— — —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Lchen 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —..————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ S„*„— 6— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Holtei, Karl von, pie vnn inn Volks⸗Ausgabe 3 Bände. 16.. 1 Thlr. Holtei, Karl von, chriſtan eunfu Roman. S„Aus⸗ gabe. 5 Bände.. 6 Thlr, Holtei, Karl von, cn Snni zttc vu„Aus, gabe. 5 Bände“ 16. 1 öh Holtei, Karl von, Cin Sude oman. Oktav⸗ 3 Bände.. 3 ½ Thlr. Holtei, Karl von, cin Schneidet. nn Volis⸗Ausgabe 3 Bände. 16.. 1 Thlr Holtei, Karl von, PDer guernigter gott. Sunt Aufſätze und Erzählungen. 3 Bände. 8. 3 ½ Thlr Holtei, Karl von, vierzig Jahre. 8 Vande. 8. Holtei, Karl von, Bilder aus dem hänslichen Peben. 2 S 8. hlr. Novellen⸗Album für Bojanowo. Herausgegeben v. 3 Gott⸗ ſchall, Pulvermacher und E. Trewendt. 8. 1 ½ Thlr. Oppermann, Andreas, Ans dem Bregenzer Wald. 8.% Thlr Pohl, A., Humoriſtſche Erzählungen und Shizzen. 8. Roquette, Otto, heinrich Falk. Roman. 3 Bände. 8. 5 Roſen, Ludwig, Werner Thormann. Roman. 3 B Schlönbach, Arnold, i Genrebilder aus der lichkeit. 2 Bände. 8. 2 RNoman in drei Bänden Gnſtav vom Ser. (G. von Struenſer.) Dritter Zand. Preslan, Verlag von Eduard Trewendt. 1859. In rmar tmat man rik ernh rin Erſtes Kapitel. Aspern. Sowohl im Leben der einzelnen Menſchen, als in dem⸗ jenigen ganzer Völker bewegt ſich das Rad der Zeit nicht in gleichmäßiger Weiſe. Die Minuten, die Stunden, die Tage ſind zwar, nach der Uhr gemeſſen, immer von derſelben Länge, aber ſehr verſchieden nach ihrem Werthe und nach dem Einfluſſe, den ſie auf unſer ganzes Da⸗ ſein ausüben. Lange rollen ſie ſich gleichmäßig ab, ſo wenig verſchieden, daß die Erinnerung Mühe hat, die einzelnen Fäden dieſes glatten Zeitgewebes von einander zu ſondern; dann bringt oft wieder ein einziger kurzer Augenblick Ereigniſſe von ſo gewaltiger und nachhaltiger Wirkung, daß ſie uns, mit oder ohne unſeren Willen, ergreifen, emporheben oder hinabſchlendern, für unſer ganzes Leben beglücken, oder für unſer ganzes Leben ver⸗ nichten. uſtav vom See, Vor fünfzig Jahren MI. 1 8 So waltet die Vorſehung im Kleinen wie im ßen, denn das, was wir groß nennen, iſt ja doch h weiter, als die Verbindung vieler Einzelnheiten zu enm Ganzen. Jedes Volk iſt eine große Familie, die ein g meinſchaftliches Band, gemeinſchaftliche Intereſſen mit einander verbinden. Was dieſes gemeinſame Wohler⸗ gehen erhöht oder beeinträchtigt, erhöht oder vermindert auch das Wohlſein der Einzelnen, und nur weil es dies thut, iſt es überhaupt von Bedeutung. Ein al S6 ſtraktes Wohlergehen des Staates giebt es nicht. De 3 jenige Staat iſt groß, mächtig und ſtark, in welcher ſeinen Bürgern ohne gegenſeitige Beeinträchtigung 6 gönnt iſt, dies für ſich ſo viel als möglich werden können. Ein Staat iſt groß und ſtark, wenn das Ha wie in der Familie, groß, mächtig und geehrt iſt, alle Glieder feſt und treu an ihm hangen, ſich ſe untereinander achten und lieben und ſtolz darauf ſind, zu dieſer Famlie zu gehören. Eine Familie, deren Glieder ſo handeln und denke wird, wenn auch von den Schlägen des Schickſals troffen, doch immer hoch in der Achtung ihrer Mitn ſchen ſtehen, eben ſo ein Staat, deſſen Fürſt und Bür von ſolchen Geſinnungen beſeelt ſind. Der Menſch weder im Einzelnen, noch im Ganzen befähigt, das Sih immer ſeinen Beſtrebungen dienſtbar zu machen, aber iſt ihm gegeben, in jedem Kampfe mit dem Geſchick. ehrenvoll zu erliegen. Die richtigere Einſicht der obwal ———— 2 5 1 terbyn Verhältniſſe, die Benutzung der Umſtände und die Anwendung der geeigneten und paſſenden Mittel 8 ſſchert gewöhnlich den Erfolg, und der Erfolg iſt leider ir die Meiſten der alleinige Maßſtab der Beurtheilun t trüben Dunſtkreis der Gegenwart hinauszuſehen, wenn t die Leidenſchaften und die unlauteren Wünſche des Augen⸗ 3 blickes vor dem Lichte einer parteiloſen Anſchauung er⸗ Poſchen ſind, werden die Thaten der Menſchen, ſowohl In Kleinen, als im Großen, nicht mehr nach dem Er⸗ ge, ſondern nach ihren Beweggründen, nach ihrer Ab— it gewogen und ſo in das Buch der Geſchichte einge— tragen. Dirſes große Buch, welches ſtets für uns offen da⸗ und aus dem doch die Beziehungen auf die Ge⸗ wart ſo ſchwer zu finden und zu enträthſeln ſind, d weil immer ein Schleier unſeren Blick verhüllt, dieſes große Buch lehrt uns aber auch, daß jedes unlautere Ind eigenſüchtige Streben wohl momentane, bedeutende Frfolge zu erzielen vermag, daß aber dennoch zuletzt die ahrheit und das Recht die Oberhand Behalten, und ß im Kampfe des Guten mit dem Böſen endlich das letztere unterliegen muß;— dieſes große Buch wird da⸗ dher auch für ein offenes Auge allein genügen, um den Slben an eine allwaltende, gerechte Vorſehung uner⸗ dſchütterlich feſtzuſtellen. Die Zeit, in wel ſcher unſere Erzählung die Gegen⸗ Immer aber, wenn es dem Blicke vergönnt iſt, über den ———————— — ——— wart bildete, gehörte vorzugsweiſe zu denjenigen, die im raſchen Fluge, Exeigniſſe an Ereigniſſe reihend und kaum für möglich Gehaltenes verwirklichend, dahinrauſchen. Der gewaltige Eroberer, welcher zuerſt die furchtbaren Dämonen der franzöſiſchen Revolution in Feſſeln geſchla⸗ gen, dann Frankreichs Ruhm und Größe und endlich ſeine eigene Macht und Herrſchaft als das allein zu er⸗ ſtrebende Ziel verfolgte und zur Erreichung deſſelben den Kampf mit ganz Europa ſtets ſiegreich fortführte, dieſer gewaltige Geiſt hatte nicht Zeit, die Zeit langſam in dem gewohnten Geleiſe fortſchleichen zu laſſen. So hat⸗ ten denn auch wenige Monate, nachdem Rudolf Breslau verlaſſen, die Lage der Dinge Europa's ſchon wieder ſehr weſentlich geändert. Die öſterreichiſchen Armeen, welche in Baiern eingedrungen, waren ohne eine eigent⸗ liche Schlacht, wenn man nicht die fünftägigen Gefechte bei Regensburg ſo nennen will, bis Wien zurückgedrängt worden, welches die Franzoſen am 12. Mai, nachdem ſie die Stadt am 11. aus einer Haubitz⸗Batterie beſchoſſen, in Beſitz nahmen. Von Anfang des Krieges an hatten die Proklamationen Napoleon's verkündet, daß das Haus Habsburg aufgehört habe, über Oeſterreich zu regieren; jetzt, im Beſitze der Hauptſtadt, wurde ſeine Sprache noch übermüthiger, und er forderte die Ungarn auf, ſich als eine ſelbſtſtändige Nation einen eigenen König zu wählen. Die Stimmung des öſterreichiſchen Volkes war jedoch durch dieſe ungünſtigen Erfolge keinesweges um⸗ — geſtaltet, der Haß gegen die Franzoſen nahm vielmehr von Tag zu Tag zu. Tyrol befand ſich in vollem Auf— ſtande; in Galizien war noch keine Entſcheidung erfolgt; in Wefffalen hatte Dörnberg das Volk zu den Waffen gerufen, und das Corps des Herzogs von Braunſchweig war in Sachſen eingedrungen und ſtand in Zittau; der Major von Schill war ohne Befehl des Königs von Preußen mit ſeinem Regimente in Wefffalen eingefallen; in Italien hatten die Oeſterreicher zuerſt gegen Eugen einige Erfolge gehabt, mußten aber nun über die Alpen⸗ päſſe zurückweichen, und die franzöſiſch⸗italieniſche Armee ſtand im Begriffe, den Sömmering zu überſchreiten und ihre Vereinigung mit der Hauptarmee zu bewerkſtelligen. Durch alle dieſe ungünſtigen Erfolge war jedoch der Muth des öſterreichiſchen Kabinets keineswegs gebrochen; die Hauptarmée unter dem Befehle des Erzherzogs Karl konzentrirte ſich in der Umgegend von Wien auf dem linken Donauufer, und es gewann den Anſchein, als ſoll⸗ ten die Bewohner der Stadt von ihren Thürmen aus Zeugen des bevorſtehenden Entſcheidungskampfes werden. Nach dieſer kurzen Ueberſicht der politiſchen Ereigniſſe nehmen wir den Gang unſerer Erzählung wieder auf. An einem Morgen in den letzten Tagen des Monats Mai ging der Freiherr von Wallingen in ungewöhnli⸗ cher Aufregung mit raſchen Schritten in ſeinem Zimmer auf und ab. Der kleine Raum ſchien für dieſe lebhafte Bewegung viel zu beengt, denn der Freiherr war genö⸗ —— ———— thigt, ſich in den kürzeſten Zeiträumen immer wieder um⸗ zudrehen. Dennoch mäßigte er keineswegs die angenom⸗ mene raſche Gangart, blies vielmehr den Dampf ſeiner Pfeife in eben ſo ſchnellen Zügen hervor, ſo daß ſich das Zimmer bald gänzlich damit anfüllte. Auf dem Sopha am Frühſtücktiſche ſaßen die Frau von Saldern und des Freiherrn Tochter, Louiſe, leiſe mit einander flüſternd, ohne den Freiherrn in ſeinen leb— haften Bewegungen in irgend einer Weiſe zu hindern. Das ſind die Folgen von dieſen neumodiſchen Theorieen, rief er nun, ohne ſeine Wanderung zu unterbrechen, kein Gehorſam mehr, keine Subordination! Ein Jeder glaubt thun zu können, was ihm beliebt! Es iſt ein ewiger Schandfleck für unſere Armee!— Lies weiter, mein Kind, fuhr er fort; es iſt unglaublich— lies weiter! Das junge Mädchen nahm das vor ihr liegende Zeitungsblatt und befolgte den Befehl ihres erzürnten Vaters. „Seine Majeſtät der König machen der Armee be⸗ kannt, daß der Major von Schill mit ſeinem Regimente, unter dem Vorwande, vor den Thoren der Garniſon zu manövriren, über die Grenze gegangen iſt. „Höchſtdieſelben finden nicht Worte genug, um dar⸗ über Ihre Mißbilligung in dem Grade auszudrücken, als Sie dies empfinden. Sije vertrauen, daß die Armee von derſelben höchſten Mißbilligung durchdrungen ſein wird und von einem guten Geiſte beſeelt iſt.“ — 5 — ⸗ Soweit iſt es leider gekommen, rief der Freiherr in neu aufloderndem Zorne, der König hat nöthig zu ſagen, er vertraue, daß noch Subordination, noch Gehorſam in der Armee ſich befinde! „Der Major von Schill und Alle, die mit ihm ge⸗ gangen ſind,“ las das junge Mädchen weiter,„ſollen einem ſtrengen Militärgerichte unterworfen werden.“ Das verſteht ſich von ſelbſt. „Seine Majeſtät erklären der Armee, daß Höchſtdie⸗ ſelben auf jene unglaubliche That beſchloſſen haben, die Geſetze des militäriſchen Gehorſams auch bei der kleinſten Unterlaſſung geſchärft anzuwenden.“ Man hätte die alten Strafen, das Spießtuhen fen, nicht abſchaffen ſollen; es iſt keine Furcht mehr, und ohne Furcht kein Gehorſam. „Als einen erſten Beweis pünktlicher Befolgung der Allerhöchſten Befehle legen Sie allen Militärperſonen Ihrer Armee die unbedingte Verpflichtung auf, daß ſie bei allen Verbreitungen von politiſchen und kriegeriſchen Nachrichten und Gerüchten ſich ruhig verhalten und daran auf keine Weiſe theilnehmen; vielmehr erwarten Sie von dem Gehorſam der Armee, daß ſie dieſen Befehl auch in allen nicht berührten Beziehungen auf das Genaueſte vollführen werde. „Königsberg, den 8. Mai 1809. „Friedrich Wilhelm.“ — ——— ——— ———— —— —— —— 8 So weit ſind wir endlich gekommen: der König muß den Gehorſam ſeiner Armee erwarten! Nun werden dem Könige hoffentlich endlich die Augen aufgehen, und er wird eingeſehen haben, wohin dieſe verderblichen Neue⸗ rungen führen müſſen. Sie urtheilen wieder ſehr hart und lieblos, bemerkte die Frau von Saldern in ruhigem Tone, Sie ſollten in den Zeitumſtänden wenigſtens eine Entſchuldigung für die That des Majors von Schill finden. Ich verbitte mir, dergleichen hochverrätheriſche An⸗ ſichten in meinem Hauſe auszuſprechen! fuhr der Frei⸗ herr im höchſten Zorne auf; keine Zeitumſtände können einen Soldaten entſchuldigen, wenn er gegen ſeinen König und Herrn zum Verräther wird. Dafür werden Sie doch gewiß ſelbſt den Major von Schill nicht erklären? Dafür erkläre ich ihn und will hier keine andere Er⸗ klärung dulden, verſtehen Sie mich, Frau von Saldern! rief er mit erhöhter Stimme, indem er ſich dicht vor ſie hinſtellte und ſie mit funkelnden Augen anblickte. Dieſe, an derartige Zornausbrüche bereits gewöhnt und davon wenig eingeſchüchtert, erwiederte mit völliger Ruhe: Warum ereifern Sie ſich ſo ſehr? Sie wiſſen ja, daß Sie dadurch meine Ueberzeugung doch nicht ändern. So? bemerkte der Freihert; daran iſt mir auch ſehr wenig gelegen. Wie denkſt du darüber, Lieſel? fragte er dann plötzlich. 7 Lieber Vater, erwiederte das junge Mädchen, indem ſie ſeine Hand ergriff und ihn mit ihren ſanften, braunen Augen unbefangen anblickte, ich weiß nicht, warum du 4 ſo ſehr böſe biſt, aber ich wünſche von ganzem Herzen, daß der brave Major von Schill ſiegen möge, dann wird man ihn gewiß auch nicht beſtrafen. Du biſt noch ein thörichtes Kind, bemerkte der Frei⸗ herr, in ſeinen Erwartungen getäuſcht, aber um Vieles ſanfter; lies weiter! Die Zeitungen regen dich jetzt immer ſo ſehr auf, lieber Vater... Lies weiter, Kind! rief der Freiherr, indem er ſeine Wanderung wieder begann. ——— „Im Kaiſerlichen Quartier zu Schönbrunn, 13ten Mai 1809. „Soldaten! Einen Monat, nachdem der Feind den Inn überſchritten hat, am nämlichen Tage, in derſelben Stunde ſind wir in Wien eingezogen. Seine Landweh⸗ ren, ſein Landſturm, ſeine Wälle, aufgeworfen durch die Wuth der Prinzen des Hauſes Lothringen, haben Eure Blicke nicht ausgehalten. Die Prinzen dieſes Hauſes haben ihre Hauptſtadt verlaſſen, nicht wie Männer von Ehre, welche den Umſtänden und dem Wechſel des Krie⸗ ges nachgeben, nein, wie Meineidige, welche von ihren eigenen Gewiſſensbiſſen gejagt werden; indem ſie Wien mit dem Rücken anſehen, ſpricht ſich ihr Abſchied an die —— — S ae* ——— — — SS — ——— — — 10 Einwohner mit Mord und Brand aus, wie Medea ha⸗ ben ſie mit eigenen Händen ihre Kinder gemordet! „Soldaten! Laßt uns mitleidig ſein gegen die armen Bauern, gegen das gute Volk, das in ſo mancher Rück⸗ ſicht unſere Achtung verdient; leget den Stolz ab, der ſich auf eure Siege gründet; wir wollen in denſelben Nichts ſehen, als den unumſtößlichen Beweis der göttli⸗ chen Gerechtigkeit, welche den Undank und den Meineid unausbleiblich ſtraft.„Napoleon.“ Sie überzeugen ſich, bemerkte die Frau von Saldern, als der Freiher fortfuhr, ſchweigend auf- und abzugehen, wie der Erfolg Alles beſtimmt und ſelbſt die göttliche Ge⸗ rechtigkeit ſtets als eine Bundesgenoſſin aufzuführen weiß. Vielleicht wird dies bei dem Major von Schill auch noch der Fall ſein. Sie ſcheinen es darauf abgeſehen zu haben, mich zu reizen, rief der Freiherr in neuerwachtem Zorn, aber Sie könnten ſich füglich dieſer Mühe entheben— kommt man doch wahrlich in Verſuchung, ſelbſt an der göttlichen Vor⸗ ſehung und Gerechtigkeit zu zweifeln, wenn man ſolche ſchändliche Blasphemie zu leſen gezwungen iſt!— Aber wo befindet ſich denn die öſterreichiſche Armee? Iſt die ganze Geſchichte ſchon wieder zu Ende? Es kann un⸗ möglich ſein nach all' dieſen Anſtrengungen! Wäre es — dann freilich verdienten ſie es nicht beſſer. Gnädiger Herr, meldete der eintretende Bediente, auf 11 der Straße draußen hat ein Wagen die Achſe gebrochen, die Herrſchaft läßt den gnädigen Herrn bitten, ſo lange hier verweilen zu dürfen, bis ſie ſich ein anderes Fuhr⸗ werk beſchafft haben. Wie heißt die Herrſchaft? hat man Ihm den Namen nicht genannt? Der Herr ſagte, ich möchte dieſe Karte abgeben. Roſen? Banquier Roſen? ſagte der Freiherr mit einem ſpöttiſchen Lächeln, da entwickelt ſich ja gleich ein Stückchen göttlicher Gerechtigkeit. Iſt der Herr allein? Nein, der Herr und eine junge Dame. Alſo auch die liebenswürdige Gattin— ſoll mir eine Ehre ſein! Führe ſie drüben in das Empfangszimmer und ſage, daß ich ſogleich erſcheinen würde.— Es iſt eigentlich nicht nach meinem Wunſche, Lieſel, daß du die Bekanntſchaft dieſer jungen, koquetten Frau machſt; in⸗ deſſen ich habe Gründe, beſonders höflich und zuvorkom⸗ mend gegen dieſen unerwarteten Beſuch zu ſein, ziehe dich daher an und komme recht bald hinüber; Sie bitte ich gleichfalls darum, Frau von Saldern. Werden ſie zu Mittag hier bleiben? fragte dieſe. Ich hoffe es nicht, aber wir müſſen ſie darum bitten. So werde ich mich alſo darnach einrichten.— Entſchuldigen Sie, Herr Baron, ſagte Roſen nicht ohne einige Verlegenheit, als der Freiherr nach einiger Zeit zu ſeinen Gäſten in das Zimmer trat, ich befinde mich mit meiner Frau auf einer kleinen Reiſe nach Mi⸗ — 12 litſch und habe das Unglick gehabt, hier, dicht am Dorfe, die Achſe des Wagens zu zerbrechen. Ich freue mich unendlich, erwiederte der Freiherr ver⸗ bindlich, daß dieſer kleine Unfall mir das Vergnügen Ihres wenn auch unfreiwilligen Beſuches verſchafft hat, und hoffe nur, daß ſowohl Ihre Frau Gemahlin als Sie ſich in keiner Weiſe beſchädigt haben. Durchaus nicht, mein Herr, bemerkte die junge Frau, wobei ſie ſichtbar erröthete; wir ſind mit einem kleinen Schrecken davongekommen; aber ich kann es mit meinem Manne nur lebhaft bedauern, daß wir genöthigt geweſen ſind, Ihnen zu einer ſo ungelegenen Stunde mit unſerem Beſuche läſtig zu fallen. Ich wiederhole, daß ich mich ſehr darüber freue, ob⸗ gleich es ſcheint, als ob Sie in dieſe Verſicherung Zweifel ſetzten. Ich werde indeß Sorge tragen, daß der Scha⸗ den an Ihrem Wagen ſobald als möglich wiederherge⸗ ſtellt werde, und ſollte dies, wie es den Anſchein hat, nicht ſo ſchnell zu bewerkſtelligen ſein, ſo ſteht Ihnen mein Wagen zu Dienſten. Jedenfalls werden Sie mir die Ehre erzeigen, den Mittag bei mir vorliebzunehmen, denn Militſch können Sie bei den langen Tagen immer noch vor dem Dunkelwerden erreichen.— Darf ich Ihnen Frau von Saldern und meine Tochter vorſtellen? fuhr er fort, als dieſe eintraten; Herr Banguier Roſen und Frau Gemahlin, fügte er mit einem leichten ſpöttiſchen Lächeln hinzu. 8 ———— 13 Die noch immer etwas gezwungene Unterhaltung wurde bald angeregter und natürlicher, wozu beſonders das freundliche und offene Benehmen der jetzt vierzehn⸗ jährigen Tochter des Freiherrn weſentlich beitrug. Roſe fühlte ſich freier, erzählte dem jungen Mädchen, daß ſie eine Schweſter in ihrem Alter habe, die ſie ſeit zwei Jahren nicht mehr geſehen, die ihr gleiche, und an welche ſie durch ihren Anblick lebhaft erinnert werde— kurz, es knüpften ſich bald nähere Beziehungen an, welche be⸗ ſonders Lieſel's offenes und leicht bewegliches Gemüth zu Gunſten der jungen, hübſchen Frau umſtimmten. Da der Schmied erklärt hatte, vor Nachmittag die zerbro⸗ chene Achſe nicht wieder herſtellen zu können, ſo lud der Freiherr Roſen zu einem Spaziergange in die Felder ein, und man ließ die Damen allein, die, wie immer, ſehr Vieles und doch an ſich ſehr Weniges mit einander zu verhandeln hatten. Gegen Mittag kehrten die Männer zurück; die Damen hatten es ſich nicht nehmen laſſen, dem angenehmen Geſchäfte der Toilette nochmals obzu⸗ liegen, und als ſie dann endlich wieder erſchienen, bot der Freiherr Roſe den Arm und führte ſie zu Tiſch. Der Freiherr ſaß zur Seite Roſe's und entfaltete ſeine ganze Liebenswürdigkeit, um die Erinnerung an das letzte Zuſammentreffen bei ihr zu verwiſchen; es gelang ihm dies bei dem etwas leichten Sinn, mit welchem Roſe die Dinge und Verhältniſſe auffaßte, auch bald, und die Unterhaltung wurde lebendig und ungezwungen. 5 14 Alſo ſind Sie eine geborene Oeſterreicherin? fragte der Freiherr im Laufe des Geſpräches. Ja, Herr Baron, und ich bin ſtolz auf mein Vater⸗ land und auf meine Vaterſtadt Wien. Sie hätten mehr Urſache, dieſe unglückliche Stadt jetzt zu beklagen. Glauben Sie das nicht, erwiederte Roſe, indem ein lebendi res Feuer aus ihren Augen ſtrahlte, die Wiener hän,„treu und fiſt an ihrem Kaiſer, und wenn auch die Franzoſen augenblicklich noch Herren der Stadt ſind, ſo hat dies jetzt doch die längſte Zeit gewährt. Ja, ſie werden allerdings nicht immer in Wien blei⸗ ben, ſagte der Freiherr traurig, aber gewiß nicht gehen, ohne wieder ein großes Stück Oeſterreich mit ſich fort— zunehmen— haben Sie nicht geleſen, mit welcher ge⸗ meinen Verachtung Napoleon von den kaiſerlichen Prin⸗ zen ſpricht. Sprach, müſſen Sie ſagen— denn jetzt nach dem Siege des Erzherzogs wird er wohl eine andere Form für ſeine Kundmachungen auffinden müſſen. Nach dem Siege des Erzherzogs? Sie ſcheinen dies zu bezweifeln, ſcheinen überhaupt dieſe wichtige Nachricht noch gar nicht zu kennen? Welche Nachricht? So wiſſen Sie wirklich noch nicht, daß die Franzo⸗ ſen im Angeſichte von Wien, bei Aspern, von dem Erz herzog Karl total geſchlagen find? * Gnädige Frau, ſagte der Freiherr mit vor Erregung bebender Stimme, täuſchen Sie einen Mann nicht, der täglich Gott bittet, ihn nur noch ſo lange leben zu laſ⸗ ſen, bis die Vergeltung dieſen zweiten Attila ereilt ha⸗ ben wird. Bernhard, rief Roſe ihrem an der anderen Seite des Tiſches ſitzenden Manne zu, Bernhard, der Herr Baron hat noch gar keine Kunde von der Schlacht bei Aspern, haſt du den Brief meines Vaters nicht bei dir? 65 Gewiß, gewiß, ſagte Roſen, aber wie iſt es möglich? ganz Breslau iſt ja ſeit geſtern in der freudigſten Auf⸗ regung! Was ſchreibt Ihr Herr Schwiegervater? Foltern Sie mich nicht länger! „Am 21, d. M.(Mai) und in der Nacht vom 21. zum 22., las Roſen,„ging die franzöſiſche Armee auf vier Brücken von der Inſel Löbau aus auf das linke Donauufer über. Schon am Nachmittage des 21. be⸗ gann der Kanonen Donnern, und wir konnten vom Stephan die ſich entſpinnende Schlacht beobachten. Das Dorf Aspern bildete den Mittelpunkt und wurde zwölf Mal genommen und verloren. Unaufhörlich zogen fran⸗ zöſiſche Kolonnen über die Löbau-Brücken. Die gute, alte Donau war mit uns im Bunde und ſchwoll vor Zorn über die fremden Eindringlinge mit einer ſolchen Schnelligkeit an, wie ich dies von ihr noch nie geſehen habe. Am 22 erneuerten die Franzoſen unter der per⸗ 6 — ſönlichen Anführung des Kaiſers Napoleon auf allen Punkten den Angriff. Den ganzen Tag über wurde von beiden Seiten mit der höchſten Anſtrengung gekämpft, der Donner der Kanonen glich einem unaufhörlichen Rollen. In dem Augenblicke der Entſcheidung ſtieg der Erzherzog Karl ſelbſt vom Pferde, ergriff eine Fahne, führte ſeine Grenadiere gegen die franzöſiſchen Linien, warf ſie und ſiegte. Die Franzoſen mußten das Schlacht⸗ feld räumen und eilig ſich auf die Löbau zurückziehen, wo ſie jetzt umzingelt ſind— die Donau iſt noch fort⸗ während im Steigen. Der Verluſt auf feindlicher Seite ſoll über 20,000 Todte betragen, darunter befinden ſich die Marſchälle Lannes und Maſſena. Die Vernichtung des franzöſiſchen Heeres auf der Löbau iſt unausbleib⸗ lich, denn der Erzherzog Johann wird von Ungarn auf dem rechten Donauufer vorrücken und den Franzoſen in den Rücken fallen. Wir ſehen einer ſchönen, beſſeren Zeit entgegen. Gott ſegne Euch, meine Kinder!“ Und das ſagen Sie mir Alles erſt jetzt, rief der Frei⸗ herr aufſpringend, erſt jetzt, nachdem Sie ſchon Stunden lang hier ſind!— Mein Gott, ich danke dir, danke dir aus dem tieſſten Grunde meines Herzens, daß du mich gewürdigt haſt, dieſe Stunde noch zu erleben, fuhr er mit vor Erregung zitternder Stimme fort, indem er ſeine Hände wie zum Gebete faltete— und nun wollen wir uns freuen, freuen und jubeln, wie wir es ſeit langen Jahren nicht gethan! Geh, Lieſel, geh, mein Herzens⸗ — kind, hole die alten beſtaubten Ungarflaſchen vom Groß— vater, du weißt, ganz hinten in der Ecke— ſie ſollten auf deiner Hochzeit getrunken werden— aber heute iſt mehr als deine Hochzeit, heute iſt der rFreudentag unſeres Vaterlandes! Hoch! hoch Oeſterreich! rief er dann, ſein Glas erhebend, hoch und immer hoch der Sieger von Aspern! Die Begeiſterung des Augenblicks theilte ſich Allen mit, man umarmte ſich, drückte ſich die Hände, und das junge Mädchen hing weinend an dem Halſe des Vaters, dem ſelbſt unbewußt die Thränen in den weißen Schnurr⸗ bart fielen. Ich war eigentlich in meinem Herzen erzürnt auf Sie, ſagte dann der Freiherr, während Louiſe den Wein holte, zu Roſe, indem er ihre beiden Hände feſthielt, Sie wiſſen, wegen der einfältigen Geldangelegenheit— aber nun iſt Alles vergeſſen und vergeben— denn Sie waren die Verkündigerin einer Freudenbotſchaft, die ich nicht mehr zu erleben glaubte. Chriſtian! rief er dann wieder dem alten eben eintretenden Bedienten entgegen, Chriſtian, haſt du gehört? Die F Franzoſen ſind bei Wien eſchlagen, total geſchlagen; endlich, endlich zum erſten Male gründlich geſchlagen. Rufe alle Leute z zuſammen, ille Knechte ſollen vom Felde zurück, heute iſt großer feiertag, Feſttag! Ihr bekommt Bier, ſo viel ihr mögt, nd ſollt die ganze Nacht tanzen! Du nicht, Alter atürlich, aber die Jungen.— Laß vier Klaftern Holz Guſtav vom See„Vor fünfzig Jahren. III. auf den Galberg fahren, heute Abend muß ein Freuden⸗ feuer brennen, das man viele Meile weit in der Runde ſehen kann. Und nun nochmals, fuhr er fort, als Louiſe zwei alte, ganz beſtaubte Flaſchen auf den Tiſch geſetzt hatte, nun nochmals auf das Wohl Oeſterreichs und des Etz⸗ herzogs Karl! Wie die Zeiten ſich ändern! ſprach er weiter, nach⸗ dem man abermals angeſtoßen. Als mein Vater dieſen edlen Wein kaufte und in den Keller legte, hätte es für einen Landesverrath gegolten, auf das Wohl Oeſterreichs zu trinken; denn damals wollten die Oeſterreicher uns Schleſien wieder abnehmen, und der große König mußte ſich deshalb mit ganz Europa herumſchlagen— mein guter, braver Vater hat gewiß nicht geglaubt, daß ſein einziger Sohn mit dieſem Weine jemals auf Oeſterreichs Wohl anſtoßen würde— aber wenn er noch lebte, er wäre gewiß der Erſte, der dies thäte— denn er würde jetzt auch über manche Dinge anders denken und wie ich die Ueberzeugung gewonnen haben, daß nur die Einigkeit Deutſchland ſtark und unüberwindlich machen kann. Roſe's leicht empfängliches Herz fühlte ſich immer mehr zu dem Freiherrn hingezogen; ſeine Theilnahme für das Land ihrer Geburt, für den durch öſterreichiſche Waffen erfochtenen Sieg erhob und begeiſterte ſie, und ſie hätte am liebſten den alten Mann umarmen und küſſen mögen, welcher in ſo jugendlich edler Erregung 19 aufflammte. Da ſie dies jedoch nicht konnte, ſo blickte ſie ihn mit ihren großen, dunklen Augen ſo innig und hingebend an, erwiederte ſo warm und rückhaltslos den Druck ſeiner Hände, daß auch der Freiherr von gleichen Gefühlen gegen ſie ergriffen wurde. Ich muß mich eines Vergehens gegen Sie bekennen, gnädige Frau, ſagte dieſer daher, indem er wieder ihre Hand ergriff; Sie dürfen mein Haus nicht verlaſſen, ohne mir von Grund Ihres Herzens vergeben zu haben. Nicht doch, nicht doch, erwiederte ſie, laſſen Sie uns dieſe ſchöne Stunde durch keinen Mißton verkümmern, — ich, ich und mein Mann, wir haben Ihre Verzei⸗ hung zu erbitten und thun es hiermit mit reuigem Herzen. Nicht wahr? fuhr ſie mit einem reizenden Auf⸗ ſchlag ihrer jetzt ſo ſeelenvoll blickenden Augen fort, nicht wahr? Sie haben jeden Groll gegen uns aus dem ge⸗ heimſten Winkel Ihres Herzens verbannt, und Alles iſt vergeſſen und vergeben? Sie ſind eine gefährliche Zauberin, ſagte der Frei⸗ herr, die ſchöne Frau, welche mit dem flehenden Blicke doppelt reizend vor ihm ſtand, lächelnd anſchauend— es ſoll Alles vergeſſen und vergeben ſein, nur der heutige Tag und die heutige Stunde nicht. Roſe— es war gewiß nicht paſſend, aber ſie konnte dem Drange ihres Herzens nicht widerſtehen— ſchlang raſch ihre Arme um den Hals des Freiherrn und drückte einen flüchtigen Kuß auf ſeine Lippen. Frau von Sal— 20 dern huſtete in ſichtlicher Verlegenheit, und auch Roſen blickte, von gleicher Empfindung über das unſchickliche Benehmen ſeiner Frau ergriffen, zur Erde. Der Frei⸗ herr aber, welcher ſich durch dieſe Ovation keinesweges unangenehm berührt fühlte, rief, indem er den Kuß er⸗ wiederte und dadurch die Sache wieder ausglich, in hei⸗ terem Tone: Das kommt Alles auf den Sieg von As⸗ pern! Wenn ſo Außerordentliches geſchieht, kann auch ein alter Mann außerordentlicher Weiſe von einer jungen, ſchönen Frau einen Kuß erhalten, wofür er ſich natürlich revanchiren mußte. Aber da unſer Freundſchaftsbündniß nun geſchloſſen iſt, ſo müſſen Sie es dadurch noch be⸗ thätigen, daß Sie heute bei uns bleiben und das Sie⸗ gesfeſt gemeinſchaftlich mit uns feiern. Es ließ ſich unter dieſen Umſtänden einer ſo freund⸗ lichen Einladung keine Weigerung entgegenſtellen, und ſo blieb man zuſammen. Der Freiherr hatte den Raum unter der alten Linde im Dorfe mit Bänken einfaſſen laſſen, es wurde Muſik auf Wagen geholt, alle Dorfeinſaſſen erſchienen im Sonn⸗ tagsſtaat, zwei große Fäſſer Bier und einige der Schlacht von Aspern zum Opfer gefallene und gebratene Hammel verſchönten das frohe ländliche Feſt, bei welchem der Freiherr in Uniform erſchien, und ſelbſt Louiſe und Roſe es nicht verſchmähten, an der Hand ſchmucker Bauerbur⸗ ſchen einen Tanz zu wagen. Als die Nacht heraufgezo⸗ 3 gen, loderte von der nahen Höhe über dem Dorfe der 21 mächtige Holzſtoß in gewaltigen Flammen empor und verkündete weit in die Gegend hinaus die Feier des Sieges von Aspern in Schönberg. Ein heiteres Mahl hielt die Bewohner des Herren⸗ hauſes und ſeine Gäſte, welche ſich im Laufe des Nach⸗ mittags aus der Nachbarſchaft noch vermehrt hatten, bis ſpät in die Nacht zuſammen, und erſt als der Himmel im Oſten ſich wieder zu röthen begann, begab man ſich endlich zur Ruhe. Es war beinahe abermals Mittag geworden, als das Roſen'ſche Ehepaar nach herzlichem Abſchiede Schönberg verließ. Roſe fühlte ſich ſo heiter und innerlich froh, wie dies lange nicht der Fall ge⸗ weſen; die offene und begeiſterte Anerkennung, welche der Sieg ihres vaterländiſchen Heeres bei dem Frei⸗ herrn gefunden, hatte ihrem Herzen beſonders wohl⸗ gethan. Es iſt ein herrlicher alter Mann, ſagte ſie, noch ſicht⸗ lich unter dem Einfluſſe dieſes Gefühls, als ſie mit Ro⸗ ſen ſich im Wagen allein befand, ich habe ihn ſehr ver⸗ kannt.. Dennoch hätteſt du nicht nöthig gehabt, ihn zu küſſen — es war unſchicklich. Unſchicklich? weshalb? Weißt du auch, warum ich es gethan, Bernhard? Weil du überhaupt ſehr häufig nicht überlegſt, was du thuſt. Nein, weil er der Erſte war, der ſich ſo recht von 22 Grund ſeines Herzens über unſeren Sieg freute, ſo, gerade ſo, wie ich es gethan habe. Das entſchuldigt dich nicht. Hätteſt du dich eben ſo gefreut, Bernhard, dann würde es mir vielleicht gar nicht eingefallen ſein— aber wie kalt, wie theilnahmlos haſt du dich bei dieſer Nach⸗ richt benommen! Soll ich mich vielleicht noch ungeheuer freuen, wenn ich erfahre, daß ich ſehr wahrſcheinlich 10,000 Thaler verloren habe? Sprich nicht ſo, fagte die junge Frau mit blitzenden Augen, laß mich nicht glauben, daß dies deine wahre Empfindung iſt— ich müßte dich ſonſt weniger lieben. Du biſt ja mit einem Male eine große Patriotin, Roſe! was wird unſer Freund Haller dazu ſagen? Dein Freund— nicht mehr der meinige, erwiederte ſie, ſich in die Ecke des Wagens zurücklehnend; mag er denken und ſagen, was er will; ſeine Vorausfagungen ſind, Gott ſei Dank, dieſes Mal zu Schanden gewor⸗ den, und er kann nichts Beſſeres thun, als nun mit ſeinem Gottgeſandten ſich nach Frankreich auf den Rück⸗ zug zu begeben. * Jweites Kapitel. Helgoland. Die Frendenfeuer brannten noch auf den Bergen und in den Herzen der Menſchen, als ſchon die Sachen an der Donau eine weſentlich andere Geſtalt gewannen. Die Unthätigkeit und die Uneinigkeit der öſterreichiſchen Feldherren verdarb, was der heldenmüthige Tag von Aspern mit ſeiner blutigen Arbeit gewonnen hatte. Nach⸗ dem die Oeſterreicher zuerſt bei Raab am 14. Juni ge⸗ ſchlagen waren, forcirte endlich Napoleon am 5. Juli den lange Angeſichts des öſterreichiſchen Hauptheeres vor⸗ bereiteten Uebergang von der Löbau-Inſel auf das linke Donauufer und gewann die Schlacht von Wagram, wenn ſich auch die öſterreichiſche Armee in guter Ord⸗ nung und nur mit dem Verluſte von neun demontirten Kanonen zurückzog. Schon am 12. Juli ſchloß man einen vierwöchentlichen Waffenſtillſtand, und jene unge⸗ wiſſe und erwartungsvolle Zeit begann, in welcher man ſich täglich mit Friedensnachrichten herumtrug und ſich dabei ſo viel irgend möglich auf die Fortſetzung des Krieges vorbereitete. Napoleon verfügte über die in ſeiner Gewalt befindlichen öſterreichiſchen Landestheile und legte ihnen vorläufig als Vorgeſchmack der zu erwartenden 24 Friedensbedingungen die unerſchwingliche Summe von 50 Millionen Thaler als Kontribution auf. Während Napoleon, in Schönbrunn reſidirend, ſo die öſterreichi⸗ ſchen Staaten brandſchatzte und Friedensbedingungen ſtellte, welche, mit der Ehre unverträglich, verworfen wur⸗ den, feierte man in Wien ſeinen Namenstag in der ſo⸗ lenneſten Weiſe. In einer wiener Zeitung unterm 16. Auguſt wird gemeldet: „Geſtern haben wir hier das Napoleonsfeſt eben ſo glänzend als fröhlich gefeiert. Vom frühen Morgen an war Alles auf den Straßen in Bewegung, um die große Parade in Schönbrunn und die Menge der von da im vollſten Staate anlangenden Miniſter und Generale zu ſehen. Alle franzöſiſchen Behörden gaben große Tafel; die bei Sr. Excellenz dem Herrn Generalgouverneur be— ſtand aus mehr als hundert Gedecken und befand ſich im neuerbauten Burgſaale. Am oberen Ende befand ſich das mit Blumenguirlanden geſchmückte Bild Sr. Majeſtät des Kaiſers Napoleon unter einem prächtigen Thronhimmel, darüber die transparente Inſchrift: Vive Napoléon le Grand! Die Tafel war öffentlich; eine glänzende Menge Zuſchauer, denen auch nachher die übri⸗ gen Zimmer geöffnet wurden, verherrlichten das Feſt. Abends waren alle öffentlichen und Privatgebäude ohne Ausnahme ſowohl in der Stadt als in den Vorſtädten glänzend erleuchtet. Eine zahlloſe Menge Menſchen füllte die Straßen und Plätze, das ſchönſte Wetter begünſtigte — —— W P— c)— 20 die Feier. Muſik ertönte, die Leute ſangen in den Stra⸗ ßen, nicht die geringſte Unordnung fiel vor. Seit Jo⸗ ſeph's Zeiten war kein Feſt ſo allgemein; bei keinem ſah man ein ſo großes, ſo fröhliches und doch ſo anſtändi— ges Gewühl, die Straßen der Stadt ſchienen großen Geſellſchaftsſälen zu gleichen.“ Es iſt mir lieb, rief der alte Baumann, indem er das Blatt der Schleſiſchen Zeitung, worin dieſer wiener Artikel ſtand, erſt in der Hand zerknitterte und es dann auf die Erde ſchleuderte, es iſt mir lieb, daß ich nicht in dieſen Geſellſchaftsſälen habe mittanzen müſſen! O, pfui der Schande, ſo Etwas zu ſchreiben! Du biſt ja wieder ſo ſtill, Aennchen? fuhr er nach einiger Zeit fort; ja, ja, deine Gedanken ſind jetzt ſtets wo anders und haben keine Zeit mehr, ſich mit deinem alten Vater zu beſchäftigen. Lieber Vater, bat das junge Mädchen, zürne nicht, ſei mir nicht böſe— aber, ſetzte ſie leiſe hinzu, indem ſich ihre Augen mit Thränen füllten, es iſt jetzt in zwei Monaten keine Nachricht von ihm gekommen, wer weiß... Sie warf ſich weinend an ſeine Bruſt. Du lieber Gott, ſagte er, indem er ſie zärtlich um⸗ ſchlang und einen Kuß auf ihre Stirn drückte, im Kriege geht das nicht anders, mein Kind! Ein Mädchen, das ſich einen Soldaten erkoren, ſetzte er mit einem etwas gezwungenen Lächeln hinzu, muß ſtark ſein; die darf nicht immer gleich die Augen voll Waſſer haben, wenn uicht 26 alle acht oder vierzehn Tage ein Brief kommt. Bedenke nur, alle Poſtverbindungen ſind ja aufgehoben, es iſt ja immer ein bloßer Zufall, wenn ein Brief richtig an⸗ kommt. Ja, ja, lieber Vater, du haſt Recht und biſt ſo gut, aber.. Sie vermochte, ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengte, doch vor Schluchzen nicht weiter zu reden. Kind, Kind, ſagte er, indem ſeine Gedanken, wie dies ſo häufig der Fall war, plötzlich eine andere Rich⸗ tung annahmen, damals, als ſie fortging— fortging, um niemals wiederzukommen, niemals zu ſchreiben— ja, damals— ach, du weißt es wohl kaum mehr— aber ich, ich! Da habe ich auch gewartet, immer ge⸗ wartet, erſt Stunden lang, dann Wochen lang— dann Monate und nun Jahre! Niemals habe ich einen Brief erhalten, und mein altes Haupt wird in die Grube fah⸗ ren, ohne ſie noch einmal, noch ein einziges Mal wie⸗ derzuſehen, ebenſo, wie deine Mutter geſtorben iſt, der Gott vergeben möge. Vater, Vater, beſter Vater, rief angſtvoll das junge Mädchen, verſcheuche dieſe trüben Gedanken, ich will auch wieder fröhlich und heiter ſein! Sieh', ich bin es ſchon. Ja, ja, du haſt Recht, es war eine Thorheit, mich zu ängſtigen, es iſt ja gar keine Poſtverbindung... Wenn dein Bräutigam, fuhr der Alte fort, ohne auf Aennchen's Bitte Rückſicht zu nehmen, in der Schlacht fällt, ſo ſtirbt er den ſchönſten Tod, den es giebt, den „ — 2 Tod für das Vaterland— dann kannſt du weinen, Mädchen, weinen ſo recht von Grund deines Herzens; du kannſt dich freuen auf das Wiederſehen, wenn dieſes nichtswürdige Maskenſpiel vorüber iſt— aber ich, ich — was kann ich? Hol der Teufel alle dieſe verdammten Gedanken! fuhr er dann plötzlich auf, ich werde wie ein altes Weib, ſitze immer zu Hauſe und plärre meinem Kinde Etwas vor, ſtatt wie ein ordentlicher Menſch Stunden zu geben und Geld zu verdienen! Sieh' mich nicht ſo vorwurfs⸗ voll an, Aennchen— glaubſt du, ich wüßte es nicht, daß es eine Schande für mich iſt, mich zum größten Theile von dir ernähren zu laſſen, ich, dein Vater, der ja noch immer leidlich fiedeln kann und doch am Ende jedenfalls zum Tanz ſpielen könnte! Ach, das müßte eine Wonne ſein, wahrhaftig, ich möchte es einmal pro⸗ biren. Ganz ſüß und leiſe werde ich geigen, wenn ein junger Fant einem ſchönen, verlangenden Mädchen allerlei verführeriſche Reden zuflüſtert, ich will ihn ſo ſchmelzend accompagniren, daß ſie ſchwach und nachgiebig wird— denn es iſt doch Alles eine und dieſelbe Teufelei, darum... Lieber Vater, unterbrach Anna, froh, ſeine wilden Gedanken endlich in eine andere Bahn zu bringen, dort kommt Herr von Venner, empfange ihn, denn ich ſehe zu verweint aus und muß mich erſt ein wenig zurecht⸗ machen. Zurechtmachen? ſprach er vor ſich hin, als Anna ge⸗ 28 gangen war; ich bin bereits zurechtgemacht, aber ver— weint ſehe ich doch nicht aus, denn dazu müßte ich erſt wieder weinen können.— Guten Morgen, Herr von Venner! etwas Neues? Wenn Sie neu nennen, daß ſich das Schickſal Deutſch⸗ lands mit jedem Tage mehr erfüllt, ſo giebt es deſſen leider genug. Es ſcheint wirklich, als ob dieſer Mann mit dem Glücke einen unauflöslichen Pakt geſchloſſen habe. Iſt der Friede abgeſchloſſen? Was iſt von Oeſterreich übriggeblieben? Geben Sie Acht, die franzöſiſche Grenze wird in einigen Jahren nicht mehr der Rhein, ſondern die Weichſel ſein. Alle Unternehmungen in Deutſchland ſind geſcheitert, fuhr Venner fort, ohne auf den Ideengang des alten Baumann einzugehen. Sehen Sie, daran bin ich per⸗ ſönlich ein wenig betheiligt geweſen, bin mehrmals nur mit Mühe der Entdeckung oder, was das Gleiche war, dem Tode entgangen, und nun— Alles vergebens! So iſt der Menſch, entgegnete Baumann mit ſpöt— tiſchem Lächeln, immer liegen ihm ſeine eigenen Angele— genheiten vor Allem am Herzen. Verſchonen Sie mich heute mit Ihrer verbitterten Veltanſchauung, ſagte Venner nicht ohne Empfindlich— keit; ich bin nicht in der Stimmung, darauf einzugehen und Anſichten von Ihnen ausſprechen zu hören, welche nicht einmal Ihre wahre Ueberzeugung ſind. Wenn 29 meine Nachrichten Sie nicht intereſſiren, ſo kann ich ſie eben ſo gut für mich behalten und will nur Aennchen den für ſie eingegangenen Brief geben. Iſt ein Brief für ſie gekommen? fragte Baumann lebhaft, das heißt, ein Brief von ihm— denn ſonſt hat doch Nichts mehr Intereſſe für ſie. Er iſt gekommen und von ihm. Wo befindet er ſich, wie geht es ihm, iſt er munter und wohlauf? So reden Sie doch! Glauben Sie, daß ich keinen Antheil an dem Bräutigam meiner Tochter nehme? Es iſt Alles vorbei, erwiederte Venner mit trauriger Stimme; ſo wie die übrigen Aufſtände in Deutſchland, iſt auch das Unternehmen des Herzogs von Braunſchweig völlig geſcheitert. Das konnte wohl nicht mehr zweifelhaft ſein, nach⸗ dem die Oeſterreicher für gut befunden, die Franzoſen von der Löbau-Inſel, wo ſie Gott in ihre Hand gege⸗ ben, wieder entwiſchen und ſich dann von ihnen ſchlagen zu laſſen. Ja, wenn man den Muth gehabt hätte, den Sieg von Aspern zu verfolgen, dann hätte es auch in Deutſchland anders werden können. Es iſt nun Alles vorüber, ſagte Venner nach einem längeren Schweigen— und was uns jetzt bevorſteht — Gott allein kann es wiſſen! Wir ſind nur auf einem verkehrten Fleckchen dieſes langweiligen Planeten zur Welt gekommen, bemerkte Baumann, in ſeinen Ideen wieder abſpringend; wären wir in Frankreich geboren, was der Zufall eben ſo leicht hätte geſchehen laſſen können, ſo würden wir die Wege der Vorſehung als die erhabenſte Weisheit preiſen, wäh— rend wir jetzt dem lieben Gott über ſeine Regierung die bitterſten Vorwürfe machen. Venner, welcher ſich über dieſe Auffaſſung der Dinge ſichtlich ärgerte, hatte eine keinesweges ſanfte Erwiderung auf der Zunge, als Anna eintrat. Sie würde ſich ge— wiß mehr Zeit genommen haben, um die Zeichen der inneren Erregung von ihrem lieblichen Geſichte zu ver⸗ wiſchen, wenn nicht die Hoffnung, vielleicht eine Nach— richt von Rudolf zu erhalten, ſie getrieben hätte, ſobald als möglich Venner zu ſprechen. Es iſt ein Brief für dich gekommen, mein Kind! rief ihr der alte Baumann ſogleich entgegen; er iſt mun⸗ ter und geſund. Anna zuckte, als ſie dieſe langerſehnte Kunde empfing, wie von einem jähen Schrecken getroffen zuſammen, ihre Glieder verſagten ihr den Dienſt, ſie mußte ſich an der Lehne eines Stuhles halten, um nicht umzuſinken, und ihre großen, tiefblauen Augen hingen mit dem Ausdrucke der flehendſten Erwartung an denen Venner's, welcher, den bewegten Gemüthszuſtand des jungen Mädchens er⸗ kennend, ohne weitere Vorbereitung den Brief hervorzog und ihr denſelben hinreichte. Hier iſt der Brief, liebes Aennchen, ſagte er voll 31 Theilnahme, erſt vor einer halben Stunde habe ich ihn erhalten, und zwar durch einen ſicheren Agenten aus Hamburg, und bin ſogleich hierher geeilt, um ihn Ihnen zu bringen. Ihre Hand zitterte heftig, als ſie dieſelbe ausſtreckte, um den Brief in Empfang zu nehmen, und Freude und Angſt kämpften ſichtbar in ihren Zügen. Seien Sie unbeſorgt, fuhr Venner daher fort, er iſt allen Gefahren glücklich entgangen, geſund und wohl— ſo wohl, als es unter den jetzigen traurigen Verhältniſ⸗ ſen überhaupt möglich iſt— doch Sie werden ja das Alles ſelbſt und ausführlich leſen. Ich danke Ihnen, Herr von Venner, flüſterte Anna, indem ſie den Brief unwillkürlich an ihr Herz drückte; Sie ſind ſtets ſo voll Theilnahme für uns, ſeien Sie daher nicht böſe, ſetzte ſie noch leiſer hinzu, indem ihr liebliches Geſicht ein leiſes Roth überflog, und auch du nicht, lieber Vater, wenn ich mich jetzt entferne. Ohne eine Antwort abzuwarten, flog ſie aus dem Zimmer. Baumann und Venner blickten ihr ſchweigend nach. Sie ſehen, ſagte der Erſtere nach einiger Zeit, es iſt Eine wie die Andere! Es dreht ſich Alles um das Bis⸗ chen Liebe, um ein Ding, das jedes Mal ſeinen Werth verliert, wenn man es erſt ganz beſitzt. Meine Anna wird recht lange glücklich ſein, fuhr er lachend fort, denn mit dem Beſitzen wird es wohl noch Zeit und Weile 32 haben, wahrſcheinlich wird es ſogar niemals dazu kom⸗ men, und ſo bleibt ſie glücklich bis an ihr ſeliges Ende. Verſchonen Sie mich endlich mit dieſen barocken Phra⸗ ſen! entgegnete Venner aufgebracht; Sie ſollten fühlen, daß Sie dadurch Andere und beſonders das Herz Ihres Kindes unaufhörlich verletzen, und bedenken, daß Anna mit der kindlichſten Aufopferung für Sie beſorgt iſt. Ich weiß, was Sie meinen, ſagte Baumann, indem ſich ſeine Geſichtsmuskeln gewaltſam verzogen, Sie haben Recht, mir dies vorzuwerfen, ganz Recht; aber ich bin ſchon von ſelbſt darauf gekommen, ſchon ohne Ihre freundliche Bemerkung, und werde wieder arbeiten und fleißig ſein, mich nicht mehr von meinem Kinde ernäh⸗ ren laſſen. Beim Theater mögen ſie mich nicht mehr, und Stunden kann ich einmal nicht geben, das iſt mir unmöglich, aber— ich werde zum Tanz ſpielen. Wenn Sie Etwas hören, Herr von Venner, ſo empfehlen Sie mich. Thun Sie, was Sie wollen, erwiederte Venner er⸗ zürnt, indem er ſeinen Hut nahm, aber verſchonen Sie mich mit den Auswüchſen Ihrer regelloſen Phantaſie und beherzigen Sie dasjenige, was ich Ihnen vorhin geſagt habe. Der alte Baumann blieb längere Zeit ſchweigend ſitzen, nachdem Venner ſich entfernt hatte; ſein Blick ſtierte regungslos auf Einen Fleck des Fußbodens. Er hat eigentlich Recht, ſagte er dann mit einem tiefen Seufzer, — — „ 33 und er meint es auch gut, gewiß ſehr gut— aber kann er hier hineinſehen? fuhr er fort, indem er die Hand krampfhaft an ſeine Bruſt preßte. Gott ſei Dank, daß er es nicht kann! Warum giebt es Dinge, die man durchaus nicht zu vergeſſen im Stande iſt, wenn man ſich auch noch ſo viele Mühe giebt! Es iſt eine ſchlechte Einrichtung von der Natur— die ganze Natur iſt eine ſchlechte Einrichtung, und der Menſch das Schlechteſte von dem Schlechten! Flüchtigen Schrittes war Anna in ihr kleines Zim⸗ mer geeilt; das Fenſter ſtand offen, der laue Auguſtwind ſpielte mit den Blättern des ſich davor hinaufrankenden Geisblattes und trug den würzigen Duft ſeiner Blüthen in den heimlichen, ſtillen Raum. Sie ſetzte ſich auf den am Fenſter ſtehenden Stuhl, ihre zitternde Hand hielt noch immer den verſchloſſenen Brief, und ihre leuchten⸗ den Augen hafteten unverwandt auf den Schriftzügen der Adreſſe. Sie hatte den ſo lange erſehnten Brief in eihren Händen, und doch zögerte ſie noch immer, ihn zu öffnen. Endlich zerbrach ſie das Siegel, und ihr Blick ſtrahlte vor Freude, als er auf die ter fiel. enggeſchriebenen Blät⸗ Nachdem wir dieſes liebliche, von der Liebe verherr⸗ lichte Mädchenbild genugſam betrachtet haben, wollen wir mit der uns zuſtehenden Freiheit hinter Aennchen's Stuhl treten und über ihr leuchtendes, goldenes Haar hinweg Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. III. 2 3 mit ihr zuſammen in den Brief blicken, um ſeinen In⸗ halt zu erfahren. Rudolf ſchrieb: „Halberſtadt, 30. Juli 1809. „Mein liebes, ſüßes Aennchen! „Ob dich dieſe Zeilen jemals erreichen werden, ob dein freundliches Auge wirklich darauf ruhen wird— ich weiß es nicht, es iſt ſogar ſehr unwahrſcheinlich; aber dennoch muß ich mit dir reden, Geliebte, nicht nur in Gedanken, wie ich es unaufhörlich thue, ſondern in ſicht⸗ baren Zeichen, die doch vielleicht den Weg zu dir finden und dir dann ſagen werden, wie ſehr ich dich liebe. Die Zukunft ſteht ſchwärzer und dunkler denn jemals vor meinen Blicken, alle Hoffnungen auf einen günſtigen Erfolg unſeres Unternehmens ſind zerſtört, und wenn ich auch dieſe Zeilen noch unter der Nachwirkung eines auf⸗ regenden und ſiegreichen Kampfes an dich ſchreibe— es iſt doch für jetzt wenigſtens Alles wieder vorüber, und wir befinden uns auf der Flucht nach dem Meere, wo⸗ hin wir uns mit den Waffen in der Hand durchſchla⸗ gen. Unſere Kreuz- und Querzüge im Vereine mit den Oeſterreichern werden dir bekannt ſein, du wirſt erfahren haben, daß wir Leipzig und Dresden erobert hatten, dann aber vor dem Könige Jeröme und dem General von Thielemann uns wieder zurückziehen mußten. „Wir ſtanden im ſächſiſchen Voigtlande, als die Nach⸗ richt von dem zwiſchen Napoleon und dem Kaiſer von Oeſterreich geſchloſſenen Waffenſtillſtande eintraf, in Folge — — deſſen die Oeſterreicher abzogen. Der Herzog nahm jedoch die Waffenruhe nicht an. Er verſammelte bei Gößnitz die Offiziere, ſtellte ihnen und den Gemeinen die Lage der Dinge vor und überließ es ihnen, unter dieſen Um⸗ ſtänden zu gehen oder zu bleiben. Eine große Anzahl von Offizieren verließ das Corps— ich blieb. Ich ſehe dich jetzt, mein geliebtes, theures Aennchen, ſehe, wie dein klares, helles Auge ſich bei dieſem Worte trübt, aber ich leſe auch in deinem Herzen, das ja jetzt Eines iſt mit dem meinigen, daß du nichts Anderes von mir er⸗ warten konnteſt. Du wirſt manche Unruhe haben, man⸗ chen Schmerz empfinden, und daß du das mußt, iſt der größte für mich, aber— Gott tröſte dich!— Ich kann dir's nicht erſparen! Daß ich mein Leben für das Va⸗ terland einſetze, iſt nicht viel, aber daß ich es jetzt, nach⸗ dem es mit dem vollen Blüthenkranze deiner ſüßen Liebe geſchmückt iſt, dennoch thne— das iſt ein Opfer, werth des Preiſes, den wir erringen wollen! Nicht wahr, mein herrliches, muthvolles Mädchen? Gott tröſte dich und geleite uns— der Sieg der guten Sache kann nicht ausbleiben! „Geſtern näherten wir uns der Stadt, welche vom fünften weſtfäliſchen Regiment beſetzt war. Unſer Corps beſtand aus 400 Mann Kavallerie und 1000 Mann Infanterie und 4 Kanonen. Wir griffen die Stadt an, warfen einige Kugeln hinein, ſtürmten die verbarrikadir— ten Thore und machten nach einem ziemlich hartnäckigen 3. — 36 Straßenkampfe den größten Theil des Regimentes mit ſeinem Kommandeur, dem Baron von Wellingerode, zu Gefangenen. Morgen geht es weiter nach Hannover, wir wollen uns von der Weſermündung nach England einſchiffen. Gott wird dieſes Unternehmen gelingen laſ⸗ ſen— mich werden ſie wenigſtens nicht zum zweiten Male gefangen nehmen! Lebe wohl, mein ſüßes, liebes, herziges Kind! Ich habe die frohe Ueberzeugung, daß dies nicht die letzten Worte ſind, die ich an dich richte.“ Das junge Mädchen machte hier im Leſen mit einem tiefen Athemzuge eine längere Pauſe, und nur die durch die Fortſetzung des Briefes vor ihren Augen liegende thatſächliche Gewißheit, daß Rudolf's Hoffnungen ſich erfüllt hatten, gab ihr Kraft, weiterzuleſen. „Elöfleth am Ausfluß der Weſer, 6. Auguſt. „Wir ſind glücklich bis hierher gekommen, mein lie⸗ bes Aennchen, und ich hoffe, daß unſere Einſchiffung jetzt ungeſtört von Statten gehen wird. Am 3. Auguſt rück⸗ ten wir in Hannover ein, zerſtreuten die kleine Garni⸗ ſon, erbeuteten Magazine von Armaturen im Werthe von 12,000 Thalern, welche ſogleich öffentlich verkauft wurden, bemächtigten uns der königlichen Kaſſe und eini⸗ ger Kanonen und ſetzten ſchon um 5 Uhr Nachmittags den Marſch weiter fort. Der Herzog hielt in der Lon⸗ don Tavern offene Tafel, und der Andrang des Volkes dazu war groß. Unſere Soldaten bivouakirten auf den 37 Straßen und ſchliefen dort eine Zeit lang ruhig und feſt nach ſo anhaltenden, angeſtrengten Märſchen. Noch an demſelben Tage paſſirten wir die Weſer und brachen die Brücke hinter uns ab. Schon am anderen Morgen ſtan⸗ f den die uns verfolgenden holländiſchen und weſtfäliſchen Truppen am linken Ufer. Geſtern kamen wir hier und in Brake an, haben uns aller Schiffe bemächtigt, deren Ladungen man in das Waſſer werfen mußte. Unſere Pferde ſind für einen Spottpreis losgeſchlagen, zum Theil verſchenkt worden. Morgen in aller Frühe ſchiffen wir uns ein. Dieſen Brief werde ich dir wohl erſt aus Eng⸗ land überſenden können, du wirſt dann damit zugleich 4 die Gewißheit erhalten, daß ich wenigſtens dieſen Ge⸗ 7 fahren glücklich entgangen bin. Es ſind hier zwei bis jetzt der Gefangenſchaft entgangene Schill'ſche Huſaren zu uns geſtoßen und haben mir den heldenmüthigen Tod ihres Führers ausführlich erzählt. Was konnte dieſer von ſeinem Könige verfehmte Mann noch Beſſeres wün⸗ ſchen, als einen ehrenvollen Tod? Die Nachwelt wird õ milder über ihn urtheilen. Meine Zeit iſt gemeſſen, dar⸗ um zürne icht, Aennchen, daß ich nicht mehr und aus⸗ führlicher ſchreibe. Wir haben noch Vieles zu beſorgen, und es herrſcht eine große Verwirrung. Gott ſei dein Schutz— bald mehr von deinem, ewig deinem Rudolf.“ Ohne ſich dieſes Mal durch den abermaligen Abſchluß des Briefes unterbrechen zu laſſen, las Anna weiter: 38 „Helgoland, 8. Augiſt. „Wir ſind glücklich hier, mein geliebtes Mädchen, den Gefahren der Gefangenſchaft entgangen— frei! Die ſtolze Flagge Englands über uns, die hoch oben am Maſte in der Luft ſich aufrollt, in der Luft, die ſich ſo friſch, ſo wohlthuend frei einathmet. Ein zuverläſſiger helgoländer Schiffer hat ſich erboten, unſere Briefe an ſichere Hände in Hamburg abzuliefern; ich eile daher, dir zu ſagen, du mein liebes, holdes Kind! daß ich ge⸗ borgen bin vor den Schergen des Erzfeindes, wohl und geſund, und daß außer der heißen Liebe zu dir mich noch immer der einzige Gedanke beſeelt, zu kämpfen gegen den Thrannen, überall da, wo es nur irgend möglich iſt. Du glaubſt es nicht, mein Aennchen, wie gehoben, wie hoffnungsvoll meine Stimmung iſt. Gott hätte mich dieſen Gefahren nicht entrinnen laſſen, wenn er mich und meine Gefährten nicht zu anderen Dingen auserſehen. Sei muthig, ſei ſtark! Verzage nicht! Du biſt die Braut eines Soldaten, eines Streiters für Freiheit und Recht! Mein Herz ſagt es mir, wir werden uns wiederſehen, du mein liebes, liebes, herziges Mädchen— an einem Tage, wo— doch male dir dies in deiner jungen Seele Alles ſelbſt aus, male es dir aus ſo ſchön, ſo voll Wonne, als es dir irgend möglich iſt, damit dieſer Eine Gedanke dir Troſt und Erſatz ſei für alle die Leiden und Ent⸗ behrungen, welche uns noch bevorſtehen! Mögen dieſe Zeilen ſicher zu dir kommen, jedes Wort iſt ein Kuß für ————— 39 dich— nimm ſie nicht auf einmal hin, ſei ſparſam, recht ſparſam— denn du wirſt vielleicht lange damit haushalten müſſen. Ach, und wie beneide ich dich! denn wann und wo werde ich Worte von deiner lieben Hand leſen?— Die Blume, welche du mir einſt ſchenkteſt, als ich dich im Walde traf— ſie ruht noch immer auf meinem Herzen, vielleicht haben die Kugeln es für eine Sünde gehalten, ſie zu verletzen.— Das Boot ſoll ab⸗ gehen.— So lebe denn tauſend Mal wohl, ach! wäre es mir nur vergönnt, ein einziges Mal dein liebes Ge⸗ ſicht zu ſehen, ein einziges Mal den Ton deiner fröhli⸗ chen, hellen Stimme zu hören! Schreibe nach London poste restante, Venner wird das beſorgen. Sei mir vor Allem nicht traurig, denke, daß dich ewig und un⸗ wandelbar liebt Dein Rudolf.“ Die Augen des jungen Mädchens ſtanden längſt vol⸗ ler Thränen, ſie hatte es nicht bemerkt, jetzt lächelte ſie, um den letzten Wunſch ihres Geliebten zu erfüllen, aber die Thränen rollten ihr dabei über die vor Erregung gerötheten Wangen— was würde der Schreiber dieſes Briefes darum gegeben haben, wenn es ihm vergönnt geweſen wäre, dieſes liebliche Bild nur einen einzigen, kurzen Augenblick zu ſehen! 40 Drittes Rapitel. Beſuche. Der Friede zwiſchen Frankreich und Oeſterreich wurde endlich am 14. Oktober zu Schönbrunn abgeſchloſſen. Oeſter⸗ reich mußte 2000 Quadratmeilen theils an Baiern, theils an Rußland, theils an Frankreich abtreten und verlor 3 ½ Million Einwohner. Seine Kraft war für lange Zeit gebrochen, die Macht des Kaiſers der Franzoſen ſchien einer Steigerung nicht mehr fähig. Selbſt die deutſchen Patrioten, deren Hoffnungen dieſer letzte Ent⸗ ſcheidungskampf neu belebt hatte, fingen an, ſich der Ueber⸗ zeugung hinzugeben, daß es vergeblich ſei, gegen den Ge⸗ waltigen länger anzukämpfen, daß die Erhebung und Befreiung Deutſchlands erſt einer fernen Zukunft ange⸗ hören und, ſo lange Napoleon lebe, nicht erfolgen werde. Der Kirchenſtaat war gleichfalls dem franzöſiſchen Kaiſer⸗ thum einverleibt und Rom zur zweiten Hauptſtadt des Reiches erklärt worden. Die Stimmung in Preußen und daher auch in Breslau war gedrückter denn jemals; der große Haufe pries die Weisheit des Königs, daß er ſich an dieſem doch vergeblichen Kampfe nicht betheiligt und weiteres Unglück von Preußen ferngehalten habe; nur diejenigen, ————— . 41 welche die Befreiung des Vaterlandes als das einzige und alleinige Ziel ihres Strebens betrachteten,— und die Zahl dieſer Männer vermehrte ſich ungeachtet der ungünſtigen politiſchen Lage des Staates täglich— hielten an der Anſicht feſt, daß Preußens Mitwirkung an dem Kriege einen ganz anderen Erfolg hervorgerufen haben würde, und verdammten eine Politik, welche es niemals verſtehe, den rechten Augenblick zu benutzen; jetzt allerdings ſei jede Hoffnung für lange Zeit geſchwunden. Der Banquier Roſen betrachtete die Lage der Dinge mit ſehr gemiſchten Empfindungen. Die Vorausſagun⸗ gen Haller's waren nun doch in Erfüllung gegangen, und die mit ihm gemeinſam unternommene Spekulation hatte den günſtigſten Erfolg gehabt; die Anſchauungs⸗ weiſe ſeiner Frau dagegen war ſo entſchieden umgewan⸗ delt und ſie ſelbſt von dem Schickſale ihres Vaterlandes ſo ſehr ergriffen, daß ſich eine tiefe Traurigkeit ihrer be⸗ mächtigt hatte, welche dem jungen Ehemanne nament⸗ lich unter den obwaltenden Umſtänden nicht wenig Sorge machte. Haller befand ſich immer noch in Wien und unterhielt mit Roſen einen lebhaften Briefwechſel. Aus demſelben war hervorgegangen, daß er zwar bei dem Schwiegervater Roſen's, dem Hof⸗Banquier von Mehr⸗ heim, wegen des bekannten Geſchäftes angefragt, aber entſchieden ablehnende Antworten erhalten hatte.„Ihr Herr Schwiegervater iſt ein enragirter Oeſterreicher,“ hieß es in Haller's Briefe,„und ſein ſonſt ſo klarer Blick 42 durch dieſen angeblichen tollen Patriotismus völlig ge⸗ trübt. Ich habe mich in meinen Erwartungen durchaus getäuſcht und bedauere es, daß ich auf Ihre Empfehlun⸗ gen hin mich dieſem Manne vielleicht ſchon zu viel de⸗ couvrirt habe.“ In der Mitte des September, ungefähr drei Wochen vor dem Friedensſchluß, während man dieſen bereits als beſtimmt anſah, war ein Brief von Roſe's Vater einge⸗ laufen, welcher dieſe in die höchſte Aufregung verſetzt hatte. „Ich bin vor acht Tagen mit mehreren anderen Ge— ſchäftsleuten von Diſtinktion verhaftet worden, mein Kind,“ ſchrieb er,„ängſtige dich deshalb jedoch nicht weiter, denn ich befinde mich bereits wieder auf freiem Fuße, was vielleicht nicht geſchehen wäre, wenn der Ab⸗ ſchluß des Friedens nicht ſo nahe bevorſtände. Vor un⸗ gefähr vierzehn Tagen erſchien hier eine Bekanntmachung aus dem kaiſerlichen Hauptquartier, worin geſagt war: der Kaiſer habe ſichere Kunde, daß noch mehrere Mil— lionen in Bankzetteln und eine bedeutende Menge öſter⸗ reichiſcher Aerarial-Effekten heimlich verborgen gehalten würden. Se. Maj ät ſei gewillt, jedes Individuum zu belohnen, welches 5 r Entdeckung ſolcher Gegenſtände bei— trage, und bewillige deshalb dem Angeber den vierten Theil des Werthes der vorgefundenen Gegenſtände; die Anzeige könne unter Verbürgung der Geheimhaltung bei jedem franzöſiſchen Agenten gemacht werden. Am dritten 6 V 43 Tage nach jener Kundmachung erſchienen bei mir fran⸗ zöſiſche Polizeibeamte, nahmen eine genaue Hausſuchung vor und fanden auf eine für mich immer noch unbe⸗ greifliche Weiſe in einem verborgenen Winkel meines Kellers 500,000 Gulden Bankozettel, welche mir bei der eiligen Flucht der Behörden zur Aufbewahrung anver⸗ traut waren. Natürlich nahm man dieſe Summe ſofort in Beſchlag und brachte mich in das Gefängniß. In den abgehaltenen Verhören erklärte ich, daß ich als kai⸗ ſerlicher Unterthan und Hof⸗Banquier meiner Pflicht ge⸗ mäß nicht anders hätte handeln können, und ward denn auch bald wieder in Freiheit geſetzt— aber das Geld iſt für die Staatskaſſe verloren. Wer davon, daß jene Summe bei mir aufbewahrt war, hat Kenntniß erlan⸗ gen können, iſt mir unbegreiflich— ich habe einen ſchwa⸗ chen Verdacht, aber ich will ihn lieber für mich behalten, um deinen Mann nicht zu kränken.“ Dieſer Brief hatte Roſe, wie leicht zu denken, unge⸗ wöhnlich aufgeregt. Dennoch vermied ſie es entſchieden, über den Gegenſtand zu ſprechen, und auch Roſen fand keine Veranlaſſung, es zu thun. Zum erſten Male war zwiſchen den jungen Eheleuten die offene Mittheilung ihrer Gedanken gehemmt; der Name Haller wurde, wie nach einer gegenſeitigen Verabredung, gar nicht mehr genannt. Erſt nachdem die Franzoſen Wien verlaſſen hatten, kehrte Haller wieder nach Breslau zurück. Er fand in 5 44 dem Roſenſchen Hauſe eine ſehr kühle Aufnahme; Roſe ſelbſt vermied es entſchieden, ihn zu ſehen, und that dies niemals anders, als in Gegenwart ihres Mannes, wel⸗ cher ſich ebenfalls viel zurückhaltender benahm, als früher.— Da Haller dieſe gegen ihn entſtandene ungünſtige Stim⸗ mung eine Zeit lang, namentlich bei der jungen Frau, vergeblich zu ändern verſucht hatte, ſo zog er ſich eben⸗ falls mehr zurück, nachdem er geſchäftlich mit Roſen ab⸗ gerechnet. Er ſchien jedoch ſelbſt über nicht unbedeutende Ritttel verfügen zu können, denn er etablirte jetzt ſelbſt ein 8 kaufmänniſches Geſchäft und betheiligte ſich an umfang⸗ reichen, theilweiſe ſehr gewagten Unternehmungen. Preußen befand ſich wieder in einer ſehr bedrängten Lage. Das damalige Miniſterium Altenſtein hatte Alles aufgeboten, um den König zur entſchiedenen Theilnahme an dem Kriege gegen Frankreich zu bewegen. Man hatte durch den Geſandten in Caſſel erfahren, daß Napoleon dem Könige Jeröme die Vergrößerung ſeines Staates bis an die Oder zugeſagt, das Heer brannte deshalb vor Verlangen, an dem Kampfe Theil zu nehmen. Die Unterhandlungen mit Oeſterreich begannen, namentlich nach der Schlacht von Aspern, wieder auf das Lebhaf⸗ teſte und wurden öſterreichiſcherſeits, um Preußen endlich vorwärts zu treiben, dem weſtfäliſchen Geſandten ver⸗ traulich mitgetheilt— aber der König war zu keinem Entſchluſſe zu bewegen, er hielt einmal den Zeitpunkt zum e Auftreten gegen Frankreich noch nicht für geeignet. So zögerte man ſo lange, bis es zu ſpät und Oeſterreich genöthigt war, Frieden zu ſchließen. Während des Krieges war die Zahlung der rückſtän⸗ digen Kontribution an Frankreich von Preußen nicht er⸗ S folgt und auch nicht gefordert worden; jetzt, nachdem die Rückſichten bei Napoleon geſchwunden waren, fing dieſer, dem alle jene gegen ihn gepflogenen Verhandlungen be⸗ kannt geworden, auf ſehr entſchiedene Weiſe an Abrech⸗ nung zu halten. Mit der unerbittlichſten Strenge ver⸗ fuhr er gegen die Parteigänger und gegen alle ihre Offiziere. Dörnberg und der Herzog von Braunſchweig hatten ſich der weiteren Verfolgung durch die Flucht entzogen, — Schill war gefallen, aber eifrig ſpürte man ihren An⸗ hängern nach und verfuhr gegen ſie, wie gegen auf der That ergriffene Räuber. In Weſel wurde der größte Theil der gefangenen Schillſchen Offiziere öffentlich er⸗ ſchoſſen, die übrigen auf die Galeere gebracht; daſſelbe geſchah mit den wenigen Mannſchaften, welche man von dem Corps des Herzogs von Braunſchweig nach dem Waffenſtillſtande zu Gefangenen gemacht hatte. Andreas Hofer wurde ungeachtet der dringenden Verwendung F Oeſterreichs zu Mantua vier Monate nach dem Frie⸗ densſchluß kriegsrechtlich erſchoſſen— und ſo war es wieder ſtill in den deutſchen Landen geworden.„ Jetzt richtete Napoleon ſein Augenmerk auch wieder auf Preußen, deſſen ſchwankende Politik während des öſterreichiſchen Krieges ihm nicht einen Augenblick entgangen war; der König wurde zuerſt veranlaßt, ſeinen Aufent⸗ halt von Königsberg wieder nach Berlin zu verlegen, wo er am 23. Dezember mit der Königin eintraf, und den Tugendbund aufzulöſen. Man forderte dann fran⸗ zöſiſcherſeits vor Allem die Zahlung der in Rückſtand ge⸗ bliebenen ſieben Millionen Thaler und die fernere regel— mäßige Abtragung der Schuld. Der Miniſter von Altenſtein, welcher damals an der Spitze der Verwaltung ſtand und dieſe ohne Plan und Kenntniß der finanziellen Kräfte führte, befand ſich nunmehr in völliger Rathloſigkeit. Er legte dem Könige auf deſſen beſtimmtes Verlangen einen Plan über die zunächſt zu ergreifenden Maßregeln vor. Er führte darin aus, daß ein feſtes politiſches Syſtem aufzuſtellen bei der Lage der Dinge für den preußiſchen Staat unmöglich ſei, und als letztes Ziel die verſtändige Benutzung der augenblick⸗ lich günſtigen Konjunkturen betrachtet werden müſſe. Die Unſicherheit der Exiſtenz des Staates an ſich und die völlige Erſchöpfung ſeiner Hilfsmittel mache große finan⸗ zielle Aufopferungen geradezu unmöglich, eben ſo erheb⸗ liche Reformen in der inneren Organiſation. Man müſſe abwarten. Höhere Steuern könne das Land nicht auf— bringen, zu einem Anlehen fehle der Kredit, aus den Domainen ſei Nichts zu beſchaffen, das einzige Mittel zur Abhilfe in dieſer Noth beſtände— in der Abtre⸗ tung Schleſiens, weshalb ein zuverläßiger Mann nach 47 Paris zu ſenden ſei, um Napoleon deshalb zu ſondiren. Der König, über dieſe ſo verzweifelt geſchilderte Sach⸗ lage beſtürzt und einem ſolchen Plane entſchieden entge⸗ gen, wandte ſich darauf auf den Rath der Königin und des Fürſten von Wittgenſtein an Hardenberg, welcher den Plan Altenſtein's beſtimmt verwarf und Hoffnung er⸗ regte, die Mittel zu der Kontributionszahlung aufzu⸗ finden. So war die Lage der Dinge im Frühjahr 1810. Die mildere Luft, welche mit den Südwinden über das Land hinzog, das Eis und den Schnee verſchwinden und die Natur ſich wieder verjüngen ließ, brachte nicht wie ſonſt neue Hoffnungen in die Herzen ſeiner Bewohner, es blieb darin öde und winterlich. Man hatte ſich nicht allein darauf beſchränkt, die offenen Aufſtandsverſuche niederzuwerfen, ſondern man hatte auch die Beſtrafung aller derjenigen gefordert, welche irgend wie betheiligt geweſen waren. Die deshalb auf franzöſiſche Requiſi⸗ tionen eingeleiteten Unterſuchungen trafen viele Perſonen, unter welchen ſich auch Venner befand, deſſen geheime Sendungen zum Zwecke der weftfäliſchen Aufſtände den franzöſiſchen Behörden ſehr genau mitgetheilt worden waren. In Folge deſſen wurde Venner vorläufig vom Amte ſuspendirt und hatte mehrere Verhöre zu beſtehen. Wir wollen nun endlich einmal unſeren Plan aus⸗ führen, ſagte er, als er eines Morgens wieder zu Bau⸗ mann kam, und meinen alten Freund, den Förſter, be— 48 ſuchen; ich habe eine große Sehnſucht nach dem Walde, man weiß hier in der Stadt ſo wenig von dem Frühlinge. Anna's Augen leuchteten vor Freude, denn auch ſie ſehnte ſich hinaus nach jenem großen, herrlichen Walde, der ſo viele ſchöne und theure Erinnerungen für ſie in ſeinem Schvoße barg. Nun, was ſagen Sie zu meinem Plane, Herr Bau⸗ mann? fragte Venner wieder. Haben Sie die Abſicht, den Alten mitzunehmen, oder wollen Sie mir nur Aennchen entführen? Wie können Sie nur ſo fragen! Es liegt ja jetzt, Gott ſei Dank, nicht wie vor drei Jahren die Nothwen⸗ digkeit vor, Aennchen allein fortzuſchicken. Nein, nein, wir bleiben zuſammen; ich bin ſo glücklich, ganz über meine Zeit verfügen zu können, da man meiner Dienſte bei der Regierung nicht mehr bedarf; wir ziehen daher hinaus in den Wald und bleiben darin, ſo lange es uns gefällt. Das wird herrlich ſein! rief Aennchen; nicht wahr, Vater, wir reiſen? Ihr wißt ja, ſagte der alte Baumann mit einem melancholiſchen Lächeln, daß ich ſchon lange über meine Zeit verfügen kann. Auch Venner's Auge haftete voll Theilnahme auf dem jungen Mädchen, deſſen reines Herz ganz von den Hoffnungen einer Liebe erfaßt war, welche doch ſo wenig Ausſichten einer Erfüllung darbot. „ —— — 49 Machen Sie ſich keine Sorgen, ſagte er daher, ihre Gedanken errathend; es iſt faſt unmöglich, daß jetzt ein Brief von England herüberkommt— die Häfen des ganzen Kontinents ſind geſchloſſen und werden genau bewacht; deſſen ungeachtet hoffe ich, daß mein Agent in Hamburg, welcher mit den helgoländer Fiſchern in ge⸗ nauer Verbindung ſteht, dafür ſorgen wird, daß wir recht bald wieder Etwas von Rudolf erfahren. Mögen Ihre Worte wahr werden! bemerkte Bau⸗ mann, während Anna erröthete— ſie hat ja doch ein— mal keine anderen Gedanken. So wäre denn unſere Waldpartie beſchloſſen, fuhr Venner ſichtlich erfreut fort, welcher die letzten Worte ſeines abweſenden Freundes an ihn als ein heiliges Ver⸗ mächtniß betrachtete; wenn es Ihnen genehm iſt, reiſen wir morgen. Wir wollen zugleich ein paar Tage in Schönberg bei dem Freiherrn von Wallingen verweilen, dem ich in der Vorausſicht Ihrer Zuſtimmung unſeren Beſuch bereits angemeldet habe. Sie werden dort, liebe Anna, in ſeiner Tochter, obgleich ſie einige Jahre jün⸗ ger und noch ein Kind iſt, ein liebenswürdiges Mädchen kennen lernen, und ich hoffe, daß Sie eine recht innige Freundſchaft mit einander ſchließen ſollen. Eine Freundin thut Ihnen noth, wie überhaupt ein anregender weibli— cher Umgang, denn Sie vereinſamen hier zu ſehr. RNicht wahr, Herr Baumann, Sie geben mir darin Recht? Man vereinſamt erſt, wenn man alt wird, erwiederte Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. IMI. 4 50 dieſer, indeſſen man muß ſich darein finden— es iſt ja einmal das Loos des Alters. Nein, nein, theurer Vater, rief Aennchen mit beweg⸗ ter Stimme, indem ſie ſeine Hand ergriff, ich trenne mich nicht von dir. Glaube nicht, daß ich mich hier bei dir einſam fühlte; ich würde nicht leben können, wenn ich dich hier allein wüßte. So iſt es ja auch nicht gemeint, ſagte Venner, deſſen Blick voll Rührung auf dem kindlich bewegten Geſichte Anna's ruhte; es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie, Herr Baumann, Ihre Tochter nicht verlaſſen. So? verſteht ſich das von ſelbſt? Nun, das freut mich, ich wußte es nicht, erwiederte dieſer, ſein Kind an ſich drückend. Ja, Aennchen, dann wollen wir fröhlich und guter Dinge ſein! Schon am anderen Tage holte ſie Venner ab, und ſie fuhren vereint dieſelbe Straße, auf welcher Anna einſt in der Nacht mit Rudolf in eiliger Flucht gereiſt war. Sie blieb ſchweigend und in ſich gekehrt, ihre Gedanken ſchweiften zurück— es erinnerte ſie ja ſo Vieles an jene Zeit. Das Bild des fernen, jetzt ſo ſehr geliebten Man⸗ nes, welcher damals noch als ein Fremder an ihrer Seite geſeſſen, ſtand ſo lebendig vor dem Auge ihrer Seele, daß es ihr war, als müſſe ſie ſeine Stimme hö⸗ ren, und die flüſternden Worte der Liebe wieder ihr Herz erbeben machen. Als ſie gegen Abend auf der Höhe an⸗ langten, und der dunkle Saum der großen Wälder, vor S. 51 dem ſie damals in kindiſcher Angſt erbebt war, wieder den Horizont begrenzend vor ihr lag— da zog ſich ihr Herz in preſſendem Schmerze zuſammen— alle die Stunden voller Gefahr und doch ſchon voll ahnungs⸗ vollen Glückes, welche ſie mit ihm dort verlebt hatte, wie wurden ſie wieder lebendig und gegenwärtig! Und hier, hier war es auch, wo er ihr geſagt, daß ſie einſt voll Sehnſucht nach dieſen Wäldern zurückblicken würde, und jetzt?— jetzt, wo ſie ihm ganz und für immer an⸗ gehörte, jetzt trennten ſie weite Lande und das ferne, tiefe Meer, und mehr, viel mehr noch— das eiſerne, unerbittliche Schickſal, verkörpert in der Perſon des all⸗ mächtigen Kaiſers. Dort liegt Schönberg, ſagte Venner jetzt; in einer Viertelſtunde ſind wir zur Stelle. Alles friſch und grün, laſſen Sie es auch ſo in Ihrem Herzen ſein. Sie wurden in Schönberg auf das Freundlichſte em⸗ pfangen. Beſonders fühlte ſich Louiſe, welche jetzt in dem Alter von 15 Jahren lebhaften Antheil an der für ſie ſo romantiſchen Herzensgeſchichte Anna's nahm, zu dieſer hingezogen; ſie gab ihr dies, wenn auch mit eini⸗ ger Schüchternheit, ſogleich zu erkennen. Schon die Schickſale Rudolfs, der vor ihren Augen mit ihrem Vater von franzöſiſchen Soldaten gefangen genommen, ſpäter als der Held des in ihrer nächſten Nähe geführ⸗ ten Parteigängerkrieges aufgetreten war, hatten ihre Phan⸗ taſie vollſtändig in Anſpruch genommen und ihr das 4* 52 Bild dieſes jungen, ernſten und kühnen Offiziers unauf⸗ hörlich wieder vorgeführt; jetzt ſah ſie nun das anſpruchs⸗ loſe, nur um einige Jahre ältere Mädchen vor ſich, dem er ſein Herz geſchenkt, und fühlte eine Art von Vereh— rung gegen ſie, die ſo anſpruchslos und beſcheiden war, ganz anders, als ſie ſich die Braut eines Helden gedacht hatte. Bald ſchwand jedoch dieſes durch ihre Mädchen⸗ Phantaſie erzeugte Gefühl und machte demjenigen einer innigen Hingebung Raum. Anna empfand die ſich ſo offen kundgebende Zuneigung Louiſens mit lebhafter Freude und erkannte, daß Venner Recht gehabt, als er ihr geſagt, ſie bedürfe der Freundſchaft einer Altersge⸗ noſſin. Auch der Freiherr fühlte ſich zu Anna hingezo⸗ gen, und wenn ihm auch das entweder ſchweigſame oder aufgeregte Weſen ihres Vaters keinesweges zuſagte, ſo war ſeine Einladung an Beide, wenn möglich den gan⸗ zen Sommer in Schönberg zu bleiben, doch vollſtändig aufrichtig gemeint und wurde von Louiſe mit den leb⸗ hafteſten Bitten begleitet. Der alte Baumann ſah ſeine Tochter fragend an, welche aus Schüchternheit und Beſcheidenheit zögerte, dieſe ihren Wünſchen ſo ſehr entſprechende Einladung an⸗ zunehmen. Ich will einen Vorſchlag machen, ſagte Venner, und hoffe, man wird allſeitig damit zufrieden ſein— auch du, Liſel; aber, ſetzte er lächelnd ihre Hand ergreifend hinzu, ich darf dich wirklich nicht mehr„du“ nennen, 53 du haſt die Kinderſchuhe ausgezogen— und einmal muß ich ja doch„Sie“ zu dir ſagen. Sie ſind recht häßlich, erwiederte das junge Mäd⸗ chen ſchmollend; habe ich Ihnen Etwas gethan, daß Sie mich mit einem Male wie eine Fremde behandeln wollen? Gethan haſt du mir Nichts, aber du biſt nun vor vier Wochen konfirmirt und damit in die Zahl der Er⸗ wachſenen aufgenommen worden... Der Chriſten, unterbrach ſie ihn mit komiſchem Ernſte, wie kann man denn mit Einem Male erwachſen ſein ſollen! Nun, um dir zu zeigen, daß ich nicht eigenſinnig bin, ſagte Venner lächelnd, will ich dich bis zu deinem näch⸗ ſten Geburtstage noch du nennen; aber wenn du 16 Jahre alt wirſt, ſo komme ich und ſage: ich wünſche Ihnen von Herzen Glück zu... Dann werden Sie gar nicht vorgelaſſen, rief ſie aus⸗ gelaſſen, das wäre ein ſchönes Geburtstagsgeſchenk! Nun, bis dahin alſo wie bisher— aber nun hören Sie endlich meinen Vorſchlag: Der alte Förſter Bertram freut ſich ſehr auf unſeren Beſuch, wir wollen daher recht bald dahin aufbrechen, und wenn wir Waldeinſamkeit genug genoſſen haben, das heißt wir drei, Herr Bau⸗ mann, Fräulein Anna und ich, dann kehren wir hierher zurück und bleiben, ſo lange Sie uns haben wollen, meinetwegen bis der Wind wieder über die Stoppeln geht. 54 Ach, das iſt herrlich! rief Louiſe, ihren Arm um Ama's Nacken ſchlingend; Sie müſſen ſich ohnehin im Walde einſam und verlaſſen fühlen. Wer weiß! erwiederte Venner mit einem forſchenden— Blick auf Anna, welche davor ihre Augen niederſchlug. Du kannſt nun zufrieden ſein, Liſel, und damit wir ſo bald wie möglich wieder hier ſind, wollen wir uns auch recht bald auf den Weg machen, es ſind ja nur zwei Meilen; ich hoffe, Sie werden uns einmal beſuchen. Ja, ja, wir holen Sie ab. Am folgenden Tage wurde die kleine Reiſe ausge⸗ führt, nachdem die beiden jungen Mädchen einen ſo in— nigen Abſchied genommen hatten, als ſollten ſie auf eine lange Zeit von einander ſcheiden. Der Wagen fuhr langſam auf dem ſandigen Wege fort durch die finſteren Tannen, die ernſt und ſchweigend daſtanden, als ob ſie von dem Frühlinge, welcher rings umher waltete, keine Ahnung hätten; nur in den Wi⸗ pfeln rauſchte es leiſe, und die äußerſten Spitzen der dun⸗ keln Zweige blickten mit hellen grünen Augen zu dem lichtblauen Himmel empor. ₰ Solch ein Tannenwald gleicht einem ernſten Manne,— bemerkte Venner; die Zeit rauſcht ſcheinbar ſpurlos über ihn fort, und doch iſt in ihm eine ſtete Bewegung. Hier ſtanden die Rehe, ſprach Anna, als ſie an der Waldwieſe vorüberfuhren— ſie ſind jetzt auch fort! Sie ſind Ihrem Auge nur nicht ſichtbar und lagern vielleicht ganz in unſerer Nähe hinter jenen Büſchen,— aber ſehen Sie, der Wald wird lichter, und dort blickt das rothe Dach des Förſterhauſes aus den grünen Zwei⸗ gen der alten Eiche hervor. Als ich es zum letzten Male ſah, erwiederte das junge Mädchen, war es eine Ruine, denn die Baiern hatten es bis auf den Grund niedergebrannt. Sie ſehen, es iſt weit ſchöner wieder aus der Aſche erſtanden; es ſiehk jetzt ordentlich ſtattlich aus mit den hellen Fenſtern und dem neuen rothen Ziegeldach. WVillkommen! willkommen! rief jetzt der Förſter von Weitem, indem er ſeinen Hut ſchwenkte, willkommen im Grünen! Eilig ſchritt er mit dieſen Worten dem Wagen ent⸗ gegen, die Frau folgte, umgeben von einer Anzahl laut bellender Hunde, einige Jägerburſchen ſtanden an der Thür des Hauſes, und als nun der Wagen hielt, die Ankommenden ausſtiegen und man ſih allſeitig herzlich bewillkommnete, bot das Ganze in der ſonſt ruhigen Ein⸗ ſamkeit des Waldes ein erregtes und lebendiges Bild. Aber wo iſt denn unſer Kapitän, fragte der Förſter, nachdem die erſte Begrüßung vorüber war, unſer tapferer Kapitän, der uns damals ſo wacker geführt? Sie meinen den Lieutenant von Erbach? erwiederte Venner, während Anna mit niedergeſenkten Augen da⸗ ſtand; das erzähle ich Ihnen Alles nachher ganz aus⸗ führlich— er iſt in England, hat bei den Braun⸗ ſchweigern geſtanden und ſich glücklich mit dem Herzog eingeſchifft. Ich konnte mir's denken, daß er nicht müßig zuſehen würde, während wir hier auf der Bärenhaut liegen muß⸗ ten. Täglich haben wir geglaubt, es würde losgehen, und auch wir Jäger würden aufgeboten werden— aber es kam Nichts, und jetzt iſt es freilich vorbei! Aber nun kommen Sie herein und betrachten Sie ſich unſer neues Haus, bat die Frau des Förſters; Sie wer⸗ den gewiß müde und hungrig ſein, Sie können ſich ja dann Alles und recht ausführlich erzählen. viertes Kapitel. Feudal und liberal. Es waren ſeit jenem Tage bereits mehrere Wochen verfloſſen, ohne daß man daran dachte, den ſtillen, ruhi⸗ gen Aufenthalt im Walde zu verlaſſen; beſonders fühlte ſich Anna daſelbſt wohl. Es war ja ſo Vieles, was ſie an eine Zeit erinnerte, die jetzt ihr Herz mit tiefer Sehn⸗ ſucht erfüllte. Oft, wenn ſie einſam auf den dunkeln Waldwegen hinwandelte und in eine Lichtung oder in eine ſtille, heimliche Wieſe hinaustrat, war es ihr, als müſſe ſie die hohe, männliche Geſtalt desjenigen, mit 1 5 ——— — 50 dem ſich ihre Gedanken unausgeſetzt beſchäftigten, aus dem Schatten der Bäume hervortreten ſehen. Ihr Lieb⸗ lingsaufenthalt blieb daher auch die Wieſe am Erlen⸗ bach, wo er ſie an jenem Sommerabend in ihren kindi⸗ ſchen Träumereien überraſcht, dann ihre Blume genom⸗ men und ihr dafür den Ring zur Erinnerung geſchenkt hatte. Es war ein ähnlicher Abend wie damals, die Sonne neigte ſich klar zum Untergange, die Schatten der Bäume lagen lang und ſcharf auf der blumenreichen, mit Purpur übergoſſenen, kleinen Wieſenfläche, der Bach rauſchte leiſe über die Kieſel dahin, und die Nachtigall ſang ſehnſuchtsvoll in den Büſchen. Aennchen ſaß an derſelben Stelle, wo ſie mit ihm geſtanden; ihre Gedan⸗ ken weilten bald hier, indem ſie ſich das Bild der Ver⸗ gangenheit ausmalten, bald zogen ſie weit, weit hinweg, zu einem unbekannten Orte. Eine tiefe Trauer bemäch⸗ tigte ſich ihrer Seele— ach, ſie wußte ja nicht einmal, wohin ſie ihre Grüße auf den Flügeln der Phantaſie ſenden ſollte; es würde ſchon ein erhebender Troſt für ſie geweſen ſein, wenn ſie nur ſeinen jetzigen Aufenthalt ge⸗ kannt hätte. Da hörte ſie wieder die Zweige rauſchen, gerade wie damals, ein jäher, freudiger Schreck durchzuckte ſie,— aber nicht die hohe Geſtalt Rudolf's trat aus dem Ge⸗ büſche hervor, ſondern Venner war es, und ſein Auge ruhte auf ihr, wie immer jetzt, mit inniger Theilnahme. Ich wußte, daß ich Sie hier finden würde, liebes Aennchen, ſagte er, ich würde Sie auch nicht geſtört ha⸗ ben, käme ich nicht als ein Bote der Freude, als ein Bote deſſen, dem es leider nicht vergönnt iſt, hier an meiner Stelle zu ſtehen. Aber er iſt dennoch zu Ihnen gekommen, leſen Sie, was er Ihnen ſagt, und— blei⸗ ben Sie nicht zu lange, ſetzte er lächelnd hinzu, die Abende ſind noch ſehr kühl. Mit dieſen Worten übergab er ihr einen Brief und Perſchwand wieder, als ihn ihre bebende Hand erfaßt hatte. Ohne einen Verrath zu begehen, dürfen wir den In— halt, ſo weit er ſich auf die weiteren Schickſale des Schreibers bezieht, jetzt mittheilen. „Zwei Briefe habe ich dir aus England überſandt und dir darin ausführlich mein Ergehen ſeit dem Tage, an welchem wir uns in England eingeſchifft, mitgetheilt. Für den leicht möglichen Fall, daß du ſie nicht erhalten, benachrichtige ich dich, daß ich zwei Monate in England verweilt habe. Ach, wie wohl that es mir, mich unter Menſchen zu befinden, die von gleichem Haſſe gegen den Unterdrücker beſeelt ſind, wo die Rede frei und nicht ge— feſſelt iſt, und man feſt daran glaubt, daß die Lage der Dinge nicht von Beſtand ſein könne! Aber die Englän⸗ der haben ganz andere Intereſſen; es iſt nicht die Be⸗ freiung Europa's, die ſie erſtreben, ſondern nur die Eifer⸗ ſucht auf die Macht Frankreichs, die Gefährdung ihres Handels, welche ſie jedem Frieden abhold macht. Das einzige Land, wo noch Krieg gegen Frankreich geführt wird, iſt Spanien; dort ſtand ein engliſches Heer unter Sir Arthur Wellesley, welcher, nachdem er die Schlacht von Talavera gewonnen, zum Lord Wellington, Vis⸗ count von Talavera ernannt worden; dort allein konnte ich hoffen, den Feind zu finden, gegen den ich zu käm⸗ pfen entſchloſſen bin, bis er niedergeworfen iſt, oder ich meinem Geſchicke erlegen ſein werde. Durch die Ver⸗ mittlung des Herzogs von Braunſchweig erhielt ich ein Lieutenantspatent in der engliſch-ſpaniſchen Armee und betrat im Dezember vorigen Jahres den portugieſiſchen Boden. Wir ſind jetzt im Februar und haben erſt ein⸗ zelne kleine Gefechte beſtanden; Wellington konzentrirt ſein Heer in der Nähe von Liſſabon; wir zählen mit den Portugieſen, worauf wenig zu rechnen, ungefähr 50,000 Mann. Franzöſiſcherſeits bereitet man die Er⸗ oberung Portugals im größten Maßſtabe vor; es heißt, Maſſena werde das Oberkommando erhalten. Es wird Alles aufgeboten werden, um uns in's Meer zu werfen — dies iſt der Lieblingsausdruck—, aber wir werden uns hoffentlich nicht ſo leicht dazu bereit finden laſſen. Wenn Wellington's Art, den Krieg zu führen, auch Man⸗ ches haben mag, was ermüdet und lähmt, ſo halte ich ſein Syſtem unter den obwaltenden Umſtänden doch für das einzig richtige und bewundere die Engländer mit ihrer zähen Ausdauer, welche ſich niemals einem unge⸗ wiſſen Erfolge ausſetzt, aber immer wieder zur Stelle 60 bringt, wo es darauf ankommt, mit Sicherheit einen Erfolg zu erzielen. Wenn wir der Uebermacht weichen ſollten, ſo werden wir im Lager von Torres Vedras un⸗ angreifbar ſtehen und abwarten können, bis die Fran⸗ zoſen durch Mangel an Lebensmitteln zum Rückzuge ge⸗ zwungen werden. „Ich ſaß geſtern Abends an dem Abhange eines Fel⸗ ſens, deſſen Fuß ſich im atlantiſchen Ozean badet; der Frühling iſt hier längſt eingekehrt, und das Meer brei⸗ tete ſich in ſeiner blauen Färbung ſpiegelglatt zu meinen Füßen aus. Kleine Fahrzeuge flogen den Möven gleich darüber hin, und eines von den im Hafen liegenden eng⸗ liſchen Kriegsſchiffen entfaltete ſeine vielen, weiß ſchim⸗ mernden Segel, und als es alle ſeine Maſten bis zu den höchſten Spitzen damit geſchmückt hatte, zog es, einen glänzenden Schaumſtreifen hinter ſich laſſend, ruhig, wie ein Schwan, gen Norden.— Ich blickte ihm nach, bis allmählich der dunkle Rumpf hinter der anſteigenden, den Horizont ſäumenden Linie des Ozeans verſchwand, und ſeine Segel und Wimpel immer mehr in das Meer hinabſanken. Meine Gedanken, meine Wünſche, meine Grüße, meine Küſſe zogen mit jenem Schiffe, und als es verſchwunden war, und die Dämmerung ſich herab— ſenkte, da träumte ich mir, die dunkle Maſſe des Meeres ſeien jene Wälder, du mein theures, geliebtes Kind! welche wir einſt in ähnlicher Weiſe von der Höhe ſahen, als du dein liebes Herz mir noch nicht zu eigen gege⸗ — 61 ben, und es vor Schrecken vor jenen Waldungen er⸗ bebte. „Vielleicht bringt der Frühling dich wieder dahin zurück— dann wirſt du gewiß jene Stelle aufſuchen am Erlenbach, wo wir ein paar ſo ſchöne Stunden verleb⸗ ten, obgleich wir uns damals noch fremd waren! Wenn du da ſitzeſt, mein holdes Aennchen, und der Bach flü⸗ ſtert leiſe zu deinen Füßen, dann denke, es ſeien die Lie⸗ besworte deines fernen Freundes— der, ach! ſo gern an deiner Seite ſtände, wenn ihn die höhere Pflicht nicht abgerufen. Verzage nicht, ſei muthig, denke, daß du die Braut eines Kriegers biſt, der ſein Vaterland und dich als ſeine höchſten Güter verehrt. „Callares bei Liſſabon, am 5. Februar 1810.“ Aennchen faltete endlich den Brief zuſammen, deſſen weiteren Verfolg wir nicht geleſen haben, und trat ſelig und beglückt den Heimweg an. Am Rande der Wieſe ſtand Venner und geleitete ſie durch das Dunkel des Waldes zurück zum Förſterhauſe, wo der Abend unter der Erzählung und Beſprechung der Schickſale Rudolf's verging, da Venner ebenfalls einen Brief erhalten hatte, welcher vorzugsweiſe von den kriegeriſchen Ereigniſſen in Spanien und Portugal handelte. An einem der folgenden Tage kam der Freiherr von Wallingen mit ſeiner Tochter zum Beſuche herüber. Die beiden jungen Mädchen freuten ſich des Wiederſehens wie nach einer längeren Trennung und hatten ſich ſo Vieles zu erzählen und mitzutheilen, daß ſie bald die Einſamkeit aufſuchten und auf den Anna ſo bekannten Wegen verſchwanden. Auch der Freiherr und Venner hatten Manches zu verhandeln und gingen in lebhaftem Geſpräche in den Wald hinaus. Der Erſtere ſchien ſehr aufgeregt, ſprach leidenſchaftlich und viel, während auf dem ruhigen, blaſſen und geiſtreichen Geſichte ſeines jün⸗ geren Freundes kaum eine Erregung ſichtbar war. Ich hätte Ihnen wirklich mehr praktiſchen Sinn zu⸗ getraut, fuhr der Freiherr in ſeiner Rede fort, aber ich fange an, Sie für einen bloßen Träumer zu halten. Sie verſprechen ſich wieder Wunderdinge von dem Herrn von Hardenberg, der weiter Nichts iſt, als ein Anhänger der Steinſchen Ueberſtürzungs⸗Theorieen. Gott ſei Dank, es fehlt ihm wenigſtens die Energie und die Rückſichts⸗ loſigkeit, welche die kurze Steinſche Verwaltung ſo ver⸗* derblich gemacht hat. Ich begreife Sie nicht, erwiederte Venner, und könnte irre an Ihnen werden, wäre ich nicht von Ihrem Pa⸗ triotismus überzeugt. Haben Sie nicht ſelbſt zugeſtan⸗ den, daß uns das Altenſteinſche Miniſterium an den Rand des Verderbens gebracht hat? Nirgends mehr ein Fortſchritt, man geſtand ſogar den Rückſchritt offen zu. Im Detailkram ging Alles wieder unter, von einer hö⸗ heren, großen Auffaſſung keine Rede mehr, die rechtſchaf⸗ fenen Männer, alle wahren Patrioten zogen ſich zurück, — 63 ich erinnere Sie nur an Schön, Merckel, Gneiſenau, Grollmann und Scharnhorſt. Glauben Sie denn, ich wollte Herrn von Altenſtein und ſeinen Anhängern eine Lobrede halten? Die hätten Preußen allerdings nicht gerettet, aber Hardenberg wird es eben ſo wenig thun. Er wird auf dem Wege weitergehen, welchen Stein eingeſchlagen, und der allein geeignet iſt, Preußen wieder in ſich ſelbſt erſtarken zu laſſen, damit es befähigt werde, den uns doch einmal jedenfalls bevorſtehenden Kampf um Sein oder Nichtſein zu beſtehen. Napoleon hat Preußen niemals einen größeren Dienſt geleiſtet, als dadurch, daß er Stein für daſſelbe unſchäd⸗ lich gemacht. Ich weiß, Sie gehören auch zu dieſen liberalen Neuerern, fuhr der Freiherr leidenſchaftlich fort, zu den Idealiſten, welche ſchönklingende, längſt abgenutzte Theorieen an die Stelle alter, durch die Erfahrung be⸗ währter Einrichtungen ſetzen wollen, und die in Stein ihren Meſſias anbeten. Aber was hat denn dieſer Mann gethan? Er allein hat die Revolution in's Land gebracht, und zwar die Revolution von oben! Dieſe hat dem Lande bereits eben ſo viel gekoſtet, als alle napoleoni⸗ chen Erpreſſungen. Niemals iſt es ſein ernſtlicher Wille geweſen, die Kontribution zu bezahlen und dadurch Preu⸗ ßen wieder unabhängig zu machen, ſondern in ſeiner Ver— kehrtheit ſuchte er Napoleon zu ſtürzen! Er!— Deshalb all die revolutionären Aufſtandsverſuche, bei welchen Sie 64 ja auch ſo thätig mitgewirkt haben; deshalb dieſer lä⸗ cherliche Tugendbund, welchem der König ſelbſt nicht fremd geblieben, und dem ich in einer augenblicklichen Verblendung auf meinem eigenen Gute Vorſchub gelei— ſtet habe. Mit dieſen Geſellen fing Stein die Revolu⸗ tionirung des Vaterlandes an, den Krieg der Beſitzloſen gegen das Eigenthum, der Induſtrie gegen den Acker⸗ bau, des kraſſen Materialismus gegen die von Gott ein⸗ geführte Ordnung, des Augenblicks gegen die Vergan⸗ genheit und Zukunft, der Bureaux gegen die aus der Geſchichte des Landes hervorgegangenen Verhältniſſe, des Wiſſens und des eingebildeten Talentes gegen Tugend und ehrenwerthen Charakter. Das iſt die Sprache aller derjenigen, bemerkte Ven⸗ ner ebenfalls lebhafter, welche die Anforderungen der Zeit verkennen, immer das Beſtehende erhalten wiſſen wollen, nur weil es beſteht, die ihr Auge verſchließen und nicht einſehen, daß gerade die Anwendung dieſer Grundſätze allein unſer Unglück herbeigeführt hat, daß wir unterlie⸗ gen mußten gegen eine Macht, welche uns auf der Bahn des Fortſchrittes weit überflügelt hatte, und der es gerade deshalb ſo leicht wurde, ein Gebäude zuſammenzuwerfen, welches längſt in ſeinen Fundamenten morſch und bau— fällig geworden war. Ehe wir dieſe Fundamente nicht von Grund aus, nicht durch bloßes Flickwerk wieder er⸗ neuert haben werden, Herr von Wallingen, werden wir auch niemals im Stande ſein, in unſerem Hauſe ſicher —— 65 und unangefochten zu wohnen. Iſt Ihnen denn die Ge⸗ ſchichte ein ſo gänzlich verſchloſſenes Buch? Können Sie darin nicht klar und deutlich leſen, daß nur die Staa⸗ ten groß und mächtig geworden, welche dem Fortſchritte gehuldigt, und daß alle diejenigen fremdem Einfluſſe er— legen, zum Theil aus der Reihe der ſelbſtſtändigen Na⸗ tionen ausgeſchieden ſind, welche ſich den Anforderungen der Zeit entgegengeſtellt haben? Würde ſich Preußen jemals zu einer Großmacht emporgeſchwungen haben, wenn nicht das Genie Friedrich's des Großen es auf der Bahn des Fortſchrittes weit über die anderen Staa⸗ ten und die Zeit hinausgeführt hätte? Was erſcheint Ihnen denn ſo tadelnswerth an der Stein'ſchen Verwal⸗ tung? was iſt es, was Sie darin mit dem jetzt ſo be⸗ liebten Ausdrucke„revolutionär“ bezeichnen? Stein, erwiederte der Freiherr mit einem bitteren Lächeln, fing ſeine ſogenannte Wiedergeburt des preußi— ſchen Staates mit allerlei auf die Montesquieu'ſchen und Rouſſeau'ſchen Theorieen gegründeten Geſetzen an,— Ex⸗ perimente, deren verderbliche Folgen aus der franzöſiſchen Revolution hinlänglich bekannt ſind. Schlimmer als in dem jetzigen Augenblicke konnte der Zeitpunkt zu die⸗ ſen Verſuchen niemals gewählt werden, denn alle ſolche konſtituirende Geſetze führen Unordnung herbei, weil ſie aufheben, was da iſt, ohne die Gewißheit zu geben, daß dasjenige, was ſie verheißen, die Stelle des Abgeſchaff⸗ ten erſetzen kann. Jedenfalls dauert die Verwirrung ſo Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. III. 5 66 lange, bis das Neue wieder ſtabil geworden iſt. Und was war uns jetzt wohl nöthiger, als Ordnung, Einig⸗ keit und Feſthalten am Rechte? Warum ſind wir nicht einig, warum halten wir nicht feſt am Rechte, Herr von Wallingen? Weil wir auf eine beklagenswerthe Weiſe in Parteien zerfallen ſind, weil wir uns ſelbſt untereinander anfeinden und verderben, gerade jetzt, wie Sie richtig bemerken, wo wir vor Al⸗ lem einig ſein ſollten. Ich will nicht reden von denen, welchen das Wort„Vaterland“ ein bloßer, Nichts be⸗ deutender Klang iſt, noch weniger von denen, die ſich, ihres eigenen erbärmlichen Vortheils wegen, an Frank⸗ reich verkauft haben und in Napoleon einen Gottgeſand⸗ ten anbeten; aber von denen, welche ihre Standesintereſ⸗ ſen immer obenan ſtellen, welche behaupten, daß jede Aen⸗ derung veralteter, gemeinſchädlicher Zuſtände, wenn da— durch dieſe Standesintereſſen berührt und vielleicht ſchein⸗ bar beeinträchtigt werden, ein Unglück für den ganzen Staat herbeiführe; die zu kurzſichtig ſind, um zu er⸗ kennen, daß ſie und ſelbſt dieſe Sonderintereſſen doch weſentlich mit der Allgemeinheit gewinnen müſſen; welche ſich zu einer höheren Anſchauung und daher zu einer wirklichen Opferwilligkeit emporzuſchwingen deswegen un⸗ fähig ſind; die vorzugsweiſe mit einem guten Beiſpiele vorangehen ſollten, weil ein großer Theil der Macht und der Intelligenz in ihnen ruht, und die, ſtatt ſolche pa⸗ triotiſche Geſinnung zu bethätigen, in einer ſchädlichen, 67 aber, Gott ſei Dank, doch nutzloſen Oppoſition be— harren. Es freut mich, daß Sie ſich einmal offen ausgeſpro⸗ chen, entgegnete der Freiherr, Venner mit ſichtbarer Kälte anſehend; ich habe zwar nichts Anderes von Ihnen er⸗ wartet, aber Sie muthen uns— ich meine den Stand der Grundbeſitzer— denn doch etwas viel zu; es iſt ungefähr daſſelbe, als wenn Sie verlangen, ein Menſch ſolle ſich darüber freuen, wenn man ihm die Haut über die Ohren ziehen will. Allerdings ein ſehr paſſender Vergleich. Ein ganz paſſender. Das Edikt vom Oktober 1807 ordnet die perſönlichen Verhältniſſe der Landbewohner— es erlaubt jedem Edelmanne Bauerngüter, jedem Bürger und Bauer Rittergüter zu kaufen; damit hörte alle bis⸗ herige Sicherheit auf, jeder Edelmann, jeder Bauer konnte ausgekauft und von Haus und Hof vertrieben werden. Gerichtsbarkeit, Polizei, Kirchenpatronat wurden für je⸗ den hergelaufenen Kerl käuflich! Die Vertheilung jeder ländlichen Beſitzung in beliebig kleine Portionen wurde geſtattet— wir werden bald Gutsbeſitzer haben, welche über ihr Gut mit drei Schritten hinwegſchreiten können. Sogar Lehn- und Fideikommiß-Güter dürfen einzelne Stücke vererbpachten. Das Unterthänigkeits-Verhältniß wurde für alle Bauern aufgehoben, und damit fiel die von den Gutsherren geleitete Erziehung der Bauernkin⸗ der fort, die jetzt mit 14 Jahren in die Welt hinaus⸗ 5* 68 laufen als Vagabunden und Bettler! Der Mühlzwang ward aufgehoben und dadurch auf Koſten alter Berech⸗ tigungen Spekulanten begünſtigt, die beliebig neue Müh⸗ len zum Nachtheil der beſtehenden anlegen dürfen. Die Bäcker- und Schlächtergewerke ſind ohne Entſchädigung 5 * aufgehoben— mit welchem Rechte? Dann kam, zwar 1 erſt nach Stein's Entlaſſung, aber doch von ihm her⸗ rührend, die berühmte Städte⸗Ordnung, durch welche jede Stadt der Monarchie in eine kleine Republik ver⸗ wandelt worden iſt. Ein gewählter Magiſtrat ohne Macht, beſchränkt durch eine ſouveraine Stadtverordneten⸗ Verſammlung, die ſo zahlreich iſt, daß darin immer der große Haufe der Schreier das Uebergewicht haben muß, Haß und Zwietracht unter den Bürgern trat an die 7 Stelle eines einigen, kräftigen Regimentes; dabei iſt es 3 jedem Vagabunden, ſelbſt wenn er verſchuldet iſt, ge⸗ ſtattet, das Bürgerrecht zu erwerben und über das Ver— mögen der Stadt mitzureden und zu beſchließen. Das 6 ſind in den kürzeſten Umriſſen die Segnungen der geprie⸗ ſenen Verwaltung des Herrn von Stein, der, Gott ſei Dank, ſo eingebildet war, als Napoleoms perſöulicher Gegner auftreten zu wollen. Nachdem der windige Koppe arretirt worden, mußte der König ſeinen Premierminiſter endlich entlaſſen. Welche Dummheit gehörte dazu, den König öffentlich aufzufordern, dieſen Mann nun doch noch zu behalten, welche leidenſchaftliche Verblendung, ihn durch ſchlechte Gedichte und Wortſpiele zu feiern! * 69 Stein mußte alſo fort. Das neue Miniſterium— Dohna, ein Anhänger Stein's und ein doktrinärer Liberaler,— Altenſtein, der noch zwei Jahre früher eine Art von Se⸗ kretär bei Stein geweſen, und der mattherzige Golz,— was konnte dieſes Miniſterium für Preußen ſein? Es war allerdings noch viel ſchlechter, wie dies immer bei allen Nachtretern und Nachahmern ohne Energie und Genie der Fall iſt. Es freut mich, daß Sie dem Herrn von Stein eine ſo beredte Lobrede gehalten haben, erwiederte Venner, obgleich Sie Vieles und Wichtiges unberührt gelaſſen, namentlich die Hauptſache: die veränderte Anſchauung, den freieren und höheren Geiſt, welchen der ſeinige der ganzen Verwaltung mitgetheilt hat. Wie Sie ſich auch ſträuben und geberden mögen, das große Wort, welches er vor drei Jahren ausgeſprochen, wird doch mit dem Martinitage dieſes Jahres zur Wahrheit werden: Es wird dann in Preußen nur noch freie Leute geben! Ja, freie Bettler und Vagabunden! Leute, welche keine Heimath, kein Eigenthum, keine Beſchützer mehr beſitzen und ſich überglücklich ſchätzen werden, ſich von dieſer liberalen Phraſe ſättigen zu können! Glauben Sie wirklich, daß alle dieſe Leute in ihrer bisherigen Abhängigkeit wohlhabender geworden ſein wür⸗ den? jetzt, wo ihre ſogenannten Beſchützer ſelbſt nicht das tägliche Brot haben, wo der großte Theil des Adels 70 zu den Bettlern gehört? Warum verſchließen Sie Ihr ſonſt ſo klar blickendes Auge, wenn Sie über eines jener veralteten gemeinſchädlichen Vorurtheile hinwegblicken ſol⸗ len? Müſſen Sie es ſich nicht ſelbſt ſagen, daß Preu⸗ ßen auf dem bioherigen Wege ſeinem Verderben geradezu entgegengegangen, und daß nur eine vollſtändige Wieder⸗ geburt es zu retten im Stande iſt? Und dieſe hoffen Sie von Herrn von Hardenberg? von ihm, der, nachdem er Napoleon ſein Glaubensbe⸗ kenntniß abgelegt, huldvoll von dieſem die Erlaubniß er⸗ halten hat, in Preußen Miniſter ſein zu können? der ſich ſofort zum alleinherrſchenden Premierminiſter, zum Staatskanzler hat machen laſſen und die Perſon des Königs allen anderen als ſeinen eigenen Einflüſſen un⸗ zugänglich gemacht hat? von dieſem eitlen, leichtfinnigen Manne, der mit ſeinen ſechszig Jahren die Art und die Unerfahrenheit eines Jünglings verbindet und ſich von jedem augenblicklichen Eindrucke beſtimmen läßt? Sie urtheilen wie immer auch hier zu ſcharf und rückſichtslos. Hardenberg hat für jetzt das große Ver⸗ dienſt, den verderblichen Plan Altenſtein's beſeitigt zu haben; fehlt ihm auch die Energie und die großartige Anſchauung Stein's, er iſt ein Patriot, er wird ſich mit Männern gleicher Geſinnung umgeben; die Beſſeren wer⸗ den bleiben oder zurückkehren, und mit ihnen auch wie⸗ der unſere Hoffnungen. Die meinigen nicht, erwiederte der Freihert, ſie ſtehen £ 71 jetzt auf einem bei Weitem niedrigeren Standpunkte, als nach dem Tilſiter Frieden— damals hätte man ſich aufraffen können, wenn man den rechten Willen und die rechte Fähigkeit dazu beſeſſen hätte; jetzt ſind wir ſo weit, daß es täglich von der Laune Napoleon's abhängt, dekretiren: La maison de Prusse a cessé de régner! Welche geringe Meinung haben Sie von dem preu⸗ ßiſchen Volke! rief Venner leidenſchaftlich; dekretiren kann er es, aber der Ausführung müßte ein Kampf auf Le ben und Tod vorhergehen! Vielleicht, vielleicht auch nicht, bemerkte der Freiherr gelaſſen; was will ein Volk beginnen, wenn man es ge⸗ feſſelt ſeinen Feinden überliefert? Wir werden uns ſchwerlich einigen, ſagte Venner ebenfalls wieder in ruhigem Tone— Ihr Syſtem hat die Nation ſchon einmal gefeſſelt dem Feinde überliefert, und doch kämpfen Sie für deſſen Erhaltung, i in Widerſpruch und Vorurtheilen. So brechen wir denn dieſes unerquickliche Geſpräch ab, erwiederte der Freiherr ſichtlich verletzt; es thut mir leid, daß Alter und Erfahrungen mich hindern, meine Vorurtheile abzulegen. Die beiden Männer gingen längere Zeit ſchweigend nebeneinander; Keiner fand ſich veranlaßt, das Geſpräch wieder anzuknüpfen, welches ihre gegenſeitigen ſich ſo ſehr widerſprechenden Geſinnungen bloßgelegt hatte— und ——————— 5. 72 doch waren Beide von dem glühendſten Patriotismus beſeelt und bereit, Alles für das Vaterland zu opfern. Wir ſehen nun aber recht bald der Erfüllung Ihres Verſprechens, uns auf längere Zeit zu beſuchen, entge⸗ gen, Herr Baumann, ſagte der Freiherr beim Abſchiede aus dem Förſterhauſe; meine Liſel kann die Zeit gar nicht erwarten, bis Sie zurückkehren werden. Sie meinen Aennchen, erwiederte Baumann, aber da müſſen Sie mich allerdings ſchon mit in den Kauf nehmen. Nicht wahr, Aennchen, du kommſt noch in dieſer Woche? bat das junge Mädchen; du mußt ja nun doch bald Wald genug haben; jetzt kommt die Heuernte, und da müſſen wir zuſammen ſein. Wer könnte dieſen freundlichen Bitten widerſtehen! Werden wir uns auch des Beſuches des Herrn von Venner erfreuen? fragte der Freiherr förmlich. Wenn Sie es mir geſtatten, erwiederte dieſer mit der alten Herzlichkeit, obgleich ich nur noch kurze Zeit Ihre angenehme Geſellſchaft werde genießen können; denn man hat es für gut befunden, die Unterſuchung gegen mich niederzuſchlagen und mich wieder in mein Amt ein⸗ zuſetzen. Ich gratulire von Herzen, ſagte der Freiherr, Venner die Hand reichend— die Männer von guter Geſinnung finden ſich wieder ein, ſetzte er lächelnd hinzu. — Fünftes Kapitel. Landestrauer. Ungeachtet dieſer freundlichen Einladung und des ge⸗ gebenen Verſprechens konnte man immer noch nicht vom Walde ſcheiden. Die Heuernte ging vorüber, Louiſe von Wallingen ſandte Boten über Boten, aber man verſchob die Abreiſe von einem Tage zum anderen. Der Wind zog ſchon über die erſten Stoppeln, als man endlich am Nachmittage eines heißen Julitages zu Fuße aufbrach und langſam durch die ſchattigen Waldwege dem nur zwei Meilen entfernten Gute des Freiherrn zuwanderte. Als der Wald verlaſſen werden mußte, nahmen die Schei⸗ denden noch einen herzlichen Abſchied von dem Förſter und ſeiner Frau, welche ſie bis dahin begleitet hatten, und traten dann hinaus aus dem grünen Baldachin der Bäume und dem kühlen, duftigen Schatten in das weite, freie Feld mit der fernen Sicht, an welche ſich das Auge erſt wieder gewöhnen mußte. Der Kirchthurm von Schönberg lag unfern vor ihnen, und als ob er ſie er⸗ wartet hätte, hielt der Freiherr zu Pferde auf einer kleinen Anhöhe, die Erntearbeiten beaufſichtigend. Endlich! rief er den Kommenden entgegen; der Wald muß eine große ——————— 74 Anziehungskraft beſitzen, oder wir eine ſehr geringe, daß Sie ſich ſo lange vergeblich haben erwarten laſſen. Ja, Herr von Wallingen, entgegnete der alte Bau⸗ mann, ſo ein Förſter iſt ein wirklich beneidenswerther Mann— immer in Geſellſchaft der herrlichen Bäume, immer in der ſchönen, friſchen Natur, ſo wenig Men— ſchen, wie möglich— wenn ich noch einmal anfangen müßte, was Gott ſei Dank nicht nöthig iſt, ich würde nichts Anderes, als ein Förſter. Wie ſich Alles in der Zeit verändert hat! bemerkte Anna; wie gelb, wie herbſtlich es ſchon ausſieht hier draußen. Mein liebes Kind! wir befinden uns mitten in der Ernte; möchten wir nur noch einige Wochen warmes und trockenes Wetter behalten. Aber es ſiht aus, als ob es ſehr bald anfangen wollte zu regnen; es zieht ſich ein Gewitter zuſammen. Tummelt euch, ihr Leute, rief er den Arbeitern zu, damit die Wagen hineinkommen, und uns ſelbſt kann ich ebenfalls nur den Rath geben, nicht länger hier zu verweilen, wenn wir nicht naß wer— den wollen. Es ſchien wirklich hohe Zeit zu ſein, dem Rathe des Freiherrn zu folgen, denn am weſtlichen Himmel hatten ſich drohende, dunkle Wolken ar fgethürmt, hinter denen ſich, die Ränder mit goldenen Säumen einfaſſend, ſoeben die Sonne verbarg. Die Luft war drückend ſchwül und ohne jede Bewegung, aber der leiſe, in der Ferne grol⸗ 75 lende Donner verkündete den nahe bevorſtehenden Kampf der Elemente. Als die eilig Heimwärtswandernden das Herrenhaus erreichten, zuckte ein fahler Blitz aus den nähergerückten Wolken, welche ein immer mehr drohen— des und finſteres Anſehen gewannen. Es wundert mich, bemerkte der Freiherr, indem er nochmals voller Beſorgniß nach dem Himmel blickte, daß uns Niemand empfängt; ſie müſſen uns doch geſehen haben. Sollten ſie noch draußen ſein? Er öffnete bei dieſen Worten die Thür des Wohn⸗ zimmers und blieb erſchreckt ſtehen, denn er ſah ſeine Tochter weinend und vor Schmerz aufgelöſt am Tiſche ſitzen und neben ihr die Frau von Saldern in einem ähnlichen Zuſtande. Selbſt das Erſcheinen der Ankom⸗ menden brachte keine Aenderung hervor, ſchien vielmehr die Ausbrüche des Schmerzes noch zu vermehren. Liſel, mein Kind, rief der Freiherr voll Beſtürzung, was iſt geſchehen? ſo redet doch! Vater, Vater, ſchluchzte das junge Mädchen, kaum ihrer Sprache mächtig, indem ſie aufſprang und ſeinen Hals umſchlang, ach! theuerſter Vater, ſie iſt todt!— todt! Wer, wer iſt todt?— ſo reden Sie doch endlich, Frau von Saldern, haben Sie denn die Sprache ver⸗ loren? Die Königin! ſagte dieſe mit tonloſer, kaum hör⸗ barer Stimme— und als ob der Himmel dieſe entſetz⸗ 76 liche Nachricht beſtätigen wollte, erſchütterte ein heftiger Donnerſchlag das Gebäude, und der Sturm raſte in entfeſſelter Wuth. Die Königin? riefen Alle gleichzeitig, von jähem Schreck ergriffen, unſere gute, edle, ſchöne Königin? Nur der fortrollende Donner beantwortete dieſe Fra⸗ gen, denn diejenigen, an welche ſie gerichtet waren, bra— chen in neues Weinen aus, ohne einen Verſuch zu ma⸗ 5 chen, ihrem Schmerze Einhalt zu thun. Der Freiherr ergriff mit bebender Hand die auf dem Tiſche liegenden eben angekommenen Zeitungen und las mit unſicherer Stimme die Schreckenskunde. Dann ſprach längere Zeit Niemand ein Wort, aber Aller Augen ſtanden voll Thränen, und jedes Herz war von einem ſo tiefen, ſchneidenden Schmerze zerriſſen, als ob ihm eine theure und geliebte Verwandte durch den unerbittlichen Tod geraubt worden wäre. Der arme, arme König! ſagte zuerſt leiſe der Frei⸗ herr, indem er ſich die Thränen aus den Augen wiſchte; Gottes Hand ruht ſchwer auf ihm— von dieſem Schlage wird er ſich niemals wieder erholen. Allmählich wurde man ruhiger, wenigſtens ſo weit, um die näheren Umſtände dieſes unerwarteten und er— ſchütternden Todesfalles zu leſen und darüber ſprechen zu können. In Hohen-Zieritz auf dem Luſtſchloſſe ihres Vaters iſt ſie geſtorben— geſund, heiter und froh kam ſie zu —— 77 den Ihrigen— und nun todt— in der Blüthe ihres Lebens, hinweggenommen von ihrem Gemahl, der nur in ihr lebte, und von ihren Kindern— zu denen wir ja Alle gehören! Ihr iſt jetzt wohl, ſagte Venner tröſtend; ihr großes, edles Hetz iſt gebrochen über dem Unglücke des Vater⸗ landes! Niemand von uns wird es auch nur annähernd nachempfinden können, was ſie gelitten hat. Sie hat Alles erduldet, den Kelch des Leidens bis auf den tief⸗ ſten Grund geleert, ihre große, ſtolze Seele gedemüthigt, ſich erniedrigt bis zur flehenden Bitte vor dem Eroberer, des Wohles ihres Landes wegen. Sie hat damit Nichts erreicht, als daß er ſie fürchtete, dem das Gefühl für eine wahrhaft edle Frau ſtets unbekannt geweſen! Deshalb allein ſuchte er ſie auf die ſchmachvollſte Art überall herabzuwürdigen; er fürchtete ſie um des ſittli⸗ chen, begeiſternden Zaubers willen, den ihre Erſcheinung überall für das Volk hatte, und nicht nur für das preu⸗ ßiſche, ſondern für das ganze deutſche.— Ihr iſt jetzt wohl— aber wir, wir, was ſollen wir jetzt beginnen? Sie iſt noch ſo heiter und vergnügt bei den Ihri⸗ gen geweſen, ſprach nun Louiſe; noch am 28. des vori⸗ gen Monats hat ſie an ihren Vater auf einem kleinen Blatt Papier geſchrieben:„Mein lieber Vater! Ich bin heute ſehr glücklich, als Ihre Tochter und als die Frau des beſten der Männer,“ und dann mußte ſie ſo ſchnell und ſo ſchmerzvoll ſterben. aunnn· nncete. te ee 78 Sie mögen Recht haben, lieber Freund, ſagte der Freiherr, Venner die Hand reichend— was ſollte ſie hier noch länger?— ſo glücklich ſie in ihrer Familie war, eine ſchmerzensreichere Königin hat es wohl niemals gegeben— und ſie war eben eine ſo gute und herrliche Königin, wie Gattin und Mutter! Es ſcheint, erwiederte Venner, als ob es wirklich mit Preußen zu Ende gehen ſollte. Während Napoleon ſeine Gattin von ſich ſtößt, die mit ihm von Stufe zu Stufe geſtiegen, während er, von Ehrgeiz getrieben, die wilden Ranken ſeines raſch emporgewucherten Geſchlechtes auf den alten habsburgiſchen Kaiſerſtamm pfropft, während die Feſte in Wien und Paris noch fortdauern, welche dieſe unnatürliche Verbindung verherrlichen— raubt der Tod unſerem Könige die heißgeliebte, angebetete Gattin, uns allen das Idol, unter deſſen begeiſtertem Einfluß wir uns einſt zu erheben, zu kämpfen und zu ſiegen hoff⸗ ten.— Was bleibt uns jetzt? Der liebe Gott prüft diejenigen, die er liebt, ſagte Anna mit ſchüchterner Stimme, während ihr Arm die Freundin umſchlungen hielt. Seine Wege ſind uner⸗ forſchlich, und wir dürfen auch in der tiefſten Nacht nicht verzagen; der Geiſt der verklärten Königin wird ihr Volk umſchweben, er wird es wach erhalten und zum Kampf begeiſtern, wenn die Zeit gekommen iſt. O, wenn doch Rudolf dieſe Worte hören könnte! rief Venner, Anna mit leuchtenden Blicken betrachtend. Ja, 1 c— 79 ja, Sie haben Recht, Anna, unſere geliebte Königin iſt nicht geſtorben, ſie iſt erſt todt, wenn wir den Gedanken aufgeben an die Freiheit, an die Rache! Mehr, wie ſie es im Leben gethan, wird ſie uns führen und geleiten zum Kampf und zum Sieg— oder dahin, wo ſie jetzt ſelbſt weilt und von wo ſie ſegnend zu uns hernieder⸗ blickt. Daſſelbe ſagt ungefähr auch dieſes ſchöne Gedicht, bemerkte die Frau von Saldern, ein Zeitungsblatt dem Freiherrn hinreichend. Leſen Sie— mir iſt es noch nicht möglich. Die Frau von Saldern las mit leiſer, bewegter Stimme: Dem 19. Julius. „Löſe den Faden nicht auf, du lebensgewaltiger Jüngling! Ach, des Schönen verblüht, wenn du ihn löſeſt, ſo viel! Reich an jeglichem Reiz und der Tugenden keine vermiſſend, Iſt Sie als Gattin geliebt, iſt ſie als Mutter beglückt, Und von dem Volke verehrt, wie kaum noch der Fürſtinnen Eine. Löſe den Faden nicht auf, der uns das Schöne bewahrt!“ Tauſende fleheten ſo zu dem Genius, aber mit Wehmuth Sprach er:„Herzlich geliebt haben die Himmliſchen Sie Und mit ſorglicher Hand vor Ihr die Pfade geebnet Und Sie voll Huld mit dem Kranz herrlicher Gaben geſchmückt. Eine noch fehlt, von den Menſchen verkannt, und dennoch die höchſte,— Daß das Leben entfällt, ehe der Frühling verwelkt. Darum ſenden ſie mich ſo früh.“ Er wandte ſein Antlitz, Und noch einmal empor flammte die Fackel und ſtarb. Es iſt eine alte Wahrheit, welche ſchon die Griechen erkannten, ſagte Venner, nachdem Alle wieder eine Zeit lang geſchwiegen: wen die Götter lieben, den laſſen ſie jung ſterben— aber für uns iſt es immer nur ein geringer Troſt, denn wir haben die beſte, edelſte Königin verlo⸗ ren, welche jemals gelebt. Sie war der Stern, zu wel⸗ chem wir aufblickten in der dunkeln Nacht, die über unſerem armen Vaterlande ruht; er allein ſtand feſt und ſtrahlend, Troſt und Hoffnung verheißend— auch er iſt erloſchen. Das Geſpräch bewegte ſich während des ganzen Abends natürlich nur um dieſen einzigen, traurigen Gegenſtand, und es geſchah mehrmals, daß die Augen der jungen Mädchen ſich auf's Neue mit Thränen füllten. Wie deutlich, ſagte der Freiherr, ſchwebt mir noch der Weihnachtsabend von 1793 vor— ich war damals mit deiner guten Mutter, welche der liebe Gott auch in der Blüthe ihrer Jahre zu ſich genommen, in Berlin. Wir wohnten den Vermählungs⸗Feierlichkeiten bei, die ſo verſchieden von den gewöhnlichen waren. Man hatte eine allgemeine Beleuchtung der Stadt vorbereitet, aber unſer jetziger König, der damalige Kronprinz, lehnte dies in ſeiner ſchlichten, einfachen Weiſe ab und ſagte den ſtädtiſchen Abgeordneten: Wird mich ſehr freuen, wenn diejenigen Bürger, die es übrig haben, das Geld, das die Erleuchtung koſten würde, zuſammenſchießen und es lieber für die Wittwen und Waiſen der im Kriege Gebliebenen opfern. 81 So unterblieb die Erleuchtung, aber um ſo heller ſtrahlte es in den Herzen jener Waiſen und Wittwen, denn für ſie war die Hochzeit des Kronprinzen eine un— erwartet reiche Chriſtbeſcheerung. Der König, die Prin⸗ zen und Prinzeſſinnen hatten alle bedeutende Summen dazu beigeſteuert. Am folgenden Morgen, am erſten Weihnachts-Feiertage, fuhren die Neuvermählten vom Schloſſe aus unter feierlicher Begleitung des ganzen Hofes nach der Domkirche und von dort in ihr Palais, worin ſie bis jetzt immer gewohnt haben. Die ganze Bevölkerung Berlins hatte ſich eingefunden, um das junge Paar zu ſehen— es iſt mir, als ſei es erſt geſtern geweſen— wie ſchön, wie liebreizend, wie beſcheiden und doch wie herrlich ſah die junge Kronprinzeß aus!— Niemals wird die Erinnerung an dieſe Stunde ihre le⸗ bendigen Farben verlieren— ich hätte nur gewünſcht, die edle Frau noch einmal geſehen zu haben, nachdem das Unglück über uns gekommen. Als du dann ſpäter geboren wurdeſt, Liſel, fuhr der Freiherr fort, hatten wir, deine Mutter und ich, es ſchon vorher feſtgeſetzt, daß du nach ihr genannt werden ſollteſt— deshalb hei⸗ ßeſt du Louiſe— woraus dann ſpäter„Liſel“ gewor⸗ den iſt— aber von jetzt an werde ich dich nicht mehr anders als Louiſe nennen. Nimm ſie dir zum Vorbild, mein Kind, ſuche ihr ähnlich zu werden; man muß im⸗ mer nach dem Höchſten ſtreben, wenn es auch außer der Möglichkeit liegt, es zu erreichen. Guſtav vom See, Vor fünſzig Jahren. III. 6 82 Das junge Mädchen warf ſich, von neuer Rührung ergriffen, in die Arme ihres ebenfalls tiefbewegten Va⸗ ters, und während ihr Haupt längere Zeit an ſeiner Bruſt ruhte, erſtand in ihrem jugendlichen Herzen der unerſchütterliche Vorſatz, niemals des herrlichen Namens unwerth zu werden, welchen man ihr aus Verehrung für die edelſte der Frauen gegeben hatte. Am folgenden Tage kehrte Venner nach Breslau zu⸗ rück, denn ſeine amtliche Stellung geſtattete keine längere Abweſenheit; auch trieb es ihn, das Nähere über das tiefeingreifende Ereigniß zu erfahren. Von den Thürmen der Stadt wehten ſchwarze Fahnen, faſt die ganze weibliche Bevölkerung, Alle, die es irgend hatten erſchwingen können, gingen in Trauerkleidern, die Hüte der Männer umzog Flor, und ernſt, ſtill und ſo geräuſchlos wie möglich vermittelte ſich jeder Verkehr. Die ganze Stadt war ein großes Trauerhaus, alle ihre Einwohner gehörten zu den Leidtragenden, und wenn zur Mittags⸗ und Abendzeit die tiefen, melancholiſchen Töne der Glocken klagend durch die Luft zitterten, er⸗ wachte immer wieder von Neuem der Schmerz in den Herzen der Menſchen, und manches ſtille Gebet flog auf zu Gott, der in ſeinem unerforſchlichen Rathſchluß dieſes tiefe Leid dem ſo ſchwer geprüften Lande geſandt hatte. Indeß auch dieſe Schickung mußte getragen werden, wie ſo viele; nur war es auffallend, daß die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft dadurch keinesweges vermindert, 83 ſondern im Gegentheile wieder neubelebt wurde. In einem Jeden war das Gefühl lebendig geworden, daß nun der Kelch des Leidens vollſtändig geleert ſei, daß Schmerzvolleres dem Lande nicht auferlegt werden könne, und daher der Anfang einer beſſeren Zeit beginnen müſſe. Die verſtorbene Königin wurde wie eine Heilige verehrt, und ihr Tod wirkte mächtig ſelbſt auf diejenigen, welche ſchon angefangen hatten, das Beſtehende auch als das Dauernde zu betrachten.—— Anfangs September verbreitete ſich die frohe Kunde, der König werde Schleſien beſuchen. Die Provinz hatte den Monarchen ſeit vielen Jahren nicht mehr geſehen, und die Freude der ganzen Beoölkerung war daher ſo recht innig und aus dem Herzen kommend, wenn auch weniger geräuſchvoll und lärmend, als er ernſt und ſichtlich ergriffen wieder durch das Thor der Stadt fuhr, durch welches er zum letzten Male an der Seite ſeiner jungen, ſchönen und geliebten Gattin zur Empfangnahme der Huldigung eingezogen war. Alle dem verehrten, ſo ſchwer geprüften Könige veranſtalteten Feſtlichkeiten tru⸗ gen ſichtlich das Gepräge des Ernſtes und der Weh⸗ muth; man konnte und wollte nicht die Trauer, welche in Aller Herzen lebte, durch äußeren Prunk verwiſchen und unſichtbar machen; aber das fühlte auch ein Jeder lebendig, daß Herrſcher und Volk einander um Vieles näher gerückt waren, daß das gemeinſame Unglück der bindende Kitt geworden, welcher die hindernden Schran⸗ ken veralteter Vorurtheile zerſtört und Alle zu einer gro⸗ ßen, innig und feſt verbundenen Familie vereinigt hatte. Auf Anordnung des Magiſtrats wurde am folgen⸗ den Sonntage in allen Kirchen über den gleichen Text, Pſalm 21, Vers 8 und 9, gepredigt: „Denn der König hoffet auf den Herrn und wird durch die Güte des Höchſten recht bleiben. „Deine Hand wird finden alle deine Feinde, deine Rechte wird finden, die dich haſſen.“ Der König, ſonſt kein Freund derartiger Demonſtra⸗ tionen, hörte die Predigt an und äußerte ſich beifällig darüber, was die allgemeine Freude und Begeiſterung in hohem Maße ſteigerte. Die Reiſe durch die Provinz war in gleicher Weiſe beglückend, ſowohl für die ganze Bevölkerung, als für das Herz des Königs, deſſen Ver⸗ trauen zu dem Volke dadurch wieder erſtarkte und ihn erkennen ließ, daß es zur Zeit der Entſcheidung bereit ſein werde, freudig alle Güter des Lebens für König und Vaterland, für die Ehre und die Freiheit zum Opfer zu bringen. Auf Wiederſehen! auf ein baldiges Wiederſehen! tönte der letzte Ruf der unabſehbaren Menge, als der König einige Tage ſpäter die Stadt verließ und durch die ſchön ge⸗ ſchmücke Ehrenpforte fuhr, welche die Inſchrift:„Fried⸗ rich Wilhelm dem Gerechten die Stadt Breslau“ trug. Der König ſelbſt war ſichtlich bewegt und unterdrückte nur mit Mühe die Rührung, welche ihn ergriffen. 36 Das Wiederſehen aber wurde ein ganz anderes, ein viel froheres und bewegteres, als es auch nur Einer von den vielen Tauſenden verſammelter Menſchen geahnt hatte.— Doch wir wollen dem weiteren Gange unſerer Erzählung nicht vorgreifen. Sechſtes Kapitel. Der Streuſand des Kapitäns. Das Jahr 1811 brachte die Macht des franzöſiſchen Kaiſers auf ihren Höhepunkt. Das lange erſehnte Ziel, die Erhaltung der Dynaſtie, welcher Napoleon die treue Gefährtin ſeiner beſſeren Tage rückſichtslos geopfert hatte, wurde durch die Geburt des Königs von Rom am 16ten März erreicht. Niemals iſt ein Kind mit der Berech⸗ tigung zu einer größeren und glücklicheren Zukunft nach menſchlicher Vorausſicht geboren worden, niemals hat man ein ſolches Ereigniß durch großartige Feſte und Kundgebungen aller Art mehr verherrlicht und gefeiert, als die Geburt des Erben eines Reiches, deſſen Gren⸗ zen jetzt bis an die Mündung der Elbe vorgeſchoben waren und zu welchem faſt alle übrigen Staaten Europa's nur noch in einem abhängigen Vaſallenverhältniſſe ſtan⸗ den. Nur England, durch das Meer geſchützt, blieb im 86 unausgeſetzten, verderblichen Kriege, herrſchte nicht nur auf der See, ſondern ſeine Truppen ſtanden auch noch immer unbeſiegt in Spanien und Portugal. Maſſena hatte von den Linien von Torres Vedras den Rückzug antreten und Portugal räumen müſſen, Spanien blieb nach wie vor im Aufſtande und verſchlang eine Armee nach der anderen. Oeſterreich hatte ſich völlig Frankreich angeſchloſſen, viele ſeiner Offiziere traten in die franzö⸗ ſiſche Armee, aber die enthuſiaſtiſche Freundſchaft zwiſchen Napoleon und Alexander begann zu erbleichen, und es war nicht unwahrſcheinlich, daß es bei der Gereiztheit und der unbezähmbaren Eroberungsluſt des Erſteren zwi⸗ ſchen dieſen beiden Mächten bald zu ernſten Zerwürfniſ⸗ ſen kommen werde. Preußen friſtete ſein Daſein; es ſchien, als ob der franzöſiſche Kaiſer es zu beſonderen Zwecken aufbewahren wolle, denn ſein perſönlicher Haß gegen den König, der ſich niemals, auch im tiefſten Unglück nicht, vor ihm ge⸗ demüthigt hatte, gab ſich bei jeder Gelegenheit zu er⸗ kennen. Die Sonne des Sommers brannte glühender denn je auf die verdorrten Fluren, verheerende Naturereigniſſe, fürchterliche Feuersbrünſte, z. B. in Königsberg, ſetzten Alles in Schrecken, und als der große Komet erſchien, faſt den ganzen nördlichen Himmel mit ſeinem hellleuch⸗ tenden Schweife erfüllend, erkannte die allgemeine Noth und der zu ſolchen Zeiten immer herrſchende Aberglaube und in gewohnter Schnelle losbrechen werde. 87 in dieſen außergewöhnlichen Zeichen die Verkündigung großer und ſchwerer Ereigniſſe. Dieſe ſchienen ſich auch ſehr bald verwirklichen zu ſollen. Rußland, durch die Vertreibung des Herzogs von Oldenburg, deſſen Länder Frankreich einverleibt waren, beleidigt und durch die Sperrung ſeiner Häfen in ſeinen Handelsintereſſen ge⸗ fährdet, entzog ſich der Kontinentalſperre und verletzte dadurch Napoleon auf das Empfindlichſte, welcher mehr denn je vom tieſſten Haſſe gegen England ergriffen war Abgeſehen davon, daß er dem Kaiſer Alexander niemals die Ablehnung der Hand ſeiner Schweſter vergeſſen konnte, erſtanden in ſeinem nie ruhenden Geiſte die ungeheuerſten Eroberungspläne, nämlich England in Indien zu ver⸗ nichten und ſich den Weg dahin durch Rußland zu öffnen. Die Sprache der franzöſiſchen Zeitungen, namentlich des Moniteur, gegen Rußland wurde empfindlich, ſelbſt belei⸗ digend, und Niemand zweifelte mehr, daß das furcht⸗ bare Wetter, welches ſich ſo drohend zuſammenzog, bald Der Kaiſer Alexander betrieb ſeine Rüſtungen nicht mehr im Geheimen, ſondern, da ſie ſich nicht verbergen ließen, ganz offen, erſchloß ſeine Häfen vollſtändig den engliſchen Schiffen und verbot die Einfuhr der franzöſi⸗ ſchen Waaren, ein Verbot, welchem er duͤrch ein Heer von 90 Tauſend Grenzwächtern Geltung zu verſchaffen wußte. Die ruſſiſche Armee ſtand bereits im April des Jahres 1811 an der Grenze des neugeſchaffenen Herzog⸗ thums Warſchau, und man ſah einem Angriffe darauf täglich entgegen. Der Kaiſer verwarf jedoch den ihm von dem General von Phuel vorgelegten Plan zu einem Offenſivkriege und erklärte, ſeine Grenzen nicht überſchrei⸗ ten zu wollen. Napoleon wußte dieſe ruſſiſcherſeits verlorene Zeit zu ſeinen Rüſtungen wie immer in der kräftigſten Weiſe zu benutzen. Ungeheuere Truppenzüge ſetzten ſich von Weſten nach Oſten in Bewegung. Die dazwiſchen liegenden Staaten mußten ſich ent⸗ weder an dem bevorſtehenden Völkerkampfe betheiligen, oder davon erdrückt werden. Am ſchwierigſten war die Lage Preußens. Napoleon verharrte in einem hartnäcki⸗ gen Stillſchweigen, und man fürchtete deshalb das Schlimmſte. Der König ließ an den Herzog von Baſſano, den damaligen franzöſiſchen Miniſter der auswärtigen Ange⸗ legenheiten, eine Erklärung gelangen, worin er Napoleon ein Bündniß anbot, dagegen aber die Unverletzlichkeit des preußiſchen Staates, die Räumung von Glogau, die Ermächtigung, das Heer zu vermehren, im Fall des Krieges Erlaß der noch rückſtändigen Kriegsſteuer und die Neutralität von Oberſchleſien für ſeinen eigenen Auf— enthalt verlangte. Napoleon lehnte auf dieſes Anerbie⸗ ten, mit Bezug auf ſein Verhältniß zu Rußland, ein Bündniß mit Preußen ab und unterſagte jede Vermeh⸗ rung der Armee. 4 —— —— ———— 89 Dieſe offenbar feindſelige Erklärung vermehrte die Beſorgniſſe des Königs und verſchaffte den Vorſtellungen Scharnhorſt's, Gneiſenau's und Boyen's Eingang, wel⸗ chen ſich Hardenberg nun ebenfalls anſchloß. Es wurde im Geheimen mit England unterhandelt, welches den General von Dörnberg nach Berlin ſandte und jede Un⸗ terſtützung, Kriegsbedürfniſſe für 60 Tauſend Mann, welche auf der Oſtſerflotte bereit lagen, ſo wie im unglück⸗ lichſten Fall eine Freiſtatt für den König und die könig⸗ liche Familie in England anbieten ließ. Preußen rüſtete nun wirklich, übte die Mannſchaften ein, verſtärkte die Feſtungen und errichtete vier ſehr ſtarke, feſte Lager, bei Pillau, Colberg, Spandau und in Schleſien. Bald wurde man jedoch in der Ausführung dieſer kräftigen Maßregeln wieder ſchwankend, namentlich hatte der König Bedenken gegen die Errichtung eines feſten Lagers bei Spandau, weil er glaubte, durch eine ſolche That Napoleon zu beleidigen und einen ſofortigen Ueber⸗ fall herbeizuführen, der bei den noch immer maſſenweiſe in den Feſtungen ſtehenden franzöſiſchen Truppen und bei der Nähe derſelben in Magdeburg, Hamburg und Dan— zig allerdings leicht auszuführen war. Die franzöſiſche Partei in Berlin, ſobald ſie dieſe Unſicherheit bemerkte, wurde drohender, und der franzöſiſche Geſandte verlangte Aufklärung über den Grund dieſer offenbaren Rüſtungen. Hardenberg gab die amtliche Erklärung: Frankreich ziehe an den Grenzen Truppen in großen Maſſen zu⸗ 90„ ſammen, ohne ſich über ſeine Abſichten zu erklären, Preu— ßen werde mit dem Untergange bedroht; es ſei rühmli⸗ cher, mit dem Degen in der Fauſt, als wehrlos unter— zugehen; alle Feſtungen würden gerüſtet, und man könne in vierzehn Tagen 100 Tauſend Mann im Felde haben; ſollte Frankreich freundſchaftliche Geſinnungen gegen Preu⸗ ßen hegen, ſo werde man ſich gern mit ihm in Verbin⸗ dung ſetzen. Damals war der König feſt entſchloſſen— im An— fange des September 1811— falls eine ablehnende oder ungewiſſe Antwort erfolgen werde, das Heer vollſtändig mobil zu machen und damit hinter die Oder, nöthigen⸗ falls hinter die Weichſel zu gehen und ſich mit Rußland zu verbünden. Hierauf gab Napoleon endlich eine milde Antwort, da ein Bündniß Preußens mit Rußland ſeinen Plänen für jetzt nicht zuſagte: er laſſe Preußen Gerechtigkeit wi⸗ derfahren, ſei mit deſſen politiſcher Haltung zufrieden und zähle es für den Fall des Krieges zu ſeinen Bundes⸗ genoſſen. Er empfehle jedoch, die Rüſtungen einzuttellen, da ſonſt nachtheilige Folgen daraus für Preußen ent⸗ ſtehen müßten. Man fügte ſich, aber nur ſcheinbar; dies blieb jedoch den überall befindlichen franzöſiſchen Spionen nicht unbe⸗ kannt, und Napoleon befahl nun in einer herriſchen Note das Einſtellen aller Rüſtungen und die Entlaſſung aller eingezogenen Verſtärkungen, und zwar binnen drei Ta⸗ 91 gen, widrigenfalls der franzöſiſche Geſandte abreiſen und Davouſt einrücken ſollte. Da man, obgleich dies bewil⸗ ligt wurde, immer noch nicht traute, ſo forderte man die — Unterſuchung ſämmtlicher preußiſchen Feſtungen und Zeug⸗ häuſer durch einen franzöſiſchen Kommiſſar. Auch dies mußte zugegeben werden. Der General von Blücher ward unter dem Vorwande des Ungehorſams auf Befehl Napoleon's entlaſſen, und die Unterſuchung der Feſtun⸗ gen und Zeughäuſer durch einen franzöſiſchen Legations⸗ Sekretär wirklich vorgenommen, ohne daß deſſen unge⸗ achtet eine weitere Erklärung Napoleon's über ſeine Ge⸗ ſinnungen gegen Preußen erfolgte. Im Januar des Jahres 1812 ſchien nunmehr die Entſcheidung endlich unaufhaltſam hereinzubrechen. Die überall angeſammelten zahlreichen franzöſiſchen Truppen begannen ihre Bewegung. Davouſt beſetzte ohne jede weitere Erklärung mehrere pommerſche Städte, und der General Gudin marſchirte mit 16 Tauſend Mann von Magdeburg nach Berlin. Der König war entſchloſſen, mit ſämmtlichen Trup⸗ pen Berlin zu verlaſſen und ſich hinter die Oder zurück⸗ — zuziehen; die Befehle waren bereits ertheilt, als Abends gegen 5 Uhr ein Courier von Paris eintraf. Der Her⸗ zog von Baſſano hatte endlich ſein Schweigen gebrochen und auf die beſtimmte Erklärung Hardenberg's: Preu⸗ ßen befinde ſich in der Nothwendigkeit, in einem Kriege zwiſchen Frankreich und Rußland der erſteren Macht 9² — beizutreten, Folgendes an den preußiſchen Geſandten ge⸗ ſchrieben: „Der Augenblick, ſich über das Lvos Preußens aus⸗ zuſprechen, iſt gekommen. Ich kann Ihnen nicht ver— hehlen, daß dieſe Frage für daſſelbe eine Frage auf Leben und Tod iſt. Wie Sie wiſſen, hatte der Kaiſer ſchon in Tilſit ſehr ſtrenge Abſichten. Dieſe Abſichten ſind noch immer dieſelben und können nur in dem Falle zu⸗ rückgehalten werden, wenn Preußen unſer Verbündeter und zwar unſer treuer Verbündeter wird. Die Augen⸗ blicke ſind koſtbar und die Umſtände die ſchwierigſten.“ Darauf hatte Napoleon ſelbſt den Geſandten vor ſich beſchieden und ihm ſeinen Willen diktirt: „Das franzöſiſche Heer ſolle durch Preußen marſchi— ren und darin auf Abſchlag der 12 Millionen Francs Kontributionsreſte eine Verpflegung erhalten, welche 30 Millionen koſten und Preußen erſetzt werden würde; das preußiſche Heer dürfe nur 42 Tauſend Mann ſtark ſein, davon müßten 20 Tauſend als Hilfscorps zu der fran⸗ zöſiſchen Armee ſtoßen, die übrigen in die Feſtungen ver— theilt werden, und zwar nach einer beigegebenen Vor⸗ ſchrift. Im Falle des Krieges ſollte der König nach Breslau gehen, welches mit einem gewiſſen Bezirke neu⸗ tral bleibe.“ Der Augenblick der Entſcheidung war ſomit gekom⸗ men, und es handelte ſich wirklich um eine Frage auf Leben oder Tod. Die Rathgeber des Königs ſtanden 93 in ihren Anſichten entſchieden gegeneinander. Scharn⸗ horſt und ſeine militäriſchen Freunde verlangten die Ver⸗ werfung dieſer Bedingungen; das Heer könne in der kürzeſten Zeit auf 120 Tauſend Mann gebracht werden, die Ausrüſtung an Geſchütz, Waffen und Munition ge⸗ ſtatte die Vermehrung bis auf 300 Tauſend, die Nation würde ſich erheben, und der König habe die beſtimmte Zuſicherung des Kaiſers Alexander, ihn beim erſten An— griffe mit aller Macht zu unterſtützen. Die andere An⸗ ſicht ging dahin, daß ein Widerſtand jetzt, wo die fran— zöſiſchen Heere bereits theilweiſe Preußen beſetzt hielten, anderentheils maſſenweiſe ſofort einrücken würden, un⸗ möglich, und auf die Verſprechungen Rußlands eben ſo wenig wie auf eine allgemeine Erhebung der Nation zu rechnen ſei. Für den König, welcher nie einen anderen Wunſch hegte, als das Wohl ſeiner Staaten, zu deſſen Beherr⸗ ſcher ihn das Geſchick in einer ſo unglücklichen Zeit er⸗ koren hatte, war es gewiß der bitterſte Augenblick ſeines Lebens, vielleicht derjenige ausgenommen, in welchem ihm die treue Gefährtin durch den Tod entriſſen wurde, als er ſich entſchloß, nachzugeben, dadurch die Jahre lang gehegten Hoffnungen auf die Befreiung des Vaterlandes für immer zu zerſtören und die dazu ſo ſorgfältig und unter den ſchwierigſten Umſtänden vorbereiteten großen Mittel einem ſchonungsloſen und verrätheriſchen Feinde zu überliefern. 94 Am 24. Februar wurde ein doppelter Vertrag zwi⸗ ſchen Frankreich und Preußen geſchloſſen, ein öffentlicher und ein geheimer. Preußen wurde von der Pflicht, in Italien, Spanien und der Türkei Hilfe zu leiſten, ent⸗ bunden, verpflichtete ſich jedoch zur Theilnahme an dem Kriege gegen Rußland, öffnete ſein ganzes Land den Franzoſen, mit Ausnahme von Colberg, Graudenz und Oberſchleſien, und empfing dagegen Nichts, als die Ge⸗ währleiſtung ſeines damaligen Gebietes und eine unbe⸗ ſtimmte Zuſicherung auf eine künftige Entſchädigung. Die Rückgabe der Oderfeſtungen wurde abermals hin— ausgeſchoben und für die Dauer der Anweſenheit des franzöſiſchen Heeres in Preußen oder Rußland jede Aus⸗ hebung und einſeitige Verſammlung von Truppen unter⸗ ſagt. Durch den Abſchluß dieſes Vertrages wurde die ganze bisher befolgte Politik geändert. Hardenberg fand ſich in das neue Syſtem und umgab ſich mit Anhängern der Franzoſen; aber Scharnhorſt, Gneiſenau, Boyen, Chazot, Clauſewitz, Dohna, Golz, Lützvw nahmen ihren Abſchied mit vielen anderen tapferen Offizieren und gin⸗ gen theilweiſe in ruſſiſche Dienſte,— ein Beiſpiel, wel⸗ chem der Polizeipräſident von Berlin, Gruner, ein charak⸗ terfeſter Mann, ebenfalls folgte. Die franzöſiſchen Heere überflutheten nun das Kö⸗ nigreich und hauſten darin nicht wie Verbündete, ſon⸗ dern ganz nach Feindesart. Napoleon ſelbſt hatte dem * 4 Vertrage zuwider befohlen, alle bereiten Mittel des Lan⸗ des zur Verpflegung der Truppen zu verwenden. Die Einwohner, denen man die Pferde und das Vieh fort⸗ nahm, wurden auf's Neue dem Elende preisgegeben; Spandau ward durch Ueberraſchung eingenommen, des⸗ gleichen Pillau und Königsberg durch die Franzoſen be— ſetzt— man hatte ſich mit gebundenen Händen dem Feinde überliefert. Dies war in kurzen Umriſſen die Lage des preußi⸗ ſchen Staates im April des Jahres 1812. Da wir ſeit dem Herbſte 1810 dem geneigten Leſer über das Ergehen der Perſonen unſerer Erzählung Nichts mehr berichtet ha— ben, ſo ſind wir genöthigt, dies jetzt kurz nachzuholen. Der alte Baumann mit ſeiner Tochter hatten den ganzen Herbſt 1810 in Schönberg zugebracht, und Anna und Luuiſe eine enge Freundſchaft geſchloſſen; dann wa⸗ ren die Erſteren nach Breslau zurückgekehrt, um in ge⸗ wohnter, ſtiller Weiſe fortzuleben. Die Apathie, in welche der alte Baumann vor ſeinem ländlichen Ausfluge ver⸗ fallen geweſen, hatte die friſche und freie Natur zum größten Theile wieder gehoben, mit der alten Lebendig⸗ keit war jedoch auch die alte Unruhe und das frühere ercentriſche Weſen wieder zum Vorſchein gekommen. Eines Abends nahm er ſeine Geige, bemerkte kurz, er werde ſpät zurücktehren, und Anna ſaß wieder, als es ſchon Mitternacht von der Domkirche ſchlug, wie in früheren Tagen ſeiner harrend, einſam in ihrem Zimmer. End⸗ ſ 1 96 lich kam er, aufgeregter als ſonſt und in jener gezwun⸗ genen heiteren Stimmung, die deutlich erkennen ließ, daß er auch wieder Wein getrunken. Siehſt du, mein Kind, es geht vortrefflich, ſagte er, die Violine auf den Tiſch legend; hier iſt ein blanker Thaler, und Wein gab es dabei vollauf— es iſt ein ganz fideles Leben— ich war ein rechter Narr, daß ich es nicht längſt angefangen. Du wirſt nicht nöthig ha⸗ ben, deinen alten Vater zu füttern und dir die Augen mit der ewigen Arbeit zu verderben. Ich ſpiele jetzt zum Tanz, es iſt zwar ſtets daſſelbe Gedudle, aber wenn man ſich erſt daran gewöhnt hat, glaube ich, kann man dabei ſchlafen— wenigſtens hat man ſeine Gedanken ganz für ſich! Und luſtig geht's zu, du glaubſt es gar nicht, wie ſich die Leutchen amüſiren, wie ſie lachen und ſchön mit⸗ einander thun! Dabei find ſie folgſam wie die Kinder, ſpringen raſch oder langſam, ganz wie ich es haben will. Alle Bitten Aennchems, alle Vorſtellungen Venner's, 5 welcher faſt täglich dort ein- und ausging, vermochten den alten Baumann von ſeinem Entſchluſſe nicht wieder abzubringen, und da er nach und nach wirklich anfing, ſich mit dieſer Beſchäftigung zu befreunden, ſo blieb Kih 1 übrig, als ſich endlich zu fügen.* Von Rudolf waren noch mehrere Briefe aus Spa⸗ nien ſowohl an Aennchen als an Venner eingelaufen, welche namentlich über den portugieſiſchen Feldzug aus⸗ 6 führlich berichteten, dem Feldherrntalent W dellington's alle Se2 — 97 Gerechtigkeit widerfahren ließen, aber doch eine ſichtbare Unzufriedenheit mit ſeiner Lage an den Tag legten. „Wir haben die Franzoſen,“ ſchrieb er aus Torres Vedras,„unten vor unſeren verſchanzten Bergen nun bald ſo weit, daß ſie vor Hunger und Mangel um⸗ kommen, und ihr Rückzug iſt nahe bevorſtehend; dann werden wir aber hoffentlich dieſen reinen Defenſivkrieg endlich aufgeben und aus unſeren Schanzen wieder hin⸗ ausgehen. Wellington handelt gewiß bei den beſchränk⸗ ten ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln ſehr weiſe— aber das iſt nicht der Krieg, den ich liebe. Ich ſehne mich nach einer tüchtigen, erfolgreichen Schlacht, ich ſehne mich auch nach meinen deutſchen Kameraden und fühle es täglich, daß ich unter den ſonſt braven, aber verſchloſſenen Engländern, geſchweige unter dieſen fana⸗ tiſchen und doch unbrauchbaren Spaniern und Portu⸗ gieſen nicht heimiſch bin.“ In einem ſpäteren Briefe hieß es:„Wir ſtehen wie⸗ der auf ſpaniſchem Boden; Portugal iſt von den Fran⸗ zoſen geſäubert, wir haben ſie bei Fuentes d'honor ge⸗ ſchlagen und dann mehrfache ſiegreiche Gefechte beſtan⸗ den, ohne daß es uns gelungen wäre, Cindad Rodrigo zu erobern. Im Ganzen bin ich des fortwährenden Hin- und Herziehens herzlich müde und des ſteten La⸗ gerns hinter unangreifbaren Verſchanzungen, in deſſen Auswahl Wellington Meiſter iſt. Ich fühle es täglich mehr, daß hier nicht die Entſcheidung erfolgen kann, Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. III.. 98 obgleich Spanien die Achillesferſe des Eroberers ſein mag. Alles ſpricht von einem Kriege Napoleon's mit Rußland; kommt es dazu, ſo verlaſſe ich Spanien und gehe dahin, wo ich dem Erzfeinde mich unmittelbar ge⸗ genüber weiß.“ Rudolf's Briefe an Aennchen athmeten die alte Zärt⸗ lichkeit und Hingebung; ſie hatte nun ſchon ein kleines Käſtchen ganz angefüllt mit dieſen für ſie ſo werthvollen Briefen; wenn ſie ſich einen beſonderen Feſttag bereiten wollte(es geſchah dieſes faſt in jedem Monate), ſo nahm ſie das kleine Packet heraus, lößte das ſeidene Band, welches ſie umſchloß, und las ſie alle wieder vom erſten bis zum letzten, dann verträumte ſie einen langen, ſtil⸗ len, ſeligen Abend in Gedanken an den fernen Gelieb⸗ ten, während ihr Vater in irgend einer heiteren Geſell— ſchaft zum Tanze ſpielte. Ihr einziger Umgang war außer ihrem Vater noch Venner, welcher, treu ſeinem dem abweſenden Freunde gegebenen Verſprechen, Alles, was in ſeinen Kräften lag, aufbot, um Aennchen's Lage ſo angenehm zu machen, als dies unter den obwalten⸗ den Umſtänden möglich war. Zuweilen kam auch der Freiherr von Wallingen zum Beſuch nach Breslau, und dann verlebten die beiden jungen Mädchen ſtets einige genußreiche Tage. Venner ſelbſt war in ſteter Verbindung mit allen patriotiſchen Beſtrebungen und den Männern geblieben, welche mit ihm gleiche Geſinnungen theilten. Während eines längeren Aufenthaltes im Rieſengebirge bei dem Grafen Geßler hatte er mit dem jungen, damals noch wenig bekannten Dichter Theodor Körner, welcher dort mineralogiſche Studien machte und in dem gaſtfreien gräflichen Hauſe die herzlichſte Aufnahme gefunden hatte, eine enge, freundſchaftliche Verbindung geſchloſſen und war auch von Buchwald nach Prag zu dem Miniſter Stein hinübergefahren, welcher dort noch immer, des weiteren Ganges der Ereigniſſe harrend, in ſtiller Zu⸗ rückgezogenheit unter dem Banne Napoleon's, aber unter dem Schutze Oeſterreichs lebte. Die junge Frau des Banquiers Roſen hatte dieſen ſchon im Anfange des Jahres 1810 mit einem hübſchen Knaben beſchenkt, dem vor Kurzem ein Mädchen gefolgt war, ſo daß die Wünſche des jungen Ehepaares ſich in dieſer Beziehung vollſtändig erfüllt hatten. Roſe lebte faſt nur für ihre Kinder und machte ihren Mann auf dieſe Liebe beinahe eiferſüchtig; wenigſtens kam es ihm vor, als ob derjenigen, welche ihm ſelbſt gebühre und ihm ſonſt auch zu Theil geworden, Abbruch geſchehen ſei. Haller war mit Roſen außer aller Verbindung ge⸗ kommen, er lebte nur ſeinen Geſchäften, verdiente viel Geld, machte ein großes Haus, welches er mit ſichtba⸗ rer Oſtentation an den Tag zu legen ſuchte, ohne daß es ihm gelingen wollte, eine andere, als eine immerhin zweideutige und gemiſchte Geſellſchaft bei ſich zu verei⸗ nigen. 100 Es war ein Sonntag-Nachmittag gegen Ende des Monates April jenes ereignißvollen Jahres, die erſten Frühlingslüfte ſpielten mit den keimenden Blättern, und leichte, weiße Wölkchen zogen wie ſegelnde Schiffe durch die reine, blaue Luft. Zurückgezogen aus dem Geräuſch der jetzt von den franzöſiſchen Durchzügen doppelt leb⸗ haften Stadt, ſaß Aennchen träumeriſch in ihrem kleinen Stübchen am offenen Fenſter und blickte mit ſehnſüchti⸗ gem Auge den Wolken nach, welche gen Norden zogen. In ihrem Schvoße ruhte das kleine Käſtchen mit ihrem größten Schatze, Rudolf's Briefen; ſie hatte ſich heute wieder dem Genuſſe hingegeben, ſie ſämmtlich zu leſen, und ſchwelgte jetzt in den wehmuthsvollen und doch ſo beglückenden Gefühlen, welche die Worte und Gedanken des fernen Geliebten in ihrer Seele hervorgerufen. Ach! nur einen Augenblick möchte ich dich jetzt ſehen können, mein Rudolf, flüſterte ſie leiſe, nur einmal in dein Auge blicken— nur den Ort, die Gegend ſchauen, wo du weilſt! Raum und Zeit, über welche die Gedanken des Menſchen zwar hinausfliegen können, ſind dennoch immer die großen Feſſeln, welche ihn umſchlingen, und wenn auch ſeine Phantaſie ſie durchbricht und in ungebunde⸗ ner Freiheit ſich darüber hinwegſetzt, die Bilder, welche ſie ſich erſchafft, ſind doch nur immer Bilder der Phan⸗ taſie, oft viel ſchöner und herrlicher, als die Wirklich⸗ keit— aber niemals die Wirklichkeit ſelbſt. 101 Auf der Rhede vor der Mündung der Weichſel an— kerten drei engliſche Fregatten und einige leichtere Kriegs⸗ fahrzeuge. Sie hatten in der vorigen Nacht einen hef— tigen Sturm ausgehalten und ſich nur mit Mühe vor dem Scheitern bewahrt, denn die Oſtſee iſt mit ihrem kurzen Vellenſchlag, zum Theil engen und ſeichten Fahr⸗ waſſer und leicht erregten Stürmen für tiefgehende Fahr⸗ zeuge ein gefahrvolles Meer. Jetzt hatte ſich der Wind vollſtändig gelegt, nur das Meer war noch bewegt und rollte ſeine Wogen gegen den fernen, flachen Strand, welchen die Brandung mit einem Gürtel von weißem Schaum einfaßte. Die Schiffe waren ſo nahe an der Küſte, als es das ſeichte Fahrwaſſer geſtattete, vor Anker gegangen. Alle Segel hatte man eingezogen, ſo daß die ſchlanken Maſten und Ragen ſich ſcharf gegen den blauen Himmel abzeichneten. Die Mannſchaft befand ſich dienſtbereit auf den Verdecken, die Kanonenluken waren geöffnet, und die kleineren Fahrzeuge, ſo wie meh⸗ rere ausgeſetzte Boote kreuzten in der Nähe der Küſte. Sowohl von dem kaum ſichtbaren Fort Weichſelmünde, als von dem befeſtigten Hela, dem äußerſten Punkte der ſchmalen Landzunge, der Nehrung, wehte die dreifarbige franzöſiſche Flagge, und zuweilen tönte der dumpfe Schall eines abgeſchoſſenen ſchweren Geſchützes von dort her über das Waſſer herüber. Die Schiffe ſelbſt lagen jedoch außer Schußweite, und nur die leichteren Fahrzeuge wech⸗ ſelten hin und wieder eine Kugel mit den Forts oder —— 6 102 den aus der Weichſelmündung hervorkommenden Kano⸗ nenbvoten. Eine nutzloſe Spielerei, ſagte der Kapitän einer der Fregatten zu ſeinem erſten Lieutenant; wir können höch— ſtens ein Boot verlieren oder eines von jenen plumpen Dingern in den Grund ſchießen; ich hoffe, wir werden in der Nacht die Anker wieder aufziehen. Sie haben ganz Recht, Kapitän, erwiederte der Lieu⸗ tenant, es geſchieht ja auch nur, um die Kerle etwas zu ärgern und um ihnen zu zeigen, daß jene Tricolore auf dem Waſſer nicht mehr bedeutet als die Schütze eines aufgeblaſenen Mädchens. Sehen Sie nur, das war ein guter Schuß, bei Gott, ſie entern ein Kano⸗ nenboot! Was nützt uns das Ding! bemerkte gelaſſen der Kapitän, nachdem er längere Zeit durch ſein Fernrohr geſehen; wir müſſen's verſenken, es iſt nicht des Berich⸗ tens werth. Wäre es nicht möglich, fragte ein Offizier in der rothen Uniform der engliſchen Landſoldaten, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, die Küſte zu betreten? Das Land? nein, mein Herr, das iſt nicht thunlich, wir würden wahrſcheinlich nutzlos einige Leute opfern, ohne irgend einen Vortheil davon zu haben. Doch in welcher Abſicht ſtellen Sie dieſe Frage? Herr Kapitän, erwiederte der Offizier nicht ohne ſichtbare Verlegenheit, mein Wunſch iſt vielleicht ein thö⸗ —,— —— ——— 103 richter, aber Sie werden ihn natürlich finden. Ich bin ein Preuße, komme, wie Sie wiſſen, aus Spanien, wo ich zwei Jahre unter Wellington gekämpft, und gehe in ruſſiſche Dienſte, um mich an dem großen Kampfe gegen den Erzfeind zu betheiligen. Dort jene ſchaumbedeckte Küſte iſt mein Vaterland— es liegt mir ſo nahe, das Auge kann hienüberreichen— ich möchte gern noch ein⸗ mal meinen Fuß auf ſeinen Boden ſetzen, nur einen kurzen Augenblick, denn wer weiß, ob ich es jemals wiederſehe! Der Kapitän ſah den jungen Mann ſchweigend an, dann blickte er hinüber nach der Küſte, und ſeine Ge⸗ danken mochten auch wohl zurückſchweifen nach dem Lande ſeiner Heimat, wo diejenigen weilten, die ſeinem Herzen naheſtanden. Boot hinunter! befahl er, ſechs Matroſen und zwölf Soldaten! Der Herr Lieutenant von Erbach übernimmt das Kommando! Landen! Ich möchte gern etwas Streuſand haben! Mit der gewohnten Pünktlichkeit wurde der Befehl in der kürzeſten Zeit ausgeführt; Rudolf hatte kaum Zeit, dem Kapitän für ſeine Bereitwilligkeit zu danken, als ſchon das Boot bemannt bereit lag. Ich würde mich ſchämen, einem alten Kriegskame⸗ raden einen ſo unbedeutenden Wunſch zu verſagen, wenn es nicht nöthig; engagiren Sie Sich nicht, aber wenn 104 es nicht anders geht— die engliſche Flagge weht an Ihrem Bord! Das Boot ſchoß der Küſte zu und nahm ſeinen Cours weit ſeitab von der Mündung der Weichſel, um ein Zuſammentreffen mit einem Kanonenboote zu ver⸗ meiden. Es fuhr dicht an einem der kreuzenden engli⸗ ſchen alueuge vorüber, und man begrüßte ſich gegenſeitig mit einem lauten Rufe. Die beſondere Richtung, welche das Boot einſchlug, hatte jedoch die Aufmerkſamkeit des wachſamen Feindes erregt, und eines der Kanonenboote nahm dicht an der Küſte denſelben Cours. Wir werden mit dem ſchwerfälligen Kerl reden müſ⸗ ſen, Herr Lieutenant, bemerkte der Steuermann, er hält gerade auf uns zu— ah! da müßt ihr erſt zielen ler⸗ nen, wenn ihr ſo eine Nußſchale treffen wollt! tief e als gleich darauf der weiße Rauch von dem feindlichen Boot aufſtieg, eine ſchwere Kugel die Köpfe der Wellen aufſpritzen machte und dann unfern von dem Boote vorüberſaußte. Gerade drauf! rief Rudolf, aber gebt Acht auf das Steuer, wenn er wieder ſchießt! Raſch flog das Boot dem feindlichen entgegen, ihm immer nur ſeine Spitze darbietend. Nach kurzer Zeit erfolgte ein zweiter, eben ſo wirkungsloſer Schuß, dann änderte das Kanonenboot ſeinen Cours, um eine wei— tere ihm verderbliche Annäherung zu verhindern. Die Schwerfälligkeit ſeines Baues ließ jedoch das Vergeb⸗ — 105 liche dieſes Manövers bald erkennen, und man bereitete ſich zur Gegenwehr. Das Segel wurde eingezogen, und das flache, in ſeinem Bord kaum ſichtbare Fahrzeug ſtieg und fiel mit den Wogen, ohne ſeinen Platz zu verän⸗ dern. In der Entfernung von kaum 50 Schritt ſpie abermals das ſchwere Geſchütz, welches es führte, ſeine Ladung aus, dann knatterten die Gewehre, es ertönte ein lautes Hurrah, Bord lag an Bord— die Englän⸗ der, Rudolf an der Spitze, ſprangen hinüber, und nach kurzem Kampfe— ſank die Tricolore. Nun der Streuſand für den Kapitän! rief der Steuermann, nachdem die Gefangenen entwaffnet und das franzöſiſche Kanonenboot, mit einigen engliſchen Matroſen bemannt, ſeinen Cours nach den Schiffen ge⸗ nommen hatte; wo ſoll ich landen? Am nächſten Punkte! erwiederte Rudolf, und bald ſchoß das Boot in die Brandung. Der flache Strand geſtattete keine weitere Annäherung. Rudolf, von der heißen Sehnſucht getrieben, den Boden ſeines geliebten Vaterlandes wieder zu betreten, ſprang in das Waſſer und erreichte, von dem Steuermanne gefolgt, den Strand. Hier auf dem feuchten, vom Schaume der Wellen benetzten Boden kniete er nieder— er konnte nicht an⸗ ders— und küßte das Stückchen Erde, welches zu dem Lande gehörte, das ihn geboren. Sein Herz hätte zer⸗ ſpringen mögen vor Schmerz und Sehnſucht, und er fühlte es nicht, daß eine lang' entwöhnte Thräne ſein — ————— 106 Auge verſchleierte.— Leb' wohl, leb' wohl, mein theu⸗ res, geliebtes Vaterland! Leb' wohl, mein ſüßes, herzi⸗ ges Aennchen! flüſterte er, indem abermals ſein Geſicht den Boden berührte— fahre wohl, fahre wohl, auf ein baldiges und freudiges Wiederſehen! Der Steuermann hatte inzwiſchen, dem Befehle ſei⸗ nes Kapitäns gehorſam, einen kleinen Beutel mit Sand gefüllt und blickte ſchweigend auf den von ſeinen Gefüh⸗ len ſo tief ergriffenen Mann; es ſchien ihm klar zu wer⸗ den, daß dieſe ſonderbare Expedition noch einen anderen Zweck, als des Kapitäns Streuſand, haben möge. Es kommt franzöſiſche Reiterei, ſagte er dann, auf einen Trupp K Kavallerie deutend, der raſch heranſprengte. So gehen wir denn, erwiederte Rudolf mit einem tiefen Seufzer— der Zweck unſerer Sendung iſt ja er⸗ reicht. Nochmals ein Lebewohl hinüberwinkend, gingen die beiden Männer wieder in die Brandung zurück, und das Boot wurde gerade flott, als die Reiter zur Stelle gekommen waren und ihre Piſtolen abfeuerten. Gratulire! rief der Kapitän dem Ankommenden ent⸗ gegen, Sie haben mir da noch ſo einen alten Brummer geſchickt— kann aber die Dinger nicht gebrauchen— er liegt bereits unten bei den Fiſchen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, ſagte Rudolf, dem Kapitän die Hand reichend; ich werde Ihnen dieſe freundliche That niemals vergeſſen. 107 Ah, hier iſt mein Streuſand, entgegnete der Kapitän heiter, dem Matroſen den kleinen Beutel aus der Hand nehmend; ſollten Sie vielleicht gleichfalls davon bedür⸗ fen, mein Herr Lieutenant, er ſteht zu Ihrer Verfügung. Dies geſchah zu derſelben Stunde an jenem ſonni⸗ gen Nachmittage, als Aennchen in ihrem kleinen Zimmer Rudolf's Briefe wieder las, ihre Gedanken den Gelieb⸗ ten in dem fernen Spanien aufſuchten und ſie ſeine Grüße von den mit dem Südwinde treibenden Wolken zu empfangen glaubte.— Aennchen wurde auf eine ſehr angenehme Weiſe in ihren Träumereien geſtört: Louiſe von Wallingen ſprang zu ihr in das Zimmer, ſchlang ihre Arme um ihren Nacken und küßte ſie, ehe es ihr möglich wurde, ein Wort zu ſprechen. Da bin ich endlich einmal wieder, rief ſie dann, du böſes Aennchen, die gar Nichts von ſich hören läßt! Ich könnte faſt glauben, du hätteſt mich ganz vergeſſen, wenn ich nicht wüßte, wie wenig Zeit dir bleibt, um an mich zu denken. Meine liebe, gute Louiſe, entgegnete Anna, die Lieb⸗ koſungen ihrer Freundin erwiedernd, wenn du wüßteſt, wie ſehr ich dich liebe, wie ſehr mich dein Beſuch erfreut, du würdeſt nicht ſo reden. Es iſt ja auch nur Scherz; glaubſt du denn, ich könnte ſo heiter ſein, wenn ich im Ernſte meinte, daß du mich weniger lieb hätteſt? Aber wir werden nun wieder für einige Zeit zuſammenbleiben. Vater hat all' —— 108 unſer Vieh und alle Pferde nach Oberſchleſien geſchickt; denn die durchziehenden Franzoſen hauſen ſchlimmer als der Feind, obgleich ſie ſich unſere Freunde nennen. Schon ſeit mehreren Wochen gab es täglich aufregende Scenen — du weißt, Papa iſt ſehr heftig und läßt ſich Nichts gefallen, und da war denn immer viel Aerger und Streit. Jetzt iſt alles Vieh fort, nachdem ſie allerdings ſchon manches Stück weggenommen; die Ställe ſind leer, und der Papa will ſo lange in Breslau bleiben, bis die Banden durchgezogen ſind. Ach, das iſt herrlich! rief Anna, da werden wir ja täglich zuſammen ſein können, ſo wie im Sommer vor zwei Jahren, als ich bei euch draußen war! Wie ſchön und ſchnell iſt uns damals die Zeit vergangen! Und warum biſt du nicht wieder zu uns gekommen, obgleich ich dich ſo oft und herzlich darum gebeten habe? Du weißt es ja, ſagte Aennchen ernſter, du weißt ja, daß mein Vater nicht fort will und ich ihn nicht allein laſſen kann. Nun, vielleicht ändert er ſeinen Sinn einmal wie⸗ der, und dann laſſe ich dich gar nicht mehr— aber heute Abend müßt ihr zu uns kommen, der Vater hat mich beauftragt, euch beſonders darum zu bitten. Es iſt Niemand ſonſt bei euch? fragte Anng. Nur Venner, erwiederte Louiſe leicht erröthend; du weißt ja, er iſt ein unzertrennlicher Freund meines Va⸗ ——— ——————— 109 ters, obgleich ſie in ihren Anſichten ſehr weit auseinan⸗ dergehen. Welche Anſichten von dieſen beiden ſo verſchiedenen ſind denn eigentlich die deinen? entgegnete Anna lächelnd. Die meinigen? Ich habe wirklich darüber noch nicht nachgedacht; ſie ſprechen immer von Dingen, die mich eigentlich wenig intereſſiren; ſo viel ich davon verſtehe, ſetzte ſie mit komiſchem Ernſte hinzu, finde ich das, was Venner ſagt, richtiger, aber ich darf es mir natürlich nicht merken laſſen. Das glaube ich— wer wird ſich ſo Etwas auch gleich merken laſſen! neckte Anna; Herr von Venner ſcheint es dennoch bereits zu wiſſen. Zu wiſſen? fragte Louiſe, ſichtlich erſchreckt, wie ſollte er das wiſſen? Denke dir, daß er mich jetzt durchaus nicht mehr„du“ nennen will, ſchon ſeit einem Jahre nicht mehr. Das finde ich ſehr natürlich, du biſt jetzt 17 Jahre alt; ein Mädchen, welches ſich in deinem Alter mit einem jungen Manne du nennt, der nicht ihr Bruder oder ihr nächſter Verwandter ſi Nun, ein ſolches Mädchen? fragte Louiſe erröthend, als Anna lächelnd plötzlich ſchwieg. Nun, das wirſt du dir wohl ſelbſt ſagen, was man dann glaubt, und ich fange faſt ſelbſt an zu glauben, daß Ich bitte dich, ſchweig, rief Louiſe, mit ihrer kleinen 110 Hand Anna's Mund bedeckend, wie kannſt du nur ſo Etwas für möglich halten? Für möglich? ich wüßte wirklich nicht, weshalb es unmöglich ſein ſollte. Laß uns jetzt gehen, ſagte Louiſe, nimm deinen Hut und dein Tuch und komm— wie du nur ſolche Ge⸗ danken haben kannſt! Louiſe von Wallingen war vor Kurzem 17 Jahre alt geworden und das lebendige Ebenbild ihrer verſtor⸗ benen Mutter. Schlank und um ein Merkliches größer als ihre Freundin, deren ganze Geſtalt etwas beſonders Zartes und Elfenartiges hatte, war ſie das ſchöne Bild einer halb erblühten Roſenknospe. Große rehbraune Augen, lichtbraune Haare, eine ſchön geformte, wenn auch nicht gerade klaſſiſche Naſe, blendend weißer Teint und eine anmuthige, zierliche Geſtalt, dabei ein offenes, natürliches und beſcheidenes Benehmen, das waren die beneidenswerthen Vorzüge, deren ſie ſich zu erfreuen hatte. Das Geſpräch der beiden junßen Mädchen wurde durch die Ankunft des Freiherrn und Venner's unterbro⸗ chen, welche gekommen waren, um ſie abzuholen. Der Erſtere befand ſich in einer ziemlich ſchlechten Stimmung, wozu die franzöſiſchen Durchzüge volle Veranlaſſung ge⸗ geben. Breslau war mit Oberſchleſien zwar für neutral, das heißt für unberührbar, nach dem zwiſchen Frankreich und Preußen abgeſchloſſenen Vertrage erklärt worden, 111 und die Hauptzüge der franzöſiſchen Armee hatten ſich auch durch die Marken, Pommern und Preußen, oder auf der zweiten großen Straße über Dresden, Glogau und Poſen bewegt und dort vollkommen daſſelbe Elend und dieſelbe Noth hervorgerufen, wie im Jahre 1807. Da man aber gefunden, daß namentlich die Straße durch Niederſchleſien und Poſen die darauf zu bewegen⸗ den Maſſen nicht ſchnell genug befördern konnte, ſo hatte man— was kümmerte man ſich um einen mit Preu⸗ ßen abgeſchloſſenen Vertrag!— auch einen Theil der Truppen, namentlich die italieniſchen Garden und einen Theil der Baiern, ſo wie eine große Maſſe von Ba⸗ gage- und Verpflegungs-Gegenſtänden, letztere größten⸗ theils zum 8. Armeekorps, unter dem Befehle des Kö⸗ nigs von Weſtfalen ſtehend, über Breslau direkt nach Poſen oder Kaliſch dirigirt. Ich habe die Völkerwanderung immer für eine ge⸗ ſchichtliche Fabel, wenigſtens für eine großartige Ueber⸗ treibung gehalten, ſagte der Freiherr, als ſie von den zerſtörten und noch immer wüſtliegenden Wällen, deren man ſich zu Spaziergängen zu bedienen anfing, auf das Gewühl zu ihren Füßen hinabſchauten, aber meine Zwei⸗ fel ſind jetzt vollſtändig gehoben. Hört dieſe Sprach— verwirrung da unten, ſeht dieſe ſo verſchiedenen Men⸗ ſchenragen, vom äußerſten Süden Europa's bis zu den Steppen der Polen, dieſes wilde, wüſte Durcheinander, dieſes Schreien, Schimpfen, Toben— ich würde es nie ——— 112 für möglich gehalten haben, wenn ich es jetzt nicht mit eigenen Augen ſähe. Und doch iſt dies hier nur der äußerſte Rand des großen dichten Völkerſchwarmes, der ſich, dem Willen eines einzigen Menſchen gehorchend, unaufhaltſam nach Norden wälzt. Ich bedauere diejenigen, welche die Mitte trifft, da ſchon der äußerſte Rand ſo verderblich iſt. Die Nachrichten über die Stärke der ungeheuren Truppenmaſſen, welche ſich in dieſem Augenblicke auf Napoleon's Befehl gegen Rußland in Bewegung befin⸗ den, bemerkte Venner, ſind vollſtändig genau und nicht übertrieben, obgleich die Zahlen alle bisher dageweſenen ſo ſehr übertreffen, daß ſie uns unglaublich erſcheinen. Ich veranſchlage ſeine Armee zu 400 Tauſend Mann. Ihre Berechnung bleibt weit hinter der Wirklichkeit zurück. Die aktive Armee, welche in Rußland einrücken wird, beträgt 423 Tauſend Mann, vollſtändig und ſo gut ausgerüſtet, wie es überhaupt möglich iſt. 300 Tau⸗ ſend Mann Infanterie, 70 Tauſend Mann Kavallerie, 30 Tauſend Mann Artillerie mit 1000 Geſchützen, 6 Brücken-Equipagen nebſt einem Verpflegungs⸗Train, welcher die Lebensmittel für all dieſe Menſchen und Pferde auf einen ganzen Monat mit ſich führt. Dazu kommt eine Reſerve⸗Armee von 130 Tauſend Mann, ſo wie die in den Feſtungen ſtehenden Corps, ſo daß die Geſammtzahl ſich auf 600 Tauſend Mann beläuft. 3 Alles, was menſchliche Vorausſicht und die unbeſchränkte Macht eines mit rückſichtsloſem Willen und außerge⸗ wöhnlicher Intelligenz begabten Geiſtes hat erſinnen und ausführen können, iſt geſchehen, um den nordiſchen Koboß zu erdrücken und die Weltherrſchaft Napoleon's bis an die fernen Grenzen Indiens auszudehnen. Rußland iſt groß, erwiederte der Freiherr mit einem Tone, der bewies, wie wenig dieſer Gemeinplatz ihm ſelbſt genügte; ja, ja, mein Freund, fügte er dann hinzu, wir werden bald von gewaltigen Schlachten neue Bulle⸗ tins leſen, und dann die Einnahme von Petersburg und Moskau, und dann den Friedensſchluß, und dann... Dann werden wir in den Kyffhäuſer gehen, um mit dem Kaiſer Barbaroſſa zu ſchlafen, bis es dem Allmäch⸗ tigen gefallen wird, Deutſchland wieder erwachen zu laſſen. Und wir ſelbſt müſſen uns an dieſem Kampfe bethei⸗ ligen, müſſen helfen, das letzte Bollwerk niederzureißen, welches dem Strome der Eroberung noch Widerſtand leiſtet. Die franzöſiſche Armee vereinigt alle Nationen der Erde. Sie beſteht aus 370 Tauſend Franzoſen, 50 Tau⸗ ſend Polen, 20 Tauſend Italienern, 10 Tauſend Schwei⸗ zern und 150 Tauſend Preußen, Oeſterreichern, Baiern, Sachſen, Würtembergern, Weſtfalen, Holländern, Kroa⸗ ten, Spaniern und Portugieſen. Nur Engländer, Schwe⸗ Euſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. III. 8 ———————— 114 den und Türken fehlen, ſonſt ſind alle Völker, alle euro⸗ päiſchen Volksſtämme vertreten. Die Nachwelt wird dies Alles für eben ſo unglaub⸗ lich halten, wie wir die Völkerwanderung, bemerkte der Freiherr wieder. Zum erſten Male, fuhr Venner fort, ſteht ein preu⸗ ßiſches Armeecorps unter dem Befehle eines franzöſiſchen Generals. Macdonald kommandirt das 10. Armeecorps, beſtehend aus Polen, Baiern und den 20 Tauſend Preu⸗ ßen, welche allerdings der General von York befehligen wird, aber nur unter dem Oberbefehle Macdonald's. Ich bedauere unſere braven Truppen, welche gezwun⸗ gen ſind, an dieſem Kriege Theil zu nehmen, ich be⸗ dauere den General von York, der gewiß nur mit ſchwe⸗ rem Herzen dieſe bittere Pflicht erfüllt, vor Allem aber bedauere ich unſeren geliebten König— was muß er leiden, jetzt, wo alle die ſchönen, Jahre lang gehegten und gepflegten Hoffnungen mit Einem Schlage zertrüm⸗ mert werden! Was nützen alle dieſe trüben Betrachtungen! bemerkte Venner; ich dächte, wir hätten das Gewühl und die Sprachverwirrung da unten lange genug angeſchaut, ſuchen wir einen Ort auf, wo uns wenigſtens nicht jeder Blick das Elend unſeres Vaterlandes zur An⸗ ſchauung bringt. Ja, machen wir es wie der Vogel Strauß, ſagte der Freiherr mit bitterem Spott, ſtecken wir den Kopf — 115 in den Sand, damit wir unſere Feinde wenigſtens nicht ſehen. In ernſtem Schweigen trat man den Rückweg an. Es koſtete große Mühe, ſo ſehr man auch abgelegene Straßen aufſuchte, durch das dichte Gewühl ſich Bahn zu machen, überall wimmelte es von Menſchen und Fuhrwerk, und lautes Geſchrei, Toben und Fluchen in verſchiedenen Idiomen erfüllte Straßen und Plätze. Als ſie den Ring kreuzten, wo es beſonders leben⸗ dig zuging, begegnete ihnen Haller, welcher mit mehre⸗ ren franzöſiſchen Verpflegungs-Beamten im lebhafteſten Geſpräche begriffen war. Er grüßte in auffallender Weiſe und mit höhnender, ſpöttiſcher Miene; vorzugs⸗ weiſe verweilte ſein ſtechender Blick mit dieſem Ausdruck längere Zeit auf Aennchen, welche ſichtlich erſchreckt ihre Augen niederſchlug, ohne ſeinen Gruß zu erwiedern. Wie dieſer Kerl ſich nur unterſtehen kann, uns zu grüßen! zürnte der Freiherr. Gönnen Sie ihm dieſe kleinliche Rache, bemerkte Venner; für einige Zeit werden wir ihn, Gott ſei Dank, loswerden. Er hat ſich bei dem Verpflegungs-Corps engagirt und wird als Mehlwurm, wie der Volkswitz dieſe Leute nennt, den glorreichen Feldzug mitmachen. Er ſoll bereits ein ſehr reicher Mann ſein. Gönnen wir ihm auch dieſes Glück und freuen wir uns, daß die Zahl der Deutſchen, welche auf ſeine Weiſe zu Reichthum gekommen ſind, doch nur eine kleine iſt. 8* 116 Ich bin dieſem Manne ſeit einiger Zeit öfter begeg⸗ net, ſagte Aennchen mit ängſtlicher Stimme„und jedes Mal hat er mich mit dieſen häßlichen, höhniſchen Blicken angeſtiert— es lebte bei ſeinem erſten Anblick eine Er⸗ innerung in mir auf— aber, welche Thorheit— es iſt ja unmöglich! Was haſt du, Aennchen? fragte Louiſe beſorgt; biſt du ſchon früher einmal mit dieſem häßlichen Menſchen zuſammengekommen? Nein, nein, niemals. „So laßt ihn, unterbrach der Freiherr; er iſt es wirk⸗ lich nicht werth, nur einen Augenblick von ihm zu redeu. Suchen wir endlich aus dieſem Gewühl herauszukommen. — Siebentes Kapitel. Ein Ball. Im Anfange des Mai jenes denkwürdigen Jahres hatten die Hauptdurchzüge der franzöſiſchen Truppen größtentheils aufgehört. Die ganze ungeheuere Maſſe derſelben ſtand in Preußen und Polen, des weiteren Be⸗ fehles des Kaiſers und des Einmarſches in Rußland gewärtig. Dieſer ſelbſt weilte zwar noch immer in Paris, aber man wußte, mit welcher für die damalige Zeit, wo es noch keine Eiſenbahnen gab, fabelhaften Geſchwindig⸗ 117 keit Napoleon reiſte, und daß er gewöhnlich immer frü⸗ her an einem entfernten Orte eintraf, als die Nachricht ſeiner Abreiſe von Paris durch die Zeitungen gemeldet wurde. In Dresden hatten ſich alle mit Frankreich ver⸗ bündeten Souveräne verſammelt, um den mächtigen Imperator, wie er es verlangte, zu begrüßen, und es bereiteten ſich dort zu dieſem Zwecke die großartigſten Feſte vor. Nur von dem Könige von Preußen hieß es, er werde nicht erſcheinen. Durch Breslau ging immer noch ein mächtiger Strom von Fuhrwerk aller Art, auch einzelne zurückgebliebene und aus ſehr weiten Gegenden heranmarſchirte Corps rückten noch nach. Von Seiten der Anhänge der Franzoſen, einer Partei, welche da⸗ mals, wenn auch der Zahl nach klein, ſich doch im Be⸗ ſitze der Macht befand und deshalb ihre Geſinnung als die„gute“ bezeichnen durfte, wurde auch in Breslau, nach dem Beiſpiele Dresdens, den durchrückenden hohen Verbündeten mancherlei Feſtlichkeiten veranſtaltet, die ſich immer eines zahlreichen Beſuches zu erfreuen hatten, da die Neugierde und die Schauluſt eine Menge von Men⸗ ſchen anzog, welche die Franzoſen ſonſt eigentlich aus dem Grunde ihres Herzens haßten. Der Freiherr mit ſeiner Familie ſo wie Venner hatten ſich natürlich nie⸗ mals daran betheiligt. Als der Letztere eines Tages, ſeinen Geſchäften nach⸗ gehend, das gerade wieder vorbeiziehende Fuhrwerk be⸗ — 118 trachtete, welches in unabſehbarer Reihe gar nicht enden zu wollen ſchien, erblickte er einen eleganten Reiſewagen, der ſich vergeblich bemühte, aus dieſem Gewirr heraus⸗ zukommen, um eine ruhigere Straße zu erreichen. Ven⸗ ner blieb ſtehen und muſterte dieſen mit außergewöhn⸗ lich vielen ledernen Koffern und Behältern verſehenen Reiſewagen, der jetzt gezwungen war, in ſeiner unmit⸗ telbarſten Nähe zu halten. Eine Dame lehnte ſich aus dem herabgelaſſenen Fenſter heraus und ſchien voll Un⸗ geduld das neue Hinderniß zu erſpähen, welches ſich abermals ihrer Fahrt entgegenſetzte. Venner erkannte Celie, und ein gemiſchtes Gefühl von Freude und Schrecken durchzuckte ihn. Jetzt fanden ſich ihre Blicke, und er ſah, wie ſie, von gleicher Be⸗ wegung ergriffen, ſichtlich erbebte. Raſch trat er an den Wagen, von dem er nur wenige Schritte entfernt ſtand. Sie hier, gnädige Frau? fragte Venner, ſich vernei⸗ gend; auch auf dem Wege nach Rußland? Ich folge meinem Manne, oder meinem Schickſale, erwiederte Celie, ihrem Freunde die Hand reichend, gön⸗ nen Sie mir immerhin die Freude, Sie noch einmal wiederzuſehen. So haben Sie meiner wirklich noch zuweilen gedacht? Weshalb dieſe kränkende Frage, und gerade jetzt?— Doch der Wagen fährt weiter; Sie werden mich beſu⸗ chen? Nicht wahr, Sie ſchlagen mir dieſe Bitte nicht ab? Wir wohnen in der goldenen Gans. 119 In einer Stunde bin ich bei Ihnen.. Der fortfahrende Wagen machte dieſem flüchtigen Geſpräche ein Ende, aber Venner ging von mannichfa⸗ chen Gedanken bewegt weiter; das ſo ganz unverhoffte Wiederſehen dieſer Frau, der er ſo tief verſchuldet war, zu welcher er in ſo mannichfacher und enger Beziehung geſtunden, hatte ihn fieberhaft aufgeregt. Schon nach einer Stunde ſaß er vor ihr in dem Zimmer des Gaſt⸗ hofes. Wie viele aufregende Momente ſeines vergange⸗ nen Lebens wurden plötzlich auf's Neue in ihm lebendig, als er wieder in dieſe dunkeln, ihm ſo bekannten und jetzt ſo voll Theilnahme blickenden Augen ſchaute! Celie war in den drei Jahren eine Andere gewor⸗ den. Ihre Geſtalt hatte an Fülle etwas zugenommen; der erſte Zauber, der erſte Hauch der Jogend war ver⸗ ſchwunden, aber durch die vollſtändig entwickelte Schön⸗ heit, wie ſie Frauen in jenen Jahren eigen, erſetzt. Sie war ruhiger und ernſter, die Leidenſchaften, welche ſonſt auf ihrem ſchönen Geſichte ein ſo verrätheriſches und reizendes Spiel getrieben, erſchienen darauf nicht mehr erkennbar, ihr ganzes Weſen zeigte etwas Gemeſſenes, Selbſtbewußtes, und wer ihre Vergangenheit nicht kannte, würde gewiß in dieſer ernſten, anſcheinend ſtolzen Dame nur die in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft aufge⸗ wachſene Frau erblickt haben. Venner war der einzige Menſch, bei dem ſie dieſe 120 angenommene Maske fallen ließ und ſich in der alten vertraulichen Weiſe gab. Sie ſehen mich noch immer ſo fremd an, ſagte ſie nach der erſten Begrüßung, als ob wir niemals in Dresden, niemals im Walde von Camenz und in Kaſſel mit einander verkehrt hätten— haben die paar Jahre ſchon alle dieſe Erinnerungen aus Ihrem Herzen hin⸗ weggenommen? Können Sie wirklich eine ſo niedrige Meinung von mir haben, gnädige Frau?— aber gönnen Sie mir einige Zeit, um die Gegenwart mit der Vergangenheit an einander zu knüpfen! Wieder„gnädige Frau?“— Nun, nehmen Sie ſich Zeit, Herr von Venner. Zürnen Sie mir nicht, Celie, erwiederte er, ihre Hand ergreifend; ſeien Sie feſt überzeugt, daß meine Geſinnungen gegen Sie ſtets unverändert dieſelben blei⸗ ben werden— aber haben wir es nicht ſchon zwei Mal erkannt, daß es beſſer für uns Beide ſei, wenn wir uns nicht wiederſähen? Ja, das haben wir ſchon zwei Mal erkannt, wieder⸗ holte ſie mit niedergeſchlagenen Augen— der Menſch erkennt ſo Vieles als das Richtige und Nöthige, was doch immer ſeinen Wünſchen widerſtrebt, und dieſe, oder ſein Herz, erlangen dann doch wieder die Herrſchaft über die mühſam errungenen Entſchlüſſe des Verſtandes. So haben Sie gewünſcht, mich wiederzuſehen, ob⸗ 121 gleich Sie Ihr Verſprechen, mir zu ſchreiben, nicht ge⸗ halten? Warum ſoll ich es leugnen? Es war mein ſehn⸗ lichſter Wunſch, noch einmal mit Ihnen zu reden, noch einmal Ihnen die weitere Geſchichte meines Herzens mitzutheilen, von Ihnen ſelbſt, nicht brieflich, zu hören, nicht nur, daß Sie meiner mit Dankbarkeit, ſondern mit einiger Achtung gedenken— es iſt dies ja ein ſo verzeihlicher Wunſch, da mir an dem Urtheile aller übri⸗ gen Menſchen wenig oder Nichts gelegen iſt. Konnten Sie meine Geſinnungen gegen Sie jemals in Zweifel ziehen? Täuſchen Sie mich nicht; ich weiß es, wie Sie über mich denken, es iſt nur Dankbarkeit— vielleicht auch ein wenig Mitleid, ſetzte ſie wehmüthig lächelnd hinzu, was in Ihrem Herzen für mich lebt— was einmal geſchehen, läßt ſich nicht ändern! Wäre es, manches Weib, welches in dem unbewußten Leichtſinn der Jugend, durch die Macht der Verhältniſſe und durch die ſtraf⸗ loſe Schlechtigkeit eines Mannes für immer dasjenige verloren hat, was ihr keine Reue, keine Beſſerung in den Augen der kalten, vorurtheilsvollen Welt wiederer⸗ ſetzen kann, manches Weib würde gern viele Jahre ihres Lebens darum geben— könnte ſie noch einmal und nun mit der reiferen Erkenntniß und der richtigen Würdi⸗ gung der Vechältniſſe ein neues Leben beginnen und die Vergangenheit auslöſchen und ungeſchehen machen. 122 Warum, theuerſte Celie, dieſe trüben Betrachtungen, — glauben Sie wirklich, daß Sie mir gegenüber einer ſolchen Rechtfertigung bedürfen? Nur Ihnen gegenüber glaube ich dies— denken Sie nicht, daß ich je es der Mühe werth gehalten, zu einem anderen Menſchen in dieſer Weiſe zu ſprechen. Es iſt Ihnen in den drei Jahren, in welchen wir uns nicht mehr geſehen, wohlergangen, Sie ſehen friſch und blühend aus, die Zeit hat keine Spuren ihrer Schritte bei Ihnen zurückgelaſſen. Es iſt mir wohlergangen, erwiederte ſie mit einem bittern Lächeln, ich habe am Hofe des Königs von Weſtfalen gelebt, gehöre zu den beneideten Perſonen, welche zu den Allerhöchſten Zirkeln Zutritt erhalten; mein Mann erfreut ſich einer guten Beſoldung und be⸗ handelt mich rückſichtsvoll und ſogar mit offenbarer Achtung. Und Jeròme? fragte Venner, während ſein blaſſes Geſicht ein leiſes Roth überflog. Ich habe mit dem Könige von Weſtfalen zum letz⸗ ten Male, als ich von ihm Ihre Befreiung erbat, eine Unterredung unter vier Augen gehabt. Anfänglich ko— ſtete es mir einige Mühe, ſein Drängen in dieſer Be⸗ ziehung abzuwehren, bald fanden ſich jedoch Andere, welche es übernahmen, ſeine Gedanken und Gefühle von mir ab und auf ſich zu lenken— die Damen des weſt⸗ fäliſchen Adels find keinesweges unempfänglich für die 123 Ehre, mit der Gunſt ihres Königs beglückt zu werden — und Jeröme— er iſt noch immer derſelbe flatter⸗ hafte, ſinnliche, gutmüthige und ſchwache Mann, der er früher war, und dieſen Eigenſchaften und auch wohl meiner unveränderten Zurückhaltung verdanke ich es, daß er aus meinem früheren Anbeter— mein Freund ge⸗ worden iſt, ſo weit er dies überhaupt ſein kann. Es freut mich dies Alles von ganzem Herzen, er⸗ wiederte er mit wirklich unverhohlener Freude, denn der Gedanke, daß es Ihnen in Ihrem jetzigen Verhältniſſe nicht wohl gehen könne, erfüllte mich ſtets mit einer quä— lenden Unruhe. Ich danke Ihnen für dieſe Theilnahme, Herr von Venner, ſagte Celie, ſichtlich unangenehm berührt— Sie ſehen alſo, Sie können ſich aller Beſorgniſſe mei⸗ netwegen entſchlagen. Ich würde es können, erwiederte er, wüßte ich Sie jest nicht auf dem Wege nach dem unwirthbaren Lande des Nordens, allen Wechſelfällen des Krieges preisge⸗ geben. Darüber haben Sie wenig Urſache, ſich zu beunru⸗ higen, ſagte ſie mit gezwungenem Lächeln; wir gehören, wie Sie ſehen, nicht zur Avantgarde, bleiben im Haupt⸗ quartier Jeröme's, wo der Mangel niemals Einlaß er⸗ hält; viele Meilen vor uns werden die Schlachten ge⸗ wonnen, und beim Einzuge in die Hauptſtädte genießen wir die Ehre, uns an den Triumphzügen in erſter Reihe 124 zu betheiligen. Jeröme hat es ausdrücklich ſo befohlen, fuhr ſie lebhafter fort, und die Nachricht, daß ich mit⸗ ziehen ſollte, war für mich die freudigſte Botſchaft, die ich ſeit langer, langer Zeit empfing. Ich dachte dabei, warum ſoll ich es leugnen? daß es vielleicht möglich ſein könne, Sie noch einmal wiederzuſehen, und dann war mir das kaſſeler Leben auch unerträglich geworden mit ſeinem ewigen Einerlei, den ſteten, ſteifen und förm⸗ lichen Feſten und den unaufhörlichen kleinlichen und er— bärmlichen Intriguen. Ich befürchte nur, Sie werden hier Abwechſelung in ſolchem Maße finden, daß Sie ſich die Einſamkeit zu⸗ rückwünſchen.. Die Einſamkeit? ja— es giebt eine Einſamkeit, nach welcher ich mich ſehr, ſehr ſehne. Das Herz, wel⸗ ches nun einmal, wie die Unruhe in der Uhr, einen Theil unſeres Selbſt ausmacht, läßt ſich nicht willkür⸗ lich ſo ganz und gar beſeitigen— dieſes thörichte, ein⸗ fältige Ding, das immer ſeine Rechte beanſprucht und doch ſo völlig überflüſſig iſt! Der Eintritt des Ober⸗Stallmeiſters Laſſarge machte dieſem beziehungsreichen Geſpräche ein Ende. Er drückte ſeine unverhohlene Freude aus, den Mon⸗ ſieur de Venner wiederzuſehen, und ſpottete über den Monſieur Haller, welchen man in Kaſſel ſo lange wie irgend möglich im Gefängniß feſtgehalten. Die Ordre, Madame, lautet, fuhr er fort, zwei 2 —* Ruhetage hier in Breslau, dann wieder weiter nach Poſen. Se. Majeſtät der Kaiſer werden am 9. von Paris abreiſen mit Ihrer Majeſtät der Kaiſerin, in Mainz einen Tag verweilen und am 15. oder 16. in Dresden eintreffen, wo bereits Se. Majeſtät der⸗Kaiſer von Oeſterreich nebſt der Kaiſerin angekommen ſind, um ihren erlauchten Schwiegerſohn zu empfangen. Es werden ſich dort alle Kaiſer, Könige, Kaiſerinnen, Köni⸗ ginnen und ſonſtige hohe Herrſchaften zuſammenfinden. Se. Majeſtät der König Jeròme iſt leider ſchon bei ſei⸗ nem Armeecorps, aber Ihre Majeſtät unſere verehrte Königin werden gleichfalls dort ſein oder ſind ſchon dort.— Wie ſchade, daß wir, die wir zum unmittelba⸗ ren Hoſſtaate gehören, dieſe herrlichen Feſte nicht mit⸗ machen können, und daß man uns dieſe obſkure Route angewieſen hat! Wir verlieren viel, ſehr viel, aber es läßt ſich doch einmal nicht ändern. Nun, ich denke, die Feſte in Petersburg oder Moskau, welche von dieſen barbariſchen Städten wir nun zuerſt erobern, werden, wenigſtens was das Pikante betrifft, alles bis jetzt Da⸗ geweſene übertreffen. Meinen Sie nicht auch, Madame? Und was ſagen Sie dazu, Monſieur? Unzweifelhaft, erwiederte dieſer, während Celie in gewohnter Weiſe ſchwieg, Sie werden einen ſehr genuß⸗ reichen Winter verleben. Das denke ich auch; aber man hat auch hier zu un⸗ ſeren Ehren einige Feſtlichkeiten veranſtaltet, und wenn — — 126 dieſe auch nur ſehr dürftig und kleinlich ausfallen kön— nen, ſo muß man doch mit dem guten Willen der bra— ven Leute vorlieb nehmen und darf ihnen den Spaß nicht verderben. Es wird morgen ein großer Ball ſtatt⸗ finden, wozu man ſich die Ehre gegeben hat, uns ein— zuladen. Ich habe mir erlaubt, für uns Beide zuzuſa⸗ gen, Madame, und hoffe Ihren Intentionen entſprochen zu haben. Da Sie bereits zugeſagt, erwiederte Celie mit einem forſchenden Blick auf Venner, ſo darf ich mich ja nicht mehr weigern. Werde ich das Vergnügen haben, Sie auch dort zu ſehen, mein Herr? wandte ſie ſich an Venner. Dieſer kämpfte ſichtlich mit einem Entſchluſſe. Noch nie hatte er ſich an einem ſolchen Feſte betheiligt, viel— mehr ſich ſtets mit Verachtung über dieſe unpatriotiſchen Kundgebungen geäußert— aber konnte er Celie, die nur noch zwei Tage in Breslau verweilen ſollte, dieſe Bitte abſchlagen? Ihr Wunſch iſt mir Befehl, ſagte er daher, ſich ver⸗ bindlich verneigend; vielleicht darf ich zugleich um die Ehre bitten, eine Quadrille mit Ihnen zu tanzen, ſetzte er mit einem ausdrucksvollen Blicke hinzu. Es wird mir ein großes Vergnügen gewähren, ent⸗ gegnete ſie, ſeinen Blick erwiedernd, und dann empfahl er ſich, voll von widerſtreitenden Gefühlen, wie er ſie lange nicht empfunden. Gegen Abend kam er zu Wallingen. Er fand dort 127 AVennchen im lebhaften und heiteren Geſpräch mit Louiſe, deren Blicke ſich unverkennbar belebten, als er in das Zimmer trat. Ich werde morgen Abend den Ball beſuchen, wel⸗ chen man den Franzoſen zu Ehren giebt, ſagte er nach einiger Zeit; Sie würden mich ſehr verpflichten, Herr von Wallingen, wenn Sie mich begleiten wollten. Sie werden dieſen Ball beſuchen? fragte dieſer im höchſten Erſtaunen, Sie wollen auf den franzöſiſchen Ball gehen? Und mir machen Sie die Zumuthung— Sie ſind wohl krank, Herr von Venner? Keinesweges, entgegnete dieſer ernſt; ich habe es einer Dame verſprochen, der ich ſehr viel Dank ſchuldig bin, der ich mein Leben verdanke, vielleicht noch mehr.. Einer Dame verdanken Sie dies Alles? fragte Louiſe. Ich habe Ihnen ja die Geſchichte aus Kaſſel erzählt, erwiederte Venner nicht ohne Verlegenheit. Die Frau des Ober⸗Stallmeiſters Laſſarge iſt hier, ich habe ſie zufällig geſprochen, und da die Einladung in meiner Gegenwart gemacht wurde, ſo konnte ich die Bitte, gleich⸗ falls dort zu ſein, nicht abſchlagen. Das iſt jene myſtiſche Dame, von welcher Sie im⸗ mer nur in Räthſeln zu ſprechen belieben, bemerkte der Freiherr— aber ich muß Ihnen Recht geben, es wäre unhöflich, wäre mehr als das, es wäre unritterlich ge⸗ weſen, ihr dieſe kleine Gefälligkeit abzuſchlagen. Um ſo mehr, als ſie nur zwei Tage hier in Breslau 128 bleiben wird, fügte Venner mit einem raſchen Blick auf Louiſe hinzu. Da ich Ihr Freund bin, lieber Venner, und Sie es wünſchen, ſo will ich Sie begleiten, ich möchte ohnehin einmal gern die myſtiſche Freundin meines Freundes von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen. Dürfen wir auch mitgehen, Vater? fragte Louiſe. Möchteſt du vielleicht der Ehre theilhaftig werden wollen, mit einem Franzoſen zu tanzen, oder, was noch ſchlimmer iſt, mit Einem von dieſem Lumpengeſindel, welche den Franzoſen die Füße küſſen? Der Männ kann in den Schmutz treten und ſich dann wieder die Stiefeln putzen laſſen.— Venner hatte Celie am folgenden Tage wieder be⸗ ſucht und mehrere Stunden in ihrer Geſellſchaft zuge⸗ bracht; beiderſeitig war man bemüht geweſen, jede Wen⸗ dung des Geſpräches zu vermeiden, welche die näheren Beziehungen zu einander verrathen und zu weiteren Er⸗ örterungen hätte führen können. Nun will ich Toilette machen, lieber Freund, ſagte Celie, als Venner gegen Abend ging— ich freue mich kindiſch darauf, mit Ihnen zu tanzen, aber Sie müſſen nachſichtig ſein, denn ich habe dieſem Vergnügen ſchon lange entſagt. Er ſchied mit einem innigen Blick und einem eben ſo innigen Händedruck. Er ging nach Hauſe, um ſich ebenfalls ballmäßig zu kleiden, und holte dann den Frei⸗ — 1 herrn ab, welcher mit ſeiner gewohnten Pünktlichkeit, ſchon ſeiner wartend, bereit ſtand. Als ſie in den Saal traten, fanden ſie dieſen bereits gefüllt, jedoch hatte der Tanz noch nicht begonnen. Man erblickte die verſchiedenartigſten franzöſiſchen Uniformen, zu deren Verherrlichung ja recht eigentlich dieſes Feſt veranſtaltet war. Wie ſich unſere Frauen und Mädchen herausgeputzt haben, es iſt eine Schande! flüſterte der Freiherr— und ich erblicke Leute, von denen ich es wirklich nicht erwar⸗ tet hätte; ſehen Sie, da iſt ja auch die hübſche Frau Roſen, mit der ich die Schlacht von Aspern zuſammen gefeiert habe. Eitelkeit, Neugierde, Vergnügunsſucht ſind einmal die Erbſünden der Frauen, bemerkte Venner eben ſo leiſe, ſeien Sie deshalb in Ihrem Urtheile nicht zu hart. Meinetwegen! erwiederte der Freiherr; aber wo iſt denn der Magnet, der Sie, und durch Sie mich, hier⸗ hergezogen? Laſſen Sie uns ſuchen. Sie gingen an dem Orcheſter vorüber, welches aus einer geringen Erhöhung beſtand, die man mit dreifar— bigen Draperieen verziert hatte. Dort erblickten ſie den alten Baumann. Er ſaß in ſich verſunken, die Geige lag auf ſeinen Knieen, und ſeine Augen ſtierten gedan⸗ kenvoll auf den Fußboden. Wenn man den alten Mann doch von Guſtav vom Sce, Vor fünfsig Jahren. III. 130 ten Idee, Tanzmuſik zu machen, heilen könnte! bemerkte der Freiherr wieder, als ſie, von Baumann ungeſehen, vorübergegangen waren; ich wünſchte es beſonders um Aennchen's willen. Er iſt einmal ein ſchwer zu behandelnder Sonder⸗ ling— wir wollen ihn heute ruhig ſich ſelbſt überlaſſen, — kommen Sie; dort ſteht auch jener widerliche Menſch, Haller. Sehen Sie, mit welchen ſpöttiſchen Blicken er uns verfolgt.— Ich will hoffen, ſprach er leiſe vor ſich hin, daß dem Buben ihre Anweſenheit unbekannt iſt. Können Sie mir immer noch nicht Ihre Freundin zeigen? fragte der Freiherr wieder, als ſie weitergegan⸗ gen waren. Dort ſteht ſie, ſagte Venner, und der Herr an ihrer Seite in der reich geſtickten Uniform iſt ihr Mann, der Ober⸗Stallmeiſter des Königs Jeréöme. Eine ſchöne Frau, erwiederte der Freiherr, und dabei einfach und ſittſam gekleidet, eine intereſſante Erſcheinung. Nun muß ich mich von Ihnen beurlauben, der Tanz beginnt, und ich bin engagirt. Viel Vergnügen! rief Wallingen dem Forteilenden nach und ſuchte ſich dann einen Platz, von welchem aus er Venner und ſeine Tänzerin beobachten konnte. Celie empfing Venner mit ſichtbarer Freude, ihr dunkles Auge ſtrahlte heller, als er, ſich verneigend, zu ihr trat, ſie ſprachen einige Worte zuſammen und traten dann zum Tanze an. 131 Haller hatte Venner keinen Moment aus dem Auge gelaſſen. Haß und Rache ſprachen aus ſeinen Zügen, als er ſah, wie dieſer ſich Celie näherte, ſie ihn ſo beſonders freundlich empfing, und er ſie dann zum Tanze führte. Der Zufall ließ ſie ſich in der unmittelbaren Nähe des Orcheſters aufſtellen. Haller näherte ſich ebenfalls dem⸗ ſelben und betrachtete mit ſpöttiſcher Miene den alten Baumann, welcher, ohne die Tanzenden zu beachten, träumeriſch ſpielend daſaß. Guten Abend, Herr Baumann! ſagte Haller, wieder ſo fleißig? Sie führen ja ein recht luſtiges Leben! Immer Spiel und Tanz, was wollen Sie noch mehr? Es macht Ihnen wohl Spaß, die vielen ſchönen Damen zu betrachten, fuhr er fort, da Baumann ſchwieg, und ſie nach Ihrer Geige tanzen zu laſſen? Baumann warf einen verächtlichen Blick auf den Fragenden und drehte ſeinen Stuhl dann nach der an⸗ deren Seite herum. Meine Unterhaltung ſcheint Sie in Ihren mußikali⸗ ſchen Studien zu ſtören, ſprach Haller ſpöttiſch weiter. Aber betrachten Sie doch jene ſchöne Dame etwas näher, die jetzt mit Herrn von Venner tanzt und ſich zugleich ſo angelegentlich mit ihm unterhält. Sehen Sie genau, recht genau hin, lieber Herr Baumann; bemerken Sie nicht eine auffallende Aehnlichkeit? Der alte Baumamn richtete unwillkürlich ſeinen Blick auf Celie, welche eben mit Venner, der Tour des Tan⸗ 9* 132 zes folgend, ſich nach dem Orcheſter zurückbewegte; ſeine dunkeln, tiefliegenden Augen ſchienen plötzlich wie zwei Flammen zu leuchten. Die Geige entſank ſeinen zittern⸗ den Händen, welche ſich, wie zur Abwehr, vorſtreckten — dann ſtürzte er von dem Orcheſter herab, auf Celie zu, faßte ſie krampfhaft an beiden Schultern, ſtierte ſie noch einen Moment an und rief dann mit lauter, gel⸗ lender, erſchütternder Stimme: Julie! Julie! mein Kind, mein verlorenes, liebes Kind! Finde ich dich wieder? Celie, zuerſt erſchreckt, war leichenblaß geworden— Mein Vater! hauchte ſie kaum hörbar, o, mein Vater! dann ſank ſie bewußtlos in die Arme Venner's, der die Ohnmächtige auffing. Sie ſtirbt! ſie ſtirbt! ſchrie der alte Baumann, ſie umſchlingend; ſie iſt nur gekommen, um bei mir zu ſterben! Die Lichter des Saales begannen vor ſeinen Augen zu tanzen, es rollte vor ſeinen Ohren, wie der Donner der Wogen, und von jähem Schwindel ergriffen ſtürzte er nieder zu den Füßen ſeiner bewußtloſen Tochter. Die Muſik hatte aufgehört, Alles drängte dem Schau⸗ platz dieſer eben ſo unerwarteten als aufregenden Scene zu— dann wurden die Ohnmächtigen hinausgetragen, man freute ſich, zu erfahren, daß die ſchöne Frau ſehr bald wieder zum Bewußtſein zurückgekehrt ſei.— Dann begann der Tanz wieder— und der Ball hatte ſeinen ungeſtörten Fortgang. Achtes Kapitel. Vater und Tochter. Aennchen ſaß einſam in ihrem Zimmer; ſie hatte ſich, noch bevor der Freiherr auf den Ball ging, von Lyuiſe verabſchiedet, ſo ſehr dieſe auch gebeten, ſie möge noch bleiben, und beſchäftigte ſich jetzt mit Leſen, da ſie wußte, daß ſie noch viele Stunden würde zu warten haben, ehe ihr Vater zurückkehrte. Früher ging ſie niemals zu Bett, . ſie hätte doch nicht ſchlafen können; ſie hoffte zugleich, daß der Vater ſich gerade dadurch zuerſt werde beſtimmen laſſen, der jetzt angenommenen Beſchäftigung wieder zu entſagen. Es war eine warme, ruhige Frühlingsnacht, ein lauer Wind ſpielte mit den Blüthen und den jungen 6 Blättern des dicht vor dem geöffneten Fenſter ſtehenden Apfelbaumes und trug den balſamiſchen Duft, hin und und wieder auch ein weißes Blüthenblatt in das Zimmer. 1 Der Mond blickte durch die Zweige des Baumes in den 12 kleinen Raum und ließ die Schatten der noch nicht voll . belaubten Zweige ſich phantaſtiſch darin bewegen. Die Gedanken des jungen Mädchens beſchäftigten ſich mit dieſem Spiele von Licht und Schatten, ihr Auge hing träumeriſch daran und machte die Erfüllung ihrer Wünſche von den ſo oder ſo ſich geſtaltenden Schattenbildern ab⸗ 134 hängig. Aber auch dieſes improviſirte Orakel blieb eben ſo unbeſtimmt in der Beantwortung der geſtellten Fra⸗ gen, wie all' die übrigen Mittel, welche der Menſch er⸗ ſonnen oder erfunden hat, um den unverrückbaren Schleier der Zukunft zu durchdringen. So ſaß ſie, aufmerkſam die ſpielenden Schattenbilder auf dem Fußboden betrachtend, von denen immer eines befahte, was das andere verneinte— da ſchreckte ſie plötzlich aus dieſen ſtillen, träumeriſchen Betrachtungen der laute Ton der Klingel an der äußeren Thür des Gartens empor. So heftig klingelte der Vater niemals, er klingelte überhaupt nicht, er hatte einen Schlüſſel; was, wer konnte dies ſein? Sie war unſchlüſſig, ob ſie überhaupt öffnen ſollte, als der Ton ſich noch lauter und gleich darauf nochmals wiederholte. Raſch ſprang ſie hinaus und er⸗ kannte zu ihrem Erſtaunen die Stimme des Freiherrn. Heffnen Sie, öffnen Sie, mein Kind! rief er; Ihr Vater iſt nicht ganz wohl, aber es hat Nichts zu bedeu⸗ ten, öffnen Sie nur! Mit zitternder Hand ſchloß ſie die kleine Thür auf. Davor hielt ein Wagen, aus dem, von Venner und dem Freiherrn unterſtützt, ihr Vater langſam ausſtieg, gefolgt von einer Dame im Ballputz, welche vorzugsweiſe be⸗ müht war, dem alten Manne behilflich zu ſein. Vater, mein theurer Vater! ſchrie Aennchen, ſeine — 135 matt herabhängende Hand ergreifend; biſt du krank, was iſt dir begegnet? Seien Sie ruhig, mein Kind, ſagte leiſe der Frei— herr, Ihr Vater bedarf vor Allem der Ruhe, Sie wer⸗ den Alles erfahren.* Man führte den alten Baumann langſam durch den Garten in das Haus und in die Stube und ſetzte ihn auf den alten Sorgenſtuhl, auf dem er immer zu ſitzen pflegte. Die fremde Dame war vor ihm niedergekniet, hatte ſeine Hände ergriffen und ihr Geſicht weinend darin verborgen. Der Freiherr und Venner ſtanden ſchweigend und tief bewegt zur Seite. Aennchen, von der peinlich⸗ ſten Unruhe und von der lebhafteſten Beſorgniß ergriffen, wußte ſich dieſes Alles nicht zu erklären. Ah— wo bin ich?— ſtöhnte der alte Baumann noch immer mit geſchloſſenen Augen— Aennchen, mein liebes Kind, biſt du da? Weine nicht ſo ſehr und küſſe nicht meine Hände— ich habe ſo lebhaft geträumt, ſie wäre zurückgekehrt— ach! dieſe ewigen Träume— du weißt es ja, mein Kind!— Bei dieſen Worten ſchlug er die Augen auf und blickte mit dem Ausdruck der Ver⸗ wunderung und des Staunens umher. Träume ich noch fort? rief er dann in ſchneidendem Tone, oder iſt es die⸗ ſes Mal Wirklichkeit— Wahrheit? Vater, theuerſter Vater, ſchluchzte Celie, ihn um⸗ ſchlingend, ſei ruhig, ſei gefaßt, ich bin wieder bei dir; 136 vergieb deinem armen Kinde, es bedarf ſo ſehr deiner Vergebung. Julie! rief Aennchen mit bebender Stimme, Gott im Himmel, wäre es möglich? Der Alte hob mit zitternden Händen den Kopf ſeiner älteren Tochter zu ſich in die Höhe und blickte ſie lange und forſchend an, als wolle er ſich vergewiſſern, daß die⸗ ſes Alles nicht wieder ein bloßes Spiel ſeiner Phantaſie ſei; die Thränen rollten ihm dabei unbewußt über die Wangen, und ſeine Hände betaſteten zitternd die Haare und das Geſicht der vor ihm Knieenden.— Immer noch ſprach er kein Wort. Dann, ſie mit den Blicken der innigſten Zärtlichkeit betrachtend, rief er, indem er ſie feſt umſchlang: O, du mein liebes, liebes, verlorenes Kind, ruhſt du wieder an dem Herzen deines Vaters? Lange hielten ſich Vater und Tochter innig umfaßt, ohne zu reden, und auch die Anderen ſtanden ſchweigend und tief bewegt. Nun laß mich dich betrachten, mein Kind, ſagte dann Baumann, den Kopf Celie's— wir wollen ſie auch ferner ſo nennen— von ſich entfernend; ſtehe auf, damit ich dich ganz ſehen kann— du heſt dich ſehr verändert— aber ich erkannte dich ſogleich wieder, als mich jener Menſch auf dich aufmerkſam machte; zuerſt hielt ich es nur für eine Aehnlichkeit, für eine Täuſchung meiner Sinne, aber als du freundlich lächelteſt— gerade ſo, wie du es früher thateſt, da war ich meiner Sache ge⸗ — 137 wiß— da mufßte ich hin zu dir— ich konnte nicht an⸗ ders— vielleicht wäre es ſchicklicher geweſen, ich hätte gewartet, hätte— aber ich konnte nicht anders, mein Kind! Mein guter, theurer Vater! flüſterte ſie noch immer weinend— ſie konnte auch nicht anders. Nach und nach wurden Beide ruhiger, wenigſtens anſcheinend; Celie vermochte es, einige Fragen zu beant⸗ worten, wenn auch mit großer Zurückhaltung und ſicht⸗ lich bemüht, den Schleier ihrer Vergangenheit nicht zu lüften— dann wandte ſie ſich zu Aennchen, welche bis⸗ her ſchweigend zur Seite geſtanden, und ſie mit liebe⸗ vollen Blicken betrachtend, umſchlang ſie dieſelbe plötzlich und drückte ſie an ihr Hetz. Biſt du es wirklich? mein kleines, liebes Schweſter⸗ chen, mein herziges Aennchen, unſere Elfe— wie ſchön du geworden biſt! O, du haſt ihnen die Verlorene er⸗ ſetzt, gewiß, gewiß,— aber wo iſt die Mutter, ſoll ich ſie nicht auch ſehen? Aennchen, von dem ganzen Auftritte ſchon tief er⸗ ſchüttert, ſenkte weinend ihren Kopf auf die Schulter der älteren Schweſter, und die lautloſe Stille, welche der Frage folgte, gab der letzteren die Antwort, daß die Mutter nicht mehr unter den Lebenden weile. Geſtorben? hauchte ſie, Aennchen voll Angſt anſehend. Sie iſt ſchon vor vier Jahren, dich ſegnend, hinüber⸗ gegangen, ſagte der alte Baumann; wir ſind die ganze ———˙— v Zeit Beide allein geweſen— ja, immer allein.— und ich habe auch nicht mehr geglaubt, daß es noch einmal anders werden könnte. Das Erſcheinen des Ober⸗Stallmeiſters Laſſarge gab dem Geſpräche gewaltſam eine andere Wendung. Er war bei dem Auftritte auf dem Balle nicht zugegen ge⸗ weſen, hatte ſpäter ſehr verworrene und abſichtlich über⸗ triebene Erzählungen darüber gehört und kam nun ſo eilig als möglich, ſowohl um ſich über den Zuſtand ſeiner Frau, als über die ſonderbaren Berichte hinſichtlich ihrer wiedergefundenen Familie zu vergewiſſern. Sein Erſcheinen in dieſem Kreiſe machte einen pein⸗ lichen Eindruck; er wandte ſich ſogleich an Celie und ſagte, ſie mit ſichtbarer und ungeheuchelter Beſorgniß be⸗ trachtend: Ich ſehe, Sie befinden ſich wieder wohl, Madame, es freut mich das ſehr, aber man ſagte mir, Sie hät⸗ i en Mit einem Stolze, wie ihn Celie noch nie gegen ihren Mann gezeigt hatte, unterbrach ſie ihn. Mein Mann, der Ober-Stallmeiſter Sr. Majeſtät des Königs von Weſtfalen— dies iſt mein Vater, der Kantor und Organiſt Bachmann, dies meine liebe Schwe⸗ ſter, der Freiherr von Wallingen— Herrn von Venner kennen Sie bereits. Nach dieſer in förmlichem Tone geſprochenen Vor— ſtellung entſtand unter den Anweſenden ein längeres p . — — 139* Schweigen, denn die wenigen Worte enthielten für einen Jeden, wenn auch in verſchiedener Weiſe, eine Ueberra⸗ ſchung und Enthüllung. Der alte Baumann, oder Bachmann, erfuhr, daß ſeine ältere Tochter an einen Franzoſen verheirathet war, welcher, in die reiche Uniform ſeines Amtes gekleidet, vor ihm ſtand; ſeine eigene Vergangenheit, ſo wie ſein wirk⸗ licher Name war zugleich durch Celies Worte offenbart worden, welches Wallingen und Venner in Erſtaunen ſetzte; Laſſarge dagegen, welcher aus mehrfachen Grün⸗ den dem Geburtsnamen ſeiner Frau nicht nachgeforſcht hatte, erfuhr denſelben auf eine ſehr unerwartete Weiſe und wurde zugleich eben ſo unerwartet mitten in den Kreis ihrer Verwandten hineinverſetzt. Jeder der Anweſenden bedurfte daher einer kurzen Zeit, um ſich in dieſe neuen Vorſtellungen zu finden. Laſſarge, mit der den Franzoſen eigenen Leichtigkeit in der Beobachtung der geſelligen Formen, kam zuerſt zu einer Erwiederung und ſprach ſeine Freude aus, den Herrn Vater ſeiner Gattin kennen zu lernen, eben ſo ſeine liebenswürdige belle-soeur, und machte Allen, be⸗ ſonders aber Wallingen, deſſen Freiherrntitel ihn ange⸗ nehm berührt hatte, eine tiefe Verbeugung. Die Uebrigen ſchwiegen noch immer, beſonders ſchien der alte Bachmann auf's Neue ſehr ergriffen, und ſeine dunkeln Augen, welche unausgeſetzt auf Celie gerichtet waren, ſtreiften jetzt ſcheu und ängſtlich zu Laſſarge hin⸗ 140 über, der ſo plötzlich und räthſelhaft als der Mann ſeines wiedergefundenen Kindes erſchienen war. Celie erkannte bald den inneren Zuſtand ihres Va⸗ ters, neigte ſich über ihn und flüſterte leiſe: Beruhige dich, lieber Vater, rege dich nicht wieder auf, du ſollſt Alles erfahren, und er wird gleich wieder gehen.— Mein Herr, fuhr ſie dann, gegen ihren Mann ſich wen⸗ dend, fort, Sie werden es natürlich finden, daß ich heute meinen Vater und meine Schweſter nicht verlaſſe; haben Sie daher die Güte, fahren Sie zurück nach unſerem Hotel und ſchicken Sie mir einen einfachen Anzug hier⸗ her, Sie ſehen, wie unpaſſend ich noch immer gklei⸗ det bin. Laſſarge erhob gegen dieſen faſt im Tone des Be⸗ fehles ihm gewordenen Auftrag keine Einwendungen, be⸗ dauerte, daß es ſchon zu ſpät ſei, um länger verweilen zu können, verſprach, morgen zurückzukehren und das Verlangte ſogleich zu ſenden. Dann empfahl er ſich, nachdem er jeden der Anweſenden nochmals höflich ge⸗ grüßt hatte. So war man denn wieder allein. Die Anweſenheit Laſſarge's hatte gewaltſam einen Theil der doch einmal nöthigen Aufklärung herbeigeführt und zugleich die Stim⸗ mung in ruhigere Bahnen gelenkt; man war gegenſeitig befähigt, das Weitere, was doch einmal gefragt und be⸗ antwortet werden mußte, zu fragen und dieſe Fragen zu beantworten. Venner und Wallingen wollten gleichfalls ₰ — — 141 gehen, aber ein bittender Blick Celie's an den Erſteren hielt ſie wieder zurück; ſie fühlte ſich noch nicht ſtark genug, um mit ihrem Vater allein zu ſein. Dieſer zögerte ſichtlich, eine Frage zu thun, und für ſie war es eine Wohlthat, daß er dies that. Um aber die unvermeidlichen Eröffnungen nicht bis zu dem Augen⸗ blicke hinauszuſchieben, wo ſie allein ſein würden, begann ſie ſelbſt: Nun erzähle mir, theurer Vater, wann habt ihr Steinfeld verlaſſen? Herr von Venner iſt ein Freund von mir, fügte ſie mit geſenkten Augen hinzu, er kennt meine bisherigen Schickſale. Als du fort warſt, mein Kind, ſagte traurig ihr Vater— was ſollten wir noch dort? Die Leute— du weißt ja, wie es in einem ſo kleinen Orte zugeht— mieden uns oder beläſtigten uns mit einer ſchadenfrohen Theilnahme. Ich verkaufte mein kleines Beſitzthum— das Haus, worin du geboren— und aus dem du ent⸗ flohen warſt; ich zog mit deiner verſtorbenen Mutter und Aennchen hierher— und hier ſind wir immer geblieben bis heute. Nur nannte ich mich Baumann, um jede Nachfrage zu verhindern. Aber lebt jener Mann nicht mehr, jener— jener— der die Macht hatte, dich aus dem Hauſe deiner Eltern zu entführen? Haller? fragte erſtaunt Celie. Haller! ſchrie der Alte aufſpringend, indem ſeine dun⸗ keln Augen wie zwei Kohlen leuchteten, Haller war der 142 Bube? Wie iſt das möglich? Nein, du lügſt, du irrſt dich— er hieß ja Malin, ja, ja, Malin, nicht Haller! Dieſen Menſchen kenne ich ſeit Jahren— und er war es ja, der mich heute auf dich aufmerkſam gemacht hat. Haller? riefen Venner und der Freiherr gleichzeitig — unmöglich! Wundert Sie das? ſagte Celie.— Beruhige dich, lieber Vater, fuhr ſie, ihn umſchlingend, fort, ſei ruhig und nicht heftig— die Vergangenheit läßt ſich einmal nicht mehr ungeſchehen machen, jeder Menſch muß ſein Geſchick erfüllen— ich auch das meinige, ſei ſtark und rege dich nicht wieder auf— es ſind jetzt ſieben Jahre her, daß ich nicht mehr in dein Auge geſchaut, daß mein Haupt nicht mehr an deiner Bruſt geruht, wie es ſonſt ſo oft gethan— ſieben Jahre voll bitterer, trüber Er⸗ fahrungen— aber in dieſem Augenblicke iſt es mir, als ſei ich gar nicht von dir fortgeweſen— ſei ruhig, mein lieber, guter Vater— ſonſt darf ich dir Nichts weiter erzählen. Ja, ja, du haſt Recht, mein Kind, erwiederte der Alte mit leiſer Stimme, es nützt uns Nichts, gegen das Geſchick anzukämpfen, wir müſſen ſtillhalten, bis es ganz ſtill wird— ſprich nur weiter, ich will ganz ruhig ſein. Er verließ mich bald, ſagte ſie mit kaum hörbarer Stimme, nachdem er mich unter falſchem Namen durch das Poſſenſpiel einer falſchen Ehe betrogen— oder viel⸗ mehr ich verließ ihn, ſetzte ſie mit feſter Stimme hinzu, 143 nachdem ich dieſen ſchändlichen Betrug erfahren hatte— ich heirathete dann einen franzöſiſchen Oberſten, ſagte ſie wieder leiſer und mit niedergeſchlagenen Augen— zurück zu euch durfte ich ja nicht wieder— und ſpäter, nach⸗ dem dieſer bald darauf in der Schlacht von Eylau ge⸗ blieben war— meinen jetzigen Mann— den du ge⸗ ſehen haſt. Aber wie iſt es möglich, daß Haller Ihnen unbe⸗ kannt ſein konnte? fragte Venner. Hatte ich denn den Buben jemals geſehen? entgeg⸗ nete der Alte wieder in leidenſchaftlicher Aufregung. Als er mit meinem verſtorbenen Sohne zum Beſuch in Steinfeld war, befand ich mich ja in Prag, die ganze Teufelei ſpielte in meiner Abweſenheit, dann wollte man meine Einwilligung zu ihrer Verlobung mit einem ver⸗ laufenen Studenten, 2 kalin, auf jede mögliche Weiſe er⸗ ringen; ich erkundigte mich nach dieſem Burſchen und erfuhr, daß er ein liederlicher, leichtſinniger Menſch ſei, und blieb bei meiner Weigerung— und dann warſt du fort— ich verſtieß dich— du ſollteſt für mich auch geſtorben ſein— ja, todt ſollteſt du ſein— aber du lebteſt deshalb doch— hier, in meinem Herzen, und es iſt kein Tag vergangen, wo ich deiner nicht gedacht und meine Härte bereut habe. Und Haller hat Sie heute auf Ihre Tochter auf⸗ merkſam gemacht? fragte Venner abſichtlich, um die weiche Stimmung nicht wieder aufkommen zu laſſen. Ja, das hat er! Warum mag er es nur gethan haben? ſagte der Alte wieder ruhiger. Er trat zu mir an das Orcheſter— o, daß ich mit dieſem Menſchen, ohne ihn zu kennen, ſo oft habe zuſammenſein müſſen! — Betrachten Sie doch jene ſchöne Dame, die jetzt mit Herrn von Venner tanzt, ſprach er mit ſeiner widerli⸗ chen Freundlichkeit, finden Sie nicht eine auffallende Aehnlichkeit?— Erſt ſchienſt du mir fremd, Julie, aber als du lächelteſt— da erkannte ich dich ſogleich wieder — da— da. Beruhige dich, lieber Vater, bat Celie wieder.— Laſſen wir ihn, er hat es jedenfalls böſe und ſchlecht vorgehabt— aber wir hätten uns ohne ihn wahrſchein⸗ lich gar nicht gefunden, ich wäre übermorgen wieder ab⸗ gereiſt, und ſo iſt ſein ſchändlicher Plan in das Gegen⸗ theil umgeſchlagen— ich habe dich wieder gefunden, ach! und aus deinem Munde gehört, daß du mir ver⸗ geben haſt, daß du mich wieder liebſt... Daß ich dich immer geliebt habe, mein Kind, immer, immer! flüſterte der Alte, ſie feſt an ſich drückend— ach, wie wohl es mir thut, daß meine Arme dich wieder umſchlingen können!—— Sie ſind ja ſo ſchweigſam? bemerkte der Freiherr, als er mit Venner durch die einſamen Straßen der Odervorſtadt nach Hauſe ging. Wos ich heute erlebt, hat mich tief erſchüttert, Sie werden dies begreiflich finden; aber mich beſchäftigt be⸗ — 145 ſonders Etwas, das nothwendig geſchehen muß, und ich ſinne nach, wer von meinen Freunden geeignet ſei, mir dabei einen Dienſt zu leiſten. Zählen Sie mich nicht zu Ihren Freunden? Ich bin ſtolz darauf, es zu können, Nun aber? Sind vielleicht unſere verſchiedenen An⸗ ſichten über manche Dinge ein Hinderniß? Ol laſſen Sie das jetzt; nein, ich bedarf eines Freun⸗ des, der nicht Familienvater iſt, der... Sie wollen ſich mit Haller ſchlagen! unterbrach ihn der Freiherr. Da Sie es errathen haben, will ich nicht leugnen, daß dies mein Vorſatz iſt. Haben Sie auch reiflich erwogen, ob ſich dies der Mühe lohnt, ob Sie ſich dadurch nicht vielmehr ernie⸗ drigen? Es iſt eine alte Rechnung, die ich mit ihm abzu⸗ machen habe, und jetzt nur das Neue hinzugekommen; es iſt Alles wohl überlegt und erwogen, ich wünſchte, Rudolf wäre hier. Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, ſagte ruhig der Frei— herr; mein Alter und meine ſonſtigen Verhältniſſe ſind dabei kein Hinderniß, ſuchen Sie daher nicht weiter. Nein, nein, ich darf und werde einen ſolchen Dienſt von Ihnen nicht annehmen, erwiederte Venner in mehr als gewöhnlicher Erregung; denken Sie an Ihre Tochter Guſtav vom Ser, Vor fünfzig Jahren. III. 10 146 und bleiben Sie dieſer Sache fern, welche jedenfalls, ſo oder ſo, einen tragiſchen Ausgang nehmen muß. Muß ſie das?* Dazu bin ich beſtimmt entſchloſſen— es ſteht un⸗ widerruflich feſt. Sie müſſen wiſſen, was Sie zu thun haben, und ob Sie Ihr Leben dieſem Schurken gegenüber in die Schanze ſchlagen wollen— aber da die Sache einmal ſo ſteht, ſo würde ich es als einen Bruch unſerer Freund⸗ ſchaft betrachten, wenn Sie einen anderen Sekundanten wählten, als mich. Es iſt am Ende auch keine große Gefahr für Sie dabei, bemerkte Venner nach einiger Zeit; Duelle beſtra⸗ fen die Franzoſen entweder gar nicht oder ſehr milde. Alſo Ihren Auftrag? So fordern Sie ihn denn auf fünf Schritt— gezogene Piſtolen— ſo lange Kugeln wechſeln, bis wir Beide Genugthuung haben, bis ich Genugthuung habe Das heißt, bis Einer von Ihnen tödtlich getroffen iſt. Natürlich. Aber wenn er ſich weigert? Sie werden die Mittel finden, ihn zu zwingen; ſollte es Ihnen dennoch nicht gelingen, ſo ſagen Sie ihm, daß ich ihn öffentlich durchpeitſchen würde. Ich werde Ihre Weiſungen genau befolgen; aber überlegen Sie ſich die Sache noch einmal— bedenken Sie, daß Sie höhere Pflichten zu erfüllen haben, als gie 147 . Ihr Leben gegen einen Menſchen auf's Spiel zu ſetzen, welcher der Ehre eines Duelles gar nicht einmal werth* 6 Ich habe das Alles wohl erwogen— und bitte Sie nochmals, laſſen Sie mich die Sache allein, ohne Mitwirkung zu Ende führen— Nein, nein, unterbrach ihn der Freiherr, wenn es einmal ſein ſoll und muß, ſo iſt es jedenfalls beſſer, ich bin dabei— aber eine Bitte habe ich noch, die Sie mir nicht abſchlagen werden. Wenn es ſein kann, gewiß nicht. Beſchlafen Sie die Sache. Ueber Nacht kommen manchmal ſehr gute Gedanken— Morgen in aller Frühe bin ich bei Ihnen und hole mir Ihre letzte Ent⸗ 1 ſchließung. So ſei es, mein verehrter Freund, ſagte Venner, dem Freiherrn herzlich die Hand drückend, thun Sie daſſelbe— denken Sie recht viel an Ihre Tochter und ſagen Sie mir morgen früh, daß es beſſer wäre, wenn ich mir zu dieſer Angelegenheit einen andern Freund aufſuchte. Nun denn, alſo bis morgen früh, entgegnete der Freiherr, um Punkt 6 Uhr werde ich bei Ihnen ſein. Dann ſchieden ſie.—— Die Mittheilungen zwiſchen Vater und Tochter, nach— dem Wallingen und Venner ſich entfernt hatten, waren nach und nach ruhiger geworden; der alte Baumann 10½ — fühlte ſich ſehr ermattet und ſchlummerte endlich mit einem glücklichen Lächeln ein, wie es lange nicht um ſeinen Mund geſchwebt, während jede ſeiner Hände in einer von ſeinen beiden Töchtern ruhte. Leiſe machten ſie ſich dann los, gingen in das Ne⸗ benzimmer, ohne die Thür zu ſchließen, und ſprachen noch mehrere Stunden mit einander. Celie konnte Aenn⸗ chen nicht genug betrachten, immer wieder blickte ſie lange und mit dem Ausdruck der innigſten Liebe in dieſe kind⸗ lichen, ſanften, blauen Augen, immer wieder drückte ſie die ſo lang' entbehrte Schweſter an ſich und küßte ſie innig und herzlich. Dann plauderten ſie wieder, und Aennchen mußte Alles genau und umſtändlich erzählen, was ſich in der langen Zeit ereignet hatte. Zuerſt war ſie ſchüchtern und zurückhaltend, denn die Schweſter, die ſie nur als Kind gekannt, war ihr fremd geworden, niemals ganz vertraut geweſen; aber dies Alles ſchwand bald vor dem offenen, liebevollen und theilnehmenden Weſen Celie's, und ſie erzählte immer beredter, immer freier, immer herzlicher. So erfuhr Celie auch bald Aennchen's Ver⸗ hältniß zu Rudolf und wußte ihr all' die kleinen Ein⸗ zelheiten ihrer einfachen Herzensgeſchichte zu entlocken. War dein Bräutigam, ehe er zu euch in den Wald kam, nicht zum Tode verurtheilt, fragte ſie dann plötz⸗ lich, und wurde von— wurde begnadigt? Ob er begnadigt wurde, weiß ich nicht, aber er war * zum Tode verurtheilt und aus dem Gefängniß enttflo⸗ hen, als er zu uns kam. Ganz recht, ganz recht, er war vorher entflohen— ſprach Celie mehr zu ſich ſelbſt— und dieſer Offizier war dein Bräutigam?— wie ſonderbar! Damals noch nicht, ich war ja noch ein Kind, abet Aber er iſt es doch jetzt, er iſt doch derſelbe Offizier? Ich weiß nicht, wen du meinſt; ſollteſt du Rudolf kennen? Rein, mein liebes, gutes Aennchen, ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie geſehen, aber ich freue mich herz⸗ lich deines Glückes— nicht wahr, deine Liebe macht dich recht, recht glücklich? Ganz glücklich, flüſterte Anna mit niedergeſchlagenen Augen; ſo glücklich, ſetzte ſie dann mit bebender Stimme hinzu, als es möglich iſt, nachdem uns das Schickſal ſo weit, weit getrennt hat, und ich nicht einmal weiß, ob er noch unter den Lebenden weilt. Weine nicht, weine nicht, mein Kind— du wirſt glücklich werden, mir ſagt es eine beſtimmte Ahnung— er wird zurücktehren, du wirſt wieder an ſeinem Herzen ruhen, an ſeinem Herzen, das es treu und ehrlich mit dir meint— und der Tag wird kommen, wo du ihm ganz und für immer angehörſt— dann gedenke meiner, mein ſüßes Aennchen— denn ich werde dann nicht bei dir ſein. ————— 150 Du wirſt uns jetzt nie, nie mehr verlaſſen, meine theure Schweſter! ſagte Anna, indem ſie Celie umſchlang und ihr weinendes Geſicht an ihrem Buſen verbarg. Solch' ein beneidenswerthes Lvos iſt mir nicht be— ſchieden; vergißt du, daß ich verheirathet bin und mei⸗ nem Manne folgen muß? Du könnteſt uns, könnteſt den Vater wieder verlaſſen wollen? rief Anna voll Angſt. Laſſen wir das jetzt, laß uns dieſe ſchöne Stunde nicht mit ſolcher Betrachtung uns verkümmern. Das findet ſich Alles— morgen. Jeder Menſch muß ſein Geſchick erfüllen, und das meinige, welches mich von euch fort in die weite, kalte Welt hinausgetrieben, gönnt es mir nun auch nicht mehr, in das verlorene Paradies zurückzukehren. Ich bitte dich flehentlich, theure Julie, rede nicht ſo — der Vater würde es nicht ierebe wenn du wieder fortgingeſt. Beruhige dich, mein liebes Kind, liebkoſ'te Celie, es wird ſich Alles, Alles ſinden, und jetzt komm— laß mich die wenigen Stunden bis zum Morgen das un⸗ gewohnte Glück genießen, an der Seite einer geliebten Schweſter zu ruhen.— Der Morgen kam, und mit ihm erſchien der Frei— herr bei Venner. Dieſer hatte während der Nacht ſeine Angelegenheiten geordnet, Papiere verbrannt oder verſie⸗ gelt und empfing den Freiherrn heiter und ruhig. Auf 6 151 ſeinem blaſſen, geiſtvollen Geſichte war keine Spur von Aufregung ſichtbar. Das Geſpräch zwiſchen den beiden Männern war kurz, obgleich ſie zuſammen frühſtückten, denn ſie hatten Beide bald erkannt, daß Keiner von ihnen ſeinen Entſchluß geändert habe, und ſo ging denn der Freiherr, um ſeinen Auftrag auszurichten. Raſcher, als Venner es erwartet hatte, und mit hei⸗ terer Miene kehrte er zurück. Sie müſſen Ihren Vor⸗ ſatz für jetzt wenigſtens aufgeben, ſagte er ſichtlich ver⸗ gnügt, als er wieder eintrat, das Duell kann nicht ſtatt⸗ finden. Nicht ſtattfinden? Er weigert ſich? So weit konnte ich gar nicht kommen, denn der Herr Haller haben noch in der Nacht die Stadt ver⸗ laſſen und ſich zur Armee an die ruſſiſche Grenze bege⸗ ben, bei welcher er, wie Sie vielleicht nicht wiſſen, als Verpflegungs⸗Beamter angeſtellt iſt. So werde ich ihm nachreiſen! Das wollen wir denn doch noch näher beſprechen— man würde dort wenig Umſtände mit Ihnen machen; bedenken Sie gefälligſt, daß dem Menſchen keine Mittel zu ſchlecht ſein würden, um ſich Ihrer zu entledigen. Venner ſchwieg nachdenkend. Aufgeſchoben iſt ja nicht aufgehoben, fuhr der Frei⸗ herr fort, offenbar ſehr erfreut, daß wenigſtens für jetzt das Duell nicht ſtattfinden konnte; er wird entweder zu⸗ rücktehren, und dann können Sie ihn ja immer noch —— ————— ————— ————— 152 todtſchießen, oder er findet dort ſeinen Untergang, und dann ſind Sie dieſes ſchlechten Geſchäftes ganz enthoben. So laſſen Sie mich Ihnen denn für jetzt meinen aufrichtigen Dank für Ihre Freundſchaft abſtatten. Sie wiſſen ja ſelbſt, daß es nicht der Mühe werth iſt, davon zu reden— aber es iſt mir doch lieb, daß es ſo gekommen iſt. Als Venner nach einigen Stunden bei Baumann's eintrat, fand er Aennchen in Thränen, der Vater und Celie waren im Nebenzimmer. Warum weinen Sie, Aennchen? fragte er beſorgt. Julie will uns wieder verlaſſen, ſchluchzte ſie, alle meine Bitten ſind vergebens, ihr Entſchluß ſteht feſt— was wird der Vater ſagen— ich darf gar nicht daran denken! Ich habe es nicht anders erwartet, ſprach Venner vor ſich hin; tröſten Sie ſich, ſagte er dann laut, viel⸗ leicht gelingt es mir— laſſen Sie mich mit ihr reden. Wo iſt ſie? Beim Vater, der ſich ſehr angegriffen fühlt und noch nicht aufgeſtanden iſt— ach, wenn Sie das vermöch⸗ ten— ſoll ich ihr ſagen, daß Sie hier ſind? Thun ſie es. Anna ging, und nach kurzer Zeit trat Celie allein in das Zimmer; ſie reichte ihm mit einem innigen, aber zugleich traurigen Blicke die Hand, und dann ſetzten ſie ſich. — 158 Sie wollen wieder fort? fragte er. Hat Ihnen das Aennchen ſchon geſagt? Sie iſt in Schmerz darüber aufgelöſt. Und doch kann es nicht anders ſein— nicht wahr, ich habe wenigſtens den Troſt, daß Sie meinen Ent— ſchluß billigen und nicht verkennen? Ich habe ihn erwartet— wie ich Sie kenne, meine theure Freundin, mußte ich ihn erwarten, aber dennoch.. Ich danke Ihnen, daß Sie ſo von mir denken.— Laſſen Sie nun auch zwiſchen uns keinen Mißton laut werden.— Seien Sie noch einmal mein Freund, helfen Sie mir, aber machen Sie mir einen Entſchluß nicht noch ſchwerer, deſſen Ausführung mich ohnehin ſo ſehr unglücklich macht. Bedenken Sie Alles genau, theuerſte Celie, ſagte er mit Herzlichkeit, gedenken Sie Ihres alten Vaters, der Ihren Verluſt vielleicht nicht ertragen kann, gedenken Sie Ihrer lieblichen, guten Schweſter... Haben Sie nöthig, mich daran zu erinnern? unter⸗ brach ſie ihn; gerade weil ich dieſes Alles bedenke, fühle ich, daß ich hier nicht bleiben darf— wo ich, ach, ſo gern! wie in einem ſtillen, friedlichen Hafen verweilen möchte.— Sehen Sie mich nicht ſo bittend, ſo vor⸗ wurfsvoll an, Ulrich, helfen Sie mir! Seien Sie mein Freund jetzt in dieſen ſchweren Stunden, wo ich Ihrer Freundſchaft ſo ſehr bedarf! Zweifeln Sie nie an mir, ſagte er, ſanft ihre Hände, 154 mit denen ſie ihr Geſicht bedeckt hatte, in die ſeinigen nehmend; Sie betrachten die Dinge in einem ſchlimme— ren Lichte, als ſie erſcheinen— laſſen Sie Ihren Mann allein nach Rußland ziehen und verweilen Sie hier, bis er zurückkehrt. Warum reden Sie ſo? fragte ſie, ihn mit ihren gro⸗ ßen, jetzt verſchleierten Augen feſt anblickend, warum geben Sie mir einen Rath, den Sie ſelbſt in meiner Lage nicht befolgen würden? Muß ich mich ſo ſehr demüthigen, um Sie ſelbſt an meine Vergangenheit zu erinnern? Kann meines Bleibens nur noch einen Au⸗ genblick länger in Breslau ſein? Halten Sie mich für ſo ſchlecht, zu glauben, ich wäre hierhergekommen, wenn ich gewußt hätte, daß ſie hier ſind? Soll ich vielleicht auch noch das Daſein meines lieben Aennchen's beflecken, ſoll ich warten, bis ihr Bräutigam, Ihr Freund— derſelbe Freund, für den Sie einſt ſo viel gethan— zurückkehrt und meinetwegen eine Verbindung zerreißt, die ſeiner Ehre zuwider iſt, ſoll... Reden Sie nicht weiter, Celie, unterbrach er ſie.— Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen, in dem wilden Gewirr der Zeit hat man... Ulrich, ſagte Celie in feierlichem Tone, bei der Freund⸗ ſchaft, welche Sie für mich zu hegen vorgeben, bei der Freundſchaft für Ihren abweſenden Freund, bei der Theil— nahme für meine Schweſter— bei Ihrer Ehre frage ich Sie jetzt: Billigen Sie meinen Entſchluß oder nicht? 65 4 155 O, wie Sie hart, wie Sie grauſam find! Nein, Sie ſind es, mein Freund, ſagte ſie ſanft; Sie ſtellen ſich auf die Seite derer, die mich verlocken wollen, in dem Paradieſe zu bleiben, das unwiderruflich für mich verloren iſt; Sie erſchweren mir den Kampf, der ohnehin ſchon ſo ſchwer, ſo ſchwer iſt, daß meine Kraft darunter zu erliegen droht! Sie, vielleicht der Einzige, der mir helfen, mich unterſtützen könnte, deſſen Anerkennung mir ein Troſt wäre— auch Sie haben aufgehört, mein Freund zu ſein! Nein, nein! rief er, ihre beiden Hände haltend und ihr lange und innig in die Augen blickend, zweifeln Sie nicht an meiner Freundſchaft— mein Leben wollte ich für Sie wagen, es war nicht des Erwähnens werth— jetzt fordern Sie das Schwerſte von mir, was ich Ihnen geben kann— die Billigung Ihres Entſchluſſes! Ich danke Ihnen, Ulrich, erwiederte ſie kaum hör⸗ bar— dieſe Billigung wird mein Troſt, meine Erhe— bung ſein auf meinen weiteren, dunkeln, kummervollen Wegen. Längere Zeit ſprach Keines von Beiden ein Wort, dann ſagte Celie, aus einem tiefen Nachdenken erwa⸗ chend: Noch eine Bitte habe ich an Sie, die Sie mir nicht verweigern werden. Es giebt Richts, was ich Ihnen nicht zum Voraus zuſage Schlagen Sie ſich nicht mit ihm— er iſt es nicht 156 werth.— Sie haben es mir verſprochen, ich habe Ihr Wort! Ich wollte es— Einer von uns ſollte bleiben— und es wäre geſchehen, ehe Sie davon Kenntniß erhal⸗ ten— aber er iſt fort— auch zur Armee. Auch zur Armee? wiederholte ſie erbleichend— nun, Gott wird mich nicht noch einmal mit ihm zuſammen⸗ führen. Da Sie nun mein Verbündeter ſind, fuhr ſie fort, ſo unterſtützen Sie mich auch, nicht wahr? Berei⸗ ten Sie meinen armen Vater auf meine Abreiſe vor— Gott möge mir Kraft verleihen, dieſen Abſchied zu über⸗ ſtehen. Laſſen Sie uns ihm und Anna gegenüber die Sache als eine Nothwendigkeit, als eine unbedeutende Reiſe behandeln, nur bis zur ruſſiſchen Grenze; ſcherzen Sie ſeine Bedenken, ſeine Beſorgniſſe fort, helfen Sie mir die Täuſchung einer baldigen Rückkehr recht wahr⸗ ſcheinlich machen... Die Täuſchung? Nicht wieder ſo, nicht wieder ſo, flehte ſie,— wir ſind ja einig— ich kehre niemals zurück— niemals! Und auch Sie, Ulrich, ſehe ich niemals wieder— wir haben ſchon zweimal auf Nimmerwiederſehen Abſchied genommen— aber dieſes Mal iſt es nun wahrhaftiger Ernſt— ich weiß es ganz gewiß! Ich will Ihr Verbündeter ſein, will Alles thun, was Sie verlangen— aber Eines müſſen Sie dagegen er⸗ füllen— Sie dürfen ſich nicht dieſer Muthloſigkeit, nicht — dieſen traurigen Gedanken hingeben. Die Zukunft wird noch ſchön und gut werden, darum verzagen Sie nicht, hoffen Sie, hoffen Sie, theure Celie, Sie haben die volle Berechtigung dazu— und nur, wenn Sie mir dies feſt geloben, kann ich Ihren Wunſch erfüllen. So will ich es denn geloben, ſagte ſie wehmüthig lächelnd— aber nun gehen Sie auch zum Vater und beginnen Sie das ſchwere Werk, nicht ernſt, ſondern hei⸗ ter, als ob ſich Alles von ſelbſt verſtände, Alles nicht anders ſein könnte. Aennchen werde ich übernehmen— Sie wird mich verſtehen und erkennen. Der Tag verging in vielfacher, erſchütternder Auf⸗ regung. Der alte Baumann, zuerſt in wildem Schmerz, verfiel dann in eine faſt theilnahmsloſe Apathie, Aenn⸗ chen blieb aufgelöſt in Schmerz— die arme Celie litt am meiſten und bot alle Kraft auf, um ſo wenig als möglich traurig zu erſcheinen und die baldige Rückkehr wahrſcheinlich zu machen. Aber ſie kämpfte dieſen ſchwe⸗ ren Kampf durch— auch den herzzerreißenden Abſchied von ihrem Vater, der zuletzt ſeine Hände ſegnend über die vor ihm Knieende ausbreitete— das Alles ging zu Ende.— Als ſie dann auch zuletzt von Venner, der ſie bis vor die Stadt begleitet hatte, Abſchied ge⸗ nommen, ſank ſie weinend und gebrochen in die Kiſſen des Wagens zurück. Nenntes Kapitel. An der Bereſina. Auch Oeſterreich war dem Bündniſſe mit Frankreich beigetreten und hatte ſich zur Aufſtellung eines Hilfscorps von dreißigtauſend Mann verpflichtet. Napoleon empfing in Dresden die Huldigung der dort verſammelten Mo⸗ narchen, zu denen auch der König von Preußen gehörte, welcher jedoch erſt auf eine beſondere Einladung Napo⸗ leon's erſchienen war. Auffallender Weiſe zeichnete gerade ihn die Volksgunſt vor allen übrigen Kaiſern und Kö⸗ nigen in Dresden beſonders aus, denn er wurde überall von der dichtgedrängten Maſſe mit lauten„Lebehochs“ empfangen und ſogar durch das unaufhörliche Rufen der vor ſeiner Wohnung verſammelten Menge genöthigt, ſich mehrmals am Fenſter zu zeigen. Napoleon empfing den König, ſeinen jetzigen Bun⸗ desgenoſſen, ebenfalls mit markirter Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, machte ihm einen Beſuch und lud ihn mehrmals zur Tafel. Gleichzeitig verſchmähte er es je— doch nicht, ſeinem Schwiegervater, dem Kaiſer von Oeſter⸗ reich, im Tauſch gegen Galizien, welches zu dem neuen Kö⸗ nigreiche Polen geſchlagen werden ſollte, Preußiſch-Schleſien 159 anzubieten, worauf jedoch der Kaiſer Franz nicht einging, vielmehr in dieſem Beweiſe echt puniſcher Treue die wah⸗ ren Geſinnungen ſeines gefährlichen Schwiegerſohnes er⸗ kannte. Napoleon verließ am 29. Mai Dresden und begab ſich nach Polen, ließ ſeine Armeen gegen die ruſ⸗ ſiſche Grenze rücken und organiſirte den Aufſtand in Ruſſiſch-Polen und Litthauen. Wenige Tage vor der Abreiſe Napoleon's von Dresden erhielt der entlaſſene Miniſter von Stein, wel— cher noch immer zurückgezogen in Prag lebte, ein Schrei⸗ ben des Kaiſers Alexander, worin dieſer ihn einlud, nach Rußland zu kommen und ihn, den Kaiſer, durch Rath und That in dem bevorſtehenden Kampfe, der die Knech⸗ tung Europa's vervollſtändigen ſolle, zu unterſtützen. Stein antwortete ſofort: er werde in wenigen Tagen von Prag abreiſen und ſobald als möglich in Wilna eintreffen. Er kam dort krank am 12. Juni an, wurde von Alexander auf das Freundlichſte empfangen, fand aber die Dinge in Rußland und ſeine politiſche Lage in keiner Weiſe den obwaltenden Verhältniſſen entſprechend. Im Augenblicke der größten Gefahr befand es ſich ohne Freunde, ohne Zutrauen auf ſich ſelbſt, ohne einen leiten⸗ den Mittelpunkt und ohne einen großen, politiſchen Cha⸗ rakter, der es verſtanden hätte, mit Kraft und Energie alle vorhandenen Hilfsmittel zuſammenzufaſſen und ent⸗ ſchieden zu handeln. Keiner der vorhandenen Generale war dem Feldherrntalente des mächtigen Gegners auch —— — 160 nur einigermaßen gewachſen; dazu kam, daß die einzelnen Generale eines einheitlichen Ober⸗Befehlshabers gänzlich entbehrten, da der Kriegsminiſter Barclay de Tolly, ein geborener Livländer, dem es ohnehin an den Fähigkeiten zur Leitung des Ganzen gebrach, als Nichtruſſe des noth⸗ wendigen Anſehens entbehrte und wieder durch die Ein⸗ wirkung des Kaiſers ſelbſt mehr oder weniger beſchränkt oder gehindert wurde. Der Kaiſer berieth ſich ſtets mit ſeinem Vertrauten, dem General Phull, einem geborenen Würtemberger, der ſchon im Dienſte Friedrich's des Gro⸗ ßen geſtanden, einem Manne von großem Verſtande, Tiefſinn und gründlichen militäriſchen Kenntniſſen, aber mehr zum Denken, als zum Handeln geeignet. Phull hatte auch den Feldzugsplan entworfen, welcher darin beſtand, alle großen Schlachten zu vermeiden und den Feind durch lange Märſche und Mangel an Verpflegung ſo lange zu ſchwächen, bis er im Inneren Rußlands durch das vollſtändig verſtärkte ruſſiſche Heer mit Erfolg werde angegriffen und geſchlagen werden können. Stein, in alle dieſe Verhältniſſe eingeweiht, wandte ſeine Thätigkeit einer Seite zu, welche auf den ſpäteren Verlauf des Krieges von erheblichen Folgen ſein mußte und war, nämlich darauf, das deutſche Volk auf offenen Widerſtand vorzubereiten und dazu zu organiſiren. Er übergab dem Kaiſer deshalb eine ausführliche Denkſchrift, welche dieſer billigte und die Ausführung der darin ge⸗ machten Vorſchläge genehmigte. In Folge deſſen wurde 8 ₰ ——— 161 ein unmittelbar unter dem Kaiſer ſtehendes deutſches Comité gebildet und ein Aufruf an die Deutſchen erlaſ⸗ ſen, welcher durch die kommandirenden Generäle, durch geheime Unterhändler, durch Schmuggler, Juden u. unter die deutſchen Truppen und weiterhin verbreitet wurde. Man rechnete in dieſer Beziehung am meiſten auf die preußiſchen Truppen, welche zwanzigtauſend Mann ſtark den linken Flügel der franzöſiſchen Armee unter dem Kommando des Generals von York bildeten. Zu gleicher Zeit wurde der Abſchluß des Friedens mit Eng— land beſchleunigt. Stein ſchrieb an Dörnberg, der ſich damals in Schweden aufhielt, um ihn zum Dienſte in der deutſchen Legion zu beſtimmen, dem Staatsrath Gruner in Prag wurden 4000 Dukaten geſandt, um den Aufſtand in Thüringen zu organiſiren; Stein be⸗ auftragte ihn ferner, einen wohlfeilen Abdruck von Arndt's „Geiſt der Zeit“ zu veranſtalten, heimlich verbreiten zu laſſen und Arndt ſelbſt, für den Päſſe beigelegt waren, ſobald als möglich zu ihm zu ſenden. Alerander, der immer noch Friedenshoffnungen hegte, erfuhr ziemlich unerwartet, daß das franzöſiſche Heer am 24. Juni den Niemen überſchritten habe, und erhielt gleichzeitig mit dieſer Nachricht einen äußerſt bitteren und höhnenden Brief Napoleon's, worin ſo wie in dem nun erſchienenen Kriegsmanifeſte erklärt wurde, daß Rußland . den Krieg durch ſeine Treuloſigkeit veranlaßt habe, und es nunmehr an der Zeit ſei, den traurigen Einfluß, Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. III. 11 welchen dieſer despotiſche Staat ſeit fünfzig Jahren auf 3 die Angelegenheiten Europa's ausgeübt habe, endlich auf⸗ — hören zu laſſen. 3 Der Krieg war alſo entſchieden, und die franzöſiſchen Heere rückten, faſt ohne Widerſtand zu finden, vorwärts. Die vereinzelten ruſſiſchen Armeen zählten ohne die Mi⸗ lizen, auf welche wenig zu rechnen, höchſtens 220,000 Mann, während die Franzoſen auf drei Punkten mit 420,000 Mann die Grenzen überſchritten hatten und . über eine zum unmittelbaren Nachrücken bereite Reſerve von 150,000 Mann verfügen konnten. Das franzöſiſche Heer drang unaufhaltſam vorwärts. Am 17. Auguſt wurde die Schlacht von Smolensk, am 6. September die bei Moshaisk oder bei Borodino, die blutigſte, welche jemals an einem Tage gekämpft worden iſt, geſchlagen, und am 14. September erſchien die Avantgarde der Fran⸗ zoſen unter dem Befehle Murat's vor den Mauern von Moskau. Aber weder ruſſiſche Truppen noch die Ein⸗ wohner ließen ſich ſehen. Die Straßen waren öde und völlig menſchenleer. Keine Deputation erſchien, um dem Sieger die Schlüſſel der Stadt zu überreichen. Vor⸗ ſichtig rückte man ein, einen Hinterhalt vermuthend; Napoleon bezog den Kreml, und ſchon als er gegen 3 Abend zum erſten Male auf die Terraſſe hinaustrat und über die unendliche Stadt den verwunderten und ge⸗ täuſchten Blick hinſchweifen ließ, loderten an verſchiedenen Orten Flammen auf, die Anfänge des großen Auto⸗da⸗ = ———— —, S * 163 Fé's, welches das ſtolze Gebäude ſeiner Macht zerſtören ſollte. In ganz Europa war man dieſen raſch ſich entwik⸗ kelnden kriegeriſchen Ereigniſſen mit der größten Span⸗ nung und mit ſehr verſchiedenartigen Empfindungen ge⸗ folgt. Die Hoffnungen aller derer, welche an eine glück⸗ liche Wendung geglaubt, fingen an zu erlöſchen, und die ſiegreichen Bulletins, welche die gänzliche Vernichtung der ruſſiſchen Armee verkündeten, ließen an dem Abſchluſſe eines die Macht Rußlands für immer vernichtenden Frie⸗ dens kaum mehr zweifeln. Die wenigen Sommermonate, welche alle dieſe denk⸗ würdigen Ereigniſſe gebracht hatten, waren, wenn auch in ſteter Aufregung, vorübergegangen, ohne daß ſich in dem Schickſale der Perſonen unſerer Geſchichte, welche in Breslau zurückgeblieben, Beſonderes ereignet hätte. Der alte Baumann befand ſich fortwährend in einem leidenden, faſt apathiſchen Zuſtande, ſprach Stunden lang kein Wort und verharrte ſelbſt bei der aufopferndſten Liebe Anna's in dieſer Theilnahmloſigkeit. Die Bitten Louiſens hatten endlich den Freiherrn vermocht, Anna und ihren Vater wieder nach Schönberg einzuladen, ob⸗ gleich die Anweſenheit des alten Baumann dem Freiherrn entſchieden unangenehm war. Dort lebten die beiden Freundinnen im Genuſſe ihrer gegenſeitigen Zuneigung ruhig und ſtill zuſammen, und der Freiherr gewann die liebliche, beſcheidene und anſpruchsloſe Freundin ſeiner 11* Tochter nach und nach ſelbſt ſo lieb, daß er, um ſich und Louiſe ihre Gegenwart zu erhalten, ihren Vater, der kaum ſein Zimmer verließ, als einen ſteten nothwendigen Gaſt betrachten lernte.— In der Mitte des Sommers war ein Brief, wieder über Helgoland, von Rudolf ein⸗ getroffen, worin dieſer ſeine Ankunft in Rußland, und daß er dort als Kapitän in Dienſten ſtehe, gemeldet hatte. Die Antwort war durch Venner auf demſelben Wege abgegangen und dieſer, welcher ebenfalls ſehr oft und lange in Schönberg zubrachte, hatte ſeinem Freunde die nahe Beziehung Celie's zu Anna, ſo wie das uner⸗ wartete und ergreifende Zuſammentreffen der Geſchwiſter und ihres Vaters mitgetheilt. Durch nähere Erklärun⸗ gen und Nachforſchungen war es unzweifelhaft geworden, daß Haller Aennchen ſchon früher wiedererkannt und mit Abſicht jene auffallende Scene auf dem Balle herbeige⸗ führt habe. Das Alles und auch daß er ſelbſt verhin⸗ dert worden ſei, mit Haller vollſtändig Abrechnung zu halten, hatte Venner Rudolf ausführlich geſchrieben. Es war in den erſten Tagen des Oktober, als Ven⸗ ner abermals nach Schönberg hinausfuhr und dort ge⸗ gen Abend eintraf. Er fand den Freiherrn und die Uebrigen im Garten verſammelt, denn das Wetter war beſonders warm und ſommerlich. Nun, was giebt es Neues? fragte den Ankommen⸗ den der Freiherr. Man ſollte eigentlich Niemanden mehr fragen, denn die herzerhebenden Nachrichten von den Sie⸗ 165 gen unſerer ruhmreichen Bundesgenoſſen erfährt man immer noch früh genug. Spricht man noch nicht vom Frieden? Davon iſt Alles ſtill, entgegnete Venner, es iſt viel— mehr mit dem ſchon ſo lange anhaltenden Oſtwinde, der uns das herrliche Sommerwetter bringt, ein ſeltſames Gerücht aus Rußland herübergeflogen; es war ſchon vor fünf Tagen hier und wird heute durch die Zeitungen beſtätigt. Nun, endlich eine gute Nachricht? Wie man es nehmen will, jedenfalls eine der ſchreck— lichſten, die wir lange erfahren— aber doch vielleicht eine gute. So reden Sie! wie können Sie ſo lange damit zu⸗ rückhalten? Schon die Botſchaft von dem Einzuge der Franzo— ſen in Moskau meldets gleichzeitig, daß an mehreren Orten in der Stadt Feuer ausgebrochen ſei, man aber deſſelben wieder Herr geworden; jetzt iſt es gewiß, daß die ganze ungeheuere Hauptſtadt in Flammen aufgegan⸗ gen iſt. Schrecklich! riefen die beiden Mädchen, die armen Bewohner! Es iſt ferner unzweifelhaft, daß das Feuer von den Ruſſen ſelbſt an mehreren Hundert Orten zugleich und zwar durch losgelaſſene Verbrecher angelegt worden iſt, und daß Roſtopſchin ſämmtliche Spritzen und Löſchge⸗ 166 räthſchaften vor dem Einzuge der Franzoſen hat entfernen laſſen. Das ſieht nicht nach Frieden aus! rief der Freiherr; wenn die Ruſſen ſelbſt die größte und reichſte ihrer Städte den Flammen preisgeben, um dem Feinde die Möglich⸗ keit, dort zu überwintern, zu rauben, ſo ſind ſie jedenfalls zum Aeußerſten entſchloſſen. So ſcheint es, bemerkte Venner, gäbe uns Gott nur einen recht frühen und kalten Winter!— Aber Sie ha⸗ ben ganz Recht, liebe Louiſe, Schrecklicheres hat ſich ſeit Jahrhunderten nicht zugetragen, es übertrifft alle und jede Vorſtellungen. Die ganze ungeheuere Stadt war und iſt zum Theil noch ein einziges Flammenmeer, wel⸗ ches ein ſtark wehender Oſtwind unaufhaltſam weiter⸗ trägt. Sechszehnhundert Kirchen, tauſend Paläſte und unermeßliche Magazine ſind vom Feuer zerſtört, ſo wie ſämmtliche faſt nur aus Holz gebaute Häuſer. Alle Verwundeten— man ſagt über dreißig Tauſend, von der Schlacht an der Moskwa allein zwanzig Tauſend— ſind verbrannt— die Einwohner ſämmtlich an dem Bet⸗ telſtab und obdachlos! Noch ſoll der Kreml erhalten ſein, aber man fürchtet, daß auch dieſes alte, ehrwürdige Ge⸗ bäude ein Opfer des wüthenden Elementes werde. Man weiß nicht, ſagte der Freiherr, nachdem Alle, von dem Unerhörten dieſer grauenvollen Nachricht ergrif⸗ fen, eine Zeit lang geſchwiegen hatten, ſoll man ſich dem Schmerz hingeben über das ungeheuere Unglück, welches 167 ſo viele Tauſende unſchuldiger Menſchen vernichtet hat, oder der Freude und der Hoffnung. Der Allmächtige, welcher die Schickſale der Völker lenkt, hat Alles dies nicht geſchehen laſſen können lediglich des tollen und maß⸗ loſen Ehrgeizes eines Einzigen wegen. Mit feuriger Schrift hat er jetzt das: Mene, Mene, Thekel! auf ſeinen Weg geſchrieben. Möge ſein Schickſal ihn eben ſo bald ereilen, wie jenen ſtolzen, übermüthigen Herrſcher Babhlons! Die franzöſiſchen Nachrichten ſind voll des ingrim⸗ migſten Haſſes über dieſe alle civilifirte Kriegführung vernichtende Barbarei der Ruſſen, fuhr Venner fort; ob⸗ gleich ſie des Ueberfluſſes in der Stadt, wo man Ba— racken aufgerichtet, und der ungeheneren Vorräthe, na⸗ mentlich an Wein, Kriegsbedürfniſſen und Koſtbarkeiten, erwähnen, die man in den gemauerten Kellern gefunden haben will, ſo leuchtet doch aus Allem die Beſorgniß über die nächſte Zukunft deutlich hervor. In Moskau ſcheint es nicht möglich zu ſein, eine ſo große Armee den Winter über zu erhalten; daß die Ruſſen Frieden ſchlie— ßen werden, läßt ſich nach einem ſolchen Opfer nicht an— nehmen— die ſtolzen Adler werden daher wohl ſehr bald ihren Flug wieder nach Weſten nehmen müſſen. Möge Gott ſein Auge verdunkeln, daß er ſo lange in ſtolzer Siegesgewißheit, hoffend auf einen Frieden, der nicht eintritt, dort bleibt, bis der Winter, der ruſſi⸗ ſche Winter, kommt— dann einen luſtigen Rückzug 168 durch ein 200 Meilen weites verwüſtetes Land, dreißig Grad Kälte, ohne Verpflegung, ohne Obdach und den Feind überall— ſo kann uns geholfen werden! Ich ſehe wieder Land, Freund! Der Sturm legt ſich, oder viel— mehr der Sturm bricht los! Er wird herüberbrauſen von Oſten und uns dann mit fortreißen, fort zum endlichen Siege oder zum endlichen Untergange!—— Die beiden Freundinnen plauderten an jenem Abende auf ihrem Zimmer noch ſehr lange bis tief in die Nacht hinein; Anna, ſonſt ſo ergeben und voll Vertrauen, fühlte ſich heute von einer quälenden Unruhe ergriffen.— Dieſe furchtbaren Schlachten, bei welchen die Gebliebenen im⸗ mer nur nach Tauſenden gerechnet wurden— dieſe un⸗ geheueren Menſchenopfer, wo der Einzelne gar nicht in Betracht kam— und Er mitten darunter, mitten in die— ſem ſchrecklichen Kriege, Er mit ſeinem tollkühnen Muthe und ſeinem Haſſe gegen dieſen furchtbaren Feind! Lopiſe hatte große Mühe, die Angſt der Freundin zu beſchwich⸗ tigen und das Vertrauen auf Gott, ſeine Liebe und All⸗ macht wieder lebendig zu machen. Sie that dies ſelbſt mit betrübtem Herzen, denn ſeit dem plötzlichen Erſcheinen von Aennchen's Schweſter und ihrem eben ſo plötzlichen Verſchwinden war Venner ſtill, faſt tiefſinnig geworden, ſeine ſonſt ſo freundliche und ſichtbare Theilnahme gegen ſie ſchien verſchwunden— dieſe Theilnahme, welche ſie bis jetzt als etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes entgegen⸗ S= ———— —————— 1* 169 genommen hatte, deren Werth ſie aber erſt jetzt erkannte, wo ſie zugleich ihren Verluſt betrauerte. Aennchen war die in dem jungen, offenen Herzen ihrer Freundin entſtehende Neigung zu Venner längſt klar geworden, und ſie hatte oft jene unſchuldigen Nek⸗ kereien nicht unterlaſſen können, welche junge Mädchen in ſolchen Fällen eben ſo gern ausſprechen, als anhören — jetzt aber vermochte ſie es nicht mehr, davon auch nur andeutungsweiſe zu reden, denn das Bild der ab⸗ weſenden Schweſter ſtand wie eine mahnende, abwehrende Erſcheinung dazwiſchen. So entbehrte die arme Louiſe, ohne daß ſie erkannte und wußte weshalb, die Theil— nahme deſſen, der ihrem Herzen theuer war, und zugleich diejenige ihrer Freundin, welche ſelbſt ihres eigenen Troſtes mehr denn jemals bedurfte. Indeſſen vergingen Tage und Wochen. Das Wetter blieb ungewöhnlich ſchön, und die Nachrichten von der franzöſiſchen Armee, die noch immer in Moskau ſtand, konnten nicht genug von dem angenehmen Aufenthalte daſelbſt, von dem in allen Dingen herrſchenden Ueber— fluſſe und von der Leichtigkeit, mit welcher ſich der fran— zöſiſche Soldat in die dortige Lebensweiſe und Verhält⸗ niſſe zu finden wiſſe, erzählen. Die Jahreszeit, hieß es in einem Berichte des Mo⸗ niteur vom 2. November, iſt ſehr gut, die Witterung vortrefflich. Die Armee erholt ſich gänzlich von ihren Strapazen. Der franzöſiſche Soldat bedarf nur eines 170 Augenblicks der Ruhe und des Genuſſes, um alle Ent⸗ behrungen und Mühſeligkeiten zu vergeſſen. Die Ein⸗ wohner von Moskau ſind erſtaunt, zu ſehen, daß dieſe wie durch einen Zauber in ihre Mitte verſetzten Krieger ſich gar nicht mit der Vergangenheit beſchäftigen, die Gegenwart froh genießen und die Zukunft nur in ihrer Beziehung mit der Ehre und Pflicht betrachten. Der Kaiſer war im Kreml, wie in den Tuilerieen, in St. Clond u. ſ. w., alle Tage Morgens ſein Petit lever, und Donnerſtags und Sonntags ſein Grand lever. Er iſt wohl auf und hält täglich Heerſchau über die verſchiedenen Armeecorps und Regimenter der kaiſerlichen Garde. Ungeachtet dieſer ſiegreichen Nachrichten bewegten ſich unaufhörlich Truppenzüge durch Polen und Preußen nach Rußland, und faſt die ganze Reſerve befand ſich auf dem Marſche. Dann hieß es plötzlich ganz unerwartet: Am 19. Oktober hat der Kaiſer Moskau verlaſſen; am 23. hat der Herzog von Treviſo den Kreml in die Luft ſpren⸗ gen laſſen; man hat dem Kaiſer vorgeſchlagen, den gan⸗ zen Reſt der Stadt ſammt allen umliegenden Dörfern und Landhäuſern in Brand ſtecken zu laſſen. Der Kaiſer bewilligte jedoch nur, daß das Fort und die Militär⸗ Anſtalten zerſtört werden ſollten. Am 24. trafen Se. Majeſtät in Borowſt und am 26. in Ghordino ein. Die Offiziere und die Soldaten ſind mit Pelzen für den Winter verſehen. Man verſieht ſich auch mit Schlitt⸗ — K 8 — 171 ſchuhen und bringt die Schlitten in Ordnung, welche für den Armeedienſt außerordentlich nützlich ſein werden. Alſo kein Friede!— und die Armee auf dem Rück⸗ Sae Die Wirkung dieſer Nachricht war unbeſchreiblich. Napoleon auf dem Rückzuge! Zum erſten Mal auf dem Rückzuge, und mit dieſer gewaltigen Armee, welche die Erde erobern konnte, und jetzt im Winter, durch 200 Meilen weite Wüſteneien! Alle Hoffnungen lebten wieder auf, nicht nur bei denen, welche immer noch gehofft hat⸗ ten, ſondern auch bei denen, und daraus beſteht ja im⸗ mer und überall der größte Theil der Menſchen, welche ihre Erwartungen und Handlungen ſtets nur nach dem Erfolge regeln. Deſſen ungeachtet verkündeten die Zeitungen nur Sie⸗ geönachrichten; die Armee, welcher es an Nichts gebrach, befand ſich auf dem Marſche nach den ihr von dem Kaiſer angewieſenen Winterquartieren; hier ſollte ſie aus⸗ ruhen, ſich wieder vollzählig machen, um im Frühjahre den Krieg in gewohnter Weiſe ſiegreich zu beenden. Aber man glaubte dieſen prahleriſchen Erzählungen nicht mehr; es kamen andere Nachrichten auf Privatwegen, welche die völlige Auflöſung der Armee verkündeten und von den Siegen der Ruſſen erzählten,— dieſe glaubte man, wenn ſie auch noch ſo ſehr übertrieben waren, und Viele verkündeten ſchon am Ende des Monats November, es werde kein einziger Mann von der ganzen glorreichen —— franzöſiſchen Armee, am wenigſten aber der Kaiſer ſelbſt, jemals aus Rußland wieder zurückkehren.— Unſere Erzählung führt uns mitten hinein in die Schrecken und in das unglaubliche Elend jenes ewig denkwürdigen Rückzuges. Die franzöſiſche Armee, nur noch 50,000 Bewaffnete zählend— über 100,000 hatten noch Moskau verlaſſen — war, in drei Corps getheilt, am 26. November Abends an dem Ufer der Bereſina angekommen. In ihrem Gefolge befand ſich eine Maſſe von 20,000 Flücht⸗ lingen, die keine Waffen mehr trugen, eine unabſehbare Menge von Wagen aller Art, angefüllt mit den Tro⸗ phäen und dem Raube der Hauptſtadt, worunter auch das koloſſale Kreuz der Jvankirche im Kreml, eine Menge von Weibern und Kindern, Alles in chaotiſchem Gewirre durcheinander und von Kälte und Hunger krank und elend. Die Ruſſen ſtanden auf dem rechten Ufer der Bere— ſina, die ſtark mit Eis trieb— der Uebergang ſchien unmöglich. Die ganze Nacht arbeiteten die Pionniere, bis an die Arme in dem eiſigen Waſſer ſtehend, an der Herſtellung zweier Brücken. Eis, Kälte und auch die feindlichen Kugeln tödteten die meiſten dieſer Braven; aber ſie ſetzten, ſo viele auch in das kalte, naſſe Grab hinabſanken, unermüdet ihre Arbeit fort, und am 27. waren die Brücken, eine für die Wagen und Reiterei, eine für Fußgänger, fertig. Während der Zeit hatte — 173 man einen Angriff der Ruſſen zurückgeſchlagen. Das zweite Corps ging über. Die Ruſſen drängten von Neuem, die ſchlecht gebauten, nur auf Böcken ruhenden Brücken brachen mehrmals zuſammen, da ſie dem ge⸗ waltigen Andrange nicht zu widerſtehen vermochten. Sie wurden wieder hergeſtellt, und dann ging ein großer Theil der flüchtigen waffenloſen Maſſe und auch der Kaiſer ſelbſt über. Gegen Abend kamen die Garden; als ſie die Zugänge zu den Brücken verſtopft und das dichte Gedränge fanden, bahnten ſie ſich mit dem Bayon⸗ nette einen Weg durch die wehrloſen Haufen— nun trat eine grenzenloſe Verwirrung ein. Jeder ſuchte, ſo gut es ging, hinüber zu kommen, der Stärkere ſtieß den Schwächeren erbarmungslos hinab in den mit Eis trei⸗ benden Fluß, man ſchlug ſich um ein Stückchen Brett oder Balken, und wenn man die Unmöglichkeit ſah, es zu behaupten, klammerte man ſich an den nächſten Nach⸗ bar und riß ihn mit ſich in die Fluthen hinab. Die Wagen und Geſchütze verſperrten endlich faſt gänzlich die Zugänge, und eine Maſſe von mehr als 20,000 Menſchen lagerte ſich in verzweiflungsvoller Reſignation am linken Ufer, ihr weiteres Schickſal erwartend. In der Nacht hätten viele dieſer Unglücklichen hinüber kom⸗ men können, aber es fehlte ihnen die moraliſche Kraft, um ſich aufzuraffen und den Bequemlichkeiten eines La⸗ gers im Schnee und Koth unter offenem Himmel zu entſagen. 174 Früh am Morgen des 28. hörte man unausgeſetz⸗ ten Kanonendonner; es erſchien ein Bataillon des bis 1 auf dieſen Reſt nach verzweifelter Gegenwehr gänzlich gefangenen Corps Partonneaux. Die Arriéregarde ſtand noch im Gefechte, auch ſie mußte endlich weichen; die ruſſiſchen Kugeln fingen an, in die Maſſen der Flücht⸗ linge einzuſchlagen, die jetzt wieder verzweiflungsvoll nach den Brücken drängten, aber von der vorrückenden Arrisre— garde, den Polen, mit dem Bahonnette förmlich ange⸗ griffen und zurückgeworfen wurden, um den Weg frei zu bekommen. Eine der Brücken war ſchon am frühe⸗ ſten Morgen gebrochen, und Niemand hatte ſich zu ihrer Herſtellung gefunden; denn die braven Pionniere waren, treu ihrer Pflicht, zu Grunde gegangen. Als die Ar⸗ 1 ridregarde bis auf einen kleinen Reſt ſchon unter dem Geſchützfeuer der Ruſſen, deren Kanonen auf Schlitten 3 heranfuhren, übergegangen war, brach auch die letzte Brücke, und die ganze Maſſe der Flüchtigen, mehr als 15,000 Menſchen, war dem Tode oder der Gefangen⸗ ſchaft preisgegeben. Die Kugeln der jetzt nahe herangerückten ruſſiſchen Geſchütze ſchlugen unaufhörlich in dieſe dichten Haufen, iede raffte ganze Reihen dieſer wehrloſen Unglücklichen ₰ fort, während die Uebrigen noch immer verzweiflungs⸗ voll nach den gebrochenen Brücken hindrängten oder ſich in das Waſſer ſtürzten, um ſchwimmend das andere Ufer . zu erreichen; Tauſende von ſtehengebliebenen Wagen, ge⸗ —— ———— 5 tödteten oder verwundeten Pferden machten dieſes Bild der grauenvollſten Verwirrung noch ſchrecklicher; dazu das Jammern und Stöhnen der Verwundeten und Ster⸗ benden, das Schreien und Toben der ſich vergeblich Drängenden und Bekämpfenden,— und immer dazu der Donner der jetzt ganz nahen ruſſiſchen Geſchütze und die furchtbaren Wirkungen ihrer Kugeln! Da ſtob wie ein Heuſchreckenſchwarm die erſte regel⸗ loſe Maſſe der Koſacken über die beſchneite Fläche heran, ſprengte mit wildem Geſchrei mitten in die dichten wehr⸗ loſen Haufen, Alles niederſtechend und niederreitend, was ihnen in den Weg kam. Bald lockte die reiche Beute, die ſie in den Wagen und zum Theil bei den Gefange⸗ nen fanden, es begann eine allgemeine Plünderung, man entriß den Elenden die Kleider, man ſuchte überall nach Schätzen und beſtrafte jede Täuſchung mit einem Lan⸗ zenſtiche, mit einem Piſtolenſchuſſe oder im günſtigſten Falle mit Knutenhieben. Huſſa! immer neue Schwärme, immer mehr dieſer wilden Söhne der Steppe, welche jetzt zum erſten Male ihre Raubluſt an den bisher ſo ſehr gefürchteten Feinden gründlich befriedigen konnten. Dabei ſchlugen noch immer die Kugeln der Ruſſen ein, ſelbſt viele der Ihrigen hinraffend. Es war ein fürch⸗ terliches, grauenvolles Blutbad. Da erſchien endlich re⸗ guläre ruſſiſche Kavallerie, und die Geſchütze ſtellten ihr Feuer ein oder richteten daſſelbe auf das rechte ufer. Hoch zu Roß ſprengte ein ruſſiſcher Offizier mitten 176 in den dichteſten Haufen, wo die Koſacken plünderten und mordeten, und indem er zwei davon niederhieb, be⸗ fahl er ſeiner nachfolgenden Reiterei, einen beſtimmten Theil der Flüchtigen zu umzingeln und keinen Koſacken ſich nahen zu laſſen. Bald wurde dieſer Schutz von den Wehrloſen erkannt, und Alle drängten, deſſelben theilhaftig zu werden. In allen Sprachen flehten die Unglücklichen um ihr Leben, um Schonung und milde Behandlung. Ruhig und ſchweigend hielt der Offizier unter dieſem drängenden und wogenden Haufen, beſtrebt, ſo viele dieſer Wehrloſen als möglich den wilden, er⸗ barmungsloſen Koſacken zu entreißen. In dieſen Bemü⸗ hungen und Betrachtungen unterbrach ihn eine uner⸗ wartete Anrede in deutſcher Sprache. Herr von Erbach, ſagte ein ſich an ſeinen Steigbü⸗ gel feſthaltender Mann, den die Koſacken bereits halb ent⸗ kleidet hatten, ich bitte, nehmen Sie mich in Ihren Schutz; ich bin ein Deutſcher wie Sie, nur die Ungunſt des Geſchickes hat mich hierher getrieben. Haller! rief der Offizier in ſichtlicher Erregung, ja, wahrhaftig, Sie ſind es in eigener Perſon! Es freut mich unendlich, daß Sie ſich meiner erin— nern, entgegnete dieſer mit freundlicher Miene, obgleich ihm diejenige ſeines Beſchützers keineswegs gefiel; der Himmel ſelbſt hat Sie mich in dieſem Augen⸗ blicke finden laſſen. Ja, ſagte Erbach mit kaltem, hartem Tone, das hat 177 er gethan, damit ich die Rechnung meines Freundes Venner, dem Sie ſich durch Ihre ſo eilige Abreiſe ent⸗ zogen haben, ſtatt ſeiner mit Ihnen abſchließe, und ich gebe Ihnen mein Wort, mir ſollen Sie Rede ſtehen! Haller erblaßte. Ich weiß nicht, was Sie meinen, ſagte er dann mit ſchwankender Stimme; Herr von Venner war ſtets mein Freund, ſchon auf der Umver⸗ ſität; nur in der letzten Zeit ſind einige Mißverſtänd⸗ niſſe zwiſchen uns getreten, die ſich aber leicht heben laſſen. Du ſtehſt mir für dieſen Mann, wandte ſich Erbach an einen hinter ihm haltenden Unteroffizier; bei dem leiſeſten Fluchtverſuch ſchieße ihn nieder! Haſt du ver⸗ ſtanden? Als der Soldat bejahte, wandte ſich Erbach ab, um nach einem anderen Punkte hin zu reiten. Herr von Erbach, rief ihm Haller nach, entfernen Sie ſich nicht, ich kann Ihnen eine ſehr wichtige, Sie beſonders intereſſirende Nachricht mittheilen; aber be— ſchützen Sie mich! Erbach, der ſchon einige Schritte geritten war, hielt ſein Pferd an und wandte ſich fragend um, ohne ein Wort zu erwiedern. Dort in jenem zum Theil zertrümmerten Wagen, unfern des Waſſers— die Koſacken ſind eben d befindet ſich die Schweſter Ihrer Braut, Herr von Erbach; retten Sie dieſelbe, wenn es noch Zeit iſt! Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. III. 12 ———————— 178 Und das ſagſt du Schurke jetzt erſt! rief Rudolf, den Säbel gegen Haller erhebend; dann aber ſprengte er in wilder Carrière dem bezeichneten Wagen zu. Die Koſacken, mit der Plünderung des bezeichneten 3 Wagens beſchäftigt, ſtoben bei der Ankunft des heran⸗ 3 ſprengenden Offiziers, dem einige ſeiner Leute gefolgt waren, wie die Spreu vor dem Winde auseinander. Der Wagen ſelbſt lag mit zerbrochener Achſe, welche eine Kanonenkugel zerſchmettert hatte, halb umgeſtürzt auf der Erde. Die oberhalb befindliche Thür war auf⸗ geriſſen, das Verdeck von mehreren Lanzenſtichen durch⸗ lböchert, und alle Koffer geöffnet, umhergeworfen und ihres Inhaltes größtentheils ſchon beraubt. Rudolf, der wirklich in dieſem ſo zugerichteten Wa⸗ gen eine weibliche Geſtalt erblickte, ſprang vom Pferde und trat raſch heran. Die Frau lag, mit Blut beſpritzt, ihres Mantels und aller werthvollen Sachen beraubt, anſcheinend leblos, zuſammengedrückt, in dem beengten Raume des zerſtörten Fuhrwerks. Leben Sie noch? fragte Rudolf mit ängſtlicher Span⸗ nung, indem er ihre herabhängende Hand ergriff und zu ſeiner Freude deren Wärme fühlte. Erholen Sie ſich, ſeien Sie ohne Sorgen, fuhr er fort, ich, Aennchen'd Bräutigam, bin zu Ihrem Schutze hier— es ſoll Alles geſchehen, was möglich iſt, um Sie zu retten. Celie, denn ſie war es, ſchlug ermattet die Augen auf; Aennchen's Name, hier, unter all den Schrecken ſo 2 unerwartet genannt, hatte die erlöſchenden Geiſter des Lebens wieder erweckt— Aennchen's Bräutigam? hauchte ſie kaum hörbar— ſo ſoll ich nicht ganz verlaſſen und unter Fremden ſterben? Sie werden nicht ſterben, faſſen Sie Muth, ſagte er voll inniger Theilnahme. Sie ſtehen jetzt unter meinem Schutz, und es ſoll Alles geſchehen, was die Umſtände geſtatten. Ich danke Ihnen,— aber Sie kommen zu ſpät— hier— hier— ſtöhnte ſie krampfhaft, die Hand auf die Bruſt legend— es iſt Alles vergebens. Sie ſchien bei dieſen Worten das Bewußtſein zu ver⸗ lieren, und Rudolf ſah zu ſeinem Schrecken jetzt erſt ihre blutbedeckten Kleider und die friſche Wunde in der Briuſt, aus der noch immer das Blut hervorquoll. Raſch wurde nun aus den überall umherliegenden Trümmern eine Bahre gefertigt, mit Wagenkiſſen belegt, und dann hob man, nachdem der Wagen ſo weit als nöthig zertrümmert worden, die Ohnmächtige ſanft dar⸗ aus hervor und legte ſie auf die Bahre. Unfern davon, hart am Ufer des Fluſſes, einige Tauſend Schritte oberhalb der zerſtörten Brücken, ſtan⸗ den die Reſte eines kleinen, von rohen Steinen aufge⸗ führten Gebäudes. Rudolf ließ daſſelbe ſäubern, die darin befindlichen Flüchtlinge entfernen, und dann trug man die noch immer Ohnmächtige ſanft dahin, bereitete in einer Ecke des kleinen Raumes von herbeigeholten 12* 180 Wagenkiſſen ein weiches Lager und legte die Verwun⸗ dete darauf, deren Bewußtſein immer noch nicht zurück⸗ gekehrt war. Nach vier verſchiedenen Seiten ſchickte Rudolf Dra⸗ goner aus, um einen Arzt aufzuſuchen, mit der Weiſung, ihn nöthigenfalls mit Gewalt zur Stelle zu ſchaffen. Es kam vor Allem darauf an, die immer noch blutende Wunde zu verbinden. Er mußte ſich ſelbſt dieſem trau⸗ rigen Geſchäfte unterziehen— er fand einen Lanzenſtich in der Bruſt, wahrſcheinlich von einem plündernden Ko— ſacken herrührend, und verzweifelte nun ſelbſt an der Ret⸗ tung der Unglücklichen. So gut er es vermochte, legte er von mehreren Tüchern einen feſten Verband an, um wenigſtens die Blutung zu ſtillen. Nach einer halben Stunde brachte einer der Dra⸗ goner einen Arzt. Es war einer von jenen Leuten, wie ſie die ruſſiſchen Truppen mit ſich führten, ohne irgend eine mediziniſche Bildung, kaum im Stande, einen Ver— band anzulegen. Dennoch blieb Nichts übrig, als ihn dies thun zu laſſen. Er unterſuchte die Wunde, machte den Verband ziemlich in derſelben Weiſe wieder zurecht und erklärte dann, die Wunde ſei abſolut tödtlich, wahr⸗ ſcheinlich werde die Kranke ſterben, ohne noch einmal wieder zum Bewußtſein zurückzukehren. Dann beſtand er darauf, ſich zu entfernen, da Hunderte ſeiner Hilfe bedürftig ſeien. Nach einer Stunde, welche in tiefem Schweigen ver⸗ 181 floſſen war, nur unterbrochen von dem wüſten Geſchrei und den hin und wieder fallenden Schüſſen draußen, ſchlug Celie die Augen wieder auf. Wo bin ich? hauchte ſie— mich dürſtet ſehr. Rudolf reichte ihr ein bereitgehaltenes, mit Wein und Waſſer gefülltes Glas und wiederholte, daß ſie hier ſicher und allen weiteren Gefahren entrückt ſei. Sie ſchien ſich, nachdem ſie getrunken, wirklich zu erholen, ihre jetzt beſonders groß erſcheinenden Augen ſchweiften unſtät in dem Raume umher, dann blieben ſie an Ru⸗ dolf haften, und die Erkenntniß ihrer Lage ſchien all⸗ mählich zurückzukehren. Sie ſind es? ſagte ſie leiſe— meines lieben Aenn⸗ chens Bräutigam— ach, wie iſt Gott ſo gütig, daß er mich nicht verlaſſen ſterben läßt! Faſſen Sie Muth, Julie, ſprach er ſanft, ihre kraft⸗ loſe Hand drückend, es wird noch Alles gut werden— aber wo iſt Ihr Mann? Mein Mann? erwiederte ſie mit einem ſchmerzlichen Zuge— er hat mich verlaſſen, als der Wagen zerbro⸗ chen war— wie ſollte er auch anders— o! reden Sie jetzt nicht von dem... Ich habe nach einem Oberarzte geſandt, tröſtete Ru⸗ dolf wieder, er wird hoffentlich nicht mehr lange aus— bleiben, und dann, wenn Sie ordentlich verbunden ſind und der Sturm ſich da draußen etwas gelegt hat, brin⸗ 182 gen wir Sie an einen ſtillen und ruhigen Ort, wo Sie bald geneſen werden. Ja— bald, ſehr bald— werden Sie mich an einen ruhigen und ſtillen Ort bringen, nach welchem ich mich ſchon lange, lange geſehnt habe.— Ach, welch' ein un⸗ verdientes Glück iſt es, daß gerade Sie dies thun und meinem guten Vater, den ich ſo ſchwer gekränkt, und meinem lieben Aennchen die letzten Grüße von mir über⸗ bringen können!— Er wollte wieder Worte des Tro⸗ ſtes und der Aufmunterung zu ihr reden, Worte, an welche er ſelbſt nicht mehr glaubte, aber ſie ſchloß die Augen und ſchien zu ſchlummern. Ihre warme, weiße Hand ruhte in der ſeinen; leiſe, kaum merkbare Athem⸗ züge hoben ihre Bruſt, und um ihren Mund ſchwebte ein heiteres, ſeliges Lächeln. Still und regungslos ſaß er ſo mehrere Stunden. Die ſchweren, tiefgehenden Schneewolken hatten ſich ver— zogen, der Himmel wurde klar und hell, und die im Weſten ſtehende Sonne warf ihre Strahlen durch das zertrümmerte Fenſter in den kleinen Raum und übergoß das bleiche Geſicht der Schlummernden mit einem röth⸗ lichen Schimmer. Da öffnete ſie wieder die bis dahin geſchloſſenen Augen, und ihr jetzt glänzend erſcheinender Blick ruhte ungehindert auf der leuchtenden Scheibe der Sonne. Bringen Sie meinem Vater mein letztes Lebewohl, ſagte ſie leiſe, ihre Hand halb erhebend— und Aenn⸗ — ——————— ————.—————— 183 chen— meinem lieben, guten Aennchen— und auch ihm— Ihrem Freunde— Allen— Allen. Die Hand fiel herab, die glänzenden Augen ſchloſſen ſich— noch ein tiefer, langer Athemzug— und ihre Seele war zu einem beſſeren, reineren Daſein entflo⸗ hen.—— Rudolf verharrte noch eine längere Zeit in ſeiner vorigen Stellung; der Todesengel hatte ſie ſo leiſe ge— küßt, daß er immer noch wähnte, ſie ſei wieder einge⸗ ſchlummert. Als er dann erkannte, daß ſie geſtorben war, drückte er ihr die Augen zu, ſprach leiſe und tief bewegt ein Gebet und trat hinaus aus dem kleinen, ſtillen Raume, wo die Todte ſchlummerte, in das wüſte Gewirr des Krieges und der Zerſtörung. Er ging hinauf auf die Höhe des Ufers und ſuchte eiuen Ort, wo die Geſtorbene ruhen ſollte. Unfern auf einem Hügel ſtanden zwei alte Birken nebeneinander, zwiſchen ihnen ließ er das Grab bereiten, dann gab er den Befehl zur Anfertigung eines Sarges, und da der Abend gekommen war, zündete er eines von den Wa⸗ genlichtern an, ſtellte es zu Häupten der Todten und nahm ſelbſt wieder ſeinen vorigen Platz ein. Hier hielt er die Wacht, bis die Dämmerung den neuen Tag ver⸗ kündete. Dann legte man im Beiſein eines herbeige⸗ holten Prieſters die Todte in den Sarg, und ſechs Dragoner trugen denſelben unter Vortritt des Prieſters ſtill zu Grabe. Rudolf war der einzige Leidtragende und folgte einſam dem Sarge. Als man ihn hinabge⸗ ſenkt, der Prieſter den Segen geſprochen, als Rudolf drei Hände voll Erde darauf geſtreut, und ſich dann raſch der kleine Hügel, mit einem Kreuze geſchmückt, er⸗ hoben, knieete er noch längere Zeit allein darauf nieder — denn ihm war ſo weh und traurig um das Herz, als wenn ſein geliebtes, theures Aennchen unter dieſem einſamen Hügel ruhete. Doch ſeine Zeit war gemeſſen, er durfte nicht länger verweilen, ſein Regiment war ſchon ſeit geſtern in der Verfolgung des Feindes begriffen. Die Schwadron ſtand geſammelt unfern des kleinen Gebäudes, in welchem Celie geſtorben war. Wo iſt der Mann, den ich dir geſtern übergeben? fragte Rudolf den Unteroffizier. Haller wurde gebracht, er war zum Theil ſeiner Kleider beraubt und vor Kälte halb erſtarrt. Retten Sie mich jetzt, Herr von Erbach, flehte er, oder ich bin verloren!. Wenn ich es mit den Geſetzen der Ehre vereinigen könnte, erwiederte Rudolf mit eiſigem Tone, ſo ließe ich Sie aufknüpfen, wie Sie es zehnfach verdient haben, aber— leider darf ich dies nicht. So wollen wir denn unſere Rechnung auf andere Weiſe zu Ende bringen. — Hier, wählen Sie! fuhr er fort, Haller zwei Piſto⸗ len hinhaltend— ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß, wenn Sie mich erſchießen, Sie ungehindert abziehen ſol⸗ len. Sie hören es, Herr Lieutenant, wandte er ſich zu —————— ————— 185 ſeinem Offizier, und werden meinem Befehle genau nach⸗ kommen. Ich ſoll mich mit Ihnen ſchießen? rief Haller in ſichtbarer Beſtürzung— das heißt mich dem gewiſſen Tode ausſetzen, man wird Ihren Befehl nicht reſpektiren. Man wird genau thun, wie ich befohlen; wählen Sie, meine Zeit iſt koſtbar. Ich bin vor Hunger und Kälte erſchöpft, ich vermag keine Piſtole zu halten. So ſollen Sie erſt eſſen, trinken und ſich wärmen. — Gebt ihm Speiſe, Wein und einen Mantel, bringt ihn an das Feuer! Nein, nein, Herr von Erbach, rief Haller entſchie⸗ * den— ich ſchieße mich nicht mit Ihnen— da ſei Gott vor, ſtehen Sie von dieſem nutzloſen Vorhaben ab, ret— ten Sie mich, ich flehe Sie darum an, bei Allem, was Ihnen lieb und theuer iſt, bei dem Andenken an Ihre Braut Daran wagſt du, Schurke, mich noch zu erinnern, brauſte Rudolf auf, nachdem wir ſo eben ihre arme Schweſter, deren Leben du vergiftet haſt, unter jenen Birken beſtattet haben?! Sie iſt todt? fragte Haller, heftig erſchreckend. Ja, die Arme iſt todt— ihr iſt wohl— und nun wähle, Schurke— es iſt ſo eine unverdiente Ehre, die dir zu Theil wird! Und wemn ich mich weigere? —— 186 Dann überliefere ich dich, ſo wie du biſt, den Ko⸗ ſacken, welche die Gefangenen nach dem Inneren Ruß⸗ lands transportiren— da ich doch einmal nicht die Macht habe, dich aufhängen zu laſſen. Ich ſchieße mich nicht, ſagte Haller beſtimmt. Dann fort mit ihm, befahl Erbach; bringt ihn hin⸗ über zu jenem Haufen, übergebt ihn den Koſacken— er iſt kein Offizier, Nichts als ein ganz gemeiner Schurke! rief er den abführenden Dragonern nach. Die Ordre wurde befolgt und Haller jenen unglück⸗ lichen Gefangenen einverleibt, welche, von den Koſacken transportirt und geplündert, faſt alle elend durch Kälte und Hunger umkamen. Dann ſchwenkten die Dragoner ab und zogen im raſchen Trabe über den grauenvollen Schauplatz der Ver⸗ wüſtung fort, ihrem vorausgegangenen Regimente nach. Noch oft blickte Rudolf zurück nach dem kleinen, dunkeln Punkte zwiſchen den beiden Birken— dem friſchen, noch nicht mit Schnee bedeckten Grabe der armen Celie. Jehntes Kapitel. WMorgenwind. Die Zeitungen erzählten den Uebergang der franzöſi— ſchen Armee über die Bereſina in folgender offizieller Weiſe: * — 187 „Königsberg, am 7. Dezember. „Der Oberſt Anatole von Montesquiou, Kammer⸗ herr des Kaiſers und Adjutant Sr. Durchlaucht des Prinzen von Neufchatel, reiſet ſo eben hier durch und bringt die Nachricht von einem Siege an der Bereſina, welchen der Kaiſer am 28. v. Mts. über die vereinigten Armeen des Admirals Tſchitſchagow und des Generals Wittgenſtein erfochten hat. „An dieſem ewig denkwürdigen Tage haben die Ruſ— ſen acht Fahnen, 12 Kanonen verloren, auch haben wir 8000 Gefangene gemacht. Der Herr von Montesquivu bringt die Fahnen nach Paris; bei ſeiner Abreiſe befan⸗ den ſich Se. Majeſtät im höchſten Wohlſein. „Die Armee kehrt nach Wilna zurück, wo ſie ſich bei den zahlreichen Magazinen von den erduldeten Strapa— zen erholen wird. „Zwei Tage vor dieſer Affaire mußten die Ruſſen, welche gezwungen waren, die Brücke bei Boriſow in Eile zu paſſiren, den größten Theil ihrer Bagage zurücklaſſen. „Der Chef des Generalſtabes des Gouvernements von Preußen.„Cardineau.“ Dieſe ſiegverkündende Nachricht ſtand in der Schle⸗ ſiſchen Zeitung vom 19. Dezember. Das zweite darauf am 21. deſſelben Monats erſchienene Blatt enthielt Fol⸗ gendes: 188 „Warſchau, am 19. Dezember. „Am 10. trafen Se. Majeſtät der Kaiſer der Fran⸗ zoſen und König von Italien hier ein, und ſetzten nach einem Aufenthalte von nur einigen Stunden Höchſtihre Reiſe nach Paris fort.“ „Glogau, am 12. Dezember. „Heute Abends iſt der Kaiſer Napoleon in Beglei⸗ tung des Ober⸗Stallmeiſters Herzogs von Vicenza in Schlitten von der großen Armee hier eingetroffen. Se. Majeſtät ſetten nach ganz kurzem Aufenthalte Allerhöchſt⸗ ihre Reiſe über Dresden nach Paris fort.“ „Dresden, am 14. Dezember. Nachdem Se. Majeſtät der Kaiſer Napoleon nach den am 26. und 29. v. Mts. an den Ufern der Bere— ſina dem Feinde gelieferten ſiegreichen Treffen die große Armee am 5. d. Mts. verlaſſen haben, ſind Allerhöchſt⸗ dieſelben ganz unvermuthet dieſen Morgen um 3 Uhr, blos von dem Herrn Herzog von Vicenza und zwei Or⸗ donnanz⸗Offizieren begleitet, allhier angekommen. Nach einer zweiſtündigen Unterredung mit Sr. Majeſtät dem Könige haben Se. Majeſtät der Kaiſer ſchon um 8 Uhr Morgens am heutigen Tage Dero Reiſe nach Paris fort⸗ geſetzt.“ Eine ähnliche Nachricht aus Leipzig meldete gleich⸗ falls die Ankunft und Abreiſe Napoleon's noch am Abende deſſelben Tages. Der faſt gänzliche Untergang und der regelloſe Rück⸗ 189 zug der franzöſiſchen Armee blieb nunmehr kein Geheim⸗ niß mehr. Der Kaiſer war wie ein Flüchtling nach Paris geeilt, die polniſche Nation wurde zu den Waffen gerufen, es gelte, das Vaterland vor dem andringenden Feinde zu vertheidigen. Die nächſten Monate mußten große Entſcheidungen für Preußen bringen. Laut erho⸗ ben ſich die Stimmen der Vaterlandsfreunde, und die bisher ſo zahlreichen Anhänger der Franzoſen begannen zu verſtummen. Jetzt oder nie war der Augenblick ge— kommen! War Napoleon auch leider der Gefangenſchaft entgangen, jetzt galt es, einen allgemeinen Aufſtand zu organiſiren und die rückkehrenden Trümmer des franzö— ſiſchen Heeres gefangen zu nehmen oder zu vernichten. Wenn ſich jetzt Preußen nicht aufraffte und ſeine Ketten abſchüttelte, wenn es dieſen Augenblick nicht benutzte, den Kaiſer erſt wieder zu Kräften kommen ließ, ſo war es für immer verloren! So ſprachen die Patrioten, und ſie ſcheuten ſich nicht, laut und öffentlich ſo zu reden, mitter unter den überall ſtehenden Franzoſen. Anders die Bedächtigen. Wird Rußland den Krieg über ſeine Grenzen hinaus fortſetzen? Wird es ſich nicht darauf beſchränken, den Feind aus ſeinem Lande zu ver⸗ treiben, vielleicht Polen beſetzen? Soll Preußen allein den Krieg gegen Frankreich beginnen, deſſen Hilfsquelle immer noch faſt ganz Europa iſt? Wird Napoleon mit ſeinem ſchöpferiſchen Genie nicht in der kürzeſten Zeit eine eben ſo furchtbare Armee aufſtellen und dann vor Allem 190 das gehaßte und ſich treulos beweiſende Preußen zermal⸗ men? Wenn auch die große Armee zum Theil aufgerie⸗ ben worden, ſo haben dies doch nicht die Ruſſen, ſon⸗ dern nur die Elemente gethan, gegen welche auch der mächtigſte der Menſchen vergeblich in den Kampf treten kann. Wenn ſich Preußen jetzt hinreißen läßt zu über⸗ eilten und gänzlich unklugen, feindſeligen Handlungen gegen Frankreich, ſo iſt es für immer verloren. Es ſchien ſonach, daß Preußen, mochte es nach den Anſichten der einen oder der anderen Partei handeln, entweder für immer von Frankreich, gleich den Rhein⸗ bundsſtaaten, abhängig bleiben, oder ſeine ganze Exiſtenz aufgeben müſſe. Die Stimmung wurde eine immer bewegtere, immer aufgeregtere, und die Behörden hatten Mühe, namentlich in Preußen, Pommern und Brandenburg, die Ausbrüche der ſich allgemein kundgebenden offenen Feindſeligkeit ge⸗ gen die Franzoſen zu verhindern. In der ängſtlichſten Spannung verlief das ereignißvolle Jahr, und die Sonne des erſten Tages des Jahres 1813, jenes Jahres, in deſſen letzter Nacht die verbündeten Heere nach ſiegrei⸗ chem, blutigem Kampfe den alten deutſchen Rhein über⸗ ſchreiten und wieder zu Ehren bringen ſollten, entſtieg dem blutgetränkten Oſten, es war die lang' erſehnte, lang' verhüllte Sonne der Freiheit!— Als ſie damals aufging, fiel ihr leuchtender Strahl zwar in hoffende und zum letzten Kampf entſchloſſene, aber zugleich auch in banger Beſorgniß ſchlagende Her⸗ zen; denn es galt jetzt einen raſchen, feſten Entſchluß, und es war noch immer mehr als zweifelhaft, ob er ge— faßt werden würde. Der König befand ſich in Potsdam, im Bereiche, faſt in der Gewalt der Franzoſen, welche unter dem Be⸗ fehle des Marſchalls Augereau Berlin und Potsdam be⸗ ſetzt hielten und nicht undeutlich zu verſtehen gaben, daß man nöthigenfalls mit der preußiſchen Königsfamilie in gleicher Weiſe, wie 1808 mit der ſpaniſchen, verfahren würde. Die erſten Tage des Januar brachten die Kunde von dem Abfall des Yorkſchen Corps von den Franzo⸗ ſen und die Ueberſchreitung der preußiſchen und polniſchen Grenzen durch die Ruſſen. Dieſe Nachrichten begleitete ein allgemeiner Jubel und eine ſich immer mehr ſtei⸗ gernde Aufregung. Da erſchien am 19. Januar die Be⸗ kanntmachung des Königs, nach welcher er die von York abgeſchloſſene Convention nicht ratifizirt, vielmehr dem General von York das Kommando entzogen, an den General von Kleiſt übertragen und York's und Maſſen⸗ bach's Verhaftung befohlen hatte. Gleichzeitig wurde bekannt, daß der Kaiſer Alexander dem Miniſter von Stein die Verwaltung der Provinz Preußen Namens des in ſeinen Entſchlüſſen gehemmten Königs übertragen habe, daß Stein in Königsberg eingetroffen ſei, die Or⸗ ganiſativn der Provinz übernommen, daß die Behörden und das ganze Land ihm beigetreten, York ſein Kom⸗ 3 — — 192 mando nicht niedergelegt habe und in Preußen das Bünd⸗ niß mit Rußland und die Vertreibung der Franzoſen bereits begonnen habe. Wie immer und namentlich in ſolchen Zeiten, wur⸗ den und waren alle dieſe Nachrichten zum großen Theile übertrieben; die Thatſachen ſtanden aber feſt, Stein be⸗ fand ſich, mit der Macht eines oberſten Gouverneurs be⸗ kleidet, in Königsberg. York hatte ſein Kommando nicht niedergelegt, und Kleiſt, als in gleicher Weiſe betheiligt, die Uebernahme deſſelben abgelehnt. Napoleon hatte in Paris die Aushebung von 350,000 Rekruten verfügt. Am 20. Januar wurde der Kronprinz in der Ka⸗ pelle des Schloſſes zu Potsdam in Gegenwart der kö⸗ niglichen Familie und vieler hohen Militär- und Civil⸗ Beamten feierlich konfirmirt, am 21. war Gottesdienſt in der Hofkirche, bei welchem der Kronprinz, damals 17 Jahre alt, aus den Händen des Ober-Konſiſtorial⸗ rathes Eylert zum erſten Male das heilige Abendmahl empfing— und am 22. reiſte der König und die ganze königliche Familie nach Breslau ab. So geheim man die Vorbereitungen zu dieſem Schritte auch getroffen hatte, welcher die königliche Familie den nahen Gefahren der Gefangenſchaft entzog und zugleich dem Könige die Freiheit des Entſchluſſes zurückgab, in Breslau, wo ſchon Tages zuvor der Prinz Auguſt an⸗ gekommen, war die bevorſtehende Ankunft des Königs . ——— 193 bekannt geworden und hatte bei der ganzen Bevölkerung einen wahren Freudentaumel hervorgerufen. Es galt nicht allein, den geliebten Monarchen der Gefahr entriſſen zu wiſſen und ihn nach dreijähriger Ab⸗ weſenheit wiederzuſehen— es galt nun, das wußte ein Jeder, die baldige, unausbleibliche Entſcheidung— ob mit Rußland oder mit Frankreich, ob gekämpft wer⸗ den ſolle für die verlorene Selbſtſtändigkeit und Freiheit — oder ob man ſelbſt helfen ſolle, die Ketten noch feſter zu ſchmieden, die Schmach und die Schande noch zu vergrößern, welche der mächtige Feind um Preußen ge⸗ ſchlungen! Daß das Letztere jetzt unmöglich ſei, das fühlte auch ein Jeder, der König mußte eben ſo empfinden, eben ſo handeln wollen— würde er ſonſt nach Breslau kom⸗ men, dem ſich die ruſſiſche Armee in ſtarken Märſchen näherte? Deshalb der allgemeine, nicht enden wollende Jubel, die unbeſchreibliche Aufregung, als die Nachricht von der bevorſtehenden Ankunft des Monarchen ſich verbreitete. Die ganze Bevölkerung ſtrömte zum Empfange hin⸗ aus, und niemals iſt wohl ein König mit größerem und feurigerem Enthuſiasmus empfangen worden, als damals Friedrich Wilhelm III., als er gegen Mittag des 25ſten Januar in Begleitung des Kronprinzen in Breslau ein⸗ fuhr. Eine unabſehbare Menſchenmaſſe belagerte wäh⸗ rend des ganzen Nachmittags das Palais, die Lebehochs und die Darlegung der Anhänglichkeit und Liebe waren Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. III. 13 194 unerſchöpflich. Am Abende war die ganze Stadt bis hinaus in die äußerſte Vorſtadt, bis auf das kleinſte Haus glänzend erleuchtet, und das geſammte Militär brachte dem Könige unter Fackelſchein eine Abendmuſik auf dem Schloßplatze, wo wiederum Kopf an Kopf dicht— gedrängt ſtand und ſich der laute Jubelruf unaufhörlich wiederholte. Das Alles geſchah dem Könige zu Ehren und zu Liebe, aber dem Könige, von dem man mit Beſtimmt⸗ heit erwartete, er werde handeln und ſein Volk in den Kampf führen, um endlich die namenloſe Schmach zu ſühnen, welche man jetzt ſechs lange Jahre hindurch hatte ertragen müſſen. Der König wurde von dieſer ſich ſo laut bekunden⸗ den Hingebung auf's Tieſſte ergriffen und ließ dies der Stadt und ihren Bewohnern beſonders mittheilen; aber die Lage des Staates war ernſter und ſchwieriger als jemals, es handelte ſich um Sein oder Nichtſein— wie gern hätte der Monarch ſeinem Herzen und ſeinem Ge⸗ fühle gefolgt! aber die ſchweren Pflichten des Regenten traten dem entgegen— beſonders die ſo ſehr traurigen Erfahrungen der Vergangenheit. Auch im Jahre 1806 hatte man ihn mit Ungeſtüm zum Kriege gedrängt und in ſiegesgewiſſer Ueberhebung Preußens Heer als ein un⸗ überwindliches bezeichnet— was war der Erfolg geweſen! Damals ſtand eine zahlreiche, mit Allem verſehene Armee bereit— jetzt hatte man kaum über 40,000 Mann zu verfügen; damals war Rußland auch der Bundesgenoſſe Preußens, wie hatte es ſich bewährt? Würde es jetzt bei einem unglücklichen Erfolge anders handeln? Jetzt berief man ſich auf die Nation, auf das Volk; was hatte die Nation, das Volk im Jahre 1806 gethan? Wie konnte man auf das Volk vertrauen, welches damals dem Feinde ſich in allen Dingen zu Willen gezeigt, ihn theilweiſe huldigend empfangen hatte? In den nächſten Tagen trafen die bedeutendſten Män⸗ ner in Breslau ein, Hardenberg, Blücher, Scharnhorſt. Merckel wirkte als Chefpräſident der Regierung ganz im Sinne der Patrioten. Man befürchtete einen Angriff des bei Kaliſch ſtehenden franzöſiſchen Corps auf Schle— ſien; es war für alle Fälle unumgänglich nöthig, ſich zu rüſten, und nur mit geringem Vertrauen entſchloß ſich der König zur Bildung freiwilliger Jäger-Detachements. Am 3. Februar erſchien die Bekanntmachung, welche alle jungen Leute von 17— 24 Jahren zu den Fahnen rief, freiwillig und unter der Bedingung, ſich ſelbſt zu beklei⸗ den und zu bewaffnen. Ein jedes Infanterie⸗Bataillon, ein jedes Cavallerie⸗Regiment ſollte um ein ſolches Jä⸗ ger⸗Detachement vermehrt werden. Schon am folgenden Tage war der Andrang der ſich Meldenden ſo groß, daß die Einſchreibung derſelben nicht bewirkt werden konnte; dann aber, als der Aufruf in der Provinz bekannt geworden, ſtrömten Alle herbei, die ſich für befähigt hielten, eine Büchſe zu tragen. Die 135 Gutsbeſitzer von nah und fern kamen ſelbſt oder brach⸗ ten ihre Söhne, darunter Knaben weit unter 17 Jah ren, die aber behaupteten, ſo alt zu ſein; die beiden oberen Klaſſen der Gymnaſien hatten ſich ſämmtlich ein⸗ ſchreiben laſſen, ein jeder junge Mann, weß Standes er ſein mochte, eilte zu den Fahnen; Hohn und Ver⸗ achtung verfolgte diejenigen, die noch zögerten, und Män⸗ ner, welche nicht mehr befähigt waren, ſelbſt in Dienſt zu treten, machten Anerbietungen zur Geſtellung von Pferden, zur Entrichtung von Geldſummen, Lieferung von Waffen, Fourage, Lebensmitteln. Niemand wollte zurückbleiben; wer ſich nicht ſelbſt geben konnte, wollte wenigſtens ſein Gut dem Vaterlande zum Opfer bringen. Das war nicht mehr die Nation von 1806! Dieſe Opferwilligkeit, dieſe hingebende Begeiſterung übertraf jede Erwartung. Es war die in der Schule des Un⸗ glücks, aber auch zugleich in dem befruchtenden Lichte des Vertrauens und der bürgerlichen Gleichſtellung ge⸗ reifte Frucht! Das Vertrauen des Königs erſtarkte; ſein Volk, wel⸗ ches ſich jetzt ſo treu und feſt um ihn ſchaarte, würde jetzt, das erkannte er, auch feſt und treu im Unglücke zu ihm ſtehen bis auf den letzten Mann. Am 9. Februar erſchien die Verordnung, wodurch alle bisherigen Befreiungen vom Kriegödienſte aufgeho⸗ ben wurden, mit der nochmaligen beſtimmten Verſiche⸗ rung, daß jeder Militär, ohne Unterſchied des Standes 17 und Vermögens, nach ſeinen Fähigkeiten und ſeinem Betragen zum Offizier befördert werden und vorzugs⸗ weiſe Anſpruch auf Civilverſorgung nach guter Dienſt⸗ zeit erhalten ſolle. Der Aufruf an die Freiwilligen war auf das Alter von 17— 24 Jahren beſchränkt; da ſich aber Männer aus allen Altersklaſſen meldeten, war man genöthigt, dieſe Beſchränkung ſchon am folgenden Tage aufzuheben. Der patriotiſche, muthvolle Sinn ſo vieler jungen Männer, heißt es in der Bekanntmachung vom 10. Fe⸗ bruar, welche ihre Dienſte über das vierundzwanzigſte Jahr hinaus dem Vaterlande als Freiwillige anbieten, veranlaßt mich zu erklären, daß die geſetzliche Beſtim⸗ mung der königlichen Verordnung vom geſtrigen Tage über das Dienſtalter nur die Verbindlichkeit abmeſſen, keinesweges aber diejenigen ausſchließen ſoll, die, älter als 24 Jahre, ihr innerer Beruf zu den Waffen führt. In der Woche nach dem Aufruf zur Bildung der freiwilligen Jäger hatten ſich bereits in Schleſien über 15,000, in Berlin in zwei Tagen über 12,000 junge Männer einſchreiben laſſen, und die Geldbeiträge, ſo wie die Lieferung von Equipirungs- und Verpflegungs-Ge⸗ genſtänden erfolgte in ſolchem Umfange, daß man ge⸗ nöthigt war, die ſchleunigſten organiſatoriſchen Beſtim— mungen zur Ordnung all' dieſer Krieger und Sachen zu treffen. Der König war, das wurde ein öffentliches Geheim⸗ niß, mit dem Kaiſer Alexander in Unterhandlung getre⸗ ten und hatte den Oberſten von Kneſebeck nach Kaliſch geſandt, wo ſich bereits das ruſſiſche Hauptquartier be⸗ fand; man ſah täglich, aber immer noch vergebens, einer Entſcheidung entgegen.—— An einem Morgen in der letzten Woche des Februar beſtieg Venner ſein Pferd, um nach Schönberg zu reiten. Er hatte ſich an demſelben Tage, an welchem der Auf⸗ ruf erſchienen war, als Freiwilliger gemeldet. Als vor wenigen Tagen der Major von Lützow die königliche Erlaubniß zur Bildung eines Freicorps erhalten und zu deſſen Organiſation nach Breslau gekommen war, hatte ſich Venner mit mehreren jungen Männern in die Liſten eintragen laſſen. Heute trug er zum erſten Male die Uniform des Freicorps: ſchwarze Litewka mit ſchwarzem Kragen und Aufſchlägen, ſchwarzem Lederzeug und gel⸗ ben Knöpfen. Als er den Tſchzako aufſetzte und ſich in der ungewohnten Kleidung betrachtete, die ſo ähnlich war derjenigen, in welcher er ſeinen Freund Erbach zuletzt ge⸗ ſehen, trat deſſen Bild lebhafter denn je vor ſeine Seele, und ſeine Bruſt hob ſich freudig in dem Gedanken, ihn bald wiederzuſehen, wenn er den Gefahren des grauen— vollen Krieges in Rußland entgangen, und dann gemein⸗ ſchaftlich mit ihm in den Kampf zu ziehen— in den ſo lange erſehnten, wirklichen, ernſtlichen, entſcheidenden Kampf um alle höchſten Güter dieſes Lebens. Die Straßen der Stadt waren ſo mit Fuhrwerk 199 aller Art, mit Pferden, die zum Kriegsdienſt gebracht wurden, und mit Menſchen angefüllt, daß es Venner ſchwer wurde, durch das dichte Gedränge hindurchzu⸗ B kommen. Wo er gezwungen war, ſtillzuhalten, wurde er in der ungewohnten Kriegertracht von den Umſtehen⸗ den mit lautem Zuruf und Jubel begrüßt. Als der dichtgeſchloſſene Wagen des franzöſiſchen Geſandten, St. Marſan, der dem Könige von Berlin aus ſogleich ge— folgt war, an ihm vorüberfuhr, kam es zu einem ſtür⸗ miſchen Auftritt; heftiges Geſchrei und unverhüllte Dro⸗ hungen wurden gegen den Inhaber ausgeſtoßen, und nur die Geſchicklichkeit des Kutſchers und die Schnellig— keit der Pferde bewahrte den Geſandten vor den gröbſten 7 Inſulten. Draußen auf der Straße war es nicht weniger le⸗ bendig. Zahlloſe Züge von Pferden und Wagen beweg⸗ ten ſich unausgeſetzt nach der Stadt. Als er mehrere Meilen zurückgelegt hatte, erkannte er in den Führern eines Transportes Pferde die Dienſtleute des Freiherrn. Wohin, Kaspar? rief er dem Vorderſten zu; ihr ſcheint ja alle eure Pferde fortzubringen? 3 Ach, Sie ſind es, Herr Aſſeſſor! entgegnete der Knecht, auch ſchon Soldat? So iſt es recht und in der Ordnung, wir gehen auch Alle mit; werden ſie uns auch annehmen? Verſteht ſich, verſteht ſich! und die Pferde?. Nur die alte, lahme Liſe und das kleine Ponhchen ſind noch zu Hauſe, der gnädige Herr ſagte, ſie würden 200 ſich ſchon mit den Kühen behelfen, die alten ſollten zum Fuhrweſen, die anderen zur Artillerie und dieſe zur Ka⸗ vallerie. Das konnte ich mir denken; iſt ſonſt Alles wohl und munter? Ja, Herr Aſſeſſor, wenn man Sie noch ſo anſpre⸗ chen darf; aber das gnädige Fräulein iſt etwas traurig, denn der gnädige Herr will auch mit. Die Frau von Saldern meint zwar, er wäre ſchon zu alt und müßte zu Hauſe bleiben, wie die alte Liſe; aber er hat einmal ſeinen eigenen Kopf und ſagt: mit dem Alter ginge es noch an. Der Freiherr will auch mit? fragte Venner mit Unruhe. Jo, ich glaube, er hat ſich ſchon gemeldet, ſie ſagen, es würde auch eine Landwehr zurecht gemacht, und da will er bei ſein. Nun, wir werden ja ſehen, Kaspar; leb' wohl, auf Wiederſehen! Adien, gnädiger Herr! kommen Sie nur bald wieder nach Breslau, denn wir bleiben gleich Alle da, ich möchte meine Pferde nicht gern verlaſſen. Die unerwartete Nachricht, daß auch der jetzt 65jäh⸗ rige Freiherr noch mit in den Krieg ziehen wolle, hatte bei Venner mancherlei Gedanken erweckt und ließ ihn im raſchen Trabe ſeinen Weg fortſetzen. In Schönberg jand er es wirklich ſo, wie der Knecht 7 201 ihm berichtet. Der Freiherr hatte ſämmtliche Pferde, bis auf zwei gänzlich unbrauchbare, zum Dienſt geſtellt und ſich ſelbſt zum Eintritt gemeldet. Venner bedurfte nur ſehr kurzer Zeit, um ſich zu überzeugen, daß jeder Verſuch, den Freiherrn von dieſem Vorſatze abzubringen, vergeblich ſein würde; denn einige unbedachte Aeußerun⸗ gen und Bemerkungen der Frau von Saldern hatten ſogleich ein ſehr ſtarkes Zorngewitter erzeugt. Reden Sie doch nicht immer von meinem Alter, fuhr er ſie an, welches Sie gar Nichts angeht! Wenn ich glaube, ſtark genug zu einem Feldzuge zu ſein, ſo genügt das, und ich ſage, daß ich es bin. Blücher iſt acht Jahre älter als ich und wird gewiß nicht zu Hauſe bleiben, und ich auch nicht, Sie mögen noch ſo viel Unſinn ſprechen. So und in ähnlicher Weiſe wurden die weiblichen Einwürfe beſeitigt, die eigentlich auch nur von der Frau von Saldern ausgingen; denn Aennchen, welche noch immer mit ihrem Vater draußen zum Beſuch zubrachte, wagte natüxlich nicht, Einſprache zu thun, und Louiſe war ſelbſt eine ſo begeiſterte Patriotin, daß ſie mit Stolz auf ihren Vater blickte und ihn nicht genug für dieſen Entſchluß küſſen konnte. Die Beſorgniß, die Gefahr, den Schmerz der Trennung, die Ungewißheit eines jema⸗ ligen Wiederſehens, das Alles hatte das Gefühl der Be⸗ geiſterung für die Sache des Vaterlandes in dem Her⸗ zen des jetzt 7jährigen Mädchens zurückgedrängt. Sie 202 ſah in ihrem Vater nur den Krieger, den Rächer jahre⸗ langer Schmach, dann den heimkehrenden Sieger, und hing deshalb mehr denn je mit ſchmärmeriſcher Liebe an ihm. Er ſelbſt aber fühlte ſich wirklich wieder ver⸗ jüngt und kräftig und ſehnte ſich mit der Ungeduld eines jungen Lieutenants nach der Marſchordre, wovon es doch noch ſehr weit entfernt war, da es ja immer noch nicht einmal feſtſtand, gegen wen der Krieg geführt werden ſollte. So traf Venner die Lage der Dinge und wurde ſelbſt in der neuen Uniform mit Jubel empfangen; der Freiherr nannte ihn nicht mehr anders, als Herr Ka⸗ merad, und Louiſe— fand ihn ganz außerordentlich zu ſeinem Vortheil verändert. Aennchen's Herz aber durch— zuckte ein wehmuthsvoller Schmerz, als ſie den Freund ihres fernen Geliebten, von dem ſie ſeit mehr als einem halben Jahre keine Nachricht erhalten, in einer ſo ähn⸗ lichen Uniform vor ſich erblickte. Schwarz, wie jene, nur hatte er blaue Aufſchläge gehabt und nicht auch ſchwarze, wie die Lützower. Das Blau bedeutete die Treue, und Blau auf Schwarz: die Treue bis zum Tode! So die ſchwärmeriſchen Gedanken des jungen Mädchens. Iſt es wirklich Ihr Ernſt, Herr Kamerad, bemerkte der Freiherr im Laufe des Geſpräches, daß Sie mir rathen, zu Hauſe zu bleiben, oder was bezwecken Sie eigentlich damit? — 203 Nun, nehmen Sie wohlgemeinte Theilnahme nicht übel, die Sache hat jedenfalls ihre zwei Seiten. Für mich hat ſie nur Eine, und ich wünſche nicht, daß man eine andere daran finden möchte. Wenn nun aber die ganze Rüſtung gar nicht gegen Frankreich ginge? Wenn... Ach, ſprechen Sie doch nicht ſo rein Widerſinniges! Glauben Sie denn, von all' den vielen Tauſenden, die ſich jetzt freiwillig zum Kriegsdienſte drängen, wäre auch nur Einer gekommen, wenn man nur noch den gering⸗ ſten Zweifel hegte, daß der Franzoſe unſer Feind ſei? Das heißt: unſer Feind, nicht wie er bisher geweſen, den wir dulden und dem wir gehorchen mußten; ſondern unſer offener Feind, den wir haſſen und angreifen und zum Lande hinausjagen können. Kein Menſch hat jetzt mehr die Macht und die Gewalt, nachdem das Volk zu den Waffen gerufen iſt, es wider ſeinen Willen, ſtatt gegen ſeinen Feind, gegen ſeinen natürlichen Verbünde⸗ ten zu führen, denn dies wird kein Kabinetskrieg, den die Diplomaten ausgetüftelt, ſondern ein Krieg, den die Na⸗ tion gegen ihre Unterdrücker führt, den das preußiſche Volk um ſeine Exiſtenz, um ſeinen Namen, um ſein Bleiben unter den Völkern Europa's kämpft. Es freut mich, daß Sie dies jetzt erkennen; Sie mein⸗ ten ſonſt immer, die Macht eines Staates und nament⸗ lich Preußens beruhe einzig und allein auf ſeinem Heere. Das meine ich auch noch! Jetzt ſind aber alle waf⸗ 204 fenfähigen Männer das Heer, und ohne dieſes Heer wäre Preußen verloren. Nun, laſſen wir das, bemerkte Venner, über die Art, wie der Freiherr eine Schwenkung gemacht hatte, lä⸗ chelnd; der Herr Kamerad wird es ſich aber gefallen laſſen müſſen, mit ganz ungeſchulten und dazu bürger⸗ lichen Offizieren gemeinſchaftlich zu fechten. Glauben Sie, daß der König Vertrauen zu der Sache hat? fragte der Freiherr, welchem die Wendung, die das Geſpräch genommen, unangenehm zu werden anfing. Ja, ich glaube es, ich bin davon überzeugt, denn ich war Augenzeuge, wie ſehr er von der Hingebung und Opferwilligkeit ſeines Volkes ergriffen wurde. Erzählen Sie! Vor ungefähr acht Tagen, es war vielleicht eben ſo lange nach dem Aufrufe, kam ein Zug von faſt hundert großen Leiterwagen mit den berliner Freiwilligen in Bres⸗ lau an. Man hatte die Wagen mit Tannenzweigen ge⸗ ſchmückt, und die jungen Männer riefen, ſobald ſie bei dem Schloſſe vorüberfuhren, an deſſen offenem Fenſter der König mit dem General von Scharnhorſt ſtand, ein begeiſtertes Lebehoch nach dem andern, in welches jedes Mal die dichtverſammelten Volksmaſſen mit einſtimm⸗ ten. Da fragte Scharnhorſt den König Etwas, wie man jetzt weiß: ob er ſich nun überzeuge? worauf dem Könige die Thränen über die Wangen rollten. Er — — 205 wiſchte ſie ab und winkte dann mit demſelben Schnupf⸗ tuch den Freiwilligen und dem Volke ſeinen Dank zu. Da wurde es eine Zeit lang ganz lautlos ſtill, man konnte ein Blatt vom Baume fallen hören, und dann brachen Alle in einen nicht enden wollenden Sturm von Begeiſterung und Jubel aus. Der König mußte ſich vom Fenſter entfernen, er konnte ſeine Bewegung nicht länger verbergen. Der Freiherr hatte dieſe Erzählung ſchweigend an⸗ gehört; gegen den Schluß wandte er ſein Geſicht gegen das Fenſter und that, als ob das grelle Licht der eben untergehenden Sonne ſeine Augen genire. Ich glaube es jetzt auch, ſagte er dann; es kann dem Könige ja die Wahl nicht mehr ſchwer werden, ob er im ſchlimmſten Falle mit ſeinem Volke wie ein Mann ruhmvoll untergehen will, was wir aber keinesweges für wahrſcheinlich halten wollen. Haben Sie ſich auch ſchon überlegt, in welcher Weiſe Sie ihr Hausweſen in unſer aller Abweſenheit zu ord⸗ nen beabſichtigen? fragte Venner und ſah den Freiherrn forſchend an; ſo ganz ohne männlichen Schutz und Lei— tung— möchte es nicht beſſer ſein, wenn— Fräulein Louiſe ſich vorher verheirathete? Der Freiherr blickte Venner bei dieſer unerwarteten Frage ſichtbar erſtaunt an. Louiſe ſoll ſich verheirathen? fragte er dann; hat ſie denn einen Bräutigam, der ſie ſo vom Fleck weg heirathen kann, zumal ſie noch ein 266 halbes Kind iſt? Und glauben Sie, ich würde meine einzige Tochter einem Burſchen zur Frau geben, der jetzt heirathen und zu Hauſe bleiben wollte? Pfui über ſol⸗ chen Lump! Es müßte denn ein Krüppel ſein, und daß ſich Louiſe gerade einen ſolchen ausgeſucht haben ſollte, würden Sie doch nicht annehmen. Aber wenn ſie ſich nun vorher verlobte, bevor wir fortgehen? bemerkte Venner wieder; ich ſollte denken, es müßte darin auch für Sie eine große Beruhigung liegen, ſelbſt wenn— ihr Verlobter mit in den Krieg zöge. Ich weiß wirklich nicht, was ich von dieſen ſonder⸗ baren Fragen denken ſoll, erwiederte der Freiherr. Wiſ⸗ ſen Sie Etwas, das mir unbekannt iſt? Väter ſollen oft in dieſer Beziehung ungemein kutzſichtig ſein. So halten Sie nicht ſo hinter dem Berge! Nun? Nein, nein, ſagte Venner in anſcheinend gleichgülti— gem Tone, ich dachte nur, wenn— es war mir nur intereſſant, Ihre Anſichten darüber zu hören, mit denen Sie aber ausnehmend zurückhaltend ſind. Zurückhaltend? Wie kann ich über Dinge reden, die nicht beſtehen! Wenn Louiſe ſich, ehe ich in den Krieg ziehe, mit einem braven, tüchtigen Manne verloben ſollte, der ſie liebt und den ſie wieder liebt, ſo würde mir das allerdings eine große Beruhigung ſein, da ich nicht weiß, ob ich jemals zurückkehren und meinem lieben Kinde noch eine kurze Zeit zur Seite ſtehen werde. So dachte ich mir's auch! bemerkte Venner. Es fängt an zu dunkeln, man wird uns oben er⸗ warten, laſſen Sie uns hinaufgehen. Während der Freiherr mit ſeinem Gaſte ſich in die⸗ ſer Weiſe unterhielt und Louiſe mit der Frau von Sal⸗ dern häuslichen Geſchäften oblag, befand ſich Anna bei ihrem Vater, welcher ſchon ſeit mehreren Wochen ſein Zimmer nicht mehr verlaſſen hatte. Er war nach der Abreiſe Celie's ſichtlich verfallen und faſt für alles Uebrige theilnahmlos geworden. Nur die Gedanken an die Abweſende ſchienen ihn zu beſchäftigen, und die täg⸗ lich eingehenden grauſenerregenden Nachrichten von dem Schickſale der franzöſiſchen Armee ſteigerten fortwährend ſeine Beſorgniſſe, welche ſich bereits in völlige Muthlo⸗ ſigkeit verwandelt hatten. Anna ſuchte ihn zu tröſten, ſo gut ſie es vermochte; denn ihr armes Herz war ja ſelbſt mit einer doppelten Bürde von Sorgen und Qual um die Schweſter und um den Geliebten belaſtet. Dazu kam der immer be⸗ denklicher werdende Zuſtand ihres Vaters, deſſen Schwäche und Hinfälligkeit in einem Beſorgniß erregenden Grade zunahm. Heute war er beſonders unruhig und aufge— regt geweſen und hatte ſich unaufhörlich mit den Schick⸗ ſalen Celie's beſchäftigt. Mit der Dämmerung war er endlich eingeſchlummert, und Aennchen entfernte ſich leiſe, um Einiges ſür den Abend und die Nacht zu beſorgen. Sie ging hinab in das gemeinſame Wohnzimmer, wo ſie die Uebrigen zu finden hoffte; es war jedoch leer, 208 und nur ein Licht ſtand auf dem Tiſche, den weiten Raum unvollkommen erhellend. Die Ruhe und Stille, welche in dem Zimmer und ringsumher herrſchte, that ihrem Herzen wohl; denn ſie fühlte ſich unendlich traurig und hielt nur mit Mühe die Thränen zurück. Sie ſetzte ſich in einen Seſſel und war bald in tiefe Gedanken verſunken; ihre Hände ruhten gefaltet in ih⸗ rem Schooße, und ihre Blicke hafteten regungslos auf Einem Punkte. Zuweilen hob ein tiefer Seufzer ihre Bruſt, und die Gedanken ihrer Seele, welche weit, weit über den kleinen Raum hinausſchweiften, an den ihr Körper gefeſſelt war, bildeten ſich unwillkürlich zu Wor— ten: Nur eine einzige Nachricht, flüſterte ſie, nur einen einzigen Gruß! Nichts als: ich bin wohlauf und denke dein— ach! auch nur das Erſte, nur die Gewißheit, daß er noch lebt!— Ihr Auge gewann bei dieſer Vorſtellung ſeinen Glanz wieder, und ihr liebliches Geſicht ſtrahlte in freudigem, ſeligem Entzücken. Der raſche Hufſchlag eines Pferdes erweckte ſie aus dieſen ſchmerzlich füßen Träumereien. Sie horchte unwillkürlich— wer konnte jetzt noch und ſo eilig ankommen? Sie vernahm den ſchnellen Tritt eines Mannes durch die Stille des Abends deutlich auf den Stufen der Treppe vor dem Hauſe, auf dem Flur — die Thür öffnete ſich, und ſie erblickte die hohe Geſtalt eines Mannes in bürgerlicher Kleidung. 209 Aennchen! Aennchen! mein liebes, liebes Aennchen! rief ſeine Stimme, und ſeine Arme breiteten ſich aus, ihr entgegen. Sie ſprang auf, aber ihre Sinne verwirrten ſich— ſie empfand nur, daß ſie umfinken müſſe— da umſchloſ— ſen ſie ſeine Arme— ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt — ſeine Lippen preßten ſich auf die ihrigen, und ihre Thränen, jetzt die Verkünder des reinſten, ſeligſten Ent⸗ zückens, vermiſchten ſich mit den ſeinigen. Rudolf, mein Rudolf! biſt du es wirklich? hauchte ſie; iſt es nicht wieder nur ein Traum, nicht wieder nur eine Täuſchung meiner Sinne? Empfindeſt du es noch nicht, daß ich es wirklich bin, ſagte er, ſie feſt an ſich drückend und küſſend— o! du mein ſüßes, mein herziges Aennchen— was ſind alle Schmerzen, alle Trübſale der Vergangenheit gegen die Seligkeit dieſes einzigen Augenblickes!— Es währte eine längere Zeit, ehe die Gewalt ihrer Gefühle ihnen eine ruhigere Mittheilung geſtattete. Wie biſt du aber ſo plötzlich hierher gekommen, Ru⸗ dolf? fragte ſie dann. Wie ich hierher gekommen, mein Aennchen? Wir ſind ja Alle nicht mehr fern von hier. Mein Dichten und Trachten ging dahin, dich ſo bald als irgend möglich wiederzuſehen, dir zu ſagen, daß ich wohl und munter bin, daß ich dich liebe, von ganzer Seele liebe, daß kein Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. II. 14 210 Augenblick vergangen iſt, wo ich deiner nicht gedacht und mir das Entzücken dieſer Stunde ausgemalt habe. Und nun biſt du wirklich wieder da— ich kann es immer noch nicht für wahr halten— mit Einem Male — ich habe dich wieder— und es iſt mir nun, als ob wir niemals getrennt geweſen wären. Es iſt ſo, weil wir uns Beide von ganzer Seele lieben, weil unſere Gedanken, unſere Herzen immer bei— ſammen waren. Ja, das waren ſie, flüſterte ſie, ſich an ihn ſchmie⸗ gend— aber es iſt doch ganz anders, viel ſchöner jetzt, da ich wieder in deine Augen ſchauen und den Ton dei— ner lieben Stimme wieder hören kann. Und ich deine ſüßen Lippen küſſen darf, die ſo herzig zu mir reden.— Aber nun erzähle auch, Rudolf, ſagte ſie, nachdem ſie ſeinen Kuß erwiedert, erzähle, wie es dir ergangen, und zuerſt, weshalb du dich in dieſer Kleidung befindeſt. Biſt du nicht mehr Soldat? Aennchen! rief Louiſe, die Thür öffnend, willſt du nicht— da ſah ſie den fremden Mann, aus deſſen Ar⸗ men ſich Anna verſchämt losmachte— und ſprang mit einem hellen Jubelruf wieder hinaus.— Er iſt da! Er iſt da! tönte laut ihre helle Stimme; Herr von Erbach iſt wieder da! hört Ihr nicht, Aennchen's Bräu⸗ tigam iſt gekommen? Nach wenigen Minuten ſtürmten Venner, der Frei⸗ „ 211 herr und Louiſe in das Zimmer, und es währte eine längere Zeit, ehe der ſo unerwartet Erſchienene von Allen begrüßt und bewillkommt worden war. Laß dich vor Allem einmal recht betrachten, ſagte Venner, beide Hände des lang' entbehrten Freundes hal— tend, wie du ausſiehſt— die Strapazen des Krieges ſcheinen dir gut bekommen zu ſein! Es iſt mir ſchlecht und gut gegangen, erwiederte Erbach— aber Gott ſei Dank, ich bin ſtets wohlauf geweſen, niemals erheblich verwundet worden. Ich hatte einen Schutzgeiſt, ſetzte er mit einem zärtlichen Blick auf Aennchen hinzu, der mir in allen Gefahren zur Seite geſtanden. ind du biſt nicht in Uniform? Und du Soldat? Daß ich dies ſein würde, daran konnteſt du jetzt doch nicht zweifeln. Nein, Ulrich, das habe ich auch nicht; aber es freut mich unendlich, dich ſo wiederzuſehen; wir werden nun zuſammen in's Feld ziehen. Ich trage augenblicklich Civilkleider, weil ich den Miniſter von Stein nach Bres⸗ lau zum Könige begleitet habe, wohin ihn der Kaiſer Alexander auf ſeinen Wunſch geſchickt, um die ſich in die Länge ziehenden Verhandlungen wegen eines Bünd⸗ niſſes mit Rußland zu Ende zu bringen. Stein iſt in Breslau? fragten der Freiherr und Venner. 14* 212 Ja, wir kamen geſtern Nachmittags dort an, Stein fuhr ſofort am Schloſſe vor und blieb bis gegen Abend bei dem Könige— die Sache iſt abgemacht— Scharn⸗ horſt iſt heute nach dem ruſſiſchen Hauptquartier abge⸗ 8 gangen. Viktoria! Viktoria! rief der Freiherr. Gegen Abend kam der Miniſter vom Könige zurück, 4 ich mußte unten ſo lange warten; wir fuhren bei meh⸗ reren Wirthshäuſern vor, wurden aber überall abgewie⸗ ſen. Stein war ſehr ermüdet, und wir hielten unge⸗ duldig, auf dem Ringe uns nach einem Unterkommen erkundigend. Hier hörte uns der Major von Lützow und bot Stein ein kleines Hinterſtübchen in ſeinem Wirthshauſe, dem Scepter, an, das ſehr Vieles zu wün⸗ 6 ſchen übrig läßt. Dort in einer Dachſtube nach dem Hofe wohnt jetzt der Mann, dem wir ſo Vieles zu dan⸗ ken haben. Als er mich verabſchiedet, konnte ich endlich dahin gehen, wohin mein Herz mich ſo ſtürmiſch rief— aber das Haus war leer, und ſchon gab ich mich den ſchlimmſten Beſorgniſſen hin, als ich endlich von einem Nachbar erfuhr, daß Aennchen mit ihrem Vater hier ſei. Heute mußte ich wieder zum Miniſter, und als ich dann gegen Mittag den Befehl erhielt, in das ruſſiſche Haupt⸗ 6 quartier zurückzukehren— da flog ich hierher— und ſo ſeht Ihr mich, den ruſſiſchen Dragoner⸗Kapitän, in 83 dieſer bürgerlichen Kleidung. Nun laſſen Sie uns aber hinaufgehen, ſagte der. 5 23 Freiherr; ein ſo lieber Gaſt darf hier nicht länger ver⸗ weilen— wir wollen heute einen fröhlichen, einen recht fröhlichen Abend haben! Ein glückliches Brautpaar er⸗ füllt ſeine ganze Umgebung mit Freude und Glück. Dann wird es von Ihnen abhängen, Herr von Wal— lingen, ſagte Venner, der ſichtlich mit einem Entſchluſſe gekämpft hatte, Louiſens Hand ergreifend, die Freude noch zu vergrößern, indem Sie noch ein glückliches Braut⸗ paar machen und unſerem Bunde Ihre Zuſtimmung er— theilen. Der Freiherr blickte bei dieſer für ihn ganz unerwar⸗ teten Mittheilung voll Erſtaunen und Ueberraſchung auf ſeine Tochter, welche mit niedergeſchlagenen Augen und tieferröthend an der Seite Venner's ſtand und nur Ein Mal mit einem kurzen verſchämten Blicke zu ihrem Vater aufſah. Aber, Louiſe! ſagte dann der Freiherr— iſt das wirklich wahr? Und du haſt das Alles hinter dem Rücken deines Vaters abgemacht? Sie flog in ſeine Arme und verbarg ihr erglühen⸗ des Geſicht an ſeiner Bruſt. Zürnen Sie nicht, bat Venner; Sie bemerkten ja ſelbſt vorhin, Väter ſollten in dieſen Dingen mit einer großen Kurzſichtigkeit behaftet ſein. Alſo deshalb die verfänglichen Fragen? awie der Freiherr, ſeine Tochter auf die Stirn küſſend; nun, ich habe Ihnen ja meine Meinung damals auch bereits mitgetheilt und hätte mir ſelbſt einen beſſeren Schwiegerſohn nicht wählen können. Machen Sie mein Kind glücklich— ich gebe Ihnen das Liebſte, was ich auf der Welt beſitze. Venner warf ſich in die Arme des Freiherrn, und er hielt ſie Beide, von tiefer Bewegung ergriffen, eine Zeit lang feſt umſchlungen, dann riß ſich Louiſe los und verbarg ihr glühendes, von Thränen benetztes Geſicht an dem Buſen der Freundin. Sie ſcheinen aber mit im Komplot geweſen zu ſein, Aennchen, ſagte lächelnd der Freiherr; ich begreife immer noch nicht, daß mir das Alles ſo gänzlich entgehen konnte. Liſel war ja ſchon meine Braut, ſcherzte Venner, als ich vor zehn Jahren von der Univerſität in die Ferien hierher kam und ſie noch auf die Obſtbäume kletterte. Es iſt eine alte, lange Liebe, nicht wahr?— ſetzte er, Louiſens Hand ergreifend, hinzu— und der Vater thut noch immer, als wüßte er von Nichts! Nur auf Rudolf hatte das unerwartete Ereigniß nicht den freudigen Eindruck gemacht, wie auf die Uebri⸗ gen, und auch jetzt noch, als er zu dem Freunde trat, ihm die Hand reichte und ſeinen Glückwunſch darbrachte, lag ein wehmüthig ſchmerzlicher Zug um ſeinen Mund. Aber nun laßt uns hinaufgehen, rief der Freiherr, und froh und heiter ſein, wie der heutige Abend es ver⸗ dient; ich freue mich recht darauf, die Ueberraſchung der 215 weiſen Frau von Saldern zu ſehen, die immer Alles ſchon vorher und beſſer wiſſen will. Lange, bis ſpät in die Nacht hinein, ſaß man zu⸗ fammen; es wurde wieder von dem alten Ungarweine heraufgeholt, von dem man zur Feier der Schlacht von Aspern getrunken; aber eine laute, allgemeine Fröhlich— keit wollte dennoch nicht entſtehen. Die Liebenden wa⸗ ren, wie immer, zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, Aenn⸗ chen verließ häufig das Zimmer, um nach ihrem Vater zu ſehen, der immer ruhig fortſchlief, und auf Rudolf laſtete der Gedanke, daß er durch die Mittheilung von Celies traurigem Tode bald Wermuth in den Becher der Freude werde gießen müſſen. Elftes Rapitel. An mein Volk! Noch ſehr ſrüh am anderen Morgen trat Rudolf zu ſeinem Freunde in das Zimmer und lud ihn zu einem Spaziergange ein. Im Hauſe war es noch ſtill und ruhig; ſelbſt der Freiherr, ſonſt immer einer der Erſten auf, ſchlief noch, als Beide hinaustraten in die friſche, kalte Morgenluft und durch die blätterloſe Allee der nahen Anhöhe zuwandelten. 216 Du biſt heute ſo ernſt, ſo feierlich, Rudolf, ſagte Venner; hat dich das Kriegerleben die Heiterkeit und ſelbſt die Theilnahme für deinen Freund verlieren laſſen? Denke nicht ſo von mir, erwiederte dieſer; aber es laſtet Etwas auf meinem Herzen.. ich möchte es gern für mich allein tragen und euch den Schmerz erſparen, aber es kann doch nicht ſein. Du machſt mich beſorgt, ſo rede doch! Haſt du ſo wenig Vertrauen zu mir? Ich habe dir einen Gruß,— einen letzten Gruß zu bringen, ſagte er mit leiſer Stimme. Von ihr? rief Venner mit ſichtbarem Erſchrecken;— rede, rede, Freund, nicht dieſe langſamen Folterqualen! Ja, ſie iſt todt, erwiederte er leiſe, und ihr letzter Hauch war— ein Gruß für dich! Todt!. todt! rief Venner; dann wandte er ſich ab und bedeckte mit beiden Händen ſein Geſicht.— Ru⸗ dolf ſah ihn zum erſten Male weinen, ſo lange er ihn kannte. 3 Es währte eine lange Zeit, ehe Einer von Beiden wieder ſprach. Venner ſuchte gewaltſam ſeine Faſſung wieder zu gewinnen. Erzähle mir, ſagte er dann mit bewegter Stimme, die Hand ſeines Freundes ergreifend, erzähle mir, wo und wie ſie ſtarb. Rudolf erzählte, und Venner's große, dunkle Augen blickten ihn dabei unverwandt und geiſterhaft an. Sein ——— S Geſicht war noch blaſſer als ſonſt, und er ſtand wie ein Marmorbild regungslos vor ihm. Das kleine Kreuz, ſo ſchloß Rudolf, welches wir auf ihren Grabhügel geſetzt, blickt traurig und ſtill auf die dunkeln Wellen jenes unheimlichen Fluſſes, an deſſen Ufern ſo viele Tauſende ihr Grab gefunden haben. So mußte ſie enden, ſprach Venner, mehr zu ſich ſelbſt, dort, weit, weit in dem kalten, öden Lande,— fern von Allen, an denen ihre Seele hing!— O, warum konnte ich nicht wenigſtens an deiner Stelle ſein, die letzten Worte ihres Mundes hören, der mir ſo oft freund⸗ lich und voll Wehmuth entgegengelächelt! Warum konnte ich dieſe Augen nicht zudrücken, dieſe ſchönen, lieben Augen!.. Ermanne dich, Ulrich, unterbrach ihn Rudolf, er⸗ manne dich, denke an Loniſe, an dieſes liebliche, unſchulds⸗ volle Kind, die ſich dir ſo vertrauensvoll zu eigen gege⸗ ben! Ermanne dich und ſtehe mir in dem ſchweren Ge⸗ ſchäfte bei, dies Alles meinem Aennchen und ihrem Vater mitzutheilen! Sie gingen wieder ſchweigend eine längere Zeit neben⸗ einander. Venner gewann allmählich die Herrſchaft über ſich ſelbſt zurück; ſein feſter und ſtarker Geiſt bezwang die Erregung der Gefühle, nachdem er erkannt hatte, daß er ſie in dieſer Weiſe nicht kundgeben dürfe. Ihr iſt wohl, ſagte er dann, ſich ſelbſt Troſt zuſpre⸗ chend; was ſollte ſie auch noch länger hier auf der Erde — ſie iſt jetzt den Erbärmlichkeiten dieſer Welt entrückt, und ihre freigewordene Seele blickt in reiner Liebe zu uns herab! Voll reiner, ſchweſterlicher Liebe, ſagte Rudolf, und du würdeſt ihr Andenken nicht ehren, wollteſt du jemals anders an ſie denken Nein, ich denke nicht an ſie wie an eine Schweſter, ſondern wie an meines Herzens liebſte Freundin, was ſie im vollſten Sinne des Wortes geweſen. Ich beklage dich, es iſt ein ſchweres Geſchäft, das dir noch obliegt, dies Alles Aennchen und ihrem Vater mitzutheilen— aber fordere nicht von mir, daß ich dir dabei helfen ſoll — ich kann es nicht— ich habe genug mit mir ſelbſt zu thun. Aennchen's Vater ſcheint ernſtlich krank zu ſein. Ich fürchte, er wird die Nachricht von dem Tode ſeiner Lieblingstochter nicht lange überleben, da ihn ſchon die Angſt um ſie in dieſen Zuſtand verſetzt hat. Du mußt ſehr vorſichtig zu Werke gehen, Rudolf, und dich auf einen neuen, ſchmerzvollen Augenblick gefaßt machen. Wenn es Gott ſo beſtimmt— ſo wird ſie es ja auch ertragen— erwiederte dieſer, ich werde ihr Alles, Alles erſetzen, die Schweſter und den Vater, und weil ich dies thun muß und thun will, wird der liebe Gott mich auch ferner in ſeinen Schutz nehmen und ſie nicht allein und hilflos zurücklaſſen. Wie lange kannſt du hier bleiben? fragte Venner, 219 nachdem Beide wieder eine Zeit lang ſchweigend neben⸗ einander gegangen waren. Ich muß ſpäteſtens morgen in aller Frühe fort, hoffe aber bald zurückzukehren, da ich beim Kaiſer die Er— laubniß nachgeſucht habe, ſobald Preußen Rußlands Ver⸗ bündeter geworden, in deſſen Dienſte zurückzutreten. Der Kaiſer, welcher mich zufällig perſönlich kennt und mich, als einen Breslauer, auch deshalb Stein zum Begleiter mitgegeben, hat mir die Erfüllung dieſes Wunſches be⸗ reits zugeſagt. Und Stein iſt alſo in Breslau— wie ſieht er aus, hat er ſich verändert, ſeitdem wir ihn zum letzten Male drüben auf den Bergen an der öſterreichiſchen Grenze geſehen? Er iſt noch ganz der Alte, er war krank und litt an einer ſehr heftigen Erkältung unterwegs, aber ſein feuri⸗ ger Geiſt und ſein energiſcher Wille weiß ſich von dem Körper unabhängig zu erhalten. Er ſchonte ſich nicht im Mindeſten, die Reiſe wurde Tag und Nacht in die⸗ ſen bodenlos ſchlechten Wegen fortgeſetzt, und in Breslau angekommen, ging er, ohne ſich nur umzukleiden, ſogleich zum Könige. Freuen wir uns, daß er wieder zurück iſt— die Ent⸗ ſcheidung wird nun nicht mehr lange auf ſich warten laſſen, ich ſelbſt muß morgen ebenfalls wieder nach Bres⸗ lau und freue mich unendlich darauf, einen Mann wie⸗ 220 derzuſehen, dem wir ſo Vieles verdanken, und den ich von Grund meines Herzens verehre. Sie hatten während dieſes Geſpräches Schönberg wieder erreicht und fanden die Uebrigen, bis auf den al⸗ ten Baumann, verſammelt, mit dem Frühſtücke ihrer harrend. Die beiden Herren Bräutigame laſſen lange auf ſich warten und machen für dieſe Jahreszeit ungewöhnlich frühe Spaziergänge, bemerkte der Freiherr ſcherzend. Freunde, die ſich ſo lange nicht geſehen, erwiederte Venner, in der Abſicht, die doch einmal nothwendige Mittheilung ſo bald als möglich herbeizuführen, haben ſich mancherlei zu ſagen, Frohes und Trauriges— auch recht Trauriges und Schmerzliches, ſetzte er mit einem bedeutungsvollen Blicke auf Aennchen hinzu— das wird unſer Ausbleiben entſchuldigen. Aennchen blickte Rudolf angſtvoll an. Komm', Aennchen, ſagte dieſer, ihre Hand ergreifend, komm', ich habe dir Etwas mitzutheilen, ſei ſtark und gefaßt. Er führte ſie mit dieſen Worten aus dem Zimmer, und die Anweſenden blickten ihnen ſchweigend und be⸗ ſtürzt nach. Wollen Sie uns noch länger in dieſer Ungewißheit laſſen? fragte dann der Freiherr. Ihre Schweſter iſt todt, ſagte Venner mit ſichtbarer Anſtrengung; ſie iſt bei dem Rückzuge über die Bereſina umgekommen, und das Geſchick hat es ſo gefügt, daß Rudolf der Sterbenden den letzten Dienſt erwieſen. Alle ſchwiegen eine längere Zeit, Louiſens Blicke aber ruhten forſchend auf ihrem Bräutigam, als wollten ſie auf ſeinem blaſſen, traurigen Geſichte die Gedanken und Gefühle ſeines Innern leſen. Der alte Baumann wird dieſe Nachricht ſchwerlich überleben, bemerkte der Freiherr, und es möchte beſſer ſein, ſie ihm nicht mitzutheilen. So dachte ich auch, erwiederte Venner. Nach einer Stunde kehrten Rudolf und Anna zurück. Sie ſah ſehr verweint aus, und die mühſam bekämpften Thränen brachen von Neuem hervor, als Louiſe auf ſie zueilte und ſie innig bewegt in ihre Arme ſchloß. Man tröſtete ſie, ſo viel man ſelbſt dazu im Stande war; alle Einzelheiten von Celie's Tode wurden noch⸗ mals erzählt, und dadurch wie immer dem Strome der Schmerzen ſeine Tiefe und zerſtörende Gewalt geraubt; dann erörterte man die Frage, ob man dem Vater die Nachricht mittheilen oder vorenthalten ſolle. Allgemein entſchied man ſich für das Letztere, wenigſtens für ſo lange, bis ſich der bedenkliche Zuſtand des Kranken ge⸗ beſſert haben würde. Gegen Mittag brachte Aennchen Rudolf zu ihm, und auch die Anderen folgten, wie ſie gewöhnlich thaten, in das Krankenzimmer. Der alte Baumann lag im Bette; er war noch viel bleicher und abgemagerter als ſonſt, nur ſeine dunkeln, tiefliegenden Augen erſchienen größer und glänzender. Er ſtierte Rudolf mit ängſtlich fragenden Blicken an, die dann wieder unruhig von Einem zum Anderen flogen. Bringen Sie keine Nachricht von ihr? fragte er dann; keine? wiederholte er traurig, als Rudolf mit dem Kopfe ſchüttelte; es wird auch keine mehr von ihr kommen, denn ich weiß, daß ſie todt iſt— ja, todt— todt! Freuen Sie ſich nicht, daß Aennchen's Bräutigam zurückgekehrt iſt? fragte der Freiherr. Denken Sie doch auch ein wenig an Ihre andere Tochter. Ja, ja— ich freue mich recht— du wirſt glücklich werden, mein gutes Kind, ſprach er leiſe, während Aenn⸗ chen ſeine Hand küßte, aber ich— ich werde— ich werde mich dann recht darüber freuen, ſetzte er mit einem melancholiſchen Lächeln hinzu. Ich hoffe, daß Sie das thun werden, bemerkte der Freiherr; laſſen Sie dieſe frohe Vorſtellung nur recht viel Raum in Ihrer Seele gewinnen, denken Sie recht oft daran. Alſo immer keine Nachricht— kein Brief— kein Gruß— ja, ja, ich freue mich recht, ſagte der Kranke kaum hörbar in längeren Pauſen, indem ſeine Augen ſich wieder ſchloſſen und ein heiteres Lächeln ſeinen Mund umſchwebte,— wenn ich ſchlummere— dann, dann kommt ſie zu mir— dann ſpricht ſie mit mir, ſo wie damals— als ſie noch nicht fortgegangen war— ſo fröhlich— ſo heiter— ſo—— Er war unter dieſen lieblichen Bildern wieder ſanft eingeſchlummert, und an ſeinen eingefallenen und bleichen Lippen blieb jenes friedliche Lächeln haften, welches den Umſtehenden verkündete, daß die Seele das beglückende Spiel der Phantaſie auch im Schlafe des Körpers fort⸗ ſetze und dem Kranken Bilder und Zuſtände vorzaubere, welche mit den leiblichen Augen zu ſchauen ihm für im⸗ mer verſagt war. Leiſe entfernten ſich die Uebrigen, nur Aennchen und Rudolf blieben zurück, theilten ſich in die Pflege des Kranken während des Tages und genoſſen das kurze, ſchmerzliche Glück, welches die Liebe ihnen ſchenkte. Nur während des Mittags und ſpäter am Abende waren wieder gemeinſchaftlich Alle vereinigt, aber der Ernſt der Zeit geſtattete keine laute Fröhlichkeit, auch verkehrte ein Jeder für ſich mit ſeinen eigenen Schmer⸗ zen und Beſorgniſſen. Am Morgen des folgenden Tages nahmen Rudolf und Venner Abſchied. Beide verhießen eine baldige Wie⸗ derkehr, und man ſchied, ſich dieſer frohen Hoffnung hin⸗ gebend. Rudolf und Venner ritten noch eine Strecke mitein⸗ ander; als ſie auf dem Punkte angekommen waren, wo 6 Wege ſich trennten und der eine nach Weſten, der ——— Li andere nach Oſten führte, übergab Rudolf ſeinem Freunde ein Schreiben an den Major v. Lützow. Ich habe darin um eine Rittmeiſterſtelle in dem Frei⸗ corps gebeten, ſagte Rudolf; ſorge dafür, daß mir„t Andere zuvorkommen, damit wir zuſammenbleiben und gemeinſchaftlich Kampf und Sieg miteinander theilen. Du kommſt meiner Bitte zuvor, Freund, erwiederte Venner mit herzlichem Händedruck; kehre nur bald, recht bald zurück, wir werden dich mit offenen Armen em— pfangen. Venner begab ſich bei ſeiner Ankunft in Breslau ſo⸗ gleich zum Miniſter von Stein, welcher krank in dem kleinen Hinterſtübchen im Hofe des Gaſthauſes zum Scepter darniederlag. Seine Anweſenheit war bereits bekannt und ſogar vom Feldmarſchall Kalkreuth dem franzöſiſchen Geſandten St. Marſan mitgetheilt worden, welcher ſich zur genauen Beobachtung derjenigen Perſonen, die im Scepter aus- und eingingen, ein Zimmer in dem gegen⸗ überliegenden Hauſe miethete, aber ſich zuletzt für ge⸗ täuſcht hielt, da die wenigen Vertrauten des Miniſters nur im Abenddunkel kamen. Breslau nahm indeß immer mehr die Geſtalt eines großen Feldlagers an; es ſammelten ſich dort eine Maſſe Truppen, ſo wie die bedeutendſten Perſönlichkeiten, und bald war es auch kein Geheimniß mehr, daß zwiſchen dem Kaiſer von Rußland und dem Könige ein Schutz⸗ und Trutzbündniß abgeſchloſſen ſei. Die Zahl derjeni⸗ gen, welche ſich zum Kriegsdienſte meldeten, wuchs in ſolchem Maße, daß die Beſorgniß rege wurde, es werde die männliche Bevölkerung Preußens bis auf Kinder, G iſe und Krüppel zuletzt ganz unter den Fahnen ſtehen, und alle bürgerlichen Geſchäfte in Stockung gerathen. Es galt für eine Unehre, für eine Schande, zurückzublei⸗ ben; Männer, welche noch irgend befähigt waren, die Waffen zu tragen, und ſich nicht gemeldet hatten, wurden mit Hohn, Spott und Verachtung überhäuft und durf⸗ ten ſich nirgendwo ſehen laſſen. So heatte ſich z. B. das ganze Breslauer Regierungs⸗Kollegium zum Eintritt ge⸗ meldet und ſich dem Könige zur Dispoſition geſtellt, worauf ſich der Staatskanzler genöthigt ſah, durch eine öffentliche Bekanntmachung vom 2. März zu erklären: daß Se. Majeſtät dieſes Anerbieten zwar als ein treu gemeintes Opfer der reinſten Vaterlandsliebe nach ſeinem ganzen, hohen Werthe zu würdigen wiſſe, aber nicht zu⸗ laſſen dürfe, daß die innere Staatsverwaltung gerade im gegenwärtigen Augenblicke ſo weſentlich geſchmälert werde, und daher befehle, daß kein Offiziant ſich zu einem Jä⸗ gerdetachement begebe, ohne vorher die Erlaubniß ſeines Chefs nachgeſucht und erhalten zu haben; die Chefs ſeien übrigens angewieſen, die Anzahl der Beamten auf das äußerſte, geringſte Maß zu beſchränken. Wenn der zum Kriegsdienſt Entſchloſſene, heißt es weiter, ſich bei der Entſcheidung ſeines Chefs nicht be⸗ ruhigen will, ſo iſt mir, dem Staatskanzler, der Fall Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. III. 15 zur Entſcheidung vorzulegen. Dieſe Entſcheidung wurde aber maſſenweiſe nachgeſucht. In gleich großem Maße floſſen von allen Seiten die Beiträge, ſowohl an Geld als Unterſtützungen aller Art; es waren Einzelne, welche 5— 10,000 Thaler beiſteuer⸗ ten. Ueberall wurden Sammlungen veranſtaltet,— wer ſich nicht ſelbſt geben konnte, wollte wenigſtens ſo viel als irgend möglich auf dem Altare des Vaterlandes opfern. Dabei nahm die Spannung der Gemüther täglich immer gewaltiger zu. Die Ruſſen überſchritten die Gren⸗ zen Schleſiens und waren ſchon am 4. März, nachdem der Vicekönig von Italien Berlin in der Nacht vom 3. zum 4. geräumt hatte, daſelbſt unter großem Zulaufe und dem Jubel des Volkes eingerückt. Während dieſer kritiſchen Zeit lag der Miniſter von Stein gefährlich er⸗ rankt in ſeiner kleinen Dachſtube, aus welcher er, da ſich ein Nervenfieber ausgebildet hatte, nicht mehr ent⸗ fernt werden konnte. Er hatte ſich die Krankheit auf der Reiſe nach Breslau in einem polniſchen Wirthshauſe geholt, wo, ohne daß er es wußte, die Leiche eines am Typhus Geſtorbenen gelegen. Von allen Seiten wid⸗ mete man ihm die größte Sorgfalt, obgleich Hardenberg, mißtrauiſch und für ſein Anſehen beſorgt, die nähere Ver⸗ bindung mit Stein unterſagt hatte. Hufeland und Wie⸗ bel widmeten ihm deſſenungeachtet ihre ganze Theilnahme und verſchafften ihm Wundärzte und Wächter. Der Aus⸗ — 6 — ——* S 2 w———.—— bruch eines rothen Frieſels gab der Krankheit eine gün⸗ ſtige Wendung und machte ihn wieder befähigt, die rüh⸗ rendſten Beweiſe der Freude, die ihm von allen Seiten dargebracht wurden, in Empfang zu nehmen. Die Prin⸗ ſeſſin Wilhelm ſandte ihm täglich Krankenſpeiſe, die Prin⸗ zen Wilhelm und Auguſt, die Generäle Scharnhorſt und Blücher beſuchten ihn täglich, Merckel, Rehdiger und alle ſeine Freunde und Verehrer boten Alles auf, um ſeine Geneſung zu beſchleunigen. Die Nachricht ſeiner gefähr⸗ lichen Krankheit war durch einen Prag kreuzenden Cou⸗ rier ſeiner Frau mitgetheilt worden; ſie fuhr ſogleich mit ihren Töchtern Tag und Nacht durch und gelangte am Abende des zweiten Tages nach Breslau. In der Un⸗ gewißheit, ob ſie ihren ſo lange nicht geſehenen Gemahl noch lebend wiederfinden werde, eilte ſie zu Merckel, er⸗ fuhr von dieſem die troſtvolle Nachricht ſeiner Beſſerung und daß er befähigt ſei, ſie zu empfangen. Dieſes Wie⸗ derſehen der Seinigen, ſagt Pertz, dem wir dieſe Noti⸗ zen entlehnt haben, nach ſo vielen und großen Schick— ſalen beglückte und hob ihn. Seine Geneſung machte raſche Fortſchritte. Am 15. März gegen Abend kam der Kaiſer Alexan⸗ der in Breslau an. Eine unabſehbare Volksmaſſe war ihm entgegengezogen, die Glocken läuteten, die Kanonen donnerten, aus allen Fenſtern wehten Tücher und Fahnen, die Truppen paradirten, und man empfing ihn als den Retter Europa's. Der Kaiſer ſelbſt war vor der Stadt 15 228 zu Pferde geſtiegen und hielt, von einem glänzenden Stabe begleitet und von den preußiſchen Prinzen und der Generalität empfangen, ſeinen feierlichen Einzug. Die Stadt war Abends glänzend erleuchtet. Der Kaiſer begab ſich ſogleich am anderen Morgen zu Stein und begrüßte ihn, der ihn noch ſchwach und kaum zum Gehen befähigt in ſeinem Zimmer empfing, mit einer herzlichen Umarmung. Er blieb faſt zwei Stunden allein bei ihm und unterhielt ſich dann auf das Freundlichſte mit der Frau von Stein und ihren Kindern. Nun verdoppelte ſich auch die Theilnahme von allen denen, welche es bisher noch nicht für rathſam ge⸗ halten hatten, ſie zu beweiſen. Die Beſuche, namentlich ſolche, die verdienter Weiſe zurückgewieſen wurden, nah⸗ men kein Ende. Die Anweſenheit des Kaiſers, welche nur drei Tage währte und durch Feſtlichkeiten aller Art gefeiert wurde, brachte die lang' erſehnte, endliche Entſcheidung— ſie brach alle Brücken ab, welche nach rückwärts führten, gab die Loſung zum Siege oder zum Untergange, zum Kampfe für die verlorene Freiheit und Selbſtſtändigkeit, zum Kampfe: Mit Gott, für König und Vaterland! Am 16. März wurde dem franzöſiſchen Geſandten die Kriegserklärung Preußens zugeſandt, und am 17. erſchien der ewig denkwürdige Aufruf: An mein Volk! welcher mit den Worten ſchließt: — —— „Aber welche Opfer auch von den Einzelnen gefor⸗ dert werden mögen, ſie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir ſie hingeben, für die wir ſtreiten und ſiegen müſſen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutſche zu ſein. Es iſt der letzte entſcheidende Kampf, den wir beſtehen für unſere Exiſtenz, unſere Un⸗ abhängigkeit, unſeren Wohlſtand; keinen anderen Aus⸗ weg giebt es, als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch dieſem werdet ihr getroſt entgegengehen um der Ehre willen, weil ehrlos der Deutſche und der Preuße nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuverſicht vertrauen: Gott und unſer feſter Wille werden unſerer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen ſicheren, glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit.“ An demſelben Tage erſchien von gleichem Geiſte be⸗ ſeelt der Aufruf: An mein Kriegsheer! ſo wie die Stiftungsurkunde des Eiſernen Kreuzes, welche der König ganz aus eigener Bewegung und ohne ſich mit Jeman⸗ dem darüber zu berathen am Geburtstage der verewig⸗ ten Königin erlaſſen hatte,— an ihrem Geburtstage, der es nicht mehr vergönnt war, die Erhebung ihres Volkes zu ſehen, das ſie ſo ſehr geliebt, und für das ſie ſo viel gelitten hatte. In dieſer zwar gleichfalls am 17. März veröffentlichten, doch vom 10. März, dem Geburtstage der Königin, datirten Urkunde heißt es: „Daß die Standhaftigkeit, mit welcher das Volk die Seeene 230 unwiderſtehlichen Uebel einer eiſernen Zeit ertrug, nicht zum Kleinmuth herabſank, bewährt der hohe Muth, wel⸗ cher jetzt jede Bruſt belebt. Wir haben daher beſchloſ— ſen, das Verdienſt, welches in dem jetzt ausbrechenden Kriege erworben wird, beſonders auszuzeichnen, zugleich aber die Auszeichnung nach dieſem Kriege nicht wei⸗ ter zu verleihen. Die nur für dieſen Krieg zu verlei⸗ hende Auszeichnung des Verdienſtes um das Vaterland iſt: „Das Eiſerne Kreuz.“ Das eiſerne Kreuz, welches ſich Tauſende damals durch ruhmvolle Thaten und den kühnſten, aufopfernd⸗ ſten Muth erwarben— am Geburtstage der unvergeß⸗ lichen Königin in einer ſchweren und glorreichen Zeit ge⸗ ſtiftet, aber, treu ſeiner Beſtimmung, nach jenem großen Kriege nicht mehr verliehen— iſt jetzt faſt ſchon zum Erinnerungszeichen an Preußens größten und herrlichſten Kampf geworden; ein Erinnerungszeichen, das, wo wir es noch erblicken, ſtets mit Hochachtung und Dankbar— keit gegen den Träger erfüllen wird! An demſelben Tage ward auch Gneiſenau's und Scharnhorſt's ſo oft angefeindete und als chimäriſch be⸗ lächelte Idee verwirklicht und die Errichtung der Land⸗ wehr im ganzen Umfange des Staates befohlen und ihr der Wahlſpruch:„Mit Gott für König und Vater⸗ land“ gegeben, ein Wahlſpruch, den ſie durch die auf⸗ opferndſte Tapferkeit und Hingebung zu einem Wahr⸗ ſpruch erhoben hat. 231 Am 22. März wurde der Parolebefehl veröffentlicht, welcher das Verfahren des Generals von York beim Ab⸗ ſchluß der Konvention von Tauroggen billigte und York nicht nur in ſeinem bisherigen Kommando beſtätigte, ſondern ihm auch den Oberbefehl über die Truppen des Generals von Bülow übertrug. Derſelbe Tag brachte noch die Aufhebung der Kon— tinentalſperre und öffnete die geſchloſſenen Häfen der Oſt⸗ ſee wieder dem allgemeinen Verkehr; der folgende„den Aufruf des preußiſchen Kriegsheeres an die Deutſchen jenſeit der Elbe,“ welcher mit den Worten beginnt:„Der Tag des Heils iſt da, der Tag der Errettung, der Er⸗ löſung, der Auferſtehung. Sechs unglücksvolle Jahre ſind vorüber, eine lange, ſchreckliche Zeit des Elendes, der Schande, der Schmach und der Sünde,“ und zum Schluſſe ſagt:„Ihr ſeid ohne uns, wir ohne euch ver⸗ loren. Wir haben große Opfer gebracht, wir wollen die größten bringen. Es iſt nicht allein um uns, es iſt auch um euch! Stehen wir Alle für Einen, Einer für Alle, halten wir zuſammen in Noth und Tod, und weder Liſt noch Gewalt wird der guten Sache Etwas anhaben. Glück auf!“ Der Würfel war gefallen, die Bruſt eines Jeden hob ſich wieder frei, ſtolz und voll Begeiſterung. Schon am 23. März rückten ſämmtliche in Breslau ſtehende Trup⸗ pen in's Feld. Um neun Uhr Morgens marſchirten die Bataillone, an der Spitze eines jeden die Freiwilligen, 232 hinaus vor das Schweidnitzer Thor. Eine unabſehbare Menſchenmenge war nicht nur aus der Stadt, ſondern aus der ganzen Provinz herbeigeeilt, um den Abmarſch zu ſehen und den Ihrigen Lebewohl zu ſagen. Als die Bataillone verſammelt waren, wurde ein feierlicher Got⸗ tesdienſt gehalten; in begeiſterter, erhebender Rede weihte der Geiſtliche die Krieger ein zu ihrem hohen Berufe und ertheilte ihnen dann unter lautloſer Stille den Se— gen. Darauf marſchirten die Truppen unter dem feier⸗ lichen Geläute der Glocken und unter dem unaufhörli⸗ chen freudigen Zurufe der ganzen Bevölkerung wieder durch die Stadt, aus dem Nikolai-Thore ihrer weiteren Beſtimmung entgegen. Auch der Banquier Roſen war einer von den Zu⸗ ſchauern geweſen. Er hatte ſo viele Bekannte und Freunde unter den Abmarſchirenden, daß er es ſich nicht verſagen konnte, bei ihrem Scheiden zugegen zu ſein und ihnen ein letztes Lebewohl datzubringen.„Auf baldiges Wie⸗ derſehen!“ riefen ihm die Abziehenden zu,„Sie werden uns bald folgen! Sie werden nicht zurückbleiben, hätten mit uns ausrücken ſollen!“ Solche und ähnliche Abſchiedsworte wurden ihm zu⸗ gerufen; die Umſtehenden, meiſtens Frauen, Mädchen und halberwachſene Jungen hatten ſich dann ſpöttiſch nach ihm umgeſehen und vielfache, keineswegs ſchmeichelhafte Bemerkungen laut werden laſſen. Er ſchlich ſich ſtill und —— unbemerkt fort, innerlich mit einem Entſchluſſe kämpfend und ſichtlich gedrückt und verſtimmt. Sein Weg führte ihn durch eine Straße, wo ſich ein großes Auktionslokal befand, in und vor welchem ſich gleichfalls eine Maſſe von Menſchen verſammelt hatte. Ueber dem Eingange klebte ein Zettel mit den Worten: „Freiwillige Jägerſachen,“ nebſt einer Bekanntmachung, worin es hieß: daß die in großer Menge eingegangenen Silbergeräthe, Schmuckſachen, Medaillen u. ſ. w., als Beiträge für unbemittelte freiwillige Jäger, mit Aus⸗ nahme von 61 Trauringen, welche die Geber als ihre einzigen Werthſachen eingeſandt, und die vorläufig zurück⸗ behalten würden, zum Beſten der unbemittelten freiwil⸗ ligen Jäger verkauft werden ſollten. Alle dieſe Sachen, hieß es weiter, ſollen nicht umgeſchmolzen werden, ſie ſind mit unnennbarer Herzlichkeit gereicht und ſollen in den Händen der neuen Beſitzer als ſchöne Denkmäler bleiben an die Tage, an welchen Greiſe und Kinder, Frauen und Mädchen das Werthvollſte, was ſie beſaßen, auf dem Altare des Vaterlandes geopfert haben. Mehr bedarf es gewiß nicht, um dem Fonds für die freiwilligen Jä⸗ ger aus dieſen Sachen die möglich höchſte Einnahme zu verſchaffen. Roſen trat, von Neugierde getrieben, ebenfalls in das Lokal, konnte aber nur mit Mühe durch das dichte G⸗ dränge ſo weit gelangen, um einigermaßen den Gang der Verſteigerung zu beobachten. Man bot überall weit 234 über den Werth, und manche Kleinigkeit, der man es anſah, daß es die Liebesgabe einer dürftigen Geberin geweſen, wurde mit Leidenſchaft in die Höhe getrieben. Auch Roſen erſtand für einen hohen Preis ein kleines, unſcheinbares Medaillon, in welchem er beim Oeffnen einen Zettel mit den Worten fand:„Es iſt Alles, was ich habe.“ Er war ſehr nachdenkend und ſchwermüthig gewor⸗ den, als er ſeinen Weg fortſetzte, und hatte es ganz ver⸗ geſſen, daß heute ſeines kleinen Hugo Geburtstag ſei. Es iſt ſehr unrecht von dir, Bernhard, empfing ihn daher ſeine Frau, daß du gerade heute ſo früh ausgehſt und ſo lange bleibſt; Hugo wartet ſchon ſehr ungedul— dig, du wirſt ihm die ganze Freude verderben. Ich mußte ihnen doch wenigſtens Lebewohl ſagen— du weißt ja, daß ich ſonſt nicht ausgehe, wenn ich es irgend vermeiden kann, aber... Laſſe das jetzt, bat die junge Frau, komm', die Kin— der ſind ſchon ſehr ungeduldig. Sie führte ihren Gatten in das andere Zimmer, wo die reichen Geſchenke für ihren kleinen Liebling aufgeſtellt waren, dann wurden der heute drei Jahre alte Knabe und ſeine kleine Schweſter hereingerufen. Beide liebliche und ſchöne Kinder eilten jetzt voll Jubel und mit dem lauten Ausrufe der Freude dem Tiſche zu, auf dem die Geburtstagsgeſchenke paradirten. Das ſind Jäger! rief der Knabe, alles Uebrige —— 235 unbeachtet laſſend, indem er die aufgeſtellten Soldaten durcheinander warf; ſie gehen in den Krieg gegen die Franzoſen! Roſen ſah ſchweigend und nachdenkend vor ſich nie⸗ der— die Freude des Kindes machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf ihn. Roſe aber bückte ſich zu dem mit ſeinen Soldaten beſchäftigten Knaben nieder und flüſterte ihm leiſe Etwas zu; er ſchien nur ungern zu folgen, dann aber wandte er ſich um, trat zum Vater und ſagte, ſeine kleinen Händ⸗ chen faltend: Bitte, bitte, lieber Papa, geh' nicht von uns fort, geh' nicht in den Krieg, wir müſſen ſonſt ſehr weinen!— Nach dieſen Worten eilte er ſogleich wieder an den Tiſch, zeigte ſeiner Schweſter die Soldaten und wiederholte ihr: Es ſind Jäger, Mariechen, ſie gehen in den Krieg gegen die böſen Franzoſen! Du hörſt es, ſagte Roſen traurig, ſelbſt Hugo mahnt mich an das, was ich thun ſoll; deine ihm eingelernte Bitte kommt ihm gar nicht von Herzen. Kannſt du dich noch immer nicht von dieſen thörich— ten Gedanken losmachen, erwiederte die junge Frau, ihren Arm um ſeinen Hals ſchlingend, könnteſt du es wirklich über das Herz bringen, mich und die beiden Kinder zu verlaſſen? Ruft mich nicht eine höhere Pflicht? Darf, kann ich zurückbleiben, wo Alle gehen? Schon jetzt bin ich ein verfehmter Mann, den Hohn und Spott verfolgt, wo — — er ſich ſehen läßt. Ich kann nicht bleiben, ſelbſt wenn ich wollte. Schicke noch eine namhafte Summe hin, und du haſt Alles gethan, was man von dir mit Fug und Recht verlangen kann. Ach, was ſind meine Gaben gegen dieſe! ſagte Ro⸗ ſen, indem er das kleine Medaillon hervorzog und den darin liegenden Zettel ſeiner Frau zeigte; werde ich auch zu dem Gelde, mit dem ich mich abfinden will, ſchreiben können: Es iſt Alles, was ich habe? Gieb dich nicht ſolchen falſchen Gefühlsaufregungen hin, Bernhard, entgegnete Roſe, die Geberin dieſes Me⸗ daillons wird gewiß auch noch andere Dinge, wenn auch nicht von Gold, beſitzen und dieſe nicht fortgegeben ha⸗ ben. Schicke noch 5000 Thaler, und du haſt wirklich genug gethan. Wenn ich auch wollte, ich kann nicht zurückbleiben, bemerkte Roſen, welcher den Bitten ſeiner Frau gar nicht aus eigentlicher Ueberzeugung widerſprach, ich darf mich ja nirgendwo mehr ſehen laſſen. So laß uns verreiſen; dieſes Fieber wird vorüber⸗ gehen, und die Menſchen werden nach einiger Zeit wieder ruhig und vernünftig ſein. Ob du überhaupt dabei biſt oder nicht, das iſt doch ganz gleichgültig; von deiner Perſon wird der Ausgang dieſes Krieges gewiß nicht abhängig werden. Wenn ein Jeder ſo dächte, würden Alle zu Hauſe bleiben, aber— wohin ſollten wir auch reiſen? In ganz Preußen denkt man eben ſo, wie hier. Wir reiſen nach Wien zu meinen Eltern, dort kennt dich Niemand, dort iſt es auch ganz anders; wer weiß, ob Oeſterreich ſich überhaupt an dieſem ſehr gewagten Kriege betheiligen wird! Es wäre ſehr zu beklagen, wenn es nicht geſchähe— aber du haſt Recht, wir könnten mit den Kindern nach Wien reiſen und dort ſo lange bleiben, bis dieſer Sturm vorüber iſt. Komm, Hugo, rief die junge Frau voller Freude, endlich den ohnehin ſchwachen Widerſtand ihres Mannes beſeitigt zu haben; komm, laß jetzt deine dummen Jäger, küſſe deinen Papa! So, recht, recht viel! Er geht nicht in den Krieg, und wir reiſen alle zum Großpapa! Jwölftes Kapitel. Sonnenſchein. Im Gefolge des Kaiſers Alexander war Rudolf nach Breslau zurückgekehrt. Er hatte nebſt einem wohlver⸗ dienten Ordenskreuz ſeine ehrenvolle Entlaſſung aus dem ruſſiſchen Kriegödienſte erhalten und war von dem Major von Lützow mit großer Freude dem Freicorps als Ritt⸗ meiſter einverleibt worden. Nachdem er dieſe Angele⸗ genheit geordnet und erfahren, daß das Corps, welches 238 ſich in der Gegend am Zobten verſammelt hatte, in we⸗ nigen Tagen vollzählig ſein und dann abmarſchiren ſolle, ritt er hinaus nach Schönberg, um Anna Lebewohl zu ſagen. Die Dämmerung eines klaren und für die Jah⸗ reszeit beſonders warmen Tages ſenkte ſich hernieder, als er dort ankam. Der Freiherr empfing ihn in ſichtlich ernſter Stimmung und ſagte, als ſich Rudolf nach Anna erkundigte: Sie iſt noch auf dem Kirchhofe— denn wir haben vor einer Stunde ihren Vater zu Grabe getragen. Rudolf drückte ſchweigend dem Freiherrn die Hand und eilte fort. Er fand Aennchen vor dem friſchen, mit Blumen geſchmückten Grabe knieend. Sie war ſo in ihren Schmerz verſunken, daß ſie ſeine Annäherung nicht be⸗ merkte. Weine nicht, mein theures Aennchen, flüſterte er leiſe, indem er neben ihr niederkniete und ſie umſchlang— denke wenigſtens daran, daß du noch Jemanden beſitzeſt, der dich treu und von ganzer Seele liebt und dir Alles erſetzen will, was du verloren— den Vater und die Schweſter. Sie lehnte ſchweigend ihren Kopf an ſeine Bruſt, denn ſie vermochte nicht zu reden, aber der gewaltſam zurückgedrängte Schmerz löſte ſich in lindernde Thränen auf— ſie konnte wieder weinen, und das Bewußtſein, es an ſeinem Herzen zu können, goß lindernden Balſam in die brennenden Wunden ihrer Seele. 250 Wie iſt er geſtorben? fragte Rudolf dann, nachdem ſie längere Zeit ſo ſchweigend ſich umſchlungen gehalten — aber zuerſt erhebe dich, mein Aennchen, und laß uns für heute ſcheiden von hier, denn es iſt kühl geworden. Wie er geſtorben iſt? erwiederte ſie aufſtehend, ihn mit ihren feuchten, lieben Augen ſchmerzvoll anblickend— ruhig und heiter. Er iſt eingeſchlummert— um nicht wieder zu erwachen. Und hat er ihren Tod nicht vorher noch erfahren? Ich habe ihm Alles erzählt— ich ſah, wie ihn dieſe unaufhörliche Unruhe quälte, und konnte es ihm nicht länger verſchweigen.— Da wurde er wieder hei⸗ ter und ruhig— ſprach mit ihr in ſeinen Phantaſieen, als ob ſie zugegen wäre, und ſagte ihr, daß er nun bald für immer bei ihr ſein werde— Am Tage ſeines Todes war er ſehr liebevoll gegen mich— er ſegnete mich und, fügte ſie mit einem neuen Ausbruch ihrer Thränen hinzu, und dankte mir für all' die Liebe, wie er ſich ausdrückte, die ich ihm bewieſen.. Das haſt du auch treu und redlich gethan, mein liebes, gutes Aennchen, erwiederte er, das weinende Mädchen feſt an ſich drückend; ſei nicht ſo aufgeregt, mein theures Kind, deines Vaters Segen wird auf dir ruhen und deinen und meinen Wünſchen die Erfühung bringen. eie kehrten in das Herrenhaus zurück und brachten den Abend ſtill und im Genuſſe eines ſchmerzvollen 240 Glückes zu. Dem armen Aennchen ſtand ja ſchon wie⸗ der eine ſchwere Stunde, die Stunde des Abſchiedes von dem Geliebten, bevor. Ach, wie gern wäre Rudolf jetzt wenigſtens noch einige Tage geblieben! Aber die Pflicht rief— es war unmöglich. Wie Sie ſagen und wie auch Venner ſchreibt, be⸗ merkte der Freiherr im Laufe des Abends, ſoll über⸗ morgen die Lützow'ſche Freiſchaar in Rogau am Zobten eingeweiht werden und dann nach Sachſen abmarſchi⸗ ren. Venner bittet dringend, wir möchten dieſer Feier⸗ lichkeit beiwohnen, und ich habe meiner Louiſe dieſe Bitte nicht abſchlagen können; ſo wollen wir denn mor— gen gemeinſchaftlich nach Breslau fahren und zuſammen⸗ bleiben, bis Sie ihren Marſch antreten. Das war wieder ein Sonnenblick, ein unerwarteter, wenn auch nur kurzer Sonnenblick, und ein wehmüthi⸗ ges, faſt freudiges Lächeln verdrängte auf eine kurze Zeit den ſchmerzvollen Zug von Anna's Lippen. Am Morgen des 28. März ſtand die Lützowſche Freiſchaar, ſie beſtand damals aus 1000 Mann Infan⸗ terie und 300 Reitern, bei dem Dorfe Rogau am Zob⸗ ten aufmarſchirt, um nach gehaltenem Gottesdienſte in das Feld zu rücken. Die Angehörigen der Eingetrete⸗ nen, welche faſt ohne Ausnahme den höheren Ständen angehörten, waren gekommen, um dieſer Feierlichkeit bei⸗ zuwohnen und von den Ihrigen den letzten Abſchied zu nehmen. Venner hatte mit großer Freude unter ſeinen 241 neuen Kameraden einen alten Freund wieder begrüßt, den er vor Jahren in einer trüben Zeit im Rieſenge⸗ birge kennen gelernt hatte— den begeiſterten Sänger des Freiheitskrieges— Theodor Körner. Er war ſofort nach dem Aufrufe des Königs von Wien herübergeeilt. „Deutſchland ſteht auf,“ hatte er an ſeinen Vater geſchrie⸗ ben,„der preußiſche Adler erweckt durch ſeine kühnen Flü⸗ gelſchläge die große Hoffnung einer deutſchen Freiheit. Meine Kunſt ſeufzt nach ihrem Vaterlande— laß mich ihr würdiger Jünger ſein!“ Sein Gedicht„Aufruf“ be⸗ fand ſich in Aller Händen und hatte die ohnehin ſchon begeiſterte Stimmung noch mehr entflammt. Friſch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht, Du ſollſt den Stahl in Feindesherzen tauchen; Friſch auf, mein Volk!— Die Flammenzeichen rauchen, Die Saat iſt reif; ihr Schnitter, zaudert nicht! So hatte er geſungen, und wir wollen auch die Feier jenes Morgens mit ſeinen eigenen Worten wiedergeben. Die Krieger und mit ihnen diejenigen, welche ge⸗ kommen waren, um von ihnen Abſchied zu nehmen, er⸗ füllten die kleine Dorfkirche zu Rogau am Fuße des Zobten, und der ganze Platz um dieſelbe ſtand voller Menſchen. Man ſang zuerſt den von Körner zu dieſer Feier gedichteten Choral, welcher begann: Guſtav vom See, Vor fünſzig Jahren. III. 16 242 Wir treten hier im Gotteshaus Mit frommem Muth zuſammen. uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus, Und alle Herzen flammen. Denn was uns mahnt zu Sieg und Schlacht, Hat Gott ja ſelber angefacht. Dem Herrn allein die Ehre! „Nach Abfſingung des Liedes,“ ſchreibt Körner in einem Briefe an ſeinen Vater,„hielt der Prediger des Ortes, Peters, eine kräftige, allgemein ergreifende Rede. Kein Auge blieb trocken. Zuletzt ließ er uns den Eid ſchwören, für die Sache der Menſchheit, des Vaterlan⸗ des und der Religion weder Gut noch Blut zu ſchonen und freudig zum Siege oder zum Tode zu gehen. Wir ſchworen!— Darauf warf er ſich auf die Kniee und flehte Gott um Segen für ſeine Kämpfer an. Bei dem Allmächtigen, es war ein Augenblick, wo in jeder Bruſt die Todesweihe flammend zuckte, wo alle Herzen helden⸗ würdig ſchlugen. Der mit Würde vorgeſagte und von Allen nachgeſprochene Kriegeseid, auf die Schwerter der Offiziere geſchworen, und: Eine feſte Burg iſt unſer Gott, machte das Ende dieſer herrlichen Feierlichkeit“ Als der Gottesdienſt beendet war und die Schaar die kleine Kirche verlaſſen hatte, währte es eine geraume Zeit, bis es möglich wurde, ſie in Reihe und Glied auf⸗ zuſtellen. Weinende Eltern, Geſchwiſter und Bräute hingen in den Armen der jungen Krieger, immer noch . einmal, vielleicht für immer zum letzten Male, nach dem Glücke geizend, den geliebten Scheidenden an das Herz zu drücken. Dann riefen die tiefen Töne der Flügelhörner, die Trompeten ſchmetterten, die Reihen ordneten ſich, und unter dem lauten Schalle der kriegeriſchen Muſik, welche die letzten Grüße der Scheidenden übertönte— zogen ſie ab. Die naßgeweinten Tücher der Zurückbleibenden wehten ihnen nach, ſo lange, bis auch der Letzte dieſer heldenmüthigen Schaar, von denen ſo viele, und unter ihnen ihr begeiſterter Sänger ſelbſt, die geliebte Heimath niemals wiederſehen ſollten, hinter dem nahen Hügel verſchwunden war. Der Freiherr fuhr mit den beiden weinenden Mäd⸗ chen zurück; ſo groß aber auch ihr Schmerz war, ihre Stimmung blieb dennoch immer eine gehobene, denn ſie wußten es, daß es nicht anders ſein konnte, und die Hoffnung, dieſe ſtets bereite, tröſtende Gefährtin der lei⸗ denden Menſchen, zeigte ihnen die Zukunft im hellen, lachenden Sonnenſchein. Die preußiſche und die ruſſiſche Armee rückten nun gemeinſchaftlich nach Sachſen Napo⸗ leon entgegen, welcher mit einem neugeſchaffenen Heere wieder im Herzen von Deutſchland ſtand; nur die Land⸗ wehr konnte noch nicht kriegsdienſtfertig werden zur gro⸗ ßen Betrübniß des Freiherrn und zur Freude Louiſens und Anna's, die ſie aber nicht verlauten laſſen durften. Die Schlachten von Lützen und Bautzen wurden geſchla⸗ 16* 244 gen. Jedes Mal mußten die Verbündeten das Schlacht⸗ feld räumen, aber jedes Mal war der Verluſt auf bei⸗ den Seiten ein gleicher, obwohl Napoleon in Perſon kommandirte, und ſeine Armee derjenigen der Verbünde⸗ ten weit überlegen war. Der Rückzug der letzteren ging in völliger Ordnung, ohne irgend welchen Verluſt und ohne jede Entmuthi⸗ gung vor ſich; bei Hahnau wurde vielmehr noch ein glänzendes Reitergefecht geliefert— aber es war doch wieder ein Rückzug, und Oeſterreich zauderte immer noch, ſich für oder gegen zu erklären. Immer näher kamen die feindlichen Heere, und am 1. Juni rückten die Fran⸗ zoſen abermals in Breslau ein. Das preußiſch⸗ruſſiſche Heer ſtand ſüdlich bei Reichenbach, Strehlen und Ohlau. Es waren zwei große Schlachten verloren, und die Haupkarmee war nahe an 60 Meilen zurückgegangen, ſie ſtand ſchon wieder nur noch 12— 15 Meilen von der ruſſiſchen Grenze— aber der Muth und die Begierde, fortzukämpfen, war nicht im Mindeſten geſunken, im Gegentheil ſteigerte ſich die letztere immer mehr, und namentlich brannten die nunmehr wenigſtens mit dem Allernothdürftigſten verſehenen Landwehren vor Verlan⸗ gen, endlich an den Feind zu kommen. Da erfolgte der Abſchluß des Waffenſtillſtandes, wo⸗ durch auch Breslau für neutral erklärt ward. So ſehr ein Jeder einſah, daß die darin feſtgeſetzte Zeit von ſechs Wochen für die gänzliche Ansrüſtung der jetzt 150,000 Mann zählenden Landwehr und die Heranziehung noch einiger ruſſiſchen Heerestheile mit großem Vortheile ver⸗ wandt werden könne, ſo wurde doch die Nachricht von dem Abſchluſſe nur mit großer Mißſtimmung aufgenom— men, weil man die Beſorgniß hegte, die eingetretenen Unterhandlungen möchten ſchließlich doch zu einem Frie— den führen, der um keinen Preis jetzt geſchloſſen werden durfte. Napoleon, welcher den großen Fehler beging, ſich auf dieſen Waffenſtillſtand einzulaſſen, hatte und er⸗ reichte die Abſicht, ſeine Armee ſo zu verſtärken, um auch nöthigenfalls gegen Oeſterreich entſchieden auftreten zu können. Nochmals kehrten Rudolf und Venner zu den Ihri⸗ gen zurück. Sie hatten das Lützow'ſche Corps verlaſſen, welches die ganze Zeit im Rücken des Feindes agirt und, von dem geſchloſſenen Waffenſtillſtand nicht in Kenntniß geſetzt, bei Kitzen ziemlich zerſprengt worden war. Ru⸗ dolf hatte darauf ſeinen Freund vermocht, dieſes nur in kleineren Gefechten thätige Freicorps zu verlaſſen, da dieſe Art der Kriegführung ihm nicht zuſagte. Als ſie kurz vor Ablauf des Waffenſtillſtandes nach Breslau kamen, um von dort in ein zur ſchleſiſchen Armee gehö⸗ riges Regiment einzutreten, fanden ſie den Freiherrn ſo weit fertig, um mit ſeinem Landwehr⸗Regimente, deſſen Kommandeur er war, auszurücken. Es freut mich, daß Sie die Lützower verlaſſen haben, begrüßte er ſie; brave Truppe, aber ſolche Freicorps nützen wenig, geben nie den Ausſchlag, ſind auch wieder nicht dabei geweſen, obgleich ſie längſt fir und fertig waren, nicht bei Lützen, nicht bei Bautzen. Ich bin endlich ſo weit, um mit meinem Regimente ausrücken zu können, obgleich die Kerle noch nicht einmal alle Gewehre haben und die vorhandenen herzlich ſchlecht ſind; aber wir wer⸗ den uns ſchon andere holen. Rudolf und Venner traten gemeinſchaftlich in ein Linien-Regiment und flogen dann noch einmal hinüber nach Schönberg. Es war ein nochmaliger ganz uner⸗ warteter, aber kurzer Sonnenblick, dieſes Wiederſehen. Der Freiherr begrüßte ſie bei ihrer Rückkehr mit lau⸗ tem Jubel. Oeſterreich hat ſich entſchieden! rief er ihnen zu. Preußen und Oeſterreich, und mit uns auch wohl bald das ganze übrige Deutſchland, werden endlich ein⸗ mal einig und zuſammen gegen den gemeinſamen Feind in's Feld rücken— da kann der Erfolg nicht im Min⸗ deſten mehr zweifelhaft ſein! Wir hätten's wohl auch ſo gezwungen, ſetzte er mit Selbſtgefühl hinzu; aber nun wird die Geſchichte ganz gründlich abgemacht werden können. Die beiden jungen Kriegsgefährten wurden durch dieſe Mittheilung, welche man übrigens längſt mit Be⸗ ſtimmtheit erwartet hatte, wie durch die Nachricht eines erfochtenen Sieges erfreut und beeilten ſich, zu ihrem Regimente zurückzukehren, da nun Niemand mehr zwei⸗ 247 felte, daß der Waffenſtillſtand nicht wieder erneuert, es aber dann vorwärts gehen werde. Und es ging vorwärts! Blücher eröffnete den Rei⸗ gen an der Katzbach, faſt gleichzeitig erfolgten die Siege von Großbeeren und Kulm, dann bei Dennewitz. Na⸗ poleon, welcher ſeine Armee durch die alten Truppen aus Spanien verſtärkt hatte, mußte, jetzt dennoch be⸗ deutend in der Minderzahl, die Elblinie aufgeben und konzentrirte ſich bei Leipzig. Dorthin zogen nun von drei Seiten die verbündeten Heere, ihn mit eiſernen Ar⸗ men umſchließend. Am 14. Oktober erklärte Baiern an Frankreich den Krieg, und ſeine Armee rückte im Ver⸗ eine mit einem öſterreichiſchen Corps auf die franzöſiſche Rückzugslinie. Die blutigen Tage des 16., 18. und 19. Oktober zertrümmerten den gewaltigen Bau des ſtol⸗ zen Eroberers, brachen ſeine Macht und befreiten das ſo lange geknechtete und erniedrigte Deutſchland. Mit den Trümmern ſeines Heeres floh der Sieger ſo vieler Schlachten dem Rheine zu, brach ſich Bahn durch die ihm entgegengerückten Baiern und erreichte das linke Rheinufer. Verheerende Krankheiten folgten dem Zuge der geſchlagenen fliehenden Franzoſen und rafften auf der großen Heerſtraße bis Mainz über ein volles Drittel der Bevölkerung hinweg. Die Heere der Verbündeten rückten, neue Kräfte her⸗ anziehend, dem Rheine zu, und Stein, der von Napo⸗ ſeon geächtete Stein, erhielt die oberſte Leitung der über 248 alle eroberten Länder eingeſetzten Central-Verwaltung. Man hatte ſich ſeit faſt zwanzig Jahren daran gewöhnt, den Rhein als die natürliche Grenze Frankreichs zu be⸗ trachten, und es gab damals ſehr viele hochgeſtellte Per⸗ ſonen, welche es für bedenklich anſahen, dieſer Gewöh⸗ nung zu entſagen. Da erſchien Arndt's Schrift:„Der Rhein, Deutſchlands Strom, nicht Deutſchlands Grenze,“ welche zuerſt wieder der richtigen Anſicht allgemeine Gel⸗ tung verſchaffte. Die weiteren Unterhandlungen zerſchlugen ſich, und in der Neujahrsnacht 1814 betraten die verbündeten Heere das linke Rheinufer. Es liegt nicht in dem Be⸗ reich dieſes Romanes, die weiteren Ereigniſſs des Krie⸗ ges oder die Schickſale und Gefahren der drei Perſonen, welche uns ſo lange beſchäftigt, darin weiter zu verfol⸗ gen; ſie fochten in all' den vielen Schlachten und Ge⸗ fechten, welche die brave ſchleſiſche Armee unter dem Marſchall„Vorwärts“ kämpfte, und als nach der Er⸗ ſtürmung des Montmartre die Signale zur Ruhe der Waffen ertönten und die ſtolze Hauptſtadt des mächti⸗ gen Feindes beſiegt zu ihren Füßen lag, ſtanden ſie alle Drei unter Leichen und Verwundeten auf der erkämpf— ten Höhe und blickten mit dem erhebenden Gefühle des Sieges und der blutig errungenen, aber feſtbegründeten dauernden Freiheit des theuren fernen Vaterlandes auf das unabſehbare Häuſermeer hinab. Erſt nachdem die Schlachten bei Ligny und Belle⸗ Alliance geſchlagen waren, und der verheerende und zer⸗ ſtörende Ehrgeiz des großen Kaiſers in St. Helena ge⸗ feſſelt lag, kehrten ſie zur Heimath zurück. Wir wollen den Empfang der heimkehrenden Krieger, das Wieder⸗ ſehen des Freiherrn, Venner's und Erbach's mit Louiſe und Anna, welches ihre ſchönſten und kühnſten Hoffnun⸗ gen nicht nur verwirklichte, ſondern weit übertraf, wir wollen den Augenblick, in welchem die mit dem eiſernen Kreuze Geſchmückten den Reihen der jubelnden Menge enteilten, um ſich in die Umarmungen derer zu ſtürzen, die ſie ſo ſehr liebten, und von denen ſie ſo ſehr geliebt wurden, nicht weiter ſchildern und könnten mit der kur⸗ zen Nachricht, daß von Haller niemals mehr eine Kunde aus den weiten Schneegefilden Rußlands, wo wir ihn verlaſſen haben, herübergekommen iſt, ſomit dieſen Ro⸗ man ſchließen, glaubten wir nicht, unſeren freundlichen Leſerinnen, welche wir ſo oft genöthigt haben, langwei⸗ lige geſchichtliche und ſogar politiſche Erörterungen zu überſchlagen, noch die nachſtehende Schilderung zum Ende ſchuldig zu ſein. Es war am Morgen des 18. Oktober in demſelben Jahre 1815, nur ſechs Wochen nach der Rückkehr der Truppen, als das Herrenhaus zu Schönberg und mit ihm das ganze Dorf in feſtlichem Schmucke prangte. Die Dorfſtraße hatte ſich in eine grüne Tannenallee ver⸗ wandelt; das Herrenhaus ſo wie der Eingang zur Kirche waren mit Blumen⸗Guirlanden verziert, und die 3 250 ganze Bevölkerung hatte ſich im Sonntagsputze vor der Kirche verſammelt. Aus der Nachbarſchaft fuhren auf allen Straßen Wagen heran, und die Zahl der Gäſte, welche von nah und fern herbeieilten, wollte nicht enden. Sie wurden von dem General von Wallingen, dem Major von Erbach und dem Lieutenant von Venner be⸗ willkommt, welche, alle drei in der Uniform ihres Regi⸗ mentes, die herzlichen und freudigen Glückwünſche der Ankommenden empfingen. Es wurde heute die Doppel⸗ Hochzeit der beiden jungen Paare gefeiert, an deren Glücke ſich ein Jeder, der ſie kannte, ſo gern betheiligte. Das Geſicht des Freiherrn ſtrahlte vor Freude, Venner und Erbach machte das Uebermaß derſelben ſtiller, und nur ihre leuchtenden Blicke, die oft ſehnſuchtsvoll nach der Thür, aus welcher die beiden Bräute hervortreten ſollten, hinüberſchweiften, bekundeten, daß die Gefühle ihres Innern zu mächtig waren, um ſich durch Worte kundzugeben. Dann kamen ſie. Zuerſt Anna, welche mit dem Brautkranze in den goldenen Locken, obgleich um einige Jahre älter als Louiſe, mit ihrer zarten, elfenartigen Geſtalt faſt jünger ausſah, als jene, die ſich zur blü⸗ henden, vollen Schönheit entwickelt hatte. Die Glocken der kleinen Dorfkirche ſandten ihre hellen, freudigen Klänge durch die reine, ſonnenhelle Luft, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Zuerſt Rudolf mit Aennchen, ſie ging mit niedergeſchlagenen Augen, und ihre Hand —— — zitterte in der ſeinen; dann folgten Venner und Louiſe, welche, minder befangen als ihre Freundin, ihre freudi⸗ gen, ſtrahlenden Blicke zuweilen auf ihren Bräutigam, zuweilen auf ihren dicht folgenden Vater richtete. Den beiden Paaren folgte der ganze lange Zug der gelade⸗ nen Freunde und Verwandten, worunter auch Roſen mit ſeiner Frau und der Förſter Bertram mit mehreren ſeiner Jäger, welche aber gleichfalls heute die Uniform ihres Regimentes trugen, in welchem ſie den Krieg mit⸗ gemacht hatten. Der Geiſtliche hielt eine ergreifende Rede, worin er die Schickſale der beiden Paare ſchilderte, wie der liebe Gott ihre Hoffnungen erfüllt habe, vereint mit denen des ganzen Vaterlandes, dem ſie willig ihr eigenes Glück zum Opfer gebracht; dann ſegnete er ſie ein zum Bunde für das ganze Leben, zuerſt Rudolf und Anna, dann Venner und Louiſe. Sie knieeten noch lange vor dem Altare zu den Füßen des von eigener Rührung tief er⸗ griffenen Geiſtlichen— ehe ſie nach herzlichen und inni⸗ gen Umarmungen und Küſſen aller Anweſenden die kleine, dicht mit Menſchen gefüllte Kirche verlaſſen konnten. Draußen empfing ſie heller Jubel, und der Donner der Böller miſchte ſich in die nicht enden wollenden Lebe⸗ hochs. Nun biſt du mein, ganz mein! flüſterte Rudolf Anna zu; nun habe ich keine Braut mehr, die mich von dir 252 ruft— mein ganzes Leben, mein ganzes Daſein gehört fortan nur dir! Sie vermochte ihn nur mit den lieben, treuen Augen, in denen die Thränen der reinſten Freude glänzten, dank⸗ bar und voll unendlicher Liebe anzublicken, ohne zu ant⸗ worten. Das heiterſte, von den innerſten Gefühlen der Freude belebte Feſt ſchloß dieſen ſchönen Tag, und als die Nacht ſich herniederſenkte, flammte wieder, wie da⸗ mals zur Feier der Schlacht von Aspern, auf der nahen Höhe ein mächtiger Holzſtoß empor, der weiten Umge⸗ gend den Jahrestag der großen Völkerſchlacht und zu⸗ gleich das ſchönſte Feſt in dem Leben zweier ihrer Kämpfer verkündend. Erbach blieb im Militärdienſt, Venner aber trat wieder zu ſeiner alten Beſtimmung zurück. Der Frei⸗ herr erfreute ſich noch in einer Anzal von Jahren des Glückes ſeiner Kinder, wie er auch Anna immer nannte, und ſpielte noch mit ſeinen Enkeln, ehe er ſtarb. Erbach und Venner verließen ſpäter den Dienſt und wohnen jetzt als Nachbarn zuſammen, der letztere in Schönberg, der erſtere in der nächſten Nähe, obgleich Beider Güter ſeit einiger Zeit von ihren Söhnen be⸗ wirthſchaftet werden. Ihren Mittheilungen an manchem heiteren Winterabende beim lodernden Kaminfeuer ver⸗ danke ich allein den Stoff und die Einzelheiten dieſer wahrhaften Geſchichte. Als ich vor einigen Tagen wie⸗ der zum Beſuche dort war, wurde ich von der Frau ———— Geheimeräthin von Venner und der Frau Generalin von Erbach(Beide ein Paar ſehr ſtattliche Matronen, denen man die frühere Schönheit noch deutlich anſieht) mit gewohnter Lebendigkeit darüber zur Rede geſtellt, daß ich ihre Lebens- und Liebesgeſchichte ſo öffentlich ausgeplaudert hätte, da dies ſie bei ihren jetzt faſt er⸗ wachſenen Enkeltöchtern nothwendig in ein ſchiefes Licht bringen müſſe. Die beiden Veteranen aber, die dazu⸗ kamen, lachten darüber und meinten, die Feier ihrer ge⸗ meinſchaftlichen goldenen Hochzeit, welche ſie doch jeden⸗ falls in ſechs Jahren zu begehen hofften, würde dann eine um ſo allgemeinere Betheiligung finden. Dann fingen ſie, gerade wie ſonſt, wieder ihr unleidliches Ge⸗ ſpräch über Politik an, worüber ſie in vielen Beziehun⸗ gen noch immer ſehr verſchiedener Meinung ſind; darin ſtimmen ſie aber vollkommen überein, daß Preußen und Oeſterreich, überhaupt das ganze Deutſchland, jetzt immer einig und feſt wie Ein Mann, wie im Jahre 1813, zu⸗ ſammenſtehen werde, und daß es daher auch mit etwai⸗ gen freundnachbarlichen Kriegsgelüſten nicht viel zu ſagen habe. Möge ihre Ueberzeugung ſtets diejenige des gan⸗ zen deutſchen Volkes und ſeiner Fürſten ſein! Ende des dritten und letzten Theiles. „ Verlag von Ednard Trewendt in Preslan. Romane von Farl von Hpltei. Chritiun Tumntl. Ein Sthntider. Roman in 5 Bänden. Roman in 3 Bänd 8. broſchirt. Preis 6 Thlr. 8. broſchirt. Preis 3 ½ Min. Ausg⸗ broſch. 1 ½ Thlr. Min.⸗Ausg. broſchirt. 1½ Die Vagubunden. Roman in 4 Bänden. 8. broſch. Preis 4 ½ Thlr. Min.⸗Ausg. 3 Bde. broſch. 1 Wie verſchieden auch der Kunſtwerth in Holtei's Romanen von der Kritik ſchlagen worden iſt, darüber iſt nur eine Stimme, daß Naturwahrheit ihr eiger licher, großer Vorzug iſt. Richts iſt in ihnen um der Wirkung willen erfunden iſt friſche Hriginalität! Alles iſt erlebt und Alles voll Leben!— Holtei zeigt lebendigen Sinn für das echt Menſchliche, reiches Gemüth, glücklichen Humor. empfindet man ſtets, daß der Autor nicht nur mit Virtuoſität, ſondern mit ar ger Liebe geſchrieben hat, und das iſt es, was Holtei's Romanen ſo ſchnell i Gauen Deutſchlands Eingang verſchafft hat. Romanleſer, welche unterhalte wollen, ohne in Ekſtaſe oder Langeweile zu verfallen, werden kaum eine gee Lektüre finden, als Holtei's Romane. . Der Obernigker Bote. Geſammelte Aufſätze und Erzählungen in drei Bän von Rarl von Holtei. 8. 69 Bogen. Elegant broſchirt. Preis 3 ½ Thlr. 5 — Die Roſe erluht— Inhalt. Bd. I. Einleitung. De Herbſtabend. Baumfrevel.— Das Harfenmädchen.—„Der Vober kommt.“— Das Bil* ohne Gnade.— Der Jäger und die Eule.— Der heilige Abend.— Das Mö— chen vom Monde.— Der ewige Jude.— Die Krötenmühle.— Bella. 35 Bd. II. Blätter aus dem Tagebuche eines reiſenden Schauſpielers.— Ophel 3 der Student aus Wittenberg.(Bruchſtück aus den Papieren des verſ Schauſpielers Wieſenmeyer.)— Gedächtnißrede für Pius Alexander W* Karl Seydelmann.— Ernſt Raupach.— Karl Maria von Weber.— Die let Bd. III. Die drei Grafen.— Der Dohnenſtrich.— Die Sängerin.— D der Henker!— Die kleine Frau.— Das hölzerne Haus.— Die literar ſellſchaft. Mit einem Gloſſar von Dr. K. Weinhold. Dritte vermehrte Ausgabe. 18 Bogen. Miniatur⸗Format. Elegant gebunden mit Goldſchnitt. Preis 1 ½ Thlr 2 6 Volksausgabe(ohne das Gloſſar) broſchirt. Preis 77 Sgr. 3 Wer Schleſien und die Schleſier kennen lernen will, greife zu Holtei's Gedichten. rollig, witzig, treuherzig, empfindungsvoll, ſpiegeln ſie die ganze provinzielle Eigen⸗ thümlichkeit Schleſiens, das ganze Behagen der ſprichwörtlich gewordenen Gemüthlich⸗ keit ihrer Bewohner wieder. Sie ſind— und das iſt ihr größter und dauernder Vor⸗ jug— nicht blos in Form und Buchſtaben, ſondern nach ihrem innerſten Weſen ſchreſiſch, ſchleſiſch empfunden und gedacht. Das dieſer dritten Auflage beigefügte Gloſſar von Prof. K. Weinhold wird auch dem Nichtſchleſier das Verſtändniß der⸗ ſenen ſehr erleichtetn. 5 Geiſtiges und Gemüthliches * aus 5 Jeun Puul's Merhen. In Reime gebracht von Rarl von Holtei. ormt In illuſtrirten Umſchlag geb. Preis 27 Sgr. Eine warme, dankbare Begeiſterung für Jean Paul und ein inniges Verſtändniß ſeines Humors veranlaßten den rührigen Holtei, dieſe verſifizirte Anthologie von Sil⸗ berblicken aus Jean Paul's Werken herauszugeben, welche er Friedrich Rückert gewidmet hat. Wir können es dem wackern Holtei nur danken, daß er durch ſein hübſches Buch wieder einmal an den Geiſtesheroen Jean Paul erinnert, welchen mit Geringſchätzung ju behandeln heutzutage zum guten Ton zu gehören ſcheint— obſchon er meiſt nur von Leuten abgehudelt wird, die ihn nicht aus ſeinen Werken, ſondern blos aus irgend einem beliebigen Kompendium der Literaturgeſchichte kennen. Wem aber Jean Paul's Werke ein Vorn ſind, aus welchem er ſich zuweilen nach vollbrachtem Tage⸗ 3 verke recht erquickt und labt mit dem zuverſichtlichen Gefühle, dadurch an geiſtiger Friſche und Geſundheit zu gewinnen, der wird mit uns Herrn von Holtei dankbar die Hand drücken und ſein gehaltvolles, hübſches Buch, das auch in ſeiner äußeren Ge⸗ ſtalt ein Bijon genannt werden kann, mit Freuden genicßen und mit Eifer weiter . mpfehlen. Erheiterungen. —