Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6dnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Leih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.,. 3. Càution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe eſe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruck wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1W— 1W gabe von mir zurückerſtattet 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ner darauf aufmerkſam gemacht, ih das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Saat und Ernte. „ Roman von Armand, ß Verfaſſer von Bis in die Wildniß“,„An der Indianergrenze“,„Ralph Norwood“, „Der Sprung vom Niagarafall“ ꝛc. ac. Zweiter Band. grißzig, 3 Ernſt Julius Günther. 1666. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Druck von Heinr. Mercy in Prag. Erſtes Kapitel. Mit dem Giſcht der Woge ſtürzte Harry in die nächſte Tiefe hinunter und verſank. Die Sinne waren ihm für den Augenblick vergangen; dem Tode aber wi⸗ derſetzt ſich jedes lebende Weſen in jedem Zuſtand, da⸗ rum, als Harrh ſtatt Luft Waſſer in den Mund ſtrömte, wehrte er ſich gegen das erſtickende Element mit Händen und Füßen und im nächſten Augenblick tauchte er wieder über der Flut auf. Mit dem erſten tiefen Athemzug kehrte auch ſein Bewußtſein zurück, er fühlte, daß er in der See lag, und erinnerte ſich, wie die Welle ihn von Holeroft's Seite geriſſen hatte. Er blickte um ſich, er ſah nichts, ſchwarze Nacht umgab ihn, er hörte nichts als das Donnerrollen und Stürzen der Wogen und das Brauſen und Pfeifen des Orkans. Dieſer nächſte Augen⸗ blick hatte ihm ſeine Lage vollkommen klar gemacht; mit einem Hülferuf, den der Sturm ſeinem eigenen Ohr entführte, breitete er haſtig die Arme aus und that Zug Armand, Saat und Ernte. II. 1 um Zug, als könne er mit Schwimmen das entflohene Schiff noch einholen. „Hülfe, Hülfe!“ ſchrie er wieder und wieder, griff immer ſchneller aus und ſuchte von dem Gipfel jeder Woge die Finſterniß mit ſeinem Blick zu durchdringen. Er war verloren und ſeine Zukunft zählte nur noch nach Minuten, das fühlte er, denn ſeine Kräfte ließen nach und der Gedanke, daß er jetzt ſchon das Leben verlaſſen ſollte, durchbebte ihn mit einem Gefühl nahender Ohn⸗ macht. Dennoch arbeitete er fort und flehte den Himmel laut um Hülfe an; er hätte gern ſeine Hände gefaltet, wenn er ſie nicht hätte gebrauchen müſſen, um dem Tode ſein Leben ſtreitig zu machen. Von Minute zu Minute aber nahm ſeine Entkräftung zu, er konnte die Arme kaum noch durch das Waſſer bewegen, und die Flut ſtrich ihm fortwährend über den Mund, da griff er in der Verzweiflung noch einmal weit aus und ſtieß mit ſeiner Rechten an einen harten Gegenſtand. Mit der Haſt der Todesangſt faßte er zu und ergriff mit beiden Händen eine lange ſchwere Bohle, die wahrſcheinlich von dem Verdeck der Barke weggeſchwemmt worden war. „Gott Lob“, rief er aus, klammerte ſich an der⸗ ſelben feſt, um wieder zu Athem zu kommen, und hob ſich nach und nach immer weiter auf dem Ende des Bretes hinauf, bis er daſſelbe zwiſchen ſeinen Beinen 3 hielt und er, auf ihm reitend, von den Wogen fortge⸗ tragen wurde. „Gott Lob! Gott Lob!“ wiederholte er mit einem Blick nach oben und ein Hoffnungsſtrahl drang in ſeine Seele ein. Für den Augenblick wenigſtens war er dem Tode entriſſen und der Gedanke, daß das Tageslicht ihm das Boot ſeiner Gefährten zeigen und man ihn gewahren würde, fachte die aufkeimende Hoffnung noch mehr an. Woge auf Woge nieder ritt er mit fliegender Eile auf der grauſigen Bahn dahin, der Sturm jagte den Giſcht der See hinter ihm her, und von Zeit zu Zeit ſtürzte ſich der Kopf einer Welle von hinten über ihn und be⸗ grub ihn für Augenblicke unter ſich. Harry aber hielt das vor ihm aufſtehende Ende der Bohle mit beiden Händen wie mit eiſernen Klammern feſt und tauchte immer wie⸗ der über der Flut auf. Wohl nie im Leben hat ein Menſch heißer und ver⸗ langender das Erſcheinen des Tages erſehnt als Harrh Williams in dieſer Zeit, denn die Finſterniß verdoppelte das Entſetzliche ſeiner Lage. Endlich, endlich zitterte ein Schimmer von Helligkeit über das weite Meer und Harrh konnte die Wogen unterſcheiden, auf denen er empor⸗ ſchoß, und die Abgründe erkennen, in welche er hinab⸗ ſank. Auch die Wolken über ihm brachen ſich und hier und dort blitzte ein einzelner Stern zwiſchen denſelben 1* —— 4 hervor. Der Tag ſtieg am öſtlichen Himmel auf und der Sturm ließ an Heftigkeit nach, doch die Wogen roll⸗ ten noch immer hohl und fürchterlich, und von einer je⸗ den, auf deren Höhe Harrh gehoben wurde, ſandte er ſeinen Blick ſpähend über die weite Waſſereinöde um den Horizont, nirgends aber fand ſein Auge einen Halt⸗ punkt, bis in die weiteſte Ferne war nichts zu ſehen als ſchaumgekrönte Wogen. Ein entſetzliches Gefühl der Verlaſſenheit, der Einſamkeit kam über ihn, und die Hoffnung, mit der er den Tag begrüßt hatte, ſchwand wieder aus ſeiner Seele. Die Verzweiflung, die ihn da⸗ gegen erfaßte, ſteigerte ſich noch mehr bei dem Ge⸗ danken, daß er durch eigene Schuld ſeine Lage her⸗ beigeführt und daß er ſie für ſeine Handlungen voll⸗ kommen verdient habe. Jetzt ſah er es ein, wie unver⸗ zeihlich er gegen die Familie Morgan gehandelt hatte, jetzt ſuchte er die Fälſchung der Note im Namen ſeines Freundes nicht mehr vor ſich ſelbſt zu beſchönigen und warf ſich mit Angſt und Reue dieſe Handlungen als die Urſachen ſeiner gegenwärtigen Lage vor. Er ſah den Tod vor Augen, nur in welcher Weiſe derſelbe ihn er— eilen würde, das war noch ungewiß, und mit Schrecken dachte er daran, daß er langſam auf dieſem Bret ver⸗ ſchmachten müſſe, um endlich doch zu ertrinken. Warum denn aber machte er nicht gleich ſeinem elenden Daſein + ————— ein Ende? Weil ſein Blick noch in jeder Sekunde aum Horizont ſuchte, ob er kein Schiff erſpähen könne. Er befand ſich in dem Hauptfahrwaſſer der Küſtenſchiffe, das wußte er gewiß, und wie leicht konnte ein Fahrzeug des Weges kommen und ihn retten! Er hielt feſt an der Planke. Der Wind erſtarb mehr und mehr, die Wogen ver⸗ loren ihren Schaum und dehnten ſich länger und breiter aus und der Himmel wurde wolkenleer. Die erſten Blicke der Sonne hatten Harry wohl gethan, weil ſie ihn erwärmten, als dieſelbe aber höher ſtieg und ihre Strahlen ſenkrecht auf ihn niederbrannten, da mußte er Waſſer über ſein Haupt gießen, um ihre Glut ertra⸗ gen zu können. Der furchtbarſte Feind und der ſichere Träger des Todes, der Durſt, meldete ſich jetzt bei Harry, ſeine Lippen wurden trocken und die Zunge blieb ihm am Gau⸗ men haften. Der Anblick des ihn umflutenden Waſſers wollte ihn zur Verzweiflung bringen, er bückte ſich lech⸗ zend nach ihm nieder, es kam ihm vor, als ob er ſich nimmer ſatt trinken könne, und doch durfte er ſich kaum die Lippen damit kühlen. Die Sonne wurde ihm furcht⸗ bar und unerträglich, und ſo ſehr er nach dem Tage verlangt hatte, ſo ſehnlichſt ſah er dem Abend entgegen, der ihm Kühlung bringen ſollte Die Glut aber, die Fieberhitze, die der Durſt in ſeine Adern goß, die konnte ſelbſt die Nacht nicht kühlen, und als die Sonne ſich neigte und die Dämmerung ihre ſchauerlichen Schat⸗ ten wieder über das Meer breitete, ſteigerte ſich die Unruhe, die unheimliche Glut in Harry's Körper nur noch mehr. Bis jetzt hatten ſeine jugendlichen Kräfte in der Aufregung der Gefahr alle Müdigkeit von ihm fern gehalten, als aber die Nacht ihren Mantel dichter um ihn zog, wurden ihm die Lider ſchwer und der Schlaf wollte ihn gewaltſam in die Arme ſchließen. Er wankte hin und her auf dem Brete, obgleich links und rechts der Tod ihn angähnte, mit aller Kraft klammerte er ſeine Hände an die Bohle feſt und hielt mit Gewalt die Augen weit geöffnet. Immer aber nickte er wieder zuſammen, die Augen fielen ihm zu und er bekam das Uebergewicht nach der einen oder andern Seite. Dann fuhr er entſetzt in die Höhe und ſuchte das Gleichgewicht wieder zu halten. So verbrachte er die Nacht mit immer größerer Anſtrengung, nach und nach ſtellte ſich ein Zuſtand zwiſchen Wachen und Schla⸗ fen bei ihm ein er ſchlief mit halb offenen Augen, und der Gedanke, daß er nicht ſchlafen dürfe, hielt halb die Beſinnung in ihm zurück. Es war ein übernatürlicher Kampf, den er focht, und in ſeinem Halbtraume ſehnte er ſich nach der Sonne, die ihm helfen ſollte, wach zu bleiben. Der Schlaf wurde immer mächtiger, die Lider wurden immer ſchwerer und die Kräfte ſchienen aus ſeinen Händen zu entweichen. Plötzlich ſchloſſen ſich ſeine Augen, ſeine Arme ſanken an ihm herab, ſein Oberkörper neigte ſich auf die Vohle, und mit ihr um⸗ ſchlagend ſtürzte er in die Flut. Wie ein Blitzſtrahl ſchoß die volle Beſinnung wieder in ihn zurück, er griff um ſich und faßte durch das Waſſer hin— die Rettungs⸗ bohle war verſchwunden. Mit verzweifelter Angſt hob er ſich hoch über die Flut empor und ſchaute um ſich, denn der Tag war ſchon im Nahen und er konnte ſeine nächſte Umgebung erkennen. Sein Blick von der Höhe der Welle ſuchte vergebens nach dem Stück Holz, und mit dem ſichern Bewußtſein, daß es jetzt mit ihm zu Ende gehe, ſank er mit der Flut in die Vertiefung hinab. Noch einmal hob er flehend ſeine Augen zum Himmel auf und über ihm aus der Spitze der nächſten Woge ſchaute das Ende des Bretes hervor. Er raffte alle Kräfte zuſammen, Zug um Zug riß er die Arme durch das Waſſer und nach wenigen Augenblicken hielt er das Holz wieder umfaßt. Jetzt blieb er wach, der letzte Anflug von Schlaf war aus ihm verſchwunden, wenn auch ſeine geiſtige und körperliche Mattigkeit raſch 40 zunahm. Er fühlte es, lange konnte er nicht mehr le⸗ ₰ ben, der Durſt und jetzt auch der Hunger mußten ihn bald ſeinem Ende zuführen und ihm die letzten Kräfte rauben, ſodaß er ſich nicht mehr auf dem Bret über Waſſer halten konnte. Die Sonne ſtieg blutroth über dem Meeresrande auf und zeigte Harry abermals die ganze Oede, die ihn umgab; wieder ließ er ſeinen Blick um den Horizont wandern, aber kein Rettungszeichen wollte ihm erſchei⸗ nen. Alle Hoffnung war hin und die wilde Verzweif⸗ lung machte einer dumpfen Ergebung in ſein Schickſal Platz. Dennoch hielt er ſeine Hände gefaltet, wie er ſo auf und ab über die ſich immer mehr glättenden Wogen hinfuhr, und flehte ſeinen Schöpfer um Hülfe an. Er hatte lange Zeit ſo in ſtumpfer Abſpannung auf dem ſich ſchaukelnden Bret geſeſſen, ohne um ſich zu ſchauen, der Wind war vollſtändig erſtorben und die Sonnenglut begann ihn wieder unerträglich zu martern, als er hinter ſich ſchaute und einen weißen Punkt ge⸗ wahrte, der ihm über den Meeresrand hervorzuragen ſchien. Im nächſten Augenblick aber war er wieder in die Vertiefung zwiſchen zwei Wogen geſunken und verlor dadurch den Punkt aus den Augen. Als ihn aber die fol⸗ gende Welle abermals emporhob, hatte er ihn ſofort mit ſeinem ſpähenden Blick erfaßt und überzeugte ſich jetzt, daß es wirklich ein Segel war, welches hinter ihm her⸗ kam. Neues Leben, neue Kraft fuhr durch ſeine Glie⸗ — der, er richtete ſich möglichſt hoch empor und hielt ſei⸗* nen Blick unbeweglich auf das Schiff gerichtet, um zu ſehen, ob es näher käme. Schon nach Verlauf einer halben Stunde tauchte das ganze Fahrzeug über dem Meere auf, ſodaß Harry den Rumpf deſſelben wie einen ſchwarzen Punkt unter dem Segel erkannte. Wie aber war es möglich, daß das Schiff näher kommen konnte, da doch in Harrh's Nähe ſich kein Lüftchen regte? Der Wind mußte von dort her mit ihm im Heranzie⸗ hen ſein. Es kam aber augenſcheinlich näher und zwar in gerader Richtung auf den Schiffbrüchigen zu. Er betete, flehte, rang die Hände, weinte und gelobte, nun und nimmer wieder etwas zu thun, wodurch er ſtrafbar würde. Jetzt kam der Wind vor dem Schiffe hergezogen, ein langer weißer Streif auf den Wogen kün⸗ dete ihn ſchon von weitem an, und bald ſpielte er er⸗ friſchend um Harry's heißen Mund. In kurzer Zeit mußte man ihn von dem Verdeck des Schiffes aus ſe⸗ hen können. Wie aber, wenn man ihn nicht gewahrte und an ihm vorüberſegelte? Der Gedanke erfaßte Harry mit Entſetzen, er ſtierte nach dem Schiffe hin, als woll⸗ ten ſeine Augen aus ihren Höhlen ſpringen, er hob ſich ſo hoch empor, als es ihm möglich war, und winkte fortwährend mit der Hand. Das Fahrzeng kam mit vollen Segeln ſchnell heran, ſchien aber in einiger Ent⸗ 8 fernung an Harrh vorüberfahren zu wollen. Seine Angſt hatte den höchſten Punkt erreicht; er warf ſeine Kleidung von ſich, riß ſein Hemd über den Kopf, hob es in ſeiner Rechten hoch empor und ſchwenkte es über ſich durch die Luft. „Gott ſei gedankt!“ rief er nach einer Weile aus, denn man hatte ihn bemerkt, das Schiff änderte plötz lich ſeine Richtung und kam jetzt gerade auf ihn zu. Er ſah, wie die Mannſchaft Vorbereitungen traf, um ihn aufzufiſchen, denn es ſtellten ſich mehrere Männer auf die Brüſtung und hielten Taue in ihren Händen. Brauſend ſchnitt das prächtige Schiff durch die Wogen auf Harrh zu, wandte ſich aber halb gegen den Wind, wodurch ſeine Eile ſofort gemäßigt wurde, und trieb nun langſam an den Verunglückten heran. Da flogen drei lange Taue, zugleich von den Matroſen geworfen, nach ihm hinab, er ergriff eins derſelben mit beiden Hän⸗ den, klammerte ſich daran feſt und wurde, bis an die Seite des Schiffes gezogen, wo hinunter mehrere der Mannſchaft ſtiegen, ihn erfaßten und auf das Ver⸗ deck hinauf beförderten Kaum aber hatte er daſſelbe betreten, da ſank er wie leblos zuſammen und eine tiefe Ohnmacht bemächtigte ſich ſeiner. Als er wie⸗ der zu ſich kam, lag er im Schatten der Segel auf einem Lager von Decken hingeſtreckt und um ihn her 11 ſtand die Schiffsmannſchaft und ſchaute ihn theilneh⸗ mend an. „Waſſer! Waſſer!“ waren die erſten Worte, die ſei. nen trockenen Lippen entfuhren. Der friſche Trunk wurde ihm gereicht, und nachdem er denſelben bis auf den letz⸗ ten Tropfen zu ſich genommen hatte, ſank er mit einem tiefen Athemzuge abermals machtlos zurück und ſchloß die Augen. Die Labung fachte aber bald ſeine Lebens⸗ kräfte wieder an, er fühlte ſich erfriſcht und geſtärkt und nahm nun auch die Speiſe, die man ihm reichte, zu ſich. Während dieſer Zeit begann er zu überlegen, in welcher Weiſe er ſich dem Kapitän vorſtellen ſollte, da ſeiner Meinung nach hiervon die Art der Behandlung abhing, welche man ihm an Bord zu Theil werden laſſen würde. Er beſchloß, den Namen Rochier, den eine der reichſten und angeſehenſten Creolenfamilien Louiſianas trug, anzuneh⸗ men und ſich für einen Plantagenbeſitzer in dieſem Lande auszugeben. Wenn ihm auch eine innere Stimme dieſe Unwahrheit vorwarf, ſo meinte er doch, daß eine ſo harmloſe Nothlüge erlaubt ſei, zumal in einer ſo ver⸗ zweifelten Lage, wie die ſeinige es augenblicklich war. „Nun ſagen Sie mir aber, junger Mann, haben Sie denn Schiffbruch erlitten oder ſind Sie über Bord gefallen?“ hob der Kapitän zu Harrh gewandt an und ſetzte ſich neben ihm auf den Fußboden nieder. „Schiffbruch, einen vollſtändigen Schiffbruch“ ant⸗ wortete Harry, indem er ſich auf den Ellenbogen ſtützte.„Der Sturm nahm uns zuerſt Maſten und Se⸗ gelzeug, dann faßten uns die Seen, ſchlugen das Ruder und die Brüſtungen entzwei und zerſchmetterten endlich das Schiff ſelbſt, ſodaß es in tauſend Stücke auseinan⸗ derfiel. Ich glaube, ich bin der Einzige, der das Leben davongetragen hat; meine Gefährten ſind ſicher ſämmt⸗ lich umgekommen.“ „Es war aber auch ein Sturm, wie ich nur wenige erlebt habe“, ſagte der Kapitän.„Wohin war denn Ihr Schiff beſtimmt?“ „Nach Braſilien. Ich befand mich als Paſſagier darauf und zwar auf einer Erholungsreiſe. In Louiſiana, wo meine Plantagen liegen muß man im Sommer ſehr von der Hitze leiden und ich ſehnte mich nach der fri⸗ ſchen Seeluft“, entgegnete Harry und ſetzte lächelnd noch hinzu:„Beinahe aber hätte ich zu viel davon bekommen.“ „So ſind Sie Plantagenbeſitzer?“ fiel der Kapitän mit einer leichten Verbeugung ein und ſetzte ſich etwas gerader. „Ja wohl, Kapitän. Mein Name iſt Rochier, und wahrſcheinlich haben auch Sie ſchon von meiner Vaum⸗ wolle durch den Oeean geführt. Meine Ernte beläuft ſich jährlich ungefähr auf zweitauſend Ballen“, ſagte 13 Harrh mit einem gleichgültigen Tone und ſtreckte ſich län⸗ ger auf ſeinem Lager aus. „Rochier?“ nahm der Kapitän überraſcht das Wort. „Allerdings habe ich ſchon ſehr viel Wolle mit Ihrem Namen gezeichnet nach England gebracht. Als guten Engländer freut es mich nun doppelt, Ihnen das Leben erhalten zu haben, Herr Rochier; denn Baumwolle iſt uns ſo unentbehrlich wie Brod. Ich glaube aber, jetzt würde Ihnen ein Glas Madeira recht gut thun, ich habe etwas Feines davon an Bord.“ Damit erhob ſich der Kapitän und eilte nach der Kajüte, Harry aber blickte ihm lächelnd nach und erin⸗ nerte ſich des Grundſatzes ſeines Freundes Holcroft, ſich auf Koſten Anderer das Leben möglichſt angenehm zu machen. Der Kapitän kehrte bald mit einer Flaſche und ei⸗ nem Glaſe in der Hand zurück und credenzte dem ver⸗ meintlichen Plantagenbeſitzer und Baumwollenlieferanten den goldenen Wein, den dieſer mit großem Wohlbehagen zu ſich nahm. „Der Wein iſt gut, Kapitän. Haben Sie viel davon an Bord?“ fragte Harry, nachdem er das zweite Glas geleert hatte. „Nun, wohl einige Dutzend Flaſchen“ der alte Seemann. „Sie müſſen mir dieſelben überlaſſen; der Zufall zwingt mich ja doch, mir einen Credit bei Ihnen zu er⸗ bitten“ fuhr Harry lächelnd fort. „Mit Vergnügen ſtelle ich Alles, was ich an Bord habe, zu Ihrer Verfügung, und wenn wir in Madeira, dem Ziel meiner Reiſe, landen, ſo dürfen Sie auch über meine Kaſſe verfügen, denn dort werden Sie wohl keine Bekanntſchaft haben“, bemerkte der Kapitän mit großer Höflichkeit. „Freilich nicht. Wie ſollte mein Name in Madeira bekannt geworden ſein, meine Baumwollenballen gehen ja nicht dorthin. Deſto beſſer aber kennt man mich in London und namentlich in Liverpool, wo ich Ihnen die große Schuld, die ich bei Ihnen machen muß, auszahlen laſſen werde“, entgegnete Harry ſcherzend, fügte aber mit feierlichem Tone noch hinzu:„Die Schuld zwar für die Erhaltung meines Lebens, die werde ich Ihnen wohl ſchwerlich abtragen können, ſo gern ich es auch thun möchte Jedenfalls erwarte ich, daß Sie mich von Ihrem nächſten Beſuch in Neuorleans ſofort unterrichten, damit ich eine Gelegenheit erhalte, mich Ihnen dankbar zeigen zu können.“ Bei dieſen Worten ergriff Harry die Hand des Kapitäns und ſchüttelte ſie mit wirklich aufrichtigem Dankgefühl, wenn auch die Unwahrheit, die er ihm zu gleich ſagte, ein ſchlechter Zeuge dafür war. Hätte es 8 „ 6* 15 augenblicklich in ſeiner Macht gelegen, den Mann für ſeine Hülfe fürſtlich zu belohnen, ſo hätte er es ſicher mit Freuden gethan. Dies war aber nicht der Fall, er war ſogar in der allerhülfsbedürftigſten Lage, und es ſchien ihm kein Unrecht zu ſein, ſich dieſelbe ſo erträglich als möglich zu machen; wäre Holeroft noch am Leben, dachte Harry, ſo würde derſelbe ihm für ſein Verfahren ſicher Lob ertheilt haben. Der Kapitän bot Alles auf, um ſeinem ſo unverhofft erhaltenen Paſſagier den Aufenthalt auf ſeinem Schiffe angenehm zu machen; er räumte eine Kajüte, die er mit Waaren vollgepackt hatte, für ihn aus, bewirthete ihn nach allen Kräften auf das beſte, überließ ihm ſeine Weine und Cigarren zum Einkaufspreis und öffnete ihm ſeine Garderobe zum freien beliebigen Gebrauch. Harry dagegen ließ keine Gelegenheit unbenutzt vorüber⸗ gehen, ſich für die Stunden der ſchrecklichſten Fol⸗ tern, die er auf dem Brete im Meere zugebracht hatte und die ihm wie ſo viele Jahre vorgekommen waren, zu entſchädigen, und als das Schiff Madeira erreichte, war die letzte Flaſche Wein des Kapitäns geleert und deſſen letzte Cigarre geraucht. Kaum hatte das Fahrzeug in dem Hafen von Fun⸗ chal, der Hauptſtadt der Inſel, ſeine Anker fallen laſſen, als der Kapitän ſich an das Land begab, um auf dem 16— Zollamte ſeine Geſchäfte zu beſorgen. Harry begleitete ihn, um für ſeinen unbeſtimmten Aufenthalt hier ein Hotel zu wählen, denn er wollte eine Gelegenheit nach Rio de Janeiro oder nach den Vereinigten Staaten er⸗ warten. „Sie werden nun Geld nöthig haben, verehrter Herr Rochier“ ſagte der Kapitän zu Harrh, als ſie aus dem Zollhauſe traten;„wenn Sie mich zu den Herren begleiten wollen, an welche ich adreſſirt bin, ſo werde ich es Ihnen dort auszahlen laſſen. Wie viel wünſchen Sie zu haben?“ „Nun, etwa tauſend Dollars Ich gebe Ihnen dann für meine ganze Schulb eine Anweiſung auf Liverpool, welche Sie, da Sie doch von hier nach London ſegeln, recht gut dort gebrauchen können. Zu dieſer Schuld rechne ich hundert Flaſchen des beſten Weins, der hier zu be⸗ kommen iſt, welchen ich mir erlaube Ihnen zum Geſchenk zu machen. Sie müſſen mir den Gefallen thun und ihn ſelbſt auswählen und mir dann die Summe nennen, die Sie dafür bezahlten, damit ich Sie zu meiner Schuld ſchreibe“, ſagte Harry im Vorwärtsſchreiten, worauf der Kapitän einige Einwendungen wegen zu großer Güte machte, die jener aber mit dem Bemerken zurückwies, daß es ja nicht der Mühe werth wäre, um dieſe Klei⸗ nigkeit nur ein Wort zu verlieren. — Bei den Geſchäftsfreunden des Kapitäns angelangt, ſtellte dieſer ihnen ſeinen Paſſagier als einen der erſten Baumwollenpflanzer Louiſianas Namens Rochier vor und ließ ihm tauſend Dollars baar auszahlen. Harry vergaß nun die Leiden, die ihn betroffen hatten, das Leben lachte ihn wieder heiter an und ſeine Mittel kgeſtatteten ihm, deſſen Freuden zu genießen. Durch die Geſchäftsfreunde des Kapitäns wurde er in viele Familien eingeführt, der amerikaniſche Conſul, dem er als Herr Rochier einen Beſuch abſtattete, machte ihn in den beſten Geſellſchaften bekannt, und da Harrh der ſpaniſchen Sprache vollkommen mächtig war, wurde es— ihm nicht ſchwer, ſich mit den Portugieſen zu verſtändi⸗ 6 gen. Seine elegante, liebenswürdige Perſönlichkeit bahnte ihm auch hier den Weg zu der Gunſt der Damen, zu⸗ mal da man in ihm den unermeßlich reichen Plantagen⸗ beſitzer aus Louiſiana vor ſich ſah. Schon nach Verlauf von einer Woche war der Kapitän zur Abreiſe bereit; Harry gab ihm einen Wech⸗ ſel auf eins der erſten Häuſer in Liverpool über den ganzen Betrag, welchen er ihm ſchuldig geworden war, verſicherte ihn ſeines unbegrenzten ewigen Dankes und ſchied von ihm auf baldiges frohes Wiederſehen in Neuorleans. In unbeſtimmter Zeit erwartete man ein Schiff. Armand, Saat und Ernte. I. 2 ————— welches nach Rio de Janeiro expedirt werden ſollte und mit welchem Harrh Willens war ſeine Reiſe wieder anzutreten. Wenn er nun auch danach verlangte, der In⸗ ſel den Rücken zu kehren, ehe Nachricht von ſeinem liebe⸗ vollen hülfreichen Kapitän von London ankommen konnte, ſo wurde ihm der Aufenthalt in Funchal doch mit je⸗ dem Tage angenehmer und intereſſanter, ſodaß es ihn mit Leid erfüllte, als man ihm eines Morgens die Anzeige von der Ankunft des erwarteten Schiffes machte. Daſſelbe ſollte ſchon in einer Woche wieder unter Se⸗ gel gehen, und nun drängten ſich die Beluſtigungen und Vergnügungen, die man Harry zu Ehren veranſtaltete, denn alle ſeine Bekannten wünſchten ſich ihm vor ſeiner Abreiſe noch einmal aufmerkſam zu erweiſen. Außer dieſen geräuſchvollen Freuden aber, womit man ihm Lebewohl ſagen wollte, harrten ſeiner im Verborgenen noch viele wonnige Augenblicke des Abſchieds, in denen manche Thräne, von ſchönen dunkeln Augen geweint, ſeine Wangen netzte und mancher glühende Kuß auf ſeinen Lippen brannte. Die Zeit hatte Flügel, der Tag der Trennung brach heran, und von Glückwünſchen und tiefinnigen Grüßen begleitet beſtieg Harrh das Schiff. welches ihn nach Rio de Janeiro tragen ſollte. In dem Staate Miſſiſſippi, hart an dem ſteilen hohen Ufer des Stroms gleichen Namens lag die alte Stadt Natchez, welcher in den letzten Jahren ein mächti⸗ ger Aufſchwung zu Theil geworden war. Durch gute Verbindungswege in das Innere des Staates ſelbſt, ſowie in das gegenüberliegende reiche Louiſiana war plötzlich der Handel in dieſer Stadt ſo ſehr gehoben, daß infolge davon die Zahl ihrer Bewohner ſich wohl um die Hälfte vermehrt hatte. Neue Straßen erſtan⸗ den in allen Richtungen wie durch einen Zauberſchlag, prächtige Läden mit großen Schaufenſtern reihten ſich aneinander und auf den Trottoirs vor denſelben dräng⸗ ten ſich wogende Menſchenmaſſen in geſchäftiger Eile auf und nieder. Das Werft am Fluſſe war um das Dop⸗ pelte vergrößert worden, Segelſchiffe, Dampfer und rieſige Produktenkähne aus den nördlichen Staaten kamen und gingen, und Güter aller Art lagen in ungeheuern Maſſen am Ufer hin aufgeſtapelt Das Geſchäftsgewühl belebte Natchez bis ſpät in die Nacht hinein, wo dann die wilden lärmenden Klänge amerikaniſcher Luſtbarkeiten die Stadt durchtönten. Reichthümer wurden erworben und Reichthümer vergeudet. Mit dem Zuſtrömen von Arbeits und Verdienſtluſtigen hatte ſich aber auch eine ungeheure Zahl von Taugenichtſen und Schwind⸗ lern eingefunden, um auf Koſten der Arbeitenden zu 2* — leben, und infolge ihrer Gegenwart war Natchez durch die ganzen Vereinigten Staaten als ein Ort bekannt ge⸗ worden, welcher ſehr gute Ausſichten für junge Advo⸗ caten biete. Dieſer Stand war nun auch wirklich ſehr reichlich und in jeder Qualität vertreten, der angeſe⸗ henſte und berühmteſte Rechtsgelehrte aber in der Stadt blieb immer der langjährige Bürger derſelben, Herr Portman. Deſſen Geſchäftslokal oder Office befand ſich dem Gerichtsgebäude gegenüber in einem der älteſten Häuſer der Stadt, und zwar zu ebener Erde, ſodaß man von dem Trottoir direct in das Arbeitszimmer eintrat. Daſſelbe war ſauber geweißt und mit den allergewöhnlichſten Mö⸗ beln verſehen. In einem großen einfachen Schreibtiſch, einigen hölzernen Armſeſſeln, einem Schaukelſtuhl und einem hohen weißangeſtrichenen Schrank, um Papiere und Acten darin aufzubewahren, beſtand die ganze Aus⸗ ſtattung des Geſchäftszimmers dieſes bis weit in den Norden hinauf berühmten Mannes. Allerdings hielt derſelbe ſich nur während einiger Sprechſtunden des Vor⸗ mittags hier auf und empfing die meiſten Beſuche in ſeiner prächtigen Privatwohnung. Während der Zeit nun, daß er nicht ſelbſt in ſeiner Office zugegen war, wurden ſeine Geſchäfte dort durch einen Candidaten der Rechtswiſſenſchaft beſorgt, wie ₰* 21 dies überall in den Vereinigten Staaten Gebrauch iſt. Junge Juriſten arbeiten zu ihrer praktiſchen Ausbildung immer noch einige Zeit bei einem bewährten Rechtsge⸗ lehrten, ehe ſie ſelbſtſtändig als Advocaten vor die Schran⸗ ken treten. Der junge Mann nun, der ſich regelmäßig des Mor⸗ gens neun Uhr in der Office des Herrn Portman einfand und dort bis zwei Uhr deſſen Geſchäfte wahrnahm, war Albert Randolph. Kurze Zeit, nachdem er in Philadelphia ſeine Studien beendet hatte, war ſein väterlicher Freund Herr März geſtorben, und durch deſſen Tod waren die Bande gelöſt, die den jungen Mann an ſein Haus feſſelten. Es war immer Albert's Abſicht geweſen, ſich in einem der ſüdlichen Staaten niederzulaſſen, und der große Ruf, den Portman als Advocat hatte, veranlaßte ihn, demſelben einen Beſuch zu machen und ihm ſeinen Wunſch, einige Zeit unter ſeiner Leitung arbeiten zu dürfen, perſönlich vorzutragen. Portman, dem er ſchon als Dichter und Schriftſteller bekannt war, hieß ihn freu⸗ dig vollkommen, zumal da zufällig ſein Gehülfe im Be⸗ griff ſtand, ihn zu verlaſſen. Albert widmete ſich hier ausſchließlich ſeinem Fach⸗ ſtudium und blieb von aller Heffentlichkeit und von allen Geſellſchaften fern, ſo vielſeitig man ſich auch um 22— ſeine Bekanntſchaft, um ſeinen Umgang bemühte. Port⸗ man's Familie war die einzige, in der er mitunter einen Abend verbrachte, und auch hier war es die belehrende Unterhaltung mit dem alten Herrn, die ihn dazu veran⸗ laßte. Er bewohnte ein Privatlogis im zweiten Stocke eines alten Hauſes, welches an einem kleinen, mit herr⸗ lichen Blütenbäumen umgebenen Platze ſtand. Hier in ſeinem nett eingerichteten kleinen Arbeitszimmer verbrachte er die Abende und einen großen Theil der Nächte an dem Schreibtiſch, nachdem er von dem Spaziergange zurückgekehrt war, den er nach dem im Hotel eingenom⸗ menen ſpäten Mittagseſſen zu machen pflegte. Es war ſeine Gewohnheit, abends, wenn die Dämmerung herein⸗ brach, ehe er die Lampe anzündete, ſich in das Fenſter zu legen und ſeinem Geiſte ſowie ſeinem Auge einige Ruhe zu gönnen. Gleichfalls that er dies des Morgens, ehe die Sonne brannte, wenn noch die Kühle der ent⸗ flohenen Nacht erfriſchend in ſein Zimmer wehte. Da nun die Abend⸗ und Morgenluft überhaupt Jedermann nach den Fenſtern, Balkonen und auf die hohen Treppen vor den Häuſern lockte, ſo kam es, daß Albert bald nach ſeinem Einzug in ſeine Wohnung alle Perſönlich⸗ keiten in ſeiner Nachbarſchaft vom Sehen kennen gelernt hatte, ohne ſich jedoch für eine derſelben beſonders zu intereſſiren. Unter andern war ihm ein ältlicher Herr aufgefallen, welcher ein prächtiges Haus gegenüber an der andern Seite des Platzes bewohnte und welcher, wie es ſchien, ein alter Junggeſelle oder ein Wittwer war, denn außer ihm und der farbigen Dienerſchaft hatte Albert niemals Jemand in das große Gebäude ein oder aus gehen ſehen. Dieſer Mann, ein angehender Fünfziger von kleiner, ſehr corpulenter Geſtalt, zeichnete ſich immer durch eine ganz beſonders gewählte, feine Toilette aus. Er liebte ſehr das Bunte, denn ſein Frack, ſeine Weſte und ſein Beinkleid ſtanden bezüglich der Farbe ſtets im grellſten Widerſpruch. Dabei hielt er auf blen⸗ dend weiße Wäſche; der hohe Hemdekragen umgab ſeinen fetten rothen Hals wie ein Schneereif, unter welchem ein himmelblaues oder leuchtend rothes ſeidenes Tuch in leichtem Knoten verſchlungen lag, den großen Brillant aber nicht bedeckte, der auf dem fein gefalteten Buſen⸗ ſtreif blitzte. Das prächtige Haus, welches er bewohnte, die zahlreiche Dienerſchaft und die herrliche Equipage, welche er hielt, zeugten von Reichthum und ſein Gang und ſein Benehmen von Stolz. Er grüßte ſehr ſelten und dann nur ſehr reiche Leute, für die andern ſchien er durchaus keinen Blick zu haben. Der alte Herr verließ regelmäßig des Morgens gleich nach dem Frühſtück ſein Haus und begab ſich nach einem Leſeclub um die neuen Zeitungen durchzuſehen. Dabei hatte Albert ihn oft aus 24 ſeinem Fenſter lächelnd beobachtet und ihn immer für einen großen Thoren gehalten, weil er trotz ſeines vie⸗ len Geldes nur mit wenigen Leuten Umgang pflege und darum ſein Leben nicht halb genieße. Er hatte ihn Dan⸗ don nennen hören, das war Alles, was er von ihm wußte. Eines Abends gegen zehn Uhr kam Albert von Portmans, wo er zum Thee geblieben war, nach Hauſe und begab ſich ſogleich an ſeinen Schreibtiſch, um noch einige Stunden zu arbeiten. Es war ſo ſtill und trau⸗ lich um ihn her, er fühlte ſich ſo leicht, ſo wohl, und ſeine Stimmung wollte ſich durchaus nicht mit der trocke⸗ nen Juriſterei vertragen. Er konnte ſeine Gedanken heute nicht an die Worte der Geſetzſammlung feſſeln, und wenn er ſie mit Gewalt auf dieſelbe hinlenkte, ſo machte er im nächſten Augenblick einen Reim, einen Vers darauf. Die Poeſie behielt diesmal die Oberhand, die Bücher wurden beiſeite geſchoben, ſeine Blicke hef⸗ teten ſich auf das Blatt Papier vor ihm und auf den Flügeln der Phantaſie zog ſeine Seele nach des Dichters Welt. Da huſchte ein großer buntglänzender Nachtſchmet⸗ terling über das Papier und flatterte dann um das helle Glas der Lampe. Albert fuhr auf und ſchaute den be⸗ thörten Fremdling an, der wahrſcheinlich in der ſchönen 25 Flamme, die ihn herbeigelockt, den Tod finden würde Der Nachtvogel aber ſchien die Gefahr zu erkennen und ſchwirrte plötzlich wieder durch das offene Fenſter in die Dunkelheit hinaus. Albert's Blick folgte ihm nach und blieb auf mehreren hellen Lichtern haften, deren Schein von der andern Seite des Platzes her die Finſterniß durchdrang. „Iſt das nicht in Dandon's Haus?“ dachte Albert und ſchaute ſchärfer hinüber. Freilich waren es Fenſter in Dandons Haus und zwar in dem erſten Stock, in welchem Albert noch nie⸗ mals Licht bemerkt hatte. Er ſtand unwillkürlich auf, trat an das Fenſter und ſah nun, daß das Balkonzimmer in jenem Gebäude hell erleuchtet war. Die Vorhänge waren zurückgezogen, die Altanthür ſtund auf und durch dieſe glänzte die große lichtverbreitende Kuppel einer Lampe, welche auf dem Tiſche vor dem Sopha ſtand⸗ Wem mochte dieſe Beleuchtung wohl gelten? Hatte Dandon Beſuch angenommen? Albert hatte eine Zeit lang ſo geſtanden und neu⸗ gierig hinübergeſehen, als plötzlich eine weibliche Geſtalt in weißem, luftigem Gewande in dem Lichtſcheine erſchien und wie ſchwebend durch das Gemach glitt. Ueberra⸗ ſchung durchzuckte Albert und er hielt ſeine Augen ſpä⸗ 26 hend auf das Fenſter geheftet, neben welchem die Er⸗ ſcheinung verſchwunden war. Wer konnte die Dame ſein? Unmöglich war ſie die Frau des alten Dandon, denn hatte Albert ſich nicht ſehr getäuſcht, ſo war ſie noch ganz jung. Da zeigte ſie ſich abermals hinter dem Fenſter und ging nach dem Tiſche, auf welchem die Lampe ſtand. Das blendende helle Licht fiel nun auf ihre hohe Ge⸗ ſtalt, doch da ſie ſich von Albert abgewandt hatte, ſo konnte er von ihrem Geſicht nichts ſehen. Unbeweglich aber hielt er ſeinen Blick auf ſie gerichtet, indem er von Augen⸗ blick zu Augenblick ertwartete, daß ſie ſich mehr ſeitwärts wenden werde. Jetzt hob ſie ein Papier, wahrſcheinlich einen Brief, dem Lichte näher, und weißer als ihr Ge⸗ wand, weißer als das Papierblatt glänzte wie ein ſelbſt⸗ leuchtender Gegenſtand ihre Hand zu Albert herüber. Schnell ſprang er nach dem Schreibtiſch, nahm ein Opernglas aus demſelben hervor und eilte, daſſelbe vor ſein Auge hebend, wieder an das Fenſter Da ſtand die Unbekannte nun ſo klar und deutlich vor ihm, als befinde er ſich in ihrer unmittelbaren Nähe. Ihre Hand aber feſſelte wieder ſeinen Blick. Er hatte ſchon manche ſchöne Hand beſungen, wie weit aber blieb alle ſeine Poeſie gegen dieſe Wirklichkeit zurück! Wie graziös be⸗ rührten ſich ihre langgeſtreckten, ſpitz zulaufenden Finger 27 an dem Papier, wie leicht und ſchön gebogen hob ſie das Handgelenk und wie reizend ſchaute der zarte Arm aus dem durchſichtigen Spitzenärmel hervor! Es war Albert, als brauche er ſich nur vorzuneigen, um ſeine Lippen auf die Lilienhand zu drücken, ſo nahe, ſo deut⸗ lich ſah er ſie vor ſich. Und immer noch wollte die Ei⸗ genthümerin derſelben ſich nicht wenden, immer noch ſollte er ihr nicht in das Antlitz ſchauen! Ob die Schön⸗ heit ihrer Züge wohl mit der ihrer Hand in Einklang ſtand? Ihr Kopf war klein und edel gebaut, und zwi⸗ ſchen den reichen braunen Locken, die an deſſen Seite auf ihre Schultern herabfielen, ſchaute ein zierlicheres Ohr hervor, als Albert je eins in ſeinem Leben geſehen hatte. Seine Ungeduld ſteigerte ſich von Sekunde zu Se⸗ kunde er mußte ſich an den Fenſterrahmen anlegen, um das Glas vor ſeinen Augen feſt auf ſie gerich⸗ tet zu halten, und dennoch begann ihr Bild ſich durch das angeſtrengte Sehen vor ſeinem Blick zu verwirren. Er entfernte das Glas von ſeinen Augen, um dieſen für einen Moment Ruhe zu geben. In demſelben Augenblick aber bewegte ſich die Fremde und ergriff die Lampe. Albert konnte in der Haſt mit dem Glaſe die Richtung nach ihr nicht gleich finden, die Fenſter und die Thür des Salons verdunkelten ſich und die intereſſante Unbe⸗ 28 kannte war verſchwunden. Dagegen erhellten ſich nun die Fenſter in dem Zimmer neben dem Salon, die neidiſchen weißen Gardinen aber, welche hinter denſelben herabhin⸗ gen, wieſen Albert's ſuchenden Blick zurück. Dennoch verließ er ſeinen Platz am Fenſter nicht und ſchaute wie⸗ der und wieder durch das Glas nach dem Zimmer, in welchem er jetzt die junge Dame vermuthete. Ihr ſo gänzlich unerwartetes Erſcheinen, das Geheimniß, welches noch auf ihrer Perſon lag, und das Edle, das Vornehme in ihrem ganzen Aeußern hatten in Albert ein lebendi⸗ ges Intereſſe für ſie erzeugt, und was von ihrer Schön⸗ heit ſeinem Blick noch vorenthalten war, das malte ihm ſeine Phantaſie mit den prächtigſten, glühendſten Farben aus. Da erſchien plötzlich ein Schatten auf dem Vor⸗ hange. Albert betrachtete ihn durch das Glas und er⸗ kannte in ihm deutlich die Geſtalt der Fremden. Bald darauf aber erloſch das Licht ihrer Fenſter, und Albert ſah ſie im Geiſte, wie ſie auf weichem Pfühle dem Schlafe in die Arme ſank. WMWrorgen früh mußte er ſie wiederſehen, ſicher würde ſie an das offene Fenſter oder vielleicht auch auf den Balkon treten, und dann, bei hellem Tage, wollte er, ungeſehen von ihr, ſie genau betrachten. Wie aber, dachte er, wenn ſie ſtatt jung und blühend alt und verwelkt und ſtatt reizend und ſchön abſchreckend und häßlich wäre? 29 „Nun, ſo bleibt mir doch ihre Hand, ihre wunder⸗ volle Hand noch zu beſingen!“ ſagte er halblaut, indem er das Opernglas auf den Schreibtiſch ſtellte, die Lampe ergriff und in ſein Schlafzimmer eilte, um dem Beiſpiel der geheimnißvollen Schönen zu folgen und im Traume ihr Vild noch weiter auszuſchmücken. Zweites Kapitel. Kaum graute der Morgen, als Albert mit dem Gedanken an ſeine neue Nachbarin erwachte, ſchnell ſich ankleidete und mit der Hand durch ſeine prächtigen ſchwar⸗ zen Locken fahrend an das Fenſter eilte, um nach Dan⸗ don's Haus hinüber zu blicken. Alle Fenſter fand er noch geſchloſſen, die Balkonthür aber noch wie am Abend vorher offen. Er ließ nun ſchnell die Vorhänge vor ſeinem Fenſter zuſammenfallen, ſodaß er zwiſchen ihnen durch die Fremde beobachten konnte, ohne von ihr bemerkt zu werden. Sicher mußte ſie von ihrer geſtrigen Reiſe ſehr er⸗ müdet ſein, denn ſchon warf die Sonne ihre erſten Strahlen auf Albert's Wohnung und noch war von der Dame kein Lebenszeichen zu erkennen. Wie gewöhnlich kam jetzt die braune Haushälterin Dandon's von dem Frühmarkte zurück, ein Neger trug ihr einen ſchwer beladenen Korb und einen großen Fiſch 31 in das Haus nach, die Thür ſchloß ſich und die vorige Stille herrſchte dort abermals. Albert ſaß, mit immer größerer Spannung nach den Fenſtern der Schläferin hinüberſchauend, als plötz⸗ lich die Vorhänge hinter einem derſelben ſich bewegten, die unverkennbare reizende Hand dieſelben zurücklegte und die ſehnlichſt Erwartete das Fenſter weit öffnete. Es waren nur Augenblicke, in denen es Albert ver⸗ gönnt war, die reizende Erſcheinung der Fremden an⸗ zuſtaunen, und doch waren die Augenblicke hinreichend, ihr Bild makellos und unverlöſchlich ſeiner poetiſchen Seele einzuprägen; hätte er ſie nie wiedergeſehen, ſo würde dies ihr Bild ihn doch als Ideal weiblicher Schön⸗ heit über das Grab hinaus begleitet haben Schlank und hoch war ihre Geſtalt, über ihrem vollen Buſen hob ſich auf ſchneeigem, zartem Hals ihr kleiner, wun⸗ derbar ſchön geformter Kopf, deſſen glänzendes dun⸗ kelbraunes Haar das edle längliche Oval ihres Geſichts einrahmte und in ſchweren ungezwungenen Locken auf ihre Schultern herabfiel. Ihre Züge waren fein geſchnit⸗ ten, zierlich gebogen ihre ſchöne Naſe, ſcharf und reizend gezeichnet ihre friſchen Korallenlippen und ihre Zähne blendend weiß, und unter den graziös geſchwungenen dunklen Brauen ſchauten ihre hellbraunen Antilopen⸗ augen ſinnend und ſeelenvoll hervor. Ihre ganze Er⸗ 32 ſcheinung war natürlich vornehm und ihre Bewegungen ruhig und leicht. Kaum hatte ſie die Vorhänge zurückgeſchoben, das Fenſter geöffnet und einen Blick aus demſelben über den Platz gethan, als ſie in das Zimmer zurückging und vor Albert's Augen verſchwand. Athemlos ſpähte dieſer dennoch durch das Glas, um ihr noch einmal zu begegnen; ſeine Stirn glühte, ſeines Herzens Schläge hatten ſich verdoppelt und eine Sehnſucht hatte ihn erfaßt, wie ſie ihm bis jetzt unbe⸗ kannt geblieben war. Er wollte aufſpringen und hinaus in die Straße eilen, um Näheres über Dandon's Familienverhältniſſe zu erforſchen, und doch war die Gewalt des augenblick⸗ lichen Verlangens, die Unbekannte noch einmal zu ſehen, ſtärker als ſein Wille und hielt ihn auf ſeinem Seſſel hinter den Vorhängen zurück. Da ſchwebte es wie eine Nebelwolke durch den Salon heran der Glasthür zu, in weißem duftigem Morgengewande trat die Erſehnte heraus auf den Balkon, und als ob ſie ihrer heimatlichen Umgebung ihre Grüße bringen wolle, ließ ſie ihren ſeelenvollen Blick um den ganzen Platz wandern. Daß ſie ihre ſchönen Augen gerade auf dem Fenſter, hinter welchem Albert nach ihr hinüberſpähte, längere Zeit ruhen ließ, trieb dieſem, ob⸗ 33 gleich er ja wußte, daß die Veranlaſſung dazu mit ſeiner Perſon nichts zu ſchaffen haben konnte, das Blut noch mehr nach dem Herzen. Sie ſah wieder und wieder nach ihm her, und es kam ihm vor, als würde ihr Blick wär⸗ mer, wenn er auf ſeinem Fenſter ruhte. Wie ein Blitz⸗ ſtrahl ſchoß es ihm plötzlich durch die Seele. Wer hatte vor ihm hier gewohnt? War es ihr Herz, das ihren Blick immer wieder nach dieſem Fenſter führte? Er hatte die Vorhänge erfaßt, um ſie auseinander zu reißen und ſich im Fenſter zu zeigen, da blickte das ſchöne Mädchen vor ſich nieder, legte ihr Batiſttuch auf das Eiſengeländer des Balkons und ſenkte ihren Arm darauf, um ſich auf denſelben zu ſtützen, ihre reizenden Hände aber ließ ſie übereinandergelegt von der Baluſtrade herabhängen. Albert war wieder wie feſtgebannt und umfaßte mit ſeinem Blick das bezaubernde Bild, das ſein Glas ihm ſo klar und deutlich zeigte. Sie war ſchöner als Alles, was er vorher geſehen, ſie war lieblicher und anmuthiger als Alles, was ſeine Phantaſie ihm bisher vorgegaukelt hatte, ſie war eine Fee, eine Göttin von Wolken umgeben! Jetzt aber erhob ſie ſich von dem Eiſengeländer. ſah noch einmal nach Albert's Fenſter herüber und ver⸗ ſchwand dann in dem Salon. Armand, Saat und Ernte. II. 3 34 Nun aber mußte Albert wiſſen, wer ſie war; er ſprang vom Fenſter zurück, ordnete ſchnell ſeine Toilette und eilte aus dem Zimmer, um Erkundigungen ein⸗ zuziehen. In der Hausflur begegnete ihm die Frau ſeines Hauswirths, Madame Newberry, und wollte mit einem freundlichen Morgengruß an ihm vorübergehen, Albert aber blieb bei ihr ſtehen und fragte ſie höflich: „Wer hat denn vor mir in meinem Zimmer ge⸗ wohnt, Madame Newberry? Mir träumte in vergan⸗ gener Nacht von den frühern Bewohnern deſſelben.“ „Dann haben Sie von einem ſehr ſchönen Mäd⸗ chen geträumt, das mit ſeiner Mutter mehrere Jahre bei uns gewohnt hat. Damals, ehe mein Mann die Stelle als ſtädtiſcher Kaſſirer bekam, hielten wir ein Logirhaus. Die Damen hießen Perrh und die Tochter hat ſich nach dem Norden recht glücklich verheirathet; ſie war die beſte Freundin des ſchönen Fräuleins Dan⸗ don hier gegenüber, das nun ſchon ſeit einigen Monaten bei ihr zu Beſuche iſt. Wenn daſſelbe zurückkehrt, neh⸗ men Sie Ihre Augen, noch mehr aber Ihr Herz in Acht, Herr Randolph“, entgegnete die Frau lächelnd, verneigte ſich und ging die Treppe hinab, die in das Erdgeſchoß führte. „Fräulein Dandon?“ wiederholte Albert gedanken⸗ 35 voll und ſchritt zur Thür hinaus in die Straße. Ver⸗ gebens aber flog ſein Blick an der Fenſterreihe des ſchönen Mädchens vorüber, es war nicht da, und doch ſah Albert es im Geiſte noch auf die Baluſtrade ge⸗ lehnt vor ſich. Es war Frühſtückszeit; er eilte an dem Platze hin und nach dem Hotel, verweilte dort aber nur kurze Zeit und begab ſich dann nach der Office des Herrn Port⸗ man. Die Arbeit, welche er vornahm, wollte ſeine Ge⸗ danken nicht feſſeln, er hielt zwar ſeinen Blick auf die Schrift geheftet, er ſah ſie aber nicht, ſtatt ihrer ſah er die ſchöne Hand ſeiner Nachbarin vor ſich auf dem Pa⸗ pier, oder er begegnete deren Blick, wie ſie nach ſeinem Fenſter herüberſchaute. Wie gut war es doch geweſen, daß er ſich ihr nicht plötzlich zwiſchen den Vorhängen gezeigt hatte, dann hätte ſie ſicher nie wieder zu ihm herübergeblickt. Er wollte auch die Vorhänge geſchloſſen laſſen, ſie ſollte gar nicht erfahren, wer jetzt die Zimmer bewohne. Wenn er aber nur irgend etwas gewußt hätte, wodurch er ihre Aufmerkſamkeit auf ſeine Fenſter ziehen könnte, damit ſie recht oft herüberſchaute! Er ſann und ſann, bis es ihm einfiel, recht ſchöne Blumen vor das Fenſter zu ſtellen. Der Gedanke geſiel ihm; hätte er nur gleich zum Gärtner gehen können, um Blumen zu kaufen, ſo aber mußte er hier unnöthig ſitzen, denn ſchon 3* ——— — 36 war eine Stunde verfloſſen und noch Niemand war ge⸗ kommen, um ſeine Dienſte zu beanſpruchen. Für ſich zu arbeiten, das war ihm heute unmöglich, und wenn alle Proceſſe der Welt verloren gegangen wären. Ohne daran zu denken, hatte er ein Blatt Papier vor ſich hingelegt, hatte ſeine Stirn in die Hand geſenkt, ſich darüber gebeugt und ſchrieb flüchtige Zeilen auf daſſelbe nieder. Es waren Verſe, die ihm aus der Feder flogen, es war ein Sonett— ein Sonett an ſeine reizende Nach⸗ barin. Erſt als das Gedicht fertig auf dem Papiere ſtand, ſchien Albert es zu gewahren, er ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, hob das Blatt vom Tiſche auf und las ſich ſelbſt das Gedicht laut vor. Es war ein Gruß an die in ihr Reich zurückgekehrte Fee. Er machte noch ver⸗ ſchiedene Abänderungen darin und ließ dann einige Zeit in Gedanken verſunken ſeinen Blick darauf ruhen. Bald hatte er beſchloſſen, das Sonett in der heutigen Abendzeitung erſcheinen zu laſſen. Mit welcher Ueber- ſchrift aber ſollte es geſchehen? Wenn er nur den Tauf⸗ namen ſeiner Göttin gewußt hätte! Während er darüber nachſann, war er aufgeſtan⸗ den, an die offene Thür getreten und ſchaute links und rechts in die Straße; da ſah er plötzlich ſeinen Hauswirth, den Herrn Newberrh, auf dem Trottvir heranſchreiten. 37 Albert trat aus der Thür, und als jener ſich mit einem Gruße nahte, ſagte er: „Wiſſen Sie es ſchon, Herr Newberry, daß unſere ſchöne Nachbarin, Fräulein Dandon, zurückgekehrt iſt?“ „Wie, Fräulein Blancha Dandon? Ei, das freut mich ſehr, ſie iſt ein Engel von einem Mädchen. Wenn ſie nur einen freundlichern Vater hätte!“ entgegnete Newberryh. „Ja, ich glaube der Alte iſt ein Sonderling“, be⸗ merkte Albert. „Ein Geldadliger, der Jeden verachtet, welcher nicht reich iſt. Ich bin aber in der Eile, lieber Herr Randolph. Guten Morgen!“ ſagte Newberrh und eilte mit einer Verbeugung des Kopfes davon. „An Blancha“ überſchrieb Albert das Sonett, bat dann mit einigen Zeilen den Redacteur der Zeitung, daſſelbe noch heute Abend aufnehmen zu wollen, legte es in den Brief ein und ſandte denſelben ſofort nach dem Zeitungsbureau. So ſchnell wie heute hatte Albert wohl nie ſein Mittagseſſen beendet. Es waren nur Minuten, die er dabei verbrachte, dann beſtieg er vor dem Hotel einen Miethwagen und fuhr zu dem Kunſtgärtner hinaus, um bei ihm Blumen zu holen und ſpätere Lieferungen da⸗ von bei ihm zu beſtellen. Mit prächtig blühenden Pflan⸗ — 38 zen fuhr er nach ſeiner Wohnung zurück und ſchmückte, noch ehe die Sonne unterging, ſeine Fenſter damit. Seine Vorhänge aber hielt er geſchloſſen. Das Licht des Tages floh, der Himmel glühte auf ſeiner ganzen weſtlichen Hälfte in Gold und Purpur und der erſte Anflug von Dämmerung zitterte über der Erde, da trat Blancha Dandon mit ihrem Vater aus der Salonthür auf den Balkon und ließ ſich ihm gegenüber in dem rothſammtnen Armſeſſel nieder, den ein ſauber in Weiß gekleideter Negerknabe für ſie hinſtellte. „Es iſt doch nirgends ſchöner und lieber als in der Heimat, als zu Hauſe, und wenn dies in einer Hütte von Reisholz wäre“, ſagte Blancha mit freudigem, glücklichem Tone und ſandte ihren frohen Blick rund um den Platz vor dem Hauſe. „So ſteht es in Gedichten, die der Phantaſie Halb⸗ verrückter entſproſſen ſind“, verſetzte Herr Dandon, in⸗ dem er ſich wohlbehaglich in ſeinen Armſtuhl zurücklegte und mit der ſchweren goldenen Uhrkette ſpielte, die auf ſeiner gelben ſeidenen Weſte hing.„In einer Hütte von Reisholz ſtößt man ſich die Augen aus, da haben die Spinnen, die Fliegen und allerlei Gewürm ihre Neſter und Staub und Schmuz fällt einem in die Haare und auf die Kleider. Ich für meinen Theil danke für eine ſolche ſchöne Heimat und überlaſſe ſie den Lumpen, die kein Geld haben, ſich eine beſſere anzuſchaffen. Von mir haſt Du Deine Poeſie nicht geerbt, meine liebe Blancha.“ „Dies iſt keine Phantaſie, keine Poeſie in mir, lie⸗ ber Vater; es iſt ein natürliches, wahres Gefühl, welches mich in meiner Heimat beſeelt, möchte ſie auch ſein, wo und wie ſie wollte. Glaube mir, auch arme Men⸗ ſchen ſind glücklich, wer weiß, ob nicht oftmals glückli⸗ cher als die reichſten. Denke doch an meine liebe ſüße Freundin Anna, die ſo lange in dürftigen Verhältniſſen dort drüben bei Newberrys gewohnt hat.“ Hier ſchwieg Blancha plötzlich und ſah verwundert über den Platz nach Albert's Fenſtern, dann ſagte ſie: „Ei, ei, wer mag wohl jetzt dort wohnen? Sieh nur, wie die Fenſter prächtig mit Blumen geſchmückt ſind; heute früh ſtand noch keine einzige davor.“ Dann ſah ſie noch einige Augenblicke hinüber und fuhr in ihrer Rede fort: „Ja, lieber Vater, denke an Anna Perrhl Wie un⸗ beſchreiblich glücklich iſt ſie, und doch hat weder ſie noch ihr Mann Vermögen.“ „Glücklich!“ wiederholte Dandon mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln.„Glücklich bei Kartoffelſuppe, Kaffee, Speck und Kohl! Ich möchte wohl wiſſen, was dazu gehörte, um Dich bei ſolcher Koſt ſo recht ſeelenglücklich zu machen.“ — ————— 40 „Mich, Vater? Herzinnige Zuneigung, Freund⸗ ſchaft, Liebe, und ich könnte mit der Hälfte Deiner Gerichte glücklich, ſelig ſein!“ „Das ſagte Deine ſelige Mutter auch, als ſie mich, den reichen Mann, heirathete. Ich hoffe, Du wirſt mir nie böſe darüber werden, daß ich Dir dermaleinſt große Schätze hinterlaſſe.“ Blancha ſchien die letzten Worte ihres Vaters nicht gehört zu haben, ſie gab wenigſtens keine Antwort dar⸗ auf und ſchaute nach den Fenſtern Albert's hinüber. „Sieh, das hätte ich bald vergeſſen“, hob Dandon wieder an.„Du biſt ſeit Deiner Rückkehr auch ſchon beſungen worden, man hat Dich mit einer Fee vergli⸗ chen und Dich in Deiner Heimat begrüßt. Hier kannſt Du es ſelbſt leſen in der Abendzeitung.“ Dabei zog Dandon die Zeitung aus der Taſche her⸗ vor und reichte ſie ſeiner Tochter mit den Worten hin: „Ich weiß aber auch, wer die Verſe gemacht hat.“ Blancha nahm ihm das Blatt überraſcht ab, ent⸗ faltete es und ſah auf den erſten Blick das Sonett mit ihrem Namen darüber. Kaum hatte ſie einige Zeilen davon geleſen, als eine leichte Röthe wie ein Hauch von Carmin über ihre Wangen flog und die Bewegung verrieth, die das Ge⸗ dicht in ihr hervorrief. 41 „Und von wem, meinſt Du, kommt es her?“ fragte Blancha, mit aufleuchtendem Blick nach ihrem Vater hinſehend, und ließ das Blatt in ihren Schooß ſinken. „Von dem jungen Ferghuſſen, dem Sohne des Millionärs— unverkennbar!“ „O der arme Mann! Könnte der mit ſeiner ganzen Million nur einen einzigen Gedanken des Kopfes, dem dieſes Gedicht entſtieg, ſich erkaufen, könnte er ſich nur einen Hauch von dem Gefühl in die Bruſt legen, das dieſes Sonett durchweht! Nein, lieber Vater, der Herr Ferghuſſen hat es nicht gemacht.“ „Doch, doch, Blancha, glaube es mir, er hat ſchon ſeit langer Zeit ſeine Augen auf Dich gerichtet.“ „Möge der Schlaf ſich ihrer recht bald erbarmen!“ entgegnete Blancha und ſenkte ihren Blick wieder auf das Gedicht. „Sie hat es geleſen!“ ſagte Albert mit freudebe⸗ bender Stimme, indem er durch das Glas nach Blancha hinüberſchaute.„Sie lieſt es wieder!“ fuhr er nach einer Weile noch bewegter fort.„O wenn ſie wüßte, daß der Dichter ſie mit ſeiner Seele umfangen hält, wenn ſie es fühlen könnte, wie hoch ſein Herz für ſie ſchlägt!“ Unbeweglich, wie an ſie feſtgezaubert, hielt er ſeinen Blick auf ſie geheftet und ſuchte in ihren prächtigen 42 Augen, auf ihren friſchen Lippen die Worte zu leſen, die ſie zu ihrem Vater ſprach. Da trat der Negerknabe aus dem Salon zu Blancha und reichte ihr eine Scheere. Sie nahm ihm dieſelbe ab, ſchnitt das Sonett aus der Zeitung heraus und gab dieſe dann ihrem Vater zurück. Das Gedicht aber faltete ſie zuſammen und verbarg es in ihrem Buſen. Bei dieſem Anblick ſchoß es Albert glühend durch die Adern, jeder Nerv erbebte ihm in ſeligem Entzücken, und kaum war er noch im Stande, das Glas in feſter Richtung nach ihr hinzuhalten. Die Schatten der Abenddämmerung legten ſich dich⸗ ter über die Stadt, doch ſpiegelte ſich das Licht des feu⸗ rigen Himmels auf dem hellen bläulichen Seidengewande Blancha's, ſodaß Albert ihre edle Geſtalt noch immer er⸗ kennen konnte, wenn auch die veilchenblauen Blumen, die über ihrer hohen, alabaſterweißen Stirn aus ihrem präch⸗ tigen Haar hervorſahen, in der ſchnell zunehmenden Dun⸗ kelheit verſchwammen. Albert rührte ſich nicht von ſei⸗ nem Platze, er hörte nicht wie ſonſt die Glocke, die in dem Hotel die Theeſtunde anzeigte, er würde hier geſeſ⸗ ſen und nach Blancha durch die Dunkelheit hinüberge⸗ ſpäht haben, bis der neue Tag ſein Licht über die Welt gegoſſen, wenn die Gefeierte ſich nicht erhoben hätte und durch die Salonthür vor ſeinem Blick verſchwunden wäre. 43 So harrte er des Morgens und des Abends auf das Erſcheinen Blancha's, von Tag zu Tag ſteigerte ſich ſeine Sehnſucht nach ihr, er mochte nichts mehr ſehen als ſie, konnte an nichts mehr denken als an ſie, und wenn er arbei⸗ ten wollte, ſo floſſen Poeſien zu ihrer Verherrlichung aus ſeiner Feder, deren viele durch die Zeitung in ihre Hände gelangten. Es war aber nicht ihr Vater, der ſie ihr überbrachte, ſie ſelbſt ließ ſich nun das Blatt regelmäßig durch ihr Kammermädchen holen. Zu Albert's großer Freude zeigte ſich Blancha jetzt des Morgens viel früher auf dem Balkon und verweilte dort länger als im Anfang nach ihrer Rückkehr. Sie brachte immer ein Buch mit, in deſſen Inhalt ſie ſich vertiefte, ſah aber dennoch häufig nach den Blumen vor Albert's Fenſter hinüber, die derſelbe mit größter Sorgfalt wählte und pflegte. Eines Morgens, als ſich ihre Fenſter öffneten, auf welchen Augenblick Albert ſchon lange gehofft hatte, zeigte ſie ſich nicht wie gewöhnlich in ihrem Morgenan⸗ zug, ſondern in ſchwarzer Seide mit einem Sonnenſchirm in der Hand und dem Hut auf dem Kopf. Sie erſchien auch nicht auf dem Balkon, ſondern trat wenige Minu⸗ ten nachher aus der Hausthür und ging in der Straße hinunter. Wie ein Blitz fuhr Albert in ſeinen Rock, ergriff 1 44 ſeinen Hut und flog die Treppe hinab aus dem Hauſe und die Straße hinunter Blancha nach. Bald ſah er ſie in einiger Entfernung vor ſich lang⸗ ſam dahinſchreiten; eilig bog er in die nächſte Straße ein und kam ihr dann auf weitem Umwege entgegen. Mit jedem Schritt, den er ihr näher trat, ſchlug ſein Herz ſchneller, es war ihm, als müſſe ſie es erkennen, was in ihm vorging, als müſſe ſie es fühlen, daß er um ihretwillen dieſes Weges kam. Wie gern hätte er ſie gegrüßt, er durfte es ja aber nicht thun, wollte er nicht unverſchämt und zudringlich erſcheinen. Nur noch eine kurze. Entfernung lag zwiſchen ihm und ihr. Sie ſchien in Gedanken verſunken zu ſein und ſchaute vor ſich nie⸗ der, doch ſchöner und lieblicher erſchien ſie Albert mit jedem Schritt, den ſie that. O hätte er nur einen Blick von ihr erringen können! Zetzt hatte er ſie erreicht, er trat raſch zur Seite und blieb ſtehen. Sie hob die Au⸗ gen zu ihm auf und ein Blick der Ueberraſchung traf den ſeinigen. Albert zog den Hut und verbeugte ſich, Blancha aber glitt eiligen Schritts und geſenkten Hauptes an ihm vorüber. „Wer war er?“ fragte ſich Blancha im Davon⸗ eilen.„Meine ich doch, ich ſei ihm ſchon früher ein⸗ mal begegnet. Auch er ſah mich an, als ob er mich 45 kenne. Und doch erinnere ich mich nicht, wo wir uns getroffen haben. Die Augen aber habe ich wahrlich ſchon einmal geſehen!“ So eilte Blancha fort. Sie fühlte ſich bewegt, der Blick des jungen Mannes haftete in ihrer Seele, es war ihr, als beſtehe irgend eine Beziehung zwiſchen ihm und ihr, und doch konnte ſie ſich den Grund dafür nicht nennen, ebenſo wenig wie ſie ſich erinnern konnte, wo ſie ihn ſchon geſehen haben ſollte. Die nächſte Straßenecke hatte ſie erreicht, und um noch einen Blick nach dem räthſelhaften jungen Manne thun zu können, ohne ſich gerade nach ihm umzuwenden, bog ſie nach der Seitenſtraße ein. Sie blickte ſeitwärts auf dem Trottoir zurück, da ſtand er noch wie ange⸗ wurzelt und ſchaute ihr nach. Blancha fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen ſtieg, ſie ſah ſchnell vor ſich nieder und war mit ihrem nächſten Schritt um die Ecke und außer dem Bereiche ſeines Blicks. Alſo hatte ſie ſich doch nicht getäuſcht, er kannte ſie, er intereſſirte ſich für ſie, denn warum wäre er ſonſt ſo lange da ſtehen geblieben und hätte ihr nachge⸗ ſehen? Aber wenn er ſie kannte, warum hatte er ſie nicht begrüßt? Sein Gruß war erſt auf ihren Blick erfolgt und ſchien nur durch dieſen veranlaßt worden zu ——————————————————————————————————— 46 ſein. Vor ihrer Abreiſe von hier hatte er keinesfalls in der Stadt gelebt, ſonſt wäre ſie ihm häufiger begegnet und hätte ſicher erfahren, wer er ſei, denn er war kein gewöhnlicher Menſch, an dem man vorübergeht und ihn vergißt. Hin und her ſann Blancha nach, auf welche Weiſe der ſchöne junge Mann ihr intereſſant geworden ſei. und zu Hauſe angelangt ſuchte ſie in ihrer Erinnerung aus allen ihren Lebensabſchnitten nach ſeinem Bilde. Umſonſt, ſie kam der Spur nicht näher, aber das Gefühl wurde immer lebendiger in ihr, daß ſie ihn ſchon früher geſehen habe. Während des ganzen Tags kam er ihr nicht einen Augenblick aus den Gedanken, das Verlangen, zu wiſſen, wer er ſei, wurde immer reger in ihr, und es flog ihr durch die Seele, ob ſie ihm wohl morgen früh abermals begegnen würde, wenn ſie um dieſelbe Zeit denſelben Spaziergang mache. Mit dem Gedanken an den geheimnißvollen jungen Mann beſchäftigt, flohen Blancha die Stunden eilig dahin, und beim Sinken des Tages begleitete ſie der⸗ ſelbe Gedanke auf den Balkon. Sie hatte ein Buch mit⸗ gebracht, in welchem ſie blätterte. Es war eine Samm⸗ lung von Poeſien amerikaniſcher Dichter, unter denen die von Albert ihr beſonders lieb waren. Sie hatte dieſelben ſchon oft geleſen, der Geiſt aber, der 47 aus ihnen ſprach, ſchien ihr verwandt zu ſein mit dem der Gedichte, die in der Zeitung dem An⸗ ſchein nach ihr gewidmet waren. Der Dichter Albert lebte ja aber in Philadelphia, von ihm konnten daher dieſe Poeſien nicht kommen.„Der Dichter Albert?“ wiederholte ſie, als führe ihr ein Licht durch die Seele. „Mein Himmel! Ja“, rief ſie aus,„es iſt Albert's Bild, das ich beſitze und das dem Fremden von heute früh gleicht.“ Hiermit ſprang ſie auf und eilte in den. Salon nach ihrem Bücherſchrank. Ebenſo haſtig kehrte ſie mit einem Neuhorker illuſtrirten Journal zurück und ſchlug, ſich in dem Seſſel niederlaſſend, Al⸗ bert's Bruſtbild darin auf. „Er iſt es unverkennbar“, ſagte ſie mit überwallen⸗ der Bewegung.„Wäre es möglich? Sollte er es ſein, er, der gefeierte große Dichter Amerikas, der mich ſeines Liedes werth gefunden?“ Dabei hielt ſie ihren erglühenden Blick unverwandt auf das Bild geheftet, nach einer Weile aber, als ob ſie ſich eine Thorheit vorwerfe, ließ ſie das Heft in ihren Schooß ſinken und ſagte lächelnd zu ſich ſelbſt: „O Eitelkeit, du heißeſt Weib!“ Es ſchien aber doch, daß dieſe Enttäuſchung ihr wehe thue, und als wolle ſie dieſelbe noch bekämpfen, fuhr ſie fort: 6 5 48 „Die Aehnlichkeit iſt aber zu groß, es wäre ja doch möglich, daß—“ In dieſem Augenblick trat die ſchwarze Dienerin auf den Balkon, nahm die Abendzeitung unter ihrem ſeidenen Schürzchen hervor und reichte ſie ihrer Her⸗ rin hin. „Gib her!“ ſagte Blancha mit unverkennbarer Bewegung und entfaltete haſtig das Blatt. Ein Ge⸗ dicht mit der Ueberſchrift„Das Begegnen“ lag vor ihrem Blick aufgeſchlagen. Der Dichter dankte ihr darin mit glühenden Worten für den Blick, womit ſie ihn an dieſem Morgen beſeligt habe. „Er iſt's“, ſagte Blancha jetzt mit ernſter aber be⸗ bender Stimme, als hätte ſie in den Worten vor ihr ihre eigene Zukunft geleſen. Lange ſaß ſie dann ſprachlos da und hielt das Blatt in ihren bebenden Händen, es war ein ihr bis jetzt noch fremd geweſenes Gefühl, welches ſie wonnig durchſtrömte, während zugleich Bangigkeit ſie noch zurück· hielt, ſich demſelben hinzugeben. Plötzlich aber, als habe ſie die gaghaftigkeit überwunden, hob ſie mit beiden Händen das Blatt enpor und preßte es mit den Worten gegen ihr Herz: „Ja, ja, es iſt Albert, der mich in ſeinem Liede feiert!“ Dann ließ ſie das Blatt langſam wieder finken 49 * und ſagte:„Woher aber, wenn es wirklich Albert iſt, woher kennt er mich? Ich bin ja während der erſten Tage nach meiner Rückkehr gar nicht ausge⸗ gangen?“ Da trat Herr Dandon auf den Balkon. Blancha verbarg aufſpringend die Zeitung zwiſchen den Blättern des Journals, begrüßte ihren Vater mit kindlicher Herz⸗ lichkeit und beide ließen ſich nieder, um ſich noch der Kühlung des Abends zu erfreuen. „Ich komme ſo eben von Portman“, hob Dandon an und betrachtete ſein ſtrohgelbes Beinkleid, indem er das Bein überſchlug und den Fuß auf und ab wiegte. „Schon früher war ich einmal bei ihm, um ihm meine Forderung an die bankrotte Unionbank zum Eintreiben zu übertragen, damals aber gab er mir den Rath, noch zu warten, da ſpäter ein viel günſtigerer Zeitpunkt dazu eintreten würde; nun iſt aber ein halbes Jahr verfloſſen und ich wollte ihn doch einmal wieder daran erinnern. Er iſt freilich der beſte Advocat, überläßt aber alle ſchriftlichen Arbeiten ſeinem Gehülfen, und wenn man ſeinen Rath hören will, ſo hat er ſtets die Uhr in der Hand, damit man ja keine Minute Zeit zu viel von ihm erhalte; er ſollte doch wiſſen, wen er vor ſich hat, und daß es kein Lump iſt, der ſeine Dienſte beanſprucht. Da hat er mich nun auf morgen früh zu ſeinem Gehül⸗ Armand, Saat und Ernte. II. 4 50 fen beſchieden, der erſt vor kurzem vom Norden hier⸗ her kam, natürlich um etwas bei ihm zu lernen. Port⸗ man ſagte allerdings, der junge Mann wäre ein ebenſo guter Juriſt, als er Dichter und Schriftſteller ſei; es iſt der bekannte Randolph, der unter ſeinem Taufnamen Albert die Volkslieder gedichtet hat.“ Blancha fuhr zuſammen und wurde bleich, doch im nächſten Augenblick flog es wie Purpur über ihre Wan⸗ gen, ſie neigte ihr glühendes Antlitz über das Journal, welches zwiſchen ihren Fingern zitterte, und ſuchte die heftige Aufregung, die ſie ergriffen hatte, vor ihrem Vater zu verbergen. Deſſen Blicke aber waren zu ſehr mit ſeiner Toilette beſchäftigt, als daß er Blanchas Aeußerem hätte Aufmerkſamkeit widmen können, und nach einer kurzen Pauſe fuhr er in ſeinem gewohnten theilnahmloſen Tone fort: „Was kann man aber wohl von einem ſolchen über⸗ ſpannten Menſchen erwarten, deſſen Gedanken immer in höhern Regionen ſchweben! Dennoch bleibt nichts übrig, man muß ſich fügen, denn Portman gewinnt alle Proeeſſe.“ Blancha ſchwieg, ſie hörte gar nicht mehr, was ihr Vater ſagte, ſie dachte nur an das Gedicht, welches ihr in den Fingerſpitzen brannte und an die dunkeln Augen des Dichters. Dandon aber hörte nicht auf zu reden und 51 ſeine Kleidung zu betrachten, bis nach eingebrochener Dunkelheit ein Diener zum Abendeſſen rief. Blancha zog ſich heute früher als gewöhnlich in ihr Zimmer zurück, ſie mußte mit ihrem Geheimniß allein ſein, es war ihr, als habe ſie ſo unendlich viel zu denken, zu überlegen, und doch war es immer nur der eine Gedanke, der ſie beſchäftigte, der an den Dichter. Es gab jetzt keinen Zweifel mehr darüber, daß er es war, der ſie beſungen hatte und dem ſie an dieſem Morgen begegnet war; woher er ſie aber kannte, was ihr ſeine Zuneigung erworben hatte, darüber konnte Blancha ſich keine Antwort geben. Sie wußte es, ſie fühlte es, daß ſie ihn über kurz oder lang wiederſehen, daß ſie ihn ſprechen würde, doch wenn ſie ſich das Ver⸗ langen nach einem Zuſammentreffen mit ihm auch nicht ableugnete, ſo war ſie doch feſt entſchloſſen, ihm ſelbſt keine Gelegenheit dazu zu bieten. Führte es der Zufall herbei, freilich, dann durfte ſie ihm nicht ausweichen, ſie mußte ja ſtolz auf ſeine Bekanntſchaft ſein, wie ſie ſtolz und glücklich über ſeine Auszeichnung war. Aber ſicher würde er eine Gelegenheit finden, ſich ihr zu nahen, dachte Blancha und ſann dann nach, auf welche Weiſe er dies wohl zu ermöglichen ſuchen werde. Keinesfalls wollte ſie am folgenden Morgen dieſelbe Promenade wieder machen, ſie wollte auch nicht ſo früh ausgehen. 4* 52 ſonſt könnte er ja denken, daß ſie es ſeinetwegen gethan habe. Aber hatte er es denn nicht verdient, daß ſie ſich ihm dankbar zeigte? Dennoch, denſelben Spaziergang wollte ſie nicht machen. Während tauſend derartige Gedanken ihre Seele durchflogen, hatte ſie ſich in dem Sopha niedergelaſſen und abermals das Bild Albert's in dem Journal auf⸗ geſchlagen. Wie oft ſchon hatte ſie den Umriß von ſei⸗ nem Leben geleſen, der dem Bilde beigefügt war, und wie oft hatte ſie ſich über das unbegrenzte Lob gefreut, welches ihm darin in jeder Richtung hin geſpendet wurde, ſo wohlgethan aber hatte es ihr früher nie. Es wurde ſehr ſpät, ehe ſie zur Ruhe ging, und dann verbrachte ſie eine faſt ſchlafloſe und doch glückliche Nacht. Den frühen Morgen begrüßte Blancha ſo recht mit freudigem Herzen, ſie fühlte ſich ſo wohl, ſo heiter wie ſeit langer Zeit nicht. Die Luft empfing ſie friſch und erquickend, als ſie auf den Balkon hinaustrat, ſodaß ſie ſich einen Spaziergang unmöglich verſagen konnte; keinesfalls aber wollte ſie denſelben Weg gehen wie geſtern. Sie machte ſchnell dieſelbe Toilette wie am Morgen vorher, aber heute mit mehr Aufmerkſamkeit. Als ſie aus dem Hauſe trat und noch nicht mit ſich einig war, welchen Weg ſie einſchlagen ſolle, ſchaute ſie über den Platz und bemerkte Madame Newberr, ————— 53 die in ihrem Fenſter lag. Blancha eilte zu ihr hin, um ſie zu begrüßen, und Madame Newberry war ſehr erfreut, Blancha wiederzuſehen.„Endlich, endlich, Fräulein Blancha, find Sie wieder bei uns. Wie konnten Sie ſo lange von Ihrer Heimat fern bleiben?“ ſagte die freundliche Frau und reichte ihr die Hand. „Wenn ich nicht bei meiner lieben Freundin Anna geweſen wäre, ſo hätte ich es ſicher nicht ſo lange aus⸗ gehalten, ind dennoch fühlte ich oft eine unwiderſtehliche Sehnſucht ch Hauſe. Anna ſendet Ihnen auch tauſend herzliche Grüße; ſie iſt unbeſchreiblich glücklich“, antwor⸗ tete Blancha. „Aber kommen Sie doch einen Augenblick herein, Fräulein, Sie müſſen mir von ihr erzählen.“ „Dieſer Tage komme ich zu Ihnen und werde Ihnen dann ausführlichen Bericht über Anna's Glück abſtatten“, erwiderte Blancha, und indem ſie dann einen Blick nach dem zweiten Stock warf, fragte ſie: „Wer bewohnt denn jetzt Anna's Zimmer?“ „Das wiſſen Sie nicht, Fräulein?“ entgegnete die Frau verwundert.„Ich ſollte denken, die Blumen vor den Fenſtern ſchon hätten den Schöngeiſt längſt verrathen. Der Dichter Albert, den Alt und Jung, Reich und Arm in ganz Amerika kennt, der junge Herr Randolph wohnt darin, und ein liebenswürdiger, braver 54 und beſcheidener Mann iſt er; er würde Ihnen ſehr gefallen.“ Als ob Blancha der Athem aus der Bruſt geſtoßen wäre, ſo fehlte er ihr für einige Sekunden, ihr Herz ſetzte ſeine Schläge aus und ſie preßte unwillkürlich beide Hände gegen ihren Buſen, doch ſchnell ermannte ſie ſich wieder, hob ihr Batiſttuch vor den Mund, huſtete und ſagte dann mit ſchwankender Stimme zu Madame Newberrh: „Nun muß ich gehen, ich habe mich nur bei Ihnen anmelden wollen, dieſer Tage aber mache ich Ihnen meinen ſchuldigen Beſuch. Guten Morgen, liebe Newberry!“ Bei dieſen Worten winkte Blancha der Frau noch einen Gruß zu und eilte, als ob ſie Feuer unter den Füßen hätte, an dem Platze hin, bog, ohne ſich um⸗ zuſchauen, in die nächſte Straße ein und kehrte auf einem kleinen Umweg haſtig in ihre Wohnung zurück. Erſt als ſie in dem Salon Hut und Shawl ablegte, kam ihre natürliche Ruhe wieder über ſie und ſie warf ſich nun ihr kindiſches, albernes Betragen vor. In keiner Weiſe hatte ſie ja irgend einen Grund zur Bangigkeit oder Furcht, Albert war anerkannt ein durchaus zartfühlender, feingebildeter Mann, der ihr nicht die entfernteſte Ver⸗ anlaſſung zu einer Beſchwerde geben würde. Daß ſie aber gerade an dieſem Morgen ſich nach dem Hauſe 55 begeben hatte, in welchem er wohnte, war ihr entſetzlich unangenehm, er mußte ja glauben, daß ſie nur ſeinet⸗ wegen von der Gelegenheit Gebrauch gemacht und ſich zu Madame Newberry verfügt habe, und dies konnte ſie nur in ſeiner Achtung herabſetzen. Der Gedanke daran war ihr erſchrecklich peinigend und griff ſtörend in das Glück ein, welches die Zeichen von Albert's Zuneigung ihr in das Herz gelegt hatten. Ein Gefühl beleidigten Stolzes kam über ſie und ihre Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt wandte ſich nun als Unmuth gegen Albert. Er ſollte es wiſſen, daß ſie ſeinetwegen nicht zu Madame New⸗ berry gegangen war, ſollte es fühlen, daß kein Intereſſe für ihn es geweſen ſei, welches ſie zum heutigen Spa⸗ ziergang veranlaßt hatte. Sie ließ die Vorhänge ſchnell vor ihren ſämmtlichen Fenſtern nieder und beſchloß, ſich nicht wieder auf dem Balkon ſehen zu laſſen. Ob er ihr wohl nachgefolgt war, als ſie ſich von WMadame Newberry entfernte, und ob er ſich wohl wie⸗ der zu Hauſe befand? Mit dieſer Frage trat Blancha nach einer Weile hinter die Fenſtervorhänge und ſchaute vorſichtig zwi⸗ ſchen denſelben durch. Sie konnte Albert nicht ſehen, denn ſeine Gardinen waren hinter den Blumen gleich⸗ falls geſchloſſen. Nun holte ſie aber ihr Opernglas aus dem Secretär und ſpähte durch daſſelbe hinüber; 56 da bemerkte ſie, daß Albert's Vorhang ſich bewegte, und erblickte ihn ſelbſt in deſſen Heffnung, wie er durch ſein Glas nach ihr herüberſchaute. Erſchrocken trat ſie zurück, doch er konnte ſie nicht bemerkt haben, ihre Gardinen hingen ja dicht zuſammen. Sie ſah wieder hinüber. Warum hielt er denn auch ſeine Vorhänge geſchloſſen? Sicher, damit Blancha es nicht wiſſen ſolle, daß Jemand ſie durch ein Glas beobachte. Und war es denn wohl recht, war es dankbar von ihr, daß ſie ſich ſeinem Blick entzog, den er ſo beſcheiden gebrauchte? Es drängte ſie, die Gardinen wieder zu öffnen, noch aber zögerte ſie und ſchaute verſtohlen nach dem Blumenfenſter hinüber. Da öffnete ſich die Thür des Hauſes und Albert trat mit einem Stoß Schriften unter dem Arm in die Straße heraus. Wie ein elektriſcher Funke durchzuckte es Blancha, ſie zog ſchnell den einen Vorhang zurück und ſchaute offen nach Albert hinüber, der, an dem Platze hinſchrei- tend, ſeinen Blick nach ihr gerichtet hielt. Welch ſchö⸗ ner Jüngling er war, wie vornehm und doch wie leicht er dahinſchritt, und wie ſein dunkles Auge zu ihr herüber⸗ ſchaute! Jetzt näherte er ſich dem Ende des Platzes, noch immer ſah er ſich nach Blancha um, ſie mußte ihre Unart gegen ihn wieder gut machen. Wie von dem Gedanken getragen, glitt ſie von dem Fenſter hinweg nach der Salonthür und ſtand im nächſten Augenblick — 57 auf dem Balkon. Albert ſah ſie an, er hatte nur noch einige Schritte bis zur Straßenecke, unwillkürlich hob Blancha ihre Hand zu den Lippen und ſah, wie auch Albert die ſeinige zu ſeinem Munde führte und dann um das Haus vor ihrem Blick verſchwand. Blancha lehnte ſich auf das Eiſengeländer. Sie fühlte, wie ſie bebte und wie die Schläge ihres Herzens eilten. Es war ihr, als habe ſie über ihre Zukunft, über das Glück ihres ganzen Lebens entſchieden. Ihr Gruß war Albert's Gruß begegnet, ſie fühlte keinen Vorwurf dar⸗ über, er war des Grußes tauſendfach werth; ſie hatte ihn immer verehrt und jetzt, wo ſie es ihm zeigen konnte, jetzt, wo er ſich ihr zart und liebevoll nahte, jetzt ſollte ſie ihn zurückweiſen? Nimmermehr! Er durfte es wiſ⸗ ſen, daß ſie ihn hochſchätze und daß ſie ſtolz auf ſeine Auszeichnung war. Blancha's Dienerin unterbrach ſie in ihrem Gedan⸗ kenfluge, indem ſie ihr meldete, daß ihr Vater beim Frühſtück ihrer harre. Derſelbe hatte ſeine Toilette be⸗ reits zum Ausgehen geordnet und verließ Blancha nach eingenommenem Mahl mit dem Bemerken, daß er ſich nach der Office des Herrn Portman zu deſſen Gehülfen Randolph begeben wolle. Drittes Kapitel. Albert ſaß mit hochſchlagendem Herzen und glühen⸗ dem Haupte an ſeinem Pulte und ſchrieb. Er war ſo ſehr in ſeine Beſchäftigung vertieft, daß er es gar nicht be⸗ merkte, als Herr Dandon zu ihm in das Zimmer trat. „Sind Sie Herr Randolph?“ fragte derſelbe in etwas ungehaltenem Tone, indem er ſich mit der Rech⸗ ten auf ſeinen goldgekrönten Stock ſtützte und die Linke in die Seite ſtemmte. Albert wandte ſich nach ihm um, fuhr überraſcht von ſeinem Seſſel auf, und das Blatt Papier, auf das er geſchrieben hatte, in das Pult werfend, ſagte er mit einer Verbeugung: „Zu dienen; und ich habe, wenn ich nicht irre, die Ehre, Herrn Dandon vor mir zu ſehen.“ „Ganz richtig. Mein Name iſt Dandon, Apollo Dandon. Herr Portman hat mich mit einer Klagſache, die er für mich anhängig machen wird, an Sie gewieſen.“ 59 „Derſelbe hat mir ſchon davon geſagt, Herr Dan- don; aber nehmen Sie gefälligſt Platz, denn ich muß Sie bitten, mir die Sache umſtändlich und genau vorzu⸗ tragen“, verſetzte Albert und zog den großen Lehnſtuhl für ihn heran. Nachdem nun Dandon den Seſſel mit ſeinem gelb⸗ ſeidenen Tuch abgeſtäubt und dann Platz darin genom⸗ men hatte, begann er ausführlichen Bericht über ſeine Angelegenheit abzuſtatten, wobei Albert ihn häufig un⸗ terbrach, ihn nach nähern Umſtänden und Verhältniſſen befragte und ſich wiederholt Notizen machte. Endlich nach Verlauf einer Stunde war die Sache von allen Seiten beleuchtet und Albert verſprach Herrn Dandon, ein ſchriftliches, wohlbegründetes Gutachten darüber auszu⸗ fertigen. „Das wird mir erwünſcht ſein, Herr Randolph“, ſagte Dandon;„ich möchte mir aber ſchon jetzt Ihre Anſicht ausbitten, ob ich den Proceß gewinnen oder ver⸗ lieren werde, denn offen geſtanden, Herr Portman gab mir nur halbe Hoffnung.“ „Wirklich?“ verſetzte Albert verwundert.„Ich kann mir die Gründe nicht denken, weshalb er an einem gün⸗ ſtigen Ausgange zweifelt. Ich für meine Perſon bin der Anſicht, daß Sie den Proceß unfehlbar gewinnen müſſen, und ich könnte die Bürgſchaft dafür übernehmen. Ich 60 gloube auch, daß Herr Portman ganz derſelben Anſicht ſein wird, wenn er mein Gutachten darüber geleſen hat.“ „Schön, ſchön, junger Freund, Sie werden mich er⸗ kenntlich finden, wenn Sie der Sache eine gute Wen⸗ dung geben. Es handelt ſich ja um zwanzigtauſend Dol⸗ lars, alſo ſchon der Mühe werth. Wann ſoll ich das Gutachten haben?“ „Das iſt ſo genau nicht vorauszuſagen. Solche Arbeiten verlangen die rechte geiſtige Stimmung und darüber iſt man nicht immer Herr. Doch ſobald es mir möglich iſt, werde ich ſie Ihnen zuſtellen.“ „Ich bin ſehr auf Ihre Arbeit geſpannt, ganz be⸗ ſonders aber darauf, ob Sie wirklich Herrn Portman von dem günſtigen Stand meiner Angelegenheit über⸗ zeugen werden; denn wenn er einmal glaubt, einen Pro⸗ ceß gewinnen zu müſſen, dann geſchieht es auch und wenn die ganze Welt ſich dagegen auflehnt. Er iſt ein einziger Redner“, ſagte Dandon und fügte nach einigen Augen⸗ blicken noch hinzu:„Im glücklichen Falle werde ich Sie reich bedenken, Herr Randolph.“ „Herrn Portman, wollten Sie ſagen, Herr Dan⸗ don. Ihm gehört die Belohnung für ſeine Bemühungen; meine Arbeiten entſtehen unter ſeiner Leitung und ſind ſeine Werke. Die Ehre, etwas geſchaffen zu haben, was er ſeines großen Namens werth hält, iſt mir eine rei⸗ 61 chere Zahlung als alles Geld der Welt, und die Freude, Ihnen, Herr Dandon, einen Dienſt erwieſen zu haben, würde durch eine Geldzahlung ſehr getrübt werden“, antwortete Albert mit höflichem Tone und ehrerbietiger Verbeugung. „Man ſieht, Sie ſind Poet, Herr Randolph. Ihr Glück, Ihr Reichthum liegt in Ihrer Phantaſie, ich für meine Perſon halte es mit ſolidem Grundbeſitz oder klingender Münze. Uebrigens werde ich dennoch Wege finden, mich Ihnen dankbar zu zeigen; wir Reichen ſind hierin vor den gewöhnlichen Menſchen ſehr bevorzugt.“ Hiermit erhob ſich Dandon aus ſeinem Armſtuhl, wehte mit dem ſeidenen Tuch ſeinen Rock und ſein Beinkleid ab und ſagte zu Albert, indem er ihm die Hand reichte: „Nun, junger Freund, ich ſetze mein ganzes Ver⸗ trauen in Sie; thuen Sie Ihr Beſtes.“ „Darauf dürfen Sie rechnen, Herr Dandon, ebenſo wie auf einen günſtigen Ausgang dieſes Proceſſes“, ent⸗ gegnete Albert, indem er den Alten an die Thür geleitete. „Junger Herr, Sie ſind Ihrer Sache gar zu gewiß. wir wollen aber das Beſte hoffen Auf baldiges Wieder⸗ ſehen!“ verſetzte Dandon, winkte Albert mit Hand und Kopf ſeinen Gruß zu und ging mit gemeſſenem, ſtolzem Schritt davon. 62 Kaum hatte er ſich entfernt, als Albert nach ſeinem Pult eilte, die Briefe und Documente, welche Dandon ihm zurückgelaſſen hatte, ſchnell nochmals durchflog und ordnete und ſich dann ſofort daran begab, das Gut⸗ achten auszuarbeiten. Mit ganzer Seele erfaßte er ſeine Aufgabe; die volle Stärke ſeines Verſtandes, ſein gan⸗ zes Wiſſen hielt er mit aller Kraft darauf geheftet, Geiſt und Scharfſinn belebten die Schrift, jedes Wort, das er niederſchrieb, war treffend und überzeugend, und als die Sonne ſich neigte, hatte er die Arbeit beendet. Sie be⸗ durfte nur noch einer genauen Durchſicht und einer Rein⸗ ſchrift, welche Albert an dieſem Abend zu Hauſe vor⸗ nehmen wollte, denn jetzt mußte er ſich erſt etwas ru⸗ hen und namentlich ſein verſäumtes Mittagseſſen nach⸗ holen. Er packte ſchnell und freudig ſeine Papiere zu. ſammen, verſchloß die Office und begab ſich nach dem Hotel, wo er ſich eilig ein Mahl bereiten ließ. Dann wollte er noch, ehe er ſich nach Hauſe und an die Ar⸗ beit verfügte, einen Spaziergang machen und lenkte ſeine Schritte nach dem Platze vor ſeiner Wohnung. Allenthal⸗ ben waren Fenſter und Thüren der Häuſer geöffnet und deren Bewohner ſchauten heraus, um die friſche Abend⸗ luft zu athmen. Als er den Platz erreichte, fiel ſein erſter Blick auf Blancha, die allein auf dem Balkon ſaß. Er ſah es deutlich, daß auch ſie ihn in demſelben 63 Augenblick erkannt hatte, denn ſie bewegte ſich raſch, ſchob ihren Seſſel näher an kdas Geländer und ließ ihre Hand mit dem Batiſttuch über daſſelbe herab⸗ hängen. Ihr Anblick ergriff Albert mächtiger als je zuvor, das Glück der Liebe, das ihm ſeine Phantaſie ſo oft vorgezaubert, das er in ſeinen Liedern beſungen, es durch⸗ bebte ihn wie Wirklichkeit und mit ſeiner ganzen Seele hing er an der Engelsgeſtalt der Gefeierten. Er ging auf der Seite des Platzes, an welcher er wohnte; mit jedem Schritte, den er that, erkannte er deutlicher, daß Blancha nach ihm herſchaute. That ſie es aber mit Be⸗ wußtſein oder nur zufällig? Glück und Hoffnung zugleich lenkten ſeine Hand, er zog ſein Tuch aus dem Rock hervor und hob es, verſtohlen nach ihr hinblickend, an den Mund. Ihre Hand mit dem Batiſttuch zuckte, ſie hob ſie zögernd bis auf die Baluſtrade, dann aber zu ihren Lippen empor, Albert preßte beide Hände gegen ſein Herz und ſtürmte in überwogendem Glücke, kaum ſeiner Sinne noch mächtig, in ſeine Wohnung. In demſelben Augenblick kam Herr Dandon in ſeiner prächtigen Equipage nach Hauſe gefahren, denn er hatte unmittelbar nach ſeinem Beſuch bei Albert die Stadt verlaſſen, um bei einem reichen Pflanzer im Lande 64 zu Mittag zu ſpeiſen. Er trat zu ſeiner Tochter auf den Balkon. „Ich hoffe, Du biſt nicht während des ganzen Ta ges ſo allein zu Hauſe geweſen“, ſagte er zu ihr, als ſie ihn an der Thür begrüßte, worauf er ihre Hand in die ſeinige nahm und ſie nach ihrem Seſſel zurück⸗ führte. „Doch, lieber Vater, ich hatte noch einige rückſtän⸗ dige Briefe zu ſchreiben“, entgegnete Blancha mit ſicht⸗ barer Gedankenabweſenheit, ſah auf den Platz hin⸗ unter und wollte ihren Blick an den Blumenfenſtern gegenüber nur hinſtreifen laſſen, er wurde dort aber ge⸗ feſſelt, denn in dieſem Augenblick zog Albert die Vor⸗ hänge zurück und ſchaute regungslos nach Blancha her⸗ über. Ihr Herz erbebte in wonniger Ueberraſchung, ihre Wangen erglühten hoch, und indem ſie ihren Fächer vor ihrem Antlitz entfaltete, ſah ſie ſeitwärts nach Albert hinüber. „Ich habe Dir auch noch nicht geſagt, was ich heute früh bei dem jungen Randolph ausgerichtet habe“, hob Dandon nach einer kurzen Pauſe wieder an. Blancha ſchlug bei dem Namen Randolph den Fächer ſo ſchnell zuſammen, als habe ihn das Wort vor ihr wegge⸗ haucht. Dabei heftete ſich ihr aufglänzender Blick un⸗ geduldig fragend an die Lippen des Alten. In der näch· 65 ſten Sekunde aber ſchlug ſie die Augen nieder und ſah in ihren Schooß, denn ſie fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen ſchoß. „Wirklich, ein ausgezeichneter junger Mann, dieſer Randolph, trotzdem daß er ein Dichter iſt“, fuhr Dandon fort.„Denke Dir nur, daß Portman ſelbſt mir wenig oder eigentlich keine Hoffnung für einen günſtigen Ausgang des Proceſſes machte und daß dieſer Randolph mir mit der größten Beſtimmtheit verſicherte, ich müſſe ihn gewinnen, er ſelbſt wolle es verbürgen, ja er werde auch Portman davon überzeugen. Nun will er mir ein ſchriftliches Gutachten darüber ausarbeiten. Ich muß geſtehen, ich bin ſehr geſpannt darauf, denn es handelt ſich um zwanzigtauſend Dollars, ein hübſches Nadelgeld für meine reiche Erbin.“ „Aber, lieber Vater!“ fiel Blancha in freudiger Bewegung über das Albert geſpendete Lob abwehrend ein. „Ja, ja, es iſt mein Ernſt, Blancha; wenn ich den Proceß gewinne, ſollſt Du das Geld haben, Du darfſt mich beim Worte halten. Wenn der junge Herr nur auch Wort hält und die Arbeit bald vornimmt, denn auf dieſe Poeten darf man nicht rechnen, ſie ſchwärmen im⸗ mer in der Geiſterwelt und vergeſſen darüber oftmals, daß ſie ihren Körper ernähren müſſen. Halbe Narren ſind ſie alle, und dieſer Randolph hat auch 3 Theil Armand, Saat und Ernte. II. 66 davon; als ich ihm eine reiche Belohnung verſprach, wenn er mir behülflich wäre, den Proceß zu gewinnen, antwortete er mir, daß jede Belohnung dem Herrn Portman zukäme, unter deſſen Leitung er arbeite.“ „Das finde ich ſehr ſchön von ihm, lieber Vater“, fiel Blancha mit Vegeiſterung ein.„Er iſt ein edler, be⸗ ſcheidener Mann und die Ehre gilt ihm mehr als das Geld.“ „Und darum iſt er ein halber Narr, denn ohne Geld gibt es keine Ehre“, antwortete Dandon und legte ſich in den Seſſel zurück. „Wie häufig aber gibt es Geld ohne Ehre darum kann das Geld die Ehre nicht erzeugen. Lieber ehren⸗ voll arm als reich und mit Schande beladen“, entgeg⸗ nete Blancha und ſah mit aufleuchtendem Blick nach Albert hinüber, den ſie immer noch durch die eingetretene Dämmerung in ſeinem Fenſter erkennen konnte. Albert ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und überwachte in beſeligender Aufregung jede Bewegung, jeden Blick Blanchas; kaum aber hatte ſie mit ihrem Vater den Balkon verlaſſen, als er ſeine Lampe anzündete, ſchnell das Gutachten für Dandon zur Hand nahm und ſich in deſſen Durchſicht vertiefte. Von Zeit zu Zeit allerdings warf er einen Blick nach Blancha's Fenſtern hinüber, dieſelben blieben aber dunkel, und ſo beendete er die Arbeit 67 ohne Unterbrechung. Er begann nun die Reinſchrift und war ſchon bis zur Hälfte damit vorgerückt, als ein Lichtſchein ſeine Augen nach der andern Seite des Platzes zog und er das Zimmer Blancha's erleuchtet ſah. Dieſe ſelbſt ſtellte die Lampe auf den Tiſch, trat dann auf den Balkon heraus und jette ſich an dem Sn der nieder. Von allen Gefühlen in des Menſchen Bruſt ntiht keins ſo urplötzlich, ſo unverlöſchlich wie die Liebe, keins kann mit ſo Wenigem zufrieden geſtellt werden wie ſie, und keins findet ſo unzählige Mittel und Wege, ſich kundzugeben, ſich mitzutheilen. Es bedarf hierzu kei⸗ nes Wortes, keines Beiſammenſeins; ein Blick, ein Wink, ein Blümchen, ein Fächer, eine Feder auf dem Hute — es gibt nichts, was der Liebe nicht als Dolmetſcher, als Bote diente. Albert und Blancha waren nach den gewöhnlichen Formen geſellſchaftlichen Umgangs einander noch unbe⸗ kannt und doch waren ihre Seelen ſchon verbunden, ihre Herzen ſchon vereint. Sie wußten, daß ſie ſich gegenſeitig liebten, und obgleich ein weiter Raum und das Düſter der Nacht augenblicklich zwiſchen ihnen lag, ſo waren ſie doch beiſammen, ſagten einander, wie gut ſie ſich wären und wie glücklich ſie ſich fühlten. Albert hielt die dunkle Geſtalt des ſchönen Mädchens vor dem 5* 68 Lichtſchein, der aus dem Salon ſtrömte, mit ſeinem ſehnſüchtigen Blick umfangen, und Blancha's Augen hin⸗ gen mit ſeelenvoller Innigkeit an dem Bilde Albert's, welches von dem Lichte ſeiner Lampe beleuchtet wurde. Stunden eilten dahin, die Straßen wurden leer und die Stadt war längſt ſchon zur Ruhe gegangen, und noch ſaßen die Beiden in ihr Glück verſunken und ſchauten nach einander hinüber. Die Nachtluft wurde jetzt aber empfindlich kalt, Blancha richtete ſich empor und trat in die Salonthür, dort blieb ſie ſtehen, hob, nuch Albert hinüberſchauend, ihr Batiſttuch zu ihren Lip⸗ pen auf, dieſer hielt beide Hände nach ihr hin und ſah ſie dann mit der Lampe in dem Nebenzimmer verſchwin⸗ den. Erſt als deſſen Fenſter ſich verdunkelten, griff er wieder nach ſeiner Feder und beendigte mit fliegender Eile die Reinſchrift des Gutachtens für Dandon. Trotz der kurzen Ruhe, die er ſich in dieſer Nacht gegönnt hatte, verließ er ſehr früh am Morgen ſein Lager, ſchaute aber lange vergebens nach dem Balkon hinüber. End⸗ lich zeigte ſich Blancha hinter dem Fenſter und trat gleich darauf aus der Salonthür hervor. So feenhaft ſchön, ſo lieblich hatte Albert ſie noch nie geſehen; im Uebermaß ſeines Glücks faltete er die Hände vor ſeiner Bruſt und ſandte ihr aus tiefſtem Herzen ſeine Grüße zu, und halb geſenkten Hauptes beantwortete Blancha 69 dieſelben verzagt mit einer leiſen Bewegung ihrer ſchnee⸗ igen Hand. Wieder ſaßen ſie ſtill einander gegenüber und fühlten ſich im gegenſeitigen Anſchauen ſo glücklich, ſie ſahen ſich aber nur verſtohlen an, denn die traute Nacht, die ermuthigende Beſchützerin der Liebe, fehlte ihnen. Wie gern hätte Blancha Hut und Shawl genom⸗ men und in der Morgenfriſche einen Spaziergang gemacht, jetzt aber, nachdem ſie es Albert verrathen hatte, daß ſie ihm gut war, jetzt konnte, jetzt durfte ſie es nicht thun. Wo, wie und wann würde ſie ihm nun wohl wieder begegnen? Das war die Frage, die ſie be⸗ ſchäftigte, als ſie bemerkte, daß Albert wiederholt Pa piere von ſeinem Tiſch nahm, damit an das Fenſter trat und ſie dann wieder weglegte. Es kam⸗Blancha vor, als wolle er ihr dieſelben zeigen, was aber konnte er damit beabſichtigen? Da fiel ihr ein, daß er das Gut⸗ achten für ihren Vater anzufertigen übernommen hatte; ſollte er es ſchon beendet haben und ſollten die Papiere es vielleicht enthalten? Ganz recht, da hatte er ſie wie⸗ der in der Hand, er wollte ſie es wiſſen laſſen, daß er die Arbeit bereits vollendet habe. Aber warum? Es durchzuckte Blancha heiß und freudig, vielleicht wollte er das Gut· achten ihrem Vater heute ſelbſt überbringen! Um welche Zeit aber würde er dann wohl kommen? Sicher wußte 70 es Albert, daß ihr Vater immer gleich nach dem Früh⸗ ſtück auszugehen pflegte. Sollte er dieſe Zeit wohl wäh⸗ len? Der Wunſch, er möchte es thun, ſtieg allerdings in Blancha auf, zugleich aber erfaßte ſie eine bange Zag⸗ haftigkeit, eine Unruhe, die ſie nicht bemeiſtern konnte. Als ſie Albert aber frühzeitig mit Papieren unter dem Arm ſeine Wohnung verlaſſen ſah, wahrſcheinlich um ſich nach dem Hotel und von da nach dem Geſchäftslokal Portman's zu begeben, da wurde ſie ruhiger, mit ihrer Aufregung ſchwand aber auch das beglückende Gefühl der Hoffnung, der Erwartung, und mit einer Anwand⸗ lung von Traurigkeit ward ſie ſich ihrer Täuſchung bewußt. Beim Frühſtückstiſch war ſie ſtill und in ſich gekehrt, und als ſie in ihre Gemächer zurückgekehrt war, trat ſie in die Vertiefung eines Fenſters und ſchaute gedan⸗ kenvoll die Straße hinunter. Blancha hatte nicht lange dort geſtanden, da trat ihr Vater aus der Hausthür und ſie folgte ihm mit den Augen über den Platz, bis er am Ende deſſelben in der Straße verſchwand. Dort blieb ihr Blick haften, es war der Fleck, wo ſie geſtern Abend Albert zuerſt bemerkt hatte, als er nach ſeiner Wohnung ging und ihr im Vorübereilen einen Gruß zuſandte. Im Geiſt ſah ſie ihn ebenſo vor ſich, ſie vertiefte ſich immer mehr in das Bild, welches die Phantaſie ihr vorzau⸗ 71 berte, da wurde daſſelbe plößlich Wirichteit, denn Al bert kam aus der Straße herangeeilt. Blancha fuhr aus ihrem Traume auf, ein Freuden laut erſtarb auf ihren Lippen, und einen Schritt vom Fenſter zurücktretend blickte ſie Albert entgegen. Es war keine Täuſchung mehr, er kam über den Platz ge⸗ rade auf ihr Haus zu, er trug Papiere unter dem Arm und ſeine großen dunkeln Augen waren nach Blancha's Fenſter gerichtet. „Mein Himmel, er kommt wirklich“ ſagte ſie halb⸗ laut mit bebender Stimme, eilte verwirrt und unent⸗ ſchloſſen in dem Salon hin und her und trat einen Augenblick vor den Spiegel, da hörte ſie die Hausthür öffnen und gleich darauf den Tritt des Bedienten auf der Treppe, denn ſie hatte nun die Zimmerthür geöffnet und lauſchte in den Corridor hinaus. „Ein fremder Herr wünſcht Herrn Dandon zu ſpre⸗ chen“, ſagte der Diener, zu Blancha tretend. „Ich weiß ſchon, er bringt Acten für meinen Va⸗ ter. Führe ihn hierher!“ entgegnete Blancha. Mit die⸗ ſen Worten war ihre Verlegenheit, ihre Unſchlüſſigkeit verſchwunden. Sie trat in das gimmer zurück, ergriff ihren Fächer und ließ ſich in dem Sopha nieder. Ihr Ohr erfaßte den leichten Tritt des Erſehnten, womit er ſich durch den Corridor nahte Blancha's Wan⸗ 72 gen wurden bleich, die Thür öffnete ſich und Albert trat herein. Er verneigte ſich tief, und Blancha, indem ſie von dem Sopha aufſtand, that desgleichen. Beide ſchwiegen, beiden blieben die Worte auf den Lippen haften. „Ich habe hier eine Arbeit, verehrtes Fräulein“, be⸗ gann Albert, ſeine innere Bewegung bekämpfend, nach einigen Augenblicken und ſah nach Blancha auf. „Mein Vater ſagte mir davon, Herr Randolph“, entgegnete Blancha mit halblauter, unſicherer Stimme; „er wird ſehr bedauern, nicht zu Hauſe geweſen zu ſein.“ „Darf ich Sie dann bitten, die Papiere für ihn in Empfang zu nehmen“, fuhr Albert etwas gefaßter fort, »und werden Sie es mir vergeben, daß ich gerade die⸗ ſen Augenblick zu meinem Beſuche wählte?“ Blancha erröthete, überwand aber ihre Befangenheit und ſagte, mit allem Leibreiz zu Albert aufblickend: „Dem Herrn Randolph habe ich nichts zu verge⸗ ben, denn er hat nichts gethan, was mir unangenehm geweſen wäre, dem Dichter Albert aber bin ich ſo gro⸗ „zen Dank ſchuldig, daß mir die Worte fehlen, ihn aus⸗ zuſprechen; nehmen Sie den guten Willen für die That.“ Bei dieſen letzten Worten hob ſie ſchüchtern ihre Hand nach Albert hin und ſchlug die Augen nieder. Das Blut ſchoß ihr heiß in die Wangen und nach dem 73 Herzen, denn Albert hatte ihre Hand ergriffen und preßte ſeine Lippen darauf; ſie zog ſie nicht zurück, ihre Augen ſchloſſen ſich in unnennbarer Wonne und ſie fühlte, von Albert's Arm umſchlungen, deſſen Lippen auf den ihri⸗ gen. Dann ſank ihr Haupt auf des Jünglings Schul⸗ ter und ſie barg ihr glühendes Antlitz an ſeiner Bruſt. „Himmliſche Blancha, iſt es Wirklichkeit, iſt es Wahrheit!“ ſtammelte Albert im Uebermaß ſeiner Se⸗ ligkeit; doch Blancha hatte keine Worte, ſie bebte in ſei⸗ nen Armen, ſie hörte ſeines Herzens Schläge und die ihrigen zugleich und hielt ihre geſchloſſenen Augen an ſeine Bruſt, als fürchte ſie aus ihrem Wonnetraum zu erwachen. „O ſage es mir, Du engelſüßes Weſen, Du mei⸗ ner ſeligſten Träume Göttin, ſage es mir, daß Du mich liebſt, laß mich, Du ſchöne Fee, mit einem Wort in den Himmel ein, den mir Dein erſter Blick gezeigt, ge⸗ öffnet hat!“ ſagte Albert, von dem unverhofften, über⸗ großen Glücke hingeriſſen und hob ihr Antlitz bittend von ſeiner Bruſt auf. „Ja, Albert, ich liebe Dich innig, mit meiner 1— ganzen Seele, mit meinem ganzen Sein, ich bin Dein und will Dir angehören in dieſem und in jenem Leben“, antwortete Blancha mit der innigen Hingebung der erſten Liebe und hob ihre ſeelenvollen ſchönen Augen 74 „ zu Albert auf, als wolle ſie ihn die Wahrheit ihrer Worte in ihnen leſen laſſen. Dann ſchmiegte ſie ſich wieder an ſeine Bruſt und gab ſich ſeinen Liebkoſun⸗ gen hin. Wieder und immer wieder wechſelten ſie die Ver⸗ ſicherungen ewiger Liebe und ewiger Treue und bemerk⸗ ten nicht den eiligen Flug der Zeit, bis plötzlich der melodiſche Klang der prächtigen Uhr vor dem Spiegel, womit dieſelbe die Mittagsſtunde anzeigte, ſie aus ihrem Wonnerauſche weckte. „Du mußt mich verlaſſen, mein Albert“, ſagte Blancha, erſchrocken nach der Uhr hinſehend.„Mein Va⸗ ter wird nun bald aus dem Leſeclub zurückkehren und er darf von unſerm Bunde noch nichts erfahren; er hat harte Vorurtheile gegen einen Jeden, der nicht reich iſt. Ich bin aber und bleibe Dein für die Ewigkeit! Wann werde ich Dich wiederfinden?“ „Bald, bald, Du, meine Seligkeit, bald, noch heute“, antwortete Albert außer ſich.„Kann ich Dich des Abends auf der Promenade treffen oder gehſt Du irgendwohin zu Beſuch?“ „Ich will Dir ſagen, Albert, ich habe eine liebe treue Freundin, der wir unſer Glück vertrauen dürfen. und bei ihr können wir uns wiederſehen. Madame Newberry, Deine freundliche Hauswirthin iſt es; ſie war 75 auch die Vertraute meiner lieben Anna, und wie un⸗ endlich glücklich iſt dieſelbe geworden. Ich werde heute Abend zu ihr gehen und iht mein Herz öffnen und Dir dann einen Liebesboten hinaufſenden, damit Du zu Dei⸗ ner Blancha herabkommſt. Nun aber eile, mein Albert, meine treue, innige Liebe geht mit Dir.“ Hiermit ſchmiegte ſich Blancha nochmals an Albert's Bruſt und empfing deſſen Lippen in langem ſeelenvol⸗ lem Kuſſe auf den ihrigen dann aber ſchieden ſie haſtig. Albert deutete noch auf die mitgebrachten Papiere, die auf dem Tiſche lagen. und verließ, das Herz voll Se⸗ ligkeit, eilig das Haus. Fi ——— Harry Williams ſchaute, als ihn das Schiff von Madeira wegtrug, ſo lange noch nach der ſchönen, ſon⸗ nigen Inſel zurück, als er deren blaue Umriſſe aus dem Duft der Ferne erkennen konnte; er hatte dort ſo viele vergnügte, glückliche Stunden verlebt, daß das Lebewohl. welches er jetzt auf Nimmerwiederkehren hinüber ſandte, ihm recht nahe ging, und doch fühlte er ſich leicht und wohl bei dem Gedanken, daß er die Inſel hinter ſich zurückließ und daß die erſten Nachrichten, die ſein be⸗ freundeter Kapitän von London ſenden würde, ihn dort nicht mehr treffen konnten. Er lachte laut auf über die 76 gelungenen Wendungen, durch welche er dem Schickſal die Oberhand abgerungen hatte, und zollte ſeinem erfah⸗ renen Rathgeber Holecroft Anerkennung für die Lehre, auf Koſten der gewöhnlichen Menſchen zu leben. Schade um ihn, dachte Harrh, denn unter ſeiner Leitung würde er ſicher bald zum reichen, unabhängigen Manne gewor⸗ den ſein, doch meinte er auch ohne ihn, ſeinem Lehr⸗ ſatz getreu, dies Ziel erreichen zu können. Braſilien war ein Land der Schätze, der Juwelen, der Sklaverei und der Unwiſſenheit, und in einer oder der andern Rich⸗ tung mußte dort für Harrh ein Weg zu ſeinem Glück zu finden ſein. In hochfliegenden Träumereien durchzog er den Ocean, von Tag zu Tag ſteigerte ſich ſein Ver⸗ langen nach dem Wunderlande und mit goldenen Hoff⸗ nungen begrüßte er endlich die blauen Gebirge Braſiliens. Es war ein reizender, luftbewegter, friſcher Morgen, als das Schiff mit Harrh Williams zwiſchen dem Zucker⸗ hutberg und dem Felſen, an welchem die Feſtung Santa⸗ Cruz liegt, in die zauberiſch ſchöne, mit üppig grünen Inſeln geſchmückte Bai von Rio de Janeiro einſegelte und ſich auf den ſpielenden grünen Wogen der Kaiſer⸗ ſtadt zuſchaukelte. Stufenweiſe hob ſich die Stadt mit ihren Kirchen, Thürmen und Kuppeln an den Bergen empor und glänzte in der Morgenſonne Harrh's Blicken entgegen wie Gold⸗ und Silbermaſſen, über denen ſich die nahen und fernen Tropenwälder wie Purpurgewänder wölkten, während es auf den kryſtallklaren Wellen vor ihm wie eine Brillantenſaat blitzte und zitterte. Ein Reeichthum, eine Pracht lag in dem Bilde vor Harry's Blicken entfaltet, wie ſein Auge nie früher geſehen, und das Wort„kaiſerlich“ reizte ſeine Phantaſie, ihm alle Schätze des Orients hier aufgehäuft vorzuzaubern. Bei ſeiner Ankunft an dem Werfte der Stadt freilich ver⸗ blich das glänzende Traumgebilde ſehr, die elenden Ge⸗ bäude, die ſumpfigen Straßen, die ſchmuzigen Trottoirs und die in Lumpen gehüllten Menſchen, die ſie belebten, machten dem Amerikaner den Eindruck der Armuth, der Faulheit und des Elends. Er dachte an das jugendlich friſche Bild einer amerikaniſchen Stadt mit deren mar⸗ kiger, willens. und thatkräftiger Bevölkerung wo man es jedem Einzelnen, vom Präſidenten bis zum Karren⸗ ſchieber hinab, anſieht, daß derſelbe unabhängige, un⸗ beugſame Geiſt ihn beſeelt, daß er das Bewußtſein in ſich trägt, ſelbſt an der Regierung ſeines Vaterlandes Theil zu nehmen, und daß er ſein eigenes Schickſal in eigener eiſerner Hand zu halten glaubt. Wie erbärm⸗ lich, wie verkommen dagegen kamen ihm die Nachkom⸗ men der alten, einſt ſo großen Spanier vor! Klein, mark- und ſaftlos, ſkrophulös und, kaum erwachſen, ſchon verlebt, ſchlichen die winzigen Geſtalten umher wie 78 Wagehälſe, weil ſie es riskirten, auf ſolchen Spindelbei⸗ nen zu gehen, und dennoch blitzten und glühten ihre ſchwarzen Augen aus ihren vertrockneten braunen Ge⸗ ſichtern hervor, als beſeele ſie ein lebendiger Geiſt. Statt hochherziger Begeiſterung, ſtatt ſtolzen Selbſtbewußtſeins aber lag verſchmitzte Schlauheit, Argliſt und knechtiſche Gewandtheit in ihren Blicken, und man ſah es ihnen an, daß ſie ſtets bereit wären, ſich vor Andern in den Staub zu bücken oder ſie mit Füßen zu treten. Gleich bei Ankunft des Schiffes hatten ſich viele Offiziere und Civilbeamte an Bord eingefunden, um die Papiere des Kapitäns zu empfangen, den Geſund⸗ heitszuſtand der Mannſchaft zu unterſuchen und das Löſchen der Ladung zu überwachen. Wie die Sieger in einer eroberten Feſtung ſtolzirten dieſe zwergartigen Caricaturen in ihren großen Federhüten, mit Goldſticke⸗ reien überladenen Röcken und ungeheuren goldenen Epau⸗ letten auf dem Verdeck hin und her und befahlen, daß noch durchaus nichts aus dem Schiffe an das Land ge⸗ bracht werde. Der Kapitän, der ſchon früher auf ſeinen Reiſen hier geweſen und mit den Verhältniſſen und Ge⸗ bräuchen bekannt war, hatte aber in der Kajüte ein Früh⸗ ſtück und Wein auftragen laſſen und bat die Herren, einzu⸗ treten, um ſich zu erfriſchen. Bei dieſer Gelegenheit drückte er einem jedem derſelben einige Goldſtücke in die Hand, welche ſie mit vertraulichem Nicken ſchweigend hinnahmen, ihren Unterbeamten einen Wink gaben, dem Ausladen des Schiffes nicht länger im Wege zu ſtehen, und dann der Einladung zum Frühſtück folgten. Nach demſelben erkaufte ſich Harry auf Anrathen des Kapi⸗ täns in gleicher Weiſe von einem der betreffenden wür⸗ digen Beamten die Erlaubniß, ohne weitern Aufenthalt ſein Gepäck an das Land bringen zu dürfen, empfahl ſich dann allen aufs höflichſte und trat ſeinen Weg nach einem Hotel an. Er erreichte bald den Polaſtplatz, an deſſen linker Seite die kaiſerliche Reſidenz in Form eines gewöhnlichen Wohnhauſes ſich erhob, während die Markthalle gegenüber an der andern Seite des Platzes ſtand. Dieſe war mit Menſchen aus den untern Klaſſen der Bevölkerung gefüllt, man konnte nicht ſagen belebt, denn alle ſchienen die Mühe der Bewegung zu ſcheuen, ſtanden, ſaßen und lagen in Gruppen umher und die meiſten von ihnen gaben keine Veranlaſſung zu erken⸗ nen, weshalb ſie ſich eigentlich hier befunden. Nur die Verkäufer von Lebensmitteln ſchrieen ihre Waaren aus und riefen jeden Vorüberſchleichenden an. Als Harry aber bei ſeiner Wanderung in mehrere Hauptſtraßen gelangte, wo ihm die prächtigſten Gold⸗ und Silber⸗ läden mit ihren Juwelen entgegenblitzten und reich geputzte Damen vor ihnen die Trottoirs belebten, dä 80⁰ ſteigerte ſich ſeine Begeiſterung für dieſes Land abermals und mit den kühnſten Hoffnungen erwiderte er die Blicke der ſchwarzen Augen, die ſich neugierig und ein⸗ ladend auf ihn richteten. Nachdem er ſich in dem beſten Hotel der Stadt eingemiethet hatte, war ſein erſtes Geſchäft, ſich nach Holcroft umzuſehen, denn eine Möglichkeit lag ja doch vor, daß derſelbe gleichfalls dem Tode entgangen ſei. Harrh's Bemühungen während mehrerer Tage blieben jedoch erfolglos, und da er eigentlich zu keiner ſolchen Hoffnung berechtigt war, ſo gab er alle weitern Nachforſchungen auf. Sein Kaſſenbeſtand überhob ihn für den Augenblick jeder Sorge, und wegen ſeiner Zukunft brauchte er ſich keiner ſolchen hinzugeben, denn er befand ſich ja in einem Lande, wo es ein Leichtes ſein mußte, Vermögen zu er⸗ werben. In welcher Weiſe er dies nun vollbringen wollte, überließ er den Zufälligkeiten, wie ſie ihm das Leben vorführen würde, beſchloß aber, keine Gelegenheit dazu vorübergehen zu laſſen, ſich gleich mit Menſchen, Zuſtänden und Verhältniſſen hier bekannt zu machen und namentlich ſich um den Zutritt in angeſehenen Familien zu bemühen. Hiermit war ſein Plan gemacht, und nun wandte er ſich den Beluſtigungen zu, welche die Stadt und deren Umgebung ihm boten. Er beſuchte alle öffent⸗ üchen Vergnügungslokale, das Theater, das Stiergefecht, 81 die Kaffeehäuſer und Billardräume und erſchien in ge⸗ wählter Toilette zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß auf den Promenaden. Eines Tags fuhr er am Strande hin durch die Vorſtadt nach St. Chriſtoph, dem Winteraufenthalt des Kaiſers und dem Vergnügungsort der vornehmen Welt von Rio, und trat dort in einem Kaffeehaus in deſſen 3 Billardſaal ein. Das Billard war von vielen Spielenden. umgeben und ein breitſchultriger Mann hatte ſich über daſſelbe gebeugt, um einen Stoß auszuführen, als Harry ihn bemerkte und überraſcht zur Seite trat, um ihm in das Geſicht zu ſehen. Kaum traute er ſeinen Augen, denn er erkannte in ihm ſeinen Freund Holcroft. „Holcroft! Iſt es möglich?“ rief er jubelnd aus. 2 Dieſer warf bei dem erſten Ton von Harrh's Stimme das Queue weg und fuhr nach ſeinem todtgeglaubken jungen Gefährten herum. „Williams, bei allen Teufeln! Williams, iſt es Ihr Geiſt oder ſind Sie es ſelbſt?“ rief er aus und ſtreckte ihm beide Hände entgegen, die dieſer in höchſter Aufregung ergriff, dann ſeinen Arm um die breiten Schultern des Sklavenhändlers ſchlug und ihn ſeitwärts in ein Fenſter zog. Nach den erſten ſtürmiſchen Be⸗ grüßungen aber wandte ſich Holcroft an ſeine Spiel⸗ geſellſchaft, bat ſie höflich, ihn zu entſchuldigen, wenn S 6 Armand, Saat und Ernte. II. ₰ er jetzt ſchon austräte, und führte Harry dann nach der Schenkſtube, um das unverhoffte Wiederſehen bei einer Flaſche Champagner zu feiern. „Bei allen guten und böſen Geiſtern aber ſagen Sie mir nun, wie Sie den Haifiſchen entgangen ſind“, begann Holcroft, nachdem beide ihre Gläſer geleert hatten, worauf Harry ihm einen treuen Bericht über ſein Verfahren abſtattete. „Bravo, junger Freund, das hätte ich ſelbſt nicht beſſer machen können“, rief Holcroft lachend aus und ſetzte, die Gläſer füllend, hinzu: „Der reiche Plantagenbeſitzer ſoll leben! Was Sie noch nicht ſind, können Sie noch werden!“ Wieder ſchäumte der Wein über ihre Lippen, und beide thaten einige Züge aus ihren Cigarren, als Hurrh ſagte: „Nun aber laſſen Sie mich auch hören, wie Sie dem Tode entgangen ſind. ² „Das iſt bald erzählt“, entgegnete Holcroft.„Als Sie mir unter der Hand verſchwanden und der Sturm Ihren Angſtſchrei an meinem Ohr vorbeijagte, ließen wir das Boot hinab und ſprangen hinein; ich ſchnitt raſch die Taue durch, die uns noch an dem berſtenden Schiffe feſthielten, denn die ganze Mannſchaft wäre ſonſt in das Boot geſtürzt und hätte es ſo tief in das Waſſer gedrückt, daß uns die erſte Woge verſchlungen haben würde. So blieben ſechs Mann an Bord zurück und die See trug uns im Augenblick aus dem Bereiche ihrer Hülferufe, ihrer Flüche und Verwünſchungen. Ihr Aerger wird nicht von langer Dauer geweſen ſein, denn das Schiff brach ſchon auseinander, als wir es verließen. Es war eine böſe Nacht, und kaum reichten unſere Kräfte hin, das Boot über Waſſer zu halten. Nun, Sie wiſſen es ja am beſten, wie bald das Wetter ſich än⸗ derte, und da trieben wir im heißen Sonnenbrand auf der glatten See ohne einen Tropfen, um unſern Durſt zu löſchen, ohne Lebensmittel, um den Hunger zu ſtillen. Drei Tage kamen und vergingen, und wir waren auf dem Punkt, die Haifiſche zu unſern Erben einzuſetzen, als ein Schiff uns zu Hülfe kam, uns aufnahm und auf Barbadoes landete. Mein lederner Gürtel war noch reich mit Gold verſehen und ſo wurde es mir leicht, eine Ueberfahrt hierher zu bedingen. Ich hätte aber eher an meinen Tod geglaubt, als daß ich Sie hier wiederfinden ſollte. Unſer Glücksſtern ſteht hoch am Himmel; hier, dies Glas auf eine glänzende Unternehmung!“ Bei dieſen letzten Worten Holerofts. zede abermals ihre Gläſer und leerten ſie in hochfliegender Begeiſterung. N 84 Die zweite und die dritte Flaſche Champagner tranken ſie aus und beſtiegen dann in ſehr heiterer Stimmung das Fuhrwerk Harry's, welches ſie ſchnell nach der Stadt zurückbrachte. Harrh zahlte ſeine Rech⸗ nung in dem Hotel, wo er wohnte, und ſiedelte dann nach dem Gaſthof über, in welchem Holeroft abgeſtiegen war. Die Weinlaune verflog bald und die beiden Abenteurer ſaßen, als die Sonne hinter den Tropen⸗ wäldern verſank, auf dem kleinen Balkon vor Holcroft's gimmer und ließen ſich von der friſchen Seeluft um⸗ ſpielen, die eben den Spiegel der Bai zu kräuſeln begann. „Nun aber, Holcroft, welche Ausſichten haben wir auf baldige Thätigkeit?“ nahm Harrh das Wort. „Die Unternehmung, wegen welcher wir hierher ka⸗ men, iſt uns entgangen, weil ich zu ſpät eintraf“, antwortete Holcroft.„Das Haus, welches das Schiff für mich zu einer Reiſe nach Afrika ausgerüſtet hatte, konnte nicht länger warten und hat einen andern Kapitän an meine Stelle geſetzt. Augenblicklich iſt nichts in der Luft, es wird aber nicht lange dauern, ſo macht man mir Anerbie⸗ tungen, denn eine glücklichere Hand als die meinige hat noch niemals mit Wollköpfen gehandelt. Die Preiſe von Colonialwaaren ſind ſehr hoch, und das beſtimmt den Werth der Neger. Wir dürfen es die Leute hier 85 aber nicht wiſſen laſſen, daß wir um ein Geſchäft ver⸗ legen ſind, ſonſt bieten ſie uns ſchlechte Bedingungen.“ „Nun, wir können es ja vorläufig abwarten“ fiel Harry ein.„Wenn nur die Weiber ſchöner wären, ich habe wahrhaftig noch kein wirklich ſchönes Mädchen geſehen.“ „Ich werde Ihnen nach dem Abendeſſen doch ſo etwas von Tropenglut in einem Augenpaar leſen laſſen, von deſſen Eigenthümerin Sie ſagen ſollen, daß ſie ſchön ſei“, nahm der Sklavenhändler wieder das Wort. „Es muß Alles in Einklang ſtehen. Zu einem brennen⸗ den Vulkan gehört eine dunkle Umgebung; die Nacht mit Blitzen und Wetterleuchten kann ebenſo prächtig ſein wie der Tag mit ſeinem Sonnenlicht. Uebrigens haben Sie Recht, Schönheiten gehören hier zu den Sel⸗ tenheiten; die Raſſe taugt nichts mehr, es muß neues Blut hineingebracht werden.“ Am folgenden Morgen machten die beiden Glücks⸗ ritter einen Spaziergang durch die Straße Direita, als Holeroft ſagte: „Wir wollen jetzt einmal nach dem Werfte gehen, um uns ſehen zu laſſen; dort wird eine Art von Börſe gehalten und ſämmtliche Unternehmer in Ebenholz(Ne⸗ ger) ſind augenblicklich dort zu finden.“ So wanderten ſie Arm in Arm die Straße hinab 86 und über den Palaſtplatz nach dem Strande, wo ſie bei der Landungsbrücke ſtehen blieben und ihre Aufmerk ſamkeit auf die neu angekommenen Fahrzeuge zu richten ſchienen. Holeroft's Blicke aber ſchoſſen verſtohlen hin und her durch die Menſchenmenge, welche hier verſammelt war, und nach einigen Minuten ſagte er zu ſeinem Ge⸗ fährten: „Sehen Sie ſich nicht um, Williams! Wenn ich nicht irre, ſo kommt der Hauptagent für den Sklavenhandel hinter uns her, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er ein Anerbieten für mich hätte.“ Darauf zeigte Holcroft mit dem Arm nach einem kleinen Schiffe hin, welches ſich dem Werfte nahte und eben ſeine Segel einzog. Er ſprach laut darüber und that gar nicht, als ob er den kleinen, alten, vertrockne⸗ ten Herrn bemerke, der jetzt von der Seite auf ihn zu trat. „Guten Morgen, Kapitän Holeroft! Ich habe Sie ja lange nicht geſehen und glaubte wirklich, Sie wären abgereiſt“ ſagte der Alte mit grinſend freundlichem Lä- cheln und reichte dem Sklavenhändler die Hand. „Noch nicht, aber morgen oder übermorgen werde ich mich nach Havanna einſchiffen, von wo mir drin⸗ gende Offerten gemacht ſind. Erlauben Sie mir aber Signor Salerio, Ihnen meinen Freund Kapitän Jones 87 vorzuſtellen“, ſagte Holeroft, indem er auf Harry zeigte, worauf dieſer und der alte Braſilianer ſich gegenſeitig verneigten. Nachdem die Beiden ſich die Hand gedrückt hatten, nahm Salerio wieder das Wort:„Warum denn nach Havanna, wenn Sie hier vielleicht ein Engagement er⸗ halten könnten?“ „Das Geſchäft iſt hier zu erbärmlich geworden. In Havanna bezahlt man ſeine Leute beſſer nach Qualität, hier benutzt man jeden Lump, wenn man ihn billig erhalten kann, und bedenkt nicht, welche Kapitalien man ihm anvertraut. Havanna iſt der Platz für mich und meinen Freund hier“, entgegnete Holcroft mit Be⸗ ſtimmtheit. „Und wenn man nun hier Ihre Dienſte ebenſo anerkennen und belohnen würde wie in Havanna, warum dann dorthin gehen? Hören Sie, Kapitän Holeroft, ich ſuchte Sie geſtern ſchon, ich habe ein Anerbieten für Sie; wenn Sie es annehmen wollen, ſollen Sie in jeder Weiſe zufrieden geſtellt werden. Nennen Sie mir Ihre Bedingungen für eine Reiſe nach der Küſte von Afrika in einem Fahrzeuge, welches zwiſchen zwei und dreihundert Neger faßt; ich bin beauftragt, Sie dafür zu engagiren.“ „Allerdings, wenn Sie ſo reden dann kann ich mir 88 die Reiſe nach Havanna erſparen“, verſetzte Holcroft. „Welches Schiff will man mir denn geben?“ „Es iſt die Brigg Tereſa, welche kürzlich beſchädigt hier einlief und als ſeeuntüchtig condemnirt wurde. Aber, unter uns geſagt, dies geſchah nur meinen Freun⸗ den zu Gefallen, damit dieſelben das Fahrzeug um einen Spottpreis kaufen konnten; mit einer kleinen Ausbeſſe⸗ rung iſt es ſo gut, als wenn es eben vom Stapel käme und ſegeln kann es wie ein Falke. Dort unten liegt die Brigg, wenn Sie ſich dieſelbe anſehen wollen.“ „Ich werde ſie in Augenſchein nehmen und Ihnen dann meine Antwort geben“, erwiderte Holcroft. „Sie finden mich in meiner Office“, ſagte Salerio, reichte dem Sklavenhändler die Hand und ſchritt davon, während Holcroft mit Harry an dem Werft hin die Richtung nach der bezeichneten Brigg einſchlug. „Ich für meinen Theil danke ganz gehorſamſt da⸗ für, mein Leben auf einem condemnirten Schiffe der See preiszugeben. Die letzte Schwimmpartie war gerade genug für mich“, ſagte Harrh im Vorwärtsſchreiten. „Thorheit!“ fiel Holeroft ihm in die Rede.„Sie werden ſehen, daß die ganze Geſchichte eine Betrügerei iſt, für welche die Aſſecuranzcompagnien im Norden bezahlen müſſen. Wir wollen uns aber ſelbſt über⸗ zeugen.“ 89 Sie hatten bald die Brigg Tereſa erreicht und fanden nach genauer vorſichtiger Unterſuchung derſelben, daß Don Salerio die Wahrheit geſagt und daß der Schaden, den das Schiff erlitten hatte, nur ein äußerer war, den man leicht wieder ausbeſſern konnte. Darauf gingen ſie in die Stadt zurück, der Skla⸗ venhändler nach Salerio's Geſchäftslokal und Harrh nach dem Gaſthauſe. Nach Verlauf von einer Stunde trat Holcroft mit den Worten zu Harry in das Zimmer: „Nun, mein fliegender Kapitän Jones, ſind Sie reiſefertig? In acht Tagen müſſen wir auf der blauen Tiefe ſchwimmen. Ich habe den Contract für dreißig⸗ tauſend Dollars abgeſchloſſen, die man mir zahlt, wenn ich die Ladung Neger hier lande; Schiffsmannſchaft, Waffen und Proviant werden mir geliefert, nur habe ich meinen fliegenden Kapitän ſelbſt zu ſtellen. Ich zahle ihm achttauſend Dollars für die Reiſe, und nun fragt es ſich, ob Sie, mein lieber Williams, die Stelle an⸗ nehmen wollen.“ „Mit Freuden, Holcroft, und mit meinem beſten Dank; ich werde meinem Lehrmeiſter Ehre zu machen ſuchen“ entgegnete Harrh, indem er in die ihm vom Sklavenhändler entgegengehaltene Hand einſchlug. Am folgenden Morgen ſchon war die Brigg Tereſa aufs Trockene gelegt, um ſie genau unterſuchen und aus⸗ 90 beſſern zu laſſen, wobei Holeroft ſich von Zeit zu Zeit einfand und ſelbſt die Arbeit überwachte und nachſah. Während das Schiff nun auf das vollkommenſte für die Fahrt ausgerüſtet wurde, ließen die Eigenthümer deſſelben, in deren Dienſte Holcroft getreten war, alle nöthigen Schiffspapiere in zwei Exemplaren ausfertigen. Die einen lauteten für die Brigg Clara, Kapitän Jones, nach der Küſte von Afrika beſtimmt, um dort eine La⸗ dung Palmöl, Hölzer, Goldſtaub, Elfenbein u. dgl. ein⸗ zunehmen und damit nach Boſton zu ſegeln, welche Pa⸗ piere von dem amerikaniſchen Conſul in Rio unterzeich⸗ net wurden. Die andern Exemplare ließen ſie durch die braſilianiſchen Behörden für die Brigg Tereſa, Kapitän Holeroft ausſtellen, welche nach der Küſte von Afrika zu fahren und von dort nach irgend einem Hafen Braſi⸗ liens zurückzukehren hatte. Dieſe ganz verſchieden lautenden Papiere wurden in zwei luft⸗ und waſſerdicht zu verſchließende Blechbüch. ſen gethan, um gelegentlich bei einer Unterſuchung des Schiffes durch einen Kreuzer die eine oder die andere an einem Strick in die See zu verſenken. Während Holeroft nun mit der Ausrüſtung ſehr beſchäftigt war, benutzte Harry die Zeit bis zur Abreiſe, um ſeine geſammelten Lokalkenntniſſe zu ſeiner Unter⸗ haltung und ſeinem Vergnügen auszubeuten, und ſo ver⸗ ſtrichen für beide die Tage außerordentlich ſchnell. Der letzte, den ſie in der Kaiſerſtadt verleben ſollten, neigte ſich gleichfalls, beide leerten noch einmal den vollſten Freudenbecher, den Rio ihnen bieten konnte, und am folgenden Morgen mit dem Grauen des Tags ſagten ſie Braſilien Lebewohl und ſegelten mit der Brigg Te⸗ reſa in den Ocean hinaus. Liertes Kapitel. Es war ein prächtiger Morgen, das Meer zeigte ſich in ſeiner beſten Laune und rollte ſeine ſchaumgekrön⸗ ten Wogen wie kryſtallene Berge rauſchend dahin, und die beiden Abenteurer ſaßen mit hochfahrenden Hoffnun⸗ gen für das Gelingen ihrer Unternehmung beiſammen auf dem Verdeck über der Kajüte und ließen ihre offene Bruſt von der erfriſchenden Seeluft umſpielen. „Wenn wir nur Vorrath von Negern an der Küſte finden, ſodaß wir nicht zu lange in der Höllenglut zu verweilen brauchen, welche auf den engen, von Wald eingeſchloſſenen Buchten liegt; man wird dort von Mos quitos aufgefreſſen“, ſagte Holcroft zu ſeinem Gefährten. „Daran ſoll es wohl nicht fehlen“, entgegnete Harry,„denn wie ich hörte, iſt der Sklavenhandel im vergangenen Jahre bedeutend geweſen, und der Verdienſt, der dadurch jenen ſchwarzen Häuptlingen und Königen zugefloſſen, hat ſie ſicher gereizt, in dieſem Jahre ein noch beſſeres Geſchäft zu machen.“ 93 „Gerade aus dieſem Grunde fürchte ich, daß die Neger rar ſind. Das letzte Jahr hat Afrika nahe an dreimalhunderttauſend Wollköpfe gekoſtet, wenn auch viel⸗ leicht kaum ein Sechstel dieſer Zahl die Küſte von Ame⸗ rika erreicht hat. Die Sklavenhändler in Nord- und Südamerika ſchließen Contracte mit den Plantagenbe⸗ ſitzern ab, wonach ſie denſelben eine gewiſſe Anzahl Sklaven zu liefern haben. Sie ſenden ihre Schiffe nach Afrika, dieſelben werden dort mit ſchwarzem Fleiſch be⸗ laden und treten ihre Rückreiſe an. Fällt nun die La⸗ dung in die Hände eines Kreuzers, oder wird ſie bei Annäherung eines ſolchen ſchnell über Bord geworfen, um die Schiffsmannſchaft vor dem Aufhängen zu be⸗ wahren, ſo befreit dies den Sklavenhändler in Amerika nicht von ſeinen eingegangenen Contracten mit den Pflan⸗ zern, er muß die beſtimmte Zahl Neger liefern und einen neuen Verſuch machen, ſolche ſich zu verſchaffen. etzt werden Koſten geſpart, alte, zerbrechliche Schiffe werden benutzt, die Neger werden enger zuſammengepackt, um mit demſelben Geld die doppelte Zahl zu erhalten und dadurch den Verluſt an der vorigen Ladung zu decken. Darum, je mehr Neger die Engländer und Spa⸗ nier vor der Sklaverei in Amerika bewahren, um ſie in ihren eigenen Colonien jahrelang als Sklaven arbeiten zu laſſen und dann das ſchön klingende Wort„frei“ 94 über ſie auszuſprechen, anſtatt ſie gleich bei Empfang⸗ nahme in ihr Vaterland zurückzubringen, deſto mehr Neger werden von Afrika abgeholt, denn die Contracte müſſen ausgeführt werden, koſte es, was es wolle. Im letzten Jahre ſind die Engländer ſehr glücklich geweſen, und das iſt die Urſache, daß in dieſem Jahre das Ge⸗ ſchäft mit aller Gewalt betrieben werden wird. Der Be⸗ darf von fünfzigtauſend Sklaven kann Afrika immer eine halbe Million Köpfe koſten, weil die Engländer nicht die Küſten bewachen, damit die Sklavenſchiffe nicht auslaufen können, ſondern weil ſie ihnen weit draußen in dem Ocean auflauern, um ein gutes Geſchäft da⸗ bei zu machen.“ Hier unterbrach ſich Holeroft in ſeiner Rede, um ein paar Züge aus ſeiner Cigarre zu thun, und fuhr dann fort: „Sehen Sie, Williams, das nennt man im Großen und unter dem Scheine des Rechts, der geprieſenen Menſchlichkeit auf Koſten ſeiner Mitmenſchen leben, und wenn unſereins einmal ein gutes Geſchäftchen macht, wobei er Witz und Talent entfaltet, dann ſchreit die ganze Welt Mordio, während man auf der andern Seite die Engländer noch hochpreiſt für die Humanität, daß ſie ſich für jeden gefangenen Neger fünfundzwanzig Dollars Kopfgeld berechnen, welches derſelbe als Frei⸗ * * 95 heitscandidat fern von ſeiner Heimat in einer engliſchen Colonie abverdienen muß, um nachher als freier Mann das Sklavenleben dort bis an ſein Ende fortzuführen. Aber ſchauen Sie ſich doch einmal nach Braſilien um, die ſchönen blauen Berge verſchwimmen ſchon in dem Duft der Ferne.“ „Ich wollte, wir ſteuerten mit voller Ladung ſchon wieder dieſen Bergen entgegen“ verſetzte Harry, nach der Küſte zurückblickend. „Der Wunſch iſt kein weiſer, junger Freund“, fiel Holcroft ein,„denn mit ſeiner Erfüllung hätten Sie ſchon ſo viele Monate mehr von Ihrer kurzen Lebens⸗ zeit hinter ſich liegen. Man muß niemals die Zukunft herbeiwünſchen und ſich vorwärts ſehnen, oder man ver⸗ ſäumt die Gegenwart zu genießen, die einzig und allein einen wirklichen Werth für uns Menſchen hat. Ich ſehne mich nie nach einer ſpätern Zeit.“ „Hoho, Freund Holcroft! Ich möchte wohl wiſſen, wonach Sie ſich geſehnt haben, als Sie hungrig und durſtig in dem Boote auf der See umhertrieben! Ich ſollte denken, Sie hätten wohl nach der Zukunft verlangt. Ich wenigſtens bekenne, daß ich während meines mun⸗ tern Spazierritts durch das Meer auf meinem hölzernen Pferde, dem Bret, mich ſehr nach einer Zukunft geſehnt habe, in der ich eine gut beſetzte Tafel, eine Flaſche Ma⸗ — 96 deira und nachher ein gutes Bett zu meiner Verfügung haben würde.“ „Ganz recht!“ lachte Holcroft auf.„Wenn einem das Feuer ſo ſehr unter den Sohlen brennt, dann mag man ſchon etwas eilen, im gewöhnlichen Leben iſt es aber nicht weiſe.“ „Und wenn ich meine Weisheit noch ſo ſehr da⸗ durch an den Pranger ſtelle, ſo leugne ich es doch nicht ab, daß ich mich ſehr nach dem Mittagseſſen ſehne, um den Champagner zu verſuchen, den ich mitgenommen habe“, fuhr Harry lachend fort. „Warum nicht die Gegenwart nützen und den Cham⸗ pagner jetzt verſuchen?“ antwortete Holcroft und rief dem Kajütendiener zu, eine Flaſche davon heraufzu⸗ bringen. Mit immer vollen Segeln und unter ungetrübtem blauen Himmel eilte die Tereſa Woche auf Woche da⸗ hin, ohne ihren Curs zu ändern und ohne einem andern Fahrzeuge zu begegnen, bis plötzlich eines Morgens der wachthabende Matroſe im Maſtkorbe die Schiffsmann⸗ ſchaft aus ihrer nachläſſigen Ruhe aufjagte und ein Segel im Süden anmeldete. Alle hefteten ihre Blicke ſpähend nach dem weißen Pünktchen, welches ſo eben am Horizont über der See auftauchte, und Holcroft ſprang mit dem Fernrohr in der Hand nach dem Maſt⸗ 97 korb hinauf, um ſich über den Charakter des Schiffes Sicherheit zu verſchaffen. Nach wenigen Minuten ſchon hatte er dies gethan und ſtieg mit dem Rufe:„Ein engliſcher Kreuzer!“ eilig wieder auf das Verdeck herab. „Wenn der Engländer uns anruft, um zu uns an Bord zu kommen, ſo müſſen ſich zehn Mann von Euch in ihre Betten verkriechen“, ſagte Holcroft mit unver⸗ änderter Ruhe zu der ungewöhnlich zahlreichen Mann⸗ ſchaft und wandte ſich dann ſcherzend mit den Worten zu Harry: „Kapitän Jones, ich habe große Luſt, Sie mit dem Commando über mein Schiff zu beläſtigen; ſolche unge⸗ betene Gäſte bewirthe ich nicht gern in eigener Perſon.“ „Ich werde mich ſehr dadurch geſchmeichelt fühlen, Kapitän Holeroft“, entgegnete Harry in gleicher Weiſe mit einer Verbeugung und folgte demſelben in die Kajüte. „Bleiben Sie nur ganz ruhig, wenn der Kerl an Bord kommt, lieber Williams“, ſagte Holeroft, indem er die beiden Blechbüchſen mit den Schiffspapieren aus einem Koffer hervornahm. „Seien Sie unbeſorgt, Kapitän“, erwiderte Harrh lächelnd,„ich werde meinen Poſten gut ausfüllen.“ Die Büchſe, welche die Papiere mit dem Schiffs⸗ namen Tereſa enthielt, wurde nun an ein Skil ge⸗ Armand. Saat und Ernte. 1. 7 98 bunden, deſſen anderes Ende hinten am Schiffe und zwar unter dem Waſſerſpiegel befeſtigt war. Nachdem Holeroft die Knoten des Seils nochmals betrachtet hatte, warf er die Büchſe zum Fenſter hinaus in die See, wo ſie ſofort verſank. Dann nahm er die Papiere mit dem Namen Clara, Kapitän Jones, aus dem andern Blechverſchluß und legte ſie zum bevorſtehenden Gebrauch in das Schreibpult, das auf dem Tiſche ſtand. „So“, ſagte er,„nun mag der Burſche kommen, er wird die Clara auf geſetzlichem Wege finden. Streifen Sie jetzt aber Ihre Haut ab, Williams, und ziehen Sie den Kapitän Jones an, ich werde mich ſchnell zum Ma⸗ troſen degradiren.“ Nach wenigen Minuten hatte Harrh die Seemanns⸗ tracht angelegt, ſein ſchön geordnetes Haar verwirrt, die glänzenden Locken aus ſeinem Bart gekämmt und ſtatt ſeiner gewohnten vornehmen Haltung eine mehr nachläſſige, gleichgültige angenommen. „Ich habe die Ehre, Ihnen Ihren fliegenden Kapi⸗ tän vorzuſtellen“, ſagte er, zu Holcroft tretend. „Vortrefflich, wie er im Buche ſteht“ entgegnete die⸗ ſer lachend, indem er einen Matroſenhut aufſetzte.„Nun laſſen Sie uns auf das Verdeck gehen und unſere Rollen ſpielen.“ Dort trat Holeroft zu der Mannſchaft, um ihr 99 noch weitere Verhaltungsbefehle zu ertheilen, und nahm dann das Fernglas wieder zur Hand, durch welches er den raſch näher kommenden Kreuzer nun feſt beob⸗ achtete. Nach einer Weile ſagte er zu Harry, der neben ihm ſaß: „Treten Sie hinauf auf das obere Verdeck, ſodaß der Engländer Sie durch ſein Glas als Kapitän befehlen ſieht, und laſſen Sie die amerikaniſche Flagge aufziehen, denn er hat ſo eben durch die ſeinige angezeigt, daß er uns zu ſprechen wünſcht.“ Harrh that, wie ihm Holcroft geſagt, und begleitete ſeine Befehle mit Hand⸗ und Armbewegungen. Als die Flagge ſich im Winde entfaltet hatte, wurden Segel eingenommen und die Brigg ein wenig in den Wind gebracht, ſodaß ſie, ohne vorwärts zu kommen, ſich auf den Wellen ſchaukelte. Der Krerzer kam jetzt raſch heran und nach Verlauf einer halben Stunde legte er ſich in Schußweite neben die Brigg. „Wo kommen Sie her?“ rief ihm Harrh jetzt mit kräftiger Stimme durch das Sprachrohr zu. „Seiner Majeſtät Kutter Growler auf einer Beob⸗ achtungsfahrt!“ antwortete der befehlende Offizier des Kreuzers und ſtieg dann in das Boot hinunter, welches während dieſer Zeit in das Waſſer hinabgelaſſen 100 Nach einigen Minuten erreichte daſſelbe die Brigg. der commandirende Lieutenant erſtieg deren Verdeck. Harry trat ihm höflich entgegen und ſagte: „Seien Sie willkommen auf der amerikaniſchen Brigg Clara, deren Kapitän ich bin; mein Name iſt Jones.“ „Wohin beſtimmt?“ fragte der Offizier gleichfalls höflich. „Nach der Goldküſte, um von da eine Ladung El⸗ fenbein, Oel und Hölzer nach Boſton zu bringen“, er⸗ widerte Harry.„Wollen Sie meine Papiere nachſehen?“ „Es iſt dies meine Pflicht, Kapitän Jones, ich be⸗ dauere aber ſehr, wenn Ihnen mein Beſuch unangenehm ſein ſollte“, entgegnete der Offizier mit Artigkeit. „Keineswegs, Herr Lieutenant. Der Beſuch eines wirklichen Gentleman kann mir nur angenehm und er⸗ freulich ſein. Ich bitte, treten Sie ein“ ſagte Harry und ließ den Offizier vor ſich her in die Kajüte treten. Dort nahm er die Papiere aus dem Pult, legte ſie dem Eng⸗ länder zur Einſicht vor und ließ dann eine Flaſche Ma⸗ deira und zwei Gläſer bringen. „Es iſt gegen meine Inſtruction, hier etwas zu ge⸗ nießen, Kapitän Jones“ ſagte der Offizier, auf den Wein ſchauend. „Ich dachte, nachdem Sie mein Schiff unterſucht 101 und daſſelbe auf geſetzlichem Wege befunden hätten, würden Sie mir die Freude machen, zum Abſchied und auf eine glückliche Reiſe ein Glas mit mir zu leeren. Doch will ich Sie nicht nöthigen“, ſagte Harrh, die Flaſche wieder aus der Hand ſetzend. „Nun, es wird kein großes Verbrechen ſein, mit einem ſo artigen Amerikaner, wie Sie es ſind, zu trin⸗ ken; ich nehme ein Glas Madeira an“, verſetzte der Eng⸗ länder. Harry füllte die Gläſer und beide leerten die⸗ ſelben auf glückliche Reiſe. „Ihre Papiere ſind in Ordnung“, ſagte der Offi. zier dann, indem er dieſelben zuſammenlegte. „So werde ich Ihnen nun die leeren Räume in meinem Schiffe zeigen“, nahm Harry das Wort und rief zur Kajüte hinaus, daß man die Luken öffnen ſolle. Dann ließ er den Lieutenant wieder vor ſich her auf das Verdeck hinaustreten, führte ihn an die Heffnung, die in das untere Schiff zeigte, und ſagte: „Iſt's gefällig hinabzuſteigen?“ „Nein, nein, Kapitän Jones, es iſt Alles in Ord⸗ nung nur mußte ich die Form wahren. Ich bitte den kleinen Zeitverluſt zu entſchuldigen, den ich Ihnen ver⸗ urſacht habe. Nochmals glückliche Reiſe!“ antwortete der Offizier und reichte Harry die Hand zum Abſchied, dieſer aber zog ſchnell eine Cigarrentaſche aus dem 102 Rocke hervor, hielt ſie dem ungebetenen Gaſte hin und ſagte: „Eine Cigarre auf den Weg, Herr Lieutenant.“ Derſelbe bediente ſich dankend, empfing von Harry Feuer und ſtieg dann mit den Worten in ſein Boot hinab: „Ich lebe der Hoffnung, Kapitän Jones, Ihnen auf Ihrer Rückreiſe wieder zu begegnen, was mir eine große Freude ſein würde.“ „Mir gleichfalls, Herr Lieutenant. Auf Wiederſe⸗ hen!“ rief ihm Harry, ſich über die Brüſtung neigend, zu und winkte ihm noch wiederholt ſeine Grüße nach. Während der Engländer nach ſeinem Kutter zu⸗ rückfuhr, waren die Segel des Sklavenſchiffs wieder ge⸗ füllt, daſſelbe in ſeinen Curs zurückgebracht, und mit al⸗ ler Eile glitt es Woge auf Woge nieder von ſeinem Feinde hinweg. „Bravo, Kapitän Jones!“ rief Holcroft ſeinem flie⸗ genden Kapitän lachend zu.„Sie haben Ihre Probe vor⸗ trefflich beſtanden, ich lade mich aber nun bei Ihnen zu Gaſte zu dem Weine, den Sie noch übrig gelaſſen ha⸗ ben. Wenn Seine Majeſtät nur immer ſo artige Leute zum Kreuzen ausſenden wollte!“ Hiermit nahm er Harrh beim Arm, ſchaute noch einmal in die Segel hinauf, rief dem Manne am 103 Steuer zu, dieſelben ſteif gefüllt zu halten, und begab ſich dann mit ſeinem jungen Freunde in die Kajüte, wo ſie auf die Geſundheit und Leichtgläubigkeit des Eng. länders die angebrochene Flaſche leerten.— Noch während mehrerer Tage ſchaukelte ſich die Brigg der Küſte immer näher und lief dann an einem frühen Morgen in eine zu beiden Seiten dicht bewal⸗ dete Bucht ein, an deren Ufern der Hauptſammelplatz für den Sklavenhandel war. Kaum zeigte ſich das Fahrzeug in der Bucht, als deſſen Kapitän von beiden Ufern her durch viele ſchwarze Agenten der Sklavenbeſitzer angerufen wurde, von de⸗ nen ein jeder die beſten und billigſten Neger zu verkau⸗ fen haben wollte. Bald darauf kamen ſie in Booten herangefahren, um das Schiff zu beſteigen. Holcroft aber wies ſie zurück und verſprach am folgenden Tage an das Land zu kommen, um ihre Waare in Augenſchein zu nehmen. Die geheimen, künſtlich verborgenen Räume unter der Kajüte wurden jetzt geöffnet, acht Kanonen und eine große Zahl von Gewehren, Säbeln, Piſtolen und Hand⸗ äxten daraus hervorgenommen und Schiff und Mann⸗ ſchaft damit bewaffnet. Zugleich zog man die unter dem Ballaſt verſteckten Faßſtäbe heraus, um für die Ladung Menſchen die nöthigen Waſſerfäſſer daraus zuſammen⸗ 104 zuſtellen, und endlich holte man die Ketten und Hand⸗ ſchellen aus den Verſtecken hervor, um die Sklaven daran zu befeſtigen. Während des ganzen Abends um⸗ ſchwärmten die Agenten in ihren Booten das Schiff, um dem Kapitän Früchte, friſches Fleiſch und andere Lebensmittel zu bringen und ſich in deſſen Gunſt ein⸗ ander den Rang abzujagen. Am folgenden Morgen begab ſich Holcroft, von Harry und einigen bis an die Zähne bewaffneten Männern begleitet, an das Land, um die angeprieſene Waare in Augenſchein zu nehmen. In allen Richtungen lagen in dem Schatten der Bäume mehr oder weniger zahlreiche Gruppen von gefangenen Schwarzen beiderlei Geſchlechts und verſchiedenen Alters hingeſtreckt wie Schlachtvieh, welches von ſeinen Eigenthümern zum Ver⸗ kauf ausgeboten wird. Sie waren vermittelſt Baſtſtricken in größerer oder geringerer Zahl an einander gebunden und ſchienen unter ihren Feſſeln heftige Schmerzen zu leiden, denn ſie zuckten oft mit den Gliedern und ſuchten die Kno⸗ ten der Stricke zu lockern. Weh und Leid lag auf ihren ſchwarzen Geſichtern und ihre finſtern, ſtarren Blicke ver⸗ riethen den Grad von Unglück, wo es kein tieferes gibt, wo jede Hoffnung aufgehört hat. Die größere Zahl von ihnen ſchien in ihr gräßliches Schickſal ergeben zu ſein und nur hier und dort flammte noch 105 ein Auge in unterdrückter Wuth, in wilder Verzweif⸗ lung auf. Die Agenten, denen die Gefangenen zum Verkauf übergeben waren, drängten ſich zu Holcroft heran und jeder derſelben wollte ſeine Waare zuerſt verkaufen. Sie ließen die Sklaven aufſtehen oder peitſchten ſie auf, wenn ſie nicht gleich ihrem Befehle folgten, und prieſen dann bei den Männern deren kräftige Muskeln und ſtarke Knochen, bei den Weibern deren volle üppige Formen und ſchlanke, geſchmeidige Geſtalten. Holcroft ging, ohne zu kaufen, von einem Lager zum andern, um die Forderungen der Agenten noch mehr herunter zu drücken, bis ſie auf den Durchſchnitts. preis von zwanzig Dollars für jdas Stück herabgekom⸗ men waren. Dann begann er auszuwählen, ließ den ge⸗ kauften Sklaven die Stricke abnehmen und dagegen die weniger ſchmerzhaften Handſchellen anlegen und ließ ſie in Zügen von zehn Stück an einander gekettet nach der Brigg treiben. In deren untern Räumen wurden ſie nun neben einander an die Wände oder an den Fußboden feſtgeſchloſſen, ſodaß jeder Platz benutzt wurde. Sechs Tage lang dauerte der Handel, denn täglich kamen neue Züge von Gefangenen zum Verkauf an, am ſiebenten Tage aber war die Brigg mit zweihundert und achtzig Sklaven beladen, der höchſten Zahl, die das Schiff zu . 106 faſſen vermochte. Während dieſer Zeit war für die Reiſe hinreichend Waſſer eingenommen worden, Früchte waren in Maſſen auf dem Verdeck untergebracht und Alles ſtand zur Abreiſe in Bereitſchaft. Die Sonnenhitze war trotz des über dem Verdeck aufgeſpannten Segel⸗ tuchs faſt unerträglich, entſetzlich aber die Glut in den untern Räumen des Schiffes, wo die vielen Men⸗ ſchen zuſammengedrängt ſaßen und wohin keine Bewe⸗ gung der Luft gelangen konnte. Das Stöhnen und Wehklagen der Gefangenen war herzzerreißend, dennoch vlieb Holeroft noch während des ganzen Tages in der Bucht liegen, und erſt als die Abenddämmerung einbrach, lichtete er die Anker und trieb in die See hinaus. Alle Luken und Luftlöcher wurden geöffnet, ſodaß der See⸗ wind in das Schiff eindringen konnte, deſſenungeachtet fand man am folgenden Morgen drei Negerinnen infolge der großen Hitze entſeelt an ihren Ketten liegen. Alle Segel, welche die Brigg tragen konnte, waren jetzt aufgezogen, die Kanonen geladen und die Mannſchaft zu einem Kampfe auf Tod und Leben vorbereitet. „Der fliegende Kapitän hat jetzt ausregiert“, ſagte Holcroft zu ſeinem Zögling.„Und wenn Ihr Freund, der Engländer, uns wieder begegnet, ſo wird ihm Kapi— tän Holeroft ſtatt der amerikaniſchen Flagge die blut. rothe Fahne der Sklavenhändler und Piraten zeigen. 107 Mit dem Durchlügen iſt es vorbei, jetzt heißt es durchgefochten. Dies iſt die Seite des Sklavenhandels, die mich reizt und mich immer wieder in denſelben hineingezogen hat; mit voller Ladung den Oecean zu durchziehen und jeder Gewalt offen die Stirn zu bieten, darin liegt für mich Begeiſterung und Poeſie.“ „Offen geſtanden, Holeroft, iſt mir die andere Seite bei weitem intereſſanter, und ich hoffe, daß mein Freund und ſeine Kameraden uns mit ihrem angenehmen Beſuch verſchonen werden. Es wäre doch kein Spaß, wenn ſie uns in den Grund bohrten“, entgegnete Harrh und ließ ſeinen Blick um den Horizont wandern. Die Hoffnung Harry's ſollte in Erfüllung gehen. denn Woche auf Woche verſtrich, ohne daß ſich ein Se⸗ gel zeigte, und kaum war ein Monat verfloſſen, als die Brigg ſich nur noch wenige Tagereiſen von der Küſte Braſiliens befand. Die Sklaven hatten ſich nach und nach in ihre Lage gefunden und wurden des Morgens und des Abends in Abtheilungen auf das Verdeck gelaſſen, damit ſie die erfriſchende Seeluft genießen ſollten. Nur einzelnen von ihnen, die immer noch böſen Willen gezeigt hatten, war dieſe Gunſt vorenthalten worden. Unter ihnen befand ſich ein ungewöhnlich ſchöner junger Mann von athletiſchem Körperbau und ſtolzer Haltung, der nie⸗ 108 mals ein Zeichen von Freundlichkeit und Fügſamkeit ge⸗ geben hatte. Er war ein mächtiger Häuptling in ſei⸗ nem Vaterlande geweſen, weshalb man ihm auf dem Schiffe den Namen Fürſt gegeben hatte. Es war an dem Abend, als die Ufer Braſiliens zuerſt aus dem Meere auftauchten und die Sonne in ihrem Purpur hinter ihnen verſinken wollte, da ſagte Holeroft zu dem erſten Steuermann: „Laßt den Fürſt doch einmal heraufkommen, da⸗ mit er ſeine neue Heimat ſieht; ihr Anblick ſtimmt ihn vielleicht freundlicher.“ Wenige Minuten ſpäter trat der ſchöne Mann aus der Luke hervor auf das Verdeck. Er ſtand hoch auf⸗ gerichtet und ließ ſeinen Blick über das Meer ſchweifen, als Holcroft ihm zurief und nach dem Lande hinzeigte. Der Schwarze folgte mit ſeinen großen ſchwarzen Augen der Richtung ſchlug ſtolz die Arme unter, daß die Ketten raſſelten, trat feſten Schritts an die Brüſtung und ſprang in hohem Bogen über dieſelbe hinaus. Gerade und aufrecht mit untergeſchlagenen Armen, wie er geſtan⸗ den hatte, ſchoß er hinab in das Meer, um nie wieder aufzutauchen. Die Männer, die zugeſprungen waren, um ihn zu⸗ rückzuhalten, ſtanden ſprachlos da und ſchauten auf die See hinab, und einige Minuten verſtrichen, ohne daß 109 1 ein Wort, ein Laut auf dem Verdeck hörbar wurde dann ſagte Holeroft: „Ein ſtolzer Burſche, wahrhaftig! Ich würde daſſelbe gethan haben!“ „Schade um ihn“ bemerkte Harrh,„er war ein bild⸗ ſchöner Mann!“ Am folgenden Morgen waren die Berge bei Rio Janeiro deutlich zu erkennen, und Holcroft gab nun dem Schiffe eine mehr ſüdliche Richtung, in welcher er mit vol⸗ len Segeln dem Lande zuſteuerte. Gegen Mittag ſchon lief die Brigg ſüdlich von der Kaiſerſtadt in eine Bucht ein, welche ſich eine Meile weit in das Land erſtreckte und in deren Mitte ſie vor Anker gelegt wurde. Holcroft ſpähte während einiger Stunden vergebens nach dem Ufer hin, um Salerio dort erſcheinen zu ſehen, bis der⸗ ſelbe ſich endlich mit ſeinen Leuten zeigte, und nun wurden ſofort Anſtalten gemacht, die Ladung an das Land zu bringen. Die Boote wurden ausgeſetzt, die Skla⸗ ven in Abtheilungen an einander gekettet in die Kähne geführt und mit aller Eile an das Ufer gerudert, wo Salerio ſie in Empfang nahm. Schon verſank die Sonne hinter den Bergen, als ſämmtliche Sklaven, welche die Fahrt überlebt hatten, zweihundertundſechzig an der Zahl, gelandet waren und durch Salerio weiter in das Innere getrieben wur 110 den. Holeroft mit Harrh und ſämmtlicher Mannſchaft hatte gleichfalls das Ufer erreicht, er ſandte aber einige von ſeinen Leuten nach der Brigg zurück, um mit ihr jeden Nachweis von dem gelungenen Geſchäfte zu ver⸗ nichten. Nach Verlauf von einer Viertelſtunde ſchlugen die Flammen aus dem Schiffe hervor, und bald ſtand auf der glatten dunkeln Flut eine hohe Feuerſäule, die praſſelnd zum Himmel aufwirbelte und ſich tief in dem Waſſer ſpiegelte. Auch das Boot, in welchem die Matroſen an das Land zurückkehrten, wurde verſenkt, und dann trat die ganze Mannſchaft ihre Wanderung nach der Hauptſtadt an, während Holeroft und Harry ihr auf den Pferden voraneilten, die Salerio für ſie zurückgelaſſen hatte. Die beiden Glücksritter bezogen ein Hotel, in wel⸗ chem ſie nicht gekannt waren, und empfingen am folgen— den Tage die volle bedungene Zahlung dafür, daß ſie zweihundertſechzig Menſchen der Heimat gewaltſam entführt und ſie auf fremder Erde ewiger Knechtſchaft und großem Elend überliefert hatten. Sie vermieden es, ſich öffentlich zu zeigen, um nicht als Offiziere der Brigg Tereſa erkannt zu werden, welche noch nicht von ihrer Reiſe zurückgekehrt war, wes⸗ halb ſie auch die erſte ſich darbietende Gelegenheit, Braſi⸗ lien zu verlaſſen, benutzten und ſich nach Mexico einſchifften. 111 Es war gegen das Ende des Monats October im Jahre 1832, als Holcroft und Harry Williams zwiſchen der von Meereswogen umſpülten Felſenfeſte San⸗Juan de Ulloa und der alten Stadt Veracruz vor Anker gingen und ſich nach der breiten Hafentreppe hinüberru⸗ dern ließen. Es mußte etwas für das mexieaniſche Volk Wichtiges und Erfreuliches geſchehen ſein, denn von den hohen Zinnen der Feſte, von den Thürmen undKup⸗ peln der Stadt und von den Balkonen und Dächern der Häuſer wehten die mexicaniſchen Farben in tauſend Flaggen in der friſchen Abendluft, welche von dem Meere her über die Küſte zog. Kaum hatten die beiden Rei⸗ ſenden die Treppe erſtiegen und ſchritten dem Zollge⸗ bäude zu über den mit Menſchen gefüllten Platz, als ſie nach allen Seiten hin jubelnde Vivas für den Hel⸗ den Santa⸗Anna ertönen hörten. General Antonio Lopez de Santa⸗Anna, der ſchon im Jahre 1821 in den Freiheitskämpfen Mexicos gegen die ſpaniſche Herrſchaft als General focht, der 1823 den Kaiſer Iturbide ſtürzte und 1829 unter Guer⸗ rero zum Kriegsminiſter und Oberbefehlshaber des Heeres ernannt wurde, hatte ſich gegen den Präſidenten Gene⸗ ral Buſtamente empört, deſſen Truppen vor wenigen Tagen aufs Haupt geſchlagen und nach ſeinem Triumph⸗ zug in die Stadt Mexico Don Manuel Gomez 112 Pedrazza auf den Präſidentenſtuhl geſetzt. Er hatte ſchon lange Zeit mit dieſer höchſten Stelle geliebäugelt und alle dahin führenden Wege eingeſchlagen, doch war er ihr immer noch nicht näher gekommen, obgleich ihn das Volk als einen Gott der Schlachten feierte. Buſta⸗ mente und deſſen Anhänger waren ſeine gefährlichſten Widerſacher auf ſeinem Wege zum Präſidentenſtuhle, darum mußte derſelbe fallen und der unbedeutende Pe⸗ drazza für die nur noch kurze Regierungsperiode deſſen Stelle einnehmen. Die neue Präſidentenwahl ſtand in wenigen Monaten bevor, und Santa⸗Anna's Partei in dem Volke hatte ſich durch dieſe ſeine neuen Siege be⸗ deutend vergrößert, weil Buſtamente ſich durch Strenge, Ungerechtigkeiten und Soldatenherrſchaft ſehr viele Feinde gemacht hatte. Die Nachricht von den gewonnenen Schlachten und dem Umſturz der Regierung ging wie ein Lauffeuer durch das ganze Land und wurde allenthalben mit Ju- bel und mit Vivas für den Sieger Santa⸗Anna be⸗ grüßt. Die ſämmtliche Bevölkerung von Veraeruz ſchien in Bewegung zu ſein, und alle Straßen und alle Plätze wogten von freudig aufgeregten Menſchenmaſſen. Veraeruz, die vergnügungsloſe Geſchäftsſtadt in der ungeſunden, baumloſen Sandebene, war aber nicht der Ort 113 für Holeroft noch für Harry; die alte Kaiſerſtadt Mexico zu ſehen, waren ſie gekommen. Sie deponirten darum am fol⸗ genden Morgen ihr Geld bei einem angeſehenen ame⸗ rikaniſchen Hauſe, ließen ſich Creditbriefe nach der Haupt⸗ ſtadt geben und verließen mit der Poſt noch am ſelbi⸗ gen Tage die Stadt. Mit ſchwellender Erwartung der hohen Genüſſe, die ihnen zu Theil werden würden, warfen ſie am Abend des folgenden Tags von den Bergen, die das Thal von Tenochtitlan umſchließen, den erſten Blick auf die ſchöne alte Stadt Mexico und verſetzten ſich in Ge⸗ danken ſchon in die tauſend Luſtbarkeiten, die ihrer dort harrten. Die Poſtkutſche lieferte ſie im Vorüberfahren vor einem der erſten Hotels der Stadt ab und der Wirth deſſelben, dem ſie mittheilten, daß ſie nur zu ihrem Ver⸗ gnügen die Reiſe hierher gemacht hätten und längere Zeit hier zu verweilen gedächten, empfing ſie mit großer Aufmerkſamkeit. Sie lhatten ſich in ihrer Rechnung in S auf Veluſtigungen nicht geirrt, denn die ganze Stadt ſchien augenblicklich ein großer Vergnügungsort zu ſein; die Häuſer waren mit Fahnen und Teppichen geſchmückt, abends wurden ſie mit Lampen und Transparents erleuchtet, Feſt- und Tanzmuſik verhallten weder Tag Armand, Saat und Ernte. 1I. 8 114 noch Nacht und deren luſtige Weiſen miſchten ſich mit dem Gepraſſel von Feuerwerken und dem Donner von Geſchützen. Santa⸗Anna, der ſiegreiche Held war es, dem zu Ehren die Stadt ihr Feſtkleid angelegt hatte, den zu feiern die Bevölkerung ſich dem Taumel von Luſtbarkeiten hingab.. Santa-Anna war ein kluger, berechnender Mann. Wo er auch erſchien, es geſchah immer im höchſten Glanze, umgeben von ſeinem mit Gold überladenen Stabe, da⸗ mit ſeine Vertraulichkeit, ſeine Freundlichkeit, womit er ſich auch dem geringſten Bürger nahte und ſich mit ihm unterhielt, ſo viel höhern Werth erhielten und t um ſo dauerndern und begeiſterndern Eindruck hinter⸗ ließen. Wenn abends in dem Theater die ſeidenen Vor⸗ hänge ſeiner Loge aufflogen und er von ſeinen Adju⸗ tanten begleitet unter dem ſtürmiſchen Jubelgruß der verſammelten Menge eintrat, ſchritt er ſogleich an die Brüſtung vor, verneigte ſich nach dem Parterre hinab und dann erſt erwiderte er mit vornehmer Höflichkeit den Gruß der Nobleza im erſten Range. Abends bei den Promenaden in der Alameda, wo er von den Großen des Reichs umringt erſchien, rief er oftmals einen vor⸗ übergehenden Bürger an, reichte ihm die Hand, blieb in traulicher Unterhaltung bei ihm ſtehen und ließ ſeine ſtolzen Begleiter auf ſich warten. Nur in den Dom 115 zur Frühmeſſe ging er allein und zwar im einfachen, ungeſchmückten Waffenrocke und zeigte dort die tiefſte Demuth und Unterwürfigkeit. Aber auch nur in der Kirche konnte er erſcheinen, ohne von dem Volke um⸗ ringt und mit den lauteſten, begeiſtertſten Vivas begrüßt zu werden 8* Fünftes Kapitel. Der Tag neigte ſich, als Holeroft und Harry Wil⸗ liams Toilette gemacht hatten, ihr Hotel verließen und ſich nach der Alameda begaben, um dort die vornehme und ſchöne Welt der Hauptſtadt Mexicos in vollem Glanze zu ſehen. Sie erreichten das eiſerne Gitterthor dieſer öffent⸗ lichen, mit Parkanlagen und Springbrunnen gezierten Promenade und mäßigten gleich beim Eintreten in die⸗ ſelbe ihre Schritte, überraſcht von dem prächtigen Schau⸗ ſpiel, welches ſich ihren Blicken darbot. Die Vornehmen und Reichen Mexicos durchzogen luſtwandelnd die ſau⸗ bern Wege der Alameda, und die reiche ſtrahlende Toi⸗ lette der Damen zeigte, daß eine feſtliche Veranlaſſung ſie hierher geführt hatte. Man erwartete Santa⸗Anna. In Seide rauſchend, von luftigen Spitzengewändern um⸗ wogt, mit der reizenden, maleriſchen Basquina angethan und mit Diamanten und Perlen geſchmückt, zogen jſie dahin, die ſchönen Frauen und Mädchen, heute mit offe 117 nem Viſir; denn zurückgeworfen waren ihre Mantillen und enthüllten den Zauber ihres reichſten Schmucks, ihrer ſchwarzen Augen. Leicht und elaſtiſch wiegten ſie ſich auf ihren wunderbar zierlichen Füßen, geſchmeidig war jede Bewegung ihres üppig ſchönen Körpers, und das Fächerſpiel in ihren kleinen Händen entfaltete ſeine höchſte Beredtſamkeit. Wie ein Gewinde von Blumen des ſonnedurchglühten Tropenlandes ſchwebte der Strom dieſer reizenden Nachkommen der Altſpanier durch den Park, und zwiſchen ihnen hervor prunkten die glänzenden Uniformen vieler der Helden, die unter Santa⸗Anna gefochten hatten. Doch waren unter den anweſenden Männern auch alle andern Stände und namentlich die Geiſtlichkeit zahlreich vertreten. Je mehr die Sonne ſich zu den weſtlichen Gebirgen hinabſenkte, je feuriger die eiſigen Spitzen der beiden Vulkane im Süden erglühten, um ſo zahlreicher wurde die Menge, die hier ſich ſpa⸗ zierend bewegte oder auf den Ruheplätzen ſich 1 laſſen hatte. „Das iſt ein anderes Bild, Holcroft, als das in der Bucht an der afrikaniſchen Küſte; es erinnert an Neuor⸗ leans, und ich weiß wahrlich nicht, ob dieſe Mexicane⸗ rinnen unſern Creolinnen von Louiſiana nicht den Rang ſtreitig machen“, ſagte Harry lebhaft erregt, als er mit ſeinem Gefährten zwiſchen dem bunten Gewoge hinſchritt. 118 „Sie ſind ſchön und reizend, wie ich es Ihnen ja oft ſagte; wild und unbändig in ihrer Leidenſchaft, ſei es Liebe, ſei es Haß; unſere Creolinnen aber ſind edler und ſchöner, und die ſtillere Glut ihrer Gefühle iſt tie⸗ fer und dauernder“, entgegnete Holcroft. „Sehen Sie nur, wie ſie gehen, wie ihre Augen umherblitzen, wie ihre Fächer ſchwirren und wie ſie ſich ſchmiegen und biegen! Beim Himmel ſie find reizend“, fuhr Harrh in wachſender Begeiſterung fort und ſah bald hier, bald dorthin nach den vorüberwandelnden Damen, deren Aufmerkſamkeit die beiden fremden Ge⸗ ſtalten nicht entgingen. Namentlich war es die unleugbar elegante Erſchei⸗ nung des ſchönen Harrh, welche die Blicke der Mexica nerinnen auf ſich zog und dieſe häufig ihr Fächerſpiel nach ihm hin richten ließ. Plötzlich erſchallten an dem andern Ende des Parks laute Vivas, der Name Santa⸗Anna ging von Mund zu Mund und der Menſchenſtrom richtete ſich ihm ent⸗ gegen. Ein großer, ſchöner Mann mit rabenſchwarzem Haar und dunklen, mit durchdringendem Blick um ſich ſchauen⸗ den Augen kam in prächtiger Uniform die Bruſt mit Orden bedeckt und von vielen hohen Offizieren begleitet. durch die Anlagen herangeſchritten, und Alles trat zur 119 Seite und verneigte ſich tief vor ihm. Seine Haltung war ſtolz und gebietend und doch freundlich und höflich, und wie er vorwärts ſchritt, erwiderte er links und rechts die Artigkeiten, die man ihm entgegenbrachte. Dieſer Mann war Santa⸗Anna, der Held ſo vieler Schlachten, der Liebling des mexicaniſchen Volks und, wie er ſich ſelbſt nannte, der Napoleon Amerikas. Harry und Holeroft waren ihm gleichfalls entgegen⸗ gegangen und kamen in ſeine Nähe in dem Augenblick, als er auf eine reich gekleidete hohe Frauengeſtalt zutrat, ſich mit großer Höflichkeit vor ihr verneigte und ihr au⸗ genſcheinlich einige Schmeichelworte ſagte, denn die Dame erhob drohend ihren Fächer und ſchien ihm ſcherzend Vorwürfe darüber zu machen, indem ſie zugleich auf ei⸗ nen ältlichen kleinen Herrn deutete, der mit entblößtem Haupte neben ihr ſtand und gleichfalls ſo eben dem Kriegsgott ſeine Huldigung in tiefſter Ehrerbietung dar⸗ gebracht hatte. Noch ein zweiter Begleiter befand ſich an der an⸗ dern Seite der Dame, welcher ſich auch höflich vor Santa⸗ Anna verneigt hatte, wenn auch weniger unterwürfig in ſeiner Haltung als der ältliche Herr. Er war im ſchwar⸗ zen Frack und trug den runden Hut und ſehr weiße Wä⸗ ſche, drei Hauptbedingungen in der Toilette des ameri⸗ kaniſchen Gentleman. 120 „Wer ſind die beiden Herren, die mit dem Gene⸗ ral ſprachen?“ fragte Harrh einen jungen Mann, der neben ihm ſtand und gleichfalls die Gruppe be⸗ trachtete. „Der Alte iſt der Graf Don Ventura Romero, ein Mitglied des Staatsraths, und die Dame iſt ſeine Frau. Der andere Herr aber iſt der amerikaniſche Conſul hier, Herr Murphy“, antwortete der junge Mann, und Harry dankte ihm für die Auskunft. Jetzt verabſchiedete Santa⸗Anna ſich bei der Gräfin, grüßte ihre Begleiter und ſetzte ſeinen Spaziergang fort, da wandte ſich jene nochmals nach ihm um, und im Vorübergleiten blieb ihr Blick auf Harrh haften. Mit ſichtbarer Ueberraſchung ſchaute ſie ihn an, ihre großen ſchwarzen Augen blitzten für einen Moment ihm entge⸗ gen, dann entfaltete ſie den Fächer und entzog ihr ſchö⸗ nes Antlitz dem aufflammenden Blick Harry's. „Haben Sie es bemerkt, Holecroft, wie ſie hierher ſah?“ ſagte er mit halblauter Stimme und erfaßte ſei⸗ nes Gefährten Arm. „Langſam, langſam, junger Mann! Wenn Sie bei jedem ſolchen Blick ſo auflodern wollen, ſo verbrennen Sie, ehe die Nacht einbricht“, entgegnete Holeroft mit ſeiner gewohnten Ruhe.„Das iſt hier Weiberſitte, aber durchaus noch keine Auszeichnung. Uebrigens, ſchön war 121 die Frau, das iſt wahr. Sehen Sie nur, welche vornehme, prächtige Geſtalt ſie iſt!“ „Ich muß ſie kennen lernen. Morgen mache ich Murphy meinen Beſuch, er ſoll mich ihr vorſtellen, denn ſie iſt das ſchönſte Weib, welches meine Augen je ge⸗ ſehen“, ſagte Harrh in ſtürmiſcher Bewegung und zog Holcroft am Arme mit ſich fort der Gräfin nach. „Laſſen Sie uns langſam gehen, am Ende des Wegs wird ſie umkehren und uns dann begegnen“, verſetzte Holeroft und mäßigte ſeine Schritte. Wie er es vorausgeſagt, ſo geſchah es. Als die Frau das Ausgangsthor der Alameda erreichte, blieb ſie ſtehen und überredete ihre Begleiter, noch einen Gang mit ihr durch den Park zu machen, worauf ſie ſich umwandten und auf demſelben Wege zurückkehrten. Ihre Unterhaltung mit dem Conſul an ihrer rechten Seite war jetzt außerordentlich lebhaft, ihr ganzer bieg⸗ ſamer Körper ſchien durch graziöſe Bewegungen Theil daran zu nehmen, der Fächer flog bald auf, bald zu und die Blitze ihrer Augen trafen Harry häufiger, je näher ſie ihm kam. „Sie ſind ein eiſiger Nordländer, an dem unſere Tropenſonne umſonſt ihre Glut verſchwendet“, ſagte ſie zu dem Conſul im Vorüberſchreiten an Harry und ließ ihren Feuerblick, auf dieſen gerichtet, in wollüſtiger Ermattung unter den ſinkenden langen ſchwarzen Wim⸗ pern erſterben. „Das Weib könnte mich wahnſinnig machen“ ſtieß Harrh mit flüſternder Stimme heraus, indem er den Arm ſeines Begleiters krampfhaft an ſich drückte und über die Schulter nach ihr zurückſchaute. Sie hatte den Griff ihres Fächers dicht an ihr Antlitz gehoben und Harrh begegnete in dem kleinen Spiegel an demſelben abermals ihrem großen ſchwarzen Auge. „Die Frau iſt wunderbar ſchön“, ſagte Holcroft, „und ſie ſcheint ſich wirklich für meinen hübſchen jungen Freund zu intereſſiren. Glück auf! Nur vergeſſen Sie nicht, daß man in dieſem Lande den Dolch vortrefflich zu führen weiß.“ „Laſſen Sie uns umkehren und ihr folgen!“ bat Harry und blieb ſtehen. „Wenn Sie Ihnen wirklich eine Auszeichnung zu⸗ gedacht hat, ſo würde Ihr Nachfolgen ihr nicht angenehm ſein. Sie müſſen den Weibern immer zeigen, daß Sie den Schein meiden und daß ihre Geheimniſſe ſicher bei Ihnen bewahrt ſind“, entgegnete Holeroft belehrend. „Sie kommt uns aber aus den Augen, wenn wir nicht ſchneller gehen.“ „Thut nichts. Sie weiß recht gut, daß ihr Blick gezündet hat, und will ſie Ihnen noch einmal begegnen, 123 ſo wird ſie ſchon umkehren. Ich glaube es aber nicht“, verſetzte Holeroft, und er hatte Recht gehabt, denn ver⸗ gebens ſuchte Harrh nach ihr unter der wandelnden Menge; ſie war verſchwunden. Am folgenden Tage fuhr Harry in einer Staats⸗ carroſſe bei dem amerikaniſchen Conſul, Herrn Murphy vor und wurde mit Artigkeit von demſelben empfan⸗ gen. Er theilte ihm mit, daß der Stammſitz ſeiner Vor⸗ fahren in Tenneſſee gelegen wäre, daß er aber, von den großen Vorzügen des ſchönen Texas angelockt, ſich dort angeſiedelt habe und daß er der Hoffnung lebe, bald den amerikaniſchen Adler ſeine Flügel über dies geſeg⸗ nete Land ausbreiten zu ſehen. „Das iſt ein Wunſch, der jeden guten Amerikaner beſeelen muß, Herr Williams, den man hier im Lande jedoch nicht laut werden laſſen darf; ſeien Sie ja vor⸗ ſichtig in Ihren Aeußerungen. Santa⸗Anna hält eine ſtrenge Polizei.“ „Ich ſah Sie geſtern Abend in der Alameda im Geſpräch mit ihm und bedauerte, daß ich Ihnen noch keinen Beſuch gemacht hatte, ſonſt würde ich Sie gebeten haben, mich dem General vorzuſtellen“, bemerkte Harrh. „Das kann dieſer Tage geſchehen, denn er beſucht regelmäßig die Alameda, und ich mache dort an jedem Abend meine Promenade.“ 124 „Da ich den Winter hier zuzubringen gedenke, ſo würde ich Ihnen auch ſehr dankbar ſein, wenn Sie mich gelegentlich mit einer und der andern angeſehenen Perſön⸗ lichkeit bekannt machen wollten. Ich mache eine Ausnahme von unſern Landsleuten im Allgemeinen und liebe es, mich in Formen zu bewegen.“ „Sie haben ganz Recht, Herr Williams“, entgegnete der Conſul;„der Amerikaner liebt zu ſehr das„I don't care“, und dies hat mich in meiner Stellung ſchon oft in recht große Verlegenheit gebracht. Um ſo angenehmer iſt es mir, meinen Freunden hier einen meiner Lands⸗ leute vorſtellen zu können, der dieſem allgemein be⸗ kannten Fehler der Amerikaner widerſpricht. Geſtern Abend ſchon fragte mich nach Ihnen eine ſehr intereſſante geiſtreiche Dame, die Gräfin Romero. Wir gingen einige Male an Ihnen vorüber. Wer war der Herr, der Sie begleitete?“ „Gleichfalls ein Landsmann, mit dem ich im Poſt⸗ wagen von Veraeruz hierher bekannt wurde; einer von jenen, die ſich nicht geniren können. Er heißt, glaube ich, Holeroft.“* „Holcroft? Holeroft? Wenn ich mich recht beſinne, ſtand einmal ein Holcroft als Pirat vor dem Ge⸗ richte in Neuhork, er log ſich aber durch. Kommen Sie jedenfalls dieſen Abend wieder nach der Alameda, da 125 werde ich die Gelegenheit wahrnehmen, Sie einem oder dem Andern vorzuſtellen.“ Harrh erwähnte der Gräfin Romero nicht, ſondern wollte es in der Hoffnung, daß ſie an dieſem Abend wieder auf der Promenade erſcheinen würde, einer paſſen⸗ den Gelegenheit überlaſſen, mit ihr bekannt zu werden, und mit glühender Erwartung dieſes Augenblicks kehrte er in das Hotel zurück und eilte zu Holcroft in deſſen Zimmer. „Mein Glücksſtern iſt im Aufgehen“ ſagte er zu ihm, indem er vor den Spiegel trat und mit der Hand durch ſein Lockenhaar fuhr.„Meine Schöne hat ſich geſtern bei Murphy erkundigt, wer ich ſei, und heute Abend werde ich mit ihm die Alameda beſuchen; hoffentlich erſcheint auch die Gräfin wieder auf der Promerade.“ „Nochmals Glück auf, nur nehmen Sie ſich in Acht, dieſe Mexicaner ſind etwas eiferſüchtig“, entgegnete der Sklavenhändler warnend. „Sie haben es mich ja gelehrt, zu wagen“, ent⸗ gegnete Harrh lachend und fuhr dann, ſeinen Caſtorhut mit dem Aermel ſeines Rockes glättend, fort: „Ich fürchte, Holeroft, unſere Neigungen werden uns jetzt wieder wie früher in Neuorleans nach verſchiedenen Richtungen ziehen, denn ich beabſichtige die Kreiſe der höhern Geſellſchaft hier zu beſuchen, die für Sie keinen 126 Reiz haben. Wir wollen unſern Liebhabereien keine Ge⸗ walt anthun, da aber zuſammen genießen, wo dieſelben uns zuſammenführen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt, Williams“, entge gnete Holcroft.„Ich glaube aber, daß Sie eher meinen We⸗ gen folgen werden, als ich den ihrigen. Ich will heute Abend einmal mein Glück im Spiel gegen das dieſer Mexicaner meſſen; ſie ſollen nicht ungeſchickt darin ſein, doch glaube ich, ſie noch etwas lehren zu können. Sie ſpielen leidenſchaftlich und überſehen dabei leicht die Gewandtheit eines ruhigen Gegners.“ Mit großer Ungeduld erwartete Harry dieſen Abend. Er hatte ſchon lange, ehe die Sonne ſich neigte, aufs ſorgfältigſte ſeine Toilette beendet und dabei nament⸗ lich auf ſein Haar und ſeinen Bart alle Aufmerkſamkeit verwandt. Wiederholt trat er vor den bis auf den Fuß⸗ boden reichenden Wandſpiegel, betrachtete ſich darin von allen Seiten, zog ſeinen Frack glatt um ſeine ſchlanke Taille und ordnete die Schleife des leicht um ſeinen Nacken geſchlungenen ſeidenen Tuchs. Endlich ſank die Sonne zu den Gebirgen hinab. Harry ſetzte ſeinen Biber mit einer leichten Seitennei⸗ gung auf ſeine glänzenden Locken, nahm die weißſeide⸗ nen Hondſchuhe von dem Tiſche und eilte nun mit Flü gelſchritten nach der Alameda hin. Es war noch z 127 früh, die Wege waren noch leer, nur hier und dort im Schatten der Bäume hatten ſich einzelne Beſu⸗ cher auf den Ruheſitzen niedergelaſſen und die Blu⸗ menverkäuferinnen wählten eben an den Wegen ihre Plätze und ordneten in den großen, aus Palmblättern geflochtenen Wannen die prächtigen Sträuße, die ſie zum Verkauf bieten wollten. Harry wandelte mit ſeinen Hoffnungsgedanken langſam durch den Park hin und her und ließ ſich zuletzt unweit des großen Springbrun⸗ nens auf einer Steinbank nieder, von welchem Platze aus er einen großen Theil der Promenade überſehen konnte. Kurz vor dem Verſinken der Sonne begannen von allen Seiten Spazierende in die Alameda einzutre. ten, und deren Wege füllten ſich raſch. Harry verweilte allein auf der Bank und wurde der Gegenſtand der Be⸗ trachtung manches ſchönen Augenpaars, und mancher feurige Blick, mancher Fächergruß fand verſtohlen ſeinen Weg zu ihm. So viel Schönheit und Grazie aber auch an ihm vorüberzog, ſo hatte er doch augenblicklich kein Gefühl dafür, die hohe reizende Geſtalt der Gräfin und ihre Zauberaugen ſtanden zu lebendig vor ſeiner Erin⸗ nerung. Plötzlich legte ſich eine Hand auf ſeine Schul ter und der Conſul Murphy, der ſich ihm von hinten genaht hatte, wünſchte ihm guten Abend. „Ich hatte mich an jener Seite nach Ihnen umge⸗ 128 ſchaut, da ſah ich Sie hier ſitzen und freue mich, Sie gefunden zu haben, Herr Williams“, ſagte er, indem er Harry die Hand reichte.„Nun laſſen Sie uns ein we⸗ nig gehen und zwar dieſen Weg gegen den Hauptſtrom, dann ſehen wir am ſchnellſten, wer von Bekannten hier iſt.“ „Ich ſchätze es als ein großes Glück für mich, in Ihnen, Herr Conſul, einen ſo liebenswürdigen Lands⸗ mann gefunden zu haben, da ich außer meinen Credit⸗ briefen keine Empfehlung mit hierher brachte. Apropos, ehe mir ein Anderer zuvorkommt, machen Sie mir das Vergnügen, morgen bei mir zu Mittag zu ſpeiſen. Leider kann ich Ihnen noch keine weitere Geſellſchaft bieten als die meinige, mit der Zeit aber hoffe ich einen ausge⸗ wählten Bekanntenkreis um mich zu ſammeln.“ Dieſe Worte richtete Harry mit der ihm eigenen vornehmen Höflichkeit an ſeinen neuen Bekannten, worauf dieſer ihm mit einer Verbeugung erwiderte: „Sehr gern, Herr Williams, Sie find mir aber mit der Einladung auf morgen zuvorgekommen; ich ſelbſt wollte mir die Ehre von Ihnen erbitten. So müſſen Sie mir denn die Freude machen, dieſen Abend bei mir zuzu⸗ bringen.“ Harrh nahm gleichfalls die Einladung an, gab Murphy dann ſeinen Arm und nun ſchritten ſie zuſammen 129 dem Wandelzuge entgegen. Während des Gehens nannte der Conſul die Namen der hervorragenden Perſönlich⸗ keiten, welchen ſie begegneten, und fügte kurze Umriſſe ihrer Verhältniſſe und Stellungen bei. Man grüßte ihn häufig ſehr freundlich, er redete aber Niemand an, ſon⸗ dern ging nur grüßend vorüber. „Wenn ich nicht irre, kommt dort die Gräfin Romero, die Dame, welche ſich geſtern nach Ihnen er⸗ kundigte“, ſagte Murphy plötzlich, in die Ferne ſpähend. „Ich werde Sie ihr vorſtellen, und wie ich hoffe, zu Ihrer beiderſeitigen Zufriedenheit; ſie kann äußerſt liebenswür⸗ dig ſein.“ Harry murmelte etwas wie:„Sehr dankbar, ſehr an⸗ genehm“ und folgte dabei dem Blick ſeines Begleiters, bis er ſelbſt unter den vielen ſich nahenden Damen die ſchlanke Geſtalt der Gräfin erkannte. Schon von wei⸗ tem bemerkte er, daß ihr Blick ihn entdeckt hatte, und ſichtbar bewegt ſchritt ſie nach wenigen Augenblicken an der Seite ihres Gatten auf den Conſul zu. „So iſt mein Hoffen erfüllt“, ſagte die Condeſa mit klangvoller, lieblich tönender Stimme zu Murphy, indem ſie ſich mit aller Grazie verneigte und ihn durch das Senken ihres Fächers begrüßte, zugleich aber ſich mit Blick und Bewegung etwas ſeitwärts zu Harry hin⸗ wandte.„Ich habe wirklich darauf gehofft, Sie wieder 2 Armand, Saat und Ernte. II. 130 hier zu treffen, weil es mir geſtern nicht gelang, Sie Ihrer ernſten Stimmung zu entreißen, und weil ich ſo ſehr gern noch einen zweiten Verſuch dazu machen wollte.“ „Sie ſollen heute mit mir zufrieden ſein, Condeſa; mein junger Begleiter hier wird mir dabei behülflich ſein“, entgegnete der Conſul, ſich lächelnd verbeugend, zeigte auf Harry und fuhr fort:„Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Herrn Williams, einen Plantagenbeſitzer aus Texas, vorſtelle. Condeſa Donna Laodice Romero“, ſagte er dann zu Harrh. Dieſer ſowie die Gräfin verneigten ſich gegenſeitig, ihre Blicke hielten einander gefeſſelt und beiden ſchoß das Blut in die Wangen; doch Murphy entzog Harry dem Zauberbann der ſchönen Frau, indem er ihn nun auch mit deren Gemahl, dem Conde Don Ventura Ro mero, bekannt machte. „Es iſt mir ſehr erfreulich, Sie kennen zu lernen, Herr Williams“, ſagte der Graf.„Werden Sie längere Zeit bei uns verweilen?“ „Ich gedenke den Winter hier zuzubringen. Wie wäre es auch möglich, ſich von ſo viel Schönem, ſo viel Reizendem, wie Mexico bietet, bald wieder zu tren⸗ nen!“ entgegnete Harrh mit einem aufflammenden Sei. tenblick nach der Condeſa. 131 „Es iſt wohl nur der Reiz der Neuheit, der Sie hier erfreut, Herr Williams, denn Texas ſoll ja der Blumengarten unſeres Reichs ſein“, nahm die Gräfin das Wort und hielt, unter ihren langen, ſchwarzen Wimpern hervorſchauend, ihren ſchwärmeriſch glühenden Blick auf Harry's glänzende blaue Augen geheftet. „Ein Blumengarten allerdings, aber ein wilder, in dem die Natur ſich noch nicht veredelt hat. Solche Him⸗ melsblüten, wie ſie hier dem Auge ſtrahlen, habe ich früher nie geſehen“, entgegnete Harry, den ſchönen Au⸗ gen der Gräfin feurig begegnend. „Auf Ihrem Wege hierher haben Sie doch nur wenig von unſerer Flora geſehen, wenn Sie mich aber gelegentlich auf meinem Landſitze beehren wollen, Herr Williams, ſo werde ich Ihnen wirklich ſehr ſchöne Blu⸗ men zeigen“ fiel der Graf ein und wandte ſich dann zu Murphy, der im Begriff geweſen war, eine Frage an ihn zu richten. „Vielleicht gefallen Ihnen aber unſere, wie Sie ſa⸗ gen, veredelten Blumen bei näherer Bekanntſchaft we⸗ niger als Ihre wilden Naturkinder in Texas, und Ihre Sehnſucht nach dieſen würde Sie eiligſt zu ihnen zurück⸗ führen“, fuhr die Gräfin mit noch wärmerem Blick und gedämpfter Stimme fort, indem ſie mit Harry ihrem Gatten und dem Conſul nachſchritt. O* 9 132 „Solcher Zauber läßt keinen freien Willen, er feſ- ſelt unbedingt und macht zum glücklichſten Sklaven“, antwortete Harry noch leiſer und ſah der Gräfin noch feſter in die Augen. Dieſe ſchlug ſie aber nieder, entfaltete ihren glän- zenden Fächer vor ihrem Antlitz und that einige Schritte zögernd, wodurch die Entfernung von ihrem Gemahl vergrößert wurde, dann richtete ſie ihre Augen mit al⸗ lem Liebreiz wieder auf Harry und ſagte: „Fürchten Sie ſich nicht vor ſolchen Ketten? Die ſpaniſchen Blumen beanſpruchen ungetheilte Aufmerk⸗ ſamkeit.“ „Die Ketten, die ein Engel ſchmiedet, ſind unzer⸗ reißbar und beſeligend, und der Glückliche, der ſie trägt, wird ſich nimmer nach Freiheit ſehnen, denn er würde ja ſeinen Himmel verlaſſen müſſen“, antwortete Harry mit halblauter Stimme, während die Aufregung, die ſich ſeiner bemächtigte, ſich in ſeinen Augen ſpiegelte. „Herr Williams, Herr Williams“, verſetzte die Condeſa mit einem Glutblick und drohte lächelnd mit dem Fächer, dann folgte ſie eilig ihrem Gemahl und ſagte, denſelben einholend: „Sie vergeſſen in Ihrer Unterhaltung ganz, daß Sie mit einer Dame promeniren, meine Herren; ich kann Ihnen ja kaum folgen.“ 133 In dieſem Augenblick bogen ſie um eine Gebüſch⸗ gruppe und ſtanden vor Santa⸗Anna. Sie traten über⸗ raſcht zur Seite und verneigten ſich, um ihn vorüber⸗ ziehen zu laſſen, er aber ſchritt mit einer grüßenden Handbewegung auf die Gräfin zu, faßte dann, ſich ver⸗ beugend, an ſeinen Federhut und ſagte: „Die eine Sonne iſt verſchwunden, um der andern die Herrſchaft zu laſſen; ich habe mich nach ihren Strah⸗ len geſehnt, ſchöne Condeſa.“ „Vor der Sonne Mexicos, Eure Herrlichkeit, muß jede andere verbleichen, und dem Kriegsgott ergab ſich Venus ſelbſt“, antwortete die Gräfin mit einer graziöſen Bewegung ihrer Hand gegen den Feldherrn und ver⸗ neigte ſich vor ihm. „Nicht doch, Eure Erlaucht, der Gefangene, der Be⸗ ſiegte war der Kriegsgott. Selbſt ein Gott kann dem Zau⸗ ber höchſter weiblicher Schönheit nicht widerſtehen“, ver⸗ ſetzte Santa⸗Anna, indem er ſeine Rechte auf ſein Herz legte und ſich tief vor der Gräfin verbeugte. Dann wandte er ſich freundlich zu dem Grafen und zu dem Conſul und bemerkte jetzt erſt, daß Harry mit zu ihrer Geſellſchaft zähle. „Wer iſt der ſchöne junge Mann, der mit der Con⸗ deſa ſpricht?“ fragte er die beiden Herren, worauf Murphy erwiderte: 134 „Ein reicher Baumwollenpflanzer aus Texas; er⸗ lauben mir Eure Herrlichkeit, Ihnen denſelben vorzu⸗ ſtellen?“ „Wird mir ſehr angenehm ſein, Herr Conſul“, ent⸗ gegnete Santa⸗Anna und wandte ſich zu Harrh, den Murphy aus ſeiner Unterhaltung mit der Gräfin zog und ihn als Herrn Williams aus Texas dem General vorführte. „Sie ſind geborener Amerikaner, Herr Williams?“ hob Santa⸗Anna nach gegenſeitiger Begrüßung an. „Und zwar in Tenneſſee geboren, Eure Herrlich⸗ keit“, antwortete Harry mit freundlicher Höflichkeit. „Die Einwanderung der Amerikaner in Texas hat in den letzten Jahren ſehr zugenommen und viele äußerſt tüchtige Männer haben ſich dort niedergelaſſen. Wenn das amerikaniſche Element ſich nur leichter mit dem mepicaniſchen verbinden wollte, ſie bleiben aber immer wie Waſſer und Hel geſchieden. Wie ich höre, ſollen in den öſtlichen Gegenden, wo viele Amerikaner wohnen, die Mexicaner weggezogen ſein.“ „Das mag wohl mehr ſeinen Grund in der Ver— ſchiedenheit ihrer Beſchäftigung finden, Eure Herrlich⸗ keit. Die Mexicaner in Texas haben immer von der Viehzucht gelebt und nur für ihren Bedarf Brodſtoff gebaut, während der Amerikaner mehr Ackerwirthſchaft 135 treibt und durch ſeine Felder die Weideplätze der Mezi⸗ caner unterbricht. „Wie iſt die Stimmung der amerikaniſchen Bevöl⸗ kerung von Texas gegen die hieſige Regierung?“ fuhr Santa⸗Anna fort und hielt ſeinen Blick auf Harrh ge⸗ heftet. „Sehr unzufrieden mit Buſtamente; die Nachricht von deſſen Fall wird dort noch größern Jubel hervor⸗ rufen als hier, und die Begeiſterung für den Sieger, den Helden Santa Anna wird von Texas aus durch die ganzen Vereinigten Staaten widerhallen“, antwortete Harrh mit einer Verbeugung. „Es freut mich, etwas gethan zu haben, was in dieſer Provinz Beifall finden wird, ich habe mich im⸗ mer ſehr für ſie intereſſirt und werde ſtets ihr Wohl im Auge halten. Uebrigens iſt Texas von der Natur zur Viehzucht beſtimmt, denn die ganze nördliche Hälfte Amerikas hat ſolche reiche, ewig grüne Weiden nicht auf⸗ zuweiſen wie dieſes Land.“ „Dagegen muß ich Eurer Herrlichkeit aber bemer⸗ ken, daß auch kein anderer Theil dieſes Landes ſo rei⸗ chen, unerſchöpflichen, ergiebigen Boden neben ſo frucht⸗ barem, namentlich ſo geſundem Klima beſitzt, und daß kein Land auf der ganzen Erde ſo vorzügliche Baum⸗ wolle erzeugt wie Teras. Hätte es die Arbeitskräfte, 136 welche den Vereinigten Staaten zu Gebote ſtehen, ſo würde es in kurzer Zeit der reichſte Staat auf dieſem Continent ſein.“ „Sie verſtehen unter Arbeitskräften die Sklaven. Sklaverei aber, dieſer Fluch, der auf Nordamerika laſtet und der ihm zum Verderben werden wird, iſt Gott Lob aus unſerm Reich verbannt und ſoll nie, ſolange ich mitzureden habe, über unſere Schwelle treten. Ich weiß recht gut, daß die amerikaniſchen Anfiedler in Texas große Mengen von farbigen Arbeitern nach dort gebracht haben, wenn dieſelben aber Sklaven bleiben, ſo iſt es ihr eigener Wille, denn nach unſern Geſetzen ſind ſie frei, ſobald ſie den Fuß auf mepicaniſche Erde geſetzt haben.“ „Ich ſtimme den Grundſätzen Eurer Herrlichkeit in Vezug auf Sklaverei aus innigſter Ueberzeugung bei, ich halte ſie für ein verbrecheriſches, den Menſchen herab- würdigendes und brandmarkendes Inſtitut“, ſagte Harry mit anſcheinend tiefſter Entrüſtung und fügte noch hinzu? „Wenn wir in Texas nur ſo glücklich wären, von den Millionen arbeitender Indianer, die hier im Innern des Landes wohnen, einen Theil nach unſerer Provinz über⸗ ſiedeln zu können, denn die, welche unſer Land durch⸗ ſtreifen, ſind wilde Kannibalen, die dem Fortſchreiten unſerer Cultur einen gewaltigen Damm entgegenſtellen“ 137 „Unſere nordöſtlichen Staaten leiden ebenſo viel durch dieſe Indianer und ich werde es mir zur Haupt⸗ aufgabe machen, unſere Grenzen gegen dieſes Geſindel zu ſchützen, ſobald unſere innern Zuſtände geregelt ſind und meine Stimme bei der Regierung unſeres Reichs mehr Gewicht hat; zu viele Köpfe zerſplittern ihre Kraft.“ Dieſe letzten Worte ſagte Santa⸗Anna halb vor ſich hin, als ob ihn für den Augenblick ein mächtiger Gedanke der Gegenwart entzöge. „Dieſe Zeit wird hoffentlich nicht fern ſein, Eure Herrlichkeit; die neue Präſidentenwahl ſteht nahe bevor“ fiel Harry mit ſchmeichelndem Tone ein. „Sollte man mir die Ehre erzeigen, ſo werde ich mich des reichen, ſchönen Texas ganz beſonders anneh⸗ men. Wann reiſen Sie nach dort zurück?“ „In nicht langer Zeit“, antwortete Harrh mit ge⸗ dämpfter Stimme und warf einen Blick nach der Gräfin, als fürchte er, daß dieſe ſeine Worte vernehmen möchte. „So werden Sie vor der Wahl wieder dort ſein und können meine Abſichten bekannt machen“ verſetzte Santa⸗Anna und fügte, ſich gegen Harry verneigend, noch hinzu: „Es wird mir angenehm ſein, Sie in meiner Woh- nung zu begrüßen.“ Dann verabſchiedete er ſich von der Gräfin 1 138 deren Gemahl, reichte dem Conſul vertraulich die Hand und ſchritt zu den Offizieren zurück, die ſeiner in einiger Entfernung harrten. „Unſer zukünftiger Herrſcher war ja äußerſt liebens⸗ würdig gegen Sie, Herr Williams“, ſagte die Condeſa, wieder an Harry's Seite tretend.„Er iſt ein großer Mann, den der Himmel unſerm Lande als rettenden Engel ge⸗ ſandt hat; nur ein ſolcher Kopf, ein ſolcher Arm kann uns vor einer Pöbelherrſchaft bewahren. Er iſt aus alter guter Familie und weiß den Werth zu ſchätzen, den der Adel für ein Land hat.“ „Herr Williams“, wandte ſich jetzt der Graf zu Harry um,„unſer gemeinſchaftlicher Freund, der Herr Conſul, iſt ſo freundlich und will uns das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft an dieſem Abend mit genießen laſſen, wenn Sie mit ihm denſelben bei uns verbringen wollen.“ „Ich bin der reiche Gewinner bei dieſer Aenderung und fühle mich ſehr geehrt und beglückt durch Ihre Güte, Herr Graf“, erwiderte Harrh mit großer Höflichkeit. „Ehe ich aber die Einladung annehmen kann, muß ich von der Frau Gräfin hören, ob auch ſie ihre Zuſtimmung dazu gibt.“ „Unverhoffte Freude macht ſtumm“, entgegnete die Condeſa mit wonnigem Lächeln,„ſonſt würde ich der Bitte meines Gemahls die meinige beigefügt haben; 139 jetzt bitte ich Sie, Herr Williams, unſer Haus zu Ihrer Heimat zu machen. Rechnen Sie dieſe Worte nicht als ſpaniſche Form, ſondern betrachten Sie dieſelben als wirklich ſo gemeint. Je öfter Sie von dieſer unbe⸗ grenzten Einladung Gebrauch machen, um ſo dankbarer werden wir, mein Gemahl und ich, Ihnen ſein.“ Der Graf ſtimmte den Worten ſeiner Gattin bei und ſchlug nun mit dem Conſul den Weg nach dem Ausgang aus der Alameda ein, während die Gräfin mit Harry an ihrer Seite in einiger Entfernung folgte. „Zürnen Sie mir auch nicht darüber, daß ich die Veranlaſſung zu der Einladung gab?“ fragte die Con⸗ deſa mit ſüßem Tone ihren jungen Begleiter. „Ich würde Ihnen ſelbſt dann nicht zürnen können, wenn Sie mir die Seligkeit Ihrer Huld wieder entziehen wollten; es würde mich aber endlos unglücklich machen“, erwiderte Harry mit bittendem Tone. „Ich laufe größere Gefahr, eine Freude wieder zu verlieren, die ich mir vielleicht nur durch dieſe Huld ver⸗ ſchaffte und welche zu erhalten die Kräfte mir fehlen“, ſagte die Gräfin mit halblauter, weicher Stimme und ſah mit allem Zauber ihrer Augen zu Harrh auf. Im Vorübergehen an den vielen Luſtwandelnden in der Alameda wurden ſie fortwährend der Gegenſtand großer Aufmerkſamkeit und Alles ſchaute neugierig dem 140 intereſſanten jungen Fremden nach, der ſich ſo eifrig mit der vornehmen ſchönen Condeſa unterhielt. Harry und der Conſul verbrachten einen äußerſt angenehmen Abend bei Romeros, der Graf zeigte ſich als liebenswürdiger Wirth, und die Gräfin bot Alles auf, ihren Gäſten die Zeit angenehm zu vertreiben; ſie würzte die Unterhaltung, indem ſie ihrem Gatten und dem Conſul in Allem das Widerſpiel hielt, bekämpfte beide mit Scherz und Witz und rief Harry oft für ſich in die Schranken. Auch ließ ſie ihre Harfe bringen und ſpielte und ſang zur Bewunderung und zum Ent⸗ zücken aller. In ihrer allgemeinen Bemühung aber, die Männer zu erheitern, verſäumte ſie nicht, durch Ton, Blick und Bewegung Harty auszuzeichnen und das in ihm her⸗ vorgerufene Intereſſe für ihre Perſon noch mehr zu bele⸗ ben. Glühend fühlte er jeden Blitz ihrer Augen ſeine Glieder durchzucken, wie himmliſche Muſik traf ihn der Ton ihrer ſüßen, klangreichen Stimme, und träumend verließ er das Palais, träumend von dem Glücke, welches ſo hohe Schönheit, ſo bezaubernde Liebenswürdigkeit zu ſpenden im Stande ſein würde. Harry machte von der unbeſchränkten Einladung der Gräfin Gebrauch und beſuchte täglich ihr Haus. Bei dieſen Beſuchen behandelte ihn der Graf mit großer Zuvorkommenheit und Freundlichkeit, und das Benehmen 141 der Condeſa gegen ihn wurde immer vertrauter, immer wärmer, aber auch immer weniger unbefangen und immer ernſter. Oft verſtummte ſie plötzlich in munterem Geſpräch und ſah gedankenvoll vor ſich nieder, oder ihr Blick heftete ſich in ſtiller Glut für Augenblicke ſtarr auf Harry's Geſtalt, dann brach ſie aber mit um ſo größerer Lebendigkeit wieder das Schweigen und ſuchte in wilder Heiterkeit den Ernſt zu verbergen, der ſie übermannt hatte. Sechstes Kapitel. Harry war der ſtete Begleiter der Gräfin abends in der Alameda, an welchen Spaziergängen ſich der Conſul Murphh häufig betheiligte und dann it mit nach deren Wohnung ging. So begab es ſich auch an einem ſchönen Abend, daß er mit ihnen und mit dem Grafen die Promenade verließ, und das helle Mondlicht hatte das letzte Roth am Himmel verdrängt, als ſie das Palais Romero er⸗ reichten und in deſſen kühlen, geräumigen Corridor ein— traten. An der breiten Marmortreppe blieb der Graf ſte⸗ hen, um die Gräfin und Harry vorangehen zu laſſen, worauf er mit Murphy folgte. Sie traten im erſten Stock in den ete Salon ein und ließen ſich unter dem blitzenden Kron⸗ leuchter um den Marmortiſch in Armſeſſeln nieder. Die Gräfin hatte die Basquina und die Mantille abgelegt und das ſchwarze Spitzentuch von ihrem zarten Nacken 143 entfernt, ſodaß auf deſſen enthülltem Schnee das Dia⸗ mantenkreuz mit der gräflichen Krone im Scheine der Lichter funkelte und blitzte. Doch das tiefglühende Feuer ihrer dunkeln überſchatteten Augen ließ die Juwelen vor Harry's Blicken erbleichen, und mit magiſcher Kraft von den Reizen der ſchönen Frau gefeſſelt, vergaß er, was um ihn vorging. Er hatte es kaum bemerkt, als ein Diener Obſt und Wein auf den Tiſch trug, und ſah den⸗ ſelben nicht, als er neben ihn trat und ihm Fruchteréme anbot. Mit ſtrahlendem Blick weckte die Gräfin ihn aus ſeiner Verſunkenheit, indem ſie ihm ſelbſt eine mit Créme reichte und ſagte: „Von mir, Herr Williams, müſſen Sie ſchon etwas annehmen, auch wenn es nicht ſo ſchmackhaft ſein ſollte, wie Sie es in Ihrem ſchönen Texas gewohnt ſind.“ Harrh's Leidenſchaft ſteigerte ſich von Minute zu Minute, es lief ihm wie Fieberglut durch die Adern und ſeine ſonſt ſo geläufige Rede wurde immer wort⸗ karger; um ſo lebendiger aber führte die Condeſa die Unterhaltung mit Worten, mit Blicken und mit dem Fächer; Harry's Verfinken in ihren Anblick folgte ſie mit Entzücken und es ſchien, als wolle ſie ihm keinen andern Gedanken laſſen als den an ſie ſelbſt. Bald blitzten ihre ganz geöffneten Augen mit wildem Feuer ihm entgegen, bald ſanken deren lange Wimpern und 144 ließen ihren Blick in ſehnſüchtigem Verlangen nach ihm hinüberſchwärmen, bald wieder lächelten ſie ihm lieb- reizend zu. Rauſchend umſchwirrte der glänzende Fächer ihr edles, bleiches Antlitz und trieb den Lufthauch ſpie⸗ lend durch die glänzenden Locken ihres Raabenhaars. Alle ihre Bewegungen waren leicht und natürlich und doch wie berechnet, denn oft fiel der weite Spitzenärmel zurück und entblößte ihren ſchön gerundeten Arm, dann wieder ließ ein leichtes zufälliges Vorneigen die Fülle ihrer Formen ahnen und oftmals ſtahl ſich ihr reizender kleiner Fuß aus dem Faltenwurf ihres Ge⸗ wandes hervor und verrieth die üppig ſchwellende Fort⸗ ſetzung ihres feinen Knöchels. Von Zeit zu Zeit aber wandte ſich die Gräfin auch zu dem Conſul, warf ihm ſcherzend vor, daß er ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Unterhaltung mit dem Grafen widme und darüber ſie vernachläſſige, und bemerkte, daß ſie es ſehr ungalant finde, in Geſellſchaft einer Dame poli- tiſche Themata zum Gegenſtande des Geſprächs zu machen. „Wir werden uns dieſem höchſt gerechten Vorwurf dadurch entziehen, daß wir uns hinaus auf den Balkon ſetzen“ fiel der Graf, gleichfalls ſcherzend, ihr in das Wort, ſtand auf und reichte dem Conſul eine Cigarre. Dann bot er auch Harry eine ſolche an, die dieſer ieh mit Dank zurückwies. 145 „So laſſen Sie uns dem Beiſpiel der beiden Staats⸗ männer folgen, Herr Williams, und uns ebenfalls in das Freie hinausbegeben; die Luft iſt erquickend und labend“, ſagte die Gräfin ſich erhebend, winkte ihrem Gatten und Murphy mit ihrem Fächer einen Gruß zu und geleitete Harry nun in das zur Linken anſtoßende Zimmer, um nach dem Mirador, dem kleinen, zweiſitzigen Balkon vor deſſen Glasthür, zu gehen, während die beiden Männer an der andern Seite den Salon verließen und ſich gleich⸗ falls auf einen ſolchen Altan verfügten. Das Gemach zur Linken erhielt nur ein mattes Licht aus dem Salon und von der Balkonthür, durch welche der bleiche Schimmer des Mondes eindrang. Als die Condeſa mit ihrem liebeglühenden Begleiter in daſ⸗ ſelbe eingetreten war, verſtummten ſie beide und verzö⸗ gerten ihre Schritte. Sie hatten die Glasthür erreicht und ſtanden neben einander, um hinauszutreten, als es Harry wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte, denn er fühlte ſeine Hand von der weichen Linken der Gräfin leiſe ergriffen. Die Flammen der Leidenſchaft umloder⸗ ten ſeine Sinne, mit beiden Händen erfaßte er die Hand, hob ſie bebend an ſeine Lippen und ſtand regungslos da, als wolle er die Glut, die ihn durchwogte, auf den zarten Fingern der reizenden Frau ausſtrömen laſſen. Dieſe aber neigte ſich zu ihm hin und barg ihr ſchönes Armand, Saat und Ernte. 11. 10 146 Haupt an ſeiner Bruſt. Wie wenn der zündende Funke in eine Mine gefallen, ſo brachen die letzten Bande, welche den Sturm in Harry's Gefühlen noch gefeſſelt hielten, ſeine Arme ſchlangen ſich um den ſchlanken Leib der Condeſa, er preßte ſie krampfhaft an ſein Herz und in glühendem Kuſſe brannten ihre Lippen aufeinander. Jede Rückſicht, jede Gefahr war vergeſſen, ihre Herzen zitterten, ihre Pulſe raſten und Minuten ſeliger Erſtar⸗ rung waren verflogen. als die Gräfin ſich aus Harry's Umarmung wand, ihre Locken zurückſtrich und ſeine Hand in ihrer Linken haltend auf den Balkon hinaustrat. Das bunte Leinendach, welches ſich über dem Altan bis auf deſſen Geländer herab wölbte, hüllte denſelben in trau⸗ liches Halbdunkel, denn der Mond ſtand ſchon hoch am Himmel. „Es iſt geſchehen! Ich habe gethan, was ich nicht laſſen konnte— ich bin Dein, Geliebter!“ ſagte die Condeſa mit unſicherer, halblauter Stimme und ſank wie erſchöpft in den Seſſel nieder, während Harry in dem andern Stuhl Platz nahm. Wie von der plötzlichen Auf⸗ regung überwältigt, hatten beide für einige Minuten keine Worte, nur der Druck ihrer noch bebenden Hände, der unbeweglich in Wonne an einander gefeſſelte Blick ihrer Angen und zitternde, tiefe Athemzüge gaben ihren überwogenden Gefühlen noch Ausdruck. 147 Die Gräfin hatte ſich mehr und mehr dem nach ihr hingebeugten Harry genähert und ſagte dann, ihm ſehnſüchtig in die Augen ſchauend: „So liebſt Du mich wirklich, Harry?“ „Dein, Dein für die Ewigkeit mit Leib und Seele!“ ſtammelte er flüſternd hervor und zog die Hand der Frau wieder an ſeine Lippen. „So ſchwöre mir Treue, Harry, unverbrüchliche Treue! Ein ſpaniſches Herz muß allein beſitzen“, fuhr die Condeſa ebenſo leidenſchaftlich hingeriſſen it und legte ihre beiden Hände um die ſeinige. „Treu bis in den Tod, ich ſchwöre es, Du himmli⸗ ſches Weſen!“ antwortete Harry und zog die Gräfin noch näher zu ſich heran, doch dieſe neigte ſich wieder in ihren Seſſel zurück und ſagte: „So höre mich, Geliebter! Unſer Bund muß der Welt tief verborgen bleiben, ſoll unſer Glück nicht zu Grabe gehen. Bei dem Monde ſchwöre ich es Dir, daß meine Liebe für Dich mein erſtes Unrecht iſt und mein einziges bleiben ſoll, welches ich gegen meinen Gatten begehe; ſie war ſtärker als ich, als mein Wille, als meine Tugend. Das Unrecht wird aber ſchwerer, wenn es das Glück meines Gemahls trübt. Das darf, das ſoll nicht geſchehen, darum ſei vorſichtig mit Wort und Blick, damit Du uns nicht verräthſt. Es fällt in keiner Weiſe 10* 148 auf, daß Du uns häufig beſuchſt, es fällt auch nicht auf, daß Du mir den Hof machſt, denn der Welt gegenüber bin ich immer beſſer geweſen als mein Ruf, und der Graf iſt ſtolz auf meine Treue und lacht meiner Galane. Er muß ſein Glück, ſeinen Stolz behalten, doch ich kann ohne mein Glück, ohne Deine treue Liebe nicht leben.“ „Ewig, ewig, Laodice, iſt ſie Dein!“ flüſterte Harry. „Ich werde es veranlaſſen“, fuhr die Condeſa fort, „daß wir hinaus nach unſerm Landſitz ziehen, dort droht uns weniger Gefahr und winkt uns mehr Selig⸗ keit. Dem Grafen wird mein Vorſchlag ſehr erwünſcht ſein, denn er iſt gern auf dem Lande und zog nur auf meine Bitte in die Stadt. War es eine Ahnung von meinem Glück, welche mich hierher führte?“ „Es war mein guter Stern, der Dich leitete, der Dich hierher kommen ließ, um mir des Himmels Selig⸗ keit zu geben“, fiel Harry ein. „Und ſie mich in Deinen Armen, an Deinem Her⸗ zen finden zu laſſen“, ſagte die Gräfin, warfſich ihm an die Bruſt und ſchlang, ſeine Lippen auf den ihrigen empfangend, ihre Lilienarme um ſeinen Nacken. Im nächſten Augenblick aber fiel ſie wieder in ihren Stuhl zurück und flüſterte:„Wir wollen an das Geländer vor⸗ treten, damit Romero und der Conſul uns ſehen können. 149 Dieſe zwiſchen ihnen und uns aus der Mauer hervor⸗ ragenden Säulen ſind unſerer Liebe wegen geſchaffen.“ Dann ſtanden beide auf, traten an die Baluſtrade vor und ſchauten, ſich auf dieſelbe ſtützend in die Straße hinab. Die Gräfin ſprach laut, lachte und ſcherzte, und ſah wiederholt ſeitwärts von den Säulen hin nach dem Balkon an der andern Seite des Palais, auf welchem der Graf und Murphy noch ruhig ſaßen und den Rauch ihrer Cigarren in dem Mondlicht aufwirbeln ließen. „Sie ſind noch tief in ihre Unterhaltung verſunken“, ſagte die Gräfin, noch einen Blick nach dem andern Bal⸗ kon werfend, trat dann mit den Worten:„Mein Harrh, mein Geliebter!“ in die Glasthür zurück, hielt ihm ihre Hände entgegen und ſank nun abermals an ſeine Bruſt. In Wonne und Luſt verſtrich ihnen die Zeit zu ſchnell, denn bald erkannte die Gräfin, daß der Conſul ſich verabſchieden wollte, ſie ordnete ſchnell ihre Locken, öffnete ihren Fächer und ſchritt mit Harry an ihrer Seite in den Salon zurück, wo ihnen die beiden Männer entgegenkamen. „Ich hoffe, daß unſerm Vaterlande viel Heil aus Ihrer Berathung erwachſen möge“, ſagte die Condeſa ſcherzend zu dem Conſul, als derſelbe ſich ihr empfahl, und wandte ſich dann in demſelben Tone zu Harry⸗ 150 indem ſie fortfuhr:„Und Ihnen, Herr Williams, mei⸗ nen beſten Dank dafür, daß Sie ſich meiner ſo ritterlich in meiner Verlaſſenheit annahmen. Sie vergeſſen uns morgen doch nicht?“* Von Liebe und Glück berauſcht, kehrte Harry in ſein Hotel zurück, fand aber Holcroft dort noch nicht angelangt, derſelbe hielt ſpätere Stunden. Am folgen⸗ den Morgen, als er mit ihm frühſtückte, theilte er ihm mit, daß er Santa⸗Anna heute ſeinen Beſuch machen wolle und daß er den geſtrigen Abend wieder bei der ſchönen Gräfin verbracht habe, verſchwieg ihm aber das Verhältniß, in welches er zu ihr getreten war. Holeroft erzählte ihm, daß das Glück und ſeine Geſchicklichkeit ihn beim Spiel in vergangener Nacht be günſtigt hätten und daß er einige Tauſend Dollars ge⸗ wonnen habe. Harry machte nun an dieſem Morgen Santa⸗Anna ſeine Aufwartung und wurde äußerſt artig von ihm empfangen. Derſelbe unterhielt ſich lange Zeit mit ihm über die Verhältniſſe von Texas, bemerkte, daß der ab⸗ geſetzte Präſident Buſtamente dieſe Provinz als ein Bollwerk gegen die vergrößerungsſüchtigen Vereinigten Staaten betrachtet und darum der Einwanderung der Amerikaner alle möglichen Hinderniſſe in den Weg ge⸗ legt habe, daß er, Santa⸗Anna, dieſelbe aber nach allen 151 Kräften begünſtigen wolle in der Hoffnung, daß ſich das amerikaniſche Element mit dem mexicaniſchen ver⸗ miſchen und ein thatkräftiges, hochherziges Volk daraus hervorgehen werde Er hoffte ſchließlich, Harry während ſeines Aufenthalts in Mexico oft bei ſich zu ſehen, und entließ ihn auf das freundlichſte und huldvollſte. Die Kreiſe der vornehmen Geſellſchaft der Haupt⸗ ſtadt waren für Harry geöffnet, in dem Hauſe Romero machte er faſt täglich neue Bekanntſchaften, und es verging tein Tag, ohne daß ihm Einladungen zu Theil gewor⸗ den wären. Er folgte jedoch keiner derſelben, wenn er nicht von der Gräfin Romero wußte, daß auch ſie dort erſcheinen würde; geſchah dies, ſo war Harry auch an ihrer Seite, um ſich ausſchließlich ihrem Dienſte zu wid⸗ men, und bald galt er allenthalben für ihren erklärten Liebhaber. Und groß war der Neid der Damenwelt gegen die Condeſa über den Beſitz dieſes ſchönen, liebens- würdigen jungen Galans, der in Texas ſo reiche Be⸗ ſitzungen haben ſollte. Er war täglich bei Romeros im Hauſe und gewann ſich durch ſein artiges, vornehmes Weſen bald die aufrichtige Zuneigung des Grafen, der in den Aufmerkſamkeiten Harry's gegen ſeine Gattin nur das feine Benehmen des Gentleman erkannte und den es erfreute, dieſelbe, von andern Damen beneidet, mit ihm glänzen zu ſehen. Romero's Stellung im Staatsdienſte beanſpruchte täglich einen Theil ſeiner Zeit, und es war ihm ange⸗ nehm, daß die Gräſin in Harry einen Begleiter bei ihren Wegen, Beſuchen und Spazierfahrten hatte, über den ſie jederzeit verfügen konnte. Der Vorſchlag der Condeſa, auf das Landgut zu ziehen, war dem Grafen ſehr erwünſcht, denn daſſelbe lag nur eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, ſo— daß ſein Aufenthalt dort ſich ſehr gut mit ſeinem Dienſte vertrug, und da er an Garten und Feld und überhaupt an der freien Natur ſeine Freude hatte, ſo machte er ſofort Anſtalten zur Ueberſiedelung auf ſeinen Landſitz. Der Vorbereitungen dazu bedurfte es nicht viele, denn die dortigen Einrichtungen waren vollſtändig, und da die Gräfin ihrem Gatten noch keine Familie geſchenkt hatte, ſo waren es nur Diener und Equipagen, die hinausgeſchafft werden mußten. Schon nach wenigen Tagen fand der Umzug ſtatt und Harry begleitete den Grafen und die Gräfin dabei zu Pferde. Die Beſitzung war reizend gelegen; das aus Granit gebaute Schloß erhob ſich unweit der Straße nach Pachuca am Tezeucoſee auf höhen, ſteilen Felsmaſſen, beherrſchte das ganze Thal und war durch ſeine mauriſche Form, durch ſeine Thürmchen, Vorbaue, Altane und Säulen⸗ gänge eine Ziede der Gegend. Der Ernſt ſeines alten, 153 dunkeln Gemäuers verſchwand in den lachenden Orangen⸗ hainen und Palmengruppen, aus denen es hervorſah, und die ſchroffen Felſen, auf welchen es ſtand, waren mit Weinbergen geziert, die ſich wie grüne Guirlanden hin und her an ihnen hinabwanden. Nach Südoſt hin lief eine Colonnade um das Schloß, deren hohe Bogenöff⸗ nungen, von blühenden Schlingpflanzen eingefaßt, dem Luftzug freien Durchgang gewährten, den Sonnenſtrahlen aber nicht genug Einlaß geſtatteten, um den kühlen Schat⸗ ten aus dem Gange zu verdrängen. Das Auge ſchweifte aus deſſen trautem Halbdunkel hinab über den glänzen⸗ den Spiegel des wunderbar ſchönen, von Tropenhainen eingefaßten Tezeucoſees und weiter hin nach den Tenoch⸗ titlangebirgen, über welche die eisbedeckten Häupter der beiden rieſigen Vulkane aus dem durchſichtig blauen Aether in das Thal von Mexico herabſchauten. Nach Südweſt vor der Fronte des Schloſſes breitete ſich ein prächtiger Garten mit hohen immergrünen Gebüſchgrup⸗ pen bis an die Mauer aus, welche über den Felsab⸗ hang hinlief und über deren Mitte ein von Minarets gezierter Pavillon ſich erhob. Aus deſſen großem, durch zwei Marmorſäulen getheiltem offenem Bogenfenſter hatte man einen prächtigen Blick über die Stadt Mexico. Wie ein Feenſchloß ſtieg die Villa, wenn die Sonne ſank, vor dem glühenden Abendhimmel auf ihre Fenſter blitz⸗ 154 ten und funkelten in deſſen Scheine wie Gold und Ju⸗ welen und tief hinab in die klare Flut des Sees ſenkte ſich ihr Spiegelbild. Es war ein reizender Aufenthalt dieſer Landſitz; kühl und labend bot er während der Hitze des Tags die wonnigſten, verborgenſten Ruheplätzchen und Lauben⸗ gänge für ſtille Leute, wohin niemals ein Sonnenſtrahl gelangte. und des Abends verſcheuchte der friſche Luft⸗ zug, der das ganze Schloß frei umſpielte, die Glut, welche ſich in daſſelbe eingedrängt hatte. Es war ein Aufenthalt, ganz geſchaffen für zwei heimlich liebende Herzen, wie das der Gräfin und Harry's, denn zu jeder Tages. und Nachtzeit bot er ihnen Gelegenheit, ihr Glück ungeſehen und ungeſtört zu genießen. Oft ſchon früh in des Morgens erfriſchender Kühle ritt Harry hinaus um mit dem Grafen und deſſen Gattin unter duftenden Drangenbäumen im Freien zu frühſtücken und ſich an der prächtigen Ausſicht über das weite Thal von Tenoch⸗ titlan zu ergötzen. Wenn dann der Graf ſeinen Dienſt⸗ pflichten folgte und in die Stadt fuhr, blieb Harry bei der Gräfin zurück, um die Einſamkeit von ihr fern zu halten, und wenn Romero aus der Stadt wie⸗ derkehrte, ſo mußte Harry zum Mittagseſſen bleiben, um ihn mit ſeiner Geſellſchaft zu erfreuen. Die Abende waren aber zu wunderbar ſchön, als daß Harry ſchon 155 in die durchglühten Mauern der Stadt hätte zurückkeh⸗ ren dürfen, der Graf ließ ihn nicht fort und die Gräfin bot dem Gatten zu Liebe alle ihre Ueberredungskunſt auf, Harry noch zu halten, ſo ſehr derſelbe anſcheinend auch darauf drang, nach Hauſe zu reiten. Hatte er aber nun endlich Abſchied genommen und ſein Pferd beſtie⸗ gen, ſo ritt er gewöhnlich nur bis an den Fuß des Berges in einen dort gelegenen dichten Waldſtrich und verweilte da, bis die ſpäte Stunde der Mitternacht kam. Dann ließ er ſein Pferd in dem Verſteck zurück, eilte zu Fuß wieder nach der Villa hinauf und durch den Garten in den Pavillon, wo die Condeſa ihn nun noch mit einem letzten Abſchied beglückte. Harry konnte leicht und ungeſehen dieſen Pavillon erreichen, indem er durch die Schlangenwindungen der Weinberge hinauf in den Garten gelangte und dort hinter dichten Myrten und Lorbeergebüſchen die Mauer entlang bis an das Garten⸗ haus ſchlich. Der Weg der Gräfin bis dahin war nur ein kurzer, denn es führte aus ihren Gemächern ein Ausgang in den Garten, den zu durcheilen ſie nur weniger Augen⸗ blicke bedurfte. Ismene, ihre treue Dienerin und zugleich ihre Vertraute, begleitete ſie ſtets bei dieſen nächtlichen Ausflügen und hielt außerhalb des Pavillons Wache, wenn auch von keiner Seite Gefahr drohte, da um dieſe Zeit ſämmtliche Dienerſchaft in tiefem Schlafe lag und der 156 Graf die andere Seite des Schloſſes bewohnte, von wo er den Garten nicht überſehen konnte. Abſichtlich ließ Harrh manchmal mehrere Tage ver⸗ ſtreichen, ohne in dem Schloſſe zu erſcheinen, und wenn der Graf ihn dann in dem Hotel aufſuchte und nach der Urſache ſeines Nichtkommens fragte, ſchützte er Ge⸗ ſchäfte vor, die ihn abgehalten hätten. Seltener aber fehlte er um Mitternacht in dem Pavillon. So flogen Tage, Wochen und Monate für den Grafen, für die Condeſa und für Harrh in ungetrübtem Glücke hin, und das Frühjahr zog neu belebend über Berg und Thal. Da trat eines Morgens Holeroft zu ſeinem jungen Gefährten in das Zimmer und ſetzte ſich zu ihm an die offene Glasthür, die auf den Balkon hinaus⸗ führte. „Ich habe Ihnen eine Mittheilung von großer Wichtigkeit zu machen, Williams“, ſagte er und blies den Rauch ſeiner Cigarre in Ringeln durch die Thür hinaus. „Und die wäre?“ verſetzte Harry, mit Ueberra⸗ ſchung und Spannung dem bedeutungsvollen Blick des Sklavenhändlers begegnend. „Sie können das Angenehme hier mit dem Nütz⸗ lichen verbinden“, fuhr Holeroft ſinnend fort.„Man ſoll über das Vergnügen nie eine Gelegenheit aus dem . 157 2 Auge laſſen, ſich des Hauptſpenders deſſelben, des Gol⸗ des, zu bemächtigen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Holcroft, ich glaube auch nicht, daß ich mich einer ſolchen unverzeihlichen Nachläſ⸗ ſigkeit ſchuldig gemacht habe. Ich ſehe nicht ein, wie ich hier Geld gewinnen könnte, ohne zu ſpielen, und Sie wiſſen, darin habe ich kein Glück“ entgegnete Harry mit zunehmender Spannung. „So hören Sie!“ nahm der Sklavenhändler wieder das Wort.„Sie befinden ſich an einer Quelle des Reich⸗ thums. Ich erfuhr nämlich zufällig geſtern Abend, daß der Graf Romero der Verwaltung der Staatsländereien vorſteht und daß er nach Belieben mit Landſtrichen be⸗ lehnen und ſolche auch zu kaum nennenswerthen Preiſen verkaufen kann. Ich dächte wohl, wer mit der Frau dieſes Mannes in ſo freundſchaftlichem Verhältniß ſteht und ihr ſo manche glückliche Stunde bereitet, könnte dieſen auch leicht dazu bewegen, ein paar Federſtriche zu ſeinen Gunſten zu thun. So einige Leguas Landes in Texas wären ſo übel nicht.“ „Was ſagen Sie? Romero hat die Verwaltung über die Ländereien?“ ſiel Harrh mit aufglänzen⸗ dem Blick ein.„Ich kann ja von ihm haben, was ich will!“ „Nun, ſo laſſen Sie ſich nicht zu wenig geben, eine 158 ſolche Gelegenheit, Vermögen zu machen, wird nicht oft geboten“, verſetzte Holcroft. „Ei, ſofort reite ich hinaus zu ihm, um ihn zu be⸗ arbeiten“, ſagte Harry in großer Aufregung. „Verſäumen Sie nicht, die ſchöne Gräfin zu bitten, daß Sie ſelbſt Ihnen das Land zumeſſen möchte, für Sie nimmt ſie ſicher das größte Maß“, bemerkte der Sklavenhändler noch mit ſarkaſtiſchem Lächeln, als Harry ſchon der Thür zueilte, um ſein Pferd ſatteln zu laſſen. Schon in den älteſten Zeiten der ſpaniſchen Herr— ſchaft in Merico pflegte die Regierung große Landſtriche an Privatperſonen zu geben. entweder unter der Bedin⸗ gung, binnen gewiſſer Jahre eine gewiſſe Anzahl Men⸗ ſchen darauf anzuſiedeln, oder ſie verkaufte ſie ihnen für eine ſehr geringe Summe, die mit dem Werthe des Landes in gar keinem Verhältniß ſtand und die gewöhn- lich in die Privattaſche der höhern Beamten floß. Man nannte ſolche Stücke Landes Empreſiarios oder Grants, und die Beſitztitel darüber ſind in der Regel die älte- ſten und beſten in allen Ländern, wo Spanien einmal herrſchte. In Teras hatte aber die Regierung Mericos in den letztern Jahren viele ſolcher Landſtriche an dort woh nende Mexicaner verkauft, um es den einwandernden Amerikanern zu erſchiveren, ein von Privatbeſitz freies Stück Land zu finden, worauf ſie ſich niederlaſſen konn⸗ ten. Namentlich waren unter der Präſidentſchaft Buſta⸗ mente's ungeheure Strecken in dieſer Weiſe in Privat⸗ hände übergegangen, und auf die Klagen, die von Te⸗ ras aus dagegen erhoben wurden, hatte man immer ge⸗ antwortet, daß die dafür eingenommenen Gelder zum Schutze der Grenzen dieſer Provinz gegen die wilden Indianer verwendet würden, während es allgemein be⸗ kannt war, daß man die mexicaniſchen Soldaten in die⸗ ſem Lande davon bezahlte, welche dazu dienten deſſen amerikaniſche Bevölkerung zu beläſtigen und niederzu⸗ halten, und daß der Reſt des Geldes von den Verwal⸗ tungsbeamten in der Hauptſtadt unter ſich getheilt wurde. Es war nichts Ungewöhnliches, daß man eine Legua Land, ungefähr viertauſendfünfhundert Acker, für tau⸗ ſend Dollars und auch für noch viel weniger ver⸗ kaufte und daß ein einziger Mann bis zu fünfzehn Leguas in dieſer Weiſe von der Regierung erſtand Die Amerikaner in Texas waren dadurch angewieſen, ſich um Land an die Mexicaner zu wenden, und da dieſe ihnen daſſelbe gewöhnlich verweigerten, ſo mußten ſie weiter hinaus in die Gegenden ziehen, die noch vollſtändig in den Händen der Indianer waren. 3 Der Graf Don Ventura Romero hatte bei den Verkäufen von Texasländereien während der Präſident⸗ 159 * 160 ſchaft Buſtamente's bedeutende Summen für ſich ſelbſt erübrigt, und es war ein gar zu lockender leichter Ver⸗ dienſt, als daß er denſelben unter dem neuen Präſiden⸗ ten aus eigenem Antrieb hätte aufgeben ſollen. Das Geſuch Harry's, ihm Land in Texas zu ver⸗ kaufen, fand bei Romero williges Gehör, zumal da er ſich erbot, gleich das baare Geld dafür zu zahlen, nur hatte der Graf das eine Bedenken dabei, daß Harrh ein geborener Amerikaner ſei, und daß die Regierung, wenn ſie von dem Verkauf hören ſollte, ihm, dem Grafen, Vorwürfe darüber machen würde. „Man braucht es ſie ja gar nicht wiſſen zu laſſen, verehrter Herr Graf“ entgegnete Harrh beruhigend.„Wir machen es unter uns ab, ich zahle Ihnen viertauſend Dollars baar aus, Sie laſſen mir die Documente über vier, wenn es geht, fünf Leguas Land in guten Gegen⸗ den von Texas anfertigen, und es kräht weder Huhn noch Hahn danach. Sie haben doch ſicher einige zuver⸗ läſſige verſchwiegene Unterbeamte?“ „Daran fehlt es mir nicht“, antwortete der Graf nachdenkend und fuhr nach einigen Augenblicken fort: „Dann wäre es wohl gut, wenn ich Ihnen unſere Karte von Texas zeigte, auf welcher alle bisher ausgegebenen. * Ländereien aufgezeichnet ſind, wonach Sie dann ſelbſt beſtimmen könnten, wo Sie die Grants zu haben wünſchen.“ 161 „Das wird mir jedenfalls ſehr angenehm ſein“, fiel Harrh mit vollkommener äußerer Ruhe ein, während ſeine innere Aufregung über das ſich ihm nahende Glück von Minute zu Minute zunahm. „So will ich Ihnen einen Vorſchlag machen“, nahm Don Romero wieder das Wort.„Sie laſſen Ihr Pferd hier ſtehen, fahren mit mir nach der Stadt, wir beſor⸗ gen dort alles Nöthige in Bezug auf unſer beſprochenes Geſchäft, und dann fahren Sie wieder mit mir hierher, um mir und meiner Frau beim Mittagseſſen die Freude Ihrer Geſellſchaft zukommen zu laſſen.“ Harry ging ſehr willig auf den Vorſchlag ein, begleitete den Grafen nach deſſen Geſchäftslokal in der Stadt und nahm mit ihm dort eine genaue Einſicht in die Karte von Texas. Nach langer, reiflicher Erwägung wählte er zwei Leguas an den Ufern des wunderſchönen San⸗Bernardfluſſes, zwei Leguas in dem Diſtrict von Nacogdoches, und die fünfte Legua— denn fünf erbot ſich Don Romero ihm für viertauſend Dollars zu ge⸗ ben— ließ er in dem Diſtrict San⸗Auguſtin für ſich vormerken. „Schärfen Sie aber Ihren Leuten ein, verehrter err Graf, daß an der vorgeſchriebenen Form der Do⸗ nente nichts fehle“, erinnerte Harry nochmals.. Auch nicht ein Punkt oder ein Buchſtabe“, ant⸗ Armand, Saat und Ernte. II. 11 162 wortete Romero.„Die Papiere werden ſo ſorgfältig ausgefertigt, daß ſie für kommende Jahrhunderte den Beſitz der darin genannten Länder unumſtößlich ſichern.“ Darauf bat Harry um Papier und Feder und ſtellte dem Grafen eine Anweiſung über viertauſend Dollars auf Veracruz aus. Dann eilte er nach dem Hotel und verkündete Holcroft ſein Glück, kehrte aber zur rechten geit zu dem Grafen zurück, um verſprochenermaßen mit ihm nach deſſen Landgut zu fahren. So liebenswürdig und ſo reizend wie heute war Harry der Gräfin lange nicht erſchienen; ſeine Au⸗ gen ſtrahlten Glück und Begeiſterung, ſeine Wangen wa⸗ ren mit dem Roth freudiger Aufregung gefärbt und jede ſeiner ſchnellen, leichten Bewegungen zeigte, daß ihn ein mächtiger, beſeligender Gedanke belebe. Die Liebe ſieht in ſolchem Bilde nur die Liebe walten, nie aber ein an⸗ deres, ein eigennütziges Intereſſe, und ſo erkannte die ſchöne Condeſa in Harry's begeiſterter Stimmung nur den jubelnden Widerhall ihres glühenden Abſchieds in vergangener Nacht. Und wie ſeelenvoll, wie liebeſchmach⸗ tend ſuchte ſie ſeinen Blick zu feſſeln und ihn in ihren halbgeſchloſſenen, ſchwimmenden Augen das Verſprechen für noch höhere Seligkeit leſen zu laſſen. Harry aber ſah, wohin er auch blickte, nur die ungeheuren Summen 163 vor ſich, die er aus den gekauften Landſtrichen in Texas löſen mußte, er ſah ſich im Geiſte ſchon auf ſeiner Baum⸗ wollenplantage an den reizend ſchönen Ufern des San⸗ Bernardfluſſes und träumte von Reichthum, Pracht und Herrlichkeit. In Luſt und Scherz verſtrich der Tag, und als die Schatten der Nacht über die Erde zogen, begaben ſich der Graf und die Gräfin mit ihrem Gaſte nach ei⸗ nem Ruheſitze, der in den Felſen unter der Colonnade angebracht war. Ueber demſelben wölbten ſchlanke Pal⸗ men ihre luftigen Wipfel und zu ſeinen Füßen ſank die Felswand ſteil in den See hinab. Ringsum verblichen die Farben, die Berge und Wälder verſchwammen in unbeſtimmte Maſſen und auf der dunkelnden Fläche des Sees ſpiegelten ſich klar und funkelnd die hellen Sterne. Es war eine dieſer Zaubernächte der Tropenländer, in denen Alles lebt und ſich des Lebens freut und doch eine heilige Stille auf Berg und Thal liegt. Leiſe nur rauſchte und flüſterte die gewürzige, kühle Abendluft in den Wipfeln der Palmen, ſummend und zirpend lebte die Inſektenwelt auf und ſchwebte wie feuriger Nebel oder wie fliegende glühende Kohlen über dem Thale und die Fiſche im See ſprangen ſpielend aus der ſtillen Flut empor. Poeſie durchzog auf ihren Zauberſchwingen die Na⸗ tur, und unter ihrer Allgewalt hatten ſich die weiche Linke 11* 164 der Gräfin und Harry's Rechte gefunden. Wie Worte der Liebe, der Sehnſucht durchbebte die Liebenden jeder leiſe Druck, jedes ſtürmiſche Preſſen ihrer Hände, und kaum vermochten ſie der Unterhaltung zu folgen, welche der Graf in poetiſcher Begeiſterung über die Reize der Nacht unermüdlich führte. Es war ſo dunkel geworden, daß die drei Glückli⸗ chen kaum noch gegenſeitig ihre Umriſſe erkennen konn⸗ ten. Da erglühte es im Oſten über den Gebirgen und der volle Mond ſtieg in ſeiner Majeſtät am Himmel auf. Zitternd floh die Finſterniß in die tiefſten Schatten und das emporziehende milde Licht breitete ſeinen Atlas⸗ ſchimmer über Mexico aus. Wie ein klarer Spiegel lag der See am Fuße der Felſen. In ſeiner Mitte ſchwamm die glänzende Scheibe des Mondes und zu deren beiden Seiten zitter⸗ ten die ſilberſtrahlenden Häupter der beiden Vulkane. Die Entfernung zwiſchen der Gräfin und Harry hatte ſich vergrößert und beide ſprachen ſich jetzt viel lebhafter über die Schönheit des Abends aus. Ganz be⸗ ſonders aber war der Graf entzückt darüber, und die Gräfin hätte ſchon wiederholt daran erinnert, daß die Nacht⸗ luft zu kühl werde und daß es beſſer ſei, ſich in das Schloß zu begeben, ehe ihr Gatte ſich entſchließen konnte ſich von dem reizenden Platze zu entfernen. 165 Harry aber folgte dem Winke der Condeſa, ſah nach ſeiner Uhr und erklärte, daß er den Heimweg antreten müſſe. Es war gegen elf Uhr, als er ſich verabſchiedete und bei ſeiner Verbeugung gegen die Gräfin deren be⸗ deutſamen Blick bejahend beantwortete. Der Graf gab ihm das Geleit bis zu ſeinem Pferd, wünſchte ihm eine glückliche Nachhauſekunft und bat ihn für den folgenden Tag um ſeinen Beſuch. Harry ritt davon, bog aber am Fuße des Berges von der Straße ab in ein unweit davon gelegenes Dickicht, wo er ſein Pferd mit dem Zügel an einen Baum befe⸗ ſtigte. Er konnte von hier aus die Fenſter in dem Schloſſe ſehen und beobachtete, wie dieſelben ſich nach einander verdunkelten, bis kein Lichtſchimmer mehr aus den dunklen Mauern hervordrang. Kurz vor Mitternacht unterſuchte Harry nochmals den verſchlungenen Zügel ſeines Roſſes und eilte dann auf den Flügeln der Liebe wieder den Berg hinauf in den Schloßgarten und an deſſen Mauer hin nach dem Pavillon. Die Thür deſſelben war nur angelehnt, ſein innerer Raum leer und in ſeiner ieng Alles ſtill und ſtumm. Um dieſe Zeit erhob ſich der Graf aus dem Arm⸗ ſtuhl, in welchem er geſeſſen und ſich bei dem Scheine 166 einer Lampe mit Leſen die Zeit vertrieben hatte; denn ſein Geiſt war zu ſehr durch die Freuden des Abends bewegt worden, als daß er ſich ſchon dem Schlaf hätte hingeben können. Er trat an das offene Fenſter und blickte in die herrliche Nacht hinaus. Das wundervolle Bild von heute Abend ſtand noch lebendig vor ſeiner Seele. Leider konnte er aus ſeinen Fenſtern nicht dorthin ſchauen, doch war es der Mühe werth, in die Colonnade hinaus zu treten und bis an deren anderes Ende zu gehen, dort lag ja die Landſchaft wieder vor ihm ausgebreitet. Er folgte dem Gedanken, ging hinaus in den Bogengang und ſchritt langſam und ſich an der kühlen Luft labend in demſelben hin, bis er deſſen Ende erreicht hatte. Dort trat er in die Bogenöffnung und ſchaute zwiſchen den vor ihr herabhängenden Schlingpflanzen hindurch. Sein Blick ſchweifte über den See nach der Stadt hinüber, blieb aber auf dem Pavillon in dem Garten haften. Deſſen Thür ſtand nämlich offen und aus ihr drang das Mondlicht hervor, welches durch das große Bogenfenſter von vorn in das Innere eindrang. Romero hatte einige Augenblicke den Lufteffect zwiſchen dem dunkeln Ge⸗ mäuer bewundert, als er plötzlich eine Mannsgeſtalt aus der Thür hervortreten und in dem Schatten des Pavillons verſchwinden ſah. Was konnte der Mann wollen? Sollte er ein Dieb, 167 ein Räuber ſein? Der Graf neigte ſich etwas weiter vor und ſchaute auf den im hellen Mondſchein liegen⸗ den Garten hinab. Alles war unbeweglich und ruhig und von dem Manne konnte er nirgends etwas ge⸗ wahren. Doch wer kommt dort von dem Schloſſe her? Eine verhüllte Frauengeſtalt— iſt das nicht die Geſtalt der Gräfin? Romero ſtand erſtarrt wie die Mauer, an die er ſich lehnte— es war die Form, der Gang ſeiner Gattin. Wohin wollte ſie gehen? Mit leichtem, ſchwebendem Schritt glitt ſie auf dem hellen Wege durch den Garten nach dem Pavillon und verſchwand gleichfalls für einen Augenblick in dem Schatten, bis zu welchem Romero die Mannsgeſtalt ge⸗ ſehen hatte, im nächſten Augenblick aber erſchienen beide innig umſchlungen in der Helligkeit des Eingangs, traten in den Pavillon ein und die Thür ſchloß ſich hinter ihnen. Mehr bedurfte es nicht, um den Grafen aus ſeiner Erſtarrung zu wecken. Eiferſucht und Wuth beflügelten ſeine Schritte, er flog in ſein Zimmer zurück, ergriff einen Degen und zwei Piſtolen und ſtürzte die Treppe hinab in den Garten. In dieſem Augenblicke richtete ſich in dem Mhrten⸗ 168 gebüſche dem Eingange zu dem Pavillon gegenüber die Geſtalt einer Frau in die Höhe, lauſchte nach den nahen⸗ den Schritten des Grafen hin und warf dann einen Stein gegen die Thür. Es war Ismene, die treue Die⸗ nerin der Gräfin, welche hier Wache hielt und durch die⸗ ſes Zeichen die drohende Gefahr meldete. „Mein Gott, was war das? Ein Stein ſchlug gegen die Thür!“ rief die Gräfin, aus der Umarmung Harry's emporſpringend, mit halb erſtickter Stimme und ſah ent⸗ ſetzt nach dem Eingange hin.„Himmel, noch ein Stein! Bei allen Heiligen, wir ſind verloren, Harry!“ „Was kann es ſein? Ich höre raſche Tritte“, flüſterte Harry erſchrocken und ſprang an die Thür, um den Rie⸗ gel nochmals feſter zu drücken. „Es iſt der Graf. Allmächtiger, wie ſoll ich Dich retten, Harry!“ rief die Condeſa kaum hörbar und ſchlang in wilder Verzweiflung ihre Arme um den Geliebten. „Aufgemacht!“ ſchrie der Graf jetzt mit wüthender Stimme vor der Thür und ſuchte dieſelbe zu ſien ſie widerſtund aber ſeinem Druck. „Macht auf!“ ſchrie er nochmals mit entſetzlichem Tone und trat nun gegen die Thür, daß ſie weit aus dem Schloſſe flog. Mit erhobener Piſtole in der Rech⸗ ten ſtürzte er in den Pavillon und ſah einen Mann mit einem weißen Tuch über dem Kopfe auf der Brüſtung 169 des Bogenfenſters ſitzen, im Begriff, aus demſelben über den Felsabhang hinabzuſpringen. Es war kein Augenblick zu verlieren; Romero zielte, das Feuer flog aus der Pi⸗ ſtole und der Mann ſtürzte aus dem Bogenfenſter hinab. In ſeiner Wuth ſprang der Graf mit der zweiten Piſtole in der Rechten an das Fenſter, beugte ſich hin⸗ aus und ſah, wie der Mann an einer Ranke der Bigno⸗ nia hing, die von dem Fuße des Felſens bis zur Mauer⸗ brüſtung hinauf gewachſen und mit ihren zarten Wur⸗ zeln in dem Geſtein befeſtigt war. Dieſe zerriſſen unter dem Gewicht, das an ihnen zog, die Ranke ſenkte ſich ſchnell mit Harrh der Tiefe zu, doch noch ehe dieſer den Boden erreichte, gab der Graf mit dem wüthenden Rufe: „Stirb Hund!“ zum zweiten Male Feuer. Die Condeſa, welche hinter der auffliegenden Thür geſtanden hatte, war in dem Augenblick, als der Graf an das Fenſter ſtürzte, hinausgeſprungen und hatte Is⸗ menen deren großes ſchwarzes Wollentuch, welches ſie ſelbſt über dem Kopf getragen hatte, mit den Worten zugeworfen:„Du biſt es geweſen mit Deinem Liebha⸗ ber, rette mich!“ Dann war ſie fliegend nach ihren Gemächern zu⸗ rückgerannt, und Ismene hatte, das Tuch um ſich ſchla⸗ gend, den Eingang des Pavillons in dem Augenblick erreicht, als der Graf den zweiten Schuß that. 170 „Erbarmen, Erbarmen, Eure Herrlichkeit!“ ſchrie die treue Dienerin und warf ſich, wie in höchſter Ver⸗ zweiflung die Hände ringend, hinter dem Grafen auf den Fußboden nieder. Dieſer fuhr beim erſten Ton mit dem Degen in der Fauſt wie raſend herum, ſchreckte aber wie vom Blitz getroffen zurück und ſtierte dem Mädchen in die Augen. „Erbarmen, Herr, für mich und meinen unglückli⸗ chen Geliebten, meinen Carlos, wenn Sie ihn nicht ge⸗ tödtet haben“ flehte Ismene wieder mit herzzerreißender Geberde und wankte, ſich erhebend, bis an die Fenſter⸗ brüſtung, über welche ſie weinend und jammernd hinab⸗ ſchaute. „Ismene, biſt Du es geweſen?“ rief Romero mit herabgeſtimmtem Ton und erkannte nun in dem Tuch und in der Geſtalt der Dienerin ſeinen großen unver⸗ zeihlichen Irrthum. „Sei ruhig, Ismene, es wird ihm nichts gethan haben“, ſagte er verlegen und wollte ſie von dem Fen⸗ ſter entfernen, doch das Mädchen begann jetzt erſt recht zu wehklagen und zu weinen und hielt ſich an der Fen⸗ ſterſäule feſt, indem es in den Grund hinabſpähte und der Schattengeſtalt Harry's folgte, die jetzt hinkend den Waldſtrich erreichte, wo das Pferd ſtand. „Komm, Ismene, geh in das Schloß, ſage aber Deiner Herrin nichts davon. Morgen früh gebe ich Dir Geld, und dann kannſt Du Deinen Geliebten heilen laſ⸗ ſen, wenn er verwundet ſein ſollte; ich ſah ihn aber davonlaufen. Komm, geh jetzt! Daß Du aber der Gräfin kein Wort davon ſagſt! Es war Eure eigene Schuld, ſo in ſpäter Nacht hier in meinem Garten zuſammenzu⸗ kommen.“ Mit dieſen Worten nahm der Graf das Mädchen beim Arm und führte es aus dem Pavillon in den Garten, wo er einen ängſtlichen Blick nach der Thür warf, die zu den Gemächern der Gräfin führte. „Geh leiſe und leg Dich zu Bette“, ſagte Romero zu der Dienerin und eilte lautloſen Trittes ſelbſt nach ſeinen Zimmern zurück. Harry war während dieſer Zeit bemüht, ſein Pferd zu beſteigen, was ihm nur unter ſehr vielen Schmerzen gelang; dieſe ſteigerten ſich aber noch bedeutend, als er ſich in den Sattel niederließ; denn er kam gerade auf die Wunde zu ſitzen, die ihm die erſte Kugel des Gra⸗ fen beigebracht hatte. Im Augenblick, als er ſie em⸗ pfing, war er in das Rankengeflecht unter dem Fenſter ge⸗ fallen und mit der ſtarken Ranke, die er ergriff, in die Tiefe hinabgeſunken. Der zweite Schuß des Grafen war an ihm vorübergepfiffen, und als er den Boden 172 5 erreicht, hatte er ſchnell ſeinen vor ſich hinabgeworfenen Hut aufgenommen und war mit aller ihm möglichen Eile davongelaufen. Das Tuch, welches er um ſeinen Kopf gewunden hatte, diente ihm jetzt als Unterlage un⸗ ter die Wunde, um die Blutung zu ſtillen. Bei jedem Schritt, den ſein Roß that, zuckte er in Schmerz zu⸗ ſammen und verſuchte es immer wieder, ſich weniger unangenehm zu ſetzen, es war aber nun einmal nicht zu ändern, er mußte den Ritt aushalten. Die Schmerzen aber, welche die Wunde ihm erzeugte, waren unbedeu⸗ tend gegen die, welche der Gedanke an die Documente über ſein gekauftes Land in ihm hervorrief; denn es un⸗ terlag keinem Zweifel, daß der Graf ihm nicht allein dieſelben vorenthalten, ſondern daß er auch die dafür empfangenen viertauſend Dollars nicht wieder heraus⸗ geben würde. Harry's ganzes Luftgebäude war zuſam⸗ mengeſtürzt und er verwünſchte den Augenblick, wo er ſich dem Zauber der Gräfin hingegeben hatte. Endlich erreichte er ſein Hotel und ſagte dem Burſchen, der ihm vom Pferde half, daß er mit demſelben geſtürzt ſei und ſich dabei ſchwer am Bein verletzt habe. Holcroft wurde aus ſeinem Schlafe ge⸗ weckt, und es blieb Harry nichts Anderes übrig, als dem. ſelben den ganzen Hergang offen zu geſtehen. Der Skla⸗ venhändler machte ein ſehr bedenkliches Geſicht bei die⸗ 173 * ſer Mittheilung und meinte, daß noch viel Schlimmeres folgen werde. Er unterſuchte die Wunde und fand, daß ſie ſich nur auf das Fleiſch beſchränkte und gänzlich gefahrlos war, blieb jedoch bei Harrh, um ihm durch kalte Um⸗ ſchläge die Schmerzen zu lindern. WMit Angſt und Bangen ſah dieſer dem Morgen entgegen, der ihm der Himmel wußte was für Schreckens⸗ würde. Plötzlich aber, noch früher, als er es erwartet hatte, trat Ismene mit einer guten Nachricht auf ihrem Antlitz in das Zimmer. Harrh bat den Sklavenhändler auf Engliſch, ihn allein mit dem Mädchen zu laſſen, und ſobald derſelbe die Thür hin⸗ ter ſich geſchloſſen hatte, berichtete die Dienerin den wei⸗ tern Verlauf des nächtlichen Abenteuers von dem Augen⸗ blick an, wo Harrh aus dem Pavillonfenſter verſchwand. „Es iſt Alles gut gegangen, Herr Williams“, fuhr die treue Dienerin dann fort,„nur iſt die Gräfin in großer Beſorgniß um Sie. Ich ſagte ihr, daß ich Sie hätte in den Wald zu Ihrem Pferde eilen ſehen, doch ſie ließ mir keine Ruhe und ich mußte ſchon ſo früh hierher reiten, um zu erfahren, wie es Ihnen gehe. Als ich mein Maulthier beſteigen wollte, drückte mir der Graf dies Goldſtück in die Hand und legte mir nochmals Schweigen gegen die Condeſa auf.“ 174 „Gott Lob, Gott Lob!“ ſagte Harry mit einem tiefen Athemzuge.„Nun, melde dem Grafen, daß Du mir begegnet wäreſt und daß ich zu Pferde die Stadt ver⸗ laſſen hätte. Sage ihm, ich ſei auf einige Tage verreiſt und ließe mich ihm und der Condeſa beſtens em⸗ pfehlen.“ Damit ſtützte Harry ſich auf ſeinen Arm, hob ſich im Sopha in die Höhe und gab aus ſeiner Börſe, die vor ihm auf dem Tiſche lag, der ueberbringei Freuden⸗ botſchaft ein Goldſtück. „Und was ſoll ich meiner Herrin ſagen?“ hob Ismene mit ſchlauem Lächeln an. „Daß meine Wunde unbedeutend ſei und daß ich hoffe, in einigen Tagen die Gräfin wiederſehen zu kön nen“, antwortete Harry. „Und keine Grüße?“ fragte die Vertraute mit ſchel⸗ miſchem Blicke. „Tauſend und tauſend Grüße, Ismene! Ste ihr, mein größter Schmerz wäre, von ihr getrennt zu ſein, ſage ihr— nun, ſage ihr, daß ſie ja Alles ſelbſt wüßte, was ich ihr ſagen ließe, und daß ich noch tauſend⸗ mal mehr für ſie im Herzen trüge. Nun eile, Ismene, damit Du in das Schloß zurückkommſt, ehe der Graf zur Stadt fährt.“ Kaum hatte das Mädchen das Zimmer ni 175 Holeroft wieder hereintrat und, dem Blick Harch's vegegnend, ausrief: „Der Sturm iſt vorüber, der biaue Himmel ſcheint wieder durch die Wolken; ich leſe es auf Ihrer Stirn. Wie hat ſich die Sache zum Guten gewandt?“ Harrh erzählte ihm nun, was er durch Ismene er⸗ fahren hatte, und ſchloß mit der Bemerkung: „Verdammt, wenn ich je wieder in eine ſolche Falle gehe Weiſſtens mit mehr Vorſicht“, ſagte Holeroft. „Den Rückzug muß man ſich beſſer offen halten, als über einen vierzig Fuß hohen Felsabhang. Ueberhaupt würde ich dieſes Liedchen nicht wieder anſtimmen, es ſteht Ihnen ja ein ungeheures Vermögen dabei auf dem Spiele. Sie haben noch wenig von den Freuden Mexicos gekoſtet, überlaſſen Sie jetzt die ſchöne Signora dem Glück der Erinnerung und folgen Sie, ſolange wir noch hier ver⸗ weilen, meiner Leitung; Sie werden es nicht bereuen.“ Nachdem die beiden Gefährten zuſammen gefrühſtückt hatten, kam eine Einladung für Harrh zu einer Soirse für dieſen Abend bei Santa⸗Anna. „Das nenne ich Unglück“, ſagte Harry, nachdem Holeroft die Antwort darauf hinausgebracht, daß Herr Williams verreiſt ſei.„Ich hatte mich darauf gefreut, dort die ganze vornehme Welt in vollem Staate zu ſehen.“ 176„6 „Sie würden ſich viel beſſer unterhalten, wenn Sie 8 mit mir gehen könnten. Ich habe mich auf heute Abend mit mehreren Freunden verabredet, ein Fandangohaus zu beſuchen, dort iſt nicht die vornehme, aber die wirklich ſchöne Welt verſammelt; ich ſage Ihnen, eine Auswahl ſchöner Meſtizen, wie ich ſie nie reizender geſeheng entgegnete der Sklavenhändler. ½ „Nun, aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben; in Genigen Tagen werde ich mich bei Ihnen geſund ſagte Harrh lachend. „Es thut mir leid, daß ich Sie heute abends allein laſſen muß, ich bin aber im Dienſte eines reizenden Augenpaars.“ „Hat nichts zu ſagen, Holcroft, ich werbnich früh zur Ruhe begeben und von meinen Beſitzungen in Texas träumen“, entgegnete Harrry ſcherzend. Während des ganzen Tags pflegte der Sklaven⸗ händler ſeinen angeſchoſſenen jungen Freund, und erſt als die Carroſſen durch die hell erleuchteten Straßen dem Palais Santa⸗Anna's zurollten, verließ er ihn mit der Weiſung, keinen Wein mehr zu trinken und ſich früh⸗ zeitig ſchlafen zu legen. Siebentes Kapitel. Die kühle Abendluft wehte erfriſchend durch die offene Balkonthür in Harry's geräumigen Salon, der nur durch Mondlicht matt erhellt wurde, welches durch dieſelbe und durch das Fenſter herein drang. Tauſend Pläne und Berechnungen, wie er den höch⸗ ſten Gewinn aus ſeinem Lande in Texas ziehen wollte, durchkreuzten Harry's lebendige Phantaſie, als er die Thür ſich Wſe öffnen hörte und ſich im Glauben, es wäre ſein Diener, der ſie öffne, nach ihr umſah. Es war aber eine Frauengeſtalt mit einem ſchwarzen Tuch über dem Kopf, die lautlos eintrat und, die Thür hinter ſich ſchließend, den Riegel vorſchob. „Nun?“ ſagte Harry erſtaunt und ſah ſchärfer nach der Erſcheinung hin, indem er zugleich den Dolch er⸗ faßte, der vor ihm auf dem Tiſche lag. Da warf die Unbekannte das. Tuch von ſich, brei⸗ tete ihre Arme nach Harry aus und flog mit den Wor⸗ ten: Mein Harry, meine Seligkeit!“ zu ihm hin. Es war die Gräfin Romero. Armand. Saat und Ernte. M. 12 178 „Laodice, um Gottes Willen!“ rief Harty er⸗ ſchrocken aus und richtete ſich trotz des Schmerzes in ſeiner Wunde im Sopha auf, doch die Condeſa lag vor ihm auf ihren Knieen, hielt ſeine Hand in den ihrigen und drückte krampfhaft ihre Lippen darauf. „Sei unbeſorgt, Geliebter, ich bürge Dir mit mei⸗ nem Leben für unſere Sicherheit“, ſagte ſie dann, ſich zu Harrh erhebend, und ſank, ihre Arme um ihn ſchlingend, an ſeine Bruſt. Mit ihren Lippen erſtickte ſie die Worte, die er noch ſagen wollte, und wie wenn det Engel der Liebe das Gemach durchwehte, verſtummten beide in be⸗ rauſchender Umarmung.. „Aber, ſüße, himmliſche Laodice!“ hob nach einigen Augenblicken Harry wieder an. „Wir ſind ſicher, ganz ſicher, Geliebter“, fiel ihm die Condeſa in das Wort.„Der Graf iſt bei Santa ⸗Anna zur Soirée und ich ſollte ihn begleiten, doch da ich ihn bat, allein zu gehen und mich die Oper beſuchen zu laſſen, willigte er im Bewußtſein, mir in vergange⸗ ner Nacht großes Unrecht gethan zu haben, ein. Die heilige Jungfrau hat uns beſchützt, mein Harrh! O dürfte ich nur bei Dir bleiben und Deine Wunde küh⸗ len; Du Armer— mußt mir zu Liebe ſo leiden. Biſt Du denn guch wirklich nicht gefährlich verletzt?“ „Durchaus nicht, Beſte, es iſt nur ein Schramm⸗ 179 ſchuß, es hat gar nichts zu ſagen“, verſetzte Harry, den Schmerz verbeißend, den das Aufſitzen ihm verurſachte. „Du willſt mich nur beruhigen, Du Liebling meiner Seele, und haſt doch große Schmerzen, ich ſehe es Dir an; kann ich denn gar nichts für Dich thun, was Dir Linderung verſchaffte? Muß denn Deine Wunde nicht verbunden werden?“ fuhr die Condeſa theilnehmend fort, doch Harrh beruhigte ſie und ſagte ihr, er hoffe in wenigen Tagen ſich wieder in ihrer Villa einfinden zu können. Die Condeſa bot die ganze Macht ihrer Reize auf, um Harrh das Gefühl darzuthun, welches für ihn in ihrer Bruſt lebte; ſo ſehr er ſich aber auch bemühte, in ſeinen Liebesbezeigungen gleichen Schritt mit ihr zu halten, ſo ſtand der Augenblick, in welchem er den Schuß erhielt, doch noch zu lebendig vor ſeiner Seele, als daß ſeine Leidenſchaft ſchon wieder ſo hoch hätte fliegen können. In der That, es würde mehr zu ſeinem Gefühl gepaßt haben, wenn die Liebkoſungen der Condeſa etwas weniger feurig geweſen wären, nur als ſie zuletzt zum Abſchied nochmals ihre Lilienarme um ihn ſchlang, raffte er alles ihm gebliebene Feuer zuſammen und preßte ſie mit aller Glut zum Lebewohl an ſeine Bruſt. Und doch mußte er ſich ſagen, daß er nie im Leben ein ſchöneres, liebenswürdigeres, reizenderes Weib geſehen habe. 180 Ihre Thränen netzten ſeine Wangen, ſeine Hände, und es war, als gebe ſie ein Stück von ihrem Leben hin, als ſie ſich endlich von dem Heißgeliebten losriß, das ſchwarze Tuch über den Kopf warf und leiſe, wie ſie gekommen war, das Zimmer verlicß. Harry ſah ihr nach und hielt ſeinen Blick, in Ge⸗ danken verſunken, noch lange Zeit auf die Thür geheftet. nachdem dieſelbe ſich hinter der ihn ſo ſehr liebenden Frau geſchloſſen hatte. Welch große Veränderung war ſeit geſtern in ſeinem Gefühle für ſie eingetreten! War ſie heute weniger ſchön, weniger liebenswürdig als geſtern, und welche Gewalt hatte ſeiner Leidenſchaft für ſie Abbruch gethan? So fragte ſich Harrh, als er auf die Thür blickte, durch welche die Gräfin berſchwunden war, und der Gedanke an die Schätze, deren Beſitz ihm bevorſtand, beantwortete ſeine Frage. Die fünf Leguas Land verdrängten von Stunde zu Stunde mehr jedes andere Intereſſe aus ſeiner Seele. Große Reichthümer zu beſitzen, war ſeine einzige, wirklich innig, mit ſeinem ganzen Sein verbundene Leidenſchaft, wenn er auch keine Energie, keine Ausdauer beſaß, für den Erwerb derſelben ſeine ungewöhnlichen Talente und Fähigkeiten zu ver⸗ wenden. Sie mußten und ſollten ihm werden, das Ge⸗ fühl verließ ihn keinen Augenblick; auf welchem Wege und durch welche Mittel, das war ihm gleich, nur hielt 181 er nach Holeroft's Lehre die Augen offen, um keine Ge⸗ legenheit vorübergehen zu laſſen, die ihm dazu verhelfen könnte. Und jetzt hatte er ja die Gelegenheit erfaßt, die fünf Leguas Land mußten ihm, mit Umſicht verwerthet, hunderttauſend Dollars einbringen. In der Liebelei mit der Gräfin aber war ihm die Gefahr entgegengetreten, um den Erwerb derſelben zu kommen, und der Gedanke daran, ſowie der unleidliche Schmerz der Wunde und das Zuhauſeſitzen löſchten den letzten Funken ſeines Feuers für die Reize der heißblütigen ſchönen Condeſa aus. Er war entſchloſſen, ſobald er in den Beſitz der Documente gekommen ſein würde, Mepxico Lebewohl zu ſagen und nach Texas, der Quelle ſo großen Reichthums, zurück⸗ zukehren. Die Heilung von Harry's Wunde ging raſch von ſtatten, dennoch blieb er über eine Woche an ſein Zimmer gefeſſelt. Die Sehnſucht der Condeſa nach ihm ſteigerte ſich von Tag zu Tag und ſprach ſich immer heißer, immer verlangender in den zierlichen parfümirten Billets aus, welche Jsmene ihm täglich überbrachte. Bald lag eine Locke ihres glänzenden Haars, bald ein Blümchen darin und oft konnte man in der zerfloſſenen Schrift die Thräne erkennen, welche dieſelbe benetzt hatte. Harry's Sehnſucht ſteigerte ſich in gleichem Maße, aber nicht nach der liebenden Condeſa, ſondern nach den 182 Documenten über das Land, und obgleich ſeine Wunde noch nicht völlig geheilt war, entſchloß er ſich doch eines Morgens, dem Grafen Romero einen Beſuch in deſſen Geſchäftslokal abzuſtatten. Derſelbe war außeror⸗ dentlich erfreut ihn wiederzuſehen und machte ihm liebe⸗ volle Vorwürfe, namentlich im Namen ſeiner Gattin, über ſein plötzliches Verſchwinden ohne Abſchied. Er ſagte ihm, daß die Gräfin wirklich über den Verluſt ſeiner Geſellſchaft getrauert habe und daß er ihm zu Liebe noch heute in der Villa erſcheinen müſſe, um ſeine Gemahlin wieder zu erheitern. Mit Ungeduld ließ Harry den zärtlichen Gatten ausreden und fragte dann nach den Doeumenten. „Die ſind ausgefertigt und zur Aushändigung an Sie bereit, doch ſollen Sie dieſelben aus der Hand der Gräfin empfangen, ich nehme ſie heute mit mir hinaus, ſodaß dieſelben unſere Freundſchaft unterſtützen ſollen, Sie zu uns zu führen“ entgegnete der Graf mit großer Freundlichkeit. „Dieſer Hülfe bedarf Ihre Freundſchaft nicht, ver⸗ ehrter Herr Graf, auch iſt das Geſchäft zu unbedeutend, als daß es einen beſondern Werth für mich haben könnte; mein Herz bringt mich viel ſchneller zu Ihnen als dieſe todten Papiere. Dieſelben werden aber einen hohen Werth für mich erhalten, wenn ich ſie aus der — 183 gütigen Hand der Frau Gräfin empfange, wozu ich gern noch heute bereit bin; ich werde mich nach Tiſche auf Ihrem reizenden Landſitze einfinden. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor ſeit dem letzten glücklichen Abend, den ich dort Ihrer Güte und Freundſchaft zu verdan⸗ ken hatte.“ Bei dieſen verbindlichen Worten drückte Harry dem Grafen die Hand, weigerte ſich aber, Platz zu nehmen, weil er, wie er ſagte, vor Tiſche noch einige Beſuche zu machen habe, und verließ ihn mit der Bitte, ihn der Gräfin auf das angelegentlichſte zu empfehlen. Heute mußte ſtatt des Roſſes ein Wagen Harry hin⸗ aus zu Romeros tragen. Die Sonne neigte ſich ſchon den Gebirgen zu, als er nach der Villa den Schlangenweg hinanfuhr, welcher an derf Felswand unter dem fatalen Pavillon vorüberführte. Er ſchaute an den ſenkrechten Abhang hinauf, den er in jener Nacht ſo eilig und ſo unfreiwillig herab⸗ gekommen war, und betrachtete die rettende Ranke, die noch am Felſen hin auf dem Boden lag und ohne welche er unfehlbar den Hals gebrochen haben würde. Dem Pa⸗ villon ſagte er im Stillen auf ewig Lebewohl. Glück und Liebe ſtrahlend kam ihm die Gräfin vor dem Schloſſe entgegen, um ihn durch ihren Blick jubelnd zu bewillkommnen, mit Worten ihm aber Vor⸗ 184 würfe über ſein ſtummes Verſchwinden und über ſeine lange Abweſenheit zu machen. Wie der Himmel nach einem vorübergegangenen Sturme klarer und freundlicher erſcheint als gewöhnlich, ſo war die Gräfin heute ſchö⸗ ner und bezaubernder als je vorher; aus dem Sammt⸗ dunkel ihrer prächtigen Augen leuchtete die Wonne be⸗ glückter Liebe, ihre ſonſt bleichen Wangen hatten ſich mit einem Purpurhauch gefärbt und ihre wie zu einem Ju⸗ bellaut geöffneten Lippen zeigten den Alabaſter ihrer Zähne. Keine Mantille kein Schleier hob heute den Schnee ihrer wundervollen Büſte, ihrer makelloſen Arme, keine Juwelen zierten deren edle, elaſtiſche Formen, es war kein Sieg mehr zu erringen, er war nur zu feiern, ſein Glück zu genießen. So genußreich der inn'ge Handdruck und der liebe⸗ warme Blick der Condeſa aber die nächſte Zukunft Harrh's auch bezeichneten, ſo drohten deren Freuden ihm und dem Ziel des Grundgedankens ſeiner Seele zu große Gefahren, als daß dieſelben ſeine Leidenſchaft für die ſchöne Frau abermals hätten in Flammen ſetzen können. Die unbedingte Gewalt aber, die er über ſeine äußere Erſcheinung beſaß, verbarg der Gräfin die Veränderung, welche in ihm vorgegangen war, und ließ ſie in ihm die⸗ ſelbe ungezügelte Liebesglut für ſie ſehen, welche ihn bis zu jener Schreckensnacht an ſie gefeſſelt hatte Seine 185 Blicke waren noch ebenſo feurig, der Druck ſeiner Hand noch ebenſo innig und ſeine Worte enthielten noch die⸗ ſelben Zuſicherungen, dieſelben feinen Betheuerungen ſei⸗ ner Liebe, in denen der Graf immer nur die Artigkeit des eleganten Gentleman erkannt hatte. Die Condeſa hatte kaum ihren ſo ſehnlich erwarte⸗ ten Gaſt bewillkommnet, als ihr raſch nachfolgender Gatte bei ihr erſchien und gleichfalls ſeine Freude über die ſo lange entbehrte Geſellſchaft deſſelben ausſprach. Das glückliche Chepaar geleitete Harry in das Schloß und nach dem Salon, wo in der heiterſten Stimmung einige Erfriſchungen eingenommen wurden. 6 Die Sonne hatte ihren letzten Blick in das Thal von Mexico gethan, als die Gräfin einen Spaziergang durch den Park vorſchlug und alle drei ſich er⸗ hoben. „So gehen Sie mit der Condeſa voran, verehrter Herr Williams, ich habe noch etwas in meinem Arbeits— zimmer zu beſorgen und werde Ihnen bald nachfolgen“, ſagte der Graf mit höflich grüßender Handbewegung und eilte in das Seitengemach, worauf auch die Gräfin mit ihrem Liebling den Salon verließ und ſich in das Freie hinaus begab. „Weshalb kommſt Du zu Wagen und nicht auf Deinem treuen Roſſe, mein Harry?“ fragte die Condeſa 186 ihren Begleiter, als ſie in den Orangenhain hinter dem Schloſſe eintraten. „Es iſt lahm, theure Laodice“, entgegnete Harry bedauernd. „Warum nahmſt Du nicht ein anderes?“ fuhr die Gräfin ſchnell fort;„der Wagen kann doch nicht auf Dich warten, bis ich Dich von meinem Herzen entlaſſe.“ „Um des Himmels Willen, Laodice, es iſt zu ge⸗ fährlich für Dich, ich darf Dein Glück, Deinen Frieden nicht für meine Seligkeit abermals auf das Spiel ſetzen.“ „Mein Glück, ſagſt Du? Wo in der Welt gibt es noch Glück für mich als an Deiner Bruſt? Nein, nein, und wenn ich zehn Leben hinzugeben hätte für eine Stunde des Glücks an Deinem Herzen, ich thäte es mit Freuden. Ich muß Dich ſehen in dieſer Nacht“, ſagte die Gräfin mit bittendem Tone. „Unmöglich, Laodice. Denke an den Schreckensau⸗ genblick in dem Pavillon; wenn Dich der Graf erkannt hätte, was wäre Dein Schickſal geweſen und welch ſchrecklicher Vorwurf würde mich getroffen haben!“ „Mein Schickſal?“ fiel die Gräfin ein;„das Le⸗ ben für Deine Liebe hinzugeben, wäre mir kein Opfer. O bitte, Harry, verſprich mir, daß ich Dich um Mit⸗ ternacht finden ſoll.“ „Ich darf es nicht, um Deinetwillen nicht, himm⸗ 187 liſche Laodice, und wenn meine Sehnſucht nach Dir mir das Leben koſten ſollte“, antwortete Harry, flehend in die glühenden Augen der Gräfin ſchauend, und preßte beide Hände auf ſein Herz. „Du haſt unnöthige Angſt, Harrh. Der Graf hat ſeine Uebereilung ſehr bereut und wird nie wieder ſol⸗ chen Gedanken Raum geben; auch geht der Mond jetzt erſt gegen Morgen auf. Es droht uns keine Gefahr, laſſe mich nicht vergebens bitten.“ „Es iſt unmöglich, engelſüße Laodice, ich kann ja den Kutſcher nicht auf mich warten laſſen.“ „Du kannſt ihn aber nach der Stadt ſchicken und mir zu Liebe den Weg zu Fuße gehen. Nicht wahr, Du bringſt mir das Opfer?“ ſagte die Condeſa noch bittender als zuvor und hob ihre gefalteten Hände zu Harrh auf. „Ich bin es ja aber gar nicht im Stande, beſter Engel; meine Wunde iſt noch nicht geheilt, ich würde die Stadt nicht erreichen“, verſicherte Harrh abwehrend und blickte raſch hinter ſich, indem er ſagte:„Ich höre den Grafen kommen.“ Die Hoffnung, die ihn dieſe Worte ſagen ließ, ſollte in Erfüllung gehen, denn wirklich kam in dieſem Augen⸗ blick der Graf mit ſchnellen Schritten unter den duf⸗ tenden, mit goldenen Früchten beladenen Bäumen heran — 188 und eilte mit Papieren in der Hand auf die beiden Luſtwandelnden zu. „Hier, Laodice“, ſagte er zu ſeiner Gattin,„über⸗ reiche dieſe Papiere unſerm lieben, theuern Freunde und gib ihrem Inhalt dadurch Segen und Gedeihen.“ Die Gräfin ſah mit Thränen im Auge fragend zu Harry auf, worauf dieſer ſchnell und lächelnd ver⸗ ſetzte: „Ich habe darum gebeten, verehrte Condeſa, indem die Papiere nur dadurch Werth für mich erhalten können, daß ich ſie aus Ihrer ſchönen Hand empfange.“ „Sehr gern komme ich Ihrem Wunſche nach, Herr Williams“, entgegnete die Gräfin, indem ſie die Papiere aus der Hand ihres Gatten nahm und ſie Harry hin⸗ reichte.„Aber darf ich denn nun auch wiſſen, was dieſe wichtigen Documente enthalten?“ fuhr ſie dann fort und ſah halb lächelnd, halb weinend zu dem Ge⸗ liebten auf. „Die ganze Wichtigkeit dieſer Papiere beſteht nur darin, Condeſa, daß Sie mir dieſelben reichten, ſonſt ſind ſie für mich ohne Werth; ſie enthalten nur Beſitztitel über Land, welches ich von der Regierung kaufte“, antwortete Harrh in ſcherzendem Tone. „Land?“ fragte die Gräfin mit aufleuchtendem Blick.„Land, hier in der Nähe?“ O dann ſind wir es, 189 für welche die Papiere Werth haben, denn ſie geben uns die Hoffnung, daß Sie uns nicht ganz verlaſſen und wieder in Ihr mildes Texas ziehen werden.“ „Nein, das Land liegt in Texas“, bemerkte der Graf. Die Condeſa ſchrak zuſammen. „In Texas?“ ſagte ſie mit einem ſchweren Athem- zuge und wurde bleich wie Marmor. Sie hatte ihren Fächer entfaltet und verbarg, langſam vorwärts ſchreitend. vor ihrem Gatten die Thränen, die abermals ihren Augen entquollen. Harrh aber, dem ſie ihren verzweifelnden Blick zuwandte, ſagte ſchnell: „Ich hoffe, durch Verkauf dieſes ſowie meines übrigen Landes in Texas mein Einkommen ſo hoch zu ſtellen, daß ich ganz hierher überſiedeln und in dieſem Paradieſe unabhängig leben kann.“ Dabei winkte er der Gräfin mit einem liebeheißen Blick die Verſicherung zu, daß er ſie niemals verlaſſen könne, und wie die Sonne das Gewölk durchbricht, ſo ſtahl ſich mit dem Blick der Condeſa ein freudiges, dank⸗ bares Lächeln durch ihre Thränen. Sie blieb aber ſtill und in ſich gekehrt, ſo ſehr ſich Harry auch bemühte, ſie durch Aufmerkſamkeiten und verſtohlene Zeichen ſeiner Leidenſchaft zu erheitern. Dabei waren ſeine Gedanken aber nur mit den 190 Papieren in ſeiner Taſche beſchäftigt, ſie zogen ihn nach der Stadt zurück, und früher als gewöhnlich trat er unter dem Vorwande, ſeinen Kutſcher nicht länger auf⸗ halten zu dürfen, trotz der ſchmachtenden, drohenden und flehenden Blicke der Gräfin ſeine Rückfahrt an. Er hatte das Ziel ſeiner Wünſche erreicht, das Land mußte ihn zum reichen Manne machen, und er beſchloß, ſich mit dem erſten von Veraeruz abgehenden Fahrzeuge nach Neuorleans einzuſchiffen. Mehrere Tage verſtrichen, ohne daß Harry den Ein⸗ ladungen der Gräfin und des Grafen, ſie auf dem Land⸗ gute zu beſuchen, Folge geleiſtet hätte, er ſchützte Un⸗ wohlſein vor und empfing Ismene, die ihm regelmäßig des Morgens ein Billet von der Condeſa brachte, auf ſei⸗ nem Sopha liegend. Abends aber folgte er der Führung ſeines Freundes Holeroft zu den Beluſtigungen, welche die Hauptſtadt bot und bei welchen ſie die Nächte ver⸗ brachten. Eines Morgens fand ſich Ismene abermals mit einem Billet von der Gräfin bei Harrh ein, worin dieſe ihm ihre Angſt, ihre Sorge um ihn klagte und ihn beſchwor, ſie aus ihrer tödtenden Ungewißheit zu rei⸗ ßen und ihr die Wahrheit über ſeinen Zuſtand mit⸗ zutheilen. Er ſchrieb ihr mit den zärtlichſten Worten, daß er immer noch Fieber habe, daß der Arzt ihm noch 191 nicht erlauben wolle, ſein Zimmer zu verlaſſen, und daß er in Sehnſucht und Verlangen nach ihr vergehe. Dieſe Nachricht erfüllte die Condeſa mit neuer Be⸗ ſorgniß. Ihr Verlangen, den Geliebten zu ſehen und ſich ſelbſt von ſeinem Befinden zu überzeugen, ließ ihr nicht länger Ruhe, und da der Graf an dieſem Abend eine Einladung des Finanzminiſters angenommen hatte, ſo ließ ſie ſich von ihm nach dem Opernhauſe bringen mit der Abrede, ihn zur Rückfahrt in ihrem Palais zu erwarten. Sie wollte nur kurze Zeit in dem Opernhauſe blei- ben und dann zu dem Geliebten ihres Herzens eilen. Die Oper hatte bereits begonnen, als ſie in ihre Loge eintrat und ſich niederlaſſend zwiſchen der vorgezogenen Mantille hindurch ihren Blick an dem erſten Range gegen⸗ über hingleiten ließ. In der letzten Loge nahe der Bühne be⸗ merkte ſie in deren Hintergrund eine verſchleierte Dame, die ſich, wie es ſchien, ſehr lebendig mit Jemand an ihrer Seite unterhielt, den die Condeſa wegen der Logen⸗ wand nicht ſehen konnte. Nur einige Augenblicke hatte ſie der Verſchleierten ihre Aufmerkſamkeit geſchenkt und wandte ihre Augen nun der Bühne zu. Kurze Zeit dar⸗ auf jedoch blickte ſie wieder nach jener Loge hin und ſah für einen Moment den Lockenkopf eines Mannes ſich zu der Verſchleierten vorneigen und dann wieder ver⸗ ſchwinden. 192 Wie ein Eisſtrom fuhr es der Gräfin durch die Glieder, ihr Blick blieb ſtierend auf der Verſchleierten haften und ihre Rechte griff krampfhaft nach dem Dolch, den ſie in ihrem Buſen trug; der Lockenkopf, den ſie geſehen hatte, war der ihres Geliebten, war Harry's Kopf geweſen. Doch es war nicht möglich, ſie mußte ſich geirrt haben, denn Harrh lag ja fieberkrank in ſeinem Hotel. Unbeweglich hingen ihre Augen an der Verſchleierten, ſtatt der Kälte, die ſie durchrieſelt hatte, ſtrömte es immer glühender durch ihre Adern, es war ihr, als wolle ihr die Bruſt zerſpringen, als wollten die Pulſe an ihren Schläfen zerreißen. Ha, da war der Kopf wieder, es war Harry ſelbſt, der jetzt der Verſchleierten in das Ohr flüſterte! Wie vom Blitz getroffen, zuckte die Gräfin zuſam⸗ men, ihr Athem ſtockte und ſie erfaßte den Stuhl, auf dem ſie ſaß, um nicht von ihm herabzuſinken. Nach eini⸗ gen Augenblicken aber ermannte ſie ſich, ihre Augen ſprühten Flammen und ihre Hand hielt den Griff ihres Dolches umklammert. Regungslos ſaß ſie da und ſtierte nach der Nebenbuhlerin hinüber, und nur wenn der Kopf des Treuloſen ſichtbar wurde, ergriff ein Zittern ihre Glieder. Da erhob ſich die Verſchleierte, die öffnete ſich für ſie und ſchloß ſich hinter ihr. 193 Wie die Tigerin, der man ihr Junges geraubt, ſchoß die Gräfin aus ihrer Loge und durch den Corridor nach der Treppe, die in die Straße führte, und langte dort unmittelbar hinter Harrh und der an ſeinem Arme hängenden Verſchleierten an. Zitternd blieb die Condeſa ſtehen, um ſie vor ſich in die Straße hinaus gelangen zu laſſen, dann folgte ſie ihnen lautloſen, flüchtigen Fußes. Harrh und ſeine Schöne gingen ſehr eilig und hatten die nächſte Straßenecke erreicht, als die Condeſa fliegenden Schrittes ſich ihnen nahte und Harrh nach dem Rauſchen ihres Seidengewandes ſich umſah. „Treuloſer Verräther!“ ſchrie die Gräfin mit ent⸗ ſetzlicher Stimme und ſtürzte mit gehobenem Dolche auf ihn ein, doch Harry wehrte ſie mit ſeiner Linken zurück und die ſcharfe Klinge in der Hand der Frau vergrub ſich in ſeinem Arme. Seine Rechte aber hatte im ſelben Augenblick die Hand der Condeſa ergriffen, ihr den Dolch entwunden und ſtieß ſie von ſich, daß ſie zurück gegen die Mauer wankte. Dann beflügelte er mit ſeiner Begleiterin ſeine Schritte und war bald aus dem Geſichtskreis der zurück⸗ bleibenden Gräfin verſchwunden. Ein Arzt war mit dem Verbinden von Harry's Arm beſchäftigt, als Holcroft zu ihm in das Zimmer trat und überraſcht erkannte, was ſich zugetragen hatte. Armand, Saat und Ernte. II. 13 ————— ——— 194 „Das wird ſchlecht heilen, es war eine dreiſchnei⸗ dige Klinge, die Ihnen die Wunde beibrachte“, be⸗ merkte der Sklavenhändler und ſah dem Doctor bei ſeiner Arbeit zu; ſobald derſelbe aber den Verband an⸗ gelegt und das Zimmer verlaſſen hatte, nahm er wieder das Wort und ſagte: „Das war ernſtlich gemeint, Williams. Haben Sie eine Ahnung davon, wer Ihnen dieſen Gruß geſandt hat?“ Harry erzählte ihm nun den ganzen Hergang und ſprach ſeine Vermuthung aus, daß die Gräfin im Theater geweſen ſei und daß ſie ihn dort mit der ſchönen Meſtize geſehen habe, worauf der Sklavenhändler ſagte: „Dann iſt es hohe Zeit, daß wir unſere Federn von hier fortblaſen, denn das Weib wird jede ihr zu Gebote ſtehende Gewalt aufbieten, um Sie aus der Welt zu ſchaffen. Ob wir hier oder in Veracruz auf ein Schiff warten, iſt einerlei, laſſen Sie uns morgen früh ab⸗ reiſen.“ Harry ſtimmte gern ſeinem Vorſchlag bei und am folgenden Morgen ſchon ſaßen die beiden Abenteurer in der Poſtkutſche, welche ſie am zweiten Abend nach Veraeruz brachte. Der gufall war ihnen günſtig und ſchon wenige Tage nach ihrer Ankunft befanden ſie ſich an Bord eines . 1.—— F . 195 herrlichen Fahrzeugs, welches den Hafen verließ und ſie nach Neuorleans führte. So viel Anziehendes dieſe Weltſtadt auch immer für Harry gehabt hatte, ſo erdrückten die glänzenden Ausſichten, welche ihm in Texas lachten, doch augen⸗ blicklich jedes Intereſſe für andere Freuden, er ſchied von ſeinem Freunde Holcroft und ſchiffte ſich nach Gal⸗ veſton ein. Hier angelangt, bezog er den erſten Gaſthof und fuhr am andern Morgen nach der Farm hinaus, auf welcher ſeine Mutter mit ſeinem jüngern Bruder und ſeiner Schweſter lebte. Der Jubel derſelben, den Liebling ihres Herzens wiederzuſehen, war groß, noch größer aber die Freude über das Glück, womit ihn der Himmel geſegnet hatte. Auch für Harry waren die Berichte, die er von den Seinigen über ihr Ergehen erhielt, ſehr befriedigend. Die Farm ſeiner Mutter warf infolge der Vergrößerung der Stadt Galveſton einen bedeutenden Ertrag ab und ſein älterer Bruder Aſhmore war gleichfalls nach Texas ein⸗ gewandert und hatte ſich am Brazosfluſſe eine vortreffliche Farm eingerichtet. Angenehmer aber als alle dieſe freudigen Fami⸗ liennachrichten berührten Harry die ſich immer günſtiger geſtaltenden Verhältniſſe des Staates und namentlich der bedeutend erhöhte Werth des Grundeigenthums. 13* 196 Die Urſache hiervon lag in der täglich ſich meh⸗ renden Einwanderung aus den Vereinigten Staaten, von woher man nicht ſelten Züge von dreißig bis vierzig Wagen mit Anſiedlern erſcheinen ſah. In höchſter Begeiſterung für ſeine nächſte Zukunft verließ Harry nach wenigen Tagen die Seinigen und begab ſich auf das Feſtland und zwar zuerſt zu ſeinem Bruder Aſhmore auf deſſen Farm am Brazosfluſſe. Dieſer empfing den halbverſchollenen Harry mit großer Wärme und Herzlichkeit und war außer ſich vor Freude, als derſelbe ihm mittheilte, welchen Reichthum er ſich erworben habe. Namentlich machte es Aſhmore ſehr glücklich, daß ſein Bruder einen ſo bedeutenden Strich Landes ganz in ſeiner Nähe an den reizenden, ge⸗ ſunden Ufern des ſchönen San⸗Bernardfluſſes beſaß und daß er ſelbſt ſich auf demſelben niederlaſſen und eine Baumwollenplantage dort anlegen wolle. Aſhmore rieth ihm nun ſofort die fünf Leguas vermeſſen und in die Karten des Staates auf ſeinen Namen eintragen zu laſſen, damit ihm keine Streitigkeiten mit Einwanderern erwachſen möchten, welche ſich etwa darauf anſiedeln könnten. Es war dies auch die Abſicht Harrh's geweſen, und er begab ſich zuerſt nach Nacogdoches und dann nach San⸗Auguſtine, in welchen beiden Diſtricten er die ge⸗ 197 kauften und in den Beſitztiteln nur unbeſtimmt angege⸗ benen drei Leguas Land genau vermeſſen und bezeich⸗ nen und ſich darüber die nöthigen Documente von der Landesverwaltung ausſtellen ließ. Dann kehrte er zu ſei⸗ nem Bruder Aſhmore zurück, ſuchte ſich an dem San⸗Ber⸗ nardfluſſe das ſchönſte, noch von Privatbeſitz freie Stück Land aus und ließ auf demſelben nun die letzten zwei Leguas Land für ſich vermeſſen. In Nacogdoches ſowie in San⸗Auguſtine hatte er bekannt gemacht, daß er erbötig ſei, kleinere Stücke Landes an Einwanderer zu verkaufen, und in beiden Diſtrieten Leute damit beauftragt, Kaufluſtigen ſeine Be⸗ ſitzungen zu zeigen. Dieſe lagen ſehr nahe an der Grenze der Vereinig⸗ ten Staaten und in der bewohnteſten Gegend von Texas, ſodaß bald mehrere namhafte Landverkäufe davon ab⸗ geſchloſſen wurden und Harry bedeutende Summen Gel⸗ des dafür in ſeine Hände bekam. Er hatte eine große Zahl Arbeiter gedungen, die auf ſeinem Lande am San⸗Bernardfluſſe eine Plantage für ihn herrichteten und die Felder für dieſes Jahr mit Mais bepflanzten, weil ganz neues Land ſich für Baumwolle nicht eignet. Zugleich kaufte er Kühe, Schweine, Maulthiere und Pferde und ließ ſich ſchließlich auf dem hohen Ufer des Fluſſes ein nettes hölzernes Wohngebäude aufführen. 198 Harry Villiams galt jetzt für einen der bedeutend⸗ ſten Grundbeſitzer in Texas und zählte bald zu den an⸗ geſehenſten, einflußreichſten Perſönlichkeiten dieſes Landes. Sein Charakter erſchien rein und fleckenlos, ſein feines, vornehmes Benehmen verſchaffte ihm allgemeine Achtung und ſeine ſchöne, liebenswürdige Erſcheinung machte ihn allenthalben lieb und angenehm. Die erſten Leute im Staate ſuchten ſeine Bekanntſchaft und bei allen Be⸗ rathungen für das Wohl des Landes wurde ſeine Stimme hoch gehalten. Das politiſche Leben in Texas war ſeit dem Siege Santa⸗Anna's über Buſtamente ein viel regeres gewor⸗ den und mit den unbegrenzteſten Hoffnungen ſah man zu dem Sieger hin. Texas war unter Buſtamente's Re⸗ gierung ſtiefmütterlich und thranniſch behandelt worden, ſeine ſchönſten Ländereien waren an reiche Spanier ge⸗ geben, alle Abgaben an die Regierung in Mexico eigenmächtig um das Doppelte erhöht, die Truppenmacht in allen Hauptplätzen des Landes war bedautend vermehrt, um die Unzufriedenen mit Gewalt in Unterwürfigkeit zu halten, und ſeine Grenzen gegen die wilden, raub und mordluſtigen Indianer waren gänzlich unbeſchützt. Alle Klagen, alle Beſchwerden, die dieſerhalb nach Mexico gerichtet wurden, blieben unbeantwortet und unberück⸗ ſichtigt. Die Nachricht von dem Sturze Buſtamente's 1 199 wurde darum in Texas mit dem lauteſten Jubel begrüßt und die Vivas und Hurrahs für Santa⸗Anna ſchallten von einem Ende des Landes zum andern. Texas und Coahuila bildeten, ſeit Mexico das ſpa⸗ niſche Joch abgeworfen hatte, zuſammen einen Staat dieſes Reichs, doch war Texas die Erlaubniß zugeſichert. ſich von Coahuila zu trennen und einen Staat für ſich zu bilden, ſobald die Zahl ſeiner Bevölkerung es dazu ermächtigte. Dieſe Zeit war jetzt gekommen, und es waren namentlich die eingewanderten Amerikaner, die auf dieſe Scheidung drangen, weil die noch immer ſehr unbedeutende Bevölkerung Coahuilas ausſchließlich aus Mexicanern beſtand und Texas faſt ſämmtliche Abgaben für ſie mit an die Regierung aufzutreiben hatte. In dem Frühjahr 1833, als Harry Williams nach Texas zurückkehrte, ward für einen neuen Präſidenten von Mexico gewählt, und die Wahl in Texas fiel ein⸗ ſtimmig auf Santa⸗Anna. Auch in allen andern Staaten des Reichs hatte er die Stimmenmehrheit für ſich und im März beſtieg er den Präſidentenſtuhl. Der Abgeordnete von Texas für den Landtag in Mexico war Oberſt Auſtin, einer der angeſehenſten Männer des Landes, und ihm wurde die Petition um Lostrennung von Coahuila, welche in San Felipe bei einer Volksverſammlung ausgefertigt worden war, mit⸗ 200 gegeben. Santa⸗Anna, der neue Präſident, empfing Auſtin mit der größten Auszeichnung und machte ihm alle Hoffnung für die Genehmigung des Geſuchs. Wochen verſtrichen aber ohne eine Entſcheidung der Re⸗ gierung, und als Auſtin auf eine ſolche drang, wich man ihm mit einer Antwort aus, behandelte ihn mit Ge⸗ ringſchätzung, und er überzeugte ſich bald, daß für Texas keine Hoffnung vorhanden ſei, zu ſeinem Ziele zu gelangen. Auſtin, entrüſtet über die Doppelzüngigkeit Santa⸗Anna's, reiſte vos der Hauptſtadt ab, wurde aber auf ſeinem Wege nach Veraeruz gefangen genommen, nach Mexico zurückgebracht und dort in ein greuliches Gefängniß geworfen, wo er wie ein Mörder behandelt wurde. Dies Verfahren gegen den Abgeordneten des Staates ſetzte alle Gemüther, namentlich die der amerikaniſchen Bevölkerung deſſelben, in Flammen und allenthalben wurden Stimmen laut, daß Teras ſich von Mexico trennen und ſich ſelbſtſtändig zur Republik erheben müſſe Santa⸗Anna verſtärkte aber alle Militärpoſten in Texas, entfernte alle Amerikaner vom Staatsdienſte und ſandte Mexicaner an deren Stelle, die von dem Militär unterſtützt, die Zügel der Gewalt nun noch ſtraffer an⸗ zogen. Harrh Williams gehörte als ein thätiges Mitglied 201 zu der unzufriedenen Partei und zu den eifrigſten Für- ſprechern der Losreißung von Mexico. Es war aber nicht Liebe für Land oder Volk, welche ihn dabei be⸗ ſeelte, es war ſein perſönliches Intereſſe, welches ihn leitete. Erhob ſich Texas zu einer ſelbſtſtändigen Repu⸗ blik, ſo geſchah dies durch die Kraft ſeiner amerikaniſchen Bevölkerung, und dann unterlag es keinem Zweifel, daß Sklaverei in ſeine Staatseinrichtungen aufgenommen werden würde. Und was konnte wohl den Werth des Grundbeſitzes ſchneller und höher heben als Arbeitskraft, was konnte Harry's liegende Güter raſcher in ungeheure Summen baaren Geldes umwandeln als die Einführung der Sklaverei! Ohne ſelbſt aber öffentlich ſeine Meinung auszuſprechen und ſich dadurch mit den mexicaniſchen Be⸗ hörden zu entzweien, ſchürte er nur im Stillen unter den Amerikanern eifrig das Feuer, welches die Einker⸗ kerung Auſtin's in deren Gemüthern entzündet hatte. Ende des zweiten Bandes. Lerlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. —— Roman von Wilkie Collins, Verfaſſer von„Die Frau in Weiß“ in tiefes Geheimniß. * Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autorifirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Sohn Halifax, Gentleman. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autorifirte Ausgabe. 2 Bände 8. Geheſtet. Preis 2 Lhlr. 20 Nor. 3 . Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. ady Audlens Geheimniß. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autorifirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Leben um eben. 6 Von der Verfaſſerin von„John Halifax“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Rgr⸗ Verlag van Ernſt Julins Günther in Leipzig. Die Ogilvies Oder: Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“ Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. oLaſt cynne. Von Frau Henrh Wood. Aus dem Engliſchen von Heinrich von Hamner. Autorifirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ——