— „ 3 5 2 32.— 3 5 8* 8 2 ——— 2— 5 vor fünßzig Jahren. Zweiter Zand. Literarilche Anzeige. In demſelben Verlage ſind ferner erſchienen: Armand, Bis in die Wildniß. Reiſe⸗Roman. 4 Bände. 8. 5 Thlr. Armand, Alte und neut Heimath. 8...... n Armand, Srenen ans den tift der und Ame- rikantr. 8. Bernhard, Auzuſte, cin nn F 8 Lunash Ida von, Eſther. Novellen⸗Roman in 2 Bän⸗ 2 ½ Thlr. Freiberr, Cutzuſpiegei we Lebenslildtr aus 4 Uen- zeit. 2 Bände. 8. Thlr. Holtei, Karl von, Die hizu nntn. Oktav⸗ 4 Bände. Holtei, Karl von, pie vnne. inn Volks⸗Ausgabe. 3 Bände. 16.. Holtei, Karl von, Cyriſtan euntu Roman. Oktav⸗Aus⸗ gabe. 5 Bände 6 Thlr. Holtei, Karl von, hin Sſ jonn. Volks⸗Aus⸗ gabe. 5 Bände. 16. Holtei, Karl von, Ein Sune Oktav⸗ 3 Bände.. Holtei, Karl von, cin Suwe Rnn. Volks⸗Ausgabe. 3 Bände. 16.. 1 Thlr. Holtei, Karl von, per gteruigier Bott. tunnt Aufſätze und Erzählungen. 3 Bände. 8. 3 Holtei, Karl von, vierzig Jahre. 8 Vände. S 13 Thlr. Holtei, Karl von, Bilder ans dem häuslichen Leben.* Bn r Novellen⸗Album für Bojanowo. Herausgegeben v. Gott⸗ chall, Pulvermacher und E. Trewendt. 8. 1 ½ Thlr. Oppermann, Andreas, Aus dem Bregenzer Wald. 8. ½ Thlr. Pohl, A., Humoriſtiſche Erzählungen und Skizzen. 8. ℳ Thlr. Roquette, Otto, hrinrich Falk. Roman. 3 Bände. 8. 5 Thlr. Roſen, Ludwig, Werner Thormann. Roman. 3 r. Schlönbach, Arnold, e ie aus Wirk⸗ lichkeit. 2 Bände. 8. ———————— Vor küntzig Jahren. Roman in drei Bänden von Guſtav vom See. (G. von Struenſer.) 3weiter Band. * Preslan, Verlag von Eduard Trewendt., 1859. „————. S. ¹—— — „ Erſtes Rapitel. Raubvögel. Der Friede zu Tilſit beendete Preußens unglücklichen Krieg, aber er war dennoch erſt der Anfang jener trau⸗ rigen Zeit, welche, voll Noth und Elend, voll Kummer und Sorge, die Bewohner dieſes Landes bis an den äußerſten Rand des Verderbens brachte, die Quellen ihres Wohlſtandes auf lange Zeit verſiegen machte, zuerſt Gleich— giltigkeit und Stumpfſinn, dann aber auch jenen unwi— derſtehlichen Trieb nach Vergeltung, jenes Gefühl der Rache erzeugte, welche das ganze Volk endlich in die Waffen jagten und es Gut und Blut, Tod und Leben an die Wiedererlangung der Freiheit und der Unabhän⸗ gigkeit ſetzen ließen. Napoleon ſchien die Vernichtung Preußens, deſſen König und Königin er perſönlich haßte, weil ſie ſich nicht gleich den übrigen beſiegten und geknechteten Fürſten vor Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. M. 1 2 ſer Alexander verſchoben zu haben. Die Ausführung des Friedens ward durch einen be⸗ ſonderen Vertrag an Bedingungen geknüpft, deren Er⸗ füllung für Preußen zur abſoluten Unmöglichkeit wurde. Das von den Franzoſen ausgeſogene und verwüſtete n um die Hälfte ſeines Flächeninhalts verkleinerte Preußen, das fortwährend von den feindlichen Heeren beſetzt blieb, und deſſen Einkünfte zum großen Theile in deren Kaſſen floſſen, ſollte 154 Millionen Franken Kriegsſteuer zahlen, und zwar ein Drittel ſofort, ein Drittel durch Promeſſen und ein Drittel durch den Verkauf von Domainen. Bis dies erfüllt ſein würde, ſollten fünf der größten Feſtun— gen im Beſitze der Franzoſen bleiben und 40,000 Mann, worunter 10,000 Mann Kavallerie, von dem üi bekleidet, bewaffnet und ernährt werden. Die Lage war rathlos, und es ſchien unzweifelhaft daß dieſes Unmögliche von den Franzoſen nur deshall ſo rückſichtslos gefordert werde, um Preußen gänzlich zu erſchöpfen und es dann aus der Reihe der ſelbſtſtändiger Staaten eben ſo verſchwinden zu laſſen, wie dies mit Heſſen, Hannover, Braunſchweig und vielen anderer deutſchen Ländern bereits geſchehen war. Stein war dem Rufe des Königs gefolgt und, alles Geſchehene vergeſſend noch in der Reconvalescenz von Naſſau nach Memel ge— eilt. Er hatte das Steuer des dem Sinken nahen Staats⸗ ſchiffes mit kräftiger Hand ergrifſfen. Er genoß jetzt wie⸗ ihm gedemüthigt hatten, nur aus Rückſicht vor dem Kai⸗ 6. 3 der das volle Vertrauen des Königs.„Ich beſchwöre Sie“, hatte die ſich in dieſen traurigen Zeiten aufopfernde Königin an ihn geſchrieben, als nach der erſten Unter⸗ redung ein neues Zerwürfniß ſich des Rücktrittes Beyme's wegen zuſammenzuziehen drohte,„ich beſchwöre Sie, ha⸗ ben Sie nur Geduld mit den erſten Monaten. Der König hält gewiß Wort, Beyme kommt weg, aber erſt in Berlin. So lange geben Sie nach. Daß um Gottes willen das Gute nicht um drei Monate Geduld und Zeit über den Haufen falle! Ich beſchwöre Sie um König, Vaterland, meiner Kinder, meiner ſelbſt willen darum. Geduld!“— Stein fügte ſich und übernahm die Unterhandlungen mit Daru, welcher ganz nach den Abſichten ſeines Herrn und Meiſters mit dem Uebermuthe und mit der alles Recht verhöhnenden Gewalt eines römiſchen Proconſuls in Berlin wirthſchaftete. An ihn hatte Napoleon jede weitere Unterhandlung verwieſen und ſelbſt die Opfer⸗ willigkeit des mit eigenhändigen Schreiben von dem Kö⸗ nige und der Königin nach Paris geſandten Prinzen Wilhelm, welcher ſich und ſeine Familie für die rückſtän⸗ dige Kriegsſteuer als Geißel anbot, wenn die franzö⸗ ſiſchen Truppen das Land räumen würden— kalt und kurz zurückgewieſen. Daru aber legte der Abwicklung des Geſchäftes jedes nur erdenkliche Hinderniß in den Weg und rechnete im Oktober 1807, drei Monate nach dem Abſchluß des Frie⸗ —— X 4 dens, einen Rückſtand von 58 Millionen Kriegsſteuern und 62 Millionen den Franzoſen außerdem zuſtehender Landeseinkünfte, zuſammen alſo 120 Millionen Franken, heraus, welche vorläufig außer den noch in Reſt blei⸗ benden 100 Millionen ſofort bezahlt werden ſollten. „Ich werde dieſe Summe verdoppeln, wenn man ſie nicht annimmt; es handelt ſich hier nicht um eine Rech⸗ nung der Arithmetik, ſondern der Politik!“ war ſeine letzte Erwiederung gegen die preußiſchen Unterhändler ge— weſen. Stein übernahm ſelbſt die Verhandlungen mit Daru, und obgleich die Berliner denſelben von Anfang an einen ſchlechten Erfolg prognoſtizirten, weil ſie Pierre Daru gegen Stein, Stein gegen Stein, für gegenſeitig zu vhart und ſpröde anſahen, ſo ließ doch Stein, um des Vaterlandes Wohles willen, jede perſönliche Rückſicht ſchwinden, ertrug den Uebermuth und die maßloſeſte Eitel⸗ keit des Gegners mit Ruhe, ſelbſt mit ſcheinbarer Unter⸗ werfung, und ſo kam es ſchon nach wenigen Wochen zu einer Uebereinkunft, in welcher Daru die angebotenen Wechſel und Promeſſen für annehmbar erklärte. Stein beeilte ſich, dieſen Vertrag Napoleon zur Beſtätigung vorlegen zu laſſen; denn die erſte und Hauptbedingung jedes möglichen Schrittes zum Beſſerwerden war vor Allem die Entfernung der franzöſiſchen Truppen, welche 150,000 Mann ſtark im Lande ſtanden, unendliche Sum— men koſteten, mehr noch durch maßloſe Requiſitionen ver⸗ geudeten und das Aufgehen jedes, auch des kleinſten Kei⸗ mes zum Wiedererſtehen des Zerſtörten verhinderten. In Napoleon's Abſicht lag es aber keineswegs, das Ausſaugungsſyſtem, welches er über Preußen verhängt hatte, ſo bald aufzugeben; er verzögerte daher jede Ant⸗ wort bis zum Auguſt des folgenden Jahres, wo ihn die politiſchen Verhältniſſe in Spanien zu anderen Maß⸗ nahmen beſtimmten. Es wird daher keiner Schilderung bedürfen, in wel⸗ chem Zuſtande ſich das preußiſche Land befand. Die Aufbringung einer faſt unerſchwinglichen Kontribution, die Unterhaltung von 150,000 Mann feindlicher Trup⸗ pen nach den Schrecken und Verheerungen eines unglück⸗ lichen Krieges, die Werthloſigkeit des Papiergeldes und der Scheidemünzen, von denen die Franzoſen mehrere⸗ Millionen falſche hatten ſchlagen laſſen, das durch maß⸗ loſe Requiſitionen überall weggenommene Vieh und die deshalb unbebaut gebliebenen Felder, zerſtörte Wirth⸗ ſchaftsgebäude,— Alles dies erzeugte einen Zuſtand voll⸗ ſtändiger Troſtloſigkeit, und es gehörte ein ſehr ſtarker Geiſt dazu, um in der tiefen Dunkelheit dieſer Nacht noch einen Stern der Hoffnung leuchten zu ſehen. Die Erpreſ⸗ ſungen, welche allein durch Daru's Hand gegangen, be⸗ trugen nach deſſen Ligener Angabe 513 Millionen Fran⸗ ken, und Schleſien koſtete dieſer Krieg bis zum Abzug der Franzoſen weit über das Doppelte des ganzen ſie⸗ benjährigen! „ 6 Wir führen den Leſer in der Mitte des Oktober jenes unglücklichen Jahres zurück nach Schönberg auf das Gut des Freiherrn von Wallingen. Wie hatte ein einziger Sommer dieſen freundlichen Landſitz verändert! Der kalte, mit Regen vermiſchte Herbſtwind fuhr ungehindert durch die halbzerſtörten, leer ſtehenden Wirthſchaftsgebäude. In keinem einzigen Stalle befand ſich ein Stück Vieh. Die bedeutende, mit ſo vielem Fleiße veredelte Schafheerde, das ſorgfältig gezogene Rindvieh, die ſchönen Pferde— Alles verſchwunden. Die Scheunen, aus denen ſonſt in dieſer Jahreszeit der muntere Schall des Dreſchers takt⸗ gemäß ertönte, ſtanden leer und öde, keine Garbe war darin aufgebanſt, die Thore waren ausgeriſſen und als Feuerungsmaterial verbraucht, von allem lebenden Vieh war Nichts übrig geblieben, als ein alter, halbverhun⸗ gerter Hofhund und ein ſchwarzer Hahn, welcher jeden⸗ falls auf eine unerklärliche Weiſe dem Geſchicke ſeiner übrigen Hofesgenoſſen entgangen war. Die Felder ſtanden wüſt und unbebaut— womit und von wem ſollte die Beſtellung vorgenommen wer⸗ den? Das zierliche und mit faſt übertriebener Sorgfalt erhaltene Wohnhaus(denn der Freiherr legte darauf und auf ſeinen Blumengarten einen beſonderen Werth) ſah einer wüſten, halb zerſtörten Schenke ähnlich; die Möbel waren zerbrochen und beſchmutzt, die Wände durch den rückſichtsloſeſten Gebrauch oder durch muthwillige Zerſtö⸗ rung verunreinigt— kurz, das Ganze glich nur zu ſehr dem verlaſſenen Aufenthalte einer wilden und rohen Sol⸗ dateska. Die nach Schönberg detachirt geweſenen beiden Kompagnieen baieriſcher Infanterie hatten dieſen Ort erſt vor wenigen Tagen verlaſſen und während ihres faſt halbjährigen Aufenthaltes ganz mit jener zügelloſen und abſichtsvollen Zerſtörungswuth daſelbſt gehauſt, welche leider die deutſchen Truppen des damaligen franzöſiſchen Heeres vorzugsweiſe kennzeichnete und für immer als ein dunkler Flecken in der Geſchichte ihrer Kriegsthaten auf ihnen haften wird. Der Freiherr ging mit langſamen Schritten ſchwei⸗ gend in ſeinem Wohnzimmer auf und ab, während der Inſpektor, ebenfalls ſtumm, an der Thür ſtand und der Weiſungen ſeines Herrn harrte. Wir müſſen durchaus noch einiges Land mit Roggen beſtellen, ſagte endlich der Freiherr, und ſollten wir ihn auch nur in die Brache ſäen und mit Menſchen untereggen laſſen. Bis zum Frühjahr werde ich Mittel ſchaffen, und wir können es dann mit der Sommerung nachholen. Wird das mög⸗ lich ſein? Die Schüttböden ſind gänzlich leer, erwiederte der In⸗ ſpektor mit einem tiefen Seufzer; wir haben nicht ein Korn zur Saat— kein einziges Geſpann— kein Vieh, kein Futter. Menſchen würden ſich finden, wir könnten viel⸗ leicht mit ihnen ſogar pflügen, obgleich es ſchon ſehr ſpät im Jahre iſt— aber es fehlt vor Allem das Saatgetreide. Hier, ſagte der Freiherr, indem er ſeinen Sekretär 8 aufſchloß, hier ſind 50 Thaler, mehr kann ich nicht ent⸗ behren— kaufen Sie Roggen, und dann beſtellen Sie mit Menſchen, ſo gut es geht— es wird immer beſſer ſein, als gar nicht. Ich will morgen nach Breslau— wir werden dann weiter ſehen.— Sorgen Sie nur für den Hahn und den alten Nero, damit mir wenigſtens der letzte Stamm meines Viehſtandes nicht verloren geht, ſetzte er mit einem bitteren Lächeln hinzu. Der Inſpektor entfernte ſich ſchweigend. Der Frei⸗ herr aber ſetzte gedankenvoll ſeine Wanderungen fort, bis er durch die freundliche Stimme ſeiner Tochter unter⸗ brochen wurde, welche, einen Topf in der Hand und mehrere Bogen Papier unter dem Arme, lächelnd in das Zimmer trat. Es iſt kein Glaſer zu haben, lieber Papa, ſagte ſie, indem ſie die Geräthſchaften auf den Tiſch ſtellte, wenig⸗ ſtens keiner, welcher Glas hat, in der ganzen Umgegend nicht. Ich werde die zerbrochenen Scheiben daher vor⸗ läufig zukleben, denn du frierſt mir ſonſt, Papachen; wir müſſen uns behelfen, ſo gut es geht. Uebermorgen will ein Glaſer kommen. Der Freiherr erwiederte Nichts, ſondern ſah nur mit einem wehmüthigen Lächeln der Beſchäftigung ſeines Kin⸗ des zu, welches raſch und gewandt die fehlenden Scheiben durch Papier ergänzte. So, ſagte ſie dann, ſiehſt du, man bemerkt es kaum, und die kalte Luft kann nicht mehr, mir Nichts, dir Nichts, — —— 9 hier zu dir hereinziehen— ſieh' mir nicht ſo verdrießlich aus, lieber Papa! freuen wir uns, daß die Soldaten fort ſind und wir nicht mehr gezwungen werden, das wider⸗ liche Geſicht des dicken, rothen Kapitäns zu ſehen. Von jetzt an wird es wieder beſſer werden— du haſt ja ſelbſt immer geſagt: wenn nur dieſe Menſchen erſt fort ſind! Nun ſind ſie fort, alſo ſei heiter und voll Hoffnung— das iſt die Hauptſache. Du biſt ein gutes, liebes Kind, ſagte der Freiherr, indem er ſeine Tochter in die Arme ſchloß und ſie auf die Stirn küßte— aber unſer Zuſtand iſt ſo troſtlos, daß ich nicht weiß, wie es jemals wieder anders werden kann! Nun es kann wenigſtens nicht ſchlechter werden, ſetzte er hinzu, und das iſt immer auch Etwas werth. Da kommt Beſuch, rief die Tochter, indem ſie durch das Fenſter blickte,— ein einſpänniger Plauwagen. Wer kann das ſein? bemerkte der Freiherr, aufmerk⸗ ſam den langſam ſich nähernden Wagen betrachtend. Es iſt der Herr Rentier Süßmacher! Was mag der hier wollen? Vielleicht nachſehen, ob ſeine Hypothek noch ſicher ſteht! Nun, die Felder kann Niemand wegtragen, aber ſie werden ihm weniger gefallen als ſonſt. Bald trat der Genannte in das Zimmer. Ein klei⸗ ner, glatter, etwas korpulenter Mann, deſſen hervorſte⸗ hende Naſe und nahe zuſammenliegende kleine Augen ſeine jüdiſche Abſtammung unverhohlen kundgaben. Mein Gott, Herr Baron, wie ſieht es bei Ihnen 10 aus! rief er mit einem ſeinem ſonſtigen demüthigen Ge⸗ haben nicht eigenen Tone; es ſieht aus wie in einem Feldlager, nicht wie auf einem freiherrlichen Ritterſitz. Wozu derartige Bemerkungen? erwiederte der Frei⸗ herr, den das ungenirte Weſen des Angekommenen ver⸗ droß; ich glaube, Sie können Ihre Verwunderung ſpa⸗ ren, da die Urſachen dieſer für mich traurigen Verände⸗ rung Jedermann hinlänglich bekannt ſind. Sagen der Herr Baron immer: dieſer für uns trau⸗ rigen Veränderung; es geht mich vielleicht mehr an, als den Herrn Baron. Wie ſo? Was wollen Sie damit ſagen? Meinen Sie Ihre Hypothek? Sie wiſſen recht gut, daß Ihre 20,000 Thlr. ſo ſicher auf dem Gute ſtehen, wie in Abra⸗ ham's Schvoß, und haben die Zinſen ſtets pünktlich er⸗ halten— was auch ferner geſchehen wird, fügte er lau⸗ ter hinzu. Will's glauben, daß der Herr Baron die Zinſen auch künftig pünktlich bezahlen werden, obgleich ich nicht ein⸗ ſehe, wie es möglich ſein wird, aber.. Aber? unterbrach ihn der Freiherr. Behalten Sie Ihre„Abers“ ſo lange für ſich, bis es an der Zeit ſein wird, ſie zu äußern, und bekümmern Sie ſich vorläufig nicht um meine Angelegenheiten, die Sie Nichts angehen! Nichts angehen? Wie wäre mir das? Warum ſoll mich Nichts angehen, wenn ich die Sicherheit verliere für mein Geld? Ein Gut, das nicht beſtellt werden ————— — — 11 kann, wo kein einziges Stück Vieh mehr iſt, kann Nichts bringen, hat keinen Werth mehr. Warten Sie das ab, Herr Süßmacher, ſagte der Freiherr, ſichtlich bemüht, ſeinen Zorn zu unterdrücken; es iſt das Alles meine Sache, und ich werde Rath ſchaffen. Was nützt mir Rath ſchaffen, wenn mein Geld ver⸗ loren gegangen iſt! Rath ſchaffen, kann Jeder ſagen; ich will mein Geld haben, Herr Baron! Ihr Geld haben? erwiederte der Freiherr, ohne ein ſichtliches Erſchrecken nicht verbergen zu können; die Zin⸗ ſen ſind ja erſt zu Neujahr fällig, Herr Süßmacher, und ſollen dann pünktlich entrichtet werden. Was thue ich mit den Zinſen, Herr Baron, wenn mir das Kapital verloren geht! Ich bin ſelbſt in einer ſchrecklichen Klemme, Niemand bezahlt mehr, alles baare Geld verſchwunden, die Treſorſcheine— wer nimmt ſie? immer neue Steuern, neue Auflagen! Schlechte, miſerabel ſchlechte Zeiten, Herr Baron, man muß ſein Weniges zuſammenhalten! Ich dächte, Sie hätten doch ſehr vortheilhafte Liefe⸗ rungsgeſchäfte mit den Franzoſen gemacht, Herr Süß⸗ macher, und machten ſie noch alle Tage. Alle Tage? Ich wollt, es wäre wahr, aber es iſt nichts Wahres daran, Herr Baron, lauter Lügen. Es geht ſchlecht, ſehr ſchlecht; Sie werden's mir daher nicht verdenken, daß ich Ihnen das Kapital kündige. Den Freiherrn traf dieſe jetzt unumwunden ausge⸗ ſprochene Erklärung, obgleich er ſie vorausgeſehen hatte, wie ein Blitzſchlag; er fühlte, daß er ein vollſtändig ruinirter Mann ſei, wenn ſein Gläubiger darauf beharre. Er überlegte daher eine Zeit lang, ehe er Etwas ent⸗ gegnete, und kam zu dem für ihn troſtvollen Schlufſe, daß es nur darauf abgeſehen ſei, höhere Zinſen zu er⸗ preſſen. Laſſen Sie uns die Zeit nicht mit unnöthigen Wei⸗ terungen hinbringen, ſagte er daher; Sie wiſſen recht gut, daß in der jetzigen Zeit die Güter keinen Werth haben; der Adel iſt überall im ganzen Lande ruinirt und kann daher nicht kaufen. Wenn Sie Schönberg zur Subhaſtation brächten, ſo wäre es nicht unmöglich, daß Sie ſelbſt an Ihrem Kapitale einen Ausfall erlitten. Sie wollen höhere Zinſen— ſo ſchwer es mir wird, ich will mich auf ein Jahr zu 6 Prozent verſtehen. Sie haben Recht, Herr Baron, erwiederte der Ren⸗ tier mit einem freundlichen Grinſen, der Adel iſt ruinirt, kann nicht kaufen. Iſt aber auch gar nicht nöthig, daß der Adel kauft. Kennen der Herr Baron das neue Ge⸗ ſetz noch nicht, den erleichterten Beſitz und den freien Gebrauch des Grundeigenthums betreffend?— Hier, Herr Baron, ich hab's mitgebracht, fuhr er fort, ein Exemplar der Geſetzſammlung aus der Taſche ziehend. Leſen Sie gefälligſt:§ 1. Jeder Einwohner Unſerer Staaten iſt zum eigenthümlichen und Pfandbeſitz unbe⸗ 13 veglicher Grundſtücke aller Art berechtigt, der Edelmann — alſo zum Beſitz nicht blos adeliger, ſondern auch bür⸗ gerlicher und bäuerlicher, und der Bürger und Bauer zum Beſitz nicht blos bürgerlicher und bäuerlicher, ſon⸗ dern auch adeliger, ohne daß es zu einem ſolchen Er— werbe irgend einer weiteren Erlaubniß bedürfte. Unter⸗ zeichnet: Friedrich Wilhelm, und Schrötter, Stein und Schrötter II.— Stein hat's gemacht, Herr Baron, fuhr der Rentier fort; es iſt ein großer Mann, der Stein, er wird noch mehr machen, er wird es machen Alles ganz ſo, wie es in Frankreich ſchon lange gemacht iſt, unter dem großen Napoleon, der auch den Stein dem König beſonders deshalb an die Seite geſetzt hat, damit es mit dem alten Zopf nun endlich ein Aufhören nehme. Sehen Sie, Herr Baron, unſer einer kann nun ſelbſt ein Rittergütchen kaufen; warum ſoll man auch nicht, wenn man das Geld hat? Jetzt iſt die Zeit, wo man ſie billig haben kann, ſie werden ausgeboten werden, wie ſauer Bier. Ich wünſcht' nur, ich hätt' nicht ſo viel Geld gegeben auf Schönberg, ich könnt's jetzt für die Hälfte bekommen. Der Freiherr hörte nur mit halbem Ohr auf die geiſtreichen Erörterungen ſeines Gegners; ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit blieb auf das ihm überreichte Blatt gerichtet, alches ein Geſetz enthielt, ſo ſehr alles Alte über den Gaufen ſtürzend, daß es ihm immer noch unglaublich ſhien, nachdem er es bis zu Ende geleſen. ——— 14 Dies iſt der letzte Todesſtoß für den Adel! ſagte e † dann, mehr mit ſich ſelbſt ſprechend; unſere Güter wer⸗ den jetzt in die Hände von nichtswürdigen Spekulanten kommen, Juden und Wucherer werden uns vertreiben aus den Wohnungen, welche unſere Familien Jahrhun— derte lang beſeſſen. Das iſt der Dank dafür, daß wir ſtets und zu jeder Stunde bereit geweſen ſind, Gut und Blut für den König und das Vaterland zu opfern!... Haben aber wenig genützt, dieſe Opfer, bemerkte der Rentier, indem er ſeine beiden Hände in die Hoſentaſchen ſteckte. Der König hat's eingeſehen, daß das Säbelſchlei⸗ fen vor dem Palais des franzöſiſchen Geſandten und die brutale Anmaßung des Adels und beſonders der Herren Offiziers keine Schlachten gewinnen, und daß Renommage das gerade Gegentheil von Courage iſt. Will's nun mit dem Bürger und dem Bauer verſuchen, will's ma⸗ chen wie der große Napoleon, der gar keinen Adel hat und alle Könige mit ihrem Adel in die Pfanne ſchlägt! Ja, ja, und der Stein macht's, an dem Stein hat der König endlich den rechten Mann gefunden! Die Stirnader des Freiherrn war feuerroth gewor⸗ den, ein untrügliches Zeichen, daß das Gewitter de Zornes dem Ausbruche ganz nahe war. Wenn unſer verblendeter König, ſagte er danin, 1 dem er den Rentier mit einem Blicke anſah, daß d unwillkürlich ſich der Thür näherte, wenn unſer verl„ deter Monarch eine Ahnung davon hätte, auf n½ .* 36 6 ſ F 15 iederträchtige Weiſe dieſes niederträchtige Geſetz zur Aus⸗ führung gebracht werden wird, er würde dieſen infamen Jakobiner und franzöſiſchen Spion, dieſen Stein, eben ſo zu ſeinem Hauſe hinausjagen, wie ich es jetzt mit Ihm, nichtsnutziger Iude, machen will! Allons, rief er dann mit der ganzen Kraft ſeiner alten Kommandeurſtimme, indem er einen Stock ergriff, Allons, Jude, hinaus, oder Er ſoll die Zinſen ſeines Kapitals ſogleich mit Wucher zurückerhalten! Herr Barvn, rief der Rentier, indem er raſch auf den Flur ſprang, Herr Baron, vergreifen Sie ſich nicht an mir! Die Zeiten ſind vorbei, wo der Adel ſeine Gläu⸗ biger mit Prügeln bezahlen konnte! In Breslau giebt es Leute, die dem Herrn Baron das begreiflich machen können und, ſetzte er, nunmehr glücklich vor der Haus⸗ thür angelangt, hinzu, auch gegen das Schimpfen auf den großen Kaiſer und ſeine Truppen gans vortreffliche Pflaſter beſitzen. Hund von einem Juden! ſchrie der Freiherr jetzt in der vollen Glorie ſeines Zornes, indem er auf ſeinen Gegner zuſprang und einen Schlag nach ihm führte. Dieſer entfloh jedoch eilig, und erſt als er, auf dem Hofe angelangt, ſah, daß der Freiherr auf der Haustreppe ſtehen blieb, ging er laut und ſpöttiſch lachend ſeinem am äußeren Thore haltenden Wagen zu. Peitſcht den Kerl zum Hofe hinaus! rief der Frei⸗ . herr, durch dieſes Lachen aufs Neue etbittert; hört Nie⸗ mand? Peitſcht ihn hinaus! Es iſt Niemand hier, die Befehle des Herrn Barons auszuführen, höhnte der Rentier, indem er ſeinen Weg langſam fortſetzte. Es iſt recht ſchade, Herr Baron, aber die Zeiten haben ſich geändert! Wenn Sie mich im künftigen Frühjahr hier beſuchen wollen, wird mir eine Ehre ſein! Der Freiherr hatte in ſeinem Zorne ganz vergeſſen, daß ſich auf dem Hofe Niemand mehr befand, der ſeine Befehle hätte ausführen können; ſein Auge überſah mit dem Ausdrucke tiefen, inneren Grimmes die leeren und halbzerſtörten Gebäude. Da fiel ſein Blick auf den alten Hund, den das Geſchrei herbeigelockt hatte, und ein leiſer Zug von Humor vermiſchte ſich mit den Zeichnungen des Zornes auf ſeinem Geſichte.— Nero! rief er, alter Nero! du biſt jetzt der einzige Repräſentant meines gan⸗ zen Geſindes, jage mir dieſen infamen Juden zum Hofe hinaus! Faß, Nero! ſo recht, faß! wiederholte er mit höhniſchem Gelächter, als der Hund ſich mit voller Wuth aufden raſch fliehenden Mann ſtürzte und ihn gerade noch zeitig genug, beim eiligen Hineinſpringen in den Wagen, erreichte, um ihn am Beine zu ergreifen und ein großes Stück ſeiner Hoſe zu erwiſchen. Als darauf der Wagen im vollſten Galopp aus dem Hofe wegjagte, verfolgte der Hund denſelben noch eine Zeit lang mit wüthendem Gebell und kehrte dann freundlich wedelnd zu ſeinem Herrn zurück 3 7 Dafür ſollſt du das Gnadenbrot haben, alter Nero, ſagte, den Kopf des Thieres ſtreichelnd, der Freiherr, ich werde dies niemals vergeſſen— und wenn ſie mich fort⸗ treiben ſollten, ſetzte er mit leiſe bebender Stimme hinzu, ſollſt du gewiß nicht bei der neuen Herrſ ſchaſt in Dien⸗ ſten bleiben! Sie haben ſich einmal wieder vollſtändig von Ihrem Jähzorn hinreißen laſſen, bemerkte die Frau von Sal⸗ dern, nachdem der Freiherr wieder in das Zimmer zu⸗ rückgekehrt war, und doch war die Sache wichtig genug, um ſich zu mäßigen und nicht alle Klugheit hintanzu⸗ ſetzen. „ Die Frau von Saldern, welche, wie dem Leſer be⸗ nnt, die Erziehung der Tochter des Freiherrn leitete und ſeiner Häuslichkeit vorſtand, war die Einzige, welche in dieſer Weiſe mit dem Freiherrn ſprechen durfte. Ihr ruhiges und gediegenes Weſen imponirte ihm, und er lie ſich von ihr, wie dies häuſig in derartigen Verhält⸗ niſſen vorkommt, mehr gefallen, als er es vielleicht von ſeiner Frau gethan haben würde. . 3 1 6 Soll ech mich vielleicht von dieſem gemeinen Gauner meinem eigenen Hauſe beſchimpfen laſſen? fuhr er ſeieder auf; verlangen Sie das?— Weine nicht, Louiſe, Fſagte er dann ruhiger, indem er den lieblichen Kopf ſeiner Tochter, welche weinend auf einem Stuhle ſaß, zu ſich emporzog und an ſich drückte, ich werde ſchon dafür ſor⸗ gen, daß man dich nicht hinaustreibt aus dem Hauſe, 2 Guſtar vom See, V or fünfzig Jahren. II. 18 in welchem deine Mutter geſtorben iſt und du geboren biſt. Weine nicht mehr, es thut mir weh', fuhr er fort, als das junge Mädchen, durch dieſe Worte noch mehr bewegt, in ein krampfhaftes Schluchzen gerieth— die Zeiten ſind ſo ſchwer und ſo ernſt, daß man ſeine Ge⸗ fühle beherrſchen lernen muß. Das hätten Sie vorhin auch bedenken ſollen, bemerkte rückſichtslos die Frau von Saldern wieder. Von dieſem Manne haben Sie keine Nachſicht mehr zu erwarten. Von dieſem Manne hätte ich nie irgend eine Nach⸗ ſicht zu erwarten gehabt, ſagte der Freiherr, ſeine Tochter feſter an ſich drückend, und hätte auch von ihm niemals eine Rückſichtsnahme verlangt. Uebrigens iſt es immer ſehr leicht, nachträglich weiſe Lehren zu ertheilen, und darin ſind Sie beſonders ſtark. Wenn uns der König verläßt und auf den Rath eines unter franzöſiſchem Ein⸗ ſluſſe ſtehenden Miniſters auf dieſer abſchüſſigen Bahn 4 weitergeht, was wahrſcheinlich, ſo müſſen wir alle unſere Kräfte aufbieten, um dieſe Kriſis zu überwinden und ſo lange das Leben zu friſten ſuchen, bis ſie vorüber iſt-. und man wieder zur Erkenntniß des Beſſeren kefimt, was unmöglich lange ausbleiben kann.— Morgen ich nach Breslau und hoffe Freunde zu finden, die n die Mittel verſchaffen, um dieſem Juden ſein Geld zu⸗ rückzugeben; dann iſt der Hauptſturm abgeſchlagen, und das Andere wird ſich mit Gottes Hilfe ebenfalls finden! Mögen Sie in Ihren Erwartungen 19 werden und ſich Alles zum Guten wenden! ſagte die Frau von Salderk mit einem tiefen Seufzer, das wün⸗ ſche ich von ganzem Herzen. Zweites Kapitel. Die Ungunſt des Augenblicks. Am anderen Tage, als kaum der Morgen zu däm⸗ mern begann, reiſte der Freiherr nach Breslau, um ſeine Geldangelegenheiten zu ordnen. Er hatte nicht ohne Mühe von einem benachbarten Müller einen gewöhnli⸗ chen Leiterwagen mit einem Pferde erhalten und fuhr in dieſem auf einem Strohbündel ſitzend, in ſeinen Mi⸗ litärmantel gehüllt, den er noch immer trug, voller trü— ben Gedanken der Stadt zu. Dort hatte ſich ungeachtet des Friedensſchluſſes im Ganzen wenig geändert. Die preußiſchen Civilbehörden waren zwar dem Namen nach wieder in Thätigkeit getreten, auch floſſen die Abgaben wieder ausſchließlich in die königlichen Kaſſen; da jedoch die franzöſiſche Beſatzung, ſtatt zurückgezogen, noch ver⸗ mehrt worden war, und der an die Stelle Jeröme's zum Oberbefehlshaber der in Schleſien ſtehenden Truppen er⸗ nannte Reichsmarſchall Mortier mit weit weniger Rück⸗ ſicht als jener verfuhr; da die Requiſitionen, Einquar⸗ tierungen und die Forderungen der Kontribution unaus⸗ 2* geſetzt in dem erſchöpften Lande fortdauerten, ſo war der Zuſtand ſowohl in der Hauptſtadt, als in der Provinz, ſtatt beſſer, obgleich es jetzt ſeit vier Monaten Friede war, ein bei Weitem drückenderer und unerträglicherer ge⸗ worden. An demſelben Tage, an welchem der Freiherr gegen Mittag in Breslau anlangte, hatte der Magiſtrat eine Bekanntmachung erlaſſen, worin der Bürgerſchaft mitge⸗ theilt wurde, daß die Kriegs⸗Kontributions⸗Kaſſe gänz⸗ lich erſchöpft ſei, und daß, da ſie ihren ſehr bedeutenden Verpflichtungen nachkommen müſſe, Nichts übrig bleibe, als ſämmtliche Rückſtände nöthigenfalls durch bereits er⸗ betene militäriſche Exekution beizutreiben. Es war einem Jeden hinlänglich bekannt, was eine militäriſche Exeku⸗ tion in der damaligen Zeit zu ſagen hatte; man ſuchte daher dieſelbe auf jede irgend mögliche Weiſe zu vermei⸗ den, indem man ſich bemühte, unter jeder Bedingung Geld aufzutreiben. Es war daher für den Freiherrn ein ſehr ungünſtiger Zeitpunkt zur Erlangung eines ſo bedeutenden Darlehns, da Hunderte gleich ihm an jenem Tage ähnliche Geſchäfte betrieben. Er wurde auch überall, wo er anfragte, von Häuſern, die ihm ſonſt ſtets zu Dienſten ſtanden, mit der Erklärung abgewieſen, daß es unmöglich ſei, das wenige baare Geld, das zur Diöpo⸗ Si ſition ſtehe, aus den Händen zu geben. Andere hatten 3 ihre Zahlungen eingeſtellt, und diejenigen, welche in jener Zeit gute Geſchäfte machten, gehörten zu denen, welche —— 21 dem Freiherrn eben ſo zuwider waren, wie ſein Gläu⸗ biger Süßmacher ſelbſt; auch zeigten ſich dieſelben, als er dennoch bei Einigen anſprach, nicht im Entfernteſten geneigt, ihr Geld in dieſer Weiſe nutzbar zu machen. Durch all dieſe vergeblichen Verſuche und mehr noch durch die erbärmlichen Anſichten, welche er im Laufe die⸗ ſes Tages hatte ausſprechen hören, war die Stimmung des Freiherrn eine ſehr trübe und verbitterte geworden, als er endlich gegen Abend, müde an Seele und Leib, ſeine Schritte wieder ſeinem Abſteigequartier zulenkte. Da fil ihm, als er an einem ſtattlichen Hauſe vorüber⸗ ging, ein blank polirtes Meſſingſchild in die Augen, worauf zierlich gravirt„B. Roſen“ ſtand. Er erinnerte ſich jenes Nachmittages in Scheitnich bei der Abreiſe Jeröme's, rief ſich die Mittheilungen in das Gedächtniß zurück, welche ihm Venner ſpäter über Roſen und ſeine Verhältniſſe gemacht hatte, und beſchloß, auch hier noch einen Verſuch zu wagen. Es kommt ja ohnehin auf eine Zurückweiſung mehr oder weniger nicht an, ſprach er, ſich ſeiner trüben Stim⸗ mung überlaſſend, vor ſich hin; ich bin ja kein Bettler, ſondern verlange nur Geld gegen ſicheres Unterpfand, — vielleicht bringt der Zufall, was ich bisher vergeblich durch Nachdenken zu erreichen verſucht habe. Der Freiherr trat mit dieſen Worten in das Haus, fand aber dort alle Thüren feſt verſchloſſen. Vergebens ſah er ſich nach der Dienerſchaft um, es war Niemand, ———— 22 der ihm eine Auskunft hätte ertheilen können. Er ging die Treppe hinauf, traf auf dem oberen Korridor ein Dienſtmädchen, welches auf ſeine Frage nach dem Ban⸗ quier Roſen kurz und kaum verſtändlich auf eine Thür deutete und ſich dann entfernte. Es blieb dem Freiherrn Nichts übrig, als den ihm bezeichneten Weg einzuſchlagen. Als auf ſein wiederholtes Klopfen keine Einladung zum Eintritt erfolgte, öffnete er die Thür und befand ſich in einem elegant eingerichteten, mit Teppichen belegten Zim⸗ mer. Obgleich ſich draußen erſt die Anfänge des Abends kundgaben, ſo hatte die Dämmerung doch bereits voll⸗ ſtändig von dieſen Räumen Beſitz genommen, da das Licht, durch ſchwere Vorhänge beſchränkt, hier überhaupt nur unvollkommen einzudringen vermochte. Auch dieſes Zimmer fand der Freiherr leer; da er aber ſah, daß die gegenüberliegende Thür halb geöffnet war, und aus dem anſtoßenden Zimmer der Klang von Stimmen zu ihm herübertönte, ſo ſchritt er weiter und ſah, als er die fol— gende Thür ganz öffnete, eine Dame auf dem Sopha in angelegentlicher Unterhaltung mit einem dicht vor ihr auf einem Seſſel ſitzenden Manne. Als er ſich bemerklich machte, ſprang der Mann raſch auf und trat auf ihn zu. Er erkannte in demſelben jetzt den Aſſeſſor Haller und in der ebenfalls aufgeſtandenen Dame die ſchöne Frau des Banquiers, den er ſuchte. um den Leſer in ein näheres Verſtändniß mit dieſer 23 Scene zu bringen, iſt es nöthig, in unſerer Geſchichte etwas zurückzugehen. Haller war in den letzten Monaten der intime Freund des Banquiers geworden und auch zu deſſen junger und ſchöner Frau in ein näheres Verhältniß getreten. Nach⸗ dem das gemeinſ chaftliche Lieferungsgeſchäft zu beiderſei⸗ tigem Vortheile ausgeſchlagen, hatte Roſen gefunden, daß die Verbindung ſeines Kapitals mit der Intelligenz und den mancherlei anderen Hilfsquellen Haller's ohne Gefahr und Mühe eine nützliche und gewinnbringende ſei, und daher keinen Anſtand genommen, den gemachten erſten Verſuch in verſchiedenen Formen zu wiederholen. Haller war dabei immer mehr oder weniger die leitende Idee geweſen, von ihm waren die Vorſchläge und die Kombinationen ausgegangen, die ſtets auf die ihm zu Gebote ſtehenden amtlichen Mittheilungen gegründet wur⸗ den. Damals, wo die Nachrichten noch einer ſo langen Zeit bedurften, um eine einigermaßen größere Entfernung zu durchlaufen, wo eine zur rechten Zeit abgeſandte Eſta⸗ fette noch im Stande war, das Gelingen großartiger Spekulationen zu ſichern, war es von der erheblichſten Wichtigkeit, frühzeitig im Beſitz beſtimmter und ſicherer Nachrichten zu ſein, und der Gebrauch oder vielmehr der Mißbrauch amtlicher Mittheilungen, welche für Andere unter dem Verſchluſſe des Dienſtgeheimniſſes blieben, von dem entſchiedenſten Vortheil. Dazu kam, daß nicht nur die politiſchen Ereigniſſe ſich in raſcher Folge drängten, 24 ſondern daß auch in Preußen reformatoriſche Maßregeln begannen, welche die innere Umgeſtaltung des Staates anbahnten und, obgleich damals, wie jetzt, zum Theil mißverſtanden und angefeindet, das Fundament der Größe des neuerſtehenden Reiches bildeten und für immer bil⸗ den werden. Wie ſehr daher die Umſtände geeignet waren, im Beſitze amtlicher Geheimniſſe gewinnbringende Spekula⸗ tionen zu machen, wird keiner näheren Darlegung bedür⸗ fen. Roſen erkannte dies auch ſehr bald, und obgleich er Anfangs wenig geneigt ſchien, ſein Vermögen den Schwankungen kaufmänniſcher Geſchäfte preiszugeben, ſo verlockte ihn doch der ſchnelle und faſt immer ſichere Ge⸗ winn wiederholt zu neuen Unternehmungen, welche zu bereuen er bis jetzt durchaus keine Urſache gehabt hatte. Er ſchloß ſich daher ſehr eng an Haller an, welcher nicht nur ſeine Stellung ohne weitere Bedenken zu ſolchen Geſchäften mißbrauchte, ſondern faſt immer die erſte Idee in Vorſchlag brachte. Bald war für ihn der Gewinn von der Art, daß er ſich ſelbſt als ungenannter Theil⸗ nehmer bei dieſen Geſchäften auch finanziell betheiligen konnte, und ſo wurde die Verbindung zwiſchen ihm und Roſen eine immer engere. Weshalb, hatte er gleichſam zu ſeiner eigenen Recht⸗ fertigung geäußert, weshalb ſollen wir Beide nicht in dieſer Weiſe operiren? Es ſchadet Niemandem, als viel⸗ leicht einigen anderen vorläufig ſchlechter bedienten Spe⸗ — 25 kulanten; den von uns verſchmähten Gewinn würden ſie ziehen, das iſt der ganze Unterſchied. Außerdem, glau⸗ ben Sie mir, ſind unſere Zuſtände ſo faul, oder viel— mehr ſo zerfahren und aufgelbſt, daß es eine Thorheit iſt, an deren wirkliche Wiederherſtellung zu glauben. Das Rad der Weltgeſchichte iſt in ſeinem zermalmenden Gange über dieſes noch ſtets von den Erinnerungen Friedrich's des Großen aufgeblähte Preußen fortgegangen und hat es für immer zermalmt und zerdrückt. Es iſt eine pa⸗ triotiſche Thorheit, hier und da einige der umherliegen⸗ den Trümmer zuſammenlegen zu wollen und ſich dann einzubilden, man könne daraus das alte Gebäude wieder aufbauen. Napoleon hat die beſtimmte und feſte Ab⸗ ſicht, Preußen aufhören zu laſſen; er hält den jetzigen Zeitpunkt Rußlands wegen nur noch nicht für geeignet, aber dieſer Zeitpunkt iſt keinesfalls mehr fern, vielleicht näher bevorſtehend, als man glaubt. Schließen wir uns daher der neuen, zeitgemäßen Richtung an, aber vor⸗ läufig noch nicht offen, damit uns nöthigenfalls der Rück⸗ tritt frei bleibt. Roſen ſelbſt lag jede patriotiſche Aufopferung und Hingebung fern; ihm war es vor Allem um ein ſorgen⸗ freies, behagliches Leben, um ein ſolches, das man ge⸗ wöhnlich ein glückliches nennt, zu thun, und es war daher ganz natürlich, daß er bei der Schwäche und Gutmü⸗ thigkeit ſeines Charakters die Anſichten ſeines neuen Freundes zu den ſeinigen machte. Seine junge Frau, 26 obgleich eine geborene Wienerin und daher bei den Er⸗ eigniſſen, ſoweit ſie Preußen berührten, nur wenig bethei⸗ ligt, haßte doch, der Schmach ihres eigenen Vaterlandes wegen, die Franzoſen aus dem Grunde ihres Herzens, und es bedurfte daher oft längerer Ueberredung, um den überwiegenden Einfluß, welchen ſie auf die Entſchließun⸗ gen ihres Gatten ausübte, zu neutraliſiren. Haller, der dies ſehr bald erkannte, und deſſen ſinnliche Natur außer⸗ dem von der Schönheit und Liebenswürdigkeit Roſe's angezogen wurde, wandte daher Alles an, um ſie ſeinen Anſichten und ſeiner Perſon geneigt zu machen. Er ſah bald, daß dies auf dem gewöhnlichen Wege nicht zu erreichen war, und hielt ſich daher ſtreng in den Grenzen der achtungsvollſten Zuvorkommenheit. Dies hinderte ihn jedoch nicht in der Anwendung kleiner und zarter Aufmerkſamkeiten, für welche das Herz des Wei⸗ bes ſo ſehr empfänglich iſt. Er war faſt täglicher Gaſt im Hauſe, ſeine Unterhaltung ſtets belebt, geiſtreich, an⸗ regend, immer ſich in dem Ideenkreiſe Roſe's bewegend und dieſen nach und nach erweiternd und verändernd. Ohne daß ſie es ſich bewußt wurde, eignete ſie ſich ſeine Anſichten an und machte ſie zu den ihrigen und kam auch dadurch ebenfalls, ohne daß ſie es ſich ſelbſt bewußt wurde, in ein ſo vertrauliches Verhältniß zu ihm, daß ſie es gewiß für unmöglich gehalten haben würde, wenn man ihr daſſelbe vor einigen Monaten im Spiegelbilde gezeigt hätte. „ Wer kennt nicht die unmerkliche, aber ſicher wirkende Macht von unſcheinbaren, aber ſich ſtets wiederholenden Einflüſſen? Wir erliegen denſelben gegen unſeren Willen, gegen unſere Ueberzeugung, und werden nach und nach von den einzelnen Gliedern einer unzerreißbaren Kette, deren Zuſammenhang wir niemals erkannten, weil unſer Blick ſich nie auf das Ganze, ſondern immer nur auf das Einzelne richtet, ſo feſt umſchloſſen, daß wir ſpäter, dann auch noch von der Gewohnheit geknechtet, nicht mehr im Stande ſind, uns davon frei zu machen. So war es auch hier gegangen. Haller hatte ſeine Theilnahme auf die unbefangenſte Weiſe durch eine Menge fortgeſetzter kleiner Aufmerkſamkeiten an den Tag gelegt, zuerſt werthloſe, dann bei Gelegenheit von Roſe's Ge⸗ burtstag auch ziemlich werthvolle Geſchenke gebracht, deren Annahme peinlich geweſen, die man jedoch, ohne zu verletzen, nicht zurückweiſen konnte und natürlich auch erwiedern mußte. Seine Beſuche dehnten ſich immer länger aus, und obgleich es Roſe ſtreng vermied, ihn in Abweſenheit ihres Mannes zu ſprechen, ſo war das letz⸗ tere doch auch ſehr bald unvermeidlich geworden, als zu⸗ erſt Roſen in Geſchäften abgerufen und Haller geblieben war. Dann hatte ſie ihn auch in Abweſenheit ihres Mannes empfangen, nachdem dieſer ihre Bedenklichkeit in dieſer Beziehung ſelbſt für eine Thorheit erklärt, und ſo verſtand es ſich jetzt bereits von ſelbſt, daß Haller ſie 27 F 28 auch beſuchte, wenn ihr Mann außer dem Hauſe oder in demſelben anderweitig beſchäftigt war. Beim Kommen und Gehen küßte er, als ſich von ſelbſt verſtehend, jedes Mal ihre Hand, und zwar in einer längeren und weniger förmlichen Weiſe, als dies durch die allgemeine Sitte eingeführt war; ja, es kam im Laufe eines lebhaften Geſpräches, während er dicht neben ihr ſaß, nicht ſelten vor, daß er eine ihrer Hände in die ſeinige nahm und in anſcheinender Vergeßlichkeit eine Zeit lang darin feſthielt. Die Unterhaltung ſelbſt — wie war dies bei ſo häufigem und öfterem Zuſam⸗ menſein anders möglich?— berührte oft Gegenſtände und nahm Wendungen, welche nur unter ſehr vertrau⸗ ten Perſonen ſtattzufinden pflegen. An jenem Tage war Haller zum erſten Male bis zum Eintritt der Dämme⸗ rung bei ihr allein geblieben; er hatte wieder, wie er häufig that, von ſeinem verfehlten Leben und von der noch immer blutenden Wunde ſeines Herzens geſprochen und durch anziehende und lebhafte Schilderungen ſeiner Vergangenheit ihr Mitgefühl und ihre Theilnahme rege gemacht. So war es ihnen oder vielleicht nur ihr während dieſes lebhaften Geſpräches ganz entgangen, daß die Dämmerung ſich in das Zimmer geſchlichen; die Tage nahmen in dieſer Jahreszeit ja ſo ungewöhnlich raſch ab, und es war eigentlich noch zu früh, um Licht anzuzünden. Ihre Hand ruhte wieder in der ſeinigen, 29 und ein kaum merklicher Druck begleitete ſeine Worte, die er mit leiſe bebender Stimme ſprach: Sie wiſſen es nicht und können es auch nicht em⸗ pfinden, wie wohl es mir thut, Ihnen dies Alles ſagen zu dürfen; es iſt mir, als ob das eiſerne Band, welches um mein Herz geſchmiedet iſt, loſer und leichter würde, als ob— Bei dieſen Worten war der Freiherr in das Zimmer getreten. Seine gänzlich unerwartete Erſcheinung zu einer ſo ungewöhnlichen Zeit ließ Roſe plötzlich, wie von einem grellen Lichtſtrahl getroffen, das Unpaſſende ihrer Lage vollſtändig erkennen und brachte deshalb Schrecken und jähe Verwirrung in ihr hervor. Haller hatte eine ganz andere Empfindung. Indem die Wirkung dieſer plötzlichen Ueberraſchung auf Roſe ihm klar wurde, ent⸗ ſtand in ſeiner Seele vor Allem Haß und Zorn gegen den, welcher dieſe Erkenntniß ohne Abſicht hervorgeru⸗ fen hatte. Entſchuldigen Sie, meine gnädige Frau, ſagte der Freiherr und legte abſichtlich volle Unbefangenheit in den Ton ſeiner Stimme, ich bin durch das Ungeſchick eines Ihrer Dienſtboten irrthümlich hierher gewieſen, indem ich nach Ihrem Herrn Gemahl fragte, den ich in Geſchäfts⸗ ſachen zu ſprechen wünſche. Mein Mann iſt augenblicklich nicht zu Hauſe, er⸗ wiederte Roſe noch immer in ſichtlicher Verlegenheit und bereute in demſelben Augenblick dieſe Antwort, wodurch —— 30 ihr Zuſammenſein mit Haller in einem matt erhellten Zimmer nur noch auffallender erſcheinen mußte; unſere Dienſtboten ſcheinen heute ganz den Kopf verloren zu haben, ich begreife nicht, warum man immer noch nicht Licht bringt. Bei dieſen Worten ergriff ſie den Schellenzug und klingelte mit einer Heftigkeit, welche die eben gemachte Aeußerung gleichſam bekräftigen ſollte. Der Herr Banquier Roſen wird ſogleich zu Ihren Dienſten ſtehen, Herr von Wallingen, bemerkte jetzt Hal⸗ ler, er hat ſich vor wenig Augenblicken entfernt, um Je⸗ manden in der Nachbarſchaft zu ſprechen, und muß in der Minute zurückkehren. Ja, es wundert mich, daß er nicht ſchon wieder hier iſt, ſetzte Roſe hinzu, die ſich zum erſten Male dazu her⸗ gab, im Einverſtändniß mit Haller eine Unwahrheit zu beſtätigen; haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, fuhr ſie dann beruhigter fort, als der Bediente endlich mit Licht erſchien, mein Mann wird ſich gewiß ſehr freuen, Sie wiederzuſehen. So erinnern Sie ſich meiner noch, gnädige Frau? erwiederte der Freiherr verbindlich; ich hatte nur einmal das Glück, Sie zu ſehen. Es war an einem ſehr be⸗ wegten Tage; ich konnte daher kaum hoffen, von Ihnen noch gekannt zu ſein. Wir waren ja einen ganzen Nachmittag in Scheitnich zuſammen, Herr Baron; glauben Sie, daß ich ein ſo — 31 kurzes Gedächtniß beſitze? Sie wurden uns damals von unſerem gemeinſchaftlichen Freunde Venner vorgeſtellt, von dem wir recht lange Nichts gehört haben. Ich habe ihn heute leider vergeblich aufgeſucht, be⸗ merkte der Freiherr; er iſt ſchon ſeit mehreren Wochen abweſend; ſein Rath und ſeine vielfachen Bekanntſchaf⸗ ten würden mir in meiner jetzigen Lage vielleicht von Nutzen geweſen ſein. Er iſt nach Königsberg gereiſt, wie es heißt, auf Befehl des Miniſters von Stein, bemerkte Haller; viel⸗ leicht will man ihn dort anſtellen.— Ihre Lage iſt alſo keine günſtige? fuhr er fort; doch es iſt kaum nöthig, dieſe Frage an einen Gutsbeſitzer zu richten; wo gäbe es Einen in Schleſien, der ſich jetzt nicht in Bedrängniß befände! Das mag richtig ſein, Herr Aſſeſſor; die Zeiten ſind ſchwer, der Feind und unſere eigene Regierung ſcheinen ſich verbunden zu haben, uns Gutsbeſitzer an den Bettel⸗ ſtab zu bringen; ich befinde mich aber durch die ſchänd— lichen Machinationen eines wucheriſchen Juden in einer beſonders üblen Lage und bedarf gegen pupillariſche Sicherheit eines Kapitals, ſofern ich nicht binnen Kur⸗ zem aus dem Erbe meiner Väter herausgejagt wer⸗ den ſoll. Bei dieſen Worten erſchien Roſen zur großen inneren Freude ſeiner Frau, und der Freiherr trug nach den üb⸗ lichen Begrüßungen und einleitenden Bemerkungen, in⸗ 32 dem er den Stand ſeiner Angelegenheiten auseinander⸗ ſetzte, ſein Geſuch vor. Roſen hatte in der letzten Zeit nahe an 60,000 Tha⸗ ler durch ſeine Spekulationen gewonnen und ſchien bei der Gutmüthigkeit ſeines Charakters, beſonders da der Freiherr ſich erbot, 6 Prozent Zinſen zu zahlen, nicht abgeneigt, die verlangten 20,000 Thaler als erſte Hy⸗ pothek auf Schönberg anzulegen. Ich nehme den herz⸗ lichſten Antheil an Ihrem Geſchick, Herr Baron, ſagte er daher, und bin nicht abgeneigt— Ihrem Wunſche zu entſprechen, wollte er hinzufügen, als ſein Blick auf Haller fiel, der ſich hinter den Seſſel des Freiherrn ge⸗ ſtellt hatte, ſo daß dieſer ihn nicht ſehen konnte, und eine entſchieden verneinende Bewegung machte, ja, dieſelbe deutlich mehrere Male wiederholte. Ich bin nicht abgeneigt, fuhr daher Roſen einiger Maßen verlegen fort, indem er ſeine Frau anſah und auch in ihrem Auge eine Mißbilligung ſeines Entſchluſſes zu erkennen glaubte, auf das Geſchäft einzugehen, ſofern ich dieſe Summe disponibel machen kann, was allerdings ſehr unſicher iſt. Ich bemerke jedoch, ſetzte er, durch die zuſtimmenden Mienen Haller's beſtärkt, hinzu, daß es erhebliche Schwierigkeiten haben wird, in der jetzigen Zeit ſo viel baares Geld aufzutreiben, und glaube daher kaum, daß es mir möglich ſein wird. Dem Freiherrn war die auffallende Veränderung in Roſen's Benehmen nicht entgangen, und er warf einen raſchen, forſchenden Blick auf die junge Frau, welche mit niedergeſchlagenen Augen an den Franzen eines Sopha⸗ kiſſens ſpielte. Ich ſehe, ſagte er dann, die in Ihnen rege gewor⸗ denen Bedenken haben den Entſchluß, mir zu helfen, wieder vernichtet; ich muß daher bedauern, Ihre Zeit und noch mehr diejenige Ihrer Frau Gemahlin unnöthi⸗ gerweiſe beeinträchtigt zu haben. Ich bitte vielmal um Entſchuldigung, daß dies ohne die richtige Auffaſſung Ihrer Verhältniſſe geſchehen iſt, und habe die Ehre, mich gehorſamſt zu empfehlen. Bei dieſen Worten ſtand der Freiherr auf. Roſen ſah in der offenbar hervorgetretenen Gereiztheit ſeines Ga⸗ ſtes nur einen Ausfluß ſeiner unglücklichen Lage, bereute deshalb bei dieſer unbefangenen Auffaſſung ſeine zurück— weiſende Antwort und bat den Freiherrn, noch zu blei— ben, um die Sache weiter zu beſprechen. Dieſer befand ſich jedoch durch die im Laufe dieſes Tages gemachten vie— len demüthigenden Erfahrungen nicht in der Stimmung, um eine für ihn ſo wenig zuſagende Unterhaltung fort⸗ zuſetzen. Er dankte daher kurz und ging. Was habt Ihr denn? fragte Roſen, nachdem der Freiherr ſich entfernt hatte; warum ſoll ich dem Manne nicht helfen und eine Summe, die mir ohnehin müßig liegt, nicht in dieſer Weiſe ſicher anlegen? Es wäre eine große Thorheit, erwiederte Haller, ſeine Guſtav vom See, Vor fünßig Jahren. M. 3 34 Brille in die Höhe ſchiebend, und Sie könnten dabei ſehr leicht um Ihr Geld kommen. Ich wüßte nicht, wie! 20,000 Thaler als erſte Hy⸗ pothet auf Schönberg ſtehen ganz ſicher. Sie vermögen ſich immer noch nicht von der frühe⸗ ren Anſchauung der Dinge loszumachen. Wir halten jetzt in Preußen das Nachſpiel der franzöſiſchen Revolu⸗ tion; dem Lande ſollen die Vortheile derſelben im Wege der Reform zu Theil werden. Dies ſind die Anſichten des Herrn von Stein, und er wird ſehr raſch und rück⸗ ſichtslos auf dieſer abſchüſſigen Bahn weiter gehen. Nach⸗ dem es jetzt, wo alle Gutsbeſitzer bankerott ſind, jedem Spekulanten möglich iſt, adelige Güter zu erwerben,— man hätte den Zeitpunkt zum Erlaſſe eines ſolchen Ge⸗ ſetzes nicht vortheilhafter wählen können,— werden die meiſten adeligen Güter zur Subhaſtation kommen, und das Verfahren des ehrenwerthen Herrn Süßmacher wird allgemeine Nachahmung finden. Das befürchte ich auch, und gerade deshalb halte 6 ich es um ſo mehr für gerechtfertigt, dies wenigſtens hier zu verhindern und dem in jeder Beziehung ehrenwerthen Freiherrn zu helfen. So räth Ihnen Ihr gutes Herz, aber nicht Ihr Ver⸗ ſtand, den man in Geldſachen doch vorzugsweiſe befra⸗ gen muß. Glauben Sie denn, daß dem Freiherrn mit dieſen 20,000 Thalern wirklich geholfen iſt? Er bedarf mehr; er beſitzt weder Vieh noch Betriebskapital, um ſeine ganz verwüſtete Wirthſchaft fortſetzen zu können. Er wird daher genöthigt ſein, dazu eine zweite Hypothek aufzunehmen; man wird ihm dieſe bereitwillig geben, um ſofort à la Süßmacher ſubhaſtiren zu können. Die Gü⸗ ter müſſen unter den jetzigen Umſtänden für jeden Spott⸗ preis verkauft werden, und Sie würden bei der dann doch eintretenden Subhaſtation von Schönberg glücklich ſein, die Hälfte Ihrer erſten ſicherſtehenden Hypothek zurück— zuerhalten. Und wenn ich dem Freiherrn nun ſtatt 20,000 Tha⸗ ler 25,000 Thaler liehe? Die Kriſis wird vorüberge⸗ hen, und ſobald ſich die Zuſtände erſt einigermaßen wie⸗ der konſolidirt haben, werden die Güter auch auf ihren wirklichen Werth zurückkommen. Sie ſollten eigentlich gar nicht Kaufmann und Ge⸗ ſchäftsmann ſein, Roſen; da Sie es aber einmal ſind, müſſen Sie ſich angewöhnen, die Dinge und Verhältniſſe in ihrem wirklichen Lichte zu betrachten. Sie ſprechen von der baldigen Konſolidirung der Verhältniſſe, und es muß Ihnen doch einleuchten, daß wir in Beziehung auf Preu⸗ ßen niemals weiter davon entfernt geweſen ſind. Wir haben den herrlichen Tilſiter Frieden, wodurch Preußen vorläufig in die Reihe der Kleinſtaaten eingetreten iſt. Es könnte nun allerdings auch als eine Macht zweiten oder dritten Ranges, zu denen es jetzt gehört, ſeine Ver⸗ hältniſſe konſolidiren, wenn es nicht die chimäriſche Ab⸗ ſicht hätte, das Verlorene ſo bald als möglich wiederzu⸗ 3* 36 gewinnen. Dies erkennt Napoleon ſehr wohl, und des⸗ halb werden die Bedingungen des Friedens nicht erfüllt, deshalb die unerſchwingliche Kontribution und die fort⸗ geſetzte Beſetzung des Staates durch eine franzöſiſche Armee. Wir haben jetzt einen König von Baiern, einen König von Würtemberg, einen König von Weſtfalen, einen König von Sachſen— lauter neugeſchaffene Kö⸗ nige, welche in Napoleon ihren Herrn und Meiſter ver⸗ ehren; glauben Sie, daß dieſer neben dieſen von ihm gemachten Königen auch noch einen König von Preußen in Deutſchland dulden wird, einen König, den er ſeines abſtoßenden Weſens wegen perſönlich haßt? Selbſt die ſchönen Augen und der ganze Aufwand von Liebens⸗ würdigkeit der Königin, deren innere Geſinnung er doch ſehr wohl durchſchaut hat, ſind ohne jeglichen Erfolg auf ſeine Entſchließungen geblieben. Die Frucht iſt nur noch nicht ganz reif, aber der Zeitpunkt, wo man ſie ab pflücken wird, dennoch ſehr nahe! Wäre der König nicht ſo klug, in Preußen zu bleiben, ließe er ſich nach Berlin verlocken, wir würden ihn vielleicht ſehr bald mit Frau und Kindern eine gezwungene Reiſe nach Frankreich an⸗ treten ſehen. Aber darauf können Sie ſich feſt verlaſſen, daß die Konſolidation der preußiſchen Verhältniſſe ferner liegt, als je, es ſei denn, daß Sie den Ui des Staates darunter verſtänden. Sie betrachten die Lage des Landes durch zu trüb gefärbte Gläſer, erwiederte nachdenkend Roſen, aber Sie 37 mögen darin Recht haben, daß es unter den jetzigen Verhältniſſen leicht zu unangenehmen Weiterungen führen könnte, wenn man ſich in irgend einer Weiſe an den Spekulationen, welche jetzt den Grundbeſitz zum Gegen⸗ ſtande haben, betheiligen wollte. Ich danke Ihnen da⸗ her, daß Sie mich abgehalten haben, dem Freiherrn ein Verſprechen zu geben. Ich denke, die Sache iſt damit abgethan, denn ich glaube nicht, daß er wiederkom⸗ men wird. Das bezweifle ich auch, ſagte lächelnd der Aſſeſſor; dieſe Sorte von Menſchen glaubt immer denjenigen eine Ehre zu erweiſen, welche ſie um eine Gefälligkeit an⸗ ſprechen. Obgleich Sie den Freiherrn vom Untergange gerettet hätten, wenn Sie ihm das Geld geliehen, ſo würden Sie doch niemals auf irgend einen Dank zu rechnen gehabt haben. So wollen wir unſere Zeit mit dieſem unangenehmen Gegenſtande auch nicht länger verderben, erwiederte Ro⸗ ſen. Aber du biſt ja ſo ſtill, Roſe, und haſt mich dies⸗ mal mit deiner ſonſt ſo bereiten Weisheit ganz im Stich gelaſſen? Du haſt mich ja nicht um Rath gefragt, erwiederte ſie, ſichtlich verſtimmt und beherrſcht von dem unange⸗ nehmen Gefühl, im ſtummen Einverſtändniſſe mit Haller gegen den Freiherrn ſich zu befinden, für deſſen Angelegen⸗ heit ſie ſich jedenfalls intereſſirt haben würde— wenn er nicht zu einer ſo ungelegenen Zeit erſchienen wäre. Nun, ſagte lachend Roſen, du nimmſt es ja doch ſonſt nicht ſo genau in dieſer Beziehung und betheiligſt dich gewöhnlich ohne Aufforderung an meinen Geſchäften; dieſes Mal will ich dich aber beſonders um Rath fra⸗ gen; welcher Anſicht iſt daher mein erſter Miniſter? Ich dachte, die leidige Sache wäre abgethan, und du wollteſt nicht mehr davon ſprechen, bemerkte ſie, ohne den Blick zu erheben, warum kommſt du nochmals dar⸗ auf zurück? Du trittſt alſo auf die Seite Hollers? Nun, dann bleibt mir natürlich Nichts weiter übrig, als daſſelbe zu thun, obgleich mich ſeine Gründe doch eigentlich nicht recht überzeugt haben— aber eine Taſſe Thee würde bei dieſem rauhen Herbſtwetter, glaube ich, recht wohl⸗ thuend ſein; ich will euch dann auch das Nähere über das heutige Manöver mittheilen, welches die baieriſchen Truppen unter dem General Wrede vor dem Marſchall Mortier ausgeführt haben. Man hat ſonderbarer Weiſe die Schlacht von Leuthen auf dem Schachtfelde ſelbſt wiederholt, die Reichstruppen, welche damals zuerſt da⸗ vonliefen, waren heute natürlich die Sieger; General Wrede ſpielte Friedrich den Großen und erhielt nach er⸗ fochtenem Siege die volle Anerkennung des franzöſiſchen Marſchalls. Iſt es nicht eine tolle Zeit? Aber worüber fann man ſich heute noch wundern! Während des Thees und des Abendeſſens eählte * 3 * Roſen das Nähere über die zweite Schlacht von Leuthen 39 und Haller zeigte ſich beſonders geſprächig und witzig. Roſe aber blieb außergewöhnlich ſtill und ernſt, denn Gedanken und Gefühle von mancherlei Art regten ſich in ihrer Seele und erzeugten eine innere Unzufriedenheit, welcher Herr zu werden ſie ſich vergeblich bemühte. Prittes Kapitel. Aennchen's Blumen. Der alte Baumann war an dem Tage, welcher auf die Abreiſe Jeröme's von Breslau folgte, wie er es ſich vorgenommen, zu ſeiner Tochter geeilt und hatte dieſelbe wohl und munter, wenn auch unter etwas außergewöhn⸗ lichen Verhältniſſen im Walde bei dem Förſter ange⸗ troffen. Die Freude des Wiederſehens war von beiden Seiten groß geweſen und hatte auf die Umſtehenden einen rührenden Eindruck gemacht, da ſowohl der alte Mann, als das auf der Grenze der Kindheit ſtehende junge Mädchen in dem Gefühle der Vater- und Kindesliebe gleichſam aufgegangen waren und eine Zeit lang Alles um ſich her vergeſſen hatten. Baumamn ſchien ganz ver⸗ ändert; die Gewißheit, daß ſein Kind allen Gefahren entgangen ſei und ſich wieder bei ihm befinde, ſtimmte ihn ſo innerlich heiter und froh, wie er ſeit langer, lau⸗ ger Zeit nicht geweſen war. Die fremdartige Umgebung, — — 40 der Wald mit ſeinem Zauber, und vor Allem Aennchen's freundlicher, ſeelenvoller Blick verſcheuchten die dunkeln Erinnerungen, unter deren Druck ſeine Seele litt, und machten ihn empfänglich, die Gegenwart wieder mit der ſeinem Charakter ſonſt eigenen Harmloſigkeit zu genießen. Es gefiel ihm ſo wohl dort, daß er ſeinen Aufenthalt von Tag zu Tag auf die Bitte des Förſters verlängerte und mehrere Wochen dort verweilte, bis ein Brief ſeiner Frau ihn endlich zurückrief. Der Abſchied von dem biederen Förſter und ſeiner Frau, von dem ſchönen Walde, vor dem ſie ſich erſt ge⸗ fürchtet, und den ſie nun ſo liebgewonnen, wurde Aenn⸗ chen ſehr ſchwer. Sie gab ſich alle Mühe, ſtark zu blei⸗ ben und nicht zu weinen; aber ſie vermochte es nicht, der Schmerz ihres kindlichen Herzens war ſtärker, als die Kraft und die Scheu, ihn zu verbergen, und ſo ließ ſie denn ihren Thränen freien Lauf, welche mit beruhi⸗ gender und mildernder Gewalt die drückenden und preſ⸗ ſenden Feſſeln des Schmerzes ihrer Seele ſprengten. Wir kommen recht bald einmal nach Breslau, ſagte der Förſter, indem er ihre kleine Hand lange feſt in ſeinen beiden Händen hielt, und dann werden wir ja ſehen, wie es dir geht, mein Kind, und ob du noch an uns denkſt. Sei nur nicht ſo traurig, ſetzte er hinzu, als ſie ſich vergeblich bemühte, ihm zu antworten; weiß ſchon Alles, was du ſagen willſt, daß du uns nicht vergeſſen wirſt, obgleich wir dir wenig Anderes haben bieten können, 41 als Unruhe und Gefahr. Aber wenn es ein wenig ru⸗ higer ſein wird und erſt die Franzoſen aus dem Lande ſind, dann kommſt du wieder zu uns, dann wird es dir hier ſchon beſſer gefallen, und den Vater bringſt du gleich mit, damit du den Wald und den Vater und uns Alle zuſammen haſt. Ja, bemerkte der alte Baumann, ich möchte eigent⸗ lich ganz und gar zu Ihnen ziehen— es iſt mir hier ſo wohl geweſen, wie in langer Zeit nicht, aber... Nun, laſſen Sie das jetzt, Herr Baumann, wir wol— len das ſpäter beſprechen, denn für jetzt iſt es ja doch unmöglich; weiß ich doch ſelbſt nicht, wo ich den Winter wohnen ſoll. Aber zum Frühjahr wird mein Haus wie⸗ der aufgebaut, dann läßt ſich über die Sache reden. So komm' denn, Aennchen, ſagte Baumann, nach⸗ dem er eine Zeit lang in ſchweigendem Nachdenken da⸗ geſtanden, komm'! Das lange Abſchiednehmen taugt nie⸗ mals Etwas, man macht ſich das Herz dadurch nur unnöthig ſchwer. Einmal müſſen wir ja doch fort!— Nehmen Sie Alle nochmals meinen beſten Dank und halten Sie Wort mit Ihrem Beſuch— ſchon meines Aennchen's wegen, ſetzte er leiſer hinzu. Darf ich auch von dieſer Einladung Gebrauch ma⸗ chen? fragte Rudolf, indem ſein Blick voll Theilnahme auf dem noch immer weinenden Mädchen ruhte, oder. würde Ihnen unter den jetzigen Verhältniſſen mein Be⸗ ſuch unangenehm ſein? 42 Unter den jetzigen Verhältniſſen? fragte Baumann. Sie kennen ja meine Anſichten darüber, und, ſetzte er dann mit einem forſchenden Blick auf ſeine Tochter hinzu, der Beſuch eines Ehrenmannes, als welchen ich Sie kennen gelernt habe, wird mir ſtets willkommen ſein. Nun, ſo ſehen wir uns ja Alle recht bald wieder! rief der Förſter, indem er ſich zwang, heiter zu lachen; Breslau iſt ja nur ein paar Meilen von hier entfernt, weshalb alſo traurig ſein?— So iſt's recht, Aennchen, fuhr er fort, als dieſe mit Thränen in den Augen lä⸗ chelte— und jetzt iſt der rechte Moment da, laßt den Sonnenſchein nicht wieder vorübergehen! Ein nochmaliges Abſchiednehmen und Händedrücken — wobei Rudolf nicht ausgeſchloſſen wurde— und fort rollte der Wagen, aus welchem Aennchems Tuch noch ſo lange herüberwinkte, bis die nächſte Biegung des We⸗ ges die Scheidenden unter den Bäumen verſchwinden ließ. Als ſie nach einigen Stunden die Höhe erreichten, von welcher geſehen die großen Wälder wie ein dunkler Saum den Horizont begrenzten, hob ein tiefer Seufzer die Bruſt des jungen Mädchens, und ihre Augen ruhten unverwandt auf jenem fernen Waldmeere. Deutlich er⸗ innerte ſie ſich der Worte Rudolf's, als ſie an ſeiner Seite zuerſt dieſe Wälder erblickt und erſchrocken davor zurückgebebt hatte:„Wenn Sie zurückfahren, werden Sie mit Sehnſucht nach jenen Wäldern ſchauen, die Ihnen jetzt ſo unheimlich und ſchaurig vorkommen.— Sie 43 ſehen mich ungläubig an? Denken Sie an meine Woen⸗ wenn Sie wieder von dieſer Höhe hinabſchauen.“— Jetzt ſchaute ſie wieder von derſelben Höhe hinab und dachte auch an jene Worte, nicht nur daran, ſondern an noch vieles Andere, was Alles zwiſchen jenem und dem heutigen Tage lag. In Breölau fanden ſie Alles ziemlich unverändert, nur Jeròme war fort und mit ihm die Befürchtungen, welche Aennchen's Flucht nöthig gemacht hatten. Aber das Schickſal, wie wir Gottes für uns unerforſchliche Rath⸗ ſchlüſſe gewöhnlich nennen, hatte dem jungen Mädchen einen neuen Schmerz vorbehalten, der ſich mit tiefem, nachhaltigem Schatten in ihre Seele lagerte und alle anderen Empfindungen daraus verdrängte. Bald nach ihrer Rückkehr erkrankte die Mutter an dem damals graſſirenden, bösartigen Nervenfieber und ſtarb, ungeachtet der ſorgſamſten und hingebendſten Pflege der Tochter, nach wenigen Wochen. Auch der alte Bau⸗ mann, obgleich er gegen ſeine Frau eigentlich hart und lieblos geweſen, hatte ſich während ihrer Krankheit aus⸗ ſchließlich ihrer Pflege gewidmet und kein Mittel zu ihrer Rettung unverſucht gelaſſen. Wie immer in ſolchen Krankheiten, brachte die davon Ergriffene faſt die ganze Zeit in einem völlig apathiſchen Zuſtande zu. Nur einen Tag vor ihrem Tode kehrte das Bewußtſein auf eine kurze Zeit noch einmal zurück. Vergieb ihr, vergieb ihr, wenn ſie wiederkommt! 44 ſie mit ſchwacher Stimme zu ihm geſagt, ich habe weit mehr Schuld, als ſie— und ſie iſt ja unſer Fin Dieſer eine dunkle Gedanke ſchien ſie ausſchließlich zu beſchäftigen, denn ſie ließ Aennchen, zu deren großem Schmerze, ganz unbeachtet und verfiel bald wieder in den früheren bewußtloſen Zuſtand, aus welchem der Tod ſie erlöſte. Zu der Zeit, als wir unſere Geſchichte wie⸗ der aufgenommen, am Ende des Monats Oktober jenes unheilvollen Jahres, war die Frau Baumann bereits ſeit drei Monaten beerdigt, und Aennchen kam gegen Abend eines unfreundlichen, regneriſchen Tages vom Kirch⸗ hofe zurück, wohin ſie gegangen war, um das Grab der Mutter mit neuen Blumen zu ſchmücken. Ihre ſchlanke Geſtalt, durch den Anzug der Trauer noch mehr hervor⸗ gehoben, ſchwebte mit kaum hörbaren Schritten durch das faſt dunkle Zimmer. Sie zündete Licht an, blickte ſchweigend eine Zeit lang in dem einſamen, ſtillen Raume umher und ſetzte ſich dann an den kleinen Tiſch, worauf die Materialien und die Geräthe ihrer Arbeit ſich befan⸗ den. Der erſte Schmerz war vorüber, ja, es gab Angen⸗ blicke, wo ſie wieder lächeln und anſcheinend heiter ſein konnte; denn die Zeit, dieſe unmerkliche aber ſichere Troſt— ſpenderin, hatte auch in ihrer jungen Seele das jähe und zerſtörende Auflodern des Schmerzes zu einer ſanf⸗ ten, ſtill brennenden Flamme gemildert— aber der Grund⸗ ton, der unaufhörlich in ihrem Herzen fortbebte, war 45 und blieb die Trauer, nur zuweilen von einem augen⸗ blicklichen, kurzen Vergeſſen verdrängt. Das ſicherſte Mittel gegen den Schmerz iſt die Nothwendigkeit, unſere Gedanken anderen Dingen zuzuwenden, und es ſchien faſt, als ob das Geſchick dieſes Mittel bei dem jungen Mädchen in vollem Maße zur Anwendung bringen wollte, und zwar in der Geſtalt der Sorge um die täglichen Bedürfniſſe des Lebens. Die Krankheit und das Begräbniß der Mutter waren mit nicht unbedeutenden Koſten verbunden geweſen; man hatte Schulden machen müſſen, die jetzt bezahlt werden ſollten. Der Winter ſtand vor der Thür, Alles war außergewöhnlich theuer, und das geringe Einkommen nahm bei den jetzigen unglücklichen Zeiten, wo Jedermann ſich ſo viel wie irgend möglich einſchränkte, täglich ab. Wer mochte jetzt noch Muſikunterricht nehmen, wer künſt⸗ liche Blumen kaufen? jetzt, wo man Mühe hatte, die nothwendigſten Bedürfniſſe des Lebens ſich zu verſchaffen! Mit einem tiefen Seufzer ſetzte ſie ſich an den kleinen Tiſch, ſtrich die blonden Locken, die von der Näſſe her⸗ untergefallen waren, aus dem blaſſen Geſichte zurück, er⸗ griff einen halb fertigen Roſenkranz und begann emſig daran weiter zu arbeiten. Ihre kleinen Hände bewegten denſelben bald auf⸗, bald abwärts, dann hielt ſie ihn in die Höhe, legte ein Blatt anders, gab einer ſchon ferti⸗ gen Blume eine gefälligere Stellung und vertiefte ſich 46 immer mehr in dieſe eben ſo künſtleriſche, wie zierliche Beſchäftigung. So wird es recht ſein, ſagte ſie dann mit einem be⸗ friedigten Lächeln, den Kranz von allen Seiten betrach⸗ tend, er iſt mir wirklich gelungen!— Ach, wie ſchrecklich wäre es, wenn ich nicht arbeiten ſollte, und wie ſüß iſt die Arbeit! Aber, fuhr ſie traurig fort, den Kranz vor ſich auf den Tiſch legend, aber werde ich nicht bald mü⸗ ßig ſein müſſen? Welche Mühe gebe ich mir, um Arbeit zu bekommen, und doch geht es damit zu Ende! Es iſt ſchrecklich!— Warum habe ich nichts Anderes gelernt, als dieſes nutzloſe Blumenmachen? Wer bedarf jetzt noch der Blumen? Wenn ich nur wüßte, auf welch' andere Art ich Geld verdienen könnte, ohne daß es der Vater merkt, ohne daß er merkt, wie ſchlecht es uns geht, und daß es mir unmöglich ſein wird... Doch da kommt er! Der alte Baumann war ſeinem Vorſatze treugeblie⸗ ben und hatte alle geiſtigen Getränke gemieden; nur einigemal war es vorgekommen, daß er, angeregt von heiteren Gefährten und getrieben von den unruhigen Ge danken ſeines Innern, Vergeſſen und Aufregung in der alten Weiſe geſucht und gefunden hatte. Es war ihm dies Alles jedoch kein Genuß mehr geweſen, und die Ab⸗ 1 ſpannung und die Reue, welche ſolche Stunden im Ge folge gehabt, ließen ihn bald jede Geſellſchaft meiden und die Eigenthümlichkeiten ſeines Weſens noch härter hervortreten. 47 Dieſe wurden auch die Veranlaſſuug, daß er ſeine Stelle im Orcheſter beim Theater verlor, da er ſeine politiſchen Geſinnungen überall in einer ſo ſchroffen und unumwundenen Art ausſprach, daß der Direktor, welcher unter ſtrenger Beaufſichtigung des franzöſiſchen Komman⸗ danten ſtand, ſich genöthigt geſehen hatte, den eigenſin⸗ nigen Mann, nachdem er ihn mehrmals vergeblich ge— warnt, aus dem Orcheſter zu entfernen. Die einzige, wenn auch geringe, feſte Einnahme, ſie betrug monatlich nur 10 Thaler, hörte dadurch auf, und Baumann blieb lediglich auf den Verdienſt angewieſen, den er durch Stundengeben ſich erwarb. Daß dies äußerſt wenig und vollkommen unzureichend ſei, hatte er ſich bis jetzt nicht klar gemacht; denn Aennchen war bemüht geweſen, das Nothdürftigſte zu beſchaffen, und es lag nicht in ſeinem Charakter, dar⸗ über nachzudenkeu, wodurch es ſeiner Tochter möglich ſei, ihre Ausgaben zu beſtreiten. Ich bringe einen alten Bekannten mit, mein Kind, ſagte er jetzt, mit Rudolf in das Zimmer tretend, einen Kriegskameraden von dir, ſetzte er harmlos lächelnd hin⸗ zu, der ſich einmal ſelbſt überzeugen will, ob du noch wohlauf biſt. Das junge Mädchen ſprang raſch auf, und eine tiefe Gluth bedeckte ihr blaſſes Geſicht. Sie ſehen, liebes Aennchen, ſagte Rudolf, ihr ſeine Hand entgegenhaltend, ich mache von der mir gegebenen ——————— 48 Erlaubniß Gebrauch. Wie geht es Ihnen? fuhr er völlig unbefangen fort— Sie haben einen großen Verluſt zu beklagen, ich habe dies erſt heute erfahren, ſonſt würde ich eher gekommen ſein, um Sie meiner aufrichtigſten Theilnahme zu verſichern. Ja, ja, bemerkte der alte Baumann, als Aennchen vergebens nach einer Erwiederung ſuchte, es hat uns einmal wieder ſchwer getroffen in der letzten Zeit; aber, ſetzte er mit einem liebevollen Blicke auf ſeine Tochter hinzu, ſei mir nicht ſo traurig, mein Kind, es läßt ſich ja doch nicht mehr ändern. Wie iſt es Ihnen denn in der Zeit gegangen, Herr von Erbach? fragte er dann, abſichtlich dem Geſpräche eine andere Wendung gebend. Wie es einem entlaſſenen Offizier gehen kann; die Armee wird reduzirt, vielleicht ganz aufgelöſt, wer kann das wiſſen! Mich hat man auf halben Sold geſetzt, während viele andere meiner Kameraden, die es vorge⸗ zogen, der Gefangenſchaft durch ihr Ehrenwort zu ent⸗ gehen, im Dienſte geblieben ſind. Dem Verdienſte ſeine Krone! Doch laſſen wir das.— Es war immerhin eine ſchöne Zeit, Fräulein Aennchen, fuhr er im heiterem Tone fort, als wir zuſammen im Felde ſtanden und Sie als Marketenderin und zugleich als Wundarzt bei unſe⸗ rem Freikorps Dienſte genommen hatten. Erinnern Sie ſich noch... Iſt Ihre Wunde jetzt ganz geheilt? fragte mit ſchüch⸗ 49 terner Stimme das junge Mädchen, als der Offizier plötzlich ſchwieg. Die Schramme? Ich denke längſt nicht mehr daran, nur wenn ich die Narbe ſehe, erinnere ich mich, wie ſorg⸗ ſam und kunſtgerecht Sie einen Verband anzulegen ver⸗ ſtehen. So? kann ſie das auch? ſagte mit wohlgefälligem Lächeln der Vater. Aber Sie werden mit uns heute Abend vorlieb nehmen, Herr von Erbach, fuhr er dann fort; viel können wir Ihnen nicht bieten, Nichts als ein frugales Abendeſſen, wie es im Hauſe eines Muſikers bei dieſen ſchlechten Zeiten üblich.— Beſorge uns Etwas, mein Kind, es plaudert ſich dann gemüthlicher. Wenn ich Sie nicht beläſtige, erwiederte der Offizier, ſo nehme ich gern Ihre freundliche Einladung an. Aennchen ſtand auf, aber ſie bebte ſichtlich zuſammen. Sie beſaß Nichts, als eine Flaſche Weißbier und etwas Brot und Butter, das gewöhnliche Abendeſſen ihres Va⸗ ters, Nichts weiter, auch kein Geld. Sie wußte, daß ihr Vater davon keine Ahnung habe, und zweifelte auch, daß er ſich im Beſitze von Geld befinde. Konnte ſie dem Gaſte dieſes Wenige— es war ja nur für den Va⸗ ter berechnet— anbieten? Rathlos verließ ſie das Zim⸗ mer und ſtand eben ſo in der leeren Küche, während Rudolf mit dem alten Baumann das Geſpräch im Zim⸗ mer fortſetzte. Es blieb ihr Nichts übrig, ſie mußte ihren Vater, ſo ſchmerzlich ihr dies auch war, von der Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 4 Sachlage in Kenntniß ſetzen. Leiſe öffnete ſie die Thür und rief ihn heraus. Sei nicht böſe, ſagte Sie dann mit leiſer Stimme, ſei nicht böſe, lieber Vater, aber ich bin nicht auf Be⸗ ſuch eingerichtet, ich habe Nichts im Hauſe, als ein we⸗ nig Abendbrot für dich, eine Flaſche Bier und nur we⸗ nig Brot und Butter. Ich weiß ja, wie gering deine Bedürfniſſe ſind, und deshalb habe ich mich nicht auf mehr eingerichtet. Es iſt noch ziemlich hell, mein Kind, erwiederte der Alte, indem er freundlich ihre Wangen ſtreichelte, du kannſt immer raſch gehen und Etwas holen; die Straße iſt ganz ſtill, und wir haben jetzt Nichts mehr zu fürch⸗ ten. Bringe eine Flaſche Wein und ſonſt noch Etwas, wir ſind dies deinem Kriegskameraden ſchuldig. Gern, gern wäre ich ſchon gegangen, lieber Vater, ſagte das junge Mädchen mit bebender Stimme, indem ihr die Thränen in die Augen traten, aber... Nun? iſt Etwas vorgefallen? Nein, nein, durchaus nicht,— ober ich beſitze kein Geld; die Blumen, welche... Kein Geld, mein Kind? fragte der Alte, und ein zuckender Schmerz flog über ſein bleiches Geſicht— ja, ja, das hätte ich wiſſen müſſen, längſt wiſſen müſſen— du haſt gewiß ſchon oft kein Geld gehabt— und des⸗ halb auch ſo oft Abends Nichts gegeſſen, biſt hungrig zu Bett gegangen— und ich.. 51 Vater, lieber Vater, unterbrach ſie ihn, was du für thörichte Gedanken haſt! Ich kann wirklich Abends Nichts eſſen— aber denke doch jetzt nicht daran! Was ſollen wir nur machen?— Der Kaufmann wird mir ohne Geld Nichts geben. Nicht? wird er nicht? ſprach in düſterem Nachdenken der Alte vor ſich hin— und ich lebe ſo ruhig in den Tag hinein, denke an Nichts— überlaſſe alle Sorge mei⸗ nem armen Kinde— ſo weit wäre es mit mir gekommen? Wenn du mich lieb haſt, ſprich nicht ſo, Vater, ſchluchzte das Mädchen— es hat uns ja noch Nichts ge⸗ fehlt,— auch heute würde es nicht der Fall geweſen ſein, ich weiß ja, wie genügſam du biſt, wenn nicht Herr von Erbach.. Nun, das hat Nichts zu ſagen, mein Kind; ein Schelm giebt mehr, als er hat. Ich beſitze auch keinen Pfennig, fuhr er ſeine Taſchen durchſuchend fort— aber morgen werde ich Rath ſchaffen, darauf kannſt du dich verlaſſen.— Sie müſſen ſehr vorlieb nehmen, Herr von Erbach, ſagte er dann, Aennchen wider ihren Willen in das Zimmer zurückführend, mein Kind hat Nichts im Hauſe, da ich gewöhnlich Abends auswärts eſſe, wir be⸗ ſitzen keine Dienſtboten und haben Niemanden zu ſchicken. Es thut mir unendlich leid, erwiederte Erbach auf⸗ ſtehend, wenn Sie ſich irgendwie meinetwegen geniren ſollten. Es wird gewiß keiner Verſicherung bedürfen, daß Ihr freundliches Anerbieten auch ſo ſeinen vollen 4 Werth für mich behält; wenn Sie es mir daher geſtat⸗ ten, und um Ihnen zu zeigen, daß meine Worte wirk⸗ lich ſo gemeint ſind, bin ich ſo frei, an einem anderen Tage, worüber wir uns ja noch beſprechen können, das Verſäumte nachzuholen. Sie werden doch noch nicht gehen wollen? fragte Baumann. Ich habe wirklich noch ein dringendes Geſchäft und hätte immer nur eine kurze Zeit bleiben können, erwie⸗ derte Rudolf, dem Aennchen's Verlegenheit nicht entgan⸗ gen war, und der es daher für nothwendig hielt, die⸗ ſelbe nicht durch ſein Bleiben noch zu verlängern. Fräu⸗ lein Aennchen, ſetzte er daher unbefangen ſcherzend hinzu, wenn ich in einigen Tagen wiederkomme, werde ich ſehen, ob Sie noch eben ſo eine gewandte Marketenderin ſind, als damals, wo Sie für uns ſtets hungrige Soldaten ſorgten. Er hat Nichts gemerkt, mein Kind, ſagte der alte Baumann, als Erbach gegangen war; ſo Etwas kann in der beſtgeordneten Haushaltung vorkommen— und morgen werde ich ſorgen, daß deine Wirthſchaftskaſſe wieder gefüllt wird. Sei mir nur nicht ſo traurig und niedergeſchlagen, ich glaube, die Thränen ſtehen dir immer noch in den Augen. N Nein, mein Vater, ich bin ganz heiter, ſagte ſie; du haſt Recht, man iſt ja nicht immer eingerichtet, Gäſte zu empfangen. F Sie kämpfte wacker mit ſich, ließ ſich Nichts mehr merken und plauderte wie gewöhnlich mit dem Vater, bis endlich die lang erſehnte Zeit zum Schlafengehen erſchien. Dann aber, als ſie allein in ihrer kleinen Kammer war, entſtürzten die ſo lange und mühſam zurückgehal⸗ tenen Thränen ihren Augen und milderten nach und nach einen Schmerz, welcher ihre junge Seele zum erſten Male und ihr ſelbſt unerklärbar ſo gewaltſam tief und ſtechend zerriß. Der alte Baumann ging am anderen Tage ſeinen gewohnten Geſchäften nach, und das junge Mädchen er⸗ kannte bald, daß er bei ſeiner zerſtreuten Weiſe die Ent⸗ ſchlüſſe des geſtrigen Abends wieder vergeſſen habe. Mit raſcher Hand vollendete ſie daher den Kranz, legte ihn und noch andere fertige Blumen in eine Pappſchachtel und ging in die Stadt. Es war noch ziemlich früh am Morgen, die junge Frau des Banquier Roſen ſaß am Frühſtücktiſche, wel— chen ihr Mann eben verlaſſen hatte. Sie ſtützte ihren hübſchen Kopf ſorgenvoll auf die Hand, und Gedanken von mancherlei Art ſchienen ſie zu beſchäftigen. Sie hatte zum erſten Male eine unruhige Nacht gehabt und ſah ungewöhnlich blaß und angegriffen aus, denn die Scene des vergangenen Abends hatte ſich in häßlichen Bildern im Traume wiederholt, und ſo war ein Gemiſch von dem Einfluſſe des Traumes und der Wirklichkeit in —, S 41. ihrer Seele zurückgeblieben, welches eine Verſtimmung erzeugte, deren Urſprung näher nachzuforſchen ihr eben ſo unangenehm als läſtig war. Da meldete der Be⸗ diente ein junges Mädchen, welche Blumen zu verkaufen wünſchte. Ich bedarf keiner Blumen, ſagte ſie ziemlich unfreund⸗ lich, bin überhaupt nicht zu ſprechen. Der Bediente kehrte jedoch zurück und bemerkte, das junge Mädchen wünſche Sie dringend zu ſprechen, ſie ſei die Tochter des Muſikers Baumann. Baumann? Baumann? Ach, jenes ſonderbaren Man⸗ nes, den wir in Scheitnich trafen,— dieſelbe, welche— führe ſie herein— ſagte ſie dann mit ſichtlicher Neugierde. Aennchen trat ſchüchtern ein, die luxuriöſe Einrichtung der Zimmer, die ſeidenen Vorhänge, die weichen ſammt⸗ artigen Teppiche, die vielen Sophas und Seſſel— Alles Dinge, welche ſie in dieſer Weiſe nie geſehen, machten auf ſie einen beängſtigenden Eindruck. Roſe ging ihr freundlich entgegen und lud ſie zum Sitzen ein. Sie ſind uns ſchon bekannt, mein Kind, ſagte ſie dann, wir haben von Ihrem romantiſchen Aus⸗ fluge gehört, und es freut mich ſehr, daß Sie glücklich zurückgekehrt ſind. Aber Sie tragen Trauer! fügte ſie hinzu. Meine Mutter iſt, bald nach meiner Rückkehr, vor drei Monaten geſtorben, erwiederte Aennchen mit leiſer, bebender Stimme. Das thut mir herzlich leid, mein Kind; aber Ihrem Vater geht es doch wohl? Ja, gnädige Frau, es geht ihm wohl. Und was führt Sie zu mir? fragte Roſe weiter, in der Abſicht, das Geſpräch auf einen anderen Gegenſtand zu leiten. Ich habe hier einige Blumen, gnädige Frau, von denen ich mir dachte, daß ſie Ihnen vielleicht gefielen. Laſſen Sie ſehen. Ach, wie allerliebſt! rief ſie, den Roſenkranz herausnehmend, wirklich ſehr niedlich! Und das haben Sie Alles ſelbſt gemacht? Was Sie für eine Künſtlerin ſind! Es iſt eine reizende Beſchäftigung, das Blumenmachen, ich beneide Sie recht darum. Sie müſſen mir einmal ausführlich erklären, wie es möglich wird, die Natur ſo treu nachzuahmen; man glaubt wirklich natürliche Roſen zu ſehen, es fehlt nur der Geruch. Sie trat mit dieſen Worten vor den Spiegel, deſſen breiter Goldrahmen bis auf den Teppich des Fußbodens reichte, nahm ihr geſticktes Morgenhäubchen ab und legte den Kranz auf die vollen Wellen ihres dunkeln ſeidenen Haares. Er paßt nicht zu dieſem Anzuge, nicht wahr? fragte ſie dann lächelnd, Sie werden mich auslachen und mich für eine eitle Thörin halten, mein Kind, aber die Blu⸗ men ſind wirklich wundervoll gearbeitet, und ich werde ſie gern behalten. Nun erzählen Sie mir noch ein we⸗ nig, wie es Ihnen auf Ihrem Ausfluge ergangen; Sie ſollen ja mitten im Kriege geweſen ſein. Haben Sie ſich nicht gefürchtet? Im Anfange ſehr, ſagte Aennchen, aber man gewöhnt ſich an ſo Vieles, und nur zweimal habe ich ſehen müſ⸗ ſen, wie Menſchen erſchoſſen wurden. Das haben Sie geſehen? Ich wäre ſelbſt geſtorben. Aennchen erzählte ziemlich ausführlich die Ereigniſſe ihres Aufenthaltes bei dem Förſter, und Roſe hatte man⸗ cherlei dabei zu fragen. Dann ſtand ſie auf und ſagte, indem ſie die Blumenſchachtel zurückſchob: Seien Sie nicht böſe, mein Kind, aber ich muß noth⸗ wendig Toillette machen, wir wollen um 1 Uhr aus⸗ fahren, und es iſt ſchon halb. Die Blumen will ich ſehr gern behalten, und wenn Sie mir vielleicht in der künftigen Woche einen Kranz mit hängenden Zweigen bringen wollen, ſo würden Sie mich ſehr damit erfreuen. Aennchen war ebenfalls aufgeſtanden und kämpfte ſichtlich mit dem Entſchluſſe, ob ſie, der ihr deutlich ge⸗ wordenen Weiſung gemäß, gehen ſollte. Da dachte ſie an ihren Vater und blieb unſchlüſſig ſtehen. Sie werden mir den Kranz bringen, nicht wahr? bemerkte Roſe, indem ihr Blick unruhig nach der Thür flog. Gnädige Frau, ſtammelte Aennchen, und hielt mit ſichtbarer Anſtrengung ihre Thränen zurück, ſeinen Sie nicht ungehalten, wenn ich Sie bitte... Was denn, mein Kind? fragte Roſe erwartungsvoll. — — . * Mir den geringen Preis für die Blumen jetzt zu ge⸗ ben— wir haben es nöthig. Roſe war ein ſolcher Gedanke nicht im Entfernteſten eingefallen, ja, ſie hatte es aus einer gewiſſen Verſchämt⸗ heit unterlaſſen, von dem Preiſe zu ſprechen. Von Herzen gern, mein liebes Kind, ſagte ſie daher; vergeben Sie mir, daß ich ſo nachläſſig ſein konnte. Was koſten die ſchönen Blumen? fragte ſie dann mit ſichtlicher Ueberwindung. Ich denke, zwei Thaler wird nicht zu viel ſein, ſprach Aennchen kaum hörbar. Zwei Thaler, für all die Blumen? wo denken Sie hin? hier iſt ein Friedrichsd'or, und auch das iſt noch zu wenig. Als ſie dem widerſtrebenden Mädchen das Goldſftück in die kleine, zitternde Hand gedrückt und ſich dieſes mit Thränen in den Augen empfohlen hatte, blickte Roſe noch lange nachdenkend den Kranz an und ging dann, wieder um eine Erfahrung reicher, um ſich zum Spa⸗ zierenfahren anzukleiden. 58 viertes Rapitel. Weihnachten. Es war um die Weihnachtszeit— um jene Zeit, wo die Menſchen ihr Glück darin ſuchen und finden, Andere zu beglücken, wo ſie ſich abmühen und beſtreben, dies in recht ſinniger und herzlicher Weiſe zu thun, wo der Egvismus, der ſonſt Nichts kennt, als das eigene Wohlergehen, ſelbſt aus dem Herzen derjenigen weicht, die er das ganze lange Jahr hindurch geknechtet hält. Das Band der Familie umſchlingt die Menſchen in jener ſchönen Zeit inniger und feſter, ſie empfinden dann, daß alles Uebrige nur falſcher Schein und eitler Trug iſt, und daß ohne die Liebe, welche an jenem heiligen Abende für ſie geboren worden, doch kein wirkliches und wahres Glück möglich ſein kann. Deshalb denn das Beſtreben und das Bedürfniß, dieſe Liebe zu bethätigen und zu verwirklichen, für das gewordene Geſchenk wieder zu ſchenken, für das empfan⸗ gene Glück wieder zu beglücken. Darum iſt auch von allen Feſten des Jahres das Weihnachtsfeſt das erhe⸗ bendſte und ſchönſte, weil es nicht auf äußerem Prunk und äußerlichen Formen beruht, ſondern unſer innerſtes Sein berührt und mit uns alle diejenigen, welche uns 59 lieb und werth ſind. So trübe daher auch die damalige Zeit war, gleich dem grauen Himmel, welcher ſich über das Land ausſpannte, ſo eiſern auch der Druck der Ge⸗ walthaber von jedem Einzelnen empfunden wurde, ſo be⸗ reitete man ſich doch gerade dieſes Mal mehr als ſonſt vor, das Weihnachtsfeſt in freudiger Weiſe zu begehen, und ſelbſt die Abneigung und der Spott der Fremden, welche dafür keine Empfänglichkeit beſaßen, ſteigerten noch mehr dieſe Beſtrebungen. Es wird ein trauriges Feſt werden, ſagte die Frau von Saldern, eine faſt vollendete Handarbeit ſorgfältig zuſammenlegend, zu dem Freiherrn— morgen ſteht der Termin an— und übermorgen ſoll der Weihnachtsbaum brennen! Ja, liebe Frau von Saldern, erwiederte der Freiherr, indem er ihr, was er ſehr ſelten that, die Hand reichte, ſo iſt es leider. Man hat nicht einmal die Rückſicht gegen mich beobachtet, dieſen Termin nach Weihnachten anzuberaumen. Weshalb auch? Was gilt dieſen Leuten Weihnachten? Morgen wird Süßmacher Herr von Schön⸗ berg, und ich ziehe als ein Bettler aus dem Erbe mei— ner Väter!— Ich kann es nicht ändern, fuhr er mit einem tiefen Seußzer fort, ich habe das Meinige redlich gethan und brauche mir keine Vorwürfe zu machen.— Aber das Weihnachtsfeſt wollen wir hier dennoch zum letzten Male feiern, der Baum ſoll noch einmal oben in der grünen Stube brennen, auf derſelben Stelle, wo ihn 60 mir, dem fröhlichen Knaben, meine braven Eltern an— gezündet und ich ihn dann ſelbſt für meine gute Louiſe in jedem Jahre zurecht gemacht habe. Ich bin ein alter Mann, fuhr er nach längerem Schweigen fort, es war zwar mein ſehnlicher Wunſch, und ich habe an ſeiner Erfüllung auch nie gezweifelt, einſt hier bei den Meinigen zu ruhen— aber das iſt am Ende auch gleichgültig, mit dem Bischen Zeit werde ich ja noch fertig werden— doch mein armes Kind! Was wird aus meinem armen Kinde? Es iſt eine ſehr harte Prüfung, die mich trifft, und der liebe Gott hätte wohl ſo gnädig ſein können, mich früher ſterben zu laſſen. Das kann Ihr Ernſt nicht ſein, dann bliebe Ihre Tochter ja ganz ohne Schutz und Hilfe. Und werde ich ihr ferner Schutz und Hilfe gewähren können? Schämen Sie ſich, ſo zu ſprechen! Sind Sie nicht ein Mann, ein noch kräftiger und geſunder Mann? Den— ken Sie an den großen König, den Sie uns immer als Muſter aufgeſtellt; war er nicht oft in viel größerer Be⸗ drängniß, als Sie es jetzt ſind, und hat er jemals den Muth verloren? Hätte er Schleſien behalten, wenn er ſo kleinmüthig geweſen, wie Sie? Ja, könnte ich meine Bauern bewaffnen! fuhr der Freiherr auf, aber ich habe ja keine Bauern mehr, das iſt ja Alles zu Ende; könnte ich ſie bewaffnen und die⸗ ſen getauften Juden mit der ganzen Gerichtskommiſſion 61 zum Hofe hinaustreiben, Gewglt gegen Gewalt gebrau⸗ chen bis zum Aeußerſten— dann wollten wir einmal ſehen, ob ſie es wagten, dieſes infame, revolutionäre Ge⸗ ſetz gegen mich für einen Juden zur Ausführung zu brin⸗ gen! Der große König konnte drrein ſchlagen, ſo lange es ging, und es ging zuletzt immer— aber ich? Ich muß ruhig zuſehen, wie dieſe Federfuchſer, dieſes Lumpen⸗ geſindel, morgen hierher kommen, ſich breit und wichtig machen und mich dann... Sie haben immer Redens⸗ arten in Bereitſchaft, Frau von Saldern, fuhr er heftig auf, aber immer nur Redensarten— möchten Sie mir lieber einmal einen vernünftigen Rath geben! Wenn Sie mich anhören wollen, von Herzen gern; aber erſt werden Sie ganz ruhig, denn die Sache läßt ſich mit Heftigkeit nicht beſſer machen. So reden Sie. Sie ſollen ſich wie ein Mann, wie ein Edelmann in das Unvermeidliche fügen, Sie ſollen mit Kraft und Ruhe den morgenden Tag ertragen, dieſen Leuten nicht noch die Freude machen, über Ihren ohnmächtigen Zorn zu ſpotten. Nun, und— wenn ich das Alles gethan? Dann ſollen Sie, mit dem Bewußtſein einer ſchwer erfüllten Pflicht, dem lieben Gott vertrauen und dieſes Vertrauen dadurch bethätigen, daß Sie kein Mittel un⸗ verſucht laſſen, ſich und Ihrem Kinde eine andere Exiſtenz zu verſchaffen. Wenn Sie es damit recht ernſtlich meinen 62 und ſich ſelbſt nicht verlaſſen, ſo wird Sie der liebe Gott auch nicht verlaſſen!— Das iſt mein Rath. Der Freiherr ging längere Zeit ſchweigend auf und ab, und auch die Frau von Saldern ſaß ſtumm und in 3 ſich gekehrt. 4 Beſorgen Sie Alles zum Feſte, ſagte er dann, ihre Hand ergreifend— morgen wird ja auch vorübergehen, und wir haben dann noch einige Wochen für uns. Der gefürchtete Morgen erſchien. Die Sonne, welche längere Zeit verhüllt geweſen, ſtrahlte hell und heiter auf die mit einer leichten Schneedecke belegten Fluren und beleuchtete freundlich die anmuthige Gegend um Schön— berg, gleichſam um zu zeigen, daß ſie auch im Gewande des Winters mannichfacher Reize nicht entbehre. Der Freiherr ſtand, in trübe Gedanken verloren, an dem Fen⸗ ſter eines oberen Zimmers, und ſeine Blicke hingen voll Wehmuth und Trauer an all den einzelnen Stellen ſeines Beſitzthums, welches jetzt von den Strahlen der aufſtei⸗ genden Sonne verſchönt vor ihm lag, das er aber nun in wenigen Stunden nicht mehr ſein nennen ſollte. Zwei franzöſiſche Gensd'armen, welche im raſchen Trabe dem Dorfe zuritten, riefen ihn aus ſeinen Träumereien in die bittere Wirklichkeit zurück, und er lächelte ſpöttiſch, daß man es für nöthig befunden hatte, dieſen traurigen Akt unter dem Schutze der bewaffneten Macht vor ſich gehen zu laſſen. Er begab ſich hinunter, um die ankommenden Ge⸗ 5 S 63 richtsperſonen zu empfangen, und hörte die Entſchuldi— gung des Juſtizbeamten, daß es ihm leid thue, dieſen für ihn eben ſo unangenehmen als peinlichen Auftrag erfüllen zu müſſen, mit Ruhe und höflicher Entgegnung an. Während der Gerichtsbeamte ſeine Vorbereitungen zur Abhaltung des Termins traf, verſammelten ſich faſt alle Bauern des Dorfes und der nächſten Umgegend und ſtanden dicht gedrängt, leiſe flüſternd im Flure des Herrenhauſes. Keiner von ihnen hatte die Abſicht, ſich bei dem Kaufe zu betheiligen, ſie wollten ſich nur, mit der ſolchen Leuten eigenen Neugierde, ſelbſt überzeugen, ob es wirklich wahr ſei, daß Schönberg öffentlich ver⸗ kauft, und mehr noch, ob es zugelaſſen werde, daß ein Anderer, als ein adeliger Herr, das Gut erſtehe. Eigentliche Käufer hatten ſich noch gar nicht einge⸗ funden; der Juſtizbeamte wollte eben den Termin be⸗ ginnen, als eine Extrapoſt in den Hof fuhr, welcher hei⸗ ter ſcherzend der Banquier Süßmacher und der Aſſeſſor Haller entſtiegen. Die Bauern machten den Ankommen⸗ den demüthig Platz, und dieſe betraten das Terminzim⸗ mer mit jener nachläſſigen Zuverſicht, wie ſie Männern, welche von der Wichtigkeit ihres Erſcheinens zum Vor⸗ aus überzeugt ſind, eigen iſt. Der Freiherr erwiederte ſchweigend den zweideutigen Gruß der Angekommenen, und der Termin begann. Die Bedingungen, welche auch Nichtadelige ausdrücklich zum Ankaufe des Gutes für befähigt erklärten, wurden ver⸗ — 64 — leſen, und dann forderte der Beamte, nachdem er ein Licht angezündet, zum Bieten auf, indem er hinzufügte, daß nach dem Abbrennen des Lichtes dem Letztbietenden der Zuſchlag ertheilt werden würde. Lange Zeit herrſchte eine lautloſe Stille. Dann ſagte der Banquier, indem er eine Priſe nahm: Wozu die vielen Umſtände? Ich hab' 20,000 Thaler ſtehen auf dem Gut, ich biete 20,000 Thaler, wenn's auch mehr iſt, als man jetzt dafür zahlen ſollt', aber es iſt mein eigen Geld. Zwanzigtauſend Thaler! wiederholte die einförmige Stimme des Aktuars. Zwanzigtauſend Thaler ſind geboten. Wieder lautloſe Stille. Hundert Thaler mehr, ſagte dann Haller mit ruhi— ger Stimme. Zwanzigtauſend Einhundert Thaler! wiederholte der Aktuar. Sie wollen Schönberg kaufen, Herr Aſſeſſor? fragte dann Süßmacher und gab ſich das Anſehen, als käme ihm dies ſehr unerwartet. Wenn Sie Nichts dawider haben, bemerkte Haller mit einem Lächeln, welches ſein Einverſtändniß mit dem Banquier nur unvollkommen verbarg. Was ſoll ich dawider haben? Komm' ich doch zu meinem Gelde, weiter verlang' ich Nichts; kann man doch jetzt Güter genug kaufen und wohlfeiler wie dieſes, wo 65 Nichts mehr iſt, als der blanke Boden. Kaufen Sie, Herr Aſſeſſor, ich werd' Sie nicht überbieten. Es trat wieder eine längere Pauſe ein, und da Nie⸗ mand mehr bot, erklärte der Juſtizbeamte, daß bis zum Erſcheinen anderer Käufer der Termin ausgeſetzt werde, der Zuſchlag aber, nachdem das Licht abgebrannt ſei, gegen 3 Uhr Nachmittags ertheilt werden ſolle. Beabſichtigen Sie wirklich, Schönberg zu kaufen? fragte der Freiherr Haller, indem er zu ihm herantrat, oder handeln Sie im Auftrage eines Anderen? Nein, Herr Baron, ich handle für mich, ich habe die Abſicht, mich anzukaufen, und halte dieſe Gelegenheit dazu für vortheilhaft. Der Freiherr hatte eine bittere Antwort auf der Zunge, beherrſchte ſich jedoch und verließ, Haller kurz ſtehen laſſend, das Zimmer. Dieſes wurde bald ganz leer, nur die Juſtizbeamten blieben darin zurück. Es ſieht toll genug hier aus, ſagte Haller zu Süß⸗ macher, als ſie ſich umſehend durch den Hof ſchlender⸗ ten. Man wird viel hineinſtecken müſſen in dieſe Ruinen. Was thu' ich mit den Ruinen? Fünftauſend Mor⸗ gen ſchöner Boden, es iſt gefunden, rein gefunden,— und ein Rittergut! Ich thu' Ihnen einen großen Gefal— len, Herr Aſſeſſor. Laſſen wir das, ſagte Haller, es ſteht Ihnen ja frei, mehr zu bieten. 8 Sie noch Luſt, von unſerer Uebereinkunft abzuſpringen, ich gebe Ihnen freie Hand. Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. II. 5 * 66 Was thu' ich mit Abſpringen, Herr Aſſeſſor! ein Wort ein Mann— aber nehmen Sie ſich in Acht, rief er voll Angſt, indem er wirklich abſprang. Da iſt der ſchwarze Satan von Köter!— Kommen Sie hinein, und wenn Sie erſt hier zu befehlen haben, ſo laſſen Sie ſogleich die Beſtie todtſchießen! Der alte Nero lag an dieſem Tage jedoch ganz un⸗ ſchädlich an der Kette und bellte nur, weil eben wieder ein Wagen in den Hof fuhr. Was ſoll mir das? rief Süßmacher, es werden doch nicht noch andere Käufer kommen? Auch Haller machte eine bedenkliche Miene, die ſich noch mehr verfinſterte, als er jetzt aus dem Wagen Venner und Erbach aus⸗ ſteigen ſah. Ah! ſieh' da, Maling! rief Venner näher kommend, und auch Herr Süßmacher! beiderſeitig in Geſchäften hier, wie ich mir denke, nicht wahr? Du, Venner? fragte Haller, ihm die Hand entgegen⸗ ſtreckend, wo kommſt du mit Einem Male her? du warſt ja gänzlich verſchollen! Ich war in Königsberg, erwiederte dieſer, ohne Hal⸗ lers Hand zu bemerken, und bin ſeit geſtern zurückge⸗ kehrt— aber was giebt es denn hier? Ich will meinen alten Gönner, den Freiherrn von Wallingen, beſuchen und finde dich hier zu gleichem Zweck? Ja, ſo geht es: Unverhofft kommt oft. 67 Du willſt den Freiherrn beſuchen? So weißt du nicht, daß Schönberg heute verkauft wird? Verkauft? fragte Venner mit ſcheinbarem Erſtaunen. Ja, verkauft, Herr von Venner, eigentlich ſubhaſtirt, auf meinen Antrag, bemerkte Süßmacher mit Wichtig⸗ keit, und der Herr Aſſeſſor haben es gekauft, der Herr Aſſeſſor werden Rittergutsbeſitzer. Du, Haller? rief Venner lachend, du willſt Schön⸗ berg kaufen? Aber wie kann ich mir eine ſolche Thorheit weißmachen laſſen!— Seit wann hätteſt du Geld, um Rittergüter zu kaufen? Und wenn ich es nun hätte? erwiederte Haller em⸗ pfindlich; ich habe dich nie zu meinem Zahlmeiſter ge⸗ macht! Das nicht, aber oft zu deinem Banquier, den du ſehr unſichere Anweiſungen realiſiren ließeſt— doch, entſchul— dige, ich muß den Freiherrn begrüßen, ich werde ja nach⸗ her Zeit haben, dir meinen Glückwunſch abzuſtatten.— Nach dieſen Worten ging er mit Rudolf in das Haus, ohne daß Letzterer von Süßmacher und von Haller die geringſte Notiz genommen hatte. Die Sache iſt nicht in Ordnung, bemerkte Süß⸗ macher, und auch Haller war nachdenkend geworden, als Beide nun ebenfalls der Wohnung des Freiherrn zu⸗ ſchritten. 8 Der Freiherr empfing Venner und Erbach an der Hausthür und führte ſie durch die gaffenden Bauern in 5* 68 das Wohnzimmer, wo ſie die Frau von Saldern und Louiſe fanden. Letztere, welche Venner oſt als Kind auf den Armen getragen, und der er dann ſpäter bei ihren wilden Spielen Geſellſchaft geleiſtet, hing ſehr an ihm; ſie konnte daher jetzt, als ſie ihn in einer ſo traurigen Stunde unerwartet wiederſah, ihre Thränen nicht unter⸗ drücken und fing bei ſeinem Anblick bitterlich zu weinen an. Weine nicht, kleine Liſel, ſagte Venner, indem er ſich bemühte, ihren Kopf in die Höhe zu heben— aber — man kennt dich ja gar nicht wieder, ſcherzte er, du biſt einen halben Kopf gewachſen, und ich werde wohl bald„mein Fräulein“ und„Sie“ zu dir ſagen müſſen. Sie vermochte vor innerer Bewegung nicht zu reden und legte weinend ihren Kopf an ſeine Schulter. In dem Augenblicke erklang lange anhaltend die Glocke aus dem Terminzimmer. Ich muß hinunter, ſagte der Freiherr, dem letzten Akte des Drama's beiwohnen; Sie erzeigen mir wohl den kleinen Dienſt, ſo lange hier bei den Meinigen zu bleiben, Herr von Venner⸗ Laſſen Sie mich immer mit Ihnen gehen, erwiederte dieſer, und du, Liſel, ſetzte er leiſe und mit freundlichem Lächeln hinzu, weine nicht mehr— es iſt nicht Alles ſo ſchlimm, wie es ausſieht. Zwanzigtauſend Einhundert Thaler! rief die einför⸗ mige Stimme des Aktuars, Zwanzigtauſend Einhundert Thaler! zum Erſten!— zum Zweiten!— und— — 69 Entſchuldigen Sie, unterbrach Venner, ohne ſeine Stimme über ihre gewöhnliche Stärke zu erheben, ehe Sie das Verfahren fortſetzen, Herr Juſtizrath, haben Sie vielleicht die Güte, dieſe Verfügung des Obergerichts an Sie zu leſen, welche ich Ihnen auszuhändigen übernom⸗ men habe. Der Beamte nahm erſtaunt das offene Schreiben und las es unter lautloſer Stille, während ſeine Mienen ſich ſichtlich erheiterten. Ich habe den Anweſenden zu verkünden, ſagte er dann aufſtehend mit lauter Stimme, daß der heutige Subhaſtations-Termin aufgehoben iſt⸗ da durch die Allerhöchſte Verordnung vom 27. vorigen Monates ſämmtlichen Grundbeſitzern, in den Städten ſowohl, als auf dem Lande, ein allgemeiner Indult bis zum 27. Juni 1810 in Anſehung aller Kapitalszahlun gen bewilligt worden, wozu die Verpflichtung vor dem Datum des Geſetzes eingegangen iſt, ohne Unterſchied, ob der Verfalltag früher eingetreten iſt oder noch erſt eintreten ſoll, ob die Forderung bereits eingeklagt, rechts⸗ kräftig erſtritten und ſchon bis zur Exekution gediehen iſt oder nicht. Das Königliche Obergericht verfügt daher die Aufhebung des Termines, und ich ſchließe denſelben hiermit, indem ich die gemachten Gebote für unverbind⸗ lich und für nicht mehr beſtehend beiden Theilen gegen⸗ über erkläre. Wie wäre mir das? rief Süßmacher; ich ſoll nicht 70 kommen zu meinem Gelde? Soll ich verlieren mein gan⸗ zes Kapital? Nicht im Mindeſten, erwiederte Venner, Sie dürfen es nur vor dem 20. Juni 1810 nicht kündigen und müſ⸗ ſen ſich bis dahin mit den Zinſen begnügen. Der Herr Baron haben mir angeboten ſechs Prozent. Jetzt bleibt es aber bei den vertragsmäßigen fünf. Das iſt ein Gewaltſtreich, wo ſteht das Geſetz? Ich glaub's nicht, es kann unmöglich wahr ſein! Hier iſt das Geſetz, ſagte Venner, ihm ein Blatt reichend, Sie ſehen, unterzeichnet: Friedrich Wilhelm, Schrödter, Stein, Schrödter II. Auch vom Stein? rief Süßmacher, iſt's möglich? Hab' ich doch den Stein für einen honnetten Mann ge⸗ halten, hätt' ich doch nie geglaubt, daß er ſich auch be⸗ nehmen würde wie ein.. Wahren Sie Ihre Zunge! fuhr Venner auf, indem er dicht zu Süßmacher herantrat; der Freiherr von Stein iſt der erſte Miniſter Sr. Majeſtät unſeres Königs, und Sie befinden ſich hier in einem Gerichtslokal! Hab' die Ehre, mich zu empfehlen, ſagte Süßmacher kleinlaut. Herr Baron, wir ſprechen noch wegen der Zinſen, Sie werden Ihr Wort nicht zurücknehmen. Haller hatte während deſſen raſch das Geſetz durch⸗ flogen, und er trat jetzt, Venner das Blatt zurückgebend, mit verbindlicher Miene zu dem Freiherrn. Ich freue mich, ſagte er dann, daß meine Abſicht, —— Sie in dem Beſitze von Schönberg zu erhalten, auf dieſe Weiſe ſicherer realiſirt iſt, und wünſche Ihnen von Her⸗ zen Glück, den Beläſtigungen jenes unangenehmen Gläu⸗ bigers wenigſtens auf mehrere Jahre enthoben zu ſein. Sie hätten die Abſicht gehabt... Schönberg zu kaufen, nur um Ihnen den Beſitz deſ⸗ ſelben zu erhalten. Jedermann weiß, daß ich weder ein Landwirth, noch ein Spekulant bin. Sie haben jedenfalls einen ſehr eigenthümlichen Weg zur Erreichung Ihrer Abſicht eingeſchlagen, erwiederte der Freiherr kalt; Sie hätten nur nöthig gehabt, die ganz ſicherſtehende Hypothek zu kaufen... Dein Freund, Herr Süßmacher, oder dein Com⸗ pagnon, ich weiß nicht, welches die richtigere Bezeichnung iſt, ſagte Venner mit ſichtbarem Hohn, ſcheint auf dich zu warten, lieber Haller; es wäre unverantwortlich von dir, den würdigen Mann bei dem kalten Wetter dem Hofe länger ſtehen zu laſſen. Sie ſcheinen hier die Rolle des Hausherrn zu über⸗ nehmen, Herr Referendarius, entgegnete Haller, der ſeinen inneren Grimm nicht länger zu verdecken vermochte... Aſſeſſor, wenn's beliebt. Ja, fuhr er dann ſpöttiſch fort, wir ſind Kollegen geworden, es iſt eine ſonderbare Zeit— man muß ſich vielerlei gefallen laſſen! Aber Herr Süßmacher friert wirklich ſehr! Ich bitte, den Termin für beendet zu erklären, Herr Juſtizrath, ſetzte der Freiherr hinzu; ich habe das Be⸗ — 72 werden. Nun, kleine Liſel, rief Venner das Mädchen, welches ihm freudig entgegenſprang, als er mit Erbach und dem Freiherrn wieder in das Wohnzimmer trat, nun, Liſel, ſiehſt du, daß ich Recht hatte! Wer wird immer gleich weinen und traurig ſein! Ach, wie ſoll ich Ihnen danken? ſagte ſie, indem die Thränen ihr wieder in die Augen traten. Danken? Wofür? Du biſt ein thörichtes Kind, das noch Nichts von dieſen Dingen verſteht; frage nur den Vater, der wird dir ſagen, daß ich gar Nichts bei der Sache gethan habe, daß auch Alles ganz ſo ohne mich gekommen ſein würde. Dennoch danke ich Ihnen von ganzem Herzen, lieber Venner, ſagte der Freiherr, ſeinem Gaſte herzlich die Hand reichend; laſſen Sie mich nur erſt in mir ſelbſt zur Ruhe kommen, der Uebergang iſt ein wenig raſch geweſen— nie und nimmer hätte ich dieſe Maßregel von den jetzigen Räthen des Königs erwartet. Nennen Sie immerhin den Mann bei ſeinem Namen, dem Sie und viele Hunderte von Gutsbeſitzern die Exi⸗ ſtenz verdanken. Es iſt Stein. Er allein hat die Ver⸗ ordnung gegen die Anſicht der Anderen, ſelbſt gegen die Bedenken des Königs durchgeſetzt. Gott erhalte uns die⸗ ſen Mann an der Spitze der Verwaltung, denn er allein iſt im Stande, den Staat zu retten. dürfniß, endlich von überläſtigen Beſuchern befreit zu — 5 73 Ich will heute nicht widerſprechen, ſagte der Freiherr, es wäre undankbar, aber meine Ueberzeugung bleibt un⸗ verändert. Stein's Verwaltung führt uns dem ſicheren Untergange zu. Er haßt den Adel, obgleich er ſelbſt ein Adeliger iſt, er will den Unterſchied der Stände aufhe⸗ ben, alte, wohlerworbene Rechte vernichten, Alles nach franzöſiſcher Art nivelliren, und wenn er es wirklich ehr⸗ lich meint und nicht unter franzöſiſchem Einfluſſe ſteht, ſo wird er uns doch verderben und hat damit bereits begonnen. Ich hätte gerade heute dies nicht von Ihnen erwartet, bemerkte Venner, indem er Louiſe, die ihn bittend anſah, von ſich entfernte; was Sie gegen dieſen Mann ſagen, den ich aus dem tieſſten Grunde meiner Seele verehre, der mit der edelſten und uneigennützigſten Hingebung ſich ſeinen ſchweren und, wie Sie ſelbſt beweiſen, undankba⸗ ren Pflichten opfert, das ſagen Sie gegen mich, Herr von Wallingen.. Das ſei fern von mir, erwiederte dieſer, indem er Venner beide Hände entgegenhielt— ich bin noch zu aufgeregt, noch zu ſehr von dem raſchen Wechſel meines Geſchickes ergriffen, um vielleicht— ich habe Ihnen ja meinen Dank immer noch nicht ſo abgeſtattet, wie es Ihre Theilnahme und Ihre aufopfernde Freundſchaft für mich verdient. Ich habe Nichts gethan, als Ihnen vielleicht ein paar unangenehme Stunden erſpart; wenn Sie mir da⸗ 74 für einige Rückſcht ſchuldig zu ſein glauben, ſo ändern Sie Ihre Anſicht über Stein. Wir wollen uns darüber zu einer anderen Zeit gründ⸗ lich ausſprechen, lieber Venner, jetzt laßt uns fröhlich und guter Dinge ſein. Nehmen Sie vorlieb, ſo gut ich es Ihnen nach der langen Einquartierung bieten kann; und nun, Liſel, mein Kind, komm' her, küſſe mich, ſo recht ſehr— morgen iſt Weihnachten, und wir feiern das Feſt nicht zum letzten Male in Schönberg. Sie werden doch daran theilnehmen, meine Herren? Ich bin, wenn ich ehrlich ſein ſoll, deshalb herge⸗ kommen, erwiederte Venner, und habe auch für dich na— türlich Etwas mitgebracht, Liſel. Das ſchönſte Geſchenk haben Sie uns ſchon gemacht — aber wie freue ich mich jetzt auf morgen! Unſer Freund Erbach will jedoch wieder zurück; ich habe vergebens verſucht, ihn zu überreden, das Feſt hier zuzubringen. Es thut mir herzlich leid, nicht hier bleiben zu können — aber es geht nicht, ich werde morgen in aller Frühe mit dem Wagen zurückkehren. Du thuſt ſo geheimnißvoll, Rudolf, lächelte Venner; deine Mutter iſt ja nicht in Breslau, was treibt dich denn dahin, gerade zu einer Zeit, welche man ſo gern bei Verwandten oder Freunden verlebt? Was mich treibt? erwiederte Rudolf mit einem leiſen Anflug von Verlegenheit; eigentlich wenig, ich will einer 75 Familie, der es ſchlecht und traurig geht, und die mir befreundet iſt, morgen Abend Geſellſchaft leiſten, weil ich mir denke, daß meine Gegenwart ihnen angenehm ſein wird. Kenne ich ſie nicht, du geheimnißvoller Menſch? H! vielleicht beſſer als ich, es ſind Baumann's— die Mutter iſt in deiner Abweſenheit geſtorben. Baumann's? wiederholte Venner mit einem forſchen⸗ den Blicke, ſiehſt du ſie jetzt öfter? Ich war nur einmal kurze Zeit dort. Was macht der Alte? Er iſt noch wie ſonſt, nur trinkt er nicht mehr, vom Theater iſt er entlaſſen. Und Aennchen? Sie ſieht etwas blaß aus, nicht ſo heiter und froh, wie damals, als wir zuſammen im Walde waren— es ſcheint ihnen ſchlecht zu gehen— ich denke mir daher, es wird wohlthuend für ſie ſein, wenn ſie morgen den Abend nicht ſo allein, ſondern in der Geſellſchaft eines alten Bekannten zubringen. Du haſt Recht, und es wäre ſehr egpiſtiſch von uns, dich an der Ausübung einer ſo lobenswerthen Pflicht hindern zu wollen; aber, ſetzte er leiſe hinzu, indem er ſeinem Freunde feſt in die Augen ſah, ſei auf deiner Hut, Rudolf, mache dem guten Kinde nicht ein Weihnachts⸗ geſchenk, welches ihr ſtatt Freuden großen Schmerz be⸗ 76 reiten müßte, weil ſie ſeines vollen Beſitzes ſich doch nie⸗ mals erfreuen könnte. Sei ohne Sorgen, Ulrich, erwiederte Rudolf mit einem leichten Erröthen, deine Befürchtungen ſind ohne„ allen Grund. Als der Chriſtabend im Gefolge ſeiner Kinderfreu⸗ den ſich herniederſenkte und auch in die Herzen der Er⸗ wachſenen die ſeligen, heiteren Erinnerungen der längſt vergangenen Fugendzeit zurückzauberte, brannte in Schön⸗ berg, hell und ſtrahlend, der Weihnachtsbaum, und vier frohe Menſchen ſtanden darum, friſche Hoffnung im Herzen, alle düſteren, traurigen Bilder der Vergangen⸗ heit vergeſſend. A2ennchen hatte auch einen kleinen Baum zurechtge⸗ macht und heimlich für den Vater ein Geſchenk gefertigt, wenn auch manche Thräne darauf gefallen war— das Weihnachtsfeſt mußte ja gefeiert werden, es wäre zu traurig geweſen, wenn es nicht hätte geſchehen ſollen— obgleich es auch ſo ſehr traurig war. Auch Karpfen und Mohnſchnittchen hatte ſie bereitet, Weihnachten ohne dieſe Dinge war ja nicht denkbar. So zündete ſie dann in der kleinen Stube den Baum an, und der Vater mußte draußen ſo lange warten, bis 7 er brannte; dann rief ſie ihn herein— und fiel ihm 4 weinend um den Hals. Sie hatte es ſich feſt vorge⸗ 3 nommen, heiter zu ſein,— aber ſie konnte doch nicht anders. 77 Wie ſchön du das Alles gemacht haſt! ſagte der alte Baumann, ſie wiederholt küſſend, nach einiger Zeit, denn er bedurfte dieſer, um es ſagen zu können; die Mütze habe ich mir längſt gewünſcht, ich werde wie ein Fürſt darin ausſehen.— Da kam Rudolf. Er entſchuldigte ſich gar nicht, daß er ſo ungeladen kam, und man fragte ihn auch nicht, weshalb er es gethan. Er brachte für Jeden ein Geſchenk, für Aennchen ein kleines, goldenes Kreuz mit blauen Steinen; er bewunderte Aennchen's Arbeit und auch das große Umſchlagetuch, welches ihr der Va— ter geſchenkt hatte.— Dann war der Baum abgebrannt, und die Lichter wurden ausgelöſcht. Aennchen deckte den Tiſch für drei Perſonen, als ob es ſich von ſelbſt ver— ſtehe, daß Rudolf dableibe. Sie brachte ihre Karpfen und ihre Mohnſchnittchen, und Rudolf holte aus ſeinem Mantel Alles, was zu einem Punſche nöthig war. Das gehört mit zu Weihnachten, ſagte er, indem er die Citrone zerſchnitt, und nun wollen wir recht heiter und vergnügt ſein! Und ſie waren es auch, ſie plauderten von ihren krie⸗ geriſchen Abenteuern, Rudolf erzählte noch Manches aus ſeiner Gefangenſchaft, und Aennchen war zum erſten Male ſeit dem Tode ihrer Mutter wieder das frohe, muntere Kind wie ſonſt. Sie fühlte ſich ſo innerlich glücklich, wie noch nie, und machte ſich einmal ſelbſt im Stillen Vorwürfe darüber, aber der Zauber der Gegenwart ver⸗ ſcheuchte bald wieder dieſe trüben Gedanken. Als er dann, es ſchlug vom Dome Mitternacht, ge⸗ gangen war, und auch der Vater ihr mit einem herzli⸗ chen Kuſſe„Gute Nacht“ geſagt hatte, räumte ſie Alles fort, nur das kleine Kreuz behielt ſie, es lange ſinnend betrachtend, in ihren gefalteten Händen. Dann befeſtigte ſie eine ſchwarze Schnur daran und hängte es ſich um den Hals. Als der Schlaf endlich ihre Augen ſchloß, ruhte es von ihrer kleinen Hand umſpannt auf ihrem Herzen, leiſe bewegt von dem ruhigen Athmen ihres jung⸗ fräulichen Buſens. Um den flammenden Baum in Roſe's Zimmer lagen eine Menge der prächtigſten Geſchenke, auch Haller hatte gegeben und empfangen. Ein üppiges Souper, wozu mehrere Freunde geladen, beſchloß den genußreichen Abend, Haller ſaß an der Seite Roſe's und war heute uner⸗ ſchöpflich in Witz und geiſtreicher Laune. Als der Cham⸗ pagner die Fröhlichkeit noch mehr entfeſſelt hatte, mußte man geſtehen, den ſprudelnden Humor Haller's nie ſo ſtrahlend geſehen zu haben. Man fühlte ſich unwider⸗ ſtehlich hingeriſſen, und Roſe's Augen ruhten auf ihm mit einem eigenthümlichen Ausdruck. Da, während Alle über eine eben vorgetragene Geſchichte ausgelaſſen lach⸗ ten, ergriff er ihre herabgeſunkene Hand und hielt ſie feſt in der ſeinen. Thun Sie es nicht, flüſterte er ihr zu, als ſie ſich bemühte, ihm die Hand zu entziehen, laſſen Sie mir den Glauben, ſelbſt wenn es nur eine Täuſchung wäre 79 Ihnen nicht gleichgiltig zu ſein— oder ich tödte mich noch in dieſer Nacht— wozu wäre mir dann noch das Leben! Ihre Hand zitterte heftig— aber ſie ließ ſie ihm, duldete es, daß er ſie drückte, wiederholt und wieder drückte, ſo lange, bis ſie ſelbſt leiſe dieſen Druck erwie⸗ e Als Haller, ein heiteres Lied ſummend, nach Mitter⸗ nacht durch die ſtillen Straßen ſeiner Wohnung zuſchritt, ging er hart an einem tief in den Mantel gehüllten Manne vorüber. Er ſah ſich um und erkannte Erbach. Iſt der ſchon zurück? ſprach er vor ſich hin, nicht in Schönberg geblieben? Alſo mein theurer Kollege Venner auch nicht? Nun, wir werden uns ja wiederſehen! Fünftes Kapitel.. Der Tugendbund. Am 16. Januar des folgenden Jahres 1808 verlegte der König ſeinen Wohnſitz von Memel nach Königsberg, wo er und die Königliche Familie ungeachtet des all⸗ gemeinen Elendes mit herzlicher Liebe empfangen wurde. Die Regierung bot Alles auf, um die Noth und das Unglück der Bevölkerung zu mildern; aber es fehlten ihr zur Erreichung dieſes Zweckes die Mittel, obgleich die Mitglieder der königlichen Familie mit dem aufopfernd⸗ 80⁰ ſten und edelſten Beiſpiele vorangingen. Prinz Auguſt ſammelte für die brotlos gewordenen Beamten und Of⸗ fiziere; aber die Zahl der Bedürftigen war ſo groß, daß auf einen jeden nur wenige Thaler kamen; waren doch allein aus dem Herzogthum Warſchau 7000 Beamte mit ihren Familien von der ſächſiſchen Regierung erbarmungs⸗ los entlaſſen worden. Dazu kam noch das gärzliche * Aufhören des Handelsverkehrs mit England, wodurch dem Lande ſeine natürlichen Abſatzwege verſchloſſen wa⸗ ren, die Unſicherheit der Geldverhältniſſe, die tägliche Steigerung aller Lebensbedürfniſſe, und das Schlimmſte — der fortdauernde Druck durch die im Lande ſtehenden franzöſiſchen Truppen. Die Noth wurde ſo groß, daß der Befehl ergehen mußte, allen auf halben Sold ge⸗ ſetzten Offizieren bis zur nächſten Ernte unentgeltlich eine Brotportion von täglich zwei Pfund zu verabreichen, damit ſie wenigſtens ihr Leben friſten konnten. Mit einer Energie, mit einer Ausdauer und mit einer ſo raſtloſen Thätigkeit, wie ſie nur außergewöhn⸗ liche Menſchen und zu außergewöhnlichen Zeiten zu ent⸗ wickeln befähigt ſind, leitete Stein unter dieſen verzwei⸗ felnden Verhältniſſen die Angelegenheiten des Staates, beſeelt von der Ueberzeugung, daß nur durch die innere und wirkliche Wiedergeburt deſſelben ſeine Rettung mög⸗ lich ſei. In dieſem Geiſte bewegt ſich die Geſetzgebung des Jahres 1808, durch welche die drückenden Feſſeln des Grundeigenthums zerſtört, die Gewerbe von ihrem 81 Zwange befreit, die Schwerfälligkeit der Verwaltung ge⸗ löſt und die Städte zur Selbſtſtändigkeit erhoben wur⸗ den. Stein's Pläne hinſichtlich der ſtändiſchen Verfaſ⸗ ſung kamen mit vielen anderen nicht zur Ausführung. Die gegen ihn von Anfang an thätige Partei, welche das Heil Preußens nur in dem engſten Anſchluß an Frankreich erblickte, an deren Spitze in Königsberg der alte Feldmarſchall von Kalkreuth, in Berlin der frühere Miniſter von Voß ſtand, trug ſpäter leider, durch die Umſtände begünſtigt, wenigſtens einen theilweiſen Sieg davon. Der Grundgedanke, welcher Stein beſeelte, war die Befreiung des deutſchen Vaterlandes von der frem⸗ den Knechtſchaft. Es gehörte der Muth und die Kraft eines ſolchen Mannes dazu, ihn in jener Zeit, wo die Macht Napoleon's auf ihrem Höhepunkte ſtand, nicht nur zu hegen, ſondern alle Maßregeln nur als die Vor⸗ bereitungen zur Erreichung dieſes großen Zweckes zu be⸗ trachten und einzuleiten. Dazu mußte neben der inneren Verwaltung vor Allem die Wiederherſtellung der Wehrkraft herbeigeführt werden. Auch hier war es nöthig, vollſtändig mit dem alten Sy⸗ ſteme zu brechen, die Kluft auszufüllen, welche bisher zwiſchen der bewaffneten Macht und der Nation beſtan⸗ den hatte, und die letztere ſelbſt für die allgemeine Sache zu entflammen und wehrfähig zu machen. In dieſer Be— ziehung ſtanden Stein Männer zur Seite, deren Namen eben ſo unvergänglich wie der ſeine in der preußiſchen 6 5 Guſtav vom Sce, Vor fünfzig Jahren. II. 82 Geſchichte glänzen werden, der General von Scharnhorſt und der Oberſt⸗Lieutenant von Gneiſenau und von Groll⸗ mann. Der König ſelbſt hatte wenige Tage nach dem Tilſiter Frieden ſeine Gedanken über die Reorganiſation des Heeres niedergeſchrieben und darin als Grundlage feſtgeſtellt: Ausſchluß und ſtrengſte Beſtrafung der pflicht⸗ vergeſſenen Offiziere, Verabſchiedung kraftloſer Generale und Stabs⸗Offiziere, neue Einrichtung des Aufſteigens im Heere, Zulaſſung der Nichtadeligen zu den Offizier⸗ ſtellen, Vereinfachung und Verbeſſerung der Bekleidung und Bewaffnung, eine zweckmäßigere Eintheilung der Heerestheile, Abſchaffung entehrender Strafen und der ausländiſchen Werbungen, ſo wie eine neue Organiſation des Rekrutirungsſyſtems. Die angeordneten Kriegsgerichte verurtheilten die feigen und pflichtvergeſſenen Feſtungs⸗ und Corps⸗Kommandanten zu ſchimpflichen Strafen und verſöhnten dadurch die erbitterte Stimmung des Landes. Scharnhorſt legte den Plan vor, wonach das Heer vor⸗ läufig auf 70,000 Mann gebracht werden, jedoch ſich durch ſtete Entlaſſung und Einberufung neuer Rekruten verſtärken ſollte. Daneben ſchlug er die Bildung einer Landmiliz vor, welche ſich ſelbſt bekleiden, bewaffnen und in dem Gebrauch der Waffen geübt werden ſollte. Der König übertrug Stein die Mitwirkung bei der Kriegs⸗ einrichtung, und er trat mit Scharnhorſt in die engſte Verbindung. Man ging unbeirrt auf dem betretenen Wege weiter, der Plan zur Bildung der Landwehr wurde „ — 83 vorgelegt, und im Auguſt 1808 am Geburtstage des Königs erſchienen die neuen Kriegsartikel, die Verord⸗ nung wegen der Militärſtrafen und Beſtrafung der Offi— ziere und einige Tage ſpäter das Reglement über die Beſetzung der Offizierſtellen.„Dies ſind,“ ſagt Pertz im „Leben Stein's“ mit Recht,„die Grundlagen der neuen Kriegseinrichtungen, in denen Preußen die Rettung aus franzöſiſcher Knechtſchaft, die Herſtellung des alten Ruh⸗ mes und ſeine Erhebung zu einer der erſten Kriegs⸗ mächte Europa's gefunden hat. Dieſe Verordnungen waren von Grollmann entworfen. Wehrhaftmachung des ganzen Volkes und Veredelung des Kriegsdienſtes durch allgemeine Dienſtpflicht ohne Stellvertretung, raſche und tüchtige Ausbildung der Maſſen, ſittliche und wiſſen⸗ ſchaftliche Ausbildung der Offiziere, Gleichheit der Rechte und Pflichten für Alle ohne Rückſicht auf Geburt, Auf⸗ ſteigen vom Soldaten bis zur höchſten Befehlshaberſtelle nach Verdienſt, in Friedenszeiten nach Kenntniſſen und Bildung, im Kriege durch Tapferkeit, Begründung der Kriegszucht auf das Vaterlands⸗ und Ehrgefühl, mit Abſchaffung der entehrenden Strafen und der Stockſchläge, mit Beſchränkung des geiſttödtenden und erdrückenden Kamaſchendienſtes, Alles unter der Leitung kräftiger, ein⸗ ſichtiger, charakterfeſter Befehlshaber, dies ſind die Grund⸗ gedanken der Bildung des preußiſchen Heeres, dieſelben Grundgedanken, welche die Geſetze über Herſtellung perſön⸗ licher Freiheit und Ertheilung des Grundeigenthums, die . 84 Städte⸗Ordnung, unter allen Umſtänden feſtgehalten und meiſterhaft ausgeführt.“ Ein Jahr nach dem Frieden zählte das Heer wieder 50,000 Mann mit 1370 groben Geſchützen; es konnte durch Heranziehung der Beurlaubten auf 80,000 Mann gebracht werden und ſollte ſich auf eine Landwehr von 150,000 Mann ftützen. Dieſe Kräfte ſollten durch einen allgemeinen Volksaufſtand in Preußen und durch die Erhe⸗ bung des ganzen nördlichen Deutſchlands verſtärkt werden. Der Unwille über den Druck der fremden Gewalthaber ſtieg von Tage zu Tage, und es koſtete oft Mühe, un⸗ zeitige Ausbrüche zu verhindern. Man unterließ es je⸗ doch nicht, in den Vorbereitungen zur Ausführung dieſes Planes fortzufahren, Verbindungen mit wohlgeſinnten und einflußreichen Männern in den eroberten Theilen Deutſchlands anzuknüpfen und zu unterhalten und durch Feſtſtellung der etwaigen Sammelplätze der Vorkehr der Bewaffnung die einſtige Ausführung ſicherzuſtellen. Man hoffte dabei auf eine Erhebung Oeſterreichs, deſſen Haltung gegen Frankreich zweifelhaft zu werden begann Stein legte dem Könige einen Plan zur Erhebung Deutſch⸗ lands vor; dieſer hielt jedoch den Zeitpunkt nicht für ge⸗ eignet, zeigte Mißtrauen gegen die Nation und gegen DOeſterreich und ſetzte ſein Vertrauen auf Rußland. Die Rüſtungen wurden jedoch im Geheimen ununterbrochen fortgeſetzt, und der Geiſt der Inſurrektion ſowohl in Preu⸗ ßen als im ganzen nördlichen Deutſchland aufrecht erhalten. — — 85 Wir führen den Leſer im Auguſt des Jahres 1808 wieder auf das Gut des Freiherrn von Wallingen. Wenn auch noch Vieles dort fehlte, ein großer Theil der Fel⸗ der unbebaut geblieben war, noch manche Ställe leer ſtanden, ſo war doch die thätige Hand des Beſitzers überall ſichtbar und das frühere Bild einer wüſten Zer⸗ ſtörung verſchwunden. An jenem Tage wurde die heimiſche ländliche Stille durch ein ungewöhnliches Ereigniß unterbrochen. Faſt ſämmtliche Gutsbeſitzer der Umgegend hatten ſich dort verſammelt, und mit ihnen eine nicht unbeträchtliche An— zahl auf halbem Sold ſtehender Offiziere, welche zum Theil auf dem Lande, zum Theil in den nahe gelegenen kleinen Städten wohnten, angeblich, um einem Fiſchzuge beizuwohnen, welchen der Freiherr in einem ſeiner großen Teiche abhalten wollte. Auch Venner und Erbach befan⸗ den ſich unter den Gäſten, und mit ihnen war ein fremder junger Mann, ein Aſſeſſor aus Königsberg, erſchienen. Das Fiſchen begann, aber man ſah es den Anwe⸗ ſenden an, daß die Betheiligung an dieſem Vergnügen nicht den Zweck ihrer Zuſammenkunft bildete; denn ſie widmeten der Fiſcherei nur geringe Aufmerkſamkeit, ſpra⸗ chen viel heimlich mit einander, und lange bevor der Teich gänzlich abgelaſſen war und das Herausbringen der Fiſche ſeinen Anfang nahm, zog ſich die Geſelſſchaft in das Wohnhaus des Freiherrn zurück. Man vereinigte ſich dort in dem Saale, und nach⸗ ————— 86 dem einige Erfriſchungen herumgereicht waren, wurde der einzige Diener, welcher aufgewartet hatte, entfernt und die Thüre verſchloſſen. Dann erhob ſich der Freiherr und redete die Verſammlung an: Es iſt Ihnen bekannt, meine Herren, daß Sie unter dem Vorwande, einem Fiſchzuge beizuwohnen, hier zu⸗ ſammengekommen ſind, um Mittheilungen entgegenzu⸗ nehmen, welche ſich auf das Wohl und auf die Wiederge⸗ burt unſeres geknechteten Vaterlandes beziehen. Unſer Land iſt noch immer von den Franzoſen beſetzt, ihre Spione ſtreifen überall umher; Männer, welche ſich nicht ſcheuen, ihre Liebe und Vereehrung für unſeren theuren König, ihre Anhänglichkeit an unſer zertretenes Vaterland offen auszuſprechen, werden verfolgt und wie Verbrecher be⸗ handelt. Leider giebt es in Preußen ſelbſt eine Partei, welche ſo erbärmlich iſt, ihren eigenen perſönlichen Vor⸗ theil höher zu ſtellen, als das allgemeine Wohl, und in der Unterwerfung unter die fremdherrliche Gewalt, alſo in der Knechtſchaft, das Heil Preußens zu finden. Unter uns, die wir hier verſammelt ſind, befindet ſich Niemand, der dieſe Anſichten nicht als einen ſchändlichen Verrath verabſcheut, der nicht entſchloſſen iſt, Alles zu thun, Alles zu opfern, Alles zu wagen, um dereinſt die Selbſtſtän⸗ digkeit Preußens von ſeinen Unterdrückern wieder zu er⸗ kämpfen. Ehe ich weiter zu Ihnen rede, meine Herren, erklären Sie, indem ein Jeder einzeln ſich erhebt, daß 87 Sie Alle aus voller Ueberzeugung ſich zu dieſen Anſich⸗ ten bekennen. Die Verſammelten erhoben ſich Alle. So hören Sie denn die Mittheilung des Beauftrag⸗ ten eines Vereines, welcher in Königsberg mit Geneh⸗ migung Sr. Majeſtät des Königs zuſammengetreten iſt. Ich ſtelle Ihnen den Aſſeſſor von Bardeleben vor. Es iſt Ihnen, meine Herren, bereits bekannt, ſagte aufſtehend der Genannte, daß in Königsberg ein Verein unter dem Namen„Tugendbund“ zuſammengetreten iſt. Der Zweck deſſelben iſt in kurzen Worten folgender: Ein muſterhaftes Leben, Humanität und Anfeſſelung jedes Menſchen an jeden und an das Geſetz. Feſtigkeit des Sinnes und irgend welche gute Auszeichnungen ſind die Bedingungen der Wahl ſeiner Mitglieder. Der Verein iſt nicht geheim und ſcheut nicht das Licht. Aber ſeine Mitglieder treten auch nicht vorſchnell offen zu Tage, ſondern verborgen zurück, wenn nicht die Pflicht ſie auf⸗ ruft. Die Mitglieder arbeiten ſchriftlich und mündlich durch alle Mittel ihrer Macht darauf hin, daß Vater⸗ landsliebe, deutſche Selbſtheit, Geradſinn, Liebe zu den natürlichen Verhältniſſen, Anhänglichkeit an den Mo⸗ narchen und die Verfaſſung, Achtung gegen Geſetz und Obere, Religioſität, feſtes Streben gegen Unſitte, Laſter und Künſtelei, Liebe zur Wiſſenſchaft und Kunſt, Huma⸗ nität und Brüderlichkeit, daß der Haß gegen den Lupus, dieſes Gift der Treue, der Natürlichkeit und offenen ——*—————— ——— — ——— 88 Schlichtheit und dieſer Pfleger von Falſchheit, Selbſt⸗ ſucht und gekünſtelten Sitten, daß die Tugenden des Muthes, der Hoffnung, der Freimüthigkeit und der kör⸗ perlichen Feſtigkeit, daß endlich der Haß gegen Schmei⸗ chelei, Kriecherei, Verweichlichung, Menſchenſcheu und dergleichen wachſe. Ueberhaupt ſoll wahre Menſchheit die Seele des Vereins ſein und das Laſter ſein Haß! Er entſagt aller Einwirkung auf Politik, Staatsverfaſſung und bürgerliche Behörden. Da er kein Orden iſt, ſo be⸗ darf er der Formen, der Zeichen und der geheimen Zu⸗ ſammenkünfte nicht. Jedes Mitglied wird laut reden für den edlen Sinn unſeres Königs und zur Belehrung über ſeine Anordnungen. Sie haben vielleicht mehr erwartet, fuhr er fort, viel⸗ leicht geglaubt, die Vorſchläge zur Bildung eines gehei⸗ men patriſlſſhen Vereines entgegenzunehmen; dies iſt allerdings nicht der Zweck des Tugendbundes, er will vorbereiten zu dem, was unausbleiblich kommen muß, zu der Wiedergeburt des Vaterlandes; dieſe iſt aber nur möglich, wenn die ſo tief untergrabenen deutſchen Tu⸗ genden wieder in voller Lebenskraft erſtehen. Noch ſtehen ihre Grundfeſten unerſchüttert da, noch iſt es Zeit, dem Ungeziefer entgegenzuarbeiten, welches dazu gebraucht wird, das deutſche Vaterland zu zerſtören. Noch ſind wir Deutſche! Von allen Tugenden, die in uns leben, will ich nur eine hervorheben, die ächt deutſche Treue! Brudertreue hat bei uns allerdings ſchon ſchwer gelitten. 89 Männer- und Weibertreue iſt durch die Einwirkung frem⸗ der Laſter größten Theils dahin. Aber Bürgertreue, Unterthanentreue, die Treue des Volkes hat alle Proben 3 beſtanden, ſie iſt noch felſenfeſt! Die grauſamſten Schläge des Schickſals haben uns nur noch feſter an unſeren ge⸗ liebten König und ſein Haus gekettet. Auf den Grund dieſer erſten aller bürgerlichen Tugenden ſoll unſere Wie⸗ dergeburt aufgebaut werden. Die Mittel dazu ſind vor Allem die Wiederbelebung altdeutſcher Treue und Tugend. Iſt dieſe wieder in dem Volke recht lebendig geworden, iſt der Patriotismus in der Seele eines jeden Einzelnen ent— flammt— dann werden wir vereint und feſt, unerſchüt⸗ terlich feſt zuſammenſtehen, wenn die Zeit gekommen ſein wird— und ſie wird, ſie muß kommen, wo es gilt, Alles, alle Güter dieſes Lebens einzuſetzen für das Eine höchſte: die Freiheit! Damit Sie ſich überzeugen, ſprach der Redner nach einer längeren Pauſe weiter, daß ich als Abgeordneter des Vereins zu Ihnen gekommen bin, lege ich hier mein Kommiſſorium vor, und hier iſt die Beſtätigung des Vereines durch Se. Majeſtät den König, gegeben zu Königsberg am 30. Juni dieſes Jahres. In vielen Orten Schleſiens, wo ich geweſen, ſind Männer unſerer Geſinnung bereitwillig zuſammengetre⸗ ten, und es haben ſich bereits in Glogau, Liegnitz und Breslau Kammern, im letzteren Orte eine Hauptkammer gebildet. Ich fordere Sie nun auf, indem ich hiermit 90 die Statuten des Vereines zu Ihrer Einſicht vorlege, gleichfalls zu einer Kammer zuſammenzütreten und einen Direktor und einen Sekretär zu wählen. Sie werden dar⸗ über eine Stiftungs⸗Urkunde aufnehmen, der ich Namens des Vereines meine Autoriſation ertheilen werde. Die Verſammlung wurde nun, nachdem der Aſſeſſor von Bardeleben ſeine Anſprache vollendet hatte, ſehr leb⸗ haft, und es zeigte ſich, wie dieſer bereits bemerkt, daß die Anweſenden allerdings in der Vorausſetzung gekom⸗ men waren, zum Beitritt in eine geheime politiſche Ge⸗ ſellſchaft aufgefordert zu werden, welcher beizutreten wahr⸗ ſcheinlich weniger Schwierigkeiten gefunden haben würde, als einem Vereine, deſſen unmittelbarer Nutzen nicht klar vorlag. Man ſchien jedoch im Laufe der weiteren Be⸗ ſprechung einzuſehen, daß der ei igentliche und wahre Zweck des 2 Verei doch die Erregung des Haſſes gegen die fremden Unterdrücker ſei, und man dieſe Form nur ge⸗ wählt habe, um unter der königlichen Autorität das wirk⸗ liche Ziel ſicherer zu erreichen. Die Anweſenden erklärten daher ſämmtlich ihren Beitritt, und einige Unentſchloſſene um ſo lieber, als die Sache ſo viel weniger gefährlich war. Man beſchäftigte ſich mit der Abfaſſung des Sta⸗ tuts und der Reverſe, als ein Unbekannter in den Hof ritt und nach dem Afſſeſſor Venner fragte. Dieſer hatte kurz nach Neujahr bereits wieder Breslau verlaſſen und war erſt vor einigen Wochen dahin zurückgekehrt. Wo — 91 er ſich die Zeit über aufgehalten, blieb Geheimniß; es hieß, in Königsberg. Der Angekommene trat mit Venner in ein beſon⸗ deres Zimmer und übergab ihm einen Brief. Ich bin bereit, ſagte dieſer, nachdem er den Brief geleſen und verbrannt hatte. Der Unbekannte nahm darauf eine kleine lederne Taſche, welche er an einer Schnur auf der bloßen Bruſt getragen, und übergab ſie Venner. Dieſer verwahrte ſie ſogleich auf dieſelbe Weiſe. Ich bitte um eine Empfangsbeſcheinigung, ſagte Jener dann und empfahl ſich, nachdem er dieſe erhalten, ohne mit einem der Anweſenden weiter ein Wort zu wechſeln. Venner begleitete ihn in den Hof und befahl, ſeinen Wagen anzuſpannen. Du willſſt fort, Ulrich? fragte Erbach, zu her⸗ antretend, und ſo plötzlich. Ein dringendes Geſchäft, welches keinen Aufſchub* erleidet. So will ich dich begleiten— ich entziehe mich da⸗ durch zugleich auf eine gute Art der Weigerung, dieſem ſogenannten Tugendbunde beizutreten. Und warum willſt du dies nicht? fragte Venner er— ſtaunt. Weil das Alles doch Nichts als theoretiſches Geſchwätz iſt, das uns viel mehr ſchaden, als nützen wird. Die Meiſten werden glauben, wenn ſie dieſem ſich in unprak⸗ . . 92 tiſchen Ideen herumbewegenden Bunde beigetreten ſind, Alles gethan zu haben, was noth thut. Sie werden ein beruhigendes Mittel nehmen und dem lieben Gott und der Tugend das Weitere anheimſtellen. Was kann uns dieſe Schönrednerei nützen? Wir müſſen uns verbinden, um uns zu rüſten, um uns heimlich zu bewaffnen; wir müſſen ſchwören, Gut und Blut einzuſetzen, bei der erſten Gelegenheit aufzuſtehen, überall in hellem lichten Auf⸗ ruhr; einen Volkskrieg organiſiren! uns in die Berge, in die Wälder werfen, die Feſtungen überraſchen und immer wieder hervorbrechen, überall, vorn, im Rücken, in den Flanken, bis die Henker müde werden! Wir müſſen kämpfen, nöthigenfalls bis das ganze Land eine große Wüſte geworden! Laß uns ein Jahr lang einen ſolchen Krieg führen, und wir wollen ſehen, ob wir nicht einen anderen Frieden haben! Komm, Rudolf, ſagte Venner, wir wollen uns ſtill bei dem Hausherrn empfehlen— du taugſt nicht für den Tugendbund— eben ſo wenig, wie ich ſelbſt; aber er hat dennoch ſein Gutes, er bringt Viele in eine Stel⸗ lung, in die ſie ſonſt von ſelbſt nie gekommen ſein wür⸗ den; er macht Laue zu Patrioten, und Lrute, die ſonſt doch am Ende aus Egoismus und aus Habgier ſich mit der franzöſiſchen Herrſchaft befreundet hätten, hält er wenigſtens davon ab. Was nützen uns dieſe Lauen! Laß ſie zu den Fran⸗ zoſenknechten gehen, ſie ſchaden dort weniger, als bei uns. 17 8 . 93 Nein, Ulrich, auf dieſem Wege kommt uns kein Heil; wir bedürfen eines Volkskrieges, eines erbarmungsloſen Vertilgungskampfes, wie ihn die Spanier führen, wo man die Gefangenen niederſchießen läßt und daher ein Jeder weiß, daß er nur die Wahl hat, zu ſiegen oder zu ſterben! Glaubſt du, ein ſolcher Kampf ſei in Preußen oder in Deutſchland möglich? Warum nicht eben ſo, wie in Spanien? Weil hier nicht, wie dort, die Maſſen fanatiſirt wer⸗ den können, weil hier auch der dümmſte Bauer darüber lacht, wenn man ihn im Ernſte belehren wollte, Napo⸗ leon ſei ein wirklicher in Blutſchande erzeugter Sohn des Satans, die Franzoſen wären Atheiſten, deren Ermor⸗ dung den Eingang in den Himmel für alle Fälle ſichere. Wir bedürfen anderer, allerdings langſamer wirkender Mittel, als des Aberglaubens der Maſſen, welcher den Leitern in Spanien zu Gebote ſteht— doch komm, wir wollen unterwegs mehr darüber reden. Es war ſchon ziemlich ſpät, als ſie in die Nähe von Breslau gelangten. Eine Menge von Raketen ſtieg in die Luft, Kanonenſchläge erdröhnten, und als ſie in die Stadt einfuhren, fanden ſie den größten Theil der Häuſer erleuchtet. Je näher ſie dem Mittelpunkt kamen, um ſo glänzender wurde die Beleuchtung, um ſo dichter das Gewühl des Volkes. Du ſiehſt, ſagte Rudolf, das Volk freut ſich ſeines 94 Daſeins!— Ob man in Madrid des Kaiſers Geburts⸗ tag heute auch wohl mit ſo viel Theilnahme feiern wird? Laß ſie, erwiederte Venner, das Vergnügen iſt der Götze, welchen ſie anbeten in jeder Geſtalt, und doch, wenn wir in die Herzen der Meiſten ſehen könnten, wür⸗ den wir Haß und Erbitterung ſtatt Freude und Be⸗ wunderung darin erblicken. Höre nur den Ruf: Es lebe der Kaiſer! Vive l'em— pereur! O, dieſe Feiglinge, dieſe Schurken! Mäßige dich, Rudolf, wir müſſen hier ausſteigen, man könnte uns hören. Der Marſchall Mortier giebt ja heute Abend ein großes Feſt, wozu der ganze hohe Adel Schleſiens ſich allerunterthänigſt eingefunden hat. Auch das iſt falſch, es befinden ſich nur Wenige dort, die es nicht müſſen. Es iſt eine tiefe Schmach! Man möchte darüber weinen, blutige Thränen weinen. Er konnte uns beſie⸗ gen— das Kriegsglück iſt wandelbar— aber er konnte uns niemals zwingen, durch kein Mittel, gleich einem geprügelten Hunde ihm die Hand zu lecken, wie wir es thun!— Schmach über uns! Wir ſind es werth, ſo behandelt zu werden! Nun ſchweige, bemerkte Venner, als ſie ausgeſtiegen waren und weiter gingen, ich will auf die Poſt, denn ich muß dieſe Nacht noch verreiſen. Es ſcheint mir, Ulrich, als wäre deine Reiſe, die ſo plötzlich kommt, nicht ohne Gefahr. Warum verſchweigſt du mir dies Alles? Bin ich es nicht werth, gerade in. dieſen Dingen dein Vertrauen zu beſitzen und die Ge⸗ fahren zu theilen, welche dir bevorſtehen? Du machſt dir unnöthige Beſorgniſſe— doch ich will dich nicht mit Mißtrauen kränken. So wiſſe denn, daß ich zur Vorbereitung deſſen, was wir ſo ſehnlich erwar⸗ ten, im Auftrage hoher Perſonen und im Beſitze wichti⸗ ger Mittheilungen nach Weſtfalen gehe, wo es, wie die Sachen ſtehen, vielleicht früher zum Ausbruche kommt, als hier. Es iſt Manches dort bereits geſchehen, und es kommt jetzt darauf an... Doch war das nicht Haller? unterbrach er ſeine Mittheilung plötzlich; ich glaube, der Schleicher iſt uns ſchon längere Zeit nachgegangen... Keinen Falls hat er verſtanden, was du geſagt. Wer weiß! er beſitzt ein feines Gehör und haßt mich mit der ganzen Energie ſeines intriguirenden Charakters. Er haßt dich? ich denke, ihr ſeid alte Freunde! Freunde waren wir nie, nur Univerſitätsbekannte. Er gehört jetzt ganz zur franzöſiſchen Partei und iſt des⸗ halb auch ſeit einigen Tagen vom Amte ſuspendirt. Er hält mich für die Triebfeder dieſer heilſamen Maßregel, da er weiß, daß ich mich in der Nähe des Miniſters von Stein befunden, und ich will auch keinen Falls leugnen, daß er hierin Recht hat. Er irrt nur in Einem, näm⸗ lich darin, daß er glaubt, unſere Rechnung ſei damit abgeſchloſſen, oder gar, er habe noch Forderungen an 96 mich zu machen. Wir rechnen ſpäter einmal und ganz vollſtändig ab! Was hat er dir denn ſo Erſchreckliches gethan? Mir? Nichts. Aber Anderen, Anderen ſehr viel. Und mußt du dieſe Anderen vertreten? Ich muß es nicht, aber es iſt mein feſter Wille, es zu thun. Und warum? Frage mich nicht mehr— ich könnte es dir doch nicht ſagen, und wenn ich es dir ſagte, du würdeſt mich nicht verſtehen. So leb' denn wohl, Ulrich, ſagte Rudolf, Gott ſei mit dir und gebe deinen Bemühungen Erfolg! Bedarſſt du meiner, Freund— ich ſtehe dir und der Sache des Vaterlandes jederzeit zu Gebote. Leiſer, leiſer! flüſterte Venner, ſeinem Freunde die Hand drückend. Jetzt noch nicht, aber vielleicht bald, recht bald, früher als du glaubſt! Bis dahin gehab' dich wohl! Sechſtes Rapitel. In Kaſſel. Jeröme, der neue König von Weſtfalen, einem Kö⸗ nigreich, welches nebſt einigen kleineren Landestheilen aus dem Kurfürſtenthum Heſſen und dem Herzogthum Braun⸗ — 97 ſchweig gebildet worden, hatte ſich auf Befehl Napoleows ſchon im Auguſt des Jahres 1807 mit der Tochter des Königs von Würtemberg, Katharine Friederike, vermählt, nachdem er zuvor durch ein kaiſerliches Dekret von ſeiner erſten noch lebenden Frau, der Amerikanerin Eliſe Pat⸗ terſon, Hie worden war. Im Dezember jenes Jah⸗ res hatte Jeröme ſelbſt die Regierung ſeines Reiches übernommen; die vi dahin beſtandene proviſoriſche Re⸗ gierung wurde aufgelöſt; die feierliche Huldigung fand am 1. Januar 1808 mit Entfaltung vieler Pracht ſtatt, und dann beſchäftigte man ſich mit der Einführung d Konſtitution. Man drängte ſich nach den 6 gungen des neuen Königs und verſchmähte es keines⸗ wegs, die bekannten Neigungen Jerome's durch ſchöne Töchter und Frauen als Vermittelung zu gebrauchen. Jeròme lebte mit ſeiner jungen, hübſchen Gemahlin an⸗ ſcheinend ſehr glücklich, er verſäumte es nicht, dies öffent⸗ lich zu bethätigen, und es war unverkennbar, daß auch ſein Herz hierbei nicht unbetheiligt war; dieſes Herz je⸗ doch, an den Wechſel und den Reiz ſinnlicher Liebe ge— wohnt, ſuchte und fand ſehr bald bei den bereitwilligen Damen ſeines Hofes die gewünſchte Entſchädigung für die nicht auszufüllenden Stunden ſeines doch mehr oder weniger einförmigen chelichen Glückes. Jeröme war König geworden, hatte ſich verheirathet, ſeine Lebensweiſe bewegte ſich in anderen, konventionelleren und prachtvol⸗ Guſtav vom See, Vor fünßig Jahren I. „ 98 leren Formen— ſonſt war ſie jedoch ziemlich unverän⸗ dert dieſelbe geblieben. Es war gegen Mitte des September im Jahre 1808, die Uhr der Martinskirche ſchlug eben die zehnte Stunde, und ein dunkler, regniger Himmel machte den Abend noch finſterer, als ein Mann, tief in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt, eiligen Schrittes längs der ſtattlichen Häuſerreihe der Königsſtraße, der ſchönſten Straße von Kaſſel, dahin⸗ ſchritt. Er ſah oftmals ſpähend zurück, blieb einen kur⸗ zen Augenblick lauſchend ſtehen und ſetzte dann ſeinen Weg noch raſcher fort, als zuvor. Die Straße war ganz leer und die Hausthüren ſämmtlich geſchloſſen. Als der Mann bei dem unſicheren Schein der Laternen vor ſich mehrere Geſtalten erblickte, kehrte er um, überzeugte ſich jedoch bald, daß auch in der Richtung, welche er jetzt eingeſchlagen, am Ende der Straße ſich Menſchen befan⸗ den und ſich eilig näherten. Sie haben mich umſtellt, ſprach er vor ſich hin, es giebt keinen Ausweg mehr,— als Gewalt gegen Ge⸗ walt, vielleicht gelingt es! Er zog bei dieſen Worten zwei Terzerole hervor, ſtellte ſich mit dem Rücken gegen die Thür eines Hauſes und ſchien die Kommenden er— warten zu wollen. Da fühlte er, daß die Thür nur an⸗ gelehnt war und ſich öffnete. Raſch ſprang er in das Haus und warf die Thür in's Schloß. Vielleicht giebt es einen Ausweg— nein, die Hin⸗ * 00 „— terthür iſt feſt verſchloſſen; nun, dann hinauf, vielleicht kann ich mich oben verbergen! Er ſprang mit dieſen nur gedachten Worten die Treppe hinauf, lief einen Korridor entlang und öffnete die letzte darauf befindliche Thür. Ein heller Lichtſchein ſtrahlte ihm entgegen. Sein raſcher Blick erfaßte ein elegant eingerichtetes Zimmer; auf dem Sopha ſaß leſend eine Dame. Erſchrecken Sie nicht! ſagte er raſch und leiſe. Wer Sie auch ſein mögen, Madame, retten Sie einen Ver⸗ folgten, der es... Celie! rief er dann freudig, der Himmel hat mich in dieſer Noth zu Ihnen geführt, Sie werden Ihrem Freunde Hilfe nicht verſagen! . Sie, Herr von Venner? rief Celie, indem ſie auf⸗ ſprang, Sie hier, zu dieſer Stunde, in dieſem Aufzuge? Retten Sie mich, fragen Sie jetzt nicht; ich werde verfolgt von der franzöſiſchen Polizei, man iſt mir dicht auf den Ferſen— hören Sie, ſchon ſind ſie in das Haus gedrungen. Sie kommen! Legen Sie raſch Ihren Mantel ab und ſetzen Sie ſich, das Andere wird ſich finden! 4 Nehmen Sie dies, ſagte haſtig Venner, eilig der. Weiſung folgend, während man die Stimmen der Na⸗ 7 henden ſchon auf dem Korridor hörte, mein Leben hängt davon ab. Er riß bei dieſen Worten eine kleine lederne Taſche, i welche er auf der Bruſt trug, von ihrer Schnur los und 3— 7* 100 warf ſie nebſt zwer Terzerolen und einem anderen Pa⸗ pier auf den Tiſch, welcher vor dem Sopha ſtand. In demſelben Augenblicke wurde die Thür geöffnet; Celie hatte nicht mehr Zeit, die Sachen zu entfernen, und konnte ſie nur noch mit ihrem Schnupftuche bedecken. Die Eintretenden waren ein höherer Polizeibeamter nebſt mehreren ſeiner Untergebenen und ein Mann in Civilkleidung. Das iſt er! rief der Letztere, endlich doch in die Falle gegangen! Verhaften Sie ihn und vor allen Dingen durchſuchen Sie ihn genau, denn... Da ſiel ſein Blick auf Celie, und er verſtummte plötzlich. Ah! Herr Maling, oder Herr Haller, oder vielleicht jetzt unter einem anderen Namen, ſagte dieſe mit eiſiger Stimme, indem ſie ihre großen Augen mit dem Aus⸗ drucke des Haſſes und der Verachtung auf ihm ruhen ließ,— ich geſtehe, ein höchſt auffallender Beſuch und zu einer noch auffallenderen Zeit. Was giebt Ihnen ein Recht, mein Herr, wandte ſie ſich jetzt an den Polizei⸗ beamten, in dieſer ſpäten Abendſtunde unangemeldet in meine Wohnung zu dringen? Entſchuldigen Sie, Madame, entgegnete der Beamte, ich handle im Auftrage meines Chefs; ich bin angewie⸗ ſen, mich dieſes gefährlichen Menſchen unter allen Um⸗ ſtänden zu bemächtigen, eines preußiſchen Emiſſärs, hiet⸗ her geſandt, um hochverrätheriſche Pläne einzuleiten und zur Ausführung zu bringen. 3 5 101 Und Sie ſcheuen ſich nicht, unter dieſem nichtsbedeu⸗ tenden Vorwande zur nächtlichen Stunde in die Woh⸗ nung des Ober-Stallmeiſters Laſſarge zu dringen, ſetzte ſie mit einem raſchen Blick auf Venner hinzu, und ſeine Frau in ihrem eigenen Zimmer zu überfallen? Durchſuchen Sie ihn! rief Haller, der ſich wieder ge⸗ faßt hatte, und der nun einſah, daß es vor Allem darauf ankam, ſich die nöthigen Beweismittel zu verſchaffen, er trägt eine lederne Taſche auf bloßer Bruſt. Laſſen Sie dieſe nicht eskamotiren! Man muß ſich in die Umſtände fügen, ſagte Venner ruhig, indem er zu dem Polizeibeamten herantrat; Sie werden mir aber ſpäter Genugthuung für dieſes ſchimpf⸗ liche Verfahren geben. Der Beamte ſchien einen Augenblick zweifelhaft, dann behielt doch die Furcht vor Verantwortlichkeit die Ober⸗ hand, und er ließ die genaueſte Unterſuchung bei Venner vornehmen. Man fand Nichts, als eine Brieftaſche mit einigen Bankſcheinen und einem Paſſe. Der Paß lautet auf den Namen Werner, ſagte der Beamte, négociant, und Sie heißen doch von Venner und ſind preußiſcher Regierungs⸗Aſſeſſor. Ich bin und heiße, wie es dieſer von der Komman⸗ dantur in Berlin ausgeſtellte Paß beſagt, erwiederte Ven⸗ ner; prüfen Sie ihn genau, und Sie werden Nichts daran auszuſetzen finden. Sollte es bezweifelt werden, daß dieſer Herr, welcher — —— ———————— 102 mir befreundet iſt, wirklich Werner heißt und Kaufmann iſt, ſo kann ich ihn rekognosziren, und ich hoffe, daß mein Zeugniß genügen wird, bemerkte Celie mit ruhiger Stimme. Der Beamte ſah Haller zweifelhaft an. Laſſen Sie ſich nicht täuſchen, mein Herr, ſagte die⸗ ſer, ich hoffe, mein Zeugniß wird dasjenige dieſer Dame entkräften; ich kenne dieſen Herrn, den königl. preußi⸗ ſchen Aſſeſſor von Venner aus Breslau, ſehr genau, habe mit ihm zuſammen ſtudirt, und die Requiſition des Mar⸗ ſchalls Mortier wird hoffentlich genügen, um mich ſelbſt zu legitimiren. Und ich werde morgen bei Sr. Majeſtät ſelbſt Ge⸗ nugthuung fordern, entgegnete Celie, daß Sie es gewagt haben, auf ſolche falſche und untergeſchobene Anzeigen in meine Wohnung zu dringen, und zwar in Begleitung eines Menſchen, der ſich ſtets unter veränderten Namen herumgetrieben, als preußiſcher Spion bekannt iſt und in den engſten Beziehungen zu dem ſaubern Miniſter Stein ſteht. Wir wollen ſehen, wie Se. Majeſtät die Sache beurtheilen wird! Dieſe Drohung war für den Beamten ſehr gewichtig und beunruhigend, denn er kannte nur zu gut den Ein⸗ fluß ſchöner Frauen auf die Entſchließungen Jeröme's; er wußte ferner, daß die Frau, welche jetzt in einer ſo entſchiedenen Weiſe gegen ihn auſtrat, in ſehr engen Be⸗ ziehungen zu Jeröme wenigſtens geſtanden hatte, auf —— —— 103 deſſen Veranlaſſung ſie vor einem halben Jahre mit ſei⸗ nem Ober⸗Stallmeiſter in die Ehe getreten war. Ob dieſe Beziehungen noch fortdauerten, wußte der Beamte zwar nicht, aber es war ſehr wahrſcheinlich, daß es der Fall ſei. Ich mache Sie für Alles verantwortlich, wandte ſich Haller jetzt wieder an den Beamten, Sie haben den be⸗ ſtimmten Befehl des Miniſters, dieſen Mann zu verhaf⸗ ten. Laſſen Sie ihn jetzt entkommen, ſo fällt alle Ver⸗ antwortlichkeit auf Sie. Es thut mir leid, Madame, bemerkte daher der Be⸗ amte, aber ich muß meiner Pflicht genügen. Herr von Venner, oder Herr Werner, wie Sie heißen mögen, ich verhafte Sie im Namen des Königs. Wagen Sie es! rief Celie, ſich vor Venner ſtellend, wagen Sie es! Er ſteht unter meinem Schutze! Doch da kommt mein Mann, er wird es verſtehen, ſein Haus⸗ recht auszuüben! Laſſarge, der Ober⸗Stallmeiſter des Königs Jeröme, war einer jener Emporkömmlinge, wie ſie die damalige Zeit zu Tauſenden hervorbrachte. Von niederer Abkunft, hatte er ſich vom Reitknecht zu ſeiner jetzigen Stellung emporgeſchwungen und dieſe letztere nur ſeiner Verhei⸗ rathung mit Celie zu verdanken. Jeröme erhob ihn unter dieſer Bedingung vom Stallmeiſter zu einem hof⸗ fähigen Beamten, und Laſſarge nahm mit dem einträg⸗ lichen und angeſehenen Amte gern die ſchöne Frau mit 104 in den Kauf. Er beſaß wenig Bildung, aber eine ge⸗ wiſſe geſellige Politur, war ein hübſcher, ſtattlicher Mann, voller Dünkel und Aufgeblaſenheit, und trug die neu überkommene Würde mit großer Anmaßung überall zur Schau. Was geht hier vor? rief er, die Polizeibeamten zu⸗ rückdrängend. Wer unterſteht ſich, zu dieſer Zeit das Zimmer meiner Gemahlin zu betreten? Ich ſtehe hier auf Befehl Sr. Excellenz des Mini⸗ ſters, um dieſen Mann, welcher hierher geflohen, zu ver⸗ haften, werde aber von Ihrer Frau Gemahlin daran gehindert, Herr Ober⸗Stallmeiſter! Hören Sie mich, ſagte Celie. Dieſer Herr, der Kauf⸗ mann Werner aus Berlin, den ich die Ehre habe, von früherher zu kennen,— es iſt derſelbe, flüſterte ſie ihrem Manne zu, der mir einſt einen großen Dienſt erzeigte, wie ich Ihnen erzählt habe,— macht mir vor einigen Stunden einen Beſuch; er iſt eben im Begriff, ſich zu empfehlen, als dieſe Herren, ohne ſich anmelden zu laſſen, in mein Zimmer dringen und Herrn Werner verhaften wollen, der ein preußiſcher Regierungs⸗Aſſeſſor, Namens von Venner, ſein ſoll. Man iſt ſo weit gegangen, meinen Gaſt hier in meinem Zimmer, als ob es ein Polizeilo⸗ kal wäre, zu viſitiren, und obgleich man Nichts bei ihm gefunden, als einen in jeder Form gültigen Paß, beharrt man doch darauf, ihn zu verhaften. Und dies Alles geſchieht auf den Antrag eines preußiſchen Spions, der -—— — 105 mir ſelbſt als ſolcher bekannt iſt, eines übelberüchtigten Subjektes, Namens Maling oder Haller— derſelbe, flü⸗ ſterte ſie wieder, von dem ich Ihnen auch erzählte. Und das haben Sie gewagt? fuhr der Ober⸗Stall⸗ meiſter auf. Danken Sie es der Uniform, welche Sie tragen, daß ich Sie nicht durch meine Reitknechte mit Ihrer ganzen Bande zum Hauſe hinauswerfen laſſe. Wir müßten es darauf ankommen laſſen, erwiederte der Polizeibeamte; ich bitte Sie übrigens, Ihre Worte genau zu erwägen, denn Sie ſprechen vor Zeugen und werden dafür Rede ſtehen müſſen. Herr, Sie unterſtehen ſich, mir zu drohen? mir, dem Ober⸗Stallmeiſter Sr. Majeſtät des Königs? Sie haben kein Recht, mich in der Ausübung meiner Pflicht zu hindern, und ich frage Sie jetzt, wollen Sie ſich der Verhaftung jenes Herrn widerſetzen? Ich werde dann meine weiteren Maßregeln treffen. Das entſchiedene Auftreten des Beamten machte den Ober⸗Stallmeiſter ſtutzig, er ſah ſeine Frau zweifelnd an. Ich habe bereits bemerkt, ſagte deshalb Celie, daß ich morgen bei Sr. Majeſtät über dieſes Verfahren per⸗ ſönlich Beſchwerde führen und die Verhaftung meines Gaſtes nicht zugeben werde. Hiermit ſtimmt mein Mann vollkommen mit mir überein— ich will Ihnen jedoch einen Vorſchlag machen, deſſen Annahme von Ihrer Seite mich vielleicht beſtimmen wird, das unwürdige Verfahren zu vergeſſen und deſſelben bei Sr. Majeſtät nicht zu er⸗ 106 wähnen, welches Sie ſich gegen mich perſönlich ſchuldig gemacht haben. Ich wüßte nicht, Madame. Mein Vorſchlag beſteht darin, daß Sie Herrn Wer⸗ ner hier laſſen. Mein Mann leiſtet Bürgſchaft für ihn und auch dafür, daß Herr Werner ſo lange unſere Woh— nung nicht verläßt, bis er dazu von Sr. Excellenz die Erlaubniß erhält. Uebernehmen Sie dieſe Bürgſchaft, Herr Ober⸗Stall⸗ meiſter? fragte der Beamte. Natürlich, Sie haben es ja gehört. So bin ich bereit, auf dieſen Vorſchlag einzugehen, und übergebe Herrn Werner oder Herrn von Venner Ihrem Gewahrſam. Wir ſind noch nicht zu Ende, fuhr Celie fort, ich habe noch eine Bedingung hinzuzufügen. Jenen Mann, ſagte ſie mit einem verächtlichen Blick auf Haller, kenne ich als einen ſchändlichen Betrüger, als einen preußiſchen Spion. Ich hoffe, dieſe meine Anklage wird genügen, ſich ſeiner Perſon ſo lange zu bemächtigen, bis ſein jetzi⸗ ges verdächtiges Erſcheinen aufgeklärt iſt. Er ſpielt die Rolle des Angebers wahrſcheinlich nur, um jeden Ver⸗ dacht von ſich ſelbſt abzulenken. Ich mache Sie deshalb für ſeine Perſon verantwortlich, über welche ich morgen weitere Mittheilungen zu machen mir vorbehalte. Wollen Sie ſich von dieſer Dame überliſten laſſen, deren Vergangenheit Ihnen hinlänglich bekannt ſein ſollte? 107 entgegnete Haller, bei welchem der Zorn über die Klug⸗ heit die Oberhand gewonnen hatte. Celie wandte ſich verächtlich ab, aber der Ober⸗Stall⸗ meiſter erblickte in dieſer Aeußerung eine perſönliche Be⸗ leidigung und fuhr zornig auf: Sie haben gehört, wie dieſer Schuft meine Gemah⸗ lin beleidigt hat! Wollen Sie ihn verhaften oder wollen Sie nicht? Ich habe es jetzt vollſtändig ſatt, ſolches Ge⸗ ſindel länger hier in meiner Wohnung vor mir zu ſehen. Erklären Sie ſich, oder ich ſuche ſelbſt noch in dieſer Stunde Se. Excellenz den Herrn Miniſter auf. Sie übernehmen die Bürgſchaft für jenen Herrn, ſagte der Polizeibeamte, Herr Ober⸗Stallmeiſter, und ich für dieſen. Er ſoll morgen zur Dispoſition ſtehen und ſich nicht aus Kaſſel i ich werde dafür Sorge tragen. So befreien Sie uns jetzt von ſeiner Gegenwart— das Weitere wird ſich morgen finden. Die Polizeibeamten hatten keine Veranlafſung zu län⸗ gerem Verweilen und entfernten ſich mit Haller, den ſie mit ſich nahmen und ungeachtet ſeines Widerſpruchs in ſicheren Gewahrſam brachten. Erlauben Sie mir, ſagte Venner dann, daß ich Ihnen, Herr Ober-Stallmeiſter, vor Allem meinen wärmſten Dank für Ihre freundſchaftliche Theilnahme abſtatten darf. Dieſer Dank gebührt, wie Sie ſelbſt wiſſen, lediglich 108 meiner Frau, erwiederte Laſſarge mit einem eigenthüm⸗ lichen Lächeln; ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, mein Herr, und bin nur den Wünſchen meiner Frau nachgekommen. Ein Dienſt iſt des anderen werth, unterbrach Celie; es freut mich, daß mein Mann mir behilflich geweſen iſt, dies Ihnen beweiſen zu können. Wenn es Ihnen aber nun gefällig wäre, mein Herr, bemerkte Laſſarge, ſich zur Ruhe zu begeben, es iſt ſchon ſehr ſpät, und Sie werden ermüdet ſein. Ich bedauere es unendlich, Sie noch länger als Gaſt beläſtigen zu müſſen. Der Ober⸗Stallmeiſter klingelte und ertheilte dem Bedienten die nöthigen Weiſungen. Venner empfahl ſich und war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, als Laſ⸗ ſarge ihn nochmals zurückhielt. Sie haben gehört, mein Herr, ſagte er, daß ich, ohne Sie zu kennen, die Bürgſchaft für Ihre Perſon über⸗ nommen habe; ich halte Sie nach dem Zeugniſſe meiner Frau für einen Ehrenmann und bitte Sie daher, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie mein Haus nicht ohne meine Einwilligung verlaſſen wollen. Ich danke Ihnen auch für dieſes Vertrauen und gebe Ihnen hiermit mein Ehrenwort. Dann empfahl er ſich mit einem langen, dankbaren Blick auf Celie, deren muthvollem Benehmen er ſeine 109 Rettung aus einer ſo großen und nahen Gefahr zu ver⸗ danken hatte. Celie blieb mit ihrem Manne allein. Ich bin wirklich begierig, ſagte dieſer ſich ſetzend, nun das Nähere über dieſen auffallenden Auftritt zu er⸗ fahren. Es iſt Alles ſo, wie ich Ihnen bereits ſagte. Der Kaufmann Werner hat mich einſt aus einer großen Ge⸗ fahr gerettet, als ich meinem verſtorbenen Manne von Dresden nach Warſchau nachreiſte. Er kam heute gegen 8 Uhr, um mir und auch Ihnen einen Beſuch zu ma⸗ chen, da er meine Verheirathung mit Ihnen erfahren hatte, und als er eben im Begriff ſtand, zu gehen, er⸗ folgte jener Ihnen bekannte Auftritt. Und wer und was iſt jener Andere, den Sie ſo ab⸗ ſonderlich zu haſſen ſcheinen? Er iſt derjenige, der mich unter falſchem Namen aus dem Hauſe meiner Eltern entführte— ich habe Ihnen das ja, ſo weit es Sie intereſſiren kann, bereits mitge⸗ theilt— er iſt wirklich ein abgefeimter Betrüger und preußiſcher Spion. Sonderbar, daß zwei ſo alte und genaue Bekannte gerade heute hier zuſammentreffen mußten— aber Sie haben Recht, es geht mich dies nur wenig an. Wie aber nun weiter? Welche Mäßregeln werden Sie für nöthig halten? ——n—— 110 Sie werden die Güte haben, morgen Se. Majeſtät zu bitten, mir eine Privat⸗Audienz zu bewilligen. Sie wollen den König einmal wieder allein ſprechen, Madame? fragte Laſſarge mit ſichtbarem Wohlgefallen. Ich will es nicht verhehlen, daß mich das ſehr erfreut. Se. Majeſtät erkundigen ſich ſo oft nach Ihnen, und ſtets mit ſo ſichtlichem Intereſſe, daß ich es immer be⸗ dauern mußte, ihm darauf nur Allgemeines erwiedern zu können. Sie wiſſen, mein Herr, ſagte Celie, unter welchen Bedingungen ich Ihre Frau geworden bin; Sie haben mir Ihren Namen gegeben, aber keine Rechte irgend einer Art über mich erworben... So iſt es leider. Ich habe Ihnen gelobt, die Ehre Ihres Namens unverletzt zu erhalten... Mein Gott, ja! ich weiß dies Alles; es iſt und bleibt ein widernatürliches Verhältniß. Das aber nicht zu ändern iſt und auch niemals ge⸗ ändert werden wird. Nun, wer weiß! lächelte Laſſarge— aber was wol⸗ len Sie bei dem Könige? Ich will ihn von der Unſchuld des Einen und von der Schuld des Anderen überzeugen. Das wird Ihrer Beredtſamkeit nicht ſchwer fallen, wenn Sie es ernſt damit meinen, und ich bedauere zum 111 Voraus dieſen Herrn Haller; aber es geſchieht ihm ganz recht, er hat es ja um Sie verdient. So werden Sie die Audienz für mich erbitten? Wie geſagt, mit dem größten Vergnügen; Sie wer⸗ den dabei zugleich Gelegenheit finden, ſich Ihres Mannes zu erinnern. Inwiefern? Rein Gott! Sie wiſſen ja, wie ſehnlich ich auf die Gehaltsverbeſſerung warte, und daß ich im Einkommsn hinter den Beamten meiner Kategorie immer noch zurück⸗ ſtehe; da Sie ſo viel für Ihre Freunde und für Ihre Feinde thun, werden Sie Ihres Mannes doch auch ein⸗ gedenk ſein. Wenn ſich eine paſſende Gelegenheit dazu darbietet, erwiederte Celie mit einem verächtlichen Blicke, ſoll es geſchehen, ſo ungern ich Derartiges berühre. Ich habe nicht erſt gefragt, ob die Gelegenheit mir paſſend erſchien, als ich die Bürgſchaft für Ihren unbe⸗ kannten Freund übernommen— und dächte, ein Dienſt wäre des anderen werth. Ich hoffe, die Gelegenheit wird ſich finden. Nun, es freut mich, daß Sie dies hoffen. Erinnern Sie ſich zugleich, daß Sie meiner in dieſer Angelegen⸗ heit wahrſcheinlich noch mehr bedürfen werden, und er⸗ freuen Sie mich morgen mit einer günſtigen Nachricht. Alſo bis morgen denn, ſagte Celie aufſtehend, mor⸗ gen das Weitere! 112 Schlafen Sie wohl, Madame! ſagte der Ober⸗Stall⸗ meiſter und verließ ohne weiteren Gruß das Zimmer. Mit banger Beſorgniß hatten die Blicke Celie's wäh⸗ rend dieſer Unterredung zuweilen den Tiſch geſtreift, auf welchem, nur von einem leichten Tuche bedeckt, die Sa⸗ chen Venner's lagen und doch glücklich der Aufmerkſam⸗ keit Aller entgangen waren. Jetzt hob ſie das Tuch auf und entfaltete zuerſt das Papier. Es war ein Paß, auf den Namen des königl. preußiſchen Regierungs⸗Afſeſſors von Venner ausgeſtellt. Dann nahm ſie die kleine, le⸗ derne Taſche, die mit einer ſeidenen Schnur, an welcher eine Plombe mit einem adeligen Siegel hing, verſchloſ⸗ ſen war. Sie enthielt offenbar Papiere. Er befindet ſich in der Ausführung eines ſehr gefähr⸗ lichen Unternehmens, ſagte ſie, indem ſie die Terzerole, den Paß und die Taſche ſorgfältig in ihren Sekretär verſchloß— ich werde ihn retten und dann vielleicht nach langer Nacht wieder einen Augenblick der Freude genie⸗ ßen— aber wozu nützt das Alles! Warum bin ich noch immer ſo thöricht, nach einem Gläcke zu ſtreben, welches für mich verloren iſt— für immer verloren ſein muß! 3 8 5 1 Siebentes Kapitel. Vergangenheit und Zukunft. Der Ober⸗Stallmeiſter begab ſich am anderen Mor⸗ gen früher als ſonſt und in beſonders heiterer Stimmung nach dem Marſtalle, hörte die Meldungen ſeiner Unter⸗ gebenen mit ausnahmsweiſer Freundlichkeit an und be⸗ ſichtigte dann ſelbſt vier ſehr ſchöne Pferde, ein Geſchenk des Kaiſers Alexander, welche erſt vor wenigen Tagen aus Rußland angekommen waren. Dann ging er nach dem Palaſte des Königs und wartete mit den anderen Hofbeamten auf den Moment, wo Jeröme ihre kurzen Vorträge entgegennahm. Es geſchah dies gewöhnlich nach dem Frühſtück, beim Anziehen, oder nach dem Bade. Der König plauderte dann mit dieſen Leuten in ziem⸗ lich ungenirter Weiſe und hörte mit vielem Intereſſe auf die gewöhnlichſten Neuigkeiten und Klatſchereien aus ſei⸗ ner Reſidenz. Kun, wie geht es den Ruſſen, Laſſarge? fragte Je⸗ röme, während der Kammerdiener ihn friſirte; fügen ſie ſich in die franzöſiſche Zäumung, oder beharren ſie noch immer in ihrer barbariſchen Rohheit? Ich hoffe, Ew. Majeſtät werden Sich in wenigen Tagen überzeugen, daß die Civiliſation jede rohe Kraft zu bändigen im Stande iſt. Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. II. 114 Das freut mich; wann werde ich mit ihnen ausfah⸗ ren können? Ich denke, am Sonntage, wenn Ew. Majeſtät ge⸗ ſtatten, daß ich ſelbſt die Leitung übernehme.. Das paßt ſich nicht mehr, Laſſarge, erwiederte Je⸗ röme lächelnd; Sie können ſich immer noch nicht in Ihre neue Würde finden. Ich glaube, in dieſem außergewöhnlichen Falle ſei eine Ausnahme gerechtfertigt, ſagte Laſſarge mit Selbſt⸗ gefühl; außerdem rechne ich es mir zur höchſten Ehre, nach wie vor zu den perſönlichen Dienern Ew. Majeſtät zu gehören. Nun, wir werden ſehen— aber was giebt es ſonſt Neues? Mancherlei, Sire, beſonders Etwas, was ich Ew. Majeſtät jedoch nur allein mittheilen kann. Sie haben auch Geheimniſſe, Laſſarge? fragte Je— rome verwundert; geniren Sie ſich nicht, die Herren hier ſind ſämmtlich verſchwiegen, fügte er mit einem zweideu⸗ tigen Lächeln auf die ſich verneigenden Hofbeamten hinzu. Es betrifft eine Bitte der Madame Laſſarge, ſagte der Ober⸗Stallmeiſter mit leiſer Stimme, und iſt nur für das Ohr Ew. Majeſtät geeignet. Von Ihrer Frau? entgegnete lebhaft Jerome. Ah⸗ das iſt etwas Anderes!— Laſſen Sie uns allein, meine Herren!— Nun, reden Sie, ich bin ſehr neugierig! * 115 Madame Laſſarge bittet Ew. Majeſtät um die Gngde einer Privataudienz. Ihre Frau will mich ſprechen, und allein? Das iſt ja wunderbar, aber freut mich, freut mich ſehr! Doch Sie werden den Grund dieſer ungewöhnlichen Bitte kennen, Laſſarge; reden Sie, ich befehle es! Der Grund iſt eine perſönliche Beleidigung, welche geſiern der Madame Laſſarge in ihrer eigenen Wohnung, in ihrem eigenen Zimmer widerfahren iſt... Wer hat das gewagt? fuhr Jeröme auf; aber wes⸗ halb reden Sie von Ihrer Frau immer in der dritten Perſon? Madame Laſſarge trägt zwar meinen Namen, Sire, aber ſie hat mir nicht die Berechtigung gegeben, ſie in einer anderen Weiſe zu bezeichnen. Wirklich? ſagte lächelnd Jeréme; ja, ja, Celie beſitzt einen himmliſchen Eigenſinn und weiß ihn richtig und nachhaltig zu verwerthen! Aber was iſt's mit der Be⸗ leidigung? Die Polizei iſt geſtern Abend um 10 Uhr in das Zimmer der Madame Laſſarge gedrungen, um einen Gaſt meines Hauſes, einen Kaufmann Werner, dem Madame Laſſarge eines ihr geleiſteten Dienſtes wegen zu großem Danke verpflichtet iſt, auf den Antrag eines preußiſchen Spions zu verhaften, und hat ſich dabei in roher und rückſichtsloſer Weiſe benommen. Wegen eines geleiſteten Dienſtes? wiederholte Jeròme, 0 1 —— 21 116 einen Kaufmann Werner? Es kommen immer wieder neue Abenteuer und Bekanntſchaften.— Nun, und? Erſt, als ich die Bürgſchaft für meinen Gaſtfreund übernahm...* So kennen Sie ihn alſo ſelbſt? Das eigentlich nicht, aber auf die Verſicherung der Madame Laſſarge nahm ich keinen Anſtand... Sie ſind ein braver und rechtſchaffener Gatte— alſo? Erſt, nachdem ich die Bürgſchaft übernommen und Madame Laſſarge den Ankläger ſelbſt als einen preußi⸗ ſchen Spion entlarvt... So kennt ſie dieſen auch? Allerdings, und wie ich glaube, ziemlich genau. Es iſt wunderbar, was Celie für eine Menge ge⸗ nauer Bekanntſchaften hat... Weiter! Ließ ſich die hohe Polizei bewegen, den Spion ſelbſt in Verwahr zu nehmen und den Kaufmann Werner, unter der Bedingung, daß ich für ſein Verbleiben in meinem Hauſe einſtehe, daſelbſt zu belaſſen. Und was bezweckt Celie jetzt? So viel ich weiß, liegt es in ihrer Abſicht, Ew. Ma⸗ jeſtät die richtige Aufklärung über jene beiden Perſonen zu geben und zugleich um Genugthuung bitten. Ich bin auf dieſe Aufklärung ſehr geſpannt, und die Genugthuung ſoll ihr werden, ſagte Jeröme— ich werde Ihre Frau um 1 Uhr— doch nein, ſetzte er nach eini⸗ 117 gem Stillſchweigen hinzu, es könnte dies leicht einer Mißdeutung unterliegen— meine Frau neigt etwas zur Eiferſucht— ich werde heute Abend 8 Uhr Ihre Frau ſelbſt beſuchen. Sagen Sie ihr das und fügen Sie hinzu, daß ich wünſche, ſie allein und ohne Störung zu ſprechen. Madame Laſſarge wird dieſe Gnade Ew. Majeſtät zu würdigen wiſſen, erwiederte der Ober⸗Stallmeiſter, ſich verneigend. Wenn ich es wagen darf, noch eine Bitte auszuſprechen, ſo wäre es die, daß Ew. Majeſtät über die beiden gedachten Perſonen keine Entſcheidung treffen möchten, bis das richtige Sachverhältniß durch Madame Laſſarge aufgeklärt ſein wird. Das verſteht ſich von ſelbſt, erwiederte Jeröme, ſicht⸗ lich zerſtreut.— Gehen Sie jetzt und bringen Sie Ihrer Frau meine Antwort— ſie wird vielleicht darauf warten. Der König empfing darauf ſeine Miniſter. Der erſte weftfäliſche Reichstag ging zu Ende; die Lage des Lan⸗ des hatte ſich keinesweges als eine erfreuliche herausge⸗ ſtellt, die Staatsſchuld betrug bereits 112 Millionen Franken, und die jährliche Einnahme mußte auf 37 Mil⸗ lionen Franken gebracht werden, um die ſtets wachſenden Ausgaben zu beſtreiten. Es war dies eine um ſo ſchwie⸗ rigere Aufgabe, als der Miniſter von Bülow, welcher das Finanzweſen allein zu leiten verſtand, der franzöſi⸗ ſchen Partei ſeiner Freimüthigkeit und deutſchen Geſinnung wegen beſonders verhaßt war und ohngeachtet des per⸗ 118 ßönlichen Vertrauens Jeröme's mit ſteten Anfeindungen zu kämpfen hatte. Man war außerdem mancherlei Um⸗ trieben auf die Spur gekommen, weshalb die Errichtung einer hohen und ſtrengen Polizei von der franzöſiſchen Partei gefordert und auch durchgeſetzt wurde. Jerome hörte die Vorträge ſeiner Miniſter ziemlich zerſtreut an, gab ohne Bedenken ſeine Genehmigung zu einer ſoge⸗ nannten freiwilligen, eigentlich aber gezwungenen Anleihe, um das Deficit zu decken, und verſagte dann bei dem entſchiedenen Widerſpruche Bülow's vorläuſig noch die Zuſtimmung zu dem bereits ausgearbeiteten Organiſa⸗ tionsplane der höheren Polizei. Die Miniſter empfahlen ſich wieder, nur der Kriegs⸗ miniſter, General Morio, blieb noch zurück. Ew. Majeſtät haben den heutigen Moniteur unzwei⸗ felhaft ſchon geleſen? Allerdings, er enthält wenig Neues. Ew. Majeſtät werden Sich daraus aber überzeugt haben, in welcher umfaſſenden und offenen Weiſe der Aufruhr von Preußen aus betrieben wird. Ach, ſagte Jerome aufſtehend, was kann uns das ſchaden! Preußen liegt in den letzten Zuckungen, es wird bald ganz und ſehr ruhig werden. Ew. Majeſtät ſollten dieſe Dinge nicht ſo ſeicht nehmen. Es iſt erſt geſtern hier, und zwar in dem Hauſe des Ober⸗Stallmeiſters, ein preußiſcher Emiſſär verhaftet worden, und man hat... — 119 Ich habe davon gehört, unterbrach ihn Jeröme; man hat dabei in ſehr rückſichtsloſer Weiſe verfahren, Herr General, wollten Sie ſagen, nicht wahr? Ich behalte mir die Entſcheidung über dieſe Angelegenheit ſelbſt vor. Bis dieſe erfolgt, wahrſcheinlich morgen, bleiben beide Perſonen in demſelben Verwahrſam, worin ſie ſich jetzt befinden. Es wäre aber nöthig, Sire, dieſen Herrn von Venner ſogleich zu vernehmen, und ich würde dieſer Vernehmung ſelbſt beiwohnen. Es kann dies morgen geſchehen, wenn ich nichts An⸗ deres beſtimmen werde, bis dahin— doch Sie haben meinen Willen gehört, Herr General, und entſchuldigen mich jetzt, die Königin wartet auf mich, denn die Siz⸗ zung hat ungewöhnlich lange gedauert. Ich will daher Ihre koſtbare Zeit nicht länger in Anſpruch nehmen.— Celie ließ Venner, nachdem ihr Mann ausgegangen, zu ſich bitten und empfing ihn in demſelben Zimmer, in welches er am vorigen Abende ſo unerwartet eingedrun⸗ gen war. Wir ſind jetzt ungeſtört und unbelauſcht, Herr von Venner, ſagte ſie, nun erklären Sie mir, wie Sie hier⸗ hergekommen und... Erſt laſſen Sie mich Ihnen meinen tiefſten Dank für Ihre aufopfernde Freundſchaft abſtatten, gnädige Frau, entgegnete er, ihre Hand küſſend. Wozu das! ich hoffe, Sie werden keinen Augenblick daran gezweifelt haben, daß ich Ihnen behilflich ſein würde, jene Menſchen zu täuſchen, nachdem ein günſii— ger Zufall, wie ich annehme, Sie hierher geführt hatte. Sie ſind alſo nur dem Zufalle und nicht mir den Dank ſchuldig. Nein, gnädige Frau, verſchmähen Sie meinen Dank nicht; Sie wiſſen es vielleicht ſelbſt nicht, welchen großen Dienſt Sie mir geleiſtet haben. Dann würde auch der Dienſt kein großer ſein. Wenn ich es aber nun doch wüßte, Herr von Venner? Wie wäre das möglich? Haben Sie den heutigen Moniteur geleſen? fragte ſie, ihn lächelnd anſehend. Den heutigen Moniteur? Sie können denſelben allerdings noch nicht geſehen haben; ſo erlauben Sie mir wohl, Ihnen einen Artikel daraus vorzuleſen, der ſich auf Sie bezieht. Auf mich? rief Venner im höchſten Erſtauen— ein Artikel des Moniteur? Die Sache iſt zu ernſt zum Scherzen. So hören Sie denn: „Berlin, am 26. Auguſt 1808. „Ein preußiſcher Aſſeſſor, Namens Koppe, war als ein Unterhändler von Ränken bezeichnet. Da der Mar⸗ ſchall Soult in dem Falle geweſen, ihn verhaften und nach Spandau führen zu laſſen, ſo bemächtigte man ſich — — ———— 121 ſeiner Papiere, worunter man das Original des Briefes gefunden hat, welcher hier folgt.“ Der Unvorſichtige! rief Venner erbleichend. Der Zufall ſcheint ihm weniger günſtig geweſen zu ſein; beunruhigen Sie ſich nicht, Ihre Taſche ruht dort in ſicherem Verwahrſam; aber nun hören Sie den Brief: „Königsberg, den 15. Auguſt 1808. „An Seine Durchlaucht den Fürſten von Sahyn— Wittgenſtein zu Dobberan. „Ew. Durchlaucht werden in dem offiziellen Schrei⸗ ben, ſo Herr Koppe Ihnen zu überreichen die Ehre haben wird, Alles finden, was ſich auf die Geldgeſchäfte ſelbſt bezieht; ich erlaube mir nur noch einige Bemerkungen über unſere Lage im Allgemeinen. „Nach dem Rathe des Grafen G. L. W. hat man dem Prinzen W. wiederholt aufgetragen, eine Allianz, ein Hilfstruppenkorps anzubieten und eine Verminderung oder eine Friſtung der Kontribution zu erbitten; ſollte der K. wieder zu neuen Unternehmungen abreiſen, auf eine anſtändige Art ſich zu entfernen. Nimmt der K. unter den gegenwärtigen Umſtänden, wo wir ihm nütz⸗ lich ſein können, dieſes unſer Anerbieten nicht an, ſo be⸗ weiſt er, daß er entſchieden iſt, uns zu vernichten; daß wir Alles erwarten müſſen. „Die Erbitterung nimmt in Deutſchland täglich zu, und es iſt rathſam, ſie zu nähren und auf die Menſchen zu wirken. Ich wünſchte ſehr, daß die Verbindungen in —— 122 Heſſen und Weſtfalen erhalten würden, und daß man auf gewiſſe Fälle ſich vorbereite und eine fortdauernde Verbindung mit energiſchen gutgeſinnten Mämnern er— halte, und dieſe wieder mit anderen in Berührung ſetze.“ Hören Sie? ſchaltete ſie bei dieſer Stelle ein, hier iſt von Ihnen die Rede! „Die ſpaniſchen Angelegenheiten machen einen ſehr lebhaften Eindruck und beweiſen handgreiflich, was wir längſt hätten glauben ſollen. Es wird ſehr nützlich ſein, ſie möglichſt auf eine vorſichtige Art zu verbreiten. „Man ſieht hier den Krieg mit Oeſterreich als un⸗ ausbleiblich an! Dieſer Kampf würde über das Schick⸗ ſal Europa's entſcheiden, und alſo auch über unſeres. „Welchen Erfolg erwarten Ew. Durchlaucht? Es ließen ſich Pläne, die man im Frühjahr 1807 hatte, jetzt erneuern.“ Das Folgende intereſſirt Sie nicht, Sie können es ſelbſt leſen, nur noch den Schluß: „Der General Blücher iſt ſehr hinfällig; ihn zu unterſtützen hat man den Oberſten Bülow nach Kolberg geſchickt. „Mit den bekannten Geſinnungen der ausgezeichnet⸗ ſten Hochachtung verbleibe ich Cw. Durchlaucht unterthänigſter Diener...“ Den Namen! den Namen! rief Venner mit bebender Stimme, als Celie innehielt. 123 Sollten Sie ihn nicht ſchon kennen? unterthänigſter Diener— Stein. O, dieſer leichtſinnige Menſch! Wie konnte der Mi⸗ niſter ihm ſo wichtige Depeſchen anvertrauen! fuhr Ven⸗ ner auf; ich habe immer gewarnt, aber der Miniſter hatte ſeine eigene Meinung über ihn. Es iſt dies ein unermeßliches Unglück für unſer Vaterland! Stein wird abtreten müſſen; wie könnte er jetzt noch Miniſter blei⸗ ben? und ſeine Nachfolger werden ſich beeilen, Preußen zu einer franzöſiſchen Provinz zu machen! Celie, ich muß fort, ich darf keinen Augenblick länger hier verweilen! Sie vergeſſen, Herr von Venner, daß ich, oder viel— mehr, daß mein Mann, der Ober⸗Stallmeiſter, ſich für Ihr Verbleiben verbürgt hat. Sie müſſen ſchon ſo lange ausharren, bis der Befehl gegeben iſt, Sie ungehindert reiſen zu laſſen. Und halten Sie dies, nach dieſen Enthüllungen, noch für möglich? Sie haben ſich in meinen Schutz begeben, ſagte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln, und ſollen nicht Ur⸗ ſache haben, dieſen Schritt zu bereuen. O, Celie, Sie machen mich zu Ihrem lebenslängli⸗ chen Schuldner! Ich glaube, Sie ſagten mir das ſchon einmal, er⸗ wiederte ſie mit einem Anfluge von Bitterkeit, als ich Ihnen verſprach, die Begnadigung Ihres Freundes zu erwirken. —— 124 Seien Sie nicht hart gegen mich! rief er leiden— ſchaftlich, ihre Hand ergreifend, jetzt nicht, nur in dieſem Augenblicke nicht, wo mein Herz ſo voll, mein Gemüth und mein ganzes Denken ſo befangen iſt, daß ich nicht im Stande bin, die richtigen Worte zu finden! Beruhigen Sie ſich, ſagte ſie, ihm ihre Hand ent⸗ ziehend, ſeien Sie feſt, ſeien Sie männlich, wie ſonſt— denken Sie an Ihr Vaterland, an die Wichtigkeit Ihrer Miſſion und nicht an die Gefühle einer Frau, welche ſich bald nur mühſam in Ihren Erinnerungen einen Platz bewahren wird. O, Celie, warum ſind Sie ſo theilnehmend, ſo auf⸗ opfernd gegen mich und zugleich ſo hart und kränkend? Warum weiſen Sie ſo entſchieden die Freundſchaft eines Mannes zurück, der Ihnen zu lebenslänglichem Danke verpflichtet iſt, der Sie aus dem Grunde ſeiner Seele ver⸗ ehrt, und in deſſen Achtung Sie hoch daſtehen, höher und reiner als tauſend Frauen und Mädchen, welche ihren Ruf unbefleckt erhalten haben, weil ſie nicht in die Verſuchung gekommen ſind, ihn zu verlieren? Laſſen wir das, Ulrich, erwiederte ſie mit einem lan⸗ gen Blick, ihm die Hand reichend, ich glaube Ihnen und bekenne, daß Ihre Worte mir unendlich wohl thun. So laſſen Sie uns denn Freunde ſein, Freunde, bei denen es ſich von ſelbſt verſteht, daß ſie einander helfen und unterſtützen in jeder Lage des Lebens.— Er drückte 6 125 ihre Hand an ſein Herz, und ſie ſahen ſich lange und innig in die Augen. Nicht wahr, fragte ſie dann, Sie befinden ſich auf ſehr gefahrvollen Wegen, auf denſelben, auf welchen jener Aſſeſſor Koppe verunglückt iſt? Warum ſoll ich Ihnen ein Geheimniß aus Dingen machen, die Sie bereits wiſſen? Und an wen geht Ihre Sendung? Mein Wort verpflichtet micht, darüber zu ſchweigen. Es war auch eine müßige Frage⸗ Sie werden mor⸗ gen mit dem Viſa unter Ihrem falſchen Paſſe weiter⸗ reiſen und dann wohl endlich zum letzten Male von mir Abſchied nehmen. Nein, Celie, ich werde und muß Sie wiederſehen, vielleicht bald unter beſſeren und glücklicheren Verhält⸗ niſſen. Sie ſind immer noch der alte Idealiſt. Aber wie wollen Sie das jetzt möglich machen? Sie wiſſen, ich bin an den Ober⸗Stallmeiſter Laſ— ſarge verheirathet. Laſſen Sie mich Ihnen nicht weiter erörtern, warum ich dieſen Schritt gethan— es blieb mir ein Anderes nicht übrig. Ich führe den Namen meines Mannes— das iſt Alles. Jeröme habe ich ſeit meiner Verheirathung nicht wieder geſprochen. Er hat mir vorher ſein königliches Wort gegeben, mich nie auf⸗ zuſuchen— und ich bin bis jetzt zum großen Aerger des Ober⸗Stallmeiſters noch nie bei Hofe erſchienen.— 126 Heute habe ich Jeröme um eine Audienz unter vier Augen bitten laſſen— er wird am Abende hierher kommen. Ich kann Ihnen das, was Sie für mich thun, nie⸗ mals vergelten. Sie beurtheilen mich zu günſtig, ſagte ſie, indem ihre großen, dunkeln Augen mit einem eigenthümlichen Glanze leuchteten— die Freundſchaft für Sie iſt nicht allein die Triebfeder meiner Handlungsweiſe, auch die Feind⸗ ſchaft, oder meinetwegen die Rache, hat ihren vollen An⸗ theil daran. Jener ſchändliche Bube, der Mörder meines ganzen Lebensglückes, ſoll nicht zum zweiten Male un⸗ geſtraft meinen Weg kreuzen! Möge es Ihnen gelingen, ihn unſchädlich zu machen, Sie erzeigen dadurch zugleich der guten Sache einen Dienſt. Gehen Sie jetzt, Ulrich, ſagte ſie, nachdem Beide längere Zeit geſchwiegen, ihm ihre Hand entziehend, und nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß, wenn ich auch den Namen eines franzöſiſchen Parvenu trage, ich doch die Schmach unſeres Vaterlandes tief empfinde, tiefer vielleicht, als Sie, weil ſie mich perſönlich, ſtündlich, ja, in jedem Augenblicke trifft.— Am Abende deſſelben Tages erwartete Celie Jeròme. Sie trug ein ſchwarzſeidenes, bis an den Hals hinauf⸗ gehendes Kleid, und ein einfacher Shawl verhüllte ihre ſchlanke und elaſtiſche Geſtalt. Zuweilen blickten ihre 127 dunkeln Augen erwartungsvoll nach der Thür, und dann flog eine leichte Röthe über ihr bleiches Geſicht. Da hörte ſie Tritte auf dem Korridor, und Jerome trat in das Zimmer. Sie erhob ſich von ihrem Sitze und empfing ihn mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Ver— beugung. Er warf Mantel und Hut auf einen Stuhl und eilte ihr raſch entgegen. Endlich, ſagte er, ihre Hand ergreifend, endlich er⸗ innerſt du dich meiner einmal wieder, Celie, und biſt ſo gnädig, mich zu empfangen. Er legte bei dieſen Worten ſeinen Arm um ihre Taille und zog ſie auf das Sopha nieder. Ew. Majeſtät, ſagte ſie aufſtehend und ſeine Hand zurückſchiebend, Ew. Majeſtät haben mir Ihr königliches Wort gegeben, daß— die Vergangenheit zwiſchen uns für immer abgethan ſein ſoll; nur im Vertrauen auf dieſes Wort habe ich Ew. Majeſtät um dieſe Unterre⸗ dung gebeten. Fordere nicht Unmögliches, Celie! Der Menſch kann nicht nach Belieben vergeſſen, was er will, und wenn ich dir in die Augen ſehe, in dieſe ſchönen, gluthvollen Augen, ſo werden all die Erinnerungen an jene glück⸗ liche Zeit, wo du nicht ſo kalt und förmlich warſt, wie— der lebendig, du biſt wieder mein, Celie... So habe ich mich geirrt, Sire, unterbrach ſie ihn, ſtolz zurücktretend, ſo habe ich dem Worte eines Königs vergebens vertraut und bitte um die Erlaubniß, mich zu entfernen. Hört der König auf, ein Menſch, ein Mann zu ſein? Weil er ein Mann bleibt, und ſo lange er es bleibt, hält er ſein Wort! Nun, ich ſehe, ſagte lächelnd Jerome, ich ſehe, du biſt noch ganz mit dieſem köſtlichen Eigenſinn begabt, wie früher. Was begehrt denn die Frau Ober⸗Stall⸗ meiſterin voy dem Könige? Ich danke Ihnen, Sire, entgegnete ſie, wieder Platz nehmend; ich bitte um Genugthuung für eine mir wider⸗ fahrene Beleidigung. Ich habe davon gehört, bemerkte Jeröome in nach⸗ läſſigem Tone, und werde Befehl ertheilen, die Sache genau zu unterſuchen. Geſtatten es mir Ew. Majeſtät, Ihnen deshalb einige Aufklärung zu geben? Es wird mir intereſſant ſein. Jener Mann, welcher mir geſtern Abend einen Be⸗ ſuch abſtattete, iſt ein Kaufmann, Namens Werner; der⸗ ſelbe, fügte ſie mit etwas unſicherer Stimme hinzu, wel— cher mir, wie ich Ew. Majeſtät einſt erzählt habe, auf dem Wege von Dresden nach Breslau einen großen Dienſt erzeigte. Halten Sie ein, Madame! unterbrach ſie Jeröme. Die Frau Ober⸗Stallmeiſterin hat mit unſerer Vergan⸗ genheit Nichts zu thun: jede Erinnerung daran iſt mir 129 unterſagt, was kümmert mich alſo dieſer Mann und ſein geleiſteter Dienſt? Beide ſind für mich völlig gleichgültig. Celie gerieth ſichtlich in Verlegenheit. Wie ungroß— müthig Sie ſind! ſagte ſie dann. Du willſt es ja ſo, erwiederte er— oder iſt es mir erlaubt, an die Vergangenheit zu denken? Wer kann den Gedanken Befehle ertheilen! ſagte ſie leiſe mit einem raſchen Aufblick ihrer langen, dunkeln Augenwimpern. Alſo das Denken geſtatteſt du mir, aber... Aber nicht das Reden und noch weniger das Han⸗ deln, ſetzte ſie leiſe hinzu; der ritterliche Jeröme wird die hilfloſe Lage einer armen Frau nicht mißbrauchen. Wie das„Jeröme“ ſo lieb, ſo ſchön aus deinem Munde klingt!— So rede denn, Celie, ſetzte er, ſie zärtlich anblickend, hinzu; ich will ſo ſein, wie du es haben willſt, aber unter der Einen Bedingung, daß du mich nie hier Sire oder Maijeſtät, ſondern nur Jeròme nennſt. Willſt du? Ich werde Ihren Wunſch erfüllen, Jeröme! ſagte ſie lächelnd. Nun alſo, dieſer Mann? Soll ein preußiſcher Spion ſein und einen ganz an⸗ deren Namen führen, während ich verſichern kann, daß er das iſt und ſo heißt, wie ich ihn bezeichnet. Und deshalb ſoll ich 2 Sie ſollen befehlen, Jeröme, daß ſeiner Weiterreiſe Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. II. 9 „ 3 130 ½ keine Hinderniſſe in den Weg gelegt und ſein von dem Gouverneur Berlin's ausgeſteler Paß viſirt werde. Es wäre der größte Undank mir, erwiederte er lächelnd, wenn ich dieſen Wunſch ſicht erfüllte; ohne jenen Mann und ſeinen dir geleiſteten mhſtiſchen Dienſt hätte ich dich nie kennen gelernt, theure Celie, denn du wäreſt gar nicht nach Breslau g ommen. Ich bin jenem Manne daher tief vrrſulde n werde befehlen, wie du begehrſt. Ich danke Ihnen, ſagte ſie mit tiefen Athem⸗ zuge. Was ich noch zu bitten habe, fuhr ſie fort, indem ihr Auge leuchtete, iſt nur ein Akt der Gerechtigkeit. Wie du jetzt ſchön biſt, Celie! Jener Menſch, der ihn unter falſchem Namen ver⸗ folgt, der es gewagt hat, mit der Polizei auf die roheſte Weiſe in mein Zimmer zu dringen, iſt ſelbſt ein preußi⸗ ſcher Spion, ein Emiſſär des Miniſters von Stein, deſ⸗ ſen Brief heute im Moniteur geſtanden. Sie werden ihn feſthalten, Sie werden ihn nach Frankreich ſchicken, Jeröme. Und woher weißt du denn das Alles, Celie? fragte er, indem er mit Wohlgefallen in ihr von Aufregung flammendes Auge blickte. Woher ich das weiß?— Ich will offen ſein, Je⸗ röme, fuhr ſie leidenſchaftlich fort, indem ſie ſelbſt ſeine Hand ergriff; ich rede jetzt zu dem Manne, der mir einſt geſagt hat, daß er mich liebe. — 131 Und der es dir noch ſagt... Und der mich deshalb rächen wird an dem Mörder meines Glückes, an jenem Buben, der mich aus dem Hauſe meiner guten Eltern— doch Sie wiſſen ja das Alles, ſetzte ſie mit zitternder Stimme hinzu und ver⸗ mochte vor innerer Aufregung nicht weiter zu reden. Er iſt derjenige, der... Er ſch vieg, und ſein Blick ruhte mit Verlangen auf der ſchönen Geſtalt Celies, welche zurückgeſunken, mit den Händen vor dem Geſicht, auf dem Sopha lehnte. Ich könnte den Schuft faſt be⸗ neiden, flüſterte er vor ſich hin; dann zog er leiſe ihre Hände von ihren Augen zurück und drückte ſie zwiſchen den ſeinen, ohne daß ſie es hinderte. Beruhige dich, Celie, ſagte er lächelnd; obgleich ich dieſem Manne eigentlich noch zu größerem Danke ver⸗ pflichtet bin— da ich ohne ihn dich wahrſcheinlich nie⸗ mals kennen gelernt haben würde— werde nicht zornig, fuhr er fort, als ſie ihm ihre Hände zu entziehen ſtrebte, ſo bin ich doch dein Ritter und will auch dein Rächer ſein. Wollen Sie es, Jeröme? fuhr ſie auf, ihn mit ſo wilden Blicken anſehend, daß er unwillkürlich zurückſchrak. Ja, Celie, ich will, und ſo weit es irgend thunlich, ſoll er büßen, für jede Thräne, die er deinen ſchönen Augen entlockt hat, für jeden Seußzer, der deinen Buſen gehoben.. Sie ſehen, wie ergriffen ich bin, Jeräme, unterbrach 132 ſie ihn aufſtehend— ich vermag es kaum, mich aufrecht zu erhalten— es giebt Erinnerungen, welche tödten können. Auch ſolche, die es vermögen, wieder zum Leben zu erwecken.. Wenn Sie mir noch einige Rückſicht ſchenken, ſo flehe ich Sie an, mich jetzt allein zu laſſen, ſagte ſie, ihn bit⸗ tend anſehend. Ich ſoll jetzt gehen, nachdem ich deine Wünſche be⸗ reitwillig erfüllt habe? Sie haben es mir gelobt, großmüthig zu ſein; halten Sie Wort, Jeröme, haben Sie Mitleid mit mir! Ich werde meine Verſprechungen erfüllen, erwiederte er, nachdem er eine Zeit lang unſchlüſſig dageſtanden. So leb' denn wohl, Celie, aber beherzige, daß es auch unausgeſprochene Verſprechungen giebt, und daß dieſe eben ſo treu gehalten werden müſſen, wie gelobte. Ich reiſe in wenigen Tagen zum Kongreß nach Erfurt; ich hoffe, du wirſt deinen Mann begleiten— ich ſ es beſtimmt. O, wie ſchrecklich iſt dies Alles! rief ſie, als er ge⸗ gangen war, und ſank weinend zuſammen.— Als am folgenden Tage der Kriegsminiſter und Chef der Polizei, General Morio, ſeinen Vortrag vollendet und dem Könige bewieſen hatte, daß es ungeachtet der 133 ſchlechten Finanzlage des Staates doch unumgänglich nöthig ſei und auch von Napoleon gefordert werde, das Heer noch um 6000 Mann zu vermehren, und Jeröme, wenn auch mit Widerſtreben, dazu endlich ſeine Zuſtim⸗ mung gegeben hatte, erging ſich der Miniſter abermals über die im Lande verſuchten hochverrätheriſchen Umtriebe und brachte wieder die Einrichtung einer umfaſſenderen Polizei in Antrag. Der im Moniteur abgedruckte Brief des preußiſchen Miniſters von Stein wird Ew. Majeſtät gezeigt haben, in welcher offenen und großartigen Weiſe von Preußen aus der Aufruhr in Ew. Majeſtät Königreich vorbereitet wird; ich habe beſtimmte Nachrichten, daß ähnliche Sen⸗ dungen an den Herzog von Braunſchweig und den Ober⸗ ſten von Dörnberg ergangen find. Ach, Sie ſind zu mißtrauiſch! Dörnberg iſt von den beſten Geſinnungen beſeelt. Ich bin vom Gegentheil überzeugt, obgleich er ſehr vorſichtig iſt; jedenfalls wird es aber nöthig ſein, mit Umſicht und Strenge zu verfahren. Die erſtere iſt immer nöthig, zur letzteren ſehe ich noch keine Veranlaſſung und will ſie auch nicht ange— wandt haben. Das iſt durchaus der falſche Weg, um mir die Herzen meiner Unterthanen zu gewinnen, die ich verachten müßte, wenn ſie nicht einer gewiſſen Zeit be⸗ dürften, um für die neue Regierung Sympathieen zu erlangen. Dieſe erwirkt man aber nicht mit unnöthiger — 134 Strenge und durch erbitternde Maßregeln. Es iſt dies meine Anſicht, Herr General, und ich bitte Sie, dieſelbe ſich anzueignen und zur Richtſchnur Ihrer Handlungen zu machen. Ew. Majeſtät haben zu befehlen, ich nur meiner Pflicht genügt und werde deshalb weiterer Verantwor⸗ tung in dieſer Beziehung enthoben ſein. Vollkommen! erwiederte Jerome, gereizt durch das rückſichtsloſe Benehmen des franzöſiſchen Generals. Was befehlen Ew. Majeſtät in Beziehung auf die beiden angeblichen preußiſchen Emiſſäre? Ich habe darüber vollſtändige Aufklärung erhalten. Der Eine iſt wirklich ein ſolcher, der Andere dagegen ganz unverdächtig. Es freut mich, daß Cw. Majeſtät ſich überzeugt haben. So laſſen Sie den Paß des Kaufmanns Werner, ſo heißt er ja wohl, mit einem Viſa verſehen und ſtel⸗ len Sie wegen des Anderen die genaueſten Nachforſchun⸗ gen an. Ew. Majeſtät irren vielleicht in den Namen.. Durchaus nicht. Der Aſſeſſor Haller iſt im Beſitz einer ausdrücklichen Requiſition des Marſchalls Mortier aus Breslau, und Sie wiſſen, Sire, daß es leicht zu unangenehmen Erör⸗ terungen führen kann, wenn dieſelbe nicht reſpektirt wird. Die franzöſiſchen Marſchälle, Herr General, erwie⸗ — 135 derte Jeroöme mit auffallender Heftigkeit, nehmen ſich mancherlei Freiheiten gegen meine Regierung heraus, die ich ein⸗ für allemal nicht länger zu dulden geſonnen bin. Das Königreich Weſtfalen iſt ein von Frankreich unab⸗ hängiger Staat, keine franzöſiſche Provinz, und ich bin der König! Die Herren ſcheinen dies abſichtlich ignoriren zu wollen. Sie werden dieſen Menſchen in ſtrenger Haft halten, bis ſeine Verhältniſſe und die Abſicht ſeiner Hier⸗ herkunft vollſtändig aufgeklärt ſein werden. Es iſt auch nicht nöthig, dies beſonders zu beeilen. Für jetzt laſſen Sie an den Marſchall Mortier ſchreiben, theilen Sie ihm unſere Verdachtsgründe mit und erſuchen Sie ihn um genaue und ausführliche Auskunft über die Vergan⸗ genheit jenes Mannes. Wenn Sie darüber die erfor⸗ derliche Aufklärung ſich verſchafft haben werden, holen Sie meine weitere Entſcheidung ein, welche ich mir aus⸗ drücklich vorbehalte. Der General zog ſich ſchweigend und erbittert zurück. Die Urſache dieſer dem Könige ſonſt fernliegenden beſon⸗ deren Einmiſchung in eine an ſich nicht wichtige Ange⸗ legenheit entging ihm keinesweges, trug aber noch mehr dazu bei, ſeine üble Stimmung zu vermehren.— Sie haben nun das Viſa unter Ihrem Paſſe, ſagte lächelnd Celie, als Venner ſich am Abende deſſelben Ta⸗ ges bei ihr verabſchiedete; man iſt ſo gütig geweſen, Ihnen zur Erreichung Ihres Zweckes ſelbſt behilflich zu ſein, auch habe ich allen Grund zu glauben, daß Ihr 136 Verfolger einſtweilen verhindert ſein wird, Ihrer Spur zu folgen. Er ſah ihr lange und innig in die Augen, indem er ihre beiden Hände feſthielt. Das Lächeln verſchwand allmählich von ihrem Geſichte, ſie ſchlug die langen, dun⸗ keln Wimpern nieder und kämpfte ſichtlich mit ihrer in⸗ neren Bewegung. Laſſen Sie mich kein Wort des Dankes mehr ſagen, ſprach er leiſe— was ich Ihnen ſagen möchte, wozu mich mein Herz drängt, was jetzt meine ganze Seele er⸗ füllt— das darf ich nicht— darum laſſen Sie mih ſchweigen— und ſcheiden. So ſei es, Ulrich, erwiederte ſie eben ſo leiſe— hier ſind Ihre Sachen, fügte ſie hinzu, indem ſie ihm die Taſche, die Terzerole und den Paß reichte; Gott und die gute Sache, welcher Sie dienen, mögen Ihr Schutz ſein, 4 und wenn Sie glauben, mir einigen Dank zu ſchulden — ſo vermeiden Sie es, mich jemals wiederzuſehen. Nein, Celie, rief er, zu ihren Füßen ſtürzend und ihre Hände mit glühenden Küſſen bede ckend, nein, ich kann nicht ſo von Ihnen gehen, warum ſoll ich Ihnen nicht ſagen. Nicht ſo, Ulrich, nicht ſo! ſtehen Sie auf! Seien Sie ein Mann! Vergelten Sie mir nicht mit bitteren Qua— len und Schmerzen!„Die Geliebte eines Prinzen, eines Feindes meines Vaterlandes, kann nicht der Gegenſtand meiner Liebe ſein,“ ſo ſagten Sie mir einſt, fügte ſie 137 noch leiſer hinzu, und damals redeten Sie die Wahr⸗ heit. Die Frau des Ober⸗Stallmeiſters des Königs von Weftfalen kann es noch viel weniger! Bedenken Sie dies und rauben Sie mir nicht auch das noch, was Sie mir erſt vor wenigen Tagen geſchenkt haben— Ihre Freundſchaft. O, warum konnten wir uns nicht früher finden, Celie! Es giebt ſo viele„Warum's,“ die ſich niemals be⸗ antworten laſſen. Nicht wahr, Sie bleiben mein Freund, ulrich? ſetzte ſie mit einem rührend bittenden Blicke hinzu. Bis an meinen Tod immer Ihr wahrer, treuer Freund! Ich danke Ihnen,— und nun gehen Sie. Aber wir werden uns ſchreiben, Celie,— warum ſollen ſich Freunde nicht ſchreiben? Bedenken Sie, fuhr er fort, als ſie verneinend mit dem Kopfe ſchüttelte, daß wir derſelben Sache zugethan ſind, daß Sie mir viel⸗ leicht eine Mittheilung machen müſſen... Sie ſind nicht ehrlich, Ulrich, erwiederte ſie, und ver⸗ binden ſich gegen mich mit der Schwäche meines Her⸗ zens— aber es würde doch jeder Brief an Sie erbro⸗ chen werden. Ich will Ihnen eine ganz unverfängliche Adreſſe ge⸗ ben, ſagte er nach einigem Nachdenken; couvertiren Sie an Fräulein Anna Baumann in Breslau, der Brief wird ſodann ſicher in meine Hände kommen. Und wer iſt dieſe Anna Baumann? fragte ſie, ihn forſchend anſehend. Ein junges, unſchuldiges und liebenswürdiges Mäd⸗ chen, die Tochter eines alten Muſikers, deren Briefe man nicht öffnen wird. Und Ihnen werth, Ulrich? Nicht ſo, Celie, wie Sie zu glauben ſcheinen— ich beſitze nur— eine einzige Freundin. Vielleicht, ſagte ſie— es ſei denn, vielleicht! Und nun leben Sie wohl, mein Freund— den größten Be⸗ weis Ihrer Freundſchaft werden Sie mir immer dadurch geben— daß Sie mich vergeſſen! Niemals! niemals! rief er, ſchloß ſie in ſeine Arme, drückte ſie feſt an ſeine Bruſt, einen langen Kuß auf ihre Lippen und ging. Achtes Rapitel. Neujahrswünſche. Der Kongreß in Erfurt, wo die Knechtſchaft Deutſch⸗ lands unter die franzöſiſche Herrſchaft ihre endgiltige Feſtſetzung erhielt, ging zu Ende. Napoleon war in eine noch innigere Verbindung mit Alerander getreten, dem er die Moldau und Walachei als den Preis ſeiner Freundſchaft zugewieſen. Die Fürſten des Rheinbundes hatten bei dieſem denkwürdigen Kongreſſe mit den fran⸗ zöſiſchen Marſchällen zugleich den großen Mann des Jahrhunderts verherrlicht, und Alerander nicht nur alle ſeine Eroberungen, auch die ſchändliche Beſeitigung der ſpaniſchen Königsfamilie anerkannt, ſondern ſich zu Schutz und Trutz mit Napoleon verbunden, welcher den ſtolzen Gedanken in ihm zu befeſtigen gewußt, daß ſie beide, die Beherrſcher des Weſtens und des Oſtens, des Sü⸗ dens und des Nordens, allein genügten, um Europa unter ihrem Seepter zu vereinigen und alles Uebrige in dieſen beiden Reichen aufgehen zu laſſen. Alexander hoffte als nächſte Beute, dem Teſtamente Peter's des Großen ge⸗ mäß, Konſtantinopel zu erwerben, eine Eroberung, welche ihm Napoleon als gewiß, aber für jetzt noch nicht an der Zeit, zugewieſen, während er ſelbſt, mit dem Beiſtande oder wenigſtens ungehindert von Rußland, Deutſchland völlig niederwerfen konnte, wo es dann für ihn an der Zeit ſein würde, weiter mit ſeinem Freunde abzu⸗ rechnen. Für jetzt nahmen die Ereigniſſe in Spanien Napo⸗ leon's ganze Thätigkeit in Anſpruch. Bei Bailen waren 20,000 Franzoſen zu Gefangenen gemacht, Joſeph hatte von Madrid fliehen müſſen, ganz Spanien ſtand unter den Waffen, und die franzöſiſchen Heere waren überall zurückgewichen. Napoleon beſchloß daher, ſelbſt die Wie⸗ dereroberung und gründliche Unterwerfung Spaniens zu bewirken, und bedurfte zu dieſem Zwecke den größten — 140 Theil ſeiner noch immer in Deutſchland ſtehenden Truppen. Die feindſelige Haltung Oeſterreichs und die ſich überall im nördlichen Deutſchland kundgebende Aufre⸗ gung hielt ihn nicht davon ab, vorerſt dieſen Zweck raſch und ſicher zu erreichen; er ging daher, ſcheinbar nur aus Freundſchaft für Alexander, auf deſſen Verwen⸗ dung für Preußen inſofern ein, daß er einen geringen Theil der Kontribution erließ und das Zurückziehen der franzöſiſchen Truppen unter der Bedingung genehmigte, daß Preußen ſein Heer auf 40,000 Mann beſchränke, auf Errichtung von Landwehren und Bürgergarden ver— zichte und ſich verpflichte, in einem Kriege gegen Oeſter⸗ reich 16,000 Mann Hilfstruppen zu ſtellen. Von dem Briefe Stein's ſchien der Kaiſer vorläufig gar keine Notiz zu nehmen. Stein hatte ſogleich nach deſſen Bekannt⸗ werden ſeinen Abſchied eingereicht, dieſer war jedoch vor⸗ läufig von dem Könige nicht angenommen, das Weitere vielmehr bis zur Rückkehr des Alerander von Erfurt vorbehalten worden. Inzwiſchen nahm der König, ohne Stein zu befra⸗ gen, die Bedingungen Napoleon's an, während dieſer mit Gneiſenau und Grollmann den Plan zu einer all⸗ gemeinen Erhebung Deutſchlands, gleichzeitig mit der Kriegserklärung Oeſterreichs, welche man als nahe be⸗ vorſtehend anſah, ausgearbeitet und dem Könige vorge⸗ legt hatte. Der Entſchluß des Königs war ein tiefes 141 Geheimniß und die Spannung der Gemüther um ſo größer, als man wußte, daß die franzöſiſche Partei täg⸗ lich an Macht gewann und in offener Feindſchaft gegen Stein und die Leitung des Staates auftrat. Alexander kam Ende Oktober nach Königsberg und rieth zur gänz⸗ lichen Hingebung an Frankreich, als dem einzigen Mit⸗ tel, Preußen zu erhalten. Stein legte dem Könige den Plan zur Errichtung der oberſten Staatsbehörden vor, welcher des Königs Genehmigung erhielt, und reichte dann abermals ſeine auch von Alexander als nöthig be⸗ zeichnete Entlaſſung ein, nachdem der Entwurf zu einer Proklamation an die Bewohner des preußiſchen Staates, in welcher die leitenden Grundſätze der bisherigen Ver⸗ waltung dargelegt waren und die Reaktion dadurch erſchwert wurde, von dem Könige abgelehnt worden. Der bekannt gewordene Rücktritt Stein's hatte eine ungemeine Aufregung bei der ganzen Bevölkerung Preu⸗ ßens, vorzugsweiſe aber bei allen Patrioten, hervorge⸗ rufen. Es erſchienen mehrere Gedichte in der Königs⸗ berger Zeitung, worin der Miniſter aufgefordert wurde, zum Wohle des Landes auf ſeinem Poſten auszuharren, und das Bildniß Stein's mit der Unterſchrift:„Des Guten Grundſtein, des Böſen Eckſtein, der Deutſchen Edelſtein“ wurde überall in Tauſenden von Exemplaren verkauft. Die Voſſiſche Zeitung druckte jene Gedichte ab und ließ ſie von dem Juden Lange, dem Verfaſſer der Schmäh⸗ 142 ſchriften gegen die Königin Louiſe, mit den heftigſten Aeußerungen des Unwillens begleiten. So ſtieg die Er⸗ bitterung auf beiden Seiten auf das Höchſte, der nahe Ausbruch in einer oder der anderen Weiſe ſchien unver⸗ meidlich. Davouſt ging zu den gewaltſamſten Maß⸗ regeln über. Eine Menge Perſonen wurden verhaftet und alle irgend verdächtigen Briefe auf der Poſt ohne jede Rückſicht eröffnet. Stein erkannte die Nothwendig⸗ keit ſeines Rücktritts und erhielt, nachdem durch die königliche Genehmigung ſeines Entwurfes zur Reorgani⸗ ſation der oberſten Staatsbehörden die Wiederkehr der früheren Zuſtände unmöglich gemacht worden war, am 24. November 1808 ſeine förmliche Entlaſſung durch ein eigenhändiges, in den anerkennendſten Ausdrücken abge⸗ faßtes Schreiben des Königs. Am 5. Dezember zog Napoleon ſiegreich in Madrid ein, und Stein verließ an deinſelben Tage Königsberg, um einer ungewiſſen, be⸗ drohten Zukunft entgegenzugehen. Die Räumung des preußiſchen Staates bis auf mehrere Feſtungen von den franzöſiſchen Truppen ſtand endlich feſt und begann. Anfangs November zogen ver⸗ ſchiedene Regimenter durch Berlin, über welche Davouſt, nunmehriger Herzog von Auerſtädt, Revue hielt und bei dieſer Gelegenheit, während Rapoleon in Spanien ſeine blutigen Lorbeern pflückte, einen Toaſt„auf den Frieden der Welt“ folgenden Inhaltes ausbrachte:„Möchte der erſte Gedanke, welchen die beiden großen Souveraine bei ihrer Zuſammenkunft in Erfurt ſich mitgetheilt haben, in London begriffen werden, und der Wunſch würde er⸗ füllt ſein.“ Auch Schleſien war gegen Ende November zum größten Theile von den Franzoſen geräumt, nur in Breslau ſtanden noch immer zwei Regimenter, des Ab⸗ marſches harrend. Endlich, am Abende des 20. Novem⸗ ber, verbreitete ſich die beſtimmte Kunde, die Truppen ſollten am anderen Tage abziehen und die Wachen von den Bürgern beſetzt werden. Am folgenden Morgen ver⸗ ſammelte ſich wirklich im Kaufmanns⸗Zwinger eine raſch zuſammengerufene Bürgerwehr und zog unter Vortra⸗ gung der ſtädtiſchen Fahne mit Muſik nach der Haupt⸗ wache. Die Straßen und der ganze Ring waren von einer dicht gedrängten Menſchenmaſſe bedeckt. Die Wache trat in das Gewehr, die Bürgerwehr marſchirte gegen⸗ über auf und bildete in ihrer bunten Tracht und ſehr verſchiedenartigen Bewaffnung einen grellen Gegenſatz mit den disziplinirten Truppen, welche abzulöſen ſie be— ſtimmt war. Man konnte den Hohn und den Spott auf den Geſichtern der Soldaten deutlich erkennen, als ſie in ſtreng militäriſcher Haltung den Bürgern gegen⸗ überſtanden. Indeſſen, die Kommandos wurden gegeben, und die Truppen räumten ihren Platz unter dem lauten und nicht zu unterdrückenden Jubelruf der Zuſchauer. Unfern der Hauptwache befand ſich unter den vielen Bu⸗ den, welche noch jetzt den ſchönſten Platz der Stadt ver⸗ 144 unzieren, auch Eine, dem Drechsler Selling gehörig und durch ihre Größe beſonders ausgezeichnet. Der Eigen⸗ thümer war eines der eifrigſten Mitglieder des Tugend⸗ bundes, und hier verſammelten ſich häufig alle diejenigen, welche eine gleiche Geſinnung mit ihm theilten. Seht nur, mit welchem Hohn die Kerle auf uns herabſehen, ſagte Selling zu den an jenem Morgen in ſeiner Bude Verſammelten; iſt es nicht eine Schmach, daß wir uns das Alles gefallen laſſen müſſen? Laßt ſie, flüſterte ein Anderer, und ſchreit vor Allem nicht immer ſo ſehr; beſonders kriegeriſch ſehen unſere Bürger eben nicht aus, und wenn es Ernſt wäre.. Dann würdeſt du wahrſcheinlich zuerſt davonlaufen, nicht wahr? Mögen ſie kriegeriſch ausſehen oder nicht, ſie haben doch wenigſtens wieder Waffen! Man giebt uns wieder Waffen; wir werden ihnen zeigen, daß wir ſie zu gebrauchen verſtehen! Ja, das werden wir, bemerkte ein junger Beamter; vergeßt es in keinem Augenblick, daß der Zeitpunkt ganz nahe ſein kann, wo wir ſie gebrauchen müſſen, und daß der erſte Schuß für uns das Signal iſt zu einem Kampfe auf Tod und Leben. Wie in Spanien! rief Selling. Glaubt doch den prahleriſchen Bulletins nicht, die täglich in den Zeitun⸗ gen ſtehen! Wenn die Franzoſen auch jetzt Madrid wie⸗ dererobert haben, Madrid iſt noch lange nicht Spanien! 145 Sobald Napoleon zurück iſt, und zurück muß er bald, dann geht Alles wieder drunter und drüber. Er hat Recht, beſtätigte Erbach, welcher ſich hier ebenfalls häufig aufhielt, lange dauert es nicht mehr. Glaubt nicht, daß Napoleon ſeine Truppen aus Deutſch⸗ land zurücköge, wenn er ſie nicht in Spanien ſehr noth⸗ wendig brauchte. Oeſterreich rüſtet, der Krieg iſt dem Ausbruche nahe, und ſobald der erſte Kanonenſchuß fällt, dann gilt es! Oeſterreich vorn, Spanien im Rücken, Preußen und Deutſchland in der Flanke. Dann muß er unterliegen! Es iſt bei uns Alles vorbereitet. Der König iſt zwar noch nicht ganz entſchloſſen, aber er wird ſich entſchließen; noch ſind die rechten Männer in Königs⸗ berg, und die Ereigniſſe werden das Ihrige thun. Die rechten Männer? Iſt nicht der Stein fort? Wenn es dem Könige Ernſt wäre, hätte er den Stein jetzt entlaſſen? fragte ein Anderer. Meine Hoffnungen ſind ſehr herabgeſtimmt. Mußte Stein jetzt nicht entlaſſen werden, bemerkte Selling, nachdem jener Brief bekannt geworden? Glaubt nur, es hat dem Könige Kummer und Schmerz genug gemacht, daß er Stein jetzt fortſchicken mußte; aber er wird bald wieder dabei ſein, wenn's ſo weit iſt! Hier ſeht ſein Bild:„Des Guten Grundſtein, des Böſen Eckſtein und der Deutſchen Edelſtein!“ Er ſoll leben! Er lebe hoch! Alle Anweſenden ſtimmten laut und jubelnd ein, Guſtav v der om See, Vor fünfzig Jahren. II. 10 146 Ruf wurde von den zunächſt Stehenden gehört, ſie ſtimm⸗ ten mit ein, und während die franzöſiſchen Truppen unter dem Klange einer kriegeriſchen Muſik vorüberzogen, be⸗ gleitete ſie der laute und wiederholte Ruf der ſie um⸗ drängenden Menge auf das Wohl des entlaſſenen Mi⸗ niſters. Man legte dieſe öffentliche patriotiſche Demon⸗ ſtration ſpäter als einen Beweis der Theilnahme für die abziehenden Truppen aus und hatte, als man den wahren Verlauf erfuhr, weder mehr die Gewalt, noch die Zeit, eine Ahndung eintreten zu laſſen. Am 2. Dezember wurde das franzöſiſche Kommandan⸗ turbureau geſchloſſen, und Breslau erhielt nach faſt zwei⸗ jähriger Dauer wieder einen preußiſchen Kommandanten in der Perſon des Prinzen zu Anhalt⸗Pleß, Majors im Regiment Hohenlohe; gleichzeitig mit ihm rückten die erſten preußiſchen Truppen, eine Schwadron Huſaren und eine Schwadron Ulanen, in die Stadt ein und wurden auf das Feſtlichſte empfangen. Die Stadt bewegte ſich meh⸗ rere Tage in einem wahren Freudentaumel, man riß ſich um die Quartierbillets, die Glocken läuteten, und die. Vivats auf den König, die Königin und die Truppen wollten kein Ende nehmen. Von einem Mißklange zwi⸗ ſchen Militär und Bürger, namentlich von der Abnei⸗ gung gegen die Offiziere, welche vor dem Kriege durch deren hochfahrendes und exkluſives Benehmen faſt bis zum Haß ausgeartet war, hatte ſich keine Spur mehr erhalten Der Soldat erkannte, durch die traurigen Er⸗ fahrungen der Vergangenheit belehrt, daß die Beſtim⸗ mung des Wehrſtandes nur der Schutz des Vaterlandes, daß dies ſein wirklicher und wahrer Beruf ſei, den er nur in der innigſten Verbindung mit dem Nährſtande erfüllen könne; dieſer aber, welcher die Nothwendigkeit eines ſolchen Schutzes durch den Verluſt, nicht nur der materiellen Güter, ſondern auch aller derjenigen, welche dem Menſchen heilig und theuer ſind, empfunden hatte, ſah in dem Soldaten und namentlich in dem Offizier nicht mehr eine bevorzugte Kaſte, wie dies vor 1806 der Fall geweſen, ſondern Männer, die bereit ſind, Gut und Blut dem Vaterlande zu opfern, in deren Reihen einzu⸗ treten es ihn drängte, da nunmehr ein Jeder berechtigt war, die höchſten Ehren zu erringen. „Wir erfüllen eine füße Pflicht,“ ſchrieb der Kom⸗ mandeur der Truppen öffentlich in der Zeitung,„indem wir den herzerhebenden Gefühlen folgen, die der Aus⸗ druck ſolch patriotiſcher Geſinnungen uns einflößt, und ſämmtlichen edlen Bewohnern des Landes und der Städte, durch welche wir wie im Triumphe gezogen, unſeren ge⸗ rührteſten Dank hierdurch öffentlich bezeigen.“ Noch mehr als in Breslau zeigte es ſich in Berlin, als auch von dort die Franzoſen im Dezember endlich abzogen, daß die Verſöhnung des Bürgers und des Soldaten geſchloſſen war, und ein Streben und ein Verlangen das ganze Volk bewegte. Der Magiſtrat holte die unter dem Major von Schill einrückenden 10* —FFFTWYTF, ůů—— 148 Truppen ein, die ganze Bevölkerung geleitete ſie wie im Triumphzuge, und ein gemeinſchaftliches Feſtmahl verei⸗ nigte ſie Alle, die jetzt von gleichen Geſinnungen beſeelt waren. Auch der entlaſſene Miniſter Stein hielt ſich in Berlin auf, in der Abſicht, ſich nach Breslau zurückzu⸗ ziehen und dort den weiteren Gang der Ereigniſſe ab⸗ zuwarten. Dazu ſollte es jedoch nicht kommen. Wenige Tage ſpäter, als man in Berlin den Weihnachtsmarkt in gewohnter Weiſe errichtete, und Stein nach fünfzehn⸗ monatlicher Trennung von ſeiner Frau und ſeinen Töch⸗ tern ſich vorbereitete, das Weihnachtsfeſt, wenn auch mit kummervollem Gemüth, einmal wieder mit den Seinigen vereint zu feiern, enthielt der Moniteur folgendes Dekret: „1) Der, Namens Stein(e nommé Stein), wel⸗ cher Unruhen in Deutſchland zu erregen ſucht, iſt zum Feinde Frankreichs und des Rheinbundes erklärt. „2) Die Güter, welche der beſagte Stein, ſei es in ⁰ Frankreich, ſei es in den Ländern des Rheinbundes, be⸗ ſitzen möchte, werden mit Beſchlag belegt. Der beſagte Stein wird überall, wo er durch Unſere oder Unſerer Verbündeten Truppen erreicht werden kann, perſönlich zur Haft gebracht. „In Unſerem kaiſerlichen Lager von Madrid, den 16. Dezember 1808. Napoleon.“ Der große Kaiſer, vor deſſen Macht ſich alle Könige und Völker beugten, hatte durch dieſes merkwürdige, von 149 perſönlichem Haſſe diktirte Dekret einem einzelnen Manne, einem bereits entlaſſenen Miniſter, den Krieg erklärt. Der Name Stein, bis dahin außerhalb Preußen nur wenig bekannt, erhielt eine europäiſche Bedeutung. Das deutſche Volk erkannte in ihm den Führer aller Be— ſtrebungen zur endlichen Wiedererlangung der verlorenen Freiheit und Selbſtſtändigkeit; er ward mit Einem Male, wenn auch geächtet und verfolgt, eine politiſche Macht, welche ſo im Stillen mehr und kräftiger wirkte, als es der unverfolgte Stein hätte thun können. Die Achtserklärung wurde zu gleicher Zeit in allen Theilen Deutſchlands, wo noch die franzöſiſchen Truppen ſtanden, an den öffentlichen Orten in deutſcher Sprache angeſchlagen, zugleich traf man die nöthigen Maßregeln, um das Dekret in Vollzug zu ſetzen und ſich der Perſon des Geächteten zu verſichern. Rudolf ſaß am Morgen des 1. Januar des Jahres 1809 träumeriſch in ſeinem Zimmer. Gedankenvoll blickte er auf einen zierlichen Neujahrswunſch, welcher vor ihm auf dem Tiſche lag, las abermals die unter den gemal— ten Blumen, Roſen und Vergißmeinnicht befindlichen Zeilen, welche in dem kommenden Jahre Glück und Freude verhießen, hob das Blatt gegen das Licht in die Höhe und legte es dann mit einem tiefen Seufzer wie⸗ der nieder. Sie wird ſich gewiß recht freuen, ſagte er dann; wie leicht iſt es, dieſem genügſamen Herzen eine Freude zu 150 bereiten— dieſem lieben, lieben genügſamen Herzen! Und treibe ich mit ihm nicht ein unwürdiges Spiel? Ein Jahr lang bin ich faſt ihr einziger Umgang— ich kann mich nicht mehr denken ohne ſie; ſie iſt ein Theil, der beſſere Theil meiner Seele geworden— wir ſind wie Bruder und Schweſter zuſammen— der Form nach — aber im Innern? Würde ich ſo für eine Schweſter empfinden?— Und doch, was kann ich ihr bieten? Nicht einmal mein armſeliges Leben, denn das gehört vor Allem meinem Könige, meinem Vaterlande, bereit, jeden Augenblick dafür zu verbluten. Ja, das iſt es, das wird es immer und zu jeder Stunde ſein— und doch habe ich mein Herz an ſie weggegeben und das ihrige empfan⸗ gen, wenn wir es uns auch niemals geſagt haben. Wie wird es nun ſein in der Stunde, die Gott nicht mehr fern ſein laſſen kann, wenn der König ruft, und Alles zu den Waffen eilt— wie wird es ſein, wenn ich auf dem Felde der Ehre gefallen bin, und ſie die Nachricht von meinem Tode erhält? Warum habe ich ihr Geſchick an das meinige geknüpft?— Ah, Thorheit! rief er dann mit einem melancholiſchen Lächeln, wie leicht vergißt das Herz eines jungen Mädchens, und beſonders, wenn kein bindendes Wort das Vergeſſen erſchwert! Unſer Freund wurde durch das raſche Oeffnen der Thür in ſeinen ſchwermüthigen Betrachtungen unterbro⸗ chen. Der Eintretende war Venner. Du wieder hier, Ulrich? rief Rudolf, indem er er⸗ — — — freut aufſprang und ſeinem Freunde die Hand reichte; wir waren wirklich beſorgt um dich, da du ſo lange ohne alle Nachricht abweſend warſt. Ja, ich bin wieder hier, Freund, aber nur auf eine ganz kurze Zeit; ſchon in dieſer Nacht muß ich wie⸗ der fort. 8 Du biſt ja wie der ewige Jude, ohne Raſt, ohne Ruhe. Iſt denn die Zeit dazu angethan, um der Ruhe zu pflegen? Das Wetter zieht ſich zuſammen, Rudolf, die Luft fängt an, ſehr ſchwül zu werden; haſt du es noch nicht empfunden? Ach! Niemand ſehnt ſich wohl mehr als ich nach dem erſten Blitze, nach dem erſten Donner. Möge er bald einſchlagen! Vielleicht geſchieht es früher, als du glaubſt— aber ich habe eine Frage an dich zu richten: Willſt du mich auf einer vielleicht gefahrvollen Unternehmung begleiten? Darnach kannſt du noch erſt fragen? Ich ſtehe ganz zu deiner Verfügung. Ich habe es nicht anders von dir erwartet. So mache dich reiſefertig, heute Abend reiſen wir. Und wohin? Das„Wohin“ iſt nicht allein mein Geheimniß, ſonſt ſollteſt du es ſogleich erfahren; ſo mußt du ſchon mir vertrauend mitreiſen. Wie du willſt— bewaffnet? 152 Nimm Waffen mit, aber ohne daß ſie bemerkt wer⸗ den können. Soll Alles nach deinem Wunſche geſchehen. Aber ſage mir, was biſt du für ein geheimnißvoller Menſch geworden! Niemand weiß, wo du dich herumtreibſt, du kommſt und verſchwindeſt wie ein Meteor; darfſt du mir von Allem dieſem auch Nichts mittheilen? Du ſollſt unterweges Vieles erfahren, was dein Herz erfreuen wird. Ich war in Weſtfalen und in Heſſen. Es iſt dort Manches vorbereitet, wovon man keine Ah⸗ nung hat. Die Minen ſind gefüllt, wir dürfen nur noch die Lunten anzünden, und ſie gehen in die Luft.. Ja, ja, erwiederte Rudolf zweifelnd, wenn ſie nur nicht in die Luft gehen! Niemand kann für den Erfolg einſtehen, aber deſſen halte dich verſichert, ſobald Oeſterreich den Krieg erklärt, 3 und der Zeitpunkt iſt nahe, bricht der Aufſtand in Heſſen los, auch im übrigen nördlichen Deutſchland. Preußen kann dann nicht mehr zurückbleiben. Die Bedenklichkei⸗ ten des Königs werden vor den vollendeten Thatſachen ſchwinden... Hoffe nicht zu viel, jetzt, da Stein fort iſt.„ Jener ſchändliche Haftsbefehl gegen Stein hat der guten Sache mehr genützt, als wenn Stein Miniſter geblieben wäre. Napoleon konnte nichts Unklügeres thun. Möchteſt du Recht haben! erwiederte Rudolf zwei⸗ felnd. — 153 Die Zukunft wird es beweiſen— alſo bis heute Abend. Sei Punkt acht Uhr im weißen Roß in der Nikolaivorſtadt— kein Gepäck, höchſtens einen kleinen Mantelſack, wir müſſen zu jeder Reiſeart geeignet ſein. Sei unbeſorgt, ein Soldat bedarf wenig.—— Der Ruf des Schickſals kommt eiliger, als ich ihn. erwartete, ſagte Rudolf, nachdem Venner ſich entfernt hatte, indem er ſeine Piſtolen herausnahm und unter— ſuchte— es wird am beſten ſein, wenn ich ihr meinen Neujahrswunſch zugleich mit der Nachricht überſende, daß ich verreiſen muß. Wozu noch erſt das Abſchied⸗ nehmen und die dabei unvermeidlichen und nicht zu be⸗ antwortenden Fragen! Aber— es würde ſie ſehr trau⸗ rig machen, es würde ihr viel mehr Schmetz verur⸗ ſachen, als wenn ich ihr ſelbſt das Alles ſage. Wie hei⸗ ter, wie glücklich war ſie geſtern Abend, als wir das neue Jahr gemeinſchaftlich erwarteten! Habe ich nicht feſt verſprochen, heute Morgen zu kommen? und nun ſoll ich mein Wort brechen, ſie harren und warten laſſen, und dann ſtatt meiner einen kalten Abſchiedsbrief ſen⸗ den?— Nein, nein, hingehen muß ich. Ich muß hin⸗ gehen, aber ich werde vorſichtig, ich werde auf meiner Hut ſein. Ich werde es ihr klar machen, daß es gar nichts Außerordentliches iſt, wenn ein Bruder verreiſt und von ſeiner Schweſter Abſchied nimmt. Ja, ja, ſo will ich es machen, ſetzte er mit einem langen und tie⸗ fen Seußzer hinzu. Draußen auf den Straßen ſah es beſonders feſtlich aus. Die Sonne ſchien hell und klar, der Froſt hatte den Schmutz feſtgebannt und unſichtbar gemacht, die Menſchen aber gingen geputzt und mit heiteren Mienen an einander vorüber, und wenn ſich Bekannte begegne⸗ ten, was ſehr häufig geſchah, ſo riefen ſie ſich ſchon von fern„Proſt Neujahr“ zu und wünſchten ſich gegenſeitig Glück für das ſo heiter beginnende junge Jahr. Es wird beſſer gehen, die Franzoſen ſind ja fort! Mögen ſie niemals wiederkehren! Hoffen wir, daß wir Alles mit Zinſen zurückbezahlen! Solche und ähnliche Reden klangen über die Stra— ßen herüber und hinüber, während ſich die Menſchen die Hände ſchüttelten und freudig einander anblickten. Auch Rudolf empfing auf ſeinem Wege nach dem Dome die Glückwünſche vieler Bekannten, und die ſo laut ausge⸗ ſprochenen Hoffnungen einer beſſeren Zukunft machten ſein Herz vor innerer Erregung raſcher pulſiren. Als er über die Oderbrücken gegangen, wurde es ſiiller auf den Straßen, nur die tiefen Töne der Glocken zogen, mah⸗ nend an ein höheres Walten, durch die klare reine Win⸗ terluft, in leiſen Bebungen dahin verhallend. Das kleine Haus, worin Anna mit ihrem Vater wohnte, h ſo ſtill und friedlich von der Sonne beſchienen Mauern und den jetzt entlaubten Bäumen vor den Blicken des Nahenden, daß er unwillkürlich ſtehen blei⸗ ben und tief Athem holen mußte, ehe er auf dem Wege — —— 155 durch den Garten weiter ging, welcher das Haus von der Straße trennte. Sein Auge hing an dem bekann⸗ ten Fenſter, an welchem ihr kleiner Tiſch mit der zier⸗ lichen Blumenarbeit ſtand, wo er ihr liebliches, freund⸗ liches Geſicht ſo oft geſehen hatte, wenn er dieſen Weg gegegangen war. Heute aber blieb das Fenſter leer. Er empfand dies mit erleichtertem Herzen— vielleicht war ſie abweſend, er konnte ſich dann einfach bei ihrem Vater beurlauben. Er klopfte an die Thür und trat, da kein Ruf er⸗ tönte, hinein. Auch das Zimmer war leer. Er blieb ſtehen und blickte in dem kleinen ihm bekannten Raume umher; er kam ihm heute ſo verändert, ſo feſtlich vor, und doch erblickte er Nichts als die gewohnte ſaubere Ordnung, welche mit dem Sonnenſchein über dieſer be— ſcheidenen Einrichtung ausgebreitet lag. Er trat an Anna's Tiſch, ſie mußte ihn eben erſt verlaſſen haben, denn halb gefertigte Blumen lagen darauf umher. Sin⸗ nend ſtand er ſo, da ertönte eine helle, freudige Stimme „Proſtt Neujahr! Proſt Neujahr!“ und Anna's liebli⸗ ches Geſicht zeigte ſich ſchalkhaft lächelnd in der halb ge⸗ öffneten Thür. Sehen Sie, daß ich es Ihnen abgewonnen habe! rief ſie, fröhlich und heiter in die Stube ſpringend; Sie waren Ihrer Sache ſo gewiß! Aber ſo konnten Sie es auch unmöglich gewinnen; kamen Sie doch langſam und mit einer Amtsmiene durch den Garten dahergeſchritten, als ob Sie den nächſten Feldzugsplan entwürfen! Sind Sie böſe? fuhr ſie fort, ihm ihre Hand ent⸗ gegenſtreckend, ſind Sie böſe, daß ich es Ihnen abge⸗ wonnen— ich habe mich ſo ſehr darauf gefreut und ſchon ſeit zwei Stunden verborgen am Fenſter gelauſcht. Wie könnte ich böſe auf Sie ſein, liebe Anna?— ich hatte wirklich unſere Verabredung vergeſſen.. Vergeſſen, ſagte ſie ſichtlich betroffen— das iſt frei⸗ lich etwas Anderes. Eigentlich nicht vergeſſen— im Gegentheil, hier bringe ich Ihnen einen Neujahrswunſch— möge Alles, was darauf ſteht, im vollſten Maße für Sie in Erfül⸗ lung gehen! Das junge Mädchen nahm das zierliche Blatt, und während ſie die Verſe unter den Blumen las, übergoß ein tiefes Roth ihr freundliches Geſicht, und ihre kleine Hand zitterte ſichtbar, als ſie es dann wieder fortlegte. Es iſt allerliebſt, ſagte ſie, viel ſchöner, als der meinige, den ich für Sie ausgewählt; hier, fuhr ſie dann ſchüchtern fort, einen Reujahrswunſch aus ihrem Körb— chen nehmend, hier— ich konnte eigentlich nichts Paſſen⸗ des finden, Nichts, was meine Wünſche ſo ausgedrückt hätte, wie ich es wollte. Sie ſind viel zu gut gegen mich, liebe Anna, ſagte er, ihr lange und innig in die Augen blickend, viel mehr, als ich es verdiene. Als Sie es verdienen? erwiederte ſie neckend, ich ſollte denken, das hinge lediglich von Ihnen ab. Aller⸗ dings, wenn Sie vergeſſen, was wir erſt vor wenigen Stunden verabredet— aber ſeien Sie doch fröhlich und heiter! Es iſt heute ein ſo ſchönes Neujahrsfeſt, die Sonne lacht und freut ſich mit uns.. Iſt Ihnen etwas Unangenehmrs begegnet? Das nicht, liebe Anna, es iſt eigentlich nichts Unan⸗ genehmes, aber ich hätte gewünſcht, daß ich nicht gerade heute verreiſen müßte, ich wäre heute ſo gern... Sie müſſen heute verreiſen? fragte ſie mit ſichtbarem Erſchrecken, und weshalb gerade heute? und wohin? Alle dieſe Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Nicht beantworten?— Und werden Sie längere Zeit abweſend ſein? Ich hoffe nicht, vielleicht nur einige Tage. Ich würde gar nicht erſt Abſchied von Ihnen genommen haben, fuhr er ſichtbar erleichtert fort, wenn es heute nicht gerade der Neujahrstag wäre, und ich weiß, daß Sie mich er⸗ warten. Ja, es trifft ſich recht unangenehm, erwiederte ſie mit leiſer Stimme, indem ſich ein ſchmerzhafter Zug um ihren Mund legte. Nicht wahr, fuhr ſie dann nach einiger Zeit fort, während Beide geſchwiegen hatten, Gefahr iſt mit Ihrer Reiſe nicht verbunden? Nicht im Mindeſten, ſagte er, ihre Hand feſter drückend, es thut mir nur leid, daß ich heute nicht bei Ihnen ſein kann. 158 Des Menſchen Wünſche gehen ja ſo ſelten in Erfül⸗ lung— ich war heute ſo fröhlich, wie lange nicht, ſo recht innerlich froh, wie ich es ſeit dem Tode der Mut⸗ ter nicht wieder geweſen bin; es war mir, als ob gerade heute ein beſonderes Glück meiner warte, und nun— kommt es ſo ganz anders.. Ehe Rudolf eine Erwiederung zu finden vermochte, trat der alte Baumann in's Zimmer und ſprach, nach⸗ dem er zum neuen Jahre ſeinen Glückwunſch gebracht und empfangen hatte, in gewohnter Weiſe mancherlei, ſehr Verſchiedenartiges, hinſichtlich ſeiner Erwartungen von der Zukunft, Reflektionen, wozu der Jahreswechſel an ſich ſchon immer mehr oder weniger ſtimmt, damals aber beſonders Veranlaſſung gab. Rudolf und Anna hörten dies Alles ſchweigend an, bis der Erſtere auch von dem alten Baumann Abſchied nahm. Sie haben es ja beſonders eilig, Herr von Erbach, ſagte dieſer, daß Sie ſo plötzlich reiſen müſſen; doch keine politiſche Miſſion? Es ſoll ſich Manches zuſam⸗ menbrauen. Wie können Sie ſo Etwas nur denken! dazu nimmt man keine Offiziere auf halbem Sold. Nun, wer kann das wiſſen? Reiſen Sie denn ganz allein? Nein, mit dem Aſſeſſor von Venner. Dann iſt die Sache nicht richtig. Anna zuckte ſchmerzlich zuſammen. 159 Seien Sie vorſichtig! Wenn die Franzoſen auch fort ſind, ihre Spione lauern im ganzen Lande umher. Für einen Offizier paſſen derartige Dinge nicht einmal. Aber ich bitte Sie, liebſter Baumann, Sie gehen von gänzlich falſchen Verausſetzungen aus. Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, Fräulein Anna, daß Ihr Vater ſich in einem völligen Irrthume befindet— aber meine Zeit drängt— leben Sie wohl! Er ergriff ihre Hand und hielt ſie längere Zeit in der ſeinen, ohne daß Beide ſprachen. Leben Sie wohl! ſagte ſie dann mit kaum hörbarer Stimme. Eilig verließ er das Zimmer, ging raſch durch den Garten weg, ohne ſich umzuſehen. Traurig blickte ſie ihm nach. Uenntes Kapitel. Ueber die Grenze. Venner und Erbach fuhren die Nacht hindurch und erreichten am Morgen Liegnitz. Schon am Abend hatte es angefangen zu ſchneien, und der Schnes ſiel in dich⸗ ten Flocken den ganzen folgenden Tag hindurch, welches ihr Fortkommen ſehr erſchwerte. Erſt am Abende ge⸗ 160 langten ſie nach Bunzlau und brachten ſo über vierund⸗ zwanzig Stunden auf einer Reiſe zu, welche man jetzt in zwei Stunden zurücklegen kann. In Bunzlau verweilten ſie mehrere Tage, ohne daß Venner ſeinem Gefährten den eigentlichen Zweck dieſer anſcheinend ohne Grund ſo eiligen Fahrt mittheilte. Er⸗ bach enthielt ſich in dieſer Beziehung auch aller weiteren Fragen, nachdem ihm Venner verſichert hatte, daß ihn ſeine Pflicht verhindere, ſie zu beantworten. In Bunz⸗ lau wohnten ſie unter anderen Namen ſehr ſtill in einem wenig beſuchten Gaſthofe und blieben faſt unausgeſetzt den ganzen Tag auf ihrem Zimmer. Von Zeit zu Zeit ging Venner aus, kehrte aber jedesmal ſichtbar beunru⸗ higt und ohne das Erwartete gefunden zu haben zurück. Selbſt in den Nächten wurde abwechſelnd gewacht und auf einen etwa ankommenden Wagen gewartet. End⸗ lich gegen Abend des vierten Tages dieſes eben ſo lang⸗ weiligen als abſpannenden Aufenthaltes kam Venner von einem abermaligen Ausgange eilig zurück. Er iſt da! ſagte er ſichtbar erregt; Gott ſei Dank, dieſe Befürchtungen waren wenigſtens ohne Grund. Ich kann dir auch jetzt mittheilen, weöhalb wir hier ſind, er hat es mir erlaubt. Wir werden den Miniſter von Stein bis über die öſterreichiſche Grenze begleiten. Ich habe das längſt gewußt, Ulrich, erwiederte Er⸗ bach, und freue mich mit dir von Herzen, daß er unge⸗ fährdet bis hierher gelangt iſt. 161 So komm'! Es ſoll ſogleich weitergehen, und zwar mit Schlitten. Im Gebirge iſt ein anderes Fortkommen jetzt nicht möglich. Der geächtete Miniſter war nur von einem Bedien⸗ ten begleitet; man fuhr in zwei Schlitten. Stein ſchien ſehr abgeſpannt, denn er ſprach wenig. Nach einigen Stunden erreichte man das Städtchen Löwenberg. Hier ruhte der Miniſter einige Stunden, denn er hatte in zwei Nächten nicht geſchlafen, aber ſchon um 1 Uhr in der Nacht wurde die Reiſe fortgeſetzt. Es war eine ſchöne, mondhelle, windſtille Winternacht, die Natur ſchien zu ſchlummern unter der weichen, weißen, glitzernden Schneedecke; lautlos eilten die Schlitten auf der glatten Bahn im raſchen Fluge dahin. Das Gebirge erhob ſich immer mehr, und ſie fuhren durch viele faſt meilenlange Dörfer. Alle dieſe menſchlichen Wohnungen lagen ſtill und in tiefem Frieden da, die Nacht hielt die Thätigkeit und den Lärm der Arbeit gefeſſelt, auch die Leidenſchaf⸗ ten und die Wünſche der Menſchen. Das Ganze war ein Bild des tieſſten, ungeſtörteſten Friedens. Lange blickte das klare Auge des Miniſters in die Gegend hinaus, und zuweilen hob ein tieferer Athemzug ſeine Bruſt. Wie klein und erbärmlich erſcheinen die menſchlichen Beſtrebungen, ſagte er dann, im Vergleiche zu der ruhi⸗ gen und ewig waltenden Allmacht! Um ein wenig Macht, um ein wenig Gewalt mehr zu gewinnen, morden ſich die Menſchen maſſenweiſe, oder die Einzelnen, welche das Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 11 162 Geſchick oben hingeſtellt, laſſen ſie ſich unter einander morden— und Alles, was ſie erreichen und erringen, iſt doch Nichts, als ein eitler, kaum nennenswerther Tand. Was iſt menſchliche Größe? Die größte iſt immer ſo klein, ſo unbedeutend, daß wir dafür, im Vergleiche zu der Allmacht, zu der Schöpfung und den Kräften, die darin thätig ſind, nicht einmal eine auch nur annähernde Bezeichnung haben.— Wenn man dieſe Gegend anſieht, alle dieſe vielen im tiefen Frieden ruhenden Wohnungen der Menſchen, ſo ſcheint es uns unmöglich, daß der Streit, der Krieg und all' die böſen Leidenſchaften jemals hier gewüthet hätten. Und doch iſt es erſt vor Kurzem ge⸗ ſchehen, doch giebt es faſt keinen Fleck Erde mehr, wel⸗ cher nicht mit Blut gedüngt wäre. Ich habe, fuhr er nach einigem Schweigen fort, am erſten Tage dieſes Jahres mit meiner Familie, von der ich nun wieder auf wer weiß wie lange Zeit getrennt bin, eine Neujahrspredigt von Schleiermacher geleſen „über das, was der Menſch zu fürchten habe, und was nicht zu fürchten ſei,“ und erkenne jetzt in dieſem Augen⸗ blick, wie viel Wahrheit in jenen Worten enthalten iſt. — Der Menſch iſt ſehr von ſeinen jedesmaligen Stim⸗ mungen abhängig, und dies zählt auch zu ſeinen großen Unvollkommenheiten. Zudem bleibt es immer eine Thor⸗ heit, ſich der irdiſchen Sorgen, der irdiſchen Pflichten mit dem bloßen Hinblick auf die Vergänglichkeit und die Nich⸗ tigkeit entſchlagen zu wollen. Wir müſſen unſer Daſein nehmen, wie es uns gegeben iſt, wir dürfen uns nicht beugen und knechten laſſen durch die Gewalt des Unrech⸗ tes, ſondern müſſen dagegen ankämpfen bis zum letzten Athemzuge. Des Menſchen Lvos iſt der Kampf— ſein Ziel der Friede— ein Ziel, welches hier auf Erden je⸗ doch unerreichbar bleibt. Die Geſchichte lehrt uns, bemerkte Venner, als der Miniſter eine Zeit lang geſchwiegen, daß die Menſchheit ſtets von Zeit zu Zeit unter der Geißel gewaltiger Macht⸗ haber gelitten hat, aber auch dieſe Zuſtände ſind vor— übergegangen. Solche Kriſen ſind für das Wohl der Menſchheit nöthig, ſie würde ſonſt in einen Zuſtand völliger Apathie und völligen Stumpfſinns verſinken. Der vollendete Despotismus, der Mißbrauch der Gewalt, erweckt zuerſt in Einzelnen und dann in ganzen Völkern das Gefühl ind die Ueberzeugung deſſen, was ihnen noththut, wie die Lebensluft, nämlich die Erhaltung einer vernunftge⸗ mäßen Freiheit und Selbſtſtändigkeit. Das Bewußtwer⸗ den ſolcher Ueberzeugung, welches dann ganze Völker in die heftigſte Bewegung verſetzt, iſt zur Verjüngung des Menſchengeſchlechtes nöthig; nur das iſt zu beklagen, daß bei der Ausführung ſo ſelten die Einſicht mit der Willenskraft im richtigen Verhältniſſe ſteht, und daß es daher ſtets ſo ungeheuere Opfer koſtet, um auch nur die kleinſte Wahrheit wirklich zur Wahrheit gelangen zu laſſen. Wenn immer nur ein wahrhaft großer Mann die 11* ——— 164 Geſchicke der Menſchheit leitete, ſo würde dies nicht der Fall ſein, bemerkte Venner. Ein wahrhaft großer Mann, ein vollendeter Menſch, bei welchem Verſtand und Ein⸗ bildungskraft nicht nur in hervorragendem Maße vor⸗ handen, ſondern auch harmoniſch und ſich nicht wieder untereinander zerſtörend ausgebildet ſind, iſt ſchon an ſich eine große Seltenheit, und die Zahl derer, welche an der Spitze der Menſchheit ſtehen, ohnehin ſehr klein. Selbſt da, wo Beides in der Anlage vorhanden iſt, wird es durch die Erziehung, durch die Eindrücke, welche die junge Seele empfängt, oft für immer zerſtört. Entwe⸗ der wird die Phantaſie auf Koſten des Verſtandes mit Traumbildern und unerreichbaren Idealen bevölkert und dadurch ein Halbgenie oder ein Fanatiker herangebildet, welcher ſeine Zeit über das Ziel hinaustreiben will und deshalb gewöhnlich Alles verfehlt, oder der Verſtand er⸗ weitert ſich auf Koſten des Gemüthes, welches verarmt und endlich ganz abſtirbt. Ein ſolcher Menſch weiß wohl das rechte Ziel und den rechten Weg, aber es fehlt ihm die bewegende Kraft, er verfällt in die Ränke der Mit⸗ telmäßigkeit und wird memals ein Heros, ein Wohlthä⸗ ter der Menſchheit.§ 6— Wie Napoleon! ſagte Erbach. In Napoleon fand ſich Alles, was zu einem großen Manne erforderlich iſt, vereinigt, ſelbſt das Genie des Charakters, aber das Geſchick hat ihn verzogen. Wie er jetzt daſteht, einzig und allein von der Gier und dem 165 Verlangen nach perſönlicher Macht und Gewalt getrie⸗ ben, iſt er eine Geißel des Menſchengeſchlechtes, ein mo⸗ raliſches Ungeheuer! Den phhſiſchen Ungeheuern verſa⸗ gen die Geſetze der Natur die Lebensfähigkeit, den mo⸗ raliſchen verleiht ſie der Menſch durch ſeine eigene, er⸗ bärmliche Natur. Aber auch dieſe Lebensfähigkeit iſt niemals von Dauer. Wie alles Menſchliche. Doch dauert es häufig ſo lange, als das Leben desjenigen Menſchen, der ſein Trä⸗ ger geworden, und ſo iſt es immer möglich, daß Alles dies erſt mit dem Tode Napoleon's wieder in Trümmer zerfällt. Möge Gott dies von uns abwenden, rief Erbach in ſeiner ungeſtümen Weiſe, oder eine glücklich gezielte Ku⸗ gel das Gefäß zerſtören, in welchem all' dieſes Gift an⸗ gehäuft iſt! Niemals darf uns dieſe Hoffnung verlaſſen, fiel auch Venner ein, niemals darf ein Augenblick kommen, wo wir an ihrer Verwirklichung zweifeln! 3 Mein Leben liegt zum großen Theile hinter mir, ſagte Stein; nach den Geſetzen der Natur können mir nur noch wenige Jahre vergönnt ſein; dazu bin ich ein ge⸗ ächteter Mann, auf der Flucht, vielleicht ſind die Ver⸗ folger dicht auf meiner Fährte; ich weiß nicht, wo ich dieſe Nacht mein Haupt niederlegen werde; die Macht, welche mir von meinem Könige verliehen war, iſt mir wieder genommen, der große Kaiſer hat mir perſönlich 166 den Krieg erklärt— aber er hat meinen Willen und meinen Vorſatz nicht gebeugt, ſein Feind zu ſein auf Tod und Leben, und ſo lange ein Athemzug meine Bruſt hebt, werde ich daran arbeiten, ſeinen Sturz herbeizu⸗ führen, oder wenigſtens ſeine Gewalt in Deutſchland zu vernichten! Und Ew. Excellenz werden das Ziel Ihrer Beſtre⸗ bungen verwirklicht ſehen, erwiederte Erbach, welcher ſich weniger als Venner von der Perſönlichkeit des Miniſters befangen fühlte; unſere Zuſtände ſind zu unerträglich, als daß ſie von längerer Dauer ſein könnten. Die Gewohnheit macht den Menſchen viel, ſehr viel erträglich, mein junger Freund, ſagte der Miniſter; wir gewöhnen uns an die täglichen Wunder der Natur als an etwas ganz Gleichgültiges, ſelbſt das geheimnißvollſte Räthſel, der Tod, das Vergehen alles Lebendigen, macht keinen Eindruck mehr auf uns, warum ſollten am Ende die Mißverhältniſſe des bürgerlichen und ſtaatlichen Le⸗ bens uns mehr ergreifen? Unſer Gefühl ſtumpft ſich ab, das Alltägliche ſchläfert uns ein, und ſtatt uns zu regen und uns zu Thaten anzutreiben, ſchlafen wir ein und ſtumpfen ab. 8 Das wäre troſtlos! In dieſer Allgemeinheit, ja! Ich ſage dies auch nur, damit die Beſſeren ſich hüten ſollen, in dieſen Zuſtand zu verfallen. Die Geſetze der Natur, von der Allmacht gegeben, ſind unveränderlich, und deshalb müſſen wir 167 uns daran gewöhnen, es wäre troſtlos, wenn uns dieſe Fähigkeit nicht zu Theil geworden; aber die Einrichtun⸗ gen, die Schöpfungen der Menſchen ſind eben ſo ver⸗ gänglich, wie dieſe ſelbſt; ſie ſterben wie dieſe, und ver⸗ gebens bemühen ſich die Nachkommenden, gewöhnlich von ſelbſtſüchtigen Beſtrebungen geleitet, die entſeelten Formen aufrecht zu erhalten, welche nur Leben hatten durch den guten oder böſen Geiſt jener Zeit, der ſie angehörten. In den Kämpfen um die Behauptung des Alten, wel⸗ ches die Gegenwart zurückſtößt, und um die Erlangung eines Neuen, welches ſie verlangt, das ihr nothwendig, aber deſſen ſie ſich meiſtens noch nicht klar bewußt iſt, treten gewöhnlich die Folgen jenes unglückſeligen Zwie⸗ ſpaltes grell zu Tage, welcher das Ideale und die Wirk⸗ lichkeit im harten Gegenſatz gegeneinander treibt. Es gehört Muth und Ausdauer, es gehört ein klares Be⸗ wußtſein des Wollens und eine große Zähigkeit des Han⸗ delns dazu, in dieſem Kampfe das Ziel unverrückt im Auge zu behalten— ich habe in dieſer Beziehung reiche Erfahrungen gemacht... Alle wahren Patrioten wiſſen das und verehren Ew. Excellenz deshalb um ſo mehr, ſagte Venner. Möchten dieſe Anſtrengungen, dieſe Kämpfe wenig⸗ ſtens in ſpäteren Zeiten ihre Früchte tragen, möchten ſie Preußen zum Segen gereichen, deſſen Dienſt ich dreißig Jahre meines Lebens widmete, und worin ich nun meinen Untergang finde Beſitzungen, welche nahe an ſieben⸗ —— —. 168 hundert Jahre in meiner Familie ſind, verſchwinden, Verbindungen jeder Art, welche tief in die Verhältniſſe meines Lebens eingreifen, werden vernichtet, und ich bin aus meinem Vaterlande verbannt, ohne daß ich für mich und die Meinigen eines Zufluchtsortes gewiß wäre.. Vielleicht iſt die Zeit nahe, wo Ew. Ercellenz im Triumphe zurückkehren, vielleicht... Hoffen wir, erwiederte der Miniſter, Erbach unter⸗ brechend, und glauben Sie vor Allem nicht, daß mich dieſes Mißgeſchick muthlos macht. Gehöre ich zu denen, welche im Sturme dieſer unheilvollen Zeit untergehen müſſen, ſo werden Andere an meine Stelle treten, welche das Werk vollenden, an deſſen Fundamenten ich mitge⸗ arbeitet habe.. Sie, meine jungen Freunde, werden gewiß den Tag erleben, an welchem die deutſchen Heere den Rhein überſchreiten und mit Blut eine Schmach ſühnen, welche in der Geſchichte eines großen Volkes ohne Beiſpiel iſt.— Darum, wenn es auch noch trüber, noch finſterer werden ſollte, verlieren Sie niemals den Glau⸗ ben, niemals den Muth und die Entſchloſſenheit zum Handeln! Sehen Sie, die Sonne ſteigt klar und hell über die Berge empor, ſie wird nicht immer das ge⸗ knechtete Deutſchland beſcheinen! Das ſchneebedeckte Hochgebirge lag im Glanze der aufgehenden Sonne vor ihnen, alle ſeine maleriſchen Li⸗ 3 nien zeichneten ſich ſcharf gegen den dunkeln, weſtlichen Himmel ab, von der höchſten Spitze, der Koppe, blinkte —— 169 die kleine Kapelle wie ein leuchtender Stern hernieder, und die dunkeln Maſſen der Tannenwälder lagerten ſich zu Füßen der Bergrieſen, hier und da in maleriſchen Windungen ſich höher zu ihnen hinaufziehend. Schweigend gaben ſich die Reiſenden dieſem erha⸗ benen Anblicke hin und erreichten bald das Schloß Buch⸗ wald, wo der Miniſter von dem Beſitzer, dem Grafen Reden, und deſſen Gattin auf das Hetzlichſte aufgenom⸗ men wurde, obgleich ſie von ſeiner Ankunft keine Ahnung gehabt hatten. Hier verweilte Stein mehrere Tage und ſchrieb und empfing Briefe von ſeinen Freunden und ſeiner Frau. Da in dem nur zwei Meilen entfernten Städtchen Hirſchberg ſich noch eine franzöſiſche Beſatzung befand, ſo fuhren Venner und Erbach am anderen Tage hinüber, um etwaige Maßnahmen gegen den geächteten Miniſter zu erforſchen. In Buchwald fanden ſich mehrere bewährte Freunde Stein's ein und erfreuten ſein Herz durch die Verehrung und Theilnahme, welche ſie ihm be⸗ wieſen. Er hielt es jedoch nicht rathſam, ſeinen Aufent⸗ halt daſelbſt länger auszudehnen, nachdem ihn ſeine Frau nochmals dringend gebeten hatte, das preußiſche Land zu verlaſſen. Er ſchrieb noch an den Fürſten Primas und erſuchte ihn um ſeine Verwendung hinſichtlich ſeiner Güter am Rhein, wohin ein bewährter Freund, der Aſ⸗ ſeſſor Eichhorn, deshalb bereits gereiſt war, bat ſeine Frau, nach Prag zu kommen, wenn es ihre Geſundheit 170 erlaube, und nahm dann am 12. Januar vom preußi⸗ ſchen Boden Abſchied. Von den Segenswünſchen ſeiner Freunde, beſonders des Grafen und der Gräfin von Reden, begleitet, ver⸗ ließ er in der Geſellſchaft eines alten Freundes, des Gra⸗ fen Geßler, Buchwald, welches nur zwei Meilen von der öſterreichiſchen Grenze liegt. Dieſe wurde daher auch bald erreicht. Auf der Höhe des Gebirgskammes ſtan⸗ den die beiden Grenzpfähle, deren Adler ſich wie zwei Kampfhähne feindſelig anblickten. Hier hielten die Schlit⸗ ten; im erſten befanden ſich der Miniſter und Graf Geß⸗ ler, im letzteren Venner und Erbach. Der Graf hatte ſeinen beſtimmten Entſchluß ausgeſprochen, den Miniſter bis Prag zu begleiten und ſein Schickſal ſo lange zu theilen, bis es ſich entſchieden, ob ihm der Aufenthalt in Heſterreich geſtattet werden würde, was man als gewiß annahm. Venner und Erbach ſollten an der Grenze um⸗ kehren und waren nur auf ihren ausdrücklichen Wunſch ſo weit mitgefahren. Sie traten jetzt an den Schlitten des Miniſters, um ſich zu verabſchieden. Ich danke Ihnen, meine jungen Freunde, ſagte dieſer, Jedem von ihnen die Hand reichend, ich danke Ihnen für Ihre aufopfernde Theilnahme an meinem Geſchick. Ihnen, Herr Aſſeſſor, beſonders für die gefahrvollen Dienſte, welche Sie mir und der guten Sache geleiſtet haben. Ich kann Ihnen dafür Nichts weiter geben, als ——————— —— meinen Dank. Vielleicht, fuhr er fort, mit der Hand nach der in weiter dämmernder Ferne vor ihnen unten ausgebreiteten Landſchaft zeigend, vielleicht kommt uns von dort her die Entſcheidung und die Rettung, vielleicht früher, als wir Alle es glauben und erwarten; vielleicht werden dieſe beiden Adler, welche ſich hier ſo feindlich betrachten, bald gemeinſchaftlich ihren Flug gen Weſten nehmen.— Dann ſehen wir uns wieder, meine Freunde! Laſſen Sie uns nicht verzagen, feſt, ſtark und muthig bleiben! Das iſt es, was vor Allem noththut!— Und nun leben Sie wohl, Gott ſei mit Ihnen und mit un⸗ ſerem Vaterlande! Ohne eine Entgegnung zu erwarten gab der Miniſter das Zeichen zur Abfahrt. Raſch fuhr der Schlitten da⸗ hin. Die beiden jungen Männer blieben ſchweigend auf der Höhe ſtehen und blickten ihm nach, er verſchwand jetzt in einer Windung des Weges, kam wieder hervor, nur noch ein kleiner dunkler Punkt auf der weiten Schnee⸗ fläche, und verlor ſich dann in einer waldbedeckten Schlucht. Er iſt fort, ſagte Venner, von innerer Bewegung er⸗ griffen, und hat einen großen Theil der Hoffnungen unſeres armen Vaterlandes mit ſich genommen, ſie ſind immer unſcheinbarer geworden, wie jener gebrechliche Schlitten, in dem er ſich befindet— und nun ganz ver⸗ ſchwunden. Nicht doch, erwiederte Erbach; wer weiß, weshalb 172 ihn das Geſchick gerade jetzt nach Oeſterreich führt! Ein großer Mann bleibt überall derſelbe. Jehntes Rapitel. Enthüllungen. Die junge Frau Roſen ſaß in tiefen Gedanken ver⸗ ſunken vor ihrem eleganten Arbeitstiſche, welcher umge⸗ ben von blühenden ausländiſchen Gewächſen am Fenſter ſtand. Ihr Mann hatte ſie eben verlaſſen, mitten in einem Geſpräche abgerufen, wie dies bei einem ſo vielfach bean⸗ ſpruchten Geſchäftsmanne häufig zu geſchehen pflegt. Sie hielt einen offenen Brief in der Hand, welchen ſie von ihrem Manne empfangen, und deſſen Inhalt offenbar die Urſache jenes tiefen Nachdenkens war, das ſich in ihren Mienen kundgab. Er wird alſo wiederkommen, ſprach ſie vor ſich hin, den Brief nochmals öffnend, obgleich ſein Inhalt ihr bekannt war, und ſchon bald, vielleicht in wenigen Tagen — ich hätte gewünſcht, er wäre garz fortgeblieben. Er iſt verhaftet geweſen, man hat ihn in Kaſſel ſechs Mo⸗ nate gefangen gehalten, als das Opfer einer Intrigue und eines Mißverſtändniſſes? Sein ganzes Treiben und Weſen hat etwas Unklares, ſeine Vergangenheit iſt ſo abenteuerlich, ſo außergewöhnlich, man fühlt ſich nie⸗ 173 mals recht ſicher, recht unbefangen in ſeiner Geſelſchaſt und doch... Mein Mann hält ſehr große Stücke auf ihn, und ich bin eine Thörin— ja, ja, eine große Thörin— ich fürchte mich eigentlich vor ihm, aber mehr, wenn er abweſend, als wenn er anweſend iſt. Alle dieſe Gedan⸗ ken ſind mir erſt gekommen, ſeit er uns verlaſſen; mir wäre es lieber geweſen, wenn er niemals zurückgekehrt. Ich will einmal eine genaue Prüfung mit mir anſtellen, fuhr ſie mit einem verſchämten Lächeln fort, ſo wie mir meine gute Mutter empfahl, es an jedem Abende zu thun— ich werde dann erfahren, wo die Schuld liegt, und zugleich das Mittel finden, nicht nochmals in den⸗ ſelben Fehler zu verfallen. Alſo: warum war ich gern mit ihm zuſammen? Weil er ein unterhaltender, geiſt⸗ reicher Mann iſt. War dies die alleinige Urſache? die einzige? Ich darf dieſe Frage nicht bejahen, ohne die Unwahrheit zu ſagen. Was war es alſo noch? Die Art und Weiſe ſeiner Unterhaltung, die Beziehungen, die er darein zu legen wußte.— Welche Beziehungen? Mein Gott, ich frage ſehr ſtreng— alſo: die Beziehungen auf die Gefühle meines Herzens. Wie nennt man dies ohne Umſchreibung? Wie man dies nennt? Es ſind Spie⸗ lereien, Unterhaltungen, Mittel gegen die Langeweile. So? ſagte ſie, indem ſie wieder die Miene eines Inqui⸗ ſitors annahm, während ſie bei den Antworten jedesmal ihre glänzenden Augen wie ein ſchuldbeladenes Beicht⸗ kind niederſchlug. So? Iſt dieſe Antwort ganz aufrich⸗ tig? Haſt du nicht Dinge von ihm angehört, welche. Nein, nein, rief ſie, den Brief auf den Tiſch werfend, indem ihre Wangen eine dunkle Gluth überzog, ich will dieſes abſcheuliche Exramen nicht fortſetzen— warum ſoll ſich eine junge, hübſche Frau, wie ich bin, nicht ein we⸗ nig den Hof machen laſſen? Iſt das ein Verbrechen? Mein Mann ſieht es ja, weiß es und freut ſich darüber, daß auch Andere mich ſchön finden. Das ewige Einerlei des Lebens iſt ohne dieſe unſchuldigen kleinen Intriguen unerträglich langweilig... Endlich, endlich ſehe ich Sie wieder! tönte plötzlich die Stimme Haller's dicht neben ihr, ſie fühlte ihre Hand ergriffen und mit glühenden Küſſen bedeckt, die Sinne begannen ihr zu ſchwinden, ſie war nahe daran, das Bewußtſein zu verlieren. Ihr ganzer Körper zitterte heftig, und als ſie mit einem tiefen Athemzuge die Gegenwart wieder klar zu erfaſſen vermochte, fand ſie ſich von Hal— lers Arm umſchlungen und ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhen. Gewaltſam riß ſie ſich los und ſprang auf, eine tiefe Röthe übergoß ihr Geſicht, und ſie wagte es nicht, die Augen aufzuſchlagen. Hat Sie mein plötzliches Erſcheinen ſo ſehr erſchreckt, theuerſte Roſe? flüſterte Haller. Wie ſchön Sie in dieſer Bewegung ſind, und wie glücklich Sie mich dadurch machen! Ich hatte mir in meinen Gedanken das Wie⸗ 175 derſehen mit Ihnen oft und vielfach ausgemalt— aber die Wirklichkeit hat dieſes Mal meine Hoffnungen über⸗ troffen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir einen Platz in ihrem Herzen bewahrt haben, dieſer Augenblick giebt mir vollen Erſatz für all' die Leiden, die ich erduldet. Ich danke Ihnen, theuerſte Roſe, fuhr er fort, ihre Hand, die er noch immer feſt hielt, leidenſchaftlich drückend, danke Ihnen aus dem tiefſten Grunde meiner Seele. Roſe war endlich zum klaren Bewußtſein ihrer Lage gekommen und entzog nun haſtig dem Aſſeſſor ihre Hand. Sie haben mich überraſcht, Herr Haller, ſagte ſie, ohne ihre Augen aufzuſchlagen, und geben einer körper⸗ lichen Schwäche, die mich eben befiel, eine völlig irrige Auslegung. Wirklich? erwiederte er, ſie mit verlangenden Blicken betrachtend— reden Sie nicht weiter! Sie ſind im Begriff, ein Glück wieder zu zerſtören, welches Sie mir gewährt, vielleicht ohne Abſicht und ohne Ihren Willen. Rauben Sie mir es nicht, nachdem die gewöhnlichen kal⸗ ten Rückſichten und Formen bei Ihnen wieder die Herr⸗ ſchaft über Ihre wahren Gefühle zu erlangen ſtreben. Haben Sie Vertrauen zu mir, theuerſte Roſe! verſcheuchen Sie jeden, auch den leiſeſten Argwohn, als ob dieſes mir gewährte Glück jemals von mir gemißbraucht wer⸗ den könnte. Schweigen Sie, ſagte die junge Frau, im ſichtbaren Kampfe mit ſich ſelbſt, dort kommt mein Mann. ———— 176 Der junge Banquier Roſen begrüßte ſeinen lange vermißten und entbehrten Freund mit einer Herzlichkeit, welche deutlich zeigte, wie ſehr ihn deſſen Rückkehr erfreue, und Haller war in der Kundgebung ſeiner Gefühle noch verſchwenderiſcher. Man ſetzte ſich, und Haller mußte ſein Ergehen ausführlich erzählen. Er that dies in ſeiner gewohnten Weiſe, indem er die Zuhörer durch die Ge⸗ wandtheit des Vortrages feſſelte und Wahrheit und Dichtung dabei ganz ſeinen Abſichten gemäß vermiſchte. Aber weshalb verfolgten Sie denn Venner? fragte Roſen; ſo viel ich weiß, ſind Sie Freunde. Ich bin genöthigt, um Ihnen dieſe Frage zu beant⸗ worten, Ihnen mein ganzes Vertrauen zu ſchenken; ich thue dies um ſo lieber, als ich es für meine Pflicht halte, Ihnen, meinem beſten und wahren Freunde, mich ganz zu enthüllen— denn ich weiß, Sie denken wie ich, und auch Sie, meine gnädige Frau, werden gewiß auf meiner Seite ſtehen. Wir leben in einer Zeit, fuhr er mit einem raſchen und prüfenden Blick auf Roſe fort, wo es ſich ein Jeder klar machen muß, was er will, wo es abſolut nothwen⸗ dig iſt, nicht nur eine Geſinnung zu haben, ſondern auch darnach zu handeln; mit Einem Worte, wo man eine Partei ergreifen muß, wenn man nicht zu dem großen Haufen der Nachtreter gehören will. Der leuchtende Stern des Jahrhunderts iſt Napoleon. Mögen wir in der Geſchichte zurückgehen, ſo weit wir 177 wollen, mögen wir Friedrich den Großen, Ludwig den XIV., Karl den Großen, Cäſar, Alexander heraufbe⸗ ſchwören, es iſt keiner, der ſich an Größe mit Napoleon meſſen könnte. Leſen wir die Geſchichte jener Männer, ſo werden wir immer von einem mitleidsvollen Gefühle über die damaligen Beſtrebungen ergriffen, welche, in Verkennung der Größe jener Herven, ihnen feindſelig ent⸗ gegentraten und ſich für berufen hielten, ihren Sieges⸗ flug zu hemmen und die Löſung der Aufgabe zu hin⸗ dern, zu deren Vollbringung das Geſchick dieſe außer⸗ gewöhnlichen Menſchen hervorgebracht. Wir belächeln die Thorheit und die Kurzſichtigkeit ſolcher Unternehmun⸗ gen und ſtellen uns in Gedanken immer auf die Seite des Genies. So thöricht handeln auch diejenigen, welche ſich jetzt für berufen halten, dem großen Manne des Jahrhunderts kleine Steine in den Weg zu legen, die er verachtungsvoll mit dem Fuße zurückſchleudert. Die Ur⸗ ſache der Handlungsweiſe dieſer Partei liegt lediglich darin, daß ihnen der klare Blick zum Erkennen der Ge⸗ genwart fehlt, daß ſie das jetzt nicht ſo objektio betrach⸗ ten können, wie ihnen dies bei der Vergangenheit mög⸗ lich iſt. Sie ſind durch ihre Leidenſchaften, durch ihre elenden Privatintereſſen, durch die Erbärmlichkeiten ihrer unbedeutenden Exiſtenz daran gehindert. Selbſt diejenigen, welche das Geſchick auf eine Stelle gehoben, wo es ihr Beruf, ihre Pflicht war, jenen Gott⸗ geſandten, Machtbeliehenen entgegenzutreten, haben dies Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. II. 12 178 immer vergeblich gethan; ihnen wurde die Beſtimmung, in dieſen Kämpfen zu unterliegen und durch ihre Nie⸗ derlagen die Erfüllung deſſen herbeizuführen, wozu jene Gewaltigen erſchienen: die Verjüngung und Veredelung der Menſchheit. Alte, verjährte Gebräuche und Vorur⸗ theile, welche die Völker knechten, ihrer Fortbildung einen unüberſchreitbaren Damm entgegenſtellen, zu deren Be⸗ ſeitigung im gewöhnlichen ſchablonenmäßigen Fortgang der Dinge Jahrhunderte nöthig geweſen ſein würden, verſchwinden durch einen einzigen Federſtrich jenes Mäch⸗ tigen, welcher jetzt Europa beherrſcht, denn die Gottheit hat ihm die Befähigung verliehen, nicht blos dasjenige, was noth thut, zu erkennen und zu wollen— dieſe Be⸗ fähigung beſitzt der ganze beſſere und intelligentere Theil der Menſchheit,— ſondern auch es auszuführen! Sein Wille iſt zugleich die That! Wer es wagt, ſich dieſem mäch⸗ tigen Willen entgegenzuſtemmen, wird von dem raſch und unaufhaltſam dahinrollenden Rade der Zeit zermalmt! Giebt es daher wohl für uns, deren Wohnungen an den ſanften Thalgeländen der Genügſamkeit und nicht auf den einſamen, ſtolzen Höhen der Macht ſtehen, giebt es für uns wohl eine größere Thorheit, als gegen das Geſchick in den Kampf zu treten, um uns von den Rädern des Siegeswagens ſeines Auserwählten tödten zu laſſen? Freuen wir uns, daß wir dazu nicht durch beſondere Pflichten gezwungen ſind. Die ganze Menſchheit war und wird wieder ſein eine große Familie; die künſtlichen 179 Unterſcheidungen, die wir Völker nennen, und die ſich nach den jedesmaligen Launen Einzelner, nach den regel⸗ loſeſten Zufälligkeiten gebildet haben, werden und müſſen ſchwinden, wenn die Beſtimmung der Menſchheit erreicht werden ſoll. Iſt Friedrich II. wirklich ſo groß, weil er Schleſien ohne Grund und Recht Oeſterreich entriß und Millionen Menſchen Einer Völkerfamilie in den Tod führte? Dennoch würde es eine Thorheit geweſen ſein, wenn wir damals, ſo wie jetzt, hier gelebt hätten, an Oeſter⸗ reich feſtzuhalten und dem Genie entgegenzutreten. Die Schleſier erkannten dies auch ſehr richtig, und es waren nur wenige Unkluge, die ſich dazu verleiten ließen und ihren ſogenannten Patriotismus theuer bezahlten. Darum muß ein Jeder, der das Auge ſeines Geiſtes offen zu halten verſteht, es mit Napoleon halten und in ihm denjenigen erkennen, welchen die Gottheit geſandt hat, um die Ausführung ihrer Pläne zu realifiren. Ich will zugeben, daß unſer Gefühl mit dieſer Erkenntniß in Widerſpruch treten kann, daß Vorurtheile, welche wir mit der Muttermilch eingeſogen, ſogenanntes Vaterland, an⸗ geſtammtes Fürſtenhaus und dergleichen, uns an der klaren Erkenntniß des Richtigen hindern— aber wir dürfen uns dadurch nicht beirren laſſen, denn hier muß der Verſtand allein entſcheiden, und das Gefühl, deſſen Gebiet ganz wo anders liegt, ſetzte er mit einem raſchen Blick auf Roſe hinzu, hat keine Berechtigung, mitzu⸗ 2* 6 12 ——— reden. Unſer Vaterland iſt die Erde— es bleibt immer noch ſehr klein im Verhältniß zu der unendlichen Schö⸗ pfung— und„angeſtammtes Fürſtenhaus“ ein mit ſich ſelbſt im Widerſpruch ſtehender Begriff, denn jedes Für⸗ ſtenhaus hat mit einem Manne angefangen, und wenn die Menſchen zu jeder Zeit nur von angeſtammten Für⸗ ſten hätten regiert ſein wollen, ſo würde nie ein jetzt angeſtammtes Fürſtenhaus ſeinen Anfang gehabt haben. Da ich mir ſchon längere Zeit dieſe Erkenntniß zu eigen gemacht, fuhr er nach einiger Zeit fort, ſo habe ich auch meine Stellung darnach gewählt und mich mit derjenigen Partei, welche von den Ueberſpannten die fran⸗ zöſiſche genannt wird, eng verbunden. Wenn ich dies nicht offen ausgeſprochen, und es auch Ihnen jetzt nur im engſten Vertrauen mittheile, ſo geſchieht und geſchah dies, weil der Augenblick, es zu thun, noch nicht gekom⸗ men iſt. Jede Frucht will ihre Zeit zur Reife haben, und der iſt ein Thor, welcher ſie früher vom Baume pflückt. In den Kämpfen, welche auch das Beſte und Edelſte mit den Vorurtheilen und den Leidenſchaften der Menſchen zu führen hat, richten ſich ſtets die Mittel nach den Umſtänden. Es werden von jener Seite auf gehei⸗ men Wegen Vorbereitungen zu Aufſtänden und Empö⸗ rungen getroffen, man will den Löwen durch Mückenſtiche tödten und vergißt, daß man ihn höchſtens dadurch reizen kann. Venner gehört zu den gefährlichſten Agenten der ſo⸗ X 181 genannten patriotiſchen Partei; mit großem perſönlichem Muthe und einer unbeugſamen Entſchloſſenheit verbindet er kalte Ueberlegung und richtige Benutzung der jedes⸗ maligen Umſtände. Der Zufall ließ mich erfahren, daß er eine geheime Sendung nach Weftfalen habe zur heimlichen Organiſation eines Aufſtandes, herbeigeführt durch den jetzt entlaſſenen Miniſter von Stein und ſeine Genoſſen. Venner war es auch, der mich bei dieſem Manne verleumdet und mir deſſen Ungnade zugeführt hat, wofür ich ihm jetzt allerdings ſehr dankbar bin. Es war meine Pflicht, hiervon im Geheimen Anzeige zu machen, und ich wurde mit den ausgedehnteſten Voll⸗ machten zu ſeiner Verhaftung ihm nachgeſandt. Wie wurde es ihm denn aber möglich, fragte Roſen, daß man in der Hauptſtadt des Königs Jeröme, alſo mitten im befreundeten Lager, Sie ſtatt ſeiner gefangen nahm und ſo lange in Haft ließ? Wie ihm dies möglich wurde? erwiederte Haller mit dem Ausdrucke eines nicht zu verdeckenden Haſſes— einfach durch den Einfluß eines verworfenen Weibes, einer ehemaligen Maitreſſe des Königs, welche er ſchon hier in Breslau mit ſich herumführte, und die, von den Lieb⸗ koſungen Jeròme's nicht befriedigt, ein Verhältniß mit Venner anknüpfte. Jetzt iſt dieſe Perſon an einen Stall⸗ meiſter des Königs verheirathet, einen ehemaligen Pferde⸗ jungen, der natürlich nur den Namen des Ehemannes hergiebt, um die Ausſchweifungen des jungen Königs 182 vor ſeinen neuen Unterthanen und ſeiner jungen Ge⸗ mahlin zu verbergen. Bei ihr fand ich den ſaubern Herrn von Venner und überraſchte ſie in einem zärtli⸗ chen téte àtéte. Aber ungeachtet meines Paſſes und der ausdrücklichen Requiſition des Marſchalls Mortier wußte dieſe Circe ihren Liebhaber, der ja zugleich König von Weſtfalen iſt, zu beſtimmen, daß ich als verdächtig feſtgenommen, Venner aber auf freien Fuß geſetzt wurde. Aber das Mißverſtändniß mußte ſich doch bald auf⸗ klären? Sie hatte mich, um ihn zu retten, als einen preu⸗ ßiſchen Spion bezeichnet und uns die Rollen tauſchen laſſen. Meine Papiere wurden für gefälſcht verdächtigt, und man fand es nothwendig, erſt an den Marſchall Mortier zu ſchreiben. Wie ich jetzt weiß, iſt man dabei ſo langſam als möglich zu Werke gegangen; Mortier hatte inzwiſchen Breslau verlaſſen und war nach Spanien gegangen; ſeine Antwort genügte nicht, man ſchrieb noch einmal, und ſo wurde ich nach den Wünſchen der freund⸗ lichen Dame, ſetzte er mit einem heiſeren Lachen hinzu, ſechs Monate in einem ſchlechten Gefängniſſe gelaſſen, dann erſt fand ſich König Jeröme bewogen, in meine Freilaſſung zu willigen, die er gewiß gern noch länger verzögert haben würde, wenn er irgend einen Vorwand dazu hätte finden können. Ich beklage Sie von Herzen, lieber Freund, ſagte Roſen, ihm voll Theilnahme die Hand reichend. 183 Man muß für ſeine Ueberzeugung auch zu leiden ver⸗ ſtehen, erwiederte Haller mit einem vielſagenden Blick auf Roſe, welche ſtumm und anſcheinend ohne jede Theil⸗ nahme der Erzählung des Aſſeſſors zugehört hatte. Sie ſchwieg auch jetzt, ohne die langen, dunkeln Wimpern ihrer glänzenden Augen zu heben und die Blicke Haller's zu erwiedern. Da ich Ihnen nun mein volles Vertrauen geſchenkt habe, fuhr Haller fort, indem er ſeine Brille heraufrückte, und überzeugt bin, daß Sie meine Anſichten theilen— ich irre doch darin nicht? ſetzte er fragend hinzu. Keinesweges, erwiederte Roſen ſichtlich zerſtreut— er hatte ſo eben nach der Uhr geſehen— wir Kaufleute ſind ja geborene Kosmopoliten. Wie ſich unſer Geſchäft über alle Länder der Erde erſtreckt, ſo kleben unſere Wünſche und unſere Hoffnungen auch nicht an einem Stückchen Land, welches heute dieſem, morgen jenem Fürſten gehören kann. Das Intereſſe, der Vortheil, der Gewinn iſt die Triebfeder unſeres Handelns, die politi⸗ ſchen Ereigniſſe die Fäden, aus denen wir unſer Gewebe zurechtmachen. Ich habe dieſe verſtändigen Anſichten von Ihnen er⸗ wartet und bin im Stande, Ihnen einige Fäden zu eigen zu machen, aus welchen ſich ein ſehr werthvolles Gewebe bereiten läßt. Laſſen Sie hören. Oeſterreich rüſtet. Es iſt ziemlich ſicher, daß man 184 dort die neue Thorheit begehen und den Heros des Jahr⸗ hunderts abermals angreifen wird. Den Erfolg kann jeder Verſtändige klar vorausbeſtimmen. Heute Kriegs⸗ erklärung, in drei Monaten Napoleon in Wien, in vier Monaten Friede, Oeſterreich eine Macht zweiten Ranges! Glauben Sie? Zweifeln Sie daran im Mindeſten? Ich befürchte, daß Sie Recht haben. Sie befürchten? Kann etwas Beſſeres geſchehen? Wir müſſen nur jetzt, wo über den nächſten Ereigniſſen für die Kurzſichtigen und Befangenen noch ein Schleier liegt, ſo handeln, wie es erforderlich iſt, um die immen⸗ ſen Vortheile zu erlangen, die uns aus unſerer richtigen Erkenntniß erwachſen. In welcher Weiſe? Darüber nachher das Weitere, dies ſind Geſchäfts⸗ ſachen, die nicht für das Ohr einer jungen Frau paſſen. Nur das Eine noch: ich reiſe in geheimen Aufträgen nach Wien, um zu erforſchen, wie weit die Sachen dort gediehen ſind, und bitte Sie um eine Empfehlung an Ihren Herrn Schwiegervater. 1 Sie reiſen nach Wien? fragte Roſen mit ſichtbärer Freude, das trifft ſich ja herrlich! Roſe, da haſt du ja mit Einem Male einen Begleiter, wie wir wohl einen beſſeren niemals finden können. Die junge Frau war plötzlich erblaßt und hielt ſich mit zitternder Hand an der Lehne eines Seſſels. 185 Sie wollen auch nach Wien reiſen, gnädige Frau? fragte Haller, ohne daß es ihm möglich war, ſo ſehr er ſich auch bemühte, die innere Aufregung, welche ihn durch⸗ zuckte, zu verbergen. Ja, meine Frau hat die Einladung ihres Vaters angenommen, nahm Roſen ſtatt ihrer wieder das Wort, ihn zu beſuchen; es iſt Alles zur Reiſe vorbereitet— ich kann entſchieden jetzt Breslau nicht verlaſſen, und ſo war das einzige, jetzt ſo glücklich beſeitigte Hinderniß, einen paſſenden Reiſegefährten für meine Frau zu finden, der ihr Schutz und Beiſtand gewähren kann. Das Geſchick entſchädigt uns immer wieder für die Leiden, die es uns auferlegt, ſagte Haller mit einem glühenden Blick auf Roſe, und, ſetzte er endlich dann hinzu, wohl empfindend, daß er zu weit gegangen, und bringt mich endlich einmal in die Lage, Ihnen, lieber Freund, einen Dienſt leiſten zu dürfen, indem es mich zum Hüter und Beſchützer des Werthvollſten macht, was Sie beſitzen. Freuſt du dich nicht auch, Roſe? fragte ihr Mann, indem er die Hand ſeiner Frau ergriff; du zitterſt ja, Kind, biſt du nicht wohl? Beunruhige dich nicht, erwiederte ſie mit kaum hör⸗ barer Stimme, du weißt, dieſe Reiſe... Wir werden uns ja bald und fröhlich wiederſehen, mein liebes Röschen; traurig darfſt du mir nicht werden, nein, nein, du mußt mit der alten heiteren Miene vor 186 deinem Vater erſcheinen, er würde ja ſonſt denken, wir wären nicht glücklich. Der junge Ehemann ſchloß bei dieſen Worten, ſich an die Gegenwart Haller's zu kehren, Roſe in ſeine Arme und küßte ſie wiederholt und innig. Sie aber riß ſich verſchämt und von widerſtreitenden Gefühlen ergrif⸗ fen von ihm los und entfloh. Sie ſind ein in jeder Beziehung glücklicher Menſch, ſagte Haller, der jungen, ſchönen Frau nachblickend, deren ſchlanke, elaſtiſche Geſtalt ſo eben hinter der faltigen Por⸗ tière verſchwand, welche das Zimmer, worin ſie ſich be⸗ fanden, von dem Nebengemache trennte. Ich muß dies anerkennen, erwiederte Roſen; kein Glück auf der Welt iſt jedoch vollkommen, und ſo fehlt mir auch Eines, worüber ſich beſonders Roſe Sorgen macht. Doch ſie iſt eine Thörin, ſetzte er lächelnd hinzu; wir ſind ja noch nicht einmal drei Jahre verheirathet, wozu ſich alſo ſolchen verfrühten Beſorgniſſen hingeben? Sie haben ganz Recht, lieber Roſen, bemerkte im leichten Tone des Scherzes Haller, die Sache in dieſer Weiſe aufzufaſſen. Wenn aber das Glück, deſſen Lieb⸗ ling Sie einmal ſind, Ihnen auch dieſes erſehnte Ge⸗ ſchenk geſpendet haben wird, dann müſſen Sie Ihre Frau mit dem Kinde auf dem Arme malen laſſen, und zwar von einem wirklichen Künſtler. Sie werden dann eine Madonna erhalten, welche ſich mit jeder raphaeli— ſchen meſſen kann. ————— —————— 187 Ich glaube auch, es müßte ein ſchönes Bild werden, ſagte Roſen mit einem Seufzer, den angeregten Gedan⸗ ken erfaſſend— ich wünſchte nur, daß ich es ſchon be— ſtellen könnte.— Doch laſſen wir das jetzt, fuhr er mit verändertem Tone fort; in welcher Weiſe meinen Sie, daß die öſterreichiſchen Angelegenheiten zu benutzen ſeien? Was iſt Ihr Schwiegervater für ein Mann? Er iſt Kaufmann, gehört alſo nicht zu denen, welche einer firen Idee reelle Vortheile zum Opfer bringen; da⸗ gegen glaube ich doch, daß er von der jetzt in Oeſterreich herrſchenden Stimmung mehr oder weniger mit ergriffen iſt. Der Haß gegen Frankreich iſt dort die allgemeine Loſung. Wir werden ja ſehen, bemerkte Haller mit nachden⸗ kender Miene; jeder vernünftige, nicht von Vorurtheilen be⸗ fangene Mann, der nicht zu den unverbeſſerlichen Idea⸗ liſten gehört, wird der richtigen Auffaſſung der Verhältniſſe ſein Ohr nicht verſchließen. Vor Allem bitte ich Sie, die Vorbereitungen zur Reiſe Ihrer Frau zu beſchleunigen, denn meine Zeit iſt gemeſſen. Es wird Ihnen zuſagen, daß wir mit Extrapoſt und ſo ſchnell, als es die Um⸗ ſtände irgend erlauben, reiſen. Es iſt Alles vorbereitet; ich hoffe, daß Sie übermor⸗ gen früh abfahren können. So leben Sie denn für jetzt wohl, lieber Freund, ſagte Haller, ſichtlich erfreut und Roſen die Hand rei⸗ chend; ich habe noch mehrere dringende Geſchäfte zu be⸗ 188 ſorgen; heute Abend ſtehe ich jedoch wieder zu Ihren Dienſten, um unſere eigentlichen Pläne zu beſprechen und feſtzuſtellen. Elftes Kapitel. Verfehlte Spekulationen. Es war ein unfreundlicher Tag im Februar. Roſen hüllte ſich daher, nachdem der Aſſeſſor ihn verlaſſen, in ſeinen Pelz, da er die Abſicht hatte, gleichfalls auszu⸗ gehen. Er that dies mit einer ihm ſonſt nicht eigenen Eilfertigkeit und verließ ſeine Wohnung, ohne ſich bei ſeiner Frau zu verabſchieden, auch ohne, wie er ſonſt immer zu thun pflegte, vorher in das Comptoir zu tre⸗ ten und von den eingegangenen Briefen Kenntniß zu nehmen. Er ging über den Ring, auf dem es wie ge⸗ wöhnlich ſehr bewegt war, an Gruppen vorüber, welche ſich ſehr lebhaft unterhielten, und gelangte bald zu der erſten Oderbrücke. Der Fluß war hoch angeſchwollen und trieb ſtark mit Eis, die mächtigen Schollen hoben ſich an den Eisbrechern mit gewaltigem Toſen in die Höhe, verminderten einen Augenblick ihre Bewegung und wurden dann von der Gewalt des Stromes zertrümmert. Kopfüber ſtürzten ſie ſich in die Tiefe, tauchten in wil— dem Gewirr wieder auf, warfen ſich mit erneuertem In— grimm auf die Brückenpfeiler, welche in den Grundfeſten 189 erbebend ihre ſcharfen Spitzen den unaufhörlich ſich er⸗ neuernden Angriffen entgegenſtemmten. So eilig es Roſen auch zu haben ſchien, er konnte es ſich dennoch nicht verſagen, dieſem aufregenden Kampfe des Elemen⸗ tes mit dem Werke von Menſchenhand zuzuſehen. Nach einiger Zeit des Schauens kam es ihm vor, als ob die Brücke, worauf er ſtehe, in raſchem Fluge vorwärts eile, und die Pfeiler es ſeien, welche die Schol— len aufſuchten, um ſie zu zermalmen. Das Stöhnen und Knarren der Balken und Bohlen, welches ſich mit dem Getöſe des anprallenden und brechenden Eiſes ver⸗ miſchte, klang, als ob die Pfeiler ſich gegenſeitig zu er⸗ neuertem und immer raſenderem Angriffe anfeuerten. Immer toller, immer wüthender wurde die Jagd, die Pfeiler flogen den Strom hinauf, Alles vor ſich nieder⸗ werfend; es war ihm, als müßten ſie nun ganz aus dem Strome herausſpringen, um ſich in unbezähmbarer, rache⸗ dürſtender Wuth auf die unaufhaltſam herandrängenden Feinde zu ſtürzen! Er mußte aufblicken und ſeine Augen an den feſten Linien des Ufers wieder einen Halt gewinnen laſſen, um ſich von dieſer Sinnestäuſchung zu befreien. Wenn dieſe Brückenpfeiler auch ſo dächten, wie Hal⸗ ler, ſprach er zu ſich ſelbſt, als er endlich weiter nach dem Dome zuging, ſo würden ſie der angeblich höheren Macht gewichen und mit dem Eiſe den Strom hinab⸗ geſchwommen ſein. Noch ein paar Stunden Ausdauer — der Kampf iſt vorüber, der Angrif abgeſchlagen, das freie Waſſer umſpült wieder die ſtarken Herzen, welche ſich erfreuen an dem Beifallsgeflüſter der von ihten Fein⸗ den befreiten, heiter vorüberziehenden Wellen.— Es möchte doch nicht immer das Richtige ſein, jeder Gewalt, die uns bedroht und uns zwingen will, den Standpunkt aufzugeben, wohin das Geſchick uns geſtellt hat, als einer höheren Beſtimmung willenlos zu weichen.— Aber was ſind das für thörichte Gedanken! Wenn die alte Brücke, wie es leicht hätte geſchehen können, vom Eiſe zerſtört worden wäre, ſo würde die Nutzanwendung eine ganz andere geweſen ſein.— Allerdings, ſie wäre dann in ihrem Beruf, in der Erfüllung ihrer Pflicht unterge⸗ gangen.— Ich muß mich wirklich davor hüten, in jene nutzloſen Träumereien zu verfallen, zu denen ich ohnehin einen krankhaften Hang habe, ſetzte er, ſeine Schritte be⸗ ſchleunigend, hinzu; ſelbſt dieſer Beſuch bei dem alten Baumann ſteht etwas mit jenem Hange in Verbindung. Dennoch bleibt Aennchen eines der lieblichſten, anmuthig⸗ ſten und beſcheidenſten Mädchen, die ich je geſehen. Zier⸗ lich wie eine Elfe, mit dem hellleuchtenden Kranze ihrer goldenen Haare, dieſen ſanften, unſchuldigen Tauben⸗ augen, und dabei dieſe Beſcheidenheit, dieſe zarte, jung⸗ fräuliche Schüchternheit, ja, ſie iſt ein wunderbar lieb— liches Kind! Es wäre gewiß ſehr paſſend für ſie, dachte er, wie⸗ der langſamer gehend, weiter, wenn ſie ſich recht viel in ————— ————— ————— 191 unſerem Hauſe aufhielte und mit ihrer harmloſen, lachen⸗ den Fröhlichkeit meiner Frau Geſellſchaft leiſtete, die wirk⸗ lich anfängt, etwas zum Trübſinn zu neigen— aber ſie kann nicht, ſie kann ihren Vater nicht verlaſſen, der ſelbſt wie ein Kind iſt und keine Ahnung davon zu haben ſcheint, daß ihn ſeine Tochter mit großer Aufopferung ernähren muß. Meine Frau hat in ſolchen Dingen auch eine durchaus unrichtige, unpraktiſche Anſchauung. Sie bezahlt für die Blumen den ganz unbedeutenden Preis, wie ihn die Beſcheidenheit Aennchen's feſtſetzt, es kommt ihr kein Gedanke, daß ſie zu Hauſe Mangel leiden, und daß es daher nothwendig ſei, dies auf irgend eine zarte Weiſe zu verhindern. Niemals bin ich ſo innerlich froh darüber geweſen, im Beſitze der Mittel mich zu befinden, um hier als das Schickſal, das heißt natürlich als das unbekannte Schickſal, auftreten zu können. Die Sache muß jedoch ſehr zart behandelt werden. Als der junge Banquier bis zu dieſer Stelle ſeines inneren Selbſtgeſpräches gelangt war, hatte er zugleich die äußere Thür zu der Wohnung des alten Baumann erreicht. Er blieb einen Augenblick ſtehen, holte tief Athem und trat dann durch die Thür der Mauer, hin⸗ ter welcher das kleine Haus lag, worin Aennchen mit ihrem Vater wohnte. Er traf Beide in der bekannten Stube. Aennchen ſaß am Feſter, mit ihrer Arbeit beſchäftigt; da ſie aber von dort aus den unerwarteten Beſuch geſehen, ſo war —·ů——————— ſie aufgeſtanden und hatte auch ihren Vater von der Ankunft des Banquiers in Kenntniß geſetzt. Der alte Baumann hatte in dem letzten Jahre ſeine Lebensweiſe ſehr geändert, er ging nut ſelten aus, trank faſt gar nicht mehr und beſchäftigte ſich auch wenig. Er ſaß oft Stunden lang theilnahmlos und ſchweigend in ſeinem alten Lehnſtuhle, dann ſpielte er auch wohl Etwaß auf der Geige oder dem alten Klavier, jedoch mehr mecha⸗ niſch als mit Empfindung, und es ſchien faſt, als ob ſein Geiſt ſtumpf und für alle äußeren Eindrücke weni⸗ ger empfänglich geworden ſei. Die alte wilde Erre⸗ gung, das leidenſchaftliche Auflodern war gänzlich ver⸗ ſchwunden, und er war ein ſtiller, ruhiger Mann gewor⸗ den. Nur zuweilen gab es Momente, wo dies Alles zu⸗ rückkehrte, wo er ganz wie ſonſt, eben ſo wild, eben ſo ertravagant und auch eben ſo voll geiſtreichen Humors ſein konnte. Er gab zwar noch einige Unterrichtsſtunden und betheiligte ſich auch hier und da an muſikaliſchen Aufführungen, aber er that dies Alles ungern und ver⸗ ſäumte viele Gelegenheiten, wo er hätte Geld verdienen können, nur um zu Hauſe zu ſitzen und die Zeit mit müßigen Träumereien hinzubringen. Aennchen, die ihn mit der kindlichſten Liebe und Sorgfalt pflegte und ſtets bemüht war, ihn zu erheitern und jede Mahnung an Noth und Dürftigkeit von ihm fern zu halten, ſah mit banger Beſorgniß die zuneh⸗ mende Theilnahmloſigkeit ihres Vaters und war jedes „ 193 Mal innerlich erfreut, wenn ſeine alten Reigungen und“ mit dieſen ſeine frühere Lebendigkeit und Aufregung wie⸗ der hervortraten. Die unerwartete Ankunft des jungen Banquiers machte daher auf Baumann ebenfalls keinen Eindruck, nicht ein⸗ mal ſeine Neugierde wurde dadurch rege gemacht. Er erhob ſich von ſeinem Seſſel und ſetzte ſich wieder ſchwei⸗ gend nieder, nachdem Roſen der freundlichen Einladung Aennchen's zum Sitzen ebenfalls nachgekommen war. Es wäre mir faſt unmöglich geworden, zu Ihnen zu gelangen, leitete Roſen in ſichtlicher Befangenheit das Geſpräch ein, denn die Oder geht ſo ſtark mit Eis, daß die alte Sandbrücke in Gefahr ſchwebt, zerſtört zu werden. Wir wollen dies nicht hoffen, Herr Roſen, erwiederte Aennchen, da ihr Vater ſchwieg. Der Eisgang ſoll, wie die Schiffer ſagen, in dieſem Jahre nicht viel auf ſich haben, und wenn er vorüber iſt, dann kommt der Früh⸗ ling; ich freue mich recht darauf. Man genießt ihn hier in der Stadt aber nur wenig. Da haben Sie Recht, am ſchönſten iſt der Frühling im Walde, ſetzte ſie mit einem lebhafteren Blicke hinzu; man hat hier keine Ahnung davon, wie ſchön er dort iſt. Du denkſt wohl immer noch an deinen Feldzug, be⸗ merkte Baumann; wir könnten ja deinen Freund einmal wieder beſuchen. Ein leiſer Schimmer von Röthe überflog Aennchen's Geſicht, und ſie beugte ihren lieblichen Kopf tiefer zu den Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. II. 13 194 4 Blumen nieder, mit deren Anfertigung ſie beſchäftigt war, 3 als ſie erwiederte: Ach, das wäre herrlich, Vater! aber du müßteſt auch mit reiſen. Ich? Natürlich! ſetzte er dann hinzu, als ob er ſeine Gedanken erſt geſammelt hätte; wir dürfen uns niemals wieder trennen. Sie wundern ſich vielleicht über meinen Beſuch, be⸗ merkte Roſen weiter, nachdem Alle einige Zeit geſchwie⸗ gen, indem er ſich zugleich über dieſe etwas ungeſchickte Einleitung innerlich ärgerte; aber ich komme einmal als Bote meiner Frau, welche wahrſcheinlich ſchon übermor⸗ gen nach Wien reiſt und Fräulein Aennchen bittet, ihr noch einige Blumen zu Haubengarnirungen zu beſorgen, hauptſächlich aber, ſetzte er ſichtlich befangen hinzu, um mich des Auftrages eines Geſchäftsfreundes an Herrn Baumann zu entledigen. Es hat dieſer Freund, fuhr er raſcher ſprechend fort, noch eine kleine Schuld aus frü⸗ herer Zeit an Sie zu berichtigen; er ſchämt ſich, dies ſo lange verſäumt zu haben, und hat mich daher gbetn Ihnen den Betrag dafür zu übergeben. Er überreichte mit dieſen Worten dem alten Bau⸗ mann einige in Papier gewickelte Geldmünzen. Wer könnte das ſein? fragte dieſer in gleichgiltigem Tone, indem er das Geld in der Hand hielt. Er wünſcht aus dem eben angeführten Grunde, nicht genannt zu werden. Meinetwegen, erwiederte Baumann, das Geld in die 105 Taſche ſteckend, es muß ſchon lange her ſein, daß ich es ſo ganz vergeſſen habe. Roſen warf einen raſchen prüfenden Blick auf Aenn⸗ chen, erkannte aber bald an deren ſich gleichbleibenden freundlichen Mienen, daß ſie nicht den mindeſtens Zweifel in ſeine Worte ſetze. Soll ich Ihnen eine Quittung ſchreiben? fragte dann plötzlich Baumann, es wird wohl nöthig ſein. Durchaus nicht, erwiederte Roſen eilig, indem er des Alten Hand ergriff, welcher das kleine Geldpacket wieder hervorzunehmen beabſichtigte, betrachten wir die Kleinig⸗ keit als abgemacht. Um ſo beſſer; ſagen Sie Ihrem Freunde meinen Dank, ich würde dieſes Geld ſonſt längſt ausgegeben haben. Nicht wahr, Aennchen? ſetzte er melancholiſch lächelnd hinzu, und jetzt können wir es gut gebrauchen — denn ich will Ihnen ſagen, Herr Roſen, meine Fin⸗ ger fangen an etwas ſteif zu werden, und die ganze Muſik macht mir wenig Vergnügen mehr. Aennchen hatte bei der offenen Anſpielung ihres Va⸗ ters auf ihre Dürftigkeit ihr Geſicht erröthend tief auf ihre Arbeit herabgebeugt und ſchien ſichtlich erfreut die letzte Bemerkung aufnehmen zu können, um dem Ge⸗ ſpräche eine andere Wendung zu geben. Du thuſt dir ſelbſt Unrecht, lieber Vater, ſagte ſie, ohne außzublicken, eine recht gute Muſik erfreut dich noch eben ſo, wie ſonſt. I8 196 Ja, eine recht gute Mufik, erwiederte dieſer, indem ſeine Augen ſich belebten, aber wo finde ich die? Im Theater? Noch zuweilen, aber dann immer der viele Schund dazwiſchen; auch wollen ſie mich ja dort nicht mehr haben— und das Stundengeben— ah! das Stundengeben, ſetzte er langſam und in ſeine frühere Apathie verfallend hinzu— das muß jeden ordentlichen Mußiker zu Grunde richten und ihm die Muſik verleiden. Und doch haben die größten Meiſter, ſelbſt Mozart, ſich davon nicht frei machen können, bemerkte Roſen. Leider! Was gilt auch in Deutſchland ein großer Meiſter! Der göttliche Mozart iſt am Stundengeben, an der Miſere des Lebens zu Grunde gegangen; was würde er noch geſchaffen haben, wenn ihn nicht die elen⸗ den Sorgen um die tägliche Nahrung getödtet hätten! Rege dich nicht unnöthig auf, lieber Vater, bat Aenn⸗ chen ängſtlich, indem ſie aufſtand und ſeine Hand ergriff; ein ſolcher Geiſt, wie Mozart, verzehrt ſich ſchneller, als die gewöhnlichen, und er hat genug gethan, um unſterb⸗ lich zu ſein. Unſterblich ſind wir alle, ſagte Baumann, ſich nieder⸗ ſetzend, und das Bischen irdiſcher Ruhm, welches wir Unſterblichkeit nennen, iſt eben ſo werthlos, wie alles Uebrige— der Unſterbliche ſelbſt hat Nichts davon. Da der alte Baumann nach dieſer melancholiſchen Reflexion in ein anhaltendes Schweigen verfiel, und Roſen ſah, daß Aennchen's Blicke mit einer gewiſſen ibeeetheiceeebipiee aehhhaaniihh Aengſtlichkeit ihn zu bewachen ſchienen, ſo hielt er es für angemeſſen, ſeinen Beſuch abzubrechen, obgleich er gern noch länger geblieben wäre. Er empfahl ſich daher. Als er durch den Gartenweg der Straße zuſchritt, begegnete ihm ein junger Mann, welcher ihn mit aufmerkſamen und fragenden Blicken betrachtend raſch an ihm vorbei⸗ ging und dann, wie es ihm ſchien, in ſehr bekannter Weiſe in das Haus trat. Es war Erbach, welcher, bereits vor mehreren Wo⸗ chen von ſeiner Reiſe mit Venner zurückgekehrt, in dem Baumannſſchen Hauſe wie ſonſt faſt ein täglicher Gaſt geblieben. Wer war der Herr? fragte er ſichtlich erregt, faſt ohne den freundlichen Gruß Aennchen's zu bemerken, welche ihm bis zur Thür entgegengegangen war und ihm voll ſichtlicher Freude die Hand zum Willkommen gereicht hatte. Der Herr? Der Banquier Roſen, welcher eine Be⸗ ſtellung ſeiner Frau auszurichten hat, für die ich, wie Sie wiſſen, arbeite. Sie will in einigen Tagen verrei⸗ ſen und bedarf noch einiger Blumen. Und deshalb bemüht ſich der Herr Gemahl ſelbſt hierher? Mein Gott, warum ſoll er das nicht? lachte Aenn⸗ chen; er hat ſich zugleich den Eisgang angeſehen— ich kann mir jetzt auch eine recht genaue Vorſtellung davon machen, fuhr ſie neckend fort, wenn ich heute Ihre Miene 198 betrachte! Brr! Wie Sie drein ſchauen! Was haben Sie denn? Es iſt Ihnen doch nichts Unangenehmes begegnet? ſetzte Sie beſorgt hinzu. Unangenehmes? Was ſollte mir Unangenehmes be⸗ gegnen? Ich finde derartige Beſuche von jungen Män⸗ nern nur einfach nicht paſſend, Sie ſollten ſich das ſelbſt ſagen, Aennchen. Das finden Sie nicht paſſend? lachte das junge Mädchen ausgelaſſen wieder. Sind Sie denn vielleicht ein alter Mann? Und haben wir nicht täglich die Ehre, Sie zu ſehen? Ich habe allerdings keine Befugniß, über Ihren Um⸗ gang Rechenſchaft von Ihnen zu fordern, Fräulein Aenn⸗ chen, erwiederte Rudolf ſichtlich verletzt, es ſteht Ihnen frei, zu empfangen, wen Sie wollen, wenn ich auch bis jetzt geglaubt, daß zwiſchen mir und einem Fremden, der ſich hier ohne Grund, aber gewiß nicht ohne Abſicht ein⸗ zuführen ſcheint, ein Unterſchied beſtände. Laſſen Sie das Kind in Ruhe, Herr von Erbach, miſchte ſich jetzt der alte Baumann in das Geſpräch; der Mann hatte Geſchäfte mit mir. Da! das hat er mir gebracht, ein längſt vergeſſenes Honorar für ich weiß nicht was für Stunden. Mit dieſen Worten warf er das eingewickelte Geld auf den Tiſch, das Papier zerriß, und es rollten eine Anzahl Goldſtücke daraus hervor. Aennchen hatte, ſie wußte ſelbſt nicht weshalb, mit einem angenehmen Ge⸗ 199 fühle die zornige Aufwallung Erbach's gehört, ſich keines⸗ weges darüber geärgert, ſondern vielmehr im Stillen ge⸗ freut; beim Anblicke der vielen Goldſtücke aber wurden ihre Mienen plötzlich ernſt, und die Freude und Schalk⸗ haftigkeit, welche bis dahin darin ſichtbar geweſen, ver⸗ wandelte ſich in Beſtürzung. Das iſt ja viel Geld, ſagte Baumann, den rollenden Goldſtücken nachſchauend, von denen einige auf die Erde gefallen waren; zähle doch einmal, mein Kind. Es ſind zehn Louisd'or, erwiederte das junge Mäd⸗ chen mit unſicherer Stimme, das Geld zuſammenlegend. Zehn Louisd'or? Zehn Louisd'or? Wer in aller Welt kann mir eine ſo bedeutende Summe ſchuldig ge⸗ blieben ſein? Mein Gedächtniß fängt an, ſehr ſchwach zu werden. Beſinne dich doch, mein Kind! Sie werden ſich vergeblich anſtrengen, dieſen groß⸗ müthigen Schuldner zu erſinnen, ſagte Erbach mit einem ihm ſonſt fremden, kalten Tone; wozu iſt das aber auch nöthig? Die Abſicht des freundlichen Gebers liegt ja ſo unverhüllt da, wie jetzt das blanke Gold, nachdem es aus der leichten Umhüllung des Papiers herausge⸗ fallen iſt. Was meinen Sie eigentlich mit dieſen ſpitzen, ver⸗ blümten Redensarten, junger Herr? fragte der alte Bau⸗ mann, indem er langſam aufſtand, ſich gerade vor Er⸗ bach hinſtellte und dieſen ſtarr und feſt anſah. Was ich damit meine, Herr Baumann? erwiederte 200 dieſer, ohne ſich einſchüchtern zu laſſen; ich ſollte denken, Sie müßten das eben ſo gut und beſſer begreifen, als ich, denn Sie ſind ja Aennchen's Vater, und ich nur ein Gegenſtand ihrer Unterhaltung. Seien Sie, was Sie wollen, fuhr Bäumann plötz⸗ lich auf, ſeine alte Energie wiedergewinnend, indem ſeine großen, dunkeln Augen funkelten; Sie haben keine Be⸗ rechtigung und, wie ich glaube, auch keine Veranlaſſung, derartige unlautere und zweideutige Bemerkungen hier, in Gegenwart meines Kindes, laut werden zu laſſen. Es iſt jetzt, glaube ich, länger als ein Jahr her, daß wir Sie hier faſt täglich bei uns ſehen, unſere einfache Le⸗ bensweiſe iſt Ihnen bekannt, von innen und von außen. Sie müſſen, denke ich, vollſtändig darüber im Klaren ſein, ob es zuläßig iſt, uns ſolche Dinge in's Geſicht zu ſagen, ohne uns zu beleidigen. Wenn Sie dies glauben thun zu können, ſo bin ich genöthigt, Sie zu erſuchen, mein Haus zu.. Vater, lieber, beſter Vater, fiel ihm Aennchen voll ſichtbarer Angſt in die Rede, indem ſie einen Arm um ſeinen Hals ſchlang und mit der anderen Hand ſeinen Mund bedeckte, ſei doch nicht ſo heftig, ſo aufgebracht, es iſt ja Alles nur ein Mißverſtändniß, und Herr von Er⸗ bach meint es gewiß nicht böſe. Gewiß nicht, ſagte dieſer, mit inniger Rührung das ſchöne Mädchen betrachtend; es giebt wohl Niemanden auf der Welt, der es beſſer mit Ihnen meinen könnte. 201 Verzeihen Sie mir, und beſonders Sie, liebes Aennchen, die— Freundſchaft, welche ich für Sie empfinde, hat mich verleitet, mich hingeriſſen... Nun, wir wollen es gut ſein laſſen, brummte Bau⸗ mann, ſich wieder niederſetzend und in ſeine frühere Ruhe zurückfallend; wir leben ohnehin ſo einſam, und Sie ha⸗ ben ſich ſtets als theilnehmenden Freund bewährt. Aber was halten Sie denn eigentlich von dieſer Geſchichte? Kommt Aennchen häufig in das Haus des Banquiers? In der letzten Zeit bin ich oft dort geweſen, erwie⸗ derte das junge Mädchen mit offenem Blick; die ſchöne Frau Roſen gehört zu meinen beſten Kunden. Dann hat der Herr Banquier, bemerkte Erbach mit etwas zögernder Stimme, vielleicht erfahren, daß— Ihre Verhältniſſe gerade nicht die glänzendſten ſind— und beabſichtigt, Ihnen in zarter Weiſe eine Unterſtützung zukommen zu laſſen. Der Mann kennt mich ja gar nicht, wandte Bau⸗ mann ein. Aber Aennchen! verſetzte Rudolf. Es trat eine längere Pauſe ein, während welcher Aennchen mit niedergeſchlagenen Augen daſtand und nur zuweilen einen ängſtlichen Blick auf ihren Vater richtete. Glauben Sie? ſagte dann der alte Baumann mit langſamer Stimme. Sie könnten am Ende Recht ha⸗ ben.— Ich werde ihm das Zeug zurückſchicken, fuhr er auf, und ihm dabei einen groben Brief ſchreiben. 202 Wozu wollen Sie ihn errathen laſſen, daß Sie ihn errathen haben? Nun, was ſoll ich dann thun? Das Geld muß zu⸗ rück, unter jeder Bedingung. Schreiben Sie ihm einen höflichen Brief dazu, warum wollten Sie dies nicht thun? Gieb mir Feder und Dinte, Kind, rief der Alte, ſchnell, ſchnell, ich will ſogleich ſchreiben, ſogleich! So, fuhr er fort, und nun diktiren Sie gefälligſt, Herr von Erbach, ich bin nicht in der Stimmung, um höfliche Briefe zu ſchreiben. Sie müſſen Ihre Stimmung beherrſchen, ſagte dieſer. Aennchen richtete einen flehenden Blick auf ihn. Wenn Sie es wünſchen, will ich diktiren: Hochge⸗ ſchätzter Herr! Nun? weiter! Da ich ungeachtet alles Nachdenkens nicht erſinnen kann, wer mir eine ſo bedeutende Summe, wie Sie die Güte hatten, mir zu übergeben, ſchulden könnte, ſo ſende ich dieſelbe anliegend zurück, überzeugt, daß hier ein Irr⸗ thum oder eine Verwechſelung ſtattfindet. Das ſoll Alles ſein? Wozu noch mehr? es ſteht genug zwiſchen den Zeilen. Nun, meinetwegen. Hier, Aennchen, fuhr der Alte fort, den Brief zuſiegelnd, in welchen er das Geld ein⸗ geſchloſſen, ſchicke ſogleich die alte Frau damit fort. Sind Sie mir noch böſe, Aennchen? fragte Erbach gekränkt, verzeihen Sie mir. Sie ſchüttelte lächelnd mit dem ſchönen Kopfe und ſah ihn dabei ſo freundlich an, daß er es nicht unter⸗ laſſen konnte, ihre Hand zu ergreifen und ſie innig und feſt an ſein Herz zu drücken. Und ſie war ihm auch nicht böſe, war es keinen Augenblick geweſen, im Gegentheil, ſelbſt während der heftigen Rede ihres Vaters hatte ein Gefühl großen Glückes ihr Herz durchbebt, wie ſie es eigentlich noch nie empfunden, und dieſes Gefühl zitterte immer noch leiſe nach, ohne ſeine Wirkung zu verlieren— immer noch, auch als er bereits lange gegangen war. Roſen erhielt den Brief Baumann's am Abende deſ— ſelben Tages, als er mit Haller in ſeinem Comptvir ſaß, und dieſer ihm ſeine Anſichten über die jetzt einzuleiten⸗ den Geſchäfte entwickelte. Er hatte in beredter Weiſe eben auf das Ausführlichſte dargethan, daß in Oeſter⸗ reich eine Spekulation à la baisse jetzt von dem ſicher⸗ ſten Erfolge begleitet ſein müſſe, als der Bediente den mit Geld beſchwerten Brief übergab. Haller hielt in ſeiner Rede inne und warf einen neugierigen Blick auf den Brief; da Roſen denſelben jedoch uneröffnet und zwar ſo bei Seite legte, daß es Haller unmöglich wurde, die Schriftzüge der Adreſſe zu betrachten, ſo ſprach er weiter und vertiefte ſich bald wieder ganz in den für ihn ſehr wichtigen Gegenſtand. Dabei entging es ihm jedoch leiſe, als er ſich ſpäter verabſchiedete; ich habe Sie ſehr 204 nicht, daß Roſen ihm ſeit dem Empfange des Briefes mit ſichtlicher Zerſtreuung zuhörte und ſich nach der Be⸗ endigung dieſer Unterredung zu ſehnen ſchien. Sie werden ſich, wie ich hoffe, fuhr daher Haller fort, nunmehr überzeugt haben, welche brillante Geſchäfte wir in Wien machen können, wenn wir den daſelbſt jetzt herrſchenden allgemeinen politiſchen Taumel in unſerem Intereſſe ausbeuten. Wir bedürfen dazu allerdings eini⸗ ger feſter Haltpunkte in Wien ſelbſt, und ich rechne da⸗ her vorzugsweiſe auf die Betheiligung Ihres Schwieger⸗ vaters. Er iſt ganz der Mann dazu, erwiederte Roſen, in⸗ dem er wieder einen raſchen Blick auf den Brief warf; ſeine etwaigen Bedenken werden Sie leicht beſeitigen, und ich will mich meinerſeits mit 10,000 Thalern an dem Geſchäfte betheiligen— aber ich habe noch Dringendes zu beſorgen, lieber Freund, meine Frau erwartet uns 3 ohnedies längſt zum Thee, gehen Sie hinauf, ich werde ſehr bald folgen. Vielleicht der eben empfangene Brief? fragte Haller lauernd. Der Brief? o nein, er betrifft eine unbedeutende Klei⸗ nigkeit— ich folge Ihnen in wenig Minuten. Haller fand Roſe mit der Bereitung des Thee's be⸗ ſchäftigt. Ihr Blick glitt ſichtbar befangen an ihm vorüber, als ſuche er noch einen anderen Gegenſtand, als er eintrat. ——————— 205 Ich habe ſchon recht lange auf die Herren gewartet, ſagte ſie dann— aber wo bleibt mein Mann? Er wird ſogleich erſcheinen, es hält ihn noch ein drin⸗ gendes Geſchäft im Comptvir zurück, das aber, wie er ſagt, ſehr bald beſeitigt ſein wird Noch ſo ſpät? erwiederte ſie, indem ſie das heiße Waſſer aus dem ſilbernen Keſſel in die Kanne goß, ſo daß der aromatiſche Duft des Thee's mit dem ſpielen⸗ den Waſſerdampfe zugleich daraus emporſtieg— die Ge⸗ ſchäfte fangen an, ſich immer mehr mit mir in ſehr un⸗ gleicher Weiſe in die Zeit meines Mannes zu theilen. Ich werde ihnen offen den Krieg erklären müſſen. Wenn Sie zurückkehren, ſo werden Sie die volle Ge⸗ walt haben, dies zu ändern. Sie werden dann erſt die erſprießlichen Wirkungen einer ſolchen kurzen Abweſenheit ſchätzen lernen. Es iſt dann Alles wieder neu, fuhr er fort, da Roſe ſchweigend und ohne aufzublicken in ihrer Beſchäftigung beharrte, die Farben von ſo Vielem, welche die Gewohnheit erblaſſen macht, ſo daß uns zuletzt Alles Grau in Grau erſcheint, ſind wieder friſch und glänzend geworden. Es iſt Nichts, was unſere Empfänglichkeit ſelbſt für das Begehrungswertheſte mehr abſtumpft, als der ruhige, gleichmäßige Genuß deſſelben. Und doch bin ich noch keinesweges zu reiſen entſchloſ⸗ ſen, Herr Haller, ſagte Roſe mit leiſer Stimme. Sie ſind noch unentſchloſſen, jetzt wieder unentſchloſ— ſen? fragte Haller, indem er auſſtand und dicht zu ihr 206 herantrat. Iſt es vielleicht meine Begleitung, welche Sie ſchwankend macht? O, wenn Sie hätten in mein Herz ſehen können, wenn Sie nur einen Theil von dem Ent⸗ zücken, von dem Jubel meiner Seele hätten mit empfin⸗ den können, welche ſie durchbebten, als Ihr Gatte mir dieſe Nachricht mittheilte, eine Nachricht, welche mir wie die Botſchaft eines nie geahnten Glückes erklang: Sie würden dieſe kalten, fremden Worte gewiß nicht geſpro⸗ chen haben. Nein, Roſe, theure, liebe Roſe, Sie werden nicht ſo grauſam ſein und dieſes Glück mir wieder rau⸗ ben, nachdem Sie es mir erſt gezeigt haben. Sie dür⸗ fen Ihren Entſchluß nicht mehr ändern, Sie ſind es mir ſchuldig. Roſe, und Sie werden es nie bereuen, mir ge⸗ folgt zu haben!— Er umſchlang, während er dieſe lei⸗ denſchaftlichen Worte ſprach, die zitternde Frau, ſeine Augen hafteten mit einer magiſchen, ſchlangenartigen Ge⸗ walt auf ihr, obgleich ſie ſeinen Blick nicht ſah; willen⸗ los hing ſie in ſeinem Arm, und willenlos fühlte ſie einen langen und brennenden Kuß auf ihren Lippen. Dann riß ſie ſich mit einer krampfhaften Bewegung und mit einem leiſen Angſtſchrei von ihm los und entfloh, ohne daß er es zu hindern vermochte, aus dem Zimmer. Haller blickte ihr mit einem tiefen Athemzuge nach. Allmählich wich die leidenſchaftliche Erregung aus ſeinen Zügen, und ſie erlangten wieder den ihnen eigenen glatten und gewohnten Ausdruck. Sollte ich zu voreilig geweſen ſein, ſprach er vor ſich 207 hin, den richtigen Moment nicht abgewartet haben? Ah — die Weiber ſind alle aus demſelben Stoffe. Ohne etwas Ziererei und Komödienſpiel entſchließen ſie ſich nie⸗ mals zu dem erſten Schritt— und dies war ja nicht einmal der erſte! Roſen trat jetzt ein, er ſchien ſichtlich zerſtreut und bemerkte die Abweſenheit ſeiner Frau gar nicht. Sie ſprachen eine Zeit lang zuſammen über gleichgültige Dinge, bis Roſen endlich ſagte: Aber wo bleibt denn meine Frau? Sie ſcheint uns ganz zu vergeſſen und den Thee dazu. Sie ging kurz vorher hinaus, ehe Sie kamen, und wird jedenfalls gleich wieder erſcheinen. Ich will doch ſehen, weshalb ſie uns ſo lange war⸗ ten läßt. Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, und Hal⸗ ler war wieder allein. Er vermochte eine innere Un⸗ ruhe nicht zu beſchwichtigen, welche zunahm, je länger Roſen abweſend blieb. Bei dem kleinſten Geräuſche wandten ſich ſeine Augen nach der Thür, in der Erwar⸗ tung, Roſe in Begleitung ihres Mannes daraus hervor⸗ treten zu ſehen, aber Minute auf Minute verrann, und ſie öffnete ſich nicht. Endlich kam Roſen allein zurück. Meine Frau läßt ſich entſchuldigen, ſagte er, wie es ſchien, in einer etwas verdrießlichen Laune, ſie iſt von einem plötzlichen Unwohlſein befallen. Sie müſſen ſich daher heute ſchon mit meiner Geſellſchaft allein begnü⸗ gen, wir haben ja ohnehin noch Manches zu beſprechen — den Thee müſſen wir uns aber jetzt auch ſelbſt machen. Aus der letzten Aeußerung gewann Haller ſofort die Ueberzeugung, daß Roſe ihrem Manne keine für ihn nachtheiligen Eröffnungen gemacht habe, worüber er an⸗ fänglich in Ungewißheit geſchwebt. Es iſt doch kein ernſtliches Unwohlſein? fragte er daher, mit forſchenden Blicken Roſen betrachtend. Nicht im Mindeſten. Es ſcheint mir mehr eine Laune zu ſein. Ich hätte geglaubt, ſie würde ſich gerade kurz vor ihrer Abreiſe Derartigem nicht hingeben— aber ſie hat ſich ſchon ausgezogen und behauptet leidend zu ſein. Warum wollen Sie daran zweifeln, lieber Freund? erwiederte Haller mit verbindlichem Lächeln; die Frauen ſind anders organiſirt, als wir, es iſt das ſchwächere, zugleich aber auch das ſchönere Geſchlecht; man muß Nachſicht mit ihnen haben. Ja, ja, Sie haben Recht, ſagte Roſen, auf deſſen Geſichte immer noch der Schatten des Mißmuthes la⸗ gerte; aber ſprechen wir von etwas Anderem, von un⸗ ſeren Geſchäften: morgen werden wir ohnehin wenig Zeit dazu haben, und übermorgen wollen Sie ja ſchon fort. Das Geſpräch erhielt bald die gewünſchte Wendung, und es war ſchon ziemlich ſpät, als Haller ſich endlich verabſchiedete. Roſen ſteckte ſich noch eine Cigarre an und ging nachdenkend längere Zeit im Zimmer auf und ab. 209 Morgen muß ich erfahren, wer der junge Mann war, der mir im Garten begegnete, ſagte er dann— und nun will ich endlich zu Bette gehen, ſie wird längſt eingeſchlafen ſein. Leiſe, um ſeine Frau nicht zu wecken, begab er ſich in das Schlafzimmer; aber Roſe ſchlief nicht, wie er er⸗ wartet hatte, vielmehr brannte auf ihrem Nachttiſche noch eine helle Lampe und beleuchtete die junge Frau, welche, im Bette liegend, ſich mit Leſen beſchäftigt zu haben ſchien. Ihre weißen, vollen, nur zum Theil von den weiten Aermeln des Nachtgewandes bedeckten Arme ruh⸗ ten auf der dunkelrothen, ſeidenen Decke, das zierliche Nachthäubchen verhüllte nur unvollkommen die nacht⸗ ſchwarzen Locken, welche halb gelöſt ihr Geſicht und ihren Hals umfloſſen, und ihre großen, dunkeln Augen blickten den Eintretenden vorwurfsvoll an. Kommſt du endlich, Bernhard? ſagte ſie, ihm die kleine, zierliche Hand entgegenſtreckend; hattet Ihr denn ſo ſehr Wichtiges zu verhandeln? Es war ja deine eigene Schuld, daß du nicht bei uns warſt, Roſe, erwiederte er, ſich auf den vor ihrem Bette ſtehenden Stuhl ſetzend. Sieh' nicht ſo finſter aus, lieber Bernhard, bat die junge Frau, ſeine Hand ergreifend, die er ihr immer noch nicht gegeben hatte. Ich will dir Alles ſagen, und dann wirſt du vielleicht eine Entſchuldigung für mich ha⸗ ben, ſetzte ſie leiſer hinzu, indem ſie die Angen niederſchlug. Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. II. 14 —= S——— 210 Du machſt mich wirklich neugierig. Aber du mußt mir verſprechen, nicht böſe zu werden, ſondern mich ruhig bis zu Ende zu hören. Du beginnſt ja ganz feierlich, Roſe, erwiederte er, mit zunehmendem Intereſſe ſeine Frau betrachtend, die ihm ſeit langer Zeit nicht ſo ſchön vorgekommen war. Ich reiſe nicht nach Wien, wenigſtens jetzt nicht. Aber, Roſe, rief er aufſpringend, ich verſtehe dich nicht mehr! Deine Launen überſchreiten alles Ziel und Maß! Jetzt, nachdem alle Vorbereitungen getroffen ſind, dein Vater benachrichtigt, der Reiſewagen gepackt iſt und du einen Reiſegefährten gefunden haſt, wie ihn der Zu⸗ fall dir ſchwerkich zum zweiten Male zuführen wird— jetzt fällt es dir mit einem Male ein, nicht reiſen zu wollen! Du verſprachſt mir, nicht heftig zu werden, und läſ⸗ ſeſt mich nicht einmal ausreden, hörſt gar nicht meine Gründe an. So ſprich denn! Haller hat ſich jetzt ganz der franzöſiſchen Parte an⸗ geſchloſſen und daraus gegen uns kein Hehl gemacht, du, Bernhard, biſt ſeinen Anſichten überall beigetreten. Ich habe in meiner Seele eigentlich darüber einen Schmerz empfunden, denn es wäre doch ſehr traurig, wenn der Menſch wirklich kein Vaterland haben und Nichts mehr dafür empfinden ſollte. Preußen iſt jedoch nicht das meinige— du haſt auch noch nie von mir verlangt, es 211 als ſolches anzuſehen, deshalb kann es mir gleichgültig ſein, wie ihr in dieſer Beziehung denkt. Ich bin eine geborene Oeſterreicherin, und wenn ich auch dir als dein Weib hierher gefolgt bin, ſo liebe ich meinen guten Kaiſer doch nach wie vor von ganzer Seele. Sie hatte ſich bei dieſen Worten aus ihrer liegenden Stellung erhoben und die Hand wie zur Betheuerung auf ihr Herz gelegt. Nie in meinem Leben, fuhr ſie fort, während ihre Augen immer glänzender und ſtrahlender leuchteten, werde ich Etwas thun, was meinem Kaiſer oder meinem Vater⸗ lande zum Nachtheile gereichen könnte, niemals meinen Vater dazu verleiten, ſondern ihn warnen und daran zu hindern ſuchen. Ihr, die ihr kein Vaterland haben wollt und dieſe Franzoſen vergöttert, fragt dieſe doch ein⸗ mal, ob ſie auch kein Vaterland anerkennen. Da wird Euch ſofort das Gegentheil klar werden, da werdet ihr von„la belle France“ und von„la grande nation“ hören und erkennen, wie ſtolz auch der niedrigſte Fran⸗ zoſe auf dieſes ſein Vaterland iſt. Haller geht als fran⸗ zöſiſcher Emiſſär nach Wien mit der Abſicht, Oeſterreich zu ſchaden, ſo viel es in ſeiner Macht ſteht,— ich werde niemals dazu mitwirken, ſetzte ſie mit erhobener Stimme hinzu, niemals mit einem ſolchen Manne zuſammen reiſen! Ich kenne dich gar nicht wieder, Roſe, entgegnete ihr Mann, ſie voll Erſtaunen betrachtend, und habe wirklich 14* 212 nicht geglaubt, daß du eine ſolche Schwärmerin ſein könnteſt. Warum ſollen wir Kaufleute nicht von den politiſchen Konjunkturen Nutzen ziehen? Das bringt unſer Geſchäft ſo mit ſich, und um Weiteres handelt es ſich nicht. Es mag bei dir der Fall ſein, wiewohl ich wünſchte, auch dies wäre nicht ſo, aber bei ihm iſt es ganz an⸗ ders. Hat er dich zum Mitwiſſer ſeiner eigentlichen Pläne gemacht? Gewiß nicht. Er iſt ein ſchlauer, ge⸗ wiſſenloſer Mann, der dich nur gebraucht zur Erreichung ſeiner Zwecke. Roſe! welch' ſchonungsloſes Urtheil! Was berechtigt dich Einem ſolchen Manne, fuhr ſie leidenſchaftlich fort, ohne ſeine Unterbrechung zu beachten, einem ſolchen Manne willſt du mich, dein Weib, dein höchſtes Gut, wie du mich ſo oft genannt, anvertrauen... Du ſcheinſt ſelbſt zu fühlen, daß du dich kindiſchen und ganz unnöthigen Beſorgniſſen hingiebſt, ſagte er, als ſie plötzlich ſchwieg, und er ihre Hand leiſe in der ſeinigen zittern fühlte. Woher kommt dir dieſes unbe⸗ gründete Mißtrauen? ſetzte er, ſie mit forſchenden Blicken betrach'end, hinzu. Va mußt Nachſicht mit mir haben, geliebter Bern⸗ hard, flüſterte ſie mit kaum hörbarer Stimme, indem ſie ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang und ihr Geſicht tief erröthend an ſeine Schulter legte— ich darf jetzt auch nicht reiſen— es könnte der Erfüllung unſeres ſehnlich— ſten Wunſches zum Nachtheil gereichen. Roſe, rief er, meine theure, liebe, ſüße Roſe? Wäre es wahr?— Bald erloſch die Lampe, und Haller reiſte am nächſt⸗ folgenden Tage allein nach Wien, ſo ſehr er auch be— müht geweſen war, den ihm ſehr unerwarteten Entſchluß wieder rückgängig zu machen; er hatte es nicht einmal erreichen können, Roſe noch einmal zu ſprechen und von ihr Abſchied zu nehmen. Jwölftes Kapitel. Die Werbung. In der Bude des Drechslers Selling auf dem Ringe war es jetzt täglich ſo voll, und es wurde darin in einer ſo lebhaften und rückſichtsloſen Weiſe Politik getrieben, daß die Behörden anfingen, eine Art von Ueberwachung eintreten zu laſſen; denn der Patriotismus fing ebenfalls leider ſchon an, dem Gouvernement zum Theil läſtig zu werden. So lange die Franzoſen in Breslau ſtanden, hatte man ſich natürlich ſehr in Acht genommen, nach⸗ dem dieſe aber nun abgezogen, ging man in den Aeu⸗ ßerungen ſeiner Geſinnungen rückhaltslos zu Werke, be⸗ ſonders als die Dinge ſich ſo geſtalteten, daß man es 214 für unvermeidlich hielt, Preußen werde in dem bevor⸗ ſtehenden großen Kampfe mit Oeſterreich feſt und auf Tod und Leben verbunden zuſammenſtehen. Da man aber in den leitenden Regionen andere Anſichten hatte, ſo fingen dieſe lauten patriotiſchen Demonſtrationen an, mißliebig zu werden, und wurden ſogar von einer Par⸗ tei, welche durch Stein's Entlaſſung neues Leben gewon⸗ nen hatte, für revolutionär und geradezu hochverräthe⸗ riſch erklärt. Man hatte daher die Selling'ſche Bude erſt überwacht und ſchließlich alle Zuſammenkünfte darin verboten. Der Verhaftsbefehl gegen den Miniſter von Stein war, nachdem man ihn ſelbſt in Sicherheit wußte, auch von dem preußiſchen Gouvernement auf fortgeſetztes Drängen des franzöſiſchen Geſandten endlich erlaſſen worden, in Folge deſſen franzöſiſche Gensd'armen von Glogau aus in Breslau erſchienen, um dem flüchtigen Miniſter nachzuſpüren. Dadurch hatte ſich die Aufre⸗ gung auf's Neue geſteigert, die Parteien ſich mehr kon⸗ ſolidirt und ſchärfer gegeneinander geſtellt. Die patrio⸗ tiſche, wozu der größere und intelligentere Theil der Be⸗ völkerung und auch der Beamten gehörte, verſammelte ſich an verſchiedenen Orten, ohne daß die Behörden, welche ſelbſt in ſich getheilt und deshalb unentſchloſſen waren, es unternahmen, dieſe Verſammlungen geradezu zu unterdrucken. Man begnügte ſich mit einer Ueber⸗ wachung und folgte, indem man halbe und unzuläng⸗ 215 liche Maßregeln ergriff, auch in dieſer Beziehung dem von oben gegebenen Beiſpiele. Wir führen den Leſer gegen Ende des Monats März nochmals in die ihm ſchon bekannte Pechhütte an einem Abende, wo es dort ſehr lebhaft zuging, und deſſen Er⸗ gebniſſe zugleich auf den Gang unſerer Erzählung von entſchiedenem Einfluſſe wurden. Das ziemlich geräumige, aber niedrige Zimmer war ſo mit Beſuchern angefüllt, daß faſt Alle ſtanden, indem der Raum zum Sitzen gänzlich fehlte. Man unterhielt ſich ſehr laut und lebhaft in verſchiedenen Gruppen, wo⸗ durch es unmöglich wurde, mehr als einzelne abgeriſſene Sätze zu verſtehen. Endlich ertönte eine Klingel. Sel⸗ ling ſtieg auf einen Stuhl und verlangte Ruhe. Nur ſehr allmählich wurde dieſem Verlangen nachgegeben. Meine Herren, ſagte er dann, in ſeiner gewohnten eraltirten Weiſe redend, welche aber mehr oder weniger der Ausdruck der Geſinnungen aller dort Verſammelten war, meine Herren, unſere Hoffnungen erfüllen ſich nicht! Der Ruf der Freiheit, der durch ganz Deutſchland er⸗ ſchallt, findet keinen Wiederhall bei den Männern, welche jetzt das Geſchick unſeres geknechteten Staates lenken. Sie befinden ſich wohl in dieſer Knechtſchaft, denn ſie fürchten, ihre Stellen zu verlieren! Sie möchten wohl das Joch des Thrannen abſchütteln, aber ſie wagen nicht den Kampf, weil ſie den Ausgang nicht vorher dekretiren können. Es iſt leider ganz unzweifelhaft, daß Preußen 216 wieder zuſehen wird, wenn Oeſterreich ſeinen letzten Ent⸗ ſcheidungskampf kämpft. Was hätten wir auch von einem Miniſterium Altenſtein und Dohna zu erwarten? Schön wird entfernt, Scharnhoſt, dem wir ſo Vieles verdanken, iſt in Ungnade gefallen; Gneiſenau und Groll⸗ mann haben ihren Abſchied genommen und unſer Heer verlaſſen. Merkel, unſeren Merkel, hat man ebenfalls in Königsberg nicht gebrauchen können, oder er hat ſich vielmehr dort nicht gebrauchen laſſen wollen, um an der Befeſtigung der Schmach unſeres Vaterlandes mitzuwir⸗ ken; er iſt geſtern zurückgekehrt und wird ebenfalls den Dienſt quittiren! Die petersburger Reiſe hat leider Alles verdorben. Der ſchöne, ritterliche Alexander, der ſchon im Tilſiter Frieden die beſchworene Freundſchaft ſo über⸗ raſchend bewährt hat und jetzt der Anbeter und gehor⸗ ſame Diener des großen Kaiſers geworden iſt, hat uns auch jetzt wieder ſeine Freundſchaft dadurch bewieſen, daß er unſeren König ganz von ruſſiſchem Einfluß abhängig gemacht. Man hat ſich glänzende Feſte und koſtbare Geſchenke gegeben und ſich auch vortrefflich amüſirt. Wir haben Nichts mehr zu erwarten von oben! Man hat keinen Glauben an das Volk; man hält es für unmög⸗ lich, daß wir entſchloſſen ſein könnten, Alles, was wir beſitzen, Gut und Blut an die Sache der Freiheit zu wagen! Aber die Ereigniſſe werden ſtärker, werden mächtiger ſein, als die engherzigen Anſchauungen dieſer Schwächlinge! Unſere Hoffnungen ruhen in uns ſelbſt. Wenn wirwollen, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, ſo müſſen die Anderen. Sie werden auch ſchon wollen, wenn ſie nur erſt einen Erfolg zum Deckmantel haben. In wenigen Wochen beginnt Oeſterreich den Krieg, darüber beſteht nicht der mindeſte Zweifel mehr. Die preußiſche Armee wird müßig zuſehen— aber wir ſind nicht die Armee, wir ſind nicht gefeſſelt durch die Bande eines ſtarren Gehorſams. Ueberall bilden ſich Freicorps, ſchließen wir uns dieſen an! Wenn ein Theil des preußiſchen Volkes unter den Waffen ſteht, wird die Armee folgen! Hier, meine Herren, fuhr er nach einer Pauſe fort, präſentire ich Ihnen einen Abgeſandten Sr. Hoheit des Herzogs von Braunſchweig, welcher von dem Thrannen aus dem Erbe ſeiner Väter vertrieben entſchloſſen iſt, es wiederzuerobern. Sein Corps bildet ſich unter dem Schutze Oeſterreichs dicht an unſerer Grenze in Nachod und iſt ſchon zu einer bedeutenden Zahl angewachſen. Sie ha⸗ ben jetzt Gelegenheit, zu zeigen, daß es Ihnen mit der Sache des Vaterlandes Ernſt iſt! Die Verſammelten, auf welche dieſe Anſprache eine getheilte Wirkung gemacht hatte, erblickten jetzt neben dem Redner einen jungen Mann, in einer ſchwarzen Li⸗ tewke, ähnlich den jetzigen Waffenröcken, mit hellblauem Kragen, und einem Czako, den ein ſilberner Todtenkopf und ein ſchwarzer Haarbuſch zierten. Viele erkannten in dieſem fremdartig gekleideten Krieger einen preußiſchen 218 Offizier auf halbem Sold. Ich bin von Sr. Hoheit hierher geſchickt, um für unſer Corps zu werben, ſagte dieſer; es iſt beſtimmt, ſobald der Krieg losbricht, in Sachſen einzufallen und Weſtfalen zu nehmen, wo es von anderen Freicorps unterſtützt werden wird. Im ganzen nördlichen Deutſchland iſt der Aufſtand organiſirt, er wird im Rücken und in der Flanke des Feindes losbre⸗ chen und unaufhaltſam wachſend bald das ganze deutſche Volk zu den Waffen rufen— dann kann Preußen nicht zurückbleiben, der Sieg wird wieder unſeren Fahnen fol⸗ gen, und die Freiheit, wenn auch auf blutgedüngten Schlachtfeldern, erkämpft werden. Als der Offizier ſchwieg, entſtand unter den h ſenden zuerſt ein leiſes Geflüſter, welches bald in lautes Durcheinanderſprechen ausartete. Man hörte die ver⸗ ſchiedenſten Anſichten, im Ganzen aber fand man doch die Sache erſt einer reiflichen Erwägung werth; denn es waren unter den Verſammelten ſehr viele, wohl die mei⸗ ſten, bei denen immer zwiſchen Wort und That eine weite Kluft liegt, und gerade die ärgſten Schreier zeig⸗ ten ſich wie gewöhnlich am wenigſten geneigt, ihre Re⸗ den durch Handlungen zu bewähren. Man fand dieſe Unternehmungen zu übereilt, zu we⸗ nig vorbereitet, man ſah darin eine offene Auflehnung gegen die Regierung, kurz, man hatte, wie immer in ſolchen Lagen, eine Menge von Gründen, die es im höchſten Grade bedenklich machten, ſich zu einem ſo be⸗ 219 ſtimmten Schritte zu entſchließen. Dazu kam, daß die Meiſten ihrer Familienverhältniſſe wegen mit Recht in Betracht zu ziehen hatten, ob ſie dieſe und ihre ganze bürgerliche Exiſtenz einem Unternehmen opfern ſollten, das doch mehr oder weniger einen abenteuerlichen Cha⸗ rakter trug. Man ſprach in dieſem Sinne noch Vieles für und wider. Allmählich wurde das Zimmer immer leerer, und zuletzt blieben vielleicht einige zwanzig Perſonen, meiſtens entlaſſene Offiziere, übrig. Unter dieſen befanden ſich auch Erbach und Venner. Biſt du feſt entſchloſſen, Rudolf? fragte der Letztere leiſe; haſt du auch Alles wohl überlegt? Wenn Preußen nun dennoch ſich betheiligte? Nein, nein, Ulrich, erwiederte Erbach, deſſen Augen von großer innerer Erregung leuchteten, ſprich mir nicht von Aufſchub, von Abwarten, Zuſehen, bis es zu ſpät iſt! Wenn Deutſchland in dieſem Kampfe unterliegen ſoll, ſo mag ich nicht übrig bleiben, um zu den Leidtra⸗ genden zu gehören, ſelbſt mit dem ganzen Preußen nicht. Jetzt oder nie! Der Kampf beginnt! Endlich, endlich! Gott ſei Dank, daß wir ſo weit ſind! Gott, der uns ruft, er wird auch weiter helfen und uns den Sieg ver⸗ leihen! Ich will und darf dir nicht abrathen, Rudolf— wenn ich auch nicht dein Gefährte ſein kann. Es muß ein Jeder ſeiner Ueberzeugung folgen und, 220 wenn es gilt, dafür zu handeln, nicht ſchwanken und zagen! Hier, Herr Kamerad! rief er, dem braunſchweig⸗ ſchen Offizier ſeine Hand reichend, hier iſt meine Hand, ich gehöre zu den Ihrigen, vorausgeſetzt, daß ich meinem Range gemäß eintreten kann. Das verſteht ſich von ſelbſt, ſagte Jener, ihm die Hand ſchüttelnd. Wie freue ich mich, Sie wieder als Kameraden begrüßen zu können! Unſere Hoffnungen werden nicht zu Schanden werden. Das Zeichen an unſerem Czako enthält unſeren Wahlſpruch: Sieg oder Tod! Sieg oder Tod! riefen Erbach und noch eine Anzahl anderer Offiziere, welche ſeinem Beſpiele gefolgt waren. Hier, meine Herren, ſind Ihre Patente, ein Jeder tritt nach ſeinem Range ein in unſere Freiſchaar! Die Unterſchrift Sr. Hoheit ſteht bereits darunter— ich fülle nur die Namen aus. So! Jetzt ſind wir Kameraden. — Mögen diejenigen von uns, welche nicht für die hei⸗ lige Sache des Vaterlandes fallen, einſt den vollen Sieg der Freiheit feiern! Amen! ſagte ein alter Hauptmann mit ſchon ergrau— tem Bart, indem er ſein neues Patent in die Bruſttaſche ſchob; und nun, Kameraden: ein fröhliches Wiederſehen auf dem Felde der Ehre! Schweigend gingen Venner und Erbach, nachdem ſie die Verſammlung verlaſſen hatten, nebeneinander. Es war ein ſtürmiſcher, unfreundlicher Abend. Der Wind 221 heulte in heiſeren Tönen durch die Straßen, brach ſich an den hohen Giebeln und Schornſteinen der Häuſer und jagte große, ſchwere Schneeflocken im wilden Spiele vor ſich her. Du biſt ſo ſchweigſam, Rudolf, ſagte Venner; ver⸗ langſt du vielleicht eine Aufklärung, weshalb ich deinem Beiſpiele nicht gefolgt bin? Ich halte nicht viel von ſolchen Freicorps, fuhr er nach einiger Zeit fort, da Ru⸗ dolf ſeine Frage unbeantwortet ließ; ich bin auch nicht Soldat, den es treiben muß, die Gelegenheit zu ſuchen, überall, wo er ſie zu finden vermag, um eine erlittene Niederlage zu ſühnen— ich habe, es thut mir leid, daß ich dir es ſagen muß, zudem wenig Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg, wenn Preußen nicht mit Oeſterreich geht— und ſelbſt dazu iſt es jetzt ſchon zu ſpät. Na⸗ poleon wird da ſein, ſchnell wie immer, viel früher, als man zu ſeinem Empfange bereit iſt... Du haſt nicht nöthig, dich zu entſchuldigen, unter⸗ brach ihn jetzt Rudolf— du magſt ſogar Recht haben — aber gerade deshalb kann unſer Unternehmen von großem Nutzen ſein. Der in der Flanke bedrohte Feind wird Anſtand nehmen, weiter vorzudringen, wird zögern. Oeſterreich wird an Kraft gewinnen, Deutſchland und Preußen wird aufſtehen, und dann.. Dann ſehen wir uns wieder, Freund! Möchteſt du wahr ſprechen, möchte Alles dies bald, bald in Erfüllung 222 gehen! ſetzte er mit einem Seußzer hinzu, welcher deut⸗ lich zeigte, wie ſehr er ſelbſt daran zweifelte. Du glaubſt nicht daran, ich weiß es. Nimm mir wenigſtens meinen Glauben, meine Hoffnung nicht— ich bin ja bereit, für die Ehre, für die Freiheit, für Kö⸗ nig und Vaterland zu ſterben, und halte einen ſolchen Tod für ein hohes Glück gegen dieſes Leben der Schmach! Und Aennchen? fragte Venner leiſe. Wie kommſt du auf Aennchen? erwiederte Rudolf, indem ſich ſeine hohe Geſtalt voll aufrichtete. Wenn du dieſe Frage vielleicht mir auch nicht beant⸗ worten willſt— dir ſelbſt wirſt du die Antwort nicht vorenthalten können. Meinſt du?— Glaubſt du wirklich dieſe— ulrich, ſagte er dann— erzeige mir noch einen großen Liebesdienſt, benachrichtige Aennchen davon, daß ich in den Krieg ziehe— mir wird dies zu viel werden, ich habe dann immer noch den Abſchied. Wenn du es verlangſt, ſoll es geſchehen. Ich hatte mir gedacht, du würdeſt die wenigen Tage deiner An⸗ weſenheit noch benutzen... Nein, nein, fiel ihm Rudolf in die Rede— für mich giebt es kein Glück, giebt es keine Ruhe, ſo lange wir in dieſen Sklavenfeſſeln ſchmachten. Ich werde deinen Wunſch erfüllen; aber bedenke auch, daß ein Jeder mit ſeinem eigenen Glück, mit ſeiner eige⸗ nen Ruhe nach Belieben ſchalten kann, aber nicht mit 223 dem Glücke und der Ruhe Anderer. Gute Nacht, bis morgen. Rudolf ſah dem fortgehenden Freunde ſo lange nach, als es die Dunkelheit des Abends geſtattete, und achtete nicht darauf, daß der Wind ihm den Schnee mit tollem Jagen in's Geſicht trieb. Erſt als Venner's Geſtalt ver⸗ ſchwunden war, ging auch er in tiefe Gedanken verſun⸗ ken und ohne die freudige Aufregung zu empfinden, welche in dem Herzen eines Soldaten durch die Gewiß⸗ heit eines nahe bevorſtehenden Krieges ſonſt immer her⸗ vorgerufen wird. Aennchen ſaß wie gewöhnlich am Fenſter mit ihrer Arbeit beſchäftigt, aber ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengte, es wollte ihr heute damit nicht von Statten gehen. Ihre ſonſt ſo fleißigen Hände ſchienen eine entſchiedene Abnei⸗ gung gegen jede Beſchäftigung zu haben, denn ſie hörten immer von ſelbſt wieder damit auf und legten ſich dann ganz ohne Befehl in einander, wie ſie gewohnt waren zu thun, wenn die Seele ihrer Eignerin ſich im Gebete erhob. Dieſe ſelbſt achtete der widerſpenſtigen Hände nicht, ſie ſaß gedankenvoll und blickte träumeriſch hinaus in das kleine Gärtchen vor ihrem Fenſter, welches mit dem Märzſchnee, wie ihre eigenen Augen mit den Thränen, im Kampfe lag. Venner hatte ihr geſtern mitgetheilt, 224 daß Erbach ſich bei dem Corps des Herzogs von Braun⸗ ſchweig habe anwerben laſſen und in wenigen Tagen dahin abreiſen müſſe. Es konnte dies für ſie eigentlich kein unerwartetes Ereigniß ſein, denn es war faſt kein Tag vergangen, ohne daß Erbach den Zeitpunkt herbei⸗ geſehnt hätte, an welchem es ihm endlich vergönnt ſein würde, für die Befreiung ſeines Vaterlandes in den Kampf zu ziehen. Da jedoch dieſer Zeitpunkt bis jetzt immer nicht erſchienen war, ſo hatte ſie ſich an die Aeußerungen Erbach's gewöhnt und mit dieſer Gewöh⸗ nung auch die Verwirklichung jener ſo oft gehörten Re⸗ den in eine weite, ferne Zeit hinausgerückt. Und nun v es doch und mit einem Male eingetreten. Erbach hatt ſich ſelbſt noch gar nicht ſehen laſſen, und ſie erwartet ihn mit einer doppelten Angſt: mit der Angſt darüber daß er zu einem ſo gefahrvollen Unternehmen, vielleich für immer, fortging, und zugleich mit der Angſt, ihn beim Abſchiede diejenige ihres Herzens nicht verbergen ſi können. In ſo traurigen Gedanken ſaß ſie da; ihre z heute ſo ſchwermüthigen, ſonſt ſo froh lächelnden blauen Augen blickten träumeriſch auf die halb vollendeten Blu⸗ men in ihrem Schvoße und flogen dann wieder voll ban⸗ ger Erwartung hinüber nach der Thür in der Garten— mauer, durch welche er während einer ſo langen Zeit faſt täglich gekommen war, und die er heute nun viel⸗ leicht zum letzten Male öffnen ſollte. 8 ₰ 2 — 3 7 225 Und jetzt öffnete ſie ſich wirklich, ſie ſah ihn eintre⸗ ten in der fremdartigen Kriegertracht. Der ſchwarze, eng anliegende Waffenrock, der Czako mit dem dunklen, wal⸗ lenden Haarbuſch und dem Todtenkopf ließ ſeine Geſtalt noch höher und mächtiger erſcheinen— wie den Gott des Krieges und zugleich den Gott der Rache. Sie verbarg ſich hinter den Vorhang des Fenſters, aber ſie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden, von ihm, der nur zögernd ſich zu nahen ſchien— endlich trat er in das Haus, die Thür des Zimmers öffnete ſich, und er ſtand vor ihr. Alle ihre Kraft zuſammen⸗ nehmend, war ſie aufgeſtanden und ihm einige Schritte entgegengegangen. Guten Tag, liebes Aennchen! ſagte er mit einer ge— zwungenen Fröhlichkeit, ihr die Hand reichend— Sie wiſſen es bereits, ſetzte er mit veränderter Stimme hin⸗ zu, als er fühlte, wie ſehr die Hand des Mädchens in der ſeinen zitterte, Sie wiſſen, daß ich in den Krieg ziehe, daß endlich der heiß erſehnte Zeitpunkt gekommen iſt, wo wir Abrechnung halten wollen für die Tage von Jena und Friedland und all' die namenloſe Schmach, die wir erduldet haben.— Nicht wahr, mein liebes Aennchen, fuhr er mit leiſer Stimme fort, Sie billigen meinen Entſchluß, Sie freuen ſich darüber? Gewiß! hauchte Sie kaum hörbar und bemühte ſich, hm ihre Hand zu entziehen, die er aber um ſo feſter Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. II. 15 —— 226 umſchloß. Seine Augen ſuchten die ihrigen, aber die ſeidenen Wimpern wollten ſich nicht heben, und als er den Kopf herabbeugte, um dennoch hineinzuſehen, wandte ſie raſch ihr Geſicht ab, er fühlte eine heiße Thräne auf ſeine Hand fallen, dann riß ſie ſich gewaltſam los und ſuchte aus dem Zimmer zu entfliehen. Es gelang ihr nicht, denn ſein Arm umſchlang ſie, er zog ſie an ſeine Bruſt, richtete ihr Geſicht empor, welches in dieſem rei⸗ zenden Kampfe doppelt ſchön war, und drückte einen langen, langen Kuß auf ihre Lippen. Die zarte, elfenartige Mädchengeſtalt, von ihren gol— denen, zum Theil gelöſten Locken umfloſſen, ſchmiegte ſich bebend und willenlos an den hohen und dunklen Krie⸗ ger, deſſen Haupt herabgebeugt war, und deſſen Blicke voll inniger Liebe auf ihr ruhten. So ſtanden ſie ſchwei⸗ gend eine ſelige Minute, eine jener Minuten, welche mehr enthalten, als lange Jahre in dem Leben der Menſchen, und zugleich ihr Geſchick für immer entſcheiden. Komm, mein liebes, herziges Aennchen, ſagte er dann, indem er ſie zu ſich niederzog— es iſt nun doch anders gekommen, als ich wollte— mein Herz, meine Liebe zu dir, du theures Kind, waren ſtärker, als alle meine Vor⸗ ſätze, alle meine Ueberlegungen— ſo höre mich denn nun an— höre mich ruhig an, bis zu Ende— und dann entſcheide dich, Aennchen. Laß nicht allein dein Herz, ſondern auch deinen Verſtand reden und nimm — 227 keine, ich flehe darum, nimm keine Rückſicht auf den⸗ jenigen, welcher zu dir ſpricht. Ich habe eine Braut, Aennchen— eine Braut, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, als das Mädchen mit be⸗ ſtürzten Blicken zu ihm aufſah, der ich Treue geſchworen habe bis zum Tode. Ihr gehöre ich an, ganz und un⸗ theilbar, Alles werde ich für ſie thun, für ſie, die Un⸗ glückliche, wagen; Alles ihr opfern, nicht mein Leben allein, mehr, viel mehr als das, auch das ganze, ganze Glück meines Lebens. Entziehe mir nicht deine liebe Hand, ſprach er, ſie innig an ſich drückend, weiter; denke nicht, ich habe deine vertrauungsvolle Seele getäuſcht und dich hintergangen, indem ich ſchwach genug war, zu dul⸗ den, daß die Liebe wie eine duftende Blume in unſeren Herzen emporgewachſen iſt. Nein, Aennchen, meine Braut iſt— mein Vaterland!— Du haſt das immer gewufßt, denn ich habe es dir niemals verſchwiegen. Nicht wahr, Aennchen? Ja, ich habe es immer gewußt, ſagte ſie, indem ein tiefer Athemzug ihre gepreßte Bruſt hob und ihr Blick wie verklärt auf ihm ruhte. Dann kam die Liebe zu dir, du theures Kind— ach! ſie kam ſchon damals im Walde, als du wie eine lichte Erſcheinung vor mir an dem Bache auf der ein⸗ ſamen Waldwieſe ſtandeſt— und dann iſt ſie gewach⸗ ſen, immer mehr, immer größer, bis ſie zuletzt ſo groß und mächtig war, daß ſie all mein Denken und Wollen 15* 228 beherrſchte und heute meine feſteſten Entſchlüſſe über den Haufen warf. Welche Entſchlüſſe, Rudolf? Ich ziehe in den Krieg— die Zukunft liegt wie ein dunkles, finſteres Gewölk vor mir, ſelbſt meine Hoffnun⸗ gen, warum ſoll ich es dir nicht eingeſtehen? vermögen dieſen drohenden Hintergrund nicht zu erhellen! Aber meine Braut, mein Vaterland ruft, und ich folge— ſtände auch der ſichere Untergang bevor, ich würde fol⸗ gen.— Weil ich dich ſo ſehr liebe, darum, ſo ſagte ich mir, durfte ich dein Geſchick nicht an das meine ket⸗ ten, durfte ich dich mir nicht zu eigen machen, der ich mir ſelbſt nicht mehr zu eigen gehöre. D, wie habe ich in meinen Träumen mir den Tag ausgemalt, an wel— chem ich im Glanze der erkämpften Freiheit vor dich hintreten wollte und dich fragen: Aennchen, willſt du mein ſein?— Und nun iſt es doch ganz, ganz anders gekommen! Ja, flüſterte ſie leiſe, indem ſie ihren Kopf an ſeine Schulter lehnte, ganz anders— aber viel, viel ſchöner. Schöner, Aennchen? Ich werde nun im Geiſte ale deine Gefahren, alle deine Kämpfe mit beſtehen, meine Gebete werden dich ſchützen. Deine Braut, Rudolf, wird auch meine geliebte, angebetete Freundin, alle ihre Leiden, ihre Freu⸗ den werden die meinigen ſein— und wenn dann end— lich die Sonne jenes Tages aufgeht, jenes Tages, an 220 dem du ſieggekrönt aus dem heiligen Kampfe zurückkehrſt — o, mein Rudolf!... Sie hielten ſich lange, von den ſeligſten Gefühlen bewegt, umfangen. Ja, du haſt Recht, mein ſüßes, herziges, hochherziges Aennchen, ſagte er dann, voll freudiger Begeiſterung in ihre glänzenden Augen ſehend— es iſt viel, viel ſchöner ſo. Viel ſchöner, als wenn ich mit all der quälenden Ungewißheit hinausgezogen wäre; ja, das wußte ich längſt, daß es für mich viel ſchöner ſein würde— aber für dich? Ich würde anders— ſehr, ſehr unglücklich gewe⸗ ſen ſein! Es verflog ihnen im Austauſch ihrer Gefühle noch eine ſelige Stunde, dann kam der alte Baumann. Er hörte, was Erbach ihm mittheilte, während Aennchen verſchämt und ſchweigend daſtand. Ich habe immer gefürchtet, daß es ſo kommen würde, ſagte er dann; möge Gott Alles zum Beſten lenken! Er wird es gewiß, theuerſter Vater, flüſterte ſie, ihn umſchlingend. Erbach verlängerte ſeinen Aufenthalt noch um meh⸗ rere Tage, und ſie genoſſen in ihrer Liebe jenes Glück, für deſſen ſüße Schmerzen man ihnen vergeblich alle Schätze der Erde hätte bieten können. Dann rief ſeine Braut— das Vaterland,— und er ſchied. Sie waren Beide ſtark und gefaßt. Sorge für mein Aennchen, war ſein letztes Wort an S 230 Venner, der ihn begleitet hatte, ſorge für ſie, wie für den Stern deines Auges!— Der Dank meines ganzen Lebens wird dir dafür lohnen! Dann gab er ſeinem Pferde beide Sporen und jagte im wilden Galopp den fernen Bergen zu. Ende des zweiten Theiles. Druck von Graß, Barth u. Comp.(W. Friedrich) in Breslau. O7S —— — ——— S14 Senqe