ja auf Derartiges vorbereitet! Herr Lieu⸗ tenant, erwiderte ich, der Officier, nach dem Sie fragen, hat hier in demſelben Zimmer gewohnt, in welchem Sie —— 1— — Sich befinden, und dort in dem Bette geſchlafen, in wel⸗ chem Sie dieſe Nacht ſchlafen werden, ſofern Sie bei uns übernachten wollen. Er wurde draußen, dicht vor meinem Hauſe, verwundet und leblos hereingetragen— Sie wer⸗ den zugeben, daß es Menſchenpflicht von mir war, ihn auf⸗ zunehmen und zu verpflegen; ich würde dies in gleichem Fallé auch bei Ihnen gethan haben. Aber ſeine Wunde war nicht gefährlich und rührte nur von einem Kolben⸗ ſchlage an den Kopf her, der ihn betäubt hatte. Am ande⸗ ren Tage war er wieder friſch und geſund, bedankte ſich und ging ſeiner Wege, da er nicht mehr reiten konnte, weil ſein Pferd erſchoſſen war Und Sie wiſſen nicht, wohin er gegangen iſt? fragte er weiter. Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, erwie⸗ derte ich, und wenn ich offenherzig ſein ſoll, ſo habe ich mich abſichtlich nicht darum bekümmert, weil es mich nichts anging! Weil es Sie nichts anging? fragte er finſter. Ja, weil es mich nichts anging! Ich würde gerade eben ſo verfahren haben, wenn Sie der Officier geweſen wären, fügte ich wieder hinzu, denn wir Dorfbewohner ſind doch nicht Soldaten, die Krieg führen. Wenn wir ge⸗ zwungen werden, Verwundete aufzunehmen, die wir doch nicht hülflos liegen und ſterben laſſen können, ſo iſt das ein Werk der Barmherzigkeit. Iſt der Verwundete geneſen und 126 will ſeines Weges weiter wandern, ſo haben wir kein Recht, ihn daran zu hindern, denn wir machen ja keine Gefange⸗ nen, und es wäre gottlos, einen armen Verwundeten nur deshalb zu pflegen, um ihn ſeinen Feinden auszuliefern! Ich will mit Ihnen darüber nicht ſtreiten, erwiederte der Officier, der nicht zu den Schlimmſten gehörte und dem es, wie es mir faſt vorkam, gar nicht unlieb zu ſein ſchien, daß er den Geſuchten nicht mehr fand— aber Sie haben jetzt die Pflicht, mir Alles mitzutheilen, was die Wiederergreifung des Entflohenen herbeiführen könnte! Ich bitte zu fragen, ſagte ich, ich werde antworten! Wann iſt er gegangen? Am Abende des folgenden Tages. Allein? Ganz allein. In welcher Richtung? In welcher Richtung?— Er ging die Dorfſtraße hinauf, wohin weiter, weiß ich nicht. War er in Uniform? Natürlich, er hatte keine anderen Kleider. Und Sie haben nichts mehr von ihm gehört, Nie⸗ mand hat ihn weiter geſehen? Mehrere Leute haben ihn die Straße nach Halber⸗ ſtadt einſchlagen ſehen; offenbar hatte er die Abſicht, ſich dem Corps des Herzogs wieder anzuſchließen. Das iſt nicht möglich, dasſelbe war in raſchen Mär⸗ ſchen weiter marſchirt! Nun, ſo muß er wo anders hingegangen ſein— ich weiß es nicht. Er ließ darauf einen Unterofficier kommen, welcher bald mit einem Trupp Huſaren das Dorf verließ und die Richtung nach Halberſtadt einſchlug. Der Officier und die übrigen Hußaren blieben die Nacht bei uns, wahrſchein⸗ lich, um nähere Erkundigungen einzuziehen. Sie müſſen aber wohl nichts erfahren haben, denn als die ausgeſand⸗ ten Huſaren am anderen Morgen unverrichteter Sache zu⸗ rückkehrten, zogen ſie Alle ab. Sie wiſſen nicht wohin? fragte Wehring. Nein, das weiß ich nicht, aber es ſchien mir, daß der junge Officier, mit dem ich den Abend verplanudert hatte, ſelbſt wenig Gefallen an dem ihm übertragenen Com⸗ mando fand. War er ein Franzoſe? Er ſagte mir, er ſei ein geborener Franzoſe, aber er ſprach ſo geläufig deutſch, daß ich ihn nicht dafür gehalten haben würde. Der Umſtand, daß er ein Franzoſe war, be⸗ merkte der Apotheker weiter, ließ mich vertraulicher mit ihm verkehren, denn ein Franzoſe kann am Ende Deutſch⸗ land als ein feindliches und erobertes Land betrachten, ohne daß es ihm verdacht werden darf— warum haben wir uns ſo erbärmlich benommen— aber Deutſche, die den 128 fremden Eroberern ſich verkauft haben und die Unter⸗ drückung ihres eigenen Vaterlandes vollenden helfen, haſſe ich von Grund meiner Seele! Laſſen wir das, laſſen wir das, bemerkte Wehring finſter, es nutzt ja doch nichts— wir reden die Franzoſen nicht aus dem Lande hinaus, und zu gemeinſamen Thaten fehlt uns die Kraft und vor Allem die Einigkeit! So laſſen wir es denn für jetzt, ſagte der Apotheker mit einem Seufzer, mit der Erkenntniß wird hoffentlich auch das Weitere kommen. Ich möchte Sie noch um etwas befragen, fuhr er auffſtehend fort, es iſt eine Geſchäftsſ ache, wenn Sie einen Augenblick übrig haben. Die beiden Männer verließen die Laube, in welcher die Frau Wehring, Margot und der Inſpector, das Ge⸗ ſpräch fortſetzend, zurückblieben. Ich möchte wegen des jungen Mädchens mit Ihnen reden, bemerkte der Apotheker; wir müſſen Sie doch genau darüber befragen, was ſie ſelbſt von dem alten Viorne weiß, um unſere Maßregeln danach zu treffen. Sie weiß nichts. Daſſelbe, was ſie Ihnen erzählt, hat ſie auch meiner Fran geſagt, und bei ihrem offenen Weſen iſt nicht anzunehmen, daß ſie uns irgend etwas ver⸗ ſchweigt. Der alte Viorne verlangte ängſtlich nach einer Scha⸗ tulle, die jedoch leider verloren gegangen iſt; Niemand hat ſie geſehen oder gefunden. Hat man Sie darüber befragt? 129 Nein, ſo viel ich weiß, nicht. Ich für meine Perſon zweifle nicht daran, daß ſie die Tochter eines umgekomme nen franzöſiſchen Adeligen iſt und daß der alte Viorne, ein ſtarrer Legitimiſt, ſie aus Mitleid zu ſich genommen und dann, an ſie gewöhnt, ſie bei ſich behalten hat. Weshalb aber dieſes abgeſchloſſene Leben? Seiner eigenen Perſon wegen. Aber ſeine letzten Worte, ſeine Warnung? Fragen wir ſie wegen der Schatulle, ſagte Wehring mit ſeinem etwas ſpöttiſchen Lächeln. Sie wird auch dar⸗ über nicht mehr wiſſen; aber es ſcheint mir faſt, daß Sie ſelbſt nun anfangen, in dieſer Angelegenheit bedenklich zu werden, jetzt, wo es zu ſpät iſt. Zu ſpät, weshalb? Nun, jetzt iſt ſie einmal hier und ich habe nicht die Abſicht, ſie wieder fortzuſchicken, denn ſie gefällt mir, und meine gute Frau iſt ganz glücklich, ſie hier zu haben. Wenn ſie erſt wieder ganz geſund ſein wird, ſoll ſie ihr fleißig in der Wirthſchaft helfen, wozu ſie, wie ich überzeugt bin, gern bereit ſein wird. Warten wir daher das Weitere ab; finden ſich Leute, die ein Anrecht auf ſie haben und dies beweiſen können, nun, ſo mag ſie mit dieſen gehen; finden ſich, wie wahrſcheinlich, ſolche Leute nicht, ſo bleibt ſie hier, und wir werden weiter für ſie ſorgen. Es freut mich, es freut mich, ſagte lächelnd der Apo⸗ theker, daß Ihre Theilnahme für das arme Kind in der Gräfin und Marquiſe. 1. 9 kurzen Zeit ihres Hierſeins ſo an Wachsthum zugenommen t— aber die Schatulle, die Schatulle; ich möchte doch Nun, ſo fragen wir ſie, aber gelegentlich, ohne daß ſie eine Abſicht darin ſieht. Kommen, gehen wir zurück, meine Frau denkt ſonſt, Sie verheimlichten ihr doch noch eine unangenehme Nachricht.— Der Abend war ſehr mild und ſchön, und man ging auf einen nahe gelegenen, etwas höheren Punct, der durch einen bequemen Fußweg mit dem Garten in Verbindung ſtand und von wo aus man eine freundliche Ausſicht über das Thal genoß. Der Apotheker hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt gelaſſen und Margot über die ihn ſo ſehr intereffirende Schatulle gefragt, aber, wie Wehring voraus⸗ geſagt, nichts erfahren. Sie wußte nur, daß Viorne in die⸗ ſer Schatulle einige Papiere verwahrt, und von den Brie⸗ fen, welche er zu Zeiten erhielt, diejenigen hineinlegte, die er nicht ſogleich verbrannte. Niemals hatte er ihr von dem Inhalte der Schatulle Mittheilung gemacht und ſie ihn auch niemals deshalb gefragt. Der obere Raum der kleinen Anhöhe, auf welcher ſie ſich befanden, war mit Bäumen bepflanzt und mit Bänken verſehen, auf denen man ſich niedergelaſſen hatte und im heiteren Geſpräche die friedliche Stille des heraufziehendeu Abends genoß. Es fängt an, kühl zu werden, ſagte dann beforgt die Frau Wehring, der Doctor hat ausdrücklich be⸗ 131 ſele Sie ſollten die Abendluft vermeiden; es iſt die höchſte Zeit, daß wir hinabgehen. O, ſo ngſtlich iſt es nicht, bemerkte lächelnd der Wo. theker, i bin auch ein halber Arzt— aber was iſt dis ſetzte er aufhorchend hinzu, ein Poſthorn? Kein Poſthorn, erwiederte raſch der gnſpector, eine Trompete! Eine Trompete! rief die Frau; mein Gott, ſollte... Da kommen wirklich die Hußaren! unterbrach ſie Wehring, und nun, ſetzte er ruhig hinzu, heißt es vor allen Dingen ganz unbefangen und ſorglos zu ſcheinen, hörſt Du, liebe Frau— laß Du Dich überhaupt ſo wenig als möglich vor den Hußaren ſehen. Auffallend bleibt es immerhin, bemerkte beſorgt der Apotheker, daß ſie hieher in dieſes abgelegene Thal kom⸗ men— doch wüßte ich wirklich nicht, wie und wodurch ſie erfahren haben könnten. Das wird ſich Alles finden, unterbrach Wehring in ſeiner gewohnten ruhigen Weiſe; vielleicht nur ein Zufall — vielleicht auch nicht. Die Hauptfache it, daß wir ſelbſt unbefangen bleiben und ihnen keine Veranlaſſung zum Ben dachte geben, wenn ſie ſolchen haben ſollten. Doch gehen wir jetzt. Sie, Herr Zuſpeelor werden ganz wie immer Ihren Geſchäſten obliegen, und wenn es dieſelben vielleicht mit ſich bringen, Sich vorzugsweiſe in den Hammerwerken aufzuhalten— ſo wird ſich Saher L laſſen Zehntes Capitel. Als die kleine Geſellſchaft unten anlangte, ritten die Hußaren— es mochten zwanzig Mann ſein— in den geräumigen Hof, welcher ſich vor den Hammer⸗Gebäuden befand. Sie ſaßen ab, und der Officier begab ſich nach dem Wohnhauſe, vor deſſen Thür ihn Wehring und der Apotheker erwarteten. Margot war mit der Frau Wehring auf ihr Zimmer gegangen und der Inſpector hatte ſich ſchon oben von der Geſellſchaft getrennt. Um die Hußaren, welche plaudernd ihren Pferden ſtanden, hatte ſich ein größerer Trupp von Arbeitern nebſt Weibern und Kindern verſammelt, welche die unverhofften Gäſte neugierig be⸗ trachteten. Mein Beruf führt mich hiehet, ſagte grüßend der Officier— wir ſind, wie ich g im Walde etwas vom Wege abgekommen, aber die Pferde ſind vom langen 135 Marſche ermüdet und ich muß daher für die Nacht um Quartier bitten. Es wird einige Schwierigkeiten haben, eine ſo zahl⸗ reiche Einquartierung unterzubringen, entgegnete Wehring; wir ſind auf dergleichen hier nicht eingerichtet, wie Sie Sich ſelbſt überzeugen können. Wenn der Herr Lientenant daher den kurzen Ritt nach dem nur eine Stunde entfern⸗ ten Dorfe nicht ſcheuen wollten— ich würde Ihnen einen Boten mitgeben— ſo würden Sie dort— Ich bedauere, erwiederte der Officier, darauf nicht eingehen zu können. Die Pferde ſind zu ermüdet. Das Wetter iſt außerdem ſchön, ein Theil der Mannſchaft und die Pferde werden ſchlimmſten Falles bivouakiren können, wenn ſich wirklich kein Unterkommen finden ſollte. Ganz nach Ihrem Belieben— was ich ſagte, geſchah nur, um Sie von vorn herein davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Wir Soldaten ſind an Entbehrungen gewöhnt, un⸗ terbrach der Officier, es wird nicht die erſte Nacht ſein, die ich— und bei ſchlechterem Wetter— im Freien zuge⸗ bracht habe— ein weiterer Marſch iſt jedoch unſtatthaft. O, für Ihre Perſon ſoll geſorgt werden, lächelte Weh⸗ ring mit einem leiſen Spotte; ſo ſchlecht ſieht es bei uns nicht aus, und man ſoll von dem Hammer⸗Beſitzer Weh⸗ ring nicht ſagen, daß er einem königlichen Officier kein Ob⸗ dach hätte geben können. 134 Sie ſind Herr Wehring? fragte der Officier. Zu dienen. MNun, da ich meinen Gaſtfreund von der vorletzten Nacht hier finde, fuhr er, ſich mit einem verbindlichen Lä⸗ cheln gegen den Apotheker wendend, fort, ſo werde ich nicht nöthig haben, aus dem Zwecke meines Beſuches ein Ge⸗ heimniß zu machen. Worin dieſer auch beſtehen möge— ſeien Sie mir willkommen und haben Sie die Güte, einzutreten und es Sich bequem zu machen; Sie werden nach einem ſo ange⸗ ſtrengten Ritte hungrig und durſtig ſein. Sie ſind ſehr gütig— aber zuerſt muß ich die nöthi⸗ gen Anordnungen wegen des Unterkommens meiner Hußa⸗ ren treffen; wenn das geſchehen iſt, werde ich von Ihrem Anerbieten gern Gebrauch machen. Man ging zuſammen hinab, und es fand ſich denn doch noch ein geräumiger leerer Schuppen, wo die Pferde eingeſtellt werden konnten; es fand ſich auch Stroh und Heu, ſo daß Mannſchaft und Pferde bald mit dem Nöthi⸗ gen verſorgt waren, weit beſſer und ausreichender, als dies nach den erſten Aeußerungen Wehring's in Ausſicht ſtand. Er benimmt ſich wenigſtens höflich und rückſichtsvoll, flüſterte Wehring dem Apotheker zu, als ſie nach dem Hauſe zurückgingen, nachdem vor dem Gebäude, worin die Hußaren übernachteten, eine Wache aufgeſtellt worden war; er hätte viel anmaßender auftreten können. S. Ich ſagte Ihnen ja ſchon, daß er keiner von den Schlimmſten ſei, auch ſcheint er wirklich durch Zufall hieher gekommen zu ſein. Darüber läßt ſich noch nicht urtheilen, aber wir wer⸗ den es ja bald ſehen. Die Frau Wehring hatte inzwiſchen ein einfaches, aber ſchmackhaftes Abendeſſen bereitet, und der Officier nahm keinen Anſtand, demſelben alle Ehre anzuthun. Wehring ſorgte, daß auch der Wein allen Anforderungen entſprach, und ſo ſaß man denn, von der anregenden Stimmung des Eſſens und Trinkens belebt, bald in einem ſeiner Form nach heiteren Geſpräche zuſammen. Es iſt Zeit, daß ich aufbreche, bemerkte der Apotheker, ich habe noch zwei Stunden zu fahren, und die Nacht iſt keines Menſchen Freund. O, Sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten, lächelte der Officier; der Raubzug des ehemaligen Herzogs von Braunſchweig hat ſein Ende erreicht, die Gegend iſt wieder ganz ſicher. Unſicher war ſie deshalb wohl eigentlich nicht zu nen⸗ nen, bemerkte Wehring. Wie man es anſieht. Wenn mitten imFrieden feind⸗ liche Banden eindringen, Dörfer in Brand ſtecken, Städte brandſchatzen, Caſſen ſtehlen— ſo kann man einen ſolchen Zuſtand doch keinen ſicheren nennen. Das iſt der Krieg, ſagte Wehring. 136 Nein, das iſt nicht der Krieg, erwiederte erregter der Officier, denn der Krieg iſt aus, der Waffenſtillſtand längſt geſchloſſen und der Friede vor der Thür. Krieg führen über⸗ haupt nur Truppen der im Kriege begriffenen Staaten, ſolche die nicht dazu gehören, heißen Brigands und ſtehen nicht unter dem Kriegsgeſetze. Man kann über dieſe Dinge verſchiedene Anſichten haben, aber ich wüßte nicht, weshalb ein ſouverainer Fürſt, den man aus ſeinem Lande verjagt hat, nicht gegen ſeine Unterdrücker Krieg führen darf, und wenn er dies thut, er und ſeine Truppen zu den Räubern gerechnet werden ſol⸗ len. Der Herzog von Braunſchweig war aber ſouverainer deutſcher Fürſt, Herr Lieutenant, ſetzte er mit etwas erho⸗ bener Stimme hinzu— er glaubt es noch zu ſein und ſtrebt wahrſcheinlich danach, es wieder zu werden. Iſt der⸗ jenige, welcher ſich bemüht, ſein Eigenthum wieder zu er⸗ langen, ein Räuber, oder derjenige.... Wozu wollen wir über dieſe Dinge weiter reden, fiel der Apotheker er, da er ſah, daß ſein Freund im Begriffe war, ſich zu einer unvorſichtigen Aeußerung hinreißen zu laſſen; weder wir noch der Herr Lientenant haben ja dar⸗ über zu entſcheiden, ſondern müſſen uns den maßgebenden Anſichten fügen. Sie haben Recht, bemerkte der Officier mit einem freundlichen Blicke auf den Apotheker. Laſſen wir das Ge⸗ ſpräch fallen. Wenn ich ein Deutſcher, und beſonders in 137 dem kleinen ehemaligen Ländchen Braunſchweig geboren wäre, hätte ich vielleicht ähnliche Anſichten; ich habe aber das Glück, ein Franzoſe zu ſein, ſetzte er mit Stolz hinzu, und dem großen Kaiſer zu dienen. Sie tragen aber doch die weſtfäliſche Uniform? fragte Wehring. Allerdings, aber was ſchadet das; der König von Weſtfalen iſt ein Vaſall des Kaiſers und ſein Königreich nur eine Provinz Frankreichs, der man einſtweilen einen anderen Namen gegeben hat. Ich habe jedoch auch Hoff⸗ nung, als geborner Franzoſe bald in ein franzöſiſches Re⸗ giment verſetzt zu werden und ſo an den ruhnwollen Sie⸗ gen meiner Landsleute Theil zu nehmen. Der Officier ſprach dies Alles mit einer nicht ver⸗ letzenden Offenheit, ſo daß ſelbſt Wehring im Stillen an⸗ erkennen mußte, es könne ihm eine ſolche Auffaſſung der Verhältniſſe von ſeinem Standpuncte aus nicht verdacht werden. Aber ich muß jetzt wirklich fort, bemerkte der Apothe⸗ ker, indem er aufſtand; vielleicht führt Sie Ihr Weg über unſer Dorf zurück, Herr Lieutenant, in welchem Falle ich bitte, mein Haus nicht zu vergeſſeu. Sie ſind ſehr freundlich, und es iſt wohl möglich, daß ich Ihnen morgen einen kurzen Beſuch mache— aber ſeien Sie unbeſorgt, ſetzte er lächelnd hinzu, es wird dann nur ein ganz kurzer ſein; Sie ſollen nicht wieder mit Ein⸗ guartierung, wenigſtens durch mich, behelligt werden. Sie werden mir ſtets angenehm ſein, erwiederte höf⸗ lich der Apotheker, indem er ſich empfahl. Alſo Sie haben keine Kinder? fragte der Officier im Laufe des Geſpräches weiter, und leben mit Ihrer Frau Gemahlin allein hier in dieſem abgelegenen Thale? Mir wäre das zu einſam. Der liebe Gott hat mir dieſen Wunſch verſagt, er⸗ wiederte Wehring; ſonſt bin ich gegen die Langeweile durch angeſtrengte Thätigkeit geſchützt; auch habe ich eine ent⸗ fernte Verwandte zu mir genommen, ein junges Mädchen, das leider augenblicklich krank iſt. Krank? fragte der Officier mit erwachender Neugier; hoffentlich doch nicht gefährlich? Sie hat vor ungefähr acht Tagen einen unglücklichen Fall gethan und den Arm gebrochen. Ich bedauere dies von Herzen, obgleich ich nicht die Ehre habe, die junge Dame zu kennen— und dies iſt Ihr ganzer Hausſtand? Mein ganzer Hausſtand, erwiederte Wehring einſyl⸗ big, da ihm dieſe verdeckte Art von Inquiſition nicht zu⸗ ſagte— es iſt übrigens ſpät, Herr Lieutenant, wir müſſen morgen ſchon wieder ſehr früh in Thätigkeit ſein, und auch Sie werden nach einem ſo angeſtrengten Marſche der Ruhe —„ —„ „— 139 bedürfen; wenn es Ihnen daher genehm iſt, zeige ich Ih⸗ nen Ihr Schlafzimmer. Entſchuldigen Sie, daß ich Sie ſo lange beheiligt habe— aber ich muß zuvor noch einmal die Wache revi⸗ diren und nach den Pferden ſehen; wenn Sie dann die Güte haben wollen, ſo werden Sie mich allerdings ver⸗ binden. Beide verließen das Zimmer, um nach dem Schuppen zu gehen, in welchem die Soldaten untergebracht waren. Als ſie vor das Haus in den hellen Mondſchein traten, be⸗ gegnete ihnen auf der Treppe der Inſpector. Guten Abend, ſagte er, ruhig vorübergehend. Guten Abend, Herr Inſpector, erwiederte Wehring, iſt Alles in Ordnung, ſo daß die Arbeit in der Frühe wieder beginnen kann? Es iſt Alles bereit; um drei Uhr werden die Feuer angezündet. So wünſche ich gute Nacht. Gute Nacht, wiederholte Walther, ging dann lang⸗ ſam die Treppe hinauf und verſchwand in der Thür⸗ Wer iſt der junge Mann? fragte der Officier, deſſen Augen während der kurzen Unterredung forſchend auf dem Unbekannten geruht hatten. Mein Inſpector. Sie bemerkten vorhin, Ihr Hausſtand beſtehe nur aus drei Perſonen. 140 Meine Beamten und Arbeiter gehören nicht zu mei⸗ nem Hausſtand. Aber er wohnt doch in Ihrem Hauſe? Natürlich, wo ſollte er ſonſt wohnen— aber wes⸗ halb dieſe Frage. Iſt er ſchon lange in Ihren Dienſten? fragte der Officier weiter, ohne ſich an die finſtere Miene ſeines Wir⸗ thes zu kehren. ch weiß es wirklich nicht genau, ſeit zehn bis vier⸗ zehn Tagen. Ich werde jetzt die Wache revidiren, ſagte der Officier, und in kurzer Zeit zurück ſein; haben Sie die Güte, mich hier zu erwarten. Mit dieſen Worten ging er dem Stalle zu und ver⸗ ſchwand bald in deſſen Thür. Wehring blickte ihm finſter und beſorgt nach. Sollte er Argwohn haben, ſprach er leiſe vor ſich hin— es war recht unglücklich, daß wir uns gerade begegnen mußten, und wäre vielleicht am beſten — doch nein, dann iſt er vogelfrei und die Jagd auf ihn wird beginnen— wir müſſen die Dinge ruhig gehen laſſen! Haben Sie den jungen Mann geſehen, der ſo ehen in das Haus ging? fragte der Officier leiſe ſeinen Unter⸗ officier.„ Nein, Herr Lieutenant; ich hatte keinen Befehl, mich draußen aufzuhalten! — 141 Nun, das ſchadet auch nichts. Im Hauſe befindet ſich ein junger Mann, etwas größer als ich, er iſt Inſpec⸗ tor hier und wird wahrſcheinlich ſehr früh, vielleicht ſogar bald, das Haus wieder verlaſſen wollen. Daran iſt er zu hindern. Stellen Sie eine Wache vor die Hausthür und eine vor die Hofthür und laſſen Sie genau Acht haben, daß der junge Mann das Haus nicht verläßt. Sollte er ſich in irgend einer Weiſe widerſetzen wollen, ſo arretiren Sie ihn und machen mir ſogleich Meldung, auch wenn es in der Nacht iſt! Wie der Herr Lieutenant befehlen! Sie ſind perſönlich verantwortlich, daß der junge Mann das Haus während der Nacht nicht verläßt, wiederholte der Officier— ſeien Sie wachſam! Hier bin ich wieder, Herr Wehring, ſagte er dann in leichtem Tone, die Pflichten des Dienſtes ſind erfüllt, und wenn Sie jetzt die Gefälligkeit haben wollen, mir mein Zimmer anzuweiſen, ſo werden Sie mich ſehr verbinden! Ich ſtehe zu Dienſten, entgegnete Wehring, indem er dem Officier voranſchritt und ihn nach dem für ihn be⸗ ſtimmten Zimmer führte. So ermüdet der Letztere auch war und ſo einladend das weiche Bett ihm entgegenlachte, es währte doch noch eine längere Zeit, ehe der Schlaf ſeine Augen ſchloß. In Gedanken verſunken, ſchritt er im Zimmer auf und ab, und 142 ein trüber Ernſt ruhte auf ſeiner fonſt offenen und freien Stirn.. Es iſt ein ſchlechter Dienſt, ſprach er vor ſich hin— ich komme mir faſt vor wie ein Gensdarm, ein Polizei⸗ ſpion— und warum ſoll der Herzog von Braunſchweig am Ende nicht Krieg führen dürfen, wenn er es kann!— Während meine Cameraden an den Schlachten und Sie⸗ gen des Kaiſers Theil nehmen, muß ich hier ruhmlos mich umhertreiben und flüchtigen Soldaten nachſpüren die nichts gethan haben, als dasjeuige, was ich vielleicht in ähnlicher Lage ſelbſt gethan hätte!— Nun, hoffentlich verlaſſe ich bald dieſes Land, wo ich nicht hingehöre— dies iſt es we⸗ nigſtens nicht, was ich gehofft habe— doch Dienſt iſt Dienſt, ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, der Soldat muß gehorchen und ſeine Befehle ausführen, wenn es ihm auch ſchwer wird! Der Tag graute kaum im Oſten, als der Unteroffi⸗ cier zu dem Lieutenant in das Zimmer trat. Was gibt es? fragte dieſer, aus dem Schlafe empor⸗ fahrend. Der Inſpector, wie er ſich nennt, wollte ungefähr vor einer Stunde das Haus verlaffen, meldete der Unterofficier in militäriſcher Weiſe; als ihm dies unterſagt wurde, fragte uns nichts an, ſagte ich, der Befehl lautet: Sie müſſen im Hauſe bleiben, ſonſt arretiren! er, weshalb?— er habe in den Hämmern zu thun. Geht —— „———————————— 143 Er blickte mich darauf eine kurze Zeit ſchweigend an, machte Kehrt und ging wieder in das Haus zurück. Alſo er befindet ſich noch hier? Zu Befehl! So iſt es gut. Die Wachen bleiben ſtehen und die Ordre lautet wie vorhin! Der Unterofficier verließ das Zimmer, und der Offi⸗ cier überlegte, ob er aufſtehen oder weiterſchlafen ſolle, da es noch ſehr früh war, als es an die Thür klopfte und Wehring eintrat. Entſchuldigen Sie, Herr Lieutenant, ſagte er, ich weiß nicht, ob es auf Ihren Befehl geſchieht, daß man meinen Inſpector verhindert, ſeinen Geſchäften nachzugehen, die ſehr dringend ſind? Es geſchieht allerdings auf meinen Befehl! erwiederte der Officier. Darf ich denn die Urſache dieſer auffallenden Maß⸗ regel erfahren? Der Inſpector iſt mein Beamter, wie ich bereits bemerkt! Ich weiß das und werde Ihnen das Weitere mitthei⸗ len, wenn ich ihn verhört habe! Verhört? fragte Wehring mit einem finſteren Blicke; iſt er ein Verbrecher, der verhört werden muß? Das wird ſich finden, mein Herr, entgegnete der Offi⸗ beſtimmtem Tone, vorläufig weiß ich es ſelbſt noch nicht! 144 Es würde mir lieb ſein, wenn dieſes Verhör bald Statt finden könnte, denn ich bedarf meines Inſpectors heute ſehr dringend, es iſt Montag, die Feuer waren geſtern gelöſcht, und. Obgleich es noch ſehr früh iſt, unterbrach ihn der Officier, ſo will ich Ihnen doch keine Gelegenheit geben, Sich über meine Unwillfährigkeit zu beſchweren, da Sie mich ſo gaſtlich aufgenommen haben. Ich werde ſogleich aufſtehen und bitte Sie, den Inſpector alsbald heraufzu⸗ ſchicken. Soll ich ihn begleiten? Ich wünſche allein mit ihm zu ſprechen! Wehring verließ ernſt und ſchweigend das Zimmer, der Officier aber ſtund auf und kleidete ſich raſch an. Bald darauf trat Walther ein. Sie wünſchen mich zu ſprechen, Herr Lieutenant? ſagte er in ruhigem Tone. Allerdings, erwiederte der Officier, ich habe mit Ihnen zu reden! Beide junge Männer betrachteten ſich einen Moment mit einem raſchen, beobachtenden Blicke; fragte der Officier weiter: Sie ſind hier Inſpector? Ich glaubte, Herr Wehring hätte es Ihnen bereits mitgetheilt! „——————— 145 Ich bitte, meine Fragen einfach und beſtimmt zu be⸗ antworten!. Ich bin hier Inſpector. Seit wie lange befinden Sie Sich in dieſer Stellung? Seit wie lange? Ja, ſeit welcher Zeit? Eine Woche. Und wo haben Sie Sich vorher aufgehalten? In meiner Heimath Schleſien. Da haben Sie ja eine weite Reiſe gemacht, um hier eine Inſpector⸗Stelle anzutreten! Ich hatte keine Gelegenheit, in meiner Heimath eine ſolche Stellung zu erlangen, und da Herr Wehring ſich an den Grafen von Loßlau gewandt hatte, auf deſſen Eiſen⸗ werken ich bisher beſchäftigt war, ſo bin ich mit deſſen Empfehlung hieher gekommen. Sie befinden Sich demnach im Beſitze eines Paſſes, da Sie eine ſo weite Reiſe gemacht; zeigen Sie mir Ihren Paß! Meinen Paß? Ich habe wirklich nicht geglaubt, von einem Officier nach meinem Paſſe gefragt zu werden! er⸗ wiederte Walther mit einem gezwungenen Lächeln. Es kommt nicht darauf an, was ſie geglaubt haben — ich handle nach meiner Ordre und wünſche Ohren Paß zu ſehen! Ich habe meinen Paß verloren. Gräfin und Warquiſe. 1 10 Das iſt ſehr unglücklich für Sie, erwiederte der Offi⸗ cier, indem er Walther feſt und forſchend anſah, und kann viele Weiterungen herbeiführen; aber Sie werden Sich doch im Beſitze anderer Papiere, Dienſtzeugniſſe und dergleichen befinden? Es thut mir leid, auch damit nicht dienen zu können, denn es iſt mir unterwegs mein Koffer geſtohlen worden. Man pflegt ſonſt ſeine Papiere nicht im Koffer zu bewahren— aber Sie ſprachen von einem Empfehlungs⸗ Schreiben eines Grafen, auf Grund deſſen Sie Herr Weh⸗ ring als Inſpector angenommen habe. Da Herr Wehring daſſelbe geleſen haben muß, ſo kann es nicht ebenfalls im Koffer gelegen haben! Nein, es iſt vielmehr direct von dem Herrn Grafen an Herrn Wehring mit der Poſt geſandt worden, wahr⸗ ſcheinlich wird es der letztere aufbewahrt haben. Ich will es in Ihrem Intereſſe wünſchen! erwiederte der Officier, den vor ihm ſtehenden jungen Mann, der ruhig, faſt ſtolz auf ihn blickte, nicht ohne Theilnahme be⸗ trachtend.— Sind Sie niemals Soldat geweſen? fragte er dann. Niemals. In Preußen galt bis zu dem unglücklichen Feldzuge das Werbeſyſtem, und zu Officieren konnten nur Adelige ernannt werden. Das ſoll ſich aber geändert haben! Mehr dem Namen nach; außerdem iſt die Armee ſo — ——— n v— ———— reducirt, daß ſich eine große Anzahl verdienter Officiere auf halbem Solde befindet! Sie ſprechen vom Adel— ich habe Sie noch gar nicht einmal nach Ihrem Namen gefragt! Ich heiße Ruhland— Walther Ruhland— ein friedlicher und nicht adeliger Name. Sind Sie unterwegs vielleicht mit dem Corps des Herzogs von Braunſchweig zuſammengetroffen, Her Ruh⸗ land? fragte der Officier weiter. Zuſammengetroffen nicht, aber ich habe Mancherlei von dem abenteuerlichen Zuge gehört. Ich will ganz offen gegen Sie ſein, Herr Ruhland, ſagte der Officier mit der ihm eigenen Freundlichkeit— meine Ordre lautet, auf verſprengte braunſchweigiſche Offi⸗ ciere und Soldaten zu fahnden. Es iſt keine angenehme Ordre für einen Soldaten, Sie werden das zugeſtehen, aber Befehl iſt Befehl, und ich muß ihm nachkommen. Sie befinden Sich erſt ſeit kurzer Zeit hier, können alſo zu den Braunſchweigern gehören, Sie ſind ohne jede Legiti⸗ mation und haben dazu ein ſoldatiſches Ausſehen und Be⸗ nehmen. Es wird mich ſehr freuen, wenn Sie Sich an geeigneter Stelle beſſer über Ihre Vergangenheit auswei⸗ ſen können, als Sie dies mir gegenüber vermocht haben. In Schleſien iſt das Corps des Herzogs hauptſächlich an⸗ geworben worden. Meine Pflicht gebietet mir, mich Ihrer 10* 148 Perſon zu bemächtigen und Sie denjenigen zu übergeben, denen die weitere Entſcheidung über Sie obliegt! Ich freue mich, Herr Lieutenant, ſagte Walther mit einem bitteren Lächeln, mich nicht an Ihrer Stelle zu be⸗ finden, denn wenn ich wirklich wäre, was ich nicht bin, wo⸗ für Sie mich aber halten, ſo möchte ich mich nicht zum Henker eines Mannes machen, der mir im offenen, ehrli⸗ chen Kampfe gegenüber geſtanden hat! Sie ſollten Sich mehr mit Ihrer als mit meiner Lage beſchäftigen, erwiederte ruhig der Officier. Sie ſind von dieſem Augenblicke an Arreſtant und werden das Haus nicht verlaſſen. Jeder Verſuch, es dennoch zu thun, würde mich zu ſtrengen Maßnahmen veranlaſſen. Ich werde mich der Gewalt fügen! So gehen Sie jetzt und ſeien Sie in einigen Stun⸗ den bereit, mit uns abzumarſchiren; wenn Sie Sich ein Pferd verſchaffen können, ſo habe ich nichts dagegen, daß Sie reiten. Walther verließ ſchweigend das Zimmer, und der Officier blieb wieder allein. Er rief den Unterofficier her⸗ auf und ertheilte die nöthigen Befehle. Die Wachen an den beiden Thüren des Hauſes wurden verdoppelt und ſtanden mit geſpannten Carabinern. In zwei Stunden ſollte abmarſchirt werden. Bald darauf kam Wehring, der jedoch nach einem längeren und ziemlich erregten Geſpräche den Officier un⸗ —— — 149 verrichteter Sache verließ. Dieſer hatte das Empfehlungs⸗ ſchreiben des ſchleſiſchen Grafen zu ſehen verlangt, und als Wehring geäußert, daß er daſſelbe nicht mehr beſitze, weil er derartige Papiere nicht aufhebe, zuletzt kurz und entſchieden bemerkt, daß es bei ſeinen Anordnungen ver⸗ bleiben müſſe. Wehring war in ſehr aufgeregter Stimmung herunter⸗ gekommen und hielt nur mühſam die Ausbrüche ſeines Zornes zurück. Das Geſchick des jungen Mannes ging ihm ſehr zu Herzen, aber er fann vergeblich auf Mittel, es zu ändern. Die einzige Hoffnung beſtand darin, daß es Walther gelingen könne, ſich unterwegs durch die Flucht zu befreien, eine Hoffnung, die durch das Benehmen des Officiers ſelbſt genährt wurde, indem man annahm, daß es ihm vielleicht ſelbſt nicht unangenehm ſein möchte, wenn ein ſolcher Fall eintrete. Walther benahm ſich ſchweigſam und ruhig; die Bläſſe ſeines Geſichtes bekundete allerdings, daß er auf das Schlimmſte gefaßt war, aber es lag nicht in ſeinem Charakter, den Zuſtand ſeines Inneren durch nutzloſe Klagen und Erörterungen zu verrathen. Elftes Capitel. In der Aufregung, welche dieſer Vorfall hervorgeru⸗ fen, hatte man an Margot bisher wenig gedacht, Wehring auch ſeiner Frau unterſagt, ihr eine Mittheilung zu machen. Sie wird es früh genug erfahren, ſagte er, laß ſie ruhig auf ihrem Zimmer, bis ſie fort ſind, helfen kann ſie doch nicht, und es iſt beſſer, wenn ſie gar nicht geſe⸗ hen wird. Margot war jedoch von der ungewöhnlichen Bewe⸗ gung, die im Hauſe herrſchte, früher als dies ſonſt der Fall war, erwacht, und da der Morgen ungewöhnlich ſchön und warm war, hinab in den Garten gegangen. Es fielen ihr die vor der Thür ſtehenden Wachen auf, aber ſie hielt dies für eine nothwendige militäriſche Anordnung und ging in die am Ende des Gartens gelegene Buchenlaube, wo ſie ſich niederſetzte. Der kühlende Morgenwind ſpielte mit den Blättern der Bäume, ſie leiſe bewegend, die Vögel ————— „— —— — 151 zwitſcherten in den Zweigen und flogen harmlos dicht an ihr vorüber. Ihr Auge ruhte auf den wechſelnden kleinen Lichtbildern, welche die Sonnenſtrahlen auf dem Sande des Fußbodens heworriefen— rings umher war es ſtill und friedlich, und ſie verſank allmählig in jenes träume⸗ riſche Denken, von dem uns, während die Einzelheiten ver⸗ ſchwinden, nur eine angenehme Stimmung zurückbleibt. Da kniſterte der Kies des Weges, die Zweige der Laube bogen ſich zur Seite und der Hfficier ſtand vor ihr. Erſchreckt fuhr ſie mit einem leiſen Aufrufe empor. Entſchuldigen Sie, ſagte der Officier, gleichfalls ver⸗ legen, entſchuldigen Sie, mein Fräulein, ich wußte nicht, daß Sie hier waren, ſonſt würde ich mir nicht erlaubt ha⸗ ben— ich habe Sie geſtört.... O, nicht im mindeſten, erwiederte ſie mit niederge⸗ ſchlagenen Augen; ich bin nur heute ſo früh hinausgegan⸗ gen— aber Sie ſtören mich durchaus nicht! So geſtatten Sie mir zu bleiben? fragte er weiter, indem er ſie überraſcht, faſt erſchreckt anſah. Sehr gern, erwiederte ſie immer verlegener und ſicht⸗ lich erröthend— aber.... Sie verſtummte und blickte auf, da der Officier eben⸗ falls ſchwieg; aber ſie ſchlug die Augen gleich wieder nie⸗ der, als ſie ſah, mit welchem eigenthümlichen Ausdrucke dieſer ſie anſtarrte. Entſchuldigen Sie mein vielleicht etwas auffallendes 152 Benehmen, ſagte er dann, ohne ſeinen Blick von ihr abzu⸗ wenden— aber Sie haben eine Aehnlichkeit in der Stimme, in den Augen mit Jemandem, den ich ſehr lieb gehabt— nicht wahr, Sie ſind eine Verwandte des Herrn Wehring?. fragte er dann plötzlich. Eine Verwandte?— Ja wohl, ich bin eine Ver⸗ wandte, erwiederte ſie, von Neuem verlegen und über dieſe Lüge erröthend. Wie ſonderbar, ſprach er, mehr zu ſich ſelbſt redend, weiter, ſo, gerade ſo wie Sie, denke ich mir, müßte ſie jetzt ausſehen, meine kleine, liebe Margot! Margot? fragte das junge Mädchen mit unſicherer Stimme, indem ſie jetzt ebenfalls den Officier forſchend anſah. Ja, Margot hieß meine kleine Schweſter, mit der 3 ich einige glückliche Jahre meiner Kindheit zuſammen ver⸗ lebt habe— bis man uns trennte und mir ſagte, ſie ſei gar nicht meine Schweſter geweſen. Aler in meiner Er⸗ innerung lebt ſie dennoch als meine kleine Schweſter fort, und nie, ſeit wir von einander geſchieden ſind, bin ich ſo lebhaft als in dieſem Augenblicke an ſie erinnert worden. Ich heiße Margot! ſagte ſie mit leiſer, bebender Stimme. Sie heißen Margot, rief er in neuer, heftiger Auf⸗* regung, wie iſt das möglich? Ich beſaß auch einen Bruder, von dem man mich ———— 155 getrennt hat, ſprach ſie kaum hörbar weiter, den ich auch ſeit jener Zeit nicht wieder geſehen habe— er hieß Raoul... Margot! Margot! rief der Offizier, indem er ſtür⸗ miſch ihre beiden Hände ergriff— meine liehe, verlorene Schweſter— ich habe Dich wieder, iſt es wirklich wahr, keine Täuſchung? Ja, ſieh mich nur ſo fragend und ver⸗ wundert an, ich bin Ravul— bin Dein Bruder Ravul, der ſo oft mit Dir geſpielt hat, als Du noch ein kleines Mädchen warſt, in dem ſchönen, großen Garten mit dem alten Hector zuſammen, den wir vor Deinen kleinen Wagen geſpannt hatten. Raoul! Ravul! jauchzte ſie jetzt auf, indem ſie ſich ganz ihren Gefühlen hingebend, ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlaug— biſt Du's, biſt Du's wirklich, mein gelieb⸗ ter Bruder?— O, ich kann es immer noch nicht faſſen, nicht glauben! Ich bin es wirklich und wahrhaftig, ſagte er, ſie an ſich preſſend— Du haſt mich nicht erkannt— aber ich— ich, ſetzte er triumphirend hinzu, ich kannle Dich ſogleich wieder! Du haſt Dich ſehr verändert, ſagte ſie, ſich jetzt be⸗ ſchämt aus ſeinen Armen losmachend, aber ihn unverwandt mit leuchtenden Augen betrachtend, ſehr— ich hätte Dich nicht wieder erkannt! Das kommt daher, weil Du nicht ſo oft und nicht ſo viel an mich gedacht haſt, wie ich an Dich— aber ich habe mir immer vorgeſtellt, wie Du jetzt ausſehen und wie groß Du geworden ſein müßteſt, und das Bild, welches ich mir von Dir entworfen, war nur wenig anders als es in der Wirklichkeit iſt, meine liebe Schweſter! Ach, Ravul, ſagte ſie mit leiſer Stimme, während der Blick ihrer dunkeln Augen dem ſeinigen auswich, Du vergißt— und ich habe es auch im Augenblicke der Freude vergeſſen— daß ich ja nicht Deine Schweſter bin! Sie ſagen es, flüſterte er, als ob er befürchte, es könne Jemand ſeine Worte hören— ſie ſagen es, die Mutter ſagt es und der Vater ſagt es auch, obgleich er jedes Mal ſehr traurig wurde, ſo oft ich ihn darum gefragt habe— aber glaube es nicht, glaube es nicht, Margot, Du biſt doch meine Schweſter! Woher weißt Du das? fragte ſie, indem ein Gefühl unendlicher Freude ihr Herz durchzuckte. Woher ich es weiß? Ich glaube es— ich fühle es! Fühlſt Du es nicht auch? Lieben wir uns nicht, wie ſich Geſchwiſter nur lieben können? Waren wir es nicht Jahre lang, in jener ſchönen Zeit, als wir täglich zuſammen ſein konnten, als ich Dich, ein Kind von ſieben Jahren, im Gar⸗ ten umherfuhr, Dich durch meine Wildheit oft erſchreckte und manchen Gefahren ausſetzte? Weißt Du noch, als wir Beide einſt in dem kleinen Boote nach der Inſel im Teich herüber gefahren waren, dann der Kahn vom Ufer 155 abtrieb und wir faſt einen halben Tag allein und verlaſ⸗ ſen auf der Inſel zubringen mußten? O, ich werde das Alles nie vergeſſen! erwiederte ſie, ſich wieder ſelbſt vergeſſend; Du pflückteſt mir Beeren, weil ich ſehr hungrig war, und weigerteſt dich dann, ſelbſt da⸗ von zu eſſen, weil es ſo wenige waren— aber ich aß auch keine, ich wollte es nicht beſſer haben als Du, ſetzte ſie lä⸗ chelnd hinzu, und darüber wurdeſt Du böſe und wir ſpra⸗ chen lange Zeit kein Wort zuſammen, obgleich wir ſehr traurig waren, bis es anfing zu regnen. O, wie Du das Alles behalten haſt! ſagte er mit ei⸗ nem Blicke voll inniger Zärtlichkeit; als wir dann endlich abgeholt wurden und ich beſtraft werden ſollte, weinteſt Du ſo lange und bateſt den Vater ſo ſehr, bis mir die Strafe geſchenkt wurde. Ach, wir waren recht glücklich damals! ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer. Und wir wollen dieſe Zeit niemals vergeſſen, Mar⸗ got, niemals! Aber wie iſt es Dir ergangen? fragte ſie nach einiger Zeit, während welcher ſie noch mehrere ihrer kindlichen Er⸗ innerungen ausgetauſcht hatten; Du biſt jetzt Officier— ein Officier des Kaiſers? ſetzte ſie beunruhigt hinzu. Leider bin ich es noch nicht, ſondern ſtehe in Dienſten des Königs Jerome; aber ich hoffe bald zur Armee des 156 Kaiſers verſetzt und dieſer ruhmloſen Thätigkeit enthoben zu werden. Herr Viorne ſagte mir doch, die Eltern— ich meine Deine Eltern— haßten den Kaiſer, der unſerem ange⸗ ſtammten Könige ſeine Krone entriſſen hat, wie kommt es denn. Der Ruhm des großen Kaiſers hat alle dieſe veral⸗ teten Vorurtheile beſeitigt, liebe Schweſter; der Adel ſchließt ſich nicht mehr ab gegen den Willen der Nation und den Ruhm Frankreichs. Die Eltern haben ihre Anſich⸗ ten ebenfalls geändert und eingeſehen, daß die Bourbons für Frankreich unmöglich geworden ſind. Napoleon, bemüht, eine Verſöhnung der Parteien herbeizuführen, ſieht es gern, wenn der alte Adel Frankreichs die Vergangenheit vergißt und ſich unter ſein Banner reiht; der Vater hat einen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten bei dem Könige Jerome erhalten und die Eltern leben zur Zeit in Kaſſel, nachdem ihnen ihre Güter, ſo weit das möglich war, zurückgegeben worden ſind. Deshalb befindeſt Du Dich in weſtfäliſchen Dienſten? Ju, deshalb; der Kaiſer wünſcht es, daß Franzoſen Officiere in der weſtfäliſchen Armee werden, weil er ihr nicht traut— aber, wie geſagt, ich habe die beſtimmte Zuſicherung, bald in ein franzöſiſches Regiment zu kommen. Und welcher glückliche Zufall hat Dich hieher geführt? Ach, es iſt ein unangenehmes Commando, liebe Mar⸗ got, erwiederte der⸗Officier mit einem Seufzer— aber „ 157 allerdings ein ſehr, ſehr glücklicher Zufall, denn ſonſt hätte ich Dich ja nicht wiedergefunden! Mußt du bald wieder fort? fragte ſie voll Unruhe. Ja, ich muß ſehr bald abreiſen, aber ich werde Ur⸗ laub nehmen und zu Dir auf längere Zeit zurückkehren. Und weshalb kannſt Du jetzt nicht bleiben? Ich habe den für mich ſehr unangenehmen Befehl, verſprengten Braunſchweigern nachzuforſchen, die ſich hier in der Gegend noch aufhalten ſollen— das iſt ein Befehl, den ein Soldat nur ungern und mit Widerwillen ausführt — aber die erſte Pflicht des Soldaten iſt der Gehorſam! Man betrachtet dieſe armen Leute ja nicht einmal als Kriegsgefangene, bemerkte Margot beunruhigt; ſo ſagte mir wenigſtens der Apotheker. Er ſagte die Wahrheit, obgleich ich es ſelbſt nicht für recht halte. Du haſt aber doch Niemanden gefunden, nicht wahr? Leider iſt es mir nicht ſo gut geworden. Es befindet ſich hier ein junger Mann, den man für den Inſpector aus⸗ gibt— er iſt aber offenbar ein braunſchweigiſcher Officier, ohne alle Legitimation; ich habe ihn deshalb arretiren laſſen. Arretiren, rief Margot in der höchſten Beſtürzung— den Inſpector? Und Du willſt ihn mitnehmen und ſeinen Feinden ausliefern? Leider kann ich nicht anders! 158 Nein, Raoul, rief ſie mit einer ihr ſonſt nicht eige⸗ nen Heftigkeit, das kannſt, das darfſt Du nicht! Das darf ich nicht? fragte er verwundert. Nein, das darfſt Du nicht, oder Du haſt nie die ge— ringſte Liebe für mich empfunden, denn jener Officier hat mir das Leben gerettet und iſt nur deshalb verwundet zu⸗ rückgeblieben! Willſt Du den Retter deiner Schweſter da⸗ für einem ſchimpflichen Tode überliefern? Er, Dir das Leben gerettet— wie wäre das möglich? Ich wohnte mit dem Herrn Viorne drüben im Dorfe, ſprach ſie in angſtvoller Eile weiter; wir lebten auch dort, wie immer, einſam und von allen Menſchen abgeſondert, verkehrten mit Niemanden. Da kamen eines Morgens die Braunſchweiger, das Gefecht zog ſich in das Dorf, und da unſer Haus in Brand gerieth, wollten wir nach der nicht fernen Apotheke flüchten. Draußen geriethen wir aber mit⸗ ten unter die fechtenden Soldaten. Ach, es war ſchrecklich, fuhr ſie, wieder lebhaft von der Erinnerung erfaßt, mit bebender Stimme fort— Herr V Viorne erhielt einen Schuß in die Bruſt, ich wurde von einem Pferde niedergeworfen, das mir den Arm zertrat, und wäre ſicher getödtet worden, wenn der braunſchweigiſche Officier nicht vom Pferde ge⸗ ſprungen wäre und mich beſchützt hätte. Das habe ich noch geſehen, dann verlor ich das Bewußtſein. Meine arme Margot— deshalb trägft Du den Arm 159 in der Binde! unterbrach er ſie voll Theilnahme. Und was geſchah dann weiter? Als ich das Bewußtſein wieder erlangte, befand ich mich in der Apotheke und erfuhr eiſt ſpäter, daß Herr Viorne geſtorben und der Officier, der mich beſchützt und gerettet hatte, gleichfalls verwundet worden war, ſo daß er bewußtlos fortgetragen werden mußte. Und jener Officier? Jener Officier iſt der Inſpector, erwiederte ſie mit unſicherer Stimme. Du weißt es nun, Ravul, daß er ein braunſchweigiſcher Officier iſt— ich, die ihm das Leben verdankt, ich habe ihn Dir verrathen! O, nicht verrathen, fuhr ſie angſtvoll fort— ich habe es Dir geſagt, Dir, mei⸗ nem Bruder, der den Retter meines Lebens nicht dafür ei⸗ nem ſchimpflichen Tode überliefern wird!— Könnteſt Du es, Raoul? Wäre es Dir möglich? fragte, ihn mit angſt⸗ voller Erwartung anblickend— ach, dann kannſt Du nicht mein Bruder ſein, dann haſt Du mich niemals, niemals geliebt! Und wie biſt Du ſelbſt hieher gekommen? fragte der Officier nach einiger Zeit, während er ernſt vor ſich hinge⸗ blickt hatte. Man hat mich hier freundlich und gaſtlich aufgenom⸗ men, fuhr ſie beredt fort, man hat mich verpflegt, mir ſo⸗ gar Kleider gegeben— denn ich ſtehe ja ganz allein in der — 160 Welt, ganz allein, ohne Eltern, ohne Verwandte— ohne Freunde! Aber jetzt haſt Du mich, Deinen Bruder, ſagte er, ſie bewegt umfaſſend. Biſt Du mein Bruder? fragte ſie mit leuchtenden Blicken— ja, ja, Du biſt es, Du biſt es, Raoul— und kannſt den Retter Deiner Schweſter nicht verderben! Er war ſehr ernſt geworden und kämpfte ſichtlich mit einem Entſchluſſe. Margot, meine liebe, theure Schweſter, ſagte er dann, mit dem Ausdrucke der innigſten Zärtlichkeit feſt in ihre noch immer voll ängſtlicher Beſorgniß auf ihn gerichteten Augen blickend— weißt Du auch, was Du von mir for⸗ derſt? Wenn es bekannt würde, daß ich wiſſentlich einem braunſchweigiſchen Officier zur Flucht behülflich geweſen, ſo würde ich ſelbſt vor ein Kriegsgericht geſtellt und wahr⸗ ſcheinlich erſchoſſen werden. Aber Niemand wird es erfahren, ſagte ſie leiſe. So vertraue mir ferner, wie Du es ſchon gethan haſt. Ich muß fort, ſprach er leiſe und haſtig weiter, als ſie ihn dankbar anblickte, ich darf nicht länger hier verweilen, aber ich werde bald, recht bald zurückkehren. Sage bis dahin Niemandem, daß wir uns kennen, verrathe Niemandem, daß Du in dem weſtfäliſchen Officier Deinen Bruder wie⸗ dergefunden haſt— es könnte mir und auch ihm zum Ver⸗ derben gereichen. Verſprichſt Du mir das? 6 — 161 Gern, gern, ſagte ſie, Du kannſt ſicher darauf rechnen — aber nicht wahr, Du kehrſt bald, recht bald zurück? Bedenke, wie einſam und verlaſſen ich hier bin! So bald ich kann; ich habe keinen größeren Wunſch, als Dich wiederzuſehen. Und nun leb' wohl, meine herzens⸗ liebe Margot, ich muß Dich verlaſſen, es könnte ohnehin auffallen, daß wir Beide ſo lange allein zuſammen ſind⸗ Leb' wohl, Ravul, mein theurer Bruder! rief ſie, in⸗ dem Thränen ihre Augen füllten, vergiß Deine arme Mar⸗ got nicht! Leb' wohl, leb' wohl, ſagte er, ſie ſtürmiſch an ſich drückend— auf ein baldiges und frohes Wiederſehen! Der Officier verließ die Laube, in welcher Margot zurückblieb, und ging noch einige Male in dem Garten auf und ab, ſich den Anſchein gebend, als ob dies zufällig ge⸗ ſchähe. Dann trat er hinaus vor das Haus. Die Hußaren ſtanden aufmarſchirt bei ihren Pferden, die Wachen noch immer bei den Thüren. Die Wachen einrücken! befahl der Officier, indem er ſich auf das Pferd ſchwang. Während dieſer Zeit waren Wehring und der Inſper⸗ tor vor das Haus hinausgetreten; der Letztere ſah bleich aus, aber ſein Auge blickte ruhig und gefaßt. Das Pferd, welches ich Ihnen mitgebe, flüſterte Weh⸗ ring, iſt ein guter Renner, Sie können Sich darauf ver⸗ laſſen. Benutzen Sie die erſte Gelegenheit— es thut mir Gräfin und Marquiſe. 1. 14 162 N herzlich leid, daß wir uns ſchon wieder und in ſolcher Weiſe tremen müſſen. Ich bleibe Ihr lebenslänglicher— alſo wahrſchein⸗ lich nur noch eine ſehr kurze Zeit Ihr Schuldner, erwie⸗ derte Walther— mein aufrichtiger, herzlicher Dank iſt Alles, womit ich Ihnen vergelten kann. Werden Sie vor Allem nicht muthlos und verſäumen Aufgeſeſſen! commandirte der Officier. Dann ließ er ſein Pferd bis dicht an die beiden Män⸗ ner herantreten und ſagte in leichtem, heiterem Tone: Herr Wehring, empfangen Sie meinen herzlichen Dank füt Ihre aufopfernde Gaſtfreundſchaft. Ich habe vielleicht Gelegen⸗ heit, Ihnen denſelben ſpäter in weniger flüchtiger Weiſe als jetzt abzuſtatten. Sie, Herr Inſpector, will ich nicht weiter behelligen; ich habe mich von Ihrer Legitimation vollſtändig überzeugt und bitte um Entſchuldigung, Sie Ihren Geſchäften ſo lange entzogen zu haben— leben Sie wohl, meine Herren! Trab— Marſch! ertönte dann ſein Commando— und wenige Augenblicke ſpäter hatten die Hußaren den Hof verlaſſen. Die beiden Männer ſahen ſich ſprachlos und erſtaunt eine Zeit lang an. Verſtehen Sie das? fragte Wehring dann— ich weiß wirklich nicht, was ich davon denken ſoll. Die ganz unerwartete Wendung ſeines Geſchickes rief bei Walther eine Aufregung herwor, die er bis dahin mit männlichem Stolze unterdrückt hatte. Ich glaube es zu verſtehen, ſagte er mit leuchtenden Blicken, indem ſein Auge noch immer der Richtung folgte, in welcher die Hußaren verſchwunden waren, er iſt ein bra⸗ ver, edler junger Mann, der einen Cameraden, auch wenn er ſein Feind iſt, nicht einem ſchimpflichen Tode überlie⸗ fern will. Aber es bleibt immerhin unerklärlich, bemerkte Weh⸗ ring; weshalb dann vorher all' die Umſtände— und er ſpielt ein hohes Spiel! Sie ſind ja mit einem Male ſo nachdenkend gewor⸗ den, fuhr er dann fort, als Walther ſchweigend vor ſich hin⸗ blickte, woran denken Sie? Verzeihen Sie mir, ſagte dieſer, noch immer ſichtlich mit ſeiner inneren Bewegung kämpfend— der Uebergang war etwas plötzlich— ich hatte mit dem Leben abgeſchloſ⸗ ſen, und nun tritt es plötzlich wieder in ſeine Rechte. Ich ſollte denken, für einen Soldaten wäre dies nichts Außergewöhnliches? In dieſer Weiſe doch— aber die Sache iſt abge⸗ macht, ſprach er mit einem etwas gezwungenen Lächeln wei⸗ ter, und es wird Zeit ſein, daß ich an mein Geſchäft gehe. Wäre es nicht vielleicht beſſer, wenn Sie Sich auf und davon machten? 1 164 Nein, Herr Wehring, wenn Sie mich ferner behalten wollen, ſo werde ich nicht gehen; ich halte mich jetzt dazu für verpflichtet; ich muß hier als ein Pfand zurückbleiben, das einlösbar iſt, wenn ihm ſeines Edelmuthes wegen Gefahr drohen ſollte. Dieſe Auffaſſung iſt mir nicht recht verſtändlich, er⸗ wiederte Wehring; indeſſen ich glaube, daß Sie hier jetzt vollkommen ſicher ſind. Man wird nicht zum zweiten Male bei uns Nachforſchungen anſtellen. Aber da iſt ja Margot, fuhr er verwundert fort, ſein Auge auf das aus dem Gar⸗ ten kommende junge Mädchen richtend. Sind Sie ſchon unten, und ſo früh? Der Morgen iſt ſo ſchön, erwiederte ſie mit einem ver⸗ legenen Lächeln. Sie waren im Garten? Ja, ſchon eine halbe Stunde habe ich in der Buchen⸗ laube geſeſſen. Haben Sie den Officier geſprochen? Er war auch im Garten. 3 Geſprochen nicht— aber geſehen, ſagte ſie, den Blick abwendend; er ging nachdenkend auf und ab. Und hat Sie gar nicht geſehen? Ich glaube nicht. Es iſt jedenfalls am Beſten ſo. Die Ankunft der Frau Wehring, welche in dieſem Au⸗ genblicke aus dem Hauſe trat und Margot mit Vorwürfen —— 165 überhäufte, daß ſie ſchon ſo früh ihr Zimmer verlaſſen habe, unterbrach dieſes für ſie peinlich gewordene Si Man begab ſich zum gemeinſchaftlichen Frühſtücke, an dem ſich jedoch Walther nicht betheiligte, indem er vorgab, die ver⸗ ſäumten Geſchäfte nachholen zu müſſen.— Laß ihn, wehrte Wehring, als ſeine Suh wieder⸗ holt vergebens genöthigt hatte— er wünſcht allein zu ſein, und ich finde das auch ganz natürlich.— Der Officier ritt im ernſten Nachdenken vor den Hu⸗ ßaren hin und hatte wenig Acht auf ihr fröhliches Gepla der, und ſelbſt als ſie ein Lied anſtimmten, eines von jenen herausfordernden Soldatenliedern, hörte er es kaum, ſon⸗ dern ritt ſinnend ſeines Weges. Seine Gedanken beſchäf⸗ tigten ſich ausſchließlich mit Margot, die er ſo plötzlich und unerwartet wiedergefunden hatte und an der ſein Herz noch immer mit allen heiteren und ſo feſten Erinnerungen ſeiner Kindheit hing. Er überdachte Alles noch einmal, ihr plötz⸗ liches, faſt heimliches Verſchwinden mit dem alten Viorne, deſſen er ſich nur noch dunkel, als einer Art Haushof⸗ meiſters, erinnerte, er Seeii ſich wieder die große Theilnahme, mit welcher ſein Vater zuweilen von dem jungen Mädchen geſprochen hatte, bis ihn die Mut⸗ ter daran gehindert. Es ſchien ihm, je mehr er daran dachte, dann wohl zweifellos, daß ſie ſeine Schweſter nicht ſein könne, und doch konnte er ſich von dieſer mit ihm auf⸗ gewachſenen Vorſtellung nicht losmachen. Dazu ihr räth⸗ ſelhaftes Erſcheinen hier, in einem abgelegenen Theile des Harzes— er hatte ja gar keine Zeit gehabt, ſie nach ihrer Vergangenheit ausführlich zu fragen— die Geſchichte mit dem braunſchweigiſchen Officier war ſo plötzlich dazwiſchen getreten, und ſeine Gedanken wandten ſich jetzt auch wieder dieſem itunde zu. Ah, rief er dann vor ſich hin, mit dem leichten Sinne der Jugend— anders konnte ich nicht handeln— ich würde keine ruhige Stunde mehr gehabt haben und hätte Margot nie mehr unter die Augen treten können! Sieh! da, wir ſind ja ſchon im Dorfe, fuhr er, ſich verwundert umſehend, fort, weiß ich doch kaum, wie wir hergekommen; ich will meinen freundlichen Apotheker aufſuchen und bei ihm frühſtücken, denn ich bin wirklich hungrig. Der Apotheker empfing ſeinen Gaſt in gewohnter zu⸗ vorkommender Weiſe, obgleich es ihm keineswegs unan⸗ genehm zu ſein ſchien, daß der Beſuch nur ein ſehr kurzer ſein ſollte. Es iſt auch ein Brief für Sie gekommen, Herr Lieu⸗ tenant, ſagte er dann, dieſem ein mit einem Dienſtſiegel verſchloſſenes Schreiben überreichend; eine Ordonnanz hat dasſelbe ſchon geſtern Abend gebracht und hier zurückgelaſ⸗ ſen, da ich ſie benachrichtigte, daß Sie heute Morgen hier eintreffen würden. Ah, rief der Officier, nachdem er den Brief gesffnet, indem ſeine Augen vor Freude glänzten, ich bin zu dem neunten kaiſerlichen Hußaren⸗Regimente verſetzt, welches unter dem General Suchet in Spanien ſteht, und ſoll mich Angeſichts dieſes dorthin begeben— endlich, endlich! Ich wünſche von Herzen Glück, bemerkte der Apotheker. Ich danke, danke, erwiederte eilig der Officier— aber ich will aufbrechen, meine Zeit drängt— grüßen Sie Herrn Wehring vielmals und ſagen Sie ihm, daß ich nun leider meinen Beſuch eine Zeit lang verſchieben müßte; vergeſſen Sie es nicht, ſetzte er dringend hinzu, es liegt mir ſehr viel daran, und ich werde— werde mich ſpäter ſelbſt entſchuldigen. Und nun leben Sie wohl— à revoir! Er drückte dem Apotheker die Hand, und bald darauf verließen die Hußaren im raſchen Trabe das Dorf. 5 — ————————— zwölftes Cupitel. Es waren ſeit jenem Tage zwei Monate vergangen. Die Verhältniſſe auf der Fichtenau hatten ſich in dieſer Zeit wenig verändert, nur war Margot jetzt ganz wieder— hergeſtellt und konnte daher der Frau Wehring thätig in der Wirthſchaft zur Hand gehen, was ſie auch mit großer Bereitwilligkeit that. Auf ihren dringenden Wunſch war ſie bei dem Prediger des zunächſt gelegenen Dorfes in den Religions⸗Unterricht gegangen und dort in den Lehren der proteſtantiſchen Kirche unterrichtet worden. Der Geiſtliche, ein wohlwollender, vorurtheilsfreier Mann, einer von denen, welche die erhabenen Lehren des Chriſtenthums rein zu erhalten ſtreben von dem Schmutze und dem Ge⸗ häſſigen ſectireriſcher Auffaſſung und Unduldſamkeit, wußte das kindliche Gemüth des jungen Mädchens leicht für alles Gute und Schöne zu begeiſtern, wozu hier, wie faſt immer, ja nichts weiter nöthig iſt, als den Keim, welchen Gott i —— „ — 1 — 3 —————————— jedes junge Menſchenherz gelegt hat, nicht vom Lichté ab⸗ zuſchließen, ſondern ihn in demſelben fröhlich und unge⸗ hindert wachſen zu laſſen. Margot war bisher eigentlich gar nicht in der Reli⸗ gion unterrichtet worden. Viorne, in der frivolen Zeit vor der franzöſiſchen Revolution aufgewachſen, in welcher man bemüht war, jeden Glauben an Gott und Unſterb⸗ lichkeit als eine Lächerlichkeit, als eine Verleugnung der Vernunft darzuſtellen, der dann ſpäter die Vergötterung und Anbetung dieſer im unvollkommenen Menſchen woh⸗ nenden Kraft folgte, einer Kraft, welche nach einer in der neueſten Zeit erfundenen, noch jetzt zum Theil angeſtaun⸗ ten Weisheit lediglich dem Vorhandenſein des Phosphors im Gehirne angehört, überhaupt aber nur dieſem letzteren zuzuſchreiben iſt,— Viorne war durch alle dieſe verworre⸗ nen Ideen, deren vollſtändige Herrſchaft er erlebt hatte, zu der Ueberzeugung gekommen, der Menſch ſei lediglich ein Product der Natur, welches entſtehe und vergehe wie alle übrigen, die Thiere, die Pflanzen und ſelbſt die Steine, und hatte daher, wie das ſo viele Menſchen thun, aufgehört, weiter über dieſe Dinge nachzudenken. Er em⸗ pfand jedoch eine natürliche Scheu, dem Kinde, welches allein auf ihn angewieſen war, dieſe ſeine Ueberzeugung, wenn ſie überhaupt ſo genannt werden konnte, ebenfalls zu eigen werden zu laſſen, denn er gehörte zu denjenigen, welche gläubige Menſchen um ihren Glauben beneiden, wie man den Reichen um ſeinen Reichthum beneidet, ohne ſich aber zu bemühen, ſelbſt reich zu werden. Er lehrte ſie daher in großen Umriſſen, was man ihn ſelbſt unvollkom⸗ men in ſeiner Kindheit gelehrt hatte, aber bruchſtückweiſe und unklar, ſo wie immer von dem Beigeſchmacke ſeiner eigenen Zweifel und atheiſtiſchen Auffaſſung angefreſſen. Daß er bei dieſem ſehr lückenhaften Unterrichte nicht bis zu dem Unterſchiede der Confeſſionen und ihrer verſchiede⸗ nen Auffaſſung des Chriſtenthums kam, war ſehr natür⸗ lich, da er überhaupt nicht an das Chriſtenthum glaubte und jeden Geiſtlichen als einen Heuchler und Verräther bezeichnete. In ſeiner Seele lag ein tiefer Haß gegen alle Prieſter, welche die Sache des Königthums in Frankreich eben ſo verriethen, wie die Jakobiner, und ihres eigenen weltlichen Intereſſe wegen dem neuen Uſurpator ſich un⸗ terordneten. Margot hatte in der letzten Zeit ſelbſt jede Erörte⸗ rung und jede Frage in dieſer Hinſicht vermieden, um nicht den Widerſtreit, in welchem ihre Gefühle ſich ohnehin be⸗ fanden, dadurch noch zu vermehren. So war es in ihrem Innern beſchaffen, als ſie den Religions⸗Unterricht bei dem Pfarrer begann. Welch eine Beruhigung, welch ein inneres Glück empfand ihr Herz, als ſie die Wahrheiten der Religion als feſtſtehende, zweifelloſe, unumſtößliche Glaubensſätze hinſtellen hörte, welche die unendliche Liebe Gottes den Menſchen durch ſeinen eingebornen Sohn ſelbſt offenbart habe! Wie der Ephen ſich an der ſtarken Eiche empor⸗ rankt und, von ihr gehalten, den Stürmen und dem Wetter trotzt, ſo erhob ſich ihre junge, kindliche Seele an der Erkenntniß jener ewigen Wahrheiten, welcher der Menſch nur befähigt iſt durch die Macht des Glaubens theilhaftig zu werden, denn wo die Weisheit zu Ende geht — und wie bald iſt dies der Fall—, da tritt der Glaube ein. Es gibt keinen einzigen Menſchen, der nicht unendlich Vieles glaubt, was er mit ſeinem Verſtande nicht zu er⸗ faſſen vermag, denn alle menſchliche Erkenntniß reicht nur bis an eine ſehr nahe liegende Gränze; was darüber hin⸗ aus liegt, muß er glauben, oder, um es anders zu nennen, ſeine Annahmen und Behauptungen ohne einen Beweis der Richtigkeit aufſtellen, und ſo unterſcheiden ſich der Atheiſt und der orthodoxe Chriſt nur durch die Verſchie⸗ denheit ihres Glaubens, denn der Eine glaubt an das Nichtdaſein Gottes, an eine Naturkraft oder dergleichen, der Andere an feſtgeſchulte Glaubensſätze eines chriſtlichen Katechismus, und Keiner von beiden iſt im Stande, das, was er glaubt, poſitiv zu beweiſen. Am Tage, wo wir unſere Erzählung wieder aufneh⸗ men, war Margot's ſiebenzehnter Geburtstag, ſie wurde ſechszehn Jahre alt. Sie ſollte zugleich an dieſem Tage confirmirt werden, und die Frau Wehring, als eine fromme Chriſtin von der Wichtigkeit dieſer Feier tief durchdrungen, 172 hatte es nicht verſäumt, mancherlei Vorbereitungen dazu zu treffen. Das Haus war feſttäglich geſchmückt, und als Margot am Morgen in feierlich bewegter Stimmung hinab in das Wohnzimmer kam, empfing ſie ein mit Blu⸗ men umrahmter Tiſch, auf dem mehrere Geſchenke lagen, worunter ein ſchwarzſeidenes Kleid. Sie war ſo bewegt, daß ſie nicht zu danken ver⸗ mochte; ſie hatte kaum an ihren Geburtstag gedacht, ſon⸗ dern ſich nur mit der ernſten Feier der kommenden Stunde beſchäftigt. Die Frau Wehring ſchloß das weinende junge Mädchen, ſelbſt mit ihrer Rührung kämpfend, in die Arme, bis ſie es vermochte, wenn auch noch mit Thränen in den Augen, aber doch mit ihrem freundlichen, glücklichen Lä⸗ cheln für die vielen Beweiſe unverdienter Liebe zu danken. Mein Kind, ſagte Wehring, bemüht, wieder eine weniger bewegte Stimmung herzuſtellen, machen Sie doch nicht ſo viel Weſens von dieſen unbedeutenden Dingen:; es iſt bei uns Sitte, daß die jungen Mädchen an dem Tage, an welchem ſie eingeſegnet werden, in einem ſchwar⸗ zen Anzuge erſcheinen, und da nun heute auch Ihr Ge⸗ burtstag iſt, ſo paßte das eben. Ja, ich hoffe, daß es paſſen wird, ergänzte ſeine Frau, die in der Rührung, worin ſie ſich befand, die letzten Worte ihres Mannes falſch verſtanden hatte; wir haben es nach einem anderen Kleide von Ihnen machen laſſen. Ja, ja, Alte, lächelte Wehring— es wird ſchon —— paſſen— aber jetzt ſchenke uns den Kaffee ein, denn wir müſſen in einer Stunde fort nach der Kirche. Ah, welch ein wundervolles Bouquet, ſagte Margot, indem ſie einen nur aus Feld⸗ und Waldblumen, Gräſern und Farrenkräutern kunſtvoll zuſammengeſtellten Strauß vom Tiſche nahm, wie wunderſchön! Ja, ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß man von den Blumen, die draußen in Feld und Wald wachſen, Derartiges machen könnte, bemerkte Wehring, denn es ge⸗ fällt mir beſſer, als alle unſere prahlenden Gartenblumen — aber der Herr Inſpector iſt ein Tauſendkünſtler, der vielerlei verſteht, wovon man gar keine Ahnung hat. Es iſt allerdings ſehr unbedeutend, ſagte Walther, und Sie müſſen mit dem guten Willen fürlieb nehmen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, erwiederte ſie unbefangen, aber immer noch unterthan der bewegten Stimmung, welche ſie beherrſchte— ich werde dieſe ſchö⸗ nen Blumen aufbewahren zur Erinnerung an den heuti⸗ gen, für mich ſo wichtigen Tag. Nachdem man endlich gefrühſtückt, rüſtete man ſich zur Abfahrt, und Margot erſchien bald darauf in dem neuen ſchwarzſeidenen Kleide, welches ihr, zur großen Freude der Frau Wehring, vortrefflich paßte und ihre fyl⸗ phenartige Geſtalt noch ſchlanker und ätheriſcher erſcheinen ließ. Ihre dunkeln Augen ſtrahlten von dem reinen, ſchö⸗ nen Glanze kindlich frommer Begeiſterung, welche ihre 174 Seele mit dem Gedanken erfüllte, nun bald vor Gottes Altar ein wichtiges und heiliges Gelöbniß abzulegen. Die Hämmer ruhten an dieſem Tage, und die Arbei⸗ ter waren zum großen Theile ebenfalls zur Kirche gegan⸗ gen, da auch mehre Kirche von ihnen die gleiche Feier be⸗ gingen. Walther begleitete den Wagen zu Pferde und war Zeuge jener für Margot ſo erhebenden Stunde. Statt deren näherer Beſchreibung bitten wir Dich, freundliche Leſerin, in Deinem Erinnern ſelbſt zurückzugehen bis auf jenen Tag, wo Du in gleicher Begeiſterung und Bewegung die Weihe des Chriſtenthums empfangen haſt. Die Zeit hat vielleicht manche Deiner damaligen kindlich ſchönen und ſo beſeligenden Anſchauungen zerſtört — Du biſt klüger, erfahrungsreicher geworden, die golde⸗ nen Träume, die duftigen Hoffnungen des Kinderherzens haben ſich nicht alle erfüllt— der Ernſt, der Schmerz, auch wohl ein ungeahntes, ungekanntes Glück haben Dich verändert und Dir die Fähigkeit geraubt, ſo zu empfinden und ſo zu fühlen, wie damals— aber das Bild jener Stunde wird in Deiner Seele geblieben ſein, und wenn es auch im Strome des Lebens verblaßt iſt, es wird Dir doch ſtets eine liebe, wehmuthsvolle Erinnerung gewähren. Schicke ſie nicht fort, wenn ſie zuweilen leiſe an die Kam⸗ mer Deines Herzens klopft, ſondern gewähre ihr immerhir Einlaß— Du wirſt dabei nicht verlieren. Ein nie gekanntes, unnennbares Glück erfüllte Mar⸗ — 175 got's Herz, als ſie nach dem Schluſſe der heiligen Hand⸗ lung wieder heimwärts fuhren. Wehring hatte es vorge⸗ zogen, zu Fuße zu gehen, um die beiden Frauen allein zu laſſen. Der Inſpector ſchickte ſein Pferd zurück und be⸗ gleitete feinen Brodherrn. Es war recht hübſch, ſagte Wehring in ſeiner ge⸗ wohnten ruhigen Weiſe, und das Kind ſehr ergriffen und bewegt; aber ich hoffe, wenn wir heimkehren, wird ſich das gelegt haben, und wir werden heiter und fröhlich ſein. Es wäre unnatürlich, wenn ſie anders geweſen! Nun, ich will ihr nicht etwa einen Vorwurf machen, aber— doch ſprechen wir von etwas Anderem. Haben Sie noch immer keine Nachricht von Hauſe? Nein, Herr Wehring; ich bin deshalb in großer Un⸗ ruhe. Ich habe ſchon vor acht Wochen an meine Mutter und an meinen Freund geſchrieben, aber ich erhalte keine Antwort. Bei dieſen unſicheren Verbindungen dauert es oft ſehr lange, ehe ein Brief an ſeinen Beſtimmungsort ge⸗ langt; ich würde aber doch noch einmal ſchreiben. Das habe ich vor einigen Tagen bereits gethan und will nun noch einige Wochen warten; wenn dann aber feine Nachricht kommt, ſo bin ich entſchloſſen, nach Hauſe zu reiſen. Es ſollte mir leid thun, wenn Sie mich ſo bald ver⸗ ließen, obgleich ich Ihren Entſchluß nicht tadeln kann, 176 denn ich würde Sie ungern entbehren. Sie haben Sich in der kurzen Zeit vollſtändig in das Geſchäft eingearbeitet und leiſten mir weſentliche Dienſte. Sie beſchämen mich! Ich bin kein Mann, der mit ſeiner Anſicht hinter dem Berge hält, und würde Ihnen das nicht ſagen, wenn es nicht wahr wäre— außerdem ſind Sie hier jetzt ganz ſicher. Das iſt allerdings richtig, und wenn ich befriedigende Nachrichten von Hauſe erhalte, ſo würde es mich ſehr be⸗ glücken, wenn Sie mich noch eine Zeit lang behalten wollten. Es freut mich, daß es Ihnen bei uns gefüllt, und ich hoffe, daß die gewünſchten Nachrichten bald eintreffen wer⸗ den. Die Zeiten fangen ja wieder an, etwas ruhiger zu werden, wenn man ſich dieſes Ausdrucks bedienen kann, der Waffenſtillſtand iſt verlängert worden und der Friede wird nicht lange auf ſich warten laffen. Aber welch' ein Friede— Oeſterreich wird 6 immer darniederliegen! So ſcheint es, ſagte Wehring finſter— doch die Zu⸗ kunft bleibt ein Buch mit ſieben Siegeln, wer kann wiſſen oder ſagen, was die nächſte Zeit uns bringt? Ein Mann von ſo unbezähmbarem Ehrgeize wie dieſer Napoleon rich⸗ tet ſich am Ende ſelbſt zu Grunde— und außerdem iſt er ein ſterblicher Menſch. 177 Aber leider im kräftigſten Mannesalter! Wir müſſen es abwarten, beſter Herr Inſpector— denn ändern können wir es doch einmal nicht— Sie ſind noch jung, Sie können es erleben! Während die beiden Männer in ſolchem Geſpräche den kurzen Weg nach der Fichtenau zurückwanderten, wur⸗ den die beiden Frauen von ganz anderen Gefühlen bewegt. Margot hatte niemals an dem Herzen einer Mutter geruht, hatte niemals jene Beweiſe von Zärtlichkeit und Liebe em⸗ pfangen, deren die Seele des Kindes eben ſo bedürftig iſt, wie die junge, zarte Pflanze des Lichtes und der Wärme; ſie hatte ſelbſt allen ihren Ueberfluß von Liebe in ſich ver⸗ ſchloſſen und nicht mittheilen dürfen, was vielleicht für ein Kind noch ſchwerer und drückender iſt, als das Nichtempfan⸗ gen derſelben— jetzt zum erſten Male wurde ihr eine ſolche Liebe angeboten— das Empfangen und das Geben, denn die Frau Wehring fand in dem ihr von dem Geſchicke zugewieſenen verlaſſenen jungen Mädchen einen vollen Er⸗ ſatz für ihre längſt aufgegebenen Hoffnungen. Es war da⸗ her ſehr natürlich, daß Beide, jetzt durch einen zweimonat⸗ lichen Umgang vereint, am heutigen Tage ihren wechſelſei⸗ tigen Gefühlen keinen Zwang anthaten, ſondern ſich den⸗ ſelben unverhohlen hingaben. Der liebe Gott, der Dich ſo wunderbar hieher geführt, ſprach die Frau Wehring weiter, und vor dem Du heute in den Bund der Chriſten aufgenommen biſt, mein Kind, hat Gräfin und Marquiſe. 1. 12 178 es ſelbſt ſo beſtimmt, daß ich Dir die Mutter erſetzen ſoll — ach, Du glaubſt es nicht, wie glücklich mich das macht — und nicht wahr, Du willſt auch gern meine Tochter ſein? Darf ich es? Darf ich es? ſtammelte Margot mit bebender Stimme und thränenerfüllten Augen, indem ſie ſich bemühte, die Hand der Frau zu küſſen, welche ſo liebe⸗ voll zu ihr geſprochen wie noch Niemand— es iſt zu viel heute— ich bin Alles deſſen nicht würdig! Sei nicht ſo bewegt, mein Kind, ſagte die Frau, ſelbſt mit ihrer Rührung in ſichtlichem Kampfe, indem ſie Mar⸗ got umſchloß und zärtlich küßte— warum ſollteſt Du deſ⸗ ſen nicht würdig ſein? Sieh, ich bin eben ſo einer Tochter bedürftig, wie Du einer Mutter, und da wir nun Beide keine haben, ſo hat der liebe Gott, der Alles zum Beſten lenkt, uns zuſammengeführt, damit wir Beide erhielten, was uns ſo lange gefehlt hat!— Du biſt heute confirmirt, mein Kind, fuhr ſie nach einiger Zeit der Sammlung fort, Du biſt in den Bund der Chriſten aufgenommen, an kei⸗ nem beſſeren Tage hätte ich Dir ſagen können, was ich Dir ſo eben geſagt habe. Und mun wollen wir für jetzt nicht weiter darüber reden, denn wir ſind Beide zu bewegt und ergriffen, aber wir haben uns verſtanden, und alles Uebrige wird von ſelbſt kommen. Ach, wie ſchön wird es von nun an ſein, da ich Dich habe, Dich, die mich lieben wird und die ich lieben kann wie eine Tochter! Margot vermochte ihre Gefühle nicht durch Worte 179 auszudrücken, denn ſie beſtanden in einem ſolchen Ueber⸗ maße von Glück, daß die Sprache dafür, wie immer, ihr Vermittleramt verſagte. Wehring ſowohl als auch Walther bemühten ſich, die feierlich und ernſt bewegte Stimmung, welche die Frauen beherrſchte, zu verſcheuchen, und es gelang ihnen nach und nach, da die Freude doch eigentlich der Grundton war, der der in ihrem Herzen bebte, und ſo verging der Tag in ſtill heiterer Weiſe, ruhig und friedlich und ohne ein weiteres beſonderes Ereigniß; dennoch gehörte er für Alle zu denje⸗ nigen Tagen, welche aus der Zahl ihrer mehr oder weniger gleichmäßig vorangegangenen Brüder in unſerer Erinne⸗ rung ſich ſcharf abheben und niemals daraus verſchwinden. 12* Dreizehntes Capitel. izehr ap„ Am anderen Tage erhielt Walther die erſehnten Briefe, welche lange unterwegs, endlich doch den Weg in das abgelegene Thal der Fichtenau gefunden hatten. Seine Mutter machte ihm zwar Vorwürfe, daß er heimlich und ohne ihr davon Kenntniß zu geben ſich bei dem Corps des Herzogs habe anwerben laſſen, aber die Empfindung der Freude war überwiegend, daß er glücklich all den vielen Gefahren entronnen ſei— allen, die er wirklich beſtanden, und vielen anderen, welche das beſorgte und liebevolle Herz einer Mutter hinzudenkt.— Sie bat ihn, jetzt noch eine Zeit lang in der Fichtenau zu bleiben, wo er ein ſo gutes Unterkommen gefunden habe, da es in Schleſien, ſo lange die Franzoſen in Oeſterreich ſtänden, doch für ihn vielleicht nicht ganz ſicher ſei. Für Wehring und deſſen Frau fandte ſie nebſt ihrem aufrichtigſten Danke eine Menge der herz⸗ lichſten Empfehlungen mit, kurz, der lange Brief war der 181 Ausdruck der beſorgten Zärtlichkeit einer Mutter, die mit ganzer Liebe an ihrem Sohne hängt. Er faltete den Brief langſam wieder zuſammen und ſaß dann noch eine längere Zeit in ſtummem Nachdenken, ehe er den anderen öffnete. Er wußte, daß derſelbe von ſeinem Jugendfreunde, dem Baron von Wallfort ſei, den er auf der Univerſität, welche er ein Jahr lang beſucht, kennen gelernt hatte. Schon damals, noch mehr aber in der daraif folgenden Zeit, hatte die beiden Jünglinge eine innige Freundſchaft verbunden, obgleich ihre Lebensver⸗ hältniſſe und Ausſichten ſehr verſchieden waren. Walther, der Sohn einer Wittwe, welche von einer kleinen Penſion und den Zinſen eines höchſt mäßigen Ca⸗ pitals lebte, war lediglich auf ſich und ſeine eigene Kraft angewieſen und mußte ſich erſt eine Stellung im Leben er⸗ ringen, wie dies bei den meiſten Menſchen der Fall iſt. Alfred, Baron von Wallfort, gehörte dagegen zu denjeni⸗ gen Ausnahmen, welchen es vergönnt iſt, von der Arbeit und dem Glücke ihrer Vorfahren zu zehren. Das von ſei⸗ nen Eltern ererbte Vermögen war zwar nicht ein ſolches, daß er dadurch zu dem reichen Adel Schleſiens gehörte, je⸗ doch von dem Umfange, daß er mit nicht zu weit gehenden Anſprüchen ſorgenfrei leben konnte. Dazu beſaß er einen ſehr reichen Verwandten, den Grafen von Wallfort, deſſen Großvater bei der Befitznahme Schleſiens von Friedrich dem Großen gegraft worden war Der Graf hatte nur 182 jetzt eine achtzehn Jahre alte Tochter, da aber der größte Theil ſeiner vielen Güter ein Majorat bildete, ſo lag es nicht außer der Möglichkeit, daß Vetter Alfred einſt künf⸗ tiger Majoratsbeſitzer werden könne. Ungeachtet dieſer ver⸗. ſchiedenen Lebensſtellung verband dennoch, wie bereits an“ geführt, die beiden jungen Männer eine innige Freund⸗ ſchaft, und Alfred hatte, wiewohl vergebens, Alles aufg boten, um Walther von dem Vorhaben abzubringen, K dem Herzoge von Braunſchweig ſich anwerben zu luſſeh, Da der Brief Alfred's uns einen Einblick in die hei⸗ miſchen Verhältniſſe ſeines Freundes geſtattet, ſo wollen wir von der uns zuſtehenden Freiheit Gebrauch machen und den Brief gleichzeitig mit dem Empfänger leſen. Er lautete: 8 „Lieber Walther! Endlich, endlich hat mich Dein Brief von der großen Unruhe und Beſorgniß befreit, in welcher ich mich unaufhörlich Deinetwegen befand, denn ich wußte ja nicht, ſollte ich Dich in meinen Gedanken in. England oder in irgend einem anderem Lande oder gar bei den Todten ſuchen. Nun, Gott ſei Dank, Du lebſt, biſt wohl auf, und die Zeit iſt ja nicht mehr allzu fern, wo ich Dich wieder habe! Es war eine ſchwere Aufgabe für mich, Deiner Mutter die kriegeriſche Laufbahn ihres Sohnes mitzutheilen, nachdem Du auf und davon gegangen warſt, ſie zu tröſten und ihre Hoffnungen zu beleben, ſelbſt als die meinigen ſehr tief geſunken waren. Du weißt, ich paſſe ⸗ 183 einmal nicht für Derartiges, und ſo ſehr ich Deine Mutter hochſchätze, ich war doch immer froh, wenn ich dieſe Pflicht gegen Dich erfüllt hatte und mich von ihr verabſchieden konnte. Als dann Dein Brief gekommen war, hatte meine Sendung ja ohnehin ein Ende, und ich habe mich darauf beſchränkt, Deine Mutter hin und wieder zu ſehen, damit ich Dir ſchreiben kann, daß ſie wohlauf iſt. Du fragſt, ob Du jetzt ohne Gefahr für Deine Freiheit zurückkehren kannſt.— Lieber Freund, ich ſollte denken, Du könnteſt Dir dieſe Frage eben ſo gut ſelbſt beantworten, wie ich. Noch iſt ja nicht einmal Friede, aber das ſteht feſt, daß Oeſterreich für lange Zeit, wohl für immer, fertig gewor⸗ den. Napoleon iſt jetzt Herr von Europa, mit Ausnahme von England, und wir hier in Preußen werden gewiß Al⸗ les aufbieten, um den gefürchteten Herrn bei guter Laune zu erhalten. Das neue Regiment bei uns iſt vollſtändig dazu angethan, und ſeit Stein geächtet iſt, fängt die Karre wieder an, ſtehen zu bleiben, wenn nicht gar rückwärts zu gehen.— Daß Du die Thorheit begangen haſt, Dich als Preuße bei dem Herzoge von Braunſchweig anwerben zu laſſen, iſt hier allgemein bekannt, man weiß all die Na⸗ men dieſer Heißſporne, und ich glaube, man wärde ſich auch nicht weigern, vielleicht es gar nicht einmal können, dieſe Verbrecher auf franzöſiſche Requiſition auszuliefern. Wir könnten Dich hier zwar irgendwo verſtecken, wo man Dich p leicht nicht finden würde— aber da u dor in — 184 der Fichtenau, wenn auch nahe am Rachen des Löweu, ſicher lebſt, ſo ſcheint es mir bei Weitem gerathener, daß daß Du noch ſo lange dort bleibſt, bis es hier völlig ru⸗ hig geworden iſt, die Franzoſen aus Oeſterreich fort find und die Geſchichte ſich verblutet hat. Die Ereigniſſe über⸗ ſtürzen ſich ja ſo, daß bald eine andere Angelegenheit, ein anderer Krieg oder dergleichen dieſe Thorheit in Vergeſſen⸗ heit bringen wird. Bleibe daher vorläufig, wo Du biſt, ich werde Dich ſogleich benachrichtigen, wenn der Zeitpunct gekommen ſein wird, wo Du ungefährdet zurückkehren kannſt. „Was mich betrifft, ſo lebe ich von einem Tage zum anderen weiter, ohne eigentlichen Plan und ohne eigentli⸗ chen Zweck. Es iſt im Ganzen ein trauriges langweiliges Leben, aber ich kann es nicht ändern. In den Staatsdienſt mag ich nicht treten; man nimmt mich vielleicht auch gar nicht einmal an. Was ſoll ich auch bei der jetzigen Mifére noch an dem völlig lecken Staatsſchiffe mitziehen helfen? — Ich bin einer von den Schwarzſehenden, Walther, es liegt mir einmal im Blute. Wenn nicht ein ganz beſonde⸗ res Ereigniß eintritt, ein Ereigniß außer aller menſchlichen Berechnung, ſo werden wir bald die Leichenfeier des König⸗ reiches Preußen begehen und Preußen zu den Todten le⸗ gen, ganz eben ſo, wie Preußen dies ſelbſt einſt mit Polen gethan hat.— Doch laſſen wir das, ich weiß, Du denkſt an ders in dieſer Beziehung, und ich will Dir Deine An⸗ ———— 185 ſchauung nicht trüben, ſie entbehrt ja ohnehin eines fin⸗ ſteren Hintergrundes nicht. „Ich bin häufig in Wallfort bei meinem Herrn Vet⸗ ter, dem Grafen. Er iſt ein wunderlicher alter Herr und dabei ſchwer zu ergründen. Geizig und wieder verſchwen⸗ deriſch, hartherzig und mildthätig, ſtolz und leutſelig— kurz, er iſt der lebendige Widerſpruch, und ich habe mich bis jetzt vergeblich bemüht, zu erforſchen, welche von dieſen Eigenſchaften ſeine wahren und weſche nur angenommen ſind. Denn daß er manche nur zur Schau trägt, ſeines Intereſſes, oder irgend eines anderen Zweckes wegen, dar⸗ über bin ich jetzt völlig im Klaren. Aber, was iſt echt und was iſt falſch?— Das weiß ich nicht. Ueber Politik ſpricht er ſich nie aus und nur zuweilen entſchlüpft ihm ein ver⸗ ächtliches Beiwort, wenn die Namen unſerer jetzigen Staatslenker genannt werden, woraus ich ſchließe, daß er mit ihnen unzufrieden iſt. Auf ſeinen Gütern waltet er faſt wie ein ſouverainer Fürſt, nur daß er die Leute gerade nicht hängen laſſen kann; es gibt jedoch eine Menge anderer Mittel, welche dieſe Lücke ausfüllen, und er nimmt keinen Anſtand, davon Gebrauch zu machen. Das einzige menſch⸗ liche Weſen, das ihm entgegentritt und zuletzt ſeinen Wil⸗ len beugt, iſt ſeine Tochter. Das klingt ſonderbar, aber Hedwig iſt auch ein ſonderbares Mädchen. Schön wie eine Göttin— ach, ich ſehe, Du lächelſt— aber ich zeichne nur nach der Natur. Wenn ich ſie mit einer Göttin verglichen 186 habe und den Vergleich weiter fortſetzen will, ſo gerathe ich in Verlegenheit, denn es wird mir ſchwer, eine von den vielen herrlichen Göttinnen zu bezeichnen, die uns Vater Homer mit ſo vieler Liebhaberei beſchreibt, der ſie ähnlich wäre. Von der Göttin der Liebe hat ſie wenig oder gar nichts, eben ſo von der ſchüchternen, jugendlichen Hebe, mit welcher die Dichter gewöhnlich alle halbwüchſigen, ſchlan⸗ ken und hübſchen jungen Mädchen vergleichen. Sie iſt viel⸗ mehr etwas Diana und etwas Pallas Athene— wild, ſtreng, klug, ernſt— aber auch wieder ausgelaſſen, ſo daß einem ordentlich angſt dabei werden kann— immer aber bleibt ſie göttlich ſchön, ich kann nur nicht ſagen, wie göttlich. Es freut mich, lieber Freund, daß Du jetzt ſo recht von Herzen lachſt und Dir vielleicht einbildeſt, ich ſei in dieſe unclaſſifieirbare Götter⸗Couſine verliebt— Du thä⸗ teſt mir aber wirklich Unrecht, wenn Du Dich zu einer ſol⸗ chen Annahme verleiten ließeſt. Du ſollteſt das Mädchen nur ſehen— es lohnte ſich ſchon der Mühe— wenn ſie auf ihrem weißen Araber dahinjagt mit vor Luſt noch mehr glänzenden und leuchtenden Augen, fliegenden Locken und fliegendem Gewande, wild dahin durch Wald und Flur dem fliehenden Wilde nach, und wenn die Hunde endlich den todmüden Hirſch geſtellt haben und er angſtvoll und ſtöhnend umherblickt— ſie dann plötzlich das ſchon erho⸗ bene Gewehr ſinken und die Hunde abrufen läßt und dem ermatteten, langſam zu Holze ziehenden Hirſche ſinnend ſo 187 lange nachblickt, bis er ihrem mit Traurigkeit auf ihm haf⸗ tenden Auge entſchwunden iſt. „Dieſe ſentimentale Stimmung beherrſcht ſie jedoch nicht etwa immer; in der Regel tödtet ſie erbarmungslos, und ihr Schuß trifft ſicher und fehlt ſelten. „Doch ich ſehe, ich plaudere mit Dir von Dingen oder vielmehr von Perſonen, die Dich wenig intereſſiren wer⸗ den, da Du ſie gar nicht kennſt; der Menſch ſpricht jedoch gewöhnlich von demjenigen, mit dem er faſt täglich in Be⸗ rührung kommt. Glaube aber wirklich nicht, daß ich, der arme Baron, in ſeine reiche Couſine verliebt wäre, darin würdeſt Du vollſtändig irren. Hedwig hat bei allen ihren körperlichen und geiſtigen Vorzügen nichts, was Liebe er⸗ zeugen könnte, wenigſtens für mich nicht, und obgleich meine beſchränkten Vermögensverhältniſſe für ſie nicht das ge⸗ ringſte Motiv ſein würden, mich etwa nicht zu lieben; denn ſie beſitzt zum großen Aerger ihres Vaters eine faſt re⸗ publicaniſche Nichtachtung der Standesunterſchiede, ſo glaube ich doch, daß ſie ſchließlich eine Convenienzheirath ſchließen— oder auch eine ihrer ganz unwürdige Verbin⸗ dung eingehen wird— je nachdem. „Doch der Bogen iſt zu Ende und ich ſehe jetzt, daß ich Dir recht viel überflüſſiges Zeug geſchrieben habe; ſei mir deshalb nicht böſe— weiß ich doch ſelbſt nicht, wie ich in dieſes thörichte Geplauder hineingerathen bin; es mag wohl daher gekommen ſein, daß wir ſo lange ohne gegen⸗ 188 ſeitige Mittheilung geblieben ſind. So leb' denn wohl, antworte bald und behalte lieb Deinen treuen Freund Alfred.“ Um Walther's Mund hatte ſich, während er den letz⸗ ten Theil des Briefes las, längſt ein eigenthümliches Lä⸗ cheln gelagert, ganz ſo, wie es ſein Freund erwartet zu ha⸗ ben ſchien. Nun, ſprach er dann heiter vor ſich hin, indem er den Brief zuſammenfaltete, wenn Du wirklich noch nicht verliebt bift, Alfred, was ich jedoch ſehr bezweifle, ſo wirſt Du es jedenfalls bald werden und bei der ſchönen Couſine auch noch Aehnlichkeiten mit anderen Göttinnen entdecken — übrigens hat ja auch die keuſche Diana ihre Liebeshän⸗ del gehabt— bei der Pallas Athene bin ich meiner Sache in dieſer Beziehung nicht ganz ſicher; als eine Tochter Ju⸗ 8 piter's ſpricht jedoch die Vermuthung auch dafür.— Alſo hier bleiben, fuhr er nach einiger Zeit ernſter fort, hier blei⸗ ben, bis es daheim ruhiger wird und die Franzoſen aus dem Lande ſind— das kann noch lange, ſehr lange wäh⸗. ren— haben noch die meiſten preußiſchen Feſtungen fran⸗ zöſiſche Beſatzungen, damit die Beſitzgreifung des ganzen Landes keine große Schwierigkeiten mehr mache.— Nun, ich kann es vorläufig nicht ändern, und da ich, Gott ſei Dank, weiß, daß meine Mutter geſund und wohl iſt, ſo wäre es eine Thorheit, wollte ich dieſen jetzt ſicheren und angenehmen Aufenthalt verlaſſen. Wehring drückte ſeine unverhohlene Freude aus, als 189 er von dem Entſchluſſe ſeines Inſpectors in Kenntniß ge⸗ ſetzt wurde, denn Walther hatte ſich wirklich ſo in das Ge⸗ ſchäft eingearbeitet, dem er ſelbſt großes Intereſſe abge⸗ wonnen, daß er Wehring jetzt weſentliche Dienſte leiſtete, welcher dieſer ungern entbehrt haben würde. Walther begann mun, ſich etwas mehr für die Dauer einzurichten, als dies bisher geſchehen war, und da er die Muſik ſehr liebte und ſelbſt eine ſchöne Tenorſtimme be⸗ ſaß, ſo kaufte er ſich im nächſten Städtchen eine Guitarre, ein Inſtrument, welches zur damaligen Zeit noch überall zur Begleitung des Geſanges verwendet und erſt ſpäter durch die in ſchreckenerregender Weiſe vermehrten Piano⸗ fortes verdrängt wurde. Als er dann an einem Abende einſam auf ſeinem Zimmer ſaß und die Lieder, welche er in der Heimath ſo oft geſungen, erſt leiſe, dann aber auch von den Accorden der Guitarre begleitet lauter ertönen ließ und dabei in ſeinen Gedanken und ſeinem Erinnern ſowohl nach Zeit als Raum in weiter Ferne ſchweifte, klopfte es leiſe an ſeine Thür, und das gutmüthige, freund⸗ liche Geſicht der Frau Wehring blickte hinein. Wir haben Ihnen von unten ſchon lange zugehört, Herr Inſpector, ſagte ſie— und das Herz iſt mir dabei aufge⸗ gangen, denn als ich jung war, ſpielte ich auch Guitarre und ſang ein kleines Lied dazu— ſpäter iſt das Alles eingeſchlafen. Ihr Geſang hat mich jedoch recht in jene ſchöne Zeit zurückverſetzt— aber Sie dürfen nicht ſo allein und für Sich ſingen. Kommen Sie herunter, Sie werden uns Allen eine rechte Freude bereiten. Es iſt ſo lange her, daß hier im Hauſe keine Muſik getrieben und geſungen worden iſt— wollen Sie? Von Herzen gern, erwiederte Walther, obgleich ihm dieſe Störung unangenehm war; ich bin jedoch ein nur wenig geübter Dilettant und muß von vorn herein um Nachſicht bitten. Ach, wir machen keine großen Anſprüche, und ich habe lange, ich glaube noch niemals ſo ſchön ſingen hören. Ich ſtehe in allen Dingen zu Ihren Dienſten, ſagte Walther, indem er die Guitarre nahm, und bin gern bereit Ihnen einige kleine Lieder zu fingen, wenn Sie damit zu⸗ frieden ſind. Unten wurde er von Wehring und beſonders von Margot mit freudigen Blicken empfangen, die unverwandt an ihm, während er ſang, haften blieben und ſich nur ſenk⸗ ten, wenn ſeine Augen ſich zufällig auf ſie richteten. Walther hatte in Wirklichkeit eine Tenorſtimme von ſeltener Schönheit, die ſich beſonders in den höhern Lagen durch jene Weichheit auszeichnete, welche mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt auf die Herzen der Hörer einwirkt. Dazu ſpielte er die Guitarre meifterhaft, ſo daß die tiefe Erre⸗ gung, in welche das junge Mädchen durch ſeinen Geſang verſetzt wurde, gewiß ſehr natürlich war, wenn man neben der Unbefangenheit ihres ganzen Empfindens berückſich⸗ 191 tigt, daß ſie eigentlich noch niemals in ihrem Leben Muſik und namentlich Geſang gehört hatte. War es daher ein Wunder, daß ihre Augen ſich mit Thränen füllten und ihre Seele von einer Empfindung ergriffen wurde, welche ſie mächtig und unwiderſtehlich be⸗ herrſchte, ohne daß ſie ſich klar machen konnte, weshalb und woher? Geſchieht doch uns Allen, die wir von Muſik, guter und ſchlechter, überſättigt ſind, ein Gleiches, wenn die Ton⸗ welle einer ſchönen menſchlichen Stimme mit unerklärter Zaubergewalt an unſer Ohr ſchlägt! Es ſind nur Töne— nur etwas andere Töne, als diejenigen, welche wir ſo oft hören—, aber dieſe Töne haben eine Gewalt, eine Macht, die ſo unwiderſtehlich unſer Gemüth ergreifen und beherr⸗ ſchen, daß alle übrigen Kräfte unſeres Geiſtes darin auf⸗ gehen und wir von dem Uebermaße des Empfindens faſt erdrückt werden. So geſchah es auch Margot. Wie gern hätte ſie ihm für dieſen hohen Genuß gedankt, ihm wenigſtens geſagt, daß ſein Geſang ſie entzückt habe— aber ſie konnte es nicht, ſie vermochte die Worte nicht zu finden, und ihr Dank lag allein in dem beredten Blicke ihrer feuchten Augen. Er verſtand jedoch dieſen Blick und bemühte ſich, durch heitere Worte die Wirkung ſeines Geſanges wieder aufzu⸗ heben, wobei er von Wehring bald unterſtützt wurde. Sie könnten immerhin als Sänger durch das Land 192 ziehen, ſcherzte dieſer, wenn es einmal mit dem Eiſen nicht mehr gehen ſollte, und ich glaube faſt, Sie würden mehr Geld damit verdienen, als jetzt, denn Sie haben wirklich eine verteufelt hübſche Stimme, und dabei verſtehen Sie es, ſo etwas in die Lieder hineinzulegen— ſo ganz etwas Beſonderes und Apartes— man kann's nicht ſagen, worin es liegt, aber man fühlt's. Ja, das iſt das rechte Wort, ſagte Wehring's Frau — wir ſind Ihnen zu großem Danke verpflichtet, denn Sie haben uns einen ſeltenen Genuß bereitet, und ich freue mich unendlich darauf, daß Sie nun öfter ſingen werden. Nicht wahr, Sie ſchlagen uns dieſe Bitte nicht ab? Ich ſtehe ſtets zu Ihren Dienſten, lächelte Walther, ich befürchte nur, Sie werden ſehr bald genug haben. Ach, wer ſo ſingen könnte! ſagte Margot mehr zu ſich ſelbſt. Haben Sie Ihre Stimme ſchon verſucht? fragte Walther. Meine Stimme? Ja, vielleicht beſitzen Sie die Mittel, noch ſchöner ſingen zu können, was allerdings nicht viel ſagen würde. O, wie wäre das möglich? Haben Sie denn niemals einen Verſuch gemacht? Nein, niemals. Herrn Viorne war es unangenehm, wenn ich auch nur leiſe ein Liedchen ſummte. 193 Wenn Sie es mir geſtatten, einmal Ihre Stimme zu hören— Ich habe aber niemals geſungen. Darauf kommt es nicht an— wenn Sie, wie ich nicht zweifle, eine gute Stimme beſitzen, ſo würde es nicht ſchwer halten, ſie auszubilden. Ach, das wäre herrlich, ſagte ſie mit kindlicher Unbe⸗ fangenheit— aber daran iſt nicht zu denken, ſetzte ſie ſo⸗ gleich wieder betrübt hinzu. Nun, es kommt auf einen Verſuch an— wenn Sie mir geſtatten, ihn zu machen— O, ſehr gern, ſehr gern— aber— Ach ja, Herr Inſpector, fiel die Frau Wehring ein, machen Sie einen Verſuch; warum ſollteſt Du nicht eine hübſche Stimme haben, mein Kind; es wäre herrlich, Sie könnten dann Duetts ſingen. Duetts? fragte Margot— was iſt das 7 Zweiſtimmige Lieder und dergleichen; das klingt gerade doppelt ſo ſchön, als wenn nur Einer allein ſingt. Wenn Sie es mir geſtatten, bemerkte Walther lä⸗ chelnd, ſo will ich morgen einmal Ihre Stimme hören und Ihnen dann, ſo viel ich ſelbſt davon verſtehe, Unterricht im Geſange ertheilen, mein Fräulein. O, thun Sie das, Herr Inſpector! rief die Frau Wehring; Du haſt gewiß eine ſchöne Stimme, mein Kind, Gräfin und Warquiſe. 1 13 194 und ich freue mich ſchon unendlich darauf, ein Duett zu hören! Es wird ja dann recht mufikaliſch bei uns werden, bemerkte Wehring in ſeiner trockenen Weiſe; vielleicht ſuche ich meinen Baß auch wieder hervor, und wir bringen es dann noch bis zum Terzett. Jetzt aber dächte ich, wäre es Zeit, ſchlafen zu gehen, denn es iſt ſchon ſehr ſpät. — S — Vierzehntes Capitel. Walther, der am andern Tage wirklich den Geſang⸗ unterricht mit Margot begann, überzengte ſich bald. daß ſie eine ungewöhnlich ſchöne Altſtimme habe. Selbſt der Muſik leidenſchaftlich ergeben, war er von dieſer Entdeckung im höchſten Grade erfreut und betrieb daher den Unter⸗ richt mit all dem Ernſte und der Gewiſſenhaftigkeit, welche er der Ausbildung einer ſolchen ſeltenen Stimme ſchuldig zu ſein glaubte. Er fand in Margot eine ſehr gelehrige Schülerin, welche willig und pünktlich ſeine Lehren be⸗ folgte, obgleich ihr zuweilen das unaufhörliche Scalaſin⸗ gen nur wenig zuſagte. Dazu kam der Unterricht auf der Guitarre, den Walther gleichzeitig begann, weil er behaup⸗ tete, die Erlernung eines Inſtrumentes ſei nothwendig, und es ſei zu bedauern, daß es nur ein ſo unvollfommenes wäre. Es waren in dieſer Weiſe wieder zwei Monate ver⸗ floſſen, ohne daß ſich die Sehnſucht der Frau Wehring 13* 196 nach einem Duett erfüllꝭ hůtte Margot ſang Uebungen und die unaufhörlichen Scalen, welche anzuhören die Frau Wehring längſt aufgegeben hatte. Erſt muß Ihre Stimme geſchmeidig ſein, erſt müſſen Sie die erſten Schwierigkeiten überwunden haben, tröſtete er, dann findet ſich das Uebrige leicht und von ſelbſt— und es wird ſich nun bald finden. Als dann Margot an einem Tage, und diesmal zur völligen Zufriedenheit des ſtrengen Lehrers, ihre Uebungen und Scalen geſungen und ſich ſelbſt dazu auf der Guitarre begleitet hatte, ſchlug er zu ihrer großen Freude und Ueberraſchung ein Liederbuch auf, blätterte eine kurze Zeit darin und ſagte dann lächelnd: Nun ſingen Sie einmal dieſes Lied; ich hoffe, Sie werden es, bis auf den Vortrag, ohne Fehler können. Ein Lied? rief ſie freudig— werde ich jetzt Lieder ſingen? Wir werden ſehen, oder vielmehr hören, erwiederte er lächelnd— alſo beginnen Sie. Sie war ſehr befangen, aber ſie ſang das kleine Lied richtig, ohne einen Fehler. Sie haben die Noten richtig getroffen und auch im Tacte nicht gefehlt, ſagte er. Ich will es Ihnen nun vor⸗ ſingen— und dann ſingen Sie es noch einmal. Mit verhaltenem Athem hörte ſie ihm zu, und ihr muſikaliſches Ohr erkannte ſehr wohl den großen Unter⸗ 197 ſchied, der in ſeinem und ihren Vortrage lag; aber als ſie das Lied jetzt zum zweiten Male ſang, war der Unter⸗ ſchied nur noch ein ſehr unbedeutender. Sie ahmte nicht nur nach, was ihr ſcharfes Ohr gehört und ſich eingeprägt hatte, ſondern ſie legte auch ihr eigenes und jetzt weit mehr erregtes Fühlen in den Ton ihrer Stimme, und er hörte ihr faſt bewundernd zu. Der Lehrer wird wohl bald überflüſſig werden oder von ſeiner Schülerin lernen müſſen, ſprach er lächelnd, und wir können von jetzt auch immerhin Lieder, Arien und auch Duette ſingen— aber die Uebungen und die Scalen blei⸗ ben deshalb doch unerläßlich. Gern, gern will ich ſingen! rief ſie, freudig in die Hände ſchlagend, wenn ich nun auch Lieder ſingen darf! Ja, ja, das dürfen Sie, und wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht— hier iſt noch ein anderes. Herrlich, herrlich! rief ſie— aber nun laſſen Sie mich vorher erſt einmal die Noten genau anſehen!— Sie ſummte leiſe die leichte Melodie vor ſich hin und ſang dann zu ſeiner großen Freude das Lied mit einem Vor⸗ trage, an dem er eigentlich nichts auszuſetzen hatte, als die etwas von der ſeinen verſchiedene Auffaſſung. Es begann nun für Beide, aber namentlich für Mar⸗ got, eine ſchöne, genußvolle Zeit— ſie trieben Muſik zu⸗ ſammen, und wenn er auch der Lehrer war— ſo lernte er ſelbſt dabei mit. Alle Zeit, welche er ſeinen Geſchäften ab⸗ 198 müſſigen konnte, verlebler nun faſt ausſchließlich in ihrem Umgange, denn ſie vereinte ja das gemeinſame Band der Liebe zur Muſik. Es iſt immer ein eigenthümliches Ding um ſo ein gemeinſames Band zwiſchen einem jungen Manne von ſechsundzwanzig und einem jungen Mädchen von ſechszehn Jahren, wenn jener auch der Lehrer und dieſe die Schülerin iſt. Es treten leicht ſehr unmerkliche Veränderungen in einem ſolchen Verhältniſſe ein, ſo un⸗ merkliche, daß ſie, wenn auch täglich fortgehend, doch erſt nach einer längeren Zeit als in ſteter Bewegung geweſen ſich erkennen laſſen. Er wurde aber bald auch noch in vielen und ganz anderen Dingen ihr Lehrer. Es war dies ſehr natürlich, da ſie ihr Wiſſen und ihre Kenntniſſe bisher lediglich von dem alten Viorne erhalten hatte, der, abgeſehen von den eigenthümlichen Anſichten und Vorurtheilen, in denen er befangen war, niemals eine eigentliche Bildung genoſſen und außerdem noch einen Widerwillen gehabt hatte, das⸗ jenige, was er im Laufe des Lebens erlernt und erfahren, ſeiner Pflegebefohlenen mitzutheilen. Es war ohnedies auch wenig dazu geeignet. Wie bald traten dieſe Lücken in Margot's geiſtiger Ausbildung überall im Geſpräche mit hervor! Ihr großer natürlicher Verſtand erkannte das ſogleich, und indem ſie ſich deſſen ſchämte, ſuchte ſie ſo viel als möglich ihre Un⸗ kenntniß zu verheimlichen, zugleich aber ſich unbemerkt zu 199 belehren. Ihm entging dies nichber er gab ſich den An⸗ ſchein des Gegentheils. Er kam ihr ſtets bereitwillig ent⸗ gegen, und mit der Miene, als ob ſich das im Laufe des Geſpräches von ſelbſt verſtände, erörterte er diejenigen Gegenſtände, über welche ſie belehrt ſein wollte. Sie hörte ihm dann immer mit geſpannter und zugleich ſchüchterner Aufmerkſamkeit zu, weil ſie befürchtete, er könne es doch merken, wie wenig unterrichtet ſie in allen dieſen Dingen ſei, die er ſo als ſelbſtverſtändlich vorausſetzte, und von denen er ſo genaue Kenntniß hatte. Später, als ſie dann vertrauter wurden, als ſie ſich ſicherer darüber fühlte, daß er ſie nicht verſpotten, nicht auslachen, nicht geringſchätzen würde, ſchaltete ſie hin und wieder Fragen ein, und als ſie ſah, daß er ſich darüber freute, daß er dieſelben gern und mit Lebhaftigkeit beantwortete, fragte ſie mehr, viel, Mancherlei und Verſchiedenes. Er wurde zuweilen ſichtlich verlegen, wenn ſie ſo plötzlich mit einer Frage über irgend einen Gegenſtand oder deſſen Urſache und Entſtehung ankam, ohne daß er im Stande geweſen wäre, ihr darüber vollſtändigen Auf⸗ ſchluß zu geben. Seine Antwort, er verſtehe von dieſen Dingen nichts, ließ ſie niemals gelten, denn er war für ſie der Quell alles Wiſſens und aller Kenntniſſe, und ſeine Verſicherungen, daß er ſelbſt nur ſehr unvollkommen darin unterrichtet ſei, hörte ſie mit ungläubiger Miene an⸗ 200 Sie wiſſen Aues ſhte ſi dann, und wenn Sie nur wollen, ſo können Sie mir dies auch erklären. Er wollte ſtets ſehr gern und erging ſich in allgemei⸗ nen Anſchauungen, wenn ihre Wißbegierde Gegenſtände traf, die ihm fremd waren; ſie aber hörte ihm eben ſo auf⸗ merkſam zu und überzengte ſich immer mehr, daß ſie ſich in ihrer Vorausſetzung nicht geirrt hatte. Es war ein eigenthümlicher Unterricht, den Margot ſo erhielt und Walther in dieſer Weiſe ertheilte. Obgleich er in manchen Dingen wirklich Elementargegenſtände um⸗ faßte, ſo erging er ſich gleichzeitig in ſchwierigen und nur der gereifteren Erkenntniß zugänglichen Materien, wurde überhaupt nie anders wie geſprächweiſe ertheilt und nie⸗ mals in der ausgeſprochenen Abſicht, zu lehren und zu ler⸗ nen. Und doch lernte wohl ſelten ein Schüler oder eine Schülerin in kurzer Zeit ſo Vieles und Verſchiedenes, als Margot in den Wintermonaten, welche mit den langen Abenden beſonders dazu geeignet waren. Sie fühlte das Bedürfniß, ihr Wiſſen zu erweitern, denn ſie ſchämte ſich jetzt, bei zunehmender Erkenntniß, ſchon ſeinetregen, in vielen Dingen ſo vollſtändig ununterrichtet zu ſein, und ſtrengte daher die ganze Spannkraft ihres lebhaften Gei⸗ ſtes an, um das Ziel recht bald zu erreichen. Und er?— Es gibt wohl kaum einen größeren Ge⸗ nuß, als die Ausbildung einer jungen, lebhaften, wißbegie⸗ rigen Seele, die in uns den Quell des Wiſſens erkennt, 201 aus dem ſie mit durſtigen Lippen ſich zu erquicken ſtrebt. Wie gern ſind wir bereit, dieſe Erquickung zu ſpenden und Alles aufzubieten, um die OQuelle ſelbſt ſtets reichhaltig fließen zu laſſen— beſonders wenn jene Seele zufällig auch in einem ſchönen Körper wohnt! Das Lehren iſt ein Beruf, ein mühevoller Beruf, der ſeinen Lohn mehr oder weniger in ſich ſelbſt findet und nur ſelten die äußeren Vortheile erlangt, auf die er den voll⸗ gültigſten Anſpruch hat; denn der Menſch iſt und bleibt einmal ein undankbares und egoiſtiſches Geſchöpf. Dieje⸗ nigen, welche mühevoll die Fundamente zu dem Gebäude unſerer irdiſchen Ausbildung gegraben und ausgemauert haben, dieſe gewöhnlichen Arbeiter, ohne welche jedoch das ganze Gebäude nicht hätte ausgeführt werden können, ver⸗ geſſen wir bald, häufig allerdings nicht mit Unrecht, weil es eben nur gewöhnliche Elementar⸗Arbeiter waren, die läſſig und oft ſogar widerwillig an den Fundamenten gruben und mauerten, ohne jegliches Intereſſe an dem Baue, welcher darauf aufgeführt werden ſollten. Diejeni⸗ gen aber, welche weiter daran arbeiten, ſich mit der Voll⸗ endung, mit dem Abputze, mit der Ausſchmückung und Möblirung der verſchiedenen Zimmer und Kammern be⸗ ſchäftigen, die das Gebäude zu demjenigen Gebrauche fer⸗ tig machen, zu welchem es während ſeines kurzen Beſte⸗ hens dienen ſoll, dieſe werden von uns beachtet und aner⸗ 202 kannt, oft ſogar in einer weit über ihr Verdienſt gehen⸗ den Weiſe.. Es hat dies darin ſeinen Grund, daß der Menſch eben kein todtes Gebäude, ſondern ein lebendiges, ver⸗ nunftbegabtes Weſen iſt, was erſt mit der ſteigenden Er⸗ kenntniß den Werth derſelben ſchätzen lernt und daher ſich in dankbarer Empfindung denjenigen zuwendet, welche ihm während des Bewußtwerdens dieſer Empfindung die Schätze des Wiſſens erſchließen. In dieſer Lage befand ſich Walther. Er hatte ſich nicht nur der vollſten Anerkennung ſeiner Bemühungen, ſondern zugleich einer begeiſterten Hingebung ſeiner geleh⸗ rigen und wißbegierigen Schülerin zu erfreuen, und der Unterricht ſelbſt war dabei ſo eigenthümlicher und wech⸗ ſelnder Art, daß ſchon darin allein für ihn ein großer Ge⸗ nuß gelegen haben würde. Bald war es Muſik und Ge⸗ ſang, worin ſie jetzt ſchon längſt die für den Lehrer mehr oder weniger mühevolle Gränze der erſten Anfänge über⸗ ſchritten hatte, bald verlor er ſich in das Gebiet einer hö⸗ heren Wiſſenſchaft, der Aſtronomie, der Geſchichte, ſelbſt der Philoſophie, ſo weit er ſelbſt darin bewandert war; bald ſprach er, durch irgend eine Frage veranlaßt, über Gegenſtände des gewöhnlichen Elementarunterrichtes, aber auch hier in einer Weiſe, wie man mit Jemand ſich über dieſe Dinge unterhält, den man nicht belehren, ſondern N 203 mit dem man ſich nur wie mit einem Ebenbürtigen unter⸗ halten will. Seine eigene Bildung erſtreckte ſich mehr auf das Reale; er hatte ſich vorzugsweiſe mit demjenigen, was man Naturwiſſenſchaften nennt, beſchäftigt, und nur die Poeſie gleichzeitig gepflegt, weil, wie ſein Freund es nannte, er eine phantaſtiſche Natur ſei. So hatte er ihr zum Beiſpiel den trojaniſchen Krieg erzählt, erſt in großen Umriſſen, dann mehreres Einzelne desſelben, die Kämpfe des Achilles und Hektor und die Irrfahrten des herrlichen Dulders Odyſſeus. Aber woher weiß man das Alles ſo genäu? fragte ſie, wenn es vor dreitauſend Jahren geſchehen iſt, wie Sie ſagen? Aus dem Homer, dem größten Dichter Griechen⸗ lands, und dem größten epiſchen Dichter, den es überhaupt jemals gegeben hat. Was heißt epiſch? Ein Epos nennt man diejenige Dichtung, welche großartige Begebenheiten von Helden u. ſ. w. ſchildert, wobei neben der menſchlichen Kraft gewöhnlich auch die göttliche Einwirkung mithandelnd auftritt. Und das geſchieht im Homer auch? Allerdings; die Götter, an welche die Griechen und ſpäter auch die Römer glaubten und die ſie ſich, nur mit höheren Fähigkeiten ausgeſtattet, rein menſchlich dachten, 204 ſpielen im Homer eine große Rolle und betheiligen ſich an dem Kriege, indem ſie einestheils für die Griechen, ande⸗ rentheils für die Trojaner Partei ergreifen. Aber wie konnten die gebildeten Griechen ſo etwas glauben? Es liegt viel Poeſie in dieſer Verkörperung und Ver⸗ einzelung der Gottheit und deren Macht und Größe: ein noch ſo kindlich empfindendes und zugleich ſo poetiſch füh⸗ lendes Volk konnte ſich noch nicht zu der erhabenen Idee eines einigen Gottes emporſchwingen. Wie ſchade, daß ich nicht griechiſch verſtehe, ſonſt möchte ich gern den Homer leſen! Er iſt ſehr gut in demſelben Versmaße von Voß ins Deutſche überſetzt, und wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſo wollen wir wenigſtens einige Geſänge leſen. Was heißt das, Versmaß, und warum nennt man das Geſänge? Wird es geſungen? Vielleicht wurde es früher geſungen, und über das Versmaß will ich Ihnen das Weitere mittheilen, wenn wir den Homer ſelbſt leſen. Sie werden außerdem die ganze Mythologie, das heißt die Götterlehre, der Griechen kennen lernen. Iſt das auch erlaubt? fragte ſie zweifelnd; verſtößt es nicht gegen die Lehren unſerer Religion? O, wir glauben ja nicht daran, erwiederte er lächelnd — die Griechen ſelbſt hegten ſtarke Zweifel in dieſer Be⸗ 205 ziehung, und ihre ſpäteren Philoſophen und weiſen Män⸗ ner ſtellten Lehren auf, die in ihren Grundzügen viele Aehn⸗ lichkeit mit dem Chriſtenthume haben. Nun, ſo laſſen Sie uns immerhin den Homer leſen. Er las ihr dann mehrere Geſänge der Jliade und der Odyſſee vor und erfreute ſich an der lebendigen, tief empfindenden Auffaſſung, mit welcher ſie die einfachen und doch ſo hochpoetiſchen Schilderungen des Vaters der Dicht⸗ kunſt aufnahm. Dabei kam es natürlich zu einer Menge Fragen und Erörterungen, und als er ihr die roſenfinge⸗ rige Eos und den Sonnengott Apollo beſchrieb, geriethen ſie auf ein neues Gebiet, das ihr Intereſſe ſo vorzugsweiſe in Anſpruch nahm, daß ſelbſt der Vater Homer darüber wieder in den Hintergrund trat. Er ſchilderte ihr die beſchränkte und irrige Weltan⸗ ſchauung der Griechen, die falſchen Vorſtellungen, welche ſie von der Erde und dem ganzen Weltſyſtem gehabt, und berichtigte natürlich, wenn auch nur in kurzen Umriſſen, dieſe Irrthümer. Da ihre eigene Kenntniß von dieſen Din⸗ gen jedoch ſehr unvollſtändig war, ſo mußte er bis auf die erſten Grundſätze der mathematiſchen Geographie und der Aſtronomie zurückgehen, wurde aber durch das lebhafte Jutereſſe ſeiner gelehrigen und wißbegierigen Schülerin bald zu umfaſſenderen und genaueren Mittheilungen ge⸗ nöthigt. Da die Aſtronomie eine Wiſſenſchaft war, die er 206 ſelbſt mit beſonderer Vorliebe gepflegt hatte, ſo war er keineswegs ſparſam in dieſen Mittheilungen und erſchloß vor ihrem ſtaunenden Geiſte alle die Wunder des Him⸗ mels, welche ſo viele Menſchen täglich in bewußtloſer Stumpfheit anſtarren, ohne eine Ahnung davon zu be⸗ ſitzen. Es ging ihr wie ſo Vielen, welche zuerſt den unge⸗ übten Blick in die Unendlichkeit der Schöpfung richten und in ihre, der menſchlichen Faſſungskraft unerreichbare Fern⸗ ſichten— ihr Geiſt verwirrte ſich, ſie begann zum erſten Male an den Worten ihres Lehrers zu zweifeln. Wie iſt es möglich, das Alles zu wiſſen? fragte ſie. Wodurch will man erfahren haben, daß der Mond, wie Sie ſagen, 50,000 Meilen von uns entfernt iſt und daß dieſe Entfernung im Verhältniß zu derjenigen der Sonne ſo klein iſt? Wie kann man die Größe der Sonne meſſen und ſagen, ſie ſei ſo und ſo groß, millionenmal größer, als unſere Erde, die ja am Ende gar nichts mehr iſt, als ein unſcheinbarer Punkt? Ich kann Ihnen das nicht näher erklären, ſagte er, einiger verlegen, aber es beruht auf den genaueſten Be⸗ obachtungen und Berechnungen, welche richtig ſein müſ⸗ ſen, weil die Bewegungen aller zu unſerem Sonnenſyſteme gehörenden Himmelskörper ganz ſicher darnach vorher an⸗ gegeben werden können. Es ſind durchaus nicht etwa Glaubensſätze, die ſich nicht beweiſen ließen; ich kann Ih⸗ 207 nen den Beweis ſelbſt nur nicht geben, einmal, weil ich in dieſen Dingen nicht ſo erfahren bin, und dann, ſetzte er et⸗ was verlegen hinzu, weil Sie es auch wohl nicht verſtehen würden. Es ſind ſehr verwickelte Rechnungen. Und alle jene Millionen Sterne, die am Himmel glänzen— ſie ſtanden zuſammen am Fenſter und es war eine klare, helle Wintersnacht— wären wieder Sonnen und ſo ungeheuer weit von uns entfernt, daß ſie nur des⸗ halb wie kleine Sterne ausſehen? Jeder dieſer unendlich vielen Sterne hat ſein eige⸗ nes Licht, wie die Sonne, und iſt deshalb eine Sonne. Der nächſte iſt viel weiter von der Sonne entfernt, als die Sonne von uns, und jeder wieder eben ſo weit oder wei⸗ ter von dem anderen. Es kann Sterne geben, deren Licht, ihrer weiten Entfernung wegen, noch nicht hat bis zu uns dringen können, die wir daher noch nicht geſehen haben, obgleich das Licht nur acht Minuten gebraucht, um von der Sonne zu uns zu gelangen. Wie kann man das wiſſen? Es iſt Niemand mit dem Strahle des Lichtes von der Sonne zur Erde ge⸗ fahren. Niemand, ſagte er lächelnd; es iſt eine ſehr ſchwie⸗ rige und verwickelte Lehre, die Lehre vom Licht, und es mag manches darin geben, was noch nicht hinlänglich er⸗ forſcht iſt; aber ſeine Geſchwindigkeit läßt ſich genau meſ⸗ 208 ſen— Sie müſſen das vorläufig ebenfalls als erwieſen annehmen. Ach, ſagte ſie nach einiger Zeit, in welcher Beide ge⸗ ſchwiegen hatten, indem ihr leuchtender Blick voll Bewe⸗ gung an den Sternen hing, wie unendlich, wie unerfaßbar groß iſt Gottes Schöpfung, und wie klein, wie nichtsbe⸗ deutend klein iſt der Menſch! Und doch vermag der Geiſt des winzig kleinen Men⸗ ſchen dieſe Größe der Schöpfung zu erkennen und zu er⸗ faſſen. O, nicht zu erfaſſen, erwiederte ſie abwehrend; ich kann es wenigſtens nicht, mir ſchwindelts bei dieſen Vor⸗ ſtellungen, und ich komme mir unbedeutender vor als der Wurm, der im Staube kriecht! Der Wurm hat keine Vorſtellung von Gott und ſei⸗ ner Größe; je größer und erhabener die Schöpfung iſt, deſto größer und erhabener erſcheint uns Gott ſelbſt, und je mehr wir befähigt find, dieſe Größe zu erkennen, mag unſere Erkenntniß auch unvollkommen und mangelhaft ſein, deſto mehr wird ſich in uns die troſtvolle Ueberzeu⸗ gung befeſtigen, daß Gottes Allmacht den erkennenden Geiſt nicht zum Vergehen mit ſeiner irdiſchen Wohnung beſtimmt hat. O, darüber haben wir ja die volle Gewißheit durch Gott ſelbſt, der es uns durch ſeinen eingeborenen Sohn 209 offenbart und die ewige Seligkeit verheißen hat! ſagte ſie freudig. Die haben wir, erwiederte er mit etwas leiſerer Stimme; halten Sie ſtets feſt, unerſchütterlich feſt an die⸗ ſer troſtreichen Ueberzeugung, denn: was der Verſtand der Verſtänd'gen nicht ſieht, das übet in Einfalt ein kind⸗ lich Gemüth! Gräfin und Marquiſe. 1. 14 Fünfzehntes Capitel. In ſolcher Weiſe verfloß der Winter. Sie bedauerten es faft, als die Tage zu längen begannen und die Abende ſich verkürzten, dieſe Abende, welche ſo genußreich geweſen waren für Lehrer und Schülerin. Jede Uebergangszeit hat ihr Unangenehmes, und ſo war es auch für ſie, als das Wetter draußen noch immer rauh und ſtürmiſch blieb und doch der heranziehende Frühling die Sehnſucht nach dem Aufenthalte im Freien erweckte. Es kamen jedoch auch bald freundliche und warme Tage, welche wenigſtens Spazier⸗ gänge geſtatteten, hinaus in den zwar noch blätterloſen, aber doch ſchon zur Frühlingsfeier ſich vorbereitenden Wald, oder über die Wieſen, welche anfingen, ſich mit einem grü⸗ nen Schimmer zu bekleiden. Auch die Herzen der Menſchen werden im Frühling zu neuem Leben erweckt, die alten empfinden wieder jugendlicher oder die Sehnſucht nach der entſchwundenen Jugend macht ſie raſcher ſchlagen, in den 211 jungen aber, die ſich noch ſelbſt im Lebensfrühling befin⸗ den, treibt es zu neuer Luſt und zu neuer, reger Betheili⸗ gung an den Freuden der ſelbſt im Gewande der Freude prangenden Erde. Es war ein milder Nachmittag, die Sonne ſtand am wolkenloſen, blauen Himmel und ſchickte ihre erwärmenden Strahlen in das Thal hinab, welches ſie begierig aufſog und aus dem die dunkeln Rauchſäulen der Hefen, von kei⸗ nem Luftzuge bewegt, ſenkrecht und langſam emporſtiegen. — Sie ſaßen auf einer Bank am Abhange einer Höhe und ihr Auge hing an dem ſeinigen, denn er hatte ſie auf dieſen Spaziergängen in die Unendlichkeit der Schöpfung auch in ihrer Kleinheit eingeführt, ſie über den künſtlichen Bau der Blätter und Pflanzen, über ihre Ernährung, ihr Wachsthum und über alle jene eben ſo unbegreiflichen und ſtaunenswerthen Werke der Natur belehrt, zu deren Er⸗ kenntniß des Menſchen Auge eben ſo wie zu der Unend⸗ lichkeit des Großen einer Hülfe bedarf, welche ſein erfin⸗ dungsreicher Geiſt ſich ſelbſt geſchaffen hat. Vielleicht hat der Apotheker ein Mikroskop, bemerkte Walther, als ſie ihn bei manchen Schilderungen zweifelnd anſah, dann ſollen Sie ſelbſt ſehen und Sich ſelbſt über⸗ zeugen. O, ich glaube Ihnen, Sie würden es mir ja ſonſt nicht ſagen! erwiederte ſie. In dieſen Dingen darf man nicht glauben, man muß 14 5. 212 ſich überzeugen und nur das als wahr annehmen, wo⸗ von man überzeugt iſt. Hierin unterſcheidet ſich die Wiſſen⸗ ſchaft von der Glaubenslehre. Aber Sie würden mir gewiß nicht etwas als wahr bezeichnen, wenn Sie Sich nicht davon überzengt hätten. Gewiß nicht, erwiederte er, durch dieſes unbedingte Vertrauen einigermaßen in Verlegenheit geſetzt; indeß ich kann mich ja irren, und diejenigen, welche ſich für über⸗ zeugt hielten und Anderen dieſe ihre Ueberzeugung mit⸗ theilten, können ſich ebenfalls geirrt haben. Der Menſch iſt ein uwvollkommenes Weſen und gelangt immer nur durch Irrthum zur Wahrheit. Bedenken Sie nur, wie un⸗ endlich lange die Menſchheit über ſo viele, jetzt unumſtöß⸗ lich feſtſtehende Wahrheiten ſich im Irrthum befunden hat. Dasſelbe wird auch jetzt noch in vielen Dingen der Fall ſein, und in kommenden Jahrhunderten wird man gewiß Vieles belächeln, was wir jetzt als wahr und richtig anneh⸗ men. Das iſt es aber nicht allein, was die Menſchheit hin⸗ dert, auf dem Wege der Erkenntniß fortzuſchreiten— es giebt leider Viele, welche dies aus irgend einem Grunde abſichtlich verhindern und ihre Mitmenſchen in der Täu⸗ ſchung und in der Finſterniß zu erhalten ſtreben. Das kann ich mir nicht denken; warum ſollten ſie das thun? Denken Sie an die Orakel und an die Prieſter der Griechen und Römer; ſie wußten ſehr wohl, daß ihre ver⸗ — 213 meintlichen Götter nicht die Macht hatten, welche ſie ihnen zuſchrieben, und ſie ſelbſt glaubten am wenigſten daran. Weshalb ſollte ein Menſch abſichtlich eine Unwahr⸗ heit, eine Lüge ſagen? Er kann dazu mancherlei Beweggründe haben, ſelbſt ſogar gute. Er kann zum Beiſpiel dadurch von Jemand Anderem einen Nachtheil, ein Unglück abwenden wollen. Würden Sie in einem ſolchen Falle nicht die Sünde einer Unwahrheit auf Sich nehmen? Sie ſchlagen die Augen nieder, fuhr er lächelnd fort, während eine tiefe Röthe ihr Geſicht bedeckte, und es will mir faſt ſcheinen, als wären Sie Sich ſelbſt einer ſolchen Abweichung von der Wahr⸗ heit bewußt. Habe ich Unrecht? Nein, nein, erwiederte ſie, ohne aufzublicken, Sie ha⸗ ben Recht. Nun ſehen Sie, fuhr er fort, ſich an dieſer unſchnlds⸗ vollen Beichte ergötzend, alſo Sie haben auch einmal wiſ⸗ ſentlich die Unwahrheit geſagt?— Sie nickte leiſe mit dem Kopfe.— Dann müſſen Sie Ihren Fehler wieder gut machen, ſprach er weiter. Wann war es denn? Muß ich es ſagen? fragte ſie ängſtlich. Weshalb müſſen— wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben. Kein Vertrauen 2.O, wie können Sie ſo etwas glau⸗ ben— es war— damals, als der Officier hier war— 2¹4 Der Officier? fragte er jetzt mit einer ganz anderen Empfindung Haben Sie mit dem Officier geſprochen? Allerdings— in der Laube— es war ja mein Bru⸗ der Ravul. Ihr Bruder— rief er in höchſtem Erſtaunen— Sie häben einen Bruder— und Er war Ihr Bruder? Eigentlich iſt er nicht mein Bruder, aber wir ſind zu⸗ ſammen aufgewachſen, und als er dann kam, erkannten wir uns wieder.... Nun weiter, weiter! 6 Ich erfuhr von ihm, daß er Sie verhaftet habe und ausliefern müſſe, und da erzählte ich ihm, daß— daß Sie mir das Leben gerettet haben, fuhr ſie mit einem leuch⸗ tenden Blicke fort, und deshalb ſelbſt verwundet worden ſeien. Ich fragte ihn, ob er den Retter ſeiner Schweſter ſeinen Feinden überliefern wolle, und ſagte ihm, daß er mich dann niemals geliebt haben könnte und auch jetzt nicht mehr liebe. Und er? O, er liebte mich noch, wie damals, als wir als Kin⸗ der zuſammen ſpielten. Ich mußte ihm verſprechen, nichts von Alle dem zu ſagen, auch Niemandem die Zuſammen⸗ kunft mit ihm zu verrathen, weil er ſonſt ſelbſt vor ein Kriegsgericht geſtellt werden könnte, und dann— nun, Sie wiſſen ja, was weiter geſchah! ——— 215 Alſo Sie ſagten ihm, daß ich ein braunſchweigiſcher Officier ſei? Mußte ich das nicht? Hätte ich ihm ſonſt ſagen kön⸗ nen, daß Sie mir das Leben gerettet haben? Ach, erwähnen Sie doch dieſer unbedeutenden Sache nicht ſo oft!— Als deshalb, ſprach er, nachdem Beide eine längere Zeit geſchwiegen hatten, vor ſich hin, alſo deshalb jenes unerklärliche Benehmen des Officiers! Er muß Sie ſehr, ſehr lieb haben, Fräulein Margot, ſagte er dann, ſie eigenthümlich anblickend, denn er hat viel und Großes auf das Spiel geſetzt! O, gewiß hat er mich ſehr lieb, ſagte ſie mit vor Freude glänzenden Blicken, und ich liebe ihn eben ſo ſehr! Aber Sie bemerkten doch vorhin, er ſei nicht Ih Bruder. Iſt er es oder iſt es er nicht? fragte er mit un⸗ gewöhnlicher Erregung. Herr Viorne ſagte mirſtets, er ſei es nicht, erwiederte ſie traurig, aber Rabul und ich, wir glauben es doch— wenigſtens möchten wir es gern glauben. Könnten Sie mir vielleicht erzählen, was Sie zu die⸗ ſem Glauben beſtimmt?— Wenn es Sie nicht langweilt! erwiederte ſie unbe⸗ fangen. O, nicht im Mindeſten— im Gegentheil— Sie werden mich durch ein ſolches Vertrauen ſehr verbinden. Sie erzählte nun mit kindlicher Unbefangenheit ihre 216 dem Leſer bereits bekannte einfache Jugendgeſchichte, indem ſie mit ſichtlicher Freude an der Erinnerung all die kleinen Vorfälle ſchilderte, welche ſie aus jener Zeit in ihrem treuen Gedächtniſſe aufbewahrt hatte. Er hörte ihr mit geſpannter und ſich immer mehr ſteigernder Aufmerkſamkeit zu, und es durchzuckte ihn jedes Mal ein ſchmerzliches Gefühl, wenn ſie ſo offen und frei der Liebe gedachte, welche ſie mit dem Geſpielen ihrer Kind⸗ heit verbunden habe und noch verbinde. Nach dieſer Erzählung, ſagte er dann, ſcheint es mir im höchſten Grade unwahrſcheinlich, daß dieſer junge Mann Ihr Bruder ſein ſoll. Wenn ſeine Eltern auch Ihre Eltern wären, weshalb ſollte man ſie fortgeſchickt haben? Sie müſſen dieſen Gedanken aufgeben— ganz aufgeben — er beruht auf einer Täuſchung. Wenn Sie es auch ſagen, wird es wohl ſo ſein, er⸗ wiederte ſie traurig. Aber Sie lieben ihn dennoch, obgleich er nicht Ihr Bruder iſt? Sollte ich es nicht? fragte ſie— o, das wäre ja ſchlecht und undankbar von mir! Nein, nein, ich liebe ihn jetzt mehr, als je, jetzt, nachdem er mir einen ſo großen Beweis ſeiner Liebe gegeben hat, und werde ihn immer lieben. Nicht wahr, ich würde ſonſt ſchlecht und undankhar handeln? Allerdings, allerdings, ſagte er mit einem gezwunge⸗ — 217 nen Lächeln, aber Sie müſſen dabei ſtets daran denken, daß er... Er brach mitten in ſeiner Rede ab, denn als er in ihre ihn ſo voll Unſchuld und zugleich ſo angſtvoll anblickenden Augen ſchaute, überkam ihm ein Gefüh der Scham— er wußte ſelbſt nicht, weshalb.— Und ha⸗ ben Sie ſeit jener Zeit nichts mehr von ihm gehört? Nichts weiter, als die Nachricht, welche der Apothe⸗ ker überbrachte, daß er zu einem franzöſiſchen Regimente nach Spanien verſetzt ſei. Hat er nicht an Sie geſchrieben? Nein, er hat nicht geſchrieben; er verſprach, bald zu⸗ rückzukehren, aber er konnte es nicht, und jetzt iſt er weit, weit von hier, ſetzte ſie traurig hinzu.— War es unrecht, fragte ſie nach einiger Zeit, während Walther nach⸗ denkend da geſeſſen hatte, war es unrecht, daß ich Herrn Wehring die Wahrheit verſchwieg, als er mich da⸗ mals fragte, ob ich mit Raoul geſprochen? Nicht wahr, ich durfte es ihm nicht ſagen? Ich will mir darüber kein Urtheil anmaßen, erwie⸗ derte er ausweichend, indem ſeine Blicke zerſtreut den Rauch⸗ ſäulen folgten, die wie wichtige Pläne und Entwürfe aus dem Gehirn der Menſchen ſich dicht und voll aus den Schornſteinen emporwälzten, um dann bald darauf ſpur⸗ los in der Luft zu verſchwinden. Würden Sie es geſagt haben? fragte ſie wieder und fah ihn ängſtlich an. 218 Ich? erwiederte er— ich?— Nein, ich würde eben ſo gehandelt haben, und Sie mögen daraus erſehen.... O, das freut mich, rief ſie wieder heiter, denn wenn Sie es auch nicht gethan hätten, ſo habe ich jedenfalls recht gehandelt! O, Margot, ſagte er gerührt und faſt beſchämt über dieſes feſte, kindliche Vertrauen, Sie dürfen mich nicht zum Vorbilde Ihrer Handlungen nehmen, Sie würden damit ein großes Unrecht begehen, denn ich habe viele, viele Feh⸗ ler, vor denen Sie Sich hüten müſſen! Fehler? fragte ſie, ihn zweifelhaft anblickend, aber mit freudiger Stimme— ach nein, nein, Sie haben keine Fehler, und es iſt mein höchſtes Beſtreben, Ihnen ähnlich zu werden! Nicht doch, nicht doch, ſagte er, ich ſchäme mich vor mir ſelbſt, daß Sie eine ſolche Meinung vor mir haben, die ich ſo wenig verdiene. Sehen Sie, wie ſehr der Menſch dem Irrthume unterworfen ift, fuhr er fort, indem er ſich zwang, denjenigen Ton auzunehmen, in welchem er, ſie belehrend, zu reden pflegte— alle Menſchen ſind dem Irr⸗ thume unterworfen, alle ohne Ausnahme haben Fehler und werden durch die ihnen innewohnende Unvollkommenheit zu Handlungen verleitet, die— die— nun, die unrecht, fündhaft ſind— Sie haben das ja in der Religionslehre ge⸗ hört—, deshalb darf man ſich nie einen anderen Menſchen als Muſter ſeiner Handlungsweiſe aufſtellen und dasjenige, 219 was er thut, unbedingt für recht halten, ſondern man muß ſelbſt prüfen und nach ſeiner eigenen Ueberzeugung han⸗ deln. Am allerwenigſten dürfen Sie aber in mir— ein derartiges Vorbild Ihrer Handlungen erblicken wollen, Sie würden damit ein doppeltes Unrecht begehen. Ich weiß wohl, weshalb Sie ſo reden, ſagte ſie, in⸗ dem ſie ihn mit ihren großen, dunkeln Augen ſo freudig und zugleich ſo vertrauensvoll anblickte, daß er die ſeini⸗ gen abzuwenden genöthigt war. Nun, weshalb? fragte er, als ſie ſchwieg. Weil Niemand ſich ſelbſt loben darf und Sie dies gewiß am wenigſten thun werden. Sehen Sie, Sie können nichts dagegen ſagen, fuhr ſie lächelnd fort, als er, ſichtlich um eine Antwort verlegen, ſchwieg.— Doch da kommt die Frau Wehring, ſie hat einen Brief— einen Brief für Sie aus Ihrer Heimath, ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu. Es geſchieht häufig im Leben, daß man von Dingen oder Perſonen nach langer Zeit mit Anderen ſpricht und ſich lebhaft ihrer in Gedanken erinnert und gerade in ſol⸗ chen Momenten auch durch ein äußerliches Ereigniß wieder mit ihnen in Verbindung geſetzt wird. Der Brief, wel⸗ chen die Frau Wehring brachte und ſchon von Wei⸗ tem hoch empor hielt, war nicht an Walther, ſondern an Margot. Ein Brief für Dich, mein Kind, rief faſt athemlos 220 die eilig nahende Frau, denke nur, ein Brief„An Fräulein Margot Wehring in der Fichtenau im Harz bei Quedlin⸗ burg, Westfalie“— und aus Spanien; wie ſonderbar, aus Spanien! Ach, er iſt von Raoul, von Raoul! rief Margot in höchſter Freude, von meinem Bruder! Von Deinem Bruder? fragte die F Frau erſtaunt und zugleich einigermaßen verletzt; Du haſt einen Bruder und mir nie etwas davon geſagt? Ach, glaube nicht ſo etwas von mir, liebe Mutter— ſo mußte ſie die Frau Wehring auf ihren ausdrücklichen Wunſch nennen— er iſt eigentlich nicht mein Bruder, ſon⸗ dern jener Knabe, mit dem ich in meiner Kindheit zuſam⸗ men geſpielt habe. Der* Aber wie weiß er, daß Du hier biſt? Ich will es Dir auch nicht länger verſchweigen, liebe Mutter, wenn ich es ihm auch verſprochen habe— er war jener Officier, der damals hier war— mit den Hußaren — Du weißt ſchon. Der war es? Und Du haſt mir nichts davon geſagt! Ich hatte es ihm verſprochen— ſei mir nicht böſe, ich will Dir jetzt Alles erzählen. Aber erſt möchten Sie doch gern den Brief leſen, nicht wahr? bemerkte Walther in ſichtlicher Unruhe; laſſen Sie uns während der Zeit hinabgehen, wandte er ſich an die Frau Wehring; Fräulein Margot hat ja ſo lange nichts 221 von dem Geſpielen ihrer Kindheit gehört, an dem ſie noch immer mit ganzer Seele hängt. Während die Beiden ſich entfernten, blieb ſie auf der Bank ſitzen, erbrach mit bebender Hand den Brief, den er⸗ ſten, welchen ſie in ihrem Leben erhalten hatte, und las ihn, während ſich ihre Augen mit Thränen füllten.— Der gute, liebe Raoul, flüſterte ſie dann vor ſich hin; er hat mich nicht vergeſſen, er denkt und ſchreibt an mich wäh⸗ rend all der Schrecken des Krieges— ach, möge der gü⸗ tige Gott ihn vor den vielen Gefahren beſchützen!— Langſam faltete ſie den Brief wieder zuſammen und ging hinab. Auf dem Wege traf ſie Walther. Er hatte auf ſie gewartet, faſt gegen ſeinen Willen, aber er hatte es doch gethan. Nun, haben Sie gute Nachrichten? Befindet ſich Herr Ravul wohl? Warum nennen Sie meinen guten Bruder Herrn Raoul? ſagte ſie, ihn vorwurfsvoll anſehend— er befand ſich wohl, als er dieſe Zeilen ſchrieb, aber, ſetzte ſie traurig hinzu, der Brief iſt ja zwei Monate alt, und der Krieg— ach, der böſe, ſchreckliche Krieg! Nun, Sie haben doch wenigſtens wieder eine Nach⸗ richt von ihm— er iſt ſonſt unverändert, nicht wahr? Unverändert? Wie meinen Sie das? Ich meine, ob er ſich in ſeinen Geſinnungen gegen Sie nicht verändert hat. 222 O, wie könnte er das! Würde er ſonſt geſchrieben haben? 6 Nun, das freut mich, erwiederte er kalt. Wollen Sie den Brief leſen? fragte ſie freundlich. Leſen? Den Brief? Ach ja, leſen Sie ihn, hat ſie, ihm den Brief hin⸗ reichend; Sie würden mir eine große Freude dadurch be⸗ reiten! Nein, nein, mein Fräulein, ſagte er abwehrend der⸗ artige Briefe ſind nun für diejenigen beſtimmt, an welche ſie geſchrieben ſind— nicht für einen Fremden. O, ich ſehe nur wohl, erwiederte ſie, indem ſie die emporgehaltene Hand traurig wieder herabſinken ließ, daß Sie keinen Antheil an mir nehmen, denn ſonſt müßten Sie ſo ſelbſt danach Verlangen tragen, einen Brief, der mich doch ſehr beglückt hat, auch zu leſen! So ſehr hat er Sie beglückt? Ja, ſehr, ſehr! ſagte ſie mit glänzenden Augen— aber, nicht wahr, Sie ſchlagen mir meine Bitte nicht ab? Ich kann dann mit Ihnen über das, was er ſchreibt, reden — ach, das würde mich ſehr beglücken! Sonſt muß ich das Alles in mich ſelbſt verſchließen. Wiſſen Sie auch, daß dies der erſte Brief iſt, den ich in meinem ganzen Leben erhal⸗ ten habe? O bitte, bitte, leſen Sie ihn! Wenn Ihnen ſo ſehr viel daran gelegen iſt, ſagte er zögernd, indem er den Brief annahm— aber weshalb 223 ſchreibt er nicht an Sie unter Ihrem wahren Namen? Weshalb ſchreibt er an Fräulein Margot Wehring und nicht an Fräulein Margot de Larey? Er weiß vielleicht gar nicht einmal, daß ich ſo heiße. Als wir getrennt wurden, waren wir ja Beide noch Kinder, und Herr Viorne erzählte mir erſt ſpäter, daß mein Vater de Larey geheißen. Damals aber, als Ravul hier war, hatte ich ja gar keine Zeit, von mir zu erzählen, denn... Seien Sie mir nicht böſe, ſagte er beſchämt, als ſie den angefangenen Satz vollendete, ich weiß ja, was Sie damals zu beſprechen hatten— kommen Sie, ſetzen wir uns noch ein wenig, damit ich den Brief recht ausführlich leſen kann, da Sie es nun doch einmal ſo haben wollen. Während er las, hing ihr Blick faſt unverwandt an dem ſeinigen, und als er geendet und ihr den Brief zurück⸗ gab, ſah ſie ihn fragend und forſchend an, als ob ſie ſich vergewiſſern wolle, ob der Inhalt auch einen eben ſo tiefen und mächtigen Eindruck auf ihn gemacht habe, wie auf ſie ſelbſt. Nicht wahr, er iſt noch ganz unverändert? fragte ſie dann. Es ſcheint mir ſo, erwiederte er, indem er ſich be⸗ mühte ſo unbefangen zu ſein wie möglich, denn er ſchreibt voll wahrer Theilnahme und Liebe. O, das freut mich, freut mich unendlich, daß Sie das auch ſagen— ach, wenn nur der ſchreckliche Krieg nicht 224 wäre! Mein Gott, wer kann wiſſen, ob er nicht jetzt, wäh⸗ rend wir ſo heiter von ihm reden... Machen Sie Sich nicht ſolche traurige Vorſtellungen, tröſtete er, es wäre undankbar, wenn Sie Sich gerade heute, wo Sie durch ein ſo freudiges Ereigniß beglückt worden ſind, Sich derartigen Gedanken hingeben wollten. Sie haben Recht, ſagte ſie, mit ihren Gefühlen kämpfend; es wäre unrecht gerade heute. Aber auch gerade heute fühle ich es mehr denn je, wie unglücklich es mich machen würde, wenn— doch ich will nicht daran denken. Der liebe Gott, der mir dieſe Freude geſchickt hat, wird ihn ja auch ferner in ſeinen gnädigen und gütigen Schutz nehmen. — Sechszehntes Capitel. Aber auch für Walther war ein Brief eingetroffen. Frau Wehring hatte ihn auf den Tiſch in ſeinem Zimmer gelegt. „Ich muß Dir einen langen Brief ſchreiben, Wal⸗ ther,“ ſchrieb ſein Freund Wallfort,„denn ich habe Dir Vieles mitzutheilen, und da ich Dich kenne und weiß, daß Du in Deinen Entſchließungen Dich häufig von allerlei Ne⸗ bendingen beſtimmen läßt, ſo will ich verſuchen, Dir auch dieſe Nebendinge vorzutragen, weil ich gern, ſehr gern wünſchte, daß DBu auf meinen Vorſchlag eingingſt, nämlich Deine Fichtenau, wo es Dir ſehr zu gefallen ſcheint, zu ver⸗ laſſen und nun zurückzukehren. „Doch zur Sache. Von den Gütern meines Oheims liegen zwei etwas entfernt von den anderen, ſo daß ihre Bewirthſchaftung ſtets beſondere Schwierigkeiten gehabt hat. Das Areal beträgt eirca 10,000 Morgen mit ſo und Gräfin und Marquiſe, I. 15 226 ſo viel Vorwerken. Der Ertrag dieſer Güter, deren Boden ſonſt nicht ſchlecht ſein ſoll, war bisher unverhältnißmäßig gering, ja, in manchen Jahren gleich Null. Mein Oheim, der bei all' ſeinem Aufwande doch eigentlich geradezu gei⸗ zig iſt, war deshalb ſtets mit ſeinem Adminiſtrator im Un⸗ frieden und die Verwaltung dieſer beiden Güter ging von Hand zu Hand. Der Erfolg blieb jedoch derſelbe. Eines Tages ritt ich mit ihm in den Wald, er wollte die Vergrö⸗ ßerung ſeines Wildparks beſichtigen, eine Liebhaberei, die ihm, beiläufig geſagt, eine Maſſe Geld koſtet, und er ſchien durch den abermaligen Abgang des Verwalters jener Güter in ſichtlich übler Laune. „Beſter Oheim, ſagte ich, warum verpachten Sie denn dieſe Güter nicht, Sie würden einen beſtimmten und ſicheren Ertrag haben und wären aller dieſer Scherereien enthoben?— Das verſtehſt Du nicht, erwiederte er in ſei⸗ ner verdrießlichen Manier, aber darauf kommt es ja auch nicht an, man muß nur über Alles reden und ſchwatzen. „Möchten Sie mich denn vielleicht belehren?— Was iſt da viel zu belehren? Es paßt ſich in meiner Stellung nicht, meine Güter zu verpachten, das können meinetwegen die Bauern thun, wenn ſie Luſt dazu verſpüren, aber ein Edelmann verwaltet ſein Eigenthum ſelbſt oder läßt es ver⸗ walten. Außerdem, wenn ich verpachtete, würde ich von ir⸗ gend einem Lump, der ſich darauf ſetzte, doch keine Pacht bekommen und wäre noch ſchlechter daran, wie jetzt. Nein, 227 es liegt nur daran, daß ich keinen geeigneten Adminiſtrator erlangen kann, der ſein Fach verſteht, kein Windbeutel, kein Herumtreiber und auch kein Betrüger iſt, aber ſolche Leute ſind ſelten. „Vielleicht liegt es auch daran, bemerkte ich, daß die Leute zu gering in ihren Einnahmen geſtellt werden.— Soll ich den Kerlen vielleicht noch Geld zugeben, entgeg⸗ nete zornig mein Oheim, iſt es nicht genug, wenn ich von zehntauſend Morgen ganz guten Landes mit ſchönen Wie⸗ ſen— doch das verſtehſt Du nicht— gar nichts erhalte? Immer Meliorationen, dann würde ein doppelter und drei⸗ facher Ertrag herauskommen. Ich habe den Henker von dieſen Meliorationen! Selbſt in dieſer miſerabeln Zeit, wo das Grundeigenthum faſt werthlos iſt wegen der uner⸗ ſchwinglichen Laſten, die darauf ruhen, würde ich fünfzig⸗ tauſend Thaler für die beiden Güter erhalten, obgleich ſie weit über das Doppelte werth ſind. „Warum verkaufen Sie denn nicht?— Meine Gü⸗ ter ſind keine Waare, die wie bei den Juden von Hand zu Hand geht, wenn jetzt auch jeder bürgerliche Lump adelige Rittergüter kaufen und beſitzen darf; ich werde das Erbe meiner Väter nicht unter dieſes Volk bringen— das fehlte mir gerade. Zudem gehören ſie auch zum Majorat, ſetzte er nach einiger Zeit hinzu. „Wie ſteht ſich denn ein Adminiſtrator? fragte ich weiter.— Wie er ſich ſteht? Nun, er hat vierhundert Tha⸗ 15 228 ler fires Gehalt und freie Station, er lebt alſo wie ein Vo⸗ gel im n Das finde ich wenig.— Wenig? fragte er verwun⸗ dert und zugleich ärgerlich— nun, ich ſollte denken, es könnte Einer lange ſuchen, ehe er ſecheletete fände. „Ich will rbeuih nicht ſagen, daß es zu wenig ſei, bemerkte ich, man kann, wenn man ſonſt Neigung zu die⸗ ſen Dingen und zur Einſamkeit hat, damit hinten in dem verlorenen Winkel ſchon ganz gut leben, um ſo mehr, als es ſchwer halten würde, in irgend einer Weiſe dort Lurus zu treiben— aber die Form gefällt mir nicht, ſcheint mir nicht praktiſch.— Möchteſt Du ete Weisheit nicht nã⸗ her ii Sfragte ſpöttiſch mein Oheim. „ Ah, es iſt keine große Weisheit, ich meine nur, wenn man einen ſolchen Mann auf Tantiéme anſtellte, ihm einen verhäl tnißmäßigen Gewinn vom Reinertrage gewährte, ſo müßte er ſelbſt ein Intereſſe daran haben, dieſen Reiner⸗ trag ſo groß wie möglich werden zu laſſen. „Mein Oheim ſah mich ſchweigend an, ohne etwas Weiteres zu erwiedern, und ich merkte wohl, daß mein Vor⸗ ſchlag eine neue Idee in ihm erweckt habe. Du wirſt wahr⸗ ſcheinlich denken, lieber Walther, während Du dies lieft: weshalb ſchreibt er mir dies Alles ſo ausführlich, was ge⸗ hen mich ſein Oheim und deſſen ſchlecht verwaltete Güter an! Damit Du darüber ſogleich in's Klare kommſt, will ich Dir ſagen, daß ich wünſche, Du übernähmeſt die Admi⸗ 229 niſtration dieſer beiden Güter, wo Du eine Dir gewiß zu⸗ ſagende umfangreiche Thätigkeit und auch ein an mancher⸗ lei Genüſſen keineswegs armes Leben haben würdeſt. Ran⸗ dau und Tiefenſee ſind zwei Güter unfern der öſterreichi⸗ ſchen Gränze, in ſchlechter Cultur, aber von dankbarem Bo⸗ den. So viel ich davon verſtehe, hat man jetzt dort aller⸗ dings unverantwortlich gewirthſchaftet, dem neuen Verwal⸗ ter bleibt daher ein weites Feld für ſeine Thätigkeit, ſo wie Du es liebſt. Die Gegend iſt nicht ohne Reiz, die Vor⸗ berge der Karpathen begränzen den füdlichen Horizont, und die Liſſa Hora, die höchſte Spitze derſelben, winkt ver⸗ lockend aus der blauen Ferne herüber. Das Wohnhaus, erſt vor einigen Jahren neu gebaut, entſpricht allen nicht übertriebenen Bedürfniſſen. Du könnteſt darin mit Deiner Mutter wohnen, auch, wenn Du wollteſt, noch mit einer jungen Frau, Platz iſt vorhanden. Doch das ſind am Ende Nebenſachen. Am meiſten verlockend iſt die unabhängige Stellung, denn mein Oheim kommt höchſtens im Jahre einmal dorthin, wenigſtens hat er es bis jetzt ſo gehalten, und war ſtets ſehr übel gelaunt, wenn er zurückkehrte. „Wie geſagt, es kam mir die Idee, dieſe Stelle paſſe für Dich, würde Dir zuſagen, und in dieſer Annahme habe ich gehandelt, das Weitere bleibt nun Dir überlaſſen. Alſo höre. Wie ich meinen Oheim kenne, war ich vollſtändig überzeugt, daß, wenn ich ihm den Vorſchlag gemacht hätte, Dich zum Verwalter anzunehmen, Dich, der Du in den 230 abenteuerlichen Krieg mit den Braunſchweigern gezogen biſt, ich mit Beſtimmtheit einer hohnwollen Zurückweiſung ent⸗ gegengeſehen hätte. Ich zog es daher vor, Hedwig für die Sache zu intereſſiren, denn bei ihr mußte gerade dieſer Um⸗ ſtand zu Deinen Gunſten ſprechen. Auch ſchien es mir nicht zweifelhaft, daß, wenn ſie für Dich gewonnen war, ihr Vater einwilligen würde, da, wenn ſie etwas entſchie⸗ den von ihm verlangt, er es ſchließlich immer thut, ſo ſehr er ſich auch dagegen ſperren mag. „Ich ſprach alſo mit Hedwig. Anfänglich war ihr die Sache ſehr gleichgültig; ſie meinte, ich möchte doch ſelbſt mit ihrem Vater reden. Wenn mein Freund ein ſo tüchtiger Landwirth ſei, wie ich ihn ſchildere, ſo wiſſe ſie. nicht, weshalb ihr Vater nicht einwilligen ſollte. „Wenn er nur nicht neben dem Landwirthe auch noch etwas Anderes wäre, bemerkte ich.— Noch etwas Ande⸗ res— was denn? „Ein etwas exaltirter junger Mann, der ſich von ſei⸗ nen Gefühlen oder Geſinnungen zu mancherlei unbeſon⸗ nenen Handlungen hinreißen läßt oder vielmehr hinreißen ließ, denn er iſt jetzt beſonnener geworden.— Nun, zum Beiſpiel. Nenne 4. Beiſpiel, was hat er gethan? „Er hat zum Beiſpiel jenen abenteuerlichen Feldzug mitgemacht, den der Herzog von Braunſchweig unternom⸗ men, und iſt nur mit genauer Noth der Gefangenſchaft und einem ſchimpflichen Tode entronnen.— Er iſt alſo — —— ——— 231 ein Patriot, Dein Freund, ſagte ſie, indem ſie mich mit ihren durchdringenden Augen feſt anſah. Hatteſt Du da⸗ mals kein Verlangen, Deinen Freund zu begleiten, Alfred? Wenn ich ein Mann geweſen wäre, es würde mich Nie⸗ mand zurückgehalten haben. „Nein, ich hatte kein Verlangen, dieſe Thorheit zu begehen, entgegnete ich; aber wenn Du ſelbſt als Mann eben ſo gehandelt hätteſt, Couſine Hedwig, ſo wirſt Du meinen Freund deshalb nicht für unfähig zu dieſer Stelle halten.— Inm Gegentheil, fagte ſie, wenn er ſonſt die Kenntniſſe und die Fähigkeiten beſitzt, ſo gereicht ihm dieſer Umſtand nur zur Empfehlung. „Dein Vater möchte ſchwerlich ſo denken; willſt Du mit ihm reden?— Warum nicht, erwiederte ſie leichthin. Wie heißt Dein Freund— kann er ſich meinem Vater vorſtellen? „Er heißt Walther Rohneck; aber da er ſich augen⸗ blicklich noch im Harze befindet, ſo muß das Geſchäft ſchon ohne ſein perſönliches Erſcheinen abgemacht werden.— Im Harze hält er ſich auf? Wie kommt er dahin? „Er wurde dort in einem Gefechte verwundet und lebt jetzt als Inſpector auf einem Eiſenwerke. Hier, lies dieſen Brief, Du wirſt das Nähere darin finden. „Sei mir nicht böſe, Walther, daß ich ihr Deinen Brief gab; es ſchien mir nöthig, und es ſteht ja auch nichts darin, was ſie nicht hätte leſen können. 232 „Gut, ſagte ſie, ich werde den Brief leſen und mit dem Vater reden. Morgen das Weitere.— „Am anderen Tage, es war gegen Abend, lud mich der Oheim zu einer Spazierfahrt ein. Er hat eine Menge Wagen und Pferde der verſchiedenſten Gattung und Racen, aber er fährt gewöhnlich in einem nichts weniger als be⸗ quemen ungariſchen Korbwagen, ein Ding, das allerdings leicht und zierlich gebaut, aber zugleich ſo unbequem und ſchmal iſt, daß man eigentlich nur allein darin ſitzen kann. Nun, er hat überhaupt ganz beſondere Liebhabereien, und dazu gehört auch dieſer Wagen. Wir fuhren nach Tiefen⸗ ſee, und ich merkte ſogleich, daß er die Abſicht habe, über unſere Angelegenheit mit mir zu reden. „Iſt es nicht eine Sünde und eine Schande, ſagte er, als wir uns auf den zu jenen Vorwerken gehörigen Feldern be⸗ fanden, kann man eine ſchlechtere Wirthſchaft ſehen?— Ich verſtehe nicht viel von dieſen Dingen, erwiederte ich, aber es ſieht wirklich ſehr wüſt und unwirthſchaftlich hier aus. „Liegt lediglich an der Wirthſchaft, nur an der Wirth⸗ ſchaft; ich hätte den Kerl erſt vier Wochen einſperren laſſen ſollen, ehe ich ihm den Laufpaß gab! „Ich entgegnete nichts auf dieſe energiſche Aeuße⸗ rung meines Oheims, aber ich bin ſo ehrlich, ſie Dir mitzu⸗ theilen, damit Du über ſeinen Charakter in's Klare kommſt, obgleich dasjenige, was er damals ſprach, wie vieles An⸗ dere, was er ſagt, eben Redensarten bleiben. 233 „Hedwig ſagte mir, Du hätteſt einen Menſchen für die Stelle? fragte er dann nach einiger Zeit weiter.— Einen Menſchen— er iſt natürlich ein Menſch, erwiederte ich, aber ein gebildeter, tüchtiger Menſch und zugleich mein Freund. „Ein Herumtreiber, ein Abenteurer, ich kenne das. Wie kommt der Menſch dazu, ſich um dieſe Stelle zu be⸗ werben?— Er kommt gar nicht dazu, lieber Oheim, be⸗ merkte ich, denn er bewirbt ſich nicht darum. Mein Oheim ſah mich ärgerlich und erſtaunt an. „Nun, was ſoll das heißen, ſagte er dann, Hedwig ſprach doch davon und erzählte mir, daß Dein Freund, ich habe den Namen wieder vergeſſen, nachdem er jenen lächerlichen Zug mit dem exaltirten Braunſchweiger Herzog mitgemacht, jetzt mir die Ehre anthun wolle, bei mir Inſpector zu wer⸗ den?— Da muß mich Couſine Hedwig falſch verſtanden oder ſich unrichtig ausgedrückt haben. „Nun, dann drücke Dich endlich richtig aus, rief er ärgerlich, was iſt's mit dieſer Sache?— Nichts weiter, als eine Idee von mir, entgegnete ich ruhig. Mein Freund, Walther Rohneck iſt ſein Name, hat die Landwirthſchaft ſowohl theoretiſch als praktiſch gründlich ſtudirt, iſt über⸗ haupt ein gebildeter junger Mann, der ſich weſentlich und vortheilhaft von jenen ſogenannten Landwirthen unterſchei⸗ det, welche lediglich Dünger fahren, pflügen, ſäen u. ſ. w., ohne ſich klar gemacht zu haben, ob Klima, Boden und die 234 Art der Bewirthſchaftung für ihre gewohnte Schablone auch paſſe— kurz, mein Freund, ſo dachte ich mir, würde alle Eigenſchaften beſitzen, um dieſe wüſten Felder wieder in Cultur zu bringen. „Nun, und weiter? fragte er, als ich ſchwieg.— Wei⸗ ter iſt eigentlich nichts; ich ſprach mit Hedwig darüber, und ſie meinte, ſie wolle mit Ihnen reden. Was ſie mit Ihnen geſprochen, weiß ich natürlich nicht. „Es ſcheint mir faſt, Du verlangſt, ich ſoll Deinen Freund gehorſamſt bitten, ob er nicht die Hlut⸗ haben wolle, dieſe Stelle anzunehmen, entgegnete er hohnvoll.— O, nicht im mindeſten, lieber Onkel! Sofern Sie meiner Anſicht beitreten und es für Ihre Güter vortheilhaft erach⸗ ten, meinen Freund für dieſe Stelle zu gewinnen, ſo will ich ſehr gern an ihn ſchreiben, ſobald Sie mir die Bedin⸗ gungen mittheilen. „Nein, ich halte es nicht für vortheilhaft, ihn zu ge⸗ winnen! rief er zornig. Das fehlte mir gerade! Es lau⸗ fen Hunderte von ſolchen Leuten in der Welt herum, die es als eine Gnade anſehen, einen ſolchen einträglichen Po⸗ ſten zu erhalten, deshalb brauche ich Niemandem gute Worte zu geben! „Ich fühlte, daß ich etwas zu weit gegangen war, aber ich hatte zugleich die feſte Abſicht, Dir, ſofern, es über⸗ haupt Deinen Plänen entſpricht, eine S Stel⸗ lung zu ſichern; auch baute ich feſt auf Hedwig's Einfluß. 235 „Lieber Onkel, ſagte ich daher, Sie haben mich gänz⸗ lich mißverſtanden. Es handelt ſich durchaus nicht darum, meinem Freunde gute Worte zu geben, eine Maßnahme, die ich gewiß eben ſo wie Sie durchaus mißbilligen würde, aber mein Freund weiß ja gar nichts von dieſer Stelle, dus Ganze iſt nur eine Idee, welche ſowohl Ihr eigenes als auch das Intereſſe meines Freundes in mir hat entſtehen laſſen. Ich bin überzeugt, daß Sie in ihm einen tüchtigen und ganz zuverläſſigen Inſpector oder Verwalter finden würden. Soll er es werden, ſo ſcheint es mir logiſch, daß Sie zuerſt darüber beſchließen, ob und unter welchen Be⸗ dingungen Sie ihn nehmen wollen, und daß er dann ge⸗ fragt werde, ob er die Stelle wünſche.— Wenn über den letzten Punct noch Zweifel obwalten, ſo fällt es mir nicht ein, ihn zu fragen. Erſt muß er ſich bewerben— dann werde ich entſcheiden. „Wie Sie wollen, entgegnete ich; geſtatten Sie mir dann vielleicht, deshalb an meinen Freund zu ſchreiben? — Meinetwegen, erwiederte er, obgleich ich ihm anſah, daß ihm dieſes Nachgeben ſchwer ankam. „Natürlich werde ich ihm dann die Bedingungen mit⸗ theilen müſſen, unter welchen Sie ihn anſtellen wollen.— Was ſind da viele Bedingungen, verſetzte mein Oheim är⸗ gerlich; er erhält vierhundert Thaler Gehalt und freie Sta⸗ tion nebſt zehn Procent Tantiöme vom jührlichen Reiner⸗ trage über zweitauſendfünfhundert Thaler, ſetzte er hinzu, indem er meinem Blicke auswich. „Ich ſah, daß er auf meinen Vorſchlag einging und daß meine geſtrige Bemerkung Früchte getragen, hütete mich jedoch wohl, dies in irgend einer Weiſe merken zu laſ⸗ ſen. Ich werde ſogleich an meinen Freund ſchreiben; es kann jedoch vielleicht einen Monat, auch ſechs Wochen dauern, ehe er zu antworten im Stande iſt; ſo lange würde die Stelle unbeſetzt bleiben, da mein Si ſeine dortige Stellung aufgeben muß, und wenn er dann hier nicht an⸗ geſtellt würde, in Nachtheil käme, was Sie doch nicht ver⸗ langen können.— Ich werde Dir darüber heute Abend das Weitere mittheilen, ſagte mein Oheim in ſeiner ärgerlichen Weiſe— ganz unerhörte Weiterungen— lächerliche Weit⸗ läufigkeiten. Umdrehen! rief er dem Kutſcher zu— nach Hauſe! „Abends kam Beſuch; die gewöhnliche, etwas langwei⸗ lige Unterhaltung über Pferde, Jagd, auch einwenig, aberſehr vorſichtig, über Politik— dann das beliebte hohe 8 Hedwig ſollte ſingen, aber ſie weigerte ſich, wie gewöhnlich, obgleich ſie eine ganz paſſable Stimme hat.— Hat der Voter mit Dir geſprochen, Coufin Arthur? fragte ſie mich, als wir allein zuſammenſtanden— ich meine wegen der Inſpector⸗Stelle in Tiefenſee.— Ja, aber ich habe keine beſtimmte Antwort erhalten. „Du ſollſt deshalb ſchreiben, bemerkte ſie; die Be⸗ 237 dingungen kennſt Du, die Stelle wird, bis die Antwort eintrifft, nicht beſetzt werden.— Ich danke Dir, Couſine Hedwig, erwiederte ich ruhig, und werde morgen ſogleich ſchreiben. „Es ſoll mich freuen, ſagte ſie, wenn die Stelle den Wünſchen Deines Freundes entſpricht; man iſt einem ſo tapferen Patrioten in dieſer erbärmlichen Zeit eine ſo un⸗ bedeutende Rückſicht ſchuldig. „Damit endeten die Verhandlungen, welche ich Dir — es iſt mir ſchwer genug geworden— in dieſer maßlo⸗ ſen Ausführlichkeit mitgetheilt habe, um Dich in den Stand zu ſetzen, das Für und Wider ſelbſt und reiflich zu überle⸗ gen. Mein Oheim iſt ein ſchwer zu behandelnder Mann, mit großen Eigenheiten, der, obgleich ſelbſt voller Wider⸗ ſprüche, keinen Widerſpruch, wenigſtens keinen directen Wi⸗ derſpruch duldet, mit Ausnahme von Hedwig. Deine Stel⸗ lung wird ihre Lichtſeiten haben, ihrer Unabhängigkeit we⸗ gen; aber auch die ſtarken Schatten werden nicht fehlen, denn es gibt mancherlei hier in dieſem Oberitalien, wie man es ſpottweiſe nennt, das ſtarke Schatten wirft. Die Bevölkerung iſt faſt ganz polniſch und von der Cultur, wie mein Oheim ſagt, noch wenig angefreſſen, ſo daß ſie ſich in den meiſten Dingen eigentlich wenig von dem Thier un⸗ terſcheidet, woraus die eine Hälfte des Menſchen beſtehen ſoll— von der anderen, vom Engel iſt wenig ſichtbar, ob⸗ gleich die Weiber und Mädchen nicht häßlich ſind, wenn ſie ——————— 238 nur nicht ſo abſcheulich ſchmutzig wären. Chauſſeen oder derartige Anſtalten beſtehen gar nicht, man iſt zu Zeiten faſt völlig abgeſchnitten, und nur bei anhaltend trockenem Wetter oder am Beſten bei Schlittenbahn iſt es möglich, mit anderen Menſchen zuſammenzukommen. Wallfort würde für Dich nicht zu fern liegen— doch das iſt am Ende Ne⸗ benſache. Dein Aufenthalt ſelbſt iſt angenehm, ſofern Du in Deiner vielſeitigen Thätigkeit Erſatz für manche Entbeh⸗ rungen zu finden weißt. In zehn Jahren kannſt Du leicht ſo viel erworben haben, um ſelbſtſtändig zu ſein. Bedenke das Alles— bedenke, ob Dir Aehnliches ſo wieder geboten wird, daß es die Heimath, wenn auch nicht die nächſte Hei⸗ math iſt, welche Dich ruft, und Du mit Deiner Mutter in Tiefenſee friedlich und ſorgenfrei leben kannſt. „Nun, lieber Freund, kann ich ſchließen; ich habe die mir geſtellte Aufgabe gelöſ't und Dir den längſten Beweis meiner Freundſchaft gegeben, denn der Brief iſt unglaub⸗ lich lang geworden. Antworte bald. Ich reiſe morgen nach Breslau, werde aber Deiner Mutter noch nichts von unſe⸗ ren Plänen mittheilen, damit ſie nicht zu vergeblichen Hoff⸗ nungen veranlaßt wird. Hoffentlich ſehe ich Dich bald wie⸗ der, und dann recht oft, da ich mich häufig in Wallffort aufhalte. So lebe denn wohl, welchen Entſchluß Du auch faſſen mögeſt, ſtets Dein treuer Freund Alfred.“ Siebzehntes Capitel. Der Menſch ſchätzt den Werth desjenigen ſtets am höchſten, was er verloren hat oder verlieren ſoll. Selbſt wenn nur die Wahrſcheinlichkeit oder die Möglichkeit eines ſolchen Verluſtes an ihn herantritt, erſcheint das Bedrohte plötzlich in einem ganz anderen Lichte, in einer ganz ande⸗ ren Geſtalt, als bisher. Wir entdecken plötzlich eine Menge von guten und werthvollen Eigenſchaften daran, und wun⸗ dern uns, daß wir dieſelben in der Gewißheit des Beſitzes bisher gänzlich überſehen haben. So geht es uns mit Per⸗ ſonen und Dingen, wozu noch die Macht der Gewohnheit kommt, welche auch gegen das Aufgeben des an ſich Gleich⸗ gültigen und Werthloſen Widerſpruch erhebt. Dieſe Ei⸗ genſchaft der menſchlichen Natur wird ſehr oft der Hinde⸗ rungsgrund zur Erreichung vorgeſteckter Ziele, die wir wieder aufgeben vder in deren Verfolgung wir läfſig wer⸗ den, weil wir nicht die Kraft beſitzen, die ſüßen Feſſeln zu 240 löſen, mit denen uns die Gewohnheit umſtrickt hat. So gehen viele, die Außergewöhnliches zu leiſten im Stande geweſen ſein würden, in der Gewöhnlichkeit fort oder ſelbſt unter, und nur Menſchen von ſtarkem Charakter oder ſol⸗ chen, die ein inneres Streben unaufhaltſam vorwärts treibt, iſt es gegeben, mit bewußtem Willen unabläſſig all ihre Kraft an die Erreichung eines beſtimmten Zieles zu ſetzen. Als Walther den langen Brief ſeines Freundes gele⸗ ſen hatte, flogen mancherlei Gedanken und Erwägungen durch ſeinen Kopf. Die Heimath erſchloß ſich wieder vor ihm; er konnte zurückkehren zu den Seinen, zu ſeiner Mut⸗ ter, und wenn auch die Gegend, wo ſeine Beſtimmung lag, nicht diejenige war, in welcher er bisher gelebt hatte, wenn ſie auch in Sitten und Gewohnheiten, ja, ſelbſt in der Sprache des Volkes ſehr verſchieden von jener war, es war doch die Heimath— erfühlte dies hier, fern im frem⸗ den Lande. Dazu eröffnete ſich ihm die Ausſicht zu einer ſelbſtändigen und ſeinen Wünſchen entſprechenden Thätig⸗ keit in einer Weiſe, wie er ſie kaum hätte vortheilhafter wünſchen können, und es war daher ein Gefühl unverkenn⸗ barer Freude, welches ihn bewegte, als er jetzt den Brief zuſammenfaltete und fortlegte. Dann fiel ſein Blick durch das geöffnete Fenſter hinaus auf das Thal, gerade jetzt ſo heiter im Sonnen⸗ ſcheine vor ihm lag. Die alten Eſſen die Wehre rauſchten und die dumpfen Hammerſchläge tönten zu ihm 241 herüber, und es war ihm, als ob alle dieſe todten Gegen⸗ ſtände ihn vorwurfsvoll fragten, ob er ſie wirklich verlaſe ſen wolle, nachdem ſie ihm ſo lange Geſelſchaft geleiſtet und kheilweiſe ſeinem Willen dienſtbar und willig gehorcht hatten ſin un2 und dann trat Margot aus dem Hauſe. Sie rief ihm freundlich, wie immer, mit ihrer hellen Stimme einen„gu⸗ ten Morgen“ zu und ging dann in den Garten, um ſich mit ihren und ſeinen Lieblingen, den Blumen zu beſchäfti⸗ gen. Viele davon hatten ſie zuſammengepflanzt und er ihr die Namen und ihre botaniſchen Eigenſchaften erklärt. Sie ſang bei dieſer Beſchäftigung eines jener kleinen, fröhlichen Lieder, welche er ſie gelehrt hatte, und die Töne ihrer lieb⸗ lichen, klangvollen und biegſamen Stimme drangen ver⸗ hallend bis zu ihm herauf. Es bemächtigte ſich ſeiner plötz⸗ lich eine tiefe Wehmuth, und es war ihm, als ob ein feſtes⸗ preſſendes Band ſich um ſeine Bruſt lege, das er vergeb⸗ lich zu entfernen ſich bemühte. 1nin Bin ich hier nicht glücklich und zufrieden, ſprach er leiſe vor ſich hin, während ſeine Blicke unausgeſetzt auf der ſchlanken Geſtalt des jungen Mädchens ruhten und ih⸗ ren anmuthigen und zierlichen Bewegungen folgten— was fehlt mir? Werde ich dort an der äußerſten Gränze meiner Heimath mehr finden, als ich hier aufgebe d— Man hut mich hier ſo freundlich, ſo theilnehmend uufge⸗ nommen, mir Schutz und Beiſtand gewährt, mir, dem Gräfin und Marquiſe. I. 16 242 Fremden, und zum Danke dafür will ich dieſe braven Men⸗ ſchen wieder verlaſſen, jetzt, wo ich anfange und mir be⸗ wußt bin, ihnen nützlich zu ſein! Iſt es vielleicht nicht über⸗ haupt beſſer, wenn ich mich der Induſtrie widme, als der Landwirthſchaft? Warum ſoll ich einen Beruf aufgeben, der mich anſpricht, in dem ich mir jetzt Kenntniſſe und Er⸗ fahrungen erworben habe, und zu einem anderen wieder zurückkehren, der mir vielleicht gar nicht mehr zuſagt? Aber meine Mutter— ſie, Alle, die ich von Jugend auf kenne und geliebt habe?— Er ſtand lange ſchweigend und nach⸗ denkend am Fenſter, während die laue Frühlingsluft ihn umwehte und die Töne von Margot's Geſang vereinzelt und verhallend zu ihm herüberdrangen. Ich will vor allen Dingen mit Wehring ſprechen und ſeine Meinung hören; er iſt ein verſtändiger Mann und wird mir gewiß das Beſte rathen. Das ſind ja ſehr verlockende Anerbietungen, bemerkte Wehring, nachdem Walther ihm den Inhalt des Briefes mitgetheilt hatte; wenn ſich das Alles wirklich ſo verhält, ſo gratulire ich von ganzem Herzen. Sie gratuliren mir, erwiederte Walther, und ich bin ſehr zweifelhaft, ob ich auf die gemachten Vorſchläge ein⸗ gehen ſoll. Darüber ſind Sie zweifelhaft?— Laſſen Sie mich offen zu Ihnen reden, Herr Wehring, denn ich ſtehe heute abermals an einem Wendepuncte meines Lebens, ————————— 243 deshalb iſt es nöthig, mich frei und ohne Rückhalt aus⸗ zuſprechen. Reden Sie, Sie wiſſen ja, ich liebe das, auch ohne Wendepuncte.— Sie haben mich, den Flüchtling hier, . nicht ohne eigene Gefahr, freundlich aufgenommen und mir unter dem Namen eines Inſpectors eine Thätigkeit verſchafft, von welcher ich nichts verſtand, in welcher ich Ih⸗ nen vielmehr nur eine Laſt.... Laſſen Sie das, unterbrach ihn Wehring, wenn Sie auch im Anfange wenig vom Geſchäfte verſtanden, Sie haben es Sich ſehr ſchnell zu eigen gemacht und mir in der Zeit Ihres Aufenthaltes hierſelbſt weſentliche Dienſte geleiſtet, ſo daß ich Sie ſehr empfindlich vermiſſen werde. Es freut mich, dies von Ihnen zu hören, und da ich weiß, daß Sie mir in dieſem Angenblicke nicht Schmei⸗ cheleien ſagen wollen, ſo iſt dieſe Anerkennung mir von doppeltem Werthe und beſtärkt mich in meinem halb und halb gefaßten Entſchluſſe. Inwelchem Entſchluſſe?— Die Landwirthſchaft auf⸗ zugeben und mich ganz der Induſtrie zu widmen. Wehring ſah den erregt vor ihm ſtehenden jungen Maun mit ſeinen klugen grauen Augen verwundert an und machte dann eine ſichtlich mißbilligende Bewegung mit dem Kopfe. Sie ſind nicht dieſer Anſicht? fragte Walther be⸗ troffen. 16* 244 Da Sie meine offene und rückhaltloſe Meinung ge⸗ fordert haben, ſo will ich damit nicht zurückhalten Nein, ich bin nicht dieſer Anſicht, und zwar aus folgenden Grün⸗ den. Sie haben die Landwirthſchaft erlernt und Ihre Stu⸗ dien darin gemacht. Ich will nun keineswegs behaupten, daß Sie nicht auch ein tüchtiger Induſtrieller werden wür⸗ den, denn Sie haben das Geſchäft ſchnell und richtig er⸗ faßt und Vieles darin geleiſtet; aber ich würde in dieſen ſchlechten Zeiten Niemandem dazu rathen, Niemandem, der kh wie ich, bereits darin ſitzt und eben arbeiten muß, ſoll er nicht ganz zu Grunde gehen. Steht es mit der Landwirthſchaft etwa beſſer? fragte Walther, ihu lebhaft unterbrechend, vielmehr nicht noch viel, viel ſchlechter! Wenn Sie die verwüſteten Gegenden — ach, nicht Gegenden, ſondern ganze Provin⸗ zen meines armen Vaterlandes geſehen hätten, Snu⸗ würn den Sie darüber nicht im Zweifel ſein! Ich habe ſelbſt genug geſlen und das Shiß ßin ſen, erwiederte Beheg ruhig, aber das trifft Sie nicht; Sie ſind ja nicht Eigenthümet, nur Verwalter; Sie par⸗ ticipiren amm Nutzen, aber den Schaden haben Sie nicht mit zu tragen. Eine ſolche Stellung in der jesigen Zeit das Beſte, was man ſich wünſchen kann. Iſt die meinige jetzt anders? Viel anders Mein ganzes Geſchäft peng von 2cun juncturen ah. der unbegränzten Macht des Kaiſers Na⸗ 245 poleon und bei ſeinem ungeheuren Ehrgeize kann Niemand wiſſen, was er morgen decretirt, und er kann Laher mich und viele Tauſende meiner Geſchäftsfreunde morgen zu Tode decretiren— ich bin auch völlig darauf gefaßt. Eiſen iſt aber ein Artikel der jetzt ſchwerlich im Preiſe fallen dürſte.— Möglich, ſogar wahrſcheinlich; aber Sie ſind noch jung und müſſen daher an Ihre Zukunft denken. Wie Sie mich da ſehen, habe ich von unten angefangen und es mir ſehr ſauer werden laſſen. Es gab ſogar Zeiten, in denen ich und meine Frau mit Nahrungsſorgen gekämpft haben, aber bei aller Sparſamkeit und allem Fleiße hätte ich es doch zu nichts gebracht, wenn ich nicht mit eigenem Capital in das Geſchäft gegangen wäre. Ohne Capital geht es einmal nicht, oder man ſteht nie auf eigenen Füßen und kann es daher auch zu nichts bringen. Wie Sie mir geſagt, beſitzen Sie gar kein Vermögen. Wollen Sie daher Ihr ganzes Leben in ſolcher abhängigen Stellung bleiben, wie jetzt? Erſparen, um ſich an einem Geſchäfte zu betheiligen? Du lieber Gott, das ſind weite und unſichere Ausſichten; dennoch würde ich Ihnen bei ihrem Fleiße und Talent nicht den Erfolg abſprechen, wenn Ihnen nicht etwas viel Beſ⸗ ſeres und Sthereres geboten würde. Ich entbehre Sie ſehr ungern, fuhr er fort, fuhr er fort, als Walther nachden⸗ kend ſchwieg. Ich ſage Ihnen dies, ohne Ihnen damit eine Schmeichelei ſagen zu wollen, aber ich würde es für ſehr unrecht halten, wenn ich meines eigenen Vortheils wegen 246 von der Annahme dieſes Engagements abrathen ſollte. Je⸗ ner Graf ſcheint ein Nabob und die Zuſtände dort von der Art zu ſein, daß es Ihnen nicht ſchwer fallen kann, in we⸗ nigen Jahren Sich ein Vermögen zu erwerben. Das aber muß für jetzt Ihr Hauptziel, Ihr unabläſſiges Beſtreben ſein. Zuerſt Unabhängigkeit, dann findet ſich das Uebrige. Greifen Sie zu und bedenken Sie Sich keinen Augenblick, denn Sie würden es ſpäter ſehr bereuen. Sie machen Sich doch vielleicht eine irrige Vorſtel⸗ lung von dem Grafen und von den dortigen Verhältniſſen, bemerkte Walther kleinlaut.— Mag ſein, daß ich im Ein⸗ zelnen irre; im Großen und Ganzen bleibe ich aber dabei, daß Ihnen ſchwerlich jemals wieder ein vortheilhafteres Anerbieten gemacht werden dürfte, und daß es unverant⸗ wortlich von Ihnen ſein würde, wenn Sie nicht darauf ein⸗ gingen. Wollen Sie Ihr Leben lang Inſpector auf dieſem oder jenem Eiſenwerke bleiben und ſpäter— doch Sie wiſſen jetzt meine Anſicht, Sie wiſſen auch, daß ich es ehr⸗ lich mit Ihnen meine und Ihnen daher in Ihrem und nicht in meinem Intereſſe gerathen habe. Es ſoll übrigens le⸗ diglich von Ihnen abhängen, fuhr er nach einiger Zeit fort — wollen Sie hier bleiben— mir wird es ſehr angenehm ſein, und es bleibt dann natürlich zwiſchen uns Alles un⸗ verändert. Geſtatten Sie mir, Ihnen Reinen Entſchluß morgen 247 mitzutheilen.— Morgen oder wenn Sie ſonſt wollen. Ich bin ſtets bereit, ihn zu hören. Walther war den Tag über ſehr nachdenkend und blieb unausgeſetzt draußen in den Werken. Selbſt als der Abend und jene Zeit kam, welche der Unterhaltung mit Margot gewidmet war, in welcher ſie zuſammen laſen oder muſicirten, blieb er heute ganz gegen die bereits zur Gewohnheit gewordene, wenn auch nie verabredete Ord⸗ nung aus. Sie hatte ihn, wie immer erwartet und konnte dann, als er ausblieb, ihre Unruhe kaum verbergen, denn ge⸗ rade heute hatte ſie eine neue Arie aus Mozart's„Figaro“ einſtudirt, die ſie ihm vorſingen wollte; heute wollten ſie Schillers„Braut von Meſſina“ zu Ende leſen— heute war ſo Vieles, worauf ſie ſich den ganzen Tag über gefreut hatte,— und gerade heute kam er nicht. Schon oft war ſie an das Fenſter geeilt und hatte den Weg hinabgeblickt, der ins Thal zu den weiter gelege⸗ nen Hämmern führte, ſchon mehrmals hatte ſie eine ferne Geſtalt für die ſeinige gehalten und ſchon oft ein tieferer Athemzug die ſtets wiederholte Täuſchung begleitet. Iſt Herr Ruhland heute ſo ſehr beſchäftigt? fragte ſie dann Wehring, der vor einiger Zeit gekommen war und nach Licht verlangte. Wahrſcheinlich; er würde ſonſt wohl hier ſein, erwie⸗ derte dieſer in ſeiner ruhigen Weiſe. 248 Ach, das iſt ja recht unangenehm, ich habe mich gerade auf heute Abend ſo ſehr gefreut. Glauben Sie, daß er noch lange ausbleiben wird? ch weiß es nicht, mein Kind; aber man freut ſich vft auf Vieles, was nicht in Erfüllung geht, und es iſt gut, wenn man früh anfängt, ſich daran zu gewöhnen. Wie meinen Sie das? fragte ſie ängſtlich; es iſt doch nichts Beſonderes vorgefallen? Daß ich nicht wüßte. Aber Du ſelbſt biſt ſo unruhig, deshalb ſagte ich das. a es ärgert mich auch, daß er heute gerade nicht kommt, denn er weiß, daß ich die Arie gelernt habe und ſie heute ſingen wollte. Nun, ſo ſinge ſie mir vor. Nimm die Guitarre, ich werde aufmerkſam zuhören. Ihnen? fragte ſie mit gedämpftem Tone. Nein, nein, ſetzte ſie dann raſcher hinzu, erſt muß er ſie hören, ob ich auch keine Fehler mache— ach, ich glaube, jetzt kommt er, fuhr ſie fort, indem ſie wieder an das Fenſter eilte— nein, er iſt es wieder nicht! Es iſt abſcheulich, mich ſo vergebens warten zu laſſen, und ich werde morgen die Arie auch nicht ſingen. Wehring blickte dem Mädchen, das bei dieſen Worten das Zimmer vekließ, mit einem langen Blicke nach— ja, ja, mein Kind, er kommt heute nicht, ſprach er dann vor ſich ————— — 249 hin, und es werden bald viele Abende vergehen, wo er nicht kommt— auch das hat vielleicht ſein Gutes. Sie deckte ſchweigend den Tiſch, wie ſie es immer that, und zögerte ſo lange als möglich, ehe ſie das Eſſen hereinbringen ließ, ſo lange, bis ſie Wehring mit der Be⸗ merkung daran erinnerte, ob heute gar nicht zu Abend ge⸗ geſſen werden ſolle. Sein Platz blieb leer und ſie außergewöhnlich ſchweig⸗ ſam und ernſt. Die wiederholte Aufforderung zum Singen lehnte ſie ab, obgleich dies ſonſt faſt an jedem Abende ge⸗ ſchah und oft ſo lange und ſpät in die Nacht hinein, daß die beiden in dieſe Beſchäftigung vertieften jungen Leute von Wehring oder ſeiner Frau daran erinnert werden muß⸗ ten, es ſei Zeit, zur Ruhe zu gehen. Heute ſchützte ſie Müdigkeit vor und verließ außergewöhnlich früh das ge⸗ meinſchaftliche Wohnzimmer. Droben aber in dem ihrigen blieb ſie noch lange auf, ſelbſt als ſie das Licht ausgelöſcht hatte, was ſie ſehr bald that. Sie trat dann an das Fenſter und blickte in die Gegend hinaus, die ihr jetzt bis auf die kleinſten Einzel⸗ heiten bekannt war. Vor der Mondſichel, die ſo eben über den Bergen mit mattem Lichte emporſtieg, flogen die Wol⸗ ken raſch vorüber, ſie bald bedeckend, ſie bald wieder ent⸗ ſchleiernd, ſo daß es ſchien, als ob der Mond ſelbſt eilig an dem Himmel durch die Wolken dahinliefe. Die Eſſen warfen wieder ihre feurige Lohe hoch empor und der röth⸗ * 250 liche Schein derſelben ſtach grell gegen das bläuliche Licht des Mondes ab— ſie hatte das Alles ſchon oft, noch ſchö⸗ ner, noch wilder, auch wieder ruhiger und friedlicher geſe⸗ hen, und es war deshalb auch keineswegs dieſes Bild, welches ihre Aufmerkſamkeit feſſelte und ihre Gedanken beſchäftigte. Die unangenehme Empfindung einer getäuſchten Er⸗ wartung trübte vielmehr ihre ſonſt ſo heitere Stimmung. Sie war verdrießlich und zürnte Walther, daß er ihr die Freude dieſes Abends durch ſ ein Ausbleiben verdorben habe, und entwarf deshalb in hen Köpfchen verſchiedene Pläne zur Vergeltung. Morgen ſollte gar nicht muſicirt werden, das wollte ſie unabänderlich feſthalten, wenn er auch darum bitten würde— auch nicht leſen— überhaupt, es ſollte morgen Abend ſo ſein, ganz ſo wie heute— nur mit dem Unterſchiede, daß ſie und nicht er die Veranlaſ⸗ ſung ſein würde— es ſei denn, dachte ſie weiter, daß ilich ein Grund vorhanden wäre, womit er ſein Aus⸗ bleiben entſchuldigen könne— dann gllerdings, dann wäre es unrecht von mir, wenn ich ihm dies entgelten laſſen wollte, und er wird gewiß einen Grund haben.— Es iſt unglaublich und ganz räthſelhaft, weshalb er ſo lange aus⸗ bleibt; ſchon ſchlägt es Zehn, und er iſt immer noch hier. Vielleicht beibt er zur Nachtzeit in den Hämmern— aber Herr Wehring würde doch darum gewußt haben, und er hat nichts davon geſagt. —— 251 Solche und ähnliche Gedanken beſchäftigten ihr jun⸗ ges, unerfahrenes Herz, und ſie empfand zum erſten Male die Qualen einer getäuſchten Erwartung.— Eine ge⸗ täuſchte Erwartung! Ach, wie oft unterliegt der Menſch auf ſeiner Reiſe durch das Leben dieſen Qualen! Von demjenigen, was er voll jugendlicher Begeiſterung gehofft, vermag er, am Ziele angelangt oder ſich demſelben nä⸗ hernd, kaum die Trümmer zu bergen, und gelangt endlich zu der entmuthigen den Ueberzeugung, daß ſein ganzes irdi- ſches Streben und Daſein mehr oder weniger nichts gewe⸗ ſen ſei, als eine getäuſchte Erwartung. Sie hatte ihm heute ihre Arie nicht vorſingen, den Schluß eines Trauerſpiels, wonach ſie verlangte, nicht mit ihm leſen können, und dieſe an ſich ſo geringfügigen Kleinigkeiten verſtimmten ſie und nahmen ihr ganzes Den⸗ ten und Fühlen in Anſpruch— wir lächeln über dieſe ktindliche, vielleicht kindiſche Empfindung und Empfindlich⸗ 8 keit, aber wir bedenken nicht, daß uns, die wir älter, viel leicht vielleicht viel älter find und uns für klug und erfah 3 ren halten, häufig noch viel geringfügigere Dinge verſtim⸗ men und für uns und unſere Umgebung unleidlich machen, ohne daß wir die Macht und die Kraft beſitzen, die Tyran⸗ nei dieſer uns knechtenden Stimmung abzuſchütteln. Doch was nützt es, über dieſe Dinge zu reflectiren, es iſt ja eben das Beklagenswerthe in der unvollkommenen menſchlichen Natur, daß ſie im Stande iſt, ihre Fehler zu erkennen und 252 darüber ſehr weiſe und richtig abzuſprechen, ohne die Ener⸗ gie zu beſitzen, ſie abzulegen! Jetzt hörte ſie ſeinen Schritt auf dem Kieswege vor dem Hauſe und trat raſch vom Fenſter zurück. Nun, end⸗ lich kommt er, flüſterte ſie vor ſich hin; wie gut war es, daß ich das Licht ausgelöſcht habe, er hätte ja ſonſt den⸗ ken können, daß ich auf ihn gewartet hätte und ſeinetwe⸗ gen ſo lange aufgeblieben wäre. Sie lauſchte mit verhaltenem Athem, wie er die Thür öffnete, die Treppe herauf kam und leiſen Schrittes hinauf nach ſeiner Manſardſtube ging. Nun will ich auch ſchlafen gehen, ſagte ſie dann beruhigt, obgleich ich eigentlich noch gar nicht müde bin, denn es iſt ſchon ſpät. Walther war, wie ſie gehört hatte, leiſen Schrittes, um Niemanden zu ſtören, nach ſeinem Zimmer hinauf ge⸗ gangen. Er hatte keine Ahnung davon, daß Margot noch auf ſei und ihn erwartet haben könne. Obgleich ſeine Ge⸗ danken auch viel mit ihr beſchäftigt geweſen, ſo hatte er dch nicht ein einziges Mal an die verfehlte Beſchäfti⸗ gung des heutigen Abends gedacht. Dieſer für ihn ſchon unwichtig gewordene Umſtand war durch andere Erwä⸗ gungen, verdrängt worden, durch Erwägungen, deren Ergebniß das Ende aller dieſer harmloſen und freude⸗ vollen Beſchäftigungen herbeiführen ſollte. Eine ſolche ein⸗ zelne verlorene Stunde kam ja dabei nicht mehr in Be⸗ tracht, denn was war dieſe eine, wenn überhaupt gar 253 keine mehr von denen folgen ſollte, deren Werth und Glück er jetzt erſt zu erkennen und zu ſchätzen anfifing, da ſie für ihn verloren waren! Lange ſaß er noch in tiefe Gedanken verſunken in ſeinem Zimmer, Vieles zog durch ſeinen Kopf, woran er längere Zeit ſeltener oder gar nicht gedacht hatte: ſein gan⸗ zes bisheriges Leben, das Bild ſeiner Mutter, an der er mit ſo großer Liebe hing, Er hat Recht, er hat ganz Recht, ſprach er dann vor ſich hin, indem er vom Stuhle aufſprang, es wäre nicht nur eine Thorheit, ſondern auch eine Pflichtverletzung, wenn ich jetzt nicht in die Heimath zurückkehren wollte! 7 2 Achtzehntes Capitel. Je längerer Zeit wir bedürfen, um zu einem Ent⸗ ſchluſſe zu kommen, und je ſchwerer es uns wird, dahin zu gelangen, deſto ei ſind wir gewöhnlich in der Ausfüh⸗ rung desſelben. Wir wollen uns gleichſam dadurch den Rücktritt unmöglich und den Schwankungen unſeres In⸗ neren ein ſchließliches Ende machen. So geſchah es auch mit Walther. Nachdem er ein⸗ u mit ſich einig geworden war, das Anerbieten ſeines Freundes anzunehmen und in die Heimath zurückzureiſen, drängte es ihn auch, ſofort etwas zu thun, das ihn an die⸗ ſen Entſchluß bände, indem es den Anfang der Ausfüh⸗ rung bilde. Obgleich es ſchon ſpät in der Nacht war und er wußte, daß Briefe erſt morgen Mittag zur nächſten Poſtſtation befördert werden konnten, ſo ſetzte er ſich doch noch hin und ſchrieb an ſeinen Freund und an ſeine Mutter. In dem erſten Briefe konnte er es nicht unterlaſſen, den Gefühlen ſeines Inneren Rechnung zu tragen, welche ihn bei der Erwägung darüber, ob er bleiben oder kommen ſolle, bewegt hatten; er that dies mehr, weil es für ihn ein inneres Bedürfniß war, als weil er es ſeines Freundes wegen für nöthig hielt. An ſeine Mutter erwähnte er jedoch von Allem dieſem nichts, ſondern benachrichtigte ſie nur, daß er bald, in längſtens drei Wochen, dort eintreffen werde, und malte dann die Freude des Wiederſehens in lebhaften Farben aus. Je länger er ſchrieb, je mehr ſeine Gedanken und ſeine Einbildungskraft ſich mit den Bildern der Heimath beſchäftigten, deſto lebhafter trat dieſe vor ſeine Seele und ſteigerte die Sehnſuch derſelben. Er hätte am liebſten ſofort aufbrechen und forteilen mögen — aber als er dann die Briefe beendet und ſich ſelbſt zur Ruhe gelegt hatte, da kamen wieder andere Gedanken, die, im Gemiſch und im Widerſpiel mit jenen, noch lange den Schlaf von ſeinen Augen fern hichn Schon nach einem kurzen Schlummer erwachte er wiede Sonne ihre erſten röthlichen Strahlen in ſein Zimmer warf. Er blickte, ſeine Gedanken ſammelnd und wie aus einem tiefen Traume erwachend, umher, obgleich er ſich nicht erinnerte, geträumt zu haben; dann ſprang er raſch auf, mit einem Gefühle von Angſt und Beklemmung, um von der wenigen Zeit, die ihm hier zu verweilen noch ver⸗ gönnt war, keine nutzlos dem Schlafe zu opfern. r, als die aufgehende 5 — 256 Gedankenvoll ſchritt er leiſe in dem kleinen Zimmer auf und ah, indem ſeine Blicke bald hinausſchweiften in die ihm wohlbekannte Gegend, bald ſchwermuthsvoll auf den ihm noch bekannteren Gegenſtänden des Zimmers ſelbſt verweilten. Es waren die erſten ſchweigenden Ab⸗ ſchiedsgrüße, die er ihnen zuſandte, Grüße, welche Niemand ſah, die er ſelbſt nicht als ſolche erkannte, die aber doch mit all' dem Schmerze, und der ganzen Gewalt, welche ihnen gegeben iſt, ſein Herz zuſammenpreßten.— Er las dann wieder die in der Nacht geſchriebenen Briefe— ſie kamen ihm fremd und egoiſtiſch vor; er war einen Augen⸗ blick ſogar Willens, ſie wieder zu vernichten, aber er that es nicht, indem er hch ſagte, es werde ja noch immer von ihm abhängen, ob er ſie in dieſer Form abſenden wolle oder nicht. n js m Er ging hinab und traf unten Wehring, der, ſeiner £ Gewohnheit gemäß, vor dem Frühſtücke ſich einige Zeit iim Garten erging. Es drängte ihn wieder, die Entſchei⸗ dung herbeizuführen und ſich den Rückzug abzuſchneiden. ch habe mir die Sache überlegt, jagte er daher, nachdem ſich Beide in gewohnter Weiſe begrüßt hatten, und bin zu einem Entſchluſſe gekommen. Ich dachte mir's, da Sie geſtern Abends ausblieben, erwiederte Wehring ruhig; nun, und? usife, 111 Ich werde Ihren Rath befolgen, ſagte Walther mit etwas unſicherer Stimme, denn es wurde ihm ſichtlich 1 1 — ſchwer, dieſe Worte auszuſprechen, und er bereute es faſt, als er es gethan hatte. Nun, das habe ich erwartet, entgegnete Wehring mit herzlichem Tone, ſo ſehr es mich auch betrübt Sie verlieren zu miüſſen. Sie meinten ja, es ſei ſo am Beſten. Ich meinte das allerdings, aber meine Meinung darf für Sie allein nicht maßgebend ſein, denn ich bin hierbei durchaus eine Nebenperſon. Sie glauben nicht, wie ſchwer es mir wird, von Ihnen und der mir lieb gewordenen Thätigkeit zu ſcheiden! Warum ſoll ich das nicht glauben, denn es iſt Ihnen ja, ſo viel ich weiß, hier gut gegang Auch uns wird es ſchwer werden, Sie ſcheiden zu ſehen— aber das läßt ſich doch einma folgen, zu den Ihrigen zurückkehren, und wir müſſen Sie entbehren, das iſt ſo der Welt Lauf. Ja, ſo der Welt Lauf, bn Walther. Soll ich meine Frau und kargot von Ihrem Ent⸗ ſchluſſe henachrichtigen? fragte Wehring. Laſſen Sie es vorläufig noch, es wird ja noch immer Zeit dazu ſein.— Wie Sie wünſchen; doch ich ſehe, wir werden heute zum erſten Male im Garten frühſtücken, das Wetter iſt allerdings dazu angethan. Die letzte Bemerkung Wehring's wurde durch Mar⸗ got's Erſcheinen veranlaßt, welche, mit Taſſen und ſonſti⸗ Gräſin und Marguiſe. I. 17 lnicht ändern, Sie müſſen Ihrer Beſtimmung 258 gem Frühſtücksgeräthe beladen, aus dem Hauſe trat und unfern von den beiden Männern vorbei nach einem ſchatti⸗ gen aber freien Platze des Gartens ſchritt. Guten Morgen, Onkel, rief ſie herüber, abſichtlich das letzte Wort lauter betonend, gut geſchlafen? Wir wer⸗ den heute im Garten frühſtücken; die Mutter hatte zwar noch einige Bedenken, aber ſie hat doch eingewilligt. Nicht wahr, es iſt nicht zu kalt? Für uns gewiß nicht, mein Kind, Du weißt ja, daß ich viel lieber im Freien bin, als in den engen Zimmern. Das weiß ich, Onkel— ſie nannte Wehring ſonder⸗ barer Weiſe Onkel und ſeine Frau Mutter— deshalb ge⸗ ſchieht es auch ganz gllein. Mit dieſer letzken, von einem ſchalkhaften Lächeln be⸗ gleiteten Bemerkung war ſie ihres Weges weiter gegangen und außer Sprechweite der beiden Männer gekommen. Sie hatte an Walther keines ihrer wenigen Worte gerich⸗ tet, ihm nicht einmal einen guten Morgen geboten, wie ſie das ſonſt immer ſo und freundlich that.— Auch er war ſchweigſam geblieben, er wußte ſelbſt nicht, weshalb, und ärgerte ſich jetzt, daß er nicht zu ihr geredet hatte. Er beſchloß, dieſen Fehler wieder gut zu machen, wenn ſie, as ſogleich geſchehen mußte, zurückkehren würde; aber 62 ging anf einem großen Umwege, welcher zur Hinterthür des Hauſes führte, zurück, und er konnte alſo ſein Vor⸗ haben nicht ausführen. 259 Auch während des Frühſtücks benahm ſie ſich ganz in gleicher Weiſe. Sie trug eine außergewöhnliche Heiter⸗ keit zur Schau, lachte und ſcherzte mehr wie ſonſt, aber mit Walther ſprach ſie nicht. Wenn er das Wort an ſie richtete, oder auf ihre allgemeinen Bemerkungen eine Er⸗ wiederung machte, that ſie entweder, als habe ſie dies nicht gehört, oder ſie richtete ihre Antwort an Wehring oder an ſeine Frau. Er fühlte ſich durch dieſes Benehmen ſichtbar verletzt, wurde einſylbig und ſchweigſam und verabſchiedete ſich früher, als dies ſonſt ſeine Gewohnheit war. Selbſt Margot's nun direct an ihn gerichtete Frage, ob er ſchon gehen wolle, änderte ſeinen Entſchluß nicht mehr, er nickte nur ſtumm mit dem Kopfe und ging. Wie oft ſind ganz geringfügige Dinge die Urſache wichtiger Entſchlüſſe und der ſich daran knüpfenden Fol⸗ gen! Wäre ſie an jenem Morgen recht freundlich und herz⸗ lich gegen ihn geweſen, ſo wie ſonſt— wer weiß, ob er dennoch nicht vielleicht andere Sinnes geworden wäre, wenigſtens würde er gezögert Briefe abzuſchicken, keinenfalls eher, bis er mit ih über geredet. Jetzt aber ging er eiligen Schrittes nach ſeinem Zimmer, ſiegelte die Briefe zu und trug ſie ſelbſt nach der eine halbe Meile ent⸗ fernten Poſtſtation. Während er dies that, hatte ſie längſt ihr Benehment gegen ihn bereut, ein Benehmen, welches ihrem kindlichen, offenen Empfinden ohnehin ſehr ſchwer geworden war. 1 260 Am liebſten hätte ſie ihn gleich zuerſt mit der Frage beſtürmt: Wo ſind Sie geſtern geweſen, geſtern, wo ich die Arie ſingen wollte und Sie mir den Schluß der Braut von Mefſina vorzuleſen verſprochen hatten? Aber ſie wollte es ihm zeigen, daß er ſie gekränkt habe, und erwartete be⸗ ſonders, daß Er davon zuerſt reden und ſich entſchuldigen würde. Als er dies nicht that, als er ſogar immer ſchweig⸗ ſamer wurde, ſteigerte ſich ihre Stimmung zu einer gezwun⸗ genen Heiterkeit, hinter welcher ſie ihren Aerger verbarg. Es war ein faſt kindiſches Schmollen— und dann, als er nun fort war, hätte ſie weinen können darüber, daß er wie⸗ der ſo gegangen, und auch darüber, daß ſie ihn ſo hatte gehen laſſen. Mittags ließ er ſich entſchuldigen, und ihre Unruhe nahm ſichklich zu. Was konnte nur die Urſache dieſes auf⸗ fallenden Benehmens ſein? Hatte ſie vielleicht etwas Un⸗ rechtes gethan, ihn vieileicht erzürnt oder gar beleidigt? Sie erſchrak, als dieſer nke zuerſt ihre Seele erfaßte, und nahm nun eine ſtr ind ſelbſtquäleriſche Prüfung ihres Benehmens mit ſich vor; aber ſie vermochte nicht auf⸗ zufinden, was ihm zur Unzufriedenheit mit ihr hätte Ver⸗ anlaſſung geben können. 5 Nein, nein, ſprach ſie dann, ſich ſelbſt beruhigend, vor ſich hin, ich weiß nicht, womit ich ihn hätte betrüben können. Ich habe Alles gethan, was er mir geſagt hat— die Arie gelernt, auch— ich weiß es nicht, weiß es wirklich — 261 nicht, und werde es heute Abend doch endlich erfahren, denn daß er wieder ausbleiben, wieder nicht kommen ſollte, das halte ich nicht für möglich. In dieſer Annahme hatte ſie auch nicht geirrt, er kam vielmehr weit früher, als ſonſt. Sie ſaß noch im Garten, in derſelben Buchenlaube, in welcher ſie die kurze Unterre⸗ dung mit Ravul gehabt, und beſchäftigte ſich mit einer Handarbeit, die ſie Walther zu ſeinem Geburtstage ſchen⸗ ken wollte, der, wie ſie wußte, in einigen Wochen war, als er zu ihr in die Laube trat. Es geſchah dies ſo plötzlich und unerwartet, daß ſie mit einem leiſen Aufſchrei aus ihren Gedanken emporfuhr. Erſchreckt Sie meine Gegenwart? fragte er mit ei⸗ nem melancholiſchen Lächeln. Soll ich vielleicht wieder gehen? Ach, wie können Sie ſo etwas glauben, erwiederte ſie, ihn mit einem Blicke anſehend, in welchem die alte, innige Freundlichkeit mehr der je ausgeſprochen war, wie fönnen Sie ſo etwas glauben! Ich freue mich ſehr, daß Sie endlich kommen, denn ich habe Sie ja ſchon ſo lange vergebens erwartet. Sie haben mich erwartet? Nun, können Sie daran zweifeln? erwiederte ſie ug⸗ befangen. Sind Sie geſtern nicht den ganzen Abend aus⸗ geblieben? Geſtern, wo ich Ihnen die Arie aus dem Fi⸗ garo vorſingen wollte, die Sie mir aufgegeben und die ich nicht ohne Mühe gelernt habe, weil ſie ſchwer iſt und mir etwas hoch liegt— und wo Sie mir den Schluß der Braut von Meſſina vorleſen wollten, auf den ich ſo ſehr geſpannt bin und den ich nicht ſelbſt leſen darf, weil Sie es mir unterſagt haben. Unterſagt? fragte er verwirrt. Nun ja, ſagten Sie nicht ausdrücklich, ich ſollte etwa nicht ſelbſt weiter leſen, weil wir es zuſammen leſen wollten? Sagte ich das? Wiſſen Sie das nicht mehr? Aber Sie ſind ja ſo ernſt, ſo traurig, iſt Ihnen etwas Unangenehmes begegnet? Begegnet iſt mir allerdings etwas, erwiederte er mit unſicherer Stimme, indem er ſeinen Blick vor den ängſtlich auf ihn gerichteten Augen des Mädchens niederſchlug, aber unangenehm kann ich es nicht nennen, es wäre dies wenig⸗ ſtens nicht der richtige Ausdruck. MNun, wenn es nur nichts Unangenehmes iſt, ſagte ſie wieder heiter, dann bin ich beruhigt. Ich darf es aber wohl nicht wiſſen— iſt es ein Geheimniß? Nein, Margot, erwiederte er mit einem tiefen Athem⸗ zuge, es iſt kein Geheimniß und Sie können es auch er⸗ fahren, Sie ſollen es erfahren, denn— und es iſt vielleicht nicht recht von mir, daß ich es Ihnen jetzt erſt ſage, jetzt, wo die Sache bereits abgemacht iſt. Bereits abgemacht? fragte ſie wieder beunruhigt. 263 Iſt es denn eine wichtige Sache, Sie machen mir ordent⸗ lich Angſt? Es iſt eine wichtige Sache, wenigſtens wichtig für mich, da ſie auf mein ganzes künftiges Leben einen großen Einfluß üben wird; doch ich will Sie nicht länger mit die⸗ ſen unbeſtimmten Reden hinhalten, fuhr er, ſich zu einem Entſchluſſe aufraffend, fort, Sie haben mir in einer für Sie wichtigen Angelegenheit Ihr volles Vertrauen ge⸗ ſchenkt, Sie haben mir aus dem Briefe Ihres Bruders, oder des Geſpielen Ihrer Kindheit, was er nun ſein mag, kein Geheimniß gemacht— hier, hier— leſen Sie auch dieſen Brief— Sie werden daraus Alles erfahren, was mir bevorſteht! Einen Brief? ſagte ſie erbleichend. Nein, nein, wenn etwas Erſchreckliches darin ſteht, ſo mag ich ihn nicht leſen — ſagen Sie mir ſelbſt Erfüllen Sie mir dieſe Bitte, flehte er, leſen Sie den Brief— hier iſt er, und damit Sie Zeit dazu haben, ſetzte er leiſe hinzu, denn er iſt lang, will ich Sie jetzt allein laſſen, aber ich kehre bald zurück. Mit dieſen Worten verließ er die Laube, und indem er bis an die äußerſte Gränze des Gartens hinausging, zögerte er abſichtlich mit der Rückkehr weit länger, als nöthig geweſen wäre, um Margot den Brief leſen zu laſ⸗ ſen. Es war ihm, als habe er ein großes Unrecht gegen ſie begangen, und wenn er daran dachte, daß er nun von dieſem lieblichen Kinde ſcheiden müſſe, das mit einem ſo unbedingten Vertrauen an ihm hing, ſo preßte ſich ſeine Bruſt krampfhaft zuſammen und ein ſtechender Schmerz zog durch ſeine Seele. Ich muß vor Allem ganz ruhig, ganz unbefangen mit ihr reden, ſprach er vor ſich hin, gleichſam ſich ſelbſt ermuthigend— mein Gott, es thut mir leid, es wird ihr auch vielleicht leid thun, aber— nun, jedenfalls muß es jetzt doch einmal geſchehen. Nicht ohne ein gewiſſes Bangen trat er wieder in die Laube, aber— ſie war leer. Margot war nicht mehr darin, und auf dem Tiſche lag ſein Brief. Sie iſt fort, ſagte er mit ſichtlicher Ueberraſchung— fort, ohne— und den Brief hat ſie zurückgelaſſen, ſprach er weiter, indem er ſich umſah, ob er ſie vielleicht noch irgendwo im Garten erblicke— nein, ſie iſt fort, ganz fort.— Iſt ſie vielleicht abgerufen worden und hat den Brief noch gar nicht geleſen? Nein, nein, ſagte er dann mit leiſe bebender Stimme, nachdem er den Brief ergriffen hatte, während ſein Auge mit tiefer Bewegung darauf ruhte— ſie hat ihn geleſen, denn hier ſind die Spuren ihrer Thränen.— Alſo deshalb iſt ſie gegangen?— Liebes, gutes Kind!— Ach, ich hätte doch nicht ſo eilig handeln, mir die Sache reiflicher überlegen ſollen— we⸗ nigſtens nicht, bevor ich mit ihr geredet! Sein Auge haftete, indem er dieſe Worte langſam ——— ———————— 7 — 5— 265 und voll tiefer innerer Bewegung ſprach, unausgeſetzt an der Stelle des Papiers, die von ihren Thränen feucht und ſo zur Verrätherin ihres Schmerzes geworden war. Dann faltete er den Brief langſam zuſammen und verließ geſenk⸗ ten Blickes die Laube. Und wo war Margot? Es wird kaum nöthig ſein, es Dir zu ſagen, geneigte Leſerin, denn ihre reine, kindliche Seele liegt ja offen vor Dir da und Dukannſt hineinblicken wie in ein aufgeſchlagenes Buch. Einem verfolgtem Rehe gleich war ſie nach ihrem Zimmer entflohen; dort verriegelte ſie die Thür und ſank weinend auf einen Stuhl. Es war der erſte große, tie fe Schmerz, der ihr junges Herz erfaßte und ſeine Krallen feſt und ſcharf in dieſes Herz einſchlug, das ihm wider⸗ ſtandlos verfallen war und gar nicht einmal einen Verſuch machte, ihm entgegen zu treten. Nnn war Alles, Alles dahin, Alles, was ihr Daſein verſchönt hatte. Der Gedanke, daß dies von jetzt an auf⸗ hören werde, daß ſie ihn nie wiederſehen ſolle, den ganzep Tag nicht und auch dann nicht, wenn, der Abend kam— gar nicht mehr— ach, dieſer Gedanke war ſo unausſprech⸗ lich ſchmerzvoll, daß ſie nicht einmal mehr zu weinen ver⸗ mochte.— Er ſollte ſie nun nicht mehr lehren, ſie ſollte ſei- nen Worten nicht mehr lauſchen— nicht mehr mit ihm muſiciren— nichts, nichts mehr von Allem!— Sie em⸗ pfand jetzt, wie ſehr ſie ſich auf die Stunden, welche ſie in ſeiner Geſellſchaſt zubringen konnte,— gefreut hatte— den ganzen Tag, wie Alles Bezug hatte darauf, und ſie eigentlich nur deshalb ſo begierig und freudig gelernt, ge⸗ ſungen und geſpielt habe, damit er es hören, er ſie lo⸗ ₰ ben ſolle. Das war nun Alles, Alles vorbei, und ſie konnte lange Zeit in ihrem Schmerze es ſich gar nicht denken, daß es ihr möglich ſein werde, ohne dieſes Alles noch zu leben. Niemand ſtörte ſie; es war, als ob man ſie abſicht⸗ lich allein laſſe, und ſie konnte nur weinen und ſich recht ausweinen. Wie immer legte der Balſam der Thränen ſich lindernd auf den brennenden Schmerz ihres Herzens. Sie wurde allmählig ruhiger. Die Reſignation, welche wäh⸗ rend ihres kurzen Lebens ja ſchon lange ihre treue Gefähr⸗ 3 tin geweſen war und ſie verzichten und entſagen gelehrt hatte auf die Freuden der Kindheit, trat wieder zu ihr, und ſie erkannte, daß dieſe ernſte Geſtalt ſie noch nicht ver⸗— laſſen habe. Die kurze, ſonnige Zeit, welche ſie in ſeinem Umgange ſo heiter und in ſo bewußtloſer Fröhlichkeit ver⸗ lebt hatte, kam ihr wie ein ſchöner Traum vor— die Wirk⸗ lichkeit trat wieder in ihre Rechte— es war wieder ſo wie früher, als ſie noch bei dem alten Viorne lebte— nur— ach, nur weit, weit trauriger— weil ſie immer an den Traum denken muße, an dieſen ſchönen ſonnigen Traum!— So flogen ihre Gedanken hinüber und herüber, hinauf und hinab, bald nur in der Vergangenheit mit ſchmerzli⸗ — —— 267 cher Erinnerung ſich ergehend, bald der troſtloſen Zukunft verfallen— denn für ſie war in dieſem Augenblicke die Zukunft nur öde und leer— und was ſie ihr ſonſt bot, hatte jeden Werth verloren. Nachdem ſie mehrere Stunden in dieſen Gedanken geſeſſen, geweint und ihre Thränen ge⸗ trocknet und dann doch wieder geweint hatte, fingen andere Erwägungen an, in ihr die Oberhand zu gewinnen. Es iſt ja zu ſeinem Glücke, dachte ſie, und ich würde dieſes Glück trüben, wenn ich ihm zeigte, daß ich deshalb traurig wäre— o nein, nein, es iſt ja zu ſeinem Glücke— ich darf nicht einmal traurig ſein— ich würde dann nur an mich denken.— Dieſer Gedanke zündete plötzlich in ih⸗ rer Seele und brach dem Schmerze die Spitze ſeines Sta⸗ chels ab. Sie mußte ſich freuen, daß er glücklich war— wie undankbar würde ſie ſonſt gegen ihn handeln, gegen ihn, dem ſie ſo viel, ſo unendlich viel Dank ſchuldete.— Rein, nein, das dürfte ſie nicht; ſie mußte ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen zuſammennehmen, um nicht in dieſen Fehler, nicht in dieſe Sünde zu verfallen. So wurde ſie nach und nach ruhiger, es kam eine ihr ſelbſt unerklärliche Freudigkeit über ſie, die Freudigkeit des Entſagens— für ihn. Es war ſchon ſpät, als ſie hinabging; ſie hatte ſich bemüht, die Spuren der Thränen unſichtbar zu machen, aber es gelang ihr doch nicht, ſo ſehrſie auch danach ſtrebte, 268 diejenige Heiterkeit zur Schan zu tragen, welche ſie beab⸗ ſichtigte. Haben Sie meinen Brief geleſen, Margot? fragte er mit leiſer Stimme, als er ſpäter mit ihr allein war. 1 Ja, ja, erwiederte ſie eben ſo leiſe und ohne daß es ihr gelang, ihn anzuſehen, denn ſie vermochte es nicht— ich habe ihn geleſen und mich ſehr darüber gefreut. Gefreut? fragte er erſtaunt und euttäuſcht. Ja, denn Ihre Wünſche werden ſich ja jetzt erfüllen — Sie können zu den Ihrigen zurückkehren— erhalten eine gute Stelle— ſollte ich mich nicht darüber freuen? Und ſonſt haben Sie nichts Anderes gedacht? Richt daran, daß wir nun nicht mehr zuſammen ſein werden ſo wie bisher, daß ich nicht mehr bei Ihnen ſein kann, um mit Ihnen zu muſiciren und mit Ihnen ſo Vieles, Vieles † zu beſprechen— daran haben Sie gar nicht gedacht? O ja, erwiederte ſie mit bebender Stimme— daran habe ich auch gedacht, denn Sie werden nicht glauben, ge⸗ wiß nicht glauben, ich wüßte es nicht, zu welchem Danke ich Ihnen verpflichtet bin— aber gerade deshalb freue ich mich von ganzem Herzen, daß Sie ſo glücklich werden. Wiſſen Sie gewiß, daß dies zu meinem Glücke füh⸗ ren wird2 Werde ich nicht immer an jene Stunden zurück⸗ denken müſſen, die wir zuſammen verlebt haben, an jene Stunden, welche jetzt. Man ruft mich, flüſterte ſie, indem ſie haſtig aufſprang 269 und eilig aus dem Zimmer entfloh. Sie konnte nicht an⸗ ders, denn ſie fühlte, daß ſie ihrer Schwäche ſonſt unter⸗ liegen würde. 1 Er blickte ihr ſinnend und ſchweigend nach und war⸗ tete den ganzen Abend auf ſie, aber ſie blieb auf ihrem Zimmer und kam nicht mehr herunter. Die Tage vergingen. Sie ſahen ſich nur wenig, denn ſie vermied es, ihn allein zu ſprechen, und er hielt ihre Freundlichkeit für Gleichgültigkeit, und wurde ernſt und en. Sie litt dabei viel, aber ſie litt es mit Freu⸗ verſchloſſ digkeit, denn ſie dachte nur an ihn, und obgleich ſie ſelbſt nicht wußte, woher dieſe Stärke ihr gekommen war, denn ſie folgte nur den Empfindungen ihres Herzens, ſo freute ſie ſich doch darüber und dankte Gott täglich in innigem 3 Gebete dafür, wenn ſie allein war und ſich ihrer Schwäche ohne Vorwurf hingeben konnte. Der zur Abreiſe feſtgeſetzte Tag rückte immer näher; es lagen nur noch wenige Tage zwiſchen ihm und dem Heute; ſie war ſehr blaß und ſchweigſam geworden und um ihren ſonſt ſo freundlich lächelnden Mund zuckte ein Zug von tiefer Trauer, den ſie nicht zu verbergen vermochte. Wehring ſowohl als ſeine Frau ſprachen häufig und ab⸗ ſichtlich von des Inſpectors naher Abreiſe in ihrer Ge⸗ genwart, denn ſie hatten wohl erkannt, wie ſehr ſie ſich für ſie am Beſten darüber gräme, und glaubten, daß tehr oder weni⸗ ſei, ganz unbefangen, wie vyn ——— 270 ger gleichgültigen Sache, davon zu reden. Sie ſelbſt be⸗ theiligte ſich nie an einem ſolchen Geſpräche, ſondern be⸗ ſchäftigte ſich dann emſiger mit ihrer Arbeit oder verließ auch wohl unter irgend einem Vorwande das Zimmer. Zwei Tage, ehe Walther das Thal der Fichtenau ver⸗ laſſen ſollte, war der Apotheker mit ſeiner Frau herüber⸗ gekommen und man hatte eine Art von Abſchiedsfeſt be⸗ gangen, viel und heiter von Walther's Ausſichten und Hoff⸗ nungen geſprochen und darauf angeſtoßen. Sie hatte ſich zwar wenig an dieſen Dingen betheiligt, aber ſie war doch zugegen geweſen, hatte ſich nicht entfernen dürfen— erſt dann, als die Gäſte abgefahren waren. Auch dieſe Stunde war vorübergegangen, zuweilen hatten ſich ihre Blicke ge⸗ troffen und dann die ſeinigen vorwurfsvoll auf ihr geruht — und als ſie angeſtoßen„auf ein fröhliches Wiederſehen,“ hatte ihre-Hand ſo ſehr gezittert, daß er es deutlich bemerkt, obgleich ſie bemüht geweſen, es zu verhindern. Heute nun war der letzte Tag ſeiner Anweſen⸗ heit, der letzte, an welchem ſie ihn ſehen, mit ihm ſpre⸗ chen konnte— und doch ſah ſie ihn faſt gar nicht und hatte noch kein Wort mit ihm geredet. Er ſchien ſie ab⸗ ſichtlich zu vermeiden, und das machte ihr großen Kum⸗ mer, denn ſie quälte ſich mit dem Gedanken, daß ſie vielleicht etwas Unrechtes gethan, worüber er zürne und in ſolcher Unzufriedenheit über ſie von ihr ſcheiden könne. Der Abend ſich auf das Thal herab— wie 5/S S14 nenqae