Vor füntzig Jahren. * RNoman in drei Bänden von GEnſtav vom Ser. 3(G. von Struenſer.) — Erſter Band. Preslan, Verlag von Eduard Trewendt. 1 1859. Erſtes Kapitel. Trümmer. An einem trüben und unfreundlichen Nachmittage im April des Jahres 1807 hatte ſich eine ungewöhnlich große Menſchenmenge auf dem Glacis der Stadt Breslau vor dem Schweidnitzer Thore verſammelt. Die Straße, welche aus den zum Theil bereits zerſtörten Feſtungswerken führte, war auf beiden Seiten durch franzöſiſches Mili⸗ tär abgeſperrt, einzelne Offiziere ritten hin und her, und man ſah an allem dieſem deutlich, daß hier etwas Außer⸗ gewöhnliches vor ſich gehen ſollte. Derartige Ereigniſſe gehörten zwar in jener für Preußen ſo trüben und un⸗ heilvollen Zeit nicht mehr zu den außerordentlichen Din⸗ gen, denn das letzvergangene halbe Jahr hatte alles zer⸗ ſtört und vernichtet, was man, nach menſchlichen Begrif⸗ fen, für dauernd und feſt anzuſehen ſich für berechtigt gehalten— die ganze von ihrer Unbeſiegbarkeit ſo ſehr ſav vom Sce, Vor fünßzig Jahren I. 1 überzeugt geweſene Armec, und mit ihr den Staat ſelbſt—, ſo daß es ſich wahrlich nicht der Mühe lohnte, eines untergeordneten Ereigniſſes wegen ſich in Bewegung zu ſetzen, oder ſich gar Unannehmlichkeiten zuzuziehen. Dennoch ſah man hier eine ſo große Menſchenmenge verſammelt, ungeachtet des ſchlechten Wetters und des tiefen Schmutzes, womit die Straße bedeckt war. Es ſollte der Haupt- und maſſive Bau der Stadtbefeſtigung am Schweidnitzer Thor geſprengt werden, ein alter Thurm, welcher manchen Tag Geſchichte der Stadt mitgemacht, durch den Friedrich der Große ſeinen erſten Einzug ge⸗ halten, und deſſen Mauern vielfach, ſowohl von preußi⸗ en als von öſterreichiſchen, leider auch nun von fran⸗ ſchen, zöſiſchen Kugeln zerriſſen worden waren. Jetzt herrſchten ſchon ſeit zwei Monaten die Franzoſen in der nach einer blutigen Belagerung eroberten Stadt und zerſtörten i 5 Feſtungswerke. Sie ſchalteten und walteten in dem ra eroberten Lande, als ob ſie für immer davon Beſtz e er⸗ griffen hätten, und es ſchien auch, daß Niemand im Stande ſei, ſie daran zu hindern. Oeſterreich war unterworfen und für längere Zeit zu einer neuen Erhebung unfähig gemacht, die franzöſiſche Armee ſtand an der Weichſel, den Ruſſen gegenüber, der größte Theil der preußiſchen Feſtungen befand ſich, zum Theil ſchmachvoll übergeben, in den Händen des Fein⸗ des, über das Schickſal der wenigen Ueberbleibſel des für * unüberwindlich gehaltenen preußiſchen Heeres, ja, ſelbſt —— 2 ₰ über den Aufenthalt des Königs und der kbniglichen Familie, fehlten genaue Nachrichten. Doch waren heute ſo viele Bewohner Breslau's, namentlich Mädchen und Frauen, hinausgezogen, um den alten Thurm fallen zu ſehen, dieſen alten bekannten Freund, durch den ſie ſo oft in ſonnigen Tagen fröhlich und heiter hinausgezogen den blauen, lockenden Bergen zu, in deſſen grauen und zer⸗ klüfteten Mauern mit den Dohlen ſo viele Erinnerungen niſteten, der einen Raum in der Luft ausfüllte, den man niemals anders geſehen und den man ſich auch nicht leer denken konnte— dies alles empfand man jetzt wie im⸗ mer, wenn ein uns lieb gewordener Gegenſtand auf⸗ hört, in ſeiner bisherigen Geſtalt fortzubeſtehen; man verſammelte ſich, wie zu dem Leichenbegängniſſe eines alten befreundeten Bekannten. Ein baieriſcher Artillerie⸗ Kapitän ſprengte jetzt im Galopp an der dichtgedräng⸗ ten Menſchenmaſſe vorbei, deren Augen voll Spannung nach dem einſam ſtehenden Feſtungswerke gerichtet waren, welches, wie ein zum Tode Verurtheilter, allein in ſtum⸗ mer Reſignation daſtand. Da ſtieg ein feiner, weißer Rauch am Fuße der Ba⸗ ſtion auf, es folgte ein dumpfer, die Erde erſchütternder Knall, nur wenige Steine und Erde flogen in die Luft, die alten Mauern ſchwankten noͤch einen Augenblick, als ob ſie bemüht wären, ſich im Gleichgewicht zu erhalten, und ſtürzten dann in dröhnendem Fall, Staub und Schutt emporwirbelnd, in ſich zuſammen. Ein leiſer Ruf der 4 Menge, faſt wie ein gemeinſchaftlicher Seufzer klingend, begleitete dieſe für das Auge nur Weniges darbietende Exploſion, die Truppen gaben den Weg wieder frei, und Alles drängte und ſtrömte nun nach dem großen, noch dampfenden Schutthaufen, in welchem die Mauertrüm⸗ mer, wie die zerſtückelten Glieder eines Rieſen, chaotiſch durcheinander lagen. Nachdem man das Werk der Zerſtörung eine Zeit lang angeſtarrt und auch mancher Blick zu dem jetzt leeren Raum in der Luft geſchweift war, den ſonſt die alten Mauern des Thurmes ausgefüllt, verlief ſich die Menge wieder, leiſe mit einander flüſternd, denn man hütete ſich, irgend einen Tadel oder eine Mißbilligung laut werden zu laſſen, weil man aus Erfahrung wußte, wie gut die franzöſiſche Polizei von geheimen und auch deutſchen Agenten bedient werde. Der trübe, neblichte Abend ſenkte ſich hernieder, die Dämmerung hüllte Stadt und Land und auch dieſen jetzt wüſten und unheimlichen Raum in ihren duftigen verſöhnenden Schleier; Niemand weilte mehr dort, nur auf der Höhe der angrenzenden, an der Seite zerriſſenen Baſtion ſtand noch ein Mann, tief in den Mantel ge⸗ hüllt, regungslos an einen Mauer-Vorſprung gelehnt, leiſe Worte vor ſich hinſprechend. Wie weit werde ich wandern müſſen, um dieſen verhaß⸗ ten Feind nicht mehr zu ſehen? murmelte er. Gibt es kein Preußen mehr? Sind ſie alle dahin, meine braven Kame — 5 raden? Werde ich niemals Einen von ihnen wiederſehen, wird man mich nicht wieder fangen und niederſchießen, wie ſo viele Andere, die nichts verbrochen, als ihrem Könige die geſchworene Treue erhalten? Und wo weilt mein König und die edle, arme Königin? Es iſt eine Thorheit, eine Tollkühnheit, mich in die Stadt zu wagen, aber ich muß meine Mutter wiederſehen, muß ſie noch einmal an mein Herz ſchließen, ehe ich meinem Geſchicke entgegengehe; ihr Segen wird mir Stärke und Glück bringen, wenn das letztere überhaupt noch für uns möglich. Bei dieſen Worten verließ der junge Mann, denn ein ſolcher war es, die Baſtion, indem er ſich tiefer in ſeinen Mantel wickelte, und ſchritt der Stadt zu. Auf den nur ſpärlich erleuchteten Straßen war es ſtill und öde, nur hin und wieder eilte eine Geſtalt raſch und eilig an den Häuſern hin, während Patrouillen von Zeit zu Zeit in gemeſſenem Schritt daherzogen. Unſer Fremdling ging die Schweidnitzer Straße hinab, ſichtbar bemüht, einen vor ihm hinſchreitenden Mann zu erkennen. Bei dem ſchwankenden Lichte einer der wenigen Laternen warf er einen ſpähenden Blick auf ſein Geſicht, und da er nun ſeiner Sache gewiß zu ſein ſchien, berührte er den neben ihm Gehenden leiſe mit der Hand. Dieſer blieb ſtehen und ſah fragend den Dichtverhüllten an. Biſt du's, Ulrich? flüſterte dieſer. Kennſt du mich nicht mehr? fuhr er eben ſo leiſe fort, indem er den Mantelkragen lüftete. Rudolf? Du hier... Schweige, nenne meinen Namen nicht, wenn dir an meinem Leben gelegen— komm, komm, führe mich an einen Ort, wo wir ſicher und unbelauſcht ſprechen können — das Schwert des Damokles ſchwebt über meinem Haupte— du wirſt mich nicht verrathen, geh, ich folge dir! Ein ſtummer Händedruck war die Antwort des Freun⸗ des, dann ſchritt er ſchweigend voran, und der junge Mann von der Baſtion, welcher ſich wieder dicht ver⸗ hüllt hatte, folgte ihm eben ſo ſtumm in einiger Ent⸗ fernung. Sie kreuzten mehre Straßen, gingen durch verſchie⸗ dene Höfe und Durchgänge, an welchen Breslau zu jener Zeit noch reicher war, als heut zu Tage, und blieben endlich in einem derſelben vor einem erleuchteten, zur ebenen Erde gelegenen Fenſter ſtehen. Warte hier einen Augenblick, Rudolf, flüſterte der Ulrich Angeredete, ich kehre gleich zu dir zurück. Bei dieſen Worten öffnete er eine Thür, die, wie erſichtlich, den hinteren Ausgang eines Wein-Lokales bildete, aus welchem ein heller Lichtſchein in den Hof ſiel. Bald er⸗ ſchien er wieder und führte den Harrenden, indem er deſſen Hand ergriff, nach einer dunkeln, unmittelbar in den Hof mündenden, engen Treppe, welche ſie hinauf⸗ ſtegen und dann in ein kleines, freundliches und hel er leuchtetes Zimmer gelangten. So, hier ſind wir ſicher, hier ſieht und hört uns — Niemand, ſagte Ulrich, indem er ſeinen Mantel abwarf und dann in raſcher Bewegung die beiden Hände ſeines Genvoſſen ergriff; aber nun laß dich erſt anſchauen, Ru⸗ dolf, ob du es auch wirklich und wahrhaftig biſt und nicht ein Irrthum meine Sinne genarrt hat. Ich bin es leider wirklich und wahrhaftig, erwiederte der Andere mit bebender Stimme, ſieh' mich nur an, Freund, du wirſt mich etwas verändert finden, vielleicht ſehr verändert— du lieber Gott, wer ſollte ſich in dieſer tollen Zeit auch nicht verändern, wo Königreiche fallen, wie die Blätter im Herbſt, und neue in einer Nacht, wie die Pilze im Sumpfe, emporſchießen! Wir waren voll banger Ahnungen, Ulrich, an jenem Morgen, als ich auszog mit dem Regiment, von dem jetzt nichts mehr übrig iſt, wir ſtimmten nicht mit ein in den allgemeinen Jubel und in die verblendete Ueberhebung meiner Ka⸗ meraden— aber daß es ſo kommen würde, daß es ſo nur kommen könne, daß Preußen in einer einzigen Schlacht, und in welch' einer ſchmachvollen Schlacht! ganz verloren gehen würde— nein, nein, weder du noch ich, noch irgend Jemand auf der ganzen Welt, auch der ſtolze, übermüthige Eroberer, die Geißel Gottes, ſelbſt nicht, konnte dieſes für möglich halten Wenn man mir damals geſagt hätte, wir würden uns hier, heimlich und verſtohlen, wie Verbrecher gehetzt von der franzöſiſchen Polizei, wiederſehen, Ulrich— ich würde ſolche Reden für ein Erzeugniß des Wahnſinnes gehalten haben! Und wie wird das Ende ſein, das Ende dieſer Schmach— o! warum verſchonten mich die Kugeln des Feindes, warum mußte ich, und als Gefangener des Siegers, den Abend des Tages von Jena erleben? Klage nicht, jammere nicht, erwiederte der Andere faſt hart, das ganze Land iſt eine große Klage und ein großer Jammer, die Zeit iſt ſo ſchwer und ſo ernſt, daß man nur die Wahl hat, entweder mit der großen Maſſe zu gehen, das heißt in die Vergötterung des erhabenen Siegers mit einzuſtimmen... Davor möge uns Gott gnädig bewahren! ſchaltete Rudolf ein... .. oder gegen den Strom zu ſchwimmen, was aller⸗ dings mit vielfachen Schwierigkeiten, mit Muth und Ausdauer verbunden ſein muß. Man wird dabei zugleich nöthig haben, überall das ſtille Waſſer aufzuſuchen und die Mitte der großen Fahrbahn zu meiden. Befinden wir uns nicht ſchon in ſolch' einem ſtillen Waſſer, Freund? Wie danke ich es dem Zufall, daß er mich dir, den ich vor Allen zu finden wünſchte, ſo ſchnell zuführte— doch erſt laß mich mit dir anſtoßen, mich drängt es, den Klang eines Glaſes zu hören, das von eines Freundes Hznd gehalten wird— o! du glaubſt nicht, Ulrich, wie werthvoll all' dieſe ſo gleichgültig ſchei⸗ nenden Dinge für uns werden, wenn wir Monate lang wie ein wildes Thier oder wie ein vogelfreier Verbrecher herumgehetzt werden und an keinem Abend unſer müdes 9 Haupt ohne Furcht und Beſorgniß, ſelbſt nicht in der elendeſten Hütte, zur Ruhe legen können. So ſchlimm iſt es dir ergangen, armer Freund? biſt du denn nicht ein auf Ehrenwort entlaſſener Offizier? Wäre ich's, würde ich nöthig haben, mich zu ver⸗ bergen? Nein, mögen meine Kameraden über dieſen Punkt denken, wie ſie wollen, ich habe mein Ehrenwort nicht gegeben, ich habe mich, nachdem ich an jenem unglück⸗ lichen Tage, verwundet und ermattet, gefangen wurde, mit vielen Tauſenden Gemeiner und Unteroffiziere und auch noch einigen meiner Kameraden, bis nach Frankreich transportiren laſſen, dann erſt in der Gegend von Metz gelang es mir, zu entfliehen. Laß mich dir nicht be⸗ ſchreiben, was ich ausgeſtanden; moraliſch bis zur Ver⸗ zweiflung niedergebeugt, verwundet, ausgeplündert, unter einer zum Theil barbariſchen, immer aber kaum den nöthigſten Lebensunterhalt gewährenden Behandlung faſt erliegend, bin ich ſechs Wochen als Gefangener fortge⸗ ſchleppt worden, und als ich mich endlich befreit hatte, mitten im Winter im Lande des Feindes— da habe ich während der Tage im Walde, oder, wenn es beſon⸗ ders günſtig war, in einem verlaſſenen Gebäude gelegen, und Nachts bin ich weiter gewandertz von Kälte und Hunger oft bis zum Tode ermattet. Als ich den Rhein überſchritten hatte, ging es zwar etwas beſſer, ich fand hin und wieder ein mitleidiges und auch noch patriotiſches Herz, Leute im Kittel und 10 in Dürftigkeit, die ihr Weniges mit mir theilten, mir die Wege durch einſame Gegenden wieſen, ohne zu fra⸗ gen, wer ich ſei und was ich wolle— denn was ich ihnen ſagen konnte, wußten ſie und wollten es nicht ge⸗ ſagt haben, ihrer und meiner Sicherheit wegen— aber dieſe Lichtblicke in dem traurigen Nachtſtück meiner Flucht waren ſelten. Je näher ich der Heimath und zugleich der franzöſiſchen Armee kam, um ſo ſchwieriger und ge⸗ fahrvoller wurde mein Weg; in Sachſen war die Gens⸗ d'armerie, deutſche Gensd'armerie, dicht auf meiner Fährte und hetzte micht durch die engen und wilden Schluchten der Gebirge, bis ich bei einem alten Freunde meines Vaters am Rieſengebirge für wenige Tage eine bleibende Stätte fand. Dort habe ich mich geſtärkt und erholt, dort bin ich auch bekleidet worden, denn ich war zer⸗ lumpt und zerriſſen, dort wurde ich wieder ſo, wie du mich jetzt ſiehſt— ein Menſch, der, ohne Aufſehen zu erregen, in die Geſellſchaft anderer Menſchen treten kann. Und dennoch ſiehſt du recht blaß und erſchöpft aus, armer Rudolf! Was führt dich aber hieher, in den Rachen des Löwen, mitten in das Hauptquartier des Feindes? Ich will nur ein einziges Mal noch meine alte Mut⸗ ter ſehen und dann weiter, fort nach Oſten! Irgendwo muß es doch noch ein Stückchen preußiſcher Armee geben, zu ihr will ich, mit ihr untergehen, wenn ſie vom Schick⸗ ſal zum Untergange beſtimmt iſt, oder mit ihr— im 11 Vereine mit Rußland— ſiegen, obgleich ich das Letztere kaum für wahrſcheinlich halte. Das Haus, worin deine Mutter wohnt, die, wie du vielleicht ſchon erfahren, geſund iſt, liegt voll franzöſiſcher Einquartierung, von welcher überhaupt faſt kein Haus Breslau's verſchont iſt; in ihrer Wohnung kannſt du deine Mutter nicht ſpochen, aber es wird ſich ein Mit⸗ tel finden laſſen, dies an einem anderen Orte zu bewerk⸗ ſtelligen. Wenn du deinen Wunſch erreicht haſt, Rudolf, dann wirſt du Zeit haben, zu überlegen, ob du den ge⸗ fahrvollen Marſch mitten durch die feindliche Armee aus⸗ führen willſt— der Erfolg iſt jedenfalls nach aller Wahrſcheinlichkeit mehr als ungewiß— oder ob du es nicht vorziehſt, die nahe bevorſtehenden Ereigniſſe abzu⸗ warten. Sprich nicht davon, kein Wort! Glaubſt du, ich hätte mich all den Gefahren unterzogen, um hier müßig ab⸗ zuwarten, bis man den letzten Span von dem Baum unſeres Königreiches heruntergehauen? Nein, Ulrich, ſoll Preußen untergehen, ſo mag ich wenigſtens dieſen Unter⸗ gang nicht mehr ſehen, ich bin Offizier und ſterbe in neinem Beruf! Rede mir nichts von Abwarten! fuhr er leidenſchaftlicher fort, wenn ich hätte abwarten wollen, durfte ich nur mein Ehrenwort geben, in die⸗ ſem Kriege nicht gegen Frankreich zu fechten, und ich hätte in Ruhe und im Empfang meines Soldes au 12 abwarten, auch nicht zu ſterben, wenn meines Vaterlan⸗ des letzte Stunde geſchlagen hat. Ich will dir jetzt nicht widerſprechen, denn es würde doch zu nichts führen, nur dies bedenke: Dächten Alle wie du, wollten Alle nur untergehen, nicht abwarten, bis die Stunde der Vergeltung ſchlagen wird— dann wür⸗ den eben Alle, dann würde Alles, dann würde Preußen gewiß für immer untergehen! Du denkſt an eine Stunde der Vergeltung? Ich hätte kaum geglaubt, daß dein ſonſt ſo klarer Blick, dein ſo wenig von der Phantaſie behelligter Verſtand ſich ſolchen Illuſionen hingeben könnte! Wer ſoll jetzt noch dieſem Attila entgegentreten, nachdem Oeſterreich und Preußen niedergeworfen ſind? Er wird Deutſchland ganz zerſtük⸗ keln und verſchenken, wie er ſchon angefangen; die deutſche 1 Erbärmlichkeit wird dazu jubeln und illuminiren und ſich danach drängen, aus der Hand des Eroberers einen Fetzen des Nachbars, Würden und ſogenannte Ehren zu empfangen, wie du dieſe Schmach im Süden der deut⸗ ſchen Länder täglich bewundern kannſt! Haſt du eine Ahnung davon, welchem Königreich oder Lande wir in einigen Monaten angehören werden? 3 Ja, ich glaube, ſo ſchlimm auch der Friede für Preu⸗ ßen ausfallen möge, und Napoleon wird es nicht ſcho⸗ nen, nachdem es ihn ohne Veranlaſſung erſt erbittert und gnn ebenſo ohne Veranlaſſung zur ungünſtigſten Zeit jegt hat, ich glaube doch, daß Schleſien preußiſch 13 bleiben wird, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es ſchwierig ſein möchte, es anderswo vortheilhaft zu verwerthen. In dieſer Beziehung ſollteſt du doch die reiche Kom⸗ binationsgabe des Eroberers kennen. Aber mag es werden, was es will— wir bleiben doch preußiſch, und wenn die Stunde der Vergeltung kommt, an der du zweifelſt, die aber gewiß nicht aus⸗ bleiben wird, ſo wird Schleſien den Beweis führen, daß es ganz und immer preußiſch geblieben iſt. Ich kenne dich nicht mehr, du biſt ein Träumer ge⸗ worden, erwiederte der Andere mit melancholiſchem Lächeln. Nenne mich, wie du willſt, wozu darüber jetzt rech⸗ ten? nur das beherzige: Was würden wir ſein, wie wäre das Daſein zu ertragen, wenn uns nicht dieſe Hoff⸗ ntng bliebe? Ein Jeder muß fortan ſeine Pflicht thun, da ſo Viele die ihrige verletzt haben; die unſrige iſt es für jetzt, den Glauben an die Zukunft des Vaterlandes nicht zu verlieren. Es mag die deinige ſein— die meinige ruft mich „ ezu den Fahnen! Ich bin Offizier des Königs, und ge⸗ ade weil mein König in Noth und Trübſal iſt, will ich zu ihm ſtehen, wäre es auch nur, um mit ihm unter⸗ zugehen! Du haſt Recht, erwiederte Ulrich nach einigem Still⸗ ſchweigen, indem er dem Freunde die Hand reichte, du „aſt Recht, und wenn du ſtirbſt, ſtirbſt du in deinem 14 Beruf— darum ziehe mit Gott, ich will Alles thun, dir dazu behülflich zu ſein. Die beiden jungen Männer hielten ſchweigend längere Zeit ihre Hände in einander geſchlungen, und die innere Bewegung ihrer Seelen ſpiegelte ſich ab in den nur mühſam beherrſchten Mienen ihrer blaſſen, aber jugend⸗ lichen Geſichtszüge. So wären wir denn einig, Ulrich, ſagte dann der Offizier, indem er ſeine Hand frei machte, ich habe kei⸗ nen Augenblick gezweifelt, daß wir es werden würden— aber nun ſag' mir, wie und wo ſehe ich meine Mutter, und wo ſoll ich mein verfehmtes Haupt bergen vor der Nachforſchung des Feindes? Ich habe über Beides ſchon nachgedacht und will dir meinen Plan mittheilen; haſt du dagegen Bedenken, ſo ſuchen wir etwas Anderes. Es wird dir bekannt ſein, daß der Prinz Jerome, Kaiſerliche Hoheit, ſetzte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln hinzu, Commandeur des faſt nur aus Deutſchen beſtehenden neunten Corps, hier in Breslau ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hat, im Hatz⸗ felder Palais wohnt, Brandſchatzungen ausſchreibt, die Feſtungswerke ſchleifen läßt, ſich in Rothwein badet, eine echt franzöſiſche liederliche Wirthſchaft treibt und zuwei⸗ len auch einen kriegeriſchen Ausflug unternimmt. Ich weiß, ich weiß, wer ſollte dies nicht wiſſen! mein Gaſtfreund im Gebirge hat mich davon unterrichtet. 15 Mit der Kaiſerlichen Hoheit iſt der ganze Troß, der ganze Schwarm jenes Geſindels, männlichen und weib⸗ ichen Geſchlechts, hier eingezogen, welche ſich ſtets im Hefolge der franzöſiſchen Heere befinden, und die, wenn Napoleon ſie auch ſelbſt ſich möglichſt fern hält, doch immer ſich da einzufinden wiſſen, wo ſie ihr ſchmutziges Handwerk am ungehindertſten treiben können. Bei der Schwäche des Charakters dieſes jüngſten der Söhne des Advokaten von Ajaccio und bei ſeinem großen Hange zu ſinnlichen Vergnügungen befinden ſie ſich hier ſehr wohl, beſonders, da der ſtarke Bruder jetzt wichtigere Dinge zu thun hat, als ſich um dieſe Schmeißfliegen zu beküm⸗ mern. Die Folge davon iſt, daß hier in der Stadt, außer der enormen Einquartierung, jedes Haus, auch das kleinſte, ſeinen Antheil von dieſer franzöſiſch- deutſchen Einwanderung erhalten und ſich in der kurzen Zeit ihres Hierſeins ein ſolches Syſtem der Spionage ausgebildet hat, daß man in Verſuchung gerathen kann, ſelbſt be— währten Freunden zu mißtrauen. Du kannſt daher in keinem Gaſthauſe, ja, ich möchte faſt ſagen, auch in kei⸗ nem Privathauſe, ſicher und unbeobachtet wohnen. Deſſen ungeachtet muß ich meine Mutter ſprechen, lediglich deshalb habe ich den gefahrvollen Weg durch Schleſien gemacht, und ich bin entſchloſſen, es nicht ver⸗ gebens gethan zu haben. Das iſt auch gar nicht meine Abſicht, vielmehr theilte ich dir nur deshalb die Lage der hieſigen Verhältniſſe 16 ſo ausführlich mit, um dir meinen Vorſchlag nicht als abenteuerlich erſcheinen zu laſſen. Und der beſteht? Er beſteht in nichts Weiterem, als dir ein, nh meiner Anſicht, ſicheres Unterkommen zu verſchaffen, und 8 zwar das einzige, welches ich, ungeachtet alles Nachden⸗ kens, aufzufinden vermag, obgleich es auch mit mancher⸗ lei Bedenken verbunden iſt. Möchteſt du mir nicht endlich ſagen, worin es be⸗ ſteht? Soll ich vielleicht zu einem Thürmer hinaufſtei⸗ gen, oder mich in irgend einen Keller oder in ein Waa⸗ ren⸗Magazin verkriechen? Wenn es nicht anders ſein kann, Ulrich, ſetzte er lächelnd hinzu, werde ich auch das thun, denn ich bin ſeit Monaten an die ſchlechteſten Nachtlager gewöhnt, und du glaubſt es nicht, welche Macht die Gewohnheit iſt— aber, wenn es dir möglich, bette mich nicht zu ſchlecht, ich habe es wirklich verdient, in unſerer Vaterſtadt einen guten erquickenden Schlaf zu genießen, ſetzte er lächelnd hinzu. Das ſollſt du auch, ſo Gott will, doch höre: weißt, ich habe von je her zu dem Theater und ſne Perſonal in einiger Beziehung geſtanden... Wäre die Zeit nicht ſo abſcheulich ernſt, würde ich ſagen,. ſo aber— will ich ſchweigen, unterbrach lä⸗ chelnd der Offizier. Da habe ich denn vor ein paar Monaten einen Viv⸗ liniſten kennen gelernt, er ſpielt im Orcheſter zweite Geige, 17 einen eigenthümlichen zerfahrenen Mann, dem Trunk er⸗ geben, der mich aber zuerſt durch die Art ſeines Spiels, dann durch ſein ganzes Weſen intereſſirte. Er iſt, was man im gemeinen Leben mit dem Ausdruck„ein ver⸗ dorbenes Genie“ bezeichnet, und wenn er nüchtern iſt, ſo iſt er nicht ein verdorbenes, ſondern ein wirkliches. Ich wurde näher mit ihm bekannt, wir ſpielten zuweilen Duette, ich ſuchte ihn in ſeinem Hauſe auf, weil er faſt nie kommt, wenn er es zugeſagt, und ich glaube, daß du nirgendwo unbeobachteter und ſicherer ein paar Tage zubringen kannſt, als eben bei meinem alten Violiniſten. Wenn du es meinſt, ſo finde ich keinen Grund, an⸗ derer Meinung zu ſein. Wohnt er allein, und in wel— cher Gegend der Stadt? Er wohnt hinter dem Dom, in einem Gartenhäus⸗ chen, welches ihm ein Kaufmann, der es nicht benutzt und ſein Talent zu ſchätzen weiß, eingeräumt hat; dort hat Niemand viel zu ſuchen, und wenn du dich ſtill hältſt und ungeſehen ein- und ausgehſt, wird deine An⸗ weſenheit unbeachtet bleiben. Ich nehme deinen Vorſchlag dankbar an, ich werde dort zugleich Muße haben, über alle weiteren Entſchlüſſe reiflich nachzudenken. Du irrſt, wenn du glaubſt, der alte Baumann wohne dort ganz allein und einſam, er iſt vielmehr verheira⸗ thet und hat auch eine faſt erwachſene Tochter. Das ändert die Sachlage allerdings bedeutend; aber Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 2 18 wird ein Geheimniß ungeachtet der Mitwiſſenſchaft von zwei Frauen bewahrt bleiben können? 3 Anna iſt ein kaum den Kinderjahren entwachſenes, ihren Eltern ganz ergebenes Mädchen, das ſtill und zu rückgezogen lebt, dabei zuverläſſig und entſchloſſen. Die Eheleute Baumann ſcheinen zwar nicht die glücklichſte Ehe zu führen, denn er behandelt ſie mit einer oft her⸗ vortretenden Geringſchätzung, beſonders wenn er, wie ſehr häufig, angetrunken iſt, und ſie wirft ihm dann die⸗ ſes liederliche Leben, wie ſie es nennt, vor, was zu man⸗ chen gerade nicht angenehmen häuslichen Scenen Ver⸗ laſſung giebt, welche ich der lieblichen Tochter wegen ſehr bedauere; aber die Mutter ſtimmt im Haſſe gegen die Franzoſen ſo vollſtändig mit dem Vater überein, daß du gerade deshalb vollkommen ſicher ſein wirſt. Der lieblichen Tochter wegen, ſagteſt du? bemerkte der Offizier lächelnd, mit dem Finger drohend, hör, Ulrich, ſchenke mir klaren Wein ein, damit ich weiß, woran ich bin.— Haſt du eine Liebſchaft mit dem Mäd⸗ chen, oder liegt es in deiner Abſicht, eine ſolche einzu⸗ leiten? Keines von beiden, Rudolf, gewiß und wahrhaftig nicht. Einmal wäre Anna dazu doch wohl noch zu jung, jedenfalls aber zu gut. Beide Rückſichten werden gewiß auch für dein Benehmen maßgebend ſein; ich habe ſie vorausgeſetzt, als ich dir den Vorſchlag machte. Sorge nicht für mich, Freund! Wie kannſt du 19 nur für möglich halten, daß mein Herz jetzt für derglei⸗ chen Dinge empfänglich ſei? Niemand kann der Macht des Augenblickes gebieten; doch reden wir nicht weiter von Dingen, die nicht ſind. Wie kommt es, daß ich früher niemals von dieſem Violiniſten gehört habe, iſt er hier heimiſch? Nein, die Familie lebt erſt ungefähr ſeit einem Jahre hier, ſie ſind, wie man am Dialekt hört, Sachſen und haben, ſo ſchließe ich aus einigen Aeußerungen, früher in der Nähe von Halle oder Merſeburg gewohnt. Irgend ein beſonderes Ereigniß muß gewaltig in das Leben die⸗ ſer Familie eingegriffen haben, welche vielleicht gar nicht einmal hier ihren rechten Namen führt. Auch will es mich faſt bedünken, als wenn der Alte ſich erſt ſeit jener Zeit dem Trunke ergeben habe, und der Frau dabei in irgend einer Art, wenigſtens nach den Anſichten des Man⸗ nes, eine Verſchuldung zur Laſt falle; denn im berauſch⸗ ten Zuſtande macht er ihr öfter Vorwürfe, die zwar an ſich unverſtändlich ſind, doch darauf hinzudeuten ſcheinen. Nun, mögen ſie ſich Vorwürfe machen, zanken oder lieben, was kümmert's mich! Ich werde mich bei ihnen höchſtens zwei Tage verbergen und dann ſie wahrſchein⸗ lich niemals wiederſehen.— Aber du haſt mir noch gar nicht geſagt, Ulrich, wie es dir in der Zeit ergangen iſt, wo wir uns nicht geſehen haben? Wie all den übrigen Bewohnern dieſer hart getrof⸗ fenen Stadt, Freund. Auch ich habe die Stufenleiter 20 von der freudigſten Hoffnung bis zur tieſſten Niederge⸗ ſchlagenheit, gleich allen meinen Mitbürgern, durchge⸗ macht, ſonſt nichts erlebt, als ein etwas pikantes Aben⸗ teuer auf einer Reiſe, die ich im vorigen Monate, trotz Krieg und Franzoſen, nach Dresden in Familien⸗Ange⸗ legenheiten machen mußte. Erzähle! Jetzt nicht, es möchte zu ſpät werden, auch ſind wir kaum in der Stimmung, um dergleichen zu verplaudern. Wenn es dir recht iſt, brechen wir auf. Die beiden Freunde verließen das kleine Zimmer auf demſelben Wege, wie ſie gekommen, ohne daß ſie Jeman⸗ den geſehen hätten; denn ſelbſt der Wein ſtand auf dem Tiſche, als Rudolf geholt wurde, und man legte die Bezahlung eben dort hin. Als ſie in den Hof traten, begegneten ihnen zwei Männer, welche Ulrich grüßten und ihn aufforderten, mit zurückzukehren, dann aber, nach einer ablehnenden Antwort, in die Wirthsſtube traten. War das nicht Roſen? fragte Rudolf. Er war es. Und der Andere? Der Andere iſt ein Aſſeſſor, du kennſt ihn nicht; Roſen hat ſich übrigens in deiner Abweſenheit taufen laſſen, jüdiſch ſah er überhaupt niemals recht aus, und 3 ſich eine bildſchöne, junge und reiche Frau von Wien ge⸗ holt. Er gehört zu denen, die ihr Geſchäft zu jeder Zeit betreiben, die ſelbſt in der jetzigen heirathen können. 21 Soll die Welt vielleicht ausſterben, weil wir ſo mi⸗ ſerable Feldherren und Staatsmänner haben?— Doch jetzt kein Wort mehr, gieb mir deinen Arm und komm. Die beiden Freunde gingen über die mit baieriſchem Militär beſetzte Oderbrücke, längs der Kreuzkirche und dem Dome fort, und verloren ſich in jene ſtillen und einſamen Straßen der öſtlichen Stadt, welche zum größ⸗ ten Theile nur von den Mauern der ſie begrenzenden Gärten gebildet werden. In einer derſelben befand ſich eine wohlverwahrte Thür, Ulrich zog den Klingelzug, und bald wurde ſie von der Hand einer Frau geöffnet, welche mit der Laterne vorſichtig die Geſichter derjenigen zu erſpähen verſuchte, die zu ſo ungewohnter Zeit Einlaß begehrten. Jweites Kapitel. Un musicien débauchs. Mein Mann iſt nicht zu Hauſe, Herr von Venner, ſagte die Frau, dicht hinter der zugemachten Gartenthür ſtehen bleibend, und Sie wiſſen ja ſo gut wie ich, daß ich Ihnen nicht ſagen kann, wann er heimkehrt. Es iſt auch nicht meine Abſicht, Ihren Mann zu ſprechen, liebe Frau Baumann, ſondern ich habe ein Ge⸗ ſchäft mit Ihnen abzuſchließen; werden wir einig, ſo können Sie es morgen früh Ihrem Manne mittheilen, von dem ich überzeugt bin, daß er damit einverſtanden ſein wird. Heute Abend möchte es auch ſchwerlich angänglich ſein, murmelte die Frau; aber was können Sie mit mir für Geſchäfte haben? fuhr ſie wieder lauter fort, indem ſie zugleich den Schein der Laterne mißtrauiſch auf Ru⸗ dolf fallen ließ— mein Mann iſt in manchen Dingen ſehr wunderlich, namentlich was Beſuche von unbekann⸗ ten Männern betrifft... Laſſen Sie uns hineingehen, Frau Baumann, unter⸗ brach ſie Ulrich mit beſtimmtem Tone, hören Sie mein Geſuch an, und wenn Sie dann nicht darauf eingehen wollen, ſo ſteht es ja in Ihrem Belieben, es abzuſchlagen. Ich überlege eben, erwiederte die Frau, ohne ſich durch dieſe etwas barſche Redensart einſchüchtern zu laſſen, ob es nicht vorzuziehen ſei, auf das Anhören überhaupt gar nicht einzugehen. Es ſollte mir leid thun, wenn ich mich in Ihnen getäuſcht hätte, bemerkte Ulrich in milderem Tone: ich habe Sie bis jetzt für eine gefällige Frau gehalten, für eine Frau, die das Herz auf dem rechten Flecke hat, die bereit iſt, ihren Freunden in der Noth einen Dienſt zu leiſten, beſonders wenn ihr eigener bekannter Patriotis⸗ mus ſie dazu beſtimmen muß und eine gute Belohnung gewährt wird. Das klingt ja ſehr wichtig, Herr von Venner, wenig⸗ ſtens wichtig genug, um Sie und den unbekannten jun⸗ 23 gen Herrn nicht länger hier draußen ſtehen zu laſſen, ich bitte alſo, mir zu folgen. Mit dieſen Worten ſchritt ſie leuchtend einen ziemlich langen Gartenweg hinab, an deſſen Ende man aus einem einſtöckigen Hauſe den Lichtſchein zweier matt erleuchteten Fenſter erblickte. Treten Sie ein, meine Herren, ſagte ſie, die Stube öffnend, welche faſt unmittelbar an der Hausthür auf den kleinen Flur auslief, und nehmen Sie fürlieb, ſo gut es Ihnen die Frau eines armen Muſikers bieten kann. Ulrich und Rudolf traten in das Zimmer, welches eine dürftige, aber reinliche Einrichtung zeigte. Vor dem Tiſche ſtand ein junges Mädchen, das offenbar, bis die Störung eingetreten war, ſich mit Nähen beſchäftigend, daran geſeſſen hatte, jetzt aber aufgeſtanden und zurück⸗ getreten war. Geh' hinüber, Anna, ſagte die Frau, ich habe mit den Herren zu ſprechen. Das junge Mädchen zündete ſchweigend ein Licht an und verließ das Zimmer, nachdem ſie den Gruß der bei⸗ den jungen Männer unbefangen erwiedert hatte, an denen ſie mit niedergeſchlagenen Augen vorüberging. Ihre zier⸗ liche, elfenartige Geſtalt verſchwand hinter der ſich wieder ſchließenden Thür, jedoch nicht eher, als bis das Licht, welches ſie in der kleinen und feinen Hand trug, ſeinen matten Schimmer über die Fülle ihres goldblonden Haa⸗ res ausgeſtrömt hatte. Nun ſind wir allein, Ihren Dienſten? Es handelt ſich nur darum, dieſem meinem Freunde auf zwei bis drei Tage, vielleicht nicht einmal ſo lange, ein Unterkommen zu gewähren. Ich dächte, ſie kännten meinen Mann beſſer, erwie⸗ derte die Frau ziemlich barſch, um mir einen ſolchen Vorſchlag zu machen. Mein Freund, fuhr Ulrich fort, ohne ſich durch dieſe wenig ermuthigende Bemerkung abſchrecken zu laſſen, mein Freund befindet ſich in Noth, er wird von den Franzo⸗ ſen verfolgt, iſt auf der Flucht— Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß in der ganzen Stadt kein Ort zu finden iſt, wo er, ohne Beſorgniß, entdeckt und verhaftet zu werden, ein paar Tage ausruhen könnte; ich habe mich wenigſtens vergeblich bemüht, einen ſolchen zu erſinnen, ſagte die Frau, was ſteht zu und bin dann zu dem Entſchluſſe gekommen, Ihre Gaſt⸗ freundſchaft in Anſpruch zu nehmen. Was kann der junge Herr verbrochen um der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, verhaftet zu werden? ſagte die Frau, indem ſie ihre großen ſchwarzen Augen feſt auf dem noch ſehr jugendlichen, aber entſchloſſenen Geſichte des ihr fremden Mannes haften ließ, was kann ein noch ſo junger Herr verbrochen haben? Nichts weiter, als daß er in der unglücklichen Schlacht von Jena, nachdem er tapfer gekämpft hatte, verwundet und gefangen und dann nach Frankreich geſchleppt wor⸗ 25 den iſt, weil er ſein Ehrenwort nicht geben wollte, in dieſem Kriege nicht gegen Frankreich zu fechten. Er hat ſeine Freiheit ſich wieder verſchafft und iſt dann unter großen Schwierigkeiten und Gefahren bis hieher gelangt, um ſeine Mutter zu ſprechen und dann die Armee auf⸗ zuſuchen. Alſo ein preußiſcher Offizier? Ein preußiſcher Offizier. Kennen Sie auch die Strafen, welche diejenigen er⸗ warten, die einen auf der Flucht befindlichen preußiſchen Offizier unterſtützen, Herr von Venner? Ich kenne ſie. Und auch die Belohnungen, welche die Angeber er⸗ halten? Auch dieſe. Und Sie haben doch geglaubt, gerade zu uns kom⸗ men zu müſſen? Sonſt würden Sie mich ſchwerlich hier ſehen, Frau Baumann. So mag Ihr Freund hier bleiben. Ich wußte, daß Sie ſo handeln würden, und weiß auch, daß Ihr Mann damit einverſtanden ſein wird. Wie heißt Ihr Freund? Möchte es nicht für uns alle beſſer ſein, wenn Sie ſeinen Namen nicht erführen? Aber ich muß Sie doch mit einem Namen nennen, mein Herr, wandte ſich die Frau an den Offizier. Nennen Sie mich Rudolf, Herr Rudolf, und laſſen Sie mich Ihnen vor Allem meinen herzlichſten Dank für Ihre Güte ausſprechen. Alſo Herr Rudolf, nun, wie Sie meinen, und Sie können am Ende Recht haben; aber Sie werden fürlieb nehmen müſſen, denn wir wohnen ſelbſt ſehr beſchränkt, können Ihnen zum Schlafen nur ein enges Kämmerchen anbieten, und am Tage den Aufenthalt in dieſer Stube. Ich nehme Ihre aufopfernde Gaſtfreundſchaft mit Dank an und bin an Entbehrungen jeder Art gewohnt. Wenn wir einig ſind, Frau Baumann, ſo laſſe ich meinen Freund hier und gehe; es iſt bald zehn Uhr, und da ich keine Laterne habe, möchte ich ſonſt leicht einer Patrouille in die Hände fallen und eine Nacht auf der Wache zubringen müſſen. Morgen Vormittag kehre ich zurück, Rudolf, nachdem ich mit deiner Mutter den Ort eurer Zuſammenkunft am morgenden Abend verabredet habe. Und nun gehab dich wohl, Freund. Nehmen Sie auch meinen beſten Dank, Frau Baumann, und, ſetzte er leiſe hinzu, als ihm die Frau hinausleuchtet zugleich dieſe zehn Thaler, welche ich Ihrem Manne für Violinſtunden verſchulde, aber gewiß am beſten an Sie berichtige.. Ich danke Ihnen, erwiederte die Frau, das Geld ohne Zögerung annehmend. Ihr Freund iſt Ihnen wohl beſonders lieb, Herr von Venner, daß ſie ſo für ihn ſor⸗ gen? Als die Frau die äußere Thür feſt hinter dem. 27 Weggehenden geſchloſſen und wieder das Haus erreicht hatte, rief ſie ihre Tochter und trug ihr auf, indem ſie ihr ohne Rückhalt die ganze Sachlage mittheilte, ſchnell zu dem nächſten Kaufmann zu gehen und noch Einiges zum Abendeſſen zu holen, woran es leider gänzlich fehlte. Aber es iſt ſchon ſehr ſpät, Mutter, und einſam und dunkel auf der Straße; der fremde Offizier iſt gewiß mehr müde als hungrig. Wir müßten uns ſchämen, Kind, und ich kann dich doch nicht mit ihm allein laſſen, ſonſt liefe ich ſelbſt ſchnell hinüber. Ich bin ſchon unterwegs, Mutter, machen Sie nur in der Zeit Feuer und ſetzen Sie Waſſer auf; ich bringe Thee, Käſe, Butter, Brot und Fleiſch. Mit dieſen Wor⸗ ten ſprang ſie fort, und ihre leichte, bewegliche Geſtalt war bald in der nur von einem ſchwachen Mondlichte gemilderten Dunkelheit verſchwunden. Während die Mutter ſich in der Küche beſchäftigte und das junge Mädchen das Haus verlaſſen hatte, blieb der Offizier allein in der kleinen niedrigen Stube und betrachtete die einfache Einrichtung derſelben mit der auch durch unbedeutende Dinge leicht erweckten Neugierde der Jugend. Das dürftige, mit grünem baumwollenen Zeuge überzogene, ziemlich verbrauchte Sopha intereſſirte ihn eben ſo wenig, wie der davorſtehende, mit einer an meh— reren Stellen geſtopften, aber ſehr rein gewaſchenen Da⸗ maſtdecke überhangene Tiſch. An der Wand gegenüber 28 befand ſich ein Clavier, ziemlich altmodiſch, mit einer Claviatur, deren halbe Töne weiß, die übrigen aber ſchwarz waren. Da es offen ſtand, ſchlug er unwillkür⸗ lich einige Accorde an und fand, daß es zwar, wie alle derartigen Inſtrumente, einen ſchwächlichen Ton hatte, aber ſehr rein geſtimmt war. Neben dem Clavier ſah er eine Kommode, dann einen Kleiderſchrank, worauf einige Gläſer und Taſſen prangten, und an einem der Fenſter ſtand ein ſehr einfacher Nähtiſch mit einem Körb⸗ chen unvollendeter, künſtlich gefertigter Blumen. Dies war, nebſt einigen hölzernen Stühlen, das ganze Ameu⸗ blement der kleinen Stube, und, obgleich der Offizier das⸗ ſelbe bald überſchaut hatte, ſo weilten ſeine Blicke doch längere Zeit auf dem kleinen Nähtiſch, ja, er konnte es ſich nicht verſagen, einige der angefangenen Blumen aus dem Körbchen herauszunehmen und ſie prüfend zu betrachten. Alſo Blumen macht ſie, ſprach er leiſe vor ſich hin, indem er einen halb vollendeten Roſenzweig ſinnend zwi⸗ ſchen ſeinen Fingern hielt; ſie ſelbſt gleicht noch ſo ſehr einer Blumenknospe und iſt ein liebliches, anmuthövolles Kind.— Noch ſtand er ſo in Gedanken verloren und die Blume betrachtend, als er draußen einen leiſen Auf⸗ ſchrei und dann die lautredende Stimme ſeiner Wirthin hörte. Raſch öffnete er die Thür und ſah das junge Mädchen blaß und mit geſchloſſenen Augen auf einen Stuhl geſunken, und die Mutter beſchäftigt, der halb Ohnmächtigen Hilfe zu leiſten. ——„— —.,— —„— r 29 Was iſt geſchehen, Aennchen, mein Kind! rief die Frau voll Angſt und Beſtürzung, du zitterſt am ganzen Körper! iſt dir ein Unglück begegnet, kannſt du nicht reden? Das junge Mädchen ſchlug die großen, kindlichen Augen auf, und indem ſie ſich zwang, zu lächeln und ihre Mutter freundlich anzublicken, erwiederte ſie mit einer Stimme, welcher man die innere Bewegung noch deutlich anhörte: Es iſt nichts, Mutter, ich bin ein thö⸗ richtes Mädchen; ſprechen Sie nur leiſe, damit der fremde Herr nichts hört; hier iſt Alles, Thee, Butter, Brot, Zuk⸗ ker und Fleiſch, Beſſeres hatte der Kaufmann nicht; mein Gott, wie froh bin ich, daß ich nichts verloren habe! Aber was iſt dir denn begegnet, ſo ſprich doch! Ach, Mutter, zwei Männer ſind mir nachgekommen, Einer davon trat auch in den Laden des Kaufmannes und ſah mich mit ſo häßlichen Blicken an, dann gingen ſie hinter mir her und ich hörte, daß ſie Franzöſiſch ſpra⸗ chen. Als ſie an mich herantraten und der Eine etwas ſagte, was ich nicht verſtand und dabei meinen Arm er⸗ griff, erfaßte mich eine ſolche Angſt, daß ich mich losriß und ſo ſchnell, wie ich konnte, davonlief... Nun, und? fragte die Mutter weiter, als das junge Mädchen ſchwieg und zugleich tief Athem holte. Sie eilten mir beide nach, ich hörte ihre Tritte dicht hinter mir, zum Glück hatte ich die Gartenthür nicht zugeſchloſſen, flog hindurch und warf ſie in's Schloß, „ 30 gerade in dem Augenblick, als ich ihre beiden dunkeln Geſtalten davor erſcheinen ſah. Ich hätte dich doch nicht ſchicken ſollen, ſagte die Mutter, indem ſie dem Mächen die zum Theil aufgelö⸗ ſten Haare von der Stirn ſtrich, ich hätte lieber ſelbſt gehen ſollen. Wie leid thut es mir, daß Sie meinetwegen dieſe Un⸗ annehmlichkeit gehabt haben! ſagte der Offizier, indem er aus dem Schatten in den Bereich des Lichtes trat. Ach, Mutter, rief das Mädchen erſchrocken aufſprin⸗ gend, ach, Mutter, warum ſagten ſie mir nicht Zürnen Sie mir nicht, daß ich hier bin, ich hörte in der Stube, daß etwas Anßergewöhnliches vorging— aber ich will und dieſe Elenden zur Rechenſchaft ziehen.. Bleiben Si Sie, unterbrach ihn die Mutter, bedenken Sie, wer Sie ſind und welchen Gefahren Sie ſich aus⸗ ſetzen! Aber ich ſelbſt möchte aus dem kleinen Fenſter in der Gartenmauer ſehen, ob die Männer noch dort ſind. Mit dieſen Worten ſchlich die Frau leiſe zu einer dichtvergitterten OHeffnung, welche in einem Vorſprung der äußeren Mauer angebracht war und die Ausſicht über die ganze Straße geſtattete, und erblickte bei dem mat⸗ ten und unſichern Lichte des vom Nebel verhüllten Wön des zwei Geſtalten, welche noch immer an der Garten⸗ thür ſtanden und leiſe mit einander zu flüſtern ſchienen. Nach einiger Zeit gingen ſie jedoch fort, und als ſie an 31 der Maueröffnung vorüberſchritten, war es der lauſchen⸗ den Frau möglich, einige Worte ihres Geſpräches zu ver⸗ ſtehen. Elle est très belle, mais bien timide, ſagte der Eine. C'est naturel, elle est encore un enfant. Vous la connaissez? Oui, c'est la fille d'un musicien débauché, nommé Baumanne. Ah! trés bien, elle sera. Weiter vermochte die Frau nichts zu e und ging, nachdem ſie die Geſtalten in der Ferne hatte ver— ſchwinden ſehen, nicht ohne Beſorgniſſe in das Haus zurück. Der Thee wurde nun, ungeachtet Rudolf's Weige⸗ rung, ſchnell bereitet, Aennchen ſtellte die einfachen Taſſen und Teller, jetzt wieder unbefangen, freundlich auf den Tiſch, und, während man das einfache Mahl zu ſich nahm, erzählte Rudolf den aufmerkſam Zuhörenden die Geſchichte ſeiner Flucht, indem er mit innerer Genug⸗ thuung die verſchiedenen Abſtufungen der lebhafteſten Theilnahme auf Aennchens beweglichem, lieblichem Ge ſichte beobachtete. Es war ſpät geworden, und die Frau Bauman wies daher, ſich nochmals entſchuldigend, daß ſie dem Gaſte nichts Beſſeres bieten könne, demſelben ein aller⸗ dings ſehr kleines Dachkämmerchen an, welches faſt nur Raum für das darin befindliche Bett darbot. Der er⸗ müdete Offizier ſank jedoch ſehr bald in die Arme des Schlafes, nachdem ſeine Gedanken noch kurze Zeit in verſchiedenen Bildern, finſterer und lieblicher Art, zerron⸗ nen waren. Ich werde aufbleiben, Mutter, bis der Vater kommt, ſagte das junge Mädchen, während ſie den Tiſch ab⸗ räumte, er wird heute gewiß nicht lange bleiben. Thue das, mein Kind, erwiederte die Frau in einem Tone, welcher bewies, daß ſie dies als etwas von ſelbſt Verſtändliches annahm; ſage ihm aber heute nichts von unſerem Beſuche— er wird nicht in der Stimmung ſein. Das junge Mädchen ſchwieg, und die Frau verließ die Stube, nachdem ſie zuvor ihrer Tochter gute Nacht gewünſcht und ſie auf die Stirn geküßt hatte. Es wurde nun ganz ſtill in dem kleinen Raume, nur die alte ſchwarz⸗ wälder Uhr pickte fort im gemeſſenen Takt, jetzt ſchein⸗ bar viel lauter, als bisher. Das Mädchen zündete, als ſie allein war, der Sparſamkeit wegen, die kleine meſſin⸗ gene Küchenlampe an und löſchte dann das Licht aus, ließ es aber auf dem Tiſche ſtehen, um es ſogleich wie⸗ der anſtecken zu können, wenn der Vater kommen würde, welcher die Lampe nicht leiden mochte; dann ſah ſie ſich heute zum erſten Male etwas ängſtlich um, lauſchte nach einem fernen Geräuſch draußen auf der Straße, nahm dann, wie ſie immer in dieſen einſamen nächtlichen Stun⸗ den that, die Bibel und war bald ganz in den Inhalt 33 des ewigen Buches verſunken. Auf ihrem lieblichen und freundlichen Geſichte erglänzte der Wiederſchein der edel⸗ ſten Begeiſterung, deren das menſchliche Herz fähig iſt, die Begeiſterung der Liebe zu Gott, welche noch friſch und jungfräulich, wie der Thautropfen in dem ſich er— ſchließenden Kelche einer Roſe, in ihrem kindlichen, reinen Herzen perlte. Die Uhr der unfernen Domkirche ſchlug in tiefen, langſam verhallenden Tönen die mitternächtliche Stunde, da kam es ihr vor, als ob die Gartenthür geöffnet würde; ſie ſprang auf, zündete raſch die Kerze an, legte die Bibel fort und trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur, dem Vater entgegen, deſſen Tritt ſie erkannte. Biſt du noch auf, mein Kind? ſagte der Ankommende, indem er ſeinen Mantel abnahm und auf das Sopha warf; ich habe dir ſchon ſo oft geſagt, dn möchteſt nicht auf mich warten, ich habe es ungern. Er ſagte daſſelbe jedes Mal, wenn er ſpät in der Nacht nach Hauſe kam, und das geſchah in jeder Nacht; aber Anna blieb deshalb doch immer wieder auf, denn ſie wußte, daß es ihm, ungeachtet dieſer ſtets wiederhol⸗ ten Mahnung, doch angenehm war. Erbärmlich! erbärmlich! ſprach er dann halb laut vor ſich hin, indem er, ohne auf Aennchen weiter zu ach⸗ ten, in der kleinen Stube auf und ab ſchritt; ach, wie ſind die Menſchen doch ſo erbärmlich! Keine Beſtie, die ihnen gleich käme! Warum wundere ich mich, daß ich Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 3 34 eben ſo bin— bin ich nicht auch ein Menſch? Es geht einmal nicht anders, der Eine muß ſtehlen, der Andere morden, oder verleumden, oder betrügen, oder— oder — noch weit Schlechteres, Teufliſcheres thun. Wer's im Kleinen treibt, wird gehängt, wer's im Großen verübt, vergöttert, angebetet, von ihm läßt ſich die Menſchheit mit Füßen treten, maſſenweiſe abſchlachten, vernichten!— ach! Aennchen, mein Kind, ich möchte noch einen Küm⸗ mel trinken, der Wein war ſo ſchändlich ſauer, und die Reden, die ich dabei hinuntergeſchluckt, haben ihn mir im Magen zu Eſſig gemacht. Die Mutter hat den Schlüſſel zum Wandſchrank mit hinüber genommen, erwiederte ſie ſchüchtern. Hole ihn! rief er auffahrend, wer heißt euch alle Schränke vor mir verſchließen? Das junge Mädchen ſtand ſchweigend auf, um zu gehen. Aennchen, ſagte der Mann dann mit weicher, liebe⸗ voller Stimme, als er ſie der Thür ſich nähern ſah, Aennchen, du meinſt wohl, es wäre beſſer, wenn ich Richts mehr tränke.. Die Mutter ſchläft ſchon, ich müßte ſie wecken.. Darauf kommt es nicht an— aber wenn du meinſt, mein Kind, ſo will ich es laſſen— laſſen— laſſen, ſagte er darauf in längeren Pauſen, als ob ſeine Gedan⸗ ken eine ganz andere Richtung genommen hätten. Lieber Vater, bat das Mädchen, indem ſie ſeine blaſ⸗ 35 ſen, nur ſtellenweiſe fieberiſch gerötheten Backen ſtreichelte, willſt du nicht ſchlafen gehen? es iſt ſo ſpät. Laß mich, mein Kind— könnt'ich ſchlafen, ja, könnt' ich ſchlafen, das wäre etwas Anderes! Ja, ſieh, mein Kind, wenn ich ſchlafen könnte, dann wären alle jene Gedanken nicht, jene Gedanken, die— es wäre doch gut, wenn ich noch einen Kümmel tränke, ſagte er dann mit einem verlangenden Blicke nach dem verſchloſſenen Wandſchrank— doch du gehſt nicht, nein, du gehſt nicht, ich wußte es gleich, daß du nicht gehen würdeſt, denn du liebſt mich, ja, ja, du liebſt mich.— Aber wie lange wird's dauern, dann haſt du auch deinen alten Vater vergeſſen! Was iſt an ſo einem alten Vater auch viel gelegen, beſonders an ſo einem, wie ich bin! Was treibſt du dich noch ſo lange hier herum, alter Knabe? Leg dich zur Ruh', zur Ruh'! Hörſt du nicht, es iſt ſchon ſpät! Wenn ich nur ſchlafen könnte, ja, wenn ich endlich ſchlafen könnte! Bei dieſen Worten warf er ſich auf den Stuhl am Klavier, und ſeine Hände fuhren wild über die Taſten, ihnen bald grelle Diſſonanzen, bald traurige und weh— müthige Melodieen entlockend. Anna ſtand mit thränenfeuchten Augen am Tiſch und blickte ängſtlich nach ihrem Vater hinüber, deſſen ſpärliche weißgraue Haare auf ſeinem zum Theil kahlen Kopfe unordentlich durch einander lagen, und deſſen Augen auf die leere Wand ſtarrten. 05 Da ſprang ſchrillend eine Saite, und der Spieler hörte mitten in einem nicht aufgelöſten Akkorde auf. Sie hat ſo ſchön geklungen— dann iſt ſie zerriſſen, zerſprungen!— Ja, ja, ſo geht's, ſo geht's— und doch quält man ſich und ſtimmt ſie— wozu? wozu? rief er, indem er wild auf die Taſten ſchlug— laß ſie ſprin⸗ gen und zerreißen— einmal müſſen ſie's ja doch! Gute Nacht, ſagte er dann nach einer langen, ſtum⸗ men Pauſe— gute Nacht, mein Kind, ich habe heute wieder zu viel Wein getrunken, es waren dumme, un⸗ gereimte Reden, ja, ja, du mußt dich daran nicht keh⸗ ren, mein Kind. Morgen Abend will ich nicht wieder ausgehen, du ſollſt niemals mehr auf mich ſo lange warten. Nun komm, ich glaube, es wird faſt Mitter⸗ nacht ſein.— Sie leuchtete ihm in die gegenüberliegende Stube und ging dann auch. Lange kniete ſie noch betend vor ihrem Bette in der kleinen engen Kammer, und erſt der Gott des Schlafes küßte von ihren langen ſeidenen Wimpern die Thränen fort, welche ihre kindlichen Bitten für das Wohl ihres armen Vaters begleitet hatten. Drittes Kapitel. Roſe Roſen. 3 Obgleich es ſchon ſehr ſpät iſt, ſo können wir doch die Erzählung der Ereigniſſe dieſes Abends noch nicht ſchließen, ſondern betreten mit der uns zuſtehenden Macht, 87 über Zeit und Raum zu verfügen, indem wir um mehre Stunden zurückgehen, nochmals das Weinhaus zum Scepter, in deſſen Geheim⸗Zimmer unſere beiden Freunde zuerſt ihr ungeſtörtes und unbelauſchtes Zwiegeſpräch ge⸗ halten haben. Jetzt gehen wir aber nicht wieder vom Hofe aus die dunkle, ſteile Treppe hinauf, ſondern tre⸗ ten, wie die übrigen Gäſte, durch die Hausthür ein und gelangen ſo in eine gewölbte geräumige, ganz mit Menſchen und mit Tabakrauch angefüllte Stube. Nachdem wir unſere Augen einigermaßen an den letzteren gewöhnt haben, können wir wahrnehmen, daß die Weintrinker größtentheils aus Offizieren beſtehen und der franzöſiſchen Armee angehören, deren neuntes Corps unter dem Befehle Jeròme's zu jener Zeit in Schleſien ſtand, während Napoleon, nachdem er die blutige Schlacht von Eylau geſchlagen, Winterquartier an der Paſſarge bezogen. Es erregte einigermaßen Verwunderung, daß der Erfolg des mit der gänzlichen Vernichtung der preu⸗ ßiſchen Heeresmacht ſo glänzend begonnenen Feldzuges ſo lange auf ſich warten ließ, und man erging ſich, wie immer, in den verſchiedenartigſten Kombinationen über den nahe bevorſtehenden Friedensſchluß. Das 6öſte Bul⸗ letin der großen Armee war ſo eben erſchienen, aber es ging aus demſelben Nichts weiter hervor, als daß die große Armee noch immer, der Ruhe genießend, in ihren Kantonnirungen liege, und einzelne Truppen kleine und ſiegreiche Gefechte mit den Ruſſen beſtanden hätten. In ——————— 3 38 Breslau ſelbſt lagen faſt ausſchließlich baieriſche Trup⸗ pen, und nur wenige franzöſiſche befanden ſich bei dem Jeröme anvertrauten Armee⸗Corps. An einem der Tiſche ging es an jenem Abend be⸗ ſonders lebhaft zu, es ſaßen dort faſt ausſchließlich Offi⸗ ziere, nur wenig Breslauer, und nur ſolche, die ſich be⸗ reits mit der neuen Ordnung der Dinge befreundet hat⸗ ten, oder vielleicht daraus Gewinn zu ziehen dachten. Glauben Sie das nicht, ſagte ein baieriſcher Kapitän mit lauter Stimme zu einem ihm gegenüber ſitzenden Ci⸗ viliſten, ſobald der Winter dort oben in jenen wüſten Gegenden ein wenig nachläßt, haben wir eine Schlacht, und dann iſt die Geſchichte aus! Bah! dieſe Ruſſen, ſie eriſtiren nur in der Kälte, beim Thauwetter ſchmelzen ſie fort, wie die Eiszapfen! Ja, lange kann es nicht mehr dauern, erwiederte der Andere, eine ſchlaue, merkantiliſche Phyſiognomie, der große Kaiſer wird ſie zermalmen, aber mich ärgert's nur, daß es nicht ſchon geſchehen iſt. Aergern Sie ſich immer zu, fiel ein anderer Offizier ein, es müſſen ſich jetzt Viele ärgern, damit wir uns freuen können! Ich gehöre nicht zu denen, die ſich auf dieſe Weiſe ärgern, das wiſſen Sie, ſollte ich denken. Sie haben's wenigſtens oft genug geſagt. Neugierig bin ich, was der große Kaiſer mit Schleſien machen wird; preußiſch können wir doch nicht bleiben! Bah! preußiſch! ſagte wieder der korpulente Kapitän, 39 indem er ein Glas Wein hinuntergoß; ſchade, daß dieſe ziemlich leidliche Provinz, die ich mir ganz anders vor⸗ geſtellt habe, nicht an Baiern grenzt, dann würden wir ſie ſicher erhalten; unſer neues Königreich muß ſich vergrößern. Ja, das verdient es auch, bemerkte der Andere wie⸗ der, das verdient es im vollen Maße; der große Kaiſer, als er Ihren Kurfürſten im vorigen Jahre zum Könige machte, wird ihm auch Land und Leute geben, wie es einem Könige geziemt. Das hat er ſchon gethan, rief der Kapitän, und wird's noch mehr thun; er weiß auch, was er an uns Baiern hat— Schleſien, fuhr er ſinnend fort, den Holters gönn' ich's auch nicht, aber man könnt's ihnen geben und uns ein Stück von ihren Ländern, Salzburg zum Beiſpiel und was ſo darum herliegt, das würde uns gerade paſſen. Haben Sie ſchon die neueſte Verordnung Sr. Kai⸗ ſerlichen Hoheit des Prinzen Jeröme geleſen? bemerkte ein anderer Offizier, das geiſtreiche politiſche Geſpräch unterbrechend; es ſollen ſich wieder viele verkleidete preu— ßiſche Offiziere im Lande herumtreiben. Ach, wer kann all die vielen Verordnungen leſen! erwiederte der Kapitän, indem er wieder ſein Glas leerte; das Geſchäft eines Soldaten beſteht nicht im Leſen, ſou⸗ dern im Handeln, im Fechten! Doch möchte uns dieſe Verordnung nahe genug an⸗ gehen, um uns damit bekannt zu machen, Kapitän, erwiederte der Lieutenant, ſeinen Schnurrbart drehend. 40 Nun, was ſteht denn in dem Ding? Schießen Sie endlich los. Es ſteht darin, daß viele verkleidete preußiſche Offi⸗ ziere und Unteroffiziere das Land durchziehen, um Re⸗ kruten für die Garniſonen in Reiſſe, Koſel und Glaz zu werben. Die Commandeurs der Truppen und alle Of— ſiziere, welche detachirte Kommando's führen, ſollen ſol— chen Anwerbern nachſpüren, damit dieſe im Ergreifungs⸗ falle ſofort vor eine Militär-Kommiſſion geſtellt werden können... Die kurzen Prozeß mit ihnen machen wird, todtſchie⸗ ßen— wozu erſt noch lange Kommiſſionen! Für diejenigen jungen Leute, welche ſich ohne Erlaub— niß aus ihren Ortſchaften entfernt haben, ſollen eben ſo viele der reichſten Einwohner feſtgeſetzt werden... Das iſt recht, das wird ſchon helfen! Für drei ſolcher weggelaufenen und namhaft gemach⸗ ten Kerle aus Ober-Dammer ſind bereits drei reiche Bauern eingezogen und ſitzen hier im Loch. Wozu erſt ſitzen? Todtſchießen! Wozu noch füttern? Die Kanaillen müſſen ſehen, daß es Ernſt iſt— aber s wird immer helfen, und ich wünſchte, man gäbe mir ein ſolches Kommando, ich würde die Kerle ſchon zu fin⸗ den wiſſen. Das Garniſonleben hier fängt an, mich zu langweilen. Hören Sie dieſe renommirende Soldateska! flüſterte der junge Banquier Roſen ſeinem Gefährten zu, mit 41 dem er an einem kleinen Pfeilertiſche Platz genommen hatte, es iſt kaum auszuhalten! Sie haben Recht, erwiederte der Andere, indem er durch die ſcharfen Gläſer ſeiner Brille einen ſpöttiſchen Blick über die wohlbeleibte Geſtalt des dicken Kapitäns ſtreifen ließ; Sie haben ganz Recht, mein Freund, aber wir werden uns gewöhnen müſſen, noch weit Aergeres, noch viel mehr auszuhalten und zu ertragen—„und der Reſt iſt Schweigen.“ Ich mag's wenigſtens heute nicht länger anhören; meine Frau wird ohnehin mit dem Eſſen warten; wenn Sie nichts Beſſeres vorhaben, ſo nehmen Sie bei uns fürlieb, einfach, aber gern geſehen! Sie machen mich immer mehr zu Ihrem Schuldner, aber Ihr Anerbieten iſt zu verlockend, um mich auch nur durch eine beſeitigt ſein wollende Weigerung der Gefahr auszuſetzen, es nicht realiſirt zu ſehen. So gehen wir denn, ſagte Roſen.— Die beiden jungen Männer verließen die Trinkſtube und betraten bald die Wohnung des Banquiers. Dieſer, welcher erſt im vorigen Jahre das Geſchäft ſeines damals verſtorbe— nen Vaters übernommen hatte, befand ſich wie ſein Ge— fährte in der letzten Hälfte der Zwanzig, alſo in einem Lebensalter, welches man mit Recht die Jugend des Mannes nennt. Erſt vor ein paar Monaten hatte er ſich mit einem reichen und zugleich ſchönen jungen Mäd⸗ chen, einer Wienerin, verheirathet und lebte ſonach in Verhältniſſen, welche wir nach der allgemeinen Auffaſ⸗ ſung als ſehr glückliche bezeichnen müſſen. Aber auch ein tieferes Hineinblicken in dieſelben, welches ſo oft den äußeren Firniß von den zur Schau geſtellten Glücks⸗De⸗ korattonen abſtreift, ergab, daß hier alle Bedingungen zu einem ſorgenfreien und heiteren Lebensgenuſſe vorhan⸗ den waren. Roſen ſelbſt war das, was man gewöhn⸗ lich einen hübſchen Mann nennt; denn wenn auch ſeine Züge die vrientaliſche Abſtammung nicht gänzlich verleug⸗ neten, ſo beſtanden dieſe Ueberbleibſel gerade in dem edel⸗ ſten Typus der jüdiſchen Rage, und die lange, nur mä⸗ ßig gebogene Naſe, die ſchwarzen, nicht nahe zuſammen⸗ ſtehenden, milden Augen, das dunkle lockige Haar, welches ſich in gleicher Weiſe im Barte fortſetzte, und die ſchlanke wohlproportionirte Geſtalt gaben ſeiner ganzen Erſchei⸗ nung einen zwar immerhin etwas fremdartigen, aber angenehmen Ausdruck. Er war außerdem nicht nur als ein reicher, ſondern auch als ein gebildeter Mann, wenn auch nicht gerade von beſonders ſcharfem Verſtande, bekannt. Seine junge Frau, in deren Adern offenbar auch etwas, wenn auch ſchon öfter vermiſchtes, orientaliſches Blut floß, galt mit Recht für eine Schönheit erſten Ranges. Groß, vielleicht mit der Anlage, in ſpäteren Jahren zu voll zu werden, zeigte ihre Geſtalt jetzt alle Formen in einer an das Ueppige ſtreifenden Vollendung,— ein Eindruck, welcher durch glänzende, große ſchwarze, von langen Wimpern eingeſäumte Augen, eine feine Naſe und einen etwas ſinnlichen Mund keinesweges gemildert wurde. Ihr Mädchenname hieß Roſalie von Mehrbach, der Vater war ein geadelter Banquier, im Hauſe ihrer Eltern wurde ſie Roſe genannt; da ſie jetzt den Banguier Roſen geheirathet hatte, ſo war es ihr unangenehm, Roſe Roſen zu heißen, und ſie nannte ſich daher Roſalie, und auch ihr Mann durfte ſie nicht anders rufen, ob⸗ gleich er ſich ſo gern des Namens Roſe bedienen wollte. Es hatte dieſer Namensſtreit zu vielfachen kleinen Neckereien Veranlaſſung gegeben und war dadurch in den Mund aller Bekannten gekommen, ſo daß die junge Frau nun nie mehr anders als Roſe Roſen genannt wurde. Dadurch hatte ſie ſelbſt Gefallen daran gefunden und ſich Viſitenkarten, umgeben von einer gepreßten Roſen⸗ guirlande, mit dem Namen Roſe Roſen, geborene von Mehrbach, ſtechen laſſen. Mit einer ſolchen in der Hand trat ſie eines Morgens zu ihrem Manne, ſie ihm lächelnd überreichend. Nun darfſt du mich wieder Roſe nennen, ſagte ſie; ihr Männer müßt einmal euren Willen haben. Er hatte ſie darauf recht herzlich geküßt, und von dem Tage an hieß ſie wieder Roſe, wie wir ſie daher im Laufe unſerer Erzählung ebenfalls nennen werden. Biſt du endlich da, Bernhard? rief die junge Frau, als dieſer mit ſeinem Gaſte in die Stube trat; wie lange du mich haſt warten laſſen! Mit dieſen Worten ſchlang 44 ſie ihre Arme um ſeinen Hals und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen. Pfui! wie deine Haare wieder nach Tabak riechen, man muß ſich ordentlich ſcheuen, ſie zu berühren! fuhr ſie fort, indem ſie ihre beringte, von Diamanten blitzende Hand raſch durch ſeine Locken zog und dieſe wild durch einander warf— wie du nur in einer ſo widerlichen Wirthsſtube dich ſo lange aufhalten kannſt! Sei nicht böſe, liebe Roſe, erwiederte ihr Gatte, in⸗ dem er ſeine Hand um ihre ſchlanke Taille ſchlang und ſie zärtlich an ſich drückte, ich habe dir zur Entſchädi⸗ gung für mein längeres Ausbleiben auch einen Gaſt mit⸗ gebracht, der dir angenehm ſein wird. Seien Sie herzlich willkommen, Herr Aſſeſſor, ſagte die junge Frau, ohne ihre Stellung in dem Arme ihres Mannes zu verlaſſen, ſeien Sie herzlich willkommen und bieten Sie ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, um mich für die ausgeſtandenen Qualen des Wartens zu entſchä⸗ digen. Nein, Bernhard, fuhr ſie fort, indem ſie mit einer gewiſſen Coquetterie ſeinem Arme ſich entwand, eigentlich hätte ich dich nicht ſo freundlich empfangen dürfen. Es iſt auch nur geſchehen, weil Sie zugegen waren, Herr Aſſeſſor, damit Sie keinen zu ſchlechten Be⸗ griff von unſerer Ehe bekommen; aber wenn es noch⸗ mals vorkommt und du biſt allein, Bernhard, dann wird Alles nachgeholt, und du ſollſt in einer ganzen Viertel⸗ ſtunde kein Wort von mir hören. 45 Das iſt eine zu ſchreckliche Drohung, Roſe, als daß ich mich ihrer Verwirklichung ausſetzen könnte; wein, nein, ich werde nie mehr zu ſpät kommen. Denke nicht, daß ich dir glaube, du Heuchler! Der böſe Vorſatz ſchlummert jetzt ſchon in deinem ſchwarzen Herzen— aber ich dächte, es wäre wirklich Zeit, nun endlich zu Abend zu eſſen, und wenn Alles verdorben und verbrannt iſt, Herr Aſſeſſor, ſo rechnen Sie es mir nicht zu, ſondern nur der ſchlechten Aufführung dieſes Mannes da. Der dich aber doch vorher noch einmal küſſen muß. Sie ließ es willig geſchehen, legte dann ihren Arm in den ihres Mannes und führte dieſen, indem ſie den Aſſeſſor bat, zu folgen, in das anſtoßende Zimmer, wo ein kleiner Tiſch gedeckt war.— Jean, noch ein Cou⸗ vert! befahl ſie dem wartenden Bedienten, und nun, meine Herren, bitte ich, ſich zu ſetzen; wenn Sie ſich nicht ſchon an den abſcheulichen Speiſen im Wirthshauſe geſättigt haben, ſo nehmen Sie mit dieſen wenigen und mit der Freundlichkeit der Wirthin fürlieb. Das Eſſen war einfach, bekundete jedoch ſowohl in der Wahl, als in der Zubereitung überall Wohlſtand, ſelbſt Reichthum. Daſſelbe ging aus der Einrichtung der Zimmer hervor, in deren weiche Teppiche der Fuß ungehört einſank, und die im Ganzen, nach dem etwas ſteifen Geſchmack der damaligen Zeit, ſehr reich, vielleicht etwas überladen und prunkend ausgeſtattet waren. Das ——— 46 Geſpräch bewegte ſich heiter und launig, meiſt um Dinge, die für ein junges, noch in den Flittermonaten lebendes Ehepaar von beſonderer Wichtigkeit ſind und für einen Dritten, wenn er für Frauenſchönheit und Liebesluſt empfänglich iſt, viel des Reizvollen haben. Der junge Aſſeſſor Haller gehörte nicht nur zu die⸗ ſen empfänglichen Menſchen, ſondern wußte auch ver⸗ möge der ihm zugetheilten geiſtigen Begabung dieſer Empfänglichkeit in einer angenehmen und häufig die Grenze des Pikanten ſtreifenden Form einen feſſelnden Ausdruck zu verleihen. Er galt bei Allen, die ihn kann⸗ ten, für einen geſcheidten, witzigen und kenntnißreichen jungen Mann, und es kannten ihn ſehr Viele; denn er beſaß zugleich die Gabe, ſein Licht nicht unter den Schef⸗ fel zu ſtellen, ſondern es überall leuchten zu laſſen; aber von allen den Vielen, die ihn kannten, kannte ihn doch eigentlich Niemand näher. Er befand ſich ſeit einem halben Jahre in Breslau, war kurz vor der unglücklichen Schlacht als Aſſeſſor bei der Kriegs- und Domainen⸗ Kammer nach glänzend beſtandenem Examen angeſtellt und in dieſer Zeit eine ſehr bekannte Perſönlichkeit ge⸗ worden, ja, er hatte ſogar, obgleich der jüngſte Aſſeſſor, durch die Energie, mit welcher er ſich in der kritiſchen Zeit benommen, eine Art von Ruf erlangt. Seine Per⸗ ſönlichkeit war ſonſt Nichts weniger, als bedeutend; ein rundes, ziemlich volles Geſicht, kleine, aber geſcheidte uno mit einer ſcharfen Brille bewaffnete Augen, ein Mund, 47 deſſen ſchmale Lippen er häufig ſo zuſammenzog, daß ſie ganz unſichtbar wurden, gänzlich ohne Bart und von etwas korpulenter, gedrungener Geſtalt, machte er den Eindruck eines Menſchen, der vorzugsweiſe materiellen Genüſſen ergeben iſt, einen Eindruck, der, wenn man ihn ſprechen hörte oder in ſeine klugen, kleinen Augen ſah, zwar keineswegs aufgehoben, aber doch vollſtändig dahin berichtigt wurde, daß in dieſem ziemlich umfang⸗ reichen und ſehr nahe auf den Schultern ruhenden Kopfe diejenigen Fähigkeiten des Menſchen, welche man Ver— ſtand zu nennen beliebt hat, in hohem Grade ausgebil⸗ det ſeien. Sie ſagen das ſehr ſchön, und Ihre Erklärung iſt geiſtreich wie immer, aber es iſt doch unrichtig, unter⸗ brach ihn die junge Frau in einer längeren Rede, nach⸗ dem man beim Deſſert angelangt war, der Bediente eine Flaſche Champagner im ſilbernen Eiskühler hingeſtellt und ſich entfernt hatte; was iſt das für ein unbeſtimm⸗ tes, unverſtändliches Ding, welchem Sie die Leitung der Welt übertragen wollen? Nicht die Leitung, meine ſchöne Frau; es wundert mich gar nicht, daß Sie ſich unter dem Leiter der Welt eine Perſon vorſtellen, welche ſich damit befaßt und alle die Milliarden kleiner Wünſche der durch die Naturkräfte hervorgebrachten Geſchöpfe anhört und nach Umſtänden gewährt oder abſchlägt. Sie denken dabei gewiß an Ihren Gemahl; denn irgend eine Geſtalt müſſen Sie 48 dieſem perſönlichen Gotte doch geben, und die Lehre von der Liebe iſt dem menſchlichen Herzen ſo zuſagend, be⸗ ſonders in dem beneidenswerthen Stadium, wo ſich das Ihrige befindet, daß ich mich nicht ferner verſündigen will, um Sie dieſe troſtvolle Ueberzeugung bezweifeln zu laſſen. Das würde Ihnen dennoch nicht gelingen, wenn Sie auch alle Ihre tiefſinnigen Lehrſätze und Schlüſſe zum Beſten geben wollten.— Du ſchenkſt gar nicht ein, Bern⸗ hard, unterbrach ſie ſich.— Sehen Sie, ich habe nur eine einzige Befürchtung, nämlich die, daß Sie meinen in ſolchen Dingen weniger feſten Mann für Ihre An⸗ ſichten gewinnen könnten, und das würde mich ſehr ſchmer⸗ zen. Verſprich mir, Bernhard, daß du nicht mehr mit dem Aſſeſſor über dergleichen Dinge reden willſt, und von Ihnen verlange ich daſſelbe Verſprechen. Wollen Sie es mir geben? Von Herzen gern, verehrungswürdige Frau, ſagte lächelnd der Aſſeſſor, indem er ihre dargebotene Hand küßte; ich kann es um ſo mehr, als ich gar nicht meine eigene Ueberzeugung ausgeſprochen habe. Aber Sie verfochten doch dieſe Anſicht ſo lebhaft und Ich that es nur, um Ihnen ein wenig zu widerſpre⸗ chen, um mir den Genß zu verſchaffen, Sie ſich für Gott und Unſterblichkeit, für die höchſten Wahrheiten des Lebens begeiſtern und dieſe Begeiſterung in Wort und Blick in einem ſchönen Bilde verkörpert zu ſehen. 49 Sprechen Sie jetzt wirklich die Wahrheit? fragte ſie ungläubig. Halten Sie mich für ſo thöricht, daß ich glauben ſollte, es gäbe eine Uhr und keinen Uhrmacher, der ſie gemacht hat, auch wenn ich ihn nie geſehen habe und weiß, daß ich ihn nie ſehen werde? Iſt die Schöpfung nicht ein Werk, das nach ewigen Geſetzen, wie die Uhr, nach dem der Bewegung und der Schwere, geſchaffen iſt, wenn ein ſolcher Vergleich gemacht werden kann? Würde es nicht abſurd ſein, anzunehmen, dieſes ſo kunſtvolle Werk wäre durch ſich ſelbſt, durch den Zufall, oder wie man es ſonſt nennen will, entſtanden? Kann es eine unſinnigere Behauptung geben von allen denjenigen, welche, weil uns die Ergründung der Endurſache der Dinge verſagt iſt, irgend ein Phantom unſerer Phantaſie dafür hingeſtellt haben? Glauben, meine ſchöne Frau, muß jeder Menſch, all' unſer Wiſſen iſt kaum der Rede werth, auch der abſtrakteſte Philoſoph iſt mit ſeiner Weis⸗ heit ſchnell fertig und ſtellt dann Glaubensſätze auf, Nichts weiter— bleiben wir daher bei dem Glauben unſerer Kindheit, bei dem Glauben der Liebe, was kann es Beſeligenderes, Beglückenderes geben, als dieſen! Hörſt du es, Bernhard? ſagte die junge Frau mit einem Blicke, der die Lehre der Liebe zu verkörpern ſchien; o, wie freut es mich, daß Sie kein Freigeiſt ſind! Der beneidenswerthe Gatte antwortete jedoch nur durch ein etwas gezwungenes Lächeln, denn die Aeuße⸗ Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. l. 4 fünfzig 50 rung des Aſſeſſors: bleiben wir daher bei dem Glauben unſerer Kindheit, hatte ihn unangenehm berührt, da er den ſeinigen vor kurzer Zeit verlaſſen, und, wie er ſich bewußt war, nicht aus dem inneren Drange ſeines Her⸗ zens, ſondern weil die unterſcheidungen beider Religionen für ihn ohne Werth waren, ſeine Stellung in der bür⸗ gerlichen Geſellſchaft und namentlich die Heirath mit Roſe den Uebergang zum Chriſtenthume aber zur Noth⸗ wendigkeit gemacht hatte. Die Herren werden gewiß noch etwas plaudern und auch wieder der abſcheulichen Gewohnheit des Rauchens fröhnen wollen; ich will daher nicht ſtören, bemerkte die junge Frau, indem ſie ſich erhob; aber— bleibe nicht wieder zu lange auf, Bernhard, fügte ſie mit leiſerer 6 Stimme hinzu, du weißt, es bekommt dir nicht. Ich werde Sorge tragen, daß Ihr Herr Gemahl ſich morgen nicht unwohl befinde, erwiederte der Aſſeſſor mit einem zweideutigen Lächeln, und mich möglichſt bald entfernen. Gute Nacht, ſchlafen Sie wohl! ſagte ſie, ohne ihren Blick zu erheben, und verſchwand dann hinter dem blu⸗ mengewirkten wollenen Vorhang, welcher die Thür des Nebenzimmers bedeckte. Hier, mein Freund, nahm Roſen jetzt das Wort, hier iſt vorzüglicher türkiſcher Tabak, ein Geſchenk meines Schwiegervaters, und hier ſind die dazu paſſenden Pfei⸗ ſen; machen wir es uns bequem, vergeſſen wir, daß wir — 51 in einer gebrandſchatzten Stadt Preußens leben, und träumen uns in die Gefilde des Morgenlandes. Schön, ſchön, erwiederte der Aſſeſſor, indem er ſich die Pfeife anzündete und aus der dicken Bernſteinſpitze mit dem Genuſſe eines erfahrenen Rauchers einige kräf⸗ tige Züge that, ſehr ſchön! Es kann Ihnen nicht ſchwer fallen, ſich ſolchen Phantaſieen hinzugeben, fuhr er dann mit einem Blicke auf den Vorhang an der Thür fort, aber bei mir, bei meinem ruheloſen und einſamen Da⸗ ſein iſt das ſchon ſchwieriger; überdies bin ich in Be⸗ ziehung auf die Einbildungskraft nur ſtiefmütterlich von der Natur bedacht worden; dennoch will ich es verſuchen, denn dieſer Tabak iſt köſtlich. Sie äußerten neulich, als wir in ähnlicher Weiſe plauderten, Sie wollten mir Ihre Geſchichte erzählen; halten Sie mich eines ſolchen Vertrauens noch werth, und dünkt Ihnen dieſe Stunde dazu geeignet? Ich weiß kaum, ob ich Ihnen einen Gefallen damit erzeige, ob es nicht beſſer iſt, gerade weil Sie mir ſchon ſo viele Beweiſe Ihrer Freundſchaft gegeben haben, Sie nicht zum Mitwiſſer und Bewahrer meiner Jugendthor⸗ heiten und Jugendſünden zu machen, und doch fühle ich das dringende Bedürfniß, einmal Einem Menſchen, dem ich vertrauen kann, mein Herz zu erſchließen, um wenig⸗ ſtens von Einem ganz und vollſtändig erkannt zu werden. Wenn Sie dieſes Vertrauen wirklich zu mir haben, 52 8 ſo reden Sie, ich habe das Vertrauen zu mir ſelbſt, daß Sie ſich nicht täuſchen werden. Es iſt ſchon ſpät und meine Geſchichte nicht kurz, denn ich muß weit zurückgehen. Je länger Sie zögern, um anzufangen, um ſo ſpäter wird es werden. Nun, ſo hören Sie; ich werde abbrechen, wenn es Zeit iſt, mein Verſprechen gegen Ihre Frau zu erfüllen. viertes Kapitel. Die Erzählung des Aſſeſſors. Mein Vater war ſächſiſcher Artillerie⸗Major, ich ſelbſt bin ein geborener Sachſe; er iſt eigentlich noch Major, aber ſchon ſeit längeren Jahren in Ruheſtand verſetzt, und lebt von einer dürftigen Penſion. Mich, ſeinen einzigen Sohn, hatte er ebenfalls zur militäriſchen Laufbahn be⸗ ſtimmt. Hätte ich ſie verfolgt, ſo ſtände ich jetzt viel⸗ leicht als Offizier ebenfalls hier in Breslau, oder befände mich bei der Armee des großen Kaiſers hinten an der Weichſel, oder wäre bereits todtgeſchoſſen, was das Wahr⸗ ſcheinlichere iſt. Man brachte mich in eine Kadetten⸗ Anſtalt, in welcher ich als Knabe von zehn Jahren ſchon in eine Kompagnie trat, exerciren lernte und von pedan⸗ tiſchen, ſteifen, militäriſchen Lehrern vollſtändig um meine Kindheit betrogen wurde. Sie werden es kaum für mög⸗ — 53 lich halten, wie ſehr ein ſolches Zuſammenleben ſo vieler Knaben, das ſtete Feſthalten und Nachäffen militäriſcher Formen dieſe Kinder benachtheiligt, welche bemüht ſind, den erhabenen Stand, wonach ſie ſtreben, den Lieutenant, von der verwerflichſten Seite aufzufaſſen. Mit vierzehn Jahren hatte ich ſchon mehrere Duelle, allerdings nur mit ſtumpfen Rappieren, und auch bereits einige Liebſchaf⸗ ten gehabt, die zwar als ſolche jenen Duellen ziemlich gleich ſtanden, von denen aber mit einer Frivolität, mit einem Leichtſinn geredet wurde, die einem erfahrenen Rous Ehre gemacht haben würden, in dem Munde halber⸗ wachſener Knaben aber etwas Schreckenerregendes haben. Mit fünfzehn Jahren wurde ich aus beſonderer Gunſt, obgleich nicht adelig, in einem Infanterie⸗Regiment Fähn⸗ rich. Meine geiſtige Ausbildung war ſehr unbedeutend, obgleich ich, auch als Kadett, dazu ſtets größeren Hang als meine Kameraden gezeigt hatte. In meinem neuen Garniſonsorte machte ich die Bekanntſchaft eines Gym⸗ naſiaſten, deſſen reicher Vater den beſchränkten Fähigkei⸗ ten ſeines Sohnes durch Privat-Unterricht nachhelfen ließ. Ich betheiligte mich daran, half ihm bei ſeinen Arbeiten und machte auf dieſe Weiſe, ohne das Gymnaſium be⸗ treten zu haben, den Kurſus der beiden oberen Klaſſen mit durch. Dort habe ich mir das erworben, was man Schulbildung nennt, welche ich als die Grundlage jeder anderen anſehe. Im Dienſt war ich lau und läſſig, und als mein Freund zur Univerſität ging, und ich zum zwei⸗ 54 ten Male beim Offizierwerden übergangen wurde, ſuchte ich abſichtlich ein Duell, beging außerdem ein grobes Subordinations⸗Vergehen und wurde, nachdem man mich vorher vier Wochen eingeſperrt hatte, als unwürdig zum Offizier, entlaſſen. Das wonnige Gefühl, mit dem ich an einem herr⸗ lichen Sommermorgen zum erſten Male in meinem Le⸗ ben, des militäriſchen Zwanges ledig, in der angenehmen Bequemlichkeit eines geliehenen Civil-Anzuges meinen bisherigen Garniſonsort verließ, wird mir immer un⸗ vergeßlich bleiben. Ich hätte auffliegen mögen mit den Lerchen, um mit ihnen zu jubeln, was ich ſo nach Kräf⸗ ten ebenfalls that, obgleich mir die Natur jedes Talent für ausübende Muſik verſagt hat. Von meiner Zukunft entwarf ich mir roſige Bilder, denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß mein Vater, wenn der Sturm über meine Entlaſſung aus dem Mi⸗ litärſtande ausgetobt, mich auf die Univerſität ſchicken würde, welche ich damals als das Ziel aller meiner Wünſche betrachtete. Ich hatte mich jedoch in meinem Vater vollſtändig geirrt. Das väterliche Haus(meine Mutter war ſchon früh geſtorben, ſo daß ich mich ihrer gar nicht mehr er⸗ innere) blieb für mich immer ein fremder Ort, aus dem ich in früher Kindheit entfernt worden, und wohin ich in jedem Jahre nur einmal auf kurze Zeit zurückgekehrt war. Ich ſah dann meinen Vater, einen großen, ern⸗ * „— 50 ſten, ſtrengen und ſchweigſamen Mann, der nur ſehr wenig mit mir verkehrte und ausſchließlich den Kanonen, Pferden und den damit beſchäftigten Soldaten lebte. Meine Entlaſſung war ihm bereits angezeigt worden. Als ich zum erſten Male, von frohen Hoffnungen belebt und mit des Herzens Bedürfniß, meinen Vater zum Ver⸗ trauten meiner Leiden und meiner Vorſätze zu machen, das elterliche Haus wieder betrat, da wurde ich von der Ordonnanz in ein beſonderes Zimmer gewieſen und dort eingeſperrt. In der Einſamkeit dieſer Gefangenſchaft, gegen welche ſich mein Gefühl empörte, ſchwand der Reſt von Liebe, den ich für meinen mir ſtets fremd gebliebenen Vater empfunden, und ich war eben damit beſchäftigt, einen Fluchtverſuch auszuführen, um auf und in die Welt zu gehen, als ich am Morgen des neunten Tages zu mei⸗ nem Vater geführt wurde. Ich fand ihn in voller Uniform, den Degen an der Seite; er betrachtete mich eine Zeit lang, ehe er ſprach, aber ich vermochte nicht die geringſte Spur von Theil⸗ nahme oder Liebe auf ſeinem Geſichte zu leſen. In je⸗ nem Augenblicke gab ich mir ſchweigend das feierliche Verſprechen, eben ſo wenig, wie er es that, jemals Liebe oder Hingebung für ihn zu äußern, ſo unendlich wohl es mir auch gethan haben würde, wenn er jetzt noch ſeine Arme geöffnet und, mir vergebend, mich an ſein Herz geſchloſſen hätte. Das mir damals ſelbſt gegebene 56 Verſprechen habe ich leider bis auf die jetzige Stunde unverbrüchlich gehalten. Du biſt als unwürdig aus dem Soldatenſtande ge⸗ ſtoßen worden, ſagte er dann in einem Tone, wie man ungefähr ein kriegsrechtliches Erkenntniß publicirt, du biſt entehrt und haſt deinen und leider auch meinen bisher makelloſen Namen beſchimpft!— Schweige! fuhr er fort, als ich einen Einwand erheben wollte, ſchweige, ich habe Alles geleſen. Du wirſt fortan meinen Namen nicht mehr führen... Das möchte denn doch lediglich von meinem Willen abhängig ſein, bemerkte ich und konnte ein ſpöttiſches Lächeln nicht unterdrücken. Ich weiß das, Bube, fuhr mein Vater fort, indem die Röthe des Zornes ſein Geſicht höher färbte, aber ehe ich mich von dir losſage... Sie wollen mich verſtoßen, Vater? rief ich in jäher Angſt Bevor ich mich von dir losſage für immer, ſetzte er, beſonderen Nachdruck auf die zwei letzten Worte legend, hinzu, bevor ich dies thue, will ich einen Vertrag mit dir ſchließen, ich denke, du wirſt ihn annehmen. Ich gebe dir das Erbtheil deiner Mutter, beſtehend in zwölf⸗ hundert Thalern, damit kannſt du ſchalten und walten, wie du willſt, thun und treiben, was du willſt, aber— du führſt nicht mehr meinen Namen, ſondern den deiner Mutter. ———— 57 Frei ſein, dazu die Mittel, meinen ſehnlichſten Wunſch, zu ſtudiren, erfüllt zu ſehen, wie das lockend und herr⸗ lich klang! Ich hatte Mühe, meine Ueberraſchung und Freude zu verbergen. Wenn meine gute Mutter noch lebte, ſagte ich mit feſter Stimme, ſie würde mich nicht verſtoßen, weil ich einen Stand aufgegeben, zu welchem ich gegen meinen Willen in bewußtloſer Kindheit gepreßt worden bin, ſie würde mild ſein, und ihr Herz würde Liebe für mich, ihr Kind, empfinden— ſie iſt leider nicht mehr, iſt leider für mich niemals geweſen, dennoch liebe und verehre ich ſie, werde mit Freuden ihren Namen tragen und mit dem, was ſie mir ſchenkt, meine Aus⸗ bildung zu einem mir zuſagenden Berufe bewirken. Ich habe dieſe Antwort vorausgeſehen, Franz, erwie⸗ derte mein Vater, ohne daß die Mienen ſeines Geſichtes ſich veränderten; hier haſt du einen Paß auf den Namen Malin lautend, und in dieſem Beutel befinden ſich die 1200 Thaler. Unterſchreibe jetzt dieſen Revers, wodurch du dich verpflichteſt, den Namen Haller nie mehr zu führen. Mit einem raſchen Federzug unterſchrieb ich dieſes lächerliche Dokument, worin ich, ein 1Sjähriger mino⸗ renner Knabe, mich verpflichtete, ſo lange ich leben würde, dem Namen Haller zu entſagen. So, fuhr mein Vater fort, hier iſt Geld und Paß — unſer Geſchäft iſt beendet. Deine wenigen Sachen, die du mitgebracht, ſind gepackt, und draußen hält ein Wagen, der dich, ganz nach deiner Wahl, bis auf eine der nächſten Stationen fahren wird. Adieu! Bei dieſen Worten drehte er ſich um und ſchien ſich weiter nicht mehr um mich zu bekümmern; ich ſtand einige Minuten, nur mit Mühe mich beherrſchend, we⸗ nigſtens ſeine Hand wollte ich noch einmal ergreifen— dann, meines mir gegebenen Verſprechens eingedenk, nahm ich Paß und Geld und ging langſam aus dem Zimmer, ohne mich umzuſehen. So ſchied ich aus dem Hauſe meines Vaters. Aber es iſt ſpät, es ſchlägt ſchon 11 Uhr, bemerkte der Aſſeſſor, Ihre Frau wartet, Roſen, laſſen Sie mich daher abbrechen und Ihnen ein ander Mal die Fortſetzung liefern, wenn Sie es überhaupt intereſſirt. Wie können Sie nur daran zweifeln?— meine Frau ſchläft jetzt, und es iſt nun ganz gleichgültig, ob ich etwas früher oder ſpäter komme, Sie werden nicht ſo grauſam ſein, aufzuhören. Wenn Sie es wünſchen, fahre ich gern fort: Ich reiſte natürlich nach derſelben Univerſitätsſtadt, wo mein Freund ſtudirte, und wurde dort auf Grund meines Paſ— ſes und der Zeugniſſe anderer Studenten immatrikulirt, was auf den Univerſitäten der deutſchen Klein-Staaten nicht ſchwierig iſt. Meinen Namen Malin, den ich nun führte, änderten die Studenten bald in Maling um— ſo nannten bekanntlich die Mexicaner den Eroberer Cor— tez.— Als Maling, Freund, habe ich die glücklichſten, 50 heiterſten, von keinem Kummer, ſelbſt kaum von einer Beſorgniß getrübten Tage verlebt. Alle Gedanken waren ſtets nur auf das Heute gerichtet, nicht einmal auf das Morgen, nur dann, wenn eine Fahrt, ein Kommers oder eine Paukerei bevorſtand.— Die Zukunft? O! die Zu⸗ kunft mit all' ihren ernſt mahnenden Geſtalten, wie ſie immer zu Zeiten vor die Seele jedes nur einigermaßen nachdenkenden Menſchen tritt— eine ſolche Zukunft gab es für uns gar nicht! Ein Jahr lang lebte ich ſo in Saus und Braus, und als es verfloſſen war, fand ich, daß ich meine Kenntniſſe nur ſehr wenig bereichert, in meine Kaſſe dagegen eine bedeutende Lücke hineingewirth⸗ ſchaftet hatte. Dies rief einiges Nachdenken bei mir her⸗ vor. Nicht die Liebe zum Gelde, denn das Geld war und iſt mir gleichgültig, nur ein Mittel zum Zweck, ſon⸗ dern der Gedanke, wahrſcheinlich in der Erreichung meines Zieles behindert zu werden, ließ mich den Entſchluß faſ— ſen, meine bisherige Lebensweiſe gänzlich zu ändern. Ich that dies mit der Entſchiedenheit und der Kon⸗ ſequenz, die, wie ich glaube, meinem Charakter eigen iſt; ich zog mit einem armen Studenten der Theologie zu⸗ ſammen in eine Stube, für die wir beide monatlich drei Gulden bezahlten; wir ließen uns das Eſſen, 14 Portion für ſechs Kreuzer, holen und hungerten gemeinſchaftlich, nachdem wir dieſe ſchlechten und mageren Speiſen ver⸗ ſchlungen hatten. Ich ſparte mit Konſequenz Wochen, zuweilen auch ſogar Monate lang, dann mußte aber ein 60 Exceß kommen und die Befriedigung der ausſchweifendſten Wünſche bringen— anders konnte ich's nicht. Ein ſol— ches Leben koſtete ungefähr eben ſo viel, als wenn ich im Ganzen anſtändig, aber ſolide gelebt hätte; aber das ewige Einerlei war und iſt mir zuwider— ich würde eines jeden Genuſſes überdrüſſig werden, wenn ich ihn regelmäßig nach Zeit und Ordnung mir verſchaffen müßte. Es giebt nur Ein Ding, bei dem ich peinlich in Ord⸗ nung und Regelmäßigkeit bin— das iſt die Arbeit— in allem Uebrigen aber Ungebundenheit, Freiheit, Ab⸗ wechslung. Von meinen Kameraden hatte ich meiner veränderten Lebensweiſe wegen Manches zu leiden und mußte mich öfter deshalb herumhauen. Wie es immer geht, daß derjenige, welcher eine gute Sache verſicht, ge⸗ wöhnlich unterliegt,— hören Siez. Bjetzt als Beweis den Tritt der franzöſiſchen Patrouille,— ſo zog auch ich gerade in dieſen Duellen faſt immer den Kürzeren, und die beiden kleinen Narben in meinem Geſicht, ſo wie einige andere bedeutendere, nicht ſichtbare verdanke ich dem ſelbſt nur theilweiſe zur Ausführung gebrachten Vor⸗ ſatze, ein ſolides Leben zu führen. Mein Stubenburſche, ein ſtiller, etwas beſchränkter evangeliſcher Theologe, dabei arm und ſchüchtern, betrieb theilweiſe von meinem Gelde und theilweiſe unter meinem Schutze ſeine Studien. Sein Vater war Kantor in einer ungefähr ſechs Meilen von unſerer Univerſität in den Bergen gelegenen kleinen Stadt, und da des Theologen 61 Triennium aus war, er aber noch ſehr Vieles zu repe⸗ tiren hatte, ſo nahm ich ſeine Einladung an, die Ferien in ſeiner Heimath zuzubringen und ihn, wie die Stu⸗ denten ſagen, einzupauken, das heißt ſeine theologiſchen Lehrbücher mit ihm durchzunehmen. Wir wanderten daher eines ſchönen Morgens im Auguſt den Bergen zu, er, um der alma mater für immer Valet zu ſagen, ich, um nach acht Wochen dahin zurückzukehren. Gegen Abend des zweiten Tages— denn wir nahmen uns Zeit— zeigte mir mein Freund die Thürme des kleinen Städtchens, welches maleriſch am Fuße eines ſteilen, jedoch nicht ſehr hohen, aber von einer Ruine gekrönten Berges ſich hinſtreckte. Die Kommen⸗ den wurden in der zwar einfachen, aber ſehr reinlich und freundlich eingerichteten Wohnung von der Mutter mei⸗ nes Freundes und ſeinen beiden Schweſtern empfangen, von denen die älteſte 17, die jüngere 12 Jahre zählte. Der Vater befand ſich auf einer Reiſe nach Prag, um einen alten, ſeit langen Jahren nicht geſehenen Freund, einen inzwiſchen berühmt gewordenen Muſiker, zu be⸗ ſuchen. Mein Freund, fuhr der Aſſeſſor fort, indem er ſeine Brille, was er häufig that, etwas höher und feſter ſchob, ich bin im Begriff, Ihnen eine Periode meines Lebens zu ſchildern, die zu tief und zu heftig mein Innerſtes berührt hat, als daß die Erinnerung an dieſe noch ſo kurz vergangene Zeit, die Wonne und Schmerz, Glück und Elend in ihrem Gefolge hatte, nicht noch immer ihre Wirkung auf mich üben ſollte. Seien Sie daher nachſichtig, Roſen, ſollte ich Manches vielleicht zu weit⸗ läufig, Manches vielleicht zu kurz erzählen. Sie werden aus dieſer Einleitung wohl ſchon von ſelbſt den Schluß gezogen haben, daß ich mit Julie, der älteſten Schweſter meines theologiſchen Freundes, in ein Liebesverhältniß getreten bin; Sie werden dies auch viel⸗ leicht natürlich finden, wenn Sie unſere beiderſeitige Ju⸗ gend und das ſtete, oft ſtundenlange, ungeſtörte Zuſam⸗ menſein dabei in Erwägung ziehen. Ich muß aber noch hinzufügen, daß ich bei dem Bruder und überhaupt bei den Studenten für einen reichen, jungen Mann galt, und Juliens Mutter ſichtlich die keimende Neigung un⸗ ſerer Herzen begünſtigte, weil ſie glaubte, in mir den ganz unabhängigen Jüngling, den künftigen paſſenden Mann für ihre Tochter gefunden zu haben. „Julie war ein bildſchönes Mädchen, prangend in der erſten, aber vollſtändig entwickelten Jugendblüthe. Ich werde nie wieder Augen ſehen, in welche ſich ſo tief, ſo tief, ſcheinbar bis auf den Grund des Herzens hineinſehen ließ, die ſo kindlich fromm, ſo ſelig hingebend und wieder ſo feurig verlangend zu blicken vermochten— ach, Freund, ich wollte für einen Blick dieſer großen braunen Augen, für einen Blick, wie mir damals ſo viele zu Theil wur⸗ den, gern ein ganzes Jahr lang wieder hungern und ſparen! 63 * Mit dem ſtillen und beſchränkten Bruder übte ich die Lehren der Theologie, mit der ſchönen Schweſter diejeni⸗ gen der Liebe. Julie war ein feuriges, verlangendes Mädchen und entwickelte natürliche Anlagen, welche die meinigen bald weit übertrafen— und dann konnte ſie wieder ſo kindlich fromm, ſo kindiſch froh und ausgelaſſen ſein, daß man es nicht für möglich hielt, ihr junges fröhliches Herz habe auch für andere Empfindungen Raum. Wir bauten unſere Pläne für die Zukunft Abends, wenn wir oben am Fuße der Ruine ſaßen, und die kleine Stadt, während das Mondlicht auf den glänzenden Schie⸗ ferdächern ſpielte, träumend zu unſeren Füßen lag— aber was ſind die Pläne der Menſchen, namentlich die Pläne der Jugend, wenn Blut und Leidenſchaften ſich dabei betheiligen! Als die Ferien zu Ende waren, und ich Abſchied nahm, hing ſie weinend an meinem Halſe, dann ſah ſie mich mit den thränenfeuchten großen Augen an und ſagte: Du wirſt mich nicht verlaſſen, Franz? Wie konnte nur ein ſolcher Gedanke in deinem Her⸗ zen Raum haben? erwiederte ich, ſie feſt an mich drückend — und dann ging ich. Ich lebte nun noch ſtiller, noch zurückgezogener, mein Glück, mit dem ich zufrieden war, beſtand im Briefwechſel mit Julie. Ich habe dieſe Briefe noch, Freund, Sie ſollen Einen derſelben leſen, damit Sie die berauſchende Wirkung davon ſelbſt empfinden können. Sie ſchrieb mir, daß ihr Vater zurückgekehrt ſei, Er⸗ kundigungen über mich eingezogen habe, daß es zu ſehr heftigen Auftritten zwiſchen ihm und ihrer Mutter ge⸗ kommen, und der Vater, indem er mich als einen leicht⸗ ſinnigen und wüſten Menſchen geſchildert, jeden ferneren Verkehr mit mir auf das Strengſte verboten habe. Ich ſchrieb nun ſelbſt an den Vater, legte ihm ein offenes Bekenntniß unſerer Liebe ab und bat ihn, unſerem Glücke, nämlich dem, uns zu heirathen, nachdem ich ein Amt erhalten haben würde, nicht entgegenzutreten. Es iſt mir bis heute nicht klar geworden, wodurch jener Mann eine ſo entſchiedene Abneigung, die in förm⸗ lichen Haß überging, gegen mich gefaßt hatte; nur ſo viel ſtand feſt, daß er niemals ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung geben würde. Inzwiſchen nahmen Juliens Briefe eine eigenthümliche Färbung an, und end⸗ lich erfuhr ich, daß unſere Verheirathung nothwendig ſei. Zu einem Geſtändniß an ihre Eltern war ſie nicht zu bewegen, und da ſie, aufgelöſt in Jammer und Ver⸗ zweiflung, ſchrieb, ich möge kommen, ſie holen und mein feierlich gegebenes Verſprechen erfüllen, nahm ich keinen Anſtand, dasjenige auszuführen, wozu ich ohnehin durch 2 mein Herz und meine Leidenſchaften getrieben wurde. Mit Hilfe mir befreundeter Studenten ermittelte ich einen armen und freidenkenden Geiſtlichen in einem kleinen, abgelegenen Gebirgsdorfe, der ſich bereit erklärte, uns zu trauen. Dann nahm ich mein Abgangs-Zeugniß von 65 der nniveſtüt, entführte Julien in einer dunkeln, ſtern⸗ hellen Herbſtnacht aus dem Hauſe ihrer Eltern und reiſte mit ihr nach dem Dorfe jenes Geiſtlichen, der uns am Morgen des folgenden Tages in der kleinen Dorfkirche zuſammengab. Iſt es möglich, Haller, Sie ſind verheirathet? unter⸗ brach Roſen den Erzählenden mit ſichtlichem Erſtaunen. Ich war es, Freund, oder bin es eigentlich noch, er⸗ wiederte der Aſſeſſor, indem er wieder ſeine Brille feſter ſchob; doch hören Sie weiter. Der Reſt des Erbtheils mei⸗ ner Mutter beſtand noch aus fünfhundert Thalern, die größte Sparſamkeit war alſo zur Nothwendigkeit geworden. Ich hatte noch ein Jahr zu ſtudiren und bezog deshalb mit meiner jungen Frau eine andere entfernte Univerſität, wo ich meiner Verheirathung wegen mancherlei Unannehm⸗ lichkeiten ausgeſetzt war. Endlich ließ man mich jedoch zu⸗ frieden, und ich lebte allerdings ſehr eingezogen und ſparſam, aber nur meiner Frau und meinen Studien. Jene Zeit würde ſehr glücklich geweſen ſein, wenn Julie nicht in eine Art von Schwermuth gefallen wäre, die ſich jedoch nach ihrer Entbindung, obgleich das Kind, ein Knabe, ſchon am dritten Tage geſtorben war, wieder verlor. An die Stelle ihrer ſchwermüthigen Stimmung trat jedoch bald eine andere, deren Urſachen zu ergründen ich mir vergebliche Mühe gab. Sie wurde kalt, verſchloſſen, ſelbſt zurückſtoßend gegen mich, jeden Beweis von Zärt⸗ lichkeit von meiner Seite wies ſie mit entſchiedenem Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. J. 5 66 Widerwillen zurück, und— um es kurz zu machen, eines Tages, als ich aus dem Kollegium in unſere beſcheidene Wohnung trat, fand ich ſie leer! Auf dem Tiſche lag ein Brief von Julie, worin ſie mir ſchrieb, daß ich ſie ſchändlich betrogen, daß ſie mich jetzt eben ſo haſſe, wie ſie mich früher geliebt habe, und mich nie wiederſehen werde.— Sie war auf und davon!— mit einem jun⸗ gen, reichen Kavallerie-Offizier fortgereiſt, wie ich bald erfuhr, in einem offenen Wagen am hellen Tage, vor dem Angeſichte der ganzen Stadt, wahrſcheinlich, um ihre Rückkehr zu mir unmöglich zu machen. Nun iſt es aber wirklich ſpät, Freund, ſagte der Aß ſeſſor nach einer längeren Pauſe, indem er aufſtand; die weiteren Ereigniſſe meines Lebens erzähle ich Ihnen ein ander Mal, heute bin ich ohnehin dazu nicht mehr be⸗ fähigt. Roſen drückte dem Freunde ſchweigend die Hand und half ihm ſich in ſeinen Mantel hüllen. Als er gegan⸗ gen war, ſtand er noch eine Zeit lang und blickte, in Gedanken verloren, auf den leeren Stuhl, auf dem der Erzählende geſeſſen. Es überkam ihn ein eigenthümlich beängſtigendes Gefühl, deſſen Entſtehen er ſich vergeblich klar zu machen verſuchte, das uns aber immer erfüllt, wenn wir durch vertrauliche Mittheilungen eines uns bisher fern geſtandenen Menſchen plötzlich in ganz nahe Beziehungen zu demſelben treten, ohne durch das Be⸗ dürfniß unſeres Herzens dazu getrieben worden zu ſein. 67 Als Roſen endlich den Vorhang zurückzog und in das Gemach ſeiner ruhig ſchlummernden jungen Frau trat, ſchlug die Uhr der nahen Kirche Mitternacht— es war dieſelbe Zeit, als Anna den Tritten ihres heimkehrenden Vaters lauſchte. Fünftes Kapitel. Das Förſterhaus. Der alte Baumann erwachte am Morgen des folgen⸗ genden Tages, wie dies ſeine Gewohnheit war, ziemlich ſpät, abgeſpannt und erſchlafft an Geiſt und Körper. Seine Frau nahm dieſen Augenblick wahr, um ihn von dem Beſuche in Kenntniß zu ſetzen, und ſo ſehr der Alte ſich zuerſt erzürnte und auffuhr, ſo beruhigte er ſich doch, als er vernahm, daß Venner den Gaſt eingeführt habe, und dieſer ein verfolgter preußiſcher Offizier ſei. Er ging dann hinüber und begrüßte den Fremden in ſeiner eigenthümlichen Weiſe, ohne jedoch irgend eine Frage über die Veranlaffung ſeiner Anweſenheit an ihn zu richten. Bald ſchien er die ganze Angelegenheit vergeſſen zu haben; nur zuweilen richteten ſich ſeine großen, etwas tiefliegen⸗ den, dunkeln Augen mit dem Ausdruck des Mißtrauens auf ſeine Frau. Gegen 10 Uhr erſchien Venner und benachrichtigte 5* 68 Rudolf, daß er ſeine Mutter heute in der Abendſtunde an einem dritten ſicheren Orte ſprechen könne, zugleich auch, daß er es für zweckmäßig halte, wenn Rudolf dann noch heute die Stadt verlaſſe und zu einem ihnen befreundeten, fünf Meilen von Breslau in der Richtung nach Polen wohnenden Gutsbeſitzer fahre, von wo aus ſein Weiterkommen ſich leichter vermitteln laſſen werde. Er fügte hinzu, daß, für den Fall Rudolf mit dieſem Plane einverſtanden ſei, ein ſicherer Fuhrmann um 9 Uhr Abends vor der Barriere halten werde und ein Bote abgeſchickt werden ſolle. Es wurde dies alles in Gegenwart der Baumann⸗ ſchen Familie verhandelt, da man keine Urſache hatte, vor ihr in dieſer Beziehung Geheimniſſe zu haben. Wäh⸗ rend man die Gründe für und gegen dieſen Plan erwog, ſah man zwei Männer den Gartenweg heraufkommen. Rudolf hatte kaum Zeit, raſch in ein anderes Zimmer zu eilen, als ſie ſchon an die Thür klopften und her⸗ eintraten. Die Angekommenen ſchienen einigermaßen betroffen, Venner dort zu finden, denn der Eine grüßte ihn ſehr höflich, führte ſich dann bei dem alten Baumann als einen Kommiſſionär ein und ſtellte den anderen, modiſch gekleideten Herrn, einen Mann in den Vierzigen, als einen Monſieur de Botenville vor, einen reichen Fran⸗ zoſen, der, ſehr mufikaliſch, von den großen Talenten des Herrn Baumann gehört und den lebhaften Wunſch habe, 69 täglich eine Stunde mit ihm gegen ein zu beſtimmendes Honorar zu muſiziren. Der alte Baumann befand ſich Morgens immer in einem Zuſtande, worin ſeine Nerven erſchlafft und ſeine Willensthätigkeit ſehr vermindert war. Er hörte das ihm gemachte Anerbieten mit Gleichgültigkeit an und erwiederte dann, daß, wenn der Herr Botenville kein Anfänger, vielmehr ein Spieler ſei, der nicht mehr ler⸗ nen, ſondern nur ſich muſikaliſch unterhalten wolle, er bereit wäre, täglich eine Stunde mit ihm zu muſiziren. Es wurde ein ziemlich bedeutendes Honorar verab⸗ redet, und da der Kommiſſionär bemerkte, Herrn Boten⸗ ville's Wohnung ſei ſehr beſchränkt, er theile ſie zudem mit einigen anderen Kollegen, denen jede Muſik zuwider, ſo willigte Baumann ohne Schwierigkeit ein, die Stun⸗ den in ſeiner Wohnung abzuhalten. Nachdem man ſich in dieſer Weiſe geeinigt, empfahlen ſich die Herren wie⸗ der, Herr Botenville mit zuvorkommender Höflichkeit und, wie es ſchien, ſehr befriedigt von dem Erfolge ſeines Be⸗ ſuches. Venner war zwar nur ein ſtummer Zeuge der ganzen Unterredung geblieben, offenbar hatte aber ſeine Gegenwart dazu beigetragen, ſie abzukürzen und die Ent⸗ fernung der Fremden zu beſchleunigen. Kennen Sie die Herren, Herr Baumann? fragte er, als ſie gegangen und Rudolf wieder in das Zimmer ge⸗ treten war. Nein, erwiederte der alte Muſiker gleichgültig, indem 70 er mit der Hand über ſeinen kahlen Scheitel ſtrich; wozu das auch? Ich werde, wenn ich nicht anderweitig be⸗ ſchäftigt bin, mit dem Franzoſen eine Stunde geigen, mein Ohr durch ſein ſchlechtes Spiel peinigen laſſen, wenn es nicht zu arg wird, und dafür Geld bekommen — Geld, das ich nöthig habe. Der Kommiſſionär ſteht in dem ſchlechteſten Ruf und mit der übelſten Sorte der Franzoſen auf dem vertrau⸗ teſten Fuße. Das läßt ſich denken, ſonſt hätte er dieſen nicht her⸗ gebracht; ſo ein Menſch thut Alles für das Geld. Ach, das infame, nichtsnutzige Geld! Ich müßte mich ſehr irren, fuhr Venner fort, wenn man mir dieſen Herrn Botenville nicht als einen Poli⸗ zeiſpion bezeichnet hätte. Was kann er bei mir ſpioniren? Wenn ich mich in der Perſon nicht täuſche, ſo ſagte man mir, er ſei einer der Hauptkuppler Seiner Kaiſer⸗ lichen Hoheit des Prinzen Jeröme. Nun, was geht das mich an? lachte der alte Bau— mann höhniſch auf; ich bin kein Wild, das man für die kaiſerliche Hoheit paſſend finden wird! Sie nicht, ſagte Venner mit langſamer Stimme— aber vielleicht Ihre Tochter. Meine Tochter? das Kind? meine Tochter? ſchrie der Alte in ſchneidendem Ton, indem er aus ſeinem Seſſel emporſchnellte und mit einem wilden Satz auf — Venner zuſprang. Herr! Herr! wie kommen Sie auf dieſen teufliſchen Gedanken?— Was gibt's draußen? rief er, als er die Stimme ſeiner Frau in ungewohnter Weiſe hörte, was gibt's in der Küche, Aennchen, mein Kind, iſt dir ein Unglück begegnet?— Mit dieſen Wor⸗ ten eilte er der Thür zu, aus welcher ihm jedoch ſeine Frau entgegentrat. Beruhige dich, Baumann, es iſt nichts, Aennchen iſt wohl, aber ich bin verpflichtet, dir jetzt eine Mittheilung zu machen, die ich dir ſonſt verſchwiegen haben würde... Ja, ja, verſchwiegen! Noch immer verſchweigen, ich ſollte denken, es wäre ſchon genug verſchwiegen worden! Rede denn, aber nur, wenn ſich's auf die Sache oder auf Aennchen bezieht— alles Uebrige mag ich jetzt nicht hören. Es bezieht ſich auf Beides, erwiederte die Frau und erzählte nun die Begebenheit des geſtrigen Abends, als ſie Aennchen ausgeſchickt habe. Konnteſt du nicht ſelbſt gehen, mußte das Kind, das arme Kind geſchickt werden? Der Herr hätte ſich auch ohne Abendbrot behelfen können, fuhr er rückſichtslos auf, aber.. Aber, unterbrach ihn ſeine Frau, dergleichen kann am Ende einem jungen Mädchen begegnen, was kann ſie dafür? Es ſoll ihr aber nicht begegnen! Die Mutter, die ſie ſchickt, kann dafür— ich werde nie mehr des Abends 72 ausgehen, ſetzte er in einem Tone hinzu, aus dem her⸗ vorging, daß er ſelbſt ſchon jetzt an dieſer Verſicherung zweifelte. Laß mich endlich ausreden, ſagte die Frau in ihrer gewöhnlichen barſchen Weiſe; Aennchen hat in den beiden Männern diejenigen wiedererkannt, welche ſich geſtern Abend ſo unartig gegen ſie benommen haben. Unartig!— o, was ihr Weiber für beſchönigende Ausdrücke für derartige Teufeleien habt! Warum erfuhr ich das nicht früher? Warum ſagte man mir dies nicht, als die Kerle noch hier waren? Ich hätte ein Duett mit dem franzöſiſchen Schuft gegeigt, woran er ſich Zeit ſei⸗ nes Lebens erinnert haben würde, ich.. Betrachten Sie die Sache ruhig, Herr Baumann, unterbrach ihn Venner, ſie iſt ernſt genug dazu. Kommt ſie mir etwa ſpaßhaft vor? Finden Sie, daß ich ſie dafür halte? Sie iſt ſo ernſt, daß es hier mit dem Drohen und Reden nicht abgemacht ſein kann— unterbrechen Sie mich einmal nicht, ſondern hören Sie meine Anſicht, Sie können dann thun und laſſen, was Sie wollen.— Man handelt hier offenbar nach einem wohlüberdachten Plan. Der Muſikunterricht ſoll ein Vorwand ſein, um dieſem Franzoſen Eintritt in ihr Haus zu verſchaffen. Er wird nicht verfehlen, oft genng zu kommen, um die Zeit zu treffen, wann Sie nicht zu Hauſe ſind. Man wird zuerſt die gewöhnlichen Mittel anwenden, um Ihre — 73 Tochter jenen Plänen geneigt zu machen. Man wird Ihren Gedanken eine dazu paſſende Richtung geben, man wird Verſprechungen, Geſchenke, Intriguen, Ueberraſchun⸗ gen u. ſ. w. hinzufügen... Man wird dies Alles vergebens thun! Aennchen, Aenn⸗ chen, mein gutes, liebes Kind— und dazu in Wahrheit noch ein Kind! Und wenn das Alles nicht verfängt, wird man zu anderen Mitteln ſchreiten, fuhr Venner in unerbittlichem Ernſte fort. Zu welchen Mitteln? was gäbe es für Mittel, die mein Kind auf den Weg der Schande bringen könnten? Nöthigen Falls— die Gewalt— ſagte Venner, in⸗ dem er des Alten zitternde Hand ergriff.— Glauben Sie, dieſe Leute, die hier als unbeſchränkte Sieger in einer eroberten Stadt nach Belieben ſchalten und walten, würden davor zurückſchrecken? Was gilt die Tochter eines umen Muſikanten, wenn es ſich um die Befriedigung einer Laune Seiner Kaiſerlichen Hoheit, des Bruders des allmächtigen Kaiſers, handelt? Wehe, wehe mir! rief der Alte, ſein Geſicht verzweif⸗ lungsvoll mit den Händen bedeckend, indem er auf einen Stuhl ſank, wehe mir! O, mein Gott, ſtrafe mich nicht an dieſem Kinde, ich will ja gern Alles verlieren, was ich habe, gern mein altes Leben, das ohnehin verloren iſt, hingeben, damit es ihr wohl gehe. Laß ſie nicht... Nicht dieſen Kleinmuth, Herr Baumann! ſagte Ven⸗ 74 ner, ſeine Hand ergreifend, noch iſt Richts verloren, aber wir müſſen handeln. Handeln? Ja, was ſollen wir thun? Soll ich mein Haus verſchließen? Soll ich den Buben niederſchießen, wenn er dennoch Eintritt findet? Soll ich... Nichts von allem dem— wir müſſen ihre Pläne kreuzen, Liſt gegen Liſt anwenden; Aennchen muß in aller Stille und ſo ſchnell wie möglich fort, an einen heimli⸗ chen und ſichern Ort— Sie empfangen den Herrn Bo⸗ tenville in gewöhnlicher Weiſe, ſpielen mit ihm Duette und ſuchen es ſo lange wie möglich vor ihm zu verheim⸗ lichen, daß ſich Aennchen nicht mehr im Hauſe befindet. Von meinem Kinde, von meinem Aennchen mich trennen? Soll ſie hier bleiben, wollen Sie warten, bis es zu ſpät iſt? Nein, nein! rief der Alte, indem er leidenſchaftlich aufſprang, nein, nein, Sie haben Recht, ſie muß fort! Aennchen, mein Kind, du mußt fort, mußt deinen alten, armen Vater verlaſſen, kannſt nicht mehr auf ihn war⸗ ten, wenn er Abends ſo ſpät nach Hauſe kommt, du mein gutes, liebes Kind— aber du wirſt wieder zurück⸗ kommen, dich werde ich wiederſehen; wo biſt du denn, Aennchen, hörſt du mich nicht? Er eilte bei dieſen Worten hinaus, und die Zurück⸗ gebliebenen hörten die Laute des Schmerzes von Vater und Tochter, die ſich weinend umſchlungen hielten. 75 Sie haben meinem Freunde und mir einen Dienſt gelei⸗ ſtet, fuhr Venner fort, nachdem Baumann mit Anna in das Zimmer zurückgekommen war, Sie und Ihre Frau haben ſich nicht geſcheut, den Verfolgten gaſtlich aufzunehmen, ungeachtet der Gefahr, der Sie ſich dadurch ſelbſt aus⸗ ſetzten,— ein Dienſt iſt des anderen werth; aber auch ohne dies hätten Sie über mich verfügen können. Ich werde mich bemühen, noch im Laufe dieſes Tages einen Ort ausfindig zu machen, wo Aennchen, vor allen Nach⸗ ſtellungen ſicher, eine Zeit lang ſich aufhalten kann. Be⸗ reiten Sie inzwiſchen Alles vor, daß Aennchen zu jeder Zeit abreiſen kann. Man ſprach noch mancherlei über die Art der Aus⸗ führung des gemachten Planes; dann ging Venner mit dem Verſprechen, gegen Abend zurückzukehren und Rudolf zu ſeiner Mutter zu geleiten. Der alte Baumann ver⸗ ließ an jenem Tage nicht ſeine Wohnung, aus welcher er ſich ſonſt gewöhnlich gegen Mittag entfernte, um erſt ſpät in der Nacht heimzukehren. Er beſchäftigte ſich faſt ausſchließlich mit ſeiner Tochter, obgleich er wenig ſprach und nur, ihre Hand in der ſeinigen haltend, ſchweigend und in ſeine Gedanken verſunken neben ihr ſaß. So verging der Tag ſtill und einförmig. Abends kehrte Venner zurück und benachrichtigte Baumann, daß es ihm gelungen ſei, ein allen Anforderungen entſprechen⸗ des Unterkommen für Aennchen bei einem Förſter, der tief einſam im Walde wohne, zu finden. Er ſagte: Ich 76 kenne den Mann und ſeine Frau perſönlich, da ich dort öfter der Jagd wegen mich mehrere Tage aufgehalten habe; Aennchen wird dort gut aufgehoben und vollkom⸗ men ſicher ſein. Sollten ſich, was nicht anzunehmen, Franzoſen bis zu jenem von allen größeren Straßen ent— fernt gelegenen Forſthauſe verirren, ſo gilt Aennchen für des Förſters Verwandte; die Gefahr, die ihr hier droht, iſt dann dort keinesweges vorhanden. Und wo wohnt jener Förſter? Wie ſoll mein Kind dorthin gelangen? Die großen Waldungen, in denen das Forſthaus liegt, beginnen eine Meile hinter dem Gute, wohin mein Freund heute Nacht fahren ſoll, und eine Meile weit im Walde befindet ſich die Förſterei. Das nächſte Dorf iſt gleich⸗ falls eine Meile entfernt, und rings umgibt der hohe Wald die kleine Lichtung, auf der man dieſes Haus er⸗ baut hat. Mein Plax iſt, daß Aennchen mit meinem Freunde heute Abend zuſammen die Stadt verläßt, e 3 ſie erſt dorthin bringt und dann nach dem Gute fährt. wohin er doch noch ziemlich früh am Morgen gelan⸗ gen kann. Der alte Baumann ſah bei dieſem Vorſchlage, wel— cher die Entfernung ſeines Kindes in die nächſte Nähe rückte, Venner mit einem eigenthümlichen Blick an, in welchem ſichtlich Zweifel und Mißtrauen zu erkennen waren; dann richtete er in gleicher Weiſe ſeinen Blick 77 auf Rudolf und verſank wieder in tiefes Nachdenken, ohne ein Wort zu erwiedern. Iſt Ihnen mein Vorſchlag genehm, Herr Baumann, fragte Venner nach einiger Zeit, oder haben Sie Be⸗ denken dagegen? Was ſagt der junge Herr dazu? erwiederte der Alte, indem er ſeine Augen feſt auf Rudolf richtete. Wenn Sie mir Ihr Fräulein Tochter anvertrauen wollen, ſo werde ich ſie geleiten und beſchützen, ſelbſt mit meinem Leben vertheidigen, wenn es ſein muß. Der Alte verſank wieder in ſein früheres Nachdenken, und auch die Anderen ſchwiegen. Willſt du gehen, mein Kind? fragte er dann mit leiſer, bebender Stimme, willſt du mit dem fremden Herrn allein in der Nacht fortreiſen? Ich werde thun, mein Vater, was du beſtimmſt, flü⸗ ſterte ſie, ſeine Hand drückend. So ſei es denn, ſagte der Alte aufſtehend; reiſe mit Gott, mein Kind, da es ſo ſein muß. Nachdem man zum Entſchluſſe gekommen, wurden die letzten Vorbereitungen raſch getroffen. Der Abend hatte ſich trübe und ſtürmiſch auf die Erde niedergeſenkt, dunkle Wolken trieben raſch an der jungen Mondſichel vorüber und vergönnten ihr nur, ſich auf kurze Momente den Augen der Menſchen zu zeigen. Venner verabſchie⸗ dete ſich mit Rndolf, um den Letzteren zu ſeiner Mutter zu führen, nachdem man verabredet hatte, ſich um zehn 4 78 Uhr vor der äußeren öſtlichen Barriere der Stadt zu treffen, wo der Wagen bereit ſtehen ſollte. Die wenigen noch übrigen Stunden vergingen der Baumann'ſchen Familie in jener gedrückten und beäng⸗ ſtigenden Stimmung, welche Menſchen, die ſich lieben, ſtets vor einem längeren und unbeſtimmten Abſchiede er⸗ greift. Als es von der nahen Domkirche halb Zehn ſchlug, brach man auf, die Tochter weinte in den Armen ihrer Mutter, dann ging ſie mit ihrem Vater, der es ſich nicht nehmen ließ, ihr anſpruchsloſes Gepäck zu tragen. Ungefährdet erreichten ſie den verabredeten Ort und fanden dort Venner und Rudolf, mit einem Wagen ihrer harrend. Laß uns ſcheiden, mein Kind, mein Aennchen, ſagte Baumann mit feſter, ihm ſonſt nicht eigener Stimme, gedenke auf deinen Wegen immer deines alten Vaters und vergiß es in keinem Augenblicke, daß du ſein ein⸗ ziger Troſt, das Einzige biſt, was ihn noch mit dem Leben verbindet— und Ihnen, mein Herr, fuhr er an Rudolf gewandt fort, während Anna weinend ſich an ihn lehnte, Ihrer Ehre vertraue ich die Ehre meines Kindes.— Laſſen Sie mein Vertrauen nicht zu Schan⸗ den werden! Ich gelobe Ihnen das bei meiner Ehre, ſagte Rudolf, ihm ſeine Hand reichend. So leb' denn wohl, mein liebes Kind, auf ein fröh⸗ 79 liches, heiteres Wiederſehen, Gott ſei mit dir und nehme dich in ſeinen gnädigen Schutz! Leb' wohl, mein theurer, guter Vater, ſchluchzte Anna. Dann hob er ſie in den Wagen, Rudolf folgte— und das leichte Fuhrwerk verſchwand bald in der Dunkelheit der Nacht. Noch immer ſtand der alte Mann und lauſchte dem fernen Rollen des forteilenden Wagens. Es war längſt unhörbar geworden, nur der durch die entlaubten Bäume ziehende Nachtwind brachte zuweilen ein ähnliches Ge⸗ räuſch hervor, das angeſpannte Gehör des Lauſchenden täuſchend, als Venner die Hand des Alten ergriff und ihn zur Rückkehr mahnte. Gehen wir, ſagte er, Sie werden Ihre Tochter froh und heiter wiederſehen. Das Bewußtſein, als Vater Ihre Pflicht erfüllt zu haben, wird Sie ſtärken, die Ab⸗ weſenheit Ihres Kindes zu ertragen. Seien Sie aber vorſichtig und laſſen Sie ſich nicht von Ihren Gefühlen zu unbedachtſamen Aeußerungen oder Handlungen ver⸗ leiten. Bedenken Sie, wie viel davon abhängt, daß jene Menſchen nicht ahnen, ihr Plan ſei von Ihnen vereitelt worden. Seien Sie ein Mann, Baumann! Gehen wir, erwiederte der Alte, indem er nochmals einen langen Blick auf die dunkle Straße richtete. Und dann gingen ſie ſchweigend in die Stadt zurück. Die Nacht war ftürmiſch. Die Strömungen des Südens und des Nordens begegneten ſich oben in dem 80⁰ großen Raume der Luft, welche die dahinfliegende Erde wie ein ſchützender Mantel umgibt, und ſtritten ſich um die Herrſchaft. Der Wagen fuhr auf der ſchlechten und ſowohl vom Wetter, als dem vielen der großen Armee des Kaiſers nachgegangenen Fuhrwerk aufgeweichten Wege nur in mäßiger Geſchwindigkeit, und oft gelang es dem Kutſcher nur mit großer Mühe, die Hinderniſſe zu über⸗ winden. Die beiden Reiſenden ſaßen ſchweigend neben einander, Aennchen hatte ſich in ihren Mantel gehüllt, und da ſie auf mehrere Fragen nur kutze oder gar keine Antworten gegeben, glaubte der Offizier ſie eingeſchlafen und überließ ſich ſeinen eigenen Gedanken. Das junge Mädchen ſchlief jedoch keinesweges, ſaß vielmehr ſtill und ſchüchtern in ſich zurückgezogen, während Gedanken der verſchiedenſten Art, gleich dem Winde in der Luft, durch ihre Seele zogen. Die erſten Zeichen des nahenden Morgens begamen zu erſcheinen. Die Mondſichel war tief zum weſtlichen Himmel hinabgeſunken, und die durch die zerriſſenen, raſch ziehenden Wolken hin und wieder blickenden Sterne wurden bläſſer, als ſie das Städtchen Trebnitz erreichten, maleriſch zwiſchen den letzten Höhen gelegen, welche das deutſche Land den weiten ſlawiſchen Ebenen entgegenſtellt. Hier befand ſich eine franzöſiſche Garniſon, und man fuhr daher ſo raſch wie möglich durch die kleine Stadt, welche die Straße ohnehin nur bei den ſtattlichen, der heiligen Hedwig geweihten Kloſtergebäuden berührt. 81 Nach kurzer Zeit lenkte der Kutſcher von der großen Straße ab, und ſie fuhren auf den weniger befahrenen und ſandigen Wegen nun raſch dahin. Die Sonne entſtieg, von feurig flatternden Dunſt⸗ gewändern umgeben, dem öſtlichen Himmel und übergoß die weite Gegend, welche die Reiſenden von der Höhe aus ganz überſehen konnten, mit einem unheimlich grel⸗ len röthlichen Lichte. Zu ihren Füßen breitete ſich eine unabſehbare, von einem dunkeln Streifen eingerahmte Ebene aus, die in reicher Mannichfaltigkeit Dörfer, Kirch⸗ thürme, See'n und Baumgruppen hervortreten ließ. Sehen Sie dort jenen dunkeln erhöhten Saum am Horizont, über den jetzt die Sonne emporſteigt, ſagte der Offizier, indem er das Geſpräch wieder einleitete, das ſind die großen Waldungen, in deren Schutz ich Sie jetzt geleiten will. Sie ſind wohl ſehr groß und unheimlich? fragte ſie ſchüchtern. Faſt zwanzig Meilen lang ziehen ſie ſich von Norden nach Süden, nur hin und wieder von einzelnen Feld⸗ fluren unterbrochen, und ihre Breite beträgt zwei bis drei Meilen, erwiederte er, aber unheimlich ſind ſie nicht. Wenn Sie längere Zeit dort verweilen ſollten, was ich jedoch nicht glaube, fuhr er fort, ſo werden Sie den hohen Reiz und die tiefe poetiſche Schönheit des Waldes kennen und lieben lernen, denn ich zweifle nicht, daß Sie ein empfängliches Herz dafür beſitzen. Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 6 82 Ich war noch nie in einem Walde, erwiederte ſie, S während ihr Blick mit ſichtbarer Angſt und Beklommen⸗ heit auf dem dunkeln Rande des Horizonts ruhte. Wenn Sie zurückfahren, ſagte er, ihren Blicken fol⸗ gend, werden Sie mit Sehnſucht nach jenen Wäldern ſchauen, die Ihnen jetzt ſo unheimlich und ſchaurig vor⸗ kommen; Sie werden der Tage gedenken, an denen der Frühling dort eingezogen und ſeine lieblichen, ſchweig⸗ ſamen Wunder vor Ihren Augen entfaltet hat; Sie wer⸗ den die Erkenntniß einer neu erſtandenen Welt in Ihrem jungen Herzen mit ſich nehmen. Sie ſehen mich un⸗ gläubig an, fuhr er fort, indem er länger, als er bis jetzt gethan, in die großen, kindlichen, aber noch immer von dem Flor des Schmerzes umſchleierten Augen des jungen Mädchens blickte,— denken Sie an meine Worte, wenn Sie wieder von dieſer Höhe hinabſchauen,— ich werde mich dann weit, weit hinter jenen Wäldern befin⸗ den, fern von meinem armen Vaterlande— wenn mich mein Schickſal bis dahin nicht ereilt hat. Sie hätte ihm gern etwas Troſtvolles geſagt, aber ihr fehlten die paſſenden Worte, und ſo ſchwieg ſie. Dort links, jenes Herrenhaus unter den hohen Bäu⸗ men, deſſen Fenſter ſo hell in der Morgenſonne funkeln, ſprach er weiter, wird mein nächſter, aber kurzer Aufenthalt ſein; es wäre vielleicht beſſer, wenn ich gleich weiter zöge, ſetzte er, mit ſich ſelbſt redend, hinzu, ich habe wahrlich keine Zeit zu verlieren. 1* 83 Sie ſollten ganz dort bleiben, erwiederte ſie ſchüch⸗ tern, man ſagt, der Friede könne täglich abgeſchloſſen werden. Das wolle Gott verhüten! Nein, nein, Rußland wird uns nicht im Stiche laſſen. Die Schlacht von Eylau iſt nicht umſonſt geſchlagen worden! Es gilt noch einen Kampf auf Tod und Leben. Preußen wird beweiſen, daß es nur einem verhängnißvollen Geſchicke erlegen. Es wird ſich aufraffen und, wenn es ſein muß, kämpfend bis auf den letzten Mann, bis an den letzten Grenz⸗ pfahl, ehrenvoll untergehen! Das Mädchen ſchwieg wieder auf dieſe leidenſchaft— liche Entgegnung ihres Gefährten; die politiſchen Ver⸗ hältniſſe lagen ihrer Anſchauungsweiſe fern, ſie hatte nur Einen Wunſch, den, es möge Friede werden und es ihr geſtattet ſein, wieder ungefährdet im elterlichen Hauſe zu leben, ſo wenig reizvoll ihr Daſein auch dort verlief. Sie erreichten bald die Grenze des Waldes, zuerſt lichtes Unterholz, aus welchem alte Eichen ihre knorri⸗ gen, wunderbar geformten Aeſte hoch in die Lüfte hin⸗ ausſtreckten, dann wurde der Weg enger, von dunkeln, hohen Fichten begrenzt, welche, Stamm an Stamm dicht geſchloſſen, auf dem mit Nadeln beſtreuten und mit Moos bewachſenen Grunde jenes magiſche Dunkel verbreiteten, welches in ſolchen Waldungen bei heller Beleuchtung am meiſten hervortritt und die Herzen der darin wandelnden Menſchen in leiſen Schauern erbeben macht. 6* 84 Sehen Sie, flüſterte der Offizier, als ſie dann an der Grenze einer einſamen, jetzt braun ſchimmernden Wieſe hinfuhren, ſehen Sie dort an jenen Erlenbüſchen die Rehe ſtehen? Wie ſie die zierlichen Hälſe lauſchend emporſtrecken und uns mit den klugen Augen zweifel⸗ haft anſehen! Da ſpringen ſie fort! Es wäre ein ſchöner Schuß auf den Bock geweſen, der ſich dort oben noch einmal umſchaut! Wie kann man ſo grauſam ſein, dieſe harmloſen ſchönen Thiere zu tödten? Sie haben ganz Recht, aber dennoch thut man es, und es gewährt ſogar ein großes Vergnügen. Der Menſch iſt das grauſamſte Thier von allen, und am grauſamſten gegen ſeine eigene Gattung. Der Wald wurde wieder dichter, dunkler und ſchauer⸗ licher, dann erreichten ſie eine kleine Lichtung, in welcher, beſchattet von hohen Eichen, begrenzt von einigen Fel⸗ dern und einem Garten, das einſame Förſterhaus lag, deſſen moosbewachſenes Strohdach ſich an den Stamm einer dahinter ſtehenden Eiche anzulehnen ſchien. Die Hunde ſchlugen an, und bald wurde es in dem Hauſe lebendig. Der Förſter, ein kleiner Mann mit wetterge⸗ bräunten, ſtark gezeichneten Zügen, welchen ein grauer, ſich ſelbſt überlaſſener Bart den Ausdruck von Entſchloſ⸗ ſenheit und Wildheit gab, trat an das Thor der Um⸗ zäunung, als der Wagen hielt, und blickte die Ankom⸗ menden mit einer Miene an, welche Nichts weniger als 3 85 geeignet war, einen vortheilhaften Begriff von ſeiner Gaſtfreundſchaft zu erwecken. Wie ich annehmen darf, ſind Sie der Herr Förſter Bertram? fragte Rudolf, ihn begrüßend. Der bin ich; was ſteht dem Herrn zu Dienſten? Ich habe einen Brief an Sie abzugeben. Der Förſter nahm den Brief, betrachtete genau die Adreſſe und das Siegel, warf einen prüfenden Blick auf den Ueberbringer und erbrach dann erſt das Couvert. Bald wurde ſeine Miene freundlicher, der Zug von Miß⸗ trauen und Kälte, welcher bisher darauf geruht hatte, verſchwand, und indem er den Wagenſchlag öffnete, ſagte er, dem jungen Mädchen die Hand zum Ausſteigen rei⸗ chend: Es wird mir eine Ehre ſein, den Wunſch des Herrn— doch das gehört ja nicht hierher— zu erfül⸗ len. Seien Sie herzlich willkommen; Sie werden ſehr fürlieb nehmen müſſen, ſo wie es bei einem armen För⸗ ſter, der mitten im Walde lebt, zugeht— aber ſicher und ungefährdet, wenn auch etwas einſam, werden Sie hier leben. Die Reiſenden ſtiegen aus und traten in das Haus, nachdem der Offizier dem Förſter gedankt und auch Anna einige leiſe Worte geflüſtert hatte. Die Frau, eine rüſtige Vierzigerin, mit einem wohl⸗ wollenden Geſicht, empfing die Ankommenden freundlich und zuvorkommend, ſelbſt bevor der Mann ihr das Nä⸗ here mitgetheilt hatte, und brachte dann geſchäftig ein Frühſtück, welches, obgleich nur aus Brot, kleinen Land⸗ käſen und Milch beſtehend, doch ſowohl dem Offizier, als Aennchen vortrefflich ſchmeckte. Inzwiſchen waren die Pferde gefüttert, und da Rudolf ſeinen neuen Aufenthalt ſo früh als möglich zu erreichen dringende Veranlaſſung hatte, ſo nahm er Abſchied, der Obhut ſeiner freundlichen Wirthe nochmals das junge Mädchen dringend empfeh⸗ lend. Gott ſei mit Ihnen, liebes Aennchen, ſagte er, und geleite Sie froh und glücklich wieder zurück in das Haus Ihrer Eltern! Er reichte ihr die Hand und hielt die ihrige, welche leiſe zitterte, eine Zeit lang in der ſeinen. Kehren auch Sie glücklich zurück, erwiederte ſie, und, fügte ſie leiſer hinzu, ſetzen Sie ſich nicht unnöthigen Gefahren aus. Er ließ ihre Hand los und entfernte ſich eilig, der Förſter und deſſen Frau begleiteten ihn hinaus; Anna trat aw's Fenſter und ſah dem Wagen nach, wie er raſch über die kleine Lichtung dahinfuhr und dann in dem Dunkel der hohen Bäume verſchwand, welche ringsumher den engen Raum des Himmels begrenzten. Ihre Augen füll⸗ ten ſich wieder mit Thränen— jetzt erſt kam es ihr vor, als ſei ſie ganz ahein, ganz verlaſſen, weit, weit, mitten in dem großen und tiefen Walde. 87 Sechſtes Kapitel. In der Pechhütte. An demſelben Tage, wo Anna in dem einſamen För⸗ ſterhauſe ein ſicheres Aſyl gefunden hatte, war in Bres⸗ lau ein beſonders reges Leben. Die Anweſenheit des franzöſiſchen Heerestheiles, des kaiſerlichen Prinzen und des damit in naher oder entfernter Verbindung ſtehen⸗ den Gefolges hatte ſchon an ſich dazu beigetragen, die ohnedies ſehr lebhafte Stadt noch mehr mit Menſchen zu füllen; aber an jenem Tage ſah man ſchon am Mor⸗ gen einen großen Theil der Bevölkexung auf jenem da⸗ mals wüſt und wild von zerſtörten Wällen und Gräben begrenzten großen Platze verſammelt, den jetzt die ſchön⸗ ſten öffentlichen Gebäude und ſchattige Promenaden um⸗ geben. Der Prinz Jeröme hielt Heerſchau über die wür⸗ tembergiſchen Regimenter von Seckendorf und Romig und das Infanterie-Bataillon von Brüſſel. Der Prinz, damals 22 Jahre alt, ritt ein edles, kohlſchwarzes ara⸗ biſches Pferd und trug die reichgeſtickte franzöſiſche Ge⸗ nerals⸗Uniform. Sein jugendliches Geſicht hatte Nichts von dem Ernſt und dem ehernen Ausdruck, der den Zü⸗ gen ſeines Bruders, auch in gleich jugendlichem Alter, ſchon das Charakteriſtiſche der antiken Cäſaren-Phyſio⸗ gnomie verlieh; man würde ihn vielleicht ohne den 88 Schmuck der mit Orden gezierten Uniform eher für einen lebensluſtigen, gutmüthigen, aber keinesweges bedeutenden jungen Mann gehalten haben, deſſen etwas weichlich ge⸗ formte und zum Theil ſchon erſchlaffte Züge eine her— vorragende Neigung zum ſinnlichen Genuſſe bekundeten. Der junge Prinz, jung als Menſch und noch jünger als Prinz, ritt, umgeben von dem Kommandanten von Bres⸗ lau und mehreren anderen Generalen, ſo wie von einem glänzenden Stabe, mit heiterer Miene und ziemlich un⸗ genirt plaudernd die lange Schweidnitzer Straße hinab, artig jeden Gruß erwiedernd, beſonders wenn er von einem hübſchen Frauengeſicht ihm geboten wurde. Je⸗ rome war keinesweges ein ſchöner Mann, dabei ein feind⸗ licher General, der moraliſch durchaus in keinem guten Rufe ſtand— deſſenungeachtet jedoch immer ein Prinz — und es iſt bekannt, welch' eine beſondere Anziehungs⸗ kraft ein Prinz auf das weibliche Geſchlecht ausübt. So blickte denn auch an jenem Morgen manches ſchöne Auge, offen oder verſtohlen, auf den vorbeireitenden Prin⸗ zen und ihm noch lange nach, als er vorüber war. Die Truppen erhielten Lob und Anerkennung, die Muſterung währte überhanpt nicht lange, denn Jeröme fand nicht viel Gefallen an dieſen militäriſchen Schau⸗ ſpielen und hätte ſich noch viel weniger darum beküm⸗ mert, wie er es that, wenn er nicht vor ſeinem kaiſer⸗ lichen Bruder Furcht gehabt, der in dieſen Dingen durch⸗ aus keinen Spaß verſtand, vielmehr alles Ernſtes Ge⸗ — 89 horſam verlangte, nachdem er ihn ſeiner weſtindiſchen Thorheiten und ſeiner überſeeiſchen Frau entledigt hatte. Von kriegeriſchem Talente war an Jeröme noch Nichts bemerkbar geworden, wie denn daſſelbe überhaupt aus⸗ ſchließlich von der bonapartiſtiſchen Familie nur Napo— leon verliehen zu ſein ſchien, ohne daß die übrigen Brü⸗ der daran betheiligt worden wären. In den wenigen Gefechten und Schlachten, denen Jeròme beigewohnt, hatte er jedoch ſtets Furchtloſigkeit und Muth bewieſen. Wiſſen Sie, warum Jeròme heute ſo heiter ausſieht? ſagte Venner zu dem ihm begegnenden Roſen, indem er ſich an deſſen Arm hängte und mit ihm über den Ring, den Korſo Breslau's, um die Mittagsſtunde weiter ſchlenderte. I†ch kann mir's denken, irgend ein Paar ſchöne Augen.. Nein, nein, Sie thun ihm dieſes Mal Unrecht, we⸗ nigſtens glaube ich es. Vor einer Stunde kam die Be⸗ gnadigung des Landrathes von Gellhorn in Frankenſtein, wegen der nicht verhinderten Zuzüge nach Glaz, vom Kaiſer an; Sie wiſſen, er ſollte morgen erſchoſſen werden. Ich glaube nicht, daß man Ernſt gemacht hätte, glaube nicht, daß es jemals Ernſt geweſen. Da täuſchen Sie ſich ſehr; es ſind wieder zwei Of⸗ fiziere und ſechs gemeine Soldaten, allerdings nicht hier, aber doch in der Provinz, kriegsrechtlich erſchoſſen worden. Weshalb? Was hat man ihnen zur Laſt gelegt? ———————————————— 90 Die Offiziere haben verkleidet geworben, die Solda⸗ ten marodirt— ſo heißt es wenigſtens; wer kann in die kurzen Geheimniſſe eines ſolchen kriegsgerichtlichen Erkenntniſſes dringen? Heute verhaftet, morgen verhört und erſchoſſen. Alles kurz und raſch hintereinander. Sehen Sie nur die glänzende Equipage, es ſind prinzliche Pferde, wenn ich nicht irre! Und welch' wun⸗ derbar hübſche Frau in dem Wagen! Raſch, von zwei ſtattlichen Rappen gezogen, flog der leichte, offene Phaeton vorüber, worin in einen Kaſch⸗ mirmantel gehüllt eine Dame halb ſaß, halb hingegoſſen lag. Ihre Augen, von langen, dunkeln Wimpern be⸗ ſchattet, waren nur zum Theil geöffnet, als ob ſie, für die äußeren Eindrücke unempfänglich, nur von den Bil⸗ dern der Phantaſie oder von dem Spiel der Gedanken be⸗ wegt würden. Als der Wagen raſch an den beiden ſtehen gebliebenen jungen Männern vorüberfuhr, veränderten ſich plötzlich die bis dahin theilnahmloſen Züge der ſchönen Frau; ihre dunkeln, feurigen Augen ruhten mit eine(m vollen und langen Blicke auf Einem von ihnen, und es kam Roſen vor, als ob, während die ſchwellenden Lippen ſich zu einem kaum merkbaren, freundlichen Lächeln ver⸗ zogen, das ſchöne Hanpt, nur dem Eingeweihten ver⸗ ſtändlich, durch eine leiſe Beugung einen Gruß gewinkt habe. Fragend blickte Roſen ſeinen Gefährten an, deſſen ſonſt verſchloſſene Züge einen Augenblick ungewöhnlich erregt ſchienen; allerdings nur einen Augenblick, denn 91 im nächſten ſah er wieder in das geiſtvolle, aber kalte und blaſſe Geſicht Venner's, um deſſen fein gezogenen Mund, wie faſt immer, der ihm eigene leiſe ſpöttiſche Zug lag.. Kennen Sie die Dame? fragte Roſen, es kam mir faſt vor, als ob Sie die Ehre hätten, von ihr gegrüßt zu werden, und zwar in einer Weiſe, die für den Beehr⸗ ten ihre ganz beſonderen Vorzüge hat. Sie gerathen ja ordentlich in Feuer, Roſen, erwie⸗ derte Venner lächelnd; ich habe dieſelbe Bemerkung ge⸗ macht, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe bedeutungs⸗ vollen und beneidenswerthen Zeichen, welche auf ein zärt⸗ liches Einverſtändniß ſchließen laſſen, nicht mir, ſondern Ihnen galten. Nach meinen Augen wurde der Pfeil dieſes langen, vielſagenden Blickes nicht abgeſchoſſen, er ging daran vorüber, offenbar nach den Ihrigen. Hüten Sie ſich, Roſen, fuhr er mit einer Miſchung von Jovia⸗ lität und Spott fort, Sie befinden ſich noch in den Flit⸗ termonaten Ihrer jungen Ehe— wenn ſo etwas Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin erfährt! Sie machen dieſer unbedeutenden Sache wegen zu viel Worte, Venner, als daß ich meine Meinung auf⸗ geben ſollte. Bemühen Sie ſich daher nicht, mich zu myſtifiziren, es gelingt Ihnen doch nicht. Kennen Sie die Dame? Ich habe Ihnen ja ſchon das Gegentheil verſichert. Sahen Sie die Dame, welche eben in dem hübſchen Wagen vorüberfuhr? fragte Roſen einen ihnen begegnen⸗ den Geſchäftsfreund. In dem prinzlichen Wagen mit den Rappen? Dieſelbe. Kennen Sie die noch nicht? Es iſt die neue Sul⸗ tana, allerdings erſt ſeit wenigen Tagen, aber die Sache, däucht mich, wäre bereits bekannt genug. Sie iſt bildſchön Sehr ſchön! Es wäre auch eine Thorheit von Jeròme, wenn ſie häßlich wäre. Wie heißt ſie? Wo iſt ſie her? Das kann ich Ihnen Alles nicht ſagen, aber Sie nehmen wirklich ein großes Intereſſe daran. Bloße Neugierde. 3 Guten Tag, Maling, ſagte Venner, dem dieſes Ge⸗ ſpräch ſichtlich unangenehm zu ſein ſchien, zu dem ihnen begegnenden Afſeſſor Haller, du warſt nicht auf der Pa⸗ rade? Nein, du weißt, ich habe eine Abneigung gegen alle militäriſchen Komödieen; guten Tag, lieber Roſen, fuhr er in ſeiner geſprächigen Weiſe fort, dieſem die Hand reichend, Sie ſehen ja ſo erregt aus? Es fuhr ſo eben eine bildſchöne Dame vorbei, ſie ſoll die neue Geliebte Jeröme's ſein; kennen Sie dieſelbe? Habe nicht die Ehre und verlange auch nicht darnach. Mißverſtehen wir uns nicht, ich meine, ob Sie die⸗ ſelbe ſchon geſehen haben? 93 Nein, auch dieſes Glück wurde mir noch nicht zu Theil — da wir aber gerade bei dieſen prinzlichen Inklinationen angekommen ſind, ſo kann ich Sie benachrichtigen, daß ihre Vorgängerin, unſere bekannte und beliebte Schau⸗ ſpielerin, heute Abend große Hochzeit mit einem valet de chambre de 8. A. le prince Jéröme in der Magdalenen-Kirche halten und dann ein Putzmacher⸗ Geſchäft in Paris etabliren wird. Ich hoffe, die Herren werden ſo viel Theilnahme für die Kunſt beweiſen, daß Sie dem Ehrenfeſte der ſchönen Pauline Ihre Anweſen⸗ heit nicht entziehen. Wird der Prinz auch anweſend ſein? fragte Roſen. Schwerlich— die Schlußſcenen ſind in derartigen Aktionen weder unterhaltend, noch reizvoll und werden nur aufgeführt, um eben mit dem Stück zu Ende zu kommen. Wenn es irgend möglich, verläßt man ſchon vor dem Beginn des letzten Aktes das Theater. Aber da wir bis jetzt weder mitgeſpielt, noch zuge⸗ ſchauet, könnten wir uns den letzten Akt anſehen. Warum nicht? für uns wird es unterhaltend ſein. Aber, meine Herren, es weht wieder eine ſcharfe Luft, als ob es nochmals ſchneien wollte; wenn es Ihnen ge— nehm, frühſtücken wir Etwas. Ich werde Sie in ein neues von mir ermitteltes Lokal führen, wo es vorzüg⸗ liche Getränke und weder Franzoſen, noch Baiern oder Würtemberger giebt; aber mit der Einrichtung müſſen Sie fürlieb nehmen. Auch werden Sie hier wieder einen 94 Gaſt finden, mit dem Sie ſonſt im Leben vielleicht nicht an einem Tiſche zuſammenſitzen— aber ſchließen Sie daraus nicht, daß dieſe Leute weniger intereſſant wären. Wie heißt dieſes Lokal? fragte Venner. Die Pechhütte; ſollte es dir bekannt ſein? Allerdings, ich hatte ſogar ebenfalls die Abſicht, hin⸗ zugehen, weil ich daſelbſt einen alten Violinſpieler zu treffen hoffe, mit dem ich zu ſprechen habe. Aber wie biſt du dahin gerathen, Maling? Es ſollte dir von der Univerſität her noch erinnerlich ſein, daß ich ziemlich in der Geographie der ſer bewandert war. Sie haben mit Haller zuſammen ſtudirt? fragte Ro⸗ ſen mit offenbarem Intereſſe. Zwei Semeſter in Jena; es war eine tolle Zeit, Maling, und du ſpielteſt damals eine forſche Rolle, lie ßeſt Etwas drauf gehen! Dann warſt du plötzlich ver⸗ ſchwunden, nachdem du ſchon das letzte Semeſter, wie wir uns damals ausdrückten, ein Kameel geworden Ich habe eigentlich noch gar nicht Gelegenheit gehabt, 4 dich über manche abenteuerliche Gerüchte zu befragen, die mir ſpäter zu Ohren gekommen. Man ſprach ſo 3 vielerlei... 3 Wie immer, erwiederte Haller, indem er ſich vorſchob und raſch weiter ging. Frage mich, wenn wir am ge eigneten Orte ſind, jetzt laß uns zum Frühſtück gehen. Roſen empfahl ſich, indem er vorgab, am Morgen 3 95 keine geiſtigen Getränke genießen zu können, und wider⸗ ſtand auch den wiederholten Verlockungen Haller's. Laß ihn, ſagte Venner, nachdem Roſen gegangen war; wenn ich das Glück hätte, eine ſo junge und hüb⸗ ſche Frau zu beſitzen, würde ich ebenfalls die Wirths⸗ häuſer meiden; aber ſo iſt man einmal darauf angewieſen. Bahl erwiederte Haller, gerade wenn man verheira⸗ thet iſt, muß man ſich dem Verkehr mit Männern nicht entziehen, man wird ſonſt einſeitig und ſüßlich. Den Frauen ſelbſt iſt Nichts mehr zuwider, als ein Mann, der ſich den ganzen Tag zu Hauſe aus einem Zimmer in das andere bewegt und ſich um jede Kleinigkeit be⸗ kümmert. Du ſprichſt, als ob du darin Erfahrungen gemacht hätteſt. Allerdings, und ſehr viele, wenn auch nicht an mir ſelbſt. Und doch ändern wir ſehr häufig unſere Anſichten, ſobald wir den Probirſtein der eigenen Erfahrung daran“ legen. Das iſt ein alter, abgedroſchener Satz. Jeder Menſch iſt ein Egviſt und thut das, was er für ſich am vor⸗ theilhafteſten hält, der Eine plumper und ſchamloſer, der Andere verſteckter und feiner. Darin ſitzt der ganze Un⸗ terſchied. Wir wollen Sorge tragen, vorläufig wenig⸗ ſtens in jener Beziehung keine Erfahrungen zu machen, und uns mit der Liebe begnügen, die es für überflüſſig 96 hält, ſich vorher von der Kirche die Berechtigung zu ihrer Ausübung ertheilen zu laſſen. Der Geſchmack iſt verſchieden, erwiederte Venner in ſeiner kalten Weiſe, jedes Ding hat ſeine Licht- und ſeine Schattenſeite. Jedes Licht leuchtet aber nicht nur, ſon⸗ dern brennt auch, und die Mücken, die darum fliegen, verbrennen ſich gewöhnlich die Flügel und bleiben dann an dem ſchmutzigen Stoffe kleben, aus welchem das ſo glänzend ſchimmernde Licht ſeine Nahrung zieht. Das ſind eben Mücken, ſagte Haller; die Natur ſorgt dafür, daß das Ungeziefer, welches ſie maſſenweiſe er— zeugt, auch wieder maſſenweiſe vertilgt werde. Ich hoffe, du zählſt mich nicht dazu, aber— hier iſt die Pechhütte. Sie traten in ein unſcheinbares Haus und durch einen ſchmutzigen Gang in eine niedrige Stube, wo mehrere Perſonen Wein trinkend an einem Tiſche ſaßen. Das einzige, zur unteren Hälfte mit einem grünen Vorhange bedeckte Fenſter blickte auf einen engen, von hohen Ge⸗ bäuden umgebenen Hof. Venner hatte, ungeachtet der unvollkommenen, noch durch Tabaksrauch verminderten Beleuchtung, unten am Tiſche bald das blaſſe Geſicht des alten Baumann erkannt, den er ſeit jenem Abende nicht wieder geſehen. Er ſaß ſtill und in ſich verſunken, ſein halb ausgetrunkenes Glas Wein vor ſich, und ſchien, gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, an dem lebhaften Ge⸗ ſpräche um ihn her unbetheiligt zu ſein. Venner ſetzte ſich neben ihn und berührte leiſe ſeine Schulter. — — 97 Ach! Sie ſind es, ſagte Baumann, indem ſeine Augen ſich belebten, ich habe Sie geſtern erwartet. Sprechen Sie leiſe, flüſterte Venner— haben Sie eine Nachricht? Eine Nachricht? Wo ſollte ich ſie her haben? Der Kutſcher iſt geſtern Abend zurückgekehrt, ich habe ihn end⸗ lich geſprochen, nachdem ich mehrere Stunden auf ihn ge⸗ wartet. Nun, und? Sie ſind beide glücklich angekommen, mein Kind bei dem Förſter im Walde und Ihr Freund auf dem Gute — weiter wußte er Nichts zu ſagen. Das genügt vorläufig und muß Sie beruhigen. Ha— ben Sie ſonſt nichts Neues? War der Franzoſe bei Ihnen? Ja, der Kerl war geſtern da, erwiederte Baumann, indem ſeine Hand ſich krampfhaft ballte; er ſpielt wie ein Vieh! Ach, wie gern hätte ich ihn mit ſeiner pariſer Geige, ſonſt ein braves Inſtrument, zum Hauſe hinaus⸗ geworfen, wenn ich nicht an mein Kind gedacht hätte; aber lange kann ich dieſe Rolle nicht ſpielen, ich... Seien Sie vorſichtig, Baumann, flüſterte Venner, bedenken Sie, wie viel davon abhängt, ihn nicht wiſſen zu laſſen, daß Ihre Tochter abweſend iſt; ſobald ſie dar⸗ über im Klaren ſind, werden ſie ihre Nachforſchungen beginnen. Wie benahm er ſich? Wie ſich ſo ein Schuft benehmen kann. Er war höf⸗ lich und voll ſüßer Redensarten, beſonders gegen meine Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 7 Frau, dabei ſchielten ſeine Angen ſtets umher, ob er nicht irgendwo einen Zipfel von der Kleidung meines Kin⸗ des erſpähen könnte. Zuweilen machte es mir ordentlich Spaß, wenn ich die Manöver des alten Fuchſes ſo un— genirt beobachten konnte, bis mich wieder der Zorn packte und ich ihn anfuhr, nicht ſo falſch zu ſpielen und auf die Noten zu achten. Leicht ſollen ihm dieſe muſikali⸗ ſchen Studien nicht werden, dafür ſtehe ich! Fragte er nach Ihrer Tochter? Ich ſah's ihm an, wie ihm die Frage mehrmals auf den Lippen hing, und er es dann doch vorzog, ſie wieder hinunterzuſchlucken; er ſah aus, als ob er Medizin einnähme. Wann wird er wiederkommen? Morgen, morgen Nachmittag! Thun Sie mir den Gefallen und kommen Sie auch, ich traue mir nicht, Sie müſſen mein Sekundant ſein, wir können Trios ſpielen, ha, ha, ha! Er die erſte Geige! Haben die Herren die neueſten Nachrichten ſchon ge⸗ leſen? ſagte Haller, indem er ein Blatt der ſchleſiſchen privilegirten Zeitung aus der Taſche zog. Nein, hieß es, viel Erfreuliches wird nicht darin ſtehen; theilen Sie uns doch die Hauptſache mit, Sie ſind ja ein Politiker! 3 Sie haben Recht, meine Herren, bemerkte Holler in einem docirenden Tone, welchen er gern annahm, wenn hm, er in einer größeren Geſellſchaft ſprach; Erfreuliches ent⸗ S 99 hält die Zeitung wenig, aber doch manches Intereſſante; ich werde kurz referiren, wenn es Ihnen genehm iſt. Nun, ſo beginnen Sie endlich. Zuerſt der Tagesbefehl Sr. Kaiſerl. Hoheit des Prin⸗ zen Jerome Napoleon wegen der verkleideten preußiſchen Offiziere und deren Werbungen... Iſt bekannt, unterbrach man ihn— Offiziere, die im eigenen Lande dem Heere Verſtärkungen zu verſchaf⸗ fen ſuchen, ſollen erſchoſſen werden. Botſchaft Sr. Majeſtät des Kaiſers und Königs an den Erhaltungs⸗Senat, gegeben in dem kaiſerlichen Lager zu Oſterode. Scheint zu lang zum Vorleſen, theilen Sie uns den Inhalt mit. Alles bewaffnet ſich, ſagt der Kaiſer, in England iſt ſo eben eine außerordentliche Aushebung von 200,000 Mann ausgeſchrieben, und andere Mächte haben gleich⸗ falls zu bedeutenden Rekrutirungen ihre Zuflucht genom⸗ men.„Indeſſen die Feinde müſſen den Muth verlieren beim Anblick der dreifachen von unſern Lagern gebildeten Vormauern, der dreifachen Feſtungslinie, welche unſere Hauptgrenzen umgeben.“ Was nennt der Kaiſer eigentlich Hauptgrenzen? „Sie werden endlich durch das Unvermögen, uns zu ſchaden, zur Gerechtigkeit und Vernunft zurückkehren..“ Sie werden leider am Ende der Gewalt weichen. „Wir ſind über alle unſere Feinde ſiegreich geweſen. . In ſechs Monaten haben wir über den Main, die Saale, die Elbe, die Oder und die Weichſel geſetzt. Wir ha⸗ ben die furchtbarſten Feſtungen Europa's, Magdeburg, Hameln, Spandau, Stettin, Küſtrin, Glogau, Breslau, Schweidnitz und Brieg eingenommen...“ Sehr ehrenvoll für uns, daß man Breslau und Brieg zu den furchtbarſten Feſtungen Europa's macht. „Unſere Soldaten haben mehr als 800 Kanonen auf den Schlachtfeldern erobert, ſie haben 4000 Stück Be⸗ lagerungsgeſchütz, 400 preußiſche und ruſſiſche Fahnen und mehr als 200,000 Kriegsgefangene nach Frankreich geſchickt. Weder die Sandgegenden Preußens, noch die Wüſteneien Polens haben uns aufgehalten...“ Sehr ſchmeichelhaft! „Wir ſind bereit, den unterworfenen Völkern Preu⸗ ßens die Ruhe und dem Könige ſeine Hauptſtadt wie⸗ derzugeben...“ Kann man uneigennütziger ſein?!, „Aber alle dieſe Beweiſe von Mäßigung vermögen nicht die Verblendung zu zerſtören, welche die Leidenſchaft Englands einflößt. Wir müſſen daher alle die Uebel des Krieges und die Schmach und den Vorwurf davon allein auf die Nation zurückwerfen, welche ihren Alleinhandel durch das Blut des feſten Landes ernährt. Franzoſen! für den Ruhm und für die Ruhe unſerer Kinder trotzen wir allen Gefahren!“ 3 — 101 Was iſt denn aber eigentlich des Pudels Kern? was der Zweck all dieſer ſchönen Reden? Die ſchleunige Zuſammenberufung der Conſcribirten für das Jahr 1808.. e Immer noch mehr Soldaten!— Die Sandgegenden Preußens und die Wüſteneien Polens müſſen doch auf⸗ geräumt haben— aber die allein thun's gewiß nicht.— Hier folgt das Kriegsmanifeſt der Pforte gegen Ruß⸗„ 6 land, fuhr Haller fort. Es iſt ſehr lang und beweiſt die Gerechtigkeit und Nothwendigkeit des Krieges. Verſchonen Sie uns damit, man kennt das, jeder Krieg iſt ein gerechter und nothwendiger! Von Konſtantinopel wird unterm 3. März gemeldet, daß die Ruſſen und Engländer bei ihrem Unternehmen auf die Hauptſtadt geſcheitert ſind. Eine Escadre von ſieben Linienſchiffen, zwei Fregatten und zwei Bombar⸗ dirſchiffen hat den Eingang durch die Dardanellen for⸗ eirt und erſchien am 20. Februar, nachdem ſie vier tür⸗ kiſche Linienſchiffe zerſtört, vor Konſtantinopel, wo ſie eine Stellung nahm, um die Stadt zu bombardiren. Man war gar nicht vorbereitet. Der engliſche Befehls⸗ haber verlangte Zurückſendung der franzöſiſchen Geſand⸗ ten, Kriegserklärung gegen Frankreich, Abtretung der Moldau und Walachei, fünfzehn mit Proviant beladene türkiſche Kriegsſchiffe und die Dardanellen für England. Das war allerdings den guten Türken etwas viel zugemuthet. Das Volk von Konſtantinopel eilte zu den Waffen. Zwanzig franzöſiſche Offiziere von der Artillerie und vom Genie waren am 19. Februar in Konſtantinopel einge⸗ troffen. Man hat in acht Tagen 500 Mörſer auf die Batterieen gebracht und 200 Geſchütze in die Dardanel⸗ len. Darauf zogen die Engländer, nachdem ſie acht Tage auf der Rhede gelegen, wieder ab. Sie hätten ſich die Mühe ſparen können. Nelſon hätte gewiß nicht acht Tage gewartet. London, den 8. März. Der Kriegsminiſter Windham iſt, weil er in Wahl⸗Angelegenheiten von ſeinem Poſten abweſend war, auf Befehl des Unterhauſes unter die Aufſicht eines Sergeanten geſtellt und zu einer Geldſtrafe verurtheilt worden. Er hat dennoch den Verſuch gemacht, nach der Grafſchaft Norfolk zu gehen, worauf der Arreſt gehandhabt worden iſt. Ein komiſches Volk, dieſe Engländer, die ihren Kriegs⸗Miniſter durch einen Sergeanten in Arreſt ſchicken! 5 Paris. Sechstauſend Mann ſpaniſcher Kavallerie und vierundzwanzigtauſend Mann Infanterie dieſer Na⸗ tion haben die Pyrenäen paſſirt und werden am Ende April an der Elbe erwartet. Nun, die Spanier haben uns noch gefehlt! Man würde dies Alles für ein Märchen halten, wenn man es nicht mit eigenen Augen ſehen müßte. Die Belagerung von Danzig nimmt ihren Fortgang, mehrere Ausfälle des Feindes ſind mit Verluſt zurück⸗ geſchlagen. Der Feind ſind wir, die Preußen! Natürlich, wir ſind ja jetzt Franzoſen; die Zeitungen ſollten ſich denn doch ſchämen, ſo etwas zu drucken. Was ſollen ſie thun? Entweder ſo oder gar nicht. Es gibt doch noch einen Mittelweg, den unſere Schle⸗ ſiſche Zeitung gefunden hat, aber die berliner Blätter — pfui! Schweigen wir überhaupt von Berlin. Wie muß es den König ſchmerzen, wenn er Derartiges zu Geſicht bekommt! Riga. Die Stadt wird befeſtigt, die Landmiliz flei⸗ ßig in den Waffen geübt, und es gehen täglich Verſtär⸗ kungen zur Armee ab.— Es ſcheint alſo noch nicht Friede zu werden. Am 14. März, Nachmittags 4 Uhr, iſt Ihre Kaiſerl. Hoheit, die Vice⸗Königin von Italien, von einer Prin⸗ zeſſin glücklich entbunden worden.— Dem ritterlichen Eugen gönne ich ſein märchenhaftes Glück noch am mei⸗ ſten. Er iſt ein tüchtiger General. Vielleicht weniger, als viele Andere, daran haben die Franzoſen keinen Mangel; ich wollte, wir könnten daſ⸗ ſelbe von uns ſagen. Dann wäre der König nicht an der ruſſiſchen Grenze. Unter Magdeburg, ein Brief des General⸗Majors von Hirſchfeld, welcher das Gerücht, er werde in der Beweis, daß unſere Zeitungen ſich deſſelben Stiles be⸗ fleißigen: Breslau. Vorgeſtern gegen Mittag haben 200 Mann Infanterie und 40 Mann Kavallerie einen Ausfall aus Glaz gemacht; der General Lefebvre warf ſich ſogleich auf den Feind— Sie hören: auf den Feind! Soll hei— ßen auf den Feind des Generals Lefebore... Sie ſind wohl bei der Zeitung betheiligt? Der Landrath des Frankenſteiner Kreiſes wird erſchoſ⸗ ſen werden; iſt aber begnadigt. Begnadigt? Wirklich? Ja, die Ordre vom Kaiſer iſt heute angekommen. Nun, das freut mich für den braven Mann und ſeine Familie; aber ſtecken Sie den Wiſch immer wieder ein; man thäte wahrlich beſſer, gar keine Zeitung mehr zu leſen, es verdirbt gänzlich das Bischen Laune, das man ſich noch reſervirt hat; ſelbſt der Tokaier hilft Nichts gegen dieſe zerſetzende Säure. Reden iſt Silber, aber Schweigen iſt Gold, ſagte Hal⸗ ler, indem er das Zeitungsblatt zuſammenfaltete. Dann ſcheinen Sie Ihre Schätze nicht in dem edel⸗ ſten Metall zu ſammeln; aber laſſen wir die Politik und reden wir von etwas Anderem, da wir doch einmal hier nicht in lauter Gold machen können. Es iſt heute gro⸗ ßes Diner bei dem Prinzen Jeròme. Es muß ihn doch ärgern, bemerkte ein Anderer, daß Gefangenſchaft ſchlecht behandelt, widerlegt.— Hier der 105 die Ariſtokratie ſich ganz zurückgezogen und nur die Mit⸗ glieder des ſtändiſchen Ausſchuſſes, die kommandirten Beamten und die Herren Banquiers erſcheinen. Ach, was macht er ſich daraus! Er will ſich amü⸗ ſiren und ſeine Tafelgelder verzehren. Mag er, wir würden's vielleicht auch thun, wenn wir an ſeiner Stelle wären— aber dieſe Ban⸗ quiers... Lieber Freund, unterbrach Haller, indem er ſeine Brille in die Höhe ſchob, was ereifern Sie ſich gegen die Banquiers? Es ſind Geſchäftsleute; dem Kaufmann geht ſein Geſchäft über Alles, der Patriotismus ſteht bei ihm in der Regel erſt in der zweiten Reihe. Warum ſollen dieſe Herren nicht die Lieferungen übernehmen, an denen ſie enormes Geld verdienen? Wenn ſie's nicht thäten, thäten es Andere. Die ganze Kontribution bleibt auf dieſe Weiſe im Lande; iſt das kein Gewinn? Breslau kann ſich gratuliren, daß es Männer beſitzt, welche Geld und Spekulationsgeiſt genug haben, um alle dieſe Liefe⸗ rungsgeſchäfte ſelbſt auszuführen. Haben nicht alle un— ſere Handwerker vollauf zu thun, mehr, als ſie zu leiſten vermögen? Wäre es Ihnen etwa lieber, wenn ſächſiſche Lieferanten die Geſchäfte übernommen hätten? Glauben Sie mir, manches Haus, das jetzt noch unbedeutend iſt, wird ſich gerade jetzt zu dauerndem Wohlſtand, ſelbſt zu Reichthum emporarbeiten, und wir müſſen uns freuen, daß wenigſtens das ſauer erpreßte Geld nicht in die Ta⸗ 106 ſchen von Fremden fließt, ſondern eigentlich nur aus einer Hand in die andere geht. Die Anweſenden hatten den Redenden mit ſteigender Aufmerkſamkeit angehört, nicht weil ſeine Gründe ſie überzeugt hatten, ſondern weil ſich ihrer ein Verdacht an der aufrichtigen Geſinnung des Aſſeſſors bemäch⸗ tigte, deſſen Vergangenheit ohnehin Niemandem bekannt war. Reden iſt Silber, aber Schweigen iſt Gold, ſagte langſam der bisherige Wortführer— der Herr Aſſeſſor hat ganz Recht, und wir müſſen es den Herren Ban— quiers Dank wiſſen, daß ſie ſich der Stadt ſo angele⸗ gentlich annehmen. Laſſen Sie uns auf ihr Wohl anſtoßen!— Bei dieſen Worten erhob er ſein Glas, und die Anweſenden ſtießen mit lächelnden, ſpöttiſchen Mienen an. Sie ſcheinen mich mißverſtehen zu wollen, bemerkte Holler, Sie glauben... Laſſen Sie uns doch unſeren Glauben! rief der alte Baumann, indem er mit ſeiner gewöhnlichen Leidenſchaft⸗ lichkeit aufſprang, und behalten Sie den Ihrigen für ſich! Warten Sie wenigſtens, bis man darnach verlangt — ich für meine Perſon glaube noch an den Teufel, an den Teufel und ſeine Großmutter, die allerlei Geſtal⸗ ten annehmen können, mit denen ſie unter den Menſchen umherwandeln.— Sie glauben an die Banquiers— wir ſind vielleicht in unſeren Glaubens⸗Artikeln nicht 107 weit auseinander! Darauf kommt es aber nicht an. Guten Morgen! Iſt das dein berühmter Muſiker? fragte Haller ſchein⸗ bar gleichgültig, indem er ſich zu Venner wandte. Ja, erwiederte dieſer, er iſt etwas leicht aufgeregt, beſonders wenn er Wein getrunken hat. Du mußt ihm das zu gute halten, Maling. Siebentes Rapitel. Celie. Der Prinz Jeröme hatte ſein Quartier in dem Hatz⸗ feld'ſchen Palais, dem jetzigen Regierungsgebäude, ge⸗ nommen, welches, kaum von dem Beſitzer, dem Fürſten von Hatzfeld, nach dem Muſter eines venetianiſchen Pa⸗ laſtes ſehr koſtbar erbaut, vom Staate erworben und dem Miniſter für Schleſien zur Wohnung, ſowie der Kriegs- und Domainen-Kammer zum Geſchäftslokal ein⸗ geräumt war. Bei der Ankunft der Franzoſen hatte ſich die Kriegs⸗ und Domainen⸗Kammer aufgelöſt, und ſtatt ihrer war ein ſtändiſches Comité zuſammengetreten; die⸗ ſes und mit ihm die wieder eingetretene Kriegs⸗ und Domainen-Kammer hatten den oberſten Stock inne. Das Parterre beſtand auf der einen Seite aus Kaſſen⸗, auf der anderen aus Speiſe- und Küchengewölben; im 108 Entreſol wohnte die zahlreiche Dienerſchaft und was noch zu dieſer gehörte, und die Bel-Etage endlich hatte Jeröme inne. Das Gebäude ſelbſt liegt mit ſeiner Hauptfront an einer ziemlich breiten Straße und bildet ein ſogenanntes Viertel für ſich, weil ſeine Seiten nicht von anderen Gebäuden, ſondern von zwei engen Stra⸗ ßen begrenzt werden. Durch das auf torinthiſchen Säulen ruhende Portal von dunklem Marmor gelangt man in den geräumigen, von Pfeilern getragenen, gewölbten Flur, von dem aus an beiden Seiten breite Treppen hinaufführen, dann in zwei Höfe, längs welchen die mit dem Hauptgebände in unmittelbarer architektoniſcher Fortſetzung zuſammen⸗ hängenden Flügel fortlaufen. An demſelben Tage, von welchem der Leſer einen Auszug aus der Schleſiſchen Zeitung erhalten, gab Je⸗ rome ein großes Diner, und gegen 5 Uhr, die Stunde, wo man zur Tafel ging, fuhren daher viele Wagen in die breite und hohe Einfahrt des Palais. Die im er⸗ ſten Hofe befindliche Wache von 30 Mann Infanterie trat ſehr häufig in das Gewehr, denn eine zahlreiche Menge Offiziere in den glänzendſten Uniformen ſtieg die breite, mit koſtbaren Teppichen belegte Treppe hinan. Nur hin und wieder vermiſchte ſich damit der ſchwarze Frack eines Civiliſten, denn der ſchleſiſche Adel hielt ſich entſchieden fern, und ſelbſt von den Breslauern, ſo weit ſie für befähigt angeſehen wurden, ihre Füße unter den — —— e 109 prinzlichen Tiſch zu ſetzen, drängten ſich nur ſehr wenige nach einer ſolchen Ehre. Die Beamten, ſo weit ſie geblieben, eben ſo die Be⸗ hörden der Stadt wurden befohlen, außerdem fanden ſich aber eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Menſchen ein, welche mit der Verpflegung der Armee in naher oder entfernter Verbindung ſtanden und dabei ihre eigene Ver⸗ pflegung keineswegs vernachläſſigten. Für die an der Weichſel ſtehende große Armee mußten ſehr bedeutende Bedürfniſſe aller Art beſchafft werden, ſowohl was deren Beköſtigung als ihre Bekleidung betraf. Schleſien und vorzugsweiſe Breslau war geeignet, den ungeheuren Anforderungen in dieſer Hinſicht zu entſprechen, und ſo hatte ſich denn hier jenes geſchäftige Treiben, das mit ſolchen maſſenweiſen und eiligen Anſchaffungen ſtets ver⸗ bunden iſt, in großartiger Weiſe ausgebildet. Die Haupt⸗ träger dieſer Koalition, ſowohl die Begehrenden, als die Liefernden, und deren Zahl war nicht ganz gering, ge⸗ noſſen ebenfalls der Ehre, zur prinzlichen Tafel für wür⸗ dig befunden zu werden, und empfanden dieſelbe auch im vollſten Maße. Die Ankommenden verſammelten ſich in einem der großen Zimmer, deren Thüren ſämmtlich geöffnet waren, und ſtanden ſchweigend oder nur leiſe flüſternd zuſam⸗ men, da man im Nebenzimmer Jeröme mit dem Chef ſeines Generalſtabes, dem Diviſions-General Hedou⸗ ville, und dem Kommandanten von Breslau, General⸗ 110 Adjutanten Börner, im eifrigſten Geſpräche erblicken konnte. Der Kaiſer iſt ungehalten, ſagte Jeröme, und ſpricht ſich wie gewöhnlich wenig rückſichtsvoll aus; er befiehlt, die Feſtungen ohne Zeitverluſt zu erobern. Der General Lefebvre ſcheint vor Glaz und Vandamme vor Neiſſe zu ſchlafen. Erwägen Ew. Kaiſerl. Hoheit, erwiederte der Gene⸗ ral Hedouville, daß er nur deutſche Truppen befehligt. Von den unbewaffneten Einwohnern werden ſie allerdings weit mehr gefürchtet, als die Franzoſen, aber vor dem Feinde muß man ihnen wenigſtens nichts Außergewöhn⸗ liches zumuthen. Ah, ſagte Jeröme, die deutſchen Truppen ſind ganz gut, man muß ſie nur zu behandeln wiſſen, für ordent⸗ liche Verpflegung ſorgen, dann verſtehen ſie auch ſich zu ſchlagen. Es kommt nur auf die Führung an. Ew. Kaiſerlichen Hoheit danke ich für dieſe gerechte Anerkennung, bemerkte der Kommandant Börner, ſelbſt ein Deutſcher, indem er ſich verneigte. Wir werden Gelegenheit haben, Hedovville, fuhr Je⸗ röme fort, zu zeigen, daß wir die deutſchen Truppen zu gebrauchen verſtehen, denn der Kaiſer befiehlt mir, ſelbſt die Belagerungen zu leiten und mich an Ort und Stelle zu begeben. Ich werde morgen nach Glaz abreiſen. Er⸗ laſſen Sie die nöthigen Ordres, und da Sie meine rechte Hand ſind, Herr General, fügte er mit einem Lächeln 111 hinzu, von dem es zweifelhaft blieb, ob es verbindlich oder ſpöttiſch ſein ſollte, ſo werden Sie Sorge tragen, daß dieſer Feſtungskrieg unter unſerer Leitung, dem Wil⸗ len meines Bruders, des Kaiſers, gemäß, ſein ſchleuni⸗ ges Ende erreiche. Der General verbeugte ſich ſchweigend, nicht ohne daß ein Zug innerer Beſorgniß ſein Geſicht beſchattete, denn er wußte ſehr wohl, daß der Kaiſer vorzugsweiſe ihn für den Erfolg verantwortlich machen würde, zu⸗ gleich aber auch, daß Jeröme nur mit Mißtrauen und Widerwillen dieſe Bevormundung hinnahm. Die Herren warten, unterbrach der Prinz das Ge⸗ ſpräch, gehen wir zu Tiſche. Er begab ſich bei dieſen Worten, den Anweſenden einen Wink ertheilend und von ihnen gefolgt, durch die lange Reihe der glänzend er⸗ leuchteten Zimmer bis zu dem im Seitenflügel gelegenen großen Saale, wo die Tafel ſervirt war. Jeröme liebte es, gut zu ſpeiſen, und ſeine Diners erfreuten ſich daher eines ausgezeichneten Rufes. Nach⸗ dem die einleitenden Gänge vorüber waren, brachte Je⸗ rome die Geſundheit des Kaiſers aus, wobei alle An⸗ wreſenden ſich von ihren Sitzen erhoben und mit mehr oder weniger begeiſtertem Zurufe einſtimmten. Darauf erhob ſich der Bürgermeiſter der Stadt und entledigte ſich in franzöſiſcher Sprache ſeines Toaſtes auf die große Armee, welcher mit gleichem Beifall von der Verſamm⸗ lung aufgenommen wurde. Dem Bürgermeiſter aber, der franzöſiſchen Sprache nicht ganz vollkommen mäch⸗ tig, weshalb er bisher im Stillen mehrmals den aus⸗ wendig gelernten Toaſt wiederholt hatte, fiel ein Stein vom Herzen, daß er denſelben nun ohne Fehler und, wie er fand, in ſehr guter franzöſiſcher Ausſprache von ſich gegeben hatte und endlich wirklich an den Genüſſen der Tafel Theil nehmen konnte. Was thut nicht ein Vater für ſein Kind! flüſterte er ganz leiſe vor ſich hin, indem er mit Behagen ein Glas Burgunder ſchlürfte; ein Bürgermeiſter iſt der Vater der Stadt. Es läßt ſich in Schleſien ganz gut leben, mein Herr Bürgermeiſter, ſprach Jerome mit lauter und wohlwol⸗ lender Stimme zu ihm über den Tiſch hinüber, ihn aus ſeinen väterlichen Betrachtungen aufſcheuchend, ſo daß er erſchreckt zuſammenfuhr und nicht ſofort die unterthänig beiſtimmende Miene finden konnte,— es fehlt hier wirk⸗ lich faſt an Nichts. Vorzüglich bewundere ich dieſen Reichthum von ausgezeichnetem Wildpret. Dieſe Faſa⸗ nen ſind vortrefflich. Ich werde dieſe Artikel auch ferner von hier beziehen, wenn ich wieder in Paris bin. Es wird dies der Stadt zur höchſten Ehre gereichen, und ſie wird ſich beſtreben... Nur Seefiſche und Auſtern fehlen uns, das Einzige, was wir in Schleſien entbehren. Das macht die Entfernung der See, Ew. Kaiſerliche Hoheit, und dann ſind jetzt alle Häfen blokirt von.. — — Uebrigens geben Ihre Fiſche einen reichlichen Erſatz, unterbrach ihn Jeröme; den Zander kennt man in Frank⸗ reich gar nicht, und doch iſt er ebenbürtig, ich kann ihm das Zeugniß geben, daß er würdig iſt, auf franzöſiſchen Tafeln zu erſcheinen. Der Bürgermeiſter beabſichtigte, ſich im Namen die⸗ ſer vaterländiſchen Fiſchgattung zu bedanken, aber es war ihm im Augenblicke nicht möglich, den dazu nöthi⸗ gen franzöſiſchen Ausdruck zu finden, er verwirrte ſich in ſeinen Gedanken und mußte ſich daher mit einer devoten ſchweigenden Verbeugung begnügen. Nur dem Ungarwein vermag ich keinen rechten Ge⸗ ſchmack abzugewinnen, fuhr Jeröme fort, er ſchmeckt mir zu liqueurartig; er mag ſehr gut für den Magen ſein, aber er hat nichts Anregendes, ich ziehe den Burgunder vor. In den Weinen Frankreichs, bemerkte ein geiſtreicher Armee⸗Lieferant, verkörpert ſich gleichſam der Geiſt der größten, intelligenteſten Nation der Erde, während die Weine Ungarns nur die rohe Naturkraft repräſentiren. Ich glaube, man muß ihn, wie Alles in der Welt, erſt näher und genauer kennen lernen, um ihn zu wür⸗ digen. Möchten wir das hohe Glück genießen, daß Ew. Kai⸗ ſerliche Hoheit ſich dieſe genauere Kenntniß in unſerer Stadt zu erwerben beliebten! Theilen Sie dieſen aufrichtigen Wunſch? fragte Je⸗ rome lächelnd den Bürgermeiſter. Guſtav vom See, Vor fünfßzig Jahren. l. 8 Wie können Ew. Kaiſerliche Hoheit im Geringſten daran zweifeln? erwiederte dieſer, ſich tief verneigend. Ich thue es auch nicht im Mindeſten, ſagte Jeröme ſpöttiſch, indem er aufſtand und die Tafel aufhob.— Raſch verließ er den Saal, und die ihm nacheilende Verſammlung mit einer leichten Beugung ſeines Kopfes entlaſſend, verſchwand er in einer Thür, welche nach den Zimmern des andern Seitenflügels führte. In einem derſelben ſaß auf einem dunkelſeidenen Di⸗ van eine Dame und ſchien ebenfalls ihr Diner beendet zu haben. Die kleine, weiße Hand ſpielte nachläſſig mit einem goldenen Theelöffel, mit welchem ſoeben erſt ihre ſchwellenden Lippen Süßigkeiten genippt hatten, und die großen, mandelförmig geſchnittenen, braunen Augen blick⸗ ten träumeriſch auf den goldverzierten Porzellan-Teller. Vor ihr befanden ſich die Ueberreſte eines reichen Deſſerts, beſtehend aus den feinſten Konfitüren und Südfrüchten aller Art. Sie hob jetzt das halb ausgetrunkene Cham⸗ pagner⸗Glas zum Munde, durch welche Bewegung das ſchwere, mit Türkiſen verzierte Armband über den feinen Knöchel ſich faſt auf die Hälfte des nach damaliger Sitte bis zur Schulter entblößten, klaſſiſchen Armes emporſchob. Einer von den beiden zu ihrer Aufwartung anweſenden Bedienten in der kaiſerlichen Livrée füllte ſogleich das ausgetrunkene Glas. Geht— ich will allein ſein! ſagte ſie.— Noch im⸗ mer Licht drüben? fuhr ſie fort, über den Hof nach dem 115 großen Saale blickend, von welchem der Lichterglanz hell herüberſtrahlte; er könnte nun doch auch genug an dieſer unleidlichen Geſellſchaft haben und ſie verabſchieden. Das einſame Eſſen trägt ſehr viel Langweiliges in ſich. Ueberhaupt wünſchte ich ſehnlich eine Veränderung, ſchon dieſer Zimmer wegen mit ihrer einförmigen Ausſicht nach dem Hofe. Ach, Jeröme! rief ſie, ihre Augen mit einem langſamen Aufſchlag zu ihm erhebend, kommen Sie end— lich? Sie ſcheinen kaum mehr eine Minute für mich er⸗ übrigen zu können. Sei heute nicht launiſch und eigenſinnig, Celie, ſagte Jeröme, indem er ſich neben ſie auf den Divan ſetzte und ſeinen Arm um ihre Taille ſchlang. Nein, laſſen Sie das! Wenn Sie ſich drüben genug unterhalten und die Freuden der Tafel genoſſen haben, dann finden Sie es ganz angenehm, mit mir zu plau⸗ dern und ſich mit mir zu amüſiren— ſonſt bekümmern Sie ſich blutwenig um mich, den ganzen langen lieben Tag... Aber Celie, unterbrach ſie Jeröme, wie oft habe ich dir nun ſchon geſagt, daß ich meine Geſchäfte nicht mehr vernachläſſigen kann, als ich es ohnehin ſchon deinetwe⸗ gen thue, daß ich das, was du Vergnügen nennſt, nicht unterlaſſen darf, ſo gern ich es thäte, da es mir wirklich kein Vergnügen gewährt! Höre, Celie, ich will dir eine Geſchichte erzählen, die dich wieder in fröhliche Laune verſetzen wird, ſagte er, indem er ſie küßte. Geſtern Abends auf dem Balle, den mir die Stadt gab 116 Schweigen Sie mir von Ihren Bällen, wohin ich nicht mitgehen darf! Ich haſſe Ihre Bälle, haſſe alle Ihre Vergnügungen, durch die Sie mir immer entzogen werden— ich würde Sie ſelbſt haſſen, fuhr ſie mit einem reizenden, halb zornigen, halb betrübten Ausdrucke fort, wenn ich Sie nicht ſo ſehr lieben müßte. Bei dieſen Worten ſchlang ſie ihre beiden ſchönen Arme um ſeinen Nacken und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen. Nun höre meine Geſchichte, ſagte Jeröme, nachdem er dieſen unvermutheten Erguß von Zärtlichkeit reichlich erwiedert hatte, du wirſt geſtehen, daß ſie allerliebſt iſt. Alſo geſtern auf dem Balle... Ich haſſe Ihre Bälle, ſchmollten nochmals leiſe ihre Lippen, wie das entfernte Rollen eines abziehenden Wetters. Auf dem Balle— aber nun unterbrich mich nicht immerfort, Celie— befanden ſich eine große Menge ſchöner Frauen und Mädchen... Schweigen Sie, ſchweigen Sie! rief ſie, ihre kleine Hand auf ſeinen Mund drückend; wollen Sie mir noch erzählen, wie vieler Untreuen Sie ſich gegen mich ſchul⸗ dig gemacht haben? Aber ſo höre doch... Nein, nein, ſchweigen Sie mir von Ihren Vergnü⸗ gungen, von Ihren Bällen und beſonders von den reizenden und ſchönen Frauen, denen Sie den Hof gemacht! Man muß geſtehen, fuhr Jeròme, ohne ſich ſtören zu laſſen, fort, daß Breslau daran keinen Mangel leidet, und wäre mein Herz nicht ſo ſehr von dir in Bande ge⸗ ſchlagen... Warum bleiben Sie nicht bei Ihrer Geſchichte? Dieſe ſchönen Frauen und Mädchen alſo wetteiferten natürlich, mir zu gefallen, einestheils, weil ich der Bru⸗ der Napoleon's, des Kaiſers der Franzoſen, bin, anderen⸗ theils aber auch, weil ich mir ſchmeichle, ein leidlich hübſcher und intereſſanter junger Mann zu ſein. In wel⸗ cher von dieſen beiden Eigenſchaften liebſt du mich, Celie? Ich liebe Sie gar nicht mehr, ich haſſe Sie. Dein Haß iſt mir ſo theuer, wie deine Liebe. Dieſe ſchönen Damen, welche ſich beeiferten, mir zu gefallen, waren theils aus dieſer Urſache, theils aber auch, weil einmal die Natur des Weibes aus Eitelkeit und Schwäche beſteht, in den reichſten und nach hieſiger Auffaſſung modernſten Toiletten. Du weißt jetzt ſelbſt, Celie, welch' ein Unterſchied iſt zwiſchen einem hier und einem in Paris gemachten Kleide; anſcheinend beide gleich, haben ſie doch im Sitzen kaum eine entfernte Aehnlichkeit, und einem an pariſer Toiletten gewöhnten Auge kommen die hieſigen wie Karikaturen vor. Das pariſer Kleid, welches Sie die Güte hatten, mir zu verehren, unterſcheidet ſich von meinen übrigen nur durch den ſchlechteren Stoff und eine beleidigende Farben⸗Zuſammenſtellung. 118 Du biſt heute übler Laune, Celie, ich will wieder gehen, mich rufen ohnehin dringende Geſchäfte. Nein, nein, bleiben Sie, Jeröme, ich will ganz artig und lieb ſein. Ganz? Ja, ja, ganz. Du weißt, Celie, mir iſt dieſe griechiſche Tracht, wie wir ſie leider jetzt ſehen müſſen, mit den kurzen Taillen und engen, ſtrumpfartigen Röcken im höchſten Grade verhaßt. Sie hat nicht die entfernteſte Aehnlichkeit mehr mit den ſchönen, faltenreichen Gewändern der Griechen, außerdem ſind wir Franzoſen und keine Griechen. Hier, 300 Meilen von Paris, glaubt man nun dieſe häßliche Mode bis in das äußerſte Extrem ausbeuten zu müſſen, und es iſt recht ſchade, daß du geſtern auf dem Balle nicht dieſe Koſtüme haſt ſelbſt ſehen können. Ja, es iſt recht ſchade. Die Rüöcke ſchloſſen ſo eng an, daß das Gehen und noch mehr das Tanzen nur mit der höchſten Schwierig⸗ keit auszuführen war— Aermel natürlich gar nicht, nur ein ganz ſchmaler Streif über der Schulter, und Reize, die das Weib ſonſt ſchamhaft zu verhüllen pflegt, lagen bei dieſen ganz ausgeſchnittenen Kleidern offen zu Tage. Schweigen Sie! wozu erzählen Sie mir dieſe Tri⸗ vialitäten? Man that das, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen, lediglich für den Bruder des großen Kaiſers Na⸗ 119 poleon, der gewiß niemals Kaiſer geworden wäre, wenn er ſeine Augen nicht zu anderen Studien verwandt hätte, als ſein jüngſter Herr Bruder. Dieſe griechiſchen Mo⸗ den, rief Celie lebhaft, ſind abſcheulich, auch ein Geſchenk der großen Nation!. Sie ſind noch ein Vermächtniß der Revolution, wo die Unſittlichkeit alle verhüllenden Formen abwarf und ſich in ihrer widerlichſten Blöße zeigte. Wäre ich Kaiſer von Frankreich, ich würde ſie verbieten. Ihr großer Bruder hat viele Schlachten gewonnen und Reiche erobert, erwiederte Celie ſpöttiſch, aber das Reich der Mode läßt ſich mit Soldaten und Kanonen nicht unterthänig machen. Dazu reicht ſelbſt die Macht des Kaiſers nicht hin, noch weniger würde es alſo die Ihrige thun, wenn Sie an ſeiner Stelle wären. Jerome, an derartige Ausfälle ſeiner Geliebten ge⸗ wöhnt, ließ auch dieſen völlig unbeachtet. Meine Schwã⸗ gerin Joſephine könnte in dieſer Hinſicht Vieles thun, fuhr er fort, wenn ſie ſelbſt nicht ſo eitel und von dem Wahne befangen wäre, ihren leidlichen Wuchs auf dieſe Weiſe am vortheilhafteſten zur Schau zu ſtellen. Schämen Sie ſich, auf die arme Joſephine zu ſchmähen! Sie mag auch nicht auf Roſen gebettet ſein, und manche ſchwere Sorge ihr Hetz belaſten. Ich glaube, daß die Kinderloſigkeit unter ihren Sor⸗ gen die erſte Stelle einnimmt, obgleich das eigentlich 120 eine Thorheit iſt; in zweiter Reihe ſteht aber gewiß der Putz. Sie bleiben einmal unverbeſſerlich. Aber warum ſtehen Sie auf? Sie wollen doch nicht etwa ſchon wie— der fort? Ja, theuerſte Celie, ich muß gehen, dringende Ge⸗ ſchäfte rufen mich; in zwei Stunden hoffe ich ſie beendet zu haben, dann kehre ich zurück und bleibe bei dir. Nein, nein, verſäumen Sie Ihre Geſchäfte nicht, ſie werden Sie ſicher den ganzen Abend in Anſpruch neh⸗ men— ich bin müde und abgeſpannt und kann Sie heute nicht mehr ſehen. Auch dann nicht, wenn ich dir ſage, fuhr Jeròme fort, indem er ſich wieder ſetzte und ſich ihrer widerſtre⸗ benden Hand bemächtigte, auch dann nicht, wenn dieſer Abend für längere Zeit der letzte ſein muß, wo wir zu⸗ ſammen ſein können? Was reden Sie da? erwiederte ſie, indem ihre gro⸗ 6 Augen ihn fragend anblickten. Der Kaiſer iſt unzufrieden, daß ſich die i der Feſtungen ſo ſehr in die Länge zieht, und hat mir befohlen, ſelbſt mit allen mir zu Gebote ſtehenden Mit⸗ teln der Sache ein Ende zu machen. Du weißt, theuerſte Celie, der Kaiſet verlangt unbedingten Gehorſam— ich muß deshalb morgen abreiſen; vorläufig nach Camenz, wo ich mein Hauptquartier nehme. ——— ——— 12¹ Und haben Sie wirklich den Gedanken gehabt, mich hier zurückzulaſſen, Jeröme? Es iſt unmöglich, Celie, dich mitzunehmen; ich habe die Sache ſchon vielfach bei mir erwogen, denn du weißt es ſelbſt am beſten, wie ungern ich mich von dir trenne, aber es iſt unmöglich. Haben Sie auch bedacht, ſagte ſie, indem ſie ihren Arm um ſeine Schultern legte, daß ich hier vor Sorge und Unruhe ſterben würde? Könnten Sie mich wirklich der Qual ausſetzen, fern von Ihnen zu ſein und Sie in ſtündlicher Gefahr zu wiſſen? Wer ſoll Ihnen all die kleinen Dienſte leiſten, wenn Sie Abends müde und abgeſpannt zurückkehren? Wer ſoll Sie küſſen nach den Mühen und Strapazen eines angeſtrengten Tages? Sind Sie nicht an dieſen Kuß der Liebe gewöhnt, Je⸗ röme? Wollen Sie ihn gerade dann entbehren.. fuhr ſie fort, indem ſie ihn umſchlang und einen Kuß auf ſeine Lippen drückte— und, wenn Sie, was Gott ver⸗ hüten möge, verwundet werden ſollten,— ich weiß es nur zu gut, wie ſehr Ihre ritterliche Tapferkeit Sie allen Gefahren des Krieges ausſetzen wird— wer ſoll Sie dann pflegen, die Nächte bei Ihnen wachen und Ihre Schmerzen lindern?... Du biſt ein liebes, gutes Kind! ſagte Jeröme mit einem Seufzer, indem er ſie an ſich drückte; ich habe das Alles bedacht— aber es iſt unmöglich— es geht nicht. Sollte der kommandirende General, der Bruder des 122 Kaiſers, nicht einmal die Macht beſitzen, ein Weſen, das ihn liebt, vielleicht das einzige von all' den Tauſenden, die ihm ſchmeicheln und ſchön thun,— wenn auch nur ein Spielzeug ſeiner Laune— in einer Zeit bei ſich zu ſehen, wo es ihm am nöthigſten iſt, wo er dieſes Spielzeuges gerade am meiſten bedarf? Du thuſt mir Unrecht, theuere Celie, ich liebe dich wirklich und wahr, von Grund meines Herzens. O! dann nimm mich mit, Jeröme, rief ſie leiden⸗ ſchaftlich, indei ſie vor ihm niederſank und ſeine Kniee umfaßte, gieb mich nicht der Verzweiflung Preis— du würdeſt mich niemals wiederſehen— niemals! Sie blickte ihn mit ihren großen, jetzt feuchten Augen flehend an, ihre vollen ebenholzſchwarzen Flechten hatten ſich aufgelöſt, und die dunkeln Wogen ihres reichen Haa⸗ res flutheten bis zum Boden, das verhüllende Tuch war in der leidenſchaftlichen Bewegung herabgeſunken,— ſie war hinreißend ſchön. Sei nicht ſo aufgeregt, ſo ſtürmiſch, Celie! ſagte Je⸗ röme, indem er ſie zu ſich emporzog und die Thränen von ihren langen Wimpern küßte— weine nicht, mein Herz— du ſollſt mich begleiten, ja,— aber du mußt vernünftig ſein und alles Aufſehen vermeiden. O, wie dank' ich Ihnen! rief ſie, ihn leidenſchaftlich marmend; jetzt ſehe ich, daß Sie mir wirklich ein wenig gut ſind. Alles, Alles will ich thun, was Sie verlan⸗ gen, laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben. —— — 123 Ich habe es dir ja verſprochen, ſagte er freundlich lächelnd, nun beruhige dich, Kind. Rüſte dich zur Ab⸗ reiſe, du wirſt einige Stunden ſpäter fahren, wir treffen uns dann in Camenz. Nicht mit Ihnen zuſammen? Ich gehe mit dem Generalſtabe, das iſt unmöglich. Nun, wie Sie es wollen— und wann kehren Sie heute zurück? In ſpäteſtens zwei Stunden, und dann gehöre ich für heute ganz dir. So gehen Sie, gehen Sie, damit Sie um ſo früher wiederkommen. Alſo auf Wiederſehen, ſagte er, ſie küſſend. Auf Wiederſehen! Gott ſei Dank! flüſterte ſie leiſe vor ſich hin, als er ſie verlaſſen, dieſes langweilige Leben wird ein Ende haben! Zur ſelben Zeit hatte ſich in der Magdalenen⸗Kirche eine große Menge Menſchen verſammelt. Die Kirche ſelbſt war erleuchtet, und ein von Fackeln geleiteter Hoch⸗ zeitszug bewegte ſich dorthin. Wenn ein ſolches ganz ungewöhnliches Ereigniß ſchon an ſich vollſtändig geeignet geweſen wäre, die leicht entzündliche Neugierde der Bres⸗ lauer zu erregen, ſo war es doch noch mehr das Braut⸗ paar ſelbſt, welches die Schauluſtigen angezogen hatte. Es beſtand nämlich aus dem erſten, jetzt entlaſſenen Kammerdiener Jeröme's und einer allgemein bekannten, ſehr hübſchen Schauſpielerin, welche eine kurze 1 das 124 Glück genoſſen hatte, ſich der Gunſt des Prinzen zu er⸗ freuen, und die er jetzt mit ſeinem Kammerdiener ver— ſorgte. Gleich nach der Hochzeit ſollte das junge Ehe⸗ paar ſeine Reiſe nach Paris antreten, wo der hübſchen Pauline ein Putzmacher⸗-Geſchäft eingerichtet war. Die Hochzeit ging in der beſchriebenen, ungewöhnli⸗ chen Form, umgeben von einer dichtgedrängten Maſſe von Zuſchauern, vor ſich; die Braut ſah allerliebſt aus, und der Myrthenkranz wiegte ſich unangefochten auf ihren blonden Locken. Der Geiſtliche hielt eine ſalbungsvolle Rede, in welcher er das Glück und den Segen einer gu⸗ ten Ehe ſchilderte, und der Bräutigam ſchien beſonders davon tief ergriffen zu ſein; kurz, es fehlte Nichts, und die Neuvermählten nahmen die wenn auch vielleicht etwas ſpöttiſchen Glückwünſche ihrer Freunde und Ver⸗ wandten mit freundlicher Miene in Empfang. Glaubſt du, ſagte Haller, der ſich mit Venner unter den Zuſchauern befand, daß eine Menge von den hier anwe⸗ ſenden Mädchen die Braut innerlich beneiden und gern an ihrer Stelle ſein möchten, wenn ſie auch jetzt eine prüde und höhniſche Miene annehmen? Warum ſoll ich das nicht glauben? In einer großen Stadt giebt es viel Schmutz, und heute Abend hat er ſich hier maſſenweiſe zuſammengefunden. Schmutz iſt ein ſehr relativer Begriff, und Manches ſieht von Außen ſehr ſchön und rein aus, was im Innern doch durch und durch faul und ſchmutzig iſt. 125 Doch nur für ein ungeübtes Auge. Ich mag die meinigen nicht länger mit dieſer Unſauberkeit behelligen, ich habe noch dringende Geſchäfte— leb' wohl! Sie trennten ſich vor der Thür der Kirche, und Venner ſchlug in dem ihn umwogenden Gedränge den Weg nach ſeiner Wohnung ein. Als er eine kurze Strecke gegangen war, hörte er neben ſich die flüſternde Stimme einer dicht verhüllten weiblichen Geſtalt. Herr Referendarius von Venner? Der bin ich, ſagte er, ſtehen bleibend, was beliebt? Nehmen Sie, ſagte die Frau und war verſchwunden. Er hielt einen kleinen, zierlichen Brief in der Hand und trat neugierig in das Licht einer Laterne. Die Adreſſe war richtig, er öffnete daher und las: „Ich habe Sie wiedergeſehen, Ulrich, mehrmals, aber einmal las ich in Ihren Augen, daß auch Sie mich erkannt haben. Nie werde ich die Stunden vergeſſen, in denen uns ein günſtiger Zufall zuſammengeführt, nie⸗ mals die Ritterlichkeit, mit welcher Sie ſich einer Hilf⸗ loſen angenommen haben. Sollten in Ihrem Herzen dieſe Erinnerungen ſchon erloſchen ſein? Sollte es kein Verlangen tragen, diejenige wiederzuſehen, die Ihnen ſtets eine dankbare Schuldnerin bleiben wird? Ich reiſe morgen mit ihm nach Glaz und muß, bis die Feſtun⸗ gen erobert ſein werden, dort bleiben.“ Hoffentlich wird dies nur eine ſehr kurze Zeit dauern, dann kehre ich zu⸗ 126 rück, und Sie ſollen mich ſprechen, ungeſtört und allein. Wenn Sie mich wiederſehen, legen Sie wie zufällig die rechte Hand auf die Stelle des Herzens— dies iſt mir das Zeichen Ihrer Zuſtimmung, und Sie werden das Weitere auf dem Wege dieſes Briefes erfahren. Vorſicht und Verſchwiegenheit! Verbrennen Sie dieſe Zeilen. Stets Ihre dankbare Celie.“ Sie irrt ſich, ſagte Venner verächtlich, indem er den Brief in kleine Stücke zerriß und wegwarf— ich habe ſie für etwas Beſſeres gehalten, und die Umſtände— doch wozu noch weitere Beſchönigungen? Was tinen mich die Maitreſſe Jeröme's!— Das junge Ehepaar war beſchäftigt, ein kurzes Sou⸗ per einzunehmen und ſich von Freunden und Verwand⸗ ten zu verabſchieden. Der Reiſewagen ſtand angeſpannt vor der Thür, und man beſchäftigte ſich noch mit dem Packen von allerlei Schachteln und Kiſten, ohne welche eine Frau niemals reiſt. Eben trat der junge Ehemann aus der Thür, um noch eine Haubenſchachtel in den Wa⸗ gen zu ſtellen, als ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ſeinen Arm berührte und leiſe ſeinen Namen nannte. Ew. Kaiſerliche... Schweig, flüſterte Jeröme, ſchweig, Jean; führe mich, ohne daß ich geſehen werde, zu deiner Frau, ich will ihr Lebewohl ſagen. Dieſe Ehre! ſagte der Kammerdiener, ſich verneigend; ———. 127 Ew. Kaiſerliche Hoheit müſſen ſchon geſtatten, daß ich Ihnen vorangehe. Er führte den Prirzen in ein kleines, leeres Zimmer, in welchem man das laute Geſpräch und das Gelächter der in der Nebenſtube anweſenden Perſonen hören konnte. Bald erſchien die junge Frau. Ich muß dir doch noch Adien ſagen, kleine Pauline, flüſterte Jerome, indem er ihre Hand ergriff, und ſehen, wie du als Frau ausſiehſt. Noch immer, wie ſonſt, mein Prinz, erwiederte ſie, die Augen niederſchlagend. Das heißt, reizend! Es iſt eigentlich recht ſchade, daß du fortgehſt. Sie haben es ja ſo gewollt. Zu deinem Beſten, kleine Pauline, ſagte er, ſie küſ⸗ ſend; ja, ja, du biſt noch wie ſonſt. Hier haſt du ein wenig Reiſegeld, ich weiß, es fehlt dir nicht an kleinen Bedürfniſſen. Sie ſind immer die Güte ſelbſt, ſagte ſie, indem ſie die mit Napoleonsd'or gefüllte Börſe in ihre Taſche glei⸗ ten ließ. So reiſe denn glücklich, kleine Frau, fuhr er fort, und wenn du dich in Paris erſt ein wenig eingerichtet haben wirſt und willſt mir einige Dutzend Chemiſetten ſchicken... Es ſoll meine erſte Arbeit ſein. Aber du mußt ſie mit deinen niedlichen Fingern 128 ganz ſelbſt nähen, kein Stich darf von fremder Hand daran ſein... Können Sie ſo etwas für möglich halten?... Nun, ſo reiſe denn glücklich, Pauline; in Paris ſehen wir uns wieder. Halten Sie auch Wort! Nachdem der Prinz ſie nochmals lange und öfter ge⸗ küßt hatte, kehrte er, da ſeine Geſchäfte jetzt vollſtändig beendet waren, nach ſeinem Palais zurück, um den Abend, wie er es verſprochen, mit Celie zu verleben. Achtes Rapitel. Auf Schönberg. Der Wagen, welcher Anna in dem einſamen Förſter⸗ hauſe gelaſſen, hatte den Lieutenant Rudolf von Erbach nach Schönberg gebracht, einem Gute, welches dem Frei⸗ herrn von Wallingen gehörte und, wie dem Leſer be⸗ kannt, nur eine Meile von den großen Waldungen ge⸗ legen war, in denen das Förſterhaus ſich verbarg. Der Freiherr von Wallingen, Herr auf Schönberg, übte als ſol⸗ cher alle den Gutsherren zur damaligen Zeit zuſtehenden Rechte im ganzen Umfange aus. Dieſe erſtreckten ſich nicht nur auf die Polizeigewalt und die Gerichtsbarkeit, ſo wie auf die Erhebung einer Menge von Abgaben und Dienſten, ——,— ———— 5 ⸗ * 129 zu denen die Dorfeinſaſſen nach ihren verſchiedenen Ka— tegorieen verpflichtet waren, ſondern auch auf die Erb⸗ unterhänigkeit, wodurch die perſönliche Freiheit der Guts⸗ unterthanen, wie ſie damals hießen, in ſehr weſentlichen Dingen beſchränkt war. Der Gutsherr konnte verlan— gen, daß alle Kinder der Unterthanen drei Jahre gegen Zwangsgeſindelohn auf dem Hofe dienten, für die aus⸗ wärts dienenden Unterthanen ein beſtimmtes Schutzgeld fordern; er war berechtigt, jeden Unterthan nach zurück⸗ gelegtem vierundzwanzigſtem Jahre zur Annahme einer dienſtpflichtigen Stelle im Dorfe zu nöthigen, zu beſtim⸗ men, welches unter mehreren Kindern die von den Eltern nachgelaſſene bäuerliche Stelle in Erbſchaft übernehmen ſolle, und mehreres Andere, welches uns jetzt als einer fernen mittelalterlichen Vergangenheit angehörig erſcheint. Der Freiherr von Wallingen, welcher in ſeiner In⸗ gend unter Friedrich dem Großen gedient und als Oberſt⸗ Lieutenant verabſchiedet worden, war einer von jenen Charakteren, in denen Gutmüthigkeit und aufbrauſender Jähzorn in der engſten Verbrüderung ſich gepaart finden. Obgleich er ſeine Gutsunterthanen mit Milde und Scho⸗ nung behandelte, ſo ließ er ſich doch auch häufig zu offen⸗ baren Gewaltmaßregeln hinreißen, beſonders wenn er irgend eines ſeiner gutsherrlichen Rechte beeinträchtigt oder verletzt glaubte. Jede Neuerung war ihm ein Gräuel, und es hätte daher des unglücklichen Feldzuges gar nicht erſt bedurft, um ſeinen Haß gegen die Franzoſen zu entflam⸗ Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 9 130 men, da dieſer ſchon vorher einer Steigerung kaum mehr fähig geweſen war. Den unglücklichen Erfolg des Krie⸗ ges ſchrieb er allein dem Abweichen von den Syſtemen Friedrich's des Großen und den bei der Armee einge— führten Neuerungen zu; er duldete in dieſen Dingen keinen Widerſpruch, vermied vielmehr jede Geſellſchaft, wo eine andere Anſicht hätte zur Geltung gebracht wer⸗ den können. Ungeachtet der Härten ſeines Weſens, welche nach ſeinem Charakter oft greller zu Tage traten, als ſie in der Wirklichkeit vorhanden waren, wurde er doch von ſeinen Gutsunterthanen nicht blos gefürchtet, ſon⸗ dern ſie hingen auch zugleich an ihm mit wirklicher An⸗ hänglichkeit und Zuneigung, da ſie aus Erfahrung wuß⸗ ten, daß er ihnen, wenn es nicht als Recht gefordert wurde, jede billige Rückſicht, ſelbſt mit Aufopferung ſeiner eigenen Intereſſen, zu Theil werden ließ. In ziemlich ſpätem Lebensalter, erſt nachdem er aus dem Heere ausgetreten war, hatte der Freiherr ſich ver⸗ heirathet; ſeine Frau, welche er wahrhaft geliebt, und die einen ſehr günſtigen Einfluß auf ihn ausgeübt, war jedoch ſchon nach ſechs Jahren geſtorben und hatte ihm nur Ein Kind, eine Tochter, zurückgelaſſen, die zur Zeit, als wir den Leſer in Schönberg einführen, zwölf Jahre alt war. Mit dieſer und einer entfernten älteren Ver⸗ wandten, einer Frau von Saldern, lebte der Freiherr ziemlich einſam und abgeſchloſſen. Rudolf hatte ſeinen Empfehlungsbrief abgegeben, deſſen es bei den Geſinnun— — 131 gen und der Perſönlichkeit des Freiherrn gar nicht be— durft hätte. Natürlich billigte der Freiherr nicht nur das Vorhaben ſeines Gaſtes, ſich zur Armee zu begeben, ſondern war auch ſogleich bereit, ſeinerſeits Alles dazu beizutragen, um die ſehr erheblichen Schwierigkeiten zu beſeitigen, welche der Ausführung entgegenſtanden, da Schleſien und Polen, ſo wie der größte Theil von Preu⸗ ßen ſich im Beſitze der Franzoſen befand. Sie ſollten lieber verſuchen, in eine der Feſtungen zu gelangen, ſagte der Freiherr, nachdem bereits ein reiten⸗ der Bote än den Landrath abgeſchickt war, um für einen Vetter einen Paß nach Königsberg zu erhalten; ich be⸗ fürchte, der Landrath wird nach den Gegenden, wo die Armeen ſtehen, keine Päſſe geben dürfen, und in den Feſtungen iſt Mangel an Offizieren. Soll ich zum zweiten Male Kriegsgefangener werden? Ich habe die Leiden eines ſolchen Zuſtandes bis auf die Hefen gekoſtet. Mein Herr, ſagte der Freiherr, indem er ſtarke Wol⸗ ken aus ſeinem großen Meerſchaumkopfe hervorblies, die Muthloſigkeit, welche ſich Aller, auch der jungen Herren Offi⸗ ziere bemächtigt hat, iſt vielleicht am allermeiſten zu bekla⸗ gen. Friedrich der Große war im ſiebenjährigen Kriege mehrmals in einer mindeſtens ebenſo verzweifelten Lage und hatte gar keine Bundesgenoſſen, nur Feinde Aber man verlor den Muth nicht, man raffte ſich auf, wenn man Schläge bekommen hatte— jetzt aber giebt man gleich Alles verloren. Die Zeiten waren anders, Herr von Wallingen, vor Allem befehligte Friedrich der Große damals die preu⸗ 5 ßiſche Armee, und es ſtand ihm Niemand gegenüber, der ihm gewachſen war. Jetzt iſt es umgekehrt. Napoleon hat noch keine einzige Schlacht verloren! Wenn alle ſeine Feinde ſolche Geſinnungen haben, wird er auch ſchwerlich je eine verlieren, rief der Frei⸗ herr; die letzte iſt ihm ſauer genug geworden, und wenn man nur ein einziges Mal die ſchiefe Schlachtſtellung⸗ gegen ihn anwenden wollte, ſo würde der Sieg nicht zweifelhaft ſein; aber das iſt veraltet, man weiß jetzt Alles beſſer, und dieſe ſchändlichen Neuerungen ſind allein„ an allem Unglück ſchuld. Es lag nicht in der Abſicht Rudolf's, dem Freiherrn zu widerſprechen, es konnte ja auch zu Nichts führen. 1 Ich hatte zuerſt vor, ſagte er daher, mich zu dem 3 Freicorps des Fürſten von Pleß zu begeben; aber ſein 3 Schickſal ſcheint mir bereits entſchieden, und in der Haupt⸗ ſache kann der Erfolg dieſer Demonſtration immer nur ein geringer ſein. Daran thun Sie ganz recht, ich liebe dieſe Freicorps nicht, es iſt mehr odersweniger eine Art Räuberbanden⸗ wirthſchaft, lockert die Disciplin der Armee und bringt wenig Vortheil. Die Entſcheidung muß an der Beich⸗ v * ſel erfolgen, und wenn die Ruſſen feſthalten, ſo kann Alles noch gut gehen. Gott gebe es! ſeufzte Rudolf. Unter ſolchen und ähnlichen Geſprächen verfloß der Tag. Gegen Mittag des anderen langte die Benach⸗ richtigung des Landrathes an, worin dieſer die Ausſtel⸗ lung eines Paſſes ablehnte, da in dieſer Beziehung von den franzöſiſchen Behörden die ſtrengſten Befehle erlaſſen ſeien, und Päſſe nur von dem General⸗Kommando in Breslau ausgegeben werden könnten, wohin ſich deshalb zu wenden dem Freiherrn anheimgegeben wurde. Das ſieht ſchlimm aus, mein junger Freund! ſagte der Freiherr; ich möchte Ihnen unter ſolchen Umſtänden doch rathen, den Verſuch zu machen, in eine der Feſtun⸗ gen zu gelangen. Sie werden dort Ihre Pflicht gegen Se. Majeſtät den König eben ſo gut erfüllen können, denn es bleibt immer von großer Wichtigkeit, daß die Feſtungen ſich halten, ſo lange noch ein Stein auf dem anderen ſteht. Rudolf war nachdenkend geworden; die Unwahrſchein⸗ licheit, ohne Fährniß durch die ganze franzöſiſche Armee zu gelangen, trat immer mehr hervor, und es war ihm vor Allem darum zu thun, wieder unter ſeinen Kame⸗ raden zu ſein und an dem Ka ipfe Theil zu nehmen. Sch will mir es nochmals überlegen, ſagte er; ge⸗ ſtatten Sie mir dazu Zeit bis heute Abend; in der Nacht ziehe ich jedenfalls ab, entweder nach Preußen oder nach 134 Coſel, auf deſſen Vertheidigung ich das meiſte Ver⸗ trauen ſetze. Es iſt nicht ſo ſchwierig, dahin zu gelangen, erwie⸗ derte der Freiherr; erſt vor acht Tagen ſind zwei junge* Burſchen aus dem Dorfe heimlich dorthin gegangen und, wie ich erfahren habe, auch glücklich angekommen Es kommen Franzoſen, meldete ein in das Zimmer ſtürzender Bedienter, ſie ſind ſchon dicht am Dorfe! Franzoſen? rief der Freiherr, indem er aufſprang, wie viele?— Aber ich glaube, Er fürchtet ſich? fuhr. er den Bedienten an; Er ſieht ganz blaß und verſtört aus! Unterſteh' Er ſich, Kerl, auch nur mit den Augen zu zwinkern, und ich jage Ihn auf der Stelle fort! Wie viele ſind es? 3 So genau habe ich es nicht geſehen, aber es ſcheint mir ein Bataillon oder ſo etwas zu ſein. Ein Bataillon oder ſo etwas? Und Er unterſteht ſich, mir ſolche Meldung zu machen? Hinaus! ſehe Er genau zu, und wenn Er geſehen hat, dann rapportire Er!— Ich weiß nicht, was das Gefindel hier wollen mag, fuhr der Freiherr fort, nachdem der Bediente ſich 3 entfernt hatte, wahrſcheinlich die rückſtändige Kontribution 5 eintreiben oder bloß marodiren, plündern— man muß auf Alles gefaßt ſein. Was es aber auch ſein mag, Sie dürfen nicht geſehen werden; gehen Sie hinauf in Ihr Zimmer und ſchließen Sie ſich ein. Ich werde dafür ſorgen, daß Sie heute Nacht fort können; ich rathe wie⸗ 135 derholt nach Coſel; doch gehen Sie jetzt, wir ſprechen noch darüber. Es ſind gegen 200 Mann Infanterie mit drei Offi⸗ zieren, ich konnte ſie genauer nicht zählen, meldete der zurückkehrende Bediente; ſie marſchiren gerade nach dem Schloſſe und werden ſogleich hier ſein. Man hörte in dieſem Augenblicke den Schall der Trommeln, und kaum hatte Rudolf der Weiſung des Freiherrn entſprochen und ſich auf ſein Zimmer begeben, als eine Kompagnie baieriſcher Infanterie in den Hof marſchirte. An der Spitze befand ſich der dem Leſer bereits aus dem Geſpräche im Wirthshauſe zu Breslau bekannte Kapitän. Er ließ die Truppe das Gewehr ab⸗ nehmen, gab ſeinen beiden Offizieren eine kurze Weiſung und ging dann, nachdem er vergeblich eine Zeit darauf gewartet hatte, daß man ihn empfangen werde, in ſicht⸗ lich übler Laune nach dem Herrenhauſe. Sind Sie hier der Gutsherr? fragte er mit bar— ſcher Stimme den Freiherrn, ohne ſeinen Tſchacko abzu⸗ nehmen, indem er ſich auf einen Stuhl ſetzte. Ich bin der Oberſt⸗Lieutenant von Wallingen auf Schönberg, erwiederte dieſer, ſich ebenfalls niederſetzend; und dies iſt Schönberg. Oberſt⸗Lieutenant? Was heißt das? Auf Ehren⸗ wort entlaſſen? Außer Dienſt, von Sr. Majeſtät unſerem Könige verabſchiedet. 136 Sie ſind alſo hier der Gutsherr? Der bin ich. Dann treffen Sie die nöthigen Anordnungen für Quartier und Verpflegung meiner Leute, wir werden einige Tage hier und in der Umgegend zu thun haben. Ich wünſche aber keine zu große Zerſplitterung; minde⸗ ſtens fünfzig Mann und die Offiziere natürlich bleiben auf dem Hofe! Dann werden Sie ſich ſehr behelfen müſſen, es ſtehen mir derartige Lokalitäten nicht zu Gebote. Ah, das wird ſich finden! Machen Sie, daß die Leute unterkommen, und ſorgen Sie vorläufig für ein gutes Frühſtück. Wir haben einen weiten Marſch ge⸗ macht, und es weht eine verdammt ſcharfe Luft. Der Freiherr ſtand ſchweigend auf, ſo ſehr der In⸗ grimm in ihm aufloderte; er ſah die Nothwendigkeit ein, ſich zu beherrſchen, und fand als alter Soldat im Gan⸗ zen die Forderungen des Kapitäns an ſich nicht gerade zu unbillig, obgleich er ſich über die Form, in welcher ſie ge⸗ macht worden, ärgerte. Er gab daher ſeinem Wirthſchafts⸗ inſpektor die nöthigen Weiſungen, die Soldaten erhielten Quartiere, und bald ſtand ein gutes Frühſtück vor den drei Offizieren, welche auch keinen Augenblick Anſtand nahmen, ſich in ſehr ungenirter Weiſe damit zu beſchäftigen. Wollen Sie nicht auch zulangen? fragte der Kapitän, indem er ein Glas Ungarwein austrank; ich vermiſſe zwar ſehr das Bier, aber man muß zufrieden ſein. 137 Ich frühſtücke nicht, ſagte der Freiherr. Nach Belieben. Es haben ſich hier aus dem Dorfe zwei junge Leute heimlich entfernt und ſind nach einer von den noch belagerten Feſtungen gegangen, um gegen Se. Majeſtät den Kaiſer zu fechten. Ich weiß davon Nichts. Das iſt auch ganz gleichgiltig, obgleich ich es ſtark bezweifle. Wir werden dafür zwei der reichſten Bauern arretiren und ſie ſo lange ſitzen laſſen, bis jene beiden Schufte ſich wieder geſtellt haben. Es iſt Ihnen die Verordnung Sr. Kaiſerlichen Hoheit, welche dies befiehlt, doch bekannt? Nein, aber das iſt ja auch ganz gleichgiltig. Es freut mich, daß Sie dies einſehen. Ein alter Soldat weiß immer, worauf es ankommt. Die beiden Burſchen heißen Franz Holler und Johann Moor, und die beiden reichſten Bauern Jakob Muffel und Franz Röme, Ihnen wahrſcheinlich ſämmtlich von Perſon bekannt. Sämmtlich. Und Sie wiſſen nicht, daß die beiden Erſteren ſich entfernt haben? Nein. Sehr unwahrſcheinlich. Die Herren Gutsbeſitzer ſind doch ſonſt für die Erhaltung ihrer ſogenannten Unter⸗ thanen ſehr intereſſirt. Aber Sie haben Recht, es iſt ganz gleichgiltig. Man hat es leider nicht beliebt, die 138 Gutsherren für das Fortlaufen ihrer Unterthanen ver⸗ antwortlich zu machen, ich würde mich ſonſt an Sie halten.— Aber jetzt zum Geſchäft, nachdem wir uns geſtärkt. Laſſen Sie antreten, Herr Lieutenant, und Sie werden uns in das Dorf begleiten, Herr Oberſt⸗Lieutenant. Würde es nicht genügen, wenn ich Ihnen einen von meinen Beamten mitſchickte? Was kümmern mich Ihre Bedienten! erwiederte der Kapitän barſch, Sie ſollen ſich jetzt wenigſtens in eigener Perſon überzeugen, daß die Bengel wirklich fortgelaufen. Wenn Sie ſo weit ſind, ſo laſſen Sie mich's wiſſen, ſagte der Freiherr, der nur mit Mühe ſeinen Zorn zu-⸗ rückhalten konnte, und verließ das Zimmer. Warte nur, du ſollſt ſchon zahm werden, alter Iſe⸗ grimm! hohnlachte der Kapitän. Das iſt ſo Einer von der rechten Sorte, ſo ein alter, eingefleiſchter, dünkelhafter Preuße, der immer noch auf dem ſiebenjährigen Kriege und auf Friedrich dem Großen herumreitet! Wir wollen dir die Mucken austreiben!— Rufe den Gutsherrn, be— fahl er einer Ordonnanz, und dann marſch, in's Dorf! Mit dieſen Worten verließ der Kapitän das Haus und marſchirte mit den im Hofe gebliebenen 50 Mann in Begleitung des Freiherrn in das Dorf hinab. Die beiden Burſchen, welche ſich heimlich oder viel⸗ leicht auch mit Vorwiſſen ihres Gutsherrn zur Beſatzung nach Coſel begeben hatten, waren die Söhne von zwei gänzlich unbemittelten Häuslern, und die beiden Bauern, — 139 welche man zur Strafe für die That verhaften wollte, daran gänzlich unbetheiligt. Der eine davon, Muffel, bekleidete das Scholzenamt und war ein in der ganzen Gemeinde ſehr geachteter Mann; der andere dagegen, Röme, er⸗ freute ſich keiner beſonderen Zuneigung. Sein Geiz ſo⸗ wohl, als die hinterliſtige und dabei verſtockte Weiſe, womit er ſtets ſeinen Vortheil wahrzunehmen ſuchte, hatten ihn überall verhaßt gemacht, ſo daß er mit den übrigen Gemeindegliedern nur in dem nothwendigſten Verkehre ſtand. Das Kommando marſchirte zuerſt nach dem Hofe des Scholzen, welchen der Kapitän förmlich beſetzen und dann den Eigenthümer zu ſich herausführen ließ. Seine Verhaftung und die Urſache derſelben, ſo wie, daß er ſo⸗ fort mitgehen müſſe, wurde ihm in barſchem Tone be⸗ kannt gemacht und er ziemlich unſanft in die Mitte der Soldaten geführt. Macht ihnen nicht die Freude, zu weinen und zu jammern, ſagte der alte Mann tröſtend zu ſeiner Frau und ſeinen Kindern, die ſich ihm nachdrängten; es nützt doch Nichts, und der liebe Gott wird ſchon helfen. Denkt, wie ſchwer unſer guter König und unſere liebe Königin zu tragen haben, da werden wir's auch ſchon aushalten. Führt ihn ab! befahl der Kapitän, und nun keine weiteren Redensarten! Marſch! Man gelangte bald zu der Wohnung des Bauern Röme und verfuhr in ziemlich gleicher Weiſe, fand je⸗ 140 doch hier einen ungleich hartnäckigeren, wiewohl vergebli⸗ chen Widerſtand. Der Arreſtant betheuerte unaufhörlich ſeine Unſchuld, verſicherte und beſchwor, die beiden Ent⸗ wichenen kaum zu kennen, und kam zuletzt, als er ſah, daß dieſes Alles vergeblich blieb, in ein wildes, verzweif⸗ lungsvolles Schreien und Toben. Wenn der Kerl nicht ruhig iſt, ſo zählt ihm Einige auf! befahl der ebenfalls in Zorn gerathene Kapitän. Ordentlich! Es ſcheint noch nicht zu wirken. Der Bauer krümmte ſich nach den erhaltenen Hieben, ohne jedoch in ſeinen Lamentationen und Betheuerungen innezuhalten. So ſchweige Er doch! rief ihm der Freiherr zu, Er macht ja die Sache dadurch nur ärger! Schäme Er ſich, daß Er ſich dieſen— Soldaten gegenüber ſo er⸗ bärmlich beträgt! Warum ſollte ich ſchweigen! ſchrie der Bauer, ſich in den Händen der Soldaten ſträubend; was habe ich gethan, daß man mich ſo behandelt? Wer ſoll nach dem Meinigen ſehen, wenn ich weggeſchleppt bin? Der gnä⸗ dige Herr weiß gewiß beſſer als ich, wo die Jungen hin⸗ gelaufen ſind; aber dem geſchieht Nichts, obgleich er jetzt noch einen verkleideten Offizier auf dem Schloſſe ver⸗ ſteckt hält. Schuft, infamer Schuft! tobte der Freiherr, indem rückgeſtoßen wurde. er auf den Bauer zuſprang, aber von den Soldaten zu⸗ 141 Was iſt das? Was ſagte der Kerl? rief der Ka⸗ pitän; was ſagte der Kerl von einem verkleideten Offi⸗ zier? Rede, ſogleich! herrſchte er den Bauer an, oder ich laſſe Dir noch fünfzig aufzählen! Werde ich dann frei kommen? Das wird ſich finden; wir wollen hören, was Du ſagſt. Seit geſtern iſt auf dem Schloſſe ein fremder Herr, von dem geſagt wird, er ſei ein verkleideter Offizier. Ein preußiſcher? Natürlich! was ſoll es ſonſt für einer ſein? Iſt das wahr, mein Herr? Sie ſollten es dieſem ſchuftigen Kerl anſehen, daß er lügt, erwiederte der Freiherr; geſtern beſuchte mich ein Bekannter aus der Umgegend, der aber Abends auch ſchon wieder nach Hauſe gefahren iſt. Schuftiger Kerl? bemerkte giftig der Bauer; ob's ein Bekannter aus der Umgegend geweſen, weiß ich nicht, Niemand hat ihn gekannt; aber daß er nicht geſtern Abend abgereiſt iſt, das weiß ich, denn meine Tochter hat ihn heute Morgen noch geſehen, und ſie ſagte, er ſähe aus wie ein Offizier. Vorläufig ſind Sie mein Gefangener, Herr von Wallingen. Mit welchem Recht? Ach, machen Sie keine weiteren Umſtände! Sie ha⸗ ben vorher dem Bauer ſo ſchöne Lehren gegeben, nun führen Sie ſie ſelbſt aus. 142 Und ich werde freigelaſſen! bat demüthig der Bauer. Du ſollſt vorläufig nur fünfundzwanzig haben, bis es ſich herausgeſtellt haben wird, ob du die Wahrheit geſprochen haſt; in dieſem Falle ſind dir die anderen fünfundzwanzig geſchenkt. Und nun fort mit der Ca— naille! Während dieſes Auftrittes hatte ſich eine Menge der Dorfbewohner verſammelt; an ihren beſtürzten Mienen konnte man deutlich erkennen, wie ſehr die Handlungs⸗ weiſe des Röme ſie empört hatte; ſie drängten ſich um den Freiherrn, um ihn gegen die Soldaten zu ſchützen, und ſtießen laute Verwünſchungen gegen den Angeber aus. Geht ruhig nach Hauſe, Kinder, ſagte der Freiherr, im Schloſſe befindet ſich kein Offizier, Ihr könnt meinet⸗ wegen ohne Sorgen ſein. Sie waren es aber ungeachtet dieſer Verſicherung doch nicht, denn wie das auf dem Lande und in klei⸗ nen Städten gewöhnlich, war auch dieſes an ſich un— bedeutende Ereigniß, die Ankunft eines Fremden, allge⸗ mein bekannt, und man wußte, daß der Röme leider nur zu wahr geſprochen. Da ſie dem Freiherrn nicht zu helfen vermochten, ſo drückten ſie wenigſtens ihren Haß gegen den Urheber aus und feuerten den die Exekution vollziehenden Unteroffizier zu erhöhter Thätigkeit an, in⸗ dem ſie jede Aeußerung des Schmerzes, welche der Ge⸗ ſchlagene von ſich gab, mit Gelächter und höhnendem Geſchrei begleiteten. 143 Während dieſes Strafurtheil vollſtreckt wurde, ging der Freiherr, begleitet von dem Kapitän und noch einem Offizier, langſam nach dem Schloſſe zurück. Die Sol⸗ daten waren bis auf das aus einem Paar Mann be⸗ ſtehende Exekutions-Kommando mit einem Offizier be⸗ reits abmarſchirt, und der Kapitän ſchien abſichtlich zu zögern. Als ſie ankamen, war das Schloß ringsum von Soldaten beſetzt, auf dem Flur ſtand der baieriſche Lieu⸗ tenant mit gezogenem Degen und, umgeben von vier Soldaten, Rudolf. Ah, da haben wir ja den Vogel! ſagte der Kapitän; überzeugen Sie ſich ſelbſt, der Herr Offizier iſt doch nicht geſtern Abend abgereiſt. Wir fanden bei der Durchſuchung des Hauſes, mel⸗ dete der Lieutenant, oben eine Thür von innen verſchloſ⸗ ſen, und da ſie nicht geöffnet werden konnte, ſo ließ ich ſie ſprengen. Wir trafen dieſen Herrn, eine Piſtole in der Hand, und er drohte, den Erſten, der ſich nahen würde, niederzuſchießen. Nachdem ich ihn darauf auf⸗ merkſam gemächt, daß mir nur übrig bleiben würde, die Soldaten feuern zu laſſen, gab er ſich gefangen. Ich ließ ihn durchſuchen, und es wurde außer der Piſtole dieſe Brieftaſche bei ihm gefunden. Der Kapitän betrachtete den Gefangenen eine Zeit lang, ehe er die Brieftaſche öffnete. Lieutenant von Er⸗ bach, ſagte er dann, nachdem er mehrere Papiere durch⸗ geſehen— es thut mir leid, Herr Kamerad, verkleidet, 144 mit den Waffen in der Hand. Wahrſcheinlich treiben Sie hier das Handwerk eines Werbers oder.. Geniren Sie ſich nicht, bemerkte Erbach, man iſt von den deutſchen Hilfstruppen der Franzoſen nichts Beſſeres gewohnt. Wie kommen Sie hierher? In welcher Abſicht ſind Sie hier? fuhr der Kapitän auf, Sie haben lediglich meine Fragen zu beantworten. Ich werde keine derſelben beantworten. Dann wird man Sie zwingen! Zwingen? ſagte Rudolf, indem er ſpöttiſch lächelte; ich bin begierig, in welcher ritterlichen Weiſe ein Offizier der deutſchen Hilfstruppen dieſen Zwang gegen einen ge⸗ fangenen preußiſchen Offizier ausüben wird. Womit beweiſen Sie, daß Sie wirklich Offizier ſind? rief der Kapitän, indem er zornig auf Erbach zuſchritt. Sie haben es ja ſelbſt ſo beſtimmt; wenn ich kein Offizier bin, weshalb verhaften Sie mich? Der Kapitän ſchwieg und ſchien zu überlegen, wie er die Sache anfangen ſollte; er hätte gern eine Gewalt⸗ maßregel gegen den Gefangenen ausgeübt, wenn er nicht an die ihn treffende Verantwortung gedacht hätte; denn die franzöſiſchen Oberbefehlöhaber ſtraften ſtreng jede un⸗ ehrenhafte Handlung. Das Einzige, was ich Ihnen noch zu ſagen habe, bemerkte Rudolf, iſt, daß der Herr von Wallingen mir ſelbſt perſönlich unbekannt war, als ich geſtern hier an⸗ 145 kam und ihn um Gaſtfreundſchaft bat; ich gab mich für einen Gutsbeſitzer aus Oberſchleſien aus, und er hat nicht die geringſte Wiſſenſchaft davon, daß ich Offizier bin. Das wird ſich Alles finden, ſagte der Kapitän giftig, Sie hätten das eben ſo gut für ſich behalten können, als Ihre übrigen Lügen. Mein Herr! Schweigen Sie, bis Sie gefragt werden, denn Sie haben hier nicht zu reden, wenn es Ihnen beliebt. Sie ſind mein Gefangener, desgleichen Sie, Herr Gutsherr! Jeder in ein beſonderes Zimmer, mit Einem Ausgang! Einen Poſten vor die Thür, einen Poſten vor das Fen⸗ ſter! Bei dem geringſten Fluchtverſuch— niederſchießen! Beſorgen Sie das, Herr Lieutenant! Und nun fort mit den Gefangenen, es iſt 5 Uhr, wir wollen zu Tiſch gehen. Der Oberſt-Lieutenant ſprach kein Wort, er hätte auch das kleinſte für eine Verletzung ſeiner Ehre ge⸗ halten. Schweigend folgte er den Soldaten, welche die Ordre ihres Kommandeurs ausführten, ohne es jedoch ermöglichen zu können, beide Gefangene zu trennen, ſo daß ſie endlich gemeinſchaftlich in ein dazu beſonders ge⸗ eignet gefundenes Zimmer im Parterre, welches gewölbt war und vergitterte Fenſter hatte, mit Bewilligung des Kapitäns untergebracht wurden. Wie leid thut es mir, ſagte Rudolf, als die Thür ihres Gefängniſſes ſich geſchloſſen, wie leid thut es mir, Herr von Wallingen, daß ich dem Rathe meines Freun⸗ Guſtav vom See, Vor fünßzig Jahren. I. 10 146 des gefolgt bin und Sie in mein unglückliches Schickſal verwickelt habe! Beruhigen Sie ſich darüber; als alter Soldat bin ich an die Wechſelfälle des Glückes gewohnt; man kann mich einige Zeit gefangen halten, wird mich dann aber doch wieder in Freiheit ſetzen müſſen. Sie wird man allerdings wieder nach Frankreich zurückſenden. Wer weiß, ob Sie auf Ihrem Marſche zur Armee nicht um⸗ gekommen oder zum Krüppel geſchoſſen worden wären! Da iſt eine zweite Reiſe nach Frankreich denn doch vor⸗ zuziehen. Machen Sie ſich doch keine Illuſionen! ſagte melan⸗ choliſch lächelnd Rudolf; man wird mich ſehr bald den großen Marſch in die Ewigkeit antreten laſſen. Mit welchem Rechte, ja, nur unter welchem Vor⸗ wande wollte man eine ſolche Handlung begehen? Der Prinz Jeröme liebt derartige Exekutionen nicht; man ſagt, er ſei gutmüthig und wohlwollend. Bin ich nicht verkleidet im Rücken der Armee, mit den Waffen in der Hand gefangen genommen worden? Was wollen Sie noch mehr? Seien Sie nicht ſo kleinmüthig, das paßt ſich für keinen Soldaten! Unter ſolchen und ähnlichen Geſprächen war der Abend verfloſſen, es war ſtill geworden draußen, nur der ein⸗ förmige Schritt der Schildwachen drang in das kleine Zimmer und zuweilen die verhallenden, fernen Stimmen der oben zechenden Offiziere. Das Licht des Mondes fiel matt und zitternd durch die niedrigen Fenſter und ſpielte mit den Gedanken der beiden Gefangenen, die ſchweigend jeder auf ſeinem Lager ruhten, ohne zu ſchla⸗ fen, aber auch ohne dem Anderen dies bemerkbar zu machen. Da drang ein heller, röthlicher Schein in das Gemach, draußen entſtand Geſchrei und Durcheinander- laufen, und bald darauf wirbelten die Trommeln, und die anſchlagenden Glocken zitterten in bangen Tönen durch die Nacht. Es iſt Feuer im Dorf! rief der Freiherr, indem er aufſprang und, von Rudolf gefolgt, an das Fenſter eilte; nach der Richtung zu ſchließen, brennt das Gehöft des Bauers Röme; ja, ja, ſehen Sie, dort bricht die Flamme aus dem Scheunendach hervor! Das Feuer iſt angelegt; der Mann wird in dieſer Nacht ein Bettler. Das iſt die Frucht ſeines ſchändlichen Verrathes. Es war ſo, wie der Freiherr vorausgeſetzt. Die Ge⸗ bäude ſtanden plötzlich an vier Stellen zu gleicher Zeit in Brand. Nur mit Mühe gelang es den darin ein⸗ quartierten Soldaten und den ſonſtigen Bewohnern, ſich zu retten; alles Uebrige, alle Vorräthe, das ſämmtliche Vieh wurde ein Raub der Flammen. Als die Solda⸗ ten auf der Brandſtätte erſchienen, ſtanden ſämmtliche Gebäude ringsum in Feuer, und nicht Eine Hand hatte bis jetzt den geringſten Verſuch gemacht, zu löſchen. Der Kapitän fluchte und tobte, befahl, die Bauern mit Ge⸗ 10* 148 walt zum Löſchen zu treiben, aber ſie verſchwanden, und erſt als das nächſtgelegene Gehöft in Gefahr gerieth, gleichfalls vom Feuer ergriffen zu werden, erſchienen ſie mit der Spritze, mit Waſſer und ſonſtigen Löſchgeräth⸗ ſchaften, und es gelang ihrer raſtloſen Anſtrengung, bald dem Feuer Einhalt zu thun. Nach zwei Stunden war von der ganzen unbeweg⸗ lichen und beweglichen Habe des Röme Nichts mehr übrig, als glimmende Schutthaufen, aus denen hin und wie⸗ der die Flamme nochmals emporloderte und ein wider⸗ lich brenzlicher Geruch von den Kadavern des darin rö⸗ ſtenden Viehes aufſtieg. Der Eigenthümer aller dieſer verbrannten Gegenſtände heulte und tobte in ſeinem Ge⸗ fängniß wie ein wildes Thier, beſchwor ſeine Wächter bei Allem, was er erdenken konnte, ihn in Freiheit zu ſetzen, und rannte endlich in vergeblicher Wuth mit dem Kopf gegen die Eiſenſtäbe des Fenſters, daß er faſt be⸗ ſinnungslos und blutend niederſtürzte. Noch immer lohte die Flamme hoch empor; er konnte es ſehen, wie Ge⸗ bäude nach Gebäude, Haus, Kuhſtall, Scheune, auch die zweite Scheune, nun der Pferdeſtall raſch hintereinander in Feuer ſtanden, konnte das Brüllen des in den Ställen verbrennenden Viehes hören— und bei dieſem für ihn entſetzlichſten Unglück, bei der Zerſtörung ſeines irdiſchen Gutes, woran ſein in Geiz verſteinertes Herz faſt allein hing, Nichts thun, als in ohnmächtiger Wuth an den Eiſenſtäben ſeines Gefängniſſes rütteln. — 149 Jetzt gingen zwei Knechte vorüber; ſie ſchienen ab⸗ ſichtlich laut zu reden, damit der Gefangene es hören ſolle. Es iſt Alles herunter, ſagte der Eine; Menſchen ſind keine verbrannt, aber alle Pferde und alle Kühe. Es wäre ſchade um das ſchöne Vieh, wenn es jemand Anderem gehörte. Ja, erwiederte der Andere, angelegt iſt es worden, das weiß Jeder, deshalb that auch Keiner löſchen, weil ſich Alle darüber freuten. Erſt gegen Morgen war die Gefahr für vollſtändig beſeitigt zu erachten, und die Soldaten und die Bauern verließen bis auf einige ausgeſtellte Wachen die Brand⸗ ſtätte. Es war ſchon ziemlich ſpät am anderen Tage, als der Kapitän ſein Frühſtück zu ſich genommen hatte und die Gefangenen votzuführen befahl. Die beiden Bauern wurden ſogleich wieder abgeführt, nachdem man ihnen bemerklich gemacht hatte, daß ſie nach Breslau trans⸗ portirt und bei dem geringſten Fluchtverſuch unterwegs erſchoſſen werden würden. Sie, meine Herren, fuhr er, ſich an den Freiherrn und Rudolf wendend, fort, Sie werden ſich dem Transport anſchließen und ſtehen unter denſelben Maßregeln. Jeder der Gefangenen, Herr Lieu⸗ tenant, ſo wandte er ſich an ſeinen Offizier, der nur eine Miene macht, zu entfliehen, wird ſofort niedergeſchoſſen, ich mache Sie dafür verantwortlich, beſonders aber für dieſe beiden. 150 Sollen die Gefangenen gehen oder Wagen für ſie requirirt werden? Wozu fahren? Sind ſie etwa beſſer, als unſere Sol⸗ daten? Laſſen Sie ſie laufen, und heute marſchiren Sie 1 bis Breslau. Wenn ich mir ſelbſt einen Wagen ſtelle— ſagte der Freiherr, ſchwieg aber dann, als ob er bereue, überhaupt etwas geſagt zu haben. Ihre Wagen werden wir hier ſchon anderweitig be⸗ nutzen, ſpottete der Kapitän, alſo marſchiren Sie ab, Herr Lieutenant, ich gebe Ihnen zwanzig Mann als Escorte. Friedrich, befahl der Freiherr ſeinem in der Ferne ſtehenden Bedienten, als ob er allein mit ihm wäre, rufe meine Tochter, die Frau von Saldern und den Inſpektor. Sie ſind ſchon hier, gnädiger Herr. Komm' her, mein Kind, ſagte er zu ſeiner weinen⸗ den Tochter; ſo, nimm Abſchied von mir und beherrſche deine Gefühle vor dieſen Leuten. Ich kehre bald zurück, darauf kannſt du dich feſt verlaſſen, alſo ſei nicht traurig, ſondern ruhig und gefaßt. Sie, Frau von Saldern, nehmen Sie mir das Kind wohl in Acht; ihr Wohl ſteht immer in erſter Reihe, und dann kommt erſt die Wirthſchaft, in der es bei ſolchen Gäſten wohl etwas drunter und drüber gehen wird. Ihnen, Herr Inſpektor, vertraue ich, daß Sie thun werden, was in Ihren Kräf⸗ ten ſteht, um mir ſo viel zu erhalten, wie möglich iſt. Wenn ſie plündern und marodiren, ſo ſuchen Sie 151 Führt ihn fort! tobte der Kapitän. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung und hatte bald das Dorf verlaſſen. Vor demſelben ſtand der Wagen des Freiherrn, und der Offizier geſtattete gern, daß Rudolf und der Freiherr ſich deſſelben bedienten. Er war ein junger Mann, faſt noch ein halbes Kind, der in offener Mittheilung die Stunden des Marſches mit ihnen ver— plauderte, den unverholenſten Antheil an ihrem Schick— ſale ausſprach und nicht undeutlich zu verſtehen gab, wie ſchwer es ihm und vielen ſeiner Kameraden würde, ge⸗ gen deutſche Brüder für die Franzoſen zu kämpfen. Der Abend neigte ſich herab, als Rudolf auf derſel⸗ ben Straße den hohen im Nebel verſchwimmenden Thür⸗ men Breslau's zufuhr, auf welcher er erſt vor wenigen Tagen die Stadt verlaſſen hatte. Damals zwar ein Flüchtling und vor ſich eine dunkle Zukunft— jetzt aber, wo er über dieſelbe Stelle fuhr, auf welcher er von ſeinem Freunde Abſchied genommen hatte, wieder ein Gefangener, ein dem Tode geweihter, verlorener Mann! Der Wagen hielt endlich vor der Kommandantur, es kamen und gingen Soldaten und Ordonnanzen, dann fuhr man wieder weiter, und bald umfingen die dunkeln und unheimlichen Mauern des Gefängniſſes die Arreſtan⸗ ten, und indem ſich das Thor knarrend hinter ihnen ſchloß, waren ſie geſchieden und abgeſondert von dem übrigen Theile der menſchlichen Geſellſchaft. Das Exe⸗ futions-Kommando blieb in Schönberg, um von dort 152 aus noch mehrere widerſpenſtige Gemeinden zum Gehor⸗ ſam zurückzubringen. Der Kapitän ſelbſt unternahm mit Eifer derartige Razzias, welche ſeinem Geſchmacke zu⸗ ſagten, und beorderte außerdem kleinere Trupps zu ähn⸗ lichen Expeditionen. Die Thätigkeit der in Schönberg befindlichen Sol⸗ daten wurde in der ganzen Umgegend ſehr bald bekannt, und man ſuchte ſich, ſo gut es ging, dagegen zu ſchützen. Der Erfolg ihrer Wirkſamkeit entſprach jedoch keineswe⸗ ges den damit verbundenen Abſichten, denn ſchon am anderen Tage waren aus faſt allen zunächſtgelegenen Ortſchaften und ſogar aus Schönberg ſelbſt wieder junge Burſchen heimlich entwichen. Es blieb eine auffallende Erſcheinung, daß zu jener Zeit aus den Feſtungs-Gar⸗ niſonen fortwährend nicht unbedeutende Deſertionen ſtatt⸗ fanden, die Lücken aber theilweiſe durch freiwilligen Zu⸗ zug wieder ausgefüllt wurden. Wenn man ſich aber daran erinnert, daß das preußiſche Heer damals nur aus angeworbenen Truppen beſtand, wovon ein großer Theil Ausländer waren, ſo wird man ſich nicht wundern, daß viele davon zur Zeit der Noth die Fahnen heimlich ver— ließen, eben ſo wenig wie darüber, daß viele Andere freiwillig wieder dahin eilten, welche von Vaterlands⸗ liebe beſeelt ihre Dienſte anboten. Was das preußiſche Volk in dieſer Beziehung zu leiſten fähig war, das zu zeigen, war ihm erſt nach einigen Jahren vorbehalten. Selbſt bis in die Wälder hatte das in Schönberg — 153 ſtationirte Kommando ſeine Patrouillen ausgeſandt, und wenige Tage nach dem beſchriebenen Vorfall erſchienen daher drei Soldaten mit einem Unteroffizier auch auf der Lichtung, an deren Rande das einſame Förſterhaus lag. Dort hatte man ihre Ankunft bereits gemeldet, da der Förſter mit drei Jägerburſchen genau alle Wege beobachtet hatte. Die Soldaten blieben am Rande des Holzes, eine Zeit lang ſich berathend, ſtehen und mar⸗ ſchirten dann mit ſchußfertigem Gewehre dem Hauſe zu. Zwei von ihnen ſchleppten ein Reh mit ſich, das ſie unterweges geſchoſſen hatten. Da Alles ſtill und unver⸗ ändert blieb, ſo näherten ſie ſich dem Hanſe und traten bald in daſſelbe ein. In der Stube befand ſich der Förſter mit ſeiner Frau und Aennchen. Ho! ho! rief der eintretende Unteroffizier, indem er in der Thür ſtehen blieb, hier ſcheint's nicht übel zu ſein. Bringt uns zu eſſen, Frau, denn wir ſind hungrig; tum⸗ melt Euch und glotzt mich nicht ſo an, und die Kleine da kann uns bedienen, ein hübſches Ding das! Wir haben da ein Reh unterwegs geſchoſſen, davon bratet uns die Keule! Was habt Ihr zu trinken? Schweigend, als ob ſie dieſen Befehlen nachkommen wollte, entfernte ſich die Frau mit Aennchen. Der För⸗ ſter aber nahm die neben ihm ſtehende Büchſe und trat dicht an den Unteroffizier heran. Wer hat Euch Schuften erlaubt, hier ein Reh zu 154 ſchießen? fragte er, in der jetzigen Jahreszeit und noch dazu eine Ricke? Scht doch den ſpaßhaften Kerl! höhnte der Unter⸗ offizier; greift ihn, befahl er den Soldaten, und haut ihn tüchtig durch, damit er lernt, mit Soldaten umzu⸗ gehen. Möchte euch ſchlecht bekommen, ihr Räuber und Mordbrenner! rief der Förſter, indem zugleich aus ſeiner Jagdpfeife ein gellender Pfiff ertönte. Seht die Büch— ſenläufe an den Fenſtern! So wie ſich Einer von euch noch rührt, winke ich, und meine Burſchen fehlen nicht! Beſtürzt blickten die Soldaten nach den Fenſtern und überzeugten ſich, daß ſie in eine Falle gegangen waren. Jetzt will ich euch zeigen, wie man mit derartigen Soldaten umgeht, fuhr der Förſter fort, ohne der Mün⸗ dung ſeiner Büchſe, die auf den Unteroffizier gerichtet war, eine andere Richtung zu geben. Kehrt! Marſch! rief er, und zwar ſo ſchnell, als eure Füße es möglich machen, ihr infamen Wilddiebe! Schweigend verließen die Soldaten das Haus; drau⸗ ßen ſahen ſie mehrere Geſtalten hinter den Bäumen wohl geſchützt, deren Gewehre unausgeſetzt auf ſie gerichtet blieben. Es ſchien daher rathſam, ſich auf keinen Kampf einzulaſſen, und ſie gingen über die Lichtung zurück. Wer ſich von euch Hallunken unterſtehen ſollte, noch⸗ mals auf ein Stück Wild zu ſchießen, der kommt nicht lebendig wieder aus dem Walde, das merkt euch! rief 3 155 der Förſter ihnen nach, der den Soldaten bis vor die Thür ſeines Hauſes gefolgt war. Dieſe waren jetzt bis an den ungefähr 150 Schritt vom Hauſe entfernten Rand des Waldes gekommen, da. ſprangen ſie hinter die Bäume, und gleich darauf fielen zwei Schüſſe.— Eine Fenſterſcheibe klirrte, und ein Zak⸗ ken des über der Thür befeſtigten Hirſchgeweihes fiel zer⸗ ſchoſſen vor die Füße des Förſters. Noch zog der bläu⸗ liche Rauch an der dunkeln Wand des Waldes hin, als ſchon drei Büchſen die Erwiederung hinüberſchickten. Zwei Soldaten ſtürzten zu Boden. Einer davon, der nur verwundet zu ſein ſchien, raffte ſich wieder auf, und ſeine beiden unverſehrt gebliebenen Kameraden ſchleppten ihn fort. Der vierte, der Unteroffizier, blieb regungslos liegen. Zwei gute Schüſſe, ſagte der Förſter zu ſeinen jetzt hervortretenden Jägerburſchen. Es möchte wohl am beſten ſein, die Kerle nicht wieder aus dem Walde kom⸗ men zu laſſen. Ich beſchwöre dich, Mann, vergieße kein unnöthiges Blut, bat die herbeikommende Förſterin, es iſt ſo ſchlimm genug geworden. Miſche dich nicht in Dinge, die dich Nichts angehen! Je mehr von dieſen Kanaillen todgeſchoſſen werden, deſto weniger ſind ihrer— doch ſie mögen ziehen, vorläufig wird dieſe Lektion genügen. Kommt jetzt, wandte er ſich 156 an die Jägerburſchen, wir wollen ſehen, ob der Mann, der da hinten liegt, wirklich todt iſt. Die vorgenommene Beſichtigung ſetzte dies ſogleich außer Zweifel; er war von zwei Kugeln, von einer in den Kopf und von einer in die Bruſt getroffen. In den Kopf und auf's Blatt, ſagte der Förſter, zwei gute Schüſſe! Ich dachte ſchon, Einer von euch wäre ſchlecht abgekommen, aber ihr habt beide auf Einen gehalten. Du, Friedrich, ſchleichſt den Kerlen nach, bis ſie aus dem Walde ſind, und meldeſt ſogleich, wenn ſich Etwas ereignen ſollte. Ihr aber begrabt dieſen ſtillen Mann hier auf derſelben Stelle, von wo aus er mir mein Hirſchgeweih zerſchoſſen hat, und dann kommt nach Hauſe.— Nun, Mutter, ſagte der Förſter, als er zu⸗ rückgekommen, nun fängt der Krieg auch für uns an. Packe Alles zuſammen, was fortzubringen iſt, ich habe die Pirſchhütte für dieſen Fall ſchon etwas einrichten laſ— ſen, dort werden ſie uns nicht aufſpüren, wenigſtens ſo leicht nicht. Wir müſſen uns da ſchon ein wenig behel⸗ fen, und es thut mir leid, daß Aennchen gerade zu einer ſo unruhigen Zeit zu uns auf Beſuch gekommen iſt, in⸗ deſſen es läßt ſich doch einmal nicht ändern. Meinetwegen ſeien Sie außer Sorgen, ſagte das junge Mädchen, indem ſie den Förſter mit einem flehen⸗ den Blicke anſah, aber— Sie ſind ja ſonſt ein ſo gu⸗ ter Mann, laſſen Sie die armen Soldaten nicht mehr erſchießen. — 157 Ich thue nur, was ich muß, mein liebes Kind, er⸗ wiederte er, indem er ihre blaſſen Wangen ſtreichelte— ich wehre mich meiner Haut. Der Mann dort, der jetzt ſo ſtill geworden iſt, er würde hier noch ſehr Vieles und ſehr laut geredet haben, mein Kind. Der Reſt des Tages verging mit den Vorbereitun⸗ gen zur Ueberſiedelung in die eine Meile entfernte, tief im Walde und ſehr verſteckt gelegene Pirſchhütte. Als die Dämmerung ſich auf die kleine Lichtung herabſenkte und im hohen Holze ſchon die tiefen Schatten der Nacht ſich ausbreiteten, ſah man einen beladenen Wagen, be⸗ gleitet von allen Bewohnern des Forſthauſes, langſam im Walde verſchwinden und dort abſichtlich verſchiedene Richtungen einſchlagen, um die Spur für die Verfolger zu verwirren. Der Mond, welcher bald darauf über die Gipfel der Bäume emporſtieg, ſandte ſein bleiches Licht durch die kleinen Fenſter in die leeren und von allen lebenden Weſen verlaſſenen Räume des einſamen För⸗ ſterhauſes. Uenntes Kapitel. Geſchäfte. Einige Tage nach den eben beſchriebenen Ereigniſſen holte Haller ſeinen Freund Roſen zu einem verabredeten Spaziergange ab. Sie hatten bald die innere Stadt 158 durchſchritten und gelangten zu den nunmehr faſt gänz⸗ lich zerſtörten Feſtungswerken, mit deren Beſeitigung immer noch mehr als zweitauſend Landleute beſchäftigt waren. Die Stadt kann nur gewinnen, ſagte Haller, als ſie durch das Gewirr von ſchaufelnden, grabenden und kar⸗ renden Menſchen hindurchgegangen waren und die zum Theil zerſtörte Ohlauer Vorſtadt erreicht hatten; der be⸗ engende und ſie doch nicht ſchützende Panzer, welchen die alte Wratislavia auszieht, wird einem heiteren, dehn⸗ baren Kleide Platz machen, ihre Glieder werden an Run⸗ dung und Fülle zunehmen und ſich nach Belieben aus⸗ ſtrecken. Da müſſen ſich vor Allem die Zeiten ändern, jetzt möchten die Glieder denn doch vorläufig abmagern und dürre werden. Sagen Sie das nicht! Es giebt manche da drinnen, die ungemein an Umfang zunehmen; doch ich will Ihnen ſpäter meine Anſicht darüber entwickeln, fuhr Haller fort, beſchäftigen wir uns jetzt jedoch ein wenig mit der Na⸗ tur. Sehen Sie, wir ſind hier plötzlich auf eine Art von Inſel gerathen, denn die ausgetretene Oder um⸗ fluthet auf allen Seiten die Dämme, welche das kleine Morgenau ſchützen, und hat die ganze Wieſenfläche bis zur Stadt in ein großes Meer verwandelt. Breslau mit ſeinen ſtattlichen Thürmen daran ſieht aus, wie eine Seeſtadt, es fehlen nur die Maſten der Schiffe. 59 Es fehlt noch ſehr Vieles dazu, erwiederte der junge Banquier, bei dem der kaufmänniſche Geſichtspunkt die bloße Naturanſchauung verdrängte; es wäre vor Allem nöthig, daß dieſer Fluß, welcher jetzt das Meer reprä⸗ ſentirt, im Sommer nicht zu einer bloßen Rinne ſich verkleinerte. Man kann die Flüſſe ſehr paſſend mit den Menſchen vergleichen, bemerkte Haller, indem er ſeine Brille in die Höhe ſchob und in einen dozirenden Ton überging; die Oder zum Beiſpiel gleicht einem Manne, welcher unter einförmiger, phantaſieloſer Umgebung aufgewachſen iſt und dieſen philiſtröſen Charakter auch während ſeines ganzen Lebens beibehalten hat. Die Zeit der Jugend, die Schwärmerei der Liebe, die Romantik ſind ihm gänz⸗ lich unbekannt geblieben; von Kindheit an iſt er mit der Sorge für ſeine Nahrung und ſein Fortkommen beſchäf⸗ tigt geweſen, ohne daß ſeine Anſtrengungen, auch im Mannesalter, jemals von irgend einem erheblichen Er⸗ folge gekrönt worden wären. Ueberall hat man ſeiner Laufbahn Hinderniſſe in den Weg geſtellt, und wenn er auch zuweilen ſich ermannt und eines oder das andere wieder zerſtört hat, ſein Zorn und ſeine Kraft waren immer nur von kurzer Dauer, und man hat ſich niemals viel daran gekehrt. Erſt in reifen Jahren verchelicht er ſich mit einer ziemlich wohlhabenden, aber eben ſo proſaiſchen Frau, geborene Warthe, und richtet ſich nun nach Art ſolcher Leute weit über ſeine Verhältniſſe ein, 160 macht großen Aufwand, indem er ſeinen Haushalt über ſeine Kräfte erweitert, um dann endlich faſt in Dürftig⸗ keit zu enden. Sehen Sie, Freund, fuhr Haller fort, der ſich ſelbſt in ſeiner Schilderung gefiel, da haben Sie das Bild eines ächten Philiſters! Betrachten wir dagegen den Rhein. Hoch in den Bergen geboren, ergeht ſich der Knabe in den wildeſten Spielen und Sprüngen, dann macht er gründliche Studien und verliert ſich in den tie⸗ fen See der Wiſſenſchaften. Als kenntnißreicher Jüng⸗ ling verläßt er denſelben und verlebt nun ſeine Jugend in der herrlichſten und reizendſten Umgebung. Er koſt mit einer Unzahl der ſchönſten Nymphen, welche den blühenden Jüngling mit offenen Armen empfangen, und macht noch manchen tollen Streich— aber der große Zweck ſeines Lebens ſteht dabei unverrückt vor ſeiner Seele, er ſpendet Segen und Glück, wo er hinkommt, und duldet es durchaus nicht, daß man ſeinem Wirken irgend⸗ wie hindernd in den Weg trete. Dann, nachdem er ſo ſeine Jugend in genußvoller froher Thätigkeit verlebt hat, zieht er weiter als hoch geachteter und einflußreicher Mann, nach deſſen Umgange man ſich überall ſehnt, weil er ſo⸗ wohl nützlich als angenehm iſt. Und wie endet dieſer hochgeachtete Mann? fragte Roſen lächelnd. Wie gewöhnlich Männer von Geiſt und Thatkraft, welche ihrer Zeit vorangehen, erwiederte Haller. Er wird 161 aus ſeinem Vaterlande verbannt, von Krämerſeelen an⸗ gefeindet, nach und nach ſeines Einfluſſes, ſelbſt ſeines guten Namens beraubt, zieht er ſich in die Einſamkeit zurück und ſtirbt faſt ungekannt und von Allen verlaſſen. Im Sande! bemerkte Roſen. In demſelben Sande, welchen der Philiſter, die Oder, von Anfang an nicht überwinden konnte— und in dem, oder vielmehr in welchem Staube, zuletzt alles Irdiſche vergeht— das nach menſchlichen Begriffen Große und Kleine. Sie mögen Recht haben; aber dieſe trübe Erfahrung ſchließt das Streben nicht aus, ſo lange wir als Men⸗ ſchen auf der Erde wandeln, nicht der Oder, ſondern dem Rheine zu gleichen, ſelbſt auf die Gefahr hin, im Alter ſein Schickſal theilen zu müſſen. Thun Sie das, Freund, ſagte Roſen; ich halte es mehr mit einem ruhigen, ſtillen, nicht der Oeffentlichkeit anheimfallenden Leben, mit jenen kleinen, unbedeutenden Bächen, deren Name kaum genannt wird, die vielleicht nur ein paar Mühlen treiben, aber ihr Daſein in harm⸗ loſem Frieden abwickeln.— Doch laſſen wir das, fuhr er fort, als Haller nachdenkend ſchwieg. Sie ſind mir noch die Fortſetzung Ihrer intereſſanten Geſchichte ſchul⸗ dig; es iſt heute der erſte warme Frühlingsabend, und der einſame Weg unter dieſen alten Eichen inmitten der wogenden Waſſer eignet ſich beſonders zu vertrauter Mittheilung. Ich habe Ihnen nicht mehr viel zu erzählen, erwie⸗ Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 162 derte Haller, obgleich ich die wenigen Jahre bis zu meiner Verſetzung nach Breslau ebenfalls in nicht ganz gewöhn⸗ lichen Verhältniſſen verlebt habe. Es ſcheint mir einmal ein ſolcher Beruf vom Schickſal beſchieden zu ſein, und ich nehme es an, wie es kommt. Nachdem mich meine Frau verlaſſen, hatte ich, wie Sie leicht denken können, kaum einen anderen Gedanken, als ſie. Was wir verloren haben, nicht mehr beſitzen können, ſteigt ohnedies immer unverhältnißmäßig in ſeinem Werthe; abgeſehen aber von dieſem Gemeinplatze, giebt es vielleicht kein Weib auf der Welt, wenigſtens habe ich kein zweites kennen gelernt, das ſo hinreißend liebenswürdig, ſo Sinne und Herz beſtrickend, bezaubernd ſein konnte, wie ſie, wenn ſie es wollte, und noch jetzt macht die Erinnerung an den Rauſch jener Stunden, welche ich in ihrem Umgange genoß, alle meine Nerven erbeben. Lächeln Sie immerhin, Freund, und ſehen Sie mich mitleidsvoll an, es iſt dennoch ſo. Der ihr ange⸗ borene Leichtſinn und die in der reizvollſten Form ſich kundgebende Coquetterie, worin ſie Meiſterin war, brachte jene Wirkungen hervor, welche leider noch immer bei mir nachzittern.— Doch fort damit! Fort für immer!— Meine Lage war ſehr unangenehm geworden, und ich konnte es nicht verhindern, abermals in den Mund der Leute zu kommen; aber das Semeſter, mein letztes, ging Gott ſei Dank bald zu Ende, und ich verließ die Uni⸗ verſität, indem ich, um ganz mit der nächſten Vergan⸗ — 163 genheit zu brechen, wieder den Namen meines Vaters an⸗ nahm. Mehrere Briefe, welche ich an ihn ſchrieb, blie— ben unbeantwortet, und ich habe auch bis zur heutigen Stunde weder einen Brief noch irgend einen Beweis ſeiner veränderten Geſinnung erhalten. Meine Baarſchaft beſtand noch aus fünfzig Thalern; damit zog ich, mit einem Empfehlungsbriefe eines mir wohlwollenden Profeſſors an den damaligen Oberpräſi⸗ denten von Weſtfalen, jetzt leider entlaſſenen Miniſter von Stein, nach Münſter, um zu verſuchen, dort eine Anſtellung zu erhalten. Alle meine Univerſitätszeugniſſe lauteten auf den Namen Maling, und es machte mir erhebliche Schwierigkeiten, mich als den Eigenthümer der⸗ ſelben zu legitimiren. Es gelang mir endlich durch eine offene Erzählung meiner Schickſale, wobei ich natürlich meine Verheirathung, als nicht zur Sache gehörig, mit Stillſchweigen überging. Stein iſt unſtreitig der genialſte Mann, den ich bis jetzt kennen gelernt habe, und beſitzt zugleich einen ſehr ſcharfen Verſtand und ein wohlwollendes Herz. Er iſt leicht erregt und kann ſich für eine Idee über die Ge⸗ bote der Klugheit hinaus begeiſtern gleich einem jungen Manne, obgleich er ein halbes Jahrhundert zurückgelegt hat. Er haßt das Schlechte und Beſchränkte und dul⸗ det es nicht bei ſeinen Untergebenen; ſeine Geſinnung iſt die eines wirklichen Edelmannes, vielleicht für unſeren 164 Staat und ſeine Edelleute etwas zu liberal. Er nahm mich mit ſichtbarem Mißtrauen auf. Sie ſind mir zwar von einem Manne empfohlen worden, ſagte er, den ich beſonders hochſchätze, und in den ich volles Vertrauen ſetze, aber ich verkehre ungern mit Menſchen, welche keiné klare Vergangenheit haben. Außerdem ſind Sie ein Ausländer. Allerdings kein geborener Preuße, aber ein Deutſcher, entgegnete ich. Sie wollen wohl andeuten, daß dies bei mir eben ſo der Fall ſei; meinten Sie das? fragte er, mich mit ſeinen klaren Augen feſt anſehend. Ich habe wirklich nicht im Entfernteſten daran ge⸗ dacht, und was meine Vergangenheit betrifft, ſo glaube ich durch die offene Erzählung meiner Schickſale das Un⸗ klare davon beſeitigt zu haben. Ja, ja, ſagte er, einen Augenblick nachdenkend, es iſt möglich. Ich will einen Verſuch mit Ihnen machen— nur, weil Sie mir von meinem Freunde empfohlen ſind, nicht Ihrer Perſon wegen. Sie fangen bei mir, was das Vertrauen betrifft, von vorn an, ich ſage Ihnen das geradezu; machen Sie darin keine Fortſchritte, was nur von Ihnen abhängen wird, ſo iſt unſer Verhältniß wie⸗ der gelöſt. Ich wurde bei der Auseinanderſetzungs-Kommiſſion beſchäftigt, welche die Anſprüche der Theilhaber des Münſterlandes zu ordnen hatte, und ſtieg, nachdem ich 165 ein halbes Jahr ſcheinbar unbeobachtet gearbeitet, in der Gunſt meines Chefs, welcher mir bald darauf eine wich⸗ tige und beſonders geheim zu haltende Arbeit übertrug, nach deren Vollendung er mich zum Referendarius er⸗ nennen ließ und mich ausſchließlich in ſeinem Bureau be— ſchäftigte. Bald darauf wurde Stein an Stelle des verſtor⸗ benen Grafen von Struenſee Miniſter der Finanz⸗, Fabrik⸗, Manufaktur- und Kommerz⸗Angelegenheiten und verließ Weſtfalen, nachdem er ſeinen Nachfolger, den jetzigen Oberpräſidenten von Vincke, eingeführt— wie die Zeit Alles ändert, Freund! Ich dachte in dieſem Augenblick nicht daran, daß Preußen Weſtfalen wohl für immer verloren, und Napoleon Vincke inzwiſchen von ſeinem Poſten wieder abgeſetzt hat. Was ich kaum erwartet hatte, geſchah; Stein nahm mich mit nach Berlin und beſchäftigte mich im Miniſterium, vorzugsweiſe in orga⸗ niſatoriſchen Dingen, von denen er es beſonders haßte, wenn irgend etwas darüber vorher bekannt wurde. Ich war faktiſch ſein Geheimſekretär und genoß ſein volles Vertrauen, er nahm mich mit auf ſeine Dienſt- und In⸗ ſpektionsreiſen; ſo begleitete ich ihn im Juni des Jahres 1805 nach Poſen, Warſchau, Kaliſch, Memel, Königs⸗ berg und Stettin. Auf dieſen Reiſen lernte ich die raſt⸗ loſe Thätigkeit, die ſchnelle Auffaſſungsgabe und das große organiſatoriſche Talent dieſes ausgezeichneten Man⸗ nes kennen. Meine freien Stunden hatte ich faſt nur während des Fahrens, und ſelbſt da fanden häuſig ſehr 166 umfaſſende Erörterungen ſtatt. Sobald wir uns im Quartier befanden, mußte ich das Geſehene und Beſpro⸗ chene nach ſeinen oft nur ſehr kurz gegebenen Andeutun⸗ gen zu Papier bringen, ſo daß ich gewöhnlich die Nächte zu Hilfe nehmen mußte. Nach Stein's Rückkehr wurde ihm auch die Leitung der bis dahin von dem Miniſter von Schulenburg ver⸗ walteten Bank und Seehandlung übertragen. Auch hier griff er in gewohnter Weiſe, den alten Schlendrian zer⸗ ſtörend, ein, in Folge deſſen die bekannten Betrügereien des jüdiſchen Banquiers Ephraim und mehrerer anderen Beamten der Bank ermittelt wurden. Stein verfiel auf den unglücklichen Gedanken, mich bei dieſen widerwärti⸗ gen und in jeder Beziehung faulen und unſauberen Un⸗ terſuchungen zu betheiligen. Die Sache verwickelte ſich immer mehr, und als ich endlich kurz vor dem Beginn des Krieges mit dieſen Arbeiten fertig geworden, empfing mich Stein, der damals in einer ſehr gereizten Stim⸗ mung war, völlig gemeſſen und kalt. Er hörte meinen kurzen Vortrag ruhig an, ohne ein Wort zu erwiedern; dann ſagte er: Es iſt gut, die Sache mag hiermit ihr Ende haben. Hier iſt Ihre Ernennung zum Aſſeſſor bei der Kriegs⸗ und Domänen-Kammer in Breslau, begeben Sie ſich ſchleunigſt auf Ihren Poſten! Sie können ſich leicht vorſtellen, wie ſehr mich dieſe Nachricht erſchütterte; ich hatte mit Sicherheit auf eine feſte Anſtellung im Miniſterium gerechnet, und jetzt mit 167 einem Male ohne jede ſcheinbare Veranlaſſung in die Provinz geſchleudert, alle Pläne für die Zukunft zerſtört! Fällt mir irgend etwas zur Laſt, Ew. Excellenz? ſagte ich, ich bin mir bewußt... Laſſen Sie Ihr Bewußtſein, erwiederte Stein, mich ſtreng anſehend; wenn Ihnen etwas Strafbares zur Laſt fiele, ſo würde ich Sie zur Verantwortung ziehen. Ich mache Sie zum Aſſeſſor, ohne daß Sie ein Examen be⸗ ſtanden, und glaube meine Verbindlichkeiten gegen Sie damit erfüllt zu haben— ein näheres Dienſtverhältniß dagegen, wie es früher zwiſchen uns beſtanden— ſagt mir nicht mehr zu. Damit war ich entlaſſen, und das der Dank für meine aufopfernde Thätigkeit— wer weiß, wozu es gut iſt! Die Miniſter wechſeln jetzt täglich, Stein iſt in gro⸗ ßer Ungnade entlaſſen, vom Könige eben ſo behandelt, wie ich von ihm; Sie ſehen, Freund, es iſt einmal ſo der Welt Lauf. Der Mächtige drückt und mißhandelt den Schwachen nach Laune und Belieben. Es iſt im⸗ mer eine ſchöne Sache um die Gewalt. Der König, welcher Stein nicht nur auf eine ungnädige, ſondern auf eine für ihn im höchſten Grade kränkende Weiſe entlaſ— ſen hat, wird dies leider ſelbſt bald empfinden müſſen. Napoleon iſt ganz der Mann, aus der Macht, welche ihm ſein Genie, ſelbſt die Gunſt des Augenblickes ver⸗ liehen, jeden irgend möglichen Vortheil zu ziehen. Uebri⸗ gens, fuhr er fort, wenn ich auch nicht die Art der Ent⸗ 168 laſſung Stein's billigen kann, ſo halte ich ſeine Entfer⸗ nung doch für ein Glück. Man iſt im Publikum anderer Meinung, bemerkte Roſen. Weil man Stein nur oberflächlich kennt, entgegnete mit Wichtigkeit der Aſſeſſor, indem er ſeine Brille in die Höhe ſchob, ich aber, der ich ſo lange Zeit in ſo nahen Beziehungen zu ihm geſtanden habe, weiß, daß ſeine Lei⸗ denſchaftlichkeit und die ertreme Richtung, welche er ohne Rückſicht und Achtung des Beſtehenden, ſofern er es für nachtheilig hält, verfolgt, den Staat zu einem Specu⸗ lateur machen würde, der in gewagten Geſchäften ſein ganzes Vermögen einſetzt. Das gewagteſte Geſchäft, den Krieg, hat er bereits unternommen. Nicht ohne Stein's Einfluß und Rath. Doch da wir gerade von Geſchäften ſprechen, fuhr der Aſſeſſor fort, ſo geſtatten Sie mir, Ihnen ein ſehr gewinnbrin⸗ gendes und dazu ganz ſicheres in Vorſchlag zu bringen; ich geſtehe, daß ich Sie hauptſächlich deswegen zu die⸗ ſem Spaziergange abgeholt habe. Sie, ein Geſchäft? fragte Roſen lächelnd. Die Kammer ſteht in täglichem und lebhaftem Ver⸗ kehr mit den franzöſiſchen Generälen, welche, wie Sie leicht denken können, in allen adminiſtrativen Angelegenheiten unſerer Vermittlung bedürfen. Es handelt ſich, um es kurz zu machen, um die Lieferung von 20,000 Torniſtern 169 und eben ſo viel Tzſchakos nach vorgeſchriebenen Mo— dellen. Ich habe mich genau über die Sache informirt, überzeugt, daß das Rohmaterial in hinlänglicher Maſſe hier vorhanden und bei dem Geſchäft ein Gewinn von 8— 10,000 Thalern zu machen iſt. Es gehört dazu Nichts, als der Ankauf der Stoffe und die Verdingung der Arbeiten; einen Theil würden wieder Unterlieferan⸗ ten übernehmen. Alſo ein Kapital von circa 12— 15,000 Thalern. Und Sie meinen, ich ſollte dieſe Lieferung übernehmen? Ich wüßte nicht, weshalb Sie einen ſo ſicheren Ge⸗ winn ausſchlagen ſollten. Wenn ich auch die Abſicht hätte, ſo mangelt es mir doch an allen Verbindungen, um die Uebertragung der⸗ ſelben an mich auch nur wahrſcheinlich zu machen, und es widerſtrebt ganz meiner Natur, mich in den unreinen Fluß der Konkurrenz zu begeben. Wenn dies nöthig wäre, würde ich Ihnen den Vor— ſchlag nicht gemacht haben. Ich übernehme alle Arran— gements, welche nöthig ſind, Ihnen die Lieferung zu ver⸗ ſchaffen, ſagte der Aſſeſſor mit langſamer Stimme, indem er ſcheinbar gleichgültig ſeinen Blick auf den fluthenden Strom richtete; Sie ſtellen mir 1000 Tha⸗ ler zur Verfügung, welche in den Brunnen fallen müſ⸗ ſen, theils um die Konkurrenz zu beſeitigen, theils um bei der Abnahme allen weiteren Chikanen enthoben zu ſein, und zahlen an mich nach Beendigung des Geſchäf⸗ 170 tes ein Viertel des Gewinnes. Es bleiben für Sie dann immer noch 5— 6000 Thaler, welche Sie ohne Mühe, ohne Riſiko und in ſehr kurzer Zeit gewonnen haben werden. Roſen beſchlich bei dieſer unerwarteten Mittheilung dasjenige Gefühl, welches in einem geraden und ehrli⸗ chen Menſchen immer rege wird, wenn man ihm Dinge zumuthet, gegen welche ſich aus dem Geſichtspunkte des Vortheils zwar Nichts einwenden läßt, die aber dennoch mit ſeinen Anſichten von dem, was er für recht und ſchicklich hält, in Widerſpruch ſtehen. Sie wollen das Alles beſorgen? entgegnete er daher, ohne eine beſtimmte Antwort zu geben. Ich habe Ihnen meine Geſchichte offen mitgetheilt, weil ich eine Zuneigung und weil ich Vertrauen zu Ihnen habe, fuhr der Aſſeſſor fort. Sie werden daraus erſehen haben, daß ich durch eine harte Schule des Lebens ge⸗ gangen bin. In derſelben habe ich allerdings den Blü⸗ thenſtaub der Romantik und das prüde Fernbleiben von dem Nützlichen, nur weil es mit dem Idealen vielleicht in einigem Widerſtreit ſteht, abgeſtreift; ich bin, was man ſagt, ein praktiſcher Menſch geworden, ſo weit dies mit den Grundſätzen der Ehre im Einklange bleibt.— Sie haben nicht nöthig, mir die Bedenken mitzutheilen, welche bei Ihnen durch meinen Vorſchlag rege geworden ſind— aber erwägen Sie, das Geſchäft wird jedenfalls gemacht; machen wir es nicht, übernehmen es Andere, ——— 171 und dieſe Anderen ziehen dann den Gewinn. Sie ſind Kaufmann und Banguier, es liegt in Ihrem Berufe, ſolche Spekulationen zu unternehmen. Was kümmert es Sie, wenn Ihr Kontrahent einigermaßen übervortheilt wird und ſchlechtere Waare erhält, als er gefordert? Er iſt der Feind unſeres Vaterlandes; indem Sie Ihren Vor⸗ theil wahrnehmen, vollziehen Sie zugleich eine patriotiſche Handlung. Ja, wären es preußiſche Truppen— doch ich werde wohl nicht nöthig haben, Ihnen zu ſagen, daß dann ein ſolcher Vorſchlag meinerſeits unmöglich gewe⸗ ſen wäre. Roſen war nachdenkend geworden; als Kaufmann ließ ſich gegen das Geſchäft eigentlich nichts Erhebliches einwenden, zudem lockten die vielen und glänzenden Er⸗ folge ſeiner Kollegen. Sie wiſſen, ſagte er daher, ich hatte eigentlich die Abſicht, mich in dieſer Kriſis ſtill zu verhalten und mein Vermögen an keiner Spekulation zu betheiligen. Ich beſitze ſo viel, um angenehm leben zu können, und habe meiner Frau verſprochen, mich nicht der Gefahr des Ver⸗ luſtes auszuſetzen. Wozu auch? Ihr Vorſchlag ſtellt al⸗ lerdings einen ziemlich ſicheren Gewinn in Ausſicht. Ge⸗ ſtatten Sie mir einen Tag Bedenkzeit. Das iſt unmöglich, Freund, erwiederte der Aſſeſſor; Sie müſſen ſich noch heute entſchließen, denn die Sache leidet nicht den mindeſten Aufſchub; es hat mir ſchon ſehr viel Mühe gekoſtet, die Uebergabe der Lieferung an 172 einen anderen Bewerber heute Vormittag zu verhindern. Sie werden eine Kleinigkeit weniger bieten, was nicht in Betracht kommt; der Erfolg des Geſchäftes iſt ſo, wie ich ihn dargeſtellt habe. Aber Sie müſſen ſich ent⸗ ſchließen. Wenn es Ihnen genehm iſt, ſo begleiten Sie mich und bringen den Abend bei uns zu, wir wollen dann die Sache auf irgend eine oder die andere Weiſe jeden⸗ falls zu Ende bringen. Es wird ohnehin unfreundlich, und die Sonne iſt bereits untergegangen. Sie wollen erſt die Meinung Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlin hören, erwiederte lächelnd der Aſſeſſor; einen ſolchen Urtheilsſpruch abzulehnen, würde meiner⸗ ſeits gegen die Geſetze der Artigkeit und Galanterie ver⸗ ſtoßen. Ich ſtehe zu Ihrem Befehl. Sie wurden bei der Rückkehr in Roſen's Wohnung von deſſen junger Frau mit der ihr eigenen Anmuth und Liebenswürdigkeit empfangen. Selbſt die Vorwürfe, mit denen ſie ihren Gatten ſeines längeren Ausbleibens we⸗ gen überſchüttete, trugen ſo ſehr das Gepräge der Liebe, daß Haller ſeinen Freund im Stillen darum beneidete. Wiſſen Sie auch, ſagte Roſe, indem ſie ſich endlich zu dem Aſſeſſor wandte, daß es immer ſchon eine ge⸗ wiſſe Beängſtigung bei mir erweckt, wenn mein Mann mir mittheilt, daß er ſich mit Ihnen zu irgend einer Zuſammenkunft verabredet hat? Sollte ich vielleicht etwas — 173 länger ausbleiben, heißt es dann jedes Mal, ſo ängſtige dich nicht, du weißt ja, Haller.. Ich hätte Ihren Herrn Gemahl nicht für einen ſol— chen Verleumder gehalten, erwiederte der Aſſeſſor, indem er die Hand der jungen Frau küßte, ich kann Ihnen im Gegentheil die Verſicherung geben, daß ich... Du weißt ja, unterbrach ihn Roſe mit einem ver⸗ bindlichen Lächeln, du weißt ja, ſagt mein Mann, Haller erinnert mich zwar immer daran, es würde Zeit ſein, aufzubrechen, du, nämlich ich, würdeſt warten; aber ſeine ittheilungen ſind ſtets ſo anziehend und intereſſant, daß ich mich nicht davon losreißen kann. v Er geht in ſeinen Verleumdungen alſo noch weiter, als ich es für möglich gehalten— aber Sie werden am Beſten wiſſen, wer von uns der Schuldige iſt, und ge⸗ wiß nicht eine ſo ſchlimme Meinung von mir hegen. Ich muß noch einmal hinunter in das Comptoir, liebe Roſe, ſagte Roſen, der in ſichtlicher Zerſtreuung dieſen Wortgefechten zugehört hatte; nimm mich etwas in Schutz, wenn ich abweſend bin, und laß dich nicht von der gewandten Rede unſeres Freundes bethören. Du weißt Nichts zu deiner Vertheidigung zu ſagen, deshalb gehſt du, erwiederte ſie lächelnd— aber, fuhr ſie fort, nachdem Roſen ſich entfernt hatte, Sie werden wohl nicht daran zweifeln, daß ich Sie allein für den Schuldigen halte. Gewiß nicht, meine ſchöne Frau, und ich weiß dieſes Glück vollkommen zu ſchätzen, da ich auf dieſe Weiſe wenigſtens der Gegenſtand Ihrer Gedanken werde. Mit Ihnen iſt ſchwer zu ſtreiten, aber ſprechen wir von etwas Anderem. Ich leſe in Ihren Augen, Aſſeſſor, nachdem ſich das Geſpräch eine Zeit lang um gleichgültige Dinge bewegt hatte, indem er ſie lange und feſt anſah, ich leſe in Ihren ſchönen Augen, welche einem klaren Spiegel gleichen und wenig geeignet ſind, ein Geheimniß zu ver⸗ bergen, daß Ihnen Ihr Herr Gemahl meine Geſchichte wiedererzählt hat, obgleich er mir verſprochen, dieſes nicht zu thun. Warum haben Sie ſich ein Verſprechen geben laſſen, deſſen Unhaltbarkeit Ihnen einleuchten mußte? erwiederte ſie, indem ſie ihre Augen niederſchlug. Weil ich weiß, wie wenig Frauen im Stande ſind, einen Mann richtig zu beurtheilen, der durch außerge⸗ wöhnliche Verhältniſſe zu außergewöhnlichen Handlungen getrieben worden iſt. Sie haben ſich Ihrer Handlungen nicht zu ſchämen. Ich danke Ihnen von Grund meines Herzens für dieſes Wort; dieſes Urtheil einer reinen und zartfühlen⸗ den Frau erhebt mich in mich ſelbſt und erkräftigt mich, die Qualen zu ertragen, welche noch immer mein Herz verzehren. Vergeſſen Sie die Unwürdige, ſagte ſie, ihn mit Theil⸗ nahme anblickend. Sepe——— 175 Steht das Vergeſſen in unſerer Macht? Möge ein gütiges Geſchick Sie vor dem Wunſche bewahren, einen Theil Ihres vergangenen Lebens vergeſſen zu können! Ein Mann, welcher ſich als das Opfer einer unglück⸗ lichen Liebe hinſtellt, macht auf Frauen einen eben ſo entſchiedenen Eindruck, als derjenige, welcher ſich für den ſchuldigen Theil in ſolcher Liebes⸗Tragödie bekennt. Das ſich ſtets mit der Liebe beſchäftigende Herz des Weibes will in dem erſten Falle tröſten und verſöhnen, vielleicht auch Erſatz gewähren, im anderen aber wird es von dem Verlangen und dem Reiz bewegt, ſelbſt die Gefähr⸗ lichkeit und die Macht eines ſolchen Mannes zu prüfen und zu vernichten, welcher für eine ihrer Schweſtern ſo verderblich geworden iſt. Der Aſſeſſor hatte daher in Roſe's Augen durch die Mittheilung ſeiner Geſchichte bedeutend an Intereſſe ge⸗ wonnen,— ein Umſtand, welcher ihm bei ſeiner Erfah⸗ rung nicht einen Augenblick unbekannt blieb Die Zeit wird dieſe Wunde heilen, erwiederte ſie, ohne aufzublicken, und ein würdigerer Gegenſtand die Verlorene erſetzen. Ich danke Ihnen für dieſen Troſt, er thut meinem Herzen wohl, weil ich die Theilnahme des Ihrigen darin zu erkennen glaube— obgleich Theilnahme immer nur ein ſchwacher Erſatz für verlorene Liebe iſt. Doch, fuhr er fort, laſſen wir die Vergangenheit und wenden wir uns der Gegenwart zu. Da ich das Glück habe, an⸗ 176 nehmen zu können, daß Sie einiges Intereſſe an mir nehmen, ſo darf ich Sie vielleicht um eine unbedeutende Gefälligkeit bitten. Sie iſt Ihnen zum Voraus gewährt, erwiederte ſie lebhaft. Er theilte ihr nun das ihrem Manne vorgeſchlagene Geſchäft mit, indem er es verſtand, daſſelbe ſo harmlos als möglich darzuſtellen, und bat ſie dann, die etwaigen Bedenken ihres Mannes zu beſeitigen. Sie hatte offenbar etwas ganz Anderes erwartet und wurde, was ihm nicht entging, durch die gemachte Eröffnung ſichtlich unangenehm enttäuſcht. Ihre Seele zog ſich, ihr ſelbſt unbewußt, wie bei der Berührung eines unreinen Gegenſtandes, in ſich zuſammen; dennoch ver⸗ mochte ſie es nicht, ihm entgegenzutreten, aus Rück⸗ ſichten, welche in ganz anderen Motiven ihren Grund hatten, wie dies ſo häufig im Leben geſchieht. Warum ſollte mein Mann Anſtand nehmen, Ihren Wünſchen zu entſprechen? ſagte ſie daher, jedoch mit ſichtlicher Befan⸗ genheit. 3 Ich errathe Ihre Gedanken, entgegnete er; es kommt Ihnen kleinlich, vielleicht mit der Meinung, welche Sie ſich über mich gebildet haben, nicht übereinſtimmend vor, daß ich gerade dieſen Augenblick benutze, um Ihre Auf⸗ merkſamkeit einem ſo proſaiſchen Gegenſtande zuzuwenden — die Sache muß jedoch jetzt zur Entſcheidung kommen, und dann— fuhr er fort, indem er tief Athem holte— ———— 177 laſſen Sie mich es Ihnen immerhin geſtehen, daß mich leider die Umſtände nöthigen, die erlaubte Spekulation zur Erhaltung meiner Exiſtenz in den Kreis meiner Thã⸗ tigkeit zu ziehen. Ich erinnere Sie an die ſchönen Verſe Goethes:„Wer nie ſein Brot mit Thränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf ſeinem Bette weinend ſaß, der kennt euch nicht, ihr himmliſchen Mächte!“— Ihnen iſt dieſe Erkenntniß bisher fremd geblieben, und ein gü⸗ tiges Geſchick wird Sie auch ferner davor bewahren, ich aber— wie Ihnen wohl nach meiner Geſchichte klar ſein wird— habe in dieſer Erkenntniß vielfache und gründliche Studien machen müſſen, und es iſt gewiß natürlich, daß ich darnach ſtrebe, ſie nicht erneuern zu dürfen. Betrachten Sie die Sache von dieſem Geſichts⸗ punkte, und Ihr theilnehmendes Herz wird für mich viel⸗ leicht ein milderes Urtheil bereit haben. In dieſem Augenblicke trat Roſen wieder in das Zimmer. Er fing ſogleich an, ſeiner Frau die Vorſchläge Hallers mitzutheilen, und war einigermaßen erſtaunt, als er von ihr nicht nur keinen Widerſpruch erfuhr, ſondern ſie ihm in leichter, ſcherzender Weiſe Vorwürfe über ſeine Be⸗ denklichkeiten machte. Mir ſcheint die Sache ſo leicht und unverfänglich, etwiederte ſie lachend, und dabei der Gewinn ſo auf der Hand zu liegen, daß ich nicht begreife, warum es der Herr Banquier Roſen für nöthig erachtet, deshalb noch den Rath ſeiner Frau einzuholen, die bekanntlich von Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 12 178 Geſchäften Nichts verſteht und ſich auch gar nicht damit befaſſen will. Aber du ſagteſt mir doch, Roſe, erwiederte er, indem er ſie erſtaunt anblickte,— du haſt doch das Verſprechen von mir gefordert, mich in kein gewagtes Geſchäft ein⸗ zulaſſen! und dies nennſt du ein gewagtes Geſchäft? ſpottete ſie; Torniſter und Tzſchako's machen laſſen hältſt du für ein Wagniß? O, geh' doch, Alfred, ich fange an zu zwei⸗ feln, ob du auch den zum Kaufmann erforderlichen Spe⸗ kulationsgeiſt wirklich beſitzeſt. Nun, ich für meine Perſon hatte von Anfang an Luſt dazu, erwiederte Roſen, und befünchtete nur, es wöchte dir unangenehm ſein. So ſchließen wir denn hiermit ab, Herr Aſſeſſor, und wollen das Nähere ſogleich feſt— ſetzen. Dieſer ſo ausgeſprochene Entſchluß ſtand eigentlich ſowohl mit den Anſichten Roſen's, als denen ſeiner Frau geradezu im Widerſpruch und entſprach ſelbſt nicht ein⸗ mal ihren Wünſchen, und doch hatten ſie ihn gefaßt, Einer durch den Andern und Jeder gegen ſeine innere Ueberzeugung. Man beſprach noch die weitere Aus⸗ führung, als der Bediente den Herrn von Venner meldete, und dieſer, ohne eine weitere Zuſtimmung abzuwarten, eilig und ſichtlich erregt in das Zimmer trat. Entſchuldigen Sie, gnädige Frau, und Sie, lieber 179 Roſen, daß ich Sie ſo ſpät überfalle, ſagte er, aber mich treibt eine ſehr wichtige Sache, welche nicht den gering— ſten Aufſchub erleidet. Ich muß dich nothwendig ſpre⸗ chen, Haller, und ſuche dich ſchon zwei Stunden lich in der ganzen Stadt. Ich ſtehe dir augenblicklich zu Dienſten, erwiederte dieſer. Wenn Sie von einem meiner Zimmer Gebrauch ma⸗ chen wollen, bemerkte Roſen verbindlich, Sie dürfen nur beſtimmen. Ich befinde mich ja hier unter Freunden und Gleich⸗ geſinnten, entgegnete Venner nach einiger Ueberlegung. Ihr Rath iſt vielleicht von Nutzen, wenn Sie es daher geſtatten, ſo findet unſere Beſprechung in Ihrer Gegen⸗ wart ſtatt. Sie werden uns verbinden. Einer meiner theuerſten Jugendfreunde, Sie kennen ihn ja auch, lieber Roſen, der Lieutenant von Erbach, iſt verhaftet, und morgen ſoll das Kriegsgericht über ihn erkennen. Es unterliegt nicht dem mindeſten Zweifel, daß man ihn zum Tode verurtheilen wird. Wie ſollte man dazu kommen? fragte Haller; man wird ihn einfach nach Frankreich in die Gefangenſchaft ſchicken. Nein! nein! ich kann die lange Geſchichte jetzt nicht erzählen, er iſt mit den Waffen in der Hand, verkleidet und unter Umſtänden gefangen genommen worden, welche 2 180 ihn als Werbe⸗Offizier, ja, wenn man will, als Spion verdächtigen, obgleich ich ſelbſt am Beſten weiß, daß er in beiden Beziehungen gänzlich unſchuldig iſt. Ich ſelbſt habe ihn hier einen Tag verborgen gehalten, weil er, aus der Gefangenſchaft zurückgekehrt, ſeine alte Mutter noch⸗ mals ſehen wollte, ehe er den gewagten und mißlungenen Verſuch unternahm, ſich zur Armee nach Preußen zu be⸗ geben. Ich habe Gelegenheit gehabt, die Anſichten der franzöſiſchen Offiziere zu erforſchen— es unterliegt keinem Zweifel, man wird ihn zum Tode verurtheilen, und die Exekution erfolgt dann binnen wenigen Stunden. Das iſt ein verzweifelter Fall, ſagte Haller; und was beabſichtigſt du zu thun? Ich will in das Hauptquartier Jerome's und ſeine Vermittlung, nöthigenfalls ſeine Gnade erwirken. Ich halte das für einen gänzlich fruchtloſen Schritt, es ſei denn, daß dir dort einflußreiche Mittelsperſonen zu Gebote ſtänden. Ich glaube, ſolcher Mittelsperſonen ſicher zu ſein, entgegnete Venner leicht erröthend, und verſpreche mir einen guten Erfolg. Jedenfalls iſt es meine Pflicht, die⸗ ſen Schritt zu thun, und du, Maling, mußt mir noch heute Abend einen Paß verſchaffen, was dir bei deinen Verbindungen mit dem Kommandanten nicht ſchwer ſein kann. Es iſt zwar ſchon ſpät— aber du ſollſt den Paß haben, ich will ſogleich gehen. Nur Eines erwäge noch 181 wenn du deines Erfolges nicht ganz ſicher biſt, ſo ſcheint es mir leichter, deinem Freunde die Flucht zu ermöglichen. Du weißt nicht, wie ſtreng er bewacht wird. Nein, nein, man hat offenbar die Abſicht, ein Exempel zu ſta⸗ tuiren— auch wird es nur einer richtigen Darſtellung des Sachverhältniſſes bei Jeröme bedürfen, deſſen ange⸗ borene Gutmüthigkeit derartige Exekutionen verabſcheut, um die Verwerfung des Urtheils herbeizuführen. Ich will wünſchen, daß du dich nicht täuſchen mögeſt. Mir ſcheint es viel Erfolg verſprechender, einen Flucht— verſuch auszuführen. Den Paß ſollſt du i einer Stunde haben— aber mit ein paar hundert Thalern möchte ich mich faſt verbindlich machen, deinem Freunde die Frei— heit wiederzuverſchaffen. Gold iſt ein Schlüſſel, der alle Schlöſſer öffnet. Ich bezweifle das, auch tauge ich zu tſce Geſchäften nicht, ſagte Venner nach einigem Nachſinnen, außerdem kann ich augenblicklich über eine ſolche Summe nicht disponiren, doch das würde ſich finden— aber, fuhr er fort, ich glaube meiner Sache gewiß zu ſein, verſchaffe mir nur den Paß, daß ich in der Nacht fort kann. Roſen hatte mit ſeiner Frau einen kurzen Blick ge⸗ wechſelt und ſich dadurch ihres Einverſtändniſſes verſi⸗ chert. Das Beſte ſcheint mir zu ſein, ſagte er daher, daß, während Sie ſich nach dem Hauptquartier Jeröme's begeben, lieber Venner, unſer Freund Haller ſeinen Plan hier zur Ausführung zu bringen verſucht. Geſtatten Sie es mir, mich dabei in ſo weit zu betheiligen, daß ich Ihnen, Herr Aſſeſſor, jede dazu nöthige Summe zur Dispoſition ſtelle. Erbach iſt ja auch ein alter Schulkame⸗ rad von mir, und es würde mich unendlich freuen, ihm einen Dienſt leiſten zu können.. Wenn nur die Sache dadurch nicht noch verſchlim⸗ mert wird! bemerkte Venner nachdenkend; jeder mißlun⸗ gene Fluchtverſuch— doch es ſei— ich darf dem nicht entgegentreten, ich würde eine zu große Verantwortlich⸗ keit auf mich nehmen. Vor Allem verſchaffe mir den Paß und dann verfolge deinen Plan, Maling; aber ſei vorſichtig und klug, bedenke, was auf dem Spiele ſteht doch ich habe nicht nöthig, dich darauf aufmerkſam zu machen. So komm denn, erwiederte Haller, und wenn dieſer ſtürmiſche Menſch fort iſt, ſetzte er lächelnd hinzu, ge⸗ ſtatten Sie mir wohl, nochmals zurückzukehren, um das Nähere mit Ihnen zu verabreden, lieber Roſen, Sie wiſſen, es iſt Gefahr im Verzuge.— Jehntes Kapitel. Im Hauptquartier. Der Prinz Jeröme hatte ſein Hauptquartier in Ca⸗ menz genommen und wohnte in demſelben Ciſtercienſer⸗ kloſter, deſſen Abt einſt Friedrich den Großen gegen den 183 Ueberfall und die Gefangennehmung durch die Croaten dadurch gerettet hatte, daß er ihn als Mönch verkleidet mit in die Kirche genommen. Es war dieſer Ort zu dem beabſichtigten Zwecke günſtig gewählt, weil er ziem⸗ lich im Mittelpunkt von den drei noch belagerten Fe⸗ ſtungen Silberberg, Glaz und Neiſſe lag. Die ſchönen Gebäude des Kloſters boten zugleich hinlängliche und würdige Räumlichkeiten zur Aufnahme eines kaiſerlich franzöſiſchen Prinzen. Das in den großartigſten Dimen⸗ ſionen nach einem Plane Schinkel's von der Prinzeſſin Marianne von Preußen daſelbſt erbaute Schloß, welches leider noch immer ſeiner Vollendung entgegenſieht, exi⸗ ſtirte damals natürlich noch nicht, und die Berglehne, auf welcher es jetzt ſteht, und die theilweiſe in einen Park verwandelt iſt, war noch mit Wald bewachſen, welcher ſich in öſtlicher Richtung bis in die Gegend von Mün⸗ ſterberg fortzog. Die Ausſicht aber war von jenem Punkte aus eben ſo ſchön, wie jetzt, und ihr allein hat auch das Schloß wahrſcheinlich ſeine Entſtehung zu danken. Das Gebirge, welches die Grafſchaft Glaz umgiebt, die ſich daran ſchließende hohe Eule und auf der anderen Seite die mähriſchen Höhen mit dem Altvater und dem hohen Schneeberg konnte man am Morgen des folgenden Ta⸗ ges in beſonders ſcharfen Contouren und bläulicher, durch⸗ ſichtiger Färbung erblicken, denn die Luft war rein und mild, wie dies nach den Stürmen und Wettern, welche dem Frühlinge vorausgehen, häufig der Fall iſt. Das — 184 Silberband der Neiſſe ſchlängelte ſich, ſtellenweiſe diamant⸗ artig glänzend, in graziöſen Windungen durch die reiche, maleriſche Gegend, und die Töne der Glocken aus den ſchlanken Kirchthürmen der Dörfer vereinten ihre fried⸗ lichen Klänge in der heiteren, ſtillen Ruhe eines Sonn⸗ tagmorgens. Auf der Höhe ſtand Venner, blickte über das zu ſeinen Füßen liegende Kloſter und gab ſich einen Augenblick dem Eindrucke dieſes ſchönen Bildes hin, bis ihn das dumpfe Grollen des von Glaz und Neiſſe herüberſchallenden Donners der Geſchütze aus ſeinen Gedanken aufſcheuchte. Wann wird der Menſch aufhören, ſagte er, mit dem Mißton ſeiner erbärmlichen Leidenſchaften die Harmonie zu zerſtören, welche Gottes Liebe über ihre wundervolle Schöpfung ausgegoſſen hat?— Doch ich habe keine Zeit zu müßigen Betrachtungen, ich muß ſelbſt hinein in den Strom, und ſeine trüben Wellen ſind es, in welche ich das Schiff meiner Hoffnungen zu ſteuern habe. Wie ich es auch überlegen mag, ich finde keinen andern Ausweg, als den Verſuch zu machen, mich geradezu bei ihr an⸗ melden zu laſſen.— Er ging bei dieſen Worten die Berglehne hinab und befand ſich bald am Eingange des Kloſters. Hier ſtand eine zahlreiche Wache, und erſt nachdem er ſeinen Paß gezeigt, und dieſer einer vor⸗ ſichtigen Unterſuchung unterlegen hatte, ließ man ihn den inneren, geräumigen Hof betreten. Unſchlüſſig ſtand er hier eine Zeit lang, bis er einen Bedienten in reicher 185 Livree erblickte. Könnten Sie die Güte haben, der Frau von Latour dieſe Karte zu übergeben, mit der Bitte, ich wünſchte ihr meine Aufwartung zu machen, da ich ſie in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen habe? Der Bediente blickte den jungen Mann verwundert an. Der Frau von Latour? fragte er dann ſpöttiſch lächend— das hat ſeine großen Schwierigkeiten, mein Herr; Se. Kaiſerliche Hoheit befinden ſich zwar vor Glaz, werden aber ſtündlich zurück erwartet... Sie haben nicht das Mindeſte zu beſorgen, erwiederte Venner, indem er ein Goldſtück in die Hand des Bedien⸗ ten gleiten ließ, unſere Unterredung wird ganz kutz ſein. Treten Sie ſo lange hier ein, ſagte der Bediente freundlich, damit Sie nicht beobachtet werden, werde ſehen, was ſich thun läßt. Es verfloß eine für die Erwartungen Venners ſehr lange Viertelſtunde, bis der Bediente zurückkehrte. Es wird der gnädigen Frau ſehr angenehm ſein, meldete er lächeind; wenn ich Ihnen einen Rath geben darf, ſetzte er leiſe hinzu, ſo ſeien Sie vorſichtig und be⸗ eilen Sie ſich ſo viel als möglich. Er führte ihn die breite ſteinerne Treppe hinauf durch einen langen Gang und öffnete dann die Thür eines hohen, geräumigen, luxuriös ausgeſtatteten Zimmers, in welchem der Eintretende Celie in Geſellſchaft zweier älte⸗ ren Damen erblickte. Sie ſah ihn fremd und mit vor⸗ nehmer Miene fragend an, aber während eines kurzen 186 Momentes zuckte ein Blick des Einverſtändniſſes aus ihren dunkeln Augen zu ihm herüber. Einen Augenblick befand er ſich in Ungewißheit, wie er zu handeln habe, dann aber, ſeine Lage erkennend, verneigte er ſich förmlich und ſagte, indem er ein Papier aus der Bruſttaſche hervornahm: Der Zweck meines Hierſeins beſteht darin, die Bitte einer der Verzweiflung nahen, hochbejahrten Mutter Sr. Kaiſerlichen Hoheit zu Füßen zu legen, um ſeine Gnade für ihren Sohn zu erflehen. Da Se. Kaiſerliche Hoheit abweſend ſind, ſo wage ich es, Ihre Vermittlung, gnädige Frau, für mei⸗ nen unglücklichen, aber unſchuldigen Freund in Anſpruch zu nehmen, da die allgemeine Stimme... Laſſen Sie das, erwiederte Celie, um was handelt es ſich? Venner erzählte nun das Sachverhältniß, indem er beſonders hervorhob, daß der Offizier die Abſicht gehabt habe, ſich zur Armee zu begeben, und, bei dieſem an ſich nicht tadelswerthen Vorhaben verhaftet, müur als Kriegs⸗ gefangener betrachtet werden könne. Laſſen Sie mich die Bittſchrift leſen, ſagte Celie und ſtellte ſich, nachdem ſie dieſelbe in Empfang genommen, in eine der tiefen Fenſterniſchen, welche die dicken Mauern des Kloſters bildeten. Wie heißt der Name? fragte ſie nach einiger Zeit, mit dem Finger auf eine Stelle des Papiers deutend; man ſollte wenigſtens in ſolchen Schrif⸗ ten ſich einer leſerlichen Handſchrift befleißigen. 187 Von Wallingen, ergänzte Venner, der dadurch ge⸗ nöthigt wurde, ebenfalls in die Fenſterniſche zu treten; ich bitte um Entſchuldigung. Celie legte bei dieſen Worten einen kleinen Zettel auf das dem Fenſter zugewendete Papier. Und dieſer? fragte ſie wieder in demſelben kalten Tone, indem ſie auf den Zettel deutete. Dieſer? entgegnete Venner, während er ſich des Zet⸗ tels bemächtigte— Schönberg. Ich werde thun, was die Umſtände möglich machen, ſagte ſie, in das Zimmer zurücktretend. Se. Kaiſerliche Hoheit liebt meine Vermittelung in ſolchen Dingen nicht, und es wäre vielleicht beſſer geweſen, Sie hätten ſich direkt an den Prinzen gewandt. Ich muß Ihnen dies auch noch anheimſtellen. Sonſt möchte Ihre perſönliche Anweſenheit hier weiter von keinem Nutzen ſein. Der Befehl Sr. Kaiſerlichen Hoheit wird Ihnen oder der Frau von Erbach im gewöhnlichen Geſchäftswege zugehen. Ich appellire für meinen Freund und deſſen unglück⸗ liche Mutter nochmals an Ihre Milde, ſagte Venner und empfahl ſich, da wieder ein nur ihm erkennbarer Blick ihres Auges ihn dazu aufgefordert hatte. „Gehen Sie auf dem Wege nach Hertwigswalde ſo lange fort, bis Sie an eine alte Eiche mit einem Hei⸗ ligenbilde kommen. Dort erwarten Sie mich; ſpäteſtens in einer Stunde bin ich da.“ Das war der Inhalt des ihm ſo geheimnißvoll zu⸗ 188 gekommenen Zettels. Der ihm bezeichnete Weg führte über die beſchriebene Höhe fort immer tiefer in den Wald hinein und verlief ſich allmählich in einen nur wenig be⸗ gangenen Fußpfad. Als Ulrich darauf eine halbe Stunde fortgegangen war, gelangte er zu der beſchriebenen Eiche, von einer kleinen Waldwieſe begrenzt, wo ſich mehrere Wege kreuzten. Sinnend und bewegungslos ſtand er an den rieſigen Stamm des uralten Baumes gelehnt, während ſeine Ge⸗ danken ſich im raſchen Fluge jagten. Um ihn her war es ſtill und ruhig, nur zuweilen ertönte der Geſang der Droſſel oder das einförmige Picken des Baumſpechtes, — ein Beweis, daß keine Störung die gewohnte Ruhe des Waldes unterbreche. Da ſchien es ihm, als höre er den fernen Hufſchlag eines Pferdes, und bald ſah er auch am Ende des gerade fortlaufenden Weges die Geſtalt eines Reiters erſcheinen. Das lange, im Zuge des ſchnel⸗ len Rittes fliegende Gewand belehrte ihn, daß kein Reiter, ſondern eine Reiterin ſich nähere, und noch war er mit ſich kaum darüber einig, als Celie ſchon den ſchaumbe⸗ deckten, feurigen Rappen kurz vor ihm im vollſten Ga⸗ lopp parirte und, ſich graziös und lächelnd verneigend, ihm einen freundlichen guten Morgen zurief. Mußten Sie ſo geradezu ſich bei mir einführen? Sie böſer Menſch! rief ſie ſcherzend; ich hatte kaum Zeit, ungeſehen den kleinen Zettel zu ſchreiben, und Mühe ge⸗ nug, Ihnen denſelben zuzueignen. 189 Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, gnädige Frau, erwiederte er, ſich leiſe verneigend, daß Sie ſo warmen Antheil an dem Schickſale meines Freundes nehmen... Ihres Freundes? unterbrach ſie ihn lachend; was kümmert mich Ihr Freund und ſeine gewiß ſehr brave Mutter! Nein, nein, Ulrich, fuhr ſie fort, ihm ihre kleine Hand reichend, wir beiden wollen nicht auch Komödie mit einander ſpielen— und wenn Sie mich noch ein einziges Mal„gnädige Frau“ nennen, ſo— mögen Sie ſehen, ob die gnädige Frau dem Herrn von Venner ge⸗ fällig zu ſein irgend eine Veranlaſſung hat. Ich wußte nicht, erwiederte er ſichtbar befangen, daß Sie mir geſtatten würden.. Das wußten Sie nicht? fragte ſie, ihn lange anſe⸗ hend— haben Sie am Abende vor meiner Abreiſe nicht einen Brief von mir erhalten? Das wohl, allerdings— aber... Es ſcheint mir faſt, ſagte ſie, ihm ihre Hand wieder entziehend, als ob Herr von Venner dieſen Brief nie⸗ mals beantwortet und die Schreiberin, ſtatt ſie zu ſuchen, vielmehr gemieden haben würde, wenn er in ihr nicht ein taugliches Mittel zur Befreiung ſeines Freundes ent— deckt hätte?— Ihr Blick war bei dieſer Frage feſt auf ihn gerichtet, und zwiſchen den fein gezeichneten Augen⸗ brauen lagerte ſich ſichtlich eine Falte. Warum ſehen Sie mich ſo zornig an? erwiederte Venner, deſſen Züge plötzlich jede Unentſchloſſenheit verlo⸗ 190 ren hatten— würde ich hier ſein, theure Celie, wenn ich Ihren Brief nicht erhalten hätte? Laſſen Sie es mich immer geſtehen, fuhr er fort, ihr ſo lange tief und feſt in die Augen ſchauend, bis ſie die ihrigen endlich nieder⸗ ſchlug, der Menſch iſt einmal ein ſchwaches und thörich⸗ tes Weſen. Als ich das Unglück meines Freundes er— fuhr, da war mein erſter Gedanke: Sie! und dieſer Ge⸗ danke war ſo voll Freude, ſo voll jubelnder Luſt— denn ich mußte Sie ja nun wiederſehen,— daß ich die widerſpenſtigen Kinder meines fiebernden Gehirns ge⸗ waltſam von dieſem lockenden Bilde fort und dem trau⸗ rigen des gefangenen Freundes zuwenden mußte.— Er hatte, während er dieſes ſprach, ſich wieder ihrer Hand bemächtigt, zog leiſe den kleinen Stulphandſchuh davon ab und küßte die feinen und zierlichen Finger. Sie ſind ein Heuchler, Ulrich, ſagte ſie, ihn forſchend anſehend; entweder Sie ſind es jetzt, oder Sie waren es— es iſt immer gleich gefährlich. Das Glück, welches mich auf der Reiſe Sie finden und Ihnen einen unbedeutenden Dienſt erweiſen ließ, ge⸗ ſtattete mir leider nur, ein paar kurze Tage in Ihrer Geſellſchaft zu leben. Damals erfuhr ich von Ihnen daß Ihr Gemahl wahrſcheinlich bei Eylau gefallen und Sie Wittwe ſeien— auch daß Sie dieſen todten Gat⸗ ten nie geliebt hätten.— Sie ſagten dann, nachdem wir zwei Tage zuſammen gefahren waren,— daß Sie mich liebten— Worte, welche, weil ſie ſo bezaubernd ———— 191 klangen, von mir geglaubt wurden. Dann trennten wir uns, und als ich Sie wiederſah— fuhren Sie in der Equipage Sr. Kaiſerlichen Hoheit des Prinzen Jeröme. — Ich gebe Ihnen Ihre Worte zurück, Celie, Sie ſind eine Heuchlerin, Sie haben entweder damals geheuchelt, oder Sie heucheln jetzt! Sie blickte eine Zeit lang ſchweigend auf den Hals ihres Pferdes, und nur zuweilen traf ein unſtäter, kurzer Blick ſein Auge. Ulrich, ſagte Sie dann, Sie ſind der einzige Mann, den ich wirklich und wahrhaftig lieben könnte— ich könnte es, wenn es mir vergönnt wäre, es zu dürfen. Wenn ich Ihnen meine Geſchichte erzählte, wenn Sie erführen, wie das kaum erwachende Herz des noch halb kindiſchen Mädchens in ſeiner erſten, reinen, keuſchen Liebesblüthe zerknickt und zertreten worden iſt, wie mich der Mann, dem ich Alles geopfert, ſchändlich verrathen und betrogen hat,— dann würden Sie milder über mich urtheilen, als Sie es jetzt in Ihrem Innern wirk⸗ lich thun. Belügen Sie mich nicht noch mehr, ich flehe Sie darum an— ſetzte ſie raſch hinzu, als er zu ſpre⸗ chen anfangen wollte— ich weiß es jetzt, fuhr ſie fort, Sie hätten der Maitreſſe Jerömes ſich nie wieder ge⸗ nähert; daß Sie es gethan, iſt ein Opfer für Ihren Freund, für einen Freund, der Ihnen ſehr theuer ſein muß! Erſt hofften Sie, die bloße Erinnerung der weni⸗ gen ſchönen Tage, welche wir zuſammen verlebt haben, würde, durch Ihre Gegenwart aufgefriſcht, genügen, um 192 mich zu der gewünſchten Hilföleiſtung zu beſtimmen. Als ich mehr zu verlangen ſchien, geriethen Sie in Verlegen⸗ heit und entſchloſſen ſich dann, um Ihren Freund zu ret⸗ ten, ſelbſt die Liebhaberrolle bei mir zu übernehmen, ſo ſchwer Ihnen dieſer Entſchluß auch geworden iſt. Iſt es nicht ſo, Herr von Venner? Nicht ganz ſo, erwiederte er ruhig. Daß ich dies zu Ihnen ſage, Celie, mag Ihnen den Beweis liefern, welche Meinung ich von Ihnen hege. Ja, Sie haben Recht, ich hätte Sie ohne den Unfall meines Freundes nicht wiedergeſehen. Die Geliebte eines Prinzen, eines Fein⸗ des meines Vaterlandes, kann nicht der Gegenſtand meiner Liebe ſein— ich ſage Ihnen dies, ohne für das Schick⸗ ſal meines Freundes zu bangen— aber da ich Sie nun wiedergeſehen, leben nicht nur die Erinnerungen zweier ſchönen Tage wieder von Neuem in mir auf, nein, ich bewundere, ich— meine Gefühle gerathen in Kampf und Streit— ich möchte Sie lieben dürfen, und ich fange ſchon an, mir zu ſagen, daß die Liebe dennoch die ſtärkſte aller Gewalten iſt. Sagen Sie: aller Leidenſchaften, Herr von Venner, entgegnete ſie, ohne die langen, ſeidenen Wimpern ihret. Augen zu heben und leiſe mit den Mähnen ihres Pfer⸗ des ſpielend, und Sie haben Recht. Aber eine ſtrafbare Liebe iſt immer nur berauſchend, niemals beſeligend, und ſelbſt der Rauſch verliert ſeinen Reiz, wenn er ſich öfter wiederholt.— Nie habe ich einen Mann, außer ihm, 193 der mich aus dem Hauſe meiner Eltern ſtahl, ſo in mein Herz blicken laſſen, wie heute Sie.— Ach, es thut mir ſo wohl, ſo wohl, wie ein tiefer, tiefer Athemzug friſcher, reiner Luft! Ich danke Ihnen, daß Sie mir dieſes ſchmerz⸗ liche Glück verſchafft haben.— Sie ſollen mir nicht um⸗ ſonſt vertrauen. Morgen empfangen Sie hier um die— ſelbe Stunde von mir die Begnadigung Ihres Freundes. Bei dieſen Worten warf ſie plötzlich ihr Pferd herum und jagte im wilden Galopp davon. Iſt das auch nur Spiel und Coquetterie? ſprach er, ihr nachblickend, vor ſich hin,— es wäre bis zum Weinen traurig!... Schweigend und in tiefes Nachdenken verſunken ging er dann auf dem einſamen Waldwege zurück, ohne auf ſeine Umgebung zu achten, nur zuweilen haftete ſein Blick an den tiefen Spuren, welche der Huf von ihrem Pferde in den feuchten Boden bei der raſchen Bewegung einge⸗ drückt hatte. Als er das Dorf erreichte, kehrte Jerome gerade von einer Expedition gegen die Feſtung Glaz zurück, welche er ſelbſt geleitet hatte. Sie war für die Belagerten un— glücklich ausgefallen. Eines der vorgeſchobenen Werke wurde genommen, ein Ausfall mit Verluſt zurückgeſchla⸗ gen und gegen 600 Gefangene gemacht. Der junge Prinz, von einem zahlreichen Stabe umgeben, hielt an dem Eingange des Kloſters und ließ ein Regiment wür⸗ tembergiſcher Infanterie vor ſich vorbeidefiliren. Dann Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 13 194 kamen die Gefangenen, wobei acht Offiziere; ihr Aus⸗ ſehen war verkümmert, leidend und abgeriſſen, ſie zogen niedergeſchlagen und ohne ihre Blicke auf den Prinzen zu richten an ihm vorüber. Ich verpflichte Sie, befahl Jeroòme dem neben ihm haltenden Oberſten, dafür zu ſorgen, daß dieſe armen Leute gut verpflegt werden, ehe ſie ihren Marſch nach Frankreich antreten; auch für die nothwendigſte Kleidung iſt zu ſorgen. Die Herren Offiziere können auf ihr Eh⸗ renwort, in dieſem Kriege nicht gegen Frankreich zu dienen, entlaſſen werden, müſſen aber ihren künftigen Aufent⸗ haltsort angeben. Mit Ihrem Regiment bin ich zufrie⸗ den, die Leute haben ſich tapfer und kaltblütig benom⸗ men, ich werde Sr. Majeſtät dem Kaiſer darüber be⸗ richten. Mit einer leichten Neigung des Kopfes entließ er die Offiziere und ſprengte, nur von ſeinem Stabe gefolgt, in den Hof des Kloſters. Venner hatte dieſem für ihn betrübenden Schauſpiele vom Kirchhofe aus, deſſen Mauer ihn verdeckte, zugeſehen. Noch immer ſtand er dort und blickte, ſeinen Gedanken nachhängend, auf die jetzt leere Dorſſtraße. Alles Deutſche! ſprach er dann vor ſich hin, nur die oberſten Führer ſind Franzoſen, und man geizt nach der Ehre und dem Ruhme, ſeine deutſchen eume zu unterdrücken und zu tödten, allein zum Vortheile und zum Gewinn Frankreichs!— Es iſt eine widerliche, 195 unnatürliche Zeit! Deutſchland gegen Deutſchland! Und eines einzigen Mannes Glück und Genie bringt alles dies zuwege.— Ein Menſch weniger, wie würde dann dieſer mit dem Blute von Hunderttauſenden zuſammen⸗ gekittete Bau, der ihm immer noch nicht hoch genug iſt, ſchnell über Nacht zuſammenſtürzen!— Ein einziger Menſch, ein nicht einmal auf dem Throne geborener, ſondern ganz gewöhnlich geborener Menſch herrſcht und handelt wie ein Halbgott. Sein Wille kennt keinen Wi⸗ derſtand. Alles muß ſich ihm beugen— auch die älte⸗ ſten Dynaſtieen und die ſiegesgewöhnteſten Heere! Ach, wer mir ſagen könnte, ob meine Augen noch das Ver⸗ öſchen dieſes Meteors erblicken werden!— Doch ich will gehen, wieder in den Wald hinaus; was ſoll ich hier? meine Gedanken werden immer düſterer und quä⸗ lender. Ein korſikaniſcher Advokaten-Sohn, kaum der Schule entwachſen, aber von ſeinem Bruder mit einem Zipfel ſeiner Macht beſteckt, entſcheidet über das Wohl und Wehe von vielen Tauſenden.— Das Schickſal mei⸗ nes armen Freundes, es liegt in der Hand— nein, es iſt abhängig von den coquetten Künſten und Intriguen eines verlorenen Mädchens— o, welch' eine wüſte, wi⸗ dernatürliche Zeit! Ich wünſcht', es wäre Schlafenszeit — nein, wir wollen nicht ſchlafen, ſondern wachen, wa⸗ chen! ſetzte er faſt laut hinzu, denn die Zeit wird kom⸗ men, wo ſie Alle erwachen müſſen, Alle, die jetzt ſchlafen und von dieſem Alp gedrückt werden Aber daß es ſchon 182 196 Morgen wäre und Celie mir Nachricht gegeben hätte, das wünſchte ich ſehr. Alle Nächte vergehen, wenn ſie auch noch ſo lang ſind; ſie ſind dem Zeitmaße nach immer gleich, ſowohl für die, welche in Schmerz und Qual jede Schwingung des Sekundenpendels zählen, als für diejenigen, welchen entweder in den Armen der Luſt und des Entzückens, oder in denen des Schlafes die Stunden dahinziehen. So kam denn auch für Venner der erſehnte Morgen, und weit früher, als es nöthig war, machte er ſich auf den Weg zu der bezeichneten Stelle. Mit Ungeduld wartete er; aber die Stunde, welche Celie feſtgeſetzt hatte, war längſt vergangen, und noch immer befand er ſich einſam und allein. Da endlich tönte wieder der ferne Hufſchlag, ihre ſchlanke Geſtalt, von dem anſchließenden, dunkeln Reitkleide gehoben, ſchien auf dem heranjagenden Pferde nur zu ſchweben, und der grüne, wehende Schleier ihm als die Fahne der Hoffnung die Gewährung ſeines Wun⸗ ſches zu verkünden. Das Pferd ſtand, und ſie blickten ſich Beide einen Augenblick an, ehe ſie ſich grüßten, als wollten ſie vor⸗ her gegenſeitig in ihrem Innern leſen. Sie ſah blaß 3 und leidend aus, und ihr ſonſt ſo glänzendes Auge ſchim⸗ merte matt. Guten Morgen, Ulrich, ſagte ſie, ihm die Hand rei⸗ chend. Sie warten wohl ſchon längere Zeit, aber es war mir unmöglich, früher zu kommen, und auch jetzt 197 iſt meine Zeit gemeſſen— ich bin ja eine Sklavin, ſetzte ſie bitter lächelnd hinzu. Und welche Nachricht bringen Sie mir? Celie, rei⸗ ßen Sie mich aus dieſer quälenden Ungeduld. Ich kann mein Verſprechen nicht erfüllen, ich bringe Ihnen noch nicht die Begnadigung Ihres Freundes— aber erſchrecken Sie nur nicht ſo ſehr— er wird begna⸗ digt, darauf mein Wort— denn ich halte mein Ver⸗ ſprechen.* Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzer Seele, Celie, rief er, indem er ihre Hand ergriff; aber erzählen Sie mir die näheren Umſtände. Die näheren Umſtände? fragte ſie, indem ſie ihn lange und feſt anſah— möchten Sie wirklich die näheren Um⸗ ſtände erzählt haben, ulrich? Genügt es Ihnen nicht, wenn ich Ihnen ſage, daß ich all' meine Liebenswürdig⸗ keit, all' die Schlauheit und Coquetterie, womit mich die Natur leider ausgeſtattet hat, angewandt habe, um die⸗ ſen— noch nicht einmal ganz den Knabenjahren ent⸗ wachſenen Prinzen, ſetzte ſie mit einem wegwerfenden Kräuſeln ihrer feinen Oberlippe hinzu— dieſen Prin⸗ zen, den man nicht beachten würde, wenn er kein Prinz wäre, um ihn zu beſtimmen, das Urtheil zu vernichten? Alſo das Urtheil iſt ergangen? Erbach iſt verurtheilt? Zum Tode! Aber er wird nicht erſchoſſen, oder Je⸗ röme— doch ſehen Sie nicht ſo muthlos aus, das ſchmetzt mich. 198 Das Pferd war während des Sprechens einen Schritt näher getreten. Dieſer Hedouville, fuhr ſie fort, welchen der Kaiſer Jeröme als eine Art von Hofmeiſter zur Seite geſtellt hat, will entſchieden von keiner Begnadi⸗ gung wiſſen, und Jeröme war zuerſt eben ſo entſchieden dagegen. Es ſei Aufruhr dabei im Spiel, man habe verſucht, das Dorf anzuzünden, und ich weiß nicht, was noch Alles. Ich hätte nicht geglaubt, daß dieſes Kind einen ſo feſten Willen haben könnte— endlich gab er nach, ſagte ſie, ihn mit einem langen, vielſagenden Blick anſehend. Er gab nach? Er gab ſein Verſprechen, das Urtheil nicht zu beſtä⸗ tigen; um aber die Sache nicht zu auffällig zu machen, hat man erſt die Akten eingefordert. Sie werden heute gegen Abend eintreffen. Die Eſtaffetten bedürfen fünf Stunden Zeit von hier bis Breslau. Das Schickſal meines Freundes iſt alſo immer noch unentſchieden, erwiederte Venner in ſichtlicher Beſorgniß, ein Zufall, eine Laune... Vertrauen Sie mir, Ulrich, ſagte ſie melancholiſch lächelnd, ich gab Ihnen mein Verſprechen und werde es erfüllen. Frauen meiner Gattung ſind in manchen Din⸗ gen zuverläſſiger, als die unverſuchten und deshalb un⸗ befleckt gebliebenen. Ihr Freund wird nicht ſterben! Warum haben uns unſere Lebenswege nicht früher — 16 zuſammengeführt, Celie! erwiederte er, ſie mit innigem Gefühle betrachtend. Es giebt ſo viele„Warums,“ der Menſch nicht beantworten kann, Jeder aber muß ſein Geſchick er⸗ füllen.— Laſſen Sie uns ſcheiden, Ulrich, fuhr ſie nach einiger Zeit fort, während welcher Beide geſchwiegen hat⸗ ten, und— laſſen Sie dies zugleich einen Abſchied für das Leben ſein. Sie wollen mich nie wiederſehen, Celie? Sehen vielleicht— aber nie mehr ſprechen. Hab' ich Sie gekränkt? Gekränkt? o nein! erwiederte ſie mit kaum hörbarer Stimme— die Geliebte Jeröme's, des Feindes Ihres Vaterlandes— kann niemals der Gegenſtand Ihrer Liebe ſein— Sie hätten nicht nöthig gehabt, mir dies zu ſa⸗ gen, und ich... Doch welche Thorheit! ſetzte ſie mit einem gezwungenen Lächeln hinzu, wie kann man ſo ganz und gar aus der Rolle fallen! Celie, rief Venner, ſie an ſich preſſend, ich werde Sie niemals vergeſſen, ich werde Ihrer ſtets... Still, ſtill, Ulrich! unterbrach ſie ihn, wenn Sie wirklich einige Theilnahme für mich empfinden, ſo reden Sie nicht weiter!— Seien Sie heute Abend, wenn die Kloſteruhr Zehn ſchlägt, auf dem Hofez ein Licht an meinem Fenſter ſoll Ihnen die Begnadigung Ihres Freun⸗ des verkünden. Dies wird meine letzte Botſchaft an Sie ſein.— Kein Wort mehr, Ulrich— es ſchmerzt mich. 200 Sie beugte ihren ſchönen Kopf zu ihm nieder und ruhte einen Augenblick in ſeinen umſchlingenden Armen, ihre Lippen berührten ſich in einem flüchtigen Kuſſe— dann flog ſie dahin und war bald ſeinen nachſchauenden Blicken entſchwunden. In einem reizenden Negligé, welches die klaſſiſchen Formen ihres Körpers dem Blicke nicht entzog, ruhte ſie am Abende in einem Seſſel ihres Zimmers, den Kopf auf den ſchönen Arm geſtützt. Zuweilen ſchweifte ihr Blick wie lauſchend nach der Thür, dann hob und ſenkte ſich ihr Buſen in tiefen Athemzügen, und ein bitteres Lächeln umſpielte ihren Mund. Da öffnete ſich leiſe die Thür, und Jeròme trat ein, anſcheinend von ihr nicht bemerkt, denn ſie verharrte ſchweigend in ihrer Stellung. Sein Tritt verhallte auf dem weichen Teppich, und erſt als er ihre Hand ergriff, ſprang ſie auf, entriß ihm die⸗ ſelbe und blickte ihn kalt und fragend an. Alſo immer noch dieſe liebenswürdige Marotte? fragte er lächelnd; du glaubſt nicht, wie reizend du in dieſem verſtellten Zorne biſt, Celie! Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt, mein Prinz, erwiederte Sie mit Kälte, Sie kennen meinen Entſchluß, er ſteht unwiderruflich feſt. Wenn ich nur ergründen könnte, was dich beſtimmt, einen ſo unerklärlich warmen Antheil an dieſem Offüier zu nehmen? Er ſah ſie bei dieſen Worten prüfend an und verſuchte es, ſich wieder ihrer Hand zu bemächtigen. 3 201 Sie wiſſen, daß ich ihn nie geſehen habe, nicht kenne und auch kein Verlangen trage, ihn je zu ſehen. Aber rühren Sie mich nicht an! rief ſie, ihre Hand zurück⸗ ziehend— ich ſchaudere vor den Liebkoſungen eines Man⸗ nes, deſſen Hand mit dem Blute eines unſchuldig ge⸗ mordeten Menſchen befleckt iſt! Ah, wie ſchrecklich! lachte Jeröme; ſehe ich denn wirk⸗ lich aus wie ein Mörder, Celie? Sieh' mich doch ein⸗ mal recht genau an! Ich trage kein Verlangen, Sie anzuſehen, und mor⸗ gen werde ich mich dieſem läſtigen Anblicke für immer entziehen. Du bleibſt alſo bei deinem Entſchluß? Unwiderruflich! Ich habe die Akten durchgeleſen, ſagte Jeröme ruhig; du haſt Recht, die Schuld des Offiziers iſt nicht von der Art, um das Todesurtheil gegen ihn zu rechtfertigen. Sie werden es alſo vernichten? Es iſt mir leider nicht möglich. Nicht möglich? rief ſie in ſichtlicher Beſtürzung; Sie könnten wirklich einen Menſchen tödten laſſen, den Sie ſelbſt nicht für ſchuldig erkennen? Ich kann ihn nicht begnadigen, aber du wirſt den⸗ noch deinen Entſchluß ändern, du wirſt die Liebkoſungen dieſer Hand dennoch wieder dulden müſſen, Celie! Nie und nimmermehr! Thörin, ſagte lächelnd Jeröme, wie ſchön du in dieſer 202 leidenſchaftlichen Aufregung biſt! Komm', küſſe mich, denn — ich würde ihn begnadigt haben, dieſen mhſtiſchen, be⸗ neidenswerthen Offizier— wenn er nicht in der vergan— genen Nacht auf eine ganz unerklärbare Weiſe aus dem Gefängniſſe entflohen wäre! Entflohen? Ja, entflohen! Man muß deiner Macht doch kein volles Vertrauen geſchenkt und es daher vorgezogen ha⸗ ben, den ſichereren Weg einzuſchlagen. Doch laſſen wir jetzt dieſen Offizier und Alles, was damit zuſammen⸗ hängt; du darſſt mich ohne Furcht, einen blutbefleckten Mörder zu erblicken, wieder mit deinen ſchönen Augen anſehen— aber nicht ſo, denn dein Blick iſt noch immer voll Mißtrauen und Kälte. Der Prinz Jeròme wird mich nicht belügen... Celie! rief er drohend. Nein, nein, vergeben Sie mir, Jeröme, ſagte ſie mit einem freundlichen Lächeln; ich habe nicht einen Augen⸗ blick an Ihrem guten Herzen gezweifelt— nie daran gezweifelt, ſetzte ſie mit niedergeſchlagenen Augen hinzu, daß ich morgen nicht reiſen werde. So biſt du verſöhnt? Ganz, ganz, ſagte ſie, ſeinen Kuß erwiedernd; aber ſetzen wir uns, laſſen Sie uns plandern. Die Uhr vom nahen Kirchthurm ſchlug Zehn. Wie abſichtslos ergriff ſie ein Licht und ſtellte es, als ſie den Prinzen zum Sopha geleitete, an das Fenſter. Elftes Kapitel. Der Waffenſtillſtand. Wir ſind genöthigt, in unſerer Erzählung einen Zeit⸗ raum von mehreren Wochen zu überſpringen, und müſ⸗ ſen daher zum näheren Verſtändniß des Folgenden die in jener Zeit vorgefallenen politiſchen Ereigniſſe in der Kürze dem geneigten Leſer vorführen. Die anfänglich unter dem Fürſten von Anhalt⸗-Pleß in Schleſien organiſirten Truppen, welche ſich außerhalb der Feſtungen befanden, hatten ſich bis auf kleinere Corps ganz aufgelöſt, nachdem der Fürſt ſelbſt nach Wien ge⸗ gangen, und die letzte Diverſion zum Entſatze Breslau's unter Anführung des Majors von Loſtin bei Canth mißglückt war. Loſtin ſelbſt wurde bei Adelsbach vom General Lefebvre geſchlagen und gefangen genommen. Am 1. Juni kapitulirte die Feſtung Neiſſe. Der tapfere Kom⸗ mandant, General von Steenſen, hatte ſich mit einer Beſatzung von nur 5000 Mann, worunter nur 180 Ar⸗ tilleriſten, vom Februar an gehalten, während die Ver⸗ theidigung eine Garniſon von 15,000 Mann erforderte und 350 Stück Geſchütze zu bedienen waren. Die Fran⸗ zoſen hatten die Feſtung in den ſechs erſten Wochen zehn Mal nächtlich bombardirt, vom 16. April aber bis zum 204 29. Mai, wo der General Vandamme die Belagerung perſönlich leitete, wurden die Werke und die Stadt aus elf Doppel⸗Batterieen beſchoſſen, welche ſämmtlich inner⸗ halb vierundzwanzig Stunden drei bis vier Mal vier Stunden lang ununterbrochen feuerten. Die letzte Pa⸗ rallele war eröffnet, und die 75 Pfund ſchweren Kugeln wurden von den bis theilweiſe auf 250 Schritt nahege⸗ rückten Batterieen mit der verderblichſten Wirkung ge⸗ worfen. Es gingen mehrere Pulvervorräthe in die Luft, die Bedienungs-Mannſchaft der zum Theil demolirten Geſchütze war bis auf 100 Mann geſunken und dieſe ermattet und muthlos. Deshalb übergab der tapfere Kommandant die nicht länger zu haltende Feſtung, zu⸗ mal jede Hoffnung auf Entſatz längſt geſchwunden war. Am 16. Juni rückte die Garniſon mit fliegenden Fahnen und brennenden Lunten, wie es in der Kapitu⸗ lation bedungen war, aus den zerſtörten Werken, welche ſie ſo tapfer vertheidigt, und defilirte auf dem Glacis vor dem Prinzen Jeröme und dem General Vandamme vorüber. Die anfängliche Zahl der Vertheidiger war ſehr gelichtet, der Tod und leider auch zum Theil Deſertion hatten mehr als ein Drittel davon hinweggenommen. Traurig und ohne ihre Blicke zu den Siegern zu erheben zogen die abgezehrten Soldaten vorüber. Dann tönte zum letzten Male das Kommando ihrer Offiziere:„Streckt's Gewehr!“ Die Fahnen und die Gewehre ſanken, die Lunten erloſchen, und die deutſchen Regimenter des Fein⸗ 205 des, in deſſen Hand ſie das wandelbare Geſchick des Krieges gegeben, führten die Gefangenen hinweg.— Mit gewohnter Leutſeligkeit und ſich der Regung ſeines Gefühles vielleicht mehr überlaſſend, als es ſeinem ſtren⸗ gen Bruder genehm ſein mochte, unterhielt ſich Jeröme nicht nur mit dem bisherigen Kommandanten, ſondern ließ auch die Offiziere zuſammentreten und ſagte ihnen, daß er ihre bewieſene Tapferkeit und Ausdauer anerkenne, als Soldat ihr Schickſal beklage, aber ſeinerſeits Alles thun werde, was mit ſeiner Pflicht vereinbarlich ſei, um ihre Lage zu erleichtern. Die Garniſon wurde kriegsge⸗ fangen nach Frankreich transportirt, die Offiziere auf Ehrenwort entlaſſen. Wichtiger als die Einnahme von Neiſſe war die; Uebergabe von Danzig, welches der General von Kalk⸗ reuth am 24. Mai unter denſelben Bedingungen über⸗ geben, wie er ſelbſt im Jahre 1793 mit der Beſatzung von Mainz kapitulirt hatte. Die Garniſon zog mit flie⸗ genden Fahnen aus, ward von den Franzoſen bis Pillau geleitet, verſprach aber, in dieſem Kriege nicht ferner ge— gen Frankreich zu dienen. Wie wichtig die Erhaltung der Feſtung Danzig für die ferneren Kriegsoperationen ſein mußte, hatten die vielfachen vergeblichen Anſtren⸗ gungen bezeugt, welche man ſowohl ruſſiſcher⸗-, als preu⸗ ßiſcher- und engliſcherſeits gemacht hatte. Der durch dieſe Feſtung in der Flanke bedrohte linke Flügel der großen franzöſiſchen Armee gelangte durch die Uebergabe 206 derſelben zur freien Bewegung, und der Erfolg, ſo wie die Zerwürfniſſe unter den ruſſiſchen Befehlshabern be⸗ wieſen bald, wie nöthig die Bemühungen zur Erhaltung dieſes wichtigen Platzes geweſen waren. Daß Napoleon dies vollſtändig erkannte, bewies er dadurch, daß er den Marſchall Lefebvre zum Herzog von Danzig ernannte. Die Nachricht von der Kapitulation dieſer Feſtung wurde in Breslau an Einem Tage mit der von Neiſſe bekannt und veröffentlicht. Die Hoffnung auf eine Wen⸗ dung des Kriegsglückes erloſch dadurch immer mehr, und man gab ſich den bangſten Befürchtungen hin. Dennoch beſtanden noch immer hier und da die Ueberreſte der zu⸗ ſammengetretenen Freikorps und unterhielten theils im Gebirge, theils in den Waldungen jenen kleinen Krieg, welcher allerdings jetzt ohne weiteren Nutzen mehr dazu diente, die Stimmung des ſiegreichen Feindes zu ver⸗ ſchlimmern. Wir führen den Leſer wieder in den ihm ſchon zum Theil bekannten Wald und dort zu ebenfalls ſchon bekannten Perſonen. Das einſame Forſthaus wurde ſchon am folgenden Tage, nachdem ſeine Bewohner es verlaſſen, von einem Kommando der in Schönberg ſtehenden baieriſchen Kom⸗ pagnie heimgeſucht, ausgeplündert und dann in Brand geſteckt. Nachdem man dieſen traurigen Akt der Vergel⸗ tung ausgeübt, zogen ſich die Soldaten zurück, wurden aber von den Jägern an geeigneten Stellen angegriffen und mehrere von ihnen getödtet. 207 Dieſer fortgeſetzte bewaffnete Widerſtand machte die Vornahme energiſcherer Maßregeln nöthig. Die Trup⸗ pen in Schönberg erhielten Verſtärkung und begannen nun ihre Angriffe in regelmäßigerer Weiſe. Von der anderen Seite hatten ſich jedoch auch eine Menge Jäger und zerſprengte Soldaten zuſammengefunden, und ſich ſo ein förmlicher kleiner Krieg gebildet, welchen man ſchnell und gänzlich zu unterdrücken von Seiten der Franzoſen theils durch die dichten und zuſammenhängenden Wal⸗ dungen, theils aber auch deswegen gehindert war, weil man die in Schleſien ſtehenden Truppen nicht zerſplit⸗ tern, ſondern hauptſächlich zur Belagerung von Glaz, Coſel und Silberberg und dann zum Schutze der Haupt⸗ ſtadt verwenden mußte. So hatte man ſich daher dar⸗ auf beſchränkt, die Kompagnie in Schönberg zu verdop⸗ peln, und überließ es ihren Befehlshabern, mit dieſen Kräften das zuſammengelaufene Geſindel im Zaume zu halten. Der Lieutenant von Erbach ſaß am Abende eines heißen Junitages inmitten einer Menge von Jägern und Soldaten verſchiedener Regimenter auf der Erde in einer Lichtung jenes Waldes und ließ ſich von der Frau des Förſters und von Aennchen den Arm verbinden, von welchem das Blut, obgleich nur aus einer leichten Wunde, in Fülle herabfloß. Ich danke Ihnen herzlich, ſagte er, indem er auf⸗ ſtand, Ihnen beſonders, Fräulein Anna. Sie ſollten ſich 208 ſolchen Geſchäften nicht hingeben— aber es iſt vollſtän⸗ dig genügend, nur ein leichter Schrammſchuß. Erklären Sie ſich nun, mein Herr, fuhr er mit kaltem Ton, ſich an den gefangenen baieriſchen Kapitän wendend, fort, wollen Sie anerkennen, daß wir im ehrlichen Kriege mit⸗ einander ſtehen? Wo nicht, ſo übe ich das Vergeltungs⸗ recht— und laſſe Sie ebenfalls niederſchießen! Der Kapitän ſtand nebſt drei anderen gefangenen Soldaten in der Mitte ſeiner Feinde und befand ſich in einer keinesweges beneidenswerthen Lage. Er hatte erſt vor einigen Tagen ſelbſt vier Gefangene erſchießen laſſen, weil man das Freikorps nicht als einen Theil der feind⸗ lichen Armee, ſondern als einen Haufen zuſammenge⸗ laufener Marodeurs betrachtete und jeden Gefangenen ſtandrechtlich niederſchießen ließ. Die wilden Geſichter ſtierten den Kapitän mit Mienen an, welche deutlich zeigten, mit welcher Ungeduld ſie auf den Befehl harrten, an ihm und ſeinen Gefährten das Vergeltungsrecht zu üben. Sie werden einſehen, fuhr der Lieutenant fort, daß ich nicht anders handeln kann— denn entweder müſſen Sie uns anerkennen als das, was wir ſind: zerſprengte Truppen der königlich preußiſchen Armee, und die Geſetze des Krieges zwiſchen uns zur Geltung kommen laſſen, oder ich verfahre gegen Sie ganz ſo, wie Sie gegen uns. †ch befolge die Befehle meiner Vorgeſetzten, ſagte der Kapitän, und kann dafür nicht verantwortlich ſein. 209 Dann bedauere ich Sie, erwiederte Erbach. Nehmen Sie zwölf Mann, Oberjäger, befahl er, führen Sie die Gefangenen nach der großen Wieſe und laſſen Sie die⸗ ſelben dort erſchießen. Fünfundzwanzig Schritt Diſtanz! Marſchiren Sie ab! Seien Sie barmherzig! flehte Anna, welche noch im⸗ mer mit dem Verbandzeug hinter ihm ſtand, leiſe, in⸗ dem ſie ihn mit angſtvollen Blicken anſah, ſeien Sie milde, Sie würden niemals mehr eine ruhige Stunde haben. Herr Förſter, ſagte Rudolf, indem er Anna dabei traurig anſah, haben Sie die Güte, Ihre Frau und Fräulein Anna zu entfernen— unſere Verhandlungen ſind wenig geeignet für das Ohr von Frauen. Was verlangen Sie eigentlich von mir? fragte der Kapitän, den man im Begriff ſtand, abzuführen. Ich verlange einen Befehl an die Ihnen untergebenen Truppen, uns als im rechtmäßigen Kriege begriffene Soldaten zu behandeln, ein Schreiben an den Komman⸗ deur in Schönberg gleichen Inhalts, ſo wie an den Oberbefehlshaber in Breslau. Und wenn dies Alles von dieſen nicht reſpektirt wird, was herbeizuführen ich doch nicht im Stande bin? So müſſen Sie Ihr Schickſal erfüllen. Haben Sie die Güte, dies in Ihren Briefen auseinanderzuſetzen und zu bemerken, daß ich Sie vorläufig, ungeachtet Sie ſelbſt anders verfahren haben, als Kriegsgefangene behandeln vom See, Vor fünßzig Jahren. I. 14 210 würde. Natürlich werde ich Ihre Briefe leſen und deren Beförderung beſorgen. Ich wüßte nicht, ſagte der Kapitän, warum ich an⸗ ſtehen ſollte, Ihr Verlangen zu erfüllen; hoffentlich wird man darauf eingehen und mich nicht hier in dieſem ver⸗ dammten Walde nutzlos todtſchießen laſſen. Ich hoffe und wünſche es mit Ihnen, erwiederte Ru⸗ dolf kalt, obgleich es nur der verdiente Lohn wäre für die Art und Weiſe, in welcher Sie bisher dieſen Krieg geführt haben.— Doch die Geſetze des Krieges und der Ehre ſchützen Sie ſo lange, bis die Antworten zurück ſind. Sie werden hier ſehr fürlieb nehmen müſſen, fuhr er mit einem leichten Spotte fort, wir entbehren ſelbſt mancherlei. Schreiben Sie nun Ihre Briefe und ver— geſſen Sie nicht, daß der geringſte Fluchtverſuch Sie in die Gefahr bringt, niedergeſchoſſen zu werden. Der Kapitän ſchrieb die verlangten Briefe, welche Erbach mit einem Schreiben von ſich ſelbſt, in dem er ſich Kommandeur zerſprengter königlich preußiſcher Trup⸗ pen nannte, offen durch einen Parlamentär nach Schön⸗ berg ſandte. Der Bote kehrte am Abende deſſelben Ta⸗ ges ungefährdet zurück, indem man ſeine Eigenſchaft als Parlamentär veſpektirt hatte, mit der Benachrichtigung des Offiziers in Schönberg, daß er den Befehl aus Bres⸗ lau abwarten und bis dahin ſich aller Feindſeligkeiten enthalten werde, ſofern Erbach in gleicher Weiſe verfah⸗ ren würde. Man mußte alſo warten und ging um ſo⸗ — 211 mehr auf das Anerbieten des Gegners ein, als man ſich immer nur in der Vertheidigung gehalten hatte. So blieb die Lage der Dinge eine ganze Woche lang. Die Truppen in Schönberg verhielten ſich ruhig, eben ſo wenig hatte Erbach Veranlaſſung, irgend Etwas zu unternehmen. Man beſchränkte ſich darauf, Vorpoſten auszuſtellen und ſorgſam Wache zu halten. Als am Morgen des neunten Tages Erbach in Geſellſchaft des Förſters von der Reviſion der Vorpoſten zurückkehrte, wurde ihm ein Bote des Feindes gemeldet. Das Schrei⸗ ben des feindlichen Offiziers, aus Schönberg datirt, lautete: „An den königlich preußiſchen Lieutenant Herrn von Erbach. „Nachdem zwiſchen Sr. Majeſtät dem Kaiſer von Frankreich und König von Italien und Ihren Majeſtä⸗ ten dem Kaiſer von Rußland und dem Könige von Preußen unterm 23. und 25. d. Mtö. zu Tilſit ein Waf⸗ fenſtillſtund abgeſchloſſen iſt, habe ich Befehl erhalten, die Feindſeligkeiten auch gegen Sie einzuſtellen, ſofern der Waffenſtillſtand von Ihnen ſelbſt reſpektirt wird und Sie dadurch dokumentiren, daß Sie zu den Truppen Ihres Souveräns gehören. Die geringſte Feindſeligkeit, welche von Ihrer Seite noch verübt werden ſollte, ſtellt Sie außerhalb der Kriegsgeſetze, und wir würden dann wie gegen eine Räuberbande gegen Sie verfahren. Um Sie auf dem Laufenden zu erhalten, ſende ich Ihnen die bei— 14* 212 den neueſten Zeitungen, woraus Sie erſehen werden, wie mutzlos und verbrecheriſch jede Erneuerung der Feindſelig⸗ keiten von Ihrer Seite ſein würde.“ Rudolf las eine Zeit lang in den Zeitungen und ant⸗ wortete dann, daß ſeinerſeits der abgeſchloſſene Waffen⸗ ſtillſtand ſtreng eingehalten und jede Feindſeligkeit unter⸗ bleiben würde. Nun, was giebt es denn Neues? fragte der Förſter, nachdem Rudolf noch längere Zeit geleſen hatte. Es iſt aus, Freund Bertram, das Trauerſpiel geht zu Ende, es fehlt nur noch der letzte Akt, der Friede, und man wird ſich beeilen, ihn aufzuführen. So erzählen Sie doch, man erfährt hier ſo wenig, was draußen vorgeht. Mit dem Waffenſtillſtand hat es ſeine Richtigkeit, ſagte Rudolf mit Bitterkeit, indem er ſich am Fuße einer Eiche niederwarf; man iſt dazu genöthigt geweſen, nach— dem die Ruſſen und wir am 10., 12. und 14. Juni bei Friedland wieder geſchlagen worden ſind. 25,000 Ruſ⸗ ſen ſind geblieben, 15,000 Gefangene, worunter 4000 Preußen, 200 eroberte Kanonen. Königsberg iſt in den Händen der Franzoſen, wo ſie 50,000 engliſche Gewehre gefunden.— Es ſind dies zwar franzöſiſche Nachrichten und wohl in gewohnter Weiſe übertrieben, aber wenn auch nur die Hälfte wahr iſt— es genügt! Coſel und Glaz haben kapitulirt und werden nach einem Monat übergeben, wenn ſie bis dahin nicht entſetzt werden. Bis — — 213 1 dahin wird man wohl mit dem Frieden fertig ſein, welcher die Feſtungen wahrſcheinlich für immer von Preu⸗ ßen trennt— und auch uns, lieber Bertram, ſetzte er, ſich ſeinen Gefühlen überlaſſend, hinzu— das Trauer⸗ . ſpiel geht zu Ende, Gott weiß, was aus uns werden wird!— So ſchlimm wird's nicht kommen, Herr Lieutenant, das wird der liebe Gott verhüten, ſprach der Förſter mit bebender Stimme; ich denke mir immer, der Napoleon wird noch ein wenig Reſpekt vor Friedrich dem Großen haben, und was ſollte er auch mit Schleſien machen? Es wird ſich ſchon Jemand finden, für den es pafßt, und wie man über Friedrich den Großen denkt, das ſteht hier auch ſehr deutlich in der Zeitung. Das ſteht auch in der Zeitung? Wie kann das in der Zeitung ſtehen? Höre, Freund Bertram, ſagte Rudolf mit einem bit⸗ tern Lachen, du wirſt dann anderer Meinung ſein: „Paris, 19. Mai. Vorgeſtern wurde der Degen Friedrich's des Einzigen nebſt den in dieſem Feldzuge eroberten preußiſchen Fahnen nach dem Palaſte der In⸗ validen mit dem ganzen feierlichen Gepränge gebracht, welches durch das Programm angeordnet war. Auf dem Triumphwagen befanden ſich 250 Fahnen. Die Hymne, welche beim Einzuge in die Kirche angeſtimmt ward, war ein Wechſelgeſang von alten Kriegern, Weibern und Rekruten, alſo eine Art von Antiphonie.“ — 214 Solche Antiphonie muß gerade nicht beſonders klin⸗ gen, ſchaltete der Förſter ein. „Herr Fontanes, Präſident des geſetzgebenden Corps, trat auf und hielt folgende Rede: „Nie wurde ein erhabeneres Siegesfeſt gefeiert; nie hat das Glück zu gleicher Zeit ein denkwürdigeres Bei⸗ ſpiel ſeiner Kataſtrophen und ſeiner Launen gegeben. O über die Eitelkeit menſchlicher Urtheile! O, des kurzen trügeriſchen Glückes! Der allgemeine Ry feierte ſeit fünfzig Jahren den Ruhm der preußiſchen Monarchie. Die Taktik ihrer Armee, die Erſparntſe ihres Schatzes, die Aufklärung ihrer Regierung wurden allen Staaten als Muſter aufgeſtellt. Das achtzehnte Jahrhundert war ſtolz darauf, den berühmteſten der Könige unter die Zög⸗ linge ſeiner Philoſophie zu zählen. Kaum find zwanzig Jahre verfloſſen, ſo hat dieſe Regierung, wo man mehr eine Armee als ein Volk fand, durch den erſten Stoß ihre wirkliche Schwäche blicken laſſen. Eine einzige Schlacht hat dieſe oft ſiegreichen Phalangen unterliegen ſehen, die in dem ſiebenjährigen Kriege die Anſtrengun⸗ gen Oeſterreichs, Rußlands und Frankreichs vereint über⸗ wunden hatten. Dieſe Kriegskunſt, deren Geheimniß mit ſo großem Geräuſch in Potsdam geſucht wurde, hat ſo eben ſich den Kombinationen einer noch größeren, küh⸗ neren Kunſt unterworfen. Erfreuen wir uns eines ſo großen Triumphes, aber laſſen Sie uns dieſe Ueberbleibſel der preußiſchen Größe, nachdem wir ſie erobert haben, 6 215 auch ehren; ſie, die noch die Eindrücke ſo vieler hervi— ſcher Thaten tragen, worüber der Geiſt Friedrich's des Großen zu ſeufzen ſcheint. „Die letzten Funken des Genies Friedrich's hatten nicht Stärke und Lebhaftigkeit genug, um eine Monarchie wieder zu beleben, deren artifizieller Macht vielleicht jene politiſchen Einrichtungen, jene Erhaltungsprinzipien man⸗ gelten, welche die Geſellſchaften aufrecht erhalten. Weiſe, ich kann es nicht verhehlen, haben Friedrich dem Großen einige Vorwürfe gemacht. Sie haben ihn getadelt, daß er ſeiner Regierung nicht eben die Feſtigkeit und Unter⸗ ſtützung, wie ſeiner Militärgewalt, verſchafft hat. Sie 6. denken, indem ſie den Philoſophen von Sansſouci mit Marc Aurel vergleichen, daß ein König nicht ungeſtraft die Verachtung jener Grundſätze lehren könne, jener heil⸗ ſamen Grundſätze, welche die Autorität der Könige ſicherm —„Es würde mir übel anſtehen, in dieſem Augen⸗ blicke mit zu vieler Bitterkeit das Andenken eines großen Monarchen zu beſchuldigen. Sein Bild iſt durch das Schauſpiel unſeres Ruhmes, welches wir aus den Trüm⸗ mern ſeines Diademes bilden, ſchon nur zu ſehr getrübt. Wenn Friedrich die Unvorſichtigkeit hatte, Lehren an ſeinem Hofe zu proklamiren, welche früher oder ſpäter die geſellſchaftliche Ordnung untergraben, ſoll ich da ver⸗ geſſen, daß Napoleon jene edlen Lehren wieder in Ehren geſetzt hat, die alle Uebel des Atheismus und der Anarchie zerſtören? In keinem Theile der Geſchichte hat alſo unſer 216 Monarch noch einen Nebenbuhler. Wie ſehr verſchwin⸗ det Alles, was groß war, neben den außerordentlichen Unternehmungen, wovon wir Augenzeugen ſind! Es kommt mir nicht zu, den Schleier aufzuheben, der den Endzweck der fern liegenden Expeditionen verhüllt. Es iſt hinreichend, zu wiſſen, daß der große Mann, von dem Sie regiert werden, nicht weniger bewunderungswürdig iſt in dem, was er verbirgt, als in demjenigen, was er vor Ihren Blicken enthüllt. Er hat den Frieden gewollt. und will ihn noch. Paris, das ganze Kaiſerreich ge⸗ nießt einer tiefen Ruhe unter der Autoritäb derſelben Hand, welche 300 Lieues von der Grenze Schrecken ver— breitet. Nachdem unſere unüberwindlichen Legionen die Waffenrüſtung des zu Pavia gefangenen Franz I. aus den öſterreichiſchen Arſenalen wiedergenommen haben, bringen ſie nun auch nach Paris jene beleidigende Säule zurück, die ſich auf dem Schlachtfelde von Roßbach erhob. „Der Degen Friedrich's des Großen wird nun unter der Aufſicht der Invaliden neben dem Grabe von Tu⸗ renne ruhen, und wenn Sie ihn anſehen, werden Sie ſagen: Hat er die Väter beſiegt, ſo iſt er von den Kin⸗ dern wiedererobert worden. 5 „Der Held, der uns rettete weint vielleicht in die⸗ ſem Augenblicke in ſeinem Zelte, an der Spitze von drei⸗ mal Hunderttauſend ſiegreichen Franzoſen! Er weint, und weder die um ihn gehäuften Trophäen, noch der Glanz von zwanzig Sceptern, die er mit ſtarkem Arme 5 217 hält, können ſeine Gedanken von dem Sarge jenes Kin⸗ des abziehen, deſſen erſten Schritte von ſeinen triumphi⸗ renden Händen geleitet wurden.“ Warum ſoll er denn eigentlich weinen? fragte der Förſter nach einiger Zeit. Der älteſte Sohn ſeines Bruders, des Königs von Holland, iſt geſtorben— man ſpricht mancherlei über die— ſes Kind, und weshalb es Napoleon ſo beſonders liebte. Es war zum Erben des Kaiſers beſtimmt, wenn er, wie wahrſcheinlich, ſelbſt keine Kinder bekommen würde. Der liebe Gott hat ihm zeigen wollen, daß er doch nur ein Menſch ſei, wie wir Alle, bemerkte der Förſter. Wer weiß, wozu es gut iſt! — Ah— der König von Holland hat noch einen Sohn und er ſelbſt noch drei Brüder. Aber doch keinen Sohn. Der wird ſich auch wohl noch finden; mir ſcheint es, daß Joſephine den Tod dieſes Kindes mehr betrauern wird, als der Kaiſer. Und was der Mann in Paris von Friedrich dem Großen ſpricht, bemerkte der Förſter, ich verſtehe es eigent⸗ lich nicht, er wird aber deshalb doch Friedrich der Große bleiben. Deſſen Degen in Paris iſt! Ja— das iſt recht traurig, entgegnete der Förſter, und Beide verſanken in Schweigen und düſteres Nach⸗ denken. 218 Laßt die Leute zuſammentreten, damit ich ſie von der Lage der Dinge in Kenntniß ſetze, ſagte Rudolf dann; es iſt nöthig, damit wir am Ende nicht noch mit Recht in die Klaſſe der Räuber und Marodeure geſtellt werden. Wer ſich erlaubt, ſchloß Rudolf ſeine Mittheilung an die in Reih' und Glied vor ihm ſtehende Truppe, es mochten vielleicht 80 Mann ſein, wer ſich erlaubt, gegen den Willen Sr. Majeſtät unſeres Königes und Herrn, ſo lange der Waffenſtillſtand dauert, oder wenn er, wie wahrſcheinlich, in den Frieden übergeht, die geringſte Feindſeligkeit gegen franzöſiſche Truppen oder deren Transporte zu begehen, den laſſe ich augenblicklich er— ſchießen, weil er aufgehört hat, Soldat zu ſein, ſondern zum Räuber und Banditen geworden iſt. Die Vor⸗ poſten werden bis auf zwei am Waldrande eingezogen. Ein leiſes Murren ging durch die Glieder, verſtummte aber vor dem forſchenden Blicke des Offiziers. Am Mor⸗ gen des folgenden Tages aber war mehr als die Hälfte der Mannſchaft verſchwunden, und auch die Zurückgeblie⸗ benen ſchienen ſichtlich unentſchloſſen, ob ſie gehen oder bleiben ſollten. Erbach ſetzte den Offizier in Schönberg ſofort von ſeinen Maßregeln in Kenntniß, indem er zugleich jede Verantwortung für Handlungen einzelner von ihm de⸗ ſertirter Mannſchaften ablehnte. Die Feindſeligkeiten hör⸗ ten ſonach auf, und ſtatt des Geräuſches und der Auf⸗ regungen des Parteigängerkrieges trat jene Stille und 219 Ruhe ein, welche dem Walde eigenthümlich iſt und dem Aufenthalte daſelbſt einen ſo hohen Reiz verleiht. Der Abend eines langen und heißen Sommertages ſenkte ſich hernieder, die Schatten der Bäume wurden länger, und auf den Lichtungen und Waldwieſen bilde⸗ ten ſich jene maleriſchen Lichteffekte, jenes Liebesſpiel des ſcheidenden Tages mit der kommenden Nacht, in welchem beide mit einander koſen, bis ſie in der Dämmerſtunde einander ſehnſuchtsvoll in die Arme ſinken. Seinen trüben Gedanken nachhängend und wenig achtend auf die ſtumme und doch ſo beredte Sprache der Natur, war Rudolf, einem ſtillen einſamen Pfade fol⸗ gend, weiter in den Wald gegangen und trat auf eine Wieſe hinaus, welche, umgeben von hohem Holze und noch theilweiſe von der Sonne beleuchtet, im Schmuck der Gräſer und Blumen ſo ſtill, ſo verborgen und doch ſo lieblich da lag, wie das unentweihte Herz eines un— ſchuldigen Kindes. Er blieb ſtehen und gab ſich dem Zauber dieſes An— blickes hin. Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, er dachte an ſeine Mutter— an ſein zertretenes unglückliches Vaterland. Wer die Macht und die Fähigkeit beſäße, an einer ſolchen Stelle zu bleiben und in tiefen Athemzügen den Frieden, der ſie umgiebt, einzuſaugen, ſprach er, Alles zu vergeſſen, was draußen geſchieht— den Haß und all das Elend der Menſchen! Sind ſie mehr, als dieſe 220 Ameiſen, welche hier am Boden herumkriechen und in geſchäftiger Thätigkeit für ihre Nahrung und ihre Brut ſorgen? Auch ſie führen Krieg mit einander, morden und tödten ſich, wenn der Zufall zwei Stämme mit einander in Berührung bringt, während der Wald Raum für viele Millionen derſelben hat. Sie würden gewiß auch Bulletins über ihre Schlachten ausgeben, wenn ſie ein wenig höher begabt wären und ſchreiben könnten; ſie würden diejenigen, welche am meiſten gemordet und getödtet haben, als ihre Helden preiſen und vergöttern, wie es die Menſchen thun— die armſeligen Menſchen, welche im Verhältniß zu der unendlichen Schöpfung doch noch viel unbedeutender ſind, als die Ameiſen zu der Erde! Aber des Menſchen Beſtimmung iſt nicht der Friede — ſeine Beſtimmung iſt der Kampf. In der Bruſt je⸗ des Einzelnen kämpfen die Leidenſchaften, das Gute mit dem Böſen; er beſitzt nur die Sehnſucht, nur das heiße Verlangen nach der Glückſeligkeit, aber zugleich auch das Bewußtſein der Unmöglichkeit, ſie erſtreben zu können! Und dennoch iſt dieſe Sehnſucht, dieſes Verlangen ſein höchſtes, ſein einziges Glück, ohne ſie wäre das Le⸗ ben eine unerträgliche Laſt, und der Gedanke an den Tod, der doch ſo ſüß und ſo verlockend iſt, eine immer⸗ währende Qual! Sein Auge hatte ſich bei dieſen ſchwärmeriſchen Be⸗ trachtungen, wozu er neigte, erhoben und erblickte unten 221 am Bache, welcher ſich, von Erlen eingefaßt, in leiſem Geplauder durch die Wieſe ſchlängelte, einen ſich bewe⸗ genden Gegenſtand. Er hielt ihn erſt für ein Reh, bei ſchärferem Hinſchauen erkannte er aber Anna, welche am Rande des Baches ſaß, und deren blonder Kopf dann und wann aus dem Laube der Erlen hervorleuchtete. Leiſe ſchlich er näher und ſah dem Mädchen eine Zeit lang zu, welches träumeriſch von den rings um ſie her wachſenden Vergißmeinnicht einen Kranz wand. Es war ein anmuthiges, liebliches Bild. Dieſe noch faſt kindliche Mädchengeſtalt in dem unſchuldigen Blu⸗ menſpiele verloren, umgeben von der ſtillen, jungfräuli⸗ chen Natur! Sie ſetzte den fertigen Kranz von Vergiß⸗ meinnicht auf die goldblonden Locken und bemühte ſich dann in den anmuthigſten Biegungen ihres ſchlanken Körpers, ihr Bild in dem Bache zu erſpähen. Die zit⸗ ternden Wellen des leiſe fortfließenden Waſſers ließen ſie offenbar ihre Abſicht nicht erreichen; lächelnd nahm ſie den Kranz wieder herunter, legte ihn in ihren Schooß, faltete die kleinen Hände darüber und ſchien zu beten oder ſich ihren Träumereien hinzugeben. Rudolf hatte ſie nicht geſtört, obgleich er ganz in ihrer Nähe geſtanden. Erſt als ſie eine längere Zeit regungslos geſeſſen, trat er leiſe zu ihr heran. Woran denken Sie, Aennchen? fragte er dann, in— dem er ſanft ihre Schulter berührte, ſo daß ſie erſchreckt auffuhr— ich will Sie zu einer Stelle des Baches füh⸗ 222 ren, wo Sie ſich überzeugen können, wie ſchön das Blau der Vergißmeinnicht zu ihren blonden Locken paßt. Wie haben Sie mich erſchreckt! rief ſie aufſpringend, und, ſetzte ſie erröthend hinzu, es iſt Unrecht, daß Sie mich belauſcht haben. Während ich über die Wieſe ging, waren meine Blicke auf Sie gerichtet, und da habe ich denn allerdings ein von Ihnen ungeſehener Zeuge Ihrer Spiele werden müſſen. Es war recht thöricht, ſagte ſie, die Augen nieder⸗ ſchlagend. Waru thöricht? erwiederte er, indem er ſie weh⸗ müthig anblickte; möchten Sie nie in Ihrem Leben thö⸗ richter handeln! Aber woran dachten Sie, als ich kam? An meine Eltern. Sie werden ſich gewiß nach mir ſehnen, und der Vater wird mich ſehr vermiſſen. Wiſſen Sie, Anna, daß es bald Friede werden wird? Ach, das freut mich! Das freut Sie? Sollte es nicht? Der Krieg iſt mir ſo nahe gekom⸗ men mit allen ſeinen Schrecken, daß ich ſehr, ſehr wünſche, er hörte endlich auf, und ich könnte wieder ruhig und ungeſtört im Hauſe meiner Eltern leben. Und Sie fragen nicht darnach, was wir hingeben müſſen, um dieſen Frieden endlich zu erkaufen? Nein. Seien Sie nicht böſe, ſetzte ſie raſch hinzu, als ſie ſah, wie ſein Blick ſich verfinſterte, mir iſt es nur darum zu thun, daß wir Frieden bekommen, und daß 223 die Franzoſen wieder fort gehen— ich bin ja auch nicht in Preußen geboren. Daran dachte ich nicht, da kann es Ihnen allerdings gleichgiltig ſein, was aus uns wird. O, urtheilen Sie nicht ſo lieblos; wenn meine Wünſche Ihnen helfen könnten, Sie ſollten Alles erhalten, was Sie haben wollten. Virklich! würden Sie ſo freigebig gegen mich ſein? Können Sie daran zweifeln? fragte ſie und blickte ihn ſo unbefangen freundlich an, daß er ſeine Augen unwillkürlich längere Zeit auf den ihrigen ruhen laſſen mußte. Da ich es aber nicht kann, ſo will ich den lie⸗ ben Gott bitten, daß er Ihnen und dem guten Könige und der lieben Königin Alles das ſchenke und gewähre, was zu ihrem und das Landes Beſten iſt. Er wird es ja ohnehin thun, ſetzte ſie mit einem gläubigen Blicke hinzu, denn viele, viele Tauſende werden ihn mit mir darum bitten. Ja, ja, bitten Sie ihn, mein Kind, ſagt lächelnd; wir werden einen Frieden haben, 1 ßen klein und niedrig machen wird, unbedeutender, als es je geweſen! Das wird es ſein, was zu ſeinem Be⸗ ſten iſt! Und wäre es, wie Sie ſagen— ich verſtehe es nicht, ob es ſo kommen muß— aber glauben Sie denn nicht, daß dieſe Schickung des lieben Gottes zum Wohle des Vaterlandes dienen würde? Wiſſen Sie denn, fuhr ſie mit belebteren Blicken fort, als er zweifelnd lächelte, wiſ⸗ ſen Sie denn, was ihm nöthig iſt, und was ihm frommt? ob das Glück oder das Unglück, die Macht oder das Leiden? Ich kenne Nichts von Allem dieſen, nur das glaube ich feſt, daß Gott, der die Geſchicke der Völker und der einzelnen Menſchen lenkt, jene und dieſe durch Leiden und Trübſal zum Heile führt und erſt wie⸗ der ſtark macht auf dem Wege zum Guten. Wer lehrte Sie dies, Anna? ſagte er, indem er ſie gedankenvoll anblickte— wer lehrte Sie, dieſen Troſt zu ſpenden, den einzigen, der uns noch übrig bleibt, an den man ſich aber doch nur anklammert, wie der Er⸗ trinkende an einen Strohhalm! Ich verſtehe Sie nicht, erwiederte ſie, die Augen nie⸗ derſchlagend, ich weiß nicht, was Sie meinen. Daß wir verloren ſind, dem Untergange geweiht, daß man uns ausſtreichen wird aus der Reihe der ſelbſt⸗ ſtändigen Nationen, wie wir es ſelbſt mit unſern Nach⸗ barn im Oſten gethan haben. Wenn es geſchieht, ſo ſind wir nicht würdig, eine ſelbſtſtändige Nation zu ſein, ſonſt wird Gott unſeren Feinden dieſe Macht nicht verleihen. Sollen wir aber nur geprüft, nur geläutert werden, ſollen wir erweckt werden aus dem Schlummer der Selbſtgefälligkeit und Ueberhebung— dann wird die Zeit kommen, wo das ganze Volk aufſtehen wird zum Sturze jenes Mächtigen, welcher jetzt der Welt gebietet; dann werden unſere Fahnen wieder zum Siege wehen, und wir werden den ſtolzen Feind niederwerfen, welcher jetzt den Fuß auf unſeren Nacken ſetzt! Ihre Augen ſtrahlten bei dieſen Worten, und wäh⸗ rend ſie in Begeiſterung den Vergißmeinnichtkranz hoch emporhielt, löſte ſich ihr goldenes Haar und fiel vom letzten Strahle der Sonne beſchienen in reicher Fülle glänzend um ihre Schultern. Sie ſah einer jugendlich ſchönen Siegesgöttin ähnlich, wie ſie ſo daſtand, mit ge⸗ hobenem Arm den Kranz haltend, wallendem Haar und die leuchtenden Augen dem Himmel zugewandt. Anna, rief Rudolf, unwillkürlich ſeine Arme zu ihr emporhebend und ſie voll Staunen betrachtend, Anna, Anna, wer gab Ihnen dieſe erhebende Anſchauung? Ach! Sie halten mich gewiß für ein recht kindiſches Mädchen, erwiederte ſie verſchämt, ihre herabgefallenen Haare wieder ordnend; aber, ſetzte ſie ihn freundlich an⸗ lächelnd hinzu, haben Sie nur recht viel Vertrauen zu dem lieben Gott, verſcheuchen Sie die trüben, finſtern Gedanken, welche nicht von ihm kommen, und Sie wer⸗ den ſehen, daß die Hoffnung in Ihrem Herzen wieder lebendig werden wird. Ja, ja, ſagte er, ſie voll inniger Theilnahme an⸗ blickend, ja, ja, Sie haben Recht, Anna!„Denn was der Verſtand der Verſtändigen nicht ſieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth!“ Sie haben meinen Muth neu geſtärkt, meine Hoffnung wieder erweckt, die ſchon Guſtav vom Sce, Vor fünfzig Jahren. I. 15 226 erſtorben war! Weiß ich es doch ſelbſt nicht, warum! Das, was Sie mir ſagten, habe ich oft ſelbſt gedacht, und doch jetzt erſt, jetzt, da Sie mir ſo voll kindlichen Glaubens dies Alles als etwas Nothwendiges, ſich von ſelbſt Verſtehendes hinſtellen— da erſt befeſtigt ſich meine neberzeugung, und ich ſchäme mich meines Kleinmuthes. Das freut mich, freut mich von ganzem Herzen. Anna, ſagte er, wir werden uns vielleicht in wenigen Tagen trennen; unſere Wege, welche hier inmitten dieſes Waldes eine Zeit lang nebeneinander liefen, führen dann auseinander und werden ſich vielleicht nie im Leben wieder berühren— und dennoch werde ich dieſe Stunde nie vergeſſen! Die Erinnerung daran ſoll und wird mich ſtärken zu den Entſagungen und den Kämpfen, die mir bevorſtehen; vielleicht auch auf der Bahn des Sie⸗ ges voranleuchten, welche Sie verheißen!— Geben Sie mir ein Andenken an dieſe Stunde, das ich aufbewahren will wie einen Talisman,— jene Vergißmeinnicht an Ihrer Bruſt. Dieſe halbverwelkten Blumen, ſagte ſie befangen— was wollen Sie mit den Blumen? Ich ſagte es Ihnen ja, erwiederte er— und damit auch Sie ein Erinnerungszeichen haben, nehmen Sie die⸗ ſen werthloſen Ring. Es iſt kein Liebeszeichen, fuhr er fort, als ſie ſcheu ihre Hand zurückzog, es iſt ein ein⸗ faches Andenken an einen Mann, deſſen erſtorbene Hoff⸗ nungen Sie wieder auferweckt haben. Nehmen Sie ihn ohne Bedenken, liebes Kind, und ſollten Sie je einſt meiner bedürfen, ſo ſenden Sie ihn mir zu, und wo ich auch ſein möge, ich werde kommen, wenn ich nicht krank oder todt bin. Sie gab ihm die Blumen und empfing den kleinen, mit einem Rubin gezierten Goldreif. Dann gingen ſie faſt ſchweigend zuſammen nach ihrer gemeinſamen Woh⸗ nung, wo ſie der Förſter und ſeine Frau wie ein Paar alte, liebgewordene Hausgenoſſen begrüßten. Jwölftes Rapitel. Der Friede. In Breslau herrſchte ſchon längere Zeit eine bedeu⸗ tende Aufregung. Mit der größten Spannung ſah man jeder Nachricht aus Preußen entgegen. Zu jener Zeit bedurfte eine Depeſche von Tilſit nach Breslau fünf bis ſechs Tage, und die Zeitungs⸗Neuigkeiten, welche gewöhn⸗ lich ihren Weg über Berlin nahmen, waren ſelbſt wäh⸗ rend dieſer alle Gemüther im höchſten Grade erregenden Kriſis immer zehn bis zwölf Tage alt. Man hatte am 8. Juli geleſen, daß die beiden Kaiſer Alexander und Napoleon am 25. Juni Nachmittags 1 Uhr eine Zu⸗ ſammenkunft auf dem Niemen gehabt hatten. Hundert⸗ tauſende von Kriegern, ſagte die Berliner Zeitung, der 228 gänzlich in franzöſiſchem Solde ſtehende„Telegraph“, aus den entfernteſten Enden der Welt waren an den Ufern des Stromes Zeugen eines Schauſpiels, das die beiden Theilnehmer verherrlichte und die Zuſchauer ihres Zwiſtes vergeſſen ließ. Als die beiden Kaiſer ſich umarmten, er— tönten die beiden Ufer vom lauten, einhelligen Zuruf, und der Vorgeſchmack des Friedens ſenkte ſich in Aller Herzen. So ungeheuer die Reibungen des Nordens und des Südens waren, ſo wohlthätig werden die Folgen ihrer Vereinigung ſein. Es iſt für die Menſchheit Alles gewonnen, wenn ihr Wohl und ihr Wehe nur von dem Willen Zweier abhängt, und wenn zwiſchen dieſe Zwei keine Mittelsperſonen mehr treten. Man erfuhr weiter, daß am folgenden Tage eine zweite Zuſammenkunft, und zwar wieder auf dem Niemen, ſtattgefunden, und daß daran auch der König von Preu⸗ ßen Theil genommen habe; daß der Kaiſer Alexander dann den Kaiſer Napoleon in Tilſit beſucht und von ihm ſehr zuvorkommend aufgenommen worden, und end⸗ lich, daß jetzt alle drei Monarchen in der als neutral erklärten Stadt Tilſit, Jeder von ſeinen Garden umge⸗ ben, ihren Wohnſitz genommen. Darauf hatte das„gute Einverſtändniß“ der drei Monarchen mit jedem Tage zugenommen, ſo daß auch die Königin dort eingetroffen und der König den Gene⸗ ral von Kalkreuth mit der Friedens-Unterhandlung be⸗ auftragt habe. Der„Telegraph“ berichtete ferner aus Tilſit 229 vom 1. Juli:„Die ruſſiſchen und preußiſchen Garden ſind geſtern von den kaiſerlich franzöſiſchen mit einem Corps⸗ Gaſtmahle bewirthet worden. Sie hatten für den Augen⸗ blick die Uniformen getauſcht, und man ſah in der größ⸗ ten Fröhlichkeit, aber mit Ordnung, in allen Straßen der Stadt Soldaten ſich herumtreiben, die halb ruſſiſch oder preußiſch und halb franzöſiſch gekleidet waren.“ Nach ſolchen intimen Freundſchafts⸗Bezeugungen konnte man an dem nahen Abſchluß des Friedens nicht länger zweifeln, aber unter welchen Bedingungen er zu Stande kommen werde, darüber befand man ſich in völliger Un⸗ gewißheit und in der bängſten Beſorgniß. Das ein⸗ ſchmeichelnde Benehmen Napoleon's gegen den Kaiſer Alexander, der Umſchlag der ruſſiſchen Politik, welcher ſich ſchon vor und noch mehr nach der Schlacht von Friedland gezeigt hatte, das kalte und rückſichtsloſe Be⸗ tragen Napoleon's gegen die Königin Louiſe ließ befürch⸗ ten, daß Preußen das Opfer ſein werde, und daß die am Sarge Friedrich's des Großen beſchworene Freund⸗ ſchaft Friedrich Wilhelm's und Alexander's wenigſtens von ruſſiſcher Seite kaum mehr als der Ausdruck eines momentanen Gefühles geweſen ſei, welches vor den Rück⸗ ſichten der Politik erbleichen müſſe. Am meiſten beſchäf⸗ tigte man ſich natürlich wie immer mit dem eigenen Schickſale, und es waren daher auch über die künftige Beſtimmung Schleſiens die verſchiedenſten Gerüchte im Umlauf. Man erzählte ſich als eine verbürgte That⸗ 230 ſache, daß für Jeròme ein neues Königreich, und zwar größtentheils aus preußiſchen Provinzen, zurecht gemacht werden, daß Sachſen bedeutend vergrößert und das Her⸗ zogthum Warſchau oder ein Königreich Polen wieder⸗ hergeſtellt werden würde. Schleſien lag ſo günſtig, ſo inmitten aller dieſer länderbedürftigen Anſprüche, daß man ſehr daran zweifeln mußte, es werde auch ferner als ein Theil des preußiſchen Staates beſtehen bleiben. Es war am Nachmittage des 13. Juli, als ſich eine unabſehbare Menſchenmenge vor dem Palais des Prin⸗ zen Jeròme verſammelt hatte. Das Gerücht, der vor einer Stunde eingetroffene Courier habe die Botſchaft des abgeſchloſſenen Friedens mitgebracht, war wie ein Lauffeuer durch die Stadt geflogen, und die Straße bis zum Ringe hinan ſtand dichtgedrängt, Kopf an Kopf, gefüllt von einer faſt ſchweigenden, nur leiſe flüſternden Menſchenmaſſe. Da erſchien auf dem Balkon des Palais ein Offüier und rief, mit einem weißen Tuche wehend: La paix est signée et ratifiée! und gleichzeitig dröhnte von den zerſtörten Wällen herüber der dumpfe Donner der Ka⸗ nonen. So wenig man auch wußte, was dieſer Friede brin⸗ gen werde, die Nachricht wirkte dennoch mit einem über⸗ wältigenden Zauber. Schlimmer, als es war, konnte es nicht werden; die unerträglichen Bedrückungen eines ſtol⸗ zen, übermüthigen Feindes, die nur mit unſäglichen 231 Opfern zu erſchwingenden Erpreſſungen und Requiſitionen aller Art mußten aufhören, und wie immer das mate⸗ rielle Wohl faſt allein die Maſſen beherrſcht und leitet, wenn ſie nicht von einer Idee begeiſtert und getragen werden, ſo war auch hier der erſte Eindruck dieſer Nach⸗ richt ein allein freudiger und dokumentirte ſich auf dieſe Weiſe durch lauten Jubel. Man umarmte ſich, man drückte ſich die Hände, Einer erzählte es dem Anderen, obgleich es Jeder wußte, und noch war die Sonne dieſes verhängnißvollen Som⸗ mertages nicht untergegangen, als ſchon der Lichterglanz an faſt allen Häuſern der großen Stadt das Feſt des wiedergeſchenkten Friedens verherrlichte. Erſt ſpät verlief ſich die Menge aus den dunkel ge⸗ wordenen Straßen, und das erſte Geſchenk, welches der Friede der beruhigten Stadt ſchenkte, war— die Nacht! — Aber es iſt nur eine kurze Sommernacht, ſagte Venner zu ſeinem Freunde Haller, welcher ſoeben dieſe Bemer— kung gemacht hatte; die Sonne wird bald wieder auf— gehen und eben ſo glänzend ſtrahlen, wie vorher. Du haſt einen ſtarken Glauben, erwiederte dieſer mit ſeinem gewöhnlichen, zweifelhaften Lächeln; gieb dich nicht thörichten Hoffnungen hin. Ich habe dich niemals für einen phantaſtiſchen Schwärmer gehalten. Wer gegen den Strom ſchwimmt, geht gewöhnlich zu Grunde. Es iſt immer nöthig und von der Klugheit geboten, die Ver⸗ hältniſſe richtig aufzufaſſen. 232 Das wollen wir, erwiederte Venner lächelnd. Sieh', die Morgenröthe zeigt ſich ſchon jetzt am öſtlichen Him⸗ mel— darum iſt es Zeit, daß wir endlich zur Ruhe gehen.— Gute Nacht, Maling!... Am anderen Tage war die Stimmung der Bevöl⸗ kerung der Stadt ähnlich, wie nach einem gehabten Rauſche, an deſſen Stelle Erſchlaffung und Abſpannung der überreizten Nerven getreten iſt. Man ſtellte die trüb⸗ ſten Muthmaßungen, die ſchwärzeſten Bilder von dieſem unbekannten Frieden auf, und bald verbreiteten ſich, wie dies immer zu geſchehen pflegt, die daraus entſtandenen Gerüchte als wahre und verbürgte Nachrichten. Schle⸗ ſien, ſo hieß es, werde mit dem neu zu errichtenden Kö⸗ nigreiche Polen vereinigt werden, zum Erſatze für die Rußland verbleibenden Theile des ehemaligen Königrei⸗ ches, Preußen Nichts behalten als die Provinzen Bran⸗ denburg, Pommern und Preußen, mit Ausnahme von Danzig. Obgleich ſich Jeder ſagen mußte, daß noch Niemandem die Bedingungen des Friedens, welche erſt feſtgeſtellt wurden, bekannt ſein konnten, ſo hielt doch die Maſſe an den einmal verbreiteten Gerüchten feſt, und Muthlofigkeit bemächtigte ſich aller Gemüther. Das Einzige, was man mit Beſtimmtheit erfuhr, war, daß Jeröme ſchon am Ende der Woche, alſo in wenigen Tagen, Breslau und Schleſien für immer verlaſſen werde, um in Dresden mit dem Kaiſer Napoleon zuſammen⸗ zutreffen und ſich dann nach ſeinem neuen Königreiche 233 zu begeben, welches zwiſchen Rhein und Elbe gelegen ſein würde. Jeröme hatte bald nach ſeiner Rückkehr von Glaz und Neiſſe einen Sommeraufenthalt in dem eine Viertel⸗ meile von der Stadt entfernten Dorfe Scheitnich bezogen, weil dieſer Ort, bei welchem ſich ein ſchöner, ſchattiger Park befindet, und der deshalb noch jetzt zu den Haupt⸗ vergnügungspunkten der Breslauer im Sommer gehört, ſich vorzugsweiſe dazu eignete. Die Nachricht ſeiner Ab⸗ reiſe wurde noch an demſelben Tage offiziell bekannt ge⸗ macht, und man beeilte ſich daher, die üblichen Abſchieds⸗ Ceremonieen einzuleiten. Es würde unrecht ſein, zu verſchweigen, daß ſich hierbei ein Mehreres kundgab, als die bloße Erfüllung einer Form. Jeröme hatte es ver⸗ ſtanden, bei der Bevölkerung, ſoweit dies überhaupt in den ſechs Monaten ſeines Aufenthaltes und unter den obwaltenden Umſtänden möglich war, ſich eine gewiſſe Popularität zu erwerben. Man wußte, daß er wohlwollend, freundlich und ſtets bemüht geweſen war, den Druck des Krieges zu mildern, ſoweit dies ohne beſonders thatkräftiges Eingreifen ge⸗ ſchehen konnte; ſeine Fehler entſchuldigte man mit ſeiner Jugend und ſeinen angeborenen Neigungen, welche na⸗ mentlich gerade von den Frauen am mildeſten beurtheilt wurden. Man ſagte ſich ferner, daß die Stadt und die Provinz unter dem Befehle eines vielleicht weniger gut⸗ müthigen, dagegen habgierigeren Generals, wie es deren ſo viele gab, ungleich mehr zu leiden gehabt haben wür⸗ den; und wie die Menſchen in ihren Urtheilen gegen Scheidende oder Geſtorbene überhaupt immer vorzugs⸗ weiſe milde ſind, ſo geſchah es auch hier, es zeigte ſich eine ziemlich allgemeine, aufrichtige Theilnahme für den Prinzen, welche dadurch, daß ihn ſehr bald eine Königs⸗ krone ſchmücken ſollte, keinesweges vermindert wurde. Eine Deputation des Magiſtrates und anderer Autori⸗ täten begab ſich in feierlichem Aufzuge nach ſeinem Pa⸗ lais, wo der Prinz ſie empfing und in der freundlichſten Weiſe die Dankſagung erwiederte, welche man ihm Na⸗ mens der Stadt und der Provinz abſtattete. Die Schleſiſche Zeitung referirt über Jeröme:„Der Aufenthalt des Prinzen in unſerer Stadt, ſowie über⸗ haupt in Schleſien, wird bei den Einwohnern auf immer in geſegnetem Andenken bleiben, indem Höchſtdieſelben mit bewunderungswürdiger Großmuth gewiß Alles, was in Ihren Kräften ſtand, angewandt haben, um denſelben die Uebel des Krieges weniger fühlbar zu machen. Der Dank der ganzen Provinz, ſo wie insbeſondere der Haupt⸗ ſtadt, folgt dieſem erlauchten Prinzen, der mit perſönli— cher Tapferkeit die Großmuth des Siegers und die edel— ſten Gefühle des Menſchen in ſich vereinigt. Unvergeß⸗ lich aber wird das herablaſſende Wohlwollen Sr. Kai⸗ ſerlichen Hoheit insbeſondere denjenigen bleiben, die das BGlück gehabt haben, Höchſtdenenſelben vorgeſtellt worden oder näher um Ihre Perſon geweſen zu ſein.“ 235 Mochte auch mancher Ausdruck und manche Phraſe dieſer Verherrlichung dem Einfluſſe der Zeit und der Ver— hältniſſe zuzuſchreiben ſein, in der Hauptſache war ſie nicht unwahr, und es ſtrömten daher in den letzten Ta⸗ gen von Jeròme's Aufenthalt, getrieben zugleich von Neugierde und angelockt von dem ſchönen Sommerwetter, unzählige Menſchen nach Scheitnich hinaus, um den Prinzen noch einmal zu ſehen. Zu dieſen gehörte auch Venner. Einſam ging er unter den Dahinwandelnden, ſich ſeinen Gedanken überlaſſend, wie er gern zu thun pflegte. Da wurde er von einem Manne eingeholt, in welchem er freudig den Freiherrn von Wallingen erkannte. Wie ſehr freue ich mich, Herr Baron, redete er ihn an, Sie wieder auf freiem Fuße zu ſehen! Ich habe mir die bitterſten Vorwürfe gemacht, die Urſache zu dieſen Unannehmlichkeiten geweſen zu ſein, und Alles aufge⸗ boten... Laſſen Sie das, erwiederte lächelnd der Freiherr; ich hätte Ihren Freund, den Offizier meines Königs, auch ohne Ihre Empfehlung aufgenommen; Sie können ſich vollſtändig darüber beruhigen. Aber, nicht wahr, es wundert Sie, daß ich auch zu den Wallfahrern gehöre, welche dieſen franzöſiſchen Parvenu noch einmal zu ſehen wünſchen? Er hat ſich anſtändig gegen mich benommen, Herr von Venner, das kann ich nicht in Abrede ſtellen; denn nachdem ich geſtern endlich dazu gelangt bin, ihn 236 perſönlich zu ſprechen, wurde ich ſogleich in Freiheit ge⸗ ſetzt. Er entſchuldigte ſogar einigermaßen, ſchob die Sache auf die Kriegsverhältniſſe und auf die Flucht Ihres Freundes und bedauerte, nicht früher vollſtändig von der Sachlage unterrichtet geweſen zu ſein. Kurz, er benahm ſich wie ein geborener Edelmann, obgleich er es nicht iſt. Es iſt ja Friede, erwiederte Venner mit einem tiefen Athemzuge— da kann man doch unmöglich Männer wie Sie länger im Gefängniſſe laſſen. Meinen Sie? Wer weiß, was uns dieſer Friede bringt, und ob es nicht noch ſchlimmer wird, als es bis jetzt war, wo wir unter der Willkür eines wenigſtens gut⸗ müthigen, jungen Emporkömmlings ſtanden! Wir müſſen es abwarten. Ja, das Abwarten wird unſere nächſte, traurige Be⸗ ſtimmung ſein. Das Abwarten und das Vorbereiten. dan wird uns Zeit und Muße dazu gönnen. Wer weiß das, Herr von Wallingen, wer kann jetzt wiſſen, was morgen geſchieht? Das Rad der Geſchichte bewegt ſich in den letzten zehn Jahren mit einer ſo ra⸗ piden Schnelligkeit, daß wir in einem Monate eine län⸗ gere Strecke zurücklegen, als ſonſt in einem halben Jahr⸗ hundert. Doch ich ſehe vor uns einige Freunde, geſtat⸗ ten Sie mir, daß ich ſie Ihnen vorſtelle. Es war Roſen mit ſeiner Frau und Haller, welche, im eifrigen Geſpräche denſelben Weg wandernd, jetzt erſt 237 von Venner unter den vielen Menſchen erkannt wurden. Man begrüßte ſich, und der Freiherr wurde vorgeſtellt. Sie ſind uns ſchon längere Zeit bekannt, Herr Baron, ſagte Roſe verbindlich, wenn auch nicht von Perſon; die Unannehmlichkeiten, welche Sie betroffen, mußten natür⸗ lich unſere Theilnahme erwecken; es freut mich ſehr, Sie perſönlich kennen zu lernen und dadurch zugleich zu er⸗ fahren, daß Sie ſich wieder in Freiheit befinden. Roſe ſprach etwas im Wiener Dialekt, deſſen gemil— deter Tonfall ihren Worten jenen gemüthlichen und an— ſprechenden Klang verlieh, welcher namentlich im Munde einer ſchönen Frau ſelten verfehlt, auf das Ohr eines Norddeutſchen ſeine feſſelnde und einſchmeichelnde Wir⸗ kung auszuüben. Ihre freundliche Theilnahme, erwiederte der Freiherr daher verbindlich, läßt mich die unbedeutende Unannehm⸗ lichkeit, welche mich betroffen hat, gänzlich vergeſſen. Sie ſind auch hier, wenn ich fragen darf, ſetzte er lächelnd hinzu, um den neuen König zu ſehen, von dem wir nur wünſchen können, daß er wenigſtens nicht der unſrige werde? Wundert Sie das, Herr Baron? Wenn die Männer ſo neugierig ſind, ſo muß man die Frauen dieſer Eigen⸗ ſchaft wegen wenigſtens nicht tadeln, welche ja, wie man uns lehrt, zu ihren angeborenen Fehlern gehören ſoll. Das hat Sie mein Freund Roſen doch gewiß erſt nach der Hochzeit gelehrt? ſchaltete Haller ein; ich bin feſt davon überzeugt. Sie irren dennoch, ſcherzte Roſe, dieſe Erkenntniß ſtammt bei mir von einer ſchon bejahrten, würdigen Schulmonarchin in der Penſion, welche uns dieſen Fehler 1 des weiblichen Geſchlechtes unaufhörlich vorwarf und zu⸗ gleich durch ihr Beiſpiel den praktiſchen Beweis lieferte, wie richtig ihre Theorie war. Sie erfüllte alſo ihre Pflichten im vollſten Umfange, und dennoch bleibt es zweifelhaft, ob die Wirkung bei Ihnen eine vollſtändige geweſen. Nicht ſo zweifelhaft, als daß Sie, Herr Aſſeſſor, in dieſer Beziehung eine ſehr weibliche Natur beſitzen, da Sie ſelbſt ſo ſehr neugierig ſind, zu erfahren, in welchem Umfange ich dieſen Fehler beſitze. Selbſt Ihnen in Ihren Fehlern nachzuahmen, wenn Sie deren überhaupt beſitzen, kann nur ein Gewinn für mich ſein. Ich will Ihnen die Sache leicht machen und mich zur Neugierde bekennen, Sie haben dann wenigſtens keinen Vorwand mehr, eben ſo offenherzig zu ſein— doch ſehen Sie, ich glaube wirklich, da kommt der Prinz. Die Geſellſchaft war während dieſer Unterhaltung bis vor das Landhaus gelangt, in welchem Jeròme wohnte. Daſſelbe lag in einem Garten etwas von der Straße zurück. Vor der Anfahrt hielt ein vierſpänniger, offener Wagen, und eben als ſie ankamen, ſchritt Jeròme, gefolgt von zwei Adjutanten, die Treppe herab, welche zur Veranda führte. Er nahm in dem Wagen Platz 2²9 und fuhr, freundlich grüßend, der Stadt zu. Die auf dem Wege befindlichen zahlreichen Menſchen blieben überall ſtehen, zogen die Hüte und die Mützen und drängten ſich, den Anblick des Prinzen ſo nah' als möglich zu er— halten. Sonſt erfolgten jedoch keine Zeichen der Theil⸗ nahme, kein Zuruf, kein wehendes Taſchentuch von Sei⸗ ten der Frauen, welche vorzugsweiſe zahlreich vertreten waren. Noch ſtanden das Roſenſche Ehepaar und ſeine Be⸗ gleiter vor dem Landhauſe des Prinzen und blickten dem Wagen nach, welcher bereits in dem Staube und dem Menſchengewühl verſchwunden war, als aus dem Hofe des Landhauſes ein anderer zweiſpänniger Wagen heran⸗ fuhr, in welchem zwei Damen ſaßen. Die eine Dame war Celie. Sie hatte ſich ſeit ihrer Rückkehr von Glaz noch weniger öffentlich gezeigt, als ſie es überhaupt that, und war über den wichtigeren Ereigniſſen faſt vergeſſen worden. Der Wagen fuhr langſam heran und mußte dann der vielen Menſchen wegen in der unmittelbarſten Nähe unſerer Bekannten halten. Celie's Blicke waren niedergeſchlagen und ſuchten offenbar denen der ſie ſo dicht umgebenden Menſchenmenge auszuweichen. Zuwei⸗ len ſprach ſie ein paar Worte zu ihrer Begleiterin. Da fiel ihr Auge auf die in ihrer Nähe ſtehende Gruppe. Venner grüßte ſie, aber ſie ſchien es nicht zu bemerken, ihr Blick heftete ſich feſt und mit dem Ausdrucke ſicht⸗ barer Aufregung auf einen anderen Gegenſtand, und ſelbſt 240 als der Wagen ſich unmittelbar darauf in Bewegung ſetzte und nun im raſchen Trabe dahinflog, wandte ſie ſich nochmals um, als ob ſie ſich vergewiſſern wollte, in dem, was ſie erblickt, ſich nicht geirrt zu haben. Sie kennen die Dame, Herr von Venner? fragte Roſen mit ſichtlichem Erſtaunen; Sie grüßten ja, aber erfreuten ſich keiner Erwiederung. Im Gegentheil, ſie ſchien vor Ihnen zu erſchrecken, fügte Roſe hinzu— aber was iſt Ihnen, Herr Aſſeſſor? Sie ſind ja ganz blaß geworden; iſt Ihnen unwohl? Ich glaube faſt, erwiederte dieſer— die Hitze— die vielen Menſchen— ich leide zuweilen an ſolchen Zufäl⸗ len— aber es wird ſogleich wieder vorübergehen. Sie ſehen wirklich ganz bleich aus, ſagte theilneh⸗ mend Roſen; kommen Sie fort aus dieſem Gewühl und dieſem Staube; wollen Sie ſich auf mich ſtützen? Es iſt nicht nöthig— es iſt ſchon vorüber, erwie⸗ derte Haller mit einem gezwungenen Lächeln— aber Sie haben Recht, wir wollen ſuchen, in den Schatten und außerhalb dieſes Menſchenſchwarmes zu gelangen. Woher kennen Sie denn dieſe Dame, Herr von Ven⸗ ner? wiederholte Roſen ſeine Frage, während ſie weiter⸗ gingen. Ei, ei, ich hätte Ihnen derartige Bekanntſchaf⸗ ten nicht zugetraut— aber ſtille Waſſer ſind tief. Ich lernte ſie flüchtig auf einer Reiſe kennen, die ich vor einiger Zeit nach Dresden machte, erwiederte dieſer 1 nicht ohne Verlegenheit; ſie galt damals für die Frau 241 oder Wittwe eines franzöſiſchen Oberſten und benahm ſich im höchſten Grade achtungswürdig. Das iſt meine ganze Wiſſenſchaft. Eines franzöſiſchen Oberſten? fragte Haller, indem er mit anſcheinender Gleichgültigkeit ſeinen Stock durch die Luft bewegte, und wie kommt ſie jetzt zu der Ehre einer prinzlichen Equipage? Mein Gott, ſind Sie denn ſo unwiſſend, der Sie doch ſonſt von Allem Kenntniß haben, ergänzte Roſen, daß Ihnen die Geliebte Jeröme's unbekannt geblieben? Das war die Geliebte Jeröme's? fragte Haller in ſichtlicher Aufregung. Nun ja, die ſchöne Celie Latour oder Frau von La⸗ tvur, das weiß ja Jedermann. Doch laſſen wir die Dame.. Welche hoffentlich mit vielen anderen modernen fran⸗ zöſiſchen Geſchenken wieder auf- und davongehen wird, fiel der Freiherr ein; wenn es Ihnen genehm iſt, meine gnädige Frau, gehen wir in den Park und ſuchen unter dem Schatten ſeiner Bäume einen Ruheplatz. Man folgte dieſem Vorſchlage und trat in den Park, deſſen zahlreiche Bänke und Tiſche jedoch bereits ſämmt⸗ lich in Beſchlag genommen waren. Man bemühte ſich längere Zeit vergeblich, einen Sitzplatz zu finden, und entdeckte endlich am äußerſten Ende einen Tiſch, an wel⸗ chem nur Ein Mann ſaß, und den man daher in Beſitz zu nehmen beſchloß. Guſtav vom See, Vor fünfzig Jahren. I. 16 242 Ich kenne den Mann, ſagte Venner, als ſie näher kamen, es iſt der alte Baumann. Sie müſſen ſich viel⸗ leicht auf eine etwas originelle Unterhaltung gefaßt ma⸗ chen, ſonſt iſt mein Freund Baumann aber ein Ehren— mann. Da Sie ihn Ihren Freund nennen, bemerkte Roſe verbindlich, ſo hätte es dieſer Verſicherung nicht noch bedurft. Man nahm Platz, nachdem man Baumann begrüßt, welcher von Venner der Geſellſchaft vorgeſtellt wurde. Sie ſehen etwas blaß, aber ſonſt ſehr wohl aus, Herr Baumann, bemerkte Venner, nachdem man die nöthigen Beſtellungen und Anordnungen getroffen; ſind Sie auch des Prinzen wegen herausgekommen? Im Gegentheil, ich hatte keine Ahnung davon, daß heute hier ein ſo großes Rennen ſein würde, ſonſt würde ich einen anderen Ort zu meinem erſten Ausgange ge⸗ wählt haben. Zu Ihrem erſten Ausgange? Sind Sie krank gewe⸗ ſen? Ich habe kein Wort davon erfahren; warum ließen Sie mich nicht benachrichtigen? Krank war ich eigentlich nicht, ich habe nur eine Kur gebraucht, welche mir ziemlich gut bekommen iſt. Seit ſechs Wochen iſt kein Tropfen geiſtigen Getränkes über meine Zunge gekommen; Sie ſehen, ich trinke auch jetzt nur ein wenig Weißbier und habe den Vorſatz, bei aus dem Munde ziehen. 243 dieſer Enthaltſamkeit zu verharren, wenn es mir möglich ſein wird, ihn auszuführen. Warum ſollte es Ihnen nicht möglich ſein? Die erſte Zeit iſt in ſolchen Dingen immer die ſchwierigſte, und da Sie in dieſer die Kraft dazu gehabt haben.. Ja, erwiederte Baumann mit dem ihm eigenen ſar⸗ kaſtiſchen Lächeln, ja, Herr von Venner, ich kann mir leider das Verdienſt dieſer ſechswöchentlichen Enthaltſam⸗ keit nicht anrechnen; für mich beginnt die Zeit der Prü⸗ fung erſt mit dem heutigen Tage, und deshalb trinke ich dieſes widerliche Gebräu, welches mich jedenfalls ent⸗ weder in eine noch reinere Kaſte, in die der Waſſertrin⸗ ker, oder wieder zum Weine zurückbringen muß. Sie geben uns Räthſel auf. Warum wollen Sie ſich die vergangenen ſechs Wochen nicht in Rechnung ſtellen? Weil man mich in dieſen zur Enthaltſamkeit gezwun⸗ gen hat. Gezwungen? Auf welche Weiſe? Ganz einfach, indem man mich einſperrte. Sie ſind im Gefängniß geweſen? Und das erfahre ich erſt jetzt? Daran bin ich unſchuldig. Sie müſſen mich in der ganzen Zeit nicht beſucht haben. Aber ſo erzählen Sie doch, erwiederte Venner nicht ohne Beſchämung; Sie laſſen ſich ja die Worte förmlich 16* 244 Das nicht, weil man mich an Enthaltſamkeit und auch an das Schweigen gewöhnt hat. Sie glauben gar nicht, wie wohlthätig ſolche einſame Haft wirkt. Für viele Menſchen würde ſie ein wahrer Gewinn ſein. Die hohe Obrigkeit iſt in ſolchen Dingen noch lange nicht vorſorglich genug. Es laufen ſo Viele herum, beſonders von denen, welche zu befehlen oder zu verſchwenden haben, die ſollte man immer der Reihe nach ab und zu eine Zeit lang einſperren— es würde Manches beſſer wer⸗ den! Glauben Sie mir, es kommen einem da ganz eigen⸗ thümliche, ſonderbare Gedanken, wenn man ſo nur auf ſich ſelbſt und auf vier nackte Wände angewieſen iſt. Zuerſt iſt man noch wild und verlangt nach der Befrie⸗ digung ſeiner alten Leidenſchaften, dann wird man mürbe, wie ein Stück Eis, über welches der Frühlingswind ſtreicht— man kommt ſich aber auch eben ſo ſchmutzig vor— dann wird man milde, immer milder. Die Menſchen kommen einem nicht mehr ſo erbärmlich vor, weil die innere, eigene Erbärmlichkeit, als die einzige Geſellſchafterin, immer ſichtbarer und anſchaulicher wird! — Ja, ja, Sie werden mich auslachen, Herr von Ven⸗ ner, aber ich hatte im Gefängniſſe Stunden, wo ich ſelbſt an jenen franzöſiſchen Schuft, den ich zum Hauſe hin⸗ ausgeworfen, ohne Haß und Bitterkeit denken konnte— leider bin ich in dieſer Beziehung ſchon wieder rückfällig und erkenne, daß man mich noch nicht lange genug ein⸗ geſperrt hat. — 245 Venner hatte den Sprechenden in dieſer abſchweifen⸗ den Betrachtung abſichtlich nicht unterbrochen, denn er wußte aus Erfahrung, daß dies von keinem Nutzen ſein würde. Was war denn die Urſache Ihrer Verhaftung? fragte er daher, ohne Weiteres zu bemerken. Die Urſache? ja ſo, habe ich Ihnen das noch nicht geſagt? Nun, dann werden Sie es ſich leicht denken können. Der Franzoſe wurde mir bald durchaus uner⸗ träglich. Er hatte nicht eine Idee von Muſik, kratzte auf ſeiner Amati, wie er den Kaſten nannte, herum, daß ich hätte in die Luft fliegen mögen. Da wurde ich ihm zuerſt bohnenſtroh-grob, einmal, weil mir dies ein Bedürfniß war, und dann, weil ich glaubte, er würde endlich abziehen. Aber der Kerl war wie ein Pechpfla⸗ ſter, er lag feſt und fing ſogar an zu ziehen, das heißt, er ſpionirte mit ſeinen ſtechenden Augen im Hauſe her⸗ um, und endlich erkundigte er ſich geradezu bei meiner Frau nach meiner Tochter und machte ihr Anerbietun⸗ gen! Ja, Anerbietungen! Ich kam darüber hinzu, ſchlug ihm ſeine Amati auf dem kahlen Hirnſchädel entzwei, daß die Stücke, das heißt nur der Amati, nebſt der pa⸗ riſer Lockenperrücke auf der Erde herumlagen, und warf ihn ſchließlich zum Hauſe hinaus. Ach! es war einer der genußreichſten Augenblicke meines Lebens, als der feige Lump mit kahlem Kopfe Reißaus nahm.— Ich hatte während meiner Beſſerung täglich zwei Stunden gegen Abend dazu beſtimmt, mich an dieſer Erinnerung 246 zu ergötzen, und ich habe es nicht dahin bringen können, mir dieſes harmloſe Vergnügen zu verſagen, obgleich ich zu der Erkenntniß gekommen war, daß ich damit ein Unrecht beging. Aber der Menſch wird niemals ganz vollkommen, und ich konnte mich zu dieſer Entſagung nicht erheben. Nun, und weiter? fragte Venner, als Baumann wie⸗ der ſchwieg. Weiter? das Weitere war alles ganz logiſch und in der Ordnung. Noch an demſelben Tage wurde ich in das Gefängniß gebracht und wegen Mißhandlung eines franzöſiſchen— ich weiß nicht, was der Kerl war— zu ſechswöchentlicher Einſperrung verurtheilt. Man muß es den Franzoſen laſſen, ſie machen ihre Angelegenheiten kurz und bündig ab. Nach unſerem Brauch hätte ich vielleicht vorher eben ſo lange in Unterſuchungsarreſt ge⸗ ſeſſen. Hier war am anderen Tage Verhör, man las mir mein Verbrechen vor, und da ich Nichts erwiederte, ſprach man das Urtheil; Alles in Einem Athem und ohne Abſatz. Geſtern war meine Zeit um, man ließ mich wieder laufen, und dies iſt mein erſter Ausgang in's Grüne, das ich ſo lange ſchmerzlich vermißt habe. Es thut mir herzlich leid, Herr Baumann, ſagte Venner, ihm die Hand reichend, daß ich erſt jetzt von Ihrem Schickſal Kunde erhalte; ich bekenne mich in die⸗ ſer Beziehung für ſchuldig und bitte, mir deshalb nicht zu zürnen. 247 Ich weiß, ich weiß, erwiederte Baumann gutmüthig lächelnd; aber Sie hätten doch Nichts ändern können, und wie ich Ihnen ſchon ſagte, ſetzte er mit einem Blick auf das vor ihm ſtehende kaum berührte Weißbier hin⸗ zu, die Sache hatte ihre ſehr guten Seiten. Was haben Sie für Nachrichten von Ihrer Tochter? Von meiner Tochter? wiederholte Baumann, indem ſich ſeine Blicke belebten, es geht ihr gut, ich glaube es wenigſtens. Sehen Sie, fuhr er fort, daß ich im Ge⸗ fängniß gar Nichts von ihr erfuhr, denn man ließ Nie⸗ manden zu mir— das war der Wurm, der an meinem Herzen nagte. Ja, ja, er nagte unaufhörlich,— ſo ein Wurm bringt einen wieder zu dem lieben Gott zurück.— Als ich heim kam, fand ich vier Briefe. Das gute Kind hatte regelmäßig geſchrieben, obgleich ich ihr nur einmal antworten konnte. Die Briefe waren durch Bauern in die Stadt geſchmuggelt, denn Sie werden wohl wiſ⸗ ſen, daß Ihr Förſter und Ihr Freund in förmlichen Krieg mit den Franzoſen gerathen ſind und Aennchen mitten drunter war. Nun, es iſt ihr kein Leid widerfahren, und jetzt iſt ja Friede! Jeröme geht fort, und mein Aennchen, mein liebes Kind, wird zurückkehren! Seine Augen waren bei den letzten Worten feucht geworden, und offenbar um dieſe Stimmung vor den Anweſenden zu verbergen, nahm er das vor ihm ſtehende Glas wieder und trank es zur Hälfte aus, wobei auf ſeinem Geſicht der Widerwille gegen das ihm verhaßte 248 Getränk mit der Rührung ſeines Herzens in tragikomi— ſchem Gegenſatze ſich abſpiegelte. Es wird wieder Alles gut werden, Herr Baumann, bemerkte theilnehmend Roſe, welche, da ihr die näheren Umſtände von Aennchen's Flucht bekannt waren, von dem Benehmen des alten Mannes ſichtlich ergriffen wurde, und wenn Ihr Töchterchen zurückgekehrt ſein wird, wür⸗ den Sie mir eine recht innige Freude machen, wenn Sie mir geſtatteten, ſie näher kennen zu lernen. Sie ſind ſehr gütig, erwiederte Baumann ſichtlich zerſtreut, eine große Ehre für uns. Morgen in aller Frühe, fuhr er dann fort, werde ich mich auf den Weg machen, und morgen um dieſe Zeit bin ich ſchon bei ihr! Ja, ja, dann bin ich bei ihr!— Ich hätte eigentlich heute ſchon gehen ſollen— aber meine Frau wollte es durchaus nicht haben, ich ſollte mich erſt etwas erholen, ja, ja, ſtärken, wiederholte er, indem er abermals mit Widerwillen einen Schluck Weißbier trank— aber mor⸗ gen bin ich geſtärkt, und dann gehe ich in aller Frühe! Das wird einmal eine Freude ſein! einmal wieder eine wirkliche und wahrhaftige Freude! Die Sonne war inzwiſchen untergegangen, und man trat den Rückweg zur Stadt an. Die Straße wogte noch immer von dichten Menſchenmaſſen, ſo daß man es vorzog, den weiteren Fußſteig über die Oderdämme ein⸗ zuſchlagen, wo man wenigſtens von dem Staube der Wagen nicht beläſtigt wurde. Als man den Fluß er⸗ — — reichte, deſſen Fluthen der Abglanz der Abendröthe ver⸗ goldete, erfreute man ſich des ſchönen Anblicks der Stadt, deren Thürme ſich dunkel und ſcharf auf dem Goldgrunde des nördlichen Himmels abzeichneten. Nur die zerſtör— ten und in chaotiſchen Trümmern liegenden Wälle, welche den Vordergrund des Bildes ausmachten, ſtörten deſſen Harmonie und erinnerten an den Ernſt und die Trüb⸗ ſale der Zeit. Venner begleitete den alten Baumann nach Hauſe, denn er fühlte das Bedürfniß, durch eine erhöhte Rück⸗ ſichtnahme den Mangel an Theilnahme wieder gut zu machen, deſſen er ſich im Stillen gegen ihn beſchuldigte. Zwei Tage darauf, am 16. Juli, verließ Jeröme mit einem großen Gefolge Breslau, um ſich, wie geſagt, vor⸗ läufig nach Dresden zu begeben, wo er mit ſeinem Bru⸗ der, dem Kaiſer, zuſammenkommen ſollte. Am Tage vorher hatte er zum letzten Male über die hauptſächlich aus baieriſchen Truppen beſtehende Garniſon Revue ge⸗ halten und bei dieſer Gelegenheit dem raſch geebneten Platze auf dem ehemaligen Glacis, wo das Denkmal Tauenzien's ſteht, ſeinen Namen gegeben. Im Laufe der Zeit hat die Stadt ihre Straßen weit über dieſen Platz hinaus vorgeſchoben und ihn ſelbſt mit ſchönen Gebäu⸗ den eingerahmt, der Name iſt jedoch unverändert ge⸗ blieben. Es war gegen Abend, als die Wagen des Prinzen und ſeines Gefolges durch die zahlreich verſammelten 250 Menſchen über den Ring fuhren. Die Bevölkerung hielt ſich ſchweigſam, denn nur die Neugierde, nicht die Theil⸗ nahme, hatte ſie zuſammengeführt. Da fährt er hin, freundlich und leutſelig wie immer, ſagte Roſen, der mit Venner unter einer Gruppe von Bekannten ſtand; er gehörte nicht zu den Schlimmſten. Möchten ihm die Anderen bald folgen, erwiederte Venner, Alle mit einander, ſchlimm oder gut; für uns ſind auch die Beſten ein Uebel und eine Strafe. Haben Sie noch nichts Näheres über die Bedingun⸗ gen des Friedens gehört? fragte ein Anderer; ſie müſſen doch feſtgeſtellt ſein, da Napoleon bereits nach Dresden abgereiſt iſt. Wir werden ſie früh erfahren; wenn ſie gut wären, wüßten wir ſie längſt. Meine Herren, rief Haller, indem er mit wichtiger Miene in den Kreis trat, ich kann Ihnen die Friedens⸗ bedingungen mittheilen, ſie ſind vor einer Stunde ein— getroffen. Man drängte ſich um den Sprechenden, und die ängſtlichſte Spannung lag auf allen Geſichtern. Bleiben wir preußiſch? Bleibt Schleſien bei Preußen? So reden Sie doch! rief man durcheinander. Meine Herren, erwiederte Haller, der es liebte, ſei⸗ nem Auftreten eine gewiſſe möglichſt gewichtige Form zu geben, meine Herren, der Ort, wo wir uns befinden, iſt zu einer ſolchen Mittheilung wenig geeignet; treten wir 3 men pflegte. Bildung des Königreiches Weſtfalen verwandt; des Cott⸗ 251 in dieſes Gewölbe, wir werden dort weniger beläſtigt ſein und Aufſehen vermeiden. Bei dieſen Worten ging er, von den Anweſenden dicht gefolgt, in das nahe Gewölbe eines bekannten Kauf⸗ manns, in welchem man zum Empfang und zur Be⸗ ſprechung der Tagesneuigkeiten häufig zuſammenzukom⸗ So hören Sie denn, ſprach Haller, nachdem er auf einen Stuhl geſtiegen war, indem er ſeine Brille in die Höhe ſchob; was ich Ihnen mittheile, ſtammt aus offi— ziellen und daher ſicheren Quellen! Der Friede iſt am 9. d. M. in Tilſit unterzeichnet. Es beſteht völlige Freundſchaft zwiſchen Frankreich und Preußen. Letzteres entſagt für immer dem Beſitze aller Länder zwiſchen Elbe und Rhein, auch der Stadt und dem Herzogthum Magdeburg, ſo weit dies auf dem lin⸗ ken Elbufer liegt; dieſe Länder werden größtentheils zur buſſer Kreiſes, der an Sachſen fällt; aller Beſitzungen des ehemaligen Königreiches Polen, mit Ausnahme des Erme⸗ landes und eines unbedeutenden Stückchens an der Grenze von Preußen. Dieſe Länder erhält zum Theil Rußland.. Rußland? nicht möglich! unterbrach man ihn. Zum Theil Rußland, zum größeren Theil werden ſie zur Bildung eines Herzogthums Warſchau verwandt, welches unter franzöſiſchem Schutze der Souverainetät des Königs von Sachſen übergeben wird; Preußen ent⸗ b2 52 ſagt auf ewig dem Beſitze der Stadt Danzig, die, mit einer bleibenden franzöſiſchen Beſatzung, ihre alte Freiheit wieder erhält. Die übrigen Provinzen des preußiſchen Staates werden Sr. Majeſtät dem Könige zurückgegeben. Nun, Gott ſei Dank, wir wenigſtens bleiben preußiſch! Schleſien bleibt preußiſch! unterbrach man den Redner. Se. Majeſtät der König von Preußen, fuhr ditſer fort, als wieder Schweigen eingetreten war, erkennt den Rheinbund und alle Souveraine, die jetzt beſtehen oder noch gemacht werden, namentlich den Prinzen Jeröme als König von Weftfalen, an und verſchließt ſeine Küſten und Häfen allen engliſchen Schiffen. Von den Feſtun⸗ gen werden die meiſten zurückgegeben, andere, wie Stettin, bleiben ſo lange beſetzt, bis die Kontribution vollſtändig gezahlt ſein wird, wovon überhaupt die Räumung des Staates von den franzöſiſchen Truppen abhängig iſt. Dies ſind im Weſentlichen die offiziellen Bedingungen des Frie⸗ dens, ſchloß Haller, indem er ſeinen Platz verließ, die geheimen kenne ich natürlich nicht. Die Freude, welche die Zuhörer einen Augenblick über die ſie zunächſt betreffende Kunde, daß ſie ſelbſt keinem an⸗ deren Staate angehören würden, empfunden hatten, war bald dem überwältigenden Schrecken gewichen, welchen dieſer Friede in allen Herzen hervorrief. Man hörte kein lautes Wort mehr, nur leiſes Flüſtern, und bald verließ ein Jeder eilig und ſchweigend den Ort, um ſeinen Angehörigen die wichtige und traurige Kunde mitzutheilen. 253 Während Haller ſeine Eröffnungen machte, hatte ein Unbekannter Venner einen Brief übergeben und war ſofort wieder unter den dicht gedrängten Menſchen verſchwun⸗ den. Venner hatte den Brief mechaniſch angenommen, da ſeine Aufmerkſamkeit vollſtändig von demjenigen, was er hörte, in Anſpruch genommen wurde, und hielt ihn noch unerbrochen in der Hand, als Haller geendet hatte und ſich mit anderen Perſonen beſprach. Jetzt trat er in eine Fenſterniſche und las: „Wir gehen in unſer neues Königreich, Herr von Venner, natürlich gehe ich mit, Sie werden das billigen, nicht wahr? denn warum ſollte ich nicht? Ich werde ſpäter wahrſcheinlich irgend eine Kreatur heirathen, die auf leichte und angenehme Weiſe Carriere machen will, und dann wieder eine noble und geachtete Dame der höheren Geſellſchaft ſein. Wenn ich ſo zu Ihnen rede, ſo weiß ich, daß Sie mich verſtehen und mich vielleicht nur noch mehr beklagen, als Sie es bis jetzt ſchon thaten. Dennoch hätte ich das Verlangen, nochmals an Sie zu ſchreiben, unterdrückt, müßte ich Sie nicht vor Jemand warnen, den ich in Ihrer Geſellſchaft geſehen. Er, Hal⸗ ler iſt es, der mich unter angenommenem Namen, mich, noch ein halbes Kind, aus dem Hauſe meiner Eltern entführte, meine Gewiſſensbiſſe durch die Komödie einer Trauung beſeitigte und, als er nach einem Jahre meiner überdrüſſig war, keinen Anſtand nahm, mir die nackte Wahrheit zu eröffnen und mich demgemäß zu behandeln. 5 Da verließ ich ihn, ſe mit Gott, mit meinen El⸗ tern— mit meinem alten Vater— und mit allen Men⸗ ſchen— und wurde— was ich bin. Hüten Sie ſich vor ihm, er iſt glatt und ſchlau— aber falſch und durch und durch ſchlecht. Wenn es eine Vergeltung giebt, ſo ſoll ſie ihn durch mich treffen! Celit.“ Weißt du auch, ſagte Haller, indem er zu Venner Fetanttat, daß Stein wieder in das Miniſterium tritt? Napoleon ſelbſt hat ihn dem Könige emppohlen und auf Hardenberg's Entlaſſung beſtanden. Wenn er wüßte, wie gründlich Stein ihn haßt, würde er küger gehandelt haben. Aber was haſt du? Du betrachteſt mich ſo ſonderbar. Steht Wichtiges in dem Briefchen, das du ſoeben geleſen? ſetzte er mit einem neugierigen Blicke hinzu. Nein, erwiederte Venner kalt, indem er den Brief in die Taſche ſteckte, man warnt mich nur vor einem Schurken. Ende des erſten Theiles. Druck von Graß, Barth Pon(W. Friedrich) in Breslau.