6 A004 6 Leiptvthet ſ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Ceih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f 2. lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen. ſ. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Surü von mir zurückerſtattet je wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß vorai bezaytt werden und beträg 5 für wochentlich 2 Bücher: 4 nucher: C Bücher: er ———— auf Monat: Mr. 50 3 W.— P P 5. Auswürtige bonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſe der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet: 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir auch dafür zu ſtehen Valph Aorwool. Von Armand. Der Perfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Fünfter Band. —.—————————————— Hannover. C n 1860. S5. „ eite Capitel 41. Veränderter Wohnort.— Die glückliche Familie.§ — Der Hausfreund.— Die Leibeigene.— Der verwüſtete Urwald.— Die Anhöhe— Ueberraſchende Erſcheinung. — Die beglückende Bekanntſchaft.— Die Künſtlerin.— Der Pedlar.— Die Blume.— Der alte Gefährte 1 Capitel 42. Die Erwartung.— Freudiges Erwachen.— Bewunderung.— Zuneigung.— Schmähung.— Die beiden Hunde.— Wuth.— Schreck.— Die Freundin.— Das Billet.— Miütterlicher Rath... Capitel 43. Beſorgniß.— Die Botſchaft.— Entzicen.— Mutter und Tochter.— Die neue Wohnung.— Die Geſellſchaft.— Unwohlſein.— Selbſtſucht.— Herzloſigkeit. — Schreckliche Botſchaft.— Der Arzt.— Willenskraft.— Das wiederkehrende Leben.— Das Wohnzimmer.— Frohe Hoffnung.. 6 Capitel 44. Die Plantage.— DBer erzloſe Bruber.— Die Ahnung.— Die Reconvalescentin.— Die Liebe. — Hohes Glück.— Der Segen.— Der Pflaumenbaum. — Die Somnambüle.— Die Bitte.— Eigennutz.— Die Geneſene— Der Brillant.— Das Feſt.— Die Ueber⸗ Capitel 45. Der Jäger.— Erinnerungen.— Die ver⸗ manerte Höhle.— Der einſame Reiter.— Das Lager im Schnee.— Der Büffel.— Das Obdach.— Haß.— Tallihadjo.— Unbarmherzigkeit.— Gift.— Der herzloſe Vater.— Die Trauerbotſchaft„. Capitel 46. Geſundheitsfülle.— Der Unbelannte.— Das Wiedererkennen.— Der Seeräuber.— Große Unruhe.— Beabſichtigte Reiſe.— Enterbung.— Geſtörtes Glück.— Vorſtellung.— Lebewohl.— Keine Nachricht.— Schreckens⸗ VI Seite kunde.— Trauriges Wiederſehen.— Vergebener Troſt⸗ verſuch.— Der Wunſch 62 Capitel 47. Der nächtliche Ritt.— Das Krankenzimmer.— 6 Sehnſucht.— Das Hellſehen.— Das nahende Ende.— * Gefühlloſigkeit— Troſtloſigkeit.— Grauſamkeit.— Wieder⸗ erwachen.— Verzweiflung.— Das Gewölbe— Das Begräbniß.— Freundſchaft.— Das geängſtigte Roß.— 4 Die Grabſtätte.— Die Trauernde.— Das gebrochene 3 Capitel 48. Gewiſſensbiſſe.— Lebendig begraben.— Der Jagdzug.— Das Geſuch.— Rachedurſt.— Vorſicht.— Bangigkeit.— Die glücklichen Redlichen.— Der abge⸗ ſtorbene Baum.— Die beiden Indianer.— Die Ge⸗ fangennehmung.— Die beiden Böſewichte.— Der Ritt. — Dem Schickſal verfallen.— Peinigende Betrachtungen. — Ende der Reiſe— Jubel.— Der gefangene Verräther. — Todesangſt.— Der Scalp.— Der Scheiterhaufen 213 * Capitel 4l. Veränderter Wohnort.— Die glückliche Familie.— Der Hausfreund.— Die Leibeigene.— Der verwüſtete Urwald.— Die Anhöhe.— Ueberraſchende Erſcheinung.— Die beglückende Bekanntſchaft.— Die Künſtlerin.— Der Pedlar.— Die Blume.— Der alte Gefährte. O, En dem fernen Südweſten Amerika's an einem kleinen Nebenfluß eines jener gewaltigen Ströme, die ihre Gewäſſer in den Golf von Mexiko ergießen, ſtand auf einer beträchtlichen Anhöhe ein großes, zwei⸗ ſtöckiges Gebäude, welches, obgleich nur aus Holz aufgeführt, dem Geſchmack ſeines Erbauers Ehre machte. Die hohen Wände deſſelben waren aus über⸗ einanderliegenden, ſauber geglätteten Dielen errichtet und mit einem unbeſtimmten, ins Gelbliche ſpielenden Oelfarbeanſtrich verſehen worden, auf welchem ſich die friſch grünen Jalouſien an den Fenſtern recht freundlich und lebhaft hervorhoben. Vor der vordern Seite des Hauſes zogen ſich zwei übereinander ge⸗ baute, zwölf Fuß breite, mit zierlichem Geländer ver⸗ ſehene Verandas hin, die, während die Sonne hoch ſtand, deren Strahlen von dem Gebäude abhielten, da daſſelbe mit dieſer Seite nach Süden zeigte. An den Pfeilern der Veranda waren Rankenroſen bis Ralph Norwood. V. 1 2 unter deren Dach hinauf geklettert und ließen in „ ſreichen Traubendolden ihre zarten Blüthen herab⸗ hangen. Rieſenhafte immergrüne Eichen überſchat⸗ teten das Haus und vor demſelben lag ein Blumen⸗ garten ausgebreitet, der durch ſeine ſaubern Anlagen bekundete, daß er ſeine ſorgſame Pflege hauptſächlich durch eine weibliche Hand erhielt. An dem Fuße der Anhöhe, auf welcher die Wohnung ſtand, ſenkte ſich ein ſteiles Ufer in den nicht bedeutenden, aber gewaltig ſtrömenden Fluß hinab, deſſen ſchäumende Wogen ſich hier brauſend gegen ein großes Mühlrad warfen und daſſelbe raſch um ſeine Axe trieben. Dieſe ſetzte eine Schneidemühle in Bewegung, deren ungeheuere Zirkelſäge die ihr durch die Maſchine zu⸗ geſchobenen koloſſalen Baumſtämme mit einer unglaub⸗ 5 lichen Schnelligkeit zu Brettern zerſchnitt, und zugleich trieb das Rad eine Maismühle mit großer Geſchwin⸗ digkeit. Viele wohlgekleidete Neger von friſchem, ge⸗ ſundem Ausſehen und heiterer Miene beſorgten die Arbeiten bei dieſen beiden Mühlwerken, während ein ſchöner, kräftiger, blondgelockter Jüngling von ſechs⸗ zehn Jahren die Aufſicht führte und den Selaven, die ihn ihren jungen Herrn nannten, die nöthigen An⸗ weiſungen bei ihren Anſtrengungen gab. Von der Anhöhe aus ſchweifte der Blick nach Norden über den Urwald, der ſich jenſeits des Fluſſes erhob, dieſem folgend, wanderte das Auge nach Weſten über ein 3 weites Prairiethal, welches, wie ein von Menſchen⸗ hand angelegter Park mit einzelnen Waldſtrichen und dunkeln Baumgruppen geſchmückt, ſich bis zu den felſigen Ufern des gewaltigen Stromes hinzog, in welchen der brauſende Fluß ſich ergoß. Weiter hin in dem duftigen Purpur der Ferne ſtiegen mächtige Gebirgszüge auf, deren eisgekrönte Häupter unter dem durchſichtig blauen Aether in der Sonne er⸗ glänzten, während nach Süden eine offene Grasflur meilenweit ausgedehnt lag und ihre prächtige Blu⸗ menflor in den bunteſten Farben zur Schau trug. Unter der Veranda des Hauſes ſaß eine Frau von hoher, edeler Geſtalt, auf deren Zügen man noch immer die ſeltene Schönheit, die ſie einſt geſchmückt hatte, erkennen konnte. Sie war Eleanor Arnold. Ihre goldigen Locken fielen noch eben ſo reich und glänzend neben ihren Wangen herab, wie vor ſo vielen Jahren, doch ihr edeles Antlitz hatte an Fülle verloren und die Roſen ihrer Wangen waren ver⸗ blichen. Ihre ſchönen dunkeln Augen dagegen hatten ſich nicht verändert, ſie waren in dieſem Augenblick auf ein liebliches dreijähriges Mädchen gerichtet, welches Eleanor zu ſich rief, um ihm einen Leinenhut aufzuſetzen, damit die Sonne ſeinen blendend weißen Nacken nicht bräunen ſollte. Helen, dieſe Kleine, war ihr jüngſtes Kind und ihr Liebling, ohne daß jedoch deſſen eilf Geſchwiſter ſich über die mindeſte 1* N— 4 Zurückſetzung von Seiten der Mutter hätten beklagen können. „Geh nicht zu weit, Helen, und nicht nach dem Waſſer hin. Bald wird der Vater kommen und Du weißt wohl, er fragt gleich nach Dir“, ſagte Eleanor, als die Kleine auf der Treppe von der Veranda hinab in den Garten ſprang. „Du ſüßer, lieber Engel; der gütige Gott erhalte Dich mir!“ ſetzte die Mutter halblaut hinzu, indem ſie dem davoneilenden Kinde mit einem Ausdruck höchſten Glückes nachblickte. Dann ergriff ſie den groben Baumwollenſtoff wieder, an dem ſie genäht hatte und ſah nur von Zeit zu Zeit nach der kleinen Helen hin, die unter den prächtigen Blumen des Gartens umherſprang und einige von denſelben zu einem Strauß auswählte. Nach einer Weile kam ein Reiter durch die Prairie nach dem Hügel hin herangetrabt und lenkte ſein Pferd ſeitwärts um den Garten den Negerwohnungen zu, nicht aber, ohne im Vorüberreiten mit der Hand wiederholt nach Eleanor hinzuwinken und dagegen ihren freudigen Willkommen durch Wehen mit einem Tuche zu erhalten, denn der Reiter war Frank Arnold, der ſeinen Stuten und Füllen eine Meile von ſeinem Hauſe in der Prairie einen Beſuch abgeſtattet hatte. Eleanor war aufgeſprungen und eilte Frank ent⸗ gegen, während die kleine Helen durch den Garten hinter ihr hergeſauſt kam, um ihren Vater mit der Mutter zugleich zu begrüßen. Frank ſchloß ſeine Gattin mit jugendlicher Liebe in ſeine Arme und neigte ſich dann zu Helen nieder, die ihre Aermchen nach ihm ausſtreckte und ihm die für ihn geſammelten Blumen entgegenhielt. Er hob das Kind auf ſeinen Arm, küßte es mit Zärtlichkeit und ging mit ihm, von Eleanor umfaßt, nach dem Hauſe, wo ſie ſich an dem weſtlichen Ende der Veranda niederſetzten. Frank war das Bild eines ſchönen Mannes in ſeiner vollſten Lebenskraft. Er war ziemlich ſtark geworden, ohne ſchwerfällig zu ſein, wenn auch in allen ſeinen Bewegungen eine eiſerne Feſtigkeit lag. „Es iſt doch ſchöner hier, als in den Fichten⸗ wäldern Florida's“, ſagte er, indem er Helen auf ſeinem Knie wiegte und, mit dem Arm auf dem Ge⸗ länder der Gallerie ruhend, über die, ſchon mit den Farben des Herbſtes geſchmückten Wald- und Baum⸗ gruppen nach den fernen Gebirgen hinüberſchaute, denen ſich die Sonne näherte und deren eiſige Höhen ſich zu vergolden begannen. „Und unſer Glück wächſt mit unſern Kindern von Tag zu Tag. Der Himmel hat uns reich geſegnet, Frank, und hat uns vor Tauſenden bevorzugt“, ent⸗ gegnete Eleanor, indem ſie ihre Hand in die ihres Gatten legte und dieſer ſie an ſeine Lippen drückte. „Wohl hat er dies gethan und thut es noch in 6 jeder Secunde. Wie hat er uns während des letzten Sommers gnadenreich behütet, als das böſe Fieber unter unſern Nachbarn ſo furchtbare Verheerungen anrichtete. Wir haben doch kein Leben, weder in unſerer Familie, noch unter unſern Negern verloren, obgleich wir faſt ſämmtlich erkrankten.“ „Du weißt, Frank, wem wir dies nächſt Gott zu danken haben. Hätte Farland ſich unſerer nicht mit ſo großer Liebe und Aufopferung angenommen und wären wir den andern Aerzten in die Hände gefallen, ſo würden wir auch Thränen genug zu weinen gehabt haben“, erwiederte Eleanvr. „Gottlob, daß es uns gelang, ihn nach ſeiner eigenen Vorſchrift richtig zu behandeln, als er ſelbſt von dem Fieber ergriffen ward, wir haben ihm we⸗ nigſtens einen kleinen Theil von unſerer ſehr großen Schuld zurückgezahlt“, ſagte Frank und ſetzte, indem er ſeinen Kopf nach der Prairie umwandte, freudig hinzu: „Sieh, dort kommt er ſelbſt. Wo ſind denn aber unſere Kinder alle?“ „Die großen Jungen ſind noch an der Arbeit und die kleinen ſpielen vor der Küche, ſie hatten einen Deiner Hunde in einen Wagen geſpannt und fuhren damit in dem Hofe herum. Amelia iſt zu Randels geritten, ſie hatte dieſe Freundinnen lange nicht be⸗ ſucht, Charles iſt noch bei der Mühle, und Edward, —— 7 ſo wie die Andern, ſind mit den Negern im Felde und ſammeln trockene Bohnen“, antwortete Eleanor. „Iſt James nicht hier geweſen?“ fragte Frank. „Noch nicht, er baut ja an ſeinem Hauſe und wird ſo früh nicht kommen“, erwiederte Eleanor. „Der Junge macht mir Freude. Er hat etwas Tüchtiges gelernt, arbeitet trotz ſeines beſten Negers, und welch braver, ehrlicher Kerl iſt er!“ „Dein Ebenbild, Frank!“ entgegnete Eleanor mit zärtlichem Blick, indem ſie aufſtand und ihn küßte. Auch er erhob ſich jetzt und ſchritt, mit Helen an der Hand, dem Freunde und Nachbarn Farland ent⸗ gegen, der ſeinen Schimmelhengſt einem Neger über⸗ geben hatte und mit einem ſehr großen Hunde hinter ſich durch den Garten herankam. Farland, ein Deutſcher von Geburt, war der erſte Anſiedler in dieſer Gegend geweſen, zu jener Zeit als dieſelbe ſich noch weit und breit in dem Beſitz der Indianer befand. Er war Arzt, hatte aber ſeine wiſſenſchaftlichen mediziniſchen Kenntniſſe ſeit ſeinem hieſigen Aufenthalt nie anders benutzt, als um unent⸗ geltlich ſeinen, ſich täglich mit jedem Jahr beträcht⸗ licher mehrenden weißen Nachbarn und auch den ihm befreundeten Indianern beizuſtehen, wenn ſie ſeiner Hülfe bedurften. Er war ein Mann im kräftigſten Alter, von ungewöhnlicher geiſtiger und körperlicher Ausdauer, der mit vielen ſchweren Schickſalen ge⸗ * 8 kämpft, herbe Leiden getragen und ſich dennoch Antheil an den Freuden des Lebens und Theilnahme für das Wohl und Wehe ſeiner Mitmenſchen erhalten hatte. „Herzlich willkommen, Farland, wir haben Sie lange nicht bei uns geſehen“, ſagte Frank zu Jenem, indem er ihm die Hand ſchüttelte und dann mit ihm nach dem Hauſe ging, von woher Eleanor auf ſie zuſchritt. Auch ſie begrüßte Farland mit einer Herz⸗ lichkeit und Vertraulichkeit, die deutlich verrieth, wie nahe der Freund ihrem Herzen ſtand. „Sie kommen ſo ſelten zu uns, wenn wir Ihrer Hülfe nicht bedürfen“, ſagte Eleanor mit einem freundlichen Blick des Vorwurfs zu Farland. „Doch komme ich, wenn ich Hülfe bei Ihnen ſuchen will. Sie wiſſen, daß Sie mir vor nicht langer Zeit durch Ihre Pflege das Leben gerettet haben. Damals ſind Sie wochenlang nicht von mei⸗ nem Hauſe weggekommen“, erwiederte Farland. „Nachdem Sie unſere Kinder und Neger, die von der Krankheit befallen waren, dem Tode entriſſen hatten. Wie viele hundert Menſchen ſtarben in der Umgegend unter den Händen anderer Aerzte!“ fiel Eleanor lebhaft ein, während ſie die Veranda er⸗ reichten und ſich dort nun in vertraulicher Unter⸗ haltung niederließen. Kaum hatten ſie Platz genommen, als Amelia, die älteſte, ſiebzehnjährige Tochter Arnolds, vor der Ein⸗ *— ——— „ 9 zäunung des Gartens vorübergeritten kam, ihr Pferd an die Selaven abgab und dann nach der Veranda eilte, wo ſie von Allen freudig empfangen wurde. Sie war eine ſchöne, kräftige Jungfrau mit dun⸗ kelbraunem Haar, tief ſchwarzen Augen, prächtigen Zähnen und friſchem Roth auf Lippen und Wangen, welche letzteren mit tiefen Grübchen geziert waren. Die Zartheit und Weiße ihrer Haut hatte ſie von ihrer Mutter geerbt, während ihre Geſtalt mehr an die Kraft ihres Vaters erinnerte. Gleich nach der Ankunft Amelias kam ihr älterer Bruder James, ein bildſchöner Burſche von athle⸗ tiſchem Körperbau, herangeſprengt und trat nach we⸗ nigen Minuten gleichfalls unter die Veranda. Glän⸗ zend ſchwarze Locken umwogten ſein Haupt und in— ſeinen hellblauen Augen, die unter ſchwarzen Wimpern“ offen und unbeſorgt hervorblickten, konnte man leſen, daß ihr Beſitzer ſich Nichts bewußt war, worüber er ſie hätte niederſchlagen müſſen, und daß es Nichts für ihn gab, vor dem er zurückſchrecken würde. Er kam von ſeiner eigenen Farm, die ihm Frank ganz in der Nähe angelegt hatte und wo er jetzt beſchäftigt war, ſich ein ſchönes Blockhaus zu erbauen. „Nun, James, zeige mir einmal Deine Hände, haben ſie wieder geblutet? Du ſollſt Dich nicht ſo abarbeiten, Du wirſt noch krank“, ſagte Eleanor, —= 5 10 indem ſie mit einem wonnigen Blick 6 den ſchönen jungen Mann ſchaute. „Du haſt mir ja immer geſagt, Mutter, vom Arbeiten würde man groß, ich möchte noch ein wenig wachſen, und wenn ich krank werde, dann macht mich unſer Freund Farland auch wieder geſund“, antwortete James und ſchüttelte dieſem tüchtig die Hand. „Bald iſt Dein ganzes Regiment zuſammen, dort kommen die Jungen“, ſagte Frank zu Eleanor, indem er nach dem Ende der Veranda zeigte, von wo Charles, der die Mühle beaufſichtigt hatte, und hinter ihm ſeine fünf jüngeren Brüder, die in dem Bohnenfeld thätig geweſen waren, heranſchritten. „Charles— Edward!“ rief es jetzt von der andern Sfeite des Hauſes von dem Hofe her und gleich dar⸗ auf ſprangen die drei jüngſten Knaben auch noch her⸗ bei, ſo daß nun ſämmtliche Kinder, zehn Söhne und zwei Töchter, um die glücklichen Eltern verſammelt waren. Es war ein wirklich wohlthuend ergreifender Anblick, dieſe zwölf ſchönen, in friſcher Geſundheit blühenden Kinder ſich um die zarte Geſtalt ihrer Mutter drängen und ſie mit Liebkoſungen beſtürmen zu ſehen, während dieſe ihre Mutterliebe Allen in gleichem Maße und mit gleicher Zärtlichkeit zu er⸗ kennen gab. „Charles, es iſt gerade noch Zeit, vor dem Abend⸗ eſſen einen Bienenſtock zu berauben, geh und hole 11 uns friſchen Honig, Herr Farland iſt ein großer Freund davon. Suche aber einen jungen Stock aus“, ſagte Frank zu dieſem ſeinem Sohne, worauf derſelbe fortſprang und ſeine ſämmtlichen jüngeren Brüder ihm nacheilten. Amelia und James hatten ſich zu den Eltern und dem Freunde geſetzt und Eleanor hielt die kleine Helen auf ihrem Schooße im Arm. „Nun weiß ich auch, für wen der Kaufmann Pinkney in C... ſo viel Holz von mir gekauft hat“, ſagte Frank im Laufe der Unterhaltung.„Es war für Ralph Norwvod beſtimmt, der ſich ein prächtiges Haus auf dieſer Seite des Stromes baut, während er die Plantage jenſeits deſſelben anlegt. Dadurch, daß er die verſchiedenen Handwerker unter ſeinen eignen Negern beſitzt, wird ihm das Bauen leicht.“ „Er muß ein außerordentlich reicher Mann ſein und thut ſich, wie ich höre, Viel darauf zu gute“, bemerkte Farland.„Ich traf ihn vor einigen Tagen in C.... in dem Gaſthaus bei Tiſch, wo er auch einen ſehr hohen, anmaßenden Ton anſtimmte. Er wird aber bald genug ausfinden, daß hier, wo im Allgemeinen noch nicht viele vermögende Leute wohnen, man weniger auf Reichthum giebt, als in den alten Staaten.“ „Zumal, wenn es bekannt wird, daß an jedem ſeiner vielen Dollar eine Thräne hängt⸗, ſagte Frank. 12 „Laß ihn, Frank,“ fiel Eleanor ein,„wenn ihm auch ſein Gold Glück bringen ſollte, wir wollen ihn ſicher nicht darum beneiden.“ „Nein, wahrlich nicht, Eleanor, im Gegentheil, ich gönne es ihm um ſeiner herrlichen Frau willen,“ ant⸗ wortete Frank und fügte zu Farland gewandt hinzu: „Haben Sie Norwvods Tochter ſchon geſehen? ſie ſoll ein ganz ungewöhnliches, ein ausgezeichnetes Mäd⸗ chen geworden ſein. Wir haben ſie nur als kleines Kind gekannt.“ „Noch nicht,“ erwiederte Farland,„doch auch ich habe ſchon viel von ihr gehört, ſie iſt ja der Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung, wo man auch hinkommt. Wie man ſagt, ſo iſt ſie leidend.“ „Man wird Sie bald genug um Ihren Rath bitten, denn der Name, den Sie ſich auch als Arzt in dieſem Lande erworben haben, kann Norwood nicht unbekannt bleiben,“ ſagte Eleanvr. „Du irrſt Dich in Norwood, Beſte, er wird auch erfahren, wie Farland mit uns ſteht, und lieber ſieht er ſeine Tochter ſterben, ehe er unſern Freund um Hülfe anruft. Uebrigens ſoll es ſich mit der Ge⸗ ſundheit Berenicens ſehr gebeſſert haben, das Klima ſcheint ihr wohlzuthun,“ entgegnete Frank. „Gott mag es geben, daß ſie ſich erholt. Auf ihrer Durchreiſe durch New⸗Orleans hat aber der erſte dortige Arzt, der Profeſſor Stone, erklärt, daß es für 13 das arme Mädchen keine Hoffnung gäbe. Norwood hat es ſelbſt an verſchiedenen Orten erzählt,“ ſagte Eleanvor. „Ich kam vor einigen Tagen an ſeinem Platz vor⸗ über geritten,“ nahm James das Wort,„er hat das Wäldchen auf der Anhöhe zu einem Park aushauen laſſen. Ihr erinnert Euch, es ſtehen dort die präch⸗ tigſten Magnolien, Cypreſſen und immergrüne Eichen, ſo daß das Haus, welches in der Mitte des Parkes in unglaublicher Schnelligkeit erſtanden iſt, auch im Winter im Grünen ſtehen wird. An arbeitenden Händen fehlt es Norwood nicht, er hat über zwei⸗ hundert Selaven.“ „Wie er aber dazu kommt, die Plantage an der andern Seite des Fluſſes anzulegen, iſt mir unbe⸗ greiflich, denn wenn er ſie ſelbſt beaufſichtigen will, ſo wird er oft lange Zeit von ſeiner Familie getrennt werden. Der Strom überſchwemmt den ebenen Wald, der ſich von ſeinem Ufer bis zu der drei Meilen weit entfernten Plantage hinzieht und dann kann man ihn oftmals wochenlang nicht durchreiten,“ bemerkte Far⸗ land. „Mit ſeiner Frau und Tochter lebt er in böſen Verhältniſſen und nur vor der Welt erſcheinen ſie einig. Darum wird ihm dieſe Trennung wohl er⸗ wünſcht ſein,“ ſagte Frank. Die Sonne war verſunken, die Spitzen der Ge⸗ 14 birge im Weſten glühten wie durchſichtige Rubinen und die Landſchaft hatte ſich in das duftige Purpur⸗ blau des Abends gehüllt; die Heerden Arnolds nä⸗ herten ſich der Plantage unter dem traulichen hellen Geläute der Metallglocken, welche die Kühe und Stuten um den Nacken trugen und die Neger be⸗ ſchloſſen ihr Tagewerk, um ſich zu ruhen, zu pflegen und ſich mit den Ihrigen des ſorgenloſen guten Le⸗ bens zu erfreuen, welches ihre ihnen in ſo reichem Maße bereitete. Eleanor und Amelia hatten ſich in das Haus be⸗ geben, um die Vorbereitungen zu dem Abendeſſen zu machen und Erſtere kam bald unter die Veranda zurück und zeigte an, daß daſſelbe bereit ſtehe. Frank nahm Farlands Hand und führte ihn in das Speiſezimmer, wo dieſer zwiſchen Eleanor und Amelia an der langen Tafel Platz nahm, zu ihren Seiten Frank und James ſich niederließen und die andern Kinder ſich nach ihrem Alter anreihten. Meh⸗ rere Negerinnen beſorgten die Aufwartung und hinter der kleinen Helen ſtand deren Dienerin, ein Mulatten⸗ mädchen von zwölf Jahren, die der Kleinen bei ihrer Geburt als Eigenthum gegeben war, und wartete ihrer jungen Herrin auf. Vor Farland ſtand eine große Schüſſel mit blendendweißen Wachszellen, die mit waſſerhellem Honig angefüllt waren. Frank ſprach ein kurzes Gebet und dann erfreuten ſich Alle unter ————— Heiterkeit und Scherzen des einfachen reichlichen guten Mahles. Zum Nachtiſch ward der Honigberg, der vor Farland ſtand, herumgereicht, ganz verzehrt, und als die letzten Scheiben unter die Kinder ver⸗ theilt wurden, ſagte Eleanor lächelnd zu ihrem Nachbar: „Meine Knaben ſchämen ſich weder ihres Appetits noch der Arbeit und ſie gedeihen Gottlob dabei. Nun laßt uns aber in die Wohnſtube gehen, Amelia ſoll uns auf dem Pianv einen hübſchen Tanz ſpielen.“ Alle erhoben ſich, reihten ſich in jenem Zimmer um das flackernde Kaminfeuer, die Männer zündeten ihre Pfeifen an und die ſchöne Amelia erfreute ſie mit Spiel und Geſang. Der Mond ſtand ſchon hoch am Himmel, als Far⸗ land von ſeinen Freunden Abſchied nahm, ſeinen Hund, Guard, der auf ſeinen Wink unter der Veranda liegen geblieben war, zu ſich rief und ſein Pferd be⸗ ſtieg, welches für ihn vor den Eingang in den Garten geführt wurde. Die ſämmtliche Familie Arnold gab ihm bis hierher das Geleit und bald verſchwand er in den dunkeln Schatten der nächſten Baumgruppen vor ihren Blicken. Farland ſchlug den kürzeſten Pfad durch die offene Prairie nach ſeinem Wohnſitz ein, welcher von der Niederlaſſung Arnolds drei Meilen entfernt lag. An ſonnigen heißen Tagen, wenn er zu dieſen Freunden 16 ritt, näherte er ſich mehr dem Strome, weil dort ein Weg durch den hohen Wald führte, wo er den Strahlen der Sonne weniger ausgeſetzt war. In kaum einer halben Stunde hatte er den kleinen Fluß erreicht, an deſſen anderer Seite er wohnte, hielt in deſſen ſchäumenden, im Mondlicht blitzenden Wellen ſeinen Hengſt an, um ihn zu tränken und gelangte wenige Minuten ſpäter zu der zierlichen Einzäunung, die ſein, von dichten hohen Bäumen überſchattetes einſam gelegenes Haus umgab. Ein ſchlanker Neger⸗ burſch harrte ſeiner dort, öffnete den Eingang und 6 nahm ihm das Pferd ab, nachdem ſein Herr daſſelbe durch einige Handſchläge auf deſſen breiten ſteinfeſten 3 Hals geliebkoſt hatte. Als Farlands Tritt unter der Veranda des Hauſes ertönte, öffnete ſich die Thür deſſelben und eine hohe ſchlanke Mädchengeſtalt trat mit einem Armleuchter in der Hand aus dem Zimmer hervor. „Willkommen, Herr!“ ſagte ſie, indem ſie zur Seite ſchritt, um ihn in das hellerleuchtete Gemach 3 zuerſt eintreten zu laſſen. „Guten Abend, Neone. Du haſt vergebens mit dem Abendeſſen auf mich gewartet, ich war bei Ar⸗ nolds drüben,“ ſagte Farland, indem er dem Mädchen die Hand reichte und in die Stube voranging. Neone war Quadrone und eine von Farlands Selavinnen. Nur der gelbliche Ton ihrer Hautfarbe — 17 verrieth, daß ihre Vorfahren ſchwarz geweſen waren und deutete den Grund an, warum ſie zu den ver⸗ käuflichen Artikeln dieſes Landes gehöre. Aber nur ihr eigener Wille machte ſie zur Selavin, denn Far⸗ land hatte ihr oftmals die Freiheit angeboten, die ſie unwiderruflich von ſich gewieſen und ihn angefleht hatte, ſeine Selavin bleiben zu dürfen. Schon ſeit mehreren Jahren ſtand ſie ſeinem Haushalt vor und hatte ſich in dieſer Zeit eine Bildung angeeignet, die ſie mit mancher weißen Dame auf gleiche Stufe ſtellte. Dennoch war ſie Dienerin und wollte es bleiben, ja ſie fühlte ſich unglücklich, wenn ihr Herr Arbeiten, die ſie bisher beſorgt hatte, Andern übertrug, um ihr den Dienſt zu erleichtern. Kaum war Farland in das Zimmer eingetreten, als Neone den Schlafrock für ihn in den Schaukelſtuhl legte, der vor dem Kaminfeuer ſtand, und ein Paar leichte rothe Saffianſchuhe vor demſelben niederſetzte. Während ihr Herr es ſich bequem machte und dann in dem Stuhl Platz nahm, ſchob die Selavin das Feuer zurecht, legte noch einige Stücke Holz dar⸗ auf und fragte Farland, ob er ſonſt noch Etwas be⸗ fehle. Da dieſes nicht der Fall war, wünſchte ſie ihm eine gute Nachtruhe, küßte in gewohnter Weiſe ſeine Hand, klopfte ſeinem alten großen Hunde, der vor dem Kaminfeuer lag, den Kopf und glitt leiſe aus dem Zimmer. Ralph Norwood. V. 2 ——————— * Frühzeitig am folgenden Morgen beſtieg Farland ſein Pferd, um einen ſeiner drei Gefährten zu be⸗ ſuchen, die mit ihm in dies Land gekommen waren und während einer Reihe von Jahren mit ihm hier gelebt hatten, als es noch weit und breit eine Wildniß war. Er hatte dieſem Mann fünfzehn Meilen weiter nördlich an dem Hauptſtrome ein ſehr reiches Stück Land als Eigenthum gegeben, hatte ihm dort eine kleine Farm eingerichtet, ihm Vieh und einige Pferde geſchenkt und ihn mit allem Handwerkszeug und Haus⸗ geräth verſorgt, deſſen der Anſiedler bedarf. Fürſtenſtein, ſo war der Name dieſes Deutſchen, hatte eine Amerikanerin zur Frau genommen, die ihn bereits mit einigen lieben Kindern beſchenkt hatte, durch Fleiß und Sparſamkeit war es ihm ſchon mög⸗ lich geweſen, ſich eine Negerin zu kaufen, ſein Vieh hatte ſich ſehr vermehrt und er beſaß Alles, was dem Pflanzer zu einem angenehmen ſorgenloſen Leben wünſchenswerth ſein kann. Fürſtenſtein war Farlands treueſter Gefährte ge⸗ weſen und er hatte in manchem ernſten Augenblick ſeine Liebe und Anhänglichkeit gegen ihn erprobt, wes⸗ halb derſelbe ihn gern von Zeit zu Zeit beſuchte, um der vergangenen zuſammen verlebten, an gar manchen ſchönen Erinnerungen reichen Jahre zu gedenken, in denen ſie die unumſchränkten Herren dieſer Länder waren und ihre Büchſen die Geſetze darin vorſchrieben. 19 Farland wandte ſein Pferd dem Strome zu, weil an demſelben hinauf ein Fahrweg durch den Wald bis zu Fürſtenſteins Niederlaſſung führte und er und ſein Roß auf dieſem Wege am wenigſten von der Sonne zu leiden hatten. Derſelbe führte ihn unweit des Platzes vorüber, wo Ralph Norwvod das prächtige Haus baute, und wenn er auch deſſelben nicht anſichtig wurde, ſo fand er doch, ſobald er den geſchloſſenen Wald in deſſen Nähe erreichte, die Anzeigen, daß man in dieſer Ge⸗ gend eine neue Niederlaſſung gründe. Mit einem wehmüthigen Gefühl ſah Farland nach allen Richtungen hin die Verwüſtungen, welche die Art der neuen Ankömmlinge in dieſem majeſtätiſchen Urwald angerichtet hatte; die prächtigſten Bäume, die Zeugen ſeiner ſorgenloſen glücklichſten Jahre, in deren kühlen Schatten er ſo oft geruht, waren gefällt, hatten ihre naheſtehenden in ihrem Sturz mit ſich niedergeriſſen große Oeffnungen in das dichte Laubdach gebrochen, durch die Sonnenſtrahlen jetzt gierig hereindrangen und das feierliche Dunkel unter ihm verdrängten. Oft war von dem herrlichſten Stamm nur ein kleines Stück benutzt und der Reſt dem Zahn der Zeit übergeben, koloſſale immergrüne Bäume ließen trauernd ihr verwelktes Laub herab⸗ hangen, weil mit der Axt in ihre Rinde rund um den Stamm bis in das Holz eingehauen worden und 2* 20 ihnen dadurch die Ernährung entzogen war, und hin und wieder zeigten abgebrannte ſchwarze Blößen, daß auch das Feuer zum Untergang des Waldes benutzt wurde. Bald aber befand ſich Farland wieder außer dem Bereiche der verwüſtenden Anſiedler im dunkeln Schat⸗ ten der Rieſenbäume und ließ ſeine Erinnerung an ihnen vorüberſchweifen, die bald hier, bald dort ge⸗ feſſelt wurde, und ihm aus der Vergangenheit Augen⸗ blicke glücklichſter Ruhe, verzweifelten Kampfes, oder einer glorreichen Jagd vorführten. Jetzt leitete ihn ſein Weg einen ſteilen Berg hin⸗ an, der ſich hoch über den endloſen Wald erhob und von deſſen Höhe man einen wundervoll ſchönen Blick auf die felſigen Ufer des Stromes und darüber hin in die weite Landſchaft bis zu den fernen Gebirgs⸗ zügen frei hatte, deren eiſige Höhen den Himmel zu tragen ſchienen. Farland freute ſich darauf, die obere Fläche des Berges zu erreichen, indem ſie ſtets ein Lieblingsaufenthalt von ihm geweſen war, den er früher ſo oft auf ſeinen Jagden zum Ausruhen be⸗ nutzt hatte. Dort oben ſtand ein alter prächtiger wilder Pflau⸗ menbaum, der ſeine kräftigen Aeſte weit über den Weg ſtreckte und durch deſſen herrliche Früchte Farland oftmals gelabt worden war. Dieſer hatte unter dem⸗ ſelben ſchwere Steinblöcke zu einem bequemen Sitz 21 zuſammengerollt, weil man gerade von dieſem Platze aus die freieſte prachtvollſte Ausſicht genoß. Er war aber wohl in länger als Jahresfriſt nicht hier ge⸗ weſen, und während ſein Hengſt langſam mit ihm den Berg hinanſchritt und Guard, ſein treuer Hund, voraustrabte, als eile er dem wohlbekannten Ruheorte zu, überließ ſich Farland dem Andenken an die vielen ſchönen einſamen Stunden, die er dort oben verlebt hatte. Plötzlich weckte ihn die tiefe Baßſtimme Guards aus ſeinen Gedanken, er blickte nach dem Hunde hin⸗ auf, der bereits die Höhe erreicht hatte und gewahrte etwas weiterhin unter dem Pflaumenbaum zwei weib⸗ liche Geſtalten. Mit einem gellenden Pfiff auf ſeiner Fauſt rief Farland den folgſamen Hund ſofort zu ſich zurück; mit Spannung und Erſtaunen nach den Frauenzimmern ſchauend, trieb er den Hengſt zu raſcherem Schritt an und erreichte das Plateau. Hier erblickte er eine junge Dame, die von der Steinbank aufgeſtanden war und eine Zeichenmappe in der Hand hielt, während eine ſchwarze Dienerin ihr zur Seite ſtand und einen großen Regenſchirm über ſie hielt, um die einzelnen Sonnenſtrahlen, die durch das Laub des Baumes fielen, von ihr abzuwehren. Farland hatte ſich bis auf dreißig Schritt der ihm unbekannten Dame genähert, als ihre Augen den 22 ſeinigen begegneten und er, von der Macht ihres Blicks getroffen, ſein Roß gänzlich anhielt. Ein ahnungs⸗ volles Gefühl, wie wenn er in den Spiegel ſeiner Zukunft geſehen hätte, überkam ihn, unverwandt ſchaute er nach der ſchönen bleichen Fremden hinüber, als ſuche er ſich zu enträthſeln, was es ſei, das ſeine Seele mit ihr in Beziehung bringe, und die Unbekannte hielt eben ſo unbeweglich ihre großen dunkeln Augen auf ihn geheftet, als habe ſich ein ähnliches Gefühl auch ihrer bemächtigt. Farland entwand ſich zuerſt ſeiner Ueberraſchung, ſprang von dem Pferde und ging, das Thier ſich ſelbſt überlaſſend, mit einer Verbeugung auf die Fremde zu, indem er ſagte: „Ein armer Sterblicher, bin ich unbefugt in einen Himmel eingetreten und mein alter treuer Wächter hat deſſen Göttin durch ſeine Stimme geſtört, ich unterziehe mich in Demuth der Strafe, der ich ver⸗ fallen bin.“ „Die Herrſcherin dieſes Himmels hat ſich gleich ſchwer gegen den Sterblichen verſündigt, da ſie ihr Reich auf deſſen irdiſchen Weg niederließ und ihn vielleicht aufhielt, ein Werk der Liebe, der Barm⸗ herzigkeit zu vollbringen. Sie hat ihm kein Unrecht zu vergeben,“ erwiederte Berenice und ſenkte die Augen. „O, ſo möge ſie, wie Gottheiten es thun, ſich 23 ſeiner erbarmen, und ihm vergönnen, in dem Zauber, in der Herrlichkeit ihres himmliſchen Lichtes ſich zu beſeligen,“ ſagte Farland, hingeriſſen von der wunder⸗ bar reizenden Erſcheinung Berenicens, und preßte beide Hände feſt gegen ſeine Bruſt. „Wenn nicht ein Leidender ſehnſüchtig nach Ihrer Hülfe verlangt, Herr Farland, ſo wird die Göttin dem Sterblichen, der ſo vielen Anſpruch auf den Himmel hat, den Aufenthalt in demſelben mit Freu⸗ den gewähren,“ entgegnete Berenice und ließ nun ihre glänzenden dunkeln Augen auf Farland ruhen. „So hat mich mein Gefühl doch nicht betrogen, wenn es mir ſagte, daß wir uns nicht ganz fremd wären. Sie kennen mich, Fräulein?“ „Ein jeder Anſiedler in dieſem ſchönen Lande möchte Sie wohl kennen, Herr Farland, war doch der gute Klang Ihres Namens bis zu uns nach Florida gedrungen,“ erwiederte Berenice, und wie die weiße Roſe mitunter einen Anflug von Roth zeigt, ſo er⸗ ſchien in dieſem Augenblick ein leichter Hauch von Karmin auf ihren Wangen. „Das Wort, Fräulein, klang zu ſüß in meiner Seele wieder, als daß ich nicht fragen ſollte, weſſen ſchönen Lippen ich es zu verdanken habe,“ ſagte Far⸗ land bittend und neigte ſich abermals vor Bereniee. Dieſe ſchien einen Augenblick mit der Antwort zu zaudern und das wenige Roth ihrer Wangen war 24 plötzlich wieder verſchwunden, dann aber ſagte ſie mit ſichtbarer Ueberwindung. „Berenice Norwood iſt mein Name. Wir ſind Nach⸗ barn von Ihnen; verzeihen Sie es meiner Mutter und mir, daß man Ihnen noch keinen Beſuch gemacht hat.“ Berenice ſagte die letzten Worte mit einem Ton, worin Entſchuldigung und Verurtheilung zugleich ent⸗ halten war, und heftete ihren Zauberblick mit ſo un⸗ widerſtehlicher Gewalt auf Farland, daß Dieſer von ihm überwältigt vor ſich niederſah und ſagte: „Wie kann der Menſch einer Göttin verzeihen? Vergeben Sie es mir, Fräulein, daß ich nicht ſchon längſt meine Aufwartung bei Ihnen gemacht habe.“ Bereniee erſchrack. „Nein, nein, Herr Farland, thun Sie das nicht, man würde es mißverſtehen, Sie ſind Arzt, wenn auch ein uneigennütziger. Laſſen Sie dies zufällige Zu⸗ ſammentreffen als unſern gegenſeitigen Nachbarbeſuch gelten.“ „Sollen wir denn auch gute Nachbarn bleiben?“ fragte Farland mit leidenſchaftlicher Wärme. „Recht gute, das hoffe ich, Herr Farland,“ erwie⸗ derte Berenice mit einem ſeelenvollen Blick. „So wird mir auch das Glück zu Theil werden, Sie bald wiederzuſehen?“ ſagte Farland bittend. —„Der Zufall iſt uns vielleicht bald wieder günſtig,“ entgegnete Berenice verlegen, was Jener bemerkte und 25 ſofort dem Geſpräch eine andere Wendung gab, indem er ſagte: „Zum Zeichen aber, daß Sie mir mein unacht⸗ ſames Erſcheinen vergeben haben, müſſen Sie Ihre Beſchäftigung fortſetzen, in der ich Sie ſtörte. Ich bitte Sie, Fräulein, nehmen Sie Ihren Platz wieder auf der Bank ein, die ich vor Jahren hier unter dem Pflaumenbaum errichtete. Jetzt iſt mir das Räthſel gelöſt, weshalb ſie mir immer ſo lieb war.“ „Den Wunſch will ich gern erfüllen. Ich habe eine Skizze von der Landſchaft gezeichnet und wollte ſo eben die Farben leicht andeuten; ſie geben dem Bilde erſt das Leben,“ erwiederte Berenice, indem ſie ſich auf der Bank niederließ und die Mappe auf ihrem Schooß öffnete. Erſtaunt blickte Farland auf die herrliche naturge⸗ treue Zeichnung, welche Jene von der Gegend ent⸗ worfen und deren Ferne ſie ſchon mit einem durchſich⸗ tigen Purpur colorirt hatte. „Das iſt eine Meiſterarbeit, Fräulein Bereniee,“ ſagte Farland begeiſtert,„wie hat ſich ſo großes Ta⸗ lent, ſo hohe Kunſt hierher verirren können!“ „Sie benennen es mit dem unrechten Namen, es iſt Spielerei und Liebe für eine ſchöne Natur, die mich die unbedeutenden Erinnerungen an dieſelbe ſchaffen läßt,“ erwiederte Berenice, indem ſie den Pinſel in das Glas mit Waſſer tauchte, welches Far⸗ 26 land der Negerin abgenommen hatte und der Künſt⸗ lerin hinhielt. Er ſah aber nicht mehr auf das Bild, ſeine Blicke waren auf die anmuthvolle geiſtreiche Erſcheinung Be⸗ renicens geheftet, an die ihn eine unſichtbare Macht mit unwiderſtehlicher Gewalt zu feſſeln ſchien, er lauſchte der einzelnen Worte, die ſie, bald in die fernen Berge, bald auf die Zeichnung ſehend, zu ihm ſagte, und wenn ſie für einen Augenblick ihre tief gefühl⸗ vollen Augen nach ihm hinrichtete, war es ihm, als ob ſeine Seele mit der ihrigen in eine verſchmelze. Auch Berenice ſchien nicht ganz unbefangen zu bleiben, die unmittelbare Nähe Farlands, ſein Schwei⸗ gen und die Bewegung, die ſich in ſeinem Blick ver⸗ rieth, berührten ihr Inneres, ſie wurde ſtill, ſchaute nur noch auf das Papier vor ſich, trug einige falſche Farben auf daſſelbe auf und ſagte nach einer Weile, indem ſie den Pinſel neben ſich auf die Bank fallen ließ und das Buch zuſammenlegte: „Ich bin ein Kind der Laune, ich kann in Ihrer Gegenwart nicht malen, Herr Farland, Sie ziehen meine Gedanken von der Arbeit ab, und wenn ich nicht mit ganzer Seele dabei bin, ſo gedeiht ſie niemals.“ „Es ſcheint mein böſes Geſchick zu ſein, Ihnen nur ſtörend in den Weg treten zu ſollen, Fräulein Bereniece, und das iſt mir ſchmerzlich,“ ſagte Farland, 27 dem die Bemerkung derſelben jedoch nicht unangenehm geweſen war. „Verſtehen Sie mich nicht unrecht; Ihre Gegen⸗ wart regt ein höheres geiſtiges Intereſſe in mir an, dem dieſe einſeitige Unterhaltung mit Zeichnen weichen muß. Ich habe viel Wunderbares und Abenteuer⸗ liches über Ihr Leben in dieſem Lande gehört und immer gewünſcht, durch Sie ſelbſt Etwas darüber zu vernehmen; es war ein Leben voller Mühſeligkeiten und Gefahren, doch fehlte es ihm weder an Reizen, noch an Romantiſchem,“ ſagte Berenice und lenkte die Unterhaltung auf die Zeit, in der Farland hier die erſte Anſiedelung gründete. Dieſer erzählte nun mit glühender Anſchaulichkeit, Berenice fragte mit lebhaftem Intereſſe dazwiſchen, und ſo verſtrichen ihnen einige Stunden, ohne daß ſie an deren ſchnelles Dahineilen gedacht hätten, bis Eva ihre junge Herrin daran erinnerte, daß es Zeit ſei, nach Hauſe zu reiten, wollte ſie nicht zum Mittags⸗ eſſen zu ſpät kommen. Dann rief die Selavin einen Negerburſchen herbei, der in der Nähe die Pferde in dem hohen Graſe weiden ließ und mit dieſem kam auch Farlands Roß herangeſchritten, welches deren Geſellſchaft aufgeſucht hatte. „Sie ſollten morgen die Zeichnung beendigen, es iſt nicht gut, eine ſolche Arbeit lange zu unterbrechen,“ ſagte Farland, nachdem er Bereniee auf ihre Iſabelle gehoben hatte, doch ſtatt der Antwort ſah ſie ihn einen Augenblick gedankenvoll an, grüßte ihn dann mit einem lieblichen Neigen des Hauptes und trieb ihr Pferd nach dem Bergabhang, von wo aus ſie ſich jedoch nochmals nach Farland umſah und ihm einen glän⸗ zenden Abſchiedsblick zuſandte. Dieſer ſtand, wie angezaubert auf der Stelle und ſah der Reiterin nach, bis ſie am Fuße des Berges in dem dichten Wald verſchwand. Die ganze Begebenheit ſchien ihm jetzt ein Traum geweſen zu ſein, aus welchem Berenicens himmliſche Engelsgeſtalt in ſeiner Erinnerung zurückgeblieben war. Er ließ ſich auf dem Platz nieder, wo ſie geſeſſen hatte, ſeine glühende Phantaſie brachte ſie lebendig vor ſeine Seele, er hörte ihre ſüße Stimme, er war ihr freundliches Lächeln, er fühlte den Zauber und die Macht ihres ſeelenvollen melancholiſchen Blicks und verſank ſo ſehr in ſeine Träumereien, daß er ſeine Reiſe zu Fürſtenſtein ganz darüber vergaß. Das dumpfe Knurren des Hundes, der zu ſeinen Füßen lag, weckte ihn aus ſeinen Gedanken, er blickte um ſich und gewahrte einen Reiter mit einem ſchwer beladenen Packthier hinter ſich, der von der andern Seite her auf der Straße die Höhe erreichte und auf ihn zukam. Es war ein Pedlar oder Hauſirer, deren man 29 nirgends mehr antrifft, als in den neu angebauten Ländern Amerikas, wo ſie von Anſiedler zu Anſiedler ziehen und ihre Waaren zu enormen Preiſen an die⸗ ſelben verkaufen. Die Liſte der Artikel, die ſie mit ſich führen, iſt außerordentlich groß, und hauptſächlich enthält ſie Gegenſtände für den Bedarf des weiblichen Geſchlechts, weshalb dieſe reiſenden Krämer auch ſtets bei ihren Beſuchen auf den Farmen von den Frauen freundlich aufgenommen und behandelt werden. Der Pedlar begrüßte Farland, erkundigte ſich bei ihm nach dem Wege zu der nächſten Niederlaſſung, und dieſer hatte ihm die des Generals Norwood be⸗ zeichnet, auch bereits gute Reiſe gewünſcht, als ſein Blick auf ein herrliches Vergißmeinnicht fiel, welches in dem Schatten der Steinbank emporgeſproßt war. „Heda, Freund!“ rief er dem Pedlar nach und winkte ihm, zurückzukonkmen,„wollt Ihr einen Dollar leicht verdienen?“ „Je leichter, je lieber, was kann ich für Euch thun?“ entgegnete der Hauſirer, indem er zurück⸗ kehrte. „Ihr werdet in der Anſiedelung, die ich Euch be⸗ zeichnete, eine ſehr ſchöne junge Dame ſehen, deren Name Bereniee iſt. Gebt Ihr dies Vergißmeinnicht und ſagt ihr, es ſei neben der Bank auf dieſem Berge gewachſen, von wo Ihr es mitgenommen hättet. Ver⸗ rathet aber nicht, daß ich es Euch gegeben habe,“ ſagte 30 Farland und reichte dem Fremden die Blume hin, die er abgebrochen hatte. „Der Auftrag ſoll beſtens ausgeführt werden; Ihr wißt wohl, daß ſolche Beſtellungen zu unſerm Geſchäft gehören. Ich brächte Euch gern eine Antwort, wenn ich wüßte, wo Ihr wohntet. Vielleicht machten wir ſonſt wohl auch noch ein Geſchäft, die Auswahl meiner Waaren iſt eine reiche, wie ſie ſelten in dieſem Lande geboten wird.“ „Ich danke Euch, vor Morgen Abend komme ich aber nicht wieder nach Hauſe, führt Euch Euer Weg jedoch ſpäter bei meiner Wohnung vorüber; ſo ſprecht bei mir vor,“ antwortete Farland, reichte dem Hau⸗ ſirer einen Dollar und beſchrieb ihm den Weg, auf welchem er zu ſeiner Beſitzung gelangen könne. „Ihr ſagt, bis zu General Norwood ſei es nicht ganz zwei Meilen?“ fragte der Fremde. „Das iſt ungefähr die Entfernung,“ erwiederte Farland. „So will ich mich eilen, dann komme ich noch zur Tiſchzeit dorthin,“ ſagte der Pedlar und trieb ſein Thier zum Trabe an. Farland beſtieg nun ſchnell ſeinen Hengſt und ließ ihn auf dem Wege zu ſeinem frühern Gefährten tüch⸗ tig ausgreifen, um die verſäumte Zeit theilweiſe wie⸗ der einzubringen. Mit Jubel wurde er von dem alten Kameraden empfangen und verbrachte die Nacht mit ihm in glücklicher Erinnerung an die miteinander verlebten gefahrvollen Zeiten. Beide gönnten ſich kaum Schlaf, weil Farland die Nothwendigkeit ausgeſprochen hatte, ſich mit dem erſten Grauen des Tages wieder auf den Heimweg begeben zu müſſen. 1 Capitel 42. Die Erwartung.— Freudiges Erwachen.— Bewunderung.— Zuneigung.— Schmähung.— Die beiden Hunde.— Wuth.— Schreck.— Die Freundin. — Das Billet.— Mütterlicher Rath. Der Thau hing am folgenden Morgen in den Nie⸗ derungen des Waldes noch auf Laub und Gras, als Farland ſchon den langen Ritt von Fürſtenſteins Farm zurück bis zu dem Fuße des Berges, auf dem der Pflaumenbaum ſtand, vollbracht hatte und er ſein Pferd aus den Schatten der Bäume hervor die ſteile Anhöhe hinauflenkte. Heute ließ er den Hund hinter ſich zurückbleiben und hielt ſeinen verlangenden Blick den Berg hinaufgerichtet, bis er die Bank erſpähen konnte. Dieſelbe war leer und kein lebendes Weſen war in deren Umgebung zu ſehen. Farland ließ den Hengſt jetzt langſam die Höhe vollends erklimmen und nahm ihm, als er die Bank erreichte, Sattel und Zeug ab, damit das Thier ſich kühlen und in dem hohen friſchen Graſe ſich erholen könne. Er ſelbſt ſetzte ſich unter dem Pflaumenbaum nie⸗ der und überließ ſich ſeiner trüben Stimmung, welche 53 die getäuſchte Hoffnung, Bereniee hier zu finden, über ihn gebracht hatte. Es war aber noch früh, ja wohl noch eine Stunde früher, als geſtern, da er dieſen Platz erreichte, er ſah wiederholt auf die Uhr, ſtand auf und ging bis zu der Stelle, von wo er in den Wald am Fuße des Berges blicken konnte, er lauſchte in das Thal hinab, doch kein ferner Hufſchlag verrieth ihm das Nahen von Roſſen. Abermals hatte er ſich auf der Bank niedergelaſſen und war gegen den Baumſtamm zurückgeſunken. Die Luft zog erquickend über ihn hin und das Laub des Baumes, in deſſen Schatten er ſaß, rauſchte leiſe, er dachte nur an die ſchöne Berenice, deutlicher und lebendiger trat ſie vor ſeinen Geiſt und mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, halb wachend, halb in wonnigem Traum an ſie verſunken, wurde er nicht gewahr, daß jetzt Berenice wirklich bei ihm erſchien und ſich Schrittes der Bank näherte. Sie war an dem Abhang abgeſtiegen, winkte dem Negerburſchen zu, mit den Pferden im Graſe weiter zu ziehen, und ergriff dann Evas Hand und deutete ihr lächelnd an, kein Geräuſch zu machen. Noch ſtanden die Beiden unſchlüſſig, was ſie thun ſollten und blickten lächelnd auf den, in ſich verſun⸗ kenen Farland, als dieſer tief Athem holte und halb⸗ laut und undeutlich einige Worte ſagte. Berenice fuhr, wie erſchrocken zuſammen, ſie glaubte Ralph Norwvod. V. 3 34 ihren Namen verſtanden zu haben, und drängte Eva aus der Nähe der Bank hinweg, doch ihr glänzender Blick verrieth, daß es ein freudiger Schreck geweſen war, der ihr das Blut nach den Wangen trieb. In dieſem Augenblick fiel ein blendender Sonnen⸗ ſtrahl durch das Laub des Baumes auf Farlands Ge⸗ ſicht und weckte ihn aus ſeinen Träumereien. Er rich⸗ tete ſich raſch auf und ſein erſter Blick fiel auf Be⸗ reniee. „Iſt es möglich Fräulein,“ rief er in ſeiner Ueber⸗ raſchung aus,„Sie in Wirklichkeit hier und, in das Andenken an Sie verſunken, fühlte ich Ihre beſeligende Nähe nicht!“ Das werde ich mir nie vergeben.“ „Sein Sie nicht allzuhart gegen ſich ſelbſt, Herr Farland. Ich muß Ihnen dankbar für den ſcharfen ermüdenden Ritt ſein, den Sie bereits gemacht haben, ſonſt wäre mir die Freude entgangen, Ihnen für das zarte Geſchenk danken zu können, welches Sie mir geſtern zugeſandt haben.“ Bei dieſen Worten ſah Berenice mit ſüßem Lä⸗ cheln nach Farland, und ſetzte ſchnell noch hinzu: „Nun muß ich aber meine Arbeit beenden, die Beleuchtung iſt in der That faſt genau dieſelbe, wie ſie geſtern war.“ „So haben die kleinen blauen Blümchen Sie er⸗ reicht, die für mich um Ihr Andenken bitten ſollten?“ fragte Farland in glücklicher Begeiſterung. 35 „Sie ſollen mir liebe Zeugen unſeres geſtrigen zufälligen Zuſammentreffens bleiben. Ich nenne es zufällig, obgleich ich nicht an einen Zufall glaube. Alles in unſerm Leben iſt unabänderliche Beſtimmung,“ ſagte Berenice mit Ernſt, indem ſie zu der Bank trat, und ihre Zeichenmappe dort niederlegte. „Auch ich glaube nicht an Zufall; für unabänder⸗ liche Beſtimmung aber möchte ich ein milderes Wort wählen: ſagen Sie Fügung und laſſen Sie Alles im Leben einer höheren Lenkung unterworfen ſein, dann bleibt Ihnen Ihr freier Wille, Sie haben ſelbſt einen Antheil in den Wendungen Ihres Schickſals und können dem Lenker deſſelben für ſeine unzähligen Wohlthaten danken. Beides wird Ihnen, wenn Sieé an unabän⸗ derliche Beſtimmung glauben, vorenthalten,“ ſagte Farland, während Berenice ſinnend nach ihm hin⸗ ſchaute. Nach einiger Zeit ſagte ſie: „Herr Farland, von einem Manne, deſſen Leben ein ſo ſturmbewegtes geweſen iſt, wie das Ihrige, habe ich dieſe Antwort am wenigſten erwartet. Ich habe wirklich gedacht, der Glaube an ein unabänder⸗ liches, vorausbeſtimmtes Schickſal müſſe Sie auf Ihrem oft gefahrvollen Weg geleitet haben. Wir berühren aber eine Saite, deren Ton mit dem Zweck meines Rittes nicht in Einklang ſteht, ich kam hierher, mich freudig zu ſtimmen. Erzählen Sie mir Etwas aus Ihrer alten Heimath, während ich verſuchen will, ob es mir heute glückt, die Farben zu treffen.“ Hiermit ließ ſich Berenice auf der Bank nieder und ergriff die Palette, während Farland ihre Fragen in Bezug auf die Zuſtände und Verhältniſſe in Europa beantwortete und ihr Erläuterungen darüber gab, die die ſie mit lebhaftem Intereſſe erfüllten. Farland war in ſeinem Wanderleben viel weib⸗ licher Hoheit, Schönheit, Anmuth und Liebenswür⸗ digkeit begegnet, doch vergebens ließ er während der Unterhaltung die Gedanken über den weiten Spiegel ſeiner Erinnerung gleiten und ſpähete dort nach einem Ideal des Weibes, wie er jetzt in höchſter Vollkom⸗ menheit vor ſich ſah. Nach einer eingetretenen Pauſe, während welcher Farland im Anſchauen ſeiner reizenden Gefährtin ver⸗ ſank und dieſe ſich umſonſt bemühte, einen Theil ihrer Aufmerkſamkeit auf die Landſchaft vor ſich zu richten, um die Farben genau zu erkennen, bemerkte Berenice, den Pinſel aus der Hand legend, daß das Land an der andern Seite des Stromes, wie es ſchien, noch ſehr ſpärlich angeſiedelt ſei. „Es ſind auch erſt wenige Jahre her, daß ein Frontiermann es wagte, ſich jenſeits des Stromes eine Hütte zu bauen,“ antwortete Farland,„die In⸗ dianer haben jenes Land mit viel größerer Hart⸗ näckigkeit vertheidigt, als das, auf dem wir leben. 37 Schon waren an dieſer Seite zahlreiche gedeihende Farmen gegründet und C.... hatte ſich bereits zu einem blühenden Städtchen emporgeſchwungen, als jenes Ufer noch immer von den Wilden beherrſcht wurde und es zu einem gefahrvollen Unternehmen ge⸗ hörte, wenn ein Weißer ſich hinüber wagte.“ „Welche Indianerſtämme lebten denn dort?“ fragte Berenice. „Die Lepans, ein entſchloſſenes kriegeriſches Volk. Doch kamen von je her in der Winterzeit viele andere Stämme vom Norden herab bis in dieſe Gegend ge⸗ zogen, um den Büffel zu jagen, der in endloſen Heerden vor ihnen her nach Süden wanderte,“ er⸗ wiederte Farland. „Wo wohnen denn die Seminolen, die man aus Florida vertrieben hat?“ fragte Bereniee mit ſichtbarem Intereſſe. „Sie haben ſich eine Heimath an dem Canadrin⸗ fluß über achthundert Meilen von hier gegründet, ihre Jäger folgen demohngeachtet ſicher auch im Winter den Büffelheerden bis zu dem Fuße der fernen Ge⸗ birge dort, denn die Niederlaſſungen der Weißen an jener Seite des Stromes liegen bis jetzt ſämmtlich noch in der Nähe deſſelben, weiterhin iſt das Land noch eine Wildniß und wird von den Indianern durch⸗ ſtreift, wenn dieſelben es auch nicht mehr als ihr Eigenthum beanſpruchen.“ 38 „So kommen die Seminolen wirklich in unſere Nähe?“ fragte Berenice mit geſteigertem Intereſſe. „Sehr wahrſcheinlich, denn ihre Nachbarn, die Creeks und Chvetaws beſuchen alljährlich das Han⸗ delshaus, welches die Regierung vierzig Meilen von hier nördlich an jener Seite des Stromes angelegt hat, damit die Indianer dort ihre Bedürfniſſe erhalten können und nicht dieſerhalb in die Anſiedelungen der Weißen zu kommen brauchen. Wenn Sie es wün⸗ ſchen, Etwas über die Seminolen zu erfahren, ſo kann ich leicht Erkundigung über dieſelben einziehen.“ „Sie würden mir dadurch eine Gefälligkeit er⸗ zeigen. Es beunruhigt mich, weil dieſes Volk jeden Floridaner haßt und wir unſere Plantage jenſeits des Stromes anlegen,“ entgegnete Berenice. „Darüber können Sie ſich beruhigen, denn die Indianer betrachten jetzt ihre Jagdzüge in dieſe Ge⸗ genden als Eingriffe in die Rechte der Weißen, und ſind zufrieden, wenn dieſe ſie unbehelligt laſſen,“ be⸗ merkte Farland und Berenice lenkte das Geſpräch wieder auf die Schönheit der Landſchaft, die im Halb⸗ zirkel vor den Blicken ausgebreitet lag. Die Unterhaltung zwiſchen ihr und Farland be⸗ wegte ſich heute faſt nur außerhalb des Kreiſes ihrer Perſönlichkeit, während ihre Gedanken ſich ausſchließlich nur mit dieſer beſchäftigten. Farlands Blicke hingen wie angezaubert an der ſchönen anmuthigen Jungfrau, 39 er erhaſchte ihre Worte, folgte mit Spannung und gefeſſelter Aufmerkſamkeit ihrer einfach natürlichen, geiſtreichen Sprache und überwachte jede ihrer unge⸗ zwungenen graziöſen Bewegungen. Dabei ſuchte er ihren Augen zu begegnen und Berenice vermied die Gelegenheit hierzu nicht; ſein inniger, an ſie feſtge⸗ bannter Blick that ihr wohl und gegenſeitig ahneten ſie eine raſche Annäherung ihrer Seelen. Die Stunden verſtrichen ihnen heute mit fliegender Eile, Berenice hatte ſchon einigemale nach der Uhr und dann nach Eva geſehen, die ſich in nicht großer Entfernung in dem Schatten eines Baumes niederge⸗ laſſen hatte; es war die allerhöchſte Zeit für Berenice, ſich auf den Heimweg zu begeben, um beim Mittags⸗ eſſen erſcheinen zu können, doch immer entſchloß ſie ſich nicht, aufzubrechen, und beruhigte ſich mit dem Gedanken an die Schnelligkeit ihres Pferdes. Jetzt aber war wirklich die Zeit erſchienen, in der bei Ralph zur Tafel gegangen wurde und Berenice ſprang raſch auf, rief Eva ſowie den Reitknecht herbei und ſagte freundlich lächelnd zu Farland: „Wenn man mir zu Hauſe über mein langes Aus⸗ bleiben zürnt, ſo haben Sie es zu verantworten, Herr Farland, und Sie müſſen mich, wenn wir uns wie⸗ derſehen, durch offene Mittheilung über Ereigniſſe aus Ihrem Leben, die ich Ihnen ſelbſt bezeichnen werde, ſchadlos halten.“ 40 „Mein vergangenes Leben, Fräulein Bereniee, ſoll ſich klar und deutlich vor Ihnen entfalten, wie vor dem anbrechenden Tage ſichtbar wird, was der Schleier der Nacht bedeckte; ſchiene doch Ihr himmliſches Licht immer in deſſen Zukunft, dann wäre die Nacht für ewig daraus verbannt,“ entgegnete, Farland von ſeinem Gefühl für Berenicen hingeriſſen, und ergriff, wenn auch nicht ohne Zögern, die Finger ihrer kleinen zarten Hand. Bereniece zog dieſelben aber nicht zurück, und ſagte, indem ſie den tiefen Blick ihrer prächtigen Augen auf Farland richtete: „Das himmliſche Licht kann auch läſtig werden. Leben Sie wohl, Herr Farland, denken Sie an Ihr Verſprechen.“ „Geben Sie mir die Gelegenheit, es halten zu können, himmliſches Weſen!“ antwortete Farland lei⸗ denſchaftlich, als der Negerburſche mit den Pferden erſchien und Jener Berenicen die Hand lieh, ihr Roß zu beſteigen. „Dem Lenker unſeres Geſchicks wollen wir es über⸗ laſſen,“ entgegnete Berenice mit ſtrahlendem Blick, winkte Farland noch einen Gruß zu und trieb ihr Pferd zu möglichſter Eile an, während dieſer ihr noch ein inniges Lebewohl nachrief. Einige Tage ſpäter war es frühzeitig am Morgen in der nur wenige Meilen von Farlands Niederlaſſung entfernten Stadt C.... ſehr lebhaft, denn es ſollten heute mehrere Beamte für die Cvunty gewählt werden, zu welchem Zweck ſich die Bewohner der Umgegend dort einfanden. Das Trinkhaus an dem Platz, der das Gerichtsgebäude umgab, war mit Gäſten gefüllt und vor demſelben ſtanden viele Männer in lebhafter Unterhaltung begriffen. „Dies Herrſchen der wenigen Herrn, die es ſich zu einem ſo hohen Verdienſte anrechnen, zuerſt in dieſes Land gezogen zu ſein, muß aufhören, ſie ſelbſt haben den Nutzen davon gehabt, indem ſie den Nach⸗ kommen die beſten Ländereien wegnahmen, und nun ſollen Dieſe ihnen auch noch dankbar dafür ſein und ſich von ihnen Geſetze vorſchreiben laſſen,“ ſagte Ralph Norwvod, der vor der Thür des Trinkhauſes viele Männer um ſich geſammelt hatte und ſo laut ſprach, daß man auch innerhalb deſſelben jedes Wort verſtehen konnte. Mehrere der Verſammelten gaben ihre Bei⸗ ſtimmung zu Ralph's Aeußerung zu erkennen, während Andere ſich ſtumm verhielten, und dieſer fortfuhr: „Da iſt der Arnold, der weiß gar nicht mehr, wie hoch er die Naſe tragen ſoll, für einen unvermögenden Mann hat er keine Augen, und dabei zieht er aus den Bewohnern des Landes weit und breit ſeinen Nutzen. Mit ſeiner Mühle verdient er ein ungeheueres Geld, 42 will ein armer Mann eine Diele haben, ſo muß er dem Herrn Arnold einen unerhörten Preis dafür be⸗ zahlen; läßt ſich ein neuer Anſiedler in der Gegend nieder, ſo iſt der Herr Arnold der Mann, der ihm für ſchlechte Kühe, Schweine und Hühner, ſo wie für Mais die letzten Zehrpfennige abnimmt, und warum iſt er aus Georgien fortgegangen? Weil ſein Wucher dort nicht länger geduldet wurde.“ Nach dieſen Worten rief er mit lauter Stimme: „Gentlemen, ich bitte mir von Ihnen ſämmtlich die Ehre aus, ein Glas mit Ihnen zu leeren; bitte, treten Sie mit mir an den Schenktiſch.“ Dabei winkte er mit ſeinem Hute allen vor dem Hauſe und in deſſen Nähe auf der Straße ſtehenden Männern zu, ihm zu folgen. Man drängte ſich in das Trinkhaus und dort zu dem Tiſche, doch es war dem Wirth nicht möglich, allen Gäſten ſogleich aufzuwarten. Da wandte ſich Ralph an die Verſammlung und ſagte: „Gentlemen, ich trinke hiermit auf Ihre Geſund⸗ heit und bitte, ſich nun ſelbſt zu bedienen. Herr Wirth, Alles für meine Rechnung!“ Darauf ſchritt er wieder hinaus unter die Veranda, wo ſich ſeine Gäſte und nach abermals um ihn ſammelten. „Dort kommt auch Einer von jenen klugen Herren, 43 die ſich zeitig in dies Land begaben und deren ganze Vortrefflichkeit darin beſteht, daß ſie ihre Taſchen ge⸗ füllt haben,“ ſagte Ralph mit lauter Stimme, indem er nach einem Reiter hinzeigte, der ſo eben aus einer der Straßen nach dem Wirthshauſe einbog, welches an der andern Seite des Platzes lag. „Das iſt eine verdammte Lüge,“ rief ein junger Burſche von der Straße her, indem er die geballte Fauſt nach Norwood ausſtreckte.„Jener Reiter iſt Herr Farland, dem die Bewohner dieſes Landes zu tauſend Dank verpflichtet ſind, und wer dies abläugnet, iſt ein Schurke!“ „Er wird Dir wohl einmal einen Almoſen gegeben haben,“ erwiederte Ralph, indem er lächelnd nach dem Redner hinüberſchaute. „Er hat mir Wohlthaten erzeigt, wie er ſie Jeder⸗ mann in der ganzen Umgegend erwieſen hat, und Hunderte von unſern Nachbarn danken ihm ihr Leben. Warten Sie nur den Sommer ab, wenn die Fieber kommen, Herr General Großmaul, und Sie werden nicht der Letzte ſein, der ihn um Hülfe anfleht.“ Ralph war vor Zorn bleich geworden und ſchoß einen wüthenden Blick nach dem Sprecher hin, deſſen ruhige Haltung, mit der rechten Hand in der Bruſt⸗ taſche ſeines Rockes, ihm doch zu gefahrdrohend er⸗ ſchien, als daß er weitere Notiz von ihm hätte nehmen ſollen. Auch hatten ſich jetzt mehrere andere kräftige 44 Burſchen zu Jenem geſellt, die Ralph ſehr ernſte Blicke zuwarfen, weshalb dieſer die Unterhaltung mit den ihm naheſtehenden Perſonen wieder aufgriff, zugleich aber einen ſehr großen ſchweren Hund mit Namen Daſh, der bis jetzt unter einer Bank vor dem Hauſe gelegen hatte, an ſeine Seite rief. Farland war von ſeinem Hengſt abgeſtiegen, hatte denſelben an einen Baum auf dem Platze vor dem Gaſthaus angebunden und Guard, ſeinen alten Hund, bei dem Pferd ſich niederlegen laſſen. Dann ſchritt er nach dem Trinkhauſe, wo er von allen Seiten mit auffallender Herzlichkeit begrüßt wurde. Er reichte Dieſem und Jenem die Hand und er⸗ faßte auch die des jungen Mannes, der ſich ſo eben für ihn als Ritter aufgeworfen hatte. „Schade, daß Sie nicht einige Augenblicke früher kamen, dann hätten Sie eine ſaubere Rede auf ſich ſelbſt und auf Frank Arnold mit anhören können, die jener aufgeblaſene Kerl, der ſich General nennt, eben hier öffentlich gehalten hat. Er ließ Ihnen darin nichts Gutes, als daß Sie ſich die beſten Ländereien in dieſem Lande ausgeſucht hätten,“ ſagte der junge ſtämmige Burſch ſehr laut, indem er verächtlich nach Norwood hinſah und mit der Hand nach ihm zeigte. Wie ein Blitz fuhr Farlands Blick nach Ralph hinüber, der ihm jedoch, als ob er die laute Mitthei⸗ lung des jungen Mannes nicht vernommen hätte, den . * — Rücken zukehrte und ſich eifrig mit den Leuten in ſeiner Nähe unterhielt. Im nächſten Augenblick aber wandte ſich Farland wieder zu dem jungen Manne und ſagte:„Laſſen Sie einem Jeden ſeine Meinung, lieber Swarton, vielleicht ändert der Herr General die ſeinige mit der Zeit.“ „Seine Meinung mag er behalten, aber ſie öffent⸗ lich ausſprechen ſoll er nicht oder ich zeige ihm, daß ich der Sohn eines Frontiermanns bin. So ein Lump, von dem man noch nicht einmal weiß, ob er nicht unter dem Galgen fortgelaufen iſt,“ antwortete der junge Mann mit noch lauterer Stimme nach Nor⸗ wood hingewandt. „Ich bitte Sie, Swarton, bei Ihrer Freundſchaft, laſſen Sie die Sache beruhen,“ fiel ihm Farland in die Rede und zog ihn mit ſich in das Trinkhaus. Dort, bei einem Glaſe Wein, bat er ihn nochmals, den General Norwood nicht weiter zu beläſtigen, weil ihm daran gelegen ſei, denſelben nicht noch mehr gegen ſich zu ſtimmen, dankte ihm für den neuen Beweis ſeiner ſchon vft erprobten Freundſchaft und eilte dann über den Platz nach dem Gerichtsgebäude, vor welchem gleichfalls viele Männer in Gruppen zuſammen ſtanden. Unter ihnen befanden ſich Mehrere, die mit Farland theils wegen der bevorſtehenden Wahl, theils in eigenen Angelegenheiten ſich zu berathen wünſchten, wie denn überhaupt die Erledigung vieler Geſchäfte auf einen 46 Tag, wie der heutige, oder auf einen Gerichtstag auf⸗ geſchoben wurde, weil man da ſicher war, Leute von weit und breit aus dem Lande hier zuſammen zu finden. Wohl eine Stunde war vergangen, ehe Far⸗ land ſeine Geſchäfte beendigt hatte und nach dem Gaſthaus zurückging, um ſich dort zu erkundigen, ob man Frank Arnold geſehen habe, den er zu ſprechen wünſchte. Ehe er ſich jedoch in das Haus begab, trat er zu ſeinen beiden Thieren, klopfte den Hals des Hengſtes und ſtrich den Kopf des alten Hundes, der ſeine Freude und Erkenntlichkeit dafür mit Hin⸗ und Herſchlagen ſeiner mächtigen Ruthe zu erkennen gab. Dann deutete ihm Farland an, bei dem Hengſt zu bleiben und ging in das Wirthshaus, wo ihm Frank Arnold entgegenkam. Sie ließen ſich in dem Gaſtzimmer hinter einem Fenſter nieder und ſchauten, in ihr Geſpräch vertieft, nur von Zeit zu Zeit durch die Glasſcheiben hinaus auf den Platz, wo ſich immer mehr Menſchen ſam⸗ melten. „Dort kommt der General Norwood,“ ſagte Frank, auf den Platz blickend, wo in einer Entfernung von etwa vierzig Schritt von Farlands Hengſt Ralph mit vielen Männern ſtehen blieb, und, wie die Bewe⸗ gungen ſeiner Arme und ſeines Kopfes andeuteten, laut und lebhaft zu ihnen ſprach. Dabei ſchwang er a. 47 in ſeiner Rechten einen ſchweren Stock durch die Luft und brach mitunter in ein heftiges Gelächter aus, in welches ſeine Umgebung mit einſtimmte. „Er iſt einmal wieder ſtark im Schwadroniren; wahrſcheinlich giebt er eine ſeiner Heldenthaten zum Beſten,“ ſagte Frank, indem er ſeinen Blick auf Ralph heftete. „Bei Gott, ich glaube, er will ſeinen Hund an Ihren Guard hetzen,“ fuhr er fort und ſetzte noch hinzu:„Ei, dann ſoll ja den Kerl!“ wobei er auf⸗ ſprang, während Farland, ſich gleichfalls raſch erhebend, durch das Fenſter blickte. Beide ſahen jetzt, wie Ralph ſeinem Hund wieder⸗ holt mit der Hand ein Zeichen nach Guard hin gab, worauf derſelbe mit lautem Gebell auf dieſen einſprang. Farland und Frank ſtürzten aus dem Zimmer, durch den Corridor und aus dem Hauſe, wo ihnen ſchon die wüthenden Töne der beiden kämpfenden Thiere entgegenſchallten, um welche die Zuſchauer einen weiten Kreis bildeten. Im Herabſpringen von der Treppe des Gaſthauſes ſah Farland, daß Ralph Norwood zu den Hunden hin eilte und Guard einen heftigen Hieb mit ſeinem Stock verſetzte. Mit we⸗ nigen Sprüngen hatte Farland das Gedränge erreicht, warf links und rechts die Leute, die ihm im Wege ſtanden, zur Seite und ſtürzte mit geſpanntem Re⸗ volver in der Hand mit den Worten auf Ralph zu: 48 „Berühren Sie meinen Hund noch einmal, ſo erſchieße ich Sie auf der Stelle!“ Norwvod fuhr zurück und ſenkte ſeinen Stock, wäh⸗ rend Farland ſeinem alten Hunde den wohlbekannten gellenden Jagdruf ertönen erließ, und dieſer ſich nun mit raſender Wuth auf ſeinen kräftigen jungen Gegner warf. Einige Augenblicke ſchien der Sieg ſehr zwei⸗ felhaft, doch plötzlich hatte der alte Hund ſeinen Feind an der Kehle ergriffen und ſchloß nun ſein, wenn auch ſchon ſehr mangelhaftes Gebiß mit ſo eiſerner Kraft, daß ſein Widerſacher die verzweifeltſten An⸗ ſtrengungen machte, ſich von ihm loszuwinden. Er hob ſich hoch auf die Hintertatzen, beide Hunde über⸗ ſchlugen ſich zu wiederholten Malen, doch Guard ließ nicht los und fing jetzt an, den unter ihm liegenden Hund hin und her zu zerren. „Bei Gott, er bringt meinen Hund um!“ ſchrie Ralph wüthend und hob ſeinen Stock wieder. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr General, ich halte mein Wort,“ ſagte aber Farland, indem er den Re⸗ 1 volver auf Jenen richtete, und hinter Norwood ſprang Alles zur Seite, um aus der Schußlinie zu kommen. Norwood blieb, vor Zorn bebend, ſtehen und blickte bald auf ſeinen verendenden Hund, bald in die Oeff⸗ nung von Farlands Waffe.„So nehmen Sie Ihren Hund ab, er tödtet den meinigen!“ ſchrie er mit zit⸗ ternder Stimme. 49 „Er ſoll ihn tödten. Sie haben ihn an meinen alten Hund gehetzt, der kaum noch einige Zähne be⸗ ſitzt, und ſcheuten ſich nicht, dieſen ſogar zu ſchlagen. Danken Sie es mir, daß ich Ihnen für den Schlag nicht eine Kugel durch den Kopf jagte.“ Die größere Mehrzahl der Zuſchauer war auf Farlands Seite getreten, Ralph aber wandte ſich mit wüthender Stimme an die Leute, die ſich noch in ſeiner Nähe befanden und rief: „Sind das geſetzliche Zuſtände? Bei Gott, wir ſind an der Frontier, wo ein Jeder das Recht in ſeinem Revolver mit ſich führt. Verdammt ſei ein ſolches Land mit ſeinen Geſetzen!“ „Sein Sie ruhig, Herr Norwood! und ſchmähen Sie das Land nicht, welches Sie aufſuchten, um Ihre Sünden zu verbergen. Denken Sie an Baltimore und an die Herren B....& Cv. daſelbſt!“ rief ihm Frank Arnold jetzt zu, worauf Ralph verſtummte und bleich wurde. Er ſchoß noch einen giftigen Blick nach Frank und Farland hin, ſtieß einige gräuliche Flüche aus und ging dann, von lauten Verhöhnungen aus der verſammelten Menge gefolgt, eiligen Schrittes nach ſeinem Pferd, welches in einiger Entfernung an einer Einzäunung befeſtigt war. Nach wenigen Augen⸗ blicken ſprengte er zur Stadt hinaus. Der alte Guard ſtand hechzend über ſeinem todten Feinde und blickte, die erhobene Ruthe ſchwingend, zu Ralph Norwood. V. 4 50 ſeinem Herrn auf, als erwarte er deſſen Lob für ſeinen Sieg. Daſſelbe wurde ihm auch reichlich zu Theil, nicht allein von Farland und Frank, ſondern von allen Zuſchauern, denn die meiſten derſelben kannten das alte treue Thier ſeit vielen Jahren und erblickten in ihm einen der Vorfechter, denen ſie dies Land zu ver⸗ danken hatten. X Zu dieſer Zeit ſaß Eloiſe in einem von den Block⸗ häuſern, in welchen die beiden Familien Norwvod lebten, bis das neue prächtige Haus, welches ganz in der Nähe erbaut war, zu ihrem Empfang bereit ſein würde, bei ihrer Tochter, die ſo eben von einem Spa⸗ zierritt nach dem Pflaumenbaum zurückgekehrt war,. und lauſchte deren Beſchreibung von der herrlichen Ausſicht, die man dort oben genoß und die kein Maler der Welt treu wieder geben könne. Eloiſens Blick hing mit Entzücken an der geliebten theuern Tochter, deren lebendige heitere Sprache die neu in ihr erwachte Lebenskraft bezeugte, deren bleiche Wangen wieder mit einem Anhauch von zartem Roth geſchmückt waren und deren Augen ihren Seelenzuſtand als einen freudigen und hoffnungsvollen ſpiegelten. Bereniee hatte ſich ſehr erholt; die Veränderung des Klimas, die reine geſunde Luft und die Bewe⸗ 5¹ gung im Freien hatten außerordentlich wohlthätig auf ſie gewirkt, ſie war wieder ſtärker geworden und fühlte ſich weit kräftiger, als ſeit vielen Monaten. Die glückliche Mutter ſah kein böſes Zeichen darin, wenn von Zeit zu Zeit ſich auf den Wangen ihrer Tochter ein ſcharf begrenztes ungewöhnlich blühendes Roth zeigte, und wenn zugleich der wunderbare Glanz ihrer ſchönen Augen ſich noch erhöhte, es beunruhigte ſie nicht mehr, daß Berenice oft unbedeutend huſtete, was ſie mehr für eine Angewohnheit derſelben hielt, und ihre Sorge über deren Herzklopfen, welches ſich noch faſt täglich einſtellte, war verſchwunden. Berenice hatte ihre Mutter von ihrem Zuſammen⸗ treffen und Bekanntwerden mit Farland unterrichtet und das günſtige Bild von ihm, welches Jene ſchon durch die Mittheilungen Anderer ſich entworfen, noch ſehr zu ſeinem Vortheil ausgeſchmückt, wobei Elviſen das lebhafte Intereſſe, welches die Worte ihrer Tochter begleitete, nicht entgangen war. Auch hatte ſie es wohl bemerkt, daß Bereniee ſeit ihrer zweiten Zuſam⸗ menkunft, die ſie gleichfalls ihrer Mutter mitgetheilt hatte, viel heiterer, viel reger und lebendiger erſchien, als früher, und daß ſeitdem ihre Wangen ein ſchöneres Roth trugen. „Ich werde dieſer Tage mit Dir nach Deinem Pflaumenbaume reiten, ich muß doch auch einmal die 4* 52 erric Ausſicht genießen, von der Du mir ſo viel erzählſt“, ſagte ſie lächelnd zu Berenice. „Ach, wenn es ſich doch träfe, daß Herr Farland auch gerade dort wäre, Du würdeſt ihn ſicher lieb gewinnen“ fiel ihr Berenice lebhaft in das Wort. „Ich läugne es nicht, daß ich wünſche, ſeine Be⸗ kanntſchaft zu machen. Es iſt mir ein großer Troſt, ihn in unſerer Nähe zu wiſſen; denn ſollte, wofür uns der Himmel gnädig bewahren möge, Krankheit uns abermals heimſuchen, ſo bin ich überzeugt, daß er ſich auch unſerer annehmen würde, wie er es bisher ſo vielfach mit wahrer Aufopferung bei faſt allen Familien in dieſer Gegend gethan hat.“ „Es iſt nur ſehr ungewiß, ob er bald wieder nach kommen wird; wenn er hinaufreitet, ſo gewiß dieſelbe Zeit wieder dazu, in der wir uns dort trafen“, bemerkte Berenice raſch, hielt aber plötlich inne, da ſie in dem ruhig beobachtenden Blick ihrer Mutter las, daß derſelben ihre Lebhaftigkeit, mit der ſie die letzten Worte geſprochen hatte, nicht entgangen war. „Biſt Du Deiner Sache ſo gewiß?“ fragte Elviſe lächelnd. „Du biſt recht bös, liebe gute Mutter, es macht Dir immer Freude, mich erröthen zu ſehen und Du weißt es ganz gut, daß mich eine ſolche Frage mit einem ſolchen Blick in Verlegenheit bringt“, ſagte Berenice, indem ſie aufſprang, ſich ihrer Mutter in die Arme warf und ihren Mund mit Küſſen bedeckte. In dieſem Augenblick wurden ſie zu Tiſch gerufen und folgten gleich darauf der Aufforderung, indem ſie ſich nach dem nahen Blockhaus begaben, welches die Stelle des Speiſeſaals vertreten mußte. Tom mit ſeiner Frau befanden ſich bereits dort und empfingen ſie mit einer höflichen Begrüßung. Ralph wurde heute nicht zum Eſſen erwartet, indem er vorausſichtlich bis gegen Abend in der Stadt bleiben würde. Man hatte ſich an dem Tiſch niedergelaſſen, als plötzlich Ralph durch den Park herangeſprengt kam und ſein ſchweißtriefendes Pferd mit einem ausge⸗ ſtoßenen Fluch an einen Neger gab. Alle ſprangen vom Tiſch auf, um zu erfahren, was geſchehen, denn daß es nichts Gutes ſei, was ihm begegnet ſein mußte, hatten ſie in ſeinem Aeußeren ſchon erkannt. Tom ging ihm bis an die Thür ent⸗ gegen und die Damen harrten in ängſtlicher Span⸗ nung ſeiner Mittheilung. „Wir leben an der Frontier, wo man nicht ohne Waffen gehen darf. Der Revolver giebt hier das Geſetz“, rief Ralph ſeinem Sohne zu, indem er das Haus erreichte und in daſſelbe eintrat. Er warf ſeinen Stock und Hut in die Ecke auf den Fußboden und ſetzte ſich in den Armſtuhl nieder, den ihm eine Negerin zuſchob. „Sie haben mir meinen Daſh umgebracht“, rief er nach einer augenblicklichen Pauſe. „Daſh, iſt es möglich?“ fragte Tom empört. „Nicht allein möglich, ſondern wirklich wahr. Die Beſtie des verdammten Deutſchen hat ihn todt⸗ gebiſſen!“ „Welchen Deutſchen meinſt Du?“ fragte Tom. „Denſelben, der hier den Herrn ſpielt, den Farland meine ich“, entgegnete Ralph mit vor Zorn verzerrtem Geſicht.„Daſh kam mit ſeinem Hunde aneinander, wie Hunde es zu thun pflegen, das alte Ungeheuer des verdammten Ausländers faßte ihn bei der Kehle, ich wollte ihm helfen und hieb den andern Hund über den Kopf, als jener Herr Farland den Revolver zog und mir erklärte, er werde mich über den Haufen ſchießen, wenn ich mich in den Streit der Thiere miſche, und ſo mußte ich es mit anſehen, daß mein Daſh erwürgt wurde. Dabei hatten wir einige hun⸗ dert Zuſchauer, die auch ſogleich Platz um mich mach⸗ ten, damit der Herr Farland freien Schuß nach mir 3 habe. Nicht wieder aus dieſer Thür gehe ich, ohne bis an die Zähne bewaffnet zu ſein; ich werde ja hoffentlich dieſem Farland nochmals im Leben be⸗ gegnen!“ 13 — Bereniee war während dieſer Erzählung leichen⸗ 6 55 blaß geworden und Elviſe, die es bemerkte, nahm ſchnell ihren Arm und führte ſie aus dem Speiſe⸗ zimmer nach ihrem eigenen Blockhauſe. Dort ſank das tief erſchütterte Mädchen auf dem Sopha nieder und verhüllte ihr Geſicht mit ihren Händen. Lange Zeit hatte ihre Mutter ſchweigend neben ihr geſeſſen und ihre Hand in der ihrigen gehalten, als ſie endlich ſagte: „Das hatten wir von Farland nicht erwartet.“ „Der Hund hat ihm oft das Leben gerettet, konnte er ihn nun ſchlagen laſſen?“ erwiederte Berenice mit theilnehmendem Ton und ſetzte dann noch hinzu: „Man wird wohl Daſh auf den alten Hund ge⸗ hetzt haben.“ „Wir werden durch unſere Nachbarn die Wahrheit erfahren, wahrſcheinlich auch ſchon morgen einen Ar⸗ tikel über den Vorfall in der Zeitung finden; ich kann es mir auch nicht denken, daß Farland ohne dringende Urſache ſo ernſt aufgetreten wäre“, ſagte Eloiſe be⸗ ruhigend und ſtrich der Tochter die bleiche Wange. „Wenn Herr Farland nur nicht mit General Norwood zuſammentrifft; Du haſt gehört, Mutter, was dieſer ſagte!“ fuhr Berenice fort, indem ſie die Hand ihrer Mutter an ihre Lippen drückte. „Das mag der Himmel verhüten!“ antwortete Elviſe, wobei Bilder aus der Vergangenheit durch ihre Gedanken zogen, und ſie einen flehenden Blick nach Oben warf. „Man ſollte ihn warnen“, flüſterte Berenice und küßte abermals die Hand ihrer Mutter. „Das könnte auffallen, mein Kind, auch möchte Farland es unrecht deuten“, erwiederte Elviſe, und Bereniee ſchwieg; die plötzliche Veränderung in ihrem Blick aber verrieth deutlich, daß ein Gedanke in ihr aufgekeimt ſei, der ſie zu einem Entſchluß geführt hatte. Bald darauf erhob ſie ſich von ihrem Lager, zeigte ihrer Mutter wieder eine heitere Stirn und rief Eva herbei, damit dieſelbe ſie auf einem Spaziergang begleiten möge. Mit einem, zu beiden Seiten ihres lieblichen Ge⸗ ſichts herabhängenden, leinenen Sonnenhut bedeckt, wandelte Berenice mit der vertrauten, treuen Dienerin unter den immergrünen, ſchattigen Bäumen des Parkes hin nach deſſen fernem Ende, wo ſich ein ſtarkes Quellwaſſer unter vichttelanbten Magnolien über einige Felsſtücke herabſtürzte und den einſamen ſtillen Platz durch ſein Rauſchen belebte. „Höre, Eva, Du ſollſt mir einen Freundſchafts⸗ dienſt erweiſen“, ſagte Berenice im Fortſchreiten, ohne nach der Selavin umzublicken. „Mit Freuden will ich das thun, beſte Herrin“ entgegnete die Dienerin. „Du haſt gehört, daß der alte Hund des Herrn —— 57 Farland unſern Daſh todtgebiſſen hat. Man hat ihm dafür den Tod geſchworen. Herr Farland wird aber das alte treue Thier beſchützen, ja er wird ſein Leben für daſſelbe einſetzen. Verſtehſt Du mich, Eva?“ „Ja, Herrin, dabei könnte das Leben des Herrn Farland ſelbſt in Gefahr kommen“, erwiederte die Selavin. „Er müßte deshalb auf ſeiner Hut ſein“, ſagte Berenice, ohne aufzublicken. „Wenn ich ihn nun zu ſprechen ſuchte und ihn warnte?“ fragte die Negerin. „Ja, Eva, wenn Du das thun wollteſt, ich wüßte nicht, wie ich es Dir danken ſollte“, antwortete Berenice, raſch ſich nach der Selavin wendend, und preßte ihre kleinen Hände um deren ſchwarzen Arm. „Gern, gern thue ich es. Ich kann ja zum Vor⸗ wand irgend Etwas aus dem Kaufladen in ſeiner Nähe für Dich holen, und von da reite ich in wenigen Minuten nach ſeiner Wohnung hinüber“, antwortete Eva. „Mutter ſoll es aber nicht wiſſen, ſie meint, Far⸗ land würde es unrecht deuten“, fuhr Bereniece fort. „Trage mir in deren Gegenwart auf, Seide oder ſonſt Etwas für Dich in jenem Laden zu holen, und dann laſſe mich für das Uebrige ſorgen. Herrn Far⸗ land muß Nachricht gegeben werden, Du kennſt Ge⸗ neral Norwood nicht ſo wie ich“, ſagte die Selavin mit einem Schauder, der Berenicens Bangigkeit noch vermehrte. „Du mußt ihm ſagen, daß er auch für ſich ſelbſt auf der Hut ſein ſoll. Was meinſt Du, wenn ich ein paar Worte an ihn ſchrieb?“ bemerkte Berenice, indem ſie die Hand in die Taſche ihres Kleides ſteckte und zu einem großen Stein an der Seite des Waſſer⸗ falls trat. „Das würde er Dir niemals vergeſſen, Herrin. Du weißt, er iſt der einzige wirkliche Arzt in der ganzen Umgegend!“ antwortete Eva ſchnell. „Und wenn er auch nicht Arzt wäre, ſo würde ich ihm doch ſchreiben“, ſagte Berenice jetzt mit ent⸗ ſchloſſenem Tone, zog ein Taſchenbuch aus ihrem Kleide hervor und ließ ſich auf dem Stein nieder. „Ihr Hund iſt in Gefahr. Seien Sie ſelbſt auf Ihrer Hut“, ſchrieb ſie ſchnell auf ein Blatt des Buches, riß es heraus, faltete es zuſammen und gab es der Selavin. Kaum hatte dieſe es aber erfaßt, als Berenice es nochmals zurücknahm, es wieder öffnete und ein B. darunter zeichnete. „So, nun mußt Du es ihm aber ſelbſt geben, weshalb Du erſt ſpät reiten darfſt, denn Herr Farland iſt in der Stadt und wird ſo früh nicht nach Hauſe kommen“, ſagte Berenice, indem ſie Eva das Blatt zurückgab. „Ertheile mir nur den Auftrag, ich will dann ſchon zögern, damit es ſpät genug wird. Wir haben ja Mondſchein“, antwortete die Negerin und Beide begaben ſich nun nach dem Blockhaus zurück. Bereniece hatte ſich mit ihrer Arbeit zu ihrer Mutter vor die Thür geſetzt, als die Schatten der Bäume ſich ſchon lang über die Erde dehnten, da ging Eva zum Drittenmale an ihnen vorüber und machte ſich im Hauſe Etwas zu ſchaffen. Bereniece hatte ſchon einigemale das Wort auf der Zunge gehabt, um der Selavin den Auftrag zu er⸗ theilen, doch es war ihr immer auf den Lippen er⸗ ſtorben; jetzt aber ſagte ſie mit halblauter Stimme zu derſelben: „Eva, Du könnteſt mir etwas Seide beſorgen, rothe und ſchwarze.“ Mehr konnte ſie nicht hervorbringen, die Sprache blieb ihr aus. „Ja wohl, recht gern, Herrin, ich wollte Dich ſchon um die Erlaubniß bitten, nach Sonnenunter⸗ gang nach dem Laden hinüberreiten zu dürfen, um Kehreres für mich ſelbſt zu holen. Dann will ich Dir die Seide mitbringen.“ „Thue das“, ſagte Berenice und neigte ſich tiefer über ihre Arbeit, denn ſie fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen getreten war. Dabei pochte ihr das Herz hörbar und ſie konnte kaum den Augenblick er⸗ warten, bis Eva ſich entfernt hatte. Nun ſtand ſie 60 auf, ging in das Haus, trank etwas Waſſer und warf einen Blick in den Spiegel, um die Röthe ihrer Wangen zu ermeſſen. Die Sonne war ſchon lange verſunken und die Dämmerung war bereits eingebrochen, als Eva vor Eloiſen und ihrer Tochter vorüberritt und Erſtere ihr zurief: „Mein Gott, Eya, reiteſt Du erſt jetzt?“ „Es iſt viel angenehmer, in der Dämmerung zu reiten, und auf dem Rückweg habe ich Mondſchein“, antwortete die Selavin und ſenkte die Gerte mit aller Kraft auf ihr Maulthier, damit ſie nicht durch ihre Herrin zurückgehalten werden möchte. „Ich begreife gar nicht, warum Eva ſo ſpät reitet, es könnte ihr unterwegs ja etwas zuſtoßen“, ſagte Elviſe und blickte der davonjagenden Selavin nach. In dieſem Augenblick aber ſprang Berenice auf und warf ſich ihrer Mutter um den Hals, indem ſie ſtammelnd zu ihr ſagte: „Beſte Mutter, ich habe Dich hintergangen.“ Eloiſe fuhr zuſammen; die beiden Unwahrheiten, die ſie ſelbſt einſt geſagt hatte, traten vor ihre Er⸗ innerung, und ſchweigend drückte ſie Berenice an ihr Herz. „Vergieb mir, liebe gute Mutter!“ flehte Berenice leiſe und küßte die Thränen von deren Augen. „Sage nie wieder eine Unwahrheit, meine Bereniee, 61 ſie brennt wie unauslöſchliches Feuer in der Seele des Menſchen. Es giebt Nichts in der Welt, was Du mir nicht ſagen dürfteſt, ich bin nicht nur Deine Mutter, ich bin auch Deine wahre Freundin. Du haſt Eva zu Farland geſchickt?“ ſagte Elviſe dann leiſe und ſchaute der Tochter fragend in die überſtrö⸗ menden ſchönen Augen. „Ich habe ihm geſchrieben,“ flüſterte Berenice und verbarg ihr Geſicht in dem Nacken ihrer Mutter. „Siehe, Berenice, hiervon würde ich Dir, als Deine treue Freundin abgerathen haben, wenn ich auch nicht unbedingt dagegen geſtimmt haben würde, Herrn Farland zu warnen. Ehe ich Dir gerathen hätte, ihm zu ſchreiben, würde ich gewünſcht haben, perſönlich mit ihm bekannt geworden zu ſein. Die Welt und die Menſchen ſind Dir noch zu fremd, als daß Du Dich ihnen gegenüber Deinem eigenen Urtheil anvertrauen dürfteſt. Was haſt Du ihm geſchrieben?“ „Ihr Hund iſt in Gefahr. Seien Sie ſelbſt auf Ihrer Hut; und ich habe B. darunter geſetzt,“ ant⸗ wortete Bereniece. „Nun, das haſt Du beſſer gemacht, als ich fürchtete,“ ſagte Elviſe lächelnd, legte ihre beiden Hände an die glühenden Wangen ihrer Tochter und preßte ihren Mund auf deren Lippen. Dann fuhr ſie fort, indem ſie die Locken Berenicens zurückſtrich: „Jetzt aber verſprich mir, Berenice, daß Du nie 62 wieder ein Geheimniß vor mir haben willſt. Ich verſpreche Dir ein Gleiches für meine künftige Lebens⸗ zeit, wenn Dir auch Manches aus meiner Vergangen⸗ heit verſchwiegen bleiben muß.“ Mehr mit Freudenthränen und Küſſen, als mit Worten gab Bereniee ihrer Mutter das verlangte Ver⸗ ſprechen und Beide erwarteten nun mit gleicher Sehnſucht die Rückkehr der Selavin, um das Reſultat ihrer Sendung zu erfahren. ——— Capitel 43. Beſorgniß.— Die Botſchaft.— Entzücken.— Mutter und Tochter.— Die neue Wohnung.— Die Geſellſchaft.— Unwohlſein.— Selbſtſucht.— Herz⸗ loſigkeit.— Schreckliche Botſchaft.— Der Arzt.— Willenskraft.— Das wiederkehrende Leben.— Das Wohnzimmer— Frohe Hoffnung. Mi einem Unheil verkündenden Gefühl und be⸗ klommenen Herzen hatte Farland dem General Nor⸗ wood nachgeblickt, als derſelbe aus der Stadt ge⸗ ſprengt war, denn in Gedanken ſah er ihn ſchon vor Berenice ſtehen und ihr verkünden, was geſchehen ſei. Die freundliche Zuneigung, mit der das liebliche, wonnige Mädchen ihn ſo grenzenlos beglückt hatte, mußte ſich nun in Abſcheu gegen ihn verwandeln, und er hätte jetzt den Revolver gegen ſein eigenes Herz kehren mögen, das ſich trampfhaft und ſchmerzlich zuſammenzog. Frank Arnold bemerkte ſeine auffallend trübe Stimmung und drang in ihn, ihm zu ſagen, was ihn drücke; denn daß der Vorfall mit dem Hund die Urſache davon ſei, konnte er ſich nicht denken. Er nahm ihn mit ſich in das Trinkhaus, wo auch James Arnold, ſo wie Bill Swarton und deſſen Bruder Charles zu ihnen kamen und mit ihnen tranken; die —— —,——— 64 Gewitterwolke aber, die über Farlands Geiſt ſchwebte, konnten ſie nicht verſcheuchen. Bei dem Mittagseſſen ſammelten ſich, außer Arnolds und Swartons, noch viele Freunde um Farland, es wurde reichlich Wein getrunken, und der alte Sorgenbrecher, die feine Havannah-Cigarre, wurde nach Tiſch beim Kaffee angezündet. Farland aber blieb nachdenkend und in ſich gekehrt, obgleich Heiterkeit und Frohſinn herrſchten und die beiden Swartons, um ihn aufzumuntern, das Geſpräch auf die Zeit ſeines Frontierlebens in dieſem Lande lenkten, aus dem er ſonſt ſo gern erzählte. Die Sonne neigte ſich ſchon, als Farland mit ſeinen Freunden die Stadt verließ und ſie auf der ſtaubigen Straße ihre Roſſe in ſcharfen Paß ſetzten, um den Heimweg ſchnell zurückzulegen. Die Gebrüder Swartons waren die Erſten, die ihren Ritt vollbrachten, denn die prächtigen Plantagen derſelben, die, einander gegenüberliegend, zu beiden Seiten der Straße ſich ausbreiteten, waren nicht weit von C. entfernt. Unter herzlichen Grüßen ſchieden die beiden jungen Männer hier von Farland und Arnolds, und dieſe ſetzten ihre Reiſe fort. Bald kam aber auch für ſie der Augenblick der Trennung herbei, da ihre Wege ſich theilten, und Frank reichte Farland die Hand mit den Worten: „Auf baldiges Wiederſehn, beſter Freund. Sollten Sie meine Hülfe gebrauchen können, um den Ernſt 65 von Ihrer Stirn zu verſcheuchen, oder ſollte es über⸗ haupt in meinen Kräften ſtehen, Ihnen einen Dienſt zu erzeigen, ſo rechne ich darauf, daß Sie über mich verfügen. Jedenfalls hoffe ich, Sie recht bald bei mir zu ſehen.“ Auch James Arnold nahm herzlichen Abſchied von Farland und dieſer folgte nun allein dem einſamen Wege nach ſeiner Wohnung. Der alte Guard, als freue er ſich, daß er wieder mit ſeinem Herrn allein ſei, ſprang wiederholt an dem Pferd in die Höhe und ließ ſeine Baßſtimme ertönen, wobei Farland halblaut zu ihm ſagte: „Alter Freund, ich habe heute einen Theil meiner großen Schuld an Dich abgetragen.“ Dann winkte er ihm, vorauszueilen, und überließ ſich ſeinen trüben Betrachtungen über die Folgen ſeiner Verfeindung mit Norwood. Er ſuchte ſich Vorwürfe über ſeine Nie⸗ dergeſchlagenheit zu machen, nannte ſeine leidenſchaft⸗ liche Zuneigung für Berenice, die er nur zweimal geſehen hatte, eine Thorheit, ſein Herz aber kümmerte ſich wenig um ſeine Vernunftgründe, es pochte heftig bei der Erinnerung an die Stunden, die er in der Nähe des reizenden Mädchens zugebracht hatte, und zog ſich ſchmerzhaft zuſammen, wenn er daran dachte, daß er Berenicens Huld nun wohl für immer ver⸗ loren habe. So erreichte er ſeine Wohnung, übergab ſchweigend dem Neger ſeinen Hengſt und ſetzte ſich, — Ralph Norwood. V. 5 66 nachdem er Hut und Reitgamaſchen im Hauſe ab⸗ gelegt hatte, vor daſſelbe unter die Veranda, um ferner dem Gedanken an die Härte ſeines Geſchickes nachzuhängen. Die Dunkelheit der Nacht lag ſchon auf der Gegend und des Mondes glühende Scheibe ſtieg vor Farlands Blicken über dem fernen Walde auf, als ſeine Aufmerkſamkeit auf einen herannahenden Reiter fiel. Bald darauf erkannte er, daß es eine Reiterin ſei, die ſich raſch ſeinem Hauſe näherte und nun vor der Einzäunung von ihrem Maulthier ſprang, wo ſie daſſelbe befeſtigte. Es war eine Negerin. Sie trat zu Farland unter die Veranda, und dieſer, in der Vorausſetzung, daß ſie von einem Kranken geſchickt ſei, um ihn um Hülfe anzuſprechen, fragte ſie, von wem ſie komme. Wie ein Blitzſtrahl fuhr es durch Farlands Hetz, als die Negerin Berenicens Namen nannte. „Von Fräulein Berenice— iſt es möglich, Eva — hat Dich Deine Herrin zu mir geſchickt?“ rief er mit ſeliger Ueberraſchung und ergriff die Hand der Selavin. „Ja Herr, ſie hat mir auch ein Papier für Dich gegeben“, antwortete dieſelbe und reichte Farland das Blatt hin. Er flog in das Zimmer zu der Lampe, entfaltete 67 mit bebender Hand das Billet und las die Worte, die Berenice ihm geſchrieben hatte. Wiederholt drückte er das Blatt an ſeine Lippen und las die theuere Schrift wieder und wieder. „Ich habe keine Worte, Eva, Deiner Herrin für die Gunſt zu danken, womit ſie mich durch dieſe Zeilen ſo hoch beglückt, ja ſchmerzlichem Leid entreißt. Ich fühlte mich ſehr unglücklich bei dem Gedanken, ihre Freundlichkeit zu verlieren. Es war ja aber nicht meine Schuld, daß ich mit General Norwood zerfiel; er hatte ſeinen jungen, ſtarken Hund an meinen alten treuen Guard gehetzt, dem ich ſo oft mein Leben verdankte, wie konnte ich ihn mißhandeln laſſen?“ ſagte Farland im Drange ſeiner Wonne, indem er zu Eva hingetreten war, und drückte aber⸗ mals das Papier gegen ſeine Lippen. Dann erzählte er der Selavin umſtändlich den Hergang der unglücklichen Begebenheit und bat ſie dringend, ihre Herrinnen beide von ſeiner Unſchuld zu unterrichten. Zugleich theilte er ihr ſeinen Ent⸗ ſchluß mit, Guard zu Hauſe an der Kette zu halten, damit jede Gelegenheit zu fernern Streitigkeiten ver⸗ mieden werden möchte, und ſprach zuletzt noch ſeine Hoffnung aus, Berenice noch einmal zu ſehen, um auch ihr in voller Wahrheit ſeine Ausſage wiederholen und ſie davon überzeugen zu können. „Ich werde von morgen an jeden Tag nach dem 5* 68 Pflaumenbaume reiten, bis mir das Glück zu Theil wird, Deine junge Herrin dort wiederzuſehn. Ein kaum bemerkbarer, alter Indianerpfad führt durch den Wald zu der Höhe hinauf, auf dem ich dort hin ge⸗ langen kann, ohne irgend Jemanden zu begegnen, ſo daß mein häufiges Beſuchen jenes Platzes Niemanden auffällt.“ Bei dieſen Worten drückte Farland der Negerin ein Goldſtück in die Hand, welches anzunehmen ſich dieſelbe weigerte, er aber beſtand darauf und bat ſie ſchließlich noch, bei ihrer Herrin zu ſeinen Gunſten zu reden. Dann beſtieg Eva ihr Maulthier wieder und eilte über die hell vom Mondlicht beſchienene Prairie davvn. Farland brachte nun jeden Morgen auf dem Berge unter dem Pflaumenbaume zu, ließ aber ſein Pferd und ſeinen Hund in dem Dickicht des Waldes zurück und gab durch die Büchſe und die Kugeltaſche, die er trug, Jedem der wenigen Vorüberziehenden zu erkennen, daß er auf der Jagd ſei. Ueber eine Woche hatte er dieſe Beſuche ununter⸗ brochen fortgeſetzt, vhne daß Berenice erſchienen wäre; dennoch war er wieder hinaufgeritten und hatte wohl ſchon eine Stunde auf der Bank zugebracht, als plötz lich die Hufſchläge mehrerer Pferde vom Fuße des Berges her zu ſeinem Ohr drangen und er, nach dem Abhang eilend, Berenice erkannte, die mit noch einer 69 zweiten Dame und mit Eva eilig heraufgeritten kam. Er ſprang ihnen freudig entgegen, begrüßte ſie höflich und dankte Berenice mit glühenden Worten für die Huld, womit ſie ihn beglücke. Er geleitete ſie zu der Bank, war ihnen dort behülflich, abzuſteigen, Eva führte die Pferde zur Seite und Berenice ſtellte Farland in ihrer Begleiterin ihre Mutter vor. „Herr Farland, da mir die unglückliche Begeben⸗ heit in C.... die Hoffnung geraubt hat, Sie bald bei uns zu ſehen, ſo mußte ich dieſe Gelegenheit er⸗ greifen, Ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen, wonach ich mich ſeit langer Zeit geſehnt habe. Ihr Name wird weit und breit in dieſem Land mit ſo viel Achtung und Liebe genannt, daß man es gar nicht laut werden laſſen darf, Monate lang hier ge⸗ lebt zu haben und noch nicht perſönlich mit Ihnen bekannt zu ſein“, ſagte Elviſe, indem ſie ihre immer noch ſchönen Augen freundlich auf Farland richtete und ihm ihre Hand zum Gruß entgegenhielt. Dieſer ergriff ſie, verneigte ſich mit Höflichkeit und ſagte: „Ich danke es der Vorſehung, die mich bei Ihnen von einem ſchweren Verdachte befreite und mir nun auch noch die unverhoffte Freude zu Theil werden läßt, Ihre perſönliche Bekanntſchaft in einer für mich ſo ſchmeichelhaften, ſo wahrhaft beglückenden Weiſe 70 zu machen. Sein Sie überzeugt, Madame Norwood, daß die Freundlichkeit, die Sie mir jetzt erzeigen, auf einen fruchtbaren Boden der Dankbarkeit fällt und daß Sie mich dadurch zu Ihrem ewigen Schuldner machen.“ Während Farland die letzten Worte ſprach, ſah er Berenice an, die mit einem freudeſtrahlenden Blick dem ſeinigen begegnete. „Sie geben mir einen unausſprechlichen Troſt, Herr Farland“, entgegnete Eloiſe.„Mit Bangen habe ich dem Sommer entgegengeſehen; die neuen Anſiedler ſind namentlich im zweiten Jahre immer mehr durch die Krankheiten gefährdet, die das Klima erzeugt, als Leute, die ſchon mehrere Jahre darin gelebt haben, und Berenice hat ſich kaum wieder von einem ſchweren Leiden erholt. Nun aber, da Sie uns befreundet ſind, iſt meine Sorge verſchwunden.“ „Wenn meine Kräfte Ihnen Troſt geben können, Madame Norwood, dann dürfen Sie ſich freilich be⸗ ruhigen, denn mit Leib und Seele ſind ſie Ihr Eigenthum“, erwiederte Farland mit einem glänzenden Seitenblick nach Berenice und lenkte dann das Ge⸗ ſpräch auf ſein Zerwürfniß mit General Norwood, um den Hergang des unglücklichen Ereigniſſes nun ſelbſt den Damen mitzutheilen, die mittlerweile auf der Bank unter dem Pflaumenbaum Platz genommen hatten. 7¹ „Wir haben Beide es uns von Anfang an gerade ſo erklärt, wie es ſich wirklich zugetragen hat, und von unſerer Seite hat Sie kein Vorwurf getroffen. Möge es der Himmel fügen, daß auch Andere Ihre Unſchuld einſehen und anerkennen“, ſagte Elviſe mit einem ſchweren Athemzug, als Farland ſeine Mit⸗ theilung beendet hatte und fügte, um dem Geſpräch eine andere Richtung zu geben, hinzu: „Wir müſſen es der Zeit überlaſſen.“ Berenice lenkte nun die Aufmerkſamkeit ihrer Mutter auf die reizende Landſchaft, die ſich vor ihnen mit den prächtigſten bunteſten Farben ausbreitete, denn der Spätherbſt hatte alle Schattirungen des Goldes und des Carmins über die Laubwälder aus⸗ gegoſſen, während die immergrünen Holzarten ſich friſch und ſaftig durch ſie hinſchlängelten. Farland bezeichnete ihnen einzelne ſchöne Punkte und gab dabei Erinnerungen aus vergangenen Zeiten zum Beſten, die ſich hier an einen Fels, dort an eine Baumgruppe, an einen glänzenden Bach knüpften. Berenice lauſchte mit regem Intereſſe ſeinen Erzäh⸗ lungen, welche er hauptſächlich an ſie richtete, wäh⸗ rend Elviſe Beide im Stillen beobachtete. Sie über⸗ zeugte ſich von deren warmer, gegenſeitiger Zuneigung mit inniger Freude, da ſie darin eine Sicherſtellung für die Geſundheit, für das Leben ihrer Tochter, für ihr eigenes ganzes Lebensglück erkannte. 72 „Berenice, Du plagſt Herrn Farland ſehr mit Deinen Fragen, Du weißt ja nicht, ob er ſie gern be⸗ antwortet,“ fiel Eloviſe ihrer Tochter in die Rede. „Du kennſt unſere Uebereinkunft nicht, liebe Mutter. Herr Farland hat die Verpflichtung gegen mich einge⸗ gangen, mir Alles aus ſeinem Leben zu erzählen, was ich zu wiſſen wünſche. Ich werde ihn gelegentlich ganz andere Dinge fragen,“ antwortete Berenice mit heiter glänzenden Augen und einem ſüßen ſchalkhaften, doch bedeutungsvollen Lächeln. „Sie haben das Recht dazu, Fräulein Berenice, und ich bewillkommne gern jede Gelegenheit, meiner Verpflichtung nachzukommen. Dadurch, daß ich Ihnen meine Schickſale, meine guten und böſen Lebenserfah⸗ rungen mittheile, erhalten dieſelben erſt für mich ſelbſt einen höhern Werth, bisher lagen ſie feſt wie ein todtes Kapital in meiner Bruſt,“ erwiederte Farland halb im Scherz halb im Ernſt, und Elviſe benutzte den Augenblick, um die Rede auf Berenicens Krank⸗ heit zu führen. „Dann iſt es aber auch Deine Pflicht, Herrn Far⸗ land Deine früheren Schickſale mitzutheilen, die gleichfalls nicht ganz gewöhnlich ſind; oder erlaube mir, daß ich es für Dich thue, wenn es Herr Far⸗ land mir erlauben will,“ nahm Elviſe das Wort und gab Dieſem nun einen kurzen Bericht über den un⸗ — 73 glücklichen Zufall und deſſen Folgen, der ihrer Tochter nach dem Balle bei Herrn Trescott begegnet war. Farland hörte aufmerkſam zu und ließ dabei wie⸗ derholt ſeinen Blick auf Berenice ruhen, ohne daß jedoch der Eindruck, den die Erzählung auf ihn machte, ſich auch nur einen Augenblick auf ſeinen Zügen ver⸗ rathen hätte. „Ein guter Geiſt hat Sie von Florida weg in dies offene Land geführt, wären Sie dort geblieben, ſo würden Sie ſchwerlich ſo vollſtändig Ihre Geſund⸗ heit wieder erlangt haben, als es jetzt der Fall iſt. Demohngeachtet würde ich Ihnen noch eine Zeit lang Vorſicht in Ihrer Lebensweiſe anrathen,“ ſagte Far⸗ land zu Berenice, als Madame Norwood ausgeredet hatte, und machte halb ſcherzweiſe einige Andeutungen, was er unter Vorſicht verſtehe. Elviſens ſcharfem Blick aber entging nicht, daß er durch die leichte Art, mit der er über ihrer Tochter Zuſtand ſprach, den ernſten Eindruck verbergen wollte, den ihre Mittheilung auf ihn gemacht hatte, ſie dankte ihm mit ſichtbarer Bewegung für ſeinen Rath, drückte ihm die Hand und ſagte: „Unſer guter Schutzgeiſt hat auch Sie uns zuge⸗ führt, damit die ſoweit wieder hergeſtellte Geſundheit meines Kindes überwacht und beſchützt werde.“ Die Zeit war gekommen, daß die Damen ihren Heimweg antreten mußten, Eloiſe erhob ſich zuerſt — 74 und winkte Eva, die Pferde herbeizuführen, dann nahm ſie, ſowie Berenice einen herzlich freundlichen Abſchied von Farland, dieſer half ihnen, ihre Pferde beſteigen und nach einigen Minuten ritten ſie den Berg hinab, nachdem ſie ihrem Freund noch wieder⸗ holt Lebewohl zugewinkt hatten. Dieſer ſtand ernſten Blicks da und ſchaute ihnen gedankenvoll nach, denn die Mittheilung Elviſens über die frühere Krankheit ihrer Tochter hatte ihn tief er⸗ ſchüttert und Beſorgniſſe in ihm zur Wahrheit ge⸗ macht, die ſchon bei ſeinem früheren Zuſammenſein mit Berenice über ihre Geſundheit in ihm rege ge⸗ worden waren. Seit vielen Jahren aber war er ge⸗ wohnt, einem jeden drohenden Mißgeſchick die Stirn zu zeigen und ſeine Kräfte gegen daſſelbe zu ſammeln, ſo auch diesmal; er rief alle Momente vor ſein Ge⸗ dächtniß, die ihm Hoffnung für Berenice geben konn⸗ ten und war entſchloſſen, mit aller Macht und Um⸗ ſicht über ihr zu wachen und ſie womöglich der noch nicht ganz beſeitigten Gefahr vollſtändig zu entreißen. Ralph Norwood, ſeit er in dieſes Land eingewan⸗ dert war, hatte es ſich zur Aufgabe gemacht, ſchnell⸗ möglichſt unter den Vewohnern deſſelben eine Partei für ſich zu bilden, und zwar gegenüber den Anhängern 5 der einflußreichſten Männer, an deren Spitze Farland und Frank Arnold ſtanden. Er mußte ſehr natür⸗ licherweiſe ſeine Leute unter der ärmern Klaſſe wäh⸗ len, auf welche ſein Geld einwirken konnte und die ſchon vermöge ihrer Armuth leicht gegen reiche Männer einzunehmen waren. An Geldſpenden ließ er es nicht fehlen, er beſuchte ſehr oft die Stadt und hielt dort in den Trink⸗ und Wirthshäuſern in einer verſchwenderi⸗ ſchen Weiſe Jedermann frei, deſſen er habhaft werden konnte. In den Kaufläden im Lande, wo man gleich⸗ falls geiſtige Getränke verſchenkte, war er noch freige⸗ biger, da dort die Zahl der Gäſte beſchränkter blieb, und manchem kleinen Pflanzer, dem es an einem Pflug, an Ausſaat, an Lebensmitteln, vder an einem Pferde fehlte, half er aus der Noth, ſchoß ihm Geld vor und verſäumte alsdann nicht, allenthalben an öffentlichen Orten von dieſem armen rechtlichen Manne laut zu reden und zu erzählen, daß er ihm mit Freu⸗ den unter die Arme gegriffen habe. Dabei benutzte er jede Gelegenheit, gegen die einflußreichen Männer zu Felde zu ziehen, und ihre Fehler und Schwächen auf⸗ zudecken, oder ihnen ſolche anzudichten. An jenem Wahltag glaubte er Parteimänner genug auf ſeiner Seite zu haben, um offener gegen den ihm verhaßten Frank Arnold und deſſen Freund Farland etwas wagen zu können, fand aber nur gar zu bald, daß er umſonſt auf die erkauften Freunde gerechnet 76 habe und es war ſeine unerwartete ſchmähliche Nieder⸗ lage in der öffentlichen Meinung, nicht aber der Ver⸗ luſt des Hundes, was ihn ſo gewaltig ergriffen hatte. Demohngeachtet blieb er weit davon entfernt, ſeine ehrſüchtigen herrſchbegierigen Plane aufzugeben, nach wenigen Tagen ſchon zeigte er ſich wieder in der Stadt und verfolgte abermals ſeinen früher eingeſchlagenen Weg mit noch mehr Nachdruck und Entſchloſſenheit. Er ſprach und ſcherzte laut über die Geſchichte mit dem Hunde, ſagte, daß Farlands Guard ebenſo, wie ſein Herr es verſtehe, hinterliſtig einen Vortheil über ſeinen Gegner zu gewinnen und bemerkte, daß über⸗ haupt nur hierin die Tugenden der Frontierleute be⸗ ſtänden. Auch ritt er im Lande umher und ſammelte bei irgend einem Trinkhaus oder Kanfladen die Leute um ſich, traktirte ſie, hielt Reden und forderte ſie auf, ſich gelegentlich in der Noth an ihn und an Nieman⸗ den anders zu wenden. MNamentlich deutete er an, daß er auch gern einem Freunde gegen Sicherheit ein Kapital borgen würde, wodurch er am ſchnellſten ſeinen Zweck zu erreichen hoffte, indem dann die Leute von ihm abhängig wur⸗ den und er nebenbei noch ein ſchönes Geſchäft erzielte, denn zwanzig bis dreißig Procent Zinſen waren in ſolchen Fällen die gebräuchlichen. Er hatte bei allen den beſſeren Familien in der Stadt ſowohl, als auch auf dem Lande, ſeine Gegner 77 ausgenommen, mit ſeinen Damen Beſuche abgeſtattet und in ſeiner Wohnung Jedermann mit Gaſtfreund⸗ ſchaft überhäuft. Seine größte Hoffnung aber, auf die er ſeinen Sieg gründen wollte, war Berenice, ſobald ſie ſich in dem Salon des neuen Wohnhauſes würde zeigen können. Er betrieb deſſen Beendigung mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Kräften und richtete daſſelbe mit einer Pracht ein, wie ſie in dieſem Lande noch nicht geſehen worden war. Zugleich erſtand eine ſchöne Einzäunung um den weiten Park, der das neue Haus umgab und die Anlagen in demſelben führte Ralph mit größter Eile aus. Saubere Wege, Gebüſch⸗ gruppen, Blummenbeete wurden angelegt, die herrlich⸗ ſten blüthenbringenden Bäume wurden in möglichſter Größe mit ſchwerem Koſtenaufwand herbeigeſchafft und gepflanzt und über dem Einfahrtsthor in der Einzäu⸗ nung ward eine große Laterne angebracht. In den letzten Tagen des Jahres war endlich die Hauptarbeit beendet und die beiden Familien Nor⸗ wood bezogen die neue Wohnung. Das von Holz erbaute Haus ſtand auf vier Fuß hohen Pfeilern, ſo daß die Luft frei darunter durch⸗ ziehen konnte. Es hatte nur ein Stockwerk und auf jeder der vier Seiten einen Eingang, zu welchem eine Treppe hinaufführte, auf deren Höhe vor der Thür ein geräumiger, mit zierlichem Geländer verſehener 78 Platz zum Sitzen hergerichtet war. Durch das Haus führten zwei breite Gänge, die in der Mitte ſich kreuzten und das Innere des Gebäudes in vier gleiche Theile theilten. Eins dieſer Viertel enthielt die Zim⸗ mer Eloiſens und ihrer Tochter, in einem andern wohnte Tom mit ſeiner Frau und ſeinem Kind; denn dieſelbe hatte ihn mit einer Tochter beſchenkt, die Blanche genannt wurde. Zugleich war dort ein Zim⸗ mer für Ralph eingerichtet, der dies Haus nur als Abſteigequartier benutzte, da er eigentlich auf der Plantage wohnte; im dritten Viertel befanden ſich der Speiſeſaal und die Fremdenſtuben und das vierte end⸗ lich war in einen ſehr großen Saal und ein Kabinet abgetheilt. Die Wände und Decken der Zimmer waren ſämmt⸗ lich mit blendend weißem Gyps überzogen und ſo blank polirt, daß man ſich darin ſpiegeln konnte, die Fuß⸗ böden waren ſauber getäfelt und die geräumigen Ka⸗ mine aus weißem Marmor erbaut. Koſtbare Möbel und große Wandſpiegel zierten die Räume, ſchwere ſeidene Vorhänge umgaben die hohen Fenſter und zierlich gearbeitete Jalouſien ſchützten dieſe gegen die einzelnen Sonnenſtrahlen, die ſich durch das dichte Laub der koloſſalen immergrünen Bäume, welche das Haus umſtanden, zu ſtehlen vermochten. Sein Hauptaugenmerk hatte Ralph auf den Saal verwandt und hier war aller Glanz und Luxus ver⸗ 79 einigt. Ein prächtiger Kronleuchter paradirte unter der hohen Decke, ſilberne Armleuchter prangten an den glatten Wänden, die roth damaſtenen Vorhänge wur⸗ den durch ſchwere goldene Litzen und Troddeln zurück⸗ gehalten, eine koſtbare Uhr mit bronzenen Figuren, und zu ihren Seiten reiche Alabaſtervaſen zierten das marmorne Geſimſe über dem Kamin, und ein pracht⸗ voller Wiener Flügel nebſt der herrlichen Harfe Be⸗ renicens ſtand an der langen Wand, gegenüber dem ſchön geſchwungenen roth ſeidenen Sopha. Ueber dieſem hing ein großes, von Meiſterhand geſchaffenes Oelbild in breitem wundervoll verziertem goldenem Rahmen, welches Berenice in Lebensgröße zeigte. Wohl hatte es der Künſtler verſtanden, bei der Dar⸗ ſtellung dieſes Meiſterwerks der Schöpfung mehr den Ausdruck der geiſtigen Schönheit als den des reizenden Körpers hervorzuheben, und er hatte treulich die ſeelen⸗ volle Hoheit, die Anmuth und Beſcheidenheit in Be⸗ renicens Blick gelegt, durch welche derſelbe einen ſo mächtigen Zauber über Jedermann ausübte. Das weiße luftige Gewand, das ſie umwogte, verſchwamm mit dem dunkeln Hintergrund wie ein Nebelhauch und gab ihrer Geſtalt etwas Feenähnliches, während alles Licht, alle Kraft, alle Beſtimmtheit des Bildes in ihren Augen zuſammenſtrömte. Der ſo lange von Ralph erſehnte Tag, an welchem Berenice zum Erſtenmale Abends in dem Salon er⸗ 80 ſcheinen und die Freunde des Hauſes dort mit ihrer Gegenwart beglücken ſollte, war endlich gekommen, und noch hatte die Dunkelheit der einbrechenden Nacht die Dämmerung nicht ganz verdrängt, als ſchon der Kronleuchter und die Chandeliers des Saales im Scheine ihrer Lichter zu blitzen begannen, vor der Treppe des Hauſes, zu welcher der breite Fahrweg durch den Park führte, zwei ungeheuere Fackeln ihr rothes Licht weithin auf die Umgebung des Hauſes warfen und die große hellerleuchtete Laterne über dem Einfahrtsthor am Ende des Parkes den eingeladenen herannahenden Gäſten„Willkommen“ zuwinkte. Auch der mit Teppichen belegte breite Kreuzgang im Hauſe war glänzend beleuchtet, mit weichen Divans verſehen und der offenen Saalthür gegenüber war der Eingang zu dem Speiſeſaal geöffnet, wo die köſtlichſten Erfri⸗ ſchungen aufgeſtellt waren. Die Räume füllten ſich ſchnell mit Gäſten, Ralph bewillkommnete dieſelben beim Eintritt in den Saal und Elviſe mit Berenice harrten ihrer in der Mitte deſſelben, um ſie auf's Freundlichſte zu empfangen und zu begrüßen. Berenice war genau ſo gekleidet, wie ſie auf dem Bild erſchien und auch die weiße Roſe fehlte nicht in ihrem Haar. Es war ihre Lieb⸗ lingsblume, welche ſchon in Florida allgemein den Namen Berenice⸗Roſe getragen und wovon ſie mit großer Sorgſamkeit mehrere kräftige Pflanzen mit 8¹ hierhergebracht hatte. Zwiſchen der großen Zahl jun⸗ ger Mädchen, die ſich unter den, nahe an zweihun⸗ dert anweſenden Gäſten befanden, ſah man viele aus⸗ gezeichnete Schönheiten, neben Bereniee aber ver⸗ blichen ſie, wie die Sterne vor dem roſigen heitern Morgen. Eine Königin in ihrem Reiche, bewegte ſie ſich in der ſehr gemiſchten Menge, war freundlich und huldreich gegen Jedermann und zog alle Aufmerkſam⸗ keit, alle Herzen zu ſich hin. Man drängte ſich in ihre Nähe, man wollte ſelbſt, wenn auch nur wenige Worte mit ihr reden, um den Zauber ihrer Augen einen Augenblick auf ſich zu lenken, um ihr ſüßes Lä⸗ cheln zu empfangen und dem lieblichen melodiſchen Klang ihrer Stimme zu lauſchen. Zum Erſtenmale ſeit langer Zeit ſah ſich Berenice wieder von einer ſo großen Geſellſchaft bewundert, ver⸗ ehrt, ja angebetet, deren Freude und glückſpendende Sonne ſie war, und ihre glänzende ſtrahlende Er⸗ ſcheinung zeigte deutlich, daß ſie das Feſtliche des Augenblicks fühlte und ſich ihm hingab. Dennoch aber fehlte ihr Etwas, was zu ihr gehörte, ſie ver⸗ ſank wiederholt in Gedanken und man mußte ſie zweimal Etwas fragen, ehe ſie die richtige Antwort gab. In ſolchen Augenblicken war ſie im Geiſt unter jenem Pflaumenbaum auf der Höhe und Farland ſprach zu ihr. Ward ſie dann zu der Gegenwart zu⸗ rückgerufen und wieder in den Strom der Unterhal⸗ Ralph Norwood. V. 6 8² ſie mußte oft tief Athem holen, ſie fand es ſo heiß im Zimmer und auf ihren Wangen erglühte ein ſcharf be⸗ grenztes blühendes Roth. Die glänzende Umgebung und die große Auszeich⸗ nung, die ihr von allen Seiten gezollt wurde, gab ſie immer bald dem Feſte wieder, ihre Unruhe aber und Beklommenheit nahm zu, und wiederholt hatte ſie ſchon dieſe und jene junge Dame gefragt, ob ſie es nicht ſehr warm finde, man hatte ihr aber verſichert, daß dies keineswegs der Fall ſei. Ralph ſtand, ein triumphirender ſtiller Beobachter, neben dem Kamin und hielt während der Unterhal⸗ tung, die er mit einigen Nachbarn pflog, ſeinen Blick auf die Menge gerichtet, die ſich um Berenice drängte. Jetzt bat man ſie dringend. Etwas auf dem Flügel, oder auf der Harfe vorzutragen. Sie ſuchte es abzulehnen und entſchuldigte ſich damit, daß der Arzt es ihr un⸗ terſagt habe, wobei Elviſe ihr zu Hülfe kam, ihre Ausſage beſtätigte und bat, diesmal nicht weiter darauf beſtehen zu wollen. Ralph aber hatte ſchon lange darauf gewartet, dieſen Wunſch laut werden zu hören, denn in Bere⸗ nicens Spiel und Geſang ſah er eine ſeiner mächtig⸗ ſten Waffen. Raſch drängte er ſich zu ihr hin, ſagte ihr im Vor⸗ übergehen, er hoffe, ſie werde ſich doch ſo vielen * tung gezogen, ſo fühlte ſie ſich beengt und unruhig, 1. 83 Bitten nicht widerſetzen wollen und trug die Harfe zu ihrem Seſſel. „Spiele, aber ſinge nicht, Berenice,“ flüſterte ihr Elviſe mit angſtvoller Stimme zu, während Jene die Harfe zu ſich heranzog und deren Saiten einige volle rauſchende Accorde entlockte. Dann ſpielte ſie zum Entzücken der Geſellſchaft mehrere Nationalmelodien mit größter Meiſterſchaft und empfing dagegen den allerſtürmiſchſten Beifall. „Nur ein kleines Lied, theuerſte Berenice!“ ſagte Ralph mit lauter Stimme, nachdem ſie das Spiel be⸗ endigt hatte, und Alles ſtimmte in die Bitte mit ein. Elviſe eiferte dagegen und Berinice zögerte, doch Ralph bat wieder mit einem Ton, in welchem mehr Befehl, als Bitte lag. Berenice ſang und erntete abermals den unbegrenzteſten Beifall. Ralßph ſelbſt dankte ihr mit artigen ſchmeichelnden Worten und trug das Inſtrument wieder an ſeinen Platz zurück. Jetzt führten die jungen Männer die Damen nach dem Speiſeſaal, nicht, um mit ihnen zugleich ſich dort zu erquicken, ſondern nur, um ſie zu bedienen. Berenice benutzte dieſen Augenblick, ſich aus dem Gedränge zu entfernen, denn es ſchien ihr, als müſſe ſie zwiſchen den vielen Menſchen erſticken. Sie ſchlich ſich in ihr Zimmer und ſank dort auf das Sopha nieder, Elviſe jedoch folgte ihr auf dem Fuße nach. . 6* 84 fragte ſie dieſelbe mit augenſcheinlicher Beſorgniß. „Nein, beſte Mutter, es iſt mir aber nicht möglich, länger unter den vielen Leuten zu verweilen, es war mir, als erdrückten ſie mich. Ich fühlte mich ſo be⸗ klommen, ſo heiß— jetzt wird es mir beſſer,“ ant⸗ wortete Berenice und ſenkte ihre Lippen auf die Hand ihrer Mutter. „Du hätteſt nicht ſingen ſollen, es greift Dich zu ſehr an und Derjenige, der Dich dazu zwang, hat wieder eine ſchwere Verantwortlichkeit auf ſich ge⸗ nommen. Du weißt, Dvetor Stone in New⸗Orleans hat es Dir ausdrücklich verboten,“ ſagte Elviſe mit leiſer unſicherer Stimme und hielt ihren Blick auf ihre Tochter geheftet, als zähle ſie deren Athemzüge. „Und Farland warnte mich vor großen Geſellſchaf⸗ ten, in denen man mir viel Aufmerkſamkeit ſchenke, er ſagte, ſie übten einen ſo heftigen magnetiſchen Ein⸗ fluß auf mich aus, der mich in eine, mir nachtheilige Aufregung verſetze. Ich glaube er hat Recht gehabt,“ ftüſterte Berenice mit einem tiefen Athemzug, und bat dann Eva, die leiſe in das Zimmer getreten war, ein Glas Limonade zu bringen. Die Damen waren aus dem Speiſezimmer in den Saal zurückgekehrt und die Herren hatten an den reich beſetzten Tafeln deren Stellen eingenommen, um ſich nun gleichfalls an den köſtlichen Speiſen und Ge⸗ „Du fühlſt Dich doch nicht unwohl, Berenice?“ 85 tränken zu laben, die ihr freigebiger Wirth ihnen hier zur Verfügung geſtellt hatte. Während dieſer Zeit herrſchte nur eine Unterhaltung, und zwar die über Berenicens Spiel und Geſang. Ihr Lob ging von Mund zu Mund, es wurden ihr Toaſte gebracht und laut wünſchte man Ralph Glück zu dem beneidens⸗ werthen Beſitz einer ſolchen Tochter. Das Wort Tochter erklang in Ralph's Ohr faſt wie Spott, die freundlichen Geſinnungen aber, die ihm Berenice unter ſeinen Gäſten erworben hatte, er⸗ ſtickten den gährenden Gifttropfen, der wieder in ſeinem Herzen zu brennen begann. In dem Saal, wo man ſich nach und nach wieder verſammelte, wurde Berenice vermißt und Ralph ſandte einen der Diener nach ihrem Zimmer und ließ ihr ſagen, daß man ihre Gegenwart wünſche. Eloiſe er⸗ ſchien ſtatt ihrer und bemerkte, daß ihre Tochter ſtarkes Herzklopfen bekommen habe und ſich entſchuldigen laſſe, Ralph aber warf ihr einen ſinſtern Blick zu und ſagte laut zu ihr: „Es war etwas warm hier im Saal, jetzt aber hat es ſich abgekühlt; ſage Berenice, daß es angenehm hier ſei und daß man mit Verlangen auf ſie warte.“ Dabei blitzten ſeine Augen und jenes Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen, welches Elviſen ſo oftmals in Schrecken und Furcht verſetzt hatte. Sie verließ 86 den Saal und kam bald darauf, von ihrer Tochter be⸗ gleitet, in denſelben zurück. Berenicens Wangen glühten und auf ihren Augen lag ein unnatürlicher Glanz, denn es fehlte ihnen der Ausdruck der Freude, der glücklichen Begeiſterung, die jenes Leuchten in ihnen hervorzurufen pflegte. Wie ein Opfer, das zum Altar geführt wird, nahm ſie im Sopha Platz und begegnete wiederholt mit einem Blick des Vorwurfs dem General Norwood, auf deſſen Be⸗ fehl ſie wieder erſchienen war. Die Heiterkeit verſchwand aus dem Saal, denn Berenicens freundlicher Blick, der ſie erzeugte, hatte ſich umwölkt und ſeine Gluth ſchien eine nahende Ge⸗ fahr zu verkünden. Man brach auf, dankte für den wundervollen Abend, empfahl ſich Elviſen und Berenicen und ver⸗ ſicherte Ralph Freundſchaft und Anhänglichkeit. Die Lichter erloſchen, man hatte ſich zur Ruhe be⸗ geben und einige Stunden lang war die Stille der Nacht durch Nichts geſtört, als es plötzlich in Bere⸗ nicens Gemach hell wurde und Eloiſe und Eva zu deren Lager eilten. Berenicens altes Leiden hatte ſich wieder einge⸗ ſtellt, ein Blutſturz hatte ſie befallen. Die Hülferufe der unglücklichen Mutter und der Selavin weckten alle Schläfer im Hauſe und auch Ralph erſchien vor der Thür der Kranken. Elviſe ſtürzte auf ihn zu und 87 flehte ihn an, Farland zur Hülfe zu rufen. Ralph aber ſchwur, daß er lieber den Tod, als Dieſen in ſeinem Hauſe ſehen werde und ſandte ſchnell Eilboten nach zwei Aerzten ab, die in C..... wohnten. Die früher angewandten Mittel wurden benutzt und für kurze Zeit ſchienen ſie dem Uebel Einhalt zu thun, dann aber trat daſſelbe um ſo heftiger wieder auf und Berenicens Kräfte ſanken immer mehr. Mit dem anbrechenden Tag erſchienen endlich die ſehnlichſt erwarteten Aerzte. Sie erklärten Berenicens Leben in der größten Gefahr, ließen ſie ſogar, um die Blutung zu ſtillen, noch zur Ader, wandten Mittel über Mittel an, alle aber halfen nur für kurze Zeit. So verſtrich der Morgen und der Tag, ja die Sonne ſenkte ſich ſchon nach den weſtlichen Gebirgen hinab, als die beiden Aerzte der unglücklichen Mutter erklär⸗ ten, daß es keine Rettung für Berenice gäbe und daß dieſelbe in wenigen Stunden ausgelitten haben werde. Ralph hatte Zeit gehabt, über die Größe des ihm drohenden Verluſtes nachzudenken und ſein ſelbſtfüch⸗ tiges Intereſſe gewann mehr und mehr die Oberhand über ſeine Abneigung gegen Farland; dennoch konnte er ſich nicht entſchließen, ihn um Hülfe anzuſprechen. Da trat Elviſe mit den Aerzten zu ihm in ſein Zim⸗ mer, theilte ihm mit, daß beide Herren ihre Tochter für unrettbar verloren hielten und ſagte ihm mit einer 88 Ruhe, die nur Verzweiflung ihr eingab, daß ſie Eva zu Farland geſchickt habe und dieſer ihre Tochter be⸗ handeln ſolle, wenn er ſie noch am Leben träfe. Ralph's Schweigen galt für ſeine zuſtimmende Antwort, Elviſe war aber entſchloſſen geweſen, auch gegen ſeinen Willen, koſte es, was es wolle, Farland zu ihrer Tochter zu führen. Dieſer ſaß eben tief in Gedanken verſunken unter der Veranda vor ſeinem Hauſe und ließ ſeinen Blick ziellos über die weite Prairie ſchweifen, die in dem rothglühenden Lichte der ſinkenden Sonne vor ihm ausgebreitet lag. Heute war ſein Geburtstag und er hatte ſich in ſeiner Erinnerung zu ſeinen Freunden nach Deutſchland verſetzt, mit denen er dieſen Tag in nun ſchon lange vergangenen Jahren oft ſo froh und freudig begangen hatte. Er gedachte der unverwüſtlich heiteren Laune, des ſorgloſen, mit Jugendkraft über⸗ ſprudelnden Geiſtes, der ihn damals beſeelt hatte und warf dann einen Blick auf den Ernſt, der jetzt faſt ſtets ſein Begleiter war. Plötzlich wurde ſeine Aufmerkſamkeit von dieſen Gedanken durch einen Punkt abgezogen, der ſich aus der Ferne der Prairie ſchnell näherte. Es war Je⸗ mand zu Pferd, der in fliegender Carriere ſeinem Hauſe zueilte. Farland ſprang auf, holte das Fernglas aus dem Hauſe und hob es vor ſein Auge: 89 Er ſchreckte zuſammen, blickte nochmals durch das Glas und rannte dann in das Haus nach deſſen hin⸗ terer Thür, von wo er dem Negerburſchen zuſchrie, ſeinen Hengſt ſofort zu ſatteln. Er hatte die Iſabelle Berenicens und auf ihrem Rücken die treue Eva er⸗ kannt. Was geſchehen war, lag wie in einem Spie⸗ gel vor ſeinem Geiſte, er eilte in das Zimmer, in welchem ſich ſeine Apotheke befand, füllte ſeine Pi⸗ ſtolenholftern mit Phiolen, Schachteln mit Pulver und Kräutern und trat dann wieder hinaus unter die Veranda, denn Eva konnte jetzt nicht mehr fern ſein. In dieſem Augenblick ſprengte dieſelbe auf dem ſchaum⸗ bedeckten edeln Roß mit dem Ausruf vor die Ein⸗ zäunung: „Herr, eile— Bereniee liegt im Sterben!“ warf ſich von dem Pferd, hing deſſen Zügel über das Spa⸗ lier und ſtürzte im Augenblick nachher zu Farland's Füßen nieder. „Rette,— rette meine junge Herrin, rette ſie vom Tode, ihr Leben gehörte Dir, Herr!“ ſchrie die Sela⸗ vin in ihrer Verzweiflung und umklammerte die Knie Farlands. „Sie hat einen Blutſturz gehabt?“ fragte Dieſer mit bebender Stimme, indem er Eva aufrichtete. „Ja, Herr, wiederholt, und das Leben ſchien ſie verlaſſen zu wollen, als ich ihr Pferd beſtieg. Eile, ſonſt kommſt Du zu ſpät,“ antwortete die Dienerin 90 flehend, als Farlands Roß im Trabe vorgeführt ward. Er warf die Piſtolenholftern und die gewirkte mexicaniſche wollene Decke über deſſen Sattel, ſchwang ſich in denſelben hinein und ſprengte der Prairie zu, während Eva, die auch ihr Pferd beſtiegen hatte, ihm in fliegendem Laufe folgte. Seit der Zeit, wo ihn der Hengſt oftmals vor feindlichen Indianerſchaaren rettend davon getragen, hatte derſelbe ſo weit nicht auszugreifen brauchen, er fühlte die ſcharfen Sporen ſeines Herrn feſt in ſeine Flanken gedrückt und es ſchien, als wüßte er, daß es ſich bei dieſem Lauf um ein Leben handele. Kaum berührte das edele alte Thier den Boden, ſeine Nü⸗ ſtern glühten und Schweif und Mähne wehten, wie im Sturmwind. Meile auf Meile blieb zurück, die Bauminſeln der Prairie ſchienen an Farland vorüber⸗ zufliegen, und in kaum einer Viertelſtunde hatte der⸗ ſelbe die vier Meilen bis zu der neuen rohen Straße zurückgelegt, die zu Ralph's Niederlaſſung führte. Sie hielt aber den Hengſt nicht in ſeinem Sturmlauf auf, kein Baumſtumpf, kein Stein, kein Graben war ein Hinderniß für des Thieres ſichere Hufe und nach we⸗ nigen Minuten ſah ſein Reiter das große prächtige BGebäude Norwvods zwiſchen den immergrünen Bäu⸗ men des Parks hervorglänzen. Das Einfahrtsthor war weit geöffnet, die Huf⸗ ſchläge des flüchtigen Hengſtes ſchallten zu dem Hauſe 94 hinan und Elviſe erſchien auf der hohen Treppe und ließ, die Hände ringend, ihr Tuch Farland entgegen⸗ wehen. „Einen Neger für mein Pferd!“ rief er Eliſen zu, indem er, von demſelben abſpringend, die Piſtolenholf⸗ tern über ſeinen Arm warf und die zuſammengefaltete Decke über das ſchweißtriefende Thier ausbreitete. Ein ſchwarzer Diener ſprang herzu, Farland übergab ihm den Hengſt, befahl ihm, denſelben eine Stunde lang um das Haus herum zu führen, und ſprang nun die Treppe hinauf zu Elviſen, die ſchluchzend, aber ohne Worte, mit beiden Händen ſeine Rechte ergriff und ihn in den Corridor führte. In der Mitte des Kreuzganges ſtand Ralph mit den beiden Aerzten und Erſterer trat mit den Worten auf Farland zu: „In der Noth lernt man Ehrenmänner kennen, Herr Farland, Sie haben mir an Ihnen begangenes großes Unrecht vergeben.“ Hiermit reichte er ihm die Hand, die Dieſer in der ſeinigen empfing, ohne dar⸗ auf eine Antwort zu ertheilen. Auch gegen die beiden Aerzte verneigte er ſich nur in dem Augenblick, als er mit Eloiſen an ihnen vorüber nach dem Krankenzim⸗ mer ſchritt, da dieſelben indeſſen ihm auf dem Fuße folgten, ſo blieb er vor der Thür ſtehen und ſagte zu ihnen, indem er Elviſen mit einem Blick zur Zeugin aufforderte: 92 „Meine Herren, wie ich höre, haben Sie die Er⸗ klärung abgegeben, daß die Kranke nicht gerettet wer⸗ den kann, weshalb ich glaube, daß Ihre Dienſte bei derſelben ihr Ende erreicht haben. Erlauben Sie mir, daß ich ungeſtört und allein bei ihr ſein darf, um meine Anſicht über ihren Zuſtand feſtzuſtellen.“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich nochmals nach den Aerzten hin, trat mit Elviſen in das Zimmer und ſchloß die Thür. Die Sonne warf ihren letzten Blick auf die großen Fenſter des Gemaches, und in dem Augenblick, in welchem Farland ſich nach dem Lager der Kranken wandte, fiel ein goldener Lichtſtrahl über ihr Lager und beleuchtete die Züge Berenicens. Wie ein entſchlafener Engel ruhte ſie, die Hände auf ihrer Bruſt gefaltet, die langbewimperten gewölb⸗ ten Augenlider geſchloſſen, die bleichen Lippen wenig geöffnet und die reiche Lockenfülle ihres Haares zu beiden Seiten auf dem blendend weißen Kiſſen aus⸗ gebreitet. Farland hielt, von dem ſchönen traurigen Bild ge⸗ feſſelt, ſeinen Schritt einen Augenblick an, und die Frage warf ſich ihm unwillkürlich auf, ob er ein Recht dazu habe, dieſen Engel aus ſeiner himmliſchen Heimath wieder in dies Leben voll Mängel zurück⸗ zurufen. Dann fiel ihm ſein Geburtstag ein, es überkam 93 ihn ein Gefühl, als ſei ihm heute eine Bitte mehr an ſein Geſchick vergönnt, als gewöhnlich. Berenice zog ihn zu ſich hin, er mußte, er fühlte es, er könne ihr helfen; raſch ſchritt er auf dem weichen Teppich zu ihrem Lager und legte ſeine Finger an ihren Arm. Er fand keinen Puls, ihre Hand war kalt und ihr Buſen ohne Regung. Schnell trat er an das Fenſter, legte die mitge⸗ brachten Medicamente aus dem Holfter auf den Tiſch und kehrte mit einer Phiole in der Hand zu Bere⸗ nicen zurück. Er flößte ihr einige Tropfen von deren Inhalt in den Mund und blieb dann, mit ihrer Hand in der ſeinigen, ſeine Augen auf ihr Antlitz geheftet, unbeweglich neben ihr ſtehen. Die ganze Kraft ſeines Willens, ſeine ganze Seele lag in ſeinem Blick, es war ihm, als müſſe ſein eigenes Leben die engels⸗ ſchöne Hülle wieder beleben, als müſſe er ihren Geiſt gewaltſam der Ewigkeit entreißen. Er zählte die Se⸗ eunden, die Minuten und eine Viertelſtunde war ver⸗ ſtrichen, Berenice blieb regungslos. Dennoch verließ ihn das Gefühl nicht, daß ſie aus ihrem Todesſchlum⸗ mer erwachen müſſe. Jetzt bemerkte er eine leiſe Bewegung unter ſeinem Finger, es war ihr Puls, noch einmal ut id wieder zuckte derſelbe deutlich, ſchnell flößte Farland ihr aber⸗ mals einige Tropfen aus der Phiole ein, wuſch mit dem Inhalt eines andern Glaſes ihre Schläfe und 94 ihre Stirn, der Puls wurde ſtärker, deſſen Schläge wurden häufiger und Berenice begann wieder zu athmen. Mit einem innig dankbaren Blick nach Oben be⸗ grüßte er das wiederkehrende Leben des ihm theuern Mädchens und traf nun Anordnungen, deren Ausfüh⸗ rung er Elviſen und Eva überließ, welche Letztere ſich bald nach ihm im Zimmer eingefunden hatte. Dann ergriff er ſeinen Hut und verließ das Gemach, um nach ſeinem Pferde zu ſehen. Daſſelbe wieherte ihm von Weitem entgegen, und er verdoppelte ſeine Schritte, um dem treuen Thier durch Liebkoſungen ſeinen Dank für den werthvollen Dienſt zu bezeugen, den es ihm heute geleiſtet hatte. Er nahm ihm ſelbſt Sattel und Zeug ab, welches er unter die Veranda legte, breitete ſeine eigene Decke wieder über des Pferdes Rücken und ging ihm nun nach dem Stalle voran, wo er ihm Mais⸗ blätter vorlegte und dann dem Neger die Weiſung gab, daß er ſein Roß ſelbſt mit Allem zu verſorgen wünſche. Bei ſeiner Rückkehr in das grante fand er Berenicens Lebensthätigkeit im Zunehmen, ihr Puls hatte ſich gehoben und ihr Athmen wurde freier; erwacht war ſie aber noch nicht wieder, der Schlaf ſchien ſie umarmt zu halten, um ſie neue Kräfte ſch meln zu laſſen. In ihrem an dies Gemach anſtoßenden Wohnzim⸗ 95 mer hatte Eva für Farland ein Abendeſſen aufgetragen und bat ihn, ſich mit ihr dorthin zu begeben, wäh⸗ rend Elviſe bei der Kranken verweilen wollte. Far⸗ land folgte der Aufforderung, um Bereniece nun einer ganz ungeſtörten Ruhe zu überlaſſen. Ein heiliger Schauer umwehte ihn bei dem Ein⸗ tritt in das, durch zwei, auf einem ſilbernen Arm⸗ leuchter brennende Kerzen erleuchtete Zimmer, es war ihm, als ſei Berenicens Geiſt mit ihm hier eingekehrt, als umſchwebe derſelbe ihn und heiße ihn willkommen; denn wohin er auch blickte, erkannte er den Schön⸗ heitsſinn des geiſtreichen edeln Mädchens. Alles war wohlüberlegt und geſchmackvoll geordnet, und jedes Einzelne ſtand mit dem Ganzen in einer wohlthuen⸗ den Harmonie. An den Wänden prangten mehrere vortreffliche Oelgemälde, auf der Conſole unter dem Spiegel ſtanden einige reizende kleine Marmorſtatuen, und dem prächtigen, reich gefüllten Bücherſchrank gegenüber waren meiſterhafte Zeichnungen und Aquarelle über dem Sopha aufgehangen. Farland ſah in dieſen augenblicklich die ſchaffende Hand Berenicens und trat ihnen näher, um ſie genauer zu betrachten, als er in deren Mitte, in einem kleinen goldenen Rahmen unter Glas, ein getrocknetes Vergißmeinnicht gewahrte und in ihm daſſelbe erkannte, welches er Berenicen durch den Hauſirer zugeſandt hatte. Der Anblick der Blume ergriff ihn tief, die zarte Aufmerkſamkeit, womit das holde Mädchen dieſen unbedeutenden Beweis ſeiner Zuneigung bewahrt hatte, berührte das Innerſte ſeiner Seele und ſchloß die Banden noch feſter um ihn, die ihn ſchon ſo unwiderſtehlich an Berenicen feſſelten. Der Tod aber drohte, dieſelben zu zerreißen. Ein entſetzliches Angſtgefühl übermannte ihn für einen Augenblick, er eilte zu der Schlummernden zurück, erfaßte ihre kraftloſe Hand, und ſenkte, die Ge⸗ genwart Elviſens vergeſſend, ſeine Lippen auf ſie nieder. Der vollere Puls, der jetzt in regelmäßigen Schlägen ſeinen Finger berührte, gab ihm die Hoff⸗ nung und das Vertrauen auf ſich ſelbſt zurück, Be⸗ renice mußte leben, ein ahnungsvolles Gefühl ſagte ihm, daß er ihr von ſeiner eigenen Lebenskraft ab⸗ geben konnte. Er hielt ihre Hand feſt in ſeiner Linken, hatte ſeine Rechte auf ihre Stirn gelegt und heftete ſeinen Blick eine Zeit lang unbeweglich auf ihre Augen, als könne er ſeine Seele durch dieſelben mit der ihrigen vereinigen. Da hob Berenice die ſchweren Augenlider und, wie aus einem Traum erwachend, war ihr matter Blick auf Farland gerichtet, als beſinne ſie ſich, wer er ſei. Von Seeunde zu Secunde aber belebten ſich ihre dunkeln Augen mehr, ein Ausdruck ſeelenvoller Innigkeit zeigte ſich in ihnen und ein wehmüthiges Lächeln umſpielte die Lippen der Wiedererwachten. 97 Sie hatte Farland erkannt und mit einem tiefen Athemzug und leiſem Druck ihrer Hand dankte ſie ihm für ſeine Hülfe. „Reden Sie nicht, Theuerſte, geben Sie ſich mög⸗ lichſter Ruhe hin, die Gefahr iſt vorüber und recht bald werden Sie ſich erholen,“ ſagte Farland mit ſeligem Entzücken und trat von dem Lager zurück, um der glücklichen Mutter Raum zu geben, die Berenicens Hand jetzt mit Küſſen und Freudenthränen bedeckte. Farland reichte nun der Kranken Arznei, wies Elviſen an, ihr kühlende Umſchläge zu machen und ſagte zu Berenice: „Ein ſanfter Schlummer möge Sie nun erquicken, ich werde für Sie wachen.“ Dann kehrte er in Berenicens Wohnzimmer zurück. Mit dem Ablauf jeder Stunde trat er zu dem Lager der Kranken, um ſich von ihrem Zuſtand zu überzeugen und ihr ſelbſt die Arznei zu geben; Eva hatte während der ganzen Nacht nicht einmal nöthig, ihn zu erinnern, daß die Stunde verſtrichen ſei. Die Zwiſchenzeit brachte er auf Berenicens Sopha zu, nicht wachend und auch nicht ſchlafend, aber träumend, träumend von dem himmliſch ſüßen Weſen, in deſſen Heiligthum er ſich befand, und mit dem er ſein eigenes Leben zu theilen vom Grund ſeiner Seele bereit war. Der milde Schein einer Ampel hatte den der Kerzen erſetzt und das matte Licht, welches durch Ralph Norwood. V. 7 298 das Gemach zitterte, war den Phantaſiebildern Far⸗ lands günſtig, bald ſah er Berenice, an ihrem Näh⸗ tiſchchen ſitzend, vor ſich, bald erblickte er ſie, mit Pinſel und Palette in der Hand über einer Zeichnung nie⸗ dergebeugt, und dann erſchien ſie neben ihm im Sopha und hielt ihren Zauberblick auf ihn geheftet. Immer ſah er ſie in dem prächtig dunkelrothen chineſiſchen ſeidenen Shawl, der damals um ihre Schultern hing, als er ihr zum erſtenmal begegnet war. Das neidiſche Licht des nahenden Morgens raubte ihm dieſe ſüßen Träumereien ſeiner regen Einbildungs⸗ kraft, doch um ſo ſchöner zeigte es ihm die Göttin, die ſie hervorgezaubert hatte. Berenice ſchlummerte ſanft, ihr Puls war voll, doch blieb er ruhig und mit jubelndem Herzen begrüßte Farland den neuen Tag. Er eilte hinaus in die friſche Morgenluft, das BGlück, welches ihn beſeelte, war zu groß, zu unbe⸗ grenzt für den engen Raum eines Zimmers, er mußte es der erwachenden Natur mittheilen, er mußte dem Walde, dem er ſo manches Leid geklagt hatte, ſeine Freude, ſeine Seligkeit verkünden. Mit überſtrö⸗ mendem Herzen wandelte er durch die zum Himmel aufſtrebenden immergrünen Bäume und ſah mit dank⸗ barem, Hoffnung ſtrahlendem Blick in das Morgen⸗ roth hinein. Die Vögel ſangen lauter und fröhlicher, die Per des Thaues blitzten heller als ſonſt, und ve ———— 99 ganze Schöpfung ſchien ihm Theil an ſeinem Glück zu nehmen. Den Tag verbrachte Bereniee gleichfalls größten⸗ theils ſchlafend und ſie ſchien nur zu erwachen, um Farland in einem Blick die Gefühle leſen zu laſſen, die in ihrer Bruſt für ihn lebten und das Glück ihrer Mutter noch durch ein wonniges Lächeln zu erhöhen. Auch die treue Eva ging dabei nicht leer aus, Be⸗ renice winkte derſelben mit den Augen, ihr die Hand zu geben, welche die Selavin dann immer noch an ihre Lippen gedrückt hielt, wenn ihre junge Herrin ſchon lange wieder in Schlaf geſunken war. Die nächſte Nacht verbrachte Farland abermals auf Berenicens Sopha und an dem darauf folgenden Tag fand er ſie ſo ſehr gekräftigt und ihren Zuſtand ſo beruhigend, daß er ſie um die Erlaubniß bat, ſich auf einige Stunden nach ſeinem Wohnſitz zu begeben, um zu ſehen, ob ſeine Gegenwart dort nöthig ſei. Mit einem bittenden ſüßen Lächeln und einem Händedruck beantwortete ſie ſeine Anfrage, und ehe er es verhindern konnte, küßte ihm Elviſe unter Freu⸗ denthränen die Hand. Er ließ die genaueſten Beſtimmungen für Bere⸗ nicens Behandlung zurück, unterſagte ihr ausdrücklich, zu reden, verſprach, noch vor Sonnenuntergang zurück⸗ zukehren, und eilte dann nach ſeiner Wohnung, wo ihn vielerlei Geſchäfte erwarteten. 7⁸ — 100 Tagtäglich mußte ihn ſein Pferd nun Morgens nach ſeiner eigenen Behauſung und Abends zurück zu Norwoods Wohnſitz tragen, bis nach einigen Wochen Berenice ſich ſo ſehr erholt hatte, daß er ſie Nachts der Pflege ihrer Mutter überlaſſen konnte, indem ſich auch zu dieſer Zeit kein fieberhafter Zuſtand mehr einſtellte. Demohngeachtet beſuchte ſie Farland täglich, in der Regel des Morgens, oft aber auch Abends, wie es gerade ſeine Zeit am beſten geſtattete und ſein Glück ſteigerte ſich von Tag zu Tag mit der raſch fortſchrei⸗ tenden Geneſung des theuern Mädchens. Capitel 44. Die Plantage.— Der herzloſe Bruder.— Die Ahnung.— Die Reconvales⸗ centin.— Die Liebe.— Hohes Glück.— Der Segen.— Der Pflaumen⸗ baum.— Die Somnambüle.— Die Bitte.— Eigennutz.— Die Geneſene. — Der Brillant.— Das Feſt.— Die Ueberreichung. Balph war Farland während der ganzen Zeit nur einmal begegnet, wie es ſchien, abſichtlich, um ihm für die Rettung Berenicens zu danken. Er hielt ſich jetzt größtentheils an der andern Seite des Stro⸗ mes auf, wo er die Baumwollenplantage anlegte und wohin ſein Sohn Tom nebſt Frau und Kind überge⸗ ſiedelt war, um die Arbeiten der Selaven zu über⸗ wachen. Der Rieſenwald fiel dort von den Aexten der vielen Neger, ungeheuere Felder erſtanden, und die Negerhütten waren in einem Halbzirkel aufgeſchlagen, vor deſſen Oeffnung Ralph die Blockhäuſer, die ihm zur Wohnung dienen ſollten, erbaut hatte. Eine hohe Einzäunung umgab ſämmtliche Gebäude, innerhalb welcher des Nachts böſe Wachthunde von ihren Ketten gelöſt wurden. Tom kam beinahe gar nicht mehr herüber zu ſeiner Mutter und Schweſter; das große Kapital, welches in den Negern lag und welches durch deren Arbeit ver⸗ zinſt werden mußte, hielt ihn in deren Nähe; er er⸗ blickte darin ſein alleiniges Eigenthum, denn daß Be⸗ renice einſt Miterbin werden würde, machte ihm keine Sorge mehr, er ſah ſie als dem Tode verfallen an. Ralph jedoch kam beinahe jeden Morgen herüber ge⸗ ritten, begab ſich dann auch häuſig in die Stadt und kehrte regelmäßig Abends wieder nach der Plantage zurück. Dennoch ſah ihn Farland ſelten bei ſeinen Beſuchen und dann nur auf Augenblicke, das Zuſam⸗ mentreffen mit ihm war Ralph augenſcheinlich peini⸗ gend und er ſuchte ſich ſtets in einer höflichen Weiſe bald von ihm zu entfernen. Berenice hatte immer noch das Bett nicht verlaſſen dürfen, ſo ſehr ſie auch danach verlangte, doch hatte Farland ihr das Ver⸗ ſprechen gegeben, daß es bald geſchehen ſolle. „Berenice hat mir wieder, wie ſchon früher meh⸗ rere Male, lange Zeit, ehe Sie unſern neuen Weg erreicht haben konnten, geſagt, daß Sie nun bald hier ſein würden. Sie weiß es allemal vorher,“ ſagte Eloiſe eines Morgens, als Farland in das Zimmer trat, und zeigte lächelnd auf ihre Tochter, die Jenem ihre ſchöne Hand zum Gruß entgegenhielt. „Sie wiſſen recht wohl, theuere Bereniee, daß der Gedanke an Sie mir Morgens nicht lange Ruhe zu Hauſe läßt und daß nur eine nicht zu vermeidende Abhaltung mein Erſcheinen bei Ihnen über dieſe 103 Stunde hinaus verſchieben kann,“ ſagte Farland in Antwort auf Elviſens Bemerkung, indem er zu Be⸗ renicen trat und ihre Hand in die ſeinige nahm. „Nein, auch wenn Sie zu einer andern ungewöhn⸗ lichen Zeit kamen, hat es Berenice lange vorher ge⸗ wußt; ſie ſagt, ſie ſähe Sie kommen und ſie fühle es deutlich,“ bemerkte Eloiſe und ſtrich mit glücklichem Lächeln das ſchöne Haar von ihrer Tochter Stirn zurück. Farland ſchien der Bemerkung keine Aufmerkſamkeit ſchenken zu wollen, dennoch hatte er ſie ernſt aufge⸗ faßt und ſah Berenice einen Augenblick forſchend an. Dieſer aber war ſein ſinnender Blick nicht entgangen, ſie ſchaute mit einem Ausdruck unnennbarer Innigkeit zu ihm auf und ſagte: „Kann es denn wohl anders ſein, iſt mein Leben nicht ein Theil des Ihrigen?“ Farland brach das Geſpräch ab, obgleich er an der Wahrheit nicht zwei⸗ felte, daß Berenicens vorherrſchender innerer Sinn ſein Annäheren erkannt hatte. Es war ihm auch oft aufgefallen, daß ſie, in Zeiten, wo ſie ſich ſehr krank, ſehr leidend fühlte, ſobald er ihre Hand erfaßte, ja, ſchon wenn er zu ihr in das Zimmer trat und ihrem Blick begegnete, einen heiteren Ausdruck annahm und erklärte, daß jetzt alles Unwohlfühlen von ihr ge⸗ wichen ſei. Farland mußte ihr heute zugeſtehen, daß ſie am 104 folgenden Tage ihr Lager verlaſſen und ſich in ihr Wohnzimmer begeben dürfe. Er ſtellte aber die Be⸗ dingung, daß ſie ſelbſt bei dem Umzuge in keiner Weiſe, weder geiſtig noch körperlich thätig ſein wolle, und daß außer ihrer Mutter und Eva Niemand, wer es auch ſei, zu ihr eingelaſſen werde. Am nächſten Tage wurde Farland durch mehrere Nachbarn, die ſich ſeinen Rath erbaten, in ſeiner Woh⸗ nung lange aufgehalten, ſo daß die Sonne ſchon niedrig ſtand, als er Norwvods Haus erreichte. Er ſchritt wie gewöhnlich, nicht von der Hauptallee, ſon⸗ dern von dem ſchmalen Weg her, der durch den Park nach dem Seiteneingang des Gebäudes führte, in den Corridor und ging nach der Thür von Berenicens Schlafzimmer, als Elviſe mit freudeſtrahlendem Antlitz aus demſelben hervortrat, ſeine Hand ergriff und zu ihm ſagte: „Dem allmächtigen Gott und, nächſt ihm, Ihnen ſei es gedankt! Berenice hat das Krankenbett ver⸗ laſſen; ſie ruht in ihrem Wohnzimmer auf dem Sopha. Ich glaube, daß ſie wieder von Ihrem Kommen un⸗ terrichtet war, denn vor etwa zehn Minuten blickte ſie auf die Uhr und ich konnte es auf ihren Zügen leſen, daß ſie an Sie dachte. Geſehen und gehört kann die⸗ ſelbe Sie nicht haben, da die Fenſter ihres Zimmers nach der, Ihrem Weg entgegengeſetzten Seite zeigen. Gehen Sie leiſe hinein und überzeugen Sie ſich, ob 105 ſie gewußt, daß Sie kämen.“ Hiermit deutete Elviſe auf die Thür und ging dann nach dem andern Ende des Corridors. Farland war in das Schlafzimmer eingetreten und warf einen beſeligten Blick auf das leere Lager Be⸗ renicens. Wie manche heiße inbrünſtige Bitte hatte er an deſſen Seite für das Leben der Theuern zum Himmel geſandt, wie manche Stunde der Nacht hatte er dort mit angſterfüllter Bruſt und ſchwerem Herzen geſtanden und welch unbegrenztes Glück war ihm hier zu Theil geworden, als die Krankheit wich und Berenice ſich erholte. Lautloſen Trittes erreichte Farland auf dem weichen Teppich die Thür von deren Wohnzimmer, er hatte den Griff derſelben erfaßt und zögerte einen Augen⸗ blick, ſie zu öffnen. Hatte es Berenice gewußt, daß er ſich ihr nähere, oder nicht? das war die Frage, die ihn noch zurückhielt. Leiſe drehte er den glänzenden Metallgriff, öffnete die Thür und, wie ein Engel aus den ewigen Ge⸗ filden der Vollkommenheit, ſtand Berenice vor ihm und hielt ihm mit einem himmliſchen Lächeln ihre geöffneten Arme entgegen. Unbewußt und in ſeliger Wonne dieſer Welt ent⸗ rückt, ſanken ſie ſich in die Arme, ihre Herzen ſchlugen 4. 106 zuſammen, ihre Freudenthränen miſchten ſich und ihre Seelen waren in eine vereinigt. Lange Zeit hielt Farland, von der unverhofften Seligkeit überwältigt, regunglos das theuere Mädchen feſt umſchloſſen an ſeiner Bruſt, ehe ein ausgeſpro⸗ chenes Wort ſie Beide dieſer Welt wiedergab. Be⸗ renice, ihrer unbegrenzten Liebe hingegeben, fühlte, ſie habe ihren höchſten irdiſchen Wunſch erreicht und Far⸗ land konnte das himmliſche Weſen, welches er um⸗ ſchlungen hielt, nicht von ſich laſſen. „Meine ewig, einzig geliebte Berenice, wie endlos glücklich machſt Du mich!“ brach Farland zuerſt das beſeligende Schweigen und begegnete wonnetrunken dem in Liebe erſterbenden Blick des angebeteten Mädchens. „Mein Leben, Farland, iſt Dein Eigenthum, ich athme, ich fühle, ich denke nur durch Dich, unſere Seelen ſind Eins und der irdiſche Raum, der ſich zwi⸗ ſchen unſere Körper drängen mag, kann ſie nicht von einander trennen. Ich bin bei Dir geweſen, wo Du auch weilteſt, und habe Dich auch eben auf Deinem Wege hierher begleitet. Dir gehöre ich an, mit Leib und Seele.“ Mit dieſen Worten ſank Berenice abermals an Farlands Bruſt und in langem innigem Kuſſe vergaßen Beide, daß ſolch ein Gipfel des Glücks in dieſer Welt nicht dauernd ſein dürfe. 3 107 „O, Du mein Alles!“ ſagte Farland im Ueber⸗ maße ſeiner Gefühle,„wird meine Liebe, mein Wille,. mein Leben hinreichen, Dich glücklich zu machen?“ „Bin ich es nicht ſchon vollkommen— iſt jemals ein Erdenkind glücklicher geweſen?“ antwortete Bere⸗ nice und ſchmiegte ſich feſter an Farland, der ſie in ſeinem Arm langſam nach dem Sopha geleitete und ſich mit ihr in demſelben niederließ. Hier gaben ſie den Gefühlen ihrer, in inniger Liebe erglühten Herzen Ausdruck, ſie gedachten nicht allein der Gegenwart, ſie beredeten auch ihre Zukunft und tauſchten die Verſicherungen ewiger unwandelbarer Liebe und Treue aus. Berenice übernahm es, ihr beiderſeitiges Glück ihrer Mutter mitzutheilen, doch Ralphs Name ward nicht genannt. Die Sonne warf ihren letzten Blick, wie zum Glück⸗ wunſch für die beiden Liebenden durch die klaren Fenſterſcheiben und ihr Strahl fiel auf das Vergiß⸗ meinnicht an der Wand über dem Sopha. „Bei dieſem Blümchen hatten wir uns ſchon Liebe geſchworen,“ ſagte Berenice zu Farland, als dieſer zu⸗ gleich mit ihr dem Sonnenſtrahl folgte und den Blick auf das Vergißmeinnicht heftete, und fügte dann noch mit wehmüthiger Betonung hinzu: „Das arme Blümchen, es hat für ſeinen Liebes⸗ 108 dienſt ſterben müſſen; für immer ſoll es aber ein ſtummer Zeuge unſeres Bundes bleiben.“ Jetzt ſtieg die Sonne in ihr Gluthenbett hinab, der wolkenloſe, in Feuerlicht ſchwimmende weſtliche Himmel färbte ſich tiefer und röther, bis nur noch ein blutrother Streif über dem dunkeln Purpur der fernen Gebirge den Fleck bezeichnete, wo das Geſtirn verſunken war. In dem Gemach der beiden Glücklichen war es düſter geworden, doch ihre Worte bedurften der Wärme der Sonne nicht und ihre Blicke konnten deren Glanz entbehren. Die Nacht brach ein, als der überglückliche Far⸗ land ſich von der heiß geliebten, der angebeteten ſüßen Berenice losriß und zum Abſchied noch in der Thür des Zimmers ihre ſchönen Lippen mit den ſeinigen berührte. „Komm Morgen gegen Abend, Geliebter, dann triffſt Du mich mit der Mutter allein,“ ſagte ſie beim Scheiden. Farland trat, wie in einem Traume aus dem Corridor in die Dunkelheit hinaus und beſtieg ſein Pferd. Das Glück, das ihm an dieſen Abend zu Theil geworden war, machte ihn trunken, es war zu groß, zu unüberſehbar, als daß ſeine Gedanken es hätten faſſen können, er glaubte, Berenice im Arm zu halten, ſo lebhaft hielt ſeine glühende Phantaſie ihr Engelsbild 109 feſt, er meinte, er drückte ſie an ſein Herz, er ſah in ihre wunderbar ſchönen Augen, er hörte ihre ſüße Stimme und gewahrte nicht, daß er einſam und langſam durch die weite nachtbedeckte Prairie zog. Der laute Willkommen Guards weckte ihn aus ſeinem ſeligen Traume, das Roß ward ihm abgenom⸗ men, der alte Hund ſprang jubelnd an ihm in die Höhe und die Quadrone leuchtete ihm in das Zimmer. Farland hatte keine Worte. Er dankte für das Abend⸗ brod, welches die Selavin ihm bot, verabſchiedete dieſe aus ſeinem Gemach und verſchloß die Thür. Er mußte allein ſein, um ſich ſammeln, um das Geſche⸗ hene in ſeinen Gedanken aufnehmen und ordnen zu können. Bald ſchritt er mit verſchränkten Armen in dem großen Zimmer auf und ab, bald blieb er gedanken⸗ voll ſtehen und ſchaute vor ſich nieder, bald ſetzte er ſich in den Armſtuhl vor das luſtig flackernde Kamin⸗ feuer, ſeinem Glück aber konnte er keine Grenzen ab⸗ gewinnen, um deſſen Tragweite zu erkennen. Nur ein beſtimmter Gedanke drängte ſich ſtärker und ge⸗ waltſamer in ſeine wonnetrunkene Seele und um den⸗ ſelben her wurde es ernſter. Es war der Gedanke an den Geſundheitszuſtand der Geliebten, und an die Frage, ob ſie ſich jemals ſo vollkommen wieder erholen würde, daß er ſie zu ſeiner Gattin machen dürfe? Herbe Schickſale und Leiden hatten die beglückende 110 Schwäche, Luftſchlöſſer zu bauen, ſich leichten Sinnes raſch eitelen Hoffnungen hinzugeben und ſich in ihnen glücklich zu fühlen, lange ſchon aus Farlands Cha⸗ rakter entfernt und die Lebensfrage, die er jetzt an ſich that, konnte er nicht mit Beſtimmtheit beant⸗ worten. Sie verdrängte ſein Glück nicht, ſie miſchte aber eine Thräne hinein, und von dem Gipfel ſeiner Seligkeit blickte er in einen bodenloſen Abgrund der Verzweiflung. Ueber ihn ſelbſt hatte von ſeiner früheſten Kind⸗ heit an eine unſichtbare ſchützende Hand gewacht und ihn ſo oft vom nahen Untergang hinweggeriſſen, das aber, was er oftmals für das einzige Glück ſeines Lebens erkannt hatte, war nicht durch ſie beſchützt worden und mit Zagen blickte er auf die bleiche ſchöne Berenice, die lebendig, wie in Wirklichkeit, vor ſeiner Phantaſie ſtand. Sein Wille, ſein unbeugſamer eiſerner Wille aber, mit dem er ſo oft gewaltſam in das wirbelnde Rad ſeines Geſchicks eingegriffen und es in ſeinem Laufe von einem Abgrund zurückgehalten hatte, gab ihm Hoffnung und mit ſeiner eigenen Lebenskraft glaubte er, Berenicen an dieſe Welt feſſeln zu können. Sein ganzes Wiſſen, ſeine ganze vielſeitige langjährige Er⸗ fahrung ſammelte er vor ſeinem Geiſte, erwog die Mittel, die Behandlung, mit denen er der Krankheit der Geliebten begegnen müſſe, und mit dieſer Waffe 14 in der Hand und mit ſeinem Willen, ja, mit ſeinem eigenen Leben wollte er jenem Feinde trotzen. Der Tag graute, ehe er auf ſein Lager ſank, und das Bild Berenicens mit hinüber in ſeine Träume nahm. Wie ein Frühlingshauch wirbelnd mit dem Blüthenregen ſpielt, ſo umgaukelten ihn die Bilder ſeiner wonnigen Zukunft im ſüßen Schlummer, und beglückt, das Herz mit Hoffnung erfüllt, begrüßte er den neuen Tag. Niemals in ſeinem Leben war Farland ein Son⸗ nenſchein ſo endlos vorgekommen als heute. Er unternahm Tauſenderlei, um die Zeit hinzubringen, gern hätte er ſeine alten Freunde, ſeine Waffen ge⸗ nommen und den Hengſt beſtiegen, um mit Guard in wilder Jagd durch die Prairie zu ſtürmen, die blutige Unterhaltung paßte aber nicht für ſeine Stim⸗ mung, er hätte heute nicht nach dem Herzen eines Thieres zielen können und wäre es auch ein Raubthier geweſen; denn auch das Raubthier konnte lieben. Endlich verlängerten ſich die Schatten, der Tag neigte ſich und Farland eilte ſeiner aufgehenden Sonne entgegen. Eva empfing ihn in dem Corridor mit freudigem Antlitz und Thränen in den Augen, ſie ergriff mit zitternden Händen ſchweigend ſeine Rechte und preßte ihre vollen Lippen darauf. Dann öffnete ſie die Thür durchbebt in daſſelbe ein. Eloiſe hielt ih re Tochter mit ihrem Arm umſchlun⸗ gen, ſie führte dieſelbe Farland entgegen, indem ſie ihm ihre Rechte darbot und die Gewalt des Augen⸗ K rhte allen Dreien die Worte. rait empfing Berenice aus der treuen Mutter⸗ hand an ſeinem Herzen und Eloiſe ſegnete ihren Bund. Dann ſch oß Farland auch die Mutter der Geliebten in ſeine Arme, gelobte Treue und ewige Liebe für Berenice und verſprach, Beiden eine feſte Stütze durchs Leben zu ſein. Abermals blickte die untergehende Sonne in das Gemach und gab heute dreien Beſeligten ihren freund⸗ lichen Abſchiedsgruß, denn Eloiſens Glück ſtand nicht hinter dem der beiden Liebenden zurück; nur in Be⸗ renice lebte ſie, was dieſe betraf, wiederfuhr auch ihr. Sie hatte dies köſtlichſte Kleinod bisher mit Bangen und Zagen überwacht, jetzt ſicherte ihr eine mächtige Stütze dieſen Schatz. Kaum hatte ſich die Nacht über die Erde gelegt, als Farland die Theuere ſeines Herzens verließ, um ihr keinen Augenblick der ihr noch ſo nöthigen Ruhe zu rauben; heute aber eilte er mehr ſeines Glückes bewußt und mit feſterer Hoffnung für ſeine Zukunft der Heimath zu, denn Berenice war ihm noch nicht . 112 ₰ von Berenicens Wohnzimmer und Farland trat wonne⸗ 11¹3 wieder ſo wohl und ſo natürlich blühend erſchienen, als an dieſem Abend. Von jetzt an beſuchte Farland Berenice zweimal täglich, ſein Morgenbeſuch galt mehr der Patientin, der während des Abends mehr der Geliebten. Dieſelbe erholte ſich gegen alles Erwarten ſchnell, ihre Kräfte nahmen raſch zu, ihre frühere reizende Fülle ſtellte ſich wieder ein, und die natürliche leichte Röthe ihrer zarten Wangen verkündete ihre zurückkeh⸗ rende Geſundheit. Nur blieb immer noch ein Mißverhältniß zwiſchen ihrem innern Seelenleben und ihren Sinnen zu der Außenwelt. Zu Zeiten konnte ſie in Unterredung mit Farland ſich in höchſter Begeiſterung einem wilden Gedankenfluge hingeben und plötzlich, wie ermüdet, verſtummen und mit geſchloſſenen Augen an ſeine Bruſt ſinken, ohne, wenn ſie nach wenigen Minuten das Geſpräch wieder aufgriff, ſich ermattet, oder abge⸗ ſpannt zu fühlen. Farland hielt ſein ganzes Augenmerk darauf ge⸗ richtet, dieſe unnatürlich erhöhte Thätigkeit ihres gei⸗ ſtigen Lebens zu beſchränken und Berenice mehr an das materielle zu feſſeln. Er veranlaßte ſie, die Pflege der Blumen, die durch den ganzen Park ver⸗ breitet waren, von ihrer Mutter zu übernehmen, brachte ſelbſt ſtundenlang des Morgens mit ihr dort zu und half ihr, neue Anlagen ſchaffen. Die ſeltene Ralph Norwood. V. 8 114 Triebkraft der Erde dieſes Landes, welche Roſenbüſche oft in einem Jahre Schüſſe von zwölf Fuß Länge machen läßt, unterſtützte Farlands Vorhaben, in Be⸗ renice Liebhaberei für die Gartenpflege anzufachen und das herrliche Gedeihen ihrer Pflanzungen zog ſie täg⸗ lich mehr zu dieſen hin. Berenice konnte nun auch wieder ihre edele Iſa⸗ belle beſteigen und Farland war ihr ſteter Begleiter bei ihren Ritten. Er führte ſie auf ihm bekannten alten Indianerpfaden durch die Berge und Wälder, manche ſchöne Blume wurde von dort mit der Pflanze, an der ſie erblüht war, nach Berenicens Anlagen in den Park getragen und ihr dort eine neue Heimath angewieſen. An einem prächtigen Sommerabend, nachdem Far⸗ land mit der Heißgeliehten mehrere Stunden lang in den tiefen Schatten der Urwälder umhergeritten war, erreichten ſie bei Sonnenuntergang die Höhe, auf welcher der wilde Pflaumenbaum ſtand. Es war ein reizender wundervoller Abend, die Luft zog friſch und kühlend über die Höhe und der Himmel im Weſten war in ein Gluthmeer verwandelt. Berenice wünſchte auf der Bank unter dem Pflaumenbaum zu ruhen, Farland hob ſie von ihrem Pferde, führte ſie zu dem Sitz, und ließ ſich mit ihr auf der Bank nieder. Von ſeinem Arm umſchlungen, hielt Bereniee ihren ſchwärmeriſchen Blick auf ihn ge⸗ 115 heftet und gab ſich ſeinen Liebkoſungen, ſeinen Küſſen hin. „Höre, mein Geliebter,“ ſagte ſie mit ſeelenvollem Ton,„ſollte ich Dich einſt allein in dieſer Welt, die mir durch Dich zum Himmel geworden iſt, zurück⸗ laſſen, und Du willſt meinem Geiſte nahe ſein, dann komm unter dieſen Baum, hier wirſt Du mich finden; ich fühle es, daß dieſer Ort, an dem wir uns zuerſt begegneten, für unſere Seelen ewig von Bedeutung und ſtets ein Punkt für ihre Vereinigung bleiben wird.“„ Sie hatte dieſe Worte in ſo vollem Ernſte geſagt und ihr Blick zeugte ſo deutlich, ſie habe ihre innerſte Ueberzeugung ausgeſtrochen, daß Farland ſie einige Augenblicke überraſcht und verwundert anſchaute, dann aber ſagte er ſchnell: „Unſere Seelen, theuerſte Berenice, werden ſich immer und allenthalben nahe ſein, freilich werden unſere Gedanken häufig und gern zu dieſem Orte eilen, da hier unſer Glück zuerſt aufſproßte. Auch mir iſt er darum ſo lieb und werth.“ „Nein, nein, Farland, dieſer Baum iſt von grö⸗ ßerer Bedeutung für mich“, fiel Berenice noch ernſter ein, doch Farland gab dem Geſpräch ſchnell eine andere Richtung und erinnerte an den Heimweg. Abſichtlich vermied er von nun an, Berenice hierher 8* 116 zu führen, da augenſcheinlich dieſer Ort etwas uner⸗ klärlich Aufregendes für ſie gehabt hatte. Am folgenden Morgen traf er ſie nicht in ihrem Zimmer, ſondern in dem Saal, wo ſie beſchäftigt war, etwas Staub von ihrem Bild zu entfernen. „Du findeſt mich mit mir ſelbſt in Unterhaltung und wirſt mir meine Eitelkeit vorwerfen. Es iſt aber nicht die Schönheit, die man mir auf dem Bilde un⸗ verdienter Weiſe gab, wonach ich mich ſehne, es iſt der Geiſt, der damals in mir wohnte, welchen ich mir wieder wünſche. Ich war zu jener Zeit nie krank geweſen,“ ſagte Berenice, indem ſie ihren ſchönen Arm um Farlands Schulter legte und ihm zum Mor⸗ gengruß ihren ſüßen Mund hinhielt. „Um die Schönheit brauchſt Du wahrlich das Bild nicht zu beneiden, welcher Künſtler kann ſolche Lieb⸗ lichkeit malen!“ entgegnete Farland, die Geliebte an ſein Herz drückend.„Und was Deine Geſundheit anbetrifft, ſo wirſt Du Dich bald noch wohler und kräftiger fühlen, als zu jener Zeit, da ſich Dein Körper von ſeinem Ausbilden noch nicht ganz er⸗ holt hatte.“ Farland hatte Berenice über ihr Befinden gefragt, die zufriedenſtellendſte Antwort darauf erhalten und ſchlug nun vor, den Blumen einen Beſuch abzuſtatten. Zugleich bemerkte er, Berenice möge ihm in dieſen 117 Tagen Etwas auf dem Flügel vorſpielen; er erhob ſich und trat mit den Worten zu dem Inſtrument: „Er wird aber wohl ganz verſtimmt ſein.“ Er hatte ſich auf dem Seſſel vor dem Inſtrument nieder⸗ gelaſſen, griff einige Accorde und begann eine Betho⸗ venſche Compoſition zu ſpielen, die ihm noch aus frühern Jahren im Gedächtniß geblieben war. Dann rach er aber plötzlich mit den Worten ab: „Es geht nicht mehr, die Hände ſind andere Arbeit gewohnt worden“, und wandte ſich im Aufſtehen nach Berenicen um. Ueberraſcht und halb erſchrocken fiel ſein Blick auf die Geliebte, denn ſie ſchien zu ſchlafen; ſie war zurück in das Sopha geſunken, ihr Arm ruhte auf deſſen Seitenpolſter und ihre Augenlider waren her⸗ abgeſunken. Farland ſchritt raſch, aber leiſe zu ihr hin, ſie bemerkte ſein Nahen nicht. Ihre Augen waren nicht vollkommen geſchloſſen, deren Sterne waren nach Oben gerichtet, und auf ihrem Antlitz lag ein Ausdruck von Heiterkeit. Farland vermuthete, daß die wenigen ſchwer⸗ müthigen Töne des Flügels Berenice in einen mag⸗ netiſchen Schlaf verſenkt hätten, und bald überzeugte er ſich von der Richtigkeit ſeiner Anſicht; denn als er leiſe die Hand ihrer Herzgrube näherte und ſie dagegendrückte, begann die Schlafende den Mund 118 krampfhaft zu bewegen, ihre Finger zuckten und ein Ausdruck des Schmerzes überflog ihre Züge. Bald darauf aber ſchlug ſie die Augen auf, blickte erſtaunt nach Farland, der zu ihr niedergebeugt vor ihr ſtand, und ſagte: Mein Gott, habe ich geſchlafen?“ „Ich bemerkte, daß ſich ein wohlthuender Schlum⸗ mer Dir nahete, ſüße Berenice, und wollte ihn ab⸗ ſichtlich nicht ſtören. Schlaf iſt Geſundheit für Dich“, entgegnete Farland mit heiterem Ton und ließ ſich neben der Geliebten nieder. Berenice erinnerte ſich nicht, daß Farland auf dem Flügel geſpielt habe. Sie fühlte ſich ganz wohl, nahm bald darauf den Arm ihres Geliebten, ergriff im Hinausgehen aus dem Hauſe ihren Sonnenhut, der im Eingange auf einem Stuhl lag, hing ihn über ihr Lockenhaar und wandelte nun mit Farland unter den dichten, ſchattigen Bäumen hin zu den Blumenbeeten, die in allen Richtungen durch den Park angebracht waren. Elviſe, die ſich ihnen zugeſellt hatte, leiſtete ihnen auf der Wanderung Geſellſchaft, und als Farland im Begriff war, Beide zu verlaſſen, ſagte ſie zu ihm: „Ich habe eine Bitte zu Ihnen, wobei Berenice gleichfalls intereſſirt iſt.“ ½ Farland erklärte ſich mit Freuden bereit, Alles für ſie zu thun, was in ſeinen Kräften ſtände, worauf Elviſe fortfuhr: „Ich bin im Beſitz eines ſehr werthvollen Ringes, der das Eigenthum Berenicens iſt. Ich wünſche, daß ſie ihn trage, und doch darf dies nicht geſchehen, wenn der Ring ihr nicht durch eine dritte Perſon in Gegenwart meines Gatten zum Geſchenk gemacht wird, da gerade dieſer es nicht wiſſen darf, daß der Ring von mir kommt.“ „Wollen Sie den Stein aus dem Golde nehmen und denſelben für Berenice in der Stadt neu faſſen laſſen, ſo werden Sie uns Beide verpflichten, und bitte ich Sie, dann noch den Ring einige Zeit ſelbſt an Ihrem kleinen Finger zu tragen, ſo daß General Norwvod denſelben in Ihrem Beſitz weiß, ehe Sie ihn in deſſen Gegenwart Berenicen zum Geſchenk machen. Dies kann dann hiernächſt bei einer paſſen⸗ den Gelegenheit geſchehen.“ Mit Freude übernahm es Farland, die Aufgabe aufs Beſte zu löſen, worauf Elviſe in das Haus eilte und bald mit dem Ring in der Hand zurückkehrte. Es war derſelbe Ring, den Montelard ihr einſt ge⸗ geben hatte. Der Mutter und der Tochter traten Thränen in die Augen, als die Hülle, die den Ring verbarg, geöffnet ward und deſſen Stein ihnen mit blendenden Strahlen entgegenblitzte. ——————— 120 Ueberraſcht erblickte Farland das koſtbare Kleinod, deſſen eigenthümlicher höchſter Werth ihm aber in dem Geheimniß zu liegen ſchien, über ſeiner Ge⸗ ſchichte ruhte. Er erkannte die Bewegung, die der Anblick des Ringes bei Elviſen, ſowie auch bei ihrer Tochter her⸗ vorbrachte, nahm ihn ſchnell in ſeinen Beſitz, zog Berenicen einen ihrer Ringe von dem Finger, um ſich deſſen Größe zu merken, und entfernte ſich dann mit dem Verſprechen, baldmöglichſt den Auftrag aus⸗ zuführen. Mit dem Eintritt des Herbſtes war Norwoods Plantage an der andern Seite des Stromes voll⸗ ſtändig eingerichtet, es war eine ſehr bedeutende Maisernte dort erzielt worden und die ungeheuern Felder wurden jetzt vorbereitet, um im kommenden Frühjahr Baumwolle darauf zu pflanzen. Zugleich hatte Ralph den Weg von dem Fluſſe bis zu der Plantage, der theilweiſe über ſehr niedrige ſumpfige Stellen des Urwaldes führte, die im Früh⸗ jahr der Ueberſchwemmung ausgeſetzt waren, durch Auffüllen beträchtlich erhöhen laſſen; er hatte die feuchteſten Plätze mit Brücken verſehen und, ſo viel als thunlich, Abzugskanäle angelegt, um das ſtehende Waſſer zu entfernen. Durch dieſe Verbeſſerung des 121 Weges waren die Uebelſtände, welche die Abgelegen⸗ heit der Plantage mit ſich führte, ſehr vermindert und die Verbindung mit der Stadt C.... weſentlich erleichtert worden. Ralph war jetzt der bedeutendſte Pflanzer im ganzen Lande und ſein Einkommen mußte im folgenden Jahre enorm geſteigert werden. Sein Einfluß unter dem Volke hatte ſich ſehr ge⸗ hoben, denn man konnte ihm ſeit ſeines Hierſeins keine unrechte Handlung vorwerfen, im Gegentheil, er hatte ſich vielſeitig hülfsbedürftiger Leute ange⸗ nommen und ihnen mit baaren Geldvorſchüſſen ge⸗ holfen, wenngleich dies auch gegen ſehr ſchwere Zinſen geſchehen war. Die Gerüchte über ſein früheres Leben verloren täglich mehr an Glaubwürdigkeit und ſtatt der Verachtung, die ihn wohl früher deshalb getroffen hatte, wurde ihm der Name eines smart man(ge⸗ wandten Mannes) beigelegt. Zu ſeiner höchſten Genugthuung ſah nun Ralph auch, daß Berenicens Geſundheit vollkommen erſtarkte, und mit Verlangen erwartete er den Augenblick, wo ſie wieder Abends in dem Salon erſcheinen würde, da er durch ihren Zauber auch die beſten und wohl⸗ habendſten Familien des Landes, die ſich bis jetzt noch fern von ihm gehalten hatten, für ſich zu ge⸗ winnen hoffte. Sie ſpielte wieder häufig auf dem Flügel, begleitete ihren Geſang mit der Harfe, und in ihrer Unter⸗ 122 haltung ſprach ſich das neue, kräftige Leben aus, welches ihre friſche, blühende Erſcheinung täglich mehr kund that. Wohl hatte Ralph das Einverſtändniß zwiſchen Berenice und Farland bemerkt und es war ihm nicht entgangen, daß Elviſe daſſelbe begünſtigte; ohne Far⸗ lands Hülfe aber, das wußte er recht gut, würde er Berenice verloren haben, und ſo beſchloß er, ihn vor⸗ läufig in ſeinen Bemühungen für dieſelbe nicht zu ſtören, da ſie ſeinen eigenen Intereſſen ſo ſehr för⸗ derlich waren. Das Glück der beiden Liebenden kannte jetzt keine Grenzen; jeder neue Tag brachte ihnen neue Wonne, neue Seligkeit und jeder Gedanke an eine mögliche Störung des Himmels, der ſie umgab, war aus ihren Herzen verſchwunden. Berenice war heiter und froh, ſie verfiel nicht mehr in ihre frühere krankhaft gereizte Aufregung, es ſchien ihre Seele ſich vollſtändig mit der ihres Geliebten vereinigt zu haben, und dieſer gebrauchte all ſeinen Einfluß auf Berenice, um ihren Geiſt immer feſter an das Irdiſche zu binden. Oft⸗ mals Abends, wenn ſich Freunde um ſie reihten, ſang und ſpielte ſie wieder, wie früher, mit allem Gefühl und leidenſchaftlichem Ausdruck, doch ihre Begeiſterung wurde ſtets von dem Gedanken an Farland beherrſcht. Mit glückſeliger Zufriedenheit ſah Elviſe ihre Tochter einem friſchen, freudigen Leben wiedergegeben, 123 mit dankerfülltem Herzen bemerkte ſie, wie deren Glück mit dem ihres Retters ſich von Tag zu Tag mehrte und feſter gründete, und machte ſich manchen ſtillen Vorwurf über frühere Bitterkeit gegen ihr Ge⸗ ſchick, welches ſich nun ſo beſeligend für ſie ge⸗ ſtaltet hatte. An einem heitern Oetobertag war Ralph erſt Nach⸗ mittags von der Plantage nach ſeinem Wohnſitz her⸗ übergekommen und hatte trotz der Brücken und Ver⸗ beſſerungen des Weges an mehreren ſehr tief liegenden Stellen deſſelben hohes Waſſer angetroffen, ſo daß ſein Pferd genöthigt worden war, zu ſchwimmen. Heftige Regen weiter nördlich in den Bergen hatten den Strom angeſchwellt und deſſen Waſſer war in den Vertiefungen durch den Wald gedrungen. Aus dieſem Grunde beſchloß Ralph, während der Nacht hier zu bleiben und erſt am folgenden Morgen nach der Plantage zurückzureiten. Der Zufall wollte, daß kurz, nachdem er mit Elviſen und Berenice zu Nacht geſpeiſt hatte, ſich zahlreicher Beſuch aus der Nach⸗ barſchaft in ſeinem Hauſe einfand und auch mehrere Bekannte aus der Stadt geritten kamen, um den Abend hier hinzubringen. Man verſammelte ſich in dem hell erleuchteten Saal, und Berenice verſetzte die Geſellſchaft durch ihre lebhafte, heitere Unterhaltung und liebenswürdige Zuvorkommenheit in eine überaus frohe, vergnügte 124 Stimmung. Dabei war aber ihre Aufmerkſamkeit unausgeſetzt zugleich nach der offenen Thür gerichtet, die in den erleuchteten Corridor führte, denn ſie hoffte Farland noch zu ſehen, obgleich es ſchon ſpät war. Geſchäfte hatten dieſen länger als gewöhnlich zu Hauſe aufgehalten, um ſo raſcher mußte ihn ſein Roß dem OQuell ſeines unbegrenzten Glücks zutragen. Als er durch die Seitenthür von Norwoods Haus in den Corridor eintrat, harrte Eva ſeiner dort und theilte ihm mit, daß General Norwood und viele Fremde ſich in dem Saal befänden und daß Berenice ihn bitten laſſe, dorthin zu kommen. Farland folgte der Aufforderung und wurde von allen den anweſenden Gäſten aufs Herzlichſte begrüßt, denn faſt ſämmtlich waren ſie ihm aus einem voder dem andern Grunde verpflichtet. Auch Ralph kam ihm mit großer Höflichkeit entgegen, drückte ihm die Hand und verſicherte ihm, er freue ſich unendlich, ihn hier zu ſehen. Farland hatte neben dem Sopha Platz genommen, in welchem Eloiſe ſaß, und unterhielt ſich mit der⸗ ſelben, während ſeine Hand, an deren kleinem Finger der Brillantring blitzte, auf dem Seitenpolſter ruhte und die Lichter des Kronleuchters ſich in tauſend Farben auf dem koſtbaren Stein ſpiegelten. Die Augen Ralph's, der an der andern Seite des Saals, Farland gegenüber, ſaß, waren ſchon mehr⸗ 125 mals durch die Blitze des Steins getroffen und er ſtand plötzlich, von dem herrlichen Feuer deſſelben angezogen, auf und ſchritt mit den Worten auf Far⸗ land zu: „Ei, ei, Herr Farland, welch einen prächtigen Stein tragen Sie an Ihrer Hand, erlauben Sie, daß ich ihn näher beſehe.“ „O ja, es iſt ein ſchöner Solitair“, erwiederte dieſer, indem er die Hand zu dem General aufhob und ihm den Stein zum Betrachten hinhielt. Wie wenn Ralph in ſeinen augenblicklichen Tod geſchaut hätte, ſo ſchreckte er zuſammen, ſein Haar ſchien ſich zu ſträuben, ſeine Lippen bebten, jeder Blutstropfen war aus ſeinem Geſicht verſchwunden und ſeine Augen, deren ſtieren Blick er auf den Stein heftete, ſchienen aus ihren Höhlen hervorbrechen zu wollen. Mit zitternder Hand hielt er einige Augen⸗ blicke den feſt zuſammengebogenen Finger Farlands, an welchem der Ring funkelte, ohne nur ein Wort hervorbringen zu können. Dann plötzlich ließ er ihn los, warf einen wuth⸗ ſprühenden Blick auf Elviſe und verließ raſch das Zimmer. Ralph hatte den Stein wiedererkannt, der durch ſeine vvale Form und ſeine ungewöhnliche Höhe etwas ganz Eigenthümliches beſaß und den Jener, als er noch an Montelards Finger ſaß, ſeinem Gedächtniß 126 zu genau eingeprägt hatte, als daß er ihn nicht unter tauſenden hätte herausfinden können. Ralph's auffallendes, räthſelhaftes Betragen und ſein Verſchwinden hatte eine Störung in der Geſell⸗ ſchaft hervorgebracht, die Farland ſich bemühte, durch eine lebhafte, ſcherzende Unterhaltung, ſo viel es möglich war, zu beſeitigen und dadurch die Aufmerk⸗ ſamkeit von Elviſen und ihrer Tochter abzulenken, welche Beide bleich und ſtumm geworden waren. Nach einer Weile jedoch kehrte Ralph in den Saal zurück, griff in das Geſpräch wieder ein und that, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen ſei. Seinen Blick aber hielt er von dem furchtbaren Zeugen gegen Eloiſen, von dem Stein, abgewandt, der ſeine Eiferſucht, den Seorpion, der ſeit ſo vielen Jahren ſeine Bruſt zernagt, mit aller Gluth wieder belebt hatte. War es wirklich derſelbe Stein? es wäre ja möglich geweſen, daß ein zweiter, ihm ganz ähnlicher, vorhanden war, und wenn dies der Fall, wie kam er in Farlands Beſitz? Das waren die Fragen, die das Hirn Ralph's durchzuckten und es mit folternden Erinnerungen aus vergangener Zeit beſtürmten. Mit Tagesanbruch verließ er am folgenden Morgen das Haus und kehrte in länger als einer Woche nicht dahin von der Plantage zurück. Er kam von nun an überhaupt noch ſeltener, als früher, und ritt regel⸗ eaeeec 127 mäßig, ehe er ſich dem Wohngebäude näherte, nach der Einzäunung hin, wo die Reitpferde ſich befanden; erblickte er dort Farlands Hengſt, ſo ſchlug er ſicher ſchnell den Weg an dem Park vorüber ein und kehrte erſt nach einigen Stunden zurück, wenn er glaubte annehmen zu können, Farland habe ſich entfernt. Der Dezember war herangekommen und Ralph hatte beſchloſſen, in dieſem Monat die Feſtlichkeiten zu eröffnen, die er während dieſes Winters in ſeinem Hauſe zu geben beabſichtigte. Mit einer großen glän⸗ zenden Svirée ſollte der Anfang gemacht werden. Eine Woche vor dem dazu beſtimmten Tage wurden einige hundert Einladungen in das Land und in die Stadt geſandt, und in Norwoods Park, wie Ralph dieſe ſeine Beſitzung nannte, machte man während dieſer Zeit alle Anſtrengungen, um das Feſt mög⸗ lichſt glänzend werden zu laſſen. Eine Anzahl der hübſcheſten Mulatten⸗ und Quadronenmädchen, deren Ralph eine große Menge auf der Plantage beſaß, ließ er herüberkommen und feine weiße Anzüge für ſie anfertigen, gewandte Negerburſchen wurden ſchwarz gekleidet, um mit Jenen die Aufwartung im Haus zu beſorgen, und in der Küche war man eifrig be⸗ ſchäftigt, die Speiſen und vielfältigen Erfriſchungen, wie Cremes, Gelées und dergleichen, zu bereiten. 128 Während früher bei ähnlichen Gelegenheiten Be⸗ renice ſchon mehrere Tage vorher in eine fieberhafte Aufregung gerieth, die ſich bis zu dem Augenblicke ſteigerte, in dem die Feſtlichkeit eröffnet wurde, ſo blieb ſie jetzt nicht allein vollkommen ruhig und ge⸗ laſſen, nein, ſie legte ſelbſt Hand mit an, ihrer Mutter bei den Vorbereitungen behülflich zu ſein und ihr Theil dazu beizutragen, daß Alles wenn möglich über Erwartung vortrefflich ausfallen möge. Sie wußte, daß ſie dadurch in Farlands Sinne handele, und dieſer verſäumte nicht, ihr täglich bei ſeinen Be⸗ ſuchen ſeine Freude darüber auszuſprechen. Der Feſtabend erſchien; das Haus und der Park erglänzten in Lichter⸗ und Feuerſchein und die herrlich geſchmückten Räume füllten ſich mit Gäſten, die von weit und breit ſich eingefunden hatten. Die reichſten, angeſehenſten Familien des Landes befanden ſich unter ihnen, nur Arnolds und deren nähere Freunde fehlten. Farland jedoch war auf den ausdrücklichen Wunſch Elviſens erſchienen und hatte ihr das Verſprechen geben müſſen, bis zum folgenden Morgen bei ihnen im Hauſe zu verweilen. Er ſelbſt führte Berenice an dieſem Abend zu dem Flügel, ſie ſpielte mit einer Meiſterſchaft, wie ſie ſolche kaum jemals früher entwickelt, und nachdem ſie alle ihre Zuhörer mit Bewunderung und Begeiſterung 129 erfüllt hatte, reichte Farland ihr die Harfe, damit nun ihr Geſang alle Herzen vollends bezaubere. Mit einem heiteren, freudigen Lächeln empfing Berenice, nachdem die, dem Liede nachrauſchenden Harfenklänge verweht waren, das Lob und die Dank⸗ bezeugungen der entzückten Menge, während Ralph mit Stolz an ihrer Seite ſtand und an dem Triumph, den ſie feierte, ſelbſt ſich betheiligte. Jetzt aber nahmen Berenicens Augen einen andern, einen gefühlvollern Ausdruck an, das zarte Roth ihrer Wangen wurde zum glühenden Incarnat und ein wonniges Lächeln belebte ihre edeln, ſchönen Züge, denn ſie gewahrte Farland, wie er ſich raſch durch die Menge zu ihr herandrängte und erkannte in ſeinem Blick das Lob, welches er ihr zollen wollte. Er trat vor ſie hin, verneigte ſich vor ihr und ſagte: „Sie haben meine Lippen arm gemacht, Fräulein Bereniee, nach ſolchen Zauberklängen ſchallt das Wort der Rede wie ein Mißton. Erlauben Sie mir, daß ich dieſem Ringe es übertrage, Ihnen die wonnigen Gefühle auszuſprechen, mit denen Sie meine Bruſt erfüllt haben, und möge er Ihnen ein ſteter Zeuge meiner ewigen Dankbarkeit und unbegrenzten treuen Ergebenheit bleiben.“ Mit dieſen Worten ergriff Farland die ſchneeige Hand Berenicens und ſchob ihr den koſtbaren Bril⸗ Ralph Norwood. V. 9 — —— 130 lantring an den Finger. Dann verneigte er ſich abermals und trat raſch durch die erſtaunte Menge zurück, die ihre verwunderten Blicke auf den Brillant heftete, der nun an Berenieens Alabaſterhand blitzte. Auch Ralph war in den Hintergrund getreten, ſeine buſchigen Brauen hatten ſich finſter zuſammen⸗ gezogen, er hatte die Fäuſte geballt und ſeinen Augen war ein giftiger Seitenblick nach Farland entſprüht. Das graue Haar ſeines Hauptes ſtand borſtig nach Oben gerichtet und ſein aſchfarbenes Geſicht gab ihm bei der Regungsloſigkeit, womit er neben dem Mar⸗ morgeſimſe des Kamins ſtand, das Anſehen einer Steinfigur. Niemand aber, außer Farland, der ſeinen beobach⸗ tenden Blick wiederholt nach ihm hinüberrichtete, be⸗ merkte ihn, Aller Aufmerkſamkeit war auf die Göttin des Feſtes, auf Berenice gerichtet, zu der man ſich drängte, um ihr Huldigung zu ſpenden. Ralph blieb ſtumm und theilnahmlos während des Verlaufs des Abends, es war eine kaum ver⸗ harrſchte Wunde in ſeiner Bruſt, für deren Vernar⸗ bung er vergebens einen Meuchelmord begangen hatte, wieder aufgeriſſen, und blutige Gedanken zogen, im Verein mit einem Hinblick auf ſeine Stellung vor der Welt und auf ſein Vermögen, durch ſein Gehirn. Kaum waren die Räume leer geworden und der letzte Gaſt, bis auf Farland, hatte ſich entfernt, als 131 auch Ralph verſchwand und ſich in ſein Zimmer einſchloß. Die ſchöne, glückliche Berenice aber empfing nun erſt den Dank ihres Geliebten von deſſen Lippen für die Wonne, für den Zauber, den ſie in ſo reicher Fülle am heutigen Abend nur um ſeinetwillen aus⸗ geſtrahlt hatte. Die Lichter des Saales erloſchen, Elviſe und Berenice geleiteten Farland zu der Thür des für ihn beſtimmten Gemachs, und bald darauf gaben ſich alle Dreie in ſüßen Träumen dem Glücke hin, welches ihr Leben jetzt in ſo heeen Grade be⸗ ſeligte. 9⁸ ——————————— Capitel 45. Der Jäger.— Erinnerungen.— Die vermauerte Höble.— Der einſame Rei⸗ ter.— Das Lager im Schnee.— Der Büffel.— Das Obdach.— Haß.— Tallihadjo.— Unbarmherzigkeit.— Gift.— Der herzloſe Vater.— Trauer⸗ botſchaft. Piele hundert Meilen weiter nördlich, wo der Canadienflu ſeine kriſtallhellen Fluthen brauſend durch Lie einzelnen hohen, dichten Waldſtriche hin⸗ jagt, welche die wellenförmigen unabſehbaren Prairien durchziehen, bis er ſeine Wogen mit den klaren Ge⸗ wäſſern des Arkanſasfluſſes vereinigt, dort fiel um dieſe Zeit der erſte Schnee und ſeine leichten Flocken wehten bei einem ſcharfen Nordwind wirbelnd über die endloſen Flächen. Aus den weiten Ebenen ſah man hier und dort— einzelne Felskuppen emporſtreben, auf denen der wenige Schnee ſich ſchon dichter geſammelt hatte und ihre Spitzen auf weithin, wie einen weißen Punkt, über der Prairie erkennen ließ, deren Grün dem Winterkleide noch widerſtrebte. Mehrere Meilen von dem Canadienfluß entfernt, an einem ſeiner Arme, hob ſich eine ſolche Steinmaſſe über ſechzig Fuß hoch aus der Grasfläche empor und — 7 . — 133 ſchützte eine dichte Baum⸗ und Gebüſchgruppe, die ſich an ihre ſüdliche Seite dicht anlehnte, gegen den ſchneidenden Zug der Nordluft. Dieſe Bäume, mit Ausnahme einiger Cedern und Lebenseichen, waren bereits entblättert, wogegen das immergrüne Gebüſch, welches unter ihnen ſtand, ein fünfzehn Fuß hohes, undurchdringliches Dickicht bildete. In dieſem, hart an die Felswand angelehnt, befand ſich ein kleiner, freier Platz, auf welchem ein Mann beſchäftigt war, getrocknete Thierhäute in Ballen zuſammenzubinden und ſie durch eine in dem Felſen befindliche breite Spalte in das Innere deſſelben zu bringen. Dort wölbte ſich eine ziemlich geräumige, dunkele Höhle, die wohl früher den hier einheimiſchen grauen Bären oft zur Wohnung gedient haben mochte. Sie war vollkommen gegen Näſſe geſchützt und ſchien dem Manne, der jetzt die Ballen in dieſelbe hineinrollte, ſeit längerer Zeit zum Aufenthalt gedient zu haben, wie ein aus Laub bereitetes Lager, ein alter, mit Aſche und Kohlen bedeckter Feuerplatz und mehrere zerbrochene, auf dem Boden liegende Kürbisflaſchen andeuteten. Der Mann war von über ſechs Fuß hohem, her⸗ tuliſchem Körperbau und mußte in ſeiner Jugend ſchön geweſen ſein, wie ſeine jetzt ſcharf ausgeprägten, ſonnverbrannten Züge noch immer bezeugten. Das urſprünglich ſchwarze, lange Lockenhaar, welches über & — 134 ſeine mächtigen Schultern fiel, war bereits mit einem grauen Schein gefärbt, ſo auch der bis auf ſeine Bruſt herabhangende, gekräuſelte Bart; doch ſeine dunkeln Augen blitzten noch lebendig und ſeine ſchön geformte Adlernaſe gab ſeinem Geſicht einen ent⸗ ſchloſſenen, gebieteriſchen Ausdruck. Er trug ein rothes, wollenes Hemd, aus dem ſeine gebräunte koloſſale Bruſt hervorſah, ein hirſchledernes, eng an⸗ ſchließendes Beinkleid, welches die kräftigen Formen ſeiner Glieder zeigte, und Schuhe von gleichem Ma⸗ terial, welche beiden letzteren Gegenſtände von ihm ſelbſt angefertigt zu ſein ſchienen. Er hatte die Häute aus dem großen Vorrath, der ſich in der Höhle be⸗ fand, auf den Platz vor derſelben getragen, legte eine Anzahl derſelben ſauber aufeinander, drückte ſie wie⸗ derholt mit dem ganzen Gewicht ſeines Körpers nieder und ſchnürte ſie dann mittelſt Lederſtreifen mit einer außerordentlichen Kraft zu einem Ballen zuſammen, den er in die Höhle rollte. Es lag etwas Graziöſes, etwas Anſtändiges in allen ſeinen Bewegungen, welches er ſich in der weiten Wildniß, in der er ſich befand, ſicher nicht angeeignet hatte, und trotz der rohen Klei⸗ dung, die er trug, erinnerte ſeine Erſcheinung an die eiviliſirten Länder Amerikas. Der fliegende Schnee konnte ihn hier nicht treffen, da der ſcharfe Wind denſelben über ihn hinwegwehte; dennoch blickte er wiederholt berzſich und ſchien . 16 E k *—. dann ſeine Anſtrengung zu verdoppeln. Um die Mit⸗ tagszeit hielt er mit ſeiner Arbeit inne, bedeckte ſich in der Höhle mit einem breitrandigen, grauen Filz, ergriff eine lange, einfache Büchſe und ſchritt längs des Felſens durch das Dickicht in die Prairie, wo in nicht großer Entfernung von dem Gehölz ein mäch⸗ tiger Rappe im Kreis um einen in die Erde geſchla⸗ genen ſtarken Pflock graſte, an welchen derſelbe mit⸗ telſt eines ſehr langen, aus Leder geflochtenen Strickes befeſtigt war. Der Mann löſte dieſen, führte das Roß zu dem nahen klaren Bache, wo er es tränkte, und leitete es dann wieder in die Nähe ſeines frühe⸗ ren Weideplatzes, wo er es an ein anderes dort ein⸗ geſchlagenes Holz befeſtigte. Einige Augenblicke blieb er ſtehen und ließ ſeinen ſpähenden Blick über die weite Umgegend ſchweifen, dann legte er die Büchſe über die Schulter und begab ſich zu ſeiner Wohnung zurück. Dort erzeugte er in der Höhle mit Hülfe einer Zunderbüchſe ein Feuer, bereitete in einem Blechtopf Kaffee, röſtete über der Kohlengluth einige Stücke Bärenfleiſch und legte ſich dann auf einer großen Büffelhaut nieder, um dies einfache Mittagsmahl zu verzehren. Bald darauf aber ging er wieder an ſeine Arbeit, packte raſtlos, bis die Sonne ſich neigte und hatte, noch ehe dieſelbe am fernen flachen Horizont verſank, ſein Werk vollbracht. 136 Sämmtliche Häute waren verpackt und in der Höhle aufgeſtapelt. Dann begann er, von der Seite der Felskuppe her ſchwere Steine herbeizutragen, und fuhr damit fort, bis die Nacht einbrach, worauf er ſein Roß zur Höhle führte, es nahe an deren Ein⸗ gang an einem Baum befeſtigte und dann für ſich ein ähnliches Mahl bereitete, wie zu Mittgg. 3 Die Flamme des Feuers warf ihren rothen Schein auf die Steinwände der Höhle und beleuchtete die gigantiſche Geſtalt des einſamen Jägers, der vor der Gluth ſaß und, in Gedanken verſunken, in dieſelbe hineinblickte. Es ſchienen die allerverſchiedenartigſten Erin⸗ nerungen an ſeiner Seele vorüberzuziehen, die ſich auf ſeinen Zügen und in ſeinen Augen ſpiegelten. Bald ſah er finſter und ſinnend in das Feuer hinein, als brüte er über einer entſetzlichen Unter⸗ nehmung, bald klärten ſich ſeine Züge auf und ſein Auge blitzte kühn und entſchloſſen, als habe er etwas Gewagtes begonnen; dann wieder legte ſich ein ſchwärmeriſcher, gefühlvoller, leidenſchaftlicher Ausdruck über ſein Antlitz und die plötzliche Gluth ſeiner dun⸗ keln Augen ließ errathen, daß ſein Herz einſt heiß und feurig geliebt haben mußte. Mit einem leichten Lächeln verſchwand aber bald dies Spiegelbild ſeiner Seele wieder von ſeinen Zügen und Haß, Rache, Wuth und Verzweiflung nahmen deſſen Stelle ein, 137 wobei der Mann plötzlich eine ſchwere, neben ihm liegende Holzaxt ergriff und ſie mit einer ſolchen Gewalt durch die Höhle ſchleuderte, daß ſie mit der Schärfe ihres Stahls zwiſchen dem Geſtein der Wand ſtecken blieb. „Verdammt!“ murmelte er dabei durch die Zähne und hob ſeine geballte Rechte empor,„das große Spiel habe ich verloren und dieſes Lumpenſpiel muß ich gewinnen!“ Dann blickte er noch einige Minuten lang in das Feuer, fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er jene Erinnerungen aus ſeinem Gedächtniß ver⸗ wiſchen, und warf ſich nun auf ſein Lager, um im Schlaf Ruhe vor ihnen zu finden. Bei dem neuen Schnee und der eingetretenen Kälte ließen die Schaaren der Wölfe, die dieſe Ge⸗ genden allnächtlich durchziehen, ihr Geheul lauter und klagender ertönen, als ſonſt, und die Eulen, die das Geklüft bewohnten, in deſſen Innerem der Mann mit dem rothen Hemde ſchlief, wimmerten ihren ſchauerlichen Ruf durch die wilde, ſtürmiſche Nacht. Kaum graute der Morgen, als der Jäger ſein Pferd wieder in das beſchneite, hohe Gras führte, ſein Frühſtück bereitete und genoß, dann ſeine wenigen Habſeligkeiten, die' in einigen wollenen Decken, in gemahlenem und in Blaſen eingeſtampftem Kaffee, Salz, Pulver und Blei und mehreren eiſernen Fallen —— — —— —— 138 beſtanden, vor die Höhle trug und nun begann, den Eingang zu derſelben zu vermauern. Er brachte hiermit die größte Hälfte des Tages hin und hatte den Verſchluß ſo künſtlich ausgeführt, daß Niemand auf den Gedanken gekommen ſein würde, hier wäre jemals eine Oeffnung geweſen. Dann ſchaffte er allen Schutt und loſes Geſtein ſorgfältig hinweg, trug eine Menge ſchweres, trockenes Holz vor die Stelle, welche er vermauert hatte, und zündete daſſelbe an, ſo daß das Feuer und der Rauch ſeinem Bau das neue und künſtliche Ausſehen benahm. Nachdem daſſelbe niedergebrannt, beſſerte er ſeine Arbeit noch einmal aus, packte dann ſeine Sachen auf ſein Roß, ſchwang ſich ſelbſt in deſſen Sattel und folgte nun dem Bache durch die Prairie, während er von Zeit zu Zeit noch einen Blick nach dem von ihm verlaſſenen Aufenthaltsort zurückſandte. Der Nord⸗ wind trieb die Schneeflocken hinter ihm her und dieſe hatten bald der feuerrothen, wollenen Decke, die er über die Schulter gehangen hatte, ihre Farbe ge⸗ nommen. Die Prairie lag jetzt wie ein weites, endloſes Schneefeld rings um den Reiter ausgedehnt, und vor dem Tritt des gewaltigen Rappen, der ihn trug, ſtaubte der Schnee von dem hohen Graſe hinweg. Der Mann hatte den Filz tiefer in den Nacken ge⸗ drückt, die lange Büchſe lag quer vor ihm auf dem 139 Sattel und rund um denſelben hingen Blechtöpfe, eine kleine eiſerne Pfanne, die Axt, die Fallen und verſchiedene lederne Beutel. Alles war mit Riemen befeſtigt, ſchlug bei der Bewegung des Roſſes gegen⸗ einander und unterhielt ein monotones Klappern. Der Rappe ſchritt kräftig aus, als ob er das Nachtquartier bald zu erreichen wünſche, denn da Düſter des Abends legte ſich ſchon über die öde Ge⸗ gend und hier und dort begann ſchon das Geheul der Wölfe aus der Ferne zu ertönen. Der Reiter ſchien aber ſeiner Umgebung wenig Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, er war in Gedanken verſunken und ſtieß nur von Zeit zu Zeit, wie aus Gewohnheit, das Pferd in die Seiten. Hügel auf, Hügel ab, ohne Weg, ohne Steg ritt er weiter, bis die Nacht vollends eingebrochen war und er plötzlich den Rappen ſeitwärts nach einem laubloſen Gebüſchſtreifen lenkte, aus dem hier und dort ein einzelner hoher Baum hervorſah, der das Ufer eines Baches bezeichnete. Dort ſtieg er ab, nahm das Gepäck und Reitzeug von dem Roß, befeſtigte dieſes mit dem Lederſtrick, welches daſſelbe um den Hals trug, an einen Buſch und ſammelte nun unter dem Strauchwerk trockenes Reiſig. Er zündete daſſelbe an und bereitete über dem Feuer ſein Abendmahl. Nachdem er es genoſſen, ſchritt er mit der Axt durch den Schnee längs des ——— — ————— ——. eeeee 140 Buſchwerks hin, bis er einen umgefallenen Baum⸗ ſtamm fand, den er in mehrere Stücke zerhieb, dieſe auf ſeine mächtigen Schultern hob und nun mit dem ſchweren Gewicht zu dem Feuer zurückging. Er legte das Holz aufeinander an die Flamme, achte dieſelbe noch mehr mit dem Reisholz an, umte den Schnee von dem Boden weg und legte ſich, in ſeine Decken eingehüllt, ſo vor dem Feuer nieder, daß der Wind deſſen Gluth über ihn hintrieb. Der Rappe hatte ſich während dieſer Zeit an dem Gras unter dem von ihm weggeſcharrten Schnee ge⸗ ſättigt und ſich dann, ſo wie ſein Herr, niedergelegt, um ſich zu ruhen. Als der Tag graute, war das Feuer ziemlich er⸗ loſchen, die ſchweren Stücke Holz rauchten nur noch und die Geſtalt des Jägers war unter einer Schnee⸗ decke begraben. Das Schnauben des Rappen, der ſich erhob, weckte ſeinen Herrn aus ſeinem feſten Schlaf; dieſer ſprang auf, ſchüttelte den Schnee ab, fachte das Feuer wieder an und bereitete ſein Frühſtück. Während er hiermit beſchäftigt war und von Zeit zu Zeit in die Gegend hinausſpähete, traf ſein Blick plötzlich auf einen ſchwarzen Streif, der im Norden über dem flachen Horizont ſichtbar wurde. Nach wenigen Augenblicken ſchien er ſich überzeugt zu haben, was ſich dort nahe, er nahm ſeine Büchſe aus der wollenen Decke hervor, in der er geſchlafen hatte, „ 14¹ unterſuchte den Feuerſtein, goß friſches Pulver auf die Pfanne und legte das Gewehr dann wieder neben ſich nieder, worauf er begann, ſein Frühſtück zu verzehren. Der dunkele Streif kam raſch näher und zeigte ſich bald deutlich als eine Heerde nach Süden wan⸗ dernder Büffel, deren Zahl ſich auf mehr als tauſend Stück belaufen mußte. Der Jäger hatte ſein Mahl beendigt, hing die Kugeltaſche um, ſchob den Stiel der ſchweren Holzaxt durch ſeinen ledernen Gürtel, ergriff ſeine Büchſe und ſchritt nun in den Büſchen an dem Bache hinauf, um den Büffeln den Weg abzuſchneiden, die der Richtung ihres Zuges nach etwa eine halbe Meile oberhalb ſeines Lagers das Waſſer überſchreiten mußten. In einer dichten Maſſe kamen dieſe koloſſalen Bewohner der Wildniß herangezogen und hatten ſich bis auf fünfzig Schritt dem Geſtripp genähert, in welchem der Jäger verborgen lag, als dieſer feuerte, und ein alter mächtiger Bulle aus der Heerde ſich hoch bäumte und dann zuſammenbrach. Der Jäger war ſchnell aus dem Buſch hervor⸗ geſprungen und die ganze Heerde ergriff, als ſie ihn gewahrte, im ſchwerfälligen Galopp die Flucht. Kaum aber erblickte der verwundete Büffel den Mann, als er ſich emporraffte und mit tief Hörnern auf ihn eindrang. 142 Der Jäger ſprang mit wenigen Sätzen in das Dickicht zurück, doch das wüthende, ungeheuere Thier ſtürzte ihm nach, trat die hohen Büſche vor ſich nieder und würde den Schützen unter ſeinem Tritt zermalmt haben, wenn dieſer ihm nicht mit einem gewandten Sprunge ausgewichen wäre. Der angeſchoſſene Bulle aber wandte ſich nach kurzem Laufe und kam aber⸗ mals in dem Dickicht auf den Jäger zugebrauſt, daß der Schnee und das trockene Laub und Reisholz um ihn hinſtob. Jetzt zeigte der Mann ihm die Stirn, ſeine Augen funkelten dem Ungeheuer entgegen, er hielt die ſchwere Holzaxt hoch über ſich gehoben und erwartete den Angriff. Kaum lagen noch zwei Schritte zwiſchen ihm und dem heranſtürzenden Büffel, er that einen Satz zur Seite und ſchlug dem an ihm vorüber⸗ ſauſenden Thier die Holzaxt mit ſolcher Bärenkraft vor die Stirn, daß es zuſammenbrach und ſich im Sturze überrollte. Im nächſten Augenblick hieb der Jäger mit der Schärfe der Axt auf den Kopf des Büffels und ſpaltete ihn mit einem Schlag. Nun trennte er mit der Axt die gewaltigen Rippen von dem Rückgrad des Thieres, riß aus deſſen geöffneter Seite die Eingeweide heraus und eignete ſich mit Hülfe ſeines ſchweren Jagdmeſſers die Lendenbraten zu. Dann nahm er noch die Zunge des Büffels, ſteckte die Holzaxt wieder in den Gürtel, ergriff ſeine Büchſe und ſchritt mit der Beute nach ſeinem Lager zurück. Ein zweites Frühſtück wurde jetzt von dem mitgebrachten Fleiſch bereitet, und nachdem der Jäger auch dies verzehrt hatte, machte er ſich zur Weiter⸗ reiſe fertig. Während des ganzen Tages folgte er, ohne zu raſten, ſeinem Cours nach Süden, und die Dämme⸗ rung war ſchon eingebrochen, als er in der Ferne vor einem Waldſtrich mehrere Rauchſäulen aufſteigen ſah. Er hielt einen Augenblick ſeinen Rappen an und blickte bald links, bald rechts, und wieder nach dem Rauch hin, als wolle er ſich über die Gegend unter⸗ richten, in der er ſich befinde. Dann aber ſchien er den Waldſtrich vor ſich erkannt zu haben, trieb ſein Roß zu größerer Eile an und erreichte mit eintreten⸗ der Dunkelheit das Gehölz, in deſſen Schutz eine Menge kleiner Blockhäuſer und Hütten von Reiſig ſichtbar wurde. Der Reiter war hier bekannt, denn er richtete den Schritt ſeines Pferdes augenſcheinlich einem beſtimm⸗ ten Blockhaus zu, aus deſſen offenem Eingang der helle Schein eines Feuers hervordrang. In kurzer Entfernung von demſelben ſtieg er ab, leitete ſein Pferd nach der Thür des Hauſes und ſagte, indem er in dieſelbe eintrat: „Guten Abend, Tallihadjo, kann ich bei Deinem Feuer ſchlafen?“ 144 „Komm herein, Dunkan, Du befindeſt Dich unter Tallihadjo's Dach und biſt darum willkommen“, ant⸗ wortete der Häuptling, der mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern in der Hütte um das Feuer ſaß, indem er zugleich einer ſeiner Töchter andeutete, das Pferd des Fremden zu beſorgen. Dunkan hatte daſſelbe ſeiner Bürde entledigt und trat mit ihr in das Haus ein. „Was bringſt Du Neues, Dunkan, haſt Du Büffel geſehen?“ fragte Tallihadjo und gab dem Gaſte ein Zeichen, ſich auf einer Haut neben ihm nieder⸗ zulaſſen. „Der Büffel zieht nach Süden. Ich habe heute früh eine Heerde von über tauſend Stück angetroffen,“ antwortete Dunkan. „Meine Jäger wollten WMorgen gleichfalls nach Süden aufbrechen, doch ich rieth ihnen, noch einige „Wochen zu warten, bis ihnen mehr Büffel vorausge⸗ zogen ſein würden. Wohin geht Euer Weg, Dunkan?“ ſagte der Häuptling. „Auch ich will ein ſonnigeres Land aufſuchen. Unſer Eins hat kein Obdach, wie Ihr wißt, und dieſer Schnee iſt eine ſchlechte Schlafdecke.“ „Ich dächte Ihr ſolltet die Kälte wohl gewohnt ſein. Habt Ihr doch, wie Ihr mir ſagtet, viele Jahre in den Felſengebirgen zugebracht.“ „Das iſt freilich wahr, doch bin ich von Jahr zu 145 Jahr weiter ſüdlich gezogen. Ein warmes Land, in dem der Sommer nie endet, iſt halbes Leben,“ ſagte Dunkan. „Und ein Land, in dem Schnee fällt, iſt für den Südländer halber Tod,“ entgegnete Tallihadjv mit einem finſtern Blick und tiefem Athemzug.„Mein Volk war in einem Lande der Sonne geboren, in dem Lande der Blumen. Dort war es einſt ein großes, ein mächtiges Volk. Die Zweizüngigkeit, der Betrug, das Feuerwaſſer Deiner weißen Brüder, Dunkan, hat die Seminolen unter ſich entzweiet, ihnen das Land ihrer Väter geraubt und ſie in dem Schnee dieſer Prairien gebrochenen Herzens ſterben laſſen. O, Ralph Norwood!— und Deine Mutter war eine Se⸗ minolin!“ „Ralph Norwood?“ wiederholte Dunkan fragend und nachdenkend, Ralph Norwood war mein Freund, lebte er nicht in Georgien an der Grenze von Flv⸗ rida?“ „Dort ward er von einer Seminolin geboren und ſein Vater war mein treueſter Freund,“ antwortete der Häuptling mit ſchmerzlichem Ausdruck auf ſeinen Zügen. „Wie ich Dir ſage, Tallihadjo, Ralph war mein lieber Freund; weißt Du, was aus ihm geworden iſt?“ „Ein Raubthier, das ganze Stämme der Semi⸗ nolen vernichtete, um ihre Habe an ſich zu reißen, ein Ralph Norwood. v. 10 146 Ungeheuer, das ſeinen treueſten Freund, ſeinen Wohl⸗ thäter, ſein eignes Volk um des Geldes willen dem Untergang zuführte. Und Tallihadjo muß in die ewigen Jagdgründe zu ſeinen Vätern gehen, ohne Ralph Norwvods Sealp mitzubringen!“ ſagte der Häuptling mit einem Blick, in dem Wuth und Ver⸗ zweiflung lag. Dunkan ſah, daß er einen Irrthum begangen hatte, indem er Ralph ſeinen Freund genannt und wollte den Fehler dadurch wieder gut machen, daß er ſagte: „Er mag ſich geändert haben, ich kannte ihn als ganz jungen Mann.“ „Ich habe ihn als Kind geliebt und ihm als Mann meine Bruſt gebffnet, er hat mir zum Dank dafür das Herz zerriſſen,“ entgegnete der Häuptling mit bitterem, doch wehmüthigem Tone und ſetzte dann beruhigend hinzu: „Doch wenn Ihr auch ein Freund von Ralph Nor⸗ wood und ein Bleichgeſicht ſeid, ſo braucht Ihr nicht an Tallihadjo's Gaſtfreundſchaft zu zweifeln, ſein Feuer iſt eine Freiſtätte ſelbſt für ſeinen Todfeind.“ Die Frauen Tallihadjo's hatten das Abendbrod bereitet und trugen es auf eine getrocknete Hirſchhaut, die ſie zwiſchen dieſem und ſeinem Gaſte ausgebreitet hatten. Der Häuptling winkte Dunkan, mit ihm zu ſpeiſen, 147 dieſer entledigte ſich der hirſchledernen Jacke, ſtreifte ſein rothes wollenes Hemd von ſeinen Armen zurück und nahm dann wieder bei dem Häuptling Platz, um deſſen Einladung Folge zu leiſten. Er hatte ſein Jagdmeſſer aus der Scheide gezogen und eine geröſtete Bärenrippe ergriffen, als Tallihadjo auf die koloſſalen Muskeln ſeines Armes blickte und dort das Bild einer weiblichen Geſtalt und darunter einen Anker mit bunten Farben eingeätzt bemerkte, wie man es häufig auf den Armen von Seefahrern findet. „Was ſtellt das Bild auf Deinem Arm vor?“ fragte der Häuptling, dem die richtige Zeichnung gefiel. „Es ſtammt aus meinen jungen Jahren, da ich Seemann war, und ſtellt die Schutzgöttin der Ma⸗ troſen vor, antwortete Dunkan und ſprach nun dem köſtlichen Fleiſch mit großem Appetit zu, denn er hatte ſeit dem Frühſtück Nichts genoſſen. Tallihadjo hatte ſich nicht auffallend verändert, ſein Haar war noch reich und glänzend ſchwarz, ſeine Zähne waren noch vollſtändig und weiß wie Elfenbein. Er war aber hagerer geworden und ſeine Haut ſchien trocken und zeigte viele Falten. Das ganze Volk der Seminolen beſtand kaum noch aus vierhundert Köpfen. Das ungewohnte Klima und die Sehnſucht nach dem Geburtslande hatte eine große Zahl derſelben dem 10* 148 Tode übergeben, und die ſehr blutigen Fehden, die ſie mit den, ſeit früheren Zeiten in dieſen Ländern woh⸗ nenden Indianerſtämmen in den erſten Jahren ihres Hierſeins zu beſtehen gehabt hatten, waren die andere Urſache ihrer ſo verminderten Seelenzahl. Jetzt aber ſtanden ſie unter ihren wilden Brüdern in ſehr hohem Anſehen und ſelbſt die Comantſchen, das mächtigſte Volk der ſüdweſtlichen Länder Amerika's, wagten es nicht mehr, einem Seminolen zu nahe zu treten. Tallihadjo war erſter Friedenshäuptling, oder erſter Rathgeber der Nation, während Tomorho zum wirk⸗ lichen erſten Häuptling derſelben gewählt worden war. Dieſer hatte ſich bei ihrer Ankunft hier in den vielen Kämpfen gegen die feindlichen Nachbarn ruhmvoll als Krieger ausgezeichnet und war wegen ſeiner Rechtlich⸗ keit und Herzensgüte unter dem Volke allgemein be⸗ liebt. Mit Olviana ſeiner Gattin und ſeinen Kindern fühlte er ſich glücklich und trug Viel dazu bei, ſeinem Vater das Andenken an die herben Schickſale, die ihn und ſein Volk betroffen, zu erleichtern. Die Seminolen lebten in Blockhäuſern, zogen Mais und Gemüſe und trieben bedeutende Vieh⸗ und Pferdezucht. Die jungen Männer jedoch folgten mehr der Jagd und durchſtreiften zuſammen während acht Monaten des Jahres die ungemeſſenen Ebenen, die zwiſchen dem Plattefluß und den St. Sabagebirgen liegen. 149 In Büffelzungen, Bärenſchinken, Hirſchkeulen, die ſie in getrocknetem Zuſtand mit ſich führten, ſo wie in Talg, Häuten, Wachs und Honig beſtand die reiche Ausbeute, die ihnen dieſe Streifzüge lieferten und die ſie theilweiſe an die Handelshäuſer der Regierung verkauften oder vertauſchten. Nach einer ungeſtörten Nachtruhe und zeitigem Frühſtück dankte Dunkan ſeinem Wirth für die ihm erwieſene Gaſtfreundſchaft und ſetzte ſeine Reiſe nach Süden fort. Die Wildniß war ſchon ſeit vielen Jahren ſeine Heimath, die er Jahr aus, Jahr ein als Jäger allein unter unzähligen Gefahren, Mühſeligkeiten und Ent⸗ behrungen durchzogen hatte. Die verkäuflichen Gegen⸗ ſtände, die er auf ſeinen Jagden erbeutete, hatte er, wie die Indianer, in den Kaufläden der Regierung für ſehr unbedeutende Preiſe verhandelt, ſo daß ihm kein Gewinn übrig geblieben war. Den Häutevor⸗ rath, den er eingemauert hatte, wollte er nun wäh⸗ rend des bevorſtehenden Jahres noch vermehren und dann verſuchen, ob er in den Grenzſtädten des Sü⸗ dens bei den Kaufleuten beſſere Preiſe dafür erzielen könne, als in den Handelshäuſern des Gouvernements. 15⁰ Auf Ralph's Plantage herrſchte jetzt die größte Thätigkeit. Mit dem erſten Grauen des Tages waren ſchon ſämmtliche Selaven an der Arbeit und Tom Norwood, mit einer ſchweren Peitſche bewaffnet, ritt auf einem Pony von einem zum andern und trieb ſie alle zum möglichſten Kraftaufwand an. Keiner konnte Tom zufriedenſtellen, keiner konnte genug ſchaffen und die Spitze ſeiner Peitſche färbte ſich täglich mit dem Blut der armen Neger. Mit der größten Kaltblütig⸗ keit, ja mit einem wollüſtigem Gefühl ließ er ohne Unterſchied des Geſchlechts einen, oder eine der Un— glücklichen ergreifen, aller Kleidung beraubt an einen Baum binden und übte ſich dann an ihm, von ſeinem Pferd herab, deſſen Haut ſo mit der Spitze der Peitſche zu treffen, daß jeder Schlag dieſelbe ſpaltete und ihr Blut entlockte. Ralph Norwood beſaß einige zwanzig junge ſchöne Mulatten⸗ und Quadwonenmädchen, die er vor den übrigen Selaven bevorzugte. Sie waren beſſer ge⸗ kleidet, ja einige derſelben gingen in Seide, hielten ſich fortwährend in der Nähe ſeiner Wohnung auf und waren durch ihn von aller Arbeit frei geſprochen. Dies hatte ſchon häufig zu Wortwechſeln und ſogar zu ernſten Auftritten zwiſchen Tom und ſeinem Vater geführt, da Erſterer verlangte, dieſe unnützen Ge⸗ ſchöpfe ſollten gleichfalls zur Arbeit angehalten werden, und nicht, wie er ſich ausdrückte, ihr Brod mit Lächeln 15¹ und Süßthun verdienen. Ralph hatte ſie aber gegen Tom in Schutz genommen und ihm endlich in deren Gegenwart erklärt, daß er ſelbſt der alleinige unum⸗ ſchränkte Herr über ſie ſei und ihm ein für allemal unterſage, ſich in ihr Thun und Laſſen zu miſchen, da er ihnen hiermit den Befehl ertheile, ſich um ſeine Anordnungen nicht zu kümmern und denſelben keine Folge zu leiſten. Im Monat März wurde der Anfang gemacht, die Felder mit Baumwolle zu beſaamen, wobei alle Sela⸗ venkinder, die im Stande waren, eine Hacke zu führen, mit zur Arbeit gezogen wurden, um hinter dem Pflug her die Furche, in welche der Samen gelegt war, durch die Hacke mit Erde zu bedecken. Eines Morgens ſehr frühzeitig verließ Ralph die Plantage und theilte zugleich ſeinem Sohne mit, er werde erſt am folgenden Tage zurückkehren, weil er Geſchäfte halber bis zum Abend in der Stadt ver⸗ weilen und es dann zu ſpät werden würde, noch zu⸗ rückzureiten. Tom war dieſe Mittheilung ſehr erwünſcht, um jetzt, da er die drängende Arbeit vorſchützen konnte, einmal ſeinen Willen gegen die müßigen Lieblinge ſeines Vaters, die Mulattinnen und Quadronen durch⸗ zuſetzen. Kaum war Ralph fortgeritten, als Tom die⸗ ſelben herbeirief, ihnen befahl, die Hacken zu nehmen und ihm in das Feld zu folgen. Die Mädchen zöger⸗ 152 ten, und als er ſie zornig nochmals aufforderte, ſeinem Befehl Folge zu leiſten, weigerten ſie ſich und beriefen ſich auf die Weiſung, die General Norwood ihnen ge⸗ geben habe. In höchſter Wuth peitſchte Tom ſie aus und zwang ſie, ſich ſeinem Willen zu fügen. Sie mußten vor ihm her nach dem Felde wandern, er ſelbſt blieb während des ganzen Vormittags bei ihnen und trieb ſie mit der Peitſche zur Arbeit an. Als die Tiſchglocke zum Mittagseſſen rief, nahm er die Mädchen mit ſich nach den Wohnungen und verſicherte ihnen, daß ſie Nach⸗ mittags noch beſſer arbeiten ſollten. Er hatte mit ſeiner Frau und Tochter die Mahl⸗ zeit eingenommen, worauf er ſich nach ſeiner Gewohn⸗ heit vor das Haus unter die Veranda ſetzte, um dort bei einer Eigarre eine Taſſe Kaffee zu trinken, die man ſtets beſonders für ihn bereitete, indem ihm der Kaffee, der gewöhnlich bei Tiſch gereicht wurde, nicht ſtark genug war. Die alte Negerin, welche die Auf⸗ wartung in ſeiner Familie hatte, brachte ihm die Taſſe mit dem Lieblingstrank und ſetzte ſie neben ihn auf ein Tiſchchen. Tom hatte in dieſem Augenblick einen der Sela⸗ ven, einen ausgezeichneten Hufſchmied, zu ſich kommen laſſen und warf ihm vor, er habe ſeinen Pony zu ſchwer beſchlagen, wobei er hoch und theuer ſchwur, daß wenn es wieder geſchehe, er ihm dieſelben Eiſen 153 eigenhändig unter die nackten Füße nageln würde. Zugleich hob er die geballte Fauſt gegen ihn auf und ſtieß einen fürchterlichen Fluch aus. Dann legte er die Cigarre auf den Tiſch, trank in ſeinem Zorn die Taſſe Kaffee faſt aus und winkte dem Neger zu, ſich zu entfernen. Kurze Zeit nachher ſprang Tom plötzlich auf, und wollte über die Veranda nach der Thür des Hauſes gehen, ſeine Füße aber verſagten ihm den Dienſt, er wankte hin und her und ſtürzte mit einem durchdrin⸗ genden Schrei zu Boden. Arabella, ſeine Frau, hatte ſeine Stimme gehört, eilte aus dem Hauſe herbei und fiel mit einem Hülferuf neben ihm nieder. Sie hob ſeinen Kopf empor, ſah ihm, zu Tode erſchreckt, in die ſtieren Augen und fragte ihn, was ihm fehle; Tom aber konnte ihr nicht antworten, ſein Geſicht nahm nach und nach eine Bleifarbe an, ſein Athem wurde mit jeder Minute ſchwerer und ſeine Glieder ſteifer, ſo daß bald deren Gelenke vollſtändig unbiegſam waren. Er wurde in das Haus getragen, auf das Bett ge⸗ legt und ſeine Frau verſuchte Mittel über Mittel, um ihm zu helfen, er konnte aber Nichts mehr verſchlucken und das Waſchen mit belebenden Eſſenzen, ſo wie alles Reiben und Bürſten blieb erfolglos. Die troſtloſe Gattin hatte einen Neger zu Pferd nach dem nächſt wohnenden Arzte und einen andern an General Norwood abgeſchickt und Beide von der großen Gefahr unterrichtet, in der Toms Leben ſchwebe. Der Bote an General Norwood erreichte Dieſen nach Verlauf von kaum einer Stunde in der Stadt, wo derſelbe vor dem Gaſthauſe eine große Zahl Männer um ſich verſammelt hatte und über die Ver⸗ hältniſſe des Landes zu ihnen ſprach. Die Nachricht von dem gefährlichen Erkranken ſeines Sohnes traf ihn wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Zum erſten Male in ſeinem Leben ſah er in einem drohenden Verluſte Alles auf dem Spiele ſtehen, und er erbebte bei dem Gedanken, ſeinen ein⸗ zigen Sohn, ja wie es ihm oftmals ſchien, ſein ein⸗ ziges Kind zu verlieren. Doch nur für einen Augenblick gab er ſich der Schwäche hin, vor dem Schickſal zu zittern, mit lauter feſter Stimme rief er dem Hausknecht zu, ihm ſein Pferd vorzuführen, befahl dann dem Boten, der ihm die Nachricht gebracht hatte, zu Farland zu reiten und denſelben in ſeinem Namen eiligſt nach der Plantage zu holen und ſprengte wenige Minuten ſpäter zur Stadt hinaus. Mit Sporn und Peitſche trieb er ſein Roß zu flie⸗ gender Eile an und erreichte in unglaublich kurzer Zeit das Ziel ſeines Rittes. Toms Gattin kam ihm händeringend und ſchluchzend aus dem Hauſe entge⸗ gengewankt und konnte kaum die Worte hervorbringen: „Es iſt vorbei, Tom ſtirbt!“ Ralph trat feſten Schrittés, die Fäuſte geballt und die feinen Lippen, wie im Zorn aufeinandergepreßt, zu dem Lager ſeines Sohnes und heftete ſeinen finſtern Blick auf denſelben, dann ergriff er deſſen Hand und ſuchte nach dem Puls, der kaum noch zu fühlen war. Er ſprach zu Tom, rüttelte ihn an der Schulter und verſuchte, ihn aufrecht zu ſetzen, es war aber nicht möglich, derſelbe war ſteif, wie ein Stück Holz und ſein ſtierer Blick unbeweglich. Noch war kein Arzt er⸗ ſchienen. Ralph ließ Tom abermals bürſten, ihm heiße Decken auflegen und verſuchte es, ihm warmen Thee einzuflößen, Alles blieb aber ohne Erfolg. Mit den geballten Händen in den Taſchen ſeines Rocks und zuſammengezogenen Brauen ging Ralph nun aus dem Zimmer unter die Veranda und ließ die troſtloſe Gattin Toms mit demſelben allein. Langſam ſchritt er auf und nieder und ſchaute von Zeit zu Zeit nach dem Weg, von woher er Farland erwartete, denn in ihm ſah er noch einen Hoffnungsſtrahl für die Rettung ſeines Sohnes. Er ging aber nicht gebeugt, wie ein Vater, dem der Tod ſein Kind nehmen will, aufrecht und mit trotziger zorniger Haltung maß er die Ve⸗ randa mit ſeinen Schritten und trat mitunter ſo hef⸗ tig auf den Fußboden, daß das Haus zitterte. Plötz⸗ lich erblickte er an dem Ende der meilenlangen Ein⸗ zäunung des Feldes, zwiſchen welcher und dem Walde 156 der Weg zum Hauſe führte, den Schimmel Farlands, der Dieſen in Galopp herantrug. Ralph ſchritt von der Veranda über den Platz vor dem Hauſe zu dem Thor in der Einzäunung, öffnete es und erwartete dort den Kommenden. „Ich glaube es iſt zu ſpät, Herr Farland, Tom iſt verloren,“ ſagte er zu Dieſem, während derſelbe vom Pferd ſprang und mit ihm dem Hauſe zueilte. Kaum trat Farland zu dem Kranken und hatte deſſen Arm erfaßt, als er entſetzt zu Ralph ſagte: „Herr General, Ihr Sohn iſt vergiftet und zwar, dem Anſchein nach, mit Strychnin. Hülfe iſt hier nicht mehr möglich.“ „Vergiftet?— Himmel und Hölle— das ſoll Blut koſten,“ ſchrie Ralph mit gräßlicher Stimme und rannte in das Zimmer gegenüber, von wo er nach wenigen Augenblicken mit einem verſtopften Glaſe in der Hand zu Farland zurücktehrte. „Hier iſt das Glas mit Strychnin, deſſen Inhalt wahrſcheinlich zu dem Mord benutzt iſt. Ich hielt es ſtets im Hauſe, um die Wölfe und Schwarzvögel da⸗ mit zu vergiften. Wer aber kann die That begangen haben?“ ſchrie er in höchſter Wuth. „Niemand anders, als Tony, die Mulattin, ſie widerſetzte ſich, mit an die Arbeit zu gehen und da hat ſie Tom geſtraft,“ ſagte deſſen Gattin weinend 0 und ſchluchzend, indem ſie ſich von dem Lager erhob, an dem ſie niedergeſunken war. Tony war der Liebling Ralph's, und da ſie ſchon ſo oft die Urſache von heftigen Auftritten zwiſchen ihm und ſeinem Sohne geweſen war, ſo ſah er in der Be⸗ hauptung Arabella's die alte Abneigung gegen die Mulattin. „Tony, ſchon wieder Tony?“ entgegnete Ralph mit barſcher Stimme und warf der Frau einen wilden Blick zu. Dann ſchritt er raſch zu den Negerhütten, rief die ſchwarzen Aufſeher derſelben zu ſich und ließ ſich nun von dieſen berichten, was heute in der Frühe mit Tony vorgefallen ſei. Als er wieder in das Krankenzimmer zurückkehrte, war Tom eine Leiche. Ohne eine Thräne im Auge blickte Ralph einige Minuten auf ſeinen todten Sohn, dann ſchritt er hin⸗ aus auf den Hof vor den Negerhütten und ſchwur mit den gräßlichſten Verwünſchungen, daß er den Mörder zu Tode martern würde. Farland war der Anblick des herz⸗ und gefühlloſen Mannes ſchauerlich und entſetzlich, er ſagte ihm wenige Worte des Bedauerns und verließ ihn dann mit der tiefſten Verachtung gegen ihn im Herzen. Und nun beſtieg er ſein Pferd, um deſſen braver, engelsguten Gattin und deren heißgeliebten Tochter den Verluſt des Sohnes, des Bruders mitzutheilen. Es war die 158 ſchwerſte Botſchaft, die er jemals im Leben auszu⸗ richten hatte. Berenice erwartete ihn und erkannte bei dem matten Mondlicht ſein weißes Pferd von Weitem. Sie eilte ihm entgegen, ſchmiegte ſich in ſeine Arme und reichte ihm ihre zarten Lippen zum Willkommen, als aber Farland ſchweigend mit ihr dem Hauſe zu⸗ ſchritt, erſchrack ſie und fragte ihn nach der Urſache ſeines Ernſtes. So ſehr Berenice auch durch Toms Betragen gegen ſie und ihre Mutter von ihm entfernt und abgeſtoßen worden war, ſo traf ſie doch die Nachricht von deſſen Tode unendlich ſchwer. Sie weinte bitterlich und würde gern noch viel mehr von ihm erduldet haben, hätte ſie ihn ins Leben zurückrufen können. Noch härter aber ergriff die Schreckensbotſchaft das Mutter⸗ herz. Eloiſe ſank bei der Mittheilung Farlands zu Boden, und er mußte ſie halb tragen, um ſie nach dem Sopha zu führen. Tröſtend und beruhigend ver⸗ weilte er bis ſpät in die Nacht bei den Trauernden. und kehrte zeitig am folgenden Morgen wieder zu ihnen zurück, um ihnen durch ſeine Theilnahme an ihrem Geſchick ihren Schmerz zu erleichtern. Tom ward unfern der Plantagengebäude im Walde zur Erde beſtattet und das Grab mit einer hölzernen Einzäunung umgeben. 1 Es gingen bald darauf viele ſchauerliche Gerüchte 159 durch das Land über unerhörtes Foltern und Martern, welches Ralph gegen die beim Morde ſeines Sohnes verdächtigen Mädchen angewandt habe; gewiß war es aber, daß keines derſelben bekannte und daß auch keinem derſelben das Leben genommen wurde. Mit eiſerner Unbeugſamkeit gegen das Schickſal trug Ralph den Verluſt ſeines Sohnes, und als wolle er jenem Trotz bieten, verwandte er nun ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die dreijährige Tochter Toms, auf die kleine Blanche. Das Gefühl ſeiner Schuld ſagte ihm, daß Elviſe und Bereniece in dem ihn betroffenen großen Unglück eine gerechte Strafe für ſeine vielen Sünden erkennen würden, und um ihnen dies zu widerlegen, erſchien er vor ihnen mit heiterem Geſicht, that gar nicht, als ob ihn beſonderes Leid betroffen habe und redete über gleichgültige Dinge. Blanche war jetzt ſeine fortwährende Begleiterin; er nahm ſie vor ſich auf den Sattel, ritt mit ihr nach Norwoods Park, hielt ſie dort bei Tiſch auf ſeinem Schooß, überhäufte ſie mit Liebkoſungen und ſcherzte und ſpielte mit ihr. Häufig nahm er ſie auch auf ſeinem Pferd mit ſich nach der Stadt, hielt ſtunden⸗ lang dort vor dem Trinkhaus und zeigte das hübſche Kind einem Jeden, der in ſeine Nähe kam. Er ſpaßte und lachte wie früher, und wenn auf Tom die Rede kam, ſo bemerkte er, daß derſelbe ſeinen Tod ſelbſt veranlaßt habe. Niemand aber ſah ihn nur einen 160 Augenblick traurig, oder niedergeſchlagen, im Gegen⸗ theil, er ſchien in beſſerer Laune zu ſein, als früher. Er nannte Blanche oftmals bei Fremden ſowohl, als auch in Elviſens Gegenwart, ſeine kleine reiche Erbin und bemerkte ſcherzend, daß ſich viele junge Männer um ihretwillen die Hälſe brechen würden, wenn ſie einmal ſechzehn Jahre alt ſein würde. Je mehr Ralphs Betragen ſeine Gattin, ſo wie auch Berenicen von ſich entfernte, um deſſo enger ſchloſſen dieſe ihren Bund mit Farland und fanden immermehr ihr Lebensglück darin. Er war ihr täg⸗ licher Geſellſchafter, ihr Rathgeber, ihre Stütze, und im Stillen erblickten ſie vertrauensvoll auch für den Nothfall einen Schutz in ihm gegen Ralph ſelbſt. Dieſer aber hatte ſehr viele Gründe, nicht wieder mit Farland zu brechen, deſſen großen Einfluß unter den Bewohnern des Landes, namentlich in den beſſeren Familien, er kannte. Hegte er auch keine große Hoff⸗ nung, ihn für ſeine Partei zu gewinnen, ſo war es doch ſchon von großer Wichtigkeit, ihn nicht zum Feinde zu haben, und dafür bürgte ihm der Einfluß, den ſeine Gattin und namentlich, wie Ralph ſehr gut wußte, Bereniece über ihn ausübte. Außerdem ſah er in Farland eine Sicherſtellung ſeines Haupteapitals, ſeiner Selaven, die in dem ſumpfigen Walde, in wel⸗ chem die Plantage lag, im Sommer und Herbſt höchſt gefährlichen Krankheiten ausgeſetzt waren; auch kam 161 ihm bisweilen der Gedanke, daß er ſelbſt einmal er⸗ kranken könne, und ins Beſondere hing das Leben Berenicens von ihm ab, in der er das ſtärkſte Band zwiſchen ſich und der gebildeten Geſellſchaft der Gegend erblickte. Freilich beunruhigte es ihn oftmals ſehr, wenn er ſich dachte, daß Farland Berenicen zur Gattin nehmen möchte; verhindern konnte er denſelben aber nicht daran, da das Geſetz ihn in ſolchem Falle in Schutz nehmen würde. Ralph's einzige ſichere Waffe gegen dieſe Verbin⸗ dung war, wie er glaubte, Berenicens Enterbung, und feſt war er entſchloſſen, dieſe eintreten zu laſſen, ſobald von der erſteren die Rede ſein würde. Er kam in dieſer Zeit ſelten nach Norwoods Park, da die Hoffnung, eine ſehr reiche Ernte zu erzielen, ihn bei der Arbeit der Sclaven hielt; wenn er aber bei ſeinen einzelnen flüchtigen Beſuchen auf dieſer Seite des Stromes Farland begegnete, ſo war er ſehr freundlich und höflich gegen ihn, dankte ihm für die Sorge, die er auf Bereniece verwende und lud ihn ein, ihn doch bald einmal auf der Plantage zu be⸗ ſuchen, damit er ihm die bisherigen Reſultate ſeiner Anſtrengungen zeigen könne. Ralph Norwood. V. 11 — ————— 6 — Capitel 46. Geſundheitsfülle.— Der Unbekannte.— Das Wiedererkennen.— Der See⸗ räuber.— Große Unruhe.— Beabſichtigte Reiſe.— Enterbung.— Geſtörtes Glück.— Vorſtellung.— Lebewohl.— Keine Nachricht.— Schreckenskunde. — Trauriges Wiederſehen.— Vergebener Troſtverſuch.— Der Wunſch. Das Frühjahr erſchien mit aller Pracht, aller Herrlichkeit, die es alljährlich über dieſe geſegneten Länder ausgießt, die Wälder ſchmückten ſich mit fri⸗ ſchem Laub und Blüthen, die tauſendfältige Blumen⸗ ſaat der üppigen Grasfluren ſproßte reich empor und die Ströme und Bäche klärten ihre Fluth. Die ganze Schöpfung war neu und jugendlich belebt und ihr friſcher Athem wehte ſüß duftend über Berg und Thal. Auch in Berenice ſchien das Frühjahr ſich geltend machen zu wollen; in jugendlicher Geſundheitsfülle prangte wieder ihre ganze Erſcheinung, ihre Bewe⸗ gungen waren leicht und elaſtiſch und ihr Blick ſtrahlte wie die Natur, die ſie umgab, in Hoffnung und reger Lebenskraft. Jedes, auch das leichteſte Gefühl von Unwohlſein hatte ſie verlaſſen, froh und heiter be⸗ grüßte ſie jeden neuen frühen Morgen, in genialer Thätigkeit verbrachte ſie den Tag und ſüß, inzeſ und erquickend war ihr Schlaf. 1 7MLL i N 4 163 Mit wachſender Hoffnung für das Glück ſeiner eigenen Zukunft ſah Farland das geliebte, angebetete Mädchen ſo kräftig wieder erblühen und die bangen Zweifel über die Dauer ihrer wiedererlangten Ge⸗ ſundheit, die ihn bisher immer noch gequält hatten, waren faſt gänzlich verſchwunden. Es ſtand nun ſeiner vollſtändigen irdiſchen Seligkeit, ſeiner ehelichen Verbindung mit Berenice, Nichts mehr im Wege und die Zeit, in der ſie vollzogen werden ſollte, wurde von den Verlobten und von Elviſen auf den nächſten Winter feſtgeſetzt. Mit jedem Tag, dem die beiden Liebenden dieſem Endziel ihrer Hoffnungen, ihrer Wünſche näher rückten, ſteigerte ſich ihr Glück, und in gleichem Maße mehrte ſich die Freude und Wonne, womit Elviſe den auf⸗ ſteigenden Stern an dem Lebenshimmel ihrer Tochter verfolgte. Beſeligende Zufriedenheit lebte in ihr und mit ſtillem Dankgebet zu dem gütigen Lenker des Schickſals ſah ſie Berenice Arm in Arm mit Farland durch die kühlen Schatten der koloſſalen Blüthenbäume des Parkes wandeln, oder ſich mit ihm an dem ſilber⸗ grauen Stamm einer der vielen prächtigen, dunkel⸗ belaubten Magnolien niederlaſſen, die jetzt ihre blen⸗ dend weißen Rieſenblumen geöffnet hatten, deren wundervoller, lieblicher Duft in der unbewegten At⸗ moſphäre ſich bis zur Erde hinabſenkte. Sie trat oftmals mit glücklichem Lächeln zu ihnen, wenn ſie 14* 164 vor der Mittagsgluth ſich in die kühlen Räume des Hauſes zurückgezogen hatten und dort zuſammen laſen oder zeichneten, und mit einer Thräne der Freude im Auge lauſchte ſie Berenicens ſilberreiner Stimme, wenn dieſelbe bei ſtiller Mondſcheinnacht in dem trauten Dunkel des Parks ihren Geliebten mit ihrem Lied entzückte und die ſüßen Klänge der Harfe ihren Geſang umwogten. Ungeſtört und in einer ununterbrochenen Kette glücklicher Tage ſchwanden den Liebenden und Elviſen Wochen und Monate und der Herbſt hatte abermals ſeine Farbenpracht über die Wälder ergoſſen, als eines Abends Ralph aus der Stadt nach Norwoods Park zurückkehrte, um dort den kommenden Morgen abzuwarten, weil auf dem Wege von der Plantage bis zum Strome viel Waſſer erſchienen war. Er hatte ſich auf die Treppe des Hauſes vor der Hauptallee niedergeſetzt, blies den Rauch aus ſeiner kleinen Pfeife gedankenvoll vor ſich hin und berechnete, auf welche Weiſe er die dreißigtauſend Dollar am vortheilhafteſten anlegen ſollte, die ihm ungefähr ſeine erzeugte Baumwollenernte einbringen mußte. Die Nacht war ſchon eingebrochen, als Ralph's Aufmerkſamkeit auf den dunkeln Schatten eines Rei⸗ ters fiel, der in der Allee auf das Haus zugeritten kam. Nach wenigen Mgenblicken hatte der Fremde 165 die Treppe erreicht und hielt ſein Pferd mit den Worten an: „Guten Abend, Herr, kann ich die Nacht hier zu⸗ bringen? Ich komme von der andern Seite des Fluſſes und bin durch den ſchlechten naſſen Weg ſehr aufgehalten worden. Auch iſt mein Pferd müde, denn es hat heute mit mir über fünfzig Meilen zu⸗ rückgelegt.“ „Steigen Sie ab und ſein Sie willkommen“, er⸗ wiederte Ralph, von ſeinem Sitz aufſtehend, und rief durch einen Pfiff auf der Fauſt einen Neger herbei, der das Roß des Reiſenden hinwegführen mußte. Dieſer hatte Sattel und Zeug und ſein ganzes Gepäck auf den Arm genommen und legte es oben auf der Treppe nieder, dann reichte er Ralph die Hand und ſagte: „Mein Name iſt Dunkan und mein Geſchäft, dem ich ſeit vielen Jahren gefolgt bin, das eines Jägers der Wildniß. Bis jetzt habe ich nur für die Eigener der Handelshäuſer gearbeitet, die von der Regierung das Monopol haben, mit den Indianern zu verkehren, ſie haben den Nutzen gezogen und ich bin arm ge⸗ blieben. Nun will ich einmal verſuchen, ob ich bei den Kaufleuten in der Stadt C.... nicht beſſere Preiſe für die Vorräthe von Häuten bekommen kann, die ich ſeit zwei Jahren wieder zuſammengebracht habe.“ Die Stimme des Fremden berührte Ralph's Ohr, thtiec — 166 wie ein Klang aus vergangenen Zeiten, doch vergebens beſann er ſich auf den Namen Dunkan. Er bat ihn, ſich bei ihm niederzulaſſen mit dem Bemerken, daß das Abendeſſen bald bereit ſein werde und ſagte dann: „Ich ſollte denken, daß Sie in C.... recht gute Preiſe für Ihre Häute erhalten müßten. Morgen werde ich Ihnen einige Kaufleute angeben, an welche Sie ſich wenden können. Was bringen Sie Neues von den Indianern, ſind ſie friedlich gegen die An⸗ ſiedler geſinnt?“ „Die Gewalt hält ſie zurück, ſonſt möchten die Grenzbewohner nicht viel Ruhe vor ihnen haben, er⸗ wiederte Dunkan. „Wenn Sie wollen, ſo bin auch ich noch Frontier⸗ mann durch meine Plantage, an welcher Sie jenſeits des Fluſſes vorübergekommen ſind. Es liegt keine andere Niederlaſſung weiter weſtlich,“ ſagte Norwood und ſetzte noch hinzu:„aber die Rothhäute wagen ſich doch nicht mehr ſo nahe heran, ſie ſtreifen weiter nach den Gebirgen hinüber.“ „Es befinden ſich im Augenblick ſehr viele In⸗ dianer in jener Gegend, da ungewöhnlich zahlreiche Büffelheerden weit nach Süden vorgedrungen ſind. Noch geſtern traf ich einen Stamm Creekindianer und auch Seminolen an, die auf der Jagd waren.“ „Seminolen?“ fiel Ralph dem Fremden in die 1467 Rede,„kommen die ſo weit nach Süden herab? ſie wohnen ja an dem Canadienfluß.“ „Ganz recht, dort wohnen ſie, ihre Jäger aber ſtreifen acht Monate im Jahre auf der Jagd umher und ziehen ſo weit ſüdlich, als es ihnen die Anſiede⸗ lungen der Weißen geſtatten.“ Ralph ſchwieg und war augenſcheinlich in Nach⸗ denken verſunken, als ein Neger aus dem Hauſe trat und anzeigte, daß das Abendeſſen bereit ſei. „Wenn es gefällig iſt,“ ſagte Ralph zu ſeinem Gaſte, indem er ſich erhob und ihn in den Corridor vorangehen ließ. Mit Verwunderung ſah er auf die koloſſale Geſtalt des Fremden, während er neben ihm der offenen Thür des Speiſeſaals zuſchritt. Beim Eintreten in dies hellerleuchtete Gemach hatte Ralph einige Schritte nach dem Tiſche hingethan, wandte dann, indem er mit der Hand auf einen Stuhl zeigte, ſeinen Blick auf das vom Kerzenlicht beſchienene Geſicht des Fremden und fuhr entſetzt vor ihm zurück. Auch auf Dunkans wettergebräunten Zügen war eine Ueber⸗ raſchung nicht zu verkennen, ſeine dunkeln Augen hatten ſich weit geöffnet und begegneten dem ſtieren Blick Ralph's, der auf ihn geheftet war, als ſtände ein dem Grabe Entſtiegener vor ihm. „Großer Gott, ſei uns gnädig!“ ſchrie in dieſem Augenblick Eloiſe, die von der andern Seite mit Be⸗ 3 —— 168 renice in den Saal getreten war und ſtreckte abweh⸗ rend ihre Hände gegen Dunkan aus. Dieſer aber war allein Herr des Augenblicks. „Ein Mißverſtändniß waltet hier ob, ich ſehe, meine Erſcheinung erinnert hier an eine andere Perſon, an die ſich nicht die angenehmſten Erinnerungen zu knüpfen ſcheinen. Dürfte ich vielleicht nach der Urſache dieſes auffallenden Erſtaunens fragen?“ ſagte Dunkan, indem er einen leuchtenden Blick auf Elviſe warf, und ſich dann vor ihr verneigte. Berenice aber hatte ihren Arm um ihre zitternde, entſetzte Mutter geſchlungen und führte ſie aus dem Saal. „Mein Herr!“ ſagte Ralph jetzt mit entſchloſſener Stimme und erhob ſich zu ſeiner vollen Größe.„Ein Mißverſtändniß, oder beſſer eine unerklärliche Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Ihnen und einem längſt verſtorbenen Manne waltet hier ob, und wüßte ich es nicht ſo gut, wie tauſend Andere, die Zeuge ſeines Todes waren, daß er nicht mehr unter den Lebenden iſt, ſo würde ich jetzt eine alte Schuld von Ihnen fordern.“ „Sonderbar, die Aehnlichkeit muß allerdings auf⸗ fallend ſein. Wer war denn jener Doppelgänger von mir und wie war ſein Tod, daß denſelben Tauſende bezeugen können?“ erwiederte Dunkan, indem er gleichfalls ſein Haupt entſchloſſen erhob und ſeine blitzenden Augen auf Ralph richtete. „Flournoy war ſein Name und ſeinen Tod fand 169 er am Galgen. Er war Pirat und wurde in Balti⸗ more gehangen,“ entgegnete Ralph, noch immer mit einer gewiſſen Scheu auf den Fremden blickend. Flournoy aber, denn dieſer war es wirklich, der unter dem Namen Dunkan vor Ralph ſtand, lachte höhniſch und ſagte: „Wenn Tauſende dem tragiſchen Ende jenes Herrn Flournoy beiwohnten, ſo muß er wohl todt ſein und für ſeinen Geiſt beſitze ich zu viel Fleiſch und Blut. Sie dürfen ſich deshalb beruhigen und auch Ihren Damen Troſt einſprechen, der todte Flournoy kehrt nicht wieder in's Leben zurück.“ Von der Unmbglichkeit überzeugt, daß der Fremde der Pirat Flournoy ſein könne, war Ralph dennoch nicht im Stande, das Gefühl deſſen augenblicklicher Gegenwart von ſich abzuwehren, welches ihm jedes Wort, jeder Blick, jede Bewegung ſeines Gaſtes auf⸗ drängte, er ſchickte zwar einen Diener zu Elviſen und ließ ſie bitten, zu Tiſch zu kommen, doch dieſelbe ließ ſich entſchuldigen. Darauf nahmen Ralph und Flour⸗ noy gegeneinanderüber am Tiſch Platz und Letzterer, dem ſeit Jahren eine ſolche Koſt nicht geboten war, ließ ſich nicht zum Eſſen nöthigen, während Ralph wenig genoß und die Unterhaltung führte, ohne ſeinen Blick von dem Ebenbild des Piraten abwenden zu können. Nach eingenommenem Mahl reichte Ralph ſeinem 170 Gaſt eine Cigarre und Beide nahmen vor dem Kamin Platz, in welchem ein kleines Holzfeuer flackerte. „Ich habe mir den Namen meines gaſtfreien Wirthes noch nicht einmal erbeten. In den Prairien vergißt man leicht die Höflichkeit des civiliſirten Le⸗ bens,“ ſagte Flournoy mit einer artigen Verneigung gegen Ralph. „Ralph Norwood iſt mein Name, Herr Dunkan, ich bin von Florida hierher übergeſiedelt,“ antwortete der General. „Ich bedauere, daß ich Ihnen nicht auch mein Haus anbieten und Sie dort ſtets einer gaſtfreien Aufnahme verſichern kann. Mein Haus iſt der ge⸗ wölbte Himmel über mir und mein Lager das Gras der Prairie, ein hohler Baum, eine Felsſchlucht. Dankbar werde ich Ihnen jedoch ſtets für die freund⸗ liche Bewirthung unter Ihrem Dache bleiben,“ ſagte Flournoy und ſetzte lächelnd noch hinzu:„trotz meiner Aehnlichkeit mit jenem, noch im Tode gefürchteten Piraten.“ Je länger Ralph mit Flournoy zuſammen⸗ ſaß, deſto unheimlicher ward ihm deſſen Nähe, deſto deutlicher ſpiegelte ſich das frühere jugendlich ſchöne Bild dieſes Mannes auf deſſen Zügen. Endlich erhob ſich der Letztere und bat, ihm den Platz für ſeine Nachtruhe anzuweiſen. Ralph geleitete ihn in ein reich meublirtes Fremdenzimmer und wünſchte ihm einen ruhigen Schlaf. Flournoy aber war es zu eng 17¹ und zu beklommen in dem kleinen Gemach, er öffnete 3 die Thür und das Fenſter, breitete ſeine wollene Decke auf dem weichen Teppich aus und legte ſich, anſtatt in das Bett, auf den Fußboden nieder. Bei dem ſehr zeitigen Frühſtück am folgenden Morgen fehlte Eloiſe mit ihrer Tochter abermals und Ralph's Erſtaunen ſteigerte ſich nun beim Tageslicht noch mehr über die auffallende Aehnlichkeit ſeines Gaſtes mit dem ſeiner Meinung nach längſt todten Seeräuber. Flournoy entgingen die Zweifel nicht, die ſich ſeinem Wirthe immer lebendiger aufdrängten und er beſchloß, ſeinen beabſichtigten Beſuch in der Stadt C.... auf ein anderes Grenzſtädtchen weiter ſüdlich zu übertragen, da ihm die rege Erinnerung Ralph's anfing gefährlich zu erſcheinen. Er ließ ſich nach beendigtem Frühſtück von ihm die Namen der Kaufleute in C.... nennen und verließ ihn dann unter vielen höflichen Dankſagungen mit dem Bemerken, er wolle nun ſein Glück in der Stadt verſuchen. Kaum aber hatte er Norwoods Park aus dem Geſicht verloren, als er von der Straße abritt und auf weitem Umweg durch Wald und Prairie wieder zu der Fähre zurückkehrte und von da den Weg bei Norwoods Plantage vorüber einſchlug. Flournoy war damals in Baltimore wirtlich durch die Methodiſten vom Galgen gerettet und heimlich durch ſie fortgebracht worden. Nur in der Wildniß 172 hatte er ſich vor aller Gefahr ſicher geglaubt, er war Jäger geworden und hatte nun die vielen Jahre ent⸗ fernt von aller Civiliſation in den weſtlichen Prairien zugebracht. Nach Flournoys Abreiſe trat Elviſe tief erſchüttert zu Ralph auf die Treppe vor dem Hauſe und be⸗ theuerte, daß der Fremde kein Anderer geweſen ſei, als der Pirat. Ralph hielt ihr die Unmöglichkeit hiervon vor, da derſelbe ja in Gegenwart vieler tauſend Menſchen in Baltimore gerichtet worden wäre, Elviſe ließ ſich aber nicht von ihrer Ueberzeugung abbringen, bis Ralph ihr zuletzt auch ſeine eigenen Zweifel verrieth und beſchloß, dem Herrn Dunkan nach der Stadt zu folgen. Schnell beſtieg er ſein Pferd und eilte nach C...., wie groß aber war ſeine Verwunderung, als dort Nie⸗ mand den Jäger geſehen haben wollte. In Folge deſſen eilte er nach dem Park zurück, ſeine Mitthei⸗ lung über das Verſchwinden des unheimlichen Mannes ſetzte Eloiſen in Angſt und Schrecken und Ralph trat ſelbſt ſehr beſorgt ſeinen Rückweg nach der Plantage an. Seine Aufregung ſteigerte ſich, als ihm der Fähr⸗ mann auf dem Strome, einer von Ralphs Selaven, benachrichtigte, daß er heute früh denſelben Fremden mit ſeinem ſchwarzen Pferd nach dem andern Ufer übergeſetzt, den er geſtern Abend herüber gefahren habe. Ralph erkannte nun auch den unbeſchlagenen Huf 173 des Roſſes in dem weichen Boden und zwar in der Richtung nach der Plantage zu. Er beeilte ſeinen Ritt, erreichte ſeine Niederlaſſung, von dem Fremden hatte aber dort Niemand Etwas geſehen. Die geheimnißvolle Erſcheinung, wie auch das ebenſo geheimnißvolle Verſchwinden deſſelben ſetzte Ralph ſowohl, als auch Elviſen und ihre Tochter in große Beſorgniß und Ralph beunruhigte insbeſondere der Gedanke ſehr, daß durch dieſen Mann ſein Name und ſein jetziger Wohnort den Seminolen möglicher⸗ weiſe verrathen werden könnte. Oftmals, wenn er allein in der Nähe ſeiner Plantage durch den Wald ging, oder umherritt, dachte er: wenn hinter jenem Baum plötzlich Tallihadjo, oder Tomorho hervorträte und ihn, mit der Büchſe in der Hand, zur Rechen⸗ ſchaft zöge? Solche Gedanken bemächtigten ſich ſeiner immer häufiger; er ging nicht mehr ſo weit in den Wald hinein als früher, und ſchlief nicht mehr bei offener Thür. Die geerntete Baumwolle war jetzt von den Sa⸗ menkörnern gereinigt und in Ballen gepackt und Ralph ließ ſie nach dem, nur wenige Meilen am Fluſſe hinab gelegenen Landungsplatz der Dampfboote fahren, und ſie von dort nach New⸗Orleans verſchiffen. Er ſelbſt wollte nach dieſer Stadt reiſen, um ſeine Baumwolle zu verkaufen und hatte ſchon während des 174 ganzen Sommers den Plan gehabt, Berenice mit ſich zu nehmen, um dort mit ihr zu glänzen. New⸗Orleans war im Winter der Sammelplatz für zahlloſe Geſchäftsleute aus allen Theilen der Ver⸗ einigten Staaten und der Aufenthalt vieler reichen Plantagebeſitzer am Miſſiſſippi, worunter namentlich die Franzöſiſchen Creolen, die an feiner Bildung und vornehmer prächtiger Lebensweiſe wohl allen andern Amerikanern voranſtehen. Die glänzendſten Geſellſchaften, Bälle, Concerte, Theater, Cireuſſe, kurz alle derartige Vergnügungen drängen ſich um dieſe Zeit in New⸗Orleans ununter⸗ brochen und das Raſſeln von Carroſſen und Güter⸗ wagen, der Geſang der Matroſen, das Summen der wogenden Menſchenmaſſen auf den Trottoirs und Muſik aller Art verhallen während der Nächte nicht. In dem geſellſchaftlichen Gewühl dieſer Weltſtadt wollte General Norwvod Bereniee zeigen, um die weit und breit berühmten Schönheiten der dortigen Crev⸗ linnen neben ihr verbleichen zu ſehen, und für ſich ſelbſt durch ſie den Zutritt in die erſten Geſellſchaften zu gewinnen. Im November, nur wenige Wochen vor der, zu ſeiner Abreiſe beſtimmten Zeit, gab er Elviſen ſeinen Wunſch zu erkennen, daß ſie ſowohl, als auch Bereniee ihn nach New⸗Orleans begleiten möchten. Elviſe erſchrack und machte Einwendungen, Ralph 175 aber hörte nicht darauf und bat, ſchnell alle Vorbe⸗ reitungen zur Reiſe zu treffen. Am ſelbigen Abend theilten die geängſtigten beiden Damen ihrem Freund Farland die Verlegenheit mit, in die Ralph's Befehl ſie verſetzt habe, und baten ihn um ſeine Anſicht, um ſeinen Rath. Farland war beſtürzt und erklärte, daß Berenice unter keiner Bedingung nach New⸗Orleans reiſen dürfe. Die Räume in den Dampfbooten, ſagte er, wären immer noch mit dem Krankheitszunder aus der Fieberzeit des Herbſtes gefüllt, und die giftige Aus⸗ dünſtung der endloſen Sümpfe in der Umgebung von New⸗Orleans könnte in Berenicen leicht das alte, kaum beſiegte Uebel wieder hervorrufen. Er beſchwor dieſe, ſo wie auch Elviſen, ſich dem Willen Ralph's zu widerſetzen und weder auf deſſen Bitten, noch auf ſeinen Befehl zu hören. Dieſes geſchah. Elviſe erklärte ihrem Gatten, daß ihre Tochter ihn nicht begleiten ſollte, indem Farland den Aufenthalt in jener Stadt für Berenice als höchſt gefährlich bezeichnet habe. Ralph gerieth in Zorn und Wuth und ſchwor, Berenice zu enterben, wenn ſie ſeinem Willen nicht Folge leiſte, ein Wort, welches ihm ſchon ſeit langer Zeit auf der Zunge geſchwebt hatte. Eloiſe war untröſtlich, die angedrohte Hand⸗ lung ſprach mehr aus, als nur den Verluſt des väter⸗ lichen Vermögens, denn Niemand würde glauben, daß 176 die verweigerte Mitreiſe nach New⸗Orleans die allei⸗ nige Urſache dazu geweſen ſei. Zugleich aber hatte ſie im Stillen die Hoffnung gehegt, daß Ralph ſeine Zuſtimmung zu Berenicens Verbindung mit Farland geben möchte, welche Ausſicht gleichfalls durch ein ſo ernſtes Zerwürfniß mit ihrem Gatten vernichtet werden mußte. Elviſe ſprach abermals mit Farland darüber, theilte ihm die Drohung Ralph's mit und ſtellte ihm vor, wie viele böſe Folgen eine ſolche Verfeindung mit Ralph für ſie alle Drei haben würde. Farland aber blieb bei ſeiner Anſicht und erklärte, daß er Be⸗ renice lieber von Ralph enterbt zu ſeiner Gattin nehmen, als ſie der Gefahr ausgeſetzt ſehen wolle, abermals zu erkranken. Zum erſten Male war das Glück der Liebenden geſtört und Farland wurde bei ſeinen Beſuchen von Berenicen ſowie von ihrer Mutter mit Thränen em⸗ pfangen und entlaſſen. Ralph blieb unbeugſam bei ſeinem Ausſpruch und wiederholte ſeine Drohungen gegen Jene mit jedem Zuſammentreffen mit ihnen. Dabei tobte und fluchte er mit ſolcher Wuth, daß er ſie Beide täglich mehr einſchüchterte und ihnen zu⸗ letzt alle Kraft ihres Willens nahm. Farland be⸗ ſtürmte ſie dagegen, feſt bei ihrer Weigerung zu be⸗ harren, er theilte ihnen ſeinen Entſchluß mit, ſelbſt 177 mit Ralph zu reden und ihm das Unrecht ſeines Ver⸗ langens vorzuhalten, Elviſe aber bat ihn bei Allem, was ihm heilig, dies nicht zu thun, da er das Uebel dadurch nur noch verſchlimmern würde. Die Tage verſtrichen und der Vorſatz der Damen erlag dem Befehl Ralph's, ſie willigten ein, ihn zu begleiten. Die Mittheilung hiervon verſetzte Farland in Ver⸗ zweiflung und er beſchloß, trotz der Gegenvorſtellungen Elviſens, mit dem General darüber zu reden und ihm das Unverantwortliche ſeiner Handlung vorzuhalten. Er ritt frühzeitig nach der Plantage und traf Ralph unweit ſeiner Wohnung bei der Preſſe, mit⸗ telſt welcher durch eine ungeheuere Holzſchraube Baum⸗ wolle in Ballen zuſammengedrückt wurde. „Herr General, es iſt meine Pflicht mit Ihnen über die beabſichtigte Reiſe der Fräulein Berenice zu reden und Sie auf die große Gefahr aufmerkſam zu machen, welcher dieſelbe dadurch ausgeſetzt werden wird,“ ſagte Farland nach gegenſeitiger Begrüßung. „Die giftige Ausdünſtung ſumpfiger Gegenden iſt häufig hinreichend, auch bei den kräftigſten geſundeſten Menſchen Geſchwürbildung in den Lungen zu erzeugen, wie viel mehr bei Fräulein Berenice, die kaum von dieſem höchſt gefährlichen Uebel wieder geneſen iſt. Die Aufregung in großen Geſellſchaften, der Aufent⸗ halt zwiſchen vielen Menſchen in verſchloſſenen Räu⸗ Ralph Norwood. v. 12 — —————— — 178 men, die geſtörte Nachtruhe und die veränderte, we⸗ niger natürliche Lebensweiſe, Alles wird dazu bei⸗ tragen, die kaum beſiegte Krankheit wieder hervorzu⸗ rufen, und dann, Herr General, wird keine menſch⸗ liche Hülfe hinreichen, ſie abermals zu heilen. Be⸗ denken Sie die ſchrecklichen Vorwürfe, die Sie treffen würden.“ „Sie ſind zu beſorgt, Herr Farland“, erwiederte Ralph gelaſſen und freundlich,„New⸗Orleans iſt in Winterzeit der geſundeſte Aufenthaltsort der Welt. Ich bin überzeugt, daß die Tour Berenicen außer⸗ ordentlich gut bekommen witd und es ſoll mir bei unſerer Rückkehr große Freude machen, Ihnen durch das erhöhte Wohlbefinden derſelben zu beweiſen, daß meine Anſicht die richtige war.“ „Sie irren ſich, Herr General, hören Sie auf meine Warnung und laden Sie nicht eine ſolche Ver⸗ antwortung auf ſich, die Ihr und Ihrer Gattin Le⸗ bensglück vernichten kann. Ich beſchwöre Sie, ſtehen Sie von Ihrem Vorhaben ab!“ „Das geht nicht, Herr Farland, und es iſt auch keine Nothwendigkeit dafür vorhanden. Berenice wird mich begleiten,“ entgegnete Ralph feſt. „Ich muß Ihnen bemerken, daß es eine unverzeih⸗ liche Rückſichtsloſigkeit gegen mich ſein würde, da es Ihnen bekannt iſt, daß ich Viel zu der Herſtellung Ihrer Tochter beigetragen habe. Es ſteht mir ein 179 Recht zu, über deren Geſundheit zu wachen; einen Theil ihres neuen Lebens empfing ſie von mir,“ ſagte Farland mit ernſter Betonung. „Bis jetzt, Herr Farland, habe ich noch über das Thun und Laſſen Berenicens zu beſtimmen; ſie wird mit mir reiſen,“ antwortete Ralph heftig und ſetzte ſchnell und gelaſſener hinzu,„laſſen Sie uns nicht über Sachen ſtreiten, die doch nicht geändert werden. In allem Uebrigen bin ich gern bereit, Ihnen irgend⸗ wie gefällig zu ſein.“ „Herr General, iſt es möglich, können Sie für leidige Selbſtintereſſen die Geſundheit, das Leben eines edeln Weſens, wie Berenice, auf das Spiel ſetzen, fürchten Sie ſich nicht eine ſchwere Sünde auf Ihr Gewiſſen zu laden, haben Sie denn kein Mit⸗ leid, keine Barmherzigkeit mit Ihrer Gattin, glauben Sie nicht an eine Vergeltung in jenem Leben?“ rief Farland außer ſich in höchſter Entrüſtung. „Scherz, Scherz, Herr Farland, Sie werden Be⸗ renice wohler zurückkehren ſehen, als ſie von hier ab⸗ reiſt. Geben Sie ſich weiter keine Mühe, meinen Entſchluß zu ändern,“ entgegnete Ralph mit unter⸗ drückter Heftigkeit. „So nehmen Sie zwei Morde auf Ihre Seele, denn die Mutter wird Bereniee nicht überleben,“ rief Farland jetzt von Zorn übermannt, ſprang nach ſeinem Pferde, warf ſich in den Sattel und jagte davon. 12½ 180 Der Abend vor der feſtgeſetzten Abreiſe erſchien und Farland ſagte Berenicen mit einem Gefühl Lebe⸗ wohl, als ob er von ſeinem eigenen Leben Abſchied nähme. Schlaf kam während der Nacht nicht in ſeine Augen, mit dem erſten Grauen des Tages beſtieg er ſein Pferd und begab ſich nach einem ſchroffen Abhang über dem Strome, etwa eine Meile unterhalb des Landungsplatzes, wo das Dampfboot lag. Dort ließ er ſich unter einer einzeln ſtehenden himmelhohen Fichte nieder, um der Geliebten beim Vorüberfahren noch ein letztes Lebewohl zuzuwinken, die frühzeitig mit ihrer Mutter und Eva von Ralph nach dem Dampf⸗ ſchiff hin gefahren war. Unglück ahnend, hielt Farland ſeinen Blick auf die nahe Biegung des Fluſſes geheftet, von wo das Boot kommen mußte. Nicht wie früher in Augen⸗ blicken des Erwartens ſchlug ſein Herz der Geliebten froh und freudig entgegen, es hatte ſich bang zuſam⸗ mengezogen und erbebte, wenn er das Rauſchen des Dampfbvotes zu hören glaubte. Plötzlich brauſte es durch den Wald, bald darauf ſtieg hinter der Biegung des Stromes eine dichte weiße Dampfwolke zwiſchen den Bäumen auf und dann ſchnaubte das Schiff dem Abhange zu, auf deſſen Rande Farland ſtand. Er erkannte Berenice und ihre Mutter auf dem oberen Verdeck, er ließ ſein Tuch wehen, die Geliebte ſah ihn, riß ihren roth ſeidenen 181 Shawl von der Schulter und beantwortete Farlands Abſchiedsgrüße, indem ſie das Tuch, ſo lange ihre Augen ihn erreichen konnten, nach ihm hin durch die Luft ſchwang. Lange noch ſtand Farland an dem Abhang und ſchaute auf die Stelle, wo Berenice ſeinem Blick ent⸗ ſchwand. Es war ihm, als habe er ſie zum Letzten⸗ male geſehen. In banger Sorge und mit ſchwerem Herzen ließ er jetzt die Tage an ſich vorüberſchleichen, er ſuchte in der Jagd Zerſtreuung und wartete ſehnſüchtig auf den erſten Brief von der Geliebten, der ihm endlich nach Verlauf mehrerer Wochen zu Händen kam. Jede Zeile, jedes Wort darin ſprach ihre Liebe, ihre Sehn⸗ ſucht nach Farland aus, ſie ſchilderte ihm das gewühl⸗ volle glänzende Treiben, in welches Ralph ſie geführt habe, beklagte ſich, daß ſie Nacht für Nacht in Ge⸗ ſellſchaften erſcheinen müſſe und daß die Beſuche bei ihr während des Tages gar nicht abbrächen. Zugleich ſprach ſie ihre Furcht aus, daß ſie wahrſcheinlich den ganzen Winter hier werde zubringen müſſen, da Ralph's Einrichtungen darauf hindeuteten. Sie ſagte, derſelbe habe Equipage angeſchafft, Logen in den verſchiedenen Theatern gemiethet und die Koſten ihres Aufenthalts in dem Hotel monatsweiſe bedungen. Dieſer Brief machte Farland noch niedergeſchla⸗ gener, als er es ſchon war, er ſah daraus deutlich, 182 daß ſeine Befürchtungen zur Wahrheit werden würden und daß Berenice und mit ihr ſein Lebensglück den ſelbſtfüchtigen Zwecken Ralph's als Opfer fallen müßten. Er ſchrieb an die Geliebte, und beſchwor ſie, bei ihrer Liebe, bei ihrem beiderſeitigen Glück, vorſichtig zu ſein und ſich den Gefahren, die ſie umgaben und die er ihr wiederholt aufzählte, möglichſt zu entziehen. In jeder Woche ſandte er einen, auch zwei Briefe an ſie ab und Berenice ſchrieb häufig an Farland, wenn auch ihre Nachrichten, in Folge der noch unge⸗ regelten Poſtverbindung oftmals zwei auch drei zu⸗ ſammen in ſeine Hände kamen und er dadurch mit⸗ unter während längerer Zeit nicht eine Zeile von ihr erhielt. Die erſte Hälfte des Januars war verſtrichen, ohne daß Farland von Bereeine gehört hätte, er ſuchte ſich aber hierüber mit dem Gedanken zu beruhigen, daß die Briefe abermals unterwegs liegen geblieben wären. Täglich ritt er ſelbſt nach der Stadt, um ſich zu er⸗ kundigen, ob ſolche für ihn eingetroffen ſeien, aber umſonſt, die letzten Tage des Monats erſchienen und er hatte noch immer kein weiteres Lebenszeichen von der Geliebten erhalten. Seine Angſt ſteigerte ſich ſtündlich, er war mehrere⸗ male im Begriff, mit dem erſten Dampfboot ſelbſt nach New⸗Orleans zu eilen, immer aber hielt ihn die 2 183 Hoffnung zurück, daß er vielleicht ſchon am folgenden Morgen einen Brief erhalten würde. Am letzten Januar langte er abermals vor der Poſt in C.... an und der Poſthalter rief ihm ſchon aus dem Fenſter entgegen, er habe einen Brief für ihn. Farland ſprang vom Pferde und in das Haus hinein, empfing mit bebender Hand das Schreiben und erkannte zu ſeinem Schrecken in der Aufſchrift nicht Berenieens, ſondern ihrer Mutter Hand. Nur zu gegründet war die Angſt, die ihn ergriffen hatte, denn Elviſe theilte ihm in herzzerreißenden Klage⸗ worten mit, daß Berenice abermals einen heftigen Blutſturz gehabt habe und daß ſie, wenn es möglich wäre, mit ihr auf dem nächſten Dampfſchiff nach Norwvods Park zurückreiſen würde. Zugleich ſagte ſie, daß ihr Gatte ſie abgehalten habe, ihm früher Nachricht von ihrem Schickſal zu geben. Ein jeder Buchſtabe in dem Briefe zeugte von der Verzweiflung, in der die unglückliche Frau denſelben geſchrieben hatte. Wie vernichtet ſtand Farland vor dem Hauſe und hielt das Unglücksſchreiben in der Haud, er hatte keinen Gedanken mehr, als den, daß ſein Leben fortan in Nacht und Trauer gehüllt ſein würde, er dachte nicht daran, ſein Pferd zu beſteigen und den Heimweg an⸗ zutreten, bis der Poſthalter, der ihn einige Zeit aus dem Fenſter beobachtet hatte, zu ihm trat, und ihn 184 theilnehmend fragte, ob er eine traurige Nachricht er⸗ halten habe? In jener gänzlichen Abgeſpanntheit, welche den Menſchen in ſchweren unerwarteten Leiden erfaßt, er⸗ reichte Farland ſeine Wohnung, die er während meh⸗ rerer Tage nun gar nicht verließ. Er hatte nach dem Landungsplatz des Dampf⸗ bvotes geſchickt und ſich dort bei deſſen Agenten er⸗ kundigen laſſen, wann das nächſte Schiff erwartet würde, man hatte ihm aber keine Gewißheit darüber 1 1 geben können. Plötzlich erſchien eines Morgens Eva bei Farland und brachte ihm die Kunde, daß ihre junge Herrin vor einer halben Stunde in Norwoods Park angelangt ſei. Farland fragte die Sclavin nicht nach Berenicens Befinden, er hatte es ſchon auf dem 3 Geſicht der treuen Dienerin geleſen. Der Hengſt trug ihn wieder flüchtig nach der Woh⸗ nung der Geliebten, Farland fühlte aber, daß ſeine Kenntniſſe, ſeine Kräfte ihr keine Hülfe mehr bringen könnten. Dennoch, als er den Eingang in den Park erreichte, den er ſo oft mit jubelndem Herzen durch⸗ 3 ſchritten, und die Treppe wieder vor ſich ſah, auf der ihn die geſunde blühende Berenice ſtets freudig em⸗ Bruſt, er flog in den Cvrridor, öffnete die Thür, die ihn ſo häufig zu ſeinem Glücke eingelaſſen hatte und 3 pfangen hatte, ſchoß ein Hoffnungsſtrahl durch ſeine ſtand vor Berenice. Wie dem Grabe entſtiegen, bleich, . 185 abgezehrt und machtlos wankte ſie Farland entgegen und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt; kein Wort der Freude, kein Ton der Klage kam über ihre farbloſen Lippen, nur die Thräne, die ihren, zu dem Geliebten erhobenen, noch immer wunderbar ſchönen Augen entquoll, ſchien Vergebung von ihm erbitten zu wollen. Der erſte Blick auf Berenice hatte Farland geſagt, daß ſie rettungslos für ihn verloren ſei; er ſuchte ſich zu ermannen, ſie ſollte Hoffnung auf ſeinen Zügen leſen, er wollte ihr ſagen, daß er ſie abermals dem friſchen Leben wieder geben könne, aber ſeine Kraft, ſein Wille erlag vor dem Bilde ſchneller Lergöngi welches vor ihm ſtand. Mit aller ihr zu Gebote ſtehenden Macht hatte Berenice ſich aus dem Sopha erhoben und war Far⸗ land entgegengegangen, um ihm ſtärker zu erſcheinen, als ſie war, jetzt aber verließen ſie ihre Kräfte und ſie ſank matt in ſeinen Arm, in dem er ſie halb tra⸗ gend nach dem Sopha brachte. Sie hatte ihre nächſte Zukunft deutlich auf Far⸗ lands Zügen erkannt, ſie fühlte es, daß er keine Hoff⸗ nung für ſie hatte, und ſank mit den Worten gegen ſeine Bruſt:„Laß mich wenigſtens in Deinem Arm ſterben.“ Jetzt kam Farland zu ſich ſelbſt, er ſuchte Bere⸗ nicen Troſt einzureden, erinnerte ſie daran, daß ſie früher noch viel kränker geweſen ſei und daß ſie guten 186 Muthes ſein müſſe. Berenice jedoch ſchüttelte ihr ſchönes Haupt und ſagte mit einem wehmüthigen Lächeln:„Gedenke des Pflaumenbaums.“ Elviſe war abſichtlich fern geblieben, ſie wollte durch ihre Thränen ihrem Kinde nicht das Herz noch ſchwerer machen, als aber Farland aus dem Zimmer trat, um nach ſeiner Wohnung zu reiten und Arznei für Berenicen zu holen, harrte ſie ſeiner vor der Thür und führte ihn in den Saal, um Tod oder Leben von ſeinem Munde ausſprechen zu hören. Farland machte ihr einige Hoffnung, doch nur ſo viel, daß ſie langſam auf das Schlimmſte vorbereitet wurde. Eloiſe wollte in Thränen vergehen, ſie ſchluchzte und jammerte und klagte ſich ſelbſt an, daß ſie durch ihre Zuſtimmung zu der Reiſe das troſtloſe Schickſal ihrer Tochter her⸗ beigeführt habe. Wie gern hätte ſie Bereniee jetzt enterbt geſehen und hätte arm mit ihr Haus und Hof verlaſſen, hätte ſie ihr die Geſundheit dadurch zurückgeben können! Farland eilte nach Hauſe, bereitete die nöthige Arznei für Berenice und kehrte damit eilig zu derſelben zurück. In raſtloſer Thätigkeit bot er all ſein Wiſſen, alle ſeine Erfahrung auf, um der raſch vorwärts ſchreitenden Krankheit eine Grenze zu ſetzen, umſonſt, die Kräfte Berenicens ſanken zuſehends und raſch nahete ſie ihrem Ende. Sie war nicht an ihr Lager gebunden, ſie ging 187 von einem Zimmer zum andern, begab ſich an milden Abenden auf die Treppenhöhe vor das Haus, um dort den letzten Liedern der Vögel zu lauſchen und ihren gedankenvollen ſinnenden Blick auf die ſcheidende Sonne zu heften, und täglich fuhr ſie langſam im Wagen in dem nahen Wald umher, um dem unwiderſtehlichen Drange nach der freien Luft zu genügen. Eines Morgens gab ſie Farland den Wunſch zu erkennen, gegen Abend über den Strom und nach der Plantage zu fahren, da ſie ſich darnach ſehne, die prächtigen Bäume des Urwaldes, durch welchen der Weg führe, wiederzuſehen, und fragte ihn, ob er ein Bedenken dabei habe, wenn ſie während der Nacht auf der Plantage verweile und erſt am folgenden Morgen nach dem Park zurückkehre. Noch einmal, ſagte ſie, wünſche ſie den Scheideblick der Sonne durch den hohen Wald funkeln und dieſen dann in Nacht ver⸗ ſinken zu ſehen. Farland wandte Nichts dagegen ein, er erfüllte ſo gern jeden von Berenicens Wünſchen, und die Fahrt konnte die, ihr nur noch knapp zugemeſſene Le⸗ benszeit nicht noch mehr verkürzen. Er ſelbſt kehrte Nachmittags nach dem Park zurück, um Berenice noch vor dem Antritt der Fahrt zu ſehen, auf welche die⸗ ſelbe ſich ſo ungemein freute. Elviſe und Eva be⸗ gleiteten ſie, Farland gab ihnen das Geleit bis zu dem Strome, und ſah ſie glücklich an deſſen jenſeitigem 188 Ufer landen. Dann lenkte er ſein Roß am Fluß hin⸗ unter zu einer ihm befreundeten Pflanzerfamilie, die ſeine Hülfe für ein ſchwer erkranktes Kind angerufen hatte. Dieſe Farm lag acht Meilen von Farlands Wohnung entfernt, ſo daß er erſt noch ſpät Abends dorthin zurückkehrte. 5 Capitel 47. Der nächtliche Ritt.— Das Krankenzimmer.— Sehnſucht.— Das Hellſehen. — Das nahende Ende.— Gefühlloſigkeit.— Troſtloſigkeit.— Grauſam⸗ keit.— Wiedererwachen.— Verzweiflung.— Das Gewölbe.— Das Be⸗ gräbniß.— Freundſchaft.— Das geängſtigte Roß.— Die Grabſtätte.— Die Trauernde.— Das gebrochene Herz. Grmüdet und vom Schickſal niedergebeugt, ſaß Farland vor dem Kaminfeuer und ſchaute, in trübe Gedenken verſunken, in die Flamme, während die Quadrone das Abendbrod auf den Tiſch trug und ihren theilnehmenden wehmüthigen Blick nach ihrem traurigen Herrn richtete. Plötzlich erſchallte ein lautes„Hallo!“ vor dem Hauſe, Farland ſprang erſchrocken auf, Berenice, die ſeine Gedanken beſchäftigt hatte, ſtand nach ihm ver⸗ langend vor ſeinem Geiſte, er rannte aus der Thür unter die Veranda und fragte in die Dunkelheit hin⸗ aus: Wer da ſei? „Fräulein Berenice iſt ſehr krank geworden, Herr Farland, ſie läßt Sie bittten, eiligſt zu ihr nach der Plantage zu kommen,“ rief der Eilbote und trat durch die Einzäunung auf Farland zu. „Reite zurück nach dem Strome und ſorge, daß 190 der Fährmann ſich bereit halte, mich überzuſetzen,“ befahl Farland dem Boten und rief dann ſeinem Neger⸗ burſchen zu, ihm ſchnell den Hengſt zu ſatteln. Nach zehn Minuten ſchon trieb er ſein Roß in flie⸗ gendem Lauf über die Prairie und dann auf der rohen Straße der Fähre zu, die ſeiner am Fluſſe harrte. Bald hatte er deſſen anderes Ufer erreicht, wo ihn in dem, zum dunkeln Himmel aufſtrebenden Walde die tiefſte Finſterniß umfing. Er konnte kaum einen Weg erkennen, demohngeachtet drückte er dem braven Pferd die Sporn in die Seiten und überließ ſich ſeinen flüch⸗ tigen ſichern Hufen. Das Gebäude auf der Plantage, in welchem Ralph lebte, beſtand aus zwei Theilen, das heißt aus zwei, zehn Fuß von einander entfernt ſtehenden Blockhäu⸗ ſern, welche durch ein gemeinſames Dach und durch eine Veranda mit einander verbunden waren, ſo daß der offene Raum zwiſchen ihnen weder von den Son⸗ nenſtrahlen noch durch Regen erreicht werden konnte. Die Thüren dieſer beiden Häuſer, deren ein jedes nur aus einem Zimmer beſtand, führten in den Durch⸗ gang zwiſchen ihnen, während ihre kleinen Fenſter nach Vorn unter die Veranda zeigten. Beide Zimmer waren durch Kaminfeuer erleuchtet, deren Lichtſchein durch die offenen Thüren in die Paſſage fiel und auch die kleinen Glasſcheiben der Fenſter erhellte. In der Mitte des einen Zimmers ruhte Berenice 191 auf einem Bett, welches ſo niedrig war, daß man es, um Raum zu gewinnen, unter ein anderes in der Ecke der Stube ſtehendes ſchieben konnte. Auf ihren eingefallenen Wangen lag ein ſcharf begrenztes friſches Roth, zwiſchen ihren dünnen geöff⸗ neten Lippen ſahen ihre wundervollen weißen Zähne hervor, und in ihren großen dunkeln Augen war eine auffallende Gluth, Unruhe und Angſt nicht zu ver⸗ kennen. Die Fülle ihres gelöſten Haares ruhte in ſchweren Locken zu beiden Seiten ihrer Geſtalt auf dem weißen Ueberzug ihres Lagers und wurde ihr bei ihren raſtloſen Bewegungen oftmals hinderlich. Elviſe ſaß an ihrer Seite auf dem Bett und war bemüht, ſie bei den häufigen Veränderungen ihrer Lage zu unterſtützen, während ſie ſich Gewalt anthat, die Thränen vor ihr zu verbergen, die ſich ununter⸗ brochen nach ihren Augen drängten. An dem obern Ende des Bettes ſtand Arabella, die Wittwe Toms, legte das Kopfkiſſen immer wieder zurecht, wenn Bere⸗ nice es in ihrer Unruhe verſchoben hatte und war ihr ſchnell behülflich, wenn ſie ſich aufſetzen wollte. Ralph ſtand unbeweglich neben dem Kamin an die Wand gelehnt, wo ihn der Lichtſchein nicht treffen konnte und hielt ſeinen finſtern Blick auf Berenice geheftet, als zähle er die ſchnellen kurzen Athemzüge, die ihre Bruſt noch bewegten. Nur, wenn deren un⸗ gewöhnlich glänzende Augen ſich ſeitwärts nach ihm 192 hinrichteten und das Feuerlicht den dunkeln Schatten, der ſie umgab, noch deutlicher zeigte, ſah er ſchnell anderswo hin, denn ihr Blick enthielt eine furchtbare Anklage gegen ihn. Dennoch wich er nicht von ſeinem Platz und ſchien jedes Wort, welches Berenice mit matter Stimme zu ihrer Mutter ſagte, mit größter Aufmerkſamkeit und Spannung zu überwachen. Arabella begab ſich von Zeit zu Zeit in das Zim⸗ mer an der andern Seite des Durchganges, um nach ihrer ſchlafenden Tochter zu ſehen, dann trat aber ſo⸗ gleich Eva an ihre Stelle und zeigte ihrer jungen Herrin durch ein leiſes Wort, oder durch einen Strich mit der Hand über deren Haupt ihre Nähe an. Plötzlich, wie wenn ihre Lebensflamme neue Nah⸗ rung erhalten hätte, richtete ſich Berenice auf und ſagte mit bewegter Stimme und einem Blick, nach ihrer Mutter gerichtet, aus dem Freude, Glück und auch Hoffnung ſchimmerte: „Farland kommt, jetzt wird es mir beſſer!“ „Er wird ſicher kommen, meine Berenice, Du weißt es, für Dich würde er die ganze Welt verlaſſen,“ antwortete Elviſe und neigte ihren Mund auf die Hand ihrer Tochter, um die Thränen zu verheimlichen, die ihren Augen entquollen. „Geh, Eva, und trage unſerm Kutſcher auf, Far⸗ land das Pferd abzunehmen und es gut zu verpflegen, er reitet jetzt ſehr raſch durch den Wald daher,“ ſagte 193 Berenice zu der Selavin und winkte ihr mit einer leiſen Bewegung der Hand. „Herr Farland iſt noch nicht unterwegs, kaum kann unſer Bote ſein Haus erreicht haben,“ fiel Ralph zu Berenicen gewandt ein. „Er jagt jetzt über die zweite Brücke im Walde, ſein Pferd erkennt den Weg. Geh, Eva,“ ſagte Be⸗ renice ungeduldig und warf einen Blick des Vorwurfs auf Ralph. „So will ich ſelbſt gehen und einen Wärter für ſein Pferd herbeirufen,“ erwiederte Jener und ſchritt hinaus unter die Veranda, nur um Berenicen den Willen zu thun, deren Worte er für Erzeugniſſe ihrer Fieberbewegungen hielt. 4 Es war eine ſehr dunkele Nacht, obgleich die Sterne hell funkelten, Ralph ſtand mit verſchränkten Armen, horchte einen Augenblick nach dem Walde hin, von woher Farland kommen ſollte, verſank aber im näch⸗ ſten Moment in Gedanken, die ſich um die Intereſſen ſeiner eigenen Perſon bewegten. Nach einer Weile hörte er Eloiſen zu ihrer Tochter reden und ſchritt nun raſch wieder in das Zimmer an das Kamin. „Will denn Niemand das Thor für Farland öff⸗ nen? jetzt ſprengt er an dem Feld herauf und wird in wenigen Minuten hier ſein. Eva, ſorge für das Pferd“, ſagte Berenice, indem ſie ſich mit Anſtrengung Ralph Norwood. V. 13 194 auf ihren Arm ſtützte und Ralph einen zürnenden Blick zuwarf. „Ich hörte keinen Ton eines jagenden Pferdes, und die Nacht iſt todtſtill. Doch wenn es Dir Freude macht——“ entgegnete Ralph, indem er abermals der Thür zuſchritt. „Jetzt reitet Farland zu dem Thor heran,“ hörte er noch im Hinausgehen Berenice ſagen und that kaum den erſten Schritt in den Durchgang des Hauſes, als die eiligen Hufſchläge eines Pferdes von der Straße her zu ſeinen Ohren drangen. Ueberraſcht lief er nach dem Thor, öffnete es und Farland ſprang vor ihm von ſeinem Hengſte ab. Dann warf er die Holftern über ſeinen Arm, breitete ſeine Satteldecke über das dampfende Thier und gab deſſen Zügel mit der Weiſung an Eva, ſie ſolle das Roß herumführen laſſen. „Sonderbar, Berenice hat Sie kommen ſehen, Herr Farland,“ ſagte Ralph zu ihm, doch Jener hörte ihn nicht und eilte in das Zimmer. „Gottlob!“ ſagte Berenice mit einem aufſtrahlen⸗ den Blick und hielt Farland ihre Hand entgegen; Eloiſe war aufgeſtanden und ihre Tochter gab ihm durch den Druck ihrer Hand zu verſtehen, er möge ſich an deren Stelle niederlaſſen.„Gottlob!“ wiederholte Berenice, indem ſie auf das Kiſſen zurückſank, jetzt erhole ich mich wieder.“ 195 Farland hatte ſeine Finger an ihren kalten feuchten Arm gelegt und erkannte in dem kaum noch fühlbaren Zittern ihres Pulſes, daß derſelbe bald ganz aufhören würde zu ſchlagen. Berenice aber ſagte leiſe zu ihm: „Du fehlteſt mir, Farland, ohne Dich wäre mein Leben bald erloſchen. Schon athme ich freier und meine Kräfte kehren wieder.“ In dieſem Augenblick trat Ralph ein und Farland ging zu dem Tiſch, auf welchem er die Holftern mit den Medicamenten niedergelegt hatte. Er träufelte belebende Tineturen in einen Theelöffel und reichte ſie Berenicen, während Ralph verwundert nach der⸗ ſelben hinblickte; denn ſie ſchien ihm neu belebt. Far⸗ land mußte ſich wieder bei ihr niederlaſſen, er hielt ihre Hand in der ſeinigen und überwachte ihren Puls und ihr Athmen. Die Arznei verfehlte die gehoffte Wirkung nicht, der Lebensfunken in Berenice flammte noch einmal auf, ihr Puls begann wieder kräftiger zu ſchlagen und die beängſtigende Unruhe hatte ſie verlaſſen. Es war aber nur ein Aufflackern ihres fliehenden Lebens, bald begannen die künſtlich hervorgerufenen Kräfte wieder zu ſinken und Farland mußte die Gabe wiederholen. Nach Verlauf von einigen Stunden erhob er ſich und ging hinaus, um nach ſeinem Pferde zu ſehen, 13 196 da ſchritt Ralph raſch hinter ihm her unter die Veranda und ſagte zu ihm: „Herr Farland, ich bin erſtaunt, Berenice erholt ſich wieder.“ „Geben Sie keiner Hoffnung Raum, ihre Lebens⸗ friſt iſt nach Stunden abgemeſſen,“ erwiederte Farland tief ergriffen. „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Leider ganz zweiffellos gewiß, Berenice wird nie wieder die Sonne aufgehen ſehen.“ „Iſt das der Fall, ſo ſollten Sie Barmherzigkeit an ihr üben und ihr das Ende erleichtern. Geben Sie ihr eine tüchtige Doſis Opium, damit ſie in Schlaf verfällt und träumend in die Ewigkeit geht,“ ſagte Ralph mit dringendem Ton und augenſcheinlichem Intereſſe. „Herr General Norwood!“— antwortete ihm Farland, mit Abſcheu ſich von ihm abwendend. „Wenn ſie doch ſterben muß, ſo wäre es ja beſſer—“ fuhr Ralph fort. „Jede Seeunde, um die ich das Bewußtſein Be⸗ renicens verlängern kann, iſt mir heilig,“ fiel ihm Farland in die Rede, rief dem Wärter ſeines Pferdes zu, daſſelbe in den Stall zu führen und eilte dann raſch zu Berenicen zurück. Elviſe ſuchte Farlands Blick zu begegnen, um die Hoffnung zu beſtätigen, welche das augenblicklich ſo 197 auffallend belebte Aeußere ihrer Tochter in ihr Herz goß. Farland hatte es bemerkt und vermied, Elviſen anzuſehen, als er aber wieder nach dem Tiſche ging, um durch Arznei die Lebensgeiſter Berenicens von Neuem anzufachen, trat ſie an ſeine Seite, ſah thrä⸗ nenſchweren Blicks und ihre gefalteten Hände vor ihrer Bruſt ringend, zu ihm auf und flehte ihn ſchwei⸗ gend an, ſie die Wahrheit über Berenicens Lage wiſſen zu laſſen. Farland wollte das Herz brechen, er durfte der Mutter keine Hoffnung geben, und konnte es auch nicht über ſich gewinnen, ihr das nahe Ende ihrer Tochter zu verkünden. Er ſchwieg, ſuchte unter den vielen Gläſern, die ſich in den Holftern befanden, und las bei dem matten unſtäten Lichte, welches von dem Kamin bis zu dem Tiſche drang, die Aufſchriften auf denſelben. In dieſem Augenblicke trat Ralph in das Zimmer, ſah ſchnell nach Farland und ſeiner Gattin hinüber, welche Beide ihm den Rücken zuwandten, richtete ſeine unheimlich bewegten Augen auf Bereniee, die ermattet auf das Kiſſen zurückgeſunken war und trat dann, wie zu raſchem Entſchluß gekommen, ſchnell an ihr Lager. Er beugte ſich nahe über ſie nieder, weckte ſie durch plötzliches Ergreifen ihrer Schulter aus ihrem Schlum⸗ mer und ſagte mit ernſter mahnender Stimme zu ihr: „Berenice, Du biſt im Sterben,— keine menſch⸗ S— 106 M L 1 iche Hülfe rettet Dich vom Grabe— bete zu Gott, . auf daß er Deiner Seele gnädig ſein möge!“ Berenice fuhr bei dieſen Worten Ralph's, mit denen er ihr den Brillantring vom Finger zog, entſetzt zu⸗ ſammen, ſtatt Farlands tröſtendem Blick, ſah ſie die „fürchterlich ſtieren Augen Ralph's auf ſich gerichtet, ihr Athem ſtockte, ihre Glieder zuckten und der Ausdruck des Todes legte ſich über ihre Züge. Mit einem Schrei der Verzweiflung ſtürzte in demſelben Moment Elviſe nach dem Lager hin, riß Ralph von demſelben zurück und fiel regungslos über Bereniee nieder. 3 Die Gewalt, die Farland dieſer zur Hülfe trieb, war ſtärker, als die Entrüſtung, die das Ungeheuere von Ralph's That in ihm erzeugte, er hob Eloiſen 3 auf, überließ ſie den Armen Evas und ergriff die Hand der regungsloſen Berenice. Ihr Puls hatte aufgehört zu ſchlagen, kein Athemzug bewegte mehr ihre Bruſt und ihre Augen waren gebrochen. Alle Mittel, alle Verſuche, ſie ins Leben zurückzurufen, blieben diesmal vergebens, Berenice hatte dieſe Welt gegen eine beſſere vertauſcht. Farland ſchloß die Lider der theuern Verblichenen und wankte von dem Lager hinweg der Thür zu, ohne zu wiſſen, wohin er ging, oder was er that, während Eloiſe ſich den Armen der Selavin entwand, neben 1 . S 199 ihrem entſchlummerten Kinde niederfiel und das Haus mit ihren Jammertönen, mit ihren Wehklagen erfüllte. Farland hatte die Veranda erreicht, dort erkannte er in dem wenigen Licht, welches durch das Fenſter drang, ſeine gewirkte rothe Decke, die der Neger mit dem Sattel von ſeinem Pferd genommen und hierher getragen hatte, er konnte ſich nicht länger aufrecht er⸗ halten, ſeine Glieder verloren alle Macht, ſeine Ge⸗ danken verwirrten ſich, wie bei eintretendem Schlaf und er ſank bewußtlos auf die Decke nieder. Nur ein dumpfes Gefühl ſeines grenzenloſen Unglücks war ihm geblieben und ſchreckte ihn von Zeit zu Zeit für einen Moment aus ſeiner Abſpannung auf, dann aber umgab ſeinen Geiſt abermals tiefe Nacht und ver⸗ ſchlang jeden lichten Gedanken. Mehrere Stunden lang hatte er hier gelegen, als⸗ er plötzlich auffuhr und die Erinnerung in ihm wie⸗ derkehrte. Berenice war todt, das war das Schreckenswort, welches ſein Herz zerriß und ſeine Nerven wie mit eiſiger Kälte lähmte. Er wankte zu dem Sterbegemach zurück. Nicht ohne einen letzten Abſchied von Bere⸗ nice konnte er ſcheiden, noch einmal mußte er ihre theuern Züge ſehen, noch einmal bei ihr niederſinken und ihre Hand mit ſeinen Thränen benetzen. Er wankte der Thür zu, aus der jetzt ein blendend heller Lichtſchein hervordrang, die Neger, die ſich hier ge⸗ 200 ſammelt hatten, wichen zur Seite aus, er trat in den Eingang und fuhr, bis in das tiefſte Innere ſeiner Seele erſchüttert, zurück. Bereniee lag ſchon auf dem Paradebett, das weiße Tuch, das ihren Körper bedeckte, war mit Roſen über⸗ ſtreut, eine weiße Centifolie ſah aus den glänzenden Locken ihres Haares hervor und eine ebenſolche lag zwiſchen ihren gefalteten Händen auf ihrer Bruſt. Zwölf Negerinnen in weißen Kleidern umſtanden, wie Bildſäulen im Kreis das Lager ihrer jungen Herrin und hatten bei dem hellen Schein der K Kerzen, die ſie unbeweglich in der Hand hielten, ihre dunkeln, in Thränen überſtrömenden Augen auf die Verblichene geheftet. Erbebend und wie ſelbſt von dem Tode erfaßt, ſchaute Farland auf ſein Lebensglück, das er⸗ ſtorben hier vor ihm lag und erkannte dann erſt die am Fuße des Lagers in Gram zuſammengeſunkene Elviſe in den Armen der tröſtenden treuen Eva. Er trat nun zu der Geliebten hin, hatte ihre kalte Hand ergriffen und hielt eine lange Zeit ſeinen Blick auf Berenicens Marmorbild geheftet. Auch im Tode war ſie noch wunderbar ſchön, der Ausdruck milder Ergebung hatte ſich über ihre Züge verbreitet und gab ihr das Anſehen eines ſchlafenden Engels. Noch einen Kuß mußte Farland der Geliebten ſeines Herzens zum Abſchied reichen: er neigte ſich zu ihr nieder, ſeine Lippen berührten die ihrigen und S hoben ſich 201 langſam die feſtgeſchloſſenen langbewimperten Lider ihrer Augen. Entſetzt ſchreckte Farland auf, denn er hielt eine Todtenhand in der ſeinigen, der Blick Be⸗ renicens aber folgte ſeiner Bewegung, er belebte ſich mehr und mehr und nahm bald ſeinen natürlichen ſeelenvollen innigen Ausdruck an. „Bereniee, meine einzige, meine theuere Berenice!“ ſchrie Farland der anſcheinend ins Leben zurückkehren⸗ den Geliebten zu und ſenkte abermals ſeine Lippen auf vigihrigen. Ihr Mund aber blieb ſtarr und kalt und gab ihm den Kuß nicht zurück. Elviſe war bei dem Ausruf Farlands aus ihrer Abgeſpanntheit erwacht und ergriff in ihrer Seligkeit, als ſie die geöffneten Augen Berenicens erblickte, deren Hand, die Marmorkälte aber, die ſie berührte, durch⸗ ſchauerte ſie und ſie trat zitternd zurück, während ihre Augen an dem Blick ihres Kindes hingen. Auch Farland durchrieſelte es eiſig; die Seele Be⸗ renicens ſpiegelte ſich klar und wie im Leben auf deren dunkeln weitgeöffneten Augen, doch ihr Körper blieb ſtarr und eiſis kalt und trug die Farbe des Todes. In der nächſten Minute aber begann ihr Blick wieder zu ermatten, langſam ſenkten ſich ihre Lider und bald waren ihre Augen abermals feſt geſchloſſen. Vergebens ſuchte Farland nach einem Lebenszeichen in der Entſchlafenen, er brachte einen Spiegel nahe ₰ 202 vor ihren Mund, um zu ſehen, ob deſſen reine Fläche durch einen Hauch getrübt würde, er wandte alle ihm zu Gebote ſtehenden Lebensmittel an, umſonſt, der unerbittliche unzweifelhafte Tod hielt ſie umfaßt. Der Schmerz trieb ihn fort von hier, er ergriff ſeine Holftern, warf noch einen letzten innigen Blick auf die theuere Hülle, mit deren Geiſt ſein Lebens⸗ glück entflohen war und ſtürzte aus dem Zimmer in die Nacht hinaus und nach ſeinem Pferde.„ Auf flüchtigen Füßen trug ihn daſſelbe von der Plantage in den Wald, als der erſte helle Streif am öſtlichen Himmel den nahenden Morgen verrieth und die erwachenden Vögel leiſe zu zwitſchern begannen. Kaum dämmerte der Tag, als er in der Fähre das jenſeitige Ufer des Stromes erreichte und nun ſein Pferd der Farm zulenkte, wo man für das kranke Kind auf ſeine Hülfe ſehnſüchtig wartete. Farland fand jedoch daſſelbe, wenn auch nog nicht ganz außer Gefahr, doch ſehr gebeſſert. Er mächte neue Verord⸗ nungen und bat dann den Pflanzer um ein Lager, wo er einige Stunden ungeſtört ruhen könne. Er war geiſtig und körperlich ſo völlig abgeſpannt, daß ſeine Kräfte ihn jetzt plötzlich verließen und er keines Gedankens mehr mächtig war. Er warf ſich auf das Lager nieder, verſank in einen betäubten Zu⸗ ſtand zwiſchen Schlafen und Wachen und konnte ſich 203 erſt wieder daraus ermannen, als die Sonne ſchon verſunken war. Nun gab er dem Vater der Kranken Arzneien und Vorſchriften für mehrere Tage, beſtieg ſein Pferd und überließ es demſelben, den Heimweg zu finden. Am frühen Morgen dieſes ſelbigen Tages ritt General Norwood von einigen zwanzig Negern be⸗ gleitet nach dem Park, um dort ein Grabgewölbe über der Erde erbauen zu laſſen, in welches er die irdiſchen Reſte Berenicens beiſetzen wollte. Auch ſelbſt im Tode ſollte ſie noch für ihn glänzen. Das Gebäude wurde aus rohem Sandſtein mit ſtarken Mauern aufgeführt, es wuchs während des Tages raſch über der Erde empor und ſtand ſchon in der folgenden Nacht zum Empfang der Verblichenen bereit. Ralph beabſichtigte über dieſe rohe formloſe Arbeit ein Denkmal erbauen zu laſſen, welches auf weithin in der Umgegend ſichtbar ſein ſollte. Am nächſten Tage bewegte ſich ein langer Zug von der Plantage her, voran ritt General Nor⸗ wood, ihm folgte der Wagen, auf dem Berenice im Sarge ruhte, ihm ſchloſſen ſich die vielen Neger Norwoods zwei und zwei an. Eine große Menſchenzahl ſowohl aus der Umgegend, als auch 204 aus der Stadt war bereits in Norwoods Park verſammelt, um der gefeierten, allgemein geliebten Berenice die letzte Ehre zu erweiſen. Der Sarg wurde vor dem Gewölbe geöffnet, ſo daß Jedermann der Geſchiedenen Lebewohl ſagen konnte, der Geiſtliche hielt eine ergreifende Rede und dann wurde Berenice mit offenem Sarge in die Gruft Veſchoben. Sofort begaben ſich die Neger daran, das Gewölbe zu vermauern und Ralph führte die hier ver⸗ ſammelte Menge in ſein Haus und bewirthete ſie dort aufs Freigebigſte. Er ſprach laut zu der Verſammlung über die beiden ſchweren Verluſte, die ihn in einem ſo kurzen Zeitraum betroffen hätten und bemerkte, daß er, wenn er es aufrichtig ſagen ſolle, eigentlich mehr durch den Tod Berenicens, als durch den ſeines Sohnes ergriffen worden ſei. Dabei nöthigte er ſeine Gäſte, ſich zu den guten Getränken zu verhelfen, die er ihnen bot und fuhr ſich häufig mit der Hand, an deren kleinem Finger der Brillantring Berenicens blitzte, durch das Haar. Elviſe war nicht bei der Beiſetzung ihrer Tochter zugegen, ſie lag bewußtlos auf deren Sopha und Eva war weinend jammernd bemüht, ſie aus ihrer Betäu⸗ bung zu erwecken. Farland war auch nicht zugegen, er befand ſich in ſeinem Hauſe bei geſchloſſenen Jalouſien; das 205 Licht des Tages war ihm unerträglich, es ſchien ihm, die Nacht, die ſeine Seele umgab, noch mehr zu ver⸗ dunkeln. Bald verſank er in dumpfes Hinbrüten, glaubte die äußerſte Grenze menſchlichen Unglücks und Elends erreicht zu haben und ergab ſich macht⸗ und willenlos ſeinem Schickſal, dann wieder mußte er ſeinem Schmerze Luft machen, er jammerte und weh⸗ klagte laut und rang die Hände, kein Seußzer aber“ und keine Sehnſuchtsthräne konnte ihm die Geliebte zurückbringen. Der Tag ſchwand und die Abenddämmerung war eingebrochen, als Farland die Fenſter und Thüren öffnete, um die kühlere Luft einzulaſſen. Da erſchien Frank Arnold, der väterliche Freund, bei ihm, um Theil an ſeinem Schmerz zu nehmen und ihn zu tröſten, denn auch er hatte von Berenicens Schickſal gehört und kannte das Verhältniß Farlands zu der⸗ ſelben genau, wenngleich er ſowohl, wie Dieſer, es ſtets vermieden hatte, darüber zu reden. Jetzt aber bedurfte der Freund ſeines Beiſtandes, ſeiner und der Seinigen Theilnahme und er war gekommen, um ihm Beides zuzuſichern. Er drang in Farland, auf einige Wochen zu ihm zu ziehen und ausſchließlich in ſeiner Familie zu leben, da deren häusliches Glück nicht verfehlen könne, Ruhe und Friede in ſein Herz zu gießen, Farland aber ſah darin das Bild der unbe⸗ grenzten Seligkeit, die ihm mit Berenice geraubt war. 206 Er dankte Arnold herzinnig für ſeine Freundſchaft, weigerte ſich aber, mit ihm zu reiten. Raſtlos und ſich ſeinem Schmerz überlaſſend, verbrachte er auch die Nacht und der Morgen fand ihn auf⸗ und nieder⸗ ſchreitend unter der Veranda. Da ſprengte Fürſtenſtein, ſein alter bewährter Gefährte, zu dem Hauſe heran und bat ihn aufs Dringendſte, ſofort mit ihm zu reiten, weil ſein älteſter Knabe ſchwer erkrankt ſei. Fürſtenſtein war ihm ſtets ein treuer Freund geweſen und hatte ihn einſt bei einem Angriff durch Indianer mit ſeinem eigenen Körper gegen deren Pfeile geſchützt, er hatte allen Anſpruch auf Farlands Freundſchaft und weckte ihn durch ſeine Bitte ſchnell aus ſeiner willenloſen Abge⸗ ſpanntheit. Neone mußte Frühſtück auftragen, der Hengſt wurde geſattelt und ehe eine Stunde vergangen war, folgten die beiden Freunde einem alten Indianerpfad, der in gerader Richtung zu Fürſtenſteins Niederlaſſung führte. Das Kind deſſelben war von einem heftigen Wechſel⸗ fieber befallen worden, ſein Zuſtand aber beunruhigte Farland nicht, da der Verlauf dieſer Krankheit hier zu Lande ziemlich gleichförmig und bei zeitig angewandten richtigen Mitteln nicht gefahrbringend iſt. Er gab Fürſtenſtein die nöthige Arznei nebſt Vorſchriften für die nachhaltige Behandlung des Kindes und verweilte bei ihm, bis die Sonne ſich zu neigen begann. Dann 207 aber, trotz aller Gegenvorſtellungen, beſtieg er ſein Pferd wieder, um den Heimweg anzutreten, weil die Tochter jenes Pflanzers, die er in der Behandlung hatte, möglicherweiſe ſeiner Hülfe bedurfte. Er be⸗ eilte den Lauf ſeines Hengſtes, um noch das matte Licht des neuerſchienenen Mondes bei ſeinem Ritt durch den hohen Wald zu benutzen, und die offene Straße zu erreichen, weil in der Dunkelheit der Fuß⸗ pfad zu ſchwer zu erkennen war. Die Sichel des Mondes ſenkte ſich ſchon zu dem dunkeln Kamme der Gebirge im Weſten hinab, als er den Fuß des Berges erreichte, auf dem der Pflaumen⸗ baum ſtand. Mit der Höhe, die jetzt ſein Pferd erklommen, er⸗ ſchienen vor Farlands Seele alle die glücklichen Erin⸗ nerungen, die an dieſe Stelle ſich knüpften, und um ſo tiefer fühlte er den unnennbaren, grenzenlos ſchmerz⸗ lichen Verluſt, der ihn betroffen, ſein blutendes Herz zog ſich krampfhaft zuſammen und ſein trauernder Blick ſpähte durch das matte Mondlicht nach dem Pflaumenbaum, dem Zeugen ſeiner verlornen Se⸗ ligkeit. Er hatte die Zügel auf den Nacken des Roſſes fallen laſſen und war langſam dem Baum, auf deſſen Stamme der Schein des Mondes lag, bis auf vierzig Schritt nahe gekommen, als der Hengſt plötzlich einen weiten Satz ſeitwärts that, ſich umwandte und davon⸗ jagen wollte. Farland, durch das ganz ungewöhnliche Betragen des braven, ſonſt vor Nichts ſcheuem Thieres über⸗ raſcht, verkürzte die Zügel, riß es herum und trieb es durch die Sporen abermals dem Pflaumenbaum zu. Schnaubend und widerſtrebend ſprang der Hengſt in kurzen Sätzen vorwärts, fuhr aber, ſeine Ohren nach dem Baume hin ſpitzend, abermals zurück und wei⸗ gerte ſich hartnäckig, dem Willen ſeines Reiters zu folgen. Farland wurde heftig, er nahm das Roß feſt zwiſchen Schenkel und Zügel, ſtach ihm die Sporen in die Flanken und hieb es mit der Peitſche über den Rücken. Das Thier, wie zur Verzweiflung gebracht, hob ſich wiederholt ſteil empor und als Farland es noch ſchärfer antrieb, ſenkte es, zitternd ſich zurücklegend, das Hintertheil bis nahe auf die Erde und hielt ſeinen Kopf nach dem Pflaumenbaum gerichtet. Die Peitſche ſeines Reiters brachte es wieder hoch, nun aber, allen Gehorſam verweigernd, ſetzte es mit wilden Sprüngen ſeitswärts dem Walde zu und jagte in ſo raſender Flucht in weitem Bogen um dem Pflaumenbaum, daß Farland ſich kaum im Sattel zu erhalten im Stande war. Erſt als er an dem Abhang des Berges die Straße abermals erreichte, wurde er Herr des ge⸗ ängſtigten Pferdes und die Worte Berenicens, in 209 ——— Bezug auf den Baum, klangen ihm jetzt wieder hell durch die Seele. Er erreichte in tiefer Dunkelheit ſeine Wohnung, das unerklärliche Ereigniß aber, welches ihm auf der Höhe begegnet war, hielt die Ruhe trotz ſeiner großen Müdigkeit noch lange von ihm fern, und erſt gegen Morgen erbarmte ſich ſeiner ein tiefer langer Schlaf. Frank Arnold verſäumte jetzt keinen Tag, bei Far⸗ land vorzuſprechen und ſtundenlang bei ihm zu ver⸗ weilen, ja er veranlaßte ihn endlich, mit ihm nach ſeiner Beſitzung zu reiten und die Abende bei ihm und den Seinigen zuzubringen. Der Mond hatte ſeine Scheibe wieder gefüllt, als Farland eines Abends von Arnold nach Hauſe zurück⸗ kehrte, und die Sehnſucht nach Berenicen ihn ſo über⸗ wältigte, daß er bei ſeiner Wohnung vorüberritt und ſein Pferd durch die Prairie nach Norwoods Park lenkte. Unweit deſſelben ſtieg er unter einer dunkeln Baumgruppe ab, befeſtigte den Hengſt im hohen dichten Gebüſch und ging nun geſenkten Hauptes nach der Einzäunung des Parkes hin. Er überſtieg dieſelbe und erkannte bald in der Ferne die vom Mond hell⸗ beſchienene Steinmaſſe, die ſein Glück in ſich verbarg. Seine Glieder bebten, die Füße wollten ihn kaum weiter tragen, von Baum zu Baum wankte er vor⸗ wärts durch deren zitternde Schatten und erreichte die Grabſtätte der Geliebten bis auf wenige Schritte. Ralph Norwood. V. 14 210 Er war in das Dunkel des letzten Baumes getreten, als ſein Blick auf eine ſchwarze Geſtalt fiel, die vor dem vermauerten Eingang des Gewölbes zuſammen⸗ gekauert ſaß. Sie regte ſich nicht, nur der ſchwarze Flor, welcher über ihr niedergebeugtes Haupt hing, erbebte in dem kühlen Wind, der zugleich durch das dunkele Laub der ringsum befindlichen immergrünen Bäume rauſchte. Farland blieb bewegungslos ſtehen, er ſah Elviſe vor ſich und die Größe ihres Unglücks ließ ihn in dieſem Augenblick ſein eigenes vergeſſen. Ein tiefes inniges ſchmerzliches Mitleid für die Frau ergriff ihn und er war auf dem Punkt, aus dem Schatten des Baumes zu ihr hinzutreten, als Eloiſe die Arme bittend über ſich erhob, ihr bleiches Antlitz nach dem Himmel richtete und mit matter ſchluchzender Stimme den Geiſt Berenicens anflehte, ihre Seele zu ſich in das Jenſeits zu ziehen. Dann ſank ſie vor dem Eingang des Gewölbes nieder und weinte laut. Jetzt trat Farland zu ihr hin, hob ſie auf und ſuchte ihr Worte des Troſtes zu ſagen, ja er ſprach über ſein eigenes Unglück, um die Schwere ihres Schickſals zu mindern. Elviſe hatte ſtatt der Antwort nur Thränen, ſie ließ ſich von ihm nach dem Hauſe zurückführen, ſprach, als er ſie bat, ſich nicht ſo gänzlich ihrem Schmerz hinzugeben und ſich nicht in dieſer Weiſe der Nachtluft auszuſetzen, ihren Dank für ſeine Theilnahme durch einen zitternden Händedruck aus und zeigte, auf 211 der Höhe der Treppe angelangt, beim Abſchied mit einem thränenſchweren Blick nach dem Himmel über ſich. Farland ging zu dem Gewölbe zurück und ſuchte in der Nähe der verblichenen Theuern dadurch Lin⸗ derung für ſeinen Schmerz, daß er ſich demſelben ganz überließ, ſeine Augen wurden feucht und es ſchien ihm, als erfreue die Thräne, die ihnen entfiel, Bere⸗ nicens Geiſt, der ihn umſchwebte. Das Morgenroth mahnte ihn, ſeinen Heimweg an⸗ zutreten. Schon nach wenigen Tagen wurde er zu Elviſen gerufen, um ihr ſeinen ärztlichen Beiſtand angedeihen zu laſſen. Ohne Schmerz, ohne Fieber, ja ohne ein beſtimmtes Unwohlbefinden war ſie auf das Kranken⸗ lager geſunken und Farland ſah in dem auffallend raſchen Schwinden ihrer Kräfte die untrügliche An⸗ zeige ihres nahen Endes. Sie hatte ihr Lager in dem Saal, dem Bilde Be⸗ renicens gegenüber, herrichten laſſen und hielt fort⸗ während ihren Blick auf daſſelbe geheftet. Ihre Hände ruhten, wie zum Gebet gefaltet, auf ihrer Bruſt und jeder Antheil an der Welt, außer an dem Bilde vor ihr, ſchien ſie verlaſſen zu haben. Sie ſprach nicht, nur mit großer Ueberredung konnte man ſie dazu ver⸗ mögen, Etwas zu genießen, und wenn ſie Farland Arznei abnahm, ſo that ſie es mit einem wehmüthigen Lächeln. Nur wenige Wochen reichten hin, um die 14* 212 ſchwachen Banden, die Eloiſen an dieſe Welt noch feſſelten, zu löſen, ſie ſtarb gebrochenen Herzens. Abermals verſammelte ſich eine große Menſchenzahl in Norwoods Park, um nun Eloiſens Begräbniß bei⸗ zuwohnen. An der Seite des Gewölbes, in dem ihre Tochter ruhte, wurde ſie zur Erde beſtattet. Ralph war in dem Augenblick, als der Sarg ver⸗ ſank, ſichtlich erſchüttert, er war bleich geworden und ſeine Kniee wankten, ſein Trotz gegen das Schickſal aber ſiegte wieder über die Schwäche, die ihn zu über⸗ mannen drohte, und nachdem die Feierlichkeit beendet war, verſammelte er abermals die Anweſenden in dem Speiſeſaal um ſich und bewirthete ſie aufs Freigebigſte. Das Wohngebäude in Norwoods Park war nun verlaſſen, Thüren und Jalvuſien geſchloſſen und nur in einer der Negerwohnungen lebte ein alter Selave, der die Aufſicht über den Park führte. Ralph kam jetzt ſelten über den Fluß herüber und zwar nur dann, wenn ihn Geſchäfte dazu nöthigten. Seine ſtete Begleiterin war Blanche, in der er ſich ſelbſt ſein Glück erbauen und damit dem Schickſal Trotz bieten zu wollen ſchien. Nur, wenn der Weg durch den Wald ſehr ſchlecht zu paſſiren war, ließ er ſie bei ihrer Mutter zurück. Capitel 49. Gewiſſensbiſſe.— Lebendig begraben.— Der Jagdzug.— Das Geſuch.— Rachedurſt.— Vorſicht.— Bangigkeit.— Die glücklichen Redlichen.— Der abgeſtorbene Baum.— Die beiden Indianer.— Die Gefangennehmung.— Die beiden Böſewichte.— Der Ritt.— Dem Schickſal verfallen.— Pei⸗ nigende Betrachtungen.— Ende der Reiſe.— Der Jubel.— Der gefangene Verräther.— Todesangſt..— Der Scalp.— Der Scheiterhaufen. Gines Morgens nach dem Frühſtück trat Farland unter die Veranda ſeines Hauſes und gab ſeinem Gärtner Anweiſung, auf welche Art er einige Ranken⸗ gewächſe, die er aus dem Walde mitgebracht hatte, an den Fuß der Pfeiler der Gallerie pflanzen ſolle. Zu ſeinem großen Erſtaunen ſah er plötzlich General Norwood auf ſein Haus zureiten und vor der Ein⸗ zäunung vom Pferde ſteigen. Bei dem Anblick dieſes, im tiefſten Grund ſeines Herzens von ihm verachteten und ihm verhaßten Mannes, kochte Farlands Blut, und während Jener den Zügel ſeines Pferdes an die Einzäunung ſchlang, hielt er ſeinen Blick mit Abſcheu auf denſelben geheftet. Ralph hatte augenſcheinlich heute wenig Aufmerkſamkeit auf ſeine Kleidung ver⸗ wandt: der Buſenſtreif ſeines Hemdes, ſo wie auch deſſen Kragen waren verdrückt, das ſchwarze ſeidene Halstuch, welches er zu tragen pflegte, fehlte ganz, — 214 und das eine Ende ſeines Beinkleides war in den Stiefel verſenkt. Er hatte ſich ſeit einigen Tagen nicht raſirt, ſein Haupthaar ſtand, als er den Hut vor Farland abnahm, unordentlich nach allen Richtungen hin und in ſeinem Blick lag etwas Verſtörtes, etwas Unheimliches. Er trat mit einem Morgengruß zu Farland und ſagte: „Herr Farland, wurde Ihnen ſelbſt wohl einmal ein Beiſpiel bekannt, daß Jemand lebendig begraben worden war?“ Farland ſchauderte zuſammen, ſowohl vor dem Ge⸗ danken, den Norwood ausſprach, als auch vor dem Ausdruck und dem Blick, womit derſelbe die Worte begleitete. Als Farland nicht gleich antwortete, fuhr Ralph fort: „Die Frage mag Ihnen ſonderbar erſcheinen, ja Sie zweifeln vielleicht ſchon, ob es in meinem Gehirn ganz richtig ſei. Manchmal zweifle ich ſelbſt daran. Sagen Sie mir, glauben Sie, daß ein Biß von einem wüthenden Hunde noch nach dreißig Jahren toll machen kann?“ „Herr General, ich muß Sie bitten, daß Sie ſich künftig bei einem andern Atzte Raths erholen, von mir können Sie keinen mehr erhalten,“ nahm Farland jetzt mit ſehr entſchiedenem Tone das Wort. 2¹5 „Und warum nicht? möchte ich fragen,“ erwiederte Ralph mit einem trotzigen Blick. „Weder hierüber noch darüber, daß ich Sie jetzt erſuche, mein Eigenthum ſofort zu verlaſſen und es niemals wieder zu betreten, bin ich Ihnen Rechen⸗ ſchaft ſchuldig. Wir werden uns von nun an ewig fremd bleiben,“ antwortete Farland heftig und machte eine Bewegung mit der Hand nach dem Ausgang in der Einzäunung. „Sie haben, wie früher, dafür geſorgt, daß Sie ſich im Vortheil mir gegenüber befinpen, ich bin auf Ihrem Grund und Eigenthum, das Hausrecht ſchützt Sie!“ rief Ralph in verbiſſener Wuth, ging, ſeinen Stock durch die Luft ſchwingend, raſch nach ſeinem Pferde und warf ſich in den Sattel.„Wir begegnen uns vielleicht einmal auf neutralem Boden.— Bei Gott!“ ſchrie er im Davonſprengen und hob ſeine Rechte mit dem Stock drohend nach Farland hin. Dieſer aber wandte ſich mit Verachtung von ihm ab und trat zu dem Gärtner, um ſeinen Zorn bei der Pflege der Blumen zu vergeſſen. Ralph jagte ohne Unterbrechung in Galopp bis zu dem Park, wo meh⸗ rere der Selaven, die das Gewölbe für Berenice erbaut hatten, auf ihn warteten. Einer derſelben nahm ihm das Pferd ab und folgte ihm mit den übrigen nach der Gruft. „Ihr ſollt mir den Eingang noch einmal öffnen; 216 ich will ſehen, ob es durchgeregnet hat,“ ſagte Ralph dort mit erzwungen barſcher Stimme zu den Negern und dieſe legten ſofort Hand an, ſeinem Befehle Folge zu leiſten. Das Mauerwerk fiel ſchnell, nach wenigen Minuten war der Eingang in die Gruft frei und Ralph erhob ſich von dem Stein, auf dem er ſaß, um einen Blick in dieſelbe zu thun, als einer der Arbeiter erſchreckt ausrief: „Die junge Herrin iſt aus dem Sarge gefallen, ſie liegt auf dem Boden!“ Ralph fuhr, wie von einem Blitzſtrahl getroffen, zuſammen, ſeine Knie ſchlotterten, er bebte am ganzen Körper und kaum hatte er Kraft genug, das offene Gewölbe zu erreichen, an welchem er ſich aufrecht erhielt. Er ſtierte in daſſelbe hinein, ſein Haar ſträubte ſich und die Farbe des Todes hatte ſein Geſicht über⸗ zogen. Neben dem Sarge auf dem nackten Steinboden lag Bereniee hingeſtreckt mit dem Haupt nach dem Eingang zu und eine Hand in dem reichen Schmuck ihres Haares verborgen. Ralph wandte ſich ab von dem ſchrecklichen Bilde und ſagte mit ſtotternder Stimme zu den Negern: „Legt ſie wieder in den Sarg, vorwärts, worauf wartet Ihr?“ Die Selaven hatten in wenigen Augenblicken ſeinen 217 Befehl vollzogen; dann rief er ihnen zu, die Oeffnung ſchnell wieder zu vermauern und wankte nach dem Hauſe, um ſich dort durch einen ſtarken Trank ſeine Feſtigkeit wieder zu verſchaffen. Mit hochgeröthetem Geſicht und wildfunkelnden Augen trat er nach Verlauf von einer Stunde wieder aus dem Haus hervor, verſchloß deſſen Thür hinter ſich und ging raſchen Schrittes zu den Negern, welche ihre Arbeit bereits vollbracht hatten. „Daß Keiner von Euch ein Wort darüber je laut werden läßt, was Ihr hier gethan, oder geſehen habt. Verdammt, es würde ihm das Leben koſten,“ ſagte er mit drohender Geberde zu den Sclaven und beſtieg dann ſein Pferd. Der Frühling kam von Süden gezogen und ſtreute auf ſeinem Wege über die weſtlichen Prairien Amerikas junge Gräſer, Knospen und Blüthen aus, während der Winter vor ihm floh, und die weiße Decke, die er über die Erde gebreitet hatte, eilig hinter ihm ver⸗ ſchwand. Das friſche Grün und die warme, neu be⸗ lebende Frühlingsluft war ſchon bis zu dem Cana⸗ dienfluß vorgedrungen, die weiten unabſehbaren Gras⸗ fluren hatten ſich mit bunter Blumenflor geſchmückt und tauſende von Büffeln wanderten in großen Heerden über die Flächen hin dem fernen Norden zu. 218 Auch die zahlreichen Indianerſtämme, die dieſen Thieren Jahr aus Jahr ein folgen und durch ſie faſt Alles erhalten, was ſie zu ihrem Lebensunterhalt und zu ihrer Bequemlichkeit bedürfen, fanden ſich dort mit ihnen ein und die Jäger der Seminolen, von To⸗ morho geführt, kehrten mit reicher Beute wieder zu zu den Ihrigen zurück. Mit großer Freude wurden ſie in dem Lager Tallihadjos empfangen und die nächſten Tage brachte man ihnen zu Ehren mit Feſtlichkeiten, mit Spiel und Tanz hin. Ihr Aufenthalt hier war nur für eine kurze Dauer beſtimmt, denn ſobald die mitgebrachten Vorräthe vertheilt und die nöthigen Vorbereitungen zur Fortſetzung der Jagd nach den nördlichen Prairien gemacht ſein würden, beabſichtigten die Jäger wieder fort zu ziehen. In einer dunkeln Nacht brannten die Feuer vor den Hütten der Seminolen hell und luſtig und warfen ihren rothen Schein weithin durch den hohen Wald, in welchem jene Wohnungen ſtanden. Die einzelnen Familien lagen auf weichen Häuten um die Feuer hingeſtreckt und lauſchten den Erzählungen ihrer Jäger. Auch vor Tallihadjos Hütte unterhielt man ſich über die Begebenheiten des letzten Jagdzugs, denn To⸗ morho hatte ſich mit den Seinigen bei dem Feuer ſeines Vaters eingefunden und berichtete Dieſem, was den Jägern Ungewöhnliches begegnet war. Die Nacht 219 war ſehr ſtill, ſo daß man jeden Laut in der Umge⸗ bung des Lagers leicht wahrnehmen konnte. Talli⸗ hadjo winkte Tomorho zu, einen Augenblick zu ſchwei⸗ gen, legte ſich mit dem Ohr an die Erde nieder und lauſchte dann, ſich wieder aufrichtend, nach der Prairie hin. „Ein Reiter nahet ſich uns,“ ſagte er und ſetzte, zu Tomorho gewandt, lächelnd hinzu:„Das Ohr des Vaters iſt noch ſchärfer, als das ſeines Sohnes.“ Jetzt vernahmen ſeine Gefährten gleichfalls den Hufſchlag eines Roſſes und nach wenigen Minuten wurde in einiger Entfernung bei dem Scheine des nächſten Lagerfeuers eine hohe Reitergeſtalt ſichtbar. „Dort kommt ein Bleichgeſicht, um bei uns Gaſt⸗ freundſchaft zu fordern, bei uns, den Brüdern der vielen Tauſende, die durch die Weißen vernichtet wurden. Es iſt der Jäger Dunkan, ein Freund Ralph YNorwds, wie er ſelbſt ſagte, und dennoch wird er bei Tallihadjos Feuer ruhig ſchlafen dürfen. Wenn er auch der Freund jenes Ungeheuers war, ſo kann er ſelbſt doch brav und ohne Falſch ſein— auch ich war ja einſt Ralph's Freund,“ ſagte Tallihadjo und heftete ſeinen Blick auf Flournoy, der jetzt in der Nähe des Feuers von ſeinem Pferde ſtieg und dem alten Häuptling ſeinen Gruß zurief. „Du biſt bei Tallihadjos Feuer willkommen, Dun⸗ tan, meine Frauen ſollen Dein Pferd pflegen. Setze —— 220 Dich zu mir, ich will Deinen Hunger und Deinen Durſt ſtillen,“ ſagte Tallihadjo und reichte dem Gaſte ſeine ſehnige Hand hin. Flournoy ſtreckte ſich, vom langen Ritt ermüdet, auf eine große lockige Büffelhaut neben dem alten Häuptling nieder und wurde durch deſſen Frauen mit Speiſe und Trank verſehen. „Du haſt auch im Süden gejagt, waren die Bären fett, die Du erlegteſt?“ fragte Tallihadjo ſeinen Gaſt. „Die Bären im Süden ſind im Winter feiſter, als die im Norden, ſie haben mehr Nahrung“, erwie⸗ derte Flournoy. „Wareſt Du mit Deiner Jagd zufrieden und haſt Du viele Häute getrocknet und verkauft?“ fuhr der Häuptling fort. „Ich habe während des verfloſſenen Jahres zwei Caches(Verſtecke der Jäger für die geſammelte Jagd⸗ beute) gemacht, doch weder dieſe Vorräthe, noch die, welche ich unweit von hier vergrub, habe ich verkauft. Ich beſuchte die Anſiedelungen der Amerikaner im Süden, dort wurden mir ſehr gute Preiſe von den Kaufleuten geboten; wenn nur der Transport bis dorthin nicht ſo koſtſpielig wäre, der nimmt den beſten Nutzen weg. Vor einigen Jahren half mir ein Stamm der Delawaren, meine Jagdbeute nach dem Handels⸗ haus der Regierung dort oben am Kanſasfluß beför⸗ dern, ich mußte ſie aber dafür gut bezahlen,“ ſagte 22¹ Flournoy und ſetzte nach einigen Augenblicken noch hinzu:„Du könnteſt mir einen großen Dienſt erweiſen, wenn Du mir einige Deiner Leute und einige Dutzend Packthiere mitgeben wollteſt, die meine Vorräthe nach den Anſiedelungen im Süden brächten. Ich würde erkenntlich dafür ſein.“ „Meine jungen Männer werden in wenigen Tagen wieder zur Jagd aufbrechen, und die alten Krieger verlaſſen nicht gern ihr Feuer,“ erwiederte Tallihadjo ablehnend, während Flournoy ſeine Lederjacke ablegte, die Aermel ſeines feuerrothen Hemdes aufwickelte und ſich, auf ſeinen muskulöſen Arm ſich ſtützend, niederlegte. „Und doch könnte ich Tallihadjo einen Preis bieten, für den er ſeine ſämmtlichen jungen Männer mit mir ſenden würde,“ ſagte Flournoy, ſeine im Lichtſchein des Feuers funkelnden Augen auf den Häuptling heftend. „Mir einen Preis bieten— Du, Dunkan? den Preis möchte ich doch kennen,“ entgegnete Tallihadjo und ſchüttelte lächelnd ſein Haupt. „Giebt es Nichts mehr in dieſer Welt, was Dein Herz erfreuen könnte, oder wonach es ſich ſhutes fragte Flournoy mit bedeutungsvollem Ton. „Nichts!“ antwortete der Häuptling mit entſchie⸗ dener Beſtimmtheit. „Ich meine, ich hätte Dich bei meinem letzten — 222 Hierſein einen Wunſch ausſprechen hören,“ fuhr Flour⸗ noy fort. „Dein Ohr hat doppelt gehört, ich habe keinen Wunſch mehr,“ ſagte Tallihadjo ernſt. „Auch nicht, wenn ich Dir den Namen Ralph Norwood nenne?“ „Ralph Norwood?“ wiederholte der Häuptling mit unterdrückter Stimme, indem er von ſeinem Sitz in die Höhe fuhr und ſeine Augen mit wildem glühenden Feuer auf Flournvy heftete.„Ja, Tallihadjo hat noch einen Wunſch, weite Länder und Meere liegen aber zwiſchen deſſen Erfüllung und ihm. Warum reißeſt Du an meinem Feuer die kaum verharſchte Wunde meines Herzens wieder auf?“ „Um ſie zu heilen; es ſteht in meiner Macht, Dich zu Ralph Norwvod zu führen!“ entgegnete Flournoy mit blitzenden Augen und einem ihn durchzuckenden Gedanken an die immer noch ſchöne Elviſe. Der wilde leidenſchaftliche Ausdruck, der ſo eben Tallihadjos Züge belebt hatte, war verſchwunden und Ueberraſchung, in der ſich zugleich tiefe Verachtung ausſprach, war auf ſeinem braunen Antlitz zu leſen. „Sagteſt Du mir früher nicht, Ralph Norwood ſei Dein Freund?“ antwortete der Häuptling nach einer kurzen Pauſe mit zuſammengezogenen Brauen. „Du zeigteſt mir, daß ſeine Verbrechen gegen die Seminvlen ihn meiner Freundſchaft unwerth machten,“ 223 entgegnete Flournoy, betroffen über Tallihadjos verän⸗ derten Ton, doch Dieſer nahm wieder mit wachſender Bewegung das Wort und ſagte:* „Kannſt Du mich zu Ralph Norwood führen u mir behülflich ſein, ihn lebendig bis hier an dies Feuer zu bringen, ſo ſollen meine beſten Packthiere Deine Häute nach dem Orte tragen, den Du beſtim⸗ men wirſt und ſie ſelbſt ſollen Dein Eigenthum bleiben. Tallihadjo hält ſein Wort, merke Dir, was er geſagt hat.“ „Ich bin damit zufrieden und bereit, Dich und Deine Leute zu führen, Ralph wohnt im Süden an der äußerſten Grenze der Indianer,“ antwortete Flournoy. Während die lebendig erwachte Erinnerung an die früher glühende Leidenſchaft für Elviſen und die Sucht Geld zu erwerben, Flournoy vermochten, Ralph an ſeinen Todfeind zu verhandeln, ließ Ralph eine hohe Palliſadenwand um die Wohngebäude auf ſeiner Plan⸗ tage errichten. Er hatte in letzterer Zeit ſehr beunruhigende Träume gehabt. Bald war ihm Tallihadjo erſchienen, wie er auf den Trümmern des in die Luft geſprengten Dampfſchiffes in jener Nacht auf dunkeler Fluth an ihm vorübertrieb, bald erkannte er Flournoy unter den Seminolen, wie derſelbe ihnen ſeinen Aufenthalt verrieth, dann ſah er Berenice in dem vermauerten — 224 Gewölbe die Hände ringen und ſich das Haar zer⸗ raufen und Lacoſte, Milroy mit Soublett zeigten ſich ihm häufig im Schlafe. Dieſe nächtlichen Störungen verfehlten nicht, auf ſeinen Geiſt auch im wachenden Zuſtande zu wirken, ja die Bilder ſeiner aufgeregten Phantaſie übertrugen ſich aus ſeinen Träumen auf dieſen. Er verſank häufig in Gedanken und fuhr dann plötzlich auf, in⸗ dem er ſich umblickte, als ſuche er nach dem Gegen⸗ ſtand, der ihn erſchreckt habe. Er ritt nicht mehr allein aus und nahm Blanche nie mehr als Begleiterin mit ſich. Wenn ihn Geſchäfte nöthigten, ſich nach der Stadt zu begeben, ſo mußten ſtets viele bewaffnete Neger mit ihm bis an den Strom reiten, wo ſie ſeiner Rückkehr zu warten hatten, um ihn wieder nach der Plantage zu begleiten. Häufig ſchickte er Selaven auf die Jagd in die, weſtlich vor der Plantage gele⸗ genen Prairien und trug ihnen auf, ſich nach In⸗ dianerſpuren umzuſehen, ſowie er auch alle Jäger und Nachbarn, welche an ſeiner Wohnung vorüber kamen, anhielt und ſich nach Neuigkeiten über die Wilden erkundigte. Ein ganz anderer Geiſt herrſchte um dieſe Zeit in dem Bereiche der Familie Arnold. Das Glück, welches die Vorſehung derſelben ſeit vielen Jahren ſo überreich 225 und faſt ununterbrochen geſpendet hatte, ſollte aber⸗ mals durch zwei frohe Ereigniſſe erhöht werden: der älteſte Bruder Eleanors, Max Forney, war unverhofft bei Arnolds angekommen, um einige Monate bei ihnen zuzubringen und ihr älteſter Sohn, James, ſtand im Begriff, ſich mit einer liebenswürdigen Jungfrau, der Tochter eines hochangeſehenen reichen Pflanzers aus der Nachbarſchaft zu vermählen. Max Forney befeh⸗ ligte ſchon ſeit mehreren Jahren ein amerikaniſches Geſchwader, welches ohnlängſt von Oſtindien zurück⸗ kehrte, er war ein Mann von großem Gewicht in der Marine und ſein Name ein hochgeehrter unter dem amerikaniſchen Volke. Die Sehnſucht nach ſeiner ein⸗ zigen Schweſter, die er ſeit vielen Jahren nicht ge⸗ ſehen hatte, vermochte ihn, die lange mühſelige Reiſe hierher zu unternehmen, um einen Theil der Zeit, die ihm vergönnt war in der Heimath zuzubringen, ſeiner geliebten Eleanor und den Ihrigen zu widmen. Ihr Wiederſehen war ein beſeligendes geweſen, da Beider Lebenshorizont wolkenlos war und Beiden die Sonne des Glückes lachte. Unter ihre Freudenthränen miſchte ſich nur eine der Wehmuth, die, welche dem Andenken an den geliebten Vater, den Präſidenten Forney, geweihet wurde. Mit Stolz und Entzücken ſah Max die Schaar der prächtigen blühenden Kinder ſeiner braven Schweſter und dieſe bewillkommneten jubelnd den ſchönen kräf⸗ Ralph Norwood. V. 15 226 tigen Offizier als ihren Onkel. Frank, deſſen Freund⸗ ſchaftsbund mit Max ſchon bei ihrem frühern Zuſam⸗ menſein geſchloſſen worden war, betheiligte ſich an dem Glück des Wiederſehens und Freude und Fröh⸗ lichkeit belebte die ganze Anſiedelung, denn auch die Selaven hatten Feſttage. Die Verheirathung von James Arnold gab dem Glück der Familie abermals einen neuen Aufſchwung, Feſtlichkeiten bei den Eltern der jungen Frau, ſo wie in Franks Haus folgten einander raſch und die be⸗ ſcheidene Wohnung der jungen Eheleute wurde dann häufig der Sammelplatz für die Vielen, denen ſie lieb und theuer waren. Frank Arnold, ſo wie Eleanor hatten es bei Far⸗ land durchzuſetzen vermocht, daß er oftmals zu ihren heiteren Zuſammenkünften erſchien, obgleich ihre Fröh⸗ lichkeit ſeinen Seelenſchmerz nicht zu heilen im Stande war. Dennoch that ihm die Theilnahme der Freunde wohl und die Herzlichkeit, ſo wie die Zartheit, womit ſie dieſelbe fortwährend an den Tag zu legen ſuchten, gab ſeinem kranken Herzen einige Erleichterung. Eines Tages bei Tiſch, als Farland zugegen war, ſchlug Eleanor vor, gegen Abend zu James zu reiten, um mit ihm und ſeiner jungen Frau der Höhe des Berges, auf welcher der Pflaumenbaum ſtand, einen Beſuch abzuſtatten. Farland wollte ſich entſchuldigen und ſchützte Geſchäfte vor, die ihn nach Hauſe zögen, 227 Eleanor aber berief ſich auf ſeine frühere Zuſage, den Abend bei ihnen zuzubringen und ließ keine Entſchul⸗ digung gelten. Als der Tag ſich neigte, beſtiegen ſie ſämmtlich ihre Pferde, holten James und deſſen Frau ab, und langten kurz vor Sonnenuntergang auf der Höhe an. Mit beklommener Bruſt richtete Farland ſeinen Blick ſchon von Weitem auf den Pflaumenbaum, doch wie groß war ſeine Ueberraſchung, als er denſelben ohne Laub daſtehen ſah. Der Baum war abgeſtorben und trocken bis in ſein Inneres, bis in ſeine Wurzeln. Niemand von der Geſellſchaft bemerkte, daß Far⸗ land tief ergriffen ward. Alle richteten ihre Blicke auf die ſcheidende Sonne und das ſie umgebende prächtige Roth des Himmels, er aber ließ ſich auf der Bank nieder und gab ſich dem Andenken an das ge⸗ liebte theuere Weſen hin, von deſſen Geiſt er ſich um⸗ ſchwebt glaubte. Eleanoren fiel aber bald ſeine Theilnahmloſigkeit an ſeiner Umgebung auf, ſie ſetzte ſich zu ihm nieder und ſuchte ſeine trübe Stimmung durch Worte der Freundſchaft zu verſcheuchen. Ehe ſie ſich erhoben, gab ſie ihr Erſtaunen und Bedauern zu erkennen, daß der herrliche, noch im vergangenen Herbſt ſo kräftige Pflaumenbaum abgeſtorben ſei und betrachtete den Stamm rundum, ob ſie eine Verletzung an demſelben 15* 228 gewahren könne, nirgend aber war eine Beſchädigung ſichtbar. „. Während Arnolds und ihre Freunde die Pferde 3 beſtiegen, der düſter werdenden Abendlandſchaft Lebe⸗ wohl ſagten und ihren Heimweg antraten, lauerten zwei dunkele halbnackte Männer unweit Norwoods Plantage im Walde unter dichten Büſchen und hielten ihre glühenden Blicke auf Ralph's Wohngebäude ge⸗ richtet, denn der Platz, wo ſie ſich befanden, lag auf einem Hügel. Jeder von ihnen führte eine Streitaxt und ein Meſſer im Gürtel und hielt einen Laſſo in der Hand. Innerhalb der hohen Palliſaden, welche die Wohn⸗ gebäude umgaben, ſtand Ralph in der Mitte des Hofes mit entblößtem Haupte und er war der Punkt, auf den ſich die dunkeln Augen jener beiden braunen Männer hefteten. Ralph beobachtete mit finſterm Blick die Neger, die, von der Arbeit kommend, durch das Thor in den Palliſaden eintraten und nach ihren Hütten hingingen. Vielen rief er im Vorüberſchreiten Etwas zu, doch Keinem ein freundliches Wort. Er ſchien auf die Letzten zu warten, um das Thor ſchließen zu laſſen, denn das Abendroth am Himmel war verglüht und —,—— —,—— „ 229 die Eulen in dem nahen dunkeln Walde ließen ihren klagenden Ruf hören. Ralph fragte jetzt einen vorübergehenden Neger nach zwei Selaven, die noch nicht eingetreten waren und erhielt die Antwort, daß dieſelben auch bald kommen müßten, ſie wären die letzten geweſen, die das Feld verlaſſen hätten. Ralph ſtieß einen heftigen Fluch aus und ſchwor, daß ihr blutiger Rücken ſie Morgen an zeitiges Nach⸗ hauſekommen erinnern ſolle. Während er dieſe Dro⸗ hung ausſtieß, ſchritt er durch das Thor hinaus vor die Palliſaden und ging langſam an denſelben hinab bis an die Ecke, um welche ſich der Weg am Walde hin dem Felde zuwandte. Er blieb ſtehen und ſchaute ungeduldig auf der Straße hin, von woher er die beiden noch fehlenden Neger erwartete, dann drehte er ſich plötzlich mit einem Fluch um und ging eilig wieder dem Thor zu. Kaum aber hatte er einige Schritte gethan, als hinter ihm jene zwei Männer aus dem Wald hervor⸗ ſprangen, wie Panther auf ihren nackten Füßen in lautloſen Sätzen ihm nacheilten und ihre Laſſos im Kreis fliegend über ſich durch die Luft ſchwangen. Noch einen Sprung und ſie hatten Ralph bis auf zwanzig Schritt erreicht, die Schlingen ihrer Laſſos fielen in ein und demſelben Moment über deſſen Kopf und die beiden Männer riſſen ihn rücklings zu Boden. 230 Zwei Raubthieren gleich fielen ſie über ihre Beute her, Tallihadjv, der Eine der Männer, kniete ſich auf ſeine Bruſt und hielt ſeine Kehle umklammert, wäh⸗ rend Tomorho, der Andere, mit Blitzesſchnelle erſt ſeine Hände und dann die Füße mit den Stricken fing und ſie zuſammenſchnürte. „Ralph Norwood, Du biſt in Tallihadjos Gewalt!“ war Alles, was Dieſer zu dem Gefangenen ſagte, indem er, über demſelben kauernd, ihm in die entſetzten ſtieren Augen blickte. In wenigen Secunden war Ralph regungslos ge⸗ knebelt, der Mund war ihm verſtopft, die Schlingen, die um ſeinen Hals ſaßen, gelöſt und die beiden In⸗ dianer trugen ihn in fliegender Eile in den Wald hinein, in dem Augenblick, als die beiden erwarteten Neger ſich den Palliſaden näherten. Sie ſahen die Wilden mit dem Gefangenen, erkannten in ihm ihren Herrn und ſtürzten mit lautem Hülferufen durch das Thor der Einzäunung. Nur einige hundert Schritt weiter in dem Dickicht harrten zehn bewaffnete Indianer und gaben durch wilde Geberden ihre ungeſtüme Freude zu erkennen, als ſie ihre Häuptlinge mit Ralph herankommen ſahen. Ohne ein Wort zu reden ergriffen jetzt Viere derſelben den Gefangenen und im ſchnellen Lauf ging es nun vorwärts mit ihm auf dem nahen ſchmalen Pfade durch den Wald, während die Uebrigen ihnen folgten. ———— —,———— 231 Von Zeit zu Zeit traten Vier Andere für die Träger ein und mit unverminderter Eile bewegte ſich der Zug Hügel auf, Hügel ab mehrere Meilen weit vorwärts, bis er das Ende des Waldes erreichte, wo dieſer ſich an die offene Prairie anlehnte. Hier leuchtete den Wilden hinter den letzten dichten Büſchen unter einer uralten Lebenseiche, von deren weitausgeſtreckten Armen graues Moos bis auf die Erde herabhing und den Stamm in weitem Kreiſe, wie eine Zeltwand umgab, ein kleines Feuer entgegen, nach welchem ſie den Gefangenen hintrugen. Inner⸗ halb dieſes natürlichen Zeltes lagen einige dreißig Indianer um die Kohlengluth hingeſtreckt und zwiſchen ihnen ruhte Flournoys koloſſale Geſtalt auf den Arm geſtützt vor der flackernden Flamme, die ihr Licht auf ſeinem feuerrothen Hemd ſpielen ließ. Als ſie die eiligen Tritte der Nahenden hörten, richteten ſie ſich von ihren Lagern auf und ein lauter Jubelruf klang von Aller Lippen, als die Mooswände ſich theilten und Ralph mit dem Kopf voran hereingetragen wurde. Alle waren aufgeſprungen, um ſich an dem Anblick des Gefangenen zu ergötzen. Ralph, obgleich ſein Mund wieder befreit war, gab keinen Laut von ſich. Man wandte ihn, mit den Füßen dem Feuer zu und ſetzte ihn auf die Erde nieder. In dieſem Moment fiel ſein Blick auf Flournoy, 5 232 der mit untergeſchlagenen Armen ihm gegenüber am Feuer ſtand und ſeine blitzenden Augen auf ihn ge⸗ richtet hielt. Wuth und Entſetzen erfaßten Norwvod, ſein Geſicht verzerrte ſich, wie ein wüthendes Thier fletſchte er die Zähne und ſeine Augen ſahen wie Dolchſpitzen aus ihren Höhlen hervor. „Schurke, Ungeheuer, dem Galgen entronnener Seeräuber!“ ſchrie er Flournoy zu und riß an den Stricken, die ſeine Hände auf ſeinem Rücken feſthielten. Flournoy aber blickte mit einem ſchadenfrohen Lächeln auf ihn nieder und ſagte: „Herr General Norwood, nicht mir, Ihren Gräuel⸗ thaten gegen meine Freunde, die Seminvlen, haben Sie Ihr Schickſal zuzuſchreiben; die Gerechtigkeit hat Sie ereilt.“ Tallihadjo ſtand ſeitwärts und beobachtete auf⸗ merkſam das Wiederſehen und das Gebahren dieſer beiden Männer zu einander. Ralph's Blick ſuchte ihn. In ſeiner Noth, in ſeiner Verzweiflung fiel ihm der edele hochherzige Charakter des Häuptlings ein und der Gedanke hieran war der einzige Lichtſtrahl, der in ſeine nachtumhüllte Seele drang, er blickte ſich um, ſah Tallihadjo zwiſchen den herabhängenden Moosfahnen ſtehen und ſagte mit ſtammelnder Stimme zu ihm: „Tallihadjo, mein Vater war Dein beſter Freund und auch ich bin es Dir treulich geweſen, man hat 233 mich bei Dir verläumdet. Glaube jenem Schurken nicht, er iſt der Pirat Flournoy, der Elviſen, meine Frau, bis dahin verfolgte, wo ſie Schiffbruch litt. Du kameſt ihr zu Hülfe, als die Flammen ſie in dem Leuchthaus zu verzehren drohten und entriſſeſt ſie einem martervollen Tode. Nochmals, glaube dem Manne dort nicht, der ſich Dunkan nennt, er iſt der See⸗ räuber Flournoy, er iſt eine Schlange, die Dich ver⸗ giften wird, nachdem Du ihr Gutes gethan haſt.“ Tallihadjo aber gab Ralph keine Antwort, die Wolluſt langerſehnter, endlich naher Rache lag lebendig auf ſeinem Antlitz und die Gluth ſeiner dunkeln Augen ſagte Ralph, daß er umſonſt Gnade von ihm zu er⸗ halten hoffe. Der Häuptling befahl, die Hände des Gefangenen von den Feſſeln zu befreien und ihm Speiſe und Trank zu reichen, während Tomorhv und mehrere der Indianer unter der Eiche hervor in die Dunkelheit hinaus traten, um die Pferde herbeizuholen und die Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen. Nach einer Stunde Raſt wurde Ralph auf ein kräftiges Roß gehoben, auf deſſen Sattel man ihn feſt band, dann ritten Tallihadjvo und Tomorho an ſeine Seiten und ergriffen die Zügel ſeines Pferdes. Furnoy auf ſeinem Rappen begab ſich neben den alten Häuptling, eine Abtheilung der Krieger ritt ihnen voran und der Zug ſetzte ſich, von den übrigen 234 Indianern gefolgt, auf der dunkeln Prairie nach Norden hin in Bewegung. Sie hielten ihre Pferde während der ganzen Nacht in eiligem Schritt und erreichten mit Tagesanbruch das bewaldete Ufer eines Baches, wo ſie raſteten, ihre Pferde graſen ließen und ſich ſelbſt an Speiſe und Trank labten. Ralph wurde gut verpflegt, man machte es ihm ſo bequem als möglich, ſorgte dafür, daß ſeine Feſſeln ihn nicht beſchädigten, gab ihm aber auf keine Frage eine Antwort. Nach wenigen Stunden der Ruhe wurden die Pferde wieder beſtiegen und die Reiſe ward mit nur kurzen Unterbrechungen fortgeſetzt. Ralph war gänzlich ſeinen eigenen Gedanken, ſeinen Betrachtungen überlaſſen. Sein vergangenes Leben zog an ſeinem Geiſte vorüber, er ſah ſich wieder als Knabe bei ſeinem Vater, empfing von deſſen damals jungem Freunde, Tallihadjv, Liebkoſungen und Ge⸗ ſchenke, er gedachte ſeines zügelloſen Lebens in Co⸗ lumbus, erinnerte ſich der Nacht bei der Leiche ſeines Vaters, und rief die kurze Zeit ſeiner Beſſerung in ſein Gedächtniß zurück, die er den Ermahnungen und dem Beiſpiel der biedern alten Arnolds verdankte. Von da an aber umſchwirrten ihn ſeine Erinnerungen wie ein Heer von Schreckbildern und drängten ihn immer dichter an den Rand der Verzweiflung heran. Er wußte, welches Schickſal ſeiner harrte und war mit den furchtbaren Grauſamkeiten und Qualen be⸗ kannt, die von der Rache eines Indianers erſonnen werden. Er bebte und zitterte, wenn er Tallihadjo, der jetzt ſchweigend und ruhig neben ihm herritt, als Richter und deſſen Volk, die Seminolen, als Ankläger und Vollſtrecker deſſen Urtheils über ihn im Geiſte vor ſich ſah; wie gern hätte er ſelbſt ſeinem Leben raſch ein Ende gemacht, aber die Barmherzigkeit, ihm dies zu geſtatten, konnte er, im Gefühl aller der na⸗ menloſen Schlechtigkeiten, die er ſo vorſätzlich be⸗ gangen, nicht erwarten, und mußte ſich in ſein Schickſal fügen, dem er früher ſo oft Hohn und Trotz geboten hatte. Wie auf dem Ocean im weiten Kreis von dem flachen Horizont umgeben, zogen die Reiter über das wogende wellenförmige Grasmeer hin, auf dem nur hier und dort eine einzelne Mimoſe, oder eine Ulme dem Auge zum Anhaltspunkt diente und in welchem nur ſelten ein ſchmaler Waldſtreif die Gegenwart von Waſſer andeutete. Die Einförmigkeit der Landſchaft, ſo wie das faſt ununterbrochene Schweigen der In⸗ dianer ſteigerte Ralph's Verzweiflung von Tag zu Tag, und mit immer größerer Angſt ſah er dem Augenblick entgegen, wo er das ſchreckliche Ziel ſeiner Reiſe er⸗ reicht haben würde. Zwei Wochen waren in dieſer Weiſe verſtrichen, als er eines Abends bei Sonnen⸗ untergang aus den lebhaften Bewegungen ſeiner wilden 236 Begleiter erkannte, daß in dem fernen, über dem Rande der Prairie aufſteigenden Hochwald der Tagesmarſch, ja vielleicht auch das Ende der Reiſe erreicht werden würde. Er hielt ängſtlich ſeine Blicke feſt auf jenen Punkt geheftet und bemerkte zu ſeinem großen Schrecken bald darauf viele Rauchſäulen, die ſich über dem Gehölz erhoben. Die Nacht legte ſich über die weite Ebene, der weſtliche Himmel verblich, die Sterne begannen zu funkeln und in dem Walde vor den Reitern wurden viele Feuer ſichtbar. Jetzt ward es Ralph zur vollen Gewißheit, daß er ſich dem Lager der Indianer nahe und daß er dort viele der Seminolen wiederſehen würde, die er in New⸗Orleans einem wohlberechneten Untergange hatte übergeben wollen. Mit jedem Schritte, den ſein Pferd that, vermehrte ſich ſeine Angſt und als er das Jauchzen und den Jubel vernahm, womit die voranreitenden Krieger in dem nahen Gehölz empfangen wurden, über⸗ fiel ihn ein eiſiges Fröſteln, denn er fühlte, daß jene Reiter ſeine Gefangennehmung verkündet und daß jene Freudentöne dieſer galten. Der Wald war erreicht, Männer, Weiber und Kinder drängten ſich zu beiden Seiten des Gefangenen an den Zug heran und mit Triumphgeſchrei ward er nach der Wohnung Tallihadjos geführt. In kurzer Entfernung von dem Lagerfeuer, welches vor derſelben brannte, hielten die Reiter an. Tallihadjo und To⸗ morho ſelbſt hoben Ralph von dem Pferde und Flour⸗ noy hatte, von ſeinem Rappen ſteigend, kaum den Boden betreten, als mehrere Schlingen ihm um den Hals fielen und er von den Kriegern, die den Zug beſchloſſen hatten, zu Boden geriſſen wurde. Wie ein gefangener Büffel wehrte er ſich gegen einige zwanzig Seminolen, die ihn zu überwältigen ſuchten, r ſchleuderte ſie nach allen Richtungen von ſich und ſchlug ſie mit ſeinen Fäuſten nieder, bis ihm die chlingen den Athem raubten und er ſeinen Gegnern nterlag. Bald waren nun ſeine Rieſenarme auf ſeinem Mü cken zuſammen gebunden, ſeine Füße gefeſſelt und als die Laſſos von ſeinem Hals entfernt waren, er⸗ füllte er die Luft mit ſeinem Wuthgebrüll. Tallihadjo ließ ihn nach ſeinem Feuer tragen und ihn dort neben Ralph niederſetzen. Nach und nach ſammelten ſich alle Männer aus dem Lager um das Feuer des Häuptlings, der mit Tomorho gegenüber den beiden Gefangenen Platz genommen hatte. Talli⸗ hadjo rief nun die älteſten Krieger aus den Umſte⸗ henden zu ſich und winkte ihnen, ſich bei ihm nieder⸗ zulaſſen. Dann hub er mit lauter Stimme an: „Ralph Norwood, Deine Vergehen gegen mein Volk, gegen das Volk Deiner Mutter brauche ich nicht 298 einzeln zu nennen, ſie ſind Dir und allen Seminolen hinreichlich bekannt. Der große Geiſt hat meine heiße flehentlichſte Bitte erhört, mich nicht ohne Deinen Sealp in die ewigen Jagdgründe zu meinen Vätern gehen zu laſſen und er iſt den Seminolen gnädig ge⸗ weſen, daß er Dich in ihre Hände lieferte, um an Dir den Untergang von Tauſenden ihrer Brüder rächen zu können. Du wirſt morgen ſterben, in welcher Weiſe, überlaſſe ich dem Volk, zu berathen und zu beſtimmen; ich ſelbſt fordere Nichts von Dir, als Deinen Sealp.“ Darauf wandte er ſich zu den alten Kriegern und trug ihnen auf, ſich morgen bei Tagesanbruch mit den übrigen Männern zu bereden, auf welche Weiſe Ralph getödtet werden ſolle. Ralph zitterte am ganzen Körper, ſeine Augen ſchienen in ihre dunkeln Höhlen zurückuſinken und ſein Geſicht hatte eine Leichenfarbe angenommen. Er war keines Wortes mächtig. Jetzt richtete Tallihadjo ſich nach Flournoy hin und ſagte: „Der Seeräuber Flournoy hatte ſchon damals zehnfach den Tod verdient, als er das Schiff, auf welchem die ſchöne Elviſe ſich befand, verfolgte und es zwiſchen die Klippen der Küſte von Florida jagte. Jetzt aber, da er auch noch ſeinen Freund Norwood um eines kleinen Nutzens willen verrieth und ihn an ne 239 mich verkaufte, hat er ein gleiches Verbrechen an ihm begangen, wie Jener an mir und an meinem Volke, und ſoll deshalb auch gleichen Tod wie er erleiden. Du biſt als Gefangener an mein Feuer gebracht worden und haſt darum kein Recht auf meine Gaſtfreundſchaft. Deine Häute und Pelze ſchaffe ich, wie ich es ver⸗ ſprochen habe, auf meinen beſten Maulthieren dahin, wohin Du es beſtimmen wirſt und auch Deine Ver⸗ fügung über die Maulthiere werde ich vollziehen. Sage mir, wo Du Deine Vorräthe vergraben haſt, an Wen ich ſie überliefern und was nach Deinem Tode mit den Maulthieren geſchehen ſoll?“ Flournoy gab keine Antwort, er war zu lange Jahre mit dem Charakter der Indianer⸗bekannt ge⸗ weſen, als daß er hätte auf eine Aenderung in Talli⸗ hadjos Beſchluß hoffen können. Er ſtierte vor ſich in die Kohlengluth und machte zuckende Bewegungen, als ſuche er ſeine Feſſeln zu ſprengen. Schlaf kam während der Nacht nicht in die Augen der beiden Verurtheilten, bald ſtierten ſie ſich gegen⸗ ſeitig an, als wollten ſie einander mit den Blicken zerfleiſchen, bald ſahen ſie nach der Schreckensgeſtalt Tallihadjos hin, der, von dem Feuer hell beſchienen, unbeweglich in kurzer Entfernung von ihnen ſaß und ſeinen fürchterlich ernſten Blick auf ſie geheftet hielt. Der bleiche Schimmer am öſtlichen Himmel und das Verſchwinden der Sterne trieb ihnen das Blut ⸗ 240 noch mehr nach dem Herzen zurück, ſie ſahen ihren letzten Tag herrannahen und wußten, daß jetzt die Seminolen zuſammentreten würden, um die Qualen, die ihren Tod begleiten ſollten, zu beſtimmen. Es wurde heller, das Lager belebte ſich und Alt und Jung eilte durch den Wald dem Platze zu, wo die Berathung gehalten werden ſollte. Nur Tallihadjo wich nicht von der Stelle, wo er ſaß, und ſein Blick blieb auf die Gefangenen geheftet. Seine Frauen reichten Dieſen Speiſe, aber weder der Eine noch der Andere wollte Theil an dem Frühſtück nehmen. Die Ruhe, die bald darauf im Lager herrſchte und die Erwartung, mit der die beiden weißen Männer dem Ende der Berathung entgegenſahen, folterte ſie von Minute zu Minute mehr, ihr Entſetzen erreichte aber ſeinen Höhepunkt, als ſie plötzlich die Indianer wieder aus dem Walde zurückkommen und ſchwere Trachten trockenen Holzes mit ſich führen ſahen, welche dieſelben nun in geringer Entfernung um einen ein⸗ zeln ſtehenden Baum aufthürmten. Jetzt trat To⸗ morho mit den alten Kriegern zu Tallihadjo und zeigte ihm an, daß beſchloſſen ſei, die Gefangenen dem Feuertode zu übergeben. Ralph zitterte und bebte, als er den Beſchluß ver⸗ nahm, und ließ ſeinen Kopf auf ſeine Kniee ſinken, Flournoy aber knirſchte mit den Zähnen, ſeine glü⸗ henden Blicke ſchoſſen nach den Indianern auf und 241 wuthſchäumend machte er die verzweifeltſten Anſtren⸗ gungen, ſich ſeiner Feſſeln zu entledigen. Dieſe aber trotzten ſeiner Rieſenkraft und erſchöpft warf er ſich auf die Seite und verbarg ſein Geſicht unter ſeinem Arm. Der Holzſtoß wuchs raſch empor und wurde von den Frauen mit trockener Baumrinde und Reiſig ſo durchwirkt, daß er, entzündet, ſchnell in vollen Flammen ſtehen mußte. An Tallihadjos Stelle übernahm Tomorho jetzt die Wache bei den Gefangenen und Jener ſank vom Schlaf überwältigt auf ſein Lager nieder. Dieſe aber hielt der Gedanke an die furchtbaren Todesqualen, die ihnen nahe bevorſtanden, wach und mit Schaudern begegneten ihre Blicke dem hohen Scheiterhaufen, der für ſie errichtet war. Von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute ſahen ſie dem Schreckensaugenblick entgegen, wo man ſie den Flammen übergeben würde, doch der Tag ver⸗ ſtrich und die Sonne ſtand noch wie eine glühende Kugel über dem ſchon dunkeln flachen Rand der Prairie, ohne daß man ſich weiter um die Verurtheilten ge⸗ kümmert hätte. Kaum aber breitete ſich die Nacht über die Ge⸗ gend, als die Seminolen ſich um den Holzſtoß ſam⸗ melten und Tallihadjo ſich von ſeinem Lager erhob. Auf ſeinen Wink wurden die Gefangenen nach dem Holzſtoß hingetragen und vor demſelben niedergelegt, während viele Frauen mit brennenden Fackeln er⸗ ſchienen. 6. Die alten Krieger hatten ſich in weitem Kreis um den Scheiterhaufen aufgeſtellt und hinter ihnen drängte ſich das frohlockende Volk, um das Rachewerk voll⸗ ziehen zu ſehen. Jetzt ſchritt Tallihadjo in den, hell vom Fackellicht erleuchteten Kreis und trat finſtern Blicks vor Ralph hin. „Ralph Norwvod, mache Dich für meine Rache bereit, bevor ich Dich den Seminolen übergebe, denen Du ſo ſchwere Schuld zu zahlen haſt.“ Bei dieſen Worten warf er die Pantherhaut, die ſeinen Oberkörper verhüllte, von ſich, zog ein blin⸗ kendes Meſſer aus ſeinem Gürtel hervor und ſah gleich ſeinem Rachegeiſt einen Augenblick ſtarr in die angſt⸗ erfüllten Augen Ralph's. Dann ſtürzte er ſich auf ihn, faßte mit der Linken in deſſen borſtiges Haar, führte mit Blitzesſchnelle den ſcharfen Stahl um Ralph's Kopf und riß ihm den Sealp von dem Schädel. Mit einem Triumphſchrei richtete er ſich dann in einer vollen Größe auf, hielt die blutige Trophäe hoch über ſich empor und zeigte ſie dem Volke. Das Zetergeſchrei des Sealpirten verhallte in den ungeſtümen Jubelrufen der Seminolen, denen der Häuptling jetzt die beiden Verurtheilten überwies. Sie wurden auf den Holzſtoß gehoben, dort mit 2 243 dem Rücken gegeneinander an dem, in deſſen Mitte aufſtrebenden Baum gebunden und nun warfen die Frauen ihre Fackeln in den Scheiterhaufen. Die emporſteigenden Rauchwolken verhüllten bald die beiden Männer vor den Blicken der wildjauchzen⸗ den Menge, die Lohe wirbelte hoch über ihnen auf und ihre Schmerzensſchreie, ihre Wehklagen erſtarben in dem Gepraſſel der emporſchlagenden Flammen und in dem ſtürmiſchen Jubel der gerächten Seminolen. serichtigungen: Pag. 28, Zeile 16 ſtatt war lies: ſah. „ 37,„ 18„ Canadrinfluß lies: Canadienfluß.